„ Ull 707 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v bei Entgegennahme entſprchende Summe on mir zurückerſtattet wird.—— t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ders darauf aufmerkſam Vemacht, daß das Weiterverleihen „Zücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ eliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſelben von mir gel ⸗-—-—— Ausgewählte TMerhe von Wilkie Collins. Aus dem Engliſcchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. 4 namenlos. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Fünfter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 3 1863. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Siebente Scene. Zu Heiligenkreuz in der Marſch. Erſtes Kapitel. „Da iſt Ihr Plaz zum Schlafen. Puzen Sie ſich ein wenig heraus und dann kommen Sie zu mir in mein Zimmer hinunter. Der Admiral iſt zurückgekehrt und Sie werden ihn heute erſtmals bei Tiſch zu bedienen haben.“ Mit dieſen Worten ſchloß Frau Drake, die Haus⸗ hälterin, die Thüre und das neue Zimmermädchen blieb allein in ihrer Schlafkammer zu Heiligenkreuz zurück. Dieſer Tag war der ereignißvolle fünfundzwan⸗ zigſte Februar. Kaum vier Monate ſeit der Zeit, wo Frau Lecount die geheimen Anweiſungen ihres Herrn in die Hände ſeines Teſtamentsvollſtreckers gelegt hatte, war das einzige Zuſammentreffen von Umſtänden, gegen welches in erſter Linie und haupt⸗ ſächlich ihre vorſorglichen Maßregeln gerichtet waren, genau und buchſtäblich dasjenige Zuſammentreffen, welches jezt wirklich Plaz gegriffen hatte. Herrn Noel Vanſtone's Wittwe und Admiral Bartrams Geheimartikel befanden ſich in einem und demſelben Hauſe bei einander. Inſoweit hatte ſich der Verlauf der Ereigniſſe ohne eine Ausnahme zu Magdalenens Gunſten erklärt. Bis hieher war der Pfad, der ſie nach Heiligenkreuz führte, ein Pfad ohne irgend ein Hemmniß geweſen. Luiſe— deren Namen ſie jezt angenommen hatte— war ſchon ſeit drei Tagen mit ihrem Gatten und Kinde nach Auſtralien abgeſegelt; ſie war das einzige lebende Weſen dem Magdalene ihr Geheimniß an⸗ vertraut hatte, und befand ſich gegenwärtig bereits außer Sicht der engliſchen Küſte. Das Mädchen hatte ſich bis ans Ende mit aller Sorgfalt, Zuver⸗ läßigkeit und Treue den Intereſſen ihrer Herrin ge⸗ widmet. Sie hatte die Feuerprobe ihrer Unterredung mit der Haushälterin durchgemacht und keine der Anweiſungen vergeſſen, mit denen ſie zur erfolgrei⸗ chen Beſtehung jener Probe verſehen worden war. Sie ſelbſt hatte den Vorſchlag gemacht, den ſechs⸗ wöchigen Aufſchub der durch den Todesfall in der Familie des Admirals verurſacht worden war, mög⸗ lichſt dazu zu benüzen, die hochwichtige Einübung jener Zimmermädchenlectionen fortzuſezen und es zu einer Stufe von Vollkommenheit zu bringen, von der allein ein günſtiger Erfolg des kühnen Wagſtücks ihrer Herrin abhing. Magdalene hatte es der dadurch gewonne⸗ nen Zeit zu verdanken daß, als Luiſens Hochzeit vorüber und der Tag ihrer Abreiſe erſchienen war, ſie Alles worin ihre frühere Zofe ſie unterrichten konnte, bis ins kleinſte Detail erlernt und bewältigt hatte. An dem Tage, wo ſie über die Thürſchwelle von Wa gege die nehn am Mon heite tägle dam befa⸗ für an, bilde Dien ſie e liebſ Hals ausn chene oben niedl in d Män beſch trage welch richte coſtü trams ſelben ohne . Bis nkreuz veſen. tte— n und inzige 3 an⸗ ereits idchen zuver⸗ in ge⸗ edung e der Igrei⸗ war. ſechs⸗ n der mög⸗ jener einer allein derrin onne⸗ chzeit war, ichten iltigt welle 4 von Heiligenkreuz ſchritt, trat ſie ihr verzweifeltes Wagſtück an, ſtark durch die unerſchöpfliche Geiſtes⸗ gegenwart bei ungünſtigen Vorfällen, welche ihr ſpäteres Leben ihr zugedacht hatte, ſtärker noch durch die damit verbundene Geſchicklichkeit, die ſie in An⸗ nehmung und Darſtellung fremder Charactere beſaß— am allerſtärkſten aber dadurch daß ſie ſich zwei volle Monate hindurch in den Geſchäften und Obliegen⸗ heiten ihrer Stellung, die ſie auszufüllen übernommen, täglich practiſch eingeübt und ſo auf das Innigſte damit vertraut gemacht hatte. Sobald ſie nach Frau Drakes Abgang ſich allein befand, pakte ſie ihren Koffer aus und kleidete ſich für den Abend an. Sie zog ein Oberkleid von lavendelfarbigem Stoffe an, das zugleich halbe Trauer für Frau Girdleſtone bildete, wie nach des Admirals Weiſungen allen Dienſtmädchen anbefohlen worden war— dann band ſie ein weißes Muslinſchürzchen um, ſezte ein aller⸗ liebſtes weißes Häubchen auf und legte ſich ein Halstuch mit Seidenbändern um, die zu dem Kleide ausnehmend gut paßten. In dieſem Dienſtmäd⸗ chenanzug— in dem ſchlichten Röckchen das hoch oben um den Nacken herum feſt anſchloß, in dem niedlichen weißen Häubchen hinten auf ihrem Kopfe— in dieſer einfachen Kleidung, in den Augen aller Männer, die nicht gerade Leinwandhändler ſind, die beſcheidenſte und verführeriſchſte die ein Frauenzimmer tragen kann, verſchwand die traurige Verwüſtung, welche ihr Seelenſchmerz in ihrer Schönheit ange⸗ richtet hatte, beinahe ganz. Hätte ſie in dem Abend⸗ coſtüme einer Dame geſteckt, mit unbedecktem Buſen, 8 die ganze Geſtalt mehr mit ſteifer Seide gerüſtet, möchte man ſagen, als bekleidet, wäre der Admiral in ſeinem Geſellſchaftszimmer vermuthlich an ihr vorbeigegangen, ohne eine Notiz von ihr zu nehmen. In dem Abendcoſtüme eines Dienſtmädchens aber konnte ſie kein Bewunderer von Schönheit einmal erblicken, ohne ſich das zweite Mal wieder nach ihr umzu⸗ ſchauen. Als ſie die Treppe herabſtieg, um in das Zim⸗ mer der Haushälterin ſich zu begeben, kam ſie an zwei langen ſteinernen Corridors vorbei, zu denen eine ganze Reihe von Thüren führte; ein Corridor lag neben dem andern, und der eine davon an dem Hauptgang des Hauſes. „Welche Menge von Gemächern,“ dachte ſie, als ſie die vielen Thüren erblickte.„Das wird ein mühſeliges Stück Arbeit, bis ich das finde, wegen deſſen ich hierher gekommen bin.“ Als ſie das Parterre erreicht hatte, ſtieß ſie auf einen wettergehärteten alten Mann, der bei ihrem Anblick ſtille ſtand und ſie mit einem Anſchein von großem Intereſſe anſtarrte. Es war derſelbe alte Mann, den Capitän Wragge im Hinterhof zu Heiligen⸗ kreuz mit dem Modell eines Schiffes beſchäftigt ge⸗ ſehen hatte. In der ganzen Nachbarſchaft war er weit und breit als„Coxſwain“(Kriegsſchaluppen⸗ führer) des Admirals bekannt. Sein Name war Mazey. Sechszig Jahre hatten die Geſchichte eines harten Lebens zur See und gewaltiger Trinkgelage zu Land in das mürriſche und runzelreiche Geſicht eingekrizelt. Sechszig Jahre hatten ſeine unwandel⸗ bare Treue erprobt und das hinfällige alte Gerippe mein 9 Frar ſoda⸗ aller lichen dieſer mäde ihr d vom wurd üſtet, niral ihr . JIn onnte icken, mzu⸗ Zim⸗ e an denen r lag dem „als ein begen 2 auf ihrem u von alte ligen⸗ zt ge⸗ Ar er ppen⸗ war eines gelage Heſicht andel⸗ erippe 9 am Ende ſeiner Lebensreiſe in den häuslichen Ha⸗ fen ſeines Herrn und Meiſters einbugſirt. Da ſie ſonſt Niemand erblickte den ſie fragen konnte, ſtellte Magdalene an den alten Mann das Anſuchen, ihr den Weg zu weiſen, der zu dem Zim⸗ mer der Haushälterin führe. „Will's Ihnen zeigen, liebes Kind!“ ſagte der alte Mazey, indem er ſie mit der ſtarken und hohlen Stimme anredete, die allen ſchlechthörenden Perſonen eigenthümlich iſt.„Sind wohl das neue Mädchen? he! Und ein gar feines Mädchen dazu! Seine Gnaden, der Admiral, ſieht gerne ein Zimmermädchen mit einem ſaubern Gange vorn und hinten. Ja, ſiehts gerne, meine Liebe, ſiehts gerne!“ „Sie müſſen nicht darauf achten, was Herr Mazey zu Ihnen ſagt,“ bemerkte die Haushälterin, welche Ihre Thüre öffnete, als ſich der alte Seemann in dieſen Beifallsphraſen gegen Magdalene ergoß. „Er hat das Vorrecht zu ſchwazen was ihm von der Leber kommt; und er iſt zwar höchſt langweilig und plump in ſeiner Art und Weiſe— aber er meint es nicht ſchlimm.“ Nach dieſer Apologie auf den alten Seebären führte Frau Drake Magdalene zuerſt in die Speiſekammer und ſodann in das Weißzeugzimmer, indem ſie dieſelbe in aller ſchuldigen Formalität in das Amt ihrer häus⸗ lichen Obliegenheiten einwies. Nach Beendigung dieſer einleitenden Ceremonie wurde das Zimmer⸗ mädchen in den obern Stock hinaufgenommen und ihr das Speiſezimmer gezeigt, das ſeinen Eingang vom Corridor auf den Hauptgang aus hatte. Hier wurde ſie angewieſen das Tiſchtuch zu legen und die Tafel für eine einzige Perſon zu decken— Herr Georg Bartram war nämlich mit ſeinem Onkel nicht nach Heiligenkreuz zurückgekehrt. Frau Drakes ſcharfe Augen beobachteten Magdalene mit voller Aufmerk⸗ ſamkeit, als ſie dieſes einleitende Geſchäft vollbrachte, und Frau Drake fand ſich bis jezt nach ihrer inner⸗ ſten Ueberzeugung, ſobald die Tafel gedeckt war, zu der Anerkennung genöthigt, daß das neue Dienſt⸗ mädchen ihr Geſchäft von Grund aus verſtehe. Starke Klingeltöne erſchallten in den untern Re⸗ gionen— laute, ſchlenkernde Fußtritte klapperten von der Außenſeite des ſteinernen Corridors her— die Thüre öffnete ſich plötzlich— und ein hochge⸗ wachſener, dürrer, alter Mann von gelblicher Ge⸗ ſichtsfarbe, mit ſtrahlenden Augen, vielſagenden feinen Lippen und von einer raſtloſen Beweglichkeit trat in das Zimmer, dicht hinter ihm gefolgt von zwei rieſenhaften Labradorhunden, und nahm mit unge⸗ ſtümer Eilfertigkeit ſeinen Siz am Tiſch ein; die Hunde blieben nicht zurück, ſondern hockten mit der äußerſten Ernſthaftigkeit und Gemüthsruhe, jeder auf einer Seite des Stuhles, nieder. Dieß war Admiral Bartram, und dieß waren die Genoſſen ſeiner einſamen Mahlzeit. „Ei! Ei! Ei! Das iſt ſicherlich das neue Zimmermädchen!“ begann er, indem er mit ſcharfem Blicke, aber gar nicht unfreundlich, Magdalene an⸗ ſah.„Wie heißen Sie, mein gutes Mädchen?— Luiſe, nicht wahr? Ich werde Sie Lucie nennen, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben. Heben Sie den Deckel weg, meine Liebe— ich bin heute eine oder zwei Minuten zu ſpät daran. Seien Sie Herr nicht harfe nerk⸗ ichte, iner⸗ einen trat zwei inge⸗ die der jeder war doſſen neue arfem an⸗ 2 nnen, deben heute Sie 11 morgen in dieſer Beziehung nicht unpünctlich; ich bin im Allgemeinen ſo regelmäßig wie ein Uhrwerk. Wie befinden Sie ſich nach Ihrer Reiſe? Hat Sie vielleicht mein leichtes Chaischen recht ſtark hin und her geſtoßen, als Sie damit von der Eiſenbahn⸗ ſtation hierher fuhren? Eine Capitalſuppe das— heiß als wie vom Feuer gekommen; ſie erinnert mich an die Suppe, die ich in Weſtindien im Jahre drei gewöhnlich bekam.— Haben Sie Halbtrauer angezogen?— Stehen Sie daher und laſſen Sie mich ſehen. Ah! Wahrhaftig! Sehr niedlich und zierlich und ſauber. Arme Frau Girdleſtone! Ach liebe, liebe, liebe, arme Frau Girdleſtone! Haben Sie keine Furcht vor den Hunden, Lucie? He!— Was? Sie lieben die Hunde? Das iſt recht. Seien Sie immer gut gegen die ſtummen Thiere. Dieſe zwei Hunde ſpeiſen immer mit mir, ausgenommen wenn ſich Geſellſchaft da befindet. Der Hund mit der ſchwarzen Naſe heißt Brutus, und der Hund mit der weißen Naſe heißt Caſſius. Haben Sie ſchon einmal gehört wer Brutus und Caſſius waren? Alte Römer? Das iſt recht— gutes Mädchen. Geben Sie auf Ihr Buch und Ihre Nadel fleißig Achtung und wir wollen Ihnen einen braven Ehe⸗ mann mit der Zeit verſchaffen. Tragen Sie die Suppe ab, meine Liebe, tragen Sie die Suppe ab.“ Dieß war der Mann, deſſen Geheimniß zu über⸗ rumpeln das einzige Lebensintereſſe Magdalenens ge⸗ genwärtig war. Dieß war der Mann, deſſen Name den ihrigen in Noel Vanſtones Teſtamente ausgeſtochen hatte. Es folgte hierauf Fiſch und Braten und des Admirals Unterhaltung ſprang von einem Gegen⸗ ſtand auf den andern über— bald war er in ein Selbſtgeſpräch vertieft, bald wendete er ſich an das Zimmermädchen und bald pflog er einen Zwieſprach mit ſeinen Hunden, ſo leutſelig und doch ohne allen Zuſammenhang wie gewöhnlich. Magdalene bemerkte mit einiger Ueberraſchung, daß die Genoſſen der admiraliſchen Mittagstafel ent⸗ fernt keine Brocken aus der Schüſſel ihres Herrn er⸗ halten hatten. Die zwei herrlichen Thiere hockten zuſammengekauert auf ihrem Hintergeſäße, mit ihren großen Köpfen über den Tiſch emporragend, und ver⸗ folgten den Fortgang des Mahles mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit, aber ſichtlich nicht in der Er⸗ wartung daran Theil nehmen zu können. Der Bra⸗ ten wurde entfernt, der Teller des Admirals gewech⸗ ſelt, und Magdalene hob die Silberdeckel von zwei bereitſtehenden Gerichten hinweg, die auf einer Seite des Tiſches ſich befanden. Als ſie das erſte der appetitlich duftenden Gerichte ihrem Herrn präſen⸗ tirte, entwickelten die Hunde plözlich ein athemloſes perſönliches Intereſſe an dem Vorgang. Dem Bru⸗ tus wäſſerte in gierigem Heißhunger der Rachen, und Caſſius ſtreckte in unbeſchreiblicher, zitternder Erwartung ſeine rothe Zunge heraus und leckte dann wieder begierig an ſeiner gewaltigen Kinnlade. Der Admiral entledigte ſich auf freigebige Weiſe des Gerichtes. Er befahl Magdalene etwas Brod vom Seitentiſchchen zu holen, und als er ſich von ihrem Auge nicht beachtet glaubte, ſtürzte er verſtohlen den ganzen Inhalt der Platte in Brutus Rachen. Caſſius winſelte leiſe, als ſein beglückter Camerad den köſtlichen Fraß durch ſeinen Schlund hinunterwürgte. mir alte den das ſtän Hur Her ſtan der ding dale bei der ſchlo Adn zu lade dreſ Tag zoge mit Sie auf zu e konn ral. Luci ein das drach allen ung, ent⸗ n er⸗ ckten hren ver⸗ ann⸗ Er⸗ Bra⸗ vech⸗ zwei Seite der äſen⸗ loſes Bru⸗ ichen, ender dann Veiſe vom hrem ohlen ichen. d den irgte. 13 „Huſch! Du Dummkopf!“ flüſterte der Ad⸗ miral.„Das nächſte Mal iſt die Reihe an Dir.“ Magdalene reichte ihm die zweite Schüſſel. Der alte Ehrenmann wußte abermals damit fertig zu wer⸗ den; wiederholt ſchickte er das Zimmermädchen an das Seitentiſchchen, wiederholt ſtürzte er den voll⸗ ſtändigen Inhalt der Platte in den Schlund des Hundes hinunter, indem er dießmal als ein beſorgter Herr und unpartheiiſcher Mann Caſſius zum Gegen⸗ ſtand ſeiner freigebigen Hand auswählte. Als nun der nächſte Gang folgte— in einem ehrlichen Pud⸗ ding und ſaurem Rahm beſtehend— wurde Mag⸗ dalenens Vermuthung über die Function der Hunde bei der Mittagstafel beſtärkt. Während nämlich der Herr den ſchlichten Pudding zu ſich nahm, ver⸗ ſchlangen die Hunde die verarbeitete Sahne. Der Admiral ſcheute ſich offenbar, einerſeits ſeine Köchin zu beleidigen und anderſeits ſeinen Magen zu über⸗ laden— und Brutus und Caſſius waren die wohl⸗ dreſſirten Helfershelfer, die ihn regelmäßig jeden Tag aus dem Labyrinth dieſes Dilemma's heraus⸗ zogen. „Sehr gut! Sehr gut!“ ſagte der Gentleman mit leicht durchſchaubarer Doppelzüngigkeit.„Sagen Sie der Köchin, meine Liebe, eine Capitalſahne!“ Nachdem Magdalene den Wein und das Deſſert auf den Tiſch geſtellt hatte, war ſie im Begriff ſich zu entfernen. Ehe ſie aber das Zimmer verlaſſen konnte, rief ihr Herr ihr wieder zurück. „Halten Sie! Halten Sie!“ ſagte der Admi⸗ ral.„Sie kennen den Brauch im Hauſe noch nicht, Lucie. Stellen Sie noch ein anderes Weinglas hieher zu meiner rechten Hand; das größte das Sie finden können, meine Liebe. Ich habe noch einen dritten Hund, der zum Nachtiſch hereinkommt— einen alten verſoffenen Seehund, welcher ſeit fünf⸗ zig Jahren oder noch länger meine Lebensgeſchicke zu Waſſer und zu Land getheilt hat. Ja, ja, das iſt das rechte Glas das wir brauchen. Sie ſind ein gutes Mädchen— Sie ſind ein nettes, handliches Mädchen. Bleiben Sie noch, meine Liebe! Es gibt nichts dabei zu befürchten!“ Ein plötzlicher Puff an die Außenſeite der Thüre, der von einem gewaltigen Gebell der beiden Hunde accompagnirt wurde, hatte Magdalene zuſammen⸗ fahren gemacht. „Herein!“ rief der Admiral mit lauter freudiger Stimme. Die Thüre öffnete ſich; Brutus und Caſſius peitſchten mit ihren langen Schweifen luſtig wedelnd den Fußboden, und der alte Mazey marſchirte ſchnurſtracks auf die rechte Seite vom Stuhl ſeines Vorgeſetzten zu. Der Veterane ſtand mit weit aus⸗ geſpreiteten Beinen da, ſein Gleichgewicht ſorgfältig in Acht nehmend— wie wenn der Speiſeſaal eine Schiffscajüte und das Haus ein Schiff geweſen wäre, das gerade auf einer Seefahrt dahinſchaukelte. Der Admiral füllte das große Glas mit Port⸗ wein und ſein eigenes mit Claret, und erhob es an ſeine Lippen. „Gott ſegne die Königin, Mazey!“ ſagte der Admiral. 1 „Gott ſegne die Königin, Euer Gnaden!“ ſagte der alte Mazey, indem er ſeinen Portwein, wie die Hun ſtürz brac ab 1 Hun hin, des Tra mein eſſen Ratl werd Bett Zim die fen und Adm A theil Wei Auft pfing 15 Hunde ihren Mittagsfraß, in ſeinen Schlund hinunter⸗ ſtürzte. „Was iſt für ein Wind, Mazey?“ „Weſt zum Norden, Euer Gnaden.“ „Etwas Neues heute, Mazey?“ „Nichts Neues, Euer Gnaden.“ „Guten Abend, Mazey.“ „Guten Abend, Euer Gnaden.“ Die Nachtiſchceremonie war damit zu Ende ge⸗ bracht, der alte Mazey gab ſeine Ehrenbezeigung ab und marſchirte wieder zum Zimmer hinaus. Die Hunde ſtreckten ſich gemächlich auf ihren Teppich hin, um ihre Mahlzeit an der wohlthuenden Wärme des Kaminfeuers zu verdauen. „Gott ſei herzlich Dank für genoſſene Speis und Trank,“ ſagte der Admiral.„Gehen Sie jetzt hinunter, mein gutes Mädchen, und holen Sie ſich ihr Nacht⸗ eſſen. Ein leichtes Mahl, Lucie, wenn Sie meinen Rath annehmen wollen— ein leichtes Mahl, ſonſt werden Sie das Alpdrücken bekommen. Früh zu Bette, meine Liebe, und früh auf, das macht ein Zimmermädchen geſund, reich und geſcheidt. Das iſt die ganze Weisheit ihrer Vorfahrerinnen: Sie dür⸗ fen nicht lachen darüber. Gute Nacht.“ Mit dieſen Worten war Magdalene entlaſſen, und ſo ſchloß ſich der erſte Tag ihres Wagſtücks bei Admiral Bartram. Am folgenden Morgen nach dem Frühſtück er⸗ theilte der Admiral dem neuen Zimmermädchen ſeine Weiſungen, worunter ſich ein ganz abſonderlicher Auftrag befand. Magdalene in ihrer Stellung em⸗ pfing dieſelben mit ſpeciellem Intereſſe. Der alte Gentleman hatte nämlich ein Localgeſchäft abzu⸗ machen, welches ihn nach Oſſory rief. Während ſeiner Abweſenheit ſollte Magdalene dem ertheilten Auftrag zu Folge ſich mit dem ganzen bewohnten Viertel des Hauſes bekannt machen, die Lage der verſchiedenen Zimmer kennen lernen, und ſich unter⸗ richten woher der Ruf der Glocke käme, wenn eine ſolche ertönen würde. Frau Drake war mit der Obliegenheit beauftragt, die Oberaufſicht bei dieſer häuslichen Entdeckungsreiſe zu führen, wenn ſie nicht zufälliger Weiſe ſonſt von Geſchäften in Anſpruch genommen wäre, in welchem Falle eines der unter⸗ geordneten Dienſtmädchen eben ſo gut Magdalenens Wegweiſerin abgeben könnte. Zur Mittagszeit reiste der Admiral nach Oſſory ab, und Magdalene begab ſich nach Frau Drakes Zimmer, um ſich im Hauſe herumführen zu laſſen. Frau Drake war zufällig eben mit etwas Anders beſchäftigt und wies ſie an die Oberhausmagd. Die Oberhausmagd befand ſich gerade an dieſem Morgen in der nämlichen Lage wie Frau Drake und wies Magdalene an die Unterhausmagd. Die Unter⸗ hausmagd erklärte, daß ſie ſämmtlich mit ihrer Ar⸗ beit dahinten wären, und keine Minute von ihrer Zeit aufopfern könnten.— Sie deutete auf eine nicht zu höfliche Weiſe darauf hin, daß der alte Mazey auf der Herrgotts Welt Nichts zu thun habe und das ganze Haus ſo gut oder noch beſſer kenne als ſein A. B. C. Magdalene nahm dieſen Finger⸗ zeig mit einer geheimen Indignation und Verach⸗ tung auf, deren Verbergung ihr einen harten Kampf koſtete. Sie hatte ſchon am vergangenen Abend vermr daß d begrei ihnen aufnãä Magd der E Anſpr Dienſt und? dieſen wöhn dich 1 — Allein gegeb den u hin, d aus d = fo ſtreute ſtille ſollte, welch abzu⸗ ihrend heilten ohnten e der unter⸗ eine it der dieſer un ſie ſpruch unter⸗ lenens Oſſory Drakes laſſen. Anders d. Die Rorgen ) wies Unter⸗ er Ar⸗ ihrer if eine er alte m habe kenne Finger⸗ Verach⸗ Kampf Abend vermuthet und war jetzt deſſen ganz gewiß geworden, daß die weiblichen Dienſtboten ohne Ausnahme un⸗ begreiflicher Weiſe einſtimmig ihre Anweſenheit unter ihnen mit gleich feindſeligem Aerger und Verdruß aufnähmen und empfänden. Frau Drake ſelbſt, wie Magdalene geſehen hatte, war in Wirklichkeit mit der Eintragung und Abſchließung ihrer Rechnungen in Anſpruch genommen. Aber von den ſämmtlichen Dienſtmägden unter ihr, welche Entſchuldigungen und Ausflüchte vorgebracht hatten, hatte gerade zu dieſem Zeitpunct keine einzige mehr zu thun als ge⸗ wöhnlich. Ihre Blicke ſagten deutlich: „Wir können dich nicht leiden und wir wollen dich nicht im Hauſe herumführen.“ Sie ſuchte nun den Weg zum alten Mazey. Allein nicht die geringſte Anleitung dazu wurde ihr gegeben; endlich leitete ſie der Schall der kreiſchen⸗ den und tremulirenden Stimme des Veteranen da⸗ hin, der einſam in einiger Entfernung eine Strophe aus dem unſterblichen Seelied—„Tom Bowling“ — ſang. Juſt als ſie unter den zahlloſen zer⸗ ſtreuten Steingängen im Erdſtocke des Gebäudes ſtille hielt, ungewiß, wohin ſie ſich zunächſt wenden ſollte, hörte ſie von weitem die tonloſe alte Stimme, welche folgende Verſe herableierte: „Ihm war ein ſanſtes Herz beſchierie-ie-ieden, Und ſeine Form war männlich ſchön; Treu that Tom ſeine Pflicht hienieden, Jetzt iſt er fort in beß're Hö-ö-ö-öh'n, Jetzt iſt er fort in beß're Höh'n.“⸗ Magdalene ging dem Ton dieſer tremulirenden Stimme nach und kam in ein kleines Zimmer gegen Collins, Namenlos. V. 2 18 den Hinterhof hinaus. Hier ſaß der alte Mazey, mit der Brille weit auf ſeiner Naſe herunten und mit ſeinen knochendürren, alten Händen an dem Takelwerk ſeines Modellſchiffes herumtappend. Da befanden ſich auch Brutus und Caſſius, welche wie⸗ der am Kaminfeuer der Verdauung oblagen und ſchnarchten, als ob ſie die größte Freude daran hätten. Da hing an der einen Wand Lord Nelſon in ſchimmernden Waſſerfarben, und dort an der an⸗ dern Seite befand ſich eine Abbildung von Admiral Bartrams letztem Flaggenſchiff, mit vollen Segeln auf einem Meer von Schieferplatten fahrend, und mit einem lachsfarbigen Firmamente zur Vervoll⸗ ſtändigung der Täuſchung. „Was, die wollen Sie nicht im Haus herum⸗ führen— die wollen nicht?“ ſagte der alte Mazey. „So will ich alsdann! Dieſe Obermagd iſt eine ſauertöpfiſche Creatur, wie noch keine dageweſen iſt, meine Liebe! Sie ſind zu jung und gut ausſehend, um bei jener Beifall zu finden— das iſt des Pu⸗ dels Kern.“— Er nahm ſeine Brille herunter und ſchürte ſchwach das Kaminfeuer an. „Sie iſt ſo ſchnurgerade gewachſen, wie eine Pappel,“ murmelte der alte Mazey in ſchläfrigem Selbſtgeſpräch vor ſich hin, indem er Magdalenens Geſtalt muſternd betrachtete.„Ich ſage, ſie iſt ſo ſchnurgerade wie eine Pappel, und Seine Gnaden der Admiral ſagen auch ſo.“— „Kommen Sie nur mit, meine Liebe, ich führe Sie von einem Ende bis zum andern,“ fuhr er fort, indem er ſich wieder an Magdalene wandte.„Ich will unter: Sie l Hauſe E dann einfie in ein Thür ſich d ſich n aufs dalen warte der 2 der 2 erfah⸗ gegen ringſe Unfre würd Stach verw⸗ Gefü Dien die d her Willk aus i mit i walti⸗ und Mazey, n und dem d. Da he wie⸗ n und daran Nelſon er an⸗ dmiral Segeln , und ervoll⸗ herum⸗ MNazey. t eine ſen iſt, ehend, 3 Pu⸗ chwach e eine frigem lenens iſt ſo önaden führe r fort, „Ich 19 will Sie zuerſt in den Puncten des Compaſſes unterrichten. Wenn Sie dieſe kennen, ſo werden Sie bei hohem Winde, bei tiefem Winde überall im Hauſe herumſegeln können.“ Er legte den Weg an die Thüre zurück, machte dann Halt, und da ihm plötzlich ſein Miniaturſchiff einfiel, ging er wieder zurück und ſtellte ſein Modell in einen leeren Schrank— ging abermals auf die Thüre zu— machte wiederholt Halt— erinnerte ſich daß einige der Zimmer ſehr kalt wären— drehte ſich wie eine Töpferſcheibe brummend und fluchend aufs Neue um und ſchaute nach ſeinem Hute. Mag⸗ dalene ſezte ſich geduldig nieder, um auf ihn zu warten. Sie ſtellte einen dankbaren Vergleich zwiſchen der Behandlung, die er ihr angedeihen ließ, und der Behandlung an, die ſie von den Weibsbildern erfahren hatte. Wir mögen uns noch ſo tapfer da⸗ gegen wehren, wir mögen mit noch ſo ſtolzer Ge⸗ ringſchäzung darüber hinweggehen, jede abſichtliche Unfreundlichkeit— abgeſehen davon wie verachtungs würdig ſie auch immer ſei— trägt einen mächtigen Stachel in ſich, der die Seele auf das Empfindlichſte verwundet. Magdalene maß die Gereiztheit ihres Gefühls über den kleinlichen Groll der weiblichen Dienſtboten lediglich bloß an der Wirkung, welche die derbe Freundlichkeit des alten Seemanns nach⸗ her auf ſie hervorgebracht hatte. Das wortloſe Willkommen der Hunde, als ſie durch das Geräuſch aus ihrem Schlafe erweckt worden waren, rührte ſie mit noch ſchärferer Waffe. Brutus ſchob ſeine ge⸗ waltige Schnauze cameradſchaftlich in ihre Hand und Caſſius legte ſeine Vorderpfote freundlich in ihren Schooß. Ihr Herz ſchlug heftig ob der zwei Geſchöpfe, als ſie dieſelben tätſchelte und liebkoste. Es kam ihr vor, als ob es erſt geſtern geweſen wäre, ſeitdem ſie und die Hunde zu Rabenſchlucht in dem Garten herumgeſchweift waren und die Sommermorgen in ſchwelgeriſchem Müßiggange zu⸗ ſammen in der ſchattigen Parklichtung verbummelt hatten. Der alte Mazey fand endlich ſeinen Hut und ſie brachen nun mit den Hunden hinter ihnen zu ihrer Recognoscirungsexpedition auf. Sie verließen das Erdgeſchoß des Hauſes, das ganz für die Dienſtbotengeſchäfte beſtimmt war, ſtiegen in den erſten Stock hinauf und betraten den langen Corridor, mit dem Magdalene in der lezt⸗ verfloſſenen Nacht bereits Bekanntſchaft gemacht hatte. „Stellen Sie ſich mit dem Rücken gegen dieſe Wand,“ ſagte der alte Mazey, indem er auf die lange Mauer deutete, welche in unregelmäßigen Zwiſchenräumen durch Fenſter durchbrochen war, die auf den Hofraum und den Fiſchweiher hinausgingen und welche die rechte Seite des Corridors nach Magdalenens gegenwärtigem Standpunct bildeten. „Wenden Sie Ihren Rücken daher,“ ſagte der alte Veteran,„und ſchauen Sie gerade vor ſich hin.— Was ſehen Sie?“ „Die gegenüberliegende Wand des Ganges,“ ſagte Magdalene. „Ei? Ei? Aber was denn noch?“ „Die Thüren, die in die Zimmer führen.“ „Was noch?“ „Ich ſehe ſonſt nichts mehr.“ T mit j ſeinen eine ſollter an di ſagen Sie ſch finden N Doſis er die Gang Magd mer dritte D möbli und l des n Eingce dem der a Zimm ſo ver Admi r zwei ebkoste. geweſen ſchlucht nd die nge zu⸗ ummelt und ſie 1 ihrer 8, das t war, ten den er lezt⸗ t hatte. n dieſe auf die näßigen var, die sgingen s nach ildeten. er alte hin.— anges,“ 2 21 Der alte Mazey lachte aus vollem Halſe, blinzelte mit ſeinen Augen und machte bedeutungsvoll mit ſeinem knochendürren Zeigefinger vor Magdalene eine nachdrückliche Bewegung. „Sie ſehen einen der Compaßpuncte, meine Liebe. Wenn Sie Ihren Rücken gegen dieſe Wand halten und gerade vor ſich hinſchauen— ſo ſchauen Sie nach Norden. Wenn Sie ſich jemals in den Räum⸗ lichkeiten hier herum nicht mehr zurecht finden ſollten, ſo ſtellen, Sie ſich nur mit dem Rücken an die Wand, ſehen gerade vor ſich hinaus und ſagen zu ſich ſelbſt: Ich ſchaue nach Norden. Thun Sie das wie ein braves Mädchen, und Sie werden ſich hier herum gleich wieder in der Lage zurecht finden.“ Nachdem ihr der alte Mazey dieſe vorläufige Doſis von Unterweiſung beigebracht hatte, öffnete er die erſte der Thüren auf der linken Seite des Ganges. Sie führte in den Speiſeſaal mit welchem Magdalene bereits bekannt war. Das zweite Zim⸗ mer war als Bibliothekzimmer eingerichtet und das dritte zu einem Morgenzimmer beſtimmt. Die vierte und die fünfte Thüre— beide un⸗ möblirten und unbewohnten Zimmern angehörend und beide verſchloſſen— brachten ſie an das Ende des nördlichen Flügels des Gebäudes und in den Eingang eines zweiten und kürzeren Ganges der mit dem erſten einen rechten Winkel bildete. Hier kam der alte Mazey, der, ſo lange die Unterſuchung der Zimmer dauerte, ſeine Zeit recht hübſch gleichmäßig ſo vertheilte, daß er bald von Seiner Gnaden dem Admiral ſprach und bald den Hunden pfiff, mit 22 möglichſter Geſchwindigkeit auf die Compaßpuncte zuruͤck und wies ſie gravitätiſch an, die vorige Cere⸗ monie des Lehnens ihres Rückens an die Wand zu wiederholen. Sie verſuchte die Procedur möglichſt abzukürzen, indem ſie erklärte(und zwar völlig richtig), daß ſie in ihrer gegenwärtigen Stellung ihres Wiſ⸗ ſens nach Oſten ſchaue.“ „Sprechen Sie mir nicht von Oſten, meine Liebe,“ ſagte der alte Mazey, indem er unbeweglich an ſeinem Unterrichtsſyſtem feſthielt,„bis Sie Oſt erſt kennen. Stellen Sie ſich mit dem Rücken gegen dieſe Wand und ſchauen Sie gerade vor ſich hinaus. Was ſehen Sie?“ Der übrige Theil der Lection verlief wie vorhin. Als man damit zu Ende gelangt, äußerte Magda⸗ lenens Inſtructor ſeine volle Befriedigung. Er ſchlug abermals ein helles Gelächter auf und zwinkerte ihr blinzelnd mit ſeinen Augen zu. „Jezt können Sie von Oſten ſprechen, meine Liebe,“ erklärte der Veteran;„jezt da Sie ihn kennen.“ Die öſtliche Paſſage führte bloß einige Ellen weit fort und war von einer Vorhalle mit hoher Thüre begrenzt, welche ihnen beim Vorſchreiten ge⸗ rade gegenüber lag. Durch die Thüre trat man in einen großen und luftigen Geſellſchaftsſaal, der wie alle übrigen Gemächer mit werthvollen, aber altmodiſchen Möbeln ausgeſchmückt war.— Mag⸗ dalenens Führer ſchritt quer durch den Saal und ſtieß eine knarrende Thür auf, die der Eingangs⸗ pforte gegenüber lag. „Ziehen Sie Ihre Schürze über den Kopf,“ ſagte der a halle. Eſtrie Mott Admi einen Mite Tieg loſch getä puncte Cere⸗ und zu gglichſt ichtig), 3 Wiſ⸗ Liebe,“ ich an sſt erſt gegen dinaus. vorhin. tagda⸗ ſchlug erte ihr meine ie ihn Ellen hoher ten ge⸗ t man al, der n, aber Mag⸗ Saal gangs⸗ ¹ſagte 23 der alte Mazey.„Wir kommen jezt in die Banket⸗ halle. Die Todtenkälte und die Feuchtigkeit des Eſtrichs hängt ſich überall an dem Plaze an, wie Motten an ein Kohlenſchiff. Seine Gnaden der Admiral nennt es die Nordpaſſage. Ich habe auch einen Namen dafür erfunden. Ich heiße es: Er⸗ friert⸗Eure⸗Beine.(Freeze your Bones.)“ Magdalene ſchritt durch die Thüröffnung und be⸗ fand ſich nun in der alterthümlichen Bankethalle von Heiligenkreuz. Linker Hand ſah ſie eine Reihe von hohen Fen⸗ ſtern, die weit in ihren Vertiefungen drinnen ſaßen und ſich über eine Front von mehr als hundert Fuß in der Länge erſtreckten. Rechter Hand von einem Ende der entgegengeſezten Wand zum andern in eine lange Reihe geordnet, hing eine traurige Samm⸗ lung rußüberzogener, ſchmuziger alter Gem de, die in verfaulenden Rahmen ſteckten und Schlachtſcenen zur See und zu Land darſtellten. Unter den Ge⸗ mälden, abwärts in der Mitte der Wandlänge, gähnte eine ungeheure Höhlung für den Feuerungs plaz hervor, die von einem hohen Kamingeſims von ſchwarzem Marmor überragt wurde. Ein Stück der Möblirung(wenn man es überhaupt Möblirung nennen darf) welche entfernter oder näher in der ungeheuern Leerheit der Räume ſichtbar war, be⸗ ſtand aus einem alterthuͤmlichen Dreifuß von ſonder⸗ bar getriebenem Metall, welcher vereinſamt in der Mitte der Halle ſtand und einen weiten kreisförmigen Tiegel trug, der bis oben mit der Aſche eines er⸗ loſchenen Holzkohlenſeuers angefüllt war. Der hohe getäfelte Plafond, meiſt künſtlich geſchnizt und ver⸗ goldet, war mit ſchmuzigem Staub und Spinngeweben überzogen. Die nackten Wände an jedem Ende der Halle ſchweißten von modriger Feuchtigkeit, und die eiſige Kälte des Marmorbodens ſchlug durch den ſchmalen Streifen von Strohmatten, die parallel mit den Fenſtern hingelegt als Fußpfad für die Durch⸗ wandler dieſer Wildniß von einem Saale dienen ſollten. Es hätte kein beſſerer Name dafür erſonnen werden können, als der Name, der dem alten Mazey eingefallen war.„Erfriert⸗Eure⸗Beine“ ſchilderte genau und vollſtändig in drei Worten die Bankethalle zu Heiligenkreuz. „Zünden Sie nie ein Feuer in dieſem traurigen Orte an?“ fragte Magdalene. „Es hängt Alles davon ab, auf welcher Seite von Erfriert⸗Eure⸗Beine Seine Gnaden der Admiral gerade wohnen,“ ſagte der alte Mazey. Seine Gnaden lieben es, Ihr Quartier zu wechſeln und manchmal auf der einen Seite des Hauſes, manch⸗ mal auf der andern zu wohnen. Wenn er nördlich von Erfriert⸗Eure⸗Beine wohnt, woher wir gerade kommen, verbrennen wir unſere Kohlen nicht um⸗ ſonſt hier. Wenn er ſeinen Aufenthalt im Süden von Erfriert⸗Eure⸗Beine nimmt, wohin wir nächſtens kommen werden, dann zünden wir Feuer im Kamin⸗ roſt und die Holzkohlen in dem Kohlentiegel dort an. Jede Nacht, wenn wir dieſes thun, wird die naßkalte Feuchtigkeit über uns Meiſter, und jeden Morgen wechſeln wir die Rolle wieder und werden über die Feuchtigkeit Meiſter.“ Nach dieſer merkwürdigen Erläuterung ſchritt der alte Mazey ans untere Ende der Halle, öffnete noch tere ſämm auf d im n ſter von wuch⸗ nicht ſchlär der Gege dahir Bäut fernte dahir her kreuz eweben de der nd die h den el mit Durch⸗ dienen ſonnen Mazey zilderte jalle zu urigen Seite dmiral Seine n und manch⸗ ördlich gerade t um⸗ Süden chſtens damin⸗ l dort rd die jeden verden ſchritt öffnete 25 noch mehr Thüren und zeigte Magdalene eine wei⸗ tere Reihenfolge von Zimmern, vier an der Zahl; ſämmtlich von mittelmäßiger Größe und alle meiſtens auf die nämliche Manier ausſtaffirt, wie die Zimmer im nördlichen Flügel. Sie ſchaute durch die Fen⸗ ſter hinaus und ſah die vernachläßigten Gärten von Heiligenkreuz, mit dornigem Geſtrüppe und wucherndem Unkraut überwachſen. Hie und da, in nicht zu großer Entfernung im freien Felde draußen, ſchlängelte ſich die gewundene Linie eines jener von der Meeresfluth und Ebbe herrührenden und der Gegend eigenthümlichen Binnenbäche ſanft und eben dahin und ſchimmerte durch die Lücken zwiſchen den Bäumen und Hecken im Sonnenlichte. Die ent⸗ ferntere Ausſicht auf die flache öſtliche Landſchaft dahinten bot ein wahres Schauſpiel von ringsum⸗ her zerſtreuten Dörfern, durchkreuzt und wiederdurch⸗ kreuzt durch das Nezwerk der„Hinterwaſſer“— und endigte mit einem Male mit der langen geraden Linie des Meerdamms, welcher die vertheidigungs⸗ loſen Küſten von Eſſex gegen den verheerenden Ein⸗ bruch der See ſchüzt. „Haben wir noch mehr Zimmer zu beſichtigen?“ fragte Magdalene, indem ſie ihre Blicke von den Gärten abwendete und ſich nach einer andern Thüre umſah. „Keine mehr, meine Liebe— wir ſind hier auf den Strand gelaufen— und wir müſſen nun wen⸗ den und wieder zurückſegeln,“ ſagte der alte Mazey. „Es gibt noch eine andere Seite des Gebäudes— gerade ſüdlich von Ihnen, wie Sie jezt ſtehen— die uns allmählig ganz vor der Naſe einſtürzt. 26 Sie müſſen in den Garten hinausgehen, wenn Sie es ſehen wollen; er iſt von uns auf der andern Seite dieſer Wand hier durch eine Scheidemauer von Backſteinen getrennt. Die Mönche wohnten ge⸗ rade ſüdlich von uns, mein liebes Mädchen, hun⸗ derte von Jahren, bevor Seine Gnaden der Admi⸗ ral geboren wurden oder daran dachten. Sie ſangen alle Morgen in der Kirche und tranken alle Nach⸗ mittage Grog in ihrem Baumgarten. Sie ſchliefen über ihrem Grog in den beſten Federbetten und mäſteten ſich das ganze Jahr hindurch in der Nach⸗ barſchaft herum. Glückliche Bettler! Glückliche Bettler!“ Nachdem er in dieſen Phraſen ſeine Apoſtrophe an die Mönche vom Stapel gelaſſen hatte und da⸗ bei ſichtlich bedauerte, daß er nicht zu jenen guten, alten Zeiten gelebt habe, legte der Veteran ſeinen Weg wieder durch die Zimmer zurück. Beim Zu⸗ rückgang durch Erfriert⸗Eure⸗Beine ſchritt ihm Mag⸗ dalene voraus. „Sie iſt ſo gerade wie eine Pappel“, murmelte der alte Mazey vor ſich hin, indem er ſeiner jugend⸗ lichen Gefährtin nachhumpelte und ſein ehrwürdiges Haupt mit herzlichem Beifall ſchüttelte.„Ich war niemals darauf verſeſſen, welcher Nation ſie ange⸗ hörten, aber mir thaten immer die ſchnurgerade und ſchlank gewachſenen gefallen und mir werden immer bis an mein leztes Stündlein die ſchnurgerade und ſchlank gewachſenen gefallen.“ „Gibt es in dem obern Stock nach mehr Zimmer zu ſehen?“ fragte Magdalene, als ſie wieder auf dem Punct zurück waren von dem ſie ausgegangen. B nehm Gehö tigkei war worde er. Sie noch anfar allen ganz Frag mit ſ ſich t es iſt ich au Feuer Sie ſo ko⸗ wiede Dogg noch ihrem Naſe ſchlag habe, n Sie andern mauer ten ge⸗ „hun⸗ Admi⸗ ſangen Nach⸗ cliefen u und Nach⸗ ückliche ſtrophe ud da⸗ guten, ſeinen n Zu⸗ Mag⸗ urmelte ugend⸗ irdiges ch war ange⸗ rgerade erden gerade Zimmer der auf gangen. 27 Bisher hatten die von Natur hellen und ver⸗ nehmlichen Töne ihrer Stimme den unvollkommenen Gehörſinn des alten Seemanns mit ziemlicher Leich⸗ tigkeit erreicht. Zu ihrem nicht geringen Erſtaunen war er bei der lezten Frage plözlich ſtocktaub ge⸗ worden. „Sind Sie Ihrer Compaßpuncte ſicher?“ fragte er.„Wenn Sie darin nicht ſicher ſind, ſo wenden Sie Ihren Rücken gegen die Wand und wir wollen noch einmal Alles durchgehen und mit dem Norden anfangen?“ Magdalene verſicherte, daß ſie ſich jezt ſchon mit allen Himmelsſtrichen, den Nord mit eingerechnet, ganz vertraut fühle— und wiederholte dann ihre Frage mit lauterer Stimme. Der Seeveteran that mit ſtarrköpfiger Hartnäckigkeit das Gleiche und ſtellte ſich tauber als je. „Ja, meine Liebe,“ ſagte er,„Sie haben Recht; es iſt verdammt kalt in dieſen Gängen; und wenn ich auch an mein Feuer zurückkehre, ſo wird mein Feuer ſchon ausgegangen ſein— nicht wahr? Wenn Sie ſich in den Compaßpuncten nicht ſicher fühlen, ſo kommen Sie zu mir herein und ich werde Ihnen wieder zurecht helfen.“ Er blinzelte mit wohlwollender Miene, pfiff den Doggen und humpelte fort. Magdalene hörte ihn noch über den gelungenen Staatsſtreich, womit er ihrem Vorwiz in Betreff des zweiten Stockes eine Naſe gedreht hatte, ein lautes Gelächter auf⸗ ſchlagen. „Ich weiß wie ich mit ihnen umzugehen habe,“ ſagte der alte Mazey in hoher Siegesfreude zu ſich ſelbſt.„Hoch und klein gewachſen, Einge⸗ borne oder Ausländerin, Schmazherzchen und Weiber — ich weiß wie ich mit ihnen umzugehen habe.“ Als Magdalene ſich allein befand, erläuterte ſie die Vortrefflichkeit der Behandlungsmethode des alten Seemanns in Bezug auf ihren eigenen Fall durch ein Beiſpiel, indem ſie unverzüglich die Treppe hin⸗ aufeilte, um ihre Beobachtungen im zweiten Stock⸗ werk zu machen. Der ſteinerne Gang daſelbſt war, mit der einzigen Ausnahme, daß mehr Thüren von demſelben ausgingen, dem Gang im erſten Stoch auf ein Haar ähnlich. Sie öffnete aufs Gerathe⸗ wohl die zwei nächſten Thüren, eine nach der andern, und entdeckte daß beide Zimmer Schlafgemächer waren. Die Befürchtung, daß ſie durch eine der weiblichen Dienſtboten möglicher Weiſe in einem Haustheil der ſie ganz und gar nichts anging er⸗ tappt werden könnte, hielt ſie warnend ab, ihre Un⸗ terſuchung der Schlafzimmer für den Anfang nicht zu weit zu treiben. Sie eilte raſch auf den Gang hinab, um zu ſehen wohin er ende; machte die Ent⸗ deckung, daß er mit einer Polterkammer abſchloß, die gerade der Lage der Vorhalle unten entſprach, und zog ſich dann unverzüglich zurück. Auf ihrem Rückweg bemerkte ſie einen Gegen⸗ ſtand der vorher ihrer Aufmerkſamkeit entgangen war. Es war ein niedriges Rollbett, das parallel mit der Wand und dicht an einer der Thüren auf der Schlafzimmer⸗Seite geſtellt war. Troz ſeines ſeltſamen und unbequemen Plazes war das Bett augenſcheinlich bei Nacht durch einen Schläfer beſezt. Es war mit Betttüchern überzogen, und das Ende einer Kopf nen, ſich i Merk des Blick riskir leiſe regio T cher ganze darin müze anhä leitet mann Aber ſo vi ſo ka nehm vor gend der dings Bette wiede 2 Bezie hälte Gang Einge⸗ Weiber habe.“ erte ſie es alten durch pe hin⸗ Stock⸗ ſt war, en von Stock zerathe⸗ andern, emächer ine der einem ing er⸗ hre Un⸗ g nicht Gang die Ent⸗ bſchloß⸗ tſprach, Gegen⸗ tgangen parallel ren auf ſeines 4s Bett beſezt. 8 Ende 29 einer dicken rothen Fiſchermüze guckte unter dem Kopfkiſſen hervor. Sie wagte es die Thüre zu öff⸗ nen, neben welche das Bett geſtellt war, und befand ſich nun, wie ſie ſchon aus gewiſſen Zeichen und Merkmalen vorher vermuthet, in dem Schlafgemach des Admirals.— Ein momentaner beobachtender Blick über das Zimmer war alles was ſie jezt zu riskiren wagte, und nachdem ſie die Thüre wieder leiſe zugeſchloſſen hatte, kehrte ſie in die Küchen⸗ regionen zurück. Das Rollbett und die ſeltſame Stellung, in wel⸗ cher es ſich befand, beſchäftigte ihren Geiſt den ganzen Nachmittag. Wer konnte möglicher Weiſe darin ſchlafen? Die Erinnerung an die rothe Fiſcher⸗ müze und die bereits gewonnene Kenntniß von der anhänglichen Hundetreue Mazeys an ſeinen Herrn leiteten ſie zu der Vermuthung, daß der alte See⸗ mann der Beſiznehmer des Rollbettes ſein könnte. Aber warum ſollte er denn bei dem Vorhandenſein ſo vieler und ſogar unbelegter Schlafzimmer einen ſo kalten und ungemächlichen Plaz bei Nacht ein⸗ nehmen? Warum ſollte er als Wächter draußen vor der Thüre ſeines Herrn ſchlafen? Gab es ir⸗ gend eine nächtliche Gefahr in dem Hauſe, vor welcher der Admiral ſich fürchtete? Die Frage ſchien aller⸗ dings abſurd und doch drängte die Stellung des Bettes dieſelbe unwiderſtehlich immer und immer wieder ihrem Geiſte auf. Von ihrer unbezwinglichen Neugierde in dieſer Beziehung angeſpornt, wagte Magdalene die Haus⸗ hälterin zu fragen. Sie geſtand ihr daß ſie den Gang im zweiten Stockwerk von einem Ende bis 30 zum andern durchſchritten habe, um ſich zu über⸗ zeugen, ob er eben ſo lang wie der darunter liegende Gang wäre; und fügte hinzu daß ihr die Stellung des Rollbettes ganz überraſchend und auffallend vor⸗ gekommen ſei. Frau Drake beantwortete ihre ver⸗ blümte Frage mit kurzen und ſcharfen Worten. „Ich mache einem jungen Mädchen wie Sie ſind,“ ſagte die alte Dame,„keinen Vorwurf, daß es ein Bischen vorwizig iſt, wenn es erſtmals in ein ſolch fremdes Haus wie dieſes kommt. Aber prägen Sie ſich für die Zukunft ein, daß Ihr Ge⸗ ſchäft nicht droben in dem Schlafzimmerſtockwerk gelegen iſt. In dem Bett, das Sie wahrgenommen haben, ſchläft Herr Mazey. Es iſt ſeine Gewohnheit bei Nacht, vor der Thüre ſeines Herrn draußen zu ſchlafen.“ Mit dieſer mageren Erläuterung ſchloſſen ſich Frau Drakes Lippen und öffneten ſich nicht wieder. Später am Tage fand Magdalene eine Gelegen⸗ heit, ſich an den alten Mazey ſelbſt zu wenden. Sie traf den Veteranen in höchſt guter Laune, ſein Pfeifchen ſchmauchend und eine Zinnkanne voll Ale an ſeinem traulichen Kaminfeuer wärmend. „Herr Mazey!“ fragte ſie kühnlich,„warum ſtellen Sie denn Ihr Bett in jenen kalten Gang hinaus?“ „Was, Sie ſind droben geweſen, Sie junger Wildfang, Sie ſind?“ ſagte der alte Mazey, indem er einer rathe ſo r und von ſeiner Kanne mit einem ſchielenden Blick aufſah.“ aplum Magdalene lächelte und nickte. „Kommen Sie! Kommen Sie! Erzählen Sie mir!“ ſagte ſie vertraulich.„Warum ſchlafen Sie vor der Thüre des Admirals draußen?“ Sie ter g wizi chen über⸗ egende ellung d vor⸗ e ver⸗ Sie „daß ls in Aber Ge⸗ ckwerk mmen hnheit raußen n ſich bieder. legen⸗ enden. e, ſein l Ale ſtellen aus?“ junger dem er ufſah.! a Sie n Sie 31 „Warum ſcheiteln Sie Ihr Haar in der Mitte, meine Liebe?“ fragte der alte Mazey mit einem zweiten Aufſchielen. „Ich denke eben, weil ich es zu thun gewohnt bin,“ antwortete Magdalene. „Ei, Ei!“ entgegnete der Veteran. Alſo deß⸗ wegen? Nicht wahr? Nun gut meine Liebe, der Grund, warum Sie Ihre Haare in der Mitte ſchei⸗ teln, iſt auch der Grund, warum ich vor des Ad⸗ mirals Thüre draußen ſchlafe. Ich verſtehe, wie ich mit ihnen umzugehen habe!“ kicherte der alte Mazey, indem er in ein Selbſtgeſpräch verfiel und ſein Ale mit wohlgefälligem Triumphe umrührte. „Groß und klein gewachſen, Eingeborne und Aus⸗ länderin, Schmazherzchen und Weiber— ich weiß wie ich mit ihnen umzugehen habe!“ 3 Ihren dritten und lezten Verſuch hinter das Ge⸗ heimniß des Rollbettes zu kommen, ſtellte Magda⸗ lene an, während ſie den Admiral bei Tiſche be⸗ diente. Die Fragen des alten Gentlemans gaben ihr eine Gelegenheit an die Hand, das Geſpräch auf den Gegenſtand zu bringen, ohne den Anſchein einer Vorlautheit oder Unehrerbietigkeit zu ver⸗ rathen. Aber er bewies ſich in ſeiner Weiſe eben ſo vollkommen unzugänglich, wie der alte Mazey und Frau Drake es in der ihrigen gethan hatten. „Das geht Sie nichts an!“ fuhr der Admiral plump heraus.„Seien Sie nicht naſeweis. Gucken Sie in Ihr altes Teſtament hinein, wenn Sie hinun⸗ ter gehen und ſehen Sie nach, was für Folgen der Vor⸗ wiz im Paradieſe gehabt hat. Seien Sie ein gutes Mäd⸗ chen und machen Sie es nicht Ihrer Mutter Eva nach. Als Magdalene zu ſpäter Abendzeit am Ende des obern Flurgangs vorbeiging, um ſich in ihr eigenes Zimmer zu begeben, hielt ſie inne und horchte. Am Eingang des Corridors war eine ſpaniſche Wand angebracht, ſo daß ſie den Perſonen welche an der Stiege vorbei kamen die Einſicht in denſelben ver⸗ barg. Das Schnarchen, das ſie auf der andern Seite der Wand hörte, ermuthigte ſie herumzuſchleichen und einige Schritte vorwärts zu thun. Sie be⸗ deckte das Licht in ihrem Leuchter mit der Hand, wagte ſich dicht bis vor des Admirals Thüre und ſah zu ihrem Erſtaunen, daß das Bett ſich nicht mehr an der Stelle befand, wo ſie es bei Tag er⸗ blickt hatte. Es ſtand jezt gerade quer vor der Thüre und verſperrte Jedermann den Weg, der das Zimmer des Admirals zu betreten verſucht hätte. Nach dieſer Entdeckung erhielt der alte Mazey ſelbſt, der weidlich ſchnarchte, die Fiſchermüze bis über ſeine Brauen herunter und ſeine wollene Decke über die Naſe hinauf gezogen, nur noch durch die Ver⸗ gleichung mit ſeinem Bette eine untergeordnete Wichtigkeit in ihren Augen. Daß der Veteran in der That als Sicherheitspoſten vor der Thüre ſeines Herrn ſchlief— und daß er und der Admiral und die Haushälterin in das Geheimniß dieſer unbe⸗ greiflichen Maßregel eingeweiht waren— das ließ ſich jezt nicht mehr bezweifeln. Di ſtrich, der Er näher in den Al und er geweſe wichtig die Er eingen getroſt Weibs wöhnt theil, Gelich Ankön Magd ſtand Argw ſchrän — un T der u „Ein ſeltſames Ende,“ dachte Magdalene, über trauen ihre Entdeckung nachgrübelnd, als ſie ſich in ihr Schlafzimmer hinauſſchlich. eines ſeltſamen Tages!“ „Ein ſeltſames Ende irgend Schw unabl lung Co de des igenes Am Wand i der 1 ver⸗ Seite leichen ie be⸗ Hand, te und hnicht ag er⸗ or der der das hätte. ſelbſt, er ſeine e über 2 Ver⸗ ordnete ran in ſeines al und unbe⸗ as ließ , über in ihr Ende 33 Zweites Capitel. Die erſte Woche verſtrich, die zweite Woche ver⸗ ſtrich, und noch war Magdalene allem Anſchein nach der Entdeckung des geheimen Teſtamentsbriefes nicht näher gekommen, als am erſten Tage ihres Cintritts in den Dienſt zu Heiligenkreuz. Aber die vierzehn Tage, obgleich ereignißleer und erfolglos, waren keine verlorene vierzehn Tage geweſen. Erfahrung hatte ihr bereits über einen wichtigen Punct befriedigende Auskunft verſchafft— die Erfahrung hatte ſie nämlich belehrt, daß ſie dem eingewurzelten Mißtrauen der übrigen Dienſtmädchen getroſt Hohn ſprechen konnte. Die Zeit hatte die Weibsperſonen zwar an ihre Gegenwart im Hauſe ge⸗ wöhnt, ohne in ihnen aber das unbeſtimmte Vorur⸗ theil, die dunkle Ahnung, welche alle Perſonen ihres Gelichters beſeelt, erſchüttern zu können, daß die neue Ankömmlingin keine ihres Gleichen war. Alles was Magdalene zu ihrer Vertheidigung thun konnte be⸗ ſtand bloß darin, den inſtinctmäßigen weiblichen Argwohn auf jene rein negativen Grenzen zu be⸗ ſchränken, die er von Anfang an eingenommen hatte — und dieſes Ziel erreichte ſie. Tag für Tag beobachteten ſie die Mädchen mit der unermüdlichen Wachſamkeit des Grolls und Miß⸗ trauens, und Tag für Tag lohnte ſie nicht die Spur irgend einer Enthüllung für ihre Anſtrengungen. Schweigend, umſichtig und unverdroſſen— mit einer unabläßigen Imaugehaltung ihrer Perſon und Stel⸗ lung— that das neue Zimmermädchen ihre Arbeit. Collins, Namenlos. V. 3 Die einzigen Zwiſchenzeiten der Ruhe und Erholung, die ihr zu Theil wurden, waren die Momente, welche ſie während des Tages gelegentlich mit dem alten Mazey und den Hunden zubrachte, und die koſtbare Zwiſchenzeit der Nacht, während welcher ſie in der Einſamkeit ihres Zimmers ſicher vor Beobachtung war. Dank dem Ueberfluß von Schlafgemächern zu Heiligenkreuz, jeder der Dienſtboten hatte beliebige Wahl, in einem eigenen Zimmer zu ſchlafen. Bloß⸗ in der Nacht konnte Magdalene es wagen, wieder ſie ſelbſt zu ſein, konnte von der Vergangenheit träumen und aus ihrem Traum erwachen, ohne neu⸗ gierigen Augen zu begegnen, die ihre Thränen wahr⸗ nehmen konnten, über die Zukunft nachdenken, ohne durch ein Geflüſter in den Winkeln aufgeſchreckt zu werden, welches den giftigen Verdacht leiſe gegen ſie äußerte, daß ſie„Etwas im Schilde führe.“ In ſo weit durch die vollkommene Sicherheit ihrer Stellung im Hauſe zufrieden geſtellt, zog ſie noch weitere Vortheile von einem zweiten zu ihren Gunſten ins Spiel tretenden Zwiſchenfall, der noch vor Ablauf der vierzehn Tage jeden Stein ängſt⸗ lichen Zweifels und beklemmender Bedenklichkeit in Betreff der fürchterlichen Frau Lecount von ihrem Herzen nahm. Theils durch ein zufälliges Geſpräch der Weibsbilder am Tiſche in der Magdkammer— theils durch einen mit Rothſtift angeſtrichenen Arti⸗ kel in einer Schweizerzeitung, welchen ſie eines ſchö⸗ nen Morgens offen in dem Sorgenſtuhl des Admi⸗ rals liegend gefunden hatte— hatte ſie die will⸗ kommene Gewißheit gewonnen, daß dießmal kein Gefahr von der Gegenwart der Haushälterin auf dem hatte, Tode alsda glückl Legat kel in rung bloß ſonder Leben ſtellt, angen einer der U ſollte Zürich ziehur ſtreite Dienſt würde jezt f Entdee S holung, welche n alten koſtbare in der achtung hern zu eliebige Bloß wieder genheit ne neu⸗ wahr⸗ u, ohne reckt zu egen ſie cherheit zog ſie u ihren er noch ängſt⸗ keit in ihrem heſpräch mer— n Arti⸗ es ſchö⸗ Admi⸗ ie will⸗ I kein⸗ ein auf 35 dem Schauplaz zu befürchten wäre. Frau Lecount hatte, wie es ſchien, eine Woche oder mehr nach dem Tode ihres Herrn zu Heiligenkreuz zugebracht und alsdann England verlaſſen, um in ehrbarer und glücklicher Zurückgezogenheit von den Intereſſen ihres Legates in ihrer Geburtsſtadt zu leben. Der Arti⸗ kel in der Schweizer Zeitung ſchilderte die Ausfüh⸗ rung dieſes löblichen Planes. Frau Lecount hatte nicht bloß ihren bleibenden Aufenthalt in Zürich genommen, ſondern auch(glücklicher Weiſe der Ungewißheit des Lebens eingedenk) die wohlthätigen Zwecke feſtge⸗ ſtellt, zu welchen ihr Vermögen nach ihrem Tode angewendet werden ſollte. Die eine Hälfte war zu einer Stipendienſtiftung für arme Studenten auf der Univerſität Genf beſtimmt. Die andere Hälfte ſollte in die Hände der Magiſtratsbehörden von Zürich übergehen, um die Unterhaltung und Er⸗ ziehung einer gewiſſen Anzahl von Mädchen zu be⸗ ſtreiten, die in der Stadt gebürtig wären und zu Dienſtboten für ihr ſpäteres Leben herangebildet würden. Das ſchweizeriſche Journal erging ſich bei Aufzählung dieſer menſchenfreundlichen Vermächtniſſe in Phraſen der ausſchweifendſten Lobhudelei. Zürich empfing von ihm die lebhafteſten Glückwünſche zu dem Beſiz dieſes Ausbunds von öffentlicher Bürger⸗ tugend, und Wilhelm Tell in ſeiner Eigenſchaft als Wohlthäter der Schweiz wurde auf ſehr ungeeignete Weiſe mit Frau Lecount in Vergleichung gezogen. Die dritte Woche begann, und Magdalene hatte jezt freie Hand, den erſten Schritt vorwärts zur Entdeckung des Geheimartikels zu thun. Sie erfuhr vom alten Mazey, daß es Gewohn⸗ heit ihres Herrn wäre, während der Winter⸗ und Frühlingsmonate die Zimmer in dem nördlichen Flügel zu bewohnen, und während des Sommers und Herbſtes den axctiſchen Gang von„Erfriert⸗ Eure⸗Beine“ zu überſchreiten und den Wohnſiz in den öſtlichen, gegen den Garten hinaus gelegenen Räumlichkeiten aufzuſchlagen. Da die Bankethalle in Folge der beſchränkten Geldmittel des Admirals in ihrem feuchten und entblößten Zuſtand verblieb und das Innere von Heiligenkreuz auf erwähnte Weiſe gegen alle Regeln des Comforts in zwei ge⸗ trennte Wohnſize abgetheilt war, ſo konnte natürlich ein geeigneteres und zuſagenderes Arrangement nicht wohl erſonnen werden. Wie Magdalene von ihrem Belehrer vernahm, ſo gab es zur einen wie zur andern Jahreszeit, im Sommer wie im Winter, Tage, wo der Admiral in Betreff der Beſchaffenheit der Zimmer, die er zur Zeit nicht bewohnte, beſorgt wurde und wo er mit beharrlichem Eifer den Zu⸗ ſtand der Möbel, Gemälde und Bücher mit eigenen Augen unterſuchte. Bei dieſen Gelegenheiten— im Sommer wie im Winter— wurde einige Tage vor⸗ her ein loderndes Feuer in dem großen Kaminroſte angezündet und Holzkohlen in den Tiegel des Drei⸗ fußes gelegt, um die Bankethalle ſo warm zu erhal⸗ ten, als die Umſtände es zuließen. Wenn die ſorg⸗ liche Muſterung des alten Gentlemans ihr Ende er⸗ reicht hatte, wurden die Zimmer wieder verſchloſſen, und„Erfriert⸗Eure⸗Beine“ war abermals auf viele Wochen lang hinaus zu Schimmel; Verödung und Verfall verdammt. Die lezte dieſer zeitweiligen Wanderungen hatte erſt ſeit wenigen Tagen ſtattge⸗ währ ſtande thek, anſtof liothe gab Zeit Tiſch licher Thürf käſten Zimn ⸗ und dlichen nmers friert⸗ aſiz in egenen ethalle mirals erblieb vähnte dei ge⸗ türlich t nicht ihrem ie zur Vinter, fenheit veſorgt in Zu⸗ igenen — im e vor⸗ inroſte Drei⸗ erhal⸗ ſorg⸗ nde er⸗ gloſſen, f viele ig und deiligen ſtattge⸗ 37 funden; der Admiral hatte ſich zur Genüge über⸗ zeugt, daß die Gemächer im öſtlichen Flügel eben nicht die ſchlimmſten für die Abweſenheit ihres Herrn wären, und deßwegen wollte er auch den Aufenthalt im nördlichen Flügel auf Wochen lange noch, und wenn die Jahreszeit kalt war, auf Monate aus⸗ dehnen. So geringfügig dieſe Einzelnheiten auch an und für ſich waren, ſo hatten ſie doch für Magdalene eine bedeutungsvolle Wichtigkeit, denn ſie halfen ihr die Grenzen auf dem Felde ihrer Forſchung genau und feſt beſtimmen. Vorausgeſezt daß der Admiral alle ſeine wichtigen Documente wahrſcheinlich in un⸗ mittelbarem Gewahrſam und Verſchluß hielt, ſo mußte ſie jezt mit Beſtimmtheit annehmen, daß der Geheimbrief in dem einen oder andern der Zimmer im nördlichen Flügel aufbewahrt war. In welchem Zimmer? Dieſe Frage war nicht leicht zu beantworten. Von den vier bewohnbaren Zimmern, welche alle während des Tages zur Verfügung des Admirals ſtanden— nämlich das Speiſezimmer, die Biblio⸗ thek, das Morgenzimmer und das an die Vorhalle anſtoßende Geſellſchaftszimmer— erſchien das Bib⸗ liothekzimmer als dasjenige, welchem er den Vorzug gab und in welchem er den größern Theil ſeiner Zeit zubrachte. In dieſem Zimmer befand ſich ein Tiſch mit ſchließbaren Schubläden, ferner ein herr⸗ licher italieniſcher Schreibeſchrank mit ſchließbaren Thürflügeln, ſodann fünf Schränke unter den Bücher⸗ käſten, ſämmtlich verſchließbar. Auch in den andern Zimmern befanden ſich Behälter, auf gleiche Weiſe mit Sicherungsſchlöſſern verſehen, und in mehrern oder allen von ihnen konnten Papiere aufbewahrt ſein. Sie war oft auf den Ruf der Klingel erſchienen und hatte ihn bald in dem einen, bald in dem an⸗ dern Zimmer, am öfteſten aber in der Bibliothek Schlöſſer ſchließen und aufſchließen geſehen. Sie hatte gelegentlich die Wahrnehmung gemacht, daß ſeine Miene den Ausdruck von Verdrießlichkeit und Ungeduld hatte, wenn er von einem offenen Schrank oder Kaſten zu ihr aufblickte und ſeine Befehle er⸗ theilte. Dieß hatte ſie auf die Vermuthung geführt, daß irgend Etwas, das mit ſeinen Papieren und Beſizthümern in Verbindung ſtand oder auf dieſel⸗ ben Bezug hatte— es mochte nun der geheime Brief ſein oder nicht— ihn von Zeit zu Zeit auf⸗ rege und beunruhige. Sie hatte mehr als einmal gehört wie er Etwas in einem der Zimmer verſchloß, dann herauskam und in ein anderes Zimmer ging, dort ein Paar Minuten verweilte, hierauf wieder in das erſte Zimmer zurückkehrte, mit den Schlüſſeln in ſeiner Hand, und die Schlöſſer heftig umdrehte und immer wieder umdrehte. Dieß unabläſſige Sich⸗ zuſchaffenmachen mit ſeinen Schlüſſeln und Schrän⸗ ken mochte die Folge ſeiner angeborenen raſtloſen Unruhe, ſeiner Gemüthsanlage ſein, die noch ver⸗ größert wurde durch die zielloſe Indolenz ſeines zu⸗ rückgezogenen Lebens— eines Lebens, das ſich vor⸗ wärts und rückwärts unter Geringfügigkeiten her⸗ umtrieb und ihm keine regelmäßige Beſchäftigung bot, genügend, ihn zu irgend einer gegebenen Stunde des Tages feſtzuhalten. Auf der andern Seite war es eben ſo wahrſcheinlich, daß dieß Kommen und Gehen hande zugeſe in die hinein von C ſpäter legun⸗ Wahr wie d Deut mögli 31 ſchon die ſ ein 1 Schlü A in de größer nicht thektiſ dieſen einem auf. Herun hatte Lade ſie wi ihm und 4 Punct nehrern rt ſein. ſchienen em an— bliothek . Sie t, daß iit und Schrank hle er⸗ geführt, en und dieſel⸗ geheime eit auf⸗ einmal rſchloß, r ging, eder in hlüſſeln ndrehte e Sich⸗ Schrän⸗ aſtloſen ch ver⸗ nes zu⸗ ch vor⸗ n her⸗ ftigung Stunde te war en und 39 Gehen, dieſes Zuſchließen und Aufſchließen dem Vor⸗ handenſein irgend einer geheimen Verantwortlichkeit zugeſchrieben werden konnte, die gegen Erwarten ſich in die bisher unbekümmerte Exiſtenz des alten Mannes hineingedrängt hatte, und die ihn mit einem Gefühl von Gebundenheit quälte, das in den Annalen ſeines ſpätern Lebens neu war. Die eine dieſer Aus⸗ legungen konnte ſein Benehmen mit eben ſo vieler Wahrſcheinlichkeit und Vernunftgemäßheit erklären wie die andere. Welches von beiden die richtige Deutung war, konnte in Magdalenes Stellung un⸗ möglich geſagt werden. Zu einer beſtimmten Entdeckung gelangte ſie ſchon in den erſten Tagen ihrer Beobachtungen, die ſie mit ihm anſtellte. Der Admiral war ein unwandelbar vorſichtiger Mann mit ſeinen Schlüſſeln. Alle kleinere Schlüſſel hielt er an einem Ring in der Bruſttaſche ſeines Rockes verwahrt. Die größeren verſchloß er ſämmtlich in der Regel, aber nicht jederzeit, in einer der Schubläden des Biblio⸗ thektiſches. Manchmal ließ er ſie über Nacht in dieſem Gewahrſam, manchmal nahm er ſie auch in einem Körbchen mit ſich in ſein Schlafgemach hin⸗ auf. Er hatte keine regelmäßigen Zeiten für das Heruntenlaſſen oder Hinaufnehmen der Schlüſſel; er hatte keine denkbare Veranlaſſung, ſie bald in eine Lade des Bibliothektiſches zu verſchließen, und bald ſie wieder an einem andern Ort zu verwahren. Die ihm zur zweiten Natur gewordene Unregelmäßigkeit und Launenhaftigkeit ſeiner Handlungen in dieſem Puncte vereitelten jedes Bemühen, ſie auf ein Sy⸗ 40 ſtem zurückzuführen und trozten jedem Verſuch, auf ſie eine vorläufige Berechnung zu gründen. Die Hoffnung, durch das Legen ſchlauer Schlin⸗ gen, in denen er ſich während des Geſpräches fangen könnte, endlich irgend einen beſtimmten Haltpunct zu gewinnen, erwies ſich von Anfang an als eine höchſt fruchtloſe. In Magdalenens Lage würden alle Verſuche dieſer Art ſchon bei jedem andern Mann im äußer⸗ ſten Grade ſchwierig und gefährlich geweſen ſein. Bei dem Admiral erſchienen ſie als eine pure Un⸗ möglichkeit. Sein Hang, fortwährend von einem Gegenſtand auf den andern überzuſpringen; die Ge⸗ wohnheit, ſeine Zunge ſo lange in ununterbrochenem Laufe zu erhalten, als ſich noch Jemand, gleichgiltig wer, im Bereiche des Klangs ſeiner Stimme befand; ſein comiſcher Mangel jeglicher Würde und Rückhal⸗ tung vor ſeinen Dienſtboten,— verſprachen dem Anſchein nach ſehr Vieles— führten aber in Wirk⸗ lichkeit zu Nichts. So ſchüchtern und rückſichtsvoll Magdalene auch das Beiſpiel ihres Herrn und deſ⸗ ſen augenſcheinliche Vorliebe für ſie zu ihrem Vor⸗ theil zu benuzen ſuchen mochte, der alte Mann wit⸗ terte im Augenblick jeden Schritt, den ſie über ihre begrenzte Stellung hinaus wagte, und wies ſie im Nu wieder in ihre Grenzen zurück, freilich nur mit dem feinen Anſtrich guten Humors, der ſie zwar nicht verlezend berührte, zugleich aber auch mit einer derben und deutlichen Vorſchiebung ſeiner Abſicht, ſo daß ſie an eine Ausflucht oder Umgehung der⸗ ſelben nicht mehr denken konnte. So widerſprechend es auch klingen mag, Admiral Bartram war zu famil Er h liegen aufree getha tung kann Hauf liarit T Die keine war auger ſie ei ſel d darar den ihrer zu ſt nüze irgen die i verſc ), auf Schlin⸗ fangen ttpunct s eine erſuche äußer⸗ i ſein. re Un⸗ einem hie Ge⸗ chenem hgiltig efand; ückhal⸗ n dem Wirk⸗ htsvoll id deſ⸗ 1 Vor⸗ n wit⸗ er ihre ſie im ur mit zwar t einer lbſicht, g der⸗ echend ar zu 41 familiär, um eine Annäherung zuläſſig zu machen. Er hielt die zwiſchen ihm und ſeinen Dienſtboten liegende Scheidewand in der Wirklichkeit viel ſtrenger aufrecht, als der ſtolzeſte Mann von ganz England gethan haben würde. Die ſyſtematiſche Zurückhal⸗ tung eines Vorgeſezten gegen einen Untergebenen kann bei irgend einer Gelegenheit einmal über den Haufen geworfen werden— die ſyſtematiſche Fami⸗ liarität kann dieß niemals. Die Zeit ging ihren Schneckenſchritt vorwärts. Die vierte Woche kam und Magdalene hatte noch keine neuen Entdeckungen gemacht. Die Ausſicht war im höchſten Grade niederdrückend. Sogar den augenſcheinlich hoffnungsloſen Fall vorausgeſezt, daß ſie ein Mittel erdachte, durch das ſie ſich die Schlüſ⸗ ſel des Admirals verſchaffte, konnte ſie doch nicht darauf rechnen, dieſelben länger als ein paar Stun⸗ den in der Hand zu behalten, eine Zeit, die bei ihrer vollen Unkenntniß der Richtung, in welcher ſie zu ſuchen anfangen ſollte, natürlich eine ganz un⸗ nüze ſein mußte. Der Brief konnte allerdings in irgend einem der etlich und zwanzig Papierbehälter, die in vier verſchiedenen Zimmern angebracht waren, verſchloſſen ſein. Und welches Zimmer mit dem wahrſcheinlichſten Erfolg am Erſten eingeſehen wer⸗ den ſollte, welcher Behälter am meiſten verſprach, wenn man mit ihm begann; welche Lage das frag⸗ liche Papier unter dem übrigen Haufen von Urkun⸗ den nöthigenfalls dem Erwarten nach einnehmen mochte, das Alles war mehr als ſie ſagen konnte. So auf allen Seiten gehemmt durch unbeſiegliche Schwierigkeiten nach Lage der Dinge verurtheilt, 42 blindlings auf den wahren Hafen des Erfolgs los⸗ zuſteuern— harrte ſie mit einer Geduld, die bereits zu einer Geduld der Verzweiflung herabzuſinken im Begriff ſtand, auf einen Zufall der niemals ſich zeigte, auf ein Ereigniß das nimmermehr eintrat. Nacht für Nacht blickte ſie zurück auf die ent⸗ ſchwundenen Tage— aber nicht ein Ereigniß tauchte in ihrem Gedächtniß auf, das einen dieſer Tage von dem andern unterſchieden hätte. Die einzigen Un⸗ terbrechungen der unerträglichen Einförmigkeit des Lebens zu Heiligenkreuz wurden durch, die characte⸗ riſtiſchen Ausſchweifungen des alten Mazey und der Hunde veranlaßt. Zu gewiſſen Zeitpuncten kam die urſprüngliche Wildheit in Brutus und Caſſius Naturen zum Aus⸗ bruch. Die beſcheidene Behaglichkeit zu Hauſe, die duftenden Lockungen der köſtlichſten Leckerbiſſen, die annehmliche Verdauungsſieſta auf der Wollendecke neben dem Kaminherde— Alles dieß verlor mit einem Male ſeine Anziehungskraft, und die Hunde liefen, jedes Dankes vergeſſend, von Hauſe fort, um draußen in der Welt Zerſtreuung und Abenteuer zu ſuchen. Bei dieſen Gelegenheiten variirte die herkömm⸗ liche Nachtiſchformel von Frage und Antwort zwi⸗ ſchen dem alten Mazey und ſeinem Herrn ein wenig in einem kleinen Puncte. Auf„Gott ſegne die Königin, Mazey,“ und „Woher der Wind, Mazey?“ folgte noch eine neue Frage:. „Wo ſind die Hunde, Mazey?“ „Draußen auf der Liederlichkeit, Euer Gnaden; der Te derlich dieſer Ernſte ſeine Beneh⸗ Reſpec zwei nach4 und ſ Den mäßig legt. gefegt Speiſe tion, der B treue und wäſſer die D D wiſſen wie d urſpri bruch nehml geſſen am 9 ſo be imme im L. s los⸗ bereits ken im 's ſich rat. ie ent⸗ auchte ge von in Un⸗ it des aracte⸗ nd der ngliche 1 Aus⸗ e, die n, die endecke or mit Hunde rt, um uer zu kömm⸗ t zwi⸗ wenig „ und e neue naden; 43 der Teufel hole ſie!“ war des Veterans unverän⸗ derliche Antwort. Der Admiral ſeufzte jederzeit bei dieſer Nachricht, und ſchüttelte mit wehmüthigem Ernſte ſeinen Kopf, als ob Brutus und Caſſius ſeine eigenen Söhne geweſen wären, die es in ihrem Benehmen gegen ihn des erforderlichen kindlichen Reſpects ermangeln ließen. Nach Verlauf von zwei oder drei Tagen kehrten die Hunde allemal nach Hauſe zurück, abgemagert, mit Schmuz bedeckt, und ſich im Innerſten über ſich ſelbſt ſchämend. Den ganzen nächſten Tag über wurden ſie regel⸗ mäßig mit Ungnade behandelt und an die Kette ge⸗ legt. Einen Tag ſpäter aber wurden ſie ſauber ab⸗ gefegt und mit aller Förmlichkeit wieder in dos Speiſezimmer zugelaſſen. Dort fand die Civiliſa⸗ tion, indem ſie durch das unwiderſtehliche Medium der Brühſchüſſel auf dieſelben wirkte, wiederum ihre treue Anerkennung und Anhänglichkeit bei ihnen, und des Admirals zwei ausſchweifenden Söhnen wäſſerte das Maul ſo reichlich wie jemals, wenn ſie die Deckel wegnehmen ſahen. Der alte Mazey zeigte auf ſeine Weiſe bei ge⸗ wiſſen Gelegenheiten einen eben ſo unehrbaren Hang wie die Hunde. Von Zeit zu Zeit kam auch die urſprüngliche Wildheit in ſeiner Natur zum Aus⸗ bruch; auch er verlor allen Geſchmack an den An⸗ nehmlichkeiten daheim und lief, jeden Dankes ver⸗ geſſend, von Hauſe fort. Er verſchwand gewöhnlich am Nachmittage und kehrte bei Anbruch der Nacht ſo betrunken, als ihn das gebrannte Waſſer nur immer machen konnte, wieder zurück. Er hatte ſich im Lauf der Zeit ſtufenweiſe zu ſehr an das Schiffs⸗ leben gewöhnt, als daß ihm bei dieſen Gelegenhei⸗ St ten ein Unfall hätte begegnen können. Seine leicht⸗ blieb ſinnigen alten Beine mochten immerhin die ganze lange Straße zum Weiterkommen brauchen, aber ſie ließen ſicher ihn doch niemals im Stiche; ſeine gottloſen alten erſt l Augen mochten doppelt ſehen wie ſie wollten, ſie zu ſe zeigten ihm dennoch immer richtig den Weg nach als d Hauſe. Die Dienſtmägde mochten es anfangen auf legen welche Weiſe ſie immer wollten, ſie konnten ihm hätte dennoch niemals die Ueberzeugung beibringen, daß ſeines er betrunken wäre; er wies jede Zumuthung dieſer alleme Art mit Entrüſtung zurück. Ja er weigerte ſich vollſte ſogar, einen Gedanken davon heimlich in ſeinem hatte ö Höopfe aufkommen zu laſſen, bis er ſich ſelbſt vorerſt guckt durch ein unfehlbares Kennzeichen von ſeinem Zu⸗ und ſtande überzeugt hätte. ſelbſt Es war in ſolchen Fällen bacchanaliſchen Ex⸗ phant ceſſes ſeine Gewohnheit, mit eigenſinniger Beharr⸗ 5 lichkeit in ſein Zimmer im Erdgeſchoß hineinzutau⸗ einer meln— ſein Schiffsmodell aus dem Schrank her⸗ zu m auszunehmen— und den Verſuch zu wagen, ob er Quer nicht mit dem niemals zu Ende kommenden Geſchäft Auge der Aufſtellung des Takelwerks dießmal fertig wer⸗ den den könnte. Dann wenn er die dünnen Sparren„ durchſchnitten und die feinen Schnüre entzwei ge⸗ fort, riſſen hatte, dann, aber nicht eher, anerkannte der macht Veteran auf die Autorität des practiſchen und ſicht: Wind baren Beweiſes hin die Thatſache ſeiner Betrun⸗ 2 kenheit. die 4 „Ei, ei!“ pflegte er vertraulich zu ſich ſelbſt zu confi ſagen.„Die Weibsbilder haben doch Recht. Wie⸗ Hund der beſoffen, Mazey— wieder beſoffen!“ der genhei⸗ leicht⸗ ganze ließen n alten en, ſie g nach gen auf in ihm n, daß dieſer te ſich ſeinem vorerſt m Zu⸗ en Ex⸗ Zeharr⸗ azutau⸗ nk her⸗ ob er zeſchäft g wer⸗ parren bei ge⸗ ite der d ſicht⸗ Betrun⸗ lbſt zu Wie⸗ 45 Sobald er zu dieſer Entdeckung gelangt war, blieb er gewöhnlich mit ſchlauer Berechnung ſo lange in den untern Regionen, bis der Admiral ſicher in ſeinem Zimmer war; und dann ſtieg er erſt leiſe und vorſichtig in ſeinen Schlappſchuhen zu ſeinem Poſten hinauf. Er war zu behutſam, als daß er den Verſuch, ſich in ſein Rollbett zu legen, gemacht hätte;(wobei ihm nur der Unfall hätte widerfahren können, daß er an die Thüre ſeines Herrn hingepoltert wäre) ſondern er ſpazierte allemal ſo lange den Gang auf und ab, bis er vollſtändig wieder nüchtern war. Mehr als einmal hatte Magdalene um die ſpaniſche Wand hinumge⸗ guckt und den alten Seemann geſehen, wie er hin und her ſchlürfend ſeine Wache hielt und bei ſich ſelbſt über ſeinen Dienſt auf dem Schiffsverdeck phantaſirte. „Das iſt ein ungewöhnlich lebhaftes Schiff in einer Seefahrt,“ pflegte er mit verhaltenem Athem zu murmeln, wenn ſeine Beine ihn die Kreuz und Quer im Gange herumriſſen oder ihn auf einen Augenblick die„Compaßpuncte“ nach ſeinem Syſtem, den Rücken an die Wand gelehnt, ſtudiren ließen. „Eine garſtige Nacht, ganz gewiß,“ brummte er fort, indem er wieder einen neuen Anſaz zum Gehen machte.„So ſchwarz wie Ihre Taſche und der Wind weht uns aus der alten Viering entgegen. Am nächſten Tage ſtand der alte Mazey, wie die Hunde, in Ungnade und wurde auf das Parterre confinirt. Einen Tag ſpäter wurde er, wie die Hunde, wieder in ſeine Privilegien eingeſezt, und in der Nachtiſchformel trat eine andere Veränderung 46 ein. Beim Betreten des Zimmers machte der alte Seemann kurz Halt und brachte, mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt, ſeine Entſchuldigung in nachſtehender kurzgefaßter, jedoch körniger Form vor: „Halten zu Gunſt, Euer Gnaden; ich ſchäme mich über mich ſelber.“ Das war der Anfang und das Ende der ganzen Anſprache. „Das darf nicht wieder vorkommen, Mazey!“ pflegte der Admiral zu antworten. „Es ſoll nicht wieder vorkommen, Euer Gnaden.“ „Nun gut! Komm her und trink dein Glas Wein. Gott ſegne die Königin, Mazey.“ Der Veteran goß ſeinen Portwein hinunter und der Dialog war wie gewöhnlich zu Ende. — — So floßen die Tage dahin. Von Zwiſchenfällen ereigneten ſich keine wichtigeren als die eben erzähl⸗ ten, um die Einförmigkeit nur einiger Maßen zu unterbrechen, bis endlich das Ende der vierten Woche heranrückte. Am lezten Tage trug ſich ein Ereigniß zu, am lezten Tage begann das lang verzögerte Verſprechen der Zukunft unerwartet zu dämmern. Während Magdalene wie gewöhnlich das Tiſch⸗ tuch im Speiſezimmer ausbreitete, ſchaute Frau Drake herein und ertheilte ihr bei dieſer Gelegenheit zum erſten Mal die Weiſung, für zwei Perſonen zu decken, Der Admiral hatte einen Brief von ſeinem Neffen empfangen. Mit dem Anbruch des Abends erwar⸗ tete man Georg Bartrams Rückkehr nach Heili⸗ genkreuz. hatte mit e heiml Bartr nach Hauſe mocht Etwa welche äußer Beide ten ſ es ſi holte abſol C ſich das J zuſan lichke trät Vanſ ſtellte farbe ſtran von jezt er alte Rücken ng in n vor: ſchäme ganzen azey!“ aden.“ Glas er und nfällen erzähl⸗ ßen zu Woche , am prechen Tiſch⸗ Drake it zum decken, Neffen erwar⸗ Heili⸗ 47 Drittes Capitel. Nachdem Magdalene das zweite Gedeck beſorgt hatte, wartete ſie auf das Ertönen der Tiſchglocke mit einem Intereſſe und einer Ungeduld, die zu ver⸗ heimlichen ſie als keine leichte Aufgabe erfand. Herrn Bartrams Rückkehr mußte aller Wahrſcheinlichkeit nach irgend eine Veränderung in dem Leben des Hauſes hervorbringen, und von einer Veränderung, mochte ſie auch noch ſo unbedeutend ſein, ließ ſich Etwas hoffen. Der Neffe konnte ſich den Einflüſſen, welche auf den Onkel ganz und gar keine Wirkung äußerten, zugänglicher erweiſen. Jedenfalls mußten Beide während des Tiſches über ihre Angelegenhei⸗ ten ſprechen, und durch dieſes Geſpräch— wenn es ſich Tag für Tag in ihrer Gegenwart wieder⸗ holte— konnte ſich ihr früher oder ſpäter der jetzt abſolut unſichtbare Weg zu einer Entdeckung offenbaren. Endlich erſcholl die Klingel die Thüre öffnete ſich und die zwei Gentlemen traten mit einander in das Zimmer. Magdalene fuhr zuſammen, wie ihre Schweſter zuſammengefahren war, über Georg Bartrams Aehn⸗ lichkeit mit ihrem Vater, wenigſtens nach dem Por⸗ trät zu Rabenſchlucht zu urtheilen, welches Andreas Vanſtones Abbild in ſeinen jüngern Jahren dar⸗ ſtellte. Dasſelbe Haar und die blühende Geſichts⸗ farbe, das glänzende blaue Augenpaar und die ſtramme aufrechte Geſtalt, das Alles war ihr noch von dem Gemälde her recht gut bekannt und wurde jezt lebhaft in ihrem Gedächtniſſe aufgefriſcht, als 5 48 der Neffe ſeinem Onkel durch das Zimmer nachfolgte und ſeinen Plaz an der Tafel nahm. Sie war auf dieß plözliche Wiederaufleben ihrer heimathlichen Erinnerungen und Ideenverbindungen nicht vorberei⸗ tet. Ihre Aufmerkſamkeit wurde unter dem Beſtre⸗ ben, den auf ſie hervorgebrachten Eindruck zu ver⸗ heimlichen, dermaßen von ſeinem gehörigen Punct abgelenkt und zerſtreut, daß ſie das erſte Mal, ſeit ſie das Haus betreten hatte, beim Bedienen der Mittagstafel einen Schnizer ſich zu Schulden kom⸗ men ließ. Eine feine Zurechtweiſung, die der Admiral ihr halb im Scherz, halb im Ernſt, ertheilts, verſchaffte ihr Zeit, ſich wieder zu ſammeln. Sie wagte einen wiederholten Blick auf Georg Bartram. Der Ein⸗ druck, den er dießmal auf ſie hervorbrachte, erregte alsbald ihre Neugierde. Sein Antliz und ſein Be⸗ nehmen drückten deutlich Herzensbeklemmung und gei⸗ ſtige Befangenheit aus. Er blickte öfter auf ſeine Schlüſſel, als auf ſeinen Onkel, und Magdalene ſelbſt ſchaute er gar nie an, mit Ausnahme der kurzdauern⸗ den Muſterung des neuen Zimmermädchens, als der Admiral mit ihr ſprach. Irgend eine Ungewißheit verwirrte ſichtlich ſeine Gedanken. Irgend ein Druck laſtete auf der natürlichen Freiheit ſeines Benehmens. Welche Ungewißheit? Welchen Druck? Waren vielleicht im Verlauf der Unterhaltung am Mittags⸗ tiſch Enthüllungen perſönlicher Natur zur Sprache gekommen? Nein. Eine Reihe von Gerichten folgte auf die andere— und Nichts in der Geſtalt einer perſön⸗ lichen Enthüllung fand ſtatt. Die Unterhaltung drehte ſich i lichen Priva diſche geſchi ter je franzu Maze Weiſe Deſſer Seem König bezeus der T Unter was tigkeit Sie k hfolgte ar auf hlichen rberei⸗ Beſtre⸗ u ver⸗ Punct l, ſeit en der n kom⸗ ral ihr ſchaffte einen r Ein⸗ erregte in Be⸗ nd gei⸗ f ſeine e ſelbſt auern⸗ ils der vißheit Druck hmens. Waren ittags⸗ Sprache auf die perſön⸗ drehte 49 ſich in unregelmäßigen Wendungen zwiſchen öffent⸗ lichen Angelegenheiten einerſeits und geringfügigen Privatſachen andererſeits herum. In⸗ und auslän⸗ diſche Politik wechſelte mit der kleinen Haushaltungs⸗ geſchichte von Heiligenkreuz um die Wette. Die Häup⸗ ter jener Revolution, welche Ludwig Philipp von dem franzöſiſchen Throne vertrieb, mußten mit dem alten Mazey und den Hunden beim Mittagstiſch auf gleiche Weiſe nach einander die Muſterung paſſiren. Das Deſſert wurde auf den Tiſch geſtellt— der alte Seemann kam herein— trank Geſundheit auf die Königin— machte vor„Herrn Georg“ ſeine Ehren⸗ bezeugung— und marſchirte wieder hinaus. Magdalene folgte ihm nach, um ſich in die Stube der Dienſtmädchen zu begeben, ohne daß fie in der Unterhaltung, vom erſten Wort bis zum lezten, Et⸗ was vernommen hätte, was nur von einiger Wich⸗ tigkeit für die Förderung ihres Planes geweſen wäre. Sie kämpfte ſchwer, um nicht am erſten Tage ſchon Muth und Hoffnung zu verlieren. Doch ſie konnten ja ſchwerlich ſchon morgen wieder oder am darauf⸗ folgenden Tage von der franzöſiſchen Revolution und den Hunden ſprechen. Die Zeit konnte noch Wun⸗ der thun, und die Zeit ſtand ganz zu ihrer Ver⸗ fügung. Allein zuſammen gelaſſen bei ihrem Weine, rück⸗ ten Onkel und Neffe ihre Lehnſtühle an beide Seiten des Feuers; und in Magdalenens Abweſenheit be⸗ gann jezt erſt die wirkliche Unterhaltung darüber, was zu hören für Magdalene von Intereſſe gewe⸗ ſen wäre. „Claret, Georg?“ ſagte der Admiral; indem er Collins, Namenlos. V. 4 50 die Flaſche über den Tiſch hinüber ſchob.„Du ſiehſt nicht gutgelaunt aus.“ „Ich habe eine kleine Sorge, Sir,“ entgegnete Georg, indem er ſein Glas ungefüllt ließ und ge⸗ rade in das Feuer hineinſtierte. „Es freut mich das zu hören,“ verſezte der Ad⸗ miral.„Ich für meinen Theil habe ſelbſt noch mehr als ein Bischen Sorge, das kann ich Dir ſagen. Wir befinden uns ſchon in den lezten Tagen des März— und noch Nichts gethan! Dein Termin geht mit dem dritten Mai zu Ende, und da ſizeſt Du, als wenn Du noch Jahre vor Dir hätteſt, um Dich umzuthun.“ Georg lächelte und füllte ergebungsvoll ſein Glas mit etwas Wein. „Wie? Verſtehe ich Sie recht, Sir,“ fragte er, „daß Sie ernſtliches Bedenken darüber faſſen was Sie mir im verfloſſenen November geſagt haben? i Sind Sie wirklich entſchloſſen, mich an eine ſo un begreifliche Bedingung zu binden?“ „Ich nenne es nicht unbegreiflich,“ ſagte der Ad⸗ miral gereizt. „Nicht, Sir? Ich ſollte unbedingt Ihre Beſizun⸗ gen erben, wie Sie anfänglich großmüthig feſtgeſezt haben. Aber von dem Vermögen das der arme Koel Ihnen hinterlaſſen, ſoll ich keinen Kreuzer be⸗ kommen, wenn ich michnicht innerhalb einer beſtimm⸗ di ten Zeit verheirathe. Das Haus und die Ländereien ſollten— Dank Ihrer freundlichen Güte— unter allen Verhältniſſen mein werden. Aber das Geld, mit welchem ich beide verbeſſern könnte, wird mir wieder willkührlich weggenommen, wenn ich nicht bis ſiehſt egnete nd ge⸗ r Ad⸗ hmehr ſagen. en des Termin 1 ſizeſt ſt, um Glas gte er, n was haben? ſo un⸗ er Ad⸗ eſizun⸗ ſtgeſezt arme zer be⸗ ſtimm⸗ dereien unter Geld, id mir icht bis 51 zum dritten Mai ein verheiratheter Mann bin. Ich bin gerade nicht auf den Kopf gefallen, das getraue ich mir zu behaupten, aber doch habe ich noch nie⸗ mals von einer Maßregel gehört, die mir unfaßbarer und unerklärlicher geweſen wäre.“ „Nicht gemault und nicht gebrummt, Georg! Sag heraus was Du zu ſagen haſt. Wir verſtehen keinen Spaß auf Seiner Majeſtät Flotte.“ „Ich beabſichtige keine Beleidigung, Sir. Aber mir dünkt es einmal ein Bischen hart von Ihrer Seite, mich durch eine Veränderung in Ihren Maßnahmen zu verblüffen, die nach meiner Erfahrung Ihrem Character vollſtändig fremd iſt— und dann, wenn ich nach der Natur der Sache um eine Aufklärung bitte, mir gleichgiltig den Rücken zu wenden und mich im Dunkeln zu laſſen. Wenn Sie und Herr Noel mit einander, ehe er ſein Teſtament machte, irgend eine Uebereinkunft unter vier Augen getroffen haben, warum es mir nicht ſagen? Warum ein Geheimniß zwiſchen uns obwalten laſſen, wo gar kein Geheimniß nöthig iſt?“ „Ich will es nicht haben, Georg!“ rief der Ad⸗ miral, indem er ärgerlich mit ſeinem Nußknacker auf dem Tiſche trommelte.„Du möchteſt mich wie einen Dachs aus ſeinem Bau heraustreiben— aber ich laſſe mich nicht heraustreiben! Ich will meine Be⸗ dingungen ſtellen wie es mir beliebt und ohne mei⸗ nen freien Willen Niemanden dafür Rechenſchaft ab⸗ zulegen haben. Es iſt wahrlich ſchlimm genug daß man Plagen und Verantwortlichkeiten— grüble nicht nach welche Plagen, es ſind die meinen, nicht die Deinen— auf meine unglücklichen Schultern 5² geladen hat, um die ich mich den Teufel geſcheert hätte, wenn ich immer und immer wieder wie ein Zeuge auf einem Bock ins Verhör genommen werden ſoll. Da ſeh mir einmal einer den ſaubern Patron an!“ fuhr der Admiral fort, indem er ſeine Anrede in ärgerlicher Rothglühhize an den Neffen richtete, ſich dabei aber in Ermanglung beſſerer Zuhörer an die Hunde auf dem Teppich neben dem Kaminherd wandte. „Da ſeh mir einmal einer den ſaubern Patron an! Man begehrt von ihm, er ſoll ſich durch zwei in ihrer Weiſe ungewöhnlich angenehme Dinge— durch ein großes Vermögen und eine Frau— aufhelfen; man gewährt ihm ſechs Monate Friſt zur Freiwer⸗ bung(wir auf der Flotte hätten uns binnen ſechs Tagen mit Sack und Pack eine Frau geholt); es ſtehen ihm in verſchiedenen Theilen des Landes, wie ich beſtimmt weiß, ein volles Duzend netter Mäd⸗ chen zur Verfügung, unter denen er eine beliebige Auswahl treffen kann— und was thut er? Er ſizt, die Beine ſchläfrig vor ſich über einander ge⸗ ſchlagen, Monat um Monat da, läßt die Mädel um des Holzklozes willen ſich abhärmen und quält dann die Ohren ſeines Onkels beſtändig um den Grund warum! Ich bedaure die armen unglückſeligen Frauenzimmer. Die Männer waren zu meiner Zeit von Fleiſch und Blut gemacht, und zwar noch dazu in reichlicher Fülle. Gegenwärtig ſind ſie bloß leb⸗ loſe Maſchinen und Marionetten!“ „Ich kann nur wiederholen, Sir, daß es mich tief betrübt Sie beleidigt zu haben,“ ſagte Georg. „Pah! Pah! Du hüätteſt nicht nöthig mich auf ſo ſchläfrige Weiſe anzuſehen, wenn Du es wäreſt,“ unent ren, Benel Ich b Dame 5 Du a in des früher jezt 2 im K auf ei gehen jebige 2 Er er ge⸗ del um dann Grund ſeligen äreſt,“ 53 gab ihm der Admiral zurück.„Halte Dich an Dei⸗ nen Wein, und ich will Dir verzeihen. Deine Ge⸗ ſundheit, Georg! Ich bin froh Dich wieder zu Hei⸗ ligenkreuz zu ſehen. Schau einmal dieſe Schüſſel voll Schwammkuchen an! Die Köchin hat ſie zu Ehren Deiner Rückkehr heraufgeſchickt. Wir dürfen ihr Zartgefühl nicht verlezen und unſern Wein nicht verderben laſſen. Da!“ Der Admiral warf ſchnell vier Schwammkuchen nach einander hinunter, um ſie in dem Schlund der Hunde verſchwinden zu laſſen. „Es macht mir Kummer, Georg,“ fuhr der alte Gentleman mit tiefem Ernſte fort.„Es macht mir in der That ſchweren Kummer, daß Du Dein Auge auf keines dieſer niedlichen Mädchen geworfen haſt. Du weißt gar nicht, welchen Schaden Du Dir ſelbſt zufügſt— Du weißt gar nicht, was für Unruhe und Seelenſchmerz Du mir verurſachſt— durch Dein unentſchloſſenes mürriſches Benehmen.“ „Wenn Sie nur geſtatten würden mich zu erklä⸗ ren, Sir,“ verſetzte Georg,„ſo würden Sie mein Benehmen in einem ganz anderen Lichte erblicken. Ich bin bereit morgen ſchon zu heirathen, wenn die Dame mich haben will.“ „Du biſt ein wahrer Teufel! Nach all dem haſt Du alſo doch eine Dame ins Auge gefaßt? Warum in des Himmels Namen konnteſt Du mir das nicht früher ſagen? Laß es gut ſein— ich will Dir jezt Alles verzeihen, da ich weiß daß Dir ein Weib im Kopfe ſteckt. Fülle Dein Glas wieder. Trink auf einmal aus auf ihre Geſundheit! Im Vorbei⸗ gehen, wer iſt ſie denn?“ 54 „Das will ich Ihnen alsbald ſagen, Admiral. Als wir die Unterredung begannen, erwähnte ich daß ich ein wenig beſorgt wäre—“ „Aha, Meiſter Georg. Sie iſt keine von dem vollen Duzend netten Mädchen, das ſehe ich Dir ſchon an dem Geſichte an. Warum biſt Du be⸗ ſorgt?“ „Ich fürchte, Sie könnten meine Wahl mißbilligen, Sir.“ „Schlag nicht auf den Buſch! Wie zum Hen⸗ ker kann ich ſagen ob ich die Wahl mißbillige oder nicht, wenn Du mir nicht ſagen willſt, wer das Frauen⸗ zimmer iſt??“? „Sie iſt die älteſte Tochter des Andreas Van⸗ ſtone auf Rabenſchlucht.“ „Wer!!!“ „Fräulein Vanſtone, Sir.“ Der Admiral ſtellte ſein Glas Wein ungekoſtet nieder. „Du haſt Recht, Georg,“ ſagte er.„Ich miß billige Deine Wahl— ich mißbillige ſie auf das Höchlichſte.“ „Iſt es das Mißgeſchick ihrer Geburt, das Sie gegen ſie einzuwenden haben?“ „Gott bewahre! Das Miſßgeſchick iſt nicht die Schuld des armen Dinges. Du weißt ſo gut, wie ich, was ich gegen ſie einzuwenden habe,“ „Sie meinen ihre Schweſter?“ „Gewiß! Der nachſichtigſte Mann auf der Welt dürfte wohl meines Erachtens Einwendungen gegen ihre Schweſter zu machen haben.“ „0L Fehlſe C mächt um T 8 woller für 8 iſt re Ende und eines gezeie welch Frau ihr bitte an, ſtelle Van will beſte rock wen meir nige Noe nied geh niral. te ich dem h Dir u be⸗ lligen, Hen⸗ 2 oder rauen⸗ Van⸗ gekoſtet icht die ut, wie er Welt n gegen 5⁵ „Es iſt hart, Sir, Fräulein Vanſtone für die Fehlſchritte ihrer Schweſter büßen zu laſſen.“ „Fehlſchritte nennſt Du es? Du haſt ein mächtig bequemes Gedächtniß, Georg, wenn es ſich um Deine Intereſſen handelt.“ „Nennen Sie es Verbrechen, wenn Sie lieber wollen, Sir— ich ſage es wiederholt, es iſt hart für Fräulein Vanſtone. Fräulein Vanſtones Leben iſt rein von jedem Vorwurfe. Von Anfang bis zu Ende hat ſie ihr hartes Loos mit ſolcher Geduld und Sanftheit und Muth ertragen, wie wohl nicht eines von tauſend Frauenzimmern an ihrer Stelle gezeigt haben würde. Fragen Sie Fräulein Garth, welche ſie von ihrer Kindheit auf kennt. Fragen Sie Frau Tyrrel, die den Tag ſegnet, an welchem ſie in ihr Haus kam—“ „Frag den Teufel und ſeine Großmutter! Ich bitte um Pardon, Georg, aber Du legſt es darauf an, die Geduld eines Heiligen auf die Probe zu ſtellen. Mein guter Burſche, ich ziehe Fräulein Vanſtones Eigenſchaften keineswegs in Abrede; ich will gerne zugeben, wenn Du willſt, daß ſie das beſte Frauenzimmer iſt, welches jemals einen Unter⸗ rock angehabt hat. Das iſt nicht die Frage—“ „Entſchuldigen Sie, Admiral— es iſt die Frage, wenn ſie meine Frau werden ſoll.“ „Höre mich ganz aus, Georg. Sieh es von meinem Geſichtspunct an, ſo gut wie von dem Dei nigen. Was that dein Vetter Noel? Dein Vetter Noel, der arme Burſche, ſiel als ein Opfer eines der niederträchtigſten Anſchläge, von denen ich jemals gehört habe— und die erſte Triebfeder dieſes An⸗ ſchlags war Fräulein Vanſtones fluchwürdige Schwe⸗ ſter. Sie hinterging und überliſtete ihn auf die ſchändlichſte Weiſe, und als ſie ein hübſches Legat in ſeinem Teſtamente für ſich ausgeſezt wußte, hatte ſie das Gift in Bereitſchaft, um ihm das Leben zu nehmen. Das iſt die volle Wahrheit— wir haben es von Frau Lecount erfahren, welche das Gift⸗ fläſchchen in dem Zimmer derſelben verſchloſſen fand. Wenn Du Fräulein Vanſtone heiratheſt, ſo machſt Du dieſe elende Perſon zu Deiner Schwägerin. Sie wird ein Mitglied unſerer Familie. Alle Schand⸗ thaten, die ſie ſchon begangen, alle Schandthaten, die ſie noch begehen wird— und der Teufel der in ihr ſteckt allein weiß wie weit ſie das nächſte Mal geht— werden auch auf unſere Rechnung geſezt werden. Heiliger Gott, Georg, bedenke was das für eine Lage iſt. Bedenke, auf welche Spitze Du es treibſt, wenn Du dieſes Weibsbild zu Deiner Schwägerin machſt.“ „Sie haben jezt die Frage Ihrerſeits beleuchtet, Admiral,“ ſagte Georg entſchloſſen, nun will ich ſie meinerſeits beleuchten. Eine junge Dame, mit der ich unter ſehr intereſſanten Verhältniſſen zuſammen⸗ treffe, macht einen gewiſſen Eindruck auf mich. Ich gebe mich nicht ſo kopfüber dieſem Eindruck hin, wie ich wohl gethan haben würde, wenn ich etliche Jahre jünger geweſen wäre— ich warte und ſtelle erſt eine Probe an. So oft ich dieſe junge Dame ſehe, wird der Eindruck verſtärkt; ihre Schönheit ver⸗ größert ſich vor meinen Augen, ihr Character zieht mich immer mehr an. Wenn ich von ihr entfernt bin, befällt mich Unruhe und Mißvergnügen; wenn ich wi ſten 2 ſonen, rung die ich ſtoß, ſchick iſt, de die il Umſte gebe Fräul ſie li treffli Contr einem kann Wunſ unend ſuchen Schwe meine ner] Unhei digkei laſſen Recht Sache mit Alles wärti faſſen deiner ichtet, ch ſie t der imen⸗ 30 , wie Jahre e erſt ſehe, ver⸗ zieht tfernt wenn 57 ich wieder bei ihr bin, fühle ich mich den glücklich⸗ ſten Mann auf der Welt. Alles, was ich von Per⸗ ſonen, die ſie ganz genau kennen, über ihre Auffüh⸗ rung höre, beſtärkt und befeſtigt die hohe Meinung, die ich mir von ihr gebildet habe. Der einzige An⸗ ſtoß, den ich entdecken kann, wird durch ein Mißge⸗ ſchick veranlaßt, für welches ſie nicht verantwortlich iſt, das Mißgeſchick nämlich, eine Schweſter zu haben, die ihrer äußerſt unwürdig iſt. Soll nun dieſer Umſtand— allerdings ein ſehr leidiger Umſtand, das gebe ich zu— alle jene herrlichen Eigenſchaften in Fräulein Vanſtone zernichten, um derentwillen ich ſie liebe und bewundere. Nichts der Art— jene trefflichen Eigenſchaften alle werden mir durch den Contraſt nur noch um ſo ſchäzbarer. Wenn ich mit einem Anſtoß zu kämpfen haben ſoll— und wer kann verlangen, daß ihm auf der Welt Alles nach Wunſch geht— ſo will ich dieſen Anſtoß doch noch unendlich lieber bei der Schweſter meiner Frau zu ſuchen haben, als bei meiner Frau ſelbſt. Die Schweſter meiner Frau iſt nicht weſentlich nöthig zu meinem Glücke, aber meine Frau iſt es. Nach mei⸗ ner Meinung, Sir, hat Frau Noel Vanſtone ſchon Unheil genug angeſtiftet— ich ſehe keine Nothwen⸗ digkeit ein, ſie noch mehr Unheil dadurch ſtiften zu laſſen, daß ſie mich um eine brave Frau bringt. Recht oder Unrecht, das iſt meine Anſchauung der Sache. Es iſt mein Wunſch durchaus nicht, Sie mit irgend welchen Gefühlsfragen zu behelligen. Alles was ich zu ſagen begehre, iſt, daß ich gegen⸗ wärtig alt genug bin, um einen reifen Entſchluß zu faſſen— und daß mein Entſchluß wirklich gefaßt 58 iſt. Wenn meine Verheirathung die Grundbedingung für die Ausführung Ihrer Abſichten in Betreff mei⸗ ner Perſon iſt, ſo erkläre ich hiemit, daß es nur ein Frauenzimmer in der Welt gibt, welches ich heirathen kann, und dieſes Frauenzimmer iſt Fräu⸗ lein Vanſtone.“ Gegen dieſe offene Erklärung gab es keinen Wi⸗ derſtand mehr. Admiral Bartram ſtand von ſeinem Stuhle auf, ohne ein Wort zu erwiedern, und ſchritt voll heftiger Gemüthsunruhe im Zimmer auf und ab. Die Sachlage war wirklich eine ſehr bedenkliche. Frau Girdleſtones Tod hatte bereits das Fehlſchla⸗ gen eines der Projecte zur Folge, die in dem Ge⸗ heimbrief auf das Tapet gebracht worden waren. Wenn der dritte Mai anbrach und Georg noch als Junggeſellen fand, ſo mußte dann auch das zweite, (und lezte) Project der Reihe nach fehlgeſchlagen haben. In wenig mehr als vierzehn Tagen läng⸗ ſtens mußte das Aufgebot in der Kirche zu Oſſory erfolgen, denn ſpäter würde es außerdem an Zeit zur Erfüllung einer der Bedingungen fehlen, worauf der geheime Zuſazartikel beſtand. So hartnäckig der Admiral auch von Natur war, ſo durchdrungen er ſich auch von der Richtigkeit der Einwendungen fühlte, die gegen ſeines Neffen beabſichtigte Verbin⸗ dung vorgebracht werden konnten, ſo prallte er deſſen ungeachtet wider ſeinen Willen zurück, als er das Zimmer durchſchritt und von jeder Seite her ſicht die Thatſachen unbeweglich ins Geſicht ſtarren ſah. „Haſt Du Dich mit Fräulein Vanſtone ſchon eingelaſſen?“ fragte er plözlich. „Nein, Sir,“ entgegnete Georg.„Ich glaubte ngung f mei⸗ s nur es ich Fräu⸗ n Wi⸗ ſeinem ſchritt nd ab. nkliche. glſchla⸗ m Ge⸗ waren. cch als zweite, hlagen läng⸗ Oſſory n Zeit vorauf tnäckig rungen dungen derbin⸗ deſſen er das er ſich en ſah. ſchon glaubte 59 es Ihrer immer gleichförmigen Güte gegen mich ſchuldig zu ſein, zuerſt über den Gegenſtand mit Ihnen zu ſprechen.“ „Sehr verbindlich, ganz gewiß. Und Du haſt es bis zum lezten Augenblick aufgeſchoben mit mir zu ſprechen, gerade wie Du alles andere aufgeſcho⸗ ben haſt. Glaubſt Du, Fräulein Vanſtone werde Ja ſagen, wenn Du ſie fragſt?“ Georg zögerte. „Der Teufel hole Deine Beſcheidenheit!“ rief der Admiral.„Jezt iſt keine Zeit zum Beſcheidenthun, jezt iſt es Zeit zum Sichausſprechen. Wird ſie Ja ſagen oder nicht?“ „Ich denke, ſie wird Ja ſagen, Sir.“ Der Admiral ſchlug ein ſardoniſches Gelächter an und that einen abermaligen Gang durch das Zimmer. Plözlich machte er Halt, ſteckte ſeine Hände in die Taſche und ſtand an einer Ecke in tiefen Ge⸗ danken ſtill. Nach Verfluß von einigen Minuten klärte ſich ſein Geſicht ein wenig auf. Es leuchtete in der Morgendämmerung einer neuen Idee. Er kehrte lebhaft wieder an Georgs Seite am Feuer zurück und legte ſeine Hand freundlich auf die Schul⸗ ter ſeines Neffen. „Du haſt Unrecht, Georg,“ ſagte er—„aber es iſt ebenfalls zu ſpät jezt die Sache wieder gut zu machen. Am ſechszehnten des nächſten Monats muß das kirchliche Aufgebot zu Oſſory erfolgt ſein oder Du gehſt des Geldes verluſtig. Haſt Du Fräu⸗ lein Vanſtone die Lage in der Du dich befindeſt mit⸗ getheilt? Oder haſt Du das auch bis zur eilften Stunde aufgeſchoben wie ſonſt Alles?“ 60 „Die Lage iſt ſo außergewöhnlich, Sir, und könnte leicht zu einer ſtarken Mißdeutung meiner Motive führen, ſo daß ich mich nicht geneigt fühlte darauf anzuſpielen. Ich ſehe ſchwer ein, wie ich überhaupt mit ihr darüber reden kann.“ „Mache einmal den Verſuch es ihren Freunden mitzutheilen. Seze ſie in Kenntniß, daß es ſich um eine Geldfrage handelt, und ſie werden gewiß über ihre Bedenklichkeiten hinüberkommen, wenn Du es auch nicht kannſt. Aber das iſt es nicht, was ich Dir zu ſagen hatte. Wie lange gedenkſt Du dieß⸗ mal hier zu verweilen?“ „Ich dachte, ein Paar Tage, und dann—“ „Und dann nach London zurückzugehen, vermuthe ich, und Deine Werbung anzubringen. Wird eine ſ Woche Zeit Dir genügen, um eine Gelegenheit zur Verſtändigung mit Fräulein Vanſtone herauszufinden — eine Woche von den vierzehn Tagen, oder haſt Du Deine Zeit noch mehr ſparen 54 „Ich will mit Vergnügen eine Woche hier blei⸗ ben, Admiral, wenn Sie es wünſchen.“ „Ich wünſche es nicht. Ich wünſche vielmehr daß Du deine Leimrüthlein heut einpackſt und Dich morgen damit aufmachſt.“ Georg ſchaute ſeinen Onkel mit ſchweigendem Erſtaunen an. „Als Du hier anlangteſt, warteten einige Briefe auf Dich,“ fuhr der Admiral fort.„War nicht einer dieſer Briefe von meinem alten Freund, Herrn Franklin Brock?“ „Ja, Sir.“ , und meiner fühlte vie ich eunden ich um ß über Du es oas ich n dieß⸗ rmuthe d eine eit zur ufinden er haſt r blei⸗ elmehr d Dich gendem Briefe nicht Herrn 61 „War es eine Einladung an Dich, den Meierhof zu beſuchen und einige Zeit dort zu verweilen?“ „Ja, Sir.“ „Auf der Stelle dahinzugehen?“ „Auf der Stelle, wenn ich es ſo einrichten könnte.“ „Ganz gut. Ich wünſche daß Du es ſo einrich⸗ teſt. Ich wünſche daß Du morgen nach dem Meier⸗ hof aufbrichſt.“ Georg ſchaute zurück auf das Feuer und ſeufzte ungeduldig. „Ich verſtehe Sie jezt, Admiral,“ ſagte er. Sie aber befinden ſich betreffs meiner Perſon in voll⸗ kommenem Irrthum. Meine Zuneigung zu Fräulein Vanſtone iſt nicht auf dieſe Weiſe zu erſchüttern.“ Admiral Bartram nahm ſeinen Hinterverdecks⸗ ſchritt im Zimmer auf und ab wieder an. „Eine Gefälligkeit verdient die andere, Georg,“ ſagte der alte Herr.„Wenn ich mich dazu verſtehe Dir meinerſeits Zugeſtändniſſe zu machen, ſo iſt das Geringſte was Du thun kannſt, mir auf halbem Wege entgegenzukommen und mir ebenfalls Zuge⸗ ſtändniſſe zu machen.“ „Ich ziehe das nicht in Abrede, Sir.“ „Nun gut. Jezt höre einmal meinen Vorſchlag. Leih mir ein geneigtes Ohr, Georg— ein geneigtes Ohr iſt jeden Mannes Vorrecht. Ich will nur ohne Umſtände gleich beginnen. Fern ſei es von mir in Abrede ziehen zu wollen, daß Du aufrichtig glaubſt, Fräulein Vanſtone ſei das einzige Weib auf der Welt, das Dich glücklich machen könne. Dieſe Frage will ich gar nicht aufwerfen. Meine Frage geht nur dahin, ob Du Dein Herz wirklich ſo genau kennſt wie Du es zu kennen glaubſt. Du kannſt nicht läugnen, Georg, daß Du ſeiner Zeit mit einer hübſchen Anzahl von Frauenzimmern geliebelt haſt? Unter andern biſt Du auch mit Fräulein Brock in einem Liebesverhältniß geſtanden. Es iſt nicht mehr als ein Jahr ſeitdem verfloſſen, daß ſich zulezt eine unbemerkte Zärtlichkeit zwiſchen Dir und jener jungen Dame entſponnen hat. Und das war auch ganz recht! Fräulein Brock iſt eine von jenen Duzend Heirathscandidatinnen, deren ich bei unſerem erſten Glaſe Wein Erwähnung that.“ „Sie verwechſeln, Sir, eine müſſige Liebestände⸗ lei mit einer ernſtlichen Neigung,“ ſagte Georg. „Sie befinden ſich völlig im Irrthum, wahrhaftig und in der That.“ „Wohl möglich; ich mache keinen Anſpruch auf Unfehlbarkeit meiner Anſichten— ich überlaſſe das Perſonen, die jünger ſind, als ich. Aber ich habe Dich zufälliger Weiſe kennen gelernt, Georg, ſeit Du in dem Brennpunct meines alten Fernrohrs ſtandſt; und ich verlange deßwegen daß dieß dein angeblich ernſtliches Verhältniß die Feuerprobe durchmache. Wenn Du mich zur Befriedigung überzeugen kannſt, daß dein ganzes Herz und deine ganze Seele ſo feſt und unwandelbar, wie Du dir einbildeſt, an Fräu⸗ lein Vanſtone hängt— ſo muß ich mich vor der Nothwendigkeit beugen und meine Einwendungen hinunterſchlucken. Aber ich muß mich vorher zur Genüge überzeugen. Reiſe morgen nach dem Meier⸗ hof ab und verweile daſelbſt eine Woche lang in Fräulein Brocks Geſellſchaft. Biete dieſem reizenden Nädchen eine hübſche Gelegenheit, die alte Liebes⸗ flamn dann das Mann Vanſt ſei, ſ Einw gen den 1 gegen Es n Capri alte2 heit viellen lezten ein c wenu wirſt. C Kami die S und zärtli war weſen Sir,“ iſt. zu g komm iſt, kannſt t einer haſt? rock in t mehr zzt eine jungen ) ganz Duzend erſten Stände⸗ Georg. rhaftig uch auf ſſe das ch habe ſeit Du ſtandſt; geblich hmache. kannſt, ſo feſt Fräu⸗ vor der dungen her zur Meier⸗ lang in izenden Liebes⸗ 63 flamme wieder anzufachen, wenn ſie kann— und dann komme nach Heiligenkreuz zuruͤck und laß mich das Reſultat hören. Wenn Du mir als ehrlicher Mann erklärſt, daß deine Zuneigung zu Fräulein Vanſtone noch immer unerſchüttert dieſelbe geblieben ſei, ſo ſollſt Du von dieſem Augenblick an die lezte Einwendung von mir gehört haben. Welche Ahnun⸗ gen und Beſorgniſſe mir auch in der Seele ſchwan⸗ den mögen; ich will Nichts ſagen und Nichts thun gegen Deine Wünſche. Das iſt mein Vorſchlag. Es mag deinen Augen vielleicht als eine närriſche Caprice eines alten Mannes erſcheinen. Aber der alte Mann will Dich nicht länger mehr in Ungewiß⸗ heit und Unruhe laſſen, Georg— und es dürfte vielleicht die Erinnerung, daß Du dich in ſeinen lezten Tagen noch in ſeine Laune gefügt haſt, Dir ein angenehmes und wohlthuendes Gefühl erwecken, wenu Du ſelbſt ſchon eigene Söhne erhalten haben wirſt.“ Er trat bei dieſen Worten an ſeinen Plaz am Kamin zurück und legte wiederholt ſeine Hand auf die Schulter ſeines Neffen. Georg ergriff die Hand und drückte ſie mit herzlicher Inbrunſt. In dem zärtlichſten und buchſtäblichſten Sinne des Wortes war ihm der Onkel ſtets ein wahrer Vater ge⸗ weſen. „Ich will thun, was Sie von mir verlangen, Sir,“ erwiederte er,„wenn es Ihr ernſtlicher Wunſch iſt. Doch halte ich es für angemeſſen, Ihnen dabei zu gleicher Zeit zu erklären, daß der Verſuch voll⸗ kommen nuzlos ſein wird. Wenn es Ihnen lieber iſt, daß ich die Woche auf dem Meierhof zubringe, ſtatt hier zu bleiben— ſo will ich mich auf den Meierhof begeben.“ „Dank Dir, Georg;“ ſagte der Admiral in ſeiner derben Weiſe.„Ich erwartete ſo viel von Dir, und Du haſt meine Hoffnung nicht getäuſcht. Wenn Fräulein Brock uns nicht aus der Patſche heraus⸗ hilft,“ dachte der verſtändige alte Gentleman,„ſo hat ſich der wetterwendiſche Kopf meines Neffen gewal⸗ tig geändert! Wir wollen die Frage für heute Abend jezt als erledigt betrachten, Georg,“ fuhr er laut fort,„und über etwas Anderes ſprechen. Dieſe Familienſorgen ſollen dem Feuer und Geſchmack meines alten Claret keinen Eintrag thun. Die Flaſche ſteht bei Dir dort. Was macht man auf dem Thea⸗ ter in London? Wir haben dem Theater zu meiner Zeit fortwährend ein beſonderes Augenmerk auf der Flotte gewidmet. Wir pflegten eine Unterhaltung, die mit einer guten Tragödie begann und mit einem luſtigen Tanz zu der Bockspfeife endete, ausnehmend zu lieben.“ Für den übrigen Theil des Abends floß das Ge⸗ ſpräch in ſeinem gewöhnlichen Bette dahin. Nur daß Admiral Bartram, als er ſeinen Neffen verließ und gute Nacht ſagte, auf den verbotenen Gegenſtand noch einmal zurückkam. „Du wirſt es morgen nicht vergeſſen, Georg?“ „Gewiß nicht, Sir. Ich will das Chaischen nehmen und nach dem Frühſtück fortfahren.“ Vor Mittag des folgenden Tages hatte Herr„D Georg Bartram das Haus verlaſſen und mit ihm war die lezte Ausſicht zu Magdalenens Gunſten ent⸗ ſchwunden. Al⸗ Heilige Bedien konnte chen n geordn ſchickt zurück bitten warturn die hö und F um ſi überzer zur G chens, bloß 1 oder lehnte den N nehme. Wirku if den ſeiner „ und Wenn eraus⸗ ſo hat gewal⸗ heute uhr er Dieſe chmack Kaſche Thea⸗ meiner uf der lltung, einem hmend 18 Ge⸗ Nur verließ nſtand org 2 4 nischen Herr it ihm n ent⸗ 65 Viertes Capitel. Als am Tage vor Georg Bartrams Abreiſe zu Heiligenkreuz wie gewöhnlich die Klingel, welche die Bedienung bei der Mittagstafel herbeirief, erſcholl, konnte man wahrnehmen, daß das neue Zimmermäd⸗ chen nicht bei Tiſche erſchien. Eins von den unter⸗ geordneten Dienſtmädchen wurde in ihr Zimmer ge⸗ ſchickt um nachzuſehen. Sie kam mit der Nachricht zurück, daß„Luiſe“ ſich etwas unpaß fühle und bitten laſſe, man möchte ſie für heute von der Auf⸗ wartung bei Tiſche freiſprechen. Auf dieſes wurde die höhere Autorität der Haushälterin aufgeboten, und Frau Drake ging unverweilt die Treppe hinauf, um ſich in eigener Perſon von der Wahrheit zu überzeugen. Ihr erſter forſchender Blick zeigte ihr zur Genüge, daß das Unwohlſein des Zimmermäd⸗ chens, mochte es nun herrühren woher es wollte, kein bloß vorgeſchüztes war, um vielleicht eine Trägheit oder Eigenſinnigkeit derſelben zu bemänteln. Sie lehnte es in ehrerbietigen Ausdrücken ab, eines von den Mitteln, welche ihr die Haushälterin anbot, zu nehmen, und bat ſich bloß die Erlaubniß aus, die Wirkung eines Spaziergangs in der friſchen Luft zu verſuchen. „Ich bin gewohnt geweſen mir mehr Bewegung zu machen, Madame, als ich hier thue,“ ſagte ſie. „Dürfte ich wohl in den Garten hinausgehen und es probiren, ob mir nicht die friſche Luft gut bekommt?“ „Sicherlich. Können Sie allein gehen? Oder ſoll ich Ihnen Jemanden zuſchicken?“ Collins, Namenlos. V. 5 „Ich will allein gehen, wenn Sie es erlauben dher de Madame.“ lichen 3 „Ganz recht. Sezen Sie Ihren Hut auf umd Steine werfen Sie Ihren Shawl um— und wenn Sie hin Weſen auskommen, ſchlagen Sie die Richtung nach dem egenwe öſtlichen Garten ein. Der Admiral geht manchmal Ihr in dem nördlichen Garten ſpaziren, und es könnte ihren be ihn möglicher Weiſe unangenehm berühren Sie dor ſiz hine zu treffen. Kommen Sie auf mein Zimmer, wenn Schooß Sie hinlänglich Luft geſchöpft und ſich genug Be ben aus wegung gemacht haben, und laſſen Sie mich ſehen ſitterten wie Sie ſich befinden.“„Wi Einige Minuten ſpäter befand ſich Magdalent ließ dieß in dem öſtlichen Garten draußen. Der Himmel wa An klar und ſonnig— aber der kalte Schatten des eine fur Hauſes breitete ſich über den Gartengang hin und die Ent kühlte die mittägliche Sonnenluft empfindlich ab ten, un Sie ſchritt auf die Ruinen des alten Kloſters zu, lichſten das auf der Südſeite der mehr modernen Häuſer derſelbe reihe ſtand. Hier befanden ſich einzelne offen Bartran Räume, um im Freien Luft zu ſchöpfen, hier ſtahe gefühlt, len ſich, als einladende heitere Vorboten des nahen glücks den Frühlings, die Strahlen der noch blaſſen Märg Dieſe e ſonne durch die Lücken von Verödung und Verfall. Vereitlu Sie ſtieg drei oder vier zerklüftete ſteinerne Stu ſtandskr fen hinauf und ſezte ſich auf einige Ruinſtücke hinten rufen h denſelben, die vom vollen Sonnenlicht beſchienen Schrecke waren. Der Plaz, den ſie ſich ausgewählt hatte überwä war einſt der Eingang zur Kirche geweſen. Inals ob längſt dahingerauſchten Jahrhunderten war der Stron welche menſchlicher Sünder und menſchlicher Dulder Tag bereits für Tag hiehergefluthet zu dem Beichtſtuhl, gerade Aber e 67 lauben ober dem Plaze wo ſie ſaß. Von all den unglück⸗ 4 lichen Frauen, welche in verfloſſener Zeit dieſe alten uf und Steine betreten hatten, hatte wohl kein elenderes ie hin Weſen dieſelben berührt, als das Weib deſſen Füße ch den gegenwärtig auf ihnen ruhten. nchmal Ihre Hände zitterten, als ſie dieſelben neben könnte ihren beiden Seiten aufſtüzte, um ſich auf den Stein⸗ ie dor ſiz hinaufzuhelfen. Sie legte dieſelben auf ihren wen Schooß— ſie zitterten auch da. Sie ſtreckte dieſel⸗ ug Be ben aus und blickte verwundert darauf hin— ſie H ſehen zitterten als ſie darauf hinſchaute. „Wie ein altes Weib!“ ſagte ſie matt— und gdalen ließ dieſelben wieder auf die Seite hinabſinken. iel wan An dieſem Morgen zum erſten Mal hatte ſich en des eine furchtbare Entdeckung ihrer Seele aufgedrängt, in und die Entdeckung nämlich, daß ihre Kräfte ihr verſag⸗ ich ab ten, und zwar zu einer Zeit, wo ſie am zuverſicht⸗ ers zu lichſten darauf gebaut hatte, zu einer Zeit, wo ſie Häuſer derſelben am meiſten bedurfte. Sie hatte über Herrn offen Bartrams unerwartete Abreiſe eine ſolche Beſtürzung er ſtah gefühlt, als ob es ein Schlag des entſezlichſten Un⸗ nahen⸗ glücks geweſen wäre, das ſie hätte betreffen können. Mär Dieſe einzige Vereitlung ihrer Hoffnungen— eine eerfall. Vereitlung, welche zu jeder andern Zeit ihre Wider⸗ ne Stu ſtandskraft nur zu neuen Anſtrengungen wachge⸗ e hinter rufen hätte— hatte ſie mit einem ſo erſtickenden ſchienen Schrecken durchdrungen, hatte ſie mit einer ſo Alles hatte überwältigenden Verzweiflung zu Boden geſchmettert, n. Inals ob durch ihre Vertreibung von Heiligenkreuz, Strom welche ihrem Unſtern die Krone aufgeſezt hätte, er Tag bereits alle ihre Pläne vereitelt geweſen wären. gerade Aber ein warnendes Zeichen hielt dieſer Wechſel 68 vor ihr geiſtiges Auge. Innerhalb eines Zeit⸗ raums von wenig mehr als einem Jahre hatte ſie die erſchöpfenden und verderblichen Aufregungen⸗ des Lebens in Hülle und Fülle durchgemacht. Die wohlthätigen Gaben der Geſundheit und Kraft welche von der Natur mit ſo verſchwenderiſchen Hand in ihr angehäuft worden waren, und mit welchen ſie ſo lange Zeit Mißbrauch getrieben hatte ließen ſie endlich im Stiche. Sie blickte auf zu dem fernen mattblauen Fir⸗ mament. Sie hörte die fröhlichen Geſänge der Vögel unter dem Epheugeſtrippe, das die Ruinen bedeckte. Ach, die kalte Entfernung des Himmels! Ach, das theilnahmloſe Glück der Vögel! Ach, der ſchauderhafte Gedanke, einſam hier zu ſizen unmd ſich alt und ſchwach und abgelebt zu fühlen mitten in den Roſentagen der Jugend! Sie erhob ſich mit dem lezten Aufwand von Entſchloſſenheit und ver ſuchte das hyſteriſche Gefühl, das ihr nun das Hen anſchwellte, durch Bewegung und Umſichſchauen dar⸗ niederzuhalten. Raſch und immer raſcher ſchritt ſir in dem Sonnenſchein auf und ab. Die Bewegung nüzte ihr durch die wirkliche Ermüdung, welche ſie zulezt davon fühlte. Sie drängte die hervorbrechen⸗ den Thränen mit verzweifelter Gewalt in ihre Quel len zurück. Sie kämpfte mit dem ſich feſt anklam⸗ mernden Schmerz und zerrte ihn mit aller Macht von ſeinem Anhaltspuncte hinweg. Allmählig be⸗ gann ihr Geiſt ſich wieder aufzuklären, die verzwei felnde Furcht miſchte ſich weniger lebhaft mehr 1 ihre Gedanken ein. Sie fühlte in ſich noch unver ſiegte Quellen von Jugend und Kraft, verſpürte noch in ſich nomme tigt w No Spazie Gebiet An bleibſe ſtande wo die vor eit den. über 1 hölzern mächer mannit nüzt. ſchloß bloß tiſche ſchloß unterſt auch welcher war, den G zuhalte Di Garter der zu Möbel gem 4 8 Zeit zatte ſie egungen ſt. Die Kraft deriſchen ind mit n hatte ten Fir ige der Ruinen mmels ich, der en und mitter ſich mit nd ver as Her nen dar hritt ſi wegung elche ſie brechen⸗ te Quel anklam⸗ Machl hlig be verzwei mehr in unver rte noch 69 in ſich einen Geiſt, der zwar ſchon arg mitge⸗ nommen, aber noch lange nicht völlig überwäl⸗ tigt war. Nach und nach dehnte ſie die Grenzen ihres Spaziergangs aus und verlor ſich allmählig in das Gebiet aufmerkſamer Beobachtung. Am weſtlichen Ende befanden ſich die Ueber⸗ bleibſel des Kloſters in einem weniger ruinöſen Zu⸗ ſtande, als an dem öſtlichen. An einigen Stellen, wo die mächtigen alten Mauern noch ſtanden, waren vor einiger Zeit Ausbeſſerungen vorgenommen wor⸗ den. Man hatte Dächer von rothen Ziegelſteinen über vier von den alterthümlichen Zellen improviſirt, hölzerne Thüren hinzugefügt und dann die alten Ge⸗ mächer der Mönche als Schuppen zur Aufbewahrung mannigfachen alten Gerümpels von Heiligenkreuz be⸗ nüzt. An keiner der Thüren war ein Vorhänge⸗ ſchloß angebracht. Magdalene brauchte dieſelben bloß aufzuſtoßen und das Tageslicht auf die chao⸗ tiſche Unordnung drinnen hineinzulaſſen. Sie ent⸗ ſchloß ſich dieſe Rumpelkammern nach einander zu unterſuchen— nicht aus Neugierde und Vorwiz, auch nicht mit dem Gedanken, Entdeckungen irgend welcher Art zu machen. Ihre einzige Abſicht dabei war, die leere Zeit auszufüllen und alle entnerven⸗ den Gedanken von der Rückkehr in ihren Geiſt ab⸗ zuhalten. Die erſte der Hütten, welche ſie öffnete, enthielt Gartengeräthſchaften großer und kleiner Art. In der zweiten war ein Durcheinander von zerbrochenen Möbelſtücken, leeren Gemälderahmen von wurmſtichi⸗ gem Holz, zertrümmerten Gefäßen, Schachteln ohne 70 Deckel, und Bücher mit abgeriſſenem Einband. Als Magdalene ſich umwandte, um nach einem gleichgit⸗ tigen Blick rings auf den wirren Plunder den Schuppen zu verlaſſen, ſtieß ihr Fuß an Etwas auf dem Boden, das an ein zerbrochenes Porzellanſtüt daneben anklirrte. Sie hielt inne und entdeckte das der klirrende Gegenſtand ein roſtiger Schlüſſel war Sie hob den Schlüſſel auf und ſah ihn an. Si trat in das Freie hinaus und überlegte ein wenig. Es ſtand zu vermuthen, daß noch mehr alte ver geſſene Schlüſſel in den Rumpelkammern liegen könnten. Wie, wenn ſie alle die ſie finden konnt auflas und einen nach dem andern in den Schlöſſen der ihr bis jezt verſchloſſenen Schränke und Behälten probirte? War es nicht leicht möglich, daß einen davon geeignet war, den gewagten Verſuch mit Er⸗ folg zu krönen. Wenn die Schlöſſer zu Heiligenkreu eben ſo alterthümlich waren wie die Möbel— wem es keine künſtlichen und durchdachten Schuzmaßregeln neuerer Erfindung zu bekämpfen gab— ſo ſtand vie Möglichkeit über jedem Zweifel erhaben. Wer konnte ſagen ob der Schlüſſel den ſie wirklich in der Hand hatte, nicht ein verlorenes Duplicat eines der Schlüſſel in dem Gebäude des Admirals war? I Ermanglung andrer Mittel, um den Weg zum Ziele zu finden, war der Verſuch ſchon des Wagens werthe Ein Schimmer des alten Geiſtes blizte aus ihren müden Augen, als ſie umkehrte und wieder in der Schuppen trat. Eine halbe Stunde ſpäter war die Zeit verſoje die ſie in der freien Luft zuzubringen ſich erlaube durfte. In dieſer Zeit hatte ſie die Rumpelkammern rin ir Trepy bei d gema⸗ waren ſönlic ſie pl gemat war ſchlag von Worte des bemäc aller vertre von. wachſ für e E und Magt d. Als gleichgir der den was auf llanſtüt eckte da ſel war in. Si wenig alte ver liegen n konnt chlöſſer Behälten aß einer mit Er⸗ genkreuf — wem aßregel ſo ſtand 1. Wer h in der ines der r? I im Ziele s werth s ihre in der erfloſſen erlauben ammern 71 von der erſten bis zur lezten durchſucht und noch weitere fünf Schlüſſel gefunden. „Fünf Ausſichten mehr!“ dachte ſie bei ſich ſelbſt, als ſie die Schlüſſel verbarg und haſtig in das Haus zurückkehrte. Nachdem ſie zuerſt ihre Rückkehr der Haushälte⸗ rin in deren Zimmer angemeldet hatte, ging ſie die Treppe hinauf, um Hut und Shawl abzulegen und bei dieſer Gelegenheit die Schlüſſel in ihrem Schlaf⸗ gemach zu verbergen, bis die Nacht anbräche. Sie waren dick mit Roſt und Koth überzogen; aber ſie wagte ſie noch nicht zu ſäubern, bis die Schlafens⸗ zeit ſie in der Einſamkeit ihres Zimmers den ſpä⸗ henden Augen der Dienſtmägde entzog. Als die Eſſensſtunde ſie wie gewöhnlich in per⸗ ſönliche Berührung mit dem Admiral brachte, wurde ſie plözlich durch eine Veränderung an ihm betroffen gemacht. Zum erſten Mal nach ihrer Erfahrung war der alte Gentleman ſchweigſam und niederge⸗ ſchlagen. Er aß weniger als gewöhnlich und ſprach von Anfang bis Ende der Mahlzeit kaum fünf Worte mit ihr. Irgend ein unliebſamer Gegenſtand des Nachdenkens hatte ſich ſichtlich ſeines Geiſtes bemächtigt und ſezte ſich hartnäckig darin feſt, troz aller Bemühungen des Admirals ihn daraus zu vertreiben. Den ganzen Abend hindurch ſann ſie von Zeit zu Zeit ſich verwundernd und mit immer wachſender Betretenheit darüber nach, was das wohl für ein Gegenſtand ſein könnte.. Endlich waren die trägen Abendſtunden verfloſſen und die Zeit zum Schlafengehen erſchien. Ehe Magdalene dieſe Nacht ſich zur Ruhe begab, hatte 72 ſie die Schlüſſel von allen Unſauberheiten gereinigt und die Bärte eingeölt, damit ſie ſachte in die Schlöſſer hineingingen. Die lezte noch übrig blei⸗ bende Schwierigkeit war die Wahl der Zeit, zu welcher ſie ohne die geringſte Gefahr einer Unter⸗ brechung oder Entdeckung den Verſuch wagen ſollte. Nachdem Magdalene dieſe Frage über Nacht in ſorgfältige Erwägung gezogen hatte, kam ſie bloß zu dem Entſchluß, es abzuwarten und ſich durch die Ereigniſſe am folgenden Tag leiten zu laſſen. Der Morgen brach an und zum erſten Mal zu Heiligen⸗ kreuz entſprachen die Ereigniſſe der Hoffnung, welche. ſie auf dieſelben geſezt hatte. Der Morgen brach⸗ an— und die einzige noch übrige Schwierigkeit, die ſie in Verlegenheit ſezte, wurde unerwarteter Weiſe durch keine geringere Perſon, als den Admi⸗ ral ſelbſt, aus dem Wege geräumt. Zu Jedermanns Erſtaunen im Hauſe kündigte er beim Frühſtück an⸗ daß er Anordnung getroffen habe, binnen einer Stunde nach London abzureiſen, daß er die Nacht in der Stadt zubringen würde und daß man am folgenden Tage zur Zeit des Mittageſſens auf ſeine Rückkehr zählen könne. Er gab weder der Haushäl⸗ terin noch ſonſt Jemand eine weitere Aufklärung, aber es war leicht zu erſehen, daß ſein Geſchäft in London in ſeinen eigenen Augen von außerordent⸗ licher Wichtigkeit war. Er ſchlang ſein Frühſtüch mit ungeſtümer Haſt hinunter, und wartete dann ungeduldig auf den Wagen, bis er an dem Haus⸗ thor vorfuhr. Erfahrung hatte Magdalene gelehrt vorſichtig zu 4 ſein. Sie wartete noch eine Weile nach Admiral Bart Schl an. mira Gem tat Beſe keit inner lang⸗ die ſo v der terne felha laſſer Nach ihre ſchwe Uebe noch Nach 5 Wen ſie l ſich ihre Schl horch ſchli ereinigt in die g blei⸗ eit, zu Unter⸗ ſollte. acht in ie bloß irch die Der eiligen⸗ welche brach rrigkeit, varteter Admi⸗ rmanns ück an, m einer Nacht nan am if ſeine aushäl⸗ lärung, häft in kordent⸗ rühſtüch dann Baus htig zu ldmiral 73 Bartrams Abreiſe, bis ſie das Experiment mit den Schlüſſeln vorzunehmen wagte. Sie that wohl dar⸗ an. Frau Drake benüzte die Abweſenheit des Ad⸗ mirals dazu, eine Muſterung über den Zuſtand der Gemächer im erſten Stock abzuhalten. Das Reſul⸗ tat der Unterſuchung befriedigte ſie keineswegs. Beſen, Bürſte und Wiſchlappen wurden in Thätig⸗ keit verſezt und die Hausmägde waren fortwährend innerhalb und außerhalb der Zimmer beſchäftigt, ſo lange das Tageslicht andauerte. Der Abend verſtrich, und noch immer bot ſich die ſichere Gelegenheit, auf welche Magdalene mit ſo vielen Schmerzen paßte, nicht dar. Es kam wie⸗ der Schlafenszeit und traf ſie zwiſchen die zwei Al⸗ ternativen eingeklemmt, ſich entweder auf die zwei⸗ felhafte Zufälligkeit des folgenden Morgens zu ver⸗ laſſen— oder die Schlüſſel in der Todtenſtille der Nacht zu probiren. In früheren Zeiten würde ſie ihre Wahl ohne alles Zögern getroffen haben. Jezt ſchwankte ſie unſchlüſſig hin und her— aber die Ueberbleibſel ihres alten Muthes machten ſich in ihr noch geltend, und ſie entſchied ſich, das Wagſtück bei Nacht zu unternehmen. Man ging zu Heiligenkreuz frühzeitig zu Bette. Wenn ſie bis nach halb zwölf Uhr wartete, ſo hatte ſie lange genug gewartet. Um dieſe Zeit ſchlich ſie ſich an die Treppe hinaus, mit den Schlüſſeln in ihrer Taſche und den Leuchter in ihrer Hand. Als ſie am Eingang des Corridors auf dem Schlafzimmerſtock vorüber war, blieb ſie ſtehen und horchte. Kein Schnarchen war hörbar, kein Ge⸗ ſchlürfe unſicherer Fußtritte ließ ſich auf der andern 74 Seite der ſpaniſchen Wand vernehmen. Sie guckte mißtrauiſch über dieſelbe hinum. Der ſteinerne Gang war eine Oede und das Rollbett war leer. Ihre eigenen Augen hatten den alten Mazey ſeit mehr als einer Stunde mit einem Licht in der Hand in die obern Regionen hinaufgehen ſehen. Hatte er die Abweſenheit ſeines Herrn etwa dazu benüzt, daß er ſich des ungewohnten Vergnügens, in einem Zimmer zu ſchlafen, erfreute? In dem Augenblick, wo dieſer Gedanke ihr beifiel, traf ein Schall von dem entferntern Ende des Corridors ihr Ohr. Sie ſtahl ſich leiſe vorwärts und hörte durch die Thüre des lezten und entfernteſten der kleinen Schlafge⸗ mächer das laute Geſchnarche des Veteranen im Zimmer drinnen. Dieſe Entdeckung war in mehr als einer Beziehung auffallend. Sie machte das undurchdringliche Geheimniß des Rollbettes noch dunkler, denn es zeigte ihr deutlich, daß der alte Mazey das unbehagliche Vorrecht, die Nächte auf dem Corridor zu verbringen, nicht aus eigener Luſt ausübte— er bediente ſich dieſes Schlaforts einzig und allein nur um ſeines Herrn willen. Es war keine Zeit zu Grübeleien über die Fol⸗ gerung die daraus gezogen werden konnte. Mag⸗ dalene ging den Gang wieder zurück und begab ſich in den erſten Stock hinab. Sie ging an den Thü⸗ ren die ihr, am nächſten waren vorüber und ver⸗ ſuchte es zuerſt mit dem Bibliothekzimmer. Auf der Treppe und im Corridor hatte ſie ihr Herz vor un⸗ ausſprechlicher Angſt laut pochen gehört— aber das Gefühl der Sicherheit kehrte wieder in ſie zu⸗ rück, als ſie ſich innerhalb der vier Wände des guckte nerne leer. y ſeit Hand atte er benüzt, einem oblick, ll von Sie Thüre Dlafge⸗ en im mehr e das noch r alte e auf r Luſt einzig Fol⸗ Mag⸗ ib ſich Thü⸗ d ver⸗ uf der dr un⸗ aber ie zu⸗ e des 75 Zimmers befand und die Thüre vor der geiſterhaften Stille draußen abgeſchloſſen hatte. 5 Das erſte Schloß, das ſie probirte, war das Schloß der Tiſchſchublade. Keiner der Schlüſſel paßte dar⸗ ein. Ihr nächſter Verſuch galt dem Secretär. Sollte der zweite Verſuch auch mißlingen wie der erſte? Nein! Einer der Schlüſſel paßte. Einer der Schlüſſel öffnete nach einiger geduldiger Handhabung das Schloß. Sie blickte begierig hinein. Oben befanden ſich einige offene Fächer und darunter eine lange Schublade. Die Fächer waren für Exemplare merkwürdiger Mi⸗ neralien beſtimmt, welche alle mit Zetteln verſehen und zierlich geordnet waren. Die Schublade hatte verſchiedene Abtheilungen. Zwei dieſer Abtheilungen enthielten Papiere. In der erſten entdeckte ſie Nichts als eine Sammlung von empfangenen Quittungen. In der zweiten fand ſie einen Haufen von Geſchäfts⸗ urkunden— aber die Schrift derſelben, welche vor Alter ſchon ganz gelb geworden war, deutete hin⸗ länglich darauf hin, daß der Geheimartikel nicht dar⸗ unter war. Sie ſchlug die Thürflügel des Secretärs zu, verſchloß denſelben wieder mit ein wenig Schwie⸗ rigkeit und ſchritt nun zu dem Verſuch, die Schlüſſel an den Bücherſchränken zu probiren, ehe ſie mit ihren Nachforſchungen in den andern Zimmern fortfuhr. Die Bücherſchränke erwieſen ſich als unaufſchließ⸗ bar; auch die Schubladen und Schränke in den ſämmt⸗ lichen andern Zimmern waren unaufſchließbar. Sie probirte alle geduldig der Reihe nach einander. Aber es war nuzlos. Die günſtige Ausſicht, die ihr der Secretär in dem Bibliothekzimmer geboten hatte, war die erſte und lezte. 76 Sie ging in ihr Zimmer zurück; ſie ſah nichts als ihren eigenen dahingleitenden Schatten; ſie hörte nichts als ihren eigenen verſtohlenen Fußtritt in der mitternächtlichen Todtenſtille des Hauſes. Nachdem ſie die Schlüſſel mechaniſch wieder in ihr voriges Verſteck gelegt hatte, blickte ſie nach ihrem Bette— und wendete ſich ſchaudernd wieder davon ab. Die warnende Erinnerung an das, was ſie dieſen Morgen in dem Garten gelitten hatte, tauchte lebendig in ihrer Seele auf. „Wieder ein Wagniß verſucht,“ dachte ſie bei ſich, „und wieder ein fruchtloſes Wagſtück. Ich werde wieder zuſammenbrechen wenn ich daran denke, und doch werde ich daran denken, wenn ich im Dunkeln wach im Bette liege.“ Sie hatte ein Arbeitskäſtchen mit ſich nach Hei⸗ ligenkreuz gebracht, als eine von den mannigfachen Kleinigkeiten, deren Beſiz ihr in der Rolle eines Dienſtmädchens wünſchenswerth ſein konnte; und ſie öffnete nun das Käſtchen und machte ſich entſchloſſen an die Arbeit. Ihr Mangel an geſchickter Führung der Nadel unterſtüzte ſie in dem Zwecke den ſie da⸗ bei im Auge hatte; er nöthigte ſie nämlich der Be⸗ ſchäftigung die ſtrengſte Aufmerkſamkeit zu widmen; er drängte ihre Gedanken mit Gewalt von den zwei Gegenſtänden zurück, welche ſie von allen andern am meiſten fürchtete— nämlich ſich ſelbſt und ihre Zukunft. Am folgenden Tag kehrte der Admiral der ge⸗ troffenen Anordnung zufolge zurück. Sein Beſuch in London hatte ſeine Stimmung nicht verbeſſert. Der Schatten irgend einer unbeſiegbaren Bedenklichkeit war raſtl Ma⸗ Die hint der hag Am tran von mit redu Hau der noch reich daß ſten Auc daß ihn die, Erf, wär auf alte frie an ten maY nichts hörte in der chdem origes te— Die torgen dig in ei ſich, werde , und unkeln b Hei⸗ fachen eines nd ſie loſſen hrung le da⸗ r Be⸗ dmen; zwei rn am ihre er ge⸗ uch in Der ichkeit 77 war noch über ſein Geſicht gebreitet, und ſeine ſonſt raſtloſe Zunge war auffallend ſchweigſam, währen Magdalene ihn bei ſeinem einſamen Mahle bediente. Dieſe Nacht hörte man wieder das laute Schnarchen hinter der inneren Seite der ſpaniſchen Wand und der alte Mazey befand ſich wieder in ſeinem unbe⸗ haglichen Rollbett. Drei weitere Tage verſtrichen— der April kam. Am zweiten dieſes Monats kehrte Herr Georg Bar⸗ tram eben ſo unerwartet, wie er eine Woche zuvor von Heiligenkreuz abgereist war, wieder dahin zurück. Er kam zeitig am Nachmittag zurück und hatte mit ſeinem Onkel im Bibliothekzimmer eine Unter⸗ redung. Nachdem dieſe vorüber war, verließ er das Haus wieder, indem er durch den Reitknecht nach der Eiſenbahn gefahren wurde, um dieſen Abend noch rechtzeitig den lezten Zug nach London zu er⸗ reichen. Der Reitknecht bemerkte auf der Landſtraße daß Junker Georg vergnügter zu ſein ſchien als ſon⸗ ſten während ſeines Aufenthaltes zu Heiligenkreuz. Auch hatte er die fernere Wahrnehmung zu machen, daß der Admiral wegen Uebertreibung der Pferde ihn arg ausſchalt— ein Anzeichen von übler Laune, die, wie er ſich ausdrückte, nach ſeiner langjährigen Erfahrung noch niemals in dieſer Art vorgekommen wäre. Magdalene hatte in ihrem Geſchäftsbereiche auf gleiche Weiſe unter der gereizten Stimmung des alten Mannes zu leiden; er war mit Allem unzu⸗ frieden was ſie im Speiſezimmer that, und er hatte an allen Gerichten nacheinander, vom Hammelsbra⸗ ten bis zu dem geröſteten Käſe, Ausſtellungen zu machen. 78 Die nächſten zwei Tage verfloſſen wie gewöhn⸗ lich. Am dritten Tage trug ſich ein Ereigniß zu. Anſcheinend war es Nichts weiter von Bedeutung, als ein Schellen mit der Klingel des Empfang⸗ zimmers. In Wirklichkeit war es ein Vorläufer einer herannahenden Cataſtrophe— der furchtbare Herold des Endes. Es war Magdalenens Dienſtgeſ ſchäft, auf den Ruf der Klingel zu gehen. Als ſie die Thüre des Empfangzimmers erreichte, klopfte ſie wie gewöhnlich an. Es erfolgte keine Antwort. Nachdem ſie wieder geklopft und wieder keine Antwort erhalten hatte, wagte ſie ſich in das Zimmer und fühlte im Augen⸗ blick einen Strom kalter Luft, der ihr voll in das Geſicht entgegendrang. Die ſchwerfällige Schiebe⸗ thüre an der gegenüberliegenden Wand war aufge⸗ ſtoßen und die Nordpolatmoſphäre von„Erfriert⸗ Eure⸗Beine“ ſtrömte ungehindert in das leere Zimmer. Sie wartete an der Thüre, zweifelhaft was ſie zunächſt beginnen ſollte. Es war ganz beſtimmt die Klingel des Empfangzimmers und keine andere, die geſchellt hatte. Sie wartete und ſchaute durch die entgegengeſetzte Thüre in die Verwilderung der ent⸗ blößten Halle hinein. Eine kurze Ueberlegung verſchaffte ihr die Ueber⸗ zeugung, daß es am Beſten gethan ſein würde, wieder die Treppe hinunterzugehen und dort abzuwarten, bis ein zweiter Ruf der Klingel ertöne. Als ſie ſich wandte, um das Zimmer zu verlaſſen, ſchaute ſie ſich zufälligerweiſe noch einmal um, und gerade in dieſem Augenblick ſah ſie die Thüre am entgegen⸗ geſetzten Ende der Bankethalle offen, die Thüre näm⸗ lich, Flüg aus. Hut er ſi ihn ſ um ſ er di lene mehr Empf fragt ſie de auf d Geſie kläru verga wiede den Kohle P Nachd magd ſicht wiede Thüre hinzu⸗ böhn⸗ 8 zu. tung, fang⸗ äufer tbare den des enlich ieder zatte, igen⸗ das hebe⸗ ufge⸗ riert⸗ mer. s ſie t die die ) die ent⸗ eber⸗ ieder rten, ſich e ſie de in -gen⸗ näm⸗ 79 lich, welche in das erſte der Gemächer des öſtlichen Flügels führte. Ein hochgewachſener Mann kam her⸗ aus. Er trug einen großen Ueberrock und hatte ſeinen Hut auf dem Kopfe. Mit haſtigen Schritten näherte er ſich dem Empfangzimmer. Sein Gang verrieth ihn ſchon, während er noch zu weit entfernt war, um ſeine Geſichtszüge unterſcheiden zu können. Che er die Halle halbwegs durchſchritten, hatte Magda⸗ lene ihn erkannt— es war Admiral Bartram. Der Admiral ſah nicht ſowohl erzürnt, als viel⸗ mehr überraſcht aus, ſein Zimmermädchen in dem Empfangsſaale auf ihn wartend anzutreffen. Er fragte ſie mit ſcharfem und mißtrauiſchem Tone, was ſie da zu thun habe. Magdalene erwiederte, daß ſie auf den Ruf der Klingel hieher gekommen ſei. Sein Geſicht klärte ſich ein wenig auf, als er dieſe Er⸗ klärung hörte. „Ja, ja, ſo iſt's“ ſagte er.„Ich ſchellte und vergaß es alsdann.“ Er riß während des Sprechens die Schiebthüre wieder gewaltſam zu. „Kohlen,“ fuhr er fort, indem er ungeduldig auf den leeren Tragkorb deutete.„Ich klingelte nach Kohlen.“ Magdalene begab ſich in die Regionen der Küche. Nachdem ſie den Befehl des Admirals der Dienſt⸗ magd mitgetheilt hatte, welche ſpeziell mit der Auf⸗ ſicht auf die Feuerung beauftragt war, kehrte ſie wieder in die Speiſekammer zurück, ſchloß ſachte die Thüre und ſetzte ſich nieder, um ſich ihren Gedanken hinzugeben. Es hatte in dem Empfangzimmer den Eindruck 80 auf ſie gemacht— und machte ihn gegenwärtig noch— daß ſie durch Zufall den Admiral Bartram auf einem Beſuch in den öſtlichen Gemächern ertappt habe, den er aus irgend einem dringlichen Beweg⸗ grund als ein Geheimniß zu bewahren wünſchte. Tag und Nacht von dem einzigen vorherrſchenden Gedanken verfolgt, der ſie jetzt beſeelte, ſetzte ſie mit einem Sprung über alle logiſchen Schwierigkeiten hinweg und verband die ahnende Vermuthung eines heimlichen Schrittes von Seite des Admirals mit der gleich nahe liegenden Vermuthung, welche auf ihn als den Aufbewahrer der geheimen Clauſel hin⸗ wies. Bis zu dieſem Zeitpunct war ſie in der An⸗ ſicht befangen geweſen, daß er alle ſeine wichtigen Documente in dem einen oder andern der Zimmer aufbewahre, die er zu gegebener Zeit zufällig be⸗ wohne. Warum— feagte ſie ſich mit einem plötz⸗ lichen Mißtrauen gegen die Folgerung, durch welche ſie bisher befriedigt worden war— warum konnte er nicht einige dieſer Papiere eben ſo gut in den andern Zimmern verſchließen? Die Erinnerung an die Schlüſſel, welche noch in ihrem alten Verſteck in ihrem Zimmer verborgen lagen, beſtärkte ſie in dem Glauben an die Richtigkeit dieſer neuen Anſchauung. Mit einer einzigen unbedeutenden Ausnahme hatten dieſe Schlüſſel alle fallirt, als ſie dieſelben in den Zimmern der Nordſeite des Hauſes probirte. Konnten ſie nicht beſſere Erfolge bei den Secretären und Schränken der öſtlichen Gemächer haben, wo ſie die⸗ ſelben noch nicht probirt, ja noch nicht einmal daran gedacht hatte, ſie zu probiren? War nur eine Aus⸗ ſicht, mochte ſie auch noch ſo gering ſein, vorhanden, die E dieſel Ausſt War lichke verſch gen l man Want Zur Zwiſe ruhig E vor Jurch Nacht 6 men, miral je. A außer Der2 ſuches war, zum furcht ſie zu zu Ho wiede Co wärtig artram ertappt Beweg⸗ inſchte. henden ſie mit gkeiten eines s mit he auf el hin⸗ er An⸗ chtigen zimmer lig be⸗ plötz⸗ lche ſie inte er andern in die teck in in dem auung. hatten in den onnten n und ſie die⸗ daran Aus⸗ handen, 81 die Schlüſſel mit beſſerm Erfolg umzudrehen, als ſie dieſelben bis jetzt gedreht hatte, ſo konnte auf dieſe Ausſicht hin immer der Verſuch angeſtellt werden. War nun eine, wenn auch noch ſo entfernte, Mög⸗ lichkeit da, daß der Zuſatzartikel in irgend einem der verſchloſſenen Behälter des öſtlichen Flügels verbor⸗ gen liege, ſo war es eine Möglichkeit, auf die hin man es wohl auf eine Probe ankommen laſſen konnte. Wann? Ihre Erfahrung beantwortete die Frage. Zur Zeit, wo kein Späherauge offen war, wo keine Zwiſchenfälle zu befürchten ſtanden— wo das Haus ruhig war, in der Todtenſtille der Nacht. Sie kannte ihr verändertes Ich hinlänglich, um wor dem entnervenden Einfluß eines Aufſchubs Jurcht zu hegen. Sie entſchloß ſich raſch noch dieſe Nacht das Wagſtück zu unternehmen. Sie ließ ſich mehrere Verſehen zu Schulden kom⸗ men, als die Eſſenszeit kam. Die Ausſtellungen des Ad⸗ mirals über ihre Bedienung bei Tiſch waren ſchärfer als je. Aber nicht einmal ſeine härteſten Worte verurſachten ihr eine peinliche Empfindung; ſie hörte kaum auf ihn — ihr Geiſt war abgeſtumpft für jeden andern Sinn, außer dem Sinn für das bevorſtehende Wagſtück. Der Abend, der ihr vor der Nacht ihres erſten Ver⸗ ſuches mit den Schlüſſeln ſchneckenartig verfloſſen war, verfloß jezt raſch und ſchnell. Die Zeit zum Schlafen kam, dieſe Zeit ſuchte ſie mit einer furchtbaren Ueberraſchung heim. Sie wartete bei dieſer Gelegenheit länger, als ſie zuvor gewartet hatte. Der Admiral befand ſich zu Hauſe; er konnte ſich wieder anders beſinnen und wieder die Stiege hinunter gehen, nachdem er in ſein Collins, Namenlos. V. 6 82 Zimmer hinauf gegangen war; er konnte Etwas in dem Bibliothekzimmer vergeſſen haben und zurück⸗ kehren, um es zu holen. Es ſchlug Mitternacht auf der Uhr in der Magdkammer, ehe ſie ſich aus ihrem Zimmer hinauswagte, die Schlüſſel wieder in ihrer Taſche, den Leuchter wieder in ihrer Hand. Auf der erſten der Treppenſtufen, auf welche ſie ihren Fuß zum Hinabſteigen ſezte, erfaßte ſie plötz⸗ lich eine alles überwältigende Unſchlüſſigkeit, ein un⸗ begreifliches Entſezen vor irgend einer unbekannten Gefahr. Sie wartete und ſtritt mit ſich ſelbſt. Sie hatte kein Opfer geſcheut, war vor keiner Furcht zu⸗ rückgebebt, um das Wagniß auszuführen, um deſſent⸗ willen ſie ſich Zutritt in Heiligenkreuz verſchafft hatte, und jezt, wo ſie die lange Reihe ihr ſich von An⸗ fang entgegenſtellender Schwierigkeiten geduldig über⸗ wunden hatte— jetzt, wo durch einen kleinen Auf⸗ wand von Entſchloſſenheit das angeſtrebte Ziel er⸗ reicht werden konnte, zögerte ſie vorwärts zu gehen. „Ich erſchrack vor Nichts, um hierher zu ge⸗ langen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Welche Schwäche fährt auf einmal in mich, daß ich jezt zurückſchrecke?“ Jeder Puls ſchlug heftig in ihr bei dieſem Ge⸗ danken; eine ermuthigende Schamröthe überflog ihr Geſicht und ſtärkte ſie fortzufahren. Sie ſtieg die Treppe hinab vom dritten Stock in den zweiten, vom zweiten, in den erſten, ohne daß ſie ſich in der traulichen Nähe ihres eigenen Zimmers ſtille zu halten getraute. In der nächſten Minute hatte ſie das Ende des Corri⸗ dors erreicht, hatte die Vorhalle überſchritten undt das Empfangszimmer betreten. Bloß als ſie die meſſingene Klinke der Schiebthüre erfaßte— bloß in hielt halle des ſtand todte ſie! und der geſch der Zimn ebenf lichen Thür ähnli S weite höhlu nahm auf d lichen 1 Hauſe durch lange der H ſchen ab un lichtes Ende vas in zurück⸗ cht auf 8 ihrem n ihrer lche ſie e plöt⸗ ein un⸗ kannten ſt. Sie rcht zu⸗ deſſent⸗ thatte, on An⸗ g über⸗ Auf⸗ jiel er⸗ gehen. zu ge⸗ chwäche wrecke?“ em Ge⸗ log ihr Treppe zweiten n Nähe te. In Corri⸗ en und ſie die — bloß 83 in dem Augenblick, ehe ſie die Thüre zurückſchob, hielt ſie inne um Athem zu ſchöpfen. Die Banket⸗ halle befand ſich unmittelbar auf der andern Seite des hölzernen Verſchlages, gegen welchen ſie jezt ſtand; ihre aufgeregte Einbildungskraft fühlte die todtenartige Kälte, die aus derſelben bereits über ſie herabfluthete. Sie ſchob die Thüre ein paar Zoll weit zurück und hielt dann in augenblicklicher Unruhe ſtille. Als der Admiral heute in ihrer Gegenwart die Thüre geſchloſſen, hatte ſie kein Geräuſch gehört. Als der alte Mazey dieſelbe geöffnet hatte, um ihr die Zimmer in dem öſtlichen Flügel zu zeigen, hatte ſie ebenfalls kein Geräuſch gehort. Jezt in der nächt⸗ lichen Stille bemerkte ſie zum erſten Male, daß die Thüre einen dumpfen knarrenden Ton von ſich gab, ähnlich dem Winde. Sie ermannte ſich und ſchob die Thüre ein wenig weiter auf— ſchob ſie faſt zur Hälfte in die Aus⸗ höhlung der Wand zurück, welche zu deren Auf⸗ nahme dort ausgebrochen war. Sie ſchritt muthig auf die Lücke zu und befand ſich gerade der nächt⸗ lichen Anſicht der Bankethalle gegenüber. Der Mond ſchien auf die ſüdliche Seite des Hauſes herab. Seine blaſſen Strahlen ſtrömten durch die nähern Fenſter herein und lagerten ſich in langen ſchiefen Lichtſtreifen auf dem Marmorpflaſter der Halle. Die ſchwarzen Schatten der Giebel zwi⸗ ſchen jedem Fenſter wechſelten mit den Lichtſtreifen ab und erhöhten den bleichen Schimmer des Mond⸗ lichtes auf dem ſteinernen Boden. Gegen ihr unteres Ende hin löste ſich die Halle in geheimnißvolle 84 Dunkelheit auf, der Plafond war den Blicken ent⸗ ſchwunden, der gähnende Kaminherd, das hochüber⸗ ragende Geſimſe deſſelben, die lange Reihe von Schlachtgemälden dacüber, alles war in Nacht ein⸗ gehüllt. Nur ein ſichtbarer Gegenſtand war zu unter⸗ ſcheiden, außer den ſchimmernden Fenſtern und dem mondbeſtreiften Boden. Mitten in dem lezten und entfernteſten Lichtſtreifen ſtand der Dreifuß aufrecht auf ſeinen rieſigen ſchwarzen Beinen, wie ein Unge⸗ heuer, das durch den Mond ins Leben gerufen wurde, ein Ungeheuer, das durch das Licht hindurch empor⸗ ragte und unſichtbar in die obern Schatten der Halle überging. Fern und nah rührte ſich kein Laut, als wäre er von der bewegungsloſen Kälte erſtickt worden. Die einſchmeichelnde Schweigſamkeit der Nacht war hier grauenerweckend. Die tiefen Schlünde der Nacht verbargen noch unermeßlichere Schlünde der Stille. Sie ſtand bewegungslos auf der Schwelle, mit unverwandten Augen, mit geſpannten Ohren. Sie ſchaute nach einem ſich bewegenden Dinge, ſie lauſchte auf einen ſich erhebenden Laut, und ſie ſchaute und lauſchte vergebens. Ein ſchneller, durchdringender Schauder durchrieſelte ſie vom Kopf bis zum Fuß. Ein Schauder aus Furcht? Oder ein Schauder aus Kälte? Der bloße Zweifel darüber entmannte ihren ent⸗ ſchloſſenen Willen. „Jezt,“ dachte ſie, indem ſie einen Schritt über die Schwelle vorwärts that,„oder nie! Ich will die Mondlichtſtreifen dreimal zählen und dann die Halle durchſchreiten.“ „Eins, zwei, drei, vier, fünf. Eins, zwei, drei vier, fünf. Eins, zwei, drei, vier, fünf.“ nent⸗ hüber⸗ von t ein⸗ unter⸗ V d dem n und ufrecht Unge⸗ wurde, empor⸗ Halle ut, als vorden. ht war Nacht ille. e, mit itt über will die ie Halle ei, drei 8⁵ Als die Schlußzahl zum dritten Mal beim Zählen über ihre Lippen glitt, ſchritt ſie durch die Halle. Nichts ſehend, Nichts hörend, mit der einen Hand ihr Licht haltend, mit der andern mechaniſch die Falten ihres Kleides erfaſſend— durchwandelte ſie gleich einem Geſpenſt die ganze Länge des geſpenſti⸗ gen Ortes. Sie erreichte die Thüre von dem erſten der öſtlichen Zimmer— öffnete ſie— und ſtürzte hinein. Das plötzliche erleichternde Bewußtſein, einen Zufluchtsort erreicht zu haben, der plözliche Eintritt in eine neue Atmoſphäre überwältigten ſie auf einen Augenblick. Sie hatte gerade noch Zeit, das Licht auf den Tiſch zu ſtellen, ehe ſie taumelnd und athem⸗ los in den nächſten Stuhl niederſank. Allmählig erholte ſie ſich wieder. In wenigen Minuten kam ſie zu dem triumphirenden Bewußt⸗ ſein, daß ſie den Weg zu den öſtlichen Gemächern gewonnen habe. In wenigen Minuten fühlte ſie Kraft genug in ſich, um ſich von ihrem Stuhle zu erheben, die Schlüſſel aus ihrer Taſche zu nehmen und rings umherzuſchauen. Die erſten Gegenſtände der Möblirung des Zim⸗ mers, welche ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zogen, war ein alter Pult von gekerbtem Eichenholz und ein ſchwer⸗ fälliger Großvatertiſch mit einem Schreibeſchrank, der daran angebracht war. Sie probirte den Pult zuerſt. Er ſchien von den beiden am wahrſcheinlichſten ein Aufbewahrungsort für Papiere zu ſein. Drei von den Schlüſſeln hatten zwar juſt die Größe, um in das Schloß hineinzugehen, aber keiner von ihnen wollte es aufmachen. Der Pult war unauſſchließbar. Sie verließ denſelben und machte eine augenblickliche 86 Pauſe, um das Licht zu puzen, ehe ſie ſich zunächſt an den großen Tiſch machte. In dem Moment, wo ſie ihre Hand zum Licht erhob, hörte ſie einen ihr Entſezen einflößenden Schall die Stille der Bankethalle durchzittern— einen Schall, ſchwach und flüchtig, wie das entfernte Säuſeln des Windes. Hatte ſich die Schiebthüre in dem Empfangs⸗ zimmer bewegt? 5 Auf welche Weiſe wurde ſie bewegt? Hatte eine un⸗ bekannte Hand ſie noch weiter in die Wandaushöhlung hineingeſchoben, als ſie gethan hatte? Oder hatte dieſelbe ſie wieder an ſich gezogen und geſchloſſen? Der ſchreckliche Gedanke, für die ganze Nacht durch einen unſichtbaren und ungekannten Einfluß von dem bewohnten Theil des Hauſes abgeſperrt zu werden, wirkte niederſchlagender auf ſie, als das Entſezen, einen Blick durch die Bankethalle zu werfen. Sie machte ſich mit verzweifelter Ergebung an die Thüre des Zimmers. Sie war ſachte hinter ihr zugefallen, als ſie herein⸗ getreten, aber ſie hatte ſich nicht geſchloſſen. Sie riß ſie wieder auf— und ſchaute. Der Anblick, der ſich ihren Augen darbot, jagte ihr auf der Stelle einen paniſchen Schrecken ein. Dicht an dem erſten der Fenſterreihe, von dem Empfangszimmer an gerechnet, und voll beleuchtet von den Strahlen deſſelben ſah ſie eine einſame Ge⸗ ſtalt. Dieſelbe ſtand bewegungslos und ragte weit über den entfernteſten Streifen des Mondlichtes auf dem Boden hinaus. Als ſie hinſchaute, verſchwand die Geſtalt plözlich. Im zweiten Augenblicke ſah⸗ ſie dieſelbe wieder in dem zweiten Streifen des Mond⸗ lichtes dem d verſch erſchei weiter Schat ſichtba des M Pauſe Mitte und ſt ſchaud ausſtr wärme zurück. nächſt erhob, Stille hwach des. angs⸗ ne un⸗ hlung hatte oſſen? durch n dem herden, tſezen, Sie Thüre herein⸗ Sie jagte in. n dem euchtet ne Ge⸗ e weit es auf hwand ke ſah Mond⸗ 87 lichtes— ſah ſie dort abermals verſchwinden— in dem dritten Streifen auftauchen— dort wiederholt verſchwinden— und endlich in dem vierten Streifen erſcheinen. Mit jedem Augenblick rückte die Geſtalt weiter vor, verlor ſich bald geheimnißvoll in dem Schatten und war plötzlich wieder in dem Lichte ſichtbar, bis ſie den fünften und nächſten Streifen des Mondlichtes erreichte. Dort machte ſie eine kleine Pauſe und wandelte dann langſam ſeitwärts in die Mitte der Halle. An dem Dreifuß machte ſie Halt und ſtand da, hörbar in der Todtenſtille vor Kälte ſchaudernd, die Hände über die ausgeglühte Aſche ausſtreckend, als wenn ſie dieſelben an dem Feuer wärmen wollte. Sie kehrte wieder zurück, bewegte ſich gegen das Mondlicht hin— machte am fünf⸗ ten Fenſter Halt— kehrte abermals um— und kam leiſe durch den Schatten hindurch gerade auf den Plaz hin, wo Magdalene ſtand. Ihre Zunge war gelähmt, ihre Willenskraft zer⸗ malmt. Jeder andere Sinn in ihr, als der Seh⸗ ſinn, war vernichtet. Aber auch dieſer war unwider⸗ ſtehlich in die Feſſeln ihres Entſezens geſchlagen. Sie blickte unverwandt ohne Unterbrechung gerade vorwärts, wie ſie von Anfang an gethan hatte. Da ſtand ſie auf der Thürſchwelle, mitten auf dem Wege der Geſtalt, die durch den Schatten hindurch Schritt für Schritt immer näher und näher auf ſie zuwandelte. Es kam dicht heran. Die Bande des grenzenloſen Entſezens, welche ſie bisher gefeſſelt hielten, borſten entzwei, als die Geſtalt auf Arms Länge ihr nahe rückte. Sie fuhr zurück. Das Licht des Leuchters auf dem Tiſch fiel 88 voll auf das Geſicht der Geſtalt und zeigte ihr— den Admiral Bartram. Er war in einen grauen weiten Rock eingehüllt. Sein Haupt war unbedeckt, ſeine Füße entblößt. In ſeiner linken Hand trug er das Körbchen mit Schlüſ⸗ ſeln. Er ſchritt langſam an Magdalene vorbei; ſeine Lippen bewegten ſich ohne Unterlaß in einem leiſen Geflüſter; ſeine offenen Augen ſtierten geradeſ vor ſich hin, mit dem gläſernen Starrblick des To⸗ des. Seine Augen enthüllten ihr die fürchterliche Wahrheit. Er wandelte im Schlafe. Ihr Schrecken, ihn ſo zu erblicken wie ſie ihn jezt erblickte, war nicht der Schrecken den ſie em⸗ pfunden hatte, als ihre Augen zum erſten Mal auf ihn gefallen waren— auf die Erſcheinung in dem Mondlicht, auf das Geſpenſt in der geiſterhaften Halle. Dießmal konnte ſie gegen die Ueberwältigung des Entſezens, ankämpfen, ſie konnte die Tiefe ihrer Furcht ermeſſen. Er ging an ihr vorbei und blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen. Magdalene wagte ſich nahe genug zu ihm hin, um in den Bereich ſeiner Stimme zu kommen, als er vor ſich hin murmelte. Sie wagte ſich noch näher an ihn hinan und hörte ver⸗ nehmlich den Namen ihres verſtorbenen Gatten von den Lippen des Nachtwandlers gleiten. „Noel!“ ſagte er in den tiefen und einförmigen Tönen eines Träumers der im Schlafe redet.„Mein guter Camerad, Noel, nimm ihn wieder zurück! Es quält mich Tag und Nacht. Ich weiß nicht wo er ſicher iſt; ich weiß nicht wo ich ihn aufbewahren ſollf Nimm ihn zurück, Noel,— nimm ihn zurück!“ Schr davr nen ſtand Licht ſchlo zöge der lade ihn niede ihr— gehüllt. zt. In Schlüſ⸗ vorbei; einem gerade es To⸗ terliche ſie ihn ſie em⸗ tal auf in dem rhaften ltigung e ihrer Mitte ) nahe Stimme Sie te ver⸗ en von rmigen „Mein ück! Cs wo er ren fulſ ℳ 89 Als ihm dieſe Worte entfielen, trat er an den Schranktiſch. Er ſezte ſich in den Stuhl nieder der davor ſtand, und ſuchte in dem Körbchen unter ſei⸗ nen Schlüſſeln. Magdalene folgte ihm leiſe und ſtand hinter ſeinem Stuhl in Erwartung da, das Licht in ihrer Hand. Er fand den Schlüſſel und ſchloß den Schrank auf. Ohne einen Augenblick zu zögern, zog er eine Schublade heraus, die zweite in der Reihe. Der einzige Gegenſtand in der Schub⸗ lade war ein zuſammengefalteter Brief. Er nahm ihn heraus und legte ihn vor ſich auf den Tiſch nieder. „Nimm ihn zurück, Noel!“ wiederholte er mecha⸗ niſch.„Nimm ihn zurück!“ Magdalene ſchaute über ſeine Schultern hin und las folgende Zeilen mit den Handſchriftszügen ihres Mannes, oben auf der Außenſeite des Briefes: „Sorgſam verwahrt in Deinen Händen zu behalten und bloß von Dir am Tage meines Hintritts zu eröffnen. Noel Vanſtone.“ Sie ſah die Worte deutlich, mit des Admirals Namen und des Admirals Adreſſe darunter. Der geheime Brief in dem Bereich ihrer Hand! Der Zuſazartikel endlich in ſeinem verborgenen Ver⸗ ſteck aufgeſpürt! Sie that einen Schritt vorwärts, um ſich um den Stuhl herumzuſchleichen und den Brief von dem Tiſche wegzukapern. In dem Augenblicke, wo ſie die Bewegung machte, hob er den Brief wieder auf, verſchloß den Schrank, ſtand auf, drehte ſich um und befand ſich jezt Geſicht zu Geſicht ihr gegenüber. 90 In dem unwiderſtehlichen Drang des Augenblicks ſtreckte ſie ihre Hand gegen ſeine Hand aus, welche den Brief hielt. Das gelbe Kerzenlicht fiel voll auf ihn hin. Die ſchrecklichen lebendig todten Züge ſei⸗ nes Geſichts, das Geheimniß des ſchlafenden Kör⸗ pers, der ſich in unbewußtem Gehorſam gegen die träumende Seele bewegte— jagten ihr Furcht ein. Ihre Hand zitterte und fiel wieder an ihre Seite herunter. Er ließ den Schlüſſel zu dem Schranktiſch in das Körbchen fallen und ſchritt über das Zimmer an das Pult, das Körbchen in der einen Hand, den Brief in der andern haltend. Magdalene ſtellte den Leuchter auf den Tiſch zurück und beobachtete ihn. Auf gleiche Weiſe, wie er vorher den Schrank⸗ tiſch geöffnet hatte, öffnete er jezt auch den Pult. Noch einmal ſtreckte Magdalene ihre Hand aus und noch einmal bebte ſie vor dem Geheimniß und der Erſchrecklichkeit ſeines Schlafes zurück. Er legte den Brief in ein Fach im Hintergrund des Pultes und verſchloß dann den alten eichenen Deckel wieder. „Ja,“ ſagte er. Sicherer da, wie Du ſagſt, Noel — ſicherer da.“ So ſprach er. So enthüllten nach einander die verrätheriſchen Worte das Geheimniß des todten Mannes, der lebte und wieder im Traume ſprach. Hatte er den Pult geſchloſſen? Magdalene hatte das Schloß nicht umdrehen gehört. Als er ſich langſam entfernte und abermals in die Mitte des Zimmers zurückſchritt, probirte ſie den Deckel. Er war geſchloſſen. Nach dieſer Entdeckung ſah ſie um, um zu bemerken, was er zunächſt thun würde. Er verlie körbch überſe 2 I fanger og ſ ergriff ob a dem räuſch ander! dann lich d ſeiner Thüre blickte wenig rückt. ter ne einer Zweife De Di aber o nur la hielt, fern Ei War Thüre. bar. dieſelb blicks velche l auf e ſei⸗ Kör⸗ n die ein. Seite ch in mmer „den e den ihn. rank⸗ Pult. und d der 2 den und 3. Noel r die odten drach. hatte ſich 2 des Er um, Er 91 verließ das Zimmer wieder, mit ſeinem Schlüſſel⸗ körbchen in der Hand. Als ihr erſter Blick ihn traf, überſchritt er eben die Schwelle der Thüre. Irgend ein unerklärbarer Zauber hielt ſie ge⸗ fangen, irgend eine geheimnißvolle Anziehungskraft zog ſie wider ihren eigenen Willen ihm nach. Sie ergriff den Leuchter und folgte ihm mechaniſch, als ob auch ſie eine Nachtwandlerin wäre. Eins nach dem andern, durchſchritten ſie im langſamen und ge⸗ räuſchloſen Gange die Bankethalle. Eins nach dem andern wandelten ſie durch das Empfangszimmer, dann durch die ganze Länge des Corridors und end⸗ lich die Treppen hinauf. Sie folgte ihm bis zu ſeiner Thüre nach. Er trat hinein und ſchloß die Thüre leiſe hinter ſich zu. Sie hielt inne und blickte auf das Rollbett. Es war zu den Füßen ein wenig von der Thüre des Schlafgemachs wegge⸗ rückt. Wer hatte das gethan? Sie hielt den Leuch⸗ terr näher hin und ſchaute nach dem Kopfkiſſen, 9 n einer plözlichen Neugierde und einem plözli Zweifel angetrieben. Das Rollbett war leer. Die Entdeckung beſtürzte ſie auf einen Augenblick, aber auch nur auf einen Augenblick. Ihr Geiſt, der nur langſam die Gewalt über ſeine Kräfte wieder er⸗ hielt, ſtand noch unter dem Einfluß der frühern und tie⸗ fern Eindrücke, die auf ihn hervorgebracht worden waren. Hatte er ſich wieder in ſein Bett niedergelegt? War er noch im Schlafe? Sie lauſchte an der Thüre. Nicht ein Laut war in dem Zimmer hör⸗ bar. Sie probirte die Thüre, öffnete ſie, da ſie dieſelbe nicht verſchloſſen fand, einige Zoll weit und 92 lauſchte wieder. Das Steigen und Fallen eines tiefen, regelmäßigen Athems drang alsbald an ihr Ohr. Er befand ſich noch im Schlafe. Sie trat in das Zimmer und näherte ſich, indem ſie das Kerzenlicht mit der Hand bedeckte, dem Bette, um ihn anzuſchauen. Der Traum war vorüber; der Schlaf des alten Mannes war tief und friedlich; ſeine Lippen rührten ſich nicht; ſeine Hand lag in bewegungsloſer Ruhe auf der Bettdecke. Sein Ge⸗ ſicht war gegen die rechte Seite des Bettes gewen⸗ det. Ein Tiſchchen ſtand daneben, ſo daß ſeine Hand es erreichen konnte. Es befanden ſich vier Gegen⸗ ſtände auf demſelben: ſein Leuchter, ſeine Schwefel⸗ hölzchen, ſein gewöhnlicher Nachttrunk, eine Limo⸗ nade— und ſein Schlüſſelkörbchen. Der Gedanke, ſich dieſe Nacht die Schlüſſel an⸗ zueignen, wenn er gerade zufällig das Körbchen nicht in ſeiner Hand halten ſollte, war ihr ſchon Anfangs in den Sinn gefahren, als ſie ihn in ſein Zimmer gehen ſah. Sie war aber in Folge der Ueber⸗ raſchung, die ſie über die Entdeckung des leeren Rollbettes fühlte, wieder davon abgekommen. Sie erinnerte ſich jezt wieder in dem Augenblicke daran, wo das Tiſchchen ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Es war nuzlos die Zeit mit dem Verſuch zu ver⸗ geuden, den betreffenden Schlüſſel, den ſie brauchte, unter den übrigen herauszuſuchen; ſie kannte den Schlüſſel nicht hinlänglich, um mit Sicherheit den richtigen zu wählen. Sie nahm alle Schlüſſel in dem Körbchen, wo ſie lagen, vom Tiſche mit ſich verließ das Zimmer und ſchloß leiſe die Thüre hin⸗ ter ſich. eines an ihr indem Bette, rüber; edlich; lag in in Ge⸗ gewen⸗ Hand Gegen⸗ jwefel⸗ Limo⸗ ſel an⸗ n nicht nfangs zimmer Ueber⸗ leeren Sie daran, ch zog. zu ver⸗ auchte, te den eit den ſſel in iit ſich, re hin⸗ 93 Als ſie an dem Rollbett vorüberſchritt, zog das⸗ ſelbe abermals ihre Aufmerkſamkeit auf ſich und zwang ſie daran zu denken. Nach einer augenblick⸗ lichen Ueberlegung rückte ſie die Fußſeite des Bettes in ſeine gewöhnliche Stellung quer vor der Thüre zurück. Der Veteran konnte, er mochte ſich nun innerhalb oder außerhalb des Hauſes befinden, jeden Augenblick auf ſeinen verlaſſenen Poſten zurückkeh⸗ ren. Wenn er das Bett von ſeinem gewöhnlichen Plaze gerückt ſah, ſo konnte er leicht Unrath wit⸗ tern— er konnte ſeinen Herrn wecken— und das Verſchwinden der Schlüſſel mußte dann entdeckt wer⸗ den. Als ſie die Treppe hinabſtieg, trat die Furcht vor einem plözlichen Zuſammentreffen mit dem alten Mazey ſo lebendig vor ihre Seele, daß ſie das Körbchen, halb in die Falten ihres Kleides verhüllt, dicht an ihre Seite drückte. Nichts fiel auf der Treppe vor, Nichts begegnete ihr in dem Corridor; das Haus war ſo ſtill und einſam wie immer. Sie eilte dießmal ohne Zögern durch die Bankethalle. Die Ereigniſſe der Nacht hatten ihre Seele gegen alle eingebildeten Schrecken geſtählt. „Jezt bin ich am Ziele!“ flüſterte ſie zu ſich ſelbſt mit einem ununterdrückbaren Jubel innigen Froh lockens, als ſie das erſte der öſtlichen Zimmer betrat und den Leuchter auf den alten Pult ſtellte. Aber ſogar jezt noch hatte ſie eine Geduldprobe zu beſtehen. Einige Minuten, die ihr Stunden zu ſein ſchienen, verfloſſen, ehe ſie den rechten Schlüſſel fand und den Deckel des Pultes aufhob. Endlich zog ſie das innere Fach hervor! Endlich hatte ſie den Brief in ihrer Hand! 94 Er war verſiegelt geweſen, aber das Siegel war erbrochen. Sie eröffnete ihn auf dem Flecke, um ſich zu vergewiſſern, daß ſie in der That Beſiz von dem geheimen Zuſazartikel genommen habe, ehe ſie das Zimmer verließ. Das Ende des Briefes war die erſte Stelle nach der ſie ſich umſah. Er ſchloß oben auf der dritten Seite und war von Noel Van ſtone unterzeichnet. Unter dieſem Namen waren fol⸗ gende Zeilen in des Admirals Handſchrift beigefügt: „Ich empfing dieſen Brief zu gleicher Zeit mit dem Teſtamente meines Freundes, Noel Vanſtone. Wenn ich mit Tod abgehen ſollte, ohne andere dar⸗ auf zielende Anordnungen getroffen zu haben, erſuche ich meinen Neffen und meinen Teſtamentsvollſtrecker, hiemit meine Erklärung zu vernehmen, daß ich das in dieſer Urkunde an mich geſtellte Verlangen als mich abſolut bindend betrachte. Arthur Everard Bartram.“ Sie ließ dieſe Zeilen ungeleſen. Sie bemerkte bloß, daß ſie nicht von Noel Vanſtones Handſchrift waren und ging deßwegen ſer dieſelben, als ganz unweſentlich für den Zweck, den ſie im Auge hatte, augenblicklich hinweg. Sie ſchlug die Blätter des Briefes um und ſchenkte ihre Aufmerkſamkeit den dort ſtehenden Säzen auf der erſten Seite. Sie las folgende Worte. „Lieber Admiral Bartram! Wenn Du mein Te⸗ ſtament öffneſt(in welchem Du zu meinem alleini⸗ gen Teſtamentsvollſtrecker ernannt biſt) wirſt Du finden, daß ich den ganzen Reſt meines unbeweg⸗ lichen Vermögens— nach Abzug eines Legates uin fünftauſend Pfund— Dir ſelbſt vermacht habe. el war e, um ſiz von ehe ſie s war ſchloß l Van en fol gefügt: eit mit iſtone. re dar⸗ erſuche ſlrecker ich das en als n.“ emerkte dſchrift s ganz hatte, er des eit den ein Te⸗ alleini⸗ rſt Du beweg⸗ es von de. Es 95 iſt der Zweck meines Briefes, Dir vertraulich mitzu⸗ theilen, welche Abſicht ich dabei hatte, daß ich das Vermögen, welches ſich nunmehr in Deinen Händen befindet, gerade Dir hinterlaſſen habe. „Ich bitte Dich dieſes große Vermächtniß nur als ein ſolches anzuſehen—“ Sie hatte bis hieher mit athemloſer Neugierde und geſpanntem Intereſſe fortgeleſen, als ihre Auf⸗ merkſamkeit plözlich unterbrochen wurde. Irgend ein Gegenſtand,— ſie war zu ſehr ins Leſen vertieft, um zu wiſſen welcher— war zwiſchen ſie und den Brief gerathen. War es wieder ein Laut in der Bankethalle? Sie ſchaute über ihre Schulter nach der Thüre hinter ſich und horchte. Sie hörte Nichts, ſie ſah Nichts. Sie wendete ſich wieder zu dem Briefe. Die Schrift war mit zitternder Hand und enge, 5 geſchrieben. In ihrer ungeduldigen Begierde, noch mehr zu leſen, gelang es ihr nicht die verlorene Stelle ſogleich wieder zu finden. Ihre Augen wur⸗ den durch einen Tintenfleck im Briefe angezogen und fielen auf einen Satz weiter unten auf der Seite, als wo der Saz ſtand, bei welchem ſie vor⸗ her ſtehen geblieben war. Die erſten drei Worte, die ſie vor ſich ſah, umgarnten ihre Aufmerkſamkeit von Neuem— es waren die erſten, unmittelbar auf Georg Bartram ſich beziehenden, Worte, auf welche ſie in dem Briefe geſtoßen war. In der plötllichen Aufregung dieſer Entdeckung las ſie begierig den üb⸗ rigen Theil des Satzes, ehe ſie einen zweiten Ver⸗ ſuch machte, die verlorene Stelle wieder aufzuſuchen.— „Wenn Dein Neffe an der Erfüllung dieſer Be⸗ 96 dingung es ermangeln läßt, oder mit andern Worten, wenn er, er mag zur Zeit meines Hintritts entweder noch Junggeſelle oder Wittwer ſein, es unterläßt, ſich auf die ihm von mir vorgeſchriebene Art und Weiſe innerhalb ſechs Kalendermonaten von dieſer Zeit an zu verehlichen— ſo iſt es mein Wunſch und Wille, daß er weder die Erbſchaft im Ganzen noch einen Theil derſelben empfangen—“ Sie hatte bis zu dieſem Punct, bis zu dieſem letzten Wort, und nicht weiter, geleſen— als eine Hand plöͤtzlich von hinten her zwiſchen den Brief und ihr Auge fuhr und ſie in einem Nu feſt bei dem Handgelenk packte. Sie wandte ſich unter einem Schreckensſchrei um und fand ſich dem alten Mazey gegenüber. Die Augen des Veterans waren blutunterlaufen; ſeine Hand ſchwer; ſeine Schlappſchuhe hingen ver⸗ ſchoben an ſeinen Füßen, und ſein Leib ſchwankte auf ſeinen ſichelförmigen Beinen hin und her. Wenn er ſeinen Zuſtand dieſe Nacht an dem unfehlbaren Criterium des Modellſchiffes erprobt hätte, ſo würde er unvermeidlich in der gewohnten Weiſe das Sprüch⸗ lein vor ſich hingebrummt haben:—„Wieder be⸗ trunken, Mazey, wieder betrunken.“ „Sie freches Weibsbild,“ ſagte der alte Matroſe halb mit verlegenem Blick, halb mit gerunzelter Stirn. „Wenn Sie das nächſte Mal wieder einen nächtlichen Spaziergang in der Nachbarſchaft des Erfriert⸗Eure⸗ Beine vornehmen wollen, ſo reißen Sie erſt ihre Luchs⸗ augen auf und überzeugen ſich, daß nicht noch Je⸗ mand anders in dem Garten draußen einen nächt⸗ deutete einer ohne haucht beiden hielt: holte ſagte Haupt „Mor und Zeuge Nacht Sie g geſtoh dnrchſ briefe Co orten, weder t, ſich Weiſe eit an Wille, einen dieſem s eine Brief eſt bei sſchrei r. aufen; n ver⸗ wankte Wenn baren würde Sprüch der be Ratroſe Stirn. htlichen t⸗Eure⸗ Luchs⸗ och Je⸗ nächt⸗ 97 lichen Spaziergang macht. Laſſen Sie fahren, freches Weibsbild!— laſſen Sie fahren!“ Indem er Magdalenens Arm mit der einen Hand kräftig feſthielt, entriß er ihr mit der andern den Brief, legte ihn in das offene Fach zurück und ver⸗ ſchloß den Pult. Sie ſträubte ſich weder gegen ihn, noch ſprach ſie ein Wort. Ihre Energie war dahin, ihre Widerſtandskraft war gebrochen. Die Schrecken dieſer entſetzlichen Nacht, die mit wiederholten Schlä⸗ gen dicht aufeinander folgten, hatten ſie endlich zu Boden geſchmettert. Sie wich ſo unterwürfig zu⸗ rück, ſie zitterte ſo hilflos, wie das ſchwächſte Weib auf Gottes Erdboden. Der alte Mazey ließ ihren Arm fallen und deutete mit der Feierlichkeit eines Beſoffenen nach einer innern Ecke des Zimmers. Sie ſezte ſich nieder, ohne auch jetzt ein Wort zu äußern. Der Veteran hauchte einen ſchweren Stoßſeufzer aus, ſtüzte ſeine beiden Ellenbogen auf den Querrand des Pultes und hielt von dieſer Befehlshaberſtellung aus eine wieder⸗ holte Anſprache an Magdalene. „Kommen Sie und laſſen Sie ſich einſchließen!“ ſagte der alte Mazey, indem er ſein ehrwürdiges Haupt mit richterlichem Ernſte hin und her wiegte. „Morgen früh, da wird's eine Unterſuchung abſetzen, und ich bin Zeuge— zum Unglück!— ich bin Zeuge. Sie junge wilde Dirne. Sie haben bei Nacht eingebrochen und geſtohlen— ja, das haben Sie gethan. Seiner Gnaden, des Admirals Schlüſſel geſtohlen; Seiner Gnaden, des Admirals Schreibpult durchſucht und Seiner Gnaden, des Admirals Privat⸗ briefe erbrochen. Ein Nachtdiebſtahl mit Einbruch! Collins, Namenlos. V. 7 98 Ein Nachtdiebſtahl mit Einbruch! Kommen Sie und laſſen Sie ſich einſperren!“ Er fand mit Hilfe ſeiner Hände, die ſich gegen den Pult, welcher dieſer Druckkraft wacker wider⸗ ſtand, ſtemmten, ſeine aufrechte Stellung wieder und verfiel nun in ein bis zu Thränen rührendes Selbſt⸗ geſpräch. „Wer hätte das gedacht?“ ſagte der alte Mazey, in⸗ dem ihm aus lauter natürlichem Gefühl das Waſſer in die Augen trat.„Nimmt man ihre Außenſeiten, iſt ſie ſo gerade wie eine Pappel; guckt man aber in ihr Inneres, iſt ſie ſo krumm wie die Sünde ſelbſt. Solch ein feingewachſenes Mädchen dazu. Es iſt nicht zum Aushalten! Es iſt nicht zum Aushalten!“ „Thun Sie mir nicht weh!“ ſagte Magdalena mit ſchwacher Stimme, als der alte Mazey auf der Stuhl zuwackelte und ſie wieder beim Handgelent packte,„ich bin erſchrocken, Herr Mazey— ich bin entſetzlich erſchrocken.“ „Ihnen weh thun?“ wiederholte der Veteran. „Dazu habe ich Sie zu lieb— und würde mich ſchon wegen meines Alters vor mir ſchämen!— Ihnen wehe zu thun. Wenn ich Ihr Handgelenk fahren laſſe, wollen Sie gerade vor mir hingehen, daß ich Sie auf dem ganzen Wege ſehen kann?“ Wollen Sie ein gutes Mädchen ſein und gerade auf Ihre Thüre zugehen?“ Magdalene gab das verlangte Verſprechen, dab es mit einem ſehnſüchtigen Verlangen, das Aſyl ihres Zimmers zu erreichen. Sie ſtand auf und wollte den Leuchter von dem Pult wegnehmen— aber Mazeys vorſichtige Hand war zu ſchnell für ſie. bie und gegen wider⸗ er und Selbſt⸗ ſey, in⸗ Waſſer iſeiten, aber in ſelbſt. ſt nicht dalena zuf der dgelenn ich bin eteran. e mich en!— dgelenk agehen, kann?“ ade auf 7, gab 3 Aſyl wollte aber ſie. 99 „Laſſen Sie den Leuchter ſein,“ ſagte der Veteran, indem er in einer augenblicklichen Vergeſſenheit ſeiner verantwortlichen Stellung die Augen zudrückte.„Sie ſind ein Bischen ſchneller mit den Beinen, als ich — und Sie könnten mich vielleicht im Stiche laſſen, wenn ich das Licht nicht ſelbſt in der Hand behalte.“ Sie kehrten in den bewohnten Theil des Hau⸗ ſes zurück. Hinter Magdalene nachtaumelnd, das Schlüſſelkörbchen in der einen Hand, und den Leuch⸗ ter in der andern, verglich der alte Mazey auf dem Weg durch„Erfriert⸗Eure⸗Beine“ und die Treppen hinauf bis zu ihrer eigenen Thüre die Figur ihrer Perſon mit dem geraden Wuchs einer Pappel und ihre Sinnesart mit der Schlangenkrümmung der Sünde. An dem Beſtimmungsorte angelangt, wei⸗ gerte er ſich beharrlich, ihr den Leuchter zu geben, bis er ſie zuvor ſicher in ihrem Zimmer drinnen ge⸗ ſehen hatte. Nachdem dieſe Vorbedingung erfüllt war, ſtellte er mit der einen Hand das Licht hin und griff mit der andern nach dem Zimmerſchlüſſel — zog ihn aus der Innenſeite des Schloſſes heraus — und machte dann ſchnell die Thüre zu. Mag⸗ dalene hörte ihn draußen über ſeine Pfiffigkeit laut lachen und mit unendlicher Mühe den Schlüſſel wieder in das Schloß ſtecken. Endlich hatte er die Thüre unter einem tiefen Brummton der Befriedi⸗ gung im Sichern. „Da iſt ſie wohl verwahrt!“ hörte Magdalene ihn mit bedauerndem Ton zu ſich ſelbſt ſagen.„Ein ſo feines Mädchen, als meine Augen nur jemals geſehen haben. Es iſt zum Erbarmen! Es iſt zum Erbarmen!“ 100 Die lezten Töne ſeiner Stimme erſtarben in der Entfernung und ſie war jezt allein im Zimmer zu⸗ rückgelaſſen. Sich feſt an dem Geländer haltend, wankte der alte Mazey durch den Corridor auf dem zweiten Stock, in welchem fortwährend ein Nachtlicht brannte. Er ſchritt auf das Rollbett zu und betrachtete es aufmerkſam, indem er ſich feſt an die gegenüber ſtehende Wand lehnte. Die anhaltende Muſterung ſeines nächtlichen Ruheplazes ſchien ihm offenbar keine Befriedigung zu gewähren. Er ſchüttelte be deutungsvoll ſeinen Kopf, langte aus der Seiten⸗ taſche ſeines Ueberrocks ein Paar alte zuſammenge⸗ flickte Schlarfen heraus und beſah ſie mit einem Ausdruck unbegrenzten Zweifels. „Heut Nacht bin ich ja ganz linksum,“ murmelte er vor ſich hin.„Mein Kopf iſt nicht im Reinen, das iſt's— mein Kopf iſt nicht im Reinen.“ Die alten zuſammengeflickten Schlarfen und die hervortretenden Bedenklichkeiten des Veterans ſtanden zufälliger Weiſe bezüglich der Urſache und Wirkung mit einander in der engſten Gegenverbindung. Die Schlarfen gehörten dem Admiral, der eine unver⸗ nünftige Vorliebe für das ſonderbare Paar gewon⸗ nen hatte und noch immer darauf beſtand ſie zu tragen, nachdem ſie ſchon längſt für ihren Dienſt unbrauchbar geworden waren. Der alte Mazey hatte die Schlappſchuhe frühzeitig am verfloſſenen Nachmittag dem Dorſſchuhflicker gebracht, um dieſel⸗ ben ausgebeſſert zur Stelle zu haben, ehe der Ad⸗ miral am folgenden Morgen darnach verlangte. Er beaufſichtigte den Fortgang und die Beendigung der Arbei er un gaben zuzutt monie warer der S Berar V als d Grun welch legen ſie il Lichte darge Folge jezt d ſeiner deutli 8 körper Wach ner lunge üblic Fälle dings werde zum gend alte in der er zu⸗ te der weiten annte. bete es enüber terung fenbar lte be⸗ Seiten⸗ nenge⸗ einem rmelte teinen, nd die tanden irkung Die unver⸗ gewon⸗ ſie zu Dienſt Mazey oſſenen dieſel⸗ er Ad⸗ e. Er ng der 101 Arbeit, bis der Abend kam, zu welchem Zeitpunct er und der Schuhflicker ſich in die Dorfkneipe be⸗ gaben, um einander beim Scheiden die Geſundheit zuzutrinken. Sie hatten dieſe freundſchaftliche Cere⸗ monie bis ſpät in die Nacht hinein verlängert und waren dann zulezt, wie es nothwendig nach Natur der Sache kommen mußte, in dem Zuſtand totaler Berauſchung beiderſeits von einander geſchieden. Wenn dieſes Zechgelage zu keiner andern Folge als der nächtlichen Wanderung auf Heiligenkreuzer Grund und Boden geführt hätte, einer Wanderung, welche dem alten Mazey das Licht in den öſtlich ge⸗ legenen Fenſtern zeigte, ſo würde ſein Gedächtniß ſie ihm ohne Frage am folgenden Morgen in dem Lichte einer der preiswürdigſten Thaten ſeines Lebens dargeſtellt haben. Aber es war noch eine andere Folge daraus entſprungen, welche der alte Matroſe jezt dunkel durch die Verwirrung, die das Zechen in ſeinem Gehirne zurückgelaſſen, hindurch ſah. Mit deutlicheren Worten, er hatte ſeinen Poſten verlaſſen. Das beſte Schuzmittel gegen Admiral Bartram’s körperliche Neigung zum Nachtwandeln war die Wache und Aufſicht, welche ſein alter getreuer Die⸗ ner vor der Thüre draußen hielt. Keine Vorſtel⸗ lungen hatten es jemals über ihn vermocht, ſich den üblichen Vorſichtsmaßregeln, die man in ſolchen Fällen trifft, zu unterwerfen. Er hatte es ſchlechter⸗ dings abgelehnt in ſein Zimmer eingeſperrt zu werden; er wußte ſogar Nichts von ſeinem Hange zum Nachtwandeln, ſo oft ein Traum ihn beunruhi⸗ gend aufregte. Zu wiederholten Malen war der alte Mazey durch ſeines Herrn Verſuche, im Schlaf 10² das Rollbett zurückzuſtoßen oder darüber zu ſteigen, geweckt worden und jedes Mal wieder, wenn er uͤber die Thatſache am folgenden Morgen Rapport erſtat⸗ tet, hatte ſich der Admiral geweigert ihm Glauben zu ſchenken. Als der alte Seemann jezt vor der Thüre ſeines Herrn ſtand und in leerem Nachbrüten hinſtierte, zogen dieſe Vorfälle der Vergangenheit in bunten Nebelbildern vor ſeinem Geiſte vorüber und zwangen ihn zu der ernſten Frage, ob der Admiral während der frühern Stunden der Nacht ſein Zim⸗ mer verlaſſen habe? Wenn unglücklicher Weiſe ge⸗ rade ein ſchlafwandleriſcher Anfall über ihn gekom⸗ men war, ſo wieſen die Schlappſchuhe in der Hand des alten Mazey ſchnurgerade auf die beſtürzende Schlußfolgerung, daß ſein Herr in der kalten Nacht barfuß über die ſteinernen Stiegen und Gänge von Heiligenkreuz geſchritten ſein müſſe. „Der Herr gebe daß er ruhig geweſen iſt!“ murmelte der alte Mazey, welcher bei aller Ver⸗ wegenheit ſeines Geiſtes und bei aller Betrunkenheit, in der er ſich befand, dennoch ſchon bei dem bloßen Gedanken an dieſe Möglichkeit in äußerſte Angſt ge⸗ rieth.„Wenn Seine Gnaden dieſe Nacht im Schlaf gewandelt hat, ſo wird es ſein Tod ſein! Vermöge der erprobten Stärke ſeiner hundegleichen Treue gegen den Admiral— obgleich er ſonſt in Nichts eine Stärke bezeigte— nahm er ſich von dieſem Augenblick an mit aller Gewalt zuſammen und kämpfte gegen die Betäubung ſeines Kopfes an, in welche ihn ſein Rauſch verſezt hatte. Er ſchaute mit klarerem Geiſte und feſtern Augen auf das Bett hin. Magdalenens Vorſicht, es in ſeine ge⸗ wöhnl lich e niema Er un decke. war ſ rückge und ſ ſchließ anerko nicht alte 2 ruhig⸗ JI dünſte weßho tel it Fällen und Wach⸗ B plözli dem der o Die ſich in gen ſchwe brum würd gen l 103 wöhnliche Stellung zurückzubringen, bot ihm natür⸗ lich einen Anblick des Bettes dar, als ob dasſelbe niemals von ſeinem Plaze gerückt worden wäre. Er unterſuchte zunächſt ſorgfältig die abgenähte Bett⸗ decke. Nicht die geringſte Spur einer Einbiegung war ſichtbar, welche von Fußſtapfen nothwendig zu⸗ rückgelaſſen worden wären. Es lag der deutliche und ſchlagende Beweis vor ihm, ein Beweis, der ſchließlich ſogar von ſeinen eigenen verſtörten Augen anerkannt wurde, daß nemlich der Admiral ſich nicht aus ſeinem Zimmer entfernt habe. „Ich will morgen Beſcheid thun!“ murmelte der alte Mazey in einem Erguß dankbarer Gemüthsbe⸗ ruhigung. Im nächſten Momente ſtrömten die Branntwein⸗ dünſte heimtückiſch wieder in ſein Gehirn zurück, weßhalb der Veteran alsbald ſein gewöhnliches Mit⸗ tel in Anwendung brachte, wie ſonſt in ſolchen Fällen den Flurgang im Zickzack auf und abſchritt und auf dem Verdeck eines eingebildeten Schiffes Wache hielt. Bald nach Sonnenaufgang hörte Magdalene plözlich von außen das Geraſſel des Schlüſſels in dem Schloß der Thüre. Die Thüre öffnete ſich und der alte Mazey erſchien wieder auf der Schwelle. Die urſprüngliche Fiebergluth ſeines Rauſches hatte ſich im Verlauf der Nacht zu einer milden, reumüthi⸗ gen Wärme abgekühlt. Sein Athemholen ging ſchwerer als je unter einem fortgeſezten tiefen Ge⸗ brumme, und er ſchüttelte ohne Unterlaß ſein ehr⸗ 4 würdiges Haupt ſeiner wiederholten Ausſchweifun⸗t gen halber. (insbeſondere in Bezug auf die Schlankheit der Taille), als Sie zuerſt in das Haus kamen, und ich 104 „Wie befinden Sie ſich gegenwärtig, Sie junger Landſtrolch im Unterrock?“ fragte der Veteran.„Iſt Ihr Gewiſſen ruhig genug geblieben, um Sie ſchla⸗ fen zu laſſen?“ „Ich habe nicht geſchlafen,“ ſagte Magdalene, indem ſie ſich vor ihm zurückzog, weil ſie im Zwei⸗ fel ſtand was er zunächſt beginnen würde.„Ich habe keine Erinnerung mehr von dem was vorge⸗ gangen, nachdem Sie die Thüre abſchloſſen— ich denke, ich muß in Ohnmacht gelegen haben. Er⸗ ſchrecken Sie mich nicht wieder, Herr Mazey! Ich fühle mich erbärmlich ſchwach und unwohl! Was wünſchen Sie?“ „Ich will Ihnen etwas Ernſtliches ſagen,“ ver⸗ ſezte der alte Mazey mit einer undurchdringbaren Feierlichkeit.„Es hat mir in dem Kopf geſteckt hie⸗ her zu kommen und von der Bruſt weg zu ſprechen in der lezten Stunde. Merken Sie auf meine Worte, junges Frauenzimmer. Ich bin im Begriffe mich ſelbſt zu beſchimpfen.“ Magdalene zog ſich immer weiter und weiter zurück und ſchaute mit ſteigender Beſtürzung auf ihn. „Ich kenne meine Pflicht gegen Seine Gnaden, den Admiral, recht wohl,“ fuhr der alte Mazey fort, indem er ſeine Hand bekümmert in der Richtung der Thüre ſeines Herrn ausſtreckte.„Allein mag es mich auch noch ſo hart ankommen, ſo kann ich es doch nicht über's Herz bringen, Sie junge Krake, Zeuge gegen Sie zu ſein. Mir gefiel Ihre Geſtalt kann nicht umhin, daß ich noch Wohlgefallen an Ihrer gange wie lang gewo⸗ Auge jezt ſi recht rump pen ſ auf n hafter hung mas ſchlim uns kurze mit ſenes mehr ſich 1 T der ſalbu die ſeinen entſte dalen ſprech abern Mazo junger „It ſchla⸗ dalene, Zwei⸗ „Ich vorge⸗ — ich Er⸗ 1 Ich Was „ver⸗ gbaren kt hie⸗ drechen Worte, mich weiter uf ihn. naden, y fort, chtung mag ich es Krake, Heſtalt t der nd ich en an 105 Ihrer Geſtalt finde, obgleich Sie einen Einbruch be⸗ gangen haben und obgleich Sie ſo ſchlangenkrumm wie die Sünde ſind. Ich habe mein ganzes Leben lang auf feingewachſene Mädchen Augen der Nachſicht geworfen, und es iſt jezt zu ſpät am Tage, um nun Augen der Strenge auf dieſelben zu werfen. Ich bin jezt ſieben oder acht und ſiebzig Jahre alt; ich weiß nicht recht wie viel. Ich bin ein zertrümmerter alter Schiffs⸗ rumpf, die Fugen ſind auseinander gegangen, die Pum⸗ pen ſind verſtopft und die Fluthen des Todes ſtürzen auf mich mit aller Macht ein. Ich bin ein ſo ſünd⸗ hafter Schlucker, als Sie jemals einen in dieſer Bezie⸗ hung getroffen haben werden, den Schuhflicker Tho⸗ mas Nagle allein ausgenommen; und der iſt noch ſchlimmer als ich bin, denn er iſt der jüngere von uns zwei, und er ſollte es beſſer wiſſen. Aber der kurze Sinn meines langen Geſchwazes iſt, ich ſoll mich mit einem Auge von Nachſicht gegen ein feingewach⸗ ſenes Mädchen in's Grab legen. Schämen Sie ſich mehr für mich, Sie junge Galgendirne, ſchämen Sie ſich mehr für mich!“ Des Veterans unlenkſame Augen begannen wi⸗ der ſeinen Willen wieder zu ſchielen, als er ſeine ſalbungsvolle Predigt mit dieſen Phraſen ſchloß; die lezten Reſte von rauher Strenge, die noch in ſeinem Geſicht zurückgeblieben waren, gruben ſich entſtellend rings in ſeinen Mundwinkeln ein. Mag⸗ dalene näherte ſich ihm wieder und verſuchte zu ſprechen. Er hinderte ſie feierlich daran mit einer abermaligen traurigen Wellenbewegung ſeiner Hand. „Nur keine rührende Scene,“ ſagte der alte Mazey;„ich bin ohnedieß ſchon ſchlecht genug. Es 5 106 iſt meine Pflicht, Seiner Gnaden, dem Admiral, Rapport zu erſtatten; und ich werde es thun. Aber wenn Sie ſich heimlich aus dem Staube machen wollen, ehe der Einbruch rapportirt iſt und zur Unterſuchung geſchritten wird, ſo will ich den Schimpf auf mich nehmen und Sie entwiſchen laſſen. Es iſt heute Markttag zu Oſſory und Dawkes wird binnen einer Viertelſtunde mit dem leichten Chais⸗ chen dorthin fahren. Dawkes wird Sie mitnehmen, wenn ich ihn darum angehe. Ich kenne meine Pflicht— meine Pflicht iſt, Sie wieder einzuſchließen und zuerſt nach dem verdammten Dawkes zu ſehen. Aber ich kann es nicht über's Herz bringen, gegen ein hübſches Mädchen wie Sie ſind hart zu ſein. Es iſt mir einmal in das Bein gewachſen und ſoll nicht zum Fleiſch herauskommen. Schämen Sie ſich mehr für mich, ſage ich Ihnen wieder— ſchämen Sie ſich mehr für mich!“ Der ihr ſo ſonderbar und plözlich gemachte Vor⸗ ſchlag verſezte Magdalene in das vollſtändigſte Er⸗ ſtaunen. Sie war durch die Ereigniſſe der Nacht viel zu ernſtlich erſchüttert, um im Stande zu ſein, ſich im Augenblick zu Etwas zu entſchließen. „Sie ſind ſehr gütig gegen mich, Herr Mazey,“ ſagte ſie.„Wollten Sie mir vielleicht eine Minute Zeit zum Nachdenken gewähren?“, „Ja, die können Sie haben,“ verſezte der Vete⸗ ran, indem er ſofort Rechtskehrt machte und das Zimmer verließ.„Sie ſind Alle gleich,“ fuhr der 8 alte Mazey im Fortgehen fort, indem das ſchöne Geſchlecht ihm noch immer den Kopf wirbeln machte. „Reicht man ihnen einen Finger, ſo wollen ſie gewiß die ga länder S wenig. ihre( W bloß Mazer ledigli der T untern der ei lung doch gegen gung ſezen ſcheinl ben ſ den Umſté erwar eben dabei Troz entehr mägde mißtr welche ſie ih des 2 gut niral, thun. taube t und h den aſſen. wird Lhais⸗ hmen, meine ließen ſehen. gegen ſein. d ſoll ie ſich hämen Vor⸗ te Er⸗ Nacht ſein, azey,“ Kinute Vete⸗ d das or der ſchöne nachte. gewiß V 107 die ganze Hand. Groß und klein, Landskind und Aus⸗ länderin, Verliebte und Weiber, ſie ſind Alle gleich!“ Sich ſelbſt überlaſſen traf Magdalene mit viel weniger Schwierigkeit, als ſie vorausgeſezt hatte, ihre Entſcheidung. Wenn ſie in dem Hauſe zurückblieb, ſo hatte ſie bloß zwei Wege vor ſich— entweder den alten Mazey geradezu zu beſchuldigen, daß ſeine Ausſage lediglich nur der Ausfluß einer Sinnestäuſchung in der Trunkenheit ſei, oder ſich den Verhältniſſen zu unterwerfen. Obgleich ſie dem alten Matroſen in der eigentlichen Stunde ihres Erfolges die Vereite⸗ lung deſſelben zu verdanken hatte, ſo verbot ihr doch die Rückſicht, welche er in dieſem Augenblicke gegen ſie zeigte, jeden Gedanken an eine Vertheidi⸗ gung auf ſeine Koſten— ſelbſt wenn ſie voraus⸗ ſezen wollte, was aber im höchſten Grade unwahr⸗ ſcheinlich war, daß man ihrer Vertheidigung Glau⸗ ben ſchenken würde. In dem zweiten von den bei⸗ den Fällen(nämlich im Fall der Fügung in die Umſtände) konnte wohl nur ein einziges Reſultat erwartet werden, ſofortige Entlaſſung, oder vielleicht eben ſo gut förmliche Entlarvung. Was konnte ſie dabei gewinnen, wenn ſie dieſer Herabwürdigung Troz bot und das Haus verlaſſen mußte, öffentlich entehrt und beſchimpft in den Augen der Dienſt⸗ mägde, die ſie ſchon von Anfang an gehaßt und mit mißtrauiſchen Blicken angeſehen hatten? Der Zufall, welcher ihr den Zuſazartikel in dem Moment, wo ſie ihn in der Hand hatte, im buchſtäblichen Sinn des Wortes weggeſchnappt hatte, war nicht wieder gut zu machen. Der einzige ſich darbietende Erſaz 108 für das Mißgeſchick— mit andern Worten, die Entdeckung, daß die briefliche Clauſel wirklich exi⸗ ſtirte, und daß Georg Bartrams Verheirathung innerhalb einer feſtgeſezten Zeit eine der darin ent⸗ haltenen Beſtimmungen war— war ein Erſaz, der nach ſeinem wahren Werthe nur dann geſchäzt wer⸗ den konnte, wenn man ihn unter das Licht von Herrn Loscombes Erfahrung ſtellte. Jeder Beweg⸗ grund, der ſich in ihrem Kopfe darbot, war ein dringender Beweggrund, das Haus heimlich zu ver⸗ laſſen, ſo lange noch die Wahl in ihren Händen lag. Sie ſchaute auf den Gang hinaus und rief leiſe dem alten Mazey zu, daß er zurückkomme. „Ich nehme Ihren Vorſchlag dankbar an, Herr Mazey,“ ſagte ſie.„Sie wiſſen nicht, welchen harten Schlag Sie mir verſezt haben, als Sie den Brief meiner Hand entriſſen. Aber Sie thaten Ihre Schuldigkeit und ich kann Ihnen nur dankbar dafür ſein, daß Sie mich dieſen Morgen ſchonend behan⸗ deln, ſo hart Sie auch in der verfloſſenen Nacht gegen mich waren. Ich bin kein ſo ſchlechtes Mäd⸗ chen, als Sie von mir denken— ich bin es nicht, ich bin es wirklich nicht.“ Der alte Mazey ging über den Gegenſtand hin⸗ weg, indem er wiederholt eine traurige Bewegung mit der Hand machte. „Laſſen Sie es ſein,“ ſagte der Veteran;„laſſen Sie es ſein! Bei einem ſolch alten Schelm wie ich bin, mein Mädchen, macht es keinen Unterſchied. Wenn Sie fünfzig Mal ſchlechter wären als Sie ſind, ſo würde ich Sie auf ganz gleiche Weiſe gehen laſſen. Sezen Sie Ihren Hut auf und werfen Sie Ihren ein S für Ar gepäck hinter unterſ fügen. junge ſelbſt M dem 68— melte halten D ſie in und 2 ters§ Pferd in de leucht Caſſir mit d auf d Maze Einfli nen ſeine dalen währe Sie 109 Ihren Shawl um und kommen Sie mit. Ich bin ein Schandfleck vor mir ſelbſt und eine Warnung für Andere— das iſt's was ich bin. Kein Reiſe⸗ gepäck, hören Sie! Laſſen Sie all Ihren Plunder hinter ſich; das ſoll Seine Gnaden, der Admiral, unterſuchen und nach ſeinem Gutdünken darüber ver⸗ fügen. Ich kann hart gegen Ihre Koffer ſein, Sie junge Gaunerin, aber ich kann nicht hart gegen Sie ſelbſt ſein.“ Mit dieſen Worten ſchritt der alte Mazey aus dem Zimmer. „Je weniger ich von ihr ſehe, um ſo beſſer iſt es— namentlich in Bezug ihres Wuchſes,“ mur⸗ melte er vor ſich hin, als er, ſich an dem Geländer haltend, die Treppe hinunter humpelte. Das Gefährt ſtand bereits in dem Hofraum, als ſie in die untern Regionen des Hauſes hinabkamen, und Dawkes(mit andern Worten, des Gutsverwal⸗ ters Knecht) befeſtigte gerade die lezte Schnalle des Pferdegeſchirrs. Der Morgenreif blinkte noch weiß in dem Schatten. Seine Silbertropfen ſchimmerten leuchtend auf den zottigen Fellen von Brutus und Caſſius, als ſie müßig im Hof herumſprangen und mit dampfenden Rachen und wedelnden Schweifen auf die Abfahrt des Gefährtes warteten. Der alte Mazey ging allein hinaus und bediente ſich ſeines Einfluſſes auf Dawkes, der mit tölpelhaftem Erſtau⸗ nen ihn anglozte und dann ein Lederpolſter für ſeine Reiſegefährtin auf den Kutſchenſiz legte. Mag⸗ dalene wartete fröſtelnd in der friſchen Morgenluft, während die Reiſevorbereitungen im Gange waren. Sie wußte von Nichts als einer ſchwindeligen Ver⸗ 110 wirrung der Gedanken und einer hilfloſen Einſtel⸗ lung ihrer Gefühle. Die nächtlichen Ereigniſſe ver⸗ miſchten ſich heimlich mit den unbedeutenden Dingen die vor ihren Augen in dem Hofraume vorgingen. Sie fuhr mit dem plözlichen Schrecken der Nacht zurück, als der alte Mazey wieder erſchien und ſie an das Wägelchen herausrief. Sie zitterte unter dem Einfluß der nämlichen hilfloſen Beſtürzung die ſie in der Nacht empfunden hatte, als der Veteran zum lezten Mal ſeine nachſichtsvollen Augen auf ſie warf und ihr beim Scheiden einen Kuß auf die Wange gab. In der nächſten Minute fühlte ſie, daß er ihr in das Chaischen half und ſie rückwärts ſezte. In der darauf folgenden hörte ſie ihn ver⸗ traulich ihr zuflüſtern daß, ob ſie nun ſtehe oder ſize, ſie jedenfalls ſo gerade wie eine Pappel wäre. Hierauf trat eine Pauſe ein, in welcher Nichts geſagt, Nichts vorgenommen wurde, und dann nahm der Kut⸗ ſcher die Zügel in die Hand und beſtieg ſeinen Plaz. Sie raffte ſich im Augenblick der Abreiſe noch auf und blickte zurück. Der letzte Anblick, der ſich ihr zu Heiligenkreuz bot, war der alte Mazey, der im Hofraum mit ſeinem Kopfe wackelte, und ſeine Ausſchweifungsgenoſſen, die Hunde, welche mit ihren Schweifen dazu den Tact ſchlugen. Die lezten Worte, die ſie hörte waren die Worte, mit welchen der Veteran ihren Reizen ſeinen Abſchiedstribut zollte. „Einbruch oder nicht Einbruch,“ ſagte der alte Mazey.„Sie iſt ein hübſch gewachſenes Mädchen, wenn es je noch ein hübſches Mädchen auf der Welt gibt. Es iſt Jammerſchade! Es iſt Jammerſchade!“ Ende der ſiebenten Scene, inſtel⸗ 2 ver⸗ dingen ingen. Nacht nd ſie unter ig die eteran n auf uf die te ſie, wärts n ver⸗ e oder wäre. geſagt, r Kut⸗ Plaz. noch r ſich , der ſeine ihren Worte, n der te. alte dchen, Welt ade!“ Zwiſchenſcene. J. Georg Bartram an Admiral Bartram. London, den 3. April 1848. „Mein theurer Onkel! In Eile ein paar Worte, um Sie von einem zeitweiligen Hinderniß zu benach⸗ richtigen, an das keiner von uns beiden gedacht hatte, als wir zu Heiligenkreuz Abſchied von einander nahmen. Während ich die letzten Tage der Woche auf dem Meierhof verbrachte, mußten die Tyrrels ihre Anordnungen getroffen haben, um London zu verlaſſen. Ich bin juſt vom Portlandplatz gekommen. Das Haus iſt verſchloſſen und die Familie(Fräulein Vanſtone natürlich mit eingeſchloſſen) verließ geſtern England, um die Saiſon in Paris zuzubringen. „Ich bitte Sie, laſſen Sie ſich wegen dieſes kleinen Schlages am Anfang keine grauen Haare wachſen. Es iſt durchaus von keiner ernſthaften Bedeutung. Ich habe mir die Adreſſe zu verſchaffen gewußt, wo die Tyrrels ihren Aufenthalt genommen haben, und 112 ich gedenke Ihnen mit der Abendpoſt über den Canal in Paris nachzufolgen. Ich werde mir ſo bald eine Ge⸗ legenheit für mich ausfindig machen, als ich eine ſolche in London hätte ausfindig machen können. Das Gras ſoll nicht unter meinen Füßen wachſen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Ich will dieß eine Mal die Gelegenheit ſo feſt beim Schopfe faſſen, als ob ich der ungeſtümſte Mann in England wäre, und, da⸗ rauf können Sie ſich verlaſſen, in dem Augenblick, wo ich ein Reſultat erfahre, werde ich Ihnen von dem Reſultate Kunde geben.— Von ganzem Herzen Ihr „Georg Bartram.“ II. „ Georg Bartram an Fräulein Garth. Paris, den 13. April. „Werthe Fräulein Garth! Ich habe ſo eben mit betrübtem Herzen an meinen Onkel geſchrieben, und ich glaube es Ihrer gütigen Theilnahme für mich ſchuldig zu ſein, daß ich es nicht unterlaſſe zunächſt auch an Sie zu ſchreiben. „Sie werden ſicherlich ein fühlendes Herz für meine fehlgeſchlagene Hoffnung haben, wenn ich Ihnen mit kurzen und unverblümten Worten mittheile, daß Fräulein Vanſtone mir einen Korb gegeben hat. „Meine Eitelkeit mag mir allerdings einen argen Streich geſpielt haben; allein ich muß deſſenunge⸗ achtet bekennen, daß ich ein ganz anderes Reſultat erwar noch heimle lein können ihre ihren dama ein g. liebrei erklär keinen auf 1 ſelbſt mein 2 b wagen ſie vie erſten zu ber und u noch i „Miß wand ob ſie Eltern ein ſo iſt, zu ſtände meiner dasſel Verzei Col Canal e Ge⸗ ſolche Gras f gebe al die ob ich d, da⸗ epblick, n von en Ihr m.“ April. den mit n, und r mich unächſt erz für Ihnen le, daß hat. argen enunge⸗ ſjeſultat 113 erwartet hätte. Meine Eitelkeit kann mich auch jetzt noch irre führen; aber ich muß Ihnen doch das heimliche Geſtändniß ablegen, daß ich dachte, Fräu⸗ lein Vanſtone würde es nicht übers Herz bringen können mich abzuweiſen. Der Grund, den ſie für ihre Entſcheidung angab— ohne Zweifel ein in ihren Augen hinlänglicher Grund— ſchien weder damals, noch ſcheint er gegenwärtig, meinen Augen ein genügender Grund zu ſein. Sie ſprach auf die liebreichſte und freundlichſte Weiſe mit mir; aber ſie erklärte feſt, daß die Mißgeſchicke ihrer Familie ihr keinen andern ehrenwerthen Ausweg zuließen, als auf meine Intereſſen Bedacht zu nehmen, wie ich ſelbſt nicht darauf Bedacht genommen hätte— und mein Anerbieten dankbar abzulehnen. „Sie war ſo ſchmerzlich aufgeregt, daß ich es nicht wagen konnte meine Sache zu vertheidigen, wie ich ſie vielleicht ſonſt vertheidigt haben würde. Bei dem erſten Verſuch, den ich machte, die perſönliche Frage zu berühren, bat ſie mich flehentlich ſie zu ſchonen, und verließ Knall und Fall das Zimmer. Ich bin noch im Unklaren darüber, auf welche Weiſe ich die „Mißgeſchicke ihrer Familie“, welche dieſe Scheide⸗ wand zwiſchen uns aufgebaut haben, deuten ſoll: ob ſie darunter das Mißgeſchick verſteht, woran ihre Eltern allein die Schuld tragen, oder das Mißgeſchick, ein ſolches Frauenzimmer, wie Frau Noel Vanſtone iſt, zur Schweſter zu haben. In welchem dieſer Um⸗ ſtände immer das Hinderniß auch liegen mag, in meinen Augen iſt es kein Hinderniß. Kann Nichts dasſelbe beſeitigen? Iſt gar keine Hoffnung mehr? Verzeihen Sie mir daß ich dieſe Fragen ſtelle. Ich Collins, Namenlos. V. 8 114 kann den bittern Schmerz meiner getäuſchten Er⸗ wartung nicht ertragen. Weder fie, noch Sie, noch Jemand anders außer mir weiß, wie ich ſie liebe. „Stets Ihr aufrichtiger „Georg Bartram.“ „P. S. Ich werde in ein oder zwei Tagen nach Eng⸗ land abreiſen und auf meinem Weg durch Heiligenkreuz London paſſiren. Es ſind Familienverhältniſſe, die mit dem verhaßten Geldpunct in Beziehung ſtehen und mich mit nichts weniger denn Vergnügen meiner nächſten Unterredung mit meinem Onkel entgegen⸗ ſehen laſſen. Wenn Sie Ihren Brief an Long's Hotel adreſſiren, ſo wird er ſicher in meine Hände gelangen.“ III. Fräulein Garth an Georg Bartram. „Weſtmorelandhaus, den 16. April. „Werther Herr Bartram! Sie beurtheilten mich ganz richtig, wenn Sie vorausſezten daß Ihr Brief mir Kummer verurſachen würde. Wenn Sie voraus⸗ geſezt hätten daß er mich eben ſo gut auch im höchſten Grade erbost machen würde, ſo hätten Sie auch nicht weit fehlgeſchoſſen. Ich habe keine Ge⸗ duld mit dem Hochmuth und der Verkehrtheit der Frauenzimmer gegenwärtiger Zeit. Disere lichkeit will ie lich be heit v bin al⸗ Ihnen ſeſſen leiten mit fre —+ 55 Unheil Onkel, ſezte( London Nora's vorſpro mit de Gabelf Allem friedig. wartet „I es iſt wrrel einande Ihr No ualtung „Ich habe von Nora gehört. Es iſt ein langer Natur Brief, der ſich auf das Kleinſte hin in die Einzelihrer p heiten ergeht. Ich will jetzt auf Ihre Ehre und derfahr en Er⸗ ee, noch iebe. n. ch Eng⸗ genkreuz ſſe, die ſtehen meiner gtgegen⸗ Long's Hände April. en mich r Brief voraus⸗ ruch im tten Sie eine Ge⸗ theit der langer Einze hre und — 115 Discretion mein ganzes Vertrauen das ich in Wirk⸗ lichkeit fühle ſezen. Um Noras und Ihretwillen will ich Sie wiſſen laſſen, worin der Scrupel eigent⸗ lich beſteht, welcher ſie zu der Prüderie und Dumm⸗ heit verleitet hat, Ihre Hand auszuſchlagen. Ich bin alt genug um mich auszuſprechen, und ich kann Ihnen ſagen daß ſie, wenn ſie Klugheit genug be⸗ ſeſſen hätte, ſich bloß von ihren eigenen Wünſchen leiten zu laſſen, Ja geſagt haben würde, und zwar mit freudigem Herzen.. „Die urſprüngliche Veranlaſſung zu dieſem ganzen Unheil gab keine andere Perſon, als Ihr würdiger Onkel, Admiral Bartram. „Es ſcheint daß der Admiral ſich in den Kopf ſezte(ich vermuthe während Ihrer Abweſenheit) nach ondon zu reiſen und ſeine Neugierde in Betreff Nora’s dadurch zu befriedigen, daß er auf Portlandplaz vorſprach, unter dem Vorwand, ſeine alte Freundſchaft mit den Tyrrels zu erneuern. Er kam zur Zeit des Gabelfrühſtücks, ſah Nora und wurde durch ſie, nach Allem was ich vernehmen kann, ſichtlich beſſer be⸗ friedigt, als er bei ſeinem Eintritt in das Haus er⸗ wartet oder gewünſcht hatte. „In ſo weit iſt dieß bloße Vermuthung— aber s iſt unglücklicher Weiſe gewiß daß er und Frau Wrrel nach Beendigung des Gabelfrühſtücks mit einander eine Unterredung unter vier Augen hatten. Ihr Name wurde nicht erwähnt; aber als die Unter⸗ haltung auf Nora kam, ſchwebten Sie beiden nach Natur der Sache im Geiſte vor. Der Admiral ließ ihrer perſönlichen Erſcheinung volle Gerechtigkeit wi⸗ derfahren, und erklärte daß er über ihr hartes — — 116 Lebensloos ein herzinniges Bedauern fühle. Die ſcandalöſe müſſe fortwährend ihrem künf Weg ſtehen. Wer könne ſie heirathen, erſten Bedingung zu machen, daß ſie un ſter einander völlig fremde Perſonen ſein ſollten? Und ſogar dann noch würde der Vorwurf zurück bleiben— der Vorwurf für ihres Gatten Familie— durch Heirath in einem verwandtſchaftlichen Verhält⸗ niß mit ſolch einem Frauenzimmer zu ſtehen, wie Frau Noel Vanſtone wäre. Die Sache ſtände wirk⸗ lich ſehr ſchlimm; zwar träfe das arme Mödchen keine Schuld; aber nichts deſtoweniger wäre es eine leidige Wahrheit, daß ihre Schweſter den jähen Felſenabgrund unter ihren Füßen bilde. So machte er fort. Es war kein wirkliches Uebelwollen gegen Nora, ſondern ein hartnäckiges Feſthalten an ſeinen Vorurtheilen, welches den Anſchein von Uebelwollen hatte und welches Leute von mehr Temperament als ohne es zur Aufführung ihrer Schweſter(fürchtet er) tigen Glücke in dem d ihre Schwe Ueberlegung nur allzu ſchnell geneigt ſein würden als ein ſolches anzuſehen.. „Unglücllicher Weiſe iſt Frau Tyrrel eine von dieſen Perſonen. Sie iſt eine vortreffliche, gutherzig Frau mit einem lebhaften Temperament und ſen wenig Urtheilskraft. Sie iſt äußerſt anhänglich am Nora und intereſ von ganzem Herzen. Nach Allem, was ich erfahren konnte, bezeichnete ſie zuerſt den Ausdruck der Anſich Grade eigennützig und ſelbſtſüchtig, un dann hinter ſein Wink, ſeinem Neffen zu ſeinen Beſuf redung Aufnal erwart Stellur werbur würde. hängli⸗ ſelbe i ihre ur in ihr Gering den Sf Antwo natürli täuſcht dreien Ihr 8 ſo unu ſirt ſich für die Wohlfahrt derſelbel Tyrrel hinreiß .. ſich Perſon des Admirals in ſeiner Gegenwart als im höchſtef ſichtigt d deutete ih denklich em Rücken als einen ihr gegebene Glaube chen den Muſ Leuten 117 chtet erh ſie einer Dame in ihrem Hauſe zugefügt würde. in dem dieß war zwar inſoweit thöricht genug von ihr, aber es zur die größere Thorheit kam erſt noch nach. Schwe„Sobald Ihr Onkel fort war, ließ Frau Tyrrel ſollten? höchſt unklug und unpaſſend Nora zu ſich kommen zurück und machte ſie, indem ſie ihr die ſtattgehabte Unter⸗ milie— tedung Wort für Wort mittheilte, warnend auf die Verhält Aufnahme aufmerkſam, die ſie von einem Manne zu en, wit erwarten hätte der ſich Ihnen gegenüber in der de wirk Stellung eines Vaters befinde, wenn ſie einer Braut⸗ Mädchen werbung Ihrerſeits ein geneigtes Gehör ſchenken Res ein würde. Wenn ich Ihnen ſage daß Nora's treue An⸗ n jähen hänglichkeit an ihre Schweſter noch unerſchüttert die⸗ H macht ſelbe iſt, und daß unter ihrer edeln Ergebung in en gegen ihre unglücklichen Lebensverhältniſſe eine ſtolze, tief m ſeinen in ihrer Natur wurzelnde Empfindlichkeit gegen velwollen Geringſchätzungen aller Art verborgen liegt, ſo wer⸗ ment alz den Sie den wahren Beweggrund der abſchlägigen würden Antwort verſtehen die ihre Erwartung auf eine ſo . natürliche und der Sachlage entſprechende Weiſe ge⸗ eine von täuſcht hat. Man kann in dieſer Angelegenheit allen utherzig dreien die gleichen Vorwürfe machen. und ſe Ihr Onkel hatte Unrecht, ſeine Einwendungen e. Die nehmen, was eine offenbare Beleidigung wäre, er Anſich Perſon vorauszuſetzen, wo keine Beleidigung beab⸗ ꝛ höchſtaſſichtigt war. Und Nora hatte Unrecht, daß ſie Be⸗ zutete ih denklichkeiten ihres Stolzes, einen hoffnungsloſen gegebeng Glauben an ihre Schweſter, welche doch von fremden den MulLeuten keine Schonung erwarten durfte, über die 118 höhern Anſprüche eines Verhältniſſes ſezte, welches das Glück und die Zufriedenheit ihres künftigen Lebens geſichert haben würde. „Aber der Mißgriff iſt einmal gethan. Die nächſte Frage iſt— kann der Schaden wieder gut⸗ gemacht werden? „Ich hoffe und glaube es. Mein Rath iſt fol⸗ gender. Betrachten Sie das Nein nicht als eine Antwort. Laſſen Sie ihr Zeit genug, um über das was ſie gethan hat nachzudenken und es im Stillen zu bereuen(denn ich glaube ſicher daß es ſie reuen wird); vertrauen Sie meinem Einfluß auf ſie, womit ich bei jeder Gelegenheit die ich finden kann die Ver⸗ theidigerin Ihrer Sache machen werde— warten Sie geduldig den rechten Moment ab— und dann fragen Sie wieder bei ihr an. Männer, die gewohnt ſind mit Ueberlegung zu handeln, ſind nur zu leicht zu dem Glauben geneigt, daß auch die Frauen mit Ueberlegung handeln. Die Frauen thun aber das nicht. Sie handeln nach den Eingebungen des Au⸗ genblicks— und in neun Fällen von zehn ſind ſie hinterdrein im tiefſten Herzen darüber betrübt. „Mittlerweile müſſen Sie Ihren Vortheil dadurch wahren, daß Sie Ihren Onkel beſtimmen ſeine Meinung zu ändern oder wenigſtens die Einräumung zu machen, daß er ſeine Meinung für ſich behalten wolle. Frau Tyrrel hat zu der Folgerung gedrängt, daß ſie den Schaden welchen ſie anſtiftete abſichtlich anſtiftete, was in eben ſo viel Worten nichts anders ſagen will als, daß ſie, als er in das Haus kam ein ahnendes Vorgefühl von dem hatte was ſi „ thun würde, wenn er es wieder verließe. Meinme A* Erklär daß d ſeine Neigu ſtändie wendu liegt einzuſ Bedie um il Geleiſ Entſch ehe ſ ſind, und( welches Lebens 1. Die er gut⸗ iſt fol⸗ ls eine der das Stillen e reuen womit ie Ver⸗ warten id dam gewohnt zu leicht ien mit ber das n ſeine äumung behalten edrängt, bſichtlich 119 — 1. Erklärung der Sache iſt viel einfacher. Ich glaube daß die Kenntniß Ihrer Neigung natürlicher Weiſe ſeine Neugierde rege machte, den Gegenſtand dieſer Neigung zu ſehen, und daß Frau Tyrrels unver⸗ ſtändige Lobpreiſungen Noras ihn reizten, ſeine Ein⸗ wendungen dagegen offen zu erklären. Jedenfalls liegt der Weg den Sie bezüglich Ihres Verhaltens einzuſchlagen haben klar und deutlich vor Ihnen. Bedienen Sie ſich Ihres Einfluſſes auf Ihren Onkel, um ihn zu überreden daß er die Sache wieder ins Geleiſe bringt; vertrauen Sie auf meinen beſtimmten Entſchluß, Nora als Ihre Frau ſehen zu wollen, ehe ſechs Monate über eure Häupter dahingerauſcht ſind, und betrachten Sie mich als Ihre Freundin und Gönnerin „Harriet Garth.“ IV. Frau Drake an Georg Bartram. „Heiligenkreuz, den 22. April. „Sir! Ich ſandte dieſe Zeilen an das Hotel, in dem Sie gewöhnlich zu London abſteigen, in der Hoffnung, daß Sie bald genug aus dem Ausland zurückkehren werden, um meinen Brief ohne Verzug zu erhalten. „Es ſchmerzt mich ſehr Ihnen mittheilen zu müſſen 1 daß einige unangenehme Ereigniſſe zu Heiligenkreuz ue ſtattgefunden, ſeit Sie es verließen, und daß mein 120 geehrter Herr, der Admiral, ſich entfernt nicht ſeiner gewöhnlichen Geſundheit erfreut. In dieſen beiden Beziehungen wage ich es auf meine eigene Verant⸗ wortung Ihnen zu ſchreiben, weil ich glaube daß Ihre Anweſenheit im Hauſe nöthig iſt. „Zu Anfang des Monats hat ein ſehr bedauer⸗ liches Ereigniß ſtattgefunden. Unſer neues Zimmer⸗ mädchen wurde von Herrn Mazey zur ſpäten Nacht⸗ ſtunde, mit dem Schlüſſelkörbchen Ihres Herrn in ihrer Hand darüber erwiſcht, wie ſie in die geheimen Documente, die in der Bibliothek auf dem öſtlichen Flügel aufbewahrt wurden, ihre Naſe hineinſteckte. Das Mädchen entfernte ſich am folgenden Morgen aus dem Hauſe, noch ehe wir auf waren, und hat ſeitdem Nichts wieder von ſich hören laſſen. Dieſes Ereigniß hat meinen Herrn ernſtlich berührt und beunruhigt, und um die Sache noch ſchlimmer zu machen, wurde der Admiral an dem Tage, wo des Mädchens treuloſes Benehmen entdeckt ward, von den erſten Symptomen einer heftigen Erkältungsentzün⸗ dung befallen. Weder er ſelbſt, noch Jemand anders wußte es, mit was er ſich die Erkältung geholt hätte. Es wurde nach dem Arzt geſchickt und die Entzün⸗ dung bis vorgeſtern darnieder gehalten, zu welchem Zeitpunct ſie unter Umſtänden wieder ausbrach, welche Sie mit eben ſo tiefer Bekümmerniß hören werden als ich ſie niederſchreibe. „An dem oben erwähnten Tage— ich glaube am fünfzehnten des Monats— theilte mir mein Herr mit daß er in eine ſchmerzliche Unruhe durch einen Brief verſezt worden ſei, den er am Morgen von Ihnen aus dem Ausland bekommen und der ihm nicht niem des und Tage zuzur der 1 hindu Thür Schlo Beſſe zugeh und Beſiz ihn wahr dann ich n funde hörig ſeiner beiden Berant⸗ de daß dauer⸗ immer⸗ Nacht⸗ rrn in heimen ſtlichen aſteckte. Norgen ad hat Dieſes ct und mer zu vo des on den entzün⸗ anders thätte. Intzün⸗ belchem welche werden glaube mein durch Norgen ud der 121 ihm böſe Nachrichten gebracht habe. Er ſagte mir nicht was es für Nachrichten waren— aber ich habe niemals in all den Jahren, welche ich im Dienſt des Admirals verlebt habe, ihn ſo niedergeſchlagen und ſich ſelbſt ſo ungleich geſehen, als an dieſem Tage. Gegen den Abend ſchien ſein Unwohlſein zuzunehmen. Er befand ſich in einem ſolchen Zuſtande der Ueberreizung, daß er nicht einmal den Ton von Herrn Mazeys ſchweren Athemzügen vor der Thüre draußen ertragen konnte, und er ließ an den alten Mann die beſtimmte Aufforderung ergehen, ſich für dieſe Nacht in eines der Schlafgemächer zu begeben, Herr Mazey war zu ſeinem großen Bedauern natür⸗ lich genöthigt zu gehorchen. Weil dadurch unſere einzige Vorſichtsmaßregel, den Admiral vom Verlaſſen ſeines Zimmers abzu⸗ halten, wenn ihn die Anwandlung dazu unglückſeliger Weiſe befällt, ſuspendirt war, Herr Mazey und ich es mit einander ausmachten, abwechſelnd die Nacht hindurch zu wachen— indem wir bei halb offener Thüre in einem der leeren Zimmer in der Nähe des Schlafgemachs unſres Herrn ſizen. Wir konnten nichts Beſſeres erſinnen, da wir wußten daß er es nicht zugeben würde ihn in ſein Zimmer einzuſchließen, und da wir ja nicht einmal den Thürſchlüſſel im Beſiz hatten, für den Fall daß wir es gewagt hätten, ihn ohne ſeine Erlaubniß in ſeinem Zimmer zu ver⸗ wahren. Ich wachte die erſten zwei Stunden und dann nahm Herr Mazey meine Stelle ein. Nachdem ich mich eine kurze Weile in meinem Zimmer be⸗ ſunden hatte, fiel mir bei daß der alte Mann hart⸗ hörig wäre und daß, wenn,ſeine Augen während der 12² Racht ſchwer wurden, er ſich nicht auf ſeine Ohren verlaſſen durfte, um ihn, wenn Etwas vorfiele, auf⸗ merkſam zu machen. Ich ſchlüpfte wieder in meine Kleider und ging zu Herrn Mazey zurück. Er war weder ſchlafend, noch wachend; er befand ſich in dem Zuſtande zwiſchen beiden. Ich hatte eine trübe Ahnung und trat in das Zimmer des Admirals. Die Thür war offen und das Bett leer. „Herr Mazey und ich gingen augenblicklich die Treppe hinunter. Wir durchſuchten alle Gemächer auf der Nordſeite, eines nach dem andern, und fanden keine Spur von ihm. Ich dachte ſodann an das Empfangzimmer und machte mich, da ich die Rühri⸗ gere von uns beiden war, alsbald auf um es zu durchſuchen. In dem Augenblick, wo ich um die ſcharfe Ecke des Ganges bog, ſah ich meinen Herrn durch die offene Thüre des Empfangzimmers mir entgegenkommen, ſchlafend und träumend, mit den Schlüſſeln in ſeinen Händen. Die Schiebthüre hinter ihm war ebenfalls offen, und ich hegte ſchon damals die Befürchtung, welche mich bis zu dieſer Stunde noch nicht verlaſſen hat, daß ſein Traum ihn durch die Bankethalle in die öſtlichen Zimmer geleitet habe. Wir enthielten uns ihn zu wecken und folgten ſeinen Schritten, bis er von ſelbſt in ſein Schlafgemach zurückkehrte. Am folgenden Morgen, es ſchmerzt mich, es ſagen zu müſſen. zeigten ſich die ſchlimmen Symp⸗ tome wieder, und keines der angewendeten Mittel hat bis jezt eine Beſſerung zur Folge gehabt. Auf den Rath des Doctors ſtanden wir davon ab dem Admiral etwas von dem Vorfall zu ſagen. Er befindet ſich noch immer auf dem Glauben, daß er die gebr ligen Maz einen Vor beſte bitte zu l liger zu l Geg und mir ſchu frer befi Ein unſ Ohren „auf⸗ meine r war n dem trübe 3. Die ch die nächer fanden n das Rühri⸗ es zu m die Herrn 8 mir nit den hinter amals Stunde durch t habe. ſeinen gemach t mich, Symp⸗ Mittel . Auf b dem u. Er daß er 123 die Nacht wie gewöhnlich in ſeinem Zimmer zu⸗ gebracht habe. „Ich bin abſichtlich in die Details dieſes unſe⸗ ligen Vorkommniſſes eingegangen, weil weder Herr Mazey noch ich ſelbſt den Wunſch hegen, uns vor einem Vorwurf zu verwahren, wenn wir einen Vorwurf verdient haben. Wir beide haben nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen gehandelt, und wir beide bitten und erſuchen Sie, unſere verantwortliche Lage zu berückſichtigen und ſo bald als möglich nach Hei⸗ ligenkreuz zu kommen. Unſer Verehrter iſt ſehr ſchwer zu behandeln, und der Arzt meint, wie wir, daß Ihre Gegenwart im Hauſe nothwendig ſei. „Ich verbleibe, Sir, indem ich Ihnen meine und Herrn Mazeys volle Hochachtung zu melden mir erlaube, Ihre unterthänige Dienerin „Sophie Drake.“ . V. Georg Bartram an Fräulein Garth. „Heiligenkreuz, den 22. April. „Werthe Fräulein Garth! Ich bitte um Ent⸗ ſchuldigung, daß ich Ihnen nicht bälder für Ihren freundlichen und tröſtenden Brief gedankt habe. Wir befinden uns zu Heiligenkreuz in arger Unruhe. Eine kleine Gereiztheit, die ich über meines Onkels unſelige Dazwiſchenkunft in Portland⸗Plaz empfun⸗ den haben mag, iſt über dem Unglück ſeiner Kränk⸗ 124 heit völlig vergeſſen. Er leidet an einer innerlichen Entzündung, die er ſich durch eine Erkältung zuge⸗ zogen hat, und die Symptome haben ſich als ſolche gezeigt, welche bei ſeinem Alter ſehr gefährlich werden können. Es befindet ſich gegenwärtig ein Arzt aus London im Hauſe. Sie ſollen in ein Paar Tagen mehr hören. Mittlerweile verbleibe ich mit auf⸗ richtiger Dankbarkeit Ihr ergebenſter „Georg Bartram.“ VI. Herr Loscombe an Frau Noel Vanſtone. „Lincolns⸗Innplaz, den 6. Mai. „Werthe Madame! Ich habe unerwarteter Weiſe eine Mittheilung erhalten, welche von höchſter Wich⸗ tigkeit für Ihre Intereſſen iſt. Es iſt dieſen Morgen die Nachricht von Admiral Bartrams Tod an mich gelangt. Er gab am vierten dieſes Monats auf ſeinem Wohnſiz ſeinen Geiſt auf. 3 „Dieſes Ereigniß führt uns auf einmal wieder auf die Erwägungen zurück, die ich Ihnen ſchon früher in Bezug auf die Entdeckung zu Heiligenkreuz aus⸗ einanderzuſezen mich beſtrebt habe. Der klügſte Weg, den wir nunmehr einſchlagen können, iſt un⸗ verzüglich mit den Teſtamentsvollſtreckern des ver⸗ lebten Gentlemans in Verbindung zu treten, und uns in erſter Inſtanz durch Vermittlung des geſez⸗ lichen Anwalts des Admirals an dieſelben zu wenden. ichen uge⸗ olche rden aus agen auf⸗ „ kai. Veiſe Wich⸗ drgen mich auf ieder rüher aus⸗ ügſte un⸗ ver⸗ und geſez⸗ nden. 125 „Ich habe heute an den fraglichen Sachwalter einen Brief abgefertigt. Er macht ihn einfach da⸗ rauf aufmerkſam daß wir nachträglich Kunde von der Exiſtenz einer geheimen Urkunde erhalten haben, der dem Dahingeſchiedenen in dem Gebrauch des Ver⸗ mächtniſſes das ihm durch Herrn Noel Vanſtones Teſtament zugefallen iſt Beſchränkungen auferlegt. Mein Brief ſezt voraus daß die Ürkunde unter den Papieren des Admirals leicht aufgefunden worden ſein wird und thut davon Erwähnung, daß ich von Frau Noel Vanſtone als Sachwalter aufgeſtellt worden bin, um in ihrem Intereſſe die erforderlichen Schritte zu thun. Meine Abſicht dabei iſt eine Fahndung nach dem geheimen Artikel zu veranlaſſen— für den ſehr wahr⸗ ſcheinlichen Fall nämlich, daß er noch nicht in den Hän⸗ den der Teſtamentsvollſtrecker ſich befindet— ehe die üblichen Anordnungen in Betreff der Adminiſtration der Hinterlaſſenſchaft des Admirals getroffen werden. Wir werden mit gerichtlicher Klage drohen, wenn wir finden daß der Zweck nicht erreicht wird. Aber ich vermuthe daß dieß nicht nothwendig ſein wird. Admiral Bartrams Teſtamentsvollſtrecker müſſen Männer von bewährtem Rufe und hoher Stellung ſein und werden ſich ſelbſt und Ihnen in dieſer An⸗ gelegenheit gerecht werden, dadurch daß ſie nach der Geheimclauſel ſehen. „Unter dieſen Umſtänden werden Sie natürlich fragen—„„Was ſind unſere Ausſichten, wenn das Document gefunden iſt?““ Unſere Ausſichten haben eine Licht⸗ und eine Schattenſeite. Laſſen Sie uns zuerſt die Lichtſeite betrachten. „Was wiſſen wir ganz beſtimmt? 126 „Wir wiſſen erſtlich, daß der geheime Zuſazartikel in Wirklichkeit exiſtirt. Zweitens, daß darin eine Beſtimmung getroffen iſt, welche ſich auf Herrn Georg Bartrams Verheirathung binnen einer gegebenen Friſt bezieht. Drittens, daß der Termin(ſechs Mo⸗ nate von dem Datum des Todes Ihres Gatten an) am dritten dieſes Monats erloſchen iſt. Viertens, daß Herr Georg Bartram(wie ich in Ermangelung beſtimmter Mittheilungen von Ihrer Seite durch Nach⸗ fragen in Erfahrung gebracht habe) im gegenwär⸗ tigen Augenblicke noch ein unverheiratheter Mann iſt. Es ergibt ſich daraus die natürliche Folgerung, daß der Zweck, der durch den Zuſazartikel ins Auge gefaßt worden, nicht zur Ausführung gekommen iſt. „Wenn nicht noch andere Beſtimmungen in der Urkunde eingeſchoben worden ſind— oder wenn, falls welche eingeſchoben worden ſind, dieſe andern Beſtimmungen ſich eben ſo als unausgeführt erwei⸗ ſen ſollten— ſo halte ich es(beſonders wenn ein Beweis aufgefunden werden könnte daß der Admiral die Geheimclauſel als ihn bindend betrachtete) für die Teſtamentsvollſtrecker rein unmöglich, daß ſie das Vermögen Ihres Gatten als einen geſezlichen Be⸗ ſtandtheil der Hinterlaſſenſchaft des Admirals Bar⸗ tram behandeln. Die Erbſchaft iſt ihm zufolge aus⸗ drücklicher Erklärung nur unter der Vorausſezung vermacht worden, daß er ſie zu gewiſſen genau be⸗ ſtimmten Zwecken anwende— und dieſe Zwecke oder vielmehr Bedingungen ſind unerfüllt geblieben. Was ſoll nun mit dem Gelde geſchehen? Es war nach der Anſchauung des Erblaſſers nicht dem Ad⸗ miral ſelbſt vermacht, und die Abſichten, unter welchen es ver können rechtli⸗ ſezte erweis laſſers Inteſt wird Einw⸗ ich Il Sie nm nicht ganzer ſich ſe wir ſ Einwt Zeit j wegs Anbli 4 . Ir wie d katen Gunſt die R gen 2 haben anzuſ rtikel eine beorg denen Mo⸗ an) tens, lung Nach⸗ wär⸗ Nann rung, Auge n iſt. n der venn, ndern rwei⸗ i ein miral ) für e das Be⸗ Bar⸗ aus⸗ ezung u be⸗ zecke ieben. - war Ad⸗ elchen 127 es vermacht war, ſind nicht ausgeführt worden und können auch nicht ausgeführt werden. Ich habe die rechtliche Anſicht, daß(wenn der von mir vorausge⸗ ſezte Fall ſich als ein in Wirklichkeit beſtehender erweist) das Geld wieder in die Maſſe des Erb⸗ laſſers zurückfallen muß. In dieſem Fall tritt die Inteſtaterbfolge ein und das hinterlaſſene Vermögen wird nach dem Geſez in zwei gleiche Portionen ge⸗ theilt. Die eine Hälfte fällt Herrn Noel Vanſtones kinderloſer Wittwe zu, und die andere Hälfte wird unter Herrn Noel Vanſtones nächſte Verwandten vertheilt. „Sie werden ohne Zweiſel ſelbſt entdecken, welcher Einwurf gegen dieſen Fall zu Ihren Gunſten, den ich Ihnen eben erörtert habe, gemacht werden kann. Sie werden finden daß ſeine practiſche Ausführung nicht bloß von einer Zufälligkeit, ſondern von einer ganzen Reihe von Zufälligkeiten abhängig iſt, die ſich ſämmtlich genau ſo günſtig geſtalten müſſen, wie wir ſie wünſchen. Ich gebe die Gerechtigkeit dieſes Einwurfes zu— aber ich kann Ihnen zu gleicher Zeit ſagen daß dieſe erwähnten Zufälligkeiten keines⸗ wegs ſo unwahrſcheinlich ſind, als ſie auf den erſten Anblick erſcheinen. „Wir haben allen Grund zu glauben daß die Clauſel wie das Teſtament ſelbſt, nicht durch einen Advo⸗ katen verfaßt iſt. Es iſt das ein Umſtand zu unſern Gunſten— er iſt hinlänglich um einen Zweifel in die Richtigkeit ſämmtlicher oder etwelcher noch übri⸗ gen Beſtimmungen, die wir etwa noch nicht erfahren haben dürften, zu ſezen. Ein anderer nicht gering anzuſchlagender Anhaltspunct muß meines Ermeſſens 128 auch in dem ſeltſamen Handſchreiben geſucht werden, die auf der dritten Seite des Briefes unter der Un⸗ terſchrift ſich befindet, und welche Sie ſahen, aber unglücklicher Weiſe zu leſen unterließen. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach hat Admiral Bartram dieſe Zeilen geſchrieben, und die Stelle welche ſie einnehmen ver⸗ trägt ſich ganz gut mit der Annahme, daß ſie den wichtigen Gegenſtand ſeiner eigenen Anſicht über die Rechtsverbindlichkeit der Clauſel berühren. „Ich wünſche keine falſchen Hoffnungen in Ihnen rege zu machen; ich verlange Ihnen bloß die Ueber⸗ zeugung beizubringen, daß wir eine Sachlage vor uns haben die eines Verſuches immerhin werth iſt. „Was die Schattenſeite unſerer Anſichten betrifft, ſo iſt es nicht nöthig mich eines Weitern darüber auszulaſſen. Nach dem was ich Ihnen bereits ge⸗ ſchrieben habe, werden Sie begreifen daß die Exi⸗ ſtenz einer uns unbekannten rechtsgiltigen Beſtim⸗ mung in der Geheimeclauſel, welche der Admiral ſelbſt richtig vollzogen hat— oder welche ſeine Stellvertreter richtig vollziehen können— unſern Hoffnungen nothwendiger Weiſe den Todesſtoß ver⸗ ſezen wuͤrde. In dieſem Fall würde das Vermächt⸗ niß nach der Abſicht oder den Abſichten, welche der Erblaſſer im Auge hatte behandelt werden, und von dieſem Augenblick an hätten Sie keinen An⸗ ſpruch mehr. „Ich habe bloß noch hinzuzufügen daß Sie, ſobald ich von dem Sachwalter des verſtorbenen Admirals Etwas erfahre, ſogleich Nachricht davon erhalten ſollen. „Betrachten Sie mich, werthe Madame, als Ihren getreuen J. Loscombe.“ 8 aberm den g wegen und fallend ments wobei fühlen dabei 24 Geſeze ſchrift deſſell heiten fühlte zuthei Co herden, r Un⸗ aber Wahr⸗ Zeilen in ver⸗ ie den der die Ihnen Ueber⸗ ge vor eth iſt. detrifft, arüber its ge⸗ ie Exi⸗ Beſtim⸗ dmiral ſeine unſern 8ß ver⸗ rmächt⸗ che der , und en An⸗ ß Sie, drbenen davon Ihren b e 471 129 VII. Georg Bartram an Fräulein Garth. Heiligenkreuz, den 15. Mai. „Werthes Fräulein Garth! Ich behellige Sie abermals mit einem Schreiben, theils um Ihnen für den gütigen Ausdruck Ihrer Theilnahme für mich wegen des Verluſtes zu danken, den ich erlitten habe, und theils um Ihnen Mittheilung von einem auf⸗ fallenden Anſuchen zu machen, das an die Teſta⸗ mentsvollſtrecker meines Onkels geſtellt wurde, und wobei Sie und Fräulein Vanſtone beide ſich intereſſirt fühlen mögen, wie Frau Noel Vanſtone unmittelbar dabei betheiligt iſt. „Da ich meiner Unkenntniß in dem Bereich des Geſezes mir wohl bewußt bin, ſo lege ich eine Ab⸗ ſchrift jenes Anſuchens bei, anſtatt eine Beſchreibung deſſelben zu verſuchen. Sie werden die verdächtige Bemerkung machen, daß über die Art und Weiſe, in welcher die allegirte Entdeckung eines der Ge⸗ heimniſſe meines Onkels durch ihm gänzlich fremde Perſonen gemacht worden, kein Aufſchluß gegeben iſt. „Nachdem die Teſtamentsvollſtrecker hievon Kunde erhalten hatten, wandten ſie ſich ſogleich an mich. Ich konnte Ihnen keine beſtimmte Erklärung abge⸗ ben, weil mich mein Onkel in Geſchäftsangelegen⸗ heiten niemals zu Rathe gezogen hat. Aber ich fühlte mich in meiner Ehre verpflichtet, denſelben mit⸗ zutheilen daß mein Onkel während der lezten ſechs Collins, Namenlos. V. 9 130 Monate ſeines Lebens gelegenheitlich Ausdrücke der Ungeduld in meiner Gegenwart fallen ließ, welche zu dem Schluß führten daß er durch eine Verant⸗ wortlichkeit irgend welcher Art ſich beunruhigt fühle. Ich erwähnte auch daß er mir eine ſehr ſeltſame Bedingung auferlegt habe— eine Bedingung, von der ich troz ſeiner Verſicherungen des Gegentheils überzeugt war, daß ſie nicht von ihm ſelbſt her⸗ rührte— nämlich mich binnen einer gegebenen Friſt zu verheirathen(welch Friſt jezt abgelaufen iſt) oder von ihm eine gewiſſe Summe Geldes nicht zu er⸗ halten, von welcher ich glaubte daß ſie den näm⸗ lichen Betrag ausmache, wie die Summe welche ihm in dem Teſtamente meines Vetters vermacht worden iſt. Die Teſtamentsvollſtrecker ſtimmten mit mir dahin überein, daß dieſe Umſtände einem ſonſt un⸗ glaublichen Mährchen den Anſtrich von Wahrſchein⸗ lichkeit gaben, und ſie faßten den Beſchluß, daß unter den Papieren meines Onkels eine Nachforſchung nach der Geheimclaufel gemacht werden ſolle. „Die Nachforſchung(in einem ſo weitläufigen Hauſe wie dieſes wahrhaftig keine Kleinigkeit) iſt ſeit einer Woche in vollem Laufe begriffen. Sie wird von beiden Teſtamentsvollſtreckern und meines Onkels Sachwalter beaufſichtigt, der ſowohl perſön⸗ lich als auch berufsmäßig mit Herrn Loscombe (Frau Noel Vanſtone's Rechtsanwalt) bekannt iſt, und der auf Herrn Loscombe's ausdrückliches Ver⸗ langen in die Fahndung hineingezogen worden. Bis auf dieſe Stunde ward nicht das Geringſte gefunden. Tauſende und Tauſende von Brie⸗ fen ſind unterſucht worden— aber kein einziger Intere mir a widerf dem 9 meine. als ei entdeckh deln. vor ſe alten wurde er geſ ches e daß er gekom⸗ ein I Rechts über d des S den ſa nen, wie in das g 131 e der V davon hat auch nur die entfernteſte Aehnlichkeit mit velche dem Briefe nach dem man forſcht. erant⸗„Die andere Woche wird die Nachforſchung zu fühle. Ende bringen. Es geſchieht bloß auf mein aus⸗ tſame drückliches Verlangen, daß ſo lange damit fortgefahren „von wird. Aber da der Edelmuth des Admirals mich theils zum alleinigen Erben ſeiner ſämmtlichen Hinterlaſſen⸗ t her⸗ ſchaft einſezte, ſo fühle ich mich verpflichtet, auch den „Friſt Intereſſen dritter Perſonen, ſo feindlich dieſe Intereſſen hoder mir auch gegenüber ſtehen mögen, volle Gerechtigkeit zu er⸗ widerfahren zu laſſen. näm⸗„Aus dieſem Grunde habe ich nicht gezögert de ihm dem Rechtsanwalt eine körperliche Eigenthümlichkeit vorden meines Onkels, die auf ſein Verlangen fortwährend t mir als ein Geheimniß unter uns bewahrt wurde, zu iſt un⸗ entdecken— ich meine ſeinen Hang zum Nachtwan⸗ ſchein⸗ deln. Ich erwähnte, daß er ungefähr drei Wochen „ daß vor ſeinem Tode(durch die Haushälterin und ſeinen eſchung alten Diener) über dem Nachtwandeln ertappt . 1 wurde, und daß der Theil des Hauſes, in welchem ufigen er geſehen wurde, ſowie das Schlüſſelkörbchen, wel⸗ keit) iſt ches er in der Hand trug, zu der Vermuthung führe, Sie daß er aus einem der Zimmer des öſtlichen Flügels meines gekommen ſei und daß er in einem derſelben irgend perſön⸗ ein Möbelſtück geöffnet habe. Ich verſezte den scombe Rechtsanwalt, der ſich in vollſtändiger Unwiſſenheit ant iſt, über die außerordentlichen Handlungen die im Zuſtande es Ver⸗ des Somnambulismus ausgeführt werden, zu befin⸗ vorden. den ſchien, durch die Mittheilung in großes Erſtau⸗ eringſte nen, daß mein Onkel in ſeinem Schlafe ſo leicht, Brie⸗ wie in ſeinem wachenden Zuſtande, den Weg durch einziger das ganze Haus finden, verſchloſſene und unver⸗ 132 ſchloſſene Thüren unterſcheiden und Gegenſtände aller Art von einem Plaze zum andern bringen könne. Und ich erklärte beſtimmt daß, weil ich mir die Möglichkeit dachte, daß er in fraglicher Nacht von dem Geheimartikel geträumt und in ſeinem Schlafe den Traum zur wirklichen Ausführung gebracht habe, ich mich nicht eher befriedigt fühlen würde, bis die Zimmer in dem Oſtflügel nochmals durchſucht würden. „Ich muß noch hinzufügen daß ich nicht die ge⸗ ringſte thatſächliche Begründung für dieſe Idee hatte. Während der lezten Zeit ſeiner verhängnißvollen Krankheit war mein Onkel völlig unfähig über irgend einen Gegenſtand zu ſprechen. Von der Zeit meiner Ankunft zu Heiligenkreuz, in Mitte des verfloſſenen Monats— bis zu ſeinem Tode kam nicht ein Wort von ſeinen Lippen, welches nur im Entfernteſten auf die Geheimelauſel hingedeutet hätte. „So weit ſteht bis zu dieſer Stunde die Ange⸗ legenheit. Wenn es Ihnen gut dünkt den Inhalt dieſes Briefes Fräulein Vanſtone mitzutheilen, ſo bitte ich ihr zu ſagen daß es nicht meine Schuld ſein wird, wenn ihrer Schweſter Behauptung(ſo albern ſie auch den Teſtamentsvollſtreckern meines Onkels erſcheinen mag) durch die Nachſuchung ſich nicht als begründet erweist. „Betrachten Sie mich, verehrtes Fräulein, immer⸗ dar als Ihren aufrichtigen „Georg Bartram.“ „P. S.— Sobald alle Geſchäftsangelegenheiten erledigt ſind, reiſe ich auf einige Monate ins Aus⸗ land, um durch eine Ortsveränderung eine Linde⸗ rung meiner ſchmerzlichen Stimmung zu finden. Das vollen dem ſten iſt, clauſ von kreuz vollſt rals kenne aller könne. r die t von chlafe habe, is die ürden. ie ge⸗ hatte. wollen irgend meiner dſſenen Wort en auf Ange⸗ Inhalt en, ſo Schuld ung(ſo meines ng ſich immer⸗ um.“ enheiten 8 Aus⸗ Linde⸗ 1. Das 133 Haus wird verſchloſſen werden und der Aufſicht der Frau Drake überlaſſen bleiben. Ich habe nicht ver⸗ geſſen daß Sie einmal ſagten, Sie würden Heiligen⸗ kreuz gerne ſehen, wenn Sie ſich jemals in der Nachbarſchaft befänden. Wenn Sie nun während der Zeit meiner Abweſenheit im Ausland viel⸗ leicht in die Grafſchaft Eſſer kommen ſollten, ſo habe ich dafür Vorſorge getroffen, daß Sie ſich in Ihrer Erwartung nicht getäuſcht finden, in⸗ dem ich Frau Drake Weiſung ertheilt habe, Ihnen und Ihren Freunden den ungehindertſten Zutritt in Haus und Hof zu gewähren.“ VIII. Herr Loscombe an Frau Noel Vanſtone. Lincolns⸗Innplaz, den 24. Mai. „Werthe Madame! Nach einer Nachforſchung von vollen vierzehn Tagen— welche, ich fühle mich zu dem Zugeſtändniß verpflichtet, mit der gewiſſenhafte⸗ ſten und unermüdlichſten Sorgfalt angeſtellt worden iſt, hat man keine ſolche Urkunde wie die Geheim⸗ elauſel unter den Papieren entdecken können, welche von dem verſtorbenen Admiral Bartram zu Heiligen⸗ kreuz hinterlaſſen worden ſind. „Unter dieſen Umſtänden haben die Teſtaments⸗ vollſtrecker ſich entſchloſſen, das Teſtament des Admi⸗ rals allein mehr als die leitende Autorität anzuer⸗ kennen und darnach zu handeln. Dieſe Urkunde 134 (ſchon ſeit einigen Jahren ausgefertigt) vermacht ſein ganzes Beſizthum, bewegliches und unbewegliches (das heißt, alle Ländereien und Güter und ſämmt⸗ liches Geld das er zur Zeit ſeines Todes beſizt) ſei⸗ nem Neffen. Das Teſtament iſt deutlich und das Reſultat unvermeidlich. Das Vermögen Ihres Gatten iſt von jezt an für Sie verloren. Herr Georg Bart⸗ ram erbt es geſezlich, wie er geſezlich das Haus und die Güter von Heiligenkreuz erbt. „Ich will keinen Commentar zu dieſem auffallen⸗ den Schluß der Angelegenheit liefern. Die Clauſel kann vernichtet worden ſein— oder die Clauſel be⸗ findet ſich in irgend einem Verſtecke, das jeder Ent⸗ deckung unzugänglich iſt, mag man auch mit noch ſo vieler Geduld und Ausdauer darnach ſuchen. Es iſt fruchtlos für uns beide über dieſen Gegenſtand jezt noch in Erörterungen uns einzulaſſen. Auch will ich zu Ihrer getäuſchten Hoffnung nicht noch eine Hindeutung auf die Zeit und das Geld hinzufügen, welche ich durch den unglücklichen Verſuch, Ihre Intereſſen zu vertreten, verloren habe. Ich will bloß ſagen daß meine Verbindung in dieſem Betreff(ſo⸗ wohl die perſönliche als berufsgemäße) von dieſem Augenblick an als abgeſchloſſen betrachtet werden müſſe. „Ihr unterthäniger Diener „J. Loscombe.“ Frau Weiſt der Etwa frager kannt daß welch vemb eine jezt h ſie zu men eine antwe nüzig 2 verlä allein vor 1 ihren daß meine iſt W ht ſein gliches ämmt⸗ t) ſei⸗ id das Gatten Bart⸗ us und ffallen⸗ Clauſel ſſel be⸗ r Ent⸗ it noch 2n. Es enſtand uch will och eine ufügen, „Ihre vill bloß reff(ſo⸗ dieſem werden ibe.“ IX. Frau Ruddock(Wohnungsvermietherin) au Herrn Loscombe. Parkterraſſe zu St. Johanniswald, den 2. Juni. „Mein Herr! Da ich nach Frau Noel Vanſtones Weiſungen Briefe für ſie unter Ihrer Adreſſe von der Poſt erhalten habe und mit keinem derſelben Etwas anzufangen weiß, ſo erlaube ich bei Sie zu fragen ob Sie nicht mit einem ihrer Freunde be⸗ kannt ſind; denn ich halte es für recht und billig daß dieſelben aufgemuntert werden ſollten, irgend welche Schritte in Betreff ihrer zu unternehmen. „Frau Vanſtone kam zuerſt im verfloſſenen No⸗ wember zu mir, als ſie und ihr Mädchen bei mir eine Wohnung bezogen. Von dieſem Zeitpunct an bis jezt hat ſie mir keine Veranlaſſung gegeben, mich über ſie zu beklagen. Sie hat ſich wie eine Dame benom⸗ men und mich pünctlich bezahlt. Ich ſchreibe als eine Familienmutter unter dem Gefühl einer Ver⸗ antwortlichkeit— ich ſchreibe nicht aus einem eigen⸗ nüzigen Beweggrunde. „Nach vorausgegangener rechtzeitiger Kündigung verläßt Frau Vanſtone(die ſich gegenwärtig ganz allein befindet) mich am morgigen Tage. Sie hat vor mir gab kein Hehl daraus gemacht, daß ſie in ihren Verhältniſſen ſehr heruntergekommen ſei und daß ſie die Koſten eines fernern Aufenthalts in meinem Hauſe nicht mehr erſchwingen könne. Dieß iſt Alles was ſie mir mitgetheilt hat— ich weiß — — —— — 136 durchaus nicht wohin ſie ſich begeben will oder was ſie zunächſt zu thun im Sinne hat. Aber ich habe allen Grund zu glauben daß ſie nach dem Verlaſſen dieſes Ortes jede Spur zu vernichten wünſcht, mittelſt welcher man ihren künftigen Aufenthalt entdecken könnte— denn ich traf ſie geſtern in heftigen Thrä⸗ nen, während ſie Briefe verbrannte, welches zweifels⸗ ohne Briefe von ihren Freunden waren. Im Ver⸗ lauf der verfloſſenen Woche hat ſie ſich in Blick und Benehmen auf eine ſehr auffallende Weiſe verändert. Ich glaube daß ein entſezlicher Kummer auf ihrer Seele laſtet— und fürchte nach dem was ich von ihr ſehe, daß ſie ſich am Vorabend einer ernſtlichen Krankheit befindet. Es iſt ſehr ſchlimm, ein ſolch junges Frauenzimmer ſo ganz verlaſſen und freund⸗ los zu erblicken, wie ſie gegenwärtig iſt. „Entſchuldigen Sie mich daß ich Sie mit dieſem Briefe behellige; es iſt für mich Gewiſſeusſache ihn zu ſchreiben. Wenn Sie einen ihrer Verwandten kennen, ſo machen Sie ihn darauf aufmerkſam daß keine Zeit zu verlieren iſt. Geht der morgige Tag ungenüzt verloren, ſo iſt auch die lezte Ausſicht, ſie zu finden, verloren.— „Ihre unterthänige Dienerin „Catherine Ruddock.“ X. Herr Loscombe au Frau Ruddock. Lincolns⸗Innplaz, den 2. Juni. „Madame! Meine einzige Verbindung mit Frau Noel Vanſtone war bloß eine in meinem Beruf als bleibe r was habe laſſen nittelſt tdecken Thrä⸗ eifels⸗ Ver⸗ ck und indert. fihrer ch von ſtlichen n ſolch freund⸗ dieſem che ihn Handten um daß ge Tag icht, ſie ock.“ Juni. nit Frau rruf als 137 Advocat liegende— und dieſe Verbindung iſt jezt zu Ende. Ich bin mit keinem ihrer Freunde be⸗ kannt und kann mich weder in ihre gegenwärtigen noch zukünftigen Schritte mehr einmiſchen. „Indem ich bedaure daß ich nicht im Stande bin, Ihnen irgend welchen Beiſtand zu leiſten, ver⸗ bleibe ich Ihr gehorſamer Diener „J. Loscombe.“ gezte Srene. Aarons Buildings. Erſtes Capitel. Am ſiebenten Juni empfingen die Eigenthümer des Kauffahrteiſchiffes Deliverance die Nachricht, daß das Schiff ſeine Paſſagiere zu Plymouth ans Land geſezt und dann ſeine Heimreiſe in den Hafen von London fortgeſezt habe. Fünf Tage ſpäter befand ſich das Fahrzeug in dem Fluſſe und wurde in die oſtindiſchen Docks hineinbugſirt. Nachdem Kapitän Kirke mit ſeinen Geſchäften an den Quais, für welche er die perſönliche Verant⸗ wortlichkeit auf ſich hatte, fertig war, traf er die nöthigen brieflichen Voranſtalten, um am ſiebzehnten des Monats das Pfarrhaus ſeines Schwagers zu beſuchen. Wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten empfing er eine ganze Litanei von Aufträgen, die er für ſeine Schweſter am Tag vor ſeiner Abreiſe von London beſorgen ſollte. Eine dieſer Commiſſionen führte ihn in die Nachbarſchaft von Camden Town. Er fuhr zuerſt von den Werften nach ſeinem Be⸗ V ſtimm ſeinen und Fortm rings Kurze ſeine wo e zu Fu in je hatte Herzer tliz, folgt See Trauf gleite Geda⸗ Verde auf d thümer zt, daß Land en von befand in die ſchäften Verant⸗ er die zehnten gers zu nheiten die er iſe von iſſionen Town. em Be⸗ 1139 ſtimmungsort, entließ alsdann das Gefährt und ſezte ſeinen Gang ſüdlich gegen die Neuſtraße fort. Er war in dem Bezirke nur dürftig orientirt und ſeine Aufmerkſamkeit ſchweifte während des Fortwandelns immer weiter und weiter von der Scene rings um ihn her weg. Bei der Ausſicht, binnen Kurzem ſeine Schweſter wieder zu ſehen, führten ſeine Gedanken ihn im Geiſte zu der Nacht zurück, wo er von ihr Abſchied genommen und das Haus zu Fuß verlaſſen hatte. Die Bezauberung, die ihn in jener verfloſſenen Zeit ſo wunderſam ergriffen, hatte alle ſpätern Ereigniſſe hindurch aus ſeinem Herzen nicht losgeriſſen werden können. Das An⸗ tliz, das ihm auf der einſamen Landſtraße nachge⸗ folgt war, folgte ihm auch wieder auf die einſame See nach. Das Frauenzimmer, das ihn wie ein Traum bis an die Hausthüre ſeiner Schweſter be⸗ gleitet, begleitete ihn auch— ein Gedanken ſeines Gedankens und ein Geiſt ſeines Geiſtes— auf das Verdeck ſeines Schiffes. Bei Sturm und Windſtille auf der Fahrt in die Ferne, bei Sturm und Wind⸗ ſtille auf der Rückfahrt in die Heimath, war ſie bei ihm geweſen. Auch in dem endloſen Getümmel der Londoner Straßen befand ſie ſich jezt bei ihm. Er wußte im Voraus was die erſte Frage auf ſeinen Lippen ſein würde, wenn er die Schweſter und ihre Knaben wieder geſehen hätte. „Ich werde mir Mühe geben, nicht zu viel zu ſagen,“ dachte er;„aber wenn Lizzie und ich uns allein befinden, werde ich wider meinen Willen da⸗ mit herausfahren.“ Die Nothwendigkeit, an einer Straßenbiegung 140 zu warten und eine Reihe von Fuhrwerken vorüber⸗ fahren zu laſſen, ehe er hinüber ging, machte ihn wieder für die Gegenwart empfänglich. Er ſchaute in einer augenblicklichen Verwirrung auf. Die Straße kam ihm fremd vor; er hatte den Weg verloren. Der erſte Fußgänger, den er fragte, ſchien keine Zeit vergeuden zu wollen, um ihm Auskunft zu geben. Er wies ihn blos in höchſter Eile an, auf die andere Seite der Straße zu gehen, in die erſte Straße zu rechter Hand einzubiegen und dann wie⸗ der zu fragen. Hierauf eilte der Fremde ohne alles Weitere fort, ohne auch nur einen Dank abzuwarten. Kirke folgte der Weiſung und bog rechter Hand ein. Die Straße war kurz und ſchmal und die Häuſer auf beiden Seiten von der geringern Art. Als er um die Ecke bog, ſchaute er empor, um zu ſehen was für einen Namen der Plaz führe. Er hieß:„Aarons Buildings“(Aarons Gebäude). Tief unten an der Seite der Buildings, längs deren er fortwandelte, war eine kleine Gruppe von Gaffern um zwei Fuhrwerke verſammelt, die beide vor die Thüre des nämlichen Hauſes angefahren waren. Kirke näherte ſich der Gruppe, um irgend einen höflichen Mann darunter der keine ſo große Eile dießmal hätte um den Weg zu befragen. In der Nähe der Gefährte traf er eine Weibsperſon in vollem Streit mit den Kutſchern, und hörte davon genug, um bald zu wiſſen, daß aus Verſehen zwei Fiakers geſchickt worden waren, während man nur einen brauchte.. Die Thüre des Hauſes war offen, und als er ſich dieſer Richtung zuwendete, konnte er leicht über Haus⸗ Auger Beobe ſollen. Geſich einem Gang dem um ſ zimme dium Streit fortge gebeu welche er de G Mäde den geſtat genbl nieder Fraue danke fünf taucht D mun die 1 Wahr macht prüber⸗ hte ihn zute in Straße rloren. n keine inft zu n, auf ie erſte in wie⸗ ie alles warten. r Hand ind die ]n Art. um zu re. Er 2). längs ppe von ie beide gefahren irgend o große en. In erſon in e davon hen zwei nan nur d als er er leicht 141 über die Köpfe der Leute vor ihm hinweg in den Hausgang hineinſehen. Der Anblick, der ſich ſeinen Augen darbot, hätte aus mitleidiger Theilnahme der Beobachtung von der Straße her entzogen werden ſollen. Er ſah ein ſchlampiges Mädchen mit einem Geſicht voll Angſt und Schrecken, welches neben einem alten Stuhle ſtand, der in der Mitte des Ganges aufgeſtellt war, und ein Frauenzimmer an dem Stuhle hielt, das zu ſchwach und elend war, um ſich allein aufrecht zu erhalten— ein Frauen⸗ zimmer, das augenſcheinlich in dem critiſchſten Sta⸗ dium einer Krankheit ſich befand und eben, als der Streit draußen zu Ende war, in einem der Gefährte fortgeführt werden ſollte. Ihr Haupt war herab⸗ gebeugt, als er ſie zuerſt ſah, und ein alter Shawl, welcher es bedeckte, war vorwärts gefallen, ſo daß er den obern Theil ihres Geſichtes verhüllte. Ehe er wieder wegblicken konnte, faßte das Mädchen ſie an, hob ihren Kopf empor und brachte den Shawl an ſeinen Plaz zurück. Dieſer Act geſtattete den Anblick ihres Geſichts auf einen Au⸗ genblick, ehe ſie ihr Haupt wieder auf ihren Buſen niederſinken ließ. In dieſem Augenblick ſah er das Frauenzimmer, deſſen Schönheit der unabläſſige Ge⸗ danke ſeines Lebens, deſſen Bild vor noch kaum fünf Minuten ſo lebhaft vor ſeiner Seele aufge⸗ taucht war! Der Schlag, den ihm die doppelte Wahrneh⸗ mung in einem und demſelben Moment verſezte, die Erblickung nämlich ihres Geſichtes und die Wahrnehmung der traurigen Veränderung darin, machte ihn völlig ſprach⸗ und rathlos. Die uner⸗ 14² ſchütterliche Geiſtesgegenwart bei allen Vorfällen, die ihm zur zweiten Natur geworden war, verließ ihn jezt zum erſten Male. Die armſelige Straße, das ſchmuzige Lumpengeſindel um die Thür herum ſchwammen vor ſeinen Augen. Er taumelte zurück und faßte das Eiſengeländer des Hauſes hinter ſich. „Wohin will man ſie bringen?“ hörte er eine Weibsperſon dicht an ſeiner Seite fragen. „Ins Spital, wenn man ſie dort aufnimmt,“ war die Antwort.„Und außerdem in das Ar⸗ beitshaus.“ Das Mißverſtändniß auf dem Pflaſter draußen war beigelegt und eine der Droſchken fortgefahren. Als er die Thürſchwelle überſchritt, überſtreifte ſein Blick die Leute im Hauſe in dem Augenblick, wo man ſie entfernen wollte. Der Kutſcher, der zurück⸗ geblieben, befand ſich auf der einen Seite des Stuh⸗ les, und die Weibsperſon, die mit den zwei Droſch⸗ kenführern geſtritten hatte, auf der andern. Sie wollten ſie gerade emporlüpfen, als Kirkes hohe Ge⸗ ſtalt die Thüͤre verdunkelte. „Was wollt ihr mit dieſer Dame beginnen?“ fragte er. „Der Droſchkenmann ſchaute auf. Die Unverſchämt⸗ heit ſeiner Erwiederung war ſchon vorher auf ſeinem Geſicht zu leſen, ehe er nur ſeine Lippen öffnete. Aber die Weibsperſon war ſchneller als er. Sie ſah die unterdrückte Aufregung in Kirkes Antliz und ließ ihren Halt am Stuhle augenblicklich fahren. „Kennen Sie ſie, Herr?“ fragte die Frau mit eifriger Lebhaftigkeit.„Sind Sie einer Ihrer Freunde?“. gewiß K. und ſ 85 zu,“ ſchicken Sie ſ der a 1n. 8 E Arme Bruſt wund fällen, verließ btraße, herum zurück er ſich. er eine immt,“ s Ar⸗ vaußen fahren. hſte ſein ck, wo zurück⸗ Stuh⸗ Droſch⸗ 1. Sie ohe Ge⸗ nnen?“ eſchämt⸗ ſeinem öffnete. v. Sie liz und dren. rau mit Ihrer Achen immer 1 ſgehalten. Kirke führte ſie zärtlich an ihr Bett. Sie 143 „Ja,“ ſagte Kirke ohne Zögern. „Es iſt nicht meine Schuld, Herr,“ rechtete die Frau, die vor dem ſtrengen Blick womit er ſie firirte zurückſchrack.„Ich würde es geduldig abge⸗ wartet haben, bis ihre Freunde ſie fanden— ganz gewiß würde ich das gethan haben!“ Kirke gab keine Erwiederung. Er drehte ſich um und ſprach mit dem Droſchkenführer. „Gehen Sie hinaus und ſchließen Sie die Thüre zu,“ ſagte er. Ich werde Ihnen Ihr Geld ſogleich ſchicken. Aus welchem Zimmer im Hauſe brachten Sie ſie herunter?“ fuhr er fort, indem er ſich wie⸗ der an die Frau wendete. „Aus dem Zimmer im erſten Hinterſtock, Herr.“ „Weiſen Sie mir den Weg dahin.“ Er beugte ſich und hob Magdalene in ſeinen Armen empor. Ihr Haupt ruhte ſanft auf der Bruſt des Seemanns. Ihre Augen blickten per⸗ wundert in das Geſicht deſſelben. Sie lächelte und flüſterte ihm gedankenlos zu. Ihr Geiſt war in die alten Tage der Heimath zurückgeſchweift und die Paar abgebrochenen Worte, die ſie fallen ließ, zeig⸗ ten deutlich daß ſie ſich einbildete, wieder als ein Kind in den Armen ihres Vaters ſich zu befinden. „Armer Papa!“ ſagte ſie ſanft.„Warum ſiehſt Du ſo betrübt darein? Armer Papa!“ Die Frau ging in das Hinterzimmer im erſten Stocke voran. Es war ſehr klein und armſelig möblirt. Aber das kleine Bett war reinlich und die Paar Sachen im Zimmer in zierlicher Ordnung 144 ergriff mit ihren fieberheißen Fingern eine ſeiner Hände. „Machen Sie Mama meinetwillen keinen Kum⸗ mer,“ ſagte ſie.„Laſſen Sie Nora kommen.“ Kirke verſuchte ſanft ſeine Hand zurückzuziehen, aber ſie umfaßte dieſelbe nur um ſo begieriger. Er ſezte ſich neben das Bett nieder, um abzuwarten bis es ihr gefiele ihn loszulaſſen. Die Frau ſtand ſie anſchauend da und weinte in einer Ecke des Zim⸗ mers. Kirke beobachtete ſie aufmerkſam. „Sprechen Sie,“ ſagte er nach einer Weile mit gedämpfter, ruhiger Stimme.„Sprechen Sie in ihrer Gegenwart, und ſagen Sie mir die Wahrheit.“ Unter vielen Thränen und mit einer Menge Worte gab die Frau ihre Erklärung ab. Sie habe ſeit vierzehn Tagen ihren erſten Stock der Dame vermiethet. Dieſe habe für eine Woche den Miethzins bezahlt und ſich den Namen Gray gegeben. Sie ſei in den erſten drei Tagen von Morgens bis Abends fortgeweſen, und jedes Mal mit einer unendlich traurigen und mißvergnügten Miene wieder heimgekommen. Die Hausfrau habe den Verdacht gehegt, daß ſie ſich unter einem fal⸗ ſchen Namen vor ihren Freunden verbergen wolle, und daß ſie ſich an den drei Tagen, wo ſie ſo lange ausgeblieben und ſo mißvergnügt bei der Rückkehr ausgeſehen, vergebliche Mühe gegeben habe, Geld auf⸗ zutreiben oder irgend eine Beſchäftigung zu erhalten. Wie dem nun auch ſein möge, am vierten Tage ſei ſie von einer heftigen Krankheit mit abwechſelnden Fieberfroſt⸗ und Hizanfällen befallen worden. Am fünften Tage ſei ſie noch ſchlimmer geworden und am ſee bald i nicht n (der in komme habe 1 Er ha die Ha gelegt habe. einziger gebrach einige keine§ ſtück e ihrer 2 Riſico, und de auf di ſelbſt bereitn Ausſich auf die indig ſei ihr Hauſes nehmen kleinen nöthigt Stock auch k genäſe Coll 145 ſeiner am ſechsten bald zu ſehr mit Schlafſucht behaftet, bald im Delirium befangen geweſen, ſo daß man Kum⸗ nicht mit ihr hätte ſprechen können. Der Apotheker (der in jenem Bezirke auch zugleich Arzt ſei) ſei ge⸗ iehen, kommen, und habe ſie angeſchaut und geſagt, ſie -. Er habe nach ſeinem Erachten ein gefährliches Fieber. en bis Er habe ein„Salztränklein“ zurückgelaſſen, wofür nd ſie die Hausfrau den Betrag aus eigener Taſche aus⸗ Zim⸗ gelegt und welches ſie ohne Wirkung eingegeben habe. Sie ſei hierauf an die Durchſuchung des le mit einzigen Koffers gegangen, den die Dame mit ſich pie in gebracht, aber ſie habe in demſelben Nichts als rheit.“ einige nothwendige Weißzeugartikel gefunden— Menge keine Kleider, keine Koſtbarkeiten, bloß das Bruch⸗ ſtück eines Briefes, der vielleicht zur Entdeckung Stock ihrer Freunde verhilflich ſein könnte. Zwiſchen dem Woche Riſico, ſie unter ſolchen Verhältniſſen zu behalten, Gray und der Unmenſchlichkeit, eine kranke Frauensperſon n von auf die Straße zu ſezen, habe die Hauswirthin 8 Mal ſelbſt keinen Augenblick geſchwankt. Sie würde ſie nügten ſbereitwillig in der Miethe behalten haben, auf die u habe Ausſicht der Wiedergeneſung der Dame hin, oder imn fal⸗ auf die Ausſicht hin, daß man ihre Freunde aus⸗ wolle, ſindig mache. Aber vor kaum einer halben Stunde dlange ſſii ihr Mann— der niemals in die Nähe des tückehr Hauſes käme, außer um ihr Geld in Empfang zu Ad auf⸗ nehmen— gekommen, um wie gewöhnlich ihr ihren hhalten. ſileinen Verdienſt abzunehmen. Sie habe ſich ge⸗ age ſei ſnöthigt geſehen ihm zu ſagen, daß ſie für den erſten ſelnden Stock keinen Miethzins erhalten und wahrſcheinlich . Am auch keinen erhalten werde, bis die Dame wieder⸗ den und genäſe oder ihre Freunde ſie auffänden. Nachdem Collins, Namenlos. V. 10 3 n 146 er dieß gehört, ſei er unbarmherzig darauf beſtanden — wohl oder übel— daß die Dame aus dem Hauſe fort ſolle. Da wäre das Spital, um ſie aufzunehmen, und wenn das Spital ihr ſeine Thüre verſchließe, ſo gäbe es noch das Arbeitshaus, in dem man es verſuchen könne. Wenn ſie nicht in⸗ nerhalb einer Stunde draußen ſei, ſo drohte er, ſelbſt kommen und ſie mit ſich fortnehmen zu wollen. Seine Frau wiſſe aber nur zu wohl, daß er roh genug ſei, um ſein Wort zu halten, und es ſei ihr daher keine andere Wahl übrig geblieben, als um der Dame ſelbſt willen zu handeln wie ſie ge⸗ handelt habe. Die Frau erzählte ihre herzzerreißende Geſchichte mit allem Anſchein des Gefühls einer aufrichtigen Scham darüber. Gegen den Schluß zu nahm Kirke wahr, daß der Druck der heißen Finger um ſeine Hand erſchlaffe. Er blickte wieder auf das Bett zurück. Ihre matten Augen waren geſchloſſen, und mit dem Geſicht noch gegen den Seemann gewendet war ſie in Schlummer verſunken. „Befindet ſich Jemand im Vorderzimmer?“ ſagte Kirke flüſternd.„Laſſen, Sie uns dorthin gehen; ich habe Ihnen Etwas zu ſagen.“ Die Frau folgte ihm durch die Verbindungsthüre zwiſchen den Zimmern. „Wie viel iſt ſie Ihnen ſchuldig?“ fragte er. Die Wirthin gab den Betrag an. Kirke legte das Geld vor ſie auf den Tiſch nieder. „Wo iſt Ihr Mann?“ war ſeine nächſte Frage. „Er wartet im Wirthshaus, bis die Stunde her⸗ um iſt, Herr.“ e vorent habe Mann Leibe das 4 bei I kehr 3 Hände fende verſezt tanden s dem um ſie Thüre us, in icht in⸗ hte er, wollen. er roh es ſei en, als ſie ge⸗ eſſchichte ichtigen 1 Kirke n ſeine s Bett n, und wendet “ ſagte gehen; gsthüre e er. e legte Frage. ide her⸗ 147 „Sie können ihm nach Gutdünken das Geld vorenthalten oder nicht,“ ſagte Kirke ruhig.„Ich habe Ihnen bloß Eins zu ſagen, ſofern es Ihren Mann angeht. Wenn Sie jeden Knochen in ſeinem Leibe zerbrochen ſehen wollen, ſo laſſen Sie ihn in das Haus kommen, während ich darin bin. Halt! Ich habe noch Etwas mehr zu ſagen. Wiſſen Sie nicht einen Arzt in der Nachbarſchaft, auf den man ſich verlaſſen kann?“ „In unſerer Nachbarſchaft nicht, Herr. Aber ich weiß einen etwa eine halbe Stunde Wegs von hier.“ „Nehmen Sie die Droſchke vor der Thüre, und wenn ſie ihn zu Hauſe treffen, ſo nehmen Sie ihn bei Ihrer Rückkehr gleich hieher mit. Sagen Sie ihm, daß ich hier in einem ſehr bedenklichen Falle auf ſein ärztliches Gutachten harre. Er ſoll gut bezahlt werden und auch Sie ſollen gut bezahlt wer⸗ den. Eilen Sie!“ Die Frau verließ das Zimmer. Kirke ſezte ſich allein nieder, um auf ihre Rück⸗ kehr zu warten. Er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen, und verſuchte die ſonderbare und ergrei⸗ fende Lage, in die ihn der Zufall eines Augenblicks verſezt hatte, ſich recht lebhaft zu vergegenwärtigen. N Verſteckt in einer ſchmuzigen Nebenſtraße Lon⸗ dons, einen falſchen Namen tragend, hinausgeſtoßen, ohne Freunde und hilflos, der Willkür fremder Menſchen Preis gegeben, von einer Krankheit heim⸗ geſucht, durch welche ſie leiblich und geiſtig zu Bo⸗ den geſchmettert war— ſo traf er wieder das Weib, das in ſeiner Seele eine neue Welt von Schönheit 148 aufgethan, das Weib, welches durch einen Blick Liebe zum Leben in ihm hervorgerufen hatte! Wel⸗ ches entſezliche Mißgeſchick hatte ſo grauſam mit ihr verfahren und ſie ſo tief heruntergebracht? Welches geheimnißvolle Verhängniß hatte ihn in der Stunde der härteſten Noth in die lezte Zuflucht ihrer Ar⸗ muth und Verzweiflung geführt. „Wenn es beſtimmt iſt daß ich ſie wieder ſehen ſoll, ſo werde ich ſie ſehen.“ Dieſe Worte vergegenwärtigten ſich ihm jezt wie⸗ der— die denkwürdigen Worte, welche er beim Scheiden zu ſeiner Schweſter geſprochen hatte. Mit dieſem Gedanken in ſeinem Herzen war er hingegangen, wohin ihn ſeine Pflicht rief. Monate um Monate ſchwanden dahin, Tauſende und abermals Tauſende von Meilen, die ſich in einſamer unermeßlicher Länge über die niemals raſtenden Gewäſſer hindehnten, hatten ſich endlos dazwiſchen gewälzt. Und während ſo die Zeit dahinrauſchte, während Tag um Tag, Nacht um Nacht, die Himmelswinde blieſen und ſein liebes Schiff ſich durch die öde Unendlichkeit der Meere fortarbeitete, war er immer näher dem Ziele gekommen das ſeiner wartete, war er blindlings dem Zuſammentreffen auf der Schwelle jenes armſeligen Hauſes entgegengeſteuert. „Was hat mich hieher gebracht?“ fragte er flüſternd ſich ſelbſt.„Die Gnade des Zufalls? Nein! Die Gnade Gottes!“ Ohne dem Plaz eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ohne ſich um die Zeit zu bekümmern, wartete er, V bis der Schall von Fußtritten auf der Treppe plöz⸗ i lich 3 Thüre 6 ſie ein 8 als er ſonder G in ſein Blick verlaſ N ſchickte zimme oder ſie be hell it gab ſ Haus. ſchließ Fi Blick Wel⸗ nit ihr Jelches Stunde er Ar⸗ ſehen zt wie⸗ cheiden dieſem angen, Nonate zuſende Länge ehnten, ährend n Tag, id ſein eit der 1 Ziele gs dem iſeligen gte er Nein! chenken, kete er, de plöz⸗ 149 lich zwiſchen ihn und ſeine Gedanken trat. Die Thüre ward geöffnet und der Arzt erſchien im Zimmer. „Doctor Merrick,“ ſagte die Hauswirthin, indem ſie einen Stuhl für ihn herſtellte. „Herr Merrick,“ ſagte der Beſuch, ruhig lächelnd, als er den Stuhl nahm.„Ich bin kein eigentlicher Arzt, ſondern nur Wundarzt von unbeſchränkter Praxis.“ Gleichviel ob Doctor oder Chirurg, es lag Etwas in ſeinem Geſicht und Benehmen, was Kirke auf einen Blick ſagte daß er ein Mann wäre auf den man ſich verlaſſen könnte. Nach ein Paar einleitenden Worten beiderſeits ſchickte Herr Merrick die Hauswirthin in das Schlaf⸗ zimmer, um nachzuſehen ob ſein Patient wach wäre oder ſchliefe. Die Frau kehrte bald zurück und ſagte, ſie befände ſich„zwiſchen beiden, ſie wäre wieder hell im Kopfe und glühend heiß.“ Der Doctor be⸗ gab ſich ſogleich in das Schlafzimmer, indem er die Hauswirthin ihm folgen und die Thüre hinter ſich ſchließen hieß. Eine langweilige Zeit verfloß, ehe er in das Vorderzimmer zurückkam. Als er wieder erſchien, ſprach ſchon ſein Geſicht für ihn, ehe nur eine Frage geſtellt werden konnte. „Iſt es eine bedenkliche Krankheit?“ ſagte Kirke mit gedämpfter Stimme und ſeine Augen ängſtlich auf das Geſicht des Doctors geheftet. „Es iſt eine gefährliche Krankheit,“ ſagte Herr Merrick mit einer eigenthümlichen Betonung des Wortes. Er rückte ſeinen Stuhl näher an Kirke und ſchaute ihn aufmerkſam an. 150 „Darf ich mir eine Frage erlauben, die gerade nicht völlig mediciniſcher Natur iſt?“ forſchte er. Kirke nickte. „Können Sie mir ſagen wie ihr Leben beſchaffen war, ehe ſie in dieß Haus kam und von der Krank⸗ heit befallen wurde?, „Ich weiß das ganz und gar nicht. Ich bin nach einer langen Abweſenheit eben erſt nach Eng⸗ land zurückgekehrt?“ „Wußten Sie um ihr Hierſein?“ „Ich entdeckte es bloß zufälliger Weiſe.“ „Hat ſie keine weiblichen Verwandte? Keine Mutter? keine Schweſter? Niemanden, der ſich ihrer annimmt als Sie allein?“ „Niemanden— es müßte mir denn gelingen, Verwandte von ihr ausfindig zu machen. Niemanden als mich allein.“ Herr Merrick ſchwieg. Er ſchaute Kirke aufmerk⸗ ſamer als zuvor an. „Sonderbar!“ dachte der Doctor.„Es iſt der einzige Menſch, der Sorge für ſie trägt—— und dieß iſt Alles was er weiß.“ Kirke las die Bedenklichkeit in ſeinem Geſicht und lenkte das Geſpräch, ehe ein anderes Wort zwiſchen ihnen fiel, geradenwegs auf dieſe Bedenklichkeit. „Ich ſehe daß meine Stellung hier Sie befrem⸗ det,“ ſagte er treuherzig.„Wollen Sie es als die Stellung eines Verwandten betrachten— als die Stellung ihres Bruders oder ihres Vaters— bis ihre Freunde ausfindig gemacht werden können.“ Seine Stimme ſchwankte und er legte ſeine Hand mit tiefem Ernſt auf den Arm des Doctors.„Ich habe! vertra ſo wa nicht: D Bruſt faßten C licher Mann hatte, dräng dieſem uns l Sie 1 Frage Die 2 Patier wegs irgend hat in wartu menge einzuſ wenn über ie de können 5 —: chaffen Krank⸗ h bin Eng⸗ Keine hihrer lingen, nanden ufmerk⸗ iſt der nd dieß cht und wiſchen iit. befrem⸗ ils die als die — bis 15 3 e Hand „Ich 151 (habe die Sorge und Verantwortlichkeit für dieß an⸗ vertraute Gut einmal übernommen, und ich werde, ſo wahr Gott mein Richter ſein wird, mich deſſelben nicht unwürdig beweiſen.“ Das arme müde Haupt lag wieder auf ſeiner Bruſt und die armen ſieberglühenden Finger um⸗ faßten abermals ſeine Hand, als er dieſe Worte ſprach. „Ich glaube Ihnen,“ ſagte der Doctor mit herz⸗ licher Wärme.„Ich glaube, Sie ſind ein ehrlicher Mann. Entſchuldigen Sie, wenn es den Anſchein hatte, als wollte ich mich in Ihr Vertrauen ein⸗ drängen. Ich achte Ihre Zurückhaltung— von dieſem Augenblick an ſoll ſie mir heilig ſein. Um uns beiden Recht widerfahren zu laſſen, ſo erlauben Sie mir die Erklärung, daß die von mir geſtellten Fragen nicht von bloßer Neugierde eingegeben waren. Die Veranlaſſung zu der Krankheit, welche meinen Patienten auf dieß Lager geworfen hat, darf keines⸗ wegs zu den gewöhnlichen gezählt werden. Sie har irgend einen langwierigen Geiſtesſchmerz erduldet, hat in irgend einer abſpannenden marternden Er⸗ wartung gelebt— und iſt endlich darunter zuſam⸗ mengebrochen. Es wäre für den Zweck der von mir einzuſchlagenden Behandlung ſehr förderlich geweſen, wenn ich über die Natur ihres Seelenſchmerzes und über die Länge oder Kürze der Zeit die verfloß, bis ſie demſelben erlag, einen Aufſchluß hätte erhalten können. In dieſer Hoffnung fragte ich.“ „Als Sie mir erklärten daß ſie gefährlich krank ſei, meinten Sie damit eine Gefahr für ihren Geiſt oder für ihr Leben?“ „Für beides,“ entgegnete Herr Merrick ernſt; dann 152 fuhr er fort:„Ihr ganzes Nervenſyſtem iſt völlig zer⸗ rüttet; ſämmtliche regelmäßige Functionen ihres Ge⸗ hirnes befinden ſich in einem Zuſtande förmlicher Stö⸗ rung. Ich kann Ihnen keine deutlichere Erklärung über die Natur der Krankheit geben. Das Fieber, welches die Hausleute in Furcht verſezt, iſt bloß die Wirkung. Die Urſache iſt die von mir Ihnen mitgetheilte. Sie kann wochenlang in dieſem Bette liegen müſſen und ohne den geringſten Schimmer von Bewußtſein ab⸗ wechſelnd aus dem Stadium des Deliriums in das lichterer und ruhigerer Augenblicke und umgekehrt hinübergehen. Sie dürfen ſich keine Sorge deßhalb machen, wenn Sie finden daß ihr Schlaf weit über g die gewöhnliche Zeit andauert. Dieſer Schlaf iſt ein beſſeres Heilmittel als alle andern die ich ver⸗ ordnen kann, und nicht das Geringſte darf ſie darin ſtören. All unſere Kunſt muß ſich darauf beſchränken ſie zu überwachen— ihr von Zeit zu Zeit mit Reizmitteln zu Hilfe zu kommen— und im Uebrigen abzuwarten was die Natur thun wird.“ „Muß ſie hier bleiben? Bleibt uns gar keine Hoffnung, ſie an einem beſſeren Ort unterzubringen?“ „Für die Gegenwart durchaus keine. Sie iſt ſchon einmal geſtört worden, wie ich vernahm, und ſie iſt jezt ernſtlich ſchimmer daran. Selbſt wenn ſie beſſer würde oder wieder zu ſich ſelbſt käme, bliebe es noch immer ein gewagter Verſuch, ſie zu bald fortzubringen— die geringſte Aufregung oder Be⸗ unruhigung würde für ſie verhängnißvoll ſein. Sie müſſen eben das Beſte an dem Plaze ausleſen. Die Hauswirthin hat meine Weiſungen empfangen und ich will ihr zur Beihilfe noch eine tüchtige Kranken⸗ wärte weit häng ſo gr Pfleg Hauſ 9 verlie ſelbſt im C. er g. mit einge lig zer⸗ res Ge⸗ er Stö⸗ ig über welches irkung. e. Sie ſen und ein ab⸗ in das gekehrt deßhalb it über hlaf iſt ch ver⸗ e darin hränken eit mit ebrigen r keine ngen?“ Sie iſt t, und wenn „bliebe u bald her Be⸗ n. Sie n. Die in und ranken⸗ 153 wärterin ſchicken. Weiter iſt Nichts zu thun. So weit ihr Leben von irgend menſchlichen Händen ab⸗ hängig erklärt werden kann, ſo liegt es in den Ihrigen ſo gut wie in den meinigen. Alles hängt von der Pflege ab, die man unter Ihrer Leitung in dieſem Hauſe ihr angedeihen läßt.“ Mit dieſen Abſchiedsworten ſtand er auf und verließ das Zimmer. Allein gelaſſen trat Kirke auf die Verbindungs⸗ thür zu, pochte leiſe daran und ſagte der Hausfrau daß er ſie zu ſprechen wünſche. Er war nach der Unterredung mit dem Arzte weit beruhigter und gefaßter als zuvor. Ein Mann im Bereich der künſt⸗ lichen Geſellſchaftsatmoſphäre, in welcher dieſer Mann niemals geathmet hatte, würde die weltlichen Berührpuncte der Lage peinlich empfunden haben— nämlich deren Neuheit und Sonderbarkeit, die be⸗ denkliche Klemme, in die er gegenwärtig verſezt war, die zahlloſen Mißdeutungen, denen er in der Zukunft preisgegeben wäre. Kirke dachte an dieſes Alles nicht im Geringſten. Er erblickte Nichts als die ihm auferlegte Verpflichtung,— eine Verpflichtung, welche die Abſchiedsworte des Doctors lebhaft und deutlich in ſeine Seele eingeprägt hatten. Alles hänge von der Pflege ab, die man unter ſeiner Leitung in dieſem Hauſe ihr angedeihen laſſe. Auf ihm ruhte die Verantwortlichkeit, und ohne ſich deſſen eigentlich ſelbſt ganz vollkommen bewußt zu ſein, handelte er im Gefühl dieſer Verantwortlichkeit genau ſo, wie er gehandelt haben würde, wenn ein ähnlicher Fall mit Weibern oder Kindern am Bord ſeines Schiffes eingetreten wäre. Er ſtellte ſeine Fragen an die 154 Hausvermietherin in kurz gefaßten, ſcharfbegrenzten Säzen; die einzige an ihm wahrnehmbare Verän⸗ derung beſtand in dem gedämpftern Ton ſeiner Stimme und in den beſorgten Blicken, die er von Zeit zu Zeit nach dem Zimmer wo ſie lag warf. „Haben Sie verſtanden was Ihnen der Doctor geſagt hat?“ „Ja, mein Herr.“ „Im Haus muß die größte Ruhe herrſchen. Wer wohnt im Hauſe?“ „Bloß ich und meine Tochter, mein Herr; wir leben in den Wohnzimmern. Seit dem Frauentag iſt es uns ſchlecht gegangen. Beide Zimmer ober dieſem ſind zu vermiethen.“ „Ich will beide nehmen und die zwei Zimmer hier unten ebenfalls. Wiſſen Sie keinen thätigen zu⸗ verläſſigen Mann der Aufträge für mich beſorgen kann?“ „Ja, mein Herr. Soll ich gehen—? „Nein. Laſſen Sie Ihre Tochter gehen. Sie dürfen das Haus nicht verlaſſen, bis die Kranken⸗ wärterin kommt. Schicken Sie mir aber den Lohn⸗ diener bei Leibe nicht da herauf. Mit Leuten dieſer Art iſt es gar ſchwer ins Reine zu kommen. Ich will hinuntergehen und mit ihm an der Hausthüre ſprechen.“ Als der Lohnbediente kam, ging er hinunter und ſchickte ihn zuerſt fort, um Feder, Tinte und Papier einzukaufen. Der zweite Auftrag, deſſen ſich der Mann zu entledigen hatte, beſtand in der Auffindung einer Perſon, welche das Rädergeraſſel auf der Straße aufhören machte, indem ſie auf die übliche Weiſe Gerberlohe vor dem Hauſe ausſtreute. Nachdem dieß ausgeſtreut war, empfing der Ausläufer zwei Briefe Schwo und u überlie richt ſ an de Magd villa: kannte forſch in der und i die in D als e Alter Haus läſſige welche von welche dem 2 für d gereg der T nachz. D ruhig laſſen zu de folgen Reine eenzten Verän⸗ ſeiner r von arf. Doctor rſchen. ; wir uentag ober immer gen zu⸗ ann?“ Sie anken⸗ Lohn⸗ dieſer ch will echen.“ eer und Papier ch der indung Straße Weiſe achdem r zwei 155 Briefe auf die Poſt. Der erſte war an Kirkes Schwager adreſſirt. Er erzählte ihm in wenigen und unverblümten Worten was ſich zugetragen, und überließ es ganz ſeinem beſten Ermeſſen, die Nach⸗ richt ſeiner Frau mitzutheilen. Der zweite Brief war an den Beſizer des Aldborougher Hotels gerichtet. Magdalenes angenommener Name auf der Nordſtein⸗ villa war der einzige Name, unter welchem Kirke ſie kannte, und die einzige Ausſicht, die er zur Aus⸗ forſchung ihrer Verwandten für ſich hatte, beſtand in der möglichen Entdeckung ihres achtbaren Onkels und ihrer achtbaren Tante mittelſt Nachforſchungen die in Aldborough ihren Anfang nehmen ſollten. Der Nachmittag neigte ſich faſt ſchon zu Ende, als eine anſtändige Frauensperſon von mittlerem Alter mit einem Brief von Herrn Merrick in das Haus kam. Sie wäre dem Doctor als eine zuver⸗ läſſige und ſorgfältige Perſon ſehr wohl bekannt, welche ſchon ſeiner Frau abgewartet, und ſie würde von Zeit zu Zeit von einer Dame unterſtüzt werden, welche Mitglied einer religiöſen Schweſterſchaft in dem Bezirke wäre und deren theilnehmendes Intereſſe für den gegenwärtigen Fall auf das Wärmſte an⸗ geregt worden wäre. Gegen acht Uhr Abends wollte der Doctor ſelbſt wieder einen Beſuch machen, um nachzuſehen ob ſeine Patientin nichts bedürfe. Die Ankunft der Krankenwärterin und die be⸗ ruhigende Wahrnehmung, daß man ſich auf ſie ver⸗ laſſen könne, geſtatteten endlich Kirke an ſich ſelbſt zu denken. Sein Gepäck war bereits zu ſeiner am folgenden Tag beabſichtigten Reiſe nach Suffolk ins Reine gebracht. Es brauchte bloß noch von dem 156 Hotel nach dem Hauſe in der Aarons⸗Buildings⸗ Straße transportirt zu werden. Er hielt auf ſeinem Wege nach dem Hotel bloß einmal inne, um nach einer Spielwaarenbude in einer der großen Durchfahrten zu ſchauen. Die Minia⸗ turſchiffe an dem Fenſter erinnerten ihn an ſeinen Neffen. „Mein kleiner Namensvetter wird wohl ſehr übel auf mich zu ſprechen ſein, wenn er mich morgen nicht ſehen wird,“ dachte er.„Ich muß den Jungen wieder tröſten, dadurch daß ich ihm von ſeinem Onkel etwas ſchicke.“ Er trat in den Laden und kaufte eines der Schiffe. Es wurde in ſeiner Gegenwart ſorgfältig gepackt und an ſeinen Beſtimmungsort adreſſirt. Er legte vorher noch eine Viſitencarte auf das Verdeck des Miniaturſchiffes, ehe der Deckel der Schachtel zuge⸗ ſchloſſen wurde. Die Carte trug die Inſchrift:„Ein Schiff für den kleinen Seemann— begleitet von des großen Seemanns Liebe.“ „Kinder lieben ein Schreiben dazu, Madame,“ ſagte er rechtfertigend zu der Frau hinter dem La⸗ dentiſch.„Schicken Sie die Schachtel ſobald Sie können fort. Es liegt mir ſehr viel daran daß der Junge ſie morgen erhält.“ Gegen Einbruch der Abenddämmerung kehrte er mit dem Gepäck nach Aarons Buildings zurück. Er zog im Gange ſeine Stiefel herab und trug ſein Felleiſen ſelbſt über die Stiege hinauf. Als er den erſten Stock paſſirte, hielt er inne um Nachfrage zu halten. Herr Merrick war anweſend um ihm Ant⸗ wort zu geben. . Minut gleichf ſich ho machte Aber ihre H Eine n Traum ſchweig 2 Wenn mein All ings⸗ el bloß meiner Minia⸗ ſeinen l ſehr norgen zungen Onkel Schiffe. gepackt legte ck des zuge⸗ „Ein at von hame,“ m La⸗ d Sie aß der rte er k. Er g ſein er den ge zu Ant⸗ 157 „Sie war wach und phantaſirte vor ein paar Minuten. Aber es gelang uns ſie wieder zur Ruhe zu bringen— und gegenwärtig iſt ſie entſchlummert.“ „Sind ihr keine Worte entſchlüpft, mein Herr, welche uns zur Auffindung ihrer Freunde behilflich ſein könnten?“ Der Arzt ſchüttelte den Kopf. „Wochen und Wochen werden noch verfließen,“ ſagte er;„und die Geſchichte dieſes armen Mädchens wird uns allen noch immer ein verſiegeltes Geheim⸗ niß ſein. Wir können bloß abwarten.“ So endete der Tag— der erſte von manchen Tagen die noch kommen ſollten. Zweites Capitel. Die warmen Strahlen der Juliſonne ſchienen ſanft und freundlich durch einen grünen Vorhang. Am Geſimſe des offenen Fenſters ſtanden friſche Blumen. Eine rieſige Geſtalt weiblichen Geſchlechts gleichſam ein Traum von Frau Wragge) thürmte ſich hoch an der einen Seite des Bettes empor und machte den Verſuch mit ihren Händen zu klatſchen. Aber eine andere Frauensperſon, eine Fremde, hielt ihre Hände, ehe ſie einen Lärm aufſchlagen konnte. Eine weiche klagende Stimme(wieder gleichſam ein Traum von Frau Wragge) brach das tiefe Still⸗ ſchweigen mit dieſen Worten: „Sie erkennt mich, Madame, ſie erkennt mich. Wenn ich nicht ſo glücklich ſein müßte, würde es mein Tod ſein!“ 3 All das Erwähnte waren die erſten Gegenſtände, 158 die erſten Laute, welche Magdalene nach einer ſechs⸗ wöchigen Bewußtloſigkeit beim Erwachen plözlich ſah und hörte. Nach einer Weile dunkelte es wieder vor ihren Augen; die Töne erſtarben wieder zu einer Todtenſtille. Der Schlummer, der barmherzige Engel, ſchwebte auf ſie hin und wiegte ſie in ſanfte Ruhe. Ein weiterer Tag— und die Geſichte wurden klarer, die Töne wurden lauter. Noch einer— und ſie vernahm die Stimme eines Mannes, der ſich durch die Thüre um Nachrichten aus dem Krankenzimmer erkundigte. Die Stimme klang ihr fremd; ſie war vorſichtig immer zu dem gleichen ruhigen Tone herab⸗ gedämpft. Sie fragte nach ihr am Morgen, wenn 2 ſie erwachte, am Mittag, wenn ſie eine Erfriſchung zu ſich nahm, am Abend, ehe ſie wieder einſchlummerte. „Wer iſt ſo beſorgt um mich?“ das war der erſte Gedanke, den zu faſſen ihr Geiſt bereits ſtark genug war.„Wer iſt ſo beſorgt um mich?“ Noch einige Tage— und ſie konnte mit der Wärterin neben dem Bette ſprechen; ſie konnte die Fragen eines ältlichen Mannes beantworten, der weit mehr von ihr wußte, als ſie ſelbſt von ſich wußte, und der ihr ſagte daß er Herr Merrick, ihr Arzt, wäre; ſie konnte, von den Kopfkiſſen unter⸗ ſtüzt, im Bette aufſizen und fragend um ſich ſchauen, was ſich denn eigentlich zugetragen habe und wo ſie ſich befinde; ſie konnte eine wachſende Neugierde in Betreff der ruhigen Stimme empfinden, die noch immer Morgens, Mittags und Abends an der Außenſeite der Thüre ſich nach ihr erkundigte. Noch ein Tag verfloß— und Herr Merrick fragte ſie ol din der L folgte Frau dem nächſt Wrag dalen das eine keinen gen. wirru am 2 zweite D ihr d alten A wöhnl! Paar Auskr hin: er ſechs⸗ lich ſah ihren enſtille. bte auf wurden — und ch durch zimmer ſie war herab⸗ , wenn eiſchung nmerte. var der ts ſtark 4 nit der ite die n, der von ſich ick, ihr unter⸗ ſchauen, wo ſie gerde in ie noch an der 8 . k fragte 159 ſie ob ſie ſich ſtark genug fühle, um eine alte Freun⸗ din zu ſehen. Eine ſanfte Stimme tönte hoch in der Luft hinter ihr:„Bloß ich bins.“ Der Stimme folgte die ungeheuerliche körperliche Erſcheinung der Frau Wragge nach, welche ihre Haube ſchief auf dem Kopfe ſizen und einen ihrer Schuhe in dem nächſten Zimmer liegen hatte. „O, ſchaut ſie an! Schaut ſie an!“ rief Frau Wragge in höchſter Entzückung, indem ſie vor Mag⸗ dalenens Bett mit einem Knall niederfiel, daß das Haus erzitterte.„Gott ſei Dank, ſie befindet ſich ſchon wohl genug, um mich wieder anzulächeln. Freude, Jungens, Freude! Ich bitte um Pardon, Doctor, mein Benehmen iſt nicht das einer Dame, ich weiß es wohl. Es iſt mein Kopf, Herr, nicht ich. Ich muß mir irgendwie Luft verſchaffen— oder mein Kopf wird mir zerſpringen!“ Man mochte dieſen Morgen an Frau Wragge eine Frage ſtellen welche man wollte, ſo konnte man keinen zuſammenhängenden Saz aus ihr herausbrin⸗ gen. Sie verfiel von einer Stufe der Sprachver⸗ wirrung in die andere, und beſchloß ihren Beſuch am Bette unten damit, daß ſie ſuchend nach ihrem zweiten Schuh herumtappte. Der Morgen kam, und Herr Merrick verſprach ihr daß ſie am folgenden Tage noch einen andern alten Freund zu ſehen bekommen würde. Am Abend, als die fragende Stimme wie ge⸗ wöhnlich ſich nach ihr erkundigte und die Thüre ein Paar Zoll weit geöffnet wurde, um die verlangte Auskunft zu geben, antwortete ſie ſchwach vor ſich hin:—„Ich befinde mich beſſer, ich danke Ihnen!“ —— 160 Hierauf trat ein Augenblick tiefer Stille ein und dann, gerade als die Thüre wieder zugeſchloſſen wurde, ſank die Stimme zu einem Geflüſter herunter und lispelte inbrünſtig:„Gott ſei Dank!“ Wer war es? Sie hatte Alle darnach gefragt, und Niemand hatte es ihr ſagen gewollt. Wer war es? Der nächſte Tag erſchien und ſie hörte die Thüre leiſe öffnen. Flinke Fußtritte trippelten in das Zim⸗ mer. Eine geſchmeidige kleine Geſtalt trat an das Bett heran. War es wieder ein Traum? Nein. Er war es in ſeiner immergrünen Wirklichkeit, mit ſeinem fluthenden Wortſchwall, der zuckerſüß von ſeinen Lippen ſtrömte, mit dem leichten Anflug von Humor, der in ſeinen doppelfarbigen Augen zwin⸗ kerte. Er war es, kecker, überredender, ehrwürdiger als je, in glänzendes Schwarz gekleidet, mit einer fleckenloſen, weißen Cravatte und einem gewaltigen Buſenſtreif im Hemde— der nie erröthende, unbe⸗ ſiegbare, unveränderliche Wragge! „Kein Wort, liebes Mädchen!“ ſagte der Capi⸗ tän, indem er ſich auf die alte vertrauliche Weiſe ganz gemächlich neben das Bett hinſezte.„Ich will allein die Unterhaltung führen, und Sie werden mir beipflichten, daß zu dieſem Zwecke unmöglich ein tauglicherer Mann aufgefunden werden kann. Ich bin wirklich entzückt, aufrichtig entzückt, wenn ich mich eines ſolchen ſcheinbar unangemeſſenen Wortes be⸗ dienen darf— Sie wieder zu ſehen und Sie auf dem Wege der Beſſerung anzutreffen. Ich habe oft an Sie gedacht. Ich habe Sie oft vermißt; ich habe oft zu mir ſelbſt geſagt— doch ich will keine weitere Erwä plaz l. fallen. die Sc Sie m. leibha M Capite der ül „SL will a mir f ſehe ie Welt liebes ſahen, meiner habe 1 einiſche ſich die beute und S Sie f die bö und S völlig ſein n unglan von E *) G Coll in und hloſſen »runter efragt, Wer Thüre 8 Zim⸗ an das Nein. t, mit ß von ig von zwin⸗ urdiger t einer altigen unbe⸗ Capi⸗ Weiſe ch will hen mir ich ein Ich bin h mich es be⸗ uf dem oft an abe oft weitere 161 Erwähnung davon machen! Laſſen Sie uns den Schau⸗ plaz lichten und den Vorhang über die Vergangenheit fallen. Dum vivimus, vivamus!*) Entſchuldigen Sie die Schulfuchſerei einer lateiniſchen Citation, und ſagen Sie mir wie ich ausſehe. Bin ich oder bin ich nicht das leibhaftige Bild eines glücklichen Mannes?“ Magdalene verſuchte zu antworten. Aber des Capitäns Wortſündfluth ergoß ſich augenblicklich wie⸗ der über ſie. „Strengen Sie ſich nicht an,“ ſagte er.„Ich will alle Ihre Fragen für Sie ſtellen. Was iſt an mir für eine Veränderung vorgegangen? Warum ſehe ich ſo merkwürdig gut aus. Und wie um aller Welt willen fand ich den Weg in dieß Haus? Mein liebes Mädchen, ſeit wir zum lezten Mal einander ſahen, habe ich mich mit einer leichten Modificirung meiner alten Berufsgewohnheiten beſchäftigt. Ich habe von der moraliſchen Landwirthſchſchaft zur medi⸗ einiſchen Landwirthſchaft übergeſattelt. Früher habe ich die Sympathie des Publicums ausgebeutet, jezt beute ich den Magen des Publicums aus. Magen und Sympathie, Sympathie und Magen— beſehen Sie ſich beide einmal im rechten Lichte, wenn Sie die böſe Zahl von Fünfzig auf dem Rücken haben, und Sie werden mit mir übereinſtimmen, daß beide wöllig auf das Gleiche hinauslaufen. Mag dem nun ſein wie ihm wolle, ich befinde mich endlich— ſo unglaublich es auch erſcheinen mag— als ein Mann von Einkommen hier. Die Begründer meines Glücks *) So lang' wir leben, laßt uns leben! Collins, Namenlos. V. 11 162 ſind drei an der Zahl. Sie heißen Aloe, Purgir⸗ winde und Gummigut. Deutlicher ausgedrückt, ich lebe jezt von Pillen. Ich machte mir(wenn Sie ſich erinnern) ein Bischen Geld durch die freundſchaft⸗ liche Verbindung mit Ihnen zuſammen. Ich erhielt noch ein Bischen mehr durch das glückliche Ableben einer weiblichen Anverwandten von Frau Wragge (ſie ruhe in Frieden) von welcher, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, meine Frau eine Erbſchaft zu hoffen hatte. Nun gut. Was glauben Sie daß ich that? Ich legte mein ganzes Capital in Anzeigen an und kaufte meine Apothekerwaaren und Pillenſchachteln auf Credit. Das Reſultat liegt jeßt vor Ihnen. Ich bin als eine große financielle That⸗ ſache hier. Ich bin hier mit wirklich bezahlten Klei⸗ dern, mit Erſparniſſen, die ich bei meinem Bankier hinterlegt habe, mit einem Bedienten in Livree und einer Chaiſe vor der Thüre, ſolvent, immer größern Flore entgegengehend, populär— und das Alles durch die Pillen.“ Magdalene lächelte. Das Geſicht des Capitäns nahm den Ausdruck einer erkünſtelten Ernſthaftigkeit an; er ſchaute darein, als ob es noch eine ernſt⸗ liche Seite der Frage gebe und als ob er dieſe zu⸗ nächſt beleuchten wolle. „Es iſt für das Publicum gar keine lächerliche Sache, meine Werthe,“ ſagte er.„Die Leute können mich und meine Pillen nicht loswerden, ſie müſſen uns nehmen. Es gibt keine einzige Form und Faſ⸗ ſung in der ganzen Reihe öffentlicher Ankündigun⸗ gen, die ich nicht in dieſem Augenblick für das ar neibedürftige Publicum mache. Laſſen Sie die neuſte Novell drinne das n men- gen fa ich flie in der wickle Theate Die b völlig den i Sprüc hilft „„Ent Patrio teriſtiſ Sein in der ich bin chen?“ in der Entdech Als d ſamme ſizthün betreffe gen w tel.. Zeit. Pille- welche Vurgir⸗ ckt, ich Sie ſich dſchaft⸗ erhielt bleben Wragge Ihnen haft zu ie daß ltal in ren und egt jezt e That⸗ en Klei⸗ Bankier ree und größern s Alles apitäns aftigkeit de ernſt⸗ dieſe zu⸗ ſccherliche e können müſſen und Faſ⸗ undigun⸗ das arß ie neuſte 163 Novelle aus der Bibliothek holen— da bin ich, drinnen in dem Einband des Buches. Laſſen Sie das neueſte Lied aus der Muſicalienhandlung kom⸗ men— im Augenblick wo Sie die Blätter aufſchla⸗ gen falle ich heraus. Nehmen Sie eine Droſchke— ich fliege darin ans Fenſter in Roth. Kaufen Sie in der Apotheke ein Schächtelchen Zahnpulver— ich wickle es für Sie in Blau ein. Zeigen Sie ſich im Theater— ich flattre vor Ihnen in Gelb nieder. Die bloßen Titel ſchon meiner Ankündigungen ſind völlig unwiderſtehlich. Laſſen Sie mich einige von den in der lezten Woche erſchienenen anführen. Sprüchwörtlicher Titel:—„„Eine Pille zur Zeit hilft Mann und Weib.““ Familiärer Titel:— „„Entſchuldigen Sie, wie befindet ſich Ihr Magen?““ Patriotiſcher Titel:—„„Was ſind die drei charac⸗ teriſtiſceen Kennzeichen eines ächten Engländers? Sein Herd, ſeine Heimath und ſeine Pille.““ Titel in der Form eines Kinderſtubendialogs:—„„Mama, ich bin nicht wohl.““„„Was fehlt dir, mein Herz⸗ chen?““„„Ich brauche eine kleine Pille.““ Titel in der Form einer hiſtoriſchen Anecdote:—„„Neue Entdeckung in der Goldgrube der engliſchen Geſchichte. Als die Prinzen in dem Thurme erſtickt wurden, ſammelte ihr treuer Begleiter all die kleinen Be⸗ ſizthümer die ſie zurückgelaſſen hatten. Unter den betreffenden Kleinigkeiten, die den armen Jun⸗ gen werth waren, befand ſich eine dünne Schach⸗ tel. Dieſelbe enthielt die Pille der damaligen Zeit. Es iſt nöthig zu ſagen wie viel geringer dieſe Pille gegenüber ihrer modernen Nachfolgerin war, welche der Prinz ſo gut wie der Bauer zu gegen⸗ 164 wärtiger Zeit einnehmen.—““ Und ſo weiter, und. Mdncje rLrltdic Atart, den aufzuſt ſo weiter. Der Ort, wo meine Pille fabricirt wird. runde iſt für ſich ſelbſt ſchon eine Ankündigung. Ich habe aur d einen der größten Läden in London. Hinter einem land Ladentiſche(dem Publicum durch das durchſichtige London Medium von Spiegelglas ſichtbar) befinden ſich vier⸗ Ich ſt undzwanzig junge Burſche in weißen Schürzen, welche Bunde Pillen machen. Hinter einem andern Ladentiſch ſind uen weitere vierundzwanzig junge Burſche, welche die ela Schächtelchen verfertigen. Im Hintergrunde des Ladens deillu ſizen drei bejahrte Buchhalter, welche die unermeß⸗ Lnlu lichen Geldgeſchäfte die mit den Pillen gemacht wer⸗ ſeon den in drei ungeheure Hauptbücher eintragen. Horati Ueber der Thüre befindet ſich mein Name, Bildniß und Autographie, in ooloſſalen Proportionen ausge⸗ Perſ führt und in fließenden Buchſtaben von dem Motto ſam dun des Etabliſſements umgeben:—„„Nieder mit den La v. Aerzten.““ Sogar Frau Wragge trägt ihren Theil ſel u zu dem erſtaunlichen Unternehmen bei. Sie muß die nicht 4 berühmte Frauensperſon vorſtellen, die ich von ihren m 5 namenloſen Magenkrämpfen ſo gründlich geheilt habe, und di daß ſie nicht die geringſte Klage mehr darüber führt. Ihr Porträt iſt auf alle Umſchläge gedruckt und ſtände darunter ſteht folgende Inſchrift:—„„Che ſie die wärtig Pillen einnahm, konnte dieſe Patientin wie eine Fe⸗ Geſchi der weggeblaſen werden. Schaut ſie jezt an!!!““ zelenn Endlich, was nicht gering anzuſchlagen iſt, mein lie noch d bes Mädchen, iſt die Pille die Urſache, daß ich den degan Weg zu dieſem Hauſe gefunden habe. Mein Ge⸗ batte ſchäftskreis bei dieſem bereits erwähnten umfang(a e reichen Unternehmen beſteht in der Bereiſung des iſtiche vereinigten Königreichs, um allenthalben Agenturen Lugen er, und t wird, ſch habe einem Fſichtige icch vier⸗ welche iſch ſind lche die Ladens nermeß⸗ cht wer⸗ ntragen. Bildniß ausge⸗ Motto mit den n Theil muß die 8n ihren ilt habe er führt. ickt und ſie die eine Fe⸗ an!!!““ nein lie ich den tein Ge⸗ umfang⸗ ung das genturen 165 aufzuſtellen. Während ich eine dieſer Agenturen gründete, hörte ich von einem gewiſſen Freund von mir, der nach einer langen Seereiſe kürzlich in Eng⸗ land gelandet war. Ich erhielt ſeine Adreſſe in London— er war ein Mitbewohner dieſes Hauſes. Ich ſtattete ihm unverzüglich einen Beſuch ab, und wurde durch die Nachricht von Ihrer Krankheit völlig betäubt. Dieß iſt in Kürze die Geſchichte des Zu⸗ ſammenhangs meiner Perſon mit der brittiſchen Heilkunde; und ſo trifft es ſich daß Sie in dem gegenwärtigen Augenblick in dieſem Stuhle hier mich ſizen ſehen, jezt wie immer Ihren aufrichtigen Horatio Wragge.“ Mit d 1 Worten brachte der Capitän ſeinen Perſonalb t zu Ende. Er blickte immer aufmerk⸗ ſamer auf Magdalene, je näher er dem Schluſſe kam. Lag Prgend eine heimliche Bedeutung in dieſen Wor⸗ ten verborgen, die man auf der Oberfläche derſelben nicht entdecken konnte? Allerdings. Sein Beſuch in dem Krankenzimmer hatte einen ernſthaften Zweck und dieſem Zweck hat er ſich jezt genähert. Capitän Wragge hatte bei Schilderung der Um⸗ ſtände, unter welchen er mit Magdalenens gegen⸗ wärtiger Lage bekannt worden war, mit gewohnter Geſchicklichkeit ſich um die Grenzen der Wahrheit herumbewegt. Weder Noel Vanſtones Verheirathung noch das Ereigniß ſeines Todes, welcher in den To⸗ desanzei in der Zeitungen verkündigt worden war, hhatte einen öffentlichen Scandal herbeigeführt. Der Capitän war dadurch ermuthigt worden, hatte die öſtlichen Bezirke durchſtreift und ſich vor vierzehn Tagen wieder nach Aldborough zurückgewagt, um 166 daſelbſt für den Abſaz ſeiner Wunderpillen eine Agentur zu beſtellen. Niemand hatte ihn erkannt als die Wirthin des Hotels, welche ſofort darauf be⸗ ſtand daß er ihr Haus betreten und Kirkes Brief an ihren Ehemann leſen ſollte. In der nämlichen Nacht war Capitän Wragge ſchon in London, und hatte ſich mit dem Seemann in dem Zimmer im zwei⸗ ten Stocke in den Aarons Buildings zu einer Be⸗ ſprechung eingeſchloſſen. Die bedenkliche Natur der Stellung, die unbe⸗ ſtreitbare Gewißheit, daß Kirkes Aufſuchung einer Spur von Magdalenens Freunden ſo lange fehlſchla⸗ gen mußte, bis er zuerſt wußte wer ſie eigentlich wäre, hatte den Capitän endlich beſtimmt, mit der Wahrheit theilweiſe herauszurücken. Er hütete ſich auf irgend ein Detail einzugehen— aus Familien⸗ rückſichten, welche Magdalene bei ihrer Wiedergene⸗ ſung des Nähern erörtern könnte, wenn ſie wollte— und ſezte Kirke durch die bloße Mittheilung in Er⸗ ſtaunen, daß die freundloſe Frauensperſon, welcher er ſeinen Beiſtand angedeihen laſſen und die er bis zur Stunde nur unter dem Namen Fräulein By⸗ grave gekannt hätte— Niemand anderes wäre, als Andreas Vanſtone's jüngere Tochter. Natürlicher Weiſe kam Kirke ſeinerſeits bei dieſer Enthüllung von Magdalenens wahrem Namen auf die Bekannt⸗ ſchaft ſeines Vaters mit dem jungen Offizier in Canada zu ſprechen. Capitän Wragge äußerte darüber zwar ſeine Verwunderung, machte aber für dießmal keine weitere Bemerkung. Vierzehn Tage ſpäter indeſſen, als Magdalenens wiederkehrende Geſundheit den Arzt unfehlbar in die bedenkliche Klemme bringen enthalt mich ei wohl l Fräule er ſie ihr kee recht g auf ihr ſpruch bin, Capitä hauptu Verwa ihren konnte Kranke vorbri unruht eine rkannt zuf be⸗ Brief alichen „ und zwei⸗ er Be⸗ unbe⸗ einer lſchla⸗ entlich nit der te ſich nilien⸗ ergene⸗ llte— in Er⸗ velcher er bis n By⸗ re, als irlicher hüllung ekannt⸗ Lanada r zwar l keine ddeſſen, it den bringen 167 mußte, den Fragen zu begegnen welche Magdalene ſicher ſtellen würde, kam des Capitäns angebornes Genie wie gewöhnlich wieder zu Hilfe. „Sie können ihr die Wahrheit nicht erzählen,“ ſagte er,„ohne peinliche Erinnerungen an ihren Auf⸗ eenthalt zu Aldborough zu erwecken, über den ich mich eines Nähern nicht auslaſſen darf. Sie wiſſen wohl bis jezt noch nicht daß Herr Kirke ſie bloß als Fräulein Bygrave von der Nordſteinvilla kennt, als er ſie in dieſem Hauſe getroffen hatte. Sagen Sie ihr kecklich daß er wohl wiſſe wer ſie ſei und daß er recht gut fühle(was auch ſie fühlen müſſe) daß ſie auf ihn, als ſeines Vaters Sohn, einen ererbten An⸗ ſpruch auf ſeine Hilfe und ſeinen Schuz habe. Ich bin, wie ich Ihnen bereits mitgetheilt,“ fuhr der Capitän fort, indem er wieder an ſeiner alten Be⸗ hauptung hartnäckig hängen blieb,„ein entfernter Verwandter der Rabenſchluchter Familie, und wenn noch Niemand bei der Hand ſein ſollte, Ihnen durch dieſe Schwierigkeit durchzuhelfen, ſo ſtehen meine Dienſte Ihnen mit Vergnügen zu Ihrer Verfügung.“ Es war noch Niemand bei der Hand und der Fall war ein ſehr bedenklicher. Wenn fremde Per⸗ ſonen die Verantwortlichkeit hiefür auf ſich nahmen, ſo konnte denſelben unabſichtlich und unwiſſend eine Anſpielung auf vergangene Erinnerungen entſchlüpfen, deren zu baldige Wiederbelebung möglicher Weiſe ihren Tod herbeiführen konnte. Nahe Verwandte konnten durch ein verfrühtes Erſcheinen an ihrem Krankenlager dasſelbe beklagenswürdige Reſultat her⸗ vorbringen. Sollte ſie nicht heftig erregt oder be⸗ unruhigt werden, ſo waren nur zwei Wahlen vor⸗ 168 laſſen oder die Sache getroſt dem Capitän Wragge anheimzuſtellen. Nach des Arztes Anſicht war das zweite Riſico das minder bedenkliche von beiden— und der Capitän wurde jezt an Magdalenens Kran⸗ kenlager hingeſezt, um das in ihn geſezte Vertrauen zu rechtfertigen. All das vorläufige Gerede des Capitäns Wragge hatte die geheime Abſicht, ſie zur Stellung einer be⸗ ſtimmten Frage auf eine leichte und unverfängliche Weiſe zu bewegen. Stellte ſie wirklich dieſe Frage? Ja: ſobald als ſein Stillſchweigen hiezu ihr Gele⸗ genheit bot, fragte ſie: „Wer war jener Freund der in dem Hauſe wohnt?“ „Sie ſollten ihn von Rechtswegen ſo gut wie ich kennen,“ ſagte der Capitän.„Es iſt der Sohn eines der militäriſchen Freunde Ihres Vaters— als Ihr Vater mit ſeinem Regimente in Canada ſtand. Ihre Wangen dürfen deßwegen nicht ſo plöz⸗ lich roth werden! Ich würde mich außerdem ent⸗ fernen.“ Sie war in Erſtaunen, aber nicht in Aufregung verſezt. Capitän Wragge begann ihr Intereſſe für eine entfernte Vergangenheit die ſie bloß vom Hören⸗ ſagen kannte rege zu machen, ehe er ſich auf den heikligen Boden ihrer eigenen Erfahrung wagte. Einen Augenblick ſpäter rückte ſie mit ihrer zwei⸗ ten Frage vor:— „Wie heißt er?“ „Kirke,“ ſuhr der Capitän fort.„Haben Sie nie⸗ mals von ſeinem Vater, dem Major Kirke, com⸗ handen, entweder ihre Fragen unbeantwortet zu mandt gehört ger N ſtet. W S Verſta Il vorher „2 er hiel „ „Es g tere J. „ mit lo und n zur † waren Er w Vaters auch 8 res Re tet zu bragge r das en— Kran⸗ trauen Bragge er be⸗ ngliche frage? Gele⸗ Hauſe ut wie Sohn rs— anada ) plöz⸗ n ent⸗ regung ſſe für Hören⸗ uf den te. zwei⸗ 169 mandirenden Stabsoffizier des Regiments in Canada, gehört? Kam Ihnen niemals zu Ohren, daß der Major Ihrem Vater aus einer großen Klemme her⸗ aushalf, und ſich dadurch als der allerbeſte Camerad und Freund erwies?“ Ja: ſie glaubte ſich ſchwach erinnern zu können daß ſie Etwas von ihrem Vater und einem Offizier gehört habe, welcher erſterem, als er noch ein jun⸗ ger Mann war, einen weſentlich guten Dienſt gelei⸗ ſtet. Aber ſie konnte nicht ſo weit zurück denken.— War Herr Kirke arm? Sogar Capitän Wragges ſtets durchdringender Verſtand wurde durch dieſe Frage in eine ſtarke Verlegenheit verſezt. Er gab auf gut Glück hin die Wahrheit zur Antwort. „Nein,“ ſagte er,„nicht arm.“ Ihre nächſte Frage zeigte, was ſie ſich bei der vorhergehenden gedacht hatte. „Wenn Herr Kirke nicht arm war, warum zog er hieher, um in dieſem Hauſe zu wohnen?“ „Sie hat mich gefangen!“ dachte der Capitän. „Es gibt nur einen Ausweg; ich muß ihr eine wei⸗ tere Portion Wahrheit auftiſchen.“ „Herr Kirke entdeckte Sie durch Zufall,“ fuhr er mit lauter Stimme weiter.„Sie waren ſehr krank und nicht pünctlich bedient. Sie bedurften Jemand zur Pflege, während Sie ſelbſt nicht im Stande waren ſich zu pflegen. Warum nicht Herr Kirke? Er war der Sohn eines alten Freundes Ihres V Vaters— weswegen es ganz nahe liegt, daß er auch Ihr alter Freund iſt. Wer hatte ein größe⸗ dres Recht, nach einem tüchtigen Arzt zu ſchicken und 170 eine tüchtige Wärterin zu beſorgen— als ich nicht hier war, um Sie mit meinen Wunderpillen zu curi⸗ ren? Nur artig! Artig! Sie dürfen nicht auf eine ſo unzarte Weiſe an meinem ſuperfeinen, ſchwarzen Rockärmel zerren.“ Er legte ihre Hand wieder auf das Bett zurück, aber ſie ließ ſich auf dieſem Weg nicht zu Paaren treiben. Sie beſtand darauf, eine andere Frage zu thun. Wie kam Herr Kirke dazu ſie zu kennen? Sie hatte ihn niemals geſehen; ſie hatte in ihrem Leben niemals von ihm gehört? „Sehr leicht möglich,“ ſagte Capitän Wragge. „Aber daß Sie ihn noch nie geſehen haben, das iſt kein Grund, warum er nicht Sie geſehen haben ſollte.“ „Wann ſah er mich?“ Der Capitän tiſchte flux wieder etliche Portionen Wahrheit auf, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. „Vor einiger Zeit, meine Liebe. Ich kann nicht genau ſagen wann.“ „Bloß einmal?“ Capitän Wragge nahm alsbald die Gelegenheit wahr, ihr eine weitere Doſis beizubringen. „Ja,“ ſagte er.„Bloß einmal.“ Sie dachte ein wenig nach. Die nächſte Frage ſchloß den gleichzeitigen Ausdruck zweier Gedanken in ſich— und die nächſte Frage koſtete ihr einige Anſtrengung. „Er ſah mich bloß einmal,“ ſagte ſie,„und er ſah mich ſchon vor einiger Zeit. Wie kam er dazu ſich meiner zu erinnern, als er mich hier fand?“ 8 den 1 können Perſot Rathe genug pfang Ihren dringe worte. Unver Aloe, einma 0 a8 unglüt komme verſpr nicht ſagen nicht curi⸗ eine arzen urück, aaren Frage Sie Leben ragge. as iſt ollte.“ tionen lick zu nnicht genheit Frage danken einige und er r dazu 92 171 „Aha“ ſagte der Capitän.„Jezt haben Sie den rechten Nagel auf den Kopf getroffen. Sie können unmöglich über ſeine Erinnerung an Ihre Perſon erſtaunter ſein als ich. Ein Wort guten Rathes, meine Werthe. Wenn Sie wieder wohl genug ſind, um aufzuſtehen und Herrn Kirke zu em⸗ pfangen, ſo laſſen Sie dieſe ſpizfindige Frage von Ihrem Munde an ſeine Ohren ſchallen— und dringen hartnäckig darauf, daß er ſelbſt ſie beant⸗ worte.“ Nachdem Capitän Wragge auf dieſe characteri⸗ ſtiſch pfiffige Manier aus ſeinem Dilemma heraus⸗ geſchlüpft war, machte er ſich lebhaft wieder auf ſeine Beine und ſezte den Hut auf. „Warten Sie noch!“ bat ſie.„Ich wünſche Sie zu fragen—“ „Kein Wort weiter,“ ſagte der Capitän.„Ich habe Ihnen Stoff hinlänglich gegeben, um einen ganzen Tag darüber nachzudenken. Meine Zeit iſt um und mein Fahrzeug wartet auf mich. Ich bin im Begriff, das Land wie gewöhnlich zu durchſtrei⸗ fen. Ich mache mich auf das Feld der allgemeinen Unverdaulichkeit mit der dreifachen Pflugſchaar von Aloe, Purgirwinde und Gummigut zu pflügen.“ Er hielt inne und drehte ſich an der Thüre noch einmal herum. „Im Vorbeigehen noch einen Gruß von meiner unglücklichen Frau. Sie möchten ihr erlauben zu kommen und Sie wieder zu ſehen. Frau Wragge verſpricht feierlich ihre Schuhe das nächſte Mal nicht zu verlieren. Ich glaube es ihr nicht. Was ſagen Sie dazu? Darf ſie kommen?“ 172 „Ja, ſo oft ſie will,“ ſagte Magdalene.„Wenn ich wieder ganz geſund bin, darf die arme Frau Wragge kommen und bei mir bleiben?“ „Sicherlich, meine Liebe. Wenn Sie keine Ein⸗ wendung dagegen haben, ſo will ich ſie zum Vor⸗ aus mit ein Paar tauſend rothen, blauen und gel⸗ ben Abdrücken ihres Porträts verſehen.(CEhe ſie die Pillen einnahm, hätte dieſe Patientin wie eine Feder weggeblaſen werden können. Schaut ſie jezt an!) Sie iſt eingeſchult, ihre Perſon ohne Unterlaß allenthalben, wohin ſie immer geht, auf den Boden fallen zu laſſen, und vom ankündigenden Standpuncte aus müſſen die befriedigendſten Reſultate unaus⸗ bleiblich nachfolgen. Halten Sie mich nicht für geldſüchtig— ich verſtehe bloß das Zeitalter in dem ich lebe.“ Er machte beim Hinausgehen abermals Halt und wendete ſich noch einmal an der Thüre um. „Sie ſind ein merkwürdig gutes Mädchen ge⸗ weſen,“ ſagte er,„und Sie verdienen dafür belohnt zu werden. Ich will Ihnen ein leztes Stück von Anweiſung geben, ehe ich gehe. Haben Sie Nie⸗ manden während der lezten zwei Tage vor der Thüre draußen nach Ihnen ſich erkundigen gehört? Ah, ich merke, Sie haben gehört. Ein Wort in Ihr Ohr, meine Werthe. Das iſt Herr Kirke.“ Er trippelte ſo flink wie immer von dem Kran⸗ kenlager weg. Magdalene hörte ihn, ehe er die Thüre ſchloß, noch ſeine Ankündigung an die Kran⸗ kenwärterin machen. „Wenn Sie je darüber gefragt werden,“ ſagte er mit vertraulichem Flüſtern,„der Name iſt Wragge und haben Came Abdr die ehe f ten E Gut T 2 der der C Nachr konnte Herrn halbo dem verlaſ zimme daß ſt 85 zu ſel D ſie an verbo Tag Wenn Frau Ein⸗ Vor⸗ 8 gel⸗ he ſie eeine e jezt terlaß Boden zuncte naus⸗ ſt für er in Halt m. n ge⸗ elohnt 173 und die Pillen ſind in zierlichen Schächtelchen zu haben, Preis dreizehn einen halben Pfenning, den Cameralſtempel eingerechnet. Nehmen Sie ein Paar Abdrücke des Bildniſſes einer weiblichen Patientin, die Sie wie eine Feder hätten wegblaſen können, ehe ſie die Pille nahm, und die jezt ſich zu betrach⸗ ten Sie einfach eingeladen werden. Vielen Dank. Guten Morgen.“ Die Thüre ſchloß ſich und Magdalene war wie⸗ der allein. Sie hatte keinen Sinn für ein Gefühl der Einſamkeit. Capitän Wragge hatte ihr manche Nachricht zurückgelaſſen, worüber ſie nachdenken konnte. Stunde um Stunde weilte ihr Geiſt bei Herrn Kirke, bis der Abend kam und ſie durch die halboffene Thüre ſeine Stimme wieder hörte. „Ich bin Ihnen ſehr dankbar,“ ſagte ſie zu ihm, ehe die Wärterin ſeine Fragen beantworten konnte —„ſehr, ſehr dankbar für alle Ihre Güte gegen mich.“ „Machen Sie nur daß Sie geſund werden,“ er⸗ wiederte er freundlich.„Sie werden mehr als mich belohnen, wenn Sie machen daß Sie geſund werden.“ Am nächſten Morgen traf Herr Merrick ſie von dem ungeduldigen Verlangen beſeelt, ihr Bett zu verlaſſen und ſich auf das Sopha in dem Vorder⸗ zimmer zu begeben. Der Arzt ſagte, er vermuthe daß ſie eine Veränderung wünſche. „Ja,“ erwiederte ſie;„ich wünſche Herrn Kirke zu ſehen.“ Der Arzt willigte für den nächſten Tag darein, ſie an einen andern Plaz bringen zu laſſen, aber er verbot in beſtimmten Ausdrücken, früher als den Tag darauf zu der Ortsveränderung auch noch eine 174 geiſtige Aufregung dadurch, daß ſie einen Beſuch empfing, hinzuzufuügen. Als er fortgegangen war, ſuchte ſie die Wärterin durch Ueberredung für ihre Abſicht zu gewinnen— aber auch die Wärterin war unerbittlich. 1 Am folgenden Tage hüllte man ſie in warme Shawls, brachte ſie auf das Sopha und bereitete ihr ein kleines Bett darauf. Auf dem Tiſche nahe daneben befanden ſich einige Blumen und eine An⸗ zahl illuſtrirter Zeitungsblätter. Sie fragte unver⸗ züglich wer ſie hingelegt habe. Die Krankenwärte⸗ rin(welche den abwehrenden Blick des Arztes nicht wahrgenommen hatte) ſagte ihr, Herr Kirke habe gedacht daß ſie vielleicht an den Blumen Wohlge⸗ fallen hätte und daß die Bilder in der Zeitung ſie ergözen würden. Nach dieſer Auskunft wurde ihre Sehnſucht, Herrn Kirke zu ſehen, zu überwältigend, um ſie noch länger ungeſtillt zu laſſen. Der Arzt verließ plözlich das Zimmer und holte ihn. Sie blickte verlangend nach der offenen Thüre. Ihr erſter Blick auf ihn bei ſeinem Hereintreten erregte in ihrer Seele einen Zweifel, ob ſie dieſe hohe Geſtalt und dieſes offene ſonnverbrannte Ge⸗ ſicht zum erſten Mal ſähe. Aber ſie war zu ſchwach und zu erregt, um ihre Erinnerungen bis nach Ald⸗ borough zurück zu verfolgen. Sie verzichtete auf den Verſuch und ließ es bei dem Hinſchauen auf ihn bewenden. Er blieb am Untertheil des Sophas ſtehen und ſagte einige Worte der Begrüßung. Sie winkte ihm zu, näher heran zu kommen und bot ihm ihre abgemagerte Hand. Er faßte ſie zärtlich in die ſeinigen und ſezte ſich neben ihr nieder. Seide Thrä G ſchwi und verge hielt mit d er ſie gebli 5 und wenie melte welch leiſten & T Mutl verſu dankt lung neues ich zu Beſuch war, r ihre ürterin warme rreitete 2 nahe ne An⸗ unver⸗ wärte⸗ 3 nicht habe Johlge⸗ ung ſie de ihre tigend, r Arzt Thüre. ntreten e dieſe te Ge⸗ ſchwach ch Ald⸗ tte auf en auf Sophas . Sie dot ihm lich in Deide 175 ſchwiegen. Sein Geſicht erzählte ihr ſeine Sorge und ſeine Theilnahme, welche ſein Stillſchweigen vergebens zu verbergen geſucht haben würde. Sie hielt ſtumm ſeine Hand, bei vollem Bewußtſein jezt, mit derſelben Beharrlichkeit feſt, wie an dem Tage wo er ſie fand. Ihre Augen ſchloſſen ſich nach einer ver⸗ geblichen Anſtrengung, mit ihm zu ſprechen, und die Thränen rollten ſanft über ihre bleichen Wangen. Der Doctor gab Kirke ein Zeichen, zu warten und ihr Zeit zu laſſen. Sie faßte ſich wieder ein wenig und ſchaute ihn an:— „Wie gütig ſind Sie gegen mich geweſen!“ mur⸗ melte ſie.„Und wie wenig habe ich es verdient!“ „Stille! Stille!“ ſagte er.„Sie wiſſen nicht, welch ein Glück es für mich war, Ihnen Beiſtand leiſten zu können.“ Der Ton ſeiner Stimme ſchien ihr Kraft und Muth zu verleihen. Da lag ſie, in ſeinen Anblick verſunken, mit theilnehmendem Intereſſe, mit einem dankbaren Herzen, das von aller künſtlichen Verſtel⸗ lung frei war und die conventionellen Beſchränkun⸗ gen, die zwiſchen einem Mann und einer Frauen⸗ perſon aufgebaut ſind, durchaus nicht kannte. „Wann ſahen Sie mich,“ fragte ſie plözlich,„ehe Sie mich hier trafen?“ Kirke zögerte. Herr Merrick kam ihm zu Hilfe. „Ich verbiete Ihnen ein Wort über die Ver⸗ gangenheit zu Herrn Kirke zu ſprechen,“ fiel der Arzt ein;„und ich verbiete Herrn Kirke ein Wort dar⸗ über zu Ihnen zu ſagen. Sie beginnen heute ein neues Leben, und die einzigen Erinnerungen, die ich sugeben kann, dürfen bloß fünf Minuten alt ſein.“ 176 3 Sie blickte auf den Doctor und lächelte. „Ich muß noch eine Frage an ihn thun,“ ſagte ſie— und wendete ſich wieder zu Kirke zurück,„Iſt es wahr daß Sie mich bloß einmal geſehen haben, ehe Sie in dieſes Haus kamen?“ „Vollkommen wahr!“ Er gab ſeine Erwiederung mit einem plözltchen Wechſel ſeiner Geſichtsfarbe, was ſie augenblicklich wahrnahm. Ihre ſtrahlenden Augen blickten ihn mit mehr Ernſt als je zuvor an, als ſie eine wei⸗ tere Frage an ihn ſtellte. „Wie kamen Sie dazu ſich an mich zu erinnern, nachdem Sie mich bloß einmal geſehen hatten?“ Seine Hand umfaßte in unbewußter Vergeſſen⸗ heit die ihrige und drückte ſie zum erſten Mal leiſe. Er verſuchte zu antworten und blieb ſchon beim erſten Wort ſtecken. „Ich habe ein gutes Gedächtniß,“ ſagte er end⸗ lich— und blickte ſchnell mit einer Verwirrung von ihr hinweg, die ſeiner gewöhnlichen Geiſtesgegen⸗ wart auffallend unähnlich war, ſo daß der Arzt und die Wärterin beide es wahrnahmen. Jeder Nerv in ihrem Leibe fühlte dieſen momen⸗ tanen Druck ſeiner Hand mit der außerordentlichen Empfänglichkeit, welche mit den erſten leiſen Schrit⸗ ten vorwärts auf dem Wege zur Geneſung ver⸗ bunden iſt. Sie ſchaute auf ſeine veränderte Farbe und horchte auf ſeine abgebrochenen Worte mit der ganzen angeborenen Empfindungskraft ihres Ge⸗ ſchlechts und ihres Alters, belebt und vergrößert durch die anſchauende Erkenntniß der Wahrheit. In dem Augenblick, wo er von ihr wegblickte, zog ſier höflich Kopf „ freudi den(. „Kam D verſta⸗ tane men äußerf lauf d Gefüh meine Faſſur anzuſch He gehabt die He Si flüſtert Laſſen Col haben, zltchen licklich n ihn e wei⸗ innern, 12 geſſen⸗ l leiſe. beim r end⸗ ig von gegen⸗ azt und iomen⸗ ttlichen Schrit⸗ g ver⸗ Farbe nit der 8 Ge⸗ größert t. In zog ſie 177 höflich ihre Hand aus der ſeinigen und drehte ihren Kopf auf die andere Seite des Kiſſens. „Kann es ſein?“ dachte ſie, mit einem Zittern freudiger Scheu in ihrem Herzen, mit einer brennen⸗ den Glut lieblicher Verwirrung auf ihren Wangen. „Kann es ſein?“ Der Arzt gab Kirke abermals ein Zeichen. Er verſtand es und erhob ſich unverzüglich. Die momen⸗ tane Unruhe in ſeinem Geſicht und ſeinem Beneh⸗ men war verſchwunden. Er war in ſeinem Geiſte äußerſt befriedigt, daß er ſein Geheimniß im Ver⸗ lauf der Unterredung nicht verrathen hatte, und das Gefühl dieſer Ueberzeugung verſchaffte ihm unge⸗ meine Erleichterung, ſo daß er ſeine vollkommene Faſſung wieder gewann. „Gott befohlen bis morgen,“ ſagte er, als er das Zimmer verließ. „Gott befohlen,“ antwortete ſie ſanft ohne ihn anzuſchauen. Herr Merrick nahm den Stuhl den Kirke inne gehabt, und legte ſeine Hand an ihren Puls. „Juſt was ich fürchtete,“ bemerkte der Arzt.„Um die Hälfte zu lebhaft.“ Sie entriß ihm muthwillig ihr Handgelenk. „Nicht ſo!“ ſagte ſie, indem ſie vor ihm zurück⸗ zuckte.„Ich bitte Sie, rühren Sie mich nicht an!“ Herr Merrick trat in ſeiner guten Laune ſeinen Plaz der Wärterin ab. „Ich will in einer halben Stunde zurückkehren,“ flüſterte er,„und ſie in ihr Bett zurückbringen. Laſſen Sie ſie nicht reden. Zeigen Sie ihr die Bil⸗ Collins, Namenlos. V. 12 178 der in der Zeitung und erhalten Sie ſie auf dieſe Weiſe ruhig.“ Als der Arzt zurückkehrte, berichtete die Wärte⸗ rin, daß es der Zeitungen gar nicht bedurft habe. Das Benehmen der Patientin ſei muſterhaft gewe⸗ ſen. Sie habe ſich nicht im Geringſten unruhig ge⸗ zeigt und ſie habe kein Wort geſprochen. Die Tage verfloſſen und immer länger und län⸗ ger wurde die Zeit, welche der Arzt ihr in dem Vorderzimmer zuzubringen erlaubte. Sie war bald im Stande das Bett mit dem Sopha zu vertau⸗ ſchen. Sie konnte angekleidet werden und mit Hilfe von Kiſſen in einem Armſtuhl aufrecht ſizen. Die Stunden ihrer Erlöſung vom Krankenlager reprä⸗ ſentirten das große tägliche Ereigniß ihres Lebens. Es waren die Stunden welche ſie in Kirkes Geſell⸗ ſchaft zubrachte. Sie fand jezt ein doppeltes Intereſſe für ihn— einmal das Intereſſe für den Mann, deſſen ſchüzende Vorſorge ihr Vernunft und Leben gerettet hatte, und dann das Intereſſe für den Mann, deſſen tief⸗ ſtes und theuerſtes Herzensgeheimniß ſie ſo ſehr überraſcht hatte. Allmählig wurden ſie mit einan⸗ der umgänglich und vertraut wie alte Freunde; allmählig nahm ſie ſich all ihre Vorrechte heraus und bahnte ſich unverdächtig den Weg zur Erfor⸗ ſchung ſeines innerſten Weſens. Ihre Fragen waren endlos. Alles, was er ihr über ſeine Perſon und ſein Leben mittheilen konnte, lockte ſie auf eine feine und unmerkbare Weiſe aus ihm heraus; er, der anſpruchloſeſte Menſch auf der Welt, wurde in ihrer geſchickten Hand ein förmlicher Egoiſt Schiff ken z über Dinge len ſe Leben ſich h heime den, d aus i ſeinen wahrt ſicht 1 ſie Oe Verge er in gebrec haften ſtarken wäre. Verge ſie hä reumü denken dieſe Värte⸗ habe. gewe⸗ ig ge⸗ d län⸗ n dem r bald dertau⸗ Hilfe Die reprä⸗ zebens. Geſell⸗ ihn— üzende hatte, en tief⸗ o ſehr einan⸗ eunde; heraus Erfor⸗ er ihr konnte, iſe aus auf der mlicher 179 Ggoiſt. Sie durchſchaute bald ſeinen Stolz auf ſein Schiff und machte ſich dieſen Umſtand ohne Beden⸗ ken zu Nuzen. Sie verleitete ihn zu Auslaſſungen über die Trefflichkeit des Fahrzeugs, über die großen Dinge welche das Fahrzeug in vorgekommenen Fäl⸗ len ſchon gethan hätte, wie er noch nie in ſeinem Leben gegen ein lebendes Weſen auf dem Lande ſich hatte verlauten laſſen. Sie lockte alle die ge⸗ heimen Beſorgniſſe, alle die unausſprechlichen Freu⸗ den, die er auf ſeinen Seefahrten ſchon gefühlt hatte, aus ihm heraus, während er ſie vorher ſelbſt vor ſeinem Steuermann als ein tiefes Geheimniß be⸗ wahrt hatte. Sie beobachtete ſein entflammtes Ge⸗ ſicht mit einem ſüßen Gefühl des Triumphes, indem ſie Oel in das Feuer goß; ſie verlockte ihn zum Vergeſſen aller Rückſichten auf Zeit und Ort, ſo daß er in der Hize ſeines Geſprächs manchmal auf das gebrechliche Tiſchchen des Wohnzimmers einen ſo herz⸗ haften Schlag that, als wenn ſeine Hand auf die ſtarken Eichenplanken ſeines Schiffes heruntergefallen wäre. Seine Verwirrung bei Entdeckung ſeiner Vergeßlichkeit ergötzte ſie insgeheim ungemein, und ſie hätte vor Freude aufſchreien mögen, wenn er in reumüthiger Beſtürzung fragte was man von ihm denken werde. Ein anderes Mal brachte ſie ihn, wenn er ſich über die Vergnügungen welche das Leben zur See ihm biete ausließ, von dieſem Thema ab und lei⸗ tete ſein Geſpräch auf die Gefahren deſſelben, auf die Gefahren zur See, jener eiferſüchtigen Herrin, welche den größten Theil ſeines Daſeins in Anſpruch genommen und ihn ſo auffallend unerfahren und 180 unbekannt mit der Welt auf dem Lande gelaſſen habe. Zweimal hatte er Schiffbruch gelitten. Un⸗ zählige Male waren er und alle ſeine Schiffsleute vom Tode bedroht geweſen und ihrem Untergange nur um Haarbreite entſchlüpft. Anfangs ſprach er ungern von der dunkeln und ſchrecklichen Seite ſeines Lebens. Bloß ihren zu geſchickter Zeit angebrachten Verleitungen, ihren ſchlaugelegten Schlingen im Ver⸗ lauf ſeiner Rede gelang es, daß er ſich von ihr zu Schilderungen der Schreckniſſe der großen Meeres⸗ tiefe verlocken ließ. Mit athemloſer Theilnahme auf ihn horchend, mit athemloſer Verwunderung auf ihn ſchauend, ſaß ſie da, wenn dieſe fürchterlichen Erzählungen,— die durch die einfache Sprache, in welcher er ſie vortrug, doppelte Lebhaftigkeit erhiel⸗ ten— nach einander von ſeinen Lippen ſich ergoſſen. Seine edle Unbewußtheit ſeines eigenen Helden⸗ muthes— die ungekünſtelte Beſcheidenheit, womit er ſeine Thaten unerſchrockener Ausdauer und todes⸗ muthiger Herzhaftigkeit ſchilderte, ohne dabei die ge⸗ ringſte Idee zu haben, daß ſie irgend Etwas mehr als bloße Handlungen der Pflicht ſein könnten, der er vermöge ſeines Berufes folgen müſſe— erhoben ihn in ihrer Achtung ſo hoffnungslos hoch über ſie, daß ſie ſich ganz unbehaglich zu fühlen begann und un⸗ geduldig wurde, bis ſie das von ihr ſelbſt aufge⸗ ſtellte Ideal wieder von ſeinem Thron geſtürzt hatte. Bei ſolchen Gelegenheiten heiſchte ſie von ihm mit ſtren⸗ ger Unerbittlichkeit alle jene kleinen vertraulichen Aufmerkſamkeiten, die von den Damen in ihrem Ver⸗ kehr mit den Männern ſo hoch geſchäzt werden. „Dieſe Hand,“ dachte ſie mit einer ungemeinen Womn währe vom? Kopfk wenn welche ſengen jezt m Feinh thun wie m wie de S Gedan verſtei getren ſelbſta ſo bar Ki ſchiede die da dachte. von de neuen in der ſo emn „S das ar denken, Stocke die lau llaſſen Un⸗ fsleute gange ach er ſeines achten n Ver⸗ 8n ihr deeres⸗ nahme ig auf rlichen he, in erhiel⸗ goſſen. delden⸗ womit todes⸗ die ge⸗ mehr 1, der rhoben ie, daß id un⸗ aufge⸗ hatte. ſtren⸗ ulichen n Ver⸗ n. neinen 181 Wonne, den Gedanken insgeheim verfolgen zu können, während er ihr nahe war—„dieſe Hand, welche viele vom Tode des Ertrinkens gerettet hat, zieht jezt meine Kopfkiſſen ſo zärtlich empor, daß ich kaum merke, wenn man ſie von der Stelle bewegt. Dieſe Hand, welche die Schiffsmeuterer gepackt und ſie mit Rie⸗ ſengewalt zu ihrer Pflicht zurückgebracht hat, bereitet jezt meine Limonade und ſchält meine Aepfel mit mehr Feinheit und Zierlichkeit, als ich es ſelbſt für mich thun könnte. O, wenn ich ein Mann ſein dürfte, wie würde ich es lieben, ſolch ein Mann zu ſein wie dieſer!“ So lange er anweſend war, erlaubte ſie ihren Gedanken niemals, ſich über dieſen Punct hinaus zu verſteigen. Nur wenn die Nacht ſie von einander getrennt hatte, wagte ſie es, in ihrem Geiſte bei der ſelbſtaufopfernden Hingebung zu verweilen, welche ſie ſo barmherzig gerettet hatte. Kirke wußte wenig davon wie ſie in der Abge⸗ ſchiedenheit ihres Gemaches während der Stunden, die dahinſchwanden ehe ſie in Schlaf ſank, von ihm dachte. Nicht eine Ahnung durchkreuzte ſeine Seele von dem Einfluß den er auf ſie ausübte— von dem neuen Geiſt, den er in dieß neue Leben hauchte, das in der erſten Friſche ſeines wieder erlangten Gefühls ſo empfänglich für Eindrücke war. „Sie hat noch Niemanden der ſie zerſtreuen kann, das arme Weſen,“ pflegte er ſchmerzlich bei ſich zu denken, wenn er allein in ſeinem Zimmer im zweiten Stocke ſaß.„Wenn ein plumper Burſche wie ich die langweiligen Stunden hinwegſchwazen kann, bis 182 ihre Freunde hieher kommen, ſo iſt ſie zu Allem herzlich eingeladen, was ich ihr erzählen kann.“ Er war übellaunig und unruhig, wenn er ſich allein überlaſſen war. Nach und nach verfiel er in die Gewohnheit, bei Nacht lange, einſame Spazier⸗ gänge vorzunehmen, wenn Magdalene dachte, er ſchliefe eben. Einmal entfernte er ſich plözlich zur Tages⸗ zeit— in Geſchäften, wie er ſagte. Es war am Abend zuvor zwiſchen Magdalene und ihm Etwas zur Sprache gekommen, was ſie veranlaßt hatte, ihm ihr Alter zu ſagen. „Zwanzig am lezten Geburtstag,“ dachte er. „Nimm zwanzig von einundvierzig. Eine leichte Summe zum Abziehen, ſo leicht als mein kleiner Neffe ſie nur wünſchen könnte.“ Er ging auf die Werfte und ſchaute ſchmerzbe⸗ wegt der Verladung zu. „Ich darf nicht vergeſſen wie ein Schiff beſchaffen iſt,“ ſagte er.„Es darf nicht lange dauern, bis ich wieder bei meiner alten Arbeit bin.“ Nachdem er die Docks verlaſſen, ſtattete er einem Seecameraden, einem verheiratheten Manne, einen Beſuch ab. Im Verlaufe der Unterhaltung fragte er, wieviel wohl ſein Freund älter ſein möchte als deſſen Frau. Es waren ſechs Jahre Unterſchied zwiſchen ihnen. „Ich glaube, das iſt Unterſchied genug,“ ſagte Kirke. „Ja,“ erwiederte ſein Freund.„Völlig genug. Siehſt du Dich endlich auch nach einem Weibe um? Verſuchs mit einem wohlerhaltenen Frauenzimmer von fünfunddreißig. Das iſt deine Grenze, Kirke, ſo genau als ich ſie beſtimmen kann.“ T gegen Wied Zeit, C Merr Zimn komm auf d unſer⸗ endlie ziehen demge Quert hat, uns Advos Herrn — al an eit Ich h gung gewen iſt ein verbu große Ihre Schwe ihr in der 2 oder pazier⸗ ſchliefe Tages⸗ ar am Etwas e, ihm hte er. leichte kleiner nerzbe⸗ ſchaffen bis ich einem einen fragte hte als erſchied e Kirke. genug. de um? zimmer Kirke, 183 Die Zeit verfloß unbemerkt und ſchnell— die gegenwärtige Zeit, in welcher ſie ſo glücklich ihrer Wiedergeneſung entgegeneilte,— die gegenwärtige Zeit, in die er bereits Mißtrauen zu ſezen begann. Eines ſchönen Morgens früh überraſchte Herr Merrick Kirke mit einen Beſuch in ſeinem kleinen Zimmer auf dem zweiten Stock. „Ich bin geſtern zu dem beſtimmten Schluſſe ge⸗ kommen,“ ſagte der Arzt, indem er ohne Umſchweife auf den Gegenſtand ſeines Beſuches überging,„daß unſere Patientin bereits kräftig genug iſt, um uns endlich zu geſtatten daß wir uns jedem Riſico unter⸗ ziehen und mit ihren Freunden in Verbindung treten; demgemäß habe ich den Faden, den uns dieſer Querkopf, Capitän Wragge, in die Hände geſpielt hat, aufmerkſam verfolgt. Sie erinnern ſich ſeines uns ertheilten Rathes, daß wir uns an den Herrn Advocaten Pendril wenden ſollten? Ich beſuchte Herrn Pendril vor zwei Tagen und wurde von ihm — aber nicht allzu bereitwillig, wie ich annahm— an eine Dame, Namens Fräulein Garth, gewieſen. Ich hörte von dieſer genug, um mir die Ueberzeu⸗ gung zu verſchaffen, daß wir eine kluge Vorſicht an⸗ gewendet haben, ſo zu handeln wie wir gethan. Es iſt eine ſehr, ſehr ſchlimme Geſchichte, und ich bin verbunden zu ſagen, daß ich, wenn je für Jemand, große Nachſicht gegen das arme Mädchen unten habe. Ihre einzige Verwandte auf der Welt iſt ihre ältere Schweſter. Ich habe gerathen, daß die Schweſter ihr in erſter Linie ſchreiben— und dann, wenn der Brief nicht nachtheilig auf ſie wirke, in ein oder zwei Tagen perſönlich nachfolgen ſolle. Ich 184 habe keine Adreſſe angegeben, um jedem Beſuche, der ohne meine Erlaubniß hier abgeſtattet werden könnte, vorzubeugen. Ich habe mich bloß auf die Beförderung des Briefes eingelaſſen, und ich werde ihn wahrſcheinlich ſchon in meinem Hauſe finden, wenn ich zurückkomme. Wollen Sie daheim bleiben, bis ich meinen Bedienten damit ſende? Es iſt nicht die geringſte Hoffnung, daß ich im Stande bin ihn ſelbſt zu uͤberbringen. Alles, was Sie nöthig haben zu thun, iſt bloß auf eine Gelegenheit zu paſſen, wenn ſie nicht im Vorderzimmer ſich befindet, und nahm widern ihn kei daß M dann den Brief an einen Plaz hinzulegen, wo ſie wäre, 9 5 ihn beim Hereintreten ſogleich ſehen kann. Die Hand⸗ ſchrift der Adreſſe wird ihr die Nachricht ſchon im Voraus offenbaren, ehe ſie nur den Brief aufbricht. Sagen Sie ihr Nichts darüber, ſorgen Sie daß die Wirthin in der Nähe iſt, um gerufen werden zu können— und überlaſſen Sie das Mädchen ſich ſelbſt. Ich weiß, ich kann mich darauf verlaſſen daß Sie meine Weiſungen befolgen, und das iſt der Grund, warum ich Sie erſuche uns dieſen Dienſt zu erweiſen. Sie ſehen dieſen Morgen übellaunig aus. Natür⸗ lich genug. Sie ſind friſche Luft in Hülle und Fülle gewohnt, Capitän, und Sie fangen an es in dieſem abgeſchloſſenen Plaze nicht länger mehr auszuhalten.“ Darf ich eine Frage an Sie ſtellen, Doctor? Wird ſie es auch nicht lange mehr in dieſem abge⸗ ſchloſſenen Plaze aushalten? Wenn ihre Schweſter kommt, wird ihre Schweſter ſie mit fortnehmen?“ „Ganz beſtimmt— wenn mein Rath befolgt wird. Sie wird in einer Woche oder noch weniger ſich hinlänglich wohl befinden, um die Entfernung wendig bleiben auf de rief ſie Er und gi keit we den Sc Beſuch Kornhü⸗ Ma Zimmer Adreſſe im Aus darauf ſuche, derden if die werde inden, eiben, nicht n ihn haben aſſen, und do ſie Hand⸗ n im bricht. ß die en zu ſelbſt. Sie rund, eiſen. tatür⸗ Fülle dieſem lten.“ dctor? abge⸗ weſter 2“ efolgt eniger nung 185 an einen andern Ort zu ertragen. Guten Tag. Sie ſind ganz beſtimmt übellaunig und ihre Hand fühlt ſich fieberhaft an. Sehnſucht nach dem blauen Waſ⸗ ſer, Capitän— Sehnſucht nach dem blauen Waſſer!“ Mit dieſer Kundgebung ſeiner Meinung entfernte ſich der Doctor fröhlichen Herzens. In einer Stunde langte der Brief an. Kirke nahm ihn der Wirthin mit Widerſtreben, ja faſt mit widerwilliger Heftigkeit aus der Hand und würdigte ihn keines Blickes. Nachdem er ſich vergewiſſert hatte daß Magdalene noch mit ihrer Toilette beſchäftigt wäre, und nachdem er der Hauswirthin die Noth⸗ wendigkeit auseinandergeſezt hatte, in der Nähe zu bleiben, ſtieg er unverzüglich die Treppe hinab und legte den Brief auf den Tiſch im vordern Zimmer. Magdalene hörte den Schall des bekannten Trittes auf dem Fußboden.„Ich werde bald fertig ſein,“ rief ſie ihm durch die Thüre zu. Er gab keine Antwort— er nahm ſeinen Hut und ging fort. Nach einer momentanen Unſchlüſſig⸗ keit wendete er ſein Geſicht oſtwärts und machte bei den Schiffseignern, in deren Dienſt er ſtand, einen Beſuch in ihren Geſchäftslocalitäten auf dem Kornhügel.- Drittes Capitel. Magdalenens erſter Blick ringsum im leeren Zimmer zeigte ihr den Brief auf dem Tiſche. Die Adreſſe machte ſie, wie der Arzt vorausgeſagt hatte, im Augenblick mit der Schreiberin bekannt, wo ſie darauf blickte. z 186 Kein Wort entſchlüpfte ihren Lippen. Sie ſezte ſich neben den Tiſch nieder, bleich und ſchweigend, mit dem Brief auf ihrem Schooße. Zweimal machte ſie einen Anlauf ihn zu erbrechen und zweimal legte ſie ihn wieder zurück. Die verfloſſene Zeit nicht allein ſchwebte vor ihrem Geiſte, als ſie auf die Handſchrift ihrer Schweſter blickte— es war auch die Beſorg⸗ niß vor Kirke dabei. „Mein vergangenes Leben,“ dachte ſie.„Was wird er von mir denken, wenn er mein vergangenes Leben erfährt?“ Sie machte eine wiederholte Anſtrengung und erbrach das Siegel. Ein zweiter Brief fiel aus dem Einſchluß heraus. Er war ebenfalls an ſie adreſſirt, aber in einer Handſchrift, mit der ſie nicht vertraut war. Sie legte den zweiten Brief bei Seite und las die Zeilen welche Nora geſchrieben hatte. „Ventnor auf der Inſel Wight, den 24. Auguſt. „Meine theuerſte Magdalene! Wenn du dieſen Brief lieſeſt, ſo denke, wir ſeien bloß ſeit geſtern von einander getrennt geweſen, und verbanne aus deinem Geiſte die Vergangenheit und Alles was da⸗ mit zuſammenhängt, wie ich es aus dem meinem ver⸗ bannt habe. „Es iſt mir ſtreng verboten dich aufzuregen oder durch Schreiben eines langen Briefes dich zu er⸗ müden. Iſt es vielleicht unrecht, dir mitzutheilen daß ich die glücklichſte Frau auf der Erde bin? Ich hoffe nicht, denn ich kann das ſüße Geheimniß nicht für mich allein behalten. „ Ueber Ich b ſeit ie — es Weib den b heirat fürcht für m. ihn n Geleg erſte Du ſ nehm intere laſſer gereis wenn bei de worde einand unſere mitzu ich hie e ſezte eigend, machte ll legte allein dſchrift Zeſorg⸗ „Was ngenes g und s dem rreſſirt, ertraut te und uguſt. dieſen geſtern ne aus bas da⸗ em ver⸗ en oder zu er⸗ itheilen 2 Ich ß nicht 187 „Geliebte Schweſter! Bereite dich auf die größte Ueberraſchung vor, die ich dir jemals verurſacht habe. Ich bin verheirathet. Es iſt heute erſt eine Woche, ſeit ich von meinem alten Namen Abſchied genommen — es iſt erſt eine Woche, ſeit ich das glückliche Weib Georg Bartrams auf Heiligenkreuz gewor⸗ den bin. „Anfänglich ſtanden Schwierigkeiten unſerer Ver⸗ heirathung im Wege, wovon ich an einigen, wie ich fürchte, wohl ſelbſt Schuld bin. Glücklicher Weiſe für mich wußte mein Gatte von Beginn an daß ich ihn wirklich liebte— er verſchaffte mir eine zweite Gelegenheit, ihm dieß zu ſagen, nachdem ich die erſte unbeſonnen hatte entfliehen laſſen— und, wie Du ſiehſt, dießmal war ich klug genug ſie wahrzu⸗ nehmen. Du ſollteſt Dich beſonders für dieſe Heirath intereſſiren, meine Liebe, denn Du biſt die Veran⸗ laſſerin dazu. Wenn ich nicht nach Aldborough gereist wäre, um deine verlorene Spur aufzuſuchen, wenn Georg nicht zu gleicher Zeit durch Verhältniſſe, bei denen Du auch betheiligt warſt, dahin geführt worden wäre— ſo würden mein Mann und ich einander niemals getroffen haben. Wenn wir auf unſere erſten gegenſeitigen Eindrücke zurückblicken, ſo blicken wir auf Dich zurück. „Ich muß mein Verſprechen halten, Dich nicht zu ermüden. Ich muß dieſen Brief gegen meinen Wil⸗ len ſchließen, Geduld! Geduld!— Ich werde Dich bald beſuchen. Georg und ich wollen beide nach London kommen, um Dich mit uns nach Ventnor mitzunehmen. Denke, daß mein Gatte ſo gut wie ich hiezu Dich einladen. Glaube nicht, Magdalene, 188 daß ich ihn eher geheirathet habe, bis ich den über⸗ zeugenden Gedanken hegen durfte, daß er von Dir denke wie ich denke, daß er meine Wünſche und Hoffnungen zu den ſeinigen mache. Ich könnte noch viel mehr über dieß, noch viel mehr über Georg ſagen, wenn ich meine Gedanken und meine Feder ihren Weg gehen laſſen dürfte. Aber ich muß Fräulein Garth auf ihr ausdrückliches Verlangen einen leeren Raum auf der lezten Seite dieſes Briefes zum Ausfüllen überlaſſen— und ich darf bloß noch ein Wort, ehe ich Lebewohl ſage, hinzufügen, ein Wort der Benach⸗ richtigung, daß ich noch eine andere Ueberraſchung in Bereitſchaft habe, welche ich in Reſerve behalte, bis wir zuſammen kommen. Mache keinen Verſuch, zu errathen was es iſt. Du könnteſt ganze Zeitalter lang fortrathen, und der Wahrheit um kein Pünct⸗ chen näher kommen, als Du gegenwärtig biſt. „Deine zärtlich Dich liebende Schweſter „Nora Bartram.“ (Hinzugefügt von Fräulein Garth.) „Mein liebes Kind! Wenn ich ſe meine alte liebende Neigung für Sie verloren hätte, ſo würde ich ſie jezt wieder in meinem Herzen fühlen,, da ich weiß daß es Gott gefallen hat, Sie uns wieder vom Rand des Grabes zurückzugeben. Ich füge dieſe Zeilen dem Briefe Ihrer Schweſter hinzu, weil ich nicht gewiß bin, daß Sie jezt ſchon ſo vollkommen hergeſtellt ſind, wie ſie glaubt, um ihren Vorſchlag anzunehmen. Sie hat kein Wort von ihrem Gatten oder ſich ſelbſt geſagt, was nicht wahr iſt. Aber Herr Bartram iſt Ihnen ein Fremdling— und wenn Sie d mächl Ihrer Schir zuerſt ich N ſöhner eines genug könner fernt Allein Laſſen eine e ich w ſchreib De danken ſtiegen geſchie die ge Anfan keiner Ziel e alle Enr Wager Oeffen und L Mann über⸗ n Dir e und dch viel „wenn Weg Garth Raum Sfüllen rt, ehe henach⸗ ſchung ehalte, erſuch, italter Pünct⸗ m.“ e alte würde da ich r vom dieſe eil ich mmen eſchlag Gatten Aber wenn 189 Sie denken, Sie können Ihre Wiedergeneſung ge⸗ mächlicher und vergnüglicher unter den Fittichen Ihrer alten Gouvernante vollenden, als unter dem Schirme ihres neuen Schwagers, ſo kommen Sie zuerſt zu mir und bauen Sie getroſt auf mich, daß ich Nora mit dieſer Veränderung ihres Planes aus⸗ ſöhnen werde. Ich habe den Vortheil des Beſizes eines Landhäuschens zu Schanklin voraus— nahe genug Ihrer Schweſter, um Euch einander ſehen zu können wenn Ihr wollt, und doch weit genug ent⸗ fernt zu gleicher Zeit, um Ihnen das Vorrecht des Alleinſeins zu ſichern, wenn Sie es wünſchen ſollten. Laſſen Sie mir vor unſerem Zuſammentreffen nur eine einzige Zeile mit Ja oder Nein zukommen und 3 J 3 ich werde mit der nächſten Poſt nach Schanklin ſchreiben. „Stets Ihre aufrichtig ergebene „Harriet Garth.“ Der Brief ſank aus Magdalenens Hand. Ge⸗ danken, welche noch niemals in ihrem Geiſte aufge⸗ ſtiegen waren, ſtiegen jezt in ihm auf. Nora, deren Muth unter unverſchuldetem Miß⸗ geſchick der Muth der Entſagung geweſen war; Nora, die geduldig ihr hartes Loos hingenommen, die von Anfang bis Ende an keine Rache gedacht und ſich zu keiner Täuſchung herabgelaſſen— Nora hatte das Ziel erreicht, das aller Scharfſinn ihrer Schweſter, alle Entſchloſſenheit ihrer Schweſter und alles kühne Wagen ihrer Schweſter zu erreichen verfehlt hatte. Oeffentlich und ehrenhaft, mit Liebe auf der einen und Liebe auf der andern Seite, hatte Nora den Mann geheirathet, der das Rabenſchluchter Geld be⸗ 190 ſaß, und Magdalenens eigener Plan, es wiederzuge⸗ gemei winnen, hatte den Weg zu dem Ereigniß gebahnt, treten welches Gatten und Gattin zuſammengeführt hatte. ſagen Bei dem Blizſtrahl dieſer niederdrückenden Ent⸗„ deckung kam ihr Geiſt in Aufruhr, der alte Streit D ward wieder erneut, und noch einmal kämpften in ihr Himmel und Hölle mit einander um ihren Beſiz— den ſ aber dießmal mit verſtärkten Kräften, mit dem neuen broche Geiſte, der in ihr neues Leben hineingeweht war; E mit dem edlern Gefühl, das groß gewachſen war mit Halt der wachſenden Dankbarkeit gegen den Mann, der öffnete ſie gerettet hatte, zur Unterſtüzung der beſſern Sache. Etwas Alle höhern Regungen ihres Weſens, welche niemals ſuchte von Anfang bis zu Ende, die Winkelzüge ihres Le⸗ ſchlaff bens hatten ungerügt und ungeſtraft gelaſſen— welche jemals ſie vor und nach ihrer Verheirathung mit Reue und„0 Gewiſſensbiſſen marterten, die kein von Grund aus fragte herzloſes und von Grund aus verdorbenes Weib„ fühlen kann— all die herrlicheren Elemente ihres Arztes Characters ſammelten ihre Kräfte zu dem lezten„ 2 Streite und ſtählten ſie, mit keinem unwürdigen meiner Zittern der Enthüllung entgegenzutreten, deren Schleier zu ſeh jezt vor ihren Augen fiel. Immer klarer und klarer, zu ſeh im Strahlenlicht ihrer Unvergänglichkeit, ſtieg die Gutthe Wahrheit aus der Aſche ihrer erloſchenen Leiden⸗ 78 ſchaften, aus dem Grabe ihrer verbrannten Hoff⸗ antwo nungen vor ihrem geiſtigen Auge empor. Als ſie habe, wieder auf den Brief blickte— als ſie wiederholt Er die Worte las, welche ihr ſagten daß die Wiederer⸗ ſie die langung des verlorenen Vermögens ein Triumph ihrer ſein C Schweſter, nicht ihrer eigenen Perſon ſei— da hatte haben, ſie ſchon alle kleinlichen Eiferſüchteleien und jeden Worte⸗ rzuge⸗ bahnt, hatte. a Ent⸗ Streit mpften ſiz— neuen war; ar mit ¹, der Sache. iemals ees Le⸗ welche ne und nd aus Weib ihres lezten irdigen Schleier klarer, eeg die Leiden⸗ Hoff⸗ lls ſie derholt hederer⸗ h ihrer a hatte jeden 191 gemeinen Neid ihres Herzens ſiegreich zu Boden ge⸗ treten; ſie konnte mit ganzem aufrichtigen Herzen ſagen: „Nora hat es verdient.“ Der Tag verſtrich. Sie ſaß da, tief verſunken in ihre Gedanken, den zweiten Brief nicht beachtend, den ſie bei Kirkes Zurückkunft noch nicht einmal er⸗ brochen hatte. Er machte am oberſten Treppentritte draußen Halt und fragte ſie, indem er die Thüre ein wenig öffnete, ohne in das Zimmer zu treten, ob ſie noch Etwas wünſche, das er ihr beſorgen ſolle. Sie er⸗ ſuchte ihn hereinzukommen. Sein Angeſicht war ſchlaff und traurig; er ſah älter aus als ſie ihn jemals geſehen hatte. „Legten Sie den Brief für mich auf den Tiſch?“ fragte ſie. „Ja. Ich legte ihn auf das Verlangen des Arztes hin.“ „Vermuthlich ſagte Ihnen der Arzt, daß er von meiner Schweſter wäre? Sie will kommen um mich zu ſehen, und Fräulein Garth will kommen um mich zu ſehen. Sie werden Ihnen für alle mir erwieſene Gutthaten beſſer danken als ich kann.“ „Ich habe keinen Anſpruch auf ihren Dank,“ antwortete er mit ſtrengem Ernſt.„Was ich gethan habe, war nicht für jene gethan, ſondern für Sie.“ Er wartete eine Weile und blickte ſie an. Wenn ſie die Wahrheit nicht bereits ſchon vermuthet hätte, ſein Geſicht würde ihn bei dieſem Blick verrathen haben, ſeine Stimme würde ihn bei den nächſten Worten, die er ſprach, verrathen haben. 192 „Wenn Ihre Freunde hieher kommen,“ fuhr er fort,„ſo werden dieſelben Sie wohl an einen beſſern Ort als dieſer da iſt mit ſich fortnehmen, vermuthe ich?“ „Sie können mich an keinen Ort bringen,“ ſagte ſie artig,„der mir theurer wäre als der wo Sie mich gefunden haben. Sie können mich zu keinem theurern Freund führen, als mir der iſt, welcher mir das Leben gerettet hat.“ Es trat ein augenblickliches Stillſchweigen zwi⸗ ſchen ihnen ein. „Wir ſind ſehr glücklich geweſen,“ fuhr er mit immer gedämpfterem Tone fort.„Werden Sie mich nicht vergeſſen, wenn wir einander Lebewohl geſagt haben?“ Sie erbleichte, als dieſe Worte von ſeinen Lippen kamen, verließ ſchnell ihren Stuhl und kniete neben dem Tiſche nieder, ſo daß ſie ihm in das Geſicht ſchauen konnte und ihn dabei nöthigte auch in das ihre zu ſchauen. „Warum ſprechen Sie davon?“ fragte ſie.„Wir ſind nicht Willens einander Lebewohl zu ſagen— am wenigſten jezt ſchon.“ „Ich dachte“— begann er. „Nun?“ „Ich dachte Ihre Freunde würden hieher kom⸗ men—“ Sie unterbrach ihn mit Ungeſtüm. „Denken Sie etwa, ich würde mit Jemanden. und wenn es der theuerſte Verwandte wäre, den ich in der Welt habe,“ ſagte ſie,„fortgehen und Sie hier verlaſſen, ohne zu wiſſen oder mich darum zu kümmern, ob ich Sie jemals wieder ſehen werde. O, d leiden ſchoſſe mir d ſie an noch ar lich, i zählen. zu ver ſee he davor Gegenſ AL ſetzen,“ nicht fo daß ich ſtrengſt ich hie wußten uhr er beſſern Lich?“ ſagte do Sie keinem eer mir n zwi⸗ er mit e mich geſagt Lippen neben Geſicht in das „Wir gen— kom⸗ anden. , den nd Sie um zu werde. 193 O, denken Sie nicht ſo von mir!“ rief ſie aus mit leidenſchaftlichen Thränen, die ihr in die Augen ſchoſſen—„ich bin ſicher, daß Sie nicht ſo von mir denken!“ „Nein,“ ſagte er;„ich habe niemals ungerecht oder unwürdig von Ihnen gedacht und werde auch niemals ſo von Ihnen denken.“ Ehe er noch ein weiteres Wort hinzufügen konnte, verließ ſie ſo plözlich, als ſie ſich ihm genähert hatte, den Tiſch, und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. Sie hatte unbewußt in Ausdrücken geantwortet, welche ſie an die harte Nothwendigkeit, deren Erfüllung noch ausſtand, erinnerten— die Nothwendigkeit näm⸗ lich, ihm die Geſchichte ihrer Vergangenheit zu er⸗ zählen. Nicht ein Gedanke, dieſe Geſchichte vor ihm zu verheimlichen, kam ihr in den Sinn. „Wird er mich lieben, wenn er die Wahrheit weiß, wie er mich jetzt liebt?“ Dieß war ihr einziger Gedanke, als ſie, ohne davor zurückzubeben, in ſeiner Gegenwart auf den Gegenſtand zu kommen verſuchte. „Laſſen Sie uns meine Gefühle außer Frage ſetzen,“ ſagte ſie.„Es gibt einen Grund für mich nicht fortzugehen, bis ich erſt die Verſicherung habe, daß ich Sie wiederſehe. Sie haben ein Anrecht das ſtrengſte Anrecht von der Welt, zu erfahren, wie ich hieher kam, ohne daß meine Freunde darum wußten, und wie es kam, daß Sie mich ſo tief ge⸗ ſunken fanden.“ „Ich mache keinen Anſpruch darauf!“ ſagte er haſtig.„Ich wünſche Nichts von Ihnen zu wiſſen, Collins, Namenlos. V. 13 194 deſſen Erzählung Ihnen einen Schmerz verurſachen würde.“ „Sie haben immer Ihre Pflicht gethan,“ verſetzte ſie mit einem ſchwachen Lächeln.„Laſſen Sie mich ein Beiſpiel an Ihnen nehmen, wenn ich kann, und verſuchen, auch die meinige zu thun.“ „Ich bin alt genug, um Ihr Vater zu ſein,“ ſagte er mit Bitterkeit.„In meinem Alter kann man leich⸗ ter ſeine Pflicht erfüllen, als in dem Ihrigen.“ Sein Alter lag ihm gegenwärtig jo beſtändig im Kopfe, daß er ſich einbildete, es müſſe auch in ihrem Kopfe liegen. Aber ſie hatte noch nicht im Gering⸗ ſten ſich einen Gedanken darüber gemacht. Die An⸗ deutung darauf, die ihr ſoeben entfallen war, lenkte ſie keinen Augenblick von dem Gegenſtand ab, über welchen ſie mit ihm ſprechen wollte. „Sie wiſſen nicht, wie hoch ich Ihre gute Mei⸗ nung von mir ſchätze,“ ſagte ſie, indem ſie entſchloſ⸗ ſen ihren ſinkenden Muth aufrecht zu erhalten ſich abmühte.„Wie kann ich Ihre Güte verdienen, wie kann ich eher das Gefühl hegen, daß ich Ihrer Be⸗ rückſichtigung werth bin, als bis ich Ihnen mein Herz geöffnet habe? O, ermuthigen Sie mich nicht in meiner eigenen erbärmlichen Schwäche! Stehen Sie mir bei, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, zwin⸗ gen Sie mich, um meinetwillen, wenn Sie nicht um Ihretwillen wollen, ſie Ihnen zu ſagen!“ Er war doppelt bewegt durch die Aufrichtigkeit dieſer ungeſtümen Aufforderung. „Sie ſollen ſie mir ſagen,“ verſetzte er.„Sie haben Recht— und ich bin im Unrecht.“ Er wartete eine Weile und überlegte. mehr Nicht, ſchreit lich h. dring kannt fluſſes wir u mit 2 „W 778 mich zurück lernte. ſagen in die länger genug komme mich ſollte. Freun Sie a „ einem finden. „2 rſachen erſetzte le mich n, und ſagte n leich⸗ .¹ dig im ihrem Hering⸗ ie An⸗ lenkte über e Mei⸗ ntſchloſ⸗ en ſich en, wie ter Be⸗ mein ch nicht Stehen zwin⸗ e nicht htigkeit „Sie 195 „Würde es Ihnen nicht angenehmer ſein,“ fragte er mit einer zarten Rückſicht auf ſie,„es mir zu ſchreiben, ſtatt mündlich mitzutheilen?“ Sie ergriff begierig dieſen Vorſchlag. „Viel lieber,“ erwiderte ſie.„Ich kann meiner mehr ſicher ſein; ich kann ſicher ſein, daß ich Ihnen Nichts verheimliche, wenn ich es ſchreibe. Aber ſchreiben Sie mir Ihrerſeits nicht,“ fügte ſie plötz⸗ lich hinzu, indem ſie mit dem inſtinctmäßigen, durch⸗ dringenden Scharfblick eines Weibes die Gefahr er⸗ kannte, die aus einem völligen Aufgeben ihres Ein⸗ fluſſes auf ihn entſtehen konnte.„Warten Sie, bis wir wieder zuſammen kommen, und ſagen Sie mir mit Ihren eigenen Lippen, was Sie denken.“ „Wo ſoll ich es Ihnen ſagen?“ „Hier,“ antwortete ſie heftig.„Hier, wo Sie mich hilflos trafen, hier, wo Sie mich dem Leben zurückgegeben haben und wo ich Sie zuerſt kennen lernte. Ich kann die härteſten Worte, die Sie mir ſagen mögen, ertragen, wenn Sie mir dieſelben nur in dieſem Zimmer ſagen. Es iſt unmöglich, daß ich länger als einen Monat fort bin; ein Monat wird genug ſein, und mehr als genug. Wenn ich zurück⸗ komme—“ Sie hielt verwirrt inne.„Ich denke an mich ſelbſt,“ ſagte ſie,„wenn ich an Sie denken ſollte. Sie haben ihre beſonderen Geſchäfte und Freunde. Wollen Sie für uns entſcheiden? Wollen Sie ausſprechen, wie es gehalten werden ſoll?“ „Es ſoll ſein, wie Sie wünſchen. Wenn Sie in einem Monat zurückkommen, werden Sie mich hier finden.“ „Aber werden Sie dadurch nicht genöthigt wer⸗ — —— —— 196 den, mir Ihre Bequemlichkeit oder Ihre Pläne auf⸗ A zuopfern?“ Tiſch, „Es wird mich zu Nichts nöthigen,“ verſetzte er, welche als zu einem Abſtecher zurück in die Stadt.“ Er das ſtand auf und nahm ſeinen Hut.„Ich muß ſogleich macht dahin gehen,“ fügte er hinzu,„oder ich werde zu D ſpät kommen.“ verge „Gilt es ein Verſprechen zwiſchen uns?“ ſagte ſie ihr A und ſtreckte ihre Hand aus. brach „Ja,“ antwortete er ein Bischen ernſt.„Es nicht gilt ein Verſprechen.“ ihrer Der Schatten von Melancholie in ſeinem Beneh⸗ daß d men, ſo leicht er auch war, that ihr in der Seele der al wehe. Alle anderen Wünſche über dem ſehnlichen Der Wunſch, ihn zu erfreuen, vergeſſend, drückte ſie freund⸗ Minde lich die Hand, die er ihr reichte. dern „Wenn das ihm nicht die Wahrheit ſagt,“ dachte ſen un ſie,„ſo ſagt es ihm Nichts mehr.“ Gegen Es verfehlte ihm die Wahrheit zu ſagen— aber 5 es zwang ſeinen Geiſt, ſich eine Frage zu ſtellen, nem 1 die er vorher niemals gewagt hatte, ſich vorzulegen. gebe „Iſt es Dankbarkeit oder Liebe, was aus ihr zu„ mir ſpricht?“ fragte er neugierig ſich ſelbſt.„Wenn geſagt ich nur ein jüngerer Mann wäre, ſo möchte ich mir Spur, faſt der Hoffnung ſchmeicheln, daß es Liebe iſt.“) Princi Die erſchreckliche Abziehungsſumme, die ihm zu⸗ in dieſ erſt an dem Tage vor die Augen getreten war, wo zunächf ſie ihm ihr Alter mitgetheilt hatte, begann ihn auf's Vorſche Neue zu beunruhigen, als er das Haus verließ. Auf Bord ſeinem ganzen Wege zu den Geſchäftslocalitäten der Winde Schiffseigner auf dem Kornhügel zog er in Zwiſchen⸗ Londor räumen Zwanzig von Einundvierzig ab.„D 197 auf⸗ Als Magdalene ſich allein befand, trat ſie an den Tiſch, um die Antwort von einer Zeile zu ſchreiben, ste er, welche Fräulein Garth verlangt hatte, und dankbar Er das Anerbieten anzunehmen, das dieſelbe ihr ge⸗ dgleich macht hatte. de zu Der zweite Brief, den ſie bei Seite gelegt und vergeſſen hatte, war der erſte Gegenſtand, auf den gte ſie ihr Auge fiel, als ſie den Plaz wechſelte. Sie er⸗ brach ihn unverzüglich, und da ſie die Handſchrift „Es nicht erkannte, ſo ſchaute ſie auf die Unterſchrift. Zu ihrer unausſprechlichen Ueberraſchung zeigte es ſich, Beneh⸗ daß der Correſpondent keine geringere Perſon als Seele der alte Herr Clare war! mlichen Der Brief des Philoſophen kümmerte ſich nicht im reund⸗ Mindeſten um die üblichen Formen der Anrede, ſon⸗ dern ging ohne alle und jegliche einleitende Phra⸗ dachte ſen unmittelbar mit nachfolgenden Sätzen auf ſeinen Gegenſtand über. aber„Ich habe mehrere Nachrichten für Sie von je⸗ ſtellen, nem verächtlichen Hallunken, meinem Sohne. Ich llegen. gebe Sie Ihnen hier in möglichſt wenigen Worten. ihr zu„Ich habe Ihnen, wenn Sie ſich erinnern, immer Wenn geſagt, daß Frank ein Schleicher ſei. Die allererſte ch mir Spur, die man von ihm auffand, als er von ſeinen ſt.⸗ Principalen in China weggelaufen war, ſtellt ihn im zu⸗ in dieſem Character dar. Wo denken Sie, daß er r, wo zunächſt zum Vorſchein kommt? Er kommt zum auf's Vorſchein hinter ein Paar Mehlfäſſern verſteckt, am . Auf Bord eines engliſchen Schiffes, das durch widrige en der Winde von ſeiner Heimfahrt von Hong⸗Kong nach iſchen⸗ London zurückgehalten wurde. „Der Name des Schiffes war: Die Befreiung 198 (The deliverance) und der Commandant war ein gewiſſer Capitän Kirke. Anſtatt wie ein aufgebrach⸗ ter Mann zu handeln und Frank über Bord zu wer⸗ fen, war Capitän Kirke dumm genug, auf ſeine Ge⸗ ſchichte zu hören. Sie dürfen ſich verſichert halten, daß er ſeine Unglücksfälle auf das Meiſterlichſte und Vortheilhafteſte darzuſtellen wußte; er wäre halb ver⸗ hungert, er wäre ein Engländer, der in einem frem⸗ den Lande einen Schiffbruch ſeines Glücks erlitten und keinen Freund hätte, der ihm Hülfe gewährte. Die einzige Ausſicht, nach Hauſe zu kommen, wäre geweſen, in den Kielraum eines engliſchen Schiffes zu ſchleichen— und demzufolge hätte er ſich vor zwei Tagen zu Hong⸗Kong hereingeſchlichen. Das war ſeine ganze Geſchichte. Jeder andere Lümmel in Franks Lage würde von jedem andern Capitän mit Tauenden durchgepeiſcht worden ſein. Frank, der von Niemanden ein Bedauern verdiente, wurde, als eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache— auf dem Plaze gehätſchelt und bemitleidet. Der Capi⸗ tän nahm ihn bei der Hand, das Schiffsvolk hatte Mitleid mit ihm und die Paſſagiere tätſchelten ihn auf den Rücken. Er wurde gefüttert, gekleidet und mit dem Ueberfahrtsgeld beſchenkt. Glück genug, ſoweit, werden Sie ſagen. Durchaus nicht. Nichts ſcheint Glück genug für meinen erbärmlichen Sohn. „Das Schiff landete am Cap der guten Hoffnung. Unter andern dummen Streichen nahm Capitän Kirke an dieſem Plaze auch eine Weibsperſon als Paſſa⸗ gier an Bord— kein junges Frauenzimmer etwa, keineswegs— ſondern die ältliche Wittwe eines rei⸗ chen Coloniſten. Iſt es nöthig zu berichten, daß ſie ſof Ungli was bahn das, war, Vater verdie er ſie. beſten gleich häuſer keine nach lich, n nicht ſeine er es die H. ſchleud Das l enthäl nach e Merke beſten hauſe der G wird W ich Si dem l VWerth r ein brach⸗ wer⸗ le Ge⸗ aalten, e und b ver⸗ frem⸗ rlitten ährte. wäre chiffes h vor Das immel apitän Frank, vurde, auf Capi⸗ hatte n ihn t und genug, Nichts Sohn. fnung. Kirke Paſſa⸗ etwa, es rei⸗ „daß 199 ſie ſofort doppeltes Intereſſe an Frank und ſeinen Unglücksfällen fühlte? Iſt es nöthig zu erwähnen, was noch folgte? Blicken Sie zurück auf die Lauf⸗ bahn meines Sohnes und Sie werden finden, daß das, was nachfolgte, das Ganze von einem Stück war, das voranging. Er verdiente Ihres armen Vaters Theilnahme nicht und doch erhielt er ſie. Er verdiente Ihre Zuneigung nicht— und doch erhielt er ſie. Er verdiente den beſten Plaz in einem der beſten Geſchäfte Londons nicht, er verdiente eine gleich gute Stelle in einem der erſten Handlungs⸗ häuſer in China nicht, er verdiente keine Nahrung, keine Kleider, kein Mitleid und keine freie Fahrt nach Hauſe— und doch erhielt er das Alles. End⸗ lich, was nicht das Geringſte iſt, verdiente er ſogar nicht ein Weib zu heirathen, das alt genug iſt, um ſeine Großmutter ſein zu können— und doch hat er es gethan! Vor kaum fünf Minuten warf ich die Hochzeitskarten in das Kehrichtloch hinaus und ſchleuderte den Brief, der mit ihnen ankam, ins Feuer. Das letzte Stück von Mittheilung, das dieſer Brief enthält, beſteht darin, daß er und ſeine Frau ſich nach einem paſſenden Haus und Beſitzthum umſähen. Merken Sie meine Worte. Frank will eines der beſten Güter in England erwerben, ein Sitz im Unter⸗ hauſe wird natürlicher Weiſe nachfolgen und einer der Geſetzgeber dieſes von Eſeln gerittenen Landes wird ſein— mein Lümmel! Wenn Sie das vernünftige Mädchen ſind, wofür ich Sie immer genommen habe, ſo werden Sie ſeit⸗ dem lange gelernt haben, Frank nach ſeinem wahren Werthe zu ſchätzen, und die Nachrichten, die ich Ihnen 200 ſchicke, werden Sie blos in Ihrer Verachtung gegen ihn beſtärken. So oft ich auch meinen alten Gevat⸗ tersmann vermißt habe, ſo erinnere ich mich doch nicht den Verluſt deſſelben jemals ſo tief empfunden zu haben, als wie Franks Vermählungskarten und Franks Brief in dieß Haus kamen, „Ihr Freund, wenn Sie jemals eines bedürfen. „Francis Clare, der Aeltere.“ Eine momentane Störung ihrer Faſſung, die durch das Vorkommen von Kirkes Namen in Herrn Clares ſonderbarer Erzählung hervorgebracht worden war, ausgenommen, las Magdalene den Brief von Anfang bis zu Ende mit ruhiger Gelaſſenheit durch. Die Zeit, wo er ihr einen Schmerz hätte verurſa⸗ chen können, war vorbei; die Schuppen waren ihr ſchon längſt von den Augen gefallen. Selbſt Herr Clare würde Befriedigung empfunden haben, wenn er die ruhige Verachtung auf ihrem Geſichte geſehen hätte, als ſie ſeinen Brief bei Seite legte. Der einzige Gedanke von ernſtlicher Bedeutung, den er in ihr erregte, war ein Gedanke, der Kirke betraf. Die ſorgloſe Art und Weiſe, mit welcher er in ihrer Anweſenheit auf die Paſſagiere am Bord ſeines Schiffes angeſpielt hatte, ohne einen derſelben beim Namen zu nennen, zeigte ihr, daß Frank über das Verhältniß, das einſt zwiſchen ihnen beſtanden, mußte Stillſchweigen beobachtet haben. Sie mußte das Geſtändniß ihrer verſchwundenen Herzensverirrung ablegen— als einen Theil der Geſchichte der Ver⸗ gangenheit, die ohne allen Rückhalt zu enthüllen Empf ſie ihr Wort zum Pfand gegeben hatte. Brie wiede Land Herr den 1 in de einen Reco⸗ wäre derlie die e M dung davon die C ihn ſ ſpruch zwiſch thigt, Stadt A auf d cipale D der „ die Herrn vorden ff von durch. rurſa⸗ n ihr Herr wenn eſehen Der hen er betraf. ihrer ſeines beim r das mußte e das rrung r Ver⸗ hüllen 201 Sie ſchrieb an Fräulein Garth und ſchickte den Brief unverzüglich mit der Poſt fort. Der folgende Morgen brachte eine Zeile der Er⸗ wiederung. Fräulein Garth hätte geſchrieben, das Landhaus in Schanklin in Bereitſchaft zu ſetzen und Herr Merrick hätte in Magdalenens Entfernung für den nächſten Tag eingewilligt. Nora würde zuerſt in dem Hauſe ankommen, und Fräulein Garth mit einem bequemen Wagen dann nachfolgen, um die Reconvalescentin auf die Eiſenbahn zu bringen. Es wäre jede vorſorgliche Anordnung, die für ſie erfor⸗ derlich, getroffen worden. In Bewegung beſtände die einzige Anſtrengung, die ſie zu machen hätte. Magdalene las den Brief mit dankbarer Empfin⸗ dung— aber ihre Gedanken wanderten bald wieder davon fort und folgten Kirke auf ſeiner Rückkehr in die City nach. Was war das für ein Geſchäft, das ihn ſchon einmal dort den ganzen Morgen in An⸗ ſpruch genommen hatte? Und warum hatte das zwiſchen ihnen ausgetauſchte Verſprechen ihn genö⸗ thigt, zum zweiten Male in einem Tage nach der Stadt zu gehen? War es möglichen Falls ein Geſchäft, das⸗ ſich auf die See bezog? Trieben ihn vielleicht ſeine Prin⸗ cipale an, wieder zu Schiffe zu gehen? Viertes Capitel. Die erſte Aufregung des Zuſammentreffens bei⸗ der Schweſtern war vorüber; die erſten lebhaften Empfindungen, halb freudig, halb ſchmerzlich, hatten 1 4 4 3 ¹ p 202 ſich ein wenig gelegt— und Nora und Magdalene ſaßen Hand in Hand beiſammen; jede ſchwelgte ſchweigend in der Fülle ihres Entzückens. Magdalene war die erſte welche ſprach. „Haſt Du mir Etwas zu ſagen, Nora?“ „Ich habe Dir tauſend Dinge zu ſagen, meine Liebe, und Du haſt zehntauſend Dinge mir zu er⸗ zählen. Meinſt Du die zweite Ueberraſchung auf welche ich in meinem Briefe hingedeutet habe?“ „Ja. Ich vermuthe, es müſſe mich ſehr nahe berühren, denn ſonſt hätteſt Du ſchwerlich daran gedacht daſſelbe in Deinem erſten Briefe zu er⸗ wähnen?“ „Ja, es geht Dich ſehr nahe an. Du haſt von Georg's Haus in Eſſex gehört? Es muß Dir wenig⸗ ſtens der Name Heiligenkreuz bekannt ſein?— Was ſtierſt du mich ſo an, meine Theure? Ich befürchte, Du möchteſt ſchwerlich Kraft genug beſitzen, um jezt noch weitere Ueberraſchungen ertragen zu können.“ „Ich habe Kraft genug, Nora. Ich habe Dir Etwas über Heiligenkreuz zu ſagen— ich habe meinerſeits eine Ueberraſchung für Dich.“ „Willſt Du ſie mir jezt mittheilen?“ „Jezt nicht. Du ſollſt ſie erfahren, wenn wir uns, an der Seeküſte befinden— Du ſollſt ſie er⸗ fahren, ehe ich Deine gütige Einladung in das Haus Deines Gatten annehme.“ „Was kann es ſein? Warum ſagſt Du es mir nicht gleich?“ „Du pflegteſt mir in alten Zeiten oft ein Vor⸗ bild der Geduld zu ſein, Nora, willſt Du es mir auch jezt ſein?“ Geſch ſoglei ligen Haus lein hinten Reiſe und haben ſeiner Fräu Herrn nach warer Nacht hoe i Vomſ ſellſch mahl ten e Wage rer( Wir fuhren Auger Name geführ ſoll; in me deſſen alene delgte neine u er⸗ auf 7 nahe daran er⸗ von enig⸗ Was rchte, n jezt en.“ Dir habe 203 „Herzlich gern. Soll ich nun wieder auf meine Geſchichte zurückkommen? Ja? Dann wollen wir ſogleich damit fortfahren. Ich ſagte Dir daß Hei⸗ ligenkreuz Georgs Beſizung in Eſſex iſt; er erbte das Haus von ſeinem Onkel. Da er wußte daß Fräu⸗ lein Garth ſehr neugierig war den Ort zu ſehen, ſo hinterließ er, als er nach des Admirals Tod eine Reiſe ins Ausland unternahm, die Weiſung, daß ſie und etwaige Freunde die mit ihr kämen Zutritt haben ſollten, wenn ſie ſich zufälliger Weiſe während ſeiner Abweſenheit in der Nachbarſchaft befinden würde. Fräulein Garth und ich und ein großer Theil von Herrn Tyrrels Freunden befanden uns nicht lange nach Georgs Abreiſe in der Nachbarſchaft. Wir waren alle eingeladen worden, Herrn Tyrrels neue Yacht von dem Bauplaz des Baumeiſters zu Wiven⸗ hoe in Eſſex ins Waſſer laufen zu ſehen. Als die Vomſtapellaſſung vorüber war, kehrte die übrige Ge⸗ ſellſchaft nach Colcheſter zurück, um das Mittags⸗ mahl einzunehmen. Fräulein Garth und ich richte⸗ ten es ſo ein daß wir zuſammen in den nämlichen Wagen kamen, mit Niemanden anders in unſe⸗ rer Geſellſchaft als meinen zwei kleinen Zöglingen. Wir ertheilten dem Kutſcher ſeine Weiſungen und fuhren raſch nach Heiligenkreuz. Wir wurden in dem Augenblick eingelaſſen, als Fräulein Garth ihren Namen nannte, und dann im ganzen Hauſe herum⸗ geführt. Ich weiß nicht wie ich es Dir ſchildern ſoll; es iſt der labyrinthiſchſte Plaz den ich jemals in meinem Leben geſehen habe—“ „Verſuche keine Beſchreibung, Nora. Fahre ſtatt deſſen mit Deiner Geſchichte fort.“ 204 „Ganz recht. Meine Geſchichte führt mich ſchnur⸗ ſtracks in eines der Zimmer zu Heiligenkreuz— ein Zimmer faſt ſo lang wie unſere Straße hier, ſo traurig, ſo ſchmuzig und ſo entſezlich kalt, daß es mich bei der bloßen Erinnerung daran ſchaudert. Fräulein Garth ſuchte ſo ſchnell als möglich wieder hinauszukommen, und eben ſo auch ich, aber die Haushälterin ließ uns nicht eher hinaus, ehe wir Augenſchein von einem ganz abſonderlichen Möbel⸗ ſtück genommen hatten, dem einzigen Möbelſtück in dem unbehaglichen Plaze. Sie nannte es einen Dreifuß, wenn ich nicht irre.(Es iſt nichts Beun⸗ ruhigendes dabei, ich verſichere Dich, Magdalene, es iſt nichts Beunruhigendes dabei!) Jedenfalls war es ein ſeltſames dreibeiniges Ding, welches oben einen großen Tiegel voll Holzkohlen trug. Es wurde von allen Ken⸗ nern, wie die Haushälterin uns erzählte, als ein Wun⸗ derwerk von getriebenem Metall betrachtet, und ſie ſtrich beſonders die Schönheit des Schnörkelwerks heraus das um die innere Seite des Tiegels herum⸗ lief, mit lateiniſchen Mottos darauf, deren Inhalt ich vergeſſen habe. Ich fühlte an und für ſich nicht das mindeſte Intereſſe an dem Ding, aber ich blickte doch fleißig auf die Zierathen hin, um die Haus⸗ hälterin zu befriedigen. Aufrichtig geſtanden, ſie kam mir äußerſt langweilig vor mit ihrer auswendig gelernten Abhandlung über feine Metallarbeit— und während ſie ſprach, rührte ich mit meiner Hand müßig die weiche, flaumige, weiße Aſche vor⸗ und rückwärts, indem ich that, als ob ich zuhörte, wäh⸗ rend mein Geiſt hundert Meilen weit von ihr ent⸗ fernt war. Ich weiß nicht wie lange oder kurze Zeit als 1 ten„ es he einen Hand zählu Ende der 2 geheit aus, erhalt verlon den ſi darun Hand hattet Intere gewöh zählun hielten Aſche man in Ke hnur⸗ — ein ſo aß es udert. dieder r die 2 wir töbel⸗ ick in einen Zeun⸗ es iſt 8 ein roßen Ken⸗ Wun⸗ d ſie werks erum⸗ nhalt nicht blickte haus⸗ 2 kam endig it— Hand und wäh⸗ ent⸗ kurze 205 Zeit ich auf dieſe Weiſe mit der Aſche geſpielt habe, als mein Finger plözlich auf ein Stück verkrümpel⸗ ten Papiers ſtieß das tief darunter ſteckte. Als ich es hervorzog, ſtellte es ſich als einen Brief heraus, einen langen Brief, mit einer zitternden, aber engen Handſchrift voll beſchrieben.— Du haſt meiner Er⸗ zählung vorgegriffen, Magdalene, ehe ich damit zu Ende kommen konnte. Du weißt ſo gut wie ich daß der Brief, den meine tändelnden Finger fanden, die geheime Teſtamentsclauſel war. Strecke Deine Hand aus, meine Theure. Ich habe Georgs Erlaubniß erhalten, Dir ihn zu zeigen— und hier iſt er!“ Sie legte die Clauſel in die Hand ihrer Schwe⸗ ſter. Magdalene nahm ſie mechaniſch von ihr. „Du!“ ſagte ſie, indem ſie ihre Schweſter mit der Erinnerung an all das, was ſie zu Heiligen⸗ kreuz vergebens gewagt, an all das, was ſie verge⸗ bens erduldet hatte, anblickte.„Du haſt ihn gefunden!“ „Ja,“ ſagte Nora fröhlich.„Die Clauſel hat keine Ausnahme von der allgemeinen Verkehrtheit verlorner Sachen gemacht. Suche darnach, ſo wer⸗ den ſie gewiß unſichtbar bleiben. Scheere Dich nichts darum und ſie werden ſich Dir von ſelbſt in die Hand ſpielen. Du und Dein Advocat, Magdalene, hattet beide die ganz richtige Anſicht, daß Dein Intereſſe an der Entdeckung ein Intereſſe von nicht gewöhnlicher Art war. Ich will Dich nicht mit Auf⸗ zählung der Berathſchlagungen behelligen die wir hielten, nachdem ich das zerknitterte Papier aus der Aſche hervorgezogen hatte. Es endete damit, daß man Georgs Advocaten von dem Funde ſchriftlich in Kenntniß ſezte und Georg ſelbſt aus dem Feſt⸗ 206 lande zurückberief. Fräulein Garth und ich ſahen ihn beide unverzüglich nach ſeiner Zurückkunft; und er that was keines von uns thun konnte, er ent⸗ räthſelte das Geheimniß der Teſtamentsclauſel die in der Holzkohlenaſche verſteckt war. Admiral Bart⸗ ram hatte, wie Du wiſſen wirſt, ſein ganzes Leben lang Anfälle von Somnambulismus. Er traf ihn nicht lange vor ſeinem Tode im Schlafe wandelnd, gerade zu einer Zeit, wo derſelbe Brief in Deiner Hand ſeinen Geiſt in gewaltige Unruhe verſezte. Georg meinte, er habe ſich eingebildet im Schlafe zu vollbringen, was im wachenden Zuſtande zu voll⸗ bringen er lieber geſtorben ſein würde— nämlich den Zuſazartikel zu vernichten. Nicht lange vorher war Feuer in dem Tiegel geweſen, und er ſah es ohne Zweifel in ſeinem Traume noch darin brennen. Dieß war Georg's Erklärung von der ſonderbaren Lage des Briefes, als ich ihn entdeckte. Zunächſt warf ſich nun die Frage auf, was ſollte mit dem Brief ſelbſt angefangen werden, und die Frage war für ein Frauenzimmer allerdings nicht leicht zu löſen. Aber ich ſezte es mir in den Kopf, darüber Mei⸗ ſter zu werden, und ich wurde Meiſter, weil ſie Dich betraf.“ 2 „Laß es mich in meiner Reihe verſuchen die Frage zu löſen,“ ſagte Magdalene.„Ich habe einen abſonderlichen Grund für den Wunſch, über dieſen Brief ſo viel zu erfahren als Du ſelbſt davon weißt. Welchen Nuzen hat er für Andere gehabt? und welchen Nuzen ſoll er mir gewähren?“ „Meine liebe Magdalene, wie ſonderbar Du war l darein ſchauſt! wie ſonderbar Du ſprichſt! So werth⸗ Adm ſehen ten E eine treter gerin und fahret Sache wiede maſſe buch aus d Noel Wenn mich würde mag ſahen und ent⸗ el die Bart⸗ Leben f ihn delnd, deiner rſezte. chlafe voll⸗ imlich vorher ah es nnen. baren warf Brief er für löſen. Mei⸗ Dich n die einen dieſen weißt. und Du verth⸗ 207 los dieſes Stückchen Papier auch erſcheinen mag, ſo gibt es Dir doch ein Vermögen.“ „Iſt mein einziger rechtlicher Anſpruch an das Vermögen bloß ein Anſpruch, welchen dieſer Brief mir gibt?“ „Ja— der Brief iſt dein einziges Anſpruchs⸗ recht. Soll ich es verſuchen Dir es in ein Paar Worten zu erklären? An und für ſich genommen würde der Brief nach der Anſicht des Advocaten Veranlaſſung zu einem Prozeſſe gegeben haben, ob⸗ gleich ich überzeugt bin daß Georg nie in eine Maß⸗ nahme dieſer Art eingewilligt haben würde. In Verbindung mit dem Poſtſcript aber, welches der Admiral Bartram beifügte,(Du kannſt die Zeilen ſehen, wenn Du unter die Unterſchrift auf der drit⸗ ten Seite ſchauſt) nimmt er eine geſezliche ſo wie eine moraliſche Verbindlichkeitskraft für die Stellver⸗ treter des Admirals an. Damit habe ich meinen geringen Vorrath an juriſtiſchen Ausdrücken erſchöpft, und ich muß nun in meiner eigenen Sprache fort⸗ fahren, ſtatt in der des Advocaten. Das Ende der Sache war einfach dieſes. Das ganze Geld wurde wieder in Herrn Noel Vanſtones Hinterlaſſenſchafts⸗ maſſe(abermals ein juriſtiſches Wort; mein Wörter⸗ buch iſt reicher als ich dachte) geworfen und zwar aus dem klaren Grunde, weil es nicht nach Herrn Noel Vanſtones Anordnung verwendet worden war. Wenn Frau Girdleſtone noch gelebt oder wenn Georg mich ein Paar Monate früher geheirathet hätte, ſo würde das Reſultat ein anderes geweſen ſein. Dem mag nun ſein wie ihm wolle, die Hälfte des Geldes war bereits zwiſchen Herrn Noel Vanſtones nächſten 208 Verwandten vertheilt, das heißt, in deutliches Eng⸗ liſch überſezt, zwiſchen meinem Mann und ſeiner armen bettlägerigen Schweſter, welche das Geld, um dem Advocaten zu genügen, an dem einen Tage förmlich in Empfang nahm, am darauffolgenden aber, um ſich und ihrem Herzen zu genügen, es großmüthig wieder zurückgab. So viel von der einen Hälfte des Vermächtniſſes. Die andere Hälfte, meine Liebe, gehört ganz Dein. Wie ſeltſam des Schickſals Gänge ſind, Magdalene! Es ſind erſt zwei Jahre, ſeit Du und ich als enterbte Waiſen zurückgelaſſen worden waren— und nach Allem dürfen wir jezt das Ver⸗ mögen unſeres armen Vaters zwiſchen uns theilen!“ „Warte noch ein wenig, Nora. Wir bekommen unſern Antheil auf ſehr verſchiedene Art.“ „Immerhin! Ich erhalte meinen Antheil durch meinen Gatten. Du erhältſt den deinigen—“ Sie hielt verwirrt inne und veränderte die Farbe. „Verzeih mir, meine Liebe!“ ſagte ſie, indem ſie Magdalenens Hand an ihre Lippen drückte.„Ich habe vergeſſen, was ich hätte im Gedächtniß be⸗ wahren ſollen. Ich habe in meiner Gedankenloſig⸗ keit Dich ſchmerzlich berührt!“ „Nein!“ ſagte Magdalene.„Du haſt mir Muth gemacht.“ „Muth gemacht?“ „Du ſollſt ſehen!“ Mit dieſen Worten ſtand ſie ruhig von dem Sopha auf und trat an das offene Fenſter. Ehe Nora ihr folgen konnte, hatte ſie die Teſtaments⸗ clauſel in Stücke zerriſſen und die Fezen auf die Straße hinausgeworfen. einnel Liebe, S Verke ſie ein 209 Eng⸗ Sie kam wieder zum Sopha zurück und legte ſeiner ihr Haupt mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung d, um an Noras Buſen. Tage„Ich will Nichts meinem vergangenen Leben ver⸗ aber, danken,“ ſagte ſie.„Ich habe mich auf ewig ge⸗ nüthig trennt von ihm, wie ich mich von dieſen zerriſſenen Strei⸗ Hälfte fen Papiers getrennt habe. Alle Gedanken und alle Liebe, Hoffnungen, die damit in Beziehung ſtehen, habe ich Gänge für immer aus meiner Seele verbannt!“ „ ſeit„Magdalene! mein Mann wird es niemals dul⸗ vorden den— ich ſelbſt werde es niemals dulden—“ 8 Ver⸗„Still! Still! Was Dein Gatte für Recht hält, ilen!“ wollen ich und Du ebenfalls für Recht halten, Nora. mmen Ich will von Dir nehmen, was ich nimmermehr genommen hätte, wenn es mir der Brief gegeben durch haben würde. Das Ende, von dem ich träumte, iſt 4 gekommen. Nichts iſt verändert als die Stellung farbe. welche wir, wie ich mir einſt dachte, zu einander em ſie einnehmen ſollten. Aber ſo iſt es beſſer, meine Liebe, „Ich Liebe, weit, weit beſſer iſt es ſo.“ 3 be⸗ So brachte ſie das lezte Opfer ihrer frühern loſig⸗ Verkehrtheit und ihres frühern Stolzes. So begann ſſie ein neues und edleres Leben. Muth* 4 † Ein Monat war verſtrichen. Der herbſtliche Sonnenſchein war hell und klar, ſogar in den düſteren dem Straßen und die Uhren in der Nachbarſchaft ſchlugen Ehe eben zwei, als Magdalene allein in das Haus in nents⸗ Aarons Buildings zurückkehrte. f die„Wartet er auf mich?“ fragte ſie ängſtlich, als die Hausfrau ſie hereinließ. Collins, Namenlos. V., 14 210 Er wartete im Vorderzimmer. Magdalene ſchlich die Treppe hinauf und klopfte an der Thüre. Er rief gleichgiltig und zerſtreut herein— offenbar in dem Wahne, daß es bloß ein Dienſtmädchen ſei, welches um Erlaubniß zum Betreten des Zimmers nachge⸗ ſucht habe. „Sie erwarteten mich wohl kaum ſo bald?“ ſagte ſie, indem ſie noch auf der Thürſchwelle ſprach und daſelbſt Halt machte, um ſich an der Ueberraſchung zu weiden, mit welcher er aufſprang und ſie erblickte. Die wenigen Spuren von Krankheit, welche noch in ihrem Antliz ſichtbar waren, verliehen den Zügen deſſelben eine ätheriſche Zartheit, welche ihrer Schön⸗ heit einen veredelnden Reiz beifügte. Sie war ein⸗ fach in Muslin gekleidet. Ihr ſchlichtes Strohhüt⸗ chen hatte keine andere Verzierung, als das weiße Seidenband, womit es kärglich herausgepuzt war. Sie hatte niemals, ſelbſt in ihren beſten Tagen nicht, liebenswürdiger und reizender ausgeſehen, wie ſie jezt ausſah— als ſie ſich dem Tiſche näherte, neben dem er geſeſſen hatte. In der Hand trug ſie ein Blumenſträuschen, das ſie vom Lande mit ſich ge⸗ bracht hatte und ihm jezt anbot. Er ſah bekümmert und ſorgengedrückt aus, als ſie ihn näher anſchaute. Sie unterbrach ſeine erſten Grüße und Erkundigungen mit der Frage, ob er ſeit ihrer Trennung in London verweilt hatte— ob er nicht, auf einige Tage bloß, fortgereist wäre, um ſeine Verwandten in Suffolk zu beſuchen? Nein. Er war ſeither immer in London geweſen. Er ſagte ihr nicht daß das hübſche Pfarrhaus in Suffolk der geſelligen Zuſammenkünfte und Unterhaltungen mit ihr Aar daß dem es es Art mit nied ſagt rede doch kehr Sie was⸗ Sie ſoge von ſie Per wen gen Wu etw pla⸗ wel wid chlich Er ur in lches chge⸗ ſagte und hung ickte. noch ügen chön⸗ ein⸗ hhüt⸗ veiße Sie nicht, e ſie neben ein ge⸗ als rſten ſeit ob um Nein. ſagte der mit 211 ihr ermangle, woran die armen vier Wände in den Aarons Buildings ſo reich wären. Er ſagte bloß daß er ſeither immer in London verweilt habe. „Ich möchte gar zu gerne wiſſen,“ fragte ſie, in⸗ dem ſie ihm aufmerkſam in's Geſicht ſchaute,„ob es Sie ſo glücklich macht mich wieder zu ſehen, als es mich glücklich macht Sie wieder zu ſehen?“ „Vielleicht macht es mich in meiner verſchiedenen Art und Weiſe ſogar noch glücklicher,“ antwortete er mit einem Lächeln. Sie nahm Hut und Schleier herab und ſezte ſich nieder in ihren Armſtuhl. „Die Straße iſt meines Erachtens ſehr garſtig,“ ſagte ſie;„und ich bin ſicher daß Niemand in Ab⸗ rede ziehen kann daß das Haus ſehr klein iſt. Und doch— und doch heimelt es mich bei meiner Rück⸗ kehr ſo ungemein an. Sezen ſie ſich da nieder, wo Sie ſonſt zu ſizen pflegten, und erzählen Sie mir et⸗ was von Ihnen— ich möchte gerne erſehen was Sie Alles gethan haben, was Sie alles gedacht haben ſogar, während ich fortgeweſen bin.“ Sie machte den Verſuch, die endloſe Reihenfolge von Fragen wieder hervorzuholen, mittelſt welcher ſie gewohnt war, ihn zu Auslaſſungen über ſeine Perſon zu verlocken. Aber ſie ſtellte dieſelben weit weniger natürlich und weit weniger gewandt als gewöhnlich. Ihr alles Andere zurückdrängender Wunſch beim Betreten des Zimmers beſtand nicht etwa darin, die Zeit ſich durch unterhaltendes Ge⸗ plauder zu vertreiben. Nach einer Viertelſtunde, welche durch gezwungene Fragen auf der einen und widerſtrebende Erwiderungen auf der andern Seite 212 verzettelt worden war, wagte ſie ſich endlich näher an den gefährlichen Gegenſtand. „Haben Sie die Briefe empfangen die ich Ihnen von der Meeresküſte ſchrieb?“ fragte ſie plözlich, indem ſie zum erſten Mal von ihm weg ſah. „Ja,“ ſagte er.„Alle.“ „Haben Sie dieſelben geleſen?“ „Jeden von ihnen; manchmal darüber.“ Ihr Herz ſchlug heftig, als wollte es ihr zerſprin⸗ gen. Sie hatte ihr Verſprechen wacker gehalten. Die ganze Geſchichte ihres Lebens von der Zeit des heimath⸗ lichen Schiffbruchs zu Rabenſchlucht bis zur Zeit, wo ſie die Teſtamentsclauſel in Gegenwart ihrer Schweſter vernichtet, hatte ſie ihm offen dargelegt. Nichts, was ſie gethan, nichts ſogar was ſie gedacht, hatte ſie ſei⸗ ner Kenntniß vorenthalten. Gerade wie er eine ein⸗ gegangene Verbindlichkeit gegen ſie erfüllt haben würde, ſo hatte ſie ihre eingegangene Verbindlich⸗ keit gegen ihn erfüllt. Sie hatte nicht vor dem Ent⸗ ſchluſſe, dieß zu thun, erzittert, und jetzt zitterte ſie vor der einzigen entſcheidenden Frage, wegen welcher ſie hieher gekommen war. So heftig auch das Ver⸗ langen in ihr war, zu erfahren ob ſie ihn verloren oder gewonnen hätte, ſo war doch die Furcht, es zu erfahren, in dieſem Augenblicke noch ſtärker. Sie wartete und zitterte: ſie wartete und ſagte nichts mehr. „Darf ich mit Ihnen über Ihre Briefe ſprechen?“ fragte er.„Darf ich Ihnen ſagen— 2“ Wenn ſie ihn angeblickt hätte, als er dieſe Paar Worte ſagte, ſo hätte ſie in ſeinem Geſichte leſen können, was er von ihr dachte. Sie würde geſehen haben, daß er, unerfahren wie er mit der Welt war, den eines zu m ihn ihrer „Ni troff ſchrif rück Pla⸗ ſtreu das griff „als „Es ohne E mate ſie. ſtatt näher hnen zlich, prin⸗ Die nath⸗ „wo beſter as ſie ſei⸗ ein⸗ aben dlich⸗ Ent⸗ e ſie lcher Ver⸗ oren 8 zu Sie iehr. en?“ gaar leſen ehen war, 213 den unſchätzbaren Werth, die allveredelnde Tugend eines Weibes, das die Wahrheit ſpricht, recht wohl zu würdigen wußte. Aber ſie hatte den Muth nicht, ihn anzuſchauen, den Muth nicht, die Augen von ihrem Schooße zu erheben. „Jetzt noch nicht,“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. „Nicht ſo gar bald, nachdem wir uns wieder ge⸗ troffen haben.“ Sie ſtand haſtig von ihrem Stuhle auf und ſchritt ans Fenſter— kehrte wieder ins Zimmer zu⸗ rück— und näherte ſich dem Tiſche, dicht neben dem Plaze, wo er ſaß. Die Schreibmaterialien, die zer⸗ ſtreut in ſeiner Nähe lagen, boten ihr einen Vorwand, das Thema des Geſpräches zu wechſeln, und ſie er⸗ griff die Gelegenheit dazu unverzüglich. „Wollten Sie einen Brief ſchreiben?“ fragte ſie, „als ich hereinkam?“ „Ich dachte gerade darüber nach,“ erwiederte er. „Es war ein Brief, den ich nicht ſchreiben konnte, ohne darüber nachzudenken.“ Er erhob ſich bei dieſer Antwort, um die Schreib⸗ materialien zu ſammeln und ſie wegzulegen. „Sollte ich Sie etwa unterbrochen haben?“ ſagte ſie.„Warum ließen Sie mich nicht verſuchen, Ihnen ſtatt deſſen Hilfe zu leiſten? Iſt es ein Geheimniß?“ „Nein, kein Geheimniß.“ Sie war unſchlüſſig, als er ihr antwortete. Sie vermuthete augenblicklich die Wahrheit. „Betrifft es Ihr Schiff?“ Er wußte nur wenig davon, was ſie während ihrer Abweſenheit von ihm über die Angelegenheit dachte, von der er der feſten Meinung war, daß er 214 ſie ihren Augen gänzlich verborgen habe. Er wußte nur wenig davon, daß ſie bereits gelernt hatte, auf ſein Schiff eiferſüchtig zu ſein. „Verlangt man, daß Sie zu Ihrer alten Lebens⸗ weiſe zurückkehren ſollen?“ fuhr ſie fort.„Verlangt man, daß Sie wieder zur See gehen ſollen?“„Müſ⸗ ſen Sie auf der Stelle Ja oder Nein ſagen?“ „Auf der Stelle.“ „Wenn ich nicht, wie es geſchah, hereingekom⸗ men wäre, würden Sie Ja geſagt haben?“ Sie legte ihre Hand in bewußtloſer Selbſtver⸗ geſſung auf ſeinen Arm; ſie warf alle kleinlichten Rückſichten über der athemloſen Angſt, ſeine nächſten Worte zu vernehmen, bei Seite. Das Geſtändniß ſeiner Liebe war um die Breite eines Haares daran, ihm zu entſchlüpfen— aber er hielt mit der Er⸗ klärung darüber noch zurück. „Ich kümmere mich wenig um nich ſelbſt,“ dachte er.„Aber wie kann ich ſicher ſein, daß ich nicht ihr eine unangenehme Verlegenheit bereite?“ „Würden Sie Ja geſagt haben?“ wiederholte ſie. „Ich ſtand auf der Wahl,“ antwortete er— „ich ſtand auf der Wahl zwiſchen Ja und Nein.“ Ihre Hand zuckte auf ſeinem Arme; ein hef⸗ tiges Zittern erfaßte plötzlich alle ihre Glieder— ſie konnte es nicht länger aushalten. Ihr ganzes Herz ergoß ſich in folgenden Worten gegen ihn. „Standen Sie meinetwegen auf der Wahl?“ „Ja,“ ſagte er.„Nehmen Sie mein Bekennt⸗ niß zur Vergeltung für das Ihre— ich ſtand um Ihretwillen auf der Wahl,“ Sie ſagte Nichts weiter, ſie ſchaute ihn blos geant um 1 ſchich niß Sinn gehal angel hätte dieſen irgen Sie mein tet ſe zu w ohne irgen gen ſagen S tend, ſchön 7 vußte „auf bens⸗ langt Müſ⸗ kom⸗ ſtver⸗ ichten chſten adniß aran, Er⸗ lbſt,“ 3 ich ite?“ 215 zärtlich an. In dieſem Blick lag endlich die Wahr⸗ heit entſchleiert vor ihm da. Im nächſten Augen⸗ blick war ſie von ſeinen Armen umſchlungen. Köſt⸗ liche Thränen der Wonne entquollen ihren Augen, als ſie ihr Antliz an ſeiner Bruſt verbarg. „Verdiene ich mein Glück,“ flüſterte ſie, indem ſie nur noch dieſe einzige Frage ſtellte.„O, ich weiß, was dieſe armſeligen, engherzigen Leute, die niemals gefühlt und niemals gelitten haben, mir geantwortet haben würden, wenn ich ſie gefragt hätte, um was ich Sie frage. Wenn dieſe meine Ge⸗ ſchichte erfahren hätten, die würden nur ein Gedächt⸗ niß für meine anſtößigen Handlungen und keinen Sinn für die herausfordernden Veranlaſſungen dazu gehabt haben; nur an mein Vergehen hätten ſie ſich angeklammert, um meine furchtbaren Herzensqualen hätten ſie nicht bekümmert. Aber Sie ſind keiner von dieſem Gelichter. Sagen Sie mir, haben Sie noch irgend einen Schatten von Bedenklichkeit? Sagen Sie mir, ob Sie zweifeln, daß das theuerſte Ziel meines ganzen zukünftigen Lebens nur dahin gerich⸗ tet ſein ſoll, Ihrer würdig zu ſein. Ich erſuchte Sie zu warten und mich zu ſehen. Ich erſuchte Sie es ohne Hinterhalt mündlich zu ſagen, wenn Sie mir irgend eine harte Wahrheit mitzutheilen hätten. Sä⸗ gen Sie es mir, mein Geliebter, mein Gatte!— ſagen Sie mir es jetzt.“ Sie ſchaute empor, ihn noch umſchlungen hal⸗ tend, als die Hoffnung auf ein glücklicheres und ſchöneres Leben roſig vor ihr aufdämmerte. „Sagen Sie mir die ⸗Wahrheit!“ wiederholte ſie. „Mit meinen Lippen?“ 6 216 „Ja,“ antwortete ſie mit ſehnſüchtiger Lebhaftig⸗ keit.„Sagen Sie, was Sie von mir denken, mit Ihren Lippen.“ Er beugte ſich herab und küßte ſie. (Ende.)