——yͤ— Leihbibliothek 3 von 3.— Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nl. Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe at auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 ———— Ein tiekes Geheimniss. Zweiter Band. Ein tiekes Geheimniss. Roman von Wilkie Collins, Verfaſſer von„Die Frau in Weiß“ ꝛc. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Anusgabe. Zweiter Band. Leipzig, Voigt& Günther. 1862. Erstes Bapitel. Eine Berathung. Am Morgen nach Miſtreß Jazeph's Weggange er⸗ reichte die Nachricht, daß ſie auf Mr. Frankland's Be⸗ fehl aus dem Tigerkopfe wieder fortgeſchickt worden, die Wohnung des Doctors von dem Gaſthauſe aus gerade in dem Augenblick, wo er ſich zum Frühſtück niederſetzte. Da dieſe Nachricht nicht zugleich von einer genügenden Erklärung der Urſache begleitet war, ſo wollte Doctor Orridge nicht glauben, daß Miſtreß Jazeph's Dienſt bei Miſtreß Frankland wirklich ſchon ſein Ende erreicht habe. Indeſſen, obſchon er der Nachricht keinen Glauben beimaß, ſo ward er doch in ſoweit dadurch beunruhigt, daß er ſein Frühſtück ſo ſchnell als möglich beendete und ſeinen Morgenbeſuch im Tigerkopfe beinahe zwei Stunden vor der Zeit machte, zu welcher ſeine Patientin ihn ge⸗ wöhnlich erwartete. Auf ſeinem Wege nach dem Gaſthauſe kam ihm einer der Kellner deſſelben entgegen. „Ich wollte eben mit einem Auftrage von Mr. Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 1 8— —— 2 Frankland zu Ihnen kommen, Sir“, ſagte der Kellner; „er wünſcht Sie ſobald als möglich zu ſprechen.“ „Iſt es denn wahr, daß Miſtreß Frankland's Wär⸗ terin vergangene Nacht auf Mr. Frankland's Befehl fort⸗ geſchickt worden iſt?“ fragte Doctor Orridge. „Ja, das iſt vollkommen wahr, Sir“, antwortete der Kellner. Der Doctor erröthete und fühlte ſich ſehr unan⸗ genehm berührt. Eins der koſtbarſten Dinge, die wir beſitzen— be⸗ ſonders wenn wir zufällig dem Stande der Aerzte an⸗ gehören— iſt unſere Würde. Doctor Orridge meinte, man hätte eigentlich erſt ihn zu Rathe ziehen ſollen, ehe man eine von ihm empfohlene Wärterin ohne Weiteres entließe. Pochte Mr. Frankland vielleicht auf ſeine Stellung als Gentleman von Vermögen? Dieſe Frage zu entſcheiden war jetzt noch nicht mög— lich, aber ſchon die Erwägung derſelben übte einen unter⸗ minirenden Einfluß auf die conſervativen Grundlagen von Doctor Orridge's Principien. Die Macht des Reichthums kann ungeſtraft vieles thun, aber ſie hat nicht das Recht, der guten Meinung eines Menſchen von ſich ſelbſt einen praktiſchen Widerſpruch entgegenzuſetzen. Niemals hatte der Doctor unehrerbietiger von Rang und Reichthümern gedacht; niemals war er ſich bewußt geweſen, mit ſo abſoluter Unparteilichkeit über republi⸗ kaniſche Grundſätze nachzudenken, als da er jetzt mürriſch ſchweigend dem Kellner nach Mr. Frankland's Zimmer folgte. „Wer iſt da?“ fragte Leonard, als er die Thür öffnen hörte. „Doctor Orridge, Sir“, ſagte der Kellner. „Guten Morgen, Sir“, ſagte Doctor Orridge mit ſelbſtbewußter Kürze und Vertraulichkeit. Mr. Frankland ſaß mit gekreuzten Beinen in einem Lehnſtuhl. Doctor Orridge wählte ſorgfältig ebenfalls einen Lehnſtuhl und kreuzte, ſobald er ſich niedergeſetzt hatte, die Beine ebenſo wie Mr. Frankland. Mr. Frankland's Hände ſtaken in den Taſchen ſeines Schlaf⸗ rocks. Doctor Orridge hatte keine Taſchen weiter als in ſeinen Rockſchößen, zu welchen er nicht deauuhn ge⸗ langen konnte. Dafür aber ſteckte er die Daumen in die Armlöcher ſeiner Weſte und behauptete ſich auf dieſe Weiſe gegen die inſolente Bequemlichkeitsliebe des Reich⸗ lhunn 8 Es machte— ſo merkwürdig beſchränkt iſt die Sphäre der hrnehmung eines Menſchen, wenn er ſeine eigene L verfechten bemüht iſt— für ihn keinen Unterſchied, daß Mr. Frankland blind und folglich nicht im Stande war, durch das unabhängige Benehmen des Doctors betroffen gemacht zu werden. Die eigene Würde des Doctors ward jedenfalls in ſeiner eigenen Gegenwart behauptet, und dies war ihm ſchon genug. „Ich freue mich, daß Sie ſo zeitig kommen, Doctor“, ſagte Mr. Frankland.„Es hat ſich in der vergangenen Nacht etwas ſehr Unangenehmes hier ereignet. Ich mußte die neue Wärterin auf der Stelle wieder fort⸗ ſchicken!“ „Wirklich!“ entgegnete der Doctor, indem er Mr. 1* 4 Frankland's Gelaſſenheit eine erheuchelte Gleichgültigkeit entgegenſtellte.„Wirklich?“ „Wenn die Zeit mir erlaubt hätte, zu Ihnen zu ſchicken und Sie zu Rathe zu ziehen, ſo würde ich dies ſehr gern gethan haben“, fuhr Leonard fort.„Aber die Sache geſtattete keinen Aufſchub. Wir wurden alle durch ein heftiges Läuten der Klingel meiner Gattin erſchreckt. Ich ward in ihr Zimmer hinaufgeführt und fand ſie in einem Zuſtande der heftigſten Aufregung und Unruhe. Sie ſagte mir, ſie ſei durch die neue Wärterin auf fürch⸗ terliche Weiſe erſchreckt worden, erklärte ihre Ueberzeu⸗ gung, daß die Frau nicht recht bei Verſtande ſei und bat mich, ſie ſo ſchnell als möglich und ſo freundlich als möglich aus dem Hauſe zu ſchaffen. Was konnte ich unter dieſen Umſtänden thun?⸗ Allerdings konnte es ſcheinen, als hätte ich, indem ich ſo auf meine eigene Verantwortlichkeit hin handelte, die gebührende Rückſicht auf Sie aus den Augen geſetzt; aber meine Fra in einem ſolchen Zuſtande von Aufregung, wiſſen konnte, was die Folge ſein würde, wenn ich ihr widerſetzte oder die Sache hinausſchöbe, und u einmal die Schwierigkeit beſeitigt war, wollte ſie nicht zugeben, daß Sie ſo ſpät noch durch einen Ruf hierher geſtört würden. Ich bin überzeugt, lieber Doctor, Sie werden dieſe Erklärung in demſelben Geiſte aufnehmen, in welchem ich ſie Ihnen biete.“ Der Doctor begann ein wenig verlegen auszuſehen. Der maſſive Unterbau ſeiner Unabhängigkeit begann mürbe zu werden und unter ihm zu wanken. Er war ſchon wieder nahe daran, an die cultivirten feinen Manieren der reichen Klaſſen zu denken, ſeine Daumen glitten mechaniſch aus den Armlöchern ſeiner Weſte, und ehe er eg vecn wußte, was er that, ſtammelte er ſich durch die ausgewählteſten Irrgänge einer höflichen, ehr⸗ erbietigen Antwort hindurch. „Sie werden natürlich zu wiſſen wünſchen, was die neue Wärterin geſagt oder gethan hatte, daß meine Frau darüber ſo erſchrocken war“, fuhr Mr. Frankland fort. „Ich kann aber hierüber nichts Genaues mittheilen, denn meine Frau war in einem ſolchen Zuſtande nervöſer Aufregung, daß ich wirklich nicht wagte, ihr eine Er⸗ klärung abzuverlangen, und ich habe mit Fleiß auch dieſen Morgen noch damit gewartet, bis Sie kämen und mich zu ihr hinauf begleiten könnten. Sie haben ſich einer ſo großen Mühwaltung unterzogen, uns die Dienſte dieſes unglücklichen Weibes zu verſchaffen, daß Sie ein Recht darauf haben, nun, da ſie wieder fortgeſchickt wor⸗ alles zu hören, was gegen ſie angeführt werden betracht der Umſtände iſt meine Frau heute Morgen nicht ſo unwohl wie ich fürchtete, daß ſie ſein würde. Sie erwartet, mich mit Ihnen zu ſehen, und wenn Sie mir freundlichſt Ihren Arm leihen wollen, ſo wollen wir ſofort zu ihr hinaufgehen.“ Doctor Orridge that ſeine bis jetzt gekreuzten Beine ſofort voneinander, erhob ſich raſch und ging ſogar ſo weit, daß er willkürlich eine Verbeugung machte. Man darf nicht glauben, daß er, während er auf dieſe Weiſe handelte, ſeine Unabhängigkeit compromittirt und von reichen Leuten in einem allzuhaſtigen Geiſte der Zuſtim⸗ mung und Billigung gedacht hätte. Als er mechaniſch ——————. —— ſeine Verbeugung machte und in dieſem Augenblicke ver⸗ gaß, daß Mr. Frankland gar nicht im Stande war, dieſe Art Huldigung zu würdigen, dachte er blos auf die uneigennützigſte und abſtracteſte Weiſe an vornehmes Blut— an die feine Lebensart, die demſelben gleichſam innewohnte— und an den unergründlichen Werth, der dadurch Worten verliehen ward, welche in dem Munde gewöhnlicher Leute ganz ſchlicht und alltäglich klingen. Doctor Orridge beſaß— und die Gerechtigkeit gegen ihn verlangt, daß wir dies hier erwähnen— die meiſten der Tugenden ſeines Standes, beſonders jene weit ver⸗ breitete Tugend, welche die Leute abhält, ſich in ihren Meinungen durch perſönliche Rückſichten auf ernſte Weiſe beſtimmen zu laſſen. Wir haben alle unſere Fehler, es iſt aber wenigſtens ein Troſt zu bedenken, wie wenige von unſern liebſten Freunden— um von uns ſelbſt zu ſchweigen— ſich jemals einer ſolchen Schwäche machen. 3 8 Als man in Miſtreß Frankland's Zimmer trat, ſah der Doctor auf den erſten Blick, daß in ihrem Befinden in Folge der Ereigniſſe des vergangenen Abends eine Aenderung, aber keineswegs zum Guten, eingetreten war. Er bemerkte, daß das Lächeln, womit ſie ihren Gatten begrüßte, das matteſte und wehmüthigſte war, welches er je auf ihrem Geſicht geſehen. Ihre Augen ſahen trüb und ermüdet aus, ihre Haut war trocken, ihr Puls unregelmäßig. Es war klar, daß ſie eine ſchlafloſe Nacht zugebracht und daß ihr Gemüth nicht ruhig war. Sie beantwortete die Fragen ihres ärztlichen Bei⸗ * 7 ſtandes ſo kurz als möglich und brachte das Geſpräch dann ſofort auf Miſtreß Jazeph. „Sie haben wohl gehört, was geſchehen iſt“, ſagte ſie zu dem Arzte.„Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie tief es mich bekümmert. Meine Handlungsweiſe muß Ihren Augen ſowohl als denen der armen, unglück⸗ lichen Wärterin als die Handlungsweiſe einer eigenſin⸗ nigen, gefühlloſen Perſon erſcheinen. Ich möchte weinen vor Kummer und Verdruß, wenn ich bedenke, wie un⸗ überlegt ich war und wie wenig Muth ich zeigte. O, Lenny, es iſt furchtbar, das Gefühl irgend eines Men⸗ ſchen zu verletzen— dieſe unglückliche, hülfloſe Frau aber ſo zu kränken, wie wir ſie gekränkt, ihr ſo bittere Thränen ausgepreßt, ihr eine ſolche Demüthigung be⸗ reitet zu haben—“ „Meine liebe Roſamunde“, unterbrach Mr. Frank⸗ land,„Du beklagſt die Wirkungen, vergiſſeſt aber ganz die Urſachen. Bedenke, in welch einem Zuſtande von Angſt und Schrecken ich Dich antraf— ganz gewiß mußte ein Grund dazu vorhanden ſein. Bedenke auch, wie feſt Du die Ueberzeugung ausſprachſt, daß die Frau nicht recht bei Sinnen ſei. Du haſt doch in dieſem Punkte Deine Anſicht nicht etwa ſchon geändert?“ „Eben dieſe Meinung, Geliebter, hat mich die ganze Nacht gepeinigt und beunruhigt. Ich kann ſie nicht än⸗ dern; ich fühle mich mehr als je überzeugt, daß es mit dem Verſtande des armen Weibes nicht richtig ſein kann — und dennoch, wenn ich bedenke, wie gutmüthig ſie hierher kam, um mir beizuſtehen, und wie eifrig bedacht ſie zu ſein ſchien, ſich nützlich zu machen, kann ich nicht umhin, mich meines Argwohns zu ſchämen. Ich kann nicht umhin, mir Vorwürfe darüber zu machen, daß ich die Urſache ihrer Entlaſſung geſtern Abend geweſen bin. Lieber Doctor, bemerkten Sie etwas in Miſtreß Jazeph's Geſicht oder Benehmen, was Sie bewog zu zweifeln, ob ihr Verſtand ſo geſund ſei als er ſein ſollte?“ „Durchaus nicht, Miſtreß Frankland, ſonſt würde ich ſie nicht hierhergebracht haben. Ich würde mich allerdings nicht gewundert haben zu hören, daß ſie plötzlich krank geworden, oder daß ſie von einem Nerven⸗ krampf befallen worden ſei, oder daß irgend ein kleiner Unfall, der ſonſt niemanden erſchreckt haben würde, ſie ernſthaft erſchreckt habe; jetzt aber zu hören, daß ſie an einer Störung ihrer Geiſteskräfte leide, dies überraſcht mich, wie ich geſtehen muß, nicht wenig.“ „Könnte ich mich geirrt haben!“ rief Roſamunde, in⸗ dem ihr Blick verlegen und ſelbſt mißtrauiſch von dem Doctor auf ihren Gatten ſchweifte.„Lenny! Lenny! Wenn ich mich geirrt habe, dann werde ich mir niemals verzeihen!“ „Aber willſt Du uns nicht erzählen, liebes Kind, was Dich eigentlich bewog zu glauben, ſie ſei nicht recht bei Verſtande?“ fragte Mr. dunüliandee Noſainuide zögerte. „Dinge, die in unſern Gedanken groß erſcheinen“, ſagte ſie endlich,„ſcheinen oft ſo klein zu werden, wenn wir ſie in Worte kleiden. Ich verzweifle faſt daran, Dir begreiflich machen zu können, welchen guten Grund ich hatte zu erſchrecken, und dann fürchte ich, daß ich, ———-::::— 9 indem ich mir ſelbſt Gerechtigkeit widerfahren laſſe, vielleicht ungerecht gegen die arme Wärterin bin.“ „Erzähle Deine Geſchichte nur nach Deiner Weiſe, liebe Roſamunde, und Du wirſt ſie dann gewiß richtig und angemeſſen erzählen“, ſagte Mr. Frankland. „Und vergeſſen Sie nicht“, ſetzte der Doctor hinzu, „daß ich auf meine Meinung von Miſtreß Jazeph durch⸗ aus kein Gewicht lege. Ich hatte nicht Zeit genug, mir eine ſolche zu bilden; Ihre Gelegenheiten, dieſe Perſon zu beobachten, ſind weit zahlreicher geweſen als die mei⸗ nigen.“ Auf dieſe Weiſe ermuthigt, erzählte Roſamunde ſchlicht und einfach Alles, was in ihrem Zimmer am vorigen Abend bis zu dem Augenblick geſchehen, wo ſie die Augen geſchloſſen und die Wärterin ſich ihrem Bett hatte nähern hören. Ehe ſie die außerordentlichen Worte wiederholte, welche Miſtreß Jazeph ihr ins Ohr geflüſtert, machte ſie jedoch eine Pauſe und ſah ihren Gatten aufmerkſam an. „Warum hältſt Du inne?“ fragte Mr. Frankland. „Ich fühle mich noch ganz aufgeregt und befangen, Lenny, wenn ich an die Worte denke, welche die Wär⸗ terin unmittelbar zuvor, ehe ich die Klingel zog, zu mir ſagte.“ „Nun, was ſagte ſie denn? War es vielleicht etwas, was Du nicht gern nachſagen möchteſt?“ „O nein; es liegt mir im Gegentheil ſehr viel daran, es zu wiederholen und zu hören, was es nach Deiner Anſicht bedeutet. Wie ich Dir ſoeben erzählte, Lenny, hatten wir von Porthgenna geſprochen und von meiner Abſicht, die nördlichen Zimmer zu unterſuchen, ſobald als ich dorthin käme, und ſie hatte viele Fragen in Bezug auf das alte Haus gethan, denn ſie ſchien ſich, wenn man bedenkt, daß ſie doch dort nicht bekannt iſt, auf ganz unerklärliche Weiſe dafür zu intereſſiren.“ „Nun, und?“ „Nun, als ſie an das Bett trat, kniete ſie dicht neben mir nieder und flüſterte plötzlich:«Wenn Sie nach Porthgenna gehen, ſo hüten Sie ſich vor dem Myrthen⸗ zimmer.-“ Mr. Frankland ſtutzte. „Gibt es denn ein ſolches Zimmer in Porthgenna?“ fragte er begierig. „Ich habe nie etwas davon gehört“, ſagte Roſamunde. „Wiſſen Sie das gewiß?“ fragte Doctor Orridge. Bis dieſen Augenblick hatte er im Stillen die Vermuthung gehegt, Miſtreß Frankland ſei, bald nachdem er ſie am Abend zuvor verlaſſen, eingeſchlafen und die Geſchichte, welche ſie jetzt mit der aufrichtigſten Ueberzeugung von der Wirklichkeit derſelben erzählte, ſei in der That weiter nichts als eine Reihe von durch einen Traum erzeugten lebhaften Eindrücken. „Ich weiß gewiß, daß ich niemals von einem ſolchen Zimmer gehört habe“, entgegnete Roſamunde.„Ich ver⸗ ließ Porthgenna, als ich fünf Jahre alt war und hatte damals nie etwas davon gehört. Mein Vater ſprach in ſpätern Jahren oft von dem Hauſe, aber ich weiß gewiß, daß er keins der Zimmer bei einem beſondern Namen nannte, und ich kann daſſelbe von Deinem Vater ſagen, Lenny, ſo oft ich, nachdem er das Schloß ge⸗ kauft, in ſeiner Geſellſchaft war. Ueberdies mußt Du — 1 —— —— 11 Dich doch auch entſinnen, daß, als der Baumeiſter, den wir hinſchickten, um die Gebäude zu beſichtigen, Dir jenen Brief ſchrieb, er ſich beklagte, daß an den ver⸗ ſchiedenen Schlüſſeln keine Namen der Zimmer zu finden wären, um ſich beim Oeffnen der Thüren danach richten zu können, und daß ihm auch in Porthgenna ſelbſt nie⸗ mand hierüber Auskunft geben könnte. Wie könnte ich jemals von dem Myrthenzimmer gehört haben? Wer hätte mir etwas davon ſagen ſollen?“ Doctor Orridge begann eine verlegene Miene zu zeigen. Es ſchien doch keineswegs ſo ganz ausgemacht zu ſein, daß Miſtreß Frankland blos geträumt hatte. „Ich habe ſeitdem an gar nichts weiter gedacht“, ſagte Roſamunde in leiſem, flüſterndem Tone zu ihrem Gatten.„Ich kann dieſe geheimnißvollen Worte nicht aus den Gedanken bringen. Fühle an mein Herz, Lenny, — es ſchlägt ſchon davon, daß ich ſie Dir wiederhole, ſchneller als gewöhnlich. Es ſind ſo ſeltſame, ſonderbare Worte. Was meinſt Du wohl, was ſie bedeuten?“ „Wer iſt die Frau eigentlich, die ſie geſprochen?— Dies iſt die wichtigſte Frage“, bemerkte Mr. Frankland. „Aber warum ſagte ſie dieſe Worte zu mir? Dies iſt es, was ich wiſſen möchte— dies iſt es, was ich wiſſen muß, wenn ich mich jemals in meinem Gemüth wieder ruhig fühlen ſoll.“ „Nur ſachte, Miſtreß Frankland, ſachte!“ ſagte der Doctor.„Um Ihres Kindes ſowohl als um Ihrer ſelbſt willen bitte ich Sie, ruhig zu ſein und dieſes aller⸗ dings ſehr geheimnißvolle Ereigniß ſo gelaſſen zu be⸗ trachten wie Sie können. Wenn irgend welche Bemühungen von meiner Seite über dieſe ſeltſame Frau und ihr noch ſeltſameres Benehmen Licht verbreiten können, ſo ſoll es daran nicht fehlen. Ich werde heute wieder bei ihrer Herrin ſein, um eins der Kinder zu beſuchen, und ver⸗ laſſen Sie ſich darauf, ich will auf die eine oder die andere Weiſe Miſtreß Jazeph dahin bringen, daß ſie ſich näher erklärt. Ihre Herrin ſoll jedes Wort hören, welches Sie mir erzählt haben, und ich kann Ihnen ver⸗ ſichern, ſie iſt ganz die geradezugehende, offene, ent⸗ ſchloſſene Frau, welche darauf beſtehen wird, daß das Geheimniß ſofort aufgeklärt werde.“ Roſamunde's trübe Augen gewannen bei dieſem Er⸗ bieten des Doctors neuen Glanz. „Ja, gehen Sie ſogleich hin, lieber Doctor!“ rief ſie.„Gehen Sie ſogleich.“ „Ich habe erſt noch in der Stadt eine Menge Be⸗ ſuche zu machen“, ſagte der Doctor, über Miſtreß Frank⸗ land's Ungeduld lächelnd. „Nun, ſo beginnen Sie damit, ohne einen Augen⸗ blick zu ſäumen“, ſagte Roſamunde.„Der Kleine iſt vollkommen wohl und ich bin auch vollkommen wohl— wir brauchen Sie keinen Augenblick aufzuhalten. Und, lieber Doctor, ich bitte Sie, ſeien Sie gegen die arme Frau ſo freundlich und rückſichtsvoll als möglich und ſagen Sie ihr, es wäre mir nicht eingefallen, ſie fort⸗ zuſchicken, wenn ich nicht ſo erſchrocken wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was ich that. Sagen Sie ihr auch, wie leid es mir heute thut und ſagen Sie—“ „Liebe Roſamunde, wenn die Frau wirklich nicht recht bei Verſtande iſt, was könnte es dann nützen, ſie —————--ꝰ——— mit allen dieſen Entſchuldigungen zu überhäufen?“ unter⸗ brach Mr. Frankland.„Es wird weit zweckmäßiger ſein, wenn der Doctor in unſerm Namen ihre Herrin um Entſchuldigung bittet und ſich gegen dieſe erklärt.“ „Ja, gehen Sie! Machen Sie nicht noch hier lange Worte— ich bitte Sie, gehen Sie ſogleich!“ rief Roſa⸗ munde, als der Doctor auf Mr. Frankland's Bemerkung antworten wollte. „Fürchten Sie nichts— es ſoll keine Zeit verloren werden“, ſagte Doctor Orridge, indem er die Thür öffnete.„Aber vergeſſen Sie nicht, Miſtreß Frankland, ich erwarte, daß Sie Ihren Geſandten, wenn er von ſeiner Miſſion zurückkehrt, belohnen, indem Sie ihm zeigen, daß Sie ein wenig ruhiger und gefaßter ſind als ich Sie heute Morgen finde.“ Mit dieſer letzten Mahnung nahm der Doctor Abſchied. „Wenn Sie nach Porthgenna gehen, ſo hüten Sie ſich vor dem Myrthenzimmer“, wiederholte Mr. Frank⸗ land nachdenklich.„Das ſind ſehr ſeltſame Worte, Roſamunde. Wer kann dieſe Frau möglicherweiſe ſein? Sie iſt uns beiden vollkommen fremd. Wir ſind durch reinen Zufall mit ihr in Berührung gekommen und wir finden, daß ſie in Bezug auf unſer Haus etwas weiß, wovon wir ſelbſt beide durchaus keine Kenntniß gehabt haben, bis es ihr beliebte zu ſprechen.“ „Aber die Warnung, Lenny, die Warnung, die ſo ausdrücklich und geheimnißvoll an mich gerichtet ward! Ach, wenn ich doch ſofort einſchlafen könnte, um nicht eher wieder zu erwachen als bis der Doctor zurückkommt.“ 14 „Liebe Roſamunde, bemühe Dich, nicht allzugewiß darauf zu rechnen, daß wir ſelbſt dann Aufklärung er⸗ halten. Die Frau kann ſich ja leicht weigern, ſich gegen irgend jemand zu erklären.“ „Deute eine ſolche Täuſchung meiner Erwartung auch nicht nur an, Lenny, ſonſt fühle ich mich verſucht auf⸗ zuſtehen und ſelbſt zu ihr zu gehen, um ſie zu befragen.“ „Auch wenn Du aufſtehen und ſie befragen könnteſt, Roſamunde, würdeſt Du es doch vielleicht unmöglich finden, ihr eine Antwort abzulocken. Es iſt möglich, daß ſie ſich vor gewiſſen Folgen fürchtet, die wir nicht vorausſehen können, und in dieſem Falle kann ich blos wiederholen, daß es mehr als wahrſcheinlich iſt, ſie werde ſich auf gar keine Erklärung einlaſſen, oder vielleicht ihre eigenen Worte ganz kaltblütig in Abrede ſtellen.“ „Dann, Lenny, wollen wir ſie ſelbſt auf die Probe ſtellen.“ „Und wie könnten wir dies thun?“ „Dadurch, daß wir, ſobald ich es im Stande bin, unſere Reiſe nach Porthgenna fortſetzen, und wenn wir dort ſind, keinen Stein umgewendet laſſen, bis wir entdeckt haben, ob es in dem alten Hauſe ein Zimmer gibt, welches zu irgend einer Zeit ſeines Beſtehens unter dem Namen des Myrthenzimmers bekannt war.“ „Und geſetzt, es ſollte ſich ergeben, daß ein ſolches Zimmer vorhanden iſt?“ fragte Mr. Frankland, indem er den Einfluß des Enthuſiasmus ſeiner Gattin zu füh⸗ len begann. „Wenn dies ſich ergibt“, ſagte Roſamunde, indem ihre Stimme lauter ward und ihr Geſicht von ſeiner g⸗ * ———————— 15 gewohnten Lebhaftigkeit zu ſtrahlen begann,„wie kannſt Du zweifeln, was dann geſchehen werde? Bin ich nicht ein Weib? Und iſt mir nicht verboten worden, das Myrthenzimmer zu betreten? Lenny! Lenny! Kennſt Du meine Hälfte der Menſchheit ſo wenig, daß Du fragſt, was ich in dem Augenblick, wo man das Zimmer ent⸗ deckte, thun würde? Mein guter Lenny, ganz natürlich würde ich ſofort hineingehen!“ R Sweites Bnpitel. Eine abermalige AUeberraſchung. Trotz aller Eile, welche Doctor Orridge anwendete, ward es doch ein Uhr nachmittags, ehe ſeine Berufs⸗ pflichten ihm geſtatteten, ſich in ſeiner einſpännigen Chaiſe auf den Weg nach Miſtreß Norbury's Haus zu begeben. Er fuhr ſo raſch, daß er den halbſtündigen Weg in zwanzig Minuten zurücklegte. Der Diener, welcher das raſche Heranfahren der Chaiſe gehört hatte, öffnete die Hausthür in demſelben Augenblick, wo das Pferd angehalten ward, und kam dem Doctor mit ſchadenfrohem Lächeln entgegen. „Nun“, ſagte der Doctor, indem er in das Haus hineineilte,„Ihr waret wohl geſtern Abend ein wenig überraſcht, als die Haushälterin wiederkam?“ „Ja, Sir, wir waren allerdings überraſcht, als ſie geſtern Abend wiederkam“, antwortete der Diener,„aber noch mehr überraſcht waren wir, als ſie heute Morgen wieder fortging.“* 17 „Fortging? Ihr wollt damit doch nicht etwa ſagen, ſie ſei nicht mehr hier?“ „Freilich will ich das ſagen, Sir. Sie hat ihren Dienſt verloren und iſt fort für immer.“ Der Diener lächelte wieder, indem er dieſe Bemer⸗ kung machte, und die Hausmagd, welche, während er ſprach, zufällig die Treppe herunterkam und hörte, was er ſagte, lächelte auch. Miſtreß Jazeph hatte augen⸗ ſcheinlich bei dem übrigen Dienſtperſonale in keiner großen Gunſt geſtanden. Doctor Orridge war vor Erſtaunen nicht im Stande, weiter ein Wort hervorzubringen. Da der Diener keine weiteren Fragen thun hörte, ſo öffnete er die Thür des Frühſtückszimmers und der Doctor trat herein. Miſtreß Norbury ſaß in der Nähe des Fenſters, in ſtarr aufrechter Haltung und beobachtete unbeugſam das Thun und Treiben ihres kranken Töchterchens über einer Schüſſel Hafergrützſchleim. „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, ehe Sie noch den Mund aufthun“, hob die mit der Sprache gerade herausgehende Dame an.„Aber ſehen Sie erſt das Kind an und ſagen Sie, wie es mit dieſem ſteht, ehe Sie auf ein anderes Thema übergehen.“ Der Zuſtand des Kindes ward unterſucht, als ein in raſch fortſchreitender Beſſerung begriffener erklärt und die Kleine dann von der Wärterin fortgetragen, damit ſie ſich ein wenig niederlegen und ausruhen möchte. Sobald als die Thür des Zimmers ſich geſchloſſen hatte, redete Miſtreß Norbury den Doctor ſofort an Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 2 4 4 18 und unterbrach ihn zum zweiten Male, gerade als er im Begriff ſtand zu ſprechen. „Nun, Doctor“, begann ſie,„ich will Ihnen gleich von vorn herein etwas ſagen. Ich bin eine ſehr gerechte Frau und zanke mich nicht mit Ihnen. Sie ſind die Urſache, daß ich von drei Perſonen mit der keckſten Un⸗ verſchämtheit behandelt worden bin— aber Sie ſind die unſchuldige Urſache und deshalb mache ich Ihnen kei⸗ nen Vorwurf.“ „Ich weiß in der That nicht“, entgegnete der Doctor,„ich weiß wirklich nicht,— ich verſichere Ihnen—“ „Sie wiſſen nicht, was ich meine?“ unterbrach ihn Miſtreß Norbury.„Ich will es Ihnen ſogleich ſagen. Waren Sie nicht die urſprüngliche Urſache, daß ich meine Haushälterin als Wärterin zu Miſtreß Frankland ſchickte?“ „Ja“, antwortete der Doctor, denn nun konnte er nicht zögern, dies zuzugeſtehen. „Nun gut“, fuhr Miſtreß Norbury fort,„und die Folge davon iſt geweſen, daß ich, wie ich ſchon vor⸗ hin ſagte, von nicht weniger als drei Perſonen mit bei⸗ ſpielloſer Unverſchämtheit behandelt worden bin. Mi⸗ ſtreß Frankland ſetzt ſich eine abgeſchmackte Grille in den Kopf und ſtellt ſich, als wäre ſie durch die Haus⸗ hälterin in Schrecken geſetzt worden. Der Gemahl die⸗ ſer Dame entwickelt eine unverſchämte Bereitwilligkeit, auf die Grille einzugehen, und ſchickt mir meine Haus⸗ hälterin wieder wie einen falſchen Schilling, und drit⸗ tens, was das ſchlimmſte von allen iſt, meine Haus⸗ ———y’’ 19 hälterin ſelbſt beleidigt mich ſobald ſie zurückkommt ins Geſicht— beleidigt mich, Doctor, dermaßen, daß ich ihr befehle, binnen zwölf Stunden das Haus zu ver⸗ laſſen. Fangen Sie nicht an, ſich zu vertheidigen, Doc⸗ tor! Ich weiß alles; ich weiß, daß Sie mit dem Fort⸗ ſchicken meiner Haushälterin nichts zu thun gehabt haben und ich habe das auch nicht behauptet. Alles Unheil was Sie angerichtet haben, iſt unverſchuldetes Unheil. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, bedenken Sie das wohl, was Sie auch thun mögen, Doctor Orridge, bedenken Sie dies!“ „Ich hatte durchaus nicht die Abſicht, mich zu ver⸗ theidigen“, entgegnete der Doctor, als ihm endlich ver⸗ gönnt war zu ſprechen,„denn ich bin meinerſeits eben⸗ ſo feſt überzeugt, als Sie Ihrerſeits ſein können, Miſtreß Norbury, daß ich in keiner Weiſe zu tadeln bin. Ich wollte blos ſagen, daß Sie mich über alles Erwarten in Erſtaunen ſetzen, wenn Sie mir mittheilen, daß Mi⸗ ſtreß Jazeph Ihnen mit Unhöflichkeit begegnet iſt.“ „Unhöflichkeit!“ rief Miſtreß Norbury.„Sprechen Sie nicht von Unhöflichkeit— das iſt nicht das richtige Wort. Unverſchämtheit iſt das rechte Wort— die frechſte, keckſte Unverſchämtheit. Als Miſtreß Jazeph in jener Chaiſe aus dem Tigerkopf zurückkam, war fie ent⸗ weder betrunken oder verrückt. Reißen Sie die Augen auf wie Sie wollen, Doctor; ſie war entweder das eine oder das andere, oder auch ein Gemiſch von beidem. Sie haben ſie geſehen?— Sie haben mit ihr geſpro⸗ chen— würden Sie wohl ſagen, es ſei von ihr zu erwarten geweſen, daß ſie Ihnen wild ins Geſicht ſehen 2* und in dem Augenblicke, wo Sie mit ihr ſprächen, Ihnen geradezu widerſprechen würde?“ „Nein, ich würde ſagen, daß ſie die allerletzte Per⸗ ſon in der Welt wäre, von der man ſich eines ſolchen ungebührlichen Benehmens verſehen könnte“, antwortete der Doctor. „Sehr gut. Nun hören Sie, was geſchah, als ſie vorige Nacht zurückkam“, ſagte Miſtreß Norbury.„Sie kam gerade hier an, als wir die Treppe hinaufgingen, um uns zu Bett zu legen. Natürlich war ich nicht wenig erſtaunt und rief ſie in mein Zimmer, um mir die Sache erklären zu laſſen. In dieſem meinen Ver⸗ fahren lag ſicherlich nichts ſehr Unnatürliches, ſollte ich meinen. Ich bemerkte, daß ihre Augen geſchwollen und roth waren, daß ſie ganz auffallend verſtört und ſonder⸗ bar ausſah, aber ich ſagte nichts, ſondern wartete auf die Erklärung. Sie hatte mir aber weiter nichts zu ſagen, als daß etwas, was ſie unabſichtlich geſagt oder gethan, Miſtreß Frankland erſchreckt, und daß der Gatte dieſer Dame ſie deswegen auf der Stelle fortgeſchickt habe. Ich glaubte dies anfangs nicht, was, wie ich denke, ebenfalls ſehr natürlich war— ſie beharrte aber auf ihrer Geſchichte und beantwortete alle meine Fragen damit, daß ſie erklärte, ſie könne mir nichts weiter ſagen.«Alſo», ſagte ich,«ich ſoll glauben, daß nach⸗ dem ich mir die Unbequemlichkeit auferlegt, Euch zu beurlauben, und nachdem Ihr Euch die Unbequemlich⸗ keit gemacht, das Amt der Wärterin zu übernehmen, ich mich beleidigen laſſen ſoll, und daß Ihr Euch be⸗ leidigen laſſen ſollt, indem man Euch von Miſtreß .— ——=y—————————— 21— Frankland noch an demſelben Tage, wo Ihr zu ihr ge⸗ kommen, wieder fortgeſchickt, weil ſie ſich zufällig eine Grille in den Kopf ſetzt?y—„Ich habe Miſtreß Frank⸗ land nicht beſchuldigt, daß ſie ſich eine Grille in den Kopf geſetzt habey, ſagt Miſtreß Jazeph und ſtierte mir gerade ins Geſicht, mit einem Blicke, wie ich ihn nach meiner ganzen fünfjährigen Erfahrung noch niemals in ihren Augen geſehen.—«Was meint Ihr?“ fragte ich ſie, indem ich ihr, wie Sie denken konnte, ihren Blick zurückgab. Habt Ihr ſo wenig Ambition, die Behand⸗ lung, die Euch widerfahren, als eine Ehre zu betrach⸗ ten?“—„Ich bin ſo gerecht», entgegnete Miſtreß Ja⸗ zeph blitzſchnell und mich immer noch mit demſelben Blicke anſtierend,«ich bin ſo gerecht, Miſtreß Frank⸗ land nicht zu tadeln.)— So? Ach, ſeht doch!» ſagte ich;«dann kann ich Euch weiter nichts ſagen, als daß ich die Beleidigung fühle, wenn auch Ihr ſie nicht fühlt und daß ich Miſtreß Frankland's Handlungsweiſe als die Handlungsweiſe eines ungebildeten, unverſchäm⸗ ten, launenhaften, gefühlloſen Weibes betrachte.)— Miſtreß Jazeph kommt einen Schritt auf mich zu— ſie kommt einen Schritt auf mich zu, ich gebe Ihnen mein Wort darauf— und ſagt ganz deutlich und ver⸗ nehmlich die Worte: Miſtreß Frankland iſt weder un⸗ gezogen, noch unverſchämt, noch launenhaft oder gefühl⸗ los.)— Habt Ihr die Abſicht mir zu widerſprechen, Miſtreß Jazeph?» fragte ich.—«Ich habe die Abſicht, Miſtreß Frankland gegen ungerechte Beſchuldigungen zu vertheidigenn, entgegnete ſie.— Dies waren ihre Worte, Doctor— ich verſichere Ihnen auf meine Ehre, daß dies buchſtäblich ihre Worte waren.“ Das Geſicht des Doctors gab das größte Erſtaunen zu erkennen. Miſtreß Norbury betrachtete ihn mit einem Blick ruhigen Triumphes und fuhr fort: „Ich gerieth in die heftigſte Entrüſtung— ich ge⸗ ſtehe dies unumwunden, Doctor— aber ich beherrſchte mich.«Miſtreß Jazephy, ſagte ich,«das iſt eine Sprache, an die ich nicht gewöhnt bin und die ich nicht aus Eurem Munde zu hören erwartet hätte. Warum Ihr Euch die Aufgabe ſtellt, Miſtreß Frankland zu vertheidigen, ob⸗ ſchon ſie uns beide mit Verachtung behandelt hat, und mir zu widerſprechen, weil ich dies rüge, weiß ich nicht und mag es auch nicht wiſſen. Wohl aber muß ich Euch offen ſagen, daß ich von jeder Perſon, die in mei⸗ nem Dienſte ſteht, von der Wirthſchafterin an bis zur Scheuermagd, verlange, daß man ehrerbietig mit mir ſpreche. Jeden andern Dienſtboten in dieſem Hauſe, der ſich ſo gegen mich benommen hätte, wie Ihr Euch jetzt benehmt, würde ich auf der Stelle den Dienſt ge⸗ kündigt haben.“— Sie wollte mich hier unterbrechen, aber ich geſtattete es nicht.— Nein), ſagte ich, gjetzt habt Ihr mir noch nichts zu ſagen; erſt müßt Ihr mich ausreden laſſen. Jeder andere Dienſtbote, ſage ich noch⸗ mals, hätte morgen früh dieſes Haus verlaſſen müſſen, gegen Euch aber will ich mehr als gerecht ſein. Ich will auf Euer fünfjähriges gutes Verhalten in meinem Dienſte Rückſicht nehmen. Ich will Euch dieſe Nacht Zeit laſſen, Euch zu beſinnen und zu bedenken, was ——— 1s zwiſchen uns ſtattgefunden hat. Erſt morgen früh wer⸗ det Ihr Euch auf angemeſſene Weiſe bei mir entſchul⸗ digen.) Sie ſehen, Doctor, daß ich entſchloſſen war, gerecht und gütig zu handeln. Ich war bereit, Rück⸗ ſichten zu nehmen, aber was glauben Sie wohl, was die Perſon mir entgegnete?—«Ich bin bereit, Sie um Entſchuldigung zu bitten, daß ich Sie beleidigt habe, Madamey, ſagte Sie,«und zwar ſofort; mag es aber nun heute Abend oder morgen früh ſein, ſo kann ich nicht dabeiſtehen und ſchweigen, wenn Miſtreß Frankland beſchuldigt wird, ſich unfreundlich oder unhöflich, oder unangemeſſen gegen mich oder gegen ſonſt jemanden be⸗ nommen zu haben.“—«Sagt Ihr mir dies mit voller Ueberlegung, Miſtreß Jazeph?» fragte ich.—„Ich ſage es Ihnen aufrichtig, Madamey, antwortete ſie,«und ich bedauere ſehr, daß ich genöthigt bin es zu thun.) — O bitte, bemüht Euch nicht, etwas zu bedauernd, entgegnete ich, odenn Ihr könnt Euch als Eures Dien⸗ ſtes entlaſſen betrachten. Ich werde den Verwalter beauf⸗ tragen, Euch morgen in aller Frühe anſtatt monatlicher Kündigung den gewöhnlichen Monatslohn auszuzahlen, und bitte, daß Ihr dann das Haus ſo bald als mög⸗ lich verlaßt.—«„Ich werde Ihr Haus morgen ver⸗ laſſen, Madamey, ſagte ſie,«aber ohne erſt den Ver⸗ walter zu bemühen. Ich danke Ihnen für die bewieſene Güte, muß mich aber weigern, einen Monatslohn an⸗ zunehmen, den ich nicht durch einen Monat Arbeit ver⸗ dient habe.— Und mit dieſen Worten macht ſie ihr Compliment und geht hinaus. Das iſt Wort für Wort, 24 was zwiſchen uns ſtattfand, Doctor. Erklären Sie das Benehmen dieſer Frau nach Ihrer Weiſe, wenn Sie können. Ich ſage, es iſt völlig unbegreiflich, wenn Sie nicht mit mir dahin einverſtanden ſind, daß ſie entweder betrunken oder nicht recht bei Verſtande war, als ſie vorige Nacht hierher zurückkehrte.“ Der Doctor begann zu denken, daß, nach dem, was er ſoeben gehört, Miſtreß Frankland's Argwohn in Bezug auf die neue Wärterin nicht ganz ſo ungegründet wäre, als er anfangs geneigt geweſen ihn zu betrachten. Er enthielt ſich jedoch weislich, die Sache dadurch, daß er ſeinen Gedanken Worte liehe, noch mehr zu ver⸗ wickeln, und nachdem er Miſtreß Norbury einige un⸗ beſtimmte höfliche Worte entgegnet, bemühte er ſich, ihre Gereiztheit gegen Mr. und Miſtreß Frankland da⸗ durch zu beſchwichtigen, daß er ihr verſicherte, er käme als Ueberbringer von Entſchuldigungen wegen des an⸗ ſcheinenden Mangels an Artigkeit und Rückſicht, deſſen ſich die jungen Eheleute in Folge unvermeidlicher Um⸗ ſtände ſchuldig gemacht. Die beleidigte Dame wollte ſich jedoch durchaus nicht begütigen laſſen. Sie ſtand auf und machte mit würde⸗ voller Miene eine ſtolze Handbewegung. „Ich kann kein Wort weiter von Ihnen anhören, Doc⸗ tor“, ſagte ſie.„Ich kann keine Entſchuldigungen anneh⸗ men, die indirect gemacht werden. Wenn Mr. Frankland ſelbſt kommen und wenn Miſtreß Frankland ſich herab⸗ laſſen will, an mich zu ſchreiben, dann bin ich bereit, die Sache zu vergeſſen. Unter allen andern Umſtänden aber muß ich mir erlauben, meine gegenwärtige Meinung ₰ 25 ſowohl von der Dame als dem Herrn beizubehalten. Sagen Sie kein Wort weiter und haben Sie die Güte, mich zu entſchuldigen, wenn ich Sie verlaſſe und in die Kinderſtube hinaufgehe, um zu ſehen, was mein Töchter⸗ chen macht. Ich freue mich zu hören, daß es Ihrem Ausſpruche nach beſſer mit ihr geht. Ich bitte, kommen Sie morgen oder übermorgen wieder, wenn es Ihnen paßt. Guten Morgen.“ Miſtreß Norbury's Benehmen machte dem Doctor in gewiſſer Beziehung Spaß, in anderer aber berührte der kurze Ton, in welchem ſie zu ihm ſprach, ihn un⸗ angenehm. Er blieb einige Minuten allein im Frühſtückszimmer zurück und wußte nicht recht, was er zunächſt thun ſollte. Er hatte jetzt faſt ebenſo viel Intereſſe daran, das Geheimniß von Miſtreß Jazeph's außerordentlichem Benehmen gelöſt zu ſehen, als Miſtreß Frankland ſelbſt und auf alle Fälle hatte er keine Luſt, in den Tigerkopf zurückzukehren und blos zu wiederholen, was Miſtreß Norbury ihm geſagt, ſo lange er nicht im Stande war die Erzählung dadurch zu vervollſtändigen, daß er Mr. und Miſtreß Frankland von der Richtung in Kenntniß ſetzte, welche die Haushälterin eingeſchlagen, nachdem ſie das Haus ihrer zeitherigen Dienſtherrſchaft ver⸗ laſſen. Nachdem er eine Weile nachgedacht, beſchloß er den Diener zu fragen, indem er von demſelben zu wiſſen wünſchte, ob ſeine Chaiſe bereit ſei. Auf den Ruf der Klingel erſchien der Diener und nachdem dieſer gemeldet, daß die Chaiſe bereit ſei, fragte Doctor Orridge, während er die Hausflur durchſchritt, ihn in gleichgültigem Tone, ob er wüßte, zu welcher Zeit des Vormittags Miſtreß Jazeph das Haus ver⸗ laſſen habe. „Gegen zehn Uhr, Sir“, antwortete der Diener, „als der Botenfuhrmann aus dem Dorfe vorbeikam, der alle Tage wegen des um elf Uhr abgehenden Zuges nach der Station fährt.“ „Dieſer nahm wohl ihre Koffer mit?“ fragte der Doctor. „Ja und ſie ſelbſt dazu“, ſagte der Diener ſchmun⸗ zelnd.„Sie mußte wenigſtens dieſes eine Mal in ihrem Leben in dem Karren eines Botenfuhrmanns fahren.“ Als der Doctor nach Weſt Winſton zurückkam, hielt er an der Eiſenbahnſtation an, um weitere Erkundigun⸗ gen einzuziehen, ehe er nach dem Tigerkopfe zurückkehrte. Es waren gerade zu dieſer Zeit keine Züge nach der einen oder andern Richtung hin zu erwarten. Der Stationsinſpector las die Zeitungen und der Portier gärtnerte an dem Abhange der Böſchung. „Geht der Zug um elf Uhr morgens nach Lon-⸗ don oder kommt er daher?“ fragte der Doctor den Portier. „Er geht dahin.“ „Nahm er viel Paſſagiere von hier mit?“ Der Portier nannte die Namen einiger Bewohner von Weſt Winſton. „Waren weiter keine Paſſagiere als dieſe Leute aus der Stadt?“ fragte der Doctor weiter. „ 27 „O ja— ich glaube, es war noch eine fremde Per⸗ ſon dabei— es war eine Frau.“ „Hat der Inſpector die Billets für dieſen Zug aus⸗ gegeben?“ „Ig, Sir.“ Der Doctor ging nun weiter zu dem Inſpector. „Entſinnen Sie ſich, heute morgen einer allein rei⸗ ſenden Frau ein Billet für den um elf Uhr nach Lon⸗ don gehenden Zug verkauft zu haben?“ Der Inſpector dachte nach. „Ich habe heute wenigſtens an ein halbes Dutzend Frauensperſonen Billets zu verſchiedenen Zügen verkauft“, antwortete er zweifelhaft. „Das glaube ich wohl, ich ſpreche aber blos von dem Elfuhrzuge“, ſagte der Doctor.„Sehen Sie zu, ob Sie ſich beſinnen.“ „Ob ich mich beſinne? Halt, jetzt fällt mirs ein! — Ich weiß, wen Sie meinen. Es war eine Frau, die mir in ziemlicher Aufregung zu ſein ſchien und eine Frage an mich richtete, die mir hier nicht oft vorgelegt wird. Ich beſinne mich, daß ſie ihren Schleier herab⸗ geſchlagen hatte und daß ſie hierherkam, um mit dem Elfuhrzuge abzureiſen. Crouch, der Botenfuhrmann, brachte ihren Koffer in die Gepäckaufgabe.“ „Das iſt ſie. Wohin nahm ſie ihr Billet?“ „Nach Exeter.“ „Sie ſagten, ſie hätte eine Frage an Sie geſtellt.“ „Ja, ſie fragte, was für Gelegenheit es in Exeter gäbe, um von dort nach Cornwall weiter zu reiſen. Ich ſagte ihr, wir wären hier zu weit von dieſem Ort ent⸗ Brittes Bapitel. Ein Complot gegen das Seheimniß. Am Abend des Tages nach Doctor Orridge's Unter⸗ redung mit Miſtreß Norbury ſetzte der unter dem Namen „die Druide“ bekannte Eilperſonenwagen, welcher durch Cornwall bis Truro ging, bei der Ankunft am Ziele ſeiner Beſtimmung an der Thür des Einſchreibebureaus drei Paſſagiere ab. Zwei dieſer Paſſagiere waren ein alter Herr und ſeine Tochter, der dritte war Miſtreß Jazeph. Der Vater und die Tochter nahmen ihr Gepäck zu⸗ ſammen und gingen in das Hotel hinein. Die übrigen Paſſagiere zerſtreuten ſich mit ſo wenig Aufenthalt als möglich nach verſchiedenen Richtungen hin, nur Miſtreß Jazeph ſtand unentſchloſſen auf dem Pflaſter und ſchien nicht zu wiſſen, was ſie zunächſt beginnen ſolle. Als der Kutſcher ſich gutmüthigerweiſe bemühte, ihr zu irgendeinem Entſchluß kommen zu helfen, indem er ſie fragte, ob er etwas für ſie thun könne, ſtutzte ſie und ſah ihn argwöhniſch an. Dann dankte ſie, indem fernt, um hierüber genau unterrichtet zu ſein, und empfahl ihr, ſich bei den Leuten aus Devonſhire zu erkundigen, wenn ſie ans Ende der Reiſe käme. Sie ſchien ein ſchüchternes Frauenzimmer zu ſein, welches ſich auf der Reiſe nicht gut zu helfen wußte. Iſt etwas nicht richtig mit ihr, Sir?“ „O nein, durchaus nicht“, entgegnete der Doctor, indem er den Inſpector verließ und wieder zu ſeiner Chaiſe zurückeilte. Als er einige Minuten ſpäter an der Thür des Tigerkopfes vorfuhr, ſprang er aus ſeinem Wagen mit der zuverſichtlichen Miene eines Mannes, der Alles ge⸗ than hat, was man von ihm erwarten konnte. Es war leicht, Miſtreß Frankland mit der ungenügenden Nach⸗ richt von Miſtreß Jazeph's Entfernung gegenüber zu treten, da er ja nun auf die beſte Bürgſchaft hin die wichtige ergänzende Nachricht hinzufügen konnte, daß ſie nach Cornwall gereiſt ſei. 30 ſie ſich zu ſammeln ſchien, ihm für ſeine Freundlichkeit und fragte mit verlegenen Worten und einem Zögern in ihrem Weſen, was dem Kutſcher ſehr ſonderbar vorkam, ob man ihr erlaube, ihren Koffer kurze Zeit in dem Einſchreibebureau ſtehen zu laſſen bis ſie wiederkäme, um ihn zu holen. Nachdem ſie Erlaubniß erhalten, ihren Koffer ſo lange ſtehen zu laſſen als ihr beliebte, ging ſie über die Haupt⸗ ſtraße der Stadt, betrat das Trottoir der entgegenge⸗ ſetzten Seite und ging daſſelbe entlang bis an die erſte Ecke. Als ſie hier in eine Nebengaſſe einbog, warf ſie einen Blick rückwärts, überzeugte ſich, daß niemand ihr folgte oder ſie belauerte, eilte einige Schritte weiter und machte wieder an einem kleinen Laden Halt, der dem Verkaufe von Büchergeſtellen, Schränkchen, Arbeitskäſtchen und Schreibepulten gewidmet war. Nachdem ſie erſt die über der Thür ſtehende Auf⸗ ſchrift— Buſchmann, Kunſttiſchler ꝛc.— geleſen, blickte ſie zu dem Ladenfenſter hinein. Ein Mann von mittleren Jahren mit heiterem, freund⸗ lichem Geſicht ſaß hinter dem Ladentiſch, polirte einen Kleiderhalter von Roſenholz und nickte dabei munter in regelmäßigen Zwiſchenräumen, als wenn er eine Melodie ſummte und mit dem Kopfe den Takt dazu ſchlüge. Da Miſtreß Jazeph keine Kunden in dem Laden ſah, ſo öffnete ſie die Thür und ging hinein. Sobald ſie darin war, bemerkte ſie, daß der heitere Mann hinter dem Ladentiſch nicht zu einer von ihm ſelbſt geſummten, ſondern von einer Spieluhr ausgeführten Muſik den Takt angab. Die hellen perlenden Töͤne kamen aus einem . N -& Zimmer hinter dem Laden und die Melodie, welche die Uhr ſpielte, war die reizende Arie aus Mozart's Don Juan:„Schlage, ſchlage, lieber Junge.“ „Iſt Mr. Buſchmann zu Hauſe?“ fragte Miſtreß Jazeph. „Ja, Madame“, ſagte der heitere Mann, indem er lächelnd nach der in das Zimmer führenden Thür zeigte. „Die Muſik antwortet an ſeiner Statt. Wenn Mr. Buſch⸗ mann’s Uhr ſpielt, ſo iſt er auch ſelbſt nicht weit. Wünſchen Sie ihn zu ſprechen, Madame?“ „Wenn niemand bei ihm iſt.⸗ „O nein, er iſt allein. Soll ich ihm Ihren Namen melden?“ Miſtreß Jazeph öffnete den Mund um zu antworten, zögerte aber und ſagte nichts. Der Ladengehülfe wieder⸗ holte mit weit mehr Scharfblick und Zartgefühl, als man ihm ſeiner äußern Erſcheinung nach zugetraut hätte, die Frage nicht, ſondern öffnete ſofort die Thür, welche in Mr. Buſchmann's Zimmer führte. Das Ladenzimmer war ſehr klein und von alt⸗ väteriſchem Ausſehen, mit hellgrünen Tapeten, einem großen getrockneten Fiſch in einem Glasgehäuſe über dem Kamin, zwei Meerſchaumpfeifen, die nebeneinander an der Wand gegenüber hingen, und einem netten runden Tiſch, der ſo genau als möglich auf der Mitte des Fuß⸗ bodens ſtand. Auf dem Tiſche ſah man Theggeſchirr, Brot, Butter, eine Büchſe Marmelade und eine Spiel⸗ uhr in einem ſonderbaren, altmodiſchen Gehäuſe und neben dem Tiſche ſaß ein kleiner rothbäckiger, weißköpfiger, alter Mann von ſchlichtem Ausſehen, der, als die Thür 32 ſich öffnete, mit der Miene außerordentlicher Verlegenheit in die Höhe fuhr und die Feder der Spieluhr berührte, damit ſie aufhörte, ſobald die Arie zu Ende wäre. „Es iſt eine Dame da, die Sie zu ſprechen wünſcht, Sir“, ſagte der heitere Gehülfe.„Dies iſt Mr. Buſchmann, Madame“, ſetzte er in leiſerem Tone hinzu, als er ſah, daß Miſtreß Jazeph ſtehen blieb, nachdem ſie in das Zimmer eingetreten war. „Wollen Sie gefälligſt Platz nehmen, Madame?“ ſagte Mr. Buſchmann, als der Gehülfe die Thür geſchloſſen hatte und hinter ſeinen Ladentiſch zurückgekehrt war.„Entſchuldigen Sie die Muſik, ſie wird ſogleich aufhören.“ Er ſprach dieſe Worte mit fremdländiſchem Accent, aber vollkommener Geläufigkeit. Miſtreß Jazeph ſah ihn aufmerkſam an, während er ſie anredete und trat einige Schritte näher, ehe ſie etwas ſagte. „Hab' ich mich denn ſo ſehr verändert?“ fragte ſie ſanft.„Iſt die Veränderung, die mit mir vorgegangen iſt, eine ſo ſehr traurige, Onkel Joſeph?“ „Gott im Himmel! Es iſt ihre Stimme— es iſt Sara Leeſon!“ rief der alte Mann, indem er ſo flink, als ob er wieder ein Knabe wäre, auf ſie zueilte, ſie bei beiden Händen ergriff und mit einer ſonderbaren haſtigen Zärtlichkeit auf die Wange küßte. Obſchon ſeine Nichte durchaus nicht die durchſchnitt⸗ liche Größe einer Frauengeſtalt überragte, ſo war Onkel Joſeph doch ſo klein, daß er ſich auf die Zehen heben mußte, um die eben angedeutete Begrüßungsceremonie zu bewerkſtelligen. „Mein Gott, alſo biſt Du endlich da!“ rief er dann, indem er Sara auf einen Stuhl niederdrückte.„Nach ſo langen Jahren kommt Sara Leeſon, um ihren Onkel Joſeph wiederzuſehen!“ „Allerdings noch Sara, aber nicht Sara Leeſon“, entgegnete Miſtreß Jazeph, indem ſie ihre magern, zittern⸗ den Hände feſt zuſammendrückte und, während ſie ſprach, ihre Blicke auf den Boden heftete. „Ah, Du biſt wohl verheirathet!“ rief Mr. Buſch⸗ mann in heiterm Tone.„Natürlich biſt Du verheirathet. Erzähle mir von Deinem Mann, Sara.“ „Er iſt todt; er hat den Tod gefunden— Tod und Verzeihung.“ Dieſe letztern drei Worte murmelte ſie flüſternd vor ſich hin.. „Ach,, da thuſt Du mir leid! Ich fragte Dich wohl zu haſtig, nicht wahr, mein Kind?“ ſagte der alte Mann. „Na, laß das gut ſein. Nein, nein, ich wollte nicht danach fragen— wir wollen von etwas Anderm ſprechen. Willſt Du vielleicht einen Biſſen Brot und Marmelade genießen, Sara? Es iſt köſtliche Brombeermarmelade, die einem auf der Zunge zergeht. Und eine Taſſe Thee, nicht wahr? Ja wohl, eine Taſſe Thee. Und wir wollen nicht von Deinen Unannehmlichkeiten und An⸗ fechtungen ſprechen— wenigſtens jetzt nicht. Du ſiehſt ſehr bleich aus, Sara— viel älter als Du ausſehen ſollteſt— nein, das wollte ich auch nicht ſagen— ich will Dich durchaus nicht kränken. Ich erkannte Dich an Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 3 Deiner Stimme, mein Kind— an Deiner Stimme, die, wie Dein armer Onkel Max immer ſagte, Dein Glück hätte machen können, wenn Du ſingen gelernt hätteſt. Seine Spieluhr geht immer noch. Sieh nur nicht ſo niedergeſchlagen aus!— Horche ein wenig auf die Muſik. Kennſt Du noch dieſe Spieluhr? Es iſt die meines Bruders Max, wie Du weißt. Aber wie traurig Du ausſiehſt! Haſt Du denn die Spieluhr vergeſſen, welche der göttliche Mozart meinem Bruder mit eigener Hand gab, als Max die Muſikſchule in Wien beſuchte? Horch; ich habe ſie wieder in Gang geſetzt. Es iſt eine Arie aus einer Oper von Mozart. O wie ſchön! wie ſchön! Dein Onkel Max ſagte, alle Muſik ſei in dieſer einen Arie inbegriffen. Ich verſtehe nichts von Muſik, aber ich habe Herz und Ohren und dieſe ſagen mir, daß Max recht hatte.“ Dieſe Worte mit einer Menge Geberden und er⸗ ſtaunlicher Zungenfertigkeit ſprechend, ſchenkte Mr. Buſch⸗ mann ſeiner Nichte eine Taſſe Thee ein, rührte ſorgfältig um, klopfte Sara auf die Schulter und bat ſie, ihm den Gefallen zu thun, die ganze Taſſe ſogleich auszutrinken. Als er ihr näher trat um dieſe Bitte nochmals zu wieder⸗ holen, entdeckte er, daß ihr die Thränen in den Augen ſtanden und daß ſie verſuchte, unbemerkt ihr Tuch aus der Taſche zu ziehen. „Achte nicht auf mich“, ſagte ſie, als ſie ſah, wie das Geſicht des alten Mannes traurig ward.„Und halte mich nicht für leichtſinnig oder undankbar, Onkel Joſeph. Ich kenne die Spieluhr noch recht wohl— ich beſinne mich noch auf alles, woran Du Intereſſe fandeſt als ——.———— 2 3 S ich jünger und glücklicher war als ich jetzt bin. Als ich Dich das letzte Mal ſah, war ich in Noth, und heute wo ich wieder zu Dir komme, bin ich abermals in Noth. Es ſcheint nachläſſig von mir zu ſein, daß ich ſeit ſo vielen Jahren nicht an Dich geſchrieben habe, mein Leben iſt aber ein ſehr trauriges geweſen und ich hatte nicht das Recht, die Laſt meines Kummers andern Schultern aufzubürden als den meinigen.“ Onkel Joſeph ſchüttelte bei dieſen letzten Worten den Kopf und berührte die Feder der Spieluhr. „Mozart muß ein wenig warten“, ſagte er ernſt, „bis ich Dir etwas erzählt habe. Sara, höre was ich ſage, trinke Deinen Thee und erkläre mir offen, ob ich die Wahrheit ſpreche oder nicht. Was ſagte ich, Joſeph Buſchmann, zu Dir, als Du vor vierzehn, fünfzehn, ach es ſind ſechszehn Jahre! in Deiner Bedrängniß zu mir in dieſe Stadt und in dieſes ſelbe Haus kamſt? Ich ſagte damals, was ich auch jetzt wieder ſage: Sara's Kummer iſt mein Kummer und Sara's Freude iſt meine Freude und wenn jemand Gründe von mir zu wiſſen wünſcht, ſo kann ich ihm deren drei nennen.“ Er ſchwieg um ſeiner Nichte den Thee zum zweiten Male umzurühren und ihre Aufmerkſamkeit darauf zu lenken, indem er mit dem Löffel auf den Rand der Taſſe ſchlug. „Drei Gründe“, hob er dann wieder an.„Erſtens biſt Du meiner Schweſter Kind— von ihrem Fleiſch und Blut und folglich auch von dem meinigen. Zweitens haben wir, meine Schweſter, mein Bruder und endlich ich ſelbſt, Deinem guten engliſchen Vater alles zu danken. 3* 36 Es iſt dies ein kleines Wort, aber es bedeutet viel und kann immer und immer wieder erwähnt werden— alles. Die Freunde Deines Vaters riefen:„Pfui! Agathe Buſchmann iſt arm, Agathe Buſchmann iſt eine Aus⸗ länderin!) Aber Dein Vater liebte das arme deutſche Mädchen und heirathete ſie trotz dieſes Pfui! Pfui! Die Freunde Deines Vaters riefen abermals Pfui! Agathé Buſchmann hat einen Bruder, der Muſitkant iſt, uns allerhand von Mozart vorſchwatzt und nicht das Salz in die Suppe verdient.) Dein Vater ſagte: Gut! Sein Geſchwätz gefällt mir; ich höre ihn gern ſpielen; ich werde ihm Schüler verſchaffen und ſo lange ich noch ein Körnchen Salz in meiner Küche habe, ſoll er auch welches zu ſeiner Suppe haben.) Die Freunde Deines Vaters riefen zum dritten Mal Pfui! Agathe Buſch⸗ mann hat noch einen Bruder, einen kleinen Dummkopf, der bei dem Geſchwätz des audern blos zuhorchen und Amen ſagen kann. Schick' ihn fort um's Himmels willen, ſchließ alle Thüren zu und ſchicke wenigſtens dieſen Dumm⸗ kopf fort!)— Aber Dein Vater ſagte wieder: Nein, dieſer Dummkopf hat den Witz in den Händen; er kann ſchneiden und ſchnitzen und poliren; man helfe ihm etwas anfangen und dann wird er ſich ſchon ſelbſt helfen.» Nun ſind ſie alle todt bis auf mich! Dein Vater, Deine Mutter, Onkel Max— alle ſind ſie todt. Nur der Dummkopf iſt noch da, um in der Erinnerung zu leben und dankbar zu ſein— um Sara's Leid als ſein Leid und Saxa's Freude als ſeine Freude zu betrachten.“ Er hielt wieder inne um einen Staubflecken von der Spieluhr hinwegzublaſen. Seine Nichte wollte ſprechen, aber er hielt die Hand empor und drohte ihr ſcherzhaft mit dem Zeigefinger. „Nein“, ſagte er,„jetzt iſt das Sprechen an mir und an Dir iſt das Theetrinken. Habe ich nicht noch meinen dritten Grund zu nennen? Ach, Du wendeſt Deinen Blick von mir ab. Du kennſt meinen dritten Grund, ehe ich noch ein Wort ſage. Als ich meiner⸗ ſeits heirathete und mein Weib ſtarb und mich mit dem kleinen Joſeph allein ließ und als der Knabe krank ward, wer kam da ſo ſtill, ſo ſauber, ſo hübſch mit den hellen, jungen Augen und den ſo zarten, leichten Händen? Wer ſaß Tag und Nacht bei meinem kleinen Joſeph? Wer nahm ihn auf den Arm, wenn ſein Kopf müde war auf dem Bett zu liegen? Wer hielt ihn dieſe Uhr geduldig ans Ohr— ja, dieſe Uhr, welche Mozart's Hand be⸗ rührt hat— wer hält ſie ihm immer dichter und dichter ans Ohr, während das Gehör des kleinen Joſeph ſtumpf wird und er nach der freundlichen Muſik ſtöhnt, die er von ſeiner früheſten Kindheit an gekannt, der freundlichen Muſik, die er jetzt kaum noch hören kann? Wer kniete neben Onkel Joſeph, als ihm das Herz zu brechen drohte, nieder und ſagte:«O, ſtill, ſtill! Der Knabe iſt dahin gegangen wo eine ſchönere Muſik ertönt, wo keine Krank⸗ heit ihn mehr peinigt und kein Gram ihn mehr anrührt.» Wer war dies? Ach, Sara, Du kannſt dieſe Tage nicht vergeſſen. Du kannſt die Vergangenheit nicht vergeſſen. Wenn Deine Noth bitter und Deine Laſt ſchwer iſt, dann iſt es grauſam von Dir an Onkel Joſeph gehandelt, wenn Du ihm fern bleibſt; aber Freundlichkeit und Güte, wenn Du zu ihm kommſt.“ 38 Die Erinnerungen, welche der alte Mann wachge⸗ rufen, drangen in Sara's Herz. Sie konnte ihm nicht antworten, ſie konnte ihm blos die Hand reichen. Onkel Joſeph verneigte ſich mit komiſcher, liebreicher Galanterie und küßte die dargebotene Hand, dann kehrte er wieder auf ſeinen Platz neben der Spieluhr zurück. „Komm!“ ſagte er, indem er heiter mit dem Finger darauf pochte,„wir wollen eine Weile nichts mehr ſagen. Mozart's Uhr, Max' Uhr, des kleinen Joſeph's Uhr, Du ſollſt uns wieder etwas vorſpielen. Nachdem er die zarte Mechanik in Gang geſetzt, nahm er neben dem Tiſche Platz und verhielt ſich ſchweigend bis die Arie zweimal durchgeſpielt war. Dann, als er bemerkte, daß ſeine Nichte ruhiger geworden zu ſein ſchien, redete er ſie wieder an. „Du biſt in Noth, Sara“, ſagte er ruhig.„Du ſagſt mir dies und ich ſehe Dir am Geſicht an, daß es wahr iſt. Grämſt Du Dich wegen Deines Mannes?“ „Ich gräme mich, daß ich ihn jemals kennen gelernt“, antwortete ſie.„Ich gräme mich, daß ich ihn jemals geheirathet. Nun aber, wo er todt iſt, kann ich mich nicht mehr über ihn grämen— ich kann ihm blos ver⸗ zeihen.“ „ Verzeihen? Wie ſonderbar Du ausſiehſt, Sara, während Du dies ſagſt— erzähle mir—“ „Onkel Joſeph, ich habe Dir geſagt, daß mein Mann todt iſt und daß ich ihm verziehen habe.“ „Du haſt ihm verziehen? Dann war er alſo hart und grauſam gegen Dich? Ich ſehe es ſchon— ich ſehe es ſchon— das iſt das Ende, Sara— aber der Anfang?— War der Anfang der, daß Du ihn liebteſt?“ Ihre bleichen Wangen errötheten und ſie wendete das Geſicht hinweg. „Es iſt hart und demüthigend, es geſtehen zu müſſen“, murmelte ſie, ohne ihre Augen emporzuheben,„aber Du zwingſt mich, die Wahrheit zu ſagen. Ich hatte keine Liebe zu meinem Gatten— ich hatte keine Liebe für irgend einen Mann.“ „Und dennoch heiratheteſt Du ihn! Doch halt, es kommt mir nicht zu, Dich zu tadeln— es kommt mir nicht zu, das Schlechte herauszufinden, ſondern das Gute. Ja, ja— ich werde bei mir ſagen: ſie heirathete ihn, als ſie arm und hülflos war; ſie heirathete ihn, als ſie lieber hätte zu Onkel Joſeph gehen ſollen. Das werde ich zu mir ſagen und ich werde Dich bemitleiden, aber Dich nichts weiter fragen.“ Sara ſtreckte halb wieder ihre Hand dem alten Manne entgegen, dann ſchob ſie plötzlich ihren Stuhl zurück und veränderte die Stellung, in der ſie ſaß. „Es iſt wahr, daß ich arm war“, ſagte ſie, indem ſie ſich verlegen umſchaute und nur mit Mühe ſprach. „Du biſt aber ſo gut und freundlich und ich kann nicht die Entſchuldigung geltend machen, die Deine Nachſicht mir in den Mund legt. Ich heirathete nicht, weil ich arm war, ſondern—“ Sie ſchwieg, faltete die Hände und ſchob ihren Stuhl noch weiter von dem Tiſche zurück. „So! ſo!“ ſagte der alte Mann, ihre Verwirrung bemerkend.„Wir wollen nicht weiter davon ſprechen.“ 2 49 „Ich hatte nicht die Entſchuldigung der Liebe; ich hatte nicht die Entſchuldigung der Armuth“, ſagte ſie mit einem plötzlichen Ausdruck von Bitterkeit und Ver⸗ zweiflung;„Onkel Joſeph, ich heirathete ihn, weil ich zu ſchwach war, hartnäckig Nein zu ſagen. Der Fluch der Schwäche und Furcht hat mich auf meinem ganzen Lebenswege begleitet! Ich ſagte einmal Nein zu ihm; ich ſagte zweimal Nein zu ihm. O, Onkel, wenn ich es auch nur zum dritten Mal hätte ſagen können! Aber er folgte mir, er ſchüchterte mich ein, er raubte mir den ganzen geringen Willen, den ich hatte. Er ließ mich reden und gehen wie er wollte. Nein, nein, nein, komm nicht zu mir, Onkel; ſage nichts. Er iſt hinüber; er iſt todt— ich bin erlöſt von ihm— ich habe ihm ver⸗ ziehen. Ach, wenn ich nur gehen und mich irgendwo verbergen könnte! Aller Augen ſcheinen mich zu durch⸗ ſchauen, Aller Worte ſcheinen mir zu drohen. Mein Herz iſt ſchwer geweſen ſeit meiner Jugend und während all dieſer langen, langen Jahre hat es keine Ruhe ge— kannt. Still! Der Mann im Laden— ich vergaß ganz den Mann im Laden; er wird uns hören; laß uns leiſe ſprechen! Warum ſprach ich ſo laut? Ach, ich mache nichts recht. Ich mache es nicht recht, wenn ich ſpreche; ich mache es nicht recht, wenn ich nichts ſage; wo⸗ hin ich auch gehe und was ich auch thue, ſo bin ich nicht wie andere Leute. Es iſt als wäre ich ſeit meiner Kind⸗ heit an Geiſt immer dieſelbe geblieben. Horch, der Mann im Laden bewegt ſich. Hat er mich gehört? O, Onkel Joſeph, glaubſt Du, daß er mich gehört habe?“ Mit faſt ebenſo erſchrockener Miene wie ſeine Nichte 41 zeigte, verſicherte Onkel Joſeph ihr gleichwohl, daß die Thür feſt, daß der Platz des Mannes im Laden in einiger Entfernung davon und daß es, wenn er auch Stimmen im Zimmer hörte, ihm doch unmöglich ſei, auch die Worte, welche geſprochen würden, zu unterſcheiden. „Weißt Du das gewiß?“ flüſterte ſie haſtig.„Ja, ja, Du weißt es gewiß, ſonſt würdeſt Du nicht ſo ſagen, nicht wahr? Wir können nun weiter ſprechen. Nicht von meinem Eheſtand— dieſer iſt begraben und vorbei. Wenn ich ſage, daß ich einige Jahre des Kummers und Leidens hatte, welche ich verdiente— wenn ich ſage, daß ich andere Jahre der Ruhe hatte, wo ich in Dienſten ſtand, und Herren und Herrinnen hatte, die oft gütig gegen mich waren, während meine Dienſtgenoſſen dies nicht waren— wenn ich ſo viel über mein Leben ſage, ſo habe ich damit genug geſagt. Die Bedrängniß, in der ich jetzt bin, die mich zu Dir führt, geht weiter zurück als auf die Jahre, von welchen wir ſoeben ſprachen. Sie geht zurück, Onkel Joſeph, bis auf den fernen Tag, wo wir uns das letzte Mal ſahen.“ „Sie geht durch dieſe ganzen ſechzehn Jahre zurück“, rief der alte Mann ungläubig.„Sie geht zurück, Sara, bis auf dieſe lange Vergangenheit.“ „Ja, bis auf dieſe Zeit. Onkel, Du entſinnſt Dich noch, wo ich damals lebte und was mir begegnet war, als—“ „Als Du heimlich hierherkamſt? Als Du mich bateſt Dich zu verbergen? Es war dies dieſelbe Woche, in welcher Deine Herrin ſtarb, Deine Herrin, welche dort im Weſten in dem alten Schloſſe wohnte. Du warſt 42 damals in Angſt— bleich und erſchrocken, wie ich Dich jetzt ſehe.“ „Wie alle Welt mich ſieht! Die Leute ſtieren mich fortwährend an; ſie glauben immer, ich ſei nervenkrank und bemitleiden mich deswegen.“ Indem ſie dieſe Worte in plötzlich gereiztem Tone ſagte, hob ſie die neben ihr ſtehende Theetaſſe an ihre Lippen empor, leerte ſie auf einen Zug und ſchob ſie dann über den Tiſch, um ſie wieder vollſchenken zu laſſen. „Ich bin ganz durſtig und erhitzt“, flüſterte ſie. „Gib mir noch mehr Thee, Onkel Joſeph— noch mehr Thee.“ „Er iſt kalt“, ſagte der alte Mann.„Warte, bis ich heißes Waſſer habe bringen laſſen.“ „Nein!“ rief ſie, indem ſie ihn zurückhielt, als er im Begriff ſtand aufzuſtehen.„Gib ihn mir kalt; ich trinke ihn gern kalt. Laß niemand herein— ich kann nicht ſprechen wenn jemand hereinkommt.“ Sie zog ihren Stuhl dicht an den ihres Onkels und fuhr fort: „Du haſt noch nicht vergeſſen, in welcher Angſt ich damals war— weißt Du auch noch, weshalb ich mich ſo ängſtete?“ „Du fürchteteſt verfolgt zu werden— das war es, Sara. Ich werde alt, mein Gedächtniß aber bleibt jung. Du fürchteteſt Dich vor Deinem Herrn— Du fürchteteſt, er werde Diener nachſenden. Du warſt heimlich fort⸗ gegangen, Du hatteſt niemand ein Wort Du Onkel Joſeph, ſelbſt mit mir.“ ſprachſt wenig— ach, ſehr, ſehr wen ſelbſt mit —4,—. — „Ich ſagte Dir“, hob Sara wieder an, indem ſie ihre Stimme zu einem ſo matten Geflüſter herabſenkte, daß der alte Mann ſie nur eben hören konnte,„ich ſagte Dir, daß meine Herrin mir auf ihrem Sterbebett ein Geheimniß zurückgelaſſen, ein Geheimniß in einem Briefe, den ich meinem Herrn geben ſollte. Ich erzählte Dir, daß ich den Brief verſteckt, weil ich es nicht über mich gewinnen konnte, ihn abzugeben, und weil ich lieber tauſendmal ſterben, als mich über das ausfragen laſſen wollte, was ich davon wüßte. Soviel erzählte ich Dir, das weiß ich. Sagte ich Dir nichts weiter? Sagte ich nicht, daß meine Herrin mich einen Schwur auf die Bibel thun ließ?— Onkel, haſt Du Lichte hier im Zimmer? Haſt Du Lichte, die wir anzünden können, ohne jemand zu ſtören, ohne jemand hereinzurufen?“ „Es ſind Lichte und Zündhölzchen in meinem Schranke“, antwortete Onkel Joſeph.„Aber ſieh doch an das Fenſter, Sara. Es iſt ja erſt Dämmerung— es iſt noch nicht finſter.“. „Draußen allerdings nicht, wohl aber hier.“ „Wo denn?“ „In jener Ecke. Laß uns Lichter anzünden. Ich liebe nicht die Dunkelheit, wenn ſie ſich ſo in Winkeln ſammelt und die Wände entlang kriecht.“ Onkel Joſeph ſah ſich forſchend im Zimmer ringsum und lächelte bei ſich ſelbſt, während er zwei Kerzen aus dem Schranke nahm und anzündete. „Du biſt wie die Kinder“, ſagte er ſcherzend, wäh⸗ rend er die Genſtergardine zuzog.„Du fürchteſt Dich vor der Dakelheit.“ 44 Sara ſchien ihn nicht zu hören. Ihre Augen waren auf den Winkel des Zimmers geheftet, auf welchen ſie einen Augenblick vorher gezeigt. Als Onkel Joſeph ſeinen Platz neben ihr einnahm, ſah ſie nicht nach ihm herum, ſondern legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte plötz⸗ lich zu ihm: „Onkel! Glaubſt Du, daß die Todten aus dem Jenſeits wiederkommen, die Lebenden überall hin ver⸗ folgen und ſehen können, was ſie machen?“ Der alte Mann ſiutzte. „Sara“, ſagte er,„warum ſprichſt Du ſo? Warum thuſt Du eine ſolche Frage an mich?“ „Gibt es einſame Stunden“, fuhr ſie fort, immer noch die Augen auf den Winkel geheftet haltend und immer noch nicht auf Onkel Joſeph hörend,„wo Du zuweilen erſchrickſt, ohne zu wiſſen warum— wo der Schrecken Dich durchrieſelt vom Kopf bis zum Fuße? Sage mir, Onkel, haſt Du jemals gefühlt wie ein kalter Schauer die Wurzeln Deines Haares packt und Dir langſam den Rücken hinabkriecht? Ich habe das ge⸗ fühlt, ſelbſt im Sommer. Ich bin im Freien geweſen, allein auf einer breiten Heide, in der Hitze und im Glanze des Mittags und es iſt mir geweſen, als be⸗ rührten mich eiſige Finger— feuchte, kalte, leis kriechende Finger. Im neuen Teſtament heißt es, daß die Todten einmal aus ihren Gräbern hervorgingen und in die heilige Stadt kamen. Die Todten! Haben ſie ſeit jener Zeit geruht, ſtets geruht, für immer geruh „Onkel Joſeph's ſchlichtes Gemüth 45 den ſchwarzen, verwegenen Gedanken zurück, welche die Fragen ſeiner Nichte erweckten. Ohne ein Wort zu ſagen, verſuchte er den Arm, den ſie noch hielt, hinwegzuziehen, die einzige Folge dieſer Bemühung aber war, daß Sara ihn nur um ſo feſter hielt, ſich in ihrem Stuhl vorwärts neigte und noch unverwandter in den Winkel des Zimmers ſchaute. „Meine Herrin lag im Sterben“, ſagte ſie,„meine Herrin ſtand bereits mit einem Fuße im Grabe, als ſie mich auf die Bibel ſchwören ließ. Sie ließ mich be⸗ ſchwören, daß ich den Brief niemals vernichten wollte, und ich vernichtete ihn auch nicht. Sie ließ mich ferner beſchwören, ihn nicht mit fortzunehmen, den Brief meinem Herrn zu geben, aber der Tod kam ſchneller als ſie glaubte— der Tod hinderte ſie, mein Gewiſſen auch durch dieſen dritten Eid zu binden. Wohl aber drohte ſie mir, Onkel, mit Todesſchweiß auf ihrer Stirn und Todtenbläſſe auf ihren Wangen— ſie drohte mir, mich aus der andern Welt heimzuſuchen, wenn ich ihre Abſicht vereitelte— und ich ha be dieſelbe vereitelt.“ Sie ſchwieg, nahm plötzlich ihre Hand von dem Arme des alten Mannes hinweg und machte eine ſeltſame Ge⸗ berde nach dem Theile des Zimmers, auf welchen ihre Augen geheftet waren. „Ruhe, ruhe, ruhe“, flüſterte ſie ganz leiſe.„Lebt mein Herr jetzt noch? Ruhe, bis die Ertrunkenen auf⸗ erſtehen. Sage ihm das Geheimniß, wenn das Meer ſeine Todten herausgibt.“ „Sara, Sara! Du biſt verändert, Du biſt krank, u erſchreckſt mich!“ rief Onkel Joſeph aufſpringend. N D 46 Sie drehte ſich langſam um und ſah ihn mit Augen an, die alles Ausdrucks bar waren, mit Augen, die ihn gedankenlos anzuſtieren ſchienen wie etwas weit Ent⸗ ferntes. „Gott im Himmel! Was ſieht ſie denn?“ rief Onkel Joſeph und ſah ſich um, während dieſer Ausruf ihr entſchlüpfte.„Sara, was gibt es? Biſt Du er⸗ ſchöpft? Biſt Du unwohl? Träumſt Du mit offenen Augen?“ Er faßte ſie bei beiden Armen und ſchüttelte ſie. In dem Augenblick, wo ſie die Berührung ſeiner Hände fühlte, fuhr ſie heftig zuſammen und zitterte an allen Gliedern. Ihr natürlicher Ausdruck kehrte mit der Schnelligkeit eines Blitzes in ihre Augen zurück. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm ſie ſchnell wieder ihren Sitz ein und begann den kalten Thee ſo raſch in ihrer Taſſe zu rühren, daß die Flüſſigkeit in ihre Untertaſſe über⸗ ſtrömte. „Na, jetzt ſcheint ſie ſich wieder zu erholen“, ſagte Onkel Joſeph ſie beobachtend. „Wieder zu erholen?“ wiederholte ſie mechaniſch. „Na! nal!“ ſagte der alte Mann, indem er ſich be⸗ mühte, ſie zu beſchwichtigen.„Du biſt krank. Wir haben aber gute Aerzte hier. Warte bis morgen— Du ſollſt den allerbeſten haben.“ „Ich brauche keinen Arzt. Sprich nicht von Aerzten. Ich kann ſie nicht ausſtehen; ſie ſehen mich mit ſo neugierigen Augen an; ſie ſpioniren an mir herum, als ob ſie etwas entdecken wollten. Warum ſind wir in unſerm Geſpräch ſtehen geblieben? Ich hatte ſoviel zu erzählen und wir 47 ſcheinen uns gerade unterbrochen zu haben während wir doch hätten fortfahren ſollen. Ich bin in Angſt und Furcht, Onkel Joſeph, in Angſt und Furcht wieder wegen des Geheimniſſes!“ „O, davon nichts mehr!“ ſagte der alte Mann in bittendem Tone.„Wenigſtens heute Abend nichts mehr.“ „Warum nicht?“ „Weil Du wieder krank werden wirſt wenn Du darüber ſprichſt. Du wirſt wieder in jenen Winkel hineinſchauen und mit offenen Augen träumen— Du biſt zu krank— ja, ja, Sara— Du biſt zu krank.“ „Ich bin nicht krank! O, warum ſagen mir fort⸗ während alle Leute, daß ich krank ſei? Laß mich davon ſprechen, Onkel. Ich bin gekommen, um davon zu ſprechen; ich habe nicht eher wieder Ruhe, als bis ich es Dir ge⸗ ſagt habe.“ Sie ſprach mit wechſelnder Farbe und verlegener Miene, als ob ſie jetzt zum erſten Mal ſich bewußt würde, daß ſie ſich Worte und Thaten hatte entſchlüpfen laſſen, welche ſie klüger gethan hätte zu verſchweigen. „Achte weiter nicht darauf“, ſagte ſie mit ihrer ſanften Stimme und ihrem ſchüchternen bittenden Weſen. „Achte nicht weiter darauf wenn ich ſpreche oder aus⸗ ſehe, wie ich nicht ſprechen oder ausſehen ſollte. Ich rede zuweilen irre ohne es zu wiſſen, und ich glaube, ich habe auch jetzt irre geredet. Es hat aber nichts zu bedeuten, Onkel Joſeph— durchaus nichts.“ Indem ſie ſich auf dieſe Weiſe bemühte, den alten Mann wieder zu beruhigen, änderte ſie abermals die Stellung ihres Stuhls ſo, daß ſie wieder nach dem 48 Theile des Zimmers zu ſaß, welchem ihr Geſicht vorhin zugewendet geweſen. „Gut, gut, ich freue mich, dies zu hören“, ſagte Onkel Joſeph;„aber ſprich nicht mehr von der Ver⸗ gangenheit, ſonſt möchteſt Du wieder anfangen irre zu reden. Laß uns lieber hören, was es jetzt gibt. Ja, thue mir den Willen. Laß die Vergangenheit mir und nimm Du die Gegenwart. Ich kann die ſechzehn Jahre ebenſo gut die Muſterung paſſixen laſſen wie Du. Du bezweifelſt es? Dann höre mich Dir erzählen, was ge⸗ ſchah, als wir uns das letzte Mal ſahen— höre mich es Dir in drei Worten beweiſen. Du verließeſt Deinen Dienſt in dem alten Schloſſe— Du kamſt hierher— Du hielteſt Dich bei mir verborgen, während Dein Herr und ſein Diener Dich auszuſpioniren ſuchten— Du ſetzteſt, ſobald die Luft wieder rein war, Deinen Weg weiter fort, um Dir, ſo fern von Cornwall als möglich Dein Brot zu verdienen. Ich bat Dich inſtändig, bei mir zu bleiben, aber Du fürchteteſt Dich vor Deinem Herrn und gingſt fort. Da, dies iſt die ganze Geſchichte Deiner Bedrängniſſe als Du das letzte Mal hierher zu mir kamſt. Nun ſage mir, was die Urſache Deiner jetzigen Bedrängniß iſt.“ „Die frühere Urſache meiner Bedrängniß, Onkel Joſeph, und die gegenwärtige iſt ein und dieſelbe— das Geheimniß.“ „Wie willſt Du darauf zurückkommen?“ „Ich muß darauf zurückkommen.“ „Und warum?“ „Weil das Geheimniß in einem Briefe geſchrieben ſteht.“ — hin igte zer⸗ zu Ja, und ihre Du ge⸗ nich nen derr Du Veg lich bei nem ichte zu iner nkel das ht. 49 „Ja— und was iſt damit?“ „Und der Brief in Gefahr ſchwebt entdeckt zu werden. Ja, Onkel, ſo iſt es. Sechzehn Jahre hat er verſteckt gelegen— und jetzt, nach dieſer ganzen langen Zeit, iſt die furchtbare Möglichkeit, daß er ans Licht gebracht werde, über mich gekommen wie ein Gericht. Gerade die Perſon in der ganzen Welt, welche dieſen Brief nie⸗ mals vor Augen bekommen ſollte, iſt die, welche höchſt wahrſcheinlich ihn finden wird.“ „So ſo! Weißt Du das auch gewiß, Sara? Und woher weißt Du es?“ „Ich weiß es aus ihrem eigenen Munde. Der Zu⸗ fall führte uns zuſammen—“ 4 „Uns? uns? Wen meinſt Du unter uns?“ „Ich meine— Onkel, Du weißt doch noch, daß Kapitän Treverton mein Dienſtherr war, als ich in Porth⸗ genna Tower lebte?“ „Ich hatte ſeinen Namen vergeſſen— doch gleichviel — erzähle weiter.“ „Als ich meinen Dienſt verließ, war Miß Treverton ein kleines Mädchen von fünf Jahren, jetzt iſt ſie eine verheirathete Frau— ſo ſchön, ſo gut, mit einem ſo ſanften, jugendlichen, fröhlichen Geſicht— und ſie hat ein Kind, welches ebenſo lieblich iſt wie ſie ſelbſt. O, Onkel, wenn Du ſie ſehen könnteſt! Ich gäbe viel darum, wenn Du ſie ſehen könnteſt!“ Onkel Joſeph küßte ſeine Hand und zuckte die Achſeln. Die erſte Geberde drückte die Huldigung aus, welche er der Schönheit der Dame darbrachte, und die zweite die Ergebung in das Mißgeſchick, ſie nicht ſehen zu können. Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 4 „Wohlan“, ſagte er philoſophiſch,„laß dieſe aus⸗ gezeichnete Frau beiſeite und uns weiter fortfahren.“ „Ihr Name iſt jetzt Frankland“, ſagte Sara.„Es iſt das ein hübſcherer Name als Treverton, ein viel hübſcherer Name, glaube ich. Ihr Gatte liebt ſie ſehr — ich bin deſſen gewiß. Wie könnte er auch ein Herz haben und ſie nicht lieben?“ „So ſo!“ rief Onkel Joſeph mit ganz verdutzter Miene.„Wenn er ſie liebt, ſo iſt das gut— recht gut. Aber in was für ein Labyrinth gerathen wir da? Warum dieſe ganze Erzählung von einem Mann und ſeiner Frau? Auf mein Ehrenwort, Sara, Deine Erklärung erklärt nichts— ſie macht mich blos confus.“ „Ich muß von ihr und ihrem Gatten ſprechen, Onkel. Porthgenna Tower iſt jetzt das Eigenthum dieſes Mannes und ſie ſtehen beide im Begriff, dort ihren Wohnſitz zu nehmen.“ „Ah, endlich kommen wir wieder auf die alte gerade Straße zurück.“ „Sie wollen ihren Wohnſitz in demſelben Hauſe nehmen, welches das Geheimniß in ſich ſchließt— ſie wollen gerade den Theil des Hauſes, wo der Brief ver⸗ ſteckt liegt, wieder in bewohnbaren Stand ſetzen laſſen. Sie will in die alten Zimmer gehen— ich hörte ſie dies ſagen; ſie will in denſelben herumſuchen, um ihre Neugier zu befriedigen— Arbeiter werden dieſe Zimmer ausräumen und ſie wird in ihren müßigen Stunden da⸗ bei ſtehen und zuſehen.“ „Aber ſie muthmaßt nichts von dem Geheimniß?“ „Gott verhüte, daß dies der Fall ſei!“ 51 „Und ſind viele Zimmer in dem Hauſe? Und iſt der Brief, in welchem das Geheimniß geſchrieben ſteht, in einem der vielen verſteckt? Warum ſollte ſie gerade dieſes eine treffen?“ „Weil ich ſtets etwas ſage, was ich nicht ſagen ſollte; weil ich immer in Angſt gerathe und zur Unzeit die Be⸗ ſonnenheit verliere. Der Brief liegt in einem Zimmer verſteckt, welches das Myrthenzimmer heißt, und ich war ſo thöricht, ſo ſchwach, ſo unbeſonnen, ſie vor dem Be⸗ treten dieſes Zimmers zu warnen.“ „Ach Sara, Saral das war freilich ein Mißgriff“. „Ich weiß ſelbſt nicht, was ſich meiner auf einmal bemächtigt hatte— ich war mit einem Male wie von Sinnen, als ich ſie ſo unſchuldig davon ſprechen hörte, daß ſie zu ihrem Vergnügen die alten Zimmer durch⸗ ſuchen wollte, und als ich bedachte, was ſie darin finden könnte. Dazu kam, daß es gegen Einbruch der Nacht war; die entſetzliche Finſterniß ſammelte ſich in den Winkeln und kroch die Mauern entlang und ich wagte nicht die Lichter anzuzünden, weil ich fürchtete, ſie würde ſehen, wie aufgeregt und angſtvoll ich war. Und als ich die Lichter endlich anzündete, ward die Sache noch ſchlimmer. O, ich weiß gar nicht, wie ich es that! Ich weiß nicht, warum ich es that. Ich hätte mir die Zunge ausreißen können, daß ich dieſe Worte geſagt, und dennoch ſagte ich ſie. Andere Menſchen überlegen ſich alles reiflich, andere Menſchen thun was unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden das Beſte iſt, andere Menſchen haben auch eine ſchwere Laſt auf ihrem Herzen gehabt und ſind derſelben doch nicht erlegen wie ich. Hilf mir, Onkel, um der alten . 4* 52 Zeiten willen, wo wir glücklich waren— hilf mir durch ein Wort guten Rathes.“ „Ich werde Dir auch helfen— ich lebe, um Dir zu helfen, Sara. Na, na— ſieh nur nicht ſo troſtlos aus und weine nur nicht. Ich will Dir gern einen guten Rath geben, aber ſage mir nur worin— in welcher Beziehung.“ „Habe ich Dir das nicht ſchon geſagt?“ „Nein, Du haſt mir noch kein Wort geſagt.“ „Nun, dann will ich es Dir jetzt ſagen—“ Sie ſchwieg, ſchaute mißtrauiſch nach der Thür, welche in den Laden führte, horchte ein wenig und hob dann wieder an: „Ich bin noch nicht am Ende meiner Reiſe, Onkel Joſeph— ich bin hier auf dem Wege nach Porthgenna Tower— auf dem Wege nach dem Myrthenzimmer— Schritt für Schritt auf dem Wege nach dem Platze, wo der Brief verſteckt liegt. Ich wage nicht, ihn zu ver— nichten; ich wage nicht, ihn gänzlich zu entfernen, aber welche Gefahr ich auch laufen möge, ſo muß ich ihn wenigſtens aus dem Myrthenzimmer hinwegbringen.“ Onkel Joſeph ſagte nichts, ſondern ſchüttelte muthlos den Kopf. „Ich muß“, wiederholte ſie.„Ehe Miſtreß Frank⸗ land nach Porthgenna kommt, muß ich dieſen Brief aus dem Myrthenzimmer entfernen. Es gibt eine Menge andere Orte in dem alten Hauſe, wo ich ihn wieder verſtecken kann— Orte, an die ſie niemals denken— Orte, die ſie niemals beachten würde. Laß mich ihn nur aus dem einen Zimmer herausbekommen, in welchem wo er⸗ ber hn los nk⸗ aus nge der ihn dem 53 ſie ganz gewiß ſuchen werden, und ich weiß, wo ich ihn dann vor ihr und vor jedermann auf immer verberge.“ Onkel Joſeph dachte nach, ſchüttelte wieder den Kopf und ſagte dann: „Noch ein Wort, Sara— weiß Miſtreß Frankland, welches das Myrthenzimmer iſt?“ „Ich that alles Mögliche, um jede Spur dieſes Namens zu vernichten, als ich den Brief verſteckte. Ich hoffe und glaube, daß ſie es nicht weiß. Aber ſie kann es ermitteln— bedenke die Worte, die ich wahnſinnig genug war auszuſprechen! Dadurch wird ſie ſich ver⸗ anlaßt ſehen, das Myrthenzimmer zu ermitteln; ganz gewiß wird dies die Folge ſein.“ „Und wenn ſie es findet? Und wenn ſie den Brief ſieht?“ „Das wäre Unglück und Herzeleid für unſchuldige Menſchen und für mich der Tod. Rücke Deinen Stuhl nicht von mir hinweg, Onkel— es iſt kein ſchimpflicher Tod, von welchem ich ſpreche. Das Schlimmſte was ich gethan, habe ich mir ſelbſt gethan; der ſchlimmſte Tod, den ich zu fürchten habe, iſt der, welcher einen gebeugten Geiſt erlöſt und ein gebrochenes Herz heilt.“ „Genug— genug ſo“, ſagte der alte Mann.„Ich verlange kein Geheimniß zu wiſſen, Sara, welches Du mir einmal nicht mittheilen kannſt. Mir iſt alles dunkel — ſehr dunkel, ſehr verworren. Ich ſehe davon hinweg — ich ſehe blos auf Dich— nicht mit Zweifel, mein Kind, ſondern mit Mitleid und auch mit Kummer— mit Kummer, daß Du jemals dieſem Schloß Porthgenna 54 zu nahe gekommen biſt, mit Kummer, daß Du jetzt wieder dorthin willſt.“ „Ich habe keine andere Wahl, Onkel, als hinzugehen. Und wenn jeder Schritt auf dem Wege nach Porthgenna meinem Tode näher führte, ſo muß ich dieſe Straße dennoch wandeln. Mit dem was ich weiß, kann ich nicht Auhen, kann ich nicht ſchlafen— ich kann nicht einmal frei athmen bis ich dieſen Brief aus dem Myrthen⸗ zimmer entfernt habe. Wie ich dies aber machen ſoll, Onkel Joſeph, wie ich dies machen ſoll ohne Verdacht zu erregen, ohne von jemand entdeckt zu werden— das iſt es, wofür ich mein Leben hingeben würde, wenn ich es wüßte. Du biſt ein Mann— Du biſt älter und klüger als ich; kein lebendes Weſen hat jemals vergebens Hülfe bei Dir geſucht— hilf auch nun mir— Du, mein einziger Freund in der ganzen Welt, hilf auch mir durch ein Wort des Rathes.“ Onkel Joſeph erhob ſich von ſeinem Stuhle, ver⸗ ſchränkte entſchloſſen die Arme und ſchaute ſeiner Nichte gerade und unverwandt ins Geſicht. „Du willſt alſo dorthin gehen?“ fragte er.„Du willſt hingehen, möge es koſten was es wolle? Erkläre Dich ein für allemal, ob dies Deine feſte Abſicht iſt— ja oder nein.“ „Ja! Ein für allemal ſage ich Ja.“ „Gut, und Du willſt wohl auch bald hingehen?“ „Ich muß morgen hingehen. Ich wage nicht, einen einzigen Tag zu verſäumen— ſogar die Stunden können koſtbar ſein.“ „Du verſicherſt mir, Kind, daß das Verbergen des en en 55 4 Geheimniſſes Nutzen bringt und daß das Auffinden deſſelben ſchaden würde?“ „Und wenn es das letzte Wort wäre, welches ich in dieſer Welt zu ſprechen hätte, ſo würde ich ſagen: Ja!“ „Du verſicherſt mir auch, daß Du weiiter nichts willſt als den Brief aus dem Myrthenzimmer nehmen und irgendwo anders hinthun?“ „Weiter nichts.“ „Und haſt Du auch das Recht, dieſe Veränderung vorzunehmen? Hat niemand ein größeres Recht als Du, dieſe Sache zu berühren?“ „Nein, niemand, ſeitdem mein Dienſtherr todt iſt.“ „Gut. Nun weiß ich, was ich zu thun habe. Setze Dich hierher, Sara, und wundre Dich, wenn Du willſſt, aber ſage nichts.“ Mit dieſen Worten ging Ontkel Joſeph leichtfüßig nach der in den Laden führenden Thür, öffnete ſie und rief dem Manne zu, der hinter dem Ladentiſch ſaß. „Samuel, lieber Freund“, ſagte er,„morgen werde ich mit meiner Nichte, dieſer Dame hier, eine kleine Reiſe über Land machen. Beſorgt mittlerweile den Laden und nehmt Beſtellungen an und ſeid mit einem Worte ſo achtſam und ſorgfältig wie Ihr immer ſeid bis ich wieder⸗ komme. Sollte jemand nach mir fragen, ſo ſagt nur, ich würde in einigen Tagen wieder da ſein. Das iſt alles. Für heute Abend ſchließt nun den Laden, Samuel, und geht nach Hauſe. Ich wünſche Euch guten Appetit, etwas gutes zu eſſen und eine gute Nacht.“ Ehe Samuel ſeinem Herrn danken konnte, war die Thür wieder geſchloſſen. Ehe Sara ein Wort ſagen 56 konnte, legte ihr Onkel Joſeph die Hand auf den Mund und trocknete mit ſeinem Tuch die Thränen, die jetzt un⸗ aufhaltſam ihren Augen entſtrömten. „Nun wird nicht mehr geſchwatzt und nicht mehr geweint“, ſagte der alte Mann.„Ich bin ein Deutſcher und rühme mich hartnäckiger zu ſein, als ſechs Engländer alle in einen zuſammengeſchmolzen. Heute Nacht ſchläfſt Du hier, morgen werden wir wieder über die ganze Sache ſprechen. Du wünſcheſt, daß ich Dir mit gutem Rathe beiſtehe. Ich will Dir mit mir ſelbſt beiſtehen, was noch viel beſſer iſt als guter Rath. Nun ſage ich nichts weiter, ſondern lange meine Pfeife von der Wand und denke, während ich ſchmauche, weiter nach. Heute Abend ſchmauche ich und überlege ich— morgen ſpreche und handle ich. Und Du, Du gehſt hinauf zu Bett. Du nimmſt Onkel Max' Spieluhr in die Hand und läßt Mozart Dir Dein Wiegenlied ſingen ehe Du einſchläfſt. Ja ja, mein Kind, Mozart bringt allemal Troſt— beſſern Troſt als das Weinen. Warum weinſt Du überhaupt zu viel? Welchen Grund haſt Du zu weinen oder zu danken? Iſt es denn ein ſo großes Wunder, daß ich das Kind meiner Schweſter nicht allein ein Wagſtück im Finſtern unternehmen laſſen will? Ich ſagte, Sara, Dein Kummer wäre mein Kummer und Deine Freude meine Freude und wenn es einmal nicht anders iſt— wenn es einmal geſchehen muß— ſo ſage ich auch: Sara's Gefahr morgen iſt auch Onkel Joſeph's Gefahr morgen.“ —— ᷣ———+——2— Uiertes Kapitel. Im Freien. Der nächſte Morgen führte keine Veränderung in dem Entſchluſſe herbei, zu welchem Onkel Joſeph wäh⸗ rend der Nacht gekommen war. Aus der Verwunderung und Verwirrung, die in ſeinem Gemüth durch das Ge⸗ ſtändniß ſeiner Nichte in Bezug auf den Zweck, der ſie nach Cornwall führte, hervorgerufen worden, hatte er wenigſtens einen klaren und beſtimmten Schluß gezogen, nämlich den, daß ſie hartnäckig entſchloſſen war, ſich in eine ungewiſſe, wo nicht geradezu gefahrvolle Lage zu begeben. Einmal hiervon überzeugt, gingen ſeine hülfreichen Gedanken ſofort in Thätigkeit über, ſeine angeborene Feſtigkeit der Selbſtverleugnung behauptete ſich und ſein Vorſatz, Sara ihre Reiſe nicht allein machen zu laſſen, war hiervon die ganz natürliche Folge. Dieſer Entſchluß war gleichſam ſeine Zuflucht vor dem Zweifel, der Verlegenheit, der Unruhe und den Befürchtungen, welche Sara's Ausſehen, ihre Sprache 58 und ihre Handlungsweiſe in ihm erweckt hatten. Stark in der ſelbſtverleugnungsvollen Hochherzigkeit ſeines Vor⸗ ſatzes— obſchon in nichts Anderm— weigerte er ſich, als er und ſeine Nichte am Morgen einander wieder⸗ ſahen und als Sara mit Selbſtvorwürfen von dem Opfer ſprach, welches er ſich auferlegte, ſowie von den ernſten Gefahren, denen er ſich um ihretwillen ausſetzte, dennoch ebenſo hartnäckig, ihr Gehör zu ſchenken, als er ſich ſchon am Abend vorher geweigert. Es ſei, ſagte er, nicht nöthig, nur ein Wort weiter über dieſen Punkt zu ſprechen. Wenn Sara ihre Abſicht, nach Porthgenna zu gehen, aufgegeben hätte, ſo brauchte ſie es blos zu ſagen. Wäre dies nicht der Fall, ſo ſei es ſchade um jedes Wort, denn er wäre gegen alles in Geſtalt einer Gegenvorſtellung, die ſie möglicherweiſe an ihn richten könnte, auf beiden Ohren taub. Nachdem er ſich auf dieſe unzweideutige Weiſe aus⸗ geſprochen, war er ſofort bemüht, das Geſpräch auf ein heiteres, alltägliches Thema zu bringen, indem er ſeine Nichte fragte, wie ſie geſchlafen habe. „Ich war zu unruhig, um zu ſchlafen“, antwortete ſie.„Ich kann meine Befürchtungen und bangen Ah⸗ nungen nicht bezwingen, wie manche Menſchen es können. Die ganze Nacht hindurch halten ſie mich wach und be⸗ ſchäftigen meine Gedanken, als ob es Tag wäre.“ „Worüber haſt Du denn nachgedacht?“ fragte Onkel Joſeph.„Ueber den verſteckten Brief? über das Schloß Porthgenna? über das Myrthenzimmer?“ „Darüber, wie ich in das Myrthenzimmer gelangen ſoll“, ſagte ſie. „Je mehr ich darüber nachdenke und 59 mit mir einig zu werden ſuche, was ich thun ſoll, deſto verworrener und hülfloſer ſcheine ich zu werden. Die ganze vergangene Nacht überlegte ich, unter welchem Vorwand ich in das Schloß Porthgenna hineingelangen könnte und dennoch, wenn ich in dieſem Augenblick auf der Schwelle ſtünde, wüßte ich doch, wenn der Diener mir entgegenträte, nicht was ich ſagen ſollte. Wie ſollen wir hineingelangen? Wie ſoll ich mich, ſelbſt wenn wir hineinkommen, unbemerkt nach jenem Zimmer ſchleichen? Kannſt Du mir dies nicht ſagen? Du wirſt Dich be⸗ mühen, Onkel Joſeph— ich bin überzeugt, daß Du Dich bemühen wirſt. Hilf mir inſoweit und ich glaube, für das Uebrige kann ich ſelbſt ſtehen. Wenn die Schlüſſel noch da verwahrt werden, wo ſie zu meiner Zeit verwahrt zu werden pflegten, dann brauche ich weiter nichts als zehn Minuten allein zu ſein— blos zehn kurze Minuten, um das Ende meines Lebens leichter zu machen als der Anfang geweſen iſt, um ruhig und er⸗ gebungsvoll alt zu werden, wenn es Gottes Willee iſt, daß ich ein hohes Alter erreichen ſoll. O, wie glücklich müſſen die Menſchen ſein, welche ſo viel Muth beſitzen als ſie brauchen, welche umſichtig und entſchloſſen ſind, ohne jemals die Beſonnenheit zu verlieren. Du biſt klüger als ich, Onkel; Du ſagteſt geſtern Abend, Du wollteſt Dir überlegen, was das Beſte wäre— worauf haben Deine Gedanken Dich zuletzt geführt? Du wirſt mir das Herz viel leichter machen, wenn Du mir dies ſagen willſt.“ Onkel Joſeph nickte zuſtimmend, nahm eine tiefernſte Miene an und legte den Zeigefinger an die Naſe. 60 „Was verſprach ich Dir geſtern Abend?“ ſagte er. „Verſprach ich Dir nicht, meine Pfeife zur Hand zu nehmen und mich bei dieſer Raths zu erholen? Wohlan, ich rauchte drei Pfeifen und hatte dabei drei Gedanken. Nein erſter Gedanke war— Warten. Mein zweiter Gedanke war wiederum— Warten! Mein dritter Ge⸗ danke war abermals— Warten! Du ſagſt, es würde Dir leichter ums Herz werden, Sara, wenn ich Dir das Ende aller meiner Gedanken ſagte. Wohlan, ich habe es Dir geſagt. Dies iſt das Ende— nun iſt Dir leichter ums Herz— und Alles iſt ſomit in Ordnung.“ „Warten?“ wiederholte Sara mit einem Blick, wel⸗ cher eher alles Andere verrieth als Herzenserleichterung. „Ich fürchte, Onkel, ich verſtehe Dich nicht ganz. Worauf ſollen wir denn warten? Bis wann ſollen wir warten?“ „Bis wir an Ort und Stelle kommen. Wir wollen warten, bis wir vor der Thür des Schloſſes ſtehen, dann wird immer noch Zeit genug ſein zu überlegen, wie wir hineingelangen ſollen“, ſagte Onkel Joſeph mit der Miene der Ueberzeugung.„Nun, verſtehſt Du mich?“ „Ja— wenigſtens verſtehe ich Dich beſſer als vor⸗ her. Aber es bleibt auch noch eine andere Schwierigkeit übrig. Onkel, ich muß Dir mehr ſagen als ich jemals einem Menſchen zu ſagen beabſichtigte— ich muß Dir ſagen, daß der Brief eingeſchloſſen iſt.“ „In ein Zimmer eingeſchloſſen?“ „Nicht blos dies, ſondern auch noch in etwas inner⸗ halb des Zimmers. Der Schlüſſel, der die Thür— auch wenn ich ihn erlange— der Schlüſſel, der die 61 Thür des Zimmers öffnet, iſt noch nicht alles, was ich bedarf. Es gibt außerdem noch einen andern Schlüſſel, einen kleinen Schlüſſel—“ Sara ſchwieg mit verlegenem, ängſtlichem Blick. „Einen kleinen Schlüſſel, den Du wohl verloren haſt?“ fragte Onkel Joſeph. „Ich warf ihn an dem Morgen, wo ich aus Porth⸗ genna entfloh, in den Brunnen des Dorfes. O, hätte ich ihn nur behalten! Hätte ich nur daran gedacht, daß ich ihn vielleicht wieder brauchte!“ „Wohlan, das läßt ſich nun weiter nicht ändern. Sage mir, Sara, was iſt es für ein Behältniß, in welches der Brief eingeſchloſſen iſt.“ „Ich fürchte, daß die Wände mich hüören könnten. 6 „Un ſtuun⸗ Komm, ſage es mir leiſe.“ Sie ſah ſich mißtrauiſch ringsum und ſagte dann dem alten Mann etwas leiſe ins Ohr. Er horchte auf⸗ merkſam und lachte, als ſie wieder ſchwieg. „Ach bah!“ rief er.„Wenn es weiter nichts iſt, dann ſei gutes Muthes. Das iſt ja, wie Ihr ruchloſen Engländer ſagt, leicht wie das Lügen. Mein liebes Kind, ſo etwas kannſt Du ſelbſt aufſprengen.“ „Aufſprengen? Wie denn?“ Onkel Joſeph ging an den Fenſterſitz, der nach alt⸗ väteriſcher Weiſe nicht blos als Sitz, ſondern auch als Kaſten diente. Er öffnete den Deckel, holte einige in dem Behältniß darunter liegende Werkzeuge heraus und wählte von dieſen einen Meißel. „Sieh“, ſagte er, indem er an dem Deckel des Fenſter⸗ ſitzes den Gebrauch veranſchaulichte, der von dem Werk⸗ 62 zeug gemacht werden ſollte.„So ſteckſt Du ihn in die Fuge— knick!— dann gibſt Du ihm einen Druck— ſo— knack! Es bedarf eines kurzen Augenblickes— knick! knack! und das Schloß iſt futſch. Hier nimm den Meißel gleich an Dich, wickele ihn in dieſes Stück ſtarkes Papier und ſtecke ihn in die Taſche. Worauf warteſt Du denn noch? Soll ich es Dir noch einmal zeigen, oder glaubſt Du es nun zu können?“ „Ich wünſchte, daß Du es mir noch einmal zeigteſt, Onkel Joſeph, aber nicht jetzt, nicht eher als bis wir an das Ende unſerer Reiſe gelangt ſind.“ „Gut. Dann kann ich vollends meine Sachen zu⸗ ſammenpacken und den Wagen beſtellen. Vor allen Dingen muß Mozart ſeinen Ueberrock anziehen und mit uns reiſen.“ Er ergriff die Spieluhr und ſchob ſie ſorgfältig in ein ledernes Futteral, welches er mittelſt eines Riemens über die Schulter hing. Das nächſte iſt meine Pfeife, Tabak, um ſie zu ſtopfen, und Zündhölzer, um ſie an⸗ zubrennen. Den Beſchluß macht mein alter deutſcher Torniſter, den ich vorige Nacht gepackt habe. Sieh, hier iſt ein Hemd, eine Nachtmütze, ein Kamm, ein Taſchentuch und ein Paar Socken. Und wenn ich ein Kaiſer wäre, was brauchte ich mehr als dies?— Alſo gut. Ich habe Mozart, ich habe die Pfeife, ich habe den Torniſter, ich habe— halt! halt! Der alte lederne Beutel darf auch nicht vergeſſen werden. Schau, hier iſt er. Horch! Tinglingling! Er klimpert— es iſt Geld darin. Ach, mein lieber lederner Freund, du wirſt viel leichter und dünner werden, ehe du wieder nach Hauſe 63 kommſt. So,— nun iſt alles bereit. Wir ſind nun marſchfertig vom Kopf bis zum Fuß. Leb' wohl auf eine halbe Stunde, Sara; Du wirſt hier warten und Dir die Zeit zu vertreiben ſuchen, während ich nach dem Wagen gehe.“ Als Onkel Joſeph wiederkam, brachte er ſeiner Nichte die Meldung, daß binnen einer Stunde ein Perſonen⸗ wagen die Stadt paſſiren würde, mit welchem ſie bis zu einer Station gelangen könnten, die höchſtens fünf bis ſechs Meilen von der regelmäßigen Poſtſtadt von Porth⸗ genna entfernt wäre. Die einzige directe Fahrgelegenheit nach der Poſtſtadt war eine Nachtkutſche, welche die Briefbeutel beförderte und in Truro zu einer ſehr un⸗ bequemen Stunde, nämlich zwei Uhr morgens, anhielt, um die Pferde zu wechſeln. Da Onkel Joſeph der Meinung war, daß zur Schlafenszeit zu reiſen ein Vergnügen in eine Plage verwandeln hieße, ſo ſchlug er als das beſte vor, in der Tagkutſche Plätze zu nehmen und ſpäter einen Wagen zu miethen, um nach der Poſtſtadt von Porth⸗ genna zu gelangen. Auf dieſe Weiſe konnten ſie die Reiſe nicht blos be⸗ quem bei Tage machen, ſondern hatten auch noch den Vortheil, daß ſie vor Antritt der Reiſe nach Pothgenna ſo wenig Zeit als möglich in Truro zu verſäumen brauchten. Der auf dieſe Weiſe vorgeſchlagene Plan ward auch feſtgehalten. Als der Perſonenwagen durchkam, warteten Onkel Joſeph und ſeine Nichte bereits, um einzuſteigen. Sie fanden alle Innenplätze frei bis auf einen, ſtiegen zwei Stunden ſpäter an der Station aus, welche dem Orte ihrer Beſtimmung am nächſten war, mietheten hier einen Einſpänner und erreichten die Poſtſtadt zwiſchen ein und zwei Uhr nachmittags. 3 Aus Gründen der Vorſicht, welche Sara geltend machte, entließen ſie ihr Fuhrwerk an dem Gaſthauſe und machten ſich auf, um zu Fuße über das Moorland nach Porthgenna zu wandern. Als ſie die letzten Häuſer der Stadt paſſirten, be⸗ gegneten ſie dem Poſtboten, der eben vom Austragen der Briefe in dem umliegenden Diſtrict zurückkehrte. Sein Beutel war an dieſem Morgen weit ſchwerer und ſein Weg ein weiterer geweſen als gewöhnlich. Unter den Extrabriefen, die ihn über ſeinen gewohnten Kreis hinaus⸗ geführt hatten, befand ſich ein an die Haushälterin zu Porthgenna Tower adreſſirter, den er gleich früh am Morgen, als er ſeine Runde angetreten, abgegeben hatte. Während der ganzen Reiſe hatte Onkel Joſeph nicht ein einziges Mal auf den Zweck hingedeutet, wegen deſſen ſie unternommen worden. Von Natur die Einfälle eines Kindes beſitzend, war er auch mit dem elaſtiſchen Sinne eines Kindes begabt. Die Zweifel und bangen Ahnungen, welche das Gemüth ſeiner Nichte trübten und ſie ſchweig⸗ ſam, nachdenklich und traurig machten, warfen keinen verfinſternden Schatten auf den natürlichen Sonnenſchein des ſeinigen. Wenn er wirklich um ſeines Vergnügens willen allein gereiſt wäre, ſo hätte er ſich an den ver⸗ ſchiedenen Bildern und Vorfällen der Reiſe nicht mehr ergötzen können als es der Fall war. Das Glück, welches die enteilende Minute ihm zu iſe nd be⸗ der ein ein den us⸗ zu am tte. icht ſſen nes nne gen, eig⸗ inen hein gens ver⸗ nehr 55 geben hatte, nahm er ſo bereitwillig und dankbar hin, als ob die Zukunft keine Ungewißheit hätte, als ob nicht Zweifel, Schwierigkeiten oder Gefahren am Ende der Reiſe ſeiner harrten. Ehe er noch eine halbe Stunde im Wagen ſaß, be⸗ gann er dem dritten Paſſagier— einer ſteifen, alten Dame, die ihn mit ſprachloſem Erſtaunen anſtierte— die ganze Geſchichte der Spieluhr zu erzählen und ſchloß ſeine Geſchichte damit, daß er die Uhr trotz des Ge⸗ räuſches, welches die Räder des Wagens machten, ſpie⸗ len ließ. Als er mit ſeiner Nichte den großen Perſonenwagen verließ, war er dann mit dem Kutſcher der Chaiſe ebenſo geſellig, rühmte die Vorzüge des deutſchen Bieres vor dem corniſchen Aepfelwein und machte ſeine Bemerkungen über die Gegenſtände, an welchen ſie unterwegs vorüber⸗ kamen, mit der angenehmſten Vertraulichkeit und dem herzlichſten Genuß an ſeinen eigenen Späßen. Erſt als er und Sara aus der kleinen Stadt hinaus und mit einander allein auf dem großen, ſich jenſeits derſelben hinſtreckenden Moorland waren, änderte ſich ſein Benehmen und ſein Geplauder hörte gänzlich auf. Nachdem er, ſeine Nichte am Arm führend, eine Zeit lang ſchweigend marſchirt war, blieb er plötzlich ſtehen, ſah ihr innig und freundlich ins Geſicht und legte ſeine Hand auf die ihrige. „Noch eins gibt es, was ich Dich fragen möchte, Kind“, ſagte er.„Die Reiſe hat es mir aus dem Kopfe kommen laſſen, obſchon es während der ganzen Zeit von meinem Herzen feſtgehalten worden iſt. Wenn wir dieſes 5 Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimnlß. II. 5 Porthgenna wieder verlaſſen und in mein Haus zurück⸗ kehren, nicht wahr, dann gehſt Du nicht wieder fort? Du verläſſeſt Onkel Joſeph nicht abermals? Stehſt Du noch in Dienſten, Sara? Biſt Du immer noch nicht Dein eigener Herr?“ „Vor einigen Tagen ſtand ich noch in Dienſten“, antwortete ſie,„jetzt aber bin ich frei. Ich habe meinen Dienſt verloren.“ „So! Du haſt Deinen Dienſt verloren? Warum denn?“ „Weil ich eine unſchuldige Perſon nicht mit Unrecht tadeln hören wollte— weil—“ Sie unterbrach ſich. Die wenigen Worte aber, welche ſie geſagt, wurden mit ſo plötzlich erhöhter Farbe, mit ſo außerordentlichem Nachdruck und in ſo entſchloſſenem Tone geſprochen, daß der alte Mann ſeine Augen ſo weit als möglich aufriß und ſeine Nichte mit unverhohlenem Erſtaunen betrachtete. „Sol ſo! ſo!“ rief er.„Wie? Du haſt alſo einen Streit gehabt, Sara?“. „Still, frage mich jetzt nichts weiter!“ bat ſie ein⸗ dringlich.„Ich bin zu unruhig und aufgeregt, um zu antworten.— Onkel, dies iſt das Moorland von Porth⸗ genna— dies iſt der Weg, den ich vor ſechzehn Jahren zurücklegte, als ich zu Dir floh. O laß uns weiter gehen— ich bitte Dich, laß uns weiter gehen! Ich kann jetzt an weiter nichts denken als an das Haus, dem wir ſo nahe ſind, und die Gefahr, der wir vielleicht ent⸗ gegengehen.“ Schweigend gingen ſie weiter. Nachdem ſie eine halbe n 67 Stunde raſch gegangen waren, gelangten ſie auf den höchſtgelegenen Punkt des Moorlandes, wo die ganze weſtliche Fernſicht impoſant vor ihnen dalag. Unter ſich ſahen ſie das dunkle, einſame, weitläufige Schloß Porthgenna Tower, während das Sonnenlicht ſich ſchon nach den Fenſtern der weſtlichen Front herum⸗ ſtahl. Der dahinführende Pfad ſchlängelte ſich in blen⸗ dendweißen Curven anmuthig über den braunen Moor hinweg. Weeiter unten ſah man die einſame alte Kirche mit dem friedlichen Begräbnißplatz, der ſich an ſie anſchmiegte. Noch weiter unten zeigten ſichg die kleinen zerſtreuten Dächer der Fiſcherhütten. Und jenſeits all dieſem herrſchte die unvergängliche Pracht des Meeres mit ſeiner weißſchäumenden Bran⸗ dung, mit dem gelben Strande. Sechzehn lange Jahre— und was für, nach den Pulsſchlägen des lebenden Herzens gezählte Jahre des Kummers, des Leidens und der Veränderung— waren über der Todtenruhe von Porthgenna hinweggegangen und hatten es ebenſo wenig verändert, als wenn ſie alle in dem Umkreiſe eines einzigen Tages enthalten geweſen wären. Die Augenblicke, wo der Geiſt in uns am tiefſten aufgeregt iſt, ſind auch faſt unabänderlich die Augenblicke, wo die äußeren Kundgebungen deſſelben am ſchwerſten zu entdecken ſind. Unſere eigenen Gedanken ſteigen über uns empor, unſere eigenen Gefühle liegen tiefer als wir reichen können. Wie ſelten können Worte uns helfen, wenn ihre Hülfe am nothwendigſten gebraucht wird! Wie 5* 68 oft trocknen unſere Thränen, wenn wir am meiſten uns ſehnen, daß ſie uns das Herz erleichtern möchten. Gab es wohl jemals in dieſer Welt eine ſtarke Gemüths⸗ bewegung, welche im Stande geweſen wäre, ihre eigene Stärke angemeſſen auszudrücken? Welche dritte Perſon, die dem alten Mann und ſeiner Nichte begegnet wäre, während ſie jetzt miteinander auf dem Moorland ſtanden, würde geahnt haben, daß der eine die Landſchaft mit weiter nichts als der Neugier eines Fremden, und die andere ſie durch die Erinnerungen einer halben Lebens⸗ zeit hindurch betrachtete. Die Augen beider waren trocken. Beide ſchwiegen und die Geſichter beider waren mit gleicher Aufmerkſam⸗ keit der Ausſicht zugewendet. Sogar zwiſchen ihnen ſelbſt beſtand keine wirkliche Sympathie, keine verſtänd⸗ liche Anſprache von einem Gemüth zu dem andern. Des alten Mannes ruhige Bewunderung der Ausſicht ward, als ſie endlich weitergingen und miteinander ſprachen, nicht kürzer und bündiger ausgedrückt als die gewohn⸗ ten zuſtimmenden Redensarten waren, mit welchen ſeine Nichte auf das Wenige, was er ſagte, antwortete. Wie viele Augenblicke gibt es in dieſem ſtrebſamen Leben, wo bei all unſerer gerühmten Macht der Rede unſer Wörterbuch uns verrätheriſch im Stiche läßt und die Blätter deſſelben uns weiter nichts zeigen als den Anblick einer vollkommen leeren Fläche. Langſam den Abhang des Moorlandes hinabſteigend, kamen Onkel und Nichte dem Schloß Porthgenna Tower immer näher und näher. Sie waren nur noch etwa eine Viertelſtunde davon entfernt, als Sara an einer Stelle uns Gab ths⸗ gene ſon, äre, den, mit die ens⸗ egen am⸗ jnen and⸗ Des ard, hen, ohn⸗ ſeine men Rede und den gend, ower eine btelle 69 ſtehen blieb, wo ein zweiter Pfad den Hauptfußweg durchſchnitt, welchem ſie bis jetzt gefolgt waren. Links, wie ſie jetzt ſtanden, zog dieſer zweite Pfad ſich hin, bis er in der Fläche des Moorlandes dem Auge entſchwand. Rechts führte er gerade nach der Kirche. „Warum bleiben wir hier ſtehen?“ fragte Onkel Joſeph, indem er erſt in einer Richtung und dann nach der andern ſchaute. „Willſt Du vielleicht eine kleine Weile hier auf mich warten, Onkel? Ich kann den Kirchenweg“— ſie ſtockte, denn ſie wußte nicht recht, wie ſie ſich ausdrücken ſollte —„ich kann den Kirchenweg nicht paſſiren, ohne— da ich ja nicht wiſſen kann, was geſchieht, nachdem wir das Schloß erreicht haben— ich kann dieſen Weg nicht paſſiren, ohne— etwas zu ſehen zu wünſchen, was—“ Sie ſtockte wieder und wendete das Geſicht ſehn⸗ ſüchtig nach der Kirche. Die Thränen, welche bei dem erſten Anblick von Porthgenna ihre Augen nicht benetzt hatten, begannen jetzt in dieſelben emporzuſteigen. Onkel Joſeph's natürliches Zartgefühl ſagte ihm, daß es am beſten ſein würde, wenn er ſich enthielte, Erklärungen von ihr zu verlangen. „Gehe, wohin Du willſt und ſuche, was Du wün⸗ ſcheſt“, ſagte er, indem er ſie auf die Schulter klopfte. „Ich werde ein wenig hier bleiben und mir die Zeit mit meiner Pfeife vertreiben, und Mozart ſoll aus ſeinem Käfig heraus und ein wenig in dieſer ſchönen friſchen Luft ſingen.“. Mit dieſen Worten nahm er den Riemen des Leder⸗ futterals von der Schulter, zog die Spieluhr aus dem 3 70 Futteral und ließ ſie das zweite der beiden Stücken, die ſie ſpielte— die Menuett aus Don Juan— anſtimmen. Als Sara fortging, ſah er ſich ſorgfältig nach einer glatten, harten Stelle des Bodens um, nicht um ſich, ſondern um die Spieluhr darauf zu ſetzen. Nachdem er eine ſolche Stelle gefunden, zündete er ſeine Pfeife an und ſetzte ſich zu ſeiner Muſik und ſeinem Tabak nieder, wie ein Epikuräer zu einem guten Schmaus. „Aha!“ rief er bei ſich ſelbſt, indem er die fremde Umgebung ringsum ſo gelaſſen beſchaute, als ob er ſich noch in ſeinem kleinen Ladenſtübchen in Truro befände, „aha! das iſt ein ſchöner großer Concertſaal, mein Freund Mozart, in welchem Du Dich jetzt hören läſſeſt! Uff! Hier iſt Wind genug, um Deine herrliche Tanz⸗ melodie bis auf das Meer hinaus zu blaſen und den Matroſen einen Geſchmack davon beizubringen, während ſie in ihren Schiffen herumgeworfen werden!“ Sara ſchritt mittlerweile raſch auf die Kirche zu und trat in die Einhegung des kleinen Begräbnißplatzes. Nach derſelben Stelle, nach welcher ſie ihre Schritte am Morgen nach dem Tode ihrer Herrin die Schritte gerichtet, wendete ſie jetzt, nach einem Zeitraume von ſechzehn Jahren, ihr Geſicht wieder. Hier wenigſtens hatte der Gang der Zeit ſeine handgreiflichen Spuren — ſeine Fußtapfen in Geſtalt von Gräbern zurückgelaſſen. Wie mancher kleine Platz, der noch leer war, als ſie ihn das letzte Mal ſah, hatte jetzt ſeinen Hügel und ſeinen Denkſtein! Das eine Grab, welches ſie zu be⸗ ſuchen kam— das Grab, welches in frühern Tagen abgeſondert gelegen— hatte jetzt Nachbarn rechts und links. Sie würde es nicht herausgefunden haben, ohne die verwitterten Flecken auf dem Denkſteine, welche von dem Sturme und Regen erzählten, wovon die übrigen bisjetzt unberührt geblieben. Der Hügel war noch er⸗ halten, das Gras aber war lang und nickte ihr einen ſchauerlichen Gruß zu, während der Wind darüber hin⸗ weg fegte. Sara kniete an dem Steine nieder und verſuchte die Inſchrift zu leſen. Die ſchwarze Farbe, welche frü⸗ her die eingegrabenen Worte ſichtbar gemacht, war jetzt vollſtändig abgeblättert, für jedes andere Auge als das ihrige wäre ſogar der Name des Todten ſchwer zu ent⸗ ziffern geweſen. Sie ſeufzte ſchwer, als ſie den Buch⸗ ſtaben der Inſchrift mechaniſch einem nach dem andern mit den Fingern folgte: Gewidmet dem Andenken an Hugh Polwheal, geſtorben in ſeinem 26. Lebensjahre. Der Tod ereilte ihn durch den Sturz eines Felſens in dem Porthgenna⸗Schacht, am 17. December 1823. Ihre Hand weilte auf den Buchſtaben, nachdem ſie denſelben bis zur letzten Zeile gefolgt war, dann bückte ſie ſich und drückte ihre Lippen auf den Stein. „Beſſer ſo!“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt, indem ſie ſich wieder von den Knien erhob und zum letzten Male auf die Inſchrift herabblickte.„Beſſer, daß ſie ſo verſchwin⸗ det! Weniger fremde Augen werden ſie dann ſehen, 42 weniger fremde Füße werden den meinigen folgen— er wird dann auf ſeinem Ruheplatze um ſo ungeſtörter lie⸗ gen. Sie trocknete ihre Thränen und pflückte einige Halmen Gras von dem Grabe, dann verließ ſie den Kirchhof. Vor dem Heckenzaune, der den Begräbnißplatz um⸗ gab, blieb ſie einen Augenblick ſtehen und zog aus dem Buſen ihres Kleides das kleine Geſangbuch, welches ſie am Morgen ihrer Flucht von Porthgenna aus dem Schreibepulte in ihrem Schlafzimmer genommen. Die verdorrten Ueberreſte der Halme, welche ſie vor ſechzehn Jahren von demſelben Grabe gepflückt, lagen noch zwi⸗ ſchen den Blättern. Sie fügte ihnen das eben gepflückte friſche Gras hinzu, ſteckte das Buch wieder in den Bu⸗ ſen ihres Kleides und eilte über das Moorland zurück nach der Stelle, wo der alte Mann auf ſie wartete. Sie fand ihn beſchäftigt, die Spieluhr wieder in ihr Lederfutteral zu packen. „Ein guter Wind“, ſagte er, indem er ſeine flache Hand dem friſchen Lufthauch entgegenhielt, der über das Moorland fegte.„Ein ſehr guter Wind an und für ſich— aber ein bitterböſer Wind in Bezug auf Mozart. Er bläſt die Melodie hinweg, als wenn es der Hut auf meinem Kopfe wäre— Du kommſt gerade zu rechter Zeit, mein Kind— gerade wo meine Pfeife aus und Mozart bereit iſt, die Reiſe weiter fortzuſetzen. Ah, Du haſt wieder geweint, Sara. Worüber denn? Doch ich ſehe ſchon— je weniger Fragen ich jetzt an Dich thue, deſto dankbarer wirſt Du mir dafür ſein. Gut, ₰ 82 ich bin fertig. Doch nein! Noch eine Frage habe ich zu thun. Weshalb ſtehen wir hier? Warum gehen wir nicht weiter?“ „Ja ja— Du haſt Recht, Onkel Joſeph— laß uns ſofort weiter gehen. Ich werde den wenigen Muth, den ich beſitze, noch vollends verlieren, wenn wir noch lange hier ſtehen und das verhängnißvolle Haus anſehen.“ Sie ſchritten ohne noch einen Augenblick zu zögern den Weg entlang. Als ſie das Ende deſſelben erreicht hatten, ſtanden ſie der öſtlichen Umfaſſungsmauer von Porthgenna Tower gegenüber. Der Haupteingang, wel⸗ cher in den letzten Jahren nur ſehr ſelten benutzt worden, befand ſich auf der weſtlichen Seite und man gelangte zu demſelben mittelſt der Terraſſe, von welcher man die Ausſicht auf das Meer hatte. Der kleinere Eingang, welcher gewöhnlich benutzt ward, lag auf der Südſeite des Gebäudes und führte durch die Dienerwohnungen nach der großen Halle und der weſtlichen Treppe. Sara's alte Kenntniß der Lokalitäten leitete ſie in⸗ ſtinctgemäß nach dieſem Theile des Hauſes. Sie führte ihren Begleiter weiter, bis ſie die Südecke der öſtlichen Mauer erreichten, dann blieb ſie ſtehen und ſah ſich um. Seitdem ſie dem Poſtboten begegnet waren und das Moorland betreten, hatten ſie kein lebendes Weſen wie⸗ der erblickt und dennoch, obſchon ſie ſich jetzt unmittel⸗ bar unter den Mauern von Porthgenna befanden, war doch weder Mann, noch Weib, noch Kind, noch auch nur eine Hausthür ſichtbar. „Es iſt ſehr einſam hier“, ſagte Sara, indem ſie 4 ſich mißtrauiſch umſchaute.„Viel einſamer als es ſonſt zu ſein pflegte.“ „Bleibſt Du hier blos ſtehen, um mir zu ſagen, was ich ſelbſt ſehen kann?“ fragte Onkel Joſeph, deſſen eingefleiſchte Heiterkeit ſich ſelbſt in der Einſamkeit der Wüſte Sahara nicht verleugnet haben würde. „Nein, nein!“ antwortete ſie raſch und ängſtlich flüſternd.„Die Glocke aber, die wir läuten müſſen, iſt ſo nahe— gleich um die Ecke herum— und ich möchte wiſſen, was wir ſagen ſollen, wenn wir dem Diener gegenüber ſtehen. Du meinteſt, es wäre Zeit genug daran zu denken, wenn wir wirklich an der Thür ſein würden, Onkel! Wir werden ſogleich an der Thür ſein. Was ſollen wir thun?“ „Das Erſte, was wir zu thun haben“, ſagte Onkel Joſeph, die Achſeln zuckend,„iſt jedenfalls, die Klingel zu ziehen.“ „Ja— aber wenn der Diener kommt, was ſollen wir dann ſagen?“ „Sagen?“ wiederholte Onkel Joſeph, indem er von der Anſtrengung des Denkens grimmig die Augenbrauen runzelte und ſich dicht unter dem Hut mit dem Zeige⸗ finger auf die Stirn pochte.„Sagen?— warte, warte, warte, warte! Ah, jetzt hab' ich's! Ich weiß es!— Sei unbeſorgt, Sara. In dem Augenblick, wo die Thür ſich öffnet, wird die ganze Unterredung mit dem Diener durch mich geführt werden.“ „O, welche Laſt nimmſt Du mir vom Herzen! Was wirſt Du ihm ſagen?“ „Sagen?— Weiter nichts als:„Wie befindet Ihr Euch? Wir ſind da, um das Haus anzuſehen.)“ Als er dieſes bemerkenswerthe Auskunftsmittel um Zutritt zu dem Schloſſe Porthgenna Tower zu erlangen offenbart hatte, breitete er beide Hände fragend aus, trat mehrere Schritte vor ſeiner Nichte zurück und ſah ſie mit der heiter ſelbſtvergnügten Miene eines Menſchen an, welcher mit einem einzigen Sprunge ſeines Geiſtes von einem Zweifel zu einer Entdeckung gelangt iſt. Sara ſah ihn erſtaunt an. Der Ausdruck dieſer unbedingten Ueberzeugung auf ſeinem Geſicht machte ſie ſtutzig. Die armſeligſte aller armſeligen Entſchuldigun⸗ gen, um Einlaß in das Haus zu erlangen, welche ſie während der vergangenen Nacht ſelbſt erſonnen und wie⸗ der verworfen, erſchien als ein Muſter von Schlauheit im Vergleich mit einem ſo kindiſch einfachen Auskunfts⸗ mittel wie das vom Onkel Joſeph vorgeſchlagene. Und dennoch ſtand er da, dem Anſcheine nach vollkommen überzeugt, daß er das rechte Mittel getroffen, um alle Hinderniſſe mit einem Male aus dem Wege zu räumen. Da Sara nicht wußte, was ſie ſagen wollte und an die Stichhaltigkeit ihrer eigenen Zweifel nicht hin⸗ reichend glaubte, um offen eine Meinung nach der einen oder der andern Seite hin auszuſprechen, ſo nahm ſie die einzige Zuflucht, die ihr noch offen ſtand— ſie be⸗ mühte ſich nämlich, Zeit zu gewinnen. „Es iſt ſehr, ſehr freundlich von Dir, Onkel, daß Du die Mühe des Sprechens mit dem Diener auf Deine Schultern nehmen willſt“, ſagte ſie, während ſich die 76 Troſtloſigkeit ihres Herzens wider ihren Willen in dem matten Tone ihrer Stimme und in dem verlegenen Aus⸗ druck ihrer Augen verrieth.„Aber wollen wir nicht lieber noch ein wenig warten, ehe wir an der Thür klingeln, und einige Minuten an dieſer Mauer auf⸗ und abgehen, wo uns nicht ſo leicht jemand ſehen wird? Ich möchte noch ein wenig Zeit gewinnen, um mich auf die ſchwere Prüfung vorzubereiten, die ich zu beſtehen habe, und— und wenn nun der Diener Schwierig⸗ keiten macht uns einzulaſſen— ich meine Schwierig⸗ keiten, die wir jetzt nicht vorausſehen können— wäre es für dieſen Fall nicht gut, noch etwas Anderes zu erſinnen, was wir ſagen wollen? Vielleicht wenn Du Dir es noch einmal überlegteſt—“ „Das iſt durchaus nicht nöthig“, unterbrach ſie Onkel Joſeph;„ich brauche blos mit dem Diener zu ſprechen und— knick! knack!— wirſt Du ſehen, daß wir hineinkommen werden. Indeſſen, ich will mit Dir auf- und abgehen, ſo lange Du wünſcheſt. Wenn auch ich mit meinem Nachdenken in einem einzigen Augenblick fertig geworden bin, ſo iſt dies kein Grund, daß auch Du ſo ſchnell damit fertig ſein ſollſt. Nein, nein, nein — das iſt durchaus kein Grund.“ Indem der alte Mann dieſe Worte mit gönnerhafter Miene und einem ſelbſtzufriedenen Lächeln ſagte, welches unter weniger kritiſchen Umſtänden unwiderſtehlich komiſch geweſen wäre, bot er ſeiner Nichte wieder den Arm und führte ſie den Weg zurück, der an der öſtlichen Mauer von Porthgenna Tower hinführte. 77 Während Sara zweifelnd und zögernd draußen war⸗ tete, geſchah es in Folge eines ſeltſamen Zuſammen⸗ treffens, daß eine andere mit der höchſten häuslichen Autorität bekleidete Perſon innerhalb des Hauſes ebenfalls zweifelnd wartete. Dieſe Perſon war keine andere als die Haushälterin von Porthgenna Tower und die Urſache ihrer Verlegen⸗ heit war keine andere als der Brief, der an dieſem ſel⸗ ben Morgen durch den Poſtboten überbracht worden. Es war ein Brief von Miſtreß Frankland, den ſie geſchrieben, nachdem ſie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten und Doctor Orridge gehabt, als ſie die letzten Mittheilungen empfangen, welche der Doc⸗ tor in Bezug auf Miſtreß Jazeph zu machen im Stande war. Die Haushälterin hatte den Brief mehrmals durch⸗ geleſen und ihr Erſtaunen und ihre Verblüfftheit waren jedesmal höher geſtiegen. Sie wartete jetzt auf die Rückkehr des Caſtellans Mr. Munder, welcher außerhalb des Hauſes beſchäftigt war, um ſeine Meinung über die eigenthümliche Mittheilung zu hören, welche ſie von ihrer Herrin empfangen. Während Sara und ihr Onkel noch draußen an der öſtlichen Mauer auf⸗ und abgingen, trat Mr. Munder in das Zimmer der Haushälterin. Er war einer von jenen langen, ernſten Männern von wohlwollender Miene, mit kegelförmigem Kopf, einer tiefen Stimme, langſamem Gang und ſchwerfälligem Be⸗ nehmen, welche in ganz paſſiver Weiſe durch ein uner⸗ klärliches Verfahren in den Ruf großer Weisheit zu 78 gelangen wiſſen, ohne daß ſie ſich die Mühe zu geben brauchen, irgend etwas zu ſagen oder zu thun, was dieſen Ruf verdiente. In der ganzen Umgegend von Porthgenna ward der Caſtellan allgemein für einen Mann von ganz bemerkens⸗ werth geſundem Verſtande gehalten, und die Haushälterin theilte, obſchon ſie in andern Dingen eine ſehr gewitzte Frau war, die allgemeine Illuſion hinſichtlich dieſes einen Punktes in hohem Grade. „Guten Morgen, Miſtreß Pentreath“, ſagte Mr. Munder.„Gibt's etwas Neues heute?“ Welch ein Gewicht und welche Bedeutung gaben ſeine tiefe Stimme und ſeine eindrucksvoll langſame Art und Weiſe, ſich derſelben zu bedienen, dieſen beiden unbedeu⸗ tenden Redeſätzen! „Es gibt etwas Neues, Mr. Munder, was Sie in Erſtaunen ſetzen wird“, entgegnete die Haushälterin. „Ich habe heute Morgen von Miſtreß Frankland einen Brief erhalten, der jedenfalls das Seltſamſte iſt, was mir in dieſer Beziehung vorgekommen. Es wird mir darin geſagt, daß ich den Brief Ihnen mittheilen ſoll, und ich habe den ganzen Morgen gewartet, Ihre Meinung darüber zu hören. Ich bitte, ſetzen Sie ſich nieder und ſchenken Sie mir Ihre ganze Aufmerkſamkeit, denn ich verſichere Ihnen, daß der Brief dieſelbe durch⸗ aus verlangt.“ Mr. Munder ſetzte ſich und ward ſofort die ver⸗ körperte Aufmerkſamkeit— nicht die gewöhnliche Auf⸗ merkſamkeit, welche ermattet werden kann, ſondern die richterliche Aufmerkſamkeit, welche keine Ermüdung kennt 79 und der Macht der Langweile ebenſo überlegen iſt wie der Macht der Zeit. Die Haushälterin öffnete, ohne weiter die koſtbaren Minuten zu vergeuden— denn Mr. Munder's Minu⸗ ten kamen an Wichtigkeit unmittelbar hinter denen eines Premierminiſters— den Brief ihrer Herrin, widerſtand der ſehr natürlichen Verſuchung, einige einleitende Be⸗ merkungen dazu zu machen, und las dem Caſtellan ſofort den erſten Satz vor, welcher folgendermaßen lautete: „Miſtreß Pentreath! „Ihr werdet ſchon längſt einen Brief von mir erwartet haben, in welchem ich einen Tag für unſere Ankunft beſtimme. Bei dieſer, der dritten Veranlaſſung, an Euch in Bezug auf unſere Pläne zu ſchreiben, wird es, glaube ich, am beſten ſein, wenn ich nicht zum drit⸗ ten Male einen Tag bezeichne, ſondern ſage, daß wir in dem Augenblick, wo ich die Erlaubniß des Arztes erhalte, von Weſt Winſton nach Porthgenna abreiſen werden.“ „Inſoweit“, bemerkte Miſtreß Pentreath, indem ſie den Brief auf ihren Schoos legte und, während ſie ſprach, mit faſt gereizter Miene glattſtrich,„inſoweit hat die Sache weiter nichts auf ſich. Der Brief ſcheint mir allerdings— unter uns geſagt— in ziemlich ordi⸗ nären Ausdrücken geſchrieben und viel zu ſehr der gewöhn⸗ lichen Redeweiſe ähnlich zu ſein, als daß er meiner Idee von dem Briefſtyle einer vornehmen Dame entſprechen ſollte— aber dies iſt Sache der perſönlichen Anſicht. Ich kann nicht ſagen, und würde auch die letzte Perſon ſein, die ſo etwas behauptete, daß der Anfang von Miſtreß 80 Frankland's Brief im Ganzen genommen nicht vollkommen klar ſei. Es iſt vielmehr die Mitte und das Ende, worüber ich Sie, Mr. Munder, zu Rathe zu ziehen wünſche.“ „Ganz recht“, ſagte Mr. Munder; nur zwei Worte ſprach er, aber wie inhaltſchwer! Die Haushälterin räusperte ſich ſehr laut und lange und las dann folgendermaßen weiter: „Der Hauptzweck, weswegen ich dieſe Zeilen ſchreibe, iſt, um auf Befehl meines Gatten den Wunſch auszu⸗ ſprechen, daß Ihr und Mr. Munder ſo geheim als möglich zu ermitteln ſucht, ob eine Perſon, welche jetzt in Cornwall reiſt, und für welche wir uns zufällig ſehr intereſſiren, vielleicht in der Nachbarſchaft von Porth⸗ genna geſehen worden iſt. Die fragliche Perſon iſt uns unter dem Namen Miſtreß Jazeph bekannt. Sie iſt eine ſchon etwas ältliche Frau von ruhigem, gebildetem Be⸗ nehmen und nervenſchwachem, kränklichem Ausſehen. Sie kleidet ſich, wie wir geſehen haben, außerordentlich ſau⸗ ber und nett und in dunkle Farben. Ihre Augen haben einen eigenthümlichen Ausdruck von Schüchternheit, ihre Stimme iſt eigenthümlich ſanft und gedämpft und ihr Benehmen wird ſehr oft durch außerordentliches Zögern auffällig. Ich beſchreibe ſie ſo ausführlich für den Fall, daß ſie nicht unter dem Namen reiſen ſollte, unter wel⸗ chem wir ſie kennen. „Aus Gründen, die ich hier nicht weiter anzugeben brauche, halten wir es für wahrſcheinlich, daß Miſtreß Jazeph zu einer frühern Zeit ihres Lebens mit der Um⸗ gebung von Porthgenna in gewiſſer Verbindung geſtan⸗ den hat. Mag dies jedoch der Fall ſein oder nicht, ſo — 8 — 28—9—— 81 iſt doch unbeſtreitbar gewiß, daß ſie das Innere von Porthgenna Tower genau kennt, und daß ſie ein uns vollkommen unerklärliches Intereſſe irgend welcher Art an dieſem Hauſe hat. Wenn wir dieſe Thatſachen mit der Kenntniß in Zuſammenhang bringen, welcher zu⸗ folge ſie ſich gegenwärtig in Cornwall befindet, ſo glau⸗ ben wir, es liege recht wohl im Bereich der Möglich⸗ keit, daß Ihr oder irgend eine andere Perſon in unſerm Dienſte mit ihr zuſammentrifft, und es liegt uns viel daran, daß, wenn ſie vielleicht das Innere des Hauſes zu ſehen verlangt, Ihr ſie in demſelben nicht blos mit vollkommener Bereitwilligkeit und Höflichkeit herumführt, ſondern daß Ihr auch von dem Augenblicke an, wo ſie das Haus betritt bis zu dem, wo ſie es verläßt, ihr Benehmen im Stillen, aber ganz genau, beobachtet. Laßt ſie deshalb nicht eine Minute lang aus den Augen und beauftragt wo möglich eine zuverläſſige Perſon, ihr, nachdem ſie das Haus verlaſſen hat, unbemerkt zu fol⸗ gen und zu ermitteln wohin ſie geht. „Es iſt von der größten Wichtigkeit, daß dieſe In⸗ ſtructionen— ſo ſeltſam dieſelben Euch auch erſcheinen mögen— unbedingt und buchſtäblich befolgt werden. „Ich habe blos noch Zeit und Raum, hinzuzufügen, daß wir nichts dieſer Perſon zum Nachtheil Gereichen⸗ des wiſſen und daß es uns lieb ſein wird, wenn Ihr, im Fall Ihr mit ihr zuſammentrefft, Euch hinreichend diseret gegen ſie benchmt, damit ſie nicht argwohne, daß Ihr auf Befeh handelt oder ein beſonderes Inter⸗ eſſe daran habt, ihre Schritte zu überwachen. „Ihr werdet ſo gut ſein, dieſen Brief dem Caſtellan Wiltie Collins, Ein kisfes Gesenn T. 6 82 mitzutheilen, ebenſo wie Euch freigeſtellt iſt, von den darin enthaltenen Inſtructionen, da nöthig, irgend eine andere zuverläſſige Perſon in Kenntniß zu ſetzen. „Ergebenſt „Roſamunde Frankland. „N. S.— Das Zimmer brauche ich nicht mehr zu hüten und der Junge gedeiht, daß es eine Luſt iſt.“ „Da!“ ſagte die Haushälterin.„Nun möchte ich wiſſen, wer daraus klug werden ſoll. Iſt Ihnen, Mr. Munder, in Ihrem ganzen Leben ſchon ein ſolcher Brief vorgekommen? Man bürdet uns eine ſchwere Verant⸗ wortlichkeit auf, ohne ein Wort der Erklärung hinzu⸗ zufügen. Ich habe mir ſchon bald den Kopf darüber zerbrochen, was für ein Intereſſe unſere Herrſchaft an dieſer geheimnißvollen Perſon haben kann und je mehr ich darüber nachdenke, deſto weniger kann ich es errathen. Was iſt Ihre Meinung, Mr. Munder? Wir müſſen jedenfalls ſofort etwas thun. Wiſſen Sie vielleicht ein beſtimmtes Verfahren anzugeben 2⸗ Mr. Munder huſtete leiſe, ſchlug das eine Bein über das andere, hielt den Kopf kritiſch auf die Seite, huſtete zum zweiten Male leiſe und ſah die Haushälterin an. Hätte es irgend einem andern Menſchen in der Welt angehört, ſo würde Miſtreß Pentreath gemeint haben, daß das Geſicht, welches ſich jetzt dem ihrigen gegen⸗ über befand, nichts verriethe als die tiefſte, rathloſeſte Verblüfftheit. Aber es war Mr. Munder's Geſicht und dieſes konnte nur mit Vertrauen und Gefühlen ehr⸗ erbietiger Erwartung betrachtet werden. „Ich glaube“— begann Mr. Munder. „Nun?“ fragte die Haushälterin begierig. Ehe weiter ein Wort geſprochen werden konnte, trat die Magd in das Zimmer, um für Miſtreß Pentreath den Tiſch zu decken. „Laß das jetzt ſein, Betſey“, ſagte die Haushälterin ungeduldig.„Decke den Tiſch nicht eher als bis ich Dir klingle. Mr. Munder und ich haben jetzt etwas ſehr Wichtiges zu beſprechen und können uns nicht ſtören laſſen.“ Kaum aber hatte ſie dieſes Wort ausgeſprochen, als eine Unterbrechung von ganz unerwarteter Art erfolgte. Die Thorglocke läutete. Dies war in Porthgenna Tower ein ſehr ungewöhnliches Ereigniß. Die wenigen Perſonen, welche in häuslichen Angelegenheiten Veran⸗ laſſung hatten, das Schloß zu beſuchen, traten ſtets durch ein kleines Seitenpförtchen ein, welches während des Tages blos zugeklinkt war. „Wer ums Himmels willen kann das ſein!“ rief Miſtreß Pentreath, indem ſie an das Fenſter eilte, wel⸗ ches die Seitenanſicht der unteren Thürſtufen beherrſchte. Der erſte Gegenſtand, der ihrem Auge, als ſie hinausſah, begegnete, war eine Frau, die auf der unter⸗ ſten Stufe ſtand— eine Frau ſehr ſauber und nett in beſcheidene dunkle Farben gekleidet. „Gütiger Himmel, Mr. Munder“, rief die Haus⸗ hälterin, indem ſie an den Tiſch zurückeilte und Mi⸗ ſtreß Frankland's Brief aufraffte, den ſie hier liegen gelaſſen.„Es wartet ſchon eine fremde Perſon an der Thür, eine Dame— oder wenigſtens eine Frau— und ſauber gekleidet in dunkle Farben. Es iſt mir als 6* 84 müßte ich ohnmächtig werden, Mr. Munder! Bleib, Betſey— bleib!“ „Ich wollte blos gehen und das Thor öffnen“, ſagte Betſey erſtaunt. „Bleib, ſag' ich“, wiederholte Miſtreß Pentreath, ſich mit großer Anſtrengung faſſend.„Zufällig habe ich bei der gegenwärtigen Gelegenheit gewiſſe Gründe, von meinem Platze herabzuſteigen und mich an den Deinigen zu ſtellen. Geh aus dem Wege, Du Gaff⸗ maul! Ich werde ſelbſt gehen um zu ſehen, wer Ein⸗ laß begehrt.“ Fünſtes Anpitel. Im Hauſe. Miſtreß Pentreath's Ueberraſchung, als ſie durch das Fenſter ſchauend eine Dame geſehen, ſtieg noch weit höher als ſie, nachdem ſie die Thür geöffnet, einen Herrn vor ſich ſah. Onkel Joſeph war, nachdem er die Klingel gezogen, dicht an dem Klingelgriff ſtehen ge⸗ blieben und ſtand daher dem Hauſe ſo nahe, daß er von Miſtreß Pentreath's Fenſter aus nicht hatte geſehen werden können. Der aufgeregten Phantaſie der Haus⸗ hälterin zeigte er ſich auf der Schwelle mit der Plötz⸗ lichkeit einer Erſcheinung— der Erſcheinung eines kleinen, rothbäckigen, alten Herrn, welcher ſich lächelnd verbeugte und ſeinen Hut mit einer Schwenkung abnahm, in deren Gewandtheit und Schwung ſozuſagen etwas Uebermenſch⸗ liches lag. „Gehorſamer Diener! Wie befinden Sie ſich? Wir kommen, um uns das Innere des Schloſſes anzuſehen“, ſagte Onkel Joſeph, indem er in dem Augenblick, wo 86 die Thür geöffnet ward, ſein untrügliches Auskunfts⸗ mittel, Zutritt zu erlangen, verſuchte. Miſtreß Pentreath war ſprachlos vor Erſtaunen. Wer war dieſer familiäre alte Herr mit dem fremd⸗ ländiſchen Accent und der phantaſtiſchen Verbeugung? Und was meinte er damit, daß er zu ihr ſprach als ob ſie ſeine intime Freundin wäre? Miſtreß Frankland's Brief enthielt von Anfang bis zu Ende nicht ein Wort über ihn. „Wie befinden Sie ſich? Wir kommen, um uns das Innere des Schloſſes anzuſehen“, wiederholte Onkel Joſeph, indem er ſeine unwiderſtehliche Form der Be⸗ grüßung zum zweiten Mal verſuchte. „Das haben Sie ſchon einmal geſagt, Sir“, be⸗ merkte Miſtreß Pentreath, indem ſie ſo viel Selbſt⸗ beherrſchung wiedergewann, daß ſie ſich ihrer Zunge zu ihrer eigenen Vertheidigung bedienen konnte.„Wünſcht die Dame“, fuhr ſie fort, indem ſie über die Schulter des alten Mannes auf die Stufe hinunterblickte, wo ſeine Nichte ſtand,„wünſcht die Dame auch das Innere des Schloſſes zu ſehen?“ Sara's ſanft geſprochene Antwort überzeugte, ſo kurz ſie auch war, die Haushälterin, daß die in Miſtreß Frankland's Brief beſchriebene Frau wirklich und wahr⸗ haft vor ihr ſtand. Außer der ſaubern, beſcheidenen Kleidung war auch die ſanfte, wohlklingende Stimme da und, als ſie eine Secunde lang aufblickte, auch die ſchüchternen Augen, woran ſie ſo leicht zu erkennen war. In Bezug auf dieſe von den beiden fremden Perſonen konnte Miſtreß Pentreath, wie aufgeregt und überraſcht ſie auch ſein mochte, hinſichtlich des von ihr einzuſchla⸗ genden Verfahrens keine Ungewißheit hegen. In Bezug auf den andern Beſucher, den unbegreif⸗ lichen alten Ausländer aber, wurde ſie ſofort von den verworrenſten Zweifeln gequält. War es am gerathenſten, ſich an den Buchſtaben von Miſtreß Frankland's In⸗ ſtructionen zu halten und ihn zu bitten, draußen zu warten, während erſt die Dame im Hauſe herumgeführt würde?— oder war es am beſten, wenn ſie auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin handelte und es riskirte, ihn ebenſo einzulaſſen wie ſeine Begleiterin? Dies zu entſcheiden, war ein ſchwieriger Punkt und mußte des⸗ halb der höhern Weisheit Mr. Munder's unterbreitet werden. „Wollen Sie hereinkommen und einen Augenblick warten, während ich mit dem Caſtellan ſpreche?“ ſagte Miſtreß Pentreath, indem ſie abſichtlich von dem fami⸗ liären alten Ausländer keine Notiz nahm, ſondern über ihn hinweg direct mit der auf der untern Stufe ſtehen⸗ den Dame ſprach. „Sehr ſchön“, ſagte Onkel Joſeph lächelnd und ſich verneigend, ohne das auf ihn berechnete Benehmen der Haushälterin zu beachten.„Was ſagte ich Dir?“ flü⸗ ſterte er triumphirend ſeiner Nichte zu, während ſie an ihm vorüber in das Haus hineinging. Miſtreß Pentreath's erſter Impuls war, ſofort wie⸗ der in ihr Zimmer zu gehen und mit Mr. Munder zu ſprechen. Sie entſann ſich jedoch noch rechtzeitig der Stelle in Miſtreß Frankland's Brief, welche ihr ein⸗ ſchärfte, die Frau in der beſcheidenen Kleidung nicht 88 aus den Augen zu laſſen, und deshalb blieb ſie ſofort wieder ſtehen. Die Erinnerung an dieſen ſpeciellen Theil ihrer In⸗ ſtruction ward in ihr beſonders durch eine merkwürdige Aenderung in dem Benehmen der Frenden ſelbſt erweckt, welche in dem Augenblick, wo ſie die Schwelle über⸗ ſchritten, alle Schüchternheit zu verlieren ſchien und in überraſchend ungeduldiger Weiſe nach dem Innern des Hauſes vorangehen wollte. „Betſey!“ rief Miſtreß Pentreath, indem ſie vor⸗ ſichtig die Magd rief, nachdem ſie ſich blos einige Schritte von den beiden Fremden entfernt.„Betſey, ſage Mr. Munder, er möchte die Güte haben, hierher zu kommen.“ Mr. Munder erſchien mit großer Gemeſſenheit und mit einer gewiſſen drohenden Würde in ſeinen Zügen. Er war gewohnt, ſtets rückſichtsvoll behandelt zu werden, und deshalb unzufrieden mit der Haushälterin, daß ſie ihn ſo ohne weitere Umſtände in dem Augenblick ver⸗ laſſen, wo die Klingel gezogen ward, ohne ihm Zeit zu geben, eine Meinung über Miſtreß Frankland's Brief auszuſprechen. Als ihn daher jetzt Miſtreß Pentreath in großer Aufregung beiſeite nahm und ihm flüſternd die vertrau⸗ liche und erſtaunliche Mittheilung machte, daß die Frau, für welche Mr. und Miſtreß Frankland ſich auf ſo ge⸗ heimnißvolle Weiſe intereſſirten, in dieſem Augenblick leibhaftig vor ihm ſtünde, nahm er dieſe Mittheilung mit der Miene der verletzendſten Gleichgültigkeit hin. Noch ſchlimmer ward die Sache, als die Haushäl⸗ terin ihm ihre Verlegenheit mittheilte, wobei ſie nicht ——89 n — vergaß, die beiden fremden Perſonen fortwährend wach⸗ ſam im Auge zu behalten. Mochte ſie ſo ehrerbietig als ſie wollte an Mr. Munder's höhere Weisheit appel⸗ liren, ſo beharrte er dennoch dabei, ihr mit gering⸗ ſchätzendem Stirnrunzeln zuzuhören, und widerſprach ihr ſogar zuletzt auf herausfordernde Weiſe, als ſie zum Schluſſe hinzuzufügen wagte, daß ihre eigenen Anſichten ſie geneigt machen, keine Verantwortlichkeit auf ſich zu nehmen, ſondern den fremdländiſchen Herrn zu bitten, draußen zu warten, während die Dame in Uebereinſtim⸗ mung mit Miſtreß Frankland's Inſtructionen im Schloſſe herumgeführt würde. „Das kann wohl Ihre Meinung ſein, Madame“, entgegnete Mr. Munder in ſtrengem Tone,„aber es iſt nicht die meinige.“ Die Haushälterin ſah ihn erſchrocken an. „Vielleicht“, meinte ſie nachgiebig,„vielleicht glauben Sie, daß der fremde alte Herr darauf beſtehen würde, das Haus mit der Dame zugleich in Augenſchein zu nehmen?“ „Verſteht ſich, denke ich das“, ſagte Mr. Munder. Er hatte durchaus nichts der Art gedacht, denn ſein einziger Gedanke war in dieſem Augenblick der, ſein eigenes Uebergewicht dadurch zu behaupten, daß er ſich jedem von Miſtreß Pentreath beabſichtigten Arrangement hartnäckig widerſetzte. „Dann würden Sie alſo die Verantwortlichkeit auf ſich nehmen, beide Perſonen im Hauſe herumzuführen, weil ſie beide gleichzeitig Einlaß begehrt haben?“ fragte die Haushälterin. 90 „Verſteht ſich, würde ich das“, antwortete der Caſtellan mit der wunderbaren Schnelligkeit des Ent⸗ ſchluſſes, welche alle höher begabte Leute auszeichnet. „Wohlan, Mr. Munder, ich laſſe mich ſtets gern von Ihrer Meinung leiten und will mich auch jetzt nach derſelben richten“, ſagte Miſtreß Pentreath.„Da nun aber zwei Perſonen im Auge zu behalten ſind— denn dem Ausländer traue ich nicht über den Weg—, ſo muß ich Sie wirklich bitten, die Mühe des Herumfüh⸗ rens mit mir zu theilen. Ich bin ſo aufgeregt und nervenſchwach, daß es mir iſt, als wäre ich halb ohne Beſinnung— noch niemals bin ich in einer ſolchen Lage geweſen— ich ſehe mich mitten in Geheimniſſe hinein⸗ verſetzt, die ich nicht verſtehe— und mit einem Worte, wenn ich nicht auf Ihren Beiſtand rechnen kann, Mr. Munder, ſo ſtehe ich nicht dafür, daß ich nicht irgend einen Mißgriff begehe. Das aber ſollte mir ſehr leid thun, nicht blos meinetwegen, ſondern auch—“ Hier ſtockte die Haushälterin und ſah Mr. Munder ſcharf an. „Fahren Sie fort, Madame“, ſagte Mr. Munder mit grauſamer Gelaſſenheit. „Nicht blos um meinetwillen“, hob Miſtreß Pentreath ſchüchtern wieder an,„ſondern auch um Ihretwillen, Mr. Munder, denn Miſtreß Frankland's Brief legt die Verantwortlichkeit bei Führung dieſer delicaten Angelegen⸗ heit nicht blos auf meine Schultern, ſondern auch auf die Ihrigen.“ I Mr. Munder prallte einige Schritte zurück, ward 4 roth, öffnete entrüſtet die Lippen, zögerte und ſchloß ſie 91 wieder. Er ſah ſich in ſeiner eigenen Falle gefangen. Er konnte ſich der Verantwortlichkeit, die Handlungs⸗ weiſe der Haushälterin zu leiten, nicht entziehen, nach⸗ dem er einmal dieſe Verantwortlichkeit freiwillig auf ſich genommen hatte, und er konnte auch nicht leugnen, daß Miſtreß Frankland's Brief beſtimmt und wiederholt mit Nennung ſeines Namens auf ihn Bezug nahm. Es gab nur einen Weg, um mit Würde aus dieſer Schwierigkeit herauszukommen, und Mr. Munder ſchlug in dem Augenblick, wo er Selbſtbeherrſchung genug ge⸗ wonnen, um ſich für dieſe Aufgabe zu ſammeln, ohne Erröthen dieſen Weg ein. „Ich bin ganz erſtaunt, Miſtreß Pentreath“, begaun er mit der größten Würde.„Ja, ich ſage nochmals, ich bin ganz erſtaunt, daß Sie mich für fähig halten, Sie unter den eigenthümlichen Umſtänden, in welche wir jetzt verſetzt ſind, das Haus allein mit dieſen fremden Per⸗ ſonen durchwandern zu laſſen. Nein, Madame, von welcher Art auch meine übrigen Fehler ſein mögen, ſo gehört doch jedes Zurückweichen von meinem Antheil an einer Verantwortlichkeit nicht zu denſelben. Ich brauche nicht an Miſtreß Frankland's Brief erinnert zu werden und— nein— ich brauche auch keine Entſchuldigungen. Ich bin vollkommen bereit, Madame, ich bin vollkommen bereit, die Wanderung anzutreten, ſobald Sie es ſind.“ „Je eher wir dies dann thun, deſto beſſer wird es ſein, Mr. Munder, denn dieſer kecke alte Ausländer ſchwatzt ſchon mit Betſey, als ob er ſie ſein ganzes Leben lang gekannt hätte.“ Dieſe Behauptung war vollkommen wahr. Onkel 92 Joſeph übte ſeine Gabe der Vertraulichkeit an der Magd — welche, anſtatt in die Küche zurückzukehren, ſtehen geblieben war, um die Fremden anzugaffen— gerade ſo wie er ſie ſchon an der alten Dame in dem Perſonen⸗ wagen und an dem Kutſcher des Einſpänners geübt hatte, welcher ſeine Nichte und ihn nach der Poſtſtadt von Porthgenna gebracht hatte. Während die Haushälterin und der Caſtellan ihre geheime Conferenz hielten, ver⸗ ſetzte er Betſey durch die ſonderbaren Fragen, die er in Bezug auf das Haus an ſie richtete und wie ſie mit ihrer Arbeit darin zu Stande käme, in fortwährendes unterdrücktes Kichern. Seine Fragen hatten natürlich von der Südſeite des Gebäudes, zu welcher er und ſeine Begleiterin hereingekommen waren, nach der Weſtſeite, welche ſie nun bald exploriren ſollten, und von da nach der Nordſeite geführt, welche für jedermann im Hauſe ein verbotenes Terrain war. Als daher Miſtreß Pentreath mit dem Caſtellan ſich näherte, hörte ſie folgenden Austauſch von Fragen und Antworten zwiſchen dem alten Ausländer und der Magd: Aber ſagt mir, liebe Betſey“, ſagte Onkel Joſeph, 77 „warum geht denn niemand in jene modrigen alten Zimmer?“ „Weil ein Geſpenſt darin umgeht“, antwortete Betſey lachend, als ob eine Reihe von geſpenſtiſchen Zimmern und eine Reihe von vortrefflichen Späßen genau ein und daſſelbe wäre. „Du ſchweigſt augenblicklich und gehſt wieder in Deine Küche!“ rief Miſtreß Pentreath entrüſtet.„Die unwiſſenden Leute hier“, fuhr ſie fort, indem ſie immer —+—„—+—.,—— — noch Onkel Joſeph abſichtlich ignorirte und ihre Worte blos an Sara richtete,„erzählen abgeſchmackte Ge⸗ ſchichten von einigen alten Zimmern auf der verfallenen Seite des Hauſes, die ſeit länger als einem halben Jahrhundert nicht bewohnt geweſen ſind— abgeſchmackte Geſchichten von einem Geſpenſt, und meine Magd iſt ſo albern, daran zu glauben.“ „Nein, das iſt nicht wahr“, ſagte Betſey, indem ſie ſich mit Proteſt in die unteren Regionen zurückzog.„Ich glaube kein Wort von dem Geſpenſt— wenigſtens nicht am hellen Tage.“ Indem Betſey dieſen wichtigen Vorbehalt flüſternd hinzufügte, zog ſie ſich ungern von dem Schauplatz zurück. Miſtreß Pentreath bemerkte mit einiger Ueberraſchung, daß die geheimnißvolle Fremde in der ſaubern, beſchei⸗ denen Kleidung bei Erwähnung der Geſpenſtergeſchichte ſehr bleich ward und keinerlei Bemerkung darüber machte. Während ſie ſich noch fragte, was dies zu bedeuten habe, trat Mr. Munder in würdevoll hervorragender Weiſe heran und wendete ſich ſtolz, nicht an Onkel Joſeph und nicht an Sara, ſondern an die leere Luft zwiſchen ihnen. „Wenn Sie das Haus zu ſehen wünſchen“, ſagte er, „ſo werden Sie die Güte haben, mir zu folgen.“ Mit dieſen Worten bog Mr. Munder feierlich in den Corridor ein, der nach dem Fuße der weſtlichen Treppe führte, indem er mit jenem eigenthümlichen ge⸗ ſpreizten Schritte ging, der allen ernſten Engländern eigen iſt, wenn ſie eine Sonntagspromenade machen. 94 Die Haushälterin paßte ihren Schritt mit weiblicher Fügſamkeit dem Schritte des Caſtellans an und machte die nationale Sonntagspolonaiſe, als ob ſie zwiſchen Vor⸗ und Nachmittagskirche mit ihm die friſche Luft zu ſchöpfen ginge. „So wahr ich ein armer ſündhafter Menſch bin, das iſt gerade, als wenn wir einem Leichenbegängniß folgten“, flüſterte Onkel Joſeph ſeiner Nichte zu. Er zog ihren Arm durch den ſeinigen und fühlte, während er dies that, daß ſie zitterte. „Was fehlt Dir?“ fragte er ſie leiſe. „Onkel! Es liegt etwas Unnatürliches in der Be⸗ reitwilligkeit dieſer Leute, uns das Innere des Hauſes zu zeigen“, war die matt geflüſterte Antwort.„Was ſprachen dieſe Leute ſoeben heimlich miteinander? Warum hielt dieſe Frau ihre Augen ſo fortwährend auf uns geheftet?“ Ehe der alte Mann antworten konnte, drehte die Haushälterin ſich herum und bat in ernſt nachdrücklichem Tone, daß ſie die Güte haben möchten, zu folgen. Binnen weniger als einer Minute ſtanden ſie alle am Fuße der weſtlichen Treppe. „Ahl“ rief Onkel Joſeph ſo ungezwungen und red⸗ ſelig wie je, ſelbſt in Gegenwart des würdevollen Mr. Munder.„Ein ſchönes großes Haus und eine ſehr gute Treppe!“. „Wir ſind nicht gewohnt, von dem Gebäude oder der Treppe in ſolchen Ausdrücken ſprechen zu hören, Sir“, ſagte Mr. Munder, indem er ſich vornahm, die Vertraulichkeit des Ausländers im Keime zu erſticken. ———— 95 „Der Führer durch Weſtcornwall», mit welchem Buche Sie wohlgethan haben würden ſich bekannt zu machen, ehe Sie hierher kamen, nennt Porthgenna Tower ein Schloß und bedient ſich, indem er von der weſtlichen Treppe ſpricht, des Wortes grandios. Ich bedaure zu finden, Sir, daß Sie den„Führer durch Weſteorn⸗ wall» nicht zu Rathe gezogen haben.“ „Warum ſollte ich das?“ entgegnete der Deutſche, ohne ſich einſchüchtern zu laſſen.„Was brauche ich ein Buch, wenn ich Sie zum Führer habe? Ach, mein werther Herr, Sie ſind nicht gerecht gegen ſich ſelbſt. Iſt nicht ein lebendiger Führer wie Sie, welcher ſpricht und einhergeht, für mich viel beſſer als todte Blätter, gedruckte Buchſtaben? Nein, nein! Laſſen Sie mich dies nicht wieder hören— begehen Sie keine weitere Unge⸗ rechtigkeit an ſich ſelbſt.“ Hier machte Onkel Joſeph eine zweite phantaſtiſche Verbeugung, blickte lächelnd in das Geſicht des Caſtellans empor und ſchüttelte mit der Miene freundlichen Vor⸗ wurfs mehrmals den Kopf. Mr. Munder war es zu Muthe, als ſollte ihn der Schlag rühren. Und wenn dieſer obſcure Ausländer ein engliſcher Herzog geweſen wäre, ſo hätte er von ihm nicht mit ungezwungenerer und gleichgültigerer Vertraulich⸗ keit behandelt werden können. Oft hatte er von dem Gipfelpunkt der Keckheit gehört, und hier ſah er ihn auf ſichtbare, wunderbare Weiſe in einem einzigen kleinen, ältlichen Individuum verkörpert, welches den Boden, auf dem es ſtand, nicht ganz um fünf Fuß überragte. Während der Caſtellan von einem Gefühl beleidigter 96 Würde ſchwoll, welchem er vergebens verſucht haben würde Worte zu leihen, ging die Haushälterin, von Sara gefolgt, langſam die Treppe hinauf. Als Onkel Joſeph ſie hinaufgehen ſah, eilte er ſeiner Nichte nach und Mr. Munder folgte, nachdem er eine Weile auf der Binſendecke gewartet, um ſich zu faſſen, dem kecken Ausländer mit der Abſicht, ſein Benehmen ſcharf im Auge zu behalten und ſeine Unverſchämtheit bei der erſten Gelegenheit durch einen eindringlichen Ver⸗ weis zu züchtigen. Die auf dieſe Weiſe gebildete, ſich die Treppe hinauf bewegende Proceſſion ward jedoch nicht von dem Caſtellan geſchloſſen, ſondern fernerweit durch Betſey, die Magd, geſchmückt und vervollſtändigt, welche ſich aus der Küche ſtahl, um den Fremden auf ihrer Wanderung durch das Haus ſo dicht zu folgen als ſie dies thun konnte, ohne von Miſtreß Pentreath bemerkt zu werden. Betſey beſaß auch ihren Antheil von angeborener menſchlicher Neugier und Liebe zur Veränderung. Noch niemals hatte ein ſolches Ereigniß, wie die Ankunft von Fremden— ſo lange wenigſtens ſie ſich erinnern konnte— Leben und Abwechſelung in die ſchauerliche Eintönigkeit von Porth⸗ genna Tower gebracht und ſie war daher entſchloſſen, nicht allein in der Küche zu bleiben ſolange es Gelegen⸗ heit gab, ein wenig Converſation zu hören, oder zu ſehen, was die Geſellſchaft da oben wohl beginnen würde. Mittlerweile war die Haushälterin bis auf den Vor⸗ platz der erſten Etage vorangeſchritten, zu deſſen beiden Seiten die größeren Zimmer der weſtlichen Front lagen. Durch Furcht und Mißtrauen geſchärft, entdeckten al 97 Sara's Augen ſofort die Reparaturen, welche an dem Geländer und an den Stufen der zweiten Treppe bewirkt worden waren. „Sie haben Arbeitsleute im Hauſe gehabt“, ſagte ſie raſch zu Miſtreß Pentreath. „Sie meinen auf der Treppe?“ entgegnete die Haus⸗ hälterin.„Ja, da haben wir Arbeitsleute gehabt.“ „Anderswo nicht?“ „Nein, aber ſie wären an vielen andern Orten ſehr nöthig. Selbſt hier, in dem beſten Theile des Hauſes, iſt die Hälfte der Schlafzimmer kaum zu benutzen. Die⸗ ſelben waren, wie ich gehört habe, ſchon zur Zeit der ſeligen Mißreß Treverton nicht im beſten Zuſtande, und ſeitdem dieſe todt iſt—“ Die Haushälterin ſchwieg, die Stirn runzelnd und mit einem Blick der Ueberraſchung. Die Frau in dem ſaubern, beſcheidenen Anzuge machte, anſtatt den Ruf guter Manieren, welcher ihr in Miſtreß Frankland's Brief zuerkannt worden, zu rechtfertigen, ſich der unver⸗ zeihlichſten Unhöflichkeit ſchuldig, indem ſie ſich von Miſtreß Pentreath abwendete, ehe dieſelbe ausgeredet hatte. Entſchloſſen, ſich auf dieſe Weiſe nicht zum Schweigen bringen zu laſſen, wiederholte die Haushäl⸗ terin kalt und deutlich die Worte: „Und ſeitdem Miſtreß Treverton todt iſt—“ Sie ward zum zweiten Male unterbrochen. Die Fremde drehete ſich raſch herum, trat ihr mit ſehr bleichem Geſicht und unruhigem Blick gegenüber und that auf die abgebrochenſte Weiſe eine ganz unerhebliche Frage. „Erzählen Sie mir doch etwas von jener Geſpenſter⸗ Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 7 98 geſchichte“, ſagte ſie.„Meint man, es ſei der Geiſt eines Mannes oder einer Frau?“ „Ich ſprach von der verſtorbenen Miſtreß Treverton“, entgegnete die Haushälterin im ſtrengſten Tone der Zu⸗ rechtweiſung,„und nicht von der Geſpenſtergeſchichte, die man von den nördlichen Zimmern erzählt. Dies wür⸗ den Sie wiſſen, wenn Sie mir die Gefälligkeit erzeigt hätten, auf das zu hören, was ich ſagte.“ „Ich bitte um Verzeihung— ich bitte tauſendmal um Verzeihung für meine ſcheinbare Unaufmerkſamkeit. Es fiel mir gerade ein— oder ich wünſchte wenigſtens zu wiſſen—“ „Nun“, ſagte Miſtreß Pentreath, durch die augen⸗ ſcheinliche Aufrichtigkeit der an ſie gerichteten Entſchul⸗ digung erweicht,„wenn Ihnen daran gelegen iſt, etwas ſo Abgeſchmacktes zu wiſſen, ſo kann ich Ihnen ſagen, daß das Geſpenſt der Sage nach der Geiſt einer Frau iſt.“ Das Geſicht der Fremden ward bleicher als je und ſie wendete ſich wieder nach dem offenen Fenſter des Vorplatzes. „Wie heiß es iſt!“ ſagte ſie, indem ſie das Geſicht hinaus ins Freie hielt. „Heiß, bei Nordoſtwind!“ rief Miſtreß Pentreath erſtaunt. Hier näherte ſich Onkel Joſeph mit der höflichen Frage, wann man die Zimmer in Augenſchein nehmen werde. Während der letzten wenigen Minuten hatte er alle Arten Fragen an Mr. Munder gerichtet, und da er keine Antwort erhalten, die nicht von der kürzeſten und nen unfreundlichſten Art geweſen wäre, die Unterhaltung mit dem Caſtellan verzweifelt aufgegeben. Miſtreß Pentreath ſchickte ſich an, in das Frühſtücks⸗ zimmer, die Bibliothek und das Geſellſchaftszimmer voranzugehen. Dieſe drei Zimmer ſtanden alle miteinan⸗ der in Verbindung und jedes hatte noch eine zweite Thür, die in einen langen Corridor führte, zu welchem der Eingang ſich auf der rechten Seite des Vorplatzes der erſten Etage befand. Ehe die Haushälterin in dieſe Zimmer voranging, berührte ſie Sara an der Schulter, um ihr zu verſtehen zu geben, daß es Zeit ſei weiterzugehen. „Was die Geſpenſtergeſchichte betrifft“, hob Miſtreß Pentreath wieder an, während ſie die Thür des Früh⸗ ſtückzimmers öffnete,„ſo müſſen Sie ſich, wenn Sie dieſelbe vollſtändig hören wollen, an die unwiſſenden Leute wenden, welche daran glauben. Ob das Geſpenſt ein alter Geiſt oder ein neuer Geiſt iſt und warum man von ihm glaubt, daß er umgehe, dies iſt mehr als ich Ihnen ſagen kann.“ Trotzdem daß die Haushälterin auf dieſe Weiſe die größte Gleichgültigkeit gegen den volksthümlichen Aber⸗ glauben leugnete, hatte ſie doch von der Geſpenſter⸗ geſchichte genug gehört, um ſich zu fürchten, obſchon ſie es nicht geſtehen wollte. In dem Hauſe ſowohl als außer demſelben wäre niemand zu finden geweſen, der weniger geneigt geweſen wäre, ſich allein in die nörd⸗ lichen Zimmer zu wagen, als eben Miſtreß Pentreath ſelbſt. Während die Haushälterin in dem Frühſtückzimmer 7 7 100 die Fenſtergardinen aufzog und Mr. Munder die Thür öffnete, welche von hier in die Bibliothekzimmer führte, ſtahl Onkel Joſeph ſich an die Seite ſeiner Nichte und ſprach in ſeiner ſeltſamen, freundlichen Weiſe einige Worte der Ermuthigung zu ihr. „Muth, Muth!“ flüſterte er,„ſei ruhig und beſon⸗ nen und erfaſſe die Gelegenheit ſobald Du kannſt.“ „Meine Gedanken, meine Gedanken!“ antwortete Sara in demſelben leiſen Tone.„Dieſes Haus erweckt ſie alle gegen mich. O, warum habe ich mich wieder hereingewagt!“ „Sie werden wohlthun, wenn Sie jetzt die Ausſicht von dem Fenſter aus betrachten“, ſagte Miſtreß Pentreath, nachdem ſie die Gardine aufgezogen.„Sie wird ſehr bewundert.“ Während ſo die Dinge in dem erſten Stockwerk des Hauſes im Gange waren, hielt Betſey, welche ſich bis jetzt von der Hausflur aus Stufe um Stufe hinauf⸗ geſtohlen und dazwiſchen mit angeſtrengter Aufmerkſam⸗ keit gehorcht, da ſie fand, daß jetzt kein Schall von Stimmen mehr zu ihr drang, es für das Beſte, wieder in ihre Küche zurückzukehren und nach dem Mittagsmahl der Haushälterin zu ſehen, welches am Feuer warm ge⸗ halten werden ſollte. Sie ging deshalb wieder in die untern Regionen hinab, fragte ſich, welchen Theil des Hauſes die Fremden zunächſt zu ſehen wünſchen würden und zerbrach ſich den Kopf, um einen Vorwand zu er⸗ ſinnen, welcher ihr erlaubte, ſich der Expedition anzu⸗ ſchließen. Nachdem die Ausſicht von dem Fenſter des Frühſtück⸗ — ù △̈— o 8 SD”⅓£4— — ₰ pür tte, ind ige on⸗ tete eckt der ſicht ath, ſehr des bis auf⸗ am⸗ von theder nahl ge⸗ die des rden mer⸗ unzu⸗ 101 zimmers aus gebührend in Augenſchein genommen wor⸗ den, betrat man das Bibliothekzimmer. In dieſem kam Miſtreß Pentreath, da ſie Muße hatte ſich umzuſchauen, und dieſe Muße dazu anwendete, das Benehmen des Caſtellans zu beobachten, zu der un⸗ angenehmen Ueberzeugung, daß Mr. Munder in der wichtigen Aufgabe, das Thun und Treiben der beiden Fremden ſcharf zu überwachen, ihren Erwartungen keines⸗ wegs entſprach. Durch Onkel Joſeph's familiäres, re⸗ ſpektwidriges Benehmen doppelt zur Behauptung ſeiner eigenen Würde angeſtachelt, ſchien Mr. Munder auf nichts weiter bedacht zu ſein, als ſich ſo vollſtändig als möglich des Charakters eines Führers zu entäußern, wo⸗ mit der rückſichtsloſe Ausländer ihn zu bekleiden ge⸗ ſucht hatte. Er ſchlenderte daher ſchwerfällig mit der Miene eines zufälligen Beſuchers in den Zimmern umher, ſah zum Fenſter hinaus, blätterte in den auf den Tiſchen liegen⸗ den Büchern herum, betrachtete ſich ſtirnrunzelnd in den Kaminſpiegeln und ſah mit einem Wort überall hin, nur nicht dahin, wo er ſollte. Die durch dieſe affectirte Gleichgültigkeit erbitterte Haushälterin flüſterte ihm ärgerlich zu, er ſolle den fremden Mann im Auge behalten, da ſie ſelbſt genug zu thun habe, um die Frau in dem beſcheidenen Kleide zu überwachen.. „Schon gut, ſchon gut“, ſagte Mr. Munder in mürriſch nachläſſigem Tone.„Und wo werden Sie hin⸗ gehen, Madame, nachdem wir im Geſellſchaftszimmer geweſen ſind? Wieder durch die Bibliothek zurück in 102 die Frühſtückzimmer? Oder ſogleich hinaus in den Cor⸗ ridor? Haben Sie die Güte, dies zu beſtimmen, da Sie einmal im Begriff zu ſein ſcheinen, Alles zu beſtimmen.“ „Natürlich hinaus auf den Corridor“, antwortete Miſtreß Pentreath,„um die nächſten drei Zimmer, welche auf dieſe folgen, zu zeigen.“ Mr. Munder ſchlenderte aus dem Bibliothekzimmer durch die Verbindungsthür hinaus in das Geſellſchafts⸗ zimmer, ſchloß die in den Corridor führende Thür auf, ging dann zum großen Aerger der Haushälterin nach dem Kamin und betrachtete ſich in dem Spiegel über demſelben gerade ſo aufmerkſam, wie er ſich kaum eine Minute vorher in dem Spiegel des Bibliothekzimmers betrachtet hatte. „Dies iſt das weſtliche Geſellſchaftszimmer“, ſagte Miſtreß Pentreath zu den beiden Fremden.„Die Bild⸗ hauerarbeit an dem Kamin“, ſetzte ſie in der boshaften Abſicht hinzu, die Fremden in die unmittelbare Nähe des Caſtellans zu bringen,„wird als das Schönſte in dem ganzen Zimmer betrachtet.“ Durch dieſes Manöver von dem Spiegel hinweg⸗ gemaßregelt, ging Mr. Munder langſam nach dem Fenſter und ſah hinaus. Sara näherte ſich, immer noch bleich und ſchweigſam — aber mit einer gewiſſen ungewohnten Entſchloſſenheit, die ſich gleichſam in den Linien um ihren Mund herum ſammelte— nachdenklich dem Kamin, als die Haus⸗ hälterin ſie darauf aufmerkſam machte. Onkel Joſeph, der ſich in ſeiner zerſtreuten Weiſe im ganzen Zimmer ringsumſchaute, erſpähte in der Ecke, 103 welche von der auf den Corridor führenden Thür am weiteſten entfernt war, einen ſchönen Tiſch von Ahorn⸗ holz und ein Schränkchen von ſehr eigenthümlicher Form. Sein Tiſchlerenthuſiasmus ward dadurch ſofort erweckt und er eilte quer über das Zimmer hinüber, um das Schränkchen möglichſt genau in Augenſchein zu nehmen. Der Tiſch, auf dem es ſtand, ragte ein wenig nach vorn hervor und auf dem flachen Raume dieſes Vor⸗ ſprungs erblickte er eine prachtvolle Spieluhr, die we⸗ nigſtens dreimal ſo groß war als die ſeinige. „Eil eil! ei!!!“ rief Onkel Joſeph mit immer höher ſteigender Bewunderung,„laſſen Sie doch dieſes Ding einmal los— ich möchte hören was es ſpielt.“ Er ſchwieg, weil es ihm an Worten fehlte, um ſeine Ungeduld auszudrücken, und trommelte mit einem Aus⸗ bruch unbezähmbarer Begeiſterung mit beiden Händen auf dem Deckel der Spieluhr. „Mr. Munder“, rief die Haushälterin, indem ſie mit großer Entrüſtung quer über das Zimmer hinüber eilte,„warum paſſen Sie nicht auf? Warum laſſen Sie ſo etwas zu? Er will die Spieluhr erbrechen. Verhal⸗ ten Sie ſich ruhig, Sir! Wie können Sie ſich unter⸗ ſtehen, mich anzurühren?“ „Laſſen Sie das Ding los! laſſen Sie das Ding los!“ wiederholte Onkel Joſeph, indem er Miſtreß Pen⸗ treath's Arm, den er in ſeiner Aufregung ergriffen, fallen ließ.„Schauen Sie! Dies da, was ich an der Seite trage, iſt auch eine Spieluhr! Laſſen Sie das Ding los! Spielt es vielleicht etwas von Mozart? Es iſt drei Mal größer als irgend eine, die ich bis jetzt geſehen. 104 Sehen Sie, dieſe meine Spieluhr, die ſich neben der Ihrigen ganz winzig ausnimmt, ward meinem Bruder von dem König aller Componiſten, der jemals gelebt, von dem göttlichen Mozart ſelbſt geſchenkt. Laſſen Sie das große Ding los und dann ſollen Sie mein kleines auch klimpern hören. Ach, meine liebe, gute Madame, wenn Sie mich lieben—“ „Sir!!!“ rief die Haushälterin, vor tugendhafter Entrüſtung bis an die Wurzeln ihres Haares erröthend. „Was ſoll das heißen, Sir, daß Sie einer achtbaren Dame auf ſo beleidigende Weiſe begegnen?“ fragte Mr. Munder, zur Hülfe herbeieilend.„Glauben Sie, wir brauchen hier Ihr ausländiſches Geſchwätz und Ihre ausländiſche Moral und Ihre ausländiſche Läſterung? Ja, Sir, Läſterung. Jeder, der ein menſchliches Weſen, ſei es nun ein muſikaliſches oder ein anderes, göttlich nennt, iſt ein Läſterer. Wer ſind Sie, Sie kecker Menſch? Sind Sie ein Heide?“ Ehe noch Onkel Joſeph ein Wort zur Rechtfertigung ſeiner Grundſätze ſagen, ehe noch Mr. Munder ſeiner Entrüſtung weitere Worte leihen konnte, wurden ſie beide durch einen Ausruf des Schreckens von der Haushälterin zu augenblicklichem Stillſchweigen bewogen. „Wo iſt ſie?“ rief Miſtreß Pentreath, in der Mitte des Zimmers ſtehend, indem ſie ſich mit verblüfften Augen rings umſah. Die Frau in der ſaubern, netten Kleidung war ver⸗ ſchwunden. Sie war nicht in dem Bibliothekzimmer, ſie war nicht in dem Frühſtückzimmer, ſie war nicht draußen auf —— 105 der dem Corridor. Nachdem die Haushälterin an dieſen der drei Orten geſucht, kehrte ſie mit der Miene der Angſt ebt, und des Entſetzens zu Mr. Munder zurück und blieb, Sie einen Augenblick ihn anſtierend, vollkommen hülflos und nes vollkommen ſchweigend vor ihm ſtehen. me, Sobald als ſie ſich einigermaßen wieder gefaßt hatte, wendete ſie ſich grimmig zu Onkel Joſeph herum. fier.„Wo iſt ſie? Ich will wiſſen, was aus ihr geworden end. ſſt! Sie hinterliſtiger, abſcheulicher, unverſchämter alter wen Mann, wo iſt ſie?“ rief Miſtreß Pentreath mit bleichen MNr. Wangen und unbarmherzigen Augen. wir„Wahrſcheinlich ſieht ſie ſich allein im Hauſe um“, hre ſagte Onkel Joſeph.„Ganz gewiß werden wir ſie wie⸗ ng? derfinden, wenn wir unſern Weg durch die andern Zim⸗ ſen, mer weiter fortſetzen.“ lich So ſchlicht der alte Mann auch war, ſo beſaß er ſch? doch Schlauheit genug, um zu bemerken, daß er ſeiner Nichte zufällig gerade den Dienſt geleiſtet hatte, deſſen ung ſie bedurfte. Wäre er ſelbſt der liſtigſte aller Menſchen ner geweſen, ſo hätte er kein beſſeres Mittel erſinnen können, eide Miſtreß Pentreath's Aufmerkſamkeit von Sara auf ſich rrin ſelbſt zu leiten, als gerade das Mittel, deſſen er ſich in vollkommener Unſchuld gerade in dem Augenblick be⸗ itte diente, wo ſeine Gedanken von der eigentlichen Abſicht, ften womit er und ſeine Nichte das Haus betreten, am wei⸗ teſten entfernt waren. ver⸗„Aha“, dachte Onkel Joſeph bei ſich ſelbſt;„während dieſe beiden zornigen Perſonen mich ohne allen Grund var ausſchelten, hat Sara ſich fortgeſchlichen, um nach dem auf Zimmer zu eilen, wo der Brief liegt. Gut. Dann brauche ich blos zu warten bis ſie wiederkommt und dieſe beiden zornigen Perſonen mich ſchelten zu laſſen, ſo lange es ihnen beliebt.“ „Was ſollen wir beginnen, Mr. Munder! Was ums Himmels willen ſollen wir beginnen?“ fragte die Haushälterin.„Wir können die koſtbaren Minuten nicht damit vergeuden, daß wir hier ſtehen bleiben und einan⸗ der angaffen. Dieſe Frau muß ausfindig gemacht wer⸗ den. Halt— ſie fragte wegen der Treppe— ſie ſchaute, ſobald wir auf dem Vorplatze angelangt waren, nach der zweiten Etage hinauf. Mr. Munder! Warten Sie hier und laſſen Sie dieſen Ausländer nicht aus den Augen. Warten Sie hier, während ich hinaufeile und in den Corridor der zweiten Etage ſchaue. Die Thüren der Schlafzimmer ſind alle verſchloſſen. Verſtecken kann ſie ſich nicht darin, wenn ſie da hinaufgegangen iſt.“ Mit dieſen Worten eilte die Haushälterin aus dem Geſellſchaftsjimmer hinaus und athemlos die zweite Treppe hinauf. Während Miſtreß Pentreath auf dieſe Weiſe in dem weſtlichen Theil des Hauſes ſuchte, eilte Sara ſo ſchnell ſie konnte die einſamen Corridore entlang, welche nach den nördlichen Zimmern führten. Durch ihre verzweifelte Lage zu entſcheidendem Han⸗ deln getrieben, war ſie in dem Augenblick, wo ſie ſah, daß Miſtreß Pentreath ihr den Rücken zukehrte, aus dem Geſellſchaftszimmer hinaus in den Corridor geſchlüpft. Ohne erſt zu überlegen, ohne ſich zu faſſen zu ſuchen, eilte ſie die Treppe der erſten Etage hinab und ohne Weiteres nach dem Zimmer der Haushälterin. Sie hatte 107 keine Entſchuldigungen in Bereitſchaft, wenn ſie jemanden hier angetroffen hätte oder wenn ihr jemand unterwegs begegnet wäre. Sie hatte keinen Plan entworfen, wo ſie die Schlüſſel zu den nördlichen Zimmern zunächſt ſuchen ſollte, dafern ſie nicht an dem Platze hingen, an welchem ſie ſie noch zu finden erwartete. Ihr Gemüth war verworren, ihre Schläfe pulſirten, als ob ſie von der Hitze des Gehirns zu berſten drohten. Der eine blinde, abenteuerliche, rückſichtsloſe Vorſatz, in das Myrthenzimmer zu gelangen, trieb ſie weiter, lieh ihren zitternden Füßen übernatürliche Schnelligkeit, ihren beben⸗ den Händen übernatürliche Kraft und ihrem verzagenden Herzen übernatürlichen Muth. Sie eilte in das Zimmer der Haushälterin hinein, ohne auch nur die gewöhnliche Vorſicht zu gebrauchen, einen Augenblick an der Thür zu horchen. Es war niemand darin. Ein einziger Blick nach dem wohlbekannten Nagel in der Wand zeigte ihr, daß die Schlüſſel noch in einem Bündel daran hingen, gerade ſo, wie ſie in längſt vergangener Zeit daran gehangen hatten. In einem Augenblick war ſie im Beſitz derſelben und dann wieder fort, die einſamen Gänge entlang eilend, welche nach den nördlichen Zimmern führten, durch alle Biegungen und Windungen hindurch, als ob ſie dieſelben erſt den Tag zuvor verlaſſen, ohne ſtehen zu bleiben, um zu horchen oder hinter ſich zu ſchauen und ohne ihre Schritte zu mäßigen, bis ſie auf der oberſten Stufe der Hintertreppe ſtand und die Hand an die verſchloſſene Thür legte, welche in den nördlichen Flügel führte. 108 Als ſie in dem Schlüſſelbunde ſuchte, um den erſten Schlüſſel zu finden, welcher jetzt nöthig war, entdeckte ſie— was ſie in ihrer Eile bis jetzt nicht bemerkt— die numerirten Anhängſel, welche der Baumeiſter ſyſtematiſch an ſämmtlichen Schlüſſeln befeſtigt, als er von Mr. Frankland nach Porthgenna geſchickt worden, um das Schloß zu beſichtigen. Bei dem erſten Anblick dieſer Nummern machten ihre ſuchenden Hände augenblicklich Halt und ſie ſchauderte am ganzen Körper, als ob ſie von einem plötzlichen Froſt gepackt würde. Wäre ſie weniger heftig aufgeregt geweſen, ſo würde die Entdeckung der neuen Nummern und der Argwohn, der durch ihren Anblick ſofort erweckt werden mußte, ihrem weitern Fortgang höchſt wahrſcheinlich Einhalt gethan haben. Die Verwirrung ihres Gemüths war aber jetzt zu groß, als daß ſie im Stande geweſen wäre, auch nur die kleinſten Bruchtheile ihrer Gedanken in Zuſammenhang zu bringen. Sich blos unklar einer neuen Angſt und eines geſteigerten Mißtrauens bewußt, welches die rückſichtsloſe Ungeduld, die ſie ſo weit ge⸗ trieben, verdoppelte und verdreifachte, begann ſie ver⸗ zweifelt wieder in dem Schlüſſelbunde herumzuſuchen. Einer der Schlüſſel hatte keine Nummer. Er war größer als die übrigen— es war der Schlüſſel, der in das Schloß der Verbindungsthür paßte, vor welcher ſie ſtand. Sie drehte ihn in dem roſtigen Schloſſe mit einer Kraft herum, welche ſie zu jeder andern Zeit nicht im Stande geweſen wäre aufzubieten, und öff⸗ nete die Thür mit einem Stoß ihrer Hand, der ſie 109 auf einmal von dem Gewände löſte, an welchem ſie feſtklebte. Nach Athem keuchend, eilte nun Sara durch das Erdgeſchoß des verlaſſenen nördlichen Flügels hindurch, ohne erſt die Thür wieder hinter ſich zuzuſchlagen. Die ekelhaften Gewürme und Inſekten, welche ſich in ver⸗ laſſenen feuchten Räumen anzuſammeln pflegen, krochen geſpenſterhaft zu beiden Seiten hinweg nach der Wand. Sara achtete nicht darauf und ſcheuete ſich nicht da⸗ vor. Durch die Halle hindurch und die Treppe am Ende derſelben hinauf eilte ſie, bis ſie den offenen Vor⸗ platz oben erreichte, und hier blieb ſie plötzlich vor der erſten Thür ſtehen. Es war die erſte Thür der langen Reihe von Zim⸗ mern, die auf den Vorplatz herausführten— die Thür, welche ſich der oberſten Treppenſtufe gegenüber befand. Sie blieb davor ſtehen, ſie ſah ſie an— es war nicht die Thür, welche ſie zu öffnen gekommen war, und dennoch konnte ſie ſich nicht davon losreißen. Mit weißer Kreide ſtand die Zahl I. darauf geſchrieben. Und als ſie auf das Schlüſſelbund in ihren Händen herabſchaute, ſah ſie auf einem der kleinen Schilde ebenfalls die ent⸗ ſprechende Zahl I. Sie verſuchte zu denken, einen einzigen der miß⸗ trauiſchen Gedanken, die ſich ihr aufdrängten, bis zu dem Schluſſe fortzuſpinnen, zu welchem vielleicht dadurch zu gelangen war. Die Bemühung war vergeblich. Ihre Denkkraft war entſchwunden; ihre körperlichen Sinne des Sehens und Hörens— Sinne, die jetzt eine peinliche und unbegreifliche Schärfe erlangt hatten— ſchienen die 10 einzigen Ueberbleibſel von Intelligenz zu ſein, die ihr zur Führung dienen konnten. Sie hielt die Hand auf die Augen und wartete ſo eine Weile, dann ging ſie langſam den Vorplatz entlang und ſah die Thüren an. „Nr. II=7,„Nr. III.“,„Nr. IV.“ ſtand an denſelben mit derſelben weißen Kreide geſchrieben und entſprach den numerirten Schildchen an den Schlüſſeln, die mit Dinte geſchrieben waren.„Nr. IV.“ war das mittelſte Zim⸗ mer der erſten, acht zählenden Reihe. Hier blieb ſie, an allen Gliedern zitternd, wieder ſtehen. Es war die Thür des Myrthenzimmers. Hörten die Kreidenummern hier auf? Sie ſah den Vorplatz auf und ab. Nein. Die noch übrigen vier Thüren waren regelmäßig weiter numerirt bis„VIII.“ Sie kehrte wieder an die Thür des Myrthenzimmers zurück, ſuchte den mit der Zahl IV. bezeichneten Schlüſſel — zögerte und ſchaute mißtrauiſch zurück in die ver⸗ laſſene Halle. Die Leinwand der alten Familienporträts, welche ſie zu der Zeit, wo ſie den Brief verſteckte, ſich aus ihren Rahmen hatte blähen ſehen, war jetzt größtentheils ganz herausgemodert und lag in großen ſchwarzen Fetzen auf dem Fußboden der Halle. Inſeln und Continente von Feuchtigkeit breiteten ſich wie die Landkarte einer unbekannten Region über die hohe gewölbte Decke. Von Staub ſchwer gewordene Spinnweben bildeten die Draperie der zerbrochenen Simſe. Schmuzflecken bedeckten das ſteinerne Pflaſter wie plumpe Widerſpiegelungen der feuchten Flecke an der Decke. Die nach dem freien Platz vor den Zimmern der erſten —„—— ——— —— — — ̈ S/—/ 2£⏑ᷣ⏑△— „nSͤe Etage führende breite Treppe hatte ſich auf die eine Seite geſenkt. Das Geländer, welches den äußern Rand des Vorplatzes ſchützte, war von zackigen Lücken durch⸗ brochen. Das Tageslicht erſchien hier in der nördlichen Halle nur trüb, die Luft des Himmels war ſtill, das Geräuſch der Erde verſtummt. Verſtummt? War wirklich jedes Geräuſch verſtummt? Oder bewegte ſich etwas, was den Hörſinn nur eben berührte und die ſchauerliche Stille nur um ſo fühlbarer machte? Sara horchte, indem ſie das Geſicht immer noch nach der Halle zu gewendet hielt— ſie horchte und hörte ein ſchwaches Geräuſch hinter ſich. War es außerhalb der Thür, welcher ſie mit dem Rücken zugewendet ſtand? Oder war es innerhalb der⸗ ſelben— in dem Myrthenzimmer? Innerhalb war es. Mit der erſten Ueberzeugung hiervon verließ ſie jeder Gedanke, jede Empfindung. Sie vergaß das verdächtige Numeriren der Thüren; ſie ward unempfindlich gegen den Flug der Zeit; ſie dachte nicht an die Gefahr der Entdeckung. Jede Ausübung ihrer andern Fähigkeiten verſchmolz ſich jetzt in die Ausübung der einen Fähigkeit des Horchens. Es war ein ſchwaches, verſtohlen raſchelndes Ge⸗ räuſch und es bewegte ſich in Zwiſchenräumen hin und her, bald an dem einen, bald an dem andern Ende des Myrthenzimmers. Es gab Augenblicke, wo es plötzlich ganz deutlich ward, und dann wieder andere, wo es ſo hinwegſtarb, daß es nicht mehr verfolgt werden konnte. Zuweilen ſchien es mit einem Satze über den Fußboden 112 hinzufegen— zuweilen kroch es mit langſamem, anhal⸗ tendem Geraſchel, welches an die Grenze abſoluten Schweigens ſtreifte. Wie feſt gewurzelt an der Stelle, auf welcher ſie ſtand, wendete Sara ihren Kopf langſam Zoll für Zoll nach der Thür des Myrthenzimmers herum. Einen Augenblick vorher, während ſie ſich des ſchwachen, ſich darin hin und her bewegenden Geräuſches noch unbewußt war, hatte ſie raſch und ſchwer geathmet. Jetzt war ſie wie todt— ſo unbeweglich war ihre Bruſt, ſo geräuſch⸗ los ihr Athemzug. Ueber ihr Geſicht kam dieſelbe geheimnißvolle Ver⸗ änderung, die ſich darin bemerkbar gemacht, als es in dem kleinen Ladenſtübchen in Truro dunkel zu werden begann. Derſelbe furchtſame, forſchende Blick, den ſie damals auf den leeren Winkel des Zimmers geheftet, zeigte ſich auch jetzt wieder in ihren Augen, als ſie die⸗ ſelben langſam nach der Thür herumdrehte. „Herrin!“ flüſterte ſie.„Komme ich zu ſpät? Biſt Du ſchon vor mir da?“ Das verſtohlen raſchelnde Geräuſch verſtummte— erneuerte ſich— ſtarb wieder matt hinweg— hinweg an dem andern Ende des Zimmers. Ihre Augen, die immer noch auf die Thür des Myrthenzimmers geheftet waren, öffneten ſich immer weiter und weiter, als ob ſie erwar⸗ teten, daß das feſte dunkle Holz durchſichtig werden und zeigen würde, was dahinter ſei. „ ueber den einſamen Boden, über den einſamen Bo⸗ den— wie leicht es ſich bewegt!“ flüſterte ſie wieder. † — — ————,———+,— ————————, 113 „Herrin, raſchelt das Leichentuch, in welchem man Dich begraben, nicht lauter?“ Das Geräuſch verſtummte abermals und kam dann wieder mit einem einzigen verſtohlenen Satze dicht bis an die innere Seite der Thür. Hätte ſie ſich in dieſem Augenblick bewegen, hätte ſie, als das leiſe Geraſchel ihr am nächſten kam, auf die ſchmale Spalte zwiſchen dem untern Rande der Thür und dem Fußboden herunterſehen können, ſo hätte ſie vielleicht die unbedeutende Urſache, die es hervorbrachte, ſich ſelbſt verrathend, theils außerhalb, theils innerhalb der Thür in der Geſtalt eines Stückes verſchoſſener rother Papiertapete von der Wand des Myrthenzimmers liegen ſehen. Zeit und Feuchtigkeit hatten nämlich die Tapete in dem ganzen Zimmer gelockert. Zwei oder drei Ellen waren von dem Baumeiſter abgeriſſen worden, während er die Wände unterſuchte— zuweilen in großen, zu⸗ weilen in kleinen Stücken, gerade wie es ſich nun zufällig machte— und dann hatte er ſie auf den kahlen Fuß⸗ boden geworfen, wo der Wind, wenn er zufällig durch die zerbrochenen Fenſterſcheiben blies, ſein Spiel da⸗ mit trieb. Wenn Sara ſich nur bewegt, wenn ſie nur eine einzige kleine Secunde lang ihren Blick abwärts geſenkt hätte! Aber ſie konnte ſich weder bewegen noch ſehen. Der Paroxismus abergläubiſcher Furcht, von welchem ſie beſeſſen war, hielt ſie noch an jedem Glied gefangen. Sie fuhr nicht zuſammen, ſie ſtieß keinen Schrei düs, als ihr das Geraſchel am nächſten kam. Das einzige Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 8 äußere Zeichen, welches verrieth, wie die Furcht vor dieſer Annäherung ſie bis in die tiefſte Seele erſchütterte, gab ſich blos in der veränderten Bewegung ihrer rechten Hand zu erkennen, in welcher ſie die Schlüſſel hielt. In dem Augenblick, wo der Wind den Tapetenfetzen am dichteſten an die Thür wehete, verloren ihre Finger die Kraft der Zuſammenziehung und wurden ſo ſchlaff und hülflos, als ob ſie in Ohnmacht gefallen wäre. Das ſchwere Schlüſſelbund entglitt ihrer plötzlich ſich öffnenden Hand, fiel neben ihr auf den äußern Rand des Vorplatzes, rollte durch eine Lücke des zerbrochenen Geländers und fiel hinunter auf das Steinpflaſter mit einem Geklirr, bei welchem das ſchlafende Echo laut auf⸗ kreiſchte, als ob es ein ſich unter der Tortur des Schalles krümmendes fühlendes Weſen wäre. Das Klirren der fallenden Schlüſſel, welches durch die Todtenſtille hindurch hallte, erweckte Sara gleichſam zum augenblicklichen Bewußtſein gegenwärtiger Ereigniſſe und gegenwärtiger Gefahren. Sie fuhr zuſammen, tau⸗ melte zurück und hob beide Hände mit wilder Geberde zum Kopf empor— blieb ſo einige Secunden ſtehen und eilte dann nach der oberſten Stufe der Treppe in der Abſicht, wieder in die Halle hinabzueilen, um die Schlüſſel aufzuheben. Ehe ſie aber noch drei Schritte gethan, ließ ſich der gellende Ton einer kreiſchenden Frauenſtimme von der Verbindungsthür an dem entgegengeſetzten Ende der Halle vernehmen. Dieſes Gekreiſch wiederholte ſich in größerer Entfernung zwei Mal und dann folgte ein verworrenes Geräuſch von raſch nahenden Stimmen und Tritten. 115 Verzweifelt taumelte Sara noch einige Schritte und erreichte die erſte der Reihe von Thüren, welche auf den Vorplatz herausführte. Hier aber ſank die Natur er⸗ ſchöpft zuſammen— die Knie wankten— Athem, Ge⸗ ſicht und Gehör ſchien alles miteinander ſie in einem und demſelben Augenblick zu verlaſſen und ſie ſank an der oberſten Treppenſtufe ohne Beſinnung nieder. Sechstes Bapitel. Mr. Munder auf dem UKichterſtuhle. Die murmelnden Stimmen und die eilenden Tritte kamen immer näher und näher, dann machten ſie plötz⸗ lich Halt. Nach einigem Schweigen rief eine Stimme laut: „Sara, Sara! wo biſt Du?“ Im nächſten Augenblicke erſchien Onkel Joſeph allein an der in die nördliche Halle führenden geöffneten Thür und ſchaute ſich begierig ringsum. Anfangs blieb die auf dem Vorplatz oben an der Thür liegende Geſtalt von ihm unbemerkt. Als er aber zum zweiten Male nach dieſer Richtung hinſchaute, gewahrte er das dunkle Kleid und den Arm, der auf dem Rande der oberſten Stufe lag. Mit einem lauten Schrei des Schreckens und der Erkennung eilte er quer durch die Halle und die Treppe hinauf. Gerade als er neben Sara niederkniete und ihren Kopf in ſeinem Arm emporhob, drängten ſich der Caſtellan, die Haushälterin 117 und die Magd, alle drei hinter ihm durch die geöff⸗ nete Thür. „Waſſer!“ ſchrie der alte Mann, indem er mit ſei⸗ ner freien Hand wilde Geberden machte.„Sie iſt hier — ſie iſt gefallen— ſie iſt ohnmächtig! Waſſer! Waſſer!“ Mr. Munder ſah Miſtreß Pentreath an, Miſtreß Pentreath ſah Betſey an, Betſey ſah den Fußboden an. Alle drei ſtanden ſtockſtill; alle drei ſchienen eins wie das andere nicht im Stande zu ſein, durch die Halle zu gehen. Wenn die Wiſſenſchaft der Phyſiognomik keine gänz⸗ liche Täuſchung iſt, ſo ſtand die Urſache dieſer wunder⸗ baren Einmüthigkeit leſerlich auf den Geſichtern dieſer drei Perſonen geſchrieben, oder mit andern Worten, ſie fürchteten ſich alle, eins wie das andere, bor dem Geſpenſt! „Waſſer, ſage ich, Waſſer!“ wiederholte Onkel Jo⸗ ſeph mit der Fauſt drohend.„Sie iſt ohnmächtig ge⸗ worden! Steht Ihr Euer drei dort an der Thür, ohne daß eins von Euch Erbarmen hat? Waſſer! Waſſer! Waſſer! Soll ich ſchreien, daß ich Krämpfe bekomme, ehe eins von Euch hört?“ „Holen will ich das Waſſer, Madame“, ſagte Bet⸗ ſey,„wenn Sie oder Mr. Munder es dann von hier die Treppe hinauftragen wollen.“ Sie eilte in die Küche und kam mit einem Glas Waſſer zurück, welches ſie mit einem ehrerbietigen Knix erſt der Haushälterin und dann dem Caſtellan prä⸗ ſentirte. 118 „Wie kannſt Du Dir unterſtehen, von uns zu ver⸗ langen, daß wir etwas für Dich tragen?“ rief Miſtreß Pentreath, indem ſie ſich, rückwärts, gehend, von der Thür hinwegbewegte. „Ja, wie kannſt Du Dir unterſtehen, ſo etwas von uns zu verlangen?“ ſetzte Mr. Munder hinzu, indem er Miſtreß Pentreath folgte. „Waſſer!“ ſchrie der alte Mann zum dritten Male. Er zerrte ſeine Nichte ein wenig rückwärts, ſodaß er ſie mit dem Oberkörper an die Wand hinter ihr an⸗ lehnen konnte.„Waſſer! oder ich trete dieſes alte Gefängniß von einem Schloſſe Euch über den Köpfen zuſammen!“ ſchrie er, vor Wuth und Ungeduld mit dem Fuße ſtampfend. „Erlauben Sie, Sir, wiſſen Sie gewiß, daß es wirklich die fremde Dame iſt, die da oben liegt?“ fragte Betſey, indem ſie zitternd mit dem Glas Waſſer einige Schritte näher kam. „Ob ich es gewiß weiß?“ rief Onkel Joſeph, indem er ihr die Treppe herab entgegenging.„Was iſt das für eine dumme Frage? Wer ſoll es denn ſonſt ſein?“ „Das Geſpenſt, Sir“, ſagte Betſey, indem ſie lang⸗ ſam immer näher kam.„Das Geſpenſt der nördlichen Zimmer.“ Onkel Joſeph ging ihr am Fuße der Treppe einige Schritte entgegen, nahm ihr mit verächtlicher Geberde das Glas Waſſer ab und eilte dann zurück zu ſeiner Nichte. Während Betſey ſich herumdrehte, um ihren Rückzug anzutreten, fiel ihr Auge auf das Schlüſſelbund, welches —3—,ÿ— 2—— an⸗ alte ofen dem es t2⸗ iſſer dem für ang⸗ chen nige erde einer kzug lches 119 unterhalb des Vorplatzes auf dem Steinpflaſter lag. Nach einigem Zögern ſammelte ſie ſo viel Muth, daß ſie das Schlüſſelbund aufhob und dann damit ſo ſchnell als ihre Füße ſie tragen wollten, aus der Halle hinweg⸗ rannte. Mittlerweile befeuchtete Onkel Joſeph die Lippen ſei⸗ ner Nichte mit Waſſer und beſprengte ihre Stirn damit. Nach einigen Minuten begann ſie langſam und matt feufzend zu athmen, die Muskeln ihres Geſichts beweg⸗ ten ſich ein wenig und ſie ſchlug die Augen auf. Die⸗ ſelben hefteten ſich ſcheu auf den alten Mann ohne einen Ausdruck von Erkennung. Er ließ ſie ein wenig Waſſer trinken und ſprach ihr freundlich zu und brachte ſie auf dieſe Weiſe endlich wieder zu ſich ſelbſt. Ihre erſten Worte waren:„Verlaß mich nicht.“ Ihre erſte Bewegung, als ſie einer ſolchen fähig war, beſtand darin, daß ſie ſich feſter an ihn ſchmiegte. „Fürchte nichts, mein Kind“, ſagte er beſchwichti⸗ gend,„ich bleibe bei Dir. Sage mir, Sara, worüber biſt Du ohnmächtig geworden? Was hat Dich ſo erſchreckt?“ „O, frage mich nicht! Um Gottes willen, frage mich nicht!“ „Na, na— dann will ich nichts ſagen. Noch einen Schluck Waſſer?— noch einen kleinen Schluck?“ „Hilf mir auf, Onkel— hilf mir verſuchen, ob ich ſtehen kann.“ „Noch nicht— noch nicht— gedulde Dich noch eine kleine Weile.“ „O hilf mir, hilf mir! Ich mag dieſe Thüren 120 nicht ſehen! Wenn ich nur bis an die Treppe kommen könnte, dann würde mir beſſer werden.“ „So, ſo!“ ſagte Onkel Joſeph, indem er ſie ſtützte, während ſie aufſtand.„Warte jetzt und tritt leicht auf. Stütze Dich auf mich, immer ſtütze Dich, ſo ſchwer Du willſt. Obſchon ich ein hagerer und kleiner Mann bin, ſo bin ich doch feſt wie ein Felſen. Biſt Du in dem Zimmer geweſen?“ ſetzte er flüſternd hinzu.„Haſt Du den Brief?“ Sie ſeufzte bitterlich und legte mit dem Ausdruck der Ermüdung und Verzweiflung ihren Kopf auf ſeine Schulter. „Wie, Sara, Sara!“ rief er,„Du biſt ſo lange weggeweſen und doch nicht in das Zimmer gekommen?“ Sie hob ihren Kopf ebenſo plötzlich, als ſie ihn niedergelegt, wieder empor, ſchauderte und verſuchte dann ſchwach, Onkel Joſeph nach der Treppe hin zu ziehen. „Ich werde das Myrthenzimmer nie wiederſehen— niemals, niemals, niemals!“ ſagte ſie.„Laß uns gehen; ich kann gehen; ich bin wieder kräftig. Onkel Joſeph, wenn Du mich liebſt, ſo führe mich aus dieſem Hauſe hinaus, irgendwohin, damit wir wieder in die freie Luft und ins Tageslicht kommen— irgendwohin, dafern wir nur Porthgenna Tower nicht mehr ſehen.“ Erſtaunt die Augenbrauen emporziehend, aber ſich rückſichtsvoll aller weitern Fragen enthaltend, half Onkel Joſeph ſeiner Nichte die Treppe herabſteigen. Sie war noch ſo ſchwach, daß ſie, als ſie an den Fuß derſelben kam, ſtehen bleiben mußte, um erſt wieder Kräfte zu ſammeln. Dies ſehend und, während er ſie durch die 121 Halle hindurchführte, fühlend, daß ſie ſich bei jedem neuen Schritt immer ſchwerer auf ſeinen Arm ſtützte, fragte der alte Mann, als er Mr. Munder und Mi⸗ ſtreß Pentreath ſo weit ſich genähert hatte, daß ſie ihn verſtehen konnte, ob ſie nicht vielleicht ſtärkende Tropfen hätte, die er ſeiner Nichte eingeben könnte. Miſtreß Pentreath's bejahende Antwort war, ob⸗ ſchon ſie nicht in eben freundlichem Tone geſprochen ward, doch von einer Schnelligkeit des Handelns beglei⸗ tet, welche bewies, daß ſie mit großer Begier den erſten ſchickkichen Vorwand ergriff, um nach dem bewohnten Theile des Schloſſes zurückkehren zu können. Indem ſie murmelte, ſie wolle nach dem Orte vorangehen, wo die Hausapotheke ſich befand, lenkte ſie ihre Schritte ſofort den Corridor entlang nach ihrem Zimmer, wäh⸗ rend Onkel Joſeph, ohne auf Sara's geflüſterte Ver⸗ ſicherungen zu hören, daß ſie ſich wohl genug fühle, um ohne einen Augenblick Verzug das Schloß verlaſſen zu können, ihr ſchweigend und ſeine Nichte am Arme füh⸗ rend, folgte. Mr. Munder wartete kopfſchüttelnd und mit gänz⸗ lich aus der Faſſung gebrachter Miene bis zuletzt, um die Verbindungsthür zu ſchließen. Als er dies gethan und die Schlüſſel Betſey gegeben hatte, damit dieſe ſie wieder an ihren beſtimmten Platz trüge, zog er ſich ſeiner⸗ ſeits von dem Schauplatz mit einem Schritte zurück, der eine faſt unanſtändige Aehnlichkeit mit Laufen hatte. Nachdem er aber einmal aus der nördlichen Halle hinaus war, erlangte er ſeine Selbſtbeherrſchung wunder⸗ bar ſchnell wieder. Er ging plötzlich langſamer, ſammelte 122 ſeine zerſtreute Beſinnung und dachte anſcheinend mit vollkommener Selbſtzufriedenheit nach, denn als er in das Zimmer der Haushälterin trat, hatte er den gewöhn⸗ lichen, ſelbſtgefälligen, feierlichen Ernſt in Blick und Hal⸗ tung wiedergewonnen. Wie die überwiegende Mehrzahl ſehr dummer Men⸗ ſchen, fand er ein inniges Vergnügen daran, ſich ſelbſt ſprechen zu hören, und erkannte jetzt eine Gelegenheit, ſich nach den Ereigniſſen, die ſich ſoeben im Hauſe zu⸗ getragen hatten, dieſen Wonnegenuß auf eine Weiſe hin⸗ zugeben, wie ſie ſich nur ſelten darbot. Es gibt blos einen Redner, der vollkommen ſicher iſt, niemals dem Drange der Umſtände zu erliegen, und dies iſt der, deſſen Fähigkeit, Worte zu machen, nicht zugleich die gefährliche Fähigkeit einſchließ, zu wiſſen, was er ſagen will. Unter dieſer bevorzugten Gattung von Naturrednern nahm Mr. Munder einen hervorragenden Rang ein und er war nun rachſüchtig entſchloſſen, ſeine Fähigkeiten an den beiden fremden Perſonen unter dem Vorwand zu erproben, daß er ihnen, ehe er ihnen geſtattete, das Haus zu verlaſſen, eine Erklärung ihres Benehmens abverlangte. Als er in das Zimmer trat, ſah er Onkel Joſeph mit ſeiner Nichte am untern Ende deſſelben ſitzend und beſchäftigt, etwas Salzgeiſt in ein Glas Waſſer zu trö⸗ pfeln. An dem andern Ende ſtand die Haushälterin mit einem offenen Medicinkaſten auf dem Tiſche vor ſich. Nach dieſem Theile des Zimmers lenkte Mr. Mun⸗ der mit wichtiger Miene langſam ſeine Schritte, zog 123 einen Lehnſtuhl an den Tiſch, ſetzte ſich, indem er ſorg⸗ fältig und gemeſſen ſeine Rockſchöße auseinander ſchlug, und ward ſofort allem äußern Anſchein nach das leib⸗ hafte Ebenbild oder Muſter eines Lord Oberrichters in Civilkleidern. Miſtreß Pentreath, welche aus dieſen Vorbereitun⸗ gen abnahm, daß etwas Außerordentliches bevorſtand, nahm ein wenig hinter dem Caſtellan Platz. Betſey hing die Schlüſſel wieder an ihren Nagel in der Wand und ſtand eben im Begriff, ſich beſcheiden wieder in ihre Küchenſphäre zurückzuziehen, als Mr. Munder ſie aufhielt. „Wartet, wenn es Euch beliebt“, ſagte der Caſtellan. „Ich werde ſogleich Gelegenheit haben, Euch aufzufor⸗ dern, junges Frauenzimmer, Eure Ausſage zu thun.“ Die gehorſame Betſey wartete in der Nähe der Thüre, erſchreckt durch den Gedanken, daß ſie etwas Unrechtes gethan haben müſſe und daß der Caſtellan geſetzlich ermächtigt ſei, ſie wegen dieſer Uebelthat zu verhören, zu verurtheilen und auf der Stelle zu be⸗ ſtrafen. „Nun, Sir“, ſagte Mr. Munder, indem er Joſeph anredete, als ob er der Sprecher des Unterhauſes wäre, „wenn Sie mit ihrer Miſchung fertig ſind, und wenn die Perſon neben Ihnen hinreichend wieder zur Beſin⸗ nung gekommen iſt, um hören zu können, möchte ich ein paar Worte mit Ihnen beiden ſprechen.“ Bei dieſer Einleitung verſuchte Sara erſchrocken, ſich von ihrem Stuhle zu erheben, ihr Onkel aber ergriff ſie bei der Hand und drängte ſie wieder darauf nieder. 124 „Warte und bleibe“, flüſterte er.„Ich nehme alle Scheltworte auf meine eigene Schulter und werde alles Sprechen mit meiner eigenen Zunge beſorgen. Sobald Du im Stande biſt, wieder gehen zu können, verſpreche ich Dir, daß wir, mag nun dieſer lange Mann ein Wort oder zwei Worte oder gar keins geſagt haben, ganz ruhig aufſtehen und unſerer Wege zum Hauſe hin⸗ ausgehen.“ „Bis zu dieſem Augenblicke“, begann Mr. Munder, „habe ich mich enthalten, eine Meinung auszuſprechen. Jetzt iſt, wie mir und Miſtreß Pentreath ſcheint, die Zeit gekommen, wo bei dem Vertrauensamt, welches ich in dieſem Hauſe bekleide und weil ich für das, was darin geſchieht, verantwortlich bin, ſowie weil ich fühle, daß die Dinge nicht ſo bleiben dürfen wie ſie ſind— meine Pflicht verlangt, zu erklären, daß ich Ihr Beneh⸗ men ſehr außerordentlich finde.“ Indem Mr. Munder dieſe Schlußworte ſeiner Rede direct an Sara richtete, lehnte er, voll von Worten und vollſtändig leer an Bedeutung, ſich in ſeinem Stuhl zurück, um ſich bequem zu ſeiner nächſten Anſtrengung zu ſammeln. „Mein einziger Wunſch“, hob er mit ſanfter, faſt wehmüthiger Unparteilichkeit wieder an,„iſt, gegen alle Theile gerecht zu verfahren. Ich wünſche nicht, jeman⸗ den zu erſchrecken, oder jemanden einzuſchüchtern, oder jemandem Angſt zu machen. Ich wünſche, merkwürdige Thatſachen eigenthümlicher Art zu erörtern. Ich wünſche, die ſtattgehabten Ereigniſſe zu ſondiren, oder, um mich eines beſſern und allgemeiner verſtändlichen Ausdrucks 8 S x 125 zu bedienen, denſelben auf den Grund zu kommen. Nachdem dies geſchehen ſein wird, werde ich Ihnen, Madame, und Ihnen, Sir, anheimgeben, ob Sie— das heißt, ich werde Ihnen dieſe Frage ruhig, unpar⸗ teiiſch und höflich— wenn ich ſage höflich, ſo meine ich mit aller gebührenden Rückſicht— das heißt— das heißt— ich wollte ſagen— kurz, ich werde Ihnen anheimgeben, ob Sie nicht beide verbunden ſind, ſich näher zu erklären.“ Mr. Munder ſchwieg, um dieſe letzte, unwiderſteh⸗ liche Anſprache erſt ihre gehörige Wirkung auf das Ge⸗ wiſſen der Perſonen, zu welchen er ſprach, äußern zu laſſen. Die Haushälterin benutzte das Schweigen, um zu huſten, gerade ſo wie die Leute in der Kirche vor der Predigt zu huſten pflegen, um ſich ihrer körperlichen Gebrechen im Voraus zu entledigen und dem Geiſte freien Spielraum zu ungeſtörtem intellectuellen Genuſſe zu geben. Betſey huſtete, Miſtreß Pentreath's Beiſpiele folgend, ebenfalls, obſchon auf ſchwache, ſchüchterne Weiſe. Onkel Joſeph ſaß vollkommen unbefangen und uner⸗ ſchrocken da, hielt die Hand ſeiner Nichte in der ſeinigen und drückte ſie von Zeit zu Zeit leicht, wenn der Vor⸗ trag des Redners ganz beſonders verwickelt und ein⸗ dringlich ward. Sara bewegte ſich nicht, blickte nicht auf und blieb bei dem Ausdruck ſcheuer Zurückhaltung, der ſich ihres Geſichts von dem erſten Augenblick an bemächtigt, wo ſie das Zimmer der Hauszälterin betreten. „Alſo, worin beſtehen die Thatſachen, Umſtände 126 und Ereigniſſe?“ fuhr Mr. Munder fort, indem er ſich im ruhigen Genuß des Klanges ſeiner eigenen Stimme in ſeinem Stuhl zurücklehnte.„Sie, Madame, und Sie, Sir, ziehen die Klingel an der Thür des Schloſſes“ — hier ſah er Onkel Joſeph ſcharf an, als ob er ſagen wollte:„Ich bleibe, wie Du ſiehſt, ſelbſt auf meinem Richterſtuhle dabei, daß dieſes Haus nicht ein Haus, ſon⸗ dern ein Schloß iſt.— Sie werden eingelaſſen, Sir. Sie verſichern, daß Sie das Schloß in Augenſchein zu neh⸗ men wünſchen— Sie ſagten wörtlich, Sie wollten das Haus ſehen, da Sie aber ein Ausländer ſind, ſo wun⸗ dern wir uns weiter nicht darüber, wenn Sie einen kleinen Irrthum dieſer Art begehen. Sie, Madame, ſind mit dem Verlangen dieſes Herrn einverſtanden, ja Sie treten denſelben bei. Was folgt nun? Sie werden in dem Schloſſe herumgeführt. Es iſt ſonſt nicht ge⸗ bräuchlich, fremde Perſonen darin herumzuführen, zufällig aber haben wir gewiſſe Gründe—“ Sara ſtutzte. „Was für Gründe“, fragte ſie raſch aufblickend. Onkel Joſeph fühlte, wie ihre Hand in der ſeinigen kalt ward und zitterte. „Still, ſtill!“ ſagte er,„überlaß das Reden mir.“ In demſelben Augenblick zupfte Miſtreß Pentreath den Caſtellan verſtohlen am Rockſchoße und flüſterte ihm zu, er möge vorſichtig ſein. „Miſtreß Frankland's Brief“, ſagte ſie ihm ins Ohr, „befiehlt uns ausdrücklich, uns nicht merken zu laſſen, daß wir einer erhaltenen Inſtruction gemäß handeln.“ „Glauben Sie nicht, Miſtreß Pentreath, daß ich um 127 vergeſſe, was ich im Gedächtniß behalten ſoll“, entgeg⸗ nete Mr. Munder, der es nichtsdeſtoweniger vergeſſen hatte.„Glauben Sie auch ferner nicht, daß ich jetzt im Begriff geſtanden, mich zu compromittiren“— ob⸗ ſchon er ganz nahe daran geweſen war dies zu thun. „Ueberlaſſen Sie dieſe Sache ganz mir, wenn Sie die Güte haben wollen. Was für Gründe, ſagen Sie, Madame?“ ſetzte er zu Sara gewendet laut hinzu. „Laſſen Sie ſich nur um die Gründe unbekümmert; damit haben wir jetzt nichts zu thun— wir haben jetzt blos mit Thatſachen, Umſtänden und Ereigniſſen zu thun. Haben Sie die Güte, dies zu bedenken, anzu⸗ hören was ich Ihnen ſage und mich nicht wieder zu unterbrechen. Ich wollte alſo bemerken, daß Sie, Sir, und Sie, Madame, in dieſem Schloſſe herumgeführt wurden. Man führte Sie die weſtliche Treppe— die grandioſe weſtliche Treppe, Sir— hinauf, man zeigte Ihnen in der zuvorkommendſten und artigſten Weiſe das Frühſtückzimmer, das Bibliothekzimmer und das Geſell⸗ ſchaftszimmer. In dieſem Geſellſchaftszimmer erlauben Sie, Sir, ſich auf einmal die ungeziemendſten und, ich kann hinzuſetzen, beleidigendſten Ausdrücke, während Sie, Madame, gärzlich daraus verſchwinden, oder mit andern Worten, ſich unſichtbar machen. Eine ſolche beiſpiel⸗ loſe, noch nie dageweſene, höchſt ungewöhnliche Hand⸗ lungsweiſe erfüllt natürlich Miſtreß Pentreath und mich mit—“ Hier ſtockte Mr. Munder und war zum erſten Mal um ein Wort verlegen. 128 „Mit Erſtaunen“, ergänzte Miſtreß Pentreath nach einer langen Pauſe. „Nein, Madame“, entgegnete Mr. Munder ſtreng. „Nichts der Art. Wir waren durchaus nicht erſtaunt, wir waren blos— überraſcht. Und was folgte und geſchah dann? Was hörten Sie und ich, Sir, in der erſten Etage?“ fuhr er, Onkel Joſeph finſter anſehend, fort.„Und was hörten Sie, Miſtreß Pentreath, wäh⸗ rend Sie die fehlende und abweſende Perſon in der zwei⸗ ten Etage ſuchten? Was hörten Sie?“ Auf dieſe Weiſe perſönlich aufgefordert, antwortete die Haushälterin kurz: „Einen Schrei.“ „Nein! nein! nein!“ rief Mr. Munder ärgerlich, mit der Hand auf den Tiſch pochend.„Ein Gekreiſch war es, Miſtreß Pentreath— ein Gekreiſch. Und was iſt die Bedeutung, der Zweck oder die Urſache dieſes Gekreiſches? Junges Frauenzimmer“— hier wendete Mr. Munder ſich plötzlich zu Betſey—„nun haben wir dieſe außerordentlichen, eigenthümlichen und ſelt⸗ ſamen Thatſachen und Umſtände bis auf Euch zurück⸗ verfolgt. Habt daher die Güte, vorzutreten und uns in Gegenwart dieſer beiden Perſonen zu ſagen, was Euch veranlaßte, dieſen Schrei, wie Miſtreß Pentreath ſich ausdrückt, oder dieſes Gekreiſch, wie ich es nenne, auszuſtoßen, oder von Euch zu geben. Eine einfache, ſchlichte Erklärung genügt, mein gutes Mödchen, eine ganz einfache, ſchlichte Ausſage. Und, junges Frauen⸗ zimmer, noch ein Wort— ſprecht ungeſcheut— ver⸗ ſteht Ihr mich? Sprecht ungeſcheut!“ 129 Durch dieſe öffentliche und feierliche Anrede in die größte Verwirrung verſetzt, folgte Betſey, indem ſie mit ihrer Ausſage begann, unwillkürlich dem redneriſchen Beiſpiel des großen Mr. Munder ſelbſt, das heißt, ſie ſprach nach dem Princip, die möglich kleinſte Doſis von Gedanken mit dem möglich größten Aufguß von Worten zu verdünnen. Entwirrte man ihre Ausſage aus dem Wortnetze, in welches ſie ſich mit denſelben verwickelte, ſo lieferte dieſelbe einfach die folgenden Thatſachen. Erſtens hatte Betſey zu erzählen, daß ſie zufällig gerade den Deckel von einer Bratpfanne über dem Küchenfeuer abnahm, als ſie in der Nähe des Zimmers der Haushälterin das Geräuſch von eiligen Fußtritten hörte. Zweitens hörte Betſey, als ſie die Küche verließ, um zu ermitteln, was dieſes Geräuſch zu bedeuten habe, wie die Tritte ſich raſch den Corridor entlang entfernten, der nach der nördlichen Seite des Hauſes führte, und von Neugier getrieben, folgte ſie dem Geräuſch eine gewiſſe Strecke lang. Drittens blieb Betſey bei einer ſcharfen Biegung des Corridors ſtehen, weil ſie die Hoffnung aufgab, die Perſon, deren Tritte ſie hörte, einzuholen, weil ſie ferner ein gewiſſes Gefühl von Furcht bei dem Gedan⸗ ken empfand, ſich— wenn auch am hellen Tage— allein in das geſpenſtiſche Quartier des Hauſes zu wagen. 1 Viertens hörte Betſey, während ſie noch an der Biegung des Corridors ſtand, das Schloß einer Thür gehen, und trat, von neuem durch Neugier angeſtachelt, 9 Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 130 noch einige Schritte näher— blieb dann wieder ſtehen und erörterte bei ſich ſelbſt die ſchwierige und furchtbare Frage: Ob die Geiſter im allgemeinen, wenn ſie ſich von einem Ort nach dem andern begeben, jede geſchloſ⸗ ſene Thür, die ſich ihnen in den Weg ſtellt, aufzuſchließen pflegen, oder ob ſie, um ſich dieſe Mühe zu erſparen, ganz einfach hindurchſchweben. Fünftens kam Betſey nach langer Berathung mit ſich ſelbſt, und nachdem ſie wiederholt bald nach der nördlichen Halle, bald wieder zurück nach der Küche eilen gewollt, zu dem Schluſſe, daß es ſeit undenklichen Zeiten die Gewohnheit aller Geiſter ſei, durch Thüren hindurchzuſchweben, ohne ſie erſt aufzuſchließen. Sechſtens ging Betſey, durch dieſe Ueberzeugung er⸗ muthigt, kühn bis dicht an die Thür, als ſie plötzlich ein lautes Dröhnen hörte, als ob ein ſchwerer Körper zu Boden fiele. Siebentens ward Betſey durch dieſes Geräuſch ſo erſchreckt, daß ſie die Beſinnung und faſt die Fähigkeit, zu athmen, verlor. Achtens und letztens ſtieß Betſey, ſobald ſie wieder hinreichend zu Athem gekommen war, einen lauten Schrei (oder ein Gekreiſch) aus, und rannte, ſo ſchnell ihre Füße ſie tragen wollten, während ihr das Haar zu Berge ſtand, und ſie fühlte, wie ihr vom Wirbel bis zur Sohle die Gänſehaut auflief, nach der Küche zurück. e richtig! ſehr richtig!“ ſagte Mr. Munder, als Betſey mit ihrer Ausſage fertig war— gerade als ob der Anblick eines jungen Frauenzimmers, welchem das Haar zu Berge ſteht und dem am ganzen Leibe die Gänſehaut aufläuft, das gewöhnliche Ergebniß ſeiner täglichen Erfahrung in Bezug auf den weiblichen Theil der Menſchheit wäre.„Sehr richtig. Ihr könnt zurück⸗ treten, mein gutes Mädchen, Ihr könnt zurücktreten. Es gibt hier gar nichts zu lachen, Sir“, fuhr er in ſtrengem Tone zu Onkel Joſeph fort, dem die Art und Weiſe, wie Betſey ihre Ausſage gethan, außerordentlichen Spaß gemacht hatte.„Sie würden viel beſſer thun, wenn ſie Ihre Gedanken auf das zurückführten, oder vielmehr leiteten, was auf das Gekreiſch dieſes jungen Frauenzimmers folgte. Was thaten wir alle, Sir? Wir eilten zur Stelle, wir begaben uns ſchnell an den fraglichen Ort. Und was ſahen wir, Sir? Wir ſahen Sie, Madame, horizontal ausgeſtreckt auf dem Vor⸗ platze über der Treppe des nördlichen Theiles des Schloſſes liegen und wir ſahen jene Schlüſſel, die jetzt wieder dort hängen, von ihrem Orte entwendet, ent⸗ fremdet und gleichſam hinweggeriſſen, ebenfalls horizon⸗ tal ausgeſtreckt auf dem Fußboden der Halle liegen. Das ſind die Thatſachen, die Umſtände, die Ereigniſſe, welche wir Ihnen vor Augen ſtellen oder legen, man könnte auch ſagen ſetzen. Was haben Sie dazu zu bemerken? Ja wohl, was haben Sie dazu zu bemer⸗ ken. Ich fordere Sie feierlich und ich will hinzufügen in allem Ernſte auf— in meinem eigenen Namen, in Miſtreß Pentreath's Namen, in dem Namen unſerer Vorgeſetzten, im Namen des Anſtandes fordere Sie auf zu ſagen, was dies Alles bedeuten ſoll.“ Bei dieſen feurigen Schlußworten ſchlug Mr. Mun⸗ der mit der Fauſt auf den Tiſch und wartete mit einem 9⸗ 132 unverwandten Blick ſchonungsloſer Erwartung auf etwas in Form einer Antwort, einer Erklärung, oder einer Vertheidigung, was die Verbrecher am andern Ende des Zimmers geneigt ſein möchten, vorzubringen. „Sag' ihm irgend etwas“, flüſterte Sara dem alten Manne zu.„Sag' ihm irgend etwas, damit er ruhig iſt und uns gehen läßt. Nach dem, was ich gelitten, machen dieſe Menſchen mich vollends wahnſinnig.“ Im Erfinden einer Ausrede niemals ſehr geſchickt und überdies mit dem, was ſeiner Nichte wirklich be⸗ gegnet, während ſie allein in der nördlichen Halle war, völlig unbekannt, koſtete es Onkel Joſeph, trotz des beſten Willens von der Welt, ſich den Umſtänden gewach⸗ ſen zu zeigen, bedeutende Mühe zu einem Entſchluß dar⸗ über zu kommen, was er ſagen oder thun ſollte. Indeſſen auf alle Fälle entſchloſſen, ſeiner Nichte jede nutzloſe Behelligung zu erſparen und ſich ſobald als möglich aus dem Hauſe hinauszubringen, erhob er ſich, um die Verantwortlichkeit des Sprechens auf ſich zu nehmen, indem er, ehe er ſprach, Mr. Munder ſcharf anſah, der ſich ſogleich die Hand hinter das Ohr haltend vorwärts über den Tiſch neigte. Onkel Joſeph erkannte dieſe höfliche Aufmerkſamkeit durch eine ſeiner phantaſtiſchen Verbeugungen an und beantwortete dann die ganze lange Rede des Caſtel⸗ lans den ſieben, keine weitere Antwort zulaſſenden Worten: „Ich wünſche Ihnen wohl zu leben, Sir.“ „Wie können Sie ſich unterſtehen, mir ſo etwas zu wünſchen!“ rief Mr. Munder, mit heftiger Entrüſtung N 80 d von ſeinem Stuhle aufſpringend.„Wie können Sie mit einer ernſten Sache und einer ernſten Frage auf dieſe Weiſe zu ſpielen wagen! Sie wünſchen mir wohl zu leben? Glauben Sie, ich werde Sie aus dieſem Hauſe gehen laſſen, ohne erſt von Ihnen oder dieſer Perſon, welche eben in dieſem Augenblick auf ſo ungebührende Weiſe Ihnen etwas zuflüſtert, eine Erklärung des Ent⸗ wendens, Entfremdens und Hinwegreißens der Schlüſſel zu den nördlichen Zimmern zu hören?“ „Ah, das wünſchen Sie alſo zu hören?“ ſagte Onkel Joſeph, durch die ſteigende Aufregung und Angſt ſeiner Nichte angeſtachelt, ſich kopfüber in irgend eine Entſchuldigung zu ſtürzen.„Nun ſehen Sie, ich will Ihnen die Sache erklären. Was, mein guter, werther Herr, war es, was wir ſagten, als wir eingelaſſen wurden? Wir ſagten:— Wir ſind gekommen, um uns das Innere des Hauſes zu beſehen. Nun hat die⸗ ſes Haus eine nördliche Seite und eine weſtliche Seite. Gut! Das ſind zwei Seiten, und ich und meine Nichte wir ſind zwei Perſonen und wir theilen uns, um die beiden Seiten zu ſehen. Ich bin die Hälfte, welche mit Ihnen und der lieben, guten Dame dorthinten weſtlich geht. Meine Nichte hier iſt die andere Hälfte, welche ganz allein nördlich geht und die Schlüſſel fallen läßt und in Ohnmacht fällt, weil es in jenem alten Theile des Hauſes müffig und modrig iſt, und weil es dort nach Gräbern und Spinnen riecht. Dies iſt die ganze Erklärung, Sir, die wohl auch hinreichen wird. Ich wünſche Ihnen alſo nochmals wohl zu leben, Sir.“ „Ich will verdammt ſein, wenn mir jemals ſo etwas 134 vorgekommen iſt!“ ſchrie Mr. Munder, in der Erbitte⸗ rung des Augenblicks ſeine Würde, ſeine Reſpectabilität und ſeine langen Worte gänzlich vergeſſend.„Sie wollen wohl, daß alles nach Ihrem Kopfe gehe, Herr Ausländer? Sie wollen fortgehen wie und wann es Ihnen beliebt, Herr Ausländer? Wir wollen aber doch ſehen, was der Friedensrichter dieſes Ortes dazu ſagt!“ rief Mr. Munder, wieder in ſein feierliches Weſen und ſeine hochtrabende Redeweiſe verfallend.„Das Eigen⸗ thum in dieſem Hauſe iſt meiner Obhut anvertraut und wenn ich in Bezug auf die Entfremdung dieſer hier vor Ihren Augen an der Wand hängenden Schlüſſel nicht eine genügende Erklärung höre, ſo werde ich es als meine Pflicht betrachten, Sie und Ihre Begleiterin hier feſtzuhalten, bis ich mich geſetzlichen Raths, gerichtlichen Raths und obrigkeitlichen Raths erholen kann. Hören Sie das, Sir?“ Onkel Joſeph's rothe Wangen nahmen eine noch dunklere Farbe und ſeine Züge einen Ausdruck an, wel⸗ cher die Haushälterin ein wenig beunruhigte und auf von Mr. Munder's Zornesglut eine unwiderſtehlich kühlende Wirkung äußerte. „Sie wollen uns nicht fortlaſſen, Sir?“ ſagte der alte Mann ſehr raſch ſprechend und indem er den Caſtellan unverwandt anſah.„Wohlan, ſchauen Sie her. Ich nehme die Dame— Muth, mein Kind, Muth! Du brauchſt nicht zu zittern— ich nehme dieſe Dame mit mir; ich öffne dieſe Thür— ſo!l ich ſtehe und warte davor und ich ſage zu Ihnen: Wehren Sie uns, dieſe Thür zu paſſiren, wenn Sie es wagen!“ —— 28——-—— ð— n 135 Bei dieſer Herausforderung that Mr. Munder einige Schritte vorwärts und blieb dann ſtehen. Wäre der feſte Blick, den Onkel Joſeph auf ihn heftete, nur eine Secunde lang ſchwankend geworden, ſo hätte der Caſtel⸗ lan die Thür geſchloſſen.— „Ich ſage nochmals“, wiederholte der alte Mann, „wehren Sie uns den Austritt, wenn Sie es wagen. Die Geſetze und Gebräuche Ihres Landes, Sir, haben auch mich zum Engländer gemacht. Wenn Sie einem Beamten in das eine Ohr ſprechen können, ſo kann ich ihm in das andere ſprechen. Wenn er Ihnen, einem Bürger dieſes Landes, Gehör ſchenken muß, ſo muß er mir, der ich ebenfalls ein Bürger dieſes Landes bin, ebenfalls Gehör ſchenken. Sprechen Sie ſich gefälligſt aus, Sir. Klagen Sie an, oder drohen Sie, oder ſchließen Sie die Thür?“ Ehe noch Mr. Munder auf eine dieſer directen drei Fragen antworten konnte, bat ihn die Haushälterin, auf ſeinen Stuhl zurückzukehren und mit ihr zu ſprechen. Während er ſeinen Platz wieder einnahm, flüſterte ſie ihm im warnenden Tone zu: „Denken Sie doch an Miſtreß Frankland's Brief!“ In demſelben Augenblick näherte Onkel Joſeph in der Meinung, daß er nun lange genug gewartet, ſich der Thür um einen Schritt. Er ward gehindert ſich ihr noch weiter zu nähern, indem ſeine Nichte ihn plötz⸗ lich beim Arme faßte und ihm ins Ohr ſagte „Schau, jetzt flüſtern ſie wieder über uns.“ „Nun“, ſagte Mr. Munder, der Haushälterin ant⸗ 136 wortend,„ich denke an Miſtreß Frankland's Brief, Madame— was iſt damit?“ „Still! Nicht ſo laut!“ flüſterte Miſtreß Pentreath. „Ich will durchaus nicht eine andere Meinung aus⸗ ſprechen als Sie, Mr. Munder, aber ich möchte einige Fragen an Sie richten. Glauben Sie, daß wir irgend eine Beſchuldigung, welcher ein Beamter Gehör ſchenken würde, gegen dieſe Leute vorzubringen haben?“ Mr. Munder machte ein verblüfftes Geſicht und ſchien wenigſtens für den Augenblick um eine Antwort verlegen zu ſein. „Macht Sie das, was Ihnen noch aus Miſtreß Frankland's Briefe erinnerlich iſt“, fuhr die Haushäl⸗ terin fort,„geneigt, zu glauben, daß ſie durch öffent⸗ liche Blosſtellung deſſen, was in dem Hauſe geſchehen iſt, ſich angenehm berührt fühlen würde? Sie ſagt uns, wiy ſollen im Stillen das Thun und Treiben dieſer Frau beobachten und ihr, wenn ſie fortgeht, un⸗ bemerkt folgen. Ich will mir nicht erlauben, Ihnen einen Rath zu geben, Mr. Munder, was aber mich ſelbſt betrifft, ſo lehne ich alle Verantwortlichkeit ab, wenn wir irgend etwas Anderes thun als Miſtreß Frank⸗ land's Inſtruction— wie ſie ſelbſt ſagt— buchſtäblich befolgen.“ Mr. Munder zögerte. Onkel Joſeph, der eine Minute ſtill geſtanden, als Sara ſeine Aufmerkſamkeit auf das Geflüſter am obern Ende des Zimmers lenkte, zog ſie jetzt langſam mit ſich fort nach der Thür. „Betſey, mein gutes Mädchen“, ſagte er, ſich mit 137 vollkommener Kaltblütigkeit und Gelaſſenheit an die Magd wendend,„wir ſind hier fremd; wollt Ihr ſo freundlich ſein, uns den Weg hinaus zu zeigen?“ Betſey ſah die Haushälterin an, welche ihr durch einen Wink zu verſtehen gab, daß ſie den Caſtellan um Verhaltungsbefehle bitten ſolle. Mr. Munder fühlte ſich ſehr verſucht, um ſeines eigenen Anſehens willen auf ſofortiger Ausführung der angedrohten Gewaltmaßregeln zu beſtehen, Miſtreß Pentreath's Einwendungen aber bewogen ihn, wider Willen damit Anſtand zu nehmen — nicht etwa wegen ihrer Gültigkeit als Einwendungen an und für ſich, ſondern blos wegen ihres engen Zu⸗ ſammenhangs mit ſeinem eigenen perſönlichen Intereſſe, ſeine Stellung nicht durch einen Mißgriff zu gefährden, den ſeine Vorgeſetzten ihm vielleicht niemals verziehen. „Betſey, liebes Kind“, wiederholte Onkel Joſeph, „hat dieſes viele Geſchwätz Eure Ohren der Fähigkeit zu hören beraubt? Hat es Euch taub gemacht?“ „Warten Sie!“ rief Mr. Munder ungeduldig.„Ich beſtehe darauf, daß Sie warten, Sir!“ „Sie beſtehen darauf. Wohlan, wenn Sie ein un⸗ höflicher Menſch ſind, ſo iſt dies für mich kein Grund, ebenfalls ein unhöflicher Menſch zu ſein. Wir wollen noch ein wenig warten, Sir, wenn Sie noch etwas zu ſagen haben.“ Nachdem Onkel Joſeph der Höflichkeit zu Liebe dieſes Zugeſtändniß gemacht, ging er mit ſeiner Nichte in dem Gange draußen vor der Thür langſam auf und ab. „Sara, mein Kind, ich habe den Mann, der ſo das 138 große Wort führt, eingeſchüchtert“, flüſterte er.„Be⸗ mühe Dich, nicht ſo ſehr zu zittern— wir werden bald wieder draußen in der friſchen Luft ſein.“ Mittlerweile ſetzte Mr. Munder ſeine leiſe Unter⸗ redung mit der Haushälterin fort und machte, trotz ſeiner Verlegenheit, eine verzweifelte Anſtrengung, ſeine gewohnte gönnerhafte Miene zu behaupten. „Es liegt“, begann er ſanft,„allerdings ſehr viel Wahres in dem, was Sie ſagen, Madame. Sie ſpre⸗ chen aber von der Frau, während ich von dem Manne ſpreche. Meinen Sie, ich ſolle ihn nach dem, was ge⸗ ſchehen iſt, gehen laſſen, ohne wenigſtens darauf zu beſtehen, daß er mir ſeinen Namen und ſeine Adreſſe angebe?“ „Haben Sie zu dem Ausländer ſo viel Vertrauen, daß Sie glauben, er würde Ihnen ſeinen rechten Na⸗ men und ſeine rechte Adreſſe nennen, wenn Sie ihn da⸗ nach fragen?“ entgegnete Miſtreß Pentreath.„Ohne Ihrem beſſern Urtheil vorgreifen zu wollen, muß ich doch geſtehen, daß ich es nicht glaube. Geſetzt aber, Sie wollten ihn zurückhalten und bei der Behörde an⸗ klagen— wie Sie dies thun wollen, da die Wohnung des Friedensrichters ungefähr zwei Stunden weit von hier entfernt iſt, weiß ich freilich nicht— ſo müſſen Sie es auf die Gefahr ankommen laſſen, Miſtreß Frank⸗ land auch durch Gefangenhaltung und Anklage der Frau zu beleidigen, denn, Mr. Munder, obſchon ich glaube, daß der Ausländer zu Allem fähig iſt, ſo war es doch die Frau, welche die Schlüſſel wegnahm— nicht wahr?“ „Ganz recht, ganz recht“, ſagte Mr. Munder, deſſen ſchläfrige Augen ſich jetzt erſt dieſer ſchlichten und klaren Anſicht des Falles öffneten.„Seltſamerweiſe ſtand ich, gerade als Sie anfingen zu ſprechen, im Begriff, mir dieſe Frage ſelbſt vorzulegen. Ja, ja— ſo iſt es, ſo iſt es.“ „Ich kann nicht umhin zu glauben“, fuhr die Haus⸗ hälterin mit geheimnißvollem Flüſtern fort,„daß das Allerbeſte, was wir in Uebereinſtimmung mit unſern Inſtructionen thun können, darin beſteht, daß wir Beide gehen laſſen und thun, als ob wir es verſchmähten uns noch weiter mit ihnen herumzuſtreiten, und daß wir ihnen dann bis an den nächſten Platz, wo ſie ein⸗ kehren, jemanden nachſchicken. Jakob, der kleine Sohn des Gärtners, jätet heute nachmittag den breiten Gang im weſtlichen Garten. Dieſen Knaben haben dieſe Leute hier im Hauſe nicht geſehen und brauchen ihn nicht zu ſehen, wenn wir ſie zu der ſüdlichen Thür hinauslaſſen. Jakob iſt ein ganz gewitzter Junge, wie Sie wiſſen, und wenn er gehörig inſtruirt würde, ſo ſehe ich wirklich nicht ein, warum—“ „Es iſt ein höchſt eigenthümlicher Umſtand, Miſtreß Pentreath“, unterbrach ſie Mr. Munder mit dem Ernſte vollendeter Dreiſtigkeit,„aber in dem erſten Augenblick, wo ich mich an dieſen Tiſch niederſetzte, fiel mir dieſer Gedanke wegen Jakob auch ein. Durch die Anſtren⸗ gung des Sprechens und die Hitze des Streites bin ich wieder auf höchſt unerklärliche Weiſe davon abgekom⸗ men—“ Hier ſteckte Onkel Joſeph, deſſen Vorrath an Geduld 10 und Höflichkeit allmälig zur Neige ging, ſeinen Kopf wieder in das Zimmer. „Ich wünſche blos noch ein letztes Wort an Sie zu richten, Sir“, ſagte Mr. Munder, ehe der alte Mann ſprechen konnte.„Glauben Sie nicht, daß ihr Poltern irgendwelche Wirkung auf mich geäußert hat. So etwas mag wohl bei Ausländern angewendet ſein, gegen Eng⸗ länder aber richten Sie nichts damit aus, das verſichere ich Ihnen!“ Onkel Joſeph zuckte die Achſeln, lächelte und begab ſich wieder hinaus zu ſeiner Nichte. Während die Haus⸗ hälterin und der Caſtellan ſich miteinander berathen hatten, war Sara eifrig bemüht geweſen, ihren Onkel zu bereden, ihre Kenntniß des Ganges, welcher nach der ſüdlichen Thür führte, zu benutzen und unbemerkt zu entſchlüpfen. Der alte Mann weigerte ſich aber hart— näckig dieſem Rathe zu folgen. „Ich will nicht als Schuldiger aus einem Hauſe gehen, wo ich nichts verbrochen habe“, ſagte er. „Nichts ſoll mich bewegen, Dir oder mir etwas von unſerm Rechte zu vergeben. Ich beſitze nicht viel Scharf⸗ ſinn, wohl aber laſſe ich mich ſtets von meinem Ge⸗ wiſſen leiten und ſolange ich dies thue, gehe ich auch den rechten Weg. Man hat uns freiwillig hier herein⸗ gelaſſen, Sara, und freiwillig muß man uns auch wie⸗ der hinauslaſſen.“ „Mr. Munder, Mr. Munder“, flüſterte die Haus⸗ hälterin, indem ſie ſich einmiſchte, um einer abermaligen Exploſion zuvorzukommen, mit welcher die Entrüſtung des Caſtellans wegen der Verachtung drohete, die in 141 Onkel Joſeph's Achſelzucken auf ihn lag.„Soll ich, während Sie mit dieſem kecken Manne ſprechen, in den Garten hinaus eilen und Jakob inſtruiren?“ Mr. Munder dachte eine Meile nach, ehe er ant⸗ wortete.— Er bemühete ſich ſehr, einen würdevolleren Ausweg aus dem Dilemma, in welches er ſich gebracht, zu entdecken, als der von der Haushälterin vorgeſchla⸗ gene war. Es gelang ihm jedoch durchaus nicht, etwas der Art zu ermitteln— deshalb ſchluckte er ſeine Ent⸗ rüſtung auf einen einzigen heldenmüthigen Ruck hinunter und antwortete nachdrücklich und pathetiſch: „Ja, gehen Sie, Madame.“ „Was ſoll das heißen? Warum geht ſie dort hin⸗ aus?“ ſagte Sara raſch und mißtrauiſch flüſternd zu ihrem Onkel, als die Haushälterin auf ihrem Wege nach dem weſtlichen Garten raſch an ihnen vorbeieilte. Ehe noch Zeit war, dieſe Frage zu beantworten, folgte eine zweite von Mr. Munder geſtellte. „Nun, Sir“, ſagte der Caſtellan, indem er ſich, mit den Händen unter den Rockſchößen und den Kopf ſtolz emporrichtend, unter die Thür ſtellte.„Nun, Sir, nun, Madame, hören Sie mein letztes Wort. Soll ich eine angemeſſene Erklärung über das Entfremden und Wegnehmen dieſer Schlüſſel erhalten oder nicht?“ „Ja wohl, Sir, ſollen Sie dieſe Erklärung haben“, entgegnete Onkel Joſeph.„Es iſt, wenn es Ihnen recht iſt, dieſelbe Erklärung, die ich die Ehre hatte, Ihnen vor einer kleinen Weile zu geben. Wünſchen Sie die⸗ ſelbe noch einmal zu hören? Es iſt die ganze Erklärung, die wir bei uns haben.“ 2 „So? Wirklich?“ entgegnete Mr. Munder.„Dann habe ich zu Ihnen beiden weiter nichts zu ſagen, als: Verlaſſen Sie augenblicklich dieſes Haus!— augenblick⸗ lich!“ ſetzte er in dem gröbſten, beleidigendſten Tone hinzu, indem er zur Inſolenz Zuflucht nahm, denn das unklare Bewußtſein der Ungereimtheit ſeiner eigenen Stel⸗ lung drängte ſich ihm auf, während er noch ſprach. „Ja, Sir“, fuhr er fort, indem er über die Ge⸗ laſſenheit, womit Onkel Joſeph ihm zuhörte, immer ent⸗ rüſteter ward;„Sie können Ihre Kratzfüße machen und Ihr elendes Engliſch radebrechen wo Sie wollen, nur hier nicht. Ich habe mir überlegt und bin mit mir zu Rathe gegangen und ich habe mich gefragt— ruhig— wie Engländer ſtets thun— ob es etwas nützen könnte, wenn ich weiteres Aufhebens mit Ihnen machte, und ich bin zu einem Schluß gekommen und dieſer Schluß lautet: Nein, es könnte nichts nützen. Glauben Sie deshalb ja nicht, daß Ihr Poltern und Ihre Unverſchämtheiten die mindeſte Wirkung auf mich geäußert haben.— Zeige dieſen Leuten den Weg hinaus, Betſey!— Sie ſind nicht werth, Sir, daß ich weiter Notiz von Ihnen nehme.— Zeige ihnen den Weg hinaus, Betſey!— Ich entlaſſe Sie und betrachte, ſehe und beſchaue Sie mit Verachtung!“ „Und ich, Sir“, antwortete der Gegenſtand dieſer vernichtenden Erklärung mit der herausforderndſten Höf⸗ lichkeit,„ich werde für Ihre Verachtung etwas ſagen, was ich für Ihre Achtung ganz gewiß nicht ſagen würde, nämlich— meinen Dank. Ich, der kleine Ausländer, nehme die Verachtung des aufgeblaſenen Engländers als das größte Compliment hin, welches von einem Manne Ihrer Art einem Manne meiner Art gemacht werden kann.“ Mit dieſen Worten machte Onkel Joſeph eine letzte phantaſtiſche Verbeugung, nahm ſeine Nichte beim Arm und folgte Betſey die Gänge entlang, welche nach der ſüdlichen Thür führten, und Mr. Munder konnte nun eine angemeſſene Entgegnung mit Muße erſinnen. Zehn Minuten ſpäter kehrte die Haushälterin athem⸗ los in ihr Zimmer zurück und fand den Caſtellan in einem Zuſtand gewaltiger Entrüſtung darin auf⸗ und abgehen. „Beruhigen Sie ſich, Mr. Munder“, ſagte ſie. „Sie ſind nun endlich beide aus dem Hauſe, Jakob folgt ihnen über das Moorland und läßt ſie nicht aus den Augen.“ Siebentes Mupitel. Mozart ſpielt den Abſchiedsgruß. Mit Ausnahme des Abſchieds, den Onkel Joſeph von Betſey, der Hausmagd, mit großer Herzlichkeit nahm, ſprach Onkel Joſeph nach ſeiner letzten Antwort an Mr. Munder kein Wort weiter, als bis er mit ſeiner Nichte ſich wieder allein än der öſtlichen Mauer von Porth⸗ genna Tower befand. Hier blieb er ſtehen, blickte an dem alten Gebäude empor, dann auf ſeine Begleiterin, dann wieder auf das Haus und öffnete endlich den Mund, um zu ſprechen. „Es thut mir leid, mein Kind“, ſagte er.„Es thut mir von Herzen leid. Dies war, wie man zu ſagen pflegt, ein ſehr ſchlechtes Geſchäft.“ In der Meinung, er ſpräche von dem Auftritt, der ſoeben in dem Zimmer der Haushälterin ſtattgefunden, bat Sara ihn um Verzeihung, daß ſie unſchuldigerweiſe die Veranlaſſung geweſen, ihn mit einem ſolchen Manne wie Mr. Munder in feindſelige Colliſion zu bringen. 145 „Nein, nein, nein“, rief er,„ich dachte nicht an den Mann mit dem großen Körper und dem großen Maule. Er reizte mich zum Zorne, das will ich nicht leugnen, aber dies iſt nun vorbei. Ich hielt mir ihn mit ſammt ſeinem großen Maule vom Leibe, gerade ſo wie ich hier dieſen Stein mit dem Fuße aus dem Wege ſtoße. Ich ſpreche jetzt nicht von dieſen Munders, oder dieſen Betſeys, ſondern von etwas, was Dir näher am Herzen liegt und mir auch, weil ich Dein Intereſſe auch als das meinige betrachte. Ich will Dir, während wir weiter⸗ gehen, ſagen, was es iſt, denn ich ſehe Dir am Geſicht an, Sara, daß Du unruhig und ängſtlich biſt ſo lange wir in der Nähe dieſes Kerkers verweilen. Komm, ich bin bereit, den Marſch wieder anzutreten. Hier iſt der Fußſteig. Laß uns auf demſelben zurückkehren und unſer kleines Gepäck in dem Gaſthauſe, wo wir es gelaſſen, jenſeits dieſer kahlen, windigen Einöde, wieder abholen.“ „Ja, ja, Onkel, wir wollen ſchnell gehen. Fürchte nicht, mich zu ermüden. Ich fühle mich jetzt wieder ganz wohl und kräftig.“ Sie ſchlugen wieder denſelben Pfad ein, auf welchem ſie während des Nachmittags nach Porthgenna Tower gelangt waren.. Als ſie etwa zweihundert Schritt zurückgelegt hatten, ſtahl Jakob, der Knabe des Gärtners, ſich mit ſeiner Hacke in der Hand hinter der verfallenen Einhegung auf der nördlichen Seite des Hauſes hervor. Die Sonne war ſoeben untergegangen, aber es lag noch ein ſchönes Licht über der weiten, offenen Fläche des Moorlandes und Jakob blieb ſtehen, um den alten Mann Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 10 146 und ſeine Nichte noch ein wenig weiter von dem Schloſſe hinwegkommen zu laſſen, ehe er ihnen folgte. Die Haus⸗ hälterin hatte ihn inſtruirt, die beiden Fremden blos im Auge zu behalten, aber weiter nichts zu thun, und wenn er bemerkte, daß ſie ſtehen blieben und hinter ſich ſchauten, ſollte er ebenfalls ſtehen bleiben und thun als ob er mit ſeiner Hacke auf dem Moorland zu thun hätte. Durch das Verſprechen eines Sixpence, wenn er ſeinen Auftrag ſorgfältig ausführte, angefeuert, bewahrte Jakob die ihm ertheilten Inſtructionen treulich im Ge⸗ dächtniß, behielt die beiden Fremden ſcharf im Auge und hatte ſomit die gegründetſte Hoffnung, den in Ausſicht geſtellten Sixpence auch wirklich zu bekommen. „Und nun, mein Kind, will ich Dir ſagen, was mir leid thut“, hob Onkel Joſeph, während ſie ihren Weg weiter fortſetzten, wieder an.„Es thut mir leid, daß wir dieſe Reiſe gemacht, unſere kleine Gefahr beſtanden, die an uns gerichteten Scheltworte hingenommen, aber dadurch nichts gewonnen haben. Das Wort, welches Du mir ins Ohr ſagteſt, Sara, als es mir gelang, Dich aus Deiner Ohnmacht zu erwecken— ich würde Dich viel eher daraus erweckt haben, wenn das alberne Volk in dieſem alten Gefängniß ſchneller mit dem Waſſer bei der Hand geweſen wäre— das Wort, welches Du mir ins Ohr ſagteſt, war nicht viel, aber es war genug, um mir zu ſagen, daß wir dieſe Reiſe vergebens gemacht haben. Ich kann ſchweigen, ich kann gute Miene dazu machen, ich kann mich begnügen, mit verbundenen Augen in einem Geheimniß herumzutappen, welches meinen Augen auch den kleinſten Lichtſchimmer bietet— aber deswegen . 2 — G&K& ⏑ ᷣ⏑ 147 iſt es nicht weniger wahr, daß das eine Ding, was Dir am meiſten am Herzen lag zu thun, als wir dieſe Reiſe antraten, auch das eine Ding iſt, welches Du nicht gethan haſt. Das weiß ich, wenn ich auch nichts anderes weiß, und ich ſage nochmals: es iſt ein ſchlechtes Ge⸗ ſchäft— ja, ja, bei meinem Leben, es läßt ſich nicht verhehlen, es iſt, wie man zu ſagen pflegt, ein ſehr ſchlechtes Geſchäft.“ Während er ſeiner Sympathie in dieſen ſeltſamen Ausdrücken Worte lieh, ging die wachſame Angſt, die Furcht und das Mißtrauen, welches die natürliche Sanftheit, die in Sara's Augen lag, beeinträchtigte, in den Aus⸗ druck wehmüthiger Zärtlichkeit über, der ihnen ihre ganze Schönheit zurückzugeben ſchien. „Mach Dir keinen Kummer um meinetwillen, Onkel“, ſagte ſie, indem ſie ſtehen blieb und mit ihrer Hand ſanft einige Staubflecken von dem Kragen ſeines Rockes entfernte.„Ich habe ſo viel und ſo lange gelitten, daß die ſchwerſten Täuſchungen mich nicht viel tiefer beugen können.“ „Das mag ich nicht hören“, rief Onkel Joſeph. „Es geht mir durch und durch, wenn ich Dich auf dieſe Weiſe zu mir ſprechen höre. Du ſollſt keine Täuſchungen mehr erfahren! Ich, Joſeph Buſchmann⸗ der Hartnäckige, der Dickköpfige, ich ſage es.“ „Der Tag, wo ich keine Täuſchungen mehr erfahren werde, Onkel, iſt nicht mehr fern“, entgegnete Sara. „Laß mich nur noch ein wenig warten und ein wenig dulden— ich habe geduldig der Hoffnung ent⸗ ſagen gelernt. Von meiner Jugend an iſt mein Leben 10* 148 aus bangen Befürchtungen und fehlgeſchlagenen Erwar⸗ tungen zuſammengeſetzt geweſen und nun bin ich an die⸗ ſes Leben gewöhnt. Wenn Du— wie Du auch voll⸗ kommen Grund dazu haſt— erſtaunt biſt, daß ich den Brief nicht in meinem Beſitz habe, während ich doch die Schlüſſel des Myrthenzimmers in der Hand hatte und niemand in meiner Nähe war, um mir es zu wehren, ſo gedenke der Geſchichte meines Lebens und nimm dieſe als Erklärung hin. Befürchtungen und fehl⸗ geſchlagene Erwartungen— wenn ich Dir die ganze Wahrheit erzählte, ſo könnte ich Dir doch nicht mehr ſagen als dies. Laß uns weiter gehen, Onkel.“ Die Reſignation, welche in ihrer Stimme und Ge⸗ berde lag, während ſie ſprach, war die Reſignation der Verzweiflung. Sie erhielt dadurch eine unnatürliche Herr⸗ ſchaft über ſich ſelbſt, die ſie in Onkel Joſeph's Augen faſt zu einem ganz andern Weſen machte. Er betrach⸗ tete ſie mit unverhohlener Unruhe. „Nein“, ſagte er,„wir wollen nicht weiter gehen; wir wollen nach dem alten Gefängniß zurückkehren; wir wollen einen andern Plan entwerfen; wir wollen ver⸗ ſuchen zu dieſem verteufelten Brief auf eine andere Weiſe zu gelangen. Ich frage nicht nach dieſen Munders, dieſen Haushälterinnen, dieſen Betſeys— ich frage nach weiter nichts als daß Du das bekommſt, was Du haben willſt und daß ich Dich ſo ruhig in Deinem Gemüth wie ich ſelbſt bin, wieder nach Hauſe bringe. Komm, laß uns umkehren.“ „Dazu iſt es zu ſpät.“ „Wie, zu ſpät? Ha, du altes, dumpfiges Gefäng⸗ 149 niß des Teufels, wie haſſe ich dich!“ rief Onkel Joſeph, indem er ſich umſchaute und drohend beide Fäuſte gegen Porthgenna Tower erhob. „Es iſt zu ſpät, Onkel“, wiederholte Sara,„zu ſpät, weil die Gelegenheit vorbei iſt, und ſpät, weil ich, wenn ich dieſelbe auch zurückbringen könnte, doch nicht wagen würde, mich nochmals dem Myrthenzimmer zu nähern. Meine letzte Hoffnung war, das Verſteck des Briefes zu wechſeln, und dieſe letzte Hoffnung habe ich aufgegeben. Ich habe nun blos noch einen Lebenszweck und bei Er⸗ reichung deſſelben kannſt Du mir behülflich ſein. Ich kann ihn Dir aber nicht mittheilen, wenn Du nicht ſo⸗ gleich mit mir weiter kommſt— wenn Du nicht Deine Abſicht aufgibſt, wieder nach Porthgenna Tower zurück⸗ zukehren.“ Onkel Joſeph begann Gegenvorſtellungen zu machen. Seine Nichte unterbrach ihn mitten in einem Redeſatze, indem ſie ihn an der Schulter berührte und auf einen beſondern Punkt zeigte, der auf der immer dunkler wer⸗ denden Fläche des Moorlandes undeutlich ſichtbar war. „Schau“, ſagte ſie.„Dort kommt jemand hinter uns her; iſt es ein Knabe oder ein Mann?“ Onkel Joſeph ſchauete durch das ſich immer mehr herabſenkende Dunkel und ſah in einer kleinen Entfer⸗ nung wirklich eine Geſtalt. Es ſchien die eines Knaben zu ſein, der mit einer Hacke auf dem Moorland beſchäf⸗ tigt war. „Komm, wir wollen ſofort weiter gehen!“ bat Sara, ehe der alte Mann ihr antworten konnte.„Ich kann das, was ich Dir ſagen möchte, Onkel, nicht eher ſagen, 150 als bis wir ſicher und wohlbehalten im Gaſthauſe ſitzen.“ Sie gingen weiter bis ſie die höchſte Stelle des Moorlandes erreichten. Hier blieben ſie ſtehen und ſchauten wieder hinter ſich. Der noch übrige Weg führte abwärts und der Platz, auf dem ſie ſtanden, war der letzte Punkt, von welchem ſie noch einen Blick auf Porthgenna Tower werfen konnten. „Wir haben den Knaben aus den Augen verloren“, ſagte Onkel Joſeph, indem er ſeine Blicke über die un⸗ ter ihnen liegende Fläche ſchweifen ließ. Sara's jüngere und ſchärfere Augen bezeugten die Wahrheit der Worte ihres Onkels— die Ausſicht und das Moorland war jetzt, ſo weit man ſehen konnte, nach jeder Richtung hin einſam. Ehe Sara wieder weiter ging, trat ſie ein wenig von dem alten Mann hinweg und betrachtete den Thurm des alten Schloſſes, welcher drohend und ſchwarz in dem Dämmerlichte emporſtieg, während der dunkle Hinter⸗ grund des Meeres ſich gleich einer Mauer hinſtreckte. „Niemals wieder!“ flüſterte ſie bei ſich ſelbſt.„Nie⸗ mals, niemals, niemals wieder!“ Ihre Augen ſchweiften hinweg nach der Kirche und nach der Umhegung des Begräbnißplatzes daneben, der jetzt in dem Schatten der hereinbrechenden Nacht kaum noch zu erkennen war. „Warte noch ein wenig“, ſagte ſie, indem ſie mit angeſtrengtem Blicke nach dem Begräbnißplatze hinſchaute und ihre Hand auf die Stelle ihrer Bruſt drückte, wo 151 ſie das Geſangbuch trug.„Meine Wanderungen ſind nun bald zu Ende— der Tag meiner Heimkunft iſt nicht mehr fern.“ Thränen traten ihr in die Augen und umflorten die Ausſicht. Sie holte ihren Onkel ein, faßte ihn am Arme und zog ihn einige Schritte den nun abwärts führenden Pfad entlang mit ſich fort. Dann blieb ſie, wie von einem plötzlichen Argwohn betroffen, ſtehen und ging einige Schritte zurück bis auf den höchſten Punkt des Moorlandes. „Ich glaube“, ſagte ſie, den verwunderten und fra⸗ genden Blick ihres Begleiters beantwortend,„ich glaube, wir haben den Knaben, der dort auf dem Moorlande hackte, noch nicht zum letzten Male geſehen.“ Während ſie ihre Worte noch ſprach, ſtahl ſich eine Geſtalt hinter einem der großen Granitblöcke hervor, welche nach allen Seiten hin auf der Einöde umherge⸗ ſtreut lagen. Es war wieder die Geſtalt des Knaben und wieder begann er ohne den mindeſten erſichtlichen Grund auf dem unfruchtbaren Boden zu ſeinen Füßen herumzuhacken. „Ja, ja, ich ſehe“, ſagte Onkel Joſeph, als ſeine Nichte ihre Aufmerkſamkeit eifrig auf die verdächtige Ge⸗ ſtalt lenkte.„Es iſt derſelbe Knabe und er hackt wie⸗ der; aber was geht das uns an?“ Sara verſuchte nicht zu antworten. „Laß uns weitergehen“, ſagte ſie haſtig.„Laß uns machen, daß wir ſo ſchnell als möglich das Gaſthaus erreichen. Sie drehten ſich wieder herum und ſchlugen den vor 152 ihnen liegenden abwärts führenden Pfad ein. Binnen weniger als einer Minute hatten ſie Porthgenna Tower, die alte Kirche und die ganze weſtliche Gegend aus dem Geſicht verloren. Dennoch, und obſchon weiter nichts als das kahle, immer finſterer werdende Moorland zu ſehen war, blieb Sara immer noch ſo lange es nur noch ein wenig hell war, ſtehen, um einen Blick hinter ſich zu werfen. Sie machte keine Bemerkung, ſie entſchuldigte ſich nicht, daß ſie die Wanderung nach dem Gaſthauſe auf dieſe Weiſe verzögerte. Erſt als ſie die Lichter der Poſtſtadt zu Geſicht bekam, hörte ſie auf zurückzublicken, und ſprach mit ihrem Begleiter. Die wenigen Worte, die ſie an ihn richtete, beſtan⸗ den blos in der Bitte, daß er, ſobald ſie ihr Nacht⸗ quartier erreichten, ein beſonderes Zimmer verlangen möchte. 6* Demgemäß wurde ihnen, als ſie in das Gaſthaus kamen, das beſte Zimmer angewieſen, wo ſie warten wollten bis ihnen das Abendeſſen gebracht würde, um ſich ſpäter in ihre Schlafzimmer zu begeben. In dem Augenblick, wo ſie miteinander allein waren, zog Sara ihren Stuhl dicht an den des alten Mannes und flüſterte ihm die Worte ins Ohr: „Onkel, man iſt uns von Porthgenna Tower bis hierher auf jedem Tritt nachgeſchlichen.“ „So? Woher weißt Du das?“ fragte Onkel Joſeph. „S Es kann ja jemand an der Thür horchen, es kann ſeinand unter dem Fenſter lauern! Bemerkteſt Du den Knaben, der auf dem Moorland hackte?“ — ———— 29— ——— 153 „Aber, Sara, fürchteſt Du Dich vor einem Knaben, und willſt Du, daß auch ich mich davor fürchte?“ „O, nicht ſo laut, nicht ſo laut! Nan hat uns eine Schlinge gelegt. Onkel, ich argwohnte es gleich als wir das Schloß Porthgenna betraten; nun bin ich davon überzeugt. Was hatte das Geflüſter zwiſchen der Haushälterin und dem Caſtellan zu bedeuten, als wir in der Halle ſtanden? Ich beobachtete ihre Geſichter und ich weiß, daß ſie von uns ſprachen. Sie waren lange nicht überraſcht genug, uns zu ſehen— ſie waren nicht überraſcht genug zu hören, was wir wollten. Lache mich nicht aus, Onkel! Es iſt wirklich Gefahr vorhan⸗ den— ich bilde es mir nicht blos ein. Die Schlüſſel — rücke näher heran— die Schlüſſel der Nordzimmer ſind jetzt alle mit angehängten Nummern verſehen und dieſelben Nummern ſtehen an den Thüren geſchrieben. Das bedenke! Bedenke das Geflüſter als wir eintraten und das Geflüſter ſpäter in dem Zimmer der Haushäl⸗ terin, als Du aufſtandeſt, um fortzugehen. Du bemerk⸗ teſt die plötzliche Veränderung in dem Benehmen jenes Mannes, nachdem die Haushälterin mit ihm geſprochen — Du mußt es bemerkt haben. Sie ließen uns viel zu leicht hinein und viel zu leicht wieder heraus. Nein, nein! Ich täuſche mich nicht. Es war irgend ein ge⸗ heimer Beweggrund vorhanden, uns in das Haus zu laſſen, und ein eben ſolcher, aus welchem man uns wie⸗ der herausließ. Dieſer Knabe auf dem Moorland ver⸗ räth es, wenn es auch durch ſonſt nichts weiter verrathen würde. Ich ſah ihn ganz deutlich uns auf dem ganzen Wege hierher folgen, ſo deutlich, wie ich Dich ſehe. Ich 154 ängſtige mich diesmal nicht ohne Grund. So gewiß als wir beide uns jetzt in dieſem Zimmer befinden, ſo ge⸗ wiß haben die Leute in Porthgenna Tower uns eine Schlinge gelegt.“ „Eine Schlinge? Was für eine Schlinge? Und wie? Und warum? Und weshalb?“ fragte Onkel Jo⸗ ſeph, indem er ſeine Verblüfftheit dadurch veranſchau⸗ lichte, daß er ſeine beiden Hände raſch vor den Augen hin und her bewegte. „Man wlll, daß ich ſpreche, man will mir nach⸗ ſchleichen, man will uns auskundſchaften, wohin ich gehe, man will Fragen an mich richten“, antwortete ſie, heftig zitternd.„Onkel, Du entſinnſt Dich, was ich Dir von jenen wahnſinnigen Worten erzählte, die ich zu Miſtreß Frankland geſagt— lieber hätte ich mir die Zunge aus⸗ reißen als dieſe Worte ſprechen ſollen. Sie haben mir furchtbares Unheil zugefügt— ich weiß es gewiß— furchtbares Unheil ſchon jetzt. Ich habe mich verdächtig gemacht. Wenn Miſtreß Frankland mich wieder ausfin⸗ dig macht, ſo werde ich ausgefragt werden. Sie wird ſich bemühen, mich ausfindig zu machen— man wird ſich hier nach uns erkundigen— wir müſſen alle Spu⸗ ren verwiſchen, welche verrathen könnten, wohin wir von hier gegangen ſind— wir müſſen dafür ſorgen, daß die Leute in dieſem Gaſthauſe keine Frage in dieſer Bezieh⸗ ung beantworten können— o, Onkel Joſeph, was wir auch thun mögen, ſo laß uns wenigſtens hierauf bedacht ſein!“ „Gut“, ſagte der alte Mann, indem er mit voll⸗ kommen ſelbſtzufriedener Miene und freundlich mit dem Kopfe nickte.„Sei ganz unbeſorgt, mein Kind, ich werde ſchon dafür ſorgen. Wenn Du zu Bett biſt, ſo werde ich den Wirth rufen laſſen und zu ihm ſagen: Beſorgt uns einen kleinen Wagen, um morgen wieder nach der Station zurückzufahren, von welcher aus wir den Per⸗ ſonenwagen nach Truro benutzen können.)“ „Nein, nein, nein! Hier dürfen wir keinen Wagen miethen.“ „Und ich ſage: Ja, ja ja! Wir wollen hier einen Wagen miethen, weil ich mich vor allen Dingen des Wirths verſichern will. Höre mich an. Ich werde zu ihm ſagen: Wenn etwa, nachdem wir fort ſind, Leute mit neugierigen Blicken und zudringlichen Fragen kom⸗ men, ſo haltet gefälligſt reinen Mund.) Dann werde ich mit dem Auge blinzeln, den Finger an die Naſe le⸗ gen— ſo— auf bedeutſame Weiſe lächeln und— knick! knack!— habe ich mich des Wirthes verſichert und die Sache hat ein Ende.“ „Wir dürfen dem Wirth nicht trauen, Onkel, wir dürfen niemandem trauen. Wenn wir morgen dieſen Ort verlaſſen, ſo muß es zu Fuße geſchehen und wir müſſen Sorge tragen, daß keine lebende Seele uns folge. Sieh, hier hängt eine Karte von Weſt Cornwall, auf welcher alle Haupt⸗ und Nebenſtraßen angegeben ſind, an der Wand. Auf ihr können wir im voraus finden, welche Richtung wir einzuſchlagen haben. Eine Nacht Ruhe wird mir ſo viel Kraft geben als ich bedarf und wir haben kein Gepäck, welches wir nicht tragen könnten. Du haſt nichts weiter mit als Deinen Ranzen und ich weiter nichts als die kleine Reiſetaſche, welche Du mir 156 geliehen. Wir können, wenn wir zuweilen unterwegs ausruhen, recht gut ſechs, ſieben, ja zehn Meilen zu Fuße zurücklegen. Komm her und ſieh die Karte an— ich bitte Dich, komm her und ſieh die Karte an.“ Obſchon Onkel Joſeph gegen das Aufgeben ſeines Planes, von dem er die Ueberzeugung hatte, derſelbe ſei vollkommen geeignet, alle Schwierigkeiten ihrer Lage zu begegnen, proteſtirte, ſo zog er doch auf Bitten ſeiner Nichte die Wandkarte zu Rathe. Ein wenig jenſeits der Poſtſtadt war eine Kreuzſtraße angegeben, welche nörd⸗ lich mit der nach Truro führenden Hauptſtraße einen rech⸗ ten Winkel bildete und in eine andere Straße einmündete, welche breit genug ausſah, um eine Fahrſtraße zu ſein und durch eine Stadt führte, die nicht ganz unbedeutend ſein konnte, denn ihr Name war mit großen Buchſtaben gedruckt. Als Sara dies entdeckte, ſchlug ſie vor, dieſe Kreuz⸗ ſtraße, die auf der Karte nicht mehr als fünf bis ſechs Meilen lang zu ſein ſchien, zu Fuße einzuſchlagen und nicht eher ein Fuhrwerk zu nehmen, als bis ſie die mit großen Buchſtaben angegebene Stadt erreicht hätten. Wenn ſie dies Verfahren einhielten, ſo verwiſchten ſich, nachdem ſie die Poſtſtadt verlaſſen, alle Spuren der Weiterreiſe, wenn ihnen nämlich nicht von dieſem Orte aus zu Fuße nachgeſchlichen ward, wie ihnen über das Moorland nach⸗ geſchlichen worden. Im Fall eine neue Schwierigkeit dieſer Art eintrat, wußte Sara kein beſſeres Mittel vorzuſchlagen, als bis nach Einbruch der Nacht auf der Straße zu verweilen und es der Finſterniß zu überlaſſen, die Wachſamkeit der 157 Perſonen zu täuſchen, welche ſie vielleicht von ferne be⸗ lauerten, um zu ſehen, wohin ſie gingen. Onkel Joſeph zuckte reſignirt die Achſeln, als ſeine Nichte die Gründe angab, aus welchen ſie wünſchte, die Reiſe zu Fuße fortzuſetzen. „Da werden wir viel im Staube waten, uns viel umſchauen und viel Umwege machen müſſen“, ſagte er. „Das iſt lange nicht ſo bequem, mein Kind, als wenn wir uns des Wirthes verſichern und auf den Polſterkiſſen der Perſonenkutſche ſitzen. Wenn Du es aber einmal ſo haben willſt, ſo ſoll es auch ſo ſein. Ganz wie Du willſt, Sara, wie Du willſt— das iſt die ganze Meinung, die ich mir erlaube zu ſagen, bis wir wider in Truro ſind und nach Beendung unſerer Reiſe ausruhen.“ „Nach Beendung Deiner Reiſe, Onkel; nach Be⸗ endung meiner Reiſe, wage ich nicht zu ſagen.“ Dieſe wenigen Worte veränderten das Geſicht des alten Mannes augenblicklich. Seine Augen hefteten ſich vorwurfsvoll auf ſeine Nichte, ſeine rothen blühen⸗ den Wangen verloren ihre Farbe, ſeine raſtloſen Hände ſanken ſchlaff herab. „Sara“, ſagte er in leiſem, ruhigen Tone, der ein ganz anderer war als in welchem er gewöhnlich ſprach, „Sara, kannſt Du es wirklich übers Herz bringen, mich wieder zu verlaſſen?“ „Habe ich wohl den Muth, in Cornwall zu bleiben? — Das iſt die Frage, welche es gilt, Onkel! Hätte ich blos mein eigenes Herz zu Rathe zu ziehen, o wie gern würde ich dann unter Deinem Dache leben — bis zur Stunde meines Todes, wenn Du es mir geſtatteteſt. Aber dieſe Ruhe, dieſes Glück iſt mir nicht beſchieden. Die Furcht, durch Miſtreß Frankland aus⸗ gefragt zu werden, treibt mich hinweg von Porthgenna, hinweg aus Cornwall, hinweg von Dir. Selbſt meine Furcht, daß der Brief gefunden werde, iſt jetzt kaum ſo groß als meine Furcht, ausgekundſchaftet und ausgefragt zu werden. Ich habe ſchon geſagt, was ich nicht hätte ſagen ſollen. Wenn ich mich wieder in Miſtreß Frank⸗ land's Gegenwart befinde, ſo gibt es nichts, was ſie mir nicht ablocken könnte. O mein Gott, wenn ich bedenke, daß dieſe gutherzige, liebenswürdige junge Frau, welche Glück überall hinbringt, wohin ſie geht, mir nur Furcht und Angſt bringt— Furcht, wenn ihre mitleidigen Au⸗ gen mich anblicken, Furcht, wenn ihre gütige Stimme zu mir ſpricht, Furcht, wenn ihre zarte Hand die meine berührt! Onkel, wenn Miſtreß Frankland nach Porth⸗ genna kommt, werden ſelbſt die Kinder ſich zu ihr drän⸗ gen— jedes Geſchöpf in dieſem armen Dorfe wird von dem Lichte ihrer Schönheit und Herzensgüte angezogen werden, als ob es der Sonnenſchein des Himmels ſelbſt wäre— und ich— ich von allen lebenden Weſen— ich allein— muß ſie meiden, als ob ſie die Peſt wäre! Der Tag, wo ſie nach Cornwall kommt, iſt auch der Tag, wo ich es verlaſſen muß— der Tag, wo wir zwei einander Lebewohl ſagen müſſen. Mache meinen Jammer nicht größer, indem Du mich fragſt, ob ich es übers Herz bringen könne, Dich zu verlaſſen! Um mei⸗ ner ſeligen Mutter willen, Onkel Joſeph, glaube, daß ich dankbar bin, glaube, daß es nicht mein eigener 159 Wille iſt, was mich hinweg führt, wenn ich Dich wie⸗ der verlaſſe.“ Sie ſank auf ein in der Nähe ſtehendes Sofa, legte ihren Kopf mit einem einzigen langen, tiefen Seuf⸗ zer müde auf das Kiſſen und ſprach nicht mehr. Die Thränen traten Onkel Joſeph in die Augen, indem er ſich neben ſie ſetzte. Er ergriff eine ihrer Hände und ſtreichelte und klopfte dieſelbe, als ob er ein kleines Kind beſchwichtigte. „Ich will es tragen ſo gut ich kann, Sara“, flü⸗ ſterte er,„und ich will nichts weiter ſagen. Aber Du wirſt mir doch zuweilen ſchreiben, wenn ich wieder ganz allein bin? Du wirſt um Deiner guten ſeligen Mutter willen dem alten Onkel Joſeph auch manchmal eine Stunde widmen, nicht wahr?“ Sie wendete ſich plötzlich nach ihm herum und ſchlang mit einer leidenſchaftlichen Energie, welche mit ihrem ſonſt ſo ruhigen, zurückhaltenden Weſen in ſeltſamem Widerſpruch ſtand, ihre beiden Arme um ſeinen Hals. „Ich werde oft ſchreiben, lieber Onkel, ich werde immer ſchreiben“, flüſterte ſie, ihren Kopf an ſeine Bruſt lehnend.„Wenn ich jemals in Noth oder Gefahr ge⸗ rathe, ſo ſollſt Du es erfahren.“ Sie ſchwieg verlegen, als ob die Ungezwungenheit ihrer eigenen Worte und Handlungen ſie erſchreckte, ließ ihre Arme los, wendete ſich ſchnell von dem alten Mann wieder ab und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Die Tyrannei des Zwanges, der ihr ganzes Leben be⸗ herrſchte, ward— wie traurig und wie beredt!— in dieſer einen kleinen Bewegung ausgedrückt. 160 Onkel Joſeph erhob ſich vom Sofa, ging leiſe im Zimmer auf und ab, ſah ſeine Nichte beſorgt an, ſprach aber nicht zu ihr. Nach einer Weile trat der Kellner ein, um den Tiſch zum Abendeſſen zu decken. Es war dies eine willkom⸗ mene Unterbrechung, denn Sara ward dadurch genöthigt, ſich ſo viel als möglich wieder zu faſſen. Nachdem die Mahlzeit vorüber war, begaben ſich Onkel und Nichte jedes auf ſein Schlafzimmer, ohne weiter ein Wort in Bezug auf ihre bevorſtehende Tren⸗ nung zu wechſeln. Als ſie einander am nächſten Morgen wiederſahen, hatte der alte Mann ſeine gewohnte Laune immer noch nicht wieder gewonnen. Obſchon er ſo heiter zu ſpre⸗ chen verſuchte wie gewöhnlich, ſo lag doch etwas ſeltſam Gedämpftes und Ruhiges in Bezug auf Stimme, Blick und Sprache in ihm. Sara ward tief ergriffen als ſie ſah, welche Wir⸗ kung die Ausſicht auf ihre Trennung auf ihn äußerte. Sie ſprach einige Worte des Troſtes und der Hoffnung, aber er winkte in ſeiner ſonderbaren fremdländiſchen Weiſe blos verneinend mit der Hand und eilte aus dem Zimmer, um den Wirth aufzuſuchen und die Rechnung zu verlangen. Bald nach dem Frühſtück ſetzten ſie, zur Verwunde⸗ rung der Leute des Gaſthofs, ihre Reiſe zu Fuße weiter fort. Onkel Joſeph trug ſeinen Ranzen auf dem Rücken und die Reiſetaſche ſeiner Nichte in der Hand. Als ſie an die Biegung kamen, welche zu dem Kreuzwege führte, blieben ſie beide ſtehen und ſchauten zurück. 161 Diesmal ſahen ſie nichts, was ſie hätte beunruhigen können. Es war auf der breiten Landſtraße, welche ſie während der letzten Viertelſtunde, nachdem ſie das Gaſt⸗ haus verlaſſen, gewandert waren, kein lebendes Weſen zu ſehen. „Die Luft iſt rein“, ſagte Onkel Joſeph, während ſie in den Kreuzweg einbogen.„Was auch geſtern ge⸗ ſchehen ſein mag— jetzt wenigſtens ſchleicht uns nie⸗ mand nach.“ „Niemand, den wir ſehen könnten“, antwortete Sara. „Ich traue aber ſelbſt den Steinen an der Straße nicht. Wir wollen uns oft umſchauen, Onkel, ehe wir uns ſicher fühlen. Je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr fürchte ich die Schlinge, welche dieſe Leute in Porth⸗ genna Tower uns gelegt haben.“ „Du ſagſt uns, Sara. Warum ſollte man denn auch mir eine Schlinge legen?“ „Weil man Dich in meiner Geſellſchaft geſehen hat. Du wirſt weniger von ihnen zu fürchten haben, wenn wir nicht mehr beiſammen ſind, und dies iſt abermals ein Grund, Onkel Joſeph, weshalb wir das Unglück un⸗ ſerer Trennung ſo geduldig ertragen müſſen als wir können.“ „Gehſt Du weit, ſehr weit fort, Sara, wenn Du mich verläſſeſt?“ „Ich wage nicht eher meine Reiſe zu beendigen als bis ich fühle, daß ich mich in der großen Welt von Lon⸗ don verloren habe. Sieh mich nicht ſo traurig an! Ich werde mein Verſprechen niemals vergeſſen— ich werde niemals vergeſſen zu ſchreiben. Ich habe Freunde— Wiltie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 11 162 nicht Freunde wie Du, aber doch Freunde— zu welchen ich gehen kann. Nur in London kann ich mich ſicher vor Entdeckung fühlen. Meine Gefahr iſt groß— ſie iſt es wirklich! Aus dem, was ich in Porthgenna ge⸗ ſehen, kann ich mit Beſtimmtheit ſchließen, daß Miſtreß Frankland ſchon jetzt ein Intereſſe daran hat, mich aus⸗ findig zu machen, und ich bin überzeugt, daß dieſes In⸗ tereſſe noch um das Zehnfache geſteigert werden wird, wenn— wie ſicherlich geſchieht— ſie hört, was geſtern in dem Schloſſe vorgegangen iſt. Sollte man Deine Spur bis nach Truro verfolgen, o dann ſei auf Deiner Hut, wenn Du die Fragen, die ſie an Dich ſtellen, beantworteſt.“ „Ich werde gar nicht antworten, mein Kind. Aber ſage mir— denn ich möchte alle kleinen Möglichkeiten wiſſen, in deren Folge Du doch vielleicht zu mir zurück⸗ kehrſt— ſage mir, wenn Miſtreß Frankland den Brief findet, was wirſt Du dann thun?“ Bei dieſer Frage faßte Sara's Hand, welche, während ſie nebeneinander hinſchritten, matt auf ihres Onkels Arm gelegen, denſelben plötzlich und krampfhaft. „Wenn Miſtreß Frankland auch in das Myrthen⸗ zimmer geht“, ſagte ſie, indem ſie ſtehen blieb und ſich furchtſam umſah,„ſo findet ſie den Brief vielleicht doch nicht. Er iſt ganz klein zuſammengefaltet und an einem Ort verſteckt, wo man ihn nicht ſo leicht ſucht.“ „Wenn ſie ihn nun aber doch findet?“ „Wenn dies der Fall iſt, dann iſt um ſo mehr Grund für mich vorhanden, ſoweit als möglich hinweg zu ſein.“ 163 Während Sara dieſe Antwort gab, legte ſie ihre beiden Hände aufs Herz und drückte ſie feſt darauf. Ein leichter Krampf ſchien ihre Züge zu verzerren, ihre Au⸗ gen ſchloſſen ſich, ihr Geſicht ward dunkelroth und dann bleicher als vorher. Sie zog ihr Taſchentuch heraus und fuhr ſich damit mehrmals über das Geſicht, auf welchem jetzt dicker Schweiß ſtand. Der alte Mann, welcher, als ſeine Nichte ſtehen blieb, in der Meinung, ſie habe jemanden ihnen folgen ſehen, hinter ſich geſchaut hatte, bemerkte ihre letztere Bewegung und fragte ſie, ob es ihr zu heiß wäre. Sie ſchüttelte den Kopf, nahm ſeinen Arm, um wei⸗ terzugehen und athmete, wie ihm vorkam, mit einiger Mühe. Er ſchlug vor, daß ſie ſich am Rande der Straße niederſetzen und eine Weile ausruhen ſollte, ſie antwor⸗ tete aber blos:„Noch nicht.“ Und ſomit gingen ſie wieder eine halbe Stunde wei⸗ ter, ſchauten ſich dann nochmals um, und als ſie auch jetzt noch niemanden ſahen, ſetzten ſie ſich auf eine Bank, die am Rande der Straße ſtand, um einige Minuten auszuruhen. Nachdem ſie noch zweimal an paſſenden Ruheplätzen Halt gemacht, erreichten ſie das Ende des Kreuzweges. Auf der großen Landſtraße, in welche ſie dann einbogen, wurden ſie von einem Mann eingeholt, der einen leeren Leiterwagen fuhr und ſich erbot, ſie bis zur nächſten Stadt mitzunehmen. Sie nahmen den Vorſchlag dankbar an und ſtiegen, als ſie nach einer halbſtündigen Fahrt die Stadt erreicht . 11* 4164 hatten, an der Thür des beſten Gaſthauſes ab. Als ſie auf Erkundigung hier erfuhren, daß der Perſonenwagen ſchon durchpaſſirt war und ſie folglich zu ſpät kamen, mietheten ſie eine Chaiſe, welche ſie ſehr ſpät am Nach⸗ mittag nach Truro zurückbrachte. Während der ganzen Reiſe, von der Zeit an, wo ſie die Poſtſtadt von Porthgenna verlaſſen, bis zu der Stunde, wo ſie auf Sara's Wunſch auf dem Perſonen⸗ einſchreibebureau in Truro abſtiegen, hatten ſie nichts geſehen, was auch nur den mindeſten Argwohn, daß ihre Bewegungen beobachtet würden, hätte erwecken können. Niemand von den Leuten, welche ſie in den benach⸗ barten Ortſchaften ſahen, oder an welche ſie auf der Straße vorüberkamen, ſchien mehr als die flüchtigſte Notiz von ihnen zu nehmen. Es war fünf Uhr als ſie in das Fahrbureau von Truro traten, um ſich nach den Fahrgelegenheiten in der Richtung von Exeter zu erkundigen. Man theilte ihnen mit, daß nach dieſer Richtung binnen einer Stunde ein Wagen abgehen und um acht Uhr den nächſten Mor⸗ gen ein zweiter die Stadt Truro paſſiren würde. „Du wirſt doch nicht heute Abend noch weiter rei⸗ ſen?“ fragte Onkel Joſeph in bittendem Tone.„Nicht wahr, Du warteſt, mein Kind, und ruhſt bei mir aus bis morgen?“ „Es wird beſſer ſein, wenn ich gehe, Onkel, ſo lange mein Entſchluß noch friſch iſt“, lautete die traurige Antwort. „Aber Du biſt ſo bleich, ſo müde, ſo ſchwach!“ „Stärker als ich jetzt bin, werde ich doch nie werden. Raube mir nicht vollends den Muth— meine Aufgabe iſt ohnedies ſchwer genug.“ Onkel Joſeph ſeufzte und ſagte weiter nichts. Er ging voran quer über die Straße und dann die Neben⸗ gaſſe hinab nach ſeinem Hauſe. Der heitere Mann im Laden polirte ein Stück Holz hinter dem Ladentiſch und ſaß genau in derſelben Stellung, in welcher Sara ihn er⸗ blickt, als ſie bei ihrer Ankunft in Truro zuerſt durch das Fenſter geſehen. Er hatte gute Nachrichten für ſei⸗ nen Herrn, denn es waren allerhand Beſtellungen ein⸗ gegangen, Onkel Joſeph hörte aber nur mit halbem Ohre, was ſein Gehülfe ſagte, und eilte ohne den min⸗ deſten Abglanz ſeines gewohnten Lächelns auf ſeinem Geſicht in das kleine Hinterſtübchen. „Wenn ich keinen Laden hätte und keine Beſtellun⸗ gen eingegangen wären, ſo könnte ich Dich auch ferner noch begleiten, Sara“, ſagte er, als er mit ſeiner Nichte allein war.„Ei, ei, der Anfang dieſer Reiſe war der einzige glückliche Theil derſelben. Setze Dich nieder und ruhe aus, mein Kind. Ich muß es hinnehmen, wie es kommt und vor allen Dingen Dir eine Taſſe Thee be⸗ reiten. Nachdem er das Theegeſchirr auf den Tiſch geſetzt, verließ er das Zimmer und kehrte nach einer Abweſen⸗ heit von wenigen Minuten mit einem Korbe in der Hand zurück. Als der Träger kam, um das Gepäck nach dem Fahrbureau abzuholen, ließ Onkel Joſeph den Korb nicht gleichzeitig mit forttragen, ſondern ſetzte ſich nieder und ſtellte ihn zwiſchen die Füße, während er ſeiner Nichte eine Taſſe Thee einſchenkte. 166 Die Spieluhr hing immer noch in ihrem ledernen Reiſefutteral an ſeiner Seite. Sobald er die Taſſe Thee eingeſchenkt, zog er das Futteral von der Spieluhr und ſtellte ſie auf den Tiſch neben ſich. Seine Augen ſchweif⸗ ten zögernd auf Sara, indem er dies that. Er neigte ſich vorwärts, ſeine Lippen zitterten ein wenig, ſeine Hände ſpielten verlegen mit dem leeren Lederfutteral, welches jetzt auf ſeinen Knien lag und er ſagte in lei⸗ ſem, unſicherm Tone zu ſeiner Nichte: „Willſt Du noch ein kleines Abſchiedslied von Mo⸗ zart hören? Es dauert vielleicht lange, Sara, ehe er Dir wieder etwas vorſpielen kann. Ein kleines Abſchieds⸗ lied, mein Kind, ehe Du gehſt, nicht wahr?“ Seine Hand bewegte ſich langſam von dem Leder⸗ futteral nach dem Tiſche und ließ die Uhr dieſelbe Arie ſpielen, welche Sara an dem Abend gehört, wo ſie nach ihrer Reiſe von Somerſetſhire in das Zim⸗ mer trat und ihn allein am Tiſche ſitzen und der Muſik zuhören ſah. Welche Tiefen von Kummer lagen jetzt in dieſen wenigen einfachen Tönen! Welche traurige Erinnerung an vergangene Zeiten erfüllte das Herz bei dieſer ein⸗ zigen, kurzen, klagenden Melodie! Sara hatte nicht den Muth, ihre Augen zu dem Ge⸗ ſicht des alten Mannes zu erheben. Sie hätten ihm ver⸗ rathen können, daß ſie an die Tage dachte, wo das Kunſtwerk, welches er ſo hoch in Ehren hielt, die Arie, der ſie jetzt zuhörten, an dem Bett ſeines ſterbenden Kindes ſpielte. Die hemmende Feder war nicht vorgeſchoben und die . 167 Melodie begann daher, nachdem ſie durchgeſpielt war, wieder von vorn. Nun aber folgten die Töne nach den erſten wenigen Takten immer langſamer aufeinander, die Melodie ward immer undeutlicher und reducirte ſich endlich bis auf drei Töne, welche in langen Zwiſchen⸗ pauſen aufeinander folgten, dann hörte ſie ganz auf. Die Kette, welche die Thätigkeit der Maſchinerie regelte, war abgelaufen, Mozart's Abſchiedslied verſtummte plötz⸗ lich wie die Stimme eines Sterbenden. Der alte Mann fuhr zuſammen, ſah ſeine Nichte aufmerkſam an und warf das Lederfutteral über die Spieluhr, als ob er ſie nicht mehr ſehen wollte. „So“, flüſterte er bei ſich ſelbſt in ſeiner Mutter⸗ ſprache,„ſo verſtummte die Muſik auch, als mein klei⸗ ner Joſeph ſtarb. Gehe nicht!“ ſetzte er ſchnell auf Engliſch hinzu, beinahe ehe Sara noch Zeit gehabt, Ver⸗ wunderung über die eigenthümliche Veränderung zu em⸗ pfinden, welche mit ſeiner Stimme und mit ſeinem We⸗ ſen vorgegangen war.„Geh nicht fort! überlege Dir es noch einmal und bleibe bei mir!“ „Ich habe keine andere Wahl als Dich zu verlaſſen“, entgegnete Sara.„Du hältſt mich doch nicht für un⸗ dankbar? Tröſte mich in dieſem letzten Augenblick, in⸗ dem Du mir dies ſagſt.“ Er drückte ihr ſchweigend die Hand und küßte ſie auf beide Wangen. „Mein Herz iſt ſchwer um Deinetwillen, Sara“, ſagte er.„Ich fürchte ſehr, daß es nicht zu Deinem Glücke ſein werde, wenn Du mich jetzt verläſſeſt.“ „Ich habe keine andere Wahl“, wiederholte ſie trau⸗ 168 rig;„ich habe keine andere Wahl als Dich zu ver⸗ laſſen.“ „Dann iſt es auch Zeit, Abſchied zu nehmen.“ Die Wolke des Zweifels und der Furcht, welche von dem Augenblick an, wo die Muſik ſo kläglich verſtummte, ſein Geſicht verändert, ſchien noch finſterer zu werden, als er dieſe Worte geſagt hatte. Er ergriff den Korb, welchen er ſo ſorgfältig zwiſchen den Füßen gehalten, und ging ſchweigend voran zum Hauſe hinaus. Sie kamen eben noch zur rechten Zeit, denn der Kutſcher ſtieg ſchon auf den Bock, als ſie in das Fahr⸗ bureau kamen. „Gott behüte Dich, mein Kind, und ſende Dich bald geſund und wohlbehalten zu mir zurück“, ſagte Onkel Joſeph.„Nimm den Korb auf Deinen Schoos; es ſind einige Kleinigkeiten für Deine Reiſe darin.“ Seine Stimme wankte bei den letzten Worten und Sara fühlte, wie er ſeine Lippen auf ihre Hand drückte. Den nächſten Augenblick ward die Thür des Wagens ge⸗ ſchloſſen und ſie ſah ihn undeutlich durch ihre Thränen hindurch auf dem Pflaſter unter den Gaffern ſtehen, welche warteten, um den Wagen fortfahren zu ſehen. Als dieſer eine Strecke aus der Stadt hinaus war, konnte Sara endlich ihre Thränen trocknen und in den Korb ſehen. Er enthielt einen Topf Marmelade und einen Hornlöffel, ein kleines eingelegtes Arbeitskäſtchen von dem Vorrath im Laden, ein Stück ausländiſch aus⸗ ſehenden Käſe, eine Zeile Semmeln und ein kleines Packet Geld in Papier, mit den von Onkel Joſeph's Hand darauf geſchriebenen Worten:„Sei nicht bös.“ 169 Sara ſchloß wieder den Deckel des Korbes und zog ihren Schleier herab. Niemals hatte ſie den Schmerz des Scheidens in ſeiner ganzen Bitterkeit ſo gefühlt wie in dieſem Augenblick. O, wie hart war es, von der ſchützenden Heimat verbannt zu ſein, die ihr von dem einzigen Freund geboten ward, den ſie noch in der Welt hatte! Während ſie dies bei ſich dachte, ſchloß der alte Mann eben die Thür ſeines einſamen Zimmers. Sein Auge ſchweifte nach dem Theegeſchirr auf dem Tiſch und Sara's leerer Taſſe und er flüſterte wieder in ſeiner Mutterſprache bei ſich ſelbſt: „Gerade ſo verſtummte die Muſik, als mein kleiner Joſeph ſtarb!“. Achtes Mapitel. Ein alter Freund und ein neues Project. Als Sara erklärte, daß der Knabe, welchen ſie auf dem Moorland hatte hacken ſehen, ihr und ihrem Onkel ſelbſt nach der Poſtſtadt von Porthgenna nachgeſchlichen war, hatte ſie die buchſtäbliche Wahrheit behauptet. Jakob hatte ihre Spur bis an den Gaſthof verfolgt, eine Weile in der Nähe deſſelben gewartet, um ſich zu überzeugen, ob es wahrſcheinlich ſei, daß ſie ihre Reiſe dieſen Abend weiter fortſetzen würden, und war dann nach Porthgenna Tower zurückgekehrt, um dieſe Mel⸗ dung zu machen und die verſprochene Belohnung in An⸗ ſpruch zu nehmen. An demſelben Abend widmeten ſich die Haushälterin und der Caſtellan gemeinſchaftlich der Abfaſſung eines Briefes an Mr. Frankland, in welchem ſie ihr alles berichteten, was von der Zeit an geſchehen, wo die Fremden erſchienen waren, bis zu dem Augenblick, wo der Gärtnerjunge ihnen bis an die Thür des Gaſthauſes gefolgt war. — 8— ⏑̈X 9 8—+½à Aà d”8SD—j³— 290— —— B 65b 05— ε8b 171 Dieſes Schriftſtück war reichlich mit den rheto⸗ riſchen Ausſchmückungen Mr. Munder's geſpickt und— eine nothwendige Folge hiervon— als Erzählung über⸗ trieben lang und als Darlegung von Thatſachen hoff⸗ nungslos verworren. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß der Brief mit allen ſeinen Mängeln und Abgeſchmacktheiten von Miſtreß Frankland mit dem tiefſten Intereſſe geleſen ward. Ihr Gatte und Doctor Orridge, welchen beiden ſie den Brief mittheilte, waren darüber ebenſo erſtaunt, als ſie ſelbſt. Obſchon die Entdeckung von Miſtreß Ja⸗ zeph's Reiſe nach Cornwall ſie bewogen hatte, es inner⸗ halb des Bereichs der Möglichkeit liegend zu betrachten, daß ſie in Porthgenna zum Vorſchein käme, und ob⸗ ſchon Roſamunde ihren Brief an die Haushälterin unter dem Einfluſſe dieſer Idee geſchrieben, ſo war doch weder ſie noch ihr Gatte auf eine ſo ſchnelle Beſtätigung ihres Argwohns vorbereitet wie ſie jetzt erhielten. Ihr Erſtaunen aber bei Kenntnißnahme von dem allgemeinen Inhalt des Briefes war wie nichts im Ver⸗ gleich mit ihrem Erſtaunen, als ſie an die ſpeciellen Stellen des Briefes kamen, welcher ſich auf Onkel Joſeph bezog. Dieſes neue Element, welches dem immer dunk⸗ ler werdenden Geheimniß in Bezug auf Miſtreß Jazeph und das Myrthenzimmer durch das Auftreten dieſes Aus⸗ länders auf der Bühne und durch ſeinen genauen Zu⸗ ſammenhang mit den außerordentlichen Vorgängen, die in dem alten Schloſſe ſtattgefunden, mitgetheilt ward, äußerte auf Alle eine im höchſten Grade verblüffende Wirkung. 172 Der Brief ward immer und immer wieder geleſen, Satz für Satz kritiſch zerlegt, ſorgfältig von dem Doc⸗ tor erläutert, um die Thatſachen, die er enthielt, von der Maſſe nichtsſagender Worte zu ſondern, in welche Mr. Munder ſie künſtlicher⸗ und langweiligerweiſe gehüllt, und endlich nach aller Mühe, die man ſich gegeben, ihn verſtändlich zu machen, für das geheimnißvollſte und ſelt⸗ ſamſte Document erklärt, welches jemals die Feder eines Sterblichen hervorgebracht. Der erſte praktiſche Vorſchlag, welcher, nachdem der Brief verzweiflungsvoll beiſeite gelegt worden, gemacht ward, ging von Roſamunden aus. Sie ſchlug vor, daß ihr Gatte und ſie ſelbſt— natürlich mit Einſchluß ihres Söhnchens— ſofort nach Porthgenna aufbrechen ſollten, um die Diener genau in Bezug auf Miſtreß Jazeph und den Ausländer, der ſie begleitet, auszufragen und die Localitäten der Nordſeite des Hauſes zu unter⸗ ſuchen, um vielleicht einen Aufſchluß über die Lage des Myrthenzimmers zu entdecken, während die Ereigniſſe noch friſch in der Erinnerung der Zeugen waren. Der auf dieſe Weiſe vertheidigte Plan ſtieß jedoch, obſchon er an und für ſich ganz vortrefflich war, bei Doctor Orridge aus ärztlichen Gründen auf Wider⸗ ſpruch. Miſtreß Frankland hatte ſich dadurch, daß ſie, als ſie das erſte Mal das Zimmer verlaſſen, zu leicht⸗ ſinnig der Luft ausgeſetzt, eine ziemliche Erkältung zuge⸗ zogen, und der Doctor weigerte ſich, ihr vor Ablauf einer Woche Erlaubniß zum Reiſen zu ertheilen. Der nächſte Vorſchlag ging von Mr. Frankland aus. Dieſer erklärte, es ſei ihm vollkommen klar, daß die 50—õ oSS————————,— ———, 1 A2 einzige Ausſicht, das Geheimniß des Myrthenzimmers zu durchdringen, einzig und allein davon abhänge, daß man ein Mittel fände, mit Miſtreß Jazeph in Mitthei⸗ lung zu treten. Er ſchlug vor, ſich nicht weiter mit irgendetwas zu bemühen, was mit der Durchführung dieſer Abſicht nicht im Zuſammenhang ſtehe, und ſtellte den Antrag, daß der Diener, der jetzt in Weſt Winſton bei ihnen war— ein Mann, der ſeit vielen Jahren in ſeinen Dienſten ſtand und auf deſſen Eifer, Thätigkeit und Intelligenz man ſich unbedingt verlaſſen konnte— ſo⸗ fort nach Porthgenna geſendet würde, um die nöthigen Nachforſchungen zu beginnen und die Localitäten auf der Nordſeite des Hauſes ſorgfältig zu unterſuchen. Dieſer Rath ward auch ſofort befolgt. Noch ehe eine Stunde um war, machte der Diener ſich auf den Weg nach Cornwall, gründlich inſtruirt in Bezug auf das, was er thun ſollte und wohl mit Geld ver⸗ ſehen, im Fall er es nothwendig fand, viel Perſonen zu Betreibung der erforderlichen Nachforſchungen zu ver⸗ wenden. Nach einiger Zeit ſendete er ſeinem Herrn einen Be⸗ richt über die von ihm gethanen Schritte. Dieſer Bericht war aber von im höchſten Grade entmuthigender Art. Von Miſtreß Jazeph und ihrem Begleiter hatte man von der Poſtſtadt von Porthgenna an jede Spur verloren. Man hatte Nachforſchungen nach allen Richtungen hin angeſtellt, aber keinen einzigen zuverläſſigen Aufſchluß erlangt. Leute in ganz verſchie⸗ denen Ortſchaften erklärten, zwei Perſonen geſehen zu 144 haben, welche der Beſchreibung der Frau in der dunkeln Kleidung und des alten Ausländers entſprachen; forderte man ſie aber auf, die Richtung anzuzeigen, in welcher die beiden Fremden gereiſt waren, ſo erhielt man Antworten von der verwirrendſten und widerſprechendſten Art. Man hatte weder Mühe noch Koſten geſpart, aber bisjetzt kein Reſultat von auch nur dem geringſten Werthe erlangt. Ob die Frau und ihr Begleiter nach Oſten, Weſten, Norden oder Süden gegangen waren, darüber konnte Mr. Frankland's Diener in dem gegenwärtigen Stadium der Erörterungen keinerlei Auskunft geben. Der Bericht über die Unterſuchung der nördlichen Zimmer war ebenſo wenig befriedigend. Auch hier konnte man nichts von irgendwelcher Bedeutung entdecken. Der Diener hatte ermittelt, daß es zweiundzwanzig Zimmer auf der unbewohnten Seite des Hauſes gab— ſechs im Erdgeſchoß, welche in den verödeten Garten gingen, acht in der erſten Etage und acht über dieſen in der zweiten. Er hatte alle Thüren von oben bis unten ſorgfältig unterſucht und war zu dem Schluſſe gekommen, daß keine derſelben geöffnet worden. Die Indicien, welche die eigene Handlungsweiſe der räthſelhaften Frau lieferte, führten zu nichts. Sie hatte, wenn man der Ausſage der Magd trauen durfte, die Schlüſſel auf den Fußboden der Halle fallen laſſen. Man fand ſie ſelbſt, wie die Haushälterin und der Ca⸗ ſtellan verſicherten, ohnmächtig oben auf dem Vorplatze der erſten Treppe liegen. Die Thür, welche ſich ihr hier gegenüber befand, zeigte von einer damit neuer⸗ dings vorgenommenen Eröffnung ebenſo wenig eine 175 Spur als die andern Thüren der übrigen zweiundzwan⸗ zig Zimmer. Ob das Zimmer, zu welchem ſie Zutritt zu erlangen wünſchte, eins der acht in der erſten Etage, oder ob ſie auf dem Wege nach der höher gelegenen Reihe von acht Zimmern in der zweiten Etage ohnmächtig geworden war, dies ließ ſich unmöglich beſtimmen. Die einzigen ſichern Schlüſſe, welche aus den in dem Hauſe ſtattgehabten Ereigniſſen gezogen werden konnten, waren zwei an der Zahl. Erſtens konnte man mit Gewißheit annehmen, daß die räthſelhafte Frau geſtört worden, ehe ſie im Stande geweſen war, ſich der Schlüſſel zu bedienen, um in das Myrthenzimmer zu gelangen. Zweitens ließ ſich aus der Stellung, in welcher ſie auf der Treppe gefunden ward und aus der Ausſage in Bezug auf das Fallenlaſſen der Schlüſſel annehmen, daß das Myrthenzimmer ſich nicht in dem Erdgeſchoß befand, ſondern eins der in der erſten und zweiten Etage befindlichen ſechzehn Zimmer war. Außerdem hatte der Schreiber des Berichts nichts weiter zu melden, ausgenommen, daß er ſich erlauben werde, in Porthgenna zu warten, im Fall ſein Herr ihm weitere Inſtructionen mitzutheilen hätte. Was war nun zu thun? Dies war nothwendig die erſte Frage, welche die Meldung des Dieners von dem erfolgloſen Ergebniß ſeiner Nachforſchungen in Porthgenna an die Hand gab. Wie dieſelbe aber zu beantworten ſei, dies war nicht ſehr leicht zu ermitteln. Roſamunde wußte nichts vor⸗ 176 zuſchlagen, Mr. Frankland wußte nichts vorzuſchlagen, der Doctor wußte nichts vorzuſchlagen. Je eifriger alle drei über eine neue Idee nachdachten, deſto weniger ſchien Ausſicht vorhanden, daß es ihnen gelingen werde, eine zu finden. Endlich ſtellte Roſamunde verzweifelnd den Antrag, den Rath einer vierten zuverläſſigen Perſon zu ſuchen, und bat ihren Gatten um die Erlaubniß, eine vertrau⸗ liche Darlegung des ganzen Sachverhaltes für den Vicar von Long Beckley niederſchreiben und demſelben über⸗ ſenden zu dürfen. Doctor Chennery war ihr älteſter Freund und Rath⸗ geber. Er hatte ſie beide als Kinder gekannt; er inter⸗ eſſirte ſich für ſie wie ein Vater und er beſaß jene unſchätzbare Gabe ſchlichten, klaren, geſunden Menſchen⸗ verſtandes, die ihn als gerade den Mann bezeichnete, welcher am allerwahrſcheinlichſten ihnen nicht blos bei⸗ ſtehen könnte, ſondern dies auch bereitwillig thun würde. Mr. Frankland war mit dem Vorſchlage ſeiner Gattin ſofort einverſtanden, und Roſamunde ſchrieb unverweilt an Doctor Chennery, indem ſie ihm alles mittheilte, was ſeit Miſtreß Jazeph's erſter Einführung bei ihr geſchehen, und indem ſie ihn um ſeine Meinung hinſicht⸗ lich des Verfahrens bat, welches unter den obwaltenden Umſtänden ſich als das rathſamſte darſtellte. Mit umgehender Poſt lief eine Antwort ein, welche Roſamunde's Vertrauen auf ihren alten Freund voll⸗ kommen rechtfertigte. Doctor Chennery theilte nicht blos die Neugier und Spannung, welche Miſtreß Jazeph's Worte und Beneh⸗ ̈—2 ◻⏑— men in dem Gemüth ſeiner Correſpondentin hervor⸗ gerufen, ſondern hatte auch einen eigenthümlichen Plan zur Ermittelung der Lage des Myrthenzimmers vor⸗ zuſchlagen. Der Vicar beantwortete ſeinen Vorſchlag dadurch, daß er ſich gegen jede weitere Nachforſchung nach Mi⸗ ſtreß Jazeph erklärte. Nach den Umſtänden, wie ſie ihm erzählt wurden, zu urtheilen, meinte er, es werde nur Zeitverſchwendung ſein, ſie ausfindig machen zu wollen. Demgemäß ließ er dieſen Theil des Gegenſtandes ſofort ruhen und widmete ſich der Erwägung der wich⸗ tigeren Frage: Wie ſollten Mr. und Miſtreß Frankland zu Werke gehen, um das Geheimniß des Myrthenzimmers allein und durch ſich ſelbſt zu entdecken? In dieſer Beziehung hegte Doctor Chennery eine Ueberzeugung der ſtärkſten Art und ſagte Roſamunden im voraus, daß ſie ſich auf eine große Ueberraſchung gefaßt machen müſſe, wenn er weiter unten darauf zu ſprechen käme. Indem er es nämlich als ausgemacht betrachtete, daß ſie und ihr Gatte keine Hoffnung hätten, ausfindig zu machen, wo das fragliche Zimmer ſei, wenn ſie nicht von jemandem unterſtützt würden, der beſſer als ſie mit den alten örtlichen Eintheilungen des Innern von Porth⸗ genna Tower bekannt ſei, erklärte der Vicar ſeine Mei⸗ nung dahin, daß es nur noch einen einzigen lebenden Menſchen gäbe, der ihnen den erforderlichen Aufſchluß geben könnte, und dieſer Menſch ſei niemand anders als Wiltie Collins, Ein tiefes Gebeimniß. II. 12 178 Roſamunde's griesgrämiger, menſchenfeindlicher Onkel Andrew Treverton! Dieſe auffällige Meinung unterſtützte Doctor Chen⸗ nery durch zwei Gründe. Erſtens war Andrew das einzige noch lebende Mitglied der älteren Generation, welche in Porthgenna Tower zu einer Zeit gelebt, wo alle mit den nördlichen Zimmern zuſammenhängenden Traditionen noch friſch in der Erinnerung der Bewohner des Hauſes lebten. Die Leute, die jetzt darin wohnten, waren Fremde, die, welche von Mr. Frankland's Vater engagirt worden, und die in früherer Zeit von Kapitän Treverton angenommenen Diener waren geſtorben oder zerſtreut. Die einzige zuverläſſige Perſon, deren Erinne⸗ rungen für Mr. und Miſtreß Frankland höchſt wahr⸗ ſcheinlich von Nutzen ſein konnten, war daher unbeſtreit⸗ bar der Bruder des früheren Beſitzers von Porthgenna Tower. Zweitens war die Möglichkeit vorhanden— ſelbſt wenn Andrew Treverton's Gedächtniß nicht ganz zuver⸗ läſſig war— daß er ſchriftliche oder gedruckte Auf⸗ ſchlüſſe in Bezug auf die Oertlichkeit des Myrthenzimmers beſaß. Nach ſeines Vaters Teſtament— welches, als Andrew noch ein junger Mann, der eben auf die Uni⸗ verſität ging, war, gemacht und weder zu der Zeit ſeiner Abreiſe aus England oder ſpäter geändert worden — hatte er die ausgewählte alte Sammlung von Bü⸗ chern in der Bibliothek von Porthgenna geerbt. Geſetzt, daß er dieſe Erbſtücke noch beſaß, war es höchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß ſich darunter ein Plan oder eine Beſchrei⸗ bung des Hauſes befand, wie es in der vergangenen 179 Zeit war, wodurch dann aller gewünſchter Aufſchluß an die Hand gegeben ward. Dies war ein zweiter gewichtiger Grund, zu glau⸗ ben, daß wenn irgendwo ein Aufſchluß über die Lage des Myrthenzimmers exiſtirte, Andrew Treverton der Mann ſei, der ihn geben könnte. Nahm man aber ſonach an, daß der griesgrämige, alte Miſanthrop der einzige Menſch ſei, welchen man mit Nutzen um die gewünſchte Belehrung angehen könnte, ſo entſtand zunächſt die Frage, wie man mit ihm in Verbindung treten ſolle? Der Vicar wußte recht wohl, daß es nach Andrew's unverzeihlich herzloſer Handlungsweiſe gegen ihren Vater und ihre Mutter für Roſamunde unmöglich ſei, ſich direct an ihn zu wenden. Dieſes Hinderniß ließ ſich indeſſen dadurch beſeitigen, daß man die erforderliche Mittheilung von Doctor Chennery ausgehen ließ. So gründlich wie der Vicar dem alten Miſanthropen per⸗ ſönlich abgeneigt war und ſo entſchieden er auch die Grundſätze deſſelben mißbilligte, ſo war er doch gern bereit, im Intereſſe ſeiner jungen Freunde von ſeinen perſönlichen Antipathien abzuſehen und gab— wenn Roſamunde und ihr Gatte damit einverſtanden wären— ſeine vollkommene Bereitwilligkeit zu erkennen, an Andrew zu ſchreiben, ſich auf ihre frühere Bekanntſchaft zu berufen und ihn, als ob es ſich um eine alterthümliche Curio⸗ ſität handelte, um Auskunft in Bezug auf die nörd⸗ liche Seite von Porthgenna Tower zu bitten, und dabei ganz natürlich die Bitte auszuſprechen, ihn von den Namen in Kenntniß zu ſetzen, unter welchen die 12* 180 einzelnen Zimmer in frühern Zeiten bekannt geweſen wären. Indem der Vicar dieſes Anerbieten machte, geſtand er offen, er glaube, es ſei keine Ausſicht vorhanden, überhaupt eine Antwort auf dies Geſuch zu erhalten, wie ſorgfältig er daſſelbe auch mit Berückſichtigung der griesgrämigen Eigenthümlichkeiten Andrew's abfaſſen möchte. Indeſſen, in Erwägung, daß bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge eine ſchwache Hoffnung immer noch beſſer ſei als gar keine, meinte er, es ſei wenigſtens der Mühe werth, nach dem von ihm vorgeſchlagenen Plane einen Verſuch zu machen. Wenn Mr. und Miſtreß Frankland ein beſſeres Mit⸗ tel erſinnen könnten, um mit Andrew Treverton in Mit⸗ theilung zu treten oder wenn ſie vielleicht einen andern Weg entdeckt hätten, um die Aufſchlüſſe, deren ſie be⸗ dürften, zu erlangen, ſo ſei Doctor Chennery vollkommen bereit, von ſeinen eigenen Anſichten abzuſtehen und ſich den ihrigen unterzuordnen. Auf jeden Fall könne er nur mit der Bitte ſchließen, zu bedenken, daß er das Intereſſe ſeiner jungen Freunde wie ſein eigenes betrachtete und daß jeder Dienſt, den er ihnen leiſten könnte, ihnen mit Freuden und mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung ſtünde. Eine ſehr kurze Erwägung des freundſchaftlichen Briefs des Vicars überzeugte Roſamunde und ihren Gatten, daß ſie keine andere Wahl hatten, als das An⸗ erbieten, welches dieſer Brief enthielt, dankbar anzu⸗ nehmen. ———— 181 Die Ausſichten waren allerdings gegen den Erfolg des vorgeſchlagenen Schrittes, aber waren ſie wohl ungünſtiger als die Ausſichten gegen den Erfolg irgend⸗ welcher auf eigene Fauſt übernommenen Nachforſchungen in Porthgenna? Es war doch wenigſtens eine ſchwache Hoffnung vorhanden, daß Doctor Chennery's Geſuch um Belehrung zu einigen Ergebniſſen führen werde, während dagegen durchaus keine Hoffnung vorhanden war, das blos mit einem Zimmer in Zuſammenhang ſtehende Geheimniß dadurch zu durchdringen, daß man zwei Reihen Zimmer, zuſammen nicht weniger als ſech⸗ zehn an der Zahl, blindlings durchwühlte. Von dieſen Erwägungen beſtimmt, ſchrieb Roſamunde ſofort wieder an den Vicar, um ihm für ſeine freund⸗ liche Bereitwilligkeit zu danken und ihn zu bitten, ohne einen Augenblick Verzug vorgeſchlagenermaßen an Andrew Treverton zu ſchreiben. Doctor Chennery beſchäftigte ſich unverweilt mit Abfaſſung des wichtigen Briefes, indem er Sorge trug, ſein Geſuch ausſchließlich auf Gründe der Alterthums⸗ forſchung zu ſtützen und ſeine erheuchelte Wißbegier in Bezug auf die Räume von Porthgenna Tower dadurch zu erklären, daß er auf ſeine Bekanntſchaft mit der Familie Treverton und auf das ganz natürliche Intereſſe an dem alten Gebäude hinwies, mit welchem der Name und die Schickſale dieſer Familie in ſo engem Zuſammen⸗ hange ſtanden. Nachdem er auf dieſe Weiſe wegen der gewünſchten Auskunft an Andrew's Jugenderinnerungen appellirt, wagte er noch einen Schritt weiter zu gehen und ſprach 182 von der alten Bibliothek, indem er bemerkte, daß in derſelben ſich höchſt wahrſcheinlich ein Plan oder eine wörtliche Beſchreibung des Schloſſes befände, die von dem größten Nutzen ſein könnte, im Fall Mr. Trever⸗ ton's Gedächtniß nicht alle nähern Umſtände in Bezug auf die Namen und die Lage der nördlichen Zimmer bewahrt hätte. Zum Schluſſe nahm er ſich die Freiheit zu erwäh⸗ nen, daß das Darleihen irgend eines Documentes von der Art, wie er angedeutet, oder die Erlaubniß, Aus⸗ züge daraus machen zu laſſen, als eine große Gefällig⸗ keit anerkannt werden würde, und in einer Nachſchrift fügte er hinzu, daß, um Mr. Treverton alle Mühe zu erſparen, ein Bote am Tage nach Abgabe dieſes Briefes die Antwort abholen würde, welche es ihm vielleicht beliebte darauf zu geben. Nachdem der Vicar das Geſuch auf dieſe Weiſe unter vielen ſtillen Befürchtungen in Bezug auf die Ergebniſſe deſſelben fertig gemacht, ſchob er es in ein Couvert, welches er an ſeinen Geſchäftsagenten in Lon⸗ don adreſſirte, den er bat, es durch eine zuverläſſige Perſon zu beſorgen und durch dieſelbe am Tage darauf nach der Antwort nachfragen zu laſſen. Drei Tage nach Abſendung dieſes Briefes— bis zu welcher Zeit man keine Nachricht irgendwelcher Art von Doctor Chennery erhalten— erlangte Roſamunde endlich von ihrem Arzt die Erlaubniß, ihre. Reiſe weiter fortzuſetzen. Mr. und Miſtreß Frankland nahmen daher Abſchied von Doctor Orridge, verſprachen ihm wiederholt, ihn 183 von den Fortſchritten, die ſie in Bezug auf die Lage des Myrthenzimmers vielleicht machen würden, in Kennt⸗ niß zu ſetzen, kehrten Weſt Winſton den Rücken und traten nun zum dritten Male die Reiſe nach Porthgenna Tower an. Beuntes Mapitel. Der Anfang des Endes. Es war in Mr. Andrew Treverton's Hauſe gerade Backtag, als der mit Beſtellung von Doctor Chennery's Briefe beauftragte Bote die Gartenthür des uns bekann⸗ ten Hauſes in Bayswater erreichte. Nachdem er drei Mal die Klingel gezogen, hörte er eine rauhe Stimme auf der andern Seite der Mauer, welche Stimme ihm zuſchrie, er ſolle die Klingel in Ruhe laſſen, und zugleich fragte, wer zum Teufel er ſei und was er wolle. „Ich bringe einen Brief an Mr. Treverton“, ſagte der Bote, indem er, während er dies ſagte, zugleich vorſichtig von der Thür zurückwich. „Nun, ſo werft ihn über die Mauer und packt Euch dann Eurer Wege“, antwortete die rauhe Stimme. Der Bote gehorchte dieſen beiden Weiſungen. Er war ein ſchüchterner, beſcheidener, ältlicher Mann und als die Natur die Beſtandtheile ſeiner Gemüthsart miſchte, 185 befand ſich die Fähigkeit, Beleidigungen zu rügen, nicht mit darunter. Der Mann mit der rauhen Stimme— oder um die Sache einfacher auszudrücken, der Diener Shrowl — hob den Brief auf, wägte ihn in der Hand, betrachtete die Adreſſe mit einem Ausdruck verächtlicher Neugier in ſeinen Spürhundaugen, ſteckte ihn in die Weſtentaſche und lenkte ſeine Schritte träg nach der andern Seite des Hauſes, wo ſich der Eingang zur Küche befand. In dem Gemach, welches wahrſcheinlich die Speiſe⸗ kammer genannt worden wäre, wenn das Haus civili⸗ ſirten Bewohnern gehört hätte, war eine Handmühle aufgeſtellt und in dem Augenblick, wo Shrowl in dieſes Gemach trat, war Mr. Treverton beſchäftigt, ſeine Un⸗ abhängigkeit von allen Müllern in England dadurch zu behaupten, daß er ſich ſein Getreide ſelbſt mahlte. Er hielt ärgerlich mit dem Drehen der Kurbel inne, als ſein Diener an der Thür erſchien. „Was wollt Ihr hier?“ fragte er.„Wenn das Mehl fertig iſt, werde ich Euch ſchon rufen. Wir wollen einander doch nicht öfter anſehen, als es unumgänglich nothwendig iſt. Ich kann Euch niemals anſehen, Shrowl, ohne mich zu fragen, ob es im ganzen Bereiche der Schöpfung ein Thier gibt, welches ſo häßlich iſt wie der Menſch. Ich ſah heute Morgen eine Katze auf der Gartenmauer und bemerkte an derſelben auch nicht einen einzigen Punkt, hinſichtlich deſſen Ihr den Vergleich mit ihr aushalten könntet. Die Augen der Katze waren hell — die Eurigen ſind trübe. Die Naſe der Katze war 188 gerade— die Eurige iſt kꝛumm. Der Bart der Katze war ſauber— der Eurige iſt ſchmuzig. Das Kleid der Katze paßte ihr— das Eurige hängt um Euch herum wie ein Sack. Ich ſage Euch nochmals, Shrowl, die Gattung der Geſchöpfe, welcher Ihr— und ich— angehört, iſt die häßlichſte der ganzen Schöpfung. Wir wollen uns nicht mit Ekel gegeneinander erfüllen, indem wir länger einer in des andern Geſeelſſchaft bleiben. Geht fort, Ihr letzte, ſchlechteſte, erbärmlichſte Laune der Natur— geht fort.“ Shrowl hörte dieſe ſchmeichelhafte Anrede mit ſauer⸗ töpfiſcher Heiterkeit an. Als ſein Herr damit fertig war, zog er, ohne ſich zu einer Antwort darauf herabzulaſſen, den Brief aus der Weſtentaſche. Er war ſich ſchon längſt ſeiner eigenen Gewalt über ſeinen Herrn viel zu vollſtändig bewußt, als daß er auf irgend etwas, was Mr. Treverton ihm ſagen konnte, auch nur das geringſte Gewicht hätte legen ſollen. „Na, wenn Sie mit Sprechen fertig ſind, ſo ſehen Sie ſich einmal das da an“, ſagte Shrowl, indem er den Brief nachläſſig auf den Tiſch, neben welchem ſein Herr ſtand, fallen ließ.„Es geſchieht nicht oft, daß die Leute ſich die Mühe nehmen, Ihnen Briefe zu ſchicken — nicht wahr nicht? Von wem glauben Sie wohl, daß dieſer da kommt— ich bin neugierig, ob Ihre Nichte auf den Einfall gekommen iſt an Sie zu ſchreiben? Es ſtand kürzlich in der Zeitung, daß ſie einen Sohn und Erben bekommen hat. Oeffuen Sie den Brief und ſehen Sie, ob es vielleicht eine Einladung zur Kindtaufe iſt. Ohne Sie wäre ja das Feſt nicht vollſtändig und die 187 Geſellſchaft würde ganz gewiß nicht recht heiter ſein können, wenn Ihr lächelndes Antlitz an der Tafel ver⸗ mißt würde. Laſſen Sie mich einſtweilen die Mühle drehen, während Sie ausgehen und ein ſilbernes Nutſch⸗ kännchen kaufen. Der Sohn und Erbe erwartet ein Nutſchkännchen, wiſſen Sie, und ſeine Wärterin erwar⸗ tet eine halbe Guinee und ſeine Mama erwartet Ihr ganzes Vermögen. Welch ein Vergnügen, dieſe drei unſchuldigen Weſen glücklich zu machen! Es iſt abſcheu⸗ lich, Sie ſo ſchiefe Geſichter über dieſen Brief ziehen zu ſehen. Mein Himmel, wo iſt Ihre liebreiche Geſin⸗ nung denn auf einmal hin?“ „Wenn ich nur wüßte, wo ich einen Knebel fände, um Euch damit Eure nichtswürdige Schnauze zu ſtopfen!“ rief Mr. Treverton.„Wie könnt Ihr Euch unterſtehen, mir etwas von meiner Nichte zu ſagen, Ihr erbärmlicher Kerl! Ihr wißt, ich haſſe ſie um ihrer Mutter willen. Was ſoll das heißen, daß Ihr fortwährend von mei⸗ nem Vermögen faſelt? Ehe ich es dem Kinde der Ko⸗ mödiantin hinterließe, vermachte ich es lieber Euch, und ehe ich es Euch vermachte, lüde ich es lieber bis auf den letzten Heller in ein Boot und verſenkte es auf immer in den Schoos des Meeres.“ Während Mr. Treverton ſeiner Unzufriedenheit auf dieſe nachdrückliche Weiſe Worte lieh, raffte er Doctor Chennery's Brief vom Tiſche und riß ihn in einer Stimmung auf, die für einen glücklichen Erfolg der Bitte des Vicars durchaus nicht ſonderlich verheißungs⸗ voll war. 3 Er las den Brief mit ominöſer Miene, die immer 188 finſterer und finſterer ward, ſowie er dem Ende des Briefes näher kam. Als er die Unterſchrift erblickte, änderte ſeine Laune ſich plötzlich und er lachte ſardoniſch. „Ganz gehorſamſt der Ihrige, Robert Chennery“, wiederholte er bei ſich ſelbſt.„Ja, ganz gehorſamſt der Meinige, wenn ich Dir den Willen thue. Und wenn ich ihn nun nicht thue, Pfaffe?“ Er ſchwieg, ſah den Brief wieder an und der tücki⸗ ſche Blick kam darauf wieder zum Vorſchein. „Es ſteckt irgend eine lauernde Lüge hinter dieſer gleißneriſchen ſchönen Schrift“, murmelte er argwöhniſch. „Ich bin aber kein Mitglied ſeiner Gemeinde. Das Geſetz gibt ihm nicht das Recht, mir blauen Dunſt vorzumachen. Was ſoll es bedeuten, daß er es doch verſucht?“ Er ſchwieg wieder, dachte ein wenig nach, blickte plötzlich zu Shrowl auf und ſagte zu ihm: „Habt Ihr das Backofenfeuer ſchon angezündet?“ „Nein, noch nicht“, antwortete Shrowl. Mr. Treverton betrachtete den Brief zum dritten Male, zögerte, riß ihn dann langſam in der Mitte durch und warf die beiden Stücken verächtlich ſeinem Diener zu. „Zündet das Feuer ſofort an“, ſagte er.„Und wenn Ihr Papier braucht, ſo iſt hier welches. Halt“, ſetzte er hinzu, nachdem Shrowl den zerriſſenen Brief aufgehoben hatte.„Wenn morgen jemand kommt, um die Antwort zu verlangen, ſo ſagt ihm, ich hätte Euch den Brief gegeben, um das Feuer damit anzuzünden, und dies wäre meine Antwort.“ 189 Mit dieſen Worten kehrte Mr. Treverton an die Mühle zurück und begann mit boshaftem, ſchadenfrohem Lächeln ſie wieder zu drehen. Shrowl begab ſich in die Küche, ſchloß die Thür, legte die zerriſſenen Stücke des Briefes nebeneinander auf den Anrichtetiſch und begann ganz kaltblütig und gelaſſen den Brief zu leſen. Als er dies langſam und ſorgfältig von der Adreſſe bis zu der Unterſchrift gethan, kratzte er ſich eine Weile nachdenklich in ſeinem zottigen, vernachläſſigten Barte, faltete dann den Brief ſorgfältig wieder zuſammen und ſteckte ihn in die Taſche. „Ich will mir ihn ſpäter noch einmal anſehen“, dachte er bei ſich ſelbſt, indem er ein Stück von einer alten Zeitung abriß, um das Feuer damit anzuzünden. „Ich glaube, es läßt ſich mit dieſem Briefe doch noch etwas Beſſeres thun, als ihn verbrennen.“ Feſt entſchloſſen, den Brief nicht eher wieder aus der Taſche zu nehmen, als bis alle häuslichen Verrich⸗ tungen für dieſen Tag gehörig beſorgt wären, zündete Shrowl das Feuer an, buk im Laufe des Vormittags das Brot und begann dann geduldig im Gemüſegarten zu graben. So ward es vier Uhr nachmittags, ehe er ſich be⸗ rechtigt glaubte, an ſeine Privatangelegenheiten zu denken und ſich in die Einſamkeit zurückzuziehen, um den Brief im Geheimen noch einmal durchzuleſen. Dieſe zweite Lectüre des unglücklichen Geſuchs des Doctor Chennery an Mr. Treverton beſtärkte Shrowl in ſeinem Entſchluß, den Brief nicht zu vernichten. 190 Mit großer Mühe und Ausdauer und fortwährend ſich im Barte kratzend, unterſchied er endlich drei Haupt⸗ punkte in dieſem Brief, die nach ſeiner Anſicht von her⸗ vorragender Wichtigkeit waren. Der erſte dieſer drei Hauptpunkte war, daß die Per⸗ ſon, welche ſich mit dem Namen Robert Chennery unter⸗ zeichnet, einen Plan oder gedruckten Bericht über die nördliche Seite der innern Räume eines gewiſſen alten Schloſſes in Cornwall, Porthgenna Tower genannt, zu Rathe zu ziehen wünſchte. Der zweite Punkt ſchien ſich dahin aufzulöſen, daß Robert Chennery glaubte, es ſei ein ſolcher Plan oder gedruckter Bericht vielleicht unter der Mr. Treverton gehörenden Bücherſammlung zu finden. Der dritte Punkt war, daß dieſer Robert Chennery das Darleihen eines ſolchen Planes oder gedruckten Be⸗ richts als eine der größten Gefälligkeiten betrachten würde, die ihm erwieſen werden könnten. Ueber die letztere Thatſache nachdenkend und ſein Augenmerk ausſchließlich auf Betrachtung ſeines eigenen Intereſſes richtend, gelangte Shrowl zu dem Schluſſe, daß es wohl in pecuniärer Beziehung der Mühe ver⸗ lohnen könne, wenn er ſich in den Stand zu ſetzen ſuchte, Robert Chennery die gewünſchte Gefälligkeit zu erzeigen, indem er heimlich unter den Büchern ſeines Herrn nachſuchte. „Es könnte mir wohl eine Fünfpfundnote eintragen, wenn ich die Sache gut beſorgte“, dachte Shrowl, ſteckte den Brief wieder in die Taſche und ging nachdenklich die & d 191 Treppe hinauf nach den Rumpelkammern oben unter dem Dache. Dieſe Gemächer waren zwei an der Zahl, ohne alle Möbels und mit der Bücherſammlung, die einſt die Bibliothek von Porthgenna Tower geſchmückt, angefüllt. Mit Staub bedeckt und nach allen Richtungen hin auf dem Fußboden umhergeſtreut, lagen Hunderte von Bänden aus den Packkiſten herausgeworfen, wie Kohlen in einem Keller aus den Säcken herausgeworfen werden. Alte werth⸗ volle Exemplare, welche mancher Gelehrte als unbezahl⸗ bare Schätze betrachtet hätte, lagen in chaotiſcher Gleich⸗ heit neben modernen Werken, deren Hauptvorzug in ihrem ſchönen Einband beſtand. In dieſe Wildniß von umhergeſtreuten Büchern trat jetzt Shrowl, ermuthigt durch die erhabene Geiſtesgegen⸗ wart der Unwiſſenheit, um entſchloſſen nach einem beſon⸗ dern Buche zu ſuchen, ohne ein anderes Licht zu ſeiner Führung zu haben, als den ſchwachen Schimmer der beiden Worte„Porthgenna Tower“. Nachdem er ſich dieſelben feſt eingeprägt, ſtellte er ſich zunächſt die Aufgabe, zu ſuchen, bis er ſie auf der erſten Seite eines der hunderte der um ihn herumliegen⸗ den Bände gedruckt fände Dies war für den Augenblick ſeine wirkliche Lebensaufgabe und er ſtand nun in der größten der beiden Dachkammern, hartnäckig entſchloſſen, dieſe Aufgabe zu löſen. Er machte ſich mit den Füßen ſo viel freien Raum, daß er ſich bequem auf den Fußboden ſetzen konnte und begann dann alle Bücher, die er erreichen konnte, an⸗ zuſehen. Einzelne Bände von ſeltenen Klaſſikerausgaben, ein⸗ zelne Bände der engliſchen Geſchichtsſchreiber, einzelne Werke der Dramatiker aus dem Zeitalter der Königin Eliſabeth, Reiſebeſchreibungen, Predigten, Anekdoten⸗ ſammlungen, Bücher über Naturgeſchichten, über Jagd⸗ weſen u. ſ. w. folgten raſch in bunter Abwechſelung auf⸗ einander, aber kein Buch, auf deſſen Titelblatt die Worte „Porthgenna Tower“ geſtanden hätten, belohnte wäh⸗ rend der erſten zehn Minuten, nachdem er ſich auf den Boden niedergeſetzt, Shrowl's fleißiges Suchen. Ehe er in eine andere Stellung weiterrückte und einen friſchen Haufen literariſchen Gewühls vornahm, machte er eine Pauſe und ging mit ſich zu Rathe, ob es nicht eine bequemere und ſyſtematiſchere Methode als ſeine bisherige gäbe, um ſich durch die zerſtreute Maſſe von Büchern, die noch durchzuſehen blieben, hindurch⸗ zuarbeiten. Das Ergebniß ſeiner Betrachtungen war, daß es für ihn weniger ermüdend ſein würde, wenn er alle Bücher in allen Theilen des Gemachs ohne Unterſchied vornähme und ſich in ſeiner Auswahl blos nach ihrem verſchiedenen Format richtete. Zuerſt wollte er die größ⸗ ten vornehmen, dann, nachdem er dieſe auf einen Haufen gelegt, die nächſtgrößten und ſo weiter, bis er endlich bis auf die Taſchenausgaben käme.— Demgemäß machte er ſich einen zweiten freien Raum in der Nähe der Wand, trampelte dann auf den Büchern ſo kaltblütig herum, als ob es ebenſo viele Erdklöße auf einem gepflügten Felde wären, und ſuchte von allen Bänden, die auf der Diele lagen, den größten heraus. 193 Es war ein Atlas, Shrowl wendete die Karten, eine nach der andern um, dachte nach, ſchüttelte den Kopf und legte den Band dann auf einen leeren Raum, wel⸗ chen er dicht an der Wand frei gemacht. Das nächſtgrößte Buch war eine prachtvoll gebun⸗ dene aunulung in Kupfer geſtochener Bildniſſe berühm⸗ ter Männer. Shrowl begrüßte die berühmten Männer mit einem Grunzen vandaliſcher Mißbilligung und ließ ſie dann dem Atlas Geſelſſchaft leiſten. Das drittgrößte Buch lag unter mehrern andern. Es ragte ein wenig mit der einen Ecke hervor und war in rothen Maroquin gebunden. In einer andern Lage, oder wenn es in eine beſcheidnere Farbe gebunden gewe⸗ ſen, wäre es höchſtwahrſcheinlich unbemerkt geblieben. Shrowl zog es mit einiger Mühe hervor, öffnete es mit mißtrauiſchem Stirnrunzeln, ſah das Titelblatt an und klatſchte ſich plötzlich mit einem lauten triumphiren⸗ den Fluche auf den Schenkel. Hier ſtanden die zwei Worte, die er ſuchte, und ſtierten ihm gleichſam mit dem ganzen Nachdruck der größten Anfangsbuchſtaben ins Geſicht. Er horchte einen Augenblick, um ſich zu überzeugen, daß ſein Herr ſich nicht im Hauſe umherbewege, dann wendete er ſich zu dem erſten Blatt des Buches mit der Abſicht, es ſorgfältig von Anfang bis Ende, Seite für Seite durchzuſehen. Das erſte Blatt war ein leeres. Am Rande des nveilen ſtand mit verblichener Dinte geſchrieben:„Selten. Nur ſechs Exemplare gedruckt. J. A. T.“ Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. II. 13 194 Weiter unten auf der Mitte des Blattes ſtand die gedruckte Zueignung: „John Arthur Treverton, Esquire, Herrn und Be⸗ ſitzer des Schloſſes Porthgenna, königlichem Friedens⸗ richter, Mitgliede der königlichen Geſellſchaft der Wiſſen⸗ ſchaften ꝛc. ꝛc. ꝛc. iſt dieſes Werk gewidmet, in welchem ein Verſuch gemacht worden, den alterthümlichen und geehrten Herrenſitz ſeiner Ahnen zu beſchreiben.“ Es ſtanden noch viele Zeilen mehr da, die alle bis zum Ueberfließen mit den längſten und unterwürfigſten Worten, die in dem Wörterbuche zu finden ſind, ange⸗ füllt waren; Shrowl aber enthielt ſich wohlweislich der Mühe, ſie zu leſen, und ging ſogleich weiter zu dem nächſten, dem Titelblatt. Und hier ſtanden wirklich die über Alles wichtigen Worte: „Geſchichte der Alterthümer von Porthgenna To⸗ wer, von der Zeit ſeiner erſten Erbauung bis auf die Gegenwart, mit intereſſanten genealogiſchen Notizen über die Familie Treverton, einer Unterſuchung über den Urſprung der gothiſchen Architektur und einigen Gedanken über die Theorie der Befeſtigungskunde nach der Eroberung Englands durch die Normannen. Von dem ehrwürdigen Job Dark, Dr. th., Rector von Porthgenna. Mit ſorgfältig ausgeführten Porträts, Anſichten und Grund⸗ riſſen. Nicht in den Buchhandel gegeben. Gedruckt von Spaldock und Grimes, Truro, 1734.“ Dies war das Titelblatt. Das nächſte Blatt ent⸗ hielt eine geſtochene Anſicht von Porthgenna Tower von der Weſtſeite, dann kamen einige Seiten, die dem „Urſprunge der gothiſchen Architektur“, dann wieder einige Seiten, welche der normänniſchen Theorie der Befeſtigungskunde gewidmet waren. Hierauf folgte aber⸗ mals eine Abbildung von Porthgenna Tower von der Oſtſeite. Dann kam wieder Text unter dem Titel: „Die Familie Treverton“ und dann kam die dritte Ab⸗ bildung— Porthgenna von der Nordſeite. Hier machte Shrowl Halt und betrachtete mit Inter⸗ eſſe das Blatt dem Text gegenüber. Es war blos der Titel einer anderweiten Abtheilung Text über die Er⸗ bauung des Schloſſes und dann folgten Kupferſtiche von Familienporträts in der Gemäldegalerie von Porth⸗ genna. Seinen linken Daum zwiſchen die Blätter ſteckend, um die Stelle ſogleich wiederfinden zu können, blät⸗ terte Shrowl ungeduldig und raſch weiter bis an das Ende des Buches, um zu ſehen, was er vielleicht hier fände. Das letzte Blatt enthielt einen Plan der Pferdeſtälle, das vorletzte Blatt einen Plan des nördlichen Gartens und auf dem drittletzten zeigte ſich gerade das, was in Robert Chennery's Briefe erwähnt war— ein Plan oder Grundriß über die innere Einrichtung der nörd⸗ lichen Seite des Hauſes. Shrowl's erſter Impuls, als er dieſe Entdeckung machte, war, das Buch ſofort in das ſicherſte Verſteck zu bringen, welches er ausfindig machen könnte, um es dann heimlich zum Verkauf anzubieten, wenn der Bote 13* den nächſten Morgen wiederkäme, um die Antwort auf den Brief zu holen. Einiges Nachdenken überzeugte ihn jedoch, daß ein derartiges Verfahren eine gefährliche Aehnlichkeit mit einem Diebſtahl habe und ihn in Ungelegenheit bringen könnte, wenn die Perſon, mit welcher er zu thun hätte, es ſich einfallen ließe, erſt gewiſſe vorläufige Fragen hin⸗ ſichtlich ſeines Rechts auf das Buch, welches er zu ver⸗ kaufen wünſchte, an ihn zu richten. Die einzige Alternative, wenn er den Gedanken, ſich in den Beſitz des Buches zu ſetzen, aufgab, beſtand darin, ſo gut er konnte eine Copie von dem Plan zu machen und mit dieſem als mit einem Document zu wuchern, welches die gewiſſenhafteſte Perſon von der Welt ohne Zögern kaufen konnte. Nach reiflicher Erwägung beſchließend, ſich lieber der Mühe, dieſe Copie zu fertigen, zu unterziehen, als es auf die Gefahren bei einer Entwendung des Buches an⸗ kommen zu laſſen, ſtahl Shrowl ſich ſo leiſe als mög⸗ lich in die Küche hinunter, nahm aus einem der Schub⸗ fächer des Küchentiſches einen alten Stummel von einer Feder, eine Flaſche Dinte und einen zerknitterten halben Bogen ſchmuziges Briefpapier, und kehrte dann hinauf in die Dachkammer zurück, um den Plan ſo gut er könnte zu copiren. Dieſer Plan war von der einfachſten Art und nahm blos einen kleinen Theil der Seite ein, dennoch aber hatte er für Shrowl's Augen, als dieſer ihn zum zwei⸗ ten Male beſichtigte, ein hoffnungslos verwickeltes und verworrenes Anſehen. —— Die Zimmer wurden durch Reihen von kleinen Vier⸗ ecken angedeutet, in welche die Namen ſauber hinein⸗ gedruckt waren, und die Lage der Treppen, Thüren und Corridors war durch Parallellinien von verſchiedener Länge und Breite vorgezeichnet. Nach langem Nach⸗ denken, Stirnrunzeln und Bartzupfen fiel es Shrowl ein, daß die bequemſte Methode, den Plan zu copiren, die wäre, wenn er das Briefpapier— welches, obſchon kaum halb ſo groß als das Blatt des Buches, doch groß genug war, um die darauf befindliche Zeichnung zu bedecken— darauflegte und dann die Linien, welche er durch das Papier hindurch ſah, mit ſeiner Feder und ſeiner Dinte ſo ſorgfältig als möglich nachzeichnete. Er keuchte, ſchnaubte und ächzte über ſeiner Arbeit und ward feuerroth dabei, aber endlich kam er doch damit zu Stande— abgeſehen von einigen Mängeln in Geſtalt von Kleckſen und andern derartigen Unſauber⸗ keiten. Dann hielt er inne, um die Dinte trocknen zu laſſen und frei aufzuathmen, ehe er etwas Weiteres zu thun verſuchte. Das nächſte Hinderniß, welches zu überwinden war, beſtand in der Schwierigkeit, die in die Vierecke hinein⸗ gedruckten Namen der Zimmer zu copiren. Zum Glück für Shrowl— im Gebrauch der Feder ein ungeheurer Tölpel— waren die Namen ſämnmtlich nicht ſehr lang. Trotzdem aber machte es ihm die größte Mühe, ſie in hinreichend kleinen Buchſtaben abzuſchreiben, um nicht mehr Raum zu gebrauchen, als die Vierecke darboten. Ein Name ganz beſonders— der des Myrthen⸗ 198 zimmers— bot in dem Worte„Myrthe“ Com⸗ binationen dar, welche ſeine Geduld und ſeine Finger, als er ſie nachzumalen verſuchte, auf eine harte Probe ſtellten. Das Ergebniß in dieſem Falle war, trotzdem er alles Mögliche aufbot, auch in der That ſelbſt in ſeinen eigenen Augen ſo unleſerlich, daß er das Wort noch einmal mit größern Buchſtaben an den Rand des Blattes ſchrieb und mittelſt einer ſehr ſchwankenden Linie mit dem Viereck in Verbindung brachte, welches das Myrthen⸗ zimmer vorſtellte. Derſelbe Unfall begegnete ihm auch norß mit zwei anderen Namen und ward auf dieſelbe Weiſe wieder gut⸗ gemacht. Mit den übrigen Namen kam er jedoch beſſer zu Stande und als er endlich noch den Titel„Plan der Nordſeite“ darüber geſchrieben hatte, bot ſeine Copie im Ganzen genommen ein weit reſpectableres Anſehen dar, als man zu erwarten berechtigt geweſen wäre. Nachdem er ſich von der Genauigkeit der Copie durch ſorgfältige Vergleichung derſelben mit dem Ori⸗ ginal überzeugt, faltete er ſie zugleich mit Doctor Chen⸗ nery's Brief zuſammen und ſteckte ſie, heiſer aus erleich⸗ tertem Herzen aufkrächzend und mit einem grimmigen Lächeln der Befriedigung, in die Taſche. Am nächſten Morgen bot die Gartenthür des Hauſes den Vorübergehenden die gänzlich neue Erſcheinung dar, daß ſie gaſtfreundlich ein wenig geöffnet ſtand, und eine der kahlen Thürpfoſten genoß die Ehre, durch die 4 — 199 Geſtalt Shrowl's geſchmückt zu werden, der ungezwun⸗ gen, mit gekreuzten Beinen, den Händen in den Taſchen und der Pfeife im Munde daran lehnte, um auf die Rückkehr des Boten zu warten, welcher am Tage vor⸗ her Doctor Chennery's Brief überbracht hatte. Ende des zweiten Bandes. Druc von F. A. Brockhaus in Leipzig. Neueſte Unterhaltungs-Titeratur aus dem Verlage von Voigt& Günther in eipeig. R—RAAAAAÖAOA;O; — oS— Ersiehnngs-Kesultate. Eine Erzählung für Mütter und Töchter. Nach dem Engliſchen:„Home influences“ von Grace Aguilar. Geheftet Preis 1 Thlr. Gebunden Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Die Jüdin. Von Grace Aguilar, Verfaſſerin der„Erziehungs⸗Reſultate“,„Mädchenfreundſchaft“ ꝛc. Nach der fünſten Original⸗-Auflage. Geheftet Preis 24 Ngr. f1 Ber John einer Mutter. Fortſetzung der„Erziehungs⸗Reſultate“. Eine Erzählung für Mütter und Töchter von Grace Aguilar. Ueberſetzt nach der fünften Auflage des engliſchen Originals: „The mothers recompense“. 2 Bände. Geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Geb. in 1 Band Preis 1 Thlr. 25 Ngr. Müädrhenkrenndschaft von V Grace Aguilar. Geh. Preis 20 Ngr. Geb. Preis 28 Ngr. Doctor Antonio. Aus dem Engliſchen. t 2 Bände. Geh. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Die Frau in Weiß von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. Zweite Auflage. 4 Bände. Geh. Preis 3 Thlr. Der Lampenputzer. Von Miß Cummins. Deutſch von Treumund Uhelp. Zweite Auflage. 2 Bände. Geh. Preis 20 Ngr. Geb. in 1 Band Preis 28 Ngr. Eine Erzählung von der Verfaſſerin des„Tampenputzer“. Deutſch von Treumund Whelp. Geheftet Preis 1 Thlr. Gebunden Preis 1 Thlr. 10 Ngr. ÖðOA;;Ö Der Dolmetſcher. Eine Kriegsgeſchichte. Von . G. Whyte Melville. Aus dem Engliſchen 1 von Mlarie Scott. 3 Bände. Geheftet Preis 2 Thlr. John Valifax, Gentleman. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 4 Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Peben um Peben. Von der Verfaſſerin von„John Ralifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verenn. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. Geheftet Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und ſeine Freunde. Hiſtoriſcher Roman von Louiſe Mühlbach. Dritte Auflagt. 4 4 Bände. Geheftet Preis 1 Thlr. 10 Ngr. 1 A;ꝑ;́ Eaſt Lynne. Von Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Beinrich von Hammer. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. Geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. — Die Channings. Roman von Frau Henry Wood. Verfaſſerin von„Eaſt Lynne“ ꝛc. Aus dem Engliſchen von 4 X. Rretzſchmar. 3 Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. Geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. — 9 4 * 5 5 “ 5.