Lei hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 on 4— Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Teih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für antchentlich 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 1 Mk.— PFf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Nk. Pf. K8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ kaßen vür mir geliehen, auch dafür zu ſtehen Hden⸗ —--— Ein tiekes Geheimniss. Dritter Band. Ein tiekes Geheimniss. Roman von Wilkie Collins, Verfaſſer von„Die Fraͤu in Weiß“ ꝛc. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. Dritter Band. Leipzig, Voigt& Günther. 1862. Erstes Aapitel. Man nähert ſich dem Abgrunde. Es war am 9. Mai geweſen, als Mr. und Miſtreß 4 Frankland auf ihrer Reiſe von London nach Porthgenna an der Station Weſt Winſton Halt gemacht hatten. Am 11. Juni verließen ſie dieſen Ort wieder, um ihre Reiſe nach Cornwall weiter fortzuſetzen. Am 12. langten ſie, nachdem ſie unterwegs ein Nachtquartier gemacht, gegen Abend in Porthgenna Tower an. Es hatte den ganzen Morgen geſtürmt und geregnet. Im Laufe des Nachmittags war es ruhiger geworden, und als die Reiſenden endlich das Schloß erreichten, hatte der Wind ſich vollſtändig gelegt. Ein dichter, weißer Nebel entzog aber das Meer den Blicken und plötzliche Regenſchauer fielen noch von Zeit zu Zeit. Nicht einmal ein einſamer Müßiggänger aus dem Dorfe trieb ſich an der weſtlichen Terraſſe herum, als der Wagen mit dem jungen Ehepaar, dem Kinde und zwei Dienern an dem Hauſe vorfuhr. Niemand wartete an der offenen Thür, um die Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 1 Reiſenden zu empfangen, denn alle Hoffnung, daß ſie dieſen Tag ankommen würden, war aufgegeben worden und das unaufhörliche Donnern der Brandung an der Küſte unten übertäubte das Rollen der Wagenräder auf der nach der Terraſſe führenden Straße. Der Kutſcher mußte von ſeinem Sitze herunterſteigen und die Thürglocke ziehen. Es verging über eine Minute, ehe geöffnet ward. Der Regen plätſcherte eintönig und ununterbrochen auf das Dach des Wagens, die rauhe Feuchtigkeit der Atmoſphäre drang durch alle Umhüllungen und Fugen, das Dröhnen der Brandung erklang in der dichten Dunkelheit des Nebels drohend nahe, und ſo warteten die jungen Eheleute auf den Einlaß in ihre eigene Hei⸗ mat wie zu ungelegener Zeit kommende Fremdlinge. Als das Thor endlich geöffnet ward, wurden Herr und Herrin, welche die Dienſtleute bei jeder andern Ge⸗ legenheit mit geeigneten Glückwünſchen bewillkommnet haben würden, jetzt dagegen mit den geeigneten Entſchul⸗ digungen empfangen. Mr. Munder, Miſtreß Pentreath, Betſey und Mr. Frankland's Lakai drängten ſich alle in die Halle herbei und baten verlegen um Verzeihung, daß ſie nicht an der Thür bereit geſtanden, als der Wagen vorgefahren. Das Erſcheinen des Kleinen verwandelte die abge⸗ droſchenen Entſchuldigungen der Haushälterin und der Magd in ebenſo abgedroſchene Ausdrücke der Bewun⸗ derung; die Männer aber blieben ernſt und düſter und ſprachen von dem erbärmlichen Wetter in einem Tone, als ob ſie daran ſchuld wären. 80 . Der Grund, weshalb ſie ſo hartnäckig bei dieſem einen unerfreulichen Thema verweilten, trat zu Tage, als Mr. Frankland und ſeine junge Gattin die weſtliche Treppe hinauf geführt wurden. Der Sturm am Mor⸗ gen war unheilvoll für drei der im Dorfe Porthgenna wohnenden Fiſcher geweſen. Alle drei waren mit ihren Booten verunglückt und ihr Tod hatte das ganze Dorf in Trauer verſetzt. Die Dienſtleute des Schloſſes hatten, ſeitdem ſie zu einer frühen Stunde des Nachmittags Kunde von dieſem Unglücksfall erhalten, nichts gethan als davon geſprochen, und Mr. Munder hielt es nun für ſeine Pflicht, zu er⸗ klären, daß die Abweſenheit der Dorfbewohner bei Ge⸗ legenheit der Ankunft ihrer Gutsherrſchaft ihren Grund einzig und allein in der traurigen Wirkung habe, welche durch den Untergang des Fiſcherboots auf die kleine Ge⸗ meinde hervorgebracht worden ſei. Unter weniger be⸗ klagenswerthen Umſtänden hätte die weſtliche Terraſſe ſicherlich von Menſchen gewimmelt und das Erſcheinen des Wagens wäre mit lautem Freudenrufe bewillkommnet worden. „Lenny, ich wünſche faſt, daß wir noch ein wenig länger gewartet und uns jetzt noch nicht hierher begeben hätten“, flüſterte Roſamunde, indem ſie ſich ängſtlich an den Arm ihres Gatten klammerte.„Es iſt ſehr ſchauer⸗ lich und entmuthigend, an einem ſolchen Tage wie dieſer in meine erſte Heimat zurückkehren zu müſſen. Die Geſchichte von den armen Fiſchern iſt eine traurige und kein freudiger Willkommen für mich an dem Orte meiner Geburt. Wir wollen gleich morgen früh hinſchicken und 1* 4 ſehen, was wir für die armen, hülfloſen Frauen und Kinder thun können. Ich werde mich, nachdem ich dieſe Geſchichte gehört, nicht eher wieder in meinem Gemüth ruhig fühlen, als bis wir etwas zum Troſte dieſer ar⸗ men Leute gethan haben.“ „Mit den Reparaturen werden Sie hoffentlich zu⸗ frieden ſein, Madame“, ſagte die Haushälterin, indem ſie auf die nach der zweiten Etage führende Treppe zeigte. „Mit den Reparaturen?“ wiederholte Roſamunde zerſtreut.„Mit den Reparaturen! Ich höre dieſes Wort jetzt nie, ohne an die nördlichen Zimmer und an die Pläne zu denken, die wir entworfen hatten, um meinen armen guten Vater zu bewegen, darin zu wohnen. Miſtreß Pentreath, ich habe an Euch und Mr. Munder eine Menge Fragen in Bezug auf die außerordentlichen Dinge zu thun, die ſich hier ereignet haben, als jene geheimnißvolle Frau und jener räthſelhafte Ausländer hier geweſen ſind, um das Haus in Augenſchein zu nehmen. Aber erſt ſagt mir— dies hier iſt die weſt⸗ liche Front— wie weit ſind wir hier von den nörd⸗ lichen Zimmern entfernt? Ich meine, wie viel Zeit wür⸗ den wir brauchen, wenn wir jetzt nach dieſem Theile des Hauſes gehen wollten?“ „O, nicht fünf Minuten, Madame“, antwortete Miſtreß Pentreath. „Nicht fünf Minuten!“ wiederholte Roſamunde, wie⸗ der ihrem Gatten zuflüſternd.„Hörſt Du das, Lenny? In fünf Minuten könnten wir in dem Myrthenzimmer ſein.“ „Und dennoch“, ſagte Mr. Frankland lächelnd,„den⸗ noch ſind wir bei der Unwiſſenheit, in der wir uns gegenwärtig befinden, davon noch ebenſo weit entfernt, als wenn wir noch in Weſt Winſton wären.“ „Das glaube ich nicht, Lenny. Es iſt vielleicht blos Einbildung von mir, aber jetzt, wo wir an Ort und Stelle ſind, iſt es mir, als hätten wir das Geheimniß bis in ſein letztes Verſteck getrieben. Wir ſind nun wirklich in dem Hauſe, welches dieſes Geheimniß in ſich ſchließt, und ich laſſe mir es nicht ausreden, daß wir auch ſchon halb auf dem Wege ſind, es ausfindig zu machen. Doch wir wollen nicht auf dieſem kalten Vor⸗ platz ſtehen bleiben. Wohin haben wir jetzt zu gehen?“ „Hierhin, Madame“, ſagte Mr. Munder, indem er die erſte Gelegenheit benutzte, um ſich vorzudrängen und bemerkbar zu machen.„Das Beſuchzimmer iſt geheizt. Wollen Sie mir die Ehre geſtatten, Sir, Sie nach dem fraglichen Zimmer zu leiten und zu führen?“ ſetzte er hinzu, indem er Mr. Frankland dienſtfertig die Hand entgegenſtreckte. „Nein, durchaus nicht!“ miſchte Roſamunde ſich ſo⸗ fort ein. Mit ihrer gewohnten ſcharfen Beobachtungs⸗ gabe hatte ſie bemerkt, daß es Mr. Munder an dem Zartgefühl fehlte, welches ihn hätte abhalten ſollen, ſei⸗ nen blinden Herrn in ihrer Gegenwart neugierig anzu⸗ gaffen, und ſie ward deshalb ſehr zu ſeinen Ungunſten eingenommen.„Wo auch das fragliche Zimmer ſein mag“, fuhr ſie mit ſatyriſchem Nachdruck fort,„ſo werde ich Mr. Frankland dorthin führen, wenn Ihr mir es erlaubt. Wenn Ihr Euch nützlich machen wollt, ſo geht lieber voran und öffnet die Thür.“ Aeußerlich demüthig, in ſeinem Innern aber entrüſtet, ging Mr. Munder nach dem Beſuchzimmer voran. Das Feuer brannte hell, das altmodiſche Zimmergeräth nahm ſich ſehr maleriſch und vortheilhaft aus, die Tapeten an den Wänden ſahen behaglich und warm und der Teppich, ſo verſchoſſen er auch war, fühlte ſich doch unter den Füßen weich und warm an. Roſamunde führte ihren Gatten an einen Lehnſtuhl am Kamin und begann ſich nun zum erſten Male hei⸗ miſch zu fühlen. „Hier ſieht es wirklich recht behaglich aus“, ſagte ſie.„Wenn wir dieſe ſchauerlichen weißen Nebel nicht mehr ſehen, wenn die Lichter angezündet ſind und der Thee auf dem Tiſche ſteht, werden wir uns über nichts mehr in der Welt zu beklagen haben. Dieſe ⸗warme Atmoſphäre iſt Dir angenehm, Lenny, nicht wahr? Es ſteht ein Piano hier im Zimmer; da kann ich Dir alſo des Abends in Porthgenna vorſpielen, gerade ſo wie ich in London zu thun pflegte.— Wärterin, ſetzt Euch nieder und macht es Euch mit dem Kleinen ſo bequem als Ihr könnt. Ehe wir unſere Hüte abſetzen, muß ich mit Miſtreß Pentreath fortgehen und nach dem Schlaf⸗ zimmer ſehen. Wie heißt Du, mein Mädchen, mit dem gutmüthigen, rothbäckigen Geſicht?— Betſey? Wohlan denn, Betſey, gehe jetzt hinunter und hole den Thee und wenn Du uns auch etwas kaltes Fleiſch mit herauf⸗ bringen kannſt, ſo ſoll es uns um ſo lieber ſein.“ Nachdem Roſamunde in dieſen gutgelaunten Aus⸗ drücken ihre Befehle ertheilt, ohne darauf zu achten, daß ihr Gatte eine etwas unbehagliche Miene machte, daß ſie ſo vertraulich zu einer Dienerin ſprach, verließ ſie in Miſtreß Pentreath's Begleitung das Zimmer. Als ſie zurückkam, war ihr Geſicht und ihr Weſen verändert. Sie ſah und ſprach jetzt ernſt und ruhig: „Ich hoffe, ich habe alles ſo angeordnet, wie es am beſten iſt, Lenny“, ſagte ſie.„Das luftigſte und größte Zimmer iſt, wie Miſtreß Pentreath mir ſagt, das, in welchem meine Mutter geſtorben iſt. Ich glaubte aber, wir thäten wohl, von dieſem keinen Gebranch zu machen; es war mir, als äußerte ſchon ſein Anblick eine erkäl⸗ tende und traurig ſtimmende Wirkung auf mich. eiter⸗ hin auf dem Corridor befindet ſich das Zimmer! elches meine Kinderſtube war. Als Miſtreß Pentreath mir ſagte, ſie habe gehört, daß ich darin geſchlafen, war es mir faſt, als beſönne ich mich auf den hübſchen kleinen Thürbogen, der in das zweite Zimmer führte— in die Nachtkinderſtube, wie man ſie früher nannte. Ich habe befohlen, hier einzuheizen und die Betten zu machen. Es iſt auch noch ein Zimmer rechter Hand da, welches mit der Tagkinderſtube zuſammenhängt. Ich glaube, in dieſen drei Zimmern könnten wir uns ſehr bequem und behag⸗ lich einrichten— wenn Du nämlich nichts dagegen zu erinnern haſt—, obſchon ſie weder ſo groß, noch ſg elegant eingerichtet ſind wie die Fremdenzimmer. Wenn Du es wünſcheſt, kann ich die Sache auch anders ar⸗ rangiren. Das Haus ſieht auf den erſten Blick etwas einſam und öde aus— mein Herz zieht mich zu der alten Kinderſtube hin und ich glaube, wir könnten es wenigſtens zum Anfange dort verſuchen, Lenny?“ . 8 Mr. Frankland war ganz der Meinung wie ſeine junge Gattin und bereit, allen häuslichen Arrangements, die ſie angemeſſen fände, beizutreten. Während er ihr dies verſicherte, ward der Thee ge— bracht und der Anblick deſſelben half Roſamunden ihre gewohnte Heiterkeit wiedergewinnen. Als der Thee getrunken war, beſchäftigte ſie ſich da⸗ mit, daß ſie ihrem Kleinen ein bequemes Unterkommen für die Nacht in dem Zimmer rechter Hand bereitete, welches mit der Tagkinderſtube zuſammenhing. Nachdem ſie dieſe mütterliche Pflicht erfüllt, kam ſie zu ihrem Gatten in das Beſuchzimmer zurück und die Unterſfültung zwiſchen ihnen drehte ſich, wie jetzt, wenn ſie allein waren, faſt ſtets der Fall war— um die bei⸗ den räthſelhaften Themata— Miſtreß Jazeph und das Myrthenzimmer. „Ich wollte, es wäre nicht ſchon Nacht“, ſagte Roſa⸗ munde.„Ich möchte mit meinen Nachforſchungen lieber ſofort beginnen. Vergiß nicht, Lenny, daß Du mich auf denſelben begleiten mußt. Ich leihe Dir meine Augen und Du gibſt mir Deinen Rath. Du darfſt nicht die Geduld verlieren und mir niemals ſagen, daß Du mir von keinem Nutzen ſein könneſt. Du wirſt ſowohl mei⸗ nen Muth aufrecht erhalten, als mir auch mit Deinen Rathſchlägen zur Seite ſtehen. Wie wünſchte ich, daß wir unſere Entdeckungsreiſe noch dieſen Augenblick an⸗ treten könnten! Jedenfalls aber können wir Erkundigungen einziehen“, fuhr ſie fort, indem ſie die Klingel zog. „Wir wollen die Haushälterin und den Caſtellan herauf⸗ kommen laſſen und verſuchen, ob wir ihnen nicht etwas mehr abfragen können als ſie uns in ihrem Briefe mit⸗ getheilt haben.“ Betſey erſchien auf den Ruf der Klingel. Roſamunde trug ihr auf, Mr. Munder und Miſtreß Pentreath heraufzuſchicken. Betſey, welche Miſtreß Frankland die Abſicht ausdrücken hörte, die Haushälterin und den Caſtellan zu befragen, errieth, warum dieſe beiden Per⸗ ſonen jetzt verlangt wurden, und lächelte geheimnißvoll. „Haſt Du vielleicht auch etwas von jenen ſeltſamen fremden Leuten geſehen, die ſich ſo ſonderbar hier be⸗ nommen haben?“ fragte Roſamunde, das Lächeln be⸗ merkend.„Ganz gewiß iſt es ſo. Sage uns, was Du ſahſt. Wir wünſchen, Alles zu hören, was geſchehen iſt— Alles, bis auf die geringſte Kleinigkeit.“ In dieſer directen Weiſe aufgefordert, bemühte Betſey ſich mit vielen Umſchweifen zu erzählen, was ſie von dem Thun und Treiben der räthſelhaften Frau und ihres ausländiſchen Begleiters ſelbſt mit angeſehen und gehört hatte. Als ſie fertig war und dann gehen wollte, hielt Roſamunde ſie mit der Frage zurück: „Du ſagſt, die Frau ſei ohnmächtig oben an der Treppe liegend gefunden worden. Weißt Du vielleicht, Betſey, weshalb ſie ohnmächtig geworden war?“ Die Magd zögerte. „Nau“, ſagte Roſamunde,„Du weißt etwas davon, ich ſehe es Dir an. Sag' es uns.“ „Ich fürchte, Sie werden mir böſe ſein, Madame“, ſagte Betſey, indem ſie ihre Verlegenheit dadurch aus⸗ drückte, daß ſie mit ihrem Zeigefinger langſam Linien auf einem neben ihr ſtehenden Tiſch zog. „Durchaus nicht; ich werde Dir blos bös ſein, wenn Du nicht ſprichſt. Alſo weshalb glaubſt Du, daß die fremde Frau ohnmächtig geworden war?“ Betſey zog mit ihrem verlegenen Zeigefinger eine ſehr lange Linie, wiſchte ſie dann mit ihrer Schürze wieder weg und antwortete: „Ich glaube, ſie ward ohnmächtig, weil ſie das Ge⸗ ſpenſt geſehen hatte.“ „Das Geſpenſt! Was! Iſt ein Geſpenſt hier im Hauſe? Lenny, da werden wir eine romantiſche Geſchichte zu hören bekommen, die wir nicht erwartet hätten! Was für ein Geſpenſt iſt es denn? Erzähle uns die ganze Geſchichte!“ Die ganze Geſchichte, wie Betſey dieſelbe erzählte, war nicht geeignet, ihren Zuhörern außerordentliche Auf⸗ ſchlüſſe zu gewähren, oder ſie lange in Ungewißheit zu erhalten. Das Geſpenſt war eine Dame, die vor langer Zeit die Gattin eines der Beſitzer von Porthgenna Tower geweſen und ſich eines Betrugs gegen ihren Gatten ſchul⸗ dig gemacht hatte. Deshalb war ſie verdammt worden, in den nördlichen Zimmern umzugehen, ſo lange die Mauern derſelben zuſammenhielten. Sie hatte langes, gekräuſeltes, hellbraunes Haar, ſehr weiße Zähne, und ein Grübchen in jeder Wange und war mit einem Worte ganz„fürchterlich ſchön“ anzuſehen. Ihre An⸗ näherung ward jedem Sterblichen, der ſo unglücklich war, ihr in den Weg zu kommen, durch das Wehen eines kalten Windes verkündet und niemand, der jemals dieſen Wind gefühlt, hatte Ausſicht, wieder warm zu werden. Dies war Alles, was Betſey von dem Geſpenſt wußte, und es war nach ihrer Meinung genug, um ſchon bei dem Gedanken daran das Blut eines jeden Menſchen in den Adern erſtarren zu machen. Roſamunde lächelte, dann machte ſie wider ein ernſtes Geſicht. „Ich wollte, Du hätteſt uns noch etwas mehr er⸗ zählen können“, ſagte ſie.„Da Du dies aber nicht kannſt, ſo müſſen wir es zunächſt mit Miſtreß Pentreath und Mr. Munder verſuchen. Schicke die beiden daher herauf, Betſey, ſobald Du hinunterkommſt.“ Das Verhör der Haushälterin und des Caſtellans führte durchaus zu keinem Reſultat. Es war aus ihnen weiter nichts herauszubekommen, als was ſie ſchon in ihrem Briefe an Miſtreß Frankland mitgetheilt hatten. Mr. Munder's vorherrſchende Idee war, daß der Ausländer das Schloß Porthgenna mit verbrecheriſchen Abſichten auf das ſilberne Tafelgeſchirr betreten habe. Miſtreß Pentreath ſtimmte dieſer Meinung bei und erwähnte in Verbindung damit ihre eigene perſönliche Vermuthung, daß die Frau in der dunkeln ſaubern Klei⸗ dung eine kurz vorher aus einem Irrenhauſe entſprungene Unglückliche ſei. Was einen guten Rath oder den Vorſchlag eines Weges zur Löſung des Geheimniſſes betraf, ſo ſchien weder die Haushälterin noch der Caſtellan zu glauben, daß die Leiſtung eines Beiſtandes dieſer Art überhaupt in ihr Departement gehöre. Sie hatten ihre eigene praktiſche Anſicht von der Handlungsweiſe der beiden 12 Fremden, und keine menſchliche Macht konnte ſie ver⸗ mögen, einen Zoll darüber hinauszublicken. „O, die Dummheit, die unüberwindliche, anmaßende Dummheit dieſer beiden Menſchen“, rief Roſamunde, als ſie mit ihrem Gatten wieder allein war.„Von dieſen iſt keine Hülfe zu erwarten. Wir haben nun auf nichts zu hoffen als auf die Unterſuchung des Hauſes morgen, und dieſe Hoffnung kann uns ebenſo täuſchen wie alle übrigen. Wie muß es mit Doctor Chennery ſtehen? Warum hörten wir nicht von ihm, ehe wir geſtern Weſt Winſton verließen?“ „Geduld, Roſamunde, Geduld! Wir werden ſehen, was die Poſt morgen bringt.“ „Ach, ſprich nicht von Geduld! Mein Vorrath an dieſer Tugend war niemals ein ſehr bedeutender und iſt ſeit wenigſtens zehn Tagen ſchon völlig erſchöpft. O, wie viele Wochen habe ich mir vergebens dieſe eine Frage vorgelegt: Warum warnte Miſtreß Jazeph mich, in das Myrthenzimmer zu gehen? Fürchtet ſie, daß ich ein Ver⸗ brechen entdecken oder daß ich durch den Fußboden brechen werde? Was wollte ſie in dem Zimmer thun, als ſie hineinzugelangen verſuchte? Warum ins Himmels Na⸗ men weiß ſie etwas von dieſem Hauſe, was ich niemals wußte und was mein Vater ebenſo wenig wußte als je— mand anders?“ „Roſamunde“, rief Mr. Frankland, indem er plötz⸗ lich die Farbe wechſelte und in ſeinem Stuhle zuſammen⸗ fuhr.„Ich glaube, ich kann errathen, wer Miſtreß Jazeph iſt.“ „Mein Gott, Lenny, was meinſt Du?“ „Etwas in dieſen Deinen letzten Worten brachte mich auf den Gedanken in dem Augenblick, wo Du ſprachſt. Weißt Du noch, als wir im Seebad waren und mit⸗ einander darüber ſprachen, ob es uns wohl möglich ſein würde, Deinen Vater zu bewegen, hier bei uns zu wohnen, weißt Du noch, Roſamunde, daß Du mir damals von gewiſſen unangenehmen Erinnerungen er⸗ zählteſt, welche dieſes Haus für ihn hätte und daß Du unter dieſen auch das geheimnißvolle Verſchwinden einer Dienerin am Morgen des Todes Deiner Mutter erwähnteſt?“ Roſamunde ward bleich bei dieſer Frage. „Wie kommt es, daß wir nicht ſchon früher daran gedacht haben?“ ſagte ſie. „Du erzählteſt mir“, fuhr Mr. Frankland fort, „dieſe Dienerin habe einen ſeltſamen Brief zurückgelaſſen, in welchem ſie geſtanden, daß Deine Mutter ihr zur Pflicht gemacht, Deinem Vater ein Geheimniß mitzu⸗ theilen— ein Geheimniß, welches ſie ſich ſcheute zu offenbaren und wegen deſſen ſie ausgefragt zu werden fürchtete. Habe ich Recht oder nicht, wenn ich dieſe zwei Gründe als diejenigen nenne, die ſie für ihr Verſchwin⸗ den angab?“ „Du haſt vollkommen Recht.“ „Und Dein Vater hörte niemals wieder von ihr?“ „Nein, niemals.“ „Es iſt ein kühner Schluß, den ich ziehe, Roſa⸗ munde, aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß an dem Tage, wo Miſtreß Jazeph in Weſt Winſton in Dein Zimmer kam, dieſe Frau keine andere war als jene Dienerin, und daß ſie das auch wußte.“ „Und das Geheimniß, Lenny— das Geheimniß, welches ſie ſich ſcheute meinem Vater mitzutheilen?“ „Muß in irgend einer Weiſe mit dem Myrthenzimmer zuſammenhängen.“ Roſamunde gab keine Antwort. Sie erhob ſich von ihrem Stuhl und begann in großer Aufregung im Zimmer auf und abzugehen. Als Leonard das Raſcheln ihres Kleides hörte, rief er ſie zu ſich, ergriff ſie bei der Hand, legte ſeine Finger an ihren Puls und dann einen Augenblick lang an ihre Wangen. „Ich wollte, ich hätte bis morgen gewartet, ehe ich Dir meine Gedanken über Miſtreß Jazeph mitgetheilt“, ſagte er.„Ich habe Dich ohne allen Zweck aufgeregt und Dir die Ausſicht auf eine gute Nachtruhe verdorben.“ „Nein, nein, durchaus nicht. O, Lenny, wie erhöht dieſe Deine Vermuthung das Intereſſe, das furchtbare, athemloſe Intereſſe, welches wir daran haben, die Spur dieſer Frau zu verfolgen und das Myrthenzimmer aus⸗ findig zu machen. Denkſt Du—“ „Für heute Abend bin ich mit dem Denken fertig, liebes Kind, und Du mußt auch damit fertig ſein. Wir haben über Miſtreß Jazeph ſchon mehr als genug ge⸗ ſprochen. Gib ein anderes Thema an, und ich will mit Dir ſprechen wovon Du wünſcheſt.“ „Es iſt nicht ſo leicht, ein anderes Thema anzu⸗ geben“, ſagte Roſamunde ſchmollend und indem ſie ſich von ihrem Gatten entfernte, um wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. ——————„—„ ——— α—- d — „Dann laß uns den Ort wechſeln und auf dieſe Weiſe uns die Aufgabe erleichtern. Ich glaube, Du kennſt mich als den hartnäckigſten Menſchen von der Welt, aber es liegt Vernunft in meiner Hartnäckigkeit, und Du wirſt das zugeben, wenn Du morgen, durch eine gute Nachtruhe erfriſcht, erwachſt. Komm, wir wollen unſerer Unruhe Ferien geben. Führe mich in eines der andern Zimmer und laß mich verſuchen, ob ich durch Berührung der Möbels errathen kann, was es für eins iſt.“ Die Hindeutung auf Leonard's Blindheit, welche ſeine letzten Worte enthielten, führte Roſamunden ſofort an ſeine Seite. „Du weißt doch ſtets, was das Beſte iſt“, ſagte ſie, indem ſie ihren Arm um ſeinen Hals ſchlang und ihn küßte.„Ich ſah vor einer Minute unfreundlich aus, Geliebter, aber die Wolken ſind nun alle wieder ent⸗ ſchwunden. Wir wollen den Schauplatz wechſeln und, wie Du vorſchlägſt, ein anderes Zimmer exploriren.“ Sie ſchwieg. Ihre Augen funkelten plötzlich, ihre Wangen errötheten dunkler und ſie lächelte bei ſich ſelbſt, als ob plötzlich eine neue Idee in ihr erwacht wäre. „Lenny, ich will Dich wohin führen, wo Du wirk⸗ lich ein ganz beſonders merkwürdiges Möbel berühren ſollſt“, hob ſie wieder an, indem ſie ihn, während ſie ſprach, nach der Thür führte.„Wir wollen ſehen, ob Du mir ſagen kannſt, was es iſt. Du darfſt aber nicht ungeduldig ſein, ſondern mußt mir verſprechen, nichts eher anzurühren, als bis Du fühlſt, daß ich Deine Hand führe.“ 16 Sie zog ihn hinter ſich her den Corridor entlang, öffnete die Thür des Zimmers, in welchem der Kleine zu Bett gebracht worden, gab der Wärterin einen Wink, ſich ſtill zu verhalten, führte Leonard bis an die Wiege und dann ſanft ſeine Hand ſo, daß die Spitzen ſeiner Finger die Wange des Kindes berührten. „Nun!“ rief ſie, während ihr Geſicht von Glück ſtrahlte, als ſie die plötzliche Glut von Ueberraſchung und Freude ſah, welche den ſonſt ſo ruhigen, gedämpften Ausdruck der Züge ihres Gatten veränderte.„Was ſagſt Du zu dieſem Möbel? Iſt es ein Stuhl oder ein Tiſch? Oder iſt es der koſtbarſte Gegenſtand im ganzen Hauſe, in ganz Cornwall, in ganz England, in der ganzen Welt? Küſſe ihn und ſiehe, was es iſt— die von einem Bildhauer gemeißelte Büſte eines Kindes, o, ein lebendiger Cherub, deſſen Mutter Dein Weib iſt.“ Sie drehte ſich lachend herum und ſagte zu der Wärterin: „Hannah, Ihr ſehet ſo ernſthaft aus, daß ich über⸗ zeugt bin, Ihr müßt hungrig ſein. Habt Ihr noch nicht Euer Abendeſſen bekommen?“ Die Wärterin lächelte und antwortete, ſie habe be⸗ ſprochen, hinunter zum Eſſen zu gehen, ſobald eine der Dienerinnen heraufkäme, um ſie bei dem Kleinen ab⸗ zulöſen. „Nun, ſo geht“, ſagte Roſamunde.„Ich will hier bleiben und den Kleinen hüten. Geht hinunter, eßt Euer Abendbrot und kommt in einer halben Stunde wieder.“ Als die Wärterin das Zimmer verlaſſen hatte, ſtellte Roſamunde für Leonard einen Stuhl neben die Wiege ———,—. — und ſetzte ſich auf einen niedrigen Schemel zu ſeinen Füßen. Ihre veränderliche Laune ſchien abermals zu wechſeln, als ſie dies that. Ihr Geſicht ward nachdenklich, ihre Augen wurden feucht, indem ſie ſich bald auf ihren Gatten, bald auf das Bett hefteten, in welchem der Knabe neben ihm ſchlief. Nachdem ſie einige Minuten geſchwiegen, ergriff ſie eine ſeiner Hände, legte ſie auf ſein Knie und ihre Wange ſanft darauf. „Lenny“, ſagte ſie faſt traurig,„ich möchte wiſſen, ob wir eins wie das andere fähig ſind, in dieſer Welt vollkommenes Glück zu empfinden.“ „Was veranlaßt Dich zu dieſer Frage, liebes Kind?“ „Mir iſt es, als künnte ich mich vollkommen glücklich fühlen und dennoch— „Und dennoch— 2 „Und dennoch ſcheint es, als ob bei allen Gütern, mit welchen ich geſegnet bin, doch dieſes eine mir nie⸗ mals gewährt werden ſollte. Ich würde mich jetzt voll⸗ kommen glücklich fühlen, wenn nicht ein einziger kleiner Umſtand wäre. Du kannſt wohl nicht errathen, was es für einer iſt?“ „Es wäre mir lieber, wenn Du es mir ſagteſt, Roſamunde.“ „Seitdem unſer Kind geboren iſt, Geliebter, empfinde ich einen kleinen Schmerz im Herzen, beſonders wenn wir alle Drei beiſammen ſind, ſo wie jetzt— einen klei⸗ nen Kummer Deinetwegen, dein ich mich nie entſchlagen kann.“ „Meinetwegen? Richte Deinen Kopf eunpor⸗ Roſa⸗ Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 18 munde, und rücke näher an mich heran. Ich fühle etwas D auf meiner Hand, was mir verräth, daß Du weinſt.“ D Sie erhob ſich ſofort und legte ihr Geſicht dicht an ich das ſeinige. imn „Mein Geliebter“, ſagte ſie, indem ſie ihn mit ihren 71 Armen feſt umſchlang.„Geliebter meines Herzens, Du dr haſt unſer Kind nie geſehen!“ D „Doch, Roſamunde— ich ſehe es ja mit Deinen als Augein 18 der „O, Lenny! Ich ſage Dir Alles, was ich kann— mr ich thue mein Möglichſtes, um die grauſame Finſterniß koſ zu erhellen, welche das liebliche kleine Antlitz, das ſo nahe neben Dir liegt, vor Dir verbirgt. Aber kann ich Di Dir wohl ſagen, wie der Knabe ausſieht, wenn er an- 8 fängt, auf etwas zu achten? Kann ich Dir alle die tau⸗ ſend niedlichen Dinge ſagen, die er thun wird, wenn er Lix zuerſt zu gehen verſucht? Gott iſt ſehr barmherzig gegen ſchi uns geweſen. Aber o, wie weit ſchwerer laſtet das Ge⸗ fühl Deines Gebrechens auf mir jetzt, wo ich mehr bin ein als Dein Weib, wo ich die Mutter Deines Kindes bin!“ teit „Und dennoch ſollte dieſes Gebrechen leicht auf Deinem zu, Gemüth laſten, Roſamunde, denn Du haſt es mir ſelbſt dan leicht gemacht.“ „Habe ich das? Habe ich das wirklich und wahr⸗ her! haftig? Es iſt etwas Erhabenes, dafür zu leben, Lenny, wie wenn ich dafür leben kann. Es iſt ein Troſt, Dich Zin ſagen zu hören, wie Du ſoeben ſagteſt, daß Du mit meinen Augen ſiehſt. Sie werden Dir ſtets dienen— Aus o ſtets! ſtets!— ſo treulich, als ob es Deine eigenen Ger wären. Die geringſte Kleinigkeit von einem ſichtbaren Wä ————— 19 Dinge, welches ich mit Intereſſe betrachte, ſollſt auch Du ſehen. Mit einem andern Manne zum Gatten hätte ich vielleicht meine kleinen, harmloſen Geheimniſſe gehabt, mit Dir aber auch nur einen einzigen geheimen Gedanken zu haben wäre mir, als zöge ich den niedrigſten und grauſamſten Vortheil von Deiner Blindheit. Ich liebe Dich ſo innig, Lenny! Ich liebe Dich jetzt weit mehr, als da wir vermählt wurden— ich dachte nie, daß dies der Fall ſein könnte, und doch iſt es ſo. Du erſcheinſt mir in jeder Beziehung viel ſchöner, viel klüger, viel koſtbarer. Aber das ſage ich Dir ja fortwährend, nicht wahr? Wirſt Du müde, mich zu hören? Nein? Weißt Du das gewiß? Ganz, ganz gewiß?“. Sie ſchwieg und ſah ihn mit einem Lächeln auf ihrer Lippe, und während noch die Thränen in ihren Augen ſchimmerten, mit innigem Blick an. Gerade in dieſem Augenblick rührte ſich der Kleine ein wenig in ſeiner Wiege und lenkte ihre Aufmerkſam⸗ keit nach einer andern Richtung. Sie deckte ihn warm zu, betrachtete ihn eine Weile ſchweigend und ſetzte ſich dann wieder auf den Schemel zu Leonard's Füßen. „Der Kleine hat ſein Geſicht jetzt ganz nach Dir herumgedreht“, ſagte ſie.„Soll ich Dir genau ſagen, wie er ausſieht und wie ſein Bett ausſieht und wie das Zimmer möblirt iſt?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, begann ſie das Ausſehen und die Lage des Kindes mit der wunderbaren Genauigkeit der Beobachtung eines Weibes zu beſchreiben. Während ſie dies that, erholte ſich ihr elaſtiſcher Sinn 2* 20 wieder und der von Natur heitere, fröhliche Ausdruck erſchien wieder auf ihrem Geſicht. Als die Wärterin wieder auf ihren Poſten zurück⸗ kam, plauderte Roſamunde mit all ihrer gewohnten Leb⸗ haftigkeit und ergötzte ihren Gatten mit all ihrem ge⸗ wohnten Erfolg. Als ſie in das Beſuchzimmer zurückkehrte, öffnete ſie das Piano und ſetzte ſich, um zu ſpielen. „Ich muß Dir Dein gewohntes Abendconcert geben, Lenny“, ſagte ſie;„oder ich ſpreche wieder über das ver⸗ botene Thema— das Myrthenzimmer.“ Sie ſpielte eine von Mr. Frankland's Lieblingspiècen mit einer Einheit des Gefühls und der Phantaſie, welche den Zauber ihres eigenen Gemüths mit dem Zauber der Melodien zu verſchmelzen ſchien, die unter ihrer Berüh⸗ rung zum Leben erwachten. Nachdem ſie alles geſpielt, deſſen ſie ſich am leich⸗ teſten erinnerte, ſchloß ſie mit dem„letzten Walzer“ von Weber. Es war Leonard's Lieblingsſtück und ward des⸗ halb immer zum würdigen Schluß der muſikaliſchen Abendunterhaltung aufgeſpart. Sie verweilte bei den letzten klagenden Tönen des Walzers länger als gewöhnlich, erhob ſich dann plötzlich vom Piano und eilte über das Zimmer hinüber nach dem Kamin. „Es muß ſeit den letztvergangenen Minuten viel kälter geworden ſein“, ſagte ſie, indem ſie auf den Herdteppich niederkniete und ihr Geſicht und ihre Hände über das Feuer hielt. 21 „Wirklich?“ entgegnete Leonard.„Ich fühle keine Veränderung.“ „Vielleicht habe ich mich erkältet“, ſagte Roſamunde. „Oder vielleicht“, ſetzte ſie etwas gezwungen lachend hinzu, „vielleicht hat der Wind mich angeweht, welcher der ge⸗ ſpenſtiſchen Dame der nördlichen Zimmer vorangeht. Ich fühlte ganz gewiß etwas wie plötzlichen Froſt, Lenny, während ich die letzten Takte des Weber'ſchen Walzers ſpielte.“ „Ach, Unſinn, Roſamunde! Du biſt zu müde und zu aufgeregt. Sage der Zofe, ſie ſolle Dir heißen Wein mit Waſſer bereiten und verliere keine Zeit, Dich zu Bett zu begeben.“— Roſamunde ſchmiegte ſich dichter an das Feuer. „Es iſt gut, daß ich nicht abergläubiſch bin“, ſagte ſie,„ſonſt könnte ich mir einbilden, ich wäre beſtimmt, das Geſpenſt zu ſehen.“ weites BVnapitel. Dicht am Rande. Die erſte Nacht in Porthgenna verging, ohne das mindeſte Geräuſch und ohne die geringſte Unterbrechung irgend einer Art. Kein Geſpenſt, kein Traum von einem Geſpenſt ſtörte Roſamunde in ihrem feſten, geſunden Schlafe. Sie erwachte in ihrer gewöhnlichen frohen Stim⸗ mung und bei gewohnter Geſundheit und war ſchon vor dem Frühſtück draußen im weſtlichen Garten. Der Himmel war umwölkt und der Wind ſprang launenhaft nach allen Punkten des Kompaſſes herum. Im Verlaufe ihres Spazierganges begegnete Roſa⸗ munde den Gärtner und fragte ihn, was er vom Wet⸗ ter dächte. Der Mann antwortete, es könne Vormittag vielleicht regnen, wenn er ſich aber nicht ſehr irre, ſo werde es — noch vor Ablauf der nächſten vierundzwanzig Stunden wieder ſehr warm werden. „Habt Ihr jemals von einem Zimmer auf der Nord⸗ — -——-—2— 8— 23 ſeite unſers alten Hauſes gehört, welches man das Myr⸗ thenzimmer nennt?“ fragte Roſamunde. Sie hatte ſich gleich beim Aufſtehen dieſen Morgen vorgenommen, keine Gelegenheit zu verſäumen, die überaus wichtige Ent⸗ deckung zu machen, und deshalb es nicht an Fragen gegen jedermann in der Nachbarſchaft fehlen zu laſſen. Dem⸗ gemäß begann ſie mit dem Gärtner. „Davon habe ich nichts gehört, Madame“, ſagte der Gärtner.„Der NameV iſt jedoch ſehr wahrſcheinlich, denn die Myrthe gedeiht hier wirklich ſehr gut.“ „Stehen vielleicht Myrthenbüſche an der nördlichen Seite des Hauſes?“ fragte Roſamunde, welche plötzlich bedachte, daß es vielleicht möglich ſei, das geheimnißvolle Zimmer durch Erörterungen außerhalb des Hauſes, an⸗ ſtatt innerhalb deſſelben zu ermitteln.„Ich meine dicht an der Mauer“, ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, daß der Mann ein verblüfftes Geſicht machte,„unter den Fen⸗ ſtern, wißt Ihr.“ „So lange ich da bin, habe ich unter den Fenſtern nie etwas anderes geſehen als Unkraut und Gerüll“, entgegnete der Gärtner. Gerade in dieſem Augenblicke läutete die Frühſtücks⸗ glocke. Roſamunde kehrte in das Haus zurück mit dem Entſchluß, den nördlichen Garten zu unterſuchen und wenn ſie ein Ueberbleibſel von einem Myrthenbeete fände, ſich das darüber befindliche Fenſter zu merken und das betreffende Zimmer ſofort öffnen zu laſſen. Sie theilte dieſen neuen Plan ihrem Gatten mit. Er lobte ihren Scharfſinn, geſtand aber, daß er nach dem, was der Gärtner von Unkraut und Gerüll geſagt, 24 keine große Hoffnung auf Entdeckungen außerhalb des Hauſes habe. Sobald das Frühſtück vorüber war, zog Roſamunde die Klingel, um den Gärtner rufen zu laſſen und zu ſagen, daß die Schlüſſel zu den nördlichen Zimmern ge⸗ braucht würden. Auf den Ruf der Klingel erſchien Mr. Frankland's Diener, der die ſoeben vom Poſtboten abgegebenen Briefe mitbrachte. Roſamunde ſah die Adreſſen raſch durch, hielt einen davon mit einem ganz beſondern Ausdruck von Freude feſt und ſagte zu ihrem Gatten: „Del Poſtſtempel von Long Beckley! Endlich Ant⸗ wort vom Vicar!“ 4 Sie öffnete den Brief und überflog ihn mit den Augen, dann ließ ſie ihn plötzlich in den Schoos fallen, während ihr Geſicht dunkel erglühte. „Lenny“, rief ſie,„hier erhalten wir Nachrichten, über welchen einem der Kopf ſchwindlich werden möchte. Der Brief des Vicars hat mir förmlich den Athem geraubt.“. „Lies ihn vor“, ſagte Mr. Frankland;„ich bitte Dich, lies ihn ſogleich.“ Roſamunde erfüllte dieſen Wunſch mit ſehr ſchwan⸗ kender, unſicherer Stimme. Doctor Chennery begann ſeinen Brief mit der Meldung, daß ſein Geſuch an Andrew Treverton unbeantwortet geblieben ſei; er fügte aber hinzu, daß es nichtsdeſtoweniger zu Ergebniſſen ge⸗ führt habe, welche niemand hätte vorausſehen können; über den Gegenſtand dieſer Ergebniſſe verwies er Mr. 25 und Miſtreß Frankland auf eine angefügte Copie einer als vertraulich bezeichneten Mittheilung, die er von ſei⸗ nem Geſchäftsagenten in London erhalten. Dieſe Mittheilung enthielt einen ausführlichen Be⸗ richt über eine Unterredung, welche zwiſchen Mr. Tre⸗ verton's Diener und dem Boten ſtattgefunden, der Ant⸗ wort auf Doctor Chennery's Brief hatte holen wollen. Sie beſchrieb die kaltblütig von Shrowl ſelbſt erzählten Umſtände, unter welchen die Copie von dem alten Plan der nördlichen Zimmer gemacht worden, und meldete die Bereitwilligkeit des Copiſten, dieſes Document gegen eine Entſchädigung von fünf Pfund herauszugeben. In der Nachſchrift war ferner angegeben, daß der Bote den copirten Plan geſehen und ſich überzeugt, daß derſelbe wirklich die Lage der Thüren, Treppen und Zimmer mit den Namen derſelben enthielte und, ſoweit ſich dies nach dem Augenſchein beurtheilen ließe, wirklich nach einem echten Original copirt zu ſein ſchiene. Wieder ſeinen eigenen Brief aufnehmend, ſchrieb Doctor Chennery weiter, er müſſe es nun gänzlich Mr. und Miſtreß Frankland anheimſtellen, zu entſcheiden, wel⸗ ches Verfahren ſie einzuſchlagen hätten. Er habe ſich nach ſeiner Anſicht ſchon ein wenig compromittirt, indem er ſich eine Eigenſchaft beigelegt, die ihm nicht zukäme, und er fühle, daß er für ſeine Perſon in der Sache, jetzt, wo dieſelbe eine völlig neue Geſtalt gewonnen, nicht weiter gehen und daher auch weder eine Meinung aus⸗ ſprechen noch einen Rath ertheilen könne. Er ſei über⸗ zeugt, daß ſeine jungen Freunde zu der richtigen Ent⸗ ſcheidung gelangen würden, ſobald ſie die Sache nach 26 allen Seiten hin reiflich erwogen hätten. In dieſer Ueber⸗ zeugung habe er ſeinen Geſchäftsagenten beauftragt, in der Sache nichts weiter zu unternehmen, als bis er wie⸗ der von Mr. Frankland gehört, und ſich nach den Wei⸗ ſungen zu richten, welcher dieſer ihm geben würde. „Weiſungen!“ rief Roſamunde, indem ſie den Brief, ſobald ſie ihn zu Ende geleſen, in einem Zuſtande ge⸗ waltiger Aufregung zuſammenknitterte.„Alle Weiſungen, die wir zu geben haben, können in wenigen Minuten niedergeſchrieben und in einer Secunde geleſen werden. Was um aller Welt willen meint der Vicar, wenn er von reiflicher Ueberlegung ſchwatzt? Es verſteht ſich doch von ſelbſt“, rief Roſamunde, indem ſie nach Wei⸗ berart gerade auf das Ziel ſchauete, welches ſie i Auge hatte, ohne einen Gedanken an die Mittel zu auen den, durch welche es erreicht werden ſollte—„es ver⸗ ſteht ſich doch von ſelbſt, daß wir dem Mann ſeine Fünf⸗ pfundnote geben und uns mit umgehender Poſt den Plan ſchicken laſſen.“ Mr. Frankland ſchüttelte ernſthaft den Kopf. „Ganz unmöglich“, ſagte er.„Wenn Du Dir die Sache einen Augenblick lang überlegſt, liebes Kind, ſo wirſt Du ſicherlich ſehen, daß keine Rede davon ſein kann, mit einem Diener wegen einer Auskunft zu unter⸗ handeln, die er ſich verſtohlenerweiſe aus der Bibliothek ſeines Herrn verſchafft hat.“ „O, ſage das nicht!“ bat Roſamunde, ganz er⸗ ſchrocken über die Anſicht, welche ihr Gatte von der Sache faßte.„Was thun wir denn Unrechtes, wenn wir dem Mann ſeine fünf Pfund geben? Er hat ja 27 blos eine Copie von dem Plan gemacht— er hat ja nichts geſtohlen!“ „Nach meinen Begriffen von der Sache hat er die Auskunft allerdings geſtohlen“, ſagte Leonard. „Nun gut, wenn er dies auch gethan hätte“, fuhr Roſamunde hartnäckig fort,„welchen Schaden thut das ſeinem Herrn? Nach meiner Anſicht verdient übrigens ſein Herr, daß ihm die Auskunft geſtohlen wird, da er nicht einmal die gewöhnliche Höflichkeit gehabt hat, ſie dem Vicar mitzutheilen. Wir müſſen den Plan haben. — O, Lenny, ſchüttle nicht den Kopf! Wir müſſen ihn haben, Du weißt, daß wir ihn haben müſſen! Was kann es nützen, gewiſſenhaft mit einem alten Knauſer zu ſein— denn ſo muß ich ihn nennen, obſchon er mein Onketiſt— mit einem alten Knauſer, ſage ich, der ſich nicht einmal in die gewöhnlichſten Sitten der Geſell⸗ ſchaft fügt. Mit einem ſolchen— und ich bin über⸗ zeugt, der Vicar würde, wenn er hier wäre, daſſelbe ſagen— mit einem ſolchen kann man nicht umgehen wie mit civiliſirten Menſchen, oder wie mit Menſchen, die ihren richtigen Verſtand haben, was, wie alle Welt ſagt, bei ihm nicht der Fall iſt. Was nützt ihm der Plan der nördlichen Zimmer? Und überdies, wenn ihm der⸗ ſelbe etwas nützt, ſo hat er ja das Original! Sein Eigenthum wird ihm durchaus nicht geſtohlen, denn er behält es ja— mußt Du das nicht ſelbſt ſagen, Lenny?“ „Roſamunde, Roſamunde!“ rief Leonard, über die durchſichtige Sophiſtik ſeiner Gattin lächelnd,„Du ver⸗ ſuchſt zu folgern wie ein Jeſuit.“ 28 „ Ich frage nicht danach, wie ich folgere, dafern ich nur den Plan bekomme.“ Mr. Frankland ſchüttelte immer noch den Kopf. Da Roſamunde ſah, daß ihre Argumente nichts halfen, ſo nahm ſie klüglich ihre Zuflucht zu der ſeit undenklichen Zeiten bei ihrem Geſchlecht gewöhnlichen Waffe der Ueberredung— und gebrauchte dieſelbe ſo energiſch und mit ſo gutem Erfolg, daß ſie endlich die widerſtrebende Zuſtimmung ihres Gatten zu einer Art Vergleich erhielt, welcher ihr geſtattete, Anweiſung zum Kaufe des copir⸗ ten Plans zu ertheilen, aber unter einer Bedingung. Dieſe Bedingung beſtand darin, daß man den Plan, ſobald man ihn zu Rathe gezogen, an Mr. Treverton zurückſende, denſelben von der Art und Weiſegg auf welche man dazu gelangt war, in Kenntniß ſetze zur Rechtfertigung dieſes Verfahrens ſeinen eigenen Mangel an Höflichkeit geltend machte, womit er eine an und für ſich bedeutungsloſe Auskunft verweigert habe, die jeder andere an ſeiner Stelle ſicherlich ohne weiteres mitge⸗ theilt haben würde. Roſamunde bemühte ſich ſehr, eine Zurücknahme oder Modification dieſer Bedingung zu erwirken, der empfind⸗ ſame Stolz ihres Gatten aber vertrug ſelbſt von ihrer leichten Hand ungeſtraft keine Berührung. 88 „Ich habe ohnehin ſchon meiner Ueberzeugung Ge⸗ walt angethan“, ſagte er,„und will dies nicht noch mehr thun. Wenn wir uns durch Unterhandlungen mit die⸗ ſem Diener erniedrigen wollen, ſo wollen wir es ihm wenigſtens unmöglich machen, uns als ſeine Mitſchul⸗ digen zu betrachten. Schreibe daher, Roſamunde, in mei⸗ 1 29 nem Namen an Doctor Chennery's Geſchäftsagenten und ſage, daß wir bereit ſind, den copirten Plan unter der von mir geſtellten Bedingung zu kaufen— von welcher Bedingung er natürlich den Diener in den ſchlichteſten, unumwundenſten Ausdrücken in Kenntniß ſetzen wird.“ „Und wenn der Diener es nun nicht auf die Gefahr ankommen laſſen will, ſeinen Dienſt zu verlieren, was doch der Fall ſein muß, wenn er auf unſere Bedingung eingeht?“ frug Roſamunde, indem ſie mit einigem Wi⸗ derſtreben nach dem Schreibtiſch ging. „Wir wollen uns doch nicht mit Vorausſetzungen quälen, liebes Kind! Laß uns warten und hören, was geſchieht, und demgemäß handeln. Wenn Du zum Schrei⸗ ben azit biſt, ſo ſag' es mir— ich will Dir bei die⸗ ſer Wegenheit den Brief dictiren. Ich wünſche, den Geſchäftsagenten des Vicars begreiflich zu machen, daß wir deshalb ſo verfahren, weil wir erſtens wiſſen, daß Mr. Andrew Treverton ein Mann iſt, mit welchen man nicht nach den in der Geſellſchaft geltenden Regeln ver⸗ handeln kann, und zweitens, weil der Aufſchluß, den ſein Diener uns bietet, in einem Auszug aus einem gedruck⸗ ten Buch enthalten iſt und weder direct noch indirect mit Mr. Treverton's Privatangelegenheiten in Zuſam⸗ menhang ſteht. Jetzt, wo Du mich überredet haſt, Ro⸗ ſamuntde, in dieſen Compromiß zu willigen, muß ich den⸗ ſelben vor andern ebenſo wie vor mir ſelbſt ſo vollſtän⸗ dig als möglich rechtfertigen.“ Da Roſamunde ſah, daß Leonard's Entſchluß uner⸗ ſchütterlich feſtſtand, ſo hatte ſie Takt genug, ſich aller 30 weiteren Einwendungen zu enthalten. Der Brief ward daher genau ſo geſchrieben, wie Leonard ihn dictirte. Als er in den Poſtbeutel geſteckt worden und auch die beiden andern Briefe, die an dieſem Morgen ein⸗ gegangen, geleſen und beantwortet waren, erinnerte Mr. Frankland ſeine Gattin an ihre vor dem Frühſtück zu erkennen gegebene Abſicht, den nördlichen Garten zu be⸗ ſuchen und wünſchte, daß ſie ihn mit dorthin nehme. Er geſtand offen, ſeitdem er den Inhalt von Doctor Chennery's Brief kenne, wolle er gern fünfmal ſo viel geben als Shrowl für die Copie des Plans verlange, wenn das Myrthenzimmer ohne Beiſtand von irgend einer Seite entdeckt werden könnte, ehe der Brief an den Geſchäftsagenten des Vicars auf die Poſt gegeben Nichts, ſagte er, würde ihm größeres Vergnügen als wenn er dieſen Brief ins Feuer werfen deſſen eine glatte Weigerung, wegen des Plans zu un⸗ terhandeln, abſenden könnte. Sie gingen in den nördlichen Garten, aber hier über⸗ zeugte Roſamunde ſich mit eigenen Augen, daß ſie nicht die mindeſte Ausſicht hatte, in der Nähe irgend eines der Fenſter auch nur eine Spur von einem Myrthenbeet zu entdecken. Aus dem Garten kehrten ſie in das Haus zurück und ließen ſich die Thür öffnen, welche in die wliche Halle führte. Man zeigte ihnen den Platz auf den Steinplatten des Fußbodens, wo die Schlüſſel gefunden worden, und die Stelle oben an der Treppe, wo man Miſtreß Jazeph entdeckt, als der Lärm entſtanden war. 31 Auf Mr. Frankland's Anrathen ward nun die Thür des Zimmers geöffnet, welche ſich dieſer Stelle un⸗ mittelbar gegenüber befand. Ein ödes Schauſpiel von Staub, Schmuz und Düſterheit bot ſich dar. Einige alte Gemälde lagen an einer der Wände aufeinandergethürmt, einige zerbrochene Stühle ſtanden in der Mitte des Zimmers, einiges zer⸗ brochene Porzellangeſchirr ſtand auf dem Kaminſims und ein halb verfaulter, von oben bis unten geborſtener Schrank in einer Ecke. Dieſe wenigen Ueberbleibſel von dem Meublement und der Ausſtattung des Zimmers wurden alle ſorgfältig unterſucht, aber man entdeckte nichts von auch nur der mindeſten Bedeutung, nichts, was im entfernteſten dazu hätte heitragen können, das Geheimniß des Myrthen⸗ zimmers aufzuklären. Mr. Frankland machte nun bemerklich, daß vielleicht Spuren von Fußtritten auf dem ſtaubigen Fußboden des Vorplatzes zu ſehen wären, aber auch davon war nichts zu finden. Zu einer frühern Zeit war der Fußboden mit Binſen⸗ decken belegt worden und die zerriſſene, zerfetzte, vor Alter verfaulte Fläche war jetzt überall viel zu uneben, als daß der Staub glatt darauf hätte liegen bleiben können auier und da, wo man ein Loch in den Bretern des Sb entdeckte, glaubte Mr. Frankland's Diener in dem Staube Spuren zu entdecken, welche von der Spitze oder dem Abſatz eines Schuhes herrühren konnten; dieſe ſchwachen und zweifelhaften Andeutungen aber lagen ellenweit auseinander und einen Schluß von auch nur 2 der mindeſten Bedeutung daraus zu ziehen, war plat⸗ terdings unmöglich. Nachdem man ſo eine Stunde mit der Unterſuchung der Nordſeite des Hauſes zugebracht, mußte Roſamunde bekennen, daß ſie nichts entdecken würden. „Der Brief muß abgehen, Lenny“, ſagte ſie, als ſie in das Frühſtückzimmer zurückkehrten. „Ja, es läßt ſich nicht ändern“, antwortete Leonard. „Schicke den Poſtbeutel fort und laß uns vor der Hand nicht weiter über die Sache ſprechen.“ Der Brief ward mit der Poſt deſſelben Tages ab⸗ gefertigt. Bei der Abgelegenheit des Schloſſes Porthgenna und dem noch unvollendeten Zuſtande der Eiſenbahn zu jener Zeit, mußten zwei Tage vergehen, ehe man ei Antwort von London zu erhalten hoffen konnte. Ueberzeugt, daß es für Roſamunde beſſer ſein würde, wenn dieſe Zeit der Ungewißheit außerhalb des Hauſes zugebracht würde, ſchlug Mr. Frankland vor, ſie durch einen kleinen Aus⸗ flug längſt der Küſte nach einigen Orten auszufüllen, die wegen ihrer Umgegend berühmt waren. Er ſetzte voraus, daß ſie ſeine Gattin intereſſirten und daß es ihr eine angenehme Beſchäftigung ſein würde, ſie ihrem blin⸗ den Gatten an Ort und Stelle zu ſchildern. Dieſer Vorſchlag ward ſofort angenommen und aus⸗ geführt. Das junge Ehepaar verließ Porthgenna und kehrte erſt am Abend des zweiten Tages zurück. Am Morgen des dritten Tages lag der erſehnte Brief von dem Geſchäftsagenten des Vicars auf dem Tiſche, als Leonard und Roſamunde in das Frühſtück⸗ und jener wort daß Zeit ürde, Aus⸗ üllen, ſetzte 8 ihr blin⸗ aus⸗ und ehnte dem ſtück⸗ zimmer traten. Shrowl hatte ſich entſchloſſen, auf Mr. Frankland's Bedingung einzugehen, erſtens weil er der Anſicht war, daß jeder, der ſich weigerte, eine Fünf⸗ pfundnote zu nehmen, wenn ſie ihm angeboten würde, nicht recht bei Verſtande ſein könne, und zweitens weil er glaubte, ſein Herr ſei zu unbedingt abhängig von ihm, um ihn wegen irgend einer Urſache fortzujagen. Demgemäß war der Handel in fünf Minuten abge⸗ ſchloſſen worden— und dieſe Thatſache ward durch die dem Briefe beigeſchloſſene Copie des Planes außer allen Zweifel geſetzt. Roſamunde breitete das hochwichtige Document mit zitternden Händen auf dem Tiſche aus, überflog es einige Secunden lang mit begierigen Blicken und legte den Finger auf das Viereck, welches die Lage des Myrthen⸗ zimmers bezeichnete. „Hier iſt es!“ rief ſie.„O, Lenny, wie mir das Herz ſchlägt! Eins, zwei, drei, vier— die vierte Thür der erſten Etage iſt die Thür des Myrthenzimmers.“ Sie würde ſofort die Schlüſſel zu den nördlichen Zimmern verlangt haben, ihr Gatte aber beſtand darauf, daß ſie wartete bis ſie ſich ein wenig gefaßt und etwas von dem Frühſtück genoſſen hätte. Trotz alles deſſen aber, was er ſagen konnte, ward das Mahl ſo raſch beendet, daß, ehe noch zehn Minuten vergingen, der Arm ſeines Weibes in dem ſeinen lag und ſie ihn nach der Treppe führte. Die Prophezeihung des Gärtners in Bezug auf das Wetter war in Erfüllung gegangen— es war wieder heiß geworden— ſchidül⸗ neblig, dunſtig, Räüclend heiß. Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. Eine einzige weiße, zitternde Nebelwolke breitete ſich dünn über den ganzen Himmel, rollte ſich am Horizont ab⸗ wärts nach dem Meere und ſtumpfte die ſcharfen Ränder der fernen Moorlandſchaft ab. Die Sonne ſchien bleich und zitternd, die leichreſten und höchſten Blätter an offenen Fenſtern ſtehender Blumen waren ſtill, die Hausthiere lagen ſchläfrig in dunkeln Winkeln, hier und da ein zufälliges Geräuſch von häus⸗ lichen Verrichtungen dröhnte dumpf und ſchwer durch die träge, luftloſe Stille, welche ſich mit der Hitze auf die Erde herabgeſenkt zu haben ſchien. Unten in der Dienerhalle war in der gewöhnlichen Rührigkeit der Morgenarbeit ebenfalls eine Pauſe einge⸗ treten. Als Roſamunde auf ihrem Wege nach dem Zimmer der Haushälterin hineinſah, um die Schlüſſel zu holen, fächelten ſich die Weiber und die Männer ſaßen in Hemdärmeln. Alle ſprachen verdrießlich über die Hitze und alle kamen dahin überein, daß ein ſolcher Tag im Monat Juni noch niemals erlebt worden. Roſamunde nahm die Schlüſſel, lehnte das Aner⸗ bieten der Haushälterin, ſie zu begleiten, ab, führte ihren Gatten die Gänge entlang und ſchloß die Thür der nörd⸗ lichen Halle auf.* „Wie unnatürlich kühl es hier iſt!“ ſagte ſie, als ſie in die verlaſſenen öden Räume traten. Am Fuße der Treppe blieb ſie ſtehen und faßte den Arm ihres Gatten feſter. „Iſt Dir etwas?“ fragte Leonard.„Berührt der v ſi bünn ab⸗ nder eſten men keln us⸗ die die chen nge⸗ dem iſſel aßen alle dat ner⸗ hren örd⸗ ſie den der 2* 35 Uebergang in die feuchte Kühle dieſes Ortes Dich viel⸗ leicht unangenehm?“ „Nein, nein“, antwortete ſie haſtig.„Ich bin viel zu aufgeregt, um Hitze oder Feuchtigkeit ſo zu fühlen, wie ich ſie zu andern Zeiten fühlen würde. Aber, Lenny, geſetzt nun, Deine Vermuthung in Bezug auf Miſtreß Jazeph wäre richtig?“ „Ja— nun?“ „Und geſetzt, wir entdeckten das Geheimniß des Myrthenzimmers, könnte daſſelbe nicht etwas meinen Vater oder meine Mutter Betreffendes ſein, was wir nicht wiſſen ſollen? Ich dachte daran, als Miſtreß Pentreath ſich erbot, uns zu begleiten, und es beſtimmte mich, mit Dir allein hierherzugehen.“ „Ebenſo wahrſcheinlich iſt aber auch, daß das Ge⸗ heimniß etwas ſei, was wir wiſſen ſollten“, entgegnete Mr. Frankland, nachdem er einen Augenblick nachgedacht. „Auf jeden Fall iſt übrigens meine Idee in Bezug auf Miſtreß Jazeph blos eine Vermuthung ins Blaue hinein. Indeſſen, Roſamunde, wenn Du vielleicht noch warten willſt—“ „Nein! möge daraus kommen was da wolle, Lenny, nun können wir nicht wieder zurücktreten. Gib mir die Hand wieder. Wir haben das Geheimniß bis hierher miteinander verfolgt und wollen es auch gemeinſchaftlich vollends enthüllen.“ Sie ging die Treppe hinauf und führte ihn, während ſie ſprach, hinter ſich her. Auf dem Vorplatz warf ſie nochmals einen Blick auf den Plan und überzeugte ſich, daß der erſte Eindruck, den ſie davon in Bezug auf die 3* . 36 Lage des Myrthenzimmers gewonnen, richtig war. Sie zählte die Thüren bis zur vierten, ſuchte dann aus dem Schlüſſelbunde den mit„4“ numerirten heraus und ſteckte ihn ins Schloß. Ehe ſie ihn umdrehte, hielt ſie inne und ſah ſich nach ihrem Gatten um. Er ſtand neben ihr, ſein geduldiges Geſicht nach der Thür gewendet. Sie legte die rechte Hand an den Schlüſſel, drehte ihn langſam im Schloſſe um, zog ihren Gatten mit der linken Hand näher an ſich und machte wieder eine Pauſe. „Ich weiß nicht, was auf einmal über mich ge⸗ kommen iſt“, flüſterte ſie matt.„Es iſt mir, als fürchtete ich mich, die Thür aufzuſtoßen.“ „Deine Hand iſt kalt, Roſamunde. Warte ein wenig — ſchließe die Thür wieder zu— ſchiebe es auf bis einen andern Tag.“ Er fühlte, wie die Finger ſeines Weibes ſeine Hand immer dichter und dichter umſchloſſen, während er dieſe Worte ſagte. Dann trat ein Augenblick— ein einziger denkwürdiger, athemloſer Augenblick, der nie wieder ver⸗ geſſen werden ſollte— gänzlichen Schweigens ein. Dann hörte Leonard das laute knarrende Geräuſch der ſich öffnenden Thür, er fühlte ſich plötzlich in eine andere Atmoſphäre hineingezogen und wußte, daß Roſamunde und er im Myrthenzimmer ſtanden. Drittes Anpitel. Das Myrthenzimmer. Ein breites viereckiges Fenſter mit kleinen Scheiben und dunkeln Gardinen, unheimliches, gelbes Licht durch den Schmuz eines halben Jahrhunderts ſchimmernd; reinere, durch die Lücken drei zerbrochener Scheiben quer durch das trübe Licht fallende Strahlen; aufwärts, ab⸗ wärts fliegender und ſich in der ſtillen Atmoſpäre glatt rundumdrehender Staub; hohe, kahle, verſchoſſene, rothe Wände, verworren durcheinander ſtehende Stühle, ſchief⸗ geſtellte Tiſche; ein hoher, ſchwarzer Bücherſchrank mit einer nur noch halb in den Angeln hängenden offen⸗ ſtehenden Thür; ein Fußgeſtell mit einer in Bruchſtücken daneben liegende Büſte, eine mit Schmuzklecken beſäete Decke, ein von Staub weißbeſtreuter Fußboden— dies war der Anblick des Myrthenzimmers, als Roſamunde, ihren Gatten bei der Hand führend, es zum erſten Male betrat. Nachdem ſie die Schwelle überſchritten, ging ſie lang⸗ ſam einige Schritte weiter und blieb dann ſtehen. Jeder 3 38 ihrer Sinne ſtand gleichſam Wache, jede ihrer geiſtigen Fähigkeiten war bis zum höchſten Gipfel der Spannung emporgeſchraubt. So wartete ſie in der ominöſen Stille, in der öden, ſchauerlichen Einſamkeit auf das unbeſtimmte Etwas, welches das Zimmer enthalten, welches ſichtbar vor ihr auftauchen, welches hörbar neben ihr erklingen, was ſie von oben, von unten, von jeder Seite plötzlich berühren konnte. Eine Minute oder noch länger wartete ſie athemlos, aber nichts erſchien, nichts erklang, nichts berührte ſie. Das Schweigen und die Einſamkeit hatten ihr Geheim⸗ niß zu hüten und ſie hüteten es gut. Roſamunde ſah ſich nach ihrem Gatten um. Sein zu andern Zeiten ſo ruhig und gefaßtes Geſicht gab jetzt Zweifel und Unruhe zu erkennen. Seine freie Hand war ausgeſtreckt und bewegte ſich vorwärts und rückwärts, auf und ab, in dem vergeblichen Verſuche, etwas zu be⸗ rühren, was ihn in den Stand ſetzen könnte, die Stellung zu errathen, in welche er verſetzt war. Sein Ausſehen und ſeine Geberde, während er ſo in dieſer neuen und ſeltſamen Sphäre ſtand, die ſtumme Anſprache, die er ſo wehmüthig und ſo unbewußt an die liebende Hülfe ſeines Weibes erhob, gab Roſamunde ihre Selbſtbeherrſchung wieder, indem ihr Herz dadurch zu dem höchſten Intereſſe, was die Welt für ſie beſaß, zu der heiligſten aller ihrer Pflichten zurückgerufen ward. Ihre nur erſt den Augenblick zuvor ſo mißtrauiſch auf den unheimlichen Anblick der Vernachläſſigung und des Verfalls, der ſie hier umgab, gehefteten Augen wendeten igen Lung den, vas, ihr 3 ſie hren ilos, ſie. heim⸗ Sein jetzt war ärts, 1 be⸗ llung er ſo mme n die ihre ch zu 3, zu rd. auiſch und ideten 39 ſich wieder liebend dem Antlitz ihres Gatten zu, ſtrahlend von dem unergründlichen Glanze des Mitleids und der Liebe. Sie neigte ſich raſch zu ihm, faßte ſeinen aus⸗ geſtreckten Arm und drückte ihn an ihre Seite. „Thue das nicht, Lenny“, ſagte ſie ſanft,„ich ſehe es nicht gern. Es ſieht aus, als ob Du vergeſſen hätteſt, daß ich bei Dir bin— als ob Du allein und hülflos wäreſt. Was brauchſt Du Deinen Gefühlsſinn, wenn Du mich haſt? Hörteſt Du mich die Thür öffnen, Lenny? Weißt Du, daß wir im Myrthenzimmer ſind?“ „Was ſahſt Du, Roſamunde, als Du die Thür öffneteſt Was ſiehſt Du jetzt?“ Er that dieſe Fragen raſch und begierig flüſternd. „Nichts als Schmuz, Staub und Verödung. Das einſamſte Moorland in Cornwall ſieht nicht ſo einſam aus wie dieſes Zimmer, aber es iſt nichts zu bemerken, was uns Befürchtungen einflößen könnte; außer unſerer eigenen Phantaſie iſt nichts da, was den Gedanken an lrgond eine Gefahr erweckte.“ „Weshalb ſchwiegſt Du ſo lange, ehe Du mich an⸗ redeteſt, Roſamunde?“ „Ich fürchtete mich ſo ſehr, als ich die Schwelle dieſes Zimmers betrat— nicht ſowol über das, was ich ſah, als vielmehr vor meinen eigenen wunderlichen Gedanken, was ich ſehen könnte. Ich war ſo kindiſch, zu glauben, es könne etwas aus den Wänden hervortreten, oder aus dem Fußboden auftauchen— was aber, daß weiß ich nicht. Dieſe Furcht habe ich nun überwunden, Lenny; dennoch aber fühle ich noch ein gewiſſes Mißtrauen gegen das Zimmer. Fühlſt Du es auch?“ —— 40 „Allerdings fühle ich ſo etwas“, entgegnete er unruhig. „Es iſt mir, als ob die Nacht, die ſtets meine Augen umſchwebt, an dieſem Orte ſchwärzer wäre, als an einem andern. Wo ſtehen wir jetzt?“ „Dicht vor der Thür.“ „Sieht der Fußboden aus als ob er ohne Gefahr betreten werden könnte?“ Er unterſuchte ihn argwöhniſch mit dem Fuße, als er dieſe Frage ſtellte. „Er ſcheint ganz ſicher zu ſein“, entgegnete Roſa⸗ munde.„Er würde nicht die Möbel tragen, die darauf ſtehen, wenn er ſo verfault wäre, daß das Betreten Gefahr brächte. Komm mit mir über das Zimmer und verſuche es.“ Mit dieſen Worten führte ſie ihn langſam nach dem Fenſter. „Jetzt iſt es mir, als wäre mir die Luft näher“, ſagte er, indem er ſein Geſicht nach der niedrigſten der zerbrochenen Fenſterſcheiben herabneigte.„Was iſt jetzt vor uns?“ Sie ſagte es ihm, indem ſie genau die Größe und das Ausſehen des Fenſters beſchrieb. Er wendete ſich gleichgültig davon ab, als ob dieſer Theil des Zimmers kein Intereſſe für ihn hätte. Roſamunde weilte noch in der Nähe des Fenſters, um zu verſuchen, ob ſie einen Hauch von der äußern Atmoſphäre fühlen könnte. Es herrſchte augenblickliches Schweigen, welches endlich von ihrem Gatten unter⸗ brochen ward. „Was machſt Du jetzt?“ fragte er ängſtlich. ahig. ugen inem fahr ls er Coſa⸗ rauf reten mer dem ſer, der jetzt und ieſer ters, ßern iches nter⸗ 41 „Ich ſchaue zu einer der zerbrochenen Glasſcheiben hinaus und verſuche etwas Luft zu ſchöpfen“, antwortete Roſamunde.„Der Schatten dieſes Hauſes iſt unter mir und ruht auf dem einſamen Garten, aber es ſteigt keine Kühle davon herauf. Ich ſehe das lange Unkraut und Geſtrüpp gerade und ſtill emporragen und die wilden Blumen verflechten ſich ſchwerfällig damit. Es ſteht ein Baum in meiner Nähe und die Blätter ſehen aus, als ob ſie aller Bewegung beraubt wären. Weiterhin links ſieht man ein Stück weißes Meer und braunen Sand in der gelben Sonnenglut zittern. Wolken ſind nicht da, aber auch kein blauer Himmel. Der Nebel erſtickt den Glanz des Sonnenlichts und läßt nichts hindurch, als das Feuer deſſelben. Es ſchwebt etwas Drohendes am Himmel und die Erde ſcheint es zu wiſſen.“ „Aber das Zimmer? das Zimmer?“ ſagte Leonard, indem er ſie vom Fenſter hinwegzog.„Laß die Aus⸗ ſicht ſein wie ſie will; ſage mir, wie das Zimmer aus⸗ ſieht— ganz genau. Ich kann mich um Deinetwillen nicht eher beruhigen, Roſamunde, als bis Du mir alles genau ſo beſchreibſt, wie es iſt. „Mein guter Lenny, Du weißt, Du kannſt mit Ge⸗ wißheit darauf rechnen, daß ich Dir alles beſchreibe. Ich bin blos zweifelhaft, wo ich beginnen ſoll und wie ich zuerſt das erwähne, was nach Deiner Meinung das Wichtigſte ſein würde. Hier an der Wand ſteht eine alte Ottomane— an der Wand, wo das Fenſter iſt. Ich will meine Schürze nehmen und ſie ein wenig ab⸗ ſtäuben, dann kannſt Du Dich darauf niederſetzen und bequem zuhören, während ich Dir erzähle, bevor wir an 4 etwas Anderes denken. Vor allen Dingen muß ich Dir wohl begreiflich machen, wie groß das Zimmer iſt?“ „Ja, das iſt das Erſte. Siehe zu, ob Du es mit einem Zimmer vergleichen kannſt, welches ich genau ge⸗ kannt habe, ehe ich das Augenlicht verlor.“ Roſamunde ſchauete vorwärts und rückwärts von einer Wand zur andern. Dann ging ſie bis an den Kamin und langſam durch das ganze Zimmer der Länge nach, indem ſie die Schritte zählte. Mit faſt zimper⸗ licher Regelmäßigkeit und kindiſcher Befriedigung, während ſie auf die rothen Roſetten ihrer Morgenſchuhe herab⸗ blickte, ſchritt ſie über den ſtaubigen Boden und hielt ihr helles Muſſelinkleid empor, um es nicht zu beſchmuzen, ſodaß die ſchöne Stickerei ihres Unterrocks und die glän⸗ zenden Strümpfe ſichtbar wurden, welche an ihre kleinen Füße und Knöchel anſchloſſen wie eine zweite Haut. So bewegte ſie ſich durch den öden Verfall dieſer Umgebung, als der reizendſte lebende Gegenſatz, den Jugend, Geſundheit und Schönheit darbieten konnten. Am Ende des Zimmers angelangt, dachte ſie ein wenig nach und ſagte dann zu ihrem Gatten: „Entſinnſt Du Dich noch des blauen Beſuchzimmers in dem Hauſe des Vaters in Long Beckley, Lenny? Ich glaube, dieſes Zimmer hier iſt ebenſo groß, wo nicht etwas größer.“ „Wie ſehen die Wände aus?“ fragte Leonard, indem er, während er ſprach, die Hand hinter ſich an die Wand legte.„Sie ſind mit Papier tapezirt, nicht wahr?“ „Ja, mit verſchoſſenem rothen Papier, ausgenommen Dir 2 8 mit iu ge⸗ von n den Länge mper⸗ ihrend herab⸗ hielt nuzen, glän⸗ leinen dieſer den en. e ein umers Ich nicht indem Wand 5 mmen auf einer Seite, wo einzelne Streifen abgeriſſen und auf die Diele geworfen ſind. Die Wände ſind auch ringsum mit Holz getäfelt. Dieſes iſt an vielen Stellen geborſten und hat Löcher, welche von Ratten und Mäuſen herzu⸗ rühren ſcheinen.“ „Hängen Bilder an den Wänden?“ „Nein. Ueber dem Kamin hängt ein leerer Rahmen. Gegenüber— ich meine gerade über der Stelle, wo ich jetzt ſtehe— hängt in der Mitte ein kleiner zerſprungener Spiegel mit zerbrochenen Armen, die zu beiden Seiten hervorragen und die Dienſte von Leuchtern zu verrichten beſtimmt ſind. Wieder über dieſem befindet ſich ein Hirſchkopf mit Geweih; ein Theil des Geſichts iſt herunter⸗ gefallen und zwiſchen dem Geweih hängt ein vollſtändiges Labyrinth von Spinnweben. An den andern Wänden gibt es große Nägel, von welchen ebenfalls mit Schmuz belaſtete Spinnweben herabhängen, Bilder aber nirgends. Nun weißt Du genau, wie die Wände ausſehen. Was ſoll ich zunächſt beſchreiben? Den Fußboden?“ „Ich glaube, wie es mit dieſem ſteht, haben mir meine Füße ſchon geſagt, Roſamunde.“ „Sie können Dir geſagt haben, daß er kahl iſt, lieber Lenny, aber ich kann Dir noch mehr ſagen. Er iſt von allen Seiten her nach der Mitte abſchüſſig. Er iſt dick mit Staub bedeckt, welcher— wahrſcheinlich durch den durch die zerbrochenen Scheiben hereinblaſenden Wind— zu ſeltſamen federartigen Geſtalten zuſammengeweht iſt, welche die darunter befindliche Diele gänzlich verbergen, Lenny, wie wenn nun dieſe Breter an irgend einer Stelle aufgehoben werden könnten? Wenn wir heute nichts 2 entdecken, wollen wir ſie morgen reinfegen laſſen. Mittler⸗ weile muß ich wohl in meiner Schilderung des Zimmers weiter fortfahren, nicht wahr? Die Größe deſſelben kennſt Du, ebenſo wie das Fenſter iſt, wie die Wände ſind und wie der Fußboden ausſieht. Willſt Du noch etwas anderes wiſſen, ehe wir auf die Möbels kommen? Ach ja, die Decke— denn dieſe vervollſtändigt ſozu⸗ ſagen die Schale des Zimmers. Viel kann ich davon nicht ſehen— ſie iſt gar ſo hoch. Es befinden ſich an derſelben große Riſſe und Flecken von einem Ende bis zum andern und der Kalk iſt an vielen Stellen abge⸗ blättert. Die Verzierung in der Mitte ſcheint aus ab⸗ wechſelnden Reihen von kleinen Gypsranken und großen Gypsquadraten zu beſtehen. Zwei Endchen Kette hängen von der Mitte herab und haben wahrſcheinlich früher einen Kronleuchter getragen. Der Sims iſt ſo modrig, daß ich kaum ſagen kann, was für ein Muſter er vor⸗ ſtellt. Er iſt ſehr breit und plump und ſieht an einigen Stellen aus, als ob er früher bemalt geweſen wäre; das iſt aber alles, was ich davon ſagen kann. Glaubſt Du nun von dem ganzen Zimmer eine richtige Vor⸗ ſtellung zu haben, Lenny?“ „Ja wohl, liebe Roſamunde. Ich habe nun in meinem Geiſte daſſelbe klare Bild davon, was Du mir ſtets von allem gibſt, was Du ſiehſt. Du brauchſt nicht noch mehr Zeit an mich zu verſchwenden. Du kannſt Dich nun dem Zwecke widmen, wegen deſſen wir hierhergekommen ſind.“ Bei dieſen letzten Worten ſchwand das Lächeln, welches auf Roſamunde's Antlitz dämmerte, als ihr Gatte ſie anren ſich Arm dem Vor) das Du Myr hinge Papi mit das rathe unter worte ſuchen nichts ſolche die 2 Dein welch und! Jazep eittler⸗ nmers ſſelben Wände tnoch imen? ſozu⸗ davon ich an de bis abge⸗ s ab⸗ großen ängen früher odrig, vor⸗ inigen wäre; laubſt Vor⸗ m in mir auchſt Du n wir elches te ſie 45 anredete, augenblicklich wieder davon hinweg. Sie ſtahl ſich dicht an ſeine Seite, neigte ſich über ihn, legte ihren Arm auf ſeine Schulter und ſagte in leiſem, flüſtern⸗ dem Tone: „Als wir das Zimmer auf der andern Seite des Vorplatzes öffnen ließen, begannen wir damit, daß wir das Meublement unterſuchten. Wir glaubten— wenn Du Dich noch erinnerſt— daß das Geheimniß des Myrthenzimmers mit verſteckten Werthſachen zuſammen⸗ hinge, welche geſtohlen worden, oder mit verſteckten Papieren, welche hätten vernichtet werden ſollen, oder mit verborgenen Flecken und Spuren eines Verbrechens, das vielleicht durch einen Stuhl oder einen Tiſch ver⸗ rathen werden könnte. Wollen wir die Möbel hier auch unterſuchen?“. „Sind deren viele da, Roſamunde?“ „Mehr als in dem andern Zimmer waren“, ant⸗ wortete ſie. „Mehr als Du während eines Vormittags unter⸗ ſuchen kannſt?“ „Nein, das glaube ich nicht.“ „Nun dann beginne mit den Möbels, wenn Du nichts Beſſeres vorzuſchlagen weißt. Ich bin in einer ſolchen Kriſis ein ſehr hülfloſer Rathgeber; ich muß die Verantwortlichkeit der Hauptſache nach immer auf Deinen Schultern ruhen laſſen. Dein ſind die Augen, welche ſehen, und Dein ſind die Hände, welche ſuchen, und wenn das Geheimniß des Grundes, welchen Miſtreß Jazeph hatte, Dich vor dem Betreten dieſes Zimmers 46 zu warnen, durch Nachſuchen in dieſem Zimmer zu finden iſt, ſo weißt Du es zu finden.“ „Und Du wirſt es erfahren, Lenny, ſobald es ge⸗ funden iſt. Ich mag Dich nicht ſprechen hören, Ge⸗ liebter, als ob ein Unterſchied zwiſchen uns beſtünde, oder als ob meine Stellung etwas vor der Deinigen voraus hätte. Jetzt laß mich ſehen. Womit ſoll ich be⸗ ginnen? Mit dem hohen Bücherſchranke dem Fenſter gegenüber? Oder dem alten Schreibtiſch in der Wand⸗ vertiefung hinter dem Kamin? Dies ſind die beiden größten Möbels, welche ich in dem Zimmer ſehen kann.“ „Beginne mit dem Bücherſchranke, liebe Roſamunde, da Du dieſen zuerſt bemerkt zu haben ſcheinſt.“ Roſamunde näherte ſich dem Bücherſchrank um einige Schritte— blieb dann ſtehen und blickte plötzlich ſeit⸗ wärts nach dem untern Ende des Zimmers. „Lenny! Ich habe etwas vergeſſen, als ich Dir die Wände beſchrieb“, ſagte ſie.„Es ſind außer der Thür, durch welche wir in dieſes Zimmer getreten ſind, noch zwei andere da. Sie befinden ſich beide in der Wand rechts, wenn ich mit dem Rücken nach dem Fenſter zu ſtehe. Jede iſt gleich weit von der Ecke entfernt und jede iſt von derſelben Größe und demſelben Ausſehen. Glaubſt Du, daß wir ſie öffnen und ſehen ſollen, wohin ſie führen?“ „Allerdings. Aber ſtecken denn die Schlüſſel in den Schlöſſern?“ Roſamunde ging näher an die Thüren hin und ant⸗ wortete bejahend. „Nun, dann öffne ſie“, ſagte Leonard.„Doch halt, finden es ge⸗ „Ge⸗ ſtünde, einigen ich be⸗ Fenſter Wand⸗ beiden kann.“ munde, einige cch ſeit⸗ Dir die Thür, d, noch Wand nſter zu ent und usſehen. „wohin in den ind ant⸗ sch halt, 47 nicht allein. Nimm mich mit. Ich mag nicht hier ſitzen bleiben und Dich dieſe Thüren allein öffnen laſſen.“ Roſamunde kehrte nach der Stelle zurück, wo Leonard ſaß, und führte ihn dann nach der Thür, welche von dem Fenſter am weiteſten entfernt war. „Wie, wenn ſich nun auf einmal ein furchtbarer An⸗ blick dahinter darböte!“ ſagte ſie ein wenig zitternd, indem ſie die Hand nach dem Schlüſſel ausſtreckte. „Nimm lieber an— was auch viel wahrſcheinlicher iſt— daß ſie blos in ein anderes Zimmer führt“, meinte Leonard. Roſamunde ſtieß plötzlich die Thür weit auf. Ihr Gatte hatte recht. Sie führte blos in das Nebenzimmer. Nun gingen ſie weiter nach der zweiten Thür. „Kann dieſe denſelben Zweck haben wie die erſte?“ ſagte Roſamunde, indem ſie langſam und mißtrauiſch den Schlüſſel umdrehte. Sie öffnete ſie wie ſie die erſte Thür geöffnet, ſteckte einen Augenblick den Kopf hinein, zog ihn ſchaudernd wieder zurück und machte die Thür mit einem ſchwachen Ausruf des Ekels heftig wieder zu. „Erſchrick nicht, Lenny“, ſagte ſie, indem ſie ihn raſch hinwegführte.„Die Thür führt blos in einen großen, leeren Wandſchrank. Aber es kriechen eine Menge ab⸗ ſcheuliche braune Thiere an der inwendigen Wand herum. Ich habe ſie wieder in ihre Finſterniß und Ungeſtörtheit eingeſchloſſen und ich will Dich nun wieder auf Deinen Platz zurückführen, ehe wir nun zunächſt unterſuchen, was der Bücherſchrank enthält.“ Da die Thür des obern Theils des Bücherſchranks offen war und nur noch halb in ihren Angeln hing, ſo war die Leere der Bretgeſtelle des Schrankes auf der einen Seite ſofort ſichtbar. Die andere Thür zeigte, als Roſamunde ſie aufriß, genan denſelben Anblick von Kahl⸗ heit und Leere. Auf jedem Brete lag dieſelbe Anhäufung von Schmuz und Staub, ohne eine Spur von einem Buch, ohne auch nur einen Fetzen Papier, der in irgend einer Ecke das Auge angezogen hätte. Der untere Theil des Bücherſchranks beſtand aus drei verſchloſſenen Abtheilungen. An der Thür einer derſelben ſtak noch der roſtige Schlüſſel im Schloſſe. Roſamunde drehte ihn mit einiger Mühe um und ſchaute in das Behältniß hinein. Im Hintergrunde deſſelben lag ein Pack brauner und ſchmuziger Spiel⸗ karten umhergeſtreut. Ein Stück Muſſelin lag daneben und erwies ſich, als Roſamunde es auseinanderzog, als das Ueberbleibſel von der Halskrauſe eines Geiſt⸗ lichen. In der einen Ecke fand ſie einen zerbrochenen Korkzieher und den Haspel einer Angelruthe; in einer andern einige Stummel von Tabakspfeifen, einige alte Medicinflaſchen und ein zerknittertes Liederbuch. Dies war alles, was in dieſem Behältniß vorzu— finden war. Nachdem Roſamunde jeden dieſer Gegenſtände ganz genau ſo wie ſie ihn fand, ihrem Gatten beſchrieben, wendete ſie ſich zu dem zweiten Behältniß. Als ſie die Thür verſuchte, ergab ſich, daß dieſelbe nicht verſchloſſen war. Als ſie hineinſchaute, entdeckte ranks war einen als Kahl⸗ ufung einem rgend d aus einer ſe. n und grunde Spiel⸗ aneben derzog, Geiſt⸗ ſchenen einer ge alte vorzu⸗ de ganz hrieben, dieſelbe entdeckte ſie darin nichts als einige Stücke ſchwarzgewordenes, baum wollenes Garnund die Ueberreſte von einem Juwelen⸗ packkäſtchen. Die dritte Thür war verſchloſſen, der roſtige Schlüſſel des erſten Behältniſſes öffnete auch dieſe. Im Innern befand ſich blos ein Gegenſtand— eine kleine hölzerne Schachtel, mit Bindfaden umſchnürt, deſſen beide Enden durch ein Siegel befeſtigt waren. Roſamunde's ſchon ermattende Aufmerkſamkeit ward durch dieſe Entdeckung ſofort wieder angeſpornt. Sie beſchrieb die Schachtel ihrem Gatten und fragte, ob er glaube, daß ſie das Recht habe, das Siegel zu erbrechen. „Steht nichts auf dem Deckel geſchrieben?“ fragte er. Roſamunde trug die Schachtel an das Fenſter, blies den Staub von dem Deckel hinweg und las auf einem darauf genagelten Pergamente:„Papiere, John Arthur Treverton, 1760.“ „Ich glaube, Du kannſt die Verantwortung auf Dich nehmen und das Siegel erbrechen“, ſagte Leonard. „Wenn dieſe Papiere von Bedeutung für die Familie wären, ſo hätten ſie Dein Vater und ſein Teſtaments⸗ vollſtrecker ſicherlich nicht in einem Bücherſchranke ſtehen laſſen.“ Roſamunde erbrach das Siegel und ſah dann zweifel⸗ haft ihren Gatten an, ehe ſie das Kiſtchen öffnete. „Ich glaube, es iſt ſchade um die Zeit, wenn ich mir erſt die Mühe nehme, hineinzuſchauen“, ſagte ſie.„Wie kann eine Kiſte, die ſeit 1760 nicht geöffnet worden, uns Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 4 50 das Geheimniß des Myrthenzimmers und der räthſel⸗ haften Miſtreß Jazeph entdecken helfen?“ „Aber wiſſen wir denn, ob ſie ſeit jener Zeit nicht geöffnet worden?“ ſagte Leonard.„Kann der Bindfaden und das Siegel nicht erſt in neuerer Zeit darum gelegt worden ſein? Du wirſt dies am beſten beurtheilen können, denn Du kannſt ſehen, ob an dem Bindfaden oder dem Siegel irgend etwas wahrzunehmen iſt, woraus man einen Schluß ziehen könnte.“ „Auf dem Siegel, Lenny, iſt weiter nichts zu ſehen, als ein Vergißmeinnicht in der Mitte. Ebenſo ſehe ich weder auf der einen noch auf der andern Seite des Bindfadens irgend ein ſchriftliches Zeichen. Jeder be⸗ liebige Menſch hätte die Kiſte ſchon vor mir öffnen können“, fuhr ſie fort, indem ſie den Deckel bequem mit den Händen aufzog,„denn das Schloß iſt kein Schutz dagegen. Das Holz des Deckels iſt ſo verfault, daß ich das Mittelſtück herausgezogen habe und das übrige in dem Schloß ſtecken geblieben iſt.“ Als ſie die Kiſte näher unterſuchte, fand ſie, daß dieſelbe mit Papieren angefüllt war. Auf dem zu oberſt liegenden Packet ſtanden die Worte geſchrieben:„Aus⸗ gaben bei der Wahl. Vier Stimmen verſchafften mir den Sieg. Jede koſtete 50 Pfund. J. A. Treverton.“ Die nächſte Schicht Papiere hatte keine Ueberſchrift. Roſamunde öffnete ſie und las auf dem erſten Blatt: „Geburtstags⸗Hymne. Dem Mäcenas unſerer Zeit in ſeiner poetiſchen Zurückgezogenheit zu Porthgenna ehr⸗ erbietigſt gewidmet.“. Unter dieſem Geiſtesproduct zeigte ſich eine Sammlung Scht altm bilde ithſel⸗ nicht dfaden gelegt theilen dfaden oraus ſehen, ehe ich te des er be⸗ öffnen m mit Schutz daß ich rige in , daß oberſt „Aus⸗ en mir erton.“ rſchrift. Blatt: er Zeit na ehr⸗ umlung F 51 von alten Rechnungen, alten Einladungskarten, alten Recepten und alten Blättern von Wettbüchern mit einem Stück Peitſchenſchnur zuſammengebunden. Zuletzt, auf dem Boden der Kiſte, lag ein einziges dünnes Blatt Papier, deſſen ſichtbare Seite vollkommen leer war. Roſamunde ergriff es, drehte es um und ſah auf der andern Seite einige ſchwache, mit Dinte gezogene Linien, die ſich nach verſchiedenen Richtungen durchkreuzten und an gewiſſen Stellen mit Buchſtaben des Alphabets verſehen waren. Roſamunde ſetzte ihren Gatten von dem Inhalte aller übrigen Papiere natürlich in Kenntniß und als ſie ihm dieſes letzte Papier beſchrieben, erklärte er ihr, daß die Linien und Buchſtaben ein mathematiſches Problem dar⸗ ſtellten.— „Der Bücherſchrank ſagt uns nichts“, bemerkte Roſa⸗ munde, indem ſie die Papiere langſam wieder in die Kiſte legte.„Wollen wir es nun mit dem Schreibetiſch an dem Kamin verſuchen?“ „Wie ſieht er aus, Roſamunde?“ „Er hat zu beiden Seiten abwärts zwei Reihen von Schubfächern und der ganze obere Theil iſt ſonderbar altmodiſch und ſo geformt, daß er eine ſchräge Fläche bildet wie ein ſehr großes Schreibepult.“ „Geht der obere Theil auf?“ Roſamunde näherte ſich dem Tiſch, betrachtete ihn genau und verſuchte dann das Blatt aufzuheben. „Ja, es muß aufgehen, denn ich ſehe das Schlüſſel⸗ loch“, ſagte ſie.„Aber es iſt verſchloſſen. Und die 4* 52 Schubfächer“, fuhr ſie fort, indem ſie eins nach dem andern probirte,„ſind ebenfalls alle verſchloſſen.“ „Steckt kein Schlüſſel in einem derſelben?“ fragte Leonard. „Nicht eine Spur. Das Blatt greift ſich aber ſo locker an, daß ich wirklich glaube, man könnte es auf— ſprengen, gerade ſo wie ich die kleine Kiſte aufſprengte — freilich aber müßte es durch ein Paar ſtärkere Hände geſchehen, als deren ich mich rühmen kann. Ich will Dich an den Tiſch führen, Lenny; vielleicht weicht er Deiner Kraft.“ Sie legte Leonard's Hände ſorgfältig unter den Vor⸗ ſprung, der durch die überragende Platte des Tiſches ge⸗ bildet ward. Er bot ſeine ganze Kraft auf, aber das Holz war diesmal geſund und feſt, das Schloß hielt und alle ſeine Bemühungen waren vergebens. „Müſſen wir einen Schloſſer holen?“ fragte Roſa⸗ munde mit einem Blick getäuſchter Erwartungen. „Wenn der Tiſch von einigem Werth iſt, ſo müſſen wir dies“, entgegnete Leonard.„Iſt dies nicht der Fall, ſo werden ſich das Blatt und die Schubfächer mit Hülfe eines Hammers und eines Schraubenziehers leicht öffnen laſſen.“ „Dann wollte ich, wir hätten dieſe Werkzeuge gleich mit zur Stelle gebracht, denn der einzige Werth des Tiſches liegt in den Geheimniſſen, die er uns vielleicht verbirgt. Ich habe eher keine Ruhe, als bis wir wiſſen, was darin ſteckt.“ Indem ſie dieſe Worte ſagte, faßte ſie ihren Gatten bei der Hand, um ihn wieder nach ſeinem Platze auf dem beik da Füf die Bil geſe ſtar 7 J gro mei es- kann „Je errc arb⸗ übe weg legt eine plu dem fragte der ſo auf⸗ rengte Hände will cht er Vor⸗ es ge⸗ Holz d alle Roſa⸗ nüſſen Fall, Hülfe öffnen gleich ih des elleicht wiſſen, Gatten Be auf 53 dem Sofa zurückzuführen. Als ſie an den Kamin vor⸗ beikamen, trat er auf den nackten ſteinernen Herd und da er auf dieſe Weiſe eine neue Subſtanz unter den Füßen fühlte, ſo ſtreckte er inſtinctmäßig die Hand aus, die er frei hatte. Er berührte eine Marmortafel mit halb erhabener Bildhauerarbeit, die in die Mitte des Kaminſimſes ein⸗ geſetzt war. Er blieb ſofort ſtehen und fragte, was für ein Gegen⸗ ſtand es ſei, den ſeine Finger zufällig berührt hätten. „Es iſt ein ſteinernes Bildwerk“, ſagte Roſamunde. „Ich hatte vorher nicht darauf geachtet. Es iſt ſehr groß und nicht beſonders anziehend, wenigſtens nicht nach meinem Geſchmack. In ſoweit ich es beurtheile, ſtellt es—“ 6 Leonard unterbrach ſie, ehe ſie weiterſprechen konnte. „Laß mich einmal verſuchen, ob ich ſelbſt ermitteln kann, was es vorſtellt“, ſagte er ein wenig ungeduldig. „Ich will einmal mit meinen Fingern probiren, ob ich errathen kann, was der Gegenſtand dieſer Bildhauer⸗ arbeit iſt.“ Er fuhr mit den Händen langſam und ſorgfältig über das Basrelief, während Roſamunde jede ſeiner Be⸗ wegungen mit ſtummer Aufmerkſamkeit verfolgte, über⸗ legte ein wenig und ſagte: „Iſt in der rechten Ecke nicht die ſitzende Figur eines Mannes, und ſind nicht höher oben links etwas plump ausgeführte Felſen und Bäume zu ſehen?“ Roſamunde ſah ihn zärtlich an und lächelte. 54 „Mein armer guter Lenny!“ ſagte ſie.„Dein ſitzender Mann iſt in der Wirklichkeit eine verkleinerte Copie der berühmten alten Statue der Niobe und ihres Kindes; Deine Felſen ſind marmorne Nachahmungen von Wolken und Deine plump ausgeführten Bäume ſind Pfeile, welche von der Hand eines unſichtbaren Jupiter oder Apollo oder irgend eines andern heidniſchen Gottes abgeſchoſſen werden. Ach, Lenny, Lenny, Du kannſt auf Deinen Gefühlſinn nicht ſo bauen wie Du auf mich bauen kannſt.“ Ein augenblicklicher Schatten des Verdruſſes flog über ſein Geſicht, verſchwand aber ſofort, als Roſamunde ſeine Hand ergriff, um ihn wieder auf ſeinen Platz zurückzu⸗ führen. Er zog ſie ſanft an ſich und küßte ſie auf die Wange. „Du haſt recht, Roſamunde“, ſagte er.„Der einzige zuverläſſige Freund in meiner Blindheit, der mir niemals untreu wird, iſt mein Weib.“ Da Roſamunde ihn wehmüthig geſtimmt ſah und mit dem Scharfblick der Liebe eines Weibes fühlte, daß er an die Zeit dachte, wo er noch das Glück des Augen⸗ lichts genoſſen, ſo kehrte ſie, ſobald ſie ihn wieder auf der Ottomane hatte Platz nehmen laſſen, zu der Aufgabe zurück, welche ſie in das Myrthenzimmer geführt hatte. „Wo ſoll ich nun ſuchen, lieber Lenny?“ fragte ſie. „Den Bücherſchrank haben wir unterſucht. Mit dem Unterſuchen des Schreibtiſches müſſen wir warten. Was gibt es ſonſt noch hier, was ein Schubfach oder ſonſt ein verſchloſſenes Behältniß hätte?“ Sie ſah ſich verlegen um und ging dann nach dem Dein inerte ihres ungen ſind piter ſottes ſt auf mich über ſeine ückzu⸗ uf die inzige emals h und „ daß lugen⸗ uf der afgabe hatte. te ſie. t dem Was ſonſt h dem 55 Theile des Zimmers, welcher ihre Aufmerkſamkeit zuletzt angezogen— dem Theile, wo der Kamin ſich befand. „Ich glaubte hier etwas zu bemerken, Lenny, als ich eben mit Dir vorbeiging“, ſagte ſie, indem ſie ſich der zweiten Vertiefung hinter dem Kaminſims näherte, welche ganz der entſprach, in welcher der Schreibtiſch ſtand. Sie ſchaute hinein und entdeckte in einer Ecke, die durch den Schatten des dicken, hervorragenden Kamin⸗ ſimſes dunkel gemacht ward, einen ſchmalen, wackligen, kleinen Tiſch aus dem ordinärſten Mahagony gefertigt — das gebrechlichſte, armſeligſte und am wenigſten in die Augen fallende Möbel im ganzen Zimmer. Mit dem Fuße ſchob ſie es verächtlich in das Licht. Es bewegte ſich auf plumpen, altmodiſchen Rollen und knarrte träg, während es geſchoben ward. „Lenny, ich habe noch einen Tiſch gefunden“, ſagte Roſamunde,„ein elendes, erbärmliches, kleines Ding, welches halb unſichtbar in einem Winkel ſtand. Ich habe es ſoeben ins Licht geſchoben und ein Schubfach daran entdeckt.“ Sie ſchwieg und verſuchte das Schubfach zu öffnen, aber es leiſtete Widerſtand. „Wieder ein Schloß!“ rief ſie ungeduldig.„Selbſt dieſes erbärmliche Ding iſt gegen uns!“ Sie ſchob den Tiſch mit der Hand heftig fort. Er ſchwankte auf ſeinen gebrechlichen Beinen, taumelte, und fiel auf den Fußboden— ſo ſchwerfällig als ob er zwei Mal ſo groß geweſen wäre— mit einem Schlage, der durch das Zimmer dröhnte und von dem Echo der ein⸗ ſamen nördlichen Halle mehrmals zurückgegeben ward. 56 Roſamunde eilte, als ſie ihren Gatten erſchrocken von ſeinem Platze emporfahren ſah, auf ihn zu und erzählte ihm, was geſchehen ſei. „Du nannteſt den Tiſch einen kleinen“, entgegnete er erſtaunt;„er fiel ja aber wie eines der größten Möbels im Zimmer.“ „Ganz gewiß muß etwas Schweres in dem Schub⸗ fache ſein“, ſagte Roſamunde, indem ſie ſich noch ganz aufgeregt durch den unnatürlichen ſchweren Fall des Tiſches demſelben wieder näherte. Nachdem ſie eine Weile ge⸗ wartet, um dem Staub, der durch den Fall von dem Fußboden emporgewirbelt worden, und der noch in dicken trägen Wolken über dem Tiſche ſchwebte, Zeit zu laſſen, ſich zu zerſtreuen, bückte ſie ſich und ſah den Tiſch näher an. Er war oben an dem Blatt von einem Ende bis zum andern geborſten und das Schloß durch den Fall von ſeiner Befeſtigung losgeriſſen. Roſamunde ſetzte den Tiſch ſorgfältig wieder in die Höhe, zog den Schubkaſten heraus und wendete ſich, nach⸗ dem ſie einen Blick auf den Inhalt geworfen, zu ihrem Gatten. „Ich dachte es gleich“, ſagte ſie.„Ich wußte, daß etwas Schweres in dem Schubkaſten liegen müſſe. Er iſt mit einer Menge Kupfererzen angefüllt, gleich jenen in der Sammlung, die ſich mein Vater von den ver⸗ ſchiedenen Geſteinarten des Porthgenna⸗Schachtes ange⸗ legt hatte, Lenny, weißt Du noch? Doch warte; ich glaube, ich fühle dahinten, ſo weit ich mit meiner Hand reichen kann, noch etwas Anderes.“ Sie zog unter den Erzklumpen, die in dem hintern die ach⸗ rem daß Er enen ver⸗ nge⸗ ich and tern 57 Theile des Schubfaches lagen, hervor einen kleinen, runden Bilderrahmen von ſchwarzem Holz ungefähr von der Größe eines gewöhnlichen Handſpiegels. Er lag mit der Vorderſeite nach unten und die Fläche innerhalb des runden Rahmens war mit einem dünnen Bret ausgefüllt, von der Gattung, die man gewöhnlich zu Hinterſeiten von kleinen Rahmen verwendet, um die Bilder darin feſtzu⸗ halten. Dieſes Bretchen, welches auf der Hinterſeite des Rahmens nur mit einem einzigen Nagel befeſtigt war, hatte der Sturz des Tiſches wahrſcheinlich aus ſeiner Lage gebracht, und als Roſamunde den Rahmen aus dem Schubfache herausnahm, bemerkte ſie zwiſchen dem Rahmen und dem verſchobenen Ende ein Stück Papier, welches, wie es ſchien, viele Mal zuſammengebrochen war, um den kleinſtmöglichen Raum einzunehmen. Sie zog das Papier heraus, legte es beiſeite auf den Tiſch, ohne es auseinanderzufalten, brachte das Bretchen wieder in die geeignete Lage und drehte dann den Rahmen herum, um zu ſehen, ob auf der Vorderſeite ſich ein Bild darin befände. Allerdings war ein Bild da— ein Bild in Oel— farben gemalt und vom Alter etwas dunkel gemacht, aber nicht ſehr verblichen. Es ſtellte den Kopf einer Dame und die Geſtalt derſelben bis auf den Buſen vor. Sobald als Roſamunde's Augen darauf fielen, ſchau⸗ derte ſie und eilte mit dem Bilde in der Hand ſofort auf ihren Gatten zu. „Nun, was haſt Du jetzt gefunden?“ fragte er, als ob er ſie ſich ihm nähern hörte. 58 „Ein Bild“, antwortete ſie leiſe, indem ſie ſtehen blieb, um es wieder anzuſehen. Leonard's leiſes Ohr bemerkte ſofort die Veränderung in ihrer Stimme. „Hat das Bild etwas, was Dich beunruhigt?“ fragte er halb im Scherz, halb im Ernſt. „Allerdings hat es etwas Auffälliges— etwas, was mich, ſo heiß auch der Tag iſt, für den Augenblick wie Froſt durchſchauert“, entgegnete Roſamunde.„Entſinnſt Du Dich noch der Schilderung, welche Betſey uns am Abend unſerer Ankunft von dem Geſpenſt der nördlichen Zimmer machte?“ „Ja, ich erinnere mich noch vollkommen.“ „Lenny, dieſe Beſchreibung paßt ganz genau auf dieſes Bild. Hier iſt das gekräuſelte hellbraune Haar. Hier iſt das Grübchen auf jeder Wange. Hier ſind die weißen, regelmäßigen Zähne. Hier iſt die lauernde, frivole verhängnißvolle Schönheit, welche das Mädchen zu be⸗ ſchreiben ſuchte und auch wirklich beſchrieb, indem ſie ſagte, dieſelbe ſei grauenhaft.“ Leonard lächelte. „Deine lebhafte Phantaſie ergeht ſich zuweilen in ſeltſamen Vorſtellungen“, ſagte er ruhig. „Meine Phantaſie?“ wiederholte Roſamunde bei ſich ſelbſt.„Wie kann von Phantaſie die Rede ſein, wenn ich das Geſicht wirklich hier vor mir ſehe. Wie kann es Phantaſie ſein, wenn ich fühle—“ Sie ſchwieg, ſchauderte wieder und kehrte ſchnell an den Tiſch zurück, auf welchen ſie das Bild mit dem Ge⸗ ſtehen erung fragte was k wie ſinnſt s am lichen dieſes Hier deißen, rivole zu be⸗ ſagte, len in ei ſich wenn 2 kann rell an m Ge⸗ ⁹ ſicht abwärts niederlegte. Indem ſie dies that, fiel ihr wieder das zuſammengefaltete Papier, welches ſie aus dem Hintertheil des Rahmens herausgenommen, ins Auge. „Vielleicht finde ich hier einigen Aufſchluß über dieſes Bild“, ſagte ſie, indem ſie die Hand nach dem Papier ausſtreckte. Es war jetzt ziemlich Mittag. Die Hittzze laſtete ſchwerer auf der Luft und die Stille aller Dinge war banger als je, als Roſamunde das Papier von dem Tiſche nahm und auseinanderfaltete.. Viertes Anpitel. Die Enthüllung des Seheimniſſes. Falte um Falte öffnete Roſamunde das Papier und ſah, daß auf der innern Seite geſchriebene Buchſtaben ſtanden, die eine hellgelbliche Farbe angenommen hatten. Sie ſtrich es auf dem Tiſche glatt, hob es dann wieder auf und ſah die erſte Zeile der Schrift an. Die erſte Zeile enthielt drei Worte— Worte, welche ihr ſagten, daß das Papier mit der Schrift darauf nicht die Beſchreibung eines Bildes war, ſondern ein Brief,— Worte, bei welchen ſie, als ihr Auge darauf fiel, zuſammenſchrak und die Farbe wechſelte. Ohne es zu verſuchen, weiter zu leſen, wendete ſie ſchnell das Blatt um, um die Stelle zu finden, wo die Schrift endete. Sie endete am Fuße der dritten Seite, aber nahe am Fuße der zweiten Seite war ein Abſatz zwiſchen den Zeilen und in dieſem Abſatz ſtanden zwei Namen ge⸗ ſchrieben. und aben tten. teder elche rauf ein rauf hne das hrift nahe den ge⸗ 61 Sie ſah den oberſten der beiden Namen an— ſchrak wieder zuſammen— und kehrte dann ſofort zu der erſten Seite zurück. Zeile um Zeile und Wort um Wort las ſie die Schrift. Ihre natürliche Geſichtsfarbe ſchwand dabei allmälig hinweg und eine fahle, gleichförmige Bläſſe überzog an ihrer Stelle das ganze Geſicht. Als ſie an das Ende der dritten Seite gekommen war, ſank die Hand, in welcher ſie den Brief hielt, ſchlaff herab und ſie wendete den Kopf langſam nach Leonard herum. So blieb ſie ſtehen. Keine Thräne befeuchtete ihr Auge, keine Veränderung machte ſich in ihren Zügen bemerklich, kein Wort entſchlüpfte ihren Lippen, keine Bewegung änderte die Stellung ihrer Glieder— ſo ſtand ſie, den verhängnißvollen Brief in ihren kalten Fingern zuſammenknitternd und unverwandt, ſprachlos und athemlos ihren blinden Gatten betrachtend. Er ſaß noch wie ſie ihn vor wenigen Minuten hatte ſitzen ſehen— mit gekreuzten Beinen, die Hände gefaltet und das Geſicht erwartungsvoll nach der Richtung hin⸗ gewendet, in welcher er den Ton der Stimme ſeines Weibes zuletzt vernommen. Nach wenigen Augenblicken erweckte jedoch die un⸗ unterbrochene Stille im Zimmer ſeine Aufmerkſamkeit. Er veränderte ſeine Stellung— horchte eine Weile, wendete den Kopf unruhig von einer Seite zur andern und rief dann: „Roſamunde?“ Bei dem Klange ſeiner Stimme bewegten ſich ihre Lippen und ihre Finger faßten das Papier, welches ſie 62 hielt, feſter, aber ſie that keinen Schritt und ſprach kein Wort. „Roſamunde!“ Ihre Lippen bewegten ſich wieder, leichte Spuren von Ausdruck begannen ſich ſchattenhaft über die leichen⸗ blaſſe Fläche ihres Geſichts zu ſtehlen— ſie that einen Schritt, zögerte, ſah den Brief an und blieb wieder ſtehen. Da Leonard keine Antwort hörte, ſo erhob er ſich überraſcht und unruhig. Seine armen, hülfloſen Hände vor ſich in der Luft hin- und herbewegend, ging er einige Schritte vorwärts, geradeaus von der Wand, an welcher er geſeſſen. Ein Stuhl, welchen zu berühren ſeine Hände nicht tief genug herabreichten, ſtand ihm im Wege und da er immer noch vorwärts ging, ſo ſtieß er heftig mit dem Knie daran. Ein Schrei entfuhr Roſamunde's Lippen, als ob der Schmerz dieſes Stoßes von ihrem Gatten auf ſie ſelbſt überginge. Im nächſten Augenblick war ſie an ſeiner Seite. „Du haſt Dir doch nicht Schaden gethan, Lenny?“ fragte ſie leiſe. „Nein, nein.“ Er verſuchte ſeine Hand an die Stelle zu drücken, wo er ſich geſtoßen, Roſamunde kniete aber raſch nieder und legte ihre eigene Hand darauf, indem ſie zugleich, während ſie darauf kniete, ihren Kopf in ſeltſam zögern⸗ der, ſchüchterner Weiſe an ihn ſchmiegte. Er legte die Hand, deren Bewegung ſie gehemmt, leicht auf ihre Schulter. 4 eein ren den⸗ nen der ſich inde er an hren im ß er ob ſie an 1 icken, tieder leich, gern⸗ mmt, 63 In dem Augenblick, wo dieſe Hand ſie berührte, begannen ihre Augen einen andern Ausdruck zu gewinnen, Thränen ſtiegen in dieſelben empor und rannen langſam an den Wangen herunter. „Ich dachte, Du hätteſt mich verlaſſen“, ſagte er. „Es war ſo ſtill im Zimmer, daß ich glaubte, Du wäreſt hinausgegangen.“ „Willſt Du jetzt mit mir hinauskommen?“ fragte ſie. Ihre Kräfte ſchienen ihr untreu zu werden, während ſie dieſe Frage that, ihr Kopf ſank auf ihre Bruſt herab und ſie ließ den Brief neben ſich auf den Fußboden niederfallen. „Biſt Du ſchon müde, Roſamunde? Deine Stimme klingt ſo matt.“ „Ich möchte das Zimmer verlaſſen“, ſagte ſie noch in demſelben leiſen gezwungenen Tone.„Schmerzt Dich Dein Knie noch, Lenny? Kannſt Du jetzt gehen?“ „Ja wohl. Mein Knie iſt durchaus nicht beſchädigt. Wenn Du müde biſt, Roſamunde— ich weiß, daß Du es biſt, wenn Du es auch nicht geſtehen willſt— ſo wird es gut ſein, wenn wir dieſes Zimmer ſo bald als möglich verlaſſen.“ Sie ſchien die letzten Worte, die er ſagte, nicht zu hören. Ihre Finger bewegten ſich fieberhaft an ihrem Halſe und Buſen herum; zwei helle, rothe Punkte be⸗ gannen auf ihren bleichen Wangen zu brennen; ihre Augen waren ſtier auf den neben ihr liegenden Brief geheftet; ihre Hände taſteten umher, ehe ſie ihn auf⸗ hoben. Einige Secunden lang wartete ſie ſo auf den Knien 64 liegend und ſah den Brief unverwandt an, den Kopf von ihrem Gatten abgewendet, dann erhob ſie ſich und ging nach dem Kamin. Unter dem Staub, der Aſche und anderm Schutt an der hintern Stelle des Roſtes lagen einige alte, zer⸗ riſſene Stücke Papier umhergeſtreut. Ihre Augen fielen darauf und ſie betrachtete dieſelben aufmerkſam. Sie ſchauete und ſchauete und bog ſich langſam immer tiefer auf den Roſt herab. Einen Augenblick lang hielt ſie den Brief mit beiden Händen über die Aſche— den nächſten zog ſie ihn heftig ſchaudernd zurück und drehte ſich ſo, daß ſie ihrem Gatten wieder gegenüber ſtand. Als ſie ihn erblickte, entrang ſich ihr ein ſchwacher, un⸗ artikulirter Ausruf, halb Seufzer, halb Schluchzen. „O, nein, nein!“ flüſterte ſie bei ſich ſelbſt, indem ſie inbrünſtig die Hände faltete und ihn mit liebenden, wehmüthigen Augen betrachtete;„niemals, niemals, Lenny! Möge daraus werden, was da wolle.“ „Sprachſt Du mit mir, Roſamunde?“ „Ja, Geliebter. Ich ſagte—“ Sie ſchwieg und faltete mit zitternden Fingern das Papier genau wieder zu der Form zuſammen, in welcher ſie es gefunden. „Wo biſt Du?“ fragte er.„Deine Stimme klingt fern von mir, wieder am andern Ende des Zimmers. Wo biſt Du?“ Zitternd und weinend eilte ſie auf ihn zu, faßte ihn beim Arm und ohne einen Augenblick zu zögern, ohne die mindeſte Spur von Unentſchloſſenheit in ihrem f von ging Schutt 7 zer⸗ fielen Sie tiefer lt ſie den drehte ſtand. , un⸗ 7. indem enden, mals, n das velcher klingt mmers. faßte ögern, ihrem „ Geſicht, legte ſie das zuſammengefaltete Papier kühn in ſeine Hand. „Behalte dies, Lenny“, ſagte ſie todtenbleich, aber ohne ihre Feſtigkeit zu verlieren.„Behalte dies und fordre mich auf, es Dir vorzuleſen, ſobald wir das Myrthenzimmer verlaſſen haben.“ „Was iſt es?“ fragte er. „Das Letzte, was ich gefunden, Geliebter“, ent⸗ gegnete ſie, indem ſie ihn innig mit einem tiefen Seufzer wie aus erleichtertem Herzen anſah. „Iſt es von Wichtigkeit?“ Anſtatt zu antworten, drückte ſie ihn plötzlich an ihre Bruſt, klammerte ſich mit aller Inbrunſt an ihn und bedeckte athemlos und leidenſchaftlich ſein Geſicht mit Küſſen. „Na, ſachte, ſachte!“ riefs Leonard lachend.„Du erdrückſt mich ja!“ Sie ließ von ihm ab, trat einen Schritt zurück, legte eine Hand auf jede ſeiner Schultern und betrachtete ihn ſchweigend. „O mein Engel!“ murmelte ſie zärtlich.„Alles, was ich in der Welt habe, wollte ich darum geben, wenn ich wüßte, wie ſehr Du mich liebſt.“ „Nun“, entgegnete er immer noch lachend,„das ſollteſt Du doch nun wiſſen, Roſamunde.“ „Ich werde es bald wiſſen.“ Sie ſprach dieſe Worte in ſo ruhigem und leiſem Tone, daß ſie nur eben hörbar waren. Die Veränderung in ihrer Stimme als ein neues Symptom von Ermü⸗ Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 5 66 dung deutend, forderte Leonard ſie auf, ihn wegzuführen, ihn indem er ihr die Hand entgegenſtreckte. ſtüt Auf dem Rückwege nach dem bewohnten Theile des gan Hauſes ſagte Roſamunde weiter nichts über das zu⸗ ſammengefaltete Papier, welches ſie ihm in die Hand der gedrückt. Ihre ganze Aufmerkſamkeit, während ſie nach ven der weſtlichen Front zurückkehrten, ſchien darauf gerichtet wän zu ſein, daß ſie jeden Zoll des Bodens, auf welchem er noc wandelte, eiferſüchtig betrachtete, um ſich zu überzeugen, ihre daß er glatt und ſicher ſei, ehe ſie Leonard geſtattete, abg ſeinen Fuß darauf zu ſetzen. So ſorgfältig und um⸗ 3 ſichtig ſie auch vom erſten Tage ihre Cheſtandes gewe⸗ heit ſen, wenn ſie ihren Gatten von einem Ort nach dem und andern führte, ſo war ſie doch jetzt übertrieben, ja faſt den lächerlich beſorgt, ihn vor der entfernteſten Möglichkeit des eines Unfalles zu bewahren. Als ſie fand, daß er, als ſie das Myrthenzimmer witz verließen, an dem äußern Rande des offenen Vorplatzes gene hinging, beſtand ſie darauf, daß er mit ihr die Seite ſei wechſelte und ſich nun längs der Wand hin bewege. ginc Als ſie die Treppe hinuntergingen, blieb ſie mitten Ier auf derſelben ſtehen, um ihn zu fragen, ob er Schmerz in dem Knie empfände, womit er ſich an den Stuhl Thi geſtoßen. an Auf der letzten Stufe bewog ſie ihn abermals, ſtehen zu bleiben, während ſie die zerriſſenen, durcheinander„Si gewirrten Ueberreſte einer alten Fußdecke auf die Seite dum ſchob, damit er ſich nicht mit den Füßen darein ver⸗ zu f wickelte. befel Als ſie durch die nördliche Halle ſchritten, bat ſie hren, e des zu⸗ Hand nach eichtet m er ugen, attete, um⸗ gewe⸗ dem a faſt ichkeit mmer blatzes Seite ſe. mitten chmerz Stuhl ſtehen nander Seite n ver⸗ bat ſie 67 ihn, ihren Arm zu nehmen und ſich recht feſt darauf zu ſtützen, denn ſie ſei überzeugt, daß ſein Knie noch nicht ganz frei von Steifheit ſei. Selbſt an der kurzen Treppe, welche den Eingang der Halle mit den nach der Weſtſeite des Hauſes füh⸗ renden Gängen in Verbindung ſetzte, ließ ſie ihn ab⸗ wärts zwei Mal Halt machen, um ſeinen Fuß auf die noch geſunden Theile der Stufen zu ſetzen, welche nach ihrer Behauptung an mehr als einer Stelle gefährlich abgenutzt waren. Er lachte gutmüthig über ihre übertriebene Beſorgt⸗ heit, ihn vor aller Gefahr des Stolperns zu bewahren, und fragte, ob ſie, da ſie ſo oft Halt machte, wohl für den Imbiß noch Zeit genug nach der weſtlichen Seite des Hauſes kommen würden.. Sie war nicht wie gewöhnlich mit einer ſchnellen, witzigen Antwort bereit; ſein Gelächter fand kein an⸗ genehmes Echo in dem ihrigen; ſie antwortete blos, es ſei unmöglich, allzubeſorgt um ihn zu ſein, und dann gingen ſie ſchweigend weiter, bis ſie die Thür des Zim⸗ mers der Haushälterin erreichten. Roſamunde ließ Leonard einen Augenblick vor dieſer Thür warten, während ſie hineinging, um die Schlüſſel an Miſtreß Pentreath zurückzugeben. „Mein Himmel, Madame“, rief die Haushälterin, „Sie ſcheinen von der Hitze der Witterung und der dumpfen Luft in dieſen alten Zimmern ſehr angegriffen zu ſein. Soll ich Ihnen ein Glas Waſſer holen, oder befehlen Sie mein Riechfläſchchen?“ Roſamunde lehnte beide Anerbietungen ab. 5* 68 „Darf ich fragen, Madame, ob ſich diesmal in den nördlichen Zimmern etwas gefunden hat?“ fragte Mi⸗ ſtreß Pentreath, indem ſie die Schlüſſel aufhing. „Blos einige alte Papiere“, entgegnete Roſamunde ſich abwendend. „Sie erlauben mir wohl noch eine Frage, Madame“, fuhr die Haushälterin fort.„Wenn nun heute vielleicht Herrſchaften aus der Umgegend kommen, um ihren Be⸗ ſuch zu machen—“ „Wir ſind beſchäftigt. Mag es ſein, wer es wolle — wir ſind beide beſchäftigt.“ Mit dieſer kurzen Antwort verließ Roſamunde die Haushälterin und begab ſich wieder zu ihrem Gatten. Mit demſelben Uebermaß von Aufmerkſamkeit und Sorgfalt, welches ſie auf dem Wege nach dem Zimmer der Haushälterin an den Tag gelegt, führte ſie ihn jetzt auch die weſtliche Treppe hinauf. Da zufällig die Thür des Bibliothekzimmers offen ſtand, ſo gingen ſie auf ihrem Wege nach dem Beſuchzimmer, welches das größere und kühlere von beiden war, durch erſteres hindurch. Nachdem Roſamunde ihren Gatten an einen Stuhl geführt, kehrte ſie in das Bibliothekzimmer zurück und nahm von dem Tiſche einen Präſentirteller, den ſie vor⸗ hin bemerkt und auf welchem eine Flaſche Waſſer und ein Glas ſtanden. 1 „Es iſt leicht möglich, daß Ohnmacht oder Schrecken mich überwältigen“, ſagte ſie raſch bei ſich ſelbſt, indem ſie ſich mit dem Präſentirbret in der Hand herumdrehte, um wieder in das große Zimmer zurückzukehren. in den Mi⸗ nunde ame“, elleicht n Be⸗ wolle de die tten. t und immer ie ihn ig die gen ſie es das rſteres Stuhl ick und ie vor⸗ er und chrecken indem ndrehte, 69 Nachdem ſie das Waſſer auf einen Tiſch in einer Ecke geſetzt, verſchloß ſie geräuſchlos erſt die in die Bibliothek und dann die hinaus auf den Corridor füh⸗ rende Thür. Leonard, welcher hörte, daß ſie ſich umherbewegte, rieth ihr, doch lieber ruhig auf dem Sofa ſitzen zu blei⸗ ben. Sie ſtreichelte ihm die Wange und ſtand im Be⸗ griff, eine geeignete Antwort zu geben, als ſie zufällig ihr Geſicht in dem Spiegel erblickte, unter welchem er ſaß. Der Anblick ihrer bleichen Wangen und verſtörten Augen hemmte die Worte auf ihren Lippen. Sie eilte fort nach dem Fenſter, um einen Hauch der Luft zu erhaſchen, welche von dem Meere her ihr zuwehte. Der Sonnennebel barg immer noch den Horizont. Näher war die ölige, farbloſe Fläche des Waſſers gerade ſichtbar und hob ſich von Zeit zu Zeit in einer ein⸗ tönigen Woge, welche ſich glatt und endlos hinausrollte, bis ſie ſich in dem weißen Dunkel des Nebels verlor. Dicht am Strande war die ſonſt ſo toſende Bran⸗ dung kaum zu hören. Kein Geräuſch kam von der Bucht, ausgenommen in langen, ermüdenden Zwiſchen⸗ räumen, wenn ein kurzer Schlag und ein dumpfes, eben nur hörbares Plätſchern den Fall einer kleinen, winzi⸗ gen Welle auf den glühendheißen Sand verkündete. Auf der Terraſſe vor dem Hauſe war das eintönige Summen der Sommerinſecten alles, was von Leben und Bewegung ſprach. Keine menſchliche Geſtalt war irgendwo an der Küſte zu ſehen; keine Spur von einem Segel dämmerte durch die Hitze auf dem Meere, kein 70 Lufthauch bewegte die zarten Ranken der Schlingpflanzen, die an der Mauer des Schloſſes ſich hinzogen, oder erfriſchte die an den Fenſtern ſtehenden, ſchmachtenden Blumen. Roſamunde wendete ſich, nachdem ſie die äußere Ausſicht einen Augenblick lang betrachtet, ermüdet davon ab. Als ſie wieder in das Zimmer hereinſah, redete ihr Gatte ſie an. „Was für ein koſtbares Ding liegt denn in dieſem Papier verborgen?“ fragte er, indem er den Brief zur Hand nahm und ihn lächelnd auseinander faltete.„ Ganz gewiß muß es noch etwas Anderes ſein, als bloſe Schrift — vielleicht iſt ein unſchätzbares Pulver oder eine Bank⸗ note von fabelhaftem Werthe in alle dieſe Falten ein⸗ gewickelt.“ Roſamunde entſank der Muth, als er den Brief öffnete und mit den Fingern über die Schrift in⸗ wendig fuhr, indem er zugleich in ironiſcher Weiſe ſeine Beſorgniß ausſprach und ſcherzend erklärte, alle in Porthgenna entdeckten Schätze mit Roſamunde theilen zu wollen. „Ich will Dir den Brief ſogleich vorleſen, Lenny“, ſagte ſie, indem ſie auf den nächſten Stuhl niederſank und mit matter Hand ihr Haar von den Schläfen zurückſtrich.„Leg' ihn aber jetzt auf einige Minuten weg und laß uns von irgend etwas anderm ſprechen, es möge ſein was es wolle, dafern es uns nur nicht an das Myrthenzimmer erinnert. Ich bin ſehr launenhaft, nicht wahr, daß ich ſo plötzlich des Gegenſtandes über⸗ drüſſig werde, über welchen ich ſeit ſo vielen Wochen inzen, oder enden ußere davon redete dieſem f zur Ganz zchrift Bank⸗ t ein⸗ Brief t in⸗ Weiſe „ alle theilen nny“, derſank hläfen inuten rechen, icht an enhaft, über⸗ Vochen /1 am liebſten und unermüdlichſten geſprochen. Sage mir, Geliebter“, ſetzte ſie hinzu, indem ſie plötzlich aufſtand und an die Lehne ſeines Stuhles trat,„verſchlimmern ſich meine Grillen und Fehler, oder habe ich mich ſeit der Zeit unſerer Vermählung gebeſſert?“ Er warf den Brief gleichgültig beiſeite auf einen Tiſch, welcher ſtets dicht neben ſeinem Stuhl ſtand und drohte ihr komiſch vorwurfsvoll mit dem Finger. „O pfui, Roſamunde!“ ſagte er;„willſt Du mich verlocken, Dir Complimente zu machen?“ Der leichtfertige Ton, in welchem er immer noch ſprach, ſchien ſie geradezu zu ängſtigen. Sie ging lang⸗ ſam von ſeinem Stuhl hinweg und ſetzte ſich wieder in kurzer Entfernung von ihm nieder. „Ich weiß, daß ich Dich zuweilen beleidigte“, fuhr ſie raſch und verlegen fort—„doch nein, ich beleidigte Dich nicht— ich ärgerte Dich blos ein wenig— weil ich allzu vertraulich mit den Dienſtleuten ſprach. Du hätteſt anfangs, wenn Du mich nicht ſo gut gekannt hätteſt, faſt glauben können, es ſei dies ſo meine Ge⸗ wohnheit, weil ich früher ſelbſt einmal eine dienende Perſon geweſen wäre. Geſetzt nun, ich wäre wirklich eine dienende Perſon geweſen— die Dienerin, welche Dich in Deinen Krankheiten gepflegt, die Dienerin, welche Dich in Deiner Blindheit ſorgfältiger geführt als ſonſt jemand gethan— würdeſt Du dann viel an den Unterſchied zwiſchen uns gedacht haben— würdeſt Du—“ Sie ſchwieg. Das Lächeln war aus Leonard's Ge⸗ 72 ſicht verſchwunden und er hatte ſich ein wenig von ihr abgewendet. „Was kann es nützen, Roſamunde, Fälle anzuneh⸗ men, die ſich niemals hätten ereignen können?“ fragte er etwas ungeduldig. Sie ging an den Nebentiſch, ſchenkte ſich von dem Waſſer, welches ſie aus dem Bibliothekzimmer geholt, in das Glas und trank es begierig; dann ging ſie an das Fenſter und pflückte einige von den hierſtehenden Blumen. Einige davon warf ſie im nächſten Augenblick wieder weg, behielt aber die übrigen in der Hand und ordnete ſie ſo, daß ihre Farben mit der Wirkung con⸗ traſtirten. Als dies geſchehen war, ſteckte ſie ſie an die Bruſt, ſah zerſtreut darauf herab, nahm ſie wie⸗ der von dem Kleide ab, kehrte zu ihrem Gatten zurück und ſteckte ihm den kleinen Strauß in das Knopfloch ſeines Rockes. „Da haſt Du etwas, was Dir ein heiteres Aus⸗ ſehen gibt, Geliebter— ſo wie ich ſtets zu ſehen wün⸗ ſche“, ſagte ſie, indem ſie ſich in ihrer beliebten Stel⸗ lung zu ſeinen Füßen niederſetzte und, mit ihren Armen auf ſeinen Knien ruhend, wehmüthig zu ihm aufblickte. „Woran denkſt Du, Roſamunde?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ich dachte blos nach, Lenny, ob noch irgend ein Weib auf der Welt Dich ſo lieben könnte wie ich. Ich fürchte faſt, daß es noch mehrere gebe, die ebenſo wie ich nichts mehr verlangen würden, als für Dich zu leben und zu ſterben. Es liegt etwas in Deinem Geſicht, in Deiner Stimme, in Deinem ganzen Weſen— außer 3 n ihr uneh⸗ ragte dem eholt, ie an enden ublick und con⸗ e an wie⸗ zurück pfloch Aus⸗ wün⸗ Stel⸗ lrmen ickte. nach id ein Ich o wie leben ht, in außer dem Intereſſe, welches Dein beklagenswerthes Gebrechen einflößt— was, glaube ich, das Herz jedes Weibes zu Dir ziehen muß. Wenn ich ſterben ſollte—“ „Wenn Du ſterben ſollteſt!“ Er fuhr empor, indem er dieſe Worte wiederholte und ſich vorwärts neigend ſeine Hand unruhig auf ihre Stirn legte.„Du denkſt und ſprichſt dieſen Morgen ſehr ſeltſam, Roſamunde. Biſt Du nicht wohl?“ Sie erhob ſich auf ihre Knie, ſah ihn näher an, ihr Geſicht heiterte ſich ein wenig auf und ein mattes Lächeln umſpielte ihre Lippen.„Ich möchte wiſſen, ob Du mich ſtets ſo lieben wirſt, wie Du mich jetzt liebſt“, flüſterte ſie, indem ſie ſeine Hand küßte, während ſie dieſelbe von ihrer Stirn hinwegnahm. Er lehnte ſich wieder in ſeinen Stuhl zurück und ſagte ſcherzend, ſie ſolle nicht zu weit in die Zukunft ſchauen. Dieſe Worte, ſo leichthin ſie auch geſprochen wurden, drangen tief in ihr Herz. „Es gibt Zeiten, Lenny“, ſagte ſie,„wo alles Glück der Gegenwart von der Gewißheit der Zukunft abhängt.“ Sie ſah den Brief an, den ihr Gatte offen auf dem Tiſche neben ſich hatte liegen laſſen und nach einem augenblicklichen Kampfe mit ſich ſelbſt nahm ſie ihn in die Hand, um ihn zu leſen. Bei dem erſten Worte aber verſagte ihr die Stimme — die tödtliche Bläſſe breitete ſich wieder über ihr Ge⸗ ſicht; ſie warf den Brief wieder auf den Tiſch und ging fort bis ans andere Ende des Zimmers. 74 „Der Zukunft?“ fragte Leonard.„Welcher Zukunft, Roſamunde? Was meinſt Du?“ „Geſetzt, ich meinte unſere Zukunft in Porthgenna“, ſagte ſie, indem ſie ihre trockenen Lippen mit einigen Tropfen Waſſer befeuchtete.„Werden wir hier ſo lange bleiben, wie wir dies bisjetzt gedacht und werden wir hier ſo glücklich ſein, wie wir anderwärts geweſen ſind? Auf der Reiſe ſagteſt Du mir, ich würde es ſehr lang⸗ weilig finden, und mich zu allerhand außerordentlichen Beſchäftigungen genöthigt ſehen, um mir die Zeit zu vertreiben. Du ſagteſt, ich würde mit der Gärtnerei anfangen und damit enden, daß ich einen Roman ſchriebe.“ „Einen Roman!“ Sie näherte ſich wieder ihrem Gatten und ſah ihm aufmerkſam ins Geſicht, während ſie fortfuhr: „Warum nicht? Es werden jetzt von Frauen mehr Romane geſchrieben, als von Männern. Was ſoll mich abhalten, es zu verſuchen? Das erſte große Erforder⸗ niß iſt, glaube ich, eine Idee zu einer Geſchichte zu haben, und dieſe habe ich.“ Sie ging noch einige Schritte weiter, erreichte den Tiſch, auf dem der Brief lag und legte ihre Hand darauf, während ſie ihre Augen immer noch aufmerkſam auf Leonard's Geſicht geheftet hielt. „Und was haſt Du für eine Idee, Roſamunde?“ fragte er. „Dieſe“, entgegnete ſie.„Die Hauptperſonen mei⸗ ner Geſchichte ſind ein junges Ehepaar. Sie ſollen ein⸗ ander innig lieben— ſo innig wie wir, Lenny— und ſie ſollen demſelben Range angehören wie Du. Nach⸗ ift, 19*, igen ange wir ind? ang⸗ ichen it zu nerei ebe.“ ihm mehr mich order⸗ haben, e den Hand rkſam nde?“ mei⸗ en ein⸗ — und Nach⸗ 75 dem ſie eine Zeit glücklich vermählt geweſen und nach⸗ dem ſie mit einem Kinde beglückt worden, welches ihre Liebe zueinander noch höher ſteigert, bricht auf einmal wie ein Donnerſchlag aus heiterm Himmel eine furcht⸗ bare Entdeckung über ſie herein. Der Mann hat zu ſeiner Gattin eine junge Dame gewählt, welche einen ſo alten Familiennamen trägt, wie—“ „Wie der Deine?“ meinte Leonard. „Wie der Name der Familie Treverton“, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ihre Hand raſt⸗ los den Brief auf dem Tiſche hin und her bewegt hatte. „Der Mann iſt von guter Geburt— von ebenſo guter Geburt wie Du, Lenny— und die furchtbare Ent⸗ deckung beſteht darin, daß ſein Weib kein Recht auf den alten Namen hat, den ſie trug, als er ſie heirathete.“ „Liebe Roſamunde, ich kann nicht ſagen, daß mir Deine Idee gefiele. Deine Geſchichte wird den Leſer verlocken, ſich für ein Weib zu intereſſiren, welches zuletzt als Betrügerin daſteht.“ „Nein“, rief Roſamunde mit Wärme.„Ein echtes Weib iſt ſie— ein Weib, welches ſich nie zu einem Betrug erniedrigte— ein Weib voll Mängel und Ge⸗ brechen, aber eine Freundin der Wahrheit auf alle Ge⸗ fahren und Opfer hin. Laß mich ausreden, Lenny, ehe Du urtheilſt.“ Heiße Thränen traten ihr in die Augen, aber ſie trocknete ſie ſchnell wieder und fuhr fort: „Dieſe junge Dame wächſt heran und heirathet, völlig unbekannt— merke das wohl— völlig unbekannt 76 mit ihrer eigentlichen Geſchichte. Die plötzliche Ent⸗ hüllung der Wahrheit ſchmettert ſie zu Boden— ſie ſieht ſich von einem Unheil ereilt, an welchem ſie keine Schuld hat. Sie wird durch die Entdeckung zermalmt, zerſchmettert und faſt dem Wahnſinne nahe gebracht. Die Entdeckung bricht über ſie herein, während ſie keine Stütze hat, als ſich ſelbſt. Es ſteht in ihrer Macht, ſie vollkommen ungeſtraft vor ihrem Gatten geheim zu halten; ſie fühlt ſich in einem Augenblick furchtbarer Verſuchung gleich andern ſchwachen Sterblichen erſchüt⸗ tert und nahe daran, dieſe Verheimlichung zu begehen; aber ſie überwindet dieſe Verſuchung und ſagt, nur auf Antrieb ihres eigenen freien Willens, ihrem Gatten Alles, was ſie ſelbſt weiß. Nun, Lenny, wie nennſt Du dieſes Weib. Immer noch eine Betrügerin?“ „Nein, ein Opfer.“ „Welches freiwillig zum Opfertode geht? und welches auch geopfert werden muß?“ „Das habe ich nicht geſagt.“ „Was würdeſt Du mit ihr machen, Lenny, wenn Du ihre Geſchichte ſchriebeſt? Ich meine, wie würdeſt Du ihren Gatten ſich gegen ſie benehmen laſſen? Es iſt dies eine Frage, bei welcher die Natur des Mannes ins Spiel kommt und eine Frau iſt daher nicht befähigt, darüber zu entſcheiden. Ich weiß deshalb auch nicht, wie ich die Geſchichte ſchließen ſoll. Wie würdeſt Du ſie ſchließen, Geliebter?“ Bei dieſen letzten Worten ſank ihre Stimme weh⸗ müthig zu ihrem ſanfteſten, bittendſten Tone herab. Ent⸗ ſie eine mt, icht. eine acht, zu arer hüt⸗ hen; auf atten ennſt lches wenn irdeſt Es annes äͤhigt, nicht, Du weh⸗ herab. 77 Sie trat dicht an ihn heran und wickelte ſein Haar lieb⸗ koſend um ihre Finger. „Wie würdeſt Du ſie ſchließen, Geliebter?“ wieder⸗ holte ſie, indem ſie ſich bückte, bis ihre zitternden Lippen gerade ſeine Stirn berührten. Er rückte unruhig in ſeinem Stuhle hin und her und antwortete: „Ich bin kein Romanſchreiber, Roſamunde.“ „Aber wie würdeſt Du handeln, Lenny, wenn Du dieſer Mann wäreſt?“ „Das iſt für mich ſchwer zu ſagen“, antwortete er.„Ich beſitze nicht Deine lebhafte Einbildungskraft, liebe Roſamunde— ich beſitze nicht die Fähigkeit, mich ſofort in eine Stellung zu verſetzen, die nicht die meinige iſt, um zu wiſſen, wie ich in derſelben han⸗ deln würde.“ „Aber geſetzt, Dein Weib wäre dicht bei Dir— ſo dicht wie ich jetzt. Geſetzt, ſie hätte Dir das furcht⸗ bare Geheimniß offenbart und ſtünde vor Dir— ſo wie ich jetzt ſtehe— und das Glück ihres ganzen künf⸗ tigen Lebens hinge von einem einzigen Worte Deiner Lippen ab? O, Lenny, Du würdeſt ſie nicht mit ge⸗ brochenem Herzen zu Deinen Füßen niederſinken laſſen, nicht wahr nicht? Du wirdeſt wiſſen, möchte ihre Geburt ſein welche ſie wollte, daß ſie noch dieſelbe wäre, welche Dich ſeit dem Tage ihrer Vermählung geliebt und verehrt, und welche dagegen nichts verlangt hätte, als ihr Haupt an Deine Bruſt zu legen und zu hören, daß Du ſie liebſt. Du würdeſt wiſſen, daß ſie den Muth gehabt, das verhängnißvolle Geheimniß zu 5„— a. offenbaren, weil ſie in ihrer Liebe und Treue gegen ihren Gatten lieber verlaſſen und verachtet ſterben, als ihn betrügend leben wollte. Alles dies würdeſt Du wiſſen, und Du würdeſt der Mutter Deines Kindes, dem Weibe Deiner erſten Liebe die Arme öffnen, ob⸗ ſchon ſie vor den Augen der Welt die niedrigſte aller Niedriggeborenen wäre. Ja, das würdeſt Du thun, Lenny— ich weiß, Du würdeſt es thun.“ „Roſamunde, wie Deine Hände zittern! wie Deine Stimme ſich verändert! Du regſt Dich wegen dieſer von Dir erdichteten Geſchichte auf, als ob Du von wirklichen Ereigniſſen ſprächſt.“ „Du würdeſt ſie an Dein Herz ſchließen, nicht wahr, Lenny? Du würdeſt ihr ohne einen Augenblick unwür⸗ digen Zweifels die Arme öffnen?“ „Still! ſtill! Ja, ich hoffe, ich würde es thun.“ „Du hoffſt es! Du hoffſt es blos? O, denke noch ein Mal darüber nach; überlege es Dir noch ein Mal und ſage, daß Du weißt, Du würdeſt es thun.“ „Muß ich, Roſamunde? Nun gut, dann ſage ich es hiermit.“ Sie trat, ſobald er dieſe Worte geſprochen, von ihm zurück und nahm den Brief vom Tiſche. „Du haſt mich noch nicht aufgefordert, Lenny, Dir den Brief vorzuleſen, den ich in dem Myrthenzimmer gefunden. Jetzt erbiete ich mich aus freiem Antriebe, dies zu thun.“ Sie zitterte ein wenig, als ſie dieſe wenigen, ent⸗ ſcheidenden Worte ſprach, aber ſie ſagte ſie klar und deutlich, als ob ihr Bewußtſein, daß ſie nun unwider⸗ gen als Du des, ob⸗ ller zun, eine eſer von ahr, bür⸗ 77 enke ein in.* ich ihm Dir mer jebe, ent⸗ und der⸗ 79 ruflich verbunden ſei, die Enthüllung zu bewirken, ihr endlich die nöthige Kraft gäbe, um allen Gefahren zu trotzen und aller Ungewißheit ein Ende zu machen. Ihr Gatte wendete ſich nach der Stelle, von welcher der Ton ihrer Stimme zu ihm drang, mit einem Aus⸗ druck in ſeinem Geſicht, der ein Gemiſch von Betroffen⸗ heit und Ueberraſchung war. „Du gehſt ſo plötzlich von einem Gegenſtand auf den andern über“, ſagte er,„daß ich kaum weiß, wie ich Dir folgen ſoll. Was um aller Welt willen, Ro⸗ ſamunde, veranlaßt Dich mit einem Male, von einem romantiſchen Streit über eine Situation in einem Ro⸗ man auf die ſchlichte, praktiſche Verrichtung des Vor⸗ leſens eines alten Briefs überzuſpringen?“ „Vielleicht beſteht zwiſchen dieſen beiden Dingen ein engerer Zuſammenhang als Du vermutheſt“, antwor⸗ tete ſie. „Ein engerer Zuſammenhang? Was für ein Zu⸗ ſammenhang? Ich verſtehe nicht.“ „Der Brief wird das Nähere erklären.“. „Warum der Brief? Warum willſt nicht Du es erklären?“ Sie warf einen raſchen, unruhigen Blick auf ſein Geſicht und ſah, daß eine Ahnung von etwas Ernſtem jetzt zum erſten Male ſein Gemüth überſchattete. „Roſamunde“, rief er,„hier waltet ein Geheimniß ob, welches—“ „Zwiſchen uns beiden gibt es keine Geheimniſſe“, unterbrach ſie ihn raſch.„Es hat deren nie zwiſchen uns gegeben, Geliebter, und es wird deren keine geben.“ 80 Sie bewegte ſich ein wenig näher zu ihm hin, um ihren alten Lieblingsplatz auf ſeinem Knie einzunehmen, that ſich aber plötzlich Einhalt und kehrte wieder an den Tiſch zurück. Warnende Thränen in ihren Augen hießen ſie ihrer eigenen Feſtigkeit mißtrauen und den Brief da leſen, wo ſie nicht das Herz ihres Gatten klopfen fühlte. „Sagte ich Dir“, hob ſie wieder an, nachdem ſie einen Augenblick gewartet, um ſich zu faſſen,„wo ich das zuſammengefaltete Papier fand, welches ich in dem Myrthenzimmer in Deine Hand gab?“ „Nein“, entgegnete er,„ich glaube nicht.“ „Ich fand es auf der Rückſeite des Rahmens jenes Bildes— des Bildes der geſpenſtiſchen Frau mit dem böſen Geſicht. Ich öffnete das Papier ſofort und ſah, daß es ein Brief war. Die Adreſſe inwendig, die erſte Zeile unter derſelben und eine der beiden Unterſchriften, die es enthielt, waren von einer mir bekannten Hand.“ „Von weſſen Hand?“ „Von der Hand der verſtorbenen Miſtreß Treverton.“ „Deiner Mutter?“ „Der verſtorbenen Miſtreß Treverton.“ „Mein Gott, Roſamunde, warum ſprichſt Du auf dieſe Weiſe von ihr?“ „Laß mich leſen und Du wirſt es erfahren. Ich möchte es lieber leſen als ſagen. Du haſt mit meinen Augen geſehen wie das Myrthenzimmer ausſieht; Du haſt mit meinen Augen jeden Gegenſtand geſehen, den mein Nachſuchen darin ans Licht brachte, Du mußt nun um men, den ießen ff da ppfen n ſie o ich dem jenes dem ſah, erſte iften, und.“ ton.“ auf Ich einen Du den nun 81 auch mit meinen Augen ſehen, was dieſer Brief enthält. Es iſt das Geheimniß des Myrthenzimmers.“ Sie neigte ſich dicht auf die verſchoſſene, verblichene Schrift herab und las folgende Worte: „An meinen Gatten. „Wir ſcheiden auf immer, Arthur, und ich habe nicht den Muth gehabt, unſern Abſchied durch das Geſtändniß zu verbittern, daß ich Dich hintergangen habe— grauſam und nie⸗ drig hintergangen. Noch vor wenigen Minu⸗ ten weinteſt Du an meinem Bett und ſprachſt von unſerm Kinde. Mein betrogener, mein geliebter Gatte, die Tochter Deines Herzens iſt nicht Dein, iſt nicht mein. Sie iſt ein Kind der Liebe, welches ich für das Deine ausge⸗ geben. Ihr Vater war ein Bergmann in Porthgenna, ihre Mutter iſt meine Zofe, Sara Leeſon.“ Roſamunde ſchwieg, aber hob ihre Augen nicht von dem Briefe empor. Sie hörte, wie ihr Gatte plötzlich ſeine Hand auf den Tiſch legte; ſie hörte wie er vom Stuhle in die Höhe fuhr, ſie hörte wie er raſch und keuchend aufathmete; ſie hörte wie er einen Augenblick darauf mit ſich ſelbſt ſprechend flüſterte: „Ein Kind der Liebe!“ Mit furchtbarer, qualvoller Deutlichkeit hörte ſie dieſe Worte. Der Ton, in welchem er ſie flüſterte, machte ihr das Blut erſtarren. Aber ſie bewegte ſich nicht, denn es gab noch mehr zu leſen, und ſo lange es noch mehr zu leſen gab, wäre ſie, ſelbſt wenn ihr Leben Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 6 davon abgehangen hätte, nicht im Stande geweſen, auf⸗ zublicken. Im nüächſten Augenblick fuhr ſie fort und las die folgenden Zeilen: „Ich habe viele ſchwere Sünden zu verant— worten, Arthur, aber dieſe eine mußt Du mir verzeihen, Arthur, denn ich beging ſie aus Liebe zu Dir. Dieſe Liebe verrieth mir ein Geheim⸗ niß, welches Du vor mir zu verbergen ſuchteſt. Dieſe Liebe ſagte mir, daß Dein unfruchtbares Weib nie eher Dein ganzes Herz beſitzen würde, als bis ſie Dir ein Kind geboren, und Deine Lippen beſtätigten es. Deine erſten Worte, als Du von Deiner Seereiſe zurückkamſt und als das Kind in Deine Arme gelegt ward, waren: «Niemals, Roſamunde, habe ich Dich ſo geliebt, wie ich Dich jetzt liebel) Hätteſt Du dies nicht geſagt, ſo hätte ich nie mein ſtrafbares Geheim⸗ niß vor Dir verbergen können. „Ich kann weiter nichts hinzufügen, denn der Tod rückt mir immer näher. Wie der Betrug begangen ward, und welche Beweggründe ich noch dazu hatte, muß ich der Mutter des Kindes überlaſſen, Dir zu ſagen; ich habe ihr zur Pflicht gemacht, dies zu thun. Ich weiß, Du wirſt barmherzig gegen das arme kleine Weſen ſein, welches meinen Namen trägt. Sei auch barmherzig gegen die unglückliche Mutter, die kein anderes Verbrechen begangen, als daß ſie mir zu blindlings gehorcht hat. Wenn es etwas 83 gibt, was die Bitterkeit meiner Reue mildern kann, ſo iſt es die Erinnerung, daß mein Be⸗ trug das treueſte und liebevollſte Weib vor einer Schande bewahrte, die es nicht verdient hatte. Gedenke meiner und verzeihe mir, Ar⸗ thur. Worte können ſagen, wie ich an Dir ge⸗ fündigt, aber niemals können Worte ſagen, wie ich Dich geliebt habe.“ So weit hatte ſie ſich hindurchgekämpft und war bis zur letzten Zeile auf der zweiten Seite des Briefes gekommen, als ſie wieder Halt machte, um dann die erſte der beiden Unterſchriften—„Roſamunde Trever⸗ ton“— zu leſen. Sie ſprach mit matter Stimme zwei Sylben des vertrauten Taufnamens des Na⸗ mens, der zu jeder Stunde des Tages auf den Lippen ihres Gatten war— und bemühte ſich auch die zwei letzen auszuſprechen, aber die Stimme verſagte ihr. Alle jene geheiligten häuslichen Erinnerungen, welche dieſer grauſame Brief für immer entweiht, ſchienen ſich in einem und demſelben Augenblick von ihrem Herzen loszureißen. Mit leiſem Geſtöhn ließ ſie ihre Arme auf den Tiſch niederſinken und legte ihr Haupt darauf und ver⸗ barg ihr Geſicht. Sie hörte nichts— ſie ſchien nichts mehr zu denken, bis ſie eine Berührung an ihrer Schul⸗ ter fühlte— eine leichte Berührung von einer Hand, welche zitterte. Jeder Puls ihres Körpers ſchlug raſcher und ſie blickte auf. Ihr Gatte hatte ſich bis zu ihr an den Tiſch getaſtet. . g8 84 Thränen ſchimmerten in ſeinen trüben, der Sehkraft beraubten Augen. Als Roſamunde ſich erhob und ihn berührte, öffneten ſich ſeine Arme und ſchloſſen ſich dann feſt um ſie. „Meine Roſamunde!“ rief er,„komm zu mir und ſei getroſt!“ 2 kraft neten und Fünftes Aapitel. Onkel Joſeph. Der Tag und die Nacht war vergangen und der neue Morgen angebrochen, ehe die beiden Gatten Muth fanden, ruhig von dem Geheimniß zu ſprechen und den Pflichten und Opfern, welche die Entdeckung deſſelben ihnen auflegte, reſignirt ins Antlitz zu ſchauen. Leonard's erſte Frage bezog ſich auf jene Zeilen in dem Briefe, welche, wie Roſamunde ihm miggetheilt, von einer ihr bekannten Handſchrift waren. Als ſie fand, daß er ſich nicht erklären konnte, auf welche Weiſe ſie ſich ein Urtheil über dieſen Punkt habe bilden können, erklärte ſie ihm, daß nach Kapitän Trever⸗ ton's Tode ganz natürlich viele von Miſtreß Treverton an ihren Gatten geſchriebene Briefe in ihren Beſitz ge⸗ kommen waren. Dieſelben betrafen gewöhnliche häusliche Angelegenheiten, und ſie hatte ſie oft genug geleſen, um mit den Eigenthümlichkeiten von Miſtreß Treverton's Handſchrift genau vertraut zu werden. Dieſelbe war auffallend groß, feſt und von faſt männlichem Charakter, ——— 86 und die Adreſſe, die Zeile unter derſelben und die oberſte der beiden Unterſchriften des Briefes, welcher in dem Myrthenzimmer gefunden worden, glichen einander in jeder Beziehung ganz genau. Die nächſte Frage bezog ſich auf den Hauptinhalt des Briefes. Die Handſchrift deſſelben, der zweiten Ueber⸗ ſchrift—„Sara Leeſon“— und der hinzugefügten Zei⸗ len auf der dritten Seite, die ebenfalls mit„Sara Leeſon“ unterzeichnet waren, alles dies war unzweifelhaft das Product einer und derſelben Perſon. Während Roſamunde ihren Gatten von dieſer That⸗ ſache in Kenntniß ſetzte, vergaß ſie nicht, ihm zu erklären, daß, während ſie am vorigen Tage den Brief vorgeleſen, ihre Kräfte und ihr Muth ihr untreu geworden ſeien, ehe ſie das Ende deſſelben erreicht. Sie ſetzte hinzu, die Nachſchrift, welche ſie auf dieſe Weiſe vorzuleſen unter⸗ laſſen, ſei von Wichtigkeit, weil ſie die Umſtände er⸗ wähnte, unter welchen das Geheimniß verborgen geblieben, und bat ihn, ihr Gehör zu ſchenken, während ſie ihn ohne weitern Aufſchub vom Inhalte dieſer Nachſchrift in Kenntniß ſetzte.. Jetzt wieder ſo dicht an ſeiner Seite ſitzend, als ob ſie die erſten Tage ihrer Flitterwochen noch einmal durch⸗ lebte, las ſie dieſe letzten Zeilen— die Zeilen, welche ihre Mutter vor ſechzehn Jahren an dem Morgen ge⸗ ſchrieben, wo ſie von Porthgenna Tower entfloh. „Wenn dieſes Papier jemals gefunden wer⸗ den ſollte— und mein innigſtes Gebet iſt, daß dies niemals geſchehen möge— ſo wünſche ich hiermit zu erklären, daß ich zu dem Entſchluß, 8——-——-——-—, ͤ— ͤ—— derſte dem r in ahalt eber⸗ Zei⸗ Sara lhaft That⸗ ären, leſen, ſeien, , die nter⸗ er⸗ eben, ihn chrift s ob urch⸗ delche ge⸗ wer⸗ daß eich luß, 87 es zu verbergen, gekommen bin, weil ich nicht wage, die Schrift, die es enthält, meinem Herrn zu zeigen, an den ſie gerichtet iſt. Indem ich dies thue, breche ich— obſchon ich den letzten Wünſchen meiner Herrin entgegenhandle— nicht das feierliche Verſprechen, welches ſie mir auf ihrem Sterbebett abnahm. Dieſes Verſprechen verbietet mir, dieſen Brief zu vernichten oder ihn mit fortzunehmen, wenn ich das Haus ver⸗ laſſe. Ich werde auch keins von beiden thun— ich beabſichtige blos, ihn an einem Orte zu ver⸗ bergen, wo nach meiner Meinung die mindeſte Ausſicht vorhanden iſt, daß er jemals gefunden werde. Jedes Drangſal oder Unglück, welches eine Folge dieſes unredlichen Verfahrens von meiner Seite ſein kann, wird auf mich ſelbſt zurückfallen. Andere, glaube ich mit feſter Ueberzeugung, werden wegen des furchtbaren Geheimniſſes, welches dieſer Brief enthält, dann nur um ſo glücklicher ſein.“ „Nun“, ſagte Leonard, als ſeine Gattin fertig war, „nun kann kein Zweifel mehr obwalten, daß Miſtreß Jazeph, Sara Leeſon und die Dienerin, welche von Porthgenna Tower verſchwand, eine und dieſelbe Perſon ſind.“ „Das arme Geſchöpf“, ſagte Roſamunde, indem ſie ſeufzend den Brief weglegte.„Nun wiſſen wir, warum ſie mich ſo ängſtlich vor dem Betreten des Myrthen⸗ zimmers warnte! Wer kann ſagen, was ſie gelitten haben muß, da ſie als eine Fremde an mein Bett kam. O, 88 was gäbe ich nicht darum, wenn ich weniger haſtig gegen ſie geweſen wäre! Es iſt furchtbar, zu bedenken, daß ich zu ihr ſprach wie zu einer Dienerin, von welcher ich Gehorſam erwartete; noch furchtbarer iſt es, zu fühlen, daß ich ſelbſt jetzt nicht an ſie denken kann, wie ein Kind an ſeine Mutter denken ſoll. Wie kann ich ihr jemals ſagen, daß ich das Geheimniß kenne—“ Sie ſchwieg bei dem qualvollen Gedanken an den Makel, der nun an ihrer Geburt haftete; ſie ſchwieg, indem ſie an den Namen, den ihr Gatte ihr gegeben, und an ihre eigene Abſtammung dachte, welche die Ge⸗ ſetze der Geſellſchaft anzuerkennen verſchmähten. „Warum ſchweigſt Du?“ fragte Leonard. „Ich fürchtete—“ begann ſie und ſtockte wieder. „Du fürchteteſt“, ſagte er an ihrer Statt den Rede⸗ ſatz vollendend,„daß Worte des Mitleids mit dieſer Unglücklichen durch die Erinnerung an die Umſtände Deiner Geburt meinen empfindlichen Stolz verwunden könnten. Roſamunde, ich wäre Deiner beiſpielloſen Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit gegen mich unwürdig, wenn ich meinerſeits nicht geſtünde, daß dieſe Entdeckung mich wirklich verwundet hat, wie nur ein ſtolzer Mann verwundet werden kann. Mein Stolz iſt mit mir ge⸗ boren und groß gewachſen. Mein Stolz benutzt ſelbſt jetzt, während ich mit Dir ſpreche, meine erſten Augen⸗ blicke wiedergewonnener Faſſung und verlockt mich, aller Wahrſcheinlichkeit zum Trotz, zu bezweifeln, ob die Worte, die Du mir vorgeleſen, im Grunde genommen Worte der Wahrheit ſein können. So ſtark aber dieſes mir angeborene und anerzogene Gefühl auch iſt— ſo . har zu doch ſtär und blin Du ſeine Plat ein undar Entde hatte der 1 Brief Anbli würde niß de 1 ieſer ände nden loſen rdig, kung kann ge⸗ elbſt gen⸗ aller die men ieſes — ſo tede⸗ 9 hart es auch für mich ſein mag, es ſo zu ſchulen und zu bemeiſtern, wie ich ſoll, muß und will— ſo lebt doch in meinem Herzen ein zweites Gefühl, welches noch ſtärker iſt.“ Er taſtete nach ihrer Hand, ſchloß ſie in die ſeinen und ſetzte dann hinzu: „Von der Stunde an, wo Du Dein Leben Deinem blinden Gatten widmeteſt— von der Stunde an, wo Du ſeine ganze Dankbarkeit gewannſt, wie Du ſchon ſeine Liebe gewonnen, nahmſt Du in ſeinem Herzen einen Platz ein, Roſamunde, von welchem nichts, ſelbſt nicht ein ſolcher Schlag wie der, welcher uns jetzt getroffen, Dich verdrängen kann. So hoch auch der Werth des Ranges in meiner Achtung ſtets geſtanden hat, ſo habe ich doch ſchon vor dem geſtrigen Ereigniß gelernt, den Werth meines Weibes, ſei ihre Herkunft welche ſie wolle, noch viel höher anzuſchlagen.“ „O, Lenny, Lenny, ich kann nicht zuhören, wie Du mich lobſt, wenn Du in demſelben Athem ſprichſt, als ob ich, indem ich Dich geheirathet, ein Opfer gebracht hätte! Als ich jenen furchtbaren Brief das erſte Mal las, hegte ich einen einzigen Augenblick lang den niedrigen, undankbaren Zweifel, ob Deine Liebe zu mir gegen die Entdeckung dieſes Geheimniſſes Stand halten würde. Ich hatte einen einzigen Augenblick furchtbarer Verſuchung, der mich von Dir hinwegzog, während ich doch den Brief ſogleich hätte in Deine Hände legen ſollen. Dein Anblick, als Du darauf warteteſt, daß ich, wieder ſprechen würde, während Du ſo unſchuldig warſt an aller Kennt⸗ niß deſſen, was ſo dicht in Deiner Nähe geſchah, dies war 90 es, was mich wieder zur Beſinnung brachte und mir ſagte, was ich zu thun hätte. Es war der Anblick mei⸗ nes blinden Gatten, der mich die Verſuchung, dieſen Brief gleich im Augenblick der Entdeckung zu vernichten, überwinden ließ. O, wenn ich ſelbſt das härteſte aller Frauenherzen gehabt, hätte ich wohl je wieder Deine Hand faſſen können— könnte ich Dich küſſen, könnte ich mich neben Dir niederlegen und Dich eine Nacht nach der andern einſchlafen hören, wenn ich mir bewußt wäre, daß ich Deine Blindheit und Abhängigkeit von mir gemißbraucht, um meinen eigenen ſelbſtſüchtigen In⸗ tereſſen zu dienen, und daß mir mein Betrug blos ge⸗ lungen, weil Dein Gebrechen Dich unfähig machte, den Betrug zu ahnen? Nein, nein, ich kann kaum glauben, daß die verworfenſte der Frauen ſich einer ſolchen Niedrig⸗ keit ſchuldig machen könnte, und ich kann für mich weiter nichts in Anſpruch nehmen als die Anerkennung, daß ich meine Aufgabe treulich erfüllt. Du ſagteſt geſtern in dem Myrthenzimmer, der einzige treue Freund in Deiner Blindheit, der Dir niemals untreu würde, ſei Dein Weib. Jetzt, wo das Schlimmſte vorüber, iſt es für mich Lohn und Troſt genug, zu wiſſen, daß Du dies auch jetzt noch ſagen kannf 4 „Ja, Roſamunde, das Schlimmſte iſt vorüber, aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß noch ſchwere Prüfungen zu beſtehen ſein werden.“ „Schwere Prüfungen, Geliebter? Was für Prüfun⸗ gen meinſt Du?“ „Vielleicht, Roſamunde, überſchätze ich den Muth, den das Opfer verlangt; mir wenigſtens aber wird es ein der jetzt / dem Brie keine auch Umſ welch mütl liebte 7 entge ſein, Du ſtorb ziges Schl Anve 9 2 entſen 7 den dies 7 Du mir mei⸗ dieſen ichten, aller Deine könnte Nacht dewußt it von en In⸗ os ge⸗ e, den lauben, tiedrig⸗ weiter daß ich tern in Deiner i Dein es für Du dies er, aber küfungen Prüfun⸗ Muth, wird es 91 ein ſchweres Opfer ſein, fremde Perſonen zu Theilhabern der Kenntniß des Geheimniſſes zu machen, welches wir jetzt beſitzen.“ Roſamunde ſah ihren Gatten erſtaunt an. „Warum brauchen wir das Geheimniß irgend jeman⸗ dem zu ſagen?“ fragte ſie. „Vorausgeſetzt, daß wir uns von der Echtheit dieſes Briefes überzeugen können“, antwortete er,„wird uns keine andere Wahl übrig bleiben, als das Geheimniß auch fremden Perſonen mitzutheilen. Du kannſt nicht die Umſtände vergeſſen, unter welchen Dein Vater— unter welchen Kapitän Treverton—“ „Nenne ihn meinen Vater“, ſagte Roſamunde weh⸗ müthig;„bedenke, wie er mich liebte und wie ich ihn liebte, und ſage immerhin mein Vater.“ „Ich fürchte, ich muß jetzt Kapitän Treverton ſagen“, entgegnete Leonard,„ſonſt werde ich kaum im Stande ſein, Dir einfach und klar auseinanderzuſetzen, was Du durchaus wiſſen mußt. Kapitän Treverton iſt ge⸗ ſtorben, ohne ein Teſtament zu hinterlaſſen. Sein ein⸗ ziges Beſitzthum beſtand in der Kaufſumme für dieſes Schloß mit Zubehör und Du erbteſt ſie als ſeine nächſte Anverwandte.“ Roſamunde fuhr in ihrem Stuhl zurück und ſchlug entſetzt die Hände zuſammen. „O Lenny“, ſagte ſie einfach,„ich habe, ſeitdem ich den Brief gefunden, ſo viel an Dich gedacht, daß mir dies nie eingefallen iſt.“ „Es iſt aber Zeit, daran zu denken, Geliebte. Wenn Du nicht Kapitän Treverton's Tochter biſt, ſo haſt Du — 9 auch kein Recht auf einen Heller des Vermögens, welches Du jetzt beſitzeſt, und es muß ſofort der Perſon aus⸗ geantwortet werden, welche wirklich Kapitän Treverton's nächſter Anverwandter iſt— oder mit andern Worten ſeinem Bruder.“ „Dieſem Mann!“ rief Roſamunde.„Dieſem Mann, der uns gänzlich fremd iſt, der ſogar unſern Namen verachtet. Sollen wir uns arm machen, damit er reich werde?“ „Wir müſſen thun, was ehrenhaft und gerecht iſt, und dabei unſere eigenen Intereſſen und uns ſelbſt opfern, ſo weit es die Umſtände erheiſchen“, ſagte Leonard mit Feſtigkeit.„Ich glaube, Roſamunde, meine Einwilligung als Ehemann iſt dem Geſſetze gemäß nothwendig, um dieſe Reſtitution zu bewirken. Wäre Mr. Andrew Trever⸗ ton auch der bitterſte Feind, den ich auf Erden hätte, und ſollte die Wiederherausgabe dieſes Geldes uns auch in unſern pecuniären Umſtänden vollſtändig ruiniren, ſo würde ich es doch freiwillig zurückerſtatten bis auf den letzten Heller und ohne einen Augenblick zu zögern. Du würdeſt ganz gewiß daſſelbe thun.“ Das Blut ſtieg ihm in die Wangen, während er ſprach. Roſamunde ſah ihn mit ſtiller Bewunderung an. „Wer möchte wünſchen, daß er weniger ſtolz ſei“, dachte ſie liebend,„wenn ſein Stolz ſich in ſolchen Wor⸗ ten ausſpricht.“ „Du verſtehſt jetzt“, fuhr Leonard fort,„daß wir Pflichten zu erfüllen haben, welche uns nöthigen, den Beiſtand Anderer in Anſpruch zu nehmen, und die es deshalb unmöglich machen werden, das Geheimniß für 4 uns werde ſuchen Antw Bezu im v Flauf ich n. wie möge zu th Der gelege walter hierüb von d zeugt gelegen ter— nenner und il elches aus⸗ rton's orten Nann, tamen reich zt iſt, pfern, d mit ligung , um rever⸗ hätte, 3 auch en, ſo uf den Du end er ng an. 3 ſei⸗, Wor⸗ aß wir n, den die es niß für uns zu behalten. Sara Leeſon muß ausfindig gemacht werden, und wenn wir ganz England nach ihr durch⸗ ſuchen ſollten. Unſer künftiges Handeln hängt von ihren Antworten auf unſere Fragen, von ihrem Zeugniß in Bezug auf die Echtheit dieſes Briefes ab. Obſchon ich im voraus entſchloſſen bin, mich nicht hinter techniſche Flauſen und Sylbenſtechereien zu verſchanzen— obſchon ich nichts bedarf als einen moraliſch bündigen Beweis, wie unvollkommen er auch in juriſtiſcher Beziehung ſein möge— ſo iſt es doch unmöglich, in der Sache etwas zu thun, ohne ſofort den geeigneten Rath einzuholen. Der Anwalt, welcher früher Kapitän Treverton's An⸗ gelegenheiten beſorgte und jetzt auch die unſerigen ver⸗ waltet, iſt der rechte Mann, an den wir uns zu wenden haben, um die Nachforſchungen nach Sara Leeſon zu beginnen, und der uns ſagen wird, auf welche Weiſe, da nöthig, die Reſtitution geſchehen kann.“ „Wie ruhig und mit welcher Feſtigkeit Du davon ſprichſt, Lenny! Wird nicht die Verzichtleiſtung auf mein Vermögen ein furchtbarer Verluſt für uns ſein?“ „Wir müſſen ihn uns als einen Gewinn für unſer Gewiſſen denken, Roſamunde, und fügſam unſere Lebens⸗ weiſe nach unſern veränderten Mitteln ändern. Doch hierüber brauchen wir nicht weiter zu ſprechen, bis wir von der Nothwendigkeit, das Geld herauszugeben, über⸗ zeugt ſind. Es muß Dir ebenſo wie mir zunächſt daran gelegen ſein, Sara Leeſon— oder vielmehr Deine Mut⸗ ter— zu ermitteln, denn ich muß ſie bei dieſem Namen nennen lernen, ſonſt lerne ich niemals ſie bemitleiden und ihr verzeihen.“ 94 Roſamunde ſchmiegte ſich dichter an ihren Gatten. „Jedes Wort, welches Du ſprichſt, Geliebter, thut meinem Herzen wohl“, flüſterte ſie, indem ſie ihr Haupt an ſeine Schulter legte.„Du wirſt mir beiſtehen und mich ſtärken, wenn die Zeit kommt, meine Mutter ſo zu empfangen, wie es meine Pflicht iſt! O, wie bleich, müde und abgezehrt ſah ſie aus, als ſie an meinem Bett ſtand und mich und mein Kind betrachtete! Wird es lange dauern, ehe wir ſie finden? Wird ſie weit von uns entfernt ſein oder vielleicht näher, viel näher als wir glauben?“ Ehe Leonard antworten konnte, ward er durch An⸗ pochen an die Thür unterbrochen und Roſamunde durch das Eintreten der Dienerin überraſcht. Betſey war ganz aufgeregt und außer Athem. Den⸗ noch machte ſie es möglich, einen kurzen Auftrag von Mr. Munder, dem Caſtellan, auszurichten, der um Er⸗ laubniß bat, in einer wichtigen Angelegenheit mit Mr. oder Miſtreß Frankland zu ſprechen. „Was gibt es? was will er?“ fragte Roſamunde. „Ich glaube, Madame, er wünſcht zu wiſſen, ob er nach dem Conſtabler ſchicken ſoll oder nicht“, antwortete Betſey. „Nach dem Conſtabler?“ wiederholte Roſamunde. „Sind denn am hellen lichten Tage Diebe im Hauſe?“ „Mr. Munder ſagt, er wiſſe nicht, ob es ſich nicht vielleicht um etwas noch Schlimmeres als Diebe handle“, entgegnete Betſey.„Der Ausländer iſt nämlich wieder da. Er kam ganz keck an die Thür, zog die Klingel und fragte, ob er Miſtreß Frankland ſprechen könne.“ Han mit führ 8 thüm 7 faßte hinuꝛ er zu daß nehm J leiſen fall dem nigſte W ſchien mit 1 kleine ſeiner der L C mit ſ und linge ten. thut DHaupt und ſo zu bleich, neinem Wird it von er als h An⸗ durch Den⸗ g von m Er⸗ t Mr. unde. ob er wortete munde. auſe?“ h nicht andle“, wieder Klingel nne.“ „Der Ausländer!“ rief Roſamunde, indem ſie ihre Hand begierig auf den Arm ihres Gatten legte. „Ja, Madame“, fuhr Betſey fort.„Derſelbe, der mit der Frau hier war, um ſich in dem Hauſe herum— führen zu laſſen, und—“ Roſamunde ſprang mit der ihrem Charakter eigen⸗ thümlichen Entſchloſſenheit auf. „Laß mich hinuntergehen“, hob ſie an. „Warte“, ſagte Leonard, indem er ſie bei der Hand faßte.„Es iſt durchaus nicht nothwendig, daß Du hinuntergehſt. Laß den Fremden heraufkommen“, fuhr er zu Betſey gewendet fort,„und ſage Mr. Munder, daß wir die Führung dleſer Sache ſelbſt in die Hand nehmen wollen.“ Roſamunde ſetzte ſich wieder neben ihren Gatten. „Das iſt ein ſehr ſeltſamer Zufall“, ſagte ſie in leiſem, ernſtem Tone.„Es muß mehr als bloſer Zu⸗ fall ſein, welcher den Schlüſſel zu dieſem Räthſel in dem Augenblick in unſere Hände legt, wo wir am we⸗ nigſten erwarteten ihn zu finden.“ Die Thür öffnete ſich zum zweiten Male und es er⸗ ſchien beſcheiden auf der Schwelle ein kleiner, alter Mann mit roſigen Wangen und langem, weißem Haar. Ein kleines ledernes Futteral hing mittelſt eines Riemens an ſeiner Seite und das Rohr einer Tabakspfeife lugte aus der Bruſttaſche ſeines Rocks. Er that einen Schritt, blieb ſtehen, hob beide Hände mit ſeinem Filzhute dazwiſchen bis an ſein Herz empor und machte raſch ucheinander fünf phantaſtiſche Bück⸗ linge— Vwei vor Miſtreß Frankland, zwei vor ihrem 96 Gatten und dann noch einen vor Miſtreß Frankland, als einer Dame gebührende beſondere Huldigung. Niemals hatte Roſamunde eine vollſtändigere Ver⸗ körperung vollkommener Unſchuld und Harmloſigkeit ge⸗ ſehen als dieſen Fremdling, der in dem Briefe der Haus⸗ hälterin als ein frecher Landſtreicher geſchildert war und in welchem Mr. Munder etwas noch Schlimmeres als einen Dieb zu erblicken glaubte. „Madame und guter Herr“, ſagte der alte Mann, indem er auf Miſtreß Frankland's Aufforderung noch ein wenig näher trat,„ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie beläſtige. Mein Name iſt Joſeph Buſchmann. Ich wohne in der Stadt Truro, wo ich Kunſttiſchlerarbeiten und Theebreter verfertige und andere dergleichen glänzende Geſchäfte mache. Ich bin auch, wenn Sie erlauben, derſelbe kleine Ausländer, der von dem großen dicken Hausmeiſter, als ich mir das Haus anſehen wollte, ſo hart angelaſſen ward. Ich bitte um weiter nichts, als daß Sie mich für mich und eine andere Perſon, die meinem Herzen ſehr nahe ſteht, ein einziges kleines Wort vorbringen laſſen. Es wird blos wenige Minuten in Anſpruch nehmen, Madame und guter Herr, dann will ich mit meinen herzlichen Glückwünſchen für Ihr Wohl und mit meinem herzlichſten Danke wieder meiner Wege gehen.“ „Ich bitte Sie, Mr. Buſchmann, ganz nach Ihrem Belieben über unſere Zeit zu verfügen“, ſagte Leonard. „Wir haben durchaus nichts vor, was Sie nöthigen könnte, Ihren Beſuch abzukürzen. Ich muß Ihnen im voraus und um jeder Verlegenheit von beiden Seiten vor ſein trif mu⸗ und gen nock Fil ſagt nich Ein Ent Ihr Wir ſetzt hinz Sie wir Gat Ma aus men land, Ver⸗ it ge⸗ Haus⸗ r und s als Nann, noch aß ich Ich rbeiten nzende auben, dicken lte, ſo s, als n, die 3 Wort iten in nn will Wohl r Wege Ihrem beonard. nöthigen hnen im Seiten 97 vorzubeugen, ſagen, daß ich das Unglück habe, blind zu ſein. Ich kann Ihnen indeſſen, was das Zuhören be⸗ trifft, meine beſte Aufmerkſamkeit verſprechen. Roſa⸗ munde, hat Mr. Buſchmann Platz genommen?“ Mr. Buſchmann ſtand noch in der Nähe der Thür und gab ſeine Sympathie mit dem ihm eben bemerklich gemachten Gebrechen dadurch zu erkennen, daß er ſich nochmals gegen Mr. Frankland verbeugte und ſeinen Filzhut nochmals ans Herz drückte. „Ich bitte, treten Sie näher und ſetzen Sie ſich“, ſagte Roſamunde.„Glauben Sie übrigens durchaus nicht, daß die Meinung unſeres Caſtellans den mindeſten Einfluß auf uns äußere oder daß wir von Ihnen eine Entſchuldigung wegen deſſen verlangen, was während Ihres erſten Beſuchs in dieſem Hauſe ſtattgefunden hat. Wir haben ein Intereſſe— ein ſehr großes Intereſſe“, ſetzte ſie mit ihrer gewohnten herzlichen Freimüthigkeit hinzu,„alles zu hören, was Sie uns zu ſagen haben. Sie ſind von allen Menſchen gerade derjenige, welchen wir in dieſem Augenblick—“ Sie ſtockte, denn ſie fühlte ihren Fuß von dem ihres Gatten berührt und deutete dies ſehr richtig als eine Mahnung, ſich nicht allzurückhaltlos gegen den Fremden auszuſprechen, ehe er ſich über den Zweck ſeines Kom⸗ mens erklärt hätte. Mit ſehr erfreuter und auch ein wenig überraſchter Miene, als er Roſamunde's letzte Worte hörte, zog Onkel Joſeph einen Stuhl in die Nähe des Tiſches, an welchem Mr. und Miſtreß Frankland ſaßen, drückte 98 eine der Seitentaſchen ſeines Rockes. Dann zog er aus der andern ein kleines Packet Briefe, legte dieſelben, nachdem er ſich niedergeſetzt, auf ſein Knie, klopfte mit den Händen darauf und begann ſeine Erklärung. „Madame und guter Herr“, ſagte er,„ehe ich auf den eigentlichen Gegenſtand komme, muß ich mit Ihrer Erlaubniß bis auf das letzte Mal zurückgehen, wo ich in Begleitung meiner Nichte in dieſes Haus kam.“ „Ihrer Nichte!“ riefen Roſamunde und Leonard wie aus einem Munde. „Ja, meiner Nichte Sara“, ſagte Onkel Joſeph,— „des einzigen Kindes meiner Schweſter Agathe. Um Sara's willen bin ich jetzt hier. Sie iſt das noch ein⸗ zige Stück Fleiſch und Blut, was mir in der Welt übrig geblieben iſt. Die Andern ſind alle todt. Meine Frau, mein kleiner Joſeph, mein Bruder Max, meine Schweſter Agathe und der Mann, den ſie heirathete, der gute, edle Engländer Leeſon— alle, alle ſind ſie todt.“ „Leeſon“, ſagte Roſamunde, indem ſie ihrem Gatten bedeutſam unter dem Tiſche die Hand drückte.„Ihre Nichte heißt Sara Leeſon?“ Onkel Joſeph ſeufzte und ſchüttelte den Kopf. „Eines Tages“, ſagte er—„von allen Tagen im Jahre war es der unheilvollſte für Sara— wechſelte ſie dieſen Namen. Von dem Manne, den ſie heirathete— und der ebenfalls ſchon längſt geſtorben iſt, Madame— weiß ich nichts weiter als dies: Sein Name war Jazeph, und er behandelte ſie ſchlecht, weswegen ich ihn für den erſten Schurken hacke. Ja“, rief Onkel Joſeph mit ſo viel Zorn und Bitterkeit, als ſein harmloſes Gemüth über ſich bedie leben Engl G die Miſt wäre gewe einer 7/ wo i Joſey die W der weiter den d verzei des E zogen meiſte verſch hierhe Nichte wie de es jen nichts dabei hierher aus lben, mit ˖hauf Ihrer ich in d wie .— Um ) ein⸗ Welt Meine meine e, der todt.“ Gatten „Ihre Jahre dieſen — und de—. gazeph, ür den mit ſo zemüth 99 überhaupt hegen konnte und in der Meinung, daß er ſich eines ungemein harten Wortes und ſtarken Ausdrucks bediene,„ja, und wenn er in dieſem Augenblick wieder lebendig würde, ſo wollte ich ihm ins Geſicht ſagen: Engländer Jazeph, Du biſt der erſte Schurke!“ Roſamuunde drückte ihrem Gatten zum zweiten Male die Hand. Wenn ihre eigene Ueberzeugung nicht ſchon Miſtreß Jazeph mit Sara Leeſon identificirt hätte, ſo wären die letzten Worte des alten Mannes ausreichend geweſen, um ſie zu verſichern, daß beide Namen von einer und derſelben Perſon geführt worden. „Wohlan denn, ich komme nun auf den Tag zurück, wo ich mit Sara, meiner Nichte, hier war“, hob Onkel Joſeph wieder an.„Ich muß in dieſer Angelegenheit die Wahrheit ſprechen, denn ſonſt komme ich nicht von der Stelle, während ich doch eigentlich jetzt ſchon viel weiter ſein ſollte. Madame und guter Herr, Sie wer⸗ den die Güte haben, mir und Sara, meiner Nichte, zu verzeihen, wenn ich geſtehe, daß wir nicht um das Innere des Schloſſes zu ſehen hierher kamen und die Klingel zogen und viel Mühe machten und dem dicken Haus⸗ meiſter Veranlaſſung gaben, ſo viel Athem an uns zu verſchwenden. Wir kamen in einer ſeltſamen Abſicht hierher— nämlich wegen eines Geheimniſſes meiner Nichte, welches mir noch jetzt ſo ſchwarz und finſter iſt wie die Mitte der ſchwärzeſten und finſterſten Nacht, die es jemals in der Welt gegeben. Da ich nun weiter nichts davon wußte, als daß durchaus nichts Unrechtes dabei war und da Sara ſich einmal vorgenommen hatte, hierher zu gehen und ich ſie nicht allein gehen laſſen *. 4 ——— 6 konnte— ſowie auch aus dem guten Grunde, weil ſie mir geſagt, ſie wäre vollkommen berechtigt, jenen Brief wegzunehmen und an einem andern Orte zu verſtecken, denn ſie fürchtete, man könne ihn finden, wenn er länger in dem Zimmer bliebe, wo ſie ihn gelaſſen— es war dies nämlich das Zimmer, wo ſie ihn urſprünglich ver⸗ ſteckt— ſo— ſo— konnte ich— oder nein— ſo konnte ſie— ach mein Gott“, rief Onkel Joſeph, indem er ſich verzweifelt auf die Stirn ſchlug und zu dieſem Ausruf in ſeiner Mutterſprache Zuflucht nahm,„ich habe mich ganz verheddert, wie wir in Deutſchland zu ſagen pflegen. Ich weiß nicht mehr, wo ich halte— ich glaube, ich muß noch einmal von vorn anfangen.“ „Unſertwegen iſt dies durchaus nicht nöthig“, ſagte Roſamunde, über ihrem Wunſche, dem alten Manne aus der Verlegenheit zu helfen, alle Vorſicht und Zurückhal⸗ tung vergeſſend,„Sie brauchen Ihre Auseinanderſetzungen nicht zu wiederholen— wir wiſſen bereits—“ „Wir wollen“, miſchte Leonard ſich plötzlich ein, ehe ſeine Gattin weiter ein Wort hinzuſetzen konnte,„wir wollen annehmen, daß wir ſchon alles wiſſen, was Sie uns in Bezug auf das Geheimniß Ihrer Nichte und Ihren Beweggrund, das Innere dieſes Hauſes ſehen zu wollen, zu ſagen wünſchen.“ „Das wollen Sie annehmen!“ rief Onkel Joſeph, als ob ihm eine Laſt abgenommen würde.„Ach, ich danke Ihnen, Madame und guter Herr, ich danke Ihnen tauſend mal, daß Sie mir dadurch aus der Verlegenheit helfen. Ich hatte mich, wie geſagt, förmlich verheddert, aber nun kann ich weiter ſprechen und gedenke nun ord Sce in und Vo Au Sa auf ihre tha kan beu iſt, blei wol ich wil gro Gri verl Rof Wo dru Bed zitte mun Il ſie Brief ecken, änger war ver⸗ — ſo indem dieſem habe ſagen — ich ſagte e aus ickhal⸗ zungen n, ehe „wir s Sie e und hen zu Joſeph, h, ich Ihnen genheit heddert, ke nun 101 ordentlich bei der Stange zu bleiben. Alſo, ich will die Sache ſo erzählen: Ich und Sara, meine Nichte, ſind in dem Haus— das iſt die erſte Vorausſetzung. Ich und Sara ſind außer dem Hauſe— das iſt die zweite Vorausſetzung. Nun gut. Gehen wir wieder weiter. Auf meinem Heimweg nach Truro wird mir bange um Sara, namentlich wegen der Ohnmacht, in die ſie hier auf Ihrer Treppe fiel, und wegen eines Ausdrucks in ihrem Geſicht, der mir das Herz ſchwer machte. Ebenſo that ſie mir auch leid, weil ſie das, was ſie hierher kam zu thun, nicht hatte thun können. Dieſe Dinge beunruhigen mich, doch ich tröſte mich und mein Troſt iſt, daß Sara nun bei mir in meinem Hauſe in Truro bleiben wird und daß ich künftig für ſie ſorgen und ſie womöglich aufheitern kann. Denken Sie ſich daher, wie ich erſchrecke, als ich höre, daß ſie nicht bei mir bleiben will. Denken Sie ſich, Madame und guter Herr, wie groß meine Ueberraſchung iſt, als ich ſie nach dem Grunde frage und ſie mir ſagt, ſie müſſe Onkel Joſeph verlaſſen, weil ſie fürchte, von Ihnen entdeckt zu werden.“ Der alte Mann ſchwieg und bemerkte, als er ruhig Roſamunde anſah, daß ihr Geſicht, als er dieſe letzten Worte ſprach, ſich mit einem plötzlich wehmüthigen Aus⸗ druck von ihm abwendete. „Thut Sara, meine Nichte, Ihnen leid, Madame? Bedauern Sie ſie?“ fragte er in zögerndem und etwas zitterndem Tone. „Ich bemitleide ſie von ganzem Herzen“, ſagte Roſa⸗ munde mit Wärme. „Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieſes 102 Mitleid“, entgegnete Onkel Joſeph.„Ach Madame, Ihre Güte gibt mir Muth, weiterzuſprechen und Ihnen zu erzählen, daß wir noch an dem Tage, wo wir zurück nach Truro kamen, uns wieder trennten. Als ſie mich diesmal beſuchte, waren viele lange und einſame Jahre vergangen, ohne daß wir einander geſehen hatten. Ich fürchtete, daß nun abermals viele Jahre vergehen wür⸗ den, und ich verſuchte Sara zu bereden, nun auf immer bei mir zu bleiben. Aber es war immer noch dieſelbe Furcht, die ſie hinwegtrieb— die Furcht, von Ihnen ausfindig gemacht und ausgefragt zu werden. Mit Thrä⸗ nen in den Augen— in den ihrigen wie in den mei— nigen— und mit Kummer im Herzen— in dem ihrigen wie in dem meinigen— ging ſie fort, um ſich in der öden Wüſte der großen Stadt London zu verbergen, welche alle Leute und alle Dinge, die hinſtrömen, ver⸗ ſchlingt und die nun auch Sara, meine Nichte, ver⸗ ſchlungen hat. Mein Kind, wirſt Du zuweilen an Onkel Joſeph ſchreiben? ſagte ich, und ſie antwortete mir: «Ich werde oft ſchreiben». Seitdem ſind nun drei Wochen vergangen, und hier auf meinem Knie liegen vier Briefe, die ſie an mich geſchrieben. Ich werde Sie um Erlaubniß bitten, Ihnen dieſelben vorlegen zu dürfen, denn ſie werden mir mit dem, was ich zu ſagen habe, weiter forthelfen und ich ſehe Ihnen, Madame, am Ge⸗ ſicht an, daß Sie meine Nichte wirklich von ganzem Herzen bemitleiden.“ Er band das Packet Briefe auf, öffnete dieſelben, küßte ſie einen nach dem andern und legte ſie in einer Reihe auf den Tiſch, indem er ſie ſorgfältig mit der Ihre 1 zu rück mich ahre Ich vür⸗ mer elbe ynen hrä⸗ nei⸗ igen der gen, ver⸗ ver⸗ nkel nir: drei Hand glatt ſtrich und ſich große Mühe gab, ſie alle in eine vollkommen gerade Linie zu bringen. Ein Blick auf den erſten der kleinen Reihe bewies Roſamunden, daß die Handſchrift dieſelbe war, wie die des größern Theils des Briefes, welcher in dem Myrthenzimmer gefunden worden. „Es ſteht nicht viel zu leſen darin“, ſagte Onkel Joſeph.„Wenn Sie dieſelben erſt durchleſen wollen, Madame, ſo kann ich Ihnen hernach den Grund ſagen, aus welchem ich ſie Ihnen zeige.“ Der alte Mann hatte Recht. Es ſtand in den Briefen ſehr wenig zu leſen und ſie wurden mit jedem neuen Datum immer kürzer. Alle vier waren in der ſteifen, ängſtlich correcten Weiſe einer Perſon geſchrieben, welche, wenn ſie die Feder ergreift, von der Furcht beſeelt iſt, Verſtöße gegen Orthographie und Grammatik zu begehen. Ebenſo waren ſie gänzlich leer an perſönlichen, auf die Perſon der Schreiberin bezüglichen Einzelheiten. Alle vier enthielten die dringende Bitte, daß Onkel Joſeph ſich keine Sorge machen möge, erkundigten ſich nach ſeiner Geſundheit und ſprachen Dank und Liebe zu ihm ſo warm aus, wie die ſchüchternen Schranken dieſer Schreib⸗ weiſe geſtatteten. Alle vier Briefe enthielten in Bezug auf Roſamunde zwei Fragen— erſtens, ob Miſtreß Frankland in Porth⸗ genna Tower angelangt ſei? Und zweitens, ob, wenn ſie angelangt wäre, Onkel Joſeph etwas von ihr gehört hätte?— Was die Adreſſe wegen einer Antwort betraf, ſo enthielten alle vier Briefe eine und dieſelbe Weiſung in den Worten:„Schreibe mir unter der Adreſſe S. J. 194 poste restante Smith Street, London“,— und dann folgte auch allemal dieſelbe Erklärung:„Entſchuldige, daß ich Dir nicht meine eigentliche Adreſſe angebe, ich unter⸗ laſſe es aus Furcht vor einem etwaigen unglücklichen Zufall, denn ſelbſt hier in London fürchte ich immer noch, daß man mich aufſpüre. Ich laſſe jeden Morgen auf dem Poſtbureau nachfragen, ob ein Brief an mich da iſt, und deshalb kann ich gewiß ſein, Deine Antwort zu bekommen.“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, Madame“, begann der alte Mann wieder, als Roſamunde ſich von den Briefen emporrichtete,„daß ich um Sara's willen, als ſie mich verließ, ſehr ängſtlich und beſorgt war. Sie werden nun einſehen, daß ich, wenn ich dieſe vier Briefe alle ſo vor mich herlege, immer ängſtlicher werden muß. Dieſelben beginnen hier mit dem erſten zu meiner linken Hand und werden ſo wie ſie näher zu meiner Rechten kommen, immer kürzer, kürzer und kürzer, bis der letzte nur acht kleine Zeilen enthält. Das iſt aber noch nicht alles. Die Schrift des erſten Briefes hier, ſehen Sie, iſt ſehr ſchön— das heißt, ſehr ſchön für mich, weil ich Sara liebe und weil ich ſelbſt ſehr ſchlecht ſchreibe. In dem zweiten Briefe iſt ſie ſchon nicht mehr ſo gut; ſie zittert ein wenig und die letzten Linien ſind ein wenig krumm. In dem dritten iſt ſie noch ſchlechter— noch zitteriger, noch kleckſiger, noch krümmer. Im vierten, wo es doch am wenigſten zu thun gegeben hat, ſind Zittern, Kleckſe und Krümme noch viel vorherrſchender als in den andern drei allen zuſammen. Das ſehe ich, ich erinnere mich, daß ſie ſchwach, müde und abgemattet dann daß ater⸗ ichen zmer rgen mich vort alte iefen mich rden alle nuß. nken chten letzte nicht Sie, weil eibe. gut; denig noch uten, ſind nder ich, attet 105 war, als ſie mich verließ, und ich ſage bei mir ſelbſt: Sie iſt krank, obſchon ſie es nicht ſagen will, denn die Handſchrift verräth es.“ Roſamunde blickte wieder auf die Briefe herab und folgte den bedeutſamen Verſchlechterungen der Handſchrift Zeile um Zeile, ſowie der alte Mann ſie darauf auf⸗ merkſam machte. „Das ſage ich zu mir ſelbſt“, fuhr er fort.„Ich warte und denke ein wenig nach und ich höre mein eige⸗ nes Herz mir zuflüſtern: Geh, Onkel Joſeph, nach Lon— don und hole, ſo lange es noch Zeit iſt, ſie zurück, um ſie in Deinem Hauſe wieder geſund, getröſtet und glück⸗ lich zu machen. Dann warte ich und denke wieder ein wenig nach— nicht wegen meines Geſchäfts und daß ich es auf ein paar Tage verlaſſen müßte, denn eher verließe ich es auf immer, als daß ich Sara etwas Schlimmes zuſtoßen ließe— ſondern was ich thun ſoll, um ſie zu bewegen, wieder zu mir zurückzukehren. Dieſer Gedanke veranlaßt mich, wieder die Briefe anzuſehen, die Briefe zeigen mir ſtets dieſelben Fragen in Bezug. auf Miſtreß Frankland; ich ſehe es ſo deutlich wie die Hand vor meinen Augen, daß ich Sara, meine Nichte, niemals werde bewegen können, zu mir zurückzukehren, wenn ich ſie nicht zuvor wegen jenes Ausfragens durch Miſtreß Frankland beruhigen kann, wovor ſie ſich fürchtet, als ob bei dieſem Ausfragen Tod und Leben für ſie auf dem Spiel ſtünde. Plötzlich weiß ich, was ich zu thun habe. Die Pfeife geht mir darüber aus, ich ſpringe von meinem Stuhl auf, ich ſetze meinen Hut auf, ich reiſe hierher, wo ich mich ſchon einmal eingedrängt und 106 wo ich, wie ich wohl weiß, gar nicht das Recht habe mich einzudrängen. Ich bitte Sie nun bei Ihrem Mit⸗ leid gegen meine Nichte und bei Ihrer Güte gegen mich, mir die Mittel, Sara zu mir zurückzubringen, nicht zu verweigern. Wenn ich ihr ſagen kann: Ich habe Miſtreß Frankland geſprochen und ſie hat mir mit ihrem eigenen Munde geſagt, daß ſie keine der Fragen an Dich thun werde, die Du ſo ſehr fürchteſt— wenn ich nur das ſagen kann, ſo wird Sara mit mir in mein Haus zu⸗ rückkehren und ich will Ihnen jeden Tag meines Lebens danken, daß Sie mich zu einem glücklichen Menſchen gemacht haben.“ Die einfache Beredſamkeit, die in den Worten des alten Mannes lag, die unſchuldige Innigkeit ſeines We⸗ ſens, rührten Roſamunde auf das tiefſte. „Ich will alles thun, ich will alles verſprechen“, rief ſie begierig,„um Ihre Nichte wieder zu Ihnen zurück⸗ führen zu helfen. Wenn ſie mir nur erlauben will, ſie zu ſehen, ſo verſpreche ich, nicht ein einziges Wort zu ſagen, welches ſie nicht von mir zu hören wünſcht; ich verſpreche, nicht eine einzige Frage— ja, auch nicht eine einzige— zu thun, deren Beantwortung ihr Schmerz verurſachen könnte. O, welche tröſtende Botſchaft könnte ich ihr außerdem ſenden— was könnte ich ſagen—“ Sie ſchwieg verlegen, denn ſie fühlte, wie der Fuß ihres Gatten wieder den ihrigen berührte. „O, ſagen Sie nichts weiter— ſagen Sie nichts weiter!“ rief Onkel Joſeph, indem er ſein kleines Packet Briefe wieder zuſammenband und während ſein rothes Geſicht dunkler erglühte.„Das iſt genug geſagt, um ich den Onk um Herz gehe. Buſe ſenh. habe meine Fahr habe Mit⸗ mich, jt zu iſtreß genen thun das s zu⸗ ebens nſchen n des We⸗ . rief zurück⸗ Il, fie ort zu t; ich ht eine chmerz könnte 7 er Fuß nichts Packet rothes gt, um „ 107 9 Sara zu mir zurückzuführen— das iſt genug geſagt, um Ihnen meine Dankhbarkeit für meine ganze Lebens⸗ zeit zu ſichern! O, ich bin ſo glücklich, ſo glücklich, ſo glücklich!— Meine Haut iſt zu klein, um mich noch zu halten.“ Er warf das P küßte es und ſteckte einem Augenblick. „Sie wollen doch nicht fort?“ „Sie wollen doch nicht ſchon wieder g „Der Verluſt iſt mein ich muß mich darein füge den Gewinn, acket Briefe in die Luft, fing es auf, es wieder in die Taſche— alles in ſagte Roſamunde. ehen?“ „wenn ich hier fortgehe und n, aber ich habe dabei auch daß ich deſto eher zu Sara komme“, ſagte Onkel Joſeph.„Nur aus dieſem Grunde werde ich Sie um Verzeihung bitten, wenn ich mich mit dankerfülltem Herzen wieder verabſchiede und meiner Wege nach Hauſe gehe.“ „Wann gedenken Sie nach Buſchmann?“ fragte Leonard. „Morgen früh beizeiten, Sir“, entgegnete Onkel Jo⸗ ſeph.„Ich werde die Arbeit, die ich noch zu beſorgen habe, dieſe Nacht fertig machen, das Uebrige Samuel, meinem Gehilfen, überlaſſen und dann mit der erſten Fahrgelegenheit zu Sara reiſen.“ „Darf ich Sie um die Adreſſe Ihrer don bitten, im Fall wir an ſie „Sie gibt mir ja ſelbſt weit Poſtbureau, Sir, von London wird ſi die ſie hatte, London aufzubrechen, Mr. Nichte in Lon⸗ zu ſchreiben wünſchen?“ er keine Adreſſe als das denn ſelbſt in der großen Entfernung e noch von derſelben Furcht gepeinigt, als wir dieſes Haus hier verließen. Ich „⸗ 108 kann Ihnen indeſſen den Ort ſagen, wo ich ſelbſt mein Nachtquartier aufſchlagen werde“, fuhr der alte Mann fort, indem er eine kleine Adreßkarte zum Vorſchein brachte.„Es iſt das Haus eines Landsmanns von mir, eines ausgezeichneten Zuckerbäckers, Sir, und eines wirk⸗ lich ſehr guten Mannes.“ „Haben Sie ſchon darüber nachgedacht, wie Sie die Adreſſe Ihrer Nichte ausfindig machen wollen?“ fragte Roſamunde, indem ſie zugleich die Adreſſe des Bäckers notirte. „Ja wohl, denn ich bin im Entwerfen meiner Pläne ſtets ſehr raſch“, ſagte Onkel Joſeph.„Ich werde zu dem Poſtmeiſter gehen und zu ihm Folgendes und nichts weiter ſagen: Guten Morgen, Sir. Ich bin der Mann, der Briefe an S. J. ſchreibt. Es iſt meine Nichte, wenn Sie erlauben, und ich wünſche weiter nichts zu wiſſen, als: Wo wohnt ſie?— Dieſer Plan iſt ein ſehr guter, ſollte ich meinen— meinen Sie nicht auch, wie?“ Er breitete fragend die Hände aus und ſah Miſtreß Frankland mit ſelbſtzufriedenem Lächeln an. „Ich fürchte“, ſagte Roſamunde, durch die Einfalt des guten Mannes halb ergötzt, halb gerührt,„daß die Offizianten des Poſtbureaus die Adreſſe ſelbſt nicht ken⸗ nen werden. Ich glaube, es wäre beſſer, wenn Sie einen Brief, mit«S. J.» adreſſirt, mitnähmen und ihn früh, wenn die Briefe aus der Provinz ankommen, mit aufgäben, dann in der Nähe der Thür warteten und der Perſon, welche von Ihrer Nichte— wie ſie Ihnen ſelbſt ſchreibt— abgeſchickt wird, um die Briefe für S. J. abzuholen, folgten.“. mein kann chein mir, wirk⸗ ie die ragte ickers Pläne de zu nichts Nann, wenn viſſen, guter, 7 Niſtreß n Sie nd ihn n, mit en und Ihnen efe für 109 „Sie glauben, das wäre beſſer?“ fragte Onkel Joſeph, in ſeinem Innern überzeugt, daß ſeine eigene Idee unzweifelhaft die ſcharfſinnigere ſei.„Gut. Das kleinſte Wort, welches Sie zu mir ſagen, Madame, iſt ein Befehl, den ich von ganzem Herzen befolge.“ Mit dieſen Worten zog er ſeinen zuſammengedrückten Filz aus der Taſche und wollte Abſchied nehmen, als Mr. Frankland ihn wieder anredete. „Nicht wahr“, ſagte Leonard,„wenn Sie Ihre Nichte geſund antreffen und dieſelbe bereit iſt, Ihnen zu folgen, dann werden Sie ſie ſofort nach Truro zurückführen? Und Sie werden es uns wiſſen laſſen, wenn Sie beide zu Hauſe angelangt ſind?“ „Ja wohl, ſofort, Sir“, ſagte Onkel Joſeph.„Auf dieſe beiden Fragen antworte ich: ſofort.“ „Wenn alſo“, fuhr Leonard fort,„von heute an ge⸗ rechnet eine Woche um iſt, und wir nicht von Ihnen hören, ſo müſſen wir daraus ſchließen, daß entweder Ihrer Rückkehr ein unvorhergeſehenes Hinderniß im Wege ſteht, oder daß Ihre Befürchtungen in Bezug auf Ihre Nichte nur zu wohl gegründet ſind und daß ſie nicht im Stande iſt zu reiſen.“ „Ja, Sir, ſo ſoll es ſein. Ich hoffe aber, daß Sie von mir hören werden, ehe die Woche um iſt.“ „Ich hoffe es auch— ich hoffe es innig!“ rief Roſamunde.„Sie entſinnen ſich doch noch meines Auf⸗ trags?“ „Ich habe mir ihn hier eingeprägt— Wort für Wort“, ſagte Onkel Joſeph, indem er die Hand auf das Herz legte. Dann drückte er die Hand, welche Roſamunde ⁴ 110 3 ihm entgegenſtreckte, an ſeine Lippen.„Ich werde ver⸗ ſuchen, Ihnen beſſer zu danken, wenn ich wieder da bin“, ſagte er.„Für alle Ihre Güte gegen mich und meine Nichte ſegne Gott Sie beide und erhalte Sie geſund und fröhlich bis wir uns wiederſehen.“ Mit dieſen Worten eilte er nach der Thür, ſchwenkte ein paar Mal den alten zuſammengedrückten Hut und verließ das Zimmer. „Der gute, ſchlichte, warmfühlende alte Mann!“ ſagte Roſamunde, als die Thür ſich ſchloß.„Ich hätte ihm ſo gern alles geſagt, Lenny. Warum thateſt Du mir Einhalt?“ „Liebes Kind, eben dieſe Schlichtheit und Einfalt, welche Du bewunderſt und die auch ich bewundere, macht mich vorſichtig. Gleich bei dem erſten Ton ſeiner Stimme fühlte ich mich ebenſo warm zu ihm hingezogen wie Du; je mehr ich ihn aber ſprechen hörte, deſto feſter ward ich überzeugt, daß es voreilig ſein würde, ihm alles anzu⸗ vertrauen, da ja zu befürchten ſteht, er werde Deiner Mutter ſofort und zu früh enthüllen, daß wir ihr Ge— heimniß kennen. Die Möglichkeit, daß wir ihr Ver⸗ trauen gewinnen und eine Unterredung mit ihr erlangen, hängt, wie ich die Sache ſehe, von unſerm eigenen Takt ab, und wir müſſen daher ihrem übertriebenen Argwohn und ihren ängſtlichen Befürchtungen gegenüber mit der größten Umſicht zu Werke gehen. Dieſer gute, alte Mann könnte trotzdem daß er die beſten Abſichten von der Welt hat, alles verderben. Wenn es ihm nur ge⸗ lingt, ſeine Nichte wieder nach Truro zurückzubringen, ſo hat er alles gethan, was wir hoffen und wünſchen können.“ vo wi ver⸗ in, neine und enkte und in l⸗⸗ hätte Du falt, nacht mme Du; d ich unzu⸗ einer Ge⸗ Ver⸗ ngen, Takt vohn t der alte von r ge⸗ n, ſo nen. 111 „Aber wenn es ihm nicht gelingt— wenn etwas vorfällt— wenn ſie wirklich krank iſt?“ „Laß uns warten, bis die Woche um iſt, Roſamunde. Dann wird es noch Zeit genug ſein, zu beſtimmen, was wir in dieſem Falle thun ſollen.“ Serhstes Vapitel. Warten und Hoffen. Die Woche des Wartens verging, aber von Onkel Joſeph ging keine Nachricht in Porthgenna Tower ein. Am achten Tage ſchickte Mr. Frankland einen Boten nach Truro mit dem Auftrage, Mr. Buſchmann's Laden aufzuſuchen und dem in demſelben zurückgelaſſenen Ge⸗ hilfen zu fragen, ob er Nachricht von ſeinem Herrn er⸗ halten habe. Im Laufe des Nachmittags kehrte der Bote zurück und meldete, Mr. Buſchmann habe ſeit ſeiner Abreiſe an ſeinen Gehilfen einen einzigen kurzen Brief geſchrieben und ihn benachrichtigt, er ſei gegen Abend glücklich in London angelangt, von ſeinem Landsmann, dem deutſchen Zuckerbäcker, gaſtfreundlich bewillkommnet worden, habe die Adreſſe ſeiner Nichte durch einen Zufall entdeckt, der ihm alle Mühe der Nachforſchung erſpart, und beab⸗ ſichtige nun, ſie zu einer frühen Stunde des nächſten Morgens aufzuſuchen. Seit dem Eingang dieſes Briefes Onkel v ein. Boten Laden 1 Ge⸗ yn er— zurück Abreiſe wieben ich in utſchen , habe kt, der beab⸗ ächſten Briefes 113 habe der Gehilfe keine weitere Mittheilung von ihm er⸗ halten und wiſſe daher auch nicht, wann er ſeine Rück⸗ kehr erwarten könne. Die auf dieſe Weiſe erlangte Nachricht war nicht von der Art, daß dadurch die Entmuthigung, welche der Zweifel und die Ungewißheit der vergangenen Woche in Miſtreß Frankland erzeugt, gehoben worden wäre. Ihr Gatte bemühte ſich, dieſe Niedergeſchlagenheit ihres Gemüths zu bekämpfen, indem er ſie darauf auf⸗ merkſam machte, daß Onkel Joſeph's ominöſes Schweigen ebenſo wahrſcheinlich durch die Abgeneigtheit, als durch die Unfähigkeit ſeiner Nichte, mit ihm nach Truro zurück⸗ zukehren, verurſacht werden könne. Im Hinblick auf Sara's außerordentliche Empfindlichkeit und kopfloſe Scheu erklärte er es für möglich, daß Roſamunde's Bot⸗ ſchaft, anſtatt ſie zu beruhigen, ihr vielleicht im Gegen⸗ theil neue Befürchtungen eingeflößt habe und ſie des⸗ halb in dem Entſchluſſe beſtärke, ſich außerhalb des Be⸗ reichs aller Mittheilungen von Porthgenna Tower zu halten. Roſamunde hörte geduldig zu, während dieſe Anſicht des Falles ihr vorgetragen ward und gab zu, daß die⸗ ſelbe unbeſtreitbar vernunftgemäß ſei; dennoch aber war die Bereitwilligkeit, mit welcher ſie zugab, daß ihr Gatte Recht und ſie Unrecht haben könne, von keiner Beſſerung im Zuſtande ihrer Gemüthsſtimmung begleitet. Die Auslegung, welche der alte Mann in Bezug auf die Verſchlechterung von Miſtreß Jazeph's Handſchrift gemacht, hatte einen lebhaften Eindruck auf ihr Gemüth geäußert und dieſer Eindruck war durch ihre eigene Er⸗ Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 8 114 innerung an das bleiche abgezehrte Geſicht, als ſie ein— ander in Weſt Winſton geſehen, noch mehr beſtärkt worden. Mochte daher Mr. Frankland auch noch ſo überzeugend folgern, ſo war er doch nicht im Stande, die Ueber⸗ zeugung ſeiner Gattin, daß Onkel Joſeph's Schweigen nur in der Krankheit ſeiner Nichte ſeinen Grund habe, zu erſchüttern.— Die Rückkehr des Boten von Truro machte jeder weitern Discuſſion über dieſes Thema vor der Hand ein Ende, weil die beiden jungen Ehegatten dadurch bewogen wurden, ſich mit der Erwägung einer Frage von weit größerer Bedeutung zu beſchäftigen. Welches Verfahren hatten ſie nun, nachdem ſie einen Tag über die feſtge⸗ ſetzte Woche gewartet, bei dem Mangel aller Nachrichten von London oder von Truro, wonach ſie ihre künftigen Maßnahmen hätten richten können, einzuſchlagen? Leonard's erſte Idee war, ſofort an Onkel Joſeph unter der Adreſſe zu ſchreiben, welche dieſer bei Gelegen⸗ heit ſeines Beſuchs in Porthgenna Tower zurückgelaſſen. Als dieſer Vorſchlag Roſamunde mitgetheilt ward, wider⸗ ſprach ſie demſelben aus dem Grunde, weil die noth⸗ wendige Friſt, ehe die Antwort auf den Brief ankommen könnte, einen bedeutenden Zeitverluſt zur Folge haben würde, während es vielleicht von der höchſten Wichtig⸗ keit war, auch nicht den Verluſt eines einzigen Tages zu riskiren. Wenn Miſtreß Jazeph durch Krankheit abge⸗ halten ward, die Reiſe zu unternehmen, ſo war es noth⸗ wendig, ſie ſofort aufzuſuchen, weil ja dieſe Krankheit ſich verſchlimmern konnte. War ſie blos mißtrauiſch gegen die ihr gemachten ein⸗ den. gend ber⸗ igen habe, jeder ein ogen weit ahren eſtge⸗ ichten tigen oſeph legen⸗ aſſen. ider⸗ noth⸗ mmen haben ichtig⸗ ges zu abge⸗ noth⸗ inkheit rachten 115 Mittheilungen, ſo war es ebenſo wichtig, perſönliche Unter⸗ handlungen mit ihr zu eröffnen, ehe ſie Gelegenheit fand, ſich wieder an irgend einer Zufluchtsſtätte zu verbergen, welche Onkel Joſeph dann vielleicht nicht im Stande war, ausfindig zu machen. Die Wahrheit dieſer Folgerungen war einleuchtend, Leonard aber zögerte, denſelben beizutreten, weil ſie die Nothwendigkeit einer Reiſe nach London in ſich ſchloſſen. Wenn er ohne ſeine Gattin dorthin ging, ſo gab ſeine Blindheit ihn in die Gewalt fremder Perſonen und Dienſtleute, während es ſich doch um Erörterungen von der zarteſten Art handelte, bei welchen die größte Ver⸗ ſchwiegenheit beobachtet werden mußte. Ließ er ſich von Roſamunde begleiten, ſo ward es nothwendig, das Kind mitzunehmen und dann auf einer langen und anſtrengen⸗ den Reiſe von mehr als zweihundertfunfzig Meilen ſich alle Arten von Verzögerungen und Unbequemlichkeiten preiszugeben. Roſamunde begegnete dieſen beiden Schwierigkeiten mit ihrer gewohnten Geradheit und Entſchiedenheit. Den Gedanken, daß ihr Gatte in ſeinem hülfloſen, abhängigen Zuſtande, unter irgend welchen Umſtänden irgend wohin reiſe ohne von ihr begleitet zu ſein, erklärte ſie ſofort für etwas ſo Ungereimtes und Widerſinniges, daß davon gar nicht die Rede ſein könne. Dem zweiten Einwand, daß es nicht gerathen erſcheine, das Kind den Zufälligkeiten und Anſtrengungen einer langen Reiſe auszuſetzen, begegnete ſie durch den Vor⸗ ſchlag, daß ſie gemächlich und in ihrem eigenen Wagen 8* 1ʃ16 nach Exeter reiſen und ſich dadurch aller möglichen Be⸗ quemlichkeit und Fülle an Raum dadurch verſichern ſollten, daß ſie, wenn ſie die Eiſenbahn in Exeter erreichten, einen Wagen für ſich allein nähmen. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe die Schwierigkeiten, welche ſich der Reiſe entgegenzuſtellen ſchienen, beſeitigt, kam ſie wieder auf die unbedingte Nothwendigkeit, dieſelbe zu unternehmen, zurück. Sie erinnerte Leonard daran, wie wichtig es ſei, ſofort Miſtreß Jazeph's Ausſage in Bezug auf die Echtheit des in dem Myrthenzimmer ge⸗ fundenen Briefes ſowohl wie in Bezug auf Ermittelung aller nähern Umſtände des außerordentlichen Betrugs zu hören, welcher von Miſtreß Treverton an ihrem Gatten verübt worden. Ebenſo ſprach ſie auch von ihrem eigenen ſehr natür⸗ lichen Wunſche, den Schmerz, welchen ſie, ohne es zu ahnen, in dem Schlafzimmer zu Weſt Winſton der Perſon zugefügt, deren Fehltritte und Kümmerniſſe ſie zu achten verpflichtet war, ſo viel als in ihren Kräften ſtand, wieder gutzumachen, und nachdem ſie auf dieſe Weiſe alle Beweggründe dargelegt, welche ihren Gatten und ſie ſelbſt nöthigten, keine Zeit zu verlieren, in perſönliche Mittheilung mit Miſtreß Jazeph zu treten, kam ſie wieder zu dem unvermeidlichen Schluſſe, daß in der Lage, in welche ſie jetzt verſetzt wären, es keine andere Wahl für ſie gäbe, als die Reiſe nach London unverweilt anzu⸗ treten. Ein wenig weitere Ueberlegung überzeugte Leonard, der vorliegende dringliche Fall ſei von der Art, daß dadurch alle Verſuche, ihm durch halbe Maßregeln zu Be⸗ ollten, einen keiten, eitigt, teſelbe aran, ꝛge in er ge⸗ telung gs zu hatten natür⸗ es zu derſon achten ſtand, e alle d ſie uliche vieder ee, in l für anzu⸗ mard, daß In zu Mr. Nixon, gerichtet, denſelben Gentleman, der vor 11 begegnen, unmöglich gemacht wurden. Er fühlte, daß ſeine eigenen Ueberzeugungen mit denen ſeiner Gattin übereinſtimmten und er beſchloß demgemäß, ſofort und ohne weitere Unentſchloſſenheit oder weiteren Verzug zu handeln. Ehe noch der Abend zu Ende ging, ward den Dienern in Porthgenna zu ihrem großen Erſtaunen befohlen, die Reiſekoffer zu packen und in der Poſtſtadt zu einer frühen Stunde des nächſten Morgens Pferde zu beſtellen. Am erſten Tage der Reiſe brachen die Reiſenden auf, ſobald der Wagen bereit war, raſteten gegen Mittag in einem Gaſthaus an der Landſtraße und übernachteten in Liskeard. Am zweiten Tage langten ſie in Exeter an und übernachteten hier. Am dritten Tage erreichten ſie London mit der Eiſenbahn zwiſchen ſechs und ſieben Uhr abends. Als ſie ſich bequem in ihrem Hotel für die Nacht eingerichtet und nachdem eine Stunde Ruhe ſie in den Stand geſetzt hatte, ſich ein wenig von den Strapazen des Tages zu erholen, ſchrieb Roſamunde auf Geheiß ihres Gatten zwei Briefe. Der erſte war an Mr. Buſchmann gerichtet und meldete dieſem einfach ihre Ankunft und ihren angelegent⸗ lichen Wunſch, ihn den nächſten Morgen ſo zeitig als möglich in ihrem Hotel zu ſehen. Zum Schluſſe ward er dringend erſucht, ihre Gegenwart in London ſeiner Nichte ſo lange zu verſchweigen bis er mit ihnen ge⸗ ſprochen habe. Der zweite Brief war an den Anwalt der Familie, länger als einem Jahre auf Miſtreß Frankland's Wunſch den Brief geſchrieben, welcher Andrew Treverton von ſeines Bruders Tod und von den Umſtänden, unter welchen derſelbe erfolgt war, in Kenntniß ſetzte. Jetzt ſchrieb Roſamunde in ihres Gatten und in ihrem eigenen Namen an Mr. Nixon weiter nichts, als daß er es möglich machen möchte, nächſten Morgen auf dem Wege nach ſeinem Bureau in ihrem Hotel mit vorzuſprechen und ſeine Meinung über eine Privatſache von großer Wichtig⸗ keit hören zu laſſen, die ſie genöthigt habe, die Reiſe von Porthgenna nach London zu unternehmen. Dieſer Brief und der an Onkel Joſeph wurden noch an demſelben Abend, wo ſie geſchrieben worden, durch einen Boten an ihre Adreſſen befördert. Der erſte Beſuch, welcher ſich am nächſten Morgen einfand, war der Anwalt— ein kluger, geſchmeidiger, höflicher alter Herr, welcher Kapitän Treverton und auch ſchon deſſen Vater gekannt hatte. Er kam in der be⸗ ſtimmten Erwartung, in Bezug auf gewiſſe mit der Herrſchaft Porthgenna zuſammenhängende Schwierigkeiten befragt zu werden, welche der dortige Geſchäftsagent nicht im Stande ſei, zu ſchlichten und die vielleicht von zu ver⸗ wickelter und verworrener Art ſeien, um mit leichter Mühe ſchriftlich dargelegt zu werden. Als er hörte, worin die Angelegenheit eigentlich be⸗ ſtand und als ihm der in dem Myrthenzimmer gefundene Brief vorgelegt ward, ſah er ſich zum erſten Male im Laufe eines langen Lebens und einer mannichfaltigen Praxis unter allen möglichen Clienten ſo überraſcht, daß ſeine Denkkraft auf einige Augenblicke geradezu gelähmt zunſch von unter Jetzt ggenen er es Wege n und ichtig⸗ ſe von mnoch durch korgen idiger, dauch eer be⸗ it der gkeiten tt nicht u ver⸗ leichter ich be⸗ undene ale im allttigen ht, daß gelähmt 119 und er nicht im Stande war, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Als jedoch Mr. Frankland, nachdem er dieſe Mit⸗ theilung gemacht, den Entſchluß zu erkennen gab, die Kaufſumme für Porthgenna Tower, ſobald die Echtheit des Briefes genügend dargethan ſei, wieder herauszu⸗ zahlen, erlangte der alte Juriſt den Gebrauch ſeiner Zunge ſofort wieder und proteſtirte gegen dieſe Abſicht ſeines Clienten mit der aufrichtigen Wärme eines Mannes, welcher die Vorzüge des Reichthums gründlich zu ſchätzen und recht wohl wußte, was es heißt, ein Vermögen von vierzigtauſend Pfund zu gewinnen oder zu verlieren. Leonard hörte geduldig und aufmerkſam zu, während Mr. Nixon vom juriſtiſchen Standpunkte aus dagegen ſprach, den Brief an und für ſich als ein gültiges Do⸗ cument zu betrachten und Miſtreß Jazeph's Ausſage in Verbindung damit in Bezug auf Miſtreß Frankland's wirkliche Herkunft als entſcheidend gelten zu laſſen. Er verbreitete ſich über die Unwahrſcheinlichkeit, daß Miſtreß Treverton's vorgeblicher Betrug an ihrem Gatten be⸗ gangen worden ſei, ohne daß andere Perſonen, außer ihrer Zofe und ihr ſelbſt, in das Geheimniß eingeweiht geweſen wären. Er erklärte es für übereinſtimmend mit aller Erfahrung der menſchlichen Natur, daß eine oder mehrere dieſer Perſonen entweder aus Bosheit oder aus Mangel an Vorſicht von dieſem Geheimniß geſprochen hätten und daß die daraus hervorgehende Bloßſtellung der Wahrheit im Laufe einer ſo langen Zeit von zwei⸗ undzwanzig Jahren zur Kenntniß einiger der vielen Leute im Weſten von England ſowohl als in London, welche 120 die Familie Treverton perſönlich oder dem Rufe nach kannten, hätte kommen müſſen. Von dieſem Einwand ging er auf einen zweiten über, welcher die mögliche Echtheit des Briefes als eines ſchriftlichen Documents zugab, aber zugleich die Wahr⸗ ſcheinlichkeit behauptete, daß es unter dem Einfluſſe einer Geiſtesſtörung auf Miſtreß Treverton's Seite zu Stande gekommen, welche die Zofe damals ein Intereſſe gehabt zu begünſtigen, obſchon ſie vielleicht nach dem Tode ihrer Herrin gezögert, es bei einem Verſuch, von dem Betruge Nutzen zu ziehen, auf die möglichen Folgen ankommen zu laſſen. Nachdem Mr. Nixon dieſe Anſicht, durch welche nicht blos das Schreiben des Briefes, ſondern auch das Ver⸗ bergen deſſelben erklärt ward, geltend gemacht, bemerkte er in Bezug auf Miſtreß Jazeph weiter, daß jede Aus⸗ ſage, die ſie thun würde, in juriſtiſcher Beziehung von geringem oder gar keinem Werthe ſein würde und zwar wegen der Schwierigkeit, oder— wie er lieber ſagen möchte— der Unmöglichkeit— die Identität des in dem Briefe erwähnten Kindes mit der Dame feſtzuſtellen, welche er jetzt die Ehre hätte als Miſtreß Frankland an⸗ zureden und welche kein nicht mit voller geſetzlicher Glaub⸗ würdigkeit begabtes Document in der ganzen Welt ihn veranlaſſen könnte, für eine andere Perſon als die Tochter ſeines alten Freundes und Clienten Kapitän Treverton zu halten. Nachdem Leonard die Einwendungen des Juriſten angehört, räumte er die Scharffſinnigkeit derſelben ein, geſtand aber gleichzeitig, daß ſie in ſeiner Anſicht über nach über, eines Jahr⸗ einer tande ehabt ihrer truge nmen nicht Ver⸗ herkte Aus⸗ von zwar agen s in ellen, an⸗ aub⸗ ihn chter erton iſten ein, über den Inhalt des Briefes oder in ſeiner Ueberzeugung hin⸗ ſichtlich des Verfahrens, welches er einzuſchlagen für ſeine Pflicht halte, keine Aenderung hervorgebracht hätten. Er wollte, ſagte er, Miſtreß Jazeph's Ausſage abwarten, ehe er einen entſcheidenden Schritt thäte; wäre dieſe Aus⸗ ſage aber von der Art und würde ſie auf eine Weiſe gegeben, welche ihn überzeugte, daß ſeine Gattin kein moraliſches Recht auf das Vermögen, welches ſie jetzt beſäße, habe, ſo würde er es der Perſon, welcher dieſes Recht zuſtünde— nämlich Mr. Andrew Treverton— ſofort zurückerſtatten. Als Mr. Nixon fand, daß keinerlei neue Argumente oder ſonſtige Vorſtellungen Mr. Frankland's Entſchluß wankend machen und daß keine beſondere Anſprache an Roſamunde ſie im mindeſten anſtacheln konnte, ihren Einfluß zu benutzen, um ihren Gatten zu einer Aende⸗ rung ſeines Entſchluſſes zu bewegen, da er ferner nach allem, was er gehört, überzeugt war, daß Mr. Frank⸗ land, wenn ihm noch viele weitere Einwendungen entgegen⸗ geſtellt würden, entweder einen andern Juriſten zu Rathe ziehen, oder es auf die Gefahr ankommen laſſen würde, einen verhängnißvollen juriſtiſchen Irrthum dadurch zu be⸗ gehen, daß er in der Sache hinſichtlich der Wiedererſtattung des Geldes auf eigene Fauſt handle, ſo verſtand er ſich endlich— obſchon unter Proteſt— dazu, ſeinem Clienten den Beiſtand, deſſen er bedurfte, zu leiſten, im Fall es nothwendig ward, mit Andrew Treverton in Mittheilung zu treten. Mit höflicher Reſignation hörte er Leonard's kurze Aufzählung der Fragen an, welche er Miſtreß Jazeph 122 vorzulegen gedachte, und ſagte, als die Reihe des Sprechens an ihn kam, mit dem möglichſt geringſten Anflug von Sarkasmus, daß dies vom moraliſchen Geſichtspunkt aus betrachtet ganz vortreffliche Fragen ſeien und ohne Zweifel Antworten zur Folge haben würden, die ein höchſt ro⸗ mantiſches Intereſſe beſitzen müßten. „Aber“, ſetzte er hinzu,„da Sie ſchon ein Kind haben, Mr. Frankland, und da Sie— wenn ich mir erlauben darf, in dieſer Beziehung eine Vermuthung aus⸗ zuſprechen— im Laufe der Jahre deren mehrere be⸗ kommen können und da dieſe Kinder, wenn ſie heran⸗ wachſen, von dem Verluſt Ihres mütterlichen Vermögens hören und zu wiſſen wünſchen werden, warum es ge⸗ opfert ward, ſo möchte ich— indem ich die Sache blos auf Familienrückſichten baſire und von dem juriſtiſchen Standpunkt ganz abſehe— empfehlen, daß Sie ſich von Miſtreß Jazeph außer der mündlichen Ausſage, welche Sie ihr abzufragen gedenken— und gegen deren Zu⸗ läſſigkeit ich in dieſem Falle nochmals proteſtire— auch eine ſchriftliche Erklärung verſchaffen, welche Sie einmal nach ihrem Tode zurücklaſſen und durch welche Sie in den Augen Ihrer Kinder gerechtfertigt werden können, im Fall die Nothwendigkeit einer ſolchen Rechtfertigung ſich in der Zukunft herausſtellen ſollte.“ Der Werth dieſes Raths war zu einleuchtend, als daß derſelbe hätte verſchmäht werden können. Auf Leonard's Wunſch ſetzte Mr. Nixon ſofort das Schema einer Er⸗ klärung auf, in welcher die Echtheit des von der ver⸗ ſtorbenen Miſtreß Treverton auf ihrem Sterbebett an ihren Gatten gerichteten Briefes beſtätigt und die Wahr⸗ chens von t aus weifel ſt ro⸗ Kind ) mir aus⸗ ee be⸗ heran⸗ ogens es ge⸗ blos tiſchen h von welche Zu⸗ auch einmal Sie in en, im g ſich ls daß nard's er Er⸗ er ver⸗ ett an Wahr⸗ 4129 heit der darin enthaltenen Angaben ſowohl in Bezug auf den an Kapitän Treverton verübten Betrug, als auf die behauptete Herkunft des Kindes bezeugt ward. Mr. Nixon ſagte Mr. Frankland, daß er wohlthun würde, Miſtreß Jazeph's Unterſchrift dieſes Documents durch die Namen zweier geſetzlich gültigen Zeugen atte⸗ ſtiren zu laſſen, überreichte dann die Erklärung Roſa⸗ munde, damit dieſe ſie ihrem Gatten vorläſe, und als er fand, daß keine Einwendung gegen irgend einen Theil der Schrift gemacht ward und daß er in dem gegen⸗ wärtigen erſten Stadium der Maßnahmen von keinem weitern Nutzen ſein könne, erhob er ſich, um ſich zu entfernen. Leonard behielt ſich, da nöthig, eine weitere Be⸗ ſprechung im Laufe des Tages vor und Mr. Nixon beurlaubte ſich, indem er bis zum letzten Augenblick ſeinen Proteſt wiederholte und erklärte, daß ihm im ganzen Laufe ſeiner Praxis noch nie ein ſo außerordentlicher Beinahe eine Stunde verging nach der Entfernung des Juriſten, ehe ein zweiter Beſuch gemeldet ward. Nach Verlauf dieſer Zeit hörte man das willkommene Geräuſch von Fußtritten ſich der Thür nähern und Onkel Joſeph trat in das Zimmer. Roſamunde's durch Beſorgniß und Unruhe geſchärfte Beobachtungsgabe entdeckte gleich in dem Augenblicke, wo er erſchien, eine Veränderung in ſeinem Ausſehen und Benehmen. Sein Geſicht war abgezehrt und abgeſpannt und ſein Gang hatte, als er weiter in das Zimmer hereinſchritt, jene Munterkeit und Flinkheit verloren, die 124 ihn auf ſo komiſche Weiſe kennzeichnete, als Roſamunde ihn in Porthgenna Tower zum erſten Male ſah. Er verſuchte ſeinen erſten begrüßenden Worten eine Entſchuldigung wegen ſeines Spätkommens hinzuzufügen, Roſamunde aber unterbrach ihn in ihrer Begier, die erſte wichtige Frage zu thun. „Daß Sie die Adreſſe Ihrer Nichte ermittelt haben, wiſſen wir“, ſagte ſie haſtig,„aber weiter wiſſen wir nichts. Iſt es mit ihr wie Sie fürchteten? Iſt ſie krank?“ Der Alte ſchüttelte wehmüthig den Kopf. „Was ſagte ich Ihnen, als ich Ihnen die Briefe zeigte?“ entgegnete er.„Sie iſt ſo krank, Madame, daß nicht einmal die Botſchaft, die Sie mir in Ihrer Güte an ſie auftrugen, ihr etwas nützen konnte.“ Dieſe wenigen einfachen Worte erfüllten Roſamunde's Herz mit einer ſeltſamen Furcht, welche ſie gegen ihren eigenen Willen, als ſie wieder zu ſprechen verſuchte, zum Schweigen brachte. Onkel Joſeph verſtand den beſorgten Blick, den ſie auf ihn heftete und die raſche Geberde, die ſie nach dem Stuhle machte, der dem Sofa, auf welchem ſie mit ihrem Gatten ſaß, zunächſt ſtand. Onkel Joſeph nahm auf dem Stuhle Platz und ver⸗ traute ihnen nun Alles, was er zu ſagen hatte. Seine erſte Frage, ſagte er, als er die Wohnung ſeines Landsmanns, des deutſchen Zuckerbäckers, erreicht hatte, bezog ſich auf die Oertlichkeit des Poſtbureaus, an welches die Briefe ſeiner Nichte adreſſirt waren, und er erfuhr, daß es kaum zehn Minuten Weges von dem Hauſe ſeines Freundes entfernt ſei. Das Geſpräch, man Joſe und hinb Befi geſtit erſch ſyſte näher nung nunde eine ügen, erſte aben, wir ſtt ſie gte?“ nicht n ſie nde's ihren zum rgten herde, auf ver⸗ nung reicht 8, an ad er dem räch, 125 welches in Bezug auf den Zweck ſeiner Reiſe nach London und die Hoffnungen und Befürchtungen, womit er ſie unternommen, folgte, führte zu weitern Fragen und Antworten, welche mit der Entdeckung endeten, daß der Bäcker unter ſeinen andern Kunden auch die Wirthin eines Logishauſes in der Nähe mit gewiſſen leichten Zwiebacken verſorgt, wegen welcher ſein Laden berühmt war. Dieſe Zwiebacke wurden zum Gebrauche einer kranken Frau gekauft welche in dem Logishauſe wohnte und die Wirthin gab bei einer der vielen Gelegenheiten, wo ſie in den Laden kam und über ihre eigenen Ange⸗ legenheiten plauderte, ihre Verwunderung zu erkennen, daß eine ſo augenſcheinlich achtbare und in allen ihren Zahlungen ſo pünktliche Perſon wie ihre Miethbewohnerin von keinem Freunde oder Bekannten beſucht würde und daß ſie unter dem Namen„Miſtreß James“ lebte, wäh⸗ rend ihre Wäſche mit„S. Jazeph“ gezeichnet ſei. Als man zu dieſem außerordentlichen Ergebniß einer Conver⸗ ſation gelangte, die von dem einfachſten Beginn, den man ſich denken konnte, ausgegangen war, hatte Onkel Joſeph ſich ſofort die Adreſſe des Logishauſes notirt und ſich am nächſten Morgen zu einer frühen Stunde hinbegeben. Während der Nacht hatte ihn die Beſtätigung ſeiner Befürchtungen in Bezug auf ſeine Nichte ſehr traurig geſtimmt und als er ſie am darauffolgenden Morgen ſah, erſchrak er über die heftige Aufregung ihres Nerven⸗ ſyſtems, welche ſie kund gab, als er ſich ihrem Bett näherte. Dennoch aber gab er den Muth und die Hoff⸗ nung nicht eher auf, als bis er Miſtreß Frankland's Botſchaft mitgetheilt hatte und nun fand, daß dieſelbe durchaus nicht die beruhigende Wirkung äußerte, welche er faſt mit Gewißheit davon erwartet hatte. Anſtatt die Kranke zu beſchwichtigen, ſchien er dieſelbe vielmehr von neuem aufzuregen und zu beunruhigen. Außer einer Menge genauer Erkundigungen über Miſtreß Frankland's Ausſehen, über ihr Benehmen gegen ihn, über die genauen Worte, die ſie geſprochen, welche Er⸗ kundigungen er alle mehr oder weniger zu ihrer Zu⸗ friedenheit zu beantworten im Stande war, hatte ſie zwei Fragen an ihn gerichtet, die er gar nicht beantworten konnte. Die erſte dieſer Fragen war: Ob Miſtreß Frankland etwas in Bezug auf das Geheimniß geſagt hätte? Die zweite war: Ob ſie zufällig ein Wort fallen gelaſſen, welches zu der Vermuthung berechtige, daß ſie die Lage des Myrthenzimmers ausfindig gemacht? Während Onkel Joſeph noch am Bett ſeiner Nichte geſeſſen und ſich, wiewohl vergebens, bemüht hatte, die freundlichen und beruhigenden Worte von Miſtreß Frank⸗ land's Botſchaft als eine genügende Antwort auf die Fragen zu betrachten, die er ſelbſt nicht im Stande war auf eine directere und überzeugendere Weiſe zu erledigen, war der die Kranke behandelnde Arzt eingetreten. Nach⸗ dem dieſer die nöthigen Fragen über ihr Befinden ge⸗ than und noch eine Weile über gleichgültige Dinge ge⸗ ſprochen, hatte er Onkel Joſeph verſtohlen bei Seite ge⸗ nommen und ihm mitgetheilt, daß der Schmerz in der Gegend des Herzens und die Schwierigkeit des Athmens, worüber ſeine Nichte klagte, von ernſterer Bedeutung eſelbe velche eſelbe jigen. iſtreß ihn, 2 Er⸗ Zu⸗ zwei vorten ikland Die laſſen, Lage Nichte te, die Frank⸗ if die e war edigen, Nach⸗ en ge— ge ge⸗ ite ge⸗ in der hmens, eutung 127 wären, als ein in dergleichen Dingen nicht Eingeweihter vielleicht geneigt wäre zu glauben. Deshalb bäte er ihn, ihr keine Botſchaften von irgend jemand mehr zu über⸗ bringen, wenn er nicht im voraus vollkommen überzeugt wäre, daß dadurch ihr Gemüth ſofort und für immer von der geheimen Unruhe, die es jetzt peinigte, befreit würde— einer Unruhe, durch die ihre Krankheit mit jedem Tage verſchlimmert und alle ärztliche Hülfe faſt vollſtändig unnütz gemacht werde. Nachdem Onkel Joſeph noch eine Weile bei ſeiner Nichte geſeſſen und mit ſich ſelbſt zu Rathe gegangen, hatte er beſchloſſen, dieſen Abend, nachdem er in die Wohnung ſeines Freundes zurückgekehrt wäre, privatim an Miſtreß Frankland zu ſchreiben. Das Abfaſſen dieſes Briefes hatte ihm mehr Zeit gekoſtet, als jemand, der ans Schreiben gewöhnt iſt, glauben würde. Endlich, nachdem er mit vielem Zeitaufwand eine Reinſchrift von vielen Concepten gemacht und dabei durch öftere Beſuche bei ſeiner Nichte unterbrochen worden, hatte er einen Brief zu Stande gebracht, in welchem er das, was ſeit ſeiner Ankunft in London geſchehen war, in einer Sprache erzählte, von der er hoffte, daß ſie verſtanden werden würde. Aus einer Vergleichung der Daten ergab ſich, daß dieſer Brief Mr. und Miſtreß Frankland auf ihrer Reiſe gekreuzt haben mußte. Der Brief enthielt weiter nichts, als was er ſelbſt ſoeben mündlich erzählte, ausgenommen, daß er auch— als Beweis, daß die Entfernung die Furcht, welche das Gemüth ſeiner Nichte quälte, nicht vermindert hatte— die Erklärung mittheilte, welche ſie ihm wegen des Ver⸗ 123 ſchweigens ihres wahren Namens gegeben, ſo wie des Grundes, aus welchem ſie ihren Aufenthalt bei fremden Perſonen genommen, während ſie doch Freunde in London hatte, zu denen ſie gehen konnte. Dieſe Erklärung hätte vielleicht nicht den Brief zu verlängern gebraucht, denn ſie enthielt der Hauptſache nach ganz daſſelbe, was Onkel Joſeph ſchon geſagt, als er von dem Beweggrund ſprach, welcher Sara veran⸗ laßt, ſich in Truro von ihm zu trennen. Mit dieſen letzten Worten war die traurige und ein⸗ fache Geſchichte des alten Mannes zu Ende. Nachdem Roſamunde eine Weile gewartet, um ihre Selbſtbeherrſchung wiederzuerlangen, berührte ſie ihren Gatten, um deſſen Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt zu lenken, und ſii ſterte ihm zu: Nun kann ich wohl alles ſagen, was ich in Porth⸗ gemaa zu ſagen wünſchte?“ „Ja, alles“, antwortete er.„Wenn Du die nöthige Standhaftigkeit zu beſitzen glaubſt, Roſamunde, ſo iſt es am angemeſſenſten, daß er es von Dir ſelbſt höre.“ Nachdem der erſte natürliche Ausdruck von Erſtaunen vorüber war, bot die Wirkung, welche die Enthüllung des Geheimniſſes auf Onkel Joſeph äußerte, den auf⸗ fallendſten Gegenſatz, den man ſich denken kann, zu der, welche ſie auf Mr. Nixon geäußert. Kein Schatten von einem Zweifel verdunkelte das Geſicht des alten Mannes, kein Wort eines Widerſpruchs entfiel ſeinen Lippen. Die einzige Gemüthsbewegung, die in ihm erregt ward, war einfache, ungetrübte Freude. Er ſprang mit ſeiner ganzen natürlichen Behendigkeit auf ſeine Füße, ſeine Augen des nden ndon f zu ſache ,als eran⸗ ein⸗ ihre ihren nken, orth⸗ tthige o iſt öre.“ unen llung auf⸗ der, von nnes, Die war anzen lugen 129 funkelten wieder von all ihrem natürlichen Glanze— in dem einen Augenblick klatſchte er in die Hände wie ein Kind, im nächſten warf er ſeinen Hut in die Höhe und bat Roſamunde, ſich von ihm ſofort an das Bett ſeiner Nichte führen zu laſſen. „Wenn ſie Sara erzählen, was Sie ſoeben mir er⸗ zählt haben“, rief er, indem er über das Zimmer eilte, um die Thür zu öffnen,„ſo geben Sie ihr den Muth zurück, richten ſie von ihrem Krankenlager auf und machen ſie geſund ehe noch der Tag um iſt.“ Ein mahnendes Wort von Mr. Frankland verſchloß ihm plötzlich den Mund und er ließ ſich ſchweigend und aufmerkſam wieder auf den Stuhl nieder, von welchem er den Augenblick zuvor aufgeſprungen war. „Bedenken Sie, was der Arzt Ihnen geſagt hat“, ſagte Leonard.„Die plötzliche Ueberraſchung, welche Sie ſo glücklich gemacht hat, könnte für Ihre Nichte ſehr ver⸗ derblich ſein. Ehe wir die Verantwortlichkeit auf uns nehmen, mit ihr über einen Gegenſtand zu ſprechen, der ſie ganz gewiß heftig aufregen wird— wie ſorgfältig wir auch dabei zu Werke gehen mögen— müſſen wir, glaube ich doch, um der Sicherheit willen erſt ihren Arzt um Rath fragen.“ Roſamunde unterſtützte den Vorſchlag ihres Gatten mit Wärme und meinte mit der ihr eigenthümlichen Un⸗ geduld, die nie von Aufſchub etwas wiſſen wollte, man ſolle den Arzt ſofort aufſuchen. Onkel Joſeph erklärte— ein wenig widerſtrebend wie es ſchien— zur Antwort auf die an ihn gerichteten Fragen, er wiſſe die Wohnung des Doctors und derſelbe⸗ Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 9 130 ſei in der Regel kurz vor ein Uhr nachmittags zu Hauſe anzutreffen. Es war jetzt gerade halb Eins und Roſamunde zog mit Zuſtimmung ihres Gatten ſofort die Klingel, um eine Droſchke holen zu laſſen. Schon ſtand ſie, nachdem ſie dieſen Befehl ertheilt, im Begriff ihren Hut aufzu⸗ ſetzen, als der alte Mann ihr Einhalt that, indem er mit einem gewiſſen Anſchein von Zögern und Verlegen⸗ heit fragte, ob man es für nöthig hielte, daß er Mr. und Miſtreß Frankland zu dem Arzte begleite. Ehe man noch dieſe Frage beantworten konnte, ſetzte er hinzu, wenn man nichts dagegen hätte, ſo wäre es ihm weit lieber wenn er im Hotel zurückbbleiben und warten dürfte, um dann, wenn ſie zurückkämen, die Inſtructionen zu empfangen, welche ſie ihm vielleicht zu geben hätten. Leonard war mit dieſem Wunſche ſofort einverſtan⸗ den, ohne ſich nach den Gründen deſſelben zu erkundigen; Roſamunde dagegen war neugieriger und fragte, warum er lieber allein in dem Hotel zurückbleiben, als mit ihnen zu dem Doctor gehen wolle. „Ich kann den Mann nicht leiden“, ſagte Onkel Joſeph.„Wenn er von Sara ſpricht, ſo macht er ein Geſicht, als ob er glaubte, ſie werde nie wieder von ihrem Bett aufſtehen.“ Mit dieſer kurzen Antwort ging er mit halb ver⸗ legener Miene fort ans Fenſter, als ob er nicht gern weiter etwas ſagen wollte. Die Wohnung des Doctors war nicht ganz in der Nähe gelegen, doch kamen Mr. und Miſtreß Frankland noch vor ein Uhr dort an und trafen ihn zu Hauſe. auſe zog um ddem Ifzu⸗ n er egen⸗ und noch venn ieber um igen, ſtan⸗ igen; rrum ihnen Onkel r ein von ver⸗ gern Es war ein junger Mann mit einem ſanften, ernſten Geſicht und von ruhigem, ſtillem Weſen. Tägliche Be⸗ rührung mit Leiden und Kummer hatten ſeinen Charakter vielleicht vor der Zeit ernſt und wehmüthig geſtimmt. Roſamunde ſtellte ſich und ihren Gatten ihm als Perſonen vor, welche ſich für ſeine Patientin in dem Logishauſe lebhaft intereſſirten, und überließ es dann Leonard, die erſten Fragen in Bezug auf den Geſund⸗ heitszuſtand ihrer Mutter zu thun. Die Antwort des Arztes begann mit einigen höflichen Worten, welche augenſcheinlich den Zweck hatten, ſeine Zuhörer auf eine weniger hoffnungsvolle Mittheilung vorzubereiten als ſie vielleicht zu empfangen erwarteten. Indem er alle rein techniſchen Bemerkungen vermied, ſagte er ihnen, daß ſeine Patientin unzweifelhaft an einer ernſten Herzkrankheit leide. Von welcher Beſchaffenheit dieſe Krankheit eigentlich ſei, dies war, wie er offen ge⸗ ſtand, eine zweifelhafte Sache, die von verſchiedenen Aerzten auf verſchiedene Weiſe erklärt ward. Nach der Meinung, die er ſich ſelbſt nach den Symptomen ge⸗ bildet, glaubte er, die Krankheit ſeiner Patientin hinge mit der Arterie zuſammen, welche das Blut unmittelbar aus dem Herzen durch das ganze Syſtem führt. Da er gefunden, daß ſie ſehr abgeneigt war, Fragen in Bezug auf die Art und Weiſe ihres frühern Lebens zu beant⸗ worten, ſo könne er nur errathen, daß die Krankheit ſchon alt und durch eine gewaltige Gemüthserſchütterung in Verbindung mit darauf gefolgter langer nagender Ge⸗ müthsunruhe— von welcher ihr Geſicht unverkennbare Spuren zeigte— entſtanden und daß dieſelbe noch durch 9* 132 die Anſtrengung einer Reiſe nach London verſchlimmert worden ſei, welche ſie, wie ſie geſtanden, zu einer Zeit unternommen, wo große Erſchöpfung des Nervenſyſtems ſie eigentlich zum Reiſen ganz unfähig gemacht hätte. Nach ſeiner Anſicht ſei es ſeine ſchmerzliche Pflicht, ihren Freunden zu ſagen, daß jede heftige Gemüthsbewegung ihr Leben unbeſtreitbar in Gefahr bringen würde. Könnte dagegen die Gemüthsunruhe, an welcher ſie gegenwärtig litte, gehoben und die Kranke in ein ruhiges bequemes Landhaus und unter Leute gebracht werden, welche un⸗ abläſſig bedacht wären, ſie ſtill und ungeſtört zu halten und dafür zu ſorgen, daß es ihr an nichts fehle, ſo ſei Grund zu hoffen, daß das weitere Vorſchreiten der Krank⸗ heit gehemmt und ihr Leben noch um einige Jahre ge⸗ friſtet werden könne. Roſamunde's Herz hüpfte vor Freuden bei dem Bild der Zukunft, welches ihre Phantaſie nach den Andeutungen entwarf, welche in den letzten Worten des Doctors lagen. „Es ſteht ihr alles, was Sie erwähnten, zu Gebote und mehr noch wenn es nöthig iſt!“ entgegnete ſie eifrig, ehe noch ihr Gatte ſprechen konnte.„O, Sir, wenn Ruhe unter gütigen Freunden alles iſt, was das arme Herz Ihrer Patientin bedarf, dann können wir, Gott ſei Dank, es geben.“ „Ja, wir können es geben“, ſagte Lenny, an die letzten Worte ſeiner Gattin anknüpfend,„wenn der Doctor uns ermächtigt, ſeiner Patientin eine Mittheilung zu machen, welche geeignet iſt, ſie aller Unruhe zu überheben, die ſie aber, wie ich bemerken muß, gegenwärtig durchaus nicht vorbereitet iſt, zu empfangen.“ mert Zeit tems zätte. ihren gurlg öͤnnte ärtig emes un⸗ alten o ſei rank⸗ 2 ge⸗ Bild ungen agen. debote eifrig, wenn arme tt ſei n die doctor ig zu jeben, chaus 133 „Darf ich fragen“, ſagte der Arzt,„wer mit der Mittheilung, von welcher ſie ſprechen, beauftragt wer⸗ den ſoll?“ „Es gibt zwei Perſonen, welche damit beauftragt werden können“, antwortete Leonard.„Die eine iſt der alte Mann, den Sie am Bett Ihrer Patientin getroffen haben. Die andere iſt meine Frau.“ „In dieſem Falle“, entgegnete der Doctor, indem er Roſamunde anſah,„kann es keinem Zweifel unter⸗ worfen ſein, daß dieſe Dame die geeignetſte Perſon iſt, dieſe Aufgabe zu übernehmen.“ Er ſchwieg, dachte einen Augenblick nach und ſagte dann: „Darf ich jedoch fragen, ehe ich Sie veranlaſſe, ſich nach einer oder der andern Seite hin zu entſcheiden, ob dieſe Dame meiner Patientin ebenſo genau bekannt iſt und auf demſelben vertrauten Fuße mit ihr ſteht wie der alte Mann?“ „Ich fürchte, ich muß dieſe beiden Fragen mit Nein beantworten“, entgegnete Leonard.„Vielleicht muß ich Ihnen auch gleichzeitig ſagen, daß Ihre Patientin meine Frau jetzt in Cornwall glaubt. Ihr erſtes Erſcheinen in dem Krankenzimmer würde daher, fürchte ich, die Leidende in hohem Grade überraſchen und möglicher⸗ weiſe ein wenig erſchrecken.“ „Unter dieſen Umſtänden“, ſagte der Arzt,„ſcheint es am räthlichſten, den alten Mann, ſo ſchlicht er auch iſt, mit der Mittheilung zu beauftragen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ſein Erſcheinen für die Kranke nichts Ueberraſchendes haben kann. Wie unge⸗ 13⸗ ſchickt er ihr auch dieſe Eröffnung machen möge, ſo wird er doch vor dieſer Dame den großen Vortheil voraus haben, daß er an dem Bett der Kranken nicht uner⸗ wartet erſcheint. Wenn das gewagte Experiment einmal gemacht werden muß— und nach dem, was Sie mir mitgetheilt, glaube ich, muß es geſchehen— ſo haben Sie, glaube ich, keine Wahl als es mit der gehörigen Vorſicht und Anleitung dem alten Mann zu übertragen.“ Nachdem man zu dieſem Schluſſe gekommen war, gab es weder auf der einen noch auf der andern Seite weiter etwas zu ſagen. Die Unterredung endete und Roſa⸗ munde und ihr Gatte eilten zurück von dem Hotel, um Onkel Joſeph zu inſtruiren. Als ſie ſich der Thür ihres Wohnzimmers näherten, waren ſie überraſcht, Muſik darin zu hören. Als ſie eintraten, ſahen ſie den alten Mann zuſammengeduckt auf einem Stuhl ſitzen und einer alten kleinen Spieluhr zuhören, welche dicht auf einem Tiſche neben ihm ſtand und ein Stück ſpielte, in welchem Roſamunde ſofort die Arie„Schlage, ſchlage, lieber Junge“, aus Mozart's Don Juan erkannte. „Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, daß ich mir zum Zeitvertreibe, während Sie nicht da waren, etwas habe vormuſiciren laſſen“, ſagte Onkel Joſeph, indem er verlegen in die Höhe fuhr und die Hemmfeder der Spiel⸗ uhr berührte.„Dies iſt von allen meinen Freunden und Gefährten der letzte, welcher mir geblieben iſt. Der göttliche Mozart, der König aller Componiſten, die jemals gelebt, ſchenkte dieſe Spieluhr meinem Bruder Max, als derſelbe Zögling der Muſikſchule in Wien war, bird aus ner⸗ mal mir aben igen en.“ var, Seite oſa⸗ um rten, 3 ſie auf luhr tand t die art's mir twas n er piel⸗ und Der die ruder war, mit eigener Hand. Seit meine Nichte mich in Cornwall verlaſſen, habe ich nicht den Muth gehabt, mir von Mozart aus dieſem kleinen Käſtchen heraus etwas vorſingen zu laſſen, bis heute. Jetzt aber, wo Sie mich wegen Sara wieder froh und glücklich gemacht haben, ſehnten meine Ohren ſich wieder nach dem himmliſchen Geklimper, welches, mag ich ſein wo ich will, für mein Herz ſtets denſelben freundlichen Klang hat. Doch genug damit“, ſagte der alte Mann, indem er das Käſtchen wieder in das an ſeiner Seite hängende Lederfutteral ſteckte, welches Roſa⸗ munde ſchon bemerkt, als ſie ihn in Porthgenna zum erſten Male geſehen.„Ich will meinen Singvogel wieder in ſeinen Käfig ſtecken und nachdem dies geſchehen iſt, fragen, ob Sie mir gefälligſt mittheilen wollen, was der Doctor zu Ihnen geſagt hat.“ Roſamunde beantwortete ſeine Frage, indem ſie ihm den Hauptinhalt der Unterredung erzählte, welche zwiſchen ihrem Gatten und dem Doctor ſtattgefunden hatte. Dann begann ſie unter vielen vorbereitenden Ermahnungen den alten Mann zu inſtruiren, wie er ſeine Nichte von der Entdeckung des Geheimniſſes unterrichten ſollte. Sie ſagte ihm, daß die im Zuſammenhange damit ſtehenden Umſtände erſt nicht als Ereigniſſe, welche wirklich ge⸗ geſchehen wären, ſondern als Ereigniſſe, die geſchehen könnten, erzählt werden müßten. Sie legte ihm die Worte, die er zu dieſem Zwecke zu ſprechen hatte, in den Mund, indem ſie die wenigſten und die einfachſten wählte, welche dieſer Abſicht entſprachen. Sie zeigte ihm, daß er beinahe unbemerkbar von der Entdeckung als einer Sache, welche geſchehen ſein könnte, auf die Ent⸗ 136 deckung als eine Sache, die wirklich geſchehen wäre, übergehen könnte und prägte ihm als das wichtigſte von Allem ein, dem Gemüth ſeiner Nichte fortwährend die Thatſache vorzuhalten, daß die Entdeckung des Geheim⸗ niſſes in den beiden Perſonen, die ein ſo großes Intereſſe daran gehabt, es ausfindig zu machen, nicht einen ein⸗ zigen unfreundlichen Gedanken oder ein einziges bitteres Gefühl gegen ſie erweckt habe. Onkel Joſeph hörte mit unerſchütterlicher Aufmerk⸗ ſamkeit zu bis Roſamunde fertig war, dann erhob er ſich von ſeinem Sitz, heftete ſeine Augen aufmerkſam auf ihr Geſicht und entdeckte darin einen Ausdruck von Unruhe und Zweifel, den er ganz richtig auf ſich ſelbſt bezog. „Soll ich, ehe ich fortgehe, Ihnen die Ueberzeugung geben, daß ich nichts vergeſſen werde?“ fragte er ein⸗ dringlich.„Ich beſitze allerdings keine große Erſin⸗ dungsgabe, wohl aber ein gutes Gedächtniß, ganz be⸗ ſonders wenn es ſich um etwas handelt, was Sara be⸗ trifft. Haben Sie daher die Güte und ſehen Sie zu, ob ich Ihnen alles wiederherſagen kann, was Sie mir ſoeben einſtudirt haben.“ Vor Roſamunde ſtehend und während er in ſeinem Blick und Weſen in ſeltſamer und rührender Weiſe an die längſtvergangenen Tage ſeiner Kindheit erinnerte, wo er am Knie ſeiner Mutter ſeine erſten Aufgaben hergeſagt, wieder⸗ holte er jetzt vom erſten bis zum letzten Worte die ihm ertheilten Inſtructionen mit einer Genauigkeit und mit einer Treue des Gedächtniſſes, welche bei einem Mann von ſeinem Alter geradezu Erſtaunen erregen mußte. „Nun, habe ich mir alles ordentlich gemerkt?“ fragte äre, von die eim⸗ reſſe ein⸗ eres therk⸗ ſich ihr ruhe zog. ung ein⸗ ſin⸗ be⸗ be⸗ zu, mir nem die am der⸗ ihm mit ann agte 137 er einfach, als er fertig war.„Und kann ich nun meiner Wege gehen und der armen Sara die gute Botſchaft bringen?“ „Er mußte immer noch eine Weile warten, während Roſamunde und ihr Gatte ſich miteinander über das beſte und ſicherſte Mittel beriethen, dem Bekenntniß, daß das Geheimniß entdeckt war, die Kunde von ihrer eigenen Anweſenheit in London folgen zu laſſen. Nach einiger Ueberlegung forderte Leonard ſeine Gattin auf, das von dem Anwalt an dieſem Morgen aufgeſetzte Document zur Hand zu nehmen und auf die leere Seite des Papiers einige von ihm zu dictirende Zeilen zu ſchreiben, durch welche Miſtreß Jazeph erſucht ward, die Erklärungsformel zu leſen und mit ihrem Namen zu unterzeichnen, ſobald ſie überzeugt wäre, daß dieſelbe in keiner Beziehung von ihr etwas Anderes verlange als die Beſtätigung der genaueſten Wahrheit. Als ſie hiermit fertig und das Blatt, auf welches Miſtreß Frankland geſchrieben, ſo zuſammengebrochen worden, daß das von ihr Geſchriebene die erſte, zunächſt in die Augen fallende Seite bildete, erſuchte Leonard ſeine Gattin, das Papier dem alten Manne zu geben und erklärte ihm, was er damit machen ſolle, mit folgen⸗ den Worten: „Wenn Sie die Nachricht wegen des Geheimniſſes Ihrer Nichte beigebracht und ihr vollauf Zeit gelaſſen haben, ſich zu faſſen, wenn ſie Fragen in Bezug auf meine Gattin und mich ſelbſt thut— was, wie ich glaube, geſchehen wird— ſo händigen Sie ihr dieſes Papier ein und erſuchen Sie ſie, daſſelbe zu leſen. Mag — ¹33 ſie nun geneigt ſein, es zu unterzeichnen oder nicht, ſo wird ſie ganz gewiß fragen, wie Sie dazu gekommen ſind. Dann ſagen Sie ihr, Sie hätten es von Miſtreß Frank⸗ land erhalten— bedienen Sie ſich des Wortes«erhalten“, damit ſie anfangs glaube, es ſei Ihnen von Porth⸗ genna mit der Poſt zugeſendet worden. Wenn Sie fin⸗ den, daß ſie die Erklärung unterzeichnet und daß ſie, nachdem ſie dies gethan, nicht ſehr aufgeregt iſt, ſo er⸗ zühlen Sie ihr auf dieſelbe allmälige Weiſe, auf welcher ſie ihr die Wahrheit in Bezug auf die Entdeckung des Geheimniſſes mittheilen, meine Frau habe Ihnen das Papier mit eigenen Händen gegeben und befinde ſich jetzt in London—“ „Und hoffe und ſehne ſich, ſie zu ſehen“, ſetzte Roſa⸗ munde hinzu.„Sie, der Sie nichts vergeſſen, werden, wie ich überzeugt bin, auch dies nicht vergeſſen zu ſagen, nicht wahr nicht?“ Bei dieſem kleinen Compliment, welches ſeinem guten Gedächtniß gemacht ward, erröthete Onkel Joſeph vor Freude, als ob er wieder ein Knabe wäre. Nachdem er verſprochen, ſich des in ihn geſetzten Vertrauens würdig zu zeigen und ehe noch der Tag um wäre, wie⸗ derzukommen und Miſtreß Frankland von aller Unge⸗ wißheit zu befreien, nahm er Abſchied und entfernte ſich hoffnungsvoll und getroſt, um ſich ſeines wichtigen Auftrags zu entledigen. Roſamunde ſah ihm aus dem Fenſter nach, wie er ſich unter der wimmelnden Maſſe der Fußgänger auf dem Trottoirs rechts und links ausweichend den Weg bahnte, bis er ihren Augen entſchwand. Wie flink be⸗ „ ſo ſind. rank⸗ tenn, orth⸗ fin⸗ ſie, o er⸗ elcher z des das ˖jetzt Roſa⸗ erden, agen, guten ) vor hdem auens wie⸗ Unge⸗ fernte htigen vie er r auf Weg ik be⸗ 139 wegte ſich die kleine zierliche Geſtalt! Wie heiter ſtrömte das unumwölkte Sonnenlicht auf das muntere Treiben in der Straße herab! Das ganze Sein der großen Stadt ſonnte ſich in der Sommerpracht des Tages, alle ihre gewaltigen Pulſe ſchlugen höher und alle ihre Myriaden Stimmen flüſterten von Hoffnung. Siebentes Kapitel. — ſch in Die Geſchichte der Vergangenheit. Di — an Der Vormittag verging und der Abend kam, aber tun immer noch war von Onkel Joſeph's Rückkunft nichts zu bemerken. Gegen ſieben Uhr ward Roſamunde von zu der Wärterin gerufen, welche meldete, daß das Kind übe wach und unruhig ſei. Nachdem ſie es beſchwichtigt beg und zur Ruhe gebracht, nahm ſie es mit in das Wohn⸗ nach zimmer, und ſchickte mit ihrer gewohnten Rückſicht auf des das Wohlbefinden jedes Dienſtboten, der für ſie thätig hin⸗ 1 war, die Wärterin hinunter, damit ſie ſich nach der Ar⸗ unr beit des Tages eine Stunde der Erholung gönne. keit „Ich möchte mich in dieſen Augenblicken der Erwar⸗ nen tung nicht gern von Dir entfernen, Lenny“, ſagte ſie, gert als ſie wieder zu ihrem Gatten kam;„deshalb habe ich den Kleinen mit hierhergebracht. Er werde wahrſcheinlich auf nicht gleich wieder ruhig werden und ſeine Abwartung endl dient mir in unſerm gegenwärtigen Zuſtande von Un-⸗ gewißheit zur Zerſtreuung und Herzenserleichterung.“ ſchri aber ichts von Kind htigt ohn⸗ auf ätig Ar⸗ war⸗ ſie, e ich nlich tung Un⸗ 7 141 Die Uhr auf dem Kaminſims ſchlug halb acht. Die Wagen rollten raſcher auf der Straße hintereinander her und waren beſetzt mit elegant gekleideten Leuten, die entweder zum Diner oder in die Oper fuhren. Die Colporteure ſchrien auf dem benachbarten Platze ihre Neuigkeiten aus und hatten die zweiten Ausgaben der Abendjournale unter den Armen. Leute, welche den gan⸗ zen Tag hinter dem Ladentiſch thätig geweſen waren, ſtanden an den Thüren, um ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen. Arbeiter zogen heimwärts, bald einzeln, bald in müden ſchlurfenden Trupps. Müßiggänger, die vom Diner kamen, zündeten an Straßenecken ihre Cigarren an und ſahen ſich um, unentſchloſſen, nach welcher Rich⸗ tung ſie ihre Schritte zunächſt lenken ſollten. Es war gerade jene Uebergangsperiode des Abends, zu welcher das Straßenleben des Tages beinahe vor⸗ über iſt und das Straßenleben der Nacht noch nicht recht begonnen hat— ebenſo auch die Zeit, wo Roſamunde, nachdem ſie vergebens verſucht, ſich die Langweiligkeit des Wartens dadurch zu erleichtern, daß ſie zum Fenſter hinausſchaute, immer tiefer und tiefer in ihre eigenen unruhigen Betrachtungen verſank, als ihre Aufmerkſam⸗ keit plötzlich zu den Ereigniſſen der ſie umgebenden klei⸗ nen Welt durch das Oeffnen der Zimmerthür zurück⸗ gerufen ward. Sie blickte ſofort von dem Kinde, welches ſchlafend auf ihrem Schooße lag, auf und ſah, daß Onkel Joſeph endlich wieder dawar. Der alte Mann trat ſchweigend ein und hielt die ſchriftliche Erklärung, die er auf Mr. Frankland's Wunſch mitgenommen, aufgeſchlagen in der Hand. Während er ſich dem Fenſter näherte, bemerkte Roſamunde, daß ſein Geſicht ausſah, als ob es während der wenigen Stunden ſeiner Abweſenheit ſeltſam gealtert hätte. Er trat dicht an ſie heran, hielt ohne ein Wort zu ſprechen ſeinen zitternden Zeigefinger tief unten auf das aufgeſchlagene Blatt und zwar ſo, daß Roſamunde die auf dieſe Weiſe angedeutete Stelle ſehen konnte, ohne von ihrem Stuhle aufzuſtehen. Sein Schweigen und die Veränderung in ſeinem Geſicht erfüllte ſie mit einer plötzlichen Furcht, welche ſie bewog zu zögern, ehe ſie ihn anredete. „Haben Sie ihr alles geſagt?“ fragte ſie, nachdem ſie noch einen Augenblick gewartet, indem ſie die Frage in leiſem, flüſterndem Tone ſtellte und ohne auf das Papier zu achten. „Dies iſt der Beweis“, ſagte er, immer noch auf das Blatt zeigend.„Sehen Sie, hier ſteht der Name an der dazu offen gelaſſenen Stelle— von ihrer eigenen Hand unterzeichnet.“ Roſamunde blickte auf das Papier. Hier ſtand wirk⸗ lich die Unterſchrift„S. Jazeph“ und darunter in mit matter, unſicherer Hand gezeichneten Klammern der Zu⸗ ſatz:„Geborene Sara Leeſon.“ „Warum ſprechen Sie nicht?“ rief Roſamunde, ihn mit ſteigender Unruhe betrachtend;„warum ſagen Sie uns nicht, wie ſie die Nachricht aufnahm?“ „Ach, fragen Sie mich nicht! fragen Sie mich nicht“, antwortete er vor ihrer Hand zurückweichend, als ſie dieſelbe in ihrem Eifer auf ſeinen Arm zu legen ſuchte. id er ſein inden dicht einen agene dieſe hrem einem velche chdem Frage f das h auf Name igenen wirk⸗ n mit r Zu⸗ e, ihn n Sie mich d, als ſuchte. 143 „Ich vergaß nichts. Ich ſagte die Worte, wie Sie mich dieſelben gelehrt hatten. Ich machte mit meiner Zunge einen Umweg, um zur Wahrheit zu gelangen, mein Ge⸗ ſicht aber ſchlug den Querweg ein und kam zuerſt ans Ziel. Ich bitte Sie bei der Güte, die Sie mir bewieſen haben, fragen Sie mich nicht. Begnügen Sie ſich zu wiſſen, daß ſie ſich jetzt beſſer, ruhiger und glücklicher fühlt. Das Schlimme iſt vorüber und vergangen und das Gute ſoll nun alles kommen. Wenn ich Ihnen erzähle, wie ſie ausſah, wenn ich Ihnen erzähle, was ſie ſagte, wenn ich Ihnen alles erzähle, was geſchah, nachdem ſie die Wahrheit erfahren, ſo wird der Schrecken wieder mein Herz packen und alles Schluchzen und Weinen, welches ich mit Gewalt unterdrückt, wird wie⸗ der aufſteigen und mich erſticken. Ich muß meinen Kopf klar und meine Augen trocken erhalten— o wie könnte ich Ihnen alle die Dinge ſagen, die ich Sara hoch und theuer verſprochen zu berichten, ehe ich mich dieſe Nacht zur Ruhe niederlege?“ Er ſchwieg, zog ein grobes, kleines baumwollenes Taſchentuch mit einem grell leuchtenden weißen Muſter auf dunkelblauem Boden heraus und trocknete ſich einige Thränen, welche ihm in die Augen geſtiegen waren, während er ſprach. „Mein Leben iſt im Ganzen genommen ein ſo glück⸗ liches geweſen“, ſagte er ſelbſtvorwurfsvoll und indem er Roſamunde anſah,„daß mein Muth, wenn er für die Zeit der Noth gebraucht wird, nicht leicht zu finden iſt. Und dennoch bin ich ein Deutſcher! Alle meine Landsleute ſind Philoſophen— wie kommt es, daß ich 144 allein in meinem Kopf ſo weich und in meinem Herzen ſo ſchwach bin wie der liebliche Kleine, der hier ſchla⸗ fend in Ihrem Schooße liegt?“ „Sprechen Sie jetzt nicht wieder; erzählen Sie uns nicht eher etwas, als bis Sie ſich gefaßter fühlen“, ſagte Roſamunde.„Jetzt, wo wir wiſſen, daß Sie ſie ruhiger und wohler verlaſſen haben, ſind wir von unſe⸗ rer quälendſten Ungewißheit befreit. Ich will keine Fra⸗ gen weiter an Sie thun— wenigſtens“, ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„will ich blos eine thun.“ Sie ſchwieg und ihre Augen ſchauten fragend auf Leonard. Er hatte bisjetzt mit ſtummer Theilnahme alles gehört, was geſprochen worden, jetzt aber miſchte er in ſanftem Tone ſich ein und rieth ſeinem Weibe, ein wenig zu warten, ehe ſie wagte, etwas Weiteres zu ſagen. „Die Frage iſt eine zu leicht zu beantwortende“, bemerkte Roſamunde in bittendem Tone.„Ich wünſchte blos zu hören, ob ſie meine Botſchaft erhalten— ob ſie weiß, daß ich warte und mich ſehne, ſie zu ſehen, ſobald ſie mich zu ſich kommen laſſen will.“ „Ja, ja“, ſagte der alte Mann, indem er Roſa⸗ munde mit einem Ausdruck von Herzenserleichterung zu⸗ nickte.„Dieſe Frage iſt leicht, ſogar noch leichter als Sie denken, denn ſie führt mich ſtracks zu dem An⸗ fange alles deſſen, was ich zu ſagen habe.“ Er war bisjetzt unruhig im Zimmer hin⸗ und her⸗ gegangen, hatte ſich bald niedergeſetzt, bald war er wieder aufgeſtanden. Jetzt ſtellte er ſich einen Stuhl mitten zwiſchen Roſamunden— die mit ihrem Kind in erzen ſchla⸗ uns len“, ie ſie unſe⸗ Fra⸗ nach d auf ahme niſchte Veibe, res zu ende“, inſchte — ob ſehen, Roſa⸗ ng zu⸗ er als n An⸗ d her⸗ dar er Stuhl dind in 145 der Nähe des Fenſters ſaß— und ihren Gatten, wel⸗ cher das Sofa an dem andern. Ende des Zimmers ein⸗ nahm. In dieſer Stellung, welche ihm erlaubte, ſich ohne Mühe abwechſelnd an Mr. und Miſtreß Frank⸗ land zu wenden, erlangte er bald ſo viel Faſſung, als er bedurfte, um ſein Herz ohne Rückhalt dem Intereſſe ſeines Gegenſtandes zu widmen. „Als das Schlimmſte vorüber und vorbei war“, ſagte er Roſamunden anredend,„als ſie zuhören und ich ſprechen konnte, waren die erſten Worte des Troſtes, die ich zu ihr ſagte, die, welche Sie mir aufgetragen hatten. Mit zweifelnden, furchtſamen Blicken ſah ſie mich unverwandt an.“«War ihr Gatte dabei und hörte er Sie?» fragte ſie.«Verrieth ſeine Miene Zorn? Verrieth ſie Kummer? Veränderte ſie ſich auch nur im mindeſten, als ſeine Gattin Dir dieſe Worte auftrug?, und ich ſagte:«Nein, ſie veränderte ſich nicht und ſie verrieth auch weder Zorn noch Kummer.) Dann ſagte ſie wieder:«Iſt dadurch kein Zerwürfniß zwiſchen den jungen Eheleuten entſtanden? Iſt dadurch nicht die ganze Liebe und das ganze Glück zertrümmert worden, welches ſie aneinander feſſelte?“ Und wieder antwortete ich hier⸗ auf:«Nein, kein Zerwürfniß, keine Zertrümmerung. Sieh, ich will jetzt ſogleich zu der guten Frau gehen und ſie hierherholen, damit ſie mit eigenem Munde für ihren guten Gatten bürge.) Während ich dieſe Worte ſpreche, fliegt über ihr ganzes Geſicht ein Blick— nein, nicht ein Blick— ein Licht, ein Sonnenſtrahl. Bis ich eins zählen kann, dauert er; ehe ich zwei zählen kann, iſt er verſchwunden; das Geſicht iſt wieder ganz finſter, Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 10 146 es wendet ſich von dem Pfühle von mir ab und ich ſehe wie die Hand, die auf der Bettdecke ruht, das Papier zu zerknittern beginnt.«Nun gut, ich will denn gehen und die gute Dame holen), ſage ich wieder. Aber ſie ſagte:«Nein, noch nicht. Ich darf ſie nicht ſehen. Ich wage nicht, ſie eher zu ſehen, als bis ſie weiß—) und hier ſtockt ſie und die Hand zerknittert wieder das Papier und ganz leiſe ſage ich zu ihr:«Was ſoll ſie denn wiſſen?» und ſie antwortete mir:«Etwas, was ich, ihre Mutter, ihr vor Scham nicht ins Geſicht ſagen kann.)— Und ich ſage:«Nun denn, mein Kind! Dann ſag' es nicht— ſag' es gar nicht.)— Sie ſchüttelt den Kopf und ringt die Hände auf der Bett⸗ decke.«„Ich muß es ſagen), hebt ſie dann wieder an. «Ich muß mein Herz von Allem befreien, was ſo lange daran genagt, und wie ſollte ich übrigens auch das Glück, welches ihr Anblick mir bereiten wird, in ſeinem ganzen Umfange fühlen, wenn mein Gewiſſen nicht völlig rein wäre?“— Dann ſchweigt ſie eine Weile, hebt ihre beiden Hände auf und ruft laut:«O, wird Gottes Gnade mir nicht ein Mittel zeigen dies zu ſagen, ohne daß ich mich vor meinem Kinde zu tief erniedrigen muß?— Und ich ſage:«Still, ſtill— es gibt ein Mittel. Sag' es Onkel Joſeph, der ja ſo gut wie Dein Vater iſt. Sag' es Onkel Joſeph, deſſen kleiner Sohn in Deinen Armen ſtarb, deſſen Thränen in jener längſtentſchwundenen Zeit des Kummers und der Trauer Deine Hand trocknete. Sag' es mir und ich will die Gefahr und die Schmach— wenn von einer ſolchen die Rede ſein kann— des Wiedererzählens auf mich —.—————, ich das denn Aber hen. —) das l ſie was agen eind! Sie Bett⸗ an. ange zlück, anzen rein ihre ottes ohne rigen t ein wie leiner jener rauer ll die olchen mich 147 nehmen. Obſchon ich keinen Fürſprecher habe, als mein weißes Haar— obſchon ich keinen Beiſtand beſitze, als mein Herz, welches keinen böſen Gedanken kennt— ſo will ich doch zu dieſer guten und wahrheitliebenden Dame gehen, um die Bürde des Kummers ihrer Mutter ihr zu Füßen zu legen und, in meiner innerſten Seele bin ich davon überzeugt, ſie wird ſich nicht abwenden.“ Er ſchwieg und ſah Roſamunde an. Ihr Geſicht war über ihr Kind herabgeneigt, ihre Thränen träufel⸗ ten langſam eine nach der andern auf die Bruſt des kleinen weißen Kleidchens. Nachdem ſie einen Augen⸗ blick gewartet, um ſich zu ſammeln, ehe ſie ſprach, reichte ſie dem alten Manne ihre Hand und begegnete feſt und dankbar dem Blick, den er auf ſie heftete. „O, fahren Sie fort!“ ſagte ſie.„Laſſen Sie mich Ihnen beweiſen, daß Ihr edelmüthiges Vertrauen auf mich nicht am unrechten Orte iſt.“ „Das wußte ich gleich von Anfang an, ſo gewiß als ich es jetzt weiß“, ſagte Onkel Joſeph.„Und Sara, als ich mit ihr geſprochen hatte, wußte es auch. Sie ſchwieg ein wenig, ſie weinte ein wenig, ſie bog ſich von ihrem Pfühl herüber und küßte mich hier auf meine Wange, während ich an ihrem Bett ſaß, und dann ſchaute ſie zurück, zurück, zurück in ihrer Erinnerung, in die ferne Vergangenheit und ſehr ruhig, ſehr lang⸗ ſam, während ihre Augen in meine Augen ſchauten und ihre Hand ſo in der meinigen ruhte, ſprach ſie die Worte zu mir, die ich nun wieder zu Ihnen ſprechen muß, die Sie heute hier ſitzen, als ihr Richter, ehe Sie morgen als ihr Kind zu ihr gehen.“ 10* — —„— „Nicht als ihr Richter“, ſagte Roſamunde.„Ich kann, ich darf Sie nicht dies ſagen hören.“ „Ich ſpreche Sara's Worte, nicht die meinigen“, entgegnete der alte Mann ernſt.„Warten Sie, ehe Sie mich auffordern, dieſelben gegen andere zu vertau⸗ ſchen— warten Sie bis Sie das Ende wiſſen.“ Er zog ſeinen Stuhl ein wenig näher zu Roſa⸗ munden, ſchwieg ein paar Minuten, um ſeine Erinne⸗ rungen zu ordnen und voneinander zu trennen. Dann hob er wieder an: „Ebenſo wie Sara mit mir begann“, ſagte er,„ſo muß ich für meinen Theil auch anfangen. Ich will da⸗ mit ſagen, daß ich jetzt durch die Jahre der Vergangen⸗ heit hindurch bis auf die Zeit zurückgehe, wo meine Nichte in ihren erſten Dienſt trat. Sie wiſſen, daß der Seekapitän, der brave, gute Treverton, eine Bühnen⸗ künſtlerin, oder, wie man gewöhnlicher ſagt, eine Schau⸗ ſpielerin geheirathet hatte. Es war eine große, ſchöne Frau, welche ein Leben, einen Geiſt und eine Willens⸗ kraft beſaß, wie man nicht oft ſieht— eine Frau von der Art, welche ſagen kann:«Wir wollen dies oder das thun, wir wollen es thun trotz aller Bedenklichkeiten, trotz aller Hinderniſſe, trotz alles Widerſtandes in der Welt.) Zu dieſer Dame kommt alſo Sara, meine Nichte, als Zofe und war damals ein junges, hübſches, ſanftes, freundliches und ſehr ſchüchternes Mädchen. Aus der Zahl vieler andern, welche den Dienſt begehren und dreiſtere, rüſtigere und klügere Mädchen ſind, wählt Miſtreß Treverton nichtsdeſtoweniger meine Nichte Sara. Dies iſt ſeltſam, noch ſeltſamer aber iſt, daß Sara gl gen⸗ heine daß nen⸗ hau⸗ höne lens⸗ von oder eiten, der neine ſches, Aus ehren vählt Sara. Sara 149 ihrerſeits, nachdem ſie ihre erſte Furcht und Schüchtern⸗ heit überwunden hat, von ganzem Herzen dieſe große, ſchöne Herrin lieben lernt, welche ein Leben, einen Geiſt und eine Willenskraft beſitzt, wie man nicht oft ſieht. Es iſt das ſonderbar, aber, da ich es aus Sara's eige⸗ nem Munde weiß, wahr bis auf das letzte Wort.“ „Ohne Zweifel iſt es wahr“, ſagte Leonard.„Die meiſten ſtarken Zuneigungen in der Welt entſtehen zwi⸗ ſchen Perſonen, die einander unähnlich ſind.“ „So begann das Leben, welches ſie in jenem alten Hauſe Porthgenna führten, glücklich für alle“, fuhr der alte Mann fort.„Die Liebe, welche die Herrin für ihren Gemahl fühlte, war ſo groß, daß ihr Herz über⸗ floß in Güte gegen jedermann, der in ihre Nähe kam und gegen Sara, ihre Zofe, mehr als gegen alle andern. Nur Sara durfte ihr vorleſen, für ſie arbeiten, ſie des Morgens und des Abends an- und des Nachts wieder auskleiden. Sie war gegen Sara, wenn die beiden in den langen Regentagen miteinander allein waren, ver⸗ traulich wie eine Schweſter. Sie machte es ſich in ihren vielen müßigen Stunden zum Vergnügen, das arme Landmädchen, welches noch niemals ein Theater geſehen, dadurch in Erſtaunen zu ſetzen, daß ſie ſchöne Kleider anzog, ſich das Geſicht ſchminkte und alles ſprach und that, was ſie in den Tagen vor ihrer Ver⸗ mählung auf der Bühne geſagt und gethan. Je größer Sara's Erſtaunen und Verwunderung über dieſe De⸗ elamationen und Maskeraden war, deſto mehr Vergnü⸗ gen machte es ihr.— Ein Jahr lang hatte dieſes ruhige, glückliche Leben in dem alten Schloſſe ſeinen Fortgang; 10 glücklich war es für alle Dienſtleute, noch glücklicher für den Herrn und die Herrin, bis auf den Mangel eines einzigen Gegenſtandes, welcher das Ganze vollſtändig gemacht haben würde, eines einzigen kleinen Segens, auf den immer gehofft ward und welcher niemals kam— ich meine denſelben Segen wie den in dem langen weißen Kleidchen, mit dem runden zarten Geſicht und den win— zigen Aermchen, den ich hier vor mir ſehe.“ Er ſchwieg, um ſeiner Anſpielung dadurch Nach⸗ druck zu geben, daß er dem in Roſamunde's Schooße liegenden Kinde zunickte und es anlächelte; dann fuhr er wieder fort: „Als das neue Jahr heran kommt, bemerkt Sara an ihrer Herrin eine Veränderung. Der gute Seekapi⸗ tän iſt ein Mann, welcher Kinder liebt, und er ſieht die kleinen Knaben und Mädchen ſeiner Freunde und Nachbarn gern in ſeinem Hauſe verſammelt. Er ſpielt mit ihnen, er küßt ſie, er macht ihnen Geſchenke— er iſt der beſte Freund, den die kleinen Knaben und Mäd⸗ chen jemals gehabt haben. Die Herrin, welche auch ihre beſte Freundin ſein ſollte, ſieht zu und ſagt nichts. Sie ſieht zu— zuweilen roth, zuweilen bleich; ſie geht in ihr Zimmer, wo Sara für ſie arbeitet, und geht hin und her und tadelt, und eines Tages macht ſie ihrer übeln Laune in Worten Luft und ſagt:„Warum habe ich kein Kind, welches mein Gatte lieben könnte? Warum muß er fortwährend die Kinder anderer Frauen küſſen und mit ihnen ſpielen? Sie rauben ſeine Liebe für etwas, was nicht mein iſt. Ich haſſe dieſe Kinder und ihre Mütter dazu.) Es iſt ihre Leidenſchaft, welche jetzt 151 ſpricht, aber ſie ſpricht etwas, was trotzdem viel Wah⸗ res hat. Sie kann ſich mit keiner dieſer Mütter be⸗ freunden; die Damen, mit welchen ſie freundſchaft⸗ lichen Umgang pflegt, ſind ſolche, die keine Kinder haben, oder ſolche, deren Kinder ſchon alle erwachſen ſind. Sie meinen wohl, dies ſei unrecht von der Herrin geweſen?“ Er ſtellte dieſe Frage an Roſamunde, welche nach⸗ denklich mit der Hand des Knaben ſpielte, die in der ihren ruhte. „Ich glaube, Miſtreß Treverton war ſehr zu be⸗ mitleiden“, antwortete ſie, indem ſie behutſam die Hand des Knaben an ihre Lippen drückte. „Dann denke ich für meine Perſon dies auch“, ſagte Onkel Joſeph.„Zu bemitleiden?— Ja. Noch mehr zu bemitleiden iſt ſie einige Monate nachher, als immer noch kein Kind und auch keine Hoffnung auf ein ſolches da iſt, und der gute Seekapitän eines Tages ſagt: «Ich verroſte hier, ich werde alt vor lauter Müßig⸗ gang; ich muß wieder zur See. Ich werde um ein Schiff anſuchen.) Und er ſucht um ein Schiff an und man gibt es ihm und er geht fort auf ſeine Kreuz⸗ fahrten— mit zärtlichem Abſchied von ſeiner Gattin, aber dennoch geht er. Und als er fort iſt, kommt die Herrin wieder hinein, wo Sara für ſie an einem ſchö⸗ nen, neuen Kleide arbeitet und reißt es ihr weg und wirft es auf die Diele und dann alle die ſchönen Ju⸗ welen und Schmuckſachen, die ſie auf ihrem Tiſche liegen hat, noch darauf und ſtampft mit den Füßen und ruft im Uebermaße ihres Jammers und ihrer Leidenſchaft: 152 „Alle dieſe ſchönen Sachen wollte ich darum geben und mein ganzes noch übriges Leben lang in Lumpen einher⸗ gehen, wenn ich ein Kind hätte. Ich verliere die Liebe meines Gatten; er wäre nie von mir fortgegangen, wenn ich ihm ein Kind geboren hätte!“ Dann ſchaut ſie in den Spiegel und ſagt zwiſchen den Zähnen hin⸗ durch:«Ja, ja! Ich bin eine ſchöne Frau und mein Wuchs iſt untadelhaft, aber dennoch wollte ich mit dem häßlichſten, verwachſenſten Weſen der ganzen Schöpfung tauſchen, wenn ich nur ein Kind hätte.“ Und dann er⸗ zählt ſie Sara, daß der Bruder des Kapitäns die aller⸗ ſchändlichſten Dinge von ihr geſprochen, weil ſie Schau⸗ ſpielerin geweſen, und ſie ſagt:„Wenn ich kein Kind bekomme, wer anders wird dann die ganze Habe des Kapitäns erben, als dieſer Schuft, dieſer Schurke, den ich umbringen könnte!) Und dann weint und ſchreit ſie wieder und ſagt:«Ich verliere ſeine Liebe— ach, ich weiß es, ich weiß es— ich verliere ſeine Liebe!)— Und nichts, was Sara ſagen kann, iſt im Stande, ſie auf andere Gedanken zu bringen. Und die Monate ver— gehen und der Seekapitän kommt zurück und noch immer nagt derſelbe geheime Kummer an dem Herzen der Herrin und nagt und nagt, bis es nun das dritte Jahr iſt nach ihrer Vermählung. Noch immer iſt keine Hoffnung auf ein Kind da und abermals wird der Seckapitän des Lebens am Lande überdrüſſig und macht wieder eine Reiſe— eine ſehr lange Reiſe— diesmal weit, weit fort bis ans andere Ende der Welt.“ Hier machte Onkel Joſeph abermals eine Pauſe und zögerte, wie es ſchien, weil er nicht recht wußte, wie er 153 in ſeiner Erzählung fortfahren ſollte. Bald jedoch ſchien ſein Gemüth ſeiner Zweifel überhoben zu werden, ſein Geſicht aber ward traurig und ſeine Stimme ſenkte ſich tiefer, als er Roſamunden wieder anredete. „Ich muß nun, wenn Sie erlauben“, ſagte er, „von der Herrin hinweggehen und zu Sara meiner Nichte zurückkehren, und dabei auch ein Wort von einem Bergmann ſprechen, der den corniſchen Namen Polwheal führte. Es war dies ein junger Mann, der gut arbei⸗ tete und guten Lohn verdiente und in gutem Rufe ſtand. Er lebte mit ſeiner Mutter in dem kleinen Dorfe, wel⸗ ches in der Nähe des alten Schloſſes liegt. Er ſah Sara von Zeit zu Zeit und lernte großen Gefallen an ihr finden, ebenſo wie ſie an ihm. Das Ende davon war, daß ſie einander die Ehe verſprachen. Es geſchah dies zufällig zu der Zeit, wo der Seekapitän von ſeiner erſten Reiſe wieder zurück war, und gerade, als er mit dem Gedanken umging, eine zweite anzutreten. Weder er noch ſeine Gattin hatten gegen Sara's Heirathspro⸗ ject das Mindeſte einzuwenden, denn der Bergmann Polwheal verdiente ſchönes Geld und ſtand in gutem Rufe. Nur die Herrin ſagte, daß Sara's Verluſt ihr ſehr ſchmerzlich ſein würde und Sara antwortete, es habe ja mit der Verwirklichung ihres Heirathsplans keine Eile. So vergehen die Wochen und der Seekapitän tritt wieder eine lange Reiſe an. Um dieſelbe Zeit be⸗ merkt die Herrin, daß Sara in ihrem Benehmen unruhig und verändert iſt, und daß der Bergmann Polwheal fortwährend in der Nähe des Schloſſes umherſchleicht und ſie ſagt bei ſich ſelbſt:«So ſo; bin ich dieſer 154 Heirath zu ſehr im Wege? Das ſoll um Sara's wil⸗ len nicht ſein.) Und ſie ruft eines Abends beide und ſpricht freundlich mit ihnen und befiehlt dem jungen Mann Polwheal den nächſten Morgen das Aufgebot zu beſtellen. An dieſem Abend hat er in dem Berg⸗ werk von Porthgenna die Nachtſchicht, oder muß, mit andern Worten, anfahren nachdem die Stunden des Tages vorüber ſind. Mit leichtem, freudigem Herzen ſteigt er hinab in die dunkle Tiefe. Als er wieder auf die Oberwelt heraufkommt, iſt er nur noch eine Leiche, welche heraufgezogen wird. Der Sturz einer Felſen⸗ wand hat ſeinem jüngen Leben auf einmal ein Ende gemacht. Die Nachricht verbreitet ſich blitzſchnell über⸗ all. Ohne im mindeſten darauf vorbereitet zu ſein, muß auch meine Nichte ſie hören. Als ſie am Abend zuvor ihrem Bräutigam gute Nacht geſagt hatte, war ſie ein junges, hübſches Mädchen; als ſie ſechs Wochen darauf von dem Krankenbett, auf welches die Todesbotſchaft ſie geworfen, wieder aufſtand, war ihre Jugend dahin, ihr Haar war grau und in ihren Augen wohnte der ſcheue Blick, der ſie ſeitdem nie wieder verlaſſen.“ Die einfachen Worte ſchilderten den Tod des Berg⸗ manns und alles, was darauf gefolgt war, mit ergrei⸗ fender Wahrheit. Roſamunde ſchauderte und ſah ihren Gatten an. „O Lenny“, murmelte ſie,„die erſte Nachricht von Deiner Blindheit war für mich eine ſchwere Prüfung, aber was war ſie gegen dies!“ „Schenken Sie ihr Ihr Mitleid“, ſagte der alte Mann.„Schenken Sie ihr Ihr Mitleid um deſſen will Mi viel des leid meh iſt etwe verr nich nach der ſtra Sar inne um auf ſich Sti prü Ber weg Dir Dei gan Sar ihre weif ande 45 willen, was ſie damals litt. Schenken Sie ihr Ihr Mitleid wegen deſſen, was ſpäter kam und was noch viel ſchlimmer war.— Es vergehen nach dem Tode des Bergmanns fünf, ſechs, ſieben Wochen und Sara leidet jetzt am Körper weniger, am Geiſte aber deſto mehr. Die Herrin, welche gegen ſie gut und freundlich iſt wie eine Schweſter, findet allmälig in ihrem Geſicht etwas, was weder Schmerz, noch Furcht, noch Kummer verräth, etwas, was das Auge ſehen, die Zunge aber nicht in Worte faſſen kann. Sie ſieht ſie an und denkt nach und dann ſtiehlt ſich in ihr Gemüth ein Zweifel, der ſie vor ſich ſelbſt zittern macht, der ſie endlich ſtracks in Sara's Zimmer treibt, der ſie veranlaßt, Sara durch und durch ſchauen zu wollen, bis in das innerſte Herz hinein.„Du haſt außer Deinem Kummer um Deinen verſtorbenen Bräutigam noch etwas anderes auf dem Herzen», ſagt ſie und faßt Sara, ehe dieſe ſich abwenden kann, bei beiden Armen und ſchaut ihr Stirn gegen Stirn mit neugierigen Augen, die ſie prüfend zu durchbohren ſcheinen, ins Geſicht. Der Bergmann Polwheal, ſagt ſie;«ich ahne etwas wegen dieſes Bergmanns Polwheal! Sara, ich bin Dir ſtets mehr Freundin geweſen als Herrin. Als Deine Freundin frage ich Dich jetzt— ſage mir die ganze Wahrheit.⸗ „Die Frage wartet, aber es erfolgt keine Antwort! Sara ſträubt ſich blos und will ſich losmachen, aber ihre Herrin hält ſie nur um ſo feſter und ſagt: Ich weiß, daß ihr, Du und der Bergmann Polwheal, ein⸗ ander die Ehe verſprochen hattet. Ich weiß, daß er ein ehrlicher Mann war wie nur einer; ich weiß, daß er aus dieſem Hauſe hier fortging, um das kirchliche Aufgebot für Ench Beide zu beſtellen. Verſchweige Deine Geheimniſſe vor der ganzen Welt, Sara, aber nur vor mir nicht. Sage mir die Wahrheit— ſage ſie mir in dieſer Minute. Es gibt in dieſer großen, weiten Welt ſo Manchen, der ſich ein Mal vergeſſen hat und Du—“. Ehe die Herrin weiter ſprechen konnte, wirft Sara ſich auf die Knie nieder und ruft, man ſolle ſie gehen laſſen, ſie wolle ſich irgendwo verbergen und ſterben und man ſolle nie wieder etwas von ihr hören! Das war die ganze Antwort, die ſie gab. Es war damals genug, um die Wahrheit zu errathen, es iſt auch jetzt genug dazu.“ Er ſeufzte bitterlich und hörte eine kleine Weile auf zu ſprechen. Keine Stimme brach das ehrerbietige Schweigen, welches auf ſeine letzten Worte folgte. Das einzige lebende Geräuſch, welches ſich in der Stille des Zimmers regte, war der leichte Athemzug des Kindes, welches ſchlafend in den Armen ſeiner Mutter lag. „Das war die ganze Antwort“, wiederholte der alte Mann,„und die Herrin, welche dieſelbe hörte, ſagte eine Weile darauf nichts, ſchaut aber immer noch un⸗ verwandt in Sara's Geſicht und wird dabei immer blei⸗ cher und bleicher— bleicher und bleicher, bis ſie plötz⸗ lich zuſammenfährt und mit einem Male und blitzſchnell die Röthe in ihr Geſicht zurückkehrt.«Nein“d, ſagte ſie flüſternd und nach der Thüre ſchauend,«einmal Deine Freundin, Sara, bleibe ich ſtets Deine Freundin. Bleibe ruhig hier bei mir, ſei verſchwiegen, thue, was ich nach an, ler, reiß hinc wen bei Rei mac aus und Sti ſie nich im dien ſie ſie zu ſ imn niß, mir ſehr Wo geſch die ſieht 2 auf ietige Das 2 des ndes, r alte ſagte ˖un⸗ blei⸗ plötz⸗ chnell ſagte nmal indin. was 15 ich Dir ſage, und überlaß das Uebrige mir.) Und nachdem ſie dies geſagt, dreht ſie ſich herum und fängt an, im Zimmer auf⸗ und abzugehen— ſchneller, ſchnel⸗ ler, immer ſchneller, bis ſie außer Athem iſt. Dann reißt ſie zornig in die Klingel und ruft laut zur Thür hinaus:«Mein Pferd— ich will ausreiten!) Dann wendet ſie ſich zu Sara und ſagt: Mein Reitkleid! — Faſſe Muth, armes Weſen. Bei meinem Leben, bei meiner Ehre, ich rette Dich! Mein Reitkleid, mein Reitkleid alſo! Ich muß einen wilden Ritt durch's Freie machen.“ Und ſie geht in fieberhafter Aufregung hin⸗ aus und galoppirt und galoppirt bis das Pferd dampft und der Reitknecht, der hinter ihr herreitet, ſich im Stillen fragt, ob ſie den Verſtand verloren habe. Als ſie zurückkommt, iſt ſie, trotz dieſes wüthenden Rittes nicht müde. Den ganzen Abend darauf geht ſie bald im Zimmer auf und ab, bald ſpielt ſie wilde Melo⸗ dien auf dem Piano. Als die Schlafenszeit kommt, hat ſie keine Ruhe. Zwei, drei Mal in der Nacht erſchreckt ſie Sara, indem ſie zu ihr in ihr Zimmer kommt, um zu ſehen, wie ſie ſich befindet und indem ſie immer und immer dieſelben Worte ſagt:«Bewahre Dein Geheim⸗ niß, thue wie ich Dir ſage, und überlaß das Uebrige mir.) Am Morgen bleibt ſie lange liegen, ſchläft, ſteht ſehr bleich und ruhig auf und ſagt zu Sara: Kein Wort mehr zwiſchen uns beiden über das, was geſtern geſchehen iſt. Kein Wort bis die Zeit kommt, wo Du die Augen eines jeden Fremden fürchteſt, der Dich an⸗ ſieht. Dann werde ich wieder ſprechen. Bis dahin laß -13 uns ſein wie wir waren, ehe ich Dir geſtern die Frage vorlegte und ehe Du die Wahrheit ſagteſt.)“ Hier machte der Onkel in ſeiner Erzählung abermals eine Pauſe und bemerkte erläuternd, ſein Gedächtniß ſei hier in Bezug auf eine Frage der Zeit nicht klar, wäh⸗ rend er doch in Bezug auf die Reihenfolge der Ereig⸗ niſſe, die er nun zu erzählen hätte, mit völliger Ge⸗ nauigkeit zu Werke zu gehen wünſchte. „Ach“, ſagte er den Kopf ſchüttelnd, nachdem er ſich vergebens bemüht, die verlorene Erinnerung zu ver⸗ folgen,„in dieſem einen Falle muß ich geſtehen, daß ich meiner Sache nicht ganz gewiß bin. Ob es zwei oder ob es drei Monate waren, nachdem die Herrin dieſe letzten Worte zu Sara geſprochen, weiß ich nicht — aber nach Verlauf dieſer Zeit befiehlt ſie eines Mor⸗ gens ihren Wagen und fährt allein nach Truro. Am Abend kommt ſie mit zwei großen flachen Körben zurück. Auf dem Deckel des einen befindet ſich eine Karte und auf dieſer ſtehen die Buchſtaben„S. L.“ Auf dem Deckel des andern befindet ſich ebenfalls eine Karte und auf dieſer ſtehen die Buchſtaben„R. I.“ Die Körbe werden in das Zimmer der Herrin getragen und dann wird Sara gerufen und die Herrin ſagt zu ihr: Oeffne den Korb, auf welchem die Buchſtaben S. L. ſtehen, denn dies ſind die Anfangsbuchſtaben Deines Namens und die Sachen darin ſind Dein.“ In dieſem Korbe nun befindet ſich erſtens eine Schachtel mit einem pracht⸗ vollen ſchwarzen Spitzenhut, dann ein ſchöner dunkler Shawl, dann ſchwarzes Seidenzeug von der beſten Art, ſoviel als zu einem Kleide nöthig iſt, dann Leinwand frage mals ß ſei wäh⸗ erreig⸗ Ge⸗ I er ver⸗ daß zwei herrin nicht Mor⸗ Am urück. e und dem e und Körbe dann HDeffne tehen, mens Korbe racht⸗ unkler Art, wand 159 und Stoff zu Unterkleidern— alles von der feinſten Art.„Mache Dir dieſe Kleider fertig“, ſagte die Her⸗ rin.„Du biſt viel kleiner als ich und neue Kleider für Dich zu fertigen wird weniger mühſam ſein, als alte Kleider von mir ſo umzuändern, daß ſie Dir paſ⸗ ſen.)— Sara ſagt auf alles Dies ganz erſtaunt:«Was ſoll das?“— Und die Herrin antwortet:«Ich mag keine Fragen mehr. Bedenke, was ich ſagte. Bewahre Dein Geheimniß und überlaß das Uebrige mir!)— Und ſomit geht ſie aus und läßt Sara bei ihrer Arbeit, und das Nächſte, was ſie thut, iſt, daß ſie den Arzt holen läßt. Er fragt, was ihr fehle und bekommt zur Antwort, es ſei ihr ſo ſonderbar zu Muthe, daß ſie es ſelbſt nicht ſchildern könne und ſie glaube, die weiche Luft von Corn⸗ wall mache ſie ſchwach und kraftlos. Die Tage ver⸗ gehen und der Arzt kommt und geht und mag er ſagen was er will, ſo ſind dieſe beiden Antworten die einzigen, die er bekommen kann. Während dieſer ganzen Zeit ſitzt Sara fleißig über ihrer Arbeit und als ſie fertig iſt, ſagt die Herrin:«Nun zu dem andern Korbe, auf dem die Buchſtaben R. T. ſtehen, denn dies ſind die Anfangsbuchſtaben meines Namens und die Sachen in dieſem Korbe ſind mein!“ Es befindet ſich darin erſtens eine Schachtel mit einem gewöhnlichen ſchwarzen Stroh⸗ hut, dann ein grober dunkler Shawl, dann ein Kleid von gutem, aber gewöhnlichem ſchwarzem Stoff, dann Leinwand und Stoffe zu Unterkleidern, ebenfalls von nur ordinärer Gattung. Alles dies mach für mich fertig. Frage nicht. Du haſt ſtets gethan was ich Dir geſagt— thue es auch jetzt— oder Du biſt verloren. 160 — Als die Kleider fertig ſind, probirt ſie dieſelben an, betrachtet ſich im Spiegel und lacht auf eine Weiſe, welche ganz ſeltſam und unheimlich anzuhören iſt.— «Sehe ich nicht aus wie eine hübſche, dralle, muntere Zofedy ſagte ſie.»Ha, wie oft habe ich die Rolle einer ſolchen auf dem Theater geſpielt!)— Und dann zieht ſie die Kleider wieder aus und befiehlt Sara, ſie ſofort in einen Koffer und dann die Sachen, die ſie für ſich ſelbſt gefertigt, in einen zweiten zuſammenzupacken. „Der Doctor befiehlt mir, dieſes feuchte Klima von Cornwall zu verlaſſen und an einen Ort zu gehen, wo die Luft friſch, trocken und belebend iſtv, ſagt ſie und lacht ſo laut, daß das Zimmer davon widerhallt. Gleich⸗ zeitig beginnt Sara einzupacken, und nimmt einige Nipp⸗ ſächelchen vom Tiſche und unter denſelben auch eine Broche, auf welcher ſich das Bildniß des Seekapitäns befindet. Die Herrin ſieht dies, wird leichenblaß, zittert an allen Gliedern, reißt ihr die Broche aus den Hän⸗ den und ſchließt ſie raſch in ein Schränkchen, als ob der Anblick dieſes Gegenſtandes ſie beunruhigte. Das werde ich dalaſſen», ſagt ſie, dreht ſich auf dem Ab⸗ ſatz herum und verläßt raſch das Zimmer.— Sie er⸗ rathen wohl nun was für ein Plan es war, den Mi⸗ ſtreß Treverton in Ausführung zu bringen gedachte?“ Dieſe Frage richtete Onkel Joſeph erſt an Roſamunde und dann nochmals an Leonard. Beide antworteten bejahend und erſuchten ihn, weiter zu erzählen. „Sie errathen es?“ ſagte er.„Sara errieth es damals nicht. Der Jammer, der ihr eigenes Herz er⸗ füllte, und die ſeltſamen Worte ihrer Herrin verwirrten ttere Colle ann ſie für cken. von wo und eich⸗ tipp⸗ eine täns ttert Hän⸗ 5 ob Das Ab⸗ e er⸗ Mi⸗ 244 unde rteten h es 3 er⸗ errten 161 alle ihre Gedanken. Nichtsdeſtoweniger that ſie, wie immer, alles, was ihre Herrin ihr befahl, und nach einigen Tagen fuhren die Beiden ganz allein miteinander von dem Schloß Porthgenna fort.— Die Herrin ſagt kein Wort bis ſie an das Ziel der erſten Tagereiſe ge⸗ langt ſind und unter fremden Leuten in einem Gaſt⸗ hauſe übernachten. Dann endlich ſagt ſie:« Morgen früh, Sara, legſt Du die gute Wäſche und die guten Kleider an, behältſt aber den ordinären Hut und Shawl, bis wir wieder im Wagen ſitzen. Ich werde die grobe Wäſche und das grobe Kleid anlegen und den guten Hut und Shawl behalten. So werden wir an den Leuten des Gaſthauſes vorbei nach unſerm Wagen gehen ohne Gefahr zu laufen, durch den Wechſel unſerer Klei⸗ der große Verwunderung zu erregen. Wenn wir wieder draußen unterwegs ſind, können wir die Hüte und Shawls im Wagen wechſeln und dann— iſt die Sache gemacht. Du biſt die verheirathete Dame Miſtreß Treverton und ich bin Sara Leeſon, die Zofe, die Dich bedient!) Bei dieſen Worten füngt Sara endlich an zu ahnen, was dies Alles bedeuten ſoll. Sie zittert vor Furcht und Angſt und kann weiter nichts ſagen, als:«O Herrin, ums Himmels willen, was wollen Sie thun?— «Ich willy, antwortete die Herrin,«Dich, meine treue Dienerin, vor Schande und Verderben retten; ich will verhindern, daß das Vermögen des Kapitäns jenem nichtswürdigen Schurken, ſeinem Bruder, der mich ſo verleumdet hat, zufalle, und drittens und hauptſächlich will ich meinen Gatten abhalten, wieder zur See zu gehen, indem ich ihm Grund gebe, mich zu lieben, wie 11 Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. — 1 162 er mich noch nie geliebt. Muß ich noch mehr ſagen, Du armes gebeugtes, ängſtliches Geſchöpf— oder iſt es genug ſo?“— Sara kann weiter nichts antworten, als daß ſie bittere Thränen weint und mit matter Stimme„Jay ſagt.—«Zweifelſt Dud, ſagt die Herrin und packt ſie beim Arme und ſchaut ihr mit ihren wilden Augen ins Geſicht,«zweifelſt Du, was beſſer iſt, Dich verlaſſen, entehrt und ruinirt in der Welt daſtehen zu ſehen, oder Dich vor Schande zu retten und mich Dir für Dein ganzes Leben zur Freun⸗ din zu machen? Du ſchwaches, kindiſches Geſchöpf, wenn Du zu keinem Entſchluß kommen kannſt, ſo muß es durch mich geſchehen. Wie ich will, ſo ſoll es wer⸗ den. Morgen und übermorgen und die folgenden Tage reiſen wir immer weiter und weiter dahin, wo, wie mein guter Narr von Doctor ſagt, die Luft erfriſchend und belebend iſt— immer weiter nach Norden, wo niemand mich kennt oder meinen Namen gehört hat. Ich, die Zofe, werde das Gerücht verbreiten, Du, die Herrin, ſeieſt von ſchwächlicher Geſundheit. Kein fremdes Auge ſoll Dich ſehen, als das des Arztes und der Wärterin, wenn die Zeit, ſie zu rufen, da ſein wird. Wer die⸗ ſelben ſein werden, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, daß beide unſerm Zwecke dienen werden, ohne denſelben zu ahnen, und wenn wir nach Cornwall zurückkommen, wird das Geheimniß zwiſchen uns beiden keiner dritten Perſon anvertraut worden ſein, ſondern ein todtes, tiefes Geheimniß bleiben bis an's Ende der Welt.)— Mit der ganzen Kraft ihres Willens, in der Stille der Nacht und in dem Hauſe von Fremdlingen ſpricht ſie dieſe ggen, r iſt rten, atter die mit was der de zu reun⸗ chöpf, muß wer⸗ Tage mein d und emand ), die derrin, Auge rterin, er die⸗ eiß ich, nſelben mmen, dritten , tiefes — Mit r Nacht e dieſe 163 Worte zu dem furchtſamſten, hülfloſeſten, gebeugteſten Weſen. Was brauche ich weiter zu ſagen.) In dieſer Nacht beugte Sara ihre Schultern zum erſten Male unter die Laſt, die mit jedem Jahre immer drückender und ſchwerer ward.“ „Wie viele Tage waren ſie unterwegs nach dem Norden?“ fragte Roſamunde begierig.„Wo endete die Reiſe? In England oder in Schottland?“ „In England“, antwortete Onkel Joſeph.„Der Name des Ortes iſt mir jedoch wieder entfallen— meine deutſche Zunge vermochte ihn nicht gut auszu⸗ ſprechen. Es war eine kleine Stadt an der Küſte des Meeres— des Meeres, welches zwiſchen meinem Vater⸗ lande und dem Ihrigen wogt. Hier machten ſie Halt und hier warteten ſie bis es Zeit ward, den Arzt und die Wärterin herbeizurufen. Und wie Miſtreß Trever⸗ ton geſagt hatte, daß es ſein ſollte, ſo war es auch vom Erſten bis zum Letzten. Der Arzt und die Wärterin und die Leute des Hauſes waren alle fremd und glau⸗ ben bis auf den heutigen Tag, wenn ſie noch leben, Sara ſei die Gattin des Seekapitäns und Miſtreß Tre⸗ verton ihre Dienerin geweſen. Erſt als ſie mit dem Kinde den größten Theil des Heimwegs zurückgelegt hatten, wechſelten die Beiden wieder die Kleider und nah⸗ men jede die ihr gebührende Stelle ein. Der erſte Freund in Porthgenna, den die Herrin rufen läßt, um ihm das Kind zu zeigen, iſt der andere Arzt, der dort wohnt.—«Wußten Sie, was mir fehlte, als Sie mich fortſchickten, um andere Luft zu athmen?“ ſagt ſie und lacht.— Und der Doctor lacht auch und ſagt:«Ei, 1 1 11* — 164 verſteht ſich! Ich war jedoch zu vorſichtig, um mich deutlicher auszuſprechen, denn in einer ſo frühen Periode dieſes Zuſtandes kann man ſich ſehr leicht irren. Und Sie fanden alſo, daß die trockene Luft Ihnen gut be⸗ kam und blieben dort? ſagt er. Das haben Sie recht gemacht, denn es iſt gut für Sie geweſen und auch für das Kind.) Und der Doctor lacht wieder und die Herrin mit ihm und Sara, welche daneben ſteht und alles mit anhört, glaubt, es müſſe ihr vor Jam⸗ mer, Entſetzen und Scham über dieſen Betrug das Herz brechen. Als der Doctor fort iſt, ſinkt ſie auf die Knie nieder und bittet ihre Herrin mit heißen Thränen, zu bereuen und ſie mit dem Kinde von Porthgenna fort⸗ zuſchicken, damit man nie wieder von ihr höre. Die Herrin mit ihrem tyranniſchen Willen antwortet nur vier Worte:«Es iſt zu ſpät!“— Fünf Wochen dar⸗ auf kommt der Seekapitän zurück und das«zu ſpät“ iſt nun eine Wahrheit, welche durch keine Reue mehr geändert werden kann. Die ſchlaue Hand der Herrin, welche den Betrug von Anfang an geleitet, leitet ihn auch bis ans Ende— leitet ihn ſo, daß der Kapitän aus Liebe zu ihr und dem Kinde nicht wieder zur See geht— leitet ihn bis zu der Zeit, wo ſie ſich auf ihr Bett niederlegt, um zu ſterben, und die ganze Laſt des Geheimniſſes und die ganze Schuld des Geſtändniſſes Sara überläßt— Sara, welche unter der Tyrannei dieſes Willens fünf lange Jahre als Fremde für ihr eigenes Kind in dem Hauſe gelebt hat.“ „Fünf Jahre!“ murmelte Roſamunde, indem ſie ihren Kleinen ſanft in ihren Armen emporhob, bis ſein er ttän See ihr des ſſes unei ihr ſie ſein —4165 Geſicht das ihrige berührte.„O mein Gott, fünf lange Jahre war ſie ein Fremdling für das Blut ihres Blutes, für das Herz ihres Herzens!“ „Und auch alle Jahre nachher“, ſagte der alte Mann. „Die ſo einſamen Jahre unter Fremdlingen, ohne daß ſie das Kind, welches heranwuchs, ein einziges Mal zu ſehen bekommen hätte, ohne ein Herz, welchem ſie die Geſchichte ihres Kummers hätte anvertrauen können— ſelbſt dem meinigen konnte ſie es nicht.«Es wäre aber), ſagte ich zu ihr, als ſie nicht mehr ſprechen konnte und ihr Geſicht wieder auf dem Pfühle herumdrehte,«es wäre aber tauſend Mal beſſer geweſen, mein Kind, wenn Du das Geheimniß geſtanden hätteſt.)—«Wie konnte ich es geſtehen?“ ſagte ſie.„Sollte ich es dem Herrn erzählen, der mir ſo viel Vertrauen geſchenkt? Sollte ich es ſpäter der Tochter erzählen, deren Geburt ſchon ein Vorwurf für mich war? Konnte ſie die Geſchichte der Schande ihrer Mutter von den Lippen ihrer Mutter erzählen hören? Wie wird ſie dieſelbe jetzt anhören, Onkel Joſeph, wenn ſie dieſelbe von Dir hört? Be⸗ denke den hohen Rang, den ſie bisjetzt im Leben ein⸗ genommen! Wie kann ſie mir verzeihen? Wie kann ſie jemals mit Güte und Liebe auf mich herabblicken?)“ „Aber“, rief Roſamunde ihn unterbrechend,„Sie haben ſie doch nicht mit dieſen Gedanken in ihrem Her⸗ zen verlaſſen?“ Onkel Joſeph's Haupt ſank auf ſeine Bruſt herab. „Was hätte ich wohl dagegen ſagen können?“ fragte er traurig. „O, Lenny, hörſt Du das? Ich muß Dich ver⸗ 166 laſſen! ich muß unſern Kleinen verlaſſen! Ich muß zu ihr gehen, oder dieſe letzten Worte brechen mir das Herz.“ Unaufhaltſame Thränen entſtrömten, indem ſie dies ſagte, ihren Augen und ſie erhob ſich mit dem Kind auf den Armen haſtig von ihrem Sitz. „Heute Abend nicht“, ſagte Onkel Joſeph.„Als ich von ihr fortging, ſagte ſie zu mir:« Heute Abend kann ich nichts mehr ertragen. Laß mir Zeit bis mor⸗ gen, um ſo viel Kräfte zu ſammeln als möglich.)“ „Nun, dann gehen Sie ſelbſt wieder hin“, rief Roſamunde;„gehen Sie, um Gottes willen, ohne einen Augenblick zu verſäumen und reden Sie ihr zu, damit ſie von mir denke, wie ſie ſoll. Erzählen Sie ihr wie ich Ihnen zugehört habe, während mein Kind ſchlafend an meiner Bruſt gelegen— erzählen Sie ihr— doch nein, Worte ſind zu kalt!— Kommen Sie her, kom⸗ men Sie her, Onkel Joſeph— ich werde Sie nun ſtets ſo nennen— kommen Sie her und küſſen Sie mein Kind— ihren Enkel! Küſſen Sie ihn auf dieſe Wange, weil dieſelbe meinem Herzen am nächſten gelegen. Und gehen Sie wieder zu ihr, freundlicher und lieber alter Mann— gehen Sie wieder an ihr Bett und ſagen Sie weiter nichts, als daß ich ihr dieſen Kuß ſende!“ rief nen mit wie end doch om⸗ tets nein nge, Und alter Sie Achtes Papitel. Das Ende des Tages. Die Nacht verging endlich mit ihren ſchlafloſen, un⸗ ruhigen Stunden und der Morgen tagte hoffnungsvoll, denn er verſprach, Roſamunde's Ungewißheit ein Ende zu machen. Das erſte Ereigniß des Tages war die Ankunft des Anwalts, Mr. Nixon, welcher am Abend vorher ein auf Leonard's Wunſch geſchriebenes Briefchen erhalten, durch welches er zum Frühſtück eingeladen ward. Ehe der Anwalt ſich wieder entfernte, hatte er mit Mr. und Miſtreß Frankland alle vorläufigen Arrangements be⸗ ſprochen, welche nothwendig waren, um die Rückerſtat⸗ tung der Kaufſumme für Porthgenna Tower zu bewirken, und einen Boten mit einem Briefe nach Bayswater ab⸗ geſendet, in welchem er ſeine Abſicht meldete, Andrew Treverton dieſen Nachmittag zu beſuchen, um mit ihm in einer wichtigen Angelegenheit hinſichtlich des perſön⸗ lichen Beſitzthums ſeines verſtorbenen Bruders zu ſprechen. Gegen Mittag fand Onkel Joſeph ſich wieder in dem 168 Hotel ein, um Roſamunde abzuholen und nach dem Hauſe zu führen, in welchem ihre kranke Mutter lag. Er kam in der heiterſten Laune und erzählte von der wunderbaren Beſſerung, die in Folge der liebevollen Botſchaft, welche er ſeiner Nichte am vorigen Abend überbracht, in dem Befinden derſelben eingetreten ſei. Er erklärte, ſie ſähe mit einem Male glücklicher, kräf⸗ tiger und jünger aus. Sie habe ſeit langen Jahren wieder einmal die ganze Nacht ruhig und feſt geſchlafen, und die wohlthätige Einwirkung dieſes Umſtandes ſei vor kaum einer Stunde durch den Arzt ſelbſt anerkannt worden. Roſamunde hörte dies nachdenklich an, aber ihre Auf⸗ merkſamkeit war zerſtreut, ihr Gemüth unruhig. Als ſie von ihrem Gatten Abſchied genommen und ſich mit Onkel Joſeph draußen auf der Straße befand, hatte die Ausſicht auf die bevorſtehende Begegnung mit ihrer Mutter etwas, was trotz ihrer Bemühungen, dieſem Gefühle zu widerſtreben, ſie faſt verzagt machte. Wäre es ihnen möglich geweſen, einander zu begegnen und ſich zu erkennen, ohne Zeit gehabt zu haben, was auf einer oder der andern Seite zuerſt geſagt oder ge⸗ than werden müſſe, ſo wäre dann die Zuſammenkunft nichts weiter geweſen als die natürliche Folge der Ent⸗ deckung des Geheimniſſes. So aber äußerte die zweifelnde, traurige Geſchichte der Vergangenheit, welche die Leere des letzten Tages der Ungewißheit ausgefüllt, auf Roſamunde's ſanguiniſches Temperament eine ungemein niederdrückende Wirkung. Ohne in ihrem Herzen gegen ihre Mutter einen Gedanken dem g. von bllen bend ſei. räf⸗ hren fen, ſei annt Auf⸗ und and, mit eſem gnen was ge⸗ unft Ent⸗ ichte ages ches ing. nken zu haben, der nicht zärtlich, mitleidig und aufrichtig ge⸗ weſen wäre, fühlte ſie jetzt nichtsdeſtoweniger ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl von Verlegenheit, welches, je näher ſie und der alte Mann dem Ziele ihrer kurzen Wanderung kamen, bis zu wirklicher Unbehaglichkeit anſtieg. Als ſie endlich an der Thür des Hauſes ſtanden, war ſie ſich zu ihrem eigenen Abſcheu bewußt, daß ſie überlegte, welche Worte ſie wohl zuerſt zu ſprechen, was ſie wohl zuerſt zu thun habe— gerade als ob ſie in Begriff geſtanden hätte, eine gänzlich fremde Perſon zu beſuchen, deren günſtige Meinung ſie zu gewinnen wünſche und deren Bereitwilligkeit, ihr einen herzlichen Empfang angedeihen zu laſſen, ein Gegenſtand des Zweifels ſei.. Die erſte Perſon, welche ſie, nachdem die Thür ge⸗ öffnet worden, ſahen, war der Arzt. Er kam aus einem kleinen leeren Zimmer am Ende der Hausflur auf ſie zu und bat um Erlaubniß, mit Miſtreß Frankland einige Minuten zu ſprechen. Onkel Joſeph ließ Roſamunde demgemäß bei dem Arzt und ging mit einer Flinkheit, um welche ihn Man⸗ cher, der halb ſo alt geweſen wäre wie er, beneidet haben würde, die Treppe hinauf, um ſeiner Nichte die Ankunft ihrer Tochter zu melden. „Geht es ſchlimmer mit ihr? Kann mein Anblick ihr Gefahr bringen?“ fragte Roſamunde, während der Arzt ſie in das leere Zimmer führte. „Ganz im Gegentheil“, entgegnete er.„Sie iſt dieſen Morgen um vieles beſſer und dieſe Beſſerung hat, wie ich finde, ihren Grund hauptſächlich in dem beruhigenden 170 und erheiternden Einfluß, den die Botſchaft auf ſie ge⸗ äußert, welche ſie geſtern Abend von Ihnen erhalten hat. Dieſe Entdeckung ließ mich eben wünſchen, mit Ihnen über ein gewiſſes Symptom des geiſtigen Zuſtandes meiner Patientin zu ſprechen, ein Symptom, welches mich, als ich es zuerſt entdeckte, überraſchte und beun⸗ ruhigte und mir ſeit dieſer Zeit fortwährend großes Kopfzerbrechens verurſacht hat. Meine Patientin leidet — um die Sache kurz und in den einfachſten Worten klar zu machen— an einer Sinnestäuſchung von ſehr außerordentlicher Art und welche, ſo weit meine Beob⸗ achtung reicht, ſie gewöhnlich gegen das Ende des Tages bei Eintritt der Dämmerung heimſucht. Es iſt dann in ihren Augen ein Ausdruck wahrzunehmen als ob ſie glaubte, es ſei plötzlich jemand ins Zimmer getreten. Sie blickt und ſpricht dann in den leeren Raum hinein, gerade wie wir jemanden anſehen und anreden würden, der wirklich vor uns ſtünde und uns zuhörte. Der alte Mann, ihr Onkel, erzählt mir, er habe dies zuerſt be⸗ merkt, als ſie vor einiger Zeit ihn beſucht habe— ich glaube, er ſagte, es ſei in Cornwall geweſen. Sie ſprach damals mit ihm über ihre Privatangelegenheiten, als ſie plötzlich— es war in der Dämmerung— ſchwieg, dann eine Frage über das alte Thema des Aberglaubens hin⸗ ſichtlich des Wiedererſcheinens verſtorbener Perſonen auf⸗ warf, nach einer dunkeln Ecke des Zimmers blickte und nach dieſer hin zu ſprechen begann, gerade ſo wie ich ſie hier in ihrem Zimmer blicken geſehen und ſprechen gehört habe. Ob ſie ſich einbildet, daß ſie von einer geſpen⸗ ſtiſchen Erſcheinung verfolgt werde, oder daß eine lebende ge⸗ hat. en ides ches eun⸗ oßes eidet rten ſehr eob⸗ ages dann ſie eten. nein, den, alte be⸗ ich drach 8 ſie dann hin⸗ auf⸗ und h ſie ehört ſpen⸗ vende 171 Perſon zu gewiſſen Zeiten ihr Zimmer betrete— dies weiß ich nicht und der alte Mann, ihr Onkel, kann mir auch nichts ſagen, was mir die Wahrheit errathen helfen könnte. Können Sie mir vielleicht einigen Aufſchluß hierüber geben?“ „Nein, denn ich höre es zum erſten Male“, ant⸗ wortete Roſamunde, indem ſie den Arzt mit einem Blick des Erſtaunens und der Unruhe anſah. „Vielleicht“, fuhr er fort,„iſt ſie gegen Sie mit⸗ theilſamer als gegen mich. Wenn Sie es vielleicht ein⸗ richten können, daß Sie heute oder morgen zur Zeit der Abenddämmerung an ihrem Bett ſind und wenn Sie glauben, daß Sie nicht ſelbſt dadurch erſchreckt werden, ſo wäre es mir ſehr erwünſcht, wenn Sie ſie ſehen und hören könnten, während ſie ſich unter dem Einfluß dieſer Sinnestäuſchung befindet. Vergebens habe ich mich be⸗ müht, während dieſer Zeit ihre Aufmerkſamkeit davon abzulenken oder ſie zu bewegen, ſpäter davon zu ſprechen. Sie beſitzen augenſcheinlichdeine bedeutende Einwirkung auf ſie und deshalb wäre es leicht möglich, daß Ihnen etwas gelänge, was mir bis jetzt nicht hat gelingen wollen. Bei dem Zuſtande der Kranken lege ich großes Gewicht darauf, daß ihr Gemüth von allem befreit werde, was daſſelbe umwölkt und bedrückt, ganz beſonders aber von einer ſo ernſten Störung, wie die von mir ſoeben beſchriebene iſt. Gelänge es Ihnen, dieſelbe zu bekämpfen, ſo würden Sie der Kranken den größten Dienſt leiſten und meine Bemühungen, ihrer Geſundheit wieder auf⸗ zuhelfen, weſentlich unterſtützen. Sind Sie vielleicht ge⸗ neigt, einen derartigen Verſuch zu machen?“ 172 Roſamunde verſprach ſowohl dies, als auch alles Andere zu thun, was zum Wohle der Patientin dienen könne. Der Arzt dankte ihr und ging dann voran wieder in die Hausflur. Onkel Joſeph kam, eben als ſie aus dem Zimmer traten, die Treppe herunter. „Sie iſt bereit und ſehnt ſich, Sie zu ſehen“, flüſterte er Roſamunden ins Ohr. „Ich brauche Ihnen wohl nicht erſt nochmals zu ſagen, wie dringend nothwendig es iſt, die Kranke bei möglichſt ruhiger Gemüthsſtimmung zu erhalten“, ſagte der Arzt, indem er ſich verabſchiedete.„Es iſt— wie ich Ihnen auf mein Wort verſichere— keine Ueber⸗ treibung, wenn ich ſage, daß ihr Leben davon abhängt.“ Roſamunde verneigte ſich ſchweigend und folgte dann ebenſo ſchweigend dem alten Mann die Treppe hinauf. An der Thür eines Hinterzimmers der zweiten Etage blieb Onkel Joſeph ſtehen. „Hier iſt ſie“, flüſterte er haſtig.„Ich will Sie allein hineingehen laſſen, denn es iſt am beſten, wenn in dem erſten Augenblick niemand weiter zugegen iſt. Ich werde mittlerweile ein wenig in dem ſchönen warmen Sonnenſchein auf der Straße hin und her gehen, an Sie beide denken und nach einer Weile wiederkommen. Gehen Sie hinein und der Segen und die Gnade Gottes ſeien mit Ihnen.“ Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen und ging dann raſch wieder die Treppe hinunter. Roſamunde ſtand nun allein vor der Thür. Ein augenblickliches Zittern ſchüttelte ſie an allen Gliedern, als ſan in wor ſtal ſch nun die Zie deſſ der feſſe dar ſah gene die Gef blei übe aug und wele gefe abg alles enen ieder aus terte zu bei agte wie ber⸗ it.“ dann uf. tage Sie venn iſt. men Sie ehen ſeien dann Ein ern, 173 als ſie die Hand ausſtreckte um anzupochen. Dieſelbe ſanfte, wohlklingende Stimme, welche ſie das letzte Mal in ihrem Schlafzimmer zu Weſt Winſton gehört, ant⸗ wortete ihr jetzt. So wie dieſer Ton an Roſamunde's Ohr ſchlug, ſtahl ſich ein Gedanke an ihr Kind in ihr Herz und be⸗ ſchwichtigte das ſtürmiſche Pulſiren deſſelben. Sie öffnete nun ohne Weiteres die Thür und ging. Weder das Ausſehen des Zimmers im Innern, noch die Ausſicht vom Fenſter, weder die charakteriſtiſchen Zierden des Zimmers, noch die hauptſächlichſten Möbels deſſelben— mit einem Worte, keiner der Gegenſtände, der zu andern Zeiten ihren raſchen Beobachtungsſinn ge⸗ feſſelt haben würde, machte jetzt irgend welchen Eindruck darauf. Von dem Augenblick an, wo ſie die Thür öffnete, ſah ſie nichts als die Pfühle des Betts, das darauf lie⸗ gende Haupt und das ihr zugewendete Geſicht. Als ſie die Schwelle überſchritt, änderte ſich der Ausdruck dieſes Geſichts. Die Augenlider ſenkten ſich ein wenig und die bleichen Wangen wurden plötzlich von brennender Röthe übergoſſen. Schämte ſich ihre Mutter, ſie anzuſehen? Schon dieſer Zweifel reichte hin, um Roſamunden augenblicklich von dem Selbſtmißtrauen, der Verlegenheit und dem Zögern in Bezug auf die Wahl ihrer Worte, welches ihren edelmüthigen Impuls bis zu dieſem Moment gefeſſelt, zu befreien. Sie eilte an das Bett, hob die abgezehrte, zurückbebende Geſtalt in ihren Armen empor und legte das arme müde Haupt ſanft an ihre warme junge Bruſt. „Endlich komme ich, Mutter, um nun Deine Wär⸗ terin zu ſein“, ſagte ſie. Das Herz ward ihr zu voll, ſo wie ihr Mund dieſe einfachen Worte ſtammelte— ihre Augen floſſen über— ſie konnte nichts weiter ſagen. „Weine nicht!“ murmelte die ſchwache, wohllautende Stimme ſchüchtern.„Ich habe nicht das Recht, Dich hierher zu rufen und Dir das Herz ſchwer zu machen. Weine nicht! weine nicht!“ „O ſtill! ſtill! Wenn Du ſo zu mir ſprichſt, ſo kann ich weiter nichts thun als weinen“, ſagte Roſamunde. „Laß uns vergeſſen, daß wir jemals getrennt geweſen ſind— nenne mich bei meinem Namen— ſprich mit mir, wie ich mit meinem eigenen Kinde ſprechen werde, wenn Gott mir die Gnade ſchenkt, es heranwachſen zu ſehen. Nenne mich Roſamunde und— bitte, bitte— ſage mir, daß ich etwas für Dich thun ſoll.“ Mit dieſen Worten riß ſie leidenſchaftlich die Bänder ihres Hutes auseinander und warf ihn von ſich auf den nächſten Stuhl. „Sieh“, fuhr ſie fort,„da ſteht ein Glas Limonade auf dem Tiſche. Sag:«Roſamunde, bring mir meine Limonadey! Sag es in ganz gewöhnlichem Ton, Mutter. Sag, als ob Du wüßteſt, daß ich verbunden bin, Dir zu gehorchen.“ Die Kranke ſprach die Worte nach, obſchon noch in etwas unſicherm Tone— ſie ſprach ſie mit einem weh⸗ müthigen, verwunderten Lächeln und mit einem Ver⸗ weilen der Stimme auf dem Namen Roſamunde, als arme Vär⸗ voll, agen. tende Dich chen. kann unde. inder den made neine ttter. Dir ch in weh⸗ Ver⸗ als ob es ihr einen Hochgenuß gewähre, denſelben auszu⸗ ſprechen. „Du haſt mich durch jene Botſchaft und durch den Kuß, den Du mir von Deinem Kinde ſchickteſt, ſo glück⸗ lich gemacht“, ſagte ſie, als Roſamunde ihr die Limonade gegeben und wieder ruhig an dem Bett Platz genommen hatte.„Es war dies eine ſo freundliche Art und Weiſe, mir zu ſagen, daß Du mir verzieheſt! Es gab mir den Muth, deſſen ich bedurfte, um mit Dir ſo zu ſprechen, wie ich jetzt ſpreche. Es iſt möglich, daß meine Krank⸗ heit mich verändert hat, aber ich fühle mich jetzt nicht furchtſam und fremd in Deiner Nähe, wie ich glaubte, daß es bei unſerer erſten Begegnung, nachdem Du das Geheimniß erfahren, der Fall ſein würde. Ich glaube, ich werde bald wohl genug ſein, um Deinen Kleinen zu ſehen. Sieht er Dir ähnlich? Wenn dem ſo iſt, ſo muß er—“ Sie ſtockte. „Doch“, ſetzte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu, „das kann ich wohl denken, aber ich thue beſſer, wenn ich nicht davon ſpreche, ſonſt weine ich auch, und ich möchte nun gern mit Gram und Kummer fertig ſein.“ Während ſie dieſe Worte ſprach, ruhten ihre Augen mit liebender Innigkeit auf den Zügen ihrer Tochter, der alte Inſtinct der Sauberkeit war aber in ihren ſchwachen, abgezehrten Fingern immer noch unwillkürlich thätig. Roſamunde hatte nur erſt die Minute zuvor ihre Handſchuhe vor ſich auf das Bett geworfen und ſchon hatte ihre Mutter dieſelben ergriffen, ſtrich ſie 176 ſorgfältig glatt und faltete ſie, während ſie ſprach, zier⸗ lich zuſammen. „Nenne mich noch einmal Mutter“, ſagte ſie, als Roſamunde ihr die Handſchuhe abnahm und ihr durch einen Kuß für das Zuſammenfalten derſelben dankte. „Noch niemals habe ich Dich mich Mutter nennen hören bis jetzt— niemals von dem Tage an, wo Du geboren wurdeſt, bis jetzt.“ Roſamunde unterdrückte die Thränen, welche ihr in die Augen traten, und wiederholte das Wort. „Ich begehre kein größeres Glück als hier zu liegen und Dich anzuſehen und Dich dies ſagen zu hören. Gibt es wohl noch ein weibliches Weſen in der Welt, welches ein ſo ſchönes und gutes Geſicht hat wie das Deinige?“ Sie ſchwieg und lächelte matt. „Ich kann“, fuhr ſie dann fort,„dieſe holden roſigen Lippen jetzt nicht anſehen, ohne daran zu denken, wie viel Küſſe ſie mir ſchuldig ſind.“ „Hätteſt Du mich doch dieſe Schuld ſchon längſt bezahlen laſſen“, ſagte Roſamunde, indem ſie die Hand ihrer Mutter ergriff, wie ſie die ihres Kindes ergriff und ſie auf ihren Hals legte.„Hätteſt Du doch gleich das erſte Mal, als wir uns ſahen und Du kamſt um mich zu pflegen, alles geſagt. Mit welchem Kummer habe ich oft an jenen Tag gedacht! O, Mutter, habe ich Dich in meiner Unwiſſenheit bekümmert? Haſt Du weinen müſſen, wenn Du ſpäter an mich dachteſt?“ „Bekümmert, ſagſt Du, Roſamunde? Mein ganzer Kummer iſt nur durch mich ſelbſt, aber nicht durch Dich ier⸗ als erch kte. ren ren in gen een. elt, das gen wie gſt and riff eich um ner abe Du zer dich — 17 herbeigeführt worden.«Sei nicht hart gegen ſiey— erinnerſt Du Dich noch dieſer Worte? Als ich verdien⸗ termaßen fortgeſchickt werden ſollte, weil ich Dich er⸗ ſchreckt hatte, ſagteſt Du zu Deinem Gatten:«Sei nicht hart gegen ſiey. Nur fünf Worte waren es— aber o, welch ein Troſt war es ſpäter für mich, zu bedenken, daß Du dies geſagt hatteſt! Ich wollte Dich gern küſſen, Roſamunde, als ich Dir das Haar bürſtete; es koſtete mir einen ſo ſchweren Kampf, nicht laut zu ſchluchzen, als ich Dich hinter den Bettvorhängen Deinem Kleinen gute Nacht wünſchen hörte. Das Herz trat mir gleich⸗ ſam in den Mund und erſtickte meine Worte. Ich nahm Deine Partie, als ich ſpäter zu meiner Herrin zurück⸗ kehrte. Ich wollte nicht zugeben, daß ſie auch nur ein einziges unfreundliches Wort über Dich äußerte. Ich hätte hundert Herrinnen ins Geſicht ſchauen und ihnen allen widerſprechen können. O nein, nein! Du haſt mich niemals bekümmert. Meinen bitterſten Trennungskummer erfuhr ich vor vielen Jahren, ehe ich in Weſt Winſton zu Dir kam, um Dich zu pflegen. Es war dies damals, als ich meinen Dienſt in Porthgenna verließ— als ich mich an jenem furchtbaren Morgen in die Kinderſtube ſtahl und Dich mit Deinen kleinen Armen den Hals meines Herrn umſchlungen halten ſah. In einer Deiner Hände hieltſt Du die Puppe, welche Du mit zu Bett genommen hatteſt, und Dein Kopf ruhte an der Bruſt des Kapitäns, gerade ſo wie der meinige jetzt— o welch ein Glück, Roſamunde!— an der Deinigen ruht. Ich hörte die letzten Worte, die er zu Dir ſprach, Worte, die Du damals noch zu jung warſt zu verſtehen und zu Wiltie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 12 178 behalten.«Still, liebe Roſiey, ſagte er.«Weine nicht mehr um die arme Mama, denke an den armen Papa und bemühe Dich, ihn zu tröſten.“ Dies, liebes Kind, war der bitterſte und ſchwerſte Kummer, den ich jemals zu tragen gehabt. Ich, Deine eigene Mutter, ſtand da⸗ bei wie ein Spion und hörte ihn dies zu dem Kinde ſagen, welches ich nicht als das meinige anzuerkennen wagte.„Denke an den armen Papa.“ Meine gute Roſamunde, jetzt weißt Du, an welchen Vater ich dachte, als er dieſe Worte ſagte. Wie konnte ich ihm das Ge⸗ heimniß mittheilen? Wie konnte ich ihm den Brief geben, während er niemand hatte, der ihn getröſtet, als Dich — während die furchtbare Wahrheit bei jedem Wort, welches er ſprach, mein Herz zermalmte wie die Felſen⸗ wand, die den Vater erſchlug, den Du niemals gekannt.“ „Sprich jetzt nicht davon“, ſagte Roſamunde.„Laß uns nicht wieder auf die Vergangenheit zurückkommen. Ich weiß davon alles, was ich wiſſen ſoll— alles, was ich davon zu wiſſen wünſche. Wir wollen von der Zukunft ſprechen, Mutter, und von künftigen glücklichern Zeiten. Laß mich Dir von meinem Gatten erzählen. Wenn Worte ihn loben können, wie er gelobt zu werden verdient— wenn Worte ihm danken können, wie ihm gedankt zu werden gebührt, dann geſchieht es durch die meinigen, dann wird es, wie ich überzeugt bin, auch durch die Deinigen geſchehen. Laß mich Dir erzählen, was er ſagte und was er that, als ich ihm den Brief vorlas, den ich in dem Myrthenzimmer gefunden. Ja, ja— laß mich Dir dies erzählen.“ Der letzten Worte des Doctors eingedenk und heimlich — 8 ⏑ X½ 179 zitternd, als ſie das mühſame, unregelmäßige Pulſiren des Herzens ihrer Mutter unter ihrer Hand fühlte, wäh⸗ rend ſie zugleich den raſchen Wechſel ihrer bald blaſſen, bald rothen Geſichtsfarbe ſah, beſchloß ſie, keine Worte mehr zwiſchen ihnen geſprochen werden zu laſſen, welche geeignet wären, an den Kummer und die Leiden der Vergangenheit auf peinliche Weiſe zu erinnern. Nachdem ſie daher die Unterredung zwiſchen ihrem Gatten und ihr, welche mit der Enthüllung des Geheim⸗ niſſes geſchloſſen, erzählt, veranlaßte ſie ihre Mutter, von der Zukunft zu ſprechen, von der Zeit, wo ſie im Stande ſein würde, wieder zu reiſen, von dem Glück, miteinander nach Cornwall zurückzukehren, von dem klei⸗ nen Feſt, welches ſie bei ihrer Ankunft in Onkel Joſeph's Hauſe in Truro feiern könnten, und von der Zeit, wo ſie weiter nach Porthgenna oder vielleicht irgend einem andern Orte gingen, wo neue Umgebungen und neue Geſichter ihnen alle trübe Erinnerungen, an welche es am beſten ſei nicht mehr zu denken, vergeſſen helfen würden. Roſamunde ſprach noch über dieſe Dinge und ihre Mutter hörte ihr noch mit ſteigendem Intereſſe an jedem Wort, welches ſie ſprach, zu, als Onkel Joſeph zurückkam. Er brachte einen Korb Blumen und einen Korb Obſt mit, welche er triumphirend am Fuß des Bettes ſeiner Nichte emporhielt. „Ich bin in dem ſchönen hellen Sonnenſchein umher⸗ gewandelt, mein Kind“, ſagte er,„um Deinem Geſicht Zeit zu laſſen, fröhlich auszuſehen, damit ich es ſo wiederſehen möchte, wie ich es während meines noch 12* 180 übrigen Lebens ſtets zu ſehen wünſche. Ja, Sara, ich habe Dir endlich den rechten Doctor gebracht“, ſetzte er, Roſamunden anſehend, in heiterm Tone hinzu.„Sie hat Dir ſchon ein wenig geholfen. Warte noch ein wenig und ſie wird Dich ganz wieder auf die Füße bringen— Deine Wangen werden ſo roth ſein wie die meinigen, Dein Herz ebenſo leicht wie das meinige und Deine Zunge wird ebenſo ſchnell plappern wie die mei⸗ nige. Sieh, die ſchönen Blumen und Früchte, die ich gekauft, ſind wohlthätig für Deine Augen, angenehm für Deine Naſe, am allerangenehmſten aber werden die letztern Dir ſein, wenn Du ſie in den Mund ſteckſt. Heute iſt ein Feſttag für uns und wir müſſen das Zim⸗ mer ſchön und blank machen. Uebrigens wird auch bald Dein Eſſen kommen— ich habe es ſchon unten auf dem Anrichtetiſch in der Küche geſehen— es iſt ein wahrer Cherub unter Hühnern! Und dann folgt Dein feſter, wohlthätiger Schlaf und Mozart wird das Wiegenlied ſingen und ich werde daſitzen und Wache halten und ſo⸗ bald Du aufwachſt, hinuntergehen und Dir Deine Taſſe Thee holen. Ach, mein Kind, mein Kind! Welche Freude, daß wir endlich dieſen Feiertag erlebt haben!“ Mit einem ſtrahlenden Blick auf Roſamunden und beide Hände voll Blumen nehmend, wendete er ſich von ſeiner Nichte ab und begann das Zimmer zu de⸗ coriren. Mit Ausnahme des Augenblicks, wo ſie dem alten Mann für die Geſchenke dankte, die er mitgebracht, war ihre Aufmerkſamkeit während der ganzen Zeit, wo er geſprochen, unverwandt dem Geſicht ihrer Tochter zu⸗ 1814 gewendet geweſen, und ihre erſten Worte, als er ſchwieg, waren an Roſamunden allein gerichtet. „Während ich mich über mein Kind freue“, ſagte ſie,„halte ich Dich von dem Deinigen fern. Ich aber ſollte weniger als jeder andere Menſch Euch ſo lange voneinander getrennt halten. Geh nun wieder nach Hauſe, liebe Tochter, zu Deinem Gatten und Deinem Kind, und überlaß mich meinen dankbaren Gedanken und mei⸗ nen Träumen von beſſern Zeiten.“ „Um Ihrer Mutter willen ſagen Sie ja“, miſchte Onkel Joſeph ſich ein, ehe Roſamunde antworten konnte. „Der Doctor ſagt, ſie müſſe am Tage überhaupt ihre Ruhe haben wie in der Nacht. Und wie ſoll ich ſie be⸗ wegen, die Augen zu ſchließen, ſo lange ſie die Ver⸗ ſuchung hat, dieſelben offen zu halten und auf Sie zu heften?“ Roſamunde ſah die Wahrheit dieſer letzten Worte ein und verſtand ſich dazu, auf einige Stunden nach dem Hotel zurückzukehren, jedoch in der Vorausſetzung, daß ſie am Abend wieder ihren Platz am Bett der Kranken einnähme. Nachdem man dieſe Verabredung getroffen, wartete Roſamunde noch ſo lange im Zimmer, bis die Mahlzeit heraufgebracht ward, von welcher Onkel Joſeph ge⸗ ſprochen, wo ſie dann dem alten Manne beiſtand, um ihre Mutter zu überreden, dieſes Mahl zu ſich zu nehmen. Als das Geſchirr wieder fortgetragen war, und Roſa⸗ munde mit eigener Hand das Bett zurecht gemacht, ver⸗ wmochte ſie endlich ſich zu entfernen. Die Arme ihrer Mutter hielten ſie umſchlungen und die Wange der Kranken ſchmiegte ſich liebend an die ihrige. „Geh nun, meine Tochter, oder ich kann es zuletzt nicht über mich gewinnen, mich auch nur einige Stunden von Dir zu trennen“, murmelte die ſanfte Stimme in ihrem leiſeſten, mildeſten Tone.„Meine theure Roſa⸗ munde! Ich habe keine Worte, welche gut genug wären, Dich zu ſegnen; keine Worte, die Dir ſo zu danken vermöchten, wie ich es wünſche. Das Glück hat lange Zeit gebraucht, ehe es mich erreicht hat— aber o wie barmherzig hat die himmliſche Vorſehung es mir doch noch geſendet!“ Ehe Roſamunde die Schwelle überſchritt, blieb ſie noch einmal ſtehen und blickte zurück in das Zimmer. Der Tiſch, der Kaminſims, die kleinen eingerahmten Bilder an den Wänden waren mit Blumen bekränzt; die Spieluhr ſpielte eben die erſten Takte der herrlichen Arie Mozart's; Onkel Joſeph ſaß ſchon auf ſeinem ge⸗ wohnten Platz an dem Bett mit dem Fruchtkorbe auf den Knien. Das bleiche, abgezehrte Geſicht auf dem Pfühl ward mild durch ein Lächeln verklärt— Friede, Behaglichkeit und Ruhe— alles miſchte ſich in dem Krankenzimmer, alles vereinigte ſich, um Roſamunde’s Gedanken friedlich bei der Hoffnung auf eine glücklichere Zeit verweilen zu laſſen. Drei Stunden vergingen. Die letzten Strahlen der Sonne leuchteten dem langen Sommertage am weſtlichen Himmel zur Ruhe, als Roſamunde an das Bett ihrer Mutter zurückkehrte. Leiſe trat ſie in das Zimmer. Das 8 — 282—————— einzige Fenſter deſſelben hatte die Ausſicht nach Weſten, und auf dieſer Seite des Bettes ſtand der Stuhl, wel⸗ chen Onkel Joſeph eingenommen, als ſie ihn verlaſſen, und auf welchem ſie ihn jetzt bei ihrer Rückkehr noch ſitzend antraf. Er legte den Finger an den Mund und ſchaute nach dem Bett, als ſie die Thür öffnete. Ihre Mutter ſchlief, mit ihrer Hand in der des alten Mannes ruhend. Als Roſamunde ſich geräuſchlos näherte, ſah ſie, daß Onkel Joſeph's Augen trüb und müde ausſahen. Die gezwungene Stellung, welche er einnahm, und die es ihm unmöglich machte, ſich zu bewegen, ohne Gefahr zu laufen ſeine Nichte aufzuwecken, ſchien ihn allmälig zu ermüden.. Roſamunde legte Hut und Shawl ab und winkte ihm aufzuſtehen und ſie ſeine Stelle einnehmen zu laſſen. „Ja, ja“, flüſterte ſie, als ſie ihn durch ein Kopf⸗ ſchütteln antworten ſah.„Laſſen Sie mich nun Ihren Poſten einnehmen, während Sie ein wenig ausgehen und die kühle Abendluft genießen. Es ſteht nicht zu fürchten, daß ſie erwachen werde; ihre Hand hält die Ihrige nicht umſchloſſen, ſondern ruht blos darin. Laſſen Sie mich die meinige behutſam gegen die Ihrige vertauſchen und wir werden ſie nicht ſtören.“ Sie ſchob, während ſie dies ſagte, ihre Hand unter die ihrer Mutter. Onkel Joſeph lächelte, während er ſich von ſeinem Stuhl erhob und ihr ſeinen Platz überließ. „Sie wollen es einmal ſo“, ſagte er;„Sie ſind für einen alten Mann, wie ich, viel zu raſch und zu gewitzt.“ „Schläft ſie ſchon lange?“ fragte Roſamunde. 184 „Beinahe zwei Stunden“, antwortete Onkel Joſeph. „Aber es iſt nicht der gute Schlaf geweſen, den ich ihr gewünſcht hätte, ſondern ein träumender, ſprechender, unruhiger Schlaf. Erſt ſeit etwa zehn Minuten liegt ſie ſo ruhig da, wie Sie ſie jetzt ſehen.“ „Haben Sie nicht vielleicht zu viel Licht hereinge⸗ laſſen?“ flüſterte Roſamunde, indem ſie nach dem Fenſter herumſchaute, durch welches die Glut des Abendhimmels warm in das Zimmer fiel. „Nein, nein!“ entgegnete er haſtig.„Mag ſie ſchla⸗ fen oder wachen, ſo will ſie ſtets Licht haben. Wenn ich jetzt, wie Sie wünſchen, auf eine Weile fortgehe und es dämmerig wird, ehe ich wiederkomme, ſo zünden Sie dieſe beiden Lichter auf dem Kaminſims an. Ich werde mich bemühen, noch eher wieder da zu ſein, wenn aber die Zeit zu raſch vergehen ſollte und Sara vielleicht auf⸗ wacht und ſeltſame Reden beginnt und oft von Ihnen hinweg in jene ferne Ecke des Zimmers ſchaut, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, daß die Zündhölzchen und die Lichter nebeneinander auf dem Kaminſims ſtehen und daß es am beſten iſt, wenn Sie die Lichter recht bald gleich nach Eintritt des erſten Zwielichts anzünden.“ Mit dieſen Worten ſtahl er ſich auf den Zehen nach der Thür und ging hinaus. Seine letzten Worte erinnerten Roſamunden wieder an das, was dieſen Morgen zwiſchen dem Doctor und ihr beſprochen worden. Sie ſchaute wieder ruhig nach dem Fenſter. Die Sonne ſank eben hinter den fernen Dächern hoher Häuſer hinab. Das Ende des Tages war nicht mehr fern. A In geſp⸗ 185 Als ſie ihr Geſicht wieder nach dem Bett wendete, fühlte ſie, wie ſie von einem augenblicklichen Fröſteln beſchlichen ward. Sie zitterte ein wenig, theils über das Gefühl ſelbſt, theils über die Erinnerung, die dabei an jenes andere Fröſteln erwachte, von welchem ſie in der Einſamkeit des Myrthenzimmers befallen worden. Angeregt durch die geheimnißvollen Sympathien der Berührung, bewegte ſie die Hand ihrer Mutter in dieſem Augenblick in der ihrigen und über die wehmüthige Friedlichkeit des müden Angeſichts zuckte eine augenblick⸗ liche Unruhe— der fliegende Schatten eines Traums. Die bleichen, getrennten Lippen öffneten ſich, ſchloſſen ſich, zitterten und öffneten ſich wieder, die leiſen Athem⸗ züge kamen und gingen immer raſcher und raſcher; der Kopf bewegte ſich unruhig auf dem Pfühl; die Augen⸗ lider öffneten ſich halb; leiſe, ſchwache, ſtöhnende Töne entrangen ſich raſch den Lippen— verwandelten ſich bald in halb artikulirte Redeſätze— und gingen dann all⸗ mälig in verſtändliche Worte über. „Schwöre“, ſtammelte ſie,„daß Du dieſes P pier nicht vernichten willſt! Schwöre, daß Du es nicht mit fortnehmen willſt, wenn Du das Haus verläſſeſt.“ Die Worte, welche auf dieſe folgten, wurden ſo raſch und leiſe geflüſtert, daß Roſamunde's Ohr ſie nicht zu erhaſchen vermochte. Es folgte ein kurzes Schweigen. Dann ſprach die träumeriſche Stimme plötzlich wieder und lauter. „Wo? wo? wo?“ rief ſie.„In dem Bücherſchrank? In dem Tiſchkaſten?— Halt! halt! In dem Bilde der geſpenſtigen Frau—“ Bei dieſen letzten Worten ging es Roſamunden eis⸗ kalt durchs Herz. Sie fuhr mit einer Bewegung des Schreckens plötzlich zurück— bemeiſterte ſich jedoch ſo⸗ fort wieder und neigte ſich über das Bett. Es war aber zu ſpät. Ihre Hand hatte, als ſie zurückfuhr, eine haſtige Bewegung gemacht, und die Kranke erwachte zuſammenfahrend und mit einem leiſen Schrei. Ihre Augen blickten ſtier mit dem Ausdruck der größten Angſt vor ſich hin und der Schweiß ſtand ihr in dichten Perlen auf der Stirn. „Mutter!“ rief Roſamunde, indem ſie ſich auf dem Pfühl emporrichtete.„Ich bin wieder da. Kennſt Du mich nicht?“ „Mutter?“ wiederholte ſie in traurigem, fragendem Tone,„Mutter?“ Bei der zweiten Wiederholung dieſes Wortes ward ihr Geſicht von einer hellen Röthe der Freude und Ueber⸗ raſchung übergoſſen und ſie ſchlang plötzlich beide Arme um den Hals ihrer Tochter. „O, meine Roſamunde!“ ſagte ſie.„Wäre ich je⸗ mals gewohnt geweſen, zu erwachen und dann Dein theures Antlitz auf mich gerichtet zu ſehen, dann würde ich Dich trotz meines Traumes eher wiedererkannt haben. Hatteſt Du mich geweckt, liebe Tochter? oder erwachte ich von ſelbſt?“ „Ich fürchte, ich hatte Dich geweckt, Mutter.“ „Sage nicht:«Ich fürchte». Mit Freuden würde ich aus dem ſüßeſten Schlaf, den je ein Menſch genoſſen, erwachen, um Dein Geſicht zu ſehen und Dich Mutter“ zu mir ſagen zu hören. Du haſt mich von der Angſt mu Lie dar Sc und ſuc and nie vie Tif nich On klei nac hier wie wät Da Ta ver mit Dit Ro eis⸗ des ſo⸗ ſie die iſen der ihr dem Du dem vard ber⸗ rme je⸗ Dein ürde ben. achte ürde ſſen, tter⸗ Ingſt 187 eines meiner ſchrecklichen Träume befreit. O, Roſa⸗ munde, ich glaube, ich könnte glücklich leben in Deiner Liebe, wenn ich nur Porthgenna Tower aus den Ge⸗ danken bringen könnte— wenn ich nicht mehr an das Schlafzimmer dächte, in welchem meine Herrin ſtarb, und an das Zimmer, worin ich den Brief verſteckte.“ „Wir wollen nun Porthgenna Tower zu vergeſſen ſuchen“, ſagte Roſamunde.„Wollen wir vielleicht von andern Orten ſprechen, wo ich gelebt und die Du noch niemals geſehen? Oder ſoll ich Dir vorleſen? Haſt Du vielleicht ein Buch hier, welches Du gern lieſeſt?“ Roſamunde blickte über das Bett hinüber nach dem Tiſch auf der andern Seite. Es war auf demſelben nichts zu ſehen als einige Flaſchen Arzenei, einige von Onkel Joſeph's Blumen in einem Glas Waſſer und ein kleines längliches Arbeitskäſtchen. Dann ſchaute ſie ſich nach der Kommode um, die hinter ihr ſtand, aber auch hier waren keine Bücher zu ſehen. Ehe ſie ihre Augen wieder nach dem Bett wendete, ſchweiften dieſelben ſeit⸗ wärts nach dem Fenſter. Die Sonne war hinter den Dächern der Häuſer hinabgeſunken— das Ende des Tages ſtand nahe bevor. „Wenn ich nur vergeſſen könnte! O, wenn ich nur vergeſſen könnte!“ ſagte ihre Mutter ſeufzend, indem ſie mit der Hand auf die Bettdecke ſchlug. „Biſt Du vielleicht wohl genug, liebe Mutter, um Dir die Zeit ein wenig mit Arbeit zu vertreiben?“ fragte Roſamunde, indem ſie auf das kleine längliche Arbeits⸗ käſtchen zeigte und das Geſpräch auf ein harmloſes 188 alltägliches Thema zu leiten ſuchte.„Was für Arbeiten machſt Du? Darf ich einmal hineinſehen?“ Sara's Geſicht verlor den müden, leidenden Aus⸗ druck und ward abermals durch ein Lächeln verklärt. „Es iſt keine Arbeit darin“, ſagte ſie.„Alle Schätze, die ich auf dieſer Welt hatte, ehe Du zu mir kamſt, ſind in dieſes eine kleine Käſtchen eingeſchloſſen. Oeffne es, meine Liebe, und ſchaue hinein.“ Roſamunde gehorchte, indem ſie das Käſtchen auf das Bett ſtellte, ſodaß ihre Mutter es mit leichter Mühe ſehen konnte. Der erſte Gegenſtand, den ſie darin entdeckte, war ein kleines Buch in ſchwarzem, abgenutztem Einband. Es war ein altes Geſangbuch. Einige ver⸗ trocknete Grashalme lagen zwiſchen den Blättern und auf einem der leeren Blätter ſtand geſchrieben:„Dies Buch gehört Sara Leeſon, welche es von Hugh Polwheal geſchenkt erhalten.“ „Sieh es an, liebe Tochter“, ſagte Sara.„Ich wünſche, daß Du es wiedererkennen mögeſt. Wenn meine Zeit kommt, Dich zu verlaſſen, Roſamunde, lege es mir mit Deinen eigenen theuren Händen auf die Bruſt und eine Locke von Deinem Haar dazu und begrabe mich auf dem Kirchhofe von Porthgenna, wo er ſchon ſo viele lange Jahre auf mich wartet. Die andern Sachen in dem Käſtchen gehören Dein, Roſamunde. Es ſind ge⸗ ſtohlene Andenken, welche mich an mein Kind erinnerten, als ich allein in der Welt ſtand. Vielleicht wirſt Du nach Jahren, wenn Dein Haar ebenſo zu ergrauen be⸗ ginnt wie das meinige, dieſe armſeligen Kleinigkeiten Deinen Kindern zeigen, wenn Du ihnen von mir erzählſt. Treo Dei kam laſſ ſtets ſam ſang einig weg Dich Gaſ ſtehe ſehen men — Hals erſch nebe chen Illu Bild Zige und hatte es n Abdr geſch 139 Trage kein Bedenken, Roſamunde, ihnen zu ſagen, wie Deine Mutter gefehlt und wie ſie gelitten— zuletzt kannſt Du allemal dieſe Kleinigkeiten für ſie ſprechen laſſen. Die geringſte davon wird zeigen, daß ſie Dich ſtets geliebt hat.“ Sie nahm aus dem Käſtchen ein Stück ſauber zu⸗ ſammengefaltetes weißes Papier, welches unter dem Ge⸗ ſangbuche gelegen, öffnete es und zeigte ihrer Tochter einige darinliegende verwelkte Geiskleeblätter. „Dieſe Blätter nahm ich mit von Deinem Bett hin⸗ weg, Roſamunde, als ich nach Weſt Winſton kam, um Dich zu pflegen. Als ich hörte, wer die Dame in dem Gaſthauſe ſei, konnte ich nicht der Verſuchung wider⸗ ſtehen, alles zu wagen, um Dich und mein Enkelkind zu ſehen. Ich verſuchte, nachdem ich die Blumen genom⸗ men, auch noch ein Band aus Deinem Koffer zu nehmen — ein Band, von dem ich wußte, daß Du es um den Hals getragen. Der Arzt aber kam mir zu nahe und erſchreckte mich.“ Sie faltete das Papier wieder zuſammen, legte es neben ſich auf den Tiſch und nahm dann aus dem Käſt⸗ chen einen kleinen Kupferſtich, welcher früher zu den Illuſtrationen eines Taſchenbuchs gehört hatte. Das Bild ſtellte ein kleines Mädchen vor, welches mit einem Zigeunerhut auf dem Kopfe am Rande eines Fluſſes ſaß und eine Kette von Maßlieben flocht. Als Zeichnung hatte es durchaus keinen Werth, als Kupferſtich hatte es nicht einmal das mechaniſche Verdienſt, ein guter Abdruck zu ſein. Darunter ſtanden mit Bleiſtift die Worte geſchrieben:„Roſamunde, als ich ſie das letzte Mal ſah.“ 190 „Es war nicht hübſch genug, um Dich darzuſtellen“, ſagte Sara.„Dennoch aber lag etwas darin, was meine Erinnerung an Dich unterſtützte, als Du noch ein kleines Mädchen warſt.“ Sie legte den Kupferſtich mit den Geiskleeblättern auf die Seite und nahm dann aus dem Käſtchen ein aus einem Schreibebuch geſchnittenes, zuſammengefaltetes Blatt Papier, aus welchem ein ſchmaler, mit kleinen Buchſtaben bedruckter Streifen fiel. Dieſen Streifen ſah ſie zuerſt an. „Es iſt die öffentliche Bekanntmachung Deiner Ver⸗ heirathung, Roſamunde“, ſagte ſie.„Ich pflegte ſie immer und immer wieder zu leſen, wenn ich allein war, und verſuchte mir zu denken, wie Du dabei ausgeſehen und was für ein Kleid Du getragen. Hätte ich Zeit und Stunde Deiner Vermählung gekannt, ſo hätte ich mich in die Kirche gewagt, um Dich und Deinen Bräu⸗ tigam zu ſehen. Das ſollte aber nicht ſein— und viel⸗ leicht war es ſo auch am beſten, denn hätte ich Dich auf dieſe verſtohlene Weiſe geſehen, ſo wären mir meine Prüfungen ſpäter vielleicht nur um ſo ſchwerer zu er⸗ tragen geweſen. Ich hatte kein anderes Andenken an Dich, Roſamunde, als dieſes Blatt aus Deinem erſten Schreibebuch. Das Kindermädchen in Porthgenna zerriß das Buch eines Tages, um Feuer damit anzuzünden, und ich nahm dieſes Blatt weg, als ſie zufällig anders⸗ wohin ſah. Siehe, Du warſt damals noch gar nicht bis zu Worten gekommen— Du konnteſt blos Haar⸗ und Grundſtriche machen. O, wie oft habe ich dieſes eine Blatt Papier betrachtet und mir zu denken verſucht, daf zwi ſäh Sch den Fen läng wiſ den bree liche here ihre Bus „wa gute mir mun gleie Sie war Herr wem mir mein oft 12, was noch tern ein etes inen ſah Ver⸗ ſie var, ehen Zeit ich räu⸗ viel⸗ Dich heine er⸗ an eſten rriß den, ers⸗ nicht aar⸗ ieſes ucht, 191 daß ich Deine kleine Kinderhand mit der Feder feſt zwiſchen den roſigen Fingern ſich darüber hinbewegen ſähe. Ich glaube, ich habe über dieſem Deinem erſten Schreibverſuche öfter geweint als über allen andern An⸗ denken an Dich zuſammengenommen.“ Roſamunde wendete ihr Geſicht ſeitwärts nach dem Fenſter, um die Thränen zu verbergen, die ſie nicht länger unterdrücken konnte. Als ſie dieſelben hinweg⸗ wiſchte, verkündete ihr der erſte Anblick des dunkler wer⸗ denden Himmels, daß bald die Abenddämmerung herein⸗ brechen würde. Wie matt und eintönig ſah jetzt die Röthe am weſt⸗ lichen Himmel! Wie nahe war der Schluß des Tages herangerückt!— Als ſie ſich wieder nach dem Bett wendete, betrachtete ihre Mutter immer noch das Blatt aus dem Schreibebuche. „Jenes Kindermädchen, welches das ganze übrige Buch zerriß, um Feuer damit anzuzünden“, ſagte ſie, „war in jenen frühen Tagen in Porthgenna eine ſehr gute und liebevolle Freundin von mir. Sie erlaubte mir zuweilen, Dich zu Bett bringen zu dürfen, Roſa⸗ munde, und quälte mich niemals mit Fragen oder der⸗ gleichen, wie die andern Dienſtleute zu thun pflegten. Sie ſetzte ſich dadurch, daß ſie ſo freundlich gegen mich war, der Gefahr aus, ihren Dienſt zu verlieren. Meine Herrin fürchtete, daß ich mich und ſie verrathen würde, wenn ich zu viel in der Kinderſtube wäre, und verbot mir daher, dorthin zu gehen, denn es ſei einmal nicht mein Platz. Keiner der andern Dienerinnen ward ſo oft verwehrt, mit Dir zu ſpielen und Dich zu küſſen, Roſamunde, wie mir. Das Kindermädchen aber— Gott ſchenke ihr Segen und Gedeihen dafür!— ſtand mir als Freundin zur Seite. Oft hob ich Dich in Deinem kleinen Bett empor, liebes Kind, und wünſchte Dir gute Nacht, wenn meine Herrin glaubte, ich ſäße in ihrem Zimmer und arbeitete. Du pflegteſt zu ſagen, Du hätteſt Deine Wärterin lieber als mich, aber Du ſagteſt mir dies niemals in unfreundlichem Tone, ſondern boteſt mir Deine lachenden Lippen ſo oft als ich Dich um einen Kuß bat.“ Roſamunde legte ihr Haupt ſanft auf den Pfühl neben das ihrer Mutter. „Verſuche weniger an die Vergangenheit und mehr an die Zukunft zu denken, liebe Mutter“, flüſterte ſie bittend.„Verſuche an die Zeit zu denken, wo mein Kind Dir dieſe vergangenen Tage ohne deren Bitterkeit und Kummer zurückrufen wird— die Zeit, wo Du es leh⸗ ren wirſt, ſeine Lippen den Deinen zu bieten, wie ich Dir die meinigen zu bieten pflegte.“ „Ich will es verſuchen, Roſamunde— meine einzigen Gedanken an die Zukunft ſind ſeit langen Jahren nur dem Wiederſehen im Himmel zugewendet geweſen. Wenn meine Sünden mir verziehen werden, wie werden wir uns dann dort wiederſehen? Wirſt Du mir ſein, wie mein kleines Töchterchen— das Kind, welches ich nicht wiedergeſehen, ſeitdem es fünf Jahre alt war. Ich möchte wiſſen, ob Gottes Gnade mich für unſere lange Tren⸗ nung auf Erden entſchädigen wird. Ich möchte wiſſen, ob Du mir in jener Welt mit Deinem kindlichen Antlitz erſcheinen und das ſein wirſt, was Du mir auf Erden 193 hätteſt ſein ſollen— mein kleiner Engel, den ich auf meinen Armen tragen kann. Wenn wir im Himmel beten, werde ich Dich dann dort Dein Gebet lehren zum Troſt dafür, daß ich es Dich niemals hienieden lehren gekonnt?“ Sie ſchwieg, lächelte wehmüthig, ſchloß die Augen und überließ ſich ſchweigend den träumeriſchen Gedanken, welche noch ihr Gemüth bewegten. In der Meinung, daß ſie wieder einſchlummern würde, wenn man ſie un⸗ geſtört ließe, vermied Roſamunde, ſich zu bewegen oder zu ſprechen. Nachdem ſie das friedliche Antlitz eine Zeit lang betrachtet, ward ſie ſich bewußt, daß das Licht auf demſelben immer mehr hinwegſchwand. 1 So wie dieſe Ueberzeugung ſich ihr aufdrängte, ſchaute ſie wieder nach dem Fenſter herum. Die weſt⸗ lichen Wolken trugen bereits ihre ruhigen Zwielichtfarben — das Ende des Tages war da. In dem Augenblick, wo ſie ſich auf dem Stuhl be⸗ wegte, fühlte ſie die Hand ihrer Mutter auf ihrer Schul⸗ ter. Als ſie ſich wieder nach dem Bett herumdrehte, ſah ſie die Augen der Kranken offen und auf ſie geheftet. Der Ausdruck dieſer Augen kam ihr verändert vor — er war ſtier und unheimlich. „Warum ſpreche ich vom Himmel?“ ſagte ſie, indem ſie ihr Geſicht plötzlich dem dunkler werdenden weſtlichen Horizont zuwendete und in leiſem murmelnden Tone ſprach:„Woher weiß ich, daß ich würdig bin, in den Himmel einzugehen? Und dennoch, Roſamunde, habe ich mich keines Eidbruchs gegen meine Herrin ſchuldig ge⸗ macht. Du kannſt mir bezeugen, daß ich den Brief Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 13 194 nicht vernichtet und daß ich ihn ebenſo wenig mitgenom⸗ men, als ich das Haus verließ.“ „Es wird bald dunkel werden, Mutter. Laß mich einen Augenblick aufſtehen, um die Lichter anzuzünden.“ Sara's Hand bewegte ſich langſam aufwärts und klammerte ſich feſt um Roſamunde's Hals. „Ich hatte nicht geſchworen, ihm den Brief zu geben“, ſagte ſie.„Es war kein Verbrechen, ihn zu verbergen. Du fandeſt ihn in einem Bilde, Roſamunde, nicht wahr? Man pflegte es das Bild des Geſpenſtes von Porthgenna zu nennen. Niemand wußte, wie alt es war oder wenn es in das Haus gekommen. Meine Herrin haßte es, weil das gemalte Geſicht eine ſeltſame Aehn⸗ lichkeit mit dem ihrigen hatte. Eines Tages befahl ſie mir, es von der Wand zu nehmen und zu vernichten. Ich ſcheute mich, es zu thun; deshalb verſteckte ich es— es geſchah dies noch ehe Du geboren warſt— in dem Myrthenzimmer. Du fandeſt den Brief auf der Hinter⸗ ſeite des Bildes, nicht wahr, Roſamunde? Und dennoch war dies ein guter Ort, um ihn zu verbergen. Niemand würde jemals das Bild gefunden haben. Warum ſollte jemand den Brief finden, der darin verborgen war?“ „Laß mich Licht anzünden, Mutter! Nicht wahr, Du möchteſt gern Licht haben?“ „Nein, jetzt noch nicht. Laß die Dunkelheit ſich erſt dort in dem Winkel des Zimmers ſammeln. Richte mich auf und laß mich flüſtern.“ Der umſchlingende Arm hielt ſich feſter an, während Roſamunde ihre Mutter im Bett aufrichtete. Das ent⸗ ſchwindende Licht fiel durch das Fenſter auf ihr Geſicht 195 und ſpiegelte ſich in ihren ſtarr vor ſich hinblickenden Augen.. „Ich warte auf etwas, was ſich allemal in der Däm⸗ merung einfindet, ehe die Lichter angezündet werden“ flüſterte ſie leiſe und athemlos.„Dort unten!“ Und ſie zeigte auf die entfernteſte Ecke des Zimmers neben der Thür. „Mutter, um Gottes willen, was iſt es! Was hat Dich ſo verändert?“ „So iſt es recht! Sag Mutter! Wenn ſie auch wirk⸗ lich kommt, ſo kann ſie doch nicht bleiben, wenn ſie hört, daß Du mich Mutter nennſt, wenn ſie uns endlich beiſammen ſieht, trotz ihrer Ränke einander liebend und kennend. O, mein gutes, ſanftes, mitleidiges Kind, wenn Du mich nur von ihr befreieſt, wie lange kann ich dann noch leben!— Wie glücklich können wir beide noch ſein.“ „Sprich nicht ſo! Blicke nicht ſo! Sage mir ruhig — liebe, liebe Mutter— ſage mir ruhig—“ „Still, ſtill! Ich will es Dir ſagen. Sie drohte mir auf ihrem Sterbebett— wenn ich ihre Abſicht ver⸗ eitelte, ſo würde ſie aus der andern Welt mich heim⸗ ſuchen. Roſamunde, ich habe ihre Abſicht vereitelt und ſie hat ihr Verſprechen gehalten— mein ganzes Leben lang ſeit jener Zeit hat ſie ihr Wort gehalten. Schau! Dort unten!“ Ihr linker Arm hielt immer noch Roſamunde's Hals umſchlungen. Ihren rechten ſtreckte ſie nach der fernen Ecke des Zimmers aus und hob ihre Hand wie drohend gegen die leere Luft. 7 13* 1196 „Schau!“ ſagte ſie.„Dort iſt ſie, wie ſie immer zu mir kommt, wenn der Tag ſich neigt— in dem groben, ſchwarzen Anzuge, den meine verbrecheriſchen Hände für ſie fertigten— mit dem Lächeln, welches auf ihrem Geſicht ſchwebte, als ſie mich fragte, ob ſie wohl ausſähe wie eine Zofe. Herrin! Herrin! O, ruhe endlich! Das Geheimniß gehört nicht mehr unſer. Ruhe endlich! Mein Kind iſt wider mein. Ruhe endlich und tritt nicht wieder zwiſchen uns.“ Sie ſchwieg, nach Athem keuchend und legte ihre heiße, pulſirende Wange an die Wange ihrer Tochter. „Nenne mich noch einmal Mutter!“ flüſterte ſie. „Sag es laut und banne ſie damit hinweg für immer 4 Roſamunde bemeiſterte die Angſt, vor welcher ſie an allen Gliedern erzitterte, und ſprach das Wort. Ihre Mutter beugte ſich ein wenig vorwärts, immer noch nach Athem keuchend, und blickte mit angeſtrengter Sehkraft in die ruhige Dämmerung an dem untern Ende des Zimmers. „Sie iſt wegl!l!“ rief ſie plötzlich, vor Frohlocken und Freude laut aufſchreiend.„O barmherziger Gott, ſie iſt endlich weg!“ Im nächſten Augenblick ſprang ſie in ihrem Bett auf und ſank auf die Knie nieder. Einen einzigen Augen⸗ blick lang ſchimmerten ihre Augen in dem grauen Zwie⸗ licht mit ſtrahlender, überirdiſcher Schönheit, während ſie einen letzten Blick der Liebe auf das Geſicht ihrer Tochter heftete. „O, meine Liebe, mein Engel“, murmelte ſie,„wie glücklich werden wir nun miteinander ſein!“ 197 Indem ſie dieſe Worte ſprach, ſchlang ſie ihre Arme um Roſamunde's Hals und drückte ihre Lippen entzückt auf die Lippen ihres Kindes. Der Kuß zögerte, bis ihr Haupt ſanft vorwärts ſank, an Roſamunde's Bruſt— zögerte, bis der Augen⸗ blick der göttlichen Barmherzigkeit kam und das müde Herz endlich Ruhe fand. Meuntes Knpitel. Vierzigtauſend Pfund. Kein volksthümlicher Ausſpruch iſt weiter verbreitet als die Maxime, welche behauptet, die Zeit ſei die große Tröſterin, aber wahrſcheinlich drückt kein volksthümlicher Ausſpruch die Wahrheit unvollkommener aus. Die Ar⸗ beit, die wir verrichten, die Verantwortlichkeiten, die wir übernehmen, das Beiſpiel, welches wir Andern geben müſſen— dies ſind die großen Tröſter, denn dieſe brin⸗ gen gegen die Krankheit des Grams die erſten Heil⸗ mittel in Anwendung. Die Zeit beſitzt blos die negative Eigenſchaft, den Gram ſich abzehren und abſtumpfen zu laſſen. Wer, der überhaupt beobachtet, hat nicht bemerkt, daß die von uns, welche ſich am früheſten von dem Schlage eines großen Kummers über Todesfälle erholen, die ſind, welche die meiſten Pflichten gegen die Lebenden zu er⸗ füllen haben? Wenn der Schatten des Unglücks auf unſern Häuſern ruht, dann iſt die Frage für uns nicht, wie viel Zeit hinreichen wird, um den Sonnenſchein wieder zu uns zurückzubringen, ſondern wie viel Beſchäfti⸗ gung wir haben, die uns vorwärts an den Platz bringt, wo der Sonnenſchein auf uns wartet. Die Zeit kann viele Siege für ſich beanſpruchen, aber nicht den Sieg über den Gram. Der Haupttroſt über den Verluſt theurer Angehöriger, welche in das Jenſeits eingegangen, iſt in der großen Nothwendigkeit, an die Lebenden, welche noch da ſind, denken zu müſſen, zu finden. Die Geſchichte von Roſamunde's täglichem Leben, jetzt, wo das Dunkel eines ſchweren Herzenskummers ſich darauf niedergeſenkt hatte, war an und für ſich ein ge⸗ nügender Beleg für die Wahrheit dieſer Behauptung. Als die ganze Kraft, ſelbſt ihres ſtarken Charakters, durch den unausſprechlichen, furchtbaren Schlag des plötz⸗ lichen Todes ihrer Mutter niedergeworfen worden, war es nicht der langſame Verlauf der Zeit, der ſie wieder aufrichten half, ſondern die Nothwendigkeit, welche nicht auf die Zeit wartete— die Nothwendigkeit, welche ſie an das erinnerte, was ſie ihrem Gatten ſchuldig war, der ihren Kummer theilte, dem Kinde, deſſen junges Leben mit dem ihrigen zuſammenhing, und dem alten Manne, deſſen hülfloſer Schmerz keinen andern Troſt fand, als den, welchen ſie ihm geben konnte und deſſen Reſignation nur ein Vorbild in der ihrigen fand. Gleich vom Anfang an war die Aufgabe, ihn auf⸗ recht zu erhalten, blos ihr zugefallen. Ehe noch die erſte Stunde der Nacht auf das Ende des Tages folgte, ward Roſamunde von dem Bett ihrer Mutter durch die Nothwendigkeit hinweggeriſſen, ihm bis an die Thür 200 entgegenzugehen und ihn darauf vorzubereiten, daß er das Zimmer des Todes beträte. Dieſe furchtbare Wahrheit ihm allmälig und behut⸗ ſam vorzuführen, bis ſie ihm Auge in Auge gegenüber⸗ ſtand, ihn den unvermeidlichen Schlag tragen und über⸗ winden zu helfen— dies waren die heiligen Pflichten, welche alle Hingebung Roſamunde's in Anſpruch nah⸗ men und ihrem Herzen wehrten, allzu egoiſtiſch bei dem eigenen Kummer zu verweilen. Es war nicht die kleinſte der Prüfungen, welchen ſie jetzt gegenüberzutreten hatte, den Zuſtand von Hülf⸗ loſigkeit zu ſehen, in welchen der alte Mann durch die Laſt eines Kummers verſetzt war, den er für ſich allein nicht die Kraft hatte zu tragen. Er ſah aus wie ein Menſch, deſſen Geiſteskräfte in eine Betäubung verſenkt ſind, aus welcher ſie ſich nie wieder emporrichten können. Stundenlang ſaß er neben ſeiner Spieluhr, ſtreichelte und liebkoſte ſie von Zeit zu Zeit und flüſterte mit ſich ſelbſt, während er ſie anſah, verſuchte aber nie, ſie ſpielen zu laſſen. Es war das noch einzige Andenken, welches ihn an die Freuden und Leiden, die einfachen Familienintereſſen und Neigungen ſeines vergangenen Lebens erinnerte. Als Roſamunde ſich das erſte Mal neben ihn ſetzte und ihn bei der Hand ergriff, um ihn zu tröſten, ließ er ſeine Blicke zwiſchen ihrem mitleidigen Geſicht und der Spieluhr hin⸗ und herſchweifen und wiederholte wie geiſtesabweſend immer und immer wieder dieſelben Worte: „Sie ſind alle fort— mein Bruder Max, mein Weib, mein kleiner Joſeph, meine Schweſter Agathe, Sara, m no ni ſu zu ſaꝛ Lo un ten bei Neo der ſel vot vot nã ger trü jet lich näl tra er. mit nun 201 meine Nichte. Ich und meine kleine Spieluhr ſind nun noch allein miteinander in der Welt. Mozart kann nicht mehr ſingen. Er hat nun ſein letztes Lied ge⸗ ſungen.“ Am zweiten Tage war keine Veränderung an ihm zu bemerken. Am dritten legte Roſamunde das Ge⸗ ſangbuch ehrerbietig auf die Bruſt ihrer Mutter, eine Locke von ihrem eigenen Haar um das Buch herum und küßte das wehmüthige, friedliche Antlitz zum letz⸗ ten Male. Der alte Mann war bei dieſem ſtummen Abſchiede bei ihr und folgte ihr nach als Alles vorüber war. Neben dem Sarge und ſpäter, als Roſamunde ihn wie⸗ der mit zu ihrem Gatten nahm, war er noch in die⸗ ſelbe Apathie des Grams verſunken, die ſich ſeiner gleich von Anfang an bemächtigt hatte. Als man jedoch da⸗ von zu ſprechen begann, daß die ſterbliche Hülle den nächſtfolgenden Tag nach dem Kirchhofe von Porth⸗ genna gebracht werden ſollte, bemerkte man, daß ſeine trüben Augen plötzlich hell wurden, und daß ſeine bis⸗ jetzt ſo zerſtreute Aufmerkſamkeit jedem hierauf bezüg⸗ lichen Worte folgte. Nach einer Weile erhob er ſich von ſeinem Stuhl, näherte ſich Roſamunden und ſah ſie ſchüchtern an. „Ich glaube, ich könnte meinen Schmerz beſſer er⸗ tragen, wenn Sie mich Sara begleiten ließen“, ſagte er.„Wäre ſie am Leben geblieben, ſo wären wir zwei miteinander nach Cornwall zurückgekehrt. Wollen Sie nun, da ſie geſtorben iſt, mich auch noch mit ihr dahin zurückkehren laſſen?“ 202 Roſamunde machte ſanfte Gegenvorſtellungen und ver⸗ ſuchte ihm zu zeigen, daß es am beſten ſei, die Leiche unter der Aufſicht ihres Dieners transportiren zu laſſen, auf deſſen Treue man ſich verlaſſen könne und deſſen Stellung ihn als die geeignetſte Perſon erſcheinen laſſe, um mit Verrichtungen und Verantwortlichkeiten beauf⸗ tragt zu werden, welche nahe Verwandte nicht im Stande wären, mit hinreichender Faſſung zu übernehmen. Sie ſagte ihm ferner, ihr Gatte beabſichtige noch einen Tag in London zu bleiben, um ihr Zeit zu der Erholung und Ruhe zu gönnen, deren ſie unbedingt bedürfte, und daß ſie dann nach Cornwall zurückzukehren und wieder in Porthgenna zu ſein gedächten, ehe das Begräbniß ſtattfände. Deshalb bat Roſamunde den alten Mann inſtändig, ſich jetzt in dieſe Stunden der Trauer, wo ſie alle drei durch die Bande der Sympathie und des Kummers an⸗ einander gefeſſelt wären, nicht von ihnen zu trennen. Schweigend und unterwürfig hörte er zu, während Roſamunde ſprach; als ſie aber fertig war, wiederholte er dennoch ſeine Bitte. Er hatte jetzt einmal weiter keinen Gedanken, als mit den ſterblichen Ueberreſten des Kindes ſeiner Schweſter nach Cornwall zurückzukehren. Leonard und Roſamunde ſahen beide, daß es ver⸗ geblich ſein würde, ſich ihm länger zu widerſetzen; beide fühlten, daß es grauſam wäre, ihn zwingen zu wollen, bei ihnen zu bleiben, und daß man ihm dagegen keine größere Freundlichkeit beweiſen könnte, als wenn man ihm erlaubte, die Leiche zu begleiten. Nachdem die beiden jungen Ehegatten daher ihren „ba was dieſ will bem ſehe Gat dem der Ver künf ſprä einig zuthe gefol dieſe Chen kung danke Diener inſtruirt, dem alten Mann ſoviel als möglich alle Beläſtigung und Mühe zu erſparen, auf ſeine Wünſche, ſo weit er ſie zu erkennen geben würde, einzugehen und ihm allen möglichen Schutz und Beiſtand angedeihen zu laſſen, ohne ſich jedoch ſeiner Aufmerkſamkeit allzuſehr aufzudrängen, ſtellten ſie es ihm frei, das einzige Vor⸗ haben auszuführen, welches ihn noch mit den Ereigniſſen und Intereſſen des vorübergehenden Tages verknüpfte. „Ich werde Ihnen“, ſagte er, als er Abſchied nahm, „bald noch beſſer dafür danken, daß Sie mich mit Allem, was mir von Sara, meiner Nichte, übrig geblieben, aus dieſem Lärm und Getöſe Londons fortgehen laſſen. Ich will meine Thränen trocknen ſo gut ich kann und mich bemühen, mehr Muth zu beſitzen, wenn wir uns wieder⸗ ſehen.“ Am nächſtfolgenden Tage, als Roſamunde und ihr Gatte miteinander allein waren, ſuchten ſie Zuflucht vor dem Drucke der Gegenwart, indem ſie miteinander von der Zukunft und von dem Einfluſſe ſprachen, welchen die Veränderung in ihren Vermögensumſtänden auf ihre künftigen Pläne und Projecte ausüben müßte. Nachdem ſie dieſes Thema erſchöpft, kam das Ge⸗ ſpräch auf ihre Freunde und auf die Nothwendigkeit, einigen der älteſten ihrer Bekannten die Ereigniſſe mit⸗ zutheilen, welche auf die Entdeckung im Myrthenzimmer gefolgt waren. Der erſte Name, den ſie, während ſie dieſe Frage erwogen, nannten, war der des Doctor Chennery, und Roſamunde, welche eine nachtheilige Wir⸗ kung auf ihr Gemüth befürchtete, wenn ſie ihre Ge— danken unbeſchäftigt ließe, erbot ſich ſofort, an den Vicar † 204 zu ſchreiben, kurz zu erzählen, was, ſeitdem ſie das letzte Mal mit ihm Briefe gewechſelt, geſchehen, und ihn zu bitten, in dieſem Jahre ein ihr und ihrem Gatten ſchon lange gegebenes Verſprechen zu löſen, nämlich ſeine Herbſt⸗ ferien bei ihnen in Porthgenna Tower zu verleben. Roſa⸗ munde's Herz ſehnte ſich nach dem Anblick des alten Freundes und ſie kannte ihn genau genug, um verſichert zu ſein, daß ein Wink über die Trübſal, von welcher ſie heimgeſucht worden, und über die ſchwere Prüfung, die ſie zu beſtehen gehabt, hinreichen würde, Doctor Chennery unverweilt, ſobald es mit ſeinen amtlichen und häuslichen Pflichten vereinbar wäre, zu ihnen zu führen. Das Schreiben dieſes Briefes erweckte zugleich die Erinnerung an einen zweiten Freund, deſſen Bekannt⸗ ſchaft mit Leonard und Roſamunde allerdings erſt aus neuer Zeit datirte, deſſen Zuſammenhang mit der Kette von Umſtänden aber, welche zur Entdeckung des Geheim⸗ niſſes geführt, ihn zu einem gewiſſen Antheil an ihrem Vertrauen berechtigte. Dieſer Freund war Doctor Orridge, der Arzt in Weſt Winſton, welcher zufällig die Veranlaſſung geweſen, Roſamunde's Mutter an das Bett ihrer Tochter zu führen. An dieſen ſchrieb Roſamunde jetzt, indem ſie ſich auf das Verſprechen bezog, welches ſie ihm bei ihrer Abreiſe von Weſt Winſton gegeben und welchem zufolge er Nach⸗ richt von dem Reſultat ihrer Nachforſchungen in dem Myrthenzimmer erhalten ſollte. Sie theilte ihm mit, daß dieſe Nachforſchungen zur Entdeckung einiger ſehr betrübenden Familienereigniſſe ge⸗ führt, die aber nun zu den Ereigniſſen der Vergangen⸗ heit zu rechnen ſeien. Mehr als dies war einem Freund, der eine ſolche Stellung ihnen gegenüber einnahm wie Doctor Orridge, nicht nöthig zu ſagen. Roſamunde hatte eben die Adreſſe dieſes zweiten Briefes geſchrieben und zog zerſtreut mit ihrer Feder Linien auf dem Löſchpapier, als ſie zu ihrer Verwunderung zornig. ſtreitende Stimmen auf dem Corridor draußen vernahm. Faſt ehe ſie noch Zeit hatte, Vermuthungen darüber an⸗ zuſtellen, was dieſer Lärm wohl zu bedeuten habe, ward die Thür heftig aufgeſtoßen und ein langer, ſchäbig ge⸗ kleideter, ältlicher Mann mit einem mürriſchen, hagern Geſicht und zottigen, grauen Bart kam hereingeſtiegen, während der Oberkellner des Hotels in großer Ent⸗ rüſtung ihm anf dem Fuße folgte. „Ich habe dieſem Menſchen“, begann der Kellner, das letzte Wort nachdrücklich betonend,„ich habe dieſem Menſchen dreimal geſagt, daß Mr. und Miſtreß Frank⸗ land—“ „Nicht zu Hauſe wären“, unterbrach ihn der ſchäbig gekleidete Mann, den Redeſatz vollendend.„Ja, das ſagtet Ihr mir und ich ſagte Euch, daß der Menſch die Gabe der Rede blos benutze, um Lügen zu ſagen und daß ich Euch deshalb nicht glaubte. Ihr habt mir auch wirklich eine Lüge geſagt. Hier ſind Mr. und Miſtreß Frankland beide zu Hauſe. Ich komme in Geſchäften und beabſichtige, ungefähr fünf Minuten lang mit Ihnen zu ſprechen. Ich ſetze mich, obſchon man mich noch nicht dazu eingeladen hat, und nenne meinen Namen— Andrew Treverton.“ 206 Mit dieſen Worten ſetzte der Sonderling ſich kalt⸗ blütig auf den nächſten Stuhl. Leonard's Wangen errötheten vor Zorn, während er ſprach, Roſamunde aber miſchte ſich ein, ehe ihr Gatte ein Wort ſprechen konnte. „Es wäre zwecklos, Lenny, ſich über dieſen Mann zu erzürnen“, flüſterte ſie.„Es wird am beſten ſein, wenn wir ihm gegenüber ganz ruhig bleiben.“ Sie gab dem Kellner einen Wink und damit die Er⸗ laubniß, das Zimmer zu verlaſſen— dann wendete ſie ſich zu Mr. Treverton. „Sie dringen uns“, ſagte ſie ganz ruhig,„Ihre Gegenwart zu einer Zeit auf, wo ein tief betrübender Trauerfall uns zu Streitigkeiten aller Art völlig unfähig macht. Wir ſind jedoch bereit, Ihrem Alter mehr Rück⸗ ſicht zu ſchenken als Sie unſerm Kummer angedeihen laſſen. Wenn Sie meinem Gatten etwas zu ſagen haben, ſo iſt er um meinetwillen bereit, ſich Gewalt anzuthun und Sie ruhig anzuhören.“ „Und ich werde um meiner ſelbſt willen mit ihm wie mit Ihnen die Sache kurz machen“, entgegnete Mr. Treverton.„Noch niemals hat ein Weib Gelegenheit gehabt, lange an mir die Zunge zu wetzen, und dies ſoll auch nimmermehr der Fall ſein. Ich bin hierherge⸗ kommen, um Ihnen dreierlei zu ſagen. Erſtens hat Ihr Anwalt mir die ganze Geſchichte der Entdeckung in dem Myrthenzimmer, und wie ſie dieſelbe gemacht, erzählt. Zweitens habe ich Ihr Geld bekommen. Drittens ge⸗ denke ich es zu behalten. Was meinen Sie dazu?“ „Ich meine, daß Sie ſich nicht die Mühe zu nehmen brauchen, länger in dieſem Zimmer zu verweilen, wenn Sie weiter nichts wollen als uns ſagen, was wir ſchon wiſſen“, entgegnete Leonard.„Daß Sie das Geld be⸗ kommen haben, iſt uns bekannt, und daß Sie es zu be⸗ halten gedenken, daran haben wir nie gezweifelt.“ „Dann ſind Sie alſo wohl feſt überzeugt davon?“ ſagte Mr. Treverton.„Sie hegen wohl keinerlei ver⸗ ſteckte Hoffnung, daß künftige Flauſen und Verdrehungen des Geſetzes dieſes Geld wieder aus meiner Taſche heraus⸗ angeln und in die Ihrige zurückführen werden? Die Ehr⸗ lichkeit verlangt, Ihnen zu ſagen, daß auch nicht der Schatten einer Möglichkeit vorhanden iſt, es werde jemals ſo etwas geſchehen, oder ich jemals großmüthig werden und Sie auf eigenen Antrieb für das Opfer belohnen, welches Sie gebracht haben. Ich bin bei der betreffen⸗ den Gerichtsbehörde geweſen, ich habe die ganze Geſchichte zu Protokoll nehmen laſſen, das Geld iſt mir in aller Form ausgezahlt worden, ich habe es bereits ſicher bei meinem Bankier untergebracht und für Sie ſo lange ich denken kann nie ein einziges wohlwollendes Gefühl in meinem Herzen gehegt. So lautet wenigſtens das Zeugniß, welches mein Bruder mir ausſtellte, und dieſer kannte meinen Charakter natürlich beſſer als irgend jemand anders. Noch einmal ſage ich Ihnen beiden: Sie be⸗ kommen von dieſem ganzen bedeutenden Vermögen auch keinen rothen Heller wiederzuſehen.“ „Und ich ſage Ihnen nochmals“, entgegnete Leonard, „daß wir durchaus nicht zu hören wünſchen, was wir bereits wiſſen. Es iſt eine Beruhigung für mein Ge⸗ wiſſen und das meines Weibes, auf ein Vermögen ver⸗ 208 zichtet zu haben, welches wir nicht das Recht hatten zu beſitzen, und ich ſpreche ſowohl meine als Roſamunde's Meinung aus, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihr Verſuch, unſerer Verzichtleiſtung auf dieſes Geld einen eigennützigen Beweggrund unterzuſchieben, eine Beleidigung gegen uns beide iſt, deren Sie ſich ſchämen ſollten.“ „Iſt das wirklich Ihre Meinung?“ ſagte Mr. Trever⸗ ton.„Sie, der Sie das Geld verloren haben, ſprechen zu mir, der ich es gewonnen habe, auf dieſe Weiſe? Und“, fuhr er ſich plötzlich zu Roſamunde wendend fort, „billigen Sie es, daß Ihr Gatte einen reichen Mann, der Sie beide glücklich machen könnte, auf dieſe Weiſe be⸗ handelt?“ „Ja wohl billige ich es“, antwortete ſie.„In meinem ganzen Leben bin ich nie herzlicher mit ihm einverſtan⸗ den geweſen, als eben jetzt in dieſem Augenblick.“ „Oho“, ſagte Mr. Treverton,„dann machen Sie ſich aus dem Verluſte des Geldes wohl ebenſowenig als er?“ „Er hat Ihnen ſchon erklärt“, ſagte Roſamunde, „daß es für mein Gewiſſen eine ebenſo große Beruhigung iſt wie für das ſeine, darauf verzichtet zu haben.“ Mr. Treverton ſtellte den dicken Stock, den er führte, ſorgfältig aufrecht zwiſchen ſeine Knie, legte kreuzweiſe die Hände darauf, ſtemmte auf dieſe das Kinn und ſtierte in dieſer Haltung Roſamunde unverwandt und forſchend an. „Ich wollte, ich hätte Shrowl mitgebracht“, ſagte er bei ſich ſelbſt.„Ich wollte, er ſähe dies. Es ver⸗ blüfft mich und ich glaube, es würde auch ihn verblüfft haben. Dieſe beiden Leute“, fuhr er fort, indem er wie tem an⸗ Sie mig nde, ung orte, veiſe eerte an. agte ver⸗ lüfft wie verlegen von Roſamunde auf Leonard und von Leonard wieder zurück auf Roſamunde blickte,„ſind allem äußern Anſcheine nach menſchliche Weſen. Sie gehen auf den Hinterbeinen, ſie ſprechen ganz geläufig durch artikulirte Laute ihre Gedanken aus, ſie haben die gewöhnliche An⸗ zahl von Gliedmaßen und ſcheinen mir nach Größe und Gewicht ganz gewöhnliche menſchliche Weſen von der gewöhnlichen civiliſirten Sorte zu ſein. Und dennoch ſitzen ſie da und nehmen den Verluſt eines Vermögens von vierzigtauſend Pfund ſo gleichmüthig hin wie Cröſus, der König von Lydien, den Verluſt eines halben Penny hingenommen haben würde.“ Er erhob ſich, ſetzte ſeinen Hut auf, nahm den dicken Stock unter den Arm und trat Roſamunde einige Schritt näher. „Ich gehe jetzt“, ſagte er.„Wollen Sie mir die Hand drücken?“ Roſamunde kehrte ihm verächtlich den Rücken. Mr. Treverton kicherte mit der Miene unendlichen Wohlbehagens in ſich hinein. Mittlerweile hatte Leonard, der in der Nähe des Kamins ſaß und dem wieder die Zornesröthe ins Geſicht ſtieg, nach der Klingelſchnur getaſtet und eben war es ihm gelungen, dieſelbe in die Hand zu bekommen, als Mr Treverton ſich der Thür näherte. „Klingle nicht, Lenny“, ſagte Roſamunde.„Er geht von ſelbſt.“ Mr. Treverton ſtieg über die Schwelle und warf dann einen Blick zurück in das Zimmer mit einem Aus⸗ druck von Verwunderung und Neugier, als ob er in einen Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 14 210 Käfig blickte, welcher zwei Thiere von einer ihm bis jetzt noch gänzlich unbekannt gebliebenen Gattung ent⸗ hielte. „Ich habe in meinem Leben allerhand wunderliches Zeug geſehen“, ſagte er bei ſich ſelbſt.„Ich habe auf unſerm erbärmlichen kleinen Planeten und unter den Ge⸗ ſchöpfen, die ihn bewohnen, mancherlei Erfahrungen ge⸗ macht, aber niemals ſind mir derartige menſchliche Phä⸗ nomene vorgekommen wie dieſe beiden.“ Ohne weiter ein Wort zu ſagen, ſchloß er die Thür und Roſamunde hörte ihn wieder in ſich hineinkichern, während er den Corridor entlang ging. Zehn Minuten ſpäter brachte der Kellner einen an Miſtreß Frankland adreſſirten verſiegelten Brief. Der⸗ ſelbe war, wie er ſagte, in dem Gaſtzimmer des Hotels von dem„Menſchen“ geſchrieben worden, der ſich faſt mit Gewalt in Mr. und Miſtreß Frankland's Zimmer gedrängt. Nachdem er dem Kellner den Brief zur Be⸗ ſtellung übergeben, war er, luſtig ſeinen dicken Stock ſchwenkend und vor ſich hinlachend, eiligſt fortgegangen. Roſamunde öffnete den Brief. Die eine Seite deſſelben enthielt eine auf ihren Namen ausgeſtellte, durchkreuzte Anweiſung auf vierzig⸗ tauſend Pfund. Auf der andern Seite ſtanden folgende erläuternde Zeilen: „Nehmen Sie dies— erſtens weil Sie und Ihr Gatte die einzigen Menſchen ſind, die ich je kennen ge⸗ lernt, von welchen ſich nicht erwarten läßt, daß der Reichthum ſie zu Schurken machen werde— zweitens — — 211 weil Sie die Wahrheit geſprochen und dadurch ein Vermögen verloren haben, während Sie es durch Ver⸗ ſchweigen der Wahrheit ſich hätten ſichern können— drittens weil Sie nicht das Kind der Komödiantin ſind — viertens weil Sie es nehmen müſſen, denn wenn Sie es jetzt nicht nehmen, ſo vermache ich es Ihnen in meinem Teſtament. Leben Sie wohl. Kommen Sie nicht etwa, um mich zu beſuchen, ſchreiben Sie mir auch keine Dankſagungsbriefe, laden Sie mich nicht ein, zu Ihnen aufs Land zu kommen, loben Sie nicht meine Großmuth und vor allen Dingen hüten Sie ſich, wieder etwas mit Shrowl zu thun zu haben. Andrew Treverton.“ Das Erſte, was Roſamunde, nachdem ſie und ihr Gatte ſich ein wenig von ihrem Erſtaunen erholt hatten, that, war, daß ſie der Weiſung, die ihr verbot, einen Dankſagungsbrief an Mr. Treverton zu ſchreiben, un⸗ gehorſam ward. Der Bote, den man mit dieſem Briefe nach Bayswater ſendete, kam ohne Antwort zurück und meldete blos, ein unſichtbarer Mann mit einer heiſern, rauhen Stimme habe ihm zugerufen, den Brief über die Gartenmauer zu werfen und ſich dann ſchleunigſt wieder zu entfernen, wenn er nicht den Schädel eingeſchlagen haben wolle. Mr. Nixon, welchen Leonard ſofort von dem Vor⸗ gefallenen benachrichtigte, erbot ſich freiwillig, noch den⸗ ſelben Abend nach Bayswater zu gehen und einen Ver⸗ ſuch zu machen, ob er mit Mr. Treverton im Auftrage des jungen Ehepaares ſprechen könnte. Er fand Timon von Londoͤn zugänglicher als er ge⸗ 14* 212 dacht. Der Menſchenfeind war wenigſtens für diesmal auf guter Laune. Dieſe außerordentliche Veränderung war durch das Gefühl von Befriedigung hervorgerufen worden, welches er darüber empfand, daß er ſoeben Shrowl den Abſchied gegeben, und zwar aus dem Grunde, weil ſein Herr, nachdem er die Thorheit begangen, Miſtreß Frankland ihre vierzigtauſend Pfund zurückzu⸗ zugeben, keine paſſende Geſellſchaft mehr für ihn ſei „Ich ſagte ihm“, ſagte Mr. Treverton, bei der Er⸗ innerung an den Abſchied zwiſchen ſeinem Diener und ihm wieder in ſich hineinkichernd,„ich ſagte ihm, ich könnte nach dem, was ich gethan, unmöglich erwarten, daß ich ſeinen fortgeſetzten Beifall erwürbe und daß es mir deshalb nicht einfallen könne, ihn unter dieſen Um⸗ ſtänden länger auf ſeinem Poſten zurückzuhalten. Ich bat ihn, meine Handlungsweiſe ſo ſchonend und nach⸗ ſichtig als möglich zu beurtheilen, beſonders da die erſte Urſache, welche dazu geführt, der Umſtand ſei, daß er den Plan des Schloſſes Porthgenna copirt, wodurch Miſtreß Frankland zu der Entdeckung in dem Myrthen⸗ zimmer geführt worden. Ich wünſchte ihm Glück, eine Be⸗ lohnung von fünf Pfund dafür bekommen zu haben, daß er die Urſache zur Rückgabe eines Vermögens von vierzig⸗ tauſend Pfund geworden, und becomplimentirte ihn dann mit einer höflichen Demuth, die ihn halb wahnſinnig machte, zum Hauſe hinaus. Wir haben in der Zeit unſeres Beiſammenſeins ſo manche Lanze miteinander gebrochen; bis auf den heutigen Tag gelang es mir nie, ihn aus dem Sattel zu heben, aber nun habe ich ihn endlich doch noch auf den Sand geſetzt.“ —— 2— — 8 — R —;————— N — — Obſchon Mr. Treverton bereit war, von Shrowl's Nie⸗ derlage und Entlaſſung ſo lange zu ſprechen als der Anwalt ihm zuhören wollte, ſo ließ er doch in Bezug auf Miſtreß Frankland, als Mr. Nixon das Geſpräch auf dieſe bringen wollte, durchaus nichts mit ſich anfangen. Er wollte keine Botſchaft anhören und ebenſowenig irgend ein Verſprechen in Bezug auf die Zukunft geben. Ueber ſich ſelbſt und ſeine eigenen Projecte war ebenfalls weiter nichts aus ihm herauszubringen, als daß er die Abſicht hatte, das Haus in Bayswater zu ver⸗ kaufen und wieder auf Reiſen zu gehen, um die menſch⸗ liche Natur in verſchiedenen Ländern nach einer Methode zu ſtudiren, die er noch nicht verſucht— nämlich mit dem Bemühen, nicht blos das Schlechte, was in dem Menſchen iſt, ſondern auch das Gute ausfindig zu machen. Er ſagte, dieſe Idee wäre in ihm durch den Wunſch erweckt worden, zu ermitteln, ob Mr. und Miſtreß Frankland vollkommen ausnahmsweiſe menſchliche Weſen wären oder nicht. Gegenwärtig ſei er geneigt zu glauben, daß ſie es wären und daß ſeine Reiſen wahrſcheinlich zu keinem bemerkenswerth genügenden Reſultate führen würden. Mr. Nixon bat ihn dringend, ihm eine freundliche Botſchaft an ſeine Clienten aufzutragen, damit er dieſe davon zugleich mit der Nachricht von ſeiner beabſich⸗ tigten Abreiſe in Kenntniß ſetzen könnte. Dieſe Bitte brachte jedoch weiter nichts hervor als ein ſardoniſches Kichern, auf welches dann eine am Gartenthore an dem Anwalt gerichtete Abſchiedsrede folgte. „Sagen Sie dieſen beiden ſonderbaren Menſchen“, ſagte Timon von London,„daß ich meine Reiſen aus Ueberdruß vielleicht aufgebe, wenn ſie es am wenigſten erwarten, und daß ich möglicherweiſe dann zu ihnen komme und mir ſie noch einmal anſehe, um von dem beklagenswerthen Schauſpiel, welches die Menſchheit im Allgemeinen bietet, wenigſtens noch ein befriedigendes Gefühl zu haben, ehe ich ſterbe.“ Lehntes Bapitel. Die Morgenröthe eines neuen Lebens. Vier Tage ſpäter ſtanden Roſamunde, Leonard und Onkel Joſeph zuſammen auf dem Kirchhofe von Porth⸗ genna. Die Erde, zu welcher wir alle zurückkehren, hatte ſich über einer ſterblichen Hülle geſchloſſen. Sara Lee— ſon's mühevolle Pilgerſchaft hatte endlich ihr ſtilles Ende erreicht. Das Grab des Bergmanns, von welchem ſie zwei Mal heimlich zum Andenken einige Grashalme ge⸗ pflückt, hatte ihr nun im Tode die Heimat gewährt, welche ſie im Leben niemals kennen gelernt. Das Toſen der Meeresbrandung verhallte zu einem leiſen Gemurmel, ehe es ihren Ruheplatz erreichte, und der Wind, welcher freudig über das offene Meer hinfegte, zögerte ein wenig, wenn er den alten Bäumen begegnete, welche an den Gräbern Wache hielten, und wehete dann ſanft weiter durch die Myrthenhecke, welche alle in ihren glänzend grünen Ring eingeſchloſſen hielt. Einige Stunden waren vergangen, ſeitdem die letzten 216 Worte des Gebetes nach dem Einſenken des Sarges ge⸗ ſprochen worden. Der friſche Raſen lag ſchon auf den Erdſchollen und der alte Leichenſtein, auf welchem die Grabſchrift des Bergmanns ſtand, war wieder an ſeinem frühern Platze zu den Häupten des Grabes aufgerichtet worden. Roſamunde las ihrem Gatten die Inſchrift leiſe vor. Onkel Joſeph war ein wenig von ihnen hinweg⸗ gegangen, während Roſamunde auf dieſe Weiſe beſchäf⸗ tigt war, und allein an dem Fuße des Grabhügels nie⸗ dergekniet. Mit liebender Hand ſtreichelte und klopfte er den friſch aufgelegten Raſen— wie er oft Sara's Haar in den längſtvergangenen Tagen ihrer Jugend ge⸗ ſtreichelt— wie er ſpäter oft ihre Hand geklopft, als ihr Herz entmuthigt und ihr Haar ergraut war. „Sollen wir den alten verwitterten Buchſtaben, wie ſie jetzt daſtehen, noch einige neue Worte beifügen?“ fragte Roſamunde, als ſie die Inſchrift zu Ende geleſen hatte.„Es iſt noch leerer Raum auf dem Steine übrig. Sollen wir ihn vielleicht mit den Anfangsbuchſtaben des Namens meiner Mutter und dem Datum ihres Todes⸗ tages ausfüllen? Ich fühle etwas in meinem Herzen, was mir zu ſagen ſcheint, daß ich dies thun ſoll, aber nicht mehr.“ „So möge es auch ſein, Roſamunde“, ſagte ihr Gatte.„Dieſe kurze und einfache Inſchrift iſt die an⸗ gemeſſenſte und beſte.“ Roſamunde blickte, während Leonard dieſe Antwort gab, nach dem Fußende des Grabes und verließ ihn auf einen Augenblick, um ſich dem alten Manne zu nähern. 217 „Nehmen Sie meine Hand, Onkel Joſeph“, ſagte ſie, indem ſie ihn ſanft an der Schulter berührte.„Nehmen Sie meine Hand und laſſen Sie uns miteinander nach Hauſe zurückkehren.“ Er erhob ſich, während ſie noch ſprach, und ſah ſie zweifelhaft an. Die Spieluhr lag in ihrem abgenutzten Lederfutteral auf dem Grabe nahe an der Stelle, wo er gekniet hatte. Roſamunde hob ſie vom Graſe auf und hing ſie ihm um, wie er ſie ſtets zu tragen pflegte, wenn er auf der Reiſe war. Er ſeufzte ein wenig, in⸗ dem er Roſamunden dankte. „Mozart kann nun nicht mehr ſingen“, ſagte er.„Er hat nun ſein Lied der letzten aller meiner theuern An⸗ gehörigen vorgeſungen.“, „Sagen Sie nicht der letzten“, entgegnete Roſamunde, „ſagen Sie nicht der letzten, Onkel Joſeph, ſo lange ich noch lebe. Wird Mozart um meiner Mutter willen nicht auch mir vorſingen?“ Ein Lächeln— das erſte, welches ſie ſeit der Zeit ihrer Trauer geſehen— umſpielte zitternd ſeine Lippen. „Das iſt ein Troſt“, ſagte er;„ja fürwahr, es iſt ein Troſt für Onkel Joſeph, das zu hören.“ „Faſſen Sie meine Hand“, wiederholte ſie in ſanf⸗ tem Tone;„kommen Sie nun mit uns nach Hauſe.“ Er blickte ſehnſüchtig auf das Grab herab. „Ja, ich will Ihnen folgen, wenn Sie mir immer nach dem Thore vorangehen wollen“ Roſamunde faßte den Arm ihres Gatten und führte ihn nach dem Wege, der aus dem Kirchhof hinausführte. Als beide nicht mehr ſichtbar waren, kniete Onkel Joſeph wiederum am Fuße des Grabes nieder und drückte ſeine Lippen auf den friſchen Raſen. „Leb wohl, mein Kind“, flüſterte er und legte ſeine Wange einen Augenblick auf das Gras, ehe er ſich wie⸗ der erhob. Am Thore ſtand Roſamunde und wartete auf ihn. Ihre rechte Hand ruhte auf dem Arm ihres Gatten; ihre linke Hand ſtreckte ſie nach Onkel Joſeph aus. „Wie kühl die Luft iſt“, ſagte Leonard.„Wie an⸗ genehm klingt das Rauſchen des Meeres! In der That, es iſt heut ein ſchöner Sommertag.“ „Der herrlichſte und freundlichſte des ganzen Jahres“, ſagte Roſamunde.„Die einzigen Wolken am Himmel ſind glänzend und weiß; die einzigen Schatten auf dem Moor liegen leicht wie Eiderdaunen auf dem Heidekraut. Die Sonne ſtrahlt in ihrer goldenen Pracht und das Meer wirft ihr Bild aus ſeiner blauen Tiefe zurück. O, Lenny, wie ein ganz anderer Tag iſt es als jener ſchwüle, drückende und nebelige, wo wir den Brief in dem Myrthenzimmer fanden! Selbſt der ſchwarze Thurm unſeres alten Hauſes da drüben gewinnt neue Schönheit in der hellen Luft und ſcheint ſich mit ſeiner ſchönſten Erſcheinung angethan zu haben, um uns bei dem Beginn eines neuen Lebens willkommen zu heißen. Ich will es für Dich und Onkel Joſeph, wenn ich kann, zu einem glücklichen Leben machen— ſo glücklich wie der Sonnen⸗ ſchein, in welchem wir jetzt alle drei wandeln. Du ſollſt, ſo viel an mir liegt, Geliebter, niemals bereuen, eine Frau geheirathet zu haben, welche keinen perſönlichen Anſpruch auf die Ehre eines alten Familiennamens hat.“ — 2¹9. „Ich kann meine Vermählung niemals bereuen, Ge⸗ liebte“, ſagte Leonard,„denn ich kann niemals die Lehre vergeſſen, welche mein Weib mir gegeben.“ „Was für eine Lehre, Lenny?“ „Eine ſehr alte Lehre, Geliebte, die wir aber nie oft genug beherzigen können. Die höchſten Ehren, Roſa⸗ munde, ſind die, welche kein Zufall uns rauben kann— die Ehren, welche Liebe und Wahrheit uns verleihen!“ Ende. 5 2 — 5 0 — . 99 3 A 8 8 5 8 20 5 —₰ 8 38 6 * 24 d 2 „ * 4 1 4 4 7 4. — 4 3- *** 2 8 ₰ 5 —* — à8 55 “.4 8. “.. 4 1“