— — iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 4. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. S eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ p pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ) — 1 Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:. 3— 3 — — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk 50 pf. 2 M.— Pf. „ 8„=„ 3„—„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koöſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen init Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8” auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 — Bie Frau in Tleiss. Sweiter Band. Die Frau in Weiß Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. Sweite Auflage. Zweiter Band. Leipzig, . Voigt& Günther. 1862. Miß Halcombe's Ausſage. Aus ihrem Tagebuche. Limmeridge Houſe, den 7. November. Heute Morgen hat Mr. Gilmore uns verlaſſen. Seine Unterredung mit Laura hatte ihn offenbar mehr betrübt und erſtaunt, als ihm zu bekennen lieb war. Ich fürchtete nach ſeinem Ausſehen und Benehmen beim Abſchiede, daß ſie ihm unachtſamerweiſe das wahre Geheimniß ihrer Nie⸗ dergeſchlagenheit und meiner Beſorgniß für ſie verrathen habe. Dieſer Zweifel wuchs in dem Grade in mir, daß ich es ausſchlug, mit Sir Percival auszureiten, und ſtatt deſſen zu Laura auf ihr Zimmer ging. Nachdem ich entdeckt, wie wenig ich die Stärke von Laura's unglücklicher Neigung gekannt hatte, war ich in dieſer ſchwierigen Sache ſehr mißtrauiſch gegen mich ſelbſt *) Die Stellen, welche hier und anderswo in Miß Halcombe's Tagebuche ausgelaſſen worden, ſind nur ſolche, die auf keine Weiſe Miß Fairlie oder irgend eine andere Perſon, mit denen ſie in dieſer Erzählung in Berührung kommt, betreffen. Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 1 geworden. Ich hätte wiſſen ſollen, daß das Zartgefühl, Chrgefühl und die Selbſtverleugnung, durch welche mir der arme Hartright ſo werth wurde und die mich ihn ſo aufrichtig achten und bewundern ließen, gerade die Eigen⸗ waſn waren, die den unwiderſtehlichſten Eindruck auf Laura's fühlendes Gemüth und edle, natürliche Großmuth machen mußten. Und doch ahnte ich nicht, daß dies neue Gefühl ſo tief in ihrem Herzen Wurzel geſchlagen habe, bis ſie von ſelbſt ihr Herz gegen mich öffnete. Ich glaubte erſt, daß Zeit und Sorge es verwiſchen werde. Jetzt aber fürchte ich, daß es in ihr leben und ſie auf immer verändern wird. Die Entdeckung, daß ich einen ſolchen Fehler in meinem Urtheile gemacht, macht mich in allem Andern zaghaft. Ich bin angeſichts der klarſten Beweiſe zaghaft in Bezug auf Sir Percival. Ich bin ſogar zaghaft, mit Laura zu ſprechen. Dieſen Morgen noch war ich, als ich ſchon die Hand auf der Thürklinke hatte, zweifelhaft, ob ich die Fragen, die ich an ſie zu richten gekommen war, thun ſolle oder nicht. Als ich in ihr Zimmer trat, ging ſie in großer Ungeduld auf und ab. Sie ſah erhitzt und aufgeregt aus und kam mir ſogleich entgegen und ſprach, ehe ich noch die Lippen öffnen konnte. „Ich habe gewünſcht, daß Du kämſt,“ ſagte ſie.„Komm, und ſetze Dich zu mir aufs Sopha. Marianne! ich kann dies nicht länger ertragen— ich muß und will es enden.“ Es war zu viel Farbe in ihren Wangen, zu viel Energie in ihrem Benehmen, zu viel Feſtigkeit in ihrer Stimme. Das kteine Heft mit Hartright's Zeichnungen, das unglück⸗ elige Heft, über dem ſie träumt, wenn ſie allein iſt— war ge H 3 in ihrer Hand. Ich nahm es ſanft, aber feſt von ihr und legte es auf einen Seitentiſch, wo ſie es nicht ſah. „Sage mir ruhig, was Du zu thun wünſcheſt, mein Herz,“ ſprach ich.„Hat Mr. Gilmore Dir Rath er⸗ theilt?“ Sie ſchüttelte das Haupt.„Nein, nicht über das, woran ich jetzt denke. Er war ſehr freundlich und gut gegen mich, Marianne— und ich ſchäme mich, ſagen zu müſſen, daß ich ihn durch Thränen betrübte. Ich bin ſo hülflos; ich kann mich nicht beherrſchen. Um meiner ſelbſt willen und um unſer Aller willen, muß ich Muth genug haben, es zu enden.“ „Meinſt Du, Muth genug, um Deine Freilaſſung zu fordern?“ fragte ich. „Nein,“ ſagte ſie einfach,„Muth, Liebe, um die Wahr⸗ heit zu ſagen.“ Sie ſchlang ihre Arme um meinen Nacken und legte ihr Haupt ruhig auf meine Bruſt. An der gegenüber⸗ liegenden Wand hing das Miniaturgemälde ihres Vaters. Ich beugte mich über ſie herab und ſah, daß ſie es anſchaute, während ihr Kopf an meiner Bruſt ruhte. „Ich kann niemals meine Freilaſſung fordern,“ fuhr ſie fort.„Wie es auch immer enden mag, für mich muß es traurig enden. Alles, was ich thun kann, Marianne, iſt, mein Elend nicht noch durch das Bewußtſein, mein Verſprechen gebrochen und meines ſterbenden Vaters letzte Worte vergeſſen zu haben, zu vergrößern.“ „Was beabſichtigſt Du da zu thun?“ fragte ich. „Sir Percival, mit meinen eigenen Lippen von der Wahrheit zu unterrichten,“ entgegnete ſie, und ihn mich 1* freigeben laſſen, wenn er will, nicht, weil ich ihn darum bitte, ſondern weil er Alles weiß.“ „Was willſt Du mit«Alles) ſagen, Laura? Sir Percival wird genug wiſſen(das hat er mir ſelbſt ge⸗ ſagt), wenn er weiß, daß die Verbindung gegen Deine Wünſche iſt.“ „Kann ich ihm das ſagen, wenn mein Vater ſie mit meiner Zuſtimmung einging? Ich hätte mein Verſprechen gehalten, nicht ſehr froh, wie ich fürchte, aber doch zufrie⸗ den“— ſie ſchwieg, wandte ihr Geſicht mir zu und legte ihre Wange wieder feſt an die meinige,—„ich hätte mein Verſprechen gehalten, Marianne, wenn in meinem Herzen nicht eine andere Liebe aufgewachſen wäre, die nicht da war, als ich verſprach, Sir Percival zu heirathen.“ „Laura! Du wirſt Dich doch nicht ſo erniedrigen, ihm ein Bekenntniß zu machen?“ „Ich würde mich in der That erniedrigen, wenn ich meine Freiheit von ihm erhielte, indem ich ihm das vor⸗ enthalte, was er ein Recht zu wiſſen hat.“ „Er hat nicht den Schatten eines Rechtes darauf, es zu wiſſen!“ 3 „Falſch, Marianne, falſch! Ich ſollte Niemanden täu⸗ ſchen— am allerwenigſten aber den Mann, dem mich mein Vater, dem ich ſelbſt mich gab.“ Sie küßte mich.„Meine herzige Schweſter,“ ſagte ſie leiſe,„Du haſt mich ſo viel zu lieb, biſt ſo viel zu ſtolz für mich, daß Du in meinem Falle vergiſſeſt, was Du in dem Deinigen wohl bedenken würdeſt. Lieber ſoll Sir Percival meine Beweggründe bezweifeln und mein Betragen mißdeuten, wenn er will, als daß ich erſt in Gedanken falſch gegen ihn wäre und —— —— — 5 5 dann kleinlich genug, meinen eigenen Intereſſen zu dienen, indem ich meine Falſchheit verſteckte.“ Ich hielt ſie voll Erſtaunen von mir ab. Zum erſten⸗ male in unſerm Leben hatten wir die Rollen gewechſelt; alle Entſchloſſenheit war auf ihrer Seite, alle Zaghaftigkeit auf der meinigen. Ich ſchaute in das blaſſe, ruhige, er⸗ gebene junge Geſicht; ich ſah das reine, unſchuldige Herz in den zärtlichen Augen, die in die meinigen blickten— und die armſeligen, weltlichen Warnungen und Einwürfe, die zu meinen Lippen ſtiegen, ſchwanden und erſtarben in ihrer eigenen Nichtigkeit. Ich ſenkte ſchweigend den Kopf. An ihrer Stelle wäre der verächtliche, kleinliche Stolz, der ſo viele Frauen falſch macht, mein Stolz geweſen, und hätte auch mich falſch gemacht. „Sei nicht böſe mit mir, Marianne,“ ſagte ſie, mein Schweigen mißdeutend. Ich konnte nur antworten, indem ich ſie feſter an mich drückte. Ich fürchtete zu weinen, wenn ich ſpräche. Meine Thränen fließen nicht ſo leicht, wie ſie wohl ſollten, ſie kommen faſt wie Männerthränen, mit einem Schluchzen, das mir die Bruſt zu zerreißen ſcheint und Alle, die um mich ſind, erſchreckt. „Ich habe ſchon ſeit mehreren Tagen daran gedacht, Liebe,“ fuhr ſie fort, während ſie mein Haar mit jener kindi⸗ ſchen Unruhe um ihre Finger wand, welche die gute Mrs. Veſey noch immer ſo geduldige und ſo vergebene Verſuche machte, ihr abzugewöhnen—„ich habe ſehr ernſtlich daran gedacht, und ich kann mich auf meinen Muth verlaſſen, wenn mein Gewiſſen mir ſagt, daß ich recht thue. Laß mich morgen zu ihm ſprechen, in Deiner Gegenwart, Ma⸗ rianne. Ich will nichts ſagen, das nicht recht wäre, nichts, deſſen Du oder ich uns zu ſchämen brauchten— aber, o, es wird mir das Herz ſo ſehr erleichern, dieſer erbärm⸗ 6. lichen Verheimlichung ein Ende zu machen! Laß mich nur wiſſen und fühlen, daß ich keinen Betrug zu verantworten 6 habe; und dann, wenn er gehört, was ich zu ſagen habe, laß ihn in Bezug auf mich thun, was er will.“ Sie ſeufzte und legte ihren Kopf wieder an ſeine alte Stelle an meiner Bruſt. In meinem Herzen erhoben ſich trübe Ahnungen über das Ende von dem Allen; aber, da ich mir noch immer mißtraute, ſagte ich ihr, ich wolle thun, was ſie wünſche. Sie dankte mir, und wir ſprachen dann all⸗ mälig von anderen Dingen. Sie kam heute zu Tiſche hinunter und war unbe⸗ fangener und mehr dieſelbe gegen Sir Percival, als ich ſie noch geſehen habe. Nach Tiſche ſetzte ſie ſich ans Cla⸗ vier, wählte aber von der neuen künſtlichen, unmelodiſchen, brillanten Muſik. Die lieblichen alten Melodien, die der arme Hartright ſo gern hörte, hat ſie, ſeitdem er fort iſt, noch nicht wieder geſpielt. Das Heft liegt nicht mehr auf dem Notentiſchchen; ſie ſelbſt trug es fort, damie nie⸗ mand es finde und ſie etwa bitte, daraus zu ſpielen. Ich hatte keine Gelegenheit zu erfahren, ob ihre mir morgens mitgetheilte Abſicht unverändert ſei, bis ſie Sir Percival gute Nacht wünſchte; da aber gab ſie es ausdrück⸗ lich kund. Sie ſagte ſehr gefaßt, daß ſie nach dem Früh⸗ ſtück mit ibm zu ſprechen wünſche, und er ſie dann mit mir in ihrem Wohnzimmer finden werde. Er wechſelte die Farbe bei dieſen Worten, und als ich an die Reihe kam, ihm gute Nacht zu wünſchen, fühlte ich ſeine Hand leicht ———— — erzittern. Der folgende Morgen ſollte über ſeine Zukunft entſcheiden, und dies war ihm offenbar nicht unbekannt. Ich ging, wie gewöhnlich, durch die Thür, welche unſere beiden Schlafzimmer trennte, hinein, um Laura, ehe ſie einſchliefe, gute Nacht zu wünſchen. Als ich mich auf ſie herabbeugte, um ſie zu küſſen, ſah ich Hartright's kleines Zeichenbuch halb unter dem Kiſſen verborgen, gerade an der Stelle, wo ſie als Kind ihr liebſtes Spielzeug zu ver⸗ ſtecken pflegte. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, etwas darüber zu ſagen; aber ich deutete auf das Heft und ſchüttelte den Kopf. Sie ſchlang beide Hände um meinen Nacken und zog mein Geſicht zu ſich herab, bis unſere Lippen ſich begegneten. „Laß es dieſe Nacht noch da,“ flüſterte ſie;„morgen mag ein grauſamer Tag ſein und mich zwingen, ihm auf immer Lebewohl zu ſagen.“ Den 8. November.— Das erſte Ereigniß des Mor⸗ gens war nicht von einer Beſchaffenheit, mich froh zu ſtimmen; es kam ein Brief für mich von dem armen Walter Hartright. Es iſt die Antwort auf den meinigen, in wel⸗ chem ich ihm ſchrieb, auf welche Weiſe Sir Percival Glyde den Argwohn beſeitigte, den Anna Catherick's Brief auf ihn geworfen. Er ſchreibt kurz und bitter über Sir Per⸗ cival's Erklärungen, indem er blos ſagt, daß er nicht das Recht hat, eine Meinung über Diejenigen abzugeben, welche höher ſtehen als er. Dies iſt traurig. Aber ſeine gelegent⸗ lichen Bemerkungen über ſich ſelbſt betrüben mich noch mehr. Er ſagt, daß die Anſtrengung, ſeine alten Gewohn⸗ heiten und Beſchäftigungen wieder aufzunehmen, ihm täg⸗ lich, anſtatt leichter zu werden, ſchwerer wird, und bittet ich dringend, falls ich irgendwie Einfluß habe, denſelben dazu zu verwenden, daß ich ihm eine Anſtellung verſchaffe, die es nothwendig für ihn mache, England zu verlaſſen und f unter ganz neuen Verhältniſſen und Leuten zu leben. Ich werde dieſe Bitte um ſo bereitwilliger erfüllen, als mich eine Stelle am Schluſſe ſeines Briefes faſt beunruhigt hat. Nachdem er geſagt, daß er von Anna Catherick weder 3 etwas gehört noch geſehen hat, bricht er plötzlich ab und ſpielt auf die unerwartetſte, geheimnißvollſte Weiſe darauf an, daß, ſeit er nach London zurückgekehrt iſt, fremde Männer ihn fortwährend verfolgen und ihm aufpaſſen. Er bekennt, daß er für dieſen ſonderbaren Verdacht keine Beweiſe bei⸗ bringen kann indem er beſtimmte Perſonen bezeichnet; aber er erklärt, daß der Verdacht ſelbſt ihn Tag und Nacht be⸗ gleitet. Dies hat mich erſchreckt, weil es faſt ausſieht, als ob ſeine fixe Idee in Bezug auf Laura ſeine Geiſteskräfte E wanken machte. Ich will ſogleich nach London an einige von den einflußreichen ehemaligen Bekannten meiner Mutter ſchreiben und ihre Aufmerkſamkeit für ſein Erſuchen in An⸗ ſpruch nehmen. Abweſenheit und neue Beſchäftigung kann zu dieſer Kriſis ſeines Lebens wirklich ſeine Rettung ſein. Zu meiner großen Erleichterung ließ Sir Percival ſich beim Frühſtück entſchuldigen. Er hatte ſchon bei Zeiten„ eine Taſſe Kaffee auf ſeinem Zimmer getrunken und war dort noch mit Briefen beſchäftigt. Um elf Uhr, falls dieſe Stunde uns bequem ſei, werde er die Ehre haben, Miß Fairlie und Miß Halcombe ſeine Aufwartung zu machen. Meine Augen ruhten auf Laura's Geſicht, während dieſe Botſchaft abgegeben wurde. Ich hatte ſie unbegreif⸗ lich ruhig und gefaßt gefunden, als ich früh in ihr Zimmer den Laura endete. kam und während des ganzen Frühſtücks blieb ſie dieſelbe. Selbſt, als wir auf dem Sopha in ihrer Stube ſaßen und auf Sir Percival warteten, blieb ihre Selbſtbeherrſchung unerſchüttert. „Sorge Du nicht um mich, Marianne,“ war Alles, was ſie ſagte;„ich mag mich wohl einem alten Freunde, wie Mr. Gilmore, oder einer lieben Schweſter, wie Du, gegenüber vergeſſen, aber Sir Percival Glyde gegenüber ſoll dies nicht geſchehen.“ Ich ſah und hörte ſie mit ſchweigendem Erſtaunen an. Während der langen Jahre unſeres vertrauten Umganges war dieſe duldende Kraft ihres Charakters unentdeckt ge⸗ blieber— ſelbſt mir unbekannt geblieben, bis die Liebe ſie fand— und das Leiden ſie zur Thätigkeit rief. Als die Wanduhr auf dem Kaminſims elf ſchlug, klopfte Sir Percival an die Thür und trat herein. Unterdrückte Beſorgniß und Aufregung prägte ſich in allen ſeinen Zügen aus. Der trockene, ſchneidende Huſten, der ihn gewöhnlich beläſtigt, ſchien ihn mehr denn je zu quälen. Er nahm uns gegenüber am Tiſche Platz, und Laura blieb neben mir ſitzen. Ich betrachtete Beide aufmerkſam und ſah, daß er von Beiden am bleichſten war. Er ſagte ein paar unweſentliche Worte, in dem ſicht⸗ baren Beſtreben, ſeine gewohnte Unbefangenheit zu be⸗ wahren. Aber ſeine Stimme war unſicher und die unſtäte Beſorgniß in ſeinen Augen nicht zu verbergen. Er mußte dies ſelbſt fühlen, denn er hielt mitten in einem Satze inne, und gab den Verſuch, ſeine Verwirrung zu verbergen, auf. Es trat ein einziger Augenblick der Todtenſtille ein, „Ich wünſche über einen Gegenſtand mit Ihnen zu ſprechen, Sir Percival, der für uns Beide von der größten Wichtigkeit iſt. Meine Schweſter iſt anweſend, weil ihre Gegenwart mir hilft und Muth macht. Aber übrigens hat ſie mir mit keinem Worte in dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, Rath ertheilt: ich ſpreche meine eignen Gedanken aus, nicht die Ihrigen. Ich bin überzeugt, daß Sie die Güte haben werden, dies wohl zu verſtehen, ehe ich fortfahre?“ Sir Percival verbeugte ſich. Sie hatte ſoweit mit vollkommener äußerer Ruhe und Faſſung geſprochen. Sie blickte ihn an und er ſie. Sie ſchienen zu Anfang wenig⸗ ſtens entſchloſſen, einander genau zu verſtehen. „Ich höre von Marianne,“ fuhr ſie fort,„daß ich nur meine Freiheit von Ihnen fordern darf, um ſie zu erlangen. Es war nachſichtig und großmüthig von Ihnen, Sir Percival, mir das ſagen zu laſſen. Es iſt nicht mehr, als gerecht gegen Sie, Ihnen meine Dankbarkeit für das Anerbieten auszudrücken; und ich hoffe und glaube, daß es nicht mehr als gerecht gegen mich iſt, zu ſagen, daß ich daſſelbe nicht annehme.“ Sein geſpannt aufmerkſames Geſicht nahm einen Aus⸗ druck der Erleichterung an, und er ſchien freier zu athmen. Aber ich ſah, wie er leiſe und unaufhörlich mit einem Fuße auf den Teppich klopfte, und ich fühlte, daß er im Ge⸗ heimen noch immer von derſelben Beſorgniß erfüllt war. „Ich habe nicht vergeſſen, daß Sie ſich der Erlaubniß meines Vaters verſicherten, ehe Sie mich mit Ihrem An⸗ trage beehrten. Vielleicht haben auch Sie nicht vergeſſen, was ich ſagte, indem ich meine Einwilligung gab? Ich wagte, Ihnen zu ſagen, daß hauptſächlich meines Vaters 11 Einfluß und Rath mich beſtimmt hatten, Ihnen mein Berſprechen zu geben. Ich ließ mich von meinem Vater leiten, weil ich in ihm immer den treueſten aller Rathgeber, den beſten und zärtlichſten Beſchützer und Freund gefun⸗ den hatte. Ich habe ihn verloren und kann nur noch ſein Andenken lieben; aber mein Vertrauen zu dem lieben, todten Freunde hat noch nie gewankt. Ich glaube noch in dieſem Augenblicke ſo feſt, wie je vorher, daß er wußte, was am beſten für mich fei, und daß ſeine Hoffnungen und Wünſche auch die meinigen ſein ſollten.“ Ihre Stimme bebte zum erſtenmale, ihre unruhigen Finger ſtahlen ſich in meinen Schooß und klammerten ſich in eine meiner Hände. Es trat eine augenblickliche Pauſe ein und dann ſprach Sir Percival. „Darf ich fragen,“ ſagte er,„ob ich mich jemals des Ver⸗ trauens unwürdig bewieſen, deſſen Beſitz ich mir bisher zur größten Ehre und zum größten Glücke angerechnet habe?“ „Ich habe in Ihrem Betragen nichts entdeckt, das ich tadeln könnte,“ entgegnete ſie.„Sie ſind mir immer mit gleichem Zartgefühl und gleicher Nachſicht begegnet. Sie haben mein Vertrauen verdient, und, was bei mir von weit größerer Wichtigkeit iſt, Sie haben meines Vaters Vertrauen, aus welchem das meinige entſtand, verdient. Sie haben mir keine Urſache gegeben, ſelbſt wenn ich einer ſolchen bedurfte, um meine Freilaſſung fordern zu dürfen. Was ich bisjetzt geſagt, habe ich in dem Wunſche geſprochen, meine ganze Verpflichtung Ihnen gegenüber anzuerkennen. Meine Achtung für dieſe Verpflichtung, für meines Vaters Andenken und für mein eigenes Verſprechen verbietet mir, meinerſeits das Beiſpiel zu geben, von unſerm jetzigen Verhältniſſe zueinander zurückzutreten. Die Auflöſung deſſelben muß einzig und allein Ihr Wunſch, Ihr Thun ſein, Sir Percival— nicht das meinige.“ Sein Fuß hielt plötzlich mit dem unruhigen Klopfen inne, und er lehnte ſich begierig über den Tiſch hinüber. „Mein Thun?“ ſagte er.„Welchen Grund könnte ich möglicherweiſe haben, um mich zurückzuziehen?“ Ich hörte ihren Athem ſchneller gehen und fühlte ihre Hand kalt werden. Ungeachtet deſſen, was ſie zu mir ge⸗ ſagt hatte, als wir allein waren, begann ich für ſie zu fürchten. Aber ich hatte unrecht. „Einen Grund, Sir Percival, den Ihnen zu ſagen mir ſehr ſchwer fällt,“ entgegnete ſie.„Es hat eine Ver⸗ änderung in mir ſtattgefunden, eine Veränderung, die von hinreichender Bedeutung iſt, um Sie ſich ſelbſt und mir gegenüber zu rechtfertigen, indem Sie das beſtehende Ver⸗ hältniß auflöſen.“ Er erbleichte wieder bis zu den Lippen. Er erhob den Arm, welcher auf dem Tiſche lag, wandte ſich auf ſeinem Seſſel ein wenig um und ſtützte den Kopf auf die Hand, ſodaß wir nur ſein Profil noch ſehen konnten. „Was für eine Veränderung?“ fragte er. Sie ſeufzte tief und beugte ſich etwas zu mir herüber, ſodaß ihre Schulter an der meinigen ruhte. Ich fühlte, wie ſie zitterte, und ſuchte ſie zu ſchonen, indem ich ſelbſt das Wort nähme. Sie verhinderte mich aber durch einen warnenden Druck der Hand und wandte, ſich dann wieder zu Sir Percival; doch diesmal ohne ihn anzuſehen. „Ich habe gehört,“ ſagte ſie,„und ich glaube, daß die tiefſte und wahrſte Zuneigung diejenige iſt, welche 3 eine Frau für einen Mann hegen ſollte. Als ich mich Ihnen verſprach, hatte ich eine ſolche Zuneigung zu ver⸗ geben, wenn ich es konnte, und ſie blieb Ihnen zu ge⸗ winnen, falls es Ihnen gelingen ſollte. Wollen Sie mir vergeben und Nachſicht mit mir haben, Sir Percival, wenn Ich Ihnen ſage, daß dies nicht länger der Fall iſt?“ Ihre Augen füllten ſich und einige wenige Thränen rannen langſam über ihre Wangen, als ſie ſchwieg und ſeiner Antwort harrte. Er ſprach kein Wort. Zu Anfange ihrer Erwiderung hatte er die Hand, auf welche er den Kopf ſtützte, ſo gelegt, daß ſie uns ſein Geſicht verbarg. Ich ſah nichts, als den obern Theil ſeiner Geſtalt am Tiſche. Die Finger der Hand, welche ſeinen Kopf ſtützte, faßten tief in ſein Haar, aber es war kein Zittern bemerk⸗ bar an ihnen. Es war da nichts, durchaus gar nichts, das uns das Geheimniß ſeiner Gedanken in dieſem Augen⸗ blicke hätte verrathen können— in dieſem Augenblicke, welcher die Kriſis ſeines Lebens und des ihrigen bildete. Ich war entſchloſſen, ihn um Laura's Willen zu einer Erklärung zu zwingen. „Sir Percival!“ rief ich mit Strenge,„haben Sie gar nichts zu ſagen, wenn meine Schweſter ſo viel ge⸗ ſagt hat? Mehr, meiner Anſicht nach,“ fügte ich hinzu, indem meine unglückſelige Heftigkeit ſich wieder meiner bemeiſterte,„mehr, als irgend ein Mann in Ihrer Lage das Recht hat, von ihr zu hören.“ Dieſe letzte unüberlegte Rede öffnete ihm einen Weg, auf dem er mir ausweichen konnte, falls er es wünſchte, und er zog augenblicklich Vortheil daraus. „Verzeihen Sie, Miß Halcombe,“ ſagte er, noch 14 immer ſein Geſicht mit der Hand bedeckend—„verzei⸗ hen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere, daß ich ein ſolches Recht durchaus nicht beanſprucht habe.“ Die einfachen Worte, die ihn auf den Gegenſtand zurückgeführt hätten, von dem er abgewichen, waren gerade auf meiner Zunge, als Laura mich wieder am Sprechen verhinderte, indem ſie ſelbſt das Wort ergriff. „Ich hoffe, daß ich mein peinliches Bekenntniß nicht vergebens gemacht habe,“ ſagte ſie. Ich hoffe, daß es mir Ihr volles Vertrauen für Das erworben, was ich noch zu ſagen habe?“ „Ich bitte Sie, deſſen verſichert zu ſein.“ Er ſprach dieſe kurze Antwort mit Wärme, wobei er ſeine Hand auf den Tiſch ſinken ließ und ſich uns wieder zuwandte. Welche äußere Veränderung vorher auch mit ihm vorgegangen ſein mochte, jetzt war ſie verſchwun⸗ den. Sein Geſicht war begierig und erwartungsvoll— es drückte nichts Anderes, als die geſpannteſte Erwartung auf ihre nächſten Worte aus. „Ich hoffe, Sie verſtehen, daß ich nicht aus irgend einem ſelbſtſüchtigen Beweggrunde geſprochen habe,“ ſagte ſie; falls Sie mich nach Dem, was Sie ſoeben gehört haben, verlaſſen, Sir Percival, ſo wird das nicht meine Vermählung mit irgend einem andern Manne zur Folge haben. Sie geſtatten mir dadurch nur, mein Lebelang unverheirathet zu bleiben. Meine Schuld gegen Sie hat ihren Anfang und ihr Ende in meinen Gedanken gefunden. Sie kann niemals weiter gehen. Es iſt kein Wort“— ſie zögerte, zweifelhaft über den Ausdruck, den ſie gebrauchen ſollte, in einer kurzen Verwirrung, die etwas unausſprech⸗ lich Trauriges und Schmerzliches hatte.„Es iſt kein Wort von mir und Demjenigen, deſſen ich jetzt zum erſten und letzten male in Ihrer Gegenwart erwähne, über unſere gegenſeitigen Gefühle gewechſelt worden, noch wird dies je der Fall ſein, es iſt nicht wahrſcheinlich, daß wir ein⸗ ander je im Leben wieder begegnen werden. Ich bitte Sie ernſtlich, es mir zu erſparen, noch mehr darüber zu ſagen, und mir auf mein Wort in dem zu glauben, was ich Ihnen geſagt habe. Es iſt die Wahrheit, Sir Percival, die Wahrheit, zu der ich meinen verſprochenen Gemahl berech⸗ tigt halte, welche Opfer meiner Gefühle dies auch bedin⸗ gen möge. Ich baue auf ſeine Großmuth, die mir vergeben, und auf ſeine Ehre, die mein Geheimniß bewahren wird.“ „Das Vertrauen ſoll mir in beiden Beziehungen hei⸗ lig ſein,“ ſagte er. Dann ſchwieg er und ſah ſie an, als ob er erwarte, mehr zu hören. „Ich habe Alles geſagt, was ich zu ſagen wünſchte,“ fügte ſie ruhig hinzu,—„ich habe mehr denn genug geſagt, um Sie zu rechtfertigen, indem Sie von dem Verlöbniſſe zurücktreten.“ „Sie haben mehr denn genug geſagt,“ entgegnete er, „um es zum höchſten Ziele meiner Wünſche zu machen, daſſelbe vollzogen zu ſehen.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich von ſeinem Sitze und that ein paar Schritte nach der Stelle zu, an der ſie ſaß. Sie zuckte heftig zuſammen und ein ſchwacher Schrei des Erſtaunens entfuhr ihren Lippen. Mit jedem Worte, das ſie geſprochen, hatte ſie unſchuldigerweiſe ihre Rein⸗ heit und Wahrhaftigkeit einem Manne verrathen, der voll⸗ 16 kommen den unſchätzbaren Werth eines reinen, wahren Weibes verſtand. Ihr edles Benehmen war der verborgene Feind all der Hoffnungen geweſen, welche ſie darauf ge⸗ baut hatte. Ich hatte dies von Anfang an befürchtet. Ich wollte es verhindert haben, wenn ſie mir nur die kleinſte Gelegenheit dazu gelaſſen hätte. Ich wartete und lauerte ſelbſt jetzt noch, da das Unglück geſchehen war, auf ein Wort von Sir Percival, das mir die Gelegen⸗ heit liefern würde, ihm unrecht zu geben. „Sie haben es mir überlaſſen, Sie aufzugeben, Miß Fairlie,“ fuhr er fort.„Ich bin nicht herzlos genug, um einem Weibe zu entſagen, in der ich ſoeben die Edelſte ihres Geſchlechts erkannt habe.“ Er ſprach mit ſolcher Wärme, ſolchem Gefühle, ſolch leidenſchaftlicher Begeiſterung und dennoch ſo vollkomme⸗ nem Zartgefühle, daß ſie aufblickte, leicht erröthete und ihn mit plötzlicher Lebhaftigkeit anſah. „Nein!“ ſagte ſie feſt.„Die Beklagenswertheſte ihres Geſchlechts, wenn ſie ſich ſelbſt geben muß, wo ſie nicht ihr Herz geben kann.“ „Iſt es nicht möglich, daß ſie es noch inz Zukunft gibt,“ fragte er,„wenn ihres Mannes ganzes Streben dahin geht, es zu verdienen?“ „Niemals!“ entgegnete ſie.„Wenn Sieldarauf beſtehen, unſer Verlöbniß anzuerkennen, Sir Percival, ſo mag ich Ihr treues und ergebenes Weib werden— aber Ihr lie⸗ bendes Weib— falls ich mein eigenes Herz kenne— nie!“ Sie ſah ſo unwiderſtehlich ſchön aus, als ſie dieſe muthigen Worte ſprach, daß kein Mann von der Welt ſein Herz hätte gegen ſie ſtählen können. Ich verſuchte mit aller —————— o— —0 14 Gewalt, zu fühlen, daß Sir Percival zu tadeln ſei, und verſuchte dies auszuſprechen, aber mein Frauenherz be⸗ mitleidete ihn wieder Willen. „Ich nehme Ihr Vertrauen und Ihre Treue dankbar an,“ ſagte er.„Das Geringſte, was Sie mir zu bieten haben, iſt mehr für mich, als das Aeußerſte, das ich von irgend einem Weibe der Welt erwarten dürfte.“ Ihre linke Hand hielt noch immer die meinige um⸗ ſchloſſen, aber ihre Rechte hing achtlos an ihrer Seite herab. Er führte ſie ſanft an ſeine Lippen, berührte ſie eher damit, als daß er ſie küßte, verbeugte ſich gegen mich und verließ dann rückſichtsvoll und beſcheiden ſchweigend das Zimmer. Sie rührte ſich nicht, noch ſagte ſie ein Wort, nachdem er das Zimmer verlaſſen— ſie ſaß neben mir, kalt und ſtill, die Augen auf den Boden geheftet. Ich ſah, daß es hoffnungslos und nutzlos ſein werde, zu ſprechen und ſchlang daher nur meinen Arm um ſie, um ſie feſter an mich zu drücken. So ſaßen wir, wie es ſchien, eine lange traurige Weile, ſo lang und ſo traurig, daß ich unruhig um ſie wurde und leiſe zu ihr ſprach, in der Hoffnung, eine eundevund dadurch in ihr zu bewirken. Der Klang meiner Stimme ſchien ſie zum Bewußtſein urüikzurufen Sie zog ſich plötzlich von mir zurück und ſtand auf. „Ich muß mich drein ergeben, Marianne, ſo gut ich kann,“ ſagte ſie.„Mein neues Leben hat ſeine ſchwere Pflichten, und eine derſelben beginnt heute.“ Während ſie ſprach, trat ſie an den kleinen Tiſch am Fenſter, auf dem ihre Zeichenmaterialien lagen, ſammelte Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 2 ſie ſorgſam und legte ſie in eine Schublade ihres Schränk⸗ chens. Sie verſchloß es und brachte mir den Schlüſſel. „Ich muß von Allem ſcheiden, das mich an ihn er⸗ innert,“ ſagte ſie.„Verwahre den Schlüſſel, wo Du willſt, ich werde ihn nie wieder gebrauchen.“ Ehe ich noch ein Wort ſagen konnte, hatte ſie ſich zu ihrem Bücherſchranke gewandt und das Album herausge⸗ nommen, welches Walter Hartright's Zeichnungen enthielt. Sie ſtand einen Augenblick und hielt das kleine Heft lie⸗ bend in beiden Händen, dann erhob ſie es und küßte es. „O Laura! Laura!“ ſagte ich, nicht erzürnt, nicht vorwurfsvoll— nur mit Kummer in der Stimme und Kummer im Herzen. „Es iſt das letzte mal, Marianne,“ ſagte ſie mit flehen⸗ dem Tone;„ich nehme ja auf immer Abſchied davon.“ Sie legte das Buch auf den Tiſch und nahm den Kamm heraus, der ihr Haar feſthielt, welches dann in ſeiner unvergleichlichen Pracht über ihre Schultern und bis weit unter ihre Taille um ſie her wallte. Sie trennte eine lange, dünne Locke von den übrigen, ſchnitt ſie ab und befeſtigte ſie ſorgfältig auf dem erſten leeren Blatte des Albums. Dann ſchloß ſie eilig das Heft und legte es in meine Hände. „Du ſchreibſt an ihn, und er an Dich,“ ſagte ſie. „So lange ich lebe, ſage ihm immer, wenn er nach mir fragt, daß ich wohl, und nie, daß ich unglücklich bin. Betrübe ihn nicht, Marianne— wenn Du mich lieb haſt, betrübe ihn nicht. Wenn ich ſterbe, ſo verſprich mir, daß Du ihm dies kleine Buch mit ſeinen Zeichnungen und meinem Haare geben willſt. Es kann nicht Unrecht ſein, wenn ich geſtorben bin, ihm zu ſagen, daß ich es ————4,,— ———— 19 mit eigner Hand hineingethan. Und ſage ihm, o Ma⸗ rianne, ſage ihm dann für mich, was ich ſelbſt ihm niemals ſagen kann— ſage, daß ich ihn liebte!“ Sie ſchlang ihren Arm um meinen Nacken und flüſterte mir dieſe letzten Worte mit einer leidenſchaftlichen Wonne ins Ohr, die zu hören mir faſt das Herz gebrochen hätte. All der lange Zwang, den ſie ſich auferlegt hatte, wich unter dieſem erſten und letzten Ausbruche der Liebe. Sie riß ſich mit krampfhafter Heftigkeit von mir los und warf ſich in einem Anfalle von Weinen und Schluchzen, der ihren ganzen Körper erſchütterte, aufs Sopha. Ich ſuchte vergebens, ſie zu beruhigen und mit ihr zu reden— ſie konnte weder ſich faſſen, noch mit ſich reden laſſen. Es war dies für uns Beide das traurige, plötz⸗ liche Ende dieſes denkwürdigen Tages. Als der Anfall vorüber, war ſie zu erſchöpft, um zu ſprechen. Gegen Nachmittag ſchlummerte ſie ein und ich legte das Album fort, damit ſie es nicht mehr ſehen möge, wenn ſie erwachte. Mein Geſicht war ruhig, was immer mein Herz ſein mochte, als ſie die Augen wieder öffnete und mich an⸗ ſchaute. Wir ſprachen nicht weiter von der betrübenden Unterredung von heute Morgen. Weder Sir Percival, noch Walter Hartright wurden den ganzen Tag über wieder von uns Beiden genannt. Den 9. November.— Da ich ſie heute Morgen etwas beruhigter und gefaßter fand, nahm ich den peinlichen Gegenſtand von geſtern in der Abſicht wieder auf, ſie zu bitten, mich deutlicher und entſchiedener über dieſe bekla⸗ genswerthe Heirath mit Sir Percival und Mr. Fairlie ſprechen zu laſſen, als ſie ſelbſt dies mit dem Einen oder 2* dem Andern thun konnte. Sie unterbrach mich ſanft aber feſt mitten in meinen Vorſtellungen. „Ich ließ den geſtrigen Tag entſcheiden,“ ſagte ſie,„und er hat entſchieden. Es iſt zu ſpät, um wieder umzukehren.“ Sir Percival ſprach dieſen Nachmittag voll Gefühl und ohne Rückhalt mit mir über das, was ſich in Laura's Zimmer zugetragen. Er verſicherte mich, daß das beiſpiel⸗ loſe Vertrauen, welches ſie in ihn geſetzt, eine ſo entſpre⸗ chende Ueberzeugung von ihrer Unſchuld und Reinheit in ſeinem Herzen erweckt, daß er weder in ihrer Gegenwart, noch, nachdem er ſie verlaſſen, auch nur einen Augenblick ſich einer unwürdigen Eiferſucht ſchuldig gemacht habe. So ſehr er auch die unglückliche Neigung beklagen müſſe, welche dem Fortſchritte Einhalt gethan, den er anders viel⸗ leicht in ihrer Achtung hätte machen können, ebenſo feſt ſei er auch wieder überzeugt, daß dieſelbe in der Vergan⸗ genheit uneingeſtanden geblieben, und unter allen Verhält⸗ nißwechſeln, die möglicherweiſe zu erwarten ſtänden, auch für die Zukunft uneingeſtanden bleiben werde. Dies ſei ſeine feſte Ueberzeugung, und der größte Beweis, den er davon geben könne, liege in der Verſicherung, welche er hiermit ausſpreche, daß er weder in Bezug auf den Zeit⸗ punkt des Entſtehens dieſer Neigung, noch in Bezug auf den Gegenſtand derſelben irgend wie Neugierde fühle. Das unbedingte Vertrauen, das er in Miß Fairlie ſetze, laſſe ihn ſich mit dem begnügen, was ihr gut dünkte, ihm mitzutheilen, und er ſei vollkommen unſchuldig an ſelbſt dem heimlichſten Wunſche, mehr zu erfahren. Er wartete, nachdem er dies geſagt, und ſah mich an. Ich war mir meines ungerechten Vorurtheils und eines 21 unwürdigen Verdachtes, daß er wohl gar darauf ſpekulire, daß ich aus eignem Antriebe gerade jene Fragen beant⸗ worten werde, über die er ſich den Anſchein ſo vollkomme⸗ ner Gleichgültigkeit gegeben, ſo bewußt— daß ich aller ferneren Erwähnung dieſes Gegenſtandes wie mit Ver⸗ wirrung auswich. Zugleich aber war ich entſchloſſen, jede, auch die kleinſte Gelegenheit zu einem Verſuche zu benutzen, Laura's Sache zu führen; und ich geſtand ihm geradezu, daß ich bedauere, daß ſeine Großmuth ihn nicht noch einen Schritt weiter geführt und bewogen habe, ganz von dem Verlöbniſſe zurückzutreten. Aber auch hier entwaffnete er mich dadurch, daß er ſich nicht zu vertheidigen ſuchte. Er bitte mich nur, den Unterſchied zu bedenken, der darin liege, daß er Miß Fairlie geſtatte, ihn aufzugeben, was eine Sache bloſer Unterwerfung ſei, und darin, daß er ſich zwinge, Miß Fairlie aufzugeben, wodurch man mit anderen Worten von ihm verlange, Selbſtmord an ſeinen eignen Hoffnun⸗ gen zu begehen. Ihr Betragen am geſtrigen Tage habe die unveränderliche Liebe und Bewunderung, die er ſeit zwei langen Jahren für ſie gehegt, ſo befeſtigt, daß ein thätiger Kampf von ſeiner Seite gegen dieſe Gefühle hin⸗ fort nicht mehr in ſeiner Macht ſei. Ich möge ihn für ſchwach, ſelbſtſüchtig und gefühllos gegen gerade dasjenige Weib halten, das er anbete, und er müſſe meine Meinung, ſo gut es ihm möglich ſei, ertragen; doch bitte er mich zu gleicher Zeit, zu ermägen, ob die Zukunft eines un⸗ verheiratheten Weibes, das unter einer unglücklichen Nei⸗ gung hinſiechte, eine frohere Ausſicht biete, als die einer Frau, deren Mann ſchon den Boden, den ihre Füße be⸗ 22 treten, anbete. In letzterem Falle ſei noch Etwas von der Zeit zu hoffen, wie geringe dieſe Hoffnung auch ſei — im erſteren, wie ſie ſelbſt geſagt, gab es gar keine mehr für ſie. Ich antwortete ihm, mehr, weil ich eine Frauenzunge habe, als weil ich irgend etwas Ueberzeugendes zu ſagen hatte. Es war nur zu klar, daß Laura's Verfahren von geſtern ihm einen Vortheil offen gelaſſen, falls er ihn be⸗ nutzen wollte, und daß er ihn in der That benutzte. Ich fühlte dies damals und fühle es noch in dieſem Augenblicke, wo ich auf meinem Zimmer dieſe Zeilen ſchreibe. Die einzige Hoffnung, die mir noch bleibt, iſt die, daß ſeine Beweggründe wirklich, wie er es betheuert, aus der unwi⸗ derſtehlichen Stärke ſeiner Zuneigung zu Laura entſpringen. Ehe ich mein Tagebuch für heute Abend ſchließe, muß ich berichten, daß ich heute in des armen Hartright's Intereſſe an zwei alte Bekannte meiner Mutter in Lon⸗ don ſchrieb, beide Männer in hoher Stellung und denen viel Einfluß zu Gebote ſteht. Wenn ſie irgend Etwas für ihn thun können, ſo bin ich überzeugt, daß ſie mir's nicht verweigern werden. Laura ausgenommen, war ich nie ſo beſorgt um irgend Jemanden, als ich es jetzt um Walter bin. Alles, was ſich zugetragen, ſeitdem er uns verlaſſen, hat meine große Achtung und Theilnahme für ihn nur noch vergrößert. Ich hoffe, daß ich recht thue, indem ich ihm Beſchäftigung im Auslande zu verſchaffen ſuche, ich hoffe ernſtlich und von ganzem Herzen, daß es gut enden möge. Den 10. November. Sir Percival hatte eine Unter⸗ redung mit Mr. Fairlie, und ich wurde dazu geladen. Ich fand Mr. Fairlie's Gemüth außerordentlich er⸗ leichtert durch die Ausſicht, daß das„Familienärgerniß“ (wie er die Vermählung ſeiner Nichte zu benennen beliebt) endlich beigelegt werden ſoll. Bis dahin fühlte ich mich nicht berufen, ihn irgend Etwas von meiner Anſicht zu ſagen; als er aber auf ſeine allerwiderwärtigſte, ſchmach⸗ tende Manier zunächſt uns vorſchlug, jetzt auch, Sir Per⸗ cival's Wünſchen gemäß, den Zeitpunkt der Heirath zu be⸗ ſtimmen, verſchaffte ich mir den Genuß, Mr. Fairlie's Nerven mit einem ſo kräftigen Proteſte, daß man Laura nimmer drängen dürfe, zu beſtürmen, wie ich ihn nur durch Worte ausdrücken konnte. Sir Percival verſicherte mich augenblicklich, daß er die Richtigkeit meines Einwurfes fühle, und bat mich zu glauben, daß der Vorſchlag nicht auf ſein Erſuchen gemacht worden. Mr. Fairlie lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück, ſchloß ſeine Augen, erklärte, daß wir Beide der menſchlichen Natur Ehre machten, und wiederholte ſeinen Vorſchlag dann ſo trocken, als ob weder Sir Percival, noch ich ein Wort dagegen geſagt hätten. Die Sache endete damit, daß ich es platterdings ausſchlug, der Sache gegen Laura zu erwähnen, falls ſie nicht von ſelbſt davon anfinge; und nach dieſer Erklärung verließ ich ſofort das Zimmer. Sir Percival ſah ernſtlich verlegen und betrübt aus. Mr. Fairlie ſtreckte ſeine trägen Beine auf ſeinem Sammetſchemel aus und ſagte:„Dieſe liebe Marianne! wie ſehr ich Dich um Dein derbes Nerven⸗ ſyſtem beneide: Bitte, ſchlage die Thür nicht zu!“ Als ich nach Laura's Zimmer ging, hörte ich, daß ſie nach mir gefragt, und Mrs. Veſey ihr geſagt hatte, ich ſei bei Mr. Fairlie. Sie frug mich ſogleich, was man von herunter. Sie war in Sir Percival's Gegenwart ebenſo mir gewollt habe, und ich erzählte ihr Alles, was ſich zugetragen, ohne den Verſuch zu machen, ihr meinen Verdruß darüber zu verbergen. Ihre Antwort erſtaunte und betrübte mich unausſprechlich; es war die allerletzte Entgegnung, die ich von ihr erwartet hätte. „Mein Onkel hat recht,“ ſagte ſie;„ich habe Dir und meiner ganzen Umgebung bereits Kummer und Sorge genug verurſacht. Laß mich nicht noch mehr verurſachen, Marianne— laß Sir Percival entſcheiden.“ Ich machte ihr warme Gegenvorſtellungen, aber ſie ließ ſich durch nichts, das ich ſagen konnte, erſchüttern. „Man hält mich an mein Verſprechen,“ ſagte ſie,„ich bin mit meinem alten Leben fertig. Der ſchlimme Tag iſt nicht weniger ſicher in Ausſicht für mich, weil ich ihn aufſchiebe. Nein, Marianne! Ich wiederhole es, mein Onkel hat Recht. Ich habe Euch Allen Betrübniß und Sorge genug verurſacht, und ich will Euch nicht noch mehr Betrübniß und Sorge machen.“ Sie pflegte die Fügſamkeit ſelbſt zu ſein, und war jetzt ſo unbeugſam in ihrer Ergebung— ich möchte faſt ſagen in ihrer Verzweiflung. So innig ich ſie liebe, hätte es mich doch weniger geſchmerzt, wenn ich ſie hef⸗ tig bewegt geſehen; dieſe Kälte und Fühlloſigkeit war ihrem natürlichen Charakter ſo entſetzlich zuwider. Den 11. November. Sir Percival that beim Früh⸗ ſtücke einige Fragen über Laura an mich, die mir nichts weiter übrig ließen, als ihm mitzutheilen, was ſie ge⸗ ſagt hatte. Während wir ſprachen, kam ſie ſelbſt zum Frühſtück 6—,— n ————,,——„.. .... 8 25 unnatürlich gefaßt, wie ſie es in der meinigen geweſen. Nach dem Frühſtück hatte er Gelegenheit, ein paar Worte allein in einer Fenſterniſche mit ihr zu ſprechen. Sie ſtanden dort nicht länger als zwei oder drei Minuten zuſammen, und als ſie ſich trennten, verließ Laura das Zimmer mit Mes. Veſey, und Sir Percival kam zu mir. Er ſagte, er habe ſie inſtändig gebeten, ihm die Gunſt zu erweiſen, von ihrem Privilegium Gebrauch zu machen, in⸗ dem ſie den Zeitpunkt für ihre Vermählung nach eignem Gefallen beſtimme. In Erwiderung habe ſie blos ihre Erkenntlichkeit ausgeſprochen und ihn erſucht, ſeine Wünſche Miß Halcombe mitzutheilen. Ich bin außer mir. Bei dieſer Gelegenheit, wie bei jeder andern hat Sir Percival, ungeachtet alles deſſen, was ich ſagen oder thun kann, ſeinen Zweck auf die ehren⸗ vollſte Weiſe erreicht. Seine Wünſche ſind dieſelben jetzt, die ſie waren, als er ankam; und Laura bleibt, nachdem ſie ſich in das unvermeidliche Opfer der Heirath ergeben, ſo kalt, hoffnungslos und duldend wie vorher. Indem ſie von den kleinen Beſchäftigungen und Reliquien ſchied, die ſie an Hartright erinnerten, ſcheint ſie auch von aller Zärt⸗ lichkeit und Empfänglichkeit geſchieden zu ſein. Es iſt erſt drei Uhr Nachmittags, während ich dieſe Zeilen ſchreibe, und ſchon hat uns Sir Percival in der frohen Eile eines Bräutigams verlaſſen, um ſein Haus in Hampſhire zu dem Empfange ſeiner jungen Frau vorzubereiten. Wenn ſich nicht irgend etwas ganz außerordentliches ereignet, um es zu verhindern, ſo wird ihre Vermählung genau zu der Zeit ſtattfinden, wo er es wünſchte— vor Ablauf des Jahres. Meine Finger brennen, indem ich es ſchreibe! 26 Den 12. November. Eine ſchlafloſe Nacht, aus Un⸗ ruhe um Laura. Gegen Morgen kam ich zu dem Ent⸗ ſchluſſe zu verſuchen, ob nicht eine Veränderung der Um⸗ gebung günſtig auf ſie wirken werde. Sie kann doch un⸗ möglich in ihrem jetzigen Zuſtande erſtarrter Unempfindlich⸗ keit bleiben, wenn ich ſie von Limmeridge hinwegnehme und mit den lieben Geſichtern alter Bekannten umgebe? Nach einiger Ugperlegung entſchied ich mich, an die Arnold's in Berrlier nun Sie ſind einfache, liebevolle, gaſtfreundliche Leute; und ſie hat ſie ſeit ihrer Kindheit gekannt. Als ich den Brief in die Poſttaſche geſteckt, ſagte ich ihr, was ich gethan habe. Es wäre mir eine Beruhigung geweſen, wenn ſie den Muth gezeigt hätte, Einwendungen zu machen und ſich zu widerſetzen. Aber nein, ſie ſagte blos:„Mit Dir, Marianne, will ich gehen, wohin Du willſt. Du wirſt gewiß Recht haben. Ich denke wohl, daß die Abwechſelung gut für mich ſein wird.“ Den 13. November. Ich habe an Mr. Gilmore ge⸗ ſchrieben und ihn benachrichtigt, daß wirklich Ausſicht darauf vorhanden, dieſe elende Heirath vor ſich gehen zu ſehen, und erwähnte zugleich meiner Abſicht, zu verſuchen, was eine kleine Abwechſelung für Laura zu thun im Stande ſei. Ich hatte nicht das Herz dazu, in die Einzelheiten einzugehen. Dazu iſt es noch Zeit genug, wenn wir dem Ende des Jahres näher kommen. Den 14. November.— Drei Briefe für mich. Der erſte von den Arnold's voller Freude über die Ausſicht, Laura und mich bei ſich zu ſehen. Der zweite von einem der Herren, an die ich in Walter Hartright's Intereſſe ſchrieb und der mich benachrichtigt, daß er das Glück ge⸗ ne ge 27 habt, eine Gelegenheit zu finden, mein Anliegen zu er⸗ füllen. Der dritte von Walter ſelbſt; er dankt mir, der arme Junge, in den wärmſten Ausdrücken dafür, daß ich ihm Gelegenheit verſchafft, ſeine Heimat, ſein Vaterland, und alle ſeine Lieben zu verlaſſen. Es ſcheint, daß eine Privatexpedition von Liverpool abſegeln ſoll, um in den verfallenen Städten von Eentralamerika Nachgrabungen zu veranſtalten. Der Zeichner, der bereits angeſtellt war, um ſie zu begleiten, hat im letzten Augenblicke den Muth verloren und ſich zurückgezogen, und Walter ſoll an ſeiner Stelle eintreten. Er iſt, von dem Zeitpunkte an, wo ſie in Honduras landen, auf ſechs Monate feſt angeſtellt und dann, falls die Nachgrabungen erfolgreich und die Mittel ausreichend ſind, noch auf ein Jahr. Sein Brief ſchließt mit dem Verſprechen, mir eine Abſchiedszeile zu ſchreiben, wenn Alle an Bord gegangen ſind und der Lootſe ſie ver⸗ läßt. Ich kann nur hoffen und beten, daß er und ich in dieſer Sache gehandelt haben, wie es am beſten war. Es ſcheint ein ſo ernſter Schritt für ihn zu ſein, daß der bloſe Gedanke daran mich ſchon erſchreckt. Und doch, wie kann ich erwarten oder wünſchen, daß er, in ſeiner unglücklichen Lage, zu Hauſe bliebe? Den 15. November.— Der Wagen iſt vor der Thür. Laura und ich reiſen heute zu den Arnold's ab. Polesdean Lodge in Yorkſhire. Den 23. November.— Eine Woche unter dieſen neuen Umgebungen und freundlichen Leuten hat ihr gut gethan, obgleich nicht in dem Grade, wie ich es gehofft — 28 hatte. Ich habe beſchloſſen, unſern Beſuch noch wenig⸗ ſtens um eine Woche auszudehnen. Es iſt unnöthig, früher nach Limmeridge zurückzukehren, als bis eine entſchiedene Nothwendigkeit für unſere Rückkehr eintritt. Den 24. November.— Traurige Nachrichten mit der heutigen Poſt. Die Expedition nach Centralamerika ſegelte am Einundzwanzigſten ab. Wir ſind von einem wahren Manne geſchieden, haben einen treuen Freund verloren. Walter Hartright hat England verlaſſen. Den 25. November.— Geſtern traurige, heute ſchlimme Nachrichten. Sir Percival Glyde hat an Mr. Faairlie geſchrieben, und Mr. Fairlie hat an Laura und mich geſchrieben, um uns augenblicklich nach Limmeridge zurückzurufen. Was kann dies bedeuten? Iſt der Tag der Vermäh⸗ lung in unſerer Abweſenheit beſtimmt worden? 8 Limmeridge Houſe. Den 27. November.— Meine ſchlimmen Ahnungen ſind eingetroffen. Die Heirath iſt auf den dreiundzwan⸗ zigſten December feſtgeſetzt. Am Tage nach unſerer Abreiſe nach Polesdean Lodge erhielt Mr. Fairlie, wie es ſcheint, einen Brief von Sir Percival, worin dieſer ihm mittheilte, daß die nothwen⸗ digen Verbeſſerungen und Veränderungen in ſeinem Hauſe in Hampſhire in ihrer Ausführung weit längere Zeit in Anſpruch nehmen würden, als er erwartet habe. Die ge⸗ hörigen Ueberſchläge ſollten ihm in kürzeſter Friſt zugeſtellt werden, und es werde ſeine Anordnungen mit den Arbei⸗ 8— ———— tern ſehr unterſtützen, wenn er genau von dem Zeitpunkte unte find Zei die tür zu er zuſ wer lich um ſein denig⸗ rüher edene it der rerika einem reund heute Mr. und rridge mäh⸗ ungen wan⸗ Lodge Sir wen⸗ Hauſe eit in ie ge⸗ eſtellt lrbei⸗ zunkte unterrichtet werden könnte, an welchem die Hochzeit ſtatt⸗ finden dürfe. Er werde dann im Stande ſein, alle ſeine Zeitberechnungen zu machen und zugleich ſeinen Freunden, die er eingeladen, ihn im Winter zu beſuchen, und die na⸗ türlich nicht kommen konnten, ſo lange das Haus in den Händen der Arbeiter ſei, die nöthigen Entſchuldigungen zu ſchreiben. Auf dieſen Brief hatte Mr. Fairlie geantwortet, indem er Sir Percival bat, ſelbſt einen Tag für die Hochzeit vor⸗ zuſchlagen, der dann Miß Fairlie's Billigung überlaſſen werden könne, welche zu erhalten ihr Vormund ſein Mög⸗ lichſtes zu thun verſprach. Sir Percival antwortete mit umgehender Poſt und ſchlug(in Uebereinſtimmung mit ſeinen ſchon zu Anfang ausgeſprochenen Abſichten und Wünſchen) die letzte Woche im December vor— etwa den dreiundzwanzigſten oder vierundzwanzigſten, oder irgend einen andern Tag, den die Dame und ihr Vormund vor⸗ ziehen möchten. Da die Dame nicht zur Hand war, um ihren eigenen Wunſch auszuſprechen, hatte ihr Vormund in ihrer Abweſenheit den erſtgenannten Tag gewählt— den dreiundzwanzigſten December— und uns in Folge deſſen nach Limmeridge zurückberufen. Nachdem Mr. Fairlie mir dieſe Einzelheiten geſtern in einer Privatunterredung mitgetheilt, ſchlug er mir auf ſeine liebenswürdigſte Manier vor, die nothwendigen Un⸗ terhandlungen ſchon heute einzuleiten. Da ich fühlte, daß aller Widerſtand nutzlos ſei, wenn ich nicht erſt Laura's Erlaubniß dazu hatte, ſo willigte ich ein, mit ihr zu ſpre⸗ chen, erklärte aber zugleich, daß ich mich unter keiner Be⸗ dingung verpflichte, ihre Einwilligung zu Sir Percival's Wünſchen zu verlangen. Mr. Fairlie machte mir ſeine Complimente über mein„vortreffliches Gewiſſen,“ unge⸗ fähr wie er mir, falls wir uns auf einem Spaziergange befunden hätten, ſein Compliment über meine„vortreff⸗ liche Geſundheit“ gemacht haben würde, und ſchien ſo weit vollkommen befriedigt, daß er wieder eine Familien⸗ verantwortlichkeit von ſeinen Schultern auf die meinigen gewälzt hatte. Heute Morgen ſprach ich meinem Verſprechen gemäß zu Laura. Die Faſſung— ich möchte faſt ſagen, die Un⸗ empfindlichkeit— die ſie mit ſolcher Entſchloſſenheit, ſeit Sir Percival uns verlaſſen, bewahrt hat, war dem Schlage einer ſolchen Nachricht nicht gewachſen. Sie erblaßte und zitterte heftig. „Noch nicht ſo bald!“ flehte ſie.„O, Marianne, nicht ſo bald!“ Der geringſte Wink von ihr genügte Mir. Ich ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen, und ſofort ihre Sache bei Mr. Fairlie zu vertreten. Gerade, als! meine Hand auf der Thürklinke war, er⸗ griff ſie mein Kleid und hielt mich feſt. „Laß mich gehen,“ ſagte, ich;„mir brennt die Zunge, Deinem Onkel zu ſagen, daß er und Sir Percival nicht in Allem ihren Willen haben können.“ Sie ſeufzte bitterlich und hielt noch immer mein Kleid feſt. „Nein!“ ſagte ſie mit matter Stimme.„Es iſt zu ſpät, Marianne— zu ſpät!“ „Nicht eine Minute zu ſpät,“ entgegnete ich.„Die Frage über den Zeitpunkt iſt unſere Frage— und glaube mir zu Kle Art gefe ber ver grü kün Her unt Die unſ unſ unſ zuſe wie dar Ver trar für von Du Thr 31 mir, Laura, daß ich meinen vollen Frauenvortheil daraus zu ziehen beabſichtige.“ Während ich ſprach, machte ich ihre Hand von meinem Kleide los, aber in demſelben Augenblicke ſchlang ſie beide Arme um meine Taille und hielt mich ſo noch wirkſamer gefangen, denn zuvor. „Es wird uns nur noch mehr Sorge und Verwirrung bereiten,“ ſagte ſie.„Es wird Dich mit meinem Onkel veruneinigen, und Sir Percival wieder mit neuen Klage⸗ gründen zu uns bringen.“ „Deſto beſſer!“ rief ich mit Heftigkeit aus.„Wer kümmert ſich um ſeine Klagegründe? Mußt Du Dir das Herz brechen, um ſein Gemüth zu beruhigen? Kein Mann unter der Sonne iſt ſolcher Opfer von uns Frauen würdig. Die Männer! Sie ſind die Feinde unſerer Unſchuld und unſeres Friedens— ſie ſchleppen uns fort von der Liebe unſerer Eltern und der Freundſchaft unſerer Schweſtern — ſie feſſeln uns an ſich mit Leib und Seele, und ketten unſere hülfloſen Leben an die ihrigen, wie ſie zwei Hunde zuſammenkoppeln. Und was gibt uns der Beſte dafür wieder? Laß mich los, Laura— es macht mich wahnſinnig, daran zu denken!“ Thränen— erbärmliche, ſchwache Weiberthränen des Verdruſſes und Zornes füllten meine Augen. Sie lächelte traurig und hielt ihr Taſchentuch vor mein Geſicht, um für mich meine Schwäche zu verbergen— die Schwäche, von der ſie wußte, daß ich ſie mehr als jede andere verachte. „O Marianne!“ ſagte ſie,„Du weinſt! Bedenke, was Du ſagen würdeſt, wenn Du an meiner Stelle, und dieſe Thränen die meinlgen wären. All Deine Liebe, Dein 32 Muth und Deine Aufopferung können nicht verhindern, was ja früher oder ſpäter doch geſchehen muß. Laß meinen Onkel ſeinen Willen haben. Laß uns keine Sorgen und Herzſchmerzen mehr haben, die irgend ein Opfer von mir verhindern kann. Sage, daß Du bei mir leben willſt, Marianne, wenn ich verheirathet bin— und ſage weiter nichts.“ Aber ich ſagte dennoch noch mehr. Ich drängte die verächtlichen Thränen zurück, die mir keine Erleichterung waren, und ſie nur betrübten, und redete und bat dann, ſo ruhig wie es mir nur möglich war. Es nützte nichts. Sie ließ mich zweimal mein Verſprechen, bei ihr zu leben, wenn ſie verheirathet ſei, wiederholen, und that dann plötz⸗ lich eine Frage, die meinem Kummer und meiner Theil⸗ nahme für ſie eine neue Richtung gab. „Als wir in Polesdean waren,“ ſagte ſie,„hatteſt Du einen Brief, Marianne—“ Ihre veränderte Stimme, das plöͤtzlich veränderte Weſen, mit dem ſie das Geſicht abwandte und an meiner Schulter verbarg; die Zögerung, welche ſie ſchweigen ließ, bevor ſie noch ihre Frage beendet— Alles dies ſagte mir nur zu deutlich, wohin ihre halb ausgeſprochene Frage deutete. „Ich dachte, Laura, daß wir Beide nie wieder von ihm ſprechen wollten,“ ſagte ich, doch ohne Vorwurf. „Du hatteſt einen Brief von ihm?“ wiederholte ſie. „Ja,“ entgegnete ich;„wenn Du darauf beſtehſt, es zu wiſſen.“ „Beabſichtigſt Du, ihm wieder zu ſchreiben?“ „Ich zögerte. Ich hatte mich gefürcſtet, ihr von ſeiner —— ern, Abreiſe zu erzählen oder inwiefern meine Bemühungen, nen ſeinen neuen Hoffnungen und Plänen zu Hülfe zu kom⸗ und men, mit derſelben zu thun gehabt. Was konnte ich ihr mir antworten. Er war hingegangen, wohin ihm auf Monate, lllſt, vielleicht auf Jahre kein Brief folgen konnte. eiter„Geſetzt ich beabſichtigte es, Lanra, was dann?“ ſagte ich. die Ihre Wange brannte an meinem Nacken, und ihre ung Arme zitterten und ſchloſſen ſich feſter um mich. ann,„Sage ihm nichts vom Dreiundzwanzigſten,“ chts. flüſterte ſie.„Verſprich mirs, Marianne— bitte, ver⸗ ben, ſprich mir, daß Du ſelbſt meines Namens nicht erwähnen lötz⸗ willſt, wenn Du das nächſte mal an ihn ſchreibſt.“ heil⸗ Ich gab ihr das Verſprechen. Ich weiß keine Worte, um auszudrücken, mit wie kummervollem Herzen ich es tteſt gab. Sie nahm augenblicklich ihren Arm von meiner Taille hinweg, ging ans Fenſter und ſchaute, den Rücken derte mir zugewendet, hinaus. Nach einer Minute ſprach ſie einer wieder, doch ohne ſich umzuwenden oder mich nur im ließ, Geringſten ihr Geſicht ſehen zu laſſen. mir„Gehſt Du zu meinem Onkel?“ frug ſie.„Willſt rage Du ihm ſagen, daß ich in jede Anordnung willige, die ihm gut dünkt? Fürchte nicht, mich zu verlaſſen, ihm Marianne; mir wird beſſer werden, wenn ich eine kleine Weile allein bleibe.“. ie. Ich ging hinaus. Hätte ich, als ich in den Gang trat, „ es Mr. Fairlie und Sir Percival dadurch, daß ich den kleinen Finger erhob, an die äußerſten Enden der Welt verſetzen können, ſo hätte ich ihn erhoben, ohne mich auch nur eine einer Secunde lang zu beſinnen. Dies eine Mal begünſtigte Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 3 mich mein unglückliches Temperament. Ich wäre gänzlich zuſammen geſunken und in einen heftigen Thränenſtrom ausgebrochen, wären nicht meine Thränen alle von der Glut meines Zornes verzehrt worden. So aber trat ich ungeſtüm in Mr. Fairlie's Zimmer— rief ihm ſo barſch wie möglich zu,„Laura willigt in den Dreiundzwanzigſten,“ und fuhr wieder hinaus, ohne auf Antwort zu warten. Ich ſchlug die Thür heftig hinter mir zu und hoffe, daß ich Mr. Fairlie's Nervenſyſtem für den heutigen Tag gründlich erſchüttert habe. Den 28. November.— Heute Morgen habe ich Walter's Abſchiedsbrief noch einmal durchgeleſen, da ſich mir geſtern der Zweifel aufdrängte, ob ich auch recht daran thue, Laura ſeine Abreiſe zu verheimlichen. Wenn ich es mir recht überlege, denke ich noch immer, daß ich recht daran gethan. Seine Andeutungen über die Vorbereitungen, welche für dieſe Expedition nach dem In⸗ nern von Amerika gemacht wurden, weiſen alle darauf hin, daß die Leiter derſelben ſie für gefahrvoll hielten. Wenn dieſe Entdeckung mich ſchon beunruhigt, wie würde dieſelbe da auf ſie wirken? Es iſt ſchlimm genug, zu fühlen, daß ſeine Abreiſe uns des Freundes beraubt hat, deſſen Er⸗ gebenheit wir in der Stunde der Noth, wenn dieſe Stunde kommen und uns hülflos finden ſollte, vor allen Andern vertrauen konnten. Aber noch weit ſchlimmer iſt es, zu wiſſen, daß er den Gefahren eines böſen Klimas, eines wilden Landes und einer unruhigen Bevölkerung entgegengegangen iſt. Es wäre ſicherlich eine grauſame Offenheit, Laura ohne die dringendſte Nothwendigkeit. hiervon zu unterrichten? Ich bin faſt in Zweifel, ob ich nicht eigentlich noch einen Schritt weiter thun und den Brief, damit er nicht etwa eines Tages in unrechte Hände geräth, verbrennen ſollte. Nicht allein, daß derſelbe in Ausdrücken von Laura ſpricht, die auf immer ein Geheimniß zwiſchen mir und dem Schrei⸗ ber bleiben müſſen, ſondern er wiederholt auch jenen Ver⸗ dacht— der ſo eigenſinnig, unbegreiflich und beunruhigend ſcheint— daß er, ſeitdem er Limmeridge verlaſſen, heimlich beobachtet worden. Er behauptet, daß er die Geſichter⸗ zweier Männer, die ihm in den Straßen von London wie⸗ derholt nachgingen, in der Menge erblickte, welche der Einſchiffung der Expedition in Liverpool zuſah, und ver⸗ ſichert mit Entſchiedenheit, daß er in dem Augenblicke, wo er ins Boot ſtieg, Anna Cathericks Namen hinter ſich aus⸗ ſprechen hörte. Seine eigenen Worte lauten folgender⸗ maßen:„Dieſe Ereigniſſe haben eine Bedeutung, ſie müſſen zu irgend einem Reſultate führen. Das Geheim⸗ niß, das Anna Catherik betrifft, iſt noch nicht aufgeklärt. Ich mag ihr vielleicht auf meinem Pfade nie wieder be— gegnen, ſollten aber Sie ihr begegnen, Miß Haleombe, da machen Sie beſſern Gebrauch von der Gelegenheit, als ich von der meinigen machte. Ich ſpreche nach feſter Ueberzeugung, und ich flehe Sie an, ſich deſſen, was ich ſage, zu erinnern.“ Dies ſind ſeine eigenen Worte. Er braucht nicht zu befürchten, daß ich ſie vergeſſen werde— meine Erinnerung verweilt nur zu bereitwillig bei jedem Worte Hartright's, daß ſich auf Anna Catherick be⸗ zieht. Aber es iſt gefährlich, den Brief aufzubewahren. Der kleinſte Zufall könnte ihn in fremde Hände liefern. Ich kann krank werden,— ſterben es wird beſſer ſein, 3* 3* ihn ſogleich zu verbrennen, und ſo eine Befürchtung weniger zu haben. Es iſt geſchehen! Die Aſche ſeines Abſchiedsbriefes— des letzten, den er vielleicht je an mich ſchreiben mag— liegt in wenigen ſchwarzen Flocken auf dem Kaminherde. Iſt dies das traurige Ende jener ganzen traurigen Ge⸗ ſchichte? O nein, nicht das Ende— gewiß, gewiß nicht ſchon das Ende! Den 29. November.— Die Vorbereitungen zur Hei⸗ rath haben begonnen. Die Schneiderin hat ihre Aufträge bekommen. Laura iſt völlig gleichgültig, völlig unbeküm⸗ mert um Dinge, die ſonſt von allen anderen das Intereſſe der Frauen in Anſpruch nehmen. Sie hat das Alles mir und der Schneiderin überlaſſen. Wie anders wäre dies geweſen, falls der arme Walter der Baronet und der ihr vom Vater beſtimmte Gemahl geweſen! Wie peinlich und eigen ſie da geweſen wäre, und welch' eine Aufgabe für die beſte der Schneiderinnen, ſie zufriedenzuſtellen. Den 30. November.— Wir hören täglich von Sir Percival. Die letzte Neuigkeit, die er uns mittheilt, iſt die, daß es wohl vier bis ſechs Monate dauern wird, ehe die Veränderungen in ſeinem Hauſe vollſtändig beendet werden können. Falls Maler, Tapezierer und Möbelhändler ſo⸗ wohl Glück als Pracht herſtellen könnten, ſo würde ich mich für ihre Fortſchritte in Laura's zukünftiger Häuslichkeit in⸗ tereſſiren. So aber iſt die einzige Stelle in Sir Percival's Briefe, welche mich nicht ſo gleichgültig wie vorher läßt, die, in welcher er von der beabſichtigten Hochzeitsreiſe ſpricht. Er ſchlägt vor, da Laura augenblicklich nicht kräftig iſt und der Winter ungewöhnlich ſtrenge zu werden droht, 37 ſie nach Rom zu nehmen und bis zu Anfang nächſten Frühlings in Italien zu bleiben. Sollte ſie dieſen Plan nicht billigen, ſo ſei er ebenſo bereit, die Saiſon in London zuzubringen, und da er ſelbſt kein Haus dort beſitze, irgend ein paſſendes, möblirtes Haus zu dem Ende zu miethen. Indem ich mich und meine eigenen Gefühle in Bezug hierauf gärnzlich unberückſichtigt laſſe(was meine Pflicht zu thun iſt), zweifle ich meinerſeits nicht an der Schicklich⸗ keit des erſteren dieſer Vorſchläge. In beiden Fällen iſt eine Trennung zwiſchen Laura und mir unvermeidlich. Wenn ſie ins Ausland reiſen, wird es eine längere Trennung werden, als wenn ſie in London blieben— aber dagegen müſſen wir wieder den Vortheil erwägen, der aus einem Aufenthalte in einem milden Klima für Laura's Geſund⸗ heit erwachſen würde, und noch mehr als das berückſich⸗ tigen, wie ſehr die Ueberraſchungen und die Aufregung einer erſten Reiſe in dem intereſſanteſten Lande der Welt zu ihrer Aufheiterung und Ausſöhnung mit ihrem neuen Leben beitragen würde. Sie iſt nicht in der Stimmung, dies in den conventionellen Vergnügungen und Aufregun⸗ gen von London zu finden. Dieſelben würden ſie den Druck dieſer beklagenswerthen Heirath nur noch ſchwerer fühlen laſſen. Ich fürchte den Anfang ihres neuen Lebens mehr, als ich Worte habe, es auszudrücken— aber ich hege einige Hoffnung für ſie, wenn ſie reiſt; keine, wenn ſie zu Hauſe bleibt. Es iſt ſeltſam, wenn ich auf das eben Geſchriebene zu⸗ rückblicke, zu ſehen, daß ich von der Heirath und dem Ab⸗ ſchiede von Laura ſchreibe, wie man von einer ausgemachten Sache ſpricht. Es ſieht ſo kalt und gefühllos aus, der 3s Zukunft ſo gefaßt entgegenzublicken. Aber was iſt zu machen, jetzt, da die Zeit ſo ſchnell herankommt? Ehe noch ein Monat verſtreicht, wird ſie ſchon ſeine Laura ſein, an⸗ ſtatt die meinige! Seine Laura! Ich bin ebenſo wenig im Stande, mir die Idee zu verwirklichen, welche jene beiden Worte enthalten, und ebenſo ſehr davon über⸗ wältigt, als ob ich, anſtatt von ihrer Heirath, von ihrem Tode ſchriebe. Den 1. December. Ein ſehr, ſehr trauriger Tag; ein Tag, den ich ausführlich zu beſchreiben nicht das Herz habe. Nachdem ich geſtern Abend ſchwach genug war, es zu verſchieben, war ich heute Morgen genöthigt, ihr von Sir Percival's Vorſchlage in Bezug auf die Hochzeits⸗ reiſe zu ſagen. In der vollen Ueberzeugung, daß ich ſie begleiten werde, wohin ſie auch gehen möge, war das arme Kind— denn in vielen Dingen iſt ſie immer nur noch ein Kind— beinah froh über die Ausſicht, die Wunder von Florenz, Rom und Neapel zu ſehen. Es brach mir faſt das Herz, ſie hierüber zu enttäuſchen und ſie angeſichts der bittern Wahrheit zu bringen. Ich mußte ihr ſagen, daß kein Mann während der erſten Zeit nach ſeiner Vermählung einen Nebenbuhler — ſelbſt nicht einen weiblichen— in der Zuneigung ſeiner Frau duldet, was er auch ſpäter thun möge. Ich mußte ſie warnen, daß meine Ausſicht auf dauernden Aufenthalt unter ihrem Dache einzig und allein davon abhänge, daß ich nicht Sir Percival's Eiferſucht errege, indem ich mich beim Beginne ihrer Heirath als Empfängerin der tiefſten Geheimniſſe ſeiner Frau zwiſchen ſie drängte. Tropfen⸗ weiſe mußte ich die entweihende Bitterkeit der Weisheit zu noch an⸗ enig jene ber⸗ von ag; Herz es von its⸗ 39 dieſer Welt in dieſes reine Herz und unſchuldige Gemüth gießen, während ſich jedes höhere und beſſere Gefühl in mir meiner verhaßten Aufgabe widerſetzte. Jetzt iſt es vorbei. Sie hat ihre bitteren, unvermeidlichen Lehren empfangen; die Täuſchungen ihrer Mädchenzeit ſind dahin, und es war meine Hand, die ſie ihr rauben mußte. Aber lieber meine Hand, als die ſeinige, das iſt mein einziger Troſt. So iſt denn der erſte Vorſchlag angenommen: ſie gehen nach Italien; und ich ſoll, mit Sir Percival's Genehmi⸗ gung, meine Vorkehrungen treffen, bei ihrer Rückkehr nach England bei ihnen zu wohnen. Mit anderen Worten, ich ſoll zum erſtenmale in meinem Leben um eine perſönliche Vergünſtigung bitten, und zwar von dem Manne ſie mir erbitten, dem ich von allen Anderen am ungernſten wirklich verpflichtet zu ſein wünſche. Nun gut! Ich glaube, für Laura könnte ich ſogar noch mehr thun. Den 2. December.— Da ich zurückblicke, finde ich, daß ich immer in herabſetzenden Ausdrücken von Sir Percival ſpreche. Nach der jetzigen Wendung der Dinge muß und will ich dies Vorurtheil gegen ihn abwerfen. Ich kann mir nicht denken, wie es ſich zuerſt bei mir eingeſchlichen haben kann; denn in früheren Zeiten war es doch nicht da. Ob es Laura's Widerſtreben, ſeine Frau zu werden, war, das es in mir hervorrief? oder habe ich Hartright's ſehr begreifliche Vorurtheile auf mich wirken laſſen? Läßt jener Brief von Anna Catherick noch immer ein lauerndes Mißtrauen gegen Sir Percival in meinem Gemüthe zurück, ungeachtet ſeiner Erklärung und ungeachtet des Beweiſes, den ich von der Wahrheit derſelben in Händen habe? Ich 40 kann mir meine eigenen Gefühle nicht erklären: aber das Eine, was mir ganz klar, iſt, daß es meine Pflicht, jetzt doppelt meine Pflicht iſt, Sir Percival nicht durch unbe⸗ gründeten Argwohn Unrecht zu thun. Wenn es mir zur Gewohnheit geworden, immer noch auf ungünſtige Weiſe von ihm zu ſchreiben, ſo muß und will ich es mir wieder abgewöhnen, und wenn ich deshalb dies Tagebuch ſchließen müßte, bis die Heirath vorüber iſt! Ich bin ernſtlich un⸗ zufrieden mit mir— ich will heute nicht weiter ſchreiben. Den 16. December.— Es ſind volle vierzehn Tage vergangen, ohne daß ich dieſe Blätter geöffnet habe. Ich habe mein Tagebuch lange genug unberührt gelaſſen, um, wie ich hoffe, mit beſſeren, vorurtheilsfreieren Geſinnun⸗ gen in Bezug auf Sir Percival zu ihm zurückzukehren. Von den beiden letztverfloſſenen Wochen habe ich nicht viel zu berichten. Die Kleider ſind faſt alle fertig und die neuen Reiſekoffer bereits aus London angekommen. Meine arme, liebe Laura verläßt mich den ganzen Tag kaum eine Minute; und geſtern Abend, als wir Beide nicht ſchlafen konnten, kam ſie zu mir in mein Bett, um mit mir zu plaudern.„Ich werde Dich bald verlieren, Marianne,“ ſagte ſie;„ich muß Dich genießen, ſo lange ich Dich noch haben kann.“ Die Heirath wird in der Kirche zu Limmeridge ſtatt⸗ finden, und es iſt, Gott ſei Dank, Niemand aus der Nachbarſchaft zu der Feierlichkeit eingeladen. Unſer ein⸗ ziger Gaſt wird unſer alter Freund Mr. Arnold ſein, der von Polesdean kommen wird, um Vaterſtelle bei der Braut zu vertreten, da ihr Onkel viel zu zarter Geſundheit iſt, um 41 ſich in ſo unbarmherzigem Wetter, wie wir jetzt haben, hin⸗ auszuwagen. Wäre ich nicht feſt entſchloſſen, von dieſem Tage an nur die frohe Seite unſerer Ausſichten zu ſehen, ſo würde mich die traurige Abweſenheit jedes männlichen Verwandten in Laura's wichtigſter Lebensſtunde ſehr verſtimmt und argwöhniſch gegen die Zukunft machen. Aber ich bin mit aller Verſtimmtheit und allem Argwohn fertig— das heißt inſoweit ich weder über die eine, noch den andern ferner in dieſen Tagen ſchreiben werde. Sir Percival wird morgen erwartet. Er erbot ſich, falls wir ihn nach der ſtrengſten Etikette zu behandeln wünſchten, an unſern Geiſtlichen zu ſchreiben und ihn während ſeines kurzen Aufenthaltes in Limmeridge vor der Heirath um die Gaſtfreundſchaft des Pfarrhauſes zu bitten. Unter den Umſtänden hielten weder Mr. Fairlie, noch ich es für nöthig, uns mit kleinlichen Formen und Ceremonien zu befaſſen. In unſerm wilden Marſchlande und in dieſem großen, einſamen Hauſe dürfen wir wohl beanſpruchen, den alltäglichen Hergebrachtheiten, welche die Leute anderswo binden, enthoben zu ſſein. Ich ſchrieb an Sir Percival, um ihm für ſein höfliches Erbieten zu danken und ihn zu bitten, ſeine alten Zimmer wie ge⸗ wöhnlich in Limmeridge Houſe zu beziehen. Den 17. December. Er langte heute an und ſah, wie mir's ſchien, etwas abgemagert und ſorgenvoll aus, ſprach und lachte indeſſen wie ein Mann in beſter Laune. Er brachte einige wirklich ſchöne Kleinodien als Geſchenke mit, welche Laura mit Freundlichkeit und wenigſtens äußerlicher Faſſung entgegennahm. Das einzige Anzeichen von dem Kampfe, den es ſie koſten muß, in einer ſo ſchweren Zeit 42 wenigſtens, den Schein der Faſſung zu bewahren, entdeckte ich in ihrem plötzlichen Widerwillen, allein gelaſſen zu wer⸗ den. Anſtatt ſich wie ſonſt in ihr Zimmer zurückzuziehen, ſcheint ſie nur mit Zagen hineinzugehen. Als ich heute nach dem Gabelfrühſtück hinauf ging, um mich zu einem Spaziergange zu rüſten, erbot ſie ſich, mich zu begleiten. Und vor Tiſche wieder öffnete ſie die Thür, die unſere Zim⸗ mer trennt, damit wir plaudern könnten, während wir Toilette machten. „Laß mich fortwährend Etwas thun,“ ſagte ſie,„laß mich immer in Geſellſchaft ſein. Laß mir keine Gelegenheit zum Denken, das iſt Alles, warum ich Dich bitte, Ma⸗ rianne— laß mir keine Gelegenheit zum Denken.“ Dieſe traurige Veränderung in ihr machte ſie nur um ſo anziehender für Sir Percival. Er beutet ſie, wie ich ſehen kann, zu ſeinem Vortheile aus. Es liegt eine fieber⸗ hafte Röthe auf ihren Wangen, ein fieberhafter Glanz in ihren Augen, die er als eine Rückkehr ihrer Schönheit und ihres Frohſinns willkommen heißt. Sie ſprach heute bei Tiſche mit einer ſo falſchen, ſo unpaſſenden Luſtigkeit und Sorgloſigkeit, daß ich mich heimlich ſehnte, ſie zum Schwei⸗ gen zu bewegen oder fortzuführen. Sir Percival ſchien unbeſchreiblich erfreut und überraſcht darüber. Die Sorge, die ich bei ſeiner Ankunft auf ſeinem Geſichte bemerkt, verſchwand gänzlich aus demſelben, und er erſchien ſelbſt meinen Augen um wenigſtens zehn Jahre jünger, als er wirklich iſt. Es iſt kein Zweifel— obgleich ein ſonderbarer Eigen⸗ ſinn mich verhindert, es zu ſehen— es iſt kein Zweifel, daß Laura's künftiger Gemahl ein ſehr ſchöner Mann iſt. deckte wer⸗ teehen, heute einem eiten. Zim⸗ wir „laß nheit Ma⸗ r um e ich eber⸗ z in und e bei und wei⸗ cien 8rge, erkt, elbſt 43 Erſtens liegt ein großer Vortheil in regelmäßigen Zügen — und er hat ſie. Glänzende braune Augen ſind bei Männern ſowohl, wie bei Frauen ſehr anziehend, und auch die hat er. Selbſt Kahlheit, wenn ſie von der Stirn aus⸗ geht(wie es bei ihm der Fall) iſt bei einem Manne eher kleidſam, als nicht, denn ſie erhöht die Stirn und den Aus⸗ druck der Intelligenz im Geſicht. Anmuthige, unbefangene Bewegungen, feines Weſen, fließende Converſation— alles unſtreitig Vorzüge, und er beſitzt ſie alle. Mr. Gilmore, in ſeiner Unkenntniß von Laura's Geheimniſſen, iſt gewiß nicht zu tadeln, daß er ſich über ihre Reue über dies Ver⸗ löbniß verwunderte. Jeder Andere an ſeiner Stelle hätte unſeres guten alten Freundes Anſicht getheilt. Falls man mich in dieſem Augenblicke früge, welche Fehler ich an Sir Percival entdeckt habe, ſo könnte ich nur zwei andeuten. Der eine: ſeine fortwährende Unruhe und Erregbarkeit, welche ganz begreiflicherweiſe aus ſeinem ungewöhnlich energiſchen Charakter entſpringen mag. Der andere: ſeine kurze, ſcharfe, verächtliche Manier, wenn er mit Dienſt⸗ boten ſpricht, was wahrſcheinlich eine bloſe Angewohnheit iſt. Nein, ich kann's nicht beſtreiten, und ich will's nicht beſtreiten: Sir Percival iſt ein ſehr ſchöner und ein ſehr angenehmer Mann. Sol jetzt habe ich es endlich ge⸗ ſchrieben, und freue mich, daß ich fertig damit bin. Den 18. December. Da ich mich heute Morgen traurig und niedergeſchlagen fühlte, ließ ich Laura bei Mrs. Veſey, um einen meiner ſchnellen Mittagsſpaziergänge zu machen, die ich ſeit einiger Zeit zu oft ausgeſetzt hatte. Ich ſchlug den trocknen, offenen Weg über die Haide, der nach Todd's Ecke führt, ein. Nachdem ich ungefähr eine halbe Stunde 44 gegangen, war ich unausſprechlich erſtaunt, Sir Perci⸗ val mir aus der Richtung des Gehöftes entgegenkommen zu ſehen. Er ging ſehr ſchnell und ſchwang ſeinen Stock, den Kopf hoch erhoben wie gewöhnlich, und mit offnem Jagdrocke, der im Winde flatterte. Als wir zuſammen⸗ kamen, wartete er nicht ab, daß ich ihn befragte, ſondern theilte mir ſogleich mit, daß er nach dem Gehöfte geweſen, um ſich zu erkundigen, ob Mr. und Mrs. Todd ſeit ſeinem letzten Beſuche in Limmeridge nichts von Anna Catherick gehört hätten. „Sie fanden natürlich, daß ſie nichts weiter von ihr wußten?“ ſagte ich. „Nicht das Geringſte,“ entgegnete er.„Ich fange an, ernſtlich zu befürchten, daß wir ſie verloren haben. Wiſſen Sie vielleicht,“ fuhr er fort, indem er mir ſehr aufmerk⸗ ſam ins Geſicht ſah,„ob der Maler— Mr. Hartright im Stande iſt, uns weitere Auskunft zu geben?“ „Er hat weder von ihr gehört noch ſie geſehen, ſeit er Cumberland verlaſſen hat,“ ſagte ich. „Sehr traurig,“ ſagte Sir Percival, indem er ſprach wie ein Mann, der ſich unangenehm getäuſcht ſieht, und dabei ausſah, wie ein Mann, der ſich erleichtert fühlt. „Es iſt unmöglich zu berechnen, welche Unfälle dem armen Geſchöpfe zugeſtoßen ſein mögen. Es verdrießt mich unaus⸗ ſprechlich, daß es allen meinen Bemühungen mißlungen, ſie der Sorgfalt und dem Schutze zurückzugeben, deſſen ſie ſo dringend bedarf.“ Diesmal ſah er wirklich verdroſſen aus. Ich ſagte ein paar theilnehmende Worte und dann ſprachen wir auf dem Heimwege von anderen Dingen. Hat nicht mein zufälliges erci⸗ men ttock, fnem men⸗ dern eſen, inem herick ihr an, iſſen ꝛerk⸗ right ſeit rach und ühlt. men aus⸗ gen, eſſen ein dem lges Begegnen mit ihm auf der Haide einen neuen günſtigen Zug ſeines Charakters offenbart? War es nicht ſehr rück⸗ ſichtsvoll von ihm, ſo kurz vor ſeiner Heirath an Anna Catherick zu denken und den langen Weg nach Todd's Ecke zu gehen, da er die Zeit in Laura's Geſellſchaft ſo viel angenehmer hätte zubringen können? Wenn man bedenkt, daß ſein Beweggrund hierzu ein rein menſchenfreundlicher ſein mußte, ſo beweiſt ſein Benehmen unter den Umſtänden viel Wohlwollen und verdient das größte Lob. Nun gut! ich gebe ihm das größte Lob— und damit Punktum. Den 19. December. Neue Entdeckungen in der uner⸗ ſchöpflichen Miene von Sir Percival's Tugenden. Ich ſpielte heute auf den in Vorſchlag gebrachten Plan meines Aufenthaltes bei ſeiner Frau an, nachdem er ſie nach England zurückgebracht habe. Ich hatte kaum den erſten Wink in dieſer Richtung fallen laſſen, als er mit Wärme meine Hand ergriff und ſagte, ich habe gerade das aus⸗ geſprochen, was er von Herzen mir vorzuſchlagen gewünſcht habe. Ich ſei die Gefährtin von allen Anderen, die er aufrichtig ſeiner Frau zu verſchaffen wünſche, und er bitte mich, verſichert zu ſein, daß ich ihm eine ewige Gunſt erwieſen, indem ich ihm den Vorſchlag gemacht, nach ihrer Heirath meinen Aufenthalt bei Laura zu nehmen, gerade wie wir bisher zuſammen gelebt hatten. Als ich ihm in ihrem und meinem Namen für ſeine rückſichtsvolle Güte gegen uns Beide gedankt hatte, gingen wir zunächſt auf den Gegenſtand ſeiner Hochzeitsreiſe über, und ſprachen von der engliſchen Geſellſchaft in Rom, in die Laura eingeführt werden ſollte. Er erwähnte mehrerer Namen von Bekannten, die er dieſen Winter dort zu treffen 46 erwartete. Sie waren, ſoviel ich mich entſinnen kann, alle engliſch, mit einer Ausnahme. Dieſe eine Ausnahme war Graf Fosco. Die Erwähnung Graf Fosco's und die Entdeckung, daß er und ſeine Frau wahrſcheinlich mit den Neuvermählten auf dem Feſtlande zuſammentreffen werden, ſtellt Laura's Heirath zum erſtenmale in ein entſchieden günſtiges Licht. Es mag dies vielleicht eine Familienfehde enden. Bisher hat es die Gräfin Fosco beliebt, ihre Verpflichtungen als Laura's Tante aus bloſem Grolle gegen den verſtorbenen Mr. Fairlie wegen ſeines Verfahrens in Bezug auf das Legat zu vergeſſen. Jetzt aber kann ſie bei dieſem Betragen nicht länger bleiben. Sir Percival und der Graf ſind alte und vertraute Freunde und ihre Frauen haben keine andere Wahl, als ſich auf höflichem Fuße zu begegnen. Die Gräfin Fosco war zu ihrer Mädchenzeit eines der impertinenteſten Frauenzimmer, die mir vorgekommen ſind, launiſch, an⸗ maßend und eitel bis zur Albernheit. Falls es ihrem Gemahle gelungen, ſie zu Verſtande zu bringen, verdient er die Dankbarkeit jedes Mitgliedes der Familie, und er mag mit der meinigen den Anfang machen. Ich werde neugierig, den Grafen kennen zu lernen. Er iſt der vertrauteſte Freund von Laura's künftigem Gemahle, und erregt als ſolcher mein lebhafteſtes Intereſſe. Weder Laura noch ich haben ihn jemals geſehen. Alles, was ich von ihm weiß, iſt, daß ſeine zufällige Gegenwart eines Tages vor vielen Jahren auf den Stufen der Trinità del Monte zu Rom Sir Percival half, einem Raub⸗ und Mordanfalle zu entgehen, gerade in dem kritiſchen Momente, wo er in der Hand verwundet worden und im nächſten im in, me daß ten a's cht. her als nen das gen alte dere äfin ſten an⸗ rem dient d er Er ahle, geder S ich eines del und tente, in im 47 Herzen hätte getroffen ſein können. Auch entſinne ich mich, daß der Graf bei Gelegenheit von Mr. Fairlie's— des verſtorbenen— lächerlichen Einwürfen gegen die Heirath ſeiner Schweſter, ihm einen kehr gemäßigten und verſtän⸗ ſigen Brief über die Angelegenheit ſchrieb, der, wie ich nich faſt zu ſagen ſchäme, unbeantwortet blieb. Dies iſt Ulles, was ich von Sir Percival's Freunde weiß. Ob r wohl je nach England kommen wird? Ob ich ihn vohl werde leiden können? Meine Feder ergeht ſich in bloſen Muthmaßungen. im zu nüchternen Thatſachen zurückzukehren. Es iſt eine thatſache, daß Sir Percival's Aufnahme meines gewagten Vorſchlages, bei ſeiner Frau zu leben, mehr als gütig, daß e beinah liebevoll war. Ich bin überzeugt, daß Laura's zemahl keine Urſache haben wird, ſich über mich zu bekla⸗ en, wenn ich nur fortfahren kann, wie ich begonnen habe. ſch habe ihn bereits als ſchön, unterhaltend, rückſichtsvoll egen Unglückliche und gütig gegen mich beſchrieben. Ich kenne mich ſelbſt wirklich kaum wieder in meinem euen Charakter als Sir Percival's wärmſte Freundin. Den 20. December. Ich haſſe Sir Percival! Ich ugne entſchieden, daß er ſchön iſt. Ich finde ihn unbe⸗ hreiblich widerwärtig, durchaus rückſichtslos und ohue alle eerzensgüte. Geſtern Abend kamen die Karten der Neu⸗ rmählten an. Laura öffnete das Packet, und ſah zum ſtenmale ihren neuen Namen gedruckt. Sir Percival h vertraulich über ihre Schulter auf die Karte, auf der eiß Fairlie bereits in Lady Glyde verwandelt war, lächelte it der unerträglichſten Selbſtgefälligkeit und flüſterte ihr twas ins Ohr. Ich weiß nicht, was es war, Laura wollte mir's nicht ſagen, aber ich ſah ſie ſo tödtlich erbleichen, daß ich ſie ohnmächtig werden zu ſehen erwartete. Er nahm keine Notiz von der Veränderung und ſchien ſich auf bar⸗ bariſche Weiſe unbewußt, Etwas geſagt zu haben, daß ihr weh' thun könne. Alle meine alten feindſeligen Gefühl gegen ihn erwachten augenblicklich wieder, und die vieler Stunden, die ſeitdem vergangen ſind, haben nichts dazi beigetragen, den Eindruck wieder zu verwiſchen. Ich bit unbilliger und ungerechter denn je. In drei Worten— wie geläufig ſie meiner Feder werden!— in drei Worter: ich haſſe ihn. Den 21. December. Haben mich die Sorgen dieſe ängſtlichen Zeit endlich etwas verwirrt gemacht? Ich hal während der letzten paar Tage in einem Tone der Sorg loſigkeit geſchrieben, die ich, Gott weiß, weit entfernt bi zu fühlen, und die zu entdecken mir bei meinem Rückblice in mein Tagebuch ein ziemlich unangenehmes Gefüll verurſacht hat. Vielleicht habe ich während der letzten Wochen Lauras fieberhafte Aufregung angenommen. In dem Falle ht mich der Anfall bereits wieder verlaſſen und mich in eina ſehr ſonderbaren Gemüthszuſtand verſetzt. Es hat ſich mr ſeit geſtern Abend die hartnäckige Idee aufgedrängt, doß ſich noch Etwas ereignen wird, um die Heirath zu verhit⸗ dern. Was hat dieſen ſonderbaren Gedanken in mir he⸗ vorgerufen? Iſt es der indirecte Erfolg meiner Beſorgniſe um Laura's Zukunft? Oder entſtand er etwa aus dr wachſenden Unruhe und Aufregung, die ich allerdings, n der Hochzeitstag näher und näher rückt, an Sir Percivl bemerkt habe? Ich kann's nicht beſtimmen. Ich weiß nu, — 49 daß ich die Idee habe; iſt es nicht unter den Umſtänden die albernſte Idee, die je einem Weibe in den Kopf kam? — aber, was ich auch thun mag, ich kann ihren Ur⸗ ſprung nicht entdecken. Den 22. December. Ein Tag ſolcher Verwirrung und ſolchen Jammers, wie ich ihn nie wieder zu erleben hoffe! Die gute Mrs. Veſey, die wir in letzter Zeit Alle zu wenig beachtet und zu ſehr vergeſſen haben, verurſachte uns gleich zuerſt einen traurigen Morgen. Sie hat ſich ſeit vielen Monaten heimlich mit der Anfertigung eines warmen Shawls von Shetlandwolle für ihre liebe Schü⸗ lerin beſchäftigt, eine erſtaunliche Arbeit für eine Frau in ihrem Alter und von ihren Gewohnheiten. Das Ge⸗ ſchenk wurde heute Morgen überreicht, und meine arme, warmherzige Laura verlor alle Faſſung, als die zärtliche alte Freundin und Hüterin ihrer mutterloſen Kindheit den Shawl ſtolz um ihre Schultern legte. Mir blieb kaum Zeit, ſie Beide zu beruhigen oder meine eigenen Thränen zu trocknen, als ich ſchon zu Mr. Fairlie be⸗ rufen wurde, um von ihm eine lange Mittheilung über die Vorkehrungen zu hören, die er zur Bewahrung ſei⸗ ner Ruhe am Hochzeitstage getroffen hatte. „Die liebe Laura“ ſollte ſein Geſchenk— einen arm⸗ ſeligen Ring, mit ihres zärtlichen Onkels Haar ſtatt eines koſtbaren Steines geziert und inwendig eine herzloſe fran⸗ zöſiſche Inſchrift über verwandte Gefühle und ewige Freundſchaft tragend,—„die liebe Laura“ ſollte dieſen zärtlichen Tribut ſofort aus meinen Händen empfangen, ſodaß ſie Zeit haben möge, ſich von der Gemüths⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 4 50 bewegung, die ihr das Geſchenk verurſachen würde, zu erholen, ehe ſie ſich in ihres Onkels Gegenwart begebe. „Die liebe Laura“ ſollte ihm heute Abend einen kleinen Beſuch abſtatten und die Güte haben, keine Scene zu machen.„Die liebe Laura“ ſollte ihm morgen früh in ihrem Brautkleide noch einen kleinen Beſuch abſtatten und abermals die Güte haben, keine Scene zu machen.„Die liebe Laura“ ſollte nochmals, zum dritten male zu ihm kommen, ehe ſie abreiſe, aber ohne ſein Gemüth dadurch aufzuregen, daß ſie ihm ſagte, wann ſie reiſen werde, und ohne Thränen— im Namen der Barmherzigkeit, im Namen alles Deſſen, liebe Marianne, was am zärt⸗ lichſten, entzückendſten und gefaßteſten iſt, ohne Thrä⸗ nen!“ Ich war ſo entrüſtet über dieſe erbärmliche, ſelbſt⸗ ſüchtige Narrheit zu einer ſolchen Zeit, daß ich jedenfalls Mr. Fairlie's Nerven durch einige der bitterſten, rauhe⸗ ſten Wahrheiten zu erſchüttern Luſt gehabt hätte, die er je in ſeinem Leben gehört hat, wäre ich nicht in dem⸗ ſelben Augenblicke durch Mr. Arnold's Ankunft zu neuen Pflichten unten im Hauſe abgerufen worden. Der Reſt des Tages iſt nicht zu beſchreiben. Ich glaube, daß kein Menſch im ganzen Hauſe wirklich weiß, wie derſelbe verging. Die Confuſion kleiner, durcheinander geworfener Ereigniſſe verwirrten Alle. Es kamen Kleider an, welche vergeſſen worden waren; da gab es Koffer zu packen, auszupacken und wieder einzupacken; Geſchenke kamen an von fernen und nahen Bekannten, hohen und niedrigen Freunden. Wir waren Alle in einer unnöthigen Haſt, Alle voll aufgeregter Erwartung des morgenden Tages. Sir Percival namentlich war zu unruhig, um 51 nur fünf Minuten an einer Stelle zu bleiben. Sein trocke⸗ ner, kurzer Huſten quälte ihn mehr denn je. Er ging den ganzen Tag ein und aus und ſchien mit einemmale ſo neugierig zu werden, daß er ſogar die Fremden aus⸗ fragte, die mit Botſchaften zum Hauſe kamen. Man füge zu all Dieſem den einen Gedanken in Laura's und meinem Herzen hinzu, daß wir uns morgen trennen ſoll⸗ ten, und die geſpenſtiſche Furcht, die Keine von uns aus⸗ ſprach, daß dieſe unſelige Heirath ſich als der eine ver⸗ derbenbringende Fehler ihres Lebens und der hoffnungs⸗ loſe Schmerz des meinigen erweiſen möge. Zum erſten⸗ male während der vielen Jahre unſeres vertrauten Um⸗ ganges vermieden wir faſt, einander anzuſehen, und ver⸗ mieden es auf ſtillſchweigende Uebereinkunft, nur ein ein⸗ ziges mal während des ganzen Abends mit einander allein zu ſein. Ich kann nicht länger dabei verweilen. Welch künftige Leiden mir auch noch beſtimmt ſein mögen, auf dieſen zweiundzwanzigſten December werde ich immer als auf den troſtloſeſten, kummervollſten Tag meines Lebens zurückblicken. Ich ſchreibe dieſe Zeilen lange nach Mitternacht in der Einſamkeit meines Zimmers, nachdem ich eben heim⸗ lich Laura in ihrem hübſchen weißen Bettchen betrachtet habe, dem Bettchen, in dem ſie ſeit ihrer Kindheit geſchla⸗ fen hat. Da lag ſie, nicht ahnend, daß ich ſie betrachtete, ganz ruhig, ruhiger als ich zu hoffen gewagt, aber nicht ſchla⸗ fend. Der Schimmer des Nachtlichtes zeigte mir, daß ihre Augen nur halb geſchloſſen waren und zwiſchen den Lidern glänzten Thränenſpuren. Mein kleines Andenken, 4* nichts als eine kleine Broche, lag auf dem Tiſchchen neben ihrem Bett und daneben ihr Gebetbuch und ihres Vaters Miniaturbildchen, das ſie mitnimmt, wohin ſie auch gehen mag. Ich ſtand einen Augenblick hinter ihrem Kiſſen und blickte auf ſie herab, wie ſie dalag und der eine Arm ſo weiß auf der weißen Decke ruhte— ſo ſtill, ſo ſanft athmend, daß ſelbſt die Spitzen an ihrem Nachtkleide nicht einmal zitterten, ich ſtand und ſchaute ſie an, wie ich ſie zu tauſend malen angeſchaut, und wie ich ſie niemals wiederſehen werde— und kehrte dann leiſe in mein Zim⸗ mer zurück. Mein einziges Lieb! wie verlaſſen Du biſt trotz all Deines Reichthums und all Deiner Schönheit! Der eine Mann, der ſein Herzblut hergeben würde, um Dir zu dienen, iſt weit von Dir in dieſer ſtürmiſchen Nacht umhergetrieben auf der wüthenden See. Wer bleibt Dir ſonſt noch? Kein Vater, kein Bruder, kein lebendes Weſen, außer einem hülfloſen, nutzloſen Weibe, das dieſe traurigen Zeilen ſchreibt und für Dich den Morgen er⸗ wartet, voll Kummer, den ſie nicht ſtillen, voll Zweifel, die ſie nicht überwinden kann. O, welch ein Schatz ſoll morgen in jenes Mannes Hände gegeben werden! Wenn er jemals vergißt; wenn er je ein Haar ihres Hauptes — verletzt! Den 23. December. Sieben Uhr. Ein wilder, rau⸗ her Morgen. Sie iſt ſoeben aufgeſtanden und iſt wohler und gefaßter, da die Zeit gekommen iſt, als ſie geſtern war. Zehn Uhr. Sie iſt angekleidet. Wir haben einander umarmt und verſprochen, nicht den Muth zu verlieren. Ich bin einen Augenblick auf mein Zimmer gekommen. In dem Tumulte und der Verwirrung meiner Gedanken — 53 bleibt mir noch immer dieſe ſonderbare Idee, daß ſich Etwas ereignen wird, um die Heirath zu verhindern. Hat er etwa daſſelbe Gefühl? Ich ſah ihn durch's Fen⸗ ſter unruhig zwiſchen den an der Thür haltenden Wagen hin und hergehen.— Wie kann ich nur ſo thöricht ſchreiben! Die Heirath iſt gewiß. In weniger als einer halben Stunde brechen wir nach der Kirche auf. Elf Uhr. Es iſt Alles vorüber. Sie ſind verheirathet. Drei Uhr. Sie ſind fort! Ich bin blind vom Wei⸗ nen— ich kann nicht weiter ſchreiben. Aus Miß Halcombe's Tagebuche. (Fortſetzung.) Blackwater Park in Hampſhire. Den 27. Juni.— Sechs Monate, die vergangen ſind, ſechs lange, einſame Monate, ſeit Laura und ich uns zu⸗ letzt geſehen! Wie viele Tage habe ich noch zu warten? Nur einen noch! Morgen am Achtundzwanzigſten kehren die Reiſen⸗ den nach England zurück. Ich kann kaum an mein Glück glauben; ich kann mir kaum vorſtellen, daß die nächſten vierundzwanzig Stunden die letzten meiner Trennung von Laura ſein ſollen! Sie iſt den ganzen Winter über mit ihrem Manne in Italien und darauf in Tyrol geweſen. Sie kommen in Begleitung von Graf Fosco und ſeiner Frau zurück, die ſich in der Umgegend von London niederzulaſſen be⸗ abſichtigen und verſprochen haben, die Sommermonate in Blackwater Park zuzubringen, bis ſie eine paſſende Wohnung gefunden haben. Solange nur Laura wieder⸗ kommt, iſt mir's einerlei, wer noch ſonſt mitkommt. Sir Percival mag ſein Haus meinetwegen vom Erdgeſchoſſe bis unters Dach mit Gäſten anfüllen, wenn nur ſeine Frau und ich noch zuſammen darin wohnen dürfen. — 55 Inzwiſchen bin ich hier in Blackwater Park etablirt,— „dem alten und intereſſanten Landſitze“(wie die Grafſchafts⸗ Chronik mich freundlichſt unterrichtet)„von Sir Percival Glyde, Baronet,“— und zukünftigem Aufenthaltsorte(wie ich jetzt auf eigene Verantwortung hinzufügen kann) der ein⸗ fachen Marianne Halcombe, ledig, augenblicklich in einem gemüthlichen kleinen Wohnzimmer ſitzend, neben ſich eine Taſſe Thee und um ſich herum all ihr irdiſches Hab und Gut, enthalten in drei Reiſekoffern und einem Nachtſacke. Ich verließ Limmeridge geſtern Morgen, nachdem ich den Tag zuvor Laura's lieben, guten Brief aus Paris erhalten hatte. Ich war ungewiß geweſen, ob ich in London oder in Hampſhire mit ihnen zuſammentreffen ſollte, aber in dieſem letzten Briefe ſagte ſie mir, daß Sir Percival in Southampton zu landen und von da gleich nach ſeinem Landſitze zu reiſen beabſichtige. Er hat ſo viel Geld im Auslande ausgegeben, daß ihm nicht genug übrig bleibt, um den Reſt der Saiſon in London zuzubringen, und hat ſparſamerweiſe beſchloſſen, den Som⸗ mer und Herbſt ruhig in Blackwater zu bleiben. Laura hat mehr als hinreichend Aufregung und Abwechſelung ge⸗ habt, und freut ſich auf die ländliche Ruhe und Zurück⸗ gezogenheit, die ihres Mannes Umſicht ihr verſchafft. Was mich betrifft, ſo bin ich bereit, überall glücklich zu ſein, ſolange ich nur bei ihr ſein kann. Demzufolge ſind wir Alle zum erſten Anfange auf verſchiedene Weiſe zufrieden. Vorige Nacht ſchlief ich in London und wurde dort heute ſolange durch allerlei Beſuche und Geſchäfte abge⸗ halten, daß ich erſt nach dem Dunkelwerden in Blackwater anlangte. 56 Nach meinen bisjetzt empfangenen unbeſtimmten Ein⸗ drücken zu urtheilen, iſt es ganz das Gegentheil von Lim⸗ meridge. Das Haus ſteht auf einer ganz flachen Ebene und iſt rings von Bäumen eingeſchloſſen oder vielmehr erſtickt, wie ich mit meinen nordländiſchen Begriffen es faſt nen⸗ nen möchte. Ich habe noch Niemanden geſehen, als den Diener, der mir die Thür öffnete, und die Haushälterin, eine ſehr aufmerkſame, höfliche Frau, die mich auf mein Zimmer führte und mir meinen Thee brachte. Ich habe ein hübſches kleines Wohnzimmer mit Schlafgemach am Ende eines langen Corridors in der erſten Etage. Die Zimmer der Dienerſchaft und noch einige Fremdenzimmer ſind in der zweiten Etage und alle Wohnzimmer im Erd⸗ geſchoſſe. Ich habe noch keins von ihnen geſehen und weiß noch nichts von dem Hauſe, ausgenommen, daß der eine Flügel fünfhundert Jahre alt ſein ſoll, daß es einſt von einem Wallgraben umzogen war, und daß es ſeinen Namen Blackwater von einem kleinen See im Parke erhalten hat. Es hat ſoeben auf geſpenſtiſche, feierliche Weiſe von dem kleinen Thurme über dem Centrum des Hauſes, den ich bei meiner Ankunft geſehen, elf Uhr geſchlagen. Dies hat einen großen Hund erweckt, der irgendwo um eine Ecke herum ganz jämmerlich heult und gähnt. Ich höre das Echo von hallenden Schritten in den Gängen unter mir und das Geräuſch des Vorſchiebens und Schließens von eiſernen Riegeln und Stangen an der Hausthür. Die Dienerſchaft iſt augenſcheinlich im Begriffe, zu Bette zu gehen. Soll ich ihrem Beiſpiele folgen? Nein; ich bin nicht halb ſchläfrig genug. Schläfrig, ſage ich? Mir iſt, als ob ich im ganzen Leben die Augen 57 nicht wieder ſchließen würde. Die bloſe Erwartung, mor⸗ gen das liebe Geſicht wiederzuſehen und die bekannte Stimme wieder zu hören, erhält mich in fortwährender fieberhafter Aufregung. Wenn ich nur die Privilegien eines Mannes hätte, da ließ ich mir ſofort Sir Percival's beſtes Pferd ſatteln und ſprengte in einem Nachtgalop davon nach Oſten zu, der aufgehenden Sonne entgegen, ich ritt im langen, ſchweren, ununterbrochenen, ſtundenlangen Galop dahin, ein Ritt wie der des berüchtigten Straßenräubers zu York. Da ich aber blos ein Weib und deshalb auf Lebens⸗ zeit zu Stillſitzen, Schicklichkeiten und Schleppröcken ver⸗ urtheilt bin, muß ich verſuchen, der Haushälterin keinen Anſtoß zu geben und mich auf irgend eine ſchwächliche weibliche Art und Weiſe zu beruhigen. An Leſen iſt nicht zu denken, ich kann meine Aufmerk⸗ ſamkeit nicht auf ein Buch feſſeln. Ich will ſehen, ob ich mich nicht ſchläfrig ſchreiben kann. Ich habe mein Tage⸗ buch ſeit einiger Zeit ſehr vernachläſſigt. Was kann ich mir, jetzt, da ich an der Schwelle eines neuen Lebens ſtehe, von den Perſonen, Ereigniſſen und Wechſelfällen der letzten ſechs Monate zurückrufen, dem langen, traurigen, leeren Zeitraume ſeit Laura's Hochzeitstage? Walter Hartright ſteht in meiner Erinnerung obenan und geht zuerſt in der ſchattenhaften Prozeſſion meiner abweſenden Liebe an mir vorüber. Ich erhielt ein paar Zeilen von ihm, die er gleich nach ihrer Landung in Hon⸗ duras und etwas heiterer und hoffnungsvoller geſchrieben hatte. Etwa einen Monat oder ſechs Wochen ſpäter ſah ich einen Auszug aus einer amerikaniſchen Zeitung, welcher das Aufbrechen der Abenteurer nach ihrer Reiſe landein⸗ 58 wärts beſchrieb. Man ſah ſie zuletzt, als ſie einen wilden Urwald betraten, Jeder mit ſeiner Flinte auf der Schulter und ſein Gepäck hinter ſich tragend. Seitdem hat man alle Spur von ihnen verloren. Ich habe keine Zeile wieder von Walter geſehen, noch iſt ſeitdem die kleinſte Nachricht über die Expedition in den öffentlichen Blättern erſchienen. Ueber dem Geſchick von Anna Catherick und ihrer Gefährtin Mrs. Clements ſchwebt noch immer daſſelbe undurchdringliche Dunkel. Man hat von Keiner von Bei⸗ den je wieder etwas gehört. Ob ſie im Lande ſind oder in der Fremde, ob lebend oder todt, kein Menſch weiß es. Sogar Sir Percival's Advocat hat alle Hoffnung und zugleich alle ſerneren Nachforſchungen aufgegeben. Unſerm guten alten Freunde, Mr. Gilmore, iſt ein trauriges Hinderniß in ſeinem thätigen Berufsleben ent⸗ gegengetreten. Zu Anfange des Frühlings hörten wir zu unſerer Beſtürzung, daß man ihn bewußtlos an ſeinem Pulte gefunden und die Aerzte erklärt haben, daß es ein Schlagflußanfall ſei. Er hatte längſt über Blutandrang und Eingenommenheit des Kopfes geklagt, und ſein Arzt hatte ihn vor den Folgen gewarnt, die nicht ausbleiben könn⸗ ten, falls er fortfahre, früh und ſpät zu arbeiten, als ob er noch ein junger Mann ſei. Die Folge davon iſt nun, daß ihm entſchiedene Verordnungen ertheilt ſind, auf wenig⸗ ſtens ein Jahr nicht wieder auf ſein Bureau zu gehen und Erholung für Geiſt und Körper in gänzlich veränderter Lebensweiſe zu ſuchen. Das Geſchäft wird demgemäß von ſeinem Compagnon fortgeſetzt, und er ſelbſt iſt augen⸗ blicklich in Deutſchland, wo er Verwandte hat, die als Kaufleute anſäſſig ſind. Auf dieſe Weiſe haben wir noch — einen treuen, zuverläſſigen Freund verloren, doch, wie ich hoffe, nur auf kurze Zeit. Die gute Mrs. Veſey reiſte bis London mit mir. Wir konnten ſie unmöglich zu der Einſamkeit in Limmeridge verurtheilen, nachdem Laura und ich Beide das Haus ver⸗ laſſen, und haben ausgemacht, daß ſie bei einer unverhei⸗ ratheten Schweſter, die eine Penſionsanſtalt in Clapham hat, leben ſoll. Sie ſoll im Herbſte herkommen und ihre Schülerin, ich möchte faſt ſagen ihre angenommene Tochter, beſuchen. Ich begleitete die gute alte Dame, bis ich ſie an ihrem Beſtimmungsorte in Sicherheit ſah, und überließ ſie der Sorgfalt ihrer Schweſter in ſtiller Glückſeligkeit über die Ausſicht, Laura in wenigen Monaten wiederzu⸗ ſehen. Was Mr. Fairlie betrifft, ſo glaube ich mich keiner Ungerechtigkeit ſchuldig zu machen, wenn ich ſage, daß es ihm eine außerordentliche Erleichterung war, ſein Haus von allen Frauenzimmern befreit zu ſehen. Die Idee, daß er ſeine Nichte vermißt hätte, iſt vollkommen widerſinnig, er pflegte ſie in früheren Zeiten monatelang nicht zu ſehen, und was Mrs. Veſey und mich betrifft, ſo erlaube ich mir, ſeine Verſicherung, daß ihm unſere Abreiſe das Herz breche, für das Bekenntniß ſeines innern Jubels, uns loszuwer⸗ den, anzuſehen. Seine jüngſte Laune iſt die, fortwährend zwei Photographen von den Schätzen und Merkwürdig⸗ keiten in ſeinem Beſitze Sonnenbilder abnehmen zu laſſen. Eine vollſtändige Copie dieſer Sammlung von Photogram⸗ men ſoll auf die feinſte Kartenpappe geklebt und mit ſehr ins Auge fallenden Unterſchriften in rothen Buchſtaben dem Arbeiterinſtitute zu Carlisle zum Geſchenk gemacht 60 werden.„Madonna und Chriſtkind von Raphael, Eigen⸗ thum von Frederick Fairlie, Esquire.“—„Unnachahm⸗ liche Skizze von Rembrand. In ganz Europa unter dem Namen„Die Kladde“ bekannt, nach einem Druckflecken in einer Ecke, der in keinem andern Exemplare exiſtirt. Auf dreihundert Guineen geſchätzt. Eigenthum von Frederick Fairlie, Esquire.“—„Kupfermünze aus der Zeit Tig⸗ lath Pileſer's, Eigenthum von Frederick Fairlie, Es⸗ quire.“ Dutzende von dieſen Photogrammen mit ähnlichen Unterſchriften waren bereits vollendet, ehe ich Cumberland verließ, und Hunderte ſind noch anzufertigen. Mit dieſer neuen Beſchäftigung wird Mr. Fairlie auf viele Monate ein glücklicher Mann ſein, und die beiden unglückſeligen Photographen werden das ſociale Märtyrerthum theilen, das bisher auf den Kammerdiener allein gefallen iſt. Soviel über die Perſonen und Ereigniſſe, die den vor⸗ derſten Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Was aber jetzt über die eine Perſon, die den erſten Platz in meinem Herz füllt? Laura iſt, während ich dieſe Zeilen geſchrieben habe, ununterbrochen in meinen Gedanken geweſen. Was weiß ich von ihr während der letzten ſechs Monate, das ich in mein Tagebuch einſchreiben könnte, ehe ich es für heute Abend ſchließe? Ich habe nichts als ihre Briefe, die mir als Führer dienen könnten; und über den wichtigſten aller Gegenſtände, über die unſere Briefe verhandeln können, laſſen ſie mich alle ohne Ausnahme im Dunkeln. Behandelt er ſie mit Güte? Iſt ſie jetzt glücklicher, als da wir an ihrem Hochzeitstage von einander ſchieden? Alle meine Briefe haben dieſe beiden Fragen enthalten, jedes⸗ 1 mal mehr oder weniger deutlich, bald in dieſer, bald in jener Form ausgedrückt; und alle ſind ſie in Bezug auf dieſen einen Punkt allein unbeantwortet geblieben, oder ſo beantwortet, als ob meine Fragen ſich blos auf ihre Ge⸗ ſundheit bezogen hätten. Sie benachrichtigt mich zu wieder⸗ holten malen, daß ſie vollkommen wohl iſt, daß das Reiſen ihr wohl bekommt, das ſie zum erſtenmale in ihrem Leben den Winter ohne Erkältung überſtanden, aber nirgends finde ich ein Wort, das mir ſagte, ſie ſei mit ihrer Heirath ausgeſöhnt und könne jetzt ohne alle Bitterkeit und Reue auf den dreiundzwanzigſten December zurückblicken. Der Name ihres Mannes erſcheint in ihren Briefen nur wie der eines Freundes, der ſie auf der Reiſe begleitet und alle Anordnungen derſelben übernommen hätte.„Sir Perci⸗ val“ hat beſtimmt, daß wir an dem und dem Tage von hier abreiſen.„Sir Percival“ beabſichtigt die und die Reiſe⸗ route zu nehmen. Hin und wieder nennt ſie ihn auch blos „Percival“, aber doch nur ſehr ſelten; in neun Fällen von zehnen gibt ſie ihm ſeinen Titel. Ich kann nicht entdecken, daß ſeine Anſichten und Ge⸗ wohnheiten die ihrigen in irgend einer Hinſicht verändert oder gefärbt hätten. Die gewöhnliche moraliſche Umbil⸗ dung, die faſt unmerklich in einem jungen, friſchen, gefühl⸗ vollen Weibe durch ihre Heirath bewirkt wird, ſcheint nicht mit Laura vorgegangen zu ſein. Sie ſchreibt über ihre Gedanken und Eindrücke unter den Wundern, die ſie geſehen hat, gerade wie ſie wohl an Jemand Anderes geſchrieben haben würde, wenn ich an ihres Mannes Stelle mit ihr gereiſt wäre. Ich ſehe nichts, was mir in irgend einer Beziehung eine zwiſchen ihnen beſtehende Sympathie 62 verriethe. Selbſt wenn ſie von dem Gegenſtande ihrer Reiſen abgeht und ſich mit den Ausſichten beſchäftigt, die ſie bei ihrer Rückkehr nach England erwarten, ſind ihre Betrachtungen immer nur auf ihre Zukunft als meine Schweſter gerichtet und laſſen ihre Zukunft als Sir Perci⸗ val's Gemahlin beharrlich unberückſichtigt. Unter allem Dieſem liegt dabei kein Ton der Klage verborgen, der mir verriethe, daß ſie ſich in ihrer Verheirathung geradezu unglücklich fühlte. Der Eindruck, den ich aus unſerer Corre⸗ ſpondenz empfangen, führt mich, Gott ſei Dank, nicht zu einem ſo traurigen Schluſſe. Ich ſehe nur, wenn ich ſie mir ihren Briefen nach nicht als Schweſter, ſondern als junge Frau vergegenwärtige, eine traurige Erſtarrung, eine unveränderliche Gleichgültigkeit in ihr. Kurz, es hat wäh⸗ rend der letzten ſechs Monate immer noch Laura Fairlie an mich geſchrieben und niemals Lady Glyde. Daſſelbe Schweigen, welches ſie in Bezug auf ihres Mannes Charakter und Betragen beobachtet, trägt ſie auch in ihren wenigen Hindeutungen auf Graf Fosco mit derſel⸗ ben Entſchloſſenheit auf ihres Mannes Buſenfreund über. Aus irgend einem unerklärten Grunde ſcheinen der Graf und ſeine Gemahlin plötzlich im Herbſte ihre Pläne geändert zu haben und nach Wien gegangen zu ſein, anſtatt, wie Sir Percival erwartet hatte, in Rom mit ihnen zuſam⸗ menzutreffen. Sie verließen Wien erſt im Frühling und reiſten dann nach Tyrol, von wo aus ſie mit den jungen Eheleuten die Rückreiſe nach England antraten. Laura ſchreibt ausführlich genug über ihr Begegnen mit ihrer Tante und verſichert mich, daß dieſelbe ſich ſo ſehr zu ihrem Vortheile verändert habe, daß ſie als Frau ſo viel ruhiger 63 und vernünftiger geworden, als ſie vor ihrer Heirath war, daß ich ſie kaum wieder erkennen werde, wenn ich ſie hier wiederſehe. Aber in Bezug auf Graf Fosco(der mich bedeutend mehr intereſſirt als ſeine Frau) iſt ſie unleidlich zurückhaltend und ſchweigſam. Sie ſagt weiter nichts, als daß er ihr ein Räthſel iſt, und daß ſie mir ihre Eindrücke über ihn nicht ſagen will, bis ich ihn ſelbſt geſehen und meine eigene Meinung von ihm gefaßt habe. Dies ſieht meiner Anſicht nach nicht günſtig für den Grafen aus. Laura hat die feine Kindergabe, durch Inſtinct einen Freund zu erkennen, in weit vollkommenerem Grade bewahrt, als die meiſten Leute dieſelbe in ſpäteren Jahren haben; und wenn ich mich in meiner Vermuthung, daß ihr erſter Ein⸗ druck vom Grafen ein ungünſtiger war, nicht täuſche, ſo bin ich meines Theils in Gefahr, dem erlauchten Ausländer zu mißtrauen, ehe ich ihn noch mit einem Auge geſehen habe. Doch Geduld, Geduld, dieſe Ungewißheit und noch manche andere wird nicht viel länger mehr währen. Der morgende Tag wird den Anfang machen, alle meine Zweifel früher oder ſpäter zu löſen. Es hat ſoeben Zwölf geſchlagen, und ich komme zurück, um dieſe Blätter zu ſchließen, nachdem ich einen Blick aus meinen offenen Fenſter geworfen. Es iſt eine ſtille, ſchwüle, mondloſe Nacht. Nur we⸗ nige blaſſe Sterne ſtehen am Himmel. Die Bäume, die auf allen Seiten die Ausſicht verſperren, ſehen in der Ent⸗ fernung ſchwarz und feſt aus, wie eine Felſenmauer. Ich höre das Quaken der Fröſche, ſchwach und von Weitem her, und das Echo der großen Glocken ſummt in der luft⸗ loſen Stille, lange nachdem die Schläge aufgehört haben. 64 Es ſoll mich verlangen, wie Blackwater Park bei Tage ausſieht. Ich kann nicht ſagen, daß der Ort mir bei Nacht beſonders gefiele. Den 28. December.— Ein Tag der Nachforſchungen und Entdeckungen— aus vielen Gründen ein weit in⸗ tereſſanterer Tag, als ich zu erwarten gewagt hatte. Ich begann natürlich mit den Sehenswürdigkeiten des Hauſes. Das Hauptgebäude ſtammt aus der Zeit jener unend⸗ lich überſchätzten Frau, der Königin Eliſabeth. Im Erd⸗ geſchoſſe ſind zwei ungeheuer lange, niedrige Gallerien, die mit einander parallel laufen, und durch ſcheußliche Fami⸗ lienportraits, die ich alle ohne Ausnahme verbrennen möchte, ein doppelt düſteres und ſchauerliches Ausſehen erhalten. Die Zimmer, welche oberhalb dieſer Gallerien liegen, ſind in ziemlich gutem Stande gehalten, werden aber ſelten benutzt. Die höfliche Haushälterin, die mich als Führerin begleitete, erbot ſich, ſie mir zu zeigen, fügte aber rückſichtsvoll hinzu, ſie fürchte, ich werde ſie etwas in Un⸗ ordnung finden. Meine Achtung für die Unbeflecktheit meiner Röcke und Strümpfe geht indeſſen meiner Achtung für alle Eliſabethiſchen Schlafgemächer des Königreichs unbedingt vor; und ich ſchlug daher mit Entſchiedenheit eine Entdeckungsreiſe in den höheren Regionen aus, die nur mit Gefahren für meine ſchöne weiße Wäſche unternom⸗ men werden konnte. Die Haushälterin ſagte:„ich bin ganz Ihrer Anſicht, Miß,“ und ſchien in mir das ver⸗ ſtändigſte Frauenzimmer zu erkennen, daß ihr ſeit langer Zeit vorgekommen. Soviel alſo über das Hauptgebäude. An jedem Ende 5 3 65 deſſelben iſt ein Flügel angebaut. Der halb verfallene Flügel links(wie man ſich dem Hauſe nähert) war einſt ein allein ſtehendes Wohngebäude und wurde im vierzehnten Jahr⸗ hundert erbaut. Eine von Sir Percival's mütterlichen Vorfahren— ich erinnere mich nicht, welche es war, und es iſt mir auch einerlei— ließ zur beſagten Zeit der Königin Eliſabeth das Hauptgebäude im rechten Winkel daran flicken. Die Haushälterin ſagte mir, daß die Architektur des„alten Flügels“ inwendig ſowohl als auswendig von Sachverſtändigen für außerordentlich ſchön erklärt werde. Nach einer ferneren Unterſuchung kam ich zu der Ueber⸗ zeugung, daß die Sachverſtändigen erſt dieſer Anſicht in Bezug auf Sir Percival's Exemplar aus dem Alterthume werden konnten, nachdem ſie ſich vorher aller Furcht vor Feuchtigkeit, Finſterniß und Ratten entſchlagen. Unter dieſen Umſtänden gab ich ohne alles Zaudern zu, daß ich keine Sachverſtändige ſei und ſchlug vor, daß wir es mit dem„alten Flügel“ machten, wie wir es ſchon mit dem Eliſabeth'ſchen Schlafgemächern gemacht. Die Haushäl⸗ terin ſagte nochmals,„ich bin ganz Ihrer Anſicht, Miß,“ und ſah mich zum zweitenmale mit einem Ausdrucke der unverkennbarſten Bewunderung für meinen außerordent⸗ lich geſunden Verſtand an. Wir gingen dann zum rechten Flügel über, der, um den wunderbaren architektoniſchen Miſchmaſch von Blackwater Park zu vollenden, zur Zeit Georg's des Zweiten erbaut war. Dies iſt der bewohnbare Theil des Hauſes, welcher um Laura's willen inwendig ausgebeſſert und neu einge⸗ richtet worden iſt. Meine beiden Zimmer und alle die beſten Schlafzimmer liegen in der erſten Etage und im Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 5 Erdgeſchoſſe: das Geſellſchaftszimmer, Wohnzimmer, Eß⸗ zimmer, eine Bibliothek und ein hübſches kleines Boudoir für Laura, die alle ſehr hübſch nach neuer Mode verziert und elegant mit all' den herrlichen neuen Luxusgegenſtän⸗ den möblirt ſind. Keine von den Stuben ſind an Größe und Luftigkeit mit unſeren Stuben in Limmeridge zu ver⸗ gleichen; aber ſie haben alle ein gemüthliches Ausſehen. Ich war nach dem, was ich in Blackwater gehört, in einer ſchrecklichen Angſt geweſen, daß ich dort nichts als antike, ſteife Stühle, klöſterlich bemalte Fenſter, dumpfige, ver⸗ moderte Vorhänge und all jenen barbariſchen Plunder fin⸗ den werde, den Leute, die ohne jeglichen Begriff von Com⸗ fort geboren ſind, ohne alle Rückſicht auf das, was ſie ihren Bekannten ſchuldig ſind, um ſich anhäufen. Es nimmt mir daher einen außerordentlichen Stein vom Herzen, zu finden, daß das neunzehnte Jahrhundert in dieſe meine neue Heimat gedrungen und die garſtige„gute alte Zeit“ aus den Pfaden meines täglichen Lebens hier verdrängt hat.— Ich verbrachte den Morgen theils in den Zimmern des Erdgeſchoſſes, theils außen in dem Quadrate, das von den drei Seiten des Hauſes und dem hohen Eiſen⸗ gitter mit dem Thore, das es von vorne ſchützt, gebildet wird. Ein großer runder Fiſchteich mit ſteinernen Seiten und einem allegoriſchen bleiernen Ungeheuer in der Mitte bildet den Mittelpunkt des Vierecks. Der Teich iſt voller Gold⸗ und Silberfiſchchen, und von dem weichſten Raſen⸗ gürtel eingefaßt, den ich je betreten habe. Ich zögerte hier auf der ſchattigen Seite ziemlich zufrieden bis zur Gabelfrühſtücksſtunde; nach derſelben nahm ich meinen großen runden Hut und wanderte ohne Begleitung in snnt.ne —— — — den ſchönen warmen Sonnenſchein hinaus, um mir die Parkanlagen anzuſehen. Das Tageslicht beſtärkte den Eindruck vom Abende vorher, daß es nämlich im Blackwater zu viele Bäume gebe. Sie erſticken das Haus förmlich. Es ſind meiſtens junge Bäume, und viel zu dicht gepflanzt. Ich denke mir, daß vor Sir Percival's Zeiten auf der ganzen Beſitzung auf ſehr verſchwenderiſche Weiſe Nutzholz gehauen worden, und daß der nächſte Beſitzer voll empörter Beſorgniß ge— weſen, die Lücken möglichſt ſchnell wieder zu füllen. Indem ich mich vor dem Hauſe umſchaute, bemerkte ich zu meiner Linken einen Blumengarten und ging darauf zu, um zu ſehen, was ich in dieſer Richtung entdecken werde. Der Garten erwies ſich in der Nähe als klein, unbe⸗ deutend und ſchlecht gehalten. Ich ließ ihn hinter mir, trat durch ein kleines Pförtchen in der Hecke, und befand mich in einer Tannenpflanzung. Ein hübſcher, künſtlicher Pfad ſchlängelte ſich durch die Bäume und ich ſchritt auf ihm weiter, wobei meine Erfahrungen im Norden mich belehrten, daß ich mich ſandigem, haidigem Boden näherte. Nachdem ich wohl mehr als eine halbe(eng⸗ liſche) Meile weit unter den Bäumen dahinſpazirt war, machte der Pfad plötzlich eine ſcharfe Wendung; die Bäume hörten zu beiden Seiten auf und ich ſah mich am Rande einer großen offenen Ebene und auf den Black⸗ water See hinab, der dem Hauſe dieſen Namen gibt. Der Boden, der ſich vor mir hin abwärts zog, war lauter Sand, einige haidige kleine Hügel ausgenommen, welche hie und da die Einförmigkeit unterbrachen. Der See war einſt offenbar bis an die Stelle gekommen, an der .5* 68 ich ſtand, und war allmälig bis auf den dritten Theil ſeines ehemaligen Umfanges eingetrocknet. Ich ſah wie ſeine ſtillen, faulen Waſſer etwa eine Viertelmeile von mir in einer Vertiefung von verſchlungenem Schilfe, Rohre und von kleinen Erdhügeln in Sümpfe und Pfützen getheilt wurde. Auf dem mir gegenüberliegenden Ufer erhob ſich wieder dies Gebüſch, das die Ausſicht verbarg und ſeine düſteren Schatten auf das träge, flache Waſſer warf. Als ich zum See hinabging, ſah ich, daß der Boden am ent⸗ gegengeſetzten Ende deſſelben feucht und ſumpfig und mit üppigem Graſe und Trauerweiden bewachſen war. Das Waſſer, welches auf der offenen ſandigen Seite, wo die Sonne ſchien, ziemlich klar war, ſah mir gegenüber, wo es tiefer in dem Schatten des ſchwammigen Ufers und dich⸗ ten überhängenden Gebüſches lag, ſchwarz und giftig aus. Die Fröſche quakten und die Ratten ſchlüpften, als ich der ſumpfigen Seite des Sees näher kam, in dem ſchattigen Waſſer ſelbſt wie lebendige Schatten ausſehend ein und aus. Ich ſah hier, halb aus dem Waſſer herausragend, das verfaulte Wrack eines umgeworfenen alten Bootes lie⸗ gen, und auf ſeine trockene Oberfläche fiel durch eine Lücke in den Bäumen hindurch ein ſchwacher Fleck von Sonnen⸗ licht, in deſſen Mitte eine Natter, phantaſtiſch zuſammen⸗ gerollt, verrätheriſch ſtill dalag. Nah und fern machte die Ausſicht nur denſelben traurigen Eindruck von Einſamkeit und Verfall, und die helle Pracht des Sonnenhimmels über mir ſchien die Düſterheit und Kahlheit der Wildniß, auf die ſie herableuchtete, nur noch fühlbarer zu machen. Ich wandte mich um und ging dem höher gelegenen, haide⸗ artigen Boden, und von meinem früheren Pfade ein wenig —,— — ,69 abweichend, einem ärmlichen kleinen hölzernen Schuppen zu, der am äußerſten Rande der Pflanzung ſtand und zu unbedeutend war, um bisher meine Aufmerkſamkeit mit der großen wilden Ausſicht über den See hin zu theilen. Als ich mich dem Schuppen nahte, fand ich, daß es früher ein Boothaus geweſen war, und daß dem Anſcheine nach ſpäter ein Verſuch gemacht worden, es zu einer Art rohen Luſthäuschens zu machen, in das man eine Bank von Tannenäſten, ein paar Seſſel und einen Tiſch hinein⸗ ſtellte. Ich trat hinein, um mich ein wenig auszuruhen und wieder zu Athem zu kommen. Ich war kaum eine Minute in dem Boothauſe ge⸗ weſen, als ich gewahr wurde, daß meine ſchnellen Athem⸗ züge ſeltſamerweiſe irgendwo unter mir ein Echo fanden. Ich horchte einen Augenblick mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit, und hörte ein leiſes Röcheln, das unter der Bank hervorzukommen ſchien, auf der ich ſaß. Meine Nerven werden nicht leicht durch Kleinigkeiten erſchüttert, aber bei dieſer Gelegenheit ſprang ich erſchrocken auf, rief, er⸗ hielt keine Antwort, ſammelte meinen abhanden gekom⸗ menen Muth, und blickte unter die Bank. Da, im fernſten Winkel kauernd, lag die hülfloſe Ur⸗ ſache meines Schreckens in der Geſtalt eines armen kleinen Hundes, ein kleiner ſchwarz und weißer Wachtelhund. Das Thierchen winſelte matt, als ich es anſah und zu mir lockte, rührte ſich aber nicht. Ich rückte die Bank fort und blickte näher hin. Des armen Hündchens Augen umzogen ſich ſchnell, und auf ſeinen weißen Weichen wa⸗ ren Blutflecke. Der Jammer eines armen, ſchwachen, hülf⸗ loſen, ſtummen Geſchöpfes iſt doch von allen Anblicken ——— — —— — der Welt der traurigſte. Ich nahm das arme Thier ſo zart wie mir nur möglich war vom Boden auf und legte es in eine Art improviſirter Hängematte, indem ich rund um es her die Falten meines Kleiderrockes aufnahm. Auf dieſe Weiſe trug ich es dann ſo ſchmerzlos und ſo ſchnell als möglich nach dem Hauſe zurück. Da ich Niemanden im Vorſale fand, ging ich ſofort auf mein Wohnzimmer, machte aus einem meiner alten Shawls ein Bett für das Thierchen und klingelte dann. Das größte und corpulenteſte aller denkbaren Stuben⸗ mädchen erſchien in einem Zuſtande munterer Einfältig⸗ keit, die für die Geduld einer Heiligen zu viel geweſen wäre. Ihr dickes, formloſes Geſicht dehnte ſich zu einem breiten Grinſen aus, als ſie das verwundete Thierchen am Boden erblickte. „Was ſiehſt Du denn da zu lachen?“ fragte ich ſo aufgebracht, wie wenn ſie meine eigene Dienerin geweſen wäre.„Weißt Du, wem der Hund gehört?“ „Nein, Miß, das weiß ich nicht.“ Sie bückte ſich und ſah die verwundete Seite des Thierchens an, dann er⸗ hellte ſich ihr Geſicht plötzlich wie durch eine Eingebung, und mit einem Kichern der Zufriedenheit auf die Wunde deutend, ſagte ſie:„Das hat Baxter gethan, das.“ Ich war ſo entrüſtet, daß ich ſie hätte ohrfeigen können. „Baxter?“ ſagte ich,„wer iſt das Thier, das Du Baxter nennſt?“ Das Mädchen grinſte breiter denn je.„Mein Gott, Miß, Baxter iſt der Holz⸗ und Wildwärter, und wenn er hier fremde Hunde jagen findet, ſo geht er und ſchießt ſie, ja. Das iſt den Wildwärter ſeine Pflicht, Miß. Der Hund wird wohl ſterben. Dies iſt die Stelle, wo er geſchoſſen worden iſt, nicht wahr? Das hat Baxter gethan, Miß, hat er. Baxter hat's gethan, Miß, und 's iſt Baxter's Pflicht, ja.“ Ich war beinahe ſchlecht genug zu wünſchen, Baxter hätte lieber das Stubenmädchen anſtatt des Hundes an⸗ geſchoſſen.— Da ich ſah, daß es nutzlos ſei, von dieſem begriffsloſen Frauenzimmer Hülfe für den kleinen Hund zu erwarten, erſuchte ich ſie, der Haushälterin meine Empfehlung zu machen und ſie zu bitten, zu mir zu kom⸗ men. Sie ging, wie ſie gekommen war, von einem Ohr bis zum andern grinſend. Als ſie die Thür ſchloß, ſagte ſie noch einmal leiſe vor ſich hin:„Das hat Baxter ge⸗ than, und es war Baxter ſeine Pflicht, war es.“ Die Haushälterin, eine Perſon, die einige Erziehung und Intelligenz beſitzt, brachte vorſorglicherweiſe etwas Milch und warmes Waſſer mit herauf. Sowie ſie den Hund am Boden erblickte, machte ſie eine Bewegung und wechſelte die Farbe. „Du mein Gott!“ rief ſie aus,„das muß Mrs. Ca⸗ thericks Hund ſein!“ „Weſſen Hund?“ fragte ich im höchſten Erſtaunen. „Mes. Catherick’s. Sie ſcheinen Mrs. Catherick zu kennen, Miß Halcombe?“ „Nicht perſönlich. Aber ich habe von ihr gehört. Wohnt ſie hier. Hat ſie Nachrichten von ihrer Tochter gehabt?“ „Nein, Miß Halcombe. Sie kam, um ſich bei uns nach ihr zu erkundigen.“ „Wann?“ „Erſt geſtern. Sie ſagte, ſie habe gehört, daß Jemand eine Fremde, deren Beſchreibung der ihrer Tochter ent⸗ ſpräche, in dieſer Umgegend geſehen habe. Wir haben aber davon nichts gehört, noch wußte man im Dorfe etwas davon, als ich hinſchickte und für Mrs. Catherick Erkun⸗ digungen einziehen ließ. Sie brachte jedenfalls dieſen kleinen Hund mit ſich, als ſie kam, und ich ſah ihn hinter ihr drein traben, als ſie wieder fort ging. Vermuthlich verirrte ſich das kleine Thier in der Pflanzung und wurde geſchoſſen. Wo fanden Sie es, Miß Halcombe?“ „In dem alten Schuppen am See.“ „Ach ja, das iſt auf der Seite der Pflanzung, und das arme Thier ſchleppte ſich an den nächſten geſchützten Ort, wie die Hunde thun, um zu ſterben. Wenn Sie ihm ein wenig Milch einflößen wollen, Miß Halcombe, ſo will ich unterdeſſen ſehen, ob ich ſein zuſammengekleb⸗ tes Haar von der Wunde abwaſchen kann. Ich fürchte indeſſen ſehr, daß es bereits zu ſpät iſt, um das Thier⸗ chen zu retten; doch können wir's ja verſuchen.“ Mrs. Catherick! Der Name klang mir noch immer in den Ohren, als ob die Haushälterin mich ſoeben erſt da⸗ durch in Erſtaunen geſetzt hätte. Während wir uns mit dem Hunde beſchäftigten, erinnerte ich mich Walter Har⸗ tright's warnender Worte:„Sollte Ihnen je auf Ihrem Pfade Anna Catherick begegnen, Miß Halcombe, da machen Sie beſſern Gebrauch von Ihrer Gelegenheit als ich von der meinigen gemacht habe.“ Das Finden des verwun⸗ deten Hündchens hatte mich bereits Mrs. Catherick'’s Be⸗ ſuch in Blackwater Park entdecken laſſen; und dieſe Ent⸗ deckung konnte mich weiter führen. Ich beſchloß, die mir gebotene Gelegenheit auszubenten und mir jede mögliche Auskunft zu verſchaffen. „Sagten Sie nicht, Mrs. Catherick wohne in der Nachbarſchaft?“ fragte ich. „O nein,“ ſagte die Haushälterin.„Sie wohnt in Welmingham, ganz am andern Ende der Grafſchaft, volle fünfundzwanzig Meilen von hier.“ „Sie kennen Mrs. Catherick vermuthlich ſchon lange?“ „Im Gegentheile, Miß Halcombe; ich ſah ſie geſtern zum erſtenmal. Ich hatte natürlich von ihr gehört, da man mir von Sir Percival's Güte erzählt hatte, indem er ihrer Tochter ärztliche Aufſicht und Behandlung ver⸗ ſchaffte. Mrs. Catherick iſt in ihren Manieren etwas ſon⸗ derbar, aber übrigens ſieht ſie recht anſtändig aus. Sie ſchien ſehr betrübt darüber, als ſie fand, daß an dem Gerüchte, ihre Tochter ſei in dieſer Gegend geſehen wor⸗ den, nichts Wahres ſei— wenigſtens ſoviel wir erfahren konnten.“ „Ich fühle einiges Intereſſe für Mrs. Catherick,“ ſagte ich in dem Wunſche, die Unterhaltung ſo lange wie möglich fortzuſetzen.„Ich wollte, ich wäre geſtern früh genug hier angelangt, um ſie zu ſehen. Blieb ſie ziemlich lange da?“ „Ja,“ ſagte die Haushälterin,„ſie blieb eine ziemliche Weile. Und ich denke mir, ſie wäre noch länger geblieben, wäre ich nicht abgerufen worden, um mit einem fremden Herrn zu ſprechen, einem Herrn, der zu fragen kam, wann Sir Percival zurückerwartet werde. Mrs. Catherick ſtand ſogleich auf und ging, als ſie das Mädchen die Beſtellung von dem Herrn bringen hörte. Beim Abſchiede ſagte ſie, es ſei unnöthig, Sir Percival etwas davon zu ſagen, daß „ 74 ſie hier geweſen ſei. Ich fand die Bemerkung etwas ſon⸗ derbar, namentlich mir gegenüber in meiner verantwort⸗ lichen Stellung.“ Ich fand dies ebenfalls; denn Sir Percival hatte mich in Limmeridge glauben laſſen, daß vollkommenes Zutrauen zwiſchen ihm und Mrs. Catherick beſtehe. Wenn dies aber der Fall war, warum wünſchte ſie ihm da ihren Beſuch in Blackwater Park zu verheimlichen? „Vermuthlich,“ ſagte ich, da ich ſah, daß die Haushäl⸗ terin meine Meinung über Mrs. Catherick's Abſchieds⸗ worte zu hören erwartete,„vermuthlich dachte ſie, die Nach⸗ richt ihres Beſuchs werde Sir Percival unnöthigerweiſe verdrießen, indem er ihn daran erinnerte, daß ihre ver⸗ lorene Tochter noch immer nicht gefunden ſei. Sprach ſie viel über den Gegenſtand?“ „Sehr wenig,“ entgegnete die Haushälterin.„Sie ſprach meiſtens von Sir Percival und that eine Menge Fragen über ſeine Reiſen und ſeine junge Gemahlin. Es ſchien ſie überhaupt mehr zu verdrießen als zu betrüben, daß ſie keine Spur von ihrer Tochter entdecken konnte. „Ich gebe ſie auf,“ waren, ſoviel ich mich entſinne, die letzten Worte, die ſie darüber ſagte;„ich gebe ſie als ver⸗ loren auf, Madame,“ und dann ging ſie gleich zu ihren Fragen in Bezug auf Lady Glyde über; ſie wollte wiſſen, ob ſie eine ſchöne und liebenswürdige Dame, ob ſie lieblich, gefund und jung— ach Gott! ich dachte mir wohl, daß es ſo enden werde. Sehen Sie, Miß Halcombe, das arme Thier hat's endlich überſtanden. Der Hund war todt. Er hatte etwas wie ein ſchwaches Röcheln ausgeſtoßen, und es hatte die Glieder ein kurzes 6 6 — 75— Zucken durchlaufen, gerade als jene letzten Worte:„lieblich, geſund und jung“ fielen. Die Veränderung war erſchreckend plötzlich eingetreten, in einer Minute lag das kleine Thier leblos in unſeren Händen. Acht Uhr. Ich kehre ſoeben von meinem einſamen Staatsdiner zurück. Der Sonnenuntergang glüht roth über der Wildniß von Bäumen, die ich von meinem Fenſter aus ſehe, und ich ſitze wieder bei meinem Tagebuche, um die Ungeduld zu bemeiſtern, die mir die Erwartung der Ankunft der Reiſenden verurſacht. Sie ſollten meiner Be⸗ rechnung nach ſchon hier ſein. Wie ſtill und einſam dies Haus in der ſchläfrigen Abendruhe iſt! O, wie viele Mi⸗ nuten noch, bis ich die Räder auf dem Sande höre, hin⸗ unterlaufe und Laura in den Armen halte? Das arme Hündchen! Ich wollte, daß der erſte Tag meines Aufenthaltes in Blackwater Park nicht mit einem Tode zu thun gehabt hätte, wenngleich es nur der Tod eines verlaufenen Thieres war. Welmingham— inden ich in dieſen Blättern zurück⸗ blicke, ſehe ich, daß dies der Name des Ortes iſt, wo Mrs. Catherick wohnt. Ihr Brief iſt noch in meinem Beſitze, jener Brief, welchen ſie als Antwort auf den meinigen, den Sir Percival mich zu ſchreiben nöthigte, in Bezug auf ihre arme Tochter, ſchrieb. Nächſter Tage, wenn ich eine ſichere Gelegenheit dazu ſinden kann, will ich dieſen Brief als Empfehlungsſchreiben mitnehmen und ſehen, was ich in einer perſönlichen Zuſammenkunft aus Mrs. Catherick machen kann. Ich begreife ihren Wunſch, Sir Percival, ihren Beſuch in Blackwater zu verheimlichen nicht, und bin nicht halb ſo überzeugt davon, wie die Haushälterin zu ſein —— 76 ſcheint, daß ihre Tochter nicht doch am Ende in der Um⸗ gegend iſt. Was hätte Walter Hartright in dieſem drin⸗ genden Falle geſagt? Armer, lieber Hartright! Ich fange ſchon an, ſeinen redlichen Rath und ſeine bereitwillige Hülfe zu vermiſſen. Horch! Gewiß ich hörte etwas? Ja! ich höre unten das Geräuſch eiliger Füße. Ich höre den Trab der Pferde, das Knirſchen der Räder. Fort mit Tagebuch, Papier und Tinte! Die Reiſenden ſind zurück— mein Liebling, meine Laura iſt endlich wieder da! Den 1. Juli.— Die Verwirrung ihrer Ankunft hat Zeit gehabt, ſich zu legen. Es ſind zwei Tage ſeit der Ankunft der Reiſenden vergangen, und dieſer Zwiſchen⸗ raum hat hingereicht, um die neue Maſchinerie unſerer Lebensweiſe in Blackwater Park völlig in Gang zu brin⸗ gen. Ich darf jetzt mit einiger Ausſicht, meine Berichte mit gewohnter Faſſung fortzuſetzen, zu meinem Tagebuche zurückkehren. Ich denke, ich mache den Anfang mit einer ſonder⸗ baren Bemerkung, die ſich mir ſeit Laura's Rückkehr auf⸗ gedrungen hat. Wenn zwei Mitglieder einer Familie, oder zwei ver⸗ traute Bekannte ſich trennen und das eine ins Ausland reiſt, das andere aber zu Hauſe bleibt, da ſcheint die Rück⸗ kehr des verreiſt geweſenen das zurückgebliebene zuerſt auf peinliche Weiſe in den Nachtheil zu ſtellen. Das plötzliche Begegnen der neuen Gedanken und Gewohnheiten, eifrig 77 gepflegt wie ſie ſind, auf der einen, und den alten Gedanken und Gewohnheiten, wie ſie paſſiv beibehalten wurden, auf der andern Seite, ſcheint zuerſt die Sympathien der zärt⸗ lichſten Verwandten und vertrauteſten Freunde zu trennen und eine plötzliche Entfremdung zwiſchen Beiden hervorzu⸗ bringen, die Keines von Beiden weder erwartete noch zu bemeiſtern im Stande iſt. Nachdem die erſte Freude des Wiederſehens zwiſchen mir und Laura vorüber war, nach⸗ dem wir uns Hand in Hand nebeneinander geſetzt, um Athem und Faſſung zum Sprechen zu finden, fühlte ich augenblicklich dieſe Entfremdung und konnte ſehen, daß auch ſie dieſelbe fühlte. Jetzt, da wir die meiſten unſerer alten Gewohnheiten wieder aufgenommen, iſt ſie zum Theil be⸗ reits wieder verſchwunden und wird es wahrſcheinlich bin⸗ nen Kurzem ganz ſein. Aber ſie hat jedenfalls jetzt, da wir wieder zuſammen leben, einen Einfluß auf meine erſten Eindrücke von Laura geübt, und aus dieſem Grunde hielt ich es für angemeſſen, der Sache hier zu erwähnen. Sie hat mich unverändert gefunden, aber ich finde ſie verändert. Verändert im Aeußern und in einer Beziehung auch verändert im Charakter. Ich kann nicht gerade ſagen, daß ſie weniger ſchön iſt, als ſonſt; ich ſage nur, daß ſie für mich weniger ſchön iſt. Andere, die ſie nicht mit meinen Augen und meinen Erinnerungen anſehen, finden ſie wahr⸗ ſcheinlich ſchöner. Es iſt mehr Farbe auf ihren Wangen, und die Umriſſe ihres Geſichtes ſind beſtimmter und run⸗ der, als ſie zu ſein pflegten; ihre Geſtalt ſcheint mehr ausgebildet und ihre Bewegungen ſicherer und unbefan⸗ gener, als ſie zu ihrer Mädchenzeit waren. Aber es fehlt 78 mir etwas, wenn ich ſie anſehe— etwas, das dem glücklichen, unſchuldigen Leben Laura Fairlie's angehörte, und das ich in Lady Glyde vergebens ſuche. Es lebte in alten Zeiten etwas ſo Friſches, Sanftes, immer Wech⸗ ſelndes und doch Bleibendes in der zarten Schönheit ihres Geſichts, deſſen Zauber mit Worten zu beſchreiben oder ſelbſt zu malen unmöglich war, wie der arme Har⸗ tright oft zu ſagen pflegte. Dies iſt fort. Mir war als ſähe ich einen ſchwachen Widerſchein davon, als ſie am Abende ihrer Rückkehr bei der Gemüthsbewegung, die ihr unſer plötzliches Begegnen verurſachte, erbleichte; aber ſeitdem habe ich nichts wieder davon geſehen. Keiner ihrer Briefe hatte mich darauf vorbereitet, ſie perſönlich verändert zu finden. Im Gegentheil, ſie hatten mich er⸗ warten laſſen, daß ſie im Aeußern wenigſtens nach ihrer Heirath dieſelbe geblieben, die ſie vorher war. Vielleicht las ich ihre Briefe in der Vergangenheit nicht richtig, und verſtehe ſie ſelbſt jetzt in der Gegenwart nicht ganz? Doch einerlei! Ob ſie während der letzten ſechs Monate an Schönheit gewonnen oder verloren haben mag, die Trennung hat ihr liebes Selbſt mir jedenfalls koſtbarer denn je gemacht, und das iſt doch wenigſtens eine gute Folge ihrer Heirath! Die zweite Veränderung, die, welche ich in ihrem Charakter wahrgenommen habe, hat mich nicht überraſcht, da ich durch den Ton ihrer Briefe darauf vorbereitet war. Jetzt, da ſie zu Hauſe iſt, finde ich, daß ſie ebenſo ungern von ihrem Verhältniſſe zu ihrem Manne ſpricht, als ſie vorher darüber ſchrieb. Bei meiner erſten An⸗ ſpielung auf dieſen verbotenen Gegenſtand legte ſie ihre Hand auf meine Lippen, und zwar mit einem Blicke und einer Bewegung, die mich auf rührende, ja faſt ſchmerz⸗ hafte Weiſe an die glückliche Vergangenheit erinnerten, da wir keine Geheimniſſe vor einander hatten. „Wenn wir Beide zuſammen ſind, Marianne,“ ſagte ſie,„werden wir glücklicher und unbefangener miteinander ſein, wenn wir meine Heirath als das annehmen, was ſie iſt, und ſo wenig als möglich darüber ſprechen und daran denken. Ich würde Dir Alles erzählen, herzige Schweſter, was mich ſelbſt betrifft,“ fuhr ſie eifrig, mit der Schnalle an meinem Gürtel beſchäftigt, fort,„wenn meine Mittheilungen da enden könnten. Aber das wäre nicht der Fall— ſie wür⸗ den zu Mittheilungen über meinen Mann führen, die ich jetzt, da ich einmal verheirathet bin, um ſeinetwillen, um Deinetwillen und meinetwillen lieber vermeiden will. Ich will damit nicht ſagen, daß ſie Dich oder mich betrüben würden— das wollte ich um die Welt nicht damit andeu⸗ ten. Aber— mich verlangt ſo danach, glücklich zu ſein, jetzt, da ich Dich wieder habe, und auch Dich glücklich zu ſehen—“ ſie unterbrach ſich plötzlich und ſchaute ſich rings im Zimmer— mein Wohnzimmer, in welchem wir uns unterhielten— um.„Ach!“ rief ſie, indem ſie mit einem fröhlichen Lächeln des Erkennens die Hände zuſammen⸗ ſchlug,„da finde ich ſchon wieder eine alte Bekanntſchaft! Dein Bücherſchrank, Marianne, Dein lieber, alter, ſchäbi⸗ ger kleiner Bücherſchrank von Atlasholz— ich freue mich ſo, daß Du ihn aus Limmeridge mit fortgebracht haſt! Und Dein Arbeitskäſtchen, gerade ſo unordentlich wie ſonſt! Und der abſcheuliche, ſchwere Herrn⸗Regenſchirm, auf den Du ſo verſeſſen warſt, wenn es regnete! Und vor Allem, Dein eigenes liebes, braunes, kluges Zigeunergeſicht, das mich wieder wie ſonſt anblickt! Es iſt ſo heimatlich hier! Wie können wir es nur noch mehr ſo machen? Ich will meines Vaters Bild in Deiner Stube aufhängen, anſtatt in der meinigen, und alle meine kleinen Schätze aus Lim⸗ meridge hier aufſtellen, und dann wollen wir viele Stunden des Tages zwiſchen dieſen freundſchaftlichen vier Wänden zuſammen zubringen. O, Marianne!“ ſagte ſie, ſich plötz⸗ lich auf eine kleine Fußbank zu meinen Füßen ſetzend und mir ernſt ins Geſicht ſehend,„verſprich mir, daß Du Dich nie verheirathen und mich verlaſſen willſt. Es iſt ſehr egoiſtiſch von mir, dies zu ſagen, aber Du biſt unverhei⸗ rathet ſoviel beſſer daran, wenn— wenn Du Deinen Mann nicht gerade ſehr, ſehr lieb haſt— aber Du wirſt niemanden als mich ſehr, ſehr lieb haben, wie, Marianne?“ Sie hielt wieder inne, legte meine Hände auf meinem Schooße übereinander und ihr Geſicht auf ſie.„Haſt Du kürzlich viele Briefe geſchrieben und erhalten?“ ſagte ſie mit leiſer, plötzlich veränderter Stimme. Ich verſtand, was ſie meinte, aber ich hielt es für meine Pflicht, ſie nicht darin zu beſtärken, indem ich ihr auf halbem Wege ent⸗ gegenkäme.„Haſt Du von ihm gehört?“ fuhr ſie fort, indem ſie ſchmeichelnd meine Hände küßte, damit ich ihr dieſe noch directere Frage vergebe.„Iſt er wohl und glücklich, und geht es ihm gut in ſeinem Berufe? Hat er ſich ganz beruhigt und hat er mich vergeſſen?“ Sie hätte dieſe Fragen nicht thun, hätte ſich ihres Ent⸗ ſchluſſes von jenem Morgen erinnern ſollen, an dem Sir Percival ſie an ihr Verſprechen hielt und ſie Hartright's kleines Album auf immer in meine Hände gab. Aber ach! wo iſt das tadelloſe, menſchliche Weſen, das einen guten Entſchluß durchführen kann, ohne jemals zu wanken? Wo das Weib, dem es gelang, das Bild einer wahren Liebe je ganz aus ihrem Herzen zu tilgen? Die Bücher ſagen uns wohl, daß es ſolche überirdiſche Weſen gegeben— was aber kann nicht darin unſere eigene Erfahrung den Büchern Alles entgegenhalten? Ich verſuchte nicht, ihr Vorſtellungen zu machen: viel⸗ leicht weil ich die furchtloſe Offenheit, die mir ſo unver⸗ hohlen Das zeigte, was andere Frauen in ihrer Lage viel⸗ leicht zu verbergen Urſache gehabt hätten, aufrichtig zu ſchätzen wußte, vielleicht auch weil ich in meinem eigenen Herzen und Gewiſſen fühlte, daß ich an ihrer Stelle die⸗ ſelben Gedanken gehabt und dieſelben Fragen gethan hätte. Das Rechtlichſte, was ich thun konnte war, ihr zu ſagen, daß ich kürzlich nicht an ihn geſchrieben, noch von ihm gehört habe, und dann das Geſpräch auf andere Gegen⸗ ſtände zu leiten. Es war in unſerer Unterredung— meiner erſten ver⸗ traulichen Unterhaltung ſeit ihrer Rückkehr viel Betrübendes für mich geweſen. Die Veränderung, welche ihre Heirath in unſerm Verhältniſſe zu einander hervorgebracht, indem ſie zum erſten male in unſerm Leben einen verbotenen unterhaltungsgegenſtand zwiſchen uns gebracht hatte; die traurige Ueberzeugung des Mangels an jedem wärmeren Gefühle und aller Sympathie zwiſchen ihr und ihrem Manne, die ihre eigenen Worte wider ihren Willen mir jetzt aufgedrungen; die betrübende Entdeckung, daß der Einfluß jener unglückſeligen Neigung— in wie harmloſem und unſchuldigem Grade dies auch ſei— noch immer ſo Wilkie Collins, Die Frau in Weis. II. 6 tief wie je in ihrem Herzen wurzelten— ſind Alles Ent⸗ hüllungen, die wohl geeignet erſcheinen, eine Perſon zu betrüben, die ſie liebt und für ſie fühlt, wie ich es thue. Ich habe dem Allem nur einen Troſt entgegenzuſtellen— ein Troſt, der mich beruhigen ſollte und der dies auch thut. All die Anmuth und Lieblichkeit ihres Charakters, als die offene Zärtlichkeit ihrer Natur und all' der ſchöne, einfache weibliche Zauber, der ſie zum Lieblinge und zur Wonne Aller machte, die ſich ihr nahten— ſind mir jetzt mit ihr ſelbſt zurückgegeben. An der Richtigkeit meiner andern Eindrücke bin ich zuweilen geneigt zu zweifeln. Dieſer letzte, beſte, glücklichſte Eindruck aber wird jeden Tag und jede Stunde klarer in mir. Um aber jetzt von ihr zu ihren Reiſegefährten über⸗ zugehen. Meine erſte Aufmerkſamkeit muß ihrem Manne gehören. Was habe ich ſeit ſeiner Rückkehr an Sir Per⸗ cival wahrgenommen, das mir eine beſſere Meinung von ihm gegeben hätte? Ich kann's kaum ſagen. Er ſcheint von kleinen Aerger⸗ lichkeiten belagert zu werden, ſeit er wieder heim iſt, und unter ſolchen Umſtänden nimmt ſich kein Mann ſehr vor⸗ theilhaft aus. Mir ſcheint, er ſieht magerer aus, als zur Zeit, wo er England verließ. Sein ermüdender Huſten und ſeine ungemüthliche Unruhe haben jedenfalls zugenom⸗ men. Sein Weſen, wenigſtens gegen mich, iſt viel kürzer angebunden, als es früher war. In ſeiner Begrüßung am Abende ſeiner Ankunft war wenig oder gar nichts von der Ceremonie und Höflichkeit früherer Zeit zu verſpüren, keine höflichen Bewillkommnungsredensarten, kein Ausdruck be⸗ ſonderer Zufriedenheit, mich wiederzuſehen— nichts, als ein kurzer Händedruck, und ein ſcharfes„Wie geht's, Miß Halcombe? freut mich, Sie wiederzuſehen.“ Er ſchien mich wie einen der wand⸗, band⸗, niet⸗ und nagelfeſten Gegenſtände des Hauſes hinzunehmen, ſich zu überzeugen, daß ich mich an der rechten Stelle befinde, und dann ſofort zu etwas Anderm überzugehen. Die meiſten Leute zeigen in ihrem eigenen Hauſe das von ihrem Charakter, was ſie anderswo zu verbergen wuß ten; und Sir Percival hat bereits eine Sucht nach Ord⸗ nung und Regelmäßigkeit entfaltet, wie ſie mir nach meiner früheren Kenntniß ſeines Charakters eine wahre Offen⸗ barung iſt. Wenn ich ein Buch aus der Bibliothek nehme und es auf dem Tiſche liegen laſſe, ſo folgt er mir und thut es wieder an ſeinen Platz; ebenſo, wenn ich blos von meinem Platze aufſtehe und es dort liegen laſſe. Er ſam⸗ melt Blumenblättchen vom Teppiche auf und brummt da⸗ bei ſo unzufrieden in ſich ſelbſt hinein, als ob es glühende Kohlen ſeien, die Löcher hineinbrennten; und wenn ſich im Tiſchtuche eine Falte ſehen läßt oder ein Meſſer an der gewohnten Stelle fehlt, da zankt er die Diener ſo wüthend aus, als ob ſie ihn perſönlich beleidigt hätten. Ich habe ſchon der kleinen Verdrießlichkeiten erwähnt, die ihn ſeit ſeiner Rückkehr gequält zu haben ſcheinen, und ihnen mag viel von der ungünſtigen Veränderung zuzu⸗ ſchreiben ſein, die ich an ihm bemerkt habe. Ich ſuche mir dies einzureden, weil ich mich nicht ſchon um die Zukunft ängſtigen möchte. Es iſt allerdings eine harte Probe für die Laune eines Mannes, wenn nach einer langen Abweſen⸗ heit vom Hauſe, ſowie er den Fuß wieder hineinſetzt, ihm ein Aergerniß entgegentritt, und ein ſolches widerfuhr Sir 6* Percival wirklich in meiner Gegenwart. Am Abende ſeiner Ankunft folgte mir die Haushälterin in den Flur, um ihren Herrn, ihre Herrin und deren Gäſte zu empfangen. So⸗ wie er ſie erblickte, frug Sir Percival ſie, ob kürzlich Je⸗ mand dageweſen, der nach ihm gefragt habe. Die Haus⸗ hälterin ſagte ihm darauf, was ſie ſchon mir erzählt hatte, daß nämlich ein Herr dageweſen, der ſich erkundigt, wann ſie ihren Herrn zurückerwarte. Er frug ſie ſofort nach dem Namen des Herrn. Er hatte ſeinen Namen nicht genannt. Des Herrn Anliegen oder Geſchäft? er hatte nichts davon erwähnt. Wie ſah er aus? Die Haushäl⸗ terin verſuchte, ihn zu beſchreiben, doch gelang es ihr nicht, den namenloſen Beſucher mit irgend etwas Beſonderem zu bezeichnen, woran ihr Herr ihn hätte erkennen können. Sir Percival runzelte die Stirn, ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße und ging ins Haus, ohne irgend Jemanden weiter zu berückſichtigen. Wie ihn eine ſolche Kleinigkeit in dem Grade außer Faſſung bringen konnte, iſt mir allerdings unbegreiflich, gewiß aber iſt, daß ſie ihn ernſt⸗ lich verdroß. Im Ganzen wird es vielleicht beſſer ſein, wenn ich noch keine entſchiedene Meinung über ſein Weſen, ſeine Sprache und ſein Benehmen in ſeinem eigenen Hauſe ausſpreche, bis er Zeit gehabt hat, die Beſorgniſſe abzuſchütteln, welcher Art dieſelben auch immer ſein mögen, die offenbar jetzt im Geheimen ſein Gemüth erfüllen. Ich will zu einer neuen Seite übergehen, und meine Feder ſoll Laura's Gemahl für's Erſte in Ruhe laſſen. Die beiden Gäſte, der Graf und die Gräfin Fosco, ſind in meinem Kataloge die Nächſten. Ich will die Gräfin 85 zuerſt vornehmen, um ſo ſchnell als möglich mit der weiblichen Ehehälfte fertig zu werden. Laura hat ſich allerdings keine Uebertreibung zu Schul⸗ den kommen laſſen, indem ſie mir ſchrieb, daß ich ihre Tante kaum wiedererkennen werde. Ich habe noch nie in meinem Leben eine ſolche Veränderung durch Verheirathung in einer Frau vorgehen ſehen, wie bei der Gräfin Fosco ſtattgefun⸗ den hat. Als Eleonor Fairlie(im Alter von ſiebenund⸗ dreißig Jahren) ſchwatzte ſie fortwährend den arroganteſten Unſinn und peinigte die unglücklichen. Männer mit jeder kleinlichen Anmaßung, die nur ein eitles, albernes Weib für die duldende Männerwelt zu erfinden im Stande iſt. Als Gräfin Fosco(im Alter von dreiundvierzig Jahren) ſitzt ſie ſtundenlang, ohne ein Wort zu ſagen, wie ein ſelt⸗ ſames erfrorenes Weſen. Die entſetzlich lächerlichen „Schmachtlocken“, die ihr zu beiden Seiten des Geſichts herabzuhängen pflegten, ſind jetzt zwei Reihen ſteifer, kleiner Locken gewichen, wie man ſie auf altmodiſchen Perücken ſieht. Eine einfache, ehrbare Haube bedeckt ihr Haupt und gibt ihr zum erſtenmale, ſeit ich ſie kenne, das Anſehen einer verſtändigen Frau. Kein Menſch(ihr Gemahl natür⸗ lich ausgenommen) erkennt in ihr jetzt, was früher Jedem ſichtbar war, ich meine die Bauart eines weiblichen Ske⸗ letts in der Gegend des Schlüſſelbeins und der Schulter⸗ blätter. In geſetzten ſchwarzen oder grauen Kleidern, die hoch am Halſe ſchließen—Kleider, über die ſie früher gelacht oder laut aufgeſchrien hätte, je nachdem nun ihre Mäd⸗ chenlaune ſein mochte— ſitzt ſie wortlos im Winkel; ihre trockenen weißen Hände(und zwar ſo trocken, daß die Poren ihrer Haut kreidig ausſehen) ſind fortwährend entweder — 86—— mit irgend einer langweiligen Stickerei oder ſonſt mit der endloſen Verfertigung kleiner Cigarretten für des Grafen beſondern Gebrauch beſchäftigt. In den wenigen kurzen Augenblicken, wenn ſie die kalten blauen Augen von ihrer Arbeit erhebt, ſind dieſelben meiſtens mit jener ſtummen, fragenden Unterwürfigkeit auf ihren Mann gerichtet, die uns Allen in den Augen treuer Hunde bekannt iſt. Das einzige Wahrzeichen eines innerlichen Aufthauens, das ich bis jetzt unter der äußern Eislage ihres gezwungenen Weſens habe entdecken können, hat ſich ein paar mal in einer unterdrückten, aber wahrhaft tigerartigen Eiferſucht auf jedes weibliche Weſen im Hauſe verrathen, mit dem der Graf ſpricht(die Stubenmädchen mit eingerechnet), oder das er mit der geringſten Aufmerkſamkeit anſieht. Dieſen einen Punkt ausgenommen, iſt ſie ewig, morgens, mittags und abends im Hauſe oder draußen, in ſchöͤnem oder ſchlech⸗ tem Wetter, ſo kalt wie eine Statue und ſo unempfindlich wie der Stein, aus dem ſie gehauen. Für die allgemeinen Zwecke des geſellſchaftlichen Lebens iſt dieſe Veränderung jedenfalls eine überaus günſtige, denn ſie iſt dadurch in ein höfliches, ſchweigſames, anſpruchsloſes Frauenzimmer ver⸗ wandelt, das niemandem und niemals im Wege iſt. In⸗ wieweit und ob ſie aber wirklich in ihrem geheimſten Innern ſich gebeſſert oder verſchlimmert hat, iſt eine andere Frage. Ich habe den Ausdruck ihrer zuſammengekniffenen Lippen ein paar mal ſich plötzlich verändern ſehen und den Ton ihrer ruhigen Stimme ſich plötzlich verändern hören und dies hat mich auf die Vermuthung geführt, daß ihr gegenwärtiger Zuſtand, in dem ſie fortwährend etwas zu unterdrücken ſcheint, etwas Gefährliches in ihrer Natur 8* verbirgt, das in der Freiheit ihres früheren Lebens harm⸗ los zu verdunſten pflegte. Es iſt ſehr möglich, daß dieſe Idee von mir eine völlig irrthümliche iſt; aber es iſt nun einmal der Eindruck, den ſie auf mich macht. Die Zeit wird es lehren. Und der Zauberer, der dieſe wunderbare Verwandlung hervorgebracht, der fremdländiſche Gemahl, der dieſe ver⸗ drehte Engländerin ſo gezähmt hat, daß ihre eigenen Ver⸗ wandten ſie kaum wiedererkennen— der Graf ſelbſt? Was von ihm ſagen? Mit einem Worte dies: er ſieht aus wie ein Menſch, der zähmen könnte, was er nur immer wollte. Hätte er ſtatt eines Weibes eine Tigerin geheirathet, ſo hätte er die Tigerin gezähmt. Hätte er mich geheirathet, ſo hätte ich ihm ſeine Cigaretten gemacht, gerade wie jetzt ſeine Frau ſie macht, und hätte wie ſie geſchwiegen, ſowie er mich nur angeblickt. G Ich fürchte mich faſt, es ſelbſt dieſen geheimen Blättern anzuvertrauen. Der Mann intereſſirt mich, zieht mich an, zwingt mich, ihn gern zu haben. In zwei kurzen Tagen iſt er geradewegs in meine Gunſt hineinſpaziert, und wie er das angefangen hat, iſt mehr, als ich mir erklären kann. Es erſchreckt mich förmlich, wie deutlich ich ihn vor mir ſehe, jetzt, da ich an ihn denke!— wie viel deutlicher, als Sir Percival oder Mr. Fairlie oder Walter Hartright, Laura allein ausgenommen! Ich vergegenwärtige mir ſeine Stimme, als ob ich ihn in dieſem Augenblicke ſprechen hörte. Ich erinnere mich ſeiner Unterhaltung von geſtern, als ob ich ihm augenblicklich noch zuhörte. Wie ſoll ich ihn beſchreiben? Es ſind in ſeiner perſönlichen Erſcheinung, in —— — — —— — 88 ſeinen Gewohnheiten und in ſeinen Vergnügungen Abſon⸗ derlichkeiten, die ich auf das ſtrengſte tadeln, oder auf das unbarmherzigſte ins Lächerliche ziehen würde, wenn ich ſie an irgend Jemand anders als ihm bemerkte. Was iſt es nur, das es mir unmöglich macht, ſie an ihm zu tadeln oder lächerlich zu finden? Er iſt zum Beiſpiel enorm corpulent. Ehedem iſt mir die corpulente Menſchheit ſtets ein Gräuel geweſen. Ich bin immer der Anſicht geweſen, daß die volksthümliche Idee, der zufolge ungeheure Corpulenz von ungeheurer Gutmüthigkeit unzertrennlich, gleichbedeutend ſei mit dem Satze, daß entweder nur liebenswürdige Leute ſtark werden oder daß der zufällige Zuſatz ſo vieler Pfunde Fleiſch mehr einen geradezu günſtigen Einfluß auf die Gemüthsanlagen derjenigen Perſonen ausüben müſſe, an deren Körper ſie ſich ſammle. Ich habe dieſe alberne Idee ſtets dadurch angegriffen, daß ich Beiſpiele von ſtarken Leuten angeführt, die ebenſo verächtlich, boshaft und grauſam waren wie die magerſten und ſchlimmſten ihrer Mitmenſchen. Ich habe gefragt, ob Heinrich der Achte ein liebenswürdiger Mann war? oder Papſt Alexander der Sechſte ein guter Mann? Ob der Herr Mörder und die Frau Mörderin Manning nicht Beide ungewöhnlich ſtarke Leute waren? Ob nicht gemiethete Krankenwärterinnen, die ſprichwörtlich zu den grauſamſten Leuten in ganz England gehören, nicht auch meiſtens die corpulenteſten Frauenzimmer von ganz Eng⸗ land ſind?— und ſo weiter, durch Dutzende von Beiſpie⸗ len, alten ſowohl wie neuen, einheimiſchen wie auswärtigen, hohen wie niedrigen hindurch. Und trotz dieſer Anſichten, an denen ich noch in dieſem Augeublicke mit aller Gewalt 89 feſthalte, iſt hier Graf Fosco, der ſo fett iſt wie Heinrich der Achte ſelbſt, durch ſeine abſcheuliche Corpulenz ungehindert Iſt es ſein Geſicht, das ihn empfohlen? Dies mag ſein. Es trägt die auffallendſte Aehnlichkeit im vergrößer⸗ ten Maßſtabe mit dem Napoleon’s des Großen. Seine Züge haben Napoleou's erhabene Regelmäßigkeit. Ihr Ausdruck erinnert an die großartig ruhige, unerſchütter⸗ liche Kraft des Geſichtes des großen Soldaten. Dieſe auf⸗ fallende Aehnlichkeit machte gleich zu Anfang Eindruck auf mich; aber es iſt noch außer dieſer Aehnlichkeit etwas in ihm, was noch größern Eindruck auf mich machte. Ich glaube, daß der Einfluß, nach dem ich jetzt ſuche, durch ſeine Augen ausgeübt wird. Sie ſind die unergründ⸗ lichſten grauen Augen, die ich je geſehen, und funkeln zu Zeiten ſo kalt, klar, ſchön und unwiderſtehlich, daß es mich zwingt ihn anzuſehen, obgleich es mir zugleich eine Em⸗ pfindung verurſacht, die ich lieber nicht fühlen möchte. Auch andere Theile ſeines Kopfes und Geſichtes haben ihre Eigenthümlichkeiten. Seine Hautfarbe iſt zum Beiſpiel von einer ſonderbaren fahlen Weiße, die ſo ſehr von der dunklen Farbe ſeines Haares abſticht, daß ich letzteres in dem Verdachte habe, eine Perrücke zu ſein, und ſein Geſicht, das vollkommen glatt raſirt, iſt ebener und runzelfreier als meins, obgleich er(nach Sir Percival's Angabe) beinahe ſechzig Jahre alt iſt. Aber dies ſind nicht die hervorſtechend⸗ ſten perſönlichen Eigenthümlichkeiten, die ihn meiner Meinung nach von allen anderen Männern unterſcheiden, die ich je geſehen. Das, was ihn unverkennbar von der Maſſe gewöhnlicher Menſchen ausſondert, liegt einzig, ſoweit ich bis jetzt ſehen kann, in dem außerordentlichen Ausdruck und der wunderbaren Macht ſeiner Augen. Sein Weſen und die Art und Weiſe, wie er unſere Sprache beherrſcht, mag ebenfalls dazu beigetragen haben, ihm meine gute Meinung zu verſchaffen. Wenn er einer Dame zugehört, hat er jene ruhige Ehrerbietigkeit, jene Miene aufmerkſamer Theilnahme, und wenn er zu ihr ſpricht, liegt in ſeiner Stimme eine geheime Sanftheit, der wir, was wir auch immer ſagen mögen, nicht widerſtehen können. Auch hier hilft ihm ſeine ungewöhnliche Kenntniß der engliſchen Sprache. Ich hatte oft von der außeror⸗ dentlichen Fähigkeit gehört, mit der viele Italiener unſere harte nördliche Ausſprache bemeiſtern, aber bis ich Graf Fosco ſah, hatte ich es nicht für möglich gehalten, daß irgend ein Ausländer jemals Engliſch ſprechen könne, wie er es ſpricht. Es gibt Zeiten, wo es faſt unmöglich wäre ihn ſeiner Ausſprache nach für etwas Anderes als einen Landsmann zu halten, und was den Redefluß betrifft, ſo gibt es wenig geborene Engländer, die ſo ſelteu in ihrer Rede inne halten oder wiederholen wie Graf Fosco. Er mag wohl hin und wieder fremdartige Satzbildung ge⸗ brauchen, aber ich habe noch nie gehört, daß er einen verkehrten Ausdruck gebraucht, oder wegen der Wahl eines Wortes einen Moment gezögert hätte. Alle die kleinſten Eigenthümlichkeiten dieſes ſeltſamen Mannes haben etwas auffallend Originelles und verwir⸗ rend Widerſprechendes an ſich. So ſtark und bejahrt er auch iſt, ſind doch ſeine Bewegungen erſtaunlich leicht und unbefangen. Er iſt ſo geräuſchlos im Zimmer, wie nur je eine von uns Frauen, und was noch mehr, er iſt ungeachtet 91 all ſeiner unverkennbaren geiſtigen Feſtigkeit und Kraft ſo nervös empfindlich wie die Schwächſte von uns. Er fährt bei einem zufälligen Geräuſche ſo heftig auf, wie Laura ſelbſt. Er zuckte und ſchauderte geſtern, als Sir Percival einen der Wachtelhunde ſchlug, ſo zuſammen, daß ich mich meines eignen Mangels an Gefühl im Vergleich mit dem Grafen ſchämte. Dieſer letztere Vorfall erinnert mich an eine ſeiner ſonderbarſten Eigenſchaften, deren ich bis jetzt noch nicht erwähnt habe, nämlich ſeine außerordentliche Vorliebe für Lieblingsthierchen. Einige von dieſen hat er auf dem Feſt⸗ lande zurückgelaſſen, aber er hat einen Kakadu, zwei Ca⸗ narienvögel und eine ganze Familie von weißen Mäuſen mit hieher gebracht. Er ſieht perſönlich nach allen Bedürf⸗ niſſen dieſer merkwürdigen kleinen Lieblinge und hat ſie gelehrt, ihn außerordentlich lieb und erſtaunliches Zutrauen zu ihm zu haben. Der Kakadu, der gegen jeden Andern im höchſten Grade boshaft und falſch iſt, ſcheint ihn förm⸗ lich zu lieben. Wenn er ihn aus ſeinem Käfige heraus läßt, ſo hüpft er auf ſeine Knie, marſchirt ſeinen großen Körper hinan und ſchmiegt ſeinen Federpoll auf das Zärt⸗ lichſte an ſein blaſſes Doppelkinn. Er braucht nur die Thürchen in den Bauern der Canarienvögel zu öffnen und ihnen zuzurufen, und die niedlichen, wohlerzogenen kleinen Thierchen hüpfen ihm furchtlos auf die Hand, von einem der ausgeſtreckten dicken Finger auf den andern, wenn er ihnen ſagt,„die Treppe hinauf zu gehen“, und ſingen, wenn ſie oben anlangen, als ob ihnen die Wonne die Bruſt zer⸗ ſprengte. Seine weißen Mäuſe wohnen in einer kleinen Pagode von buntem Draht, von ihm ſelbſt entworfen und — , 92 angefertigt. Sie ſind beinah ſo zahm wie die Canarien⸗ vögel, und werden, wie dieſe, häufig herausgelaſſen. Sie laufen auf ſeinem ganzen Körper umher, kriechen in ſeinen Weſtentaſchen aus und ein und ſitzen in ſchneeweißen Pär⸗ chen auf ſeinen gewaltigen Schultern. Er ſcheint für ſeine Mäuſe noch größere Zärtlichkeit zu fühlen als für ſeine anderen Lieblinge, lächelt ihnen zu, küßt ſie und gibt ihnen alle möglichen Liebesnamen. Wäre es möglich, ſich einen Engländer mit ſo kindi⸗ ſchen Intereſſen und Vergnügungen wie dieſe, zu denken, ſo würde dieſer Eugländer ſich ihrer herzlich ſchämen und ſich bemühen, in Geſellſchaft erwachſener Leute ſich über ſie zu entſchuldigen. Aber der Graf ſieht offenbar in dem Contraſte zwiſchen ſeiner eignen koloſſalen Per⸗ ſönlichkeit und ſeinen zarten kleinen Lieblingen nichts Lächerliches. Er würde inmitten einer Geſellſchaft eng⸗ liſcher Fuchsjäger freundlich ſeine weißen Mäuschen küſſen und ſeinen Canarienvögeln zuzwitſchern und Jene nur als Barbaren bemitleiden, wenn ſie gerade am lauteſten über ihn lachen. Es iſt kaum glaublich, aber nichts deſtoweniger wahr, daß dieſer ſelbe Mann, der die Liebe einer alten Jungfer für ſeinen Kakadu hegt und ſeine weißen Mäuſe mit der Geſchicklichkeit eines Savoyardenknaben regiert, mit einer kühnen Gedankenfreiheit, einer Kenntniß von Büchern in allen Sprachen und einer Erfahrenheit über die Ge⸗ ſellſchaft in den neueſten Hauptſtädten Enropas ſprechen kann, die ihn jeder Verſammlung in der gebildeten Welt zu einer hervorragenden Perſönlichkeit machen würden. Dieſer Canarienvogelzüchter, dieſer Architekt von Pagoden für weiße Mäuſe iſt(wie Sir Percival ſelbſt mir er⸗ zählt hat) einer der bedeutendſten experimentirenden Che⸗ miker unſerer Zeit und hat unter anderen merkwürdigen Entdeckungen auch die gemacht, wie man einen Körper nach dem Tode ſo verſteinert, daß er bis ans Ende aller Zeiten hart wie Marmor bleibt. Dieſer corpulente, träge, ältliche Mann, deſſen Nerven ſo zart ſind, daß er bei einem zufälligen Geräuſche auffährt, zuſammen⸗ zuckt und ſchaudert, wenn ein Wachtelhund gepeitſcht wird, ging neulich morgens in den Stallhof und legte ſeine Hand auf den Kopf eines Schweißhundes— eines ſo wüthenden Thieres, daß ſelbſt der Reitknecht, der ihn füttert, ſich aus ſeinem Bereiche hält. Seine Frau und ich waren zugegen, und ich werde ſobald nicht den Auf⸗ tritt vergeſſen, ſo kurz er auch war. „Nehmen Sie ſich vor dem Hunde in Acht, Sir,“ ſagte der Reitknecht;„er fährt auf alle Leute los!“ „Das thut er, mein Freund, weil ſich alle Leute vor ihm fürchten,“ ſagte der Graf ruhig.„Wir wollen ſehen, ob er auf mich losfährt,“ und ſo ſprechend, legte er ſeine fetten gelbweißen Finger, auf denen vor zehn Minuten die Canarienvögel herumgehüpft waren, auf den Kopf der fürchterlichen Beſtie und ſah ihr gerade in die Augen.„Ihr großen Hunde ſeid Alle feige,“ ſagte er verachtungsvoll zu dem Thiere, während ſein Geſicht keinen Zoll von dem des Hundes entfernt war.„Du würdeſt eine Katze tödten, du feiger Höllenhund du,— würdeſt auf einen verhungerten Bettler losfahren, du feige Höllenbeſtie,— auf irgend Etwas, das du unvermuthet überfallen könnteſt, das ſich vor deinem großen Körper, deinen böſen weißen Zähnen 94 und deinem geifernden, blutdürſtigen Maule fürchtet. Du könnteſt mich in dieſem Augenblicke erwürgen, du erbärm⸗ licher, niederträchtiger Eiſenfreſſer, und wagſt mir nicht einmal ins Geſicht zu ſehen, weil ich nicht bange vor dir bin. Willſt du dich eines Beſſern beſinnen und deine Zähne an meinem fetten Nacken verſuchen? Puh! Du denkſt nicht daran!“ und er wandte ſich, über das Erſtaunen der Stallleute lachend, ab, während der Hund demüthig in ſeine Hundehütte zurückkroch. „Ach! meine ſchöne Weſte!“ rief er pathetiſch aus. „Es thut mir leid, daß ich herkam! Das Vieh hat meine hübſche reine Weſte mit ſeinem Geifer beſudelt.“ Dieſe Worte deuten auf noch eine andere ſeiner unbegreif⸗ lichen Seltſamkeiten. Er hält auf ſchöne Kleider, wie der größte Narr, den es geben kann, und iſt bereits in den zwei Tagen ſeines Aufenthaltes hier in vier verſchie⸗ denen prachtvollen Weſten aufgetreten, alle von hellen, bunten Farben und ſelbſt für ihn unendlich viel zu groß. Sein Takt und ſeine Gewandtheit in kleinen Dingen ſind ebenſo bemerkenswerth wie die ſonderbaren Inconſe⸗ quenzen ſeines Charakters und die kindiſche Trivialität ſeiner Beſchäftigungen und ſeines Geſchmackes. Ich kann bereits wahrnehmen, daß er während ſeines Aufenthaltes hier mit uns Allen auf dem freundſchaft⸗ lichſten Fuße zu leben beabſichtigt. Er hat offenbar entdeckt, daß Laura ihn nicht gern hat(ſie hat mir dies bekannt, da ich deshalb in ſie drang), aber zu gleicher Zeit, daß ſie eine unbeſchreibliche Vorliebe für Blumen hat. Wann ſie immer einen Strauß verlangen mag, er hat ſtets einen für ſie bereit, und zwar von ihm 95 ſelbſt gepflückt und gebunden, und zu meiner großen Be⸗ luſtigung iſt er immer ſchlauerweiſe mit einem zweiten verſehen, der von genau denſelben Blumen und genau ebenſo gebunden iſt, um die eiſige Eiferſucht ſeiner Frau zu beſänftigen, ehe ſie noch daran denken kann, ſich ver⸗ letzt zu fühlen. Seine Behandlung der Gräfin(vor den Leuten) iſt ein ſehenswerther Anblick. Er verneigt ſich vor ihr, redet ſie gewöhnlich mit„mein Engel“ an, trägt ſeine Canarienvögel auf ſeinen Fingern hin, um ſie ihre kleine Beſuche abſtatten und ihr vorſingen zu laſſen, küßt ihre Hand, wenn ſie ihm ſeine Cigarretten gibt und beſchenkt ſie aus Dankbarkeit für dieſelben mit Bonbons, die er ihr ſcherzend aus einer Schachtel in ſeiner Taſche in den Mund ſteckt. Die eiſerne Ruthe, mit der er ſie regiert, erſcheint nie in Geſellſchaft, ſie iſt eine Privat⸗ ruthe und bleibt ſtets im Privatgemach. Seine Art und Weiſe, ſich bei mir beliebt zu machen, i*ſt gänzlich hiervon verſchieden. Er hat ausfindig gemacht, (der Himmel mag wiſſen wodurch), daß gemachte Empfind⸗ ſamkeit bei meiner proſaiſchen Natur weggeworfene Mühe iſt, und er ſchmeichelt meiner Eitelkeit, indem er ſo ernſt und verſtändig mit mir ſpricht, als ob ich ein Mann ſei. Ja! ich durchſchaue ihn, wenn ich nicht bei ihm bin. Ich weiß, wenn ich hier oben auf meinem Zimmer bin, daß er meiner Eitelkeit ſchmeichelt,— und dabei, wenn ich hinunter gehe und wieder in ſeiner Geſellſchaft bin, wird er mich wieder hinter's Licht führen, und ich werde mich wieder geſchmeichelt fühlen, gerade als ob ich ihn nie durchſchaut hätte. Er weiß mich zu nehmen, wie er ſeine Frau und Laura zu nehmen weiß, wie er den Hund im Hofe zu nehmen 96 wußte und wie er Sir Percival ſelbſt zu jeder Stunde des Tages zu nehmeu weiß.„Mein guter Sir Percival, ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr mir Deine rauhe eng⸗ liſche Laune gefällt!“—„Mein guter Percivall ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr ich mich über Deinen geſunden engliſchen Menſchenverſtand freue!“ Er hält ſich auf dieſe Weiſe Sir Percival's ungezogenen Bemerkungen über ſeine weibiſchen Beſchäftigungen ruhig vom Leibe, wobei er ihn ſtets bei ſeinem Taufnamen nennt, mit der ruhigſten Ueberlegung ihm zulächelt, ihm auf die Schulter klopft und ihn überhaupt mit der wohlwollenden Nachſicht be— handelt, die wohl ein gutmüthiger Vater gegen einen eigenſinnigen Sohn übt.. Das Intereſſe, welches ich wirklich nicht umhin kann, für dieſen ſeltſamen Menſchen zu fühlen, bewog mich, Sir Percival über ſein früheres Leben zu befragen. Sir Per⸗ cival weiß aber davon nur wenig oder will mir nur wenig darüber mittheilen. Er und der Graf trafen ſich zuerſt vor Jahren in Rom unter Umſtänden von drohender Gefahr, auf die ich ſchon früher hingedeutet. Seit jener Zeit ſind ſie fortwährend zuſammen in London, Paris und Wien geweſen, aber nie wieder in Italien, und der Graf hat ſeltſamerweiſe ſeit Jahren nicht mehr die Grenzen ſeines Vaterlandes überſchritten. Iſt er vielleicht das Opfer poli⸗ tiſcher Verfolgung? Jedenfalls ſcheint er einen patrioti⸗ ſchen Eifer zu fühlen, ſeine in England anweſenden Lands⸗ leute nicht aus den Augen zu verlieren. Am Abende ſeiner Ankunft erkundigte er ſich gleich, wie weit wir von der nächſten Stadt entfernt und ob dort zufällig Italiener an⸗ ſäſſig ſeien. Jedenfalls ſteht er mit Leuten auf dem Feſt⸗ 97 lande in brieflicher Verbindung, und die Briefe, welche er erhält, tragen alle Arten von ſonderbaren Stempeln; heute Morgen beim Frühſtück ſah ich ein Schreiben an ſeinem Platze auf ihn warten, das ein großes, officiell ausſehen⸗ des Siegel trug. Vielleicht ſteht er mit ſeiner Regierung in Correſpondenz? Aber das ließe ſich kaum mit meiner andern Idee, daß er nämlich ein politiſcher Flüchtling ſei, vereinigen. Welch eine Menge ich über den Grafen Fosco geſchrie⸗ ben habe!„Und auf was läuft das Alles hinaus?“ wie der gute Gilmore auf ſeine unerſchütterliche Geſchäftsweiſe fragen würde. Ich kann nur wiederholen, daß ich entſchie⸗ den, ſelbſt nach einer kurzen Bekanntſchaft, eine Art ſelt⸗ ſamer, widerſtrebender Vorliebe für den Grafen hege. Er ſcheint über mich dieſelbe Art von Uebergewicht gewonnen zu haben, die er über Sir Percival hat. Denn ſo frei und ſogar grob, wie Sir Percival auch zuweilen gegen ſeinen corpulenten Freund ſein mag, ſo kann ich doch deutlich ſehen, daß er ſich fürchtet, den Grafen ernſtlich zu be⸗ leidigen. Ob ich mich wohl auch vor ihm fürchte? Jeden⸗ falls habe ich nie einen Menſchen gekannt, den ich ſo ungern zum Feinde hätte wie ihn. Iſt dies, weil ich ihn gern habe oder weil ich ihn fürchte? Chi sa?— wie Graf Fosco in ſeiner Mutterſprache ſagen würde. Wer weiß? Den 2. Juli. Heute gibt's auch außer meinen Ge⸗ danken und Eindrücken noch etwas aufzuſchreiben. Es iſt, Laura und mir ganz unbewußt und von Sir Percival völlig unerwartet ein Beſuch angekommen. Wir waren Alle unten in dem Zimmer mit den neuen Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 7 b 98 franzöſiſchen Fenſtern,“*) die auf die Veranda gehen, beim Gabelfrühſtück verſammelt, und der Graf(der einen Appe⸗ tit für Backwerk hat, wie ich ihn noch bei keinem menſch⸗ lichen Weſen außer jungen Mädchen in Penſionsſchulen geſehen habe) hatte uns eben amüſirt, als er voll Ernſt um die vierte Zuckerpaſtete bat,— da trat der Diener herein und kündigte uns den Beſuch an. „Mr. Merriman iſt ſoeben angekommen, Sir Per⸗ cival, und wünſcht Sie ſogleich zu ſprechen.“ Sir Percival fuhr zuſammen und blickte den Mann mit einem Ausdrucke zorniger Unruhe an. „Mr. Merriman?“ wiederholte er, als glaube er, ſeine Ohren müßten ihn getäuſcht haben. „Ja wohl, Sir Percival, Mr. Merriman aus London.“ „Wo iſt er?“ „In der Bibliothek, Sir Percival.“ Er verließ den Tiſch, ſowie er die letzte Antwort gehört und eilte, ohne ein Wort zu irgend Jemandem von uns zu ſprechen, aus dem Zimmer. „Wer iſt Mr. Merriman?“ frug Laura, gegen mich gewendet. „Ich habe nicht die geringſte Ahnung davon,“ war Alles, was ich erwidern konnte. *.) Franzöſiſche Fenſter werden in England ſolche genannt, die ſich wie bei uns mit zwei Flügeln(à deux battants) nach Außen oder nach Innen öffnen laſſen. Die engliſchen Fenſter werden bekann⸗ lich in ihren Rahmen vermittelſt eines Zugwerks in die Höhe geſcho⸗ ben, die Art, die man in Frankreich„fenétres à guillotine“ nennt. Anmerkung der Ueberſetzerin. 99 Der Graf hatte ſeine vierte Paſtete verzehrt und war an einen Seitentiſch getreten, um nach ſeinem boshaften Kakadu zu ſehen. Er wandte ſich, mit dem Vogel auf der Schulter, zu uns um. „Mr. Merriman iſt Sir Percival's Rechtsanwalt,“ ſagte er ruhig. Sir Percival's Rechtsanwalt. Es war eine vollkom⸗ men unbefangene Antwort auf Laura's Frage, und dennoch war ſie unter den Umſtänden nicht ausreichend. Wäre Mr. Merriman ausdrücklich von ſeinem Clienten herbei⸗ gerufen worden, ſo hätte nichts Auffallendes darin gelegen, daß er die Hauptſtadt verlaſſen, um der Aufforderung Folge zu leiſten. Aber wenn ein Advocat von London nach Hampſſire reiſt, ohne daß er dazu aufgefordert worden, und wenn ſeine Ankunft im Hauſe ſeines Clienten dieſen ernſtlich erſchreckt, ſo darf man mit Zuverſicht annnehmen, daß der rechtsgelehrte Beſucher Ueberbringer wichtiger und unerwarteter Nachrichten iſt, die entweder ſehr guter oder ſehr ſchlimmer, aber auf keinem Fall alltäglicher Natur ſind. Laura und ich blieben etwa noch eine Viertelſtunde ſchweigend am Tiſche ſitzen, in unbehaglichen Vermuthun⸗ gen über Das, was ſich zugetragen haben könne, und auf den Zufall von Sir Percival's baldiger Rückkehr wartend. Doch ließ ſich davon kein Zeichen vernehmen, und wir ſtanden auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Der Graf kam mit ſeiner gewohnten Höflichkeit aus der Ecke, in der er ſeinen Kakadu gefüttert hatte und mit dem Thiere noch immer auf der Schulter und öffnete die Thür für uns. Laura und die Gräfin Fosco gingen zuerſt 7*½ hinaus. Gerade als ich im Begriffe war, ihnen zu folgen, machte er mir ein Zeichen mit der Hand, und ehe ich an ihm vorüber gehen konnte, ſprach er auf höchſt ſeltſame Weiſe zu mir. „Ja,“ ſagte er ruhig, den unausgeſprochenen Gedanken beantwortend, der mich in dem Augenblicke beſchäftigte, als ob ich ihm denſelben klar mit Worten ausgedrückt hätte —„ja, es iſt in der That etwas vorgefallen.“ Ich war im Begriff zu entgegnen:„Ich habe ja nichts davon geſagt.“ Aber der boshafte Kakadu ſpreizte ſeine Flügel aus und gab einen Schrei von ſich, der mir durch alle Nerven drang, ſodaß ich froh war, aus der Stube zu fliehen. 4 Am Fuße der Truppe holte ich Laura ein. Der Ge⸗ danke in ihrem Geiſte war derſelbe, als der in dem mei⸗ nigen, den Graf Fosco entdeckt hatte, und als ſie ſprach, waren ihre Worte beinah das Echo der ſeinigen. Auch ſie ſagte mir im Geheimen, ſie fürchte, daß etwas vorge⸗ fallen ſein müſſe. Ich habe noch ein paar Zeilen hinzuzufügen, ehe ich für heute Abend ſchließe und zu Bette gehe. Ungefähr zwei Stunden nachdem Sir Percival vom Frühſtückstiſche aufgeſtanden war, um ſeinen Advocaten, Mr. Merriman, in der Bibliothek zu empfangen, verließ ich mein Zimmer, um allein einen Spaziergang in den An⸗ lagen zu machen. Gerade als ich am Treppenende des Corridors anlangte, öffnete ſich die Thür der Bibliothek und die beiden Herren traten heraus. Da ich es für das Beſte hielt, ſie nicht zu ſtören, beſchloß ich, nicht eher die Treppe hinunter zu gehen als bis ſie über den Flur gegan⸗ η‿̈ ⏑+⏑⏑—— N gen ſeien. Obgleich ſie ziemlich leiſe mit einander ſpra⸗ chen, äußerten ſie ihre Worte doch mit hinreichender Deutlichkeit, um zu mir herauf zu dringen. „Beruhigen Sie ſich vollkommen, Sir Percival,“ hörte ich den Advocaten ſagen,„die Sache liegt durch⸗ aus in Lady Glyde's Händen.“ Ich hatte mich umgewandt, um auf ein paar Minuten in mein Zimmer zurückzukehren, aber Laura's Name, von den Lippen eines Fremden ausgeſprochen, ließ mich augen⸗ blicklich ſtill ſtehen. Ich glaube wohl, daß es ſehr unrecht und verächtlich von mir war, zu lauſchen, aber wo iſt in unſerm ganzen Geſchlechte das Weib, das ſich in ihren Handlungen nach den abſtracten Grundſätzen der Ehre rich⸗ ten kann, wenn dieſe Grundſätze nach einer Richtung und ihre Liebe und die aus ihr entwachſenden Intereſſen nach der andern hindeuten? Ich lauſchte, und unter ähnlichen Umſtänden würde ich es wieder thun— ja! und zwar mit dem Ohre am Schlüſſelloche, falls es mir nicht anders möglich wäre. „Sie verſtehen mich doch ganz, Sir Percival?“ fuhr der Advocat fort. Lady Glyde muß in Gegenwart eines Zeugen, oder falls Sie beſonders vorſichtig⸗zu ſein wün⸗ ſchen, in Gegenwart von zwei Zeugen ihren Namen unter⸗ ſchreiben,— dann ihren Finger auf das Siegel legen und ſagen:„Ich überliefere das als meine Acte und Ur⸗ kunde.“ Falls dies in Zeit von einer Woche geſchehen iſt, wird dadurch unſer Zweck vollkommen erreicht wer⸗ den und alle Beſorgniß beſeitigt ſein. Wo nicht—“ „Was wollen Sie mit Ihrem«wo nicht) ſagen?“ frug Sir Percival aufgebracht.„Wenn die Sache geſchehen muß, ſo ſoll ſie geſchehen, das verſpreche ich Ihnen, Merriman.“ 4 „Ganz recht, Sir Percival, ganz recht; aber in allen Verhandlungen gibt es zwei Alternativen, und wir Advo⸗ caten ſehen ihnen gern beiden kühn ins Geſicht. Falls durch irgend ein unvorhergeſehenes Hinderniß die Sache ſich nicht machen ließe, da denke ich die betreffenden Parteien bewegen zu können, Wechſel auf drei Monate anzunehmen. Wie wir aber das Geld aufnehmen ſollen, wenn dieſe Wechſel fallen—“ „Der Teufel hol' die Wechſel! Das Geld iſt nur auf eine Weiſe zu haben, und ich wiederhole Ihnen nochmals, daß es auf dieſe Weiſe geſchafft werden ſoll. Ein Glas Wein, Merriman, ehe Sie gehen?“ „Danke, Sir Percival; ich habe keinen Augenblick zu verlieren, wenn ich noch zur rechten Zeit zum nächſten Zuge nach London ankommen will. Sie werden mich da⸗ von unterrichten, ſobald die Uebereinkunft getroffen und nicht die Vorſicht vergeſſen, die ich empfahl—“ „Natürlich nicht. Da iſt das Jagdgig für Sie vor der Thür. Springen Sie hinauf. Mein Groom wird Sie im Handumdrehen nach der Station hinunterfahren. Benjamin, fahre wie toll! Wenn Mr. Merriman zu ſpät für dieſen Zug ankommt, jag' ich Dich fort. Halten Sie ſich feſt, Merriman, und wenn Sie umgeworfen wer⸗ den, vertrauen Sie dem Teufel, daß er ſein Eigenthum retten wird.“ Mit dieſem Abſchiedsſegen wandte Sir Percival ſich um und ging in die Bibliothek zurück. Ich hatte nicht viel gehört, aber ſelbſt das Wenige hatte mir ernſtliche Unruhe verurſacht. Das„Etwas“, was„vorgefallen“ war, erſchien mir nur zu klar als eine ernſtliche Geldverlegenheit, und es ſollte Laura obliegen, Sir Percival davon zu befreien. Die Ausſicht, ſie in ihres Mannes geheime Schwierigkeiten verwickelt zu ſehen, erfüllte mich mit einer Angſt, die wahrſcheinlich durch meine Geſchäftsunkenntniß und mein Mißtrauen gegen Sir Percival eine übertriebene wurde. Anſtatt deshalb, wie ich mir vorgenommen hatte, meinen Spaziergang zu machen, ging ich ſofort nach Laura's Zimmer und erzählte ihr, was ich gehört habe. Sie nahm meine ſchlimme Nachricht mit einer Ruhe entgegen, die mich in Erſtaunen ſetzte. Sie weiß offen⸗ bar mehr über ihres Mannes Charakter und ſeine Ver⸗ legenheiten, als ich bisher vermuthet habe. „Ich fürchtete es,“ ſagte ſie,„als ich von dem fremden Herrn hörte, der gekommen war und ſeinen Namen nicht hatte nennen wollen.“ „Wer glaubſt Du denn, daß dieſer Herr war?“ frug ich. „Jemand, der große Forderungen an Sir Percival hat,“ entgegnete ſie,„und der die Urſache von Mr. Mer⸗ riman's heutigem Beſuche iſt.“ „Weißt Du etwas über dieſe Forderungen?“ „Nein, keine Einzelheiten.“ „Du wirſt doch nichts unterſchreiben, Laura, was Du nicht zuvor geleſen haſt?“ „Gewiß nicht, Marianne. Was ich nur immer red⸗ licherweiſe thun kann, um ihm zu helfen, das will ich thun, länge von ſich ſtreckte und ſich mit der Anmuth und Leich⸗ 104 um Dein Leben, meine Schweſter, und das meinige ſo be⸗ haglich und glücklich wie nur möglich zu machen. Aber ich will nichts in Unwiſſenheit thun, deſſen wir uns viel⸗ leicht ſpäter einmal zu ſchämen hätten. Laß uns jetzt nicht weiter darüber ſprechen.— Du haſt Deinen Hut auf, wollen wir den Nachmittag zuſammen in den Anlagen verträumen—?“ Als wir das Haus verließen, gingen wir dem nächſten Schatten zu, und an einer offenen Stelle zwiſchen den Bäu⸗ men vor dem Hauſe ſahen wir den Grafen Fosco, der langſam im Graſe auf und ab ſpazierte und ſich in der vollen Glut des heißen Julinachmittags ſonnte. Er hatte einen großen runden Strohhut mit einem veilchenfarbenen Bande auf. Eine blaue Blouſe, die auf der Bruſt reich mit einer weißen Stickerei verziert war, umhüllte ſeinen umfangreichen Körper und wurde an der Stelle, wo viel⸗ leicht ehedem ſeine Taille geweſen ſein mochte, durch einen breiten rothen Saffiangürtel feſtgehalten. Nankingbein⸗ kleider, die oberhalb der Knöchel wiederum viel ſchöne Stickerei zeigten und dunkelblaue Maroquinſchuhe ſchmück⸗ ten ſeine unteren Extremitäten. Er ſang das berühmte Lied des Figaro im Barbier von Sevilla mit jener Stimm⸗ geläufigkeit, die ſo ausſchließlich dem italieniſchen Geſangs⸗ organe eigen iſt, und ſpielte die Begleitung auf der Con⸗ certina, wobei er entzückt mit den Armen um ſich warf, und anmuthig den Kopf hin und her drehte, wie eine dicke Santa Celilia, die in Männerkleidung einher maskeradirte. „Figaro quà! Figaro laâ! Figaro su! Figaro giu!“ ſang der Graf, indem er fröhlich die Concertina auf Arm⸗ tigkeit eines Figaro von zwanzig Jahren gegen uns ver⸗ beugte. „Verlaß Dich darauf, Laura, dieſer Menſch weiß etwas von Sir Percival's Verlegenheit,“ ſagte ich, als wir aus ſicherer Entfernung des Grafen Gruß zurückgaben. „Warum glaubſt Du das?“ fragte ſie. „Wie hätte er ſonſt wiſſen ſollen, daß Mr. Merriman Sir Percival's Rechtsanwalt iſt?“ entgegnete ich.„Und außerdem ſagte er mir, ohne daß ich ein Wort der Frage an ihn gerichtet hätte, als ich nach Euch das Frühſtücks⸗ zimmer verließ, daß etwas vorgefallen ſei. Verlaß' Dich darauf, er weiß mehr als wir von der Sache.“ „Wenn auch— frage ihn nach nichts, ziehe ihn nicht in unſer Vertrauen!“ „Du ſcheinſt ſehr entſchiedene Abneigung gegen ihn zu hegen, Laura. Was hat er geſagt oder gethan, um dies Gefühl zu rechtfertigen?“ „Nichts, Marianne. Im Gegentheil, er war die Güte und Aufmerkſamkeit ſelbſt auf unſerer Heimreiſe und be⸗ zwang Sir Percival's leidenſchaftliche Ausbrüche mehr⸗ mals auf die rückſichtsvollſte Weiſe gegen mich. Viel⸗ leicht iſt er mir unangenehm, weil er ſo viel mehr Macht über meinen Mann hat, als ich. Es verletzt wahrſchein⸗ lich meinen Stolz, ihm für ſeine Vermittelung zu Dank verpflichtet zu ſein. Das Einzige aber, was ich gewiß weiß, iſt, daß er mir zuwider iſt.“ Der Reſt des Tages und Abends verging ziemlich friedlich. Der Graf und ich ſpielten Schach. In den erſten beiden Partien ließ er ſich aus Höflichkeit von mir beſiegen, und dann als er ſah, daß ich ihn durchſchaut, bat er mich um Verzeihung und ſchlug mich in der nächſten nach zehn Minuten. Sir Percival erwähnte des Beſuches ſeines Advocaten nicht ein einziges mal während des gan⸗ zen Abends. Doch hatte entweder jenes reigniß oder ſonſt irgend etwas eine auffallend günſtige Veränderung in ihm hervorgebracht. Er war gegen uns Alle ſo höflich und liebenswürdig, wie er es während ſeiner Probezeit in Limmeridge geweſen war, und ſo erſtaunlich aufmerk⸗ ſam und gütig gegen ſeine Frau, daß ſelbſt die eiſige Gräfin ſich ſoweit aus ihrer Erſtarrung herausriß, um ihn voll ernſter Verwunderung anzublicken. Was hat dies zu bedeuten? Ich glaube, ich errathe es; ich fürchte, Laura kann es errathen, und ich bin überzeugt, daß Graf Fosco es weiß. Ich ertappte Sir Pereival mehrere male während des Abends darauf, daß er den Grafen anſah, als erwarte er in ſeinen Blicken Beifall zu leſen. Den 3. Juli.— Ein Tag der Ereigniſſe. Ich hoffe und bete nur von ganzem Herzen, daß ich nicht noch hinzuzufügen haben werde: und ein Tag des Unglücks. Sir Percival war über die geheimnißvolle„Ueberein⸗ kunft“(wie der Advocat es genannt hatte), die über un⸗ ſeren Häuptern ſchwebte, nächſten Morgens beim Früh⸗ ſtück ebenſo zurückhaltend, wie er es geſtern Abend ge⸗ weſen war. Eine Stunde ſpäter aber trat er in das allge⸗ meine Wohnzimmer, wo Laura und ich in unſeren Hüten auf die Gräfin Fosco warteten, und frug nach dem Grafen. „Wir erwarten ihn jeden Augenblick,“ ſagte ich. „Die Sache iſt die,“ fuhr Sir Percival fort, indem er aufgeregt im Zimmer auf⸗ und abging,„ich habe mit Fosco und ſeiner Frau wegen einer bloſen Geſchäfts⸗ formalität in der Bibliothek zu ſprechen, und mit Dir auch, Laura, auf eine Minute.“ Er hielt inne und ſchien zum erſtenmale zu bemerken, daß wir zum Spazieren⸗ gehen gerüſtet waren.„Seid Ihr eben hereingekommen,“ frug er,„oder wollt Ihr erſt ausgehen?“ „Wir beabſichtigten heute Morgen nach dem See zu gehen,“ ſagte Laura,„wenn Du aber etwas Anderes vorzuſchlagen haſt—“ „Nein, nein!“ entgegnete er haſtig.„Was ich vor⸗ zuſchlagen hatte, kann warten. Es wird nach dem Gabel⸗ frühſtück auch noch Zeit genug dazu ſein. Ihr wollt Alle nach dem See gehen, wie? Ein guter Einfall. Wir wollen einen müßigen Morgen haben; ich ſchließe mich der Geſellſchaft an.“ Man konnte ſein Weſen nicht mißverſtehen, ſelbſt wenn man ſich über die mit ſeinem Charakter ſo vollkommen im Widerſpruche ſtehende Bereitwilligkeit hätte täuſchen kön⸗ nen, mit der er ſeine eigenen Pläne der Bequemlichkeit Anderer unterordnete. Es war ihm offenbar eine Er⸗ leichterung, einen Vorwand zu finden, um die Geſchäfts⸗ formalität, deren er erwähnt, aufzuſchieben. Mir ſank das Herz, als ich den unvermeidlichen Schluß hieraus zog. Der Graf und ſeine Frau geſellten ſich in dieſem Augenblicke zu uns. Die Dame trug ihres Mannes ge⸗ ſtickte Tabakstaſche und einen Vorrath von Papier zur ewigen Anfertigung von Cigarretten. Der Herr, wie ge⸗ wöhnlich in Blouſe und Strohhut, trug die Pagode mit ſeinen lieben kleinen weißen Mäuſen und lächelten ihnen und uns mit einer wahrhaft unwiderſtehlichen Liebens⸗ würdigkeit zu. „Mit Ihrer freundlichen Erlaubniß,“ ſagte der Graf, „will ich meine kleine Familie hier, meine armen, lieben, harmloſen, hübſchen kleinen Mäuschen auch mit auf den Spaziergang nehmen. Es ſind Hunde im Hauſe, und ſoll ich meine verlaſſenen weißen Kinder der Barmher⸗ zigkeit von Hunden überlaſſen? O, niemals!“ Er zirpte mit ſeinen kleinen weißen Kindern durch die Stäbe der Pagode väterlich zu, und dann brachen wir Alle nach dem See auf. In den Anlagen ſchlenderte Sir Percival von uns fort; es ſcheint mit zu ſeinem unſtäten Weſen zu gehören, daß er ſich bei ſolchen Gelegenheiten jedesmal von ſeinen Ge⸗ fährten trennt, und während er dann allein iſt, ſchneidet er neue Spazierſtöcke für ſeinen eigenen Gebrauch. Er ſcheint ſchon in bloßem Schneiden und Hacken eine Unterhaltung zu finden und hat das Haus mit Spazierſtöcken angefüllt, von denen er keinen einzigen zum zweiten male benutzt. Bei dem alten Boothauſe traf er wieder mit uns zu⸗ ſammen. Ich will die Unterhaltung, die ſich entſpann, nachdem wir uns Alle geſetzt hatten, genau niederſchreiben. Es iſt, ſoweit ſie mich ſelbſt betrifft, eine wichtige Unter⸗ haltung, denn ſie hat mich bewogen, dem Einfluſſe, wel⸗ chen Graf Fosco über meine Gedanken und Gefühle aus⸗ geübt hat, ernſtlich zu mißtrauen und denſelben für die Zukunft mit möglichſter Entſchloſſenheit zu bekämpfen. Das Boothaus war groß genug, um uns alle auf⸗ zunehmen, aber Sir Percival blieb draußen und hackte mit ſeinem kleinen Taſchenbeile an ſeinem letzten neuen Stocke. Wir drei Frauen fanden reichlich Platz auf der großen Bank. Laura nahm ihre Arbeit her aus, und die Gräfin Fosco begann ihre Cigarretten. Ich ſelbſt hatte, wie gewöhnlich, nichts zu thun. Meine Hände ſind ſtets ſo ungeſchickt wie Männerhände geweſen und werden es ewig bleiben. Der Graf nahm gutmüthigerweiſe einen Seſſel, der um ein Unendliches zu klein für ihn war, und ſchaukelte ſich darauf, mit dem Rücken gegen die Wand des Schuppens gelehnt, der unter ſeiner Wucht krachte und zitterte. Er nahm die Pagode auf den Schooß und ließ die Mäuſe heraus und über ſeine ganze Per⸗ ſon hinkriechen. Es ſind hübſche, harmloſe Thierchen, aber es iſt mir gewiſſermaßen ein widerlicher Anblick, ſie ſo über eines Mannes Körper hinkriechen zu ſehen; er erregt ein ſonderbares, entſprechendes Kriechen in meinen eigenen Nerven, und eine ſcheußliche Idee von Leuten, welche in Gefängniſſen geſtorben ſind, über deren hülf⸗ loſe Körper die kriechenden Geſchöpfe ihres Kerkers un⸗ geſtört ihr Weſen treiben. Der Morgen war windig und der Himmel wolkig, und die ſchnellen Wechſel von Licht und Schatten auf der Fläche des Sees verliehen der Ausſicht etwas dop⸗ pelt Wildes, Geheimnißvolles und Finſteres. „Das nennen nun einige Leute maleriſch,“ ſagte Sir Percival, mit ſeinem halbfertigen Stocke auf die vor uns liegende Ausſicht deutend,„ich nenne es dagegen eine Verunzierung auf dem Beſitzthume eines Gentlemans. Zur Zeit meines Urgroßvaters kam der See bis hier heran— jetzt ſeht ihn an! er iſt an der tiefſten Stelle kaum vier Fuß tief und beſteht aus lauter Sümpfen und Pfützen. Ich wollte, ich hätte die Mittel, ihn auszutrock⸗ nen und die Stelle dann zu bepflanzen. Mein Inſpector ſagt(in ſeinem blödſinnigen Aberglauben), er ſei über⸗ zeugt, daß auf dem See, wie auf dem todten Meere, ein Fluch laſtet. Was meinſt Du, Fosco? Sieht die Stelle nicht aus, wie für einen Mord gemacht, was?“ „Mein guter Percival!“ ſagte der Graf im Tone ſanf⸗ ter Vorſtellung.„Woran denkt Dein geſunder engliſcher Menſchenverſtand? Das Waſſer iſt ja viel zu flach, um den Leichnam zu verbergen, und hat überall Sand, um die Fußſpuren des Mörders zu zeigen. Die Stelle iſt meiner Anſicht nach die allerungünſtigſte für einen Mord, die ich je geſehen habe.“ „Gewäſch!“ ſagte Sir Percival, wüthend auf ſeinen Stock einhackend.„Du weißt recht gut, was ich meine. Die düſtere Gegend— die einſame Lage. Wenn es Dir gefällig iſt, mich zu verſtehen, ſo kannſt Du es recht gut, wo nicht, ſo werde ich mir wahrhaftig nicht erſt die Mühe geben, Dir auseinanderzuſetzen, was ich meine.“ „Und warum nicht,“ ſagte der Graf,„wenn es ſich doch in zwei Worten thun läßt? Wenn ein Narr einen Mord begehen wollte, da wäre Dein See wahrſcheinlich der erſte Ort, den er ſich dazu auserſehen würde. Wollte aber ein geſcheidter Mann einen Mord begehen, ſo wäre es der allerletzte Ort dazu. Iſt das, was Du ſagen wollteſt? Dann haſt Du alſo hiermit Deine Erklärung. Nimm ſie, mein guter Percival, mit Deines Fosco's Segen.“ Laura ſchaute den Grafen mit einem Geſichtsausdrucke an, der ihr Mißfallen an ihm etwas zu deutlich verrieth, doch war er ſo von ſeinen Mäuſen in Anſpruch genom⸗ men, daß er dies nicht bemerkte. „Es thut mir leid zu hören, wie man dieſe See⸗ 111 anſicht mit einer ſo ſchrecklichen Idee, wie der eines Mor⸗ des, in Verbindung bringt,“ ſagte ſie,„und wenn Graf Fosco Mörder claſſificiren will, ſo ſcheint er mir in der Wahl ſeiner Ausdrücke kein beſonderes Glück gehabt zu haben. Mir ſcheint, daß, wenn man ſie als Narren be⸗ zeichnet, man eine Nachſicht gegen ſie übt, zu der ſie nicht berechtigt ſind, und ſie geſcheidte Leute zu nennen, ſcheint mir geradezu ein Widerſpruch. Ich habe immer ge⸗ hört, daß wahrhaft geſcheidte Menſchen zugleich wahrhaft gute Menſchen ſind und tiefen Abſcheu gegen alles Ver⸗ brechen hegen.“ „Meine verehrte Dame,“ ſagte der Graf,„das ſind herrliche Gefühle, und ich habe ſie oft als Vorſchriften in Schönſchreibebüchern geſehen.“ Er nahm eine der wei⸗ ßen Mäuschen und ſetzte ſie auf ſeine Handfläche; dann hielt er ihr auf ſeine launige Weiſe eine kleine Rede. „Mein lieber, hübſcher, glatter, kleiner Spitzbube,“ ſagte er,„hier iſt eine Moral für Dich. Eine wahrhaft ge⸗ ſcheidte Maus iſt eine wahrhaft gute Maus. Sei ſo gütig, dies Deinen Gefährten bekannt zu machen und nage Dein Lebelang nicht wieder an den Stäben Deines Käfigs.“ „Es iſt eine Kleinigkeit, Alles ins Lächerliche zu zie⸗ hen,“ ſagte Laura entſchloſſen;„aber Sie werden es nicht ganz ſo leicht finden, Graf Fosco, mir ein Bei⸗ ſpiel von einem geſcheidten Manne zu geben, der ein großer Verbrecher geweſen wäre. Der Graf zuckte mit den Achſeln und lächelte Laura auf das Freundlichſte an. „Sehr war!“ ſagte er.„Des Narren Verbrechen iſt dasjenige, welches entdeckt, und des geſcheidten Mannes das, welches nicht entdeckt wird. Wenn ich Ihnen ein Beiſpiel geben könnte, ſo wäre es nicht mehr das eines geſcheidten Mannes. Liebe Lady Glyde, Ihr geſunder engliſcher Verſtand hat mich geſchlagen. Diesmal bin ich ſchachmatt; wie, Miß Halcombe?“ „Laß Dich nicht verblüffen, Laura,“ ſpottete Sir Per⸗ cival, der von der Thüre aus zugehört hatte.„Sage ihm auch noch, daß Verbrechen durch eigenes Verſchulden des Thäters entdeckt werden. Da haſt Du noch eine Schönſchreibebuch⸗Moral, Fosco. Verbrechen werden durch des Thäters eigenes Verſchulden entdeckt. Welch' verdammtes Gewäſch!“ „Ich glaube, daß es wahr iſt,“ ſagte Laura ruhig. Sir Percival lachte laut auf— ſo heftig, ſo über⸗ trieben, daß er uns Alle erſchreckte, den Grafen aber am meiſten. „Ich glaube daſſelbe,“ ſagte ich, Laura zu Hülfe eilend. Sir Percival, den die Bemerkung ſeiner Frau in ſo unbegreiflichem Grade beluſtigt hatte, war durch die meinige in demſelben Grade erzürnt. Er ſtieß heftig mit dem neuen Spazierſtock auf den Boden und ging fort. „Dieſer gute Percival!“ rief der Graf, ihu fröhlich nachblickend; er iſt das Opfer engliſchen Spleens. Aber meine liebe Miß Halcombe, theuerſte Lady Glyde, glau⸗ ben Sie wirklich, daß Verbrechen durch des Thäters eigenes Verſchulden entdeckt werden? Und Du, mein Engel,“ fuhr er, zu ſeiner Gemahlin gewendet, hinzu, welche noch kein Wort geſagt hatte,„glaubſt Du es auch?“ „Ich laſſe mich belehren,“ entgegnete die Gräfin in einem Tone eiſigen Vorwurfs gegen Laura und mich ge⸗ 113 richtet,„ehe ich mir anmaße, in Gegenwart wohlunterrich⸗ teter Männer zu urtheilen.“ „Wirklich?“ ſagte ich.„Ich weiß doch die Zeit noch, Gräfin, wo ſie die Rechte der Frauen vertraten, und eines derſelben war Meinungsfreiheit.“ „Wie denkſt Du über den Gegenſtand, Graf?“ frug die Gräfin, ruhig mit Anfertigung ihrer Cigarretten fort⸗ fahrend und ohne die geringſte Notiz von mir zu nehmen. Der Graf ſtreichelte eine ſeiner weißen Mäuſe nach⸗ denklich mit dem kleinen Finger, ehe er etwas erwiderte. „Es iſt wahrhaft ſtaunenswerth,“ ſagte er,„wie leicht die Geſellſchaft für die ſchlimmſten ihrer Vergehen ſich durch ein Stückchen Gemeinplatz tröſtet. Die Maſchinerie, welche ſie zur Entdeckung von Verbrechen eingeſetzt hat, iſt auf eine erbärmliche Weiſe unzureichend, und dennoch— es erfinde nur Einer ein moraliſches Epigramm und ſage, daß es von guter Wirkung ſei, und ſofort wird er Alles gegen die Fehler deſſelben verblendet haben. Alſo Verbre⸗ chen werden durch des Thäters eigenes Verſchulden ent⸗ deckt? Und„Es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen“ wie? Fragen Sie die Rich⸗ ter, Lady Glyde, welche in großen Städten bei Leichen⸗ ſchauen gegenwärtig ſind, ob dies wahr ſei. Fragen Sie Secretäre, die bei Lebensverſicherungsgeſellſchaften ange⸗ ſtellt ſind, Miß Halcombe, ob dies der Fall iſt. Leſen Sie die öffentlichen Blätter. Sind nicht unter den wenigen Fällen, die ihren Weg in die Zeitungen finden, nicht Bei⸗ ſpiele von erſchlagen gefundenen Körpern, deren Mörder unentdeckt bleiben? Multipliciren Sie die Fälle, welche berichtet ſind, mit denen, die unberichtet bleiben, und die Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 8 114 Leichname, die gefunden w erden, mit denen, die verborgen bleiben, zu welchem Schluſſe kommen Sie da? Zu folgen⸗ dem. Daß es ungeſchickte Verbrecher gibt, die entdeckt werden, und geſcheidte Verbrecher, die der Entdeckung ent⸗ gehen. Worin beſteht das Verhehlen oder das Aufdecken eines Verbrechens? In Schlauheitsverſuchen der Polizei auf der einen und des Individiums auf der andern Seite. Wenn der Verbrecher ein brutaler, unwiſſender Narr iſt, ſo ſiegt die Polizei in zehn Fällen neunmal; iſt er aber ein entſchloſſener, gebildeter, in hohem Grade intelligenter Menſch, ſo verliert die Polizei in demſelben Verhältniſſe. Wenn die Polizei ſiegt, hören Sie gewöhnlich den ganzen Hergang der Sache— verliert ſie dagegen, ſo hören Sie meiſtens kein Wort von der Geſchichte. Und auf dieſe wackelige Grundlage bauen Sie Ihre gemüthliche mora⸗ liſche Maxime, daß Verbrechen durch des Thäters eigenes Verſchulden entdeckt werden! Ja— alle Verbrechen, von denen Sie etwas wiſſen. Wie aber ſteht's mit den übrigen?“ „Verflucht wahr das, und ſehr gut dargethan,“ rief eine Stimme am Eingange des Boothauſes. Sir Percival hatte ſeinen Gleichmuth wieder gewonnen und war zurück⸗ gekehrt, während wir dem Grafen zuhörten. „Es mag zum Theil wahr ſein und iſt Alles ſehr gut dargethan,“ ſagte ich.„Aber ich ſehe nicht ein, warum Graf Fosco den Sieg des Verbrechers über die Geſellſchaft mit ſolchem Frohlocken feiere, oder warum Sie, Sir Per⸗ eival, ihm ſo enthuſiaſtiſch dafür applaudiren ſollten.“ „Hörſt Du es, Fosco?“ ſagte Sir Percival ſpöttiſch. „Nimm meinen Rath und ſchließe Frieden mit Deinen 115 Zuhörern. Sage ihnen, daß es etwas Herrliches um die Tugend iſt— das wird ihnen gefallen, kann ich Dir ver⸗ ſprechen.“ Der Graf lachte ſtill in ſich hinein, und zwei von den weißen Mäuſen in ſeiner Weſte ſtürzten, über das Erd⸗ beben unter derſelben entſetzlich erſchrocken, heraus, und eilten in ihren Käfig zurück. „Die Damen,“ ſagte er,„ſollen mir von der Tugend erzählen, mein guter Percival. Sie haben darüber ein beſſeres Urtheil als ich; denn Sie wiſſen, was Tugend iſt, und ich weiß es nicht.“ „Hört ihn an!“ ſagte Sir Percival,„iſt das nicht ent⸗ ſetzlich?“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Graf ruhig.„Ich bin ein Weltbürger und habe in meinem Leben ſchon ſo viele oer⸗ ſchiedene Arten von Tugend kennen gelernt, daß ich jetzt in meinen alten Tagen nicht im Stande bin, die rechte Sorte 1 von der unrechten zu unterſcheiden. Hier in England gibt es eine Sorte und da hinten in China eine andere. John 3 Engländer ſagt, die meine iſt die echte Tugend, und John Chineſe ſagt, nein, die meine iſt die echte. Und ich ſage Ja 2 zu dem Einen oder Nein zu dem Andern und bin dabei über das Richtige ebenſo ſehr im Unklaren bei John in den t Reitſtiefeln, wie bei John mit dem Zopfe. Ach! meine ſüße n kleine Maus! komm' und küſſe mich. Wie denkſt du über ft tugendhafte Leute, mein Mäuſelinichen? Daß es Leute 7 ſind, die dich warm halten und dir reichlich zu ſpeiſen geben? Gar keine ſchlechte Idee und jedenfalls eine ver⸗ h. ſtändliche.“ en„Einen Augenblick, Graf,“ unterbrach ich ihn,„auf Ihr 8* 116 Beiſpiel eingehend, ſo haben wir doch ohne Frage eine Tu⸗ gend in England, die ihnen in China fehlt. Die chineſi⸗ ſchen Gerichtsobrigkeiten tödten Tauſende von unſchuldigen Menſchen auf irgend einen abſcheulichen nichtigen Vorwand hin. In England ſind wir von aller derartigen Schuld fern, ſo fürchterliche Verbrechen begehen wir nicht, wir verab⸗ ſcheuen ſorgloſes Blutvergießen von ganzem Herzen.“ „Ganz recht, Marianne,“ ſagte Laura,„ein guter Ge⸗ danke und gut ausgedrückt.“ „Bitte, geſtatten Sie dem Grafen, fortzufahren,“ ſagte die Gräfin mit ſtrenger Höflichkeit.„Sie werden finden, meine Damen, daß er nie etwas ſagt, wofür er nicht die vortrefflichſten Gründe hätte.“ „Ich danke Dir, mein Engel,“ ſagte der Graf,„darf ich Dir einen Bonbon anbieten?“ Er nahm eine niedliche kleine Schachtel aus der Taſche und ſtellte ſie offen auf den Tiſch.„Chocolat à la Vanille,“ rief dieſer unerſchütter⸗ liche Mann, indem er fröhlich die Schachtel ſchüttelte und ſich rundum gegen die Geſellſchaft verneigte.„Als ein Act der Huldigung Fosco's gegen die bezaubernde Geſell⸗ ſchaft.“ „Sei ſo gut und fahre fort, Graf,“ ſagte ſeine Frau mit einem tückiſchen Blicke auf mich;„thu' mir den Ge⸗ fallen, Miß Halcombe zu widerlegen.“ „Miß Halcombe iſt unwiderlegbar,“ entgegnete der höfliche Italiener—„das heißt, in ſoweit ſie geht. Ja! ich ſtimme mit ihr überein. John Bull verabſcheut des Chineſen Greuelthaten. Es gibt in der Welt keinen flin⸗ kern alten Herrn als ihn, um die Fehler Anderer wahrzu⸗ nehmen und keinen langſamern, wo es auf die Entdeckung — ⁸——-—n 117 ſeiner eigenen ankommt. Iſt er aber wirklich auf ſeine Art ſo viel beſſer, als die Leute, die er verdammt? Die eng— liſche Geſellſchaft, Miß Halcombe, iſt ebenſo oft die Mit⸗ ſchuldige des Verbrechens, wie ſie deſſen Feindin iſt. Ja! ja! Das Verbrechen iſt in dieſem Lande gerade daſſelbe, was es in anderen Ländern iſt— ebenſo oft der gute Freund eines Mannes und Derer, die zu ihm gehören, als es ſein Feind und der ihrige iſt. Ein großer Schurke ſorgt für ſeine Frau und Kinder: je ſchlechter er iſt, deſto lebhafter erregt er Eure Theilnahme für ſeine Familie. Oft ſorgt er auch für ſich ſelbſt. Ein ausſchweifender Verſchwender, der fortwährend Geld borgt, wird mehr aus ſeinen Freun⸗ den machen, als der ſtreng rechtliche Mann, der nur ein⸗ mal in der bitterſten Nothwendigkeit von ihnen borgt. In erſterem Falle werden die Freunde durchaus nicht erſtaunen und deshalb herhalten, im zweiten werden ſie ſehr über⸗ raſcht ſein und daher zögern, ehe ſie etwas herausgeben. Iſt das Gefängniß, in welchem Herr Schurke am Ende ſeiner Laufbahn Wohnung bekommt, ein unangenehmerer Aufenthalt, als das Landarbeitshaus, in dem Herr Bie⸗ dermann am Ende der ſeinigen ſich zurückziehen muß? Wenn John Howard⸗Menſchenfreund Elend erleichtern will, ſo ſucht er es in Gefängniſſen auf, wo es verbrecheri⸗ ſches Elend iſt, nicht aber in den Hütten der Armuth, wo es tugendhaftes Elend iſt. Wer iſt derjenige engliſche Poet, der ſich die allgemeinſte Theilnahme errungen, der den leich⸗ teſten Gegenſtand zu pathetiſcher Dichtung und pathetiſcher Malerei abgibt? Jener charmante junge Mann, der das Leben mit einer Fälſchung begann und es mit Selbſtmord beendete— Euer lieber, romantiſcher, intereſſanter Chat⸗ 118 terton. Welche von zwei verhungernden Nähjungfern kommt Ihrer Anſicht nach wohl am beſten weg: die, welche der Verſuchung widerſteht und ehrlich bleibt, oder die, welche ihr weicht und ſtiehlt? Ihr wißt Alle recht gut, daß dieſe Perſon durch dieſen Diebſtahl ihr Glück macht, es iſt eine Reclame für ſie von einem Ende zum andern des gut⸗ müthigen, mildthätigen England, und als Uebertreterin eines Gebotes wird ihr geholfen, während man ſie hätte verhungern laſſen, ſo lange ſie das Gebot gehalten. Komm her, meine luſtige kleine Maus! Hei! presto! flink! Ich verwandle dich für den Augenblick in eine reſpectable Dame. Bleib' hier in der Fläche meiner ſchrecklich großen Hand, mein Mäuschen, und höre mir zu. Du heiratheſt den armen Mann, den du liebſt, Maus, und die eine Hälfte deiner Bekannten bemitleidet dich, während die andere dich tadelt. Jetzt aber verkaufſt du dich im Ge⸗ gentheil für Gold einem Manne, um den du dich keinen Pfifferling ſcheerſt, und alle deine Bekannten jubeln; und der Verwalter des öffentlichen Gottesdienſtes weihet den ſchändlichſten aller menſchlichen Handelsverträge und lächelt und grinſt hernach an deinem Tiſche, wenn du ſo gütig geweſen biſt, ihn zum Frühſtück einzuladen. Hei! presto! flink! Sei wieder eine Maus und quikſe; denn wenn du noch länger eine Dame bliebſt, ſo würdeſt du mir zunächſt ſagen, daß die Geſellſchaft das Verbrechen verabſcheute, und dann, Maus, würde ich daran zweifeln, ob deine eigenen Augen und Ohren dir wirklich von ge⸗ ringſtem Nutzen ſeien. Ach! ich bin ein ſchlechter Mann, Lady Glyde, nicht wahr? Ich ſpreche aus, was andere Leute blos denken, und wenn die ganze übrige Welt ſich ver⸗ 119 ſchwört, die Maske für das Geſicht anzunehmen, ſo iſt die meine die verwegene Hand, welche die plumpe Pappe hin⸗ wegreißt und die nackten Knochen darunter zeigt. Ich will mich auf meine großen Elephantenbeine erheben, ehe ich mir in Ihrer unſchätzbaren Meinung noch mehr Schaden thue, ich will mich erheben und einen kleinen Spaziergang machen. Theure Damen, wie Ihr vortrefflicher Sheridan ſagt, ich gehe und laſſe meinen Charakter in Ihren Händen zurück.“ Er ſtand auf, ſtellte den Käfig auf den Tiſch und blieb einen Augenblick, um die Mäuſe in demſelben zu zählen. „Eins, zwei, drei, vier— ha!“ rief er mit einem Blicke des Entſetzens,„wo, ins Himmels Namen, iſt die fünfte — die jüngſte, weißeſte, liebenswürdigſte von Allen— mein Mäuſe⸗Benjamin?“ Weder Laura noch ich waren im Geringſten aufgelegt, beluſtigt zu ſein, denn des Grafen ſchamloſer Cynismus hatte uns einen neuen Einblick in ſeinen Charakter ver⸗ ſchafft, vor dem wir Beide zurückbebten. Aber der ko⸗ miſche Schmerz eines ſo umfangreichen Mannes über den Verluſt einer ſo kleinen Maus war unwiderſtehlich. Wir lachten wider willen, und als die Gräfin Fosco ſich erhob und uns das Beiſpiel gab, das Boothaus zu räumen, da⸗ mit der Graf in deſſen entlegenſten Winkel Nachſuchung halten könne, ſtanden wir ebenfalls auf, um demſelben zu folgen. Ehe wir noch drei Schritte gethan hatten, entdeckte des Grafen ſcharfes Auge ſchon die verlorene Maus unter dem Sitze, den wir eingenommen hatten. Er zog die Bank auf die Seite und nahm das kleine Thier in die Hand; plötz⸗ 120 lich aber kniete er nieder und blickte aufmerkſam auf einen Flecken am Boden dicht vor ihm. Als er ſich wieder aufrichtete, zitterte ſeine Hand ſo, daß er die Maus kaum in ihren Käfig zu ſetzen ver⸗ mochte, und ſein Geſicht war mit einer matten Bläſſe bedeckt. „Percival!“ rief er flüſternd.„Percival! Komm' her.“ Sir Percival hatte während der letzten zehn Minuten uns nicht beachtet. Er war beſchäftigt geweſen, Zahlen in den Sand zu malen und ſie dann mit ſeinem Stocke wieder zu verwiſchen. „Was iſt jetzt los?“ ſagte er, unbekümmert in das Boothaus ſchlendernd. „Siehſt Du dort nichts?“ ſagte der Graf, ihn mit der einen Hand zitternd am Kragen faſſend und mit der an⸗ dern auf die Stelle deutend, neben welcher er die Maus wiedergefunden hatte. „Ich ſehe eine Menge trocknen Sandes,“ entgegnete Sir Percival,„und mitten darin einen Kothflecken.“ „Kein Koth,“ flüſterte der Graf, plötzlich auch die andere Hand auf Sir Percival's Kragen legend und ihn in ſeiner Aufregung zerrend,„Blut!“ Laura ſtand nahe genug, um das letztere Wort, ſo leiſe es auch geſprochen ward, zu hören. Sie wandte ſich mit einem Blick des Schreckens zu mir. „Unſinn, mein Herz,“ ſagte ich.„Es iſt kein Grund zur Unruhe vorhanden. Es iſt nichts, als das Blut eines verlaufenen kleinen Hundes.“ Alle waren erſtaunt und richteten fragend ihre Blicke auf mich.. 121 „Woher wiſſen Sie das?“ frug Sir Percival, zuerſt das Wort nehmend. „Ich fand den Hund hier im Sterben an dem Tage, wo Sie Alle von der Reiſe ankamen,“ erwiderte ich. „Das arme Thier hatte ſich in die Anlagen verlaufen und wurde von Ihrem Wildwärter dafür erſchoſſen.“ „Wem gehörte der Hund?“ frug Sir Percival.„Es war doch nicht einer von den meinigen?“ „Verſuchteſt Du nicht, das arme Thierchen zu retten?“ frug Laura mit ernſtem Geſichte.„O gewiß, Marianne, Du verſuchteſt es doch?“ „Ja,“ ſagte ich,„die Haushälterin und ich thaten unſer Möglichſtes, aber der Hund war tödtlich verwun⸗ det und ſtarb uns unter den Händen.“ „Weſſen Hund war es?“ widerholte Sir Percival etwas gereizt.„Einer von den meinigen?“ „Nein, keiner von den Ihrigen.“ „Weſſen alſo? Wußte die Haushälterin es?“ In dem Augenblicke, wo er die Frage that, fiel mir ein, daß die Haushälterin geſagt hatte, Mrs. Catherick wünſche nicht, daß Sir Percival Etwas von ihrem Be⸗ ſuch in Blackwater Park erfahre, und ich zweifelte halb an der Rathſamkeit, die Frage zu beantworten. Doch war ich in meiner Beſorgniß, die allgemeine Unruhe zu beſeitigen, unvorſichtigerweiſe zu weit gegangen, um zurück⸗ zutreten, ohne dadurch Verdacht zu erregen, der die Sache nur noch verſchlimmert hätte. Es blieb mir alſo nichts weiter übrig, als ſofort und ohne alle Rückſichtnahme auf etwaige Folgen zu antworten. 122 „Ja,“ ſagte ich.„Die Haushälterin kannte ihn. Sie ſagte mir, er gehöre Mrs. Catherick.“ Sir Percival war bisher mit dem Grafen innerhalb des Boothauſes geblieben, während ich von der Thür aus zu ihm ſprach. Aber ſowie ich Mrs. Catherick's Namen ausſprach, drängte er ſich ungehalten an dem Grafen vorbei und ſtellte ſich unter dem hellen Tages⸗ lichte mir dicht gegenüber. „Wie kam die Haushälterin dazu, zu wiſſen, daß der Hund Mrs. Catherick gehöre?“ frug er, indem er die Augen mit einer finſtern Aufmerkſamkeit auf die meinigen heftete, die mich halb erzürnte und halb er⸗ ſchreckte. „Sie wußte es,“ ſagte ich gelaſſen,„weil Mrs. Ca⸗ therick den Hund mitbrachte.“ „Ihn mitbrachte? Wohin brachte ſie ihn mit?“ „Ins Haus.“ „Was, zum Teufel, hatte Mrs. Catherick im Hauſe zu thun?“. Die Art und Weiſe, in welcher er die Frage that, war faſt noch beleidigender als die Ausdrücke, deren er ſich bediente. Ich gab ihm meinen Unwillen darüber zu verſtehen, indem ich mich ſchweigend von ihm abwandte. In demſelben Augenblick legte der Graf ihm ſeine Hand auf die Schulter und ſagte in überredendem Tone: „Mein lieber Percival!— ſachte! ſachte!“ Sir Percival blickte ſich zornig um. Der Graf lächelte nur und wiederholte ſeine Beruhigungsformel: „Sachte, mein guter Freund! ſachte!“ 123 Sir Percival zögerte, ging mir ein paar Schritte nach und machte mir zu meinem größten Erſtaunen eine Entſchuldigung. „Ich bitte um Verzeihung, Miß Halcombe,“ ſagte er.„Mir iſt in letzter Zeit nicht recht wohl geweſen, und ich fürchte, es hat mich etwas reizbar gemacht. Aber ich möchte gern wiſſen, was in aller Welt Mrs. Catherick hier wollte. Wann kam ſie? War die Haushälterin die einzige Perſon, die ſie ſah?“ „Soviel ich weiß, war ſie die einzige,“ entgegnete ich. Der Graf legte ſich abermals dazwiſchen. „In dem Falle würde ich die Haushälterin befragen,“ ſagte er.„Warum nicht gleich zur Quelle gehen, Per⸗ cival?“ „Ganz recht!“ ſagte Sir Percival.„Natürlich iſt die Haushälterin die rechte Perſon zu befragen. Sehr dumm von mir, das nicht gleich zu ſehen.“ Mit dieſen Worten verließ er uns augenblicklich, um zum Hauſe zu⸗ rückzukehren. Des Grafen Beweggrund, den Vermittler zu machen, verrieth ſich, ſowie Sir Percival den Rücken gewandt hatte. Er hatte mir eine Maſſe Fragen über Mrs. Catherick und den Zweck ihres Beſuches in Blackwater Park vorzulegen, die er in ſeines Freundes Gegenwart kaum hätte thun können. Ich machte meine Antworten ſo kurz, wie es die Höflichkeit zuließ— denn ich hatte bereits beſchloſſen, jeder Annäherung zu vertrauten Mittheilungen zwiſchen dem Grafen und mir von vorn herein entgegenzutreten. Laura half ihm jedoch unbewußterweiſe, indem ſie ſelbſt mir Fragen vorlegte, die mir keine andere Wahl ließen, als entweder ſie zu beantworten, oder allen Beiden in dem ſehr falſchen und wenig beneidenswerthen Charakter einer Mitwiſſerin von Sir Percival zu erſcheinen. Das Ende davon war, daß in ungefähr zehn Minuten der Graf ebenſoviel über Mrs. Catherick und über die Ereigniſſe wußte, die uns auf ſo ſeltſame Weiſe mit ihrer Tochter Anna in Verbindung gebracht hatten, als ich ſelbſt, und zwar von dem Augenblicke an, wo Walter Hartright ihr begegnete, bis auf dieſen Tag. Die Wirkung dieſer meiner Auskunft auf ihn war in einer Beziehung ziemlich bemerkenswerth. So intim er auch mit Sir Percival iſt, und ſo gut er auch von deſſen Privatangelegenheiten im Allgemeinen unterrichtet zu ſein ſcheint, iſt er doch offenbar ebenſo weit entfernt wie ich, Etwas von der wahren Geſchichte von Anna Catherick zu wiſſen. Das ungelöſte Geheimniß in Bezug auf dieſe unglückliche Frau wird jetzt in meinen Augen doppelt verdächtig durch die feſte Ueberzeugung, daß Sir Per⸗ cival den Schlüſſel zu demſelben ſelbſt ſeinem vertrau⸗ teſten Freunde vorenthalten hat. Es war unmöglich, die eifrige Neugier in den Blicken und Manieren des Grafen zu mißdeuten, als er begierig jedem Worte lauſchte, das von meinen Lippen fiel. Ich weiß wohl, daß es viele verſchiedene Arten von Neugier gibt; aber die einer vollkommenen Ueberraſchung iſt unverkennbar, und falls ich ſie jemals ſah, ſo war dies in dem Augen⸗ blicke im Geſichte des Grafen. Während dieſer Fragen und Antworten waren wir Alle langſam durch die Anlagen zum Hauſe zurückgekehrt. So⸗ wie wir hier anlangten, war das Erſte, was wir ſahen, Sir Percival's Gig, das angeſpannt vor der Thür hielt, und der Groom, der in ſeiner Stalljacke das Pferd hielt. Nach dieſen unerwarteten Erſcheinungen hatte das Ver⸗ hör der Haushälterin bereits wichtige Erfolge gehabt. „Ein ſchönes Pferd, mein Freund,“ ſagte der Graf mit der bezauberndſten Vertraulichkeit zum Reitknechte. „Ihr wollt ausfahren?“ „Ich fahre nicht, Sir,“ ſagte der Mann, auf ſeine Stalljacke blickend, in ſichtbarem Verwundern, ob der ausländiſche Herr ſie wohl für ſeine Livree halte.„Mein Herr fährt ſich ſelbſt.“ „Aha?“ ſagte der Graf.„In der That? Mich wun⸗ dert's, daß er ſich die Mühe nimmt, da er doch Euch dazu hat. Wird er das ſchöne blanke Pferd mit einer langen Fahrt ermüden?“ „Ich weiß nicht, Sir,“ entgegnete der Groom.„S iſt ein Mutterpferd, Sir, und das muthigſte Thier, das wir im Stalle haben. Sie heißt die braune Molly, Sir, und geht bis ſie umfällt. Sir Percival nimmt Iſak von York gewöhnlich für kurze Entfernungen.“ „Und Eure blanke, muthige, braune Molly für die langen?“ „Ja wohl, Sir.“ „Der logiſche Schluß, Miß Halcombe,“ ſagte der Graf, ſich ſchnell zu mir umwendend,„iſt demnach, daß Sir Percival heute eine lange Fahrt vor hat.“ Ich erwiderte nichts. Ich zog nach dem, was ich von der Haushälterin gehört und was ich vor mir ſah, meine eigenen Schlüſſe, und es lag mir nicht daran, die⸗ ſelben mit Graf Fosco zu theilen. 126 Als Sir Percival in Cumberland war(dachte ich bei mir), machte er einen langen Spaziergang, um die Familie zu Todd's Ecke über Anna auszufragen. Iſt er etwa jetzt in Hampſhire im Begriffe, eine noch längere Spazierfahrt zu machen, um Nachfragen über Anna bei Mrs. Catherick zu Welmingham anzuſtellen? Wir gingen Alle ins Haus. Als wir über den Flur gingen, trat Sir Percival aus der Bibliothek uns ent⸗ gegen. Er ſchien in Eile und ſah blaß und ſorgenvoll aus, war aber deſſenungeachtet in ſeiner höflichſten Laune, als er uns anredete. „Ich bedaure zu ſagen, daß ich Euch verlaſſen muß,“ begann er—„ich habe eine lange Fahrt vor— eine Sache, die ich nicht gut verſchieben kann. Ich werde morgen bei guter Zeit wieder da ſein; ehe ich aber gehe, möchte ich die kleine Geſchäftsformalität beſeitigen, von der ich heute Morgen ſagte. Laura, willſt Du in die Bibliothek kommen? Es wird Dich keine Minute auf⸗ halten, eine bloſe Formalität. Darf ich Sie ebenfalls bemühen, Gräfin? Ich wünſche blos, daß Ihr, Du und die Gräfin, Zeugen einer Unterſchrift ſeid, weiter nichts. Kommt gleich und macht die Sache ab.“ Er hielt die Thür der Bibliothek für ſie offen, bis ſie Alle eingetreten waren, folgte ihnen und ſchloß ſie leiſe hinter ſich. Ich blieb einen Augenblick allein in dem Flur ſtehen, während mein Herz heftig pochte und ſchlimme Ahnungen ſich bei mir einſchlichen. Dann wandte ich mich zur Treppe und ſtieg langſam hinauf nach meinem Zimmer. Gerade als ich die Hand auf die Thürklinke gelegt, hörte ich Sir Percival's Stimme, die mir von unten zurief: „Ich muß Sie bitten, wieder herunterzukommen,“ ſagte er.„Es iſt Fosco's Schuld, nicht die meine, Miß Hal⸗ combe. Er hat irgend einen unſinnigen Einwand dagegen zu machen, daß ſeine Frau Zeugin iſt und mich daher genö⸗ thigt, Sie zu bitten, zu uns in die Bibliothek zu kommen.“ Ich trat ſofort mit Sir Percival ins Zimmer. Laura ſtand wartend beim Schreibtiſche und drehte ihren Garten⸗ hut unruhig in den Händen herum. Die Gräfin ſaß neben ihr in einem Lehnſtuhle, in ihren Zügen malte ſich unerſchütterliche Bewunderung für ihren Gemahl, welcher am andern Ende des Zimmers am Fenſter ſtand und die welken Blätter von den Blumen ablas. Sowie ich hereintrat, kam der Graf mir entgegen, um mir ſeine Erklärung zu geben. „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, Miß Halcombe,“ ſagte er,„Sie wiſſen, welchen Charakter man in Eng⸗ land meinen Landsleuten beilegt? Wir Italiener ſind nach des guten John Bull's Dafürhalten Alle von Na⸗ tur hinterliſtig und argwöhniſch. Nehmen Sie gütigſt an, daß ich um nichts beſſer bin als meine Landsleute. Ich bin ein hinterliſtiger, argwöhniſcher Italiener. Sie haben dies ſelbſt ſchon gedacht, verehrte Dame, nicht wahr? Nun gut! Es macht einen Theil meiner Hinterliſt und meines Argwohns aus, etwas dawider zu haben, daß die Gräfin Zeugin von Lady Glyde's Unterſchrift ſei, wenn ich ſelbſt ein Zeuge bin.“ „Es gibt auch nicht den Schatten eines Grundes für ſeine Weigerung,“ ſagte Sir Percival.„Ich habe es ihm 128 . erklärt, daß das engliſche Geſetz ſeiner Frau ſowohl als ihm geſtattet, Zeugen bei derſelben Unterſchrift zu ſein.“ „Ich gebe es zu,“ ſagte der Graf.„Das Geſetz von England ſagt Ja, aber Fosco's Gewiſſen ſagt Nein.“ Er ſpreizte ſeine dicken Finger über ſeiner Bruſt aus und ver⸗ beugte ſich feierlich, wie wenn er uns hiermit ſein Gewiſſen als einen erhabenen Zuwachs der Geſſellſchaft vorſtelle. „Was dies für ein Document ſein mag, welches Lady Glyde zu unterzeichnen im Begriffe iſt,“ fuhr er fort,„weiß ich nicht, noch wünſche ich es zu erfahren. Ich ſage blos, daß zu irgend einer Zeit der Zukunft die Umſtände ſich ſo geſtalten können, daß Sir Percival ſich genöthigt ſehe, ſich auf die beiden Zeugen zu berufen, in welchem Falle es ſicher⸗ lich wünſchenswerth iſt, daß dieſe Zeugen zwei Anſichten verträten, die von einander völlig unabhängig wären. Dies kann nicht ſein, wenn meine Frau mit mir unterzeichnet, denn zwiſchen uns Beiden gibt es nur eine Anſicht und das iſt die meinige. Ich will nicht, daß man jemals ſagen könne, die Gräfin habe auf meinen Befehl gehandelt und ſei dem⸗ zufolge eigentlich gar kein Zeuge. Ich ſpreche in Percival's Intereſſe, wenn ich vorſchlage, daß mein Name als der von Percival's nächſtem Freunde erſcheine, und Miß Hal⸗ combe's Name als der von ſeiner Gemahlin nächſtſtehender Freundin. Ich bin ein Jeſuit— wenn es Ihnen gefällt, ſo zu denken, ein Wortklauber, ein Kleinigkeitskrämer, ein Mann von Grillen und Scrupeln, aber ich hoffe, daß Sie mir aus Barmherzigkeit gegen meinen argwöhniſchen italie⸗ niſchen Charakter und mein beunruhigtes italieniſches Ge⸗ wiſſen willfahren werden.“ Er verbeugte ſich abermals, trat ein paar Schritte von dem Tiſche zurück und entzog ſein Gewiſſen unſerer Geſellſchaft ſo höflich, wie er es uns vorgeſtellt hatte. Des Grafen Scrupel mochten rechtlich und vernünftig genug ſein, aber in ſeiner Art und Weiſe, ſie auszuſprechen, lag Etwas, das meinen Widerwillen, mit der Unterſchrift irgendwie zu thun zu haben, noch vermehrte. Keine Rück⸗ ſicht von geringerer Wichtigkeit als meine Gefühle für Laura hätte mich bewogen, überhaupt Zeugin zu werden. Doch ein einziger Blick auf ihre beunruhigten Züge be⸗ ſtimmte mich, lieber Alles zu wagen, ehe ich ſie verließe. „Ich bin bereit, dazubleiben,“ ſagte ich.„Und falls ich keine Gründe ſehe, meinerſeits Einwendungen zu machen, dürfen Sie auf mich als Zeugin rechnen.“ Sir Percival ſah mich ſcharf an, als ob er etwas zu ſagen im Begriffe ſei. In demſelben Augenblicke aber zog die Gräfin ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, in⸗ dem ſie ſich von ihrem Platze erhob. Sie hatte offenbar einen Blick vom Grafen erhalten, der ihr Befehl ertheilte, das Zimmer zu verlaſſen. „Sie brauchen nicht zu gehen,“ ſagte Sir Percival. Die Gräfin ſah ſich abermals nach Befehl von ihrem Gemahl um, erhielt ihn, ſagte, ſie ziehe es vor, uns unſe⸗ rem Geſchäfte zu überlaſſen, und ging entſchloſſen hinaus. Der Graf zündete ſich eine Cigarrette an, kehrte zu den Blumen am Fenſter zurück und blies in einem Zuſtande tiefſter Aufmerkſamkeit, dem Tode der Inſekten gewidmet, kleine Rauchwolken auf die Blätter. Unterdeſſen öffnete Sir Percival eine Schublade unter einem der Bücherſchränke und nahm aus derſelben ein Document, das mehrmals der Länge nach zuſammen⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 9 130 gefaltet lag. Er legte es auf den Tiſch, öffnete blos die letzte Falte und legte ſeine Hand auf das Uebrige. Auf dieſer letzten Falte ſah man ein Stück unbeſchrie⸗ benen Papieres, auf das an gewiſſen Stellen Oblaten geklebt waren. Jede Zeile der Schrift war in dem Theile verborgen, den er mit der Hand bedeckt hielt. Laura und ich ſchauten einander an. Ihr Geſicht war bleich, doch zeigte es weder Unentſchloſſenheit noch Furcht. Sir Percival tauchte eine Feder ins Tintenfaß und reichte ſie ſeiner Frau. „Schreibe Deinen Namen hierher,“ ſagte er, auf eine Stelle deutend.„Sie und Fosco werden ſodann Ihre Namen hier dieſen Oblaten gegenüber niederzuſchreiben haben, Miß Halcombe. Komm' her, Fosco! Man gibt einen Zeugen bei einer Unterſchrift ab, indem man aus dem Fenſter gafft und Rauch auf die Blumen bläſt.“ Der Graf warf ſeine Cigarrette fort und trat zu uns an den Tiſch, indem er unbekümmert ſeine Hände in ſeinen rothen Gürtel ſteckte und ſeine Augen feſt auf Sir Percival's Geſicht geheftet hielt. Laura, die auf ihres Mannes anderer Seite ſtand, hielt die Feder in der Hand und blickte ihn ebenfalls an. Er ſtand zwiſchen ihnen, indem er das Document feſt mit der Hand nieder⸗ drückte und mich, die ich ihm gegenüberſaß, mit einer ſolchen Miſchung von Argwohn und Verwirrung anblickte, daß er mehr das Ausſehen eines Gefangenen vor den Gerichtsſchranken, als das eines Edelmannes in ſeinem eignen Hauſe hatte. „Unterſchreibe hier,“ wiederholte er, ſich plötzlich zu Laura wendend und nochmals auf die Stelle deutend. 131 „Was iſt es, das ich unterſchreiben ſoll?“ frug ſie ruhig. „Ich habe keine Zeit, es Dir auseinanderzuſetzen,“ entgegnete er.„Das Gig iſt vor der Thür und ich muß fort. Und übrigens, wenn ich auch die Zeit dazu hätte, Du würdeſt es doch nicht verſtehen. Es iſt eine bloſe Form— und voller techniſcher Advocatenausdrücke und dergleichen. Komm'! komm'! unterſchreibe, und laß uns mit der Sache zu Ende kommen, ſo ſchnell wir können.“ „Mir ſcheint, ich ſollte doch wiſſen, was ich unter⸗ zeichne, Sir Percival, ehe ich meinen Namen unter⸗ ſchreibe?“ „Unſinn! Was wiſſen Weiber von Geſchäften? Ich wiederhole Dir, Du würdeſt es nicht verſtehen.“ „Laß mich doch wenigſtens den Verſuch machen, es zu verſtehen. Wenn Mr. Gilmore Geſchäfte mit mir zu verhandeln hatte, erklärte er ſie mir ſtets zuvor, und ich verſtand ihn immer.“ „Wohl möglich. Er war Dein Diener und daher genöthigt, es Dir zu erklären. Ich bin Dein Mann und nicht ſo verpflichtet. Wie lange beabſichtigſt Du mich noch warten zu laſſen? Ich ſage Dir noch einmal, 4 daß zum Leſen keine Zeit iſt: das Gig iſt vor der Thür. Ich frage Dich ein für allemal: willſt Du unterſchreiben . oder nicht?“ Sie hielt noch immer die Feder in der Hand, ohne jedoch ſich irgendwie zum Schreiben anzuſchicken. „Falls meine Unterſchrift mich zu irgend etwas ver⸗ pflichtet, ſo habe ich doch gewiß das Recht, zu wiſſen, was dieſe Verpflichtung iſt?“ ſagte ſie. ————õIt õun— 9* 132 Er nahm das Document und ſchlug zornig damit auf den Tiſch. „Nur heraus damit!“ rief er.„„Du hatteſt ja im⸗ mer ſolch Talent, die Wahrheit zu ſagen. Kehr' Dich nicht an Miß Halcombe oder Fosco— ſage nur gerade heraus, daß Du mich beargwöhnſt.“ Der Graf nahm eine Hand aus ſeinem Gürtel und legte ſie Sir Percival auf die Schulter. Sir Percival warf ſie gereizt ab. Der Graf legte ſie mit unverminder⸗ ter Gelaſſenheit wieder hin. „Beherrſche Deine unglückſelige Heftigkeit, Percival,“ ſagte er.„Lady Glyde hat Recht.“ „Recht!“ rief Sir Percival aus.„Eine Frau hat Recht, ihrem Manne zu mißtrauen?“ „Du biſt ungerecht, mich des Mißtrauens gegen Dich zu beſchuldigen,“ ſagte Laura.„Frage Marianne, ob ich nicht Recht habe zu verlangen, daß man mich mit dem Inhalte dieſes Documentes bekannt mache, ehe ich es unterſchreibe.“ „Ich will durchaus nicht, daß an Miß Halcombe appellirt werde,“ erwiderte Sir Percival;„Miß. Hal⸗ combe hat mit der Sache nichts zu thun.“ Ich hatte bisher nicht geſprochen und hätte es auch jetzt viel lieber nicht gethan. Aber der bekümmerte Aus⸗ druck auf Laura's Geſicht, als ſie daſſelbe zu mir wandte, ſowie die impertinente Unbilligkeit im Betragen ihres Mannes, ließen mir keine andere Wahl, als um ihretwillen meine Meinung auszuſprechen, ſobald ſie dieſelbe forderte. „Verzeihen Sie, Sir Percival,“ ſagte ich,„aber als eine der Zeugen der Unterſchrift wage ich zu muthmaßen, — 7 133 daß ich allerdings etwas mit der Sache zu thun habe. Laura's Einwand ſcheint mir ein durchaus billiger, und was mich ſelbſt betrifft, ſo kann ich nicht die Verantwortung einer Zeugenſchaft übernehmen, wo ſie nicht zuvor deutlich davon unterrichtet iſt, was ſie unterſchreibt.“ „Eine trockene Erklärung, bei Gott!“ rief Sir Percival aus.„Wenn Sie ſich wieder einmal zu eines Mannes Hauſe einladen, ſo rathe ich Ihnen, Miß Halcombe, daß Sie nicht die Partei ſeiner Frau gegen ihn nehmen in einer Angelegenheit, die Sie nichts angeht.“ Ich ſprang auf, plötzlich— als ob er mich geſchlagen hätte. Wäre ich ein Mann geweſen, ſo hätte ich ihn an der Schwelle ſeines eigenen Hauſes zu Boden geſchlagen und daſſelbe verlaſſen, um es nie und unter keiner Be⸗ dingung wieder zu betreten. Aber ich war blos ein Weib — und liebte ſeine Frau ſo ſehr! Und dieſe treue Liebe half mir, Gott ſei Dank, ſodaß ich mich ohne ein Wort zu ſagen wieder ſetzte. Sie wußte was ich litt und unterdrückte, und eilte mit über⸗ ſtrömenden Augen zu mir herum.„O, Marianne!“ flüſterte ſie;„und wäre meine Mutter am Leben geweſen, ſie hätte nicht mehr für mich thun können!“ „Komm her und unterſchreibe!“ rief Sir Percival von der andern Seite des Tiſches. „Soll ich?“ frug ſie flüſternd.„Ich will's thun, wenn Du mir's ſagſt.“ „Nein,“ entgegnete ich.„Das Recht und die Wahr⸗ heit ſind auf Deiner Seite; unterſchreibe nichts, das Du nicht zuvor geleſen haſt.“ 134 „Komme her und unterſchreibe!“ wiederholte er in ſeinem lauteſten, aufgebrachteſten Tone. Der Graf, welcher Laura und mich mit ſchweigender Aufmerkſamkeit beobachtet hatte, legte ſich zum zweiten male dazwiſchen. „Percival!“ ſagte er,„ich bedenke, daß ich mich in der Gegenwart von Damen befinde. Sei ſo gut, Dich auch daran zu erinnern.“ Sir Percival wandte ſich ſprachlos vor Wuth gegen ihn. Des Grafen eiſerne Hand faßte ſeine Schulter feſter, und ſeine ſichere Stimme wiederholte ruhig:„Sei ſo gut, wenn ich bitten darf, Dich auch daran zu er⸗ innern.“ Sie blickten einander an. Sir Percival zog ſeine Schulter langſam unter des Grafen Hand fort, wandte langſam ſein Geſicht von ihm ab, blickte eine Weile finſter auf das Document, das auf dem Tiſche lag, und ſprach dann mehr mit der verdrießlichen Unterwürfigkeit eines gezähmten Thieres, als der ſchicklichen Ergebung eines überzeugten Mannes. „Ich wünſche Niemanden zu beleidigen,“ ſagte er. „Aber die Hartnäckigkeit meiner Frau würde einen Hei⸗ ligen um ſeine Geduld bringen. Ich habe ihr geſagt, daß dies Document eine bloſe Form iſt, und was will ſie wei⸗ ter. Du magſt ſagen, was Du willſt, aber es macht kei⸗ nen Theil der Pflicht einer Frau aus, ihrem Manne zu trotzen. Noch einmal, und zwar zum letzten male, Lady Glyde, wollen Sie unterzeichnen oder nicht?“ Laura kehrte an ſeine Seite zurück und nahm die Feder wieder auf. n 0-⸗— 9 d.&◻ HvQn 135 „Ich will gern unterzeichnen,“ ſagte ſie,„wenn Du mich nur wie ein urtheilsfähiges Weſen behandeln willſt. Es iſt mir einerlei, welches Opfer man von mir ver⸗ langt, ſo lange es ſonſt Niemanden ſchaden oder ſchlimme Erfolge haben—“ „Wer ſpricht von Opfern?“ unterbrach er ſie mit einer halb unterdrückten Wiederkehr ſeiner früheren Hef⸗ tigkeit. „Ich wollte nur ſagen,“ fuhr ſie fort,„daß ich keine Zugeſtändniſſe verweigern werde, die ich in Ehren machen kann. Warum ſollte es Dich ſo heftig gegen mich auf⸗ bringen, wenn ich zögere, ein Document. zu unterſchreiben, über welches ich gar nichts weiß. Ich finde es ziemlich hart, daß Du ſo viel mehr Rückſicht auf Graf Fosco's Scrupel nehmen ſollteſt, als auf die meinigen.“ Dieſe unglückſelige, wenngleich ſehr natürliche An⸗ ſpielung auf des Grafen merkwürdige Gewalt über ihren Gemahl ließ, ſo indirect ſie auch war, Sir Percival's in der Aſche glühende Wuth wieder in hellen Flammen auf⸗ lodern. „Scrupel!“ wiederholte er.„Deine Scrupel! Es iſt etwas ſpät, damit jetzt anzufangen. Ich hätte gedacht, daß Du mit all derlei Schwächen fertig geweſen wäreſt, als Du aus der Nothwendigkeit eine Tugend machteſt, indem Du mich heiratheteſt.“ Sowie er die Worte ausgeſprochen, warf Laura die Feder hin, ſah ihn mit einem Ausdrucke in ihren Augen an, den ich, ſo lange ich ſie kannte, nie darin geſehen hatte, und wandte ihm in tiefem Schweigen den Rücken. Die ſtarke Kundgebung ihrer offenſten, bitterſten 136 Verachtung war ihr ſo ganz unähnlich, lag ſo wenig in ihrem Charakter, daß ſie uns Alle zum Schweigen brachte. Es lag ohne Zweifel unter der bloſen oberflächlichen Grobheit der Worte ihres Mannes noch etwas Beſon⸗ deres verborgen. Es mußte irgend eine lauernde Be⸗ leidigung darunter liegen, die ich nicht errathen konnte, die aber das Zeichen ihrer Entweihung ſo deutlich auf ihr Geſicht geprägt hatte, daß ſelbſt ein Fremder es zu ſehen vermocht hätte. Der Graf, der kein Fremder war, ſah es ſo deutlich wie ich. Als ich meinen Seſſel verließ, um zu Laura zu treten, hörte ich, wie er Sir Percival„Du Blöd⸗ ſinniger!“ zuflüſterte. Laura ging vor mir der Thür zu, als ich mich ihr näherte, und zu gleicher Zeit redete Sir Percival ſie noch einmal an. „Du weigerſt Dich alſo entſchieden, mir Deine Unter⸗ ſchrift zu geben?“ ſagte er in dem veränderten Tone eines Mannes, der ſich bewußt geworden, daß er ſich durch ſeine ungezügelte Sprache ernſtlichen Schaden zugefügt hat. „Nach dem, was Du geſagt haſt,“ ſprach ſie mit feſter Stimme,„verweigere ich meine Unterſchrift, bis ich jedes Wort in jenem Documente von Anfang bis zu Ende deſſelben geleſen habe. Komm', Marianne, wir ſind lange genug hier geweſen.“ „Einen Augenblick!“ rief der Graf, ehe Sir Percival wieder ſprechen konnte.„Einen Augenblick, Lady Glyde, ich bitte Sie!“ Laura würde das Zimmer verlaſſen haben können, ohne ihn zu beachten, doch hielt ich ſie zurück. —— — 120. „Mache Dir den Grafen nicht zum Feinde!“ flüſterte ich ihr zu.„Was Du auch ſonſt thun magſt, ihn mache Dir nicht zum Feinde!“ Sie gab mir nach. Ich ſchloß die Thür wieder, und wir blieben wartend daneben ſtehen. Sir Percival ſetzte ſich am Tiſche nieder, ſtützte den Arm auf das Document und den Kopf auf die geballte Fauſt. Der Graf ſtand zwiſchen uns, Herr über die ſchreckliche Lage, in der wir uns befanden, wie er über Alles Herr iſt. „Lady Glyde,“ ſagte er mit einer Sanftmuth, die ſich mehr an unſere verlaſſene Lage, als an uns ſelbſt zu richten ſchien,„bitte, verzeihen Sie mir, wenn ich es wage, einen Vorſchlag zu machen, und bitte, glauben Sie mir, daß meine Hochachtung und aufrichtige Freundſchaft für die Herrin dieſes Hauſes meine Worte dictirt.“ Er wandte ſich ſcharf zu Sir Percival.„Iſt es durchaus noth⸗ wendig,“ frug er,„daß dies Ding da unter Deinen Ellen⸗ bogen heute unterſchrieben werde?“ „Es iſt nothwendig für meine Pläne und Wünſche,“ war die verdrießliche Antwort;„aber dieſe haben, wie Du wahrſcheinlich bemerkt haſt, bei Lady Glyde kein Gewicht.“ „Beantworte meine beſtimmte Frage deutlich. Kann das Geſchäft der Unterſchrift bis morgen verſchoben werden— Ja oder Nein?“ „Ja— wenn Du darauf beſtehſt.“ „Wozu vergeudeſt Du da Deine Zeit hier? Laß die Unterſchrift bis morgen warten— bis Du zurückkommſt.“ Sir Percival blickte mit gerunzelter Stirn und einem Fluche in die Höhe. — 138 „Du erlaubſt Dir einen Ton gegen mich, der mir nicht gefällt,“ ſagte er,„und den ich mir von keinem Manne gefallen laſſen werde.“ „Ich rathe Dir zu Deinem Beſten,“ ſagte der Graf mit einem Lächeln ruhiger Verachtung.„Laß Dir Zeit und erlaube Lady Glyde, ſich Zeit zu nehmen. Haſt Du vergeſſen, daß Dein Gig vor der Thür wartet. Mein Ton überraſcht Dich— wie? Wohl möglich— es iſt der Ton eines Mannes, der ſich beherrſchen kann. Wie viele Doſen guten Raths habe ich Dir bereits eingegeben? Mehr als Du zählen kannſt. Habe ich jemals Unrecht ge⸗ habt? Ich fordere Dich heraus, mir ein Beiſpiel davon zu geben. Geh! Fahr' aus. Die Unterſchrift hat Zeit bis morgen. Laß ſie warten und komme darauf zurück, wenn Du wieder nach Hauſe kommſt.“ Sir Percival zögerte und ſah auf ſeine Uhr. Seine Beſorgniß wegen der geheimen Reiſe, die er vorhatte, ſtritt, von des Grafen Worten aufs neue erregt, offenbar mit ſeiner Beſorgniß, Laura's Unterſchrift zu erhalten. Er überlegte einen Augenblick und erhob ſich dann von ſeinem Seſſel. „Es iſt ſehr leicht, mich zu überreden, wenn ich keine Zeit habe, um Dir zu antworten. Ich will Deinen Rath befolgen, Fosco, nicht weil ich ſeiner bedürfte oder ihn für gut hielte, ſondern weil ich hier nicht länger warten kann.“ Er hielt inne und wandte ſich mit einem finſtern Blicke zu ſeiner Frau.„Wenn Du mir nicht morgen, ſobald ich zurückkomme, Deine Unterſchrift gibſt—!“ Das Uebrige wurde durch das Geräuſch übertönt, mit dem er den Schrank öffnete und das Document wieder verſchloß. Dann nahm er Hut und Handſchuhe vom Tiſche und wandte ſich der Thür zu. Laura und ich traten zurück, um ihn vorüber zu laſſen.„Denk' an morgen!“ ſagte er zu ſeiner Frau und ging hinaus. Wir warteten, um ihn über den Flur gehen und fortfahren zu laſſen. Der Graf trat zu uns heran, während wir an der Thür ſtanden. „Sie haben Percival ſoeben in ſeinem allerungünſtig⸗ ſten Lichte geſehen, Miß Halcombe,“ ſagte er.„Als ſein alter Freund bedaure ich ihn, und ſchäme mich ſeiner. Als ſein alter Freund aber verſpreche ich Ihnen auch, daß er ſich morgen nicht wieder auf ſo unwürdige Weiſe gebehrden ſoll wie heute.“ Laura hatte meinen Arm genommen, während er ſprach, und ſie drückte ihn bedeutungsvoll, als Fosco geendet hatte. Es wäre für jede Frau eine ſchwere Probe geweſen, dabei zu ſtehen, wenn ein Freund ihres Mannes ſich anmaßte, in ihrem eigenen Hauſe Entſchuldigungen für deſſen Betragen zu machen, und eine ſolche war es für ſie. Ich dankte dem Grafen höflich und führte ſie hinaus. Ja! ich dankte ihm; denn ich fühlte bereits mit einem Bewußtſein unausſprech⸗ licher Hülfloſigkeit und Demüthigung, daß es entweder ſein Intereſſe oder ſeine Laune ſei, mein Bleiben in Black⸗ water Park zu ſichern, und ich wußte, daß ich, nach Sir Percival's Benehmen gegen mich, ohne den Beiſtand, der in des Grafen Einfluß lag, nicht bleiben zu dürfen hoffen konnte. Sein Einfluß, der Einfluß, den ich von allen am meiſten fürchtete, war jetzt die einzige Macht, die mich in der Stunde ihrer größten Noth an Laura hielt! 140 Wir hörten das Knirſchen der Räder des Gigs auf dem Kieswege, als wir in den Flur traten. Sir Percival war fortgefahren. „Wo fährt er hin, Marianne?“ flüſterte Laura. Alles was er thut, ſcheint mich mit neuen Schrecken für die Zukunft zu erfüllen. Haſt Du irgend welchen Verdacht?“ Nach dem, was ſie dieſen Morgen bereits durchgemacht hatte, mochte ich ihr nichts von meinem Verdachte ſagen. „Wie ſollte ich ſeine Geheimniſſe kennen?“ ſagte ich ausweichend. „Ob wohl die Haushälterin es weiß?“ fuhr ſie fort. „Sicher nicht,“ ſagte ich,„ſie wird darüber ganz ſo unwiſſend ſein, wie wir.“ Laura ſchüttelte zweifelnd den Kopf.„Hörteſt Du nicht von der Haushälterin, daß es in der Umgegend geheißen habe, Anna Catherick ſei hier geſehen worden? Glaubſt Du nicht, daß er vielleicht hingefahren iſt, um ſie zu ſuchen?“ „Ich möchte mich lieber beruhigen, Laura, indem ich gar nicht daran denke, und nach dem, was ſich ſoeben zuge⸗ tragen hat, wirſt Du wohl daran thun, meinem Beiſpiele zu folgen. Komm' mit in mein Zimmer, um Dich zu erholen und zu beruhigen.“ Wir ſetzten uns zuſammen dicht ans Fenſter und ließen die friſche Sommerluft unſere Wangen fächeln. „Ich ſchäme mich, Dir ins Geſicht zu ſehen, Ma⸗ rianne, nach Allem, was Du über Dich um meinet⸗ willen unten haſt ergehen laſſen. O, meine herzige Schweſter, es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke! Aber ich will verſuchen, es Dir zu vergelten— gewiß, das will ich!“ ———/,— ———— „Stillel ſtille!“ entgegnete ich.„Rede nicht ſo. Was iſt die elende Verletzung meines Stolzes gegen das fürch⸗ terliche Opfer Deines Glückes?“ „Du hörteſt, was er zu mir ſagte?“ fuhr ſie ſchnell und aufgeregt fort.„Du hörteſt die Worte, aber Du weißt nicht, was er damit ſagen wollte— weißt nicht, warum ich die Feder hinwarf und ihm den Rücken zuwandte.“ Sie ſtand heftig bewegt auf und ging in dem Zim⸗ mer umher. „Ich habe Dir Manches verhehlt, Marianne, aus Furcht, Dich zu betrüben und Dich ſchon beim Beginne unſeres neuen Lebens unglücklich zu machen. Du ahnſt nicht, wie er mich behandelt hat— und doch ſollteſt Du es wohl ahnen, da Du ſahſt, wie er mich heute behan⸗ delte. Du hörteſt, wie er mich dafür verhöhnte, daß ich mir anmaße, Scrupel zu hegen; hörteſt ihn ſagen, ich habe aus der Nothwendigkeit eine Tugend gemacht, da ich ihn heirathete.“ Sie ſetzte ſich wieder, ihre Wangen glühten und ihre Finger bewegten ſich eifrig auf ihrem Schooße. „Ich kann Dir jetzt nicht davon erzählen,“ ſagte ſie,„ich müßte in Thränen ausbrechen, wenn ich es verſuchte— ſpäter, Marianne, wenn ich gefaßter bin. Mein armer Kopf thut mir ſo weh', ſo weh', ſo weh' mein Herz. Wo iſt Dein Riechſalz. Laß uns von Dir ſprechen. Ich wollte, ich hätte ihm meine Unterſchrift gegeben, wollt' es um Deinetwillen. Soll ich ſie ihm morgen geben? Ich will lieber mich ſelbſt, als Dich compromittiren. Nachdem Du meine Partie gegen ihn genommen haſt, wird er Dir die Schuld beilegen, falls ich mich wieder weigere. Was kön⸗ nen wir thun? O, hätten wir doch nur einen Freund, der 142 uns rathen und helfen könnte!— einen Freund, dem wir wirklich vertrauen könnten!“ Sie ſeufzte bitterlich. Ich las es in ihrem Geſichte, daß ſie an Walter Hartright dachte, und las es um ſo deutlicher, als ihre letzten Worte mich ebenfalls an ihn hatten denken laſſen. Nach kaum ſechs Monaten nach ihrer Vermählung bedurften wir ſchon der treuen Dienſte, die er uns in ſeinen Abſchiedsworten angeboten hatte. Wie wenig ließ ich mir damals träumen, daß wir ihrer je⸗ mals bedürfen würden! „Wir müſſen verſuchen, uns ſelbſt zu helfen,“ ſagte ich. „Laß uns ruhig darüber ſprechen, Laura— laß uns unſer Möglichſtes thun, um uns für das Beſte zu entſcheiden.“ Da wir das, was ſie über ihres Mannes Geldverlegen⸗ heiten wußte und was ich von ſeiner Unterhaltung mit dem Advocaten gehört hatte, zuſammenhielten, kamen wir noth⸗ wendigerweiſe zu dem Schluſſe, daß das Document, wel⸗ ches wir in der Bibliothek geſehen hatten, verfaßt war, um Geld zu borgen, und daß es nur durch Laura's Unter⸗ ſchrift für Sir Percival's Zwecke vollſtändig würde. Die zweite Frage in Bezug auf die Beſchaffenheit des gerichtlichen Contractes, durch welchen Geld verſchafft werden ſollte, und den Grad von Verantwortlichkeit, dem Laura ſich unterzöge, falls ſie ihn unterſchriebe, ohne ſeine Bedingungen zu kennen, faßte Berückſichtigungen in ſich, die weit über die Kenntniß und Erfahrung hinauslagen, welche wir Beide von der Sache beſaßen. Ich war meines⸗ theils überzeugt, daß das Document eine Verhandlung der niedrigſten und betrügeriſchſten Art enthielt. Es war nicht Sir Percival's Weigerung, die Schrift 143 zu zeigen, geweſen, die mir dieſe Ueberzeugung aufdrang; denn dieſe Weigerung konnte ganz einfach die Folge ſeines widerſetzlichen, herrſchſüchtigen Charakters ſein. Mein ein⸗ ziger Beweggrund, ſeiner Rechtlichkeit zu mißtrauen, ent⸗ ſprang aus der Veränderung ſeines ganzen Benehmens, ſeit ich ihn im Blackwater Park geſehen, eine Veränderung, die mich überzeugte, daß er während ſeiner ganzen Probe⸗ zeit in Limmeridge Houſe mit uns allen Komödie geſpielt habe. Sein erkünſteltes Zartgefühl, ſeine ceremoniöſe Höf⸗ lichkeit, die einen ſo günſtigen Eindruck auf Mr. Gilmore's Ideen aus der alten Schule machte, ſeine Beſcheidenheit Laura und ſeine Offenheit mir gegenüber, ſeine Mäßigung gegen Mr. Fairlie waren Alles Kunſtgriffe eines gemei⸗ nen, liſtigen, brutalen Mannes, der die Maske abgeworfen, ſobald ſeine Falſchheit ihr Ende erreicht, und der ſich heute in der Bibliothek uns in ſeinen wahren Farben gezeigt hatte. Ich ſage nichts von dem Schmerze, den mir dieſe Entdeckung um Laura's willen machte, denn ich finde die Worte nicht, die ihn beſchrieben. Ich erwähne ſeiner nur, weil er mich beſtimmte, ſie, was auch die Folgen davon ſein mochten, vom Unterzeichnen der Schrift abzuhalten, falls ſie ſich nicht vorher mit dem Inhalte derſelben vertraut gemacht habe. Unter dieſen Umſtänden würde unſere einzige Zuflucht morgen darin liegen, daß wir uns mit einem Einwande verſahn, der auf hinreichend feſten commerciellen oder ge⸗ richtlichen Gründen ruhte, um Sir Percival's Entſchluß wankend zu machen und ihn vermuthen zu laſſen, daß wir Frauen ganz ſo wohl unterrichtet ſeien von geſchäftlichen Geſetzen und Verpflichtungen wie er ſelbſt. Nach einiger Ueberlegung beſchloß ich, an den einzigen 144 redlichen Mann, der uns zu Gebote ſtand und dem wir in unſerer verlaſſenen Lage vertrauen durften, zu ſchreiben. Dies war Mr. Gilmore's Compagnon, der deſſen Geſchäfte leitete, während unſer Freund zur Pflege ſeiner Geſundheit von London abweſend war. Ich erklärte Laura, wie ich Mr. Gilmore als Gewährsmann dafür beſitze, um in ſeines Compagnons Rechtlichkeit, Umſicht und genaue Kenntniß aller ihrer Angelegenheiten das unumſchränkteſte Vertrauen ſetzen zu können, und nahm dann im voll⸗ ſtändigen Einverſtändniß mit ihr ſofort die Feder zur Hand, um den Brief zu ſchreiben. Ich begann damit, daß ich ihm genau unſere Lage aus⸗ einanderſetzte, und bat ihn dann um ſeinen Rath, und zwar in deutlichen, unumwundenen Ausdrücken, um allen et⸗ waigen gefährlichen Mißdeutungen oder Mißverſtändniſſen vorzubeugen. Mein Brief war ſo kurz, wie ich mich nur faſſen konnte und, wie ich hoffe, frei von allen unnützen Entſchuldigungen und Einzelheiten. Gerade als ich im Begriffe war, die Adreſſe auf das Couvert zu ſchreiben, fiel Laura ein Hinderniß ein, an das ich in meinem Eifer gar nicht gedacht hatte. „Wie ſollen wir aber die Antwort zur rechten Zeit be⸗ kommen?“ frug ſie.„Dein Brief wird vor morgen früh nicht in London abgegeben werden, und dann die Ant⸗ wort mit der Poſt erſt übermorgen hier ſein.“ Die einzige Art und Weiſe, dieſe Schwierigkeit zu be⸗ ſeitigen, beſtand darin, daß man uns die Antwort durch einen Expreſſen direct vom Geſchäftslokale Mr. Gilmore's überbringe. Ich ſchrieb eine Nachſchrift dieſes Inhaltes, indem ich den Boten mit dem um elf Uhr morgens von ͤ-;——— ◻ 145 dort weggehenden Zuge abzuſenden bat, welcher ihn zwan⸗ zig Minuten nach ein Uhr an unſere Station bringen und ihn ſo in den Stand ſetzen werde, ſpäteſtens um zwei Uhr in Blackwater Park einzutreffen. Er ſollte nach mir fragen, keine Fragen von ſonſt irgend Jemandem beantwor⸗ ten und ſeinen Brief nur in meine eigenen Hände geben. „Sollte Sir Percival morgen ſchon vor zwei Uhr zu⸗ rüpkommen,“ ſagte ich zu Laura,„ſo wird das Rathſamſte ſein, daß Du den ganzen Morgen mit Deinem Buche oder Deiner Arbeit draußen in den Anlagen bleibſt, bis der Bote Zeit gehabt hat, mit dem Briefe anzulangen. Ich will ihn den ganzen Morgen hier erwarten, um uns gegen Verſehen oder unglückliche Zufälligkeiten zu ſichern. Auf dieſe Weiſe glaube und hoffe ich, daß wir gegen Ueberraſchung geſchützt ſein werden. Jetzt laß uns hinunter gehen. Es möchte Ver⸗ dacht erregen, falls wir uns zu lange zuſammen einſchlöſſen.“ „Verdacht?“ wiederholte ſie,„weſſen Verdacht könnte es erregen, jetzt, da Sir Percival das Haus verlaſſen? Meinſt Du, Graf Fosco?“ „Vielleicht, Laura.“ „Du fängſt an, eben ſolchen Widerwillen wie ich gegen ihn zu fühlen, Marianne.“ „Nein, das nicht. Widerwille iſt immer mehr oder weniger mit Verachtung verknüpft, und ich kann im Gra⸗ fen nichts Verächtliches ſehen.“ „Fürchteſt Du ihn?“ „Vielleicht— ein wenig.“ „Was— nach ſeiner Vermittelung zu unſern Gun⸗ ſten heute?“ „Ja. Ich fürchte mich mehr vor ſeiner Vermittelung Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 10 -— 146 als vor Sir Percival's Heftigkeit. Denke an das, was ich in der Bibliothek zu Dir ſagte. Was Du auch thuſt, Laura, mache Dir den Grafen nicht zum Feinde!“ Wir gingen hinunter. Laura ging ins Geſellſchafts⸗ zimmer, während ich über den Flur ging, um meinen Brief in die Poſttaſche zu ſtecken, welche an der gegen⸗ überliegenden Wand hing. Die Hausthür war offen, und als ich daran vorbei kam, ſah ich den Grafen und ſeine Frau draußen auf den Stufen ſtehen, mit den Geſichtern mir zugewandt. Die Gräfin kam ziemlich eilig in den Flur und frug mich, ob ich fünf Minuten übrig habe, um allein mit ihr zu ſprechen. Etwas erſtaunt über eine ſolche Frage von einer ſolchen Perſon that ich meinen Brief in die Poſttaſche und erwiderte, daß ich ihr zu Dienſten ſtehe. Sie nahm mit einer ungewohnten Freundſchaftlichkeit und Vertraulichkeit meinen Arm, und anſtatt mit mir in ein leeres Zimmer zu gehen, führte ſie mich hinaus auf den Raſen, welcher den Fiſchteich umgab. Als wir an dem Grafen vorüber gingen, lächelte er und verbeugte ſich und ging dann ſofort ins Haus, in⸗ dem er die Hausthür hinter ſich zuwarf, ohne ſie jedoch ganz zu ſchließen.. Die Gräfin führte mich langſam um den Fiſchteich. Ich erwartete, zur Empfängerin einer wichtigen vertrau⸗ ten Mittheilung gemacht zu werden, und war daher nicht wenig erſtaunt, als ich gewahr wurde, daß der Gräfin Geheimniß einzig in ihrer Verſicherung der aufrichtigſten Theilnahme nach dem, was ſich heute Morgen in der Bibliothek zugetragen, beſtand. Ihr Gemahl habe ihr 1474 Alles erzählt, was vorgegangen ſei und wie impertinent Sir Percival ſich gegen mich benommen habe. Dies habe ſie in dem Grade uu Laura's und meinetwillen verletzt und betrübt, daß ſie beſchloſſen, ſalls ſich jemals wieder etwas der Art ereigne, Sir Percival ihren Unwillen über ſein beleidigendes Betragen dadurch zu verſtehen zu geben, daß ſie augenblicklich das Haus verlaſſe. Der Graf ſtimme hierin ganz mit ihr überein und ſie hoffe, daß ihr Entſchluß auch meinen Beifall habe. Mir erſchien dies von Seiten einer ſo außerordent⸗ lich zurückhaltenden Frau, wie die Gräfin iſt, als ein ſehr auffallendes Verfahren, zumal nach dem Austauſche ſpitzer Redensarten während unſerer Unterhaltung im Boothauſe heute morgen. Indeſſen war es offenbar meine Pflicht, ein höfliches, freundſchaftliches Entgegenkommen von Sei⸗ ten einer ältern Dame mit Höflichkeit und Freundlichkeit zu erwidern. Ich antwortete der Gräfin deshalb in dieſem Geiſte und verſuchte dann, da es mir ſchien, daß Alles über den Gegenſtand geſagt war, was nur darüber geſagt werden konnte, ins Haus zurückzukehren. Aber die Gräfin ſchien entſchloſſen, ſich noch nicht von mir zu trennen, und zu meinem unausſprechlichen Erſtaunen zur Unterhaltung aufgelegt. Nachdem ſie ſich bisher als die ſchweigſamſte der Frauen gezeigt, verfolgte ſie mich plötzlich mit den geläufigſten Gemeinplätzen über die Ehe im Allgemeinen, über Sir Percival's und Lau⸗ ra’'s Ehe im Beſondern, über ihre eigene Glückſeligkeit, über Mr. Fairlie's Betragen in Bezug auf das Ver⸗ mächtniß und über noch ein halb Dutzend andere Gegen⸗ ſtände, bis ſie mich eine halbe Stunde aufgehalten hatte, 10* 148 um fortwährend mit ihr um den Fiſchteich herumzuſpa⸗ zieren und ich völlig erſchöpft war. Ob ſie dies gewahr wurde oder nicht, kann ich nicht ſagen, aber ebenſo plötz⸗ lich, wie ſie ihre Vertraulichkeiten angefangen, hielt ſie jetzt damit inne, blickte nach der Hausthür, nahm ihre gewohnte eiſige Manier wieder an und ließ von ſelbſt meinen Arm fallen, ehe ich mir noch einen Vorwand aus⸗ denken konnte, um meine Freiheit von ihr zu erlangen. Als ich die Thüre öffnete und in den Flur trat, ſah ich mich plötzlich wieder dem Grafen gegenüber. Er war gerade im Begriff, einen Brief in die Poſttaſche zu thun. Nachdem er ihn hineingeworfen und die Taſche wieder verſchloſſen, fragte er mich, wo ich die Gräfin verlaſſen habe. Ich ſagte es ihm und er ging ſogleich hinaus ſei⸗ ner Frau entgegen. Seine Art und Weiſe, als er zu mir ſprach, war ſo ungewöhnlich ruhig und gedrückt, daß ich mich umwandte und ihm nachſah, indem ich mich in Muth⸗ maßungen erging, ob er krank oder gar unglücklich ſei. Warum mein Nächſtes war, geraden Wegs zur Poſt⸗ taſche zu gehen, meinen Brief herauszunehmen und ihn mit einem unbeſtimmten Argwohne zu betrachten, und warum mir dabei plötzlich die Idee kam, ihn der größern Sicherheit wegen lieber zu ſiegeln— ſind Geheimniſſe, die zu ergründen entweder zu tief oder zu flach für mich ſind. Die Frauen, wie Jedermann weiß, handeln beſtän⸗ dig nach Impulſen, die ſie ſich ſelbſt meiſtens nicht zu erklären im Stande ſind, und ich kann nur annehmen, daß ein ſolcher Impuls die verborgene Urſache meines unbegreiflichen Verfahrens bei dieſer Gelegenheit war. Was mich jedoch immer dazu bewogen haben mochte, 149 ich fand Urſache, mir zu der Eingebung Glück zu wün⸗ ſchen, ſowie ich mich, auf meinem Zimmer angelangt, anſchickte, den Brief zu ſiegeln. Ich hatte das Couvert zuerſt auf die gewöhnliche Weiſe zugemacht, indem ich die mit Gummi beſtrichene Spitze anfeuchtete und dann feſt herunterdrückte, und als ich jetzt, nach Verlauf von voll drei Viertelſtunde, die Spitze mit dem Finger auf⸗ zuheben verſuchte, öffnete ſich das Couvert augenblicklich, ohne zu kleben oder zu zerreißen. Hatte ich es vielleicht nicht feſt genug niedergedrückt? Oder war der Gummi nicht hinreichend klebrig geweſen? Oder war vielleicht— nein! es iſt ſchon empörend genug, dieſer dritten Muthmaßung nur in meinem Geiſte Eingang zu geſtatten. Ich will ſie mir lieber nicht in deutlichem Schwarz und Weiß gegenüber bringen. Ich fürchte faſt den morgenden Tag— es kommt ſo viel auf meine Klugheit und Selbſtbeherrſchung an. Jedenfalls werde ich zwei Vorſichtsmaßregeln nicht aus den Augen laſſen. Die eine beſteht darin, dem Grafen gegenüber wenigſtens den Schein der Freundſchaft zu bewahren, und die andere darin, wohl auf meiner Hut zu ſein, wenn der Bote mit dem Briefe ankommt Als das Diner uns wieder verſammelte, war der Graf wieder in ſeiner beſten Laune. Er bemühte ſich, uns zu unterhalten und zu beluſtigen, als ob er entſchloſſen ſei, die unangenehme Erinnerung an das, was ſich am Nach⸗ mittage in der Bibliothek zugetragen, aus unſerm Geiſte zu verwiſchen. Lebhafte Beſchreibungen ſeiner Reiſeabenteuer,— be⸗ luſtigende Anekdoten von bemerkenswerthen Leuten, die ihm 150 im Auslande begegnet waren,— drollige Vergleiche zwi⸗ ſchen den geſellſchaftlichen Sitten verſchiedener Nationen, durch Beiſpiele erläutert, welche er ohne Unterſchied Män⸗ nern und Frauen im ganzen Europa entnahm,— humo⸗ riſtiſche Bekenntniſſe der harmloſen Thorheiten ſeines Jugendlebens, als er in einer kleinern italieniſchen Pro⸗ vinzialſtadt den Ton angab und für ein Provinzialblatt lächerliche Novellen nach franzöſiſchem Muſter ſchrieb:— Alles dies floß in ſo leichter, fröhlicher Aufeinanderfolge von ſeinen Lippen, und war unſerer Neugier und unſeren Intereſſen ſo direct und doch ſo zartfühlend angemeſſen, daß Laura und ich ihm mit ebenſo großer Aufmerkſam⸗ keit und— ſo inconſequent dies auch ſcheinen mag— mit ebenſo großer Bewunderung zuhörten, wie die Gräfin ſelbſt. Die Frauen können der Liebe, dem Ruhme, dem perſönlichen Ausſehen, dem Gelde eines Mannes wider⸗ ſtehen, aber ſeiner Zunge, wenn er ſie zu gebrauchen verſteht, widerſtehen ſie nicht. Nach dem Diner, während der günſtige Eindruck, den der Graf auf uns zu machen gewußt, noch lebhaft in uns war, zog derſelbe ſich beſcheiden in die Bibliothek zurück, um zu leſen. Laura ſchlug einen Spaziergang in den Anlagen vor, um die Friſche des Abends zu genie⸗ ßen. Die Höflichkeit erforderte es, daß wir die Gräfin dazu einluden; doch diesmal hatte ſie vorher ihre Wei⸗ ſungen erhalten und bat uns, ſie zu entſchuldigen. „Der Graf wird wahrſcheinlich einen friſchen Cigar⸗ rettenvorrath verlangen,“ ſagte ſie wie zur Entſchuldi⸗ gung,„und es macht ſie ihm niemand als ich zu Danke.“ Ihr kaltes blaues Auge entzündete ſich faſt, als ſie dies ſagte— es ſah aus, als ob ſie förmlich ſtolz darauf ſei, das dienſtbare Werkzeug zu ſein, durch welches ihr Herr und Meiſter ſich den Genuß des geliebten Tabaks⸗ krautes vorbereiten laſſe. Laura und ich gingen allein zuſammen aus. Es war ein nebeliger, ſchwüler Abend. Es war ein Gefühl wie von Gifthauch in der Luft; die Blumen im Garten ſenkten die Häupter, die Erde war ausgedörrt und auf den Gräſern kein Thau. Der weſtliche Himmel, wie wir ihn über den ruhigen Bäumen ſahen, hatte einen matten, gelblichen Schein, und die Sonne ging in einem Dunſtkreiſe unter. Es ſchien Regen in Ausſicht zu ſtehen, der wahrſchein⸗ lich ſchon in der nächſten Nacht kommen mochte. „Welche Richtung wollen wir einſchlagen?“ frug ich Laura. „Nach dem See zu, wenn Du willſt, Marianne?“ ent⸗ gegnete ſie. „Du ſcheinſt mir eine unerklärliche Vorliebe für die⸗ ſen melancholiſchen See zu haben, Laura.“ „Nein, nicht für den See, aber für die Umgebung. Der Sand, die Haide und die Tannen ſind in dieſem großen Parke das Einzige, was mich an Limmeridge er⸗ innert. Aber wenn Du es vorziehſt, wollen wir einen andern Weg einſchlagen.“ „Ich habe in Blackwater Park keine Lieblingsprome⸗ naden, mein liebes Herz. Die eine iſt wie die andere für mich. Laß uns nach dem See gehen— vielleicht fin⸗ den wir es dort auf dem offenen Raume kühler als hier.“ Wir gingen ſchweigend durch die ſchattigen Baum⸗ anlagen. Die Schwere der Abendluft war uns Beiden 152 drückend, und als wir beim Boothauſe anlangten, waren wir froh, uns drinnen ſetzen und ausruhen zu können. Ein weißer Dunſt lag tief über dem See. Die dichte braune Baumlinie auf dem gegenüberliegenden Ufer ſah aus wie ein in der Luft ſchwebender Miniaturwald. Der ſandige Boden, der ſich von der Stelle, wo wir ſaßen, abwärts ſenkte, verlor ſich geheimnißvoll in den äußeren Schichten des Dunſtes. Die Stille hatte etwas Erſchrecken⸗ des. Kein Rauſchen in den Blättern, kein Vogelgeſang im Holze, kein Kreiſchen der Waſſervögel in dem verborge⸗ nen See. Selbſt die Fröſche hatten heute Abend auf⸗ gehört zu quaken. „Es iſt ſehr finſter und traurig,“ ſagte Laura,„aber wir ſind hier ungeſtörter als anderswo.“ Sie ſprach gefaßt und ſchaute mit ruhigem, gedanken⸗ vollen Blicke auf die Wildniß von Sand und Nebel hin⸗ aus. Ich konnte ſehen, daß ihr Geiſt zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt war, um ſie den traurigen Eindruck der Umgebung fühlen zu laſſen, der ſich bereits in mein Gemüth geſchlichen hatte. Ich verſprach Dir, Marianne, Dir die Wahrheit über mein eheliches Verhältniß zu ſagen, anſtatt Dich noch länger dem Rathen zu überlaſſen,“ ſagte ſie.„Es war dies das erſte Geheimniß, das ich vor Dir hatte, meine Schweſter, und ich bin entſchloſſen, daß es das letzte ſei. Ich ſchwieg, wie Du weißt, um Deinetwillen und vielleicht auch ein wenig um meiner ſelbſt willen. Es iſt etwas ſehr Bitteres für eine Frau, bekennen zu müſſen, daß der Mann, dem ſie ihr ganzes Leben gegeben hat, gerade der iſt, der dies Geſchenk am allerwenigſten 153 ſchätzt. Wärſ Du verheirathet, Marianne, und nament⸗ lich wenn Du glücklich verheirathet wärſt, ſo würdeſt Du für mich fühlen, was eine unverheirathete Frau, wie treu und gut ſie auch ſei, niemals fühlen kann.“ Was konnte ich ihr antworten? Ich konnte blos ihre Hand faſſen und ihr aus ganzer Seele ins Auge ſchauen, ſo gut meine feuchten Augen es mir geſtatteten. „Wie oft,“ fuhr ſie fort,„habe ich Dich lachen hören über das, was Du Deine„Armuth“ zu nennen pflegteſt! Wie oft hielteſt Du mir komiſch pathetiſche Glückwunſch⸗ reden über meinen Reichthum! O! Marianne, lache nie wieder darüber. Danke Gott für Deine Armuth— ſie läßt Dich Deine eigene Herrin bleiben, und hat Dich vor dem Looſe geſchützt, das auf mich gefallen iſt.“ Ein trauriger Anfang für die Lippen einer jungen Frau —o ſo traurig durch ſeine ruhige, offene Wahrheit! Die wenigen Tage, welche wir Alle zuſammen in Blackwater Park zugebracht hatten, waren mehr als hinreichend ge⸗ weſen, um mir, um Jeden zu zeigen, für was i ihr Mann ſie geheirathet hatte. „Ich will Dich nicht unglücklich machen, indem ich D ſage, wie bald meine Täuſchungen und Prüfungen begauen⸗ — oder ſelbſt, worin dieſe beſtanden. Es anhlne Henui⸗ daß ſie in meiner Erinnerung leben. Wenn ich Dir ſage, wie er den erſten und letzten Verſuch der Gegevrſalun, den ich je an ihn richtete, aufnahm, ſo wirſt Du wiſſen, wie er mich ſtets behandelt hat.— Es war eines Tages in Rom, als wir zuſammen nach Cäcilia Metella's Grabe geritten waren. Der Himmel war ſchön und klar, und die Erinnerung, daß einſt die Liebe eines Mannes dies Monu⸗ 154 ment dem Andenken ſeiner Gattin errichtet hatte, erfüllte mich mit einer bisher nie empfundenen Zärtlichkeit für meinen Mann.„Würdeſt Du mir ein ſolches Grabmal ſetzen, Percival?“ frug ich ihn;„Du pflegteſt zu ſagen, Du liebteſt mich, ehe wir verheirathet waren; aber ſeitdem—“ ich konnte nicht fortfahren, Marianne,— er ſah mich nicht einmal an! Ich ließ meinen Schleier herab, da ich es für beſſer hielt, ihn nicht meine Thränen ſehen zu laſſen. Ich dachte, er habe nicht auf das geachtet, was ich geſagt hatte, aber ich täuſchte mich. Er ſagte:„Komm', laß uns weiter reiten,“ und lachte vor ſich hin, indem er mir aufs Pferd half. Dann beſtieg er ſein eigenes und lachte abermals, als wir davonritten.„Falls ich Dir ein ſolches Grab⸗ mal ſetzte,“ ſagte er,„ſo würde dies mit Deinem eigenen Gelde geſchehen. Ich möchte wohl wiſſen, ob die Cäcilia Metella eine Erbin war und für das ihrige bezahlte?“ Ich erwiderte nichts— ich weinte zu ſehr unter dem Schutze meines Schleiers, um ſprechen zu können.„Ach, Ihr blonden Weiber ſeid alle ſtarrköpfig,“ ſagte er.„Was ver⸗ langſt Du denn? Complimente und Schmeicheleien? Nun gutl ich bin heute Morgen gerade guter Laune; nimm die Complimente als gemacht an.“ Die Männer ahnen nicht, wenn ſie uns ſo bittere Sachen ſagen, wie wenig wir ſie vergeſſen und wie viel ſie uns damit zu Leide thun. Es wäre beſſer für mich geweſen, wenn ich fortgefahren wäre zu weinen. Aber ſeine Verachtung trocknete meine Thrä⸗ nen und verhärtete mein Herz. Von dieſem Augenblit. an, Marianne, unterdrückte ich nie mehr meine Gedanken an Walter Hartright. Ich ließ die Erinnerung an die glücklichen Tage, wo wir einander im Geheimen ſo innig 155 lieb hatten, wieder in mein Herz einkehren, um mich zu tröſten. Welchen andern Troſt hatte ich noch zu erwarten? Wärſt Du bei mir geweſen, ſo würdeſt Du mich auf beſſere Dinge gebracht haben. Ich weiß, daß es unrecht von mir war, aber ſage mir, liebes Herz, ob ich unrecht that, ohne zugleich auch Entſchuldigungen dafür zu haben?“ Ich mußte mein Geſicht von ihr abwenden. „Frage mich nicht!“ ſagte ich.„Habe ich gelitten, wie Du gelitten haſt? Welches Recht habe ich, darüber zu urtheilen?“ „Ich pflegte an ihn zu denken,“ fuhr ſie mit leiſerer Stimme und näher zu mir heranrückend fort,„ich pflegte an ihn zu denken, wenn Percival mich abends allein ließ und ſich unter die Leute von der Oper begab. Ich pflegte mir auszumalen, was ich hätte ſein können, falls es Gott gefallen hätte, mich mit Armuth zu ſegnen und ich ſein Weib geworden wäre. Dann ſah ich mich wohl in meinem einfachen billigen Kleide zu Hauſe ſitzen und ihn erwarten, während er unſern Lebensunterhalt verdiente, zu Hauſe ſitzen und arbeiten, mit um ſo innigerer Liebe zu ihm, weil ich für ihn arbeiten mußte,— ſah, wie er ermüdet heim kam, und ich ihm Hut und Stock abnahm, und Marianne — wie ich ihn bei Tiſche mit kleinen Speiſen überraſchte, die ich ihm zu Liebe ſelbſt zubereitet hatte.— O Gott! ich hoffe, daß er nie einſam und traurig genug iſt, um mich ſo zu ſehen, und ſo zu ſehen, wie ich an ihn dachte und ihn ſah!“ Als ſie dieſe kummervollen Worte ſprach, bebte alle ihre ehemalige Zärtlichkeit in ihrer Stimme, verklärte all' ihre frühere Schönheit wieder ihr Geſicht. Ihre Augen ruhten 156 ſo liebend auf der wüſten, einſamen, ominöſen Ausſicht vor uns, als ob ſie die befreundeten Hügel in dem unklaren drohenden Himmel erblickt hätten. „Sprich nicht mehr von Walter,“ ſagte ich, ſobald ich mich wieder gefaßt hatte.„O, Laura, erſpare uns doch Beiden den Jammer, jetzt von ihm zu ſprechen!“ Sie raffte ſich auf und blickte mich zärtlich an. „Ich will lieber auf ewig über ihn ſchweigen, als Dir nur einen Augenblick Kummer verurſachen,“ ſagte ſie. „Ich ſpreche in Deinem Intereſſe,“ ſagte ich bittend, —„nur für Dein Beſtes. Wenn Dein Mann Dich hörte—“ „Es würde ihn nicht überraſchen, wenn er mich wirk⸗ lich hörte.“ Sie gab dieſe ſonderbare Antwort mit einer matten Ruhe und Kälte, und der veränderte Ton, in dem ſie ſprach, überraſchte mich faſt ebenſoſehr, wie die Antwort ſelbſt. „Ihn nicht überraſchen!“ wiederholte ich.„Laura! bedenke, was Du ſagſt— Du erſchreckſt mich!“ „Es iſt die Wahrheit,“ ſagte ſie,„und eben das, was ich Dir erzählen wollte, als wir heute Nachmittag in Dei⸗ ner Stube ſaßen, Mein einziges Geheimniß, als ich ihm in Limmeridge mein Herz öffnete, war ein harmloſes,— das ſagteſt Du ſelbſt, Marianne. Der Name war das Einzige, was ich ihm verſchwieg, und er hat ihn entdeckt.“ Ich hörte ſie, aber ich konnte nichts ſagen. Ihre letzten Worte hatten die geringe Hoffnung vernichtet, die noch in mir gelebt hatte. „Es war in Rom,“ fuhr ſie ſo matt und kalt fort, wie ſie vorher geſprochen hatte.„Wir waren in einer kleinen 33 157 Geſellſchaft, welche Bekannte von Sir Percival— Mr. und Mrs. Markland— den dort anweſenden Englän⸗ dern gaben. Mrs. Markland hatte den Ruf, ſehr ſchön nach der Natur zu zeichnen, und einige der Gäſte bewogen ſie, uns ihre Zeichnungen ſehen zu laſſen. Wir Alle bewunder⸗ ten ſie; doch lenkte eine Bemerkung von mir ihre beſondere Aufmerkſamkeit auf mich.„Sie zeichnen gewiß auch? ſagte ſie.„Ich habe früher ein wenig gezeichnet,“ erwiderte ich, „aber habe es jetzt aufgegeben.“„Wenn Sie früher gezeich⸗ net haben,“ ſagte ſie,„ſo werden Sie es gewiß ſpäter ein⸗ mal wieder anfangen, und in dieſem Falle möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, Ihnen einen Zeichenlehrer empfeh⸗ len zu dürfen.“ Ich entgegnete nichts und verſuchte die Unterhaltung auf etwas Anderes zu leiten, Du weißt wohl warum, Marianne? Aber Mrs. Markland blieb dabei.„Ich habe alle möglichen Lehrer gehabt,“ fuhr ſie fort„aber der beſte von allen, der intelligenteſte und aufmerkſamſte war ein Mr. Hartright. Wenn Sie je wieder an zu zeich⸗ nen fangen, da nehmen Sie ihn zum Lehrer. Er iſt ein junger Mann, beſcheiden und ein Gentleman,— ich bin überzeugt, daß er Ihnen gefallen wird.“ Denke Dir, daß ich öffentlich und in Gegenwart von Fremden, die geladen waren, das neuvermählte Paar kennen zu lernen, dieſe Worte hören mußte! Ich that mein Möglichſtes, mich zu beherrſchen, ich ſagte nichts und neigte mich tief über die Zeichnungen. Als ich den Kopf wieder aufzurichten wagte, begegneten meine Blicke denen meines Mannes, und ich wußte in dem Augenblicke, daß mein Geſicht mich ihm ver⸗ rathen hatte.„Wir wollen uns nach ihm umſehen,“ ſagte er, fortwährend mich anblickend,„ſobald wir nach England 158 zurückkehren. Ich bin Ihrer Anſicht, Mrs. Markland, ich glaube, daß er Lady Glyde gefallen wird.“ Er legte auf die letzten Worte einen Nachdruck, der meine Wangen bren⸗ nen und mein Herz pochen machte, daß mir war, als müſſe ich erſticken. Es wurde nichts weiter geſagt, und wir ver⸗ ließen die Geſellſchaft früͤh. Während wir nach dem Hotel Zurückfuhren, ſagte er nichts. Er half mir wie gewöhnlich aus dem Wagen und folgte mir, als ich die Treppe hinauf ging. Aber, ſowie wir in unſerm Wohnzimmer angelangt waren, verſchloß er die Thür, ſtieß mich in einen Lehnſtuhl und ſtand, mit beiden Händen auf meine Schultern ge⸗ ſtützt, vor mir.„Schon ſeit jenem Morgen in Limme⸗ ridge, als Du mir Deine unverſchämten Bekenntniſſe machteſt, hat mich danach verlangt, des Mannes Namen zu erfahren,“ ſagte er,„und heute Abend habe ich ihn in Deinem Geſichte geleſen. Es war Dein Zeichenlehrer, und ſein Name iſt Hartright. Ihr ſollt es Beide bis ans Ende Eurer Tage bereuen. Jetzt geh' zu Bett und ſieh' ihn, wenn Du willſt, im Traume mit den Merkmalen meiner Hetzpeitſche auf ſeinem Rücken.“ Sowie er jetzt in Zorn geräth, ſpielt er entweder mit einem Spotte oder einer Drohung auf das an, was ich ihm in Deiner Gegenwart bekannte. Ich habe nicht die Macht, ihn daran zu verhin⸗ dern, daß er dem Vertrauen, das ich in ihn ſetzte, ſeine eigene abſcheuliche Auslegung gibt. Ich kann ihn nicht bewegen, mir zu glauben oder zu ſchweigen. Du ſahſt er⸗ ſtaunt aus, als Du ihn heute ſagen hörteſt, ich habe eine Tugend aus der Nothwendigkeit gemacht, als ich ihn hei⸗ rathete. Wenn Du ihn dies das nächſte mal, wo er in Zorn ſein wird, wiederholen hörſt, wirſt Du nicht mehr darüber erſtaunen.— O Marianne! laß' mich! laß' mich! Du thuſt mir weh!“ 3 Ich hielt ſie in meinen Armen, welche der Stachel und die Qual des Gewiſſens wie eiſerne Bande um ſie ſchloß. Ja! Gewiſſensqual. Die bleiche Verzweiflung auf Wal⸗ ter's Geſicht, als ich ihn im Luſthäuschen zu Limmeridge mit meinem grauſamen Worte mitten ins Herz traf, erhob ſich mit ſtummem, unerträglichem Vorwurfe vor mir. Meine Hand hatte ihm den Weg gezeigt, welcher den Mann, den meine Schweſter liebte, Schritt für Schritt von ſei⸗ nem Vaterlande und ſeinen Lieben entfernte. Ich war zwiſchen die beiden jungen Herzen getreten und hatte ſie auf immer von einander geſchieden— und zum Zeugen der That lag ſein Leben und ihr Leben verwüſtet vor meinen Blicken. Dies hatte ich gethan, und zwar für Sir Percival Glyde. Für Sir Percival Glyde. Ich hörte ſie ſprechen und wußte aus dem Tone ihrer Stimme, daß ſie ſich bemühte mich zu tröſten,— mich, die ich nichts verdiente als die Vorwürfe ihres Schweigens! Wie lange es währte, bis ich im Stande war, den verzeh⸗ renden Jammer meiner eigenen Gedanken zu bemeiſtern, kann ich nicht ſagen. Das Erſte, deſſen ich mir bewußt wurde, waren ihre Küſſe, und dann ſchienen meine Augen plötzlich zu dem Bewußtſein äußerer Gegenſtände zu er⸗ wachen; denn ich wußte, daß ich mechaniſch gerade vor mich hin auf den See blickte. „Es wird ſpät,“ hörte ich ſie flüſtern.„Es wird dun⸗ kel ſein in den Baumanlagen.“ Sie drückte meinen Arm und wiederholte:„Marianne! es wird dunkel ſein unter den Bäumen.“ 160 „Laß mich nur noch eine Minute,“ ſagte ich,—„nur noch eine Minute, um mich zu ſammeln.“ Ich wagte ſie noch nicht anzuſchauen und richtete darum die Blicke feſt auf die Ausſicht. Es war in der That ſpät geworden. Die dichte braune Baumlinie am Himmel ſah jetzt in der Dunkelheit wie ſich lang hin kräuſelnder Rauch aus. Der Dunſtkreis über dem See hatte ſich allmälig ausgedehnt und war bis zu uns herangezogen. Das Schweigen war athemlos wie zuvor, doch war das Schauerliche deſſelben einer feierlichen, ge⸗ heimnißvollen Stille gewichen. „Wir ſind ſehr weit vom Hauſe,“ flüſterte Laura, „laß uns zurückkehren.“ Sie hielt plötzlich inne und wandte ihr Geſicht von mir ab auf den Eingang des Boothauſes. „Marianne!“ ſagte ſie heftig zitternd,„ſiehſt Du nichts? Sieh!“ „Wo?“ „Da unten, vor uns!“ Sie deutete mit der Hand vor ſich, ich folgte der Richtung derſelben, und dann ſah auch ich es. 3 Eine lebende Geſtalt bewegte ſich in der Entfernung über die Ebene der Haide hin. Sie ging innerhalb unſeres Geſichtskreiſes am Boothauſe vor uns vorüber und dann dunkel am Rande des Dunſtkreiſes entlang. Sie ſtand in weiter Entfernung ſtill, wartete und ſetzte ihren Weg wieder fort, Sie bewegte ſich langſam, indem der weiße Rand des Nebels über ihr hing und ihr folgte, langſam, langſam weiter, bis ſie über die Ecke des Boothauſes hinweg glitt und wir ſie nicht mehr ſahen. 161 Unſere Nerven waren durch das, was während des Abends vorgegaugen, erſchüttert, und es vergingen daher einige Minuten, ehe Laura ſich in die Baumanlagen hinaus⸗ wagen wollte und ich mich entſchließen konnte, ſie ins Haus zurückzuführen. „War es ein Mann oder eine Frau?“ frug ſie flüſternd, als wir endlich in die feuchte Nachtluft hinaustraten. „Ich bin mir nicht ſicher darüber.“ „Was glaubſt Du?“ „Es ſieht aus wie eine Frau.“ „Ich fürchtete, es möchte ein Mann in einem langen Mantel ſein.“ „Es mag vielleicht ein Mannſein. In dieſem undeutlichen Lichte iſt es unmöglich, es mit Beſtimmtheit zu ſagen.“ „Warte, Marianne! Ich fürchte mich— ich kann den Weg nicht ſehen. Wenn die Geſtalt uns folgte!“ „Das iſt durchaus nicht wahrſcheinlich, Laura. Du brauchſt Dich wirklich nicht zu ängſtigen. Die Ufer des Sees ſind nicht weit vom Dorfe und die Leute haben Er⸗ laubniß daran ſpazieren zu gehen wann ſie wollen, bei Tag oder bei Nacht. Ich wundere mich nur, daß wir nicht ſchon früher Leuten begegnet ſind.“ Wir waren jetzt in den Anlagen. Es war ſehr dunkel — ſo dunkel, daß es uns ſchwer wurde, den Pfad zu ſehen. Ich gab Laura meinen Arm, und wir gingen ſo ſchnell wir konnten dem Hauſe zu. Ehe wir noch zur Hälfte durch die Anlagen waren, ſtand ſie ſtille und zwang mich ebenfalls ſtill zu ſtehen. Sie horchte. „Still!“ flüſterte ſie.„Ich höre etwas hinter uns.“ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 11 162 „Welke Blätter,“ ſagte ich, um ſie zu beruhigen,„oder vielleicht ein Zweig, der vom Baume fiel.“ „Es iſt Sommer, Marianne, und es regt ſich kein Lüftchen. Horch!“ Ich hörte es ebenfalls. Es klang wie ein leicher Schritt, der uns folgte. „Einerlei, wer es iſt oder was es iſt,“ ſagte ich,„laß uns weiter gehen. In einer Minute werden wir dem Hauſe nahe genug ſein, um gehört zu werden, falls uns irgend etwas erſchrecken ſollte.“ Wir gingen ſchnell weiter, ſo ſchnell, daß, als wir bei⸗ nahe zu Ende der Anlagen und in Sicht der hell erleuch⸗ teten Fenſter angelangt waren, Laura außer Athem war. Ich wartete einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, wieder zu Athem zu kommen. Gerade als wir im Begriffe waren, wieder weiter zu gehen, hielt ſie mich abermals zurück und wachte mir mit der Hand ein Zeichen zu horchen. Wir hörten Beide einen langen, ſchweren Seufzer hinter uns in dem ſchwarzen Dickicht der Bäume. „Wer iſt da?“ rief ich aus. Keine Antwort. „Wer iſt da?“ wiederholte ich. Eine kurze Stille folgte, und dann hörten wir die leichten Fußtritte wieder, wie ſie ſchwächer und ſchwächer wurden,— immer leiſer hinſchwanden in der Finſterniß, und endlich ſich in der Stille verloren. Wir eilten aus den Bäumen hinaus, erreichten den offenen Raſenplatz, ſchritten ſchnell darüber hin und lang⸗ ten, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, im Hauſe an. Im Lichte der auf dem Flur brennenden Lampe n +- 8Aͤ— ſah Laura mich mit bleichen Wangen und erſchrockenem Auge an. „Ich bin halb todt vor Angſt,“ ſagte ſie,„wer kann es nur geweſen ſein?“ „Wir wollen morgen verſuchen, es zu errathen,“ ent⸗ gegnete ich.„Unterdeſſen ſage Niemandem etwas von dem, was wir gehört und geſehen haben.“ „Warum nicht?“ „Weil Schweigen ſicher iſt, und weil wir in dieſem Hauſe ſehr der Sicherheit bedürfen.“ Ich bat Laura, ſogleich auf ihr Zimmer zu gehen, wartete einen Augenblick, um meinen Hut abzulegen und mein Haar zu glätten, und ging dann ſofort, unter dem Vorwande, daß ich ein Buch ſuchen wollte, in der Biblio⸗ thek meine Nachforſchungen anzuſtellen. Da ſaß der Graf und füllte mit ſeiner Perſon den geräumigſten Armſtuhl im ganzen Hauſe aus; er rauchte und las in größtmöglicher Gemüthsruhe, wobei ſeine Füße auf einem Seſſel ruhten, ſeine Cravatte über ſeinen Knien lag und ſein Halskragen weit geöffnet war. Und da, zu ſeinen Füßen, ſaß die Gräfin, wie ein artiges Kind und machte Cigarretten für ihn. Weder er, noch ſeine Ge⸗ mahlin konnten möglicherweiſe ſpät draußen geweſen und eben erſt zum Hauſe zurückgeeilt ſein. Ich fühlte, ſowie ich ſie nur erblickte, daß der Zweck, der mich nach der Bibliothek führte, erreicht ſei. Als ich eintrat, erhob ſich Graf Fosco in höflicher Verwirrung und band ſeine Cravatte um. „Bitte, laſſen Sie ſich nicht durch mich ſtören,“ ſagte ich,„ich kam nur, um mir ein Buch zu holen.“ 11* „Alle unglücklichen Leute meines Umfanges leiden von der Hitze,“ ſagte der Graf, ſich voll Ernſt mit einem großen grünen Fächer Erfriſchung zufächelnd.„Ich wollte, ich könnte mit meiner vortrefſlichen Gemahlin tauſchen. Sie iſt in dieſem Augenblicke ſo kühl wie einer von den Fiſchen draußen im Teiche.“ Die Gräfin ließ ſich herab, unter dem Einfluſſe des ſcherzhaften Vergleiches aufzuthauen. „Mir iſt niemals warm, Miß Halcombe,“ ſagte ſie mit der beſcheidenen Miene einer Perſon, die eines ihrer Verdienſte zugibt. „Sind Sie und Lady Glyde heute Abend draußen ge⸗ weſen?“ frug der Graf, während ich, um den Schein zu bewahren, ein Buch aus dem Schranke nahm. „Ja, wir gingen hinaus, um etwas friſche Luft zu genießen.“ „Darf ich fragen, nach welcher Richtung hin?“ „Nach dem See zu— bis zum Boothauſe.“ „Aha— bis zum Boothauſe?“ 1 Unter anderen Verhältniſſen hätte mich ſeine Neugier wahrſcheinlich verdroſſen. Heute Abend aber war ſie mir als ein Beweis willkommen, daß weder er noch ſeine Frau mit der geheimnißvollen Erſcheinung am See etwas zu thun hatten. „Es ſind Ihnen doch keine Abenteuer weiter zuge⸗ ſtoßen?“ fuhr er fort,„keine ferneren Entdeckungen, wie Ihre Entdeckung des bleſſirten Hundes?“ Er heftete ſeine unergründlichen grauen Augen mit jenem kalten, klaren, unwiderſtehlichen Glanze auf mich, der mich ſtets zwingt, ihn anzuſehen und mir dabei ein ———— we 165 beängſtigendes Gefühl verurſacht. Es beſchleicht mich bei ſolchen Gelegenheiten ein unausſprechlicher Verdacht, daß ſein Geiſt in dem meinigen ſpäht, und auch diesmal beſchlich mich derſelbe. „Nein,“ ſagte ich kurz,„weder Abenteuer noch Ent⸗ deckungen.“ Ich verſuchte von ihm hinwegzublicken und das Zim⸗ mer zu verlaſſen,— doch, ſo ſeltſam dies auch ſcheinen mag, ich glaube nicht, daß mir dies gelungen wäre, falls nicht die Gräfin mir unbewußterweiſe geholfen hätte, in⸗ dem ſie den Grafen nöthigte, ſeine Stellung zu verän⸗ dern und zuerſt fortzublicken. „Du läßt Miß Halcombe ſtehen, Graf,“ ſagte ſie. Sowie er ſich umwandte, um mir einen Stuhl zu geben, ergriff ich die Gelegenheit, dankte ihm, entſchuldigte mich und ſchlüpfte hinaus. Eine Stunde ſpäter, als Laura's Kammerjungfer im Zimmer war, ſagte ich beiläufig etwas von der Schwüle des Abends, in der Abſicht, von ihr zu erfahren, wie und wo die Dienerſchaft den Abend zugebracht hatte. „Habt ihr die Hitze unten ſehr gefühlt?“ frug ich ſie. „Nein, Miß,“ ſagte ſie,„nicht, daß es der Rede werth wäre.“ „Dann waret Ihr wohl draußen im Holze?“ „Einige von uns dachten daran, hinauszugehen, aber die Köchin ſagte, ſie werde ſich einen Stuhl in den kühlen Hof tragen, und da machten wir Uebrigen es ebenſo.“ Die Haushälterin war jetzt die Einzige, über die Auskunft zu erholen mir noch übrig blieb. 166 „Iſt Mrs. Michelſon ſchon zu Bette gegangen?“ fragte ich. „Sie denkt nicht daran, Miß,“ ſagte das Mädchen lächelnd.„Es iſt viel wahrſcheinlicher, daß ſie jetzt auf⸗ ſteht, anſtatt zu Bette zu gehen.“ „Warum? wie ſo? Iſt Mrs. Michelſon ſchon den Tag über im Bette geweſen?“ „Nein, Miß, das gerade nicht, aber doch etwas Aehn⸗ liches. Sie hat den ganzen Abend in ihrer Stube auf dem Sopha gelegen.“ Wenn ich das, was ich in der Bibliothek beobachtet, mit dem zuſammenhalte, was ich ſoeben von dem Mädchen gehört habe, ſo ſcheint mir daraus nur Eins zu ſchließen möglich. Die Geſtalt, die wir am See geſehen, war weder die des Grafen, noch der Gräfin, noch irgend Jemandes von der Dienerſchaft. Die Schritte, die wir hinter uns gehört, rührten von Niemanden aus dem Hauſe her. Wer konnte es geweſen ſein? Es ſcheint nutzlos, Nachfragen darüber anzuſtellen. Ich kann ſelbſt nicht einmal beſtimmen, ob die Geſtalt die eines Mannes war oder die einer Frau. Ich kann nur ſagen, daß ich glaube, ſie war eine weibliche. Den 4. Juli.— Der Schmerz der Selbſtvorwürfe, den ich geſtern Abend nach dem erlitt, was Laura mir im Boothauſe erzählt hatte, kehrte mir in der Einſamkeit der Nacht mit doppelter Gewalt zurück und verhinderte mich viele Stunden lang am Schlafen. Ich zündete endlich ein Licht an und ſah dann meine alten Tagebücher durch, um mich zu überzeugen, welchen Antheil ich eigentlich an dem unglückſeligen Mißgriffe ————,—.„-S— ͤ—-ſͤ— —2 167 dieſer Heirath gehabt, und was ich einſt hätte thun können, um ſie zu verhindern. Der Erfolg beruhigte mich einiger⸗ maßen, denn er zeigte mir, daß ich, ſo blind und unwiſſend ich auch geweſen, doch nach meinem beſten Urtheile gehan⸗ delt hatte. Das Weinen ſchadet mir gewöhnlich,— geſtern that es dies nicht; ich glaube im Gegentheil, daß ich etwas Erleichterung darin fand. Ich ſtand dieſen Morgen mit beruhigtem Gemüthe und einem gefaßten Entſchluſſe auf. Ich will mich nie wieder durch irgend etwas, das Sir Per⸗ cival ſagen oder thun mag, reizen laſſen, oder auch nur einen Augenblick darüber vergeſſen, daß ich, jeglichen Aer⸗ gerniſſen, Beleidigungen und Drohungen Trotz bietend, in Laura's Dienſten und aus Liebe zu Laura hier bleibe. Die Muthmaßungen, in denen wir uns dieſen Morgen über die Geſtalt am See und die Schritte in den Baum⸗ anlagen ergangen haben möchten, ſind alle in einem unbe⸗ deutenden Unfalle untergegangen, der Laura großes Be⸗ dauern verurſacht. Sie hat die kleine Broche verloren, die ich ihr am Tage vor ihrer Vermählung als Andenken ſchenkte. Da ſie ſie trug, als wir geſtern Abend ausgingen, ſo können wir nur annehmen, daß ſie entweder im Boot⸗ hauſe oder auf unſerm eiligen Heimwege aus ihrem Kleide gefallen iſt. Die Diener ſind bereits dageweſen, um nach⸗ zuſuchen, jedoch ohne Erfolg zurückgekehrt. Und jetzt iſt Laura ſelbſt gegangen, um ſie zu ſuchen. Ob ſie die Broche übrigens nun finde oder nicht, ſo wird der Verluſt uns doch eine Entſchuldigung für ihre Abweſenheit vom Hauſe bieten, falls Sir Percival zurückkehren ſollte, ehe der Brief von Mr. Gilmore's Compagnon in meine Hände gege⸗ ben ſein wird. 168 Es hat ſoeben ein Uhr geſchlagen. Ich überlege, ob es beſſer ſein wird, wenn ich die Ankunft des Boten G aus London hier erwarte, oder wenn ich ruhig hinaus⸗ ſchlüpfe und ihm bis jenſeits der Thorhüterwohnung entgegengehe. e Mein Verdacht gegen Alles und Jeden im Hauſe macht d mich geneigt, das letztere als das Klügere anzunehmen. n Vor dem Grafen bin ich ſicher, denn ich hörte ihn, als ich 3 vor zehn Minuten die Treppe hinauflief, durch die offene h Thür des Frühſtückszimmers dort ſeine Canarienvögel G exerciren: a „Kommt heraus auf meine Finger, meine Piep— 2 Piep— Piepvögelchen! Kommt heraus! Hüpf' hinaus! n Eins— zwei— drei— oben! Drei— zwei— eins— d und wieder unten! Eins— zwei— drei— zirp— zirp n — zirp— ziiirp!“ Die Vögel brachen wie gewöhnlich in ihren Jubelgeſang aus und der Graf zirpte und pfiff dazu, 2 wie wenn er ſelbſt ein Vogel geweſen wäre. Meine Stu⸗ benthür iſt offen, und ich kann das gellende Zirpen und g. Pfeifen hier oben hören. Wenn ich hinausſchlüpfen will, g. ſo iſt jetzt der geeignetſte Augenblick dazu. ſt Vier Uhr.— Ich kehre mit Gefühlen zu dieſen Blättern zurück, die es mir unmöglich iſt zu beſchreiben. Die drei ei Stunden, die ſeit den letzten Zeilen vergangen ſind, haben ut den ganzen Gang der Ereigniſſe in Blackwater Park in eine er neue Richtung geleitet. Ob zum Guten oder zum Schlim⸗ te men, kann ich weder, noch wage ich es zu beſtimmen. zi Ich muß zu der Stelle zurückkehren, an der ich abe: N brach, ſonſt werde ich in der Verwirrung meiner Gedan⸗ ne ken ganz den Faden verlieren. —, Ich ging, wie ich mir vorgenommen hatte, um dem Boten, der mir den Brief aus London bringen ſollte, zu begegnen. Auf der Treppe ſah ich niemanden. Im Flur angelangt, hörte ich den Grafen noch immer ſeine Vögel exerciren. Als ich aber über den Hof ging, ſah ich dort die Gräfin ihre Lieblingsrunde um den Fiſchteich herum machen. Ich hemmte ſofort meine Schritte, um den Schein zu meiden, als ob ich in Eile ſei, und ging Vorſicht halber ſogar ſo weit, ſie zu fragen, ob ſie vor dem Gabelfrühſtück noch auszugehen gedenke. Sie lächelte mir auf das Freundlichſte zu, ſagte, ſie ziehe es vor, in der Nähe des Hauſes zu bleiben, nickte mir zu und ging wieder ins Haus zurück. Ich ſchaute zurück und ſah, daß ſie die Hausthür ſchloß, ehe ich noch das Pförtchen neben dem großen Wagenthor geöffnet hatte. In weniger als einer Viertelſtunde war ich bei der horhüterwohnung angelangt. Der Weg jenſeits derſelben muachte eine plötzliche Bie⸗ gung nach links, ging dann auf ungefähr hundert Ellen gerade aus und bog dann wieder rechts in die Haupt⸗ ſtraße ein. Zwiſchen dieſen beiden Biegungen, die mich auf der einen Seite der Beobachtung von der Thorhüterwohnung und auf der andern vom Wege nach der Station aus entzogen, ging ich wartend auf und ab. Auf beiden Sei⸗ ten des Weges waren hohe Hecken, und während zwan⸗ zig Minuten nach meiner Uhr ſah und hörte ich nichts. Nach Ablauf derſelben fiel das Geräuſch von heran⸗ nahenden Rädern auf mein Ohr, und als ich der zwei⸗ ten Biegung des Weges zuſchritt, kam mir eine Droſchke 6 T von der Eiſenbahnſtation entgegen. Ich machte dem Kutſcher ein Zeichen, zu halten. Als er mir gehorchte, ſteckte ein anſtändig ausſehender Mann den Kopf zum Fenſter hinaus, um zu ſehen, was es gebe. „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte ich,„aber habe ich nicht Recht, wenn ich vermuthe, daß Sie nach Blackwater Park wollen?“ „Ja wohl, Madame.“ „Daß Sie an Jemand dort einen Brief abzugeben haben?“ „An Miß Halcombe, Madame.“ „Sie können ihn mir geben. Ich bin Miß Halcombe.“ Der Mann nahm den Hut ab, ſtieg ſofort aus dem Wagen und gab mir den Brief. Ich öffnete ihn augenblicklich und las folgende Zei⸗ len. Ich ſchreibe ihn hier ab(indem ich die Adreſſe an mich und die Unterſchrift des Schreibers weglaſſe), da ich es für das Beſte halte, das Original Vorſicht hal— ber zu vernichten. „Verehrtes Fräulein! Ihr Brief, den ich dieſen Morgen erhalten, hat mir große Beſorgniß verurſacht. Ich will ihn ſo kurz und ſo deutlich beantworten, wie mir dies möglich iſt. Meine ſorgfältige Erwägung der mir von Ihnen gemachten Mittheilung und meine Kenntniß der Lage von Lady Glyde, wie ſie aus dem Contracte hervor⸗ geht, laſſen mich zu meinem Bedauern zu dem Schluſſe kommen, daß man eine Anleihe auf das bei Sir Per⸗ cival gemachte Depoſitum(oder mit anderen Worten, auf die zwanzigtauſend Pfund, die einen Theil von dem hte, um Lady Glyde's Vermögen ausmachen) aufzunehmen be⸗ abſichtigt, und daß man ſie an der Sache betheiligen will, um ſich ihrer Zuſtimmung in einem abſcheulichen Wortbruche zu verſichern und zu dem Zwecke ſich ihre Unterſchrift zu verſchaffen ſucht, falls ſie ſich ſpäter darüber beſchweren ſollte. Nach irgend einer andern Vorausſetzung iſt es unmöglich, ſich zu erklären, wie man in der Lage, in der ſie ſich befindet, überhaupt ihrer Unterſchrift bedürfen kann. „Falls Lady Glyde ein ſolches Document, wie ich die in Frage ſtehende Schrift zu ſein vermuthen muß, unterzeichnete, würden ihre Etarm dadurch ermäch⸗ tigt ſein, Sir Percival aus ihren zwanzigtauſend Pfund Summen vorzuſchießen. Würde die Anleihe nicht zu⸗ rückgezahlt, und falls Lady Glyde Kinder hätte, ſo würde das Vermögen derſelben um die ſo vorgeſchoſſene Summe, ob groß oder klein, vermindert ſein. Um mich noch deutlicher auszudrücken, mag die Verhandlung, wenn Lady Glyde nicht Beweiſe vom Gegentheile hat, ein Betrug gegen ihre ungebornen Kinder ſein. „Unter dieſen ernſten Umſtänden möchte ich em⸗ pfehlen, daß Lady Glyde ihren Wunſch, das Docu— ment erſt mir, als dem Geſchäftsführer ihrer Familie (in Mr. Gilmore's Abweſenheit) vorzulegen, als Grund ihrer Weigerung es zu unterſchreiben angäbe. Es kön⸗ nen gegen ein ſolches Verfahren keine vernünftigen Ein⸗ wendungen gemacht werden, denn falls die Verhand⸗ lung eine ehrenhafte iſt, ſo wird natürlich meiner Zu⸗ ſtimmung nichts entgegenſtehen. „Mit der aufrichtigen Verſicherung meiner Bereit⸗ 172 willigkeit, Ihnen auch ferner mit Rath und That zu dienen, habe ich die Ehre, verehrtes Fräulein— 74 Ich las dieſen freundlichen und verſtändigen Brief voll Dankbarkeit durch. Er lieferte Laura einen Grund, ſich der Unterſchrift zu widerſetzen, gegen den nichts ein⸗- zuwenden war, und den wir Beide vollkommen zu ver⸗ ſtehen im Stande waren. Der Bote wartete, während ich las, um, ſobald ich zu Ende geleſen, meine Befehle entgegenzunehmen. „Wollen Sie nur gütigſt ſagen, daß ich den Brief verſtehe und herzlich dafür danke?“ ſagte ich zu ihm. „Weiter iſt für den Augenblick nichts zu beſtellen. Gerade in dem Augenblicke, indem ich dieſe Worte ſagte und den Brief offen in der Hand hielt, kam Graf Fosco um die Ecke der Hauptſtraße und ſtand vor mir, als ob er aus der Erde emporgeſchoſſen wäre. Sein plötzliches Erſcheinen an einem Orte, an dem ich ihn in der ganzen Welt am wenigſten zu ſehen er⸗ wartete, machte mich ſprachlos vor Erſtaunen. Der Bote empfahl ſich und ſtieg wieder in die Droſchke— ich konnte kein Wort zu ihm ſagen, ſogar nicht einmal ſei⸗ nen Gruß erwidern. Ich war wie verſteinert durch die Ueberzeugung, daß ich entdeckt ſei, und noch dazu von dieſem Manne unter allen anderen. „Kehren Sie zum Hauſe zurück, Miß Halcombe?“ frug er, ohne das geringſte Zeichen der Ueberraſchung von ſeiner Seite und ohne der Droſchke nachzublicken, welche davonfuhr, als er mich anredete. —113 Ich ſammelte mich hinreichend, um ein Zeichen der Bejahung zu machen. „Ich gehe ebenfalls zurück,“ ſagte er,„bitte, geſtat⸗ ten Sie mir das Vergnügen, Sie begleiten zu dürfen. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten? Sie ſcheinen er⸗ ſtaunt, mich zu ſehen!“ Ich nahm ſeinen Arm. Das erſte, was mir von meinem zerſtreuten Bewußtſein wiederkehrte, war, daß ich lieber Alles opfern müſſe, ehe ich ihn uns zum Feinde machte. „Sie ſcheinen erſtaunt, mich zu ſehen?“ wiederholte er mit ſeiner ruhigen Beharrlichkeit. „Es ſchien mir, daß ich Sie mit Ihren Vögeln im Frühſtückszimmer beſchäftigt ſah, Graf Fosco,“ ſagte ich ſo ruhig und feſt, als mir dies möglich war. „Allerdings. Aber meine gefiederten kleinen Kinder, theuere Dame, ſind nur zu ſehr anderen Kindern gleich. Sie haben ihre Tage des Eigenſinns, und von dieſen iſt der heutige Morgen einer. Meine Frau kam herein, als ich ſie eben wieder in ihren Bauer ſetzte, und ſagte mir, Sie ſeien ſoeben allein auf einen Spaziergang ausgegan⸗ gen. Sie ſagten ihr dies, nicht wahr?“ „Gewiß.“ „Nun, Miß Halcombe, das Vergnügen, Sie zu be⸗ gleiten, war eine Verſuchung für mich, der ich nicht zu widerſtehen vermochte. In meinem Alter liegt doch nichts Böſes in dieſem Geſtändniſſe, wie? Ich ergriff meinen Hut und eilte, mich Ihnen als Begleiter anzutragen. Selbſt ein ſo dicker, alter Mann wie Fosco ſcheint mir beſſer als gar keine Begleitung, wie? Ich ſchlug den ver⸗ kehrten Weg ein, kehrte in Verzweiflung wieder um, und hier bin ich endlich— darf ich es ſagen?— auf dem Gipfel meines Glückes.“ In dieſem complimentenreichen Schwunge redete er fort, und zwar mit einer Geläufigkeit, die mir keine weitere An⸗ ſtrengung überließ, als die, meine Faſſung zu bewahren. Er deutete auch nicht im entfernteſten auf das hin, was er auf dem Wege geſehen hatte, noch auf den Brief, den ich immer noch in der Hand hielt. Dieſe bedeutungs⸗ volle Discretion half, mich davon zu überzeugen, daß er durch die allerehrloſeſten Mittel das Geheimniß meines Schreibens in Laura's Intereſſe entdeckt haben mußte, und daß er jetzt, nachdem er ſich von der heimlichen Art und Weiſe, in der ich die Antwort empfangen, überzeugt hatte, für ſeine Zwecke genug wußte und es ſich jetzt nur angelegen ſein ließ, den Argwohn einzuſchläfern, den er in mir erweckt zu haben gewiß ſein konnte. Ich war unter dieſen Umſtänden klug genug, keinen Verſuch zur Erklä⸗ rung zu machen, und Weib genug, um ungeachtet meiner Furcht vor ihm zu fühlen, daß meine Hand dadurch be⸗ fleckt werde, daß ſie auf ſeinem Arme ruhte. Vor dem Hauſe begegneten wir dem Gig, das nach dem Stalle zurückgefahren wurde. Sir Percival war ſoeben zurückgekehrt. Er kam an die Hausthür, um uns zu begrüßen. Welche ſonſtige Erfolge ſeine Reiſe auch gehabt haben mochte, ſeine Laune hatte ſie nicht verbeſſert. „O, hier ſind endlich Zwei von der Geſellſchaft,“ ſagte er mit finſterm Blicke. „Was ſoll es heißen, daß das ganze Haus leer iſt? Wo iſt Lady Glyde?“ 4 175 Ich erzählte ihm von dem Verluſte der Broche und daß Laura hinausgegangen ſei, um ſie zu ſuchen. „Broche oder nicht,“ brummte er verdrießlich,„ich empfehle ihr, nicht zu vergeſſen, daß ich ſie in einer hal⸗ ben Stunde in der Bibliothek erwarte.“ Ich zog meine Hand von des Grafen Arm hinweg und ſtieg langſam die Stufe hinan. Er beehrte mich mit einer ſeiner ſüperben Verbeugungen und wandte ſich dann fröhlich zu dem mürriſchen Herrn des Hauſes. „Sage mir, Percival,“ begann er,„haſt Du eine angenehme Fahrt gemacht? Und iſt Deine hübſche, blanke, braune Molly auch ermüdet zurückgekommen?“ „Zum Henker mit der braunen Molly— und mit der Fahrt ebenfalls! Iſt das Frühſtück fertig? Mich hungert.“ „Und ich möchte mich erſt auf fünf Minuten allein mit Dir unterhalten,“ entgegnete der Graf,„fünf Minu⸗ ten, mein Freund, hier auf dem Raſen.“ „Worüber?“ „Ueber Sachen, die ganzaußerordentlich Dich betreffen.“ Ich zögerte lange genug, indem ich durch die Haus⸗ thür ging, um dieſe Frage und Antwort zu hören, auch zu ſehen, wie Sir Percival mit verdrießlichem Zaudern die Hände in die Taſche ſteckte. „Wenn Du mir noch mehr von Deinen verwünſchten Scrupeln aufzutiſchen haſt,“ ſagte er,„ſo will ich ſie nicht hören. Mich hungert.“ „Komm her und höre, was ich Dir zu ſagen habe,“ wiederholte der Graf, ohne ſich durch Sir Percival's grobe Reden im Geringſten reizen zu laſſen. Sir Percival ging die Stufen hinunter. Der Graf 176 nahm ihn beim Arm und führte ihn langſam fort. Die. „Sachen“, die ihn betrafen, bezogen ſich, wie ich über⸗ zeugt war, auf die Unterſchrift. Sie ſprachen ohne allen Zweifel von Laura und mir. Ich fühlte, wie ich vor Sorge förmlich ſchwach wurde. Es durfte für uns von der größten Wichtigkeit ſein, zu wiſſen, was ſie in dieſem Augenblicke zuſammen ſprachen, und doch war es eine Unmöglichkeit, auch nur ein Wort davon aufzufangen. Ich ging im Hauſe umher von einem Zimmer ins andere mit dem Briefe des Advocaten im Kleide(denn ich fürchte mich bereits, ſelbſt im Verſchluſſe ihn aufzu⸗ bewahren), bis mich der Druck der Erwartung beinahe wahnſinnig machte. Es war noch immer nichts von Laura zu ſehen, und ich dachte ſchon daran, hinauszugehen und ſie aufzuſuchen. Aber die Angſt und Beſorgniß, in der ich den ganzen Morgen gelebt, hatten mich ſo erſchöpft, daß mich jetzt die Hitze ganz überwältigte, und als ich verſuchte zur Thüre zu gehen, war ich genöthigt, umzu⸗ kehren und mich im Salon auf das nächſte Sopha zu legen, um mich erſt wieder zu erholen. Es gelang mir eben etwas ruhiger zu werden, als die Thür leiſe geöffnet wurde und der Graf hereinſchaute. „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, Miß Halcombe,“ ſagte er,„ich wage nur die Thür zu öffnen, weil ich gute Nachricht für Sie habe. Percival, der, wie Sie wiſſen, in Allem capriciös iſt, hat ſich herabgelaſſen, im letzten Augen⸗ blicke ſeine Meinung zu ändern, und das Geſchäft mit der Unterſchrift iſt einſtweilen verſchoben. Eine große Erleich⸗ terung für uns Alle, wie ich mit Vergnügen in Ihrem Geſichte leſe, Miß Halcombe. Bitte, machen Sie Lady —, —+/———— Die ber⸗ allen vor von eſem eine 1. ins denn fzu⸗ nahe aura und der ich nzu⸗ zu als zute. be,“ gute „ in gen⸗ der eich⸗ rem ady 177 Glyde meine hochachtungsvolle Empfehlung, wenn Sie ihr dieſen angenehmen Wechſel der Verhältniſſe mittheilen.“ Er verließ mich, ehe ich mich noch von meinem Erſtau⸗ nen erholen konnte. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß dieſe merkwürdige Veränderung in Bezug auf die Un⸗ terſchrift ſeinem Einfluſſe zuzuſchreiben war, und daß ſeine Entdeckung meines geſtrigen Schreibens nach London und der heute von mir in Empfang genommenen Antwort auf daſſelbe ihm die Mittel geboten hatte, ſich mit ſicherem Erfolge ins Mittel zu legen. Ich fühlte dies, doch ſchien mein Geiſt die Erſchöpfung meines Körpers zu theilen, denn ich war nicht im Stande, dieſe Gedanken zuſammenhängend weder mit der zweifel⸗ haften Gegenwart, noch mit der drohenden Zukunft in Ver⸗ bindung zu bringen. Ich verſuchte zum zweitenmale hinaus⸗ zugehen, um Laura zu ſuchen, aber es wurde mir ſchwindelig und die Knie zitterten mir, ſodaß mir nichts weiter übrig blieb, als wieder zum Sopha zurückzukehren und mich ſehr wider Willen abermals niederzulegen. Die Stille im Hauſe und das leiſe Summen der Som⸗ merinſekten draußen vor den Fenſtern beruhigten mich. Meine Augen ſchloſſen ſich von ſelbſt, und ich verſank all⸗ mälig in einen ſeltſamen Zuſtand, der kein Wachen war — denn ich wußte nichts von dem, was um mich her vor⸗ ging— und auch kein Schlaf, denn ich war mir meiner eigenen Ruhe bewußt. In dieſem Zuſtande entfloh mir mein fieberhaft erregter Geiſt, während mein müder Körper ruhte, und in dieſer Art von Erſtarrung oder wachem Träumen— ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll— ſah ich Walter Hartright. Ich hatte, ſeit ich dieſen Morgen gZeiß. II. 12 Wilkie Collins, Die Frau d 178 aufgeſtanden war, nicht wieder an ihn gedacht; Laura hatte kein Wort geſprochen, daß entweder direct oder in⸗ direct Bezug auf ihn gehabt hätte— und doch ſah ich ihn jetzt ſo deutlich, wie wenn die Vergangenheit wieder zurückgekehrt und wir Beide wieder in Limmeridge ge⸗ weſen wären. Er erſchien mir mitten unter vielen anderen Män⸗ nern, von deren Geſichtern ich keins unterſcheiden konnte. Sie lagen alle auf den Stufen eines ungeheuren verfallenen Tempels. Rieſige tropiſche Bäume, um deren Stämme ſich endloſe Schlingpflanzen zogen und hinter deren Aeſten und Blättern ſcheußliche ſteinerne Götzenbilder glitzerten und grinſten, umgaben den Tempel, ſchloſſen den Blick auf den Himmel aus und warfen einen trüben Schatten über die ſchlummernden Männer auf den Stufen. Weiße Dünſte ſtiegen kräuſelnd und heimlich aus dem Erdboden empor, näherten ſich wie kleine Rauchwolken den Schläfern, be⸗ rührten ſie, und ſtreckten ſie einen nach dem andern todt auf der Stelle hin, auf der ſie lagen. Die Todesangſt des Mitleids für Walter löſte meine Zunge, und ich flehte ihn an zu entfliehen. „Komm zurück! o komm zurück!“ ſagte ich.„Erinnere Dich des Verſprechens, daß Du ihr und mir gegeben haſt. Kehre zu uns zurück, ehe die Peſt dich ereilt und Dich todt zu den Uebrigen legt.“ 8 Er blickte mich mit überirdiſcher Ruhe im Geſichte an. „Warte!“ ſagte er,„ich werde zurückkehren. Jene Nacht, in der ich dem verlaſſenen Weibe auf der Landſtraße begeg⸗ nete, war die, welche mein Leben zum Werkzeuge eines Zweckes erwählte, den ich bis jetzt noch nicht erkenne. Hier — ————„—,— — — ☛ 179 w einſam in der Wildniß, oder dort bewillkommt im Lande tii⸗ meiner Heimat, wandere ich immer auf dem dunkeln Pfade ich hin, der mich und Dich und die Schweſter Deiner und der meiner Liebe einer unbekannten Vergeltung, einem un⸗ ge⸗ vermeidlichen Ende zuführt. Warte und ſchaue. Die Peſt, welche die Andern dahin ſtreckt, wird an mir vor⸗ li übergehen.“ te. Ich ſah ihn zum zweitenmale. Er war noch in dem eit Walde, und die Zahl ſeiner Gefährten war auf ganz Me wenige zuſammengeſchmolzen. Der Tempel war fort und en die Götzenbilder, und ſtatt ihrer lauerten mörderiſch hinter en den Blättern und Zweigen dunkle zwerghafte Männer, die uf in ihren Händen geſpannte Bogen hielten. Mir bangte el wieder um Walter, und ich ſchrie auf, um ihn zu warnen, ſte und abermals wandte er ſich mit derſelben unerſchütterlichen 1. Ruhe im Geſichte zu mir.„Noch ein Schritt auf dem 5 dunkeln Pfade,“ ſagte er.„Warte und ſchaue. Die Pfeile, dt welche die Anderen treffen, werden mich unberührt laſſen.“ es Ich ſah ihn zum drittenmale in einem geſcheiterten n Schiffe, das an einem wilden, ſandigen Ufer geſtrandet war. Die überladenen Boote machten ſich von ihm fort re dem Lande zu und ließen ihn allein auf dem Schiffe zurück, ſt. um mit demſelben zu ſinken. Ich rief ihm zu, das letzte dt Boot zurückzurufen und eine letzte Anſtrengung zu machen, um ſein Leben zu retten. Das unbewegliche Geſicht ſchaute n. mich abermals an, und die ruhige Stimme gab mir die un⸗ t, veränderliche Antwort.„Noch ein Schritt auf dem dunkeln g⸗ Pfade. Warte und ſchaue. Die See, welche die Anderen verſchlingt, wird mich verſchonen.“ Ich ſah ihn zum letztenmale. Er kniete an einem 12* 180 Grabmale von weißem Marmor, und der Schatten einer verſchleierten Frau ſtieg aus dem Grabe empor und ſtand wartend an ſeiner Seite. Die überirdiſche Ruhe in ſeinem Geſichte hatte ſich in überirdiſchen Kummer ver⸗ wandelt. Doch die furchtbare Sicherheit ſeiner Worte blieb dieſelbe. „Immer dunkler und immer weiter“, ſagte er.„Der Tod nimmt die Guten, die Schönen und die Jungen— und mich verſchont er. Die Peſt, die verwüſtet, der Pfeil, welcher trifft, die See, welche verſchlingt, das Grab, das ſich über Liebe und Hoffnung ſchließt, ſind Schritte auf meiner Wanderung und bringen mich dem Ende näher und immer näher.“ Mein Herz ſank mir unter einer Angſt, für die es keine Worte, einem Kummer, für den es keine Thränen gibt. Die Finſterniß umhüllte den Pilger am Marmorſteine, die verſchleierte Frau aus dem Grabe, und die Träumerin, die auf ſie hinblickte. Ich ſah und hörte nichts weiter. Ich erwachte, indem ich fühlte, wie ſich mir eine Hand auf die Schulter legte. Es war Laura's Hand. Sie war neben dem Sopha niedergekniet— ihr Geſicht war erhitzt und bewegt, und ihre Augen begegneten den meinen mit einem verwirrten, aufgeregten Blicke. Ich fuhr in die Höhe, ſowie ich ſie erblickte. „Was hat ſich zugetragen?“ frug ich.„Was hat Dich erſchreckt?“ Sie blickte ſich um nach der halb geöffneten Thür, brachte ihre Lippen dicht an mein Ohr und antwortete flüſternd: „Marianne!— die Geſtalt am See— die Schritte „ 181 geſtern Abend— ich habe ſie ſoeben geſehen! ich habe ſoeben mit ihr geſprochen!“ „Mit wem, um Gotteswillen?“ „Mit Anna Catherick.“ Ich war ſo erſchrocken über Laura's verſtörtes Ge⸗ ſicht und aufgeregtes Weſen und durch die erſten wachen Eindrücke meines Traumes ſo außer Faſſung gebracht, daß ich nicht im Stande war, die Offenbarung zu erfaſſen, die ſich mir aufthat, als der Name Anna Catherick's von ihren Lippen fiel. Ich konnte nur wie angewurzelt daſtehen und ſie in athemloſem Schweigen anſchauen. Sie war zu ſehr mit dem, was ſich zugetragen hatte, beſchäftigt, um die Wirkung ihrer Antwort auf mich zu be⸗ merken.„Ich habe Anna Catherick geſehen! Ich habe mit Anna Catherick geſprochen!“ wiederholte ſie, als ob ich ſie nicht gehört habe.„O Marianne, ich habe Dir ſo viele Dinge zu erzählen! Komm mit— wir könnten hier geſtört werden— komm gleich auf mein Zimmer!“ Mit dieſen eifrigen Worten ergriff ſie meine Hand und führte mich durch die Bibliothek in das Eckzimmer im Erdgeſchoß, das zu ihrem beſondern Gebrauch hergerichtet worden. Keine dritte Perſon außer ihrer Kammerjungfer hätte einen Vorwand finden können, um uns hier zu über⸗ raſchen. Sie ſchob mich vor ſich hinein, verſchloß die Thür und zog die Glanzkattunvorhänge, die auf der Innenſeite derſelben hingen, darüber hin. Das ſeltſame, betäubte Gefühl, das mich ergriffen hatte, dauerte noch immer fort. Aber die wachſende Ueber⸗ zeugung, daß das Gewebe, das ſich ſchon ſo lange um uns zu ziehen gedroht hatte, uns Beide plötzlich feſt gefangen hielt, begann ſich jetzt meinem Geiſte aufzudrängen. Ich konnte dies nicht mit Worten ausdrücken— kaum, daß ich mir deſſen ſelbſt unklar bewußt wurde.„Anna Catherick!“ flüſterte ich mit unnützer, hülfloſer Widerholung vor mich hin—„Anna Catherick!“ Laura zog mich zu dem nächſten Sitze, einem viereckigen Sopha mitten in der Stube, hin.„Sieh!“ ſagte ſie;„ſieh her!“ und deutete auf ihre Bruſt. Ich ſah zum erſtenmale, daß die Broche wieder an ihrer Stelle ſtak. In dem Anblicke lag etwas Wirkliches und im Berühren derſelben etwas Faßliches, das dem Strudel meiner Gedanken Einhalt zu thun ſchien und mir half mich zu ſammeln. „Wo fandeſt Du Deine Broche?“ Die erſten Worte, die ich in dieſem wichtigen Augenblicke ſprechen konnte, wa⸗ ren die, welche dieſe unerhebliche Frage enthielten. „Sie fand ſie, Marianne!“ „Wo?“ „Am Boden im Boothauſe. O, wie ſoll ich anfangen, — wie ſoll ich Dir Alles erzählen! Sie ſprach ſo ſelt⸗ ſam zu mir, ſah ſo entſetzlich leidend aus, verließ mich ſo plötzlich——“ Ihre Stimme wurde lauter, als der Aufruhr ihrer Erinnerungen ihre Gedanken drängte. Der eingewurzelte Argwohn, der in dieſem Hauſe Nacht und Tag meinen Geiſt bedrückt, erhob ſich ſchnell in mir, um ſie zu warnen— gerade wie der Anblick der Broche einen Augenblick vorher mich ſo ſchnell veranlaßt hatte, ſie zu befragen. „Sprich leiſe,“ ſagte ich.„Das Fenſter iſt offen, und es zieht ſich ein Gartenſteig darunter hin. Fange von vorn —,———— +ꝙ ͤ — ₰ 183 an, Laura. Sage mir Wort für Wort, was ſich zwiſchen Dir und jener Frau zugetragen hat.“ „Soll ich zuvor das Fenſter ſchließen?“ „Nein; nur ſprich leiſe: bedenke, daß Anna Catherick unter dem Dache Deines Mannes ein gefährlicher Gegen⸗ ſtand iſt. Wo ſahſt Du ſie zuerſt?“ „Im Boothauſe, Marianne. Ich ging, wie Du weißt, hinaus, um meine Broche zu ſuchen und ſchritt langſam den Weg durch die Anlagen entlang, indem ich bei jedem Schritte ſorgfältig zu beiden Seiten auf den Boden blickte. So langte ich nach ziemlich langer Zeit im Boothauſe an, und ſobald ich drin war, kniete ich nieder und ſuchte auf dem ganzen Boden nach der Broche. „Ich ſuchte noch immer, mit dem Rücken dem Eingange zugewandt, als ich eine ſanfte fremde Stimme hinter mir «Miß Fairlie!» rufen hörte.“ „Miß Fairlie!“ „Ja— meinen alten Namen— den lieben, bekannten Namen, von dem ich auf immer geſchieden zu ſein glaubte. Ich ſprang auf— nicht erſchrocken, denn die Stimme war zu ſanft und angenehm, um irgend Jemanden erſchrecken zu können— aber ſehr überraſcht. Da am Eingange ſtand eine Frau, deren Geſicht ich nie zuvor geſehen zu haben mich erinnerte, und ſah mich an.“ „Wie war ſie gekleidet?“ „Sie trug ein ſauberes, hübſches weißes Kleid und darüber ein ärmliches, dünnes dunkles Tuch. Ihr Hut war von braunem Stroh und ebenſo ärmlich und abge⸗ tragen, wie der Shawl. Mich frappirte der Unterſchied zwiſchen ihrem Kleide und ihrem übrigen Anzuge, und ſie ſah, daß ich ihn bemerkte.«Sehen Sie meinen Hut und mein Tuch nicht an, ſagte ſie mit ſchnellem, athem⸗ los plötzlichem Weſen;«wenn ich nicht Weiß tragen kann, iſt mirs einerlei, was ich trage. Sehen Sie mein War es nicht ſeltſam? Ehe ich noch etwas Begütigendes ſagen konnte, ſtreckte ſie eine Hand aus, und ich ſah meine Broche darin. Ich war ſo froh und glücklich darüber, daß ich ganz nahe an ſie heran trat, um ihr zu ſagen, was ich wirklich fühlte.«Sind Sie dankbar genug, um mir eine kleine Gefälligkeit zu erzeigen?» frug ſie.«Ja gewiß!» ſagte ich,«ich will mit Freuden Alles für Sie thun, was in meiner Macht liegt.) Dann laſſen Sie mich die Broche jetzt, da ich ſie gefunden habe, auch an Ihrem Kleide befeſtigen.“ Ihre Bitte war ſo unerwartet, und ſie ſprach ſie mit einem ſolchen Eifer aus, daß ich ein paar Schritte zurückwich, Marianne, und nicht recht wußte, was ich thun ſollte.«Ach!» ſagte ſie,«Ihre Mutter hätte ſich die Broche von mir anſtecken laſſen.» Es lag in ihrer Stimme und ihrem Blicke ſowohl, als in der vorwurfsvollen Weiſe, in der ſie des Namens meiner Mutter erwähnte, etwas, das mich über mein der ſie die Broche hielt, und legte ſie ſanft auf meine Bruſt. «Sie kannten meine Mutter?) ſagte ich.«War es vor ſehr langer Zeit? Habe ich Sie früher geſehen? Ihre Hände waren beſchäftigt, die Broche zu befeſtigen; dann drückte ſie dieſelben auf meine Bruſt.„Sie erinnern ſich wohl nicht eines ſchönes Frühlingstages zu Limmeridge,) ſagte ſie,«wo Ihre Mutter den Pfad zur Schule ent⸗ Kleid an, ſoviel Sie wollen; ſeiner ſchäme ich mich nicht.) Mißtrauen beſchämt machte. Ich nahm ihre Hand, in — —-——˖;/—¼/,—„ Hut m⸗ gen thein ſt.). des ſah lich zu ug, Ja Sie Sie an tet, ich echt hre 1I.) als ens ein in iſt. ehr nde ckte ohl ,» 185 lang ging und an jeder Seite ein kleines Mädchen hatte? Ich habe ſeit der Zeit an nichts Anderes zu denken ge⸗ habt, und ich erinnere mich deſſen wohl. Sie waren das eine von den beiden kleinen Mädchen, und ich war das andere. Die hübſche, kluge Miß Fairlie und die arme dumme Anna Catherick ſtanden einander damals näher als jetzt!» „Erinnerteſt Du Dich ihrer, Laura, als ſie Dir ihren Namen ſagte?“ „Ja— ich erinnerte mich, daß Du mich eines Tages in Limmeridge nach Anna Catherick und danach frugſt, ob ich mich entſänne, daß man eine Aehnlichkeit zwiſchen uns gefunden habe.“ „Was erinnerte Dich daran, Laura?“ „Sie erinnerte mich daran. Während ich ſie anſchaute, als ſie ganz dicht vor mir ſtand, fuhr es mir plötzlich durch den Sinn, daß wir einander ähnlich ſeien! Ihr Geſicht war bleich, mager und kummervoll, aber der Anblick deſſelben ließ mich zuſammenzucken, weil es war, als ob es mein eigenes Geſicht geweſen wäre, das ich nach langer Krankheit im Spiegel ſah. Die Entdeckung erſchütterte mich ſo— ich weiß kaum warum— daß ich einen Augenblick nicht im Stande war, zu ihr zu ſprechen.“ „Schien ſie ſich durch Dein Schweigen verletzt zu fühlen?“ „Ich fürchte es.«Sie haben weder das Geſicht noch das Herz Ihrer Mutter,» ſagte ſie.«Das Geſicht Ihrer Mutter war dunkel, und Ihrer Mutter Herz, Miß Fairlie, war das eines Engels.“ SGewiß, ich will Ihnen herzlich wohl,“ ſagte ich,„obgleich ich nicht im Stande ſein mag, dies 186 auszudrücken, wie ich wohl ſollte. Warum nennen Sie mich Miß Fairlie— 2«Weil ich den Namen Fairlie liebe und den Namen Glhyde haſſe,» rief ſie mit Heftigkeit aus. Ich hatte bisher nichts an ihr wahrgenommen, das wie Wahn⸗ ſinn ausgeſehen hätte; jetzt aber dünkte mich, daß ich etwas der Art in ihren Augen ſah.«„Ich dachte nur, Sie wüßten vielleicht nicht, daß ich verheirathet ſei, ſagte ich, indem ich des Briefes gedachte, den ſie in Limmeridge an mich geſchrieben hatte, um ſie zu beſänftigen. Sie ſeufzte ſchwer auf und wandte ſich von mir ab.«Ich ſollte nicht wiſſen, daß Sie verheirathet ſind!» wiederholte ſie.„Ich bin ja nur hier, weil ſie verheirathet ſind. Ich bin hier, um Ihnen Genugthuung zu geben, ehe ich hingehe und Ihrer Mutter begegne dort in der Welt über dem Grabe.) Sie zog ſich immer weiter von mir zurück, bis ſie ganz außerhalb des Boothauſes war, und dann ſtand ſie und horchte eine kleine Weile. Als ſie ſich wieder umwandte, um zu ſprechen, blieb ſie ſtehen, wo ſie war und ſah mich an, während ſie ſich zu beiden Seiten des Einganges mit einer Hand feſthielt.«Sahen Sie mich geſtern Abend am See?» ſagte ſie,«hörten Sie, wie ich Ihnen durchs Holz folgte? Ich habe ſchon ſeit vielen Tagen gewartet, um Sie allein zu ſprechen, Miß Fairlie, ich habe die ein⸗ zige Freundin, die ich in der Welt beſitze, in Sorge und Kummer um mich verlaſſen, ich habe es darauf ankommen laſſen, wieder im Tollhauſe eingeſperrt zu werden, und dies Alles für Sie, Miß Fairlie— Alles für Sie.) Ihre Worte erſchreckten mich, Marianne, und doch lag in ihrem Weſen etwas, das mir tiefes Mitleiden einflößte. Ich fühle, daß mein Mitleiden aufrichtig war; denn es gab mir Muth genug, um ſie zu bitten, wieder ins Boot⸗ haus zu kommen und ſich zu mir zu ſetzen.“ „That ſie es?“ „Nein. Sie ſchüttelte den Kopf und ſagte, ſie müſſe bleiben, wo ſie ſei, um aufzupaſſen und zu horchen, damit wir nicht von einer dritten Perſon überraſcht würden. Und da blieb ſie ſtehen von Anfang bis zu Ende unſerer Unterredung, auf jeder Seite ſich mit einer Hand an dem Eingange haltend, wobei ſie einmal ſich ſchnell hineinbeugte, um mit mir zu ſprechen, und dann wieder plötzlich hinaus, um ſich umzuſchauen.„Ich war geſtern, ehe es dunkel wurde, hier und hörte Sie und die Dame, die bei Ihnen war, zuſammen ſprechen. Ich hörte, wie Sie ihr von Ihrem Gemahl erzählten. Ich hörte Sie ſagen, daß Sie nicht die Macht hätten, ihn zu bewegen, Ihnen zu glauben, noch zu ſchweigen. Ach! ich wußte, was jene Worte bedeu⸗ teten, mein eigenes Gewiſſen ſagte mir es, während ich lauſchte. Warum ließ ich es zu, daß Sie ihn heiratheten! O meine Furcht, meine tolle, jämmerliche, gottloſe Furcht— ſie barg ihr Geſicht hinter ihrem ärmlichen, abgetragenen Tuche und ſtöhnte und murmelte hinter dem⸗ ſelben zu ſich ſelbſt. Ich begann zu fürchten, ſie möchte in wilde Verzweiflung ausbrechen, die dann weder ſie, noch ich zu bemeiſtern im Stande ſein würden.«Suchen Sie ſich zu faſſen,d ſagte ich,«verſuchen Sie, mir zu ſagen, auf welche Weiſe Sie meine Heirath hätten verhindern können.“ Sie nahm das Tuch von ihrem Geſicht fort und ſah mich mit einem zerſtreuten Blicke an.«Ich hätte den Muth haben ſollen, in Limmeridge zu bleiben,» ſagte ſie. «Ich hätte mich nicht durch die Nachricht, daß er kommen * 64 ——— 2— ——————ͤ 188 werde, fortſchrecken laſſen ſollen. Ich hätte Sie warnen und retten ſollen, ehe es zu ſpät war. Warum hatte ich blos Muth genug, um Ihnen jenen Brief zu ſchreiben? Warum richtete ich nur Unheil an, da ich doch gut und recht handeln wollte? O, meine tolle, jämmerliche, gott⸗ loſe Furcht——»— ſie wiederholte dieſe Worte und barg abermals ihr Geſicht in ihrem Tuche. Es war ſchrecklich, ſie anzuſehen und anzuhören.“ „Du frugſt ſie doch natürlich, Laura, was es für eine Furcht war, auf die ſie ſo ernſtlich zurückkam?“ „Ja, ich frug ſie.“ „Und was ſagte ſie?“ „Sie fragte mich, ob ich mich nicht vor einem Manne fürchten würde, der mich in ein Tollhaus geſperrt hätte und wieder einſperren würde, ſobald es ihm möglich ſei. Ich ſagte:«Fürchten Sie ſich noch davor? Sie würden aber nicht hier ſein, wenn Sie ſich jetzt noch davor fürchteten?» «Nein,w ſagte ſie, jetzt fürchte ich mich nicht mehr.“ Ich frug:«Warum nicht?» Sie beugte ſich plötzlich vorwärts ins Boothaus hinein und ſagte:«Können Sie's nicht er⸗ rathen? Ich ſchüttelte den Kopf.«„Sehen Sie mich an,» fuhr ſie fort. Ich ſagte ihr, es ſchmerze mich, zu bemerken, daß ſie ſehr krank und leidend ausſehe. Sie lächelte zum erſtenmale.«Krank!» wiederholte ſie.«Ich bin im Sterben. Jetzt wiſſen Sie, warum ich mich nicht länger vor ihm fürchte. Glauben Sie, daß ich Ihre Mutter im Himmel ſehen werde? Wird ſie mir dann vergeben? Ich war ſo erſchrocken und erſchüttert, daß ich nichts erwidern konnte.„Ich habe hieran fortwährend gedacht,» fuhr ſie fort,«während der ganzen Zeit, daß ich mich vor Ihrem 189 Manne verſteckte, und während meiner ganzen Krankheit. Meine Gedanken haben mich hergetrieben, ich muß es wieder gut machen, ich muß all das Unheil, das ich an⸗ gerichtet habe, wieder gut machen.“ Ich bat ſie ſo ernſt⸗ lich wie möglich, mir zu ſagen, was ſie meine. Sie ſah mich wieder mit ſtarren, geiſtesabweſenden Blicken an. «Soll ich es wieder gut machen?“ ſagte ſie zweifel— haft zu ſich ſelbſt.«Sie haben Verwandte, die Ihnen beiſtehen werden. Wenn Sie ſein böſes Geheimniß ken⸗ nen, ſo wird er ſich vor Ihnen fürchten, er wird es nicht wagen, gegen Sie zu handeln, wie er gegen mich gehan⸗ delt hat. Er muß Sie um ſeiner ſelbſt willen gütig be⸗ handeln, wenn er ſich vor Ihnen und Ihren Verwandten fürchtet. Und wenn er Sie gütig behandelt, und ich dann ſagen kann, daß es durch mich geſchehen—»— ich lauſchte eifrig, aber ſie ſchwieg nach dieſen Worten.“ „Du ſuchteſt ſie doch zu bewegen, fortzufahren?“ „Ja, ich verſuchte es; aber ſie zog ſich nur noch weiter von mir zurück und legte ihre Arme und ihr Geſicht gegen die Wand des Boothauſes.«O! hörte ich ſie mit einer fürchterlichen, wahnſinnigen Zärtlichkeit in der Stimme ſagen,«o, wenn ich doch neben Ihrer Mutter begraben werden könnte! wenn ich doch an ihrer Seite erwachen könnte, wenn des Engels Trompete ſchmettern und das Grab ſeine Todten herausgeben wird bei der Auferſtehung!) Mariannel ich zitterte am ganzen Körper, es war fürchter⸗ lich, ſie anzuhören.«Aber das darf ich nicht hoffen,» ſagte ſie, ſich ein wenig aufrichtend, um mich wieder anzu⸗ ſehen,—«das darf eine arme Fremde, wie ich, nicht hoffen. Ich werde nicht unter dem Marmorkreuze ruhen, das ich ——— 190 mit meinen Händen wuſch und um ihretwillen ſo weiß und rein machte. O nein! o nein! Gottes Barmherzigkeit, nicht der Menſchen, wird mich zu ihr führen, wo die Böſen ſich nicht mehr betrüben und wo die Müden Ruhe finden.“» Sie ſprach dieſe Worte ruhig, aber kummervoll und mit einem ſchweren, hoffnungsloſen Seufzer und ſchwieg dann eine kleine Weile. Ihr Geſicht war unruhig und verwirrt, ſie ſchien nachzudenken oder wenigſtens dies zu verſuchen. «Was war's, das ich eben ſagte?» frug ſie nach einer kurzen Pauſe.„Wenn Ihre Mutter in meinen Gedanken iſt, ſo flieht alles Andere aus ihnen. Was ſagte ich? was ſagte ich doch?“ Ich erinnerte das arme Weſen ſo ſanft und ſchonend, wie es mir möglich war.«Ach ja, ja» ſagte ſie noch ebenſo zerſtreut wie zuvor.„Sie ſind hülflos mit Ihrem gottloſen Manne. Ja, und ich muß thun, was ich zu thun herkam, muß wieder gut machen gegen Sie, daß ich mich einſt gefürchtet habe zu ſprechen, da es noch Zeit war.)«Was iſt es, das Sie mir zu ſagen haben?» frug ich.«Ein Geheimniß,» antwortete ſie, das Geheimniß, das Ihr grauſamer Mann fürchtet.“ Ihr Geſicht wurde finſter und ihr Blick hart und zornig. Sie begann, mir auf ſonderbar nichtsſagende Weiſe mit der Hand zu winken. «Meine Mutter kennt das Geheimniß,) ſagte ſie, wobei ſie zum erſtenmal langſam ſprach und jedes Wort erwog, ehe ſie es ausſprach. Meine Mutter hat ihre halbe Lebens⸗ zeit unter dem Geheimniſſe dahingeſiecht. Eines Tages, als ich erwachſen war, ſagte ſie es mir; Ihr Gemahl erfuhr, daß ſie es mir geſagt hatte, erfuhr es zu meinem Schaden. Ach, ich Arme! er wußte, wußte, wußte es.)“ „Ja! ja! was ſagte ſie weiter?“ 4½ um aus! „Sie ſchwieg abermals, Marianne, nach ſolchen Worten—“ „Und ſagte nichts weiter?“ „Sie lauſchte eifrig.«Still!) flüſterte ſie, mir wieder mit der Hand zuwinkend, Lſtill!» und verließ den Eingang ſeitwärts gehend, langſam, leiſe, Schritt für Schritt, bis ich ſie nicht mehr ſah.“ „Du folgteſt ihr doch?“ „Ja, meine Begierde mehr zu erfahren, machte mich kühn genug, um aufzuſtehen und ihr zu folgen. Als ich gerade beim Eingange anlangte, erſchien ſie plötzlich wie⸗ der um die Ecke des Boothauſes.„Das Geheimniß!⸗ flüſterte ich ihr zu.„Bleiben Sie und ſagen Sie mir das Geheimniß!“ Sie erfaßte meinen Arm und ſah mich mit wilden, geängſtigten Blicken an. Jetzt nicht,» ſagte ſie,«·wir ſind nicht allein, man belauſcht uns. Kommen Sie morgen um dieſe Zeit wieder her, aber allein, hören Sie? allein.) Sie ſchob mich haſtig ins Boothaus zu⸗ rück, und ich ſah ſie nicht mehr.“ „O Laura, Laura, wieder eine Gelegenheit verloren! Wäre ich nur bei Dir geweſen, ſie hätte uns nicht wieder ſo entwiſchen ſollen. Nach welcher Seite zu verlorſt Du ſie aus den Augen?“ „Nach der linken Seite zu, wo der Boden abwärts geht, und das Holz am dichteſten iſt.“ „Liefſt Du nicht hinaus und riefſt ſie zurück?“ „Wie konnte ich es wohl? Ich war zu ſehr erſchrocken, um mich zu rühren oder zu ſprechen.“ „Aber als Du doch endlich aufſtandeſt, als Du her⸗ auskamſt—?“ 192 „Eilte ich nach Hauſe, um Dir zu erzählen, was ſich zugetragen.“ „Sahſt oder hörteſt Du irgend jemanden in den An⸗ lagen?“ „Nein, es ſchien Alles ſtill und ruhig, als ich durchs Holz kam.“ Ich ſchwieg einen Augenblick, um zu überlegen. War — dieſe dritte Perſon, die bei der Unterredung zugegen geweſen ſein ſollte, eine Wirklichkeit oder nur eine Schöpfung von B Anna Catherick's erregter Phantaſie? Es war unmöglich, dies mit Beſtimmtheit zu ſagen. Das einzige Gewiſſe iſt, 1 daß wir, ſchon an der Schwelle des Geheimniſſes, wieder d unſern Zweck verfehlt haben— und zwar vollkommen und unwiederbringlich, wenn nicht Anna Catherick morgen n ihr Wort hält und nach dem Boothauſe kommt. 1 „Biſt Du ganz ſicher, mir Alles erzählt zu haben, das W ſich zutrug. Jedes Wort, das geſprochen wurde?“ frug ich. 1 „Ja, ich denke es,“ entgegnete Laura.„Mein Gedächt⸗ J niß iſt nicht wie Deins, Marianne. Aber es machte Alles n ſolch tiefen Eindruck auch mich, daß mir nichts, das von G Wichtigkeit wäre, entgangen ſein kann.“ a „Meine liebe Laura, die geringſten Kleinigkeiten ſind g von Wichtigkeit, wo wir mit Anna Catherick zu thun haben. Denke noch einmal nach. Erwähnte ſie nicht ganz zufüllig w des Ortes, wo ſie ſich augenblicklich aufhält?“ 2„Nicht, daß ich mich entſänne.“ Y „Auch nicht einer Begleiterin und Freundin, einer Frau, die Mrs. Clements heißt?“ „O doch! ja! das vergaß ich. Sie ſagte mir, Mrs. Cle⸗ bl ments wünſche ſo ſehr, nach den Seen mit ihr zu reiſen, ſich An⸗ irchs War veſen von glich, e iſt, ieder und drgen das gich. dächt⸗ Alles von ſind aben. fällig einer Cle⸗ eiſen, 193 um ſie zu pflegen, und bitte ſie inſtändigſt, ſich nicht mehr allein in dieſe Gegend zu wagen.“ „War das Alles, was ſie über Mrs. Clements ſagte?“ „Ja, das war Alles.“ „Sie ſagte Dir Nichts darüber, wohin ſie geflohen ſeien, nachdem ſie Todd's Ecke verließen?“ „Nichts— das weiß ich gewiß.“ „Auch nicht, wo ſie ſich ſeitdem aufgehalten und was ihre Krankheit geweſen ſei?“ 5 „Nein, Marianne, kein Wort. Sage mir, o ſage mir, was Du darüber denkſt. Ich weiß nicht, was ich jetzt denken oder thun ſoll.“ „Dies, mein Herz: Du mußt morgen auf jeden Fall nach dem Boothauſe gehen. Es iſt unmöglich, zu wiſſen, was Alles davon abhängt, daß Du die Arme wiederſiehſt. Doch ſollſt Du nicht zumzweiten male Dir ſelbſt über⸗ laſſen bleiben. Ich will Dir in ſicherer Entfernung folgen. Niemand ſoll mich ſehen; aber ich will innerhalb Hörweite von Dir bleiben, ſollte ſich irgend etwas ereignen. Anna Catherick iſt Walter Hartright entſchlüpft und Dir. Was aber auch danach kommen möge, mir ſoll ſie nicht ent⸗ gehen.“ Laura's Augen laſen aufmerkſam in den meinigen, während ich ſprach. „Du glaubſt alſo an das Geheimniß, vor dem mein Mann ſich fürchtet?“ „Ja, ich glaube daran.“ „Anna Catherick's Weſen war wild, und ihre Augen blickten unſtät und geiſtesabweſend, als ſie jene Worte ſagte, Marianne. Würdeſt Du ihr in anderen Dingen trauen?“ Wiltie Conlins, Die Frau in Weiß. II. 13 „Ich vertraue auf nichts, als auf meine eignen Be⸗ obachtungen über Deines Mannes Benehmen, Laura. Ich beurtheile Anna Catherick's Worte nach ſeinen Handlungen und glaube daher, daß er allerdings ein Geheimniß hat.“ Ich ſagte weiter nichts und ſtand auf, um das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Mich beunruhigten Gedanken, die ich ihr vielleicht mitgetheilt hätte, wären wir noch länger zuſam⸗ men geblieben, und die zu wiſſen gefährlich für ſie hätte ſein können. Der Einfluß des entſetzlichen Traumes, aus dem ſie mich erweckt hatte, hing ſich düſter und ſchwer an jeden neuen Eindruck, den der Fortgang ihrer Erzählung in meinem Gemüthe hervorbrachte. Ich fühlte die drohende Zukunft herannahen, mich mit einem unausſprechlichen Entſetzen erfüllen und mir die Ueberzeugung von einem unbekannten Ziele in den langen Reihen von Verwickelun⸗ gen aufdrängen, die ſich allmälig um uns zogen. Ich dachte an Hartright, wie ich ihn körperlich geſehen hatte, als er Lebewohl ſagte, und geiſtig in meinem Traume, und auch mich beſchlich der Gedanke, ob wir nicht unbewußt einem vorherbeſtimmten, unvermeidlichen Ende entgegentrieben. Indem ich Laura allein die Treppe hinaufſteigen ließ, ging ich hinaus, um mich in den Steigen unmittelbar am Hauſe umzuſchauen. Die Umſtände, unter welchen Anna Catherick von ihr geſchieden war, hatten in mir den heim⸗ lichen Wunſch, zu erfahren, wo und wie der Graf den Nachmittag zugebracht habe, und zugleich einen heimlichen Argwohn erregt in Bezug auf die Erfolge jener ein⸗ ſamen Reiſe, von der Sir Percival vor wenigen Stun⸗ den heimgekehrt war. Nachdem ich mich nach allen Richtungen hin nach ihnen 195 umgeſchaut hatte, ohne etwas von ihnen zu ſehen, kehrte ich ins Haus zurück und ging durch alle Stuben im Erd⸗ geſchoſſe. Sie waren alle leer. Ich kam wieder in den Flur hinaus, um hinauf zu gehen und zu Laura zurückzu⸗ kehren. Die Gräfin öffnete die Thür, als ich an ihrer Stube vorbeikam, und ich ſtand ſtill, um ſie zu fragen, ob ſie wiſſe, wo ihr Gemahl und Sir Percival ſeien. Ja, ſie hatte ſie Beide vor mehr als einer Stunde vom Fenſter aus geſehen. Der Graf habe mit ſeiner ihm eigenen Freundlichkeit hinaufgeblickt und ihr mit ſeiner gegen ſie ſelbſt in Kleinigkeiten gezeigten Aufmerkſamkeit geſagt, daß er und ſein Freund im Begriffe ſeien, einen langen Spaziergang zu machen. Einen langen Spaziergang! Sie waren, ſo lange ich ſie kannte, noch nie zu dem Zwecke zuſammen geweſen. Sir Percival liebte keine andere Bewegung als die des Reitens, und der Graf(ausgenommen wenn er die Höf⸗ lichkeit hatte, ſich mir zur Begleitung anzutragen) war gar kein Freund von Bewegung. Als ich zu Laura kam, fand ich, daß ſie ſich während meiner Abweſenheit der ſchwebenden Frage in Bezug auf die Unterſchrift erinnert hatte, welche wir in dem Intereſſe, mit dem wir ihre Unterredung mit Anna Catherick be⸗ ſprochen, ganz vergeſſen hatten. Ihre erſten Worte, als ich in ihr Zimmer trat, drückten ihr Erſtaunen darüber aus, daß die gedachte Ladung, in der Bibliothek vor Sir Percival zu erſcheinen, auf ſich warten ließe. „Ueber dieſen Punkt darfſt Du Dich beruhigen,“ ſagte ich,„für's Erſte wenigſtens wird weder Deine, noch meine Entſchloſſenheit auf die Probe geſtellt werden. Sir 13* 19 Percival hat ſeinen Plan verändert, und die Unterſchrifts⸗ angelegenheit iſt verſchoben.“ „Verſchoben?“ wiederholte Laura, über die Maßen erſtaunt.„Wer ſagt das?“ „Ich weiß es durch den Grafen Fosco. Ich glaube, wir haben es ſeiner Vermittelung zu danken, daß Dein Mann ſo plötzlich anderen Sinnes geworden iſt.“ „Es ſcheint unmöglich, Marianne. Falls der Zweck meiner Unterſchrift, wie wir vermutheten, der war, Sir Percival Geld zu verſchaffen, das er nothwendig brauchte, wie kann ſie da verſchoben werden?“ „Ich glaube, Laura, daß wir im Stande ſein werden, dieſen Zweifel zu beſeitigen. Haſt Du die Unterhaltung vergeſſen, die ich zwiſchen Sir Percival und ſeinem Geſchäfts⸗ mann anhörte, als ſie zuſammen über den Flur gingen?“ „Nein, aber ich entſinne mich nicht—“ „Aber ich. Der Advocat ſchlug zwei Alternativen vor. Die eine war die, Deine Unterſchrift zu dem Documente zu erlangen, die andere, Zeit zu gewinnen, indem man Wechſel auf drei Monate ausſtellte. Dies letztere Hülfs⸗ mittel iſt offenbar das, nach dem Sir Percival jetzt gegriffen hat, und wir haben ſomit Hoffnung, auf einige Zeit wenig⸗ ſtens mit ſeinen Geldverlegenheiten verſchont zu bleiben.“ „O, Marianne, das klingt zu gut, um wahr zu ſein!“ „Denkſt Du das, mein Herz? Du machteſt mir vorhin Complimente über mein gutes Gedächtniß, aber jetzt ſcheinſt Du es in Zweifel zu ziehen. Ich will mein Tagebuch holen, und dann werden wir ſehen, ob ich Recht oder Unrecht habe.“ 3 Ich ging ſofort und holte das Buch, und als wir zurück⸗ fts⸗ ßen ibe, dein veck Sir hte, den, ung fts⸗ 15 vor. ente man ilfs⸗ iffen 197 blätterten bis zum Beſuche des Advocaten, fanden wir, daß meine Erinnerung von der von ihm vorgeſchlagenen Alterna⸗ tiven eine durchaus richtige war. Es war mir faſt eine ebenſo große Erleichterung, als es für Laura war, zu ſehen, daß mein Gedächtniß mir bei dieſer Gelegenheit mit gewohnter Treue gedient hatte. In der gefährlichen Unſicherheit unſerer jetzigen Lage iſt es ſchwer zu ſagen, welche künftigen Intereſſen nicht von der Regelmäßigkeit und Genauigkeit meines Tagebuches abhängen mögen. Laura's Geſicht und Manier verriethen mir, daß ſich letztere Betrachtung ihr ſowohl als mir aufgedrängt hatte. Uebrigens iſt es ja nur eine Kleinigkeit, und ich ſchäme mich faſt, hier etwas davon zu ſchreiben— es ſtellt die Verlaſſenheit unſerer Lage in ein ſo unſelig grelles Licht. Es muß uns in der That wenig übrig bleiben, auf das wir uns verlaſſen können, wenn die Entdeckung, daß mein Gedächtniß noch ein treues iſt, von uns mit einer Freude begrüßt wird, als ob wir einen neuen Freund gefunden hätten! Das erſte Läuten zu Tiſche trennte uns. Als es eben aufgehört hatte, kehrten Sir Percival und der Graf von ihrem Spaziergange zurück. Wir hörten den Herrn des Hauſes gegen den Diener lostoben, weil man das Diner um fünf Minuten verſpätet hatte, und der Freund des Herrn legte ſich, wie gewöhnlich, zu Gunſten der Schicklich⸗ keit, der Geduld und des Friedens ins Mittel. Der Abend iſt zu Ende. Es hat ſich nichts Beſonderes zugetragen. Aber ich habe gewiſſe Eigenthümlichkeiten in Sir Percival's und des Grafen Benehmen wahrgenommen, 198 die mich mit Beſorgniß um Anna Catherick und die Er⸗ folge erfüllen, welche der kommende Tag uns bringen mag. Ich kenne Sir Percival jetzt hinlänglich, um zu wiſſen, daß er niemals falſcher und ſomit niemals mehr zu fürchten iſt, als wenn er einmal höflich auftritt. Der lange Spazier⸗ gang mit ſeinem Freunde hatte eine merkliche Verände⸗ rung in ſeinem Benehmen hervorgebracht, namentlich in ſeinem Benehmen gegen ſeine Frau. Zu Laura's heim⸗ lichem Erſtaunen und meiner heimlichen Beſtürzung nannte er ſie bei ihrem Vornamen, frug ſie, ob ſie kürzlich von ihrem Onkel gehört habe, wann Mrs. Veſey ihre Ein⸗ ladung nach Blackwater Park erhalten ſolle, und erzeigte ihr ſo viele andere kleine Aufmerkſamkeiten, daß er uns faſt an die Tage ſeiner haſſenswerthen Probezeit in Limme⸗ ridge Houſe erinnerte. Dies war zugleich ein ſchlechtes Zeichen; und von noch ſchlimmerer Vorbedeutung ſchien es mir, daß er ſich gleich nach Tiſche im Geſellſchafts⸗ zimmer ſtellte, als ob er ſchlafe, wobei ſeine Augen liſtiger⸗ weiſe mir und Laura folgten, wenn er glaubte, daß wir ihn beargwöhnten. Ich habe es vom erſten Augenblicke an nicht bezweifelt, daß ſeine plötzliche, einſame Reiſe ihn nach Welmingham führte, um dort Mrs. Catherick aus⸗ zufragen— aber meine Erfahrungen von heute Abend laſſen mich fürchten, daß ſie keine vergebliche geweſen, und daß er alle Auskunft erhalten, um deretwillen er uns verließ. Wenn ich nur wüßte, wo Anna Catherick zu finden iſt, da würde ich morgen mit der Sonne auf⸗ ſtehen, um ſie zu warnen. Während Sir Percival's Auftreten heute Abend leider mir nur ein zu bekanntes war, zeigte ſich mir der Graf hingegen in einem ganz neuen Charakter. Er ließ mich ihn ag. heute Abend zum erſtenmale als einen Mann von Gefühl en, kennen lernen— ein Gefühl, das ich für ein wirkliches, ten nicht für die Gelegenheit angenommenes halte. er⸗ Es war ruhig und ſchweigſam; in ſeinen Augen und de⸗ ſeiner Stimme ſprach ſich eine unterdrückte Empfindſamkeit in aus. Er trug(als ob eine verborgene Verbindung zwiſchen m⸗ ſeinen ſchönſten Kleidern und tiefſten Gefühlen ſtattfinde) nte die ſüperbſte Weſte, in der er ſich noch bisher gezeigt— on ſie war von blaßgrüner Seide und ſehr geſchmackvoll mit in⸗ feiner Silberſchnur beſetzt. Seine Stimme bewegte ſich gte in den zärtlichſten Modulationen, und ſein Lächeln drückte us eine gedankenvolle, väterliche Bewunderung aus, wenn er le⸗ Laura oder mich anredete. Er drückte unter dem Tiſche tes die Hand ſeiner Frau, als ſie ihm für eine geringfügige ten Aufmerkſamkeit dankte. Er trank ihr Wohlſein.„Auf s⸗ Dein Wohl und Dein Glück, mein Engel!“ ſagte er mit er⸗ liebendem, feuchtem Blicke. Er aß wenig oder gar nichts ir und ſeufzte und ſagte,„Du guter Percival!“ wenn ſein cke Freund ihn verlachte. Nach Tiſche nahm er Laura's Hand, hn und frug, ob ſie„ſo lieb ſein wolle, ihm etwas vorzu⸗ s⸗ ſpielen.“ Sie willigte aus bloſer Ueberraſchung ein. Er nd ſetzte ſich neben dem Clavier nieder, und ſeine Uhrkette fiel en, in Schlangenringeln auf das waſſergrüne Gebirge ſeiner er Weſte. Sein ungeheurer Kopf neigte ſich ſchmachtend nach ick einer Seite, und zwei ſeiner gelblich weißen Finger ſchlugen ff⸗ leiſe den Tact. Er zollte der Muſik hohen Beifall und ſprach ſich mit zärtlicher Bewunderung über Laura's er Spielweiſe aus— nicht wie der arme Walter ſie zu loben pflegte: mit einer unſchuldigen Freude an den lieblichen Tönen, ſondern mit einem klaren, wohlgebildeten, eingehen⸗ den Verſtändniſſe der Verdienſte der Compoſition eines⸗ theils und der Verdienſte des Vortrages anderntheils. Als es ſpäter wurde, bat er, daß das ſchöne, hinſterbende Tageslicht noch nicht durch Lampen entweiht werden möge. Er kam mit ſeinem entſetzlichen ſtillen Tritte an das entlegene Fenſter, an dem ich ſtand, um ihm möglichſt ferne zu ſein und ihn nicht zu ſehen, er kam, um mich zu bitten, ſeinen Proteſt gegen Lampen zu unterſtützen. Hätte eine derſelben ihn in dieſem Augenblicke zu Aſche verbrennen können, ſo würde ich ſie ſelbſt aus der Küche geholt haben.. „Gewiß, Sie müſſen dies beſcheidene, zitternde eng⸗ liſche Zwielicht lieben?“ ſagte er leiſe.„Ach! ich liebe es. Ich fühle die mir innewohnende Bewunderung alles Schönen und Großen ſich an einem Abende wie dieſem in dem Hauch des Himmels reinigen. Die Natur beſitzt für mich ſolche unvergängliche Reize, ſolche unauslöſch⸗ liche Liebe! Ich bin ein dicker, alter Mann, und Reden, die Ihren Lippen wohl anſtehen würden, klingen, von den meinigen ausgeſprochen, wie Hohn und Spott. Es iſt hart, in meinen Gefühlsaugenblicken verlacht zu werden, als ob meine Seele mit meinem Körper alt und plump geworden ſein müßte. Schauen Sie, theure Dame, wel⸗ ches Licht auf den Bäumen zittert! Durchdringt es Ihr Herz, wie es das meine durchdringt?“ Er hielt inne— ſah mich an und recitirte Dante's berühmte Strophen auf den Abend mit einem melodiſchen, tiefgefühlten Ausdrucke, welcher der unvergleichlichen Schönheit der Poeſie einen ganz beſondern Zauber verlieh. 201 „Bah!“ rief er plötzlich, als die letzte Strophe dieſer ſchönen italieniſchen Worte auf ſeinen Lippen erſtarb,„ich mache mich zu einem alten Narren und langweile Sie blos Alle! Wir wollen die Fenſter unſerer Herzen ſchließen und zur Alltagswelt zurückkehren. Percivall ich genehmige die Einführung der Lampen. Lady Glyde, Miß Halcombe, Eleonore, mein geliebtes Weib, wer von Ihnen will mir die Freude machen, eine Partie Domino mit mir zu ſpielen?“ Er ſprach zu uns Allen, aber er ſah nur Laura dabei an. Sie hatte gelernt, wie ich, daß ſie ihn zu beleidigen fürch⸗ ten müſſe und willigte daher ein. Ich hätte dies in dieſem Augenblicke nicht thun können. Um nichts in der Welt hätte ich mich mit ihm an denſelben Tiſch ſetzen können. Seine Augen ſchienen in dem ſinkenden Zwielichte bis in meine innerſte Seele zu blicken. Seine Stimme ließ jeden Nerv meines Körpers erzittern und mich abwechſelnd heiß und kalt werden. Das Geheimnißvolle und Erſchreckende meines Traumes, das mich in Zwiſchenräumen den ganzen Abend verfolgt hatte, lag jetzt wie eine untrügliche Vor⸗ ahnung auf meinem Gemüthe. Ich ſah wieder das weiße Grabmal und die verſchleierte Frau an Walter's Seite. Der Gedanke an Laura entſprang wie eine Quelle in der Tiefe meines Herzens und füllte es mit bitteren Waſſern, die es nie, nie zuvor gekannt. Ich faßte ihre Hand, als ſie auf ihrem Wege dem Tiſche zu an mir vorüber ging, und küßte ſie, als ob dieſe Nacht uns auf ewig ſcheiden ſollte. Während Alle mich erſtaunt anblickten, lief ich ſchnell durch das vor mir offen ſtehende niedrige Fenſter in den Garten hinaus, um mich in der Dunkelheit vor ihnen zu verbergen *— vor mir ſelber zu verbergen. Wir gingen dieſen Abend ſpäter als gewöhnlich aus⸗ einander. Gegen Mitternacht unterbrach das Rauſchen eines leiſen melancholiſchen Windes in den Bäumen die Sommerſtille. Wir fühlten Alle die plötzliche Kühle in der Luft, aber der Graf war der Erſte, der das heimliche Steigen des Windes wahrnahm. Während er mein Licht für mich anzündete, hielt er plötzlich inne und erhob wie warnend die Hand: „Horch!“ ſagte er„morgen werden wir anderes Wetter bekommen.“ Den 5. Juli.— Die geſtrigen Ereigniſſe warnten mich, früher oder ſpäter mich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen. Der heutige Tag iſt noch nicht zu Ende, und das Schlimmſte iſt bereits eingetreten.. Nach der genaueſten Zeitberechnung, die Laura und ich zu machen im Stande waren, ſchloſſen wir, daß es halb drei Uhr geweſen ſein mußte, als Anna Catherick geſtern Nachmittag im Boothauſe ankam. Ich kam daher mit Laura überein, daß ſie ſich beim Frühſtück eben am Tiſche nur zeigen und bei der erſten Gelegenheit hinausſchlüpfen ſollte; und daß ich zurückbliebe, damit man keinen Ver⸗ dacht ſchöpfe, und ihr folge, ſobald mir dies gelingen würde. Auf dieſe Weiſe würde ſie, falls ſich keine Hinderniſſe in den Weg legten, im Stande ſein, vor halb drei Uhr im Boothauſe anzulangen, und ich(ſobald ich meinerſeits den Tiſch verlaſſen) konnte bereits vor drei Uhr einen ſichern Poſten im Holze einnehmen. Die Veränderung im Wetter, auf die der Wind von geſtern Abend uns vorbereitet hatte, kam mit dem Morgen. Es regnete heftig, als ich aufſtand, und fuhr ſo fort bis 203 Mittag, wo die Wolken ſich zerſtreuten, der Himmel wieder blau erſchien, und die Sonne mit dem Verſprechen eines ſchönen Nachmittags hell hervortrat. Meine Unruhe, zu erfahren, wie Sir Percival und der Graf den Morgen hinbringen würden, verminderte ſich keineswegs, wenigſtens in Bezug auf Sir Percival, als er uns gleich nach dem Frühſtück verließ und un⸗ geachtet des Regens ausging. Er ſagte uns weder, wohin er gehe, noch wann wir ihn zurückerwarten dürf⸗ ten. Wir ſahen ihn eilig am Fenſter des Frühſtücks⸗ zimmers vorübergehen, in hohen Stiefeln und waſſer⸗ dichtem Rocke, und das war Alles. Der Graf verbrachte den Morgen ruhig im Hauſe, zum Theil in der Bibliothek, zum Theil im Geſellſchafts⸗ zimmer, wo er kleine, abgeriſſene Melodien ſpielte und vor ſich hin ſummte. Dem Anſcheine nach war er noch immer beharrlich entſchloſſen, die ſentimentale Seite ſeines Charakters herauszukehren. Er war ſchweigſam und empfindſam und ſeufzte oft und gewichtig(wie nur corpulente Leute ſeufzen können) bei der geringſten Gelegenheit. Die Zeit des Frühſtücks kam, und Sir Percival war noch nicht zurückgekehrt. Der Graf nahm ſeines Freundes Platz bei Tiſche ein, verſpeiſte mit kläglichen Mienen den größeren Theil einer Obſtpaſtete, die er in einer kleinen See von Sahne erſäufte, und ſetzte uns dann die vollen Verdienſte dieſes Kunſtſtückes auseinander. „Ein Geſchmack an Süßigkeiten,“ ſagte er mit ſeiner ſanfteſten, zärtlichſten Stimme,„iſt die unſchuldige Schwäche von Frauen und Kindern. Ich freue mich, die⸗ 204. ſelbe mit ihnen zu theilen, es iſt ein neues Band zwiſchen Ihnen und mir, theuerſte Damen.“ Laura verließ nach zehn Minuten den Tiſch. Ich fühlte mich ſehr verſucht, ſie zu begleiten. Wären wir aber Beide zugleich hinausgegangen, ſo hätten wir unfehl⸗ bar Verdacht erregt, und, was noch ſchlimmer geweſen wäre, falls Anna Catherick Laura in Begleitung einer zweiten Perſon geſehen, die ihr fremd war, hätten wir, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ihr Vertrauen verſcherzt und es dann nie wieder gewonnen. Ich wartete daher ſo geduldig, wie mir dies möglich war, bis der Diener kam, um den Tiſch abzudecken. Als ich das Zimmer verließ, ſah ich weder im Hauſe noch draußen irgend ein Zeichen von Sir Percival's Rückkehr. Als ich ging, ſah ich den Grafen mit einem Stückchen Zucker zwiſchen den Lippen, zu dem der boshafte Kakadu über die Weſte hin emporkletterte, während die Gräfin, ihrem Gemahl gegenüber ſitzend, ſeine Manöver und die des Vogels mit einer Aufmerkſamkeit beobachtete, als ob ſie dergleichen nie zuvor in ihrem Leben geſehen habe. Auf meinem Wege nach den Baumanlagen hielt ich mich ſorgfältig außerhalb des Geſichtkreiſes vom Fen⸗ ſter der Frühſtücksſtube. Es ſah mich und folgte mir niemand. Es war auf meiner Uhr ein Viertel vor drei. Sowie ich unter den Bäumen anlangte, ſchritt ich ſchnell vorwärts, bis ich über die Hälfte des Weges zurück⸗ gelegt hatte. Dann ging ich langſamer und vorſichtiger weiter, doch ſah ich niemanden und hörte keine Stimmen. Nach und nach kam ich in Sicht der Rückſeite des 205 Boothauſes— ſtand ſtill und horchte— dann ging ich weiter, bis ich ganz dicht dahinter war und nothwen⸗ digerweiſe die Stimmen hören mußte, falls man darinnen ſprach. Es herrſchte tiefe Stille— nah und fern war kein Anzeichen eines lebenden Weſens weder zu hören noch zu ſehen. Nachdem ich erſt auf der einen, dann auf der andern Seite des Hauſes entlang gegangen war, ohne irgend etwas zu entdecken, wagte ich mich zur Vorderſeite hinaus und ſchaute hinein. Es war leer. Ich rief„Laura!“ zuerſt leiſe und dann immer lauter. Niemand antwortete, und niemand kam. Soviel ich ſehen oder hören konnte, war in der Nachbarſchaft des Sees und der Anlagen kein menſchliches Weſen außer mir. Mein Herz fing heftig an zu pochen; doch ſetzte ich meine Nachſuchungen fort, zuerſt im Boothauſe und dann auf dem Boden vor demſelben, um ein Zeichen zu ent⸗ decken, das mir Sicherheit geben würde, ob Laura dort geweſen oder nicht. Ich fand Nichts im Boothauſe, das hierauf hingedeutet hatte, draußen aber im Sande ent⸗ deckte ich Fußſpuren. Ich unterſchied die Fußſpuren von zwei Perſonen— ziemlich große, wie die eines Mannes, und kleinere, von denen ich, als ich ſie mit meinen eigenen Füßen maß, überzeugt war, daß ſie von Laura's Füßen herrührten. Der Boden war gerade vor dem Boothauſe von vielen ſolchen unregelmäßigen Spuren gezeichnet. Dicht an der einen Wand, unter dem Schutze des überhängenden Daches, entdeckte ich ein kleines Loch im Sande, ein künſtlich ge⸗ machtes, daran war nicht zu zweifeln. Ich bemerkte es 206 blos und wandte mich dann ab, um ſofort den Fußſpuren, ſo weit ich konnte, nachzugehen. Sie führten mich, von der linken Seite des Boothauſes ausgehend, eine Strecke von etwa dreihundert Ellen am Rande der Bäume entlang, und dann verſchwand ihre Spur im Sande. Ueberzeugt, daß Diejenigen, deren Fuß⸗ ſpuren ich jetzt folgte, hier ins Holz hineingegangen ſein mußten, betrat ich daſſelbe ebenfalls. Zuerſt konnte ich keinen Pfad entdecken, endlich aber fand ich einen ſolchen, ſchwach zwiſchen den Bäumen angedeutet, und ging dann ihm nach. Er führte mich eine Strecke in der Richtung dem Dorfe zu, bis ich an einer Stelle ſtand, wo er von einem andern Fußpfade durchſchnitten wurde. Dicke Dornbüſche wuchſen zu beiden Seiten dieſes letzteren Pfades; ich ſtand unſchlüſſig, welche Richtung ich zunächſt einſchlagen ſolle, als ich umherſchauend an einem Zweige in dem Dorn⸗ buſche ein Stückchen von den Franſen eines Damenſhawls erblickte. Genauere Unterſuchung der Franſen überzeugte mich, daß ſie von einem Laura gehörigen Shawl abgeriſſen ſeien, worauf ich augenblicklich den Pfad einſchlug. Derſelbe brachte mich endlich zu meiner großen Erleichterung zur Hinterſeite des Hauſes. Ich ſage„zu meiner großen Er⸗ leichterung“, weil ich daraus ſchloß, daß Laura aus irgend einem mir unbekannten Beweggrunde auf dieſem Umwege nach Hauſe zurückgekehrt ſei, ohne mich zu erwarten. Ich ging über den Hof und durch die Nebengebäude hinein. Die erſte Perſon, die mir begegnete, als ich an der Geſindeſtube vorbeiging, war Mrs. Michelſon, die Haushälterin. „Wiſſen Sie zufällig, ob Lady Glyde von ihrem Spaziergange heimgekommen iſt oder nicht?“ frug ich ſie. „Mylady kam vor einer kleinen Weile mit Sir Percival nach Hauſe,“ entgegnete die Haushälterin.„Ich fürchte, Miß Halcombe, daß ſich irgend etwas ſehr Betrübendes zugetragen haben muß.“ Mir ſank das Herz.„Sie meinen doch keinen Un⸗ fall?“ ſagte ich mit matter Stimme. „Nein, nein— Gott ſei Dank, kein Unfall. Aber Myladh lief weinend auf ihr Zimmer, und Sir Percival hat mir befohlen, Fanny in einer Stunde aus dem Hauſe zu ſchicken.“ Fanny iſt Laura's Kammerjungfer, ein gutes, anhäng⸗ liches Weſen, das bereits jahrelang in ihren Dienſten ge⸗ weſen, und iſt ſie zugleich die einzige Perſon im Hauſe, auf deren Treue und Ergebenheit wir uns verlaſſen können. „Wo iſt Fanny?“ frug ich. „In meinem Zimmer, Miß Halcombe. Das Mäd⸗ chen iſt ganz außer ſich, und ſo ſagte ich ihr, ſie ſollte ſich ſetzen und ſich zu faſſen ſuchen.“ Ich ging nach Mrs. Michelſon's Zimmer und fand dort Fanny, die in einer Ecke ſaß und bitterlich weinte; ihr Reiſekoffer ſtand neben ihr. Sie konnte mir nicht die geringſte Erklärung über die Urſache ihrer plötzlichen Verabſchiedung geben. Sir Percival hatte befohlen, daß man ihr, anſtatt ihr einen Monat vorher den Dienſt zu kündigen, den Lohn eines Monats gebe und ſie fortſchice. Es war ihr hierfür kein Grund angegeben worden, noch hatte man ihr irgendwie Tadel über ihr Betragen ausgeſprochen. Man hatte ihr verboten, ihrer Herrin Vermittelung anzuſprechen, ja ſogar, ſie einen Augenblick zu ſehen, um Abſchied von — — ihr zu nehmen. Sie ſollte ohne Erklärung oder Lebe⸗ wohl fort, und zwar augenblicklich. Nachdem ich den Schmerz des armen Mädchens durch ein paar freundliche Worte beſchwichtigt, frug ich ſie, wo ſie zu übernachten beabſichtige. Sie entgegnete, daß ſie die Nacht in dem kleinen Wirthshauſe im Dorfe zuzubrin⸗ gen gedenke, indem die Wirthin deſſelben eine achtbare Frau und der Dienerſchaft von Blackwater Park wohl be⸗ kannt ſei. Sie hoffe dann, am nächſten Morgen direct nach Cumberland zu ihren Verwandten zurückkehren zu können, ohne ſich in London aufzuhalten, wo ſie vollkom⸗ men unbekannt ſei. Es fiel mir ſogleich ein, daß Fanny's Abreiſe uns ein ſicheres Mittel böte, um Nachrichten nach London und Limmeridge Houſe zu ſchicken, welches zu benutzen von der größten Wichtigkeit für uns ſein konnte. Demzufolge ſagte ich ihr, daß ſie erwarten dürfe, im Verlaufe des Abends entweder von ihrer Herrin oder von mir zu hören, und daß ſie ſich darauf verlaſſen möge, daß wir Beide in ihrem Unglücke mit dem plötzlichen Dienſtverluſte Alles für ſie thun würden, was nur in unſerer Macht läge. Dann gab ich ihr die Hand und ging die Treppe hinauf. Die Thür, welche nach Laura's Zimmer führte, war die eines Vorzimmers, das ſeinerſeits auf den Vorſaal führte. Als ich ſie zu öffnen verſuchte, wurde ich gewahr, daß ſie von Innen verriegelt war. Ich klopfte, worauf die Thür von derſelben ſchwer⸗ fälligen Hausmagd geöffnet wurde, deren Dummheit mich bereits an dem Tage, wo ich den verwundeten Hund ge⸗ funden, ſo unbeſchreiblich geärgert hatte. Ich hatte ſeit⸗ e⸗ dem erfahren, daß ihr Name Margarethe Porcher, und ſie ſelbſt die ungeſchickteſte, halsſtarrigſte und unordentlichſte ch Dienerin im ganzen Hauſe ſei. vo Als ſie die Thür öffnete, trat ſie ſogleich auf die Schwelle ſie und ſtand, mich in dummem Schweigen angrinſend, da. in„Wozu ſtehſt Du da?“ ſagte ich.„Siehſt Du nicht, re daß ich hinein will?“ be⸗„Ja, aber Sie dürfen nicht herein,“ war die Antwort, ect von einem noch breiteren Grinſen begleitet. zu„Wie kannſt Du Dich unterſtehen, mir eine ſolche Ant⸗ m⸗ wort zu geben? Geh augenblicklich auf die Seite.“ Sie ſtreckte zu beiden Seiten eine große rothe Hand ein aus, um mir den Weg zu ſperren, und nickte mir ein⸗ ind fältig zu.— der„Befehl vom Herrn,“ ſagte ſie, und nickte abermals. gte Es bedurfte meiner ganzen Selbſtbeherrſchung, um nds davon abzulaſſen, den Gegenſtand mit ihr zu beſtreiten ind und mich zu erinnern, daß meine nächſten Worte an ihren tem Herrn gerichtet ſein müßten. Ich wandte mich von ihr ſie ab und ging ſchnell die Treppe hinunter, um ihn zu ſuchen. unn Mein Entſchluß, mich durch keine der Beleidigungen auf⸗ bringen zu laſſen, die Sir Percival mir bieten möge, war var jetzt— ich geſtehe es zu meiner Schande— ſo vollſtändig nal vergeſſen, als ob ich ihn nie gefaßt gehabt. Es war mir ihr, eine Wohlthat, ja, nach Allem, was ich in dieſem Hauſe bereits erduldet und unterdrückt hatte, war es mir eine ver⸗ förmliche Wohlthat, zu fühlen, wie zornig ich war. waren beide leer. Ich ging in die Bibliothek und hier fand ich Sir Percival, ſowie den Grafen und die Gräfin Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. ich Das Geſellſchaftszimmer wie das Frühſtückszimmer 14 Fosco. Alle Drei ſtanden dicht nebeneinander und Sir Percival hielt ein kleines Papierzettelchen in der Hand. Als ich die Thür öffnete, hörte ich den Grafen ſagen: „Nein— tauſendmal nein!“ Ich ging gerade auf Percival zu und ſah ihm feſt ins Geſicht. „Muß ich annehmen, Sir Percival, daß das Zimmer Ihrer Gemahlin ihr Gefängniß, und Ihre Hausmagd ihre Gefangenwärterin iſt?“ frug ich. „Ja; allerdings dürfen Sie das annehmen,“ entgeg⸗ nete er.„Nehmen Sie ſich in Acht, daß ich meiner Ge⸗ fangenwärterin nicht doppelte Pflichten auferlege, indem ich Ihr Zimmer ebenfalls zum Gefängniſſe mache.“ „Nehmen Sie ſich in Acht in der Behandlung Ihrer Frau, ehe Sie ſich unterſtehen, mir zu drohen,“ brach ich in der Hitze meines Zornes los.„England hat Ge⸗ ſetze, um Frauen gegen Grauſamkeit und Beleidigungen zu ſchützen. Falls Sie es wagen, auch nur ein Haar auf Laura's Haupte zu krümmen, oder mir meine Freiheit zu nehmen, ſo werde ich, was auch immer danach kommen möge, jene Geſetze zu unſerm Schutze anrufen.“ Anſtatt mir zu antworten, wandte er ſich zum Grafen. „Was ſagte ich Dir?“ frug er.„Was ſagſt Du nun?“ „Was ich vorhin ſagte,“ erwiderte der Graf,„nein!“ Ungeachtet meines heftigen Zornes fühlte ich ſeine kalten, ruhigen, grauen Augen auf meinem Geſichte ruhen. Sie wandten ſich von mir, ſobald er geſprochen hatte, und blickten bedeutungsvoll ſeine Frau an. Die Gräfin trat dicht an meine Seite und redete Sir Percival an, ehe weder er noch ich das Wort wieder ergreifen konnten. „Schenken Sie mir gütigſt einen Augenblick Ihre Auf⸗ merkſamkeit,“ ſagte ſie mit ihrer klaren, eiſigen Stimme. „Ich habe Ihnen für Ihre Gaſtfreundſchaft zu danken, Sir Percival, und von jetzt an darauf zu verzichten. Ich kann nicht in einem Hauſe bleiben, in welchem man Damen behandelt, wie Ihre Gemahlin und Miß Halcombe heute behandelt worden ſind.“ Sir Percival that einen Schritt rückwärts und ſtarrte ſie in tiefem Schweigen an. Die Erklärung, welche er ſoeben gehört hatte, und die, wie er wußte— ebenſo gut wie ich— die Gräfin nimmer ohne ihres Gemahls Er⸗ laubniß gemacht haben würde, ſchien ihm faſt zu verſtei⸗ nern. Der Graf ſtand daneben und ſchaute mit wahrhaft begeiſterter Bewunderung auf ſeine Frau. „Sie iſt ſublim!“ ſagte er vor ſich hin. Dann trat er zu ihr hin und zog ihre Hand durch ſeinen Arm.„Ich ſtehe Dir zu Dienſten, Eleonore,“ fuhr er mit einer ruhigen Würde fort, die ich noch nie an ihm wahrgenommen hatte, „und ſtehe Miß Halcombe zu Dienſten, falls ſie mir die Ehre erzeigen will, den Beiſtand anzunehmen, den ich ihr anzubieten im Stande bin.“ „Zum Teufel! was meinſt Du damit?“ rief Sir Percival aus, als der Graf ruhig mit ſeiner Frau der Thür zuſchritt. „Gewöhnlich meine ich, was ich ſage, diesmal aber, was meine Frau ſagt,“ erwiderte der unerſchütterliche Italiener.„Wir haben für diesmal die Rollen ver⸗ tauſcht, Percival, und der Gräfin Anſicht iſt ganz— die meine.“ Sir Percival zerknitterte das Papier in ſeiner Hand, . 14* 212 und ſich vor den Grafen drängend, ſtellte er ſich mit einem zweiten Fluche zwiſchen ihn und die Thür. „Du ſollſt Deinen Willen haben,“ ſagte er mit ver⸗ haltener Wuth und mit leiſer, flüſternder Stimme—„Du ſollſt Deinen Willen haben und dann ſehen, was danach kommt.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Die Gräfin ſchaute ihren Mann fragend an.„Er iſt plötzlich gegangen,“ ſagte ſie,„was hat das zu bedeuten?“ „Das bedeutet, daß wir Beide den heftigſten Mann in ganz England zu Verſtande gebracht haben,“ antwortete der Graf.„Es bedeutet, Miß Halcombe, daß der Lady Glyde zugefügten groben Beſchimpfung ein Ende gemacht wird, und Sie keine Wiederholung der unverzeihlichen Be⸗ leidigung, die Ihnen zu Theil geworden, zu befürchten haben. Geſtatten Sie mir, Ihnen meine Bewunderung für Ihr Benehmen und Ihren Muth in einem außer⸗ ordentlich ſchwierigen Augenblicke auszuſprechen.“ „Aufrichtige Bewunderung,“ meinte die Gräfin. „Aufrichtige Bewunderung,“ rief der Graf ihr wie ein Echo nach. Ich hatte nicht länger die Kraft meines erſten zor⸗ nigen Widerſtandes gegen Schimpf und Beleidigung, um ruhig und gefaßt zu bleiben. Der herzbeklemmende Wunſch, Laura zu ſehen, ſowie meine hülfloſe Unkenntniß deſſen, was ſich im Boothauſe zugetragen, lagen mit einem unerträglichen Gewichte auf meinem Gemüthe. Ich ver⸗ ſuchte, mit dem Grafen und der Gräfin in dem Tone zu ſprechen, den ſie für gut erachtet, gegen mich anzunehmen. Doch erſtarben mir die Worte auf der Zunge, ich athmete mühſam und ſchnell, und meine Augen wandten ſich ſehn⸗ ——.—,— d em 213 ſüchtig der Thür zu. Der Graf, der meine Beſorgniß be⸗ griff, öffnete ſie, ging hinaus und ſchloß ſie wieder hinter ſich. In demſelben Augenblicke hörte ich Sir Percival's ſchweren Tritt die Treppe herunter kommen. Ich hörte dann Beide draußen zuſammen flüſtern, während die Gräfin mir mit ihrer ruhigſten Alltagsſtimme die Verſicherung gab, daß ſie ſich um unſer Aller willen freue, daß Sir Percival ſie und ihren Gemahl nicht durch ſein Betragen gezwungen habe, Blackwater Park zu verlaſſen. Ehe ſie noch geendet hatte, hörte das Flüſtern auf, die Thür öffnete ſich, und der Graf trat herein. „Miß Halcombe,“ ſagte er,„es macht mich glücklich, Sie benachrichtigen zu können, daß Lady Glyde wieder Herrin ihres eignen Hauſes iſt. Ich glaubte, es dürfte Ihnen weniger unangenehm ſein, dieſen günſtigen Wechſel von mir zu hören, als von Sir Percival, und kam dieſerhalb ausdrücklich zurück, um Sie davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Unvergleichliches Zartgefühl,“ ſagte die Gräfin, dem Grafen ſeine Lobſprüche in gleicher Münze und auf gleiche Manier zurückgebend. Er lächelte und verbeugte ſich, wie wenn ihm irgend ein Fremder ein höfliches Compliment geſagt hätte, und trat dann auf die Seite, um mich vor⸗ übergehen zu laſſen. Sir Percival ſtand in dem Flur. Als ich die Treppe hinaufeilte, hörte ich, wie er dem Grafen ungeduldig zu⸗ rief, aus der Bibliothek zu kommen. „Wozu warteſt Du da noch?“ ſagte er.„Ich habe mit Dir zu ſprechen.“ „Und ich habe erſt noch allein zu überlegen,“ entgegnete der Andere.„Warte bis ſpäter, Percival, warte bis ſpäter.“ q·,— — 214 Weder er noch ſein Freund ſprachen ferner. Ich war oben angelangt und lief den Corridor entlang. In mei⸗ ner Haſt und Aufregung ließ ich die Thür des Vorzim⸗ mers offen, doch ſchloß ich die des Schlafzimmers, ſowie ich eingetreten war. Laura ſaß allein am andern Ende des Zimmers, ihre Arme ruhten müde auf dem Tiſche und ihr Geſicht in ihren Händen. Als ſie mich erblickte, ſprang ſie mit einem matten Freudenausrufe empor. „Wie biſt Du hergekommen?“ frug ſie.„Wer gab Dir Erlaubniß dazu? Gewiß nicht Sir Percival?“ In meiner überwältigenden Bangigkeit über das, was ſich zugetragen, konnte ich ihr nicht antworten, ſondern blos Gegenfragen an ſie richten. Doch erwies ſich Laura's Begier, zu wiſſen, was unten vorgegangen ſei, zu ſtark, um ſich abweiſen zu laſſen. Sie wiederholte beharrlich ihre Fragen. „Natürlich der Graf,“ ſagté ich ungeduldig,„wer ſonſt beſäße im Hauſe wohl Einfluß genug—?“ Sie unterbrach mich mit einer Bewegung des Wider⸗ willens. „Sprich nicht von ihm!“ rief ſie aus,„der Graf iſt der elendeſte Menſch, den es auf Erden gibt! Der Graf iſt ein nichtswürdiger Spion—!“ Ehe weder die Eine noch die Andere von uns ein Wort hinzufügen konnte, wurden wir Beide durch ein leiſes Klopfen an der Thür beunruhigt. Ich hatte mich noch nicht geſetzt, und ging daher, um zu ſehen, wer es ſei. Als ich die Thür öffnete, ſtand die Gräfin, mein Taſchentuch in der Hand haltend, vor mir. —4,,———-— ——„⏑ — ₰ 215 „Sie ließen dies unten fallen, Miß Halcombe,“ ſagte ſie,„und da ich auf meinem Wege nach meinem Zimmer hier vorbeikam, wollte ich es Ihnen gleich überbringen.“ Ihr Geſicht, welches von Natur blaß iſt, war ſo ge⸗ ſpenſtiſch weiß in dieſem Augenblicke, daß es mich förmlich erſchreckte. Ihre Hände, ſonſt ſo ſicher und ruhig, zitterten heftig, und ihre Augen blickten durch die geöffnete Thür an mir vorbei und hefteten ſich mit einem wolfartigen Aus⸗ drucke auf Laura. Sie hatte gehorcht, ehe ſie klopfte! Das ſah ich in ihrem weißen Geſichte, in ihren zitternden Händen, in ihrem wilden Blicke. Nachdem ſie eine Minute gezögert, wandte ſie ſich um und ging langſam fort. Ich ſchloß die Thür wieder. werden Beide den Tag zu bereuen haben, an dem Du jene Worte ſprachſt!“ O L „— aura, Laura! wir „Du hätteſt ſie ſelbſt geſprochen, Marianne, hätteſt Du gewußt, was ich weiß. Anna Catherick hatte Recht. Es war in der That geſtern eine dritte Perſon bei unſerer Unterredung zugegen, und dieſe war—“ „Weißt Du es gewiß, daß es der Graf war?“ „Ganz gewiß. Er war Sir Percival's Spion, Sir Percival's Berichterſtatter. Er bewog Sir Percival, Anna Catherick und mir den ganzen Morgen aufzulauern.“ „Haben ſie Anna gefunden? Sahſt Du ſie am See?“ „Nein, ſie hat ſich gerettet, indem ſie ausblieb. Als ich im Boothauſe anlangte, war dort kein Menſch.“ „Ja? nun?“ „Ich ging hinein, ſetzte mich und wartete einige Mi⸗ 216 nuten. Doch ließ mich meine Unruhe wieder aufſtehen und umhergehen. Als ich hinaus trat, ſah ich dicht vor dem Boothauſe Spuren im Sande. Ich bückte mich, um genauer hinzuſehen und fand ein Wort mit großen Buchſtaben in den Sand geſchrieben. Dies Wort war« Suchet!)“ „ und Du ſcharrteſt den Sand fort und machteſt ein Loch in die Erde?“ „Woher weißt Du das, Marianne?“ „Ich ſah es, als ich Dir nach dem Boothauſe gefolgt war. Aber fahre fort— fahre fort!“ „Ja, ich ſcharrte den Sand fort, und nach einer kleinen Weile fand ich einen Streifen beſchriebenen Papiers. Das Geſchriebene war mit Anna Catherick's Anfangsbuchſtaben unterzeichnet.“ „Wo iſt es?“ „Sir Percival hat es mir genommen.“ „Erinnerſt Du Dich, was auf dem Papier geſchrieben ſtand? Glaubſt Du, daß Du es mir genau wiederholen könnteſt?“ „Den Inhalt kann ich Dir genau ſagen, Marianne, denn er war ſehr kurz. Du hätteſt es Wort für Wort im Gedächtniſſe behalten.“ „Verſuche, mir den Inhalt zu ſagen, ehe wir weiter gehen.“ Sie that es. Ich ſchreibe die Zeilen gerade ſo hier nieder, wie ſie mir dieſelben herſagte. Sie lauteten fol⸗ gendermaßen: „Wir wurden geſtern von einem großen, ſtarken, alten Manne zuſammen geſehen, und ich mußte laufen, um mich zu retten. Er war nicht flink genug auf den nd Füßen und verlor mich unter den Bäumen. Ich wage m nun nicht, heute um dieſelbe Zeit wieder hieher zu kom⸗ er men. Ich ſchreibe dies, um Sie hiervon zu unterrichten, in um ſechs Uhr morgens und werde es im Sand verber⸗ gen. Wenn wir das nächſtemal von Ihres gottloſen in Gemahls Geheimniſſe ſprechen, da muß es an einem ſicheren Orte ſein oder gar nicht. Suchen Sie ſich in Geduld zu faſſen. Ich verſpreche Ihnen, daß Sie mich gt wiederſehen ſollen, und zwar bald. 3 A. G. en Die Worte„großer, ſtarker, alter Mann“(von deren as Richtigkeit Laura überzeugt war) ließen keinen Zweifel een übrig in Bezug auf die Identität des Störers. Ich ent⸗ ſann mich, daß ich Sir Percival in Gegenwart des Grafen geſagt hatte, Laura ſei nach dem Boothauſe gegangen, um ihre Broche zu ſuchen. Wahrſcheinlich war er ihr in ſeiner den zudringlichen Dienſtfertigkeit dorthin gefolgt, um ſie, gleich len nachdem er mir im Geſellſchaftszimmer Sir Percival's Sinnesänderung in Bezug auf das Document mitgetheilt, ne, ebenfalls darüber zu beruhigen. In dieſem Falle konnte im er jedoch erſt in dem Augenblicke, wo Anna Catherick ihn entdeckte, beim Boothauſe angelangt ſein. Die verdächtige tter Eile, in der ſie Laura verließ, hatte ihn wahrſcheinlich zu dem fruchtloſen Verſuche, ihr zu folgen, bewogen— aber ier von der vorher ſtattgehabten Unterredung konnte er nichts fol⸗ gehört haben. Die Entfernung vom Hauſe bis zum See und die Zeit, zu der er mich im Salon verließ, verglichen ken, mit der, zu welcher Laura ſich mit Anna Catherick unter⸗ fen, hielt, ließen hierüber wenigſtens keinen Zweifel obwalten. Da ich hierüber ziemlich einig mit mir geworden, war 5 1 —— — mein nächſtes Intereſſe darauf gerichtet, zu erfahren, welche Entdeckungen Sir Percival gemacht habe, nachdem der Graf ihm ſeine Mittheilungen gemacht. „Wie biſt Du des Briefes verluſtig geworden?“ frug ich ſie.„Was machteſt Du damit, nachdem Du ihn im Sande gefunden hatteſt?“ „Nachdem ich ihn einmal durchgeleſen,“ ſagte ſie, „nahm ich ihn mit mir ins Boothaus, um mich zu ſetzen und ihn nochmals zu leſen. Während ich dies that, fiel ein Schatten auf das Papier. Ich blickte auf und ſah Sir Percival im Eingange ſtehen und mich beobachten.“ „Verſuchteſt Du, den Brief zu verbergen?“ „Ja, ich verſuchte es, aber er verhinderte mich. Du brauchſt Dich nicht zu bemühen, das da zu verſtecken, ſagte er,«ich habe es bereits geleſen.“ Ich konnte nichts ſagen, ſondern ihn blos hülflos anſchauen.„Verſtehſt Du mich?⸗ fuhr er fort;«ich habe es geleſen. Ich ſcharrte es vor zwei Stunden aus dem Sande, grub es dann wieder ein, ſchrieb das Wort wieder darüber und ließ es bereit für Dich liegen. Jetzt kannſt Du Dich nicht aus Deinen Schlichen herauslügen. Du haſt geſtern heimlich Anna Catherick geſprochen, und in dieſem Augenblicke hältſt Du ihren Brief in der Hand. Sie habe ich noch nicht erwiſcht, aber Dich habe ich. Gib den Brief her. Er trat dicht zu mir heran— ich war allein mit ihm, Marianne— was konnte ich machen? Ich gab ihm den Brief.“ „Was ſagte er, als Du ihm denſelben gabſt?“ „Zuerſt ſagte er nichts. Er faßte mich beim Arme, führte mich aus dem Boothauſe und ſchaute ſich nach allen Seiten hin um, als ob er fürchte, daß man uns hören oder — — 2 219 e ſehen könne. Dann drückte er meinen Arm feſt mit ſeiner r Hand und flüſterte:„Was hat Anna Catherick Dir geſtern geſagt?— Ich befehle Dir, mir jedes Wort von An⸗ g fang bis zu Ende zu wiederholen!“ m 4„Sagteſt Du es ihm?“ „Ich war allein mit ihm, Marianne, ſeine grauſame 6, Hand kniff meinen Arm— was konnte ich thun?“ n„Iſt die Stelle noch auf Deinem Arm zu ſehen? el Zeige ſie mir.“ h„Wozu willſt Du ſie ſehen?“ 5„Ich will ſie ſehen, Laura, weil heute unſer Dulden ein Ende haben und unſer Widerſtand beginnen muß. Jene u Stelle iſt eine Waffe, mit der wir ihn treffen können. Laß⸗ te ſie mich gleich ſehen, vielleicht werde ich ſie ſpäter zu be⸗ —, ſchwören haben.“ 1„O, Marianne, blicke nicht ſo! ſprich nicht ſo! Es ei thut mir jetzt nicht mehr weh'!“ 4 b„Zeige mir's!“ 9 b Sie zeigte mir die Stelle. Ich war jetzt über den n Gemüthszuſtand hinweg, in dem ich über den Anblick ge⸗ ck klagt, geweint und geſchaudert hätte. Man ſagt, wir Frauen n ſeien entweder beſſer oder ſchlechter denn die Männer. —, Wäre die Verſuchung, die ſich manchen anderen Frauen ht geboten und ſie ſchlechter gemacht hat, in dieſem Augenblick — mir entgegengetreten——— Gott ſei Dank; mein Ge⸗ ſicht verrieth nichts, das ſeine Frau hätte leſen können. Das ſanfte, unſchuldige, liebende Herz glaubte nur, ich 2 fürchte für ſie und härme mich um ſie— und dachte n an weiter nichts. „Denke nicht zu ſtrenge darüber, Marianne,“ ſagte ——, —— 22 0 ſie ruhig, indem ſie den Aermel ihres Kleides wieder über die Stelle zog.„Es ſchmerzt jetzt nicht mehr.“ „Ich will Deinetwegen ruhig daran zu denken ver⸗ ſuchen, mein liebes Herz. Schon gutl ſchon gut! Alſo Du ſagteſt ihm Alles, was Anna Catherick Dir geſagt hatte— Alles, was Du mir erzählt haſt?“ „Ja, Alles. Er beſtand darauf.— Ich war allein mit ihm— ich konnte ihm nichts verſchweigen.“ „Sagte er etwas, als Du geendet?“ „Er ſah mich an und lachte bitter vor ſich hin.«Ich will auch das Uebrige noch aus Dir herausbringen,n ſagte er,«hörſt Du? auch das Uebrige.” Ich erklärte ihm mit feierlichen Worten, daß ich ihm Alles geſagt habe, was ich wiſſe. Fällt Dir nicht ein!» ſagte er;«Du weißt mehr, als es Dir zu ſagen beliebt. Du willſt nicht heraus damit, aber Du ſollſt es! Ich will Dir's ſchon zu Hauſe aus⸗ preſſen, wenn mir's hier nicht gelingt.) Dann führte er mich auf einem mir unbekannten Pfade durch die Anlagen, ein Pfad, auf dem keine Ausſicht war, Dir zu begegnen, und ſagte nichts mehr, bis wir das Haus ſehen konnten. Dann ſtand er ſtill und ſagte:«Wenn ich Dir noch einmal Gelegenheit gebe, willſt Du Dich eines Beſſern beſinnen? Willſt Du mir das Uebrige ſagen? Ich konnte blos die Worte wiederholen, die ich bereits vorher zu ihm geſprochen. Er fluchte meiner Hartnäckigkeit, ſetzte dann ſeinen Weg fort und führte mich ins Haus.«Du kannſt mich nicht hinter⸗ gehen, ſagte er;«Du weißt mehr, als Dir zu ſagen be⸗ liebt. Ich will aber Dein Geheimniß noch aus Dir heraus haben und aus Deiner Schweſter ebenfalls. Es ſoll kein Complottiren und Flüſtern mehr zwiſchen Euch ſtattfinden. 221 Ihr ſollt Euch einander nicht eher wiederſehen, als bis Ihr mir die Wahrheit gebeichtet habt. Ich will Euch Tag und Nacht bewachen laſſen, bis Ihr die Wahrheit geſteht.“ Er war taub gegen Alles, was ich ſagen konnte, und führte mich ſofort auf mein Zimmer. Hier ſaß Fanny, mit einer Arbeit für mich beſchäftigt; er ſchickte ſie augenblicklich hinaus.«Ich will wenigſtens dafür ſorgen, daß Sie nicht auch mit in die Verſchwörung gezogen wer⸗ den, ſagte er.„Sie werden noch heute das Haus ver⸗ laſſen. Wenn Ihre Herrin einer Jungfer bedarf, ſo ſoll es eine ſein, die ich ihr ausſuche.) Er ſchob mich ins Zimmer und verſchloß die Thür hinter mir, dann ſtellte er jenes dumme Mädchen draußen als Wache auf, Marianne! Er ſah aus und ſprach wie ein Wahnſinniger; Du wirſt es kaum begreifen, aber es iſt wirklich wahr.“ „Ich begreife es, Laura. Er iſt in der That wahn⸗ ſinnig— wahnſinnig aus Furcht vor dem Verrath ſeines gottloſen Geheimniſſes. Jedes Deiner Worte überzeugt mich feſter und feſter, daß, als Anna Catherick Dich geſtern verließ, Du im Begriffe warſt, ein Geheimniß zu entdecken, das Deines elendes Mannes Untergang ſein könnte, und er denkt, daß Du es bereits erfahren haſt. Nichts, das Du ſagen oder thun kannſt, wird dies ſchuldbewußte Mißtrauen beſeitigen, oder ſeine falſche Natur von der Wahrhaftigkeit der Deinigen überzeugen. Ich ſage dies nicht, Liebe, um Dich zu beunruhigen. Ich ſage es nur, um Dir die Augen zu öffnen, damit Du Deine Lage begreifſt, und um Dich von der dringenden N kothwendig⸗ keit zu überzeugen, daß ich handeln und Dich nach Kräften ſchützen muß, ſo lange uns noch die Gelegenheit dazu bleibt. ——— —, Des Grafen Vermittelung hat mir heute den Zutritt zu Dir verſchafft; morgen aber mag er ſchon ſeine Für⸗ ſprache zurücknehmen. Sir Percival hat bereits Fanny entlaſſen, weil ſie ein geſcheidtes Mädchen und Dir von Herzen ergeben iſt, und ihre Stelle einer Perſon gegeben, die ſich nichts um Dich kümmert, und deren Verſtandes⸗ kräfte mit denen des Kettenhundes unten im Hofe auf gleicher Stufe ſtehen. Es iſt unmöglich zu ſagen, welche gewaltſame Maßregeln er zunächſt ergreifen wird, falls wir nicht den beſten Gebrauch von der uns noch bleiben⸗ den Gelegenheit machen.“ „Was können wir thun, Marianne? O, wenn wir doch nur dies Haus verlaſſen könnten, um es niemals wiederzuſehen!“ „Höre mich an, liebe Laura, und ſuche Dich davon zu überzeugen, daß Du nicht ganz hülflos biſt, ſolange ich bei Dir bin.“ „Das will ich, das thue ich. Aber vergiß nicht die arme Fanny ganz, indem Du Dich mit mir beſchäftigſt. Auch ich bedarf der Hülfe und des Troſtes.“ „Ich werde ſie nicht vergeſſen. Ich habe mit ihr geſprochen, ehe ich zu Dir heraufkam, und bin mit ihr einig geworden, ſie heute Abend noch von mir hören zu laſſen. In der Poſttaſche ſind unſere Briefe hier in Blackwater Park nicht ſicher, und ich werde heute zwei in Deinen Angelegenheiten zu ſchreiben haben, die durch keine anderen, als Fanny's Hände gehen müſſen.“ „Was für Briefe?“ „Ich beabſichtige erſtens an Mr. Gilmore's Com⸗ pagnon zu ſchreiben, Laura, da er uns für jede neue Ver⸗ 223 zu legenheit ſeine Hülfe angetragen hat. So wenig ich auch ür⸗ das Geſetz kenne, ſo ſicher bin ich deſſenungeachtet, daß ny es eine Frau gegen ſolche Behandlung ſchützen kann, wie von ſie Dir heute von dieſem rohen Wütherich geworden iſt. en, Ich will in keine Einzelheiten über Anna Catherick ein⸗ es⸗ gehen, weil ich hierüber keine beſtimmten Mittheilungen auf zu machen habe. Aber der Advocat ſoll von jener Stelle che auf Deinem Arme und von der Gewaltthätigkeit wiſſen, alls die man Dir in dieſem Zimmer angethan— und zwar en⸗ ehe ich eine Nacht vorher ſchlafe!“ „Aber bedenke nur das Aufſehen, Marianne!“ wir„Ich rechne darauf. Sir Percival hat mehr davon als zu fürchten als Du. Die Ausſicht auf Blosſtellung mag ihn vielleicht zur Vernunft bringen, wenn dies durch ſonſt von nichts geſchehen kann.“ nge Ich ſtand auf, indem ich ſprach, aber Laura bat mich dringend, ſie nicht zu verlaſſen. die„Du wirſt ihn zur Verzweiflung treiben,“ ſagte ſie, gſt.„und unſere Gefahren noch um das Zehnfache vergrößern.“ Ich fühlte das Wahre, das entmuthigend Wahre dieſer ihr Worte. Aber ich vermochte es nicht über mich, ihr dies ihr offen zu bekennen. In unſerer ſchrecklichen Lage gab es zu keine Hülfe oder Hoffnung für uns, als indem wir das in Schlimmſte wagten. Ich ſagte ihr dies mit vorſichtigen wei Worten. Sie ſeufzte bitterlich, doch machte ſie keine Einwen⸗ urch dungen. Dann frug ſie nach dem zweiten Briefe, den ich zu ſchreiben beabſichtige. Für wen war er beſtimmt? „Für Deinen Onkel,“ ſagte ich.„Mr. Fairlie iſt Dein om⸗ nächſter männlicher Verwandter und das Haupt der Ver⸗ Familie. Er muß und ſoll ſich ins Mittel legen.“ 224 Laura ſchüttelte traurig den Kopf. „Ja, ja,“ fuhr ich fort,„ich weiß wohl, daß Dein Onkel ein ſchwacher, ſelbſtfüchtiger, weltlich geſinnter Menſch iſt. Aber er iſt immer noch nicht Sir Percival Glyde und hat keinen ſolchen Freund um ſich, wie den Grafen Fosco. Ich erwarte nichts von ſeiner Güte oder Liebe zu Dir oder zu mir. Aber er wird Alles thun, um ſeiner Trägheit zu frohnen, und ſeine Ruhe zu ſichern. Laß mich ihn nur überzeugen, daß er ſich dadurch, daß er ſich jetzt ins Mittel legt, für ſpäter unvermeidliche Mühe, Unannehmlichkeit und Verantwortlichkeit erſpart, und er wird ſich um ſeiner ſelbſt willen ſchon rühren. Ich weiß, wie man ihn nehmen muß, Laura, ich habe einige Uebung darin gehabt.“ „Wenn Du ihn nur dazu bewegen könnteſt, mich wieder auf eine Weile nach Limmeridge zurückkommen und dort ruhig mit Dir leben zu laſſen, Marianne, da könnte ich faſt wieder ſo glücklich ſein, wie ich vor mei ner Heirath war!“ Dieſe Worte gaben meinen Gedanken eine neue Richtung. Wäre es vielleicht möglich, Sir Percival zwiſchen die bei⸗ den Alternativen zu ſtellen, daß er ſich entweder der Blos⸗ ſtellung gerichtlicher Dazwiſchenkunft zu Gunſten ſeiner Frau unterziehe oder ſonſt ihr geſtatten müſſe, ihn auf ine Weile, unter dem Vorwande eines Beſuches bei ihrem zu verlaſſen? Und durfte man in dieſem Falle mit Zuverſicht darauf rechnen, daß er Letzteres wählen werde? Es war zweifelhaft— mehr als zweifelhaft. Und dennoch— ſo hoffnungslos das Experiment auch erſchien, war es nicht eines Verſuches werth? Ich beſchloß, ihn zu machen— aus bloſer, verzweifelter Rathloſigkeit. rkel iſt. hat Ich zu zu nur tttel kkeit iner men nich men da ung. bei⸗ los⸗ ener auf rem Falle hlen Und hien, ihn 225 „Dein Onkel ſoll von Deinem Wunſche unterrichtet werden,“ ſagte ich,„auch will ich den Advocaten darüber zu Rathe ziehen. Es mag und wird, wie ich hoffe, Gutes danach kommen.“ Mit dieſen Worten erhob ich mich nochmals und nochmals verſuchte Laura, mich zurückzuhalten. „Verlaß mich nicht,“ ſagte ſie mit unruhigem Blicke. „Mein Schreibepult ſteht ja hier auf dem Tiſche. Du kannſt hier ſchreiben.“ Es ging mir durchs Herz, es ihr zu verweigern, unge⸗ achtet dies in ihrem eigenen Intereſſe geſchah. Aber wir waren bereits zu lange zuſammen eingeſchloſſen geweſen. Unſere Ausſicht, einander wiederzuſehen, hing vielleicht ganz davon ab, daß wir keinen fernern Verdacht erregten. Es war reichlich an der Zeit, daß ich ruhig und unbe⸗ kümmert vor den Böſewichtern erſchiene, die vielleicht in dieſem Augenblicke unten an uns dachten und über uns ſprachen. Ich erklärte Laura dieſe ſchlimme Nothwendig⸗ keit und vermochte ſie, dieſelbe, wie ich, anzuerkennen. „Ich will in einer Stunde oder noch früher wieder bei Dir ſein, liebes Herz,“ ſagte ich.„Das Schlimmſte iſt für heute vorbei. Verhalte Dich ruhig und fürchte nichts.“ „Iſt der Schlüſſel in der Thür, Marianne? Kann ich mich von innen einſchließen?“ „Ja, hier iſt der Schlüſſel. Verſchließe Deint Ahür und öffne niemandem, bis ich wieder zurückkomme.“ Ich küßte ſie und ging. Es verurſachte mir ein Ge⸗ fühl der Erleichterung, als ich ſie die Thür von innen verſchließen hörte und ſomit wußte, daß ihr Alleinbleiben in ihrer eigenen Gewalt ſei. Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 15 226 Ich war kaum bis an die Treppe gelangt, als mich das Verſchließen der Thür von Laura's Zimmer daran erinnerte, daß es vielleicht gerathen ſein möchte, wenn auch ich die meinige verſchlöſſe und den Schlüſſel bei mir trüge, ſo lange ich nicht in meinem Zimmer ſei. Mein Tage⸗ buch war bereits nebſt anderen Papieren in meinem Tiſch⸗ auszuge verſchloſſen, aber meine Schreibmaterialen lagen noch offen da. Unter dieſen befand ſich ein Petſchaft, das die ſehr gewöhnliche Wappenfigur zweier Tauben, die aus einer Schale trinken, trug, und einige Bogen Löſchpapier, auf denen noch der Abdruck der letzten Zeilen, die ich geſtern Abend in dieſe Blätter eintrug, zu ſehen war. Unter dem Einfluſſe des Argwohns, der jetzt ein Theil mei⸗ nes Selbſt geworden zu ſein ſchien, erhielten ſelbſt ſolche Kleinigkeiten, wie dieſe, ein zu gefährliches Anſehen, als daß ſie ohne Schutz gelaſſen werden durften— ſogar der verſchloſſene Tiſchauszug ſchien mir in meiner Ab⸗ weſenheit nicht hinlänglich verwahrt, bis nicht auch die Mittel, dazu zu gelangen, ſorgfältig abgeſchloſſen waren. Ich fand kein Anzeichen, daß irgend Jemand in meiner Stube geweſen wäre, während ich mich mit Laura unter⸗ halten hatte. Meine Schreibmaterialen(welche anzurüh⸗ ren ich dem Stubenmädchen ſtreng unterſagt hatte) lagen zien ich wie gewöhnlich über den Tiſch zerſtreut. Der einzige Umſtand, der mir in Bezug hierauf etwas auf⸗ fiel, war, daß das Petſchaft ordentlich neben Bleiſtiften und Siegellack in der kleinen Cryſtallmulde lag. Es war (wie ich zu meinem Bedauern geſtehe) nicht meine Ge⸗ wohnheit, es hier ſo ordentlich hineinzulegen, noch er⸗ innerte ich mich, dies gethan zu haben. Da ich mich jedoch 2 dA —— — 1n auf der andern Seite nicht eutſinnen konnte, wo ich es hingeworfen, und ob ich es nicht vielleicht ganz mechani⸗ ſcher und zufälliger Weiſe diesmal an die rechte Stelle gethan, ließ ich mich durch dieſe Kleinigkeit nicht noch mehr verwirren, als ich es in Folge der Ereigniſſe des Tages bereits war. Ich ſchloß die Thür ab, ſteckte den Schlüſſel in die Taſche und ging hinunter. Die Gräfin war allein auf der Flur und betrachtete das Wetterglas. „Es fällt noch immer,“ ſagte ſie,„ich fürchte, wir müſſen noch mehr Regen erwarten.“ Ihr Geſicht trug wieder ſeinen gewohnten Ausdruck und ſeine gewohnte Farbe. Aber die Hand, mit der ſie auf den Zeiger des Wetterglaſes deutete, zitterte noch. Konnte ſie ihrem Manne erzählt haben, daß ſie gehört, wie Laura ihn mir als einen„Spion“ bezeichnet hatte? Mein ſtarker Verdacht, daß ſie es ihm geſagt haben mußte, meine unüberwindliche Angſt(die durch ihre Un⸗ beſtimmtheit um ſo überwältigender wurde) vor den Fol⸗ gen, die dies haben konnte; meine feſte Ueberzeugung, welche durch verſchiedene kleine unwillkürliche Gefühlskundgebun⸗ gen von Seiten der Gräfin(die Frauen ſo ſchnell aneinander wahrnehmen) in mir wach gerufen, daß ſie, ungeachtet all ihrer äußerlich angenommenen Höflichkeit, es ihrer Nichte nie verziehen habe, daß ſie das unſchuldige Hinderniß war, welches zwiſchen ihr und dem Legate von zehntauſend Pfund ſtand: Alles dies ſchoß mir plötzlich durch den Sinn, und drängte mich zu ſprechen, in der eitlen Hoffnung, durch meinen Einfluß und meine Ueberredungskraft im Stande zu ſein, Laura's Fehler wieder gut zu machen. 15* 228 „Darf ich von Ihrer Güte, Gräfin, hoffen, daß ſie mich entſchuldigen wird, falls ich es wage, über einen höchſt peinlichen Gegenſtand mit Ihnen zu ſprechen?“ Sie faltete ihre Hände vor ſich und neigte feierlich den Kopf, ohne ein Wort zu ſagen, und ohne den Blick von mir zu verwenden. „Als Sie ſo freundlich waren, mir mein Taſchentuch zu bringen,“ fuhr ich fort,„müſſen Sie, wie ich ſehr fürchte, zufällig etwas gehört haben, das Laura ſagte, welches ich ungern wiederholen möchte und nicht zu ent⸗ ſchuldigen verſuchen will. Darf ich nur zu hoffen wagen, daß es Ihnen von zu geringer Wichtigkeit erſchien, um den Grafen davon zu unterrichten?“ „Es hat nicht die geringſte Wichtigkeit in meinen Augen,“ ſagte die Gräfin Fosco ſchnell und ſcharf.„Aber,“ fuhr ſie fort, indem ſie augenblicklich wieder in ihr eiſiges Weſen verfiel,„ich verſchweige meinem Manne nie etwas, ſelbſt Kleinigkeit nicht. Als er ſoeben bemerkte, daß ich bekümmert ausſähe, war es meine peinliche Pflicht, ihm die Urſache hiervon zu ſagen, und ich geſtehe Ihnen offen, Miß Halcombe, daß ich es ihm nicht verſchwiegen habe.“ Ich war hierauf vorbereitet geweſen, und doch durch⸗ rieſelte es mich eiſig, als ſie dieſe Worte ſagte. „Laſſen Sie mich es Ihnen, Gräfin, und auch dem Grafen ernſtlich an's Herz legen, daß Sie die traurige Lage berückſichtigen, in der meine Schweſter ſich augen⸗ blicklich befindet. Sie ſprach unten dem Einfluſſe des Schmerzes, den ihr die Beſchimpfung und Ungerechtigkeit hres Mannes verurſacht hatten, und ſie war außer ſich, 229 ſie als ſie jene unbedachten Worte ſprach. Darf ich hoffen, en daß ſie rückſichtsvoll und großmüthig vergeben ſind?“ „Ganz gewiß,“ ſagte des Grafen ruhige Stimme ich hinter mir. Er hatte ſich mit ſeinem geräuſchloſen ick Schritte, mit einem Buche in der Hand, aus der Biblio⸗ thek zu uns herangeſchlichen. ich„Als Lady Glyde jene übereilten Worte ſprach,“ fuhr hr er fort,„beging ſie eine Ungerechtigkeit gegen mich, die te, ich beklage und vergebe. Laſſen Sie uns des Gegenſtandes nt⸗ nie wieder erwähnen, Miß Halcombe, laſſen Sie uns Alle en, einander gegenſeitig geloben, ihn von dieſem Augenblicke un an zu vergeſſen.“ „Sie ſind ſehr freundlich,“ ſagte ich,„es iſt mir eine tein unbeſchreibliche Erleichterung—“ k,“ Ich wollte fortfahren, aber ſeine Augen waren auf es mich geheftet; ſein tödtliches Lächeln, das Alles verbirgt, as, lag feſt und hart auf ſeinem großen glatten Geſichte. Die ich Ahnung, die ich von ſeiner unergründlichen Falſchheit hm hatte, das Gefühl meiner Erniedrigung, indem ich mich en herabließ, zu verſuchen, ihn und ſeine Frau mit uns aus⸗ gen zuſöhnen, dies Alles drückte und verwirrte mich der⸗ geſtalt, daß mir die nächſten Worte auf den, Lippen er⸗ ch⸗ ſtarben und ich ſchweigend daſtand. „Ich bitte Sie auf meinen Knien, Miß Halcombe, Ln kein Wort weiter darüber zu ſagen,— es iſt mir ernſt⸗ ige lich ſchmerzlich, daß Sie es für nothwendig hielten, über⸗ en⸗ haupt etwas darüber zu erwähnen.“ Mit dieſen höflichen des Worten ergriff er meine Hand, o, wie ich mich verachte! keit wie geringen Troſt ich in dem Bewußtſein finde, daß ich ich, es nur um Laura's willen erduldete!— er faßte meine —— 230 Hand und führte ſie an ſeine giftigen Lippen. Noch nie bis zu dieſem Augenblicke war ich mir meines ganzen Widerwillens gegen ihn bewußt geworden. Dieſe harm⸗ loſe Vertraulichkeit machte mein Blut kriechen, als ob es die größte Beſchimpfung geweſen wäre, die ein Mann mir hätte anthun können. Und dennoch verbarg ich ihm meinen Widerwillen, ich verſuchte zu lächeln; ich, die ich ſonſt erbarmungslos den Betrug in Frauen verdammte, war jetzt ſo falſch, wie die falſcheſte unter ihnen, ſo falſch wie der Judas, deſſen Lippen meine Hand berührt hatten. Ich hätte nicht meine erniedrigende Faſſung behalten können— und dies Bewußtſein iſt das Einzige, was mir einigermaßen meine Selbſtachtung wiedergibt— hätte er noch fortgefahren, mich mit ſeinen Blicken zu fixiren. Die tigerhafte Eiferſucht ſeiner Frau kam zu meiner Erlöſung herbei und zwang ihn, ſowie er meine Hand ergriffen hatte, ſeine Aufmerkſamkeit von mir abzuziehen. Ihre kalten blauen Augen fingen Feuer, ihre mattweißen Wan⸗ gen erglühten, und in einem Augenblicke ſah ſie um viele Jahre jünger aus. „Graf!“ ſagte ſie.„Die engliſchen Frauen verſtehen dergleichen ausländiſche Höflichkeitsformen nicht.“ „Ich bitte um Vergebung mein Engel! Die beſte und theuerſte aller engliſchen Frauen verſteht ſie.“ Mit dieſen Worten ließ er ruhig meine Hand ſinken und er⸗ hob ſtatt ihrer die ſeiner Frau an ſeine Lippen. Ich eilte zurück die Treppe hinauf, um eine Zuflucht in meinem Zimmer zu ſuchen. Wäre Zeit zum Denken übrig geweſen, ſo würden mir meine Gedanken, ſobald ich mich allein ſah, bittere Schmerzen verurſacht haben. Aber es blieb mir dazu keine Zeit, zum Glücke für die Bewahrung meiner Ruhe und meines Muthes war zu nichts Anderm, als zum Handeln Zeit. Ich hatte noch die Briefe an den Advocaten und an Mr. Fairlie zu ſchreiben, und ich ſetzte mich daher, ohne einen Augenblick zu zögern, um mich mit ihnen zu beſchäf⸗ tigen. Es ſtanden mir wenig Hülfsmittel zu Gebote— es gab durchaus niemanden in der Nähe, auf den ich mich hätte verlaſſen können, außer mir. Sir Percival beſaß weder Bekannte noch Verwandte in der Umgegend, deren Vermittelung ich hätte anſprechen können. Er ſtand den Familien ſeines Standes, die in ſeiner Nachbarſchaft lebten, auf dem kälteſten, in einigen Fällen auf dem feindſeligſten Fuße gegenüber. Wir beide Frauen hatten weder einen Vater, noch einen Bruder, welcher hätte ins Haus kommen und uns in Schutz nehmen können. Es blieb mir keine andere Wahl, als dieſe beiden zweifelhaften Briefe zu ſchreiben, oder, indem wir Blackwater Park heimlich ver⸗ ließen, Laura ſowol wie mich, in eine falſche Lage zu brin⸗ gen und jedes friedliche Arrangement für die Zukunft un⸗ möglich zu machen. Nichts, als die drohendſte Gefahr hätte dies letztere Verfahren rechtfertigen können. Die Briefe mußten zuerſt verſucht werden, und ſo ſchrieb ich ſie denn. Ich erwähnte gegen den Advocaten nichts über Anna Catherick, weil(wie ich dies Laura bereits begreiflich ge⸗ macht hatte) dieſer Umſtand mit einem Geheimniſſe ver⸗ knüpft war, das wir noch nicht aufklären konnten, und deſſen Erwähnung deshalb in meinem Briefe an einen Rechtsgelehrten durchaus unnütz geweſen wäre. Ich über⸗ ließ es meinem Correſpondenten, Sir Percival's unerhörtes — e. 524 232 Betragen neuen Streitigkeiten über Geldfragen zuzuſchrei⸗ 5 ben, falls es ihn beliebte, und zog ihn ganz einfach über die Möglichkeit zu Rathe, wie Laura gerichtlicher Schutz zu beſchaffen ſein würde, ſollte ſich ihr Mann ihrem Wunſche, Blackwater Park auf eine Weile zu verlaſſen 1 und mit mir nach Limmeridge zurückzukehren, widerſetzen. 1 Ich verwies ihn wegen der Einzelheiten dieſes Arrange⸗ r ments an Mr. Fairlie, verſicherte ihn, daß ich mit Lau⸗ k ra's Genehmigung ſchreibe, und bat ihn dringend, in z ihrem Namen, mit der äußerſten Anwendung all ſeiner Macht und mit möglichſt wenigem Zeitverluſte zu handeln. 3 Dann kam der Brief an Mr. Fairlie. Ich ſchrieb ihm, indem ich die Sache in einem Lichte darſtellte, von dem ich, wie ich ſchon Laura geſagt hatte, am erſten er⸗ 0 warten durfte, daß es ihn zum Handeln treiben werde; ich ſchloß ihm eine Abſchrift meines Briefes an den Ad⸗ vocaten bei, damit er daraus entnehmen möge, wie ernſt⸗ licher Natur die Sache ſei, und erklärte ihm, daß unſer Ueberſiedeln nach Limmeridge der einzige Vergleich ſei, durch welchen man es verhindern könne, daß nicht das Gefahrvolle und Betrübende von Laura's gegenwärtiger Lage in kurzer Zeit auch ihren Ontkel erreichte. Als ich damit zu Ende war und die beiden Briefe verſiegelt und adreſſirt hatte, nahm ich ſie mit mir zu Laura, um ihr zu zeigen, daß es geſchehen ſei. „Hat Dich irgend jemand beläſtigt?“ frug ich, als. ſie mir die Thür öffnete. 1 „Es hat niemand angeklopft,“ entgegnete ſie,„aber 8 ich hörte Jemand im Vorzimmer.“ „War es ein Mann oder ein weibliches Weſen?“ ———.,.-———.— 233 fei⸗„Letzteres. Ich hörte das Nauſchen ihres Kleides.“ ver„Ein Rauſchen wie von Seide.“ utz„ Ja, wie Seide.“ em Die Gräfin hatte offenbar draußen gelauſcht. Das ſen Unheil, welches ſie ſelbſt anzurichten im Stande, war en. wenig zu fürchten. Aber das, welches ſie uns als bereit⸗ ge⸗ williges Inſtrument in den Händen ihres Mannes zufügen au⸗ konnte, war zu entſetzlicher Natur, um von uns überſehen in zu werden. ꝛer„Was wurde aus dem Rauſchen deß gleides, als Du In. es nicht mehr im Vorzimmer hörteſt?“ frug ich.„Hörteſt ieb Du es an Deiner Wand den Corridor entlang gehen?“ on„Ja. Ich verhielt mich ruhig und lauſchte, und hörte er⸗ es ziemlich deutlich.“ de;„Nach welcher Richtung hin ging es?“ ld⸗„Nach Deinem Zimmer zu.“ iſt⸗ Ich überlegte nochmals. Ich hatte nichts gehört; doch ſer das bewies nichts, denn ich war ſehr in meine Briefe ver⸗ ſei, tieft geweſen; dabei ſchreibe ich mit ſchwerer Hand und das einer Gänſefeder, welche geräuſchvoll auf dem Papiere ger kratzt. Deshalb war es wahrſcheinlicher, daß die Gräfin das Kratzen meiner Feder hörte, als daß ich das Rauſchen efe ihres Kleides vernahm. Wieder ein Grund(hätte ich zu noch eines ſolchen bedurft), um meine Briefe nicht der Poſttaſche anzuvertrauen. als Laura ſah, wie ich überlegte.„Noch mehr Schwierig⸗ keiten!“ ſagte ſie mit müder Stimme;„immer mehr ber Schwierigkeiten und Gefahren!“ „Keine Gefahren,“ entgegnete ich,„einige kleine Schwierigkeiten wohl. Ich deuke darüber nach, wie ich 234 die Briefe am ſicherſten in Fanny's eigene Hände geben kann.“ „Du haſt ſie alſo wirklich geſchrieben? O, Marianne, ſetze Dich keiner Gefahr aus, ich bitte Dich! „Nein, nein— ſei ohne Furcht. Laß ſeehen, wie viel Uhr es iſt?“ 1 Es war ein Viertel vor ſechs Uhr. Damnach hatte ich Zeit, nach der Dorfſchenke zu eilen und noch vor Tiſche wieder zurück zu fein. Falls ich bis ſpäter am Abend war⸗ tete, mochte ich EEne zweite Gelegenheit finden, um das Haus in Sicherheit zu verlaſſen. „Laß den S4 lüſſel umgedreht im Schloſſe, Laura,“ ſagte ich,„und beſorge nichts für mich. Falls man nach mir fragen ſollte, ſo rufe durch die Thür und ſage, daß ich auf einen Spaziergang aus bin.“ „Wann wigß Du wieder zurück ſein?“ „Vor Tiſche, ganz ſicher. Muth, Liebe, morgen um dieſe Zeit wird bereits ein umſichtiger, zuverläſſiger Mann für Dich handeln. In Mr. Gilmore's Abweſenheit iſt ſein Compagnon unſer beſter Freund.“ Als ich wieder allein war, ſchien es mir nach kurzer Ueberlegung rathſam, nicht in Hut und Shawl hinunter zugehen, bis ich mich überzeugt habe, was im untern Theile des Hauſes vorgehe. Ich wußte noch nicht, ob Sir Percival im Hauſe oder draußen war. Das Singen der Canarienvögel in der Bibliothek und der Geruch von Tabaksrauch, welcher durch die offene Thür drang, ſagten mir ſogleich, wo der Graf ſei. Als ich an der Thür vorüberſchritt blickte ich über meine —̈— ——.—: ————————.— 235 Schulter und ſah zu meinem Erſtaunen, daß er mit ſeiner einnehmendſten Höflichkeit der Haushälterin die Gelehrig⸗ keit ſeiner Vögel zeigte. Er mußte ſie ausdrücklich dazu hereingeladen haben, denn ſie hätte nie daran gedacht, unaufgefordert in die Bibliothek zu gehen. Jeder, auch der anſcheinend geringfügigſten Handlung dieſes Mannes lag ein verborgener Zweck zum Grunde. Welchen Zweck konnte er hierbei haben? Es war jedoch dies nicht der Augenblick, danach zu forſchen. Ich ſah mich zunächſt nach der Gräfin um und fand ſie auf ihrer Lieblingspromenade um den Fiſchteich herum. Ich war etwas zweifelhaft darüber, wie ſie mir wohl nach dem Eiferſuchtsausbruche begegnen werde, deſſen Urſache ich vor erſt ſo kurzer Zeit geweſen. Aber ihr Mann hatte ſie inzwiſchen wieder gezähmt, ſodaß ſie wieder mit ihrer gewohnten Höflichkeit mit mir ſprach. Mein einziger Zweck, indem ich ſie anredete, war, zu er⸗ fahren, ob ſie wiſſe, was aus Sir Percival geworden ſei. Ich erwähnte ſeiner auf indirecte Weiſe, und nach einigen Umwegen und Ausflüchten von beiden Seiten ſagte ſie endlich daß er ausgegangen ſei. „Welches Pferd hat er genommen?“ frug ich in möglichſt unbekümmerten Tone. „Gar keins,“ entgegnete ſie.„Er ging vor zwei Stun⸗ den zu Fuße fort. Falls ich ihn recht verſtand, ſo ging er um fernere Nachforſchungen über die Frau anzuſtellen — die Anna Catherick, glaube ich. Er ſcheint mir zu ihrer Wiederauffindung einen ganz übertriebenen Eifer an den Tag zu legen. Wiſſen Sie vielleicht, Miß Hal⸗ combe, ob ihr Wahnſinn ein gefährlicher iſt?“ 236 „Ich weiß es nicht, Gräfin.“ „Gehen Sie hinein?“ „Ja, ich denke wohl. Es wird bald Zeit ſein, Mit⸗ tagstoilette zu machen.“ Wir gingen zuſammen ins Haus. Die Gräfin ging langſam in die Bibliothek und ſchloß die Thür hinter ſich. Ich eilte, mir meinen Hut und meinen Shawl zu holen. Jede Secunde war von Wichtigkeit, wenn ich Fanny in der Dorfſchenke aufſuchen und noch zu Tiſche zurück ſein wollte. Als ich wieder über den Flur ſchritt, war hier nie⸗ mand zu ſehen, und das Singen der Vögel in der Biblio⸗ thek hatte aufgehört. Ich konnte mich nicht mit neuen Nachforſchungen aufhalten, ſondern mußte mich damit be⸗ gnügen, den Weg rein zu finden und das Haus mit mei⸗ nen beiden Briefen, die ſicher in meiner Taſche waren, zu verlaſſen. Auf meinem Wege nach dem Dorfe bereitete ich mich auf die Möglichkeit vor, Sir Percival zu begegnen. So lange ich übrigens nur mit ihm allein zu thun hatte, war ich ſicher, meine Geiſtesgegenwart nicht zu verlieren. Ein Weib, das ſich auf ihren Kopf verlaſſen kann, iſt ſtets einem Manne gewachſen, der ſeine Leidenſchaften nicht zu bemeiſtern vermag. Ich hatte vor Sir Percival nicht die Furcht, welche der Graf mir einflößte. Anſtatt mich zu ängſtigen, hatte es mich hingegen beruhigt, als ich hörte, daß er ausgegangen ſei. Solange er ſo ſehr damit beſchäf⸗ tigt war, Anna Catherick's Spur nachzuforſchen, durften Laura und ich hoffen, daß er ſich fernerer thätlicher Ver⸗ folgungen gegen uns enthalten werde. Indeſſen hoffte und betete ich aus tiefſter Seele ſowohl um ihret- als um unſerer ſelbſt willen, daß ſie ihm nicht in die Hände fallen möge. Ich ſchritt ſo ſchnell dahin, als es mir in der Hitze möglich war, bis ich zu dem Kreuzwege kam, welcher ins Dorf führte, und indem ich mich von Zeit zu Zeit um⸗ blickte, um zu ſehen, ob mir auch Jemand folgte. Doch war auf der ganzen Straße nichts weiter hinter mir, als ein leerer Frachtwagen. Das Geräuſch der ſchweren, klappernden Räder war mir zuwider, und als ich ſah, daß der Wagen, wie ich, den Weg nach dem Dorfe einſchlug, ſtand ich ſtill, um ihn vorbeifahren zu laſſen, bis ich ihn nicht mehr hörte. Als ich etwas aufmerkſamer hinſah, ſchien es mir, als ob ich hin und wieder die Füße eines Mannes hinter dem Wagen hergehen ſähe, der Fuhrmann ſelbſt ging vorne bei ſeinen Pferden. Jener Theil des Weges aber, den ich eben hinter mir gelaſſen, war ſo enge, daß der Wagen auf beiden Seiten das Heckengeſträuch ſtreifte, und um mich von der Richtigkeit meiner Muth⸗ maßung zu überzeugen, unnhis ich warten, bis er an mir vorüber gefahren war. Doch ſchien es, daß ich mich ge⸗ uſcht hatte, denn als der Wagen vorbei war, ſah ich einaide auf dem ganzen Wege. rIch langte, ohne Sir Percival zu begegnen oder ſonſt och irgend etwas zu bemerken, im Wirthshauſe an, und reute mich, zu ſehen, daß die Wirthin Fanny mit der größten Freundlichkeit aufgenommen hatte. Man hatte ihr ein kleines Zimmer angewieſen, wo ſie nicht durch das Geräuſch der Schenkſtube beläſtigt wurde, und außerdem ein ſauberes kleines Schlafgemach im obern Theile des 238 Hauſes. Bei meinem Anblicke brach ſie wieder in Thrä⸗ nen aus und ſagte,— das arme Kind! mit vollkommener Wahrheit, es ſei zu ſchrecklich, ſo aus dem Hauſe und in die Welt hinausgeſchickt zu werden, als ob ſie ſich eines unverzeihlichen Vergehens ſchuldig gemacht, während ihr doch von niemandem etwas vorgeworfen werden konnte, und zwar von ihrem Herrn, welcher ſie fortſchickte, am allerwenigſten. „Suche Dich darüber hinwegzuſetzen, Fanny,“ ſagte ich,„Deine Herrin und ich werden Deine Freundinnen bleiben und dafür ſorgen, daß niemand Dir Schlimmes nachſagt. Jetzt höre mich an. Ich habe ſehr wenig Zeit übrig und bin im Begriffe, Dir eine Sache von größter Wichtigkeit anzuvertrauen. Ich wünſche, daß Du mir dieſe beiden Briefe beſorgſt. Den, welcher die Poſtmarke trägt, wirſt Du morgen in London auf die Poſt geben. Den andern aber, welcher an Mr. Fairlie adreſſirt iſt, wirſt Du ihm ſelbſt übergeben, ſobald Du in Limmeridge an⸗ kommſt. Behalte beide Briefe bei Dir und laſſe ſie Dir von niemanden abnehmen. Sie ſind von der größten Wichtigkeit für das Wohl Deiner Herrin.“ Fanny ſteckte die beiden Briefe in den Buſen ihr, Kleides und ſagte:„Da ſollen ſie bleiben, Miß, bis ie mit ihnen thue, wie Sil mir befohlen haben.“ „Sieh ja zu, daß Du morgen bei guter Zeit auf u Station biſt,“ fuhr ich fort,„und wenn Du die Ha f hälterin in Limmeridge ſiehſt, ſo grüße ſie von mir ſage ihr, daß Du in meinem Dienſte biſt, bis Lady G. Dich wieder in den ihrigen nehmen kann. Vielleicht ſe wir uns ſchon früher wieder, als Du denkſt. Alſo laß d 8 N 1 —————— U — Muth nicht ſinken und verfehle nicht den Zug um ſieben Uhr morgen früh.“ „Danke, Miß, ich danke recht ſehr. Es gibt einem ordentlich Muth, Ihre Stimme wieder zu hören. Bitte, wollen Sie ſo gut ſein und mich Mylady empfehlen und ihr ſagen, daß ich Alles ſo ordentlich machte, wie es mir in der kurzen Zeit möglich war. O, mein lieber Gott! wer wird ſie nur heute zu Tiſche ankleiden? Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke!“ Als ich zu Hauſe anlangte, blieb mir nur noch eine Viertelſtunde, um Toilette zu machen und ein paar Worte zu Laura zu ſprechen, ehe ich zu Tiſche hinunter ginge. „Die Briefe ſind in Fanny's Händen,“ flüſterte ich durch die Thür ihr zu.„Wirſt Du zu Tiſche hinunter kommen?“ —— „O nein, nein! Um Alles in der Welt nicht! „Iſt irgend etwas vorgefallen? Iſt jemand bei Dir geweſen?“ „Ja, ſoeben, Sir Percival—“ „Kam er herein?“ „Nein; er erſchreckte mich, indem er heftig draußen an die Thür klopfte. Ich frug: Wer iſt da? und er ant⸗ wortete:„Haſt Du Dich eines Veſſern beſonnen? Du ſollſt es noch! Früher oder ſpäter will ich es doch noch aus Dir herausbringen. Du weißt, wo Anna Catherick ſich in dieſem Augenblicke aufhält!“ Gewiß, gewiß! ſagte ich, ich weiß es nicht!„Doch! Du weißt es!» rief er zurück. Ich will Dir ſchon Deine Halsſtarrig⸗ keit austreiben, denk an mich, ich hab's geſagt!) Und dann ging er fort, Marianne, mit dieſen Worten, vor kaum fünf Minuten!“ Er hat ſie alſo nicht gefunden, für dieſe Nacht we⸗ nigſtens waren wir verborgen, er hatte ſie noch nicht gefunden. „Du gehſt hinunter, Marianne? Komm nach Tiſche wieder herauf!“ „Ja, ja. Beunruhige Dich nicht, wenn ich erſt ſpät kommen ſollte, ich muß mich in Acht nehmen, keinen An⸗ ſtoß zu geben, indem ich ſie zu früh verlaſſe.“ Es wurde zu Tiſche geläutet und ich eilte hinunter. Sir Percival führte die Gräfin zu Tiſche, und der Graf bot mir ſeinen Arm. Er ſah roth und erhitzt aus und war nicht mit ſeiner üblichen Sorgfalt gekleidet. War auch er etwa vor Tiſche ausgeweſen und erſt ſpät zurück⸗ gekehrt? oder litt er blos etwas mehr als gewöhnlich von der Hitze? Doch ſei dem wie ihm wolle, es war nicht daran zu zweifeln, daß ihn eine heimliche Sorge oder Unannehm⸗ lichkeit quälte, die er trotz all ſeiner Verſtellungskunſt nicht ganz verbergen konnte. Während des ganzen Diners war er faſt ebenſo ſchweigſam wie Sir Percival und blickte von Zeit zu Zeit ſeine Frau mit einem Ausdrucke ver⸗ ſtohlener Unruhe an, wie ich ſie, ſolange ich ihn kannte, noch nie an ihm bemerkt hatte. Die einzige geſellſchaftliche Pflicht, welcher er mit ſeiner gewohnten Sorgfalt nachzu⸗ kommen im Stande ſchien, war die ſeiner Höflichkeit und Artigkeit mir gegenüber. Ich kann immer noch nicht ent⸗ decken, welchen abſcheulichen Zweck er im Auge hat,— aber welcher Art er auch ſei, unveränderliche Höflichkeit gegen ich zu m⸗ cht var ckte er⸗ nte, iche Zu⸗ und ent⸗ aber egen 241 mich, unveränderliche Ergebenheit gegen Laura und unver⸗ änderlicher Widerſtand(auf jede Gefahr hin) gegen Sir Percival's beleidigende Heftigkeitsausbrüche ſind die Mittel geweſen, deren er ſich zur Erreichung ſeines Zweckes be⸗ dient hatte, ſeitdem er zuerſt den Fuß in dies Haus ſetzte. Ich vermuthete dies an jenem Tage, wo uns in der Bibliothek das Document zur Unterſchrift vorgelegt wurde und er ſich zu unſern Gunſten dazwiſchen legte, jetzt aber bin ich überzeugt davon. Als die Gräfin und ich den Tiſch verließen, erhob ſich der Graf ebenfalls, um uns nach dem Geſellſchaftszimmer zu begleiten. „Wozu gehſt Du?“ frug Sir Percival,„Dich meine ich, Fosco.“ „Ich gehe, weil ich genug geſpeiſt und getrunken habe,“ entgegnete der Graf.„Sei ſo gütig, Percival mich in Rückſicht auf meine ausländiſchen Gewohnheiten zu ent⸗ ſchuldigen, wenn ich mit den Damen den Tiſch verlaſſe, wie ich mit ihnen Platz daran genommen.“ „Unſinn! Ein Glas Bordeaux mehr wird Dir keinen Schaden thun. Setze Dich wieder her, wie ein vernünf⸗ tiger Engländer. Ich habe eine halbe Stunde ruhig mit Dir zu ſprechen, und wir können das beim Weine thun.“ „Ich will mich mit Vergnügen ruhig mit Dir unter⸗ halten, nur nicht jetzt und nicht beim Weine. Später, wenn Dir's beliebt, ſpäter.“ „Sehr höflich!“ ſagte Sir Percival mit einem wüthen⸗ dem Blicke,„ſehr höfliches Benehmen, wahrhaftig, gegen einen Mann, bei dem man ſich als Gaſt aufhält!“ Ich hatte ihn, während wir bei Tiſche ſaßen, den Wilkfie Collins, Die Frau in Weiß. II. 16 Grafen zu wiederholtenmalen unruhig anblicken ſehen und dabei bemerkt, daß der Graf ſeinen Blicken ſorgfältig zu begegnen vermied. Dieſer Umſtand, gepaart mit Sir Per⸗ cival's Wunſche, ſich ungeſtört mit dem Grafen zu unter⸗ halten, und des Letzteren hartnäckige Weigerung, ſich wie⸗ der zu ihm zu ſetzen, riefen mir Sir Percival's Bitte von heute Nachmittag an ſeinen Freund, aus der Bibliothek zu ihm zu kommen, da er mit ihm zu ſprechen habe, wieder ins Gedächtniß. Der Graf hatte die Erfüllung dieſer Bitte um eine ungeſtörte Unterhaltung ſchon nachmittags ver⸗ ſchoben, und jetzt, da ſie zum zweitenmal an ihn gerichtet wurde, verſchob er ſie abermals. Was immer der Gegen⸗ ſtand der beabſichtigten Unterredung ſein mochte, für Sir Percival war derſelbe jedenfalls von Wichtigkeit, und nach des Grafen Anſicht vielleicht gar ein gefährlicher, wenn man nach ſeinem offenbaren Widerſtreben, ſich ihm zu nähern, urtheilen durfte. Dieſe Betrachtungen drängten ſich mir auf, während wir vom Eßzimmer in den Salon gingen. Sir Perci⸗ val's zornige Bemerkung darüber, daß ſein Freund ihn allein ließ, hatte nicht die geringſte Wirkung auf ihn gehabt. Der Graf begleitete uns beharrlich an den Thee⸗ tiſch, blieb ein paar Minuten im Zimmer, ging dann in den Vorſaal hinaus und kehrte mit der Poſttaſche in der Hand zurück. Es war gerade acht Uhr, die Stunde, um welche die Briefe von Blackwater Park abgeſandt wurden. „Haben Sie Briefe für die Poſt, Miß Halcombe?“ frug er, mit der Poſttaſche zu mir hintretend. Ich ſah, wie die Gräfin, die den Thee machte, mit der Zuckerzange in der Hand ſtill ſtand und auf meine Antwort lauſchte. „Nein, Graf, ich danke Ihnen. Ich habe heute keine Briefe.“ Er gab dem Diener, der eben in die Stube trat, die Taſche, ſetzte ſich ans Clavier und wiederholte zweimal die Melodie eines muntern neapolitaniſchen Straßenliedes, „La mia Carolina.“ Seine Frau, deren Bewegungen für gewöhnlich von der allergemeſſenſten Art waren, machte den Thee ſo ſchnell, wie ich ſelbſt ihn gemacht hätte, trank ihre Taſſe in zwei Minuten und glitt leicht aus dem Zimmer. Ich ſtand auf, um ihr zu folgen; theils weil ich ſie im Verdacht hatte, daß ſie irgend einen Verrath gegen Laura auszuüben im Sinne habe, und theils, weil iich entſchloſſen war, nicht mit ihrem Mann allein im Zimmer zu bleiben. Ehe ich noch die Thür erreichen konnte, rief der Graf mich durch die Bitte um eine Taſſe Thee zurück. Ich reichte ihm dieſelbe und verſuchte wieder zu gehen. Er hielt mich abermals davon ab, diesmal, indem er plötzlich ans Clavier zurückkehrte und eine muſikaliſche Frage an mich richtete, die, wie er behauptete, die Chre ſeines Lan⸗ des betraf. Ich berief mich vergebens auf meine totale Unkenntniß und meinen totalen Mangel an Urtheil in ſolchen Sachen. Er wiederholte ſeine Rede blos mit einer Heftigkeit, die jedem Widerſtande von meiner Seite Trotz bot. Die Engländer und die Deutſchen(erklärte er mit Entrüſtung) ſchmähten ſtets die Italiener und beſchuldigten ſie, keine Muſik höheren Ranges produciren zu können. Wir Eng⸗ länder ſchwatzten beſtändig von unſeren Oratorien und die 16* 244 Deutſchen von ihren Symphonien. Hatten wir und hatten ſie ſeinen unſterblichen Freund und Landsmann Roſſini vergeſſen? Was anderes als ein Oratorium ſei„Moſe in Egitto“, nur mit dem Unterſchiede, daß man es auf der Bühne aufführte, anſtatt es kalt im Concertſaale abzu⸗ ſingen. Was anderes als eine Symphonie(unter einem anderen Namen) ſei die Ouverture zum Guillaume Tell? Hatte ich den Moſes in Egypten gehört? Wollte ich nur dies und dies und dies anhören und ihm dann ſagen, ob je ein Sterblicher etwas Erhabeneres, Heiligeres und Großartigeres componirt habe? Und ohne ein Wort der Einwilligung oder der Weigerung von meiner Seite abzu⸗ warten, und mir fortwährend feſt ins Geſicht ſehend, griff er in das Inſtrument und ſang mit lauter und hoher Be⸗ geiſterung, wobei er ſich nur von Zeit zu Zeit unterbrach, um mir mit fortgeſetzter Entrüſtung die Namen der ver⸗ ſchiedenen Muſikſtücke zuzurufen:„Chor der Egypter in der Finſterniß, Miß Halcombe!“—„Moſes' Recitativ bei den Geſetzestafen!“—„Gebet der Iſraeliten beim Durch⸗ gange durch's rothe Meer.„Ahal ahal iſt das nicht etwa erhaben? iſt das nicht etwa heilig?“ Das Clavier er⸗ bebte unter ſeinen gewaltigen Händen, und die Theetaſſen tanzten auf dem Tiſche, als ſeine mächtige Baßſtimme die Melodien donnerte und ſein ſchwerer Fuß den Takt dazu ſtampfte. Es lag etwas wahrhaft Füchterliches, etwas Wildes und Dämoniſches in dem Ausbruche ſeines Entzückens über ſeinen eigenen Geſang und ſein Spiel, und in dem Triumphe, mit welchem er die Wirkung deſſelben auf mich gewahrte, als ich mich näher nach der Thür hin zurückzog. ————,— 245 Endlich aber wurde ich erlöſt, doch nicht durch meine eigene Anſtrengung, ſondern durch Sir Pertival's Dazwiſchen⸗ kunft. Er öffnete die Thür des Eßzimmers und rief zornig hinein,„was der verwünſchte Lärm bedeuten ſolle.“ Der Graf erhob ſich augenblicklich vom Clavier.„Ahl wenn Percival kommt,“ ſagte er,„ſo hat ſowohl Harmonie wie Melodie ein Ende. Die Muſe der Muſik flieht voll Ent⸗ ſetzen, Miß Halcombe, und ich, der dicke alte Troubadour, athme den Reſt meiner Begeiſterung in der freien Luft aus!“ Er ſchritt auf die Veranda hinaus, ſteckte ſeine Hände in die Taſchen und wiederholte draußen im Garten mit leiſer Stimme Moſes' Recitativ. Ich hörte, wie Sir Percival ihm durch das Fenſter des Eßzimmers zurief. Aber er beachtete es nicht: er ſchien entſchloſſen, nicht zu hören. Die lange verſchobene ruhige Unterredung ſollte noch immer verſchoben bleiben, es ſollte gewartet werden, bis es dem Grafen belieben würde, ſie zu genehmigen. Er hatte mich beinahe eine halbe Stunde von dem Augenblicke, wo ſeine Frau uns verlaſſen, im Salon zurückgehalten. Wo war ſie inzwiſchen geweſen und was hatte ſie gethan? Ich ging hinauf, um mich davon zu überzeugen, doch entdeckte ich nichts, und als ich Laura frug, fand ich, daß auch ſie nichts gehört hatte. Es hatte ſie Niemand geſtört, ſie hatte nicht das leiſeſte Rauſchen eines ſeidenen Kleides vernommen, weder im Vorzimmer noch im Corridor. Es fehlten jetzt zwanzig Minuten an neun Uhr. Nach⸗ dem ich in mein Zimmer gegangen, um mein Tagebuch zu holen, kehrte ich zu Laura zurück, wo ich ſchrieb und von 246 Zeit zu Zeit inne hielt, um mit ihr zu reden. Es ſtörte uns niemand, und es ereignete ſich nichts. Wir blieben bis zehn Uhr zuſammen. Dann ſtand ich auf, ſprach ein paar letzte ermuthigende Worte und wünſchte ihr gute Nacht. Sie verſchloß ihre Thür wieder, nachdem wir übereingekommen waren, daß ich morgen, ſobald ich auf⸗ geſtanden, gleich zu ihr kommen ſolle. „Ich hatte, ehe ich ſelbſt ſchlafen ging, noch einige wenige Sätze zu dem bereits in meinem Tagebuche Eingetragenen hinzuzufügen, und als ich in den Salon hinunterging, nach⸗ dem ich Laura an dieſem traurigen Tage zum letztenmale verlaſſen, beſchloß ich, mich dort nur zu zeigen, um meine Entſchuldigung zu machen, indem ich mich heute eine Stunde früher als gewöhnlich zurückzöge. „Ich fürchte, Sie befinden ſich nicht ganz ſo wohl wie gewöhnlich, Gräfin?“ ſagte ich. „Ganz dieſelbe Bemerkung, die ich von Ihnen zu machen im Begriffe war, meine Liebe“, entgegnete ſie. Meine Liebe! Es war das erſte mal, daß ſie ſich dieſes vertraulichen Ausdruckes gegen mich bediente! Auch lauerte in ihren Zügen ein impertinentes Lächeln, als ſie ſprach. „Ich habe mein böſes Kopfweh“, ſagte ich kalt. „Ach wirklich? Sie machen ſich wahrſ cheinlich nicht Be⸗ wegung genug? Ein Spaziergang vor Tiſche würde Ihnen gewiß gut gethan haben.“ Sie ſprach dies mit ſeltſamem Nachdrucke. Hatte ſie mich etwa ausgehen ſehen? Einerlei — die Briefe waren jetzt ſicher in Fanny's Händen. „Komm' und laß uns eine Cigarre zuſammen rauchen, Fosco“, ſagte Sir Percival aufſtehend und mit wieder⸗ holtem unruhigem Blicke auf ſeinen Freund. ——.,—, und jetzt in der Einſamkeit der Nacht ſtattfinden ſollte. 247 „Mit Vergnügen, Percival, ſobald die Damen ſich zurückgezogen haben werden“, entgegnete der Graf. „Entſchuldigen Sie mich, Gräfin, wenn ich Ihnen hierin das Beiſpiel gebe“, ſagte ich.„Das einzige Heilmittel für ein ſolches Kopfweh, wie das meinige, iſt im Schlafen⸗ gehen. 3 Ich verabſchiedete mich. Als ich ihr die Hand gab, ſah ich daſſelbe impertinente Lächeln in ihrem Geſicht. Sir Percival nahm keine Notiz von mir. Er blickte ungeduldig nach der Gräfin, die keine Anſtalten machte, das Zimmer mit mir zu verlaſſen. Der Graf lächelte hinter ſeinem Buche vor ſich hin. Die ungeſtörte Unterredung mit Sir Percival war nochmals verſchoben, und die Gräfin war diesmal das Hinderniß. Sobald ich in meinem Zimmer anlangte, öffnete ich dieſe Blätter und ſchickte mich an, den mir noch übrig bleibenden Theil meines Tagesberichtes niederzuſchreiben. Etwa zehn Minuten oder etwas länger ſaß ich müßig mit der Feder in der Hand da und ging in Gedanken die letztverfloſſenen zwölf Stunden wieder durch. Als ich meine Aufgabe endlich beginnen wollte, wurde mir dies ſo ſchwer, wie es noch nie zuvor der Fall geweſen war. Ungeachtet meiner Bemühungen, meine Gedanken auf meine Beſchäf⸗ tigung zu heften, wanderten dieſelben mit der ſeltſamſten Hartnäckigkeit immer wieder in der Richtung von Sir Percival und dem Grafen von ihr ab, und das ganze Intereſſe, das ich auf mein Tagebuch zu concentriren verſuchte, richtete ſich ſtatt deſſen auf die Privatunter⸗ redung zwiſchen ihnen, die den ganzen Tag verſchoben war 248 In dieſem widerſpenſtigen Geiſteszuſtande war ich nicht im Stande, mich klar deſſen zu erinnern, was ſich ſeit dem Morgen zugetragen hatte, und es blieb mir nichts Anderes übrig, als mein Tagebuch zu ſchließen und es eine kleine Weile ruhen zu laſſen. Ich öffnete die Thüre, welche von meinem Schlaf⸗ zimmer in mein Wohnzimmer führte, und zog ſie wieder hinter mir zu, um, da das Licht auf meinem Toiletten⸗ tiſche brannte, etwaiger Feuersgefahr, welche durch den Zug entſtanden wäre, vorzubeugen. Das Fenſter in mei⸗ ner Wohnſtube war offen, und ich lehnte mich gedanken⸗ los hinaus, um in die Nacht zu ſchauen. Alles war dunkel und ſtille. Es waren weder Mond noch Sterne ſichtbar. In der ſtillen, ſchweren Luft war ein Geruch wie von Regen, und ich ſtreckte die Hand hinaus, um ihn zu fühlen. Doch nein. Der Regen drohte erſt— er war noch nicht gekommen. Ich blieb faſt eine Viertelſtunde ſo aus dem Fenſter gelehnt und ſah in die ſchwarze Finſterniß hinaus. Es war nichts zu hören, außer hin und wieder die Stimmen der Diener, oder der ferne Schall einer Thüre, die im untern Theile des Hauſes geſchloſſen wurde. Eben als ich im Begriffe war, mich ermüdet vom Fenſter abzuwenden und in mein Schlafzimmer zurückzu⸗ kehren, um nochmals einen Verſuch zu machen, meinen Tagesbericht zu vollenden, verſpürte ich plötzlich einen Tabaksgeruch, der ſich auf der ſchweren Nachtluft zu mir emporſtahl. Im nächſten Augenblicke ſah ich in der dichten Finſter⸗ 249 niß einen kleinen rothen Funken vom andern Ende des Hauſes herkommen. Ich hörte keine Schritte und konnte nichts weiter ſehen, als den Funken. Dieſer wanderte in der Nacht daher, ging an dem Fenſter vorüber, an welchem ich ſtand, und blieb dem meines Schlafzimmers gegenüber ſtehen, wo ich das Licht auf meinem Toilettentiſche hatte brennen laſſen. Der Funken blieb einen Augenblick unbeweglich, dann bewegte er ſich nach derſelben Richtung hin zurück, in der er gekommen war. Als ich ihm mit den Augen folgte, ſah ich einen zweiten rothen Funken, etwas größer als den erſten, aus der Ferne herankommen. Beide begegneten ſich in der Dunkelheit. Indem ich mich erinnerte, wer Cigarren und wer Cigarretten rauchte, ſchloß ich augenblicklich, daß der Graf zuerſt herausgekommen, um unter meinem Fenſter zu beobachten und zu horchen, und daß Sir Percival ihm ſpäter gefolgt ſei. Sie mußten Beide auf dem Raſen gegangen ſein, ſonſt hätte ich ſicher Sir Percival's ſchwere Schritte hören müſſen, obgleich des Grafen leichter Tritt meinem Ohre ſelbſt auf dem Kieswege hätte entgehen können. Ich wartete ruhig am Fenſter, überzeugt, daß ſie mich in der Dunkelheit des Zimmers nicht ſehen würden. „Was gibt's“, hörte ich Sir Percival mit leiſer Stimme ſagen.„Warum kommſt Du nicht herein und ſetzeſt Dich ruhig zu mir?“ „Ich muß das Licht in dieſem Zimmer da erſt aus⸗ löſchen ſehen“, entgegnete der Graf leiſe. „Was kann Dir das Licht ſchaden?“ „Es beweiſt, daß ſie noch nicht zu Bett gegangen iſt. Sie iſt ſchlau genug, um etwas zu argwöhnen, und ver⸗ wegen genug, um herunterzukommen und zu horchen, wenn ſie es möglich machen kann. Geduld, Percival, Geduld.“ „Unſinn! Mit Deinem ewigen Geſchwätz von Ge⸗ duld!“. „Ich werde in wenigen Minuten von etwas Anderen reden. Mein guter Freund, Du ſtehſt am Rande Deines häuslichen Abgrundes, und falls ich es zulaſſe, daß Du den Frauen noch eine einzige Gelegenheit dazu gibſt, auf mein heiliges Ehrenwort! da werden ſie Dich hinab⸗ ſtoßen.“ „Was zum Henker willſt Du damit ſagen?“ „Wir wollen unſere Erklärungen anfangen, Percival, ſobald das Licht da aus dem Fenſter verſchwunden ſein wird, und ich einen kleinen Blick in die Stuben zu beiden Seiten der Bibliothek und auf die Treppe geworfen habe.“ Sie bewegten ſich langſam fort, und ihre Unterhal⸗ tung(welche durchweg in demſelben leiſen Tone geführt worden) wurde mir unhörbar. Doch war dies einerlei. Ich hatte genug gehört, um den Entſchluß zu faſſen, des Grafen Meinung von meiner Schlauheit und Verwegen⸗ heit zu rechtfertigen. Ehe mir noch die beiden rothen Funken aus dem Geſichte waren, hatte ich bereits bei mir ſelbſt beſtimmt, daß jene Beiden bei ihrer Unterhaltung einen Zuhörer haben ſollten, und daß⸗ ungeachtet aller Vor⸗ ſichtsmaßregeln des Grafen dies zu verhüten, ich ſelbſt dieſer Zeuge ſein werde. Ich bedurfte nur eines einzigen Beweggrundes, um eine ſolche Handlung in meinem Ge⸗ wiſſen zu billigen und mir den Muth zu geben, ſie auszu⸗ fül La⸗ „w R QOSXSUS —— dal, ſein den de. jal⸗ thrt rlei. des gen⸗ then mir tung Vor⸗ elbſt igen Ge⸗ azu⸗ führen, und dieſen Beweggrund hatte ich. Laura's Ehre, Laura's Glück und vielleicht Laura's Leben ſogar mochten in dieſer Nacht von meinem ſcharfen Gehöre und meinem treuen Gedächtniſſe abhängen. Ich hatte den Grafen ſagen hören, daß er die Zimmer zu beiden Seiten der Bibliothek ſowohl, wie die Treppe unterſuchen werde, ehe er ſich mit Sir Percival auf Er⸗ klärungen einließe. Dies genügte natürlich, um mich ſeine Abſicht verſtehen zu laſſen, daß er nämlich die Bibliothek als den Ort für die bevorſtehende Unterredung gewählt hatte. Die eine Minute, in der ich zu dieſem Schluſſe ge⸗ kommen, hatte genügt, mir auch zugleich das Mittel zu zeigen, wie ich ſeine Vorſichtsmaßregeln vereiteln konnte, oder mit anderen Worten, wie ich würde hören können, was er mit Sir Percival ſprach, ohne überhaupt in den untern Theil des Hauſes hinunter zu gehen. In meiner Beſchreibung der Zimmer im Erdgeſchoſſe habe ich einer Veranda erwähnt, auf die man vermittelſt franzöſiſcher Fenſter(oder Flügelfenſter) hinaustrat, welche vom Karnieß auf den Boden reichten. Das Dach dieſer Veranda war ein flaches, und das Regenwaſſer wurde durch Röhren davon ab und in Gruben geleitet, welche das Haus mit Waſſer verſehen halfen. Auf dem ſchmalen Bleidache, welches ſich vor den Schlafſtuben hinzog und das, glaube ich, etwas weniger als drei Fuß unter den Fenſtern lag, ſtand eine Reihe von Blumentöpfen in großen Zwiſchenräumen aufgeſtellt, welche durch ein zier⸗ liches Eiſengitter am äußeren Rande des Daches davor geſchützt war, vom Winde umgeworfen zu werden. Der Plan, der mir nun eingefallen, war: durch mein 252 Wohnſtubenfenſter auf dies Dach zu ſteigen, geräuſchlos darauf entlang zu ſchleichen, bis ich an die Stelle kam, die ſich unmittelbar über dem Bibliothekzimmer befand, und dann zwiſchen den Blumentöpfen und mit dem Ohre am Eiſengitter niederzukauern. Falls Sir Percival und der Graf ſich heute Abend zum Rauchen hinſetzten, wie ich ſie ſchon manchen Abend hatte ſitzen ſehen, nämlich dicht an den offenen Fenſtern, wobei ihre Füße auf den gußeiſernen Gartenſeſſeln ruhten, welche in der Veranda ſtanden, ſo mußte jedes Wort, das ſie lauter als im Flüſtertone mit einander ſprachen(und jeder Menſch weiß, daß eine lange Unterhaltung nicht im Flüſter⸗ tone fortgeſetzt werden kann) unfehlbar bis zu meinen Ohren dringen. Sollten ſie aber heute Abend vorziehen, mehr im Innern des Zimmers zu ſitzen, ſo hatte ich Ausſicht, wenig oder nichts zu hören, und mußte in dieſem Falle die weit ernſtlichere Gefahr laufen, ſie unten zu überliſten zu ſuchen. So ſehr ich mich auch durch das Verzweifelte unſerer Lage in meinem Entſchluſſe beſtärkt fühlte, ſo hoffte ich doch von ganzem Herzen, dieſer letzteren Nothwendigkeit zu entgehen. Mein Muth war doch immer nur Frauen⸗ muth, und er verließ mich beinahe, als ich daran dachte, mich in ſtiller Nacht ins Erdgeſchoß hinunter zu wagen und der Möglichkeit auszuſetzen, von Sir Percival und dem Grafen überraſcht zu werden. Ich kehrte leiſe in mein Schlafzimmer zurück, um das weniger gefährliche Experiment auf dem Dache der Ve⸗ randa zuerſt zu verſuchen. Eine vollſtändige Veränderung in meinem Anzuge war die und am der ich lich den nda im iſch ter⸗ nen jen, ich in iten rer ich keit ten⸗ hte, gen und das Ve⸗ war unumgänglich nothwendig, und zwar aus verſchiedenen Gründen. Ich legte erſtens mein ſeidenes Kleid ab, weil das geringſte Rauſchen deſſelben mich in der ſtillen Nacht verrathen hätte; dann die weißen und ſchwerfälligen Unter⸗ kleider, an deren Stelle ich einen Rock von dunklem Wollen⸗ zeuge anzog und darüber einen dunklen Reiſemantel, deſſen Kappe ich über den Kopf zog. In meiner gewöhnlichen Abendtoilette nahm ich Raum für wenigſtens drei Männer ein, in meinem gegenwärtigen Coſtume dagegen hätte ich jedem Manne durch die engſten Räume folgen können. Der geringe Raum auf dem Dache der Veranda zwiſchen den Blumentöpfen und den Fenſtern des Hauſes machte dies zur unerläßlichen Bedingung. Wer konnte ſagen, was die Folgen ſein würden, falls ich irgend Etwas umſtieß oder das geringſte Geräuſch machte? Nachdem ich Zündhölzchen neben das Licht geſtellt, löſchte ich daſſelbe aus und ſchlich im Finſtern wieder in mein Wohnzimmer zurück. Ich verſchloß die Thüre, wie ich ſchon die meines Schlafzimmers verſchloſſen hatte, dann ſtieg ich leiſe aus dem Fenſter und ſetzte die Füße vorſich⸗ tig auf die Bleiplatten der Veranda. Meine beiden Zim⸗ mer lagen an dem innern Ende des neuen Flügels, welchen wir Alle bewohnten, und ich mußte an fünf Fenſtern vor⸗ bei, um zu der Stelle zu gelangen, die unmittelbar über der Bibliothek lag. Das erſte Fenſter war das eines Fremdenzimmers, welches augenblicklich unbewohnt war. Die beiden nächſtfolgenden gehörten zu Laura's, das vierte zu Sir Percival's und das fünfte zum Zimmer der Gräfin. Die übrigen, an denen ich nicht mehr vorbei zu gehen brauchte, waren die Fenſter in des Grafen Ankleide⸗ 254 zimmer, der Badeſtube und der zweiten leeren Fremden⸗ ſtube. Kein Laut ließ ſich vernehmen— tiefe Finſterniß umgab mich, als ich die Füße auf die Veranda ge⸗ ſetzt hatte, ausgenommen an der Stelle, über welcher das Fenſter der Gräfin lag. Da, gerade an der Stelle über der Bibliothek, wo ich meinen Poſten nehmen mußte, gerade da ſah ich einen Lichtſtrahl. Die Gräfin war noch nicht zu Bette gegangen. Es war zu ſpät, um umzukehren, und keine Zeit, um zu warten. Ich beſchloß, auf alle Gefahr hin weiter zu ſchreiten und meiner Vorſicht und der Dunkelheit der Nacht zu vertrauen.„Es geſchieht für Laura!“ dachte ich bei mir ſelbſt, indem ich den erſten Schritt auf dem Dache vorwärts that, wobei ich mit der einen Hand meinen Mantel feſt um mich hielt und mit der andern meinen Weg an der Wand entlang fühlte. Lieber konnte ich mit den Kleidern an die Wand ſtreifen, als mich der Gefahr ausſetzen, mit den Füßen an die Blumentöpfe zu ſtoßen, welche nur wenige Zoll auf der andern Seite von mir entfernt waren. Ich ging an dem dunklen Fenſter des Fremdenzimmers vorüber, indem ich, ehe ich es wagte, mit meinem ganzen Gewichte auf dem Bleidache zu ruhen, erſt mit dem Fuße die Sicherheit deſſelben unterſuchte. Dann kam ich an Laura's dunklem Fenſter vorbei(„o, Gott, ſegne ſie und erhalte ſie in dieſer Nacht!“) und dann an Sir Perci⸗ val's dunklem Fenſter. Dann aber ſtand ich einen Augen⸗ blick ſtill; darauf kniete ich nieder, ſtützte mich mit den Händen auf den Boden und kroch ſo unter dem Schutze Ot der niedrigen Mauer zwiſchen dem Dache der Veranda und dem hellen Fenſter unter dem letzteren dahin. Als ich zum Fenſter hinauf zu blicken wagte, ſah ich, daß nur das obere Fenſter offen und das Rouleau inwen⸗ dig herabgelaſſen war. Während ich noch hinſchaute, ſah ich den Schatten der Gräfin auf dem weißen Felde des Rouleau's vorübergleiten und dann langſam wieder zu⸗ rückſchweben. Bis hierher konnte ſie mich noch nicht ge⸗ hört haben, oder der Schatten hätte ſicherlich am Rouleau ſtille geſtanden, ſelbſt wenn es ihr an Muth gefehlt hätte, aus dem Fenſter zu ſehen. Ich ſtellte mich mit der Seite gegen das Eiſengitter, nachdem ich mich zuvor, indem ich nach ihnen fühlte, von der Stellung der Blumentöpfe unterrichtet hatte. Es war gerade Raum genug, daß ich zwiſchen ihnen niederkauern konnte. Die duftenden Blüten zu meiner Linken ſtreiften mein Geſicht, als ich leiſe den Kopf an das Gitter legte. Die erſten Laute, welche von unten zu mir herauf⸗ drangen, wurden durch das Oeffnen oder Schließen(wahr⸗ ſcheinlich das letztere) dreier Thüren nacheinander ver⸗ urſacht— ohne Zweifel der des Vorſaals und der zwei anderen, die von der Bibliothek in die daneben liegenden Zimmer führten, welche der Graf ſich zu unterſuchen an⸗ heiſchig gemacht hatte. Das Nächſte, was ich ſah, war wieder der Funke, welcher abermals in der Dunkelheit unter der Veranda hervorkam, nach meinem Fenſter hin ſchwebte, einen Augenblick dort wartete und dann zu der Stelle zurückkehrte, von welcher er ausgegangen war. „Zum Henker mit Deiner Unruhe! Wann gedenkſt 256 Du Dich einmal zu ſetzen?“ brummte Sir Percival's Stimme unter mir. „Puh! Welch eine Hitze!“ ſagte der Graf mit einem Seufzer der Erſchöpfung. 3 Seinem Ausrufe folgte das Knirſchen der Gartenſtühle auf dem Pflaſter der Veranda, welches aus Kieſelſteinen beſteht— ein willkommenes Geräuſch, daß mir ſagte, daß ſie ſich, wie gewöhnlich, dicht ans Fenſter zu ſetzen im Be⸗ griff waren. Bis hierher war das Glück mir günſtig. Die Uhr im Thurme ſchlug ein Viertel vor zwölf, als ſie ſich auf ihren Plätzen niederließen. Ich hörte durch's Fenſter, wie die Gräfin gähnte, und ſah dann ihren Schatten nochmals auf dem weißen Felde des Rouleau's hinſchweben. Inzwiſchen fingen Sir Percival und der Graf unten ihre Unterhaltung an, indem ihre Stimmen hin und wieder etwas leiſer wurden, aber nie bis zum Flüſtern ſanken. Die Seltſamkeit und Gefahr meiner Lage, ſowie die Furcht vor der Gräfin erleuchtetem Fenſter, welche ich nicht be⸗ meiſtern konnte, machten es mir ſchwer, ja faſt unmöglich, gleich zu Anfang meine Geiſtesgegenwart zu behalten und meine Aufmerkſamkeit ausſchließlich auf die unten vor ſich gehende Unterhaltung zu richten. Während einiger Minu⸗ ten gelang es mir blos, den allgemeinen Inhalt derſelben zu erfaſſen. Ich verſtand, daß der Graf ſagte, das eine helle Fenſter ſei das ſeiner Frau; daß im Erdgeſchoſſe Alles ruhig ſei, und ſie ſich jetzt ohne Furcht vor Störung oder Unfall unterhalten könnten. Sir Percival antwortete hierauf, indem er ſeinem Freunde vorwarf, den ganzen Tag auf die unverantwortlichſte Weiſe ſeine Wünſche un⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 257 berückſichtigt gelaſſen und ſein Intereſſe vernachläſſigt zu haben, wogegen der Graf ſich vertheidigte, indem er er⸗ klärte, daß er von gewiſſen Unruhen und Beſorgniſſen erfüllt geweſen, die ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hätten, und daß ſeiner Anſicht nach die einzige ſichere Zeit zu einer Unterredung zwiſchen ihnen die ſei, wo ſie weder Störer noch Lauſcher zu befürchten hätten. „Wir ſtehen vor einer wichtigen Kriſis in unſeren An⸗ gelegenheiten, Percival,“ ſagte der Graf,„und wenn wir überhaupt einen Entſchluß über die Zukunft faſſen wollen, ſo muß dies heimlich in dieſer Nacht geſchehen.“ Dieſe Rede des Grafen war das Erſte, was meine Auf⸗ merkſamkeit gerade ſo, wie ſie geſprochen wurde, zu erfaſſen vermochte. Von dieſem Punkte an heftete ſich mein ganzes Intereſſe mit gewiſſen kurzen Unterbrechungen feſt und athemlos auf die Unterhaltung, und ich folgte ihr Wort für Wort. „Kriſis?“ wiederholte Sir Percival.„Ja, und zwar eine ſchlimmere Kdeijs als Du Dir denkſt, kann ich Dir ſagen!“ „So ſollte man nach Deinem Betragen während der letzten paar Tage allerdings vermuthen,“ entgegnete der Andere trocken.„Aber warte einen Augenblick. Ehe wir zu dem ſchreiten, was ich nicht weiß, laß uns ganz klar darüber ſein, was ich weiß. Laß uns erſt ſehen, ob ich in Bezug auf die Vergangenheit vollkommen unterrichtet bin, ehe ich Dir Vorſchläge über die Zukunft mache.“ „Warte, bis ich erſt den Rum und das Waſſer bringe. Trinke auch ein Glas.“ „Ich danke Dir, Percival. Friſches Waſſer mit Ver⸗ 17. 258 gnügen, dazu einen Löffel und etwas Zucker. Zuckerwaſſer, mein Freund, nichts weiter.“ „Zuckerwaſſer für einen Mann in Deinen Jahren!— Dal mach Dir Deine abſcheuliche Miſchung. Ihr Aus⸗ länder ſeid doch Einer wie der Andere.“ „Jetzt höre mich an, Percival; ich will Dir unſere Lage ſo klar vorlegen, wie ich ſie verſtehe, und dann ſollſt Du mir ſagen, ob ich Recht oder Unrecht habe. Wir Beide kehrten vom Feſtlande in dieſes Haus zurück in Geld⸗ verlegenheiten ſehr ernſter Natur—“ „Mach's kurz! Ich brauchte einige Tauſende und Du einige Hunderte, und ohne das Geld hatten wir Beide die ſchönſte Ausſicht, ſchmählich auf den Hund zu kommen. Das iſt unſere Lage. Mache d'raus, was Du kannſt, und fahre fort.“ „Nun gut, Percival, wie Du Dich in Deinem ſoliden Engliſch ausdrückſt: Du brauchteſt einige Tauſende und ich einige Hunderte, und die einzige Art und Weiſe, ſie zu er⸗ halten, war die, das Geld mit Hülfe Deiner Frau für Deine eigenen Bedürfniſſe aufzunehmen(mit einem ſchma⸗ len Rande für meine armen kleinen Hunderte). Was habe ich Dir auf unſerm Heimwege nach England über Deine Frau geſagt? und was habe ich Dir geſagt, als wir hierher kamen und ich ſelbſt im Stande war zu beurtheilen, was für eine Art von Charakter Miß Halcombe ſei?“ „Was weiß ich davon? Du haſt natürlich wie gewöhn⸗ lich Alles in Grund und Boden geſchwatzt.“ „Ich ſagte dies: der menſchliche Scharfſinn, mein Freund, hat bis dato erſt zweierlei Weiſen entdeckt, in denen ein Mann ein Weib regieren kann. Die eine der⸗ ͤhn⸗ nein „in der⸗ 259 ſelben beſteht darin, ſie zu Boden zu ſchlagen, eine Methode, die unter der brutalen niedern Klaſſe des Volkes großen Anklang findet, den höheren und gebildeten Ständen aber im höchſten Grade ein Greuel iſt. Die andere Weiſe(die viel langſamer, viel ſchwieriger iſt, aber nichts deſtoweniger ebenſo ſicher zum Ziele führt) iſt die, ſich niemals durch ein Weib aufreizen zu laſſen. Dies ſchlägt bei Thieren an und bei Kindern und Weibern, welche Letzteren nichts Anderes ſind, als aufgewachſene Kinder. Ruhige Entſchloſſenheit iſt diejenige Eigenſchaft, die ſowohl Thieren und Kindern, als den Frauen fehlt. Sowie es ihnen gelingt, dieſe überlegene Eigenſchaft in ihrem Meiſter zu erſchüttern, ſo bemeiſtern ſie ihn. Falls ihnen aber dies niemals gelingt, ſo regiert er ſie. Ich ſagte zu Dir: Denke an dieſe einfache Wahr⸗ heit, wenn Du Dir durch Deine Frau das Geld verſchaffen laſſen willſt. Ich ſagte: Denke doppelt und dreifach daran in Gegenwart von der Schweſter Deiner Frau, von Miß Halcombe. Haſt Du daran gedacht? Nicht ein einziges mal in all' den Verwickelungen, die ſich um uns herum ge⸗ zogen haben, ſeitdem wir in dieſem Hauſe ſind. Du haſt keine einzige Gelegenheit unbenutzt vorüber gehen laſſen, Dich von Deiner Frau oder Miß Halcombe reizen zu laſſen. Durch Deine tolle Heftigkeit verlorſt Du die Unterſchrift zum Documente, verlorſt das baare Geld, triebſt Miß Hal⸗ combe das erſtemal, an ihren Advocaten zu ſchreiben—“ „Das erſtemal? Was willſt Du damit ſagen?“ „Dies: Miß Halcombe hat heute zum zweitenmale an den Advocaten geſchrieben.“ Unten auf dem Pflaſter der Veranda fiel ein Stuhl um— mit einem Krachen, als ob er abſichtlich wüthend 17* 260 umgeſtoßen oder geſchleudert worden. Es war ein Glück für mich, daß des Grafen Mittheilung Sir Percival in dieſem Grade in Wuth verſetzte, denn als ich hörte, daß ich abermals verrathen, verließ mich im kritiſchen Augenblicke alle Selbſtbeherrſchung, und ich fuhr dermaßen zuſammen, daß das Gitter, an das ich mich lehnte, laut krachte. Wie, in des Himmels Namen, hatte er dies erfahren? Die Briefe hatten meine Taſche keine Secunde verlaſſen, bis ich ſie im Wirthshauſe Fanny's Händen übergab. „Du kannſt Deinem Glückſterne danken, daß Du mich im Hauſe haſt,“ hörte ich den Grafen ſagen,„um das Un⸗ heil ebenſo ſchnell wieder gut zu machen, wie Du es an⸗ richteſt. Danke Deinem Glücksſterne, daß ich Nein ſagte, als Du tollerweiſe davon ſprachſt, Miß Halcombe ein⸗ zuſperren, wie Du in Deiner unheilvollen Narrheit ſchon Deine Frau eingeſperrt hatteſt. Wo haſt Du Deine Augen? Kannſt Du Miß Halcombe anſchauen und nicht ſehen, daß ſie die Entſchloſſenheit und Umſicht eines Mannes beſitzt? Hätte ich das Weib zur Freundin, da ſchlüge ich der ganzen Welt ein Schnippchen. Da ſie aber meine Feindin iſt, ſo wandle ich, Fosco, der ich ſchlau bin wie der Teufel ſelbſt— wie Du mir zu hunderten von Malen wiederholt haſt— auf Eierſchalen, wie Ihr in England ſagt! Und dies ſuperbe Weib— ich trinke ihr Wohlſein hiermit in Zuckerwaſſer— dies ſuperbe Weib, das in der Kraft ſeiner Liebe und ſeines Muthes feſt wie ein Felſen zwiſchen uns Beiden und Deiner erbärmlichen, hübſchen Blondine von Frau ſteht— dies herrliche Weſen, das ich von ganzer Seele bewundere, obgleich ich ihm in Deinem Intereſſe und dem meinigen entgegenarbeite, treibſt Du aufs Aeußerſte, 261 als ob es um nichts ſchlauer oder kühner wäre als die Uebrigen ſeines Geſchlechts. Percival! Percival! Du ver⸗ dienſt, daß es Dir mißlänge, und es iſt Dir mißlungen.“ Es trat eine Pauſe ein. Ich ſchreibe des Elenden Worte über mich ſelbſt, weil ich ſie nicht vergeſſen will, und weil ich noch auf den Tag hoffe, an welchem ich werde ſprechen und ſie ihm Wort für Wort in die Zähne zurück⸗ werfen können. Sir Percival war der Erſte, welcher das Schweigen wieder brach. „Ja wohl; Du magſt bramarbaſiren und poltern, ſo⸗ viel Du Luſt haſt,“ ſagte er mürriſch;„die Geldverlegen⸗ heit iſt nicht unſere einzige Schwierigkeit. Du würdeſt ebenfalls für ſtrenge Maßregeln mit den Weibern ſein, wenn Du wiüßteſt, was ich weiß.“ „Wir wollen ſeiner Zeit auch auf dieſe zweite Schwie⸗ rigkeit kommen,“ fuhr der Graf fort.„Du magſt Dich ſelbſt nach Belieben verwirrt machen, Percival, mich aber mußt Du damit verſchonen. Laß uns zuerſt die Geldfrage erledigen. Habe ich Dich von Deiner Halsſtarrigkeit über⸗ zeugt? Habe ich Dir's klar gemacht, daß Deine Heftigkeit Dir nichts helfen wird? Oder muß ich wieder von vorn an⸗ fangen und(wie Du Dich in Deinem geliebten, offenen Engliſch ausdrückſt) noch ein wenig mehr bramarbaſiren und poltern?“ „Bah! Es iſt leicht genug, über mich zu ſchelten. Sage lieber, was dabei zu thun iſt, das iſt doch ein wenig ſchwerer.“ „So? meinſt Du? Bah! Dies iſt dabei zu machen: Du gibſt von heute Abend an die ganze Leitung der Sache 262 in meine Hände und überläßt ſie ihnen für die Zukunft. Ich ſpreche zu einem praktiſchen Britten, wie? Nun, prak⸗ tiſcher Britte, was ſagſt Du dazu?“ „Was beabſichtigſt Du zu thun, falls ich es Dir über⸗ laſſe?“ „Beantworte mir erſt meine Frage. Gibſt Du die Sache in meine Hände oder nicht?“ „Angenommen, ſie wäre in Deinen Händen— was dann?“ „Erlaube mir erſt ein paar Fragen, Percival; ich muß ein wenig warten, um mich durch die Umſtände leiten zu laſſen, und muß nach jeder Richtung hin wiſſen, welcher Art dieſe Umſtände wahrſcheinlicherweiſe ſein können. Es iſt keine Zeit zu verlieren. Ich habe Dir bereits geſagt, daß Miß Halcombe heute ſchon zum zweitenmale an den Advocaten geſchrieben hat.“ „Wie biſt Du dahinter gekommen? Was hat ſie ihm geſchrieben?“ „Wenn ich Dir das erzählte, Percival, ſo würden wir am Ende nur zu dem Punkte zurückkommen, an dem wir jetzt ſtehen. Genüge es, daß ich dahinter gekommen bin, und die Mittel hierzu waren es, die mich den ganzen Tag mit Beſorgniß erfüllten und zugleich mich Dir ſo unzu⸗ gänglich machten. Jetzt aber gilt es, mein Gedächtniß in Bezug auf Deine Angelegenheiten aufzufriſchen, es iſt ſchon ziemlich lange her, daß ich mit Dir darüber ſprach. Das Geld iſt in Ermangelung der Unterſchrift von Deiner Frau vermittelſt Wechſel, die in drei Monaten fällig werden, auf⸗ genommen worden, und zwar mit einem Verluſte, daß ſich bei dem Gedanken daran mein armes ausländiſches Haar —,—— ½ 263 ſträubt! Wenn nun dieſe Wechſel fällig werden, gibt es dann wirklich und wahrhaftig in der ganzen Welt kein anderes Mittel für Dich, ſie zu bezahlen, als mit Hülfe Deiner Frau?“ „Keins.“ „Was! Haſt Du gar kein Geld bei Deinem Banquier?“ „Ein paar hundert Pfund, für die ich gerade ſo viele Tauſend gebrauche.“ „Haſt Du keine einzige andere Sicherheit zu bieten, auf die Du borgen könnteſt?“ „Keinen Fetzen!“ „Was haſt Du in der Wirklichkeit augenblicklich mit Deiner Frau bekommen?“ „Nichts als die Zinſen von ihren zwanzigtauſend Pfund — kaum genug für unſere täglichen Ausgaben.“ „Was haſt Du noch von ihr zu erwarten?“ „Dreitauſend Pfund jährliche Renten, wenn ihr Onkel ſtirbt.“ „Ein hübſches Vermögen, Percival. Was für eine Art von Menſch iſt dieſer Onkel? Alt?“ „Nein— weder alt noch jung.“ „Ein munterer, gut lebender Mann? Verheirathet? Nein— mich dünkt, meine Frau hat mir geſagt, daß er nicht verheirathet iſt.“ „Natürlich nicht. Wenn er verheirathet wäre und einen Sohn hätte, ſo wäre ja Lady Glyde nicht die nächſte Erbin der Güter. Ich will Dir ſagen, was er iſt. Er iſt ein kläglicher, egoiſtiſcher Narr und langweilt alle Leute, die ihm zu nahe kommen, mit ſeinem Geſundheitszuſtande zu Tode.“ 264 „Die Art Leute leben lange, Percival, und wenn man es am wenigſten erwartet, heirathet er aus reiner Bosheit. Ich gebe Dir nicht viel für Deine Ausſicht auf die Drei⸗ tauſend des Jahres, mein Freund. Bringt Deine Frau Dir ſonſt nichts mit?“ „Nichts.“ „Durchaus gar nichts?“ „Durchaus gar nichts— ausgenommen falls ſie ſtirbt?“ „Ahal falls ſie ſtirbt alſo!“ Es trat nochmals eine Pauſe ein. Der Graf trat von der Veranda auf den Kiesweg hinaus. Ich konnte dies nach ſeiner Stimme beurtheilen.„Da iſt endlich der Regen,“ hörte ich ihn ſagen. In der That, es hatte zu regnen angefangen. Der Zuſtand meines Mantels bewies mir, daß es bereits eine kleine Weile ziemlich heftig ge⸗ regnet haben mußte. Der Graf kehrte unter die Veranda zurück, ich hörte den Stuhl unter ſeinem Gewichte knarren, als er ſeinen Platz wieder einnahm. „Nun, Percival,“ ſagte er,„und was bekommſt Du, falls Lady Glyde ſtirbt?“ „Wenn ſie keine Kinder hinterläßt—“ „Was nicht wahrſcheinlich iſt?“ „Was im höchſten Grade wahrſcheinlich iſt—“ „Nun?“ „Nun, dann bekomme ich ihre zwanzigtauſend Pfund.“ „Baar ausgezahlt?“ „Baar ausgezahlt.“ Sie ſchwiegen abermals. Als ihre Stimmen aufhör⸗ —— —„—--——,—, 3 7 265 ten, verdunkelte der Schatten der Gräfin nochmals das Rouleau. Anſtatt aber vorüber zu gleiten, blieb er dies⸗ mal ſtehen. Ich ſah ihre Finger ſich um die eine Kante des Rouleaux ſtehlen und daſſelbe zur Seite ziehen. Der undeutliche, blaſſe Umriß ihres Geſichtes erſchien gerade über mir hinter dem Fenſter— ich verhielt mich ganz ruhig, vom Kopf bis zu den Füßen in meinen ſchwarzen Mantel gehüllt. Der Regen, welcher mich durchnäßte, ſchlug an das Fenſter und verwehrte ihr die Ausſicht.„Noch mehr Regen!“ hörte ich ſie zu ſich ſelbſt ſprechen. Dann ließ ſie das Rouleau wieder fallen, und ich athmete freier. Unten wurde die Unterhaltung fortgeſetzt, diesmal aber vom Grafen wieder aufgenommen. „Percival! hältſt Du viel von Deiner Frau?“ „Fosco! Die Frage ſcheint mir ſehr offen.“ „Ich bin ein offener Mann und wiederhole ſie.“ „Was, zum Henker, ſiehſt Du mich ſo an?“ „Du willſt mir nicht antworten? Nun denn, wir wollen annehmen, Deine Frau ſtürbe, ehe der Sommer vorüber iſt—“ „Laß das, Fosco!“ „Nehmen wir an, Deine Frau ſtürbe—“ „Laß das, ſage ich Dir!“ „In dem Falle würdeſt Du zwanzigtauſend Pfund gewinnen; und verlieren würdeſt Du—“ „Die Ausſicht auf dreitauſend Pfund jährliche Renten.“ „Die entfernte Ausſicht, Percival— nur die ent⸗ fernte Ausſicht. Und Du brauchſt ſofort Geld. Der Ge⸗ winn iſt in Deiner Lage gewiß— der Verluſt zweifel⸗ haft.“ 266 „Sprich für Dich ſowohl, als für mich. Ein Theil des Geldes, das ich brauche, wurde für Dich geborgt. Und wenn Du doch von Gewinn ſprichſt, ſo würde der Tod meiner Frau der Deinigen zehntauſend Pfund in die Taſche ſpielen. So pfiffig Du auch biſt, ſo ſcheinſt Du doch bei dieſer Gelegenheit das Legat der Gräfin Fosco vergeſſen zu haben. Sieh mich nicht ſo an! Ich verbitte es mir! Es überläuft mir die Haut wahrhaftig ganz eiſig bei Deinen Blicken und Reden!“ „Die Haut? Bedeutet Haut etwa im Engliſchen: Gewiſſen? Ich ſpreche von dem Tode Deiner Frau, wie von einer Möglichkeit. Und warum wohl nicht? Die achtungswerthen Advocaten, die Eure Urkunden und Teſta⸗ mente kritzeln und kratzen, ſehen doch dem Tode lebender Leute gerade ins Geſicht. Machen Die Euch die Haut ſchaudern? Warum ſollte ich ſie Dir alſo ſchaudern machen? Ich habe es mir heute Abend zur Aufgabe ge⸗ macht, mir Deine Lage ſo auseinanderzuſetzen, daß ich kein Verſehen machen kann, und jetzt bin ich damit zu Ende. Dies iſt Deine Lage: falls Deine Frau am Leben bleibt, ſo bezahlſt Du jene Wechſel mit ihrer Unterſchrift. Stirbt ſie, ſo bezahlſt Du ſie mit ihrem Tode.“ Während er ſprach, erloſch das Licht im Zimmer der Gräfin, und die ganze zweite Etage des Hauſes lag jetzt in Dunkelheit da. „Wie Du faſelſt!“ brummte Sir Percival;„wenn man Dich anhört, ſollte man denken, daß wir die Unter⸗ ſchrift meiner Frau bereits in der Taſche hätten.“ „Du haſt die Sache in meine Hände gegeben,“ entgeg⸗ nete der Graf; ich habe mehr als zwei Monate vor mir, um —+-—B ̈ 22—, 267 mich umſchauen zu können. Sprich für jetzt nicht weiter darüber. Sobald die Wechſel fällig werden, wirſt Du ſehen, ob mein„Faſeln» zu etwas nütze iſt, oder nicht. Und jetzt, Percival, da die Geldgeſchäfte für heute Abend abgemacht ſind, ſtelle ich Dir meine Aufmerkſamkeit zu Dienſten, falls Du mich über jene zweite Schwierigkeit zu Rathe zu ziehen wünſcheſt, die ſich in unſere kleinen Verlegenheiten gemiſcht und Dich ſeit Kurzem ſo ungün⸗ ſtig verändert hat, daß ich Dich kaum wieder erkenne. Sprich, mein Freund, und verzeihe mir, wenn ich noch⸗ mals Deine hitzigen nationalen Gefühle verletze, indem ich mir noch ein Glas Zuckerwaſſer miſche.“ „Es iſt Alles ganz gut, wenn Du ſggſt: ſprich,“ erwiderte Sir Percival in einem weit ruhigeren und höflicheren Tone, als er ſich noch bisher anzuſchlagen bequemt;„aber es iſt nicht ſo leicht zu wiſſen, wie man anfängt.“ „Soll ich Dir helfen?“ ſagte der Graf.„Soll ich dieſer Deiner Privatverlegenheit einen Namen geben? Wie wär's, wenn ich ſie— Anna Catherick nennte?“ „Sieh' her, Fosco, wir Beide kennen einander ſeit langer Zeit; und wenn Du mir ſchon ehedem ein paarmal aus der Klemme geholfen haſt, ſo habe ich meinerſeits mein Möglichſtes gethan, um Dir Gegendienſte zu leiſten, ſo⸗ weit Geld mich dazu in Stand ſetzte. Wir haben ein⸗ ander, ſoviel wir Männer nur können, gegenſeitige Freund⸗ ſchaftsdienſte geleiſtet; aber wir haben natürlich auch unſere Geheimniſſe vor einander gehabt,— wie?“ „Du haſt allerdings ein Geheimniß vor mir gehabt, Percival. Du haſt hier in Blackwater Park ſo ein Skelett 268 im Schranke, das während dieſer letzten paar Tage ſchon Anderen, außer Dir, ins Geſicht geſehen hat.“ „Nun geſetzt, das wäre der Fall. Wenn es aber Dich nichts angeht, brauchſt Du nicht neugierig darauf zu ſein, wie?“ „Sehe ich aus, als ob ich neugierig darauf wäre?“ „Ja, das thuſt Du.“ „Sol ſo! alſo mein Geſicht ſpricht die Wahrheit? Welch eine unbeſchreiblich gute Grundlage in der Natur eines Mannes ſein muß, der mein Alter erreicht, und deſſen Geſicht noch immer die Gewohnheit, die Wahrheit zu ſprechen, be⸗ wahrt!— Komm, Glyde, laß uns offen gegen einander ſein. Dies Dein Geheimniß hat mich aufgeſucht, anſtatt daß ich es aufgeſucht hätte. Wir wollen annehmen, ich ſei neugierig, bitteſt Du mich, als Deinen alten Freund, Dein Geheimniß zu achten und es ein für allemal Dir ſelbſt zu überlaſſen?“ „Ja, das iſt eben, warum ich ausdrücklich bitte.“ „Dann iſt meine Neugier zu Ende. Sie ſtirbt von dieſem Augenblicke an in mir.“ „Meinſt Du das im Ernſte?“ „Warum zweifelſt Du daran?“ „Ich habe einige Erfahrung in Deinen Schlichen und Umwegen, Fosco, und bin mir nicht ſicher, daß Du es nicht doch noch einmal aus mir herauszerrſt.“ Der Stuhl unten krachte abermals laut, und ich fühlte, wie der Gitterpfeiler unter mir erbebte. Der Graf war aufgeſprungen und hatte voll Entrüſtung mit der Hand dagegengeſchlagen. „Percival! Percival!“ rief er aufgeregt.„Kennſt Du mich noch nicht beſſer? Hat all' Deine Erfahrung Dir 1 269 noch nichts von meinem Charakter gezeigt? Ich bin ein Mann nach dem Typus des Alterthums! Ich bin der er⸗ habenſten, tugendhafteſten Handlungen fähig, wenn ich Ge⸗ legenheit dazu habe. Es iſt das Unglück meines Lebens geweſen, wenige ſolche Gelegenheit zu finden. Meine Auf⸗ faſſung von der Freundſchaft hat etwas Göttliches! Iſt es meine Schuld, daß Dein«Skelett mich angeſchaut hat? Warum bekenne ich meine Neugier? Du armer, oberfläch⸗ licher Engländer! nur, um meine Selbſtbeherrſchung zu zei⸗ gen. Ich könnte, wenn ich wollte, Dein Geheimniß aus Dir herausziehen, wie ich dieſen Finger durch meine Handfläche hinziehe— das weißt Du auch recht gut! Aber Du haſt meine Freundſchaft angerufen, und die Pflichten der Freund⸗ ſchaft ſind mir heilig. Sieh her, ich trete meine erniedrigende Neugier mit Füßen. Meine großen Gefühle heben mich darüber hinweg. Erkenne ſie an, Percival! Ahme ſie nach, Percival! Gib mir die Hand, ich vergebe Dir.“ Seine Stimme bebte bei den letzten Worten— bebte, wie wenn er Thränen vergöſſe! Sir Percival ſuchte ſich voll Verwirrung zu entſchul⸗ digen. Aber der Graf war zu hochherzig, um ihn aus⸗ reden zu laſſen. „Nein!“ ſagte er,„wenn mein Freund mich verletzt hat, ſo kann ich ihm vergeben, ohne daß er mir Ent⸗ ſchuldigungen macht. Sage mir mit einfachen Worten, ob Du meiner Hülfe bedarfſt?“ „Ja, und zwar ſehr.“ „Und Du kannſt ſie von mir fordern, ohne Dich und Dein Geheimniß bloszuſtellen.“ „Ich kann es wenigſtens verſuchen.“ 2 „Verſuche es alſo.“ „Nun, die Sache ſteht ſo: ich ſagte Dir heute, daß ich mein Möglichſtes gethan, um Anna Catherick zu fin⸗ den, und daß es mir nicht gelungen.“ „Ja; ganz recht.“ 1 „Fosco! ich bin verloren, wenn ich ſie nicht finde.“ „Hal Iſt die Sache ſo ernſthaft?“ Ein kleiner Lichtſtrom kam unter die Veranda und fiel auf den Kiespfad. Der Graf hatte die Lampe aus dem Innern des Zimmers geholt, um das Geſicht ſeines Freundes deutlicher zu ſehen. „Ja!“ ſagte er.„Diesmal ſpricht Dein Geſicht die Wahrheit. Sehr ernſthaft— faſt ebenſo ernſthaft wie die Geldverlegenheit.“ „Weit ernſthafter! So wahr ich hier ſitze— weit ernſthafter!“ Das Licht verſchwand wieder, und die Unterhaltung wurde fortgeſetzt. „Ich zeigte Dir doch den Brief an meine Frau, den Anna Catherick für ſie im Sande verſteckte,“ fuhr Sir Percival fort;„in dem Briefe prahlt ſie nicht, Fosco, ſie kennt das Geheimniß!“ „Sage in meiner Gegenwart ſo wenig wie möglich von dem Geheimniſſe, Percival. Weiß ſie es durch Dich?“ „Nein, durch ihre Mutter.“ „Zwei Weiber im Beſitze Deines Geheimniſſes— ſchlimm, ſchlimm, ſchlimm, guter Freund! Erlaube mir hier eine Frage, ehe wir weiter gehen. Dein Beweggrund, indem Du die Tochter ins Irrenhaus ſperrteſt, iſt mir jetzt klar genug, aber die Art und Weiſe ihrer Flucht iſt —21 mir nicht ganz ſo klar. Haſt Du die Leute, deren Sorg⸗ falt ſie übergeben war, im Verdacht, auf Erſuchen irgend eines Feindes, der ſie dafür bezahlen konnte, abſichtlich die Augen geſchloſſen zu haben?“ „Nein, ſie war die folgſamſte und ruhigſte aller Pa⸗ tientinnen der Anſtalt, und man war dumm genug, ihr zu trauen. Sie iſt gerade wahnſinnig genug, um ein⸗ geſperrt werden zu können, und gerade vernünftig genug, um mich zu verderben, wenn ſie in Freiheit— falls Du dies verſtehen kannſt?“ „Ich verſtehe es. Nun, Percival, komm gleich zur Sache, und dann werde ich wiſſen, was ich zu thun habe. Wo ſteckt augenblicklich die Gefahr Deiner Lage?“ „Anna Catherick iſt in der Nachbarſchaft und in Ver⸗ bindung mit Lady Glyde, das iſt die Gefahr, und mir ſcheint ſie klar genug. Wer kann wohl den Brief leſen, den ſie im Sande verſteckte, und nicht daraus ſehen, daß meine Frau im Beſitz des Geheimniſſes iſt, wie ſehr ſie es auch leugnen mag?“. „Einen Augenblick, Percival. Falls Lady Glyde wirk⸗ lich das Geheimniß kennt, ſo muß ſie zugleich wiſſen, daß es ein compromittirendes für Dich iſt. Als Deine Frau liegt es doch natürlich in ihrem Intereſſe, es zu bewahren?“ „So? meinſt Du? Ich werde gleich darauf kommen. Es läge vielleicht in ihrem Intereſſe, wenn ſie ſich einen Pfifferling um mich ſcheerte. Aber ich bin zufälligerweiſe einem andern Manne im Wege.— Sie war in ihn verliebt, ehe ſie mich heirathete, ſie iſt noch jetzt in ihn verliebt, ein verdammter Vagabonde von einem Zeichnen⸗ lehrer— Hartright heißt er.“ ——yy— ————— —— 272 „Mein beſter Freund? Was iſt denn daran ſo Außer⸗ ordentliches? Sie ſind Alle in einen andern Mann ver⸗ liebt. Wer hätte wohl je das Erſte von dem Herzen eines Weibes bekommen? In allen meinen Erfahrungen bin ich noch keinem Ehemanne begegnet, der Numero Eins gewe⸗ ſen wäre. Zuweilen wohl Numero Zwei; und Numero Drei, Vier und Fünf häufig. Aber Numero Eins nie! Es exiſtirt natürlich, aber begegnet bin ich ihm nie!“ „Wartel ich bin noch nicht zu Ende. Wer, glaubſt Du wohl, half Anna Catherick den Vorſprung gewinnen, als die Leute aus dem Irrenhauſe hinter ihr her waren? — Hartright. Wer, glaubſt Du wohl, ſah ſie hernach in Cumberland wieder?— Hartright. Beidemale ſprach er allein mit ihr. Halt! unterbrich mich nicht. Der Schuft iſt ebenſo vernarrt in meine Frau, wie ſie in ihn. Er weiß das Geheimniß, und ſie weiß es. Laß ſie einmal wieder zuſammenkommen, ſo iſt es ihr Beider Intereſſe, ihre Kenntniß deſſelben als Waffe gegen mich zu richten.“ „Sachte, Percival, ſachte! Vergißt Du die Tugend von Lady Glyde?“ „Kein Schuß Pulver für die Tugend von Lady Glyde! Ich glaube an nichts in ihr, als an ihr Geld. Siehſt Du denn nicht, wie die Sachen ſtehen? Allein mag ſie noch harmlos genug ſein, aber ſobald ſie und der Vaga⸗ bonde, der Hartright—“ „Ja, ja, ich ſehe ſchon. Wo iſt Mr. Hartright?“ „Außer Landes. Und wenn er eine heile Haut auf ſeinen Knochen behalten will, ſo rathe ich ihm, ſobald nicht wieder zurückzukommen.“ „Weißt Du es gewiß, daß er außer Landes iſt?⸗ —+—„»—. „Ganz gewiß. Ich ließ ihn von dem Augenblicke an, 3 g ch 9 wo er Cumberland verließ, bis zu dem, wo er ſich einſchiffte, O beobachten. O, ich bin vorſichtig geweſen, kann ich Dir ſagen! Anna Catherick war zum Beſuche bei Leuten, die auf einem Gehöfte nahe bei Limmeridge wohnten. Ich ging ſelbſt zu ihnen, nachdem ſie ſchon wieder entflohen war, und überzeugte mich, daß ſie nichts wußten. Ich gab ihrer Mutter einen Brief abzuſchreiben und ihn Miß Halcombe zu ſchicken, in welchem ſie mich von jedem ſchlech⸗ ten Beweggrunde frei ſprach, als ich die Tochter unter Aufſicht geſtellt hatte. Ich habe ſchon ſo viel Geld ausge⸗ geben, um ſie aufzufinden daß ich nicht daran denken mag. Und trotz Allem erſcheint ſte plötzlich hier und entgeht mir wieder auf meinem eignent Grund und Boden! Wie kann ich wiſſen, wen ſie noch ſonſt ſehen oder mit wem ſie noch ſonſt ſprechen mag? Der Hartright, der ſpionirende Schuft, kann zurückkommen, ohne daß ich es erfahre, und ſchon morgen Gebrauch von ihr machen—“ „Nein, Percival, das wird er nicht! So lange ich hier bin, und jenes Frauenzimmer in unſerer Nachbarſchaft, verpflichte ich mich, ſie vor Mr. Hartright aufzufinden, ſelbſt wenn er zurückkommen ſollte. Ich ſehe! ja, ja, ich ſehe! Die erſte Nothwendigkeit iſt die, Anna Ca⸗ therick aufzufinden, um das Uebrige kannſt Du Dich be⸗ ruhigen. Deine Frau iſt hier in Deinen Händen. Miß Halcombe iſt unzertrennlich von ihr und darum ebenfalls in Deinen Händen; und Mr. Hartright iſt außer Lan⸗ des. Dieſe unſichtbare Anna iſt Alles, woran wir für's Erſte zu denken haben. Du haſt Deine Erkundigungen eingezogen?“ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. II. 18 274 „Ja, ich bin bei ihrer Mutter geweſen; ich habeé da ganze Dorf durchſtöbert, und Alles ohne Erfolg.“ „Kann man ſich auf ihre Mutter verlaſſen?“ „Sa. „Sie hat einmal Dein Geheimniß verrathen?“ „Sie wird es nicht zum zweitenmale verſuchen.“ „Warum nicht? Iſt ihr eigenes Intereſſe damit ver⸗ bunden, ſowohl wie das Deinige?“ „Ja, eng damit verknüpft.“ „Es freut mich um Deinetwillen, Percival, das zu hören. Laß den Muth nicht ſinken, mein Freund. Unſere Geldangelegenheiten laſſen mir reichlich Zeit, in der ich mich umſchauen kann, wie ich Nn ſagte; und viel⸗ leicht bin ich morgen glücklicher in einen Nachforſchungen nach Anna Catherick, als Du heute geweſen biſt. Noch eine letzte Frage, ehe wir ſchlafen gehen.“ „Was iſt es?“ „Dies: Als ich nach dem Boothauſe ging, um Lady Glyde zu benachrichtigen, daß die kleine Schwierigkeit we⸗ gen der Unterſchrift aufgeſchoben ſei, führte der Zufall mich zu rechter Zeit hin, um ein fremdes Frauenzimmer auf ſehr verdächtige Weiſe von Deiner Frau ſcheiden zu ſehen. Aber der Zufall ließ mich nicht nahe genug heran kommen, um das Geſicht der Fremden deutlich zu unter⸗ ſcheiden. Ich muß wiſſen, woran ich unſere unſichtbare Anna zu erkennen habe. Wie ſieht ſie aus?“ „Wie ſie ausſieht? Nun! das will ich Dir mit zwei Worten beſchreiben. Sie iſt ein krankes Ebenbild meiner Frau.“ Der Stuhl knarrte und der Pfeiler bebte abermals. 8 3 1 275 Der Graf war wieder aufgeſprungen— diesmal vor erſtaunen. „Was!!!“ rief er aus. „Denke Dir meine Frau nach einer ſchweren Krank⸗ heit mit einem Anfluge von Geiſtesverwirrung, und Du haſt Anna Catherick“, antwortete Sir Percival. „Sind ſie mit einander verwandt?“ „Nicht im Geringſten.“ „Und doch einander ſo ähnlich?“ „Ja. Warum lachſt Du?“ rief Sir Percival aus. „Vielleicht über meine eigenen Gedanken, mein beſter Freund. Sieh mir meinen italieniſchen Humor nach, ge⸗ höre ich nicht der berühnien Nation an, welche die Vor⸗ ſtellungen des Polichinel erfand? Schön, ſchön, ſchön, ich werde Anna Catherick erkennen, wenn ich ſie ſehe, und ſomit genug für heute Abend. Beruhige Dich, Percival. Schlafe, mein Sohn, ſchlafe den Schlaf des Gerechten und ſieh, was ich für Dich thun werde, wenn das Tages⸗ licht kommt, um uns Beiden zu helfen. Ich habe meine Pläne und Projekte hier in meinem großen Kopfe. Du ſollſt dieſe Wechſel bezahlen und Anna Catherick finden, mein heiliges Ehrenwort darauf, daß Du es ſollſt! Bin ich nun ein Freund, den man im beſten Winkel des Herzens tragen ſollte, oder nicht? Verdiene ich jene Geldvorſchüſſe, an die Du mich auf ſo zartfühlende Weiſe vorhin erin⸗ nerteſt. Was Du auch thun mögeſt, verletze nie wieder meine Gefühle. Erkenne ſie an, Percival, und ahme ſie nach, wenn Du kannſt! Ich vergebe Dir nochmals! Gib mir noch einmal die Hand. Gute Nacht!“ Kein Wort wurde weiter geſprochen. Ich hörte den 18* 276 Grafen die Thür der Bibliothek ſchließen und Sir Per⸗ cival die Eiſenſtangen vor die Fenſterläden legen. Es hatte die ganze Zeit hindurch geregnet. Meine Glieder waren durch die ſo lange unverändert gebliebene, ge⸗ zwungene Lage krampfhaft zuſammen gezogen und durch die Näſſe und Kälte wie erſtarrt. Als ich zuerſt mich zu rühren verſuchte, war die Anſtrengung ſo ſchmerzhaft, daß ich genöthigt war, es aufzugeben. Ich verſuchte es zum zweitenmale, und es gelang mir, mich auf dem naſſen Dache auf meine Knie zu erheben. Als ich an die Wand kroch und mich an derſelben aufrichtete, ſchaute ich zurück, und ſah, wie ſich das Fen⸗ ſter in des Grafen Ankleidezimer erhellte. Mein ſin⸗ kender Muth flackerte wieder in mir auf und feſſelte meine Blicke an ſein Fenſter, während ich mich Schritt für Schritt an der Mauer wieder zurückſchlich. Die Uhr im Thurme ſchlug das Viertel nach ein Uhr, als ich meine Hände auf die Fenſterſchwelle meines Zimmers legte. Ich hatte nichts geſehen oder gehört, das mich vermuthen ließ, daß irgend Jemand meinen Rückzug entdeckt hätte. Den 6. Juli.— Acht Uhr. Die Sonne ſteht hell an dem klaren Himmel. Ich bin keinen Angenblick im Bette geweſen, habe nicht ein einzigesmal meine müden matten Augen geſchloſſen. Durch daſſelbe Fenſter, durch das ich geſtern Abend auf die Finſterniß hinausſchaute, blicke ich jetzt in die helle Stille des Morgens. Ich zähle die Stunden, welche verfloſſen ſind, ſeitdem ich den Schutz dieſes Zimmers verließ, nach meinen Em⸗ 22,. pfindungen— und dieſe Stunden erſcheinen mir wie Wochen. Wie kurze Zeit und doch wie lange für mich— ſeit ich in der Finſterniß hier zu Boden ſank, bis auf die Haut durchnäßt, ſtarr an allen Gliedern, kalt bis ins Mark, ein nutz⸗ und hülfloſes, angſtergriffenes Geſchöpf. Ich weiß kaum, wann ich wieder zu mir kam. Ich erinnere mich kaum, wann ich mich in mein Schlafzimmer zurückſchleppte, ein Licht anzündete und(zuerſt mit einer ſonderbaren Ungewißheit darüber, wo ich danach ſuchen mußte) mir trockene Kleider holte, um mich wieder zu er⸗ wärmen. Ich erinnere mich wohl, Alles dies gethan zu haben, aber nicht, wann es geſchah. Kann ich mich ſogar entſinnen, wann das Gefühl der ſtarren Kälte der glühenden Hitze wich? Es muß vor Sonnenaufgang geweſen ſein,— ja, ich hörte es drei Uhr ſchlagen. Ich erinnere mich dieſer Zeit nach der plötzlichen Helle und Klarheit, nach der fieberhaf⸗ ten Aufregung all' meiner Kräfte, welche mit ihr kamen. Ich erinnere mich meines Entſchluſſes, mich zu beherrſchen, geduldig eine Stunde nach der andern zu warten, bis ſich eine Gelegenheit bieten würde, Laura, ohne Furcht vor der augenblicklichen Entdeckung und Verzweiflung, aus dieſem entſetzlichen Orte hinwegzuführen. Ich erinnere mich, wie ſich meinem Geiſte allmälig die Ueberzeugung aufdrang, daß das, was jene Beiden zuſammen geſprochen hatten, uns nicht allein rechtfertigen würde, indem wir das Haus verließen, ſondern auch uns mit Waffen der Ver⸗ theidigung gegen ſie verſehen mußte. Ich entſinne mich des Impulſes, der mich trieb, ihre Worte, ſo lange meine 278 Zeit noch mir gehörte, und ſie noch friſch in meinem Ge⸗ dächtniſſe waren, ſchriftlich und genau ſo aufzubewahren, wie ſie geſprochen wurden. Alles deſſen erinnere ich mich noch ganz klar: es iſt noch keine Verwirrung in meinem Geiſte. Ich erinnere mich deutlich, wie ich vor Sonnen⸗ aufgang mit Feder, Tinte und Papier aus meinem Schlaf⸗ zimmer hier hereintrat— wie ich mich an das weit g ge⸗ öffnete Fenſter ſetzte, um möglichſt viele kühle Luft zu fühlen— wie ich unaufhörlich immer ſchneller und ſchnel⸗ ler ſchrieb, immer heißer und heißer glühte, immer wacher und wacher wurde, während der ſchrecklichen Zwiſchen⸗ zeit, ehe es ſich im Hauſe wieder regte,— wie klar es Alles vor mir iſt, vom Anfange beim Lampenlichte bis zum Ende auf der vorhergehenden Seite im hellen Sonnen⸗ ſchein des neuen Tages! Wozu ſitze ich noch immer hier? Wozu ermüde ich meine heißen Augen und meinen glühenden Kopf, indem ich noch immer weiter ſchreibe? Warum lege ich mich nicht nieder und ruhe aus, und ſuche im Schlafe das Feuer zu löſchen, das mich verzehrt? Ich wage nicht, es zu verſuchen. Eine nie gefühlte Furcht hat mich ergriffen. Ich ängſtige mich um dieſe Glut, die mir die Haut austrocknet, und um das Klopfen und Hämmern in meinem Kopfe. Wie kann ich wiſſen, wenn ich mich niederlege, ob ich die Kraft und die Be⸗ ſinnung haben werde, wieder aufzuſtehen? O, der Regen, der Regen— der grauſame Regen, der mich in der Nacht erſtarrte! 279 gewiß? Ich ſchaudere wieder,— ſchaudere am ganzen Körper in der Sommerluft. Habe ich hier gegeſſen und geſchlafen? Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. O, mein Gott! werde ich krank? Krank, zu einer ſolchen Zeit! Mein Kopf— ich fürchte ſo ſehr für meinen Kopf. Ich kann ſchreiben, aber die Zeilen verſchwimmen alle in einander. Ich ſehe die Worte, Laura— ich kann Laura ſchreiben und es leſen. Acht oder neun, was war es? So kalt, ſo kalt— o, dieſer Regen geſtern Abend! Und die Schläge der Uhr; die Schläge, die ich nicht zählen kann, ſie ſchlagen fortwähreud in meinem Kopfe— Anmerkung. (An dieſer Stelle fängt das ins Tagebuch Einge⸗ tragene an unleſerlich zu werden. Die zwei oder drei noch folgenden Zeilen enthalten bloſe Bruchſtücke von Wörtern, die durch Kleckſe und Federſtriche entſtellt ſind. Die letzten Zeichen auf dem Papiere gleichen den An⸗ fangsbuchſtaben(L und A) von Lady Glyde’s Namen. Auf der nächſten Seite des Tagebuchs findet ſich eine andere Schrift. Es iſt die Handſchrift eines Mannes, groß, entſchloſſen, feſt und regelmäßig; das Datum iſt „Den 7. Juli.“ Sie lautet folgendermaßen:) „(Poſtſeriptum eines aufrichtigen Freundes.) Die Krankheit unſerer vortrefflichen Miß Halcombe hat mir die Gelegenheit zu einem unerwarteten geiſtigen Genuſſe verſchafft. Ich meine die Durchſicht dieſes intereſſanten Tage⸗ buchs, welche ich ſoeben beendet habe. 0 Es ſind hier viele hundert Seiten. Ich kann, die Hand aufs Herz gelegt, geſtehen, daß jede Seite mich intereſſirt, erquickt und entzückt hat. Für einen Mann von meinen Gefühlen iſt es unaus⸗ ſprechlich erfreulich, dies ſagen zu können. Bewunderungswürdiges Weib! Ich meine Miß Halcombe. Erſtaunliche Anſtrengung! Ich meine das Tagebuch. Ja! Dieſe Blätter ſind erſtaunlich. Der Takt, den ich hier finde, die Umſicht, der ſeltene Muth, die wunder⸗ bare Gedächtnißkraft, die genaue Beobachtungsgabe, die bezaubernden Ansbrüche weiblichen Gefühls, haben meine Bewunderung für dies göttliche Weſen, für dieſe ſüperbe Marianne ganz unendlich vermehrt. Die Darſtellung mei⸗ nes eigenen Charakters iſt über alle Beſchreibung meiſter⸗ haft. Ich bezeuge von ganzem Herzen die Treue des Portraits. Ich fühle, welch einen lebhaften Eindruck ich gemacht haben muß, um in ſo kräftigen, glänzenden, poſtöſen Farben dargeſtellt zu werden. Ich beklage von neuem die grauſame Nothwendigkeit, welche unſere In⸗ tereſſen einander feindlich gegenüberſtellt. Wären die Ver⸗ hältniſſe glücklicherer geweſen, wie würdig wäre Miß Halcombe meiner geweſen. Die Gefühle, welche mein Herz bewegen, verſichern mich, daß die Zeilen, welche ich ſoeben geſchrieben habe, eine hohe Wahrheit ausdrücken. Dieſe Gefühle erheben mich über bloſe perſönliche Rückſichten. Ich bezeuge auf die unparteiiſchſte Weiſe die Vortrefflichkeit der Kriegsliſt, durch welche dies 281 unvergleichliche Weib bei der heimlichen Unterredung zwi⸗ ſchen Percival und mir zugegen war, wie auch die wunder⸗ bare Genauigkeit ihres Berichtes über die ganze Unter⸗ haltung von Anfang bis zu Ende derſelben. Dieſe Gefühle haben mich bewogen, dem unzugäng⸗ lichen Arzte, der ſie behandelt, meine umfaſſende Kennt⸗ niß der Chemie und meine glänzenden Erfahrungen in den noch weit feineren Hülfsquellen, welche die medici⸗ niſche und magnetiſche Wiſſenſchaft der Menſchheit zu Gebote ſtellen, anzutragen. Doch hat er es bisjetzt aus⸗ geſchlagen, ſich meines Beiſtandes zu bedienen. Elender Mann! 3 Endlich dictiren jene Gefühle dieſe Zeilen— dank⸗ bare, theilnehmende, päterliche Zeilen. Ich ſchließe das Buch. Mein ſtrenges Rechtlichkeitsgefühl legt es(ver⸗ mittelſt der Hände meiner Gattin) wieder an ſeinen Platz auf den Tiſch der Schreiberin. Die Ereigniſſe treiben mich fort. Die Verhältniſſe leiten mich zu ernſten Aus⸗ gängen. Umfaſſende Perſpectiven des Erfolges öffnen ſich vor meinen Blicken. Ich erfülle mein Geſchick mit einer Ruhe, die mir ſelbſt fürchterlich erſcheint. Nichts als der Tribut meiner Bewunderung iſt mein eigen. Ich lege ihn mit huldigender Zärtlichkeit zu Miß Halcombe's Füßen nieder. Ich bete für ihre Geneſung. Ich bezeige ihr mein innigſtes Bedauern über das unvermeidliche Mißlingen jenes Planes, den ſie für das Wohl ihrer Schweſter gemacht hat. Zugleich aber bitte ich ſie, mir zu glauben, daß die Kenntniß, welche ich ihrem Tagebuche entnommen, in keiner Weiſe zu dieſem 4 282 Mißlingen beitragen wird. Dieſelbe beſtärkt mich ganz einfach in dem Plane, den ich mir zuvor gebildet hatte. Ich habe es dieſen Blättern zu danken, daß ſie die fein⸗ ſten Empfindungen meiner Natur erweckt haben, weiter nichts. Einem Weſen, das gleicher Empfindungen fähig iſt, wird dieſe einfache Ausſage Alles erklären und Alles bei ihm entſchuldigen. Miß Halcombe iſt ein Weſen, das gleicher Empfin⸗ dungen fähig iſt.— In dieſer Ueberzeugung zeichne ich mich Fosco. Ende des zweiten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — ——— 8