⸗ —=——= 4 (E 707 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und£ Leſe ſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehene jedan Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tag den angenommen. 3.(aution. Uubekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe wird. n Buches wird von es iſt zu 24 Stun⸗ bei Entgegennahme entſprchende Summe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 MNk.— T „ 3„ 2 5 3„„ 4 5. Aus uswärtige Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurü ckſe ſendung der 82 ücher auf ihre eigenen Koſten und G Schadenersatz. Für beſchmutzte, deferts Bücher(namentlich bei Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt lorene oder defecte Buch ein Th der Leſer Junnt Erſatz d des G Ausleihezeit. beſondarn e darauf der Bücher nicht ſelben von mir efahr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ eil eines größeren W Werkes, ſo iſt anzen verp flichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ nhen. auch dafür zu ſtehen haben. eeeeen= 4 4 = ———— „— 4 2S„o—.— Ausgewülnte Tlerke Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen. Stuttgart. 3 Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. Uamenlos. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Vierter Band. Stuttgart. — Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. Druck der K. Ho fbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Adre gina halt 8 wart theil ( Aus. cher könn Nich daß ders ſank Auge entfe rung Vierte Scene. (Fortſetzung.) Eilftes Capitel. Das Poſtzeichen und die Handſchrift auf der Adreſſe(die bewunderungswürdig genau dem Ori⸗ ginale nachgeahmt war) ließ Frau Lecount den In⸗ halt des Briefes errathen, ehe ſie ihn erbrach. Nachdem ſie einen Augenblick vorher noch ge⸗ wartet hatte, um ſich zu ſammeln, las ſie die Mit⸗ theilung von dem Rückfall ihres Bruders. Es war Nichts in der Handſchrift, es gab keinen Ausdruck in irgend einem Theile des Briefes, wel⸗ cher in ihr den geringſten Verdacht hätte erregen können, daß es nicht mit rechten Dingen hergehe. Nicht der Schatten eines Zweifels ſtieg in ihr auf, daß ihre Berufung an das Krankenlager des Bru⸗ ders unächt war. Die Hand, welche den Brief hielt, ſank ſchwer auf ihren Schooß. Sie wurde in einem Augenblick bleich, alt und häßlich. Gedanken, weit entfernt von ihren Zwecken und Intereſſen, Erinne⸗ rungen, welche ſie in andere Länder als England, in andere Zeiten als die Zeit ihres dienſtlichen Le⸗ ſchn das einzige welches alle früheren Berechnungen durch, ihren die directe Bloßſtellung des Hauptzwecks der Ver⸗ ſtrich . bens zurückverſezten, verlängerten ihre innern Schat⸗ hint ten bis an die Oberfläche und zeigten die Spuren am 1 ihrer geheimnißvollen Laufbahn dunkel auf ihrem von Geſichte. Die Minuten verfloßen nach einander, und gebe noch immer harrte das Dienſtmädchen auf die Klin⸗ zöge J] gel in dem Wohnzimmer. Minute auf Minute ver⸗ zu rann und noch immer ſaß ſie da, thränenlos und heill unbeweglich, todt für die Gegenwart und Zukunft, habe 14 bloß für die Vergangenheit lebend. ¹ Der unberufene Eintritt der Dienſtmagd weckte hatt ſie aus ihren Träumen. Mit einem tiefen Seufzer mit legte das kalte und verſchloſſene Weib den Brief Roch wieder zuſammen und richtete ihren Geiſt auf die ihren Intereſſen und Anforderungen der gegenwärtigen— erha Zeit. Verk 4 Sie entſchied die Frage, ob ſie nach Zürich gehen Frar — ſollte oder nicht, nach einer ſehr kurzen Erwägung Herr derſelben. Ehe ſie ihren Seſſel an den Frühſtücks⸗ niem 1 tiſch gezogen hatte, hatte ſie die Reiſe dorthin bei Mitt 1 ſich beſchloſſen. nung 3 So einen bewundernswürdigen Erfolg Capitän ihrer Wragges Kriegsliſt auch gehabt hatte, ſo würde ſie komn 1 doch fehlgeſchlagen und ſeinen lezten Zweck nicht er⸗ rigke ¹ reicht haben, wenn nicht der Vorfall dieſes Morgens— heit 1 mitgewirkt hätte. Daſſelbe Ereigniß, gegen welches ob ſ ſich vorzuſehen des Capitäns Hauptſorge geweſen Abre f war, das Ereigniß, welches aber jezt ihm zum Troz theil dennoch ſtattgefunden hatte, war unter allen Vor⸗ kommniſſen, die überhaupt zu Tage treten konnten, Wor ¹ Le⸗ ſchat⸗ zuren hrem und Klin⸗ ver⸗ und unft, veckte ufzer Brief f die tigen gehen gung ücks⸗ bei pitän e ſie t er⸗ gens lches veſen Troz Vor⸗ nten, durch Ver⸗ — 7 g ſchwörung zernichtete! Wenn Frau Lecount nicht hinter das Geheimniß, deſſen Enthüllung ihr ſo ſehr am Herzen lag, gekommen wäre, ehe ſie den Brief von Zürich empfing, ſo würde derſelbe wohl ver⸗ gebens an ſie geſendet worden ſein. Sie würde ge⸗ zögert haben, ehe ſie ſich entſchieden hätte England zu verlaſſen, und dieſe Zögerung würde ſich als un⸗ heilöringand für den Plan des Capitäns erwieſen haben. So wie die Sachen ſich aber nunmehr geſtaltet hatten, mit den klaren Beweiſen in ihren Händen— mit dem in Magdalenens Kreiderſchrank entdeckten Rocke, mit dem daraus geſchnittenen Stückchen in ihrem Taſchenbuche, und mit der von Frau Wragge erhaltenen Kenntniß deſſelben Hauſes in welchem die Verkleidung ins Werk geſezt worden war— hatte Frau Lecount nunmehr die Mittel zur Verfügung Herrn Noel Vanſtone ſo zu warnen, wie ſie es noch niemals gekonnt hatte, oder mit andern Worten, die Mittel, jede gefährliche Neigung zu einer Ausſöh⸗ nung mit den Bygraves, die ihm außerdem während ihrer Abweſenheit in Zürich leicht hätte in den Sinn kommen können, zu verhüten. Die einzige Schwie⸗ rigkeit, welche ſie jezt noch einigermaßen in Verlegen⸗ heit ſezte, war die Schwierigkeit der Entſcheidung, ob ſie ihrem Herrn mündlich oder ſchriftlich vor ihrer Abreiſe nach Zürich die betreffenden Nachrichten mit⸗ theilen ſollte. Sie ſah wieder auf den Brief des Arztes. Das Wort„augenblicklich“ in dem Saze welcher ſie zu ihrem ſterbenden Bruder beorderte war zweimal unter⸗ ſtrichen. Admiral Bartrams Behauſung lag in eini⸗ ger Entfernung von der Eiſenbahn. Die Zeit, die zu einem Abſtecher nach Heiligenkreuz und wieder zurück erforderlich war, konnte eine für die Reiſe nach Zürich unerſezbar verlorene Zeit ſein. Obgleich ſie eine perſönliche Unterredung mit Herrn Noel Van⸗ ſtone unbedingt vorgezogen haben würde, ſo blieb ihr doch in einer Angelegenheit, wo es ſich um Le⸗ ben und Tod handelte, keine andere Wahl übrig, als die koſtbaren Stunden zu ſparen, indem ſie an ihn ſchrieb. Nachdem ſie fortgeſchickt hatte, um ſich auf der Stelle einen Plaz auf der Frühpoſt beſtellen zu laſſen, ſezte ſie ſich wieder um an ihren Herrn zu ſchreiben. Ihr erſter Gedanke war, ihm Alles mitzutheilen was ſich dieſen Morgen auf der Nordſteinvilla zu⸗ getragen hatte. Nach reiflicher Erwägung aber ver⸗ warf ſie dieſe Idee. Bereits einmal(als ſie die Perſonalſchilderung aus Fräulein Garths Brief ab⸗ ſchrieb) hatte ſie die Waffen in die Hände ihres Herrn geſpielt, und Herr Bygrave hatte es ſo ein⸗ zurichten gewußt daß ſich dieſelben gegen ſie ſelbſt kehrten. Sie beſchloß dießmal dieſelben jedenfalls ſelbſt in der Hand zu behalten. Kein lebendes Ge⸗ ſchöpf als ſie ſelbſt wußte um das Geheimniß des fehlenden Stückchens aus dem Alpacarocke und ſie entſchloß ſich dieſes Geheimniß bis zu ihrer Rückkehr nach England ſtreng in ihrer Bruſt zu bewahren. Der erforderliche Eindruck, der auf Herrn Noel Van⸗ ſtones Gemüth hervorgebracht werden mußte, konnte auch ohne ein Eingehen in Einzelnheiten erreicht wer⸗ den. Sie kannte aus Erfahrung die Briefform von welcher mit Sicherheit ein Eindruck auf ihn gehofft werde ben f 2 ſind i liebter ärztlic nach. digkeit dem 7 ab. 2 Zeit zu ſchon ſo gü⸗ Aufſch⸗ London Sie ve angene „S unglüch dieſe ohne e Ihre an wel hälteriꝛ 2 erſchrec keiner Ihre? „D welcher wahren Coll t, die wieder Reiſe bgleich [Van⸗ blieb m Le⸗ g, als in ihn uf der laſſen, reiben. heilen a zu⸗ r ver⸗ ie die ef ab⸗ ihres o ein⸗ ſelbſt nfalls 3 Ge⸗ ß des id ſie ickkehr ahren. Van⸗ onnte wer⸗ von ehofft 9 werden konnte, und ſie erließ an ihn nun ein Schrei⸗ ben folgenden Inhalts: „Werther Herr Noel— ſchlimme Nachrichten ſind mir aus der Schweiz zugekommen. Mein ge⸗ liebter Bruder liegt auf dem Todtenbette und ſein ärztlicher Beiſtand fordert mich auf, augenblicklich nach Zürich zu kommen. Die gebieteriſche Nothwen⸗ digkeit, ohne den mindeſten Verzug eine Reiſe nach dem Feſtlande anzutreten, ſchneidet mir jede Wahl ab. Ich muß von der Erlaubniß England auf kurze Zeit zu verlaſſen, welche Sie mir erforderlichen Falls ſchon bei Beginn der Krankheit meines Bruders ſo gütig zuſicherten, Gebrauch machen und jeden Aufſchub vermeiden. Ich gehe deßhalb ſofort nach London, ſtatt noch einen Abſtecher zu machen und Sie vorher zu Heiligenkreuz zu ſehen, was mir ſo angenehm geweſen ſein würde. „So ſchmerzlich ich auch durch das Familien⸗ unglück das mich betroffen, berührt bin, ſo kann ich dieſe Gelegenheit doch nicht vorübergehen laſſen ohne eines andern Gegenſtandes zu erwähnen, welcher Ihre Wohlfahrt in ernſtlicher Weiſe betrifft und an welchem(in dieſem Betracht) Ihre alte Haus⸗ hälterin den tiefſten Antheil nimmt.“ „Ich bin im Begriff Sie zu überraſchen und zu erſchrecken, Herr Noel. Ich bitte Sie, geben Sie ſich keiner Aufregung hin! Ich bitte Sie, behalten Sie Ihre Faſſung!“ „Der unverſchämte Verſuch, Sie zu betrügen, welcher Ihnen glücklicher Weiſe die Augen über den wahren Charakter unſerer Nachbarn in der Nord⸗ Collins, Namenlos. IV. 2 ſteinvilla geöffnet hat, war nicht der einzige Zweck, den Herr Bygrave im Auge hatte, als er ſo zudring⸗ lich nach Ihrer Bekanntſchaft haſchte. Die nieder⸗ trächtige Verſchwörung, durch welche Sie in London bedroht wurden, iſt zu Aldborough unter Herrn Bugraves Leitung noch in vollem Fortgang gegen Sie begriffen geweſen. Ein Zufall— ich werde Ihnen mittheilen was für ein Zufall, wenn wir wieder zu⸗ ſammen treffen— hat mich in den Beſitz von Nach⸗ weiſungen geſetzt, die äußerſt werthvoll für Ihre Sicherheit ſind. Ich habe bis zur abſoluten Gewiß⸗ heit herausgefunden, daß die Perſon, welche ſich ſelbſt Fräulein Bygrave nennt, keine andere iſt, als das Frauenzimmer, welches uns auf der Vauxhallprome⸗ nade in Verkleidung beſucht hat.“ „Ich argwöhnte dieß von Anfang an; aber ich hatte keine Beweiſe, um meinen Verdacht zu unter⸗ ſtützen; ich beſaß keine Mittel, um gegen den auf Sie hervorgebrachten falſchen Eindruck anzukämpfen. Meine Hände ſind, dem Himmel ſei's gedankt, nicht länger mehr gebunden. Ich beſize abſolute Beweiſe für die Behauptung, die ich juſt aufgeſtellt habe, Beweiſe, welche Sie mit eigenen Augen ſehen können, Beweiſe welche Ihnen genügen würden, wenn Sie ſelbſt Mitglied eines Gerichtshofes wären.“ „Vielleicht werden Sie, Herr Noel, ſogar jetzt noch ſich weigern mir zu glauben? Mag dem immerhin ſo ſein. Glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, ich habe nur um eine lezte Gunſt zu bitten, deren Gewährung mir Ihr engliſcher Sinn für red⸗ liches Spiel nicht verſagen wird.“ „Meine traurige Reiſe wird mich etwa zwei, höchſte Sie w ſicherli nes Vo rend d genkrer irgend die Ge geborn Entſcht dieſem ſo beo Ihretw Ihre L alle an ſie ſo n Nagel. weis, d zimmer jene Dr Sie aus nach r Ihren Zeugniß dadurch ſprüche treff Ih heben kü dies An er auch lingens ſo gewiſ ge Zweck, zudring⸗ nieder⸗ London r Herrn egen Sie de Ihnen dieder zu⸗ on Nach⸗ ür Ihre Gewiß⸗ ſich ſelbſt als das allprome⸗ aber ich u unter⸗ den auf kämpfen. ikt, nicht Beweiſe lt habe, können, enn Sie gar jetzt mmerhin Sie mir bitten, für red⸗ a zwei, 11 höchſtens drei Wochen von England entfernt halten. Sie werden mich verbinden— und Sie werden doch ſicherlich nicht Ihre eigene Gemächlichkeit und Ihr eige⸗ nes Vergnügen zum Opfer bringen— wenn Sie wäͤh⸗ rend dieſer Zwiſchenzeit bei Ihrem Freunde in Heili⸗ genkreuz bleiben wollen. Wenn vor meiner Rückkehr irgend ein unerwarteter Zufall Sie noch einmal in die Geſellſchaft der Bygraves bringen, und Ihre an⸗ geborne Herzensgüte ſich geneigt fühlen ſollte den Entſchuldigungen Gehör zu ſchenken, welche ſie in dieſem Falle ganz ſicherlich an Sie richten würden— ſo beobachten Sie ein bischen Zurückhaltung, um Ihretwillen, nicht um meinetwillen. Hängen Sie Ihre Liebeständelei mit der jungen Dame lich bitte alle andere jungen Damen um Verzeihung, daß ich ſie ſo nenne!) bis zu meiner Zurückkunft an den Nagel. Wenn nach meiner Rückkehr mir der Be⸗ weis, daß dieſes Fräulein Bygrave daſſelbe Frauen⸗ zimmer iſt, welches jene Verkleidnng anhatte und jene Drohworte auf der Vaurhallpromenade gegen Sie ausſtieß, fehlſchlagen ſollte, ſo erbiete ich mich nach vorausgegangener eintägiger Aufkündigung Ihren Dienſt zu verlaſſen, und das Vergehen, falſches Zeugniß gegen meinen Nächſten abgelegt zu haben, dadurch zu ſühnen, daß ich auf alle und jegliche An⸗ ſprüche die ich auf Ihre Dankbarkeit, ſowohl in Be⸗ treff Ihres Vaters, als in Betreff Ihrer ſelbſt, er⸗ heben könnte, feierlichen Verzicht leiſte. Ich mache dies Anerbieten ohne allen Vorbehalt, welcher Art er auch ſein möge, und verſpreche im Fall des Miß⸗ lingens meines Beweiſes dabei redlich zu beharren, ſo gewiß ich eine gute Katholikin und mein Wort das einer rechtſchaffenen Frau iſt. Dienerin Ihre getreue Virginie Lecount. Der Schlußſaz dieſes Briefes enthielt, wie die Haushälterin beim Niederſchreiben deſſelben wohl wußte, die einzige Berufung an Herrn Noel, von welcher mit Beſtimmtheit gehofft werden durſte daß ſie eine tiefe und anhaltende Wirkung hervorbringen würde. Sie hätte ihren Schwur, ihren Kopf oder ihren weiblichen Ruf für die Wahrheit ihrer aufge⸗ ſtellten Behauptung zum Pfande ſezen können und dabei doch verfehlt einen dauernden Eindruck auf ſein Gemüth zu machen. Aber wenn ſie nicht bloß ihre Stellung in ſeinem Dienſte, ſondern auch ihre pecu⸗ niären Anſprüche an ihn auf eine Carte zu ſezen wagte, ſo nahm ſie mit einem Zuge die Hauptleiden⸗ ſchaft ſeines Lebens in Anſpruch, weil er dann begie⸗ rig dem Reſultate entgegen ſehen würde. Es konnte kein Zweifel darüber herrſchen, in dem ſtärkſten von allen ſeinen Intereſſen, in dem Intereſſe, ſeinen Mammon beiſammen zu halten, mußte er warten. „Schach matt für Herrn Bygrave!“ dachte Frau Lecount, als ſie den Brief ſiegelte und adreſſirte. „Die Schlacht iſt vorüber, das Spiel iſt zu Ende!“ Während Frau Lecount für die zukünftige Sicher⸗ heit ihres Herrn auf der Villa zur Seeausſicht Für⸗ ſorge traf, waren auch die Ereigniſſe auf der Nord⸗ ſteinvilla in vollem Fortſchreiten begriffen. Sobald als Capitän Wragge ſich von ſeinem Erſtaunen über das Erſcheinen der Haushälterin auf ſeinem ins He von ſe Nißge Nie konnte Gewich als die ihr die hatte, wind d Thatſac waren ſich M als kei Magda fieberho den auf Folgen, friſchen hatte F Lecount und da dem Ge dieſe A Zeit me Verwirr ein Fen ſicht au und ſetz dem Laꝛ getreue unt. wie die n wohl l, von ſte daß bringen pf oder aufge⸗ en und auf ſein oß ihre re pecu⸗ u ſezen tleiden⸗ begie⸗ konnte ten von ſeinen arten. e Frau reſſirte. Ende!“ Sicher⸗ ht Für⸗ Nord⸗ ſeinem rin auf 13 ſeinem Grund und Boden erholt hatte, eilte er raſch ins Haus und verfügte ſich geraden Wegs, geleitet von ſeiner perſönlichen Ahnung des vorgefallenen Mißgeſchicks, in das Zimmer ſeiner Frau. Niemals in ihrem Leben, ſoweit ſie zurückdenken konnte, hatte die arme Frau Wragge das volle Gewicht des Zornes des Capitäns ſo ſehr gefühlt als dießmal. Das bischen Beurtheilungskraft, welche ihr die ſtiefmütterliche Natur noch übrig gelaſſen hatte, verſchwand mit einem M wind der Wuth ihres Gatten. Die einzigen klaren Thatſachen, die er aus ihr herauspreſſen konnte, waren zwei an der Zahl. In erſter Linie erwies ſich Magdalenens raſches Verlaſſen ihres Poſtens als kein beſſerer Grund zur Entſchuldigung wie Magdalenens unverbeſſerliche Ungeduld. Sie war in fieberhafter Aufregung und dem ſchlechteſten Befin⸗ den aufgeſtanden und dann, unbekümmert um alle Folgen, ausgegangen um ihren glühenden Kopf in der friſchen Morgenluft abzukühlen. In zweiter Linie hatte Frau Wragge nach ihrer eigenen Beichte Frau Lecount geſehen, hatte mit Frau Lecount geſprochen und damit geendet, Frau Lecount die Geſchichte mit dem Geiſte zu erzählen. Nachdem Capitän Wragge dieſe Aufklärungen erhalten, verſchleuderte er keine Zeit mehr mit Bekämpfung des Schreckens und-der Verwirrtheit ſeiner Frau. Er zog ſich alsbald an ein Fenſter zurück, welches eine ununterbrochene Aus⸗ ſicht auf Herrn Noel Vanſtones Haus beherrſchte, und ſetzte ſich daſelbſt feſt, um die Vorgänge auf dem Landhaus zur Seeausſicht zu beobachten, gerade ———y— 14 ſo wie Frau Lecount ſich feſt hingeſetzt hatte, um die Vorgänge auf der Nordſteinvilla zu beobachten. Nicht ein Wort der Erklärung über das Mißge⸗ ſchick an dieſem Morgen entſchlüpfte ſeinen Lippen, als Magdalene zurückkehrte und ihn auf ſeinem Wacht⸗ poſten traf. Seine Redefluth ſchien ganz verronnen und vertrocknet zu ſein. „Ich ſagte Ihnen was Frau Wragge thun würde,“ äußerte er,„und Frau Wragge hat es gethan.“ Er ſaß ohne zu weichen mit einer Geduld am Fenſter, welche ſelbſt Frau Lecount nicht hätte über⸗ treffen können. Die einzige active Maßregel, welche er zu ergreifen für nothwendig fand, wurde durch Jemand anders ausgeführt. Er ſchickte das Dienſt⸗ mädchen in den Gaſthof um eine Chaiſe und ein ſchnelles Pferd zu beſtellen, und zu melden daß er ſelbſt noch dieſen Vormittag kommen und dem Haus⸗ knecht ſagen werde wann er das Gefährt brauche. Man bemerkte nicht das geringſte Zeichen von Un⸗ geduld an ihm, bis die Zeit näher rückte wo die Frühkutſche abfuhr. Nun begannen des Capitäns gekräuſelte Lippen in ängſtlicher Unruhe zu beben und ſeine raſtloſen Finger ſchlugen ohne Unterbrechung den Satanszapfenſtreich auf der Fenſterſcheibe. Endlich hörte man die raſſelnden Wagenräder; die Kutſche fuhr auf der Villa zur Seeausſicht vor und Capitän Wragge konnte mit ſeinen eigenen Au⸗ gen wahrnehmen daß einer von den Paſſagieren welche dieſen Morgen Aldborough verließen— Frau Lecount war. Da hiemit die hauptſächliche Ungewißheit ge⸗ hoben war, ſo blieb noch eine ernſtliche Frage, welche durch! den, z von F kreuz? Frau Enthül Frau theilun haben. Wichtig die ihr ob den Wenn andere Zug, nachher bis na dagege ben, ſ des Br. zuerſt annahn er auch dem D tte, um bachten. Mißge⸗ Lippen, Wacht⸗ rronnen würde,“ an.“ uld am te über⸗ „welche ee durch Dienſt⸗ und ein daß er Haus⸗ brauche. von Un⸗ wo die lapitäns beben drechung de. enräder; icht vor nen Au⸗ ſagieren — Frau heit ge⸗ , welche 15 durch die Ereigniſſe des Morgens herbeigeführt wor⸗ den, zu löſen übrig. Welcher Ort war das Endziel von Frau Lecounts Reiſe— Zürich oder Heiligen⸗ kreuz? Daß ſie mit Beſtimmtheit ihrem Herrn von Frau Wragges Geiſtergeſchichte und jeder andern Enthüllung in Bezug auf Namen und Orte, die Frau Wragges Lippen entſchlüpft ſein mochten, Mit⸗ theilung machen werde, war über jeden Zweifel er⸗ haben. Aber für den Capitän war es von äußerſter Wichtigkeit, zu wiſſen welchen von den zwei Wegen, die ihr zur Anrichtung des Unheils offen ſtanden, ob den mündlichen oder ſchriftlichen, ſie gewählt habe. Wenn ſie zu Admirals gegangen war, ſo blieb keine andere Wahl übrig als der Kutſche zu folgen, den Zug, mit dem ſie abging, noch zu erwiſchen und nachher ſie auf der Fahrt von der Station in Eſſex bis nach Heiligenkreuz zu überholen. Wenn ſie ſich dagegen begnügt hatte an ihren Herrn blos zu ſchrei⸗ ben, ſo war nur nöthig Maßregeln zur Abfangung des Briefes zu erſinnen. Der Capitän entſchloß ſich zuerſt auf die Poſtexpedition zu gehen. Indem er annahm daß die Haushälterin geſchrieben habe, konnte er auch vorausſezen daß ſie den Brief nicht wohl dem Dienſtmädchen zur Beſorgung übergeben, ſon⸗ dern ihn ſelbſt ſicher in die Brieflade geworfen hatte, ehe ſie Aldborough verließ. „Guten Morgen,“ ſagte der Capitän, indem er ſich freundlich an den Poſtmeiſter wendete.„Ich bin Herr Bygrave von der Nordſteinvilla. Ich denke, Sie haben einen Brief in der Lade, adreſſirt an Herrn— 2 Der Poſtmeiſter war ein kurzangebundener Mann —— 16 und folglich ein Mann mit einer eigenthümlichen Idee von ſeiner eigenen Wichtigkeit. Er fiel Capi⸗ tän Wragge, als dieſer eben im beſten Zuge war, mit feierlichem Tone in die Rede. „Wenn ein Brief einmal auf die Poſt gegeben worden iſt, mein Herr,“ ſagte er,„ſo, hat außer den Beamten kein Menſch etwas mehr damit zu ſchaffen, bis er an ſeine Adreſſe gelangt.“ Capitän Wragge war nicht der Mann, der ſich ſo leicht einſchüchtern ließ, ſogar von keinem Poſt⸗ meiſter. Ein heller Gedanke durchblizte ihn. Er zog ſein Taſchenbuch heraus, in welchem Admiral Bar⸗ trams Adreſſe eingetragen war, und erneuerte ſeinen Angriff. „Wenn nun aber der Brief unrichtig adreſſirt worden iſt?“ begann er.„Und wenn nun der Schrei⸗ ber den Fehler zu verbeſſern wünſcht, nachdem der Brief in die Lade geworfen worden iſt?“ „Wenn ein Brief einmal auf die Poſt gegeben worden iſt, mein Herr,“ wiederholte der unzugäng⸗ liche Poſtbeamte,„ſo darf ihn Niemand außer den Poſtbedienſteten mehr anrühren, ſei es aus was immer für einem Vorwande.“ „Aus vollem Herzen zugegeben,“ fuhr der Capi⸗ tän unbeirrt fort.„Ich will ihn nicht anrühren, ich will mich blos erklären. Eine Dame hat hier einen Brief aufgegeben, unter der Adreſſe:„„Noel Vanſtone, Esquire, abzugeben bei Admiral Bartram, zu Heiligenkreuz in der Marſch, Eſſex.““ Sie ſchrieb in großer Eilfertigkeit und weiß nicht ganz beſtimmt ob ſie den Namen der Poſtſtadt„„Oſſory““ hinzu⸗ gefügt hat. Es iſt für ſie von äußerſter Wichtigkeit, daß d Vas die H pflicht derſell eigene einen eine Anſinn D dagege wäre, der A mand und v Poſtan verſchl blicke ſich di gerne Ca meiſter mit at ter? Diener und ne mlichen [Capi⸗ e war, gegeben außer mit zu der ſich 1 Poſt⸗ Er zog l Bar⸗ ſeinen dreſſirt Schrei⸗ em der gegeben ugäng⸗ zer den 8 was Capi⸗ rühren, ait hier „Noel artram, ſchrieb ſtimmt hinzu⸗ tigkeit, 17 daß die Beſtellung des Briefes keinen Verzug erleide. Was kann Sie hindern dem Poſtamte dabei unter die Hände zu greifen und ſich eine Dame zu ver⸗ pflichten, indem Sie den Namen der Poſtſtation(wenn derſelbe zufälliger Weiſe ausgelaſſen ſein ſollte) mit eigener Hand hinzufügen. Ich ſtelle an Sie als einen dienſteifrigen Beamten die Frage, was für eine plauſible Einwendung können ſie gegen mein Anſinnen vorbringen?“ Der Poſtmeiſter war genöthigt anzuerkennen daß dagegen nicht wohl eine Einwendung zu machen wäre, vorausgeſezt daß nur eine nothwendige Zeile der Adreſſe beigefügt werde, vorausgeſezt daß Nie⸗ mand den Brief in die Hände bekomme als er ſelbſt und vorausgeſezt endlich, daß die koſtbare Zeit des Poſtamtes dabei nicht in einem zu fühlbaren Grade verſchleudert werde, Da er zufällig in dieſem Augen⸗ blicke nichts Beſonderes zu thun habe, ſo wolle er ſich die Dame auf Herrn Bygraves Anſuchen recht gerne verpflichten. Capitän Wragge ſchaute auf die Hände des Poſt⸗ meiſters, als ſie die Briefe in der Lade ſortirten, mit athemloſer Spannung. War der Brief darun⸗ ter? Würden die Hände des eifrigen öffentlichen Dieners plözlich ſtille halten? Ja! Sie hielten ſtille und nahmen einen Brief aus den übrigen heraus. „Noel Vanſtone, Esquire, ſagten Sie?“ fragte der Poſtmeiſter, indem er den Brief in der Hand hielt. „Noel Vanſtone, Esquire,“ entgegnete der Capi⸗ tän,„bei Admiral Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch.“ — — 3 —— — „Bei Oſſory in Eſſex,“ ergänzte der Poſtmeiſter, den Brief wieder in die Lade werfend.„Die Dame hat keinen Fehler gemacht, mein Herr. Die Adreſſe iſt vollſtändig richtig.“ NRichts als die von der Zeit gebotene Rückſicht auf die langweilige Verpflichtung, den äußern Schein des Anſtandes zu bewahren, hielt Capitän Wragge ab ſeinen hohen weißen Hut in die Luft zu werfen, als er ſich wieder auf der Straße befand. Jeder weitere Zweifel war jezt beſeitigt. Frau Lecount hatte ihrem Herrn geſchrieben, deßhalb befand ſich Frau Lecount auf dem Wege nach Zürich. Capitän Wragge trug jezt ſeinen Kopf höher als jemals; die Flügel ſeines ehrwürdigen Frackes flat⸗ terten hinter ihm im Winde; die angeborene Un⸗ verſchämtheit ſeines Characters thronte leichtfertig auf ſeiner Stirne. So ſtolzirte er nach dem Gaſt⸗ hof und verlangte den Eiſenbahnfahrtenplan. Nach⸗ dem er einige Berechnungen gemacht(ſchwarz auf weiß, wie ganz natürlich) befahl er ſeine Chaiſe bin⸗ nen einer Stunde bereit zu halten, ſo daß er noch rechtzeitig die Eiſenbahn zu dem zweiten nach Lon⸗ don abgehenden Zuge, mit dem keine Poſtverbindung von Aldborough aus unterhalten wurde, erreichen konnte. Seine nächſte Maßregel war von weit ernſthaf⸗ terer Art, ſeine nächſte Maßregel ſchloß eine ſchreck⸗ liche Gewißheit des Erfolgs in ſich. Der Wochentag war Donnerſtag. Er ging vom Gaſthof nach der Kirche, ſprach den Geiſtlichen und machte demſelben die erforderliche Anzeige von einer Trauung mit Dispens, die am folgenden Montag ſtattfinden würde. S ven l ſchütt Garte gebra um ſt niß z ihr 1 hörte und worde D beim Minu Währ verſah waren Zuerſt doch i auf ei darunt auf 6 herunt Se ſorgfäl meiſter, 2 Dame Adreſſe tückſicht Schein Wragge werfen, Jeder Lecount and ſich her als kes flat⸗ ene Un⸗ chtfertig n Gaſt⸗ Nach⸗ arz auf niſe bin⸗ er noch ich Lon⸗ bindung erreichen ernſthaf⸗ ſchreck⸗ dchentag ach der mſelben ng mit würde. 19 So verwegen er auch war, ſo wurden ſeine Ner⸗ ven bei dieſer lezten Verrichtung doch ein wenig er⸗ ſchüttert; ſeine Hand zitterte, als er die Klinke des Gartenthors aufdrückte. Er curirte ſeine Nerven mit gebranntem Waſſer, ehe er nach Magdalene ſchickte um ſie von den Vorfällen dieſes Morgens in Kennt⸗ niß zu ſezen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war bei ihr wieder ein Ausbruch zu gewärtigen, wenn ſie hörte daß der lezte unwiderrufliche Schritt gethan und die Anzeige wegen des Hochzeittages gemacht worden wäre. Die Uhr des Capitäns erinnerte ihn keine Zeit beim Leeren des Glaſes zu verlieren. In ein Paar Minuten ſchickte er die nöthige Botſchaft nach oben. Während er auf Magdalenens Erſcheinen wartete, verſah er ſich mit einigen Dingen die nothwendig waren, um der Verſchwörung die Krone aufzuſezen. Zuerſt ſchrieb er ſeinen angenommenen Namen(e⸗ doch in keiner ſo ſchönen Handſchrift wie gewöhnlich) auf eine weiße Viſitencarte und fügte folgende Worte darunter hinzu: „Es iſt kein Augenblick zu verlieren. Ich warte auf Sie an der Thüre; kommen Sie alsbald zu mir herunter.“ Sein nächſtes Beginnen war etwa ein halb Du⸗ zend Briefcouverte aus einem Fach zu nehmen und ſie alle gleichmäßig an folgende Adreſſe zu richten: „Thomas Bygrave, Esquire, Muſſards Hotel, Salisburyſtraße, Strand, London.“ Nachdem er die Couverte und die Viſitencarte ſorgfältig in ſeine Bruſttaſche geſteckt, verſchloß er ſein Pult. Als er von dem Schreibtiſch aufſtand, trat Magdalene ins Zimmer. Der Capitän beſann ſich einen Augenblick auf die beſte Art und Weiſe die Unterredung einzulei⸗ ten, und beſchloß endlich, ohne alles Weitere, wie er es nannte, darauf loszugehen. In ein Paar Wor⸗ ten erzählte er Magdalenen was vorgefallen, und theilte ihr mit daß am Montag ihr Hochzeittag ſein ſolle. Er war darauf vorbereitet, ſie zu beruhigen, wenn ſie wieder in eine leidenſchaftliche Wuth aus⸗ brechen ſollte, ihr zuzuſprechen, wenn ſie um Auf⸗ ſchub bitten würde, und ihr ſeine mitleidige Theil⸗ nahme zuzuwenden, wenn ſie in Thränen ausbrechen ſollte. Zu ſeinem unausſprechlichen Erſtaunen machte der Erfolg alle ſeine Berechnungen zu Schanden. Sie hörte ihn an ohne ein Wort zu äußern, ohne eine Thräne zu vergießen. Als er ausgeſprochen hatte, ſank ſie in einen Stuhl nieder. Ihre großen grauen Augen ſtarrten leer nach ihm hin. In einem ein⸗ zigen geheimnißvollen Augenblick wich alle ihre Schön⸗ heit von ihr; ihr Angeſicht nahm einen Ausdruck ſchrecklicher Härte an, wie das Angeſicht einer Tod⸗ ten. Zum erſten Male hatte ſich nach des Capi⸗ täns Erfahrung von ihr Furcht, allgewaltige Furcht ihrer an Leib und Seele bemeiſtert. „Sie ſind doch nicht wankelmüthig geworden?“ ſagte er, indem er ſie wieder aufzumuntern ſuchte. „Sie find doch ſicherlich im lezten Augenblick nicht wankelmüthig geworden?“ Kein Strahl des Verſtändniſſes trat in ihre Au⸗ gen, keine Veränderung zeigte ſich auf ihrem Ge⸗ eigene dem ö eines wohlſe Idee, wortli nicht Entſch gedenk Er Lipper erhob e tlitz wi der üb ſie und Ca⸗ wiſchte O' er. machen. b, trat ick auf inzulei⸗ wie er Wor⸗ „ und ag ſein uhigen, h aus⸗ n Auf⸗ Theil⸗ brechen machte n. Sie le eine hatte, grauen n ein⸗ Schön⸗ usdruck r Tod⸗ Capi⸗ Furcht rden?“ ſuchte. k nicht re Au⸗ m Ge⸗ 21 ſichte. Dennoch mußte ſie ihn gehört haben, denn ſie bewegte ſich ein wenig in ihrem Seſſel und ſchüt⸗ telte leiſe ihren Kopf. „Sie haben den Plan zu dieſer Heirath aus eigenem Antrieb entworfen,“ fuhr der Capitän mit dem verſtohlenen Blick und der ſchwankenden Stimme eines Mannes fort, der auf einmal von einem Un⸗ wohlſein befallen wird...„Es war ja Ihre eigene Idee, nicht die meinige. Ich möchte die Verant⸗ wortlichkeit nicht auf meinen Schultern tragen, nein! nicht für zweimal zweihundert Pfund. Wenn Ihr Entſchluß Sie reut, wenn Sie beſſer daran zu thun gedenken—?“ Er hielt inne. Ihr Geſicht veränderte ſich, ihre Lippen machten endlich eine leiſe Bewegung. Sie erhob langſam ihre linke Hand mit ausgebreiteten Fingern— ſie ſchaute darauf hin, als wenn es eine ihr ganz fremde Hand wäre— ſie zählte die Tage daran, die Tage vor der Hochzeit. „JFreitag, einer, flüſterte ſie zu ſich ſelbſt,„Sam⸗ ſtag, zwei; Sonntag, drei; Montag—“ Ihre Hände ſanken in Ihren Schooß; ihr An⸗ tlitz wurde wieder marmorkalt. Der tödtliche Schau⸗ der übte noch einmal ſeine lähmende Wirkung auf ſie und die nächſten Worte erſtarben auf ihren Lippen. Capitän Wragge zog ſein Taſchentuch heraus und wiſchte ſich die Stirne. „Der Henker hole die zweihundert Pfund!“ ſagte er.„Zweitauſend würden mich dafür nicht bezahlt machen.“ Er ging wieder an den Schreibtiſch zurück, nahm die Couverte, die er an ſich ſelbſt adreſſirt hatte, aus ſeiner Taſche und kehrte hierauf mit denſelben in der Hand wieder an den Stuhl zurück wo ſie ſaß, „Nehmen Sie ſich zuſammen,“ ſagte er;„ich habe ein leztes Wort zu Ihnen zu ſprechen. Können Sie es hören?“ Sie kämpfte mit ſich ſelbſt und gewann wieder etwas Faſſung über ſich— ein ſchwacher Anflug von Röthe ſtahl ſich über ihre weißen Wangen— ſie nickte mit dem Kopfe. „Sehen Sie auf dieſe daher,“ fuhr Capitän Wragge fort, indem er die Couverte ihr hinhielt. „Wenn ich dieſe zu dem Gebrauch verwende zu wel⸗ chem ich ſie überſchrieben habe, ſo wird Frau⸗ Le⸗ counts Herr niemals Frau Lecounts Brief erhalten. Wenn ich ſie zerreiße, ſo wird er mit der morgigen Poſt wiſſen daß Sie die Frau ſind, welche ihn in der Vauxhallpromenade beſucht hat. Sprechen Sie das Wort aus! Soll ich die Couverte zerreißen oder ſoll ich dieſelben wieder in meine Taſche ſtecken?“ Eine Pauſe von tiefem Schweigen trat ein. Das Gemurmel der ſommerlichen Wellen auf den Kieſeln des Strandes und die Stimmen der Sommerbumm⸗ ler auf dem Paradeplaz drangen durch das offene Fenſter herein und erfüllten die leere Stille des Ge⸗ maches. Sie richtete ihren Kopf empor, erhob ihre Hand und deutete mit Feſtigkeit auf die Couverte. „Stecken Sie ſie wieder ein,“ ſagte ſie. „Iſt das Ihre ernſtliche Meinung?“ fragte er. „Ganz und gar.“ Als ſie dieſe Antwort ertheilt, ertönte das Ge⸗ raſſel von Rädern auf der Straße draußen. erſchie C n. — mir d C Ol Dienſt „S „Meld zimmer Er ſten S Ge⸗ Wragg die Eiſ fährt. ten ihn kreuz fo und ree kehren k Capitän in der Nach enſelben ſie ſaß, r;„ich Können wieder Anflug igen— Capitän hinhielt. zu wel⸗ rrau Le⸗ erhalten. norgigen ihn in chen Sie zerreißen ſtecken?“ in. Das Kieſeln erbumm⸗ 1s offene des Ge⸗ re Hand ragte er. das Ge⸗ 23 „Hören Sie dieſe Räder?“ fragte Capitän Wragge. „Ja.“ „Sehen Sie die Kutſche?“ ſagte der Capitän, indem er durch das Fenſter deutete, als die Chaiſe die er im Gaſthof beſtellt hatte, am Gartenthor erſchien. „Jdl. 2 „Und aus eigenem freien Willen ſagen Sie zu mir daß ich gehen ſoll?“ „Ja. Gehen Sie!“ Ohne ein weiteres Wort verließ er ſie. Das Dienſtmädchen wartete am Thore mit ſeinem Reiſeſack. „Fräulein Bygrave iſt nicht wohl,“ ſagte er, „Melde Deiner Herrin daß ſie ſich zu ihr ins Wohn⸗ zimmer begebe.“ Er ſtieg in das Gefährt und rollte nach der er⸗ ſten Station der Reiſe nach Heiligenkreuz davon. Zwölftes Capitel. Gegen drei Uhr dieſen Nachmittag hielt Capitän Wragge an der nächſten Station bei Oſſory an, wo die Eiſenbahn auf ihrem Zuge durch Eſſex vorüber⸗ fährt. Nachfragen, die er alsbald anſtellte, belehr⸗ ten ihn daß er mit ſeinem Wagen nach Heiligen⸗ kreuz fahren, ſich dort eine Viertelſtunde aufhalten und rechtzeitig zum Abendzug nach London zurück⸗ kehren könne. Zehn Minuten ſpäter befand ſich der Capitän wieder auf der Landſtraße und fuhr raſch in der Richtung gegen die Küſte hin. Nachdem er einige Meilen auf der Hochſtraße zurück⸗ gelegt hatte, lenkte die Kutſche in eine andere Rich⸗ tung und der Kutſcher verwickelte ſich in ein ver⸗ worrenes Nezwerk von Kreuzwegen. „Haben wir noch weit nach Heiligenkreuz?“ fragte der Capitän ungeduldig werdend, nachdem Meile um Meile zurückgelegt wurde, ohne irgend ein Zeichen daß das Reiſeziel endlich erreicht ſei. „Sie werden das Haus bei der nächſten Straßen⸗ wendung ſehen, Herr,“ ſagte der Mann. Die nächſte Straßenwendung brachte ihnen wie⸗ der den Anblick der offenen Landſchaft zu Geſichte; gerade vor dem Gefährt ſah Capitän Wragge eine lange, dunkle Linie gegen den Horizont— die Linie jenes Meerdammes, welcher die niedrige Küſte von Eſſer vor Ueberſchwemmung ſchüzt. Das flache Zwi⸗ ſchenland iſt von einem Labyrinth improviſirter Bäche durchſchnitten, die ſich von der unſichtbaren See in ſeltſamen, phantaſtiſchen Windungen hereinſchlängeln, Flüſſe bei Hochwaſſer, Schlammcanäle bei niederm Waſſerſtande. Zu ſeiner Rechten lag ein niedliches Dörſchen, größentheils aus hölzernen Haͤuſern beſtehend und am Rande eines jener zeitweiligen Bäche ſich hin⸗ ziehend. Links erhoben ſich die melancholiſchen Rui⸗ nen einer Abtei mit einer langen, niedern, troſtloſen, daran ſich lehnenden Gebäudemaſſe von ungeheurer Ausdehnung und großem Alter. Einer jener See⸗ bäche(in Eſſex„Hinterwaſſer“ genannt) ſchlängelte ſich faſt ganz rings um das Gebäude herum. Ein anderer, von einer entgegengeſetzten Seite, ſchien ſchnurgerade durch die Felder zu laufen und einen Theil der un förmlichen Gebäudemaſſe, welcher noch in einem ziemlich baulichen Zuſtand erhalten war, i Ruine und Br und mo paſſes a ſich in als das Meierho „An der Kut „An welcher er in ſe ſicherer Der fahren, men un konnte. les des der eifri herumha den Kut Stirne l Fremden „Wo pitän W „Ja, „Herr N „Neh wenn Si tän,„un ihn zu ſe Collin Rich⸗ mver⸗ fragte ile um zeichen raßen⸗ n wie⸗ eſichte; e eine ie Linie ſte von he Zwi⸗ r Bäche See in längeln, niederm jedliches eeſtehend ſich hin⸗ en Rui⸗ ooſtloſen, geheurer ner Dar hlängelte in Kin , ſchien ind einen welcher erhalten 25 war, von dem andern, aus wenig mehr als einer Ruine beſtehenden zu trennen. Brücken von Holz und Brücken von Ziegelſteinen liefen über den Fluß und machten das Haus von allen Puncten des Com⸗ paſſes aus zugänglich. Kein menſchliches Weſen zeigte ſich in der Nachbarſchaft und kein Laut ward gehört als das heiſere Gebell eines Haushundes von einem Meierhof her. „An welchem Thor ſoll ich vorfahren?“ fragte der Kutſcher.„Vornen oder hinten?“ „Am Hinterthor,“ antwortete Capitän Wragge, welcher wohl fühlte daß, je weniger Aufmerkſamkeit er in ſeiner gegenwärtigen Lage auf ſich zöge, deſto ſicherer ſich dieſe Lage geſtalten dürfte. Der Wagen mußte zweimal über das Flüßchen fahren, ehe der Kutſcher aus dem Felde herauskom⸗ men und in eine traurige Steinumfaſſung einlenken konnte. An einer offenen Seite des bewohnten Thei⸗ les des Plazes ſaß ein verwitterter alter Diener, der eifrig an einem halbvollendeten Schiffsmodell herumhanthierte. Er erhob ſich und begab ſich an den Kutſchenſchlag, indem er ſeine Brille auf die Stirne hinaufſchob und bei der Erſcheinung eines Fremden ganz verblüfft darein ſah. „Wohnt Herr Noel Vanſtone hier?“ fragte Ca⸗ pitän Wragge. „Ja, mein Herr,“ erwiederte der alte Mann. „Herr Noel iſt geſtern angekommen.“ „Nehmen Sie dieſe Carte für Herrn Vanſtone, wenn Sie ſo gefällig ſein wollen,“ ſagte der Capi⸗ tän,„und theilen Sie ihm mit daß ich darauf warte ihn zu ſehen.“ Collins, Namenlos. IV. In einigen Minuten erſchien Herr Noel Vanſtone athemlos und in der größten Spannung; er brannte vor Begierde nach Nachrichten aus Aldborough. Capitän Wragge öffnete den Kutſchenſchlag, ergriff ſeine ausgeſtreckte Hand und zog ihn ohne weitere Umſtände zu ſich hinein. „Ihre Haushälterin iſt fort,“ wisperte der Ca⸗ pitän,„und Sie werden am Montag ſich verheira⸗ then. Regen Sie ſich nicht auf und drücken Sie Ihre Gefuͤhle nicht aus— es iſt jezt nicht Zeit dazu. Holen Sie den nächſten beſten Tienſtboten im Hauſe, um Ihren Reiſeſack in zehn Minuten zu⸗ ſammenzupacken— nehmen Sie Abſchied von dem Admiral— und kommen Sie ſodann alsbald mit mir zurück zum Londoner Zuge.“ Herr Noel Vanſtone verſuchte ſchwach eine Frage zu ſtellen. Der Capitän weigerte ſich ſie anzuhören. „Sprechen Sie ſo viel als Sie wollen auf der Landſtraße,“ ſagte er.„Die Zeit iſt zu koſtbar um ſie hier zu verſchwazen. Woher wiſſen wir daß die Lecount ſich nicht eines Beſſern beſinnt? Woher wiſſen wir daß ſie nicht wieder zurückkehrt, ehe ſie in Zürich anlangt?“ Dieſe beunruhigende Betrachtung jagte Herrn Noel Vanſtone einen ſolchen Schrecken ein, daß er ſich augenblicklich fügte. „Was ſoll ich zum Admiral ſagen?“ fragte er rathlos. „Natürlich theilen Sie ihm mit daß Sie im Be⸗ griff ſeien ſich zu verheirathen! Das hat jezt gar Nichts zu ſagen, da die Lecount uns den Rücken gewendet hat. Wenn er ſeine Verwunderung darüber zeigen theilt rungsh Alle 2 geſchickt Geben Sie ih mich b in dem Begriff ſo wird Brief A Eine ſi denz die wäre je Reiſe ne „Wo Noel Bo ergriff. Er und rat ſpäter l wahrſan Rückweg Die noch bei in dem( Cap und vor thun hat⸗ irgend ei⸗ anſtone brannte orough. ergriff weitere der Ca⸗ erheira⸗ en Sie ht Zeit nſtboten iten zu⸗ on dem ald mit e Frage zuhören. auf der bar um daß die Woher ehe ſie Herrn daß er ragte er im Be⸗ jezt gar Rücken darüber zeigen ſollte daß Sie ihm das nicht vorher mitge⸗ theilt haben, ſo ſagen Sie ihm, es ſei eine Entfüh⸗ rungsheirath und die Braut warte auf Sie. Halt! Alle Briefe, welche in Ihrer Abweſenheit an Sie geſchickt werden, werden natürlich hierher adreſſirt. Geben Sie dem Admiral dieſe Umſchläge und ſagen Sie ihm daß er Ihre Briefe unter Einſchluß an mich befördern ſoll. Och bin ein alter Stammgaſt in dem Gaſthof, in welchen wir uns zu begeben im Begriffe ſind, und wenn wir den Plaz gefüllt finden, ſo wird der Gaſthofbeſizer ganz zuverläſſig auf jeden Brief Acht geben der unter ngeinem Namen ankömmt. Eine ſichere Adreſſe in London für Ihre Correſpon⸗ denz dürfte von der größten Wichtigkeit ſein. Es wäre ja leicht mögkich daß die Lecount auf ihrer Reiſe nach Zürich an Sie ſchreibt?“ „Was für einen Kopf Sie haben,“ rief Herr Noel Banſtone, indem er begierig die Umſchläge ergriff.„Sie denken doch auch an gar Alles!“ Er verließ den Wagen in höchſter Aufregung und rannte in das Haus zurück. Zehn Minuten ſpäter hatte ihn Capitän Wragge in ſicherem Ge⸗ wahrſam und die Pferde ſezten ſich ſchnell auf den Rückweg in Lauf. Die Reiſenden erreichten London denſelben Abend noch bei guter Zeit und fanden bequeme Unterkunft in dem Gaſthof. Capitän Wragge kannte recht gut die unruhige und vorwizige Natur des Mannes mit dem er zu thun hatte, und war deßhalb ſchon im Voraus mit irgend einer kleinen Schwierigkeit bei der Hand, die ——— er weislich dazwiſchen werfen wollte um den Fragen zu begegnen, die Herr Noel Vanſtone auf dem Wege nach London allenfalls an ihn richten konnte. Zu ſeiner großen Befriedigung feſſelte aber ſchon gleich beim Beginn der Reiſe eine beunruhigende häusliche Entdeckung die volle Aufmerkſamkeit ſeines Reiſege⸗ fährten. Vermöge eines außerordentlichen Verſehens hatte man am Vorabend der Heirath unterlaſſen für Fräulein Bygrave ein Kammermädchen zu be⸗ ſorgen! Herr Noel Vanſtone erklärte daß er die ganze Verantwortlichkeit in Betreff einer Abhilfe dieſes Verſehens in den Heirathsanordnungen auf ſeine Schultern nehmen wolle; er wolle Herrn By⸗ grave durchaus nicht damit eine Mühe verurſachen, daß er ihm hiebei Beiſtand leiſte; er wolle ſich nach Erreichung ihres Reiſeziels mit der Gaſthofwirthin ins Vernehmen ſetzen und unter den Candidatinnen für die offene Dienſtſtelle in eigener Perſon aus⸗ wählen. Auf dem ganzen Weg nach London kam er immer und immer wieder auf den nänlichen Gegenſtand zurück; im Gaſthof war er den ganzen Abend über alle Augenblicke in dem Aufenthalts⸗ zimmer der Wirthin, ſo daß er ſie endlich mit Fug nöthigte die Thüre vor ihm zu verſchließen. Bei jeder andern Maßregel, die ſich auf ſeine Verhei⸗ rathung bezog, war er in den Hintergrund gedrängt worden. Er war genöthigt geweſen in die Fußſta⸗ pfen ſeines geiſtreichen Freundes zu treten. In der Angelegenheit des Kammermädchens aber nahm er endlich das Recht ſeiner Stellung in Anſpruch— er folgte Niemanden— er nahm die Leitung in ſeine eigenen Hände. D beſtim ſönlich ben, genom (nach ſchwur Nachde der B⸗ ſchaften keinen worden pitän? betreffe Wohnu theile Der bekannt zweifach die geſe die Zuk richten. herein künftige tage All Nachden Fällen und fan ſeine be zu vert ſchienen, alle zuſc Fragen Wege te. Zu n gleich äusliche Reiſege⸗ erſehens terlaſſen zu be⸗ er die Abhilfe gen auf rrn By⸗ irſachen, ſich nach fwirthin datinnen on aus⸗ don kam ämlichen n ganzen enthalts⸗ mit Fug en. Bei Verhei⸗ gedrängt Fußſta⸗ In der nahm er uch— er in ſeine 29 Der Vormittag des nächſten Tages war dazu beſtimmt, die Heirathslicenz zu erlangen. Die per⸗ ſönliche Auszeichnung, die Erklärung eidlich abzuge⸗ ben, wurde begierig von Herrn Noel Vanſtone an⸗ genommen, welcher nun in vollkommen gutem Glauben (nach zuvor erhaltener Mittheilung des Capitäns) ſchwur daß die Dame das geſezliche Alter habe. Nachdem die Urkunde ausgeſtellt worden war, kehrte der Bräutigam zurück, um die Charactere und Eigen⸗ ſchaften der Dienſtmädchen zu prüfen, welche gerade keinen Plaz hatten und von der Wirthin eingeladen worden waren ſich in den Gaſthof zu begeben. Ca⸗ pitän Wragge begab ſich mittlerweile, eines ihn ſelbſt betreffenden perſönlichen Geſchäftes willen, nach der Wohnung eines Freundes in einem entfernten Stadt⸗ theile Londons. Der Freund des Capitäns war mit dem Geſeze bekannt und das Geſchäft des Capitäns war von zweifacher Natur. Sein erſter Zweck war ſich über die geſezlichen Folgen der bevorſtehenden Heirath für die Zukunft des CEhegatten und ſeiner Frau zu unter⸗ richten. Seine zweite Abſicht war, gleich von vorne herein Vorkehrungen zu treffen um jede Spur ſeines künftigen Aufenthaltsortes, ſobald er am Hochzeits⸗ tage Aldborough verlaſſen haben würde, zu vertilgen. Nachdem er ſeinen Endzweck in beiden angegebenen Fällen erreicht hatte, kehrte er in den Gaſthof zurück und fand Herrn Noel Vanſtone damit beſchäftigt, ſeine beleidigte Würde im Wohnzimmer der Wirthin zu vertheidigen. Drei Kammermädchen waren er⸗ ſchienen, um die Prüfung zu beſtehen und hatten es alle zuſammen, als die Frage des Liedlohns berührt ——— wurde, unverſchämter Weiſe ausgeſchlagen die Stelle anzunehmen. Das Auftreten einer vierten Candida⸗ tin wurde für den folgenden Tag erwartet, und Herr Noel Vanſtone weigerte ſich ganz entſchieden, vor dem Erſcheinen derſelben die Hauptſtadt zu verlaſſen. Capitän Wragge bezeigte oſſen ſein Mißvergnügen üͤber den unnöthigen Verzug, der auf dieſe Weiſe in Bezug auf die Rückkehr nach Aldborough eintrat; aber er brachte damit nicht den geringſten Eindruck hervor. Herr Noel Vanſtone ſchüttelte ſein eigen⸗ ſinniges Köpfchen und weigerte ſich feierlich, mit der übernommenen Verantwortlichkeit nur ein Poſſenſpiel zu treiben. Das erſte Ereigniß, das am Samſtag Morgen ſich zutrug, Lecount an ihren Herrn, eingeſchloſſen in eins der Couverte, welche der Capitän an ſich 5 ſelber adreſſirt hatte. Er empfing ihn(zufolge einer vorgängigen Verabredung mit dem Oberkellner) in ſeinem Schlaf⸗ zimmer— las ihn mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit— und legte ihn hierauf ſorgfältig in ſeine Brieftaſche hinein. Der Brief war ſehr ominös in Bezug auf die bedenklichen Dinge die da kommen ſollten, wenn die Haushälterin nach England zurück⸗ kehrte, und er war es Magdalene, welche die bedrohte Perſon war, ſchuldig, ſie in unmittelbaren Beſiz der Warnung von der obſchwebenden Gefahr zu ſezen. Später am Tage erſchien die vierte Bewerberin um die Kammermädchensſtelle— ein junges Frauen⸗ zimmer die wenig von ſich erwarten ließ und ein unterwürfiges Benehmen an den Tag legte, wie eine mit dem Mißgeſchick vertraute Perſon(wie die war die Ankunft des Briefes der Frau Wirtl Feuer Lohn von zögerr aberm dem( ring nicht, Juwe Art 1 Kamm zu rec von L Eiſenb lag ve genug, ſchweit Er hat mit ei Auge komme Ereign ſteinvil Stelle andida⸗ nd Herr n, vor erlaſſen. gnügen Veiſe in eintrat; Eidruck n eigen⸗ mit der ſſenſpiel Morgen er Frau eins der adreſſirt gängigen Schlaf⸗ Aufmerk⸗ in ſeine ninös in kommen d zurück⸗ bedrohte Beſiz der ſezen. ewerberin 3 Frauen 3 und ein egte, wie (wie die 31 Wirthin bemerkte). Sie beſtand mit Erfolg die Feuerprobe der Prüfung und nahm den gebotenen Lohn ohne Murren an. Nachdem der Dienſtvertrag von beiden Seiten ratifizirt war, traten neue Ver⸗ zögerungen ein, von welchen Herr Noel Vanſtone abermals die Urſache war. Er hatte noch nicht zu dem Entſchluſſe kommen können, ob er für den Trau⸗ ring mehr als eine Guinee ausgeben ſollte oder nicht, und vergeudete den Reſt des Tages in einem Juwelierladen nach dem andern auf eine ſo unſelige Art und Weiſe, daß er und der Capitän und das Kammermädchen(das mit ihnen reiste) kaum noch zu rechter Zeit zu dem lezten Zug, der dieſen Abend von London abging, eintrafen. Es war ſchon ſpät in der Nacht, als ſie die Eiſenbahn bei der Station die Aldborough am nächſten lag verließen. Capitän Wragge beobachtete, ſeltſam genug, während der ganzen Reiſe ein ſtrenges Still⸗ ſchweigen. Sein Geiſt befand ſich in großer Unruhe. Er hatte Magdalene unter ſehr critiſchen Verhältniſſen mit einer Perſon, die keineswegs geeignet war ſie im Auge zu behalten, zurückgelaſſen und war in voll⸗ kommener Unwiſſenheit über den Verlauf den die Ereigniſſe während ſeiner Abweſenheit auf der Nord⸗ ſteinvilla genommen hatten. Dreizehntes Capitel. Was hatte ſich in Aldborough während Capitän Wragges Abweſenheit zugetragen? Von der Zeit ſeiner Abreiſe bis zur Zeit ſeiner Rückkehr ereignete ſich Nachſtehendes daſelbſt. Sobald die Chaiſe Nordſteinvilla verlaſſen hatte empfing Frau Wragge die Botſchaft, welche ihr Ehe⸗ herr dem Dienſtmädchen ihr auszurichten aufgetragen hatte. Sie eilte in das Wohnzimmer, ganz verwirrt durch ihre ſtürmiſche Unterredung mit dem Capitän und unter dem reumüthigen Bewußtſein daß ſie Un⸗ recht gethan habe, ohne aber zu wiſſen worin das Unrecht eigentlich beſtand. Wenn Magdalenens Geiſt gegenwärtig nicht ſo ganz mit der Idee ihrer Ver⸗ heirathung beſchäftigt geweſen wäre, wenn ſie Ge⸗ müthsruhe genug beſeſſen hätte, um auf Frau Wragges Erzählung deſſen was während ihrer Un⸗ terhaltung mit der Haushälterin vorgefallen zu lau⸗ ſchen, ſo würde Frau Lecounts Beſuch im Garderobe⸗ zimmer früher oder ſpäter einen Theil der Enthüllung gebildet haben, und Magdalene hätte, wenn ſie auch die Wahrheit nie ganz geahnt, ſchließlich doch einen war⸗ nenden Wink erhalten, daß irgend ein gefährliches Element verrätheriſch in dem Alpacakleide laure. Unter den obwaltenden Umſtänden hatte aber Frau Wragges Erſcheinen im Wohnzimmer einen ſolchen Vorfall nicht zur Folge, weil ein ſolcher Vorfall jezt gar nicht möglich war. Ereigniſſe, welche ſich früher am Morgen zuge⸗ tragen, Ereigniſſe, welche in vergangenen Tagen und Wochen vorgefallen, waren ſo vollſtändig aus Mag⸗ dalenens Geiſt entſchwunden, als wenn ſie niemals ſtattgefunden hätten. Der Schauder vor dem heran⸗ nahenden Montag— die unbarmherzige Gewißheit, welche in der beſtimmten Feſtſezung von Tag und Stun nichte verſch der erſten an d war ſeufzte verlor wußte holten ungedr Ir und ko ſprecher immer mit ei Capität Frau L mals ſt men. wirrung bloß dr die er eigenen Entſchul eit ſeiner ſt ſen hatte ihr Ehe⸗ fgetragen verwirrt Capitän 3 ſie Un⸗ vorin das ens Geiſt hrer Ver⸗ n ſie Ge⸗ uf Frau ihrer Un⸗ zu lau⸗ arderobe⸗ ithüllung e auch die inen war⸗ fährliches de laure. ber Frau n ſolchen rfall jezt gen zuge⸗ agen und us Mag— niemals m heran⸗ ewißheit, Tag und 33 Stunde lag, verſteinerten alle ihre Gefühle und ver⸗ nichteten alles Denken. Frau Wragge machte drei verſchiedene Verſuche um den Gegenſtand des Beſuchs der Haushälterin zur Sprache zu bringen. Das erſtemal hätte ſie ſich ebenſogut an den Wind oder an die See wenden können. Der zweite Verſuch war von ſcheinbar größerem Erfolge. Magdalene ſeufzte, horchte einen Augenblick gleichgültig zu und verlor alsdann den Gegenſtand aus dem Auge. „Es macht nichts,“ ſagte ſie,„das Ende iſt doch gekommen welches kommen ſollte. Ich bin nicht böſe auf Sie. Sprechen Sie nicht weiter davon.“ Später am Tage machte Frau Wragge, die nicht wußte, wovon ſie ſonſt ſprechen ſollte, einen wieder⸗ holten Verſuch Diesmal wandte ſich Magdalene ungeduldig nach ihr um.. „Um Gottes willen, verſchonen Sie mich mit ſol⸗ chen Lappalien. Ich kann ſie nicht anhören.“ Frau Wragge ſchloß auf der Stelle ihre Lippen und kam nicht weiter mehr auf den Gegenſtand zu ſprechen. Hatte ja doch Magdalene, welche ſonſt immer ſo freundlich gegen ſie geweſen war, es ihr mit einem Ausdruck des Aergers verboten. Der Capitän— völlig unbekannt mit dem Intereſſe das Frau Lecount an der Garderobe hatte— war nie⸗ mals ſo nahe daran geweſen auf die Spur zu kom⸗ men. Alle Mittheilungen, die er der geiſtigen Ver⸗ wirrung ſeines Weibes entpreſſen konnte, hatte er bloß durch unmittelbare Fragen herausbekommen, die er einzig und allein nur auf den Grund ſeines eigenen Ermeſſens geſtellt hatte. Er hatte, ohne Entſchuldigungen irgend einer Art gelten zu laſſen, ——ſ auf klare Antworten gedrungen; er hatte damit wie gewöhnlich ſeine Abſicht erreicht, und ſeine Abreiſe hatte ihm keine Gelegenheit mehr übrig gelaſſen die Frage nochmals aufs Tapet zu bringen, vorausgeſezt ſelbſt, daß ſeine Erbitterung gegen ſein Weib ihm dieß zugelaſſen hätte. So hing denn das Alpaca⸗ kleid vernachläßigt in der finſtern Ecke, der unbe⸗ merkte, verdachtloſe Mittelpunkt der Gefahren, die noch im Schooße der Zukunft lagen. Gegen Nachmittag faßte Frau Wragge den Muth, für ihre eigene Perſon einen Vorſchlag zu machen; ſie empfahl einen kleinen Spaziergang in der friſchen Luft. Magdalene ſezte gleichgültig ihren Hut auf und begleitete gleichgültig ihre Gefährtin durch die öffent⸗ liche Promenade bis ſie das nördliche Ende derſelben erreichten. Hier war der Strand einſam und ver⸗ laſſen und ſie ſezten ſich nebeneinander auf die Stein⸗ erhöhung nieder. Es war ein heller aufheiternder Tag; Luſtboote durchſegelten das ruhige blaue Waſſer⸗ Ganz Aldborough bummelte ſich glücklichen Gemüthes zu Land und zur See. Frau Wragge fand bei dem fröhlichen Anblicke ihre Beſinnung wieder— ſie ver⸗ gnügte ſich wie ein Kind damit daß ſie Kieſelſteinchen in das Meer ſchleuderte. Von Zeit zu Zeit warf ſie einen verſtohlenen forſchenden Blick auf Magda⸗ lene, aber ſie ſah in deren Benehmen keine Spur der Ermuthigung, in deren Angeſichte keinen Ueber⸗ gang zur vertraulichen Gemüthlichkeit. Stillſchwei⸗ gend ſaß ſie auf dem Geröllabhange, ihre Ellenbogen auf die Kniee geſtüzt, das Haupt in ihrer Hand ruhend, hinausblickend über die hohe See— hinaus blicke Auge Frau Kieſel am& großen ſchlum Als f weit nur 1 müßig geſchm rizonte unter Wellen Meer zeigte ihrer Stellun das N ſahen. „A müſſen Sie „Se damit wie ie Abreiſe laſſen die rausgeſezt Weib ihm Alpaca⸗ der unbe⸗ hren, die den Muth, achen; ſie r friſchen auf und die öffent⸗ derſelben und ver⸗ die Stein⸗h heiternder e Waſſer. Hemüthes bei dem ſie ver⸗ lſteinchen Beit warf Magda⸗ ne Spur n Ueber⸗ tillſchwei⸗ llenbogen er Hand hinaus 35 blickend mit geſpannter Aufmerkſamkeit und doch mit Augen die von Nichts Notiz zu nehmen ſchienen. Frau Wragge bekam endlich Ueberdruß an den Kieſelſteinchen und verlor zulezt auch ihr Intereſſe am Hinausblicken auf die Vergnügungsboote. Ihr großer Kopf begann ſchwerfällig zu wackeln und ſie ſchlummerte in der warmen betäubenden Luft ein. Als ſie wieder erwachte, waren die Luſtſchiffe ſchon weit fort; ihre Segel erſchienen in der Entfernung nur noch als weiße Nebelpünctchen. Die Zahl der müßigen Spaziergänger am Strande war zuſammen⸗ geſchmolzen; die Sonne ſtand ſchon nieder am Ho⸗ rizonte; das blaue Meer wurde dunkler und ſchlug unter dem Einfluſſe eines Windſtoßes kräuſelnde Wellen. Die Veränderungen an Himmel, Erde und Meer deuteten auf den ſinkenden Tag hin; überall zeigte ſich ein Wechſel— ausgenommen dicht an ihrer Seite. Da ſaß Magdalene noch in derſelben Stellung mit matten Augen, die noch immer über das Meer hinausſchauten und noch immer nichts ſahen. „Ach, ſprechen Sie doch Etwas zu mir!“ ſagte Frau Wragge. Magdalene fuhr zuſammen und ſchaute zerſtreut um ſich. „Es iſt ſchon ſpät,“ ſagte ſie fröſtelnd unter dem Hauch einer ſich erhebenden Briſe; es war dieß das erſte Gefühl das in ihr rege und ſichtbar wurde.„Laſſen Sie uns nach Hauſe gehen; Sie müſſen Ihren Thee trinken.“ Sie ſchritten im tiefen Stillſchweigen heimwärts. „Seien Sie nicht böſe auf mich wenn ich frage,“ ſagte Frau Wragge, als ſie beiſammen am Theetiſche ſaßen.„Sind Sie, meine Liebe, in Ihrer Seele bekümmert?“ „Ja,“ entgegnete Magdalene;„nehmen Sie keine Notiz von mir. Mein Kummer wird bald vorüber ſein.“ Sie wartete geduldig bis Frau Wragge ihr Mahl beendigt hatte, und ging dann die Treppe in ihr eigenes Gemach hinauf. „Montag!“ ſagte ſie, als ſie ſich an ihrem Toi⸗ lettentiſche niederſezte.„Vielleicht ereignet ſich noch Etwas ehe der Montag kommt.“ Ihre Finger tapp⸗ ten mechaniſch unter den Kämmen und Bürſten, den Fläſchchen und Käſtchen umher die auf dem Tiſche ſich befanden. Sie ſtellte ſie in Ordnung bald auf die eine, bald auf die andere Weiſe— dann warf ſie dieſelben wieder plözlich in einen Haufen zuſam⸗ men. Eine Minute oder zwei blieben ihre Hände unthätig. Nach Verfluß dieſes Zeitraums geriethen ſie wieder in Unruhe und ſchoben die zwei kleinen Fächer an dem Tiſche in ihren Fugen vor⸗ und rück⸗ wärts. Unter den kleinen Gegenſtänden darin be⸗ fand ſich auch ein Gebetbuch, das ihr zu Raben⸗ ſchlucht gehört hatte und das ſie mit andern Reli⸗ quien der Vergangenheit, als ſie und ihre Schweſter von der Heimath Abſchied genommen, bis jezt auf⸗ bewahrt hatte. Sie öffnete nach langem Zögern das Gebetbuch bei dem Trauungsgebete— ſchloß es dann wieder, ehe ſie nur eine Zeile geleſen hatte — und legte es dann haſtig in eines der Schub⸗ fächer zurück. Nachdem ſie den Schlüſſel im Schloſſe herumgedreht, ſtand ſie auf und ſchritt ans Fenſter. 6 77 ſie ſie wandt S das halb dann Dießm zu ſich offene was k Tage n Sie die Du⸗ Betäubt that ihr einen u wegten dem Kiſ immer heetiſche r Seele bie keine vorüber gge ihr eppe in em Toi⸗ ich noch r tapp⸗ en, den 1 Tiſche ald auf in warf zuſam⸗ Hände eriethen kleinen nd rück⸗ arin be⸗ Raben⸗ n Reli⸗ chweſter ezt auf⸗ Zögern ſchloß n hatte Schub⸗ Schloſſe Fenſter. 37 „Das erſchreckliche Meer!“— ſagte ſie, indem ſie ſich mit einem Schauder des Mißbehagens ab⸗ wandte,„das einſame, traurige, erſchreckliche Meer!“ Sie ging an das Schubfach zurück und nahm das Gebetbuch zum zweitenmal heraus, öffnete es halb wieder bei der Trauungsformel und warf es dann abermals ungeduldig in die Schublade zurück. Dießmal nahm ſie nach dem Zuſchließen den Schlüſſel zu ſich— ging mit demſelben in der Hand an das offene Fenſter— und warf ihn heftig von ſich in den Garten hinab. Er fiel auf ein Beet, das dicht mit Blumen bepflanzt war. Er ward unſichtbar: er war verloren. Das Geſühl ſeines Verluſtes ſchien ihr einige Erleichterung zu verſchaffen. „Etwas kann ſich noch am Freitag ereignen; Etwas kann ſich noch am Sonnabend ereignen! Et⸗ was kann ſich nach am Sonntag ereignen. Drei Tage noch!“ Sie ſchloß die grünen Jalouſien vor dem Fenſter draußen und zog die Vorhänge zu, um das Zimmer noch dunkler zu machen. Ihr Haupt fühlte ſich ſchwer, ihre Augen brannten heiß. Sie warf ſich auf ihr Bett mit einem plözlichen Verlangen die Zeit zu verſchlafen. Die Ruhe im Hauſe kam ihr dabei zu Statten, die Dunkelheit im Zimmer gewährte ihr Hilfe; die Betäubung ihrer Seele, in welche ſie gefallen war, that ihre Wirkung auf ihre Sinne; ſie verfiel in einen unruhigen Schlaf. Ihre raſtloſen Hände be⸗ wegten ſich unaufhörlich; ihr Haupt warf ſich auf dem Kiſſen von einer zur andern Seite— aber noch immer ſchlief ſie. Nach kurzer Weile floſſen ein, ———— 54 — „ — K zwei Worte über ihre Lippen, Worte im Schlafe geflüſtert, mit jeder Minute zuſammenhängender werdend, immer mehr vernehmbar, je länger der Schlaf auf ihr laſtete; Worte, welche ihre Unruhe zu beſchwichtigen und ſie in immer tiefere Ruhe zu lullen ſchienen. Sie wandelte im glücklichen Reich der Träume— Franks Name entſchlüpfte ihr. „Liebſt Du mich, Frank?“ lispelte ſie.„Ach, mein Geliebter, ſag es noch einmal! Sag es noch einmal!“ Die Zeit verfloß, das Zimmer wurde dunkler, noch ſchlummerte und träumte ſie. Gegen Sonnen⸗ untergang fuhr ſie, ohne daß irgend ein Geräuſch⸗ in oder außer dem Hauſe dazu Veranlaſſung gegeben hätte, in einem Augenblicke wieder wach vom Better auf. Die ſchwüle Dunkelheit des Zimmers erfüllte ſie mit Schrecken. Sie ſprang an das Feunſter, ſtieß die Jalouſien auf und lehnte ſich weit hinaus in die Abendluft und in das Abendlicht; ihre Augen ver⸗ ſchlangen die geringfügigſten, am Ufer ſichtbaren Gegenſtände, ihre Ohren ſogen das willkommener Gemurmel des Meeres ein. Nichts, das ſie von den wachenden Eindrücken befreien konnte, welche ihre Träume in ihr zurückgelaſſen hatten! Keine Dunkelheit mehr; keine Ruhe mehr. Der Schlaf, der zu den andern Leuten als Gnadenengel tritt, war über ſie als ein Verräther gekommen. Der Schlaf hatte ihre Augen für die Zukunft nur darum geſchloſſen, um ſie deſto mehr für die Vergangenheit zu öffnen. Sie ging wieder in das Wohnzimmer hinunter; es regte ſich in ihr das Verlangen zu plaudern— gleich Gerin leer. Arbei um; Tiſche vor ſah jj ſeinen Freud Gleich unerſch ein Z1 ſie fre beitet ſich ſel kannte Auge. Feuerp aber d es ſcho habens zu wäl hinter Wunſch Bitten zu eine i Schlafe dängender inger der 2 Unruhe Ruhe zu hen Reich ihr. e.„Ach, zes noch dunkler, Sonnen⸗ Geräuſch g gegeben om Bette s erfüllte ſter, ſtieß us in die igen ver⸗ ſichtbaren lkommene 3 ſie von e, welche u! Keine r Schlaf, gel tritt, en. Der ur darum angenheit hinunter; idern— 39 gleichviel wie nichtsſagend, gleichviel über welche Geringfügigkeiten es auch ſei. Das Zimmer war leer. Vielleicht hatte ſich Frau Wragge an ihre Arbeit begeben— vielleicht war ſie auch zu müde um zu ſprechen. Magdalene nahm ihren Hut vom Tiſche und ging aus. Das Meer, vor welchem ſie vor wenigen Stunden noch zurückgeſchaudert hatte, ſah jezt freundlich aus. Wie lieblich war es jezt in ſeinem kühlen Abendblau! Was für eine göttliche Freude in dem ſcherzenden Spiel der zahlloſen Wo⸗ gen, die dem Lichte des Himmels entgegenſpritzten. Sie verweilte draußen bis die Nacht hereinbrach und die Sterne erſchienen. Die Nacht brachte ſie wieder zu ſich ſelbſt.* Langſam und allmählich fand ihr Geiſt ſein Gleichgewicht wieder und ſie ſchaute ihrem Schickſal unerſchrocken ins Angeſicht. Die eitle Hoffnung, daß ein Zufall die Verwirklichung des Zieles, auf das ſie freiwillig ohne Unterlaß geſonnen und hingear⸗ beitet hatte, vereiteln möchte, erloſch und verſchwand, ſich ſelbſt auflöſend in ihrer eigenen Schwäche. Sie kannte die wahre Alternative und faßte ſie feſt ins Auge. Auf der einen Seite drohte die empörende Feuerprobe ihrer Verzweiflung— auf der andern aber die gänzliche Aufgebung ihres Endzieles. War es ſchon zu ſpät zwiſchen der Aufopferung ihres Vor⸗ habens und der Aufopferung ihrer eigenen Perſon zu wählen? Ja, es war zu ſpät. Die Umkehr war hinter ihrem Rücken geſperrt. Die Zeit, welche kein Wunſch mehr ändern konnte, die Zeit, welche keine Bitten mehr zurückrufen konnten, hatte ihr Vorhaben zu einem untrennbaren Theil ihrer Individualität gemacht; einſt hatte ſie die Gewalt über daſſelbe; jezt hatte daſſelbe ſie in ſeiner Gewalt. Je mehr ſie zurückſchauderte, je härter ſie kämpfte und ſich ſträubte, um ſo unbarmherziger trieb es ſie vor⸗ wärts. Kein anderes Gefühl in ihr war kräftig genug, um es zu bemeiſtern, nicht einmal der ent⸗ ſezliche Abſcheu der ſie beinahe wahnſinnig machte, der Abſcheu vor ihrer Verheirathung. Gegen neun Uhr ging ſie in das Haus zurück. „Wieder ausgegangen?“ ſagte Frau Wragge, die ihr an der Thüre begegnete.„Kommen Sie herein und ſezen Sie ſich nieder, meine Liebe. Wie ermüdet müſſen Sie ſein!“ Magdalene lächelte und tätſchelte Frau Wragge freundlich auf die Schultern. „Sie vergeſſen, wie ſtark ich bin,“ ſagte ſie; „Nichts greift mich an.“ Sie zündete ihr Licht an und ging wieder in ihr Schlafzimmer die Stiege hinauf. Als ſie an ihren alten Plaz bei ihrem Toilettentiſch zurückkehrte, tauchte die eitle Hoffnung auf die drei Tage Auf⸗ ſchub, die eitle Hoffnung auf Rettung durch einen Zufall in ihr auf, aber dießmal in einer faßbarern Form als ſie ſich bisher vorgeſtellt hatte. „Freitag, Samſtag, Sonntag. Es kann ja möglicher Weiſe ihm Etwas begegnen,— es kann mir Etwas begegnen. Etwas Bedenkliches, etwas Verhängnißvolles. Eines von uns kann ſterben.“ Eine plözliche Veränderung zeigte ſich auf ihrem Antliz. Sie fröſtelte, obgleich die Temperatur durch⸗ aus nicht kühl war; ſie fuhr zuſammen, obgleich kein Geräuſch ſie beunruhigte. „ Eine S nach Bischer mich er Sie die Th Na ab geg und be Brief ſchrieb Ihr He war ihr richtete. und rnl läufig f geſchrieb noch un⸗ darunter Raum füllt zu ſtellt und trat ſie weilte de Der Briſe de Collin daſſelbe; de mehr und ſich ſie vor⸗ kräftig der ent⸗ machte, zurück. Wragge, Wragge agte ſie; ieder in ſie an ückkehrte, age Auf⸗ rch einen aßbarern kann ja es kann „ etwas rben.“ uf ihrem ur durch⸗ leich kein 41 „Eines von uns kann ſterben. Ich kann das Eine ſein.“ Sie verſank in tiefes Hinbrüten— erholte ſich nach einer Weile— und rief, die Thüre öffnend, Frau Wragge, daß ſie zu ihr hereinkomme und mit ihr ſpreche. „Sie hatten Recht, als Sie vermutheten daß ich müde ſei,“ ſagte ſie. Mein Spaziergang iſt ein Bischen zu anſtrengend für mich geweſen. Ich fühle mich erſchöpft und ich will zu Bette gehen.“ Sie küßte Frau Wragge und ſchloß wieder leiſe die Thüre zu. Nachdem ſie einige Schritte im Zimmer auf und ab gegangen war, öffnete ſie plözlich das Schreibzeug und begann einen Brief an ihre Schweſter. Der Brief wuchs und wuchs unter ihren Händen; ſie ſchrieb Blatt um Blatt ihres Briefpapiers voll. Ihr Herz war erfüllt von ihrem Gegenſtande; es war ihre eigene Geſchichte welche ſie an Nora be⸗ richtete. Sie vergoß keine Thränen; ſie war gefaßt und rnhig in ihrem Kummer. Ihre Feder lief ge⸗ läufig fort. Nachdem ſie länger als zwei Stunden geſchrieben hatte, hörte ſie auf, obgleich der Brief noch unvollendet war. Es ſtand keine Unterſchrift darunter, ſondern es befand ſich bloß ein leerer Raum da, beſtimmt zu einer andern Zeit ausge⸗ füllt zu werden. Nachdem ſie das Schreibzeug wegge⸗ ſtellt und die Briefbogen ſorgfälltig verwahrt hatte, trat ſie ans Fenſter, um Luft zu ſchöpſen und ver⸗ weilte dort im Hinſchauen verſunken. Der Mond verſchwand eben über der See. Die Briſe der früheren Stunden hatte aufgehört zu Collins, Namenlos. IV. 4 wehen. Ueber Land und Meer brütete der Geiſt der Nacht in tiefer und feierlicher Stille. Ihr Haupt ſenkte ſich auf ihren Buſen nieder, und all die Ausſicht verſchwand vor ihren Augen mit dem ſchwindenden Monde. Sie ſah keinen Ocean, kein Firmament mehr. Der Tod, der Ver⸗ ſucher, war geſchäftig in ihrem Herzen. Der Tod, der Verſucher, deutete hinabwärts nach dem Grabe ihrer verſtorbenen Eltern auf dem Friedhofe zu Ra⸗ benſchlucht. „Neunzehn am lezten Geburtstag,“ dachte ſie. „Erſt neunzehn!“ Sie entfernte ſich vom Fenſter— zögerte— und ſah dann wieder hinaus ins Freie. „Die herrliche Nacht!“ ſagte ſie mit Anmuth. „O die herrliche Nacht!“ Sie verließ das Fenſter und legte ſich wieder auf ihr Bett. Der Schlaf, der vorher als ein Ver⸗ räther über ſie gekommen war, nahte ſich ihr jetzt als ein Engel der Barmherzigkeit; er kam tief und traumlos, das Bild ihres lezten Gedankens im Wachen, das Bild des Todes. Frühzeitig am folgenden Morgen trat Frau Wragge in Magdalenens Zimmer und traf dieſe bereits aufgeſtanden an. Sie ſaß eben vor ihrem Spiegel, wo ſie gerade, gedankenvoll und ruhig, mit dem Kamme ſanft durch die ganze Länge ihres Haares fuhr. „Wie befinden Sie ſich dieſen Morgen, meine Liebe?“ fragte Frau Wragge.„Ganz wohl wieder?“ „.“ Geiſt nieder, Augen keinen Ver⸗ Tod, Grabe u Ra⸗ te ſie. — und muth. wieder n Ver⸗ r jetzt ef und zachen, Frau dieſe ihrem g, mit ihres meine ꝛder?“ 43 Nachdem ſie dieſe bejahende Antwort gegeben, hielt ſie inne, überlegte einen Augenblick und wider⸗ ſprach ſich plözlich ſelber. „Nein,“ ſagte ſie,„nicht ganz wohl; ich leide ein wenig an Zahnweh.“ Als ſie ihre erſte Antwort mit dieſen Worten berichtigte, gab ſie mit ihrem Kamme ihrem Haar einen Strich, ſo daß es vorwärts fiel und ihr An⸗ tliz verhüllte. Beim Frühſtück war ſie ſehr ſchweigſam und nahm nichts zu ſich als eine Taſſe Thee. „Laſſen Sie mich in die Apotheke gehen und Etwas holen,“ ſagte Frau Wragge. „Nein, ich danke Ihnen!“ „Laſſen Sie michs doch thun!“ „Nein!“ Sie lehnte es zum zweiten Male mit Schärfe und Unwillen ab. Frau Wragge gehorchte nach ge⸗ wohnter Weiſe und ließ ſie ihren eigenen Weg gehen. Als das Frühſtück vorüber war, ging ſie ohne ein Wort weiterer Erklärung hinaus. Frau Wragge beobachtete ſie vom Fenſter aus und ſah, daß ſie die Richtung nach der Apotheke einſchlug. Als ſie die Thüre der Apotheke erreicht hatte, blieb ſie ſtehen, wartete noch ehe ſie in den Laden trat, und ſchaute durch das Fenſter hinein— zögerte und ging ein wenig weiter— zögerte wieder— und ſchlug endlich die erſte Wendung ein die nach dem Strande zurückführte. Ohne um ſich zu ſchauen, ohne ſich zu kümmern welchen Plaz ſie auswähle, ſetzte ſie ſich auf die Kieſelſteinanſchwemmung nieder. Die einzigen Per⸗ — — 44 ſonen, die ſich in der Nähe des Orts wo ſie jetzt war befanden, waren ein Kindermädchen und zwei kleine Knaben. Der jüngere von Beiden hielt ein niedliches Spielſchiffchen in der Hand. Nachdem der Knabe Magdalene eine kleine Weile mit dem voll⸗ kommenſten Ernſt und der größten Aufmerkſam⸗ keit angeſehen, ging er plözlich auf ſie zu und eröffnete ſich den Weg zu ihrer Bekanntſchaft da⸗ durch, daß er ſein Spielſchiff ganz ruhig in ihren Schooß legte. „Schau mein Schiff an,“ ſagte das Kind, indem es ſeine Händchen über Magdalenens Knie kreuzte. Sie hatte in der Regel mit Kindern nicht viele Geduld. In ihren glücklichen Tagen würde ſie die Annäherung des Knaben nicht ſo aufgenommen ha⸗ ben, wie ſie jetzt that. Die ſtarre Verzweiflung in ihren Augen verſchwand plözlich daraus. Ihre feſt⸗ geſchloſſenen Lippen thaten ſich auf und zitterten. Sie legte das Schifflein wieder in die Händchen des Kindes zurück und hob es auf ihren Schooß. „Willſt Du mir einen Kuß geben?“ ſagte ſie flüſternd. Der Knabe blickte auf ſein Schifflein, als wenn er lieber daſſelbe hätte küſſen mögen. Sie wiederholte die Frage, wiederholte ſie faſt flehentlich. Das Kind legte ſeine Händchen um ihren Nacken und küßte ſie. „Wenn ich Deine Schweſter wäre, würdeſt Du mich lieben?“ All das Trübſal einer freundloſen Stellung, all. die verſchloſſene Zärtlichkeit ihres Herzens ergoß ſich bei dieſen Worten aus ihr. verbar tereſſen ◻ 8 O Knabe Di rück. innerun Sos Wort ſ kleinen der Ste Als der Kar Aber d Kind ül lichkeit d Knieen Sie war welche ſi die unſch ſie jetzt d zwei telt ein dem der voll⸗ erkſam⸗ zu und aft da⸗ 1ihren indem kreuzte. t viele ſie die en ha⸗ ung in re feſt⸗ tterten. ändchen ooß. gte ſie s wenn ſie faſt m ihren eſt Du ng, all ergoß 45 „Würdeſt Du mich lieb haben?“ wiederholte ſie, indem ſie ihr Antliz an der Bruſt des Kindes verbarg. „Ja!“ ſagte der Knabe.„Sieh mein Schiff an.“ Sie blickte durch die Thränen die ſich in ihren Augen geſammelt auf das Schiff. „Wie nennſt Du es?“ fragte ſie, indem ihr der Verſuch ſchwer wurde, gerade jetzt ſich in die In⸗ tereſſen eines Kindes hineinzufinden. „Ich nenne es Onkel Kirke's Schiff,“ ſagte der Knabe.„Onkel Kirke iſt fortgegangen.“ Dieſer Name rief Nichts in ihr Gedächtniß zu⸗ rück. Gegenwärtig lebten in ihr noch bloß Er⸗ innerungen aus der alten Zeit. „Fortgegangen?“ wiederholte ſie zerſtreut, in⸗ dem ſie ſich beſann was ſie mit ihrem kleinen Freunde ſprechen ſollte. „Ja,“ ſagte der Knabe.„Er iſt nach China ge⸗ gangen.“ Sogar von den Lippen eines Kindes zuckte dieſes Wort ſchmerzlich durch ihre Bruſt. Sie hob Kirkes kleinen Neffen von ihrem Schooße und verließ auf der Stelle den Strand. Als ſie nach Hauſe zurückkehrte, erneuerte ſich der Kampf der verfloſſenen Nacht in ihrer Seele. Aber das Gefühl der Erleichterung, welches das Kind über ſie gebracht hatte, die wiederbelebte Zärt⸗ lichkeit die ſie gefühlt hatte, während es auf ihren Knieen ſaß, übten noch ihren Einfluß auf ſie aus. Sie war ſich einer dämmernden Hoffnung bewußt, welche ſich fröhlich in ihren Gedanken aufthat als die unſchuldigen Augen des Knaben ſich in ihrem Antliz aufthaten, in dem Moment, wo er auf dem Ufer zu ihr kam. War es denn zur Umkehr in der That zu ſpät? Noch einmal ſtellte ſie ſich dieſe Frage— und jetzt zum erſten Male fragte ſie mit zweifelndem Herzen. Sie ſprang in ihr Gemach hinauf, mit einem lauernden Mißtrauen gegen ihr verändertes Selbſt, welches ſie warnte zu handeln und nicht zu grübeln. Ohne zu warten bis ſie ihren Shawl abgelegt oder ihren Hut heruntergenommen hatte, öffnete ſie ihr Schreibzeug und richtete ſo ſchnell es ihre Feder nun erlaubte, folgende Zeilen an Capitän Wragge. „Sie werden das Ihnen verſprochene Geld im Einſchluß finden. Mein Entſchluß hat eine Aen⸗ derung erlitten. Mein Entſezen vor einer Heirath mit ihm iſt mehr als ich ertragen kann. Ich habe Aldborough verlaſſen. Haben Sie Mitleid mit meiner Schwäche und vergeſſen Sie mich. Laſſen Sie uns einander nie wieder im Leben begegnen.“ Mit klopfendem Herzen, mit ungeſtüm zitternden Fingern zog ſie ihr weißes Seidentäſchchen aus ihren Buſen und nahm die Banknoten heraus um ſie in den Brief einzuſchließen. Ihre Hand tappte heftit hin und her; ihre Hand hatte ihr Taſtgefühl ver⸗ loren. Sie bauſchte den ganzen Inhalt des Täſch⸗ chens in eine Handvoll Papiere zuſammen und zoh ſie mit Haſt heraus, ſo daß ſie einige davon zerriß andere aber zerknitterte. Als ſie dieſelben vor ſic auf den Tiſch niederwarf, war der erſte Gegenſtand der ihrem Auge begegnete, ihre eigene Handſchrif welche durch die Länge der Zeit bereits faſt abge blaßt war. Sie beſchaute ſich dieſelbe näher un ſah ſtorb Sach welcl ſprar man ſie zitter Verg wälti welch Minn loſer auf d T war, zweift ihren Bank Täſch Brief ſamm Als d fand, den v ſchloſſ gerich der 2 1 ☛ r auf dem kehr in der eſich dieſe gte ſie mit mit einem rtes Selbſt, zu grübeln. gelegt oder eete ſie ihr e Feder nur agge. e Geld im eine Aen⸗ ier Heirath Ich habe Nitleid mit ich. Laſſen begegnen.“ n zitternden n aus ihren um ſie in appte heftig gefühl ver des Täſch en und zog avon zerriß en vor ſic Gegenſtand Handſchrift faſt abg⸗ näher unf 47 ſah die Worte, welche ſie aus dem Briefe ihres ver⸗ ſtorbenen Vaters abcopirt hatte, ſah den Brief des Sachwalters und den entſetzlichen Commentar dazu, welcher ihr am untern Ende der Seite entgegen ſprang: „Herrn Vanſtones Töchter ſind Nie⸗ mandes Kinder und das Geſez überläßt ſie hilflos der Gnade ihres Onkels.“ Ihr pochendes Herz hielt auf einmal ſtille, ihre zitternden Hände wurden eiſig ruhig. Die ganze Vergangenheit erſtand vor ihr in ſtummen, über⸗ wältigenden Vorwürfen. Sie ergriff die Zeilen, welche ihre eigene Hand noch kaum vor einer Minute geſchrieben hatte, und ſah mit gedanken⸗ loſer Ungläubigkeit auf die Tinte, welche noch naß auf dem Briefe war. Die Farbe, welche in ihre Wangen geſtiegen war, erblaßte darauf noch ein Mal. Die harte Ver⸗ zweiflung ſchaute wiederholt, kalt und glizernd, aus ihren thränenloſen Augen heraus Sie faltete die Banknoten ſorgfältig zuſammen und legte ſie in ihr Täſchchen zurück. Sie drückte die Abſchrift von dem Briefe ihres Vaters an ihre Lippen und that ſie ſammt den Banknoten wieder an ihren alten Plaz. Als das Täſchchen wieder in ihrem Buſen ſich be⸗ fand, wartete ſie ein wenig, ihr Geſicht in den Hän⸗ den verbergend.— Dann zerriß ſie mit raſcher Ent⸗ ſchloſſenheit die Zeilen, welche ſie an Capitän Wragge gerichtet hatte. Ehe die Tinte noch trocken war, lag der Brief zerfezt auf dem Boden. „Nein!“ ſagte ſie, als der lezten Fezen des zer⸗ riſſenen Papiers ihrer Hand entfiel.„Auf dem Wege, den ich gehe, gibt es keine Umkehr mehr!“ Sie erhob ſich mit Gefaßtheit und verließ das Zimmer. Während ſie die Treppe hinunter ſtieg, begegnete ihr Frau Wragge, die heraufkam. „Gehen Sie wieder aus, meine Liebe?“ fragte Frau Wraͤgge.„Darf ich mit Ihnen gehen?“ Magdalenens Geiſt befand ſich in andern Re⸗ gionen. Anſtatt auf die Frage zu antworten, be⸗ antwortete ſie zerſtreut ihre eigenen Gedanken. „Tauſende von Frauen heirathen um des Geldes willen,“ ſagte ſie.„Warum ſollte ich es nicht?“ Die rathloſe Verwirrung auf Frau Wragges Geſicht, als ſie dieſe Worte ſprach, machte in ihr das Gefühl für die gegenwärtigen Dinge wieder rege. „Meine arme, liebe Frau!“ ſagte ſie.„Ich bringe Sie in Verlegenheit, nicht wahr? Geben ſie nicht Acht darauf was ich ſage— alle Mädchen ſchwazen Unſinn, und ich bin nicht beſſer als die übrigen. Kommen Sie, ich will Ihnen einen Schmaus geben! Sie ſollen recht vergnügt ſein, ſo lange der Capitän abweſend iſt. Wir wollen eine lange Luſtfahrt für uns veranſtalten. Sezen Sie Ihre gepuzte Haube auf und kommen Sie mit mir nach dem Hotel. Ich will der Wirthin ſagen daß ſie ein niedliches kaltes Mittagsmahl in einen Korb packt. Sie ſollen alle Ihre Lieblingsgerichte haben— und ich will Ihnen ſerviren. Wenn Sie einſt eine alte, alte Frau ſind, ſo werden Sie ſich meiner noch freundlich erinnern, nicht wahr? Sie werden ſagen:„„Sie war kein übles Mädchen; hundert ſchlimmere leben und ſind glücklich, und kein Menſch macht ihnen — ein Sie mei lebt ſchle Wre Pfer Kut ihm ſagte ſezt bleib mich eine Sche E Heim Die friſch beide dieſer loſen Freite I geweſ erhalt unbek⸗ den„ f dem or!“ 3 das ſtieg, fragte n Re⸗ n, be⸗ Geldes 24 ragges in ihr rege. bringe nicht wazen wigen. geben! apitän ſtfahrt Haube Hotel. dliches ſollen ) will alte indlich „„Sie leben ihnen 49 einen Vorwurf.““ Da! Da! Gehen Sie und ſezen Sie Ihre Haube auf. Ach, mein Gott, was ſoll aus meinem Herzen werden! Wie es lebt und fort⸗ lebt, wenn andere Mädchenherzen ſchon längſt nimmer ſchlagen würden!“ Eine halbe Stunde ſpäter ſaß ſie und Frau Wragge mit einander in dem Wagen. Eines der Pferde wollte beim Abfahren nicht anziehen. „Hau ihm eins hinauf!“ rief ſie ärgerlich dem Kutſcher zu.„Warum erſchrickſt Du darüber? Gib ihm eins mit der Peitſche!“ „Geſezt den Fall daß der Wagen umſtürzt,“ ſagte ſie plözlich zu ihrer Gefährtin gewendet;„ge⸗ ſezt den Fall, ich werde hinaus geſchleudert und bleibe auf dem Flecke todt? Unſinn! Gucken Sie mich nicht ſo an. Ich bin wie Ihr Gatte; ich habe eine Anwandlung von Humor und ich treibe bloß Scherz.“ Sie waren den ganzen Tag fort. Als ſie die Heimath wieder erreichten, war es ſchon Nacht. Die lange Reihenfolge der Stunden, die ſie in der friſchen Luft zugebracht hatten, hinterließ bei ihnen beiden das gleiche Gefühl der Ermüdung. Auch in dieſer Nacht ſchlief Magdalene den tiefen traum⸗ loſen Schlaf der vorigen Nacht. Und ſo war der Freitag verfloſſen. Ihr lezter Gedanke bei Nacht war der Gedanke geweſen, welcher ſie den ganzen Tag über aufrecht erhalten. Sie hatte ihr Haupt mit der nämlichen unbekümmerten Entſchloſſenheit, ſich der bevorſtehen⸗ den Prüfung zu unterwerfen, auf das Kiſſen gelegt, welche ſich bereits ſchon in Worten ausgedrückt, als ſie und Frau Wragge ſich zufällig auf der Treppe begegneten. Als ſie am Sonnabend Morgen er⸗ wachte, war ihre muthige Entſchloſſenheit fort. Die Freitagsgedanken, ſogar die Freitagsereigniſſe— waren aus ihrem Gedächtniſſe verwiſcht. Abermals durchrieſelte es ſchauderkalt ihr junges Blut; aber⸗ mals fühlte ſie das ſchleichende und tödtliche Heran⸗ rücken der Verzweiflung, die in dem ſinkenden Mond⸗ licht über ſie gekommen war und die ihr in der feierlichen Abendſtille zugeflüſtert hatte. „Ich ſah das Ende, wie es kommen mußte,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„in der Donnerſtagsnacht. Ich habe mich ſeitdem immer auf falſchem Geleiſe be⸗ funden.“ Als ſie und ihre Geſellſchafterin an dieſem Mor⸗ gen zuſammen kamen, erneuerte ſie ihre Klage über Zahnſchmerzen; ſie lehnte Frau Wragges Anerbieten, ein Arzneimittel beſorgen zu wollen, wiederholt ab; ſie verließ nach dem Frühſtück das Haus und ſchlug die Richtung nach der Apotheke ein, gerade ſo wie ſie es am Morgen zuvor gemacht hatte. Dießmal trat ſie, ohne einen Augenblick zu zö⸗ gern, in den Laden ein. „Ich habe einen Anfall von Zahnweh gehabt,“ ſagte ſie kurz angebunden zu einem ältlichen Manne der hinter dem Ladentiſche ſtand. „Darf ich den Zahn beſehen, mein Fräulein?“ „Das iſt nicht nothwendig. Es iſt ein hohler Zahn. Ich danke, ich habe es mir durch Erkältung zugezogen.“ Der Apotheker empfahl verſchiedene Mittel, die ſeit ten. Sch ſie Lad chen anz) daß For glat ſtein ſein liche Lad der erfü zwar aber Sta brät I Lauf telch Wor Sie kt, als Treppe jen er⸗ t. Die ſe ermals aber⸗ Heran⸗ Mond⸗ in der nußte,“ t. Ich iſe be⸗ 1 Mor⸗ ge über rieten, 8lt ab; ſchlug ſo wie zu zö⸗ ehabt,“ Manne ein?“ hohler kältung el, die 51 ſeit fünfzehn Jahren ſich eines guten Rufes erfreu⸗ ten. Sie lehnte es ab eines davon zu kaufen. „Ich habe immer gefunden daß Laudanum den Schmerz beſſer ſtillt als irgend etwas Anderes,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich mit den Flaſchen auf dem Ladentiſche Kurzweil machte und während des Spre⸗ chens auf dieſelben hinblickte, ſtatt den Apotheker anzuſehen.„Geben ſie mir etwas Laudanum.“ „Recht gern, mein Fräulein. Entſchuldigen Sie daß ich eine Frage an Sie ſtelle, es iſt bloß der Form wegen. Sie wohnen in Aldborough, wie ich glaube?“ „Ja. Ich bin Fräulein Bygrave von der Nord⸗ ſteinvilla.“ Der Apotheker verbeugte ſich, wandte ſich zu ſeinen Schränken und füllte ohne Verzug ein gewöhn⸗ liches Halbunzenfläſchchen mit Laudanum. Wenn der Ladeneigenthümer ſich vorderhand des Namens und der Wohnung ſeines Kunden vergewiſſert hatte, ſo erfüllte er damit nur eine Vorſichtsmaßregel, welche zwar bei einem vorſichtigen Mann etwas Natürliches, aber unter ähnlichen Verhältniſſen bei damaligem Stande der Geſezgebung keineswegs allgemein ge⸗ bräuchlich war. „Soll ich Ihnen ein wenig Baumwolle auf das Laudanum legen?“ fragte er, nachdem er ein Zet⸗ telchen an die Flaſche gebunden und darauf ein Wort mit großen Buchſtaben geſchrieben hatte. „Wenn Sie ſo gefällig ſein wollen. Was haben Sie ſo eben auf das Fläſchchen geſchrieben?“ Sie ſtellte dieſe Frage in einem ſcharfen Tone, der eben ſoviel Mißtrauen als Neugier nach ihrer Art und Weiſe verrieth. Der Apotheker beantwortete die Frage dadurch daß er das Zettelchen nach ihr hindrehte. Sie ſah darauf mit großen Buchſtaben geſchrieben: Gift. „Ich ſchlage gerne einen ſichern Weg ein, mein Fräulein,“ ſagte der alte Mann lächelnd.„In jeder andern Beziehung ſehr ehrenwerthe Perſonen ſind oft erſchrecklich ſorglos, wo es ſich um Gift handelt.“ Sie begann wieder mit den Flaſchen auf dem Ladentiſche zu ſpielen und ſtellte eine andere Frage mit einer ſchlecht verholenen Aengſtlichkeit, die Ant⸗ wort zu hören. „Iſt denn,“ fragte ſie,„mit einem ſo einzigen Tropfen Laudanum wie dieß da eine Gefahr ver⸗ bunden?“ „Es lauſcht der Tod darin, mein Fräulein,“ ſagte der Apotheker ruhig. „Der Tod für ein Kind oder für eine Perſon von ſchwacher Geſundheit?“ „Der Tod für den kräftigſten Mann in England; er mag ſein wer er wolle.“ Mit dieſer Antwort verſiegelte der Apotheker das Fläſchchen in ſeinen Umſchlag von weißem Papier und händigte Magdalene das Laudanum über den Ladentiſch hinüber ein. Sie lachte als ſie es von ihm empfing und bezahlte es. „Auf Nordſteinvilla wird kein Unglück zu befürch⸗ ten ſein,“ ſagte ſie.„Ich werde das Fläſchchen in meinen Puzſchrank verſchließen. Wenn es den Schmerz nicht ſtillt, ſo muß ich wieder zu Ihnen kommen und Mor aufz. ging im 4 ſie a ſtieg zwein Unac die reſſen verlo 5 das Papi⸗ Auger an ih Fläſch trat i Stimn „E ) ihrer dadurch Sie ſah ift. „mein n jeder n ſind ndelt.“ ff dem Frage e Ant⸗ inzigen r ver⸗ ſagte Perſon gland; er das Papier r den 8 von ffürch⸗ hen in chmerz mmen 53 und es mit einem andern Mittel verſuchen. Guten Morgen.“ „Guten Morgen, mein Fräulein.“ Sie ging ſchnurſtracks nach Hauſe, ohne einmal aufzuſehen, ohne von Jemanden der an ihr vorüber⸗ ging die geringſte Notiz zu nehmen. Sie ſtreifte im Hausgang an Frau Wragge vorüber, als wenn ſie an einem Stück Möbel vorbeigeſtreift wäre. Sie ſtieg die Treppe hinauf und verwickelte ihren Fuß zweimal in ihrem Kleide, in Folge ihrer gänzlichen Unachtſamkeit auf die gewöhnliche Vorſicht, es in die Höhe zu halten. Die unbedeutenden Tagesinte⸗ reſſen des Lebens hatten bei ihr bereits ihren Halt verloren. In der Einſamkeit ihres Zimmers nahm ſie das Fläſchchen aus ſeiner Umhüllung und warf das Papier und die Baumwolle in den Kamin. In dem Augenblick, wo ſie dieß that, ließ ſich ein Klopfen an ihrer Zimmerthüre vernehmen. Sie verbarg das Fläſchchen und ſchaute ungeduldig auf. Frau Wragge trat in das Zimmer. „Haben Sie Etwas gegen Ihr Zahnweh erhal⸗ ten, meine Liebe?“ „Ja.“ „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich ſein?“ „Nein.“ Frau Wragge zögerte noch unruhig in der Nähe der Zimmerthür. Ihr Benehmen zeigte deutlich daß Sie noch mehr zu ſagen habe. „Was gibt es?“ fragte Magdalene mit ſcharfer Stimme. „Seien Sie nicht unwillig,“ ſagte Frau Wragge. 54 „Ich bin in meinem Kopfe noch nicht ganz in Ord⸗ nung in Betreff des Capitäns. Er iſt ein emſiger Briefſchreiber— und er hat noch nicht geſchrieben. Er iſt ſo ſchnell wie der Bliz— und doch iſt er noch nicht zurückgekommen. Heute iſt Samſtag und noch kein Zeichen von ihm. Iſt er durchgebrannt, was meinen Sie? Iſt ihm vielleicht Etwas zugeſtoßen?“ „Ich möchte dieß nicht glauben. Gehen Sie hinunter; ich will alsbald kommen und mit Ihnen darüber reden.“ Sobald Magdalene wieder allein war, erhob ſie ſich von ihrem Seſſel, näherte ſich einem verſchloſſe⸗ nen Schranke im Zimmer und hielt davor, den Schlüſſel in der Hand, zögernd inne. Frau Wragges Er⸗ ſcheinen hatte den ganzen Gang ihrer Gedanken in Verwirrung gebracht. Frau Wragges lezte Frage, ſo unbedeutend ſie auch war, hatte ſie am Rande des Abgrundes vom Sturz zurückgehalten, hatte die alte eitle Hoffnung auf Rettung durch ein Ungefähr wiederholt in ihr geweckt. „Warum nicht?“ ſagte ſie.„Warum ſollte Einem von ihnen nicht Etwas zugeſtoßen ſein können?“ Sie ſtellte das Laudanum in den Schrank, ver⸗ ſchloß ihn und ſteckte den Schlüſſel in ihre Taſche. „Zeit genug noch,“ dachte ſie,„bis Montag. Ich will warten bis der Capitän zurück kommt.“ Nach einiger Berathſchlagung im untern Stocke wurde die Anordnung getroffen, daß das Dienſt⸗ mädchen dieſe Nacht aufbleiben und die Rückkehr ihres Herrn abwarten ſollte. Der Tag verfloß ruhig, ohne einen Vorfall irgend welcher Art. Magdalene verträumte die Stunden über einem Buche. Eine er⸗ müd fühlt lei te den ihr der regte auße wied ſen nicht lag mit Artit ihre Hinr ange Verb und liche zimm das war. überf wöhn ander nung ſtänd am E „„ ein 1 Ord⸗ mſiger rieben. iſt er ig und t, was pßen?“ n Sie Ihnen pob ſie chloſſe⸗ chlüſſel es Er⸗ ken in Frage, Rande tte die gefähr Einem 2 , ver⸗ aſche. tontag. ut.“ Stocke Dienſt⸗ ückkehr ruhig, ndalene fine er⸗ 5⁵ müdende Geduld des Herzens war Alles was ſie jezt fühlte, an die Stelle des ſtechenden Stachels der Grübe⸗ lei trat jezt Abſtumpfung und Betäubung. Sie brachte den Tag und den Abend im Wohnzimmer zu, weil in ihr in unbeſtimmten Umriſſen das ſeltſame Gefühl der Abneigung in ihr eigenes Zimmer zu gehen ſich regte. Als die Nacht heranrückte, als das Geräuſch außen und innen aufhörte, begann ihre Unruhe wieder zurückzukehren. Sie ſuchte ſehnlichſt mit Le⸗ ſen ſich zu beruhigen, aber den Büchern gelang es nicht ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Die Zeitung lag in einer Ecke des Zimmers; ſie verſuchte es nun mit der Zeitung. Sie blickte mechaniſch auf die Ueberſchriften der Artikel; ſie umſchlug gleichgültig Seite um Seite, bis ihre zerſtreute Aufmerkſamkeit durch die Erzählung einer Hinrichtung in einem entfernten Bezirke von England angezogen wurde. Es lag in der Geſchichte des Verbrechers für ſie durchaus nichts Anziehendes; und doch las ſie es. Es war eine entſezlich gewöhn⸗ liche Mordgeſchichte— die Ermordung eines Frauen⸗ zimmers in Bauersdienſten durch einen Mann der das gleiche Geſchäft trieb und auf ſie eiferſüchtig war. Er war durch keinen außerordentlichen Beweis überführt worden; man hatte ihn unter ganz ge⸗ wöhnlichen Umſtänden aufgehängt. Er hatte wie andere Verbrecher ſeiner Klaſſe, als er keine Hoff⸗ nung auf Pardon mehr in Ausſicht hatte, ſein Ge⸗ ſtändniß abgelegt, und die Zeitung druckte daſſelbe am Schluſſe des Artikels in folgenden Ausdrücken ab: „Ich unterhielt mit der Hingeſchiedenen ungefähr ein Jahr lang gute Bekanntſchaft. Ich ſagte zu 56 ihr, ich würde ſie heirathen wenn ich Geld genug hätte. Sie ſagte, ich hätte gegenwärtig ſchon Geld genug. Wir hatten einen Streit. Sie weigerte ſich mit mir wieder auszugehen; ſie wollte nicht mehr von meinem Biere trinken; ſie knüpfte mit meinem Kameraden, dem Knecht David Crouch, Bekanntſchaft an. Ich ging am Sonnabend zu ihr und ſagte, ich wolle ſie heirathen, ſobald wir in der Kirche aus⸗ gerufen ſein würden, wenn ſie nur Crouch aufgeben wollte. Sie lachte aber blos über mich. Sie hieß mich aus dem Waſchhauſe gehen. Ich fühlte mich ganz unglücklich in meinem Gemüthe. Ich ging und ſezte mich auf ein Zaunthor auf der Wieſe, die Pettit's Stück genannt wird. Ich ging fort, holte meine Flinte und lud ſie. Dann begab ich mich wieder auf die Wieſe. Ich hatte den feſten Vorſaz gefaßt, mit mir ins Reine zu kommen. Ich dachte, ich kann mein Glück verſuchen.— Ich verſiel nun darauf, das Schickſal zu fragen ob ich ſie tödten ſolle oder nicht, indem ich die Pflugſchar in die Luft werfen wollte. Ich ſagte zu mir, wenn ſie flach niederfällt, ſo will ich ſie verſchonen; wenn ſie aber mit der Spize in die Erde fällt, ſo will ich ſie tödten. Ich ſchwang die Pflugſchar tapfer herum und warf ſie in die Höhe. Sie fiel mit der Spize in die Erde. Jezt machte ich mich auf und erſchoß ſie. Es war ein ſchlechter Wiz, aber ich that es. Ich that es, wie die Leute ſagen, ich that es, weil es Beſtimmung war. Ich hoffe, der Herr wird Gnade mit mir haben. Ich wünſche daß meine Mutter meine alten Kleider erhält. Ich habe nichts mehr zu ſagen.“ G Mag und ſein für derhe begre ſonſt laſſen ſtänd Wen gewe niſſe würd gen, davo verw wiede halts Aufn warf hinar ſpärli konnte konnt und D Seele auf d Nacht auf d ſchleu Co genug Geld te ſich mehr Leinem tſchaft te, ich aus⸗ fgeben e hieß mich g und , die holte mich Vorſaz dachte, l nun tödten te Luft flach e aber tödten. n und dize in poß ſie. . SIch beil es Gnade Mutter mehr 57 In den glücklicheren Tagen ihres Lebens würde Magdalena über die Schilderung der Hinrichtung und das beigedruckte Geſtändniß hinweg gegangen ſein— der Gegenſtand würde keine Anziehungskraft für ſie gehabt haben. Jezt las ſie aber die ſchau⸗ derhafte Geſchichte, las ſie mit einem ihr ſelbſt un⸗ begreiflichen Intereſſe. Ihre Aufmerkſamkeit, welche ſonſt höhere und edlere Gegenſtände unbeachtet ge⸗ laſſen hatte, folgte dem gräßlich unumwundenen Ge⸗ ſtändniß des Mörders von Anfang bis zu Ende. Wenn der Mann oder das Weibsbild ihr bekannt geweſen wären— wenn der Ort in ihrem Gedächt⸗ niſſe einigermaßen einen Raum gehabt hätte, ſo würde ſie der Erzählung nicht geſpannter haben fol⸗ gen, oder einen tiefern Eindruck auf ihr Gemüth davontragen können. Sie legte die Zeitung nieder, verwundert über ſich ſelbſt. Sie ergriff dieſelbe wieder und verſuchte einen andern Theil des In⸗ halts zu leſen. Die Bemühung war vergebens; ihre Aufmerkſamkeit ſchweifte wieder ins Weite. Sie warf die Zeitung hinweg und ging in den Garten hinaus. Der Abend war finſter; die Sterne waren ſpärlich am Himmel und nur ſchwach zu ſehen. Sie konnte eben bloß den Kiesweg unterſcheiden— ſie konnte auf ihm eben bloß zwiſchen der Hausthür und dem Gartenthor auf und ab ſchreiten. Das Geſtändniß in der Zeitung hatte in ihrer Seele einen fürchterlichen Halt gefunden. Wie ſie auf dem Wege dahinwandelte, öffnete ſich die ſchwarze Nacht über dem Meere und zeigte ihr den Mörder auf dem Felde, wie er die Pflugſchar in die Luft ſchleuderte. Sie rannte ſchaudernd in das Haus Collins, Namenlos. IV. 5 58 zurück. Der Mörder folgte ihr in das Wohnzimmer. dann v Sie ergriff den Leuchter und ging in ihr Gemach zurüc hinauf. Das Gebilde ihrer ungezügelten Phantaſie unten verfolgte ſie bis an den Plaz wo das Laudanum im verborgen war, und verſchwand dort. S Es war Mitternacht und noch gab ſich kein Zei⸗ nete chen der Rückkehr des Capitäns kund.( Sie nahm aus dem Schreibtiſch den langen Brief ſtaun welchen ſie an Nora geſchrieben hatte, und las ihn mit 4 langſam durch. Der Brief beruhigte ſie. Als ſie ſie ſi den leergelaſſenen Raum am Schluſſe erblickte, wandte fürch ſie hurtig um und begann von Neuem zu leſen.„ Es ſchlug ein Uhr auf dem Kirchenthurme und noch erſchien der Capitän nicht.„es i Sie las den Brief zum zweitenmale; dann wandte„ ſie mit verzweifelter Hartnäckigkeit abermals um und treten begann ihn zum drittenmal zu leſen.„ Als ſie wiederholt zur lezten Seite gekommen vor ſ war, ſchaute ſie auf ihre Uhr, es war drei Viertel„ auf zwei. Sie hatte juſt die Uhr in den Gürtel„ ihres Kleides zurückgeſteckt, als aus weiter Ferne„ durch die Stille des Morgens Rädergeraſſel an ihr S Ohr drang. ergrif Sie ließ den Brief fallen, ſchlug die Hände über ſeiner ihren Schooß zuſammen und lauſchte. Das Geraſſel Antri wurde vernehmlicher und vernehmlicher, kam immer„ ö näher und näher, ein für alle andern Ohren nichts⸗ er de „, ſagendes Geräuſch, für die ihrigen der Schall des fürcht jüngſten Gerichts. Es paſſirte an der Seite des befüre Hauſes vorüber, es fuhr noch eine Strecke weiter; E es hielt an. Sie hörte ein lautes Klopfen— dann e das Oeffnen eines Fenſters— dann Stimmen— vorau nmer. emach ntaſie anum n Zei⸗ Brief as ihn Is ſie vandte en. ie und wandte m und ommen Viertel Gürtel Ferne an ihr de über Geraſſel immer nichts⸗ hall des ite des weiter; — dann men— 59 dann eine lange Stille— dann die Räder wieder zurückkommend— dann das Oeffnen der Thüre unten und den Klang der Stimme des Capitäns im Hausgange. Sie konnte es nicht länger aushalten. Sie öff⸗ nete ihre Thüre ein wenig und rief ihm zu. Er ſprang augenblicklich die Treppe herauf, er⸗ ſtaunt daß ſie noch nicht im Bette war. Sie ſprach mit ihm durch die enge Spalte der Thüre, indem ſie ſich ſelbſt dahinter verborgen hielt, weil ſie ſich fürchtete ihm ihr Geſicht ſehen zu laſſen. „Iſt Etwas ſchlecht gegangen?“ fragte ſie. „Machen Sie ſich keine Sorgen!“ antwortete er; „es iſt Nichts ſchlecht gegangen.“ „Iſt zwiſchen heute und Montag nicht das Ein⸗ treten eines widrigen Zufalls wahrſcheinlich?“ „Durchaus nicht. Die Trauung geht beſtimmt vor ſich.“ „Beſtimmt?“ „Ja.⸗ „Gute Nacht.“ Sie bot ihm ihre Hand durch die Thüre. Er ergriff ſie mit einiger Ueberraſchung; es war nach ſeiner Erfahrung ſehr ſelten daß ſie ihm aus eigenem Antrieb ihre Hand gab. „Sie ſind zu lange aufgeblieben,“ ſagte er, als er den Druck ihrer kalten Finger fühlte.„Ich be⸗ fürchte, Sie werden eine ſchlechte Nacht haben. Ich befürchte, Sie werden nicht ſchlafen können.“ Sie ſchloß leiſe die Thüre. „Ich werde beſſer ſchlafen,“ ſagte ſie,„als Sie vorausſezen.“ Es war zwei Uhr vorbei, als ſie ſich in ihr Zimmer einſchloß. Ihr Stuhl ſtand auf ſeinem ge⸗ wöhnlichen Plaze am Toilettentiſch. Sie ſezte ſich einige Minuten gedankenvoll nieder.— Dann öff⸗ nete ſie den Brief an Nora und wandte ſich an den Schluß, wo die leere Stelle übrig gelaſſen war. Die lezten Zeilen, die über dieſem Raume geſchrieben waren, lauteten alſo: „Ich habe Dir mein ganzes Herz offen darge⸗ legt, ich habe Dir nichts verborgen. Es iſt bis da⸗ hin gekommen. Das Endziel, auf welches ich unter ſo entſezlichen Koſten meines Ichs hingearbeitet habe, iſt ein Ziel das ich erreichen muß oder ſterben. Es iſt eine Gottloſigkeit, eine Tollheit; wie Du es auch nennen magſt— aber es iſt ſo. Es liegen jezt zwei Gänge vor mir, zwiſchen denen ich zu wählen habe. Wenn ich ihn heirathen kann— der Gang zur Kirche. Wenn meine Selbſtentwürdigung zu groß iſt, als daß ich ſie ertragen kann— der Gang ins Grab!“ Unter dieſem lezten Saze ſchrieb ſie nachſtehende Zeilen: „Meine Wahl iſt getroffen. Wenn es das grau⸗ ſame Geſez Dir zulaſſen will, ſo lege mich zu Vater und Mutter auf den heimathlichen Kirchhof. Lebe wohl, meine Liebe! Bleibe ſtets unſchuldig; ſei im⸗ merdar glücklich. Wenn Frank je nach mir fragt, ſo ſage ihm daß ich ſtarb und ihm vergab. Traure nicht lange um mich, Nora— ich bin es nicht werth.“ Sie ſiegelte den Brief und adreſſirte ihn an ihre Schweſter. Die Thränen ſchoſſen ihr in die Augen, als ſie ihn auf den Tiſch legte. Sie wartete bis in ihr m ge⸗ e ſich n öff⸗ uin den Die rieben darge⸗ is da⸗ unter habe, u. Es s auch zt zwei mhabe. Kirche. t, als Grab!“ tehende grau⸗ Vater Lebe ſei im⸗ fragt, Traure s nicht an ihre Augen, ete bis 61 ihr Blick wieder klar wurde, und nahm dann die Banknoten wiederholt aus dem Täſchchen in ihrem Buſen. Nachdem ſie dieſelben in einen Bogen Brief⸗ papier eingewickelt hatte, ſchrieb ſie Capitän Wragge’s Namen auf den Umſchlag und fügte unten folgende Worte bei: „Schließen Sie die Thüre meines Zimmers und laſſen Sie mich bis meine Schweſter kommt. Das Ihnen verſprochene Geld liegt im Einſchluß. Sie haben ſich nichts vorzuwerfen; es iſt bloß meine Schuld, einzig und allein die meinige. Wenn Sie irgend eine freundliche Erinnerung an mich bewah⸗ ren wollen, ſo ſeien Sie um meinetwillen gütig gegen Ihre Frau.“ Nachdem ſie dieſen Umſchlag neben den Brief an Nora gelegt hatte, ſtand ſie auf und ſchaute ſich rings im Zimmer um. Etwelche kleine Gegenſtände darin befanden ſich nicht an ihrem Plaze. Sie brachte dieſelben in Ordnung und zog die Vorhänge auf beiden Seiten am obern Ende ihres Bettes. Ihre Kleidung war der nächſte Gegenſtand ihrer ſorgfältigen Muſterung. Dieſelbe war ſo zierlich, ſo ſauber, ſo hübſch wie immer. Nichts an ihr war in Unordnung als ihr Haar. Einige Flechten hatten ſich losgewunden und waren auf der einen Seite ihres Hauptes heruntergefallen; ſie legte dieſelben mit Hilfe ihres Spiegels ſorgfältig wieder an ihre gehörige Stelle.„Wie bleich ich ausſehe,“ dachte ſie mit einem matten Lächeln.„Werde ich noch bleicher ausſehen, wenn ſie mich am Morgen finden?“ Sie ſchritt nun gerade auf den Plaz zu, wo das Laudanum verborgen lag, und nahm es hervor. Das Fläſchchen war ſo klein, daß es ganz leicht in die hohle Hand gelegt werden konnte. Sie ließ es eine kleine Weile darin liegen und ſtand es be⸗ trachtend da. „Tod!“ ſagte ſie.„In dieſen Tropfen braunen Trankes— Tod!“ Als dieſe Worte über ihre Lippen glitten, packte ſie in einem Augenblick ein unausſprechlicher Schauer. Sie ſchritt unruhig im Zimmer auf und ab, mit einer wahnſinnigen Verwirrung in ihrem Kopfe und einer erſtickenden Angſt in ihrem Herzen. Sie griff nach dem Tiſche, um ſich daran aufrecht zu halten. Das ſchwache Klingen des Fläſchchens, als es unver⸗ ſehens aus ihrer geöffneten Hand ſiel und auf eine Porzellaintaſſe am Tiſche rollte, drang ihr gleich einem Meſſerſtoße ins Gehirn. Der Klang ihrer eigenen Stimme, herabgedämpft zu einem leiſen Flü⸗ ſtern, als ſie das einzige Wort Tod ausſprach, brauste an ihre Ohren wie das Brauſen eines Orkans. Sie wankte an ihr Bett hin und lehnte, auf dem Fuß⸗ boden ſitzend, ihr Haupt daran. „Ach mein Leben, mein Leben!“ dachte ſie;„was iſt denn mein Leben werth, daß ich mich ſo ſehr da⸗ ran anklammere?“ Es trat eine kleine Pauſe ein, dann fühlte ſie die Wiederkehr ihrer Kräfte. Sie erhob ſich auf ihre Knie und verbarg ihr Angeſicht in dem Bette. Sie verſuchte zu beten— zu beten um Vergebung dafür, daß ſie ihre Zuflucht zum Tode nehme. Wahnwizige Worte entglitten ihren Lippen— Worte, welche wie Schmerzensrufe geklungen hätten, wenn ſie dieſelben nicht in ihren Bettkiſſen erſtickt haben icht in ließ es es be⸗ raunen packte cauer. d, mit fe und e griff halten. unver⸗ if eine gleich ihrer en Flü⸗ drauste 3. Sie n Fuß⸗ „was ehr da⸗ hlte ſie ich auf Bette. gebung nehme. Worte, „wenn haben 63 würde. Sie ſprang auf ihre Füße. Verzweiflung beſeelte ſie mit einer plözlichen Wuth gegen ſich ſelbſt. In einem Moment war ſie am Tiſche zurück; in einem andern befand ſich das Gift abermals in ihrer Hand. Sie entfernte den Korkſtöpſel und erhob das Fläſchchen an ihren Mund. Bei der erſten kalten Berührung des Glaſes an ihren Lippen bäumte ſich ihr junges kräftiges Leben in ihrem ſprudelnden Blute auf und kämpfte mit der ganzen Stärke verzweifelnden Widerwillens gegen den nahen Schrecken des Todes an. Jede Fiber der ſtrozenden Lebenskraft die in ihr fluthete empörte ſich gegen die Zerſtörung, welche ihr eigener Wille an ihrem Leben gerne ausgeübt hätte. Sie hielt inne, hielt zum zweitenmal wider ihren Willen inne. Da ſtand ſie in der herrlichen Blüthe ihrer Jugend und Geſundheit— zitternd an der Grenzmarke des menſch⸗ lichen Daſeins, den Kuß des Vernichters dicht an ihren Lippen, für ſich die Natur, welche treu ihrem geheiligten Anrecht bis ans Ende um ihre Erhaltung kämpfte. Kein Wort floß über ihre Lippen, ihre Wangen färbten ſich mit dunkeln Tinten, ihr Athem wurde ſchwer und ſtark. Mit dem Gifte noch in der Hand, mit dem Gefühle, daß ſie im nächſten Momente ohnmächtig niederſinken würde, machte ſie ſich ans wenſter und zog den Vorhang zurück, der es be⸗ e le. Der neue Tag war angebrochen. Die breite graue Dämmerung fluthete über die ruhige öſtliche See zu ihr herein. Sie ſah die Gewäſſer mächtig und ſchweigend in der nebeligen Meeresſtille ſich heben; ſie fuͤhlte den friſchen Hauch der Morgenluft kühl an ihr Antliz fächeln. Ihre Kraft kehrte wieder zurück, ihr Geiſt klärte ſich ein wenig auf. Beim Anblick des Meeres erwachte in ihrer Seele die Erinnerung an den nächtlichen Spaziergang im Garten und an das Schreckbild, welches ihre ungezügelte Phantaſie auf den ſchwarzen Grund gemalt hatte. Sie ſah im Geiſte das Schreckbild wieder— ſie ſah den Mörder die Pflugſchar in die Lüfte ſchleudern und Leben oder Tod des Weibes das ihn verlaſſen hatte auf das zufällige Fallen der Spize ſezen. Die Anſteckung dieſes entſezlichen Aberglaubens wirkte mächtig auf ihren Geiſt, ſo urplözlich wie der neue Tag vor ihren Augen angebrochen war. Die Hoffnung auf Erlöſung von dem Schreckniß ihres Zögerns, welche ſie darin erblickte, entfeſſelte die lezte Energie ihrer Ver⸗ zweiflung. Sie entſchloß ſich den Kampf zu beendi⸗ gen, indem ſie Leben oder Tod auf die Entſcheidung des Zufalls ſezte. Auf welchen Zufall? Das Meer zeigte ihn ihr. Nur ſchwach unterſcheidbar durch den Nebel er⸗ blickte ſie eine kleine Flotte von Küſtenſchiffen, welche langſam auf das Haus zuſegelten, ſämmtlich die nämliche Richtung mit der begünſtigenden Strömung der Fluth verfolgend. In einer halben Stunde— vielleicht noch eher— konnte die Flottille an ihrem Fenſter vorüberpaſſirt ſein. Die Zeiger ihrer Uhr ſtanden auf vier. Sie ſezte ſich ganz nahe ans Fenſter, mit dem Rücken gegen die Gegend aus wele Gift dem zu m bei ſegel ſollte eine das — Kopf komn C Nebe gleit mit Pau kam Min größ Nebe mals nächf Fünf G ten zwan Vier undzz undz. verhe igend fühlte ihr k, ihr k des g an das e auf h im örder Leben e auf ckung g auf vor auf he ſie Ver⸗ eendi⸗ dung A er⸗ belche ) die nung 65 welcher die Schiffe gegen ſie herantrieben— das Gift auf das Fenſterbrett geſtellt und die Uhr auf dem Schooße. So beſchloß ſie noch eine halbe Stunde zu warten und die Schiffe zu zählen, ſobald ſie vor⸗ bei kämen. Wenn dießmal eine gerade Zahl vorüber ſegeln würde— ſobald das Zeichen gegeben— ſo ſollte es ein Zeichen zum Leben ſein. Würde aber eine ungerade Zahl vorherrſchen, ſo ſollte der Tod das Ende ſein. Mit dieſer lezten Entſchließung lehnte ſie ihren Kopf gegen das Fenſter und wartete auf das Vorbei⸗ kommen der Schiffe. Das erſte kam, hoch, dunkel und nahe in dem Nebel, geräuſchlos über das geräuſchloſe Meer dahin⸗ gleitend. Eine kurze Weile— und das zweite folgte mit dem dritten dicht hinter drein. Eine abermalige Pauſe, länger und länger ausgedehnt— und Nichts kam vorüber, Sie blickte auf ihre Uhr. Zwölf Minuten und drei Schiffe. Drei. Das vierte kam langſamer als die übrigen, größer als die übrigen, ſcheinbar entfernter in dem Nebel als die übrigen. Die Pauſe folgte. Aber⸗ mals eine lange lange Pauſe. Dann paſſirte das nächſte Fahrzeug, dunkler und näher als alle andern. Fünf. Die nächſte ungerade Zahl— fünf. Sie ſah wieder auf ihre Uhr. Neunzehn Minu⸗ ten und fünf Schiffe. Zwanzig Minuten. Einund⸗ zwanzig, zwei, drei— und kein ſechstes Schiff. Vierundzwanzig, und das ſechste kam vorbei. Fünf⸗ undzwanzig, ſechsundzwanzig, ſiebenundzwanzig, acht⸗ undzwanzig, und die nächſte ungerade Zahl— die verhängnißvolle Sieben— glitt an ihren Augen vorbei. Zwei Minuten noch bis zum Ende der halben Stunde. Und ſieben Schiffe. Neunundzwanzig, und nichts folgte im Kielwaſſer des ſiebenten Schiffes. Der Minutenzeiger der Uhr bewegte ſich halbwegs zu dreißig und noch war die weiße ſchwellende See eine nebelige leere Fläche. Ohne ihren Kopf vom Fenſter abzuwenden, nahm ſie das Gift in die eine Hand und hielt die Uhr in der andern. Wie die ſchnellen Secunden raſch einander abzählten, eben ſo ſchnell blickten ihre Augen von der Uhr auf das Meer, von dem Meer auf die Uhr— ſahen zum lezten Mal auf das Meer— und ſahen das achte Schiff. Leben! Im lezten Momente Leben! Sie bewegte ſich nicht mehr, ſie ſprach nicht mehr. Der Tod des Denkens, der Tod des Fühlens und Empfindens ſchien bereits über ſie gekommen zu ſein. Sie ſtellte das Gift mechaniſch auf das Fenſter⸗ geſimſe und beobachtete gleichſam wie träumend das Schiff, wie es ſanft auf ſeinem kühlen Wege dahin glitt— dahin glitt, bis es dunkel in Schatten zer⸗ floß— dahin glitt, bis es im Nebel verſchwun⸗ den war. Die Spannung ihres Geiſtes ließ nach, als ſich der Lebensbote aus ihrem Geſichtskreis verloren hatte. „Vorſehung?“ flüſterte ſie leiſe vor ſich hin. „Oder Zufall?“ 8 Ihre Augen ſchloſſen ſich und ihr Haupt ſank zurück. Als das Gefühl des Lebens zu ihr zurück⸗ kehrte, ſchien die Morgenſonne warm auf ihr Antliz — der blaue Himmel lachte auf ſie herunter— und die Sonne war ein Meer von Gold. de der waſſer er Uhr dar die Fläche. hm ſie Uhr in nander von der ühr— ſahen h nicht fühlens men zu Fenſter⸗ end das e dahin ten zer⸗ ſchwun⸗ als ſich n hatte. ſch hin. pt ſank zurück⸗ Antliz — und 67 Sie ſiel am Fenſter auf ihre Knie und brach in Thränen aus. 4 4 4 Gegen Mittag des gleichen Tages fühlte der Capitän, welcher unten harrte und keine Bewegung in Magdalenens Zimmer hörte, eine beklemmende Unruhe über das lange Schweigen. Er verlangte daß das neue Kammermädchen ihm über die Treppe hinauffolge und ſagte ihr, auf die Thüre deutend, daß ſie ſachte hineingehen und nachſehen ſolle ob ihre Herrin erwacht ſei. Das Mädchen trat in das Zimmer, verweilte dort einen Augenblick und kam dann wieder heraus, indem ſie die Thüre leiſe zumachte. „Sie ſieht ſchön aus, Herr,“ ſagte das Mädchen, „und ſchläft ſo ruhig wie ein neugebornes Kind.“ Vierzehntes Capitel. Der Morgen der Rückkehr ihres Gatten nach Nordſteinvilla war ein in Frau Wragges häuslichem Kalender für immer denkwürdiger Morgen. Sie datirte von dieſer Gelegenheit die erſte Anzeige, welche ſie von Magdalenens Verheirathung erhielt. Es war Frau Wragges irdiſches Loos geweſen, ihr Leben in einem Zuſtand fortwährender Ueber⸗ raſchung hinzubringen; indeſſen war ſie noch niemals in einen ſolchen Grad des Staunens und der Ueber⸗ raſchung verfallen, als in dem Augenblick, wo der Capitän ihr die Wahrheit ſagte. Sie war zwar ſcharfſinnig genug geweſen, zu vermuthen daß Herr 68 Noel Vanſtone in der Eigenſchaft eines willkommenen Freiers in das Haus komme, und ſie hatte gewiſſe Ausdrücke von Ungeduld, die Magdalenens Lippen entfielen, als ſchlimme Anzeichen für den Erfolg ſeiner Werbung ausgelegt— aber der höchſte Grad ihres Scharfſinns hatte ſich niemals zu der leiſeſten Ahnung von der bevorſtehenden Heirath erhoben. Sie fiel von einer Stufe des Erſtaunens in die an⸗ dere, als ihr Eheherr mit ſeiner Enthüllung fortfuhr. Eine Hochzeit in der Familie einen Tag vorher erſt angemeldet! Und dieſe Hochzeit die Hochzeit Mag⸗ dalenens! Und nicht ein einziges neues Kleid für irgend Jemand, die Braut mit eingerechnet, in Be⸗ reitſchaft geſezt! Und die orientaliſche Caſchmirrobe total unbrauchbar bei einer Gelegenheit, wo ſie die⸗ ſelbe vor allen andern mit dem größten Vortheil hätte tragen können! Frau Wragge ſank zuſammen⸗ gekrümmt auf einen Stuhl hin und ſchlug ihre ord⸗ nungswidrigen Hände auf ihre unſymmetriſchen Kniee in völliger Vergeſſenheit der Anweſenheit und des entſezlichen Auges des Capitäns. Es würde ſie nicht überraſcht haben, weiter zu hören daß die Welt unterginge und daß das einzige ſterbliche Geſchöpf, das die Vorſehung bei dem Abſchluß aller Angele⸗ genheiten auf dieſem irdiſchen Planeten überſehen hätte, ſie ſelber ſei! Indem Capitän Wragge es ſeiner Frau über⸗ ließ, ſich ſelbſt wieder von ihrem unbeholfenen Staunen zu erholen, entfernte er ſich, um auf Mag⸗ dalenens Erſcheinen in den untern Räumen des Hau⸗ ſes zu harren. Es war beinahe ein Uhr, als das Geräuſch von gar Wirk inner der Fläſc zu gi ienen wiſſe ippen erfolg Grad ſeſten oben. e an⸗ ffuhr. r erſt Mag⸗ d für 1 Be⸗ rrobe die⸗ rtheil mmen⸗ ord⸗ Kniee d des nicht Welt chöpf, ggele⸗ rſehen über⸗ ffenen Mag⸗ Hau⸗ h von 69 Fußtritten im Zimmer oben andeutete, daß Magda⸗ lene erwacht und auf den Füßen ſei. Er rief nach dem Kammermädchen(deſſen Name, wie er erfahren, Luiſe war) und ſchickte ſie zum zweiten Mal zu ihrer Herrin hinauf. Magdalene ſtand vor ihrem Ankleidetiſch, als ein leiſes Pochen an der Thüre ſie plözlich aufſchreckte. Auf das Pochen folgte der Ton einer gedämpften Stimme, welche ſich als die ihres Mädchens zu er⸗ kennen gab und anfragte ob Fräulein Bugrave für dieſen Morgen irgend eines Dienſtes benöthigt ſei. „Für gegenwärtig nicht,“ ſagte Magdalene, ſo⸗ bald ſie ſich von ihrem Erſtaunen, ſich ſo unerwar⸗ teter Weiſe mit einem Kammermädchen verſehen zu finden, erholt hatte.„Ich will klingeln, wenn ich Ihrer bedarf.“ Nachdem ſie das Mädchen mit dieſer Antwort entlaſſen hatte, blickte ſie zufälliger Weiſe von der Thüre nach dem Fenſter. Alle Betrachtungen in Betreff der neuen Dienerin, welchen ſie ſich ſonſt hingegeben haben würde, wurden augenblicklich durch den Anblick des Fläſchchens mit Laudanum unterbro⸗ chen, welches noch auf dem Fenſterbrett ſtand, wo ſie es bei Sonnenaufgang gelaſſen hatte. Sie nahm es abermals in die Hand mit einem ſeltſam gemiſch⸗ ten Gefühl— mit einem unbeſtimmten Zweifel ſo⸗ gar noch, ob der Anblick ſie an eine erſchreckliche Wirklichkeit oder an einen erſchrecklichen Traum er⸗ innere. Ihr erſter Antrieb war, ſich daſſelbe auf der Stelle vom Halſe zu ſchaffen. Sie hob das Fläſchchen auf, um deſſen Inhalt aus dem Fenſter zu gießen— und hielt ſodann inne in einem plöz⸗ lichen Mißtrauen gegen den Antrieb der über ſie ge⸗ kommen war. „Ich habe mein neues Leben angenommen,“ dachte ſie.„Wie kann ich wiſſen was dieſes Leben für mich in Bereitſchaft hat?“ Sie wandte ſich wieder vom Fenſter weg und ging an den Tiſch zurück. „Ich kann mich vielleicht genöthigt ſehen, es doch noch zu ſchlucken,“ ſagte ſie und ſtellte das Lauda⸗ num in ein Toilettenkäſtchen. Ihr Geiſt war aber nicht beruhigt, als ſie dieß gethan hatte: es ſchien irgend eine undefinirbare Undankbarkeit in dieſer Handlung zu liegen. Noch machte ſie keinen Verſuch das Fläſchchen aus ſeinem Verſteck zu entfernen. Sie ging haſtig an ihre Toilette und beſchleunigte die Zeit, wo ſie dem Dienſtmädchen klingeln und ſich ſelbſt und ihre wachenden Gedanken vergeſſen konnte. Nachdem ſie mit der Klingel geſchellt, nahm ſie ihren Brief an Nora und ihren Brief an den Capitän vom Tiſche, legte ſie beide in ihr Puzkäſtchen zu dem Laudanum und ſchloß vorſichtig mit dem Schlüſſel, welchen ſie an ihrer Uhrkette angehängt trug. Magdalenens erſter Eindruck von ihrer Dienerin war eben nicht ganz angenehmer Natur. Sie konnte das Mädchen nicht mit dem erfahrenen Auge der Wirthin im Hotel London prüfen, welche die Fremde als eine junge Perſon characteriſirte, die ſchon Be⸗ kanntſchaft mit dem Unglück gehabt habe und welche durch Blick und Benehmen deutlich gezeigt, von welcher Art nach ihrer Vermuthung dieſes Unglück ſei. Aber ungeachtet dieſes hindernden Umſtan⸗ des Spu wele lichke argn haßte nicht heiße word wuch alle heit; zu v zuerſ lene e ge⸗ nen,“ Leben g und 3 doch auda⸗ dieß erbare Noch einem ihre dem ihre m ſie eef an Tiſche, anum en ſie enerin konnte e der remde n Be⸗ welche von nglück nſtan⸗ 71 des war Magdalene vollſtändig urtheilsfähig, die Spuren von Krankheit und Kummer zu entdecken, welche unter der Oberfläche der Thätigkeit und Höf⸗ lichkeit des neuen Kammermädchens lauerten. Sie argwöhnte, das Mädchen wäre übel gelaunt; ſie haßte ſogar ihren Namen und war überhaupt gar nicht aufgelegt irgend eine Dienerin willkommen zu heißen, welche von Herrn Noel Vanſtone gedungen worden war. Aber nach den erſten paar Minuten wuchs Luiſe in ihrer Zuneigung. Sie beantwortete alle an ſie geſtellten Fragen mit vollkommener Offen⸗ heit; ſie ſchien ihre Obliegenheiten durch und durch zu verſtehen, und ſie ſprach nicht eher, als bis ſie zuerſt angeſprochen worden war. Nachdem Magda⸗ lene alle die Fragen die ihr eben einfielen geſtellt und ſich entſchloſſen hatte dem Mädchen die Probe möglichſt leicht zu machen, ſtand ſie auf und verließ das Zimmer. Die ganze Luft darin war ihr noch ſchwer unter dem Eindruck der lezten Nacht. „Haben Sie mir nichts mehr zu ſagen?“ fragte ſie, ſich zu der Dienerin wendend, indem ihre Hand die Thürklinke hielt. „Ich bitte um Entſchuldigung, Fräulein,“ ſagte Luiſe mit vollkommener Chrerbietigkeit und Ruhe. „Ich meine, daß mein Herr mir ſagte, die Hochzeit werde morgen vor ſich gehen.“ Magdalene unterdrückte den Schauer welcher ſich bei der Erwähnung der Hochzeit von den Lippen einer fremden Perſon durch ihre Glieder ſtahl, und antwortete bejahend. „Es iſt nur eine ſehr kurze Zeit noch zu den Vorbereitungen dazu, mein Fräulein. Wenn Sie ſo gütig ſein wollten mir meine Weiſungen in Betreff des Packens mitzutheilen, ehe Sie hinuntergehen— 2“ „Es ſind keine ſolche Vorbereitungen zu treffen, wie Sie vorausſezen,“ ſagte Magdalene haſtig. „Die wenigen Gegenſtände, welche ich noch hier habe, können alle unverzüglich gepackt werden, wenn's Ihnen beliebt. Ich werde morgen das nämliche Kleid tragen das ich heute auf dem Leibe habe. Laſſen Sie nur den Strohhut und den hellen Shawl heraußen; alles Uebrige legen Sie in meinen Koffer. Ich habe keine neuen Kleider einzupacken— ich habe mir nichts von der Sorte für dieſe Gelegenheit beſtellt.“ Sie verſuchte noch einige alltägliche Phraſen der Erläuterung beizufügen, welche dazu dienen ſollten, den Mangel der gewöhnlichen Ausſtattung und des Hochzeitkleides ſo wenig auffallend als möglich dar⸗ zuſtellen. Aber keine weitere Erwähnung der Hoch⸗ zeit kam mehr über ihre Lippen und ohne ein Wort mehr zu ſagen verließ ſie plözlich das Zimmer. Die demüthige und melancholiſche Luiſe ſtand in Erſtaunen verſunken. „Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu,“ dachte ſie,„es wird mir bereits vor meiner neuen Stelle halb und halb bange.“ Sie ſeufzte ergebungsvoll— ſchüttelte ihren Kopf und ging nach der Garderobe. Sie unterſuchte zuerſt die Schubladen darunter, nahm die darinnen liegenden verſchiedenen Artikel von Linnen heraus und legte ſie auf die Stühle. Dann öffnete ſie den obern Theil des Kleiderſchrankes und breitete die Kleider neben einander auf das Bett aus. Das Lezte in d Verft die vorlo Selb und Juſt kleine des einer „ das Gege Zetreff — 2“ reffen, aaſtig. hier venn's mliche habe. Shawl Roffer. habe genheit en der ſollten, nd des h dar⸗ Hoch⸗ Wort r. and in n zu,“ neuen ihren erſuchte arinnen heraus ſie den ete die Das 73 Lezte, was ſie vornahm war, daß ſie die leeren Koffer in die Mitte des Zimmers ſchob und den ihr zur Verfügung ſtehenden Raum mit den Kleidungsſtücken die ſie zu packen hatte verglich. Sie machte ihren vorläufigen Calcul mit der ſchnellen und richtigen Selbſtzuverſicht einer Frau welche das Geſchäft durch und durch verſtand, und begann ſofort einzupacken. Juſt als ſie den erſten Artikel von Weißzeug in den kleinern Koffer gelegt hatte, öffnete ſich die Thüre des Zimmers, und das Hausmädchen, die es nach einer kleinen Plauderei verlangte, trat herein. „Was wünſchen Sie?“ fragte Luiſe ruhig. „Haben Sie jemals etwas ſolches gehört?“ ſagte das Hausmädchen, indem es unverzüglich auf ſeinen Gegenſtand zu ſprechen kam. „Wie was denn?“ „Wie dieſe Hochzeit natürlich. Sie ſind in Lon⸗ don aufgewachſen, ſagen mir die Leute. Haben Sie jemals von einer jungen Dame gehört, die ſich ver⸗ heirathet ohne einen einzigen neuen Fezen auf dem Leibe zu tragen? Kein Hochzeitsſchleier und kein Hochzeitsfrühſtück, kein Hochzeitsgeſchenk für die Dienerſchaft! Es iſt himmelſchreiend— das iſt Alles, was ich ſage. Ich bin nur ein armes Dienſtmäd⸗ chen, ich weiß es. Aber es iſt ein Unrecht, ein er⸗ bärmliches Unrecht, und ich mache mir den Teufel daraus, wenn es Jemand hört!“ Luiſe fuhr mit dem Einpacken ſort. „Sehen Sie nur einmal ihre Kleider an!“ ſprach das Hausmädchen weiter, indem es mit ihrer Hand unwillig auf das Bett hindeutete.„Ich bin nur ein armes Mädchen— aber ich möchte den beſten Collins, Namenlos. IV.„ 6 Mann von der Welt ohne einen neuen Rock auf meinem Leibe nicht heirathen. Schauen Sie her! Schauen Sie auf dieß ungeſchlachte braune Ding daher! Alpaca! Sie werden doch dieß Alpacazeug nicht mit einpacken oder? Warum? es iſt ja kaum für ein Dienſtmädchen groß genug! Ich weiß wahr⸗ haftig nicht ob ich es als Geſchenk annähme, wenn man mir's offerirte. Es würde für mich erſt recht ſein, wenn ich es am Saum unten etwas einſchlüge und in der Taille um etwas ausließe— und es würde nicht ſo ſchlecht ausſehen mit einem Bischen hellem Aufpuz, nicht wahr?“ „Scheeren Sie ſich nicht um das Kleid da, wenn Sie ſo gut ſein wollen,“ ſagte Luiſe ruhig wie immer. „Was ſagten Sie da?“ fragte die Andere im Zweifel, ob ihre Ohren ſie nicht getäuſcht hätten. „Ich ſagte— ſcheeren Sie ſich nicht um das Kleid da. Es gehört meiner Herrſchaft und ich habe von meiner Herrſchaft den Auftrag, Alles im Zimmer einzupacken. Durch Ihr bloßes Herein⸗ kommen leiſten Sie mir keinen Beiſtand— Sie ſtehen mir nur allzu viel im Wege.“ „Gut!“ ſagte das Hausmädchen,„Sie mögen wohl in London aufgewachſen ſein, wie die Leute ſagen. Aber wenn dieß Ihre Bildung iſt— ſo ziehe ich mir Suffolk vor!“ Sie öffnete mit einem zornigen ſchnellen Griff in die Klinke die Thüre, ſchlug ſie heftig zu, öffnete ſie wieder und ſchaute herein. „Ich ziehe Suffolk vor!“ ſagte das Hausmäd⸗ chen mit einem verabſchiedenden Kopfnicken, um die Schärfe ihres Spottes noch ſpiziger zu machen. 2 L laſſen kleine merkſ ſelben um j Wert! ſie zu darau Schw koffer N im E die E keit in ſo ger ſie ih trat. ohne vorüb Zitter Reiſe „ 75 2 ck auf her! B Luiſe fuhr, ohne ſich im Geringſten ſtören zu 5 Ding laſſen, mit ihrem Einpacken fort. cazeug Nachdem ſie das Weißzeug ganz ſauber in dem kaum kleinen Koffer vertheilt hatte, wandte ſie ihre Auf⸗ wahr⸗ merkſamkeit zunächſt auf die Kleider. Sie ließ die⸗ wenn ſelben zuerſt eine ſorgfältige Muſterung paſſiren, ſt recht⸗ um ſich zu überzeugen, welches das am wenigſten ſchluͦge Werthvollſte in der Sammlung ſei. Dieſes wollte und as ſie zu unterſt in den Koffer placiren und die übrigen Bischen darauf legen. Sie traf ihre Wahl ohne die geringſte Schwierigkeit: das erſte Kleid, das ſie in den Reiſe⸗ „wenn koffer legte, war— die braune Alpacarobe. nen MNittllerweile war Magdalene mit dem Capitän tten im Erdgeſchoße zuſammengetroffen. Obgleich ihm das die Ermüdung in ihrem Geſichte und die Langſam⸗ 2 ich keit in allen ihren Bewegungen nicht entgehen konnte, ues im ſo gewährte es ihm doch Beruhigung, zu ſehen daß Herein⸗ ſie ihm mit vollkommener Gemüthsruhe entgegen Sie trat. Sie beſaß ſogar Faſſung genug, daß ſie ihn ohne ein anderes Zeichen der Aufregung als ein vorübergehendes Wechſeln der Farbe und ein leiſes bgal Zittern ihrer Lippen nach den Neuigkeiten ſeiner 4 nis Reiſe befragte. „So viel für die Vergangenheit,“ ſagte Capitän Wragge, als er mit der Erzählung ſeiner Expedition en Griff nach London über Heiligenkreuz zu Ende gekommen öffnete war.„Jezt zur Gegenwart. Der Bräutigam—“ ausmäd⸗„Wenn es Ihnen nichts ausmacht,“— fiel ſie un die ein,„ſo nennen Sie ihn Herrn Noel Vanſtone.“ „Herzlich gerne. Herr Noel Vanſtone kommt hen. dieſen Nachmittag hieher, um bei uns zu ſpeiſen und den Abend zuzubringen. Er wird bis zum höchſten Grade langweilig ſein— aber wie alle langweiligen Leute werden wir ihn um keinen Preis vom Halſe bekommen. Ehe er kommt, habe ich mit Ihnen noch ein oder zwei lezte Worte der Vorſicht heimlich ins Ohr zu ſagen. Morgen um dieſe Zeit werden wir Beide von einander Abſchied genommen 1 haben, ohne eine beſtimmte Gewißheit darüber zu haben ob wir uns je wieder treffen werden. Es liegt mir ſehr am Herzen, Ihren Intereſſen treu bis zum Ende zu dienen— es liegt mir daran daß Sie, wenn wir einander Lebewohl ſagen, ſelbſt fühlen daß ich Alles gethan habe was ich für Ihre künf⸗ tige Sicherheit thun konnte.“ Magdalene blickte ihn erſtaunt an. Er ſprach mit verändertem Tone. Er war aufgeregt, ſein Be⸗ nehmen war im Ernſt auffallend. Etwas in ſeinem Blick und ſeiner Miene rief in ihr Gedächtniß die erſte Nacht in Aldborough zurück, als ſie ihm in der dunkeln Einſamkeit ihr Herz geöffnet hatte, als ſie Beide auf dem Raſenabhang des Wartthurms bei⸗ ſammengeſeſſen hatten. „Ich habe keine Urſache anders als freundlich Ihrer zu gedenken,“ ſagte ſie. 1 Capitän Wragge verließ plözlich ſeinen Seſſel und machte einen Gang durch das Zimmer auf und ab. Magdalenens lezte Worte ſchienen eine außerordentliche Verwirrung in ihm hervorgebracht zu haben. „Gott verdamme mich!“ brach er heraus;„ich kann Sie das nicht ſagen laſſen. Sie haben mehr Grund von mir übel zu denken. Ich habe Sie be⸗ nahn Müh ſage fragt heit 3 zum ie alle Preis iſch mit Borſicht ſe Zeit ommen ber zu* n. Es reu bis aß Sie, fühlen e künf⸗ ſprach ein Be⸗ ſeinem niß die in der als ſie ms bei⸗ eundlich Seſſel ner auf een eine gebracht 18;„ich den mehr Sie be⸗ trogen. Sie erhielten von Anfang bis zum Ende nie Ihren reinen Gewinnantheil von den dramati⸗ ſchen Unterhaltungen. Da! jezt iſt der Mord heraus!“ Magdalene lächelte und gab ihm ein Zeichen, ſich wieder auf ſeinen Stuhl niederzuſezen. „Ich weiß wohl daß Sie mich betrogen,“ ſagte ſie ruhig.„Sie befanden ſich in der Ausübung Ihres Berufes, Capitän Wragge. Ich ſah das gleich voraus, als ich mit Ihnen zuſammentraf. Ich ließ damals keine Klage darüber fallen und thue es auch jezt nicht. Wenn das Geld, das Sie nahmen, irgend eine Entſchädigung für all die Mühe iſt, die Sie ſich mit mir gegeben haben, ſo ſage ich Ihnen ein herzliches Proſit dazu.“ „Wollen Sie mir die Hand darauf geben?“ fragte der Capitän mit einer verlegenen Unbeholfen⸗ heit und Zurückhaltung, die auffallend war und gegen ſein ſonſtiges leichtes Benehmen gewaltig abſtach. Magdalene reichte ihm ihre Hand. Er drückte ſie derb. „Sie ſind ein ſeltſames Mädchen,“ ſagte er, indem er ſich bemühte, einen leichtern Ton anzu⸗ ſchlagen.„Sie haben da eine Feſſel um mich ge⸗ legt, in die ich mich durchaus nicht fügen kann. Ich bin halb untröſtlich darüber, daß ich das Geld von Ihnen nahm, und jezt, Sie bedürfen es doch jezt nicht?“ Er zögerte unſchlüſſig.„Ich wünſchte bei⸗ nahe daß ich Ihnen nie auf den Wällen von York begegnet wäre.“ „Dieſer Wunſch kommt zu ſpät, Capitän Wragge. Sprechen Sie nicht weiter davon. Sie würden mich nur betrüben— ſprechen Sie nicht weiter davon. Wir haben über andere Gegenſtände zu reden. Was ſind das für Worte der Vorſicht, welche Sie mir heimlich ins Ohr ſagen wollten?“ Der Capitän machte abermals einen Gang durch das Zimmer und zerarbeitete ſich, um wieder in ſeinen alltäglichen Character hineinzukommen. Er zog aus ſeinem Taſchenbuch Frau Lecounts Brief an ihren Herrn heraus und händigte ihn Magda⸗ lenen ein. „Das iſt der Brief, der uns ruinirt hätte, wenn er an ſeine Adreſſe gelangt wäre,“ ſagte er.„Leſen Sie ihn ſorgfältig durch. Ich habe eine Frage an Sie zu ſtellen, wenn Sie damit fertig ſind.“ Magdalene las den Brief. „Was iſt das für ein Beweis,“ fragte ſie,„auf den Frau Lecount mit ſo vieler Zuverſicht ſich be⸗ zieht?“ „Die nämliche Frage war ich im Begriff an Sie zu ſtellen,“ ſagte Capitän Wragge.„Ziehen Sie Ihr Gedächtniß darüber zu Rathe, was vorfiel, als Sie jenes Experiment in der Vauxhallpromenade unter⸗ nahmen. Erhielt Frau Lecount keinen andern Vor⸗ theil über Sie, als jenen welchen Sie mir bereits mitgetheilt haben?“ „Sie entdeckte daß mein Geſicht verſtellt war und ſie hörte mich in meiner eigenen Stimme ſprechen.“ „Und ſonſt nichts?“ „Weiter nichts.“ „Sehr gut. Dann iſt meine Auslegung des Briefes offenbar die richtige. Der Beweis, auf den ſich Frau Lecount bezieht, iſt meiner Frau verdammte Spu Geſe Van Zeu⸗ zu 2 Tan Frat Wra gar ruhi Leco Mal ja d reich ihn verg 1 nern rend etwa mach lich Sich lang Mafß Darr erſt gen, was ſezlie ſam Havon. Was e mir durch der in . Er Brief tagda⸗ wenn „Leſen ge an „auf ch be⸗ m Sie Bie Ihr ls Sie unter⸗ 1 Vor⸗ bereits ar und echen.“ ig des uf den ammte 79 Spuckgeſchichte— und dieſe iſt auf gut engliſch die Geſchichte von Fräulein Bygrave, welche in Fräulein Vanſtones Verkleidung geſehen worden iſt. Der Zeuge iſt die nämliche Perſon, welche ſich ſpäterhin zu Aldborough in der Rolle von Fräulein Bygraves Tante präſentirte. Ein ausgezeichneter Vortheil für Frau Lecount, wenn ſie nur zu rechter Zeit an Frau Wragge ihre Hand anlegen kann— und ganz und gar kein Vortheil, wenn ſie dieß nicht kann. Be⸗ ruhigen Sie ſich immerhin über dieſen Punct. Frau Lecount und meine Frau haben einander zum lezten⸗ Mal geſehen. Mittlerweile vernachläßigen Sie aber ja die Warnung nicht, die ich Ihnen durch Ueber⸗ reichung dieſes Briefes ertheilt habe. Zerreißen Sie ihn wegen der Gefahr zufälliger Entdeckung— aber vergeſſen Sie ihn nicht.“ „Seien Sie getroſt, ich werde mich daran erin⸗ nern,“ verſezte Magdalene, indem ſie den Brief wäh⸗ rend des Sprechens vernichtete;„haben Sie mir noch etwas weiter zu ſagen?“ „Ich habe Ihnen noch einige Mittheilungen zu machen,“ ſagte Capitän Wragge,„welche Ihnen nüz⸗ lich ſein dürften, weil ſie ſich auf Ihre zukünftige Sicherheit beziehen. Bedenken Sie wohl, ich ver⸗ lange nichts zu wiſſen von Ihren Schritten und Maßregeln, wenn der morgige Tag vorüber iſt.— Darüber ſind wir ins Reine gekommen, als wir zu⸗ erſt dieſe Materie beſprachen. Ich ſtelle keine Fra⸗ gen, ich ſpreche keine Muthmaßungen aus. Alles was ich jezt zu thun wünſche iſt, Sie auf Ihre ge⸗ ſezliche Stellung nach Ihrer Vermählung aufmerk⸗ ſam zu machen und es dann Ihnen zu überlaſſen, von Ihrer Kenntniß nach Ihrem eigenen und allei⸗ nigen Gutdünken beliebigen Gebrauch zu machen. Ich holte über dieſen Punct während meiner Anwe⸗ ſenheit in London das Gutachten eines Advocaten ein, weil ich mir vorſtellte, es dürfte für Sie nüz⸗ lich ſein.“ „Sicherlich iſt es mir nüzlich. Was ſagte der Advocat?“ „Um es klar und deutlich herauszuſagen, ſo be⸗ ſtand das was er ſagte in Folgendem. Wenn Herr Noel Vanſtone jemals entdeckt daß Sie ihn vorſäz⸗ lich unter einem falſchen Namen geheirathet haben, ſo kann er den geiſtlichen Gerichtshof anrufen, um die Heirath für null und nichtig erklären zu laſſen. Das Gelingen dieſer Anrufung iſt von dem Urtheil der Richter abhängig. Wenn er aber beweiſen könnte, daß er abſichtlich getäuſcht worden iſt, ſo würde das richterliche Urtheil dieſen Fall als einen ſehr er⸗ ſchwerten auffaſſen.“ „Nehmen wir an, ich wollte nun ſelbſt dieſe Be⸗ rufung anſtellen?“ ſagte Magdalene neugierig.„Was dann?“ „Sie können die Berufung immerhin ergreifen,“ erwiderte der Capitän.„Aber bedenken Sie nur dies Eine— Sie würden nur mit dem Anerkennt⸗ niß Ihres eigenen Betruges vor das Gericht treten. Ich uͤberlaſſe es Ihnen zu ermeſſen, was die Richter davon denken würden.“ „Sagte Ihnen der Advocat ſonſt noch etwas?“ „Noch Eines außerdem,“ ſagte Capitän Wragge. „Was auch das Geſez mit der Heirath bei Lebzeiten beider Parteien thun mag— beim Tode eines der allei⸗ nachen. Anwe⸗ ocaten e nüz⸗ gte der ſo be⸗ n Herr vorſäz⸗ haben, n, um laſſen. Urtheil könnte, de das ehr er⸗ ſe Be⸗ „Was reifen,“ ie nur rkennt⸗ treten. Richter twas?“ Pragge. bzeiten nes der 81 beiden Ehegatten würde keine Berufung welche der überlebende Theil anſtellen würde irgend eine Wir⸗ kung haben, und in Bezug auf dieſen überlebenden Theil die Heirath fernerhin in rechtskräftiger Gil⸗ tigkeit verbleiben. Verſtehen Sie? Wenn er ſtirbt oder wenn Sie ſterben— und wenn kein Scheidungs⸗ antrag vor Gericht geſtellt worden iſt— ſo würden weder er, der Ueberlebende, noch Sie, die Ueberle⸗ bende, Macht haben die Geſezlichkeit der Heirath an⸗ zuſtreiten. Aber wenn noch zu Ihren beiderſeitigen Lebzeiten er das Gericht um Auflöſung der Ehe an⸗ ruft, ſo iſt der Vortheil auf ſeiner Seite und er wird unbezweifelt ſeine Abſicht erreichen.“ Er blickte auf Magdalene mit verſtohlener Neu⸗ gierde hin, als er dieſe Worte ſprach. Sie wandte ihren Kopf abwärts, indem ſie zerſtreut ihre Uhrkette in einen Knäuel zuſammenband und ſie dann wieder auflöste, aber dabei ſichtlich mit der geſpannteſten Gedankenfolge darüber nachdachte, was er zulezt zu ihr geſagt hatte. Capitän Wragge ging unruhig ans Fenſter und ſchaute hinaus. Der erſte Gegen⸗ ſtand der ſeinem Auge begegnete, war Herr Noel Vanſtone, der von der Seeausſicht her ſich näherte. Er kehrte augenblicklich wieder an ſeinen vorigen Plaz im Zimmer zurück und wendete ſich noch ein⸗ mal an Magdalene. „Da iſt Herr Noel Vanſtone,“ ſagte er.„Eine lezte Vorſicht, bevor er kommt: Seien Sie auf Ihrer Hut gegen ihn rückſichtlich Ihres Alters. Er ſtellte an mich in dieſem Betreff die Frage, ehe er die Trauungserlaubniß einholte. Ich ſchlug den kürzeſten Weg in dieſer difficilen Sache ein und ſagte, Sie ſeien einundzwanzig— und dieſem zufolge gab er ſeine Erklärung ab. Machen Sie ſich keine Sorge um meinetwillen; übermorgen bin ich unſichtbar; aber in Ihrem eigenen Intereſſe vergeſſen Sie nicht, wenn der Gegenſtand jemals zur Sprache kommt, daß Sie das Alter haben. Weiter weiß ich nichts mehr. Sie ſind nun mit jeder erforderlichen War⸗ nungsmittheilung verſehen die ich Ihnen geben konnte. Was auch in der Zukunft ſich zutragen mag— ſo denken Sie daran, daß ich mein Beſtes gethan habe!“ Er eilte ohne auf eine Antwort zu warten an die Thüre und ging in den Garten hinaus, um ſei⸗ nen Gaſt zu empfangen. Herr Noel Vanſtone erſchien am Gartenthor und brachte ſein Brautgeſchenk mit feierlicher Miene in ſeinen beiden Händen nach Nordſteinvilla. Der fragliche Gegenſtand war ein altes Käſtchen(eine von ſeines Vaters Erhandelſchaften); innen im Käſt⸗ chen lag eine altmodiſche Karfunkelbroche, in Silber gefaßt(ein weiterer von ſeines Vaters Einkäufen)— beides Brautgeſchenke, welche das unſchäzbare Ver⸗ dienſt beſaßen, daß ſie ſein Geld unberührt in ſeiner Taſche ließen. Sein Kopf wackelte ungeheuerlich hin und her, als ihn der Capitän um ſeine Geſundheit und Laune befragte. Er hatte eine ſchlafloſe Nacht durchgemacht; eine unbezwingliche Angſt vor einem unerwarteten Wiedererſcheinen der Frau Lecount war auf ihn eingedrungen, ſobald er ſich wiederum al⸗ lein in ſeinem Landhaus befunden hatte. Die See⸗ ausſicht roch nach der Lecount: die Seeausſicht(ob⸗ gleich ſie auf Pfählen erbaut und das feſteſte Haus in ganz England war) war ihm von jezt an uner⸗ * trät füh non Da chen er Sie ihn und ſtehe darc viell wor! more ſollte ſern auf ſichtl Aldl Frag wollt Wo brach Wah nach aufſe des 3 des zwing deſſen poſiti genhe 83 2 b er träglich. Er hatte dies die ganze Nacht hindurch ge⸗ Sorge fühlt und ebenſo war auch das Gefühl ſeiner über⸗ tbar; nommenen Verantwortlichkeiten über ihn gekommen. nicht Da war, um damit zu beginnen, das Kammermäd⸗ mmt, chen. Jezt, nachdem er ſie gedungen hatte, begann nichts er zu befürchten, ſie würde vielleicht nicht genügen. War⸗ Sie konnte ihm krank in die Hände fallen, ſie konnte onnte. ihn durch einen falſchen Character betrogen haben; ſie ſo und die Hotelwirthin konnten mit einander im Bunde abe!“ ſtehen. Schrecklich! Wirklich ſchrecklich der Gedanke n an daran! Dann kam die zweite Verantwortlichkeit— m ſei⸗ vielleicht die ſchwerſte von beiden— die Verant⸗ wortlichkeit ſich zu entſcheiden, zu entſcheiden wo er rzund morgen hingehen und den Honigmond zubringen nenin ſollte. Er würde eines von ſeines Vaters Landhäu⸗ Der ſern vorgezogen haben. Aber mit Ausnahme jenes eeine auf der Vauxhallpromenade(gegen welches voraus⸗ Käſt⸗ ſichtlich Einwendungen gemacht würden) und jenes zu Silber Aldborough(welches natürlicher Weiſe außer aller e1d) e Frage ſtand) waren alle Häuſer vermiethet. Er Ner⸗ wollte ſich ſelbſt in Herrn Bugraves Hände geben. ſeiner Wo hatte Herr Byugrave ſeine Flitterwochen zuge⸗ ich hin bracht? Wo würde Herr Bygrave, wenn ihm die adheit Wahl auf den brittiſchen Inſeln freigeſtellt würde, Alacht nach ſorgfältiger Erwägung aller Umſtände ſein Zelt eluem aufſchlagen? Bei dieſem Puncte kamen die Fragen it war des Bräutigams plözlich zu Ende und das Geſicht al⸗ des Bräutigams nahm den Ausdruck eines unbe⸗ n Se zwinglichen Erſtaunens an. Sein verſtändiger Freund, zt(ob⸗ deſſen Rath ihm bei jedem andern Vorfall zur Dis⸗ 1Sn poſition geſtanden hatte, drehte ſich bei der Angele⸗ uner⸗ genheit der Flitterwochen plözlich nach ihm um und lehnte es platterdings ab ſich über dieſen Gegen⸗ ſtand in ein Geſpräch einzulaſſen.„Nein!“ ſagte der Capitän, als Herr Noel Vanſtone ſeine Lippen öffnete, um ihn zum Anhören zu bewegen,„Sie müſſen mich in der That entſchuldigen. Meine Le⸗ bensanſicht in dieſer Angelegenheit iſt wie gewöhn⸗ lich eine ganz eigenthümliche. Ich habe ſeit einiger Zeit in einer Atmoſphäre von Betrug gelebt, um Ihren Wünſchen zu willfahren. Dieſe Atmoſphäre, mein guter Herr, wird dämpfig und ſpannend— mein moraliſches Weſen verlangt Auslüftung. Brin⸗ gen Sie die Wahl der Localität mit meiner Nichte in Ordnung und laſſen Sie mich auf mein beſonderes An⸗ ſuchen in totaler Unwiſſenheit über dieſen Gegenſtand. Frau Lecount wird ſicher bei ihrer Rückkehr von Zürich hierher kommen und mich eben ſo ſicher fra⸗ gen wohin Sie gegangen ſind. Sie mögen es ſelt⸗ ſam finden, Herr Vanſtone— aber wenn ich ſage, ich weiß es nicht, ſo wünſche ich das ungewohnte und köſtliche Gefühl zu genießen, einmal wieder die Wahrheit geſagt zu haben!“ Nach dieſen Worten öffnete er die Thür zum Prunkzimmer, führte Herrn Noel Vanſtone zu Mag⸗ dalene hinein, entfernte ſich wieder unter Bücklingen aus dem Zimmer und ſezte ſich ſofort allein in Be⸗ wegung, um ſich den übrigen Theil des Nachmittags durch einen Spaziergang zu zerſtreuen. Sein Geſicht zeigte deutlich Spuren von Beſorgniß und ſeine doppelfarbigen Augen ſchauten mißtrauiſch bald dahin bald dorthin, als er längs des Strandes dahinſchlen⸗ derte.„Die Zeit hängt ſchwer über unſern Schul⸗ egen⸗ ſagte ippen „Sie e Le⸗ vöhn⸗ iniger „ um phäre, nd— b ſage, vohnte der die r zum Mag⸗ klingen in Be⸗ nittags Geſicht p ſeine ddahin nſchlen⸗ Schul⸗ 8⁵ tern,“ dachte der Capitän.„Ich wünſchte, der mor⸗ gige Tag wäre ſchon da und bereits vorbei.“ Der Tag verfloß und Nichts fiel vor; Abend und Nacht folgten ruhig und ereignißlos. Der Montag kam. Ein unumwölkter, lieblicher Tag— der Montag beſtätigte des Capitäns Verſicherung, daß die Heirath eine beſtimmte Gewißheit ſei. Ge⸗ gen zehn Uhr ſtieg der Meßner die Stufen zur, Kirche hinan und führte gegen den Kirchenſtuhlöffner als er ihm in der Vorhalle begegnete, das alt Sprüchwort an: „Glücklich die Braut, auf welche die Sonne ſcheint.“ Eine Viertelſtunde ſpäter war das Brautpaar in der Sacriſtei und der Geiſtliche ging an den Altar. So ſorgfältig das Geheimniß auch bewahrt worden war, ſo war doch das Oeffnen der Kirche am Mor⸗ gen hinlänglich geweſen, um es zu verrathen. Eine kleine Verſammlung, beinahe ganz aus Frauen be⸗ ſtehend, ſaß in den Kirchenſtühlen da und dort zer⸗ ſtreut herum. Kirkes Schweſter und ihre Kinder waren eben bei einer Freundin in Aldborough auf Beſuch eingekehrt— und Kirkes Schweſter beſand ſich unter dieſer Verſammlung. Als das Brautpaar die Kirche betrat, ging die hohle Furcht vor Frau Lecount von Herrn Noel Vanſtone auch auf den Capitän über. In den erſten paar Minuten forſch⸗ ten ihre beiderſeitigen Augen unter den Frauen in den Kirchſtühlen mit gleichem ſuchenden Eifer und blickten mit dem gleichen Gefühl der Beruhigung wieder zurück. Der Geiſtliche bemerkte dieſen Blick und unterſuchte den Erlaubnißſchein genauer denn gewöhnlich. Der Meßner begann heimlich zu zwei⸗ feln, ob wohl das alte Sprüchwort in Betreff der Braut ein in allewege anwendbares ſei. Die weib⸗ lichen Glieder der Verſammlung murmelten unter ſich über die unentſchuldbare Rückſichtsloſigkeit die ſich in dem Kleide der Braut zu erkennen gab. Kirkes Schweſter flüſterte giftig ihrer Freundin ins Ohr: „Gott ſei Dank für heute um Roberts willen!“ Frau Wragge weinte in der Stille, indem ſie irgend ein drohendes Unheil befürchtete, ſie wußte nicht welches. Die einzige anweſende Perſon, welche äußerlich unerſchüttert blieb, war Magdalene ſelbſt. Sie ſtand mit thränenloſer Ergebung auf ihrem Plaze vor dem Altar, ſtand da, als ob alle Sehnen menſchlicher Bewegung in ihr eingefroren wären. Was ſie dieſen Morgen litt, litt ſie in der Tiefe ihres Herzens, wohin keine ſterbliche Einſicht einzu⸗ dringen vermag. Der Pfarrer öffnete das Buch. ** Es war vorbei. Die erhabenen Worte, welche von der Erde zum Himmel dringen, waren ausge⸗ ſprochen. Die Kinder der zwei todten Brüder, die Erben einer unverſöhnlichen Feindſchaft, welche ihre Väter getrennt hatte, waren Mann und Weib. Von dieſem Augenblick an eilten die Ereigniſſe mit einer überſtürzenden Schnelligkeit nach der Abſchieds⸗ ſcene hin. Sie befanden ſich ſchon wieder daheim, während die Trauungsworte noch in ihren Ohren zu klingen ſchienen.“ Ehe ſie fünf Minuten die Thür 5 denn zwei⸗ f der weib⸗ er ſich ſich Kirkes hr: llen!“ im ſie wußte welche ſelbſt. ihrem Sehnen wären. Tiefe einzu⸗ welche ausge⸗ er, die he ihre Weib. iſſe mit ſchieds⸗ daheim, hren zu ie Thür 87 zugemacht hatten, hielt der Wagen vor dem Garten⸗ thore. Eine Minute ſpäter noch kam die Gelegenheit, auf welche Magdalene und der Capitän ſehnlich ge⸗ wartet hatten— die Gelegenheit, zum lezten Male unter vier Augen mit einander zu ſprechen. Sie be⸗ wahrte noch ihre eiſige Reſignation, ſie ſchien jezt außer jedem Bereich der Furcht, von der ſie einſt bewältigt wurde, und der Reue, welche einſt ihre Seele folterte. Mit feſter Hand gab ſie ihm das verſprochene Geld. Mit feſtem Geſicht ſah ſie ihn zulezt an. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen,“ flüſterte er mit lebhaftem Tone zu ihr.„Ich habe bloß gethan was Sie von mir verlangten.“ Sie nickte mit ihrem Haupte, ſie beugte ſich milde gegen ihn hin und ließ ihn mit ſeinen Lippen ihre Stirne berühren. „Seien Sie auf der Hut!“ ſagte er.„Meine lezten Worte ſind— Um Gottes willen, ſeien Sie auf der Hut, wenn ich fort bin.“ Sie wandte ſich mit einem Lächeln von ihm ab und ſagte nun zu ſeiner Frau die Worte des Lebe⸗ wohls. Frau Wragge bot mit Mühe Allem auf, um wacker den Verluſt zu ertragen— den Verluſt der Freundin, deren Gegenwart wie ein Licht vom Himmel auf den dunkeln Pfad ihres Lebens ge⸗ fallen war. „Sie ſind immer ſehr gütig mit mir geweſen, meine Liebe! Ich danke Ihnen dafür freundlich, ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen!“ Mehr konnte ſie nicht ſprechen— ſie klammerte ſich an Magdalene unter leidenſchaftlichen Thränen 88 an, wie ihre Mutter ſich an ſie angeklammert haben würde, wenn ſie noch gelebt und dieſen ſchrecklichen Tag geſehen hätte. „Ich bin in großer Angſt um Sie!“ rief das arme Geſchöpf mit wilder, wehklagender Stimme. „Ach, mein Liebling, ich bin in Angſt um Sie!“ Magdalene machte ſich mit verzweifelter An⸗ ſtrengung frei, küßte ſie und eilte zum Zimmer hin⸗ aus. Der Ausdruck dieſer ungekünſtelten Dankbarkeit, der Schrei dieſer argloſen Liebe rührte ſie mehr als Alles was dieſen Tag über ſie gekommen war. Es war für ſie ein rettender Nothanker, daß ſie ſich in den Wagen begeben ſollte— eine Zuflucht, obgleich der Mann den ſie geheirathet hatte am Thore da⸗ ſtand und auf ſie wartete. Frau Wragge verſuchte es ihr in den Garten nachzufolgen. Aber der Capitän hatte Magdalenens Antliz geſehen, als ſie hinausſtürzte, und er hielt mit feſter Hand ſeine Frau im Hausgange zurück. Aus dieſer Entfernung wurden die lezten Abſchieds⸗ worte gewechſelt. So lang als der Wagen noch in Sicht war, ſahen Magdalenens Augen nach ihnen zurück; ſie winkte noch mit ihrem Taſchentuche, als er um die Ecke hinum fuhr. Einen Moment ſpäter war das Band welches ſie an einander geknüpft hatte zerriſſen; „der vertraute Umgang mancher Monate war bloß mehr eine Sache die der Vergangenheit angehörte! Capitän Wragge verſchloß die Hausthüre vor den müßigen Gaffern die von dem öffentlichen Spaß ziergang herüber ſahen. Er führte ſein Weib wieder zurüͤck in das Puzzimmer und ſprach mit einer Nach⸗ ſicht ſeiner „ Capitä Wragg Miene war ve rigkeit weckt. Coll haben lichen [das imme. 17 An⸗ r hin⸗ arkeit, hr als -. Es ſich in bgleich dre da⸗ Garten alenens er hielt zurück. ſchieds⸗ st war, uck; ſie um die var das erriſſen; dar bloß ehörte! üre vor en Spaßz H wieder eer Nach⸗ 89 ſicht zu ihr, welche ſie noch niemals in ihrem Leben ſeiner Seits von ihm gehört hatte. „Sie iſt ihres Weges fortgegangen,“ ſagte er, „und in der andern Stunde werden wir unſers Weges fortgegangen ſein. Weine Dich aus— ich will es Dir nicht verbieten: ſie iſt es werth daß man um ſie weint.“ Sogar dann— ſogar als die Furcht für Mag⸗ dalenens Zukunft am düſterſten auf ſeiner Seele lag— klebte die herrſchende Gewohnheit ſeines Le⸗ bens an ihm. Mechaniſch ſchloß er ſein Bücher⸗ futteral auf. Mechaniſch öffnete er ſein Rechnungs⸗ buch und verzeichnete darin den Schlußeintrag— den Eintrag ſeines lezten Geſchäftes mit Magdalene— ſchwarz auf weiß. „Erhalten von Fräulein Vanſtone,“ ſchrieb der Capitän mit düſterer Augenbraue,„zweihundert Pfund.“ „Du willſt nicht böſe auf mich ſein?“ ſagte Frau Wragge, indem ſie durch ihre Thränen mit ſcheuer Miene auf ihren Ehegatten blickte.„Ich wünſchte ſo gerne ein Wort des Troſtes, Capitän. Ach, ſage mir doch— wann werde ich ſie wieder ſehen?“ Der Capitän ſchloß das Buch und antwortete mit dem einzigen unerbittlichen Worte: „Niemals!“ Zwiſchen eilf und zwölf Uhr in jener Nacht fuhr Frau Lecount in Zürich ein. Ihres Bruders Haus war verſchloſſen, als ſie davor anhielt. Mit Schwie⸗ rigkeit und Zeitaufwand wurde die Dienſtmagd ge⸗ weckt. Dieſe hielt ihre Hände in ſprachloſem Er⸗ Collins, Namenlos. IV. 7 ſtaunen empor, als ſie die Thüre öffnete und ſah, wer der Beſuch war. „Iſt mein Bruder noch am Leben?“ fragte Frau Lecount, indem ſie in das Haus trat. „Noch am Leben!“ wiederholte es aus dem Munde der Magd.„Er iſt, um ſich einen vergnüg⸗ ten Tag zu machen, um ſeine Geneſung in der fri⸗ ſchen Luft zu beendigen, auf das Land gegangen.“ Die Haushälterin taumelte gegen die Wand des Hausganges zurück. Der Kutſcher und die Magd ſezten ſie in einen Seſſel. Ihr Geſicht war leichenblaß und ihre Zähne klapperten an einander. „Schicken Sie nach dem Arzt meines Bruders,“ ſagte ſie, ſobald ſie wieder ſprechen konnte. Der Doctor kam. Sie überreichte ihm einen Brief, ehe er nur ein Wort ſprechen konnte. „Schrieben Sie dieſen Brief?“ Er überflog ihn mit raſchem Blicke und antwortete ihr ohne Zögern: „Gewiß nicht.“ „Es iſt Ihre Handſchrift.“ „Es iſt eine Fälſchung meiner Handſchrift.“ Sie erhob ſich von ihrem Stuhle, mit einer neuen Kraft in ihrem Innern. „Wann kehrt der Poſtwagen wieder nach Paris zurück?“ fragte ſie. „In einer halben Stunde.“ „Mach Dich augenblicklich auf und beſtelle einen Plaz darin!“ Die Magd zögerte, der Arzt brachte Einwendun⸗ gen vor; ſie blieb taub gegen beide. . beſte Unte verfl Poſt. ducte herge wiede Nehn unter D des n Lecou nd ſah, te Frau 1s dem ergnüg⸗ der fri⸗ ngen.“ and des n einen Zähne ruders,“ e. Der ief, ehe twortete ft u er neuen h Paris ‚elle einen wendun⸗ 91 „Fort,“ wiederholte ſie,„oder ich gehe ſelber.“ Man gehorchte. Die Magd ging einen Plaz zu beſtellen. Der Doctor blieb zurück und pflog eine Unterredung mit Frau Lecount. Als die halbe Stunde verfloſſen war, half er ihr auf ihren Plaz in den Poſtwagen hinein und bedeutete heimlich den Con⸗ ducteur, auf ſeine Paſſagierin Acht zu haben. „Sie iſt ohne irgend einen Halt von England hergereist,“ ſagte der Doctor;„und ſie reist jezt wieder ohne nur im mindeſten auszuruhen zurück. Nehmen Sie ſich ihrer ſorgfältig an, oder ſie wird unter der doppelten Reiſe zuſammenbrechen.“ Der Poſtwagen fuhr ab. Ehe die erſte Stunde des neuen Tages zu Ende war, befand ſich Frau Lecount wieder auf dem Wege zurück nach England. Ende der vierten Scene. Zwiſchenſcene. I. Georg Bartram an Noel Vanſtone. Heiligenkreuz, den 4. September 1817. „Mein lieber Noel— hier ſind gleich von vorne⸗ herein zwei offene Fragen. Im Namen alles My⸗ ſteriöſen, warum hältſt Du Dich ſo verborgen? Und warum wird Alles was ſich auf Deine Verheirathung bezieht wie ein undurchdringliches Geheimniß vor Deinen älteſten Freunden bewahrt? „Ich bin in Aldborough geweſen und habe mir Mühe gegeben Dich von dieſem Orte aus aufzu⸗ ſtöbern; aber ich bin nicht klüger zurückgekommen als ich gegangen bin. Ich habe mich ſodann an Deinen Sachwalter in London gewendet und in ſeiner Antwort die Mittheilung erhalten, daß Du ihm ver⸗ boten habeſt irgend Jemand den Ort Deines ver⸗ borgenen Aufenthalts zu eröffnen, ohne daß er vor⸗ her Deine Erlaubniß hiezu erhalten hätte. Alles was ich von ihm herausbringen konnte war, daß er den Mitta Meldr tet zu Du de altmod Schür⸗ um F mit m oder n einen ſtürzte ſich De lebendi 1817. vorne⸗ s My⸗ 2 Und athung iß vor be mir aufzu⸗ kommen unn an n ſeiner ſm ver⸗ es ver⸗ er vor⸗ Alles daß er 93 jeden Brief der ſeiner Beſorgung anvertraut werden dürfte an Dich befördern würde. Dieſem zufolge ſchreibe ich— und, merke es Dir, erwarte ich auch eine Antwort. „Du dürfteſt mich in Deiner übel gelaunten Weiſe vielleicht fragen was ich denn damit bezwecken will, mich in Deine Angelegenheiten zu miſchen, die Du geheim zu halten für gut befindeſt? Mein lieber Noel, es gibt einen ſehr ernſthaften Grund, aus welchem wir von dieſem Hauſe aus mit Dir einen Briefwechſel eröffnen. Du weißt nicht welche Ereigniſſe zu Heiligenkreuz ſtattgefunden haben, ſeit Du fortgerannt biſt um Dich zu vermählen, und ob⸗ gleich ich das Briefſchreiben verwünſche, ſo muß ich doch heute eine Stunde von meiner Jagd aufopfern um Dir ein Licht aufzuſtecken. „Am dreiundzwanzigſten des lezten Monats wur⸗ den der Admiral und ich, als wir eben nach dem Mittagstiſch bei einem Glaſe Wein ſaßen, durch die Meldung geſtört, daß ein fremder Beſuch unerwar⸗ tet zu Heiligenkreuz angelangt ſei. Wer glaubſt Du daß dieſer Beſuch war? Frau Lecount! „Mein Onkel verließ augenblicklich mit jener altmodiſchen Junggeſellengalanterie, welche allen Schürzenträgerinnen gleichen Reſpect zollt, den Tiſch, um Frau Lecount zu bewillkommnen. Während ich mit mir noch uneins war, ob ich ihm folgen ſollte oder nicht, wurde meine Ueberlegung plözlich durch einen lauten Ruf vom Admiral unterbrochen. Ich ſtürzte in das Morgenzimmer— und dort befand ſich Deine unglückliche Haushälterin mehr todt als lebendig auf dem Sopha, mit allen weiblichen 94 Dienſtboten um ſich her. Sie war ohne Unterbre⸗ chung von England nach Zürich und von Zürich wieder zurück nach England gereist und ſchien, im Ernſt und buchſtäblich, an der Pforte des Todes zu ſtehen. Ich verſtändigte mich alsbald mit meinem Onkel, daß die erſte Maßregel die wir zu ergreifen hätten wäre, nach ärztlicher Hilfe zu ſchicken. Wir entſendeten auf der Stelle einen Reitknecht und ließen ſämmtliche Dienſtmädchen auf Frau Lecounts eigenes Verlangen ſich aus dem Zimmer entfernen. „Sobald wir allein waren, verſezte uns Frau Lecount durch eine einzige Frage in größtes Erſtau⸗ nen. Sie fragte ob Du einen Brief empfangen hätteſt, welchen ſie vor ihrer Abreiſe aus England an Dich hierher gerichtet habe. Als wir ihr er⸗ zählten daß der Brief auf Dein ausdrückliches Ver⸗ langen unter Couvert an Deinen Freund, Herrn Bygrave, befördert worden ſei, wurde ihr Geſicht aſchfarbig; und als wir hinzufügten, daß Du uns in Geſellſchaft des nämlichen Herrn Bygrave ver⸗ laſſen habeſt, ſchlug ſie ihre Hände zuſammen und ſtarrte uns an, als ob ſie ihre Beſinnung verloren hätte. Ihre nächſte Frage war:„Wo befindet ſich Herr Noel jezt? Wir konnten ihr bloß die einzige Antwort geben— Herr Noel hat uns davon nicht unterrichtet. Sie ſah bei dieſer Antwort vollkommen wie vom Donner gerührt aus.„Er iſt in ſein Ver⸗ derben gerannt,“ ſagte ſie.„Er iſt in Geſellſchaft des größten Spizbuben in England fortgegangen. Ich muß ihn finden! Ich ſage Ihnen, ich muß Herrn Noel finden; wenn ich ihn nicht ſogleich finde, wird es zu ſpät ſein. Er wird ſchon verhei⸗ ben, immer Haus (wenn nicht ein R Arzt er nin es m Interbre⸗ n Zürich ien, im Codes zu meinem ergreifen n. Wir cht und Lecounts atfernen. 1s Frau Erſtau⸗ pfangen England ihr er⸗ es Ver⸗ Herrn Geſicht Du uns ve ver⸗ ien und verloren ndet ſich einzige 8n nicht kommen in Ver⸗ ellſchaft gangen. ch muß ſogleich verhei⸗ 95⁵ rathet ſein!“ brach ſie ganz wie eine Wahnſinnige heraus.—„Auf Ehre und Seligkeit, er wird ſchon verheirathet ſein!“ Der Admiral, vielleicht unvor⸗ ſichtig aber in der beſten Abſicht, erzählte ihr daß Du bereits verheirathet ſeieſt. Da ſtieß ſie einen Schrei aus, daß die Fenſter davon erklirrten, und fiel wieder ohnmächtig in das Sopha zurück. Der Arzt kam gerade in dieſem critiſchen Zeitpunct und brachte ſie bald wieder zu ſich. Aber ſie wurde in derſel⸗ ben Nacht krank— und es ging mit ihr ſeitdem immer ſchlimmer und ſchlimmer— und der lezte ärztliche Bericht meldet, daß das Fieber an welchem ſie leidet auf dem beſten Wege iſt, ſich in ihrem Gehirne feſtzuſezen. „Nun, mein lieber Noel, haben weder mein Onkel noch ich den Wunſch, uns in Dein Vertrauen einzu⸗ drängen. Wir ſind natürlich erſtaunt über das außerordentliche Geheimniß, das über Dir und Dei⸗ ner Verheirathung ſchwebt, und wir können nicht blind gegen die Thatſache ſein, daß Deine Haus⸗ hälterin einen ſehr triftigen Grund hat, Frau Noel Vanſtone mit einer Feindſeligkeit und einem Miß⸗ trauen anzuſehen, welche, wie wir recht gerne glau⸗ ben, dieſe Dame nicht verdient. Was nun auch immer für ein ſeltſames Mißverſtändniß in Deinem Haushalt obwalten mag, das iſt Deine Sache (wenn Du es lieber für Dich behalten willſt) und nicht die unſrige. Alles, was zu thun wir irgend ein Recht haben, iſt nur Dir mitzutheilen was der Arzt ſagt; ſeine Patientin iſt irreredend geworden; er nimmt Anſtand für ihr Leben einzuſtehen, wenn es mit ihr ſo fortgeht wie gegenwärtig; und er 96 glaubt— da er findet daß ſie fortwährend nur von ihrem Herrn ſpricht— daß Deine Anweſenheit von Nuzen für ihre Beruhigung ſein könnte, wenn Du ſofort hieherkommen und ehe es zu ſpät iſt, Deinen Einfluß auf ſie ausüben könnteſt. „Was ſagſt Du dazu? Willſt Du aus der Dun⸗ kelheit die Dich umgibt auftauchen und nach Heiligen⸗ kreuz kommen? Wenn es ſich bloß um ein gewöhn⸗ liches Dienſtmädchen handelte, ſo könnte ich Deine zögernde Unſchlüſſigkeit, die Freuden Deiner Flitter⸗ wochen um eines ſolchen Gegenſtandes willen wie er ſich hier darbietet zu verlaſſen, wohl begreifen. Aber, mein lieber Camerad, Frau Lecount iſt keine gewöhnliche Dienſtmagd. Du haſt Verpflichtungen gegen ſie für ihre Treue und Anhänglichkeit, die ſie ſowohl zu Deines Vaters Zeiten als während Dei⸗ ner eigenen bewieſen hat, und wenn Du die Be⸗ klemmniſſe, welche dieſes unglückliche Weib beinahe zum Wahnſinn zu treiben ſcheinen, beſchwichtigen kannſt, ſo meine ich in der That daß Du hieher kommen und es thun ſollteſt. Von einem Ver⸗ laſſen der Frau Noel Vanſtone iſt natürlich keine Rede. Zu einer ſolch hartherzigen Maßregel liegt gar keine Nothwendigkeit vor. Der Admiral ver⸗ langte von mir, Dich daran zu erinnern daß er Dein älteſter lebender Freund ſei und daß ſein Haus Deiner Frau ebenſogut zur Verfügung ſtehe, wie es Dir ſelbſt von jeher zur Verfügung geſtanden habe. In dieſem großen Hauſe, wo man wie in einem Labyrinth herumirren kann, hat ſie nicht nöthig eine nähere Berührung mit dem Krankenzimmer zu fürch⸗ ten, und ich habe die Ueberzeugung, daß ſie troz fünf geſicht men, 1 97 n ſeiner Freund nur von aller Wunderlichkeiten meines Onkels dennoch nicht nheit von daran denken wird das Anerbiete wenn Du ſchaft zu verſchmähen. , Deinen„Habe ich Dir ſchon mitgetheilt da Ald borough reiste, um einen Leitfaden der Dun⸗ Aufenthalt aufzuſuchen und zu finden? Heiligen⸗ mir nicht erſt die Mühe nehmen umzublät gewöhn⸗ nachzuſehen. Wenn ich Dirs alſo bereits ich Deine ſage ich es wieder. Die Wahrheit liegt r Flitter⸗ ich zu Aldborough eine Bekanntſchaft machte, von illen wie welcher Du ſchon etwas weißt— wenigſtens vom begreifen. Hörenſagen. iſt keine„Nachdem ich mich vergebens in Deinem Land⸗ ichtungen haus zur Seeausſicht umgeſehen hatte, t, die ſie den Gaſthof tend Dei⸗ Die Wirthin konnte mir keine Auskun die Be⸗ in dem Augenblick, wo ich „um mich dort nach Dir zu erkundigen. ft geben; aber Deinen Namen erwähnte, beinahe fragte ſie mich ob ich mit Dir verwandt wäre— wichtigen und als ich ihr mittheilte, daß ich Dein V u hieher ſagte ſie, es wäre eben eine junge Dame i em Ver⸗ deren Name ebenfalls Vanſtone ſei, welche in ich keine Bekümmerniß wegen einer vermißten Ver gel liegt ſich befinde und welche ſich mir— oder ich ihr— ral ver⸗ als einigermaßen nüzlich erweiſen dürfte, wenn wir daß er mit unſerer beiderſeitigen Angelegenheit in Aldbo⸗ ein Haus rough bekannt ſein würden. Ich hatte nicht die „wie es geringſte Idee davon wer ſie wäre; aber ich ſchickte en habe. ihr aufs Gerathewohl meine Viſitenkarte zu, und in einem fünf Minuten ſpäter befand ich mich ſelbſt von An⸗ thig eine geſicht zu Angeſicht vor einer u fürch⸗ men, welche dieſe meine Augen der liebreizendſten Da⸗ jemals erblickt hatten. ſie troz„Unſere erſten Worte gegenſeitiger Erklärung belehrten mich, daß mein Familienname ihr vom Hörenſagen bekannt ſei. Wer glaubſt Du wohl daß ſie war? Die älteſte Tochter meines und Deines Onkels— Andreas Vanſtone. Ich habe meine arme Mutter in frühern Jahren oft von ihrem Bruder Andreas ſprechen gehört, und ich hatte auch Kenntniß von jener traurigen Geſchichte zu Raben⸗ ſchlucht. Aber unſere Familien, wie Du wiſſen wirſt, ſind einander fortwährend fremd geblieben, und ich hatte mein reizendes Bäschen vorher noch nie geſehen. Sie beſizt die dunkeln Augen und das ſchwarze Haar und die freundlich zurückgezogene Manier, welche ich immer ſo ſehr an den Damen bewundert habe. Ich will nicht aufs Neue unſern alten Zank über Deines Vaters Benehmen gegen dieſe zwei Schweſtern auftiſchen, noch es in Abrede ſtellen daß ſein Bruder Andreas ſich ſchlecht gegen ihn benommen haben mag— ich bin auch bereit⸗ willig zuzugeben daß der hohe moraliſche Standpunkt, den er in dieſer Angelegenheit einnahm, für einen ſo miſerablen Sünder als ich bin unantaſtbar iſt — und ich will auch darüber keinen Streit anfangen daß meine eigenen verſchwenderiſchen Gewohnheiten mich unfähig machen, ein Urtheil über die Geldver⸗ waltung anderer Leute zu fällen. Allein bei allen dieſen Zugeſtändniſſen und Erinnerungen kann ich Dir doch Eines ſagen, Noel. Wenn Du jemals das ältere! Fräulein Vanſtone ſiehſt, ſo wage ich Dir zu prophezeien daß Du zum erſten Mal in Deinem Leben Zweifel darein ſezen würdeſt, ob es wohl ge⸗ than war daß Du das Beiſpiel Deines Vaters be⸗ folgteſt. arm bekl. nan alle Zeit von Van als von nach dieſe als der Eind hervr gen Sie laſſen Rückt bald Nach erzäh! geſehe ihrer weil Aldbo nichts heiten 99 )r vom „Sie erzählte mir ihre kleine Geſchichte, das hl daß arme Ding, äußerſt einfach und unaffectirt. Sie Deines bekleidet gegenwärtig ihre zweite Stelle als Gouver⸗ meine nante— und, wie gewöhnlich, kenne ich, der ich ihrem alle Leute kenne, auch die Familie ihrer Herrſchaft. te auch Es ſind Freunde meines Onkels, die er in lezter Raben⸗ Zeit aus dem Geſicht verloren hatte— die Tyrrels wiſſen von Portlandplaz— und ſie behandeln Fräulein blieben, Vanſtone mit ſo viel Freundlichkeit und Rückſicht, 2 noch als wenn ſie ein Mitglied der Familie wäre. Eine — von den alten Dienerinnen derſelben begleitete ſie gezogene nach Aldborough, und der Zweck der Reiſe nach Damen dieſem Ort war eben der, den die Hotelwirthin bereits unſern als ſolchen bezeichnet hatte. Die widrigen Geſchicke gegen der Familie haben, wie es ſcheint, einen ernſten Abrede Eindruck auf Fräulein Vanſtones jüngere Schweſter t gegen hervorgebracht, ſie iſt ihren Freunden durchgegan⸗ bereit⸗ gen und wird ſchon einige Zeit zu Hauſe vermißt. ndpunkt, Sie hat zulezt von Aldborough aus von ſich hören ur einen laſſen und ihre älteſte Schweſter hat nach ihrer tbar iſt Rückkehr von dem Feſtland zu den Tyrrels ſich als⸗ nfangen bald auf den Weg gemacht, um an dieſem Orte hnheiten Nachforſchungen anzuſtellen. Heldver⸗„Dieß war Alles was mir Fräulein Vanſtone ei allen erzählte. Sie fragte ob Du Etwas von ihrer Schweſter ann ich geſehen hätteſt oder ob Frau Lecount Etwas von als das ihrer Schweſter wüßte, vermuthlich wohl darum, Dir zu weil ſie in Erfahrung gebracht hatte daß Du in Deinem Aldborough Dich aufhielteſt. Natürlich konnte ich ihr vohl ge⸗ nichts ſagen. Sie ging in keine weiteren Einzel⸗ ters be⸗ heiten des Gegenſtandes ein und ich konnte mir nicht die Freiheit nehmen weitere Fragen zu ſtellen. Alles was ich that war, daß ich ſie bei ihren Nach⸗ forſchungen auf das Kräftigſte unterſtüzte. Der Ver⸗ ſuch hatte nicht den geringſten Erfolg.— Niemand konnte uns einen Aufſchluß geben. Wir verſuchten natür⸗ licherweiſe mit einer Perſonalbeſchreibung das Ziel zu erreichen, und es klingt ſeltſam genug, die einzige junge Dame die vorher in Aldborough ſich aufhielt, welche der Beſchreibung entſprach, war von allen Leuten in der Welt die Dame die Du geheirathet haſt! Wenn ſie nicht einen Onkel und eine Tante gehabt hätte(beide von ihnen haben den Ort ver⸗ laſſen) ſo würde ich angefangen haben zu vermuthen, daß Du ohne es zu wiſſen Dein Bäschen geheirathet habeſt! Iſt dieß der Schlüſſel zu dem Geheimniß? Sei nicht böſe auf mich; ich muß mir aber einen kleinen Spaß machen und kann nicht dafür helfen, wenn ich eben ſo unbedachtſam ſchreibe wie ich ſchwaze. 8 Ende davon war, unſere Nachfor⸗ ſchungen wn alle erfolglos und ich reiste mit Fräu⸗ lein Vanſtone und ihrer Begleiterin bis zu unſerer Abzweigungsſtation hieher zurück. Ich gedenke bei den Tyrrels vorzuſprechen wenn ich nächſtens nach Lon⸗ don komme. Es iſt wahr, ich habe die Familie mit der unentſchuldbarſten Vernachläßigung behandelt. „Hier bin ich mit dem dritten Bogen dezauſwadisr zu Ende! Ich nehme die Feder nicht oft zur Hand, aber wenn ich es thue, ſo wirſt Du mir zugeben, daß ich ſie nicht ſo eilig wieder bei Seite lege. Halte es mit dem Uebrigen in meinem Briefe wie es Dir beliebt— aber bedenfe wohl was ich Dir inne ſtellen. Nach⸗ r Ver⸗ emand natür⸗ 8 Ziel einzige ufhielt, allen irathet Tante rt ver⸗ nuthen, irathet imniß? einen helfen, die ich rachfor⸗ Fräu⸗ unſerer ake bei ch Lon⸗ mit der fpapier Hand, ugeben, e lege. efe wie ch Dir 101 in Betreff der Frau Lecount geſagt habe, und er⸗ innere Dich daran, daß die Zeit Geldes werth iſt.“ „Immer der Deine „Georg Bartram. II. Nora Vanſtone an Fräulein Garth. Portlandplaz. „Meine liebe Fräulein Garth!“ „Noch mehr Kummer, noch mehr getäuſchte Er⸗ wartungen! Ich bin eben von Aldborough zurückge⸗ kommen, ohne irgend eine Entdeckung gemacht zu haben. Magdalene iſt für uns noch immer ver⸗ loren.“ „Ich kann dieß wiederholte Scheitern meiner Hoffnungen keineswegs einem Mangel an Ausdauer oder Umſicht in Anſtellung der erforderlichen Nach⸗ forſchungen zuſchreiben. Meine Unerfahrenheit in ſolchen Sachen wurde ſehr freundlich von Herrn Georg Bartram unterſtüzt. Durch ein ſeltſames Zuſammentreffen war auch er zufällig zur nämlichen Zeit, als ich in Aldborough war und Erkundigungen über Magdalene einzog, ebenfalls daſelbſt anweſend, um Nachforſchungen über Herrn Noel Vanſtone an⸗ zuſtellen. Er ſchickte mir ſeine Carte zu, und da ich bei Leſung ſeines Namens mich erinnerte daß er mein Vetter ſei— wenn ich ihn ſo nennen darf— ſo dachte ich, ich würde keine Unſchicklichkeit begehen wenn ich ihn ſähe und mir ſeinen Rath erbäte. Ich hütete mich um Magdalenens willen in Einzel⸗ heiten einzugehen, und ich machte keine Anſpielung auf Frau Lecounts Brief, welchen Sie ſtatt meiner beantworteten. Ich ſagte ihm bloß daß Magdalene vermißt werde und in lezter Zeit von Aldborough aus Etwas von ſich habe hören laſſen. Die Freund⸗ lichkeit, welche er mir in Widmung ſeines Beiſtandes bezeigte, überſteigt alle Beſchreibung. Er behandelte mich in meiner hilfloſen Lage mit einer Delicateſſe und Achtung, an die ich mich auch dann noch dank⸗ bar erinnern werde, wenn er vielleicht ſelbſt ſchon lange unſer zufälliges Zuſammentreffen vergeſſen haben wird. Er iſt noch jung und zählt erſt dreißig Jahre, wenn ich nicht irre. Sein Geſicht und ſeine Geſtalt gemahnen mich ein wenig an das Porträt meines Vaters zu Rabenſchlucht— ich meine das Porträt im Speiſezimmer, als mein Vater noch ein junger Mann war.“ „So nuzlos ſich auch unſere Nachforſchungen herausſtellten, ſo gibt es doch ein Reſultat, das einen ſehr eigenthümlichen und tiefgreifenden Eindruck in meinem Geiſte zurückgelaſſen hat.“ „Es ſcheint daß Herr Noel Vanſtone unter ge⸗ heimnißvollen Umſtänden kürzlich eine junge Dame, Namens Byugrave, mit welcher er in Aldborough zu⸗ ſammengetroffen war, geheirathet hat. Er iſt mit ſeiner Gattin fortgereist, ohne irgend Jemanden außer ſeinem Advocaten mitzutheilen wohin. Ich hörte dieß von Herrn Georg Bartram, der ſich eifrig bemühte ſeine Spur aufzufinden, um ihm die Neuig⸗ keit von der ernſtlichen Erkrankung ſeiner Haus⸗ hält iſt wor Nich uns Erat Erſt Schi Frät war auf Aeuf bind ſind, rufen deutt bitte, mich fühlt muß zerrüt deuten zufäll Magt lichſte ſtones gebra mir- nicht ſchrift! 7 erbäte. Einzel⸗ pielung meiner gdalene vorough Freund⸗ ſtandes handelte licateſſe h dank⸗ ſt ſchon ergeſſen dreißig id ſeine Porträt ine das noch ein ſchungen as einen druck in nter ge⸗ Dame, ough zu⸗ iſt mit emanden n. Ich ſich eifrig 2 Neuig⸗ r Haus⸗ 103 hälterin mittheilen zu können.— Dieſe Haushälterin iſt dieſelbe Frau Lecount, deren Brief Sie beant⸗ worteten. Soweit, dürften Sie vielleicht ſagen, liegt Nichts vor, was irgend ein beſonderes Intereſſe für uns Beide haben koͤnnte. Aber Sie werden meines Erachtens gerade ſo gut wie ich ſelbſt darüber in Erſtaunen gerathen, wenn ich Ihnen ſage, daß die Schilderung, welche die Leute zu Aldborough von Fräulein Bygraves äußerlicher Erſcheinung ent⸗ warfen, ſehr auffallender und unerklärlicher Weiſe auf ein Haar mit der Beſchreibung von Magdalenens Aeußerem übereinſtimmt. Dieſe Entdeckung, in Ver⸗ bindung mit all den Umſtänden die uns bekannt ſind, hat einen Eindruck auf meinen Geiſt hervorge⸗ rufen, den ich Ihnen nicht beſchreiben kann— deſſen Be⸗ deutung ich mir ſelbſt nicht zu geſtehen wage. Ich bitte, kommen Sie und beſuchen Sie mich! Ich habe mich nie ſo unglücklich in Betreff Magdalenens ge⸗ fühlt wie gegenwärtig. Die peinliche Ungewißheit muß meine Nerven auf irgend eine ſeltſame Weiſe zerrüttet haben. Ich empfinde wegen der unbe⸗ deutendſten Dinge eine abergläubiſche Angſt. Dieſe zufällige Aehnlichkeit einer total fremden Perſon mit Magdalenen erfüllt mich manchmal mit den entſetz⸗ lichſten Ahnungen— bloß weil Herrn Noel Van⸗ ſtones Name zufälliger Weiſe damit in Verbindung gebracht iſt. Noch einmal, ich bitte, kommen Sie zu mir— ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, daß ich nicht im Stande bin und es nicht wage Ihnen ſchriftlich mitzutheilen.“ „Dankbar und zäértlich die Ihrige „Nora.“ 104 III. Herr John Loscombe(Anwalt) an Georg Bartram, Esquire. „London, Lincolns Hotel, den 6. September 1847. „Mein Herr— ich beſcheinige Ihnen hiemit den Empfang eines Billets, worin ein Brief, an mei⸗ nen Clienten, Herrn Noel Vanſtone, gerichtet, ein⸗ geſchloſſen lag und worin Sie mich erſuchten den⸗ ſelben an Herrn Vanſtones gegenwärtige Adreſſe zu befördern. „Seit ich zum lezten Male das Vergnügen hatte, mit Ihnen über dieſen Gegenſtand zu verhandeln, hat ſich meine Stellung zu meinem Clienten voll⸗ ſtändig verändert. Vor drei Tagen erhielt ich von ihm einen Brief, worin er ſeine Abſicht ausſprach, am darauf folgenden Tage ſeinen Aufenthaltsort wechſeln zu wollen, worin er mich aber zugleich in völli⸗ ger Unkenntniß Betreffs der Gegend ließ, wohin er zu gehen beabſichtige. Ich habe ſeitdem nicht wie⸗ der von ihm gehört, und da er vorher eine größere Geldſumme als gewöhnlich von mir bezogen hat, ſo liegt für ihn gegenwärtig keine Nothwendigkeit vor, wieder an mich zu ſchreiben— vorausgeſezt, daß es ſein Wunſch iſt, ſeinen Aufenthaltsort vor Jeder⸗ mann, mich eingeſchloſſen, geheim zu halten. „Unter dieſen Umſtänden glaube ich Recht daran zu thun, wenn ich Ihnen Ihren Brief wieder mit der Verſicherung zurückſende, daß ich es Ihnen gleich wiſſen laſſen werde, wenn ich wieder in die Lage kon zu ſchri Die gebre der geſte Schn wer Eile ſie h und regt, kümm ſie w behal Bälde wir n Co irtram, 1847. hiemit an mei⸗ t, ein⸗ en den⸗ Adreſſe n hatte, handeln, en voll⸗ ich von sſprach, haltsort in völli⸗ ohin er hht wie⸗ größere hat, ſo eit vor, daß es Jeder⸗ ſt daran eder mit en gleich die Lage 105 kommen ſollte denſelben an ſeinen Beſtimmungsort zu befördern. „Ihr gehorſamer Diener „John Loscombe.“ IV. Nora Vanſtone an Fräulein Garth. Portlandplaz. „Mein liebes Fräulein Garth! „Vergeſſen Sie den Brief den ich Ihnen geſtern ſchrieb, und all die düſtern Ahnungen die er enthält. Die heutige Morgenpoſt hat neues Leben in mich gebracht. Ich habe ſoeben einen Brief empfangen, der unter meiner Adreſſe bei ihnen ankam und mir geſtern während Ihrer Abweſenheit durch Ihre Schweſter zugeſchickt wurde. Können Sie errathen wer der Schreiber iſt?— Magdalene! „Der Brief iſt ſehr kurz; er ſcheint in großer Eile geſchrieben worden zu ſein. Sie ſagt darin, ſie habe einige Nächte vorher von mir geträumt, und die Träume hätten in ihr die Befürchtung er⸗ regt, daß ihr langes Stillſchweigen mir mehr Be⸗ kümmerniß um ihretwillen verurſachen möchte, als ſie werth ſei. Sie ſchreibe mir daher daß ſie wohl⸗ behalten und geſund ſich befinde— daß ſie mich in Bälde zu ſehen hoffe— und daß ſie mir, wenn wir wieder beiſammen ſein würden, Etwas zu ſagen Collins, Namenlos. IV. 106 habe, was meine ſchweſterliche Liebe zu ihr wie Nichts zuvor auf die Probe ſtellen würde. Der Brief trägt kein Datum, aber der Poſtſtempel iſt „Allonby,“ das, wie ich nach Zuratheziehung eines Zeitungswörterbuchs herausgebracht habe, ein kleiner Seeort in Cumberland iſt. Ich habe keine Hoffnung, ihr wieder zurückſchreiben zu können— weil Mag⸗ dalene ausdrücklich erwähnt daß ſie am Vorabend ihrer Abreiſe von ihrem gegenwärtigen Wohnſtiz ſich befinde und nicht in der willensfreien Lage ſei, mir die Gegend wohin ſie zunächſt gehe anzugeben, oder mir Anweiſung zu hinterlaſſen wohin ihr etwaige Briefe nachgeſchickt werden könnten. „In glücklichen Zeiten würde ich dieſen Brief entfernt nicht für einen befriedigenden gehalten ha⸗ ben, und über jede Anſpielung auf eine künftige vertrauliche Mittheilung von ihrer Seite, welche meine Liebe zu ihr wie noch Nichts zuvor auf die Probe ſtellen würde, ernſtlich beſtürzt geworden ſein. Allein nach aller peinlichen Ungewißheit die ich er⸗ duldet ſchien das Glück, ihre Handſchrift wieder zu ſehen, mein ganzes Herz zu erfüllen und alle ande⸗ ren Gefühle daraus zu verbannen. Ich ſchicke Ihnen den Brief nicht, weil ich weiß daß Sie bald zu mir kommen werden, und weil ich mich nach dem Vergnügen ſehne, zu ſehen wie ſie ihn leſen. „Immerdar herzlich die Ihrige „Nora.“ „Nachſchrift.— Herr Georg Bartram machte heute einen Beſuch bei Frau Tyrrel. Er beſtand darauf zu den Kindern geführt zu werden. Als er fort war, lachte Frau Tyrrel in ihrer gutlaunigen Maꝛ zu j deut ſich wenn Unſi Frau ſäum. worin geſchä Brude ſagten neſung Krank zehn; mich das 6. mich Gentle 107 ihr wie Manier und ſagte daß ſeine Sehnſucht, die Kinder e. Der zu ſehen, nach ihrer Anſicht nicht viel anderes be⸗ mpel iſt deute als die Sehnſucht, mich zu ſehen. Sie können ig eines ſich einbilden wie meine Lebensgeiſter ſich aufheitern, n kleiner wenn ich meine Feder mit dem Schreiben ſolchen offnung, Unſinns, wie dieß iſt, beſchäftigen kann.“ il Mag⸗ borabend 1 onſiz ſich V. ſei, mir een, oder Frau Lecount an Herrn De Bleriot, Generalagen⸗ etwaige ten in London. in Brief„Heiligenkreuz, den 23. October 1847. lten ha⸗ 1 künftige„Mein wertheſter Herr!— Ich habe lange ge⸗ welche ſäumt Ihnen für den gütigen Brief zu danken, auf die worin Sie mir in freundlicher Erinnerung an die den ſein. geſchäftlichen Beziehungen, die früher zwiſchen meinem e ich er: Bruder und Ihnen beſtanden, Ihren Beiſtand zu⸗ Bieder zu ſagten. Die Wahrheit iſt, ich habe bei meiner Ge⸗ lee ande: neſung von einer langwierigen und gefährlichen ke Ihnen Krankheit meine Kräfte überſchäzt und in den lezten bald zu zehn Tagen an einem Rückfall gelitten. Ich befinde nach dem mich gegenwärtig wieder beſſer und im Stande, auf -. das Geſchäft einzugehen, deſſen Unternehmung für mich Sie ſo gütig waren mir anzubieten. ova.“„Die Perſon, deren gegenwärtigen Aufenthalts n machte ort zu entdecken für mich von der äußerſten Wichtig⸗ beſtand keit iſt, iſt Herr, Noel Vanſtone. Ich habe ſeit vie Als er len Jahren als Haushälterin im Dienſte dieſes launigen Gentlemans gelebt, und da ich keine förmliche Ent⸗ 108 laſſung erhalten habe, ſo betrachte ich mich als noch in ſeinen Dienſten ſtehend. Während meiner Ab⸗ weſenheit auf dem Feſtlande verheirathete er ſich am achtzehnten Auguſt dieſes Jahrs heimlich zu Aldborough in Suffolk. Er verließ Aldborough am nämlichen Tage und nahm zugleich ſeine Frau nach irgend einem Zufluchtsorte mit, den er mit Ausnahme ſeines Sachwalters, Herrn Loscombe von Lincolns Inn, vor Jedermann geheim hielt. Nach kurzer Zeit, am vier⸗ ten September, entfernte er ſich von dort wieder, ohne Herrn Loscombe bei dieſer Gelegenheit von ſeinem neuen Schlupfwinkel in Kenntniß zu ſezen. Von dieſem Datum an blieb der Advocat(oder hat wenigſtens vorgeſchüzt es zu bleiben) in völliger Unwiſſenheit über ſeinen Aufenthalt. Unter dieſen Umſtänden wurde an Herrn Loscombe das Anſuchen geſtellt, doch wenigſtens den früheren Aufenthaltsort von dem ihn Herr Noel Vanſtone bekanntlich in Kenntniß geſezt hatte, anzugeben. Herr Loscombe weigerte ſich dieſem Verlangen zu entſprechen, aus Mangel einer förmlichen Ermächtigung, die Schritte ſeines Clienten nach ſeinem Wegzug von Aldborough zu verrathen. Ich habe alle dieſe Einzelnheiten von Herrn Loscombes Correſpondenten, dem Neffen des Gentlemans dem dieß Haus gehört und deſſen Men⸗ ſchenfreundlichkeit mir während der ſchweren Trübſal meiner Krankheit ein Aſyl unter ſeinem Dache ge⸗ währt hat. Ich vermuthe daß die Gründe welche Herrn Noel Vanſtone bewogen, ſich und ſeine Frau verborgen zu halten, Gründe ſind die ſich durchaus auf meine Per⸗ ſon beziehen. In erſter Linie weiß er es recht gut, daß ſolche der g delnde würdi von z0 entgege aber 1 erhält und ka vor der den all auf der die ger theil v „J mein 4 Sie wi als noch ner Ab⸗ ſich am bborough ämlichen ) irgend ne ſeines Inn, vor am vier⸗ wieder, heit von zu ſezen. oder hat völliger er dieſen Anſuchen thaltsort ntlich in koscombe hen, aus Schritte dborough eiten von effen des ſen Men⸗ Trübſal dache ge⸗ rrn Noel vorgen zu eine Per⸗ recht gut, 109 daß die Umſtände unter denen er geheirathet hat ſolche ſind, die mir das Recht geben ihn mit ver⸗ dienter Entrüſtung anzuſehen. In zweiter Linie iſt er ſich wohl bewußt daß meine treuen Dienſte, die ich ſeinem Vater und ihm während eines Zeitraums von zwanzig Jahren geleiſtet habe, ihm ſchon aus Rückſichten allgemeiner Schicklichkeit nicht erlauben, mich hilflos in die Welt hinauszuſtoßen, ohne eine Verſorgung für den Reſt meines Lebens. Er iſt der gemeinſte von allen auf Gottes Erdboden wan⸗ delnden Männern, und ſeine Frau iſt das nichts⸗ würdigſte von allen Weibern die da leben. So lang er es vermeiden kann ſeinen Verbindlichkeiten gegen mich nachzukommen, wird er es thun, und ich möchte darauf wetten daß die Aufmunterung ſeiner Frau ihn in dieſer Undankbarkeit beſtärken wird. „Mein Zweck bei dem Entſchluſſe, ihn ausfindig zu machen, iſt kurz folgender. Seine Verheirathung hat ihn Folgen ausgeſezt, denen ſelbſt ein Mann von zehn Mal mehr Muth nicht ohne Schaudern entgegentreten würde. Von dieſen Folgen weiß er aber noch Nichts. Seine Frau kennt dieſelben und erhält ihn abſichtlich in Unwiſſenheit. Ich weiß es und kann ihm ein Licht anzünden. Seine Sicherheit vor der ihm drohenden Gefahr liegt in meinen Hän⸗ den allein, und er ſoll den Preis ſeiner Rettung bis auf den lezten Pfennig der Schuld bezahlen, welche die gerechte Billigkeit für mich als meinen Pflicht⸗ theil verlangt— nicht mehr und nicht weniger. „Ich habe nun, wie Sie es von mir verlangten, mein Herz ohne Rückhalt vor Ihnen ausgeſchüttet. Sie wiſſen jezt warum ich dieſen Menſchen zu finden 110 wünſche und was ich zu thun gedenke, wenn ich ihn finde. Ich überlaſſe es Ihrer Theilnahme für mich die noch übrig bleibende ernſte Frage zu beantwor⸗ ten: Wie iſt die Entdeckung zu bewerkſtelligen? Wenn eine erſte Spur von ihnen nach ihrer Abreiſe von Aldborough gefunden werden könnte, ſo halte ich dafür, daß ſorgfältige Nachforſchung für das Weitere genügen würde. Die perſönliche Erſcheinung der Frau und der außerordentliche Contraſt zwiſchen ihr und ihrem Gatten muß jedwedem Fremden, der ſie ſieht, ganz beſtimmt auffallen und demſelben in der Erinnerung ſich feſtſezen. „Wenn Ihr Wohlwollen mich mit einer Antwort beglückt, ſo adreſſiren Sie gefälligſt alſo:„Abzugeben bei Admiral Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch bei Oſſory in Eſſex.“ „Ihre ganz ergebene Virginie Lecount.“ VI. Herr de Bleriot an Frau Leconnt. „Dark's Häuſer in Kingsland, den 25. October 1847. Geheime und vertrauliche Mittheilung. „Werthe Madame— ich beeile mich Ihr Geehr⸗ tes vom Samſtag zu beantworten. Die Umſtände haben mich in den Stand geſezt, Ihre Intereſſen durch Zuratheziehung eines meiner Freunde, der eine große forſcht ohne und i daß ſ genden ſtimme Meinn kann nicht nach Iſt di Nach chen v empfin Da ſi ſo we Hinun ſelben deſtow T „ haben, ſind n Advocc die M ihrigen Freund wahrſch alſo ir Frau Ihnen ch ihn r mich ntwor⸗ ligen? (breiſe halte r das einung viſchen , der ben in itwort igeben Narſch üt.“ land, Geehr⸗ iſtände tereſſen er eine 111 große Erfahrung in der Leitung von geheimen Nach⸗ forſchungen beſizt, zu fördern. Ich habe ihm— ohne Namen zu nennen— Ihren Fall vorgelegt, und ich bin ſo glücklich Ihnen mittheilen zu können daß ſeine und meine Anſichten über den einzuſchla⸗ genden beſondern Weg in jeder Einzelnheit überein⸗ ſtimmen. „So ſind wir beide, ich und mein Freund, der Meinung, daß wenig oder gar nichts gethan werden kann um die fraglichen Perſonen aufzuſpüren, bis nicht vorher der Ort ihres zeitweiligen Aufenthalts nach ihrem Wegzug von Aldborough entdeckt iſt. Iſt dieß möglich, ſo ſoll es je eher je lieber geſchehen. Nach Ihrem Briefe zu urtheilen, müſſen einige Wo⸗ chen verſtrichen ſein, ſeit der Advocat die Mittheilung empfing, daß ſie ihren Wohnſiz verändert hätten. Da ſie Beide auffallend ausſehende Perſonen ſind, ſo werden die fremden Leute, welche ihnen auf ihren Hinundherzügen irgend eine Beihilfe leiſteten, die⸗ ſelben wahrſcheinlich noch nicht vergeſſen haben. Nichts deſtoweniger iſt eine Reiſe wünſchenswerth. „Die Frage, welche Sie in Betracht zu ziehen haben, iſt ob ſie die Adreſſe deren wir ſo benöthigt ſind nicht noch irgend einer andern Perſon außer dem Advocaten mitgetheilt haben. Der Gatte kann an die Mitglieder ſeiner Familie, die Frau an die der ihrigen geſchrieben haben. Wir beide, ich und mein Freund, ſind der Meinung, daß der leztere Fall der wahrſcheinlichere von den zweien iſt. Wenn Sie alſo irgend ein Mittel beſizen, mit der Familie der Frau in Beziehung zu treten, ſo empfehlen wir Ihnen aufs Angelegentlichſte davon Gebrauch zu AX 112 machen. Wo nicht, ſo machen Sie uns gefälligſt mit den Namen von irgend welchen nähern Ver⸗ wandten oder vertrauten Freundinnen bekannt die Sie kennen, und dann werden wir uns Mühe geben, ſtatt Ihrer uns Zutritt zu verſchaffen. „Jedenfalls erſuchen wir Sie zugleich um die genaueſte Perſonalbeſchreibung, die von beiden Per⸗ ſonen entworfen werden kann. Wir können Ihres Beiſtandes in dieſem wichtigen Puncte jede Stunde benöthigt ſein. Schicken Sie uns alſo mit umgehen⸗ der Poſt die Beſchreibung. Mittlerweile wollen wir uns unſererſeits die Gewißheit zu verſchaffen ſuchen, ob nicht insgeheim auf Herrn Loscombes Bureau irgend eine Mittheilung zu erhalten iſt. Der Ad⸗ vocat ſelbſt iſt wahrſcheinlich gänzlich unnahbar für uns. Aber wenn irgend einer von ſeinen Schreibern unter Bedingungen, die Ihre pecuniären Hilfsquellen nicht erſchöpfen, mit Vortheil bearbeitet werden kann, ſo empfangen Sie die Verſicherung, werthe Madame, daß die Gelegenheit benüzt werden wird durch „Ihern getreuen Diener „Alfred De Bleriot.“ VII. Herr Pendril an Nora Vanſtone. „Searle Street, den 27. October 1817. „Mein liebes Fräulein Vanſtone!— Eine Dame, Namens Lecount(früher in der Eigenſchaft einer Haush ſtehend ſtube mitzutt ſchuldi Stelle Ehre i Lage zu geb „N nicht e lichkeit keinerle als ſie klärte redung Betreff mir da⸗ Adreſſe Ihrem Etwas wenn i ſpreche, für die miſchen. keine Be zu tiefes dere zu cher Sie ertragen „We fälligſt Ver⸗ nt die geben, m die Per⸗ Ihres Stunde gehen⸗ in wir ſuchen, zureau r Ad⸗ er für eibern zwellen kann, dame, t 113 Haushälterin in Dienſten des Herrn Noel Vanſtone ſtehend) hat mich dieſen Morgen auf meiner Schreib⸗ ſtube beſucht und mich gebeten ihr Ihre Adreſſe mitzutheilen. Ich habe ſie erſucht mich zu ent⸗ ſchuldigen, wenn ich ihrem Verlangen nicht auf der Stelle entſpräche, und mir auf morgen früh die Chre ihres Beſuches zu ſchenken, wo ich mich in der Lage befinden würde ihr eine beſtimmte Antwort zu geben. „Mein Zögern in dieſer Angelegenheit rührt nicht etwa von einem Mißtrauen gegen die Perſön⸗ lichkeit der Frau Lecount her— denn ich habe keinerlei Einwendungen gegen ſie zu machen. Aber als ſie das fragliche Anſuchen an mich ſtellte, er⸗ klärte ſie daß der Zweck der gewünſchten Unter⸗ redung dahin gehe, unter vier Augen mit Ihnen in Betreff Ihrer Schweſter zu ſprechen. Verzeihen Sie mir das Geſtändniß, daß ich, als ich dieß hörte, die Adreſſe zurückzubehalten beſchloß. Werden Sie wohl Ihrem alten Freunde und aufrichtigen Gönner in Etwas willfahren? Nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich mich auf das Entſchiedenſte dahin aus⸗ ſpreche, daß Sie unter was immer einem Vorwande für die Zukunft ſich in die Schritte Ihrer Schweſter miſchen. Ich will Ihnen dadurch daß ich noch mehr ſage keine Betrübniß verurſachen. Aber ich empfinde ein zu tiefes Intereſſe für Ihre Wohlfahrt und bewun⸗ dere zu aufrichtig die geduldige Ergebung, mit wel⸗ cher Sie bis jezt alle die Prüfungen des Schickſals ertragen haben, um weniger zu ſagen. „Wenn es mir nicht gelingt Sie zur Befolgung 114 meines Rathes zu bewegen, ſo brauchen Sie dieß bloß zu ſagen und Frau Lecount ſoll morgen in den Beſiz Ihrer Adreſſe kommen. In dieſem Fall (den ich mir nur mit dem größten Widerwillen den⸗ ken kann) laſſen Sie mir zu guter Lezt Ihnen noch anempfehlen, die Bedingung zu ſtellen daß Fräuleiu Garth bei der Unterredung anweſend ſein ſoll. In jeder Sache, welche Ihre Schweſtey betrifft, können Sie gar wohl den Rath eines alten Freundes und den Schuz deſſelben gegen ihre eigenen großmüthigen Regungen brauchen. Wenn ich perſonlich auf dieſe Weiſe Ihnen hätte beiſtehen können, ſo würde ich es gethan haben— aber Frau Lecount gab mir indi⸗ rect zu verſtehen daß der Gegenſtand der Unterre⸗ dung von zu delicater Natur ſei, um meine Ge⸗ genwart zuläſſig zu machen. Was immer dieſer Einwurf in Wirklichkeit werth ſein mag, ſo kann er doch nicht auf Fräulein Garth angewendet werden, welche Sie beide von Kindheit auf erzogen hat. Ich ſage deßhalb wiederholt, wenn Sie Frau Lecount ſehen, ſo ſehen Sie dieſelbe nur in Fräulein Garths Geſellſchaft. „Immerdar Ihr aufrichtiger „Wilhelm Pendril.“ 2 nicht d bin. muß 8 an mie Zeilen mir zw doch di einande Lecound haben? meine — imm verlaſſe der in mein li hung i immer Ihnen Ihnen auch ne „Es ich bere auf Fr bereits um vie 115 ie dieß gen in VIII. m Fall 9 Her 8; 3 9 n Herrn Pendril. en den⸗ Kora Vanſtone an Herrn P n noch„Portlandplaz, Mittwoch. Käuleiu l. In„Mein wertheſter Herr Pendril! Denken Sie können nicht daß ich undankbar gegen Ihre freundliche Güte es und bin. Gewiß, gewiß, ich bin es nicht. Allein ich ithigen muß Frau Lecount ſehen. Sie wußten ja, als Sie f dieſe an mich ſchrieben, noch nicht daß ich eben ein Paar ich es Zeilen von Magdalenen empfangen hatte, worin ſie r indi⸗ mir zwar nicht ſagt wo ſie ſich befindet, aber mir nterre⸗ doch die Hoffnung machte, daß wir uns in Kurzem e Ge⸗ einander treffen würden. Vielleicht dürfte mir Frau dieſer Lecount über den nämlichen Punct Etwas zu ſagen unn er haben? Selbſt wenn es nicht ſo ſein ſollte, ſo bleibt verden, meine Schweſter— mag ſie auch thun was ſie will . Ich— immerhin doch meine Schweſter; ich kann ſie nicht ecount verlaſſen, ich kann Niemanden den Rücken zuwenden Harths der in ihrem Namen zu mir kommt. Sie wiſſen, mein lieber Herr Pendril, ich bin in dieſer Bezie⸗ hung immer hartnäckig geweſen, und Sie haben il.⸗ immer Geduld mit mir gehabt. Laſſen Sie mich Ihnen noch weiter verpflichtet ſein, mehr als ich Ihnen jemals vergelten kann— und haben Sie auch noch ferner Geduld mit mir. „Es iſt wohl nicht nöthig Ihnen zu ſagen daß ich bereitwillig jenen Theil Ihres Rathes, der ſich auf Fräulein Garth bezieht, annehme. Ich habe ſie bereits ſchriftlich erſucht daß ſie morgen Nachmittag um vier Uhr hieher kommen ſolle. Wenn Sie Frau 116 Lecount ſehen, ſo haben Sie die Güte, dieſelbe zu benachrichtigen daß Fräulein Garth bei mir ſein und daß ſie ſelbſt uns beide morgen um vier Uhr bereit finden wird ſie zu empfangen. „Ihre dankbare „Nora Vanſtone.“ IX. Herr De Zleriot an Frau Lecount. „Darks Häuſer, den 28. October. Privatmittheilung. „Werthe Madame! Einer von Herrn Loscombes Schreibern hat ſich gegen eine kleine pecuniäre Ver⸗ gütung willfährig finden laſſen und eines Umſtandes Erwähnung gethan, den zu kennen für Sie von einiger Wichtigkeit ſein dürfte. „Nahezu vor einem Monat gab der Zufall frag⸗ lichem Schreiber Gelegenheit, von einer der Urkun⸗ den auf dem Tiſche ſeines Herrn Einſicht zu nehmen, welche durch eine kleine Eigenthümlichkeit in Form und Farbe des Papiers ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Er hatte während Herrn Los⸗ combes momentaner Abweſenheit eben nur ſo viel Zeit, um ſeine Neugierde durch Einſichtnahme von dem Anfange und dem Schluſſe der Urkunde zu be⸗ friedigen. Am Anfang ſah er die übliche Formel die man bei Errichtung eines Teſtamentes gebraucht. Am Ende entdeckte er Herrn Noel Vanſtones Unter⸗ ſchri und den ſchur die men bewe ſtone geſte ſeine mit ſtam leicht nach Gehe und mag ſeits falls Herr Teſta Ihre und zu h lbe zu in und bereit de.* tober. ombes e Ver⸗ tandes einiger lfrag⸗ Urkun⸗ ehmen, Form it auf 1 Los⸗ o viel ie von zu be⸗ formel raucht. Unter⸗ 117 ſchrift mit den Namen zweier unterzeichneter Zeugen und dem Datum— deſſen er vollkommen gewiß iſt— den dreißigſten September dieſes Jahrs. „Ehe der Schreiber Zeit hatte, weitere Nachfor⸗ ſchung anzuſtellen, kehrte ſein Herr zurück, ordnete die Papiere auf dem Tiſche und verſchloß das Teſta⸗ ment ſorgfältig in dem feſten Koffer, der zur Auf⸗ bewahrung der Documente von Herrn Noel Van⸗ ſtone beſtimmt iſt. Nun hat es ſich richtig heraus⸗ geſtellt daß Herr Loscombe zu Ende September von ſeinem Bureau abweſend war. Wenn er damals mit der Beaufſichtigung der Ausfertigung des Te⸗ ſtaments ſeines Clienten betraut war— was ſehr leicht möglich iſt— ſo folgt klar daraus daß er nach ſeiner Entfernung am vierten September das Geheimniß von Herrn Vanſtones Adreſſe kannte; und wenn Sie Ihrerſeits Nichts thun können, ſo mag es gewiß wünſchenswerth ſein daß wir unſerer⸗ ſeits den Advocaten genau beobachten laſſen. Jeden⸗ falls iſt es eine beſtimmt erwieſene Thatſache, daß Herr Noel Vanſtone nach ſeiner Verheirathung ſein Teſtament gemacht hat. Ich überlaſſe es Ihnen Ihre eigenen Schlüſſe aus dieſer Thatſache zu ziehen, und verbleibe in der Hoffnung in Bälde von Ihnen zu hören „Ihr getreuer Diener „Alfred De Bleriot.“ X. Fräulein Garth an Herrn Pendril. „Portlandplaz, den 28. October. „Mein werther Herr! Frau Lecount hat uns ſoeben verlaſſen. Wenn es nicht ſchon zu ſpät wäre, ſo würde ich vom Grunde meines Herzens wünſchen daß Nora Ihren Rath befolgt und ſich geweigert hätte ſie zu ſehen. „Ich ſchreibe in einer ſolchen Beklemmung des Geiſtes, daß ich nicht hoffen kann Ihnen einen kla⸗ ren und vollſtändigen Bericht von der Unterredung zu geben. Ich kann Ihnen bloß in Kürze erzäh⸗ len was Frau Lecount gethan hat und welches unſere Lage gegenwärtig iſt. Das Uebrige muß ich aufſchieben, bis ich mehr Geiſtesfaſſung beſize und Sie perſönlich ſprechen kann. „Sie werden ſich noch gut erinnern daß ich Ihnen Mittheilung von dem Briefe machte, welchen Frau Lecount von Aldborough aus an Nora richtete, und welchen ich für dieſelbe in ihrer Abweſenheit beant⸗ wortete. Als Frau Lecount heute erſchien, verkün⸗ digten uns ihre erſten Worte daß ſie gekommen war, um den Gegenſtand auf's Neue in Anregung zu bringen. So viel mir noch im Gedächtniß geblie⸗ ben iſt, war was ſie, an Nora ſich wendend, ſagte etwa Folgendes. „„Ich ſchrieb Ihnen, Fräulein Vanſtone, vor einiger Zeit in Betreff Ihrer Schweſter, und Fräu⸗ lein Garth war ſo gütig den Brief zu beantworten. Was troff gen, ſchaf ſchw einer eines ſie daß es denn Nach Kum 7 es n Minn beſtün melte Mitte ich, Sie l Detober. hat uns ät wäre, vünſchen eweigert ung des ien kla⸗ rredung e erzäh⸗ welches muß ich ſize und )Ihnen Frau te, und beant⸗ verkün⸗ en war, ung zu geblie⸗ ſagte e, vor Fräu⸗ worten. 119 Was ich damals befürchtete iſt in Wahrheit einge⸗ troffen. Ihre Schweſter hat alle meine Anſtrengun⸗ gen, ihr Einhalt zu thun, vereitelt; ſie iſt in Geſell⸗ ſchaft meines Herrn, des Herrn Noel Vanſtone ver⸗ ſchwunden, und befindet ſich daher gegenwärtig in einer gefährlichen Lage, welche in dem Zeitraum eines Augenblicks Entehrung über ſie bringen und ſie zu Grunde richten kann. Mein Intereſſe iſt es daß ich meinen Herrn wiederfinde, Ihr Intereſſe iſt es Ihre Schweſter zu retten. Sagen Sie mir— denn die Zeit iſt koſtbar— haben Sie irgend welche Nachrichten von ihr?““ „Nora antwortete ſo gut, als ihr Schrecken und Kummer es erlaubten:. „„Ich habe einen Brief von ihr erhalten, aber es war keine Adreſſe darin.““ „Frau Lecount fragte: „„Befand ſich kein Poſtzeichen auf dem Um⸗ ſchlag?““ „Nora ſagte: „„Ja; Allonby.““ „„Allonby iſt beſſer als Nichts,““ ſagte Frau Lecount.„„Allonby kann Ihnen auf die Spur ver⸗ helfen. Wo liegt Allonby?““ „Nora ſagte es ihr. Es ging Alles in einer Minute vor ſich. Ich war zu ſehr verwirrt und beſtürzt, um mich eher hineinzumiſchen; aber ich ſam⸗ melte mir hinlängliche Faſſung, um mich jetzt in's Mittel zu legen. „„Sie ſind in keine Details eingegangen,““ ſagte ich,„„Sie haben uns bloß in Schrecken verſetzt— Sie haben uns Nichts erzählt.““ A 120 „„Sie ſollen die nähern Umſtände erfahren, Ma⸗ dame,““ ſagte Frau Lecount.„„und Sie und Fräu⸗ lein Vanſtone ſollen dann ſelbſt beurtheilen ob ich Sie ohne Urſache in Schrecken verſezt habe.““ „Auf dieſes ließ ſie ſich ſofort in eine lange Er⸗ zählung ein, die ich nicht im Stande bin— bei⸗ nahe möchte ich ſagen, die ich nicht wage— zu wiederholen. Sie werden das Entſezen das wir Beide fühlten verſtehen, wenn ich Ihnen den Schluß erzähle. Wenn man ſich auf Frau Lecounts An⸗ gaben verlaſſen kann, ſo hat Magdalene ihren wahnſinnigen Entſchluß, das Vermögen ihres Vaters wieder zu erhalten, bis zum lezten und verzweifelt⸗ ſten Extrem verfolgt— ſie hat Michael Vanſtones Sohn unter einem falſchen Namen geheirathet. Ihr Gatte befindet ſich in dieſem Augenblick noch der feſten Meinung, daß ihr Name als Mädchen By⸗ grave war und daß ſie wirklich die Nichte eines Schwindlers ſei, welcher ihr bei ihrem Betruge Bei⸗ ſtand leiſtete, und in welchem ich nach der entwor⸗ fenen Schilderung den Capitän Wragge erkenne. „Ich erſpare Ihnen Frau Lecounts kaltes Ge⸗ ſtändniß, als ſie ſich zur Verabſchiedung erhob, daß ſie bei ihrem Wunſche, ihren Herrn ausfindig zu machen und aufzuklären, bloß von pecuniären Mo⸗ tiven geleitet werde. Ich erſpare Ihnen die Winke, die ſie über Magdalenens Abſicht bei Eingehung dieſer ſchmählichen Ehe fallen ließ. Das einzige Ziel und Ende meines Briefes iſt bloß, Sie flehent⸗ lich zu bitten daß Sie mir bei Beſchwichtigung von Noras peinlicher Herzensangſt Beiſtand leiſten. Der Schlag, den ſie bei Anhörung dieſer Nachrichten über ihre ſultat daß d Unru Brief plözli abger von d abſich um ſe verzw Schrit Schuz wärtig dern, Lecou dem 2 Zeit 1 ten. gegen Rettur in Yo erneue Noras thun, einzige Verſich forſche thun trauen Schwe Col ren, Ma⸗ nd Fräu⸗ n ob ich 74 ange Er⸗ — bei⸗ 2— zu das wir n Schluß nts An⸗ ne ihren 3 Vaters zweifelt⸗ danſtones het. Ihr noch der hen By⸗ te eines uge Bei⸗ entwor⸗ enne. ltes Ge⸗ ob, daß ndig zu ren Mo⸗ Winke, ngehung einzige flehent⸗ ing von en. Der ten über 121 ihre Schweſter empfing, iſt nicht das ſchlimmſte Re⸗ ſultat deſſen was vorgefallen iſt. Sie bildet ſich ein daß die Antworten, welche ſie voller Unſchuld in ihrer Unruhe auf Frau Lecounts Fragen in Betreff des Briefes gab— die Antworten, die ihr unter dem plözlichen Druck der Verwirrung und des Kummers abgerungen worden waren, zu Magdalenens Nachtheil von dem Weibe benüzt werden könnten, welches ſie abſichtlich darum in Schrecken jagte, damit ſie ihm um ſo eher Auskunft gebe. Ich kann irgend einen verzweifelten Schritt von ihrer Seite— irgend einen Schritt, durch welchen ſie die Freundſchaft und den Schuz der vortrefflichen Leute bei denen ſie gegen⸗ wärtig lebt verſcherzen könnte, nur dadurch verhin⸗ dern, daß ich ihr zu bedenken gebe daß, wenn Frau Lecount ihrem Herrn mittelſt des Poſtſtempels auf dem Briefe nachſpüre, wir Magdalenen zur gleichen Zeit und mit dem nämlichen Mittel nachſpüren könn⸗ ten. Was für einen Widerwillen Sie perſönlich da⸗ gegen empfinden mögen, die Bemühungen für die Rettung dieſes unglücklichen Mädchens, das ſich ſchon in York auf ſo beklagenswerthe Weiſe verfehlte, zu erneuern, ſo bitte und beſchwöre ich Sie doch um Noras willen, jezt wieder die gleichen Schritte zu thun, die wir damals thaten. Schicken Sie mir die einzige Verſicherung die ſie beruhigen wird— die Verſicherung von Ihrer eigenen Hand, daß das Nach⸗ forſchen unſererſeits begonnen hat. Wenn Sie dieß thun werden, ſo können Sie getroſt auf mich ver⸗ trauen, daß ich zur rechten Zeit zwiſchen dieſen zwei Schweſtern ſtehen und Noras Frieden, Character Collins, Namenlos. IV. 9 122 und zukünftiges Glück um jeden Preis vertheidigen werde. „Ihre aufrichtige „Harriet Garth.“ XI. Frau Lecount an Herrn De Zleriot. „Den 28. October. „Geſchätzter Herr! Ich habe die Spur gefunden welche Sie brauchen. Frau Noel Vanſtone hat an ihre Schweſter geſchrieben. Der Brief enthält keine Adreſſe, aber das Poſtzeichen iſt Allonby in Cum⸗ berland. Von Allonby aus müſſen alſo die Nach⸗ forſchungen beginnen. Sie beſizen bereits die Per⸗ ſonalbeſchreibung von dem Ehepaar. Ich empfehle Ihnen dringend keinen unnöthigen Augenblick zu verlieren. Wenn es möglich iſt unmittelbar bei Em⸗ pfang dieſes Briefes nach Cumberland zu ſenden, ſo bitte ich Sie, thun Sie es. „Ich habe noch ein Wort zu ſagen, ehe ich mein Billetchen ſchließe— ein Wort über die Entdeckung in Herrn Loscombes Bureau. „Es iſt durchaus keine Ueberraſchung für mich, zu hören daß Herr Noel Vanſtone nach ſeiner Verhei⸗ rathung ſein Teſtament gemacht hat, und ich bin keineswegs darüber verlegen zu errathen zu weſſen Gunſten das Teſtament gemacht iſt. Wenn mir das Auffinden meines Herrn gelingt, ſo laſſen Sie dieſe Perſon Perſon fes iſt heit ei gefahre tails d ſezes l ſchnelle morgen chen, ziehen. Herrn ſer An vollſtäu unter und die anführt ich ſonf fahren heidigen rth.⸗ . Detober. gefunden hat an ilt keine Cum⸗ ie Nach⸗ die Per⸗ empfehle blick zu bei Em⸗ ſenden, ich mein tdeckung mich, zu Verhei⸗ ich bin weſſen mir das die dieſe 123 Perſon das Geld immerhin bekommen, wenn es dieſe Perſon im Stande iſt! Beim Empfang Ihres Brie⸗ fes iſt mir ein Verfahren, das in dieſer Angelegen⸗ heit eingeſchlagen werden könnte, durch den Kopf gefahren— aber meine Unbekanntſchaft mit den De⸗ tails der Geſchäfte und den Spizfindigkeiten des Ge⸗ ſezes läßt es mir noch ungewiß ob meine Idee einer ſchnellen und ſichern Ausführung fähig iſt. Ich werde morgen um zwei Uhr auf Ihrem Bureau vorſpre⸗ chen, um Sie über dieſen Gegenſtand zu Rathe zu ziehen. Es iſt von großer Wichtigkeit daß, wenn ich Herrn Noel Vanſtone nächſtens ſehe, er mich in die⸗ ſer Angelegenheit mit dem Teſtamente zum Voraus vollſtändig vorbereitet finde. „Ihre ganz ergebene Dienerin „Virginie Lecount.“ XII. Herr Pendril an Fräulein Garth. „Scarle⸗Street, den 29. Oectober. „Werthes Fräulein Garth! Ich habe bloß einen Augenblick, um Sie der Betrübniß zu verſichern mit welcher ich Ihren Brief geleſen habe. Die Umſtände, unter denen Sie Ihr dringendes Erſuchen ſtellten, und die Gründe, die Sie für die Stellung deſſelben anführten, ſind genügend, um jeden Widerwillen, den ich ſonſt gegen das von Ihnen vorgeſchlagene Ver⸗ fahren empfinden würde, zum Schweigen zu bringen. 124 Eine zuverläſſige Perſon, der ich ſelbſt meine An⸗ weiſungen ertheilt habe, wird noch heute nach Allonby abgehen; und ſobald ich irgend Nachrichten von ihr erhalte, ſollen Sie durch einen beſondern Boten davon in Kenntniß geſezt werden. Sagen Sie Fräulein Vanſtone dieß und fügen Sie, ich bitte Sie darum, den aufrichtigen Ausdruck meiner Theilnahme und Hochachtung hinzu. „Ihr getreuer „Wilhelm Pendril.“ XIII. Herr De Bleriot an Frau Leconnt. „Dark's Häuſer, den 1. November. „Meine werthe Madame! Ich habe das Ver⸗ gnügen, Ihnen mitzutheilen daß die Entdeckung mit weit weniger Mühe gemacht worden iſt als ich vor⸗ ausgeſezt hatte. „Herr und Frau Noel Vanſtone ſind über Sol⸗ way Firth bis nach Dumfries, und von da nach einem Landhaus, ein Paar Meilen von der Stadt an den Ufern des Nith gelegen, verfolgt worden. Die genaue Adreſſe iſt: Landhaus Baliol bei Dum⸗ fries. „Dieſe Spur, obgleich leicht aufgeſtöbert, wurde nichtsdeſtoweniger unter ſehr ſonderbaren Umſtänden erlangt. „CEhe die Perſonen die ich dazu verwendete Al⸗ lonby ſtaune und d ſtellte. auf ei ten ſie auf. in ihr Ehre konnte zahl u Plaze den m Spürn Beſize aber i ligen. immer Fährte von n ſezten. 2 beſſer dazu a eignet veranle neine An⸗ h Allonby nvon ihr ten davon Fräulein ie darum, hme und dril.“ . pvember. das Ver⸗ kung mit ich vor⸗ ber Sol⸗ da nach er Stadt worden. dei Dum⸗ tt, wurde mſtänden dete Al⸗ 125 lonby verließen, entdeckten ſie zu ihrem großen Er⸗ ſtaunen daß eine fremde Perſon in dem Orte war und die gleichen Nachforſchungen wie ſie ſelbſt an⸗ ſtellte. In Ermanglung jeglicher Anweiſung, die ſie, auf einen ſolchen Zwiſchenfall vorbereitet hätte, faß⸗ ten ſie den Umſtand von ihrem eigenen Geſichtspunct auf. Indem ſie den Mann als einen Eindringling in ihr Geſchäft anſahen, deſſen Erfolg ſie um die Ehre und den Gewinn der Entdeckung berauben konnte: zogen ſie aus ihrer Ueberlegenheit an An⸗ zahl und aus dem Umſtand, daß ſie zuerſt auf dem Plaze waren, ihren Vortheil und führten den Frem⸗ den mit ſchlauer Vorſicht irre, ehe ſie ihre eigenen Spürnaſen wieder in Thätigkeit ſezten. Ich bin im Beſize von den Einzelnheiten ihrer Maßregeln— aber ich halte es für unnöthig Sie damit zu behel⸗ ligen. Das Ende iſt daß jene Perſon, wer ſie auch immer ſein mag, in ganz feiner Weiſe auf falſcher Fährte nach Süden zurückverlockt worden iſt, ehe die von mir ausgeſchickten Leute über die Meerenge ſezten. „Ich erwähne dieſes Umſtandes, einmal weil Sie beſſer als ich im Stande ſein dürften, den Schlüſſel dazu aufzufinden, ſodann weil er möglicher Weiſe ge⸗ eignet iſt, Sie zur Beſchleunigung Ihrer Reiſe zu veranlaſſen. „Ihr getreuer Diener „Alfred de Bleriot.“ 126 XIV. Frau Lecount an Herrn De Bleriot. „Den 1. November. „Werther Herr! Nur eine Zeile, um Ihnen zu ſagen daß Ihr Brief mich ſo eben in meiner Woh⸗ nung zu London getroffen hat. Ich kenne meines Erachtens die Perſon, welche den fremden Mann zum Behuf von Nachforſchungen nach Allonby ge⸗ ſchickt hat. Es thut nicht viel zur Sache. Che er ſeinen Irrthum gewahr wird, werde ich in Dumfries ſein. Mein Gepäcke iſt in Ordnung und ich fahre mit dem nächſten Zug nach dem Norden ab. „Ihre tief verpflichtete „Virginie Lecount.“ . t. vvember. Ihnen zu ler Woh⸗ 2 meines en Mann onby ge⸗ Ehe er Dumfries ich fahre b. unt.“ Fünfte Scene. Landhaus Baliol bei Dumfries. Erſtes Capitel. Gegen eilf Uhr Morgens am dritten November bot der Frühſtückstiſch auf dem Landhaus Baliol jene eigentlich unbehagliche Erſcheinung dar, die durch eine Mahlzeit im Zuſtande des Uebergangs veran⸗ laßt wird— durch eine Mahlzeit nämlich, welche für zwei Perſonen hergerichtet iſt und von welcher die eine Perſon ſchon ihren Theil zu ſich genommen hat, während die andere ſich derſelben noch nicht einmal näherte. Es gehört ein unverſchämter Ap⸗ petit dazu, welcher die zerbrochenen Eierſchalen, die halb zu einem Skelett abgeſchälten Fiſche, die Ueber⸗ bleibſel in den Schüſſeln und die Reſte in den Taſ⸗ ſen ohne eine momentane Entmuthigung anblicken kann. Es liegt ſicherlich eine klugberechnete Berück⸗ ſichtigung dieſer Schwäche der menſchlichen Natur, die reſpectirt und nicht getadelt werden muß, in der theilnehmenden Schnelligkeit, womit die Bedienſteten 2A 128 in öffentlichen Reſtaurationen alle Zeichen eines frühern Gaſtes den Augen eines neuangekommenen Gaſtes aus dem Wege räumen. Wenn auch gleich der Vorgänger des leztern das Weib ſeines Herzens oder das Kind ſeiner Lenden geweſen ſein ſollte, ſo kann ſich doch Niemand einem Tiſche mit den Spu⸗ ren eines verſchwundenen Eſſens gegenüber befinden, ohne das vorübergehende Gefühl von Widerwillen bei dem Gedanken an ſeine eigene Mahlzeit zu empfinden. Ein Eindruck ſolcher Art bahnte ſich ſeinen Weg auch in Herrn Noel Vanſtones Geiſt, als er kurz nach eilf Uhr in das einſame Frühſtückszimmer auf dem Landhaus Baliol trat. Er blickte mit Stirn⸗ runzeln auf den Tiſch und zog mit einem Ausdruck von Eckel die Klingel. „Schaff mir den Plunder da aus den Augen!“ ſagte er, als das Dienſtmädchen erſchien.„Iſt Deine Herrin ausgegangen?“ „Ja, Herr, faſt ſchon eine Stunde.“ „Iſt Luiſe drunten?“ „Ja, Herr!“ „Wenn Du den Tiſch in Ordnung gebracht haſt ſchicke mir Luiſe herauf.“ Er begab ſich an das Fenſter. Die momentane Gereiztheit verſchwand aus ſeinem Geſichte, ließ aber einen gewiſſen Ausdruck darauf zurück, der nicht ver⸗ ging— einen Ausdruck von peinlicher Unzufrieden⸗ heit. Was ſeine äußere Perſönlichkeit betraf, ſo hatte ſeine Verheirathung dieſelbe zu ſeinen Ungunſten verändert. Seine weißfarbigen, kleinen Wangen be⸗ gannen zuſammenzuſchrumpfen und hohl zu werden; 1 ſeine leicht heit kelnd dünn der Schn deſſel winke ſeit rechne viele und findli traur ſich l Nithf Meil dort! begeg Thal⸗ vorül Land Das ſo a gute land ſo be dar, bieter Rege 129 eines ſeine gebrechliche kleine Figur war ſchon in einer umenen leichten Krümmung vorgebeugt. Die frühere Zart⸗ gleich heit ſeiner Geſichtsfarbe war entflohen— eine krän⸗ Herzens kelnde Bläſſe war Alles was zurückblieb. Sein Ulte, ſo dünnes flachsgelbes Schnurrbärtchen war nimmer mit Spu⸗ der frühern Sorgfalt gewichst und in zierliche finden, Schnörkel geringelt; die kleinen flaumigen Spizen rwillen deſſelben hingen matt über ſeine kläglichen Mund⸗ heit zu winkel herab. Wenn die zehn oder zwölf Wochen ſeit ſeiner Verheirathung nach ſeinem Ausſehen be⸗ 1 Weg rechnet worden wären, ſo würde man ſie als ebenſo r kurz viele Jahre geſchäzt haben. Er ſtand am Fenſter er auf und las mechaniſch Blättchen aus einem daran be⸗ Stirn⸗ findlichen Heidekrauttopfe auf, während er in einem sdruck traurigen Tone abgeriſſene Stücke einer Melodie vor ſich hin ſummte. igen!“ Die Ausſicht vom Fenſter ließ den Lauf des Deine Nithfluſſes an einer Krümmung deſſelben, wenige Meilen oberhalb Dumfries, überſchauen. Da und dort durch winterliche Lücken an dem bewaldeten Ufer begegneten breite Striche des ebenen, angebauten Thales dem Auge. Boote fuhren auf dem Fluſſe t haſt, vorüber und Fuhrwerke zogen langſam längs der Landſtraße auf ihrem Wege nach Dunmfries dahin. entane Das Firmament war klar; die Novemberſonne ſchien Zaber ſo angenehm, als wenn das Jahr noch um zwei tt ver⸗ gute Monate jünger geweſen wäre, und die in Schott⸗ ieden⸗ land durch ihren anziehenden und friedlichen Zauber hatte ſo berühmte Gegend ſtellte ſich in dem beſten Lichte unſten dar, welches der winterliche Anblick nur immer dar⸗ n be⸗ bieten konnte. Wenn ſie in Nebel gehüllt oder von rden; Regen durchnäßt geweſen wäre, ſo würde ſie Herr A 130 Noel Vanſtone ebenſo anziehend gefunden haben, wie er ſie jezt fand. Er wartete am Fenſter, bis er Luiſens Klopfen an der Thüre hörte— dann drehte er ſich plözlich nach der Frühſtückstafel um und hieß die Zofe hereinkommen. „Bereiten Sie mir den Thee!“ ſagte er.„Ich verſtehe mich nicht darauf. Ich finde mich hier ver⸗ nachläſſigt. Niemand hilft mir.“ Die beſcheidene Luiſe gehorchte ſtillſchweigend und unterwürfig. „Hat Ihnen meine Frau irgend einen Auftrag an mich hinterlaſſen, ehe ſie fortging?“ fragte er. „Keinen beſondern Auftrag, Herr. Meine Herrin ſagte bloß daß ſie zu ſpät daran ſein würde, wenn ſie noch länger auf das Frühſtück wartete.“ „Sonſt ſagte ſie Nichts?“ „Am Wagenſchlage ſagte ſie mir, Herr, daß ſie wahrſcheinlich zu Ende der Woche wieder zurück⸗ kommen würde.“ „War ſie guter Laune an dem Wagenſchlag?“ „Nein, Herr. Meine Herrin ſah nach meiner Anſicht ſehr ängſtlich und unruhig aus. Gibt es noch irgend Etwas weiter zu thun für mich, Herr?“ „Ich weiß Nichts. Warten Sie eine Minute!“ Er fuhr unbefriedigt mit ſeinem F k Luiſe wartete mit Ergebung an der Thüre. „Ich denke, Ihre Herrin iſt in lezter Zeit ſehr übler Laune geweſen,“ begann er wieder mit einem plözlichen Ausbruch unverholener Aergerlichkeit. „Meine Herrin iſt nicht gut aufgelegt geweſen, Herr.“ „Was verſtehen Sie unter: Nicht gut aufgelegt? t Der der Du eige wie nich So wil gele gele nich Ker tra⸗ wer Wo Lonr 131 en, wie Denken Sie die Sache etwa zu verdrehen? Bin ich bis er der Niemand im Hauſe? Soll ich über Alles im drehte Dunkeln erhalten werden? Iſt Ihre Herrin in ihren nd hieß eigenen Angelegenheiten fortgegangen und hat mich . wie ein Kind zu Hauſe zurückgelaſſen— ſoll ich mir „Ich nicht einmal eine Frage über ſie erlauben dürfen? er ver⸗ Soll mir ſogar ein Dienſtbote ſtets ausweichen? Ich will nicht daß man mir ausweiche. Nicht gut auf⸗ id und gelegt? Was verſtehen Sie unter: Nicht gut auf⸗ gelegt?“ uftrag„Ich verſtehe darunter bloß daß meine Herrin er. nicht in guter Laune war, Herr.“ Herrin„Warum konnten Sie das nicht alsbald ſagen? wenn Kennen Sie nicht den Werth von Worten? Die traurigſten Folgen entſpringen manchmal daraus, wenn man nicht den Werth oder die Bedeutung der daß ſie Worte kennt. Sagte Ihre Herrin, daß ſie nach zurück⸗ London gehe?“ „Ja, Herr.“ ag?“„Was dachten Sie dabei, als Ihre Herrin Ihnen meiner ſagte daß ſie nach London gehen wolle? Hielten Sie ibt es es für ſonderbar daß ſie ohne mich gehe?“ derr?“„Ich nahm mir nicht heraus es für ſonderbar nute!“ zu halten, Herr.— Gibt es für mich noch Etwas fort. für Sie zu thun, Herr? Wollen Sie es mir gefäl⸗ 5 ligſt ſagen.“ t ſehr„Welcher Art iſt der Morgen draußen? Iſt es einem warm? Iſt die Sonne im Garten?“ 5„Ja, Herr.“ weſen,„Haben Sie die Sonne ſelbſt im Garten ge⸗ . ſehen?“ elegt?„Ja, Herr.“ 132 „Holen Sie mir meinen großen Rock; ich will einen kleinen Spaziergang machen. Hat der Be⸗ diente ihn ausgebürſtet? Sahen Sie den Bedienten ihn ausbürſten? Was verſtehen Sie darunter wenn Sie ſagen, er habe ihn ausgebürſtet, während Sie es doch nicht geſehen haben? Laſſen Sie mich die Schöße beſehen! Wenn ein Staubflecken ſich in den Schößen befindet, ſo jage ich den Bedienten fort!— Helfen Sie mir den Rock anziehen.“ Luiſe half ihm ſeinen Rock anziehen und reichte ihm ſeinen Hut. Er ging in gereizter Stimmung fort. Der Rock war weit und lang(er hatte ſeinem Vater gehört); der Hut war ebenfalls zu weit(er ſtand ihm entfernt nicht und er hatte ihn wohlfeilen Kaufes an ſich gebracht). Er ſtack über Hals und Kopf in Rock und Hut und ſein Ausſehen war da⸗ her ungewöhnlich klein, ſchwächlich und elend, als er in dem winterlichen Sonnenlicht drunten im Garten ſeines Weges langſam dahinwandelte. Der Pfad bog ſanft von dem Hintertheile des Hauſes nach der Waſſerſeite hin ab, von welcher er durch eine niedere Holzumzäunung getrennt war. Nachdem er eine kleine Weile langſam auf und ab geſchritten war, machte er am untern Ende des Gartens Halt und lehnte ſich an den Zaun, indem er gedankenlos auf die glatte Fluth des Fluſſes hinabſchaute. Seine Gedanken ſchweiften noch immer hinweg zu dem Gegenſtand ſeiner erſten verdrießlichen Frage an Luiſe; er ſann und grübelte noch immer über die Umſtände nach, unter denen ſeine Frau dieſen Morgen das Landhaus verlaſſen hatte, und über den Mangel an rückſichtsvoller Achtung gegen ihn ſelbſt, der läng pfin eine eine eige imn auf tige er l ſein ſagt daue buch Leco ſelbſ ihre ihre und um ihren hand die einz) Krau laſſe 3 lich. reichte mung einem it(er feilen und r da⸗ als er arten Pfad ) der edere eine war, und auf nweg rage über ieſen den elbſt, 133 der in der Art und Weiſe ihrer Abreiſe lag. Je länger er über die Kränkung nachdachte, deſto em⸗ pfindlicher fühlte er ſie in ſeinem Herzen. Er war eines großen Zartgefühls fähig, wenn es ſich um eine Verlezung ſeiner hohen Meinung von ſeiner eigenen Wichtigkeit handelte. Sein Kopf ſenkte ſich immer mehr und mehr auf ſeine Arme herab, als ſie auf dem Zaune ruhten, und in dem tiefen aufrich⸗ tigen Bewußtſein ſeiner erlittenen Kränkung ſeufzte er bitterlich. Der Seufzer wurde durch eine Stimme hart an ſeiner Seite beantwortet. „Sie waren doch glücklicher mit mir, Herr,“ ſagte die Stimme in einem Ausdrucke zärtlichen Be⸗ dauerns. Er ſchaute auf unter einem gellenden Schrei— buchſtäblich unter einem Schrei, und befand ſich Frau Lecount gegenüber. War es der Geiſt des Weibes? Oder das Weib ſelbſt? Ihr Haar war weiß, ihr Geſicht eingefallen; ihre Augen ſchauten groß, funkelnd und verſtört über ihren hohlen Wangen hervor. Sie war verwelkt und eine Greiſin geworden. Ihr Kleid hing loſe um ihre zuſammengefallene Figur; nicht eine Spur ihrer üppigen herbſtlichen Schönheit war mehr vor⸗ handen. Die ruhige, unzerſtörbare Entſchloſſenheit, die ſanft einſchmeichelnde Stimme, das waren die einzigen Ueberreſte aus der Vergangenheit, welche Krankheit und Leiden in Frau Lecount übrig ge⸗ laſſen hatten. „Faſſen Sie ſich, Herr Noel,“ ſagte ſie freund⸗ lich.„Sie haben keine Urſache, bei meinem Anblicke A 134 unruhig zu werden. Ihre Dienſtmädchen ſagten mir auf mein Befragen, daß Sie im Garten ſich befän⸗ den, und ich kam hieher um Sie aufzuſuchen. Ich habe Sie ausgeſpürt, Herr, ohne Groll gegen Sie, ohne den geringſten Wunſch, Sie auch nur durch den Schatten eines Vorwurfs zu betrüben. Ich komme hieher zu dem, was die Beſchäftigung mei⸗ nes Lebens war und noch iſt— zu Ihrem Dienſte.“ Er erholte ſich wieder ein wenig; aber er war noch nicht im Stande zu ſprechen. Er hielt ſich feſt an dem Zaune und ſtarrte ſie an. „Verſuchen Sie mit Ihrem Geiſte aufzufaſſen, Herr, was ich Ihnen ſage,“ fuhr Frau Lecount fort. „Ich bin nicht als Ihre Feindin hiehergekommen, ſon⸗ dern als Ihre Freundin. Ich bin von einer Krank⸗ heit heimgeſucht worden, ich bin von Kummer heim⸗ geſucht worden. Nichts iſt von mir übrig als mein Herz. Mein Herz vergibt Ihnen, mein Herz ruft mich in Ihrer harten Noth, einer Noth die Sie erſt noch empfinden ſollen, zu Ihrem Dienſte. Nehmen Sie meinen Arm, Herr Noel. Ein kleiner Gang in der Sonne wird Ihnen zu Ihrer Erholung be⸗ hilflich ſein.“ Sie ſchob ſeine Hand unter ihren Arm und führte ihn langſam den Gartengang hinauf. Ehe ſie ſünf Minuten in ſeiner Geſellſchaft verweilt war, hatte ſie ſchon wieder vollen Beſiz von ihm als einem un⸗ beſtrittenen Rechte genommen. „Jezt wieder hinunter, Herr Noel,“ ſagte ſie. „Gemächlich wieder hinunter in dieſem ſchönen Son⸗ nenlicht. Ich habe Ihnen viel zu ſagen, Herr, was Sie niemals erwartet hätten von mir zu hören. Laſſe ſtellen Noel ſie a J als f antw ſchull ihm das näml genot count thun, von count „ Lecor mein komn ſage, Vanſ wenie So! n mir befän⸗ 3 Sie, durch Ich mei⸗ uſte.“ rwar ch feſt faſſen, fort. ,ſon⸗ Krank⸗ heim⸗ mein ruft e erſt ehmen Gang g be⸗ führte fünf hatte n un⸗ e ſie. Son⸗ was ören. 135⁵ Laſſen Sie mich vorher eine kleine häusliche Frage ſtellen. Man ſagte mir an der Hausthüre, Frau Noel Vanſtone ſei auf einer Reiſe abweſend. Iſt ſie auf lange Zeit verreist?“ Die Hand ihres Herrn zitterte an ihrem Arme, als ſie dieſe Frage ſtellte. Anſtatt dieſelbe zu be⸗ antworten, wagte er einen ſchwachen Verſuch Ent⸗ ſchuldigungen vorzubringen. Die erſten Worte die ihm entſchlüpften, waren ihm durch das erſte Gefühl, das wieder in ihm erwachte, eingegeben, das Gefühl nämlich, daß ſeine Haushälterin ihn in Gewahrſam genommen habe. Er verſuchte Frieden mit Frau Le⸗ count abzuſchließen. „Ich hatte immer den Vorſaz Etwas für Sie zu thun,“ ſagte er ſchmeichelnd.„Sie würden in Bälde von mir gehört haben. Auf mein Chrenwort, Le⸗ count. Sie würden in Bälde von mir gehört haben.“ „Ich zweifle nicht daran, Herr,“ verſezte Frau Lecount.„Aber für jezt ſollen Sie ſich nicht mit meiner Perſon befaſſen. Sie und Ihre Intereſſen kommen zuerſt.“ „Wie kamen Sie denn hieher?“ fragte er, indem er ſie voll Erſtaunen anblickte.„Wie war es Ihnen möglich, mich ausfindig zu machen?“ „Es iſt eine lange Geſchichte, Herr; ich will ſie Ihnen zu irgend einer andern Zeit erzählen. Laſſen Sie es genug für jezt daran ſein, daß ich Ihnen ſage, ich habe Sie gefunden. Wird Frau Noel Vanſtone heute wieder nach Hauſe zurückkehren? Ein wenig lauter, Herr; ich kann Sie ja kaum hören. So! So! Nicht zurück wieder vor Ablauf der Woche! 136 Nach London ſagten Sie? Und wozu? Ich bin nicht neugierig, Herr Noel, ſondern ich ſtelle ernſtliche und nothgedrungene Fragen. Warum hat Ihre Frau Sie hier verlaſſen und iſt allein nach London ge⸗ gangen?“ Sie waren wieder am Zaune unten, als ſie dieſe lezte Frage ſtellte und ſie lehnten ſich daran, wäh⸗ rend Herr Noel antwortete. Ihre wiederholten Ver⸗ ſicherungen, daß ſie ihm keinen Groll nachtrage, tha⸗ ten endlich ihre Wirkung bei ihm. Er begann ſich wieder zu erholen. Die alte rathloſe Gewohnheit, alle ſeine Klagen an ſeine Haushälterin zu richten, kehrte ſchon mit dem bloßen Wiedererſcheinen Frau Lecounts zurück, kehrte unvermerkter Weiſe in Geſell⸗ ſchaft mit dem überwältigenden Verlangen zurück, über ſeine unangenehme Lage zu ſprechen, ein Ver⸗ langen, das ſchon an der Frühſtückstafel ſich ſeiner bemeiſtert und die ſeiner Eitelkeit geſchlagene Wunde der Kammerzofe ſeiner Frau verrathen hatte. Ich kann nicht für Frau Noel Vanſtone verant⸗ wortlich ſein,“ ſagte er mit giftigem Aerger.„Frau Noel Vanſtone hat mich nicht mit der Achtung be⸗ handelt die ſie mir ſchuldig iſt. Sie hat meine Er⸗ laubniß als ſelbſtverſtändlich betrachtet, und bloß für gut befunden mir zu ſagen daß der Zweck ihrer Reiſe ein Beſuch ihrer Freunde in London ſei. Sie ging dieſen Morgen fort, ohne mir Lebewohl zu ſa⸗ gen. Sie ſchlägt ihren eigenen Weg ein, wie wenn ich Niemand wäre; ſie behandelt mich wie ein Kind. Sie werden mir es wohl nicht glauben, Lecount— aber ich weiß nicht einmal wer ihre Freunde ſind. Ich bin gänzlich im Dunkeln gelaſſen; es iſt mir gefolg ſezen, gereis 5 In. gnete erklär⸗ zu bei S geleite auf d. größte ſich he größte hinter freut reitwi Co ch bin nſtliche e Frau on ge⸗ ie dieſe wäh⸗ in Ver⸗ ee, tha⸗ un ſich uheit, richten, Frau Geſell⸗ zurück, n Ver⸗ ˖ſeiner Wunde verant⸗ „Frau ung be⸗ ne Er⸗ d bloß ck ihrer i. Sie zu ſa⸗ e wenn n Kind. zunt— de ſind. iſt mir 137 ſelbſt überlaſſen zu errathen daß ihre Freunde in London ihr Onkel und ihre Tante ſind.“ Frau Lecount betrachtete ſich heimlich die Frage ihres eigenen in London erlangten Wiſſens. Sie kam alsbald zu dem ihr nahe liegenden Schluſſe. Nachdem Magdalene in dem erſten Augenblick ihrer Schweſter geſchrieben hatte, war ſie nunmehr aller Wahrſcheinlichkeit nach dem Briefe in Perſon nach⸗ gefolgt. Es war wohl wirklich wenig Zweifel darein zu ſezen, daß die Freunde, zu deren Beſuch ſie nach London gereist, ihre Schweſter und Fräulein Garth waren. „Nicht ihr Onkel und nicht ihre Tante,“ entge⸗ gnete Frau Lecount ruhig.„Ein Geheimniß für Ihr Ohr allein! Sie hat keinen Onkel und keine Tante. Aber noch einen kleinen Gang zuvor, ehe ich mich erkläre, noch einen kleinen Gang, um Ihren Geiſt zu beruhigen.“ Sie nahm ihn noch einmal in Gewahrſam und geleitete ihn nach dem Hauſe zurück. „Herr Noel!“ ſagte ſie, indem ſie plözlich mitten auf dem Wege ſtehen blieb.„Wiſſen Sie was das größte Unheil war, das Sie jemals in Ihrem Leben über ſich heraufbeſchworen? Ich will es Ihnen ſagen. Das größte Unheil war daß Sie mich nach Zürich ſchickten.“ Seine Hand begann abermals an ihrem Arme zu zittern. „Ich habe es nicht gethan!“ rief er in kläglichem Tone.„Es war Herr Byugrave allein.“ „Sie erkennen alſo an daß Herr Bygrave mich hinterging?“ fuhr Frau Lecount fort.„Ich bin er⸗ freut dieß zu hören. Sie werden dann um ſo be⸗ reitwilliger die nächſte Entdeckung machen die auf Collins, Namenlos. IV. 10 138 Sie wartet.— Die Entdeckung, daß Herr Bygrave Sie betrogen hat. Er iſt nicht hier, um mir jezt durch die Finger zu ſchlüpfen, und ich bin nicht das hilfloſe Weib an dieſem Orte, welches ich zu Ald⸗ borough war. Gott ſei Dank!“ Sie murmelte dieſen frommen Ausdruck zwiſchen ihren regelmäßigen Zähnen hervor. Ihre ganze Galle gegen Capitän Wragge ſprizte ziſchend in dieſen zwei Worten über ihre Lippen. „Wollen Sie ſo gut ſein, Herr, und mir die eine Seite meiner Reiſetaſche halten,“ begann ſie wieder, „während ich ſie öffne und etwas herausnehme.“ Das Innere der Reiſetaſche förderte eine Menge zierlich zuſammengefalteter Papiere zu Tage, die ſämmlich in ſchönſter Ordnung beiſammen lagen und auf der Außenſeite numerirt waren. Frau Lecount nahm eines von den Papieren heraus und ſchloß die Taſche wieder unter einem lauten Zuſchnappen der Springfeder im Schloſſe. „In Aldborough, Herr Noel, hatte ich nur meine Meinung zur Unterſtützung,“ bemerkte ſie.„Meine Meinung war nichts gegen Fräulein Bygraves Ju⸗ gend und Schönheit und Herrn Bygraves ſchlaue Abgeſchlagenheit. Ich konnte nur hoffen mit ſchla⸗ genden Beweiſen gegen Ihre Bethörung anzukämpfen; ſolche Beweiſe hatte ich aber damals nicht zur Hand. Gegenwärtig beſize ich ſolche! Ich bin nach allen Seiten hin mit Beweiſen ausgerüſtet— ich ſtarre von Kopf zu Fuß mit Beweiſen— ich breche mein gezwungenes Stillſchweigen und ſpreche mit dem vollen Nachdruck meiner Beweiſe. Kennen Sie dieſes Schrei⸗ ben da, Herr?“ 7 Aufr mein 2 den Sie wolle nach laß i vier Frau teln ſiz ie ſchrie ich ſ in Gene ner liefer Fräu chend Heili Herr Hand ſchrif kreuz Bygt an S jema Ein Ja t ygrave rir jezt ht das Ald⸗ viſchen Galle n zwei ie eine wieder, to.“ Menge , die en und ecount ſchloß nappen meine Meine 8 Ju⸗ chlaue ſchla⸗ npfen; Hand. hallen ſtarre mein vollen Schrei⸗ 139 „Ich verſtehe dieß nicht,“ ſagte er in gereizter Aufregung.„Ich weiß nicht was Sie wollen oder meinen.“ Frau Lecount nöthigte das Papier ſeinen Hän⸗ den auf. „Sie ſollen erfahren was ich meine, Herr, wenn Sie mir einen Augenblick Aufmerkſamkeit ſchenken wollen,“ ſagte ſie.„An dem Tage, nachdem Sie nach Heiligenkreuz abgereist waren, erhielt ich Ein⸗ laß in Herrn Bygraves Haus, und ich hatte unter vier Augen eine Unterredung mit Herrn Bygraves Frau. Dieſe Unterredung verſah mich mit den Mit⸗ teln um Sie zu überzeugen, Mittel, nach deren Be⸗ ſiz ich Woche auf Woche eifrigſt geſtrebt hatte. Ich ſchrieb Ihnen einen Brief, um das mitzutheilen— ich ſchrieb um Ihnen zu ſagen, daß ich meine Stelle in Ihrem Dienſte und meinen Anſpruch auf Ihre Generoſität daran ſezen wolle, wenn ich nach mei⸗ ner Zurückkunft aus der Schweiz nicht den Beweis liefern könnte, daß mein geheimer Verdacht gegen Fräulein Bygrave ein ganz der Wahrheit entſpre⸗ chender war. Ich richtete dieſen Brief an Sie nach Heiligenkreuz und gab ihn ſelbſt auf die Poſt. Jezt, Herr Noel, leſen Sie das Papier das ich Ihrer Hand aufgezwungen habe. Es iſt Admiral Bartrams ſchriftliche Beſtätigung, daß mein Brief in Heiligen⸗ kreuz ankam und daß er ihn unter Einſchluß an Herrn Bygrave auf Ihr eigenes ausdrückliches Verlangen an Sie weiter beförderte. Gab Ihnen Herr Bygrave jemals dieſen Brief? Regen Sie ſich nicht auf, Herr! Ein einziges Wort der Erwiderung wird genügen— Ja oder Nein?“ 140 Er las das Papier und ſah zu ihr mit ſteigen⸗ der Angſt und Verwirrung hinauf. Sie wartete harknäckig, bis er ſprach. „Nein,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme;„ich habe den Brief niemals erhalten.“ „Erſter Beweis!“ ſagte Frau Lecount, indem ſie ihm das Papier wieder nahm und es in den Reiſe⸗ ſack ſteckte.„Noch einen weitern mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ehe wir zu noch ernſtern Dingen kom⸗ men. Ich gab Ihnen, Herr, zu Aldborough eine ſchriftliche Beſchreibung einer ungenannten Perſon, und erſuchte Sie dieſelbe mit Fräulein Bygrave zu vergleichen, ſobald Sie wieder in Geſellſchaft der⸗ ſelben ſich befänden. Nachdem Sie erſt die Beſchrei⸗ bung Herrn Bygrave gezeigt hatten— es iſt nuz⸗ los es jezt zu leugnen, Herr Noel; Ihr Freund von der Nordſteinvilla iſt nicht hier, um Ihnen zu hel⸗ fen— nachdem Sie mein Billet zuerſt Herrn By⸗ grave gezeigt hatten, ſtellten Sie die Vergleichung an und fanden daß ſie in dem wichtigſten Puncte nicht zutreffe. Nach meiner Beſchreibung von der ungenannten Dame ſollten ſich zwei kleine Mutter⸗ male dicht nebeneinander auf der linken Seite des Nackens derſelben befinden, und bei Ihrer Beſich⸗ tigung von Fräulein Bygraves Nacken fanden ſich dieſe kleinen Muttermale nicht vor. Ich bin alt ge⸗ nug, um Ihre Mutter ſein zu können, Herr Noel. Wenn Sie meine Frage nicht als unzart betrachten wollen, ſo möchte ich wohl die Frage an Sie ſtellen, welches gegenwärtig der Stand Ihrer Kenntniß von dem Nacken Ihrer Frau iſt?“ Sie blickte ihn mit einer unbarmherzigen Feſtig⸗ eigen⸗ dartete „ich im ſie Reiſe⸗ ütigen kom⸗ eine gerſon, ve zu t der⸗ ſchrei⸗ nuz⸗ d von u hel⸗ By⸗ ichung Puncte n der tutter⸗ te des Beſich⸗ in ſich alt ge⸗ Noel. hachten ſtellen, iß von Feſtig⸗ 141 keit an. Er zog ſich ein Paar Schritte weit zurück, da er die Schärfe ihres Blickes nicht ertragen konnte. „Ich kann es nicht ſagen,“ ſtammelte er.„Ich weiß es nicht. Was meinen Sie bei dieſen Fragen? Ich habe niemals über die Muttermale hinten nach⸗ gedacht; ich ſchaute niemals darauf. Sie trägt ihre Haare weit herab—“ „Sie hat einen vortrefflichen Grund, es weit herab zu tragen, Herr,“ bemerkte Frau Lecount. „Wir wollen den Verſuch machen und dieſes Haar auflüpfen, ehe wir mit dem Gegenſtand fertig ſind. Als ich herauskam um Sie in dem Garten zu ſuchen, ſah ich eine hübſche junge Perſon durch das Küchen⸗ fenſter, mit ihrer Arbeit in der Hand, welche mei⸗ nen Augen wie ein Kammermädchen vorkam. Iſt dieſe junge Perſon die Zofe Ihrer Frau? Ich bitte um Entſchuldigung, Herr, ſagten Sie Ja? In die⸗ ſem Fall eine andere Frage, wenn Sie erlauben. Dingten Sie das Mädchen oder dingte es Ihre Frau?“ „Ich dingte ſie—“ „Während ich weg war? Während ich in gänz⸗ licher Unwiſſenheit mich darüber befand, daß Sie eine Frau oder ein Kammermädchen zu nehmen ge⸗ meint waren?“ „Ja.⸗ „Unter dieſen Umſtänden, Herr Noel, können Sie mich unmöglich in Verdacht haben, daß ich mich des Mädchens als mein Werkzeug bediene und mit demſelben, um Sie hinters Licht zu führen, im Ein⸗ verſtändniß ſtehe. Gehen Sie in das Haus, Herr, während ich hier warte. Fragen Sie das Frauen⸗ zimmer, welches Frau Noel Vanſtones Haar Mor⸗ 142 gens und Abends ordnet, ob ihre Herrin ein Mal auf der linken Seite ihres Nackens hat und(wenn es ſo iſt) worin dieſes Mal beſteht?“ Er ging ein Paar Schritte gegen das Haus hin, ohne ein Wort zu äußern— dann hielt er inne und ſchaute auf Frau Lecount zurück. Seine blin⸗ zelnden Augen waren feſt und ſein ſtrohgelbes Ge⸗ ſicht hatte plözlich wieder eine vollkommene Ruhe angenommen. Frau Lecount ging ein wenig vor⸗ wärts und trat zu ihm hin. Sie ſah die Verände⸗ rung; allein bei all ihrer Kenntniß von ſeinem Cha⸗ racter ging ſie in Auslegung der wahren Bedeu⸗ tung derſelben dennoch fehl. „Bedürfen Sie vielleicht irgend eines Vorwands, Herr?“ fragte ſie.„Sind Sie etwa in Verlegen⸗ heit von der Zofe mit einer ſolchen Frage, wie ich wünſche daß Sie an dieſelbe ſtellen ſollen, Auskunft zu verlangen? Ein Vorwand iſt bei Perſonen von Ihrer Lebensſtellung leicht aufgefunden. Machen Sie ihr weiß, ich ſei mit der Nachricht von einer Erb⸗ ſchaft welche Frau Noel Vanſtone gemacht hieher gekommen, und es handle ſich bloß noch um die Feſt⸗ ſtellung der Identität ihrer Perſon, ehe ſie das Geld in Empfang nehmen könne. Sie deutete nach dem Hauſe. Er ſchenkte dem Zeichen keine Aufmerkſamkeit. Sein Antliz wurde immer bläſſer und bläſſer. Ohne ſich zu rühren oder zu ſprechen ſtand er da und ſtarrte ſie an. „Fürchten Sie ſich?“ fragte Frau Lecount. Dieſe Worte weckten ihn auf; dieſe Worte blie⸗ ſen den Funken von männlichem Feuer, der in ihm noch glimmte, endlich lichterloh an. Er kehrt zu ihr zurück wie ein Schaf zu einem Hund. I nahm herau Herr, Abſich Ihre viellei dieſe. ſchen geheir Könne Ihnen 143 Mal„Ich will nicht gefragt und gemaßregelt wer⸗ (wenn den!“ fuhr er heraus, indem er heftig unter dem friſchen Gefühle ſeines wiedererlangten Muthes zit⸗ s hin, terte.„Ich will nicht länger bedroht und myſtifi⸗ inne cirt werden. Wie machten Sie mich an dieſem Orte blin⸗ ausfindig? Was beabſichtigten Sie dabei daß Sie s Ge⸗ mit Ihrem geheimnißvollen Winken hieher kamen? Ruhe Was haben Sie gegen meine Frau auszuſezen?“ z vor⸗ Frau Lecount öffnete ruhig ihre Reiſetaſche und rände⸗ nahm für den Fall der Noth ihr Riechfläſchchen 1 Cha⸗ heraus. Bedeu⸗„Sie haben in deutlichen Worten zu mir ge⸗ ſprochen,“ ſagte ſie.„In deutlichen Worten, Herr. vands, Sie ſollen Ihre Antwort darauf haben. Sind Sie llegen⸗ etwa zu erzürnt, um darauf zu horchen?“ vie ich Ihr Blick und ihre Stimme beunruhigten ihn skunft wider Willen. Sein Muth begann wieder zu ſinken von und bei der verzweifelten Anſtrengung ihn aufrecht en Sie zu halten, zitterte ſeine Stimme, als er ihr er⸗ Erb⸗ wiederte. hieher„Geben Sie mir Antwort,“ ſagte er;„auf der e Feſt⸗ Stelle geben Sie mir Antwort!“ Geld„Ihr Befehl ſoll buchſtäblich befolgt werden, Herr,“ verſetzte Frau Lecount.„Ich bin aus zwei e dem Abſichten hiehergekommen. Ihnen die Augen über wurde Ihre Lage zu öffnen und Ihnen Ihr Vermögen— n oder vielleicht Ihr Leben zu retten. Ihre Stellung iſt dieſe. Fräulein Bygrave hat Sie unter einem fal⸗ ſchen Character und unter einem falſchen Namen e blie⸗ geheirathet. Können Sie Ihr Gedächtniß aufwecken? in ihm Können Sie ſich das verkleidete Frauenzimmer, das zu ihr Ihnen auf der Vauxhallpromenade gedroht hat, in — 144 Ihre Erinnerung zurückrufen? Dieſes Frauenzimmer iſt— ſo gewiß als ich hier ſtehe— Ihr Weib?“ Er ſchaute mit athemloſem Stillſchweigen auf ſie hin. Seine Lippen öffneten ſich weit von einander, ſeine Augen ſtarrten fragend in den leeren Raum hinaus. Die Plözlichkeit der Enthüllung hatte ſich über ihr eigenes Ziel verſtiegen. Sie hatte ihn voll⸗ ſtändig verblüfft gemacht. „Mein Weib?“ ſprach er nach und brach in ein unbeholfenes Gelächter aus. „Ihr Weib!“ wiederholte Frau Lecount. Die Wiederholung dieſer zwei Worte verminderte den Druck der auf ſeiner Seele laſtete. Ein Gedanke dämmerte zum erſten Mal in ihm auf. Seine Augen firirten ſie mit heimlichem Entſezen und er zog ſich haſtig zurück. „Wahnſinnig!“ ſagte er vor ſich ſelbſt hin, in⸗ dem er ſich plözlich an das erinnerte was ſein Freund, Herr Bygrave, ihm zu Aldborough geſagt hatte und worin er durch ſeine eigene Wahrnehmung der furchtbaren Veränderung, die er in ihrem Ge⸗ ſicht ſah, beſtärkt wurde. Er ſprach bloß flüſternd vor ſich hin— aber Frau Lecount hörte ihn doch. Sie war ihm in einem Augenblick wieder dicht zur Seite getreten. Zum erſten Male verließ ſie ihre Selbſtbeherrſchung und ſie ergriff ihn zornig am Arme. „Wollen Sie meinen Wahnſinn auf die Probe ſtellen, Herr?“ fragte ſie. Er ſchüttelte ſich von ihr los; er begann bei der unbeſchränkten Aufrichtigkeit ſeines Unglaubens wie⸗ der Muth zu ſchöpfen— Muth um der Behaup⸗ tung dränge Betref Mutte men 6 öffnen Kleide wartet N ten er die vo mit d währe ihm a nende Entſez lähme zimmer zeib?“ auf ſie nander, Raum tte ſich hn voll⸗ in ein ninderte Hedanke Augen zog ſich in, in⸗ as ſein geſagt ehmung em Ge⸗ er Frau einem Zum ng und Probe bei der ns wie⸗ Behaup⸗ 145 tung entgegenzutreten, welche ſie ihm beharrlich auf⸗ drängen wollte. „Ja,“ antwortete er.„Was muß ich thun?“ „Thun Sie was ich Ihnen ſagte,“ erwiderte Frau Lecount.„Befragen Sie unverzüglich die Zofe in Betreff Ihrer Herrin. Und wenn ſie ſagt daß das Muttermal da ſei, ſo thun Sie noch Etwas. Neh⸗ men Sie mich in das Zimmer Ihrer Frau mit und öffnen Sie eigenhändig in meiner Gegenwart ihren Kleiderſchrank.“ „Was haben Sie mit ihrem Kleiderſchrank zu ſchaffen?“ fragte er. „Sie ſollen es erfahren wenn er geöffnet iſt.“ „Sehr ſeltſam!“ murmelte er gedankenlos vor ſich hin.„Das gleicht einer Scene in einem Ro⸗ mane; ſo geht es im wirklichen Leben nicht zu.“ Er ging langſam ins Haus und Frau Lecount wartete im Garten auf ihn. Nach einer Abweſenheit von nur einigen Minu⸗ ten erſchien er wieder oben auf der Flucht der Treppe die vom Hauſe in den Garten führte. Er hielt ſich mit der einen Hand an dem eiſernen Geländer, während er mit der andern Frau Lecount winkte, zu ihm an die Treppe zu kommen. „Was ſagte die Zofe?“ fragte ſie, als ſie ſich ihm näherte.„Iſt das Muttermal vorhanden?“ Er antwortete flüſternd:„Ja.“ Was er von der Zofe gehört, hatte eine bezeich⸗ nende Veränderung in ihm hervorgebracht. Das Entſezen vor der bevorſtehenden Enthüllung hatte lähmend auf ſeinen Geiſt gewirkt. Er bewegte ſich 146 bloß mechaniſch; er ſah aus und ſprach wie ein Mann der träumt. „Wollen Sie meinen Arm nehmen, Herr?“ Er ſchüttelte ſeinen Kopf und ſchritt ihr durch den Hausgang die Stiege hinauf in das Gemach ſeiner Frau voran. Als ſie zu ihm trat und die Thüre aufſchloß, ſtand er, ohne eine Bemerkung fallen zu laſſen, ohne ein äußerliches Zeichen von Verwun⸗ derung zu verrathen, in paſſiver Haltung da und harrte der Dinge die da kommen ſollten. Er hatte weder ſeinen Hut noch ſeinen Ueberrock voff ſich ge⸗ legt. Frau Lecount nahm ſie ihm ab. „Danke,“ ſagte er mit der Gelehrigkeit eines wohlerzogenen Kindes.„Das gleicht einer Seene in einem Romane; ſo geht es im wirklichen Leben nicht zu.“ Das Schlafzimmer war nicht ſehr groß und die Möblirung ſchwerfällig und altmodiſch. Aber über⸗ all zeigte ſich in der kleinen Ausſchmückung welche den Anblick des Gemaches verlieblichte und belebte, Magdalenens Schönheitsſinn und feiner Geſchmack. Der Wohlgeruch getrockneter Roſenblätter wehte ſüß⸗ duftend durch die kühle Luft. Frau Lecount ſchnup⸗ perte das Parfüm mit einem verächtlichen Wider⸗ willen ein und machte das Fenſter von oben bis unten auf. „Pfui,“ ſagte ſie mit dem Schauder eines er⸗ heuchelten Eckels.„Die wahre Atmoſphäre des Betrugs.“ Sie ſezte ſich in der Nähe des Fenſters nieder. Der Kleiderſchrank ſtand an der gegenüberliegenden Wand und das Bett befand ſich rechts von ihrer Seite. ſagte ſ Kleider ſelben Kleider in den ein drit gab Fr Abſicht Alpacal Lüpfen laſſen ger paf ein Sti und ſel Er gleiten, dann h count n „Ne wie ein 974 r durch Gemach und die g fallen Ferwun⸗ da und er hatte ſich ge⸗ it eines zeene in Leben und die er über⸗ welche belebte, ſſchmack. hte ſüß⸗ ſchnup⸗ Wider⸗ ben bis ines er⸗ ire des nieder. legenden r Seite. 147 „Oeffnen Sie den Kleiderſchrank, Herr Noel,“ ſagte ſie.„Ich trete nicht näher hinzu; ich für meine Perſon berühre Nichts daran. Nehmen Sie mit Ihrer eigenen Hand die Kleider heraus und legen Sie dieſelben aufs Bett. Nehmen Sie eines nach dem andern heraus, bis ich Sie aufhören heiße.“ Er gehorchte ihr. „Ich will es thun ſo gut ich es kann,“ ſagte er. „Meine Hände ſind kalt und mein Kopf liegt halb im Schlafe.“ Es waren nicht viele der herauszunehmenden Kleider vorhanden, weil Magdalene einen Theil der⸗ ſelben mit ſich genommen hatte. Nachdem er zwei Kleider auf das Bett gelegt hatte, mußte er ſchon in den tiefern Räumen des Schrankes ſuchen, ehe er ein drittes finden konnte. Als er es hervorbrachte, gab Frau Lecount ihm ein Zeichen aufzuhören. Die Abſicht war bereits erreicht; er hatte das braune Alpacakleid gefunden. „Legen Sie es auf dem Bett auseinander, Herr,“ ſagte Frau Lecount.„Sie werden eine doppelte Garnirung um den Saum deſſelben herumgehen ſehen. Lüpfen Sie die äußere Garnirung in die Höhe und laſſen Sie die innere Zoll für Zoll durch Ihre Fin⸗ ger paſſiren. Wenn Sie an eine Stelle kommen, wo ein Stück von dem Zeuge fehlt, halten Sie inne und ſehen Sie mich an.“ Er ließ die Garnirung langſam durch die Finger gleiten, etwa eine Minute lang oder etwas mehr, dann hielt er inne und ſchaute ſie an. Frau Le⸗ count nahm ihre Brieftaſche hervor und öffnete ſie. „Jedes Wort, das ich jezt ſpreche, Herr, iſt von ernſthaften Folgen für Sie und für mich,“ ſagte ſie. keit zu. Als das Frauenzimmer, das ſich für Fräu⸗ lein Garth ausgab, zu uns in der Vauxhallprome⸗ nade auf Beſuch kam, kniete ich hinter dem Stuhle auf welchem ſie ſaß nieder, und ſchnitt ein Stück aus dem Stoffe des Kleides das ſie trug heraus, um mit Hilfe deſſelben das Kleide wieder zu erken⸗ nen, wenn ich es je wieder ſehen ſollte. Ich that dieß, während die ganze Aufmerkſamkeit des Frauen⸗ zimmers auf das Geſpräch mit Ihnen gerichtet war. Dieſes Stückchen Zeug habe ich bis jezt in meinen Taſchenbuche aufbewahrt. Sehen Sie ſelbſt nach, Herr Noel, ob derſelbe nicht genau in die Lücke die⸗ ſes Kleides paßt das Sie ſoeben mit eigener Hand u dem Kleiderſchrank Ihrer Frau herausgenommen haben.“ Sie ſtand auf und reichte ihm übers Bett hin das Stückchen Zeug. Er legte es in den leeren Raum der Garnirung, ſo gut als ſeine zitternden Finger es geſtatteten. „Paßt es, Herr?“ fragte Frau Lecount. Das Kleid entfiel ſeinen Händen, und die todten⸗ bläuliche Bläße, vor welcher jeder ihn behandelnde Arzt die Haushälterin gewarnt hätte, überzog lang⸗ ſam ſein Geſicht. Frau Lecount hatte auf keine ſolche Antwort auf ihre Frage gerechnet, wie ſie jezt auf ſeinen Wangen ſah. Sie eilte mit dem Riechfläſch⸗ chen in der Hand ſchnell zu ihm hin. Er ſank auf ſeine Knie zuſammen und griff nach ihrem Kleide, um ſich daran gleich einem Manne der eben ertrin⸗ ken will verzweifelt feſtzuklammern. „Hören Sie mir mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ dem En dieſem Sie führte il „Fü auf ihre Zeichen gezeigt Cologne Erſchöpf bloß au Er ſchrank: in einer Lecount Als Kopf a welchen Arztes mächtig in ihr vorher nach den lichen 2 zum Pac blick zu band do des Sch⸗ jagte ſie. merkſam⸗ ür Fräu⸗ allprome⸗ Stuhle in Stück heraus, zu erken⸗ Ich that Frauen⸗ htet war. meinem bſt nach, Lücke die⸗ ner Hand enommen Bett hin in leeren zitternden ie todten⸗ handelnde bog lang⸗ ine ſolche ejezt auf iiechfläſch⸗ ſank auf n Kleide, n ertrin⸗ 149 „Retten Sie mich!“ keuchte er in heiſerm, athem⸗ loſen Geflüſter.„Ach Lecount, retten Sie mich!“ „Ich verſpreche Sie zu retten,“ ſagte Frau Le⸗ count.„Ich befinde mich hier mit den Mitteln und dem Entſchluſſe Sie zu retten. Treten Sie weg von dieſem Plaze und kommen Sie näher an die Luft.“ Sie hob ihn während des Sprechens auf und führte ihn durch das Zimmer an das Fenſter. „Fühlen Sie wieder den erſtarrenden Schmerz auf ihrer linken Seite?“ fragte ſie mit den früheren Zeichen von Beunruhigung welche ſie ſchon zuvor gezeigt hatte.„Hat Ihre Frau nicht etwas Cau de Cologne, etwas flüchtiges Salz in ihrem Zimmer? Erſchöpfen Sie ſich nicht durch Sprechen, deuten Sie bloß auf die Stelle. Er deutete auf einen kleinen dreieckigen Wand⸗ ſchrank von altem, wurmſtichigen Wallnußholz, der in einer Zimmerecke hoch oben befeſtigt war. Frau Lecount ſuchte ihn zu öffnen— er war verſchloſſen. Als ſie dieſe Entdeckung machte, ſah ſie ſeinen Kopf allmählig in den Lehnſtuhl zurückſinken in welchen ſie ihn geſezt hatte. Die Warnung des Arztes in früheren Jahren:„Wenn ſie ihn je ohn⸗ mächtig werden laſſen, ſo wird er ſterben“— trat in ihr Gedächniß zurück, wie wenn es erſt den Tag vorher zu ihr geſagt worden wäre. Sie blickte wieder nach dem Wandſchrank. In einem darunter befind⸗ lichen Behälter lagen einige Schnüre die offenbar zum Packen beſtimmt waren. Ohne ſich einen Augen⸗ blick zu beſinnen, raffte ſie ein Stück Schnur auf, band das eine Ende feſt um den Knopf der Thüre des Schrankes, ergriff das andere Ende mit beiden 150 Händen und zog daran plözlich mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. Das morſche Holz gab nach, die Schrankthüre flog auf, und ein Haufen kleiner Ge⸗ genſtände fiel lärmend auf den Boden heraus. Ohne lange von dem zerbrochenen Porzellan und Glaswerk Notiz zu nehmen, ſah ſie in die dunkeln Fächer des Schrankes hinein und bemerkte das Glizern zweier gläſerner Fläſchchen. Das eine davon war ganz hinten auf das Brett geſtellt; das andere befand ſich ein Bischen weiter vornen uud verdeckte es beinahe. Sie nahm beide zu gleicher Zeit heraus und trug ſie, eines in jeder Hand, an das Fenſter, wo ſie bei dem hel⸗ lern Lichte die Ueberſchriften leſen konnte. Das Fläſchchen in ihrer rechten Hand war das erſte das ſie anſchaute. Es war bezeichnet— Flüch⸗ tiges Salz. Sie legte ohne Verzug das andere Fläſchchen beiſeits auf den Tiſch ohne es ſich weiter zu beſehen. Es lag da in Erwartung, bis an es die Reihe käme. Es enthielt eine dunkle Flüſſigkeit und die Aufſchrift lautete— Gift. Zweites Capitel. Frau Lecount vermiſchte das flüchtige Salz mit Waſſer und machte alsbaldige Anwendung davon. Das Reizmittel that ſeine Wirkung. In ein Paar Minuten war Noel Vanſtone im Stande, ſich ſelbſt ohne Beihilfe in dem Stuhle aufzurichten; ſeine Farbe veränderte ſich wieder zum Beſſern und ſein Athem⸗ holen hatte einen weniger beklommenen Verlauf. Seite? Er Seine ſich zu Lecount antwort mit ſtar Hand d Wandſe merkſam Als ſie ruhigun blickte Die Se vollkomn ſchrift d beiden „Gif 4. Sog durch d vorberei — den Magdal wie ſie zweiflun war; d Gift und in BeRi jezt die Gefolge. ung ihrer aach, die einer Ge⸗ 1s. Ohne Glaswerk ächer des n zweier nz hinten ſich ein ahe. Sie ſie, eines dem hel⸗ war das Flüch⸗ Fläſchchen beſehen. ihe käme. Aufſchriſt Salz mit S davon. ein Paar ich ſelbſt ne Farbe Athem⸗ lauf. 151 „Wie fühlen Sie ſich jezt, Herr?“ fragte Frau Lecount.„Sind Sie wieder warm auf Ihrer linken Seite?“ Er ſchenkte ihrer Frage keine Aufmerkſamkeit. Seine Augen durchirrten das Zimmer und richteten ſich zufälliger Weiſe nach dem Tiſche. Zu Frau Lecounts Erſtaunen beugte er ſich, anſtatt ihr zu antworten, in ſeinem Seſſel vorwärts und ſchaute mit ſtarren Augen und unter Hindeutung mit ſeiner Hand auf das zweite Fläſchchen, welches ſie aus dem Wandſchrank genommen und, ohne ihm eine Auf⸗ merkſamkeit zu widmen, ſchnell beiſeits geſtellt hatte. Als ſie bemerkte daß ihn irgend eine neue Beun⸗ ruhigung ergreife, trat ſie auf den Tiſch zu und blickte in derſelben Richtung hin wohin er ſchaute. Die Seite mit der Inſchrift auf dem Fläſchchen war vollkommen ſichtbar, und da, in der deutlichen Hand⸗ ſchrift des Apothekers zu Aldborough, ſtand ihnen beiden das einzige furchtbare Wort gegenüber— „Gift.“ Sogar Frau Lecounts Selbſtbeherrſchung wurde durch dieſe Entdeckung erſchüttert. Sie war nicht vorbereitet darauf ihre eigenen düſterſten Ahnungen — den unerforſchten Urſprung ihres Haſſes gegen Magdalene— auf einmal ſo verwirklicht zu ſehen, wie ſie jezt dieſelben ſah. Die ſelbſtmörderiſche Ver⸗ zweiflung, in welcher das Gift angeſchafft worden war; die ſelbſtmörderiſche Abſicht, in welcher das Gift unter kleinmüthigem Verzagen an die Zukunft in Bereitſchaft gehalten worden war, hatten jezt die vergeltende Nemeſis mit ſich in ihrem Gefolge. Da lag in Magdalenens Abweſenheit das 1⁵² Fläſchchen als falſcher Zeuge eines verrätheriſchen Anſchlags, der ihr niemals in den Sinn gekommen war, des Anſchlags auf das Leben ihres Gatten. Mit ſeiner Hand noch immer mechaniſch auf den Tiſch deutend, erhob Noel Vanſtone ſeinen Kopf und ſah zu Frau Lecount empor. „Ich nahm es aus dem Wandſchrank,“ ſagte dieſe den fragenden Blick beantwortend.„Ich nahm beide Fläſchchen mit einander heraus, weil ich nicht wußte welches dasjenige war das ich brauchte. Ich bin ebenſo erſchüttert, ebenſo erſchreckt als Sie ſelbſt.“ „Gift!“ ſagte er langſam vor ſich hin.„Gift, von meiner Frau in dem Wandſchrank ihres eigenen Zimmers verſchloſſen gehalten!“ Er hielt inne und blickte wiederholt Frau Le⸗ count an. „Für mich?“ fragte er in einem leeren, forſchen⸗ den Tone. „Wir wollen nicht davon reden, bis Ihr Geiſt wieder ruhiger iſt, Herr,“ ſagte Frau Lecount. „Mittlerweile ſoll die in dieſem Fläſchchen lauernde Gefahr in Ihrer Gegenwart vertilgt werden.“ Sie zog das Korkſtöpſelchen heraus, goß das Laudanum durch das Fenſter hinaus und warf das leere Fläſchchen ihm nach. „Laſſen Sie uns für jezt dieſe traurige Ent⸗ deckung zu vergeſſen ſuchen,“ begann ſie wieder. „Laſſen Sie uns wieder hinuntergehen. Alles was ich Ihnen jezt zu ſagen habe, kann in einem andern Zimmer geſagt werden.“ Sie half ihm vom Stuhle ſich erheben und nahm ſeinen Arm unter den ihrigen. „EG ſie, als ich ger Als auf die tete, w und er im näc von zm dem di ſtone ir an und Da ſaß ein alt geradeh ſprach „Al Vauxha das Fei Fortgeh mir... Er verlor rungen. lein Va ſammen bin hier nur zu len:„ Colli heriſchen kommen itten. auf den opf und gte dieſe )m beide ht wußte Ich bin lbſt.“ „Gift, eigenen rau Le⸗ forſchen⸗ yr Geiſt Lecount. auernde 77 oß das arf das ge Ent⸗ wieder. les was andern d nahm 153 „Es iſt gut für ihn, es iſt gut für mich,“ dachte ſie, als ſie zuſammen die Treppe hinab gingen,„daß ich gerade jezt kam.“ Als ſie über den Hausgang ſchritten, ging ſie auf die vordere Thüre zu, wo das Fuhrwerk war⸗ tete, welches ſie von Dumfries hiehergebracht hatte, und ertheilte dem Kutſcher die Weiſung, ſeine Pferde im nächſten Gaſthofe einzuſtellen und nach Verfluß von zwei Stunden wieder bei ihr vorzufahren. Nach⸗ dem dieß geſchehen, begleitete ſie Herrn Noel Van⸗ ſtone in das Beſuchzimmer, ſchürte das Kaminfeuer an und ſezte ihn bequem in einen Lehnſtuhl davor. Da ſaß er einige Minuten lang, indem er ſich wie ein alter Mann ſchwach ſeine Hände wärmte und geradehin in die Flamme hineinſtarrte. Alsdann ſprach er: „Als das Frauenzimmer kam und mir auf der Vaurhallpromenade drohte,“ ſagte er, noch immer in das Feuer hineinſtierend,„kehrten Sie nach ſeinem Fortgehen in das Sprechzimmer zurück und ſagten mir... 2⸗ Er hielt inne, ſchauerte ein wenig zuſammen und verlor an dieſem Puncte den Faden ſeiner Erinne⸗ rungen. „Ich ſagte Ihnen, Herr,“ ergänzte Frau Lecount, „daß das Frauenzimmer nach meiner Meinung Fräu⸗ lein Vanſtone ſelbſt war. Fahren Sie nicht ſo zu⸗ ſammen, Herr Noel! Ihre Frau iſt fort und ich bin hier, um für Sie Sorge zu tragen! Sagen Sie nur zu ſich ſelbſt, wenn Sie irgend eine Furcht füh⸗ len:„„Die Lecount iſt da, die Lecount wird für Collins, Namenlos, IV. 11 mich Sorge tragen.“ Die Wahrheit muß geſagt werden, Herr, ſo ſchwer ſie auch ertragen werden kann. Fräulein Magdalene Vanſtone war das Frauenzimmer welches in Verkleidung zu Ihnen kam, und das Frauenzimmer welches in Verkleidung zu Ihnen kam iſt dasjenige, welches ſie heiratheten. Der Anſchlag, womit dieſelbe Sie in London be⸗ drohte, iſt der nämliche Anſchlag, der ſie zu Ihrer Frau gemacht hat. Das iſt die unumſtößliche Wahr⸗ heit. Sie haben das Kleid oben geſehen. Wenn dieſes Kleid auch nicht mehr vorhanden geweſen wäre, ſo würde ich doch noch Beweiſe genug zu Ihrer Ueberzeugung in der Hand gehabt haben. Dank meiner Unterredung mit Frau Bygrave; ich habe dadurch herausgebracht in welchem Hauſe Ihre Frau zu London wohnte— es war das uns in der Vauxhallpromenade gegenüber ſtehende Haus. Ich habe mich an eine der Töchter der Wirthin gemacht, welche Ihre Frau von einem innern Zimmer aus beobachtete und ſah wie ſie ihre Verkleidung an⸗ legte. Dieſe Wirthstochter kann alſo über die Iden⸗ tität des verkleideten Frauenzimmers und über die Identität ihrer Geſellſchafterin beſtimmte Angaben machen und hat mir auf mein Anſuchen eine ſchrift⸗ liche Erklärung über den Thatbeſtand ausgeſtellt, eine Erklärung, die ſie eidlich zu erhärten bereit iſt, wenn irgend Jemand eine Einſprache dagegen zu erheben wagen würde. Sie ſollen dieſe Erklärung leſen, Herr Noel, wenn es Ihnen beliebt, ſobald Sie mehr im Stande ſein werden dieſelbe zu ver⸗ ſtehen. Sie ſollen auch einen Brief von der Hand der Fräulein Garth— die auf Ihr Verlangen Ihnen perſön ſchrieb der in Vauxl Behar Nacker ſtone, thümli Sie w weiſe Bygra würder Hand Hinter bin, u Verhei vor de keine 5 zugetro Sie d Ihres nen un Sie ſam ur ſtone g gekauer ins Ge liebt in Frc gen vo 15⁵ geſagt perſönlich wiederholen wird was ſie an mich ge⸗ werden ſchrieben hat— zu leſen bekommen— einen Brief, r das der in förmliche Abrede ſtellt, daß ſie jemals in der Ihnen Vauxhallpromenade geweſen ſei, und die beſtimmte leidung Behauptung aufſtellt, daß jene Muttermale auf dem ttheten. Nacken Ihrer Frau dem Fräulein Magdalene Van⸗ on be⸗ ſtone, welche ſie von Kindheit auf gekannt hat, eigen⸗ Ihrer thümlich ſind. Ich ſage es mit gerechtem Stolz— Wahr⸗ Sie werden keine einzige ſchwache Stelle in dem Be⸗ Wenn weiſe auffinden, den ich Ihnen vorlege. Wenn Herr geweſen Bygrave nicht meinen Brief unterſchlagen hätte, ſo nug zu würden Sie meine Warnung ſchon zuvor in der haben. Hand gehabt haben, ehe ich durch eine grauſame pe; ich Hinterliſt zur Reiſe nach Zürich bewogen worden ſe Ihre bin, und die Beweiſe, die ich Ihnen jezt nach Ihrer in der Verheirathung beibringe, hätte ich Ihnen dann ſchon 8. Ich vor derſelben anbieten können. Bürden Sie mir gemacht, keine Verantwortlichkeit für das auf, Herr, was ſich er aus zugetragen hat ſeit ich England verließ. Werfen ng an⸗ Sie die Schuld daran lediglich auf den Baſtard e Iden⸗ Ihres Onkels und auf den Spizbuben mit dem brau⸗ ber die nen und grünen Auge.“ Ingaben Sie ſprach dieſe lezten giftigen Worte ſo lang⸗ ſchrift: ſam und deutlich aus, wie alle übrigen. Noel Van⸗ ggeſtellt, ſtone gab keine Antwort— er ſaß noch zuſammen⸗ ereit iſt, gekauert am Feuer. Sie ſchaute ſich um und ihm egen zu ins Geſicht. Er ſchluchzte ſtill für ſich hin. klärung„Ich war ſo verliebt in ſie,“ ſagte das erbärm⸗ ſobald liche Geſchöpfchen.„Und ich dachte, ſie ſei ſo ver⸗ zu ver⸗ liebt in mich!“ er Hand Frau Lecount wandte ſich mit verächtlichem Schwei⸗ n Ihnen gen von ihm ab. 156 „Verliebt in ſie!“ 1 Als ſie dieſe Worte bei ſich ſelbſt wiederholte, wurde ihr entſtelltes Geſicht beinahe wieder hübſch bei der ſtrahlenden Gründlichkeit ihrer Verachtung. Sie trat an ein Büchergeſtell am untern Ende des Zimmers und begann die Bände darin durch⸗ zuſehen. Kaum hatte ſie eine Zeitlang ſich damit beſchäftigt, wurde ſie durch den Klang ſeiner Stimme erſchreckt, welche ſie mit kindiſcher Aengſtlichkeit zu⸗ rückrief. Die Thränen waren von ſeinem Geſichte verſchwunden; es war wieder ſchreckensbleich, als er ſich jezt zu ihr wandte. „Lecount!“ ſagte er, indem er ſie mit beiden Händen hielt.„Kann ein Ei vergiftet werden? Ich hatte dieſen Morgen ein Ei zum Frühſtück und ein Paar geröſtete Brodſchnitten.“ „Beruhigen Sie ſich, Herr,“ ſagte Frau Lecount. „Das Gift, das Sie aus dem Betrug Ihrer Frau ſogen, iſt das einzige das Sie bis jezt genommen haben. Wenn ſie bereits entſchloſſen geweſen wäre, Sie den Preis Ihrer Unbeſonnenheit mit Ihrem Leben bezahlen zu laſſen, würde ſie nicht vom Hauſe abweſend ſein, während Sie noch lebendig in dem⸗ ſelben zurückgeblieben ſind. Verbannen Sie dieſen Gedanken aus Ihrer Seele. Es iſt Mittag; Sie bedürfen einer Erfriſchung. Ich habe Ihnen im Intereſſe Ihrer eigenen Sicherheit noch mehr zu ſagen— ich habe Etwas für Sie zu thun, was alsbald geſchehen muß. Sammeln Sie Ihre Kräfte wieder und Sie werden es durchführen. Ich will Ihnen im Eſſen mit gutem Beiſpiele vorangehen, wenn Sie Mißtrauen in die Speiſen in dieſem Hauſe ſezen. chen 3 Klinge Sie in lich ne Leibe Probir Dienſtr wie Si „„Brir ta fähig rathen. Au Luiſe wurde Hausm Gabelfr Tiſch a an. T Verdach vorgehe ſchen, Gelegen Ihnen mer zu Fra die vor „Ich „mich n ſehen, kann. 2 erholte, hübſch tung. n Ende durch⸗ damit Stimme keit zu⸗ Geſichte als er beiden 1? Ich und ein becount. r Frau nommen n wäre, Ihrem 1 Hauſe in dem⸗ dieſen g; Sie nen im nehr zu n, was Kräfte ſch will ungehen, n Hauſe 157 ſezen. Sind Sie gefaßt genug, um dem Dienſtmäd⸗ chen Ihre Weiſungen zu ertheilen, wenn ich mit der Klingel ſchelle? Es iſt für den Zweck, den ich für Sie in Ausführung zu bringen gedenke, unumgäng⸗ lich nothwendig, daß Niemand Sie für krank am Leibe oder für bekümmert in Ihrer Seele hält. Probiren Sie es einmal zuerſt mit mir, ehe das Dienſtmädchen hereinkömmt. Laſſen Sie uns ſehen wie Sie dareinſchauen und ſprechen, wenn Sie ſagen: „„Bringe mir einen kleinen Imbiß herauf!““ Nach zwei Verſuchen hielt ihn Frau Lecount für fähig den Befehl zu ertheilen, ohne ſich zu ver⸗ rathen. Auf den Schall der Klingel erſchien Luiſe— Luiſe ſah Frau Lecount ſcharf an. Der Imbiß wurde durch das Hausmädchen heraufgebracht— das Hausmädchen ſah Frau Lecount ſcharf an. Als das Gabelfrühſtück zu Ende war, räumte die Köchin den Tiſch auf— die Köchin ſah Frau Lecount ſcharf an. Die drei Dienſtmädchen hegten offenbar den Verdacht, daß etwas Außergewöhnliches im Hauſe vorgehe. Es konnte kaum ein Zweifel darüber herr⸗ ſchen, daß ſie ſich durch Uebereinkunft in die drei Gelegenheiten getheilt hatten, welche der Tafeldienſt Ihnen an die Hand bot, um Eintritt in das Zim⸗ mer zu haben. Frau Lecounts Scharfblicke entging keineswegs die vorwizige Neugierde deren Gegenſtand ſie war. „Ich that wohl daran,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt, „mich noch bei guter Zeit mit den Mitteln zu ver⸗ ſehen, durch die ich zu meinem Endziel gelangen kann. Wenn ich das Gras unter meinen Füßen wach⸗ 158 ſen ließe, ſo könnte mir das eine oder das andere dieſer Weibsbilder ſchräg in den Weg kommen.“ Ermuntert durch dieſe Betrachtung, holte ſie, ſo⸗ bald das lezte der Dienſtmädchen das Gemach ver⸗ laſſen hatte, aus einem Zimmerwinkel ihre Reiſeta⸗ ſche hervor, ſezte ſich an das Noel Vanſtone gegen⸗ über befindliche Tiſchende und ſah ihn einen Augen⸗ blick lang mit einer feſten, forſchenden Aufmerkſam⸗ keit an. Sie hatte vorſichtig die Quantität Weines abgemeſſen, welchen er zu ſeinem Imbiß getrunken hatte; ſie hatte ihn genau bloß ſoviel zu ſich neh⸗ men laſſen als er zur Stärkung bedurfte, ohne aufgeregt zu werden— und muſterte jetzt ſein Ge⸗ ſicht mit critiſchem Auge, wie ein Künſtler ſeine Ge⸗ mälde am Ende ſeines Tagwerkes muſtert. Das Re⸗ ſultat ſchien ſie zu befriedigen und ſie begann auf dem Flecke mit dem ernſten Geſchäft der Unterredung. „Wollen Sie ſich zuerſt den ſchriftlichen Beweis anſehen, deſſen ich gegen Sie erwähnte, Herr Noel, ehe ich irgend Etwas mehr ſage?“ fragte ſie. Oder ſind Sie bereits hinlänglich von der Wahrheit überzeugt, um alsbald zu dem Vorſchlag überzugehen, den ich Ihnen zu machen habe.“ „Laſſen Sie mich Ihren Vorſchlag hören,“ ſagte er, indem er grämlich ſeine Ellenbogen auf den Tiſch ſtüzte und ſeinen Kopf in ſeine Hände lehnte. Frau Lecount nahm aus ihrer Reiſetaſche das geſchriebene Zeugniß, auf welches ſie ſo eben ange⸗ ſpielt hatte, und legte die Papiere ſorgfältig auf die eine Seite von ihm, damit er, wenn er darin nach⸗ zuſehen wünſchte, dieſelben gleich zur Hand hätte. Weit entfernt davon ſich durch die Unfreundlichkeit ſeines vielm von ſ eines Geleg beſaß lich— ſchwac halten demſel bender lich n als er De hatte, nahm, und ſe than hatten. „I Sie ſte fort. haupt Teſta Er gegen 159 3 andere ſeines Benehmens einſchüchtern zu laſſen, wurde ſie en.“ vielmehr dadurch ſichtlich ermuthigt. Ihre Erfahrung ſie, ſo⸗ von ſeiner Perſönlichkeit belehrte ſie daß das Zeichen ach ver⸗ eines der vielverſprechenden war. Bei jenen ſeltenen Reiſeta⸗ Gelegenheiten, wo die geringe Entſchloſſenheit die er gegen⸗ beſaß in ihm erwachte, äußerte ſie ſich unveränder⸗ Augen⸗ lich— wie die Entſchloſſenheit der meiſten andern nerkſam⸗ ſchwachen Männer— durch ein angriffsweiſes Ver⸗ Weines halten. Zu ſolchen Zeiten wuchs ſeine Entſchloſſenheit in etrunken demſelben Verhältniß, als er gegen die ihn umge⸗ ich neh⸗ benden Perſonen äußerlich mürriſch und unmanier⸗ e, ohne lich war, und ſchrumpfte in dem Maße zuſammen, ſein Ge⸗ als er höflich und nachgiebig wurde. eine Ge⸗ Der Ton, womit er eben ſeine Antwort ertheilt Das Re⸗ hatte, und die Haltung, die er an dem Tiſche an⸗ ann auf nahm, überzeugten Frau Lecount daß ſpaniſcher Wein rredung. und ſchottiſcher Hammelsbraten ihre Schuldigkeit ge⸗ Beweis than und ſeinen ſinkenden Muth wieder gehoben rr Noel, hatten. Oder ſind„Ich will die Frage nur um der Form willen an berzeugt, Sie ſtellen, Herr, wenn Sie es wünſchen,“ fuhr ſie den ich fort.„Aber ich bin ohne irgend eine Frage über⸗ haupt bereits in Gewißheit darüber daß Sie Ihr u,“ ſagte Teſtament gemacht haben?“ den Tiſch Er nickte mit dem Kopfe, ohne ſie anzuſehen. te.„Sie haben es zu Gunſten Ihrer Frau gemacht?“ iſche das Er nickte abermals. en ange⸗„Sie haben ihr Ihr ganzes Beſizthum vermacht?“ g auf die„Nein.“ rin nach⸗ Frau Lecount ſah erſtaunt darein. d hätte.„Ließen Sie auf eigene Fauſt eine Beſchränkung nblichkeit gegen ſie eintreten, Herr Noel?“ fragte ſie. Oder 160 hat etwa Ihre Frau ſelbſt ihrem eigenen Intereſſe in Ihrem lezten Willen Schranken geſezt?“ Er ſchwieg unangenehm berührt. Er ſchämte ſich ſichtlich die Frage zu beantworten. Frau Lecount wiederholte ſie in einer weniger directen Form. „Wieviel haben Sie für den Fall Ihres Todes Ihrer Wittwe vermacht, Herr Noel?“ „Achtzigtauſend Pfund.“ Dieſe Antwort war genügend für die Frage. Achtzigtauſend Pfund waren genau das Vermögen, welches Michael Vanſtone den verwaisten Kindern ſeines Bruders nach dem Tode deſſelben genommen hatte, genau das Vermögen, von welchem Michael Vanſtones Sohn, als die Reihe ihn traf, eben ſo mit⸗ leidslos, wie ſein Vater vor ihm, Beſiz ergriffen hatte. Noel Vanſtones Stillſchweigen war ein beredtes Ge⸗ ſtändniß, das er ſich ſchämte laut auszuſprechen. Ja, es war über allen Zweifel erhaben, in der ſchwachen Stunde ſeiner geckenhaften Verliebtheit hatte er ſein ganzes Eigenthum zu den Füßen ſeiner Frau nieder⸗ gelegt. Und dieß Mädchen, deſſen rachſüchtiges Wag⸗ ſtück alle Hinderniſſe beſeitigt— dieſes Mädchen, die vor ihrem verzweifelten Entſchluſſe ſogar an der Kir⸗ chenthüre nicht zurückgebebt war, hatte, nachdem die Stunde ihres Triumphes geſchlagen, bloß einen Theil von dem Manne angenommen der ihr willig das Ganze gegeben haben würde— hatte ſtreng buch⸗ ſtäblich nur ſeines Vaters Vermögen bis auf den lezten Kreuzer von ihm begehrt und dann der Hand, die ihm noch weitere zehntauſend Pfund verlockend anbot den Rücken gewendet! Für den erſten Augenblick war Frau Lecount— und; Mag mit 2 Erſta abgef an m. fort, anga mehr betra auf g ſchuld gerich vorbe werde Wahr fällig das eigene Sie Frau gen, den C horcht ander keit o Rabe worfe übrig an ih 161 ntereſſe und zwar mit Recht, faſt ſprachlos vor Ueberraſchung. Magdalene hatte ihr das Erſtaunen abgenöthigt das ſchämte mit Bewunderung in naher Verwandtſchaft ſteht, das Lecount Erſtaunen, welches ihre feindſelige Geſinnung gerne m. abgeſchüttelt hätte. Sie haßte Magdalene von jezt 3 Todes an mit zehnfachem Haſſe. „Ich hege gar keinen Zweifel, Herr,“ fuhr ſie fort,„daß Frau Noel Ihnen vortreffliche Gründe Frage. angab, warum ihre Verſorgung nach Ihrem Tode nicht rmögen, mehr und nicht weniger als achtzigtauſend Pfund Kindern betragen ſollte. Und eben ſo bin ich andererſeits nommen auf gleiche Weiſe überzeugt daß Sie in Ihrer un⸗ Michael ſchuldigen Argloſigkeit dieſe Gründe damals für fol⸗ ſo mit⸗ gerichtig und entſcheidend hielten. Jene Zeit iſt jezt en hatte. vorbei, Ihre Augen ſind geöffnet, Herr— und Sie dtes Ge⸗ werden daher, ſo wenig wie ich, blind gegen die en. Ja, Wahrnehmung ſein, daß das Gut Rabenſchlucht zu⸗ hwachen fällig genau der nämlichen Summe entſpricht, welche er ſein das Legat beträgt das Sie Ihrer Frau nach der mnieder⸗ eigenen Weiſung derſelben ausgeworfen haben. Wenn es Wag⸗ Sie jezt noch über den Beweggrund, warum Ihre hen, die Frau Sie geheirathet hat, irgend einen Zweifel he⸗ der Kir⸗ gen, ſo ſchauen Sie in Ihr Teſtament— dort wer⸗ dem die den Sie den Beweggrund finden!“ en Theil Er erhob ſeinen Kopf von ſeinen Händen und lig das horchte zum erſten Mal, ſeit ſie an dem Tiſche ein⸗ g buch⸗ ander gegenüber ſaßen, mit geſpannter Aufmerkſam⸗ auf den keit auf das was ſie ſagte. Er hatte die Beſizung r Hand, Rabenſchlucht nie einer beſondern Schäzung unter⸗ rlockend worfen. Sie war bei ſeines Vaters Tod mit den übrigen Beſizungen deſſelben in Bauſch und Bogen ount— an ihn übergegangen. Die Entdeckung, die ſich jezt 162 vor ihm aufthat, wer in Folge ſeiner gewöhnlichen Denkungsart fowohl als ſeiner unſchuldigen Arglo⸗ ſigkeit bisher ſeinen Augen verſchloſſen geweſen. Er ſagte Nichts— aber er blickte weniger mürriſch auf Frau Lecount. Sein Benehmen war freundlich ge⸗ worden, die hohe Fluth ſeines Muthes war bereits zur Ebbe herabgeſunken. „Ihre Lage, Herr, muß Ihnen ſo klar einleuch⸗ ten wie mir ſelbſt,“ ſagte Frau Lecount.„Es gibt nur noch ein Hinderniß das ſich zwiſchen dieſe Frau und die Realiſirung ihres lezten Zweckes drängt. Dieſes Hinderniß iſt Ihr Leben. Nach der Entdeckung, die wir oben gemacht haben, überlaſſe ich es Ihnen ſelbſt zu erwägen wie viel Ihr Leben werth iſt.“ Bei dieſen furchtbaren Worten verlief ſich die tiefe Ebbe ſeiner Entſchloſſenheit vollends bis auf den lezten Tropfen. „Jagen Sie mir nicht noch mehr Schrecken ein!“ flehte er.„Ich habe bereits Schrecken genug aus⸗ geſtanden.“ Er erhob ſich und ſchleppte ſeinen Stuhl hinter ſich um den Tiſch herum an Frau Lecounts Seite. Er ſezte ſich nieder und küßte liebkoſend ihre Hand. „Sie gutes Geſchöpf!“ ſagte er mit ſinkender Stimme.„Sie vortreffliche Lecount! Sagen Sie mir was zu thun iſt. Ich bin voll Entſchloſſenheit — ich will Alles thun um mein Leben zu retten!“ „Haben Sie Schreibmaterialien in dem Zimmer, Herr?“ fragte Frau Lecount.„Wollen Sie dieſel⸗ ben gefälligſt auf den Tiſch ſtellen?“ Während die Schreibmaterialien herbeigeſchafft wurd an d zwei ſchen Uebe abſich zu ei zuckte das! ſtone Noel, legun ſicher ſenhe für n ſuch ſeitde haben Der theile erfüll Lond⸗ durch dieſen haber men, glozer Anga einem zur a 163 ynlichen wurden, machte Frau Lecount eine neue Forderung Arglo⸗ an die Hilfsquellen ihrer Reiſetaſche. Sie nahm en. Er zwei Papiere heraus, jedes mit der nämlichen hüb⸗ ſch auf ſchen kaufmänniſchen Handſchrift überſchrieben. Die lich ge⸗ Ueberſchrift des einen war:„Entwurf zu einem be⸗ bereits abſichtigten Teſtament“; die des andern:„Entwurf zu einem beabſichtigten Briefe.“ inleuch⸗ Als ſie dieſelben auf den Tiſch vor ſich hinlegte, Es gibt zuckte ihre Hand ein wenig und ſie applicirte nun e Frau das Riechſalz, das ſie zum Gebrauch für Noel Van⸗ drängt. ſtone mit ſich gebracht hatte, für ihre eigene Naſe. ach der„Ich hatte bei meiner Hieherkunft gehofft, Herr berlaſſe Noel,“ fuhr ſie fort,„Ihnen mehr Zeit zur Ueber⸗ Leben legung einräumen zu können, als jezt dienlich und ſicher ſcheint. Als Sie mir zuerſt von der Abwe⸗ ich die ſenheit Ihrer Frau in London erzählten, hielt ich es is auf für wahrſcheinlich daß der Zweck ihrer Reiſe ein Be⸗ ſuch bei ihrer Schweſter und Fräulein Garth wäre; nein!“ ſeitdem wir aber die fürchterliche Entdeckung gemacht g aus⸗ haben, bin ich geneigt dieſe Meinung zu ändern. Der Entſchluß Ihrer Gemahlin, Ihnen nicht mitzu⸗ hinter theilen wer die Freunde ſeien die ſie beſuchen wolle, Seite. erfüllt mich mit Unruhe. Sie kann Mitſchuldige in Hand. London haben— ja ſogar, da wir vom Gegentheil kender durch Nichts überzeugt ſind, ſogar Helfershelfer in en Sie dieſem Hauſe. Alle Ihre drei Dienſtmädchen, Herr, ſſenheit haben der Reihe nach die Gelegenheit wahrgenom⸗ etten!“ men, in das Zimmer zu kommen und mich anzu⸗ immer, glozen. Ich verſehe mich zu nichts Gutem mit dieſem dieſel⸗ Angaffen! Weder Sie noch ich wiſſen was ſich von einem Tag zum andern, ja ſogar von einer Stunde eſchafft zur andern ereignen kann. Wenn Sie meinen Rath 164 befolgen wollen, ſo laufen Sie allen möglichen Un⸗ glücksfällen den Rang ab, indem Sie, wenn das Fuhrwerk zurückkommt, mit mir dieß Haus ver⸗ laſſen!“ „Ja, ja!“ ſagte er eifrig;„ich will das Haus mit Ihnen verlaſſen. Ich möchte ſelbſt um keinen Preis der Welt mehr hier bleiben. Wozu brauchen wir Feder und Dinte? Wollen Sie ſchreiben oder ſoll ich ſchreiben?“ „Sie ſollen ſchreiben, Herr,“ ſagte Frau Lecount. „Die Mittel, welche zur Förderung Ihrer Sicherung zu ergreifen ſind, beſtehen in ſolchen die von An⸗ fang bis zu Ende von Ihnen ſelbſt in Bewegung geſezt werden müſſen. Ich mache die Vorſchläge, Herr Noel, und Sie entſcheiden. Ueberſchauen Sie nur unſere Lage, Herr. Was macht Ihnen die Nothwendigkeit zu Ihrer erſten und hauptſächlichſten Aufgabe? Es iſt klar und deutlich Folgendes. Sie müſſen das Intereſſe Ihrer Frau an Ihrem Tod aus dem Wege räumen, indem Sie ein anderes Teſtament machen.“ Er gab mit heftigem Kopfnicken ſeine Zuſtim⸗ mung. Seine Farbe hob ſich und ſeine blinzelnden Augen leuchteten in boshaftem Triumphe. „Sie ſoll nicht einen Heller haben,“ ſagte er flüſternd vor ſich hin—„ſie ſoll nicht einen Heller haben!“ „Wenn Ihr Teſtament gemacht iſt, Herr,“ fuhr Frau Lecount fort,„ſo müſſen Sie daſſelbe den Hän⸗ den einer zuverläſſigen Perſon übergeben— nicht meinen Händen, Herr Noel; ich bin bloß Ihre Die⸗ nerin! Wenn nun dann das Teſtament und Sie ſelbſt hieher deckt ment laſſe ſtung ſezen Sie Frau Ihrig⸗ zu Ge en Un⸗ in das 8 ver⸗ Haus keinen rauchen n oder ecount. herung an An⸗ begung chläge, en Sie en die lichſten Sie n Tod nderes zuſtim⸗ elnden gte er Heller fuhr Hän⸗ nicht e Die⸗ d Sie 165 ſelbſt in Sicherheit ſind, ſo ſchreiben Sie Ihrer Frau hieher. Sagen Sie ihr, ihr infamer Betrug ſei ent⸗ deckt— ſagen Sie ihr, Sie hätten ein neues Teſta⸗ ment gemacht, das ſie bei Ihrem Tode mittellos laſſe— ſagen Sie ihr in Ihrer gerechten Entrü⸗ ſtung daß ſie Ihre Schwelle nie mehr betrete. Ver⸗ ſezen Sie ſich in dieſe feſte Stellung, dann ſind es Sie nicht länger mehr der von der Gnode ſeiner Frau abhängig iſt, ſondern Ihre Frau iſt von der Ihrigen abhängig. Verbinden Sie, Herr, dieſe Ihnen zu Gebot ſtehende Gewalt mit dem Beiſtand den Ihnen das Geſez gewährt— und legen Sie dieß Weib in die Preßmaſchine der Unterwürfigkeit gegen jedwelche Bedingungen, welche Sie ihr für die Zu⸗ kunft vorzuſchreiben für gut finden.“ Er ergriff mit eifriger Haſt die Feder. „Ja,“ ſagte er,„jedwelche Bedingungen, welche ich ihr für die Zukunft vorzuſchreiben für gut finde.“ Er that ſich plözlich ſelbſt Einhalt und ſein Ge⸗ ſicht wurde kleinmüthig und verwirrt. „Wie ſoll ich es aber anfangen?“ fragte er, indem er die Feder ſo ſchnell wieder wegwarf, als er ſie ergriffen hatte. „Wie anfangen, Herr?“ verſezte Frau Lecount fragweiſe. 1 „Wie kann ich mein Teſtament machen, da Herr Loscombe in London abweſend iſt und kein Advocat hier ſich befindet der mir Beiſtand leiſten könnte?“ Frau Lecount that einen gelinden Schlag auf die vor ihr auf dem Tiſche liegenden Papiere. „ller Beiſtand, den Sie nöthig haben, wartet hier auf Sie,“ ſagte ſie.„Ich erwog dieſe Ange⸗ 166 legenheit ſorgfältig, ehe ich zu Ihnen kam, und ver⸗ ſah mich mit der vertraulichen Mithilfe eines Freun⸗ des, um mir über die Schwierigkeiten deren ich ſelbſt nicht Meiſterin werden konnte hinweghelfen zu laſ⸗ ſen. Der Freund, auf welchen ich anſpiele, iſt ein Herr von ſchweizeriſcher Abkunft, aber in England geboren und erzogen. Er iſt kein Advocat von Fach, aber er beſizt deſſenungeachtet eine hinreichende Ge⸗ ſezeserfahrung, und er hat mir nicht bloß einen Ent⸗ wurf, nach welchem Sie Ihr Teſtament aufſezen können, ſondern auch die geſchriebene Skizze eines Briefes geliefert, deren Beſiz für uns von ebenſo großer Wichtigkeit iſt, wie der Entwurf des lezten Willens ſelbſt. Es wartet Ihrer aber außerdem noch ein dringendes Geſchäft, Herr Noel, deſſen ich noch nicht Erwähnung gegen Sie gethan habe, das aber in ſeiner Weiſe nicht weniger dringend iſt, als die Dringlichkeit des Teſtamentes.“ „Was iſt das?“ fragte er mit wachſender Neu⸗ gierde. „Wir wollen es, wann die Reihe daran kommt, vornehmen, Herr,“ antwortete Frau Lecount. Die Reihe iſt aber noch nicht daran. Das Teſtament ge⸗ fälligſt zuerſt. Ich werde Ihnen nach dem in mei⸗ nem Beſiz befindlichen Entwurf dictiren und Sie werden ſchreiben.“ Noel Vanſtone blickte mit argwöhniſcher Neu⸗ gierde auf den Entwurf des Teſtaments und auf den Entwurf des Briefes. „Ich dächte, ich ſollte doch vorher die Papiere mir etwas beſehen, ehe Sie dictiren,“ ſagte er.„Es hatte Lecoun äußern De Urkund mit de denheit wie ich befaſſe und ver⸗ Freun⸗ ch ſelbſt zu laſ⸗ iſt ein England 'n Fach, de Ge⸗ en Ent⸗ aufſezen ſe eines ebenſo 3 lezten ißerdem ſſen ich de, das iſt, als r Neu⸗ 167 würde meinem Geiſte mehr Befriedigung gewähren, Lecount.“ „Von Herzen gerne, Herr,“ erwiderte Frau Le⸗ count, indem ſie ihm die Papiere auf der Stelle in die Hand gab. Er las den Entwurf des Teſtaments zuerſt, von Zeit zu Zeit innehaltend und mißtrauiſch die Stirne runzelnd, ſo oft er auf einen leeren Raum, der in dem Manuſcripte zur Ausfüllung mit den Namen von Perſonen offen gelaſſen war, und auf die Auf⸗ zählung von Summen ſtieß, die denſelben vermacht werden ſollten. In etwa zwei oder drei Minuten hatte er das Papier durchgeleſen. Er gab es Frau Lecount ohne irgend eine Einwendung dagegen zu äußern zurück. Der Entwurf des Briefs war eine viel längere Urkunde. Er las ſie hartnäckig bis zu Ende durch, mit dem Ausdruck von Verwirrung und Unzufrie⸗ denheit, der deutlich zeigte daß ihm der Entwurf ganz und gar unverſtändlich ſei. „Ich muß darüber Aufklärung haben,“ ſagte er mit einem Anfall des Gefühls ſeiner Wichtigkeit, „ehe ich in dieſer Angelegenheit irgend einen Schritt thun kann.“ „Es ſoll Ihnen erklärt werden, Herr, ſobald wir daran kommen,“ ſagte Frau Lecount. „Jedes Wort darin?“ „Jedes Wort, Herr Noel, wenn die Reihe daran kommt. Sie haben doch keine Einwendung gegen das Teſtament zu machen. So wollen wir uns denn, wie ich ſchon vorher ſagte, zuerſt mit dem Teſtament befaſſen. Sie haben ſelbſt geſehen, daß es kurz ge⸗ 168 faßt und einfach genug iſt, um von einem Kinde verſtanden zu werden. Wenn aber noch irgend ein Zweifel in Ihnen obwalten ſollte, ſo können Sie ja dieſe Zweifel dadurch beſeitigen, daß Sie Ihr Teſta⸗ ment einem Advocaten von Fach zeigen. Mittler⸗ weile erachten Sie es nicht als eine Zudringlichkeit meinerſeits, wenn ich Sie daran erinnere daß wir alle ſterblich ſind und daß ein verlorener Augenblick nie wieder zurückgerufen werden kann. Sezen Sie immerhin Ihr Teſtament auf, während die Zeit noch Ihnen gehört, Herr, und während Ihre Feinde noch keinen Verdacht gegen Sie hegen!“ Sie faltete einen Bogen Briefpapier auseinan⸗ der, glättete und legte denſelben vor ihn hin; ſie tunkte die Feder in die Tinte und gab ſie ihm in die Hand. Er nahm ſie von ihr, ohne Etwas zu ſagen, an— er war allem Anſcheine nach wieder von einer geiſtigen Unruhe befallen. Aber die Haupt⸗ ſache war erreicht. Da ſaß er, das Papier vor ſich und die Feder in ſeiner Hand, endlich in völligem Ernſte bereit, ſein Teſtament zu machen. „Die erſte Frage, die Sie zu entſcheiden haben, Herr,“ ſagte Frau Lecount nach einem vorläufigen Blick auf den Entwurf,„iſt die Wahl eines Teſta⸗ mentsvollſtreckers. Ich trage kein Verlangen, Ihre Entſcheidung zu beeinfluſſen, aber ich möchte Sie doch, ohne vorlaut ſein zu wollen, daran erinnern daß eine kluge Wahl in andern Worten nichts An⸗ deres bedeuten ſoll, als die Wahl eines alten und erprobten Freundes, von dem Sie mit Beſtimmtheit wiſſen daß Sie ihm vertrauen können.“ Herzen ſtellende es nicht vernünf telei hi „S „J Fra phen de „Di von mi dem La abſolut am dr ſieben nenne Bartrar zum alle „Ha „Ja Frar Vanſton ſah da⸗ ſchweige Colli n Kinde kend ein Sie ja r Teſta⸗ Mittler⸗ glichkeit daß wir genblick zen Sie heit noch de noch seinan⸗ in; ſie ihm in was zu wieder Haupt⸗ vor ſich ölligem haben, äufigen Teſta⸗ „Ihre te Sie rinnern ts An⸗ en und umtheit 169 „Sie meinen den Admiral vermuthlich?“ ſagte Noel Vanſtone. Frau Lecount nickte bejahend. „Sehr gut!“ fuhr er fort.„Der Admiral ſoll es ſein!“ Es laſtete offenbar noch ein Druck auf ſeinem Herzen. Selbſt unter den auf eine harte Probe ihn ſtellenden Verhältniſſen, in die er jezt gerathen, lag es nicht in ſeiner Natur, Frau Lecounts vollkommen vernünftigen Rath ohne irgend ein Wort der Tüf⸗ telei hinzunehmen, wie es jezt der Fall war. „Sind Sie bereit, Herr?“ „Ja.“ Frau Lecount dictirte ihm den erſten Paragra⸗ phen des Entwurfs wie folgt:— „Dieß iſt der lezte Wille und das Teſtament von mir, Noel Vanſtone, gegenwärtig lebend auf dem Landhaus Baliol bei Dumfries. Ich widerrufe abſolut und in jedem einzelnen Stück mein früheres am dreißigſten Séptember achtzehn hundert und ſieben und vierzig aufgeſeztes Teſtament und er⸗ nenne andurch den Gegenadmiral Arthur Everard Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch in Eſſex zum alleinigen Vollſtrecker dieſes meines Teſtaments.“ „Haben Sie dieſe Worte geſchrieben, Herr?“ Frau Lecount legte den Entwurf nieder; Noel Vanſtone legte die Feder nieder. Keines von ihnen ſah das andere an. Es trat ein langes Still ſchweigen ein. Collins, Namenlos. IV. 170 „Ich bin in Erwartung, Herr Noel,“ ſprach Frau Lecount endlich,„zu vernehmen welches Ihre Wünſche in Betreff der Verfügung über Ihr Ver⸗ mögen ſind. Ihr großes Vermögen,“ fügte ſie mit unbarmherzigem Nachdruck hinzu. Er ergriff die Feder wieder und begann in tiefem Schweigen die Spulen derſelben nach einander ab⸗ zurupfen. „Vielleicht dürfte Ihnen Ihr ſchon vorhandenes Teſtament dazu behilflich ſein, Herr, mir Ihre Willens⸗ beſtimmungen anzugeben,“ fuhr Frau Lecount fort. „Dürfte ich Sie etwa fragen, wem Sie Ihr ganzes übriges Vermögen nach Abzug der Ihrer Frau hinterlaſſenen achtzigtauſend Pfund vermacht haben.“ Wenn er dieſe Frage offenherzig beantwortet hätte, ſo hätte er ſagen müſſen:„Ich habe den gan⸗ zen Ueberſchuß meinem Vetter Georg Bartram ver⸗ macht“— und dann wäre das darin liegende Zu⸗ geſtändniß, daß Frau Lecounts Name in dem Teſta⸗ mente gar nicht erwähnt ſei, in Frau Lecounts Gegenwart ſelbſt nothwendiger Weiſe erfolgt. Ein weit kühnerer Mann als er dürfte wohl in ſeiner Lage dieſelbe Beklemmung und dieſelbe Verlegenheit empfunden haben, die er jezt empfand. Er rupfte die lezte Spule des Federnbartes ab und indem er mit verzweifeltem Sprung über den Abgrund zu ſei⸗ nen Füßen hinwegſezte, kam er freiwillig Frau Le⸗ counts Anſprüchen an ihn entgegen. „Ich würde lieber von gar keinem andern Teſta⸗ mente reden, als von dem das ich jezt machen will, ſagte er unruhig.„Das erſte Ding, Lecount— Er zögerte— ſteckte das nackte Ende des Kieles in ſeine ſagte n 7 1 tungsve Do „D „Nr „De zu ſorge Er lichen 3 nicht all verlaſſen Augenbl „Ich Tone un Begünſt pfang n Er l begann „Da viel?“ „Ihr count,, dieſe Sch können.“ „Ich Bettes,. ten ihn Teſtamen er wolle 171 “ ſprach in ſeinen Mund— kaute gedankenvoll daran— und hes Ihre ſagte nichts weiter. Ihr Ver⸗„Nun, Herr?“ beharrte Frau Lecount erwar⸗ fügte ſie tungsvoll. „Das erſte Ding iſt—“ in tiefem„Nun, Herr?“ nder ab⸗„Das erſte Ding iſt, für— für Ihre Verſorgung zu ſorgen?“ handenes Er ſprach die lezten Worte in einem Tone kläg⸗ Willens⸗ lichen Fragens, gerade als wenn ihn ſogar jezt noch unt fort. nicht alle Hoffnung auf ein großmüthiges Ablehnen Sübriges verlaſſen hätte. Frau Lecount klärte ihn ohne einen -rrlaſſenen Augenblick Zeitverluſt über dieſen Punct auf. „Ich danke Ihnen, Herr Noel,“ ſagte ſie mit dem untwortet Tone und der Manier einer Frau, welche nicht eine den gan⸗ Begünſtigung anerkennt, ſondern ein Recht in Em⸗ tam ver⸗ pfang nimmt. ende Zu⸗ Er biß wiederholt in den Federkiel. Der Schweiß m Teſta⸗ begann auf ſeiner Stirne ſichtbar zu werden. Lecounts„Das Schwierige iſt,“ bemerkte er,„zu ſagen wie gt. Ein viel?⸗ in ſeiner„Ihr ſeliger Vater, Herr,“ erwiederte Frau Le⸗ legenheit count,„faßte noch zur Zeit ſeiner lezten Krankheit r rupfte dieſe Schwierigkeit ins Auge, wenn Sie ſich erinnern ndem er können.“ zu ſei⸗„Ich kann mich nicht erinnern,“ ſagte Noel Van⸗ Frau Le⸗ ſtone verdrießlich. „Sie befanden ſich an der einen Seite ſeines en Teſta⸗ Bettes, Herr, und ich an der andern. Wir verſuch⸗ en will“ ten ihn vergebens dahin zu bringen daß er ſein t— Teſtament machte. Nachdem er uns geſagt hatte, Kieles er wolle warten und ſein Teſtament erſt nach ſeiner 172 Wiedergeneſung machen, ſah er ſich nach mir um„Dr und ſagte einige freundliche und gefühlvolle Worte, Fra die mein Gedächtniß bis zu meinem lezten Stündlein Würde aufbewahren wird. Haben Sie dieſe Worte vergeſ⸗„Vi ſen, Herr Noel?“ Fra⸗ „Ja,“ ſagte Herr Noel ohne Zögern. Schulten „In meiner gegenwärtigen Lage, Herr,“ gab ihm„Fü Frau Lecount derb zurück,“„verbietet mir die De⸗ Er licateſſe, Ihr Gedächtniß aufzufriſchen.“ rang die Sie ſchaute auf ihre Uhr und verſank in Still⸗ ſerei vo ſchweigen. Er ballte ſeine Fauſt und wand ſich in der Tod einem wahren Todeskampfe von Unſchlüßigkeit auf Fraꝛ ſeinem Stuhle hin und her. Frau Lecount verhielt und tha ſich paſſiv und verſchmähte es die geringſte Notiz„Fre von ihm zu nehmen.„Nei „Was würden Sie ſagen—?“ begann er und Frau hielt plözlich wieder inne. und öffn „Nun, Herr?“„Ja „Was würden Sie ſagen zu— eintauſend Frar Pfund?“ an dem Frau Lecount ſprang von ihrem Stuhle auf und fallen w ſchaute ihm groß ins Geſicht, mit der majeſtätiſchen„Füt Indignation eines tief beleidigten Weibes. ſteuer, n „Nach dem Dienſt, den ich Ihnen heute geleiſtet habe, bare Rü Herr Noel,“ ſagte ſie,„hätte ich wenigſtens einen vermache Anſpruch auf Ihre Achtung verdient, wenn auch ſonſt Ihr Get Nichts anderes. Ich wünſche Ihnen guten Morgen.“ Sie bis; „Zweitauſend!“ rief Noel Vanſtone mit dem niß Ihn Muth der Verzweiflung. nehme d Frau Lecount legte ihre Papiere zuſammen und Vaters! hing unter verächtlichem Stillſchweigen ihre Reiſe Ich verſ taſche um ihren Arm. ner Stel 173 mir um„Dreitauſend!“ — Worte, Frau Lecount bewegte ſich mit undurchdringlicher Stündlein Würde von dem Tiſche nach der Thüre. 2 vergeſ⸗„Viertauſend!“ Frau Lecount zog fröſtelnd den Shawl um ihre . Schultern und öffnete die Thüre. gab ihm„Fünftauſend!“ die De⸗ Er krallte mit den Nägeln in ſeine Hände und —„ rang dieſelben gegen ſie in einer wahnſinnigen Ra⸗ in Stille ſerei von Zorn und Angſt.„Fünftauſend“ waren d ſich in der Todesſchrei ſeines pecuniären Selbſtmords. keit auf Frau Lecount ſchloß die Thüre ſanft wieder zu verhielt und that einen Schritt zurück. ſte Notiz„Frei von der Vermächtnißſteuer, Herr?“ fragte ſie. „Nein!“ er und Frau Lecount drehte ſich auf ihren Abſäzen um und öffnete die Thüre wieder. „Ja!“ ntauſend Frau Lecount kam zurück und nahm ihren Plaz an dem Tiſch wieder ein, wie wenn Nichts vorge⸗ auf und fallen wäre. ſtätiſchen„Fünftauſend Pfund, frei von der Vermächtniß⸗ ſteuer, war die Summe, Herr, welche mir die dank⸗ ſtet habe, bare Rückſicht Ihres Vaters in ſeinem Teſtamente zu ns einen vermachen verſprach,“ ſagte ſie ruhig.„Wenn Sie uch ſonſt Ihr Gedächtniß ein wenig anſtrengen wollten, was Norgen.“ Sie bis jezt nicht gethan haben, ſo würde Ihr Gedächt⸗ nit dem niß Ihnen ſagen daß ich die Wahrheit ſpreche. Ich nehme die kindliche Erfüllung des Verſprechens Ihres nen und Vaters hiemit an, Herr Noel, und bleibe dabei ſtehen. e Reiſe. Ich verſchmähe es, einen gemeinen Vortheil aus mei⸗ ner Stellung gegen Sie zu ziehen, ich verſchmähe 174 es, Etwas von Ihrer Furcht zu erzwacken. Sie ſtehen deßfalls unter dem Schuze meiner Achtung vor mir ſelbſt und dem hochberühmten Namen den ich trage. Alles, was ich in Ihren Dienſten ge⸗ than, Alles, was ich gelitten habe, iſt gerne ge⸗ ſchehen. Die Wittwe des Profeſſors Lecompte, Herr, nimmt bloß was ihr rechtlich gebührt— und nimmt nicht weiter!“ Als ſie dieſe Worte ſprach, ſchienen die Spuren ihrer Krankheit auf einen Augenblick aus ihrem Ge⸗ ſicht zu verſchwinden; ihre Augen ſtrahlten von einem lichterlohen innern Feuer; das ganze Weib glühte und leuchtete in dem Glanze ihres Triumphes— des dreifach errungenen Triumphes, einmal ihren Geldzweck erreicht, ſodann ihre alte Stellung be⸗ hauptet, und endlich den Wettſtreit mit Magdalenens unbeſtechlicher Selbſtverleugnung auf Magdalenens eigenem Grund und Boden aufgenommen zu haben. „Wenn Sie ſich wieder geſammelt haben, Herr, wollen wir fortfahren. Jezt laſſen Sie uns vor⸗ läufig noch ein wenig warten.“ Sie gönnte ihm einige Zeit ſich zu erholen, und dictirte ihm dann, nachdem ſie zuerſt einen Blick in den Entwurf geworfen, den zweiten Paragraph in folgender Faſſung. „Ich verſchreibe und vermache der Frau Vir⸗ ginie Lecompte, Wittwe des zu Zürich verſtorbenen Profeſſors Lecompte, die Summe von fünftauſend Pfund, frei von der Vermächtnißſteuer. Und indem ich dieß Vermächtniß ausſeze, wünſche ich gleichzeitig zu Protocoll zu geben, daß ich hiemit nicht bloß allein Lecomp ſchaft daß ich Intenti ohne de Verfüg gewiß Dienſte meinige „H „3 Fra Noel T „I fünftau ten Ih habe. kenntlich Ein über ſe Ueberle mer hä ſein ver barkeit bei ſein ſelt wer haben dem mi abgeſchl „Es en. Sie Achtung men den iſten ge⸗ gerne ge⸗ te, Herr, d nimmt Spuren prem Ge⸗ on einem 9 glühte phes— al ihren ung be⸗ dalenens dalenens u haben. n, Herr, ns vor⸗ len, und Blick in graph in au Vir⸗ torbenen ftauſend d indem eichzeitig cht bloß 175 allein meine eigene dankbare Anerkennung von Frau Lecomptes Anhänglichkeit und Treue in ihrer Eigen⸗ ſchaft als meiner Haushälterin ausdrücke, ſondern daß ich mich dadurch auch für den Vollſtrecker der Intentionen meines ſeligen Vaters betrachte der, ohne den Unglücksfall ſeines Todes ohne leztwillige Verfügung, Frau Lecompte in ſeinem Teſtamente gewiß daſſelbe Zeichen dankbarer Anerkennung ihrer Dienſte hinterlaſſen hätte, wie ich nunmehr in dem meinigen es ihr hinterlaſſe.“ „Haben Sie die lezten Worte geſchrieben, Herr?“ „Sa.2 Frau Lecount beugte ſich über den Tiſch und bot Noel Vanſtone ihre Hand. „Ich danke Ihnen, Herr Noel,“ ſagte ſie.„Die fünftauſend Pfund ſind die Erkenntlichkeit von Sei⸗ ten Ihres Vaters für das was ich ihm geleiſtet habe. Die Worte in dem Teſtamente ſind die Er⸗ kenntlichkeit von Ihrer Seite.“ Ein ſchwaches Lächeln flatterte zum erſten Mal über ſein Geſicht hin. Es tröſtete ihn bei reiflicher Ueberlegung der Gedanke, daß die Sache noch ſchlim⸗ mer hätte ausfallen können. Es war Balſam für ſein verwundetes Herz, daß er die Schuld der Dank⸗ barkeit durch einen Schriftſaz bezahlen durfte, der bei ſeinem Banquier nicht gegen baar Geld ausgewech⸗ ſelt werden konnte. Was auch ſein Vater immer gethan haben mochte— er für ſeinen Theil hatte nach all dem mit Frau Lecount einen ſehr wohlfeilen Handel abgeſchloſſen. „Es iſt noch ein Bischen mehr zu ſchreiben, ————— 176 Herr,“ fuhr Frau Lecount fort,„und Ihre peinliche, aber nothwendige Pflicht wird dann erfüllt ſein. Nachdem die unbedeutende Angelegenheit meines Ver⸗ mächtniſſes erledigt iſt, können wir auf die noch übrig gelaſſene wichtige Frage kommen. Die künftige Be⸗ ſtimmung eines großen Vermögens wartet jezt auf das Wort Ihrer Verfügung. Auf wen ſoll es über⸗ gehen?“ Er begann wieder auf ſeinem Stuhle hin und her zu rutſchen. Sogar unter dem allmächtigen Zau⸗ ber ſeiner Gattin war die Trennung von ſeinem Gelde nicht ohne Schmerz erfolgt. Er hatte dieſes pein⸗ liche Gefühl ausgehalten. Er hatte mit Ergebung das Opfer gebracht. Und jezt war die furchtbare Feuerprobe wieder da und harrte ſeiner unbarmher⸗ zig zum zweiten Mal. „Vielleicht dürfte es zu Ihrer Entſchließung bei⸗ tragen, Herr, wenn ich eine Frage wiederhole die ich ſchon geſtellt habe,“ bemerkte Frau Lecount.„Wem überließen Sie in dem Teſtamente das Sie unter dem Einfluß Ihrer Gattin machten den Geldüber⸗ ſchuß, der zu Ihr Verfügung übrig blieb?“ Es konnte ihm jezt keinen Schaden mehr brin⸗ gen die Frage zu beantworten. Er gab zu daß er das Geld ſeinem Vetter Georg hinterlaſſen hätte. „Sie konnten damals nichts Beſſeres thun, Herr Noel— und Sie können auch jezt nichts Beſſeres thun,“ ſagte Frau Lecount.„Herr Georg und ſeine zwei Schweſtern ſind Ihre einzigen noch lebenden Verwandte. Eine von dieſen Schweſtern iſt eine leidend Die a reicher ſtern Das Ihrem er bed und d Ein T ments einſezt Sie auf d ergreif „Es i noch e unheilbare Kranke und beſizt bereits Geld mehr als mache genug, um alle Bedürfniſſe, die ſie etwa bei ihrem 31 177 deinliche, leidenden Zuſtande noch haben kann, zu befriedigen. Ut ſein. Die andere iſt die Frau eines Mannes, der noch nes Ver⸗ reicher iſt als Sie ſelbſt. Das Geld dieſen Schwe⸗ ch übrig ſtern zu hinterlaſſen würde eine Vergeudung ſein. ige Be⸗ Das Geld ihrem Bruder Georg zu vermachen, heißt jezt auf Ihrem Vetter gerade diejenige Hilfe leiſten, deren ss über⸗ er bedarf, wenn er eines Tags das verfallene Haus 3 und die verſchuldeten Beſizungen ſeines Onkels erbt. hin und Ein Teſtament, das den Admiral zu Ihrem Teſta⸗ en Zau⸗ mentsvollſtrecker und Herrn Georg zu Ihrem Erben n Gelde einſezt, das iſt mit Fug und Recht dasjenige das S pein⸗ Sie machen müſſen. Es ehrt die Anſprüche der rgebung Freundſchaft und läßt den Anſprüchen des Blutes rchtbare ihr Recht widerfahren.“ armher⸗ Sie ſprach mit Wärme, denn ſie ſprach mit dank⸗ barer Erinnerung an Alles was ſie der Gaſtfreund⸗ ng bei⸗ ſchaft zu Heiligenkreuz ſchuldete. Noel Vanſtone er⸗ pole die griff eine andere Feder und begann den zweiten „Wem Kiel ſeiner Spulen zu entblößen, gerade wie er den e unter erſten kahl gerupft hatte. Adüber⸗„Ja,“ ſagte er mit widerſtrebendem Tone.„Ich glaube, Georg ſoll es haben— ich glaube, Georg brin⸗ hat den erſten Anſpruch an mich.“ daß er Er zögerte; er blickte nach der Thüre, er ſah nach Fätte. dem Fenſter, gleich als wenn es ihn gelüſtet hätte u, Herr auf dem einen oder andern Wege ſeine Flucht zu Zeſſeres ergreifen. d ſeine„Ach, Lecount!“ rief er mit kläglicher Stimme. benden„Es iſt ein ſolch großes Vermögen! Laſſen ſie mich ſt eine noch ein wenig warten, ehe ich es Jemanden ver⸗ ehr als mache!“ ihrem Zu ſeiner Verwunderung war Frau Lecount mit 178 dieſem characteriſtiſchem Verlangen alsbald einver⸗ ſtanden. „Ich wünſche ebenfalls daß Sie warten, Herr,“ entgegnete ſie.„Ich habe Ihnen noch etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen, ehe Sie eine weitere Zeile Ihrem Teſtamente beifügen. Vor einer kleinen Weile ſagte ich Ihnen daß noch ein anderes nothwendiges Ge⸗ ſchäft mit Ihrer gegenwärtigen Lage in Verbindung ſtehe, ein Geſchäft, das bis jezt noch nicht ins Auge gefaßt worden ſei, das aber, wenn die rechte Zeit komme, ins Auge gefaßt werden müſſe. Dieſe Zeit iſt jezt gekommen. Sie haben noch eine ernſte Schwie⸗ rigkeit zu bekämpfen und zu überwinden, ehe Sie Ihr Vermögen Ihrem Vetter Georg vermachen können.“ „Was für eine Schwierigkeit iſt das?“ fragte er. Frau Lecount erhob ſich von ihrem Seſſel, ohne zu antworten— ſchlich ſich nach der Thüre und riß dieſelbe plözlich auf. Kein Lauſcher befand ſich draußen; der Hausgang war eine Oede von einem Ende zum andern. „Ich mißtraue allen Dienſtboten,“ ſagte ſie, in⸗ dem ſie an ihren Plaz zurückkehrte—„abſonderlich aber Ihren Dienſtboten. Rücken Sie näher, Herr Noel. Was ich Ihnen jezt zu ſagen habe, darf außer uns Beiden von keiner lebenden Seele gehört werden.“ Drittes Capitel. Es trat eine Pauſe von einigen Minuten ein während welchen Frau Lecount das zweite von den beiden lagen, ſelbe r ſie ſich ihre S in den 5 gann zu dür ich ver ſie mit netwill Was ihrem menen nach i urtheil der To ſie mi Raben ferner Ihre war E wie ſie wiſſen Ihr 2 Betrüt Aller gewiß weder und d welche einver⸗ Herr,“ Wich⸗ Ihrem ſagte 8 Ge⸗ ndung Auge 2 Zeit e Zeit chwie⸗ e Sie nachen zte er. ohne ud riß ußen; zum 2, in⸗ derlich Herr außer den.“ ein, n den 179 beiden Papieren öffnete die vor ihr auf dem Tiſche lagen, und ihrem Gedächtniß dadurch daß ſie das⸗ ſelbe raſch durchflog, zu Hilfe kam. Hierauf wandte ſie ſich abermals an Herr Noel, indem ſie vorſichtig ihre Stimme dämpfte, damit kein unberufenes Ohr in dem Flurgang draußen ſie belauſchen könnte. „Ich muß um die Erlaubniß bitten, Herr,“ be⸗ gann ſie,„wiederum auf Ihre Gattin zurückkommen zu dürfen. Ich thue es nicht mit freudigem Willen, und ich verſpreche Ihnen daß das was ich Ihnen jezt über ſie mitzutheilen habe, um Ihretwillen und um mei⸗ netwillen ſo kurz als möglich gefaßt werden ſoll. Was wiſſen wir von dieſer Frau, wenn wir ſie nach ihrem eigenen Bekenntniß, als ſie in der angenom⸗ menen Rolle des Fräuleins Garth zu uns kam, und nach ihren ſpätern Handlungen zu Aldborough be⸗ urtheilen? Wir wiſſen einmal ſoviel daß wenn nicht der Tod Ihren Vater ihrem Bereiche entrückt hätte, ſie mit ihrem Complot nahe daran war ihn des Rabenſchluchter Vermögens zu berauben. Wir wiſſen ferner daß, als das Vermögen nach der Erbfolge in Ihre Hände überging, ſie mit ihrem Complot nahe daran war Sie deſſelben zu berauben. Wir wiſſen ſodann wie ſie dieſes Complot bis zu Ende durchführte, und wiſſen ſchließlich daß in dieſem Augenblick Nichts als Ihr Tod noch fehlt, um ihre Raubſucht und ihre Betrügerei mit dem glücklichſten Erfolg zu krönen. Aller dieſer Dinge ſind wir gewiß. Wir ſind auch gewiß daß ſie jung, verwegen und ſchlau iſt, daß ſie weder Bedenllichkeiten, Scrupeln, noch Mitleid kennt, und daß ſie die perſönlichen Eigenſchaften beſizt, welche die Männer im Allgemeinen(mir völlig un⸗ 180 begreiflich) zu bewundern ſchwach genug ſind. Dieß ſind keine Luftgebilde, Herr Noel, ſondern Thatſachen — Sie kennen dieſelben ſo gut wie ich.“ Er gab ein bejahendes Zeichen und Frau Lecount fuhr fort. „Behalten Sie das im Gedächtniſſe was ich Ihnen über die Vergangenheit geſagt habe, Herr, und werfen Sie jezt mit mir einen Blick in die Zukunft. Ich hoffe und erwarte zuverſichtlich daß Sie noch ein langes Leben vor ſich haben; aber laſſen Sie uns, bloß für den Augenblick, den Fall Ihres Todes vorausſezen — Ihr Tod läßt dieß Teſtament hinter Ihnen, wel⸗ ches Ihr Vermögen den Händen Ihres Vetters Georg übergibt. Man hat mir geſagt, es gebe eine Be⸗ hörde in London, bei welcher Abſchriften von allen leztwilligen Berfügungen hinterlegt werden müſſen. Jeder beliebige neugierige Fremde, dem es einfällt einen Schilling für die Befugniß zu bezahlen, kann in das Büreau dieſer Beamtung treten und jedes Teſtament leſen das ſeiner Discretion anvertraut wird. Errathen Sie jezt, worauf ich hinziele, Herr Noel? Ihre enterbte Wittwe zahlt ihren Schilling und liest Ihr Teſtament. Ihre enterbte Wittwe ſieht daß das Rabenſchluchter Geld, welches von Ihrem Vater auf Sie übergegangen iſt, zunächſt von Ihnen auf Herrn Georg Bartram übergehen wird. Was iſt die na⸗ türliche Folge dieſer Entdeckung? Die Folge davon iſt, daß Sie Ihrem Vetter und Freund das Ver⸗ mächtniß der Rache und der Betrügerei dieſes Wei⸗ bes hinterlaſſen, einer Rache, die noch entſchloſſener, einer Betrügerei die noch teufliſcher durch die grim⸗ mige Erbitterung über das Fehlſchlagen ihrer Ränke gemach Er iſt unfähi keine 2 gewiſſe lichen ſo ſehe Sie je blender Verhä ohne 2 zögerte Dieß ſachen ecount Ihnen verfen hoffe anges oß für sſezen wel⸗ Georg Be⸗ allen üſſen. nfällt kann jedes wird. Noel? liest ß das r auf Herrn e na⸗ davon Ver⸗ Wei⸗ ſener, grim⸗ Ränke 181 gemacht werden wird. Was iſt Ihr Vetter Georg? Er iſt ein edelmüthiger, argloſer Mann, der ſelbſt unfähig eines Betrugs iſt und auch von andern keine Betrügerei befürchtet. Geben Sie ihn nun den gewiſſensloſen Zauberkünſten und den undurchdring⸗ lichen Ränken und Schwänken dieſes Weibes Preis, ſo ſehe ich das Ende zum Voraus, ſo gewiß als ich Sie jezt daſizen ſehe! Sie wird ſeine Augen ver⸗ blenden wie ſie Ihre Augen verblendete, und Ihnen zum Troz, mir zum Troz das Geld bekommen!“ Sie hielt inne und ließ ihren lezten Worten Zeit, einen Haltpunct in ſeinem Geiſte zu gewinnen. Die Verhältniſſe waren ſo klar dargelegt, die Folgerung daraus ſo deutlich gezogen, daß er ihre Meinung ohne Mühe begriff und zwar augenblicklich begriff. „Ich ſehe es ein!“ ſagte er, indem er rachſüchtig ſeine Hände zu Fäuſten ballte.„Ich verſtehe, Le⸗ count! Sie ſoll keinen Kreuzer bekommen. Sagen Sie mir nur was zu thun iſt— ſoll ich es dem Admiral vermachen?“ Er machte eine Pauſe und überlegte ein wenig. „Nein,“ begann er wieder;„wenn ich es dem Admiral vermache, ſo iſt die nämliche Gefahr dabei, als wenn ich es Georg vermache.“ „Es iſt keine Gefahr dabei, wenn Sie meinen Rath befolgen wollen.“ „Worin beſteht Ihr Rath?“ „Folgen Sie Ihrer eigenen Idee, Herr. Nehmen Sie wieder die Feder zur Hand und vermachen Sie das Geld dem Admiral Bartram.“ Er tunkte mechaniſch die Feder in die Tinte und zögerte alsdann. —ÿöö—— 182 „Sie ſollen erfahren wohin ich Sie führen will,“ ſagte Frau Lecount,„ehe Sie Ihr Teſtament unter⸗ ſchreiben. Mittlerweile laſſen Sie uns Zoll für Zoll Boden vorwärts gewinnen. Ich wünſchte daß das Teſtament ganz fertig geſchrieben würde, ehe wir einen beſondern Schritt darüber hinaus thun. Beginnen Sie den dritten Paragraph, Herr Noel, unter den Zeilen welche mir das Vermächtniß von fünftauſend Pfund zuſchreiben.“ Sie dictirte ihm ohne Unterbrechung den lezten Abſaz des Teſtamentes nach dem zu Handen haben⸗ den Entwurf in nachſtehenden Worten: „Den ganzen Reſt meines unbeweglichen Ver⸗ mögens vermache und verſchreibe ich nach Abzug meiner Begräbnißkoſten und meiner nachweisbaren Schulden dem Gegenadmiral Arthur Everard Bartram, meinem obenbeſagten Teſtamentsvollſtrecker, zu allem und jedem Gebrauche den er davon zu machen für gut hält. „Unterzeichnet, geſiegelt und ausgefertigt den drit⸗ ten November achtzehnhundert ſiebenundvierzig, durch Noel Vanſtone, den hierin benamsten Erblaſſer, als ſein lezter Wille und als ſein rechtskräftiges Te⸗ ſtament in Anweſenheit von uns—“ „Iſt das Alles?“ fragte Noel Vanſtone voll Ver⸗ wunderung. „Das iſt genug, Herr, um Ihr Vermögen dem Admiral zu vermachen, und demgemäß iſt es Alles. Jetzt laſſen Sie uns wieder auf den Fall zurückkom⸗ men den wir ſchon angenommen haben. Ihre Wittwe — bezahlt Da iſt tram r ten au⸗ und jee hält. 2 legt de geſelle die Rä Schüßzer tere St gethan — wel terlaſſer der in zwiſchen Sie da vert un ſchriftlie Ihres ment b den B⸗ Wahrhe dem Si unter d daß er Ihnen Neffen Ihre Z1 in Ihre auf Ih rung ar will,“ unter⸗ ir Zoll ß das einen. ginnen er den auſend lezten haben⸗ Ver⸗ Abzug baren rtram, allem n für drit⸗ durch r, als 3 Te⸗ Ver⸗ dem Alles. kkom⸗ wittwe 183 bezahlt ihren Schilling und liest dieß Teſtament. Da iſt das Rabenſchluchter Geld dem Admiral Bar⸗ tram vermacht, und zwar mit der in deutlichen Wor⸗ ten ausgedrückten Beſtimmung, daß er davon allen und jeglichen Gebrauch machen könne den er für gut hält. Wenn ſie dieß ſieht, was wird ſie thun? Sie legt dem Admiral ihre Schlinge. Er iſt ein Jung⸗ geſelle und ein alter Mann. Wer kann ihn gegen die Ränke dieſes verzweifelten Weibes beſchüzen? Schüzen Sie ihn ſelbſt, Herr, durch ein Paar wei⸗ tere Striche dieſer Feder die bereits ſolche Wunder gethan hat. Sie haben ihm in Ihrem Teſtamente — welches Ihre Frau ſieht, dieſes Vermächtniß hin⸗ terlaſſen. Nehmen Sie ihm dieß Vermächtniß wie⸗ der in einem Briefe— der ein tiefes Geheimniß zwiſchen Ihnen und dem Admiral bleiben ſoll. Legen Sie das Teſtament und den Brief unter Ein Cou⸗ vert und übergeben Sie beide dem Admiral mit der ſchriftlichen Weiſung, daß er das Siegel am Tage Ihres Todes erbrechen ſolle. Laſſen Sie das Teſta⸗ ment beſagen was es jezt beſagt, und laſſen Sie erſt den Brief(der Ihr und ſein Geheimniß iſt) die Wahrheit mittheilen. Sagen Sie ihm daß Sie, in⸗ dem Sie ihm Ihr Vermögen vermachten, es ihm nur unter der beſonderen Vorausbedingung vermachten, daß er ſeine Erbſchaft zwar mit der einen Hand von Ihnen annehmen, mit der andern aber wieder ſeinem Neffen Georg ausfolgen ſolle. Sagen Sie ihm daß Ihre Zuverſicht in dieſer Angelegenheit lediglich bloß in Ihrem Vertrauen auf ſeine Ehrenhaftigkeit und auf Ihrem Glauben an ſeine wohlwollende Erinne⸗ rung an Ihren Vater und Sie ſelbſt beruhe. Sie 184 haben den Admiral von Ihren Knabenjahren auf ge⸗ kannt. Er hat allerdings ein wenig ſeine Grillen und ſonderbaren Launen— aber er iſt ein Gentle⸗ man vom Scheitel bis zur Sohle und durchaus un⸗ fähig, ein Vertrauen auf ſeine Ehrenhaftigkeit, das ein verſtorbener Freund in ihn ſezte, zu täuſchen. Beſeitigen Sie herzhaft die Schwierigkeit durch eine ſolche Kriegsliſt wie dieſe, und Sie ſichern dadurch dieſe beiden hilfloſen Männer, einen vermittelſt des andern, vor den Fallſtricken Ihrer Gattin. Hier auf der einen Seite iſt Ihr Teſtament, welches Ihr Vermögen dem Admiral zuweist und demgemäß ihre Ränke wieder in Bewegung ſezt. Und da auf der andern Seite iſt Ihr Brief, welcher insgeheim das Geld in die Hände des Neffen legt!“ Die boshafte Geſchicklichkeit dieſer Combination war ganz nach Noel Vanſtones Geſchmacke und ſei⸗ ner Denkungsart vollkommen angemeſſen. Er ver⸗ ſuchte ſeinen Beifall und ſeine Bewunderung in Wor⸗ ten auszudrücken. Frau Lecount erhob warnend ihre Hand und verſchloß ſeine Lippen. „Warten Sie noch, Herr, ehe Sie Ihre Mei⸗ nung ausdrücken,“ fuhr ſie fort.„Wir haben jezt erſt die Hälfte der Schwierigkeit überwunden. Laſſen Sie uns einmal annehmen, der Admiral habe von Ihrem Vermächtniß den Gebrauch gemacht, den zu machen Sie insgeheim von ihm gefordert haben. Früher oder ſpäter wird, das Geheimniß mag auch noch ſo gut bewahrt werden, Ihre Frau die Wahr⸗ heit entdecken. Was folgt auf dieſe Entdeckung? Sie eröffnet ihre Laufgräben gegen Herrn Georg. Alles, was Sie gethan haben, iſt ihm das Geld auf Umſchw von ein⸗ als wer zum Er ein Mit wo mög holt zur niß zwi Sie für das zuv Weg leg Er und ver ſie ihre — wenn pen brei gen zu geſchmei ihr Läch Verweile nicht bez in den in mein bote iſt, und der dem Adt wenn G. ſein ſollt Colli uf ge⸗ Hrillen zentle⸗ 1s un⸗ das iſchen. h eine adurch ſt des Hier 8 Ihr ß ihre uf der n das nation d ſei⸗ ver⸗ Wor⸗ rnend Mei⸗ en jezt Laſſen e von en zu haben. auch Wahr⸗ ung? zeorg. d auf 185 Umſchweifen zu vermachen. Da iſt er nach Verfluß von einiger Zeit ihrer Willkühr eben ſo preisgegeben, als wenn Sie ihn öffentlich in Ihrem Teſtamente zum Erben eingeſezt hätten. Was haben wir für ein Mittel dagegen? Das Mittel beſteht darin, ſie wo möglich zum zweiten Male irre zu leiten, wieder⸗ holt zum Schuze Ihres Vetters Georg ein Hinder⸗ niß zwiſchen ſie und das Geld zu legen. Können Sie für Ihre Perſon errathen, Herr Noel, welches das zuverläſſigſte Hinderniß iſt das wir ihr in den Weg legen können?“ Er ſchüttelte ſeinen Kopf. Frau Lecount lächelte und verſezte ihn in die äußerſte Geſpanntheit, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte. „Legen Sie ihr ein Frauenzimmer in den Weg, Herr!“ flüſterte ſie in ihrem argliſtigſten Tone. „Wir glauben nicht an ihre bezaubernde Schönheit — wenn auch Sie daran glauben. Unſere Lip⸗ pen brennen nicht vor Verlangen, dieſe glatten Wan⸗ gen zu küſſen. Unſere Arme ſehnen ſich nicht dieſe geſchmeidige Taille zu umfaſſen. Wir durchſchauen ihr Lächeln und ihre verlockende Grazie, und ihr Verweilen und ihr Fortwandeln— uns kann ſie nicht bezaubern! Legen Sie ihr ein Frauenzimmer in den Weg, Herr Noel! Nicht ein Frauenzimmer in meiner hilfloſen Stellung das bloß ein Dienſt⸗ bote iſt, nein, ſondern ein Weib mit dem Anſehen und der Eiferſucht einer Gattin. Machen Sie es dem Admiral in Ihrem Briefe zur Bedingung daß, wenn Georg zur Zeit Ihres Todes noch Junggeſelle ſein ſollte, er entweder innerhalb einer beſtimmten Collins, Namenlos. IV. 13 186 Zeit nachher heirathen müſſe, oder andernfalls die Erbſchaft nicht bekommen würde. Sezen wir den Fall, er bleibt, Ihrer Bedingung zum Troz, Hage⸗ ſtolz, wer ſoll alsdann das Geld erhalten? Noch einmal, ſtellen Sie Ihrer Frau ein Weib in den Weg und vermachen Sie das Vermögen in dieſem Fall der verheiratheten Schweſter Ihres Vetters Georg.“ Sie machte eine Pauſe. Noel Vanſtone machte den wiederholten Verſuch, ſeine Meinung auszuſpre⸗ chen, und wiederholt brachte ihn Frau Lecounts Hand zum Verſtummen. „Wenn Sie damit einverſtanden ſind, Herr Noel,“ ſagte ſie,„ſo will ich Ihre Zuſtimmung hiemit als erfolgt annehmen. Wenn Sie eine Einwendung da⸗ gegen zu machen haben, ſo will ich der Einwendung begegnen, noch ehe ſie aus Ihrem Munde kommt. Sie könnten freilich ſagen:„„Vorausgeſezt, dieſe Bedingung iſt hinreichend um der Abſicht zu ent⸗ ſprechen, warum ſie in einem heimlichen Brief an den Admiral verbergen? Warum ſie nicht offen mit Hinzufügung des Namens meines Vetters ins Teſtament niederſchreiben? Bloß aus einem einzi⸗ gen Grunde, Herr. Bloß weil der geheime Weg gegenüber einem Weibe wie Ihre Frau der allein ſichere iſt. Je geheimer Sie Ihre Abſichten halten, deſto mehr Zeit zwingen Sie ſie anzuwenden, um dieſelben herauszufinden. Die Zeit, welche ſie damit verliert, iſt eine Zeit, die ihrem verrätheriſchen Vor⸗ gehen gegen den Admiral abgewonnen wird, eine Zeit, die von Herrn Georg(wenn er noch Jung⸗ geſelle ſein ſollte) gewonnen wird, um ungeſtört die Wahl e lich, di ihrer eie dem die der Fein Denken aufgefun zweifelte ſenheit, Das iſt deutlichſ Bin ich Freund, ein wen Ränke d Beſchüzu Als Zunge 1 für Frau aus, der dient ha mente de „Wo dankbare bittertſte „Wo dankbare ſprach. Art iſt Beifalls „Erl mente er 187 lls die Wahl einer Dame treffen zu können, eine Zeit end⸗ ir den lich, die für den Gegenſtand ſeiner Wahl behufs Hage⸗ ihrer eigenen Sicherheit gewonnen wird, da außer⸗ Noch dem dieſelbe vor allen andern dem Argwohn und in den der Feindſeligkeit Ihrer Frau ausgeſezt ſein würde. dieſem Denken Sie nur an das Fläſchchen das wir eben ſ Vetters aufgefunden haben und halten Sie daher dieß ver⸗ zweifelte Weibsbild ſo lange als möglich in Unwiſ⸗ machte ſenheit, weil dadurch ihre Unſchädlichkeit bedingt iſt. zuſpre⸗ Das iſt mein Rath, Herr Noel, in den kürzeſten und 8 Hand deutlichſten Worten. Was ſagen Sie dazu, Herr? . Bin ich auf meine Art nicht eben ſo ſchlau, als Ihr Noel,“ Freund, Herr Bygrave? Kann ich nicht gleichfalls 5 nit als ein wenig Ränke ſchmieden, wenn das Ziel meiner ing da: Ränke die Begünſtigung Ihrer Wünſche und die endung Beſchüzung Ihrer Freunde iſt?“ kommt. Als Noel Vanſtone endlich der Gebrauch ſeiner „dieſe Zunge verſtattet war, drückte ſich ſeine Bewunderung zu ent: für Frau Lecount pünctlich in den gleichen Phraſen rief an aus, deren er ſich bei einer frühern Gelegenheit be⸗ t offen dient hatte, als er Capitän Wragge ſeine Compli⸗ rs ins mente darbrachte. einzi⸗„Was für einen Kopf Sie haben!“ waren die e Weg dankbaren Worte, die er einſt zu Frau Lecounts er⸗ allein bittertſtem Feind geſprochen hatte. halten,„Was für einen Kopf Sie haben!“ waren die n, um dankbaren Worto, die er jezt zu Frau Lecount ſelbſt damit ſprach. So berühren ſich die Extreme und ſolcher n Vor⸗ Art iſt manchmal der Alles umfaſſende Character des d, eine Beifalls eines Thoren! Jung⸗„Erlauben Sie, Herr, daß mein Kopf die Compli⸗ ört die mente erſt verdient die Sie ihm geſpendet haben,“ 188 ſagte Frau Lecount.„Der Brief an den Admiral iſt noch nicht geſchrieben. Ihr Teſtament da iſt ein Leib ohne Seele, ein Adam ohne Eva— bis der Brief vollendet und demſelben beigelegt iſt. Noch ein wenig Dictiren von meiner Seite, noch ein wenig Schreiben von Ihrer Seite— und unſer Werk iſt vollbracht. Entſchuldigen Sie. Der Brief wird län⸗ ger werden als das Teſtament— wir müſſen dieß⸗ mal größeres Papier als dieſes Briefpapier da haben.“ Die Schreibmappe wurde durchſucht und etwas Briefpapier von der verlangten Größe darin gefun⸗ den. Frau Lecount begann wieder zu dictiren und Noel Vanſtone ergriff wieder ſeine Feder. „Landhaus Baliol bei Dumfries. „Den 3. November 1847. („Geheime Mittheilung.) „Lieber Admiral Bartram! Wenn Du mein Teſtament eröffneſt(in welchem Du zu meinem allei⸗ nigen Teſtamentsvollſtrecker ernannt biſt) wirſt Du finden daß ich den ganzen Reſt meines unbeweglichen Vermögens— nach Abzug eines Legates von fünf⸗ tauſend Pfund— Dir ſelbſt vermacht habe. Es iſt der Zweck meines Briefes, Dir vertraulich mitzu⸗ theilen welche Abſicht ich dabei hatte, daß ich das Vermögen welches ſich nunmehr in Deinen Händen befindet, gerade Dir hinterlaſſen habe. „Ich erſuche Dich dieſes große Vermächtniß nur als ein ſolches anzuſehen, das Du unter gewiſſen Bedingungen an Deinen Neffen Georg abzutreten haſt. T ſchon ve ſollte, ſ den Bef theilung lich als ſich anſe und ſein Wenn e unverhei ich es il Empfang und zwo Frar welchem nieder u daß er „Wi bemerkte ter zu ſ Zeit Ih „St Vanſton „We thums i Lecount Herr— wer ſeir ins Aug Eigenthr Tode un dmiral iſt ein bis der Noch wenig derk iſt d län⸗ 1 dieß⸗ gaben.“ etwas gefun⸗ en und fries. 17. mein allei⸗ rſt Du glichen fünf⸗ Es iſt mitzu⸗ h das Händen iß nur eiſſen atreten 189 haſt. Wenn Dein Neffe zur Zeit meines Todes ſchon verheirathet ſein und ſeine Frau noch leben ſollte, ſo verlange ich daß Du ihn unverzüglich in den Beſiz Deiner Erbſchaft ſezeſt und damit die Mit⸗ theilung meines Wunſches verbindeſt(den er ſicher⸗ lich als eine heilige und bindende Verpflichtung für ſich anſehen wird), daß er das Geld ſeiner Frau und ſeinen Kindern, wenn er welche hat, verſchreibe. Wenn er andernfalls zur Zeit meines Todes noch unverheirathet oder ein Wittwer ſein ſollte, ſo mache ich es ihm in beiden Fällen zur Bedingung für den Empfang der Erbſchaft, daß er ſich verheirathen ſoll und zwar innerhalb einer Zeit von..... 4 Frau Lecount legte den brieflichen Entwurf, aus welchem ſie bis hieher dictirt hatte, auf den Tiſch nieder und bedeutete Noel Vanſtone durch ein Zeichen daß er ſeine Feder ruhen laſſen könne. „Wir ſind zu der Zeitfrage gekommen, Herr,“ bemerkte ſie.„Welche Friſt wollen Sie Ihrem Vet⸗ ter zu ſeiner Verheirathung einräumen, wenn er zur Zeit Ihres Todes noch ledig oder Wittwer iſt?“ „Soll ich ihm ein Jahr geſtatten?“ fragte Noel Vanſtone. „Wenn wir Nichts als die Intereſſen des Eigen⸗ thums in Anſchlag zu bringen hätten,“ ſagte Frau Lecount,„ſo würde ich auch für ein Jahr ſtimmen, Herr— beſonders wenn Herr Georg zufällig Witt⸗ wer ſein ſollte. Aber wir haben auch Ihre Frau ins Auge zu faſſen, ſo gut als die Intereſſen des Eigenthums. Ein Jahr Aufſchub zwiſchen Ihrem Tode und der Verheirathung Ihres Vetters iſt eine ———— 190 gefährlich lange Zeit, um die Verfügung über Ihr Vermögen in der Schwebe zu erhalten. Räumen Sie einer entſchloſſenen Frau ein Jahr Zeit zu ihren verſchmizten Entwürfen und Anſchlägen ein, da braucht nicht erſt errathen zu werden was ſie nicht zu thun im Stande ſein könnte.“ „Sechs Monate?“ ſchlug Noel Vanſtone vor. „Sechs Monate, Herr,“ entgegnete Frau Lecount, „iſt von den zwei Friſten die vorziehbarere. Ein halbjähriger Zeitraum von dem Tage Ihres Todes an iſt für Herrn Georg hinlänglich.— Sie ſehen mißmuthig aus, Herr. Was fehlt Ihnen?“ „Ich wünſchte daß Sie nicht immer ſo viel über meinen Tod ſprechen würden,“ fuhr er trozig heraus. „Ich kann es nicht leiden. Ich haſſe ſchon den Klang des Wortes.“ Frau Lecount lächelte nachgiebig und nahm wie⸗ der ihren Entwurf zur Hand. „Ich ſehe hier das Wort„„Hintritt““ geſchrie⸗ ben,“ bemerkte ſie.„Vielleicht würden Sie dieſes vorziehen, Herr Noel?“ „Ja,“ ſagte er;„ich ziehe„„Hintritt““ vor. Es klingt nicht ſo fürchterlich wie„„Tod.““ „Laſſen Sie uns jezt mit dem Briefe fortfahren, Herr.“ Sie dictirte wieder wie folgt: .... ſo mache ich es ihm in beiden Fällen zur Bedingung für den Empfang der Erb⸗ ſchaft, daß er binnen eines Zeitraums von ſechs Ca⸗ lendermonaten vom Tage meines Hintritts an ver⸗ heirathet ſei; daß die Frau die er nimmt ſich nicht im Wi der Tr Oſſory beinen hältnif genſtät mender T Entwu Herrn liche S Erfolg ihren i durchar nein, Tunken den né „J wenne Jungg die ihr nerhall zu ver daß er Theil ſem h. überge ber Ihr Räumen zu ihren braucht zu thun vor. Lecount, re. Ein 3 Todes ie ſehen iel über heraus. n Klang hm wie⸗ geſchrie⸗ e dieſes 7u vor. tfahren, beiden der Erb⸗ ichs Ca⸗ an ver⸗ hnicht 191 im Wittwenſtand befinde; und daß die Feierlichkeit der Trauung mit Ausrufung in der Pfarrkirche zu Oſſory vor ſich gehe— da er daſelbſt von Kinds⸗ beinen auf bekannt iſt und die Familie und Ver⸗ hältniſſe ſeiner zukünftigen Frau wahrſcheinlich Ge⸗ genſtände des öffentlichen Intereſſes und theilneh⸗ mender Erkundigungen ſein werden.“ „Dieß,“ ſagte Frau Lecount, ruhig von ihrem Entwurf aufblickend,„iſt zu dem Zwecke, Herr, um Herrn Georg zu ſchüzen, im Fall man ihm die näm⸗ liche Schlinge legen wollte, die Ihnen mit ſo viel Erfolg gelegt worden iſt. Sie wird das nächſte Mal ihren falſchen Character und ihren falſchen Namen durchaus nicht mehr ſo leicht anwendbar finden— nein, ſogar nicht mit Herrn Bygraves Beiſtand. Tunken Sie wieder ein, Herr Noel, laſſen Sie uns den nächſten Abſchnitt ſchreiben. Sind Sie bereit?“ „Sa.“ Frau Lecount fuhr fort: „Wenn Dein Neffe es an der Erfüllung dieſer Bedingung mangeln läßt, oder mit andern Worten, wenn er, er mag zur Zeit meines Hintritts entweder noch Junggefele oder Wittwer ſein, es unterläßt, ſich auf die ihm von mir vorgeſchriebene Art und Weiſe in⸗ nerhalb ſechs Calendermonaten von dieſer Zeit an zu verehelichen— ſo iſt es mein Wunſch und Wille daß er weder die Erbſchaft im Ganzen noch einen Theil derſelben empfange. Ich erſuche Dich in die⸗ ſem hier vorgeſehenen Falle ihn ganz und gar zu übergehen und das Dir in meinem Teſtament hin⸗ — 192 terlaſſene Vermögen ſeiner verheiratheten Schweſter, Frau Girdleſtone, zu geben. „Nachdem ich Dich hiemit nun mit meinen Be⸗ weggründen und Abſichten vertraut gemacht habe, komme ich jezt zu der nächſten Frage, deren Er⸗ wägung von der Nothwendigkeit erheiſcht wird. Wenn Dein Reffe zur Zeit der Eröffnung dieſes Briefes noch ledig iſt, ſo iſt es offenbar unerläßlich daß er von den hier geſtellten Bedingungen wo möglich zu dem gleichen Zeitpuncte Kenntniß erhält, wo Du ſelbſt ſie erfährſt. Biſt Du unter dieſen Umſtänden bereit ihm ohne Rückhalt das mitzutheilen was ich Dir geſchrieben habe? Oder wirſt Du ihn etwa auf dem Glauben laſſen, daß ein ſolch geheimer Ausdruck meiner Wünſche gar nicht exiſtire, und wirſt Du dem⸗ gemäß die auf ſeine Verheirathung bezüglichen Be⸗ dingungen für ſolche ausgeben, die durchaus aus Deinem eigenen Kopfe entſprungen ſind. „Wenn Du Dich zur leztern Alternative entſchlie⸗ ßen wollteſt, ſo würdeſt Du zu den mannigfachen Verpflichtungen die ich Deiner Freundſchaft ſchuldig bin noch eine weitere beifügen.“* Ich habe ernſtlichen Grund zu glauben däß der Beſiz meines Vermögens und die Entdeckung irgend welcher beſonderen Anordnungen, die ſich auf meine leztwillige Verfügung beziehen, nach meinem Hintritt Gegenſtand betrügeriſcher und ränkevoller Anſchläge einer gewiſſensloſen Perſon ſein werden. Es iſt daher mein ängſtlicher Wunſch— in erſter Linie um Deinetwillen— daß kein Verdacht von der Exiſtenz dieſes Briefes ſich in dem Sinn der Perſon, auf welche ich anſpiele, einſchleiche. Auf gleiche Weiſe iſt es um Fr Perſon bleibe übergel nen Z leichte, die von ich füh einſchla Gehein hüllung begleite „S ſo, als denken, neuen Mann Stellun folgeric namens dieſe C zu ſtelle Du ihn er etwe verweiſ „ Dir nu verſicht auf das angenel zwingen 193 chweſter, iſt es mein dringendes Verlangen— in zweiter Linie um Frau Girdleſtones willen— daß die nänliche nen Be⸗ Perſon in vollſtändiger Unwiſſenheit darüber ver⸗ t habe, bleibe daß die Erbſchaft in Frau Girdleſtones Beſiz ren Er⸗ übergehen werde, wenn Dein Neffe in der angegebe⸗ Wenn nen Zeit nicht verheirathet iſt. Ich kenne Georgs Briefes leichte, biegſame Gemüthsart; ich fürchte die Angriffe daß er die von Ränkeſchmieden darauf erfolgen werden, und glich zu ich fühle es zuverläſſig daß der klügſte Weg den man wo Du einſchlagen kann der ſein wird, daß man ſich enthält ſtänden Geheimniſſe ihm anzuvertrauen, deren allzufrühe Ent⸗ was ich hüllung von ernſtlichen, ja ſogar gefährlichen Folgen wa auf begleitet ſein könnte. usdruck„Stelle daher die Bedingungen Deinem Neffen du dem⸗ ſo, als wenn ſie Deine eigenen wären. Laß ihn hen Be⸗ denken, ſie ſeien in Deiner Seele blos in Folge der us aus neuen Verantwortlichkeiten aufgetaucht, die Dir als Mann von ehrenhafter Pünctlichkeit durch Deine ntſchlie⸗ Stellung in meinem Teſtamente und durch Deine igfachen folgerichtige Beſorgtheit, die Fortdauer des Familien⸗ ſchuldig namens zu ſichern, auferlegt worden ſind. Wenn 4 dieſe Gründe nicht hinreichend ſind, um ihn zufrieden däß der zu ſtellen, ſo kann er nichts dagegen einwenden, wenn irgend Du ihn in Bezug irgend weiterer Erklärungen, Die meine er etwa wünſchen dürfte, auf ſeinen Hochzeitstag Hintritt verweiſeſt. iſchläge„Ich bin zu Ende. Meine letzten Wünſche ſind Es iſt Dir nunmehr anvertraut in der ſtillſchweigenden Zu⸗ nie um verſicht auf Deine CEhre und Deine zärtliche Rückſicht Exiſtenz auf das Andenken Deines Freundes. Ueber die un⸗ dn, auf angenehmen Verhältniſſe, welche mich ſo zu ſchreiben Weiſe zwingen, wie ich geſchrieben habe, ſage ich Nichts. 194 Du wirſt dieſelben, wenn mir Gott noch länger das Leben ſchenkt, aus meinem eigenen Munde verneh⸗ men denn Du wirſt der erſte Freund ſein, den ich in meiner Noth und Sorge zu Rathe ziehe. Halte dieſen Brief ſtreng geheim und ſorgfältig in Deinem Beſize, bis meine Forderungen erfüllt ſind. Laß außer Dir keiner Seele, ſie mag auch einen Vorwand vorbringen welchen ſie wolle, wiſſen wo er ſich befindet. „Betrachte mich, lieber Admiral Bartram, als „Deinen herzlich ergebenen „Noel Vanſtone.“ „Haben Sie unterſchrieben, Herr?“ fragte Frau Lecount.„Laſſen Sie mich den Brief noch einmal durchſchauen, wenns Ihnen recht iſt, ehe wir den⸗ ſelben zuſiegeln.“ Sie las den Brief ſorgfältig durch. In Noel Vanſtones kleiner, zuſammengedrängter Handſchrift füllte er zwei volle Seiten Briefpapier aus und en⸗ dete oben auf der dritten Seite. Anſtatt ſich eines Couvertes zu bedienen, faltete ihn Frau Lecount zierlich und ſorgfältig auf die altherkömmliche Weiſe zuſammen. Sie zündete den auf dem Schreibzeug liegenden Wachsſtock an und gab den Brief dem Schreiber wieder zurück. „Siegeln Sie ihn, Herr Noel,“ ſagte ſie,„mit Ihrer eigenen Hand und Ihrem eigenen Siegel.“ Sie löſchte den Wachsſtock aus und händigte ihm die Feder wieder ein. „Adreſſiren Sie den Brief, Herr,“ fuhr ſie fort, an Admiral Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch in Eſſex. Nun fügen Sie über der Adreſſe ſelben: den z meine lieber Haben anſeher pfangen Frau Rabenſ nicht I meinige Als ſamkeit nicht n perſönl boten 1 doch iſt ger das verneh⸗ den ich Halte Deinem d. Laß orwand vefindet. , als n e.“ e Frau einmal dir den⸗ n Noel dſchrift ind en⸗ h eines Lecount Weiſe eibzeug ef dem „mit gel.“ gte ihm ie fort, 2uz in ber der 195 Adreſſe folgende Worte hinzu und unterzeichnen die⸗ ſelben: Sorgſam verwahrt in Deinen Hän⸗ den zu behalten und bloß von Dir am Tage meines Todes, oder„„Hintritts““, wenn Sie lieber wollen, zu eröffnen. Noel Vanſtone. Haben Sie geſchrieben? Laſſen Sie mich es wieder anſehen. Vollkommen recht in allen Stücken. Em⸗ pfangen Sie meine Glückwünſche, Herr. Wenn Ihre Frau nunmehr nicht den lezten Anſchlag gegen das Rabenſchluchter Vermögen ausgeführt hat, ſo iſt das nicht Ihre Schuld, Herr Noel— und auch nicht die meinige.“ Als Herr Noel bemerkte daß die ſtrenge Aufmerk⸗ ſamkeit bis jezt nach Vervollſtändigung des Briefes nicht mehr nöthig war, kehrte er auf einmal zu rein perſönlichen Betrachtungen zurück. „Jezt muß an das Einpacken meiner Sachen ge⸗ dacht werden,“ ſagte er.„Ich kann nicht fortgehen ohne meine warmen Sachen.“ „Entſchuldigen Sie, Herr,“ fiel Frau Lecount ein. Es iſt erſt noch das Teſtament zu unterzeich⸗ nen und dann müſſen zwei Perſonen gefunden wer⸗ den, welche die Aechtheit Ihrer Unterſchrift bezeugen.“ Sie ſchaute durch das vordere Fenſter hinaus und ſah das Gefährt vor der Hausthüre warten. „Der Kutſcher iſt recht zu einem dieſer Zeugen,“ ſagte ſie.„Er ſteht in einem anſtändigen Dienſt zu Dumfries und kann erforderlichen Falls wohl aus⸗ ſindig gemacht werden. Zum zweiten Zeugen müſ⸗ ſen wir meines Erachtens einen von Ihren Dienſt⸗ boten nehmen. Es ſind alle abſcheuliche Weibsbilder, doch iſt die Köchin unter den Dreien die noch am 196 wenigſten Uebelausſehende. Laſſen Sie die Köchin kommen, Herr, während ich hinausgehe und den Kut⸗ ſcher rufe. Wenn wir unſere Zeugen da haben, brauchen Sie bloß folgende Worte zu ſprechen:„„Ich habe hier eine Urkunde zu unterzeichnen und ich wünſche daß Ihr als Zeugen der Aechtheit meiner Unterſchrift Eure Namen mitunterzeichnet.““ Sonſt nichts, Herr Noel! Sagen Sie dieſe Paar Worte in Ihrer gewöhnlichen Art und Weiſe— und wenn das Unterzeichnen vorüber iſt, will ich ſelbſt nach dem Einpacken und nach Ihren warmen Sachen ſehen.“ Sie ging nach der Vorderthüre und rief den Kut⸗ ſcher ins Zimmer herein. Bei ihrer Zurückkunft fand ſie die Köchin bereits anweſend. Die Köchin ſah räthſelhafter Weiſe beleidigt aus und ſtarrte ohne Unterbrechung Frau Lecount an. Eine Minute ſpä⸗ ter kam der Kutſcher— ein ältlicher Mann— her⸗ ein. Sein Vorläufer war ein ſcharfduftender Schnaps⸗ geruch, aber er trug ſeinen Kopf ächt ſchottiſch, und Nichts als der Branntweingeruch verrieth ihn. „Ich habe hier eine Urkunde zu unterzeichnen, und ich wünſche daß Ihr als Zeugen der Aechtheit meiner Unterſchrift Eure Namen mitunterzeichnet,“ ſagte Noel Vanſtone, indem er ſeine Lection repetirte. Der Kutſcher ſchaute auf das Teſtament. Die Köchin verwandte kein Auge von Frau Lecount. „Mit Vergunſt, mein Herr,“ ſagte der Kutſcher mit der ſeinem Volke eigenthümlichen Vorſicht, die ſich in jedem Zuge ſeines Geſichtes ausprägte;„Sie werden wohl Nichts dagegen haben, Herr, mir erſt zu ſagen was für eine Urkunde es iſt.“ Unterſe wenn melnder men Si heiligen auserw dung n bis fün und we chen! Letten einmal Naſenli Die befände count d S Dieß iſ bei Ab Frau L gut, do Köchin in Kut⸗ haben, „„Ich ind ich meiner Sonſt Worte d wenn sſt nach Sachen en Kut⸗ ückkunft Köchin te ohne te ſpä⸗ — her⸗ chnaps⸗ ch, und n. eichnen, fechtheit ichnet,“ petirte. t. Die unt. Kutſcher ht, die 36„Sie nir erſt 197 Frau Lecount trat ins Mittel, ehe Noel Van⸗ ſtones Unwille ſich in Worten Luft machen konnte. „Sie müſſen dem Manne erklären, Herr, daß dieß Ihr Teſtament iſt,“ ſagte ſie.„Wenn er Ihre Unterſchrift bezeugt, ſo kann er für ſich genug ſehen, wenn er auf den Anfang der Seite ſchaut.“ „Ei! ei! ſagte der Kutſcher, indem er unverzüg⸗ lich auf den Anfang der Seite hinblickte.„Sein lezter Wille und Teſtament. Hm, Herrchen, das iſt ein trauriges Stelldichein unter vier Augen mit dem Tode, in einer Urkunde wie Ihre da!“ „Fleiſch iſt Gras!“ fuhr der Kutſcher fort, einen friſchen Branntweingeſtank aushauchend und mit fröm⸗ melnder Miene zur Zimmerdecke hinaufblickend.„Neh⸗ men Sie dieſe Worte in Verbindung mit der übrigen heiligen Schrift: Viele ſind berufen, aber Wenige auserwählt. Nehmen Sie das wieder in Verbin⸗ dung mit der Offenbarung, erſtes Capitel, Vers eins bis fünfzehn. Legen Sie das Ganze aufs Herz— und was iſt dann Ihr Ueberfluß? Auskehricht, Herr⸗ chen! Und Ihr Leib?(Wieder die heilige Schrift) Letten für den Töpfer! Und Ihr Leben?(Noch einmal die heilige Schrift) Ein Schnaufer aus Ihren Naſenlöchern!“ Die Köchin lauſchte als ob ſie in der Kirche ſich befände, aber ſie wandte kein Auge von Frau Le⸗ count ab. „Sie thäten beſſer daran zu unterſchreiben, Herr. Dieß iſt offenbar nur ein Brauch der in Dumfries bei Abſchluß von Geſchäften gäng und gebe iſt,“ ſagte Frau Lecount ergebungsvoll.„Der Mann meint es gut, das möcht' ich dreiſt behaupten.“ 198 Sie ſezte die lezten Worte in einem beſänftigen⸗ den Tone hinzu, denn ſie bemerkte daß Noel Van⸗ ſtones Unwille ſeinem Ausbruche nahe war. Die raſchen Ermahnungsergüſſe des Kutſchers ſchienen ihm ebenſo viel Furcht als Widerwillen eingeflößt zu haben. Er tauchte die Feder in die Tinte und unter⸗ ſchrieb das Teſtament, ohne ein Wort zu äußern. Der Kutſcher(der unverweilt von ſeinem theologi⸗ ſchen Standpunkt in den Bereich des Geſchäftlichen herniederſtieg) beobachtete die Unterſchrift mit der gewiſſenhafteſten Aufmerkſamkeit und unterzeichnete ſeinen Namen als Zeuge mit einem begleitenden Commentar über den Vorgang, der ſich in Geſtalt einer wiederholten Ausſtrömung von Whiskyduft durch das Medium eines ſchweren Seufzers darſtellte. Die Köchin ſchaute mit Mühe von Frau Lecount weg— unterſchrieb ihren Namen in heftiger Eile — und ſah mit einem ſtarren Erſtaunen wieder auf die Haushälterin zurück, als ob ſie in den Händen derſelben eine(in der Zwiſchenzeit zum Vorſchein ge⸗ brachte) geladene Piſtole zu erblicken erwartete. „Ich danke Ihnen!“ ſagte Frau Lecount in ihrer freundlichſten Manier. Die Köchin ſperrte den Mund auf, als ob ſie Etwas entgegnen wollte und ſah auf ihren Herrn hinüber. „Du kannſt gehen!“ ſagte dieſer. Die Köchin huſtete verächtlich— und ging. „Wir werden Sie nicht lange aufhalten,“ ſagte Frau Lecount, als ſie den Kutſcher entließ.„In einer reit z1 ſagte den de geſſen, zahlen r Geläch licher; zum Z Stam⸗ Erſtau „ ken iſt immer oder 1 ben n eine W ren zu wunde denken änftigen⸗ oel Van⸗ ar. Die ſchienen geflößt zu nd unter⸗ äußern. theologi⸗ häftlichen mit der rzeichnete glleitenden n Geſtalt hiskyduft darſtellte. Lecount iger Eile ieder auf Händen ſchein ge⸗ tete. in ihrer ls ob ſie en Herrn ing. ;“ ſagte . In 199 einer halben Stunde oder noch früher werden wir be⸗ reit zur Zurückreiſe ſein.“ Die ernſte Haltung des Kutſchers ließ jezt zum erſten Mal nach. Er lächelte geheimnißvoll und nä⸗ herte ſich Frau Lecount auf den Fußſpizen. „Werden doch Eins nicht vergeſſen, Madamchen,“ ſagte er mit der einſchmeichelndſten Artigkeit.„Wer⸗ den das Zeugen ſo gut wie das Fahren nicht ver⸗ geſſen, wenn Sie mir meinen Tageslohn ausbe⸗ zahlen!“ Er ſchlug mit großer Wichtigthuerei ein lautes Gelächter aus der Kehle an und ſchritt unter reich⸗ licher Zurücklaſſung ſeiner Branntweinatmoſphäre ſtolz zum Zimmer hinaus. „Lecount!“ ſagte Noel Vanſtone, ſobald der Kut⸗ ſcher die Thüre geſchloſſen hatte.„Hörte ich Sie zu dem Manne nicht ſagen daß wir in einer halben Stunde bereit ſein würden? „Nun, Herr?“ „Sind Sie blind?“ Er ſtellte dieſe Frage unter einem ärgerlichen Stampfen des Fußes. Frau Lecount ſah ihn mit Erſtaunen an. „Sehen Sie denn nicht daß der Grobian betrun⸗ ken iſt?“ fuhr er fort: indem ſich ſeine Gereiztheit immer mehr ſteigerte.„Soll ich denn der Gnade oder Ungnade eines betrunkenen Kutſchers preisgege⸗ ben werden? Ich möchte dieſen Mann nicht um eine Welt das Zutrauen ſchenken, mich von ihm fah⸗ ren zu laſſen! Ich muß Ihnen wirklich meine Ver⸗ wunderung ausſprechen, Lecount, daß Sie nur daran denken konnten.“ 200 „Der Mann hat wohl etwas getrunken,“ ſagte Frau Lecount.„Das iſt leicht zu ſehen und zu rie⸗ chen. Aber er iſt offenbar an das Trinken gewohnt. Wenn er nüchtern genug iſt, um ganz gerade zu ge⸗ hen— was ſich beſtimmt ſo verhält— und ſeinen Namen in einer recht ſaubern Handſchrift zu unterzeich⸗ nen— wie Sie ſelbſt auf Ihrem Teſtamente ſehen kön⸗ nen— ſo wage ich denn doch auch zu glauben daß er nüchtern genug iſt uns nach Dumfries zu fahren.“ „Keineswegs! Sie ſind eine Ausländerin, Lecount; Sie kennen dieſe Leute nicht. Sie trinken Whisky von Morgen bis Nachts. Whisky iſt der ſtärkſte Geiſt den man brennt; Whisky iſt notoriſch durch ſeine Einwirkung auf das Gehirn. Ich ſage Ihnen, ich möchte mich der Gefahr nicht ausſezen. Ich bin nie gefahren und werde auch in Zukunft nie mit Je⸗ mand anderes fahren, als mit einem ganz nüchter⸗ nen Mann.“ „Soll ich ſelbſt nach Dumfries zurückkehren, Herr?“ „Und mich hier laſſen? Mich allein in dieſem Hauſe laſſen, nach dem was vorgefallen iſt? Wie weiß ich denn ob meine Frau nicht ſchon dieſe Nacht zurückkommt? Wie weiß ich ob ihre Reiſe nicht ein bloßer Vorwand iſt um mich irre zu führen. Haben Sie kein Gefühl, Lecount? Können Sie mich in meiner bedauerungswürdigen Lage allein laſſen— 2“ Er ſank in ſeinen Stuhl zurück und brach über ſeine eigene Idee in lautes Schluchzen aus, noch b er dieſelbe in Worten vollſtändig ausgedrückt atte. „Zu ſchlecht!“ ſagte er mit ſeinem Taſchentuch vor dem Geſicht—„zu ſchlecht!“ Es Wenn ſo war derſtreit ſeine S gebroche as Lal das ſie hatte il die An blicke, n Kutſcher er weit „Si mich, beſchwö⸗ gnügen ich will Sie b bangen geſchickt an den ſoll mo⸗ für uns Die boten n ſich die 230 Sie de gute S Sie de Coll ¹ſagte zu rie⸗ ewohnt. e zu ge⸗ bſeinen terzeich⸗ hen kön⸗ ben daß ahren.“ kecount; Whisky ſtärkſte h durch Ihnen, Ich bin mit Je⸗ nüchter⸗ Herr?“ dieſem „ Wie ſe Nacht iicht ein Haben mich in en— 2 gedrückt tuch vor 201 Es war unmöglich ihn nicht zu bemitleiden. Wenn jemals ein Sterblicher bemitleidenswerth war, ſo war es dieſer Mann. Er war unter dem Wi⸗ derſtreit heftiger Aufregungen, die ſeit dem Morgen ſeine Seele beſtürmten, endlich ermüdet zuſammen⸗ gebrochen. Die Anſtrengung, Frau Lecount durch das Labyrinth der verwickelten Combinationen durch das ſie ihn ununterbrochen geführt hatte zu folgen, hatte ihn eben nur ſo lange aufrecht erhalten, als die Anſtrengung ſelbſt andauerte; in dem Augen⸗ blicke, wo dieſelbe zu Ende war, ſank er nieder. Der Kutſcher hatte ein Reſultat beſchleunigt— von dem er weit entfernt war die Urſache zu ſein. „Sie ſezen mich in Erſtaunen, Sie beunruhigen mich, Herr,“ ſagte Frau Lecount.„Ich bitte und beſchwöre Sie, faſſen Sie ſich! Ich will mit Ver⸗ gnügen hier bleiben, wenn Sie es wünſchen— ich will um Ihretwillen heute Nacht hier bleiben. Sie brauchen Erholung und Ruhe nach dieſem bangen Tag. Der Kutſcher ſoll auf der Stelle fort⸗ geſchickt werden, Herr Noel. Ich will ihm ein Billet an den Hotelwirth mitgeben— und das Fuhrwerk ſoll morgen früh wieder mit einem andern Kutſcher für uns zurückkommen.“ Die Ausſicht, welche ihm durch dieſe Worte ge⸗ boten wurde, erheiterte ihn wieder etwas. Er wiſchte ſich die Augen ab und küßte Frau Lecounts Hand. „Ja,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme;„ſchicken Sie den Kutſcher fort und bleiben Sie hier. Sie gute Seele! Sie vortreffliche Lecount! Schicken Sie den betrunkenen Kerl fort und kommen Sie Collins, Namenlos. IV. 14 202 gleich wieder zurück. Wir wollen es uns am Feuer ganz behaglich und wohl ſein laſſen, Lecount, und wollen ein hübſches, kleines Mittagsmahl zu uns nehmen!“ 2 Seine ſchwache Stimme ſchwankte; er kehrte wie⸗ der an den Kamin zurück und zerſchmolz unter dem rührenden Einfluß ſeiner Ideen wiederholt in Thränen. Frau Lecount verließ ihn eine Minute, um den Kutſcher zu entlaſſen. Als ſie wieder zurückkehrte, traf ſie ihn mit der Hand an der Klingel. „Was wünſchen Sie, Herr?“ fragte ſie. „Ich will bloß den Dienſtmädchen ſagen, daß ſie Ihr Zimmer in Bereitſchaft ſezen,“ ſagte er.„Ich wünſche Ihnen jegliche Aufmerkſamkeit zu bezeugen, Lecount.“ „Sie ſind die Güte ſelbſt, Herr Noel— aber warten Sie noch einen Augenblick. Es dürfte wohl⸗ gethan ſein, wenn wir dieſe Papiere auf die Seite räumen, ehe das Dienſtmädchen wieder herein kommt. Wenn Sie das Teſtament und den geſiegelten Brief zuſammen in einen Umſchlag legen wollen— und Beides direct an den Admiral adreſſiren— vill ich dafür Sorge tragen, daß der Einſchluß ſicher in die Hände des Adreſſaten gelangt. Wollen Sie an den Tiſch kommen, Herr Noel, bloß für einen Augen⸗ blick noch?“ Nein! Er war eigenſinnig; er weigerte ſich das Feuer zu verlaſſen; er war krank und erſchöpft vom Schreiben, er wünſchte daß er niemals geboren wor⸗ den wäre, und es widerte ihn der bloße Anblick von Feder und Tinte an. Frau Lecount bot ihre ganze Geduld und volle Ueberredungskunſt auf, um ihn dahi einmal; ſie ihm mappe n legen du Er adreſſirte maßen: der Max Mit er auch weigerte Couvert Es zwingen. und es davon C ſon daſ ſiegelte ſchlüſſen Sie einen A ket hine Triumpl ließ. S Nicht ei überflüſſ deren ſie würde; eine dur practiſch ruhigte Feuer und uns wie⸗ dem änen. n den ehrte, aß ſie „Ich ugen, aber wohl⸗ Seite mmt. Brief und will er in ie an ugen⸗ das vom wor⸗ nblick ihre um 203 ihn dahin zu bringen die Adreſſe des Admirals noch einmal zu ſchreiben. Sie erreichte bloß ſoviel daß ſie ihm das unbeſchriebene Couvert auf die Papier⸗ mappe und dieſelbe ihm liebkoſend auf den Schooß legen durfte. Er brummte; er verſchwor ſich ſogar; aber er adreſſirte ſchließlich das Couvert doch folgender⸗ maßen:„An Admiral Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch. Durch Güte der Frau Lecount.“ Mit dieſem Schlußact von Willfährigkeit ſtand er auch mit ſeiner Gelehrigkeit am Berge. Er ver⸗ weigerte es in den beſtimmteſten Ausdrücken das Couvert zu verſiegeln. Es war nicht nöthig ihm dieſe Maßregel abzu⸗ zwingen. Sein Siegel lag bereit auf dem Tiſche, und es that durchaus nichts zur Sache, ob er ſelbſt davon Gebrauch machte oder ob eine Vertrauensper⸗ ſon daſſelbe in Anwendung brachte. Frau Lecount ſiegelte das Couvert mit ſeinen beiden wichtigen Ein⸗ ſchlüſſen die ſorgſam hineingeſteckt worden waren. Sie öffnete zum letzten Male ihre Reiſetaſche, hielt einen Augenblick inne, ehe ſie das verſiegelte Pa⸗ ket hineinlegte und betrachtete es ſich mit einem Triumph, der in Worten ſich gar nicht ausdrücken ließ. Sie lächelte, als das Paket in ihre Taſche fiel. Nicht ein Schatten von Verdacht, daß das Teſtament überflüſſige Phraſen und Ausdrücke enthalten könnte deren ſich ein practiſcher Advocat nicht bedient haben würde; nicht die Spur eines Zweifels, ob der Brief eine durchaus ſo vollſtändige Urkunde wäre, wie ein practiſcher Advocat ſie aufgeſezt haben würde, beun⸗ ruhigte ihren Sinn. In blinder Zuverſicht— ent⸗ 204 ſprungen aus ihrem Haſſe gegen Magdalene und ihrem Durſt nach Rache— in blinder Zuverſicht auf ihre eigenen Fähigkeiten und die Geſezeskunde ihres Freundes rechnete ſie beſtimmt darauf daß die Zukunft das zu Tage fördern werde, was ihre Be⸗ mühungen an dieſem Morgen verſprachen und in Ausſicht ſtellten. Als ſie ihre Reiſetaſche verſchloß, zog Noel Van⸗ ſtone die Klingel. Bei dieſer Gelegenheit wurde der Ruf durch Luiſe beantwortet. „Sezen ſie das Gaſtzimmer in Bereitſchaft,“ be⸗ fahl ihr Herr;„dieſe Dame wird heute Nacht hier ſchlafen. Und lüften Sie meine warmen Sachen; dieſe Dame und ich gehen morgen früh mit einan⸗ der fort.“ Die artige und unterwürfige Luiſe empfing ihre Aufträge in finſterem Stillſchweigen— ſchoß einen verdrießlichen Blick auf den räthſelhaften Gaſt ihres Herrn— und verließ das Zimmer. Die Dienſt⸗ mädchen waren ſichtlich alle zuſammen den Intereſſen ihrer Herrin anhänglich und ſämmtlich einer Anſicht in Betreff der Frau Lecount. „Das wäre im Reinen!“ ſagte Noel Vanſtone mit einem Stoßſeufzer unendlicher Erleichterung. „Kommen Sie und ſezen Sie ſich nieder, Lecount. Laſſen Sie es uns bequem machen, laſſen Sie uns am Feuer vertraulich plaudern!“ Frau Lecount nahm die Einladung an und ſchob einen Lehnſtuhl an ſeine Seite. Er faßte mit ver⸗ traulicher Zärtlichkeit ihre Hand und hielt ſie in der ſeinigen, während das Geſpräch ſeinen Fortgang nahm. Eine fremde Perſon, die durch das Fenſter hereing⸗ gehalter für ein Da⸗ wurde, Reihe eigenen gewidm wenn Warun zurückb kreuz l Teſtamt ihm no Gut, comfort barſcha Warur ja, ſich zu ſeit ihn fre betroge es nich gegang habe, Frau i was i der T die M ſie ſo Sollte und n. e und verſicht skunde aß die re Be⸗ nd in Van⸗— wurde ,“ be⸗ ht hier achen; einan⸗ g ihre einen ihres Dienſt⸗ ereſſen Anſicht iſtone erung. ecount. ie uns d ſchob it ver⸗ in der rtgang Fenſter 205 hereingeblickt hätte, würde ſie für Mutter und Sohn gehalten und bei ſich ſelbſt gedacht haben:„Was für ein glückliches Familienleben!“ Das Geſpräch, das von Noel Vanſtone geführt wurde, beſtand wie gewöhnlich in einer endloſen Reihe von Fragen und war ganz und gar ſeiner eigenen Perſon und ſeinen Ausſichten in die Zukunft gewidmet. Wohin wollte ihn die Lecount nehmen, wenn ſie am folgenden Morgen abreiſen würden? Warum nach London? Warum ſollte er in London zurückbleiben, während ſich Lecount nach Heiligen⸗ kreuz begäbe, um dem Admiral den Brief und das Teſtament zu überbringen? Weil etwa ſeine Frau ihm nachfolgen könnte, wenn er zu Admirals ginge? Gut, daran war Etwas. Und weil er in einer comfortabeln Wohnung in Herrn Loscombe's Nach⸗ barſchaft vor ihr ſorgfältig verborgen werden ſollte? Warum in die Nähe von Herrn Loscombe? Ach ja, ſicherlich um dort zu erfahren was das Geſez zu ſeinem Schuze thun würde? Würde das Geſez ihn frei ſprechen von der Schwindlerin die ihn ſo betrogen hatte? Wie verdrießlich daß die Lecount es nicht wußte! Würde das Geſez ſagen daß er hin⸗ gegangen und ſich zum zweiten Male verheirathet habe, weil er mit der Erbärmlichen wie Mann und Frau in Schottland gelebt? War in Schottland alles was öffentlich als eine Ehe betrachtet wurde, in der That eine Ehe, wie er gehört hatte? Wie über die Maßen langweilig es von der Lecount war, daß ſie ſo da ſaß und Nichts darüber zu ſagen wußte! Sollte er ſelbſt lange in London verweilen müſſen und mit Niemand außer Herrn Loscombe ſprechen —— 206 dürfen? Würde die Lecount gleich wieder zu ihm zurückkehren, ſobald ſie dieſe wichtigen Papiere in die Hände des Admirals niedergelegt hätte? Würde die Lecount ſich noch als in ſeinem Dienſte befind⸗ lich betrachten? Die gute Lecount, die vortreffliche Lecount! Und nach Beendigung der gerichtlichen Ge⸗ ſchäfte— was dann? Warum nicht dieſes ſchreckliche England verlaſſen und in die weite Welt hinaus⸗ reiſen? Warum nicht nach Frankreich gehen an irgend einen billigen Ort in der Umgebung von Paris? Etwa Verſailles? Oder St. Germain? In ein nettes franzöſiſches Häuschen— wohlfeil? Mit einer nied⸗ lichen franzöſiſchen Bonne als Köchin— die ihn nicht durch übermäßige Griffe in den Schmalzhafen um ſein Geld bringen würde? Mit einem hübſchen Gärtchen — wo er ſelbſt arbeiten und ſeine Geſundheit wieder erhalten und die Koſten für Unterhaltung eines Gärtners erſparen könnte? Das wäre doch keine ſchlechte Idee? Und ſie ſcheint ſehr vielverſprechend für die Zukunft, nicht wahr, Lecount? So plauderte er unaufhörlich fort, das armſelige, wwache Geſchöpf, das verworfene, erbärmliche Männ⸗ chen! Als die Dunkelheit beim Sinken des kurzen No⸗ vembertages hereinbrach, begann er ſchläfrig zu wer⸗ den— ſeine unabläſſigen Fragen verſtummten end⸗ lich— er ſchlief ein. Der Wind draußen ſang ſeinen traurigen Wintergeſang; das Getrampel vorüber⸗ eilender Fußtritte, das Rädergeraſſel auf der Straße machte einer traurigen Stille Plaz. Er ſchlief ruhig fort. Das Kaminfeuer flackerte auf ſeinem bleichen, kleinen Geſichte und ſeinen kraftloſen, herunterhängen⸗ den H noch 1 mit ih Intere hatte terliche angene ein che indem franzö⸗ mädche aufwa er zu zurück Geſpre bedeut er wa als fr — ſie ſchenre ten en in Sc Es murm Zähne Stuhl zu ihm piere in Würde befind⸗ reffliche hen Ge⸗ reckliche hinaus⸗ irgend Paris? mnettes r nied⸗ on nicht um ſein ärtchen wieder eines )keine rechend nſelige, Männ⸗ in No⸗ u wer⸗ n end⸗ ſeinen prüber⸗ Straße ruhig eichen, ingen⸗ V 207 den Händen hin und her. Frau Lecount hatte ihn noch nicht bedauert; jezt begann auch ſie Mitleid mit ihm zu fühlen. Ihr Zweck war erreicht; ihr Intereſſe war in ſeinem Teſtamente geſichert— er hatte freiwillig ſein künftiges Leben unter ihre müt⸗ terliche Obhut geſtellt— das Kaminfeuer war ſo angenehm; alle Umſtände vereinten ſich, um in ihr ein chriſtliches Gefühl emporkeimen zu laſſen. „Armes unglückliches Weſen!“ ſagte Frau Lecount, indem ſie ihn mit einem ernſten und aufrichtigen Mitleiden anſchaute—„Armes, unglückliches Weſen!“ Die Eſſensſtunde weckte ihn auf. Er war bei Tiſch ſehr munter und aufgelegt; er kam wieder auf ſeine Idee von einem billigen Häuschen in Frank⸗ reich zurück; er ſchmunzelte und grinste und ſprach franzöſiſch mit Frau Lecount, während das Haus⸗ mädchen und Luiſe abwechſelnd und mit Widerwillen aufwarteten. Als die Mahlzeit vorüber war, kehrte er zu ſeinem gemächlichen Lehnſtuhl am Kaminfeuer zurück und Frau Lecount folgte ihm. Er nahm das Geſpräch wieder auf— was in ſeinem Fall ſo viel bedeutet als: er wiederholte alle ſeine Fragen. Aber er war nicht mehr ſo lebhaft und flink mit denſelben als früher am Tage. Sie begannen zu erſchlaffen — ſie wurden in immer längern und längern Zwi⸗ ſchenräumen wieder aufgenommen— und verſtumm⸗ ten endlich gänzlich. Gegen neun Uhr fiel er wieder in Schlummer. Es war dießmal kein ſo ruhiger Schlaf. Er murmelte unverſtändliche Worte und knirſchte mit den Zähnen und rollte ſeinen Kopf von einer Seite des Stuhles zur andern. Frau Lecount machte abſicht⸗ 208 lich ein ſtarkes Geräuſch, um ihn zu erwecken. Er erwachte mit leeren Augen und gerötheter Wange. Er wandelte unruhig mit einer neuen Idee in ſeinem Kopfe durch das Zimmer, mit der Idee nämlich, einen entſezlichen Brief zu ſchreiben— einen Brief ewiger Trennung von ſeiner Frau. Wie ſollte er geſchrieben werden? In welcher Sprache ſollte er ſeine Gefühle ausdrücken? Die Donnerkeile ſelbſt der Shakſpear'ſchen Sprache wären für den vorliegen⸗ den Fall nicht zureichend. Er war das Opfer einer Unthat geweſen, von welcher ſchlechterdings kein Sei⸗ tenſtück nachzuweiſen war. Eine erbärmliche Perſon hatte ſich in ſeinen Buſen geſchlichen; eine Viper hatte ſich an ſeinem Herde verborgen gehalten! Wo konnten Worte gefunden werden, um ſie mit der ver⸗ dienten Schmach zu brandmarken? Er hielt inne, mit dem erſtickenden Selbſtgefühl der Unmacht ſeiner raſenden Wuth— er hielt inne und ballte zitternd ſeine Fauſt in die leere Luft. Frau Lecount trat jezt mit einer Energie und einer Entſchloſſenheit in das Mittel, welche nur ein Ausfluß ihrer ernſtlichen Beſorgniß ſein konnte. Nach dem ſchweren Druck, der bereits auf ſeinem ſchwachen Geiſte gelegen hatte, konnte ſolch ein Ausbruch leiden⸗ ſchaftlicher Aufregung, wie er ſich jezt bei ihm zeigte, ihm leicht die Ruhe dieſer Nacht und damit die Kräfte zum Antreten der morgigen Reiſe rauben. Mit un⸗ endlicher Schwierigkeit, mit endloſen Verſprechungen, auf den Gegenſtand am nächſten Morgen zurückkom⸗ men und ihm ihren Nath ertheilen zu wollen, brachte ſie ihn endlich ſo weit, daß er in ſein Schlafzimmer hinaufging und für die Nacht etwas Faſſung ſam⸗ melte. Auf d zu ihr fall ir eine g. Eiern Zeiten und v lich er Lecout ſie wi minfer Noel theile ten ih eine ließen warte und und d Zucker nem wärts über regun S war; vor d ihn a ſicht irgend en. Er Wange. ſeinem nämlich, 1 Brief ollte er ollte er ſelbſt rliegen⸗ r einer in Sei⸗ Perſon Viper i! Wo der ver⸗ t inne, ſeiner itternd ie und mur ein Nach wachen leiden⸗ zeigte, Kräͤfte tit un⸗ ungen, ickkom⸗ brachte jimmer g ſam⸗ 209 melte. Sie reichte ihm ihren Arm zur Unterſtüzung. Auf dem Weg hinauf wurde ſeine Aufmerkſamkeit zu ihrer großen Befriedigung durch einen neuen Ein⸗ fall in Anſpruch genommen. Er erinnerte ſich an eine gewiſſe warme und ſtärkende Miſchung von Wein, Eiern, Zucker und Gewürz, welche ſie in frühern Zeiten gewohnt war, manchmal für ihn zu bereiten, und von welcher er glaubte daß ſie ihn außerordent⸗ lich erfriſchen würde, ehe er zu Bette ginge. Frau Lecount half ihm in ſeinen Schlafrock— dann ging ſie wieder herunter, um den warmen Trank am Ka⸗ minfeuer im Wohnzimmer zu bereiten. Sie ſchellte mit der Klingel und beorderte in Noel Vanſtones Namen die erforderlichen Beſtand⸗ theile zu der Miſchung. Die Dienſtmädchen brach⸗ ten ihr mit der engherzigen Bosheit ihres Geſchlechts, eine nach der andern, die Zuthaten hinauf und ließen ſie auf jede derſelben ſo lange als möglich warten. Sie hatte das Pfännchen und den Löffel, und den Sturzbecher, und das Muscatnußriebeiſen und den Wein erhalten— aber nicht die Eier, den Zucker oder das Gewürz— als ſie ihn oben in ſei⸗ nem Zimmer mit großem Geräuſche auf⸗ und ab⸗ wärts gehen hörte, indem er ſich ganz zweifelsohne über den alten Gegenſtand wieder aufs Neue in Auf⸗ regung verſezte. Sie ging abermals die Treppe hinauf; aber er war zu geſchwind für ſie— er hörte ſie draußen vor der Thuͤre; und als ſie dieſelbe öffnete, traf ſie ihn auf ſeinem Stuhle, den Rücken mit ſchlauer Vor⸗ ſicht ihr zugewendet. Sie kannte ihn zu wohl um irgend eine Gegenvorſtellung zu machen; deßhalb 210 zeigte ſie ihm blos die alsbaldige Ankunft des warmen Trankes an und kehrte dann wieder um, um das Zimmer zu verlaſſen. Beim Hinausgehen bemerkte ſie in einer Ecke einen Tiſch mit Tintenzeug und Schreibmappe darauf, und verſuchte die Schreibmate⸗ rialien, ohne ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, weg⸗ zunehmen. Er war für ſie wieder zu geſchwind. Zornig fragte er, ob ſie an ſeinem Verſprechen zweifle. Sie ſtellte aus Furcht ihn zu beleidigen die Schreib⸗ materialien wieder auf den Tiſch nieder und verließ das Zimmer. Eine halbe Stunde ſpäter war die Miſchung fer⸗ tig. Sie ſchaffte ſie, ſchäumend und ſprudelnd, in einem großen Becher zu ihm hinauf. „Er wird darnach ſchlafen!“ dachte ſie bei ſich ſelbſt, als ſie die Thüre öffnete.„Ich habe den Trank zu dieſem Behufe ſtärker als gewöhnlich ge⸗ macht.“ Er hatte ſeinen Plaz verändert. Er ſaß an dem Tiſch in der Ecke— noch immer den Rücken ihr zu⸗ gewendet— und ſchrieb. Dießmal hatten ſeine leb⸗ haften Ohren ihn nicht gut bedient. Dießmal hatte ſie ihn auf der That ertappt. „Ach, Herr Noel! Herr Noel!“ ſagte ſie mit vorwurfsvollem Tone.„Was iſt nun Ihr Verſpre⸗ chen werth?“ Er gab keine Antwort. Er ſaß da, ſeinen linken Ellenbogen auf den Tiſch gelehnt und ſeinen Kopf in die linke Hand geſtüzt. Seine rechte Hand lag 5 rückwärts auf dem Papier und hielt loſe die eder. warmen im das bemerkte ug und eibmate⸗ , weg⸗ ſchwind. zweifle. Schreib⸗ verließ ing fer⸗ lnd, in bei ſich be den lich ge⸗ an dem ihr zu⸗ ne leb⸗ l hatte ſie mit berſpre⸗ linken n Kopf nd lag oſe die 211 „Ihr Trank, Herr Noel,“ ſagte ſie in einem freund⸗ licheren Tone, weil ihr Gefühl es ihr nicht zuließ ihm wehe zu thun. Er nahm keine Notiz von ihr. Sie ging an den Tiſch, um ihn aufzuwecken. War er ſo tief in Gedanken verſunken? Er war todt. 2. Ende der fünften Scene. Zwiſchenſcene. I. Frau Noel Vanſtone an Herrn Loscombe. „Parkterraſſe in St. Johanniswald, „den 5. November. „Werther Herr! Ich kam geſtern in der Abſicht, eine Verwandte zu beſuchen, nach London, indem ich Herrn Vanſtone auf dem Landhaus Baliol zurück⸗ gelaſſen und mir vorgenommen hatte binnen Wochen⸗ friſt zu ihm zurückzukehren. Ich erreichte London ganz ſpät Abends und fuhr nach dieſer Wohnung, nachdem ich mir ſchon zuvor brieflich ein Zimmer beſtellt hatte. „Die heutige Morgenpoſt hat mir einen Brief von meiner Kammerjungfer gebracht, welche ich auf dem Landhaus Baliol mit der Weiſung zurückge⸗ laſſen habe, mir jeden außergewöhnlichen Vorfall der in meiner Abweſenheit ſtattfände alsbald zu ſchrei⸗ ben. Sie werden den Brief des Mädchens im Ein⸗ ſchluß finden. Ich habe ſie hinlänglich kennen ge⸗ lernt u Angabe Anſpie Sie de Sie de die da gebrach in ihre überzer ten ih meiner mocht dem, 1 gar ke Herrn alles Mann 213 lernt und glaube daß man ſich auf ſie in Bezug auf Angabe der Wahrheit unbedingt verlaſſen kann. „Ich enthalte mich abſichtlich Sie durch nuzloſe Anſpielungen auf mich ſelbſt zu beläſtigen. Wenn Sie den Brief meiner Zofe geleſen haben, werden Sie den gewaltigen Eindruck begreiflich finden, den die darin enthaltenen Nachrichten auf mich hervor⸗ gebracht haben. Ich kann bloß wiederholen daß ich in ihre Angabe volles Vertrauen ſeze. Ich bin feſt überzeugt daß die frühere Haushälterin meines Gat⸗ ten ihn ausfindig gemacht, ſich ſeine Schwäche in meiner Abweſenheit zu Nuzen gemacht und ihn ver⸗ mocht hat, ein anderes Teſtament zu machen. Nach e. dem, was ich von dieſer Weibsperſon weiß, hege ich gar keinen Zweifel, daß ſie ſich ihres Einfluſſes auf vald, Herrn Vanſtone bedient hat, um mich wo möglich 6 alles künftigen Antheils an dem Vermögen meines . Mannes zu berauben. bbſicht,„Unter dieſen Umſtänden iſt es aus mehr Grün⸗ em ich den, als ich anzuführen für nöthig erachte, im höch⸗ 66 uurück⸗ ſten Grade von Wichtigkeit, daß ich Herrn Vanſtone ochen⸗ ſprechen und bei der erſten beſten Gelegenheit zu einer ondon Erklärung mit ihm gelangen kann. Sie werden fin⸗ dnung, den daß meine Zofe abſichtlich ihren Brief bis zum immer lezten Augenblick vor Poſtſchluß unverſiegelt gelaſſen 3 hat, ohne mir indeſſen weitere Nachrichten geben Brief zu können, als daß Frau Lecount dieſe Nacht in dem h auf Landhaus ſchlafen ſollte und daß ſie und Herr Van⸗ ückge⸗ ſtone heute früh zuſammen daſſelbe zu verlaſſen be⸗ all der abſichtigten. Aber was dieſen lezten Theil der Mit⸗ ſchrei⸗ heilung anbelangt, ſo müßte ich mich eigentlich jezt ä ſchon auf der Rückreiſe nach Schottland befinden. Bei 214 der gegenwärtigen Sachlage kann ich wahrhaftig nicht beſtimmen was ich zunächſt thun ſoll. Meine Rückreiſe nach Dumfries, nachdem Herr Vanſtone es verlaſſen hat, hieße eine Reiſe nach dem Mond un⸗ ternehmen, und mein Verbleiben in London ſcheint mir faſt auf gleiche Weiſe ganz nuzlos zu ſein. „Wollen Sie mir gütigſt in dieſer ſchwierigen Lage Ihren Rath ertheilen? Ich werde zu jeder Ihnen gelegenen Zeit, ſei es heute Nachmittag oder morgen früh, zu Ihnen in Lincolns Hotel kommen. Meine nächſten Paar Stunden ſind ſchon in Anſpruch genommen. Sobald dieſer Brief abgefertigt iſt, be⸗ abſichtige ich nach Kenſington zu gehen, um mir zu⸗ verläſſige Gewißheit zu verſchaffen, ob gewiſſe be⸗ denkliche Zweifel, die ich über die Mittel deren ſich Frau Lecount zu ihrer Entdeckung bediente, hege, begrün⸗ det ſind oder nicht. Wenn Sie mir mit umgehen⸗ der Poſt Ihre Antwort zukommen laſſen wollen, ſo werde ich nicht ermangeln zu rechter Zeit wieder in St. Johanniswald zurück zu ſein, um ſie in Em⸗ pfang zu nehmen. „Betrachten Sie mich, mein Herr, als Ihre auf⸗ richtig ergebene „Magdalene Vanſtone.“ He „W haben Dringli nung, i morgen morgen werden ſten ber „Je Anſicht anßeror Einzeln nen Zu merzofe geſezt, daß I licher 2 kann, ſchäftsl Ausſich genpoſt genheit haftig Meine e es d un⸗ ſcheint 1. erigen jeder oder nmen. ſpruch t, be⸗ ir zu⸗ e be⸗ n ſich grün⸗ gehen⸗ n, ſo der in Em⸗ II. 3 Herr Loscombe an Frau Noel Vanſtone. „Lincoln's Hotel, den 5. November. „Werthe Madame! Ihr Brief mit Einſchluß haben mir große Unruhe und Sorge verurſacht. Dringlichkeit meiner Geſchäfte raubt mir die Hoff⸗ nung, im Stande zu ſein Sie heute Nachmittag oder morgen früh zu ſprechen. Wenn es Ihnen aber morgen Nachmittag um drei Uhr angenehm iſt, ſo werden Sie mich um dieſe Stunde zu Ihren Dien⸗ ſten bereit finden. „Ich kann mir nicht herausnehmen eine beſtimmte Anſicht zu äußern, bis ich mehr von den mit dieſem anßerordentlichen Geſchäft in Verbindung ſtehenden Einzelnheiten weiß, als ich einerſeits in Ihrer eige⸗ nen Zuſchrift, andererſeits in dem Briefe Ihrer Kam⸗ merzofe mitgetheilt finde. Dieſen Vorbehalt voraus⸗ geſezt, möchte ich gleichwohl die Behauptung wagen, daß Ihr Verbleiben in London bis morgen mög⸗ licher Weiſe noch zu ganz andern Reſultaten führen kann, als bloß zu der Berathung auf meinem Ge⸗ ſchäftslocal. Im ſchlimmſten Falle iſt wenigſtens Ausſicht vorhanden, daß Sie oder ich mit der Mor⸗ genpoſt etwas Näheres in dieſer ſeltſamen Angele⸗ genheit zu hören bekommen werden. „Ich verbleibe, liebe Madame, Ihr getreuer „J. Loscombe.“ 216 III. Frau Noel Vanſtone an Fräulein Garth. „Den 5. November Zwei Uhr. „Ich bin eben von Weſtmorelandhaus zurückge⸗ kehrt— nachdem ich es insgeheim vorſäzlich ver⸗ laſſen und vorſäzlich unter Ihrem eigenen Dache Ihre Begegnung vermieden habe. Sie ſollen er⸗ fahren warum ich kam und wegging. Ich bin es dem Andenken an alte Zeiten ſchuldig, Sie nicht wie eine fremde Perſon zu behandeln, obgleich ich Sie nie wieder als eine Freundin behandeln kann. „Ich reiste geſtern aus dem Norden nach Lon⸗ don. Meine einzige Abſicht bei Unternehmung die⸗ ſer langen Reiſe war, Nora wieder einmal zu ſe⸗ hen. Ich habe viele traurige Wochen während der lezten Zeit hindurch ſolche Gewiſſensbiſſe gefühlt, wie bloß elende Frauen wie ich bin fühlen kön⸗ nen. Vielleicht machte mich das Leiden ſchwach; vieeicht rief es auch einen Theil der alten vergeſſe⸗ nen Zärtlichkeit wieder wach— Gott allein weiß es!— ich kann es nicht erklären, ich kann Ihnen bloß ſagen daß ich bei Tag nur an Nora zu denken, bei Nacht nur von Nora zu träumen begann, bis mir endlich beinahe das Herz brach. Ich kann Ihnen keinen beſſern Grund als dieſen dafür angeben, daß ich mich allen den Gefahren ausſezte die ich lief, und nach London kam um ſie zu ſehen. Ich wünſche für mich nicht mehr in Anſpruch zu nehmen als ich ver⸗ diene; ich wünſche Ihnen nicht zu ſagen daß ich das zerknirſe vielleicht nommen in mir, meine 8 mein H genug, geführt, weiß es „Es ſtand ar than ha Sie wi meiner verfloſſe ſagte ic bitten, willen; für eine danken ſollen r derinnen wiſſen i „Gut meiner ein. A meſſenh glücklich büßen. ihm zu richtigte Coll h. Uhr. rückge⸗ ch ver⸗ Dache en er⸗ bin es cht wie h Sie h Lon⸗ g die⸗ zu ſe⸗ nd der gefühlt, n kön⸗ hwach; ergeſſe⸗ weiß Ihnen denken, 1, bis Ihnen n, daß ef, und che für ch ver⸗ ich das 217 eerknirſchte und reuevolle Geſchöpf war, das Sie vielleicht wieder an Ihr vergebendes Herz aufge⸗ nommen hätten. Ich beſaß blos noch ein Gefühl in mir, deſſen ich mir bewußt war. Ich wünſchte meine Arme um Noras Nacken zu ſchlingen und mein Herz an Noras Buſen auszuweinen. Kindiſch genug, möchte ich ſagen. Es hätte vielleicht zu Etwas geführt, es hätte vielleicht zu Nichts geführt— wer weiß es? „Es war mir unmöglich Nora ohne Ihren Bei⸗ ſtand aufzufinden. Wie Sie auch das was ich ge⸗ than habe mißbilligen mochten, ſo dachte ich doch, Sie würden ſich nicht weigern mir zur Auffindung meiner Schweſter behilflich zu ſein. Als ich mich verfloſſene Nacht in das fremde Bett niederlegte, ſagte ich zu mir ſelbſt:„„Ich will Fräulein Garth bitten, es mir um meines Vaters und meiner Mutter willen zu ſagen.““ Sie können nicht ermeſſen, was für eine unendliche Beruhigung ich bei dieſem Ge⸗ danken fühlte. Aber wie ſollten Sie es auch? Was ſollen reine Frauen, wie Sie, von erbärmlichen Sün⸗ derinnen, wie ich, wiſſen können? Alles was Sie wiſſen iſt, daß Sie für uns in der Kirche beten. „Gut, ich ſchlief dieſe Nacht zum erſten Male ſeit meiner Verheirathung mit einem glücklichen Gefühle ein. Als der Morgen kam, mußte ich meine Ver⸗ meſſenheit, auch nur für eine einzige Nacht in einem glücklichen Gefühle geſchwelgt zu haben, empfindlich büßen. Als nämlich der Morgen erſchien, kam mit ihm zu gleicher Zeit ein Brief, welcher mich benach⸗ richtigte daß meine erbittertſte Feindin auf Erden Collins, Namenlos. IV. 15 218 genheiten gemiſcht, um zu wiſſen welche Feindin ich meine) während meiner Abweſenheit ſich an mir ge⸗ rächt habe. Indem ich dem Drange meines Herzens der mich zu meiner Schweſter trieb folgte, bin ich in mein Verderben gerannt. „Gegen dieß Mißgeſchick gab es in dem Augen⸗ blick wo ich die Nachricht davon empfing durchaus kein Rettungsmittel. Was auch vorgefallen ſein, was auch noch vorfallen mochte, ich beſtärkte meine Seele in dem Entſchluſſe, Nora zu ſehen, ehe ich etwas Anderes thäte. Ich hatte Sie im Verdacht, daß Sie Mitſchuld an dem Unglück trügen das mich getroffen— weil ich in Aldborough eine ganz ge⸗ naue und ſichere Kenntniß hatte, daß Sie und Frau Lecount einander geſchrieben. Aber auf Nora warf ich niemals einen Verdacht. Wenn ich in dieſem Augenblick auf meinem Todtenbette läge, ſo würde ich mit ruhigem Gewiſſen ſagen können: Nora hatte ich niemals in Verdacht. „So ging ich heute Morgen nach Weſtmoreland⸗ haus, um Sie nach der Adreſſe meiner Schweſter zu fragen und Ihnen offen zu geſtehen daß ich Sie im Verdacht eines abermaligen Briefwechſels mit Frau Lecount hätte. „Als ich an der Hausthüre nach Ihnen fragte, antwortete man mir, Sie ſeien ausgegangen, würden aber in kurzer Zeit zurückerwartet. Man fragte mich ob ich Ihre Schweſter ſprechen wolle, die ſich eben jezt im Schulzimmer befinde. Ich trug kein Ver⸗ langen, Ihrer Schweſter in irgend einer Weiſe läſtig zu fallen; ich hatte kein Geſchäft mit ihr, ſondern (Sie haben ſich ſchon hinreichend in meine Angele⸗ — bloß mi laubniß zu dürf geſchoß, innerns hatte. Feuer, Grunde zogen. aufmer! und Aun terhielt Ich ſag ſehen, ihr dur Mädche dieſes mal ar dem S Angele⸗ din ich nir ge⸗ Herzens bin ich Augen⸗ urchaus n ſein, meine ehe ich eerdacht, as mich anz ge⸗ d Frau da warf dieſem b würde ra hatte dreland⸗ eſter zu Sie im t Frau fragte, würden gte mich ich eben in Ver⸗ ſe läſtig ſondern 219 bloß mit Ihnen abzumachen. Ich bat um die Er⸗ laubniß allein im Zimmer Ihre Rückkehr abwarten zu dürfen. „Man wies mich in das Doppelzimmer im Erd⸗ geſchoß, das durch Vorhänge getrennt iſt, meines Er⸗ innerns gerade ſo wie ich es zum lezten Mal geſehen hatte. In der äußern Abtheilung des Zimmers war Feuer, aber nicht in der innern; und aus dieſem Grunde, vermuthe ich, waren die Vorhänge zuge⸗ zogen. Das Dienſtmädchen war ſehr höflich und aufmerkſam gegen mich. Ich habe für Höflichkeit und Aufmerkſamkeit dankbar zu ſein gelernt und un⸗ terhielt mich mit ihr ſo heiter als mir möglich war. Ich ſagte zu ihr:„„Ich werde Fräulein Garth hier ſehen, wenn ſie auf die Thüre zukommt und kann ihr durch das lange Fenſter herein winken.““ Das Mädchen ſagte daß ich das thun könnte, wenn Sie dieſes Weges daher kämen; aber Sie kämen manch⸗ mal auch durch die hintere Gartenpforte herein, in⸗ dem Sie hiebei mit Ihrem Schlüſſel ſelbſt auf⸗ ſchlößen; in dieſem Fall würde ſie dafür beſorgt ſein ihr alsbald meinen Beſuch anzumelden. Ich erwähne dieſe unbedeutenden Details, um Ihnen zu zeigen daß kein vorbedachter Betrug in meiner Seele lag, als ich in das Haus kam. „Ich wartete eine traurig lange Zeit und Sie kamen noch immer nicht. Ich weiß nicht ob meine Ungeduld mich ſo glauben machte, oder ob das bren⸗ nende Kaminfeuer das Zimmer wirklich ſo durch⸗ hizte wie ich an mir fühlte— ich weiß bloß das daß ich nach einer Weile durch die Vorhänge in das ——— 220 innere Zimmer trat, um eine kühlere Luft athmen zu können. „Ich trat an das große Fenſter welches in den Garten hinten hinausgeht, und beinahe zu gleicher Zeit hörte ich die Thüre öffnen— die Thüre des Zimmers das ich eben verlaſſen hatte— und Ihre Stimme und die Stimme eines andern mir fremden Frauenzimmers ſprechen. Ich möchte behaupten daß die Fremde eine von den Penſionärinnen war. Ich entnahm aus den erſten Worten, welche Sie mit ein⸗ ander wechſelten, daß Sie ſich auf dem Hausgang begegnet, jene auf ihrem Wege von der Stiege her⸗ unter und Sie auf Ihrem Wege vom Hintergarten herein. Die nächſte Frage derſelben und Ihre darauf folgende Antwort belehrten mich daß dieſes Frauen⸗ zimmer eine Freundin meiner Schweſter war, die ein lebhaftes Intereſſe für dieſelbe äußerte und die wußte daß Sie ſo eben von einem Beſuche bei Nora zu⸗ rückgekehrt waren. Bis dahin zögerte ich nur deß⸗ halb mich zu zeigen, weil ich mich in meiner pein⸗ lichen Lage ſcheute, einer Fremden vors Geſicht zu treten. Aber als ich unmittelbar darauf meinen Namen von den Lippen der Fremden und Ihren ei⸗ genen Lippen hörte, da trat ich abſichtlich dem zwi⸗ ſchen uns befindlichen Vorhang näher und lauſchte ebenſo abſichtlich. „Eine gemeine Handlung, werden Sie ſagen? Nennen Sie es immerhin gemein, wenns Ihnen be⸗ liebt. Was können Sie von einem Frauenzimmer wie ich bin Beſſeres erwarten? „Sie waren immer wegen Ihres Gedächtniſſes berühmt, darum iſt es nicht nöthig die Worte zu wiederl Freund Freund leſen, n Worte Ich w ſchuldig genug wieder bei den len zur daß me um m Frau erreicht empfine „ Dinge dung leiden mein traute, — ich Zitterr meiner fände, ſchick t hörte: daß wi Ich n währt sgang ge her⸗ garten darauf rauen⸗ die ein wußte ra zu⸗ r deß⸗ pein⸗ cht zu meinen ten ei⸗ n zwi⸗ auſchte ſagen? en be⸗ er wie tniſſes rte zu 221 wiederholen die Sie vor kaum einer Stunde zu Ihrer Freundin ſprachen, und die Worte welche Ihre Freundin zu Ihnen ſprach. Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, werden Sie ſo gut als ich wiſſen was jene Worte beſagten. Ich frage nach keinen Einzelnheiten. Ich will alle Ihre Gründe und alle Ihre Ent⸗ ſchuldigungen als gegeben hinnehmen. Es iſt mir genug zu wiſſen daß Sie und Herr Pendril mich wieder haben ſuchen laſſen und daß Nora dießmal bei dem Complotte iſt, um mich wider meinen Wil⸗ len zurückzufordern. Es iſt mir genug zu wiſſen daß mein Brief an meine Schweſter in eine Schlinge, um mich zu fangen, verdreht worden iſt, und daß Frau Lecounts Rache ihr Ziel mittelſt Mittheilungen erreicht hat, die ſie von Nora's eigenen Lippen empfing. „Soll ich Ihnen ſagen was ich litt, als ich dieſe Dinge hörte. Nein, es wäre bloß eine Zeitvergeu⸗ dung es Ihnen zu ſagen. Was ich auch immer leiden mag, ich verdiene es, nicht wahr?“ „Ich wartete in dem innern Zimmer— da ich mein heftiges Temperament kannte und mir nicht zu⸗ traute, Sie nach dem was ich gehört hatte zu ſehen — ich wartete in dem innern Zimmer unter bangem Zittern, das Dienſtmädchen möchte Ihnen von meinem Beſuche ſagen, ehe ich eine Gelegenheit fände, das Haus zu verlaſſen. Aber dieſes Mißge⸗ ſchick traf mich Gottlob nicht. Das Dienſtmädchen hörte zweifelsohne die Stimmen oben und nahm an daß wir einander auf dem Hausgange begegnet wären. Ich weiß wahrlich nicht wie lang oder kurz es währte, bis Sie das Zimmer verließen um Ihren —ʒ— — 222 Hut abzulegen— Sie gingen und Ihre Freundin ging mit Ihnen. Ich hob das lange Fenſter leiſe in die Höhe und ſtieg in den Garten hinten hinaus. Der Weg, auf dem Sie nach Hauſe zurückkehrten, war der Weg auf dem ich Ihr Haus verließ. Das Dienſtmädchen trifft keine Schuld. Wie gewöhnlich iſt, wo ich betheiligt bin, Niemand anders als mir die Schuld beizumeſſen. „Es iſt jezt Zeit genug verfloſſen, um meine Seele ein Bischen zu beruhigen. Sie wiſſen wohl wie ſtark ich bin. Sie werden ſich erinnern, wie ich gewohnt war gegen alle Krankheitsanfälle zu kämpfen, als ich noch ein Kind war? Jetzt bin ich eine Frau, ich kämpfe gegen meine Unglücksfälle auf die nämliche Weiſe an. Bemitleiden Sie mich nicht, Fräulein Garth! Bemitleiden Sie mich nicht. Ich hege kein Gefühl des Grolls gegen Nora. Aber die Hoffnung, die ich hatte ſie zu ſehen, iſt eine mir jetzt genommene Hoffnung; der beruhigende Troſt, den ich empfand wenn ich ihr ſchrieb, dieſer Troſt iſt mir für die Zukunft verſagt. Man hat mir tief ins Herz geſchnitten, aber ich hege dennoch keine Bitterkeit der Empfindung gegen meine Schwe⸗ ſter. Sie meint es gut, die arme Seele; ich wette darauf, ſie meint es gut. Es würde ihr viel Herzeleid verurſachen, wenn ſie wüßte was vorge⸗ fallen iſt. Sagen Sie ihr nichts davon. Verheim⸗ lichen Sie meinen Beſuch und verbrennen Sie meinen rief. „Noch ein leztes Wort an Sie und ich bin fertig.. verſtehe ſo weni laſſen ſonſt decken Lage h arme, Comöd Ich he habe allgem gemac ehrbar auf G meine der W Sogan werth und iſ biſcho rather ung verfon Schus dieſer che W gewir mand . 2. wider born reundin ter leiſe hinaus. kkehrten, . Das vöhnlich als mir meine n wohl ren, wie fälle zu bin ich ücksfälle Sie mich ie mich 1 Nora. ehen, iſt lhigende W, dieſer tan hat dennoch Schwe⸗ h wette ihr viel vorge⸗ Verheim⸗ e meinen ich bin 223 „Wenn ich meine gegenwärtige Stellung richtig verſtehe, ſo ſuchen mich Ihre Spione jezt gerade mit eben ſo wenig Erfolg, als ſie mich in York ſuchten. Ent⸗ laſſen Sie dieſelben— Sie werfen Ihr Geld um⸗ ſonſt hinaus. Und wenn Sie mich Morgen ent⸗ decken würden, was könnten Sie denn thun? Meine Lage hat ſich verändert. Ich bin nicht mehr das arme, ausgeſtoßene Mädchen, die herumziehende Comödiantin, auf welche Sie einſt Jagd machten. Ich habe ausgefüͤhrt, was ich Ihnen vorausgeſagt habe daß ich thun würde. Ich habe dießmal das allgemeine Anſtandsgefühl zu meinem Helfershelfer gemacht. Wiſſen Sie was ich bin? Ich bin eine ehrbare verheirathete Frau und für meine Handlungen auf Gottes Erdboden keiner Seele verantwortlich außer meinem Gatten. Ich habe endlich eine Stellung in der Welt und einen Namen in der Welt bekommen. Sogar das Geſez, welches der Freund von Euch ehren⸗ werthen Leuten allen iſt, hat meine Exiſtenz anerkannt und iſt dazu auch mein Freund geworden. Der Erz⸗ biſchof von Canterbury gab mir die Erlaubniß zu hei⸗ rathen und der Pfarrer zu Aldborough nahm die Trau⸗ ung vor. Wenn ich Ihre Spione mich auf der Straße verfolgen ſähe und es mir einfallen würde, gerichtlichen Schuz in Anſpruch zu nehmen, ſo würde das Geſez dieſen meinen Anſpruch anerkennen. Sie vergeſſen wel⸗ che Wunder meine erbärmliche Leichtfertigkeit für mich gewirkt hat. Sie hat Niemandens Kind zu Je⸗ mandens Weib gemacht.“ „Wenn Sie dieſen Erwägungen ihr volles Recht widerfahren, wenn Sie Ihren vortrefflichen ange⸗ bornen Verſtand Meiſter ſein laſſen wollen, ſo hege f 224 ich keine Befürchtung, daß ich genöthigt werde, mei⸗ nen neugefundenen Freund und Beſchüzer, das Ge⸗ ſez, zu Hilfe zu rufen. Sie werden dießmal fühlen daß Sie ſich zulezt mit etwas Erfolg in meine An⸗ gelegenheiten gemiſcht haben. Ich bin Nora ent⸗ fremdet— ich bin von meinem Gatten entdeckt— ich bin von Frau Lecount aus dem Feld geſchlagen. Sie haben mich bis zum lezten Extreme getrieben; Sie haben mich geſtählt um den Kampf meines Le⸗ bens mit der Entſchloſſenheit auszufechten, zu welcher bloß ein verlornes und freundloſes Weib ſich empor⸗ ſchwingen kann. So ſchlechten Erfolg Ihre ent⸗ worfenen Pläne auch gehabt haben, ſie haben ſich nach Allem doch nicht als total nuzlos erwieſen. „Ich habe nicht weiter mehr zu ſagen. Wenn Sie je mit Nora über mich ſprechen. ſo ſagen Sie ihr daß ein Tag kommen werde, wo ſie mich wieder ſieht— der Tag, wo wir zwei Schweſtern unſere natürlichen Rechte wieder erlangt haben, der Tag, ne ich Nora's Vermögen in Nora's Hände legen ann. „Dieß ſind meine lezten Worte. Erinnern Sie ſich daran, wenn Sie das nächſte Mal wieder in die Verſuchung gerathen ſollten, ſich in meine Ange⸗ legenheiten einzumiſchen. „Magdalene Vanſtone.“ Sie l Gatten C brecher zuſtell zukom ſtorbe⸗ Laſſen mir u ich erſ beſſer meine theile Ihner erſten &³ e, mei⸗ as Ge⸗ fühlen ne An⸗ la ent⸗ eckt— hlagen. rieben; les Le⸗ welcher empor⸗ ze ent⸗ en ſich en. Wenn n Sie wieder unſere Tag, legen n Sie der in Ange⸗ 2 1 IV. Herr Loscombe an Frau Noel Vanſtone. „Lincolns Hotel, den 6. November. „Werthe Madame! Die heutige Morgenpoſt hat Ihnen ohne Zweifel dieſelbe erſchütternde Nach⸗ richt gebracht wie mir. Sie müſſen in dieſem Mo⸗ mente bereits wiſſen daß ein ſchreckliches Unglück Sie heimgeſucht hat— der plözliche Tod Ihres Gatten. „Ich bin auf dem Punct nach Norden aufzu⸗ brechen, um die erforderlichen Nachforſchungen an⸗ zuſtellen und um den Verpflichtungen aller Art nach⸗ zukommen, denen ich mich als Sachwalter des ver⸗ ſtorbenen Gentlemans füglich zu unterziehen habe. Laſſen Sie mich es Ihnen allen Ernſtes anempfehlen, mir nicht nach dem Landhaus Baliol zu folgen, bis ich erſt Zeit haben werde Ihnen zu ſchreiben und einen beſſern Rath zu geben, als ich Ihnen gegenwärtig bei meiner völligen Unkenntniß aller Verhältniſſe zu er⸗ theilen vermag. Sie können darauf zählen, daß ich Ihnen nach meiner Ankunft in Schottland mit der erſten Poſt ſchreiben werde. „Ich verbleibe, werthe Madame, Ihr getreuer „J. Loscombe.“ 6 226 V Herr Pendril an Fräulein Garth. „Searle⸗Street, den 6. November. „Liebe Fräulein Garth! Ich ſchicke Ihnen Frau Noel Vanſtones Brief zurück. Ich kann Ihre Krän⸗ kung über den Ton in dem er geſchrieben iſt, und Ihren Kummer über die Art und Weiſe wohl be⸗ greifen, womit dieſes unglückliche Frauenzimmer die Unterredung auslegte die ſie in Ihrem Hauſe be⸗ lauſchte. Allein ich vermag ehrlich geſagt, das Vor⸗ gefallene nicht ſonderlich zu beklagen. Meine Mei⸗ nung hat ſich ſeit der Zeit von Rabenſchlucht niemals verändert. Ich halte Frau Noel Vanſtone für eins der rückſichtsloſeſten, verzweifeltſten und verkehrteſten Weiber die auf Erden leben, und alle Umſtände, welche ſie ihrer Schweſter entfremden, heiße ich um eben dieſer Schweſter willen willkommen. „Es kann keinen Augenblick darüber ein Zweifel obwalten, welches Verfahren Sie in dieſer Angelegen⸗ heit einzuſchlagen haben. Selbſt Frau Noel Van⸗ ſtone erkennt es als ganz angemeſſen, ihrer Schweſter jedes weitere unnöthige Herzeleid zu erſparen. Auf jeden Fall erhalten Sie Fräulein Vanſtone in Un⸗ kenntniß über den Beſuch zu Kenſington und den darauf erfolgten Brief. Es würde nicht bloß eine Unklugheit, ſondern geradezu eine Grauſamkeit ſein, ihr hierüber klaren Wein einzuſchenken. Wenn wir irgend ein Mittel anzuwenden oder ſelbſt nur irgend eine Hoffnung zu bieten hätten, ſo könnten wir über die Vo denklie keine vollkon von i uns liren. 0 getrof einzuſ lein? ſuchen zu be rede dem haber „2 ſpre zuth hätt mber. Frau Krän⸗ t, und ohl be⸗ ier die iſe be⸗ s Vor⸗ Mei⸗ iemals ir eins orteſten ſtände, ich um Zweifel elegen⸗ Van⸗ hweſter Auf n Un⸗ id den ß eine it ſein, in wir irgend ir üͤber 227 die Verſchweigung unſeres Geheimniſſes einige Be⸗ denklichkeit fuͤhlen. Aber es iſt kein Mittel und keine Hoffnung vorhanden. Frau Noel Vanſtone iſt vollkommen berechtigt bezüglich der Anſicht, welche ſie von ihrer Lage hat. Weder Sie noch ich können lis das geringſte Recht anmaßen ſie zu contro⸗ iren. „Ich habe ſchon die erforderlichen Maßregeln getroffen, um alle unſere nuzloſen Nachforſchungen einzuſtellen. In ein Paar Tagen werde ich Fräu⸗ lein Vanſtone ſchreiben und dabei mein Beſtes ver⸗ ſuchen, um ihre Seele in Betreff ihrer Schweſter zu beruhigen. Wenn ich keine ihr genügende Aus⸗ rede auffinden kann, ſo wird es beſſer ſein ſie auf dem Gedanken zu belaſſen, daß wir nichts entdeckt haben, als daß ſie die Wahrheit erfährt. „Betrachten Sie mich als Ihren ganz ergebenen „Wilhelm Pendril.“ VI. Herr Loscombe an Frau Noel Vanſtone. Lincoln's Hotel, den 15. November. (Vertrauliche Mittheilung.) „Werthe Madame! Um Ihrem Anſuchen zu ent⸗ ſprechen, gehe ich nun daran Ihnen ſchriftlich mit⸗ zutheilen, was ich ihnen lieber mündlich mitgetheilt hätte, wenn Sie nicht erſt kürzlich von einem Un⸗ 228 wohlſein befallen worden wären. Wollen Sie dieſen Brief gefälligſt als durchaus nur vertraulicher Natur zwiſchen Ihnen und mir betrachten. „Ich lege auf Ihren Wunſch eine Abſchrift des Teſtamentes bei, das Ihr verſtorbener Gatte am drit⸗ ten dieſes Monats gemacht hat. Die Echtheit der Originalurkunde kann gar nicht in Frage kommen. Ich proteſtirte der Form halber gegen Admiral Bar⸗ trams Sachwalter, der ſich auf dem Landhaus Ba⸗ liol eine gewiſſe Autorität anmaßte. Derſelbe be⸗ hauptete aber deſſenungeachtet ſeine Stellung, indem er als geſezlicher Stellvertreter des alleinigen Voll⸗ ſtreckers des zweiten Teſtamentes zu Werke ging. Ich fühle mich verbunden zu erklären daß ich an ſeiner Stelle ganz ebenſo gehandelt haben würde. „Es folgt nun die ernſte Frage— was können wir in Ihrem Intereſſe am Beſten thun? Das Te⸗ ſtament, welches am leztverfloſſenen dreißigſten Sep⸗ tember unter meiner berufsgemäßen Leitung aufge⸗ ſezt wurde, iſt jezt durch das zweite und ſpätere Teſtament das am dritten November zu Stande kam aufgehoben und widerrufen. „Können wir dieß Document anſtreiten? „Angeſichts des neuen Teſtaments bezweifle ich die Möglichkeit einer Umſtoßung deſſelben. Es iſt freilich ohne Zweifel unregelmäßig abgefaßt— aber es hat Datum, Unterſchrift und Zeugen, wie das Ge⸗ ſez es vorſchreibt, und die durchaus einfachen und unumwundenen Beſtimmungen, die es enthält, bieten nach keinem Geſichtspunct hin geſezliche Handhaben zu einer Anfechtung derſelben. vorher geſchw plözlic Herzſch hatten. lich in tiges bemer! bloß aber d Zurech ziehun keinem „ weſen dieſen Natur ft des n drit⸗ eit der mmen. l Bar⸗ 8 Ba⸗ be be⸗ indem Voll⸗ 3. Ich ſeiner können as Te⸗ Sep⸗ aufge⸗ pätere de kam le ich Es iſt —aaber 1s Ge⸗ n und bieten dhaben 229 „Wenn nun dieß der Fall iſt, können wir viel⸗ leicht das Teſtament aus dem Grunde anfechten, daß etwa der Erblaſſer zur Zeit, wo er über ſein Ver⸗ mögen verfügte, in einem nicht zurechnungsfähigen Zuſtande ſich befand, oder einem ungeſezlichen und ungeeigneten Einfluſſe unterlag? „In dem erſten dieſer Fälle würde uns das ärztliche Gutachten wahrſcheinlich ein Hinderniß in den Weg werfen. Wir können nicht behaupten daß vorhergehendes Unwohlſein den Geiſt des Erblaſſers geſchwächt habe. Es iſt Thatſache, daß er eines plözlichen Todes ſtarb, und zwar in Folge eines Herzſchlages, wie die Aerzte ſchon längſt prophezeit hatten. Er ging an ſeinem Todestag wie gewöhn⸗ lich in ſeinem Garten ſpazieren; er nahm ein tüch⸗ tiges Mittagsmahl zu ſich; keiner ſeiner Dienſtboten bemerkte irgend eine Veränderung an ihm; er war bloß ein wenig gereizter gegen ſie als gewöhnlich, aber das war auch Alles. Es iſt unmöglich ſeine Zurechnungsfähigkeit anzufechten und in dieſer Be⸗ ziehung wäre alſo ein Proceß beim Gerichtshof von keinem Erfolg. „Können wir behaupten daß er unter einem un⸗ geſezlichen Einfluſſe oder, deutlicher ausgedrückt, un⸗ ter Frau Lecounts Einfluſſe handelte? „Auch beim Einſchlagen dieſes Weges würden wir auf ernſtliche Schwierigkeiten ſtoßen. Wir kön⸗ nen zum Beiſpiel nicht erweiſen daß Frau Lecount in dem Teſtament eine Stelle eingenommen habe, zu deren Behauptung ſie nicht geſezlich berechtigt ge⸗ weſen wäre. Sie hat mit verſchmizter Klugheit ihr 230 eigenes Intereſſe nicht bloß auf das was ihr von Rechtswegen gebührt, ſondern ſogar auf das beſchränkt, was der ſelige Herr Michael Vanſtone ſelbſt ihr zu hinterlaſſen beabſichtigte.— Wenn ich darüber be⸗ fragt worden wäre, ſo hätte ich mich genöthigt ge⸗ funden anzuerkennen, daß ich ſelbſt ihn dieſe ſeine Abſicht ausſprechen gehört habe. Es iſt lediglich nur Wahrheit, wenn ich ſage daß ich ihn dieſe Ab⸗ ſicht mehr als einmal habe äußern hören. Es gibt keinen Angriffspunct in Frau Lecounts Vermächtniß und es gibt auch keinen Angriffspunct gegen Ihres verſtorbnen Gatten Wahl eines Teſtamentsvollſtreckers. Er hat in der Perſon ſeines älteſten und zuverläßig⸗ ſten Freundes, den er auf der Welt hatte, eine ganz kluge und natürliche Wahl getroffen. „Es bleibt jezt nur noch eine Erwägung übrig, die wichtigſte auf welche ich noch gekommen bin und die ich mir deßhalb bis zu guter Lezt aufgeſpart habe. Am dreißigſten September machte der Erb⸗ laſſer ein Teſtament, worin er ſeine Wittwe zur alleinigen Teſtamentsvollſtreckerin und zur Erbin von achtzigtauſend Pfund ernannte. Am darauf folgen⸗ den dritten November widerruft er ausdrücklich die⸗ ſes Teſtament und hinterläßt an deſſen Stelle ein anderes, worin er ſeiner Wittwe mit keiner Silbe erwähnt, und worin der ganze Reſt ſeines Vermögens nach Abzug eines verhältnißmäßig unbedeutenden Le⸗ gates einem Freunde vermacht iſt. „Es bleibt lediglich bei Ihnen zu ſagen, was für ein geſunder Vernunftgrund angeführt werden kann oder nicht, um eine ſo außerordentliche Maßregel wie dieſe zu erklären. Wenn kein Grund hiefür bezeich⸗ net w wahrli hier e verdie Handl ſo zu v Sachn tung faſſen. in Ihr kein 2 das gegen 6 ten, ſtame oder greifl er in Lecou gleich fühler mit Wenn gebe, der( fahre hinne deutl ten e — r von bränkt, ihr zu er be⸗ gt ge⸗ ſeine diglich ſe Ab⸗ 8 gibt ichtniß Ihres reckers. bläßig⸗ e ganz übrig, in und geſpart r Erb⸗ de zur in von folgen⸗ ch die⸗ alle ein Silbe nögens den Le⸗ as für kann gel wie bezeich⸗ 231 net werden kann— und ich für meine Perſon wüßte wahrlich keinen— ſo haben wir meines Erachtens hier einen Punct der unſere ſorgfältigſte Erwägung verdient, denn es dürfte ein Punct ſein, der uns Handhaben zum Angriff bietet. Ich bitte Sie mich ſo zu verſtehen daß ich jezt nur in der Eigenſchaft Ihres Sachwalters mich an Sie wende, der die Verpflich⸗ tung hat, alle möglichen Eventualitäten ins Auge zu faſſen. Ich hege durchaus nicht den Wunſch, mich in Ihre Privatangelegenheiten einzudrängen; ich trage kein Verlangen, auch nur ein Wort niederzuſchreiben das nur im Mindeſten als indirecter Vorwurf gegen Sie ausgelegt werden könnte. „Wenn Sie mir ſagen daß, ſo weit Sie es wüß⸗ ten, Ihr Gatte bloß aus Laune Sie aus dem Te⸗ ſtamente ausſchloß, ohne einen nachweisbaren Anlaß oder Beweggrund hiefür und ohne eine andere be⸗ greifliche Erklärung dieſer Handlungsweiſe, als daß er in dieſer Angelegenheit lediglich bloß unter Frau Lecounts Einfluß gehandelt habe— ſo will ich alſo⸗ gleich der Anſicht des Gerichtshofs auf den Zahn fühlen, ob auf dieſen Grund hin das Teſtament mit Ausſicht auf Erfolg angefochten werden könne. Wenn Sie mir im andern Falle ſagen daß es Gründe gebe,(die bloß Sie wüßten, nicht aber auch ich) um von der Ergreifung dieſes von mir vorgeſchlagenen Ver⸗ fahrens abzuſtehen, ſo werde ich dieſe Mittheilung hinnehmen, ohne Ihnen zuzumuthen daß Sie ſich deutlicher erklären ſollten, es wäre denn, Sie wünſch⸗ ten es ſelbſt. Im leztern Fall will ich wieder an Sie ſchreiben — denn ich werde Ihnen dann noch etwas mehr in 232 Betreff des Teſtamentes zu ſagen haben, was Sie ungemein überraſchen wird. „Ihr getreuer „J. Loscombe.“ VII. Frau Noel Vanſtone an Herrn Loscombe. „Den 16 November. „Werther Herr! Empfangen Sie meine beſten Dankſagungen für die Freundlichkeit und Rückſicht, mit welcher Sie mich behandelt haben— und laſ⸗ ſen Sie mein geiſtiges und körperliches Unwohlſein, an dem ich gegenwärtig leide, als Entſchuldigungs⸗ grund gelten, wenn ich Ihren Brief ohne weitere Umſtände ſo kurz als möglich beantworte. „Ich habe meine guten Gründe, Ihre Frage ohne Zögern verneinend zu beantworten. Es iſt für uns unmöglich, nach Ihrem Vorſchlag in Betreff des Teſtaments ſich an ein Gericht zu wenden. „Betrachten Sie mich, werther Herr, als Ihre dankbare „Magdalene Vanſtone.“ aus ni antwort ich kein ich hie Mitthe ligen( „8 ſchrift Clauſel Vermö „S mögen Linie werfun bedien nuzlos zu die dem 2 zuge was Co gungs⸗ veitere Frage iſt für eff des Ihre ve.“ 233 VIII. Herr Loscombe an Frau Noel Vanſtome. Lincoln's Hotel, den 17. November. „Werthe Madame! Ich benachrichtige Sie von dem Empfang Ihres Briefes, der meinen Vorſchlag aus nur Ihnen bekannten Gründen verneinend be⸗ antwortet. Unter dieſen Umſtänden— über welche ich keine Bemerkungen mehr machen werde— will ich hiemit mein Verſprechen erfüllen, Ihnen weitere Mittheilungen in Betreff des Teſtaments Ihres ſe⸗ ligen Gatten zu machen. „Sehen Sie doch einmal freundlich in der Ab⸗ ſchrift der Urkunde nach. Sie werden finden daß die Clauſel, welche den ganzen Reſt von Ihres Mannes Vermögen dem Admiral Bartram zutheilt, mit fol⸗ genden Worten ſchließt: „„daß er davon den Gebrauch mache der ihm gut dünkt.““ „So einfach dieſe Worte Ihnen auch erſcheinen mögen, ſo ſind ſie doch ſehr merkwürdig. In erſter Linie würde ſich kein practiſcher Advocat bei Ent⸗ werfung des Teſtaments Ihres Mannes derſelben bedient haben. In zweiter Linie ſind ſie äußerſt nuzlos, um zu irgend einem offen dargelegten Zwecke zu dienen. Das Vermächtniß iſt ohne Bedingung dem Admiral hinterlaſſen, und in demſelben Athem⸗ zuge wird ihm geſagt daß er damit machen kann was ihm beliebt! Dieſe Phraſe deutet offenbar auf Collins, Namenlos. IV. 16 234 eine von zwei Folgerungen hin. Sie iſt entweder der Feder des Schreibers aus purer Unkenntniß ent⸗ floſſen, oder ſie iſt abſichtlich dahin geſezt worden wo ſie ſteht, um als eine Finte zu dienen. Ich bin feſt überzeugt daß die leztere Erklärung die richtige iſt. Die Worte ſind ausdrücklich darauf berechnet, irgend eine Perſon irre zu führen— aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach Sie ſelbſt— aber die Liſt, welche ſie zu dieſem Zweck dahin ſezte, hat ſich ſelbſt über⸗ ſtürzt(wie es beſtändig zu geſchehen pflegt, wenn ununterrichtete Perſonen ſich mit dem Geſez abgeben). Meine dreißigjährige Erfahrung deutet dieſe Worte in einem Sinne, der demjenigen, welchen ſie auszu⸗ drücken beſtimmt ſind, ſchnurſtracks entgegengeſezt iſt. Ich behaupte daß Admiral Bartram nicht freie Hand hat, ſein Vermächtniß zu ſolchen Zwecken an⸗ zuwenden, wie ſie ihm für gut dünken— ich glaube eher daß er durch eine ergänzende Urkunde in Ge⸗ ſtalt eines geheimen Zuſazartikels controlirt iſt. „Ich kann Ihnen leicht erklären was ich unter einem geheimen Zuſazartikel verſtehe. Er kommt in der Regel in Form eines Briefes des Erblaſſers an ſeine Teſtamentsvollſtrecker vor und unterrichtet die⸗ ſelben im Geheimen von teſtamentariſchen Verfü⸗ gungen ſeinerſeits, deren offene Darniederlegung in ſeinem Teſtamente er nicht für geeignet gehalten hat. Ich vermache Ihnen hundert Pfund und ſchreibe einen geheimen Brief dazu, der Sie anweist das Vermächtniß zwar zu nehmen, aber es nicht zu eige⸗ nem Gebrauche zu verwenden, ſondern es irgend einer dritten Perſon abzutreten, deren Namen nicht in meinem Teſtamente zu erwähnen ich meine be⸗ ſondern artikel. „W eine ſo in dieſe tram ſ die in beruht auf re nöthig ich mie die E Wahrſ wichtig techniſt Erfahr ſie ja Ich w Sache nem richtig wichti⸗ kann fels r Zuſaz tur de gema⸗ Aeuß Ausſ einen ich ki atweder niß ent⸗ worden Ich bin richtige rechnet, Wahr⸗ welche ſt über⸗ „ wenn ogeben). Worte auszu⸗ eſezt iſt. ht freie cken an⸗ glaube in Ge⸗ iſt. h unter dommt in ſſers an htet die⸗ Verfü⸗ gung in lten hat. ſchreibe eist das zu eige⸗ irgend ien nicht eine be⸗ ſondern Gründe habe. Das iſt ein geheimer Zuſaz⸗ g 3⁵ artikel. „Wenn ich mich in meiner Ueberzeugung, daß eine ſolche Urkunde, wie ſie hier beſchrieben iſt, in dieſem Augenblicke im Beſiz des Admirals Bar⸗ tram ſich befindet, nicht irre— eine Ueberzeugung, die in erſter Linie auf den außergewöhnlichen Worten beruht die ich Ihnen angeführt habe, und ſodann auf rein rechtlichen Erwägungen die ich nicht für nöthig halte meinem Briefe einzuverleiben— wenn ich mich in dieſer Meinung nicht täuſche, ſo würde die Entdeckung des geheimen Zuſazartikels aller Wahrſcheinlichkeit nach eine für Ihre Intereſſen ſehr wichtige Entdeckung ſein. Ich will Sie nicht mit techniſchen Gründen oder mit Anſpielung auf meine Erfahrung in ſolchen Angelegenheiten behelligen, da ſie ja nur ein Mann von Fach verſtehen könnte. Ich will Ihnen lediglich bloß erklären daß ich Ihre Sache nicht gänzlich verloren gebe, bis ſich die mei⸗ nem Geiſte aufgedrängte Anſicht nicht als eine un⸗ richtige erwieſen hat. „Ich kann nicht mehr hinzufügen, ſo lange dieſe wichtige Frage noch in Zweifel gehüllt bleibt, noch kann ich irgend ein Mittel zur Löſung dieſes Zwei⸗ fels vorſchlagen. Wenn die Eriſtenz eines geheimen Zuſazartikels nachgewieſen wäre und wenn die Na⸗ tur der darin enthaltenen Stipulationen mir bekannt gemacht würde, alsdann könnte ich eine beſtimmte Aeußerung darüber abgeben, welches Ihre rechtlichen Ausſichten wären, wenn ſie ſich auf Grund deſſelben einen Proceß zu beginnen unterfangen würden, und ich könnte Ihnen alsdann auch ſagen ob ich die per⸗ 236 ſönliche Uebernahme dieſes Proceſſes zufolge einer Privatübereinkunft mit Ihnen verantworten könnte oder nicht. „Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann ich keine Anordnung und keinen Rath ertheilen. Ich kann Sie bloß vertraulich in den Beſiz meiner Pri⸗ vatanſicht ſezen, indem ich es Ihnen ganz und gar überlaſſe, Ihre eigenen Folgerungen daraus zu ziehen, und indem ich mein Bedauern darüber ausdrücke, daß ich mit nicht mehr Zuverſicht und Beſtimmtheit ſchreiben konnte, als ich hiemit geſchrieben habe. Alles was ich Ihnen mit gutem Gewiſſen über die⸗ ſen höchſt ſchwierigen und heikligen Gegenſtand ſagen konnte, habe ich Ihnen geſagt. „Betrachten Sie mich, werthe Madame, als Ihren getreuen„J. Loscombe.“ IX. Frau Noel Vanſtone an Herrn Loscombe. „Verehrter Herr! Ich habe Ihren Brief mit dem tiefſten Intereſſe und der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit mehr als einmal durchgeleſen— und je öfter ich ihn leſe, deſto feſter glaube ich daß ein ſol⸗ ches Schreiben wie Sie erwähnen, ſich wirklich in Admiral Bartrams Händen befindet. 1„Es liegt in meinem Intereſſe daß die Ent⸗ deckung gemacht wird— und ich bekenne Ihnen hiemit ſofort, daß ich entſchloſſen bin Mittel aufzu⸗ finden, die Entdeckung heimlich und ſicher zu machen. V Mein als ſol etwa d mich den F Gegen guten verſich würde ‿ legenh beläſti regeln für ei will ſi treten bin v. in me um m. zu ba der er jener ſo we denſel 2 einer könnte ge kann n. Ich er Pri⸗ nd gar ziehen, Sdrücke, nmtheit habe. ber die⸗ d ſagen 3 Ihren be.“ be. ief mit n Auf⸗ und je ein ſol⸗ klich in ie Ent⸗ Ihnen aufzu⸗ machen. 237 Mein Entſchluß beruht auf andern Beweggründen als ſolchen, von denen Sie nach Natur der Sache etwa annehmen dürften, daß ſie einen Einfluß auf mich ausüben. Ich ſage Ihnen dieß bloß für den Fall, daß Sie ſich geneigt fühlen ſollten mir Gegenvorſtellungen zu machen. Es gibt einen guten Grund für das was ich ſage, ſobald ich verſichere daß dieſe Gegenvorſtellungen vergebens ſein würden. „Ich verlange keinen Beiſtand in dieſer Ange⸗ legenheit; ich will Niemanden durch Bitten um Rath beläſtigen. Sie ſollen nicht in irgend raſche Maß⸗ regeln von meiner Seite verwickelt werden. Was für eine Gefahr damit auch verbunden ſein mag, ich will ſie beſtehen; was für Verzögerungen auch ein⸗ treten mögen, ich will ſie geduldig ertragen. Ich bin vereinſamt und freundlos und ſchwer bekümmert in meinem Geiſte— aber ich bin noch ſtark genug, um mir meinen Weg durch viel ſchlimmere Prüfungen zu bahnen als dieſe iſt. Mein Geiſt wird ſich wie⸗ der erheben und meine Zeit wird kommen. Wenn jener Geheimartikel in Admiral Bartram's Beſitz iſt, ſo werden Sie bei unſerm nächſten Zuſammentreffen denſelben in meinen Händen ſehen. „Ihre dankbare „Magdalene Vanſtone.“ 3 Sechste Scene. Zu St. Johanniswald. Erſtes Capitel. Es fehlten wenig mehr als vierzehn Tage bis zum Chriſtfeſt, aber das Wetter zeigte noch keine Spuren von Froſt oder Schnee, die in der Regel im Gefolge der bevorſtehenden Jahreszeit kommen. Die Atmoſphäre war unnatürlich warm und das alte Jahr ſtarb allmählich dahin unter bodenerweichendem Regen und entnervendem Nebel. 3 Eines Nachmittags gegen den Schluß des De⸗ cembers ſaß Magdalene allein in der Wohnung, welche ſie ſeit ihrer Ankunft in London inne hatte. Träge loderte das Feuer in dem kleinen ſchmalen Kaminheerd. Die Ausſicht auf die naſſen Häuſer und die durchgeweichten Gärten gegenüber nahm ſchnell an Dunkelheit zu, und das Glöcklein des Brezel⸗ buben aus der Vorſtadt klingelte ſchwermüthig in der Entfernung. Dicht neben dem Kaminfeuer ſizend, mit etwas Geld auf ihrem Schoße, das dort in Unord⸗„ nung giltige Oberft unable wenn welche düſter Lichte ihr w früher Ihr. mager genon ruhe des 2 Geſich erzwu Ruhe Urthe geſehe Fülle zu B zu A Buße meidl einſa laſſe die 2 ausg Entſt nicht age bis h keine tegel im n. Die as alte chendem hes De⸗ ohnung, e hatte. chmalen iſer und ſchnell Brezel⸗ thig in ſizend, Unord⸗ 239 nung durcheinander lag, ſchob Magdalene in gleich⸗ giltiger Zerſtreuung die Münzen auf der ſchmalen Oberfläche ihres Kleides hin und her, indem ſie unabläßig deren Lage zu einander veränderte, wie wenn es Stücke eines Kinderſpielzeugs wären, welche ſie zuſammenzuſezen ſich abmühte. Der düſtere Feuerſchein, der von Zeit zu Zeit mit ſchwachem Lichte über ſie emporloderte, ließ Veränderungen an ihr wahrnehmen, welche ſichtbar den Freunden aus frühern Tagen ihre traurige Geſchichte erzählten. Ihr Kleid hing weit und loſe um ihre zuſammenge⸗ magerte Geſtalt, denn ſie hatte ſich nicht die Mühe genommen es zu ändern. Die frühere raſtloſe Un⸗ ruhe in ihren Bewegungen, die alte Beweglichkeit des Ausdrucks kam nicht mehr zum Vorſchein. Ihr Geſicht behielt noch immer die harten, leidenden Züge erzwungener Faſſung, unveränderlicher, unnatürlicher Ruhe. Herr Pendril würde vielleicht ſéin ſcharfes Urtheil über ſie gemildert haben, wenn er ſie jezt geſehen hätte; und Frau Lecount würde in der Fülle ihres Triumphes endlich Mitleiden mit ihrer zu Boden geworfenen Feindin empfunden haben. Kaum vier Monate waren ſeit dem Hochzeitstag zu Aldborough verfloſſen, aber bereits war die ſchwere Buße für dieſen Tag bezahlt, bezahlt mit unver⸗ meidlichen Gewiſſensbiſſen, mit hoffnungsloſer Ver⸗ einſamung, mit unabhelflicher Niederlage! Man laſſe dieſes zu ihren Gunſten geſagt ſein; man laſſe die Wahrheit, welche ſich unerbittlich über ihre Fehler ausgeſprochen hat, nunmehr auch den Herold ihrer Entfühnung ſein; man laſſe die Bemerkung über ſie nicht unbeachtet, daß ſie am Tage ihres Erfolges ———— 240 keinen heimlichen Triumph in der Tiefe ihres Her⸗ zens feierte. Das Entſezen vor ſich ſelbſt, das zihr ihre eigene Handlungsweiſe einflößte, war auf den höchſten Grad geſtiegen als das Project ihrer Ver⸗ heirathung ſich ſeiner Verwirklichung nahte. Sie hatte niemals in ihrem Innern heimlich ſo gelitten, wie ſie litt, als das Rabenſchluchter Geld ihr in dem Teſta⸗ ment ihres Gatten vermacht worden war. Sie hatte die Mittel, welche ſie zur Erreichung ihres Zieles an⸗ wendete, niemals ſo unausſprechlich herabwürdigend für ihre Perſon gefunden, als eben an dem Tage der Erreichung dieſes Zieles. Aus dieſem Gefühle war die Reue hervorgekeimt welche ſie unwiderſteh⸗ lich antrieb, Vergebung und Seelentroſt bei der Liebe ihrer Schweſter zu ſuchen. Niemals, ſeitdem der Plan dem ſie ihr Leben gewidmet hatte zuerſt in ihrer Seele auftauchte, niemals ſeitdem ſie zum erſten Male am Grabe ihres Vaters das heilige Gefühl unverbrüchlicher Ausführung deſſelben empfunden, hatte er nahezu ſo alle ſeine Macht auf ſie verloren, wie gerade im gegenwärtigen Zeitraum. Niemals würde Nora's Einfluß auf ſie ſo viel Erſprießliches bewirkt haben, als an dem Tage, wo eben dieſer Einfluß ganz verloren ging— an dem Tage, wo ſie die verhängnißvollen Worte bei Fräulein Garth erlauſcht hatte— an dem Tage, wo der verhängniß⸗ volle Brief aus Schottland ihr die Kunde von Frau Lecounts gelungener Rache brachte. Der Schaden war ihr zugefügt, der Glückswech⸗ ſel eine vollendete Thatſache; Zeit und Hoffnung waren ihr gleicher Maßen entſchwunden. —— Le men i Verde zum gen il folgen peinlie von 3 ha ehelich lichen durch zu ſü Gehei dieſes befleck lichen zur L dige 2 ſundhe der ſch ſchluch ein ar licher, ſezen: Tod h geſagt ſich ſe blieb wurfs, an de bittern s Her⸗ das zihr iuf den er Ver⸗ . Sie ten, wie Teſta⸗ atte die les an⸗ rdigend 1 Tage Gefühle derſteh⸗ r Liebe r Plan i ihrer erſten Gefühl funden, rloren, iemals ßliches dieſer „ wo Garth ngniß⸗ Frau zwech⸗ fnung 241 Leiſer und immer leiſer flüſterten die innern Stim⸗ men ihr zu, inne zu halten auf dem Pfade der zum Verderben führe. Die Entdeckung, welche ihr Herz zum erſten Mal mit mißtrauiſchem Argwohn ge⸗ gen ihre Schweſter vergiftet hatte, die dahinter nach⸗ folgende Kunde von dem Tode ihres Gatten, der peinliche Stachel, der ihr ganzes Inneres wegen des von Frau Lecount errungenen Sieges durchbohrte — hatten das Ihrige gethan. Die Reue, welche ihr eheliches Leben verbittert, war zu einer unempfind⸗ lichen Verzweiflung herabgeſtumpft. Es war zu ſpät durch ein unumwundenes Bekenntniß die Vergangenheit zu ſühnen— dem erbärmlichen Gatten die tiefern Geheimniſſe zu offenbaren die einſt in dem Herzen dieſes unglücklichen Weibes geſchlummert hatten. Un⸗ befleckt und frei von jedem Gedanken an den ſchmäh⸗ lichen gattenmörderiſchen Plan, den ihr Frau Lecount zur Laſt gelegt hatte— war ſie doch der ſchul⸗ dige Theil, weil ſie wußte wie gebrochen ſeine Ge⸗ ſundheit war, als ſie ihn heirathete, war ſie doch der ſchuldige Theil, weil ſie, als er ihr das Raben⸗ ſchluchter Vermögen vermachte, gar wohl wußte daß ein augenblicklicher, andern Männern ganz unſchäd⸗ licher, widriger Zwiſchenfall ſein Leben in Gefahr ſezen und ihre Erlöſung bewerkſtelligen könnte. Sein Tod hatte ihr dieß geſagt— hatte ihr deutlich geſagt was ſie ſich bei ſeinen Lebzeiten geſcheut hatte ſich ſelbſt offen zu geſtehen. Was für eine Zuflucht blieb ihr vor der ſtumpfen Marter dieſes Selbſtvor⸗ wurfs, vor dem entſezlichen Gefühl der Verzweiflung an der Menſchheit, ſogar an Nora ſelbſt, vor dem bittern Anblick ihrer zertrümmerten Pläne, vor der ——— 242 öden Vereinſamung ihres freudenloſen Lebens? Nur eine Zuflucht für jezt. Sie wandte ſich beharrlich wieder zu ihrem Vorhaben das ſie eilends ihrem Verderben entgegen trieb, und rief demſelben mit dem kühnen Troz der Verzweiflung zu:„Führe du mich vorwärts!“ Tag für Tag war ihr Geiſt auf das eine Ziel gerichtet, welches ſie beſchäftigte, ſeitdem ſie den Brief des Advocaten empfangen hatte. Tag für Tag hatte ſie geſonnen und getrachtet, der erſten Nothwendig⸗ keit in ihrer Stellung Rechnung zu tragen, nämlich ein Mittel zur Entdeckung des Geheimartikels ausfindig zu machen. Diesmal durfte ſie nicht auf Capitän Wragge's Beiſtand rechnen. Langjährige Praxis hatte den alten Milizmann zu einem Eingeweihten in der Kunſt des Verſchwindens gemacht. Der Pflug des moraliſchen Landwirths ließ keine Furchen hinter ſich— nicht eine Spur konnte von ihm gefunden werden. Herr Loscombe beobachtete zu viel Vorſicht, um ſich zu einer thätigen Betheiligung an der Sache herbeizu⸗ laſſen. Er hielt paſſiv an ſeiner Anſicht feſt und überließ das Uebrige ſeiner Clientin— er verlangte durchaus Nichts zu wiſſen, ehe nicht die geheime Clauſel in ſeinen Händen läge. Magdalenens In⸗ überlaſſen. Ob Gefahr oder keine dabei war, was ſie in der nächſten Zeit begann, ſie mußte es für ſich ſelbſt beginnen. Dieſe düſtere Ausſicht hatte ſie nicht entmuthigt. In ihrer Einſamkeit hatte ſie die möglichen Wege berechnet, deren Einſchlagung ſie verſuchen könnte. tereſſen waren jezt Magdalenens alleiniger Sorge 7 ſie z einen Tiſch für finder —8 2 Nur harrlich ihrem den mit ahre du ne Ziel n Brief ig hatte wendig⸗ alich ein indig zu ragge’s en alten unſt des raliſchen — nicht Herr ſich zu erbeizu⸗ feſt und erlangte geheime ens In⸗ Sorge as ſie in ſich ſelbſt nuthigt. n Wege könnte. 243 In ihrer Einſamkeit hatte ſie ſich jezt entſchloſſen den Verſuch zu wagen. „Die Zeit iſt gekommen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, als ſie an dem Kaminfeuer ſaß.„Ich muß zuerſt Luiſen ſondiren.“ Sie ſammelte die auf ihrem Schoße zerſtreut um⸗ her liegenden Münzen und legte ſie in einen kleinen Haufen auf den Tiſch— dann ſtand ſie auf und zog die Klingel. Die Wirthin trat herein. „Iſt mein Kammermädchen unten?“ fragte Mag⸗ dalene. „Ja, Madame, ſie trinkt ihren Thee.“ „Wenn ſie damit fertig iſt, ſo ſagen Sie ihr daß ſie zu mir heraufkommen ſoll. Warten Sie noch einen Augenblick. Sie werden Ihr Geld auf dem Tiſche finden— das Geld nämlich das ich Ihnen für die lezte Woche ſchuldig bin. Können Sie es finden? Oder wollen Sie lieber ein Licht haben?“ „Es iſt ſehr dunkel, Madame.“ Magdalene zündete ein Licht an. „Wie früh muß ich vorher die Wohnung auf⸗ künden, ehe ich ausziehe?“ fragte ſie, als ſie den Leuchter auf den Tiſch ſtellte. „Eine Woche iſt die übliche Aufkündigungszeit, Madame. Ich hoffe daß Sie keine Klage gegen das Haus zu führen haben?“ „Durchaus nicht. Ich ſtelle die Frage bloß, weil ich vielleicht früher zum Verlaſſen der Wohnung mich genöthigt ſehen könnte, als ich vorausgeſezt hatte. Iſt das Geld richtig?“ „Vollkommen richtig, Madame. Hier iſt Ihre Quittung.“ 244 „Ich danke Ihnen. Vergeſſen Sie nicht Luiſe zu mir zu ſchicken, ſobald ſie ihren Thee getrun⸗ ken hat.“ Die Wirthin entfernte ſich. Sobald ſich Mag⸗ dalene wieder allein befand, löſchte ſie das Licht aus und ſchob einen leeren Stuhl dicht neben ihren eige⸗ nen Stuhl am Kaminherde. Hierauf nahm ſie ihren vorigen Plaz wieder ein und wartete, bis Luiſe erſchien. Ihr Geſicht ſah ſehr nachdenklich und zweifelvoll aus, als ſie mechaniſch in das Feuer hin einblickte. „Ein ärmliches Vorhaben,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt;„aber ſo ärmlich es auch iſt, ſo muß ich es doch wagen.“ Zehn Minuten ſpäter war Luiſens ſchüchternes Pochen an der Thüre draußen leiſe vernehmbar. Sie war erſtaunt, beim Eintritt ins Zimmer kein anderes Licht in demſelben zu finden, als die Helle des Ka⸗ minfeuers. „Wollen Sie Licht haben, Madame?“ fragte ſie ehrerbietig. „Wir wollen bloß dann ein Licht anzünden, wenn Sie es ſelbſt wünſchen ſollten,“ verſezte Mag⸗ dalene,„ſonſt nicht. Ich habe Ihnen Etwas zu ſa⸗ gen. Wenn ich es Ihnen geſagt habe, ſollen Sie entſcheiden— ob wir im Dunkeln oder bei Licht beiſammen ſizen bleiben.“ Luiſe wartete an der Thüre und horchte auf dieſe Worte mit ſchweigender Ueberraſchung. „Kommen Sie daher,“ ſagte Magdalene, indem ſie auf den leeren Stuhl deutete;„kommen Sie da⸗ her und ſezen Sie ſich nieder!“ gehorc „ dalene zu ſpr uns be habe g fang b Das 2 kann, dem V .„S Luiſe was C Luiſe getrun⸗ Mag⸗ cht aus n eige⸗ e ihren Luiſe h und Feuer dei ſich ich es hternes r. Sie underes es Ka⸗ gte ſie wenn Mag⸗ zu ſa⸗ en Sie Licht f dieſe indem ie da⸗ 245 Luiſe trat vor und entfernte den Stuhl ſchüchtern etwas von ſeiner Stelle an der Seite ihrer Herrin. Magdalene ſchob ihn augenblicklich wieder zurück. „Nein! ſagte ſie.„Kommen Sie näher— dicht an meine Seite.“ Nach einem augenblicklichen zitternden Zögern gehorchte Luiſe. „Sie ſollen näher zu mir herſizen,“ fuhr Mag⸗ dalene fort,„weil ich auf gleichem Fuße mit Ihnen zu ſprechen wünſche. Was für Unterſchiede zwiſchen uns beiden auch einſt obgewaltet haben mögen, es iſt jezt zu Ende damit. Ich bin nun eine vereinſamte Frau, die hilflos jezt auf ihre eigenen Mittel ange⸗ wieſen iſt und ohne Rang und Stellung in der Welt ſteht. Ich mag Sie nun als meine Freundin be⸗ halten oder nicht. Jedenfalls muß unſer Verhältniß als Herrin und Dienſtbote zwiſchen uns aufhören. „Ach, Madame, nein, ſagen Sie das nicht!“ flehte Luiſe mit zaghafter Stimme. Magdalene fuhr in kummervollem, nichtsdeſto⸗ weniger aber feſtem Tone fort. „Als Sie zuerſt zu mir kamen,“ fuhr ſie fort, „dachte ich, ich würde Sie nicht leiden können. Ich habe gelernt Gefallen an Ihnen zu haben; ich habe gelernt Ihnen dankbar zu ſein. Sie ſind von An⸗ fang bis zu Ende mir treu und anhänglich geweſen. Das Wenigſte, was ich Ihnen zur Vergeltung thun kann, iſt daß ich Ihrem künftigen Gluͤcke nicht in dem Wege ſtehe.“ „Schicken Sie mich nicht fort, Madame,“ bat Luiſe flehentlich.„Wenn Sie mir jezt nur mit et⸗ was Geld aushelfen können, dann will ich gerne 246 noch lange auf meinen Lohn warten, fürwahr ich will es!“ Magdalene ergriff ihre Hand und fuhr ſo trau⸗ rig, aber feſt wie zuvor fort. „Mein zukünftiges Leben iſt voll Dunkelheit und Ungewißheit,“ ſagte ſie.„Die nächſten Schritte, die ich thue, können mich zu meinem Glücke führen, kön⸗ nen mich aber auch ins Verderben ſtürzen. Kann ich billig verlangen daß Sie eine ſolche Ausſicht wie dieſe mit mir theilen? Wenn Ihre Zukunft ungewiß wäre wie die meinige iſt— wenn Sie ferner ein freundloſes, in die Welt hinausgeſtoßenes Frauen⸗ zimmer wären— dürfte mein Gewiſſen unbedenklich es zugeben daß ich Sie Ihr Loos mit dem meinigen zuſammenwürfeln laſſe. Ich könnte Ihre Anhäng⸗ lichkeit hinnehmen, denn ich trüge das Gefühl in mir, daß ich kein Unrecht an Ihnen beginge! Wie kann ich dieſes Gefühl aber in Ihrer Lage haben? Sie ſchauen einer ſchönen Zukunft entgegen. Sie ſind ein vortreffliches Dienſtmädchen; Sie können eine andere Stelle erhalten— eine weit beſſere Stelle als bei mir. Sie können ſich auf mich be⸗ rufen, und wenn das Zeugniß das ich Ihnen gebe nicht als genügend betrachtet werden ſollte, ſo kön⸗ nen Sie ſich auf die Herrſchaft berufen, bei der Sie vor mir in Dienſt ſtanden—“ In dem Momente, wo die Anſpielung auf des Mädchens lezte Herrſchaft Magdalenens Lippen ent⸗ ſchlüpfte, riß Luiſe ſchnell ihre Hand weg und fuhr erſchrocken von ihrem Stuhle auf. Es trat ein au⸗ genblickliches tiefes Schweigen ein. Beide, Herrin und 8 griffen M wieder „ nend. zünden Lu zurück. „ wortet nahe ſagt? Si 28 ſie ſie „Ich mich ſ narrt Vanſte neben Sie zurück Lu trübe ſchien ſchentu ihrer Stuhl E „ ahr ich trau⸗ eit und te, die n, kön⸗ ann ich ht wie ngewiß ner ein Frauen⸗ denklich einigen nhäng⸗ fühl in ! Wie haben? u. Sie können beſſere lich be⸗ en gebe ſo kön⸗ der Sie auf des pen ent⸗ nd fuhr ein au⸗ Herrin 247 und Zofe, waren gleichmäßig von Ueberraſchung er⸗ griffen. Magdalene war die erſte welche ihre Faſſung wiedererlangte. „Es wird nunmehr zu dunkel,“ ſagte ſie bezeich⸗ nend.„Wollen Sie nach dem Allen das Licht an⸗ zünden?“ Luiſe zog ſich in die dunkelſte Ecke des Zimmers zurück. „Sie haben mich in Verdacht, Madame,“ ant⸗ wortete ſie aus der Finſterniß hervor mit einem bei⸗ nahe athemloſen Geflüſter.„Wer hat es Ihnen ge⸗ ſagt? Wie brachten Sie es heraus—?“ Sie hielt inne und brach in Thränen aus. „Ich verdiene Ihren Verdacht,“ ſagte ſie, indem ſie ſich anſtrengte ihre Faſſung wiederzugewinnen. „Ich kann es Ihnen nicht leugnen. Sie haben mich ſo gütig behandelt; Sie haben mich ganz ver⸗ narrt in Sie gemacht. Vergeben Sie mir, Frau Vanſtone— ich bin ein elendes Geſchöpf; ich habe Sie getäuſcht.“ „Kommen Sie her und ſezen Sie ſich wieder neben mich nieder,“ ſagte Magdalene.„Kommen Sie— oder ich will mich ſelbſt erheben und Sie zurück bringen.“ Luiſe kehrte langſam an ihren Plaz zurück. So trübe auch der Schein des Kaminfeuers war, ſo ſchien ſie ſelbſt dieſen zu ſcheuen. Sie hielt ihr Ta⸗ ſchentuch vor ihr Geſicht und bebte ſchaudernd vor ihrer Herrin zurück, als ſie ſich wieder in ihrem Stuhle niederſezte. „Sie haben Unrecht, wenn Sie glauben daß ir⸗ 248 gend Jemand Sie mir verrathen hat,“ ſagte Mag⸗ dalene.„Alles was ich von Ihnen weiß iſt bloß was mir Ihre eigenen Blicke und Handlungen ge⸗ ſagt haben. Sie haben irgend einen geheimen Kummer gehabt, der niederdrückend auf Ihrem Geiſt laſtete, ſelbſt ſeitdem Sie in meinem Dienſte geſtan⸗ den ſind. Ich geſtehe es offen, ich habe die Unter⸗ redung unter dem Eindruck des Wunſches veranlaßt, über Sie und Ihr vergangenes Leben noch mehr herauszubekommen, als mir bis jezt gelungen iſt— nicht etwa weil ich vorwizig bin, ſondern weil auch ich einen geheimen Kummer habe. Sind Sie gleich mir ein unglückliches Frauenzimmer? Wenn Sie es ſind, ſo will ich Sie in mein Vertrauen ziehen. Wenn Sie mir Nichts zu ſagen haben— wenn Sie Ihr Geheimniß lieber bei ſich behalten wollen— ſo mache ich Ihnen deßwegen keinen Vorwurf; ich ſage bloß: Laſſen Sie uns von einander Abſchied nehmen. Ich frage nicht in welcher Weiſe Sie mich getäuſcht haben. Ich will mich bloß daran erinnern daß Sie eine ehrbare, treue und tüchtige Dienerin waren, während Sie in meinem Dienſte ſich befan⸗ den, und ich werde jeder neuen Herrſchaft, die Sie zu mir ſchicken wollen, gerne alles Mögliche zu Ihren Gunſten ſagen.“ Sie wartete auf eine Erwiderung. Einen Augen⸗ blick lang, aber lediglich auch nur einen Augenblick lang zögerte Luiſe. Der Character des Mädchens war ſchwach, aber nicht verdorben. Sie war ihrer Herrin aufrichtig ergeben und ſie ſprach mit einem Muthe den Magdalene von ihr nicht erwartet hätte. G „W „ſo wer nehmen Ich wil einer z mein§ „Ne ſagte n „Er lichen „N Geſtänd ſie vern „W niß aus Luif ſicht in „Fr ein elen daß ich befinde. Ma ihr eine traurige „He dem ſie gedacht „Ne Mag⸗ t bloß en ge⸗ heimen Geiſt geſtan⸗ Unter⸗ anlaßt, mehr iſt— il auch gleich Sie es ziehen. un Sie len— rf; ich lbſchied ie mich rinnern ienerin befan⸗ die Sie Ihren Augen⸗ genblick ädchens r ihrer einem t hätte. 249 „Wenn Sie mich fortſchicken, Madame,“ ſagte ſie, „ſo werde ich nicht eher ein Zeugniß von Ihnen an⸗ nehmen, als bis ich Ihnen die Wahrheit geſagt habe. Ich will Ihre freundliche Güte gegen mich nicht mit einer zweiten Täuſchung vergelten. Sagte Ihnen mein Herr jemals wie er mich gedungen hat?“ „Nein. Ich fragte ihn niemals darum und er ſagte mir auch Nichts darüber.“ „Er dingte mich, Madame, mit einem ſchrift⸗ lichen Zeugniß—“ „Nun?“ „Das Zeugniß war ein falſches.“ Magdalene fuhr voll Verwunderung zurück. Das Geſtändniß, das ſie eben hörte, war kein ſolches, das ſie vermuthet und vorausgeſezt hätte. „Weigerte ſich Ihre Dienſtfrau Ihnen ein Zeug⸗ niß auszuſtellen?“ fragte ſie.„Warum?“ Luiſe fiel auf ihre Kniee und verbarg ihr Ge⸗ ſicht in dem Schoß ihrer Herrin. „Fragen Sie mich nicht!“ ſagte ſie.„Ich bin ein elendes, entartetes Geſchöpf; ich bin nicht werth daß ich mich in dem nämlichen Zimmer mit Ihnen befinde.“ Magdalene beugte ſich über ſie hin und flüſterte ihr eine Frage ins Ohr. Luiſe lispelte ein einziges trauriges Wort der Erwiderung zurück. „Hat er Sie verlaſſen?“ fragte Magdalene, nach⸗ dem ſie zuerſt einen Augenblick gewartet nnd nach⸗ gedacht hatte. „Nein.“ „Lieben Sie ihn?“ Collins, Namenlos. 1V. 17 4 250 „Von ganzem Herzen!“ Die Erinnerung an ihre eigene liebeleere Che verſezte Magdalenen einen tiefen Stich ins Herz. „Um Gotteswillen, knieen Sie nicht vor mir hin!“ rief ſie in leidenſchaftlicher Aufregung.„Wenn ſich ein entartetes Weib in dieſem Zimmer befindet, ſo bin ich es— nicht Sie!“ Sie hob das Mädchen mit voller Gewaltanwen⸗ dung aus ihrer knieenden Stellung empor und ſezte ſie wieder auf ihren Stuhl nieder. Beide verharr⸗ ten eine Weile in tiefem Stillſchweigen. Magdalene ſtüzte ihre Hand auf Luiſens Schulter, ſezte ſich dann wieder nieder und ſchaute mit unausſprechlich bitterer Herzensqual in das erlöſchende Feuer. „Ach,“ dachte ſie,„was für glückliche Weiber gibt es doch auf der Welt! Gattinnen, die innig ihre Ehemänner lieben! Mütter, die ſich ihrer Kin⸗ der nicht ſchämen! Sind Sie ruhiger?“ fragte ſie, indem ſie ſich abermals freundlich an Luiſe wendete. „Können Sie mir antworten, wenn ich Sie noch Etwas frage? Wo befindet ſich das Kind?“ „Das Kind iſt bei einer Amme untergebracht.“ „Trägt der Vater zur Unterhaltung deſſelben auch Etwas bei?“ „Er thut was er kann, Madame.“ „Was iſt er? Steht er in einem Dienſte? Be⸗ treibt er ein Gewerbe?“ „Sein Vater iſt Zimmerwerkmeiſter— er arbei⸗ tet in der Werkſtatt ſeines Vaters.“ „Wenn er Arbeit hat, warum hat er Sie nicht geheirathet?“ Da liegt der Fehler bei ſeinem Vater, Madame, 7, nicht mit un wenn „K „O bekomn London Mund hätten N fach u nen. mein noch J für un than, Aber war g Dienſt Geſund von d Ich m Zeugni weg ü hilflos zeihung ſagte) im St ere Ehe Herz. or mir „Wenn befindet, tanwen⸗ nd ſezte verharr⸗ igdalene zte ſich prechlich r. Weiber e innig rer Kin⸗ agte ſie, wendete. bie noch bracht.“ deſſelben e? Be⸗ r arbei⸗ Sie nicht Nadame, 251 nicht bei ihm. Sein Vater hat gar kein Mitleiden mit uns. Er würde ihm Haus und Hof verbieten, wenn er mich heirathete.“ „Kann er nicht anderswo Arbeit bekommen?“ „Es hält ſchwer in London eine gute Arbeit zu bekommen, Madame. Es gibt ſo viele Arbeiter in London; ſie nehmen einander das Brod vor dem Munde weg. Wenn wir nur Geld zum Auswandern hätten, ſo würde er mich längſt geheirathet haben.“ „Würde er Sie heirathen, wenn Sie das Geld jezt hätten?“ „Ja, Madame, deſſen bin ich ſicher. Er würde Ueberfluß an Arbeit in Auſtralien finden und zwei⸗ fach und dreifach mehr Wochenlohn als hier verdie⸗ nen. Jezt rücke ich Alles was ich erſparen kann an mein Kind! Es iſt aber ſo wenig! Wenn wir auch noch Jahre lang leben, ſo blüht doch keine Hoffnung für uns. Ich weiß, ich habe allerdings Unrecht ge⸗ than, ich weiß, ich verdiene nicht glücklich zu ſein. Aber wie ſoll ich mein Kind leiden laſſen?— Ich war genöthigt in einen Dienſt zu treten. Meine Dienſtfrau behandelte mich mit Härte und meine Geſundheit brach endlich zuſammen bei dem Verſuch, von dem geringen Ertrag meiner Nadel zu leben. Ich würde niemals Jemanden durch ein falſches Zeugniß getäuſcht haben, wenn mir ein anderer Aus⸗ weg übrig geblieben wäre. Ich war vereinſamt und hilflos, Madame, und ich kann Sie bloß um Ver⸗ zeihung bitten.“ „Bitten Sie beſſere Frauen darum als ich bin,“ ſagte Magdalene in traurigem Tone.„Ich bin bloß im Stande für Sie zu fühlen, und ich fühle für Sie 25²2 mit meinem ganzen Herzen. An Ihrer Stelle würde ich auch mit einem falſchen Zeugniß in Dienſte ge⸗ treten ſein. Sagen Sie nichts mehr von der Ver⸗ gangenheit— thun Sie es nicht! Sie wiſſen nicht wie empfindlich Sie mich durch die Erwähnung daran verlezen. Sprechen Sie von der Zukunft. Ich glaube Ihnen helfen zu können— und werde es ohne die geringſte Bedenklichkeit thun; ich glaube, Sie wer⸗ den mir helfen können und mir damit zur Vergel⸗ tung den größten Dienſt erweiſen. Warten Sie und Sie ſollen hören was ich meine. Geſezt Sie wären verheirathet, welche Summe bedürften Sie und Ihr Mann zur Auswanderung?“ Luiſe gab die Koſten einer Ueberfahrt im Zwi⸗ ſchendeck für einen Mann und ſein Weib an. Sie ſprach mit gedämpfter, hoffnungsloſer Stimme. So mäßig die Summe auch war, ſo erſchien ſie ihren Augen doch als ein unerſchwinglicher Geldbetrag. Magdalene erhob ſich in ihrem Stuhle und er⸗ griff abermals des Mädchens Hand. „Luiſe!“ ſagte ſie mit Ernſt.„Wenn ich Ihnen das Geld gäbe, was würden Sie für mich zur Ver⸗ geltung thun?“ Dieſer Vorſchlag ſchien Luiſe in ein ſprachloſes Erſtaunen zu verſezen. Sie zitterte heftig und ſagte Nichts. Magdalene wiederholte ihre Worte. „Ach, Madame, meinen Sie dieß!“ ſagte das Mädchen.„Meinen Sie wirklich dieß 2„ „Ja,“ erwiderte Magdalene.„Es iſt mein voller Ernſt. Was würden Sie für mich zur Vergeltung thun?“ „Thun?“ wiederholte Luiſe.„Ach, was gibt es V das ich Herrin nicht. Hand „8 ſagte ſten— Sie m In Schwei Zeit ze dicht a des Fe die St zuricht hob, a einfach knecht ſchnell verzüg ter am mehr; Wenn herauf noch v Ob ſie haf Schlaf 253 würde das ich nicht thun würde!“ Sie verſuchte ihrer iſte ge⸗ Herrin Hand zu küſſen, aber Magdalene duldete es er Ver⸗ nicht. Sie zog entſchloſſen, ja faſt ungeſtüm, ihre en nicht Hand weg. gdaran„Ich will Ihnen keine Verpflichtung auferlegen,“ glaube ſagte ſie.„Wir wollen uns gegenſeitig Dienſte lei⸗ hne die ſten— das iſt Alles. Seien Sie ruhig und laſſen ie wer⸗ Sie mich nachſinnen.“ Vergel⸗ In den nächſten zehn Minuten herrſchte tiefes Sie und Schweigen in dem Gemach. Nach Verfluß dieſer wären Zeit zog Magdalene ihre Uhr heraus und hielt ſie nd Ihr dicht an das Kamingitter hin. Der ſchwache Schein b des Feuers war gerade noch hinreichend, um ihr m Zwi⸗ die Stunde zu zeigen. Es war bald ſechs Uhr. 1. Sie„Sind Sie gefaßt genug, um einen Auftrag aus⸗ ne. So zurichten?“ ſagte ſie, indem Sie ſich vom Stuhle er⸗ ie ihren hob, als ſie wieder mit Luiſe ſprach.„Es iſt ein ganz trag. einfacher Auftrag— Sie brauchen bloß dem Haus⸗ und er⸗ knecht zu ſagen, daß ich ein Cabriolet brauche, ſo 8 ſchnell er mir eines verſchaffen kann. Ich muß un⸗ 9 Ihnen verzüglich ausfahren. Das Warum ſollen Sie ſpä⸗ zur Ver⸗ ter am Abend erfahren. Ich habe Ihnen noch viel mehr zu ſagen— aber jezt habe ich keine Zeit dazu. rachloſes Wenn ich fort bin, bringen Sie Ihre Arbeit da id ſagte herauf und warten auf meine Rückkehr. Ich werde noch vor Schlafenszeit zurück ſein.“ ggte das Ohne ein weiteres Wort der Erklärung zündete ſie haſtig ein Licht an und entfernte ſich in das in voller Schlafgemach, um Hut und Shawl anzulegen. rgeltung gibt es 254 Zweites Capitel. Zwiſchen neun und zehn Uhr am gleichen Abend hörte die ängſtlich harrende Luiſe das lang erwar⸗ tete Pochen an der Hausthüre. Sie eilte die Treppe hinab und ließ ihre Herrin herein. Magdalenens Antliz war erhizt und geröthet. Sie zeigte weit mehr Aufregung bei der Rückkehr nach Hauſe, als ſie beim Verlaſſen deſſelben ge⸗ zeigt hatte. „Nehmen Sie Ihren Plaz am Tiſch,“ ſagte ſie ungeduldig zu Luiſe,„aber legen Sie Ihre Arbeit bei Seite. Sie müſſen mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit auf das hören was ich Ihnen jezt zu ſagen habe.“ Luiſe gehorchte. Magdalene ſezte ſich an die entgegengeſezte Seite des Tiſches und ſtellte die Leuch⸗ ter ſo, daß ſie deutlich und ununterbrochen das Ge⸗ ſicht ihrer Kammerjungfer ſehen konnte. „Haben Sie Notiz von einem reſpectabeln ält⸗ lichen Frauenzimmer genommen,“ begann ſie plöz⸗ lich,„welches in den lezten vierzehn Tagen einmal oder zweimal hier war, um mir einen Beſuch zu⸗ rückzugeben?“ „Ja, Madame. Ich glaube, ich ſelbſt ließ ſie herein, als ſie das zweite Mal kam. Eine ältliche Perſon, Namens Frau Attwood?“ „Das iſt die Perſon die ich meine. Frau Attwood iſt Herrn Loscombes Haushälterin; nicht die Haus⸗ hälterin in ſeiner Privatwohnung, ſondern die Haus⸗ hälterin auf ſeinem Büreau in Lincoln's Hotel. Ich habe ihr verſprochen einige Abende in dieſer Woche zu ihr und ich es iſt ſ zimmer liärem Lui ſprach dieſe F „ der Fre „Sie if Töchter Dienſt. Admire Ich erf ſobald ich im machen Lu Das 2 ſaze zu ſehr n Tapet an me fort, Ich ka geſeher in die Geſellſ komme hungst Abend erwar⸗ Treppe röthet. ückkehr en ge⸗ gte ſie Arbeit erkſam⸗ ſagen an die Leuch⸗ as Ge⸗ In ält⸗ e plöz⸗ einmal uch zu⸗ ließ ſie ältliche lttwood Haus⸗ Haus⸗ el. Ich Woche 25⁵ zu ihr zu kommen und Thee mit ihr zu trinken— und ich habe dieß heute Abend gethan. Nicht wahr, es iſt ſonderbar von mir daß ich mit einem Frauen⸗ zimmer von Frau Attwoods Stellung auf ſo fami⸗ liärem Fuße ſtehe?“ Luiſe antwortete nicht mit Worten, ihr Geſicht ſprach für ſie; ſie konnte es nicht leugnen, daß ihr dieſe Familiarität ſonderbar vorkomme. „Ich habe einen guten Grund, die Freundſchaft der Frau Attwood zu ſuchen,“ fuhr Magdalene fort. „Sie iſt Wittwe und beſizt eine ſtarke Familie an Töchtern. Ihre Töchter befinden ſich ſämmtlich im Dienſt. Eine von ihnen iſt Unterhausmagd bei Admiral Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch. Ich erfuhr dieß von Frau Attwoods Prinzipal; und ſobald als ich zu der Entdeckung gelangte, beſchloß ich im Geheimen, Frau Attwoods Bekanntſchaft zu machen. Noch ſeltſamer, nicht wahr?“ Luiſe begann ein wenig unruhig darein zu ſehen. Das Benehmen ihrer Herrin ſtand in einigem Gegen⸗ ſaze zu deren Worten, und es lag die Vermuthung ſehr nahe, daß irgend etwas Ueberraſchendes zu Tapet kommen würde. „Was für eine Anziehungseraft Frau Attwood an meiner Geſellſchaft findet,“ fuhr Magdalene fort,„kann ich mir nicht herausnehmen zu ſagen. Ich kann Ihnen blos mittheilen daß ſie beſſere Tage geſehen hat; ſie iſt eine wohlerzogene Perſon, und in dieſem Betracht findet ſie Gefallen an meiner Geſellſchaft. Jedenfalls hat ſie mir mein Entgegen⸗ kommen gegen ſie ſehr erleichtert. Welche Anzie⸗ hungskraft ich meinerſeits an der guten Frau finde, iſt bald geſagt. Ich habe, wie Sie ſich werden wohl einbilden können, ein großes Intereſſe— ein unbeſchreibliches Intereſſe, an den Vorgängen im Haushalt zu Heiligenkreuz in der Marſch. Frau Attwoods Tochter iſt ein gutes Mädchen und ſchreibt fleißig an ihre Mutter. Ihre Mutter iſt ſtolz auf die Briefe und ſtolz auf das Mädchen und ebenſo gleich bei der Hand über ihre Tochter und den Plaz derſelben ein Geſpräch anzufangen. Darin beſteht Frau Attwoods Anziehungskraft auf mich, Ver⸗ ſtehen Sie mich in ſoweit?“ Ja— Luiſe verſtand. Magdalene fuhr fort. „Dank Frau Attwood und Frau Attwoods Toch⸗ ter,“ ſagte ſie,„ich habe bereits mehrere intereſſante Einzelnheiten über den Haushalt zu Heiligenkreuz erfahren. Dienſtboten⸗Zungen und Dienſtboten⸗Briefe beſchäftigen ſich ja— wie ich Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen nöthig habe— viel öfter mit ihren Herren und Herrinnen, als dieſe vermuthen. Die einzige Dienſtherrin zu Heiligenkreuz iſt die Haus⸗ hälterin. Aber es iſt ein Herr da— Admiral Bar⸗ tram. Er ſcheint ein ſonderbarer alter Mann zu ſein, deſſen Grillen und Launen ſeine Dienſtboten ſo gut wie ſeine Freunde ergözen. Eine dieſer Launen (die einzige wovom wir Notiz zu nehmen brauchen:) beſteht darin, daß er zur Zeit ſeines Seelebens lau⸗ ter Männer um ſich hatte, und jezt, da er auf dem Lande lebt, will er nur von weiblichen Dienſtboten allein bedient werden. Der einzige Mann im Hauſe iſt ein alter Seemann, der ſein ganzes Leben lang bei ſeinem Herrn geweſen iſt— er iſt eine Art von Penſionär zu Heiligenkreuz und hat wenig oder nichts Dienſt und i zu laf gegen: im B. ſeine Dieſe macht. in al walten ſinnig in die worder Zimm zum in der nicht Ankün eigener bewerl ſchafte halten Lu Herrin werden — ein gen im Frau ſchreibt olz auf ebenſo en Plaz beſteht Ver⸗ fort. s Toch⸗ reſſante genkreuz Briefe hl nicht it ihren 1. Die Haus⸗ al Bar⸗ ann zu voten ſo Launen nuchen:) ns lau⸗ uf dem nſtboten Hauſe en lang Art von ig oder 257 nichts mit den Hausgeſchäften zu thun. Die übrigen Dienſtboten im Hauſe ſind ſämmtlich Frauenzimmer, und ſtatt ſich beim Eſſen von einem Lakai ſerviren zu laſſen, hat der Admiral ein Zimmermädchen. Das gegenwärtige Zimmermädchen zu Heiligenkreuz iſt im Begriff zu heirathen und wird, ſobald ihr Herr ſeine Einwilligung gibt, aus dem Dienſt treten. Dieſe Entdeckungen habe ich ſeit einigen Tagen ge⸗ macht. Aber als ich Frau Attwood heute Abend beſuchte, hatte ſie in der Zwiſchenzeit abermals einen Brief von ihrer Tochter erhalten, und dieſer Brief diente mir dazu noch Etwas mehr herauszubekommen. Die Haushälterin iſt mit ihrem Wiz zu Ende ein neues Dienſtmädchen zu finden. Ihr Herr beſteht auf Jugend und ſchönes Ausſehen— er läßt ſonſt in allen Dingen ſeine Haushälterin ſchalten und walten— aber in dieſem Stücke beharrt er eigen⸗ ſinnig auf ſeinem Willen. Alle Nachforſchungen, die in dieſer Beziehung in der Nachbarſchaft angeſtellt worden, ſind erfolglos geblieben und haben kein Zimmermädchen nach dem Wunſche des Admirals zum Vorſchein gebracht. Wenn die Angelegenheit in den nächſten vierzehn Tagen oder drei Wochen nicht im Reinen iſt, ſo will die Haushälterin eine Ankündigung in der Times erſcheinen laſſen und in eigener Perſon nach London gehen, um die Stelle⸗ bewerberinnen ſich zu beſehen und über deren Eigen⸗ ſchaften und Befähigung eine ſtrenge Muſterung zu halten.“ Luiſe blickte aufmerkſamer als jemals auf ihre Herrin. Der Ausdruck von Verwirrung war auf 258 ihrem Geſichte ausgeprägt und eine Wolke getäuſch⸗ ter Erwartung zog darüber hin. „Prägen Sie das Ihrem Geiſte ein was ich ge⸗ ſagt habe,“ fuhr Magdalene fort,„und warten Sie noch einen Augenblick, bis ich eine Frage an Sie geſtellt habe. Glauben Sie ja nicht daß Sie mich ſchon verſtehen— ich kann Sie verſichern, Sie ver⸗ ſtehen mich nicht. Sind Sie immer als Kammer⸗ jungfer im Dienſt geſtanden?“ „Nein, Madame.“ „Haben Sie auch einmal als Zimmermädchen gelebt?“ „Blos an einer Stelle, Madame— und nicht lange daſelbſt.“ „Doch, denke ich, lange genug um Ihre Geſchäfte zu lernen?“ „Ja, Madame.“ „Was hatten Sie außer dem Tafeldienſt noch zu thun?“ „Ich hatte die Beſuche einzuführen.“ „Nun— und was noch?“ „Ich hatte nach dem Silbergeſchirr und den Glas⸗ gegenſtänden zu ſchauen— auch war das Tiſchzeug ganz meiner Sorge und Aufſicht anvertraut. Ich hatte auf den Ruf jeder Klingel zu erſcheinen, mit Ausnahme in den Schlafgemächern. Außerdem gab es noch eine Menge Kleinigkeiten und beſondere Sachen zu beſorgen.— „Aber Ihre regelmäßigen Dienſtgeſchäfte waren die eben mir angegebenen?“ „Ja, Madame.“ „A chen im „E „J den To und alt Bei ſamkeit dalenen war, 1 liche 2 ternes zu ant Anflug ſtellen. 33 ſie„ Zimme Haben ſagte, heirath nach meine mich v nen ſtellte antwor mädche „O ten bis äuſch⸗ ch ge⸗ n Sie n Sie 2 mich e ver⸗ mmer⸗ ädchen nicht ſchäfte t noch Glas⸗ ſchzeug t. Ich en, mit em gab ſondere waren „Wie lange iſt es her, ſeit Sie als Zimmermäd⸗ chen im Dienſt geſtanden ſind?“ „Etwas über zwei Jahre, Madame.“ „Ich denke doch, Sie hätten in dieſem Zeitraum den Tafeldienſt, die Sauberhaltung der Silberzeugs und all das Uebrige noch nicht vergeſſen?“ Bei dieſer Frage verlor ſich Luiſens Aufmerk⸗ ſamkeit, die ſchon während des Verlaufs von Mag⸗ dalenens Fragen immer mehr und mehr abgeſchweift war, nunmehr gänzlich. Ihre auftauchende ängſt⸗ liche Beklemmung begann ihr beſcheidenes und ſchüch⸗ ternes Weſen zu überwiegen. Anſtatt ihrer Herrin zu antworten, wagte ſie ſelbſt auf einmal in einem Anflug von zerſtreuter Beſtürzung eine Frage zu ſtellen. „Ich bitte um Entſchuldigung, Madame,“ ſagte ſie.„Meinen Sie, daß ich mich für die Stelle des Zimmermädchens zu Heiligenkreuz antragen ſoll?“ „Sie?“ verſezte Magdalene.„Ganz gewiß nicht! Haben Sie vergeſſen was ich Ihnen in dieſem Zimmer ſagte, ehe ich ausfuhr? Ich meine, daß Sie ſich ver⸗ heirathen und mit Ihrem Manne und Ihrem Kinde nach Auſtralien auswandern ſollten. Sie haben meine Weiſung nicht befolgt es abzuwarten, bis ich mich vollſtändig erklärt hätte. Sie haben Ihre eige⸗ nen Schlüſſe gezogen und zwar unrichtige. Ich ſtellte eben eine Frage an Sie, welche Sie nicht be⸗ antwortet haben— ich fragte ob Sie Ihre Zimmer⸗ mädchens⸗Geſchäfte vergeſſen hätten?“ „O nein, Madame!“ Luiſens Erwiderungen hat⸗ ten bis jezt mehr den Ausdruck von unangenehmer 260 Berührung in ſich getragen; jezt antwortete ſie be⸗ reitwillig und mit voller Zutraulichkeit. „Könnten Sie eine andere Magd in dieſen Ge⸗ ſchäften unterrichten?“ fragte Magdalene. „Ja, Madame, mit Leichtigkeit, wenn ſie auf⸗ merkſam und hurtig wäre.“ „Könnten Sie mich in den Geſchäften unter⸗ weiſen?“ Luiſe fuhr zuſammen und veränderte die Farbe. „Ja, Madame!“ rief ſie aus, halb ungläubig und halb beſtürzt. 8 „Nun!“ ſagte Magdalene.„Könnten Sie mich zur Bekleidung der Stelle eines Zimmermädchens zu Heiligenkreuz abrichten?“ So deutlich dieſe Worte auch waren, ſo ſchien doch die Verwirrung, die ſie in Luiſens Kopf er⸗ zeugten, ſie unfähig zu machen, den Vorſchlag ihrer Herrin zu begreifen. „Sie, Madame!“ wiederholte ſie, ohne dabei Et⸗ was zu denken. „Ich kann Ihnen vielleicht behilflich ſein, meinen außergewöhnlichen Plan zu verſtehen,“ ſagte Mag⸗ dalene,„wenn ich Ihnen klar und deutlich ſage was der Zweck deſſelben iſt. Erinnern Sie ſich noch was ich Ihnen in Betreff von Herrn Vanſtones Teſta⸗ ment ſagte, als Sie aus Schottland zu mir hieher kamen?“ „Ja, Madame. Sie ſagten mir, Sie ſeien gänz⸗ lich aus dem Teſtament ausgeſchloſſen. Ich bin ganz gewiß, mein Mitmädchen würde ſich nimmermehr zu einer Zeugin hergegeben haben, wenn ſie gewußt hätte—“ „9 mädche außer mich n Es iſt mir w Lecoun auf de des Te ſein d Dieſer Briefer combes mem ringſte wenn mache. gegen ihm d übertre meinen ſein H Naſe nach ich mi tig im müſſen bote ſt nen G Haus chen g „2 ſie be⸗ en Ge⸗ ſie auf⸗ unter⸗ Farbe. gläubig emich hens zu d ſchien kopf er⸗ ig ihrer abei Et⸗ meinen e Mag⸗ age was och was 3 Teſta⸗ r hieher en gänz⸗ bin ganz mehr zu gewußt 261 „Laſſen Sie das jezt. Ich meſſe Ihrem Mit⸗ mädchen keine Schuld bei— ich meſſe Niemanden außer Frau Lecount eine Schuld bei. Laſſen Sie mich mit dem fortfahren was ich Ihnen ſagen will. Es iſt noch nicht ganz beſtimmt daß Frau Lecount mir wirklich das Unheil zufügen kann, welches Frau Lecount beabſichtigte. Es gibt noch einen Ausweg, auf dem mein Advocat, Herr Loscombe, mir troz des Teſtamentes das wieder zu verſchaffen im Stande ſein dürfte was mir mit Fug und Recht gebührt. Dieſer Ausweg dreht ſich um die Entdeckung eines Briefes, welcher ſich nach meiner und Herrn Los⸗ combes Ueberzeugung in Admiral Bartrams gehei⸗ mem Gewahrſam befindet. Ich habe nicht die ge⸗ ringſte Hoffnung, hinter dieſen Brief zu kommen, wenn ich nicht den Verſuch dazu in eigener Perſon mache. Frau Lecount hat den Kopf des Admirals gegen mich eingenommen und Herr Vanſtone hat ihm die Verwahrung eines Geheimniſſes vor mir übertragen. Wenn ich ihm ſchriebe, ſo würde er meinen Brief nicht einmal beantworten. Wollte ich ſein Haus betreten, ſo würde mir die Thüre vor der Naſe zugeſchlagen werden. Ich muß meinen Weg nach Heiligenkreuz hinein als eine Fremde ſuchen— ich muß mich in der Lage befinden, mich unverdäch⸗ tig im Hauſe zu bewegen und umzuſchauen— es müſſen mir daſelbſt Zeit und Muße in Fülle zu Ge⸗ bote ſtehen. Alle Umſtände vereinigen ſich zu mei⸗ nen Gunſten, wenn ich als Dienſtmädchen in das Haus aufgenommen werde— und als Dienſtmäd⸗ chen gedenke ich dahin zu gehen.“ „Aber Sie ſind ja eine Dame, Madame,“ wen⸗ 262 dete Luiſe in der größten Beſtürzung ein.„Die Dienſtboten zu Heiligenkreuz werden Sie bald her⸗ ausfinden.“ „Ich hege ganz und gar keine Beſorgniß, daß ſie mich ſo bald herausfinden werden,“ ſagte Mag⸗ dalene.„Ich verſtehe mich auf Verkleidung und nachahmende Darſtellung der Rollen anderer Per⸗ ſonen viel beſſer, als Sie vielleicht meinen. Laſſen Sie mich immerhin den Zufällen der Entdeckung kühn entgegentreten— das iſt mein Wagſtück. Laſ⸗ ſen Sie uns weiter von Nichts mehr ſprechen, als was Sie angeht. Entſcheiden Sie ſich noch nicht ob Sie mir den erforderlichen Beiſtand angedeihen laſſen wollen oder nicht. Warten Sie vorerſt und hören Sie worin der Beiſtand beſteht. Sie verſtehen flink und geſchickt mit Ihrer Nadel umzugehen. Können Sie mir ein ſolches Kleid verfertigen, wie es ein Dienſtmädchen üblicher Maßen trägt— und können Sie in Zeit einer Woche eines meiner beſten Seidenkleider ſo verändern, daß es für Sie zum An⸗ ziehen paßt?“ „Ich gedenke wohl dieß in einer Woche zu Stande zu bringen, Madame. Aber warum ſoll ich tragen— 2 „Warten Sie ein wenig und Sie ſollen ſehen. Ich werde morgen der Wirthin die wöchentliche Auf⸗ kündigung zukommen laſſen. In der Zwiſchenzeit kann ich, während Sie an den Kleidern arbeiten, mich mit den Geſchäften eines Zimmermädchens ver⸗ traut machen. Wenn die Hausmagd hier das Mit⸗ tageſſen heraufgebracht hat und wir allein im Zim⸗ mer ſind— werde, ſtatt daß wie gewöhnlich Sie mich vollem ich im kann, einübe fertig eine a rin, u 1 fiel Lr Plane „2 gutes zurückl einiger die ge Wohnn Ihrer Sie n Paar und ei zu ſche tungen werde angent gebung men e „Die ld her⸗ ß, daß Mag⸗ ig und r Per⸗ Laſſen deckung —. Laf⸗ en, als h nicht gedeihen erſt und eerſtehen zugehen. en, wie und er beſten um An⸗ oche zu ſoll ich n ſehen. che Auf⸗ iſchenzeit arbeiten, hens ver⸗ as Mit⸗ m Zim⸗ llich Sie 263 mich bedienen, ich Sie bedienen.(Ich ſpreche in vollem Ernſt; unterbrechen Sie mich nicht!) Was ich immer nebenbei, ohne Sie zu hindern, lernen kann, das will ich bei jeder Gelegenheit ſorgfältig einüben. Wenn die Woche vorüber und die Kleider fertig ſind, werden wir dieſen Plaz verlaſſen und eine andere Wohnung beziehen— Sie als die Her⸗ rin, und ich als Ihr Dienſtmädchen.“ „Ich werde gleich erkannt werden, Madame,“ fiel Luiſe ein, indem ſie vor dem ihr mitgetheilten Plane erzitterte.„Ich bin keine Dame.“ „Aber ich bin es,“ ſagte Magdalene bitter. „Soll ich Ihnen ſagen was eine Dame iſt? Eine Dame iſt ein Weib das einen Seidenrock trägt und ein gar hochmüthiges Gefühl ihrer Wichtigkeit in ſich birgt. Ich werde den Rock um Ihren Leib und das Gefühl in Ihr Herz legen. Sie ſprechen ein gutes Engliſch— Sie ſind von Natur ruhig und zurückhaltend— wenn Sie nur Ihre Schüchternheit einigermaßen überwältigen können, ſo habe ich nicht die geringſte Angſt für Sie. Es wird in der neuen Wohnung Zeit genug übrig ſein, daß Sie ſich in Ihrer Rolle und ich mich in der meinigen einübe. Sie werden Zeit hinlänglich finden, um noch ein Paar Kleider mehr zu verfertigen, eines für mich und eines als Hochzeitskleid für Sie(das ich Ihnen zu ſchenken Zebenke Ich werde mir täglich die Zei⸗ tungen ſchicken laſſen. Wenn die Anzeige erſcheint, werde ich darauf antworten— unter irgend einem angenommenen Namen, der mir eben nach der Ein⸗ gebung des Augenblicks einfällt; unter Ihrem Na⸗ men etwa, wenn Sie mir ihn gefälligſt leihen woll⸗ 264 ten— und wenn die Haushälterin mich nach meinem Zeugniß fragt, ſo werde ich mich auf Sie berufen. Sie wird Sie in der Eigenſchaft einer Dienſtherrin und mich in der Eigenſchaft eines Dienſtmädchens ſehen— unmöglich kann ein Verdacht in ihre Seele treten, wenn Sie nicht ſelbſt hiezu ihr Veranlaſſung geben. Wenn Sie nur den Muth beſizen, meine Anweiſungen zu befolgen und zu ſagen was ich Ihnen zu ſagen auftrage, ſo wird die Unterredung in zehn Minuten vorüber ſein.“ „Sie jagen mir Angſt ein,“ ſagte Luiſe, noch zitternd.„Sie verſezen mir den Athem vor Ueber⸗ raſchung. Muth! Woher ſoll ich den Muth nehmen?“ „Wo ich ihn für Sie hernehme,“ ſagte Magda⸗ lene—„von dem Ueberfahrtsgeld nach Auſtralien. Betrachten Sie ſich einmal recht die neue Ausſicht, welche Ihnen einen Gatten ſchenkt und Ihr Kind wieder zurückgibt— und Sie werden Ihren Muth da finden.“ Luiſens trauriges Geſicht leuchtete; Luiſens ſchwa⸗ ches Herz pochte in heftigen, ſchnellen Schlägen. Ein Funke von dem Geiſte ihrer Herrin entglühte in ihren Augen, als ſie an die goldene Zukunft dachte. „Wenn Sie meinen Vorſchlag annehmen, ſo kön⸗ nen Sie alsbald in der Kirche ausgerufen werden, wenn es Ihnen recht iſt. Ich verſpreche Ihnen das Geld auf den Tag, wo die Anzeige in der Zei⸗ tung erſcheint. Die Gefahr, daß die Haushälterin mich zurückweist, iſt meine Gefahr, nicht die Ihrige. Mein gutes Ausſehen iſt größtentheils verſchwunden, ich weiß es. Aber ich denke, ich kann doch noch meinen Plaz gegen die andern Dienſtmädchen behaupten— ich de chen Es ſt befüre macht zige 6 Weiſe geht mich verhei neue L der H ken de deutli dung verſue Dank ſie ſo lene. ander wenie Zwec habe wege Sie Ihre iſt n als gern. C meinem derufen. ſtherrin ädchens e Seele laſſung meine pas ich rredung 2, noch Ueber⸗ hmen?“ Magda⸗ ſtralien. lusſicht, r Kind Muth 3 ſchwa⸗ en. Ein ühte in dachte. ſo kön⸗ werden, Ihnen der Zei⸗ hälterin Ihrige. wunden, meinen pten— 265 ich denke, ich kann mich noch als das Zimmermäd⸗ chen ſehen laſſen, das Admiral Bartram verlangt. Es ſteht in dieſer Angelegenheit für Sie Nichts zu befürchten; ich würde keine Erwähnung davon ge⸗ macht haben, wenn dieſes der Fall wäre. Die ein⸗ zige Gefahr beſteht bloß darin, daß ich möglicher Weiſe zu Heiligenkreuz entdeckt werde— und das geht dann durchaus nur mich an. Zur Zeit, wo ich mich in des Admirals Haus befinde, werden Sie verheirathet ſein und das Schiff wird Sie in Ihre neue Heimath bringen. Luiſens Antliz, das bald von dem Widerſchein der Hoffnung aufleuchtete, bald wieder von den Wol⸗ ken der Angſt und Furcht verfinſtert wurde, zeigte deutliche Spuren des Kampfes, den ihr die Entſchei⸗ dung koſtete. Sie verſuchte Zeit zu gewinnen; ſie verſuchte in Ihrer Verwirrung einige Worte des Dankes hervorzubringen— aber ihre Herrin hieß ſie ſchweigen. „Sie ſchulden mir keinen Dank,“ ſagte Magda⸗ lene.„Ich ſagte Ihnen wiederholt, wir leiſten ein⸗ ander bloß gegenſeitige Hilfe. Ich beſize zwar ſehr wenig Geld, aber es iſt hinlänglich genug für Ihren Zweck, und ich gebe es Ihnen mit Freuden. Ich habe ein unglückliches Leben gelebt; ich habe andere wegen meiner unglücklich gemacht. Ich kann ſelbſt Sie nur dadurch glücklich machen, daß ich mich Ihrer zu einer neuen Täuſchung bediene. Ja! Ja! Es iſt nicht Ihre Schuld. Schlechtere Frauenzimmer, als Sie ſind, werden mir helfen, wenn Sie ſich wei⸗ gern. Entſcheiden Sie ſich wie es Ihnen beliebt— Collins, Namenlos. IV. d 266 nur machen Sie ſich keinen ängſtlichen Scrupel dar⸗ aus, das Geld zu nehmen. Wenn ich mein Ziel er⸗ reiche, ſo werde ich dasſelbe nicht mehr bedürfen. Wenn es mir fehlſchlägt— Sie ſtockte, ſtand plözlich von ihrem Stuhle auf und verhüllte ihr Geſicht vor Luiſen, indem ſie zu dem Kaminherd hinſchritt. „Wenn es mir fehlſchlägt,“ begann ſie wieder, „ſo würden alle Schäze der Welt von keinem Nuzen mehr für mich ſein. Grübeln Sie nicht warum? machen Sie ſich keine Sorge meinetwegen— denken Sie an ſich ſelbſt. Ich will keinen Vortheil aus dem Bekenntniß ziehen das Sie mir abgelegt haben; ich will gegen Ihren Willen keinen Einfluß auf Sie ausüben. Halten Sie es, wie es Ihnen ſelbſt am Beſten däucht. Aber Eins merken Sie ſich wohl— ich bin feſt entſchloſſen, und Nichts, was Sie ſagen oder thun mögen, wird dieſen Entſchluß ändern.“ Ihre plözliche Entfernung vom Tiſche, der ver⸗ änderte Ton ihrer Stimme beim Sprechen der lezten Worte, ſchien Luiſens unſchlüſſiges Schwanken zu erneuern. Sie faltete ihre Hände in ihrem Schoß zuſammen und rieb dieſelben krampfhaſt an einander. „Das iſt zu ſchnell über mich gekommen, Ma⸗ dame,“ ſagte das Mädchen.„Ich fühle mich heftig verſucht Ja zu ſagen. Und doch, ich habe faſt Angſt—“ „Ueberlegen Sie es über Nacht,“ fiel Magdalene ein, indem ſie ihr Geſicht beharrlich gegen das Feuer gewendet hielt,„und ſagen Sie mir morgen früh was Sie ſich zu thun entſchloſſen haben. Ich brauche dieſen Abend keinen Beiſtand— ich kann mich ſelbſt * dar⸗ el er⸗ ürfen. e auf ſie zu ieder, Nuzen rum? denken dem ¹; ich Sie ſt am ohl— ſagen dern.“ ver⸗ lezten en zu Schoß ander. Ma⸗ heftig e faſt dalene Feuer früh rauche ſelbſt —— 267 auskleiden. Sie ſind nicht ſo kräftiger Natur wie ich; Sie ſind müde, ich wette darauf. Sie ſollen mei⸗ netwillen nicht länger mehr aufbleiben. Gute Nacht und angenehme Träume, Luiſe!“ Ihre Stimme ſank tiefer und tiefer, als ſie dieſe freundlichen Worte ſprach. Ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt, ſie ſtüzte ihren Arm auf ein Stück des Kamingeſimſes und legte ihr Haupt mit einer gleichgiltigen Ermüdung darauf, die kläg⸗ lich anzuſehen war. Luiſe hatte das Zimmer nicht verlaſſen, wie ſie vermuthet hatte. Luiſe kam leiſe an ihre Seite und küßte ihre Hand. Magdalene fuhr zuſammen, aber ſie machte dießmal keinen Ver⸗ ſuch, ihr die Hand zu entziehen. Das Gefühl ihrer entſezlichen Vereinſamung überwältigte ſie, als die Lip⸗ pen der Zofe ihre Hand berührten. Der harte Stolz ihres Herzens zerſchmolz in weichere Gefühle, ihre Augen füllten ſich mit heißen Thränen. „Verurſachen Sie mir keinen Schmerz,“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme.„Die Zeit zum Freund⸗ lichthun iſt verſchwunden; mich beherrſcht gegenwär⸗ tig nur noch ein einziger Gedanke. Gute Nacht!“ Der Morgen erſchien, und Luiſens Antwort fiel, wie Magdalene voraus vermuthet hatte, bejahend aus. An dieſem Tage empfing die Wirthin ihre Aufkündigung, und Luiſens Nadel that faſt wie im Flug Stich auf Stich am Kleide des Zimmermäd⸗ chens. Ende der ſechsten Scene. Zwiſchenſcene. J. Fräulein Garth an Herrn Pendril. Weſtmorelandhaus, den 3. Jänner 1848. „Werther Herr Pendril! Ich ſchreibe Ihnen, wie Sie freundlich verlangt haben, um Bericht zu erſtatten, welchen Fortgang es mit Nora nimmt, und Ihnen mitzutheilen, welche Wendungen zum Beſſern ich in dem Seelenzuſtande derſelben betreffs ihrer Schweſter zu erkennen vermag. Ich kann gerade nicht ſagen, daß ſie Magdale⸗ nens beharrliches Stillſchweigen ſo ganz und gar mit Ergebung hinnimmt— ich kenne ihre treue Na⸗ tur zu gut, um dieß behaupten zu wollen. Ich kann bloß ſo viel ſagen daß ſie anfängt, in neuen Vor⸗ ſtellungen und neuen Hoffnungen Erleichterung von dem ſchweren Druck des Kummers und der Ungewiß⸗ heit zu finden. Ich zweifle ſehr ob ihr dieß ſchon 8. nen, t zu nmt, zum reffs dale⸗ gar Na⸗ kann Vor⸗ von wiß⸗ chon in ihrer Seele klar geworden iſt; aber ich ſehe das Reſultat, obgleich ſie ſich deſſelben nicht bewußt iſt. Ich ſehe ihr Herz ſich wieder erſchließen unter dem tröſtenden und erwärmenden Einfluß eines andern Intereſſes und einer andern Liebe. Sie hat kein Wort zu mir über dieſen Gegenſtand verlauten laſ⸗ ſen, noch habe ich ein Wort zu ihr darüber geſagt. Aber ſo gewiß ich weiß daß Herrn Georg Bartrams Beſuche bei der Familie zu Portland⸗Plaz in lezter Zeit immer häufiger und häufiger wurden, ebenſo gewiß kann ich Sie verſichern daß Nora eine Er⸗ leichterung von ihrer Ungewißheit findet, wozu ich Nichts beigetragen habe, und eine Hoffnung in die Zukunft zu ſezen anfängt, die ich ihr gar nicht zu⸗ getraut hätte. „Ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen daß ich Ihnen dieß im ſtrengſten Vertrauen mittheile. Gott weiß ob die ſchöne Ausſicht, die mir jezt in der Däm⸗ merung begriffen zu ſein ſcheint, mit dem Verlauf der Zeit heller werden wird oder nicht. Je öfter ich Herrn Georg Bartram ſehe— und er ſpricht gegenwärtig mehr als früher bei mir vor— deſto mehr wächst mein Wohlgefallen an ihm. Nach mei⸗ nem geringen Urtheil ſcheint er ein Gentleman in der tiefſten und vollſten Bedeutung des Wortes zu ſein. Wenn ich es erleben würde, Nora als ſeine Frau zu ſehen, dann riefe ich beruhigt aus: Ich habe lange genug gelebt! Aber wer kann in das Dunkel der Zukunft ſehen? Wir haben ſchon ſo viel geduldet und gelitten, daß ich beinahe eine ängſt⸗ liche Furcht vor jeder Hoffnung habe. „Haben Sie irgend Etwas von Magdalene ge⸗ 270 hört? Ich weiß wahrlich nicht, warum oder wie es kommt— aber ſeit ich den Tod ihres Gatten erfahren habe, ſcheint ſich meine alte Zärtlichkeit für ſie mit mehr Nachdruck als jemals Geltung in mei⸗ nem Herzen verſchaffen zu wollen. „Immer Ihre getreue „Harriet Garth.“ II. Herr Pendril an Fräulein Garth. „Searle Street, den 4. Jänner 1848. „Werthes Fräulein Garth! Von Frau Noel Vanſtone ſelbſt habe ich Nichts gehört. Aber ſeit der Zeit, wo ich Sie zum lezten Mal ſah, habe ich in Erfahrung gebracht, daß der Bericht über die Stellung, in welcher ſie bei dem Tode ihres Che⸗ manns zurückgelaſſen wurde, ganz zzuverläſſig und wahrheitsgemäß iſt. Kein Legat irgend einer Art iſt ihr vermacht worden. Ihr Name iſt in dem Teſtament ihres Mannes nicht einmal erwähnt. „Wenn wir aber wiſſen was wir wiſſen, ſo läßt ſich durchaus nicht verhehlen daß dieſer Umſtand uns mit neuen Verwicklungen und vielleicht vervielfältig⸗ ten Sorgen bedroht. Frau Noel Vanſtone iſt nicht das Weib welches ſich ohne verzweifelten Widerſtand der gänzlichen Niederlage aller ihrer Pläne und aller ihrer Hoffnungen unterwirft. Die bloße That⸗ ſache ſchon, daß ſeit dem Tode ihres Mannes gar Nichts mehr von ihr gehört worden iſt, läßt meinen Geiſt auf das Kommen ernſtlichen Unheils ſchließen. en Je ruhiger ſie ſich bei ihrer Lage und ihrem un⸗ ud geſtümen Temperament gegenwärtig verhält, deſto el⸗ tiefere Wurzeln faßt meine Ahnung einer unheilvol⸗ len Zukunft. Es iſt unmöglich zu beſtimmen zu wel⸗ chen Gewaltmaßregeln ſie ſich durch ihre gegenwärtige 6 äußerſte Noth treiben läßt. Es iſt unmöglich ein ſicheres Vorgefühl zu haben, daß ſie dießmal nicht die Veranlaſſerin irgend eines öffentlichen Scandals iſt, welcher ihrer unſchuldigen Schweſter ſo gut als ihr ſelbſt Unehre bringen kann. „Ich weiß, Sie werden den Beweggrund nicht mißdeuten, der mich zum Schreiben dieſer Zeilen 4 veranlaßt hat; ich weiß, Sie werden von mir nicht glauben daß ich unüberlegt genug ſei, um Ihnen unnöthigen Kummer zu verurſachen. Mein aufrich⸗ 5 tiger Wunſch, die glückliche Ausſicht auf welche Sie 10 anſpielen verwirklicht zu ſehen, hat mich bewogen, he⸗ mit weniger Zurückhaltung zu ſchreiben als ich ſonſt 90. geſchrieben haben dürfte. Ich bitte Sie dringendſt, nu bei jeder Gelegenheit die ſich Ihnen darbietet allen 4 Ihren Einfluß aufzuwenden, um das aufkeimende Lir 1 Verhältniß zur Blüthe und goldenen Frucht zu brin⸗ üßt 1 gen und es dem Bereich möglicher künftiger Unfälle dit zu entrücken, ſo lange Sie Gelegenheit dazu haben. 1. Wenn ich Ihnen ſage daß das Vermögen, das Frau 1g⸗ Noel Vanſtone entzogen worden iſt, vollſtändig dem Admiral Bartram vermacht wurde— und wenn ich und noch hinzufüge daß Herr Georg Bartram von Jeder⸗ 5 mann als Erbe ſeines Onkels betrachtet wird, ſo wer⸗ den Sie meines Erachtens ermeſſen können, daß ich 272 nicht ohne Urſache Ihnen den bedeutungsvollen Wink zukommen laſſe. „Ihr ganz getreuer William Pendril.“ III. Admiral Bartram an Frau Drake, (Haushälterin zu Heiligenkreuz.) „Heiligenkreuz, den 10. Jänner 1848. „Frau Drake! Ich habe Ihren Brief aus Lon⸗ don empfangen, der mir mittheilt daß Sie endlich ein neues Zimmermädchen ausfindig gemacht haben, und daß das Mädchen bereit iſt, mit Ihnen nach Heiligenkreuz zurückzukehren, ſobald Ihnen Ihre an⸗ dern Geſchäfte in der Stadt Ihre Heimkehr erlauben. „Dieſe Anordnung muß augenblicklich abgeändert werden— aus einem Grunde den ich Ihnen mit ſchwerbetrübtem Herzen hier ſchreiben muß. „Das Unwohlſein meiner Nichte, Frau Girdle⸗ ſtone— das anfänglich ſo unbedeutend zu ſein ſchien, daß wir uns alle mit Einſchluß der Aerzte nicht die geringſte Sorge und Unruhe darüber machten, hat einen ſehr fatalen Ausgang gehabt. Ich empfing dieſen Morgen die erſchütternde Kunde von ihrem Tode. Ihr Gatte ſoll ganz wahnſinnig vor Schmerz über ihren Verluſt ſein. Herr Georg iſt bereits zu ſeinem Schwager abgereist, um der Ausübung der lezten traurigen Pflichten beizuwohnen, und ich muß Wink I.“ 848. Lon⸗ ndlich haben, nach e an⸗ uben. indert n mit birdle⸗ ſchien, ht die u, hat pfing ihrem hmerz ts zu g der muß ihm alsbald nachfolgen, ehe das Leichenbegängniß ſtattfindet. Wir wollen ihm den Vorſchlag machen, ſich Frau Girdleſtone ſpäter ſo viel möglich aus dem Sinne zu ſchlagen und die wohlthätige Wirkung einer Ortsveränderung und neuer Scenen zu ver⸗ ſuchen. Unter dieſen traurigen Umſtänden dürfte ich etwa einen Monat oder höchſtens ſechs Wochen von Heiligenkreuz abweſend ſein— das Haus wird geſchloſſen bleiben— und das neue Dienſtmädchen wird bis zu meiner Rückkehr nicht gebraucht. „Sie werden demgemäß bei Empfang dieſes Brie⸗ fes dem Mädchen mittheilen daß ein Todesfall in der Familie eine zeitweilige Aenderung in unſern Anordnungen zur Folge gehabt habe. Wenn ſie da⸗ her Willens iſt zu warten, ſo können Sie ihr immer⸗ hin bedeuten, daß ſie nach Verlauf von ſechs Wochen hier eintreffen ſolle— ich für meinen Theil werde bis dahin zurückgekehrt ſein, wenn es auch Georg noch nicht iſt. Weigert ſie ſich deſſen, ſo zahlen Sie ihr eine billige Entſchädigung aus, und wir ſind dann mit ihr fertig. „Ihr „Arthur Bartram.“ Collins, Namenlos. IV. 19 Frau Drake an Admiral Bartram. „Den 11. Jänner. Schäzbarſter Herr! Ich hoffe bis morgen meine Geſchäfte beendigt zu haben und nach Heiligenkreuz zurückkehren zu können— aber ich ſchreibe Ihnen dennoch, um Sie im Fall einer unvermutheten Ver⸗ zögerung jeder Beſorgniß zu überheben. „Das junge Frauenzimmer, das ich gedungen habe(ihr Name iſt Luiſe) iſt bereit die von Ihnen angeſezte Friſt abzuwarten, und ihre gegenwärtige Herrin, welche ſich für ihre Wohlfahrt ſehr intereſſirt, will für ſie während der Zwiſchenzeit ſorgen. Sie iſt unterrichtet daß ſie in ihrem neuen Dienſt binnen ſechs Wochen von heutigem Datum an, das heißt, am fünf und zwanzigſten Februar einzutreten hat. Ich bitte Sie, mein ehrerbietiges Beileid über den ſchmerzlichen Verluſt der die Familie betroffen hat zu genehmigen.“ „Ich verbleibe, geehrter Herr, Ihre unterthänige Dienerin „Sophie Drake.“ Ende des vierten Bandes. *