Leiybibliochet deutſcher, engliſcher und kfranzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Lem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 beträgt: 5 2 für wöchentlich 2⁵⁸ 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 MN Mk.— Vf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3— „— uI Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Vüͤcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz.n des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſ am gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — Bie IFruu in Meizs. Dritter Band. Aus dem Die Frau in Weiß von Wilkie Collins. von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. Engliſchen Zweite Auflage. Dritter Band. Leipzig, Voigt& Günther. 1862. Die Ausſage von Frederick Jairlie Esqre zu Timmeridge Houſe.*) Es iſt das große Unglück meines Lebens, daß man mich nicht in Ruhe laſſen will. Wozu— frage ich jeden Men⸗ ſchen— wozu plagt man mich? Kein Menſch beantwortet mir dieſe Frage, und kein Menſch läßt mich in Ruhe. Verwandte, Freunde und Fremde— Alle vereinigen ſich, um mich zu plagen. Was habe ich gethan? Ich frage mich und frage meinen Diener Louis fünfzigmal des Tages: was habe ich gethau? Keiner von uns Beiden weiß es. Höchſt unbegreiflich! Die letzte Plage, mit der man mich verfolgt hat, iſt die, daß man von mir verlangt, dieſe meine Ausſage niederzu⸗ ſchreiben. Iſt nun wohl ein Menſch in meinem beklagens⸗ werthen Zuſtande von Nervenſchwäche im Stande, Aus⸗ ſagen zu ſchreiben? Wenn ich dieſe außerordentlich ver⸗ nünftige Einwendung mache, ſo ſagt man mir, daß gewiſſe *) Die Art und Weiſe, wie man ſich Mr. Fairlie's Ausſage und andere Ausſagen verſchaffte, welche in Kurzem folgen werden, bildet den Gegenſtand einer Erklärung, welche in einem ſpätern Theile der Erzählung erſcheinen wird. Anmerkung d. Verfaſſers. Wiltie Collins, Die Frau in Weiß. III. 1 — ——y ſehr ernſte Begebenheiten in Bezug auf meine Nichte ſich mit meiner Wiſſenſchaft zugetragen haben, und ich deshalb die geeignete Perſon bin, dieſelben zu beſchreiben. Falls ich mich weigere, mich der von mir geforderten Anſtren⸗ gung zu unterziehen, droht man mir mit Folgen, an die ich nicht denken kann, ohne mich vollkommen niedergeſchmettert zu fühlen. Aber es iſt wirklich ganz unnöthig, mir zu drohen. Durch den traurigen Zuſtand meiner Geſundheit und betrübende Familienſorgen geſchwächt, iſt mir aller Widerſtand unmöglich. Wer bei mir auf einer Sache be⸗ ſteht, übervortheilt mich ungerechterweiſe, und ich gebe augenblicklich nach. Ich will verſuchen(mit Proteſt) mir ſoviel mir möglich ins Gedächtniß zurückzurufen, und ſo⸗ viel ich kann(ebenfalls mit Proteſt) niederzuſchreiben; und weſſen ich mich nicht erinnere oder was ich nicht ſchreibe, muß Louis ſich für mich und ſtatt meiner erinnern und niederſchreiben. Er iſt ein Eſel, und ich bin ein kranker Mann, und wir werden wahrſcheinlich allerlei Verſehen zuſammen begehen. Wie unbeſchreiblich demüthigend. Man verlangt, daß ich mich der Data erinnere. Gerechter Himmel! Ich habe das in meinem ganzen Leben noch nicht gethan— wie ſoll ich jetzt damit anfangen? Ich habe Louis gefragt. Er iſt doch nicht ein ganz ſo großer Eſel, wie ich bisher geglaubt. Er erinnert ſich ungefähr bis auf einen oder zwei Tage des Datums des Ereigniſſes, und ich erinnere mich der Perſonen. Das Datum war entweder der fünfte, ſechste oder ſiebente Juli; und der Name(meiner Anſicht nach ein andeſchreisli ordinärer) war Fanny. Am fünften, ſechsten oder ſiebenten Juli lag ich in —, 3 meinem gewöhnlichen Zuſtande in meinem Ruheſeſſel, um⸗ geben von den mannigfaltigen Kunſtgegenſtänden, die ich in der Abſicht, den Geſchmack der Barbaren meiner Nachbar⸗ ſchaft zu bilden, geſammelt habe. Das heißt, ich hatte die Photographien meiner Gemälde, Kupferſtiche, Münzen und ſo weiter um mich herumliegen, die ich nächſter Tage (die Photographien meine ich, wenn mir nur die abſcheu⸗ liche, ſchwerfällige engliſche Sprache erlauben wollte, über⸗ haupt etwas zu meinen) dem Inſtitute zu Carlisle(ſchauer⸗ licher Ort!) in der Abſicht zu ſchenken gedenke, den Kunſt⸗ ſinn ſeiner Mitglieder(lauter Gothen und Vandalen) zu bilden. Man ſollte denken, daß ein Mann, der im Be⸗ griffe ſei, ſeinen Landsleuten eine große nationale Wohl⸗ that zu erzeigen, der letzte Mann von der Welt ſein dürfte, den man gefühlloſerweiſe mit den Unannehmlichkeiten ſeiner Familienſorgen plagte. Aber hierin würde man ſich täuſchen, in meinem Falle. Indeſſen da ruhte ich, von meinen Kunſtſchätzen um⸗ geben und auf einen ruhigen, ungeſtörten Vormittag hoffend. Weil ich aber auf einen ruhigen Vormittag hoffte, kam natürlich Louis herein. Es war ſehr natürlich, daß ich frug, wie zum Henker er ſich unterſtehe, her⸗ ein zu kommen, wenn ich nicht geklingelt hätte. Ich fluche ſelten— es iſt eine ſo gemeine Angewohnheit— aber als Louis mir mit einem Grinſen antwortete, glaube ich, daß es ebenfalls natürlich war, wenn ich ihn dafür ver⸗ wünſchte. Jedenfalls that ich es. Dieſe ſcharfe Behandlungsweiſe bringt, wie ich be⸗ merkt habe, Leute von den niederen Klaſſen ſtets wieder zur Beſinnung. Und ſie brachte Louis wieder zur Beſin⸗ 1* nung. Er hatte die Güte, das Grinſen einzuſtellen und mich zu benachrichtigen, daß„ein junges Frauenzimmer“ draußen ſei, das mich zu ſprechen wünſche. Dann fügte er mit der unerträglichen Geſchwätzigkeit von Dienern hinzu, daß es Fanny ſei. „Wer iſt Fanny?“ „Lady Glyde's Jungfer, Sir.“ „Was will Lady Glyde's Jungfer von mir?“ „Sie hat einen Brief, Sir—“ „Nimm ihn ihr ab.“ „Sie weigert ſich, ihn irgend Jemandem als Ihnen ſelbſt zu geben, Sir.“ „Wer ſchickt den Brief?“ „Miß Halcombe, Sir.“ Sowie ich Miß Halcombe's Namen hörte, ergab ich mich. Es iſt meine Gewohnheit, mich Miß Halcombe ſtets ohne Widerrede zu ergeben. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß dies Lärm ſſpart. Ich ergab mich alſo auch bei dieſer Gelegenheit. Theure Marianne! „Laß Lady Glyde's Jungfer herein kommen, Louis. Halt! Knarren ihre Schuhe?“ Ich war gezwungen, dieſe Frage zu thun, denn knar⸗ rende Schuhe erſchüttern meine Nerven ſtets für den Reſt des Tages. Ich hatte mich darein ergeben, das„junge Frauenzimmer“ zu ſehen, nicht aber darein, mir durch ihre Schuhe die Nerven erſchüttern zu laſſen. Selbſt meine Duldung hat ihre Grenzen. Louis erklärte entſchieden, daß ich mich auf ihre Schuhe verlaſſen könne— ich machte ihm ein Zeichen mit der Hand, und er führte ſie herein. Brauche ich zu ſagen, daß 2n 5 ſie ihre Verlegenheit dadurch ausdrückte, daß ſie den Mund ſchloß und durch die Naſe athmete? Dem Philoſophen, welcher die weibliche menſchliche Natur der niederen Klaſſen ſtudirt hatte, gewiß nicht. Ich muß jedoch dem Mädchen Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. Ihre Schuhe knarrten in der That nicht. Aber warum haben alle dienenden„jungen Frauenzimmer“ feuchte Hände? Warum haben ſie alle dicke Naſen und harte Wangen? Und warum haben ihre Geſichter ſtets etwas ſo betrübend Unfertiges, namentlich bei den Augen⸗ winkeln herum? Ich ſelbſt bin nicht kräftig genug, um über dergleichen tief nachzudenken, aber ich frage ſachverſtän⸗ dige Leute, die hierin glücklicher ſind als ich: warum haben wir keine Mannichfaltigkeit in unſerm„Jung⸗ Frauenzimmer“⸗Nachwuchs? „Sie haben einen Brief für mich von Miß Halcombe? Haben Sie die Güte und legen Sie ihn auf den Tiſch, aber ſtoßen Sie nichts um. Wie befindet ſich Miß Halcombe?“ „Ganz wohl, ich danke, Sir.“ „Und Lady Glyde?“ Ich erhielt keine Antwort. Das Geſicht des„jungen Frauenzimmers“ nahm ein unfertigeres Ausſehen denn je an und ich glaube, ſie fing an zu weinen; wenigſtens weiß ich ganz gewiß, daß ich etwas Naſſes in ihren Augen be⸗ merkte. Thränen oder Transpiration? Louis(den ich ſo⸗ eben darüber befragt habe) iſt der Meinung, daß es Thrä⸗ nen waren. Er gehört ihrer Klaſſe an und muß es da⸗ her am beſten wiſſen. Sagen wir alſo Thränen. Ausgenommen wenn ihnen durch das veredelnde Werk der Kunſt alle Aehnlichkeit mit der Natur genommen iſt, 6 bin ich entſchieden gegen Thränen. Thränen werden von der Wiſſenſchaft als eine Abſonderung bezeichnet. Ich kann nun wohl begreifen, daß eine Abſonderung geſund oder ungeſund ſein kann, aber von einem poetiſchen Geſichts⸗ punkte aus vermag ich ihnen kein Intereſſe abzugewinnen. Vielleicht iſt dies, da meine eignen Abſonderungen alle in der größten Unordnung ſind, ein Vorurtheil von mir. Doch dem ſei wie ihm wolle: ich benahm mich bei dieſer Gelegen⸗ heit voll Rückſicht und Gefühl. Ich ſchloß meine Augen und ſagte zu Louis: „Verſuche zu erfahren, was ſie meint.“ Louis verſuchte, und das„junge Frauenzimmer“ ver⸗ ſuchte, und es gelang ihnen, ſich einander in dem Grade zu verwirren, daß mich die Dankbarkeit verpflichtet, zu geſtehen, daß ſie mich wirklich amüſirten. Ich denke, das nächſte mal, daß ich in gedrückter Laune bin, laſſe ich ſie Beide wieder zu mir kommen. Ich habe dieſer Abſicht ſoeben zu Louis erwähnt; ſonderbarerweiſe ſcheint ſie ihn unangenehm zu berühren. Armer Narr! Doch erwartet man hoffentlich nicht von mir, daß ich wiederhole, was meiner Nichte Kammerjungfer zur Er⸗ klärung ihrer Thränen vorbrachte, und wie mein ſchweizer Kammerdiener Dies ins Engliſche übertrug? So etwas iſt offenbar unmöglich. Es mag mir vielleicht gelingen, meine eignen Eindrücke und Gefühle wiederzugeben. Wird dies genügen? Bitte, ſage man Ja! Mir iſt, als ob ſie damit angefangen hätte, mir(durch Louis) zu erzählen, daß ihr Herr ſie aus dem Dienſte ihrer Herrin entlaſſen habe.(Man bemerke, bitte, den ſeltſam unzuſammenhängenden Bericht des„jungen Frauen⸗ 7 zimmers.“ War es meine Schuld, daß ſie ihre Stelle ver⸗ loren hatte?) Nach ihrer Entlaſſung ſei ſie ins Wirths⸗ haus gegangen, um dort die Nacht zuzubringen.(Bin ich ein Gaſtwirth, daß ſie des Wirthshauſes gegen mich zu erwähnen brauchte?) Zwiſchen ſechs und ſieben Uhr ſei Miß Halcombe zu ihr gekommen, um ihr Adieu zu ſagen, und habe ihr zwei Briefe gegeben— einen an mich und einen an einen Herrn in London.(Ich bin doch kein Herr in London— zum Henker mit dem Herrn in London!) Sie habe beide Briefe ſorgfältig in ihren Buſen geſteckt (was geht mich ihr Buſen and); ſie ſei ſehr unglücklich geweſen, als Miß Halcombe ſie wieder verlaſſen; ſie habe nicht das Herz gehabt, einen Biſſen oder Tropfen zu ge⸗ nießen, bis es beinah Schlafenzeit geweſen, und da, kurz vor neun Uhr, habe ſie gedacht, ſie wolle eine Taſſe Thee trinken.(Bin ich für dieſe gemeinen Unſchlüſſigkeiten ver⸗ antwortlich, die mit Kummer anfangen und mit Thee enden?) Gerade, als ſie den Topf gewärmt ich ſchreibe die Worte auf Louis' Verantwortung, welcher ſagt, er weiß, was ſie bedeuten, und ſich erbietet, ſie zu erklären, aber ich verbiete es ihm aus Grundſatz)— gerade, als ſie den Topf gewärmt, habe ſich die Thür geöffnet, und ſie ſei wie angedonnert geweſen(wieder ihre eigenen Worte, die diesmal ſogar für Louis ebenſo unverſtändlich waren, wie für mich), als ſie Ihro Gnaden die Frau Gräfin ins Zimmer habe treten ſehen. Ich ſchreibe den Titel, welchen meiner Nichte Kammerjungfer meiner Schmeſter beilegte, mit einem Gefühle wahren Hochgenuſſes. Meine arme liebe Schweſter iſt ein widerwärtiges Geſchöpf, das einen Ausländer geheirathet hat. Um jedoch wieder zur Jungfer zurückzukommen: die Thür öffnete ſich, und Ihro Gnaden die Frau Gräfin trat herein, und das„junge Frauen⸗ zimmer“ war wie angedonnert. Höchſt merkwürdig! Ich muß wirklich ein wenig ausruhen, ehe ich fort⸗ fahre. Wenn ich ein paar Minuten mit geſchloſſenen Augen gelegen haben werde, und Louis meine armen Schläfen mit etwas Eau de Cologne gebadet hat, mag ich im Stande ſein, meine Aufgabe fortzuſetzen. Ihro Gnaden die Frau Gräfin— nein. Ich bin allerdings im Stande fortzufahren, nicht aber, aufrecht zu ſitzen. Ich will mich zurücklegen und dictiren. Louis hat eine entſetzliche Ausſprache, aber er kennt die engliſche Sprache und kann ſie ſchreiben. Wie außerordentlich bequem! Ihro Gnaden die Frau Gräfin erklärte ihr unerwar⸗ tetes Erſcheinen im Wirthshauſe, indem ſie zu Fanny ſagte, ſie bringe ihr noch ein paar kleine Aufträge, welche Miß Halcombe in ihrer Eile vergeſſen habe. Das„junge Frauenzimmer“ war ſehr geſpannt, dieſe Aufträge zu hören, aber die Gräfin ſchien nicht geneigt, ihr hierüber Aufſchluß zu geben, bis Fanny ihren Thee getrunken haben würde(das ſieht der Widerwärtigkeit meiner Schweſter ſehr ähnlich). Ihro Gnaden war ganz außerordentlich gütig und rückſichtsvoll dabei(ſieht meiner Schweſter nicht im Geringſten ähnlich) und ſagte:„Ich bin überzeugt, mein gutes Mädchen, daß Sie ſehr einer Taſſe Thee be⸗ dürfen. Unſere Aufträge können warten, bis Sie ſich geſtärkt haben. Kommen Sie; wenn Sie durchaus nicht, anders wollen, ſo werde ich den Thee machen und eine Taſſe mittrinken.“ Das, glaube ich, waren die Worte, in denen das„junge Frauenzimmer“ in großer Aufregung 9 ſich in meiner Gegenwart ausdrückte. Jedenfalls beſtand die Gräfin darauf, den Thee zu machen, und trieb dann ihre lächerliche Oſtentation der Herablaſſung ſo weit, daß ſie ſelbſt eine Taſſe nahm und das Mädchen zwang, die andere zu nehmen. Das Mädchen trank den Thee, und dann — ihrem eigenen Berichte zufolge— feierte ſie die außer⸗ ordentliche Gelegenheit dadurch, daß ſie in fünf Minuten zum erſtenmale in ihrem Leben wie todt in Ohnmacht fiel. Ich bediene mich abermals ihrer eigenen Worte. Louis meint, ſie ſeien von einer noch bedeutenderen Abſonderung von Thränen begleitet geweſen. Doch kann ich hierüber ſelbſt nichts beſtimmen. Die Anſtrengung des Zuhörens war vollkommen genug für mich, und meine Augen waren geſchloſſen. Wo blieb ich ſtehen? Ach ja— ſie wurde ohnmächtig, nachdem ſie eine Taſſe mit der Gräfin getrunken, ein Ver⸗ fahren, das mich möglicherweiſe intereſſirt hätte, wäre ich ihr Arzt geweſen; da aber dies nicht im Geringſten der Fall war, langweilte es mich blos unbeſchreiblich, und das war Alles. Als ſie nach ungefähr einer halben Stunde wieder zu ſich kam, lag ſie auf dem Sopha, und es war niemand bei ihr außer der Wirthin. Die Gräfin, der es zu ſpät wurde, um noch länger im Wirthshaus zu bleiben, war fortgegangen, ſowie ſie geſehen, daß das Mädchen ſich er⸗ holte; und die Wirthin war dann ſo freundlich geweſen, ſie hinauf zu führen und ihr zu helfen, ſich ins Bett zu legen. Sobald ſie allein geblieben, habe ſie nach den Brie⸗ fen in ihrem Buſen gefühlt(ich bedaure, daß ich dieſes Gegenſtandes zum zweitenmale zu erwähnen habe), die auch beide dort geweſen, obgleich in einem ſehr zerknitterten Zu⸗ ſtande. Sie habe in der Nacht Schwindel gefühlt, ſei aber am Morgen wohl genug geweſen, um abreiſen zu können. Sie hatte den Brief an jenen höchſt gleichgültigen Fremden, den Herrn in London, auf die Poſt und jetzt den andern an mich in meine Hände gegeben, wie man ihr befohlen hatte. Dies ſei die einfache Wahrheit, und obgleich ſie ſich für keine abſichtliche Nachläſſigkeit tadeln könne, ſo fühlte ſie ſich doch ſehr beunruhigt und ſehr des Rathes bedürftig. Hier, meint Louis, habe ſie die Abſonderungen wieder⸗ holt. Wohl möglich, doch iſt es von unendlich größerer Wichtigkeit, daß hier ebenfalls ich die Geduld verlor, meine Augen öffnete und mich dazwiſchen legte. „Und worauf läuft alles Dies hinaus?“ fragte ich. Meiner Nichte confuſe Jungfer ſtand gaffend und ſprachlos da. „Verſuche, ihr meine Frage deutlich zu machen“, ſagte ich zu meinem Kammerdiener;„überſetze mich ihr, Louis.“ Louis verſuchte es und überſetzte. Mit anderen Wor⸗ ten: er ſtieg augenblicklich in eine bodenloſe Gruft von Verwirrung hinab, und das„junge Frauenzimmer“ folgte ihm. Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich je ſo amüſirt habe. Ich ließ ſie, ſo lange ſie mich unterhielten, in der Tiefe der Gruft; als dies aber aufhörte, machte ich Ge⸗ brauch von meiner Einſicht und zog ſie wieder herauf. Es iſt unnöthig zu ſagen, daß es mir im Verlaufe der Zeit gelang, mich mit dem eigentlichen Zwecke des Berichtes der Kammerjungfer bekannt zu machen. Ich entdeckte, daß es ſie beunruhigte, durch den Gang der Er⸗ eigniſſe verhindert zu ſein, jene nachträglichen Aufträge entgegenzunehmen, mit welchem Miß Halcombe die Gräfin 11 an ſie abgeſchickt hatte. Sie fürchtete, daß dieſe Aufträge von größter Wichtigkeit für das Intereſſe ihrer Herrin ge⸗ weſen ſeien; doch hatte ihr Furcht vor Sir Percival ſie ab⸗ gehalten, noch ſpät abends nach Blackwater Park zurückzu⸗ kehren, um ſich darüber zu unterrichten; und Miß Halcombe's ausdrücklicher Befehl, auf keinen Fall am nächſten Morgen den Zug zu verfehlen, hatte ſie verhindert, noch den folgen⸗ den Tag im Wirthshauſe zu warten. Sie war in größter Sorge, daß das Unglück ihrer Ohnmacht nicht noch das zweite Unglück, daß ihre Herrin ſie für nachläſſig hielte, ihr zu ſagen, ob ich ihr rathe, Miß Halcombe ihre Erklä⸗ rungen und Entſchuldigungen hierüber zu ſchreiben und ſie zu bitten, ihr brieflich jene Aufträge zu geben, falls es noch nicht zu ſpät dazu ſei. Ich entſchuldige mich nicht wegen dieſer weitſchweifigen Darſtellung eines Umſtandes. Man hat mir befohlen, ihn zu erwähnen. Es gibt Leute— wie unglaublich dies auch ſcheinen mag— die mehr In⸗ tereſſe an dem nehmen, was meiner Nichte Jungfer bei dieſer Gelegenheit zu mir, als an dem, was ich zu ihr ſagte. Höchſt beluſtigende Wunderlichkeit! „Ich würde Ihnen ſehr dankbar ſein, Sir, wenn Sie die Güte haben wollten, mir zu ſagen, was ich thun muß?“ ſagte das„junge Frauenzimmer.“ „Laſſen Sie die Sachen, wie ſie ſind,“ ſagte ich, in⸗ dem ich meine Sprache dem Begriffsvermögen meiner Zuhörerin anpaßte.„Ich laſſe die Sachen ſtets, wie ſie ſind. Ja wohl. Iſt das Alles?“ „Wenn Sie denken, Sir, daß ich mir eine Freiheit herausnähme, wenn ich ſchriebe, ſo würde ich es natürlich nicht wagen. Aber ich wünſche ſo ſehr, Alles zu thun, was in meiner Macht liegt, um meiner Herrin treue Dienſte zu leiſten—“ Die Leute der niederen Klaſſen wiſſen nie, wann es Zeit iſt zu gehen. Sie bedürfen hierin ſtets der Hülfe von ihren Vorgeſetzten. Es ſchien mir hohe Zeit, daß ich dem „jungen Frauenzimmer“ dieſe Hülfe leiſtete, und ich that dies mit zwei verſtändigen Worten: „Guten Morgen!“ Es knarrte an dieſem merkwürdigen Mädchen, entweder auswendig oder inwendig, plötzlich etwas. Louis, der ſie anſah(was ferne von mir war) ſagt, daß ſie knarrte, indem ſie knirte. Sonderbar. Waren es etwa ihre Schuhe, oder ihr Schnürleibchen, oder ihre Knochen? Louis meint, es ſei ihr Schnürleibchen geweſen. Höchſt ſonderbar! Sobald man mich allein gelaſſen, hielt ich ein kleines Schläfchen— ich bedurfte deſſen wirklich ſehr. Als ich wieder aufwachte, bemerkte ich den Brief dieſer lieben Ma⸗ rianne. Hätte ich nur die entfernteſte Ahnung gehabt von Dem, was derſelbe enthielt, ſo würde ich ihn gewiß nicht geöffnet haben. Da ich aber, unglücklicherweiſe für mich, frei von allem Argwohn bin, las ich den Brief Er ſtreckte mich für den Reſt des Tages danieder. Ich bin von Natur der umgänglichſte Menſch von der Welt— ich mache Entſchuldigungen für jeden Menſchen, und bin durch nichts beleidigt. Aber, wie ich ſchon be⸗ merkt habe, ſelbſt meine Geduld hat ein Ende. Ich legte Marianne's Brief nieder und fühlte mich mit Recht tief beleidigt. Ich bin im Begriff eine Bemerkung zu machen— ——— — — — 13 dieſelbe paßt natürlich zu der ſehr ernſten Sache, die vor uns liegt, oder ich würde ſie nicht an dieſer Stelle er⸗ ſcheinen laſſen. Nichts ſtellt meiner Meinung nach den haſſenswerthen Egoismus der Menſchen in ein ſo auffallend abſtoßendes Licht, als die Behandlung, welche in allen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft unverheiratheten Leuten von den verheiratheten zu Theil wird. Haſt Du Dich einmal zu rückſichtsvoll und uneigennützig bewieſen, um noch zur Vergrößerung einer bereits überfüllten Bevölkerung beizutragen, ſo wirſt Du von Deinen verheiratheten Verwandten, denen es an ähn⸗ licher Rückſicht und Uneigennützigkeit fehlt, dazu aus⸗ erkoren, alle ihre ehelichen Sorgen zu theilen und ihren Kindern ein feſter Freund und Beſchützer zu ſein. Ehe⸗ leute ſprechen von den Sorgen des Eheſtandes, und die Unvermählten haben ſie zu ertragen. Man nehme meinen eigenen Fall. Ich bin ſo rückſichtsvoll, unvermählt zu blei⸗ ben, und mein armer lieber Bruder Philipp iſt ſo rück⸗ ſichtslos, ſich zu verheirathen. Was thut er, wie er ſtirbt? Hinterläßt mir ſeine Tochter! Sie iſt ein liebes Mädchen, aber ſie iſt eine furchtbare Verantwortlichkeit. Warum wird ſie mir aufgebürdet? Weil ich in meiner Eigen⸗ ſchaft als harmloſer, unverheiratheter Mann verpflichtet bin, meine verheiratheten Verwandten von all' ihren Sorgen zu befreien. Ich thue mein Beſtes für die mir von meinem Bruder hinterlaſſene Verantwortlichkeit; ich verheirathe meine Nichte nach unendlich viel Wirth⸗ ſchaft und Schwierigkeit mit dem Manne, den ihr Vater ihr beſtimmt hat. Sie veruneinigt ſich mit ihrem Manne, und die Sache hat unangenehme Folgen. Was macht 14 ſie mit dieſen Folgen? Sie übermacht ſie mir. Weil ich in meiner Eigenſchaft als harmloſer, unverheiratheter Mann verpflichtet bin, meine verheiratheten Verwandten von all' ihren Sorgen zu befreien. Ihr armen Unver⸗ mählten. Du arme Menſchennatur! Es iſt ganz unnöthig zu ſagen, daß Marianne's Brief Drohungen für mich enthielt. Alles droht mir. Alle mög⸗ lichen Greuel ſollten auf mein unglückliches Haupt fallen, falls ich zögerte, meiner Nichte und ihren Unannehmlich⸗ keiten Limmeridge Houſe als Zuflucht anzubieten. Aber ich zögerte dennoch. Ich habe bereits erwähnt, daß mein gewöhnliches Ver⸗ fahren bei ſolchen Gelegenheiten darin beſteht, mich Mari⸗ annen zu fügen und auf dieſe Weiſe Lärm zu ſparen. Dies⸗ mal aber waren die vorausſichtlichen Folgeu ihres außer⸗ ordentlich rückſichtsloſen Vorſchlages ſo bedenklicher Art, daß ſie mich zögern ließen. Welche Sicherheit hatte ich, falls ich Lady Glyde eine Zuflucht in Limmeridge Houſe anbot, daß nicht Sir Percival in einem Zuſtande heftigen Zornes gegen mich, weil ich ſeine Frau aufgenommen, ihr hierher folgen würde? Ich ſah, daß mit einem ſolchen Ver⸗ fahren ein wahres Labyrinth von Sorgen und Unannehm⸗ lichkeiten für mich verknüpft war, und beſchloß daher, erſt ein wenig hinzuhorchen, wie man ſagt. Ich ſchrieb demzu⸗ folge an die gute Marianne und bat ſie(da ſie keinen Gemahl beſitzt, der Anſprüche an ſie zu machen hätte), erſt allein herzukommen, um die Sache mit mir zu beſprechen. Falls ſie dann meine Einwürfe zu meiner vollkommenen Zufriedenheit beſeitigen könne, ſo verſichere ich ſie, daß ich unſere liebe Laura mit dem größten Vergnügen wieder 15 aufnehmen werde— widrigenfalls jedoch nicht. Ich fühlte natürlich ſogleich, daß dies Capituliren von mei⸗ ner Seite wahrſcheinlich damit enden werde, daß Mari⸗ anne hier in einem Zuſtande tugendhafter, thürenwerfen⸗ der Entrüſtung anlangte. Aber das andere Verfahren konnte dagegen damit enden, Sir Percival ebenfalls in einem Zuſtande tugendhafter, thürenwerfender Entrüſtung herzubringen; und von beiden Arten der Entrüſtung und des Thürenwerfens ziehe ich Marianne's vor— weil ich an ſie gewöhnt bin. Demzufolge ſchickte ich meinen Brief mit umgehender Poſt ab. Ich gewann hierbei jedenfalls Zeit— und, o mein Gott! das iſt gleich ein großer Gewinn. Wenn ich vollkommen daniedergeſtreckt bin(habe ich erwähnt, daß ich durch Marianne's Brief vollkommen daniedergeſtreckt war?), brauche ich ſtets drei Tage, um mich wieder zu erholen. Ich war ſehr unbillig, indem ich drei Tage der Ruhe erwartete— und ſie wurden mir natürlich nicht. Am dritten Tage brachte die Poſt mir einen höchſt impertinenten Brief von einem Menſchen, der mir völlig unbekannt iſt. Er gab ſich als den activen Compagnon unſeres Geſchäftsführers an.— des guten, halsſtarrigen, alten Gilmore— und benachrichtigte mich, daß er kürzlich durch die Poſt einen Brief erhalten, deſſen Adreſſe von Miß Halcombe's Hand geſchrieben. Da er jedoch das Couvert geöffnet, habe er zu ſeinem Erſtaunen in demſelben nichts als ein Stück leeren Briefpapieres gefunden. Dieſer Umſtand ſei ihm ſo verdächtig erſchienen(weil derſelbe in ſei⸗ nem unruhigen Advocatengeiſte ſofort die Idee erweckte, daß 16 Spitzbüberei dabei im Spiele geweſen), daß er augenblicklich an Miß Halcombe geſchrieben, jedoch keine Antwort von ihr erhalten habe. Anſtatt nun wie ein vernünftiger Mann zu handeln und die Dinge ihren Lauf nehmen zu laſſen, war ſein nächſtes lächerliches Verfahren, wie er dies ſelbſt bewieß, daß er mich beläſtigte, indem er an mich ſchrieb, um mich zu fragen, ob ich etwas von der Sache wiſſe. Wozu mich auch noch beunruhigen, wenn er ſelbſt ſchon beunruhigt war? Ich ſchrieb ihm einen Brief dieſen Inhal⸗ tes, und es war dies einer der ſchärfſten, die ich je geſchrieben habe. Seit ich jenem ungemein widerwärtigen Menſchen, Mr. Walter Hartright, ſeine Entlaſſung zuſchickte, habe ich in Form von Briefen nichts Schärferes abgefaßt. Mein Brief brachte die von mir beabſichtigte Wirkung hervor: ich hörte nicht wieder von dem Advocaten. Dies war vielleicht nicht ſehr zum Verwundern. Aber es war jedenfalls ein bemerkenswerther Umſtand, daß ich keinen zweiten Brief von Marianne erhielt, und daß ſich keine Warnungszeichen von ihrer Ankunft wahrnehmen ließen. Ihr unerwartetes Ausbleiben war von erſtaunlich guter Wirkung für mich. Es war ſo überaus beruhigend und angenehm, daraus zu ſchließen(was ich natürlich that), daß meine verheiratheten Verwandten wieder ausgeſöhnt ſeien. Fünf Tage ungeſtörter Ruhe, köſtlicher, einſamer Glückſelig⸗ keit, ſtellten mich ganz wieder her. Am ſechſten Tage— entweder dem fünfzehnten oder ſechzehnten Juli— fühlte ich mich wohl genug, um meinen Photographen kommen zu laſſen und ihn wieder bei dem Werke anzuſtellen, welches ich, wie ſchon erwähnt, dieſer barbariſchen Umgegend zu ſchenken beabſichtige, um ihren Geſchmack und Kunſtſinn etw gere plöt mer will mir Nich auf wide lich von ann ſen, Abſt rieb, iſſe. chon hal⸗ eben chen, habe f. kung Dies war einen keine eßen. guter d und daß ſeien. ſelig⸗ g6 fühlte nen zu elches nd zu iſtſinn etwas zu bilden. Ich hatte ihn ſoeben entlaſſen, und gerade angefangen, mit meinen Münzen zu kokettiren, als plötzlich Louis, mit einer Karte in der Hand, ins Zim⸗ mer trat. „Wieder ein junges Frauenzimmer?“ ſagte ich.„Ich will ſie nicht ſehen. In meinem Geſundheitszuſtande ſind mir junge Frauenzimmery im höchſten Grade nachtheilig. Nicht zu Hauſe!“ „Es iſt ein Herr diesmal, Sir.“ Ein Herr war allerdings etwas anderes. Ich blickte auf die Karte. Gerechter Himmel! der ausländiſche Gemahl meiner widerwärtigen Schweſter, Graf Fosco! Mltie Collins, Die Frau in Weiß, III. Portſetzung von Mr. Pairlie’s Ausſage. lich er Brauche ich zu ſagen, was mein erſter Eindruck war, ſtü als ich auf die Karte meines Beſuchers blickte? Gewiß nicht. Er Da meine Schweſter einen Ausländer geheirathet hatte, An gab es nur einen einzigen Schluß, zu dem ein Mann kom⸗ rul men konnte, der bei vollem Verſtande war. Der Graf Lät kam natürlich, um Geld von mir zu borgen. Gr „Louis,“ ſagte ich,„glaubſt Du, daß er gehen würde, Sc wenn Du ihm fünf Schillinge gäbſt?“ von Louis ſah ganz entrüſtet aus. Er überraſchte mich un⸗ deſ beſchreiblich, indem er erklärte, meiner Schweſter Gemahl 3 ſei ſüperbe gekleidet und ſehe wie ein Bild des Wohl⸗ Fa ſtandes aus. Unter dieſen Verhältniſſen veränderten ſich hal meine erſten Eindrücke bis zu einem gewiſſen Grade. Ich Fo nahm es jetzt für ausgemacht an, daß der Graf ſich eben⸗ inc falls in ehelichen Schwierigkeiten befände, und daß er, wie Si der Reſt der Familie, komme, um mir dieſelben aufzu⸗ Jc bürden. S „Hat er geſagt, was ihn herführt?“ fragte ich. „Graf Fosco ſagte, er ſei gekommen, Sir, weil es Miß we Halcombe nicht möglich geweſen, Blackwater Park zu ver⸗ Si laſſen.“ war, nicht. hatte, 1 kom⸗ Graf würde, ich un⸗ zemahl Wohl⸗ en ſich e. Ich ;h eben⸗ er, wie aufzu⸗ ch. es Miß zu ver⸗ 19 Neue Sorgen dem Anſchein nach. Gerade nicht ſeine eigenen, wie ich vermuthet hatte, aber die der guten Ma⸗ rianne. Dies war übrigens ziemlich einerlei. Es waren jedenfalls Sorgen. O, du mein Gott! „Bringe ihn herein,“ ſagte ich mit Ergebung. Des Grafen Erſcheinung erſchreckte mich zuerſt wirk⸗ lich. Seine Perſönlichkeit war von ſo großen Verhält⸗ niſſen, daß ich förmlich erbebte. Ich war überzeugt, daß er den Fußboden erſchüttern und meine Kunſtſchätze um⸗ ſtürzen werde. Er that weder das eine noch das andere. Er trug eine Sommerkleidung, die einen erfriſchenden Anblick hatte; ſein Weſen war auf eine charmante Weiſe ruhig und unbefangen— und er hatte ein bezauberndes Lächeln. Mein erſter Eindruck von ihm war im höchſten Grade günſtig. Es ſpricht dies nicht ſehr lobend für meinen Scharfblick, wie die Folgen beweiſen werden, aber ich bin von Natur ein offener, freimüthiger Mann und geſtehe es deſſenungeachtet. „Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzuſtellen, Mr. Fairlie,“ ſagte er,„ich komme von Blackwater Park und habe die Ehre und das Glück, der Gemahl der Gräfin Fosco zu ſein. Laſſen Sie mich zum erſten und letzten⸗ mal Gebrauch von dieſem Umſtande machen, indem ich Sie bitte, mich nicht als einen Fremden zu betrachten. Ich bitte Sie, ſich nicht ſtören zu laſſen— bitte, bleiben Sie ruhig ſitzen.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiderte ich;„ich wollte, ich wäre kräftig genug, um aufſtehen zu können. Sehr erfreut, Sie in Limmeridge zu ſehen. Bitte, nehmen Sie Platz.“ „Sch fürchte, Sie ſind heute leidend,“ ſagte der Graf. 2* 20 „Wie gewöhnlich,“ ſagte ich;„ich bin nichts weiter als ein Packet Nerven, die man angekleidet hat, daß ſie wie ein Menſch ausſehen.“ „Ich habe zu meiner Zeit manches ſtudirt,“ ſagte dies theilnehmende Weſen,„und unter andern auch dieſen un⸗ erſchöpflichen Gegenſtand: die Nerven. Wollen Sie mir geſtatten, Ihnen einen Vorſchlag zu machen, die einfachſte Sache von der Welt und zugleich die vollkommenſte? Wollen Sie mir erlauben, eine Veränderung in der Be⸗ leuchtung Ihres Zimmers zu machen?“ „Gewiß— wenn Sie nur ſo gütig ſein wollen, kein Licht auf mich hereinzulaſſen.“ Er ging ans Fenſter. So ganz verſchieden von der lieben Marianne! So außerordentlich rückſichtsvoll in allen ſeinen Bewegungen! „Licht,“ ſagte er in jenem unbeſchreiblich angenehmen, vertraulichen Tone, der ſo wohlthuend für Kranke iſt,— „Licht iſt das erſte Bedürfniß. Das Licht iſt ein Nahrungs⸗, Reiz⸗ und Erhaltungsmittel. Sie können ebenſowenig ohne Licht exiſtiren, Mr. Fairlie, als wenn Sie eine Blume wären. Jetzt geben Sie Acht. Hier, wo Sie ſitzen, ſchließe ich die Feuſterladen, um die Beleuchtung für Sie zu mil⸗ dern. Da, wo Sie nicht ſitzen, ziehe ich das Rouleau in die Höhe und laſſe die ſtärkende Sonne herein. Geſtatten Sie dem Lichte Einlaß in Ihr Zimmer, wenn Sie es auch nicht auf Ihrem Körper vertragen können. Das Licht, Sir, iſt eine große Verordnung der Vorſehung. Sie nehmen mit gewiſſen Vorbehalten die Vorſehung an. Machen Sie es mit dem Lichte ebenſo.“ Mir ſchien dies ſehr überzeugend und ſehr aufmerkſam ◻η S — — 6 8Q ₰. — A— . S . hmen, ſt,— ings⸗, wenig Zlume chließe u mil⸗ eau in ſtatten s auch „Sir, ehmen en Sie erkſam 21 von ihm. Er hatte mich angeführt— bis hierher und mit dem Lichte hatte er mich jedenfalls in Bezug auf ſich an⸗ geführt. „Sie ſehen mich in Verwirrung,“ ſagte er, zu ſeinem Platze zurückkehrend—„auf mein Ehrenwort, Mr. Fairlie, ich bin verwirrt in Ihrer Gegenwart.“ „Es macht mich ſehr unglücklich, das zu hören. Darf ich fragen, warum?“ „Sir, kann ich wohl in dies Zimmer treten(wo Sie als Dulder ſitzen) und Sie von dieſen herrlichen Kunſt⸗ gegenſtänden umgeben ſehen, ohne gewahr zu werden, daß Sie ein Mann von tiefempfänglichen Gefühlen, deſſen Sympathien beſtändig lebendig ſind? Sagen Sie mir, ob Sie dies für möglich halten?“ Wäre ich kräftig genug geweſen, um mich aufzurichten, ſo würde ich mich natürlich verbeugt haben; da ich dies aber nicht war, gab ich ihm ſtatt deſſen meine Anerkennung ſeines Complimentes durch ein Lächeln kund. Es hatte dieſelbe Wirkung— wir verſtanden uns vollkommen. „Bitte, folgen Sie meinem Gedankengange,“ fuhr der Graf fort.„Ich, der ich ſelbſt ein Mann von feinen Ge⸗ fühlen bin, ſitze hier in Gegenwart eines Mannes von ebenfalls feinen Gefühlen. Ich bin mir bewußt, daß ich dieſe Gefühle verwunden werde, indem ich von häuslichen Ereigniſſen rede, die ſehr betrübender Natur ſind. Was iſt die unvermeidliche Folge hiervon? Ich habe mir be⸗ reits erlaubt, ſie Ihnen anzudeuten— Sie ſehen mich verwirrt.“ War es in dieſem Augenblicke, daß ich zu ahnen be⸗ gann, er werde mich langweilen? Ich glaube faſt. ———— Iſt es durchaus nothwendig, jetzt von dieſen unan⸗ genehmen Dingen zu reden?“ fragte ich.„Oder, wie wir uns in ſchlichtem Engliſch ausdrücken, Graf Fosco, wür⸗ den ſie ſich nicht halten?“ Der Graf ſchüttelte blos auf höchſt beunruhigende Weiſe mit dem Kopfe und ſeufzte. „Muß ich ſie wirklich hören?“ Er zuckte mit den Achſeln(das erſtemal, daß er ſich, ſeitdem er ins Zimmer getreten war, einer ausländiſchen Gewohnheit ſchuldig machte) und blickte mich auf eine unangenehm prüfende Weiſe an. Mein Inſtinct ſagte mir, daß ich beſſer thun würde, indem ich die Augen ſchlöſſe. Ich folgte meinem Inſtincte. „Bitte, machen Sie mir Ihre Mittheilung mit Vor⸗ ſicht,“ bat ich ihn.„Iſt irgend Jemand todt?“ „Todt!“ rief der Graf mit unnöthiger ausländiſcher Heftigkeit aus.„Mr. Fairlie, Ihre nationale Ruhe flößt mir Grauen ein. In des Himmels Namen, was habe ich geſagt oder gethan, das Sie veranlaßte, mich für den Boten des Todes anzuſehen?“ „O bitte, empfangen Sie meine Entſchuldigungen,“ erwiderte ich.„Sie haben nichts geſagt oder gethan. Ich mache es mir in ſolchen betrübenden Fällen zur Regel, ſtets das Schlimmſte vorauszuſehen. Die Hef⸗ tigkeit des Schlages wird gebrochen, indem man ihm auf halbem Wege begegnet und ſo weiter. Unausſprechlich erleichtert, zu hören, daß niemand todt iſt. Iſt Jemand krank?“ Ich öffnete die Augen und ſah ihn an. War er viel⸗ leicht ſchon ſehr gelb, als er hereinkam, oder war er es erſt iſt e leich leich als zum mein eing gän den. zu l aus wie ann ſein Tre diſcher flößt be ich r den ngen,“ gethan. en zur e Hef⸗ m auf rechlich bemand er viel⸗ es erſt in den letzten paar Minuten geworden? Ich kann es wirk⸗ lich nicht beſtimmt ſagen, und ich kann auch nicht Louis fragen, denn er war nicht im Zimmer. „Das macht einen Theil meiner ſchlimmen Nachrichten aus, Mr. Fairlie. Ja, es iſt Jemand krank.“ „Bin wirklich ſehr bekümmert. Welche von ihnen iſt es?“ „Zu meinem großen Kummer, Miß Halcombe. Viel⸗ leicht waren Sie einigermaßen hierauf vorbereitet? Viel⸗ leicht ließ ſchon Ihre liebende Beſorgniß Sie dies fürchten als Sie fanden, daß Miß Halcombe weder kam, noch Ihnen zum zweitenmale ſchrieb?“ Ich zweifle nicht, daß zu einer oder der andern Zeit meine liebende Beſorgniß mir dieſe traurige Befürchtung eingeflößt hatte; aber in dem Augenblicke war der Umſtand gänzlich aus meinem erbärmlichen Gedächtniſſe entſchwun⸗ den. Indeſſen ſagte ich, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, Ja. Ich war ſehr erſchüttert. Es war ſo über⸗ aus uncharakteriſtiſch für eine ſo robuſte Perſönlichkeit, wie die unſerer lieben Marianne, krank zu ſein, daß ich nur annehmen konnte, es müſſe ihr irgend ein Unfall begegnet ſein. Sie war vielleicht mit dem Pferde oder von der Treppe geſtürzt, oder etwas der Art. „Iſt die Sache ernſtlich?“ fragte ich. „Ernſtlich— ohne allen Zweifel,“ entgegnete er,„doch nicht gefährlich, wie ich von ganzem Herzen hoffe. Miß Halcombe hat ſich unglücklicherweiſe einem kalten, durch⸗ näſſenden Regen ausgeſetzt; die darauf erfolgte Erkältung war ſehr heftiger Natur und iſt jetzt in Fieber aus⸗ geartet.“ Als ich das Wort Fieber hörte und mich in dem⸗ ſelben Augenblicke erinnerte, daß der gewiſſenloſe Menſch, der zu mir ſprach, eben Blackwater Park verlaſſen, war mir's zu Muthe, als ob ich ohnmächtig werden müßte. „Gerechter Gott!“ ſagte ich,„iſt es anſteckend?“ „Bis jetzt noch nicht,“ antwortete er mit einer abſcheu⸗ lichen Gelaſſenheit; es mag anſteckend werden, doch war ein ſo beklagenswerther Zuſtand bei meiner Abreiſe von Blackwater Park noch nicht eingetreten. Ich habe das tiefſte Intereſſe an der Sache genommen, Mr. Fairlie— ich habe dem angenommenen Arzte meinen beſten Beiſtand bei der Beobachtung der Krankheit zu leiſten geſucht, und darf Ihnen perſönlich die Verſicherung geben, daß das Fieber nichts Anſteckendes hatte, als ich die Krankheit zum letztenmale ſah.“ Seine Verſicherung! Ich war nie in meinem Leben weiter entfernt, über etwas verſichert zu ſein. Ich würde ihm nicht geglaubt haben, ſelbſt wenn er mir einen Eid darauf abgelegt hätte. Er ſah zu gelb aus, als daß ich ihm hätte glauben können. Er ſah aus wie eine perſonificirte weſtindiſche Epidemie. Er war groß und dick genug, um Typhusfieber tonnenweiſe in ſich zu tragen, und ſogar den Teppich, den er betrat, mit Scharlachfieber zu ſättigen. In gewiſſen dringenden Lagen faſſe ich ſehr ſchnell meinen Entſchluß. Ich beſchloß augenblicklich, ihn mir vom Halſe zu ſchaffen. „Sie werden die Güte haben, einen Kranken zu ent⸗ ſchuldigen,“ ſagte ich;„aber eine lange Unterhalung, welcher Art ſie auch ſei, verſchlimmert ſtets meinen Zuſtand. Darf ich Sie bitten, mich genau von dem Zwecke zu unter⸗ dem⸗ dkenſch, , war tüßte. 2% bſcheu⸗ h war ſe von e das rlie— eiſtand ht, und 1ß das eit zum Leben würde en Eid ich ihm nificirte ug, um gar den en. In meinen n Halſe zu ent⸗ halung, zuſtand. u unter⸗ 25 richten, dem ich die Ehre Ihres Beſuches zu verdanken habe?“ Ich hoffte inbrünſtig, daß dieſer ungemein deutliche Wink ihn aus ſeinem Gleichgewicht werfen, ihn verwirrt machen, ihn zu höflichen Entſchuldigungen zwingen, kurz, ihn aus dem Zimmer treiben würde. Aber im Gegen⸗ theil, er ſaß nur um ſo feſter. Er wurde jetzt doppelt feierlich, würdevoll und vertraulich. Er hielt zwei ſeiner abſcheulichen Finger empor und gab mir noch einen ſei⸗ ner unangenehm durchdringenden Blicke. Was konnte ich machen? Ich war nicht kräftig genug, um mit ihm zu ſtreiten. Habt die Güte und denkt Euch in meine Lage. Iſt es in der Macht der Sprache, ſie zu be⸗ ſchreiben? Ich glaube nicht. „Der Zweck meines Beſuches,“ fuhr er unerſchüttert fort,„iſt ein zweifacher. Ich komme erſtens, um Ihnen mit aufrichtigem Bedauern mein Zeugniß in Bezug auf die beklagenswerthen Uneinigkeiten zwiſchen Sir Percival und Lady Glyde abzulegen. Ich bin Sir Percival's älteſter Freund; ich bin— durch Heirath— mit Lady Glyde verwandt, und bin ein Augenzeuge von Allem, was ſich in Blackwater Park zugetragen hat. In dieſen drei Eigenſchaf⸗ ten ſpreche ich mit Autorität, mit Vertrauen und mit auf⸗ richtiger Betrübniß. Sir! ich unterrichte Sie hiermit, als das Haupt von Lady Glyde'’s Familie, daß Miß Halcombe in dem kürzlich an Sie gerichteten Schreiben nichts über⸗ trieben hat. Ich beſtätige, daß das von dieſer verehrungs⸗ würdigen Dame vorgeſchlagene Hülfsmittel das einzige iſt, welches Sie gegen die Greuel öffentlicher Bloßſtellung ſchützen kann. Eine zeitweilige Trennung des Ehepaares iſt die einzige friedliche Löſung dieſer Schwierigkeit. Trennen Sie ſie für jetzt, und ſobald alle Urſache zu Zwiſtigkeiten beſeitigt, verpflichte ich, der ich die Ehre habe, in dieſem Augenblicke zu Ihnen zu ſprechen— verpflichte ich mich, Sir Percival zur Vernunft zu bringen. Lady Glyde iſt unſchuldig, iſt tief beleidigt; aber— folgen Sie gefälligſt hier meinem Gedankengange!— gerade deshalb iſt ſie (ich ſage es mit tiefer Beſchämung) Urſache von Spannung, ſo lange ſie unter dem Dache ihres Gemahls bleibt. Kein anderes Haus als das Ihrige kann Lady Glyde mit Schicklichkeit aufnehmen, und ich fordere Sie daher auf, es ihr zu öffnen!“ Aeußerſt trocken. Im Süden von England tobte ein eheliches Hagelwetter, und ein Menſch mit einem Fieber in jeder Falte ſeines Rockes forderte mich auf, aus dem Norden herbeizueilen, um mir meinen Antheil an dem Schauer abzuholen. Ich verſuchte ihm dies deutlich dar⸗ zuſtellen, wie ich es hier gethan habe. Der Graf ſenkte ganz kaltblütig den einen ſeiner ſchauerlichen Finger, hielt den andern aber nach wie vor empor, und fuhr gewiſſer⸗ maßen— ohrne ſelbſt die gewöhnliche Kutſcheraufmerk⸗ ſamkeit, mich durch einen Ausruf zu warnen, ehe er mich umwürfe, zu beobachten— über mich hin. „Folgen Sie gütigſt nochmals meinem Gedankengange,“ fuhr er fort.„Sie haben den erſten Zweck meines Be⸗ ſuches gehört. Der zweite beſteht darin, das zu thun, was Miß Halcombe's Krankheit ſie verhindert, ſelbſt zu thun. In allen ſchwierigen Fällen zieht man in Blackwater Park meine ausgebreiteten Erfahrungen zu Rathe, und es geſchah dies auch in Bezug auf Ihren intereſſanten Brief an Miß Halce pathi hier hierh wenn Verſ Auto zurü⸗ und dieſe ledig groß Ben ſelbſ der ihn nicht Ver find Sie ihre inen eiten eſem nich, e iſt lligſt t ſie nung, leibt. Hlyde daher te ein Fieber Gdem dem h dar⸗ ſenkte „hielt wiſſer⸗ fmerk⸗ r mich ange,“ es Be⸗ n, was thun. r Park geſchah m Miß 2 Halcombe. Ich begriff augenblicklich— denn Ihre Sym⸗ pathien ſind die meinigen— warum Sie Miß Halcombe hier zu ſehen wünſchten, ehe Sie einwilligten, Lady Glyde hierher einzuladen. Sie haben vollkommen Recht, Sir, wenn Sie zögern, die Damen zu empfangen, bis Sie die Verſicherung erhalten, daß der Gemahl nicht ſeine Autorität geltend machen und ſeine Frau von Ihnen zurückfordern wird. Ich bin hierin ganz Ihrer Anſicht; und auch darin, daß ſo zarte Erklärungen, wie ſie aus dieſer Schwierigkeit entſpringen, nicht wohl ſchriftlich er⸗ ledigt werden können. Meine Gegenwart hier(die mit großer perſönlicher Unbequemlichkeit verbunden) iſt ein Beweis von meiner Aufrichtigkeit. Was die Erklärungen ſelbſt betrifft, ſo verſichere ich Sie, ich— Fosco— der ich Sir Percival viel beſſer kenne, als Miß Halcombe ihn kennt— auf mein Ehrenwort, daß er dieſem Hauſe nicht nahe kommen oder ſich irgendwie mit demſelben in Verbindung ſetzen ſoll, ſolange ſeine Frau ſich darin be⸗ findet. Seine Angelegenheiten ſind ſehr verwirrt. Bieten Sie ihm Hülfe an unter der Bedingung, daß Lady Glyde ihre Freiheit erhält. Ich verſpreche Ihnen, daß er die ſeinige auf dieſe Weiſe erkaufte mit beiden Händen er⸗ greifen und mit aller Schnelligkeit nach dem Feſtlande zurückkehren wird. Iſt Ihnen dies klar wie Cryſtall? Ganz gewiß. Haben Sie mir Fragen vorzulegen? Es ſei; ich bin hier, um ſie zu beantworten. Fragen Sie, Mr. Fairlie, fragen Sie, ſoviel Ihnen beliebt.“ Er hatte bereits ſo viel geſagt, ohne Rückſicht auf mich zu nehmen, und ſah auf ſo entſetzliche Weiſe fähig aus, noch viel mehr ohne alle Berückſichtigung meiner b 28 zu ſagen, daß ich zur bloſen Selbſtvertheidigung ſeine liebenswürdige Aufforderung ausſchlug. „Ich danke herzlich,“ entgegnete ich.„Ich fühle mich ſehr erſchöpft. In meinem Geſundheitszuſtande muß ich dergleichen Dinge für ausgemacht annehmen. Erlauben Sie mir, dies auch bei der gegenwärtigen Gelegenheit zu thun. Wir verſtehen einander vollkommen. Ja wohl. Sehr verbunden für Ihre gütige Vermittelung. Sollte ich jemals wieder geſund werden und Gelegenheit haben, unſere Bekanntſchaft—“ Er ſtand auf. Ich dachte, er wolle gehen. Nein. Er hatte noch mehr zu ſprechen— er mußte der Entwickelung anſteckender Einflüſſe in meinem Zimmer noch mehr Zeit gönnen— in meinem Zimmer, bitte zu bedenken, in meinem Zimmer! „Einen Augenblick,“ ſagte er,„nur noch einen Augen⸗ blick, ehe ich mich verabſchiede. Ich bitte, Sie auf eine dringende Nothwendigkeit aufmerkſam machen zu dürfen. Dieſelbe iſt folgende, Sir: Sie müſſen nicht daran denken, mit der Einladung an Lady Glyde zu warten, bis Miß Halcombe wieder hergeſtellt iſt. Miß Halcombe genießt die Pflege des Arztes, der Haushälterin zu Blackwater Park und einer erfahrenen Krankenwärterin— drei Per⸗ ſonen, deren Fähigkeit und Treue ich mit meinem Leben verbürge. Dies ſage ich Ihnen und zugleich, daß die Un⸗ ruhe und Beſorgniß um ihre Schweſter Lady Glyde's Gemüth und körperliches Befinden bereits dermaßen an⸗ gegriffen hat, daß ihre Anweſenheit im Krankenzimmer vollkommen nutzlos wäre. Ihre Stellung ihrem Gemahl gegenüber wird täglich beklagenswerther und gefährlicher. Falls laſſen Wied Zeit wir milie Herze abzur blickli ehren mer davor fahru an. 5 5 meine grenz drück Es i mein mach boren 7 dies mein wend ſich Hanm iſt, übric g ſeine le mich uß ich lauben heit zu wohl. Sollte haben, in. Er ickelung hr Zeit ken, in Augen⸗ zuf eine dürfen. denken, is Miß genießt ickwater rei Per⸗ 1 Leben die Un⸗ Glyde's ßen an⸗ zimmer Gemahl hrlicher. 29 Falls Sie Ihre Nichte noch länger in Blackwater Park laſſen, ſo bewirken Sie dadurch keineswegs die ſchleunigere Wiederherſtellung ihrer Schweſter und riskiren zu gleicher Zeit eine öffentliche Bloßſtellung, welche Sie und ich und wir Alle die Verpflichtung haben, im Intereſſe der Fa⸗ milie zu vermeiden. Ich rathe Ihnen daher von ganzem Herzen, die Verantwortlichkeit eines Verzuges von ſich abzuwerfen, indem Sie Lady Glyde auffordern, augen⸗ blicklich hierher zu kommen. Thun Sie Ihre liebende, ehrenhafte, unvermeidliche Pflicht, und was ſich dann im⸗ mer zutragen möge, ſo kann niemand Ihnen die Schuld davon beilegen. Ich ſpreche nach meinen umfaſſenden Er⸗ fahrungen und biete Ihnen meinen freundſchaftlichen Rath an. Nehmen Sie ihn an— Ja oder Nein?“ Ich ſah ihn an— ſah ihn blos an— indem jede Linie meines Geſichtes meine Verwunderung über ſeine unbe⸗ grenzte Frechheit und den erwachenden Entſchluß aus⸗ drückte, Louis zu klingeln und ihm die Thür zeigen zu laſſen. Es iſt völlig unglaublich, aber vollkommen wahr, daß mein Geſicht nicht den geringſten Eindruck auf ihn zu machen ſchien. Der Menſch iſt ohne Nervenſyſtem ge⸗ boren— ohne jegliches Nervenſyſtem! „Sie zögern?“ ſagte er.„Mr. Fairliel ich begreife dies Zögern. Sie wenden ein— Sie ſehen, wie tief meine Sympathie in Ihre Gedanken hinabtaucht!— Sie wenden ein, daß Lady Glyde weder körperlich noch geiſtig ſich in einem Zuſtande befindet, um allein die Reiſe von Hampſſire hierher zu unternehmen. Ihre eigene Jungfer iſt, wie Sie wiſſen, von ihr entfernt worden, und unter der übrigen Dienerſchaft zu Blackwater Park gibt es niemanden —— der geeignet wäre, um von einem Ende Englands bis zum andern mit ihr zu reiſen. Sie wenden abermals ein, daß ſie nicht gut in London bleiben kann, um ſich aus⸗ zuruhen, weil es ſich nicht wohl paßte, daß ſie in einem öffentlichen Gaſthauſe übernachtete, wo ſie vollkommen fremd iſt. In einem Athem laſſe ich beide Einwendungen zu, und im nächſten beſeitige ich ſie beide. Folgen Sie mir gütigſt zum letztenmale. Als ich mit Sir Percival nach England zurückkehrte, war es meine Abſicht, mich in der Umgegend von London niederzulaſſen. Dieſe Ab⸗ ſicht habe ich ſoeben glücklich ausgeführt. Ich habe in dem Stadtviertel St. John's Wood auf ſechs Monate ein kleines möblirtes Haus gemiethet. Haben Sie die Güte, das in Ihrer Erinnerung zu bewahren und dann dem Programme, welches ich entworfen habe, Ihre Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Lady Glyde reiſt bis London — eine kurze Station— ich ſelbſt empfange ſie an der Eiſenbahnſtafion, führe ſie in mein Haus, welches zugleich das Haus ihrer Tante iſt, um auszuruhen und zu über⸗ nachten; ſobald ſie ſich erholt hat, begleite ich ſelbſt ſie an die Station— ſie reiſt bis hierher, und ihre eigene Kammerjungfer(die ſich augenblicklich unter Ihrem Dache befindet) empfängt ſie am Wagenſchlage. Auf dieſe Weiſe wird ihre Bequemlichkeit ſowohl wie die Schicklichkeit berückſichtigt, und Ihre Pflicht— die Pflicht der Gaſt⸗ freundſchaft, der Theilnahme und der Beſchützung— von Anfang bis zu Ende glatt und leicht für Sie gemacht. Ich fordere Sie voll Herzlichkeit auf, Sir, meine Bemühun⸗ gen im geheiligten Intereſſe der Familie zu unterſtützen. Ich rathe Ihnen ernſtlich zu ſchreiben und der beleidigten zu f zu l läſti mich länd Bill ger Bek ring denn Lad ſola war dier grei daß zur Mo Sc lich digt s bis (s ein, aus⸗ einem mmen zungen n Sie ercival ,mich ſe Ab⸗ abe in Nonate bie die d dann ce Auf⸗ London an der zugleich — über⸗ Abſt ſie eigene Dache e Weiſe cklichkeit r Gaſt⸗ — von gemacht. mühun⸗ erſtützen. leidigten und unglücklichen Dame, deren Sache ich heute führe, die Gaſtfreundſchaft Ihres Hauſes(und Herzens) anzutragen und den Brief mir zur Beſtellung zu übergeben.“ Er winkte mir mit ſeiner entſetzlichen Hand zu, ſchlug ſich auf die Anſteckung athmende Bruſt und benahm ſich ſo redneriſch, als ob ich im Unterhauſe gelegen hätte. Es war die höchſte Zeit, irgend einen verzweifelten Entſchluß zu faſſen, und ebenfalls die höchſte Zeit, Louis kommen zu laſſen, damit er das Zimmer durchräuchere. In dieſer äußerſten Schwierigkeit kam mir ein Gedanke — ein unſchätzbarer Gedanke, welcher ſozuſagen zwei läſtige Fliegen mit einer Klappe ſchlug. Ich beſchloß, mich dadurch, daß ich das Geſuch dieſes widerlichen Aus⸗ länders erfüllte, indem ich ſofort das von ihm gewünſchte Billet ſchriebe, mich ſowohl von des Grafen langweili⸗ ger Beredſamkeit, wie von Lady Glyde's langweiligen Bekümmerniſſen zu befreien. Es hatte nicht die ge⸗ ringſte Gefahr, daß die Einladung angenommen würde, denn es war im höchſten Grade unwahrſcheinlich, daß Lady Glyde Blackwater Park zu verlaſſen einwilligte, ſolange ihre Schweſter dort krank lag. Wie es möglich war, daß dies ſehr willkommene Hinderniß des Grafen dienſteifrigem Scharfblicke entgangen, konnte ich nicht be⸗ greifen, und dennoch war es ihm entgangen. Meine Angſt, daß er dies noch jetzt einſehen möchte, falls ich ihm Zeit zur Ueberlegung ließe, ſtachelte mich in dem erſtaunlichen Maße auf, daß ich mich bezwang, aufrecht zu ſitzen, die Schreibmaterialien dicht neben mir zu ergreifen— wört⸗ lich zu ergreifen und den Brief mit einer Geſchwin⸗ digkeit abzufaſſen, als ob ich ein ordinärer Abſchreiber in irgend einem Comptoir geweſen wäre.„Liebe Laura, bitte, komme ſobald es Dir gefällt. Verkürze Dir die Reiſe, indem Du in London im Hauſe Deiner Tante ſchläfft. Bedaure zu hören, daß die gute Marianne krank iſt. Herzlich der Deine.“ Ich reichte dem Grafen dieſe Zeilen, indem ich den Arm weit ausſtreckte— dann ſank ich in meinen Seſſel zurück und ſagte:„Entſchuldigen Sie mich— ich bin gänzlich erſchöpft, ich bin zu nichts Weiterem fähig. Wollen Sie ſich ausruhen und unten frühſtücken? Grüße an Alle und meine Theilnahme und ſo weiter. Guten Morgen.“ Er hielt abermals eine Rede— der Mann iſt vollkom⸗ men unerſchöpflich. Ich ſchloß meine Augen und ſuchte ſo wenig wie möglich zu hören. Doch war ich ungeachtet meiner Bemühungen genöthigt, noch eine Menge zu hören. Meiner Schweſter endloſer Gemahl beglückwünſchte ſich und mich über den Erfolg unſerer Unterredung; er hatte noch unbeſchreiblich viel über ſeine Sympathien und die meinigen zu ſagen; er beklagte meinen kläglichen Geſund⸗ heitszuſtand; er erbot ſich, mir ein Recept zu ſchreiben; er machte mich auf die Nothwendigkeit aufmerkſam, nicht zu vergeſſen, was er mir über die Wichtigkeit der Be⸗ leuchtung geſagt hatte; er nahm meine freundliche Ein⸗ ladung, ſich auszuruhen und zu frühſtücken, an; er empfahl mir, Lady Glyde in zwei oder drei Tagen zu erwarten; er bat mich um Erlaubniß, auf ein baldiges Wiederſehen hoffen zu dürfen, anſtatt ſich und mich zu betrüben, indem er Abſchied von mir nähme; er ſagte noch eine unbeſchreibliche Menge mehr, deſſen ich mich aber jetzt nicht mehr erinnere, da ich es diesmal nicht beachtete. ra, die inte ank ieſe ank gen chts nen und om⸗ e ſo htet ren. ſich atte die und⸗ „er nicht Be⸗ Ein⸗ er n zu diges h zu noch aber ztete. Ich hörte ſeine theilnehmende Stimme ſich langſam von mir entfernen, aber ſo groß er auch war— ihn hörte ich nicht. Er hatte das negative Verdienſt, vollkommen geräuſchlos zu ſein. Ich weiß weder, wann er die Thür öffnete, noch wann er ſie ſchloß Ich wagte nach einem Zwiſchenraum der Stille die Augen zu öffnen und— er war fort. Ich klingelte Louis und zog mich in mein Badezimmer zurück. Laues, durch aromatiſchen Eſſig geſtärktes Waſſer für mich und reichliche Räucherung des Zimmers waren offenbar die zu empfehlenden Vorſichtsmaßregeln, und ich wandte ſie natürlich an. Es freut mich, ſagen zu können, daß dieſelben ſich wirkſam erwieſen. Ich genoß meine gewöhnliche Sieſta, wonach ich friſch und kühl erwachte. Meine erſten Fragen galten dem Grafen. Waren wir ihn wirklich losgeworden? Ja— er war mit dem Nach⸗ mittagzuge abgereiſt. Hatte er gefrühſtückt, und was? Nichts als Fruchttörtchen mit Sahne. Welch ein Menſch! Welch eine Verdauung! Erwartet man noch fernere Aufſchlüſſe von mir? Ich glaube nicht. Ich denke, hier bis an die mir vorgezeichne⸗ ten Grenzen gekommen zu ſein. Die erſchütternden Ereig⸗ niſſe, welche ſich ſpäter zutrugen, liegen, wie ich ſo glück⸗ lich bin ſagen zu können, nicht innerhalb meiner Erfah⸗ rungen. Ich bitte und flehe Jeden an, nicht ſo unbe⸗ ſchreiblich gefühllos zu ſein, mir einen Theil der Schuld an dieſen Ereigniſſen beizulegen. Ich that Alles in der beſten Abſicht. Man muß mich nicht für ein beklagens⸗ werthes Unglück verantwortlich machen, das unmöglich vorauszuſehen war. Es hat mich völlig daniedergeſtreckt; Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 3 34 ich habe mehr dadurch gelitten, als ſonſt irgend Jemand. Mein Kammerdiener Louis(der mir wirklich auf ſeine ungebildete Art ergeben iſt) meint, ich werde mich nie vollkommen wieder davon erholen. Er ſieht mich in die⸗ ſem Augenblicke mit meinem Taſchentuche vor den Augen ihm dictiren. Ich muß aus Billigkeit gegen mich ſelbſt wiederholen, daß es nicht meine Schuld geweſen, und daß es mich gänzlich niedergebeugt und mir das Herz ge⸗ brochen hat. Mehr kann ich nicht ſagen. + —,— — —„1——-— Ausſage der Eliſa Michelſan, Haushälterin zu Blackwater Park. Man fordert mich auf, genau anzugeben, was ich über den Fortgang von Miß Halcombe's Krankheit und über die Umſtände weiß, unter welchen Lady Glyde Blackwater Park verließ, um nach London zu reiſen. Der Grund für dieſe Aufforderung iſt, daß man mei⸗ nes Zeugniſſes im Intereſſe der Wahrheit bedarf. Als Witwe eines Geiſtlichen der engliſchen Hochkirche(aber durch Unglück auf die Nothwendigkeit zurückgeführt, eine Stelle anzunehmen) habe ich gelernt, die Rechte der Wahrheit über alle anderen Rückſichten zu ſtellen. Ich füge mich daher einer Bitte, welche zu erfüllen ich andern⸗ falls, um mich nicht an höchſt betrübenden Familien⸗ angelegenheiten zu betheiligen, gezögert haben würde. Ich habe mir damals kein Memorandum gemacht und kann deshalb mit Beſtimmtheit kein Datum angeben; aber ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich ſage, daß Miß Hal⸗ combe's Krankheit in der erſten Woche des Juli begann. Man frühſtückte ſpät in Blackwater Park, zuweilen erſt um zehn, nie aber vor halb zehn Uhr. An dem Morgen, 3* von dem ich jetzt ſpreche, erſchien Miß Halcombe(die ſonſt faſt immer zuerſt unten war) nicht am Frühſtückstiſche. Nachdem die Herrſchaften eine Viertelſtunde auf ſie ge⸗ wartet hatten, ſchickten ſie das Oberſtubenmädchen zu ihr hinauf, welches aber ganz erſchrocken wieder aus der Stube geſtürzt kam. Ich begegnete ihr auf der Treppe und ging ſogleich in Miß Halcombe's Zimmer, um zu ſehen, was es gäbe. Die arme Dame war nicht im Stande, es mir zu ſagen. Sie ging mit einer Feder in der Hand phan⸗ taſirend und in heftigem Fieber in der Stube auf und ab. Lady Glyde(da ich nicht mehr in Sir Percival's Dienſten bin, darf ich, ohne die Schicklichkeit zu verletzen, meine frühere Herrin bei ihrem Namen nennen, anſtatt Mylady zu ſagen) war die erſte, die aus ihrem Schlaf⸗ zimmer herbeieilte. Sie war ſo furchtbar beſtürzt und ergriffen, daß eine Frage an ſie vergebens geweſen wäre. Graf Fosco und ſeine Gemahlin, welche gleich nach ihr heraufkamen, waren beide äußerſt dienſtfertig und gütig. Die Frau Gräfin half mir, Miß Halcombe in ihr Bett zu legen, und Seine Gnaden der Herr Graf blieb im Wohn⸗ zimmer und nachdem er ſich ſeinen Medieinkaſten hatte bringen laſſen, miſchte er einen Trank und eine kühlende Waſchung für ihren Kopf, damit keine Zeit verloren würde, bis der Arzt käme. Wir kühlten ihren Kopf mit der Waſchung, konnten ſie aber nicht überreden, die Medicin zu nehmen. Sir Percival erbot ſich, den Arzt holen zu laſſen. Er ſchickte einen Reitknecht zu Pferde an den näch⸗ ſten Arzt ab, welcher Mr. Dawſon zu Oak Lodge war. Mr. Dapſon kam nach weniger als einer Stunde an. Er war ein achtbarer, ältlicher Mann, der in der ganzen ——d—-=„—— —& 8A— —+₰ 2 ———,— 8 cO-AB—õ 8—e combe mit Ruhe zu ertragen. Sie that ſich blos ſelbſt Umgegend bekannt war, und wir waren ſehr erſchrocken, als er den Anfall einen höchſt ernſten nannte. Seine Gna⸗ den der Herr Graf unterhielt ſich ſehr freundlich mit Mr. Dapſon und ſprach ſeine Anſichten mit einer ver⸗ ſtändigen Unbefangenheit aus. Mr. Dawſon frug— nicht ſehr höflich—, ob der Rath des Herrn Grafen der Rath eines Arztes ſei, und als Seine Gnaden ihm ſagte, es ſei der Rath eines Mannes, welcher die Medi⸗ cin aus Liebhaberei ſtudirt, entgegnete er, daß er nicht gewohnt ſei, Conſultationen mit Dilettanten⸗Aerzten zu halten. Der Graf lächelte mit echt chriſtlicher Milde und verließ das Zimmer. Doch ehe er ging, ſagte er mir, falls man ſeiner im Verlaufe des Tages bedürfe, würde er im Boothauſe beim See zu finden ſein. Warum er gerade dorthin ging, kann ich nicht ſagen. Jedenfalls aber ging er und blieb den ganzen Tag bis abends ſieben Uhr, wo man zu Tiſche ging, fort. Vielleicht wollte er das Beiſpiel geben, Alles im Hauſe ſo ruhig wie mög⸗ lich zu halten. Es lag dies ganz in ſeinem Charakter. Er war ein außerordentlich rückſichtsvoller Herr. Miß Halcombe verbrachte eine ſehr ſchlimme Nacht, während welcher das Fieber abwechſelnd kam und ging und gegen Morgen, anſtatt ſich zu legen, ſchlimmer wurde. Da in der Nachbarſchaft keine Krankenwärterin zu finden war, die ſie hätte pflegen können, übernahmen Ihre Gnaden die Frau Gräfin und ich dieſe Pflicht, indem wir einander ab⸗ löſten. Lady Glyde war unweiſe genug, darauf zu beſtehen, mit uns aufzuſitzen. Sie war viel zu nervenſchwach und bei zu ſchlechter Geſundheit, um die Beſorgniß um Miß Hal⸗ 38 Schaden, ohne ihrer Schweſter von dem geringſten Nutzen zu ſein. Es hat gewiß nie eine ſanftere, liebevollere Dame gelebt, aber ſie weinte und ängſtigte ſich— zwei Schwach⸗ heiten, die ſich durchaus nicht für Krankenſtuben eignen. Sir Percival und der Graf kamen am Morgen, um ſich nach dem Befinden zu erkundigen. Sir Percival ſchien mir(wahrſcheinlich aus Kummer über den Schmerz ſeiner Gemahlin und über Miß Halcombe's Krankheit) ſehr ver⸗ wirrt und unruhig. Der Herr Graf dagegen bewies eine ſehr angemeſſene Faſſung und Theilnahme. Er hielt ſei⸗ nen Strohhut in der einen und ein Buch in der andern Hand, und ich hörte ihn zu Sir Percival ſagen, er werde wieder nach dem Boothauſe gehen, um zu ſtudiren. „Laß uns alle mögliche Ruhe im Hauſe halten,“ ſagte er, „laß uns nicht im Hauſe rauchen, mein Freund, jetzt da Miß Halcombe krank iſt. Geh' Du Deiner Wege, und ich will meiner Wege gehen. Wenn ich ſtudire, bin ich am liebſten allein. Guten Morgen, Mrs. Michelſon.“ Sir Percival war nicht höflich genug— vielleicht wäre es beſſer, wenn ich ſagte: nicht gefaßt genug— mich mit derſelben höflichen Aufmerkſamkeit zu grüßen. In der That die einzige Perſon im ganzen Hauſe, welche mir damals oder je auf dem Fuße einer Dame in zurückgekom⸗ menen Verhältniſſen begegnete, war der Graf. Sein Be⸗ nehmen war das eines wahren Edelmannes: er war rück⸗ ſichtsvoll gegen Alle. Sogar das junge Frauenzimmer (Fanny hieß ſie), welches Lady Glyde bediente, ſtand nicht zu tief unter ſeiner Beachtung. Als Sir Percival ſie fort⸗ ſchickte, war der Herr Graf(der mir eben ſeine allerliebſten kleinen Vögel zeigte) auf das Freundlichſte beſorgt, zu wiſſen, zen me ch⸗ n. um ien ner ver⸗ eine ſei⸗ dern er ren. er, da und ich 71 väre mit der mir kom⸗ Be⸗ rück⸗ nmer nicht fort⸗ bſten iſſen, 39 was aus ihr geworden, wo ſie den Tag zubringen werde, bis ſie Blackwater Park verlaſſen könne, und dergleichen mehr. Es iſt hauptſächlich in ſolchen zarten kleinen Auf⸗ merkſamkeiten, daß ſich die Vorzüge ariſtokratiſcher Geburt am deutlichſten zeigen. Ich mache keine Entſchuldigungen wegen Anführung dieſer Einzelheiten; ich erwähne ihrer abſichtlich, um dem Herrn Grafen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, da ich weiß, daß gewiſſe Leute ſeinen Charakter in einem etwas unvortheilhaften Lichte ſehen. Ein Edel⸗ mann, der eine Dame in zurückgekommenen Verhältniſſen achten und väterliche Theilnahme an dem Schickſale einer armen Kammerjungfer bezeigen kann, beweiſt, daß er Grundſätze von zu erhabener Natur beſitzt, als daß man ſie auf leichtfertige Weiſe in Zweifel ziehen könnte. Ich enthalte mich aller Anſichten und beſchränke mich auf bloſe Thatſachen. Es iſt mein Lebelang mein Beſtreben geweſen, nicht zu richten, auf daß ich nicht gerichtet werde. Es bildete dies den Text zu einer der ſchönſten Predig⸗ ten meines lieben Mannes. Ich leſe dieſe Predigt wieder⸗ holt— in meinem eigenen Exemplare der in den erſten Wochen meines Witwenſtandes auf Subſcription gedruck⸗ ten Ausgabe— und ſie gewährt mir jedesmal erneuerte geiſtige Erquickung und Erbauung. Miß Halcombe's Zuſtand beſſerte ſich nicht, und die zweite Nacht war womöglich noch ſchlimmer als die erſte. Mr. Dayſon kam mit regelmäßiger Beſtändigkeit. Die praktiſchen Pflichten des Pflegens wurden noch immer von der Frau Gräfin und mir getheilt, während Lady Glyde darauf beſtand, mit uns aufzuſitzen, obgleich wir Beide ſie auf das dringendſte baten, ſich etwas Erholung zu gön⸗ 40 nen.„Mein Platz iſt an Marianne's Bette,“ war ihre einzige Antwort,„und ob ich krank bin oder wohl— nichts ſoll mich bewegen, ſie aus den Augen zu verlieren.“ Gegen Mittag ging ich hinunter, um einigen meiner regelmäßigen Pflichten nachzukommen. Eine Stunde ſpäter, als ich wieder ins Krankenzimmer zurückkehrte, ſah ich den Grafen(welcher zum drittenmale früh des Morgens ausgegangen war) in den Flur kommen, und zwar dem Anſcheine nach in der beſten Laune. Sir Percival ſteckte zu gleicher Zeit den Kopf durch die Thür der Biblio⸗ thek und ſagte mit großem Eifer folgende Worte zu ſei⸗ neu hohen Freunde: „Haſt Du ſie gefunden?“ Ein zufriedenes Lächeln zeichnete tauſend Grübchen in Seiner Gnaden großem Geſichte, aber er gab keine Ant⸗ wort. In demſelben Augenblicke wandte Sir Percival den „Kopf um, ſah, daß ich auf die Treppe zuging, und blickte mich auf höchſt ungezogene, zornige Weiſe an. „Komm hier herein und erzähle mir das Ganze,“ ſagte er zum Grafen.„Wenn man Weiber im Hauſe hat, kann man ſtets ſicher ſein, ſie auf den Treppen zu ſehen.“ „Mein lieber Percival,“ ſagte der Graf gütig,„Mrs. Michelſon hat ihre Pflichten. Ich bitte Dich, ſie für ihre höchſt bewunderungswürdige Ausübung derſelben zu achten, wie ich es thue. Wie geht es unſerer Leidenden, Mrs. Michelſon?“ „Nicht beſſer, Mylord, wie ich zu meinem Bedauern ſagen muß.“ „Traurig— ſehr traurig!“ ſagte der Graf.„Sie ————.—,, 41 ſehen angegriffen aus, Mrs. Michelſon. Es iſt wirklich Zeit, daß Sie und meine Frau Hülfe in der Pflege be⸗ kommen. Ich denke, daß ich im Stande ſein werde, Ihnen dieſe Hülfe zu verſchaffen. Es haben ſich Sachen zuge⸗ tragen, welche die Gräfin Fosco nöthigen werden, entweder morgen oder übermorgen nach London zu reiſen. Sie wird früh abreiſen und abends zurückkehren und wird zu ihrer Ablöſung eine Krankenwärterin mitbringen, welche vor⸗ zügliche Eigenſchaften als ſolche beſitzt und augenblicklich frei iſt. Sie iſt meiner Frau als eine Perſon bekannt, auf die man ſich unbedingt verlaſſen kann. Bitte, ſprechen Sie hierüber nicht zu dem Arzte, ehe ſie da iſt; denn er wird eine Krankenwärterin meiner Wahl jedenfalls mit ſcheelem Auge anſehen. Sobald ſie aber im Hauſe erſcheint, wird ſie für ſich ſelber ſprechen, und Mr. Dawſon wird ge⸗ nöthigt ſein, zuzugeben, daß man keine Entſchuldigung haben würde, falls man ſich nicht ihrer bediente. Lady Glyde wird daſſelbe ſagen. Bitte, beſtellen Sie Lady Glyde meine beſten Empfehlungen und verſichern ſie mei⸗ ner aufrichtigſten Theilnahme.“ Ich ſprach meine dankbare Anerkennung für Sr. Gna⸗ den gütige Rückſichten aus, Sir Percival unterbrach mich jedoch(ich bedaure, ſagen zu müſſen, daß er ſich dabei eines profanen Ausdruckes bediente) und rief ſeinem ho⸗ hen Freunde zu, in die Bibliothek zu kommen und ihn nicht ewig warten zu laſſen. Ich ging die Treppe hinauf. Wir ſind arme, irrende Geſchöpfe, und wie feſt auch die Grundſätze einer Frau ſein mögen, ſie ſchützen ſie nicht immer gegen die Verſuchung einer müßigen Neugier. Es beſchämt mich aufrichtig, be⸗ —— 42 kennen zu müſſen, daß auch meine Grundſätze bei dieſer Gelegenheit einer eitlen Neugier unterlagen, welche mich unpaſſend wißbegierig über die Frage machte, die Sir Per⸗ cival von der Thür aus an ſeinen Freund gerichtet hatte. Wen ſollte der Graf während ſeiner Morgenſtudien im Parke gefunden haben? Ein weibliches Weſen, nach Sir Percival's Ausdrücken zu urtheilen. Ich traute dem Gra⸗ fen keine Unſchicklichkeit zu— dazu kannte ich ſeinen mora⸗ liſchen Charakter zu gut. Die einzige Frage, die ich mir wiederholte, war: hatte er ſie gefunden? Doch ich fahre fort. Die Nacht verging abermals, ohne Miß Halcombe Beſſerung zu bringen. Am folgenden Tage ſchien ſie ſich jedoch ein wenig zu erholen. Am Mor⸗ gen darauf reiſte die Frau Gräfin, ohne daß ich ſie zu irgend jemanden den Zweck ihrer Reiſe hätte erwähnen hören, mit dem erſten Zuge nach London, und ihr hoher Gemahl begleitete ſie mit ſeiner gewohnten Aufmerkſam⸗ keit zur Station. Es war jetzt Miß Halcombe's Pflege mir ganz allein überlaſſen und zugleich die Ausſicht, da ihre Schweſter trotz aller Ueberredung nicht von ihrem Bette weichen wollte, zunächſt auch Lady Glyde in Pflege zu bekommen. Der einzige Umſtand von Wichtigkeit, welcher ſich im Verlaufe des Tages zutrug, war ein abermaliger Wort⸗ ſtreit zwiſchen dem Grafen und dem Arzte. Als Se. Gnaden von der Eiſenbahnſtation zurückkehrte, kam derſelbe in Miß Halcombe's Wohnzimmer hinauf, um ſich, wie gewöhnlich, nach ihrem Befinden zu erkundigen. Ich ging hinaus, um mit ihm zu ſprechen, da Lady Glyde ſo⸗ wohl wie Mr. Dawſon in dem Augenblicke bei der Kranken dieſer mich Per⸗ hatte. in im Sir Gra⸗ nora⸗ h mir nals, enden Mor⸗ ie zu ihnen hoher kfſam⸗ allein eſter ichen men. h im Jort⸗ hrte, „um igen. de ſo⸗ unken 43 waren. Der Herr Graf legte mir viele Fragen in Bezug auf die Behandlung und die Symptome vor. Ich ſagte ihm, daß die Behandlung die ſei, welche man mit dem Ausdrucke„ſaliniſch“ bezeichne, und daß die Symptome zwiſchen den Fieberanfällen allerdings auf eine zunehmende Schwäche und Erſchöpfung hindeuteten. Gerade, als ich dieſes letzten Umſtandes erwähnte, trat Mr. Dawſon aus dem Schlafzimmer. „Guten Morgen, Sir,“ ſagte Se. Gnaden, indem er höchſt leutſelig auf den Doctor zuging und ihm mit einer vornehmen Entſchloſſenheit den Weg vertrat, die vollkom⸗ men unwiderſtehlich war.„Ich fürchte ſehr, daß Sie noch immer keine Beſſerung in den Symptomen gefunden haben?“ „Ich finde im Gegentheil eine entſchiedene Beſſerung,“ ſagte Mr. Dayſon. „Sie beſtehen alſo noch immer auf Schwächung in die⸗ ſem Fieberanfalle?“ fuhr Se. Gnaden fort. „Ich beſtehe auf einer Behandlung, welche ich durch Berufserfahrungen gerechtfertigt finde,“ ſagte Mr. Dawſon. „Erlauben Sie mir eine Frage in Bezug auf den um⸗ faſſenden Gegenſtand von Berufserfahrungen,“ ſagte der Graf.„Ich unterſtehe mich nicht, Ihnen Rath anzubieten — nur eine Frage an Sie zu richten. Sie leben in einiger Entfernung, Sir, von den gigantiſchen Mittelpunktenwiſſen⸗ ſchaftlicher Thätigkeit: von London und Paris. Haben Sie nicht davon gehört, daß man die ſchwächende Wir⸗ kung des Fiebers dadurch wieder gut zu machen ſucht, daß man den erſchöpften Patienten durch Rum, Wein, 44 Ammonium oder Chinin ſtärkt? Iſt dieſe neue Ketzerei der höchſten mediciniſchen Autoritäten je bis zu Ihren Ohren gedrungen oder nicht?“ „Sobald ein practiſcher Arzt mir dieſe Frage vorlegt, werde ich das Vergnügen haben, ihm dieſelbe zu beantwor⸗ ten,“ ſagte der Doctor, indem er die Thür öffnete, um hinauszugehen.„Sie ſind kein practiſcher Arzt und wer⸗ den mich entſchuldigen, wenn ich Ihnen nicht darauf antworte.“ Indem der Graf dieſen unverzeihlich unhöflichen Streich auf den einen Backen hinnahm, hielt er augenblicklich als echter Chriſt auch den zweiten hin und ſagte mit aller Freundlichkeit:„Guten Morgen, Mr. Dawſon.“ Wenn mein lieber verſtorbener Mann das Glück ge⸗ habt hätte, Se. Gnaden zu kennen, wie ſehr würden er und der Herr Graf einander da geachtet haben! Ihro Gnaden die Frau Gräfin kehrte an demſelben Abende mit demſelben Zuge wieder zurück und brachte die Krankenwärterin aus London mit. Man ſagte mir, daß der Name dieſer Perſon Mrs. Rubelle ſei. Ihr Ausſehen und ihr unvollkommenes Engliſch belehrten mich, daß ſie eine Ausländerin ſei. Ich habe mich ſtets bemüht, eine menſchenfreundliche Nachſicht für Ausländer zu fühlen. Sie beſitzen nicht unſere Segnungen und Vortheile und ſind meiſtens in den blinden Irrthümern des Papſtthumes aufgewachſen. Es iſt außerdem ſtets mein Grundſatz und meine Gewohnheit geweſen, wie es auch meines lieben Mannes Grundſatz und Gewohnheit war(ſiehe Predigt XXIX in der Sammlung Sr. Ehrwürden weiland Samuel Michelſon's, Dr. ph.), And wer daß von brau grau der in il unn nicht her ſage nicht und ſehr ihrer Stel das aber der Zim 6 der daß ſolle und Nach Wär Maꝛ Dan etzerei Ihren rlegt, twor⸗ „ um wer⸗ arauf treich h als aller k ge⸗ en er elben e die daß ſehen ß ſie dliche nicht mden Es nheit und lung oh.), Andere ſo zu behandeln, wie ich von ihnen behandelt zu werden wünſche. Deshalb erwähne ich hier nichts darüber, daß Mrs. Rubelle mir als eine kleine, ſteife, liſtige Perſon von ungefähr funfzig Jahren auffiel, mit einer dunkeln, braunen oder creoliſchen Hautfarbe und wachſamen, hell⸗ grauen Augen, noch daß ihr Anzug, obgleich derſelbe aus der einfachſten ſchwarzen Seide beſtand, für eine Perſon in ihrer Stellung von unpaſſend ſchwerem Stoffe und mit unnöthig geſchmackvollem Beſatze verziert war. Ich möchte nicht, daß ſo etwas von mir geſagt würde, und es iſt da⸗ her meine Pflicht, es auch nicht von Mrs. Rubelle zu ſagen. Ich will blos erwähnen, daß ihr Weſen— wenn nicht gerade unangenehm ſteif— aber doch auffallend ruhig und zurückhaltend war; daß ſie viel umherblickte und ſehr wenig ſprach, was natürlich ebenſo ſehr die Folge ihrer Beſcheidenheit, als des Mißtrauens gegen ihre Stellung in Blackwater Park ſein mochte; und daß ſie das Abendeſſen ausſchlug(was vielleicht ſonderbar war, aber doch nicht verdächtig?), obgleich ich ſelbſt ſie mit der größten Höflichkeit einlud, dies Mahl in meinem Zimmer mit mir zu theilen. Auf des Grafen beſondern Wunſch(und dies war wie⸗ der Sr. Gnaden Verſöhnlichkeit ſo ähnlich!) wurde beſtimmt, daß Mrs. Rubelle ihre Pflichten nicht eher beginnen ſolle, als bis der Arzt ſie am nächſten Morgen geſehen und ſeine Zuſtimmung gegeben habe. Ich wachte dieſe Nacht. Lady Glyde ſchien ſehr dagegen, daß die neue Wärterin zu Miß Halcombe gelaſſen würde. Ein ſolcher Mangel an Rückſicht gegen eine Fremde von Seiten einer Dame ihrer Erziehung und feinen Bildung überraſchte —— 46 mich. Ich wagte die Bemerkung:„Mylady, wir ſollten nicht voreilig in unſerm Urtheile über untergeordnete Perſonen ſein— namentlich, wenn dieſelben aus frem⸗ dem Lande kommen.“ Lady Gllhyde ſchien nicht auf mich zu achten. Sie ſeufzte blos und küßte Miß Halcombe's Hand, welche auf der Bettdecke ruhte. Kein ſehr ver⸗ nünftiges Benehmen in einer Krankenſtube und mit einer Patientin, die man ſo wenig als möglich aufregen ſollte. Aber die arme Lady Glyde verſtand nichts vom Kran⸗ kenpflegen— durchaus gar nichts, wie ich zu meinem Bedauern geſtehen muß. Am folgenden Morgen wurde Mrs. Rubelle in das Wohnzimmer geſchickt, um von dem Arzte in Augenſchein genommen zu werden, wenn er durch daſſelbe in Miß Hal⸗ combe's Schlafzimmer gehen würde. Ich ließ Lady Glyde bei Miß Halcombe, welche in dieſem Augenblicke in ſanf⸗ tem Schlummer lag, und ging zu Mrs. Rubelle, damit ſie ſich in Bezug auf die Ungewißheit ihrer Lage nicht fremd und ängſtlich fühlen möge. Sie ſchien es jedoch nicht in dieſem Lichte zu ſehen. Sie ſchien ſchon vorher vollkommen überzeugt, daß Mr. Dawſon ihre Dienſte an⸗ nehmen werde und ſetzte ſich ruhig ans Fenſter, wo ſie ſich allem Anſcheine nach ſehr an der friſchen Landluft er⸗ quickte. Manche Leute hätten in dieſem Benehmen viel⸗ leicht eine freche Sicherheit geſehen. Ich bitte jedoch zu bemerken, daß ich nicht ſo lieblos war und vielmehr einen ungewöhnlich ſtarken Geiſt darin erkannte. Anſtatt daß der Arzt zu uns herauf kam, ließ man mich zum Arzte rufen. Mir erſchien dieſe Veränderung der Dinge etwas ſonderbar, aber Mrs. Rubelle ſchien vollk ſie n. an d zimn 7 ſon, ders, ſie n dicke 4 4 darüt Edell zum ſein, englif zurüc beſte Wärt ſollten ordnete frem⸗ ff mich ombe's ſr ver⸗ it einer ſollte. Kran⸗ neinem in das enſchein ß Hal⸗ Glyde n ſanf⸗ damit e nicht jedoch vorher iſte an⸗ wo ſie luft er⸗ i viel⸗ doch zu ſr einen ß man derung ſchien 47 vollkommen unberührt dadurch. Als ich ſie verließ, ſaß ſie noch immer am Fenſter und erquickte ſich ſchweigend an der Landluft. Mr. Dayſon erwartete mich allein im Frühſtücks⸗ zimmer. „In Betreff dieſer neuen Wärterin, Mrs. Michel⸗ ſon,....“ ſagte der Doctor. „Ja, Sir?“ „...Höre ich, daß die Frau jenes dicken alten Auslän⸗ ders, der ſich fortwährend in meine Angelegenheiten miſcht, ſie mit aus London gebracht hat. Mr. Michelſon, der dicke alte Ausländer iſt ein Quackſalber.“ Dies war ſehr grob, und ich war natürlich entrüſtet darüber. „Wiſſen Sie, Sir,“ ſagte ich,„daß Sie von einem Edelmann ſprechen?“ „Bah! Er iſt nicht der erſte Quackſalber, der einen Titel beſeſſen hätte. Die beſtehen aus lauter Grafen— zum Henker mit ihnen!“ „Er würde nicht der Freund von Sir Percival Glyde ſein, Sir, wenn er nicht der höchſten Ariſtokratie— die engliſche natürlich ausgenommen— angehörte.“ „Schon gut, Mrs. Michelſon, nennen Sie ihn wie Sie wollen, und laſſen Sie uns wieder auf die Wärterin zurückkommen. Ich habe bereits Einwendungen gegen ſie gemacht.“ „Ohne ſie geſehen zu haben, Sir?“ „Ja wohl; ohne ſie geſehen zu haben. Sie mag die beſte Wärterin von der Welt ſein, aber ſie iſt nicht die Wärterin meiner Wahl. Ich habe dieſe Einwendung gegen 48 Sir Percival als den Herrn des Hauſes gemacht. Aber er ſtimmt mir nicht bei. Er ſagt, eine Wärterin meiner Wahl würde ebenſogut eine Fremde aus London geweſen ſein, und er meint, wir müßten's mit der Frau verſuchen, nachdem Lady Glyde's Tante ſich die Mühe genommen, ſie aus London zu holen. Das iſt eigentlich billig, und ich kann nicht wohl Nein ſagen. Aber ich habe es zur Be⸗ dingung gemacht, daß ſie augenblicklich fortgeſchickt wird, ſowie ich Urſache finde, unzufrieden mit ihr zu ſein. Da dies ein Vorſchlag iſt, zu dem ich als ärztlicher Rathgeber berechtigt bin, ſo hat Sir Percival ſeine Einwilligung dazu gegeben. Jetzt, Mrs. Michelſon, weiß ich, daß ich mich auf Sie verlaſſen kann, und ich fordere Sie deshalb auf, die Wärterin während der erſten paar Tage ſcharf zu beobachten und danach zu ſehen, daß ſie Miß Halcombe keine Medicin gibt, die ich nicht verordnet habe. Dieſer ausländiſche Edelmann, für den Sie ſ olche Bewunderung hegen, ſtirbt vor Sehnſucht, ſeine Quackſalbereien(unter andern auch den Magnetismus) an meiner Patientin zu verſuchen, und eine Wärterin, die ſeine Frau hergebracht hat, mag nur zu bereit ſein, ihm zu helfen. Verſtehen Sie mich? Gut, dann können wir hinauf gehen. Iſt die Wärterin da? Ich will mit ihr ſprechen, ehe ſie ins Krankenzimmer geht.“. Wir fanden Mrs. Rubelle noch an derſelben Stelle, wo ich ſie verlaſſen. Als ich ſie dem Arzte vorſtellte, ſchien ſie weder durch ſeine zweifelhaften Blicke, noch durch ſeine ſcharfen Fragen im Geringſten verlegen zu werden. Sie antwortete ihm mit großer Ruhe in gebrochenem Eng⸗ liſch, und obgleich er Alles that, um ſie verwirrt zu machen, ———————— ——,——2——— Aber meiner eweſen ſuchen, mmen, und ich ur Be⸗ t wird, Da thgeber lligung daß ich deshalb harf zu llcombe Dieſer nderung (unter ntin zu gebracht erſtehen Iſt die ſie ins Stelle, eſtellte, ch durch werden. im Eng⸗ machen, 49 verrieth ſie ſoweit doch nicht die kleinſte Unwiſſenheit über ihre Pflichten. Dies war ohne Zweifel eine Folge von Geiſtesſtärke, und durchaus nicht von frecher Sicherheit, wie ich ſchon vorhin bemerkte. Wir gingen Alle ins Schlafzimmer. Mrs. Rubelle blickte die Kranke ſehr aufmerkſam an, verbeugte ſich gegen Lady Glyde, ordnete ein paar Gegenſtände im Zimmer und nahm dann ruhig in einem Winkel Platz, bis man ihrer bedürfen würde. Mylady ſchien erſchrocken und ver⸗ drießlich über das Eintreten der fremden Wärterin. Nie⸗ mand ſprach aus Beſorgniß, Miß Halcombe, die noch immer ſchlummerte, aufzuwecken— ausgenommen der Doc⸗ tor, der ſich flüſternd erkundigte, wie ſie die Nacht zugebracht habe. Ich antwortete leiſe:„ziemlich wie gewöhnlich,“ worauf Mr. Dawſon hinausging. Lady Glyde folgte ihm, vermuth⸗ lich um mit ihm über Mrs. Rubelle zu ſprechen. Was mich betraf, ſo war ich bereits mit mir darüber einig gewor⸗ den, daß dieſe ruhige fremde Perſon ihre Stelle behaupten werde. Sie nahn ſich erſichtlich ſehr zuſammen und ver⸗ ſtand jedenfalls ihr Geſchäft. Bis dahin hätte ich ſelbſt kaum beſſere Dienſte am Bette leiſten können. Indem ich mich der mir von Mr. Dayſon gegebenen Warnung erinnerte, beobachtete ich Mrs. Rubelle wäh⸗ rend der erſten drei bis vier Tage in gewiſſen Zwiſchen⸗ räumen ſehr ſcharf. Ich trat zu wiederholtenmalen leiſe und plötzlich ins Zimmer, ertappte ſie aber nie bei irgend einer verdächtigen Handlung. Lady Glyde, welche ſie ebenſo aufmerkſam beobachtete, wie ich, wurde ebenfalls nie etwas gewahr. Ich bemerkte nie, daß die Medicin⸗ flaſchen vertauſcht waren; ich ſah Mrs. Rubelle nie ein Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 4 50 Wort zu dem Grafen ſprechen, noch den Grafen zu ihr. Sie behandelte Miß Halcombe unbeſtritten mit Sorg⸗ falt und Umſicht. Die arme Dame ſchwankte zwiſchen einer Art ſchläfriger Erſchöpfung, die halb Ohnmacht und halb Schlummer war, und Anfällen von Fieber hin und her, die mehr oder weniger von Geiſtesverwirrung be⸗ gleitet waren. Mrs. Rubelle ſtörte ſie in erſterem Zu⸗ ſtande niemals, noch erſchreckte ſie dieſelbe in letzterem, indem ſie zu plötzlich in ihrer Eigenſchaft als Fremde ans Bett getreten wäre. Ehre dem Ehre gebühret(ſei es nun ein Engländer oder ein Ausländer)— ich muß Mrs. Rubelle mein unparteiiſches Lob geben. Sie war außerordentlich wenig mittheilſam über ſich ſelbſt und auf eine zu ent⸗ ſchiedene Weiſe unabhängig von dem Rathe erfahrener Leute, welche die Pflichten eines Krankenzimmers kann⸗ ten— aber ſie war deſſenungeachtet eine gute Kranken⸗ wärterin, und niemals fanden weder Lady Glyde noch Mr. Dawſon den Schatten einer Urſache, unzufrieden mit ihr zu ſein. Der nächſte Umſtand von Wichtigkeit, welcher ſich im Hauſe ereignete, war eine kurze Abweſenheit des Grafen, der in Geſchäften nach London gerufen wurde. Er reiſte am vierten Tage(glaube ich) nach Mrs. Rubelle's Ankunft ab und ſprach beim Abſchiede ſehr ernſtliche Worte zu Lady Glyde in Rückſicht auf Miß Halcombe. „Vertrauen Sie Mr. Dawſon noch ein paar Tage länger, wenn Sie wollen,“ ſagte er.„Falls ſich aber dann noch keine Beſſerung ſpüren läßt, da laſſen Sie ſo⸗ fort geſchickten ärztlichen Beiſtand aus London kommen, den dieſer Mauleſel von einem Doctor annehmen muß, iihr. Sorg⸗ iſchen t und n und g be⸗ Zu⸗ indem Bett in ein ubelle utlich ment⸗ rener kann⸗ unken⸗ noch rieden icch im rafen, reiſte akunft te zu Tage dann e ſo⸗ umen, muß, 51 ob er nun will oder nicht. Beleidigen Sie Mr. Daw⸗ ſon und retten Sie Miß Halcombe. Ich ſage dies im Ernſte, auf mein Ehrenwort und aus dem Grunde meines Herzens.“ Sr. Gnaden ſprach mit tiefem Gefühle und großer Güte. Die Nerven der armen Lady Glyde waren in dem Grade erſchüttert, daß ſie ganz erſchracken vor ihm ſchien. Sie zitterte am ganzen Körper und ließ ihn gehen, ohne ein einziges Wort zu erwidern. Sie wandte ſich zu mir, als er fort war, und ſagte:„O, Mrs. Michelſon, mir bricht das Herz um meine Schweſter, und ich habe keinen Freund, mit dem ich mich berathen könnte. Glauben Sie, daß Mr. Dapſon ſich täuſcht? Er ſagte mir heute morgen ſelbſt, es ſei keine Gefahr mehr da und keine Nothwendigkeit, ferneren Rath herbeizurufen.“ „Mit aller Achtung vor Mr. Dawſan,“ ſagte ich, „würde ich doch an Ew. Gnaden Stelle nicht des Herrn Grafen Rath vergeſſen.“ Lady Glyde wandte ſich plötzlich und mit einem Aus⸗ drucke der Verzweiflung von mir ab, den ich mir nicht zu erklären vermochte. „Seinen Rath!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Gott helfe uns— ſeinen Rath!“ Der Graf blieb, ſowie ich mich entſinne, wohl beinah eine Woche von Blackwater Park abweſend. Sir Percival ſchien in manchen Beziehungen den Ver⸗ luſt ſeines Freundes zu empfinden, und auch, wie mir ſchien, ſehr gedrückt und verſtimmt zu ſein über die Krankheit und Sorge im Hauſe. Zuweilen war er ſo unruhig, daß ich nicht umhin konnte, es zu bemerken; er kam und ging 4* 52 und wanderte dann fortwährend in den Anlagen umher. Seine Erkundigungen nach Miß Halcombe und ſeiner Ge⸗ mahlin(deren ſchwankende Geſundheit ihm aufrichtige Beſorgniß zu verurſachen ſchien) waren unausgeſetzt. Ich glaube, ſein Herz war ſehr erweicht. Wäre ein geiſtlicher Freund— etwa ein ſolcher, wie Sir Percival ihn in mei⸗ nem verſtorbenen vortrefflichen Manne gefunden haben würde— um dieſe Zeit um ihn geweſen, ſo hätte dies erfreulichen moraliſchen Einfluß auf Sir Percival üben müſſen. Ich täuſche mich ſelten in einem Punkte dieſer Art, da ich in meinen glücklichen Tagen des Eheſtandes Erfahrungen gemacht habe, die mich leiten. Ihro Gnaden die Frau Gräfin, die jetzt die einzige Geſellſchaft für Sir Percival unten war, vernachläſſigte ihn einigermaßen, wie es mich dünkte. Oder vielleicht ver⸗ nachläſſigte er ſie. Ein Fremder hätte faſt vermuthen, können, daß dieſe Beiden, jetzt, wo ſie allein waren, einan⸗ der förmlich auswichen. Dies konnte natürlich nicht der Fall ſein. Aber dennoch machte es ſich ſo, daß die Gräfin ſtets das Gabelfrühſtück zu ihrem Diner machte und gegen Abend hinauf kam, obgleich Mrs. Rubelle ihr jetzt die Pflichten der Pflege ganz abgenommen hatte. Sir Percival ſpeiſte allein, und ich hörte William(den Bedienten in Civil) die Bemerkung machen, daß ſein Herr nur halbe Rationen an Speiſe, aber doppelte an Wein zu ſich nehme. Ich lege ſolchen impertinenten Bemerkungen von Bedienten keine Wichtigkeit bei. Ich verwies ihm dieſelbe damals und wünſche hiermit zu verſtehen zu geben, daß ich ſie auch jetzt noch tadle. Im Verlaufe der nächſten paar Tage ſchien es uns aller holt er Gly ſelbf ſoba wach gung zu n Mif voll um ſie Der rend tägl wie ände mach ſagt von zim gewi ſah dies ſchr. geſch umher. er Ge⸗ eichtige t. Ich ſtlicher n mei⸗ haben te dies lüben dieſer ſtandes einzige läſſigte ht ver⸗ nuthen, einan⸗ icht der Gräfin d gegen etzt die zercival nten in halbe nehme. dienten damals ich ſie es uns 2 55 allerdings Allen, als ob Miß Halcombe ſich ein wenig er⸗ holte. Unſer Zutrauen zu Mr. Dawſon erwachte wieder; er ſchien mir voll Zuverſicht zu ſein und verſicherte Lady Glyde, als ſie mit ihm über die Sache ſprach, daß er ſelbſt vorſchlagen würde, noch einen Arzt herbeizurufen, ſobald er nur den Schatten eines Zweifels in ſich er⸗ wachen fühlte. Die Einzige von uns, der dieſe Worte keine Beruhi⸗ gung zu ſein ſchienen, war die Gräfin. Sie ſagte heimlich zu mir, daß ſie ſich nach Mr. Dawſon's Reden nicht über Miß Halcombe's Zuſtand beruhigen könne, und daß ſie voll Beſorgniß der Rückkehr ihres Mannes entgegenſehe, um deſſen Meinung zu hören. Dieſe Rückkehr ſollte, wie ſie ſeine Briefe unterrichteten, in drei Tagen ſtattfinden. Der Herr Graf und die Frau Gräfin uuterhielten wäh⸗ rend der Abweſenheit der Erſteren einen regelmäßigen täglichen Briefwechſel. Sie waren in dieſer Beziehung, wie in jeder andern, ein Muſter für alle Eheleute. Am Abend des dritten Tages bemerkte ich eine Ver⸗ änderung an Miß Halcombe, die mich ernſtlich beſorgt machte. Mrs. Rubelle bemerkte dieſelbe ebenfalls. Wir ſagten indeſſen nichts davon zu Lady Glyde, die, völlig von Erſchöpfung überwältigt, auf dem Sopha im Wohn⸗ zimmer eingeſchlafen war. Mr. Daypſon machte ſeinen Abendbeſuch ſpäter als gewöhnlich. Sowie er ſeiner Patientin anſichtig wurde, ſah ich, daß ſich ſein Geſicht veränderte. Er verſuchte, dies zu verbergen; aber er ſah ſowohl verlegen als er⸗ ſchrocken aus. Es wurde ein Bote nach ſeiner Wohnung geſchickt, um ſeinen Arzneikaſten zu holen, desinficirende 54 Vorkehrungen wurden im Zimmer angewandt, und es wurde ihm auf ſeine eigene Anordnung im Hauſe ein Bett gemacht.„Iſt das Fieber anſteckend geworden?“ flüſterte ich ihm zu.„Ich fürchte es,“ entgegnete er; „doch werden wir morgen früh beſſer im Stande ſein, darüber zu urtheilen.“ Auf Mr. Dapſon's eignen Befehl wurde Lady Glyde über dieſe beunruhigende Veränderung in Unwiſſenheit gelaſſen. Er ſelbſt verbot ihr aus Rückſſcht für ihre Geſundheit, dieſen Abend zu uns ins Schlafzimmer zu kom⸗ men. Sie verſuchte, ſich dem zu widerſetzen— es gab einen traurigen Auftritt— aber es unterſtützte ihn ſeine ärztliche Autorität, und er gewann die Oberhand. Nächſten Morgen um elf Uhr wurde einer der Be⸗ dienten mit einem Briefe an einen Arzt in London ab⸗ geſchickt, mit dem Befehle, den neuen Doctor mit dem nächſtmöglichen Zuge mit zurückzubringen. Eine halbe Stunde nachdem der Bote fort war, langte der Graf wieder in Blackwater Park an. Die Gräfin brachte ihn ſogleich auf eigene Verantwor⸗ tung herein, um die Kranke zu ſehen. Ich ſah in dieſem Verfahren durchaus nichts Unpaſſendes. Se. Gnaden war ein verheiratheter Mann und alt genug, um Miß Hal⸗ combe's Vater zu ſein; außerdem ſah er ſie in Gegenwart einer weiblichen Anverwandten, der Tante von Lady Glyde. Dennoch aber proteſtirte Mr. Dawſon gegen ſeine Anwen⸗ ſenheit im Zimmer, aber ich konnte deutlich wahrnehmen, daß der Doctor ſelbſt zu ſehr beunruhigt war, um bei dieſer Gelegenheit ernſtlichen Widerſtand zu bieten. Die arme kranke Dame kannte niemanden mehr von ‿ —, nd es ſe ein den?“ te er; ſein, Glyde ſenheit r ihre kom⸗ s gab ſeine r Be⸗ n ab⸗ t dem halbe Graf ntwor⸗ dieſem n war Hal⸗ enwart Glyde. Inwen⸗ ehmen, m bei hr von Denen, die ſie umgaben. Sie ſchien ihre Freunde für Feinde anzuſehen. Als der Graf ſich ihrem Bette nahte, heftete ſie ihre Augen, die bisher wild umher gewandert waren, mit einem ſo furchtbaren Stieren des Entſetzens auf ſein Geſicht, daß ich es bis zu meiner letzten Stunde nicht vergeſſen werde. Der Graf ſetzte ſich neben ihr nieder, fühlte ihren Puls und ihre Schläfe, betrachtete ſie ſehr aufmerkſam und wandte ſich dann mit einem ſolchen Ausdrucke von Entrüſtung und Verachtung gegen den Doctor um, daß dieſem die Worte auf den Lippen er⸗ ſtarben und er einen Augenblick bleich vor Zorn und Beſtürzung daſtand— bleich und völlig ſprachlos. Dann wandte ſich Sr. Gnaden zu mir. „Wann fand dieſe Veränderung ſtatt?“ fragte er. Ich gab ihm die Zeit an. „Iſt Lady Glyde ſeitdem im Zimmer geweſen?“ Ich ſagte ihm, daß ſie nicht dageweſen. Der Arzt habe es ihr geſtern Abend ausdrücklich unterſagt und den Befehl heute Morgen wiederholt. „Hat man Sie und Mrs. Rubella mit der ganzen Größe des Unheils bekannt gemacht?“ war ſeine nächſte Frage. Ich entgegnete, wir wüßten, daß die Krankheit eine anſteckende ſei. Er unterbrach mich, ehe ich noch ein Wort hinzufügen konnte. „Es iſt Typhus“, ſagte er. In der Minute, welche unter dieſen Fragen und Ant⸗ worten verging, erholte Mr. Dawſon ſich wieder und wandte ſich mit ſeiner gewohnten Feſtigkeit zum Grafen. „Es iſt kein Typhus“, ſagte er ſcharf„Ich proteſtire 56 gegen dieſe Einmiſchung, Sir. Es hat hier niemand außer mir das Recht, Fragen zu thun. Ich habe nach meinen beſten Kräften meine Pflicht gethan—“ Der Graf unterbrach ihn, nicht durch Worte, ſondern indem er blos auf das Bett hindeutete. Mr. Dawſon ſchien dieſen ſtillen Widerſpruch gegen ſeine Fähigkeiten zu fühlen und dadurch nur noch gereizter zu werden. „Ich ſage, daß ich meine Pflicht gethan habe,“ wieder⸗ holte er.„Man hat nach einem Arzte in London geſchickt. Mit ihm will ich über die Art des Fiebers conſultiren und mit ſonſt niemandem. Ich beſtehe darauf, daß Sie das Zimmer verlaſſen.“ „Ich betrat dies Zimmer, Sir, im heiligen Intereſſe der Menſchlichkeit,“ ſagte der Graf,„und will es in dem⸗ ſelben Intereſſe abermals betreten, falls die Ankunft des Arztes ſich verzögert. Ich ſage Ihnen nochmals, daß das Fieber ſich in Typhus verwandelt hat, und daß Sie durch Ihre Behandlung für dieſe traurige Veränderung verantwortlich ſind. Falls dieſe unglückliche Dame ſter⸗ ben ſollte, will ich es vor einem Gerichtshofe bezeugen, daß ihre Unwiſſenheit und Hartnäckigkeit ihren Tod herbei⸗ geführt haben.“ Ehe noch Mr. Dapſon ihm antworten und ehe der Graf uns verlaſſen konnte, öffnete ſich die Thür des Wohn⸗ zimmers, und Lady Glyde erſchien auf der Schwelle. „Ich muß und will hereinkommen,“ ſagte ſie mit ungewohnter Feſtigkeit. Anſtatt ſie aufzuhalten, trat der Graf ins Wohnzimmer und machte Platz für ſie. Bei allen anderen Gelegenheiten war er der letzte Mann in der Welt, der etwas vergeſſen nand nach ndern wſon keiten . eder⸗ hickt. und das reſſe dem⸗ des daß Sie rung ſter⸗ igen, rbei⸗ der ohn⸗ mit mer eiten eſſen 57 hätte; aber in der Ueberraſchung des Augenblicks vergaß er offenbar, daß Typhus anſteckend ſei, und zugleich die dringende Nothwendigkeit, Lady Glyde zu zwingen, ſich in Acht zu nehmen. Zu meiner Verwunderung bewies Mr. Dawſon mehr Geiſtesgegenwart. Er hielt Mylady beim erſten Schritte, den ſie dem Bette zu that, zurück. „Ich bedaure aufrichtig— es ſchmerzt mich aufrichtig,“ ſagte er.„Ich fürchte, das Fieber iſt anſteckend. Bis ich mich aber vom Gegentheil überzeugt habe, bitte ich Sie inſtändigſt, nicht ins Zimmer zu kommen.“ Sie kämpfte einen Augenblick, dann ſanken plötzlich ihre Arme zu ihren Seiten nieder, und ſie fiel vorwärts. Sie war in Ohnmacht gefallen. Die Gräfin und ich nahmen ſie dem Doctor ab und trugen ſie in ihr Zimmer. Der Graf ging uns voran und wartete dann im Corridor, bis ich wieder herauskam und ihm ſagte, daß ſie wieder zu ſich gekommen ſei. Ich kehrte zum Doctor zurück, um ihm auf Lady Glyde's Befehl zu ſagen, daß ſie ihn augenblick⸗ lich ſprechen müſſe. Er ging ſofort, um Mylady's Auf— regung zu beruhigen und ſie von der Ankunft des Arztes, die in wenigen Stunden erfolgen müſſe, in Kenntniß zu ſetzen. Dieſe Stunden vergingen ſehr langſam. Sir Percival und der Graf waren zuſammen unten und ließen ſich von Zeit zu Zeit nach dem Befinden der Damen erkundigen. Endlich zwiſchen fünf und ſechs Uhr langte zu unſerer großen Erleichterung der Arzt an.. Er war ein jüngerer Mann als Mr. Dayſon, aber ſehr ernſt und entſchloſſen. Was er von der vorherigen Behandlung dachte, kann ich nicht ſagen; aber es fiel mir 58 auf, daß er mir und Mrs. Rubelle weit mehr Fragen vor⸗ legte, als dem Doctor, und daß er nicht mit vieler Aufmerk⸗ ſamkeit anhörte, was Mr. Dayſon ſagte, während er die Patientin betrachtete. Nach dieſen meinen Be⸗ merkungen begann ich zu argwöhnen, daß der Graf von Anfang an in Bezug auf die Krankheit Recht gehabt hatte, und dieſe Vermuthung wurde natürlich beſtätigt, als Mr. Dawſon nach einigem Verzuge die eine wichtige Frage that, welche zu löſen der Arzt aus London ge⸗ holt worden war. „Was halten Sie von dem Fieber?“ fragte er. „Es iſt Typhus,“ entgegnete der Arzt,„Typhus ohne den geringſten Zweifel.“ Jene ruhige Ausländerin, Mrs. Rubelle, faltete ihre dünnen braunen Hände und ſah mich mit einem bedeut⸗ ſamen Lächeln an. Der Graf ſelbſt hätte kaum zufriedener ausſehen können, falls er im Zimmer geweſen und ſo die Beſtätigung ſeiner Anſichten vernommen hätte. Nachdem der Arzt uns einige nützliche Anweiſungen in Bezug auf die Pflege der Kranken gegeben und ver⸗ ſprochen hatte, daß er nach Verlauf von fünf Tagen wiederkommen werde, zog er ſich mit Mr. Dawſon zurück, um ſich allein mit ihm zu beſprechen. Er wollte in Bezug auf die Wahrſcheinlichkeit von Miß Halcombe's Geneſung keine Meinung ausſprechen, da es, wie er ſagte, in dem gegenwärtigen Stadium der Krankheit unmöglich ſei, mit Beſtimmtheit zu urtheilen. Die fünf Tage vergingen uns in großer Beſorgniß. Die Gräfin Fosco und ich löſten Mrs. Rubelle abwech⸗ ſelnd ab, denn Miß Halcombe's Zuſtand wurde immer vor⸗ merk⸗ nd er Be⸗ f von gehabt tätigt, ichtige an ge⸗ yphus e ihre hedeut⸗ edener ind ſo ſungen d ver⸗ Tagen zurück, Bezug neſung n dem ei, mit orgniß. bwech⸗ immer 59 ſchlimmer und erforderte unſere äußerſte Sorgfalt und Aufmerkſamkeit. Es war eine ſehr, ſehr ſchwere Zeit. Lady Glyde(welche, wie Mr. Dayſon ſagte, die fort⸗ währende Spannung über den Zuſtand ihrer Schweſter aufrecht erhielt) erholte ſich auf wunderbare Weiſe und bewies eine Feſtigkeit und Entſchloſſenheit, die ich ihr nimmer zugetraut hätte. Sie beſtand darauf, täglich drei oder vier mal ins Zimmer zu kommen und Miß Halcombe mit eignen Augen zu ſehen, indem ſie verſprach, nicht zu nahe an das Bett zu treten, falls der Doctor ihr in ſoweit willfahren wolle. Mr. Dawſon gab ſeine Erlaubniß hierzu mit großem Widerſtreben; ich denke mir, er ſah wohl ein, daß es nutzlos ſein würde, ferner mit ihr darüber zu ſtreiten. Sie kam jeden Tag und hielt ihr Verſprechen mit großer Selbſtverleugnung. Es war mir perſönlich ſo ſchmerzlich (denn es erinnerte mich an meinen eigenen Kummer während meines lieben Mannes letzter Krankheit), zu ſehen, wie ſehr ſie unter dieſen Umſtänden litt, daß ich aufrichtig bitte, mir ein ferneres Verweilen bei dieſem Gegenſtande zu erſparen. Es iſt mir eine weit angenehmere Aufgabe, zu berichten, daß keine neuen Uneinigkeiten zwiſchen Mr. Dawſon und dem Grafen ſtattfanden. Se. Gnaden ließ alle Erkundigungen durch die zweite Hand anſtellen nnd blieb fortwährend unten bei Sir Percival. Am fünften Tage kam der Arzt wieder und gab uns einige Hoffnung. Er ſagte, der zehnte Tag, von dem an ge⸗ rechnet, an welchem der Typhus zuerſt aufgetreten ſei, werde wahrſcheinlich den Erfolg der Krankheit entſcheiden, und verſprach uns für dieſen Tag ſeinen dritten Beſuch. Die Zwiſchenzeit verging wie vorher— ausgenommen, daß der 60 Graf eines Morgens abermals nach London reiſte und abends wieder zurückkehrte. Am zehnten Tage erlöſte die barmherzige Vorſehung unſer ganzes Haus von aller ferneren Angſt und Sorge. Der Arzt gab uns die Verſicherung, daß Miß Halcombe völlig außer Gefahr ſei. „Sie bedarf jetzt keines Arztes mehr,— Alles, was ſie jetzt noch braucht, iſt ſorgfältige Aufſicht und Pflege und Beides wird ihr zu Theil, wie ich ſehe.“ Dies waren ſeine eigenen Worte. An jenem Abend las ich meines lieben Mannes rührende Predigt über Ge⸗ neſung von der Krankheit, und ſie that mir(in geiſt⸗ lichem Sinne zu ſprechen) wohler und machte mich glück⸗ licher, als dies je vorher der Fall geweſen. Die Wirkung dieſer guten Nachricht auf die arme Lady Glyde war zu meinem Bedauern förmlich überwältigend. Sie war zu ſchwach, um dieſe heftige Reaction zu ertragen, und in ein paar Tagen darauf verfiel ſie in einen Zuſtand der Schwäche und Abgeſpanntheit, welcher ihr nicht geſtattete, ihr Zimmer zu verlaſſen. Ruhe und ſpäter vielleicht eine Luftveränderung waren die einzigen Mittel, die Mr. Daw⸗ ſon für ſie empfehlen konnte. Es war ein Glück, daß es nicht ſchlimmer mit ihr war; denn noch an demſelben Tage, an welchem ſie ſich in ihr Zimmer zurückziehen mußte, hatten der Graf und Mr. Dawſon wieder einen Wort⸗ wechſel, und diesmal war derſelbe ſo ernſter Art, daß Mr. Dawſon das Haus verließ. Ich war nicht gegenwärtig, als die Veruneinigung ſtattfand; aber ich hörte ſpäter, daß ſie über die Nahrung entſtand, welche Miß Halcombe während ihrer Geneſung — o— — ————,,———,.—,——— und ehung orge. ombe was öflege lbend r Ge⸗ geiſt⸗ glück⸗ Lady gend. agen, ſtand attete, eine Daw⸗ aß es Tage, zußte, Vort⸗ gung rung eſung 61 bedürfe, um ſich nach der Erſchöpfung des Fiebers wieder zu kräftigen. Mr. Dawſon war jetzt, da ſeine Patientin außer Gefahr, noch weniger als vorher geneigt, ſich un⸗ berufenen Anſichten zu fügen; und der Graf lich begreife nicht warum) verlor alle Selbſtbeherrſchung, die er ſich bei früheren Gelegenheiten auf ſo verſtändige Weiſe be⸗ wahrt hatte, und verhöhnte den Doctor wiederholt über ſein Verſehen in Bezug auf das Fieber, als daſſelbe ſich in Typhus verwandelt hatte. Die unglückſelige Geſchichte endete damit, daß Mr. Dawſon an Sir Percival appel⸗ lirte und drohte(da Miß Halcombe jetzt außer Gefahr ſei), Blackwater Park ganz zu verlaſſen, falls nicht dem Grafen von dieſem Augenblicke an entſchieden alle weitere Einmiſchung unterſagt werde. Sir Percival's Antwort (obgleich keine beabſichtigte Unhöflichkeit) hatte nur dazu gedient, die Sache noch zu verſchlimmern; und Mr. Daw⸗ ſon hatte in Folge der unerhörten Behandlung, die ihm vom Grafen Fosco zu Theil geworden, das Haus verlaſſen und am folgenden Morgen ſeine Rechnung eingeſandt. Wir waren alſo jetzt ohne ärztlichen Beiſtand. Ob⸗ gleich wir in Wirklichkeit desſelben auch nicht mehr benöthigt waren— da, wie der Arzt bemerkt hatte, Pflege und Auf⸗ merkſamkeit jetzt Alles war, was Miß Halcombe bedurfte— ſo hätte ich doch, falls meine Autorität für Etwas gegolten hätte, der Form halber aus dem einen oder andern Viertel von London wieder einen Arzt herzugerufen. Doch ſchien Sir Percival die Sache nicht in dieſem Lichte zu ſehen. Er ſagte, es werde früh genug ſein, einen neuen Arzt zu holen, falls Miß Halcombe einen Rückfall bekäme. Inzwiſchen ſei ja der Graf da, den wir in kleinern 62 Schwierigkeiten um Rath fragen könnten, und es ſei un⸗ nöthig, unſere Patientin in ihrem gegenwärtigen nerven⸗ ſchwachen Zuſtande durch Anweſenheit eines Fremden bei ihrem Bette zu ſtören und aufzuregen. Es war ohne Zweifel viel Verſtändiges in dieſen Erwägungen; aber ich blieb deſſenungeachtet ein wenig ängſtlich. Außer⸗ dem ſchien es mir nicht ganz billig, Lady Glyde die Ab⸗ weſenheit des Arztes zu verhehlen, wie wir es thaten. Ich gebe zu, daß es eine wohlgemeinte Täuſchung war— denn ihr Zuſtand war nicht der Art, daß ſie neue Beſorgniſſe hätte ertragen können. Aber es war immer eine Täuſchung und als ſolche für Leute von meinen Grundſätzen, milde ausgedrückt, ein zweifelhaftes Verfahren. Ein zweiter Umſtand, der ſich an demſelben Tage zu⸗ trug und mich unbeſchreiblich überraſchte— ein Umſtand, der mir unbegreiflich war, vergrößerte noch um ein Be⸗ deutendes das Gefühl der Unruhe, das jetzt auf meinem Gemüthe laſtete. Ich wurde zu Sir Percival in die Bibliothek beſchieden. Der Graf, welcher bei ihm war, als ich eintrat, erhob ſich augenblicklich und ließ uns allein im Zimmer. Sir Perci⸗ val war ſo höflich, mich zum Sitzen aufzufordern und redete mich dann zu meinem Erſtaunen folgendermaßen an: „Ich habe über eine Angelegenheit mit Ihnen zu ſprechen, Mrs. Michelſon, über die ich ſchon ſeit einiger Zeit meinen Entſchluß gefaßt hatte, und von der ich ſchon früher mit Ihnen geſprochen haben würde, wenn nicht Kummer und Krankheit ins Haus eingezogen wären. Mit wenig Worten: ich fühle mich bewogen, den hieſigen Haus⸗ halt ſofort aufzugeben, indem ich das Haus ſelbſt natür⸗ lich Gl. mü Ver ſche geg Gã wie Au die ent! und Zei die laſſ kün ein ich hier ei un⸗ erven⸗ en bei ohne aber lußer⸗ ie Ab⸗ Ich denn gniſſe chung milde ge zu⸗ ſtand, Be⸗ einem ieden. b ſich Perci⸗ und n an: en zu niger ſchon nicht Mit Haus⸗ atür⸗ 63 lich, wie ſonſt, Ihrer Aufſicht übergebe. Sobald Lady Glyde und Miß Halcombe im Stande ſind zu reiſen, müſſen beide Damen eine Luftveränderung genießen. Meine Verwandten, der Graf und die Gräfin Fosco, werden uns ſchon vorher verlaſſen und eine Wohnung in der Um⸗ gegend von London beziehen. Mein Zweck, indem ich keine Gäſte mehr in dieſem Hauſe empfange, iſt, ſo ſparſam wie möglich zu leben. Ich tadle Sie nicht— aber meine Ausgaben hier ſind bei weitem zu groß. Kurz, ich werde die Pferde verkaufen und ſofort die ganze Dienerſchaft entlaſſen. Ich thue nie etwas zur Hälfte, wie Sie wiſſen, und es ſiſt meine Abſicht, daß das Haus morgen um dieſe Zeit von einem Rudel unnützer Leute befreit ſei.“ Ich hörte ihm wie angewurzelt vor Erſtaunen zu. „Wollen Sie damit ſagen, Sir Percival, daß ich die Hausbedienung, die unter meiner Aufſicht ſteht, ent⸗ laſſen ſoll, ohne ihr, wie üblich, einen Monat vorher zu kündigen?“ fragte ich. „Allerdings. Wir werden wahrſcheinlich Alle, ehe ein Monat verfloſſen iſt, das Haus verlaſſen haben, und ich beabſichtige durchaus nicht, eine Menge von Bedienten hier in Müßigkeit zu erhalten.“ „Wer ſoll die Küche beſorgen, Sir Percival, ſo lange Sie noch hier bleiben?“ „Margaret Porcher kann kochen und braten— be⸗ halten Sie ſie hier. Wozu brauche ich einen Koch, wenn ich keine Mittagsgeſellſchaften zu geben beabſichtige?“ „Die Perſon, welche Sie eben genannt haben, Sir Percival, iſt die allerunverſtändigſte von allen Stuben⸗ mädchen—“ 64 „Behalten Sie ſie, ſage ich Ihnen, und laſſen Sie eine Frau aus dem Dorfe kommen, die das Aufwaſchen be⸗ ſorgt und wieder fortgeht. Es muß und ſoll eine augen⸗ blickliche Einſchränkung in meinen wöchentlichen Ausgaben ſtattfinden. Ich habe Sie nicht rufen laſſen, damit Sie mir Einwendungen machen, Mrs. Michelſon, ſondern da⸗ mit Sie meine Wünſche in Rückſicht auf Sparſamkeit aus⸗ führen. Sie werden morgen die ganze faule Bande von Hausdienern— die Porcher ausgenommen— entlaſſen. Die Porcher hat die Conſtitution eines Pferdes, und wie ein Pferd ſoll ſie arbeiteu.“ „Sie werden mich entſchuldigen, Sir Percival, wenn ich Sie daran erinnere, daß die Dienerſchaft ihren Lohn für einen Monat haben muß, falls ich ihr nicht einen Monat vorher aufſage?“ „Geben Sie ihn ihr! Ein Monatslohn erſpart mir eines Monats Verſchwendung und Praſſerei in der Bedientenſtube.“ Dieſe letzte Bemerkung enthielt eine höchſt beleidigende Verleumdung gegen mein Haushaltungsſyſtem. Ich hatte zu viel Selbſtachtung, um mich gegen eine ſo grobe Be⸗ ſchuldigung zu vertheidigen. Chriſtliche Rückſicht für Lady Glyde's und Miß Halcombe's hülfloſe Lage und aufdie rnſt⸗ lichen Beſchwerlichkeiten, die aus meiner Abweſenheit für ſie erwachſen konnten, hielten mich allein davon ab, ſofort mein Amt niederzulegen. Ich erhob mich ſogleich. Es hätte mich in meinen eignen Augen heruntergeſetzt, wenn ich hiernach die Unterredung noch einen Augenblicklänger hätte dauernlaſſen. „Nach dieſer letzten Bemerkung, Sir Percival, habe ich nichts weiter zu ſagen. Ihre Befehle ſollen erfüllt we H M n Sie en be⸗ augen⸗ sgaben it Sie on da⸗ it aus⸗ de von laſſen. , und „wenn Lohn teinen rt mir in der digende h hatte be Be⸗ r Lady ie ernſt⸗ tfür ſie rt mein tte mich nach die nlaſſen. I, habe erfüllt 65 werden.“ Mit dieſen Worten machte ich eine kalte Ver⸗ beugung und ging aus dem Zimmer. Am folgenden Tage ging die ganze Dienerſchaft ab. Sir Percival ſelbſt lohnte die Reitknechte und Stallleute ab und ſchickte ſie mit allen Pferden, ein einziges aus⸗ genommen, nach London. Die einzigen Perſonen, welche zurückblieben, waren Margaret Porcher, ich und der Gärt⸗ ner. Dieſer Letztere wohnte jedoch in ſeinem eignen Hauſe, und er mußte nach dem einen im Stalle zurück⸗ gebliebenen Pferde ſehen. In dieſer einſamen Verlaſſenheit des Hauſes, wo die Herrin deſſelben krank in ihrem Zimmer lag, während Miß Halcombe noch immer ſo hülflos wie ein Kind war, und der Doctor uns in Feindſchaft verlaſſen hatte, war es gewiß nicht zum Verwundern, daß ich niedergeſchlagen wurde und es ſchwer fand, meine gewohnte Faſſung bei⸗ zubehalten. Ich war ängſtlich in meinem Gemüthe, und ich wünſchte den beiden armen Damen eine ſchnelle Ge⸗ neſung und mich ſelbſt fort aus Blackwater Park. Das nächſte Ereigniß, das ſich zutrug, war ſo ſonder⸗ barer Art, daß es mir ein Gefühl abergläubiſchen Erſtau⸗ nens verurſacht haben würde, falls nicht feſte religiöſe Grundſätze meinen Geiſt gegen eine derartige heidniſche Schwäche geſtärkt hätten. Dem unbehaglichen Gefühle, daß etwas in der Familie nicht ganz richtig ſei, in welchem ich mich aus Blackwater Park fortgewünſcht hatte, folgte, ſo ſeltſam dies auch ſcheinen mag, wirklich meine Abreiſe vom Hauſe. Allerdings war es nur eine kurze Abweſen⸗ heit, doch war das Zuſammentreffen meiner Meinung nach deshalb nicht weniger bemerkenswerth. Wilkie Collins Die Frau in Weiß,. III. 5 — —— 66 Meine Abreiſe fand unter folgenden Umſtänden ſtatt: An dem Tage, an welchem alle Diener das Haus ver⸗ laſſen, wurde ich abermals zu Sir Percival beſchieden. Die unverdiente beleidigende Anſpielung, welche er auf meine Haushaltungsweiſe gemacht, verhinderte mich nicht, wie ich mich zu ſagen freue, ihm nach beſten Kräften Böſes mit Gutem zu vergelten, indem ich ſeinem Wunſche ſo bereitwillig und achtungsvoll, wie immer, nachkam. Bei der gefallenen Natur, welche wir Alle theilen, koſtete es mich allerdings einige Anſtrengung, meine Gefühle zu bekämpfen. Da ich aber an Selbſtüberwindung gewöhnt bin, gelang es mir, dies Opfer zu bringen. Ich fand den Grafen Fosco abermals bei Sir Perci⸗ val. Doch blieb der Graf diesmal bei der Unterredung anweſend und half Sir Percival ſeine Pläne entfalten. Der Gegenſtand, auf den ſie jetzt meine Aufmerkſam⸗ keit lenkten, bezog ſich auf die geſunde Luftveränderung, von der wir Alle ſo große Vortheile für Lady Glyde's und Miß Halcombe's Geneſung hofften. Sir Percival ſagte, daß beide Damen wahrſcheinlich(in Folge einer Einladung von Frederick Fairlie, Esquire) den Herbſt zu Limmeridge in Cumberland zubringen würden. Er ſei jedoch der An⸗ ſicht, und der Graf(welcher hier das Wort nahm und bis zu Ende der Unterredung behielt) ſtimmte hierin mit ihm überein, daß es von großem Vortheile für ſie ſein würde, wenn ſie, ehe ſie nach dem Norden aufbrächen, erſt auf eine Weile das milde Klima von Torquay genöſſen. Man wünſche daher ernſtlich, an dieſem Orte eine Wohnung zu miethen, welche alle Bequemlichkeiten und Vortheile bieten würde, derer die Damen ſo ſehr bedürften; doch ſtatt: s ver⸗ hieden. er auf nicht, räften unſche chkam. koſtete hle zu wöhnt Perci⸗ redung alten. rkſam⸗ erung, 's und ſagte, adung reridge er An⸗ nd bis it ihm würde, eſt auf Man hnung rtheile ; doch 67 ſei die Schwierigkeit die, eine erfahrene Perſon zu finden, welche im Stande ſei, eine Wohnung zu wählen, wie ſie ihrer bedurften. In dieſer dringenden Lage wünſchte der Graf— in Sir Percival's Auftrage— zu hören, ob ich etwas dawider habe, den Damen meinen Beiſtand zu leiſten, indem ich ſelbſt in ihrem Intereſſe die Reiſe nach Torquay unternahm. Es war für jemand in meiner Stellung unmöglich, einen in ſolchen Ausdrücken gethanen Vorſchlag entſchie⸗ den abzuſchlagen. Ich konnte blos wagen, auf die ernſtliche Unan⸗ gemeſſenheit meiner Abreiſe von Blackwater Park bei der außergewöhnlichen Abweſenheit aller Diener, mit Ausnahme von Margaret Porcher, hinzudeuten. Aber Sir Percival ſowohl wie der Graf erklärten, daß ſie die Unbequemlichkeit im Intereſſe der kranken Damen ſehr gern ertragen wollten. Ich machte dann den ach⸗ tungsvollen Vorſchlag, daß man an einen Hausagenten in Torquay ſchriebe; aber man erinnerte mich daran, daß es eine Unvorſichtigkeit ſein würde, ein Haus zu miethen, das man nicht vorher geſehen habe. Man ſagte mir außerdem, daß die Gräfin(welche andernfalls ſelbſt die Reiſe nach Devonſhire gemacht haben würde) ihre Nichte in ihrem gegenwärtigen Zuſtande nicht ver⸗ laſſen könne, und daß Sir Percival und der Graf Ge⸗ ſchäfte mit einander hätten, die ſie nöthigten, in Black⸗ water Park zu bleiben. Kurz, es wurde mir klar ge⸗ macht, daß, falls ich die Sache nicht übernähme, niemand anders da ſei, dem man ſie anvertrauen könne. Unter dieſen Verhältniſſen konnte ich blos Sir Percival an⸗ 5* 50 ——— ÿmõ.¼o⁰ 5— — 68 kündigen, daß meine Dienſte Miß Halcombe und Lady Glyde zu Gebote ſtünden. Es wurde darauf ausgemacht, daß ich am nächſten Morgen abreiſen, den darauf folgenden Tag mich mit Unterſuchung der paſſendſten Häuſer in Torquay beſchäf⸗ tigen und am dritten mit meinem Berichte zurückkehren ſollte. Se. Gnaden ſchrieb ein Memorandum für mich, das die verſchiedenen Erforderniſſe angab, welche das von mir zu miethende Haus beſitzen mußte, und Sir Perci⸗ val fügte eine Anmerkung in Bezug auf die pecuniäre Grenze bei. Meine eigne Anſicht, als ich dieſe Inſtructionen durch⸗ las, ging dahin, daß in keinem Badeorte in ganz England eine Wohnung zu finden ſei, wie die, welche hier be⸗ ſchrieben war; und daß man ſie, ſelbſt wenn man ſie zufälligerweiſe entdeckte, nimmer für irgend welchen Zeit⸗ raum unter den mir vorgeſchriebenen Bedingungen erhal⸗ ten würde. Ich machte beide Herren auf dieſe Schwierig⸗ keit aufmerkſam, aber Sir Percival(welcher es übernahm, mir zu antworten) ſchien dieſelbe nicht einzuſehen. Es war nicht meine Sache, den Punkt zu beſtreiten, und ich ſagte nichts weiter; aber ich war feſt überzeugt, daß das Geſchäft, in welchem man mich fortſchickte, ſo mit Schwie⸗ rigkeiten behaftet war, daß es mir ſchon ehe ich abreiſte, als hoffnungslos erſchien. Vor meiner Abreiſe überzeugte ich mich indeſſen, daß Miß Halcombe Fortſchritte in der Geneſung machte. Doch drückte ſich in ihrem Geſichte eine ſchmerzliche Sorge aus, die mich fürchten ließ, daß ſie nicht ganz ruhig im Ge⸗ müthe ſei. Jedenfalls aber erholte ſie ſich körperlich Lady chſten ) mit ſchäf⸗ eehren mich, s von Perci⸗ miäre zurch⸗ gland r be⸗ un ſie Zeit⸗ erhal⸗ ierig⸗ nahm, id ich 3 das hwie⸗ reiſte, „daß Doch aus, Ge⸗ erlich 69 ſchneller, als ich hätte erwarten können, und ſie ſchickte Lady Glyde liebevolle kleine Botſchaften, daß ſie bereits wieder ganz wohl ſei und ſie nur bitte, ſich nicht zu früh anzuſtrengen. Ich überließ ſie der Sorgfalt von Mrs. Rubelle, die noch immer ebenſo unabhängig von allen Uebrigen im Hauſe war, wie vorher. Als ich an Lady Glyde's Thür klopfte, ſagte man mir, daß ſie noch im⸗ mer in einem ſehr traurigen Zuſtande der Schwäche und Abſpannung ſei; es war die Gräfin, die mich hier⸗ von unterrichtete und welche zur Zeit ihrer Nichte in ihrem Zimmer Geſelſſchaft leiſtete. Sir Percival und der Graf gingen zuſammen auf dem Wege zur Wohnung des Parkhüters ſpazieren, als ich abfuhr. Ich machte ihnen meine Verbeugung und verließ das Haus, in dem jetzt kein einziges dienendes Weſen blieb, als die Porcher. Jeder Menſch muß fühlen, was ich damals ſelbſt empfand: daß dieſe Umſtände mehr als ungewöhnlich— daß ſie beinahe verdächtig waren. Aber man erlaube mir zu wiederholen, daß es mir in meiner abhängigen Stel⸗ lung unmöglich war, anders zu handeln, als ich that. Der Erfolg meiner Reiſe nach Torquay war genau der, welchen ich vorausgeſehen hatte. Es war in dem ganzen Orte keine Wohnung zu finden, wie ich ſie zu miethen beauftragt war, und der Preis, den man mir zu bieten geſtattet, war viel zu niedrig, als daß man mir die Wohnung dafür gelaſſen hätte, ſelbſt wenn ſie ge⸗ funden worden. Ich kehrte am dritten Tage nach Black⸗ water Park zurück und benachrichtigte Sir Percival, welcher mir an der Thür begegnete, daß meine Reiſe eine ver⸗ —ü—— 70 gebliche geweſen. Er ſchien zu ſehr mit anderen Dingen beſchäftigt, um ſich um das Mißlingen meines Auftrages zu bekümmern, und ſeine erſten Worte unterrichteten mich, daß ſogar in der kurzen Zeit meiner Abweſenheit ſich eine große Veränderung im Hauſe zugetragen habe. Der Graf und die Gräfin Fosco hatten Blackwater Park verlaſſen und ihre neue Wohnung in St. John’'s Wood bezogen. Ich erfuhr nichts über die Urſache dieſer plötzlichen Abreiſe— ſondern nur, daß der Graf ganz beſonders freundliche Grüße für mich zurückgelaſſen habe. Als ich Sir Percival zu fragen wagte, ob Lady Glyde in Ab⸗ weſenheit der Gräfin jetzt jemanden habe, der ihr auf⸗ wartete, erwiderte er, ſie habe Margaret Porcher, und fügte dann hinzu, daß man eine Frau aus dem Dorfe habe kommen laſſen, um die Arbeit in der Küche zu ver⸗ richten. Ich war wirklich entrüſtet über dieſe Antwort— es lag eine ſo grelle Unſchicklichkeit darin, eine untere Stubenmagd in einem Vertrauenspoſten bei Lady Glyde anzuſtellen. Ich ging ſofort hinauf und traf die Mar⸗ garet auf dem Schlafſtuben⸗Vorſaal. Man hatte ihrer Dienſte nicht bedurft(natürlich nicht); ihre Herrin habe ſich am Morgen wohl genug befunden, um ihr Bett zu verlaſſen. Ich erkundigte mich zunächſt nach Miß Halcombe, erhielt jedoch eine ſo verdrießliche, un⸗ verſtändliche Antwort, daß ich dadurch um nichts klüger wurde. Ich enthielt mich einer Wiederholung meiner Frage, um mich nicht etwa einer impertinenten Antwort auszuſetzen. Es war für eine Perſon in meiner Stellung ingen rages mich, h eine water ohn's lichen nders ls ich — Ab⸗ auf⸗ und untere Glyde Mar⸗ ihrer derrin n ihr nach „ un⸗ klüger neiner twort ellung in jeder Beziehung paſſender, mich ſofort zu Lady Glyde zu begeben. Ich fand, daß Mylady ſich allerdings während der letzten drei Tage bedeutend erholt hatte. Obgleich noch immer matt und nervenſchwach, war ſie doch im Stande, ſich ohne Hülfe zu erheben und mit langſamen Schritten in ihrem Zimmer umher zu gehen, ohne eine ſchlimmere Wirkung davon zu verſpüren, als die einer leichten Er⸗ müdung. Sie hatte den Morgen einige Beſorgniß um Miß Halcombe gefühlt, da ſie durch niemanden Nach⸗ richten von ihr erhalten. Mir erſchien dies als ein höchſt tadelnswerther Mangel an Aufmerkſamkeit von Mrs. Rubelle, doch ſagte ich nichts, ſondern blieb bei Lady Glyde und half ihr Toilette machen. Als ſie damit fertig war, verließen wir zuſammen das Zimmer, um zu Miß Halcombe zu gehen. Im Corridor trafen wir Sir Percival. Er ſah aus, als ob er uns dort erwartet habe. „Wohin gehſt Du?“ ſagte er zu Lady Glyde. „Nach Marianne's Zimmer,“ antwortete ſie. „Es mag Dir vielleicht eine Täuſchung erſparen,“ bemerkte Sir Percival,„wenn ich Dir ſage, daß Du ſie dort nicht finden wirſt.“ „Daß ich ſie nicht finden werde?“ „Nein. Sie hat geſtern mit Fosco und ſeiner Frau das Haus verlaſſen.“ Lady Glyde war nicht ſtark genug, um den Schlag dieſer ſonderbaren Nachricht zu ertragen. Sie erbleichte, daß es zum Erſchrecken war, und lehnte ſich an die Wand, indem ſie in tiefem Schweigen ihren Gemahl anblickte. 72 Ich ſelbſt war ſo überraſcht, daß ich kaum wußte, was ich ſagen ſollte. Ich frug Sir Percival, ob er wirklich damit ſagen wolle, daß Miß Halcombe Black— water Park verlaſſen habe. „Ganz gewiß,“ entgegnete er. „In ihrem Zuſtande, Sir Percival! und ohne Lady Glyde von ihrer Abſicht in Kenntniß zu ſetzen!“ Ehe er noch eine Antwort geben konnte, erholte My⸗ lady ſich wieder etwas und ſprach. „Unmöglich!“ rief ſie mit lauter, erſchrockener Stimme, indem ſie ſich ein paar Schritte von der Wand entfernte„Wo war der Arzt? Wo war Mr. Dawſon, als Marianne fortging?“ „Wir bedurften Mr. Dawſon's nicht, und er war nicht hier,“ ſagte Sir Percival. Er verließ uns aus eignem Antriebe, was hinlänglichen Beweis liefert, daß ſie wohl genug war, um dieſe Reiſe anzutreten. Wie Du mich angaffſt! Wenn Du mir nicht glauben willſt, daß ſie fort iſt, ſo ſieh ſelbſt nach. Oeffne ihre Zimmerthür und all die anderen Thüren, wenn Du willſt.“ Sie nahm ihn beim Worte und ich folgte ihr. Es war niemand in Miß Halcombe's Zimmer außer Mar⸗ garet Porcher, die dort aufräumte. Und es war nie⸗ mand in den Fremdenſtuben und im Toilettenzimmer, als wir in denſelben nachſahen. Sir Percival erwartete uns wieder im Corridor. Als wir das letzte Zimmer, in dem wir nachgeſucht hatten, verließen, flüſterte Lady Glyde mir zu:„Gehen Sie nicht fort, Mrs. Michelſon! Um Gotteswillen, verlaſſen Sie mich nicht!“ Ehe ich noch ein Wort der Erwiderung ſagen konnte, war ſie ſchon draußen im Corridor und ſprach mit ihrem Gemahle. „Was ſoll dies bedeuten, Sir Percival! Ich beſtehe darauf— ich bitte und flehe Sie an, mir zu ſagen, was es bedeuten ſoll!“ „Es bedeutet,“ entgegnete er,„daß Miß Halcombe geſtern Morgen wohl genug war, um aufzuſitzen und ſich ankleiden zu laſſen, und daß ſie darauf beſtand, die Ge⸗ legenheit zu benutzen und Fosco nach London zu begleiten.“ „Nach London!“ „Ja, auf der Durchreiſe nach Limmeridge.“ Lady Glyde wandte ſich zu mir. „Sie ſahen Miß Halcombe zuletzt,“ ſagte ſie.„Fanden Sie, daß ſie ausſah, als ob ſie im Stande ſein würde, in vierundzwanzig Stunden eine Reiſe anzutreten?“ „Meiner Anſicht nach nicht, Mylady.“ Sir Percival wandte ſich jetzt ſeinerſeits ebenfalls zu mir. „Haben Sie, ehe ſie abreiſten,“ ſagte er,„zu der Wärterin geäußert, Miß Halcombe ſehe weit wohler aus, oder haben Sie das nicht geſagt?“ „Die Bemerkung habe ich allerdings gethan, Sir Percival.“ Er wandte ſich, ſowie ich ihm dieſe Antwort gegeben, ſchnell wieder zu Mylady. „Vergleiche die eine von Mrs. Michelſon's Anſichten ruhig mit der anderu,“ ſagte er,„und verſuche, vernünftig und klar über die Sache zu denken. Glaubſt Du, daß, falls ſie nicht wohl genug geweſen wäre, um die Reiſe zu ertra⸗ gen, wir riskirt hätten, ſie reiſen zu laſſen? Sie hat drei zuverläſſige Leute um ſich, die nach ihr ſehen— Fosco, 74 Deine Tante und Mrs. Rubelle, die ausdrücklich zu dem Zwecke mitreiſte. Sie nahmen ein ganzes Coupé und machten auf dem einen langen Sitze ein Lager für ſie, falls ſie ſich vom Aufſitzen ermüdet fühlen ſollte. Heute ſetzen Fosco und Mrs. Rubelle mit ihr die Reiſe nach Cumberland fort.“ „Warum geht Marianne nach Limmeridge und läßt mich hier allein?“ ſagte Mylady, Sir Percival unter⸗ brechend. „Weil Dein Onkel Dich nicht aufnehmen will, ohne vorher mit Deiner Schweſter geſprochen zu haben,“ ent⸗ gegnete er.„Haſt Du den Brief vergeſſen, den er ihr zu Anfange ihrer Krankheit ſchrieb? Man zeigte ihn Dir doch — Du laſeſt ihn und ſollteſt Dich deſſen entſinnen.“ „Ich erinnere mich.“ „Warum wunderſt Du Dich dann darüber, daß ſie Dich verlaſſen hat? Dich verlangts, nach Limmeridge zurückzukehren, und Deine Schweſter iſt hingereiſt, um Dir Deines Onkels Erlaubniß hierzu nach ſeinen eignen Bedingungen zu verſchaffen.“ Die Augen der armen Lady Glyde füllten ſich mit Thränen. „Marianne hat mich noch niemals verlaſſen,“ ſagte ſie,„ohne mir Lebewohl zu ſagen.“ „Sie würde Dir auch diesmal Lebewohl geſagt haben,“ entgegnete Sir Percival,„hätte ſie nicht für Dich und für ſich ſelbſt gefürchtet. Sie wußte, daß Du ſuchen wür⸗ deſt, ſie zurückzuhalten, und daß Du ſie durch Thränen betrüben würdeſt. Haſt Du ſonſt noch Einwendungen zu machen? Dann mußt Du hinunter kommen und mir Deine — 18— Fragen im Eßzimmer vorlegen. Dieſe ewigen Quälereien langweilen mich. Ich muß ein Glas Wein haben.“ Er verließ uns plötzlich. Seine Manier während dieſer ganzen ſeltſamen Unter⸗ haltung war vollkommen verſchieden geweſen von dem, was ſie gewöhnlich war. Er ſchien alle Augenblicke faſt ebenſo aufgeregt und ängſtlich, wie ſeine Gemahlin ſelbſt. Ich hätte mir nimmer gedacht, daß er eine ſo ſchwache Geſundheit gehabt, oder ſo leicht außer Faſſung zu brin⸗ gen geweſen wäre. Ich verſuchte Lady Glyde zu überreden, in ihr Zim⸗ mer zurückzukehren; doch war dies nutzlos. Sie blieb im Vorſaale ſtehen und hatte das Anſehen, als ob ſie von einem paniſchen Schrecken ergriffen ſei. „Es iſt meiner Schweſter etwas zugeſtoßen!“ ſagte ſie. „Bitte, bedenken Sie, Mylady, welche erſtaunliche Energie Miß Halcombe beſitzt,“ ſagte ich.„Sie iſt wohl im Stande, eine Anſtrengung zu machen, der andere Da⸗ men in ihrer Lage nicht gewachſen wären. Ich hoffe und glaube, daß nichts Unrechtes geſchehen iſt— gewiß ich glaube es.“ „Ich muß Mariannen nachreiſen,“ ſagte Mylady mit demſelben erſchrockenen Blicke.„Ich muß hin, wo ſie iſt; ich muß mit meinen eignen Augen ſehen, daß ſie geſund und am Leben iſt. Kommen Sie! Kommen Sie mit mir zu Sir Percival hinunter.“ Ich zögerte, aus Furcht, daß meine Gegenwart als eine Zudringlichkeit angeſehen werden möchte; ich wagte Mylady dies vorzuſtellen, aber ſie war taub gegen mich. Sie hielt meinen Arm feſt genug, um mich zu zwingen, ſie 76 hinunter zu begleiten, und hing ſich mit all der wenigen Kraft, die ihr noch blieb, an mich, als ich die Thür des Eßzimmers für ſie öffnete. Sir Percival ſaß am Tiſche, und vor ihm auf dem⸗ ſelben ſtand eine Caraffe mit Wein. Als wir eintraten, führte er das Glas an ſeine Lippen und leerte es in einem Zuge. Da ich bemerkte, daß er mich zornig anblickte, in⸗ dem er es wieder niederſetzte, verſuchte ich, eine Entſchul⸗ digung für meine Anweſenheit im Zimmer zu machen. „Denken Sie etwa, daß hier Geheimniſſe vorgehen?“ rief er plötzlich aus;„da irren Sie ſich— es iſt hier nichts Verſtecktes, nichts, das Ihnen oder ſonſt irgend Jemandem verhehlt würde.“ Nachdem er dieſe ſeltſamen Worte mit lauter, ſtrenger Stimme ausgeſprochen, füllte er ſein Glas wieder und fragte Lady Glyde, was ſie von ihm wolle. „Wenn meine Schweſter im Stande iſt zu reiſen, ſo bin ich es ebenfalls,“ ſagte Mylady mit größerer Feſtig⸗ keit, als ſie noch bisher gezeigt hatte.„Ich bitte Dich, mich für meine Beſorgniß um Mariannen zu entſchuldigen, und mir zu erlauben, ihr ſofort mit dem Nachmittagszuge nachzureiſen.“ „Du wirſt bis morgen warten müſſen,“ entgegnete Sir Percival,„und dann, wenn ich Dich nicht vom Gegen⸗ theil unterrichte, kannſt Du reiſen. Ich halte es nicht für wahrſcheinlich, daß irgend etwas dazwiſchen kommen wird, und will deshalb mit der Abendpoſt an Fosco ſchreiben.“ Er ſagte dieſe letzten Worte, indem er ſein Glas gegen das Licht hielt und den darin funkelnden Wein anſchaute, anſtatt ſeine Frau anzuſehen. Er ſah ſie in der That ·———,,— 77 während der ganzen Unterredung nicht an. Ein ſo merk⸗ würdiger Mangel an Aufmerkſamkeit fiel mir, ich muß es geſtehen, bei einem Manne von Percival's Range und Bildung ſehr ſchmerzlich auf. „Wozu wollteſt Du an Graf Fosco ſchreiben?“ frug ſie im größten Erſtaunen. „Um ihm zu ſagen, daß er Dich mit dem Mittagszuge erwarten möge,“ ſagte Sir Percival.„Er wird Dich an der Station empfangen und Dich von da mitnehmen, da⸗ mit Du die Nacht im Hauſe Deiner Tante in St. John's Wood ſchläfſt.“ Lady Glyde's Hand fing heftig auf meinem Arme zu zittern an— ich begriff nicht warum. „Es iſt nicht nöthig, daß Graf Fosco mich auf der Station abholt,“ ſagte ſie,„ich will die Nacht lieber in London bleiben.“ „Du mußt es aber. Du kannſt die ganze Reiſe nach Cumberland nicht in einem Tage zurücklegen. Du mußt die Nacht in London ſchlafen— und ich will nicht, daß Du allein in ein Hotel gehſt. Fosco hat Deinem Onkel das Anerbieten gemacht, Dich in ſeinem Hauſe zu empfangen, und Dein Onkel hat es angenommen. Da, da iſt ein Brief von ihm an Dich. Ich hätte ihn Dir heute Morgen hinaufſchicken ſollen, aber ich vergaß es. Lies ihn und ſieh, was Mr. Fairlie ſelbſt Dir darüber ſchreibt.“ Lady Glyde blickte den Brief einen Augenblick an und reichte ihn dann mir hin. „Leſen Sie ihn,“ ſagte ſie mit matter Stimme,„ich weiß nicht, was mir fehlt— ich kann ihn nicht ſelbſt leſen.“ Das Billet enthielt blos drei Zeilen— es war ſo kurz und theilnahmlos, daß ich darüber erſtaunte. Falls mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, enthielt er nichts als folgende Worte: „Liebſte Laura— bitte, komm, ſobald es Dir ge⸗ fällt. Verkürze die Reiſe, indem Du in London im Hauſe Deiner Tante ſchläfſt. Bedaure zu hören, daß die gute Marianne krank iſt. Herzlich der Deine, Frederick Fairlie.“ „Ich möchte lieber nicht dorthin gehen— ich möchte die Nacht lieber nicht in London bleiben,“ ſagte Mylady eifrig, ehe ich noch mit dem Leſen des Billets zu Ende, ſo kurz daſſelbe auch war.„Schreibe nicht an Graf Foseo! Bitte, bitte, ſchreibe nicht an ihn!“ Sir Percival nahm nochmals die Weincaraffe zur Hand, und füllte ſein Glas, aber mit ſolchem Ungeſchick, daß er es umſtieß und den Wein über den Tiſch hingoß. „Mir ſcheint, ich werde blind,“ brummte er mit ſeltſam flüſternder Stimme vor ſich hin. Er ſtellte das Glas langſam wieder auf, füllte es und leerte es abermals mit einem Zuge. Ich begann, nach ſeinem Weſen und Ausſehen zu fürchten, daß ihm der Wein zu Kopf ſteige. „Bitte, ſchreibe nicht an Graf Fosco!“ bat Lady Glyde dringender denn je. „Ich möchte wiſſen, warum nicht!“ rief Sir Percival mit einem plötzlichen Zornesausbruche aus, der uns Beide erſchreckte.„Wo kannſt Du wohl mit größever Schicklich⸗ keit die Nacht in London zubringen, als in dem Hauſe, welches Dein Onkel lbſt dazu beſtimmt hat— im Hauſe Deiner Tante? Frage Mrs. Michelſon.“ — — ———,———————-/———+HkA⸗ ...—2 79 Das vorgeſchlagene Arrangement war ſo ohne Frage das richtigſte und paſſendſte, daß ich durchaus nichts da⸗ gegen einwenden konnte. So ſehr ich auch in anderen Be⸗ ziehungen mit Lady Glyde ſympathiſirte, ihre ungerechten Vorurtheile gegen Graf Fosco konnte ich nicht theilen. Es iſt mir noch nie eine Dame von ihrem Range und ihrer Bildung vorgekommen, bei der ich eine ſo beklagenswerthe Engherzigkeit gegen Ausländer gefunden hätte. Weder das Billet ihres Onkels, noch Sir Percival's zunehmende Ungeduld ſchienen den geringſten Eindruck auf ſie zu machen. Sie weigerte ſich immer wieder, die Nacht in Lon⸗ don zu bleiben, und wiederholte ihre Bitten an ihren Ge⸗ mahl, doch nicht an den Grafen Fosco zu ſchreiben. „Hör' auf!“ ſagte Sir Percival, indem er uns un⸗ höflich den Rücken zuwandte.„Wenn Du ſelbſt nicht Ver⸗ ſtand genug haſt, um einzuſehen, was gut für Dich iſt, ſo müſſen Andere es für Dich einſehen. Ich habe es nun einmal ſo beſtimmt und damit Punktum. Du ſollſt blos thun, was Miß Halcombe bereits vor Dir gethan—“ „Marianne!“ wiederholte Mylady in verwirrtem Er⸗ ſtaunen,„Marianne hätte in Graf Fosco's Hauſe die Nacht zugebracht?!“ „Ja, in Graf Fosco's Hauſe. Sie ſchlief dort ver⸗ gangene Nacht, um nicht die ganze Reiſe mit einemmale zurückzulegen. Und Du ſollſt ihrem Beiſpiele folgen und thun, was Dein Onkel Dir ſagt. Du ſollſt morgen Abend in Fosco's Hauſe ausruhen, um die Reiſe zu verkürzen, wie Deine Schweſter gethan hat. Mache mir nicht zu viele Einwendungen, oder Du wirſt es noch dahin brin⸗ gen, daß ich es bereue, Dich überhaupt fortzulaſſen!“ 80 Er ſprang auf und ging ſchnell durch die offene Glas⸗ thür auf die Veranda hinaus. „Wollen Sie mich entſchuldigen, Mylady,“ ſagte ich, „wenn ich vorzuſchlagen wage, daß wir lieber nicht hier bleiben, bis Sir Percival zurückkommt? Ich fürchte ſehr, daß er vom Weine erregt iſt.“ Sie willigte mit zerſtreutem, matten Weſen ein, das Zimmer zu verlaſſen. Sobald wir Beide wieder oben angelangt waren, that ich mein Möglichſtes, um Myllady zu beruhigen. Ich erinnerte ſie daran, daß Mr. Fairlie's Briefe an Miß Halcombe und an ſie jedenfalls das vorgeſchrie⸗ bene Verfahren billigten, ja es ſogar nothwendig mach⸗ ten. Sie ſtimmte hierin mit mir überein und gab ſo⸗ gar zu, daß beide Briefe genau in dem eigenthümlichen Geiſte ihres Onkels geſchrieben ſeien— aber ihre Sorge um Miß Halcombe und ihre unbegreifliche Angſt vor einer Nacht in Graf Fosco's Hauſe in Lon⸗ don blieben, ungeachtet all' meiner dringenden Gegen⸗ vorſtellungen, dieſelben. Ich hielt es für meine Pflicht, gegen Lady Glyde's ungünſtige Meinung von Sr. Gna⸗ den zu proteſtiren, und ich that es mit aller Achtung und Nachſicht. „Mylady werden mir verzeihen, daß ich mir die Frei⸗ heit nehme,“ bemerkte ich zum Schluſſe,„aber es ſteht geſchrieben: An ihren Früchten ſollt Ihr ſie erkennen. Des Grafen unausgeſetzte Güte und Aufmerkſamkeit gleich vom Anfange von Miß Halcombe's Krankheit an ver⸗ dienen wirklich unſer ganzes Zutrauen und die größte Ach⸗ tung. Selbſt Sr. Gnaden ernſtliche Entzweiung mit Mr. —,.——,— 81 Dawſon war ganz und gar ſeiner Sorge um Miß Hal⸗ combe zuzuſchreiben.“ „Welche Entzweiung?“ frug Mylady mit einem plötzlichen Ausdrucke des Intereſſes. Ich theilte ihr die unglücklichen Umſtände mit, unter welchen Mr. Dapſon ſich zurückgezogen hatte— und zwar um ſo bereitwilliger, weil ich es durchaus nicht billigte, daß Sir Percival fortfuhr, Lady Glyde zu ver⸗ hehlen(wie er es in meiner Gegenwart gethan), was ſich zugetragen hatte. Mylady ſtand heftig und allem Anſcheine nach durch Das, was ich ihr erzählt, doppelt aufgeregt und beun⸗ ruhigt auf. „Dies iſt ſchlimm! ſchlimmer noch, als ich gedacht hatte!“ ſagte ſie, indem ſie in höchſter Beſtürzung im Zimmer auf und ab ging.„Der Graf wußte, daß Mr. Dawſon nimmermehr in Marianne's Reiſe willigen würde, und beleidigte ihn abſichtlich, um ihn aus dem Hauſe zu ſchaffen.“ „O Mylady! Mylady!“ ſagte ich in vorſtellendem Tone. „Mrs. Michelſon!“ fuhr ſie heftig fort,„keine Worte, die je geſprochen werden können, werden mich überzeugen, daß meine Schweſter ſich mit ihrer Zuſtimmung im Hauſe und in der Gewalt jenes Mannes befindet. Mein Entſetzen vor ihm iſt der Art, daß nichts, was Sir Percival ſagen oder mein Onkel ſchreiben könnte, mich bewegen ſollte— falls ich blos meine eigenen Gefühle zu berückſichtigen hätte— unter ſeinem Dache zu eſſen, zu trinken oder zu ſchlafen. Aber meine Angſt der Ungewißheit um Marian⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 6 82 nen gibt mir den Muth, ihr zu folgen, wohin es auch ſei— ja ſelbſt bis in Graf Fosco's Haus.“ Ich hielt es hier für Recht zu erwähnen, daß Miß Halcombe nach Sir Percival's Angabe bereits nach Cum⸗ berland abgereiſt ſein müſſe. „Ich wage es nicht zu glauben!“ entgegnete Mylady. „Ich fürchte, ſie iſt noch immer in jenes Mannes Hauſe. Falls ich mich täuſche— falls ſie wirklich ſchon auf dem Wege nach Limmeridge iſt— bin ich entſchloſſen, morgen Nacht nicht unter Graf Fosco's Dache zu ſchlafen. Die liebſte Freundin, die ich, nächſt meiner Schweſter, in der Welt beſitze, wohnt nahe bei London. Sie haben mich und Miß Halcombe doch von Mrs. Veſey ſprechen hören? Ich werde an ſie ſchreiben und ihr ſagen, daß ich die Nacht in ihrem Hauſe zubringen will. Ich weiß nicht, wie ich zu ihr gelangen— weiß nicht, wie ich dem Grafen ausweichen ſoll, aber zu ihr will ich fliehen, ſollte meine Schweſter bereits nach Cumberland abgereiſt ſein. Alles, warum ich Sie bitte, iſt, daß Sie Sorge tragen, daß mein Brief an Mrs. Veſey ebenſo ſicher heute Abend nach London ab⸗ geht, wie Sir Percival's Brief an Graf Fosco. Ich habe Grund, mich nicht auf die Poſttaſche zu verlaſſen. Wollen Sie mein Geheimniß bewahren und mir hierin helfen? Es wird vielleicht die letzte Gefälligkeit ſein, um die ich Sie je erſuchen werde.“ Ich zögerte— es kam mir Alles ſehr ſeltſam vor— ich fürchtete beinah, daß Mylady's Geiſt durch die kürz⸗ lich ausgeſtandenen Sorgen und Leiden ein wenig zer⸗ rüttet ſei. Doch endete ich damit, daß ich auf eigene Ge⸗ fahr hin einwilligte. Wäre der Brief an eine fremde Per⸗ ſon oder an irgend Jemand anders, als die mir dem Rufe nach ſo wohlbekannte Mrs. Veſey gerichtet geweſen, hätte ich mich wahrſcheinlich geweigert. Ich danke Gott— wenn ich bedenke, was ſich ſpäter ereignete— ich danke Gott, daß ich Lady Glyde weder dieſen noch irgend einen andern Wunſch verſagte, den ſie während dieſes letzten Tages ihres Aufenthaltes in Blackwater Park ausſprach. Sie ſchrieb den Brief und übergab ihn mir. Abends trug ich ihn ſelbſt ins Dorf und that ihn in den Brief⸗ kaſten. Wir hatten während des ganzen übrigen Tages Sir Per⸗ cival nicht wieder zu Geſicht bekommen. Ich ſchlief auf Lady Glyde's Wunſch in dem Zimmer neben dem ihrigen, und die Thür zwiſchen beiden Zimmern blieb offen ſtehen. Es lag in der Einſamkeit und Leere des Hauſes etwas ſo Sonder⸗ bares und Unangenehmes, daß ich meinerſeits froh war, eine Gefährtin in der Nähe zu haben. Mylady blieb ſpät auf, indem ſie beſchäftigt war, Briefe zu leſen und zu ver⸗ brennen, und aus ihren Auszügen und Schränkchen kleine Gegenſtände, die ihr werth waren, herauszunehmen, als ob ſie nicht erwarte, je nach Blackwater Park zurückzu⸗ kehren. Ihr Schlaf, als ſie ſich endlich zu Bette gelegt, war ſehr unruhig: ſie ſchrie mehrere male laut auf, ein⸗ mal ſo laut, daß ſie ſelbſt darüber erwachte. Welcher Art aber ihre Träume ſein mochten, mir theilte ſie dieſelben nicht mit. Vielleicht hatte ich in meiner Stellung nicht das Recht, dies von ihr zu erwarten. Es kommt jetzt wenig darauf an. Ich war ſehr bekümmert um ſie— ge⸗ wiß, ich war deſſenungeachtet von ganzem Herzen beküm⸗ mert um ſie. 6 Der folgende Tag war ſchön und ſonnenhell. Sir Percival kam nach dem Frühſtücke zu uns herauf und be⸗ nachrichtigte uns, daß der Wagen um ein Viertel vor zwölf Uhr vor der Thür ſein werde— der Zug, mit dem wir nach London gehen wollten, hielt zwanzig Minuten nach zwölf bei unſerer Station an. Er ſagte, er ſei ge⸗ nöthigt, auszugehen, fügte aber hinzu, daß er vor ihrer Abreiſe zurückzuſein hoffe. Falls er aber durch irgend einen Zufall hieran verhindert würde, ſo ſollte ich ſie nach der Station begleiten und Sorge tragen, daß ſie nicht zu ſpät käme. Sir Percival gab uns dieſe Inſtructionen, in⸗ dem er ſehr haſtig ſprach und fortwährend aufgeregt im Zimmer auf und ab ging. Mylady blickte ihm aufmerk⸗ ſam nach, wohin er ging. Er ſah ſie nicht ein einziges mal an. Sie ſprach erſt, als er geendet, und hielt ihn dann zurück, als er aus der Thür gehen wollte, indem ſie ihm die Hand hinreichte. „Ich werde Dich nicht mehr ſehen,“ ſogie ſie ſehr deutlich;„hier ſcheiden wir— vielleicht auf immer. Willſt Du verſuchen mir zu vergeben, Percival, ſo von Herzen, wie ich Dir vergebe?“ Es zog ſich eine furchtbare Bläſſe über ſein Geſſicht, und große Schweißperlen ſtanden ihm auf der kahlen Stirn.„Ich werde zurückkommen,“ ſagte er und eilte nach der Thür, als ob die Worte ſeiner Frau ihn hin⸗ ausgejagt hätten. Ich hatte Sir Percival nie ſehr gern gehabt, aber die Art und Weiſe, in der er Lady Glyde verließ, verurſachte mir förmlich Scham, daß ich je ſein Brot gegeſſen und in 85 ſeinem Dienſte gelebt hatte. Ich wollte der armen Dame ein paar troſtreiche, chriſtliche Worte ſagen, aber es lag etwas in ihrem Geſicht, als ſie ihrem Manne nachblickte, bis er die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, das mich um⸗ ſtimmte und zu ſchweigen bewog. Zur beſtimmten Zeit fuhr der Wagen vor. Mylady hatte Recht: Sir Percival kam nicht zurück. Wir warte⸗ ten bis zum letzten Augenblicke auf ihn— aber vergebens. Es ruhte keine poſitive Verantwortlichkeit auf mir, und doch war ich unruhigen Geiſtes.„Es iſt doch Ihr freier Wille, Mylady,“ ſagte ich, als wir durch das Thor fuhren,„daß Sie jetzt nach London reiſen?“ „Ich würde hingehen, wohin man wollte, um die furchtbare Ungewißheit zu enden, die ich in dieſem Augen⸗ blick erdulde!“ entgegnete ſie. Sie hatte es dahin gebracht, daß ich faſt ebenſo un⸗ ruhig und beſorgt um Miß Halcombe geworden, wie ſie ſelbſt. Ich wagte, ſie um eine Zeile der Nachricht zu bit⸗ ten, falls in London Alles gut ginge. Sie antwortete: „Sehr gern, Mrs. Michelſon.“ „Wir haben Alle unſer Kreuz zu tragen, Mylady,“ ſagte ich, da ich ſah, daß ſie ſchweigſam und gedankenvoll wurde, nachdem ſie mir zu ſchreiben verſprochen hatte. Sie antwortete nicht; ſie ſchien zu ſehr in ihre eigenen Ge⸗ danken verſunken, um auf mich zu achten.„Ich fürchte, Mylady ſchliefen ſchlecht in der Nacht,“ bemerkte ich nach einer kleinen Weile.„Ja,“ ſagte ſie,„ich wurde durch furchtbare Träume geſtört.“„Wirklich, Mylady?“ Ich dachte, ſie ſei im Begriff, mir ihre Träume zu erzählen; a ber nein. Als ſie das nächſte mal wieder ſprach, war es, 86 um eine Frage zu thun.„Haben Sie den Brief an Mrs. Veſey mit eigener Hand in die Poſt gethan?“ „Ja, Mylady.“ „Sagte Sir Percival geſtern, daß der Graf Fosco mich an der Station in London empfangen werde?“ „Ja, Mylady.“ Sie ſeufzte ſchwer auf, als ich dieſe letzte Antwort gab und ſagte nichts weiter. Wir kamen kaum zwei Minuten vor Abgang des Zuges auf der Station an. Der Gärtner, welcher uns gefahren hatte, ſah nach dem Gepäck, während ich Mylady's Billet beſorgte. Es wurde bereits zur Abfahrt gepfiffen, als ich zu Mylady auf den Perron zurückkehrte. Sie ſah ſehr ſeltſam aus und preßte plötzlich die Hand aufs Herz, wie wennſie ein heftiger Schmerz oder Schreck durchfahren hätte. „Ich wollte, Sie kämen mit mir!“ ſagte ſie, mich haſtig beim Arme ergreifend, als ich ihr das Billet übergab. Wäre noch Zeit dazu geweſen und hätte ich den Tag vorher gefühlt, was ich jetzt fühlte, ſo würde ich meine Vorbereitungen getroffen haben, um ſie zu begleiten, ſelbſt wenn ich dadurch genöthigt worden wäre, Sir Percival auf der Stelle meine Dienſte aufzukündigen. So aber wurden ihre Wünſche, im letzten Augenblicke ausgeſprochen, mir zu ſpät bekannt, um ihnen zu willfahren. Sie ſchien dies ſelbſt einzuſehen, bevor ich noch Zeit hatte, es ihr zu erklären, und wiederholte ihren Wunſch, mich zur Reiſe⸗ gefährtin zu haben, nicht. Der Zug hielt vor dem Perron. Sie gab dem Gärtner, ehe ſie in den Waggon ſtieg, ein Geſchenk für ſeine Kinder und reichte mir auf ihre ein⸗ fache, herzliche Weiſe die Hand. ———.—. „ 8— rs. Sco „Sie ſind ſehr freundlich gegen mich und meine Schwe⸗ ſter geweſen,“ ſagte ſie,„ſehr freundlich, da wir Beide freundlos waren, Ich werde mich Ihrer dankbar erin⸗ nern, ſolange ich mich noch an irgend etwas werde erin⸗ nern können. Adieu— und Gott ſegne Sie!“ Sie ſprach dieſe Worte in einem Tone und mit einem Blicke, daß mir darüber die Thränen in die Augen traten — ſie ſprach ſie, als ob ſie mir auf immer Lebewohl ſagte. „Leben Sie wohl, Lady,“ ſagte ich, ihr in den Wagen helfend und indem ich ſie aufzumuntern ſuchte,„aber nur für jetzt Lebewohl; meine beſten Wünſche für glücklichere Zeiten begleiten Sie!“ Sie ſchüttelte den Kopf und ſchauderte zuſammen, als ſie ſich in den Wagen ſetzte. Der Schaffner ſchloß die Thür.„Glauben Sie an Träume?“ flüſterte ſie mir durchs Fenſter zu. Meine Träume in der vorigen Nacht waren ſolche, wie ich ſie noch nie gehabt habe; und das Entſetzen derſelben verfolgt mich noch immer.“ Es wurde gepfiffen, ehe ich noch etwas erwidern konnte, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Ihr weißes, ruhiges Geſicht ſah mich an— ſchaute mich noch einmal durchs Fenſter kummervoll und feierlich an— ſie winkte mit der Hand— und ich ſah ſie nicht mehr. Gegen fünf Uhr an demſelben Nachmittage ſetzte ich mich in meinem Zimmer, da mir inmitten meiner zahl⸗ reichen Haushaltspflichten ein wenig Zeit übrig blieb, um durch eine der Predigten meines lieben Mannes mein Gemüth etwas zu beruhigen. Zum erſtenmale in mei⸗ nem Leben gewahrte ich, daß meine Aufmerkſamkeit von den frommen und aufrichtenden Worten abſchweifte. In⸗ dem ich ſchloß, daß Lady Glyde's Abreiſe mich weit tiefer betrübt, als ich mir zuerſt eingeſtanden, legte ich das Buch von mir und ging hinaus, um einen kleinen Gang durch den Garten zu machen. Sir Percival war, ſoviel mir bekannt, noch nicht zurückgekehrt, und ich brauchte daher keinen Anſtand zu nehmen, mich in den Parkan⸗ lagen ſehen zu laſſen. Als ich um die Ecke des Hauſes bog und den Gar⸗ ten ſehen konnte, war ich überraſcht, eine fremde Perſon darin ſpazierengehen zu ſehen. Es war eine Frau, die langſam, den Rücken mir zugewendet, dem Pfade entlang ging und Blumen pflückte. Als ich näher herankam, hörte ſie mich und wandte ſich um. Das Blut erſtarrte in meinen Adern. Die fremde Perſon im Garten war Mrs. Rubelle. Ich konnte mich weder rühren noch ſprechen. Sie trat ſo gelaſſen, wie immer, mit den Blumen in der Hand zu mir heran. „Was gibt es, Madame?“ frug ſie ganz ruhig. „Sie hier?“ ſagte ich mühſam.„Nicht in London! Nicht in Cumberland?“ Mrs. Rubelle athmete mit einem Lächeln maliciöſen Mitleids den Duft ihrer Blumen ein. „Gewiß nicht,“ ſagte ſie.„Ich habe Blackwater Park keinen Augenblick verlaſſen.“ Ich ſammelte Muth und Athem zu einer zweiten Frage. „Wo iſt Miß Halcombe?“ In⸗ tefer das ang viel chte kan⸗ zar⸗ rſon die ang ndte nde Sie der on! ſen aer ge. 89 Mrs. Rubelle lachte mir diesmal gerade ins Geſicht und antwortete: „Miß Halcombe, Madame, hat Blackwater Park ebenfalls nicht verlaſſen.“ Miß Halcombe hat Blackwater Park nicht ver⸗ laſſen! Als ich dieſe Worte hörte, flogen meine Gedanken augenblicklich zu meinem Scheiden von Lady Glyde zurück. Ich kann kaum ſagen, daß ich mir Vorwürfe machte, aber in dem Augenblicke hätte ich gern die ſauren Erſparniſſe von vielen Jahren darum gegeben, wenn ich vier Stun⸗ den früher gewußt hätte, was ich jetzt wußte. Mrs. Rubelle ſtand ruhig da und machte ſich mit ihren Blumen zu ſchaffen, als ob ſie erwarte, daß ich etwas ſagen werde. Ich konnte nichts ſagen. Ich dachte an Lady Glyde's erſchöpfte Kräfte und ſchwache Geſundheit und zitterte bei dem Gedanken an den Augenblick, wo der Schlag dieſer Entdeckung auf ſie fallen würde. Meine Befürchtungen für die gute Dame ließen mich ein paar Minuten völlig verſtummen. Nach Verlauf derſelben blickte Mrs. Rubelle ſeitwärts von ihren Blumen auf und ſagte:„Hier kommt Sir Percival von ſeinem Ritte zurück, Madame.“ Ich ſah ihn ebenſobald, wie ſie ihn geſehen. Er kam auf uns zu, indem er grimmig mit der Reitpeitſche in die Blumen hieb. Als er nahe genug herangekommen war, um mein Geſicht zu ſehen, ſtand er ſtill, ſchlug mit der Peitſche an ſeine Stiefeln und brach in ein ſo rauhes, widriges Lachen aus, daß die Vögel erſchrocken aus dem Baume herausflatterten, neben welchem er ſtand. 90 „Nun, Mrs. Michelſon,“ ſagte er,„ſind Sie endlich dahinter gekommen?“ Ich erwiderte nichts, und er wandte ſich gegen Mrs. Rubelle. „Wann ließen Sie ſich im Garten ſehen?“ „Vor ungefähr einer halben Stunde, Sir. Sie ſag⸗ ten, ich könne meine Freiheit haben, ſobald Lady Glyde nach London abgereiſt ſei.“ „Ganz recht. Ich tadle Sie nicht. Es war eine bloſe Frage.“ Er ſchwieg einen Augenblick und wandte ſich dann wieder zu mir.„Sie können's nicht glauben, wie?“ ſagte er ſpöttiſch.„Hier! kommen Sie mit und ſehen es ſelbſt.“ Er ging voran bis zur Vorderſeite des Hauſes. Ich folgte ihm und Mrs. Rubelle mir. Nachdem wir durch die eiſernen Thore gegangen, ſtand er ſtill und wies mit der Peitſche auf das unbewohnte Centrum des Gebäudes. „Da!“ ſagte er,„ſehen Sie nach den Fenſtern der erſten Etage hinauf. Sie wiſſen die alten Eliſabeth'ſchen Schlafzimmer? Miß Halcombe befindet ſich in dieſem Augenblicke ſicher und gemüthlich in dem beſten derſelben. Führen Sie ſie hinein, Mrs. Rubelle(Sie haben doch Ihren Schlüſſel?); führen Sie Mrs. Michelſon hinein, damit ihre eigenen Augen ſie überzeugen, daß diesmal keine Täuſchung ſtattfindet.“ Der Ton, in welchem er zu mir ſprach, und die weni⸗ gen Minuten, die verfloſſen waren, ſeit wir den Garten verlaſſen, halfen mir, mich wieder zu ſammeln. Was ich in dieſem kritiſchen Augenblicke möglicherweiſe gethan, falls ich mein ganzes Leben im Dienſte zugebracht hätte, kann ich nicht ſagen. So aber, da ich die Gefühle, die Grund⸗ ſätze und Erziehung einer gebildeten Dame beſaß, konnte ich natürlich über das richtige Verfahren keinen Augen⸗ blick im Zweifel ſein. Meine Pflicht gegen mich ſelbſt ſowohl, wie meine Pflicht gegen Lady Glyde verboten mir, im Dienſte eines Mannes zu bleiben, der uns Beide auf ſo ſchnöde Weiſe durch eine Reihe von Unwahrheiten hintergangen hatte. „Ich muß um Erlaubniß bitten, Sir Percival,“ ſagte ich,„ein paar Worte allein mit Ihnen ſprechen zu dürfen. Ich werde danach bereit ſein, mit dieſer Frau zu Miß Halcombe zu gehen.“ Mrs. Rubelle, auf welche ich mit einer leichten Kopf⸗ bewegung hingedeutet hatte, roch mit einer impertinenten Miene an ihrem Blumenſtrauß und ging dann mit ihrer gewohnten Gelaſſenheit der Hausthür zu. „Nun,“ ſagte Sir Percival ſcharf, was gibt's jetzt?“ „Ich wünſche Ihnen anzukündigen, Sir, daß ich das Amt, welches ich augenblicklich in Blackwater Park be⸗ kleide, hiermit niederlege.“ Dies war genau, wie ich mich ausdrückte. Ich war entſchloſſen, daß meine erſten Worte zu ihm die ſein ſollten, welche ihm meine Dienſte auf⸗ kündigten. Er betrachtete mich mit einem ſeiner finſterſten Blicke und fuhr wüthend mit den Händen in die Taſchen ſeines Reitrockes. „Warum?“ ſagte er;„ich möchte wiſſen, warum?“ „Es ſteht mir nicht zu, Sir Percival, eine Meinung über Das abzugeben, was ſich in dieſem Hauſe zugetragen hat. Ich wünſche niemanden zu beleidigen, ſondern blos 92 zu bemerken, daß ich es nicht mit meiner Pflicht gegen Lady Glyde und gegen mich ſelbſt vereinbar halte, län⸗ ger in Ihren Dienſten zu bleiben.“ „Iſt es mit Ihrer Pflicht gegen mich vereinbar, da⸗ zuſtehen und geradezu Verdacht auf mich zu werfen?“ ſchrie er auf ſeine allerheftigſte Art.„Ich ſeh' ſchon, wo Sie hinaus wollen. Sie haben ſich Ihre eigene gemeine, hinterliſtige Anſicht über eine unſchuldige Täuſchung ge⸗ bildet, die zu ihrem eigenen Beſten gegen Lady Glyde begangen worden. Es war durchaus nothwendig für ihre Geſundheit, daß ſie ſofort eine Luftveränderung genöſſe — und Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß ſie nimmer ge⸗ gangen wäre, ſo lange ſie Miß Halcombe noch hier wußte. Sie iſt zu ihrem eigenen Beſten getäuſcht worden, und Jeder mag das wiſſen. Gehen Sie, wann Sie wollen — es ſind reichlich Haushälterinnen zu haben, die voll⸗ kommen ſo gut ſind, wie Sie. Gehen Sie, wann Sie wollen— aber nehmen Sie ſich in Acht, wie Sie mich und meine Angelegenheiten verläſtern, ſobald Sie ein⸗ mal aus meinem Dienſte ſind. Sagen Sie die Wahr⸗ heit und nichts als die Wahrheit, oder es ſoll Ihnen ſchlimm ergehen! Sehen Sie Miß Halcombe ſelbſt und überzeugen Sie ſich, ob Sie nicht in dem einen Theile des Hauſes ſo gute Pflege genoſſen hat, wie in dem andern. Denken Sie an des Doctors eigene Worte, daß Lady Glyde ſobald wie möglich eine Luftveränderung genießen müſſe. Denken Sie an alles Dies und dann wagen Sie es, etwas gegen mich und mein Verfahren zu ſagen!“ Er entlud ſich dieſer Worte mit einer wahren Wuth eine, ge⸗ lyde ihre nöſſe ge⸗ ußte. und ollen voll⸗ Sie mich ein⸗ ahr⸗ pnen und des ern. ady eßen gen zu zuth und alle in einem Athem, wobei er auf und abging und mit der Peitſche in der Luft umher hieb. Doch konnte nichts, was er ſagte oder that, meine Meinung über die Reihe abſcheulicher Unwahrheiten ſchwan⸗ kend machen, welche er am geſtrigen Tage in meiner Gegen⸗ wart geſprochen, noch von der grauſamen Täuſchung, durch welche er Lady Glyde von ihrer Schweſter getrennt hatte, da jene bereits in ihrer Angſt um Miß Halcombe halb den Verſtand verloren. Ich behielt dieſe Gedanken natür⸗ lich für mich und ſagte nichts weiter, das ihn aufreizen konnte, aber ich war nichtsdeſtoweniger entſchloſſen, meine ausgeſprochene Abſicht auszuführen. Eine ſanfte Antwort wendet den Zorn ab, und ich unterdrückte deshalb meine eigenen Gefühle, als ich ihm eine Antwort zu geben ge⸗ nöthigt war. „So lange ich in Ihren Dienſten bin, Sir Percival,“ ſagte ich,„hoffe ich hinlänglich meine Pflicht zu kennen, um mich nicht um Ihre Beweggründe zu bekümmern. Sobald ich aber Ihren Dienſt verlaſſen haben werde, denke ich meine Stellung gut genug zu kennen, um nicht über Dinge zu ſprechen, die mich nichts angehen—“ „Wann wollen Sie fort?“ unterbrach er mich ohne alle Ceremonie.„Bilden Sie ſich nicht ein, daß mir daran liegt, Sie zu behalten— daß ich mich darum be⸗ trübe, wenn Sie das Haus verlaſſen. Ich bin in dieſer Sache von Anfang bis zu Ende vollkommen offen und gerecht. Wann wollen Sie fort?“ „Ich möchte gehen, ſobald es Ihnen nur paßte, Sir Percival.“ „Das hat gar nichts damit zu thun. Ich werde mor⸗ 94 gen früh das Haus ganz und gar verlaſſen und kann heute Abend mit Ihnen abſchließen. Falls Sie auf irgend Je⸗ manden Rückſichten zu nehmen wünſchen, ſo können Sie es lieber für Miß Halcombe thun. Mrs. Rubell's Zeit i*ſt heute abgelaufen, und ſie hat Urſache, zu wünſchen, ſchon heute Abend in London zu ſein. Falls Sie gleich abgehen, ſo wird kein lebendes Weſen da ſein, um nach Miß Halcombe zu ſehen.“ Ich hoffe, es iſt unnöthig für mich zu ſagen, daß es nicht in meiner Natur lag, Lady Glyde und Miß Hal⸗ combe in einer Lage zu verlaſſen, wie die, in der ſie ſich jetzt befanden. Nachdem ich mir erſt entſchieden von Sir Percival die Verſicherung hatte geben laſſen, daß Mrs. Rubelle ſofort abreiſen werde, falls ich ihre Stelle über⸗ nähme, und ferner ſeine Erlaubniß erhalten, Mrs. Dawſon zu ſeiner Patientin zurückzurufen, gab ich bereitwillig meine Zuſtimmung, in Blackwater Park zu bleiben, bis Miß Hal⸗ combe meiner Dienſte nicht länger bedürfen würde. Es wurde ausgemacht, daß ich Sir Percival's Advocaten eine Woche vorher davon benachrichtigte, ſobald ich fortzugehen wünſche, und daß derſelbe die nothwendigen Anſtalten treffen ſolle, eine Stellvertreterin für mich einzuſetzen. Die Sache war mit wenig Worten abgemacht, worauf Sir Percival mir frei ließ zu Mrs. Rubelle zurückzukehren. Dieſe ſonderbare Ausländerin hatte während der ganzen Zeit ruhig auf der Thürſchwelle geſeſſen und gewartet, bis ich ſie würde zu Miß Halcombe begleiten können. Ich war kaum zur Hälfte bis ans Haus gelangt, als Sir Percival, welcher in eutgegengeſetzter Richtung davon⸗ gegangen war, ſtille ſtand und mich wieder zurückrief. val Weo Gr geh wid lage Red mich länd ten mit wele eine Bla woh der jeute Je⸗ Sie Zeit chen, leich nach iß es Hal⸗ ſich Sir Nrs. iber⸗ wſon neine Hal⸗ Es eine gehen alten Die Sir hren. unzen artet, en. , als aon⸗ ef. 95 „Weshalb verlaſſen Sie meinen Dienſt?“ fragte er. Dieſe Frage war nach dem, was ſoeben zwiſchen uns vorgegangen, ſo merkwürdig, daß ich kaum wußte, was ich darauf erwidern ſollte. „Denken Sie an Dies: ich weiß es nicht, weshalb Sie fortgehen,“ fuhr er fort. Sie werden aber vermuth⸗ lich einen Grund dafür angeben müſſen, wenn Sie eine neue Stelle antreten wollen. Was iſt Ihr Grund? Das Auseinandergehen der Familie? Iſt es das?“ „Ich habe nichts Entſchiedenes dagegen, Sir Perci⸗ val, dies als den Grund—“ „Schon gut! Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte. Wenn man ſich alſo bei Ihnen erkundigt, ſo iſt das der Grund, den Sie ſelbſt dafür angegeben haben. Sie gehen ab in Folge des Auseinandergehens der Familie.“ Er wandte ſich wieder um, ehe ich noch ein Wort er⸗ widern konnte, und ging mit ſchnellen Schritten den An⸗ lagen zu. Sein Weſen war ebenſo ſonderbar, wie ſeine Reden. Ich geſtehe, daß er mich beunruhigte. Selbſt Mrs. Rubelle's Geduld war erſchöpft, als ich mich an der Hausthür zu ihr geſellte. „Endlich!“ ſagte ſie, indem ſie mit ihren magern aus⸗ ländiſchen Achſeln zuckte. Sie ging voran in den bewohn⸗ ten Theil des Hauſes, dann die Treppe hinauf und öffnete mit ihrem Schlüſſel die Thür am Ende des Corridors, welcher zu den alten Eliſabeth'ſchen Zimmern führte— eine Thür, die noch nie geöffnet worden, ſolange ich in Blackwater Park geweſen. Die Zimmer ſelbſt waren mir wohlbekannt, da ich ſie zu verſchiedenen Gelegenheiten von der andern Seite des Hauſes aus betreten hatte. Mrs. 96 Rubelle ſtand an der dritten Thür in der alten Gallerie ſtill, überreichte mir den Schlüſſel zu derſelben, ſowie den Schlüſſel zur Verbindungsthür und ſagte mir, ich würde Miß Halcombe in dieſem Zimmer finden. Ehe ich hineinging, erachtete ich als zweckmäßig, ihr zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß man ihrer Aufwartung nicht mehr bedürfe. Demzufolge benachrichtigte ich ſie mit wenigen kurzen Worten, daß die Pflege der kranken Dame hin⸗ fort gänzlich mir anheimfalle. „Ich freue mich es zu hören, Madame,“ ſagte Mrs. Rubelle.„Ich ſehne mich ſehr danach, zu gehen.“ „Werden Sie heute abreiſen?“ ſagte ich, um meiner Sache gewiß zu ſein. „Jetzt, da Sie die Pflege übernommen haben, Ma⸗ dame, werde ich in einer halben Stunde den Ort ver⸗ laſſen. Sir Percival hat die Güte gehabt, den Wagen und den Gärtner zu meiner Dispoſition zu ſtellen, ſo⸗ bald ich ihrer bedürfen würde. Ich werde ihrer in einer halben Stunde bedürfen, um nach der Station zu fah⸗ ren. Ich habe in Erwartung deſſen bereits eingepackt. Ich wünſche Ihnen einen guten Tag, Madame.“ Sie machte einen flinken Knix und ging die Gallerie entlang, wobei ſie eine Melodie vor ſich hinſummte, zu der ſie munter mit ihrem Blumenſtrauße den Tact ſchlug. Ich ſage es mit aufrichtiger Dankbarkeit, daß dies das letzte war, was ich von Mrs. Rubelle ſah. Als ich ins Zimmer trat, fand ich, daß Miß Halcombe ſchlief. Ich betrachtete ſie mit Beſorgniß, während ſie in dem finſtern, hohen, altmodiſchen Bette dalag. Jedenfalls hatte ſich ihr Zuſtand, dem Ausſehen nach zu urtheilen, einer Ma⸗ ver⸗ Sagen „ſo⸗ einer fah⸗ packt. ellerie te, zu chlug. 8 das combe ſie in enfalls heilen, 97 nicht verſchlimmert, ſeit ich ſie zuletzt geſehen, und ich muß zugeben, daß, ſoviel ich ſehen konnte, man ſie nicht und finſter; aber das Fenſter(welches auf den einſamen Hof an der Hinterſeite des Hauſes hinausging) war ge⸗ öffnet, um die friſche Luft einzulaſſen, und Alles, was geſchehen konnte, um die Stube wohnlich zu machen, war gethan worden. Die ganze Grauſamkeit des von Sir Per⸗ cival ausgeübten Betruges war auf die arme Lady Glyde gefallen. Das Einzige, worin er oder Mrs. Rubelle Miß Halcombe ſchlecht behandelt, war, ſoviel ich bemerken konnte, der Umſtand, daß ſie ſie verſteckt hatten. Ich ſchlich mich wieder hinaus, während die kranke Dame noch in ſanftem Schlummer lag, um dem Gärtner meine Weiſungen in Bezug auf das Wiederholen des Arztes zu geben. Ich bat ihn, nachdem er Mrs. Rubelle werde nach der Station gebracht habeu, bei Mr. Dawſon vor⸗ zufahren und ihn mit meiner Empfehlung zu bitten, zu mir zu kommen. Ich wußte, daß er meinetwegen kom⸗ men und bleiben würde, ſobald er erfuhr, daß Graf Fosco das Haus verlaſſen. Im Verlaufe der Zeit kehrte der Gärtner zurück und ſagte, daß er zu Mr. Dawſon's Wohnung gefahren, nach⸗ dem er Mrs. Rubelle auf der Station abgeſetzt habe. Der Doctor laſſe mir ſagen, er befinde ſich ſelbſt nicht wohl, wolle aber womöglich am folgenden Morgen zu mir kommen. Als er ſeine Botſchaft ausgerichtet, war er im Begriffe zu gehen, aber ich hielt ihn zurück, um ihn zu bitten, nach dem Dunkelwerden wiederzukommen und die Nacht in Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 7 —— — 95. einem der leeren Schlafzimmer zu wachen, damit ich ihn rufen könne, falls irgend etwas vorfallen ſollte. Er be⸗ griff vollkommen, wie ungern ich die ganze Nacht allein⸗ in dieſem einſamſten Theile des verlaſſenen Hauſes zu⸗ bringen würde, und willigte bereitwillig ein, zwiſchen acht und neun Uhr wiederzukommen. Er kam pünktlich, und ich hatte alle Urſache, mir zu der Vorſicht Glück zu wünſchen, die mich ihn hatte beſtellen laſſen. Noch vor Mitternacht brach Sir Percival's ſeltſame Wuth auf die heftigſte und beunruhigendſte Weiſe aus, und wäre nicht der Gärtner dageweſen, um ihn zu beſänftigen, fürchte ich mich, zu denken, was hätte geſchehen können. Er war während des ganzen Nachmittags und Abends faſt mit unſtätem, aufgeregtem Weſen im Hauſe und im Garten umhergewandert, nachdem er, wie mir's ſchien, bei ſeinem einſamen Diner eine übermäßige Menge Wein getrunken. Wie dem indeſſen ſein mag, ich hörte ſeine Stimme im neuen Flügel des Hauſes laut und zornig ausrufen, als ich, gerade ehe ich zu Bett gehen wollte, einen Gang durch die Gallerie machte. Der Gärtner lief augenblicklich zu ihm hinunter, und ich ſchloß ſchnell die Verbindungsthür, damit der Lärm nicht bis zu Miß Halcombe dringen und ſie wecken möge. Es währte eine gute halbe Stunde, ehe der Gärtner zurückkam. Er meinte, ſein Herr ſei gänzlich von Sinnen — nicht durch die Aufregung vom Weine, wie ich ver⸗ muthet hatte, ſondern durch eine Art Furcht oder Geiſtes⸗ angſt, die wir uns auf keine Weiſe erklären konnten. Er hatte Sir Percival in der Flur gefunden, wo er heftig auf und ab ging, indem er mit jedem Anzeichen —,y, ihn be⸗ llein zu⸗ acht d ich chen, nacht und rtner , zu ends und nir's kenge hörte und gehen Der d ich nicht nöge. rtner innen ver⸗ eiſtes⸗ inten. vo er eichen 99 der leidenſchaftlichſten Wuth ſchwor, er wolle keine Minute länger in einem ſolchen alten Kerker, wie ſeinem eigenen Hauſe, bleiben, und zwar die erſte Station ſeiner Reiſe ſofort mitten in der Nacht antreten. Er hatte den Gärtner, als dieſer ſich ihm genähert, mit Flüchen und Drohungen hinausgetrieben und ihm befohlen, augen⸗ blicklich anzuſpannen und den Wagen vor die Thür zu bringen. Eine Viertelſtunde ſpäter war Sir Percival zu ihm in den Hof gekommen, auf den Wagen geſprungen, und, indem er das Pferd zum Galopp gepeitſcht, ſei er im Mondenlichte mit kreideweißem Geſichte davongefahren. Der Gärtner hatte dann gehört, wie er dem Parkthor⸗ hüter zugeſchrien und auf ihn geflucht hatte, weil er nicht ſchnell genug herausgekommen, um das Thor zu öffnen, und dann, wie die Räder im raſenden Laufe wieder weiter gerollt— worauf Alles ſtill geworden— und weiter wußte er nichts. Am folgenden Tage, oder vielleicht ein paar Tage ſpä⸗ ter(ich weiß es nicht mehr genau), hatte der Stallknecht aus dem alten Wirthshauſe zu Knowlesbury— unſerer nächſten Stadt— den Wagen wieder zurückgebracht. Sir Percival hatte dort angehalten und war ſpäter mit dem Bahnzuge weiter gereiſt— wohin, konnte der Mann uns nicht ſagen. Ich erhielt nie weder durch ihn ſelbſt, noch ſonſt irgend Jemanden fernere Nachrichten über Sir Per⸗ cival Glyde, und ich weiß nicht, ob er in dieſem Augen⸗ blicke in England iſt oder nicht. Er und ich ſind einander nicht mehr begegnet, ſeit jener Nacht, wo er wie ein aus⸗ brechender Uebelthäter aus ſeinem eigenen Hauſe entfloh, und es iſt mein inbrünſtiges Gebet und meine ernſtliche — — 100 Hoffnung, daß wir einander auch nie wieder begegnen mögen. Mein eigener Antheil an dieſer traurigen Familien⸗ geſchichte naht ſich jetzt ſeinem Ende. Man hat mir geſagt, daß die Einzelheiten in Bezug auf Miß Halcombe's Erwachen und auf Das, was ſich zwiſchen uns zutrug, als ſie mich an ihrem Bette ſitzen fand, für den Zweck meiner gegenwärtigen Ausſage nicht von Wichtigkeit ſind. Es wird genügen, wenn ich hier erwähne, daß ſie ſelbſt ſich der Art und Weiſe unbewußt war, auf welche man ſie von dem bewohnten Theile des Hauſes nach dem unbewohnten geſchafft hatte. Sie mußte zur Zeit in einem tiefen Schlafe geweſen ſein, ob derſelbe aber ein natürlicher oder künſtlich herbeigeführter, war ſie nicht im Stande zu ſagen. Während meiner Abweſenheit in Torquay und der aller Diener vom Hauſe(mit Aus⸗ nahme von Margaret Porcher, deren fortwährende Be⸗ ſchäftigung in Eſſen, Trinken und Schlafen beſtand) war die heimliche Wegſchaffung Miß Halcombe's von einem Theile des Hauſes zum andern natürlich mit Leichtigkeit bewerkſtelligt worden. Mrs. Rubelle hatte(wie ich ent⸗ deckte, da ich mich im Zimmer umſah) Mundvorräthe und ſonſtige Erforderniſſe, wie die Mittel, um heißes Waſſer oder Brühe zu bekommen, ohne genöthigt zu ſein, ein Feuer anzuzünden, während der wenigen Tage ihrer Gefangen⸗ ſchaft mit der kranken Dame oben gehabt. Sie hatte ſich geweigert, die Fragen zu beantworten, welche Miß Halcombe ihr natürlicherweiſe vorlegte, doch hatte ſie ſie in anderer Beziehung weder mit Unfreundlichkeit noch Ver⸗ nachläſſigung behandelt. Die Schande, ſich zu einem ſo — au gnen lien⸗ ezug ſich itzen nicht hier vußt des ußte ſelbe r ſie cheit Aus⸗ Be⸗ war nem gkeit ent⸗ und aſſer euer gen⸗ jatte Miß e ſie Ver⸗ n ſo 101 abſcheulichen Betruge hergegeben zu haben, iſt die einzige, welcher ich Mrs. Rubelle mit Gewiſſenhaftigkeit an⸗ klagen kann. Man verlangt keine Einzelheiten von mir(und es iſt dies eine große Erleichterung für mich) über die Wirkung der Nachricht von Lady Glyde's Abreiſe auf Miß Hal⸗ combe, oder der weit traurigeren Nachrichten, welche wir nur zu bald darauf in Blackwater Park erhielten. Ich be⸗ reitete ſie in beiden Fällen ſo zart und ſorgfältig wie mög⸗ lich darauf vor, indem ich nur in dem letzteren den Rath des Arztes als Leitung hatte, da Mr. Dawſon während mehrerer Tage zu unwohl geweſen, um zu kommen, als ich zu ihm geſchickt. Es war eine traurige Zeit; eine Zeit, an die zu denken und von der zu ſchreiben mich noch jetzt betrübt. Die koſtbaren Segnungen religiöſen Troſtes, durch welche ich Miß Halcombe aufzurichten ſuchte, woll⸗ ten lange nicht bis in ihr Herz eindringen; aber ich hoffe und glaube, daß ſie endlich doch Platz darin gefunden. Ich verließ ſie nicht, bis ſie völlig wiederhergeſtellt war. Der Zug, mit dem ich jenes unglückſelige Haus verließ, war derſelbe, der auch ſie fortführte. Wir trennten uns mit ſehr traurigen Gefühlen in London. Ich ging zu einer Verwandten in Islington, und Miß Halcombe reiſte nach Cumberland zu Mr. Fairlie. Ich habe nur noch wenige Zeilen hinzuzufügen, ehe ich dieſe ſchmerzliche Ausſage beende. Ich werde zu den⸗ ſelben durch ein Gefühl der Pflicht beſtimmt. Ich wünſche hiermit meine eigene feſte Ueberzeugung auszuſprechen, daß in den ſoeben von mir mitgetheilten Ereigniſſen durchaus kein Tadel irgend einer Art auf 102 den Grafen Fosco fällt. Man ſagt mir, daß ein furcht⸗ barer Verdacht gehegt und über Sr. Gnaden Betragen ſehr ernſte Betrachtungen angeſtellt werden. Doch bleibt mein Glaube an des Grafen Unſchuld völlig un⸗ erſchüttert. Falls er ſich mit Sir Percival vereinigte, um mich nach Torquay zu ſchicken, ſo that er dies in einem Irrthume befangen, für den er als Ausländer und Frem⸗ der nicht getadelt werden kann. Falls er dazu beitrug, daß Mrs. Rubelle nach Blackwater Park kam, ſo war es ſein Unglück und nicht ſeine Schuld, wenn dieſe Ausländerin ſchlecht genug war, ſich an einem Betruge zu betheiligen, den der Herr des Hauſes erdachte und ausführte. Ich proteſtire im Intereſſe der Moralität dagegen, daß leichtfertigerweiſe und unverdientermaßen das Verhalten des Grafen Fosco in Frage gezogen werde. Zweitens wünſche ich, mein aufrichtiges Bedauern darüber auszuſprechen, daß ich nicht im Stande bin, mich genau des Datums zu erinnern, an welchem Lady Glyde Blackwater Park verließ, um nach London zu reiſen. Ich höre, daß die genaue Angabe des Tages, an welchem dieſe beklagenswerthe Reiſe unternommen wurde, von der größten Wichtigkeit iſt, und habe mein Gedächtniß deshalb auf das Gewiſſenhafteſte angeſtrengt; aber leider war meine Bemühung eine vergebliche. Ich kann mich nur noch entſinnen, daß es gegen Ende Juli war. Jeder weiß, wie ſchwer es iſt, nach Verlauf einiger Zeit ein Datum beſtimmt anzugeben, falls das⸗ ſelbe nicht zur Zeit notirt worden. Dieſe Schwierig⸗ keit iſt in meinem Falle noch bedeutend durch die be⸗ cht⸗ gen Hoch un⸗ um nem em⸗ rug, war dieſe ruge und lität ßen gen rern bin, ady zu ges, men nein ngt; Ich Juli lauf das⸗ rig⸗ 103. unruhigenden und verwirrenden Ereigniſſe vergrößert, welche um die Zeit von Lady Glhyde's Abreiſe ſtatt⸗ fanden. Ich wünſche von ganzem Herzen, ich hätte es mir damals notirt, oder daß meine Erinnerung an das Datum noch ſo lebhaft wäre wie meine Erinnerung an das Geſicht der armen Dame, als es mich zum letzten⸗ male kummervoll durchs Wagenfenſter anblickte. Ausſage der Heſter Pinhorn, Köchin im Dienſte des 8 Grafen Tosco. ih (Nach ihrer eigenen Ausſage niedergeſchrieben.) 3 Ich bedaure, ſagen zu müſſen, daß ich nie weder leſen ot noch ſchreiben gelernt habe. Ich habe mein Lebelang ſchwere d Arbeit zu thun gehabt und mir ſtets einen guten Ruf be⸗ 51 wahrt. Ich weiß, daß es ſündhaft und gottlos iſt, etwas d zu ſagen, was nicht wahr iſt; und ich will mich aufrichtig A vorſehen, ſo etwas bei dieſer Gelegenheit zu thun. Ich w will Alles ſagen, was ich weiß, und den Herrn, der dies ut aufſchreibt ergebenſt gebeten haben, meine Sprache zu be⸗ w richtigen, während er ſchreibt, und Entſchuldigungen für d 84 mich zu machen, da ich nichts gelernt habe. ne Während dieſes letzten Sommers war ich zufälliger⸗ öf weiſe(und ganz ohne meine Schuld) einige Zeit ohne ſt Stelle; dann hörte ich, daß man in Numero 50, Foreſt 3 K Road, St. John's Wood, eine Köchin ſuche. Ich nahm die T Stelle auf den Verſuch an. Der Name meines Herrn g war Fosco. Meine gnädige Frau war eine Engländerin. 4 Er war ein Graf und ſie eine Gräfin. Als ich hinkam, ar hatten ſie ein Mädchen, das die Stubenarbeit that. Sie g war nicht beſonders reinlich oder ordentlich, aber ſonſt war 105 weiter nichts Böſes an ihr. Ich und ſie waren die einzige Dienerſchaft im Hauſe. Ich war noch nicht lange in meiner neuen Stelle ge⸗ weſen, als das Stubenmädchen zu mir in die Küche kam und mir ſagte, es werde Beſuch vom Lande erwartet. Dies war die Nichte meiner gnädigen Frau, und es wurde das Schlafzimmer in der erſten Etage für ſie hergerichtet. Meine gnädige Frau ſagte mir, daß Lady Glyde(ſo hieß ihre Nichte) eine ſchwache Geſundheit habe, und daß ich mich im Kochen danach einrichten möge. Sie ſollte am folgenden Tage eintreffen oder vielleicht den Tag darauf oder auch noch ſpäter. Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß es unnütz iſt, mich nach einem Datum oder dergleichen zu fragen. Sonntags ausgenommen, achte ich ſelten darauf, da ich eine arbeitſame Frau und ohne Gelehrſamkeit bin. Alles was ich weiß, iſt, daß es allerdings nicht lange währte, bis Lady Glyde ankam: und zwar verurſachte ſie uns gleich bei ihrer Ankunft einen ſchönen Schrecken! Ich weiß nicht, auf welche Art der Herr ſie ins Haus brachte, da ich gerade beſchäftigt war. Aber mich dünkt, es war nachmittags, daß ſie ankamen, und das Stubenmädchen öffnete ihnen die Hausthür und führte ſie in die Wohn⸗ ſtube. Ehe ſie noch lange wieder unten bei mir in der Küche geweſen, hörten wir oben einen Spektakel und ein Weſen und ein tolles Klingeln und die Stimme meiner gnädigen Frau, die um Hülfe ſchrie. Wir rannten Beide hinauf, und da ſahen wir die Dame auf dem Sopha liegen, mit todtenbleichem Geſicht und geballten Händen und den Kopf auf eine Seite herunter hängend. Sie hatte einen plötzlichen Schrecken gehabt, 1 106 ſagte meine gnädige Frau, und der Herr ſagte, es ſeien Zufälle und Confuſionen. Ich lief hinaus, da ich die Nachbarſchaft etwas beſſer kannte, als die Anderen, um den nächſten Doctor zu Hülfe zu rufen. Der nächſte Doctor war Goodricke und Garth, die zuſammen practicir⸗ ten und, wie ich gehört habe, im ganzen St. John's Wood einen guten Ruf und eine gute Kundſchaft haben. Mr. Goodricke war zu Hauſe und kam gleich mit mir. Es währte eine Weile, bis er ſich ihr nützlich machen konnte. Die arme, unglückliche Dame fiel immer aus einer Ohnmacht in die andere— und ging ſo zukehr, daß ſie ganz erſchöpft und ſo machtlos wurde, wie ein neu⸗ geborenes Kind. Dann legten wir ſie ins Bett. Mr. Goodricke ging nach Hauſe, um Medicin zu holen und kam in weniger als einer Viertelſtunde wieder zurück. Außer der Medicin brachte er noch ein Stückchen hohlen Maha⸗ goniholzes mit, das wie eine Trompete geformt war, und nachdem er eine kleine Weile gewartet, hielt er es mit einem Ende auf das Herz der Dame und mit dem andern an ſein Ohr, worauf er dann aufmerkſam zu horchen ſchien. Als er damit fertig, ſagte er zu meiner gnädigen Frau, die auch im Zimmer war:„Dies iſt ein ſehr ſchlim⸗ mer Fall“, ſagte er,„ich empfehle Ihnen, ſogleich an Lady Glyde's Angehörigen zu ſchreiben.“ Da ſagt meine gnä⸗ dige Frau zu ihm,„Iſt es ein Herzleiden?“ und er ant⸗ wortete:„Ja, und von der gefährlichſten Art.“ Er er⸗ klärte ihr genau, worin die Krankheit beſtünde, was ich aber nicht verſtehen konnte, da ich ja nicht gelehrt bin. So viel aber weiß ich, daß er nämlich damit ſchloß: er fürchte, weder er noch ſonſt ein Doctor werde im Stande ſein, ihr zu helfen. 196 Meine gnädige Frau fand ſich ruhiger in dieſe ſchlimme Nachricht, als der Herr. Er war ein dicker, großer, ſon⸗ derbarer ältlicher Mann, der ſich Vögel und weiße Mäuſe hielt und mit ihnen ſchwatzte, als ob ſie Chriſtenkinder geweſen wären. Er ſchien furchtbar ergriffen.„Ach! die arme Lady Glyde! Die arme, liebe Lady Glyde!“ ſchrie er immer los, indem er in der Stube umher marſchirte und ſeine fetten Hände rang und ſich mehr wie ein Komö⸗ diant als wie ein Gentleman geberdete. Für eine Frage, die meine gnädige Frau über die Ausſicht auf Geneſung der armen Dame an den Doctor richtete, that er wenig⸗ ſtens fünfzig. Er wurde uns Allen förmlich läſtig— und als er ſich endlich zufrieden gab, ging er in den kleinen Hintergarten hinaus, wo er lumpige kleine Blumenſträuße pflückte und mich dann bat, ſie hinauf zu tragen und das Krankenzimmer damit aufzuputzen. Als ob das helfen konnte! Ich denke mir, er muß zu Zeiten ein bischen närriſch im Kopfe geweſen ſein. Aber er war kein ſchlech⸗ ter Herr; er beſaß eine ungeheuer höfliche Zunge und hatte ein luſtiges, unbefangenes, ſchmeichelndes Weſen. Er gefiel mir viel beſſer, als meine gnädige Frau. Wenn es je eine harte Perſon gegeben hat, ſo war ſie es. Gegen Nachtzeit erholte ſich die Dame ein wenig. Sie mußte vorher ſo angegriffen geweſen ſein, durch die Con⸗ fuſionen, daß ſie weder Hand noch Fuß bewegte, noch zu irgend Jemandem ein Wort ſprach. Sie rührte ſich jetzt im Bette und blickte verwirrt im Zimmer umher und nach uns hin. Sie mußte, als ſie noch geſund war, eine hübſche Dame geweſen ſein, mit blondem Haar und blauen Augen und ſo weiter. Sie hatte eine ſehr unruhige Nacht, wenig⸗ —— ——— 108 ſtens ſagte dies die gnädige Frau, welche die Nacht allein bei ihr wachte. Ich ging blos einmal hinein, ehe ich zu Bette ging, um zu fragen, ob ich noch etwas thun könne, und hörte, daß ſie auf unruhige, verwirrte Weiſe mit ſich ſelber ſprach. Sie ſchien ſo gern mit Jemand ſprechen zu wollen, der irgendwo fern von ihr war. Das erſtemal konnte ich den Namen nicht verſtehen, und als ſie ihn zum zweitenmale ausſprach, klopfte gerade der Herr, wie ge⸗ wöhnlich den Mund voll Fragen und in der Hand einen ſeiner bettelhaften Blumenſträuße, an die Thür. Als ich am folgenden Morgen hineinging, war die Dame abermals völlig erſchöpft und lag in einer Art mat⸗ ten Schlafes da. Mr. Goodricke brachte ſeinen Compag⸗ non, Mr. Garth, mit, um ſich mit ihm zu berathen. Sie ſagten, wir dürften ſie auf keinen Fall aus ihrer Ruhe ſtören. Ich hörte ſie am andern Ende des Zimmers eine Menge Fragen an meine gnädige Frau thun, welcher Art früher der Geſundheitszuſtand der Dame, wer ihr Arzt geweſen, und ob ſie je lange an geſtörter Gemüthsruhe gelitten. Ich erinnere mich, daß meine gnädige Frau „Ja“ zu der letzten Frage ſagte; worauf Mr. Goodricke Mr. Garth und Mr. Garth Mr. Goodricke anſah und Beide den Kopf ſchüttelten. Sie ſchienen der Anſicht, daß die Gemüthsunruhe mit dem Unheil im Herzen der Dame zu thun haben müſſe. Sie war dem Anſehen nach nur ein ſehr ſchwaches Weſen, die arme Damel und konnte, wie mir ſchien, nie beſonders kräftig geweſen ſein. Etwas ſpäter, an demſelben Morgen, erholte ſich die Dame plötzlich und war dem Anſcheine nach viel wohler. Ich wurde nicht wieder zu ihr hineingelaſſen— noch das 109 Stubenmädchen— damit ſie nicht, wie ſie ſagten, durch fremde Geſichter beunruhigt würde. Was ich von ihrem Befinden erfuhr, hörte ich von meinem Herrn. Er war in wunderbar vergnügter Laune über dieſe Veränderung und ſah vom Garten aus mit ſeinem großen weißen Hut mit umgekrämptem Rande— er wollte gerade ausgehen— durch's Küchenfenſter hinein.„Meine gute Frau Köchin“, ſagte er,„Lady Glyde befindet ſich wohler. Ich fühle mich jetzt etwas ruhiger und will einen ſchönen ſonnigen kleinen Sommerſpaziergang machen, um meine großen Glieder etwas zu ſtrecken. Soll ich etwas für Sie be⸗ ſtellen, ſoll ich für Sie zu Markte gehen, Frau Köchin? Was machen Sie da? Eine ſchöne Fruchtpaſtete zum Di⸗ ner? Machen Sie nur recht viel Kruſte, gute Frau, recht viel kruspelige Kruſte, die ſo ſchön im Munde ſchmilzt und krümelt.“ Das war ſo ſeine Art. Er war über Sechzig und liebte Zuckerbäckerei, denk' ſich Einer! Der Doctor kam nachmittags wieder und ſah ſelbſt, daß die Dame wohler aufgewacht war. Er verbot uns mit ihr zu ſprechen, oder ſie zu uns ſprechen zu laſſen, falls ſie ſich dazu aufgelegt zeigen ſollte, weil ſie möglichſt ruhig bleiben und möglichſt viel ſchlafen müſſe. Sie ſchien übrigens nie beſonders zum Sprechen geneigt, wenn ich ſie ſah, ausgenommen in der Nacht, wo ich aber nicht ver⸗ ſtehen konnte was ſie ſagte,— ſie ſchien zu ſehr erſchöpft, um deutlich zu ſprechen. Mr. Goodricke war lange nicht ſo beruhigt ihretwegen, als mein Herr. Er ſagte nichts, als er herunterkam, außer daß er gegen fünf Uhr wieder vorkommen werde. Ungefähr um die Zeit(ehe mein Herr noch wieder nach Hauſe gekommen war) wurde heftig in 110 der Schlafſtube geklingelt; meine gnädige Frau kam auf den Vorſaal herausgelaufen und rief mir zu, ſchnell zu Mr. Goodricke zu laufen und ihm zu ſagen, daß die Dame ohnmächtig geworden ſei. Ich hatte kaum meinen Hut aufgeſetzt und mein Tuch umgebuunden, als der Doctor glücklicherweiſe ſchon, wie er verſprochen hatte, ſelbſt ankam. Ich öffnete ihm die Hausthür und begleitete ihn die Treppe hinauf.„Lady Glyde ſchien ſich ganz wie gewöhn⸗ lich zu befinden,“ ſagte die gnädige Frau zu ihm an der Thür;„ſie wachte und blickte auf eine ſonderbare ver⸗ wirrte Weiſe um ſich, als ich ſie plötzlich etwas wie eine Art kleinen Schrei ausſtoßen hörte, worauf ſie augen⸗ blicklich ohnmächtig wurde.“ Der Doctor trat ans Bett und beugte ſich zu der kranken Dame herab. Er wurde plötzlich ſehr ernſt ausſehen, als er ſie anblickte, und legte ſeine Hand auf ihr Herz. Die gnädige Frau ſah ihm geſpannt ins Geſicht. „Doch nicht todt?!“ ſagte ſie flüſternd, und indem ſie vom Kopf bis zu den Füßen an zu zittern fing. „Ja,“ ſagte der Doctor ſehr ernſt und ruhig.„Todt. Ich fürchtete ſchon geſtern, als ich ihr Herz unterſuchte, daß es ſehr plötzlich kommen würde.“ Die gnädige Frau trat, während er ſprach, vom Bette zurück und zitterte immer mehr.„Todt!“ flüſterte ſie vor ſich hin,„todt! ſo plötzlich! ſo bald ſchon todt! Was wird der Graf ſagen!“ Mr. Goodricke rieth ihr, hinunter zu gehen und ſich zu faſſen zu ſuchen. „Sie haben die ganze Nacht gewacht,“ ſagte er, „und Ihre Nerven ſind angegriffen. Dieſe Frau,“ ſa auf I zu die Tuch wie die öhn⸗ 1 der ver⸗ eine igen⸗ Bett zurde legte ſicht. n ſie Todt. ichte, Frau terte todt! Graf und Eer, au,“ 111 ſagte er, womit er mich meinte,„dieſe Frau kann in der Stube bleiben, bis es mir möglich ſein wird, den noth⸗ wendigen Beiſtand zu ſchicken.“ Meine gnädige Frau that, was er ihr ſagte. „Ich muß den Grafen darauf vorbereiten,“ ſagte ſie, „ich muß den Grafen mit großer Vorſicht darauf vor⸗ bereiten.“ Und mit den Worten verließ ſie uns, noch immer am ganzen Körper zitternd. „Ihr Herr iſt Ausländer,“ ſagte Mr. Goodricke, als die gnädige Frau hinausgegangen war.„Verſteht er etwas vom Regiſtriren des Todesfalles?“ „Das kann ich nicht ſagen, Sir,“ erwiderte ich, „aber vermuthlich nicht.“ Der Doctor überlegte einen Augenblick, und dann ſagte er:„Ich thue dergleichen ſonſt nicht, aber in dieſem Falle mag es den Familien möglicherweiſe Unannehmlich⸗ keiten erſparen, wenn ich den Tod dieſer Dame ſelbſt regiſtrire. Ich werde in einer halben Stunde am Diſtricts⸗Bureau vorbeigehen und kann es dann leicht beſorgen. Sagen Sie, wenn Sie ſo gut ſein wollen, daß ich es übernommen habe.“ „Ja, Sir,“ ſagte ich,„und zwar mit vielem Danke für ihre Güte, daß ſie daran gedacht haben.“ „Sie haben nichts dagegen, hier zu beiben, bis ich Ihnen die geeignete Perſon dazu herſchicken kann?“ ſagte er. „Nein, Sir,“ ſagte ich,„ich will ſo lange bei der armen Dame bleiben. Es konnte wohl weiter nichts gethan werden, Sir, als gethan worden iſt?“ „Nein,“ ſagte er,„Nichts. Sie muß ſchon lange, 112 ehe ich ſie ſah, bedeutend gelitten haben; ihr Zuſtand war bereits hoffnungslos, als ich herzugerufen wurde.“ „Ach ja, du lieber Himmel!“ ſagte ich,„früher oder ſpäter kommt es ja mit uns Allen dahin, nicht wahr, Sir?“ Er gab hierauf keine Antwort und ſchien überhaupt nicht zum Sprechen aufgelegt. Er ſagte„Guten Tag“ und ging. Ich blieb dann bis zu dem Augenblicke, wo Mr. Goodricke, wie er verſprochen hatte, Jemand ſchickte, am Bette ſitzen. Die Frau, welche er ſchickte, hieß Jane Gould. Sie ſchien mir eine reſpectable Frau zu ſein. Sie machte weiter keine Bemerkung, außer daß ſie ſagte, ſie verſtehe, was ſie zu thun habe, und ſie habe ſchon viele Todte eingelegt. Wie mein Herr die Nachricht ertrug, als er zuerſt von dem Tode der Dame hörte, iſt mehr, als ich ſagen kann, denn ich war nicht gegenwärtig. Als ich ihn aber wiederſah, hatte er wirklich ein furchtbar ergriffenes Aus⸗ ſehen. Er ſaß ruhig in einem Winkel, ſeine fetten Hände hingen auf ſeine dicken Knie herab, ſein Kopf tief auf der Bruſt und ſeine Augen ſtierten ins Leere. Er ſchien nicht ſo ſehr betrübt über das, was ſich zugetragen, als erſchrocken und verblüfft. Meine gnädige Frau beſorgte Alles, was zur Beerdi⸗ gung nothwendig war. Es muß eine Maſſe Geld gekoſtet haben; der Sarg beſonders war prachtvoll anzuſehen. Der Gemahl der todten Dame war, wie wir hörten, fort in der Fremde. Aber meine gnädige Frau, die ja ihre Tante war, kam mit ihren Angehörigen auf dem Lande(in Cum⸗ war üher nicht aupt Tag“ Mr. am Jane ſein. agte, ſchon uerſt ſagen aber Aus⸗ dände auf ſchien „als rerdi⸗ koſtet Der n der Tante Cum⸗ 113 berland glaube ich) überein, daß ſie dort mit ihrer Mutter in einem Grabe beerdigt werde. Ich wiederhole nochmals, daß das Begräbniß auf das Anſtändigſte hergeſtellt wurde, und mein Herr reiſte nach Cumberland, um ſelbſt als Leidtragender dabei zu ſein. Er ſah prächtig aus in ſeiner tiefen Trauer, mit ſeinem großen feierlichen Geſichte, ſeinem langſamen Gange und breiten Creppbande, das muß wahr ſein! Zum Schluſſe muß ich als Antwort auf mir vorge⸗ legte Fragen hinzufügen: 1) Daß weder ich noch das Stubenmädchen je ge⸗ ſehen haben, daß mein Herr ſelbſt Lady Glyde Medicin gegeben hätten. 2) Daß er meines Wiſſens nie allein bei Lady Glyde im Zimmer war. 3) Daß ich nicht im Stande bin, zu ſagen, was der Dame, wie meine gnädige Frau mir geſagt, bei ihrer Ankunft im Hauſe den plötzlichen Schrecken verurſacht hatte. Weder mir noch dem Stubenmädchen iſt die Ur⸗ ſache hiervon je erklärt worden. Obige Angaben ſind mir vorgeleſen worden. Ich habe nichts weiter hinzuzufügen oder davon zurückzunehmen. Ich bekräftige als chriſtliche Frau mit meinem Eide, daß dies die Wahrheit iſt. (Unterzeichnet) Heſter Pinhorn † ihr Zeichen. Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 8 Ausſage des Arztes. „An den Regiſtrator des engern Diſtricts, in welchem der untengenannte Tod ſtattfand. „Ich bezeuge hiermit, daß ich Lady Glyde, welche w an ihrem letzten Geburtstage einundzwanzig Jahre alt in wurde, in ihrer Krankheit behandelte; daß ich ſie am h 28. Juli 1850 zuletzt geſehen, daß ſie an ſelbigem Tage n zu Nr. 5 Foreſt Road, St. John's Wood ſtarb und K daß die Urſache ihres Todes b ſt Arſache des Todes. V Dauer der Krankheit. g — V u Aneurisma.j Unbekannt. 3 ei T (Unterzeichnet) 3 Alfred Goodricke, v M. R. C. S. Eng. L. S. A. Adreſſe: Croydon Gärten St. John's Wood. hem lche alt am age und Ausſage der Jane Gould. Ich war die Frau, welche von Mr. Goodricke geſchickt wurde, um an den irdiſchen Ueberreſten einer Dame, welche in dem Hauſe, das in der vorſtehenden Beſcheinigung nam⸗ haft gemacht worden, geſtorben, zu thun, was recht und nothwendig war. Ich fand die Leiche in der Obhut der Köchin, Heſter Pinhorn. Ich blieb bei der Todten und bereitete dieſelbe zur gehörigen Zeit für das Grab vor; ſpäter war ich anweſend, als man den Sarg, ehe er fort⸗ gefahren wurde, niederſchraubte. Nachdem dies geſchehen, und keinen Augenblick früher, erhielt ich, was mir zukam, und verließ dann das Haus. Falls jemand Erkundigungen einzuziehen wünſcht, ſo bitte ich, daß man ſich deshalb an Mr. Goodricke wende. Er hat mich länger als ſechs Jahre gekannt, und wird bezeugen, daß man ſich darauf verlaſſen kann, daß ich die Wahrheit ſage. (Unterzeichnet) Jane Gould. Noch eine Ausſage. Zur Erinnerung an LAURA Lady Glyde, d Gemahlin des Sir Percival Glyde, Baronet, W zu Blackwater Park, Hampshire, q Und Tochter des weiland Philipp PFairlie Esqre., 1 zu Limmeridge House, in diesem Kirchspiel. 1¹ Geboren, den 27sten März 1829. Vermählt, den 23sten December 1849. Gestorben, den 28sten Juli 1850. 20 Jortſetzung der Ausſage Walter Yartrigth's. 1. Im Frühſommer des Jahres 1850 verließen ich und die noch überlebenden meiner Gefährten die Wüſten und Wälder von Central⸗Afrika und traten unſere Heimkehr an. An der Küſte angelangt, ſchifften wir uns nach Europa ein. Das Schiff ſcheiterte im Golf von Mexiko, und ich war einer der wenigen Geretteten. Es war dies meine dritte Rettung aus Todesgefahr. Tod durch Krank⸗ heit, Tod durch die Wilden, Tod durch Ertrinken— allen dreien war ich nah geweſen, und allen dreien entgangen. Die aus dem Schiffbruche Geretteten wurden von einem amerikaniſchen Schiffe aufgenommen, das nach Liverpool beſtimmt war. Daſſelbe erreichte den Hafen am 3. October im Jahre 1850. Wir ſtiegen ſpät am Nachmittage ans Land, und ich kam noch ſelbigen Abends in London an. Dieſe Blätter ſind nicht dazu beſtimmt, über meine Wanderungen und Gefahren in der Fremde zu berichten. Man kennt bereits die Beweggründe, aus denen ich meine Heimat und meine Angehörigen verließ und eine neue Welt 118 der Abenteuer und Gefahren aufſuchte. Aus dieſer ſelbſt⸗ auferlegten Verbannung kehrte ich zurück, wie ich zurück⸗ zukehren gehofft, gebetet und geglaubt hatte— als ein veränderter Mann. In den Wüſſern eines neuen Lebens hatte ich meine Natur erneuert und gekräftigt. In der ſtrengen Schule der Gefahren und der äußerſten Noth hatte mein Wille gelernt, feſt, mein Herz, entſchloſſen zu ſein, und mein Geiſt, ſich ſelbſt zu vertrauen. Ich ging fort, um meiner Zukunft zu entweichen. Ich kehrte zurück, um ihr wie ein Mann entgegenzutreten. Ich war entſchloſſen, ihr mit einer unvermeidlichen Selbſtunterdrückung entgegenzutreten, wie ich wußte, daß ſie mir zukam. Ich hatte die ſchlimmſte Bitterkeit der Vergangenheit überwunden, nicht aber die Herzenserinne⸗ rung an den Schmerz und die Liebe jener unvergeßlichen Zeit. Ich hatte nicht aufgehört, das unverbeſſerliche Mißgeſchick meines Lebens zu fühlen— ich hatte nur gelernt, es zu ertragen. Laura Fairlie füllte mein ganzes Herz, war mein einziger Gedanke, als das Schiff mich davontrug, und meine letzten Blicke auf England fielen — und als ich heimkehrte und das Morgenlicht mir die befreundeten Geſtade zeigte, war mein einziger Gedanke wiederum Laura Fairlie. Meine Feder ſchreibt die alten Buchſtaben, ſo wie mein Herz zu ſeiner alten Liebe zurückkehrt. Ich nenne ſie noch immer Laura Fairlie. Es iſt ſo bitter, unter ihres Mannes Namen an ſie zu denken oder von ihr zu ſprechen. Ich habe, da ich jetzt zum zweitenmale in dieſen Blättern auftrete, keine weiteren Erklärungen hinzuzu⸗ fügen, und kann daher, falls ich Kraft und Muth genug bſt⸗ ück⸗ ein ens der oth zu ing lück, hen daß der me⸗ hen iche nur zes nich len die nke ein och nes ſen zu⸗ ug 119 dazu habe, die Erzählung wieder aufnehmen und zu Ende führen. Meine erſten Gedanken und Hoffnungen, als der Morgen kam, richteten ſich auf meine Mutter und meine Schweſter. Ich fühlte die Nothwendigkeit, ſie nach einer Abweſenheit, während welcher es mir monatelang un⸗ möglich geweſen, ihnen Nachrichten von mir zu geben, auf die Freude und Ueberraſchung meiner Heimkehr vor⸗ zubereiten. Früh am Morgen ſchickte ich ein Billet nach dem Häuschen in Hampſtead und folgte ſelbſt eine Stunde ſpäter. Als unſere erſten Begrüßungen vorüber waren und die Ruhe und Faſſung früherer Zeit ſich allmälig wieder zwi⸗ ſchen uns herzuſtellen begann, ſah ich in den Zügen meiner Mutter etwas, das mir ſagte, daß ein geheimer Druck auf ihrem Herzen laſte. Es lag mehr als Liebe— es lag Kummer in den beſorgten Blicken, die ſo zärtlich auf mir ruhten. Es lag Mitleid in dem langſamen, liebenden Drucke der Hand, welche die meinige hielt. Wir hatten einander nie etwas verhehlt. Sie wußte, woran die Hoffnung meines Lebens geſcheitert— wußte, weshalb ich ſie verlaſſen hatte. Ich hatte es auf der Zunge, ſo gelaſſen wie mir dies möglich, zu fragen, ob Briefe von Miß Halcombe für mich angekommen— ob man Nachrichten über ihre Schweſter habe, welche ich hören dürfe. Als ich aber meiner Mutter ins Auge blickte, verlor ich den Muth, die Frage, ſelbſt auf dieſe behutſame Weiſe, zu thun. Ich konnte blos mit zweifelnder, gezwungener Stimme ſagen: „Du haſt mir etwas mitzutheilen.“ 120 Meine Schweſter, welche uns gegenüber geſeſſen hatte, ſtand plötzlich auf, ohne ein Wort zu ſagen— und ver⸗ ließ das Zimmer. Meine Mutter ſetzte ſich auf dem Sopha näher zu mir heran und ſchlang ihre Arme um meinen Nacken. Die treuen Arme zitterten und Thränen ſtürzten über das liebevolle Antlitz. „Walter!“ flüſterte ſie,„mein Herzensliebling! Mein Herz iſt ſchwer für Dich. O, mein Sohn! mein Sohn! Verſuche, Dich zu erinnern, daß wenigſtens ich Dir noch bleibe!“ Mein Haupt ſank auf ihre Bruſt. Sie hatte mir mit dieſen Worten Alles geſagt. II. Es war der Morgen des dritten Tages ſeit meiner Rückkehr— der Morgen des ſechzehnten Octobers. Ich war bei ihnen in Hampſtead geblieben, hatte mein Möglichſtes gethan, um ihnen das Glück meiner Heim⸗ kehr nicht zu verbittern, wie es mir verbittert war. Ich hatte Alles aufgeboten, was in der Macht eines Mannes liegt, um mich unter dem Schlage zu erheben und mein Leben in Ergebung anzunehmen— um dieſen großen Schmerz in Liebe in meinem Herzen aufzunehmen und nicht in Verzweiflung. Es war nutzlos und hoffnungs⸗ los. Keine Thränen kamen in meine brennenden Augen; die Theilnahme meiner Schweſter und die Liebe meiner Mutter brachten mir keinen Troſt. atte, ver⸗ r zu cken. über kein ohn! noch mit iner nein im⸗ Ich nes tein ßen und gs⸗ en; ner 121 An dieſem dritten Morgen öffnete ich ihnen mein Herz. Endlich konnte ich die Worte ausſprechen, die ich ſchon an dem Tage, an welchem meine Mutter mir von ihrem Tode erzählt, mich zu ſagen geſehnt hatte. „Laßt mich eine Weile allein fortgehen,“ ſagte ich,„ich werde es allein beſſer zu ertragen im Stande ſein, wenn ich noch einmal die Stelle ſehe, an der ich ſie zuerſt erblickt — wenn ich an dem Grabe gekniet und gebetet haben werde, in welchem man ſie zur Ruhe gelegt hat.“ Ich trat meine Reiſe an— meine Reiſe zu Laura Fairlie's Grabe. Es war an einem ſtillen Herbſtnachmittage, als ich auf der einſamen Station abſtieg und allein, zu Fuße, den wohlbekannten Weg hinabging. Die erblaſſende Sonne leuchtete matt durch die dünnen weißen Wolken hindurch; die Luft war lau und ſtille; der Frieden der einſamen Landſchaft erhielt einen traurigen Schatten durch den Einfluß des ſchwindenden Jahres. Ich erreichte die Haide; ich ſtand wieder auf dem Gipfel des Hügels; ich ſchaute hinaus— den Pfad hinab, und da, in der Entfernung ſtanden die bekannten Gartenbäume, der deutliche, gewundene Halbzirkel des Fahrweges, die hohen, weißen Mauern von Limmeridge Houſe. Die Unfälle und Wechſel, die Wanderſchaften und Gefahren vieler Monate ſchwanden plötzlich aus meinem Geiſte, als ob ſie nie ſtattgehabt. Mir war, als ob erſt geſtern meine Füße über dieſen duftigen Haideboden gewandert! Mir war, als müſſe ich ſie mir entgegenkommen ſehen, mit dem runden Strohhütchen, der ihr Geſicht beſchattete, ihrem einfachen Kleide, das 122 im Winde flatterte und ihrem wohlgefüllten Zeichenbuche in der Hand. O Tod, du haſt deinen Stachel. O Grab, du haſt deinen Sieg! Ich wandte mich um, und da unter mir lag die einſame graue Kirche; da war das Wohnhäuschen, in welchem ich die Frau in Weiß erwartet hatte; rings die Hügel, welche den ſtillen Begräbnißplaß umzogen; der Bach, welcher über ſein kaltes Steinbett dahin rieſelte. Da endlich ſtand das Marmorkreuz, hoch und weiß am Hauptende des Grabes — des Grabes, das jetzt ſowohl Mutter als Tochter bedeckte. Ich näherte mich dem Grabe. Ich überſtieg nochmals die ſteinernen Stufen und entblößte das Haupt, als ich den geweihten Boden betrat:— der Lieblichkeit und Herzens⸗ güte, der Ehrfurcht und dem Schmerz geweiht. Ich ſtand vor dem Poſtamente ſtille, aus dem ſich das Kreuz erhob. Auf der einen Seite deſſelben— auf der Seite, die mir am nächſten— begegnete die neu gravirte Inſchrift meinen Blicken: die harten, deutlichen, grauſamen Buchſtaben, welche die Geſchichte ihres Lebens und ihres Todes erzählten. Ich verſuchte ſie zu leſen, und las, bis ich an den Namen kam.„Zur Erinnerung an LAURA—.“ Die lieben blauen Augen von Thränen trübe, das ſchöne Haupt, das matt herabgeſunken; die unſchuldigen Scheide⸗ worte, mit denen ſie mich anflehte, ſie zu verlaſſen— o Gott, was hätte ich nicht um eine glücklichere letzte Er⸗ innerung an ſie gegeben, als die, welche ich mit mir fortgenommen und wieder mit mir an ihr Grab zurück⸗ brachte! uche haſt ame ich lche iber das lbes hter als den us⸗ das der irte nen res Ich verſuchte zum zweitenmale, die Inſchrift zu leſen. Ich ſah am Schluſſe das Datum ihres Todes; und dar⸗ über— Darüber ſtanden Zeilen auf dem Marmor— es war ein Name unter ihnen, der meine Gedanken an ſie ſtörte. Ich ging nach der andern Seite des Grabes herum, wo nichts zu leſen war— wo nichts von irdiſcher Schlechtigkeit ſich zwiſchen ihren Geiſt und den meinigen drängte. Ich kniete nieder am Grabe. Ich legte meine Hände und mein Haupt auf den großen weißen Stein und ſchloß meine müden Augen vor dem Licht des Himmels und der Erde Trauer. Ich rief ſie zurück zu mir. O, mein Lieb! mein Lieb! jetzt darf mein Herz zu Dir ſprechen! Es iſt wieder geſtern, da wir ſchieden— geſtern, da Deine liebe Hand in der meinen ruhte— geſtern, da meine Augen Dich zuletzt erblickten. O, mein Lieb, mein Lieb! Die Zeit verging, und über ſie hin hatten ſich Stille und dichte Nacht gezogen. Der erſte Laut, welcher der himmliſchen Ruhe folgte, war ein leiſes Rauſchen, wie von einem vorüberziehenden Lüftchen, im Graſe des Begräbnißplatzes. Ich hörte es mir langſam näher kommen, bis es meinem Ohre verändert ſchien— wie Fußtritte, welche näher kamen— dann ſtille ſtanden. Ich blickte auf. Es war nahe Sonnenuntergang. Die Wolken hatten ſich zertheilt; die ſchrägen Strahlen der ſcheidenden Sonne 124 ergoſſen ſich mit einem milden Lichte über die Hügel. Das Ende des Tages war kalt und klar und ruhevoll in dieſem ſtillen Thale der Todten. Weiter abwärts in dem Friedhofe ſah ich zwei Frauen⸗ geſtalten in der kalten Klarheit des untern Lichtes ſtehen. Ihre Blicke waren auf das Grab— auf mich gerichtet. Zwei. Sie kamen ein wenig näher— und ſtanden wieder ſtill. Ihre Schleier verbargen mir ihre Züge. Als ſie ſtill ſtanden, erhob die Eine ihren Schleier. In dem ſtillen Abendlichte erkannte ich Marianne Halcombe. Verändert, o, verändert, als ob viele Jahre indeſſen vergangen geweſen! Die Augen waren groß und wild. und blickten mit einem ſeltſamen Entſetzen auf mich hin. Das Geſicht war bleich und abgefallen. Wehe, Angſt und Kummer ſtanden darin geſchrieben, wie mit feurigen Buchſtaben. Ich that einen Schritt vom Grabe näher zu ihr hin. Sie rührte ſich nicht— ſie ſprach nicht. Die verſchleierte Frauengeſtalt neben ihr ſtieß einen matten Schrei aus. Ich ſtand ſtill. Mein Lebensquell ſchien zu erſtarren; und ein Schaudern wie von unſäglicher Furcht durchrieſelte mich vom Kopf bis zu den Füßen. Die Verſchleierte verließ ihre Gefährtin und kam lang⸗ ſam auf mich zu. Als Marianne Halcombe allein ſtand, begann ſie zu ſprechen. Es war die Stimme, deren ich mich erinnerte— nicht verändert, wie die geängſtigten Augen und das abgemagerte Geſicht. „Mein Traum! mein Traum!“ In der tiefen Stille hörte ich ſie leiſe dieſe Worte ausrufen. Sie ſank auf ihre Kn ſtã der ſch Au erſ Ar gei lar der Pe ſch ni ül Das ieſem auen⸗ ehen. igen hin. teerte aus. und nich ng⸗ nd, ich ten ille hre 125 Knie und erhob die gefaltenen Hände zum Himmel.„Vater! ſtärke ihn. Vater! ſtehe ihm bei! hilf ihm in ſeiner Stunde der Noth.. Die verſchleierte Geſtalt kam näher— langſam und ſchweigend immer näher. Ich ſah ſie an— und von dieſem Augenblicke an nur ſie und nichts weiter. Die Stimme, welche für mich betete, erzitterte und eerſtarb— dann plötzlich erhob ſie ſich und rief mir voll Angſt und Verzweiflung zu, hinwegzukommen. Aber die Verſchleierte hielt mich an Leib und Seele gefeſſelt. Sie war auf der einen Seite des Grabes ange⸗ langt. Wir ſtanden einander gegenüber, und zwiſchen uns der Grabſtein. Sie ſtand dicht an der Inſchrift auf dem Poſtamente; ihr Kleid berührte die ſchwarzen Buchſtaben. Die Stimme kam näher und erhob ſich immer leiden⸗ ſchaftlicher.„Bedecken Sie Ihr Geſicht! Sehen Sie ſie nicht an! O, um Gotteswillen, ſchone ihn!—“ Die Geſtalt lüftete ihren Schleier 3 Zur Erinnerung an LAURA Lady Glyde... Laura, Lady Glyde ſtand neben der Inſchrift und blickte über das Grab zu mir hinüber—! Zweite Abtheilung. Fortſetzung der Ausſage Hartright's. J. Ich fange ein neues Blatt an und nehme meine Er⸗ zählung um eine Woche ſpäter wieder auf. Die Geſchichte der Tage, welche ich auf dieſe Weiſe übergehe, wird unberichtet bleiben. Mein Herz beginnt zu ſtocken, und mein Geiſt verſinkt in Finſterniß und Ver⸗ wirrung, wenn ich daran denke. Dies darf nicht ſein, wenn ich, der ich ſchreibe, Euch, die Ihr leſet, ein deutlicher Be⸗ richterſtatter ſein, wenn der Faden, welcher ſich durch die Schleichwege dieſer Erzählung zieht, von Anfang bis zu Ende unverwirrt in meinen Händen bleiben ſoll. Ein Leben, das plötzlich verändert— deſſen ganzes Ziel ein neu erſchaffenes, deſſen Hoffnungen und Befürch⸗ tungen, Kämpfe, Intereſſen und Opfer alle auf einmal und auf immer eine neue Richtung erhalten— dies iſt die Aus⸗ ſicht, welche ſich plötzlich vor mir öffnete, wie die Fernſicht von Bergeshöhe, wenn die Sonne rings die Wolkenſchleier zerreißt. Ich brach meine Erzählung in den ſtillen Schatten der Kirche zu Limmeridge ab, eine Woche ſpäter nehme ich ſie ſpr ner aus der ner gel ich ſche hei beſ ſche Mi hör kan Be Ha die nac Au. ſchu Na Lad e Er⸗ Weiſe nt zu Ver⸗ venn Be⸗ h die s zu nzes irch⸗ und lus⸗ ſicht leier der ſie in dem Gewoge und Getümmel einer Straße von London wieder auf. Es iſt eine Straße in einem armen, bevölkerten Stadt⸗ theile. Das Erdgeſchoß eines der Häuſer deſſelben wird von einem Zeitungshändler bewohnt, und die erſte und zweite Etage werden als möblirte Wohnungen der an⸗ ſpruchsloſeſten Art vermiethet. Ich habe dieſe beiden Etagen unter einem angenomme⸗ nen Namen gemiethet. In der obern wohne ich; ſie beſteht aus einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmer. In der untern Etage wohnen— ebenfalls unter angenomme⸗ nen Namen— zwei Frauen, welche für meine Schweſtern gelten. Ich erwerbe mir meinen Lebensunterhalt, indem ich für eine der billigen Zeitſchriften Zeichnungen und Holz⸗ ſchnitte anfertige. Meine Schweſtern helfen mir, wie es heißt, durch Handarbeit. Unſer ärmlicher Wohnort, unſere beſcheidene Beſchäftigung, unſere vorgebliche Verwandt⸗ ſchaft und angenommenen Namen dienen uns Allen als Mittel, uns in dem Häuſerwalde zu verſtecken. Wir ge⸗ hören nicht mehr zu den Leuten, deren Leben offen und be⸗ kannt ſind. Ich bin ein obſcurer, unbemerkter Mann ohne Beſchützer oder Freund, der mir Hülfe leiſtete. Marianne Halcombe iſt jetzt nichts weiter als meine älteſte Schweſter, die durch ihrer Hände Arbeit unſern Haushaltbedürfniſſen nachkommt. Beide ſind wir die Opfer und zugleich die Ausüber eines verwegenen Betruges. Wir ſind die Mit⸗ ſchuldigen der wahnſinnigen Anna Catherick, welche den Namen, die Stellung und das Eigenthum der verſtorbenen Lady Glyde beanſprucht. Dies iſt unſere Stellung. Dies iſt der veränderte 128 Charakter, in welchem wir Drei von jetzt an viele Blätter hindurch in dieſer Erzählung erſcheinen müſſen. Vor Vernunft und Geſetz, vor der Meinung der Verwandten und Angehörigen, ſowie jeder herkömm⸗ lichen Auffaſſung der Geſellſchaft nach, lag„Laura, Lady Glyde“ bei ihrer Mutter im Grabe auf dem Friedhofe zu Limmeridge. Bei Lebzeiten aus dem Leben geriſſen, durfte die Tochter von Philipp Fairlie und die Gemahlin von Per⸗ cival Glyde allenfalls für ihre Schweſter und für mich noch exiſtiren, aber für die ganze übrige Welt war ſie todt. Todt für ihren Onkel, der ſie verleugnet— todt für die Diener des Hauſes, die ſie nicht erkannt hatten— todt für die Obrigkeit, welche ihr Vermögen ihrem Manne und ihrer Tante übergeben— todt für meine Mutter und meine Schweſter, welche mich für das Opfer einer Abenteuerin und eines Betruges hielten— geſetzlich, geſellſchaftlich und moraliſch todt. Und doch am Leben.— In Armuth und im Verſteck am Leben. Am Leben und unter dem Schutze eines armen Zeichenlehrers, der ihr ihren Platz unter den Lebenden wieder erkämpfen und erringen wollte! Regte ſich, da ich ſelbſt von der Aehnlichkeit zwiſchen ihr und Anna Catherick Zeuge geweſen, kein Argwohn in mir, als ſie mir zuerſt ihr Geſicht enthüllte? Nein, auch nicht der Schatten eines Argwohns von dem Augenblicke an, wo ſie, neben der Grabſchrift ſtehend, die ihren Tod verkündete, den Schleier erhob. Ehe noch an jenem Tage die Sonne untergegangen, ehe noch die Heimat, welche ihre Thore gegen ſie verſchloſſen, unſeren Blicken entſchwunden, hatten wir Beide der Ab⸗ lätter g der mm⸗ Lady pfe zu zurfte Per⸗ 12* noch Todt diener r die ihrer neine uerin h und k am rmen enden iſchen on in auch blicke Tod I, ehe oſſen, Ab⸗ 129 ſchiedsworte gedacht, die ich bei unſerm Scheiden in Lim⸗ meridge Houſe geſprochen; ich hatte ſie ausgeſprochen, und ſie erkannte ſie:„Falls je eine Zeit kommen ſollte, wo die Hingebung meines ganzen Herzens, meiner ganzen Seele und all meiner Kräfte Ihnen einen Augenblick des Glückes geben oder einen Augenblick des Kummers erſparen kann, wollen Sie ſich des armen Zeichenlehrers erinnern, der Ihnen Unterricht gab?“ Sie, die ſich jetzt ſo wenig von den Schrecken und Sorgen der letztvergangenen Zeit zu erinnern im Stande war, erinnerte ſich doch jener Worte und legte ihr armes Haupt unſchuldig und vertrauens⸗ voll auf die Bruſt des Mannes, der ſie geſprochen. In dieſem Augenblicke, wo ſie mich bei meinem Namen nannte, indem ſie ſagte:„Sie haben verſucht, mich Alles vergeſſen zu machen, Walter; aber ich erinnere mich Ma⸗ rianne's und erinnere mich Deiner—“ in dieſem Augenblicke gab ich, der ich ihr längſt meine ganze Liebe gegeben, ihr mein Leben und dankte Gott, daß er es mir dazu gelaſſen. Ja! die Zeit war gekommen. Aus einer Entfernung von Tauſenden von Meilen, durch Wälder und Wüſteneien, wo Gefährten, die kräftiger als ich, gefallen waren— durch dreimal erneute und dreimal entgangenen Todes⸗ gefahren hindurch hatte die Hand, welche die Menſchen auf die dunklen Pfade der Zukunft leitet, mich dieſer Zeit entgegengeführt. Da ſie jetzt verlaſſen und verleugnet, bitter geprüft und traurig verändert, ihre Schönheit ver⸗ blichen, ihr Geiſt umwölkt; da ſie ihrer Stellung in der Welt, ihres Platzes unter den Lebenden beraubt war, durfte ich ſonder Tadel die Hingebung meines ganzen Herzens, Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 9 meiner ganzen Seele und all meiner Kräfte zu jenen lie⸗ ben Füßen niederlegen. Durch ihre große Trübſal und Ver⸗ laſſenheit war ſie endlich mein mit Recht! Mein, um ſie zu beſchützen, aufzurichten, zu verehren und wiederherzu⸗ ſtellen. Mein, um ſie als Vater und Bruder zugleich zu lieben und zu ehren. Mein, um ſie durch alle Gefahren und Opfer— durch hoffnungsloſes Kämpfen gegen Rang und Macht, durch den langen Streit mit bewaffnetem Truge und befeſtigtem Glücke, durch den Verluſt meines Rufes und meiner Angehörigen, durch das Wagniß mei⸗ nes Lebens hindurch wieder in ihre Stelle einzuſetzen. II. Ich habe jetzt meine Lage beſchrieben und meine Be⸗ weggründe erklärt, und es müſſen nun zunächſt Marian⸗ ne's und Laura's Berichte folgen. Beide werde ich erſtatten, doch nicht mit den Worten der Erzählerinnen ſelbſt(welche oft und unvermeidlicher⸗ weiſe unterbrochen und verworren waren), ſondern in den Worten des kurzen, deutlichen und gewiſſenhaft einfachen Auszuges, den ich zu meiner eigenen und der Anleitung meines Rechtsanwaltes abgefaßt hatte. Auf dieſe Weiſe wird das verworrene Gewebe ſich am ſchnellſten und ver⸗ ſtändlichſten vor dem Leſer aufrollen. Marianne's Bericht beginnt, wo die Haushälterin zu Blackwater Park denſelben hat fallen laſſen. tang etem eines mei⸗ 1. Be⸗ ian⸗ rten her⸗ den chen ung zeiſe ver⸗ 131 Als Lady Glyde das Haus ihres Mannes verlaſſen, unterrichtete die Haushälterin Miß Halcombe von dieſer Thatſache ſowohl wie nothwendigerweiſe von den Um⸗ ſtänden, welche ihre Abreiſe begleitet hatten. Es war einige Tage ſpäter(Mrs. Michelſon konnte, da ſie ſich hierüber kein ſchriftliches Memorandum gemacht, nicht genau ſagen, wie viele Tage), daß ein Brief von der Gräfin Fosco eintraf, welcher Lady Glyde's Tod, der plötzlich im Hauſe des Grafen Fosco erfolgt, ankündigte. Der Brief enthielt keine Data und überließ es Mrs. Michelſon's Ermeſſen, Miß Halcombe dieſe Nachricht ſogleich mitzutheilen, oder ſie zu verſchieben, bis ſich erſt die Gelunhdit der Dame werde befeſtigt haben. Nachdem ſie hierüber Dr. Dawſon(welcher durch eige⸗ nes Unwohlſein verhindert geweſen, ſeine Beſuche in Black⸗ water Park ſchon früher wieder zu erneuern) zu Rathe ge⸗ zogen, theilte Mrs. Michelſon der Kranken die Nachricht in des Doctors Gegenwart und auf ſein Anrathen ent⸗ weder noch an demſelben Tage oder am Tage darauf mit. Es iſt unnöthig, hier bei der Wirkung zu verweilen, welche die Nachricht von Lady Glyde's plötzlichem Tode auf ihre Schweſter hatte. Für unſern gegenwärtigen Zweck iſt es nur nothwendig zu ſagen, daß ſie auf drei Wochen nicht im Stande war, zu reiſen. Nach Verlauf derſelben begab ſie ſich in Begleitung der Haushälterin nach Lon⸗ don. Hier trennten ſie ſich, nachdem Mrs. Michelſon zu⸗ vor Miß Halcombe ihre Adreſſe gegeben, für den Fall, daß letztere in Zukunft Befehle oder Wünſche für ſie haben möchte. Sobald Miß Halcombe von der Haushälterin Ab⸗ 9* 132 ſchied genommen, ging ſie nach dem Geſchäftsbureau der Herren Gilmore und Kyrle, um letztern in Mr. Gilmore's Abweſenheit zu conſultiren. Sie ſprach gegen Mr. Kyrle aus, was ſie allen anderen(Mrs. Michelſon nicht aus⸗ genommen) zu verbergen für rathſam erachtet: ihren Arg⸗ wohn in Bezug auf die Umſtände, unter welchen Lady Glyde ihren Tod genommen haben ſollte. Mr. Kyrle, welcher ſchon früher freundſchaftliche Beweiſe von ſeiner Bereit⸗ willigkeit, Miß Halcombe zu dienen, gegeben hatte, unter⸗ zog ſich ſofort der Aufgabe, ſolche Nachforſchungen an⸗ zuſtellen, wie die zarte und gefährliche Natur der ihm vorgeſchlagenen Unterſuchung ſie zuließ. Um mit dieſem Theile der Sache abzuſchließen, ehe ich weiter gehe, kann ich gleich hier bemerken, daß Graf Fosco Mr. Kyrle allen gewünſchten Beiſtand leiſtete, als letzterer ihm ſagte, er ſei von Miß Halcombe abgeſandt, um über Lady Glyde's Ableben alle Einzelheiten für ſie zu ſammeln, über die ſie bisher in Unwiſſenheit geblieben. Mr. Kyrle wurde an den Arzt, Mr. Goodricke, und an die beiden Dienerinnen, die Köchin und das Stubenmäd⸗ chen verwieſen. In Ermangelung aller Mittel, genau das Datum von Lady Glyde's Abreiſe aus Blackwater Park zu erfahren, erſchien das Zeugniß des Arztes und der bei⸗ den Mägde, ſowie Graf Fosco's Auskünfte— und die ſeiner Frau— Mr. Kyrle als entſcheidend. Er konnte nur annehmen, daß Miß Halcombe's tiefer Schmerz über den Verluſt ihrer Schweſter auf beklagenswerthe Weiſe ihre Urtheile irre geleitet hatte, und er ſchrieb ihr in dieſem Sinne und fügte noch hinzu, daß der ſchreckliche Verdacht, deſſen ſie gegen ihn erwähnt, ſeiner Anſicht nach auch nicht ——— der de's yrle aus⸗ Arg⸗ lyde ſcher reit⸗ ier⸗ an⸗ ihm ehe braf als ndt, ſie ben. an äd⸗ das dark bei⸗ die inte ber eiſe ſem cht, icht —⸗—⸗—-— 133 im entfernteſten begründet ſei. So begannen und endeten die Nachforſchungen von Mr. Gilmore's Compagnon. Unterdeſſen war Miß Halcombe nach Limmeridge Houſe zurückgekehrt und hatte dort alle ferneren Erkun⸗ digungen eingezogen, die ſie noch erhalten konnte. Mr. Fairlie hatte die erſten Nachrichten vom Tode ſeiner Nichte durch ſeine Schweſter, die Gräfin Fosco, erhalten, deren Brief jedoch auch kein einziges Datum enthielt. Er hatte in den Vorſchlag ſeiner Schweſter, daß die Verſtorbene in das Grab ihrer Mutter im Fried⸗ hofe zu Limmeridge gelegt werde, gewilligt. Graf Fosco hatte die Leiche nach Cumberland begleitet und der Be⸗ erdigung in Limmeridge, welche am 22. Auguſt ſtatt⸗ gefunden, beigewohnt. Um ihre Verehrung darzuthun, folg⸗ ten alle Dorfbewohner und viele Nachbarn. Am folgen⸗ den Tage wurde die Grabſchrift(welche, wie es hieß, von der Tante der Verſtorbenen abgefaßt und dann ihrem Bru⸗ der, Mr. Fairlie, zur Genehmigung vorgelegt worden) auf der einen Seite des Marmors über der Gruft angebracht. Am Tage des Begräbniſſes und den darauf folgenden war Graf Fosco in Limmeridge Houſe als Gaſt auf— genommen worden, aber Mr. Fairlie's Wunſche zufolge waren die beiden Herren nicht zuſammengekommen. Sie hatten ſich ſchriftlich unterhalten, und Graf Fosco hatte Mr. Fairlie auf dieſem Wege mit den Einzelheiten des Todes ſeiner Nichte bekannt gemacht. Der Brief, welcher dieſelben enthielt, fügte keine neuen Auskünfte zu denen, welche bereits bekannt waren; nur das Poſtſcriptum ent⸗ hielt eine bemerkenswerthe Stelle; dieſelbe bezog ſich auf Anna Catherick. 134 Der Inhalt dieſer Stelle lief auf Folgendes hinaus: Er begann damit, Mr. Fairlie zu benachrichtigen, daß Anna Catherick(über die er von Miß Halcombe Näheres erfahren, ſobald ſie in Limmeridge Houſe ein⸗ treffen werde) in der Umgegend von Blackwater Park wieder aufgefunden und ſofort wieder unter dieſelbe ärzt⸗ liche Obhut geſtellt worden, der ſie ſich durch die Flucht entzogen. Dies war der erſte Theil des Poſtſcriptums. Der zweite bereitete Mr. Fairlie darauf vor, daß ſich Anna Catherick's Geiſteskrankheit durch die lange Ausſetzung der Ueberwachung bedeutend verſchlimmert habe, und daß ihr wahnſinniger Haß gegen Sir Percival Glyde, der früher ihre hervorragendſte Sinnesverwirrung ausgemacht, auch noch jetzt, und zwar unter einer neuen Form, exiſtire. Dieſe letzte Idee der unglücklichen Perſon in Bezug auf Sir Percival Glyde beſtand darin, ihn zu ärgern und zu kränken und ſich ſelbſt, wie ſie denke, in den Augen der Patienten und Wärterinnen zu erheben, indem ſie ſich für ſeine Gemahlin ausgebe: eine Idee, die ſich ihr wahr⸗ ſcheinlich nach einer verſtohlenen Zuſammenkunft, die ſie ſich mit Lady Glyde zu verſchaffen gewußt, in den Kopf geſetzt habe, bei welcher Gelegenheit ſie die auffallende Aehnlichkeit zwiſchen der verſtorbenen Dame und ſich ſelbſt wahrgenommen haben müſſe. Es ſei im höchſten Grade unwahrſcheinlich, daß es ihr je wieder gelingen würde, aus der Anſtalt zu entfliehen, jedoch nicht unmöglich, daß es ihr gelingen möchte, die Angehörigen der verſtor⸗ benen Lady Glyde mit Briefen zu beläſtigen, und Mr. Fairlie ſei deshalb hiermit gegen ſolche gewarnt. 1 135 aus: Dieſes Poſtſcriptum wurde Miß Halcombe gezeigt, als gen, ſie nach Limmeridge kam, und es wurden ihr außerdem mbe die Kleider und anderen Effecten übergeben, welche Lady ein⸗ Glyde mit in das Haus ihrer Tante gebracht hatte. Lark Dieſelben waren von der Gräfin Fosco ſorgfältig zu⸗ rzt⸗ ſammengepackt und nach Cumberland geſandt worden. ucht Dies war die Lage der Sache, als Miß Halcombe anfangs September in Limmeridge eintraf. Kurze Zeit Der darauf feſſelte ein Rückfall ſie wieder an das Zimmer, nna da ihre geſchwächte phyſiſche Kraft dem Seelenſchmerze der erlag, den ſie noch immer um ihre Schweſter litt. Als ihr ſie ſich nach ungefähr einem Monate wieder erholt, war her ihr Argwohn in Bezug auf die den Tod ihrer Schweſter uch begleitenden Umſtände noch immer unerſchüttert derſelbe. ire. Sie hatte inzwiſchen nichts von Sir Percival Glyde auf gehört; Graf Fosco und ſeine Frau hatten— durch die zu Hand der letztern— wiederholte herzliche Nachfragen der über Miß Halcombe's Befinden angeſtellt. Anſtatt jedoch ſich dieſe Briefe zu beantworten, hatte Miß Halcombe das hr⸗ Haus in St. John's Wood, ſowie das Verfahren der ſie Bewohner deſſelben heimlich beobachten laſſen. Doch war opf nichts Verdächtiges dabei entdeckt worden. Ihre nächſten nde Nachforſchungen, welche ſie im Geheimen über Mrs. bſt Rubelle veranſtaltete, hatten denſelben Erfolg. Dieſe war ade etwa ſechs Monate vorher mit ihrem Manne in London de, angekommen. Sie waren aus Lyon und hatten bei ihrer ich, Ankunft in London in der Nachbarſchaft vom Leiceſter⸗ or⸗ Platze ein Haus gemiethet und daſſelbe zur Aufnahme Nr. von Fremden hergerichtet, die in großer Menge zur In⸗ duſtrieausſtellung von 1851 in England erwartet wurden. 136 Sie waren ruhige Leute und hatten bisher redlich Zah⸗ lung geleiſtet. Ihre letzten Nachforſchungen bezogen ſich auf Sir Per⸗ eival Glyde. Er lebte in Paris, und zwar ſehr ruhig in einem Kreiſe engliſcher und franzöſiſcher Bekanntſchaften. Doch ungeachtet der Erfolgloſigkeit all' ihrer Bemü— hungen konnte Miß Halcombe nicht ruhen und beſchloß zunächſt, die Anſtalt zu beſuchen, in welcher Anna Cathe⸗ rik zum zweitenmale gefangen war. Sie hatte früher eine große Neugier in Bezug auf dies arme Weſen gefühlt, und dieſelbe hatte ſich jetzt noch geſteigert; ſie wünſchte ſich zu überzeugen, erſtens: ob es wahr ſei, daß Anna Catherick ſich für Lady Glyde auszugeben verſuche, und zweitens(falls dem wirklich ſo), welche Beweggründe das arme Geſchöpf hatte, um dieſen Betrug zu wagen. Obgleich Graf Fosco's Brief an Mr. Fairlie nicht die Adreſſe der Anſtalt angab, ſo legte doch dies Ver⸗ ſehen Miß Halcombe keine Schwierigken in den Weg. Als ich Anna Catherik im Friedhofe zu Limmeridge ge⸗ ſprochen, hatte ſie mich von der Oertlichkeit des Hauſes unterrichtet und Miß Halcombe hatte die Adreſſe ſofort genau in ihr Tagebuch eingetragen. Demzufolge ſah ſie in demſelben nach und fand die Adreſſe; ſie ließ ſich darauf des Grafen Brief an Mr. Fairlie von letzterm geben, damit derſelbe ihr im Nothfalle als eine Art von Beglaubigungsſchreiben diene, und brach dann ohne Be⸗ gleitung am 11. October nach London auf. Hier brachte ſie die Nacht zu. Es war ihre Abſicht geweſen, in dem Hauſe zu ſchlafen, welches Lady Glyde's ehemalige Erzieherin bewohnte, doch war ihr Mrs. Veſey's gah⸗ Per⸗ g in ten. mü⸗ loß the⸗ eine hlt, chte nna und nde gen. icht zer⸗ eg. ge⸗ ſes ort 137 Aufregung beim Anblicke der nächſten und liebſten Ver⸗ wandten ihrer verlorenen Schülerin ſo ſchmerzlich, daß ſie es für rathſamer hielt, nicht länger bei ihr zu bleiben und deshalb in ein benachbartes Familienhotel zu gehen, daß Mrs. Veſey's verheirathete Schweſter ihr empfahl. Am folgenden Tage begab ſie ſich nach der Anſtalt, welche in nicht großer Entfernung nördlich von London gelegen war. Sie wurde ſofort eingelaſſen, um mit dem Beſitzer zu ſprechen. Dieſer ſchien anfangs entſchieden abgeneigt, ſie ſeine Patientin ſehen zu laſſen. Als ſie ihm jedoch Graf Fosco's Poſtſeriptum zeigte und ihn daran erinnerte, daß ſie ſelbſt die daran genannte„Miß Halcombe“ und eine nahe Anverwandte der verſtorbenen Lady Glyde ſei, und deshalb— aus Familiengründen— ganz natürlich ein Intereſſe daran nehme, ſich perſönlich von Anna Catherick's Sinnentäuſchung in Bezug auf ihre verſtorbene Schweſter zu überzeugen— da änderten ſich Ton und Weſen des Beſitzers der Anſtalt, und er nahm ſeine Einwendungen zurück. Er fühlte wahrſcheinlich, daß, falls er fortführe, ſich zu weigern, dies unter den obwaltenden Verhältniſſen nicht nur eine perſönliche Unhöflichkeit ſein, ſondern auch zu der Vermuthung Anlaß geben würde, daß das Verfahren in ſeiner Anſtalt nicht der Art ſei, um eine Unterſuchung von achtbaren Privaten aushalten zu können. Miß Halcombe's eigene Anſicht war, daß Graf Fosco und Sir Percival den Beſitzer der Anſtalt nicht in ihr Vertrauen gezogen hatten. Ein Beweis hiervon ſchien darin zu liegen, daß er überhaupt einwilligte, ſie mit ſei⸗ ner Patientin zuſammenkommen zu laſſen, und ging noch ferner aus Einräumungen hervor, welche ſicherlich nicht von einem Mitſchuldigen gemacht ſein würden. Zum Beiſpiel unterrichtete er Miß Hulcombe im Laufe ihrer vorläufigen Unterredung, daß Anna Catherick ihm am 30. Juli mit den nöthigen Anweiſungen und Zeugniſſen durch Graf Fosco wieder zurückgebracht wor⸗ den, welcher ihm dabei einen von Sir Percival Glyde unterzeichneten Brief mit Erklärungen und Inſtructionen übergeben. Er(der Beſitzer der Anſtalt) geſtand, daß er, als er ſeine Pflegebefohlene wieder geſehen, einige auf⸗ fallende perſönliche Veränderungen an ihr wahrgenommen. Allerdings ſeien ſolche Veränderungen in Geiſteskranken ſeiner Erfahrung nach durchaus nicht ohne Beiſpiel. Solche Leute ſeien ſich oft innerlich ſowohl wie äußerlich zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten im höchſten Grade ungleich, indem eine Beſſerung oder Verſchlimmerung des geiſtigen Krankheits⸗ zuſtandes nothwendigerweiſe Veränderung im äußern Er⸗ ſcheinen des Patienten hervorbringe. Er rechtfertigte dieſe Veränderungen, ſowie auch die gemäßigte Form von Anna Catherick's Sinnverwirrung, welche ſich ohne Zweifel in ihrem Ausſehen und Weſen kundgab. Dennoch aber ver⸗ wirrte es ihn zu Zeiten, daß ſeine Patientin, ehe ſie ihm entwichen, verſchieden war von der Patientin, die ihm zurückgebracht worden. Dieſe Verſchiedenheiten waren zu geringfügiger Natur, um beſchrieben werden zu können. Er könnte natürlich nicht ſagen, daß ſie ſich in Größe, Ge— ſtalt, Geſichtsfarbe oder allgemeiner Geſichtsform ent⸗ ſchieden verändert: es war eine Veränderung, welche er mehr fühlte als ſah. Kurz, der ganze Fall war ihm von 139 Anfang an ein Räthſel geweſen, deſſen Dunkelheit jetzt noch vermehrt werden ſollte. Es darf nicht geſagt werden, daß dieſe Unterhaltung Miß Halcombe in Wirklichkeit auch nur theilweiſe auf das vorbereitete, was folgen ſollte; aber es machte den⸗ noch einen ſehr ernſtlichen Eindruck auf ſie. Sie fühlte ſich in dem Grade ergriffen dadurch, daß es eine Weile währte, bis ſie im Stande war, dem Beſitzer der An⸗ ſtalt nach dem Theile des Hauſes zu folgen, welchen die Kranken bewohnten. Es erwies ſich, daß Anna Catherick eben in den zu der Anſtalt gehörigen Gartenanlagen ſpazieren ging. Eine der Wärterinnen erbot ſich, Miß Halcombe zu ihr zu füh⸗ ren, während der Beſitzer der Anſtalt einige Minuten im Hauſe zurückzubleiben genöthigt war, da ſeine Dienſte für einen dringenden Fall in Anſpruch genommen wurden, jedoch verſprach, Miß Halcombe in Kurzem zu folgen. Die Wärterin begleitete Miß Halcombe bis zu einem entfernten, geſchmackvoll angelegten Theile des Gartens und betrat, nachdem ſie um ſich geblickt, einen Raſenpfad, der zu beiden Seiten von Gebüſch beſchattet wurde. Un⸗ gefähr auf der Hälfte dieſes Pfades kamen langſam zwei Frauengeſtalten gegangen. Die Wärterin ſagte, auf ſie hindeutend: „Das iſt Anna Catherick, Madame, mit ihrer Wär⸗ terin, welche Ihnen die Fragen beantworten wird, die Sie ihr vorzulegen wünſchen.“ Mit dieſen Worten verließ ſie die Frau, um zu ihren Pflichten im Hauſe zurückzukehren. Miß Halcombe ging vorwärts und die beiden Frauen 140 ihrerſeits ebenfalls. Als ſie ungefähr noch ein Dutzend Schritte von einander entfernt waren, ſtand die eine der beiden Frauen plötzlich einen Augenblick ſtill, blickte eifrig auf die fremde Dame, ſtieß ſchnell die Hand der Wärterin von ſich und lag im nächſten Augenblicke in Miß Hal⸗ combe's Armen. Miß Halcombe erkannte ihre Schweſter — erkannte die Lebendig⸗Todte. Glücklicherweiſe für den Erfolg der ſpäter getroffenen Maßregeln, war niemand außer der Wärterin Zeuge die⸗ ſes Erkennens. Sie war ein junges Mädchen und ſo be⸗ treten darüber, daß es ihr unmöglich war, dazwiſchen zu treten. Sobald ſie ſich aber wieder gefaßt, wurde ihre ganze Aufmerkſamkeit durch Miß Halcombe in Anſpruch genommen, die für den Augenblick der Anſtrengung er⸗ legen war, unter der gewaltigen Bewegung dieſer Ent⸗ deckung Herrin ihrer Sinne zu bleiben. Nach einigen Mi⸗ nuten gelang es der friſchen Luft und dem kühlen Schatten, mit Hülfe ihrer natürlichen Energie und Willenskraft, ſie ſoweit wiederherzuſtellen, daß ſie ſich an die Nothwendig⸗ keit zu erinnern im Stande war, um ihrer unglücklichen Schweſter willen all' ihre Geiſtesgegenwart zuſammen⸗ zuraffen. Unter der Bedingung, daß ſie ſich nicht aus dem Ge⸗ ſichtskreiſe entfernten, geſtattete ihnen die Wärterin ſich allein zu unterhalten. Es war keine Zeit zu fragen— Miß Halcombe konnte die unglückliche Dame nur mit dringenden Bitten auf die Nothwendigkeit aufmerkſam machen, ſich zu faſſen und zu beherrſchen, in welchem Falle ſie ihr ſchnelle Hülfe und Rettung zuſichern könne. - 141 Die Ausſicht auf Befreiung aus der Anſtalt, indem ſie den Vorſchriften ihrer Schweſter gehorchte, genügte, um Lady Glyde zu beruhigen und ſie begreifen zu laſſen, was von ihr verlangt wurde. Miß Halcombe kehrte dann zu der Wärterin zurück, gab ihr alles Gold, das ſie bei ſich hatte(drei Sovereigns) und frug ſie, wann ſie werde allein mit ihr ſprechen können. Das Mädchen war anfangs erſtaunt und mißtrauiſch. Als aber Miß Halcombe erklärte, ſie habe ihr nur einige Fragen vorzulegen, für die ſie augenblicklich zu aufgeregt, habe durchaus nicht die Abſicht, ſie zu einer Verletzung ihrer Pflichten zu verleiten, nahm ſie das Geld und ſchlug drei Uhr des folgenden Nachmittags als die Stunde zu einer Unterredung vor. Sie könne dann, nachdem die Kranken zu Mittag geſpeiſt, auf eine halbe Stunde hinaus⸗ ſchlüpfen und an einem verſteckten Orte außerhalb der hohen Nordmauer, welche ſie um die Gartenanlagen zog, mit der Dame ſprechen. Miß Halcombe hatte nur noch Zeit hierein zu willigen und ihrer Schweſter zuzuflüſtern, daß ſie am folgenden Tage von ihr hören ſolle, als der Beſitzer der Anſtalt zu ihnen kam. Er bemerkte Miß Halcombe's Bewegung, welche ſie erklärte, indem ſie ſagte, daß ihre Unterredung mit Anna Catherick ſie anfangs etwas ergriffen habe. Sie verabſchiedete ſich dann ſo ſchnell als möglich, das heißt, ſobald ſie Muth genug ſammelu konnte, um ſich von ihrer unglücklichen Schweſter zu trennen. Als ſie wieder im Stande war, ruhig nachzudenken, überzeugte ganz kurze Ueberlegung ſie, daß jeder Verſuch, die Identität der Lady Glyde auf dem Wege des Rechtes 7 142 feſtzuſtellen und ſie zu befreien— ſelbſt wenn derſelbe ein erfolgreicher wäre— einen Verzug herbeiführen würde, der den Geiſteskräften ihrer Schweſter, welche durch die Schrecken ihrer Lage bereits erſchüttert waren, verderblich werden könnte. Bis Miß Halcombe wieder in London anlangte, hatte ſie beſchloſſen, Lady Glyde's Befreiung heimlich und mit Hülfe der Wärterin zu bewerfſtelligen. Sie ging ſofort zu ihrem Geldmäkler und verkaufte die Actien des ganzen kleinen Vermögens, daß ſie beſaß und das ſich auf etwa ſiebenhundert Pfund belief. Ent⸗ ſchloſſen, die Freiheit ihrer Schweſter, falls dies noth⸗ wendig, mit dem letzten Heller, den ſie in der Welt beſaß, zu erkaufen, begab ſie ſich, indem ſie die ganze Summe in Banknoten in der Taſche bei ſich trug, an den für die Zu⸗ ſammenkunft beſtimmten Ortjenſeits der Mauer der Anſtalt. Die Wärterin erwartete ſie hier. Miß Halcombe kam durch viele vorläufige Fragen vorſichtig auf den Gegen⸗ ſtand ihrer Wünſche. Sie erfuhr unter andern, daß man die Wärterin, welche früher die wahre Anna Catherick be⸗ aufſichtigt, für die Flucht derſelben verantwortlich gemacht (obgleich ſie nicht dafür zu tadeln geweſen) und ſie ihrer Stellung entſetzt hatte. Dieſelbe Strafe, fügte das Mäd⸗ chen hinzu, würde auf ſie fallen, falls die angebliche Anna Catherick ebenfalls entwiche; außerdem habe ſie ein be⸗ ſonderes Intereſſe, um ihre Stelle zu behalten. Sie war verlobt nnd wartete, bis ſie und ihr Verlobter im Stande ſein würden, zwiſchen zwei und dreihundert Pfund zuſam⸗ men zu ſparen, um ein Geſchäft zu entriren, daß es ihnen möglich machen würde, zu heirathen. Sie erhielt einen guten Lohn und hoffte es durch ſtrenge Sparſamkeit zu er⸗ mö der An ſie geb lun beh arn nal gf ſche den Un in 0) . aib. De Dl Br die geg geb mie net e ein irde, die blich ndon iung gen. aufte eſaß Ent⸗ oth⸗ ſaß, ee in Zu⸗ talt. kam gen⸗ nan be⸗ acht hrer äd⸗ nna be⸗ var nde nen nen er⸗ 143 möglichen, in zwei Jahren ihren Antheil an der erfor⸗ derlichen Summe beitragen zu können. Auf dieſen Wink hin ſprach Miß Halcombe. Sie unterrichtete die Wärterin, daß die angebliche Anna Catherick eine nahe Anverwandte von ihr ſei; daß ſie durch ein unglückſeliges Mißverſtändniß in die Anſtalt gebracht worden, und daß es eine gute, chriſtliche Hand⸗ lung von ihr— der Wärterin— ſein würde, falls ſie ihr behülflich wäre, die arme Dame zu befreien. Ohne dem armen Mädchen Zeit zu irgend einer Einwendung zu laſſen, nahm Miß Halcombe vier Banknoten, jede zu hundert Pfund, aus ihrem Taſchenbuche und bot ſie ihr als Ent⸗ ſchädigung für die Gefahr, die ſie laufen würde, und für den Verluſt ihrer Stelle an. Die Wärterin zögerte aus bloſer Ueberraſchung und Ungläubigkeit. Aber Miß Halcombe fuhr entſchloſſen fort, in ſie zu dringen. „Sie werden eine gute Handlung thun,“ ſagte ſie; „Sie werden einer aufs tiefſte verletzten, unglücklichen Dame helfen. Hier iſt Ihr Heirathsgut als Belohnung. Bringen Sie ſie ſicher zu mir hierher, und ich will Ihnen dieſe vier Banknoten geben, ehe ich ſie von Ahnen ent⸗ gegennehme.“ „Wollen Sie mir einen Brief mit dieſen Worten geben, den ich meinem Bräutigam zeigen kann, wenn er mich fragt, woher ich das Geld habe?“ frug das Mädchen. „Ich will den Brief fertig geſchrieben und unterzeich⸗ net mit mir bringen,“ ſagte Miß Halcombe. „Dann will ich es wagen,“ ſagte das Mädchen. „Wann?“ „Morgen.“ Sie kamen dann eilig überein, daß Miß Halcombe am folgenden Morgen zeitig wiederkommen und zwiſchen den Bäumen verſteckt warten— jedoch ſich immer in der Nähe der Stelle hinter der Nordmauer aufhalten ſolle. Die Wärterin konnte nicht genau beſtimmen, wann ſie kommen werde, da es die Vorſicht erforderte, daß ſie ſich durch die Umſtände leiten ließe. Auf dieſe Ueberein⸗ kunft hin trennten ſie ſich dann. Miß Halcombe war nächſten Morgen ſchon vor zehn Uhr mit dem verſprochenen Briefe und den Banknoten an der beſtimmten Stelle. Sie wartete länger als andert⸗ halb Stunden. Nach Verlaufe derſelben ſah ſie die Wär⸗ terin ſchnell um die Ecke kommen, indem ſie Lady Glyde am Arme hatte. Sowie ſie einander gegenüberſtanden, gab Miß Halcombe den Brief und die Banknoten in ihre Hände— und die Schweſtern waren wieder vereinigt. Die Wärterin hatte Lady Glyde mit vortrefflichem Vorbedacht in einen Hut, Schleier und Shawl gekleidet, die ihr— der Wärterin— gehörten. Miß Halcombe hielt ſie nur zurück, um ihr die Mittel anzudeuten, durch welche die Verfolgung in die falſche Richtung geleitet wer⸗ den könne, ſobald man die Flucht in der Anſtalt entdecken würde. Sie ſollte zum Hauſe zurückkehren; dann, wie zu⸗ fällig, in Gegenwart der anderen Wärterinnen erwähnen, daß Anna Catherick ſich neulich nach der Entfernung von London nach Hampſßire erkundigt,— bis zu dem letzten Augenblicke warten, wo die Entdeckung der Flucht un⸗ vermeidlich ſein würde, und dann Lärm über Anna Ca⸗ therick's Verſchwinden zu machen. Die angeblichen Er⸗ 2 am den der ſolle. n ſie 3 ſie rein⸗ zehn loten dert⸗ Wär⸗ blyde nden, ihre it. chem eidet, ombe durch wer⸗ ecken 2 zu⸗ jnen, von etzten un⸗ Ca⸗ Er⸗ 145 kundigungen in Bezug auf Hampſhire würden den Beſitzer der Anſtalt, ſobald ſie ihm mitgetheilt worden, auf die Vermuthung führen, daß ſeine Patientin unter dem Ein⸗ fluſſe der Sinnestäuſchung, in der ſie ſich noch immer für Lady Glyde ausgab, nach Blackwater Park zurückgekehrt ſei, wonach die erſte Verfolgung aller Wahrſcheinlichkeit nach in dieſer Richtung vorgenommen werden würde. Die Wärterin verſprach, dieſem Plane zu folgen— und zwar um ſo bereitwilliger, da er ihr die Mittel bot, ſich gegen ſchlimmere Folgen, als die des Verluſtes ihrer Stelle zu ſichern, indem ſie im Hauſe blieb und ſo wenig⸗ ſtens den Schein der Unſchuld bewahrte. Sie kehrte ſofort in die Anſtalt zurück und Miß Hal⸗ combe verlor keine Zeit, ihre Schweſter nach London und in Sicherheit zu bringen. Sie kamen noch zur rechten Zeit an, um mit dem Nachmittagszuge nach Carlisle zu reiſen, und langten noch an demſelben Abende ohne Unfall oder Schwierigkeit in Limmeridge an. Während der letzten Strecke ihrer Reiſe waren ſie allein im Waggon, und es gelang Miß Halcombe, ſolche Erinnerungen der Vergangenheit zu ſammeln, wie das verwirrte und geſchwächte Gedächtniß ihrer Schweſter ſie ſich zurückzurufen vermochte. Die Einzelheiten des ausgeübten Complots, welche ſie ſich auf dieſe Weiſe verſchaffte, waren abgebrochen und im höchſten Grade unzuſammenhängend. So unvollkommen jedoch dieſe Mit⸗ theilungen waren, müſſen ſie dennoch hier berichtet wer⸗ den, ehe dieſe erläuternde Abtheilung unſerer Erzählung mit den Ereigniſſen des folgenden Tages in Limmeridge ſchließt. Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 10 146 Folgende Einzelheiten ſind Alles, was Miß Halcombe zu erfahren vermochte. Lady Glyde's Erinnerungen an die Ereigniſſe, welche ihrer Abreiſe von Blackwater Park folgten, begannen mit ihrer Ankunft auf der Station der Südweſtbahn in London. Sie hatte nicht daran gedacht, ſich vorher ein Memorandum über den Tag zu machen, an welchem ſie die Reiſe machte. Alle Hoffnung mußte ſomit aufgegeben werden, dies wichtige Datum durch ihr Zeugniß oder das der Haushälterin, Mrs. Michelſon, genau zu erfahren. Bei der Ankunft des Zuges am Perron fand Lady Glyde, daß Graf Fosco ſie dort erwartete. Er war an der Wagenthür, ſowie nur der Schaffner dieſelbe öffnete. Der Zug brachte ungewöhnlich viele Paſſagiere, und es gab daher ein großes Gedränge und große Verwirrung bei dem Gepäcke. Das von Lady Glyde wurde von Jeman⸗ dem verſchafft, den der Graf mitgebracht hatte. Es war alles mit ihrem Namen verſehen. Sie fuhr dann mit dem Grafen allein in einem Wagen ab, den ſie zur Zeit nicht beſonders beachtete. Ihre erſte Frage, indem ſie die Station verließen, war nach Miß Halcombe. Der Graf unterrichtete ſie, daß Miß Halcombe noch nicht nach Cumberland abgereiſt ſei, da er nach reiflicher Ueberlegung an der Rathſamkeit gezweifelt, ſie, ohne daß ſie vorher ein paar Tage aus⸗ geruht, eine ſo lange Reiſe unternehmen zu laſſen. Lady Glyde frug dann, ob ihre Schweſter ſich augen⸗ blicklich im Hauſe des Grafen aufhalte. Ihre Erinnerung der Antwort des Grafen war ver⸗ ombe helche nnen n in ein m ſie geben das 1. Lady ar an efnete. d es rung man⸗ war dem nicht eßen, daß t ſei, mkeit aus⸗ ugen⸗ ver⸗ 147 wirrt und nur inſoweit deutlich, daß der Graf ihr geſagt habe, er ſei im Begriffe, ſie zu Miß Halcombe zu führen. Lady Glyde war ſo wenig mit London bekannt, daß ſie nicht ſagen konnte, durch welche Straße ſie kamen. Aber ſie war gewiß, daß ſie die Straßen nicht verlaſſen, und daß ſie an keinen Gärten oder Bäumen vorbeikamen. Als der Wagen ſtille hielt, war dies in einer engen Straße hinter einem großen Platze— einem Platze mit Kauf⸗ läden, öffentlichen Gebäuden und großer Menſchenmenge. Dieſen Erinnerungen zufolge(in denen Lady Glhyde ſich klar war), ſcheint es, daß Graf Fosco ſie nicht nach ſeiner eigenen Wohnung in der Vorſtadt St. John's Wood brachte. Sie gingen ins Haus und nach einer Hinterſtube ent⸗ weder in der erſten oder zweiten Etage hinauf. Das Ge⸗ päck wurde ſorgfältig hereingetragen; eine Magd öffnete die Thür, und ein Mann mit einem Barte, dem Anſcheine nach ein Ausländer, empfing ſie im Flur und führte ſie dann mit großer Höflichkeit die Treppe hinauf. Auf Lady Glyde's Fragen entgegnete der Graf, daß Miß Halcombe ſich im Hauſe befinde und ſofort von der Ankunft ihrer Schweſter benachrichtigt werden ſolle. Er ging dann mit dem fremden Manne fort und ließ ſie allein im Zimmer. Daſſelbe war ärmlich als Wohnzimmer möblirt und bot eine Ausſicht auf die Hinterſeite einer Straße. Es war auffallend ſtill im Hauſe; auf der Treppe kamen und gingen keine Schritte, und ſie hörte nichts als ein dumpfes Murmeln von Männerſtimmen in dem Zim⸗ mer unter dem, in welchem ſie ſich befand. Sie war nicht lange allein geblieben, als der Graf zurückkam, um ihr 10* anzukündigen, daß Miß Halcombe augenblicklich ſchlafe und auf eine Weile nicht geſtört werden könne. Es beglei⸗ tete ihn ein Herr(ein Engländer), den er ihr als ſeinen Freund vorſtellen zu dürfen bat. Nach dieſer ſonderbaren Vorſtellung— bei welcher, ſoviel Lady Glhyde ſich ent⸗ ſinnen konnte, keine Namen genannt wurden— blieb ſie mit dem Fremden allein. Er war vollkommen höflich, aber er erſchreckte und verwirrte ſie durch einige ſonder⸗ bare Fragen in Bezug auf ſie ſelbſt und durch ſeine ſelt⸗ ſamen Blicke, während er dieſelben an ſie richtete. Nach einer kleinen Weile ging er wieder hinaus; und ein paar Minuten ſpäter trat ein zweiter Fremder(ebenfalls ein Engländer) herein. Dieſer Letztere ſtellte ſich ſelbſt als einen Freund des Grafen Fosco vor und begann dann ſeinerſeits ſie durch ſeltſame Blicke und Fragen zu ver⸗ wirren, wobei er ſie nicht ein einzigesmal, ſoviel ſie ſich zu erinnern vermochte, bei ihrem Namen anredete; worauf er dann bald, wie der erſte, das Zimmer wieder verließ. Sie war jetzt bereits ſo ängſtlich geworden und ſo be⸗ ſorgt um ihre Schweſter, daß ſie daran dachte, wieder hin⸗ unter zu gehen und den Beiſtand des einzigen weiblichen Weſens anzurufen, das ſie im Hauſe geſehen: der Magd nämlich, welche ihnen die Hausthür geöffnet hatte. Als ſie ſich eben von ihrem Seſſel erhoben, kehrte der Graf ins Zimmer zurück. Sie frug ihn ſogleich voll Beſorgniß, wie lange ihr Zuſammenkommen mit ihrer Schweſter noch verſchoben bleiben müſſe? Zuerſt gab er ihr eine ausweichende Antwort, dann aber, als ſie immer ängſtlicher in ihn drang, bekannte er, anſcheinend mit großem Widerſtreben, daß Miß Halcombe ſich durchaus hlafe glei⸗ inen aren ent⸗ ſie lich, der⸗ ſelt⸗ Nach vaar ein als dann ver⸗ ſich rauf ließ. be⸗ hin⸗ chen Lagd der voll hrer b er mer mit haus 149 nicht ſo wohl befinde, wie er es ſie bisher habe glauben laſſen. Der Ton und die Art und Weiſe, in der er ihr dieſe Antwort gab, beunruhigten Lady Glyde in dem Grade, oder erhöhten vielmehr noch ſo peinlich die Beſorg⸗ niß, welche ſie in Gegenwart der beiden fremden Herren gefühlt, daß ſie von einer plötzlichen Schwäche befallen wurde und um ein Glas Waſſer zu bitten genöthigt war. Der Graf ging an die Thür und rief, daß man ihm ein Glas Waſſer und ein Riechfläſchchen brächte. Das Waſſer hatte, als Lady Glyde es zu trinken verſuchte, einen ſo ſonderbaren Geſchmack, daß es ihr Unwohlſein verſchlim⸗ merte und ſie ſchnell dem Grafen das Riechfläſchchen aus der Hand nahm, um daran zu riechen. Es wurde ihr augenblicklich ſchwindelig; der Graf fing das Fläſchchen auf, als es ihren Händen entfiel, und das Letzte, deſſen ſie ſich bewußt, war, daß er es ihr zum zweitenmale zu riechen vorhielt. Von dieſem Punkte an waren ihre Erinnerungen unklar, abgebrochen und ſchwer mit jeder annehmbaren Wahrſcheinlichkeit zu vereinigen. Ihrem eigenen Eindrucke zufolge, kehrte ihr erſt ſpät am Abend das Bewußtſein zurück; ihre Erinnerung war, daß ſie darauf das Haus verließ); daß ſie(wie ſie es vorher im Blackwater Park beſchloſſen) zu Mrs. Veſey ging, dort Thee trank und die Nacht zubrachte. Sie war durchaus nicht im Stande, anzugeben, wie, wann oder in welcher Geſellſchaft ſie das Haus verlaſſen, in das Graf Fosco ſie geführt. Sie blieb bei der Behaup⸗ tung, daß ſie bei Mrs. Veſey geweſen, und, was noch merkwürdiger war, daß Mrs. Rubelle ſie zu Bett ge⸗ 150 bracht! Sie konnte ſich nicht entſinnen, wovon man bei Mrs. Veſey geſprochen, wen ſie dort noch außer dieſer Dame geſehen, oder warum Mrs. Rubelle im Hauſe geweſen und ihr geholfen habe. Ihre Erinnerung an das, was ſich am folgendenu Mor⸗ gen zugetragen, war noch unklarer und unzuverläſſiger. Sie hatte eine undeutliche Idee, als ob ſie mit dem Grafen und mit Mrs. Rubelle als weiblicher Begleitung aus⸗ gefahren, doch konnte ſie nicht ſagen, zu welcher Stunde, noch wie, wann und weshalb ſie Mrs. Veſey verlaſſen. Ebenſowenig konnte ſie ſich erinnern, welche Richtung der Wagen nahm, wo ſie ausſtieg, und ob der Graf und Mrs. Rubelle fortwährend bei ihr blieben oder nicht. An dieſem Punkte ihrer traurigen Geſchichte war eine vollkommene Leere. Sie hatte auch nicht den ſchwächſten Eindruck irgend einer Art zu berichten— keine Idee, ob ein Tag oder mehr als ein Tag verfloſſen war, bis ſie plötzlich an einem fremden Orte, wo unbekannte Frauen ſie um⸗ ringten, wieder zur Beſinnung kam. Dies war die Irrenanſtalt. Hier hörte ſie ſich zuerſt bei Anna Cathericks Namen nennen, und hier als letzten bemerkenswerthen Umſtand in der Erzählung des an ihr begangenen Verrathes gewahrte ſie mit ihren eigenen Augen, daß ſie Anna Catherick's Kleider trug. Die Wärterin hatte ihr am erſten Abende, da ſie ſie auskleidete, die Zeichen in jedem einzelnen Gegenſtande ihrer Unterkleider gezeigt und ihr dabei ohne alle Un freundlichkeit oder Gereiztheit geſagt: „Sehen Sie doch Ihren eignen Namen in Ihren eignen Kleidern an und langweilen Sie uns nicht mehr bei eſer nuſe ren tehr 151 mit Ihrer Idee, daß Sie Lady Glyde wären. Die iſt todt und begraben, und Sie ſind lebendig und geſund. Sehen Sie doch Ihre Kleider einmal an! Da ſteht es ja, mit guter Zeichentinte, und an derſelben Stelle wer⸗ den Sie es in all Ihren Kleidern finden, die wir hier für Sie aufbewahrt haben:„Anna Catherick,“ ſo deut⸗ lich als ob es gedruckt wäre!“ Und allerdings war es da, als Miß Halcombe am Abende ihrer Ankunft in Limmeridge Houſe die Leinwand ihrer Schweſter beſichtigte. Dies war in deutlichen Ausdrücken die Erzählung, welche Miß Halcombe auf der Fahrt nach Cumberland durch ſorgfältige Fragen aus ihrer Schweſter heraus⸗ brachte. Miß Halcombe enthielt ſich, mit Fragen über die Ereigniſſe in der Anſtalt in ſie zu dringen, da ihr Ge⸗ müthszuſtand offenbar nicht der Art war, dieſe Erinnerun gen zu ertragen. Man erfuhr durch das freiwillige Bekenntniß des Eigenthümers der Anſtalt, daß ſie am 30. Juli in derſelben aufgenommen worden war. Von dieſem Tage an bis zu dem 15. October(dem Tage ihrer Befreiung) war ſie in Haft geweſen, indem man ſyſtematiſch ihre Identität als Anna Catherick behauptete und ihr entſchieden von Anfang bis zu Ende ihren geſunden Verſtand ableugnete. Seelen, die weniger fein geartet, und Naturen, die weniger zart organiſirt geweſen wären, hätten unter einer ſolchen Feuerprobe erliegen müſſen. Kein Mann hätte ſie durchmachen und unverändert dar⸗ aus hervorgehen können. Da ſie erſt ſpät am Abende des 15. Octobers in Lim meridge Houſe anlangten, beſchloß Miß Halcombe wohl⸗ 152 weislich, den Verſuch, Lady Glyde's Identität geltend zu machen, bis zum folgenden Tage zu verſchieben. Am nächſten Morgen war ihr Erſtes, zu Mr. Fairlie zu gehen; ſie erzählte ihm dann nach aller erdenklichen Vorſicht und Vorbereitung mit einfachen, klaren Worten, was ſich zugetragen. Sobald er ſich von ſeinem erſten Erſtaunen und ſeiner Beſtürzung einigermaßen erholt, erklärte er mit zornigen Worten, Miß Halcombe habe ſich durch Anna Catherick zum Narren halten laſſen. Er verwies ſie auf Graf Fosco's Brief und auf das, was ſie ſelbſt ihm über die Aehnlichkeit zwiſchen Anna und ſeiner verſtorbenen Nichte mitgetheilt hatte, und weigerte ſich entſchieden, auch nur auf eine einzige Minute eine Wahnſinnige vor ſich zu laſſen, welche in ſein Haus gebracht zu haben allein ſchon Beleidigung genug für ihn ſei. Miß Halcombe verließ das Zimmer und wartete, bis ſich die erſte Hitze ihrer Entrüſtung gelegt; ſie beſchloß nach reiflicher Ueberlegung, daß Mr. Fairlie im bloſen Intereſſe der Menſchlichkeit ſeine Nichte ſehen ſolle, ehe er ſeine Thüren gegen ſie ſchloß, wie gegen eine Fremde, und führte dann Lady Glyde, ohne ihn vorher auch nur durch ein Wort hierauf vorzubereiten, in ſein Zimmer. Der Diener war an der Thür aufgeſtellt, um ihnen den Eintritt zu wehren; aber Miß Halcombe beſtand auf ihren Vorſatz und drang, ihre Schweſter an der Hand haltend, in Mr. Fairlie's Zimmer ein. Der Auftritt, welcher folgte, war, obgleich er nur wenige Minuten währte, zu ſchmerzlich, um beſchrieben zu werden.— Miß Halcombe ſelbſt konnte ſich nicht 4 153 überwinden, davon zu ſprechen. Genüge es, zu ſagen, daß Mr. Fairlie in den entſchiedenſten Ausdrücken er⸗ klärte, er erkenne die Perſon, die man ihm vorführe, nicht; er ſehe nichts in ihren Manieren oder ihrem Geſichte, das ihn einen Augenblick daran zweifeln ließe, daß ſeine Nichte im Kirchhofe von Limmeridge begraben liege, und daß er den Schutz des Geſetzes anrufen wolle, falls die Perſon nicht, ehe der Tag zu Ende, ſein Haus verlaſſen haben werde. Selbſt wenn man Mr. Fairlie's Egoismus, Trägheit und angeborenen Gefühlsmangel aus dem allerſchlimmſten Geſichtspunkte betrachtete, war es doch offenbar unmög⸗ lich, anzunehmen, daß er einer ſolchen Schändlichkeit fähig geweſen wäre, das Kind ſeines Bruders ge⸗ fliſſentlich zu verleugnen. Miß Halcombe legte dem Einfluſſe des Vorurtheils und der Beſtürzung auf höchſt humane und verſtändige Weiſe ſein volles Gewicht bei und erklärte ſich dadurch, was ſich zugetragen. Als ſie aber darauf die Probe mit der Dienerſchaft machte und fand, daß auch ſie durch⸗ gängig wenigſtens unſicher waren, ob die Dame, die man ihnen vorſtellte, ihre junge Gebieterin oder Anna Catherick ſei(von deren Aehnlichkeit mit der Erſteren ſie Alle gehört hatten), konnte Miß Halcombe nicht länger zweifeln, daß die Veränderung, welche die lange Haft im Irrenhauſe in Lady's Glyde's Ausſehen und Weſen hervorgebracht, eine weit bedeutendere ſei, als ſie zuerſt angenommen hatte. Der ſchändliche Betrug, der ihren Tod behauptet, bot aller Entdeckung, ſelbſt in dem Hauſe, in welchem ſie geboren war, und bei den Leuten, unter denen ſie gelebt, Trotz. 154 In weniger kritiſchen Verhältniſſen hätte der Verſuch auch jetzt noch nicht als hoffnungslos aufgegeben zu werden brauchen. Die Kammerjungfer, Fanny, zum Beiſpiel, die zur Zeit zufällig nicht in Limmeridge anweſend war, wurde in ein paar Tagen zurückerwartet; und dies würde eine Ausſicht geboten haben, mit ihrem Erkennen den An⸗ fang zu machen, da ſie in weit vertrauterem Umgange mit ihrer jungen Gebieterin gelebt und ihr weit herz⸗ licher zugethan war, als die übrige Dienerſchaft. Dann auch hätte Lady Glyde heimlich im Hauſe oder im Dorfe zu Limmeridge bleiben können, bis ſich ihre Ge⸗ ſundheit wieder etwas befeſtigt und ihre Geiſteskräfte wieder hergeſtellt hatten; denn ſobald ſie ſich wieder auf ihr Gedächtniß verlaſſen konnte, würde ſie natürlicher⸗ weiſe Perſonen und Ereigniſſe der Vergangenheit er⸗ wähnt haben, und zwar mit einer Sicherheit und Ge⸗ nauigkeit, die eine Betrügerin nicht hätte nachahmen können; und ſo hätte ihre Identität, welche feſtzuſtellen ihrem eignen Erſcheinen nicht gelungen war, ſpäter mit Hülfe der Zeit durch ihre eignen Worte noch unzweifel⸗ hafter bewieſen werden können. Aber die Verhältniſſe, unter welchen ſie ihre Freiheit wiedergewonnen, machten dieſe Zufluchtsmittel geradezu unanwendbar. Die Verfolgung von Seiten der Irreu⸗ anſtalt, die nur für den Augenblick nach Hampſhire hin abgelenkt worden, mußte unfehlbar zunächſt ſich nach Cumberland richten. Die mit der Verfolgung beauftrag⸗ ten Perſonen konnten in wenigen Stunden in Limmeridge eintreffen, und in Mr. Fairlie's gegenwärtiger Stimmung dur örtl ſicht com han ihr eigt wei gro und ber⸗ her ern M Ab Wo den als ma ver ma leu Se ger Ar glo ihr ſuch zu zur irde eine An⸗ unge erz⸗ ann im Ge⸗ äfte eder her⸗ er⸗ Ge⸗ men elen mit ifel⸗ theit dezu reu⸗ hin nach rag⸗ idge rung 155 durften ſie mit Beſtimmtheit auf ſeinen Beiſtand als örtliche Autorität rechnen. Die gewöhnlichſte Rück⸗ ſicht für Lady Glyde's Sicherheit zwang Miß Hal— combe, den Kampf aufzugeben, um recht gegen ſie zu handeln, und ſie ſofort von dem Orte zu entfernen, der ihr jetzt gefährlicher war als jeder andere— aus ihrer eignen Heimat. Augenblickliche Rückkehr nach London war die erſte und weiſeſte Sicherheitsmaßregel, an die ſie dachte. In der großen Stadt konnte jede Spur von ihnen am ſchnellſten und ſicherſten getilgt werden. Es waren keine Reiſevor⸗ bereitungen zu treffen— und niemand da, mit dem ſie herzliche Abſchiedsworte zu wechſeln gehabt hätten. Am Nachmittage jenes denkwürdigen 16. Octobers ermunterte Miß Halcombe ihre Schweſter zu einer letzten Muthanſtrengung, und ohne von einer lebenden Seele Abſchied zu nehmen, gingen die Beiden allein in die Welt hinaus und wandten Limmeridge Houſe auf immer den Rücken. Sie hatten den Hügel oberhalb des Friedhofes erreicht, als Lady Glyde darauf beſtand, umzukehren und noch ein— mal das Grab ihrer Mutter zu ſehen. Miß Halcombe verſuchte ſie davon abzubringen, doch gelang es ihr dies— mal nicht. Sie war unerſchütterlich. Ihre matten Augen leuchteten mit plötzlichem Feuer und blitzten durch den Schleier, der ihr Geſicht bedeckte; die abgemagerten Fin⸗ ger ſchloſſen ſich feſter und krampfhafter um den treuen Arm, auf den ſie ſich bisher ſo kraftlos gelehnt. Ich glaube im Innerſten meines Herzens, daß Gottes Hand ihnen den Weg rückwärts wies und daß es dem ſchuld⸗ 156 loſeſten und geprüfteſten all' ſeiner Geſchöpfe in jenem ſchweren Augenblicke vergönnt war, dies zu ſehen. Sie gingen zurück und auf den Begräbnißplatz und beſiegelten hierdurch die Zukunft unſerer drei Leben. III. Dies war die Geſchichte der Vergangenheit— ſoweit ſie uns bekannt war. Zwei einleuchtende Schlüſſe boten ſich meinem Geiſte, nachdem ich ſie angehört hatte. Ich erkannte erſtens dunkel die Natur des Complots: wie man Zufälligkeiten beobachtet und Umſtände benutzt hatte, um ein verwegenes und ſchwieriges Verbrechen gegen Strafe zu ſichern. Wäh⸗ rend alle Einzelheiten mir noch ein Geheimniß blieben, war mir doch die ſchändliche Art und Weiſe, in der man ſich die zufällige Aehnlichkeit der Frau in Weiß mit Lady Glyde zu Nutze gemacht, vollkommen klar. Es lag auf der Hand, daß Anna Catherick als Lady Glyde in Graf Fosco's Hauſe eingeführt worden, und daß Lady Glyde die Stelle der Verſtorbenen in der Anſtalt eingenommen — wobei man die Subſtituirung ſo ausgeführt, daß un⸗ ſchuldige Leute(wenigſtens der Arzt und die beiden Mägde, ganz gewiß und wahrſcheinlich auch der Beſitzer der Irren⸗ anſtalt) Mitſchuldige an dem Verbrechen wurden. Der zweite Schluß war die nothwendige Folge des erſten. Wir Drei durften vom Grafen und von Sir Percival Glyde keine Barmherzigkeit erwarten. Der Er⸗ nem und weit eiſte, tens eiten enes zäh⸗ ben, man ady auf braf lyde men un⸗ gde, ren⸗ 157 folg des Verbrechens hatte jenen beiden Männern einen klaren Gewinn von dreißigtauſend Pfund gebracht— dem einen zwanzig⸗ und dem andern durch ſeine Frau zehn⸗ tauſend. Sie hatten dies Intereſſe ſowohl, als noch an⸗ dere, um ſich nach Kräften gegen Blosſtellung zu wahren, und würden daher kein Opfer ſcheuen, keinen Betrug un⸗ verſucht laſſen, um das Verſteck ihres Opfers zu ent⸗ decken und daſſelbe wieder von den einzigen Freunden zu reißen, das es in der Welt beſaß: von Marianne Halcombe und von mir. Das Bewußtſein dieſer drohenden Gefahr— einer Gefahr, welche jeden Tag, jede Stunde uns näher brachte — beſtimmte mich in der Wahl eines Zufluchtsortes für uns. Ich nahm deshalb eine Wohnung im entlegenen Oſtviertel der Stadt, wo es am wenigſten müßige Leute gab, die ſich in den Straßen umhertrieben. Ich wählte dieſen ärmlichen und bevölkerten Stadttheil, weil, je ſchwe⸗ rer die Männer und Frauen unſerer Nachbarſchaft um einen Lebensunterhalt zu kämpfen hatten, ihnen deſtoweni⸗ ger Zeit und Gelegenheit blieb, um ſich um die Fremden zu bekümmern, welche der Zufall unter ſie führte. Dies waren die großen Vortheile, welche ich hauptſächlich im Auge hatte; aber unſere obſcure Wohnung war auch noch in einer andern und vielleicht nicht minder wichtigen Be⸗ ziehung ein Gewinn für uns. Wir konnten hier durch die tägliche Arbeit meiner Hände um ein Billiges leben und jeden Heller aufſparen, um unſern Zweck zu fördern— den rechtſchaffenen Zweck, ein beiſpielloſes Unrecht wieder gut zu machen, den ich jetzt feſt und unausgeſetzt im Auge behielt. 158 In einer Woche waren Marianne Halcombe und ich übereingekommen, wie wir unſere neue Lebensweiſe ein⸗ richten wollten. Es wohnte außer uns niemand im Hauſe, und wir konnten in demſelben aus⸗ und eingehen, ohne unſern Weg durch den Laden zu nehmen. Ich beſtimmte, daß, wenig⸗ ſtens für's Erſte, weder Marianne noch Laura ohne mich das Haus verließen, und daß ſie in meiner Abweſenheit niemanden unter irgend welchem Vorwande in ihre Zimmer einließen. Sobald wir dieſe Regel feſtgeſetzt, ging ich zu einem Bekannten früherer Zeiten— einem Holzſchneider mit einer ausgebreiteten Kundſchaft— um mir bei ihm Beſchäftigung zu ſuchen, wobei ich ihm zugleich ſagte, daß ich Gründe habe zu wünſchen, un⸗ bekannt zu bleiben. Er ſchloß hieraus ſogleich, daß ich Schulden habe, drückte auf die übliche Weiſe ſein Bedauern darüber aus und verſprach, zu thun, was er koönne, um mir zu helfen. Ich ſtörte ihn nicht in ſeinem Wahne und nahm die Arbeit an, welche er mir zu geben hatte. Er wußte, daß er ſich auf meine Erfahrung und meinen Fleiß verlaſſen konnte. Ich beſaß, was er ſuchte: Aus⸗ dauer und Fertigkeit, und obgleich mein Verdienſt nur klein, ſo reichte er doch aus für unſere Bedürfniſſe. Sobald wir hierüber beruhigt waren, legten Marianne Halcombe und ich zuſammen, was wir beſaßen. Es blieben ihr noch zwei bis dreihundert Pfund von ihrem kleinen Vermögen und mir noch faſt daſſelbe von dem Ertrage des Verkaufs meiner Kundſchaft, ehe ich Eng⸗ land verlaſſen hatte; zuſammen beſaßen wir mehr als wir Weg enig⸗ mich nheit ihre eſetzt, inem um ihm un⸗ habe, über mir und Er einen Aus⸗ nur liſſe. anne Es hrem dem Eng⸗ als 15⁰ vierhundert Pfund. Ich legte dies kleine Vermögen in einer Bank nieder, um mit ihm jene geheimen Nach⸗ forſchungen und Erkundigungen zu beſtreiten, welche ich anzuſtellen und allein durchzuführen entſchloſſen war, falls ich niemanden fand, um mir zu helfen. Wir berech⸗ neten unſere wöchentlichen Ausgaben bis auf den Heller und griffen niemals unſer kleines Kapital an, ausgenom⸗ men für Laura und in Laura's Angelegenheiten. Der Hausarbeit, welche, falls wir gewagt hätten, eine fremde Perſon zu uns zu nehmen, einer Magd anheimge⸗ fallen wäre, nahm ſich Marianne Halcombe gleich vom erſten Tage an, als ob ſie ihr von rechtswegen zukomme. „Was Frauenhände können,“ ſagte ſie,„das ſollen die meinigen thun, vom Morgen bis zum Abend“; und ſie zitterten, als ſie ſie hinhielt. Die abgemagerten Arme er⸗ zählten ihre traurige Geſchichte der jüngſt vergangenen Zeit, als ſie die Aermel des beſcheidenen Kleides auf⸗ ſtreifte, welches ſie der Sicherheit wegen trug; aber ihr unverwüſtlicher Geiſt loderte ſelbſt jetzt noch hell in ihr. Ich ſah große Thränen in ihre Augen kommen und langſam über ihre Wangen rollten, als ſie mich anblickte. Sie wiſchte ſie fort mit einem Anfluge ihrer alten Energie und lächelte mir mit einem matten Widerſcheine ihrer alten frohen Laune zu.„Zweifle nicht an meinem Muthe, Walter,“ ſagte ſie,„es iſt meine Schwäche, welche weint, nicht ich. Die Hausarbeit ſoll ſie über⸗ winden, falls ich es nicht im Stande bin.“ Und ſie hielt Wort: der Sieg war gewonnen, als wir abends wieder zuſammenkamen und uns ſetzten, um auszuruhen. Ihre großen, ſichern, ſchwarzen Augen 160 ſchauten mich mit dem Leuchten ihrer ehemaligen klaren Feſtigkeit an. „Noch bin ich nicht ganz erſchlafft,“ ſagte ſie,„man darf mir noch meinen Theil der Arbeit anvertrauen.“ Ehe ich ihr noch antworten konnte, ſetzte ſie flüſternd hinzu: „Und meinen Theil an Wagniß und Gefahr ebenfalls. Denke daran, wenn die Zeit kommen ſollte!“. Ich dachte daran, als die Zeit kam. Schon vor Ablauf des Monats war unſere Lebens⸗ weiſe ruhig in ihren neuen Gang eingetreten, und wir Drei waren ſo vollkommen in unſerm Verfſtecke iſolirt, als ob das Haus, in dem wir wohnten, eine wüſte Inſel und das große Straßennetz um uns her mit ſeiner wo⸗ genden Menſchenmaſſe die Waſſer einer unermeßlichen See geweſen wären. Ich durfte jetzt auf einige Muße rechnen, um meine Pläne in Bezug auf mein künftiges Verfahren in Ueber⸗ legung zu ziehen und zu erwägen, wie ich mich gleich zu Anfang am ſicherſten für den bevorſtehenden Kampf mit Sir Percival und dem Grafen waffnen könnte. Ich gab alle Hoffnung auf, mich auf mein Erkennen Laura's oder auf Marianne's Erkennen ihrer zum Be⸗ weiſe ihrer Identität zu berufen. Hätten wir ſie weniger innig geliebt, wäre der Inſtinct, den dieſe Liebe uns einge⸗ pflanzt, nicht viel ſicherer geweſen, denn alle Beweis⸗ gründe der Vernunft, viel ſchärfer, denn die ſchärfſten Beobachtungen, ſo wären ſelbſt wir vielleicht unſicher geweſen, als wir ſie zuerſt wieder erblickten. Die äußeren Veränderungen, welche die Leiden und Sch faſt unl grö wäl ich wäl All unt her ſie Fal Jen eine dun in und ſelie blof lich eige hör kon ihre kön ſcho noc ſon ver! W aren man 4.72 ternd falls. vens⸗ wir olirt, Inſel wo⸗ ichen neine eber⸗ h zu mit nnen Be⸗ niger inge⸗ weis⸗ fſten ſicher und 161 Schrecken der jüngſten Vergangenheit auf furchtbare, ja faſt hoffnungsloſe Weiſe in ihr hervorgebracht, hatten ihre unheilbringende Aehnlichkeit mit Anna Catherick noch ver⸗ größert. In meinen Mittheilungen über die Ereigniſſe während meines Aufenthaltes in Limmeridge Houſe habe ich nach meinen eigenen Beobachtungen der Beiden er⸗ wähnt, wie die Aehnlichkeit, ſo auffallend dieſelbe auch im Allgemeinen, ſobald man ſie einem genaueren Vergleiche unterwarf, in manchen Punkten nicht ſtichhaltig war. Frü⸗ her, falls man Beide nebeneinander geſehen, hätte niemand ſie verwechſeln können, wie dies ſo oft bei Zwillingen der Fall iſt. Doch dies konnte ich jetzt nicht mehr behaupten. Jener Kummer und jenes Leiden, welche ſelbſt nur durch. einen flüchtigen Gedanken mit Laura Fairlie in Verbin⸗ dung zu bringen ich mir Vorwürfe gemacht, hatten jetzt in der That ihre entweihenden Stempel auf die Jugend und Anmuth ihres Geſichtes gedrückt; und die unglück⸗ ſelige Aehnlichkeit, welche ich einſt geſehen und über deren bloſen Gedanken ich einſt geſchaudert, war jetzt zu einer wirk⸗ lichen, lebenden Aehnlichkeit geworden, die ſich vor meinen eigenen Augen behauptete. Fremde, Bekannte und Ange⸗ hörige, die ſie nicht gerade mit unſeren Augen anſehen konnten, hätten, falls man ſie ihnen in den erſten Tagen nach ihrer Befreiung aus der Irrenanſtalt gezeigt, zweifeln können, ob ſie die Laura Fairlie ihrer früheren Bekannt⸗ ſchaft ſei, und zwar ohne Tadel dafür zu verdienen. Die eine noch übrige Ausſicht, auf die ich anfangs noch gehofft— die Ausſicht, ihre Erinnerungen an Per⸗ ſonen und Ereigniſſe anzurufen, mit denen keine Betrügerin vertraut ſein konnte, erwies ſich nach unſern letzten Ver⸗ 11 Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. ſuchen als hoffnungslos. Jede kleine Vorſicht, welche Marianne und ich gegen ſie anwandten, jedes kleine Mit⸗ tel, das wir verſuchten, um langſam die geſchwächten und erſchütterten Fähigkeiten zu kräftigen und ſicher zu machen, waren an ſich ſchon wieder neue Hinderniſſe gegen das Wagniß, ihre Erinnerungen auf die unruhige und ſchrecken⸗ volle Vergangenheit zurückzuführen. Die einzigen Begebenheiten früherer Zeiten, an die wir ſie zu erinnern wagten, waren unbedeutende kleine häus⸗ liche Ereigniſſe jener glücklichen erſten Tage in Limmeridge, wo ich ſie zeichnen lehrte. Der Tag, an welchem ich jene Erinnerungen erweckte, indem ich ihr die Zeichnung von dem Schweizerhäuschen zeigte, die ſie mir beim Abſchiede geſchenkt und die mich ſeitdem nie verlaſſen hatte, war der Tag, an dem ſich unſere Hoffnung neu belebte. Schwach und allmälig war die Erinnerung an die alten Spaziergänge und Spazierfahrten, und die armen traurigen Augen blick⸗ ten Marianne und mich mit neuem Intereſſe, mit einer zagenden Nachdenklichkeit an, die wir von dem Augenblicke an nährten und lebendig erhielten. Ich kaufte einen kleinen Farbenkaſten für ſie und ein Zeichenbuch, wie jenes, das ich an dem Morgen, wo ich ſie zuerſt erblickt, in ihren Händen geſehen. Wieder— o mein Gott, wieder ein⸗ mall ſaß ich in den Stunden, welche ich mir von meinen Arbeitsſtunden erübrigte, aber in trübem Lichte und einem ärmlichen Stübchen Londons an ihrer Seite, um die ſchwache, unſichere Hand zu führen. Tag für Tag er⸗ hob ich das neue Intereſſe, bis es ſeinen Platz in der Leere ihres Lebens beſtimmt wieder ausfüllte— bis ſie wieder an ihre Zeichnung denken, davon ſprechen und ſich llche Mit⸗ und hen, das ken⸗ wir ius⸗ dge, jene von diede der und inge lick⸗ iner licke inen das hren ein⸗ inen nem die er⸗ der ſie ſich 163 geduldig allein darin üben konnte, mit einem matten Ab⸗ glanze unſchuldiger Freude über meine Ermuthigungen, der wachſenden Freude über ihre eigenen Fortſchritte, welche dem entſchwundenen Leben und dem entſchwunde⸗ nen Glücke vergangener Tage angehörte. Auf dieſe einfache Weiſe unterſtützten wir langſam die Geneſung ihres Geiſtes; an ſchönen Tagen führten wir ſie hinaus, um in einem ruhigen alten Gartenplatze der City ſpazieren zu gehen, der uns ganz nahe gelegen und wo nichts ſie erſchrecken oder verwirren konnte; wir erübrig⸗ ten ein paar Pfund von unſerm Kapitale, um ihr Wein und kräftigende Nahrungsmittel zu verſchaffen, deren ſie bedurfte, und unterhielten ſie abends durch Kinder⸗Karten⸗ ſpiele und Bilderbücher, die ich von dem Stecher borgte, welcher mir Beſchäftigung gab;— durch dieſe und ähn⸗ liche kleine Aufmerkſamkeiten beruhigten und befeſtigten wir ihr Gemüth und hofften mit frohem Muthe Alles von der Zeit, der Sorgfalt und der Liebe, welche nie ſie vernachläſſigte und nie verzweifelte. Doch ſie aus ihrer Zurückgezogenheit und Ruhe zu reißen, ſie mit Fremden zuſammenzubringen oder Bekannten, die nicht viel beſſer als Fremde für ſie waren; die ſchmerzlichen Erinnerungen an das Vergangene wieder zu wecken, die wir mit ſolcher Mühe zur Ruhe gebracht hatten— dies wagten wir in ihrem eigenen Intereſſe nicht zu thun. Welche Opfer es auch erheiſchen, welche langen, ermüdenden, herzbrechenden Verzögerungen es auch bedingen mochte: das Unrecht, das ihr zugefügt worden, mußte, falls menſchliche Kräfte es bekämpfen konnten, ohne ihr Mitwiſſen und ihre Hülfe wieder gut gemacht werden. 11* 164 Sobald ich hierüber mit mir einig, war es zunächſt nothwendig, daß ich mich entſchied, welches Verfahren mein erſtes ſein müſſe. Nachdem ich mich mit Marianne berathen, beſchloß ich, den Anfang damit zu machen, daß ich möglichſt viele Facta ſammelte und dann Mr. Kyrle(von dem wir über⸗ zeugt waren, daß wir uns auf ihn verlaſſen konnten) zu Rathe zog und mich von ihm unterrichten ließ, ob wir begründete Ausſicht auf gerichtlichen Beiſtand hätten. Ich war es Laura ſchuldig, die Beſtimmung ihrer ganzen Zukunft nicht meinen Bemühungen allein zu überlaſſen, ſolange uns noch die geringſte Ausſicht blieb, unſere Lage durch irgend welchen zuverläſſigen Beiſtand zu verſtärken. Die erſte Quelle der Nachforſchungen, an die ich mich wandte, war das von Marianne Halcombe in Blackwater Park geführte Tagebuch. Doch befand ſich in demſelben Manches über mich ſelbſt aufgezeichnet, wovon ſie nicht gerathen hielt, daß ich es ſähe. Demzufolge las ſie mir aus den Aufzeichnungen vor, während ich mir die noth⸗ wendigen Anmerkungen machte. Wir konnten hierzu nur die Zeit erübrigen, indem wir abends ſpät aufſaßen, doch genügten drei Nächte, mich von alle Dem zu unter⸗ richten, was Marianne mir ſagen konnte. Mein nächſtes Verfahren war, mir ſo viel fernere Auskunft von anderen Leuten zu verſchaffen, wie mir dies möglich war, ohne Verdacht zu erregen. Ich ging ſelbſt zu Mrs. Veſey, um mich zu überzeugen, ob Laura's Angabe, daß ſie dort geſchlafen habe, richtig ſei oder nicht. Ich bewahrte in dieſem Falle aus Rückſicht für Mrs. Veſey's Alter und Schwäche und in allen folgen⸗ 165 den aus Vorſicht das Geheimniß unſerer wirklichen Lage und trug ſtets Sorge, von Laura als der„verſtorbenen Lady Glyde“ zu ſprechen. Mrs. Veſey's Auskünfte auf meine Fragen beſtätigten leider nur meine Vermuthungen. Laura hatte allerdings geſchrieben, ſie werde die Nacht unter dem Dache ihrer alten Freundin zubringen, habe ſich jedoch nicht ſehen laſſen. Es ließ ihr Geiſt ihr in dieſem Falle und, wie ich fürchtete, in noch anderen Das, was ſie zu thun beabſichtigt, in einem Lichte erſcheinen, als ob ſie es in Wirklichkeit ausgeführt hatte. Die unbewußten Widerſprüche in ihr ſelbſt waren auf dieſe Weiſe leicht zu erklären— aber ſie konnten leicht zu ernſtlichen Mißgriffen führen. Es war dies ein Anſtoß bereits an der Schwelle unſeres Ausganges — ein Mangel in unſeren Beweisſtücken, welcher ent⸗ muthigend auf uns wirkte. Als ich dann bat, den Brief ſehen zu dürfen, welchen Laura von Blackwater Park an Mrs. Veſey geſchrieben, gab man ihn mir ohne das Couvert, das längſt fortge⸗ worfen und vernichtet war. Der Brief ſelbſt enthielt gar kein Datum, ſelbſt nicht einmal den Tag der Woche, ſondern blos folgende Zeilen: „Liebſte Mrs. Veſey! Ich bin in großer Noth und großem Kummer und werde morgen Abend zu Ihnen kommen und Sie für die Nacht um ein Bett bitten. Ich kann Ihnen in dieſem Briefe nichts Näheres ſagen— ich ſchreibe in ſolcher Angſt, dabei überraſcht zu werden, daß ich nicht im Stande bin, meine Gedanken feſtzuhalten. Bitte, bleiben 168 Sie zu Hauſe, um mich zu empfangen. Ich will Ihnen tauſend Küſſe geben und Ihnen Alles ſagen. Herzlichſt Ihre Laura.“ Welche Hülfe war in dieſen Zeilen für uns? Nicht die geringſte. Als ich von Mrs. Veſey zurückkehrte, bat ich Marianne, an Mrs. Michelſon zu ſchreiben, jedoch indem ſie die⸗ ſelbe Vorſicht dabei gebrauchte, welche ich ſelbſt übte. Sie durfte, falls ſie dies für rathſam hielt, einen all⸗ gemeinen Verdacht gegen Graf Fosco's Verhalten aus⸗ ſprechen und ſollte die Haushälterin bitten, uns im In⸗ tereſſe der Wahrheit eine deutliche, unumwundene Angabe der Thatſachen zu machen. Während wir die Antwort auf dieſen Brief erwarteten, welche in einer Woche an⸗ langte, ging ich zu dem Arzte in St. John's Wood, dem ich mich als von Miß Halcombe abgeſandt vorſtellte, um wo möglich noch fernere Einzelheiten in Bezug auf dier letzte Krankheit ihrer Schweſter für ſie zu ſammeln, als Mr. Kyrle Zeit gefunden hatte, ſich zu verſchaffen. Mit Mr. Goodricke's Hülfe erlangte ich eine Abſchrift des Todtenſcheines und eine Unterredung mit der Frau(Jane Gould), welche den Leichnam für das Grab hergerichtet hatte. Durch Letztere erfuhr ich auch, auf welche Weiſe ich mir das Zeugniß der Heſter Pinhorn würde ver⸗ ſchaffen können. Dieſelbe hatte kürzlich in Folge einer Veruneinigung mit ihrer Herrin ihre Stelle verlaſſen und wohnte bei Leuten in der Nachbarſchaft der Mrs. Gould, mit welchen dieſe bekannt war. Auf dieſe Weiſe ver⸗ ſchaffte ich mir die Ausſagen des⸗Arztes, der Haushälterin, „— ½, nen 167 der Jane Gould und Heſter Pinhorn, genau wie die⸗ ſelben in dieſen Blättern angeführt ſind. Mit den in dieſen Documenten enthaltenen Zeugniſſen verſehen, hielt ich mich für hinlänglich vorbereitet, um eine Beſprechung mit Mr. Kyrle zu halten, und Marianne ſchrieb ihm demzufolge, um ihn mit meinem Namen be⸗ kannt zu machen und ihm Tag und Stunde anzugeben, wo ich ihn allein und in Privatangelegenheiten zu ſprechen wünſche. Am Morgen dieſes Tages blieb mir noch Zeit genug, um Laura wie gewöhnlich ſpazieren zu führen und ſie dann ruhig bei ihren Zeichnungen anzuſtellen. Als ich aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen, blickte ſie mich mit einer neuen Beſorgniß im Geſichte an, und ihre Finger be⸗ gannen auf ihre alte Weiſe zweifelhaft mit den Pinſeln und Bleiſtiften auf dem Tiſche zu ſpielen. „Du biſt doch meiner noch nicht müde?“ ſagte ſie. „Du gehſt doch nicht fort, weil Du meiner überdrüſſig biſt? Ich will verſuchen, es beſſer zu machen— ich will ſuchen wieder geſund zu werden. Haſt Du mich noch ſo lieb, wie ſonſt, Walter, jetzt, da ich ſo blaß und ab⸗ gefallen bin und ſo langſam im Lernen?“ Sie ſprach, wie ein Kind hätte ſprechen mögen und zeigte mir ihre Gedanken, wie ein Kind es gethan hätte. Ich blieb ein paar Minuten länger— blieb, um ihr zu ſagen, daß ſie mir theurer jetzt, denn je zuvor.„Suche wieder wohl zu werden,“ ſagte ich, ſie in der neuen Hoffnung auf die Zukunft ermuthigend, welche ich in ihrem Geiſte glimmen ſah;„um Marianne's und um meinetwillen ſuche wieder geſund zu werden.“ 168 „Ja,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie ſich wieder zu ihrer Zeichnung wandte,„ich muß es verſuchen, weil ſie mich Beide ſo lieb haben.“ Dann blickte ſie plötzlich wieder auf.„Bleibe nicht lange fort, Walter, ich kann nicht mit meiner Zeichnung fertig werden, wenn Du nicht da biſt, um mir zu helfen.“ „Ich werde bald wieder da ſein, mein Herzensliebling, um zu ſehen, was Du gezeichnet haſt.“ Die Stimme verſagte mir wider Willen, und ich zwang mich, das Zimmer zu verlaſſen. Es war nicht an der Zeit, die Faſſung zu verlieren, deren ich vielleicht noch nothwendig bedurfte, ehe der Tag vorüber war. Als ich die Thür öffnete, winkte ich Mariannen, mir zur Treppe zu folgen. Es war nothwendig, ſie auf ein Reſultat vorzubereiten, das, wie ich fühlte, früher oder ſpäter die Folge meines öffentlichen Umhergehens in den Straßen ſein konnte. „Ich werde aller Wahrſcheinlichkeit nach in wenigen Stunden wieder zurück ſein,“ ſagte ich,„und Du wirſt natürlich in meiner Abweſenheit wie immer Sorge tra⸗ gen, daß kein Menſch ins Haus kommt. Sollte ſich aber etwas ereignen—“ „Was kann ſich ereignen?“ unterbrach ſie mich ſchnell. „Sage mir unumwunden, Walter, ob Gefahr vorhanden, und dann werde ich ihr zu begegnen wiſſen.“ „Die einzige Gefahr, die wir zu befürchten haben, iſt die,“ ſagte ich,„daß Sir Percival Glyde durch die Nach⸗ richt von Laura's Flucht aus der Anſtalt nach London zurückgerufen worden. Du erinnerſt Dich, daß er mich beobachten ließ, bevor ich England verließ, und wahr⸗ 169 ſcheinlich kennt er mich dem Anſehen nach, ohne daß ich ihn je geſehen habe.“ Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und ſchaute mich in ängſtlichem Schweigen an. Ich ſah, daß ſie die ernſtliche Gefahr begriff, welche uns bedrohte. „Es iſt nicht wahrſcheinlich,“ ſagte ich,„daß ich ſobald ſchon in London von Sir Percival oder ſeinen Leuten ge⸗ ſehen werde. Aber es iſt eben möglich, daß ſich ein Unfall der Art zuträgt. In dieſem Falle mußt Du nicht ängſt⸗ lich werden, falls ich heute Abend nicht heimkehren ſollte, und Laura's Fragen mit den beſten Entſchuldigungen be⸗ antworten, die Du für mich machen kannſt. Sobald ich die geringſte Urſache zu argwöhnen habe, daß ich wieder belauert werde, ſo will ich Sorge tragen, daß kein Spion mir nach dieſem Hauſe folgt. Zweifle nicht an meiner Rückkehr, Marianne, wie ſehr ſich dieſelbe auch verzögern mag— und fürchte nichts.“ „Nichts!“ entgegnete ſie feſt.„Du ſollſt es nicht zu bereuen haben, Walter, daß Du nur ein Weib zur Hülfe haſt.“ Sie ſchwieg und hielt mich noch einen Augenblick länger zurück.„Nimm Dich in Acht!“ ſagte ſie, indem ſie mir beſorgt die Hand drückte,—„nimm Dich in Acht!“ Ich verließ ſie und ging, um den Weg zu Nachforſchun⸗ gen zu bahnen— den dunklen, unſichern Weg, der an der Thüre des Advocaten ſeinen Anfang nahm. 170 IV. Auf meinem Wege nach dem Geſchäftsbureau der Herren Gilmore und Kyrle in Chancery Lane ereignete ſich nichts von der geringſten Bedeutung. Während man Mr. Kyrle meine Karte brachte, fiel mir etwas ein, das nicht früher bedacht zu haben ich ernſt⸗ lich bereute. Die Marianne's Tagebuche entnommenen Mittheilungen ſetzten es außer Zweifel, daß Graf Fosco ihren erſten Brief, den ſie von Blackwater Park aus an Mr. Kyrle geſchrieben, geöffnet und den zweiten mit Hülfe ſeiner Frau unterſchlagen hatte. Er kannte daher voll⸗ kommen die Adreſſe des Bureaus, und man durfte daher annehmen, daß er natürlich ſchließen werde, daß Ma⸗ rianne, falls ſie nach dem Entweichen ihrer Schweſter des Rathes oder Beiſtandes bedurfte, abermals Mr. Kyrle's Erfahrungen in Anſpruch nehmen würde. In dieſem Falle war das Bureau in Chancery Lane gerade der Ort, den er und Sir Percival zuerſt bewachen laſſen würden; und falls die dazu verwandten Perſonen dieſelben waren, welche mich ſchon vor meiner Abreiſe aus England ver⸗ folgt hatten, ſo mußte ihnen aller Wahrſcheinlichkeit nach meine Rückkehr ſchon an dieſem Tage bekannt werden. Ich hatte im Allgemeinen an den Fall gedacht, wo ich in der Straße erkannt würde, aber die beſondere Gefahr, die ſich an das Geſchäftslokal knüpfte, war mir bis zu dieſem Augenblicke nie eingefallen. Es war jetzt zu ſpät, um dies unglückliche Verſehen wieder gut zu machen— zu ſpät für den Wunſch, daß ich Vorbereitungen getroffen hätte, an irgend einem dritten Orte mit dem Advocaten zuſammenzukommen. Ich konnte nur den Entſchluß faſſen, vorſichtig zu ſein, wenn ich Chancery Lane wieder verließe und unter keiner Bedingung von dort aus direct nach Hauſe zurückzukehren. Nachdem ichneinige Minuten gewartet, wurde ich in Mr. Kyrle's Pribatzimmer geführt. Er war ein blaſſer, magerer, ruhiger, unbefangener Mann mit ſehr aufmerk⸗ ſamem Auge, einer ſehr leiſen Stimme und einem leiden⸗ ſchaftsloſen Weſen, nicht(wie es mir ſchien) ſehr theil⸗ nehmend, wo es ſich um Fremde handelte, und durchaus nicht leicht aus ſeiner Advocatenhaltung zu bringen. Ich hätte für meinen Zweck ſchwerlich einen beſſern Mann finden können. Falls er ſich zu einer Meinung herbeiließ und dieſelbe uns günſtig war, ſo war von dem Augen⸗ blicke an der Erfolg unſerer Angelegenheit ſicher. „Ehe ich in die Angelegenheit eingehe, welche mich zu Ihnen führt,“ ſagte ich,„muß ich Sie darauf vorbereiten, Mr. Kyrle, daß die kürzeſte Angabe, welche ich zu machen im Stande bin, einige Zeit erfordern wird.“ „Meine Zeit ſteht Miß Halcombe zu Dienſten,“ ent⸗ gegnete er;„wo es auf Ihre Intereſſen ankommt, vertrete ich meinen Compagnon ſowohl perſönlich als geſchäftlich. Es war dies ſein Wunſch, als er aufhörte, activen Antheil am Geſchäfte zu nehmen.“ „Darf ich fragen, ob Mr. Gilmore in England iſt?“ „Er iſt nicht hier; er hält ſich augenblicklich bei Ver⸗ wandten in Deutſchland auf. Seine Geſundheit iſt ziem⸗ lich hergeſtellt, aber die Zeit ſeiner Rückkehr iſt bis jetzt noch unbeſtimmt.“ Während wir dieſe vorläufigen Worte wechſelten, hatte 12 er unter den Papieren geſucht, welche vor ihm lagen, und nahm jetzt einen verſiegelten Brief zwiſchen denſelben her⸗ aus. Ich dachte, er ſei im Begriffe, mir denſelben einzu⸗ händigen, doch ſchien er ſeine Abſicht zu ändern, denn er legte ihn neben ſich auf den Tiſch, ſetzte ſich in ſeinem Armſtuhle zurück und erwartete ſchweigend, was ich ihm zu ſagen hatte. Ohne noch einen Augenblick mit fernerer Bevorwor⸗ tung zu verlieren, begann ich meine Mittheilungen und ſetzte ihn ſofort vollſtändig von den Ereigniſſen in Kennt⸗ niß, welche in dieſen Blättern erzählt worden ſind. Ungeachtet daß er jeder Zoll ein Advocat war, brachte ich ihn doch aus dieſer ſeiner angenommenen Ruhe. Aus⸗ drücke der Ungläubigkeit und des Erſtaunens, welche er nicht zu unterdrücken vermochte, unterbrachen mich zu wie⸗ derholten malen, ehe ich mit meinen Mittheilungen zu Ende war. Ich ließ mich jedoch nicht dadurch ſtören und that dann zum Schluſſe dreiſt die wichtige Frage: „Was iſt Ihre Anſicht, Mr. Kyrle?“ Er war zu vorſichtig, um eine Antwort zu wagen, ehe er ſich Zeit gelaſſen, ſeine ganze Faſſung wieder zu gewinnen. „Bevor ich eine Meinung abgebe,“ ſagte er,„muß ich um Erlaubniß bitten, mir durch ein paar Fragen den Weg etwas zu bahnen.“ Er legte mir ſeine Fragen vor— ſcharfe, argwöhniſche, ungläubige Fragen, welche mir deutlich bewieſen, daß er mich für das Opfer einer Sinnestäuſchung hielt, und daß er, hätte mich nicht Miß Halcombe an ihn empfohlen, wohl gar geglaubt hätte, ich ſuche ihn durch einen liſtigen Betrug zu hintergehen. Mr. End entg ſpro Hal Ver! ſcher gefä Argt als bewi um Rech Pfli⸗ den Ben klar wele dort welch Umf niſſe Gra Wel die unte und her⸗ inzu⸗ un er inem ihm wor⸗ und ennt⸗ achte Aus⸗ ſe er wie⸗ n zu und r zu Zeit ich Weg ſche, 3 er daß len, igen „Glauben Sie, daß ich die Wahrheit geſprochen habe, Mr. Kyrle?“ frug ich ihn, als er mit ſeinem Examen zu Ende war. So weit es Ihre perſönliche Ueberzeugung betrifft,“ entgegnete er,„glaube ich, daß Sie die Wahrheit ge⸗ ſprochen haben. Ich hege die höchſte Achtung vor Miß Halcombe, und habe daher Urſache, einen Herrn, deſſen Vermittelung in einer ſolchen Sache ſie ihr Vertrauen ſchenkt, ebenfalls zu achten. Ich will ſogar, wenn es Ihnen gefällt, noch weiter gehen, und um der Höflichkeit und des Argumentes willen zugeben, daß Lady Glyde's Identität als lebende Perſon für Miß Halcombe und für Sie eine bewieſene Thatſache iſt. Aber Sie ſind zu mir gekommen, um ſich geſetzlichen Rathes bei mir zu erholen, und als Rechtsgelehrter— und zwar nur als ſolcher— iſt es meine Pflicht, Ihnen zu ſagen, Mr. Hartright, daß Sie auch nicht den Schatten einer Hoffnung für Ihre Sache haben.“ „Das iſt ſtark ausgedrückt, Mr. Kyrle.“ „Ich will verſuchen, es auch klar auszudrücken. Der Beweis von Lady Glyde's Ableben iſt dem Anſcheine nach klar und ausreichend. Da iſt das Zeugniß ihrer Tante, welches beweiſt, daß ſie nach Graf Fosco's Hauſe kam, dort erkrankte und ſtarb. Da iſt das ärztliche Zeugniß, welches den Tod beweiſt, und daß derſelbe unter natürlichen Umſtänden ſtattfand. Dann iſt die Thatſache des Begräb⸗ niſſes zu Limmeridge und die Angabe der Inſchrift auf dem Grabſteine da. Und dies Alles wollen Sie umſtürzen. Welches Zeugniß haben Sie Ihrerſeits, um Ihre Erklärung, die Verſtorbene und Begrabene ſei nicht Lady Glyde, zu unterſtützen? Laſſen Sie uns die Hauptpunkte Ihrer 174 Angabe durchgehen und ſehen, was ſie werth ſind. Miß Halcombe geht in eine gewiſſe Irrenanſtalt und ſieht dort eine gewiſſe Patientin. Es iſt bekannt, daß eine Perſon Namens Anna Catherick, die eine auffallende Aehnlichkeit mit Lady Glyde hat, aus der Anſtalt entflohen; es iſt bekannt, daß die Perſon, welche dort im Juli aufge⸗ nommen wurde, die zurückgebrachte Anna Catherick war; es iſt ferner bekannt, daß der Herr, welcher ſie zurück⸗ brachte, Mr. Fairlie mittheilte, ihr Wahnſinn zeige ſich zum Theil darin, daß ſie ſich für ſeine Nichte ausgebe, und es iſt endlich bekannt, daß ſie ſich in der Irren⸗ anſtalt(wo kein Menſch ihr Glauben ſchenkte) wieder⸗ holt für Lady Glyde ausgab. Dies ſind Thatſachen. Was haben Sie denſelben gegenüberzuſtellen?— Miß Halcombe's Erkennen der Frau, welchem Erkennen ſpätere Ereigniſſe widerſprechen und es rechtsungültig machen. Behauptet Miß Halcombe dem Beſitzer der Anſtalt gegen⸗ über die angenommene Identität ihrer Schweſter und greift dann zu geſetzlichen Mitteln, um ſie zu befreien?— Nein: ſie beſticht heimlich eine der Wärterinnen, ſie ent⸗ fliehen zu laſſen; wie die Kranke, nachdem ſie auf dieſe zweifelhafte Weiſe ihre Freiheit erlangt, darauf vor Mr. Fairlie geführt wird— erkennt er ſie? iſt ſein Glaube an den Tod ſeiner Nichte auch nur auf einen Augenblick er⸗ ſchüttert? Nein. Erkennen die Diener ſie? Nein. Bleibt ſie in der Umgegend, um ihre Identität zu behaupten und ferneren Proben entgegenzutreten? Nein: ſie wird heim⸗ lich nach London gebracht. Unterdeſſen haben Sie ſie ebenfalls erkannt—; aber Sie ſind kein Anverwandter,— nicht einmal ein alter Freund der Familie. Die Diener wid Ha ſelb Haꝛ dag geke zuſt ver übe niſſ in e Pfl ſche ehe mal aus unſe erſc die uns erkl Miß dort erſon chkeit s iſt ufge⸗ war; rück⸗ ſich gebe, rren⸗ eder⸗ ichen. Miß ätere chen. egen⸗ und 5— ent⸗ dieſe Mr. de an k er⸗ Zleibt und jeim⸗ ie ſie r.— iener 175 widerſprechen Ihnen und Mr. Fairlie widerſpricht Miß Halcombe; und die angebliche Lady Glyde widerſpricht ſich ſelbſt. Sie behauptet, daß ſie die Nacht in einem gewiſſen Hauſe in London zugebracht hat. Ihr eigenes Zeugniß dagegen beweiſt, daß ſie dem Hauſe mit keinem Fuße nahe⸗ gekommen, und Sie ſelbſt geben zu, daß ihr Gemüths⸗ zuſtand Sie verhindert, ſie irgend wohin zu bringen, um verhört zu werden oder für ſich ſelbſt zu ſprechen. Ich übergehe, um Zeit zu ſparen, geringere Punkte im Zeug⸗ niſſe auf beiden Seiten, und ich frage Sie: falls die Sache in einen Gerichtshof, vor eine Jury gebracht würde, deren Pflicht es iſt, Thatſachen ſo anzuſehen, wie ſie wirklich er⸗ ſcheinen— wo ſind Ihre Beweiſe?“ Ich war genöthigt zu warten und mich zu ſammeln, ehe ich ihm antworten konnte. Es war dies das erſte⸗ mal, daß mir die Geſchichte Laura's und Marianne's aus dem Geſichtspunkte eines Fremden vorgeführt wurde — das erſtemal, daß die furchtbaren Hinderniſſe, die auf unſerm Pfade lagen, uns in ihrem wahren Charakter erſchienen. „Es kann keinem Zweifel unterliegen,“ ſagte ich,„daß die Thatſachen, wie Sie dieſelben hingeſtellt haben, gegen uns ſprechen; aber—“ „Aber Sie denken, daß ſich dieſe Thatſachen hinweg erklären laſſen,“ unterbrach mich Mr. Kyrle.„Laſſen Sie mich Ihnen das Reſultat meiner Erfahrungen in Bezug auf dieſen Punkt mittheilen. Wenn eine engliſche Jury die Wahl hat zwiſchen einer klaren Thatſache, die auf der Hand, und einer langen Erklärung, welche verſteckt liegt, ſo zieht ſie ſtets die Thatſache der Erklärung vor. Zum Beiſpiel: Lady Glyde(ich nenne die Dame, welche Sie vertreten, des Argumentes wegen bei dieſem Namen) er⸗ klärt, daß ſie in einem gewiſſen Hauſe geſchlafen hat, und das Gegentheil hiervon iſt uns bewieſen. Sie erklären dieſen Umſtand, indem Sie in ihren Geiſteszuſtand ein⸗ gehen und daraus einen phyſiologiſchen Schluß herleiten. Ich ſage nicht, daß Ihr Schluß ein falſcher iſt— ſondern nur, daß die Jury die Thatſache ihres Widerſpruches jedem Grunde vorziehen wird, welchen Sie möglicherweiſe für denſelben angeben können.“ „Aber,“ fuhr ich dringend fort,„iſt es nicht möglich, durch Geduld und unausgeſetzte Bemühung ferneres Zeug⸗ niß zu entdecken? Miß Halcombe und ich beſitzen ein paar hundert Pfund—“ Er ſah mich mit einem halb unterdrückten Mitleid an und ſchüttelte den Kopf. „Betrachten Sie die Sache von Ihrem eigenen Stand⸗ punkt aus, Mr. Hartright,“ ſagte er.„Falls Sie in Bezug auf Sir Percival Glyde und den Grafen Fosco Recht haben(bemerken Sie jedoch gefälligſt, daß ich dies „ihiermit nicht einräume), ſo würde Ihnen jede erdenkliche Schwierigkeit im Auffinden neuer Beweiſe in den Weg geworfen werden. Man würde jedes mögliche Prozeß⸗ hinderniß aufrichten, jeden einzelnen Punkt der Sache ſy⸗ ſtematiſch beſtreiten— und wenn wir dann endlich unſere Tauſenden ausgegeben, anſtatt unſere Hunderte, ſo würde zum Schluſſe das Reſultat aller Wahrſcheinlichkeit nach gegen uns ausfallen. Ueber Fragen der Identität iſt, wo perſönliche Aehnlichkeit mit ins Spiel kommt, am aller⸗ ſchwerſten zu entſcheiden— am allerſchwerſten, ſelbſt wenn ſie von den beſonderen Verwickelungen frei ſind, welche den gegenwärtigen Fall erſchweren. Ich ſehe wirklich keine Hoffnung, irgendwie Licht auf dieſen außerordentlichen Fall zu werfen. Selbſt falls die im Friedhofe zu Limme⸗ ridge begrabene Perſon nicht Lady Glyde wäre, ſo war ſie doch, wie Sie ſelbſt bezeugen, zu ihren Lebzeiten ihr ſo ähnlich, daß nichts dadurch gewonnen würde, wenn wir uns die nothwendige Erlaubniß verſchafften, um die Leiche wieder ausgraben zu laſſen. Kurz, die Sache iſt hoffnungs⸗ los, Mr. Hartright— durchaus hoffnungslos.“ Ich war entſchloſſen, an das Gegentheil zu glauben, und griff3in dieſem Entſchluſſe die Sache von einer andern Seite an. „Gibt es keine anderen Beweiſe, die uns nützen könn⸗ ten, außer den Beweiſen der Identität?“ frug ich. „Keine in Ihrer Lage,“ entgegnete er.„Der ein⸗ fachſte und ſicherſte Beweis von allen, der nämlich durch Vergleich der Data, iſt, wie Sie ſagen, nicht zu erlangen. Falls Sie einen Widerſpruch in dem Datum des ärztlichen Certificats und dem von Lady Glyde's Reiſe nach London beweiſen könnten, ſo würde die Sache ein ganz anderes Ausſehen erhalten, und ich der Erſte ſein, der Ihnen ſagte: Laſſen Sie uns fortfahren.“ Ich überlegte. Die Haushälterin konnte uns nicht helfen— noch Laura, noch Marianne. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach waren die einzigen lebenden Perſonen, welche das Datum kannten, Sir Percival und der Graf. „Ich ſehe augenblicklich kein Mittel, um mich des Datums zu vergewiſſern,“ ſagte ich,„weil ich niemanden weiß, außer Graf Fosco und Sir Percival, der daſſelbe genau angeben könnte.“ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 12 Mr. Kyrle's ruhiges, aufmerkſames Geſicht verzog ſich zum erſtenmale zu einem Lächeln. „Mit Ihrer Meinung von dem Betragen jener bei⸗ den Herren,“ ſagte er,„erwarten Sie doch aus dem Vier⸗ tel vermuthlich keine Hülfe? Falls ſie ſich vereint ha⸗ ben, durch ein Complot große Summen Geldes zu erlangen, ſo iſt es jedenfalls nicht wahrſcheinlich, daß ſie Dies eingeſtehen werden.“ „So ſollen ſie dazu gezwungen werden, Mr. Kyrle.“ „Durch wen?“ „Durch mich.“ Wir erhoben uns Beide. Er blickte mir aufmerkſamer und mit mehr Intereſſe, als er noch bisher gezeigt, ins Geſicht. Ich konnte ſehen, daß ich ihn etwas zweifelhaft gemacht hatte. „Sie ſind ſehr entſchloſſen,“ ſagte er.„Sie haben vermuthlich einen perſönlichen Beweggrund, indem Sier die Sache verfolgen, in den mich zu miſchen mir nicht zu⸗ kommt. Falls Sie in Zukunft irgendwie beſſere Ausſich⸗ ten haben, ſo kann ich Sie nur verſichern, daß mein ganzer Beiſtand Ihnen von Herzen zu Dienſten ſteht. Zu gleicher Zeit aber muß ich Sie warnen, daß, da die Geldfrage ſich in alle Rechtsfragen miſcht, ich wenig Hoffnung ſehe, falls Lady Glyde wirklich ſchließlich ihre Identität beweiſen ſollte, daß ſie ihr Vermögen zurückerhalten würde. Der Italiener würde wahrſcheinlich, noch ehe die Sache einge⸗ leitet wäre, England verlaſſen, und Sir Percival's Ver⸗ legenheiten ſind zahlreich und dringend genug, um faſt jede Summe in ſeinem Beſitze von ihm ſelbſt zu ſeinen Gläu⸗ bigern zu übertragen. Sie wiſſen natürlich—“ mer ins haft aben Sie t zu⸗ ſich⸗ nzer icher ſich falls eiſen Der nge⸗ Ver⸗ jede läu⸗ 179 Ich unterbrach ihn. „Ich bitte, daß wir Lady Glyde's Vermögensangele⸗ genheiten unberührt laſſen,“ ſagte ich.„Ich habe früher nichts über dieſelben gewußt und weiß auch jetzt noch nichts— außer daß ihr Vermögen verloren iſt. Sie haben Recht, wenn Sie vermuthen, daß ich perſönliche Beweggründe habe, die Sache zu verfolgen. Es iſt mein Wunſch, daß dieſelben ſtets ſo uneigennützig bleiben, wie ſie es in dieſem Augenblicke ſind—“ Er verſuchte mich zu unterbrechen und ſich zu erklären. Ich war vielleicht durch das Gefühl, daß er an mir ge⸗ zweifelt hatte, ein wenig erhitzt und fuhr, ohne auf ihn zu hören, etwas ſchroff fort: „In die Dienſte, welche ich Lady Glyde zu leiſten be— abſichtige,“ ſagte ich,„ſoll ſich kein Gedanke an Geld oder perſönlicher Vortheil miſchen. Sie iſt wie eine Fremde aus dem Hauſe geſtoßen worden, in dem ſie geboren— eine Lüge, die ihren Tod angibt, iſt auf das Grab ihrer Mutter geſchrieben— und es gehen zwei Männer lebend und ungeſtraft umher, die verantwortlich dafür ſind. Jenes Haus ſoll ſich ihr in Gegenwart Aller, die dem falſchen Begräbniſſe folgten, wieder öffnen und ſie aufnehnen; jene Lüge ſoll auf Befehl des Hauptes der Familie öffent⸗ lich wieder von dem Grabſteine verwiſcht werden; und jene beiden Männer ſollen mir für ihr Verbrechen Rede ſtehen, wenn die Gerechtigkeit, welche zu Gerichte ſitzt, machtlos iſt, ſie zu verfolgen. Ich habe dieſem Zwecke mein Leben geweiht, und allein wie ich daſtehe will ich, ſo Gott mich am Leben läßt, es vollbringen.“ Er trat an ſeinen Tiſch zurück und ſagte nichts. Sein 12* 180 Geſicht drückte deutlich aus, daß er dachte, meine Sinnes— täuſchung habe meine Vernunft beeinträchtigt, und daß er es für völlig nutzlos hielt, mir noch ferneren Rath zu ertheilen. „Wir bleiben Beide bei unſerer Meinung, Mr. Kyrle,“ ſagte ich,„und müſſen warten, bis die Ereigniſſe der Zu⸗ kunft zwiſchen uns entſcheiden. Inzwiſchen bin ich Ihnen ſehr verbunden für die Aufmerkſamkeit, welche Sie meinen Mittheilungen geſchenkt haben. Sie haben mir gezeigt, daß geſetzliche Hülfe in jedem Sinne des Wortes außer unſerem Bereiche liegt. Wir ſind nicht im Stande, den geſetzlichen Beweis beizubringen, und nicht reich genug, um die Gerichtskoſten zu beſtreiten. Es iſt ſchon ein Gewinn, dies wenigſtens zu wiſſen.“ Ich verbeugte mich und ging zur Thür. Er rief mich zurück und gab mir den Brief, den ich ihn zu Anfange unſerer Unterredung hatte auf den Tiſch legen ſehen. „Dies iſt vor einigen Tagen mit der Poſt angekom⸗ men,“ ſagte er;„hätten Sie vielleicht die Güte, es abzu⸗ geben? Bitte, ſagen Sie Miß Halcombe zugleich, daß ich aufrichtig bedauere, ſoweit nicht im Stande zu ſein, ihr zu helfen— ausgenommen durch Rathſchläge, die, wie ich fürchte, ihr ebenſo unwillkommen ſein würden wie Ihnen.“ Ich betrachtete den Brief während er ſprach. Derſelbe war an„Miß Halcombe, durch Güte der Herren Gilmore und Kyrle, Chancery Lane“ adreſſirt. Die Handſchrift war mir eine völlig unbekannte. Indem ich das Zimmer verließ, that ich eine letzte Frage. „Wiſſen Sie vielleicht durch Zufall, ob Sir Percival Glyde aus Paris zurückgekehrt iſt?“ frug ich. Kyr anw ſicht auff der ſtan um, eben kurz zuge die Der ihm der land zu daß ihn Fol eine Si als ein, ſch Th mes⸗ daß Rath rle,“ Zu⸗ hnen einen zeigt, außer den mug, ein mich ange . kom⸗ bzu⸗ ich ſr zu ich teen.“ ſelbe nore hrift rage. eival 181 „Er iſt nach London zurückgekehrt,“ entgegnete Mr. Kyrle.„Wenigſtens hörte ich dies von ſeinem Rechts⸗ anwalte, dem ich geſtern begegnete.“ Nach dieſer Antwort ging ich hinaus. Indem ich die Expedition verließ, war meine erſte Vor⸗ ſicht die, mich nicht durch Stilleſtehen und Zurückblicken auffallend zu machen. Ich ging nach der Richtung eines der ruhigſten der großen Plätze nördlich von Halborn zu— ſtand dann plötzlich ſtill und ſchaute mich an einer Stelle um, wo eine lange Strecke des Trottoirs hinter mir lag. An der Ecke des Platzes ſah ich zwei Männer, welche ebenfalls ſtill ſtanden und zuſammen ſprachen. Nach kurzer Ueberlegung ging ich zurück, um an ihnen vorbei⸗ zugehen. Als ich näher kam, ging der Eine fort, um die Ecke, welche von dem Platze in die Straße führte. Der Andere blieb ſtehen. Ich ſah ihn an, als ich an ihm vorbeiging und erkannte in ihm augenblicklich einen der Männer, welche mich vor meiner Abreiſe von Eng⸗ land verfolgt hatten. Wäre ich frei geweſen, um meinem eigenen Inſtincte zu folgen, ſo hätte ich wahrſcheinlich damit angefangen, daß ich den Mann angeredet, und damit geendet, daß ich ihn zu Boden geſchlagen. Aber ich war gezwungen, die Folgen zu berückſichtigen. Falls ich mich einmal öffentlich eines Fehlers ſchuldig machte, gab ich ſofort die Waffen in Sir Percival's Hände. Es blieb mir keine andere Wahl, als der Liſt durch Liſt zu begegnen. Ich bog in die Straße ein, in welcher der zweite Mann meinen Blicken ent⸗ ſchwunden, und ſah ihn hier im Vorbeigehen in einem Thorwege warten. Er war mir fremd, und ich war froh 182 über dieſe Gelegenheit, mir für den Fall künftiger Beläſti⸗ gung ſein Ausſehen einzuprägen. Hierauf richtete ich meine Schritte wieder vorwärts, bis ich New Road erreichte. Dort angelangt wandte ich mich weſtlich(während die Männer mir immer folgten) und wartete an einer Stelle, von der ich wußte, daß ſie ziemlich weit von einer Droſch⸗ kenſtation ſei, bis ein leeres, ſchnelles, zweirädriges Cabriolet vorbeikommen würde. Es kam eins in wenigen Minuten. Ich ſprang hinein und befahl dem Mann, ſchnell nach Hyde Park zu fahren. Es war kein zweites ſchnelles Ca⸗ briolet für die Spione hinter mir da. Ich ſah ſie nach der andern Seite der Straße hinüberſchießen, um mir laufend zu folgen bis zum nächſten Cabriolet oder bis wir an einer Droſchkenſtation vorbeikommen würden. Aber wir waren ihnen zu weit voraus, und als ich dem Kutſcher zu halten befahl und ausſtieg, waren ſie nirgendwo zu ſehen. Ich ging durch Hyde Park und verſicherte mich auf der oſſenen Ebene, daß ich frei ſei. Als ich endlich meine Schritte heimwärts wandte, war es viele Stunden ſpäter— als es bereits dunkel geworden. Ich fand, daß Marianne mich allein in dem kleinen Wohnſtübchen erwartete. Sie hatte Laura vermocht, ſich zur Ruhe zu legen, indem ſie ihr verſprochen, mir, ſobald ich nach Hauſe käme, ihre Zeichnung zu zeigen. Die arme, undeutliche kleine Skizze— an ſich ſelbſt ſo bedeutungslos und in ihren Aſſociationen ſo rührend— war ſorgfältig zwiſchen zwei Büchern auf dem Tiſche und ſo aufge⸗ ſtellt, daß das eine Licht, welches wir uns geſtatteten, ſie möglichſt vortheilhaft beleuchtete. Ich ſetzte mich, um die Zeichnung zu beſehen und Mariannen flüſternd zu er⸗ zäh wel düt vie Un na der fol ſch we an äſti⸗ neine chte. die telle, oſch⸗ iolet iten. nach Ca⸗ ˖der fend einer aren alten ging enen ritte als einen ſich bald rme, slos lltig ufge⸗ „ ſie um t er⸗ 183 zählen, was ſich zugetragen hatte. Die Scheidewand, welche uns vom anſtoßenden Zimmer trennte, war ſo dünne, daß wir Laura faſt athmen hören konnten und ſie vielleicht erweckt hätten, falls wir laut geſprochen. Marianne behielt ihre Faſſung, während ich ihr meine Unterredung mit Mr. Kyrle beſchrieb. Aber ihr Geſicht nahm einen beunruhigten Ausdruck an, als ich ihr von den beiden Männern, die mir von der Expedition an ge⸗ folgt waren, und von Sir Percival’s Heimkehr erzählte. „Schlimme Nachrichten, Walter,“ ſagte ſie;„die ſchlimmſten, die Du uns bringen konnteſt. Haſt Du mir weiter nichts zu erzählen?“ „Ich habe Dir etwas zu geben,“ entgegnete ich, in⸗ dem ich ihr den Brief einhändigte, welchen Mr. Kyrle mir anvertraut hatte. Sie blickte auf die Adreſſe und erkannte die Handſchrift augenblicklich. „Du erkennſt die Hand?“ ſagte ich. „Nur zu gut,“ antwortete ſie.„Es iſt Graf Fosco's Hand.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie den Brief. Das Blut ſtieg ihr in die Wangen während ſie las, und ihre Augen leuchteten vor Zorn, als ſie mir den Brief zum Leſen hinreichte. Derſelbe enthielt Folgendes: „Durch ehrenvolle Bewunderung getrieben— ehren⸗ voll für Sie und ehrenvoll für mich— ſchreibe ich, herr⸗ liche Marianne, im Intereſſe Ihrer Ruhe, um Ihnen zwei tröſtende Worte zu ſagen: „Fürchten Sie nichts!“ 184 „Folgen Sie Ihrem natürlichen, feinen Verſtande und bleiben Sie in der Verborgenheit. Theures und bewun⸗ derungswürdiges Weib, verlangen Sie nicht nach gefähr⸗ licher Oeffentlichkeit. Ergebung iſt erhaben— ſeien Sie ergeben. Die beſcheidene Ruhe häuslicher Zurückgezogen⸗ heit iſt ewig erquickend— genießen Sie dieſelbe. Die Stürme des Lebens gehen harmlos über das Thal der Abgeſchloſſenheit dahin,— wohnen Sie, theuerſte Dame, immer in dieſem Thale. „Thun Sie dies, ſo verſichere ich Sie, Sie haben nichts zu fürchten. Keine neuen Trübſale ſollen Ihre Gefühle ver⸗ letzen— Gefühle, die mir ſo koſtbar ſind, wie meine eige⸗ nen. Sie ſollen nicht beläſtigt, die ſchöne Gefährtin Ihrer Einſamkeit nicht verfolgt werden. Sie hat eine neue Zu⸗ fluchtsſtätte gefunden— in Ihrem Herzen. Unſchätzbare Zufluchtsſtätte!— Ich beneide ſie und laſſe ſie darin. „Ein letztes Wort zärtlicher, väterlicher Warnung— und dann reiße ich mich los von dem Zauber, der für mich darin liegt, an Sie zu ſchreiben— dann ſchließe ich dieſe inbrünſtigen Zeilen. „Gehen Sie nicht weiter, als Sie bis jetzt gegangen ſind; compromittiren Sie keine ernſten Intereſſen; drohen Sie niemandem. Zwingen Sie mich nicht— ich flehe Sie an— zum Handeln, mich, den Mann der That— da es der innige Wunſch meines Ehrgeizes iſt, ruhig zu bleiben und dem weit umfaſſenden Bereiche meiner That⸗ kraft und meiner Verbindungen um Ihretwillen Schranken zu ſetzen. Falls Sie tollkühne Freunde haben, ſo mäßigen Sie den beklagenswerthen Eifer derſelben. Falls Mr. Hartright nach England zurückkehrt, ſo halten Sie keinen 185 Verkehr mit ihm. Ich wandle meinen Weg, und Per⸗ cival folgt mir auf der Ferſe nach. An dem Tage, wo Mr. Hartright dieſen Pfad kreuzt, iſt er ein verlorener Mann.“ 3 Die Unterſchrift zu dieſen Zeilen beſchränkte ſich auf den Anfangsbuchſtaben F, von einem Kreiſe künſtlicher kleiner Schnörkel umgeben. Ich warf den Brief mit der ganzen Verachtung, die er mir einflößte, auf den Tiſch. „Er verſucht Dir Furcht zu machen,“ ſagte ich;„ein ſicheres Zeichen, daß er ſelbſt Furcht hat.“ Sie war ein zu echtes Weib, um den Brief ſo auf⸗ zunehmen, wie ich ihn aufnahm. Die impertinente Ver⸗ traulichkeit der Sprache war zu viel für ihre Faſſung. Als ſie über den Tiſch hin mich anblickte, ballten ſich ihre Hände krampfhaft auf ihrem Schooße, und die alte, urwüchſige Leidenſchaft glühte wieder hell auf ihren Wan⸗ gen und in ihren Augen. „Walter!“ ſagte ſte,„falls jemals jene beiden Män⸗ ner in Deiner Gewalt ſind, und Du Einen von ihnen zu ſchonen genöthigt ſein ſollteſt— laß dies nicht Graf Fosco ſein.“ „Ich will ſeinen Brief behalten, Marianne, um mich daran zu erinnern, wenn die Zeit kommt.“ Sie blickte mich aufmerkſam an, als ich den Brief in mein Taſchenbuch legte. „Wenn die Zeit kommt?“ wiederholte ſie.„Kannſt Du von der Zukunft ſprechen, als ob Du ihrer gewiß wäreſt?— gewiß, nach dem, was Du heute von Mr. Kyrle gehört, und nach dem, was Dir heute begegnet iſt?“ „Ich rechne nicht von heute an, Marianne. Alles, 186 was ich heute gethan habe, war, einen andern Mann zu erſuchen, für mich zu handeln. Ich rechne von morgen an—“ „Warum von morgen an?“ „Weil ich von morgen an für mich ſelbſt zu handeln beabſichtige.“ „Wie das?“ „Ich werde mit dem erſten Zuge nach Blackwater Park reiſen und, wie ich hoffe, abends wieder zurückkehren.“ „Nach Blackwater!“ „Ja. Ich habe, ſeit ich Mr. Kyrle verlaſſen, Zeit zur Ueberlegung gehabt. Seine Anſicht beſtätigt in einem Punkte meine eigene. Wir müſſen bis zuletzt dabei behar⸗ ren, das Datum von Laura's Abreiſe auszuſpüren. Der einzige ſchwache Punkt in dem Complote und wahrſchein⸗ lich die einzige Ausſicht für den Beweis, daß ſie am Leben iſt, begegnen ſich in der Entdeckung dieſes Datums.“ „Du meinſt,“ ſagte Marianne,„in der Entdeckung, daß Laura Blackwater Park erſt nach dem Datum ver⸗ ließ, welches auf dem ärztlichen Certificat als ihr Sterbe⸗ tag angegeben iſt?“ „Ganz gewiß.“ „Was bewegt Dich, zu glauben, daß es ſpäter war? Laura ſelbſt kann uns ja nichts über den Zeitpunkt ſagen, wann ſie in London ankam.“ „Aber der Beſitzer der Irrenanſtalt ſagte Dir, daß ſie dort am 27. Juli aufgenommen worden ſei. Ich be⸗ zweifle, daß es dem Grafen möglich war, ſie länger als eine Nacht in London zu behalten und über alles, was um ſie vorging, in Ungewißheit zu laſſen. In dieſem zu gen 184 Falle muß ſie am 26. Juli abgereiſt und einen Tag nach dem Datum, das in dem ärztlichen Certificate als ihr Sterbetag angegeben iſt, in London eingetroffen ſein. Falls wir dies Datum ſicher ſtellen können, haben wir unſern Fall gegen Sir Percival und den Grafen bewieſen.“ „Ja, ja— ich verſtehe! Aber wie dieſes Beweiſes habhaft werden?“ „Mrs. Michelſon's Ausſage hat mir zweierlei Art und Weiſen angedeutet, ſeiner habhaft zu werden. Die eine iſt, den Arzt, Mr. Dayſon, zu befragen, welcher wiſſen muß, wann er ſeine Beſuche in Blackwater Park wieder aufnahm, nachdem Laura das Haus verlaſſen hatte. Die andere, Erkundigungen in dem Wirthshauſe anzu⸗ ſtellen, wo Sir Percival in der Nacht allein einkehrte. Wir wiſſen, daß ſeine Abreiſe der Abreiſe Laura's nach Verlauf von wenigen Stunden folgte, und können viel⸗ leicht auf dieſe Weiſe hinter das Datum kommen. Jeden⸗ falls iſt es den Verſuch werth, und ich bin entſchloſſen, ihn morgen zu machen.“ „Und geſetzt, er mißlingt— ich ſehe die Sache jetzt aus dem ſchlimmſten Geſichtspunkte an, Walter, aber ich will ſie aus dem beſten anſehen, wenn Täuſchungen kom⸗ men, um uns zu prüfen— geſetzt, es kann Dir niemand helfen in Blackwater?“ „Dann ſind in London zwei Männer, die mir helfen können und mir helfen ſollen: Sir Percival und der Graf. Unſchuldige Leute mögen leicht das Datum ver⸗ geſſen— aber ſie ſind ſchuldig und werden es wiſſen. Falls es mir überall ſonſt mißlingt, ſo will ich aus Einem von ihnen oder aus Beiden das Bekenntniß 188 herausbringen und zwar nach meinen eigenen Bedin⸗ gungen.“ Das ganze Weib glühte in Marianne's Geſicht, als ich ſprach. „Mache den Anfang mit dem Grafen!“ flüſterte ſie eifrig.„O, Walter, mache den Anfang mit dem Grafen — um meinetwillen!“ „Wir müſſen um Laura's willen den Anfang da machen, wo wir die meiſte Ausſicht auf Erfolg haben,“ entgegnete ich. Die Farbe verließ ihr Geſicht wieder, und ſie ſchüt⸗ telte kummervoll das Haupt. „Ja,“ ſagte ſie,„Du haſt recht. Es war egoiſtiſch und kleinlich von mir, Das zu ſagen. Ich ſuche geduldig zu werden, Walter, und es gelingt mir jetzt beſſer, als ehedem in glücklicheren Zeiten. Aber es bleibt mir noch immer etwas von meiner alten Heftigkeit— und ſie über⸗ wältigt mich wider Willen, wenn ich an den Grafen denke.“ „Er wird ebenfalls an die Reihe kommen,“ ſagte ich. „Aber bedenke, daß wir bisjetzt noch von keinem ſchwachen Punkte in ſeinem Leben wiſſen.“ Ich ſchwieg einen Augen⸗ blick, um ihr Zeit zu geben, ſich wieder zu faſſen, und ſprach dann die entſcheidenden Worte: „Marianne! wir beide wiſſen, daß in Sir Percival's Leben es einen ſchwachen Punkt gibt—“ „Du meinſt das Geheimniß!“ „Ja, das Geheimniß. Es iſt die einzige Seite, bei der wir ihn ſicher faſſen können. Ich kann ihn durch keine anderen Mittel aus ſeiner Sicherheit herausreißen und ihn und ſeine Schurkerei an das Tageslicht ziehen. Was auf au in zu un ſei un er mi lel es ihr ei ie 189 auch der Graf gethan haben mag, Sir Percival hat noch aus einem andern Beweggrunde außer dem des Gewinnes in das Complot gewilligt. Hörteſt Du ihn nicht ſelbſt zum Grafen ſagen, er glaube, ſeine Frau wiſſe genug, um ihn zu ruiniren? und daß er ein verlorener Mann ſei, falls Anna Catherick's Geheimniß bekannt würde?“ „Ja! ja! das hörte ich.“ „Nun, Marianne, wenn unſere anderen Hülfsmittel uns mißglückt ſind, beabſichtige ich, dies Geheimniß zu erfahren. Mein alter Aberglaube klebt noch immer an mir. Ich wiederhole, daß die Frau in Weiß noch wie lebend Einfluß auf uns Drei hat. Das Ende iſt beſtimmt; es zieht uns vorwärts, und Anna Catherick, die todt in ihrem Grabe liegt, zeigt uns noch immer den Weg!“ V. Die Geſchichte meiner erſten Nachforſchungen in Hampſſire iſt bald erzählt. Meine frühe Abreiſe aus London ſetzte mich in den Stand, ſchon nachmittags in Dr. Dawſon's Hauſe anzu⸗ langen. Unſere Unterredung führte, was den Zweck meines Beſuches betraf, zu keinem befriedigenden Reſultate. Mr. Dawſon's Bücher zeigten uns allerdings, wann er ſeine Beſuche bei Miß Halcombe in Blackwater Park wieder aufgenommen hatte; doch war es unmöglich, irgend⸗ wie genau von dieſem Datum ohne ſolche Hülfe von Mrs. Michelſon zurückzurechnen, wie dieſe, wie ich wußte, ſie uns nicht zu geben im Stande war. Sie konnte uns aus 190 der Erinnerung nicht ſagen(und wer kann dies wohl je in ſolchen Fällen?), wie viele Tage zwiſchen des Doctors Rückkehr zu ſeiner Patientin und der vorher ſtattgehabten Abreiſe Lady Glyde's verfloſſen waren. Sie war feſt überzeugt, daß ſie des Umſtandes der Abreiſe gegen Miß Halcombe erwähnt— aber es war ihr ebenſo unmöglich, das Datum anzugeben, an welchem ſie die Mittheilung machte, wie das Datum des Tages vorher genau zu be⸗ ſtimmen, an welchem Lady Glyde nach London abgereiſt war. Ebenſowenig konnte ſie genau die Zeit berechnen, welche zwiſchen Lady Glyde's Abreiſe und ihrem Empfange des undatirten Briefes von der Gräfin Fosco verfloſſen war. Und endlich, um die Reihe der Schwierigkeiten voll⸗ ſtändig zu machen, hatte der Doctor, da er zur Zeit ſelber krank war, es unterlaſſen, wie gewöhnlich, den Tag der Woche und des Monats in ſeine Bücher einzutragen, an welchem der Gärtner aus Blackwater Park ihm Mrs. Michelſon's Botſchaft überbracht hatte. Indem ich die Hoffnung, von Mr. Dawſon Beiſtand zu erhalten, ſchwinden ließ, beſchloß ich zunächſt zu ver⸗ ſuchen, ob ich nicht das Datum von Sir Percival's An⸗ kunft in Knowlesburg mit Beſtimmtheit erfahren könne. Es ſchien ein Verhängniß zu ſein! Als ich in Knowles⸗ burg anlangte, war das Wirthshaus geſchloſſen und ein Zettel an die Mauern geklebt. Die Speculation war, wie man mich unterrichtete, ſeit die Eiſenbahn dorthin verlegt worden, eine ſchlechte geweſen, indem das neue Gaſthaus an der Station allmälig die Kundſchaft an ſich gezogen; und das alte Wirthshaus(von dem wir wußten, daß es dasjenige ſei, wo Sir Percival eingekehrt war) war vor 191 etwa zwei Monaten geſchloſſen worden. Der Beſitzer deſſelben hatte die Stadt mit ſeinem ganzen Hab und Gut verlaſſen, und ich konnte von niemandem mit Be⸗ ſtimmtheit erfahren, wohin er gegangen. Die vier Per⸗ ſonen, bei welchen ich mich erkundigte, lieferten mir vier verſchiedene Angaben über ſeine Pläne und Abſichten, nachdem er Knowlesburg würde verlaſſen haben. Es blieben mir noch einige Stunden übrig, ehe der letzte Zug nach London durchkam, und ſo fuhr ich denn mit einer Droſchke von der Station zu Knowlesburg nach Blackwater Park zurück in der Abſicht, den Gärtner und die Perſon, welche das Haus hütete, zu befragen. Falls auch ſie ſich als unfähig auswieſen, mir zu helfen, ſo waren meine Hülfsquellen für jetzt zu Ende, und ich konnte nach London zurückkehren. Ungefähr eine(engl.) Meile vom Parke entließ ich meine Droſchke und ſetzte dann, nachdem ich mir von dem Kutſcher hatte die Richtung bezeichnen laſſen, meinen Weg nach dem Hauſe allein und zu Fuße fort. Als ich von der Landſtraße in den Privatweg einbog, ſah ich einen Mann mit einem Nachtſacke in der Hand ſchnell vor mir der Wohnung des Parkhüters zugehen. Er war ein kleiner Mann in abgeſchabten ſchwarzen Klei⸗ dern und mit einem auffallend großen Hute. Ich hielt ihn(ſoviel mir dies zu beurtheilen möglich war) für einen Advocatenſchreiber und ſtand augenblicklich ſtill, um die Entfernung zwiſchen uns zu vergrößern. Er hatte mich nicht kommen hören und ging ohne ſich umzuſchauen wei⸗ ter, bis ich ihn nicht mehr ſehen konnte. Als ich eine kleine Weile ſpäter ebenfalls durch das Thor ging, war er nicht zu ſehen— er war offenbar nach dem Herren⸗ hauſe gegangen. Es waren zwei Frauen in der Wohnung des Park⸗ hüters. Die eine von ihnen war alt; in der andern aber erkannte ich ſogleich nach Marianne's Beſchreibung von ihr Margaret Porcher. Ich frug zuerſt, ob Sir Percival zu Hauſe ſei, und nachdem man mir hierauf verneinend geantwortet, erkun⸗ digte ich mich, wann er abgereiſt ſei. Keine von den bei⸗ den Frauen wußte mir darüber Beſtimmteres zu ſagen, als daß er im vergangenen Sommer fortgegangen ſei. Ich konnte aus Margaret Porcher nichts weiter als wieder⸗ holtes nichtsſagendes Lächeln und Kopfſchütteln heraus⸗ bringen. Die alte Frau war ein wenig verſtändiger, und es gelang mir, ſie dazu zu bringen, von der Art und Weiſe, wie Sir Percival abgereiſt, zu ſprechen und von dem Schrecken, welche dieſelbe ihr verurſacht hatte. Sie erinnerte ſich, daß ihr Herr ſie aus dem Bette gerufen und dii er ſie durch furchtbare Flüche erſchreckt— aber das Datum, an welchem ſich dies zutrug, ging, wie ſie ganz ehrlich geſtand,„über ihren Horizont“. Da ich die Wohnung des Parkhüters verließ, erblickte ich den Gärtner in geringer Entfernung bei der Arbeit. Als ich ihn anredete, ſah er mich zuerſt etwas argwöhniſch an; da ich jedoch von Mrs. Michelſon's Namen Gebrauch machte und eine höfliche Bemerkung in Bezug auf ihn ſelbſt hinzufügte, ging er ziemlich bereitwillig in die Unter⸗ haltung ein. Es iſt unnöthig, zu beſchreiben, was zwiſchen uns vorging: die Unterredung endete, wie alle meine bis⸗ herigen Bemühungen, das Datum zu entdecken, geendet ent 193 hatten. Der Gärtner wußte, daß ſein Herr„im Juli, entweder in den letzten vierzehn oder erſten zehn Tagen, in der Nacht davongefahren“— und weiter nichts. Während wir zuſammen ſprachen, ſah ich den Mann in Schwarz mit dem großen Hute von dem Hauſe her⸗ kommen, dann in einiger Entfernung ſtille ſtehn und uns beobachten. Es war mir ſchon ein gewiſſer Verdacht in Bezug auf Das, was ihn nach Blackwater Park führte, durch den Kopf geflogen. Derſelbe vermehrte ſich jetzt, als der Gärtner mir nicht ſagen konnte(oder wollte), wer der Mann ſei, und ich beſchloß, mir hierüber Auskunft zu ver⸗ ſchaffen, indem ich ihn ſelbſt anredete. Die einfachſte Frage, die ich als Fremder thun konnte, war die: ob es Fremden geſtattet ſei, das Haus zu beſehen. Ich ging ſofort auf den Mann zu und richtete dieſe Frage an ihn. Sein Ausſehen und Weſen verrieth deutlich, daß er wußte, wer ich ſei, und daß er mich zum Streite zu reizen wünſchte. Seine Antwort war impertinent genug, um ihn ſeinen Zweck erreichen zu laſſen, wäre ich weniger feſt entſchloſſen geweſen, meinen Gleichmuth zu bewahren. So aber begegnete ich derſelben mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit, entſchuldigte mich wegen meiner Störung (welche er eine„unberufene Aufdringlichkeit“ nannte) und verließ den Garten. Die Sache verhielt ſich, wie ich geargwöhnt hatte. Sir Percival war davon unterrichtet, daß ich, als ich Mr. Kyrle's Expedition verlaſſen, geſehen und erkannt worden, und der Mann in Schwarz war, in Erwartung, daß ich mich dorthin wenden werde, um im Hauſe und in der Umgegend Erkundigungen einzuziehen, Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 13 194 mir bereits vorausgeſchickt worden. Hätte ich ihm die allermindeſte Urſache gegeben, irgend eine Art geſetzlicher Anklage gegen mich zu erheben, ſo hätte man ohne Zweifel von der Einmiſchung des Ortsrichters als Hemmſchuh gegen mein Fortſchreiten und als Mittel, um mich wenig⸗ ſtens auf einige Tage von Marianne und Laura zu tren⸗ nen, Gebrauch gemacht. Ich erwartete, daß man mich auf meinem Wege von Blackwater Park bis zur Station beobachten werde, wie man es am vorhergehenden Tage in London gethan hatte. Aber ich konnte zur Zeit nicht entdecken, ob man mir bei dieſer Gelegenheit wirklich folgte, oder nicht. Dem Manne in Schwarz mochten Mittel zur Verfügung ſtehen, mir nachzuſpüren, die mir unbekannt waren— jedenfalls ſah ich ihn aber perſönlich weder auf meinem Wege nach der Station, noch ſpäter abends bei meiner Ankunft in London auf dem Perron. Ich erreichte unſere Wohnung zu Fuße, nachdem ich jedoch, ehe ich mich unſerer Hausthür nahte, die Vorſicht gebraucht, durch die einſamſten Straßen der Nachbarſchaft zu gehen und dort ſtill zu ſtehn und mich mehr als einmal umzuſehn. Ich hatte dieſe Kriegsliſt in den verdächtigen Wildniſſen von Centralamerika gelernt und brachte ſie jetzt zu demſelben Zwecke und mit ſogar noch größerer Vorſicht mitten im Herzen vom civiliſirten London in Anwendung! Es hatte ſich in meiner Abweſenheit nichts ereignet, um Marianne zu beunruhigen. Sie frug mich begierig, welchen Erfolg ich gehabt. Als ich ihr Alles erzählt, konnte ſie mir ihre Verwunderung über die Gleichgültig⸗ keit linge keit meit gom derz leich Wet beſch Anfe den thuu ja, dien der um ſches mit Her⸗ latio und es m linge nicht Reſt mach konn Zuk 195 keit nicht verhehlen, mit der ich von dem bisherigen Miß⸗ lingen meiner Nachforſchungen ſprach. Die Wahrheit aber war, daß mich meine Erfolgloſig⸗ keit noch nicht im geringſten entmuthigt hatte. Ich hatte meine Nachforſchungen als eine Sache der Pflicht be⸗ gonnen, jedoch nichts von ihnen erwartet. In meinem derzeitigen Gemüthszuſtande war es mir faſt eine Er⸗ leichterung, zu wiſſen, daß der Kampf ſich jetzt auf einen Wettkampf in Liſt zwiſchen Sir Percival Glyde und mir beſchränkte. Der Beweggrund der Rache hatte ſich von Anfang an mit meinen anderen und beſſeren Beweggrün⸗ den vermiſcht, und ich bekenne, daß es mir eine Genug⸗ thuung war, zu fühlen, daß die ſicherſte Art und Weiſe— ja, die einzige mir noch übrige— Laura's Intereſſe zu dienen, die war, mich feſt an den Schurken zu hängen, der ſie geheirathet hatte. Während ich geſtehe, daß ich nicht ſtark genug war, um meine Beweggründe außer dem Bereiche dieſes Wun⸗ ſches nach Rache zu halten, kann ich auf der andern Seite mit Wahrheit etwas zu meinen Gunſten beibringen. Mein Herz dachte keinen Augenblick an eine erbärmliche Specu⸗ lation auf eine etwaige künftige Beziehung zwiſchen Laura und mir oder auf die perſönlichen Conceſſionen, zu denen es mir, falls ich ihn einmal in meine Gewalt bekäme, ge⸗ lingen dürfte, Sir Percival zu zwingen. Ich ſagte mir nicht ein einzigesmal:„Falls es mir gelingt, ſo ſoll ein Reſultat meines Erfolges das ſein, daß ich ihren Mann machtlos mache, ſie wieder von mir zu nehmen.“ Ich konnte, wenn ich ſie anſah, nicht ſolche Gedanken an die Zukunft hegen. Der traurige Anblick der Veränderung, 13³G 196 welche ſie erlitten, machte das Intereſſe meiner Liebe zu einem Intereſſe der Zärtlichkeit und des Mitleids, die ein Vater oder Bruder für ſie hätte fühlen mögen, und die ich — Gott weiß es— im innerſten Herzen fühlte. Alle meine Hoffnungen blickten jetzt nicht weiter hinaus, als bis zu dem Tage ihrer Geneſung. Hier endete— bis ſie wieder geſund und glücklich war, bis ſie mich wieder anſchauen und zu mir ſprechen konnte wie ehedem— die Zukunft meiner ſeligſten Gedanken und meiner theuerſten Wünſche. Ich ſchreibe dieſe Worte nicht in müßiger Selbſtbe⸗ trachtung. Es werden bald Punkte in meiner Erzählung folgen, wo die Gedanken Anderer mein Verhalten richten werden. Es iſt nur billig, daß man das Schlimmſte und das Beſte in mir zuvor gegeneinander abwägt. An dem Morgen nach meiner Rückkehr aus Hampſhire nahm ich Marianne mit mir auf mein Arbeitsſtübchen und machte ſie hier mit dem Plane vertraut, den ich mir reiflich ausgedacht hatte, um mich der einen angreifbaren Stelle in Sir Percival Glyde's Leben zu bemeiſtern. Der Weg zu dem Geheimniſſe ging durch das uns Allen undurchdringliche zweite Geheimniß, welches die Frau in Weiß umhüllte. Der Zugang zu demſelben durfte ſeinerſeits mit Hülfe der Mutter Anna Catherick's gewon⸗ nen werden, und das einzige erreichbare Mittel, Mrs. Catherick zur Sprache oder zur That zu bewegen, hing von der Ausſicht ab, ob ich örtliche und Familieneinzelheiten von Mrs. Clements erfahren würde. Nachdem ich die Sache ſorgfältig überlegt, kam ich zu der Ueberzeugung, daß ich meine neuen Nachforſchungen beginnen mußte, in⸗ dem ſchü find wen Sie mer ob geh wel war mu in wuf der Me und Mr dur cive unt ber hat Si ſch frü Gl uns die rfte 1 dem ich mit Anna Catherick's treueſter Freundin und Be⸗ ſchützerin in Verkehr trat. Die erſte Schwierigkeit alſo war, Mrs. Clements zu finden. Ich verdankte es Marianne's Scharfblicke, dieſer Noth⸗ wendigkeit auf die beſte und einfachſte Weiſe zu begegnen. Sie erbot ſich, an die Leute auf dem Gehöfte bei Lim⸗ meridge(Todd's Ecke) zu ſchreiben und ſich zu erkundigen, ob ſie in den letzten paar Monaten von Mrs. Clenients gehört hatten. Es war uns unmöglich, zu errathen, auf welche Weiſe Anna von Mrs. Clements getrennt worden war; doch, nachdem dieſe Trennung einmal bewerkſtelligt, mußte es Mrs. Clements gewiß einfallen, ſich vor Allem in der Gegend nach ihr zu erkundigen, für die, wie ſie wußte, die Verſchwundene die größte Vorliebe hatte: in der Gegend von Limmeridge. Ich ſah augenblicklich, daß Marianne's Vorſchlag uns eine Ausſicht auf Erfolg bot, und ſie ſchrieb demzufolge mit der nächſten Poſt an Mrs. Todd. Während wir die Antwort erwarteten, ließ ich mich durch Marianne, ſoweit ihr dies möglich, über Sir Per⸗ cival's Familienverhältniſſe und über ſein früheres Leben unterrichten. Sie konnte hierüber nur nach Hörenſagen berichten; aber über das Wenige, was ſie zu erzählen hatte, konnte ſie mit ziemlicher Gewißheit ſprechen. Sir Percival war ein einziger Sohn. Sein Vater, Sir Felix Glyde, hatte ſeit ſeiner Geburt an einem ſchmerzhaften und unheilbaren Gebrechen gelitten und ſeit früheſter Kindheit alle Geſellſchaft geſcheut. Sein einziges Glück lag im Genuſſe der Muſik, und er hatte eine 198 Dame geheirathet, welche ſeine Geſchmacksrichtungen theilte und die, wie man ſagte, eine ausgezeichnete Virtuoſin war. Er erbte die Güter von Blackwater Park, als er noch ein junger Mann war; doch weder er noch ſeine Frau näher⸗ ten ſich, nachdem ſie von dem Landſitze Beſitz genommen, auf irgend eine Weiſe der Geſellſchaft der Umgegend, und niemand verleitete ſie, ihre Zurückhaltung abzulegen, mit der einen unheilvollen Ausnahme des Geiſtlichen des Kirchſpiels. Dieſer war der ſchlimmſte aller unſchuldigen Unheil⸗ ſtifter— ein übertrieben amtseifriger Mann. Er hatte gehört, daß Sir Felix die Univerſität in dem Rufe, wenig beſſer als ein Revolutionär in der Politik und in der Reli⸗ gion ein Ungläubiger zu ſein, verlaſſen hatte, und er kam daher gewiſſenhaft zu dem Schluſſe, daß es ſeine Pflicht ſei, den Herrn des Gutes aufzufordern, orthodoxe An⸗ ſichten in der Kirche ſeines Sprengels predigen zu hören. Sir Felix wurde wüthend über des Pfarrers wohlgemeinte, aber ſchlechtangebrachte Einmiſchung und beleidigte ihn ſo gröblich und öffentlich, daß die Familien der Umgegend ihm Briefe voll entrüſteter Gegenvorſtellungen ſchickten, und ſelbſt die Pächter auf ſeinen Gütern ihre Anſicht dar⸗ über ſo deutlich ausſprachen, wie ſie es eben wagten. Der Baronct, der in keiner Beziehung Geſchmack am Landleben fand und keine Art Vorliebe für den Ort ſelbſt oder für irgend jemanden, der dort lebte, hatte, erklärte, daß die Geſellſchaft um Blackwater Park keine zweite Gelegenheit haben ſolle, ihn zu behelligen, und verließ von Stund' an den Ort. Nach kurzem Aufenthalte in London reiſte er mit ſeiner Frau nach dem Feſtlande und kehrte nie wieder nach Eng⸗ land zurück. Sie lebten zum Theil in Frankreich und zum Theil in Deutſchland— jedoch ſtets in der Zurück⸗ gezogenheit, welche Sir Felix durch das krankhafte Gefühl ſeines Gebrechens zum Bedürfniſſe geworden war. Ihr Sohn, Percival, war im Auslande geboren und dort von Privatlehrern erzogen worden. Von ſeinen Eltern war es ſeine Mutter, die er zuerſt verlor. Sein Vater ſtarb ein paar Jahre nach ihr, entweder im Jahre 1825 oder 1826. Sir Percival war ein paarmal vorher als junger Mann in England geweſen, aber ſeine Bekanntſchaft mit dem verſtorbenen Mr. Fairlie begann erſt nach dem Tode ſeines Vaters. Sie wurden bald ſehr vertraute Freunde, obgleich Sir Percival zu jener Zeit ſelten oder nie nach Limmeridge Houſe kam. Mr. Frederick Fairlie war ihm vielleicht ein paarmal in Mr. Philipp Fairlie's Geſell⸗ ſchaft begegnet, aber er konnte weder damals noch je ſpäter viel von ihm erfahren haben. Sir Percival's einziger intimer Freund in der Familie Fairlie war Laura's Va⸗ ter geweſen. Hierauf beſchränkten ſich die Einzelheiten, welche Ma⸗ rianne mir mitzutheilen im Stande war. Ich ſah in ihnen nichts, was meinem gegenwärtigen Zwecke hätte dienen können, doch ſchrieb ich ſie mir ſorgfältig auf, für den Fall, daß ſie in Zukunft von Wichtigkeit werden könnten. Mrs. Todd's Antwort(welche ſie auf unſer Erſuchen an ein Poſtbureau in einiger Entfernung von uns adreſſirt hatte) war bereits dort angelangt, als ich hinging, um danach zu fragen. Das Glück, welches bisher ſo beharr⸗ lich gegen uns geweſen, wandte ſich von dieſem Augenblicke 200 an zu unſern Gunſten. Mrs. Todd's Brief enthielt den erſten Fingerzeig auf das hin, wonach wir forſchten. Mrs. Clements hatte(wie wir gemuthmaßt) an Mrs. Todd geſchrieben, und nachdem ſie ſich wegen der plötz⸗ lichen Art und Weiſe entſchuldigt, in der ſie und Anna ihre Bekannten(an dem Morgen nach dem Tage, an welchem ich mit der Frau in Weiß im Gottesacker zu Limmeridge zuſammengetroffen) verlaſſen, hatte ſie Mrs. Todd von Anna's Verſchwinden unterrichtet und ſie in⸗ ſtändig gebeten, Nachfragen in der Umgegend anzuſtellen, in der Erwartung, daß die Verlorene ihren Weg nach Limmeridge gefunden habe. Zu dieſer Bitte hatte Mrs. Clements die Adreſſe hinzugefügt, unter der man ihr im⸗ mer mit Sicherheit ſchreiben könne, und dieſe Adreſſe überſandte Mrs. Todd jetzt an Marianne. Es war in London und innerhalb einer halben Stunde Weges von unſerer Wohnung. Des Sprichwortes eingedenk beſchloß ich,„kein Gras unter meinen Füßen wachſen zu laſſen.“ Schon am folgen⸗ den Morgen machte ich mich auf den Weg, um mir eine Unterredung mit Mrs. Clements zu verſchaffen. Dies war mein erſter Schritt in den mir bevorſtehenden Nach⸗ forſchungen und hier beginnt die Erzählung des verzweifel⸗ ten Verſuches, den ich mir jetzt zur Pflicht gemacht hatte. VI. Die von Mrs. Todd angegebene Adreſſe führte mich nach einem in einer anſtändigen Straße nahe bei Gray's Road gelegenen Logirhauſe. ſelb was geg! Unt Zei es rick mei erin und Na tret ſag aus zuv auf reg ſue 2 Ve 201 Als ich klopfte, wurde die Thür von Mrs. Clements ſelbſt geöffnet. Sie ſchien mich nicht zu erkennen und frug was mein Anliegen ſei. Ich erinnerte ſie an unſer Be⸗ gegnen im Friedhofe zu Limmeridge am Schluſſe meiner Unterredung mit der Frau in Weiß, wobei ich zu gleicher Zeit Sorge trug, ſie auch daran zu erinnern, daß ich es war, der(wie Anna es ihr ſelbſt geſagt) Anna Cathe⸗ richs Flucht aus der Irrenanſtalt unterſtützte. Dies war mein einziges Recht an Mrs. Clements' Vertrauen. Sie erinnerte ſich des Umſtandes, ſowie ich ſeiner erwähnte, und bat mich in der größten Spannung, ob ich ihr etwa Nachrichten über Anna bringe, in ihr Wohnzimmer zu treten. Es war mir unmöglich, ihr die ganze Wahrheit zu ſagen, ohne zugleich in Einzelheiten in Bezug auf den ausgeübten Verrath einzugehen, welche einer Fremden an⸗ zuvertrauen gefährlich geweſen wäre. Ich konnte mich nur auf das Vorſichtigſte enthalten, falſche Hoffnungen zu er— regen, und dann ihr erklären, daß der Zweck meines Be⸗ ſuches der ſei, die Perſonen zu entdecken, die an Anna's Verſchwinden ſchuld wären. Ich fügte ſogar, um mich gegen ſpätere Vorwürfe meines eigenen Gewiſſens zu ſchützen, hinzu, daß ich nicht die geringſte Hoffnung habe, ihre Spur zu entdecken: daß ich glaube, wir würden ſie ſelbſt nie lebend wiederſehen und daß mein Hauptintereſſe in der Sache dahin gehe, zwei Männer zur Strafe zu bringen, die ich im Verdachte habe, ſie entführt zu haben, und von denen ich und mir ſehr theure Angehörige bitteres Unrecht erfahren. Nach dieſen Erklärungen überließ ich es Mrs. Clements zu ſagen, ob unſer Intereſſe an der Sache(welcher Unterſchied auch immer in unſeren Beweggründen ſein möchte) nicht ein und daſſelbe ſei, und ob ſie irgend etwas dagegen habe, meinen Zweck durch ſolche Auskunft zu för⸗ dern, wie ſie mir zu geben im Stande ſei. Die arme Frau war anfangs zu ſehr verwirrt und bewegt, um mich genau zu verſtehen. Sie konnte mir blos ſagen, daß ſie mir zum Danke für meine Güte gegen Anna Alles ſagen wolle, was ſie wiſſe. Doch da ſie nie beſon⸗ ders ſchnell von Begriffen ſei, wenn ſie mit Fremden ſpreche, ſo bäte ſie mich, ihr etwas zu helfen, indem ich ihr ſagte, wo ſie anzufangen habe. Da ich aus Erfahrung weiß, daß die deutlichſte Er⸗ zählung, die man von Leuten erhält, welche nicht daran gewöhnt ſind, ihre Ideen zu ordne, diejenige iſt, welche gleich zu Anfang weit genug zurückgeht, um in ihrem Ver⸗ laufe alle Hinderniſſe der Rückblicke zu vermeiden, ſo bat ich Mr. Clements, mir erſt zu ſagen, was ſich zugetragen, nachdem ſie Limmeridge verlaſſen, und auf dieſe Weiſe führte ich ſie durch vorſichtige Fragen von einem Punkte zum andern, bis wir zu dem ihres Verſchwindens kamen. Die Auskunft, welche ich auf dieſe Weiſe erhielt, lief auf Folgendes hinaus: Nachdem ſie das Cehöft, Todd's Ecke, verlaſſen, waren Mrs. Clements und Anna an dem Tage bis Derby ge⸗ reiſt, wo ſie Anna's wegen ſich eine Woche lang aufgehal⸗ ten. Sie waren dann nach London zurückgekehrt und etwa einen Monat in dem Logis geblieben, das Mrs. Cle⸗ ments zur Zeit innegehabt, worauf Verhältniſſe, welche ſich auf das Haus und den Hauswirth bezogen, ſie ge⸗ nöthigt hatten, ihre Wohnung zu verändern. Anna's 203 ein jedesmalige Angſt, entdeckt zu werden, wenn ſie in London as oder der Umgegend ſpazieren zu gehen wagten, hatte all⸗ r⸗ mälig auch auf Mrs. Clements gewirkt, und ſie hatte des⸗ halb beſchloſſen, ſich nach einem der entlegenſten Orte in nd England zurückzuziehen: nach der Stadt Grimsby in Lin⸗ os colnſhire, wo ihr verſtorbener Mann ſeine ganze Jugend na verlebt hatte. Seine Verwandten waren angeſehene, in n⸗ der Stadt anſäſſige Leute, welche Mrs. Clements ſtets en mit großer Freundlichkeit entgegengekommen waren, und hr es ſchien ihr, daß ſie nichts Beſſeres thun könne, als dort⸗ hin zu gehen und ſich von der Familie ihres Mannes A⸗ Rath ertheilen zu laſſen. Anna wollte nicht davon hören, an daß ſie zu ihrer Mutter nach Welmingham zurückkehrte, he weil ſie von dort aus nach der Irrenanſtalt gebracht wor⸗ r⸗ den und weil Sir Percival ſicher dorthin zurückkehren und at ſie dann finden würde. Es war dieſer Einwand ein wohl⸗ n, begründeter, und Mrs. Clements fühlte, daß derſelbe nicht ſe leicht zu beſeitigen ſei. te In Grimsby hatten ſich die erſten ernſtlichen Symptome n. von Anna's Krankheit gezeigt. Dies war bald, nachdem ef die Nachricht von Lady Glyde's Vermählung in den öffentlichen Blättern erſchienen und auf dieſe Weiſe bis zu 1 ihr gedrungen war. e Der Arzt, welcher zu der Kranken gerufen wurde, er⸗ 1 kannte ſofort, daß ſie an einer gefährlichen Herzkrankheit d litt. Die Krankheit währte lange, ſchwächte ſie ſehr und ⸗ kehrte in Zwiſchenräumen, jedoch in gelinderem Grade, e immer wieder. Sie blieben in Folge deſſen während der 5 erſten Hälfte des neuen Jahres in Grimsby und wären 8 wahrſcheinlich noch viel länger dort geblieben, hätte nicht 204 Anna plötzlich den Entſchluß gefaßt, nach Hampſhire zurück⸗ zukehren, um ſich eine heimliche Unterredung mit Lady Glyde zu verſchaffen. Mrs. Clements that Alles, was in ihrer Macht lag, um die Ausführung dieſes gewagten und unbegreiflichen Vorſatzes zu hintertreiben. Anna gab keine Erklärung ihrer Beweggründe, außer daß ſie glaube, der Tag ihres Todes ſei nicht mehr ferne, und daß ihr etwas auf dem Herzen laſte, das ſie auf alle Gefahr hin Lady Glyde im Geheimen mittheilen müſſe. Ihr Entſchluß hierin war ſo unerſchütterlich, daß ſie erklärte, ſie werde allein nach Hampſſßire gehen, falls Mrs. Clements abgeneigt ſei, ſie zu begleiten. Der Arzt war, da man ihn zu Rathe zog, der Anſicht, daß, falls man ihrem Wunſche entſchieden entgegen⸗ träte, dies aller Wahrſcheinlichkeit nach einen zweiten und vielleicht gar tödtlichen Anfall ihrer Krankheit zur Folge haben würde, weshalb Mrs. Clements auf ſeinen Rath der Nothwendigkeit nachgab und nachmals mit traurigen Vor⸗ ahnungen von kommender Noth und Gefahr Anna Catherick ihren Willen haben ließ. Auf der Reiſe von London nach Hampfhire fand Mrs. Clements, daß einer ihrer Reiſegefährten genau mit der Umgegend von Blackwater Park bekannt war und ihr jede Auskunft in Bezug auf die Lokalitäten geben konnte, wel⸗ cher ſie bedurfte. Auf dieſe Weiſe erfuhr ſie, daß der ein⸗ zige Ort, an dem ſie ſich aufhalten konnten, der nicht in gefahrvoller Nähe von Sir Percival's Wohnung gelegen, ein großes Dorf Namens Sandon ſei. Die Entfernung deſſelben von Blackwater Park war zwiſchen drei und vier (engl.) Meilen— und dieſe Strecke war Anna Catherick jede Fuf zu auf gen und der ihr dan das wel ſch näc zug hei nal vor No für Kr we lät un G an au B N 205 jedesmal, wo ſie in den Parkanlagen am See erſchien, zu Fuße hin und zurück gegangen. Während der wenigen Tage, welche ſie, ohne entdeckt zu werden, in London zugebracht, hatten ſie ein wenig außerhalb des Dorfes in der Hütte einer achtbaren Witwe gewohnt, welche ein Schlafzimmer zu vermiethen gehabt, und deren Schweigen Mrs. Clements wenigſtens während der erſten Woche ſich zu ſichern vermocht. Auch hatte ſie ihr Möglichſtes verſucht, um Anna zu bewegen, ſich erſt damit zu begnügen, daß ſie an Lady Glyde ſchreibe. Doch das Mißlingen der Warnung in dem anonymen Briefe, welchen ſie nach Limmeridge geſchickt, hatte Anna ent⸗ ſchloſſen gemacht, diesmal zu ſprechen, und ſie blieb hart⸗ näckig bei ihrem Beſchluſſe, allein ihrem Vorhaben nach⸗ zugehen. Mrs. Clements folgte ihr deſſenungeachtet jedesmal heimlich nach dem See, ohne ſich jedoch dem Boothauſe nahe genuß zu wagen, um zu ſehen und zu hören, was dort vorging. Als Anna das letztemal aus der gefahrvollen Nachbarſchaft zurückkehrte, hatte die Anſtrengung, Tag für Tag zu Fuße eine Strecke zu gehen, die weit über ihre Kräfte ging, und die entkräftigende Wirkung der Aufregung, welche ſie erduldete, die Folge, welche Mrs. Clements längſt befürchtet. Der alte Schmerz über dem Herzen und die anderen Symptome der Krankheit, welche ſie in Grimsby gehabt, zeigten ſich abermals und feſſelten Anna an ihr Bett in dem Häuschen. Unter dieſem Drangſale war es, wie Mrs. Clements aus Erfahrung wußte, vor Allem nothwendig, Anna's Beſorgniſſe zu beruhigen, zu welchem Zwecke die gute Frau 206 folgenden Tages nach dem See ging, um zu ſehen, ob ſie nicht mit Lady Glyde werde ſprechen(die, wie Anna ihr ſagte, ihren täglichen Spaziergang dorthin machen würde) und ſie überreden können, heimlich mit ihr nach der Hütte in Sandon zurückzukehren. Als ſie am Saume der Pflan⸗ zung anlangte, begegnete Mrs. Clements nicht Lady Glyde, ſondern einem großen, ſtarken ältlichen Herrn, der ein Buch in der Hand hielt— mit einem Worte, dem Grafen Fosco. Der Graf frug ſie, nachdem er ſie erſt einen Augenblick ſehr aufmerkſam betrachtet, ob ſie dort Jemanden zu treffen erwarte, und fügte dann, ehe ſie noch etwas erwidern konnte, hinzu, daß er ſelbſt dort mit einer Botſchaft von Lady Glyde warte, jedoch nicht ſicher ſei, ob die Perſon vor ihm der Beſchreibung derjenigen entſpreche, an die er ab⸗ geſchickt ſei. Hierauf vertraute Mrs. Clements ihm ſofort ihr An⸗ liegen und bat ihn inſtändig, ihr behülflich zu ſein, Anna's Beſorgniſſe zu beſchwichtigen, indem er ihr Lady Glyde's Botſchaft anvertraue. Der Graf erfüllte ihre Bitte auf das Freundlichſte und Bereitwilligſte. Was Lady Glyde ihm zu ſagen aufgetragen, ſei, wie er ſagte, von größter Wichtigkeit. Lady Glyde bitte Anna und ihre gute Freundin dringend, unverzüglich nach London zurückzukeh⸗ ren, da ſie überzeugt ſei, daß, falls ſie noch länger in der Umgegend von Blackwater Park blieben, Sir Percival ſie entdecken würde. Sie ſelbſt werde in Kurzem nach London reiſen, und falls Mrs. Clements und Anna ihr voraus⸗ reiſen und ſie dann von ihrer Adreſſe in Kenntniß ſetzen wollten, ſo ſollten ſie in weniger als vierzehn Tagen ent⸗ wede daß liche Freu kom ruhe Ann für volle kran Clen daß des erklä gehen könn zu e lichen dank Hütt bei i ſtaun Mrs ſehen gewe über leiſe genu⸗ 207 weder ſie ſehen oder von ihr hören. Der Graf fügte hinzu, daß er bereits verſucht habe, Anna ſelbſt eine freundſchaft⸗ liche Warnung zu geben, daß ſie jedoch beim Anblicke eines Fremden zu ſehr erſchrocken geweſen, um ihn näher zu kommen und mit ihr ſprechen zu laſſen. Mrs. Clements erwiderte hierauf in der größten Un⸗ ruhe und Beſtürzung, daß ſie es wohl zufrieden ſei, Anna nach London und in Sicherheit zu bringen, daß aber für jetzt keine Hoffnung vorhanden, ſie aus der gefahr⸗ vollen Nachbarſchaft zu entfernen, da ſie augenblicklich krank im Bette liege. Der Graf erkundigte ſich, ob Mrs. Clements ärztlichen Beiſtand geholt, und da er hörte, daß ſie bisher aus Furcht, dadurch die Aufmerkſamkeit des Dorfes auf ſich zu ziehen, angeſtanden, dies zu thun, erklärte er ihr, daß er ſelbſt Arzt ſei und mit ihr zurück⸗ gehen wolle, um zu ſehen, was für Anna gethan werden könne. Mrs. Clements(da ſie ein erklärliches Zutrauen zu einem Manne fühlte, dem Lady Glyde einen heim⸗ lichen Auftrag anvertraut hatte) nahm das Anerbieten dankbar an, und Beide kehrten dann zuſammen nach der Hütte zurück. Anna ſchlief, als ſie dort anlangten. Der Graf fuhr bei ihrem Anblicke überraſcht zuſammen(offenbar in Er⸗ ſtaunen über ihre Aehnlichkeit mit Lady Glyde); die arme Mrs. Clements glaubte blos, weil es ihn erſchreckte, zu ſehen, wie krank ſie war. Er wollte nicht zugeben, daß ſie geweckt würde, ſondern begnügte ſich damit, Mrs. Clements über die Symptome auszufragen, ſie zu betrachten und leiſe ihren Puls zu fühlen. Der Ort Sandon war groß genug, um einen Apothekerladen zu beſitzen, und dorthin 208 begab ſich der Graf, um das Recept zu ſchreiben und die Medicin machen zu laſſen. Er brachte dieſelbe ſerhſt zu⸗ rück und unterrichtete Mrs. Clements, daß es ein ſtarkes Reizmittel ſei und Anna Kraft geben werde, aufzuſtehen und die Reiſe von nur wenigen Stunden nach London auszuhalten. Die Medicin ſollte zu beſtimmten Zeiten an dieſem und dem nächſtfolgenden Tage eingegeben werden; am dritten werde ſie dann wohl genug ſein, um zu reiſen, und er kam mit Mrs. Clements überein, ſie an der Sta⸗ tion von Blackwater zu treffen und mit dem Mittagszuge abreiſen zu ſehen. Falls ſie nicht kämen, würde er an⸗ nehmen, daß Anna's Zuſtand ſich verſchlimmert habe und dann augenblicklich nach der Hütte kommen. Dieſe letztere Nothwendigkeit trat jedoch nicht ein. Die Medicin hatte eine erſtaunliche Wirkung auf Anna, und der Erfolg derſelben wurde noch durch die Ver⸗ ſicherung unterſtützt, welche Mrs. Clements ihr jetzt geben durfte: daß ſie nämlich binnen Kurzem Lady Glyde in London ſehen werde. An dem beſtimmten Tage und Zeit⸗ punkte(nachdem ſie ſich im Ganzen kaum eine Woche in Hampſhire aufgehalten) trafen ſie auf der Station ein. Der Graf erwartete ſie hier und war mit einer ältlichen Dame, welche ebenfalls mit dieſem Zuge nach London zu fahren ſchien, in Unterhaltung begriffen. Er leiſtete ihnen den freundlichſten Beiſtand beim Einſteigen, indem er Mrs. Clements bat, nicht zu vergeſſen, Lady Glyde ihre Adreſſe zu ſchicken. Die ältliche Dame reiſte nicht mit ihnen in demſelben Coupé und ſie ſahen nicht, was aus ihr wurde, als ſie in London anlangten. Mrs. Clements nahm eine anſtändige Wohnung in einer ſtillen Nachbar⸗ die zu⸗ irkes ehen ndon n an den; iſen, Sta⸗ zuge an⸗ und n. auf Ver⸗ geben de in Zeit⸗ he in ein. ichen 8n zu hnen a er ihre mit aus nents ybar⸗ 209 ſchaft und ſchrieb dann, wie ſie verſprochen, um Lady Glyde von ihrer Adreſſe in Kenntniß zu ſetzen. Es vergingen über vierzehn Tage, ohne daß eine Antwort kam. Nach Verlauf dieſes Zeitraumes kam eine Dame(die⸗ ſelbe ältliche Dame, welche ſie auf der Station geſehen hatten) in einer Droſchke zu ihnen gefahren und ſagte, Lady Glyde, welche augenblicklich in einem Hotel in London anweſend ſei, habe ſie geſchickt, um ihnen zu ſagen, daß ſie Mrs. Clements zu ſehen wünſche, um mit ihr die Zeit einer Unterredung zwiſchen ihr— Lady Glyde— und Anna zu beſtimmen. Mrs. Clements erklärte ſich(auf Anna's dringendes Zureden) bereit, dieſen Zweck zu för⸗ dern, umſomehr, da ſie nicht länger als höchſtens eine halbe Stunde vom Hauſe abweſend zu ſein brauchte. Sie und die ältliche Dame(offenbar die Gräfin Fosco) fuhren dann in der Droſchke ab. Die Dame ließ die Droſchke, nachdem ſie eine ziemliche Strecke gefahren waren, vor einem Kaufladen halten, ehe ſie in dem Gaſthofe an⸗ langten, und bat Mrs. Clements, ein paar Minuten zu warten, bis ſie einen Einkauf beſorge, den ſie vergeſſen hatte. Sie ließ ſich nie wiederſehen. Nachdem ſie eine Weile gewartet, wurde Mrs. Cle⸗ ments unruhig und befahl dem Kutſcher, nach ihrer Woh⸗ nung zurückzufahren. Als ſie dort nach einer Abweſenheit von etwas mehr als einer halben Stunde anlangte, war Anna fort. Die einzige Auskunft, die ſie über die Sache erlangen konnte, erhielt ſie durch die Magd, welche den im Hauſe wohnenden Miethern aufwartete. Sie hatte einen Knaben Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. III. 14 210 aus der Straße die Thür geöffnet, der ihr„für das junge Frauenzimmer in der zweiten Etage“(dem Theile des Hauſes, welchen Mrs. Clements bewohnte) einen Brief gegeben. Die Magd hatte den Brief abgegeben, war dann in die Küche zurückgekehrt und hatte fünf Minuten ſpäter Anna in Hut und Shawl aus der Hausthüre gehen ſehen. Sie hatte den Brief wahrſcheinlich mitgenommen; denn derſelbe war nirgends zu finden, und es war daher unmög⸗ lich zu ſagen, wodurch man ſie bewogen, das Haus zu ver⸗ laſſen. Der Anlaß mußte ein ſtarker geweſen ſein— denn ſie verließ in London nie aus eigenem Antriebe allein das Haus. Hätte Mrs. Clements dies nicht aus Erfahrung gewußt, ſo würde ſie nichts bewogen haben, ſie auch nur auf eine halbe Stunde allein zu laſſen. Sobald ſie ihre Gedanken zu ſammeln im Stande ge⸗ weſen, hatte Mrs. Clements natürlich zuerſt die Idee ge⸗ faßt, nach der Anſtalt zu gehen, da ſie befürchtete, daß Anna Catherick dahin zurückgebracht worden. Sie hatte dies am folgenden Tage ausgeführt, da Anna ſelbſt ihr die Gegend angegeben hatte, wo die An⸗ ſtalt gelegen war. Die Antwort, welche ſie erhielt(da ſie ihre Nachfrage wahrſcheinlich einen oder zwei Tage vorher machte, ehe die falſche Anna Catherick der Haft der An⸗ ſtalt übergeben wurde), war, daß keine ſolche Perſon zu⸗ rückgebracht worden. Sie ſchrieb dann zunächſt an Mrs. Catherick in Welmingham, um ſie zu fragen, ob ſie irgend etwas von ihrer Tochter gehört oder geſehen habe, und er⸗ hielt auch von dieſer Seite eine verneinende Antwort. Hiernach war ſie am Ende ihrer Hülfsquellen und wußte durchaus nicht, wo ſie ſonſt noch nachfragen, oder was ſie ſonſt noch thun konnte. Von jenem Augenblicke bis zu dem gegenwärtigen war ſie in völliger Unkenntniß über die Urſache von Anna's Verſchwinden und über das Ende ihrer Geſchichte geblieben. VII. Bis hierher war die Ankunft, welche ich von Mrs. Clements erhielt— obgleich ſie Facta feſtſtellte, die mir bisher unbekannt geblieben— von blos einleitender Art. Es war klar, daß die Reihe von Betrügereien, welche Anna Catherick nach London geführt und dort von Mrs. Clements getrennt hatten, einzig und allein vom Grafen und der Gräfin Fosco ausgeübt worden, und die Frage, ob das Betragen dieſer Beiden in irgend einem Punkte der Art geweſen, um ſie innerhalb des Bereiches der Ge⸗ ſetze zu bringen, verdient wohl unſere künftige Beachtung. Das Ziel jedoch, das ich zuvörderſt im Auge hatte, führte mich in eine andere Richtung. Der unmittelbare Zweck meines Beſuches bei Mrs. Clements war, wenigſtens den Verſuch zu machen, Sir Percival's Geheimniſſe auf die Spur zu kommen, und ſie hatte bisher noch nichts geſagt, das mich auf meinem Pfade dieſem Ende zu nur um einen Schritt weiter gebracht hätte. Ich fühlte die Nothwendig⸗ keit, zu verſuchen, ob ich nicht ihre Erinnerungen an andere Zeiten, Perſonen und Ereigniſſe, als die, bei denen ihre Gedanken bisher verweilt, erwecken könne, und meine nächſten Worte zielten indirect hierauf hin. „Ich wollte, ich könnte Ihnen in dieſer Trübſal irgend⸗ 14* 212 wie von Nutzen ſein,“ ſagte ich;„doch kann ich nichts weiter für Sie thun, als herzlichen Antheil an Ihrem Kummer nehmen. Wäre Anna Ihr eignes Kind geweſen, Mrs. Clements, ſo hätten Sie ihr kaum bereitwilligere Opfer bringen können.“ „Darin iſt kein großes Verdienſt für mich, Sir,“ ſagte Mrs. Clements einfach.„Das arme Mädchen war ſo gut wie mein eigen Kind für mich. Ich nährte es faſt von ihrer Geburt an, Sir, und es war ſchwer genug, es auf⸗ zubringen. Ihr Verluſt würde mir vielleicht nicht ſo zu Herzen gehen, hätte ich nicht ihre erſten kurzen Kleidchen für ſie gemacht und ſie laufen gelehrt. Ich pflegte immer zu ſagen, daß der liebe Herrgott ſie mir geſchickt, weil ich ſelbſt nie ein Kleines hatte. Und jetzt, da ich ſie verloren habe, kehren die alten Zeiten meinem Gedächtniſſe zurück, und ſelbſt in meinem Alter kann ich mich nicht enthalten, um ſie zu weinen, Sir— gewiß, ich kann nicht anders!“ Ich wartete ein wenig, um Mrs. Clements Zeit zu gönnen, ſich wieder zu beruhigen. Schimmerte vielleicht das Licht, nach dem ich ſo lange geſucht, aus dämmern⸗ der Ferne her jetzt in der guten alten Frau Erinnerungen von Anna's Kindheit? „Kannten Sie Mrs. Catherick, ehe Anna geboren war?“ frug ich. „Nicht ſehr lange, Sir— nicht über vier Monate. Wir kamen zu der Zeit ſehr viel zuſammen, aber wir waren nie ſo vertraut mit einander.“ Ihre Stimme wurde wieder feſter, als ſie dieſe Ant⸗ wort machte. So ſchmerzlich auch manche ihrer Exinne⸗ rungen ſein mochten, ſo bemerkte ich doch, daß es ihr eine 213 Erleichterung war, von dem lebendigen Kummer der Gegenwart zu den halbvergeſſenen Trübſalen der Ver⸗ gangenheit überzugehen. „Waren Sie und Mrs. Catherick Nachbarinnen?“ frug ich, indem ich ihr Gedächtniß zu ermuntern ſuchte. „Ja, Sir, wir waren Nachbarinnen in Alt⸗Wel⸗ mingham.“ „Alt⸗Welmingham? Dann gibt es alſo in Hamp— ſhire zwei Orte dieſes Namens?“ „Nun ja, Sir, damals— vor mehr als dreiundzwan⸗ zig Jahren. Sie bauten ungefähr zwei Meilen davon eine neue Stadt dicht am Fluſſe— und Alt⸗Welmingham, das nie viel mehr als ein Dorf war, wurde allmälig verlaſſen. Die neue Stadt iſt der Ort, den ſie jetzt Welmingham nennen, aber die alte Pfarrkirche iſt noch jetzt die Pfarr⸗ kirche. Sie ſteht allein, indem die Häuſer um ſie her alle entweder niedergeriſſen oder von ſelbſt verfallen ſind. Ich habe in meinem Leben traurige Veränderungen ge⸗ ſehen. Es war zu meiner Zeit ein freundlicher, hübſcher Ort.“ „Wohnten Sie dort vor Ihrer Heirath, Mrs. Cle⸗ ments?“: „Nein, Sir, ich bin aus Norfolk, und mein Mann ge⸗ hörte auch nicht zu dem Orte. Er war aus Grimsby, wie ich Ihnen ſchon ſagte, und brachte dort ſeine Lehrjahre zu. Da er aber im Süden Bekannte hatte und durch ſie von einer Vacanz hörte, etablirte er ſich in Southampton. Es war nur ein kleines Geſchäft; aber er machte doch genug dabei, um ſich mit beſcheidenen Anſprüchen zurückzu⸗ ziehen, und ließ ſich dann in Alt⸗Welmington nieder. 214 Ich ging mit ihm dorthin, als er mich heirathete. Wir waren Beide nicht mehr jung; aber wir lebten ſehr glück⸗ lich miteinander— glücklicher, als unſer Nachbar, Mr. Catherick, mit ſeiner Frau lebte, als ſie ungefähr andert⸗ halb Jahre ſpäter nach Welmingham kamen.“ „War Ihr Mann ſchon vorher mit Dieſen bekannt geweſen?“ „Mit Catherick, ja, Sir— aber nicht mit ſeiner Frau. Sie war uns Beiden fremd. Ein Herr hatte ſich für Catherick verwendet, ſodaß er die Stelle als Küſter an der Pfarrkirche zu Welmingham erhielt, und das war der Grund, weshalb er ſich in unſerer Nachbarſchaft eine Woh⸗ nung nahm. Er brachte ſeine junge Frau mit, und wir hörten ſpäter, ſie ſei Kammerjungfer geweſen in einer Fa⸗ milie, die zu Varneck Hall bei Southampton wohnte. Es hatte Catherick Künſte genug gekoſtet, ehe er ſie überreden konnte, ſie zu heirathen— weil ſie ſich ſo außerordentlich vornehm hielt. Er hatte zu wiederholtenmalen immer wieder und wieder um ſie angehalten und endlich, da er ſah, daß ſie ſo widerſpenſtig war, die Sache aufgegeben. Da aber drehte ſie ſich mit einemmale nach der andern Seite und kam, anſcheinend ohne Grund oder Urſache ganz von ſelbſt. Mein lieber Mann pflegte zu ſagen, daß es jetzt an der Zeit geweſen wäre, ihr eine Lehre zu geben. Aber Catherick war zu ſehr vernarrt in ſie, um ſo etwas zu thun; er trat ihr nie in irgend etwas entgegen, weder vor der Heirath noch nachher. Er war ein leidenſchaft⸗ licher Mann und ließ ſich oft von ſeinen Gefühlen fort⸗ reißen— bald auf die eine und bald auf die andere Art; er hätte eine beſſere Frau verdorben, als Mrs. Catherick, ka 215 falls eine beſſere ihn geheirathet hätte. Ich ſpreche nicht gern Böſes von anderen Leuten, Sir; aber ſie war ein herzloſes Weib mit einem furchtbaren Eigenwillen; ſie liebte flatterhafte Bewunderung und Putz und bemühte ſich nicht, ihrem Manne, der ſie immer ſo gütig behandelte, auch nur äußerlichen Reſpekt zu bezeigen. Mein Mann ſagte gleich, als ſie zuerſt in unſere Nachbarſchäft kamen, daß die Sache ein ſchlechtes Ende nehmen werde, und ſeine Worte wurden wahr. Ehe ſie ſich noch vier Monate am Orte aufgehalten, gab es einen ſchrecklichen Scandal und ein unglückliches Auseinandergehen. Es hatten Beide Schuld— ich fürchte, es hatten Beide Schuld.“ „Sie meinen, der Mann ſowohl wie die Frau hatte Schuld?“ „O nein, Sir! Catherick meine ich nicht— ihn konnte man nur bemitleiden— ich meine ſeine Frau und den—“ „Und Den, welcher den Scandal verurſachte?“ „Ja, Sir. Er war von Geburt und Erziehung ein Gentleman und hätte ein beſſeres Beiſpiel geben ſollen. Sie kennen ihn, Sir— und meine arme, liebe Anna kannte ihn nur zu wohl.“ „Sir Percival Glyde?“ „Ja, Sir Percival Glyde.“ Mein Herz pochte heftig— ich glaubte, meine Hand halte den Schlüſſel. Wie wenig ahnte ich damals von den labyrinthiſchen Krümmungen, welche mich noch irre leiten ſollten! „Wohnte Sir Percival damals in Ihrer Nachbar⸗ ſchaft?“ frug ich ſie. „Nein, Sir. Er kam als Fremder zu uns. Sein — 4 216 Vater war nicht lange vorher im Auslande geſtorben. Ich erinnere mich, daß er in Trauer war. Er quartirte ſich in dem kleinen Wirthshauſe am Fluſſe ein(es iſt ſeit der Zeit niedergeriſſen worden), wo die Herren zum Angeln zu kommen pflegten. Es wurde nicht beſonders bemerkt, als er zuerſt hinkam: es war etwas ganz Gewöhnliches, daß die Herren aus allen Theilen von England hin⸗ kamen, um in unſerm Fluſſe zu angeln.“ „Kam er vor Anna's Geburt ins Dorf?“ „Ja, Sir. Anna wurde im Monat Juni Achtzehn⸗ hundertſiebenundzwanzig geboren, und er kam, glaube ich, zu Ende April oder Anfang Mai.“ „Als Fremder für Alle? Für Mrs. Catherick ſo⸗ wohl, als für die übrigen Nachbarn?“ „Das glaubte man zu Anfang, Sir. Als aber der Scandal ausbrach, glaubte kein Menſch mehr, daß ſie ein⸗ ander fremd geweſen. Ich erinnere mich wohl, wie es alles kam, als ob es erſt geſtern geweſen wäre. Catherick kam einmal ſpät in der Nacht in nnſern Garten und weckte uns, indem er eine Handvoll Kies an unſere Fenſter warf. Ich hörte ihn meinen Mann„um Gotteswillen“ bitten, herunterzukommen, er habe mit ihm zu ſprechen. Sie unterhielten ſich dann eine lange Weile unten im Vor⸗ häuschen. Als mein Mann wieder heraufkam, zitterte er am ganzen Leibe. Er ſetzte ſich auf den Rand des Bettes und ſagte:„Lizzie, ich habe Dir's immer geſagt, daß das Weib ein ſchlimmes Weib iſt, und daß ſie einmal ein ſchlechtes Ende nehmen würde— und ich fürchte, das Ende iſt bereits gekommen. Catherick hat'ne Menge Spitzentaſchentücher, zwei koſtbare Ringe und eine neue 217 goldene Uhr mit Kette in der Schublade ſeiner Frau ver⸗ ſteckt gefunden— Sachen, die nur eine ganz vornehme Dame tragen kann— und ſeine Frau will ihm nicht ſagen, wie ſie dazn gekommen iſt.“„Glaubt er, daß ſie ſie ge⸗ ſtohlen hat?“ fragte ich.„Nein,“ ſagte er,„das wäre ſchon ſchlimm genug. Aber die Sache iſt noch ſchlimmer — ſie hat keine Gelegenheit gehabt, um ſolche Sachen zu ſtehlen und wenn ſie ſie gehabt hätte, ſo iſt ſie doch nicht die Frau danach. Es ſind Geſchenke, Lizzie— ihre eige⸗ nen Anfangsbuchſtaben ſind inwendig in die Uhr eingra⸗ virt— und Catherick hat ſie mit jenem Herrn in Trauer, Sir Percival Glyde, ſprechen und umgehen ſehen, wie ſich's für keine verheirathete Frau paßt. Sage T Du nichts davon; ich habe Catherick für heute Abend beruhigt. Ich habe iin gerathen, die Sache für ſich und ſeine Augen und Ohren auf ein paar Tage offen zu halten, bis er ſich feſt überzeugt hat.“„Ich glaube, Ihr ſeid alle Beide im Irrthume,“ ſagte ich;„es iſt nicht anzunehmen, daß Mrs. Catherik, die hier eine angenehme und geach⸗ tete Stellung einnimmt, ſich mit einem hergelaufenen Fremden wie Sir Percival Glyde einlaſſen ſollte.“„Ja wohl, aber iſt er auch ein Fremder für ſie?“ ſagte mein Mann.„Du vergißt, wie Mrs. Catherick ſich endlich dazu herabließ, ihn zu heirathen. Sie kam von ſelbſt zu ihm, nachdem ſie ihm einmal über das andere Nein geſagt hatte, da er ſich um ſie beworben. Es hat ſchon vor ihr ſchlechte Weiber gegeben, Lizzie, die redliche Männer, welche ſie liebten, dazu gebraucht haben, ihren Ruf zu retten.... und ich fürchte ſehr, dieſe Mrs. Catherick iſt ſo ſchlimm wie die ſchlechteſte unter ihnen. Wir werden ſehen,“ ſagte mein Mann,„wir Ma werden es bald ſehen.“ Und kaum zwei Tage ſpäter gan ſahen wir es allerdings.“ See Mrs. Clements wartete einen Augenblick, ehe ſie fort⸗ Cat fuhr. Selbſt in dieſem Augenblicke begann ich zu zweifeln, Urſt ob der Schlüſſel, den ich ſchon gefunden zu haben geglaubt, nach mich auch wirklich dem Geheimniſſe näher brachte, das im trag Mittelpunkte des ganzen Labyrinthes lag. War dieſe ge⸗ des wöhnliche, zu gewöhnliche Geſchichte von der Treuloſigkeit er il eines Mannes und der Schwäche eines Weibes der Schlüſſel ſein zu einem Geheimniſſe, welches der lebenslange Schrecken Cat von Sir Percival Glyde geweſen? mir „Nun, Sir, Catherick befolgte meines Mannes Rath wier und wartete,“ fuhr Mrs. Clements fort.„Und wie geſagt ſuch er hatte nicht lange zu warten. Am zweiten Tage fand er geſſ ſeine Frau und Sir Percival dicht unter der Sacriſtei der En Kirche, wo ſie ganz vertraulich zuſammen flüſterten. Ver⸗ Am muthlich dachten ſie, daß die Nachbarſchaft von der Kirche Und die allerletzte Stelle in der Welt ſei, wo man ſie ſuchen nich würde— wie dem aber auch ſei, jedenfalls waren ſie dort. im Sir Percival vertheidigte ſich in ſeiner Ueberraſchung und We Verwirrung auf eine ſo ſchuldbewußte Weiſe, daß der arme Catherick(von deſſen heftigem Temperament ich Ihnen er bereits geſagt habe) über ſeine Schande in eine wahre Raſerei gerieth und Sir Percival ſchlug. Doch war er Mo dem Manne, der ſich ſo ſchwer an ihm vergangen, leider aus nicht gewachſen, und er wurde auf das grauſamſte von ihm am zerſchlagen, ehe die Nachbarn, welche der Lärm herbei⸗ V gerufen, ſie trennen konnten. Alles dies trug ſich gegen Abend zu, und noch vor Einbruche der Nacht, als mein wa 19 Mann nach ſeinem Hauſe ging, war er auf und davon ge⸗ gangen, und kein Menſch wußte wohin. Keine lebende Seele im ganzen Dorfe hat ihn jemals wieder geſehen. Catherick wußte jetzt nur zu gut, aus welcher abſ cheulichen Urſache ſeine Frau ihn geheirathet, und fühlte, namentlich nach dem, was ſich zwiſchen ihm und Sir Percival zuge⸗ tragen, ſeine Schande und ſein Elend zu tief. Der Pfarrer des Ortes ließ eine Anzeige in die Zeitung ſetzen, worin er ihn bat zurückzukehren und ihm verſprach, daß er weder ſeine Stelle, noch ſeine Beſchützer verlieren ſolle. Aber Catherick hatte zu viel Stolz, wie einige Leute ſagten— mir aber ſcheint, er hatte zu viel Gefühl, Sir— um ſich wieder vor ſeinen Nachbarn ſehen zu laſſen und zu ver⸗ ſuchen, durch ſeine eigene Lebensweiſe ſeine Schande ver⸗ geſſen zu machen. Er ſchrieb an meinen Mann, ehe er England verließ, und dann noch einmal, als er ſich in Amerika niedergelaſſen hatte, wo es ihm recht gut ging. Und dort lebt er noch jetzt, ſo viel ich weiß; und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß irgend Jemand von uns hier im alten Lande— am allerwenigſten aber ſein böſes Weib— ihn jemals mit Augen wiederſehen wird.“ „Was wurde aus Sir Percival?“ frug ich.„Blieb er in der Umgegend?“ „O nein, Sir. Der Ort war ihm zu heiß geworden. Man hörte ihn an demſelben Abende, wo der Scandal ausbrach, im lauten Wortſtreite mit Mrs. Catherick, und am nächſten Morgen verließ er den Ort.“ „Und Mrs. Catherick? Sie blieb doch nimmer in dem Dorfe und unter den Leuten, denen ihre Schande bekannt war?“ — 220 „Doch, Sir, ſie blieb. Sie war hart und fühllos genug, um der Meinung all ihrer Nachbarn zu trotzen. Sie hatte Jedem vom Pfarrer an erklärt, ſie ſei das Opfer eines furchtbaren Irrthums, und daß alle Klatſch⸗ ſchweſtern des Dorfes nicht im Stande ſein ſollten, ſie aus demſelben zu vertreiben, wie wenn ſie ein ſchuldiges Weib wäre. Während der ganzen Zeit, daß ich in Alt⸗Welming⸗ ham wohnte, blieb ſie dort, und als man anfing, die neue Stadt zu bauen und die meiſten Leute dorthin zogen, zog ſie ebenfalls dorthin, als ob ſie entſchloſſen ſei, bis zum Ende unter ihnen und ihnen ein Aergerniß zu bleiben. Dort lebt ſie noch jetzt, und dort wird ſie den Beſten zum Trotze bis zu ihrem Sterbetage bleiben.“. „Aber wovon hat ſie ſich während all dieſer Jahre erhalten?“ frug ich.„War ihr Mann im Stande und bereit, ſie zu ernähren?“ „Beides, ſowohl im Stande als bereit, Sir,“ ſagte Mrs. Clements.„In ſeinem zweiten Briefe an meinen lieben Mann ſagte er, ſie habe ſeinen Namen getragen und unter ſeinem Dache gelebt, und ſo ſchlecht ſie auch ſei, ſolle ſie doch nicht wie eine Bettlerin auf der Straße verhungern. Er ſei in der Lage, ihr eine kleine Penſion auszuſetzen, und ſie möge dieſelbe vierteljährlich von einem Bankierhauſe in London beziehen.“ „Nahm ſie die Penſion an?“ „Keinen Heller, Sir. Sie ſagte, ſie wolle Catherick nie für einen Biſſen oder Tropfen verpflichtet ſein, und wenn ſie hundert Jahre alt werden ſollte. Und ſie hat bis⸗ her Wort gehalten. Als mein armer, guter Mann ſtarb und mir Alles hinterließ, kam Catherick's Brief mit dem los zen. das ſch⸗ aus deib ng⸗ eue zog um den. zum ihre und agte inen igen auch raße ſion iem erick und bis⸗ tarb dem Uebrigen in meine Hände, und ich ſagte ihr, ſie ſolle mich's wiſſen laſſen, falls ſie jemals Mangel litte.„Wenn ich Mangel leide, ſo ſoll ganz England es eher erfahren, ehe ich Catherick oder ſeinen Freunden ein Wort davon ſage. Nehmen Sie Das zur Antwort, und geben Sie's ihm zur Antwort, falls er Ihnen jemals wieder ſchreibt.“ „Glauben Sie, daß ſie eignes Vermögen hatte?“ „Sehr wenig, Sir, wenn überhaupt. Man ſagte, und ich fürchte mit Recht, daß ſie die Mittel zu ihrem Lebens⸗ unterhalte heimlich von Sir Percival Glyde erhielt.“ Nach dieſer letzten Antwort dachte ich eine kleine Weile über Das nach, was ich gehört hatte. Falls ich die Ge⸗ ſchichte ſo weit ohne Rückhalt als wahr annahm, ſo war es jetzt klar, daß ich weder direct noch indirect im Gering⸗ ſten dem Geheimniſſe näher auf die Spur gekommen, und daß meine Verſuche in dieſer Richtung hin abermals auf das fühlbarſte und entmuthigendſte fehlgeſchlagen waren. Aber es war ein Punkt in der Erzählung, der mich an der Angemeſſenheit, dieſelbe ohne Rückhalt anzunehmen, zweifeln ließ, und die Idee in mir erweckte, daß unter der Oberfläche noch etwas verborgen liege. Ich konnte mir den Umſtand nicht erklären, daß des Küſters ſchuldiges Weib freiwillig an dem Orte ihrer Schande weiter lebte. Was man mir über die eigene Angabe der Frau: ſie habe dies Verfahren als praktiſche Darthuung ihrer Unſchuld angenommen— mittheilte, befriedigte mich nicht. Es ſchien mir natürlicher und wahrſcheinlicher, anzunehmen, daß ſie in dieſer Sache nicht ſo ganz freie Wahl gehabt, wie ſie behauptet hatte. Wer aber war in dieſem Falle die Perſon, von der man 222 mit der größten Wahrſcheinlichkeit annehmen durfte, daß ſie die Macht beſaß, ſie zum fortgeſetzten Aufenthalte in Welmingham zu zwingen?— Ohne Frage diejenige, von der ſie die Mittel zum Lebensunterhalte erhielt. Sie hatte die Unterſtützung von ihrem Manne zurückgewieſen, hatte kein eignes, unabhängiges Vermögen und war ein freund⸗ loſes, entehrtes Weib— aus welcher Quelle konnte ſie alſo noch Hülfe beziehen, außer aus derjenigen, welche das Gerücht bezeichnete: Sir Percival Glyde? Indem ich nach dieſen Vorausſetzungen ſchlußfolgerte und fortwährend das eine gewiſſe Factum im Auge behielt, daß Mrs. Catherick im Beſitze des Geheimniſſes war, be⸗ griff ich leicht, daß es Sir Percival's Intereſſe erforderte, daß ſie in Welmingham bliebe, weil dort ihr Ruf ſie von allem Verkehr mit ihren Nachbarinnen ausſchloß und ſo ſie der Gelegenheit beraubte, in Augenblicken ungenirter Unterhaltungen mit Buſenfreundinnen unvorſichtige Reden zu führen. Worin aber beſtand dies Geheimniß? Nicht der ſchmachvolle Antheil, den Sir Percival an Mrs. Ca⸗ therick's Schande hatte— denn dies war der ganzen Nach⸗ barſchaft bekannt. Nicht der Verdacht, daß er Anna's Vater ſei— denn Welmingham war der Ort, an dem dieſer Verdacht unvermeidlicherweiſe beſtehen mußte. Falls ich den ſchuldigen Anſchein, der mir beſchrieben worden, ſo rückhaltlos annahm, wie Andere; falls ich daraus den⸗ ſelben oberflächlichen Schluß zog, den Mr. Catherick und ſeine Nachbarn daraus gezogen— wo blieb da nach Allem, was ich gehört, die Vermuthung, daß zwiſchen Mrs. Ca⸗ therick und Sir Pereival ein gefährliches Geheimniß be⸗ ſtand, das von dieſer Zeit an bis jetzt verborgen geblieben? Und doch lag in jenen geheimen Zuſammenkünften und in jenem vertraulichen Flüſtern zwiſchen des Küſters Frau und„dem Herrn in Trauer“ ohne allen Zweifel die Löſung dieſes Geheimniſſes. War es möglich in dieſem Falle, daß der Schein nach einer Richtung hingedeutet, während die Wahrheit un⸗ vermuthet in einer ganz andern lag? Konnte Mrs. Catherick's Behauptung: ſie ſei das Opfer eines furcht⸗ baren Irrthums, möglicherweiſe wahr ſein? Oder, geſetzt dieſelbe war falſch, konnte die Schlußfolgerung, nach wel⸗ cher Sir Percival mit ihrer Schuld in Beziehung ſtand, auf irgend einen unbegreiflichen Irrthum gegründet ſein? Hatte etwa Sir Percival den falſchen Verdacht begünſtigt, um den richtigen Verdacht von ſich abzulenken? Hier lag — falls es mir gelang, ihn zu finden— der Schlüſſel zu dem Geheimniſſe, tief unter der Oberfläche der anſcheinend hoffnungsloſen Erzählung verborgen, welche ich ſoeben an⸗ gehört hatte. Meine nächſten Fragen waren jetzt auf dieſen einen Punkt gerichtet: ob nämlich Mr. Catherick ſich vollkommen von der Schuld ſeiner Frau überzeugt hatte oder nicht. Mrs. Clements' Antworten hierauf ließen mir nicht die geringſten Zweifel übrig. Mrs. Catherick hatte den klar⸗ ſten Beweiſen nach als unverheirathetes Mädchen— mit wem, war unbekannt geblieben— ihren Ruf compromit⸗ tirt und, um denſelben wo möglich noch zu retten, ſich eiligſt verheirathet. Man war durch Ort⸗ und Zeitbeſtimmungen, in die ich hier nicht näher einzugehen brauche, entſchieden zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Tochter, welche ihres Mannes Namen trug, nicht ihres Mannes Kind war. 224 Der nächſte fragliche Punkt, ob es nämlich ebenſo gewiß, daß Sir Percival Anna's Vater ſei, war mit weit größerer Schwierigkeit zu entſcheiden. Ich konnte die Wahrſcheinlichkeiten dafür und dawider durch keinen andern Beweis beſtimmen, als den der perſönlichen Aehn⸗ lichkeit. „Vermuthlich haben Sie Sir Percival oft geſehen, während er ſich in Ihrem Dorfe aufhielt?“ ſagte ich. „Ja, ſehr oft,“ ſagte Mrs. Clements. „Haben Sie je die Bemerkung gemacht, daß Anna ihm ähnlich war?“ „Sie ſah ihm nicht im geringſten ähnlich, Sir.“ „Sah ſie ihrer Mutter ähnlich?“ „Nein, auch nicht ihrer Mutter, Sir. Mrs. Catherick hatte ein dunkles, volles Geſicht.“ Weder ihrer Mutter noch ihrem(muthmaßlichen) Vater ähnlich! Ich wußte wohl, daß dem Beweiſe per⸗ ſönlicher Aehnlichkeit nicht entſchieden zu trauen ſei,— auf der andern Seite aber war er auch nicht entſchieden zu ver⸗ werfen. War es vielleicht möglich, meine Beweiſe voll⸗ gültiger zu machen, indem ich mir entſcheidende Thatſachen über Mrs. Catherick's und Sir Percival's Leben, ehe ſie Beide in Welmingham erſchienen, verſchaffte? Meine nächſten Fragen waren auf dieſen Punkt gerichtet. „Hörten Sie, als Sir Percival zuerſt in Welmingham geſehen wurde, woher er eben kam?“ frug ich. „Nein, Sir. Einige ſagten, er komme von Blackwater Park, und Andere wieder, er komme aus Schottland, aber Keiner wußte etwas Beſtimmtes darüber.“ ra ge nſo mit ite inen ehn⸗ hen, ch. erick hen) per⸗ auf ver⸗ voll⸗ ichen e ſie keine ham bater aber rathung zu Varneck Hall im Dienſte?“ 225 „War Mrs. Catherick unmittelbar vor ihrer Verhei⸗ „Ja wohl, Sir.“ „Und hatte ſie die Stelle lange gehabt?“ „Drei oder vier Jahre, Sir; ich weiß es nicht ganz genau.“ „Haben Sie je den Namen des Herrn gehört, dem Varneck Hall damals zugehörte?“ Ja wohl, Sir. Er hieß Major Donthorne.“ „Wußte Eatherick oder ſonſt irgend Jemand Ihrer Bekanntſchaft, ob Sir Percival mit Major Dornthorne befreundet war, oder ob er je in der Umgegend von Varneck Hall geſehen worden?“ „Davon wußte Catherick nichts, Sir, ſoviel ich mich entſinnen kann— noch ſonſt irgend Jemand meiner Be⸗ 1 kanntſchaft.“ Ich ſchrieb mir Major Donthorne's Namen und Adreſſe auf, für den Fall, daß er noch am Leben und es mir für die Zukunft von Nutzen ſein könne, mich um Auskunft an ihn zu wenden. Inzwiſchen war ich entſchieden von der Anſicht, daß Sir Percival Anna's Vater ſei, zurück und zu dem Schluſſe gekommen, daß das Geheimuiß ſei ner verſtohlenen Zuſammenkünfte mit Mes. Catherick auf 3 keine Weiſe mit der Schande zu thun habe, welche die Frau dem Namen ihres Mannes angethan hatte. Es fie len mir keine Fragen ein, die ich hätte thun können, um 3 dieſen Eindruck zu beſtärken— ich konnte Mrs. Clements 3 nur ermuntern, von Anna's Kindheit zu ſprechen und dabei mit Aufmerkſamkeit auf jede zufällige Bemerkung achten. „Ich habe noch nicht erfahren, Mrs. Clements,“ Wilkie Collins, Die Frau in Weis. III.. 15 agte ich,„wie es kam, daß dies arme Kind, das unter o viel Elend und Schande geboren wurde, Ihrer Sorg⸗ falt anvertraut ward?“ „Es war niemand Anderes da, Sir, um ſich des armen kleinen Weſens anzunehmen,“ entgegnete Mrs. Clements.„Die abſcheuliche Mutter ſchien es von dem Tage ſeiner Geburt an zu haſſen— als ob das arme kleine Kind zu tadeln geweſen wäre! Mein Herz blutete für das Kindchen, und ich erbot mich, es ſo zärtlich, als ob es mein eigen wäre, aufzuziehen.“ „Blieb Anna von der Zeit an gänzlich unter Ihrer Obhut?“ „Nicht ganz und gar, Sir. Mrs. Catherick hatte darüber zuweilen ihre Launen und Grillen, und pflegte von Zeit zu Zeit das Kind zurückzufordern, wie wenn ſie mich dafür ärgern möchte, daß ich es aufzog. Aber dieſe Anfälle waren niemals von langer Dauer. Di ſ ſ die arme kleine Anna wurde mir immer wieder zurückgebracht und war ſtets froh, wieder bei mir zu ſein, obgleich ſie kein ſehr frohes Leben bei mir führte, denn es waren keine luſtigen kleinen Spielgefährten für ſie im Hauſe. Unſere längſte Trennung fand ſtatt, als ihre Mutter ſie mit nach Limmeridge nahm. Zu der Zeit gerade verlor ich meinen guten Mann und fühlte, daß es ebenſo gut ſei, daß Anna in einer ſo traurigen Zeit nicht im Hauſe war. Sie war damals in ihrem elften Jahre; ſie war nur langſam im Lernen, das arme kleine Weſen, und nicht ſo munder wie andere Kinder— aber ein ſo hübſches kleines Mädchen, wie man ſich nur zu ſehen wünſchen konnte. Ich wartete in Welmingham, bis ihre Mutter ſie zurückbrachte, und 1 te 5 227 erbot mich dann, ſie mit mir nach London zu nehmen— um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen, mik war der Ort nach meines Mannes Tode zu ſehr verändert und zu traurig, um dort wohnen zu bleiben.“ „Und willigte Mrs. Catherick in Ihren Vorſchlag?“ „Nein, Sir. Sie war erbitterter und härter denn je, als ſie aus dem Norden zurückkam. Die Leute ſagten, daß ſie ſich erſtens Sir Percival's Erlaubniß zu der Reiſe hatte erbitten müſſen und dann hinreiſte, um ihre ſter⸗ bende Schweſter in Limmeridge zu pflegen, von der es hieß, daß ſie etwas Geld zuſammengeſpart habe— wogegen ſie in Wahrheit kaum genug hinterließ, um die Koſten für ihre Beerdigung zu beſtreiten. Es iſt leicht anzunehmen, daß dieſe Dinge Mrs. Catherick noch mehr erbitterten, jeden⸗ falls aber wollte ſie nichts davon hören, daß ich das Kind mit mir nähme. Es ſchien ihr Freude zu machen, uns Beiden durch die Trennung Schmerz zu verurſachen. Das Einzige, was ich thun konnte, war, Anna meine Adreſſe zu geben und ihr heimlich zu ſagen, falls ſie je in Noth ſei, zu mir zu kommen. Aber es vergingen Jahre, ehe ſie frei war, um zu mir zu kommen. Ich ſah ſie nicht eher wieder, die arme Seele, als in jener Nacht, in der ſie aus der Anſtalt entwichen war.“ „Wiſſen Sie, Mrs. Clements, weshalb Sir Percival ſie dort in Gewahrſam nehmen ließ?“ „Ich weiß blos, Sir, was Anna ſelbſt mir darüber erzählt hat. Das arme Mädchen pflegte darüber ſchreck⸗ lich verwirrt hin und her zu reden. Sie ſagte, ihre Mut⸗ ter ſei im Beſitze eines Geheimniſſes, das Sir Percival betreffe, und habe es ihr, lange nachdem ich Hampfhire 15* — 228 verlaſſen, eines Tages verrathen, und als Sir Percival dies gewahr geworden, habe er ſie in die Irrenanſtalt bringen laſſen. Aber ſie war nie im Stande, mir das Ge⸗ heimniß zu ſagen, wenn ich ſie darum befragte. Alles, was ſie mir ſagen konnte, war, daß ihre Mutter Sir Per⸗ cival's Unglück und Verderben ſein könne, falls es ihr be⸗ liebte. Es iſt möglich, daß Mrs. Catherick ſich gerade ſoviel und weiter nichts hat entſchlüpfen laſſen. Ich bin beinah überzeugt, daß ich die ganze Wahrheit von Anna zu hören bekommen, falls ſie dieſelbe wirklich gewußt hätte, wie ſie dies behauptete— und wie die arme Seele es ſich wahrſcheinlich ſelbſt einbildete.“ Dieſer Gedanke hatte ſich auch mir zu wiederholten⸗ malen aufgedrungen. Ich hatte bereits zu Mariannen geſagt, ich zweifle daran, ob Laura wirklich im Begriffe geweſen, eine wichtige Entdeckung zu machen, als ſie und Anna ſo plötzlich durch Graf Fosco im Boothauſe geſtört worden waren. Es ſtimmte vollkommen mit Anna's ge ſtörten Geiſteskräften überein, daß ſie ſich auf einen bloſen, unbeſtimmten Verdacht hin, den undeutliche Winke ihrer Mutter, welche dieſe unvorſichtigerweiſe in ihrer Gegen⸗ wart hatte fallen laſſen, in ihr erweckt hatte, im Beſitze der Kenntniß des Geheimniſſes wähnte. Sir Percival's ſchuldbewußtes Mißtrauen mußte ihm in dieſem Falle un⸗ fehlbar die falſche Idee eingeben, daß Anna alles von ihrer Mutter erfahren, gerade wie daſſelbe ihn ſpäter mit dem ebenſo falſchen Gedanken verfolgt hatte, daß ſeine Frau alles von Anna erfahren habe. Die Zeit verging; der Morgen war beinahe zu Ende. Es war zweifelhaft, ob ich, falls ich noch länger bliebe, ——— 229 noch irgend etwas von Mrs. Clements erfahren würde, das meinem Zwecke förderlich ſein konnte. Ich hatte jene Einzelheiten in Bezug auf Mrs. Catherick's Familien⸗ und Ortsangelegenheiten, nach welchen ich forſchte, bereits er fahren, und daraus gewiſſe Schlüſſe gezogen, die mir völlig neu waren und mir in der Richtung meiner künftigen Schritte von bedeutendem Nutzen ſein konnten. Ich ſtand auf, um mich zu verabſchieden und Mrs. Clements für die freundliche Bereitwilligkeit zu danken, mit der ſie meinen Nachfragen entgegengekoummen war. „Ich fürchte, Sie müſſen mich für ſehr neugierig hal⸗ ten,“ ſagte ich;„ich habe Sie mit mehr Fragen beläſtigt, als mir andere Leute gern beantwortet haben würden.“ „Ich gebe Ihnen mit Freuden alle Auskunft, Sir, die ich zu geben vermag,“ entgegnete Mrs. Clements. Sie ſchwieg und ſah mich bedeutungsvoll an.„Aber ich wollte,“ fuhr die arme Frau fort,„Sie hätten mir etwas mehr über Anna mittheilen können, Sir. Mir ſchien, ich ſah etwas in Ihrem Geſichte, als Sie hereinkamen, als ob Sie es könnten. Sie können ſich nicht denken, wie hart es iſt, nicht einmal zu wiſſen, ob ſie todt iſt oder am Leben. Ich würde es beſſer ertragen, wenn ich nur eine Gewiß⸗ heit hätte. Sie ſagten, Sie erwarteten nicht, daß wir ſie je lebendig wiederſehen würden. Wiſſen Sie, Sir— wiſſen Sie es gewiß, daß es Gott gefallen hat, ſie zu ſich zu nehmen?“ Ich war nicht im Stande, dieſer flehenden Frage zu widerſtehen, und es wäre unausſprechlich undankbar und grauſam von mir geweſen, falls ich es gekonnt hätte. „Ich fürchte,“ ſagte ich mit Theilnahme,„daß die Sache keinem Zweifel mehr unterliegt;„ich bin perſönlich überzeugt, daß ihre Leiden in dieſer Welt zu Ende ſind.“ Die arme Frau ſank auf ihren Stuhl zurück und barg ihr Geſicht in ihren Händen.„O, Sir,“ ſagte ſie,„wo⸗ her wiſſen Sie dies. Wer kann es Ihnen geſagt haben?“ „Niemand hat es mir geſagt, Mrs. Clements. Aber ich habe Gründe, davon überzeugt zu ſein— Gründe, die ich Ihnen mitzutheilen verſpreche, ſobald ich ſie Ihnen ohne Gefahr werde auseinanderſetzen können. Ich bin ge⸗ wiß, daß ſie in ihren letzten Stunden nicht vernachläſſigt war, und feſt überzeugt, daß die Herzkrankheit, von der ſie ſo ſehr zu leiden hatte, die wahre Urſache ihres Todes war. Sie ſollen hiervon bald ebenſo feſt überzeugt ſein, wie ich es bin, und ſollen in Kurzem erfahren, daß ſie auf einem ſtillen Dorfkirchhofe begraben liegt, an einer ſo hüb⸗ ſchen, friedlichen Stelle, wie Sie ſelbſt ſie nur hätten für ſie ausſuchen können.“ „Todt!“ ſagte Mrs. Clements;„todt— ſo jung noch— und ich am Leben, um es zu hören! Ich machte ihre erſten kurzen Kleidchen,— ich lehrte ſie gehen. Das erſtemal, daß ſie das Wort Mutter ausſprach, ſagte ſie es zu mir— und jetzt bin ich hier und Anna iſt geſtorben! Sagten Sie, Sir,“ fuhr die arme Frau fort, indem ſie das Tuch von ihrem Geſichte nahm und zu mir aufblickte— „ſagten Sie, daß ſie anſtändig begraben worden? War die Beerdigung der Art, wie ſie wohl geweſen, falls Anna wirklich mein eigen Kind geweſen wäre?“ „Ich betheuerte ihr, daß dies der Fall ſei. Meine Ant⸗ wort ſchien ihr eine unausſprechliche Genugthuung zu ge⸗ ——-— — währen— und ſie ſchien einen Troſt darin zu finden, den keine höhere Rückſicht ihr hätte bieten können. 5„Es hätte mir das Herz gebrochen,“ ſagte ſie einfach, „falls Anna kein anſtändiges Begräbniß gehabt hätte— aber woher wiſſen Sie es, Sir? Wer hat es Ihnen geſagt?“ Ich bat ſie nochmals, zu warten, bis ich ohne Rück⸗ halt zu ihr würde ſprechen können. V„Sie ſollen mich ganz gewiß wiederſehen,“ ſagte ich; „denn ſobald Sie ſich wieder etwas gefaßt haben werden — vielleicht in ein paar Tagen— habe ich Sie um eine b Gefälligkeit zu bitten.“ „Warten Sie meinetwegen nicht damit, Sir,“ ſagte Mrs. Clements.„Kümmern Sie ſich nicht um meine Thränen, falls ich Ihnen dienen kann. Wenn Sie irgend 3 2 2— etwas auf dem Herzen haben, das Sie mir zu ſagen 6 wünſchen, Sir, bitte, ſo ſagen Sie es jetzt.“ „Ich wünſchte Ihnen nur noch eine letzte Frage vor⸗ zulegen,“ ſagte ich;„ich möchte gern Mrs. Catherick's Adreſſe in Welmingham wiſſen?“ Meine Frage erſchütterte Mrs. Clements in dem Maße, daß ſie darüber ſogar die Nachricht von Anna's Tode ver gaß. Sie hörte plötzlich zu weinen auf und blickte mich mit dem unbeſchreiblichſten Erſtaunen an. „Ich bitte Sie ums Himmels willen, Sir!“ ſagte ſie,„was haben Sie mit Mrs. Catherick zu thun?“ „Folgendes, Mrs. Clements,“ entgegnete ich:„ich muß das Geheimniß ihrer Zuſammenkünfte mit Sir Percival Glyde erfahren. Es liegt in Dem, was Sie mir von dem früheren Betragen jener Frau und von jenes Mannes früherem Verhältniſſe zu ihr erzählt haben, mehr, als — Sie oder Ihre Nachbarn je geargwöhnt h haben. Es beſteht zwiſchen jenen Beiden ein Geheimniß, das niemand von uns erräth— und ich gehe zu Mrs. Catherick mit dem feſten Entſchluſſe, daſſelbe zu erfahren.“ „ ueberlegen Sie ſich das zuvor wohl, Sir!“ ſagte Mrs. Clements, indem ſie in ihrer Bewegung aufſtand und ihre Hand auf meinen Arm legte.„Sie iſt ein furcht⸗ bares Weib— Sie kennen ſie nicht, wie ich ſie kenne. Ueberlegen Sie ſich es wohl.“ „Ich bin überzeugt, daß Ihre Warnung eine wohl⸗ gemeinte iſt, Mrs. Clements. Aber ich bin entſchloſſen, die Frau zu ſehen— komme, was da wolle.“ Mes. Clements blickte mir beſorgt ins Geſicht. „Ich ſehe, Sie ſind entſchloſſen, Sir,“ ſagte ſie. „Ich will Ihnen die Adreſſe geben.“ Ich ſchrieb dieſelbe in mein Taſchenbuch ein und 1 nahm ihre Hand, um ihr Lebewohl zu ſagen. „Sie ſollen bald von mir hören,“ ſagte ich;„Sie all ſollen a es erfahren, was ich Ihnen mitzutheilen ver ſ h prochen habe.“ Mrs. Clements ſeufzte und ſchüttelte zweifelnd mit dem Kopfe. „Der Rath einer alten Frau verdient zuweilen gehört zu werden, Sir,“ ſagte ſie.„Bedenken Sie ſich es wohl, ehe Sie nach Welmingham gehen—“ Ende des drillen Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.* S 4 —= 4 —, — 4 — „ — — 25 — —. 8