0t 707 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tage den angenommen. 4 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————uuener auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. 3 2 4 Buches wird von s iſt zu 24 Stun bezahlt werden und 7,„ nr. 8— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gef 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei 9 Ladenpreis erſetzt J und Zurückſendung hr ſelbſt zu ſorgen. 1 zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ s größeren Werkes, ſo iſt Ganzen verp flichtet.. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird fmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. lorene oder defecte Buch ein Theil eine der Leſer zum Erſatz des 7. Ausleihezeit. beſonders darauf au der Bücher nich ſelben von 5 83 Ausgewühlte TMerke von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. ———— Uamenlos. Wilkie Collins. 82 Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Zwiſchenſcene. J. Auszug aus den Anzeigecolumnen der Times. „Ein unbekannter Freund wird erſucht, mittelſt Einrückung in die Zeitung eine Adreſſe anzugeben, unter der ein Brief an ihn gelangen kann. Für die Mittheilung die er anbietet, wird er beim Empfang mit einem Honorar von fünf Pfund belohnt werden.“ II. Capitän Wragge an Magdalene. Birmingham, den 2. Juli 1847. Mein liebes Mädchen!. Die Schachtel mit den Coſtümſtücken, die Sie aus Verſehen mitgenommen haben, habe ich richtig erhalten. Seien Sie unbeſorgt, ich werde dieſelben gart. bis ich wieder von Ihnen höre. Ich ergreife dieſe Gelegenheit um Ihnen noch einmal die Verſicherung zu geben, daß ich mit un⸗ wandelbarer Treue Ihre Intereſſen fördern werde. Ohne mich gerade in Ihr Vertrauen eindrängen zu wollen, möchte ich doch an Sie die Frage ſtellen ob Herr Noel Vanſtone eingewilligt hat Ihrem Recht Rechnung zu tragen? Ich befürchte ſehr, er habe eine ablehnende Antwort gegeben, in welchem Fall ich die Hand auf mein Herz legen und feierlich er⸗ klären kann daß ſeine Niederträchtigkeit mich empört. Aus welchem Grunde durchdringt mich die Ahnung, daß Sie ſich vergebens an ihn gewendet haben? Wie komme ich dazu daß mir dieſer Kerl in dem Lichte eines ſchädlichen Ungeziefers erſcheint? Wir ſind einander total fremd; ich habe von ihm durch⸗ aus keine andere Kenntniß, als was ich bei Anſtellung der Nachforſchungen über ihn aufgepickt habe. Hat meine tiefe Sympathie für Ihre Intereſſen mir eine prophetiſche Gabe verliehen? oder gibt es, um mich eines phantaſtiſchen Ausdrucks zu bedienen, einen Vorzuſtand der geiſtigen Exiſtenz? und hat Herr Noel Vanſtone mir eine tödtliche Beleidigung zugefügt, nämlich auf irgend einem andern Planeten? Wie Sie ſehen, meine liebe Magdalene, ſchreibe ich mit meinem gewöhnlichen Anflug von Humor. Aber es iſt mir voller Ernſt, wenn ich meine Dienſte zu Ihrer Verfügung ſtelle. In Betreff unſerer Ueber⸗ einkunftspunkte brauchen Sie ſich nicht einen Augenblick einer Bedenklichkeit hinzugeben. Ich bin vorderhand mit jeder Bedingung, die Sie mir zu ſtellen belieben, ſo lange in meine beſondere Verwahrung nehmen, 4⁴ die nun ſie Fuß gew mich den wo vero ein: unb auf, von in& zu l ymen, noch t un⸗ verde. en zu en ob Recht habe Fall ) er⸗ pört. nung, ben? dem Wir urch⸗ llung Hat eine mich einen Noel fügt, reibe mor. enſte eber⸗ blick hand eben, 7 zufrieden. Wenn Ihre gegenwärtigen Pläne auf dieſes Ziel losſteuern, ſo bin ich bereit Herrn Noel Vanſtone ſo lange in die Preſſe zu nehmen, bis das Geld aus allen ſeinen Poren herausträufelt. Ver⸗ zeihen Sie mir dieſe ungehobelte Metapher. Mein ängſtlicher Eifer, Ihnen zu Dienſten zu ſtehen, läuft in Worten über, legt meine Herzensmeinung in un⸗ geſottenem Zuſtande zu Ihren Füßen und überläßt es Ihrem Geſchmacke, dieſelbe mit den gewählteſten Verzierungen der engliſchen Sprache zu umkleiden. Was macht mein unglückliches Weib? Ich hege die Befürchtung, daß Sie es ganz und gar un⸗ möglich finden werden, ſie vom Heruntertreten der Schuhe abzuhalten, oder ihre perſönliche Erſcheinung mit den ewigen Geſetzen der Symmetrie und Ord⸗ nung in verſöhnenden Einklang zu bringen. Macht ſie den Verſuch, ſich mit Ihnen auf zu vertraulichen Fuß zu ſtellen? Ich war in dieſer Beziehung immer gewohnt ihr einen Hemmſchuh anzulegen. Sie durfte mich niemals anders als Capitän nennen, und bei den wenigen Gelegenheiten ſeit unſerer Verheirathung, wo die ÜUmſtände ſie zu einem Schreiben an mich veranlaßten, war ihre Begrüßungsformel ſtreng auf ein:„Lieber Herr“ beſchränkt. Nehmen Sie dieſe unbedeutenden häuslichen Geheimniſſe als leiſe Winke auf, die Ihnen in Ihrem Umgang mit Frau Wragge von Nutzen ſein können, und halten Sie mich, der ich in ängſtlicher Erwartung wieder Etwas von Ihnen zu hören mich befinde, für Ihren. ergebenſten Diener Horatio Wragge. III. Nora an Magdalene. (Mit den zwei nächſtfolgenden Briefen an das Poſtamt Bir⸗ mingham abgefertigt.) Weſtmorelandhaus, Kenſington, den 1. Juli. Meine theuerſte Magdalene! Wenn Du das nächſte Mal an mich ſchreibſt (und ich bitte bald zu ſchreiben!), ſo ſchicke mir den Brief unter der Adreſſe des Fräuleins Garth. Ich habe meine Stellung verlaſſen, und es wird wohl eine kleine Weile dauern bis ich eine andere finde.. Jetzt iſt Alles vorüber und ich geſtehe Dir gerne, mein Liebling, daß ich nicht glücklich war. Ich be⸗ mühte mich ernſtlich die Zuneigung der zwei kleinen Mädchen die ich zu unterrichten hatte zu gewinnen; allein ſie ſchienen, warum? kann ich nicht ſagen, mir ſchon von Anfang herein gram zu ſein. Ueber ihre Mutter habe ich keine Urſache mich zu beklagen; aber ihre Großmutter, welche eigentlich die herrſchende Gewalt im Haushalt ausübte, machte mir das Leben verzweifelt ſauer. Meine Unerfahrenheit in der Er⸗ ziehungskunſt war ein beſtändiger Gegenſtand ihrer tadelnden Bemerkungen, und die liebe Noth die ich mit den Kindern hatte wurde immer ſo angeſehen, als wenn ich ſelbſt die Veranlaſſerin derſelben wäre. Ich erzähle Dir dieß, damit Du nicht den Gedanken 9 hegſt, als bereue ich das Aufgeben meiner Stelle. Weit entfernt davon, meine Liebe, ich bin recht froh aus dem Hauſe fort zu ſein. Ich habe mir einiges Geld erſpart, Magdalene, und ich möchte es ſo gerne dazu verwenden, ein Bir⸗ Paar Tage bei Dir zuzubringen. Mein Herz ſehnt ſich ſchmerzlich nach dem Anblick meiner Schweſter on, i und meine Ohren dürſten nach dem Klang ihrer Stimme. Ein Wort von Dir, das mir ſagt wo wir zuſammentreffen können, iſt Alles was mir fehlt. Denk darüber nach— ich bitte Dich, denk darüber reeibſt nach. mir Vermuthe ja nicht daß ich wegen des erſten Un⸗ arth. ſterns entmuthigt bin. Es gibt noch viele gute Leute wird in der Welt und etwelche von ihnen dürften mir ndere ſchon in nächſter Zeit eine Stelle anbieten. Der Weg zum Glück iſt oft ſehr hart zu finden, härter aber erne, noch, denke ich, für Frauenzimmer als für Männer. ) be⸗ Aber wenn wir nur geduldig und lange genug dar⸗ einen nach ſtreben, ſo werden wir es endlich doch erreichen men;— im Himmel, wenn nicht auf der Erde. Ich denke mir daß mein Weg jezt der Weg iſt welcher mich wie⸗ ihre der zu Deinem Wiederſehen führt. Vergiß das nicht, igen; meine Liebe, das nächſte Mal wenn Du gedenkſt hende* Deiner Nora. Leben Er⸗ ihrer ie ich ehen, wäre. anken 10 IV. Fräulein Garth an Magdalene. Weſtmorelandhaus, den 1. Juli. Meine theure Magdalene! Beſorgen Sie beim Anblick meiner Handſchrift ja keine nuzloſen Vorwürfe. Der einzige Zweck die⸗ ſes Briefes iſt Ihnen Etwas zu erzählen, von dem ich weiß daß Ihre Schweſter es Ihnen niemals ſagen wird. Es iſt ihr ganz und gar unbekannt daß ich an Sie ſchreibe. Belaſſen Sie dieſelbe auch in die⸗ ſer Unwiſſenheit, wenn Sie ihr unnöthige Beſorgniß und einen unnöthigen Kummer erſparen wollen. Noras Brief theilt Ihnen ohne Zweifel mit daß ſie ihre Stelle aufgegeben hat. Ich betrachte es als meine peinliche Pflicht, hinzuzufügen daß ſie dieſelbe Ihretwegen aufgegeben hat. Die Sache verhielt ſich folgendermaßen. Die Her⸗ ren Wyatt, Pendril und Gwilt ſind die Sachwalter des Herrn in deſſen Familie Nora ihren Platz hatte. Der Beruf, den Sie ſelbſt gewählt haben, iſt ſchon ſeit letztem December allen⸗Betheiligten bekannt. Sie wurden hei einer öffentlichen Vorſtellung zu Derby von der Perſon ausfindig gemacht, die den Auftrag hatte, Sie in York aufzuſuchen; dieſe Entdeckung wurde von Herrn Wyatt Noras Dienſtherrn vor ein paar Tagen mitgetheilt, als Erwiderung auf die di⸗ recten Anfragen die von Seiten jenes Herrn über Ihre Perſon gethan wurden. Seine Frau und ſeine Mutter, die bei ihm lebt, hatten den ausdrücklichen 4 Wu zieh den treff wor deßn Mit gela ſpre Fan zu ſ mit, Land Vor deßn gere ganz gele zugl eine Ihn zu h aus; hätt ange hatte wur künd Wor das 11 Wunſch geäußert, daß er jene Erkundigungen ein⸗ ziehen ſollte, weil in ihnen auf Grund der ausweichen⸗ den Antworten, die Nora auf alle ihre Schweſter be⸗ treffenden Fragen gab, bedenkliche Zweifel wach ge⸗ nli. worden waren. Sie kennen Nora zu wohl, um ſie deßwegen zu tadeln. Ausflüchte waren das einzige Mittel, welches Ihr gegenwärtiges Leben ihr übrig hiſt 3 gelaſſen hatte, um nicht geradezu eine Lüge auszu⸗ 1 ſprechen. dem Am nämlichen Tage ließen die zwei Frauen der achn Familie, die ältere und die jüngere, Ihre Schweſter ich zu ſich kommen und theilten derſelben ihre Entdeckung die⸗ mit, daß Sie unter einem angenommenen Namen im gniß Lande von Ort zu Ort herumſtrichen und öffentliche daß Vorſtellungen gäben. Sie waren gerecht genug, Nora 5 deßwegen nichts in die Schuhe zu ſchieben, ſie waren als gerecht genug, anzuerkennen daß ihre Aufführung eine ſelbe ganz untadelhafte ſei, ſo wie ich hiefür Bürgſchaft Zer. geleiſtet, als ich ihr die Stellung verſchaffte. Aber Fs zugleich machten ſie es ihr zur poſitiven Bedingung alter eines fernern Verbleibens in ihrem Dienſte, daß ſie atte. Ihnen niemals geſtatten dürfe ſie in ihrem Hauſe hon zu beſuchen, oder mit Ihnen zuſammenzukommen und Sie auszugehen, wenn ſie die Aufſicht über die Kinder erby 4 hätte. Ihre Schweſter— die geduldig alles Un⸗ trag angenehme das man ihr ſelbſt aufbürdete ertragen ung hatte— fühlte augenblicklich den Stein des Vor⸗ ein wurfs den man auf Sie geſchleudert hatte. Sie di⸗= kündigte ihrer Herrſchaft auf der Stelle auf; heftige ber Worte folgten und ſie verließ noch an dieſem Abend das Haus. Ich will Sie durchaus nicht in eine Unruhe da⸗ chen 12 durch verſetzen, daß ich Ihnen den Verluſt ihrer Stelle in dem Lichte eines Unglücks hinſtelle. Nora fühlte ſich darin nicht ſo glücklich, als ich gehofft und geglaubt hatte. Es war mir unmöglich vor⸗ auszuwiſſen daß die Kinder ſo ungezogen und wider⸗ ſpenſtig waren, und daß die Mutter des Eheherrn gewohnt war, ihren Hang zur Herrſchſucht alle Leute fühlen zu laſſen. Ich will gern zugeben daß es für Nora gut iſt aus dieſer Stellung herausgekommen zu ſein. Aber damit iſt die Quelle des Kummers nicht verſiegt. Nach Allem was Sie und ich vom Gegentheil wiſſen, wird der Kummer noch fortdauern. Was in dieſer Stelle vorgekommen iſt, kann auch in einer andern vorkommen. Ihre Lebensart iſt, ſo rein auch Ihr Charakter immer ſein mag— und ich will Ihnen ja die Gerechtigkeit zu Theil werden laſſen, zu glauben daß er rein iſt— für alle an⸗ ſtändigen Leute ein Stein des Anſtoßes. Ich habe lang genug in dieſer Welt gelebt, um zu wiſſen daß von zehn engliſchen Damen neun in Bezug auf das Schicklichkeitsgefühl unerbittliche Richterinnen ſind. Noras nächſte Dienſtherrſchaft dürfte nur Wind von Ihnen bekommen, ſo würde vielleicht Nora ihre Stelle alsbald wieder verlaſſen müſſen, ohne daß wir im Stande wären ſogleich wieder eine andere zu finden. Ich gebe dieß Ihrer Erwägung anheim. Mein Kind! denken Sie nicht daß ich hart gegen Sie ſei. Ich bin bloß beſorgt für die Ruhe Ihrer Schweſter. Magdalene, wenn Sie das Vergangene vergeſſen und zurückkommen wollen, ſo vertrauen Sie immerhin ge⸗ troſt Ihrer alten Gouvernante, daß ſie ebenfalls ver⸗ ihrer Nora ehofft vor⸗ bider⸗ herrn Leute 3 für nmen mers vom 13 geſſen und Ihnen eine Heimath geben wird welche Ihre Eltern Ihnen einſt geben wollten. Allezeit, meine Theure, Ihre Freundin Harriet Garth. V. Francis Clare, der jüngere, an Magdalene. Schanghai in China, den 23. April 1847. Meine theure Magdalene! Ich habe die Beantwortung Deines Briefes in Folge meines verwirrten Geiſteszuſtandes, der mich unfähig machte Dir zu ſchreiben, verſchoben. Ich bin noch unfähig, allein ich fühle daß ein weiterer Ver⸗ zug nicht zuläſſig iſt. Mein Ehrgefühl richtet mich auf und ich unterziehe mich dem ſchmerzlichen Geſchäft, dieſen Brief zu ſchreiben. Meine Ausſichten in China ſind alle verſchwun⸗ den. Die Firma, an welche ich gleich einem Waaren⸗ ballen auf rohe Weiſe übermacht worden bin, hat meine Geduld durch eine ganze Litanei von kleinlichen Beleidigungen erſchöpft, und ich fühlte mich aus Gründen der Selbſtachtung bewogen aus deren Dienſt auszutreten, nachdem mein Werth ſchon von vornen herein unterſchätzt worden war. Von einer Rückkehr nach England iſt unter bewandten Umſtänden gar keine Rede. Man iſt in meinem Vaterlande zu grau⸗ ſam mit mir umgegangen, als daß ich wieder in daſſelbe zurück möchte, ſelbſt wenn ich könnte. Ich habe im Sinn mich an Bord eines Kauffarteiſchiffes 14 in dieſen Gewäſſern einzuſchiffen und in der Eigen⸗ ſchaft eines Handlungsdieners womöglich meinen Weg für mich ſelbſt zu machen. Wie es enden, oder wie es mir in nächſter Zeit gehen wird, iſt mehr als ich ſagen kann. Es liegt auch blutwenig daran was aus mir werden ſoll. Ich bin ein Pilger und Verbann⸗ ter, lediglich durch die Schuld Anderer. Der gefühl⸗ loſe Wunſch meiner Angehörigen, ſich meine Perſon vom Halſe zu ſchaffen, hat ſeine Abſicht erreicht. Man hat mich auf gute Art abgeſchüttelt. Es gibt nur ein einziges Opfer mehr deſſen Voll⸗ bringung mir übrig bleibt, das Opfer meiner theuer⸗ ſten Herzensgefühle. Da ich keine Ausſichten vor mir habe, keine Wahrſcheinlichkeit der Rückkehr in die Heimath ſehe, wie kann ich hoffen daß es mir möglich ſein wird meinen Verpflichtungen gegen Dich nach⸗ zukommen? Niemals! Ein ſelbſtſüchtigerer Mann als ich bin würde aus dieſen Verpflichtungen eine unzerreißbare Kette für Dich ſchmieden, ein weniger bedächtiger Mann als ich würde Dich Jahre lang hinziehen— und am Ende doch ohne allen Zweck. So grauſam man mich auch mit Füßen getreten hat, ſo ſind meine Gefühle doch zu zart, als daß ſie mir erlaubten auf gleiche Weiſe zu handeln. Ich ſchreibe es mit Thränen in den Augen— Du ſollſt Dein Schickſal nicht mit dem eines Ausgeſtoßenen verketten. Nimm dieſe Zeilen eines gebrochenen Herzens als eine Auflöſung Deines Verſprechens hin. Unſer ge⸗ genſeitiges Verhältniß hat ein Ende. Der einzige Troſt, der mich aufrecht erhält indem ich Dir das lezte Lebewohl ſage, iſt daß keines von uns einen Vorwurf verdient. Du magſt unter dem Einfluß mei⸗ nes die j geha volle würd Geht nach, mehr mich Ich Es i Kraf ben mir vorn glück zum wün bleil igen⸗ Weg wie s ich aus ann⸗ fühl⸗ erſon eicht. Voll⸗ zuer⸗ vor die glich nach⸗ tann eine niger lang weck. hat, mir reibe Dein tten. als ge⸗ zige das inen mei⸗ nes Vaters ſchwach gehandelt haben, aber ich hege die ſichere Ueberzeugung, daß Du in beſtem Glauben gehandelt haſt. Niemand ahnte was die verhängniß⸗ vollen Folgen meiner Vertreibung aus England ſein würden, als ich allein— und mir ſchenkte man kein Gehör. Ich gab meinem Vater nach, ich gab Dir nach, und das iſt nun das Ende davon! Ich fühle mich zu ſehr angegriffen, als daß ich mehr ſchreiben könnte. Mögeſt Du nie erfahren was mich die Auflöſung unſeres Verhältniſſes gekoſtet hat! Ich bitte Dich, mache Dir nicht ſelbſt einen Vorwurf. Es iſt nicht Deine Schuld, daß die in mir wohnende Kraftfülle von Andern in ein falſches Geleiſe geſcho⸗ ben worden iſt; es iſt nicht Deine Schuld, daß ſich mir nie eine paſſende Gelegenheit darbot, im Leben vorwärts zu kommen. Vergiß den verlaſſenen Un⸗ glücklichen der ſeine heißen Gebete für Dein Glück zum Himmel ſchickt, der Dir alles mögliche Gute wünſcht und auf immer Dein aufrichtiger Freund bleiben wird. Francis Clare jun. VI. Francis Clare, der ältere, an Magdalene. (Begleitſchreiben des vorigen Briefes.) Ich ſagte es allezeit Ihrem armen Vater daß mein Sohn ein Narr ſei; aber ich wußte niemals daß er ein Schuft war, bis die Poſt aus China an⸗ kam. Ich habe allen Grund zu glauben daß er ſeine Principale unter den ſchimpflichſten Umſtänden ver⸗ laſſen hat. Vergeſſen Sie ihn von jezt an, wie ich ſelbſt gethan habe. Als Sie und ich uns das lezte Mal unter vier Augen ſprachen, haben Sie ſich ſehr gut gegen mich in dieſer Angelegenheit benommen. Alles was ich Ihnen zur Vergeltung dafür ſagen kann, ſage ich Ihnen. Mein Mädchen, ich bin ſehr betrübt Ihretwegen. F. C. VII. Frau Wragge an ihren Mann. lieber Herr um Himmels willen kommen Sie hieher und helfen Sie uns Sie hatte geſtern einen ſchrecklichen Brief ich weiß nicht welchen aber ſie las ihn im Bette und als ich mit dem Frühſtück zu ihr hereinkam fand ich ſie todt und wenn der Doctor nicht zwei Thüren davon geweſen wäre hätte niemand an⸗ ders ſie wieder ins Leben bringen können und ſie ſizt und ſieht erſchrecklich aus und ſpricht kein Wort ihre Augen erſchrecken mich ſo daß ich von Kopf bis zu Fuß zittere ach ſind Sie ſo freundlich und kommen Sie ich habe ſo ſchnell gemacht als möglich und ich kann ſie ſo gut leiden und ſie hat mich immer ſo gut behandelt und der Wirth ſagt er habe Furcht ſie werde ſich ein Leid anthun ich wollte ich könnte gerade ſchreiben aber ich thue ſo zittern Ihr unter⸗ thäniges Eheweib matilde wragge entſchuldigen Sie die Fehler und bitte Sie auf meinen Knien kommen Sie und helfen uns der Doctor gut Mann will noch einige meini untert M daß i Vauxl Dame iſt. aus e in me ſelbſt. worder Geiſt unmög im vo Bewuf ſtunder chen ſi will. ſo kan herbeif keit, m Verwa Einfluf munter ſeine ver⸗ e ich lezte ſehr men. agen ſehr C. Sie einen las ihr nicht an⸗ ſizt ihre 8 zu men ich r ſo urcht unte nter⸗ Sie men noch 17 einiges ſelbſt hinzuſezen aus Furcht Sie könnten das meinige nicht verſtehen und bleibe noch einmal ihr unterthäniges Eheweib matilde wragge. (Beiſchrift des Doctors.) Mein Herr, geſtatten Sie mir Ihnen mitzutheilen daß ich geſtern in ein benachbartes Haus auf der Vaurhallpromenade gerufen wurde, um einer jungen Dame beizuſtehen welche plözlich unwohl geworden iſt. Ich brachte ſie nur mit der allergrößten Mühe aus einer der hartnäckigſten Ohnmachten, die mir je in meiner Praxis vorgekommen iſt, wieder zu ſich ſelbſt. Seit dieſer Zeit iſt ſie nicht mehr recidiv ge⸗ worden, aber es muß offenbar ein tiefer Kummer ihren Geiſt niederdrücken, deſſen Entfernung ich bis jezt unmöglich fand. Sie ſizt, wie man mir berichtete, im vollkommenen Schweigen und ohne das geringſte Bewußtſein alles deſſen was um ſie herum vorgeht ſtundenlange da, mit einem Briefe in der Hand wel⸗ chen ſie ſich durchaus von Niemanden nehmen laſſen will. Wenn dieſer Zuſtand geiſtigen Druckes andauert, ſo kann er ſehr gefährliche Folgen für ihr Gemüth herbeiführen; und ich thue nichts als meine Schuldig⸗ keit, wenn ich den Rath gebe, es möchte irgend eine Verwandte oder Freundin ſich ihrer annehmen, die Einfluß genug auf ſie beſitzt um ſie wieder aufzu⸗ muntern. Ihr ergebenſter Diener Richard Jarris, practiſcher Chirurg. Collins, Namenlos. III. 2 1 VIII. Nora an Magdalene. Den 5. Juli. Um Gottes willen, ſchreib mir nur eine Zeile, um mir zu ſagen ob Du noch in Birmingham biſt und wo ich Dich dort finden kann! Ich habe juſt von dem alten Herrn Clare Nachricht erhalten. Ach, Magdalene, wenn Du nicht Mitleid mit Dir ſelbſt haſt, ſo habe wenigſtens Mitleid mit mir! Der Ge⸗ danke, daß Du allein unter fremden Perſonen Dich befindeſt, der Gedanke, daß dein Herz gebrochen ſein muß unter dieſem erſchrecklichen Schlag, verläßt mich keinen Augenblick. Keine Worte können beſchreiben, was ich Deinetwegen empfinde. Meine Herzgeliebte, erinnere Dich der beſſern Tage zu Hauſe, ehe der elende Bube ſich in Dein Herz ſtahl; erinnere Dich an die glückliche Zeit in Rabenſchlucht, wo wir immer beiſammen waren. O nein, o nein, behandle mich nicht als eine Fremde! Wir ſtehen allein jezt in der Welt; laß mich kommen und Dich tröſten, laß mich Dir mehr als eine Schweſter ſein, wenn es mir möglich iſt. Eine Zeile, eine einzige Zeile nur, um mir zu ſagen wo ich Dich finden kann! A hat T haſt d wieder geleſer durch Mein todt, De Ruhe als ol hätte, zugleie in we jemals ihrer L handelt heit ha ſchwer Juli. Zeile, am biſt be juſt 1. Ach, r ſelbſt der Ge⸗ en Dich den ſein ßt mich hreiben, geliebte, ehe der rre Dich r immer dle mich jezt in ten, laß es mir nur, um 19 IX. Magdalene an Nora. Den 7. Juli. Meine theuerſte Nora! Alles was Deine Liebe für mich wünſchen kann hat Dein Brief vollbracht. Du, und nur Du allein, haſt den Weg zu meinem Herzen gefunden; ich konnte wieder denken, ich konnte wieder fühlen, nachdem ich geleſen was Du mir geſchrieben hatteſt. Laß mich durch dieſe Verſicherung Deine Beſorgniſſe zerſtreuen. Mein Geiſt lebt und athmet noch einmal; er war todt, bis ich Deinen Brief erhielt. Der Schlag, der mich getroffen, hat eine ſeltſame Ruhe in mir zurückgelaſſen. Ich habe ein Gefühl, als ob ich mich von meinem frühern Ich losgeriſſen hätte, als ob die Hoffnungen alle, mir einſt ſo theuer, zugleich mit der Zeit verſchwunden wären, die jezt in weiter Entfernung hinter mir liegt. Ich kann auf das Wrack meines Lebens mit mehr Ruhe hin⸗ blicken, als Du, Nora, es vermöchteſt, wenn wir Beide wieder beiſammen wären. Ich traue mir ſo⸗ gar bereits ſo viel Kraft zu von Frank zu ſchreiben. Geliebte Schweſter! ich denke, kein Weib weiß jemals wie ganz und gar ſie ſich ſelbſt dem Manne ihrer Liebe hingibt, bis dieſer Mann ſie ſchlecht be⸗ handelt hat. Wirſt Du Nachſicht mit meiner Schwach⸗ heit haben, wenn ich Dir geſtehe daß es mir centner⸗ ſchwer auf das Herz fiel, als ich jene Stelle Deines —. Briefes las, welcher Frank einen Elenden und einen Buben nennt? Kein Menſch kann mich deßwegen ſo verachten, wie ich mich ſelbſt verachte. Ich bin gleichſam ein Hund, der zurückkriecht und die Hand ſeines Herrn beleckt die ihn geſchlagen hat. Aber es iſt ſo— ich möchte es Niemanden bekennen als Dir allein— es iſt wahrhaftig und in der That ſo. Er hat mich betrogen und verlaſſen; er hat mir ein grauſames Lebewohl geſchrieben— aber ich nenne ihn keinen elenden Buben! Wenn er Reue fühlte und wieder zu mir zurückkäme, ſo würde ich lieber ſterben als ihn jetzt noch heirathen! und dennoch ver⸗ lezt es mich tief in meinem Herzen, wenn ich das Wort Bube von Deiner Hand geſchrieben erblicke! Wenn er ſchwach in der Ausführung ſeiner Zwecke iſt, wer ſtellte ſeine Schwachheit über das Maß ſei⸗ ner Kräfte auf die Probe? Glaubſt Du wohl daß dieß vorgekommen wäre, wenn uns Michael Vanſtone nicht unſeres Eigenthums beraubt und damit Frank gezwungen hätte mich zu verlaſſen und nach China zu reiſen? Binnen einer Woche von dieſem Zeitpunkt an wäre das Aufſchubsjahr abgelaufen geweſen und ich wäre Franks Weib geworden, wenn man mir meine Mitgift nicht genommen hätte. Du wirſt ſagen— nach Allem was vorgefallen iſt es gut daß ich einer ſolchen Heirath entgangen ſei. Meine Liebe! es gibt etwas Verkehrtes in meinem Herzen welches antwortet: Nein! Ich wäre beſſer Franks unglückliches Weib geweſen, als das freie Mädchen das ich jezt bin. Ich habe ihm nicht geſchrieben. Er ſchickte mir keine Adreſſe, unter welcher ich ihm ſchreiben könnte, —,— 21 ſelbſt wenn ich wollte. Aber ich habe auch kein Verlangen darnach. Ich will noch warten, bevor ich ihm mein Lebewohl ſende. Wenn jemals der Tag kommt, wo ich das Vermögen habe welches ich, wie mein Vater ihm verſprochen hat, ihm zubringen ſollte, weißt Du was ich damit thun würde? Ich würde es ganz Frank ſchenken, als meine Rache an ihm für ſeinen Brief, als das lezte Wort des Abſchieds von dem Mann welcher mich verlaſſen hat. Laß mich dieſen Tag noch erleben! Laß mich, liebe Nora, in der Hoffnung beſſerer Zeiten für Dich leben; das iſt all die Hoffnung, die mir noch übrig geblie⸗ ben iſt. Wenn ich an Dein hartes Leben denke, ſo kann ich faſt noch einmal die Thränen in meinen müden Augen fühlen; ich kann faſt denken daß ich zu meinem früheren Selbſt zurückgekehrt bin. Ich werde Dir nicht hartherzig und undankbar erſcheinen, wenn ich Dir ſage daß wir noch eine Weile warten müſſen, bevor wir wieder zuſammen kommen. Ich möchte erſt beſſer gefaßt ſein Dich zu ſehen, als ich es jezt bin. Ich möchte Frank erſt noch in weitere Entfernung von mir und Dich noch näher zu mir bringen. Sind das haltbare Gründe? Ich weiß es nicht— frage mich nicht nach Gründen. Empfange den Kuß den ich hier auf die Stelle drücke, wo der kleine Kreis auf dem Papier gezogen iſt, und laß uns durch dieſes Mittel für die Gegenwart vereint glauben, bis ich Dir wieder ſchreibe. Gehab Dich wohl, meine Liebe. Mein Herz iſt Dir treu, Nora— aber ich wage Dich noch nicht zu ſehen. Magdalene. X. Magdalene an Früulein Garth. Den 15. Juli. Liebes Fräulein Garth! Ich bin Ihnen lange die Antwort auf Ihren Brief ſchuldig geblieben, aber Sie wiſſen was vor⸗ gefallen iſt, und Sie werden mir daher verzeihen. Alles was ich zu ſagen habe kann in wenig Worten geſagt werden. Sie können beſtimmt darauf rechnen daß ich niemals wieder gegen das allgemeine Anſtandsgefühl feindlich auftreten werde. Ich habe die Welt genug kennen gelernt, um ſie die nächſte Zeit zu meiner Mitſchuldigen zu machen. Nora wird meinetwegen keine zweite Stelle aufgeben müſſen— mein Leben als Künſtlerin iſt abgeſchloſſen. Es war, Gott weiß es, harmlos genug. Ich erlebe es vielleicht noch, und vielleicht auch Sie, daß wir den Tag betrauern wo ich es aufgegeben habe— aber ich werde niemals wieder zu ihm zurückkehren. Es hat mich verlaſſen, wie mich Frank verlaſſen hat, wie mich alle meine beſſern Gedanken verlaſſen haben, außer meine Gedanken an Nora. Genug von mir ſelbſt! Soll ich Ihnen etwas Neues erzählen, um dieſen langweiligen Brief etwas heiterer zu machen? Herr Michael Vanſtone iſt todt und Herr Noel Vanſtone iſt in den Beſiz von mei⸗ nem und Noras Vermögen getreten. Er iſt dieſer Erbſchaft vollkommen würdig. An ſeines Vaters Ste ſein tere gan wie mic in war ſchl. zähl iſt Bri als Allz vern einn wür thät ſicht vern Ich verg meirn und Beid warn 2 eine Sie 23 Stelle würde er uns eben ſo gut ruinirt haben wie ſein verſtorbener Vater. Sonſt habe ich Ihnen nichts Weiteres von In⸗ tereſſe für Sie zu ſagen. Seien Sie meinetwegen ganz ohne Sorgen. Ich beſtrebe mich, meinem Geiſt wieder die frühere Spannkraft zu geben; ich beſtrebe mich das arme getäuſchte Mädchen zu vergeſſen, das in den alten Tagen zu Rabenſchlucht thöricht genug war in Frank vernarrt zu werden. Manchmal über⸗ ſchleicht mich noch eine bange Sehnſucht, die mir er⸗ zählt daß jenes Mädchen noch nicht ganz vergeſſen iſt— aber dieß kommt nicht oft vor. Es war ſehr gütig von Ihnen daß Sie in Ihrem Briefe an ein ſo verlorenes Weſen, wie ich bin, ſich als„allzeit meine Freundin“ bezeichnet haben. Allzeit iſt ein keckes Wort, meine theure alte Gou⸗ vernante! Ich bin äußerſt begierig, ob Sie nicht einmal wünſchten es zurücknehmen zu können? Es würde keinen Unterſchied machen, wenn Sie es auch thäten, denn ich werde allzeit dankbare Gefühle hin⸗ ſichtlich der vielen Mühe hegen welche Sie an mich verwendeten, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich habe Ihnen dieſe Müuhe ſchlecht vergolten, ſchlecht vergolten auch ihre freundliche Güte gegen mich in meinem ſpätern Leben. Ich bitte um Ihre Verzeihung und um Ihr Mitleid. Das Beſte was Sie für uns Beide thun können, iſt mich zu vergeſſen. Mit warmer Zärtlichkeit die Ihrige, Magdalene. N. S. Ich öffne den Brief noch einmal, um eine Zeile hinzuzufügen. Um Gottes willen zeigen Sie Nora dieſen Brief nicht. XI. Magdalene an Capitän Wragge. Vauxhallpromenade, den 17. Juli. Wenn ich mich nicht irre, war es ausgemacht daß ich Ihnen nach Birmingham ſchreiben ſollte, ſobald ich wieder Gemüthsruhe genug gefunden hätte, um an die Zukunft denken zu können. Mein Geiſt iſt end⸗ lich wieder in ſeiner Ordnung, und ich bin jezt im Stande die Dienſte zu acceptiren, die Sie mir ohne allen und jeden Vorbehalt angeboten haben. Ich bitte Sie, mir die Art und Weiſe zu ver⸗ geben, mit welcher ich Sie bei Ihrer Ankunft in dieſem Hauſe empfangen habe, nachdem Sie die Nachricht von meiner plözlichen Erkrankung vernom⸗ men hatten. Ich war durchaus unfähig mich ſelbſt zu beherrſchen! Es laſtete auf mir ein Seelenſchmerz, welcher mich damals ganz ſinnlos machte. Sie haben den vollkommenſten Anſpruch auf meine Dankbarkeit für die Schonung, womit Sie mich zu einer Zeit be⸗ handelten wo Schonung für mich eine wahre Wohl⸗ that war. Ich will nun in möglichſter Kürze und Deutlich⸗ keit meine Wünſche in Betreff der Dienſte die Sie mir leiſten ſollen aufzählen. In erſter Linie erſuche ich Sie ſämmtliche An⸗ zugsartikel, die ich zu den dramatiſchen Vorſtellungen benüzte, ſo geheim als möglich zu verkaufen. Ich habe dieſe Vorſtellungen für immer aufgegeben, und 6 ich: tigh zu n hält, zu ſ bring Auft 5 bei. dara⸗ Herr⸗ mena ort mach Frau ſich in jer ſtone zugle beſore lich n Voraĩ imme einige A möbli mich vorder für I Bedie mens ich wünſche frei von Allem zu ſein, was mich künf⸗ tighin zufällig daran erinnern würde. Der Schlüſſel zu meinem Koffer iſt dieſem Briefe beigeſchloſſen. Den andern Koffer, welcher meine Kleider ent⸗ hält, werden Sie freundlich genug ſein in dieſes Haus zu ſchicen. Ich verlange nicht, daß Sie ihn mir ſelbſt bringen, weil ich Ihnen einen noch weit wichtigern Auftrag anzuvertrauen habe. Was die Mittheilungen anbelangt, welche Sie bei Ihrer Abreiſe für mich hinterließen, ſo ziehe ich daraus den Schluß, daß Sie während dieſer Zeit Herrn Noel Vanſtones Spur von der Vauxhallpro⸗ menade bis vor ſeinen gegenwärtigen Aufenthalts⸗ ort verfolgt haben. Wenn Sie die Entdeckung ge⸗ macht und hinlänglich verſichert ſind daß Sie weder Frau Lecounts noch ihres Herrn Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen haben, ſo wünſche ich daß Sie alsbald in jener Stadt oder jenem Ort, wo Herr Noel Van⸗ ſtone ſeinen Aufenthalt genommen hat, für mich(und zugleich für Sie und Frau Wragge) eine Wohnung beſorgen. Ich ſchreibe dieß— es iſt wohl ſchwer⸗ lich nöthig dieß zu ſagen— unter der ausdrücklichen Vorausſezung, daß Noel Vanſtone, wo er auch immer ſeinen Wohnſiz aufgeſchlagen hat, wenigſtens einige Zeit daſelbſt verweilen werde. Wenn Sie unter dieſen Bedingungen ein kleines möblirtes Haus das monatlich vermiethet wird, für mich ausfindig machen können, ſo miethen Sie es vorderhand auf einen Monat. Sagen Sie daß es für Ihre Frau. Ihre Nichte und für Sie ſelbſt ſei. Bedienen Sie ſich irgend eines angenommenen Na⸗ mens wenn Sie wollen; es muß aber ein ſolcher 26 Name ſein, welchem man getroſt vertrauen kann daß er die argwöhniſchſten Nachforſchungen zu nichte mache. Ich überlaſſe dieß Ihrer Erfahrung in ſolchen Din⸗ gen. Das Geheimniß, wer wir in Wirklichkeit ſind, muß ſo ſtrenge bewahrt werden, als wenn es ein Geheimniß wäre von dem unſer Leben abhängt. Allenfallſige Auslagen, die Sie bei Ausführung meiner Wünſche zu machen haben, werde ich Ihnen unmittelbar zurückerſtatten. Wenn Sie ohne Schwie⸗ rigkeiten ein Haus der Art, wie ich wünſche, auf⸗ finden, dann iſt es nicht nöthig daß Sie nach London zurückkehren und uns abholen. Wir können zu Ih⸗ nen kommen, ſobald wir wiſſen wohin wir zu gehen haben. Das Haus muß vollkommen anſtändig und Herrn Noel Vanſtones gegenwärtigem Wohnſiz, der⸗ ſelbe mag ſich wo immer befinden, vernunftgemäß ganz nahe ſein. Sie müſſen mir erlauben in dieſem Briefe über den Plan ſtillſchweigend hinwegzugehen den ich aus⸗ zuführen beabſichtige. Ich bin keineswegs geneigt eine ſchriftliche Erklärung zu riskiren. Wenn alle unſere Vorbereitungen getroffen ſind, ſollen Sie aus meinem eigenen Munde vernehmen was ich Ihnen für mich zu thun vorſchlage, und ich erwarte von Ihnen hinwiederum eine unumwundene Erklärung darüber, ob Sie mir unter den vortheilhafteſten Be⸗ dingungen die ich Ihnen anzubieten im Stande bin Ihren Beiſtand gewähren wollen oder nicht. Ein Wort noch ehe ich dieſen Brief ſiegle: Wenn ſich Ihnen, nachdem Sie das Haus ge⸗ miethet haben und bevor wir wieder zuſammen treffen, irgend eine günſtige Gelegenheit darbietet, mit höflie dieſel gegen gegen diglich ſchaft licher Eintre bahne ja kei Sie beoba worter ſezung zu S unſere miethe richten geſezt ich ſie Zukun ner( grillen leiden lezten in daß mache. Din⸗ ſind, 's ein t. hrung Ihnen chwie⸗ auf⸗ ondon 1 Ih⸗ gehen und „der⸗ gemäß über aus⸗ meigt alle aus hnen von rung Be⸗ bin ge⸗ imen ietet, 27 mit Herrn Vanſtone oder Frau Lecount ein paar höfliche Redensarten auszutauſchen, ſo laſſen Sie dieſelben ja nicht unbenützt. Es iſt für meinen gegenwärtigen Plan von großer Wichtigkeit daß wir gegenſeitige Bekanntſchaft machen und daß dieß le⸗ diglich als das zufällige Ergebniß der nahen Nachbar⸗ ſchaft erſcheint. Es iſt mein Wunſch, daß Sie mög⸗ licher Weiſe noch vor meinem und Frau Wragges Eintreffen bei Ihnen den Weg zu dieſem Zweck an⸗ bahnen möchten. Ferner ſollen Sie, ich bitte darum, ja keinen günſtigen Augenblick vorbeigehen laſſen, wo Sie abſonderlich Frau Lecount mit aller Sorgfalt beobachten. Jedweder Beiſtand, den Sie mir ſchon am Anfang dadurch leiſten, daß Sie dieſer Frau eine Binde um ihre ſcharfen Augen legen, wird für mich der werthvollſte Beiſtand ſein, den ich jemals aus Ihren Händen empfangen habe. Es iſt nicht nöthig dieſen Brief ſofort zu beant⸗ worten, wofern ich unter einer irrthümlichen Voraus⸗ ſezung deſſen, was Sie ſeit Ihrer Abreiſe von London zu Stande gebracht, geſchrieben habe. Ich habe unſere Wohnung noch für eine weitere Woche ge⸗ miethet, und kann alſo immerhin füglich auf Nach⸗ richten von Ihnen warten, bis Sie in den Stand geſezt ſind, mir ſolche Neuigkeiten mitzutheilen, wie ich ſie zu empfangen wünſche. Sie dürfen für die Zukunft unter allen möglichen Verhältniſſen ſich mei⸗ ner Geduld vollkommen verſichert halten. Meine grillenhaften Launen ſind verſchwunden und mein leidenſchaftliches Temperament hat Ihre Nachſicht zum lezten Mal auf die Probe geſtellt. Magdalene. XII. Capitän Wragge an Magdalene. Nordſtein Villa zu Aldborough in Suffolk, den 22. Juli. Mein liebes Mädchen! Ihr Brief hat mich erfreut und gerührt. Ihre Entſchuldigungen ſind geraden Wegs zu meinem Her⸗ zen gedrungen, und Ihr Vertrauen auf meine ge⸗ ringen Fähigkeiten hat die nämliche Richtung ein⸗ geſchlagen. Der Puls des alten Milizmannes ſchlägt mit Stolz bei dem Gedanken an das Zutrauen das Sie ihm geſchenkt haben, und gelobt es auch zu verdienen. Laſſen Sie ſich durch dieſen genialen Empfindungsausbruch nicht überraſchen. Alle enthu⸗ ſiaſtiſche Naturen müſſen gelegentlich losknallen und meine Losknallungsform ſind Worte. Ich habe Alles gethan, was Sie von mir for⸗ derten. Das Haus iſt gemiethet; der Name iſt ge⸗ funden und ich habe die perſönliche Bekanntſchaft der Frau Lecount gemacht. Nachdem Sie dieſen allgemeinen Stand der Dinge geleſen haben, wird ſich Ihr Geiſt natürlich auch dafür intereſſiren, über die nähern Details aufgeklärt zu werden. Hier ſtehen ſie zu Ihren Dienſten. Den Tag, nachdem ich Sie in London verlaſſen hatte, verfolgte ich Herrn Noel Vanſtones Spur bis an dieſen kleinen, artigen, an der See gelegenen Erdenwinkel. Einer von den unzähligen Ankäufen ſei⸗ nes Vaters war ein Haus zu Aldborough, einem 14 aufbli keinen wohnt in Lo⸗ zinsfre ſeinem Herbſt ledigli Thüre nieder⸗ Guine⸗ die W den n faſhion um da Un ſichtigr Meine doch n „Häu von I⸗ platz zu lien⸗ 1 Auskun meiner Laufba Häute Zuſtan Anprol für un einer mich in uffolk, Ihre n Her⸗ ne ge⸗ g ein⸗ ſchlägt en das ich zu nialen enthu⸗ n und r for⸗ ſt ge⸗ tſchaft dieſen wird über ſtehen aſſen r bis genen n ſei⸗ inem d 29 aufblühenden Badeort, ſonſt hätte 2 keinen Knopf dafür hergegeben. In dieſem Hauſe wohnt nun der verächtliche kleine Geizhals, welcher in London ſchon zinsfrei gewohnt hatte, abermals zinsfrei an der Küſte von Suffolk. Er hat ſich in ſeinem gegenwärtigen Wohnſiz für den Sommer und Herbſt eingerichtet, und Sie und Frau Wragge haben lediglich bloß zu mir hieher zu kommen, um fünf Thüren weit von ihm in dieſer eleganten Villa ſich niederzulaſſen. Ich habe das ganze Haus für drei Guineen wöchentlich bekommen und haben wir dabei die Wahl, ob wir auch noch den Herbſt über um den nämlichen Preis da bleiben wollen. In einem faſhionabeln Badeort würde ein ſolcher Wohnſiz noch um das doppelte Geld wohlfeil geweſen ſein. Unſer neuer Name iſt mit ſorgfältiger Berück⸗ ſichtigung Ihrer Andeutungen ausgewählt worden. Meine Bücher— ich hoffe, Sie haben meine Bücher doch nicht vergeſſen?— enthalten unter der Rubrik: „Häute zum Hineinſpringen“ ein Verzeichniß von Individuen, die ſich von dieſem irdiſchen Schau⸗ platz zurückgezogen haben, mit deren Namen, Fami⸗ lien⸗ und übrigen Verhältniſſen, ſoweit ich darüber Auskunft mir verſchaffen konnte. Bei Ausübung meiner Profeſſion in einer früheren Periode meiner Laufbahn war ich genöthigt, ſelbſt in einige dieſer Häute hineinzuſpringen. Andere ſind noch in gutem Zuſtande gerade wie neue Kleider und liegen zum Anprobiren bereit. Die Haut, welche ganz und gar für uns tauglich iſt, bekleidete urſprünglich die Leiber einer Familie mit Namen Bygrave. Ich befinde mich in dieſem Augenblick in Herrn Bygraves Haut, Michael Vanſtone und ſie paßt mir ohne eine Falte zu werfen. Wenn Sie mich verbinden und in Fräulein Bygrave(Tauf⸗ name: Suſanne) ſchlüpfen, und wenn Sie nachher Frau Wragge irgendwie, zu allernächſt mit ihrem Kopfe, in Frau Bygrave(Taufname: Julie) hinein⸗ ſtecken wollen: ſo iſt die Verwandlung vervollſtän⸗ digt. Erlauben Sie mir Sie zu inſtruiren daß ich Ihr Onkel von väterlicher Seite bin. Mein würdiger Bruder trieb vor zwanzig Jahren zu Belize in Hon⸗ duras einen Handel mit Mahagony⸗ und Campeche⸗ holz. Er ſtarb an dieſem Ort und liegt an der Südweſtſeite des dortigen Kirchhofs begraben. Auf ſeinem Grabe ſteht ein nettes Denkmal von einhei⸗ miſchem Holze, ausgeſchnizt von einem der Negerrace angehörigen Naturkünſtler. Neunzehn Monate ſpäter ſtarb ſeine Frau am Schlagfluß in einem Koſthaus zu Cheltenham. Man hielt ſie für die corpulenteſte Frau in England. Man hatte ſie im Parterre des Hauſes einlogirt, in Folge der Schwierigkeit ſie die Treppe hinauf und herunter zu ſchaffen. Sie ſind ihr einziges Kind. Seit dem traurigen Ereigniß in Cheltenham ſind Sie meiner Fürſorge anvertraut geweſen, Sie werden den nächſten zweiten Auguſt zwanzig Jahre alt und ſind, die Corpulenz ausge⸗ nommen, das leibhaftige Conterfei Ihrer Mutter. Ich beläſtige Sie mit dieſen Detailproben von mei⸗ ner genauen Kenntniß Ihrer neuen Familienhaut bloß aus dem Grunde, um Ihren Geiſt in Betreff künftiger Nachforſchungen zu beruhigen. Vertrauen Sie mir und meinen Büchern, welche über jede Sorte von Nachfragen hinlängliche Auskunft ertheilen wer⸗ den. Mittlerweile ſchreiben Sie ſich unſern neuen Nam ſie I grave boron würd T habe, V men. Frau langt die m. als i dieſen der g deuter blühe Tag dieſen (wenn Sie Thees nen 2 es hi beſtan geriet wendi zu be fürha Wenn (Tauf⸗ nachher ihrem hinein⸗ elſtän⸗ aß ich rdiger Hon⸗ peche⸗ n der Auf einhei⸗ gerrace ſpäter ſthaus enteſte re des je die e ſind niß in rtraut luguſt usge⸗ utter. mei⸗ nhaut etreff rauen Sorte wer⸗ neuen d 31 Namen und Adreſſe auf und geben Sie Acht wie ſie Ihnen zuſagen:—„Herr Bygrave, Frau By⸗ grave, Fräulein Bygrave; Nordſtein Villa, Ald⸗ borough.“ Bei meinem Leben, es liest ſich merk⸗ würdig gut. Die lezte Einzelnheit, die ich Ihnen mitzutheilen habe, betrifft meine Bekanntſchaft mit Frau Lecount. Wir trafen geſtern in einem Specereiladen zuſam⸗ men. Ich ſpizte meine Ohren und vernahm daß Frau Lecount eine ganz beſondere Sorte Thee ver⸗ langte, welche der Mann nicht vorräthig hatte und die man ſich, wie er glaubte, an keinem nähern Ort, als in Ipswich verſchaffen könnte. Ich erkannte in dieſem Umſtande flux die Gelegenheit zur Anknüpfung der gewünſchten Bekanntſchaft, wozu bloß die unbe⸗ deutende Auslage für eine Reiſe nach jener auf⸗ blühenden Stadt erforderlich war.„Ich habe dieſen Tag Geſchäfte zu Ipswich,“ ſagte ich,„und gedenke dieſen Abend wieder nach Aldborough zurückzukehren, (wenn ich noch bei Zeiten zurück kann). Ich bitte Sie mir zu erlauben Ihren Auftrag bezüglich des Thees zu übernehmen und denſelben mit meinen eige⸗ nen Paleten zurückzubringen.“ Frau Lecount ſchlug es höflich ab mir dieſe Mühe zu machen und ich beſtand höflich darauf dieſelbe zu übernehmen. Wir geriethen in ein Geſpräch. Ich finde es nicht noth⸗ wendig Sie noch mit dem Inhalt unſeres Geſprächs zu beläſtigen. Das Reſultat beſteht nach meinem Da⸗ fürhalten darin daß Frau Lecounts ſchwache Seite — wenn ſie überhaupt eine ſolche hat— ein ſtarker Geſchmack an der Viſſenſchaft iſt, den ihr der Pro⸗ feſſor, ihr verſtorbener Gatte, eingeimpft hat. Ich halte dieſen Umſtand für ein geeignetes Mittel, mich in ihre Gunſt einzuſchleichen und ihr ein Bischen nöthigen Sandes in die hübſchen ſchwarzen Augen zu ſtreuen. Von dieſem Gedanken geleitet kaufte ich mir dann, nachdem ich zu Ipswich den Thee für die Dame beſorgt, für mich ſelbſt das weltberühmte Taſchenbuch der Wiſſenſchaft:„Joyce's wiſſenſchaft⸗ liche Dialoge.“ Da ich ein ſtarkes Gedächtniß und ein grenzenloſes Vertrauen auf mich ſelbſt beſize, ſo ſtellte ich es mir zur Aufgabe meine neue Haut im Stillen mit ſoviel immer parater Wiſſenſchaft voll⸗ zupropfen, als ſie faſſen könnte, und dann Herrn Bugrave in der Rolle des beſtunterrichteten Mannes, den ſie ſeit des Profeſſors Tod kennen gelernt, der Frau Lecount zur Beachtung vorzuſtellen. Die Noth⸗ wendigkeit dieſem Weib die Augen zu verbinden, um Ihren eigenen bewundernswerthen Ausdruck zu gebrauchen, iſt mir wie Ihnen gleich klar. Wenn es auf dem von mir vorgeſchlagenen Weg zu machen iſt, ſo mag ſich Ihr Gemüth immerhin leichter fühlen: Wragge, vollgepropft mit Joyce's Dialogen, iſt der Mann ſeinen Plan durchzuſezen. Jezt haben Sie meinen ganzen Vorrath an Neuig⸗ keiten. Bin ich Ihres Vertrauens würdig oder nicht? Ich erwähne nichts von der mich verzehrenden Be⸗ gierde zu wiſſen, was eigentlich Ihre Abſichten ſind; dieſe Begierde wird ja Befriedigung finden wenn wir zuſammenkommen. Noch niemals, mein liebes Mädchen, hat es mich ſo ſehr darnach gelüſtet, eine gewinnbringende pecuniäre Auspreſſung an einem menſchlichen Geſchöpf vorzunehmen, als jezt bei Herrn Noel Vanſtone. Sapienti sat.(Für den Klugen genu latei vollk 2 Sie men hiehe Sie Ordn glatt Fenſt ſeitig Scha ich n. ges i men: Bygre 9 Co l, mich Bischen Augen ifte ich ee für rühmte iſchaft⸗ ß und ize, ſo aut im t voll⸗ Herrn annes, at, der Noth⸗ binden, ruck zu enn es hen iſt, ühlen: iſt der Neuig⸗ nicht? in Be⸗ ſind; wenn liebes , eine einem Herrn llugen 33 genug.) Verzeihen Sie mir die Pedanterie eines lateiniſchen Citats und halten Sie mich für Ihren vollkommen ergebenen Horatio Wragge. N. S. Ich warte meine Weiſungen ab, wie Sie es verlangten. Sie haben lediglich zu beſtim⸗ men ob ich nach London zurückkehren ſoll, um Sie hieher zu geleiten, oder ob ich hier warten ſoll, um Sie zu empfangen. Das Haus iſt in vollkommenſter Ordnung, das Wetter iſt prächtig und das Meer ſo glatt wie Frau Lecounts Schürze. Sie iſt juſt am Fenſter vorübergegangen und wir haben uns gegen⸗ ſeitige Knixe gemacht. Allerdings ein Weib mit Scharfblick, meine liebe Magdalene, aber Joyce und ich mit einander dürften ſie doch noch um ein Weni⸗ ges überflügeln. XIII. Auszug aus dem Hochwächter von Oſtſuffolk. Aldborough. Wir netiſiciren mit Vergnügen die Ankunft von Gäſten in dieſem geſunden und wohlberühmten Badeort. Es geſchieht dieß in der dießjährigen Saiſon früher als ſonſt gewöhnlich. Esto perpetua*) iſt Alles was wir zu ſagen haben. Fremdenliſte: Seit lezter Liſte ſind angekom⸗ men: Nordſtein Villa: Frau Bygrave; Fräulein Bygrave. * So ſoll es immer ſein. Collins, Namenlos. III. 3 Vierte Srene. Aldborough in Huffolk. Erſtes Capitel. Die auffallendſte Erſcheinung, die ſich einem Frem⸗ den an dem Strand von Suffolk darbietet, iſt die außergewöhnliche Schutzloſigkeit des Landes gegen die Verheerungen des Meeres. In Aldborough ſowohl, wie anderwärts an die⸗ ſer Küſte, ſind die örtlichen Traditionen größtentheils Traditionen, die im buchſtäblichen Sinne des Wortes unter Waſſer geſezt ſind. Die Lage der alten Stadt, die einſt ein volkreicher und blühender Hafenplaz war, iſt beinahe ganz in dem Meer verſchwunden. Die Nordſee hat Straßen, Marktpläze, Hafendämme und öffentliche Spaziergänge verſchlungen, und die unbarmherzigen Wellen ſchloßen ſich, ihr Zerſtörungs⸗ werk vollendend, über dem Häuschen des Salz⸗ meiſters zu Aldborough zuſammen, das jezt nur noch in der Erinnerung als die Geburtsſtätte des Dichters Crabbe fortlebt. woge wärt zurü zu nm Seit der Aldl hüge zur und Bade beſiz Kieſe weg läuft broch des die 1 da u Schit unter welch Meer höher Küſte an u Fenſt beſſer Forn Richt über, Frem⸗ iſt die gegen in die⸗ ntheils Vortes Stadt, enplaz unden. dämme nd die rungs⸗ Salz⸗ ir noch ichters 35 Jahr für Jahr durch die vorrückenden Meeres⸗ wogen zurückgedrängt, ſind die Bewohner im gegen⸗ wärtigen Jahrhundert bis auf das lezte Stück Land zurückgewichen, welches feſt genug iſt um angebaut zu werden— ein Streifen Boden, auf der einen Seite von einem Marſchland, auf der andern von der See umſchloſſen. Hier hat die Bevölkerung von Aldborough ihre zukünftige Sicherheit einigen Sand⸗ hügeln, welche die launenhaften Fluthen gleichſam zur Ermuthigung aufgeſchwemmt haben, anvertraut und mit unerſchrockener Keckheit ihren artigen kleinen Badeort gegründet. Das erſte Stück ihrer Land⸗ beſizungen iſt ein niedriger, natürlicher Damm von Kieſelſteinen, über den ſich ein öffentlicher Spazier⸗ weg erhebt und welcher parallel mit dem Meere käuft. Dieſen Spaziergang garniren in einer ge⸗ brochenen, ungleichen Linie die Landſize und Villen des modernen Aldborough romantiſche Häuschen, die meiſtentheils in ihren eigenen Gärten ſtehen und da und dort als Gartenzierde ſtarrende Figuren von Schiffsſchnäbeln haben, die den Dienſt von Statuen unter Blumen verſehen. Von der Niederung, auf welcher dieſe Villen ſtehen, aus geſehen, ſcheint das Meer unter gewiſſen atmoſphäriſchen Verhältniſſen höher als das Land zu liegen. Schiffe, die an der Küſte dahinſegeln, nehmen gigantiſche Dimenſionen an und ſehen in der Nähe beunruhigend für die Fenſter aus. Vermiſcht mit dieſen Häuſern von beſſerer Sorte finden ſich auch Gebäude von andern Formen und aus andern Perioden vor. Nach einer Richtung zu ſteht jezt, den modernen Villen gegen⸗ über, ganz am Rand des Merres, die unanſehnliche Stadthalle des alten Aldborough, einſt der Mittel⸗ punkt des verſchwundenen Hafens und Burgfleckens. An einem andern Punkt ragt ein hölzerner Wacht⸗ thurm, der mit dem Schiffsſchnabel eines zertrüm⸗ merten ruſſiſchen Schiffes gekrönt iſt, weit über die Häuſer in der Umgebung empor. Durch ſeine Gitter⸗ fenſter werden ernſte Männer ſichtbar, die ſchwarz gekleidet auf dem oberſten Stockwerk ſizen und un⸗ aufhörlich Wache halten. Es ſind die Lootſen von Aldborough, die von ihrem Thurme aus nach Schiffen ſpähen, welche ihrer Hilfe bedürftig ſind. Hinter der Reihe dieſer ſo bunt und ſonderbar durcheinander gemiſchten Gebäude läuft die einzige und unregel⸗ mäßige Straße der Stadt mit ihren dauerhaften Pilotenhäuſern, ihren baufälligen Schiffsmagazinen und den dabei befindlichen Kaufläden. Gegen das Nordende zu iſt die einzige Erhebung des Bodens, welche über die ganze Marſchfläche ſichtbar iſt, ein niedriger, bewaldeter Hügel, auf welchem die Kirche erbaut iſt. An ihrem entgegengeſezten Ende führt die Straße zu einem verlaſſenen Thurme und in die öde, abgelegene Vorſtadt Slaughden zwiſchen dem Aldeflüßchen und der See. Dieß ſind die hauptſäch⸗ lichſten Kennzüge dieſes merkwürdigen kleinen Außen⸗ poſtens an den Küſten von England, ſo wie er in unſern Tagen dem Blicke erſcheint. An einem heißen und trüben Julinachmittag und am zweiten Tage, nachdem Capitän Wragge an Magdalene geſchrieben hatte, ſchlenderte er durch das Thor der Nordſteinvilla, um auf die Ankunft des Poſtwagens zu warten, der damals Aldborough mit der öſtlichen Staatseiſenbahn verband. Er erreichte eben Dein weite komn lichen Saze war auge ner j eine die, und war ihr E ſo gi ein l. ander ihr n mit e pitän gar zeigte würd dittel⸗ ckens. Vacht⸗ trüm⸗ er die zitter⸗ hwarz d un⸗ n von hiffen r der ander regel⸗ haften azinen das ddens, „ein Kirche führt n die dem tſäch⸗ ußen⸗ er in g und e an h das t des h mit eichte 37 eben den erſten Gaſthof, als der Poſtwagen eintraf, und war am Thore bereit Magdalene und Frau Wragge zu empfangen, als ſie aus dem Wagen ſtiegen. Der Empfang, den der Capitän ſeinem Weibe zu Theil werden ließ, zeichnete ſich keineswegs durch eine unnöthige Zeitvergeudung aus. Er ſchaute miß⸗ trauiſch nach ihren Schuhen um, erhob ſich auf die Zehenſpizen, ſezte ihr mit einem heftigen Ruck den Hut gerade, ſagte ihr mit lautem Geflüſter:„Halt Dein Maul,“ und wandte ſich dann ab, ohne eine weitere Notiz von ihr zu nehmen. Seine Bewill⸗ kommnung Magdalenens begann mit dem gewöhn⸗ lichen Wortſchwall; aber mitten in ſeinem erſten Saze hielt er plözlich inne. Capitän Wragges Auge war eines von den ſcharfblickenden und es entdeckte augenblicklich in dem Blick und dem Benehmen ſei⸗ ner früheren Schülerin ein gewiſſes Etwas das auf eine ernſtliche Veränderung deutete. Auf ihrem Antliz drückte ſich eine feſte Ruhe ab die, mit Ausnahme wenn ſie ſprach, daſſelbe ſo todt und kalt wie Marmor erſcheinen ließ; ihre Stimme war ſanfter und gſeichmäßiger, ihre Augen ruhiger, ihr Schritt langſamer als früher. Wenn ſie lächelte, ſo ging und kam dieß Lächeln plözlich und erzeugte ein leichtes nervöſes Zuſammenziehen der einen oder andern Seite ihres Mundes, was man vorher bei ihr nie geſehen hatte. Sie behandelte Frau⸗ Wragge mit aller möglichen Geduld und widmete dem Ca⸗ pitän eine Artigkeit und Verehrung, die ganz und gar eine neue Erſcheinung bei ihr war; aber ſie zeigte für Nichts das geringſte Intereſſe. Die merk⸗ würdigen kleinen Läden in den Hinterſtraßen, das hoch hereinragende Meer, die am Strand gelegene alte Stadthalle, die Lootſen, die Fiſcher, die vorüber⸗ ſegelnden Schiffe— ſie zeigte für all dieſes ſo wenig Theilnahme und war dafür ſo gleichgiltig, als wenn Aldborough ihr von Kindheit auf bekannt geweſen wäre. Selbſt als der Capitän die Gartenthüre der Nordſteinvilla öffnete und ſie triumphirend in das neue Haus führte, ſah ſie es kaum mit einem Blick an. Die erſte Frage, die ſie ſtellte, betraf nicht ihre eigene Wohnung, ſondern die Noel Vanſtones. „Wie weit von uns wohnt er?“ forſchte ſie mit dem einzigen Ausdruck von Bewegung, der bis jezt an ihr hatte wahrgenommen werden können. Capitän Wragge antwortete dadurch, daß er auf das fünfte Haus von der Nordſteinvilla in der Rich⸗ tung gegen die Vorſtadt Slaughden deutete. Mag⸗ dalene wandte ſich ſchnell von der Gartenthüre weg, als er dieſe Lage angab, und ſchritt für ihre Per⸗ ſon meiter vorwärts, um ſich das Haus mehr in der Nähe zu beſchauen. Capitän Wragge blickte ihr nach und ſchüttelte unzufrieden ſeinen Kopf.„Der Teufel hole den Herrn im Hintergrunde,“ dachte er.„Sie hat ſeinen Verluſt noch nicht verwinden können.“ „Darf ich jezt ſprechen?“ fragte eine ſanfte Stimme hinter ihm, die in demüthiger Furchtſamkeit zehn Zoll ober der Spize ſeines Strohhutes erſcholl. Der Capitän drehte ſich um und ſtand vor ſeiner Frau. Die mehr als gewöhnliche Verwirrung, die ſich auf ihrem Geſichte zeigte, ließ ihn mit einem Male errathen daß Magdalene ſeine Weiſungen, die er ihr in ſeinem Briefe ertheilt, nicht zur Ausführung N gebre gekon die n genor Die war tände die e 2 dießn Zuflu es ni Weib und legene rüber wenig wenn weſen te der n das Blick zt ihre ie mit s jezt er auf Rich⸗ Mag 2 weg, Per⸗ in der üttelte e den ſeinen timme zehn ſeiner „ die einem n, die hrung 9 3 gebracht, und daß Frau Wragge in Aldborough an⸗ gekommen war, ohne von der totalen Veränderung, die mit ihrer Perſönlichkeit und ihrem Namen vor⸗ genommen werden ſollte, gehörig unterrichtet zu ſein. Die Nothwendigkeit darüber ins Reine zu kommen, war zu gebieteriſch, um noch weitere Zeit zu ver⸗ tändeln, und Capitän Wragge begann ohne Zögerung die erforderlichen Fragen zu ſtellen. „Steh gerade und höre auf mich,“ fing er an. „Ich habe Dich um Mehreres zu befragen. Weißt Du in welcher Haut Du gegenwärtig ſteckſt? Weißt Du daß Du todt und in London begraben worden, und daß Du gleich einem Phönix aus der Aſche der Frau Wragge neu auferſtanden biſt? Nein, ich ſehe, Du weißt es nicht. Das iſt mir ſehr unangenehm. Welches iſt Dein Name?“ „Mathilde,“ antwortete Frau Wragge in einem Zuſtand unbeſchreiblicher Verwirrung. „Nichts da!“ rief der Capitän grimmig.„Wie kannſt Du Dich unterſtehen mir zu ſagen daß Du Mathilde heißeſt? Dein Name iſt Julie. Wer bin ich? Halte dieſen Korb mit Eßwaaren gerade, oder ich werfe ihn ins Meer. Wer bin ich?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie dießmal zu der verneinenden Seite der Frage ihre Zuflucht nahm. „Siz nieder,“ ſagte ihr Eheherr und deutete da⸗ bei auf einen niedrigen Raſenſiz des Villagärtchens. „Mehr rechts! Noch mehr! So recht. Du weißt es nicht?“ wiederholte der Capitän, indem er ſein Weib ſtreng anſah, nachdem er ſich zu ihr hingeſezt und ſeine Augen in eine gleiche Höhenlinie mit den ihrigen gebracht hatte.„Laß mich das nicht zum zweiten Male hören. Ich will keine Frau haben, die nicht weiß wer ich bin, um mir morgen früh an dem Bart zu krazen. Schau mich an! Mehr links— noch mehr— ſo, jezt iſts recht. Wer bin ich? Ich bin Herr Bygrave und mein Taufname iſt Thomas. Wer biſt Du? Du biſt Frau Bygrave und Dein Taufname iſt Julie. Wer iſt dieſe junge Dame die mit Dir von London hergereist iſt? Dieſe junge Dame iſt Fräulein Bygrave und ihr Taufname iſt Suſanne. Ich bin ihr liebenswürdiger Onkel Tom, und Du biſt ihre leerköpfige Tante Julie. So, jezt ſage mir Alles wieder wie Deinen Catechismus her. Wie heißt unſer Name?“ „O ſchone meinen armen Kopf,“ bat Frau Wragge. „O, ſei ſo gut und ſchone meinen armen Kopf, bis ich die Poſtkutſche aus ihm herausgebracht habe!“ „Quälen Sie ſie nicht,“ ſagte Magdalene, welche in dieſem Augenblick zu ihnen trat.„Sie wird es mit der Zeit ſchon lernen. Laſſen Sie uns in das Haus hineingehen.“ Capitän Wragge ſchüttelte noch einmal bedenk⸗ lich ſeinen Kopf. „Unſer Anfang geht ſchlimm,“ ſagte er mit weniger Höflichkeit, als er ſonſt gewohnt war.„Die Dummheit meines Weibes ſteht uns bereits im Wegen“ Sie gingen in das Haus. Magdalene war mit den Anordnungen des Capitäns vollkommen zufrie⸗ den; ſie nahm Beſiz von dem Zimmer, welches er für ſie beſonders hatte einrichten laſſen; ſchenkte dem Dienſtmädchen das er gedungen ihren Beifall, er⸗ ſchien zur Theezeit im Augenblick, wo man ſie her⸗ beirief Theiln die ſie war, noch n Anſtre hielt: mer z mit h pünktl Bygra waren erwart ſagte mit ei zuknüp dem e befürch „2 Fenſter als ge beim 5 heute ſagen ſagen. heiß h iſt mir auf ei nur M mauer in dieſ „Könne ht zum haben, rüh an inks— 2 Ich homas. d Dein me die junge ame iſt (Tom, bo, jezt us her. Pragge. pf, bis abe!“ welche bird es in das bedenk⸗ er mit „Die Wege.“ ar mit zufrie⸗ ches er kte dem ll, er⸗ ie her⸗ 41 beirief, aber noch immer zeigte ſie keine beſondere Theilnahme an irgend einem der neuen Gegenſtände die ſie umgaben. Bald nachdem der Tiſch abgedeckt war, befiel Frau Wragge, obſchon das Tageslicht noch nicht verſchwunden, die ihr nach irgend einer Anſtrengung eigenthümliche Schläfrigkeit, und ſie er⸗ hielt von ihrem Gatten dann den Befehl, das Zim⸗ mer zu verlaſſen, dabei aufzupaſſen daß ſie es nicht mit heruntergetretenen Schuhen verlaſſe, und ſich pünktlich in der angenommenen Rolle der Frau Bygrave zu Bette zu begeben. Sobald ſie allein waren, blickte der Capitän Magdalene ſcharf an und erwartete von ihr angeſprochen zu werden. Sie ſagte Nichts. Er verſuchte hierauf die Unterhaltung mit einer Frage nach ihrem Geſundheitszuſtand an⸗ zuknüpfen.„Sie ſehen ermüdet aus,“ ſagte er in dem einſchmeichelndſten Tone von der Welt.„Ich befürchte, die Reiſe hat Sie zu ſehr angegriffen.“ „Nein,“ erwiederte ſie, indem ſie gleichgiltig zum Fenſter hinausſchaute.„Ich bin durchaus nicht müder als gewöhnlich. Ich bin immer etwas müde, müde beim Bettgehen, müde beim Aufſtehen. Wenn Sie heute Abend gerne hören wollen was ich Ihnen zu ſagen habe, ſo bin ich willfährig und bereit es zu ſagen. Können wir nicht ausgehen? Es iſt ſehr heiß hier und das Geſumſe jener Männerſtimmen iſt mir unerträglich.“ Sie deutete durch das Fenſter auf eine Gruppe von Bootsleuten die träge, wie nur Matroſen„träge ſein können, gegen die Garten⸗ mauer zuſchlenderten.„Gibt es keinen Spaziergang in dieſem traurigen Neſte?“ fragte ſie ungeduldig. „Können wir nicht ein Bischen friſche Luft ſchöpfen und dieſen fremden ſtörenden Quälgeiſtern ent⸗ fliehen?“ „Eine halbe Stunde Wegs von hier befindet ſich ein völlig einſamer Spaziergang,“ erwiederte der allzeit fertige Capitän. „Sehr gut. Dann wollen wir alsbald gehen.“ Mit einem matten Seufzer ergriff ſie ihren Strohhut und ihren leichten Muslinſchleier von dem Seitentiſche, auf welchen ſie dieſe Gegenſtände beim Hereinkommen geworfen hatte, und ſchritt dann gleich⸗ giltig der Thüre zu. Capitän Wragge folgte ihr bis ans Gartenthor, dann machte er plözlich Halt, indem ein neuer Gedanke ſeine Seele durchblizte. „Entſchuldigen Sie,“ flüſterte er ihr vertrau lich zu.„Bei dem Zuſtand von Unwiſſenheit, in dem ſich meine Frau befindet, hätten wir beſſer ge⸗ than ſie nicht allein mit der neuen Magd in dem Hauſe zu laſſen. Ich will ſie heimlich einſchließen, für den Fall daß ſie aufwacht, bevor wir zurück⸗ kommen. Was gut aufgehoben iſt, iſt leicht zu fin⸗ den— Sie kennen das Sprüchwort!— Ich will in einem Augenblick wieder bei Ihnen ſein.“ Er eilte in das Haus zurück und Magdalene ſezte ſich an der Gartenmauer nieder, um ſeine Rück⸗ kehr abzuwarten. Sie hatte kaum dieſe Stellung eingenommen, als zwei Herren, die mit einander ſpazieren gingen und deren Annäherung die Promenade entlang ſie vor⸗ her nicht bemerkt hatte, nahe an ihr vorbeiſchritten. Die Kleidung des einen dieſer beiden Fremden ließ unverkennbar auf einen Geiſtlichen ſchließen. Der „Lebensberuf ſeines Geſellſchafters war aber für einen gewöhn den; ſeinem genug Seema Lebens ſein ſo Farbe; hinüber die Au heit un näher, ſaß vo lichen nen, he ſichtbar aller ſ eine U that de müthsſt ſchloſſen Blizes duldig ihren§ Im zurück, hatte ſi augenſe im Be Sein g dalene kommen rn ent⸗ ndet ſich erte der gehen.“ e ihren don dem de beim n gleich⸗ lgte ihr ch Halt, lizte. vwertrau⸗ heit, in eſſer ge in dem chließen, zurück⸗ zu fin⸗ zch will gdalene te Rück⸗ ien, als gen und ſie vor⸗ chritten. Fremden n. Der ür einen 43 gewöhnlichen Beobachter weniger leicht zu unterſchei⸗ den; geübte Augen aber würden in ſeinem Blick, ſeinem Benehmen und ſeinem Gang wahr ſcheinlich genug geſehen haben, um zu erkennen daß er ein Seemann war. Er war ein Mann in den beſten Lebensjahren, hochſtämmig, mager und muskulös; ſein ſonnenverbranntes Geſicht hatte eine tiefbraune Farbe; ſein ſchwarzes Haar ſchillerte juſt ins Grau hinüber; ſeine Augen waren ſchwarz, klug und feſt, die Augen eines Mannes von eiſerner Entſchloſſen heit und gewohnt zu befehlen. Er war Magdalene näher, als er und ſein Freund an dem Plaz wo ſie ſaß vorüberkamen. Er blickte ſie mit einem plöz⸗ lichen, Erſtaunen über ihre Schönheit, mit einer offe⸗ nen, herzlichen, unverſtellten Bewunderung an, welche ſichtbarlich zu aufrichtig, ſichtbarlich zu ſehr außer aller ſeiner eigenen Macht lag, um mit Recht als eine Unverſchämtheit getadelt zu werden— und doch that dieß Magdalene in ihrer augenblicklichen Ge⸗ müthsſtimmung. Sie fühlte daß des Mannes ent⸗ ſchloſſene ſchwarze Augen mit der Plözl ichkeit des Blizes ſie durchdrangen, und indem ſie ihm unge⸗ duldig einen verweiſenden Blick zuwarf, wandte ſie ihren Kopf ab und ſchaute gegen das Haus zurück. Im nächſten Moment ſchaute ſie wieder flüchtig zurück, um zu ſehen ob er fortgegangen wäre. Er hatte ſich eine kleine Strecke entfernt, hatte alsdann augenſcheinlich Halt gemacht und war jezt wirklich 5 Begriff ſich noch einmal nach ihr umzuſehen. Sein geiſtlicher Begleiter, welcher bemerkte daß Mag⸗ dalen⸗ dadurch in beunruhigende Verlegenheit zu kommen ſchien, faßte ihn freundſchaftlich beim Arme, und zwang ihn halb im Spaß, halb im Ernſt ihren Weg weiter fortzuſezen. Beide verſchwanden um die Ecke des nächſten Hauſes. Als ſie dieſe Wendung machten, brachte der ſonnenverbrannte Seemann ſei⸗ nen Begleiter noch zweimal zum Stehen und ſchaute noch zweimal zurück. „Ein Freund von Ihnen?“ fragte Capitän Wragge, welcher in dieſem Augenblick wieder zu Magdalene trat. „Gewiß nicht,“ antwortete ſie;„er iſt mir voll⸗ kommen fremd. Er ſtarrte mir auf die impertinen⸗ teſte Weiſe ins Geſicht. Iſt er an hieſigem Orte anſäßig?“ „Ich werde das ſchnell herausbringen,“ ſagte der gefällige Capitän, indem er ſich zur Gruppe der Bootsleute begab und rechts und links mit der un⸗ gezwungenen Familiarität die ihn auszeichnete ſeine Fragen ſtellte. Er kehrte nach ein paar Minuten mit einem ganzen Sack voll Nachrichten zurück. Der Geiſtliche war wohl bekannt als Pfarrer eines Ortes der einige Meilen landeinwärts lag. Der ſchwarz⸗ gebräunte Mann bei ihm war ſein Schwager und Befehlshaber eines Schiffes in kaufmänniſchem Dienſte. Er hielt ſich, wie man annahm, jeweilig eine kurze Zeit als Gaſt bei ſeinen Verwandten auf, um Vor⸗ bereitungen zu einer neuen Seereiſe zu treffen. Der Geiſtliche hieß Strickland und der Name des Rhe⸗ derei⸗Capitäns war Kirke. Dieß war Alles was die Bootsleute von den Beiden wußten. „Es iſt von gar keiner Wichtigkeit, wer ſie ſind,“ ſagte Magdalene gleichgiltig.„Die Rohheit des Mannes hat mich bloß fuͤr einen Augenblick beläſtigt. Kümmer noch an falls. gerade Behauſt außen u nieder; Frau L und ſchl Magdal Wragge zu ſein vorüber! „Die und All Arm zu „Komme „Sie Capitän führen? „Hei und hör Sie pitän W Schwenk einen gr ſicht, die ſt ihren um die zendung unn ſei⸗ ſchaute Wragge, gdalene tir voll⸗ ertinen⸗ m Orte agte der pe der der un⸗ te ſeine Ninuten k. Der s Ortes chwarz⸗ ger und Dienſte. e kurze n Vor⸗ ſind,“ eit des gläſtigt. 45 Kümmern wir uns nicht weiter um ihn. Ich habe noch an etwas Anderes zu denken— und Sie eben⸗ falls. Wo iſt der einſame Spaziergang, deſſen Sie gerade zuvor erwähnten? Welchen Weg haben wir einzuſchlagen?“ Der Capitän deutete ſüdwärts gegen Slaughden und bot ihr ſeinen Arm. Magdalene zögerte etwas, bevor ſie ihn annahm. Ihre Augen irrten hinweg, um nach Noel Vanſtones Behauſung zu forſchen. Er befand ſich im Garten außen und ſchritt auf dem kleinen Grasplaz auf und nieder; ſeinen Kopf hielt er hoch in der Luft und Frau Lecount trippelte gravitätiſch neben ihm her und ſchleppte ihres Herrn grünen Fächer mit. Als Magdalene dieß ſah, ergriff ſie auf einmal Capitän Wragges rechten Arm, um die Nähere beim Garten zu ſein, wenn ſie auf ihrem Wege an demſelben vorüberkamen. „Die Blicke unſerer Nachbarn weilen auf uns, und Alles, was Ihre Nichte thun kann, iſt Ihren Arm zu ergreifen,“ ſagte ſie mit bitterem Lachen. „Kommen Sie! Laſſen Sie uns weiter gehen!“ „Sie ſchauen auf dieſen Weg her,“ flüſterte der Capitän.„Soll ich Sie bei Frau Lecount ein⸗ führen?“ „Heute Abend nicht,“ antwortete ſie.„Warten und hören Sie was ich Ihnen zuerſt zu ſagen habe.“ Sie gingen an der Gartenmauer vorüber. Ca⸗ pitän Wragge machte mit ſeinem Hut eine lebhafte Schwenkung und empfing dafür von Frau Lecount einen graciöſen Knix. Magdalene muſterte das Ge⸗ ſicht, die Geſtalt und die Kleidung der Haushälterin mit dem widerſtrebenden Intereſſe und der argwöh⸗ niſchen Neugierde, welche Frauenzimmer zu empfin⸗ den pflegen, wenn ſie einander beobachten. Als ſie über das Haus hinausgekommen war, drang die ſchneidende Stimme des Herrn Noel Vanſtone durch die abendliche Stille zu ihr.„Ein feines Mädchen, Lecount,“ hörte ſie ihn ſagen.„Sie wiſſen, ich habe ein competentes Urtheil in ſolchen Dingen— ja, ein feines Mädchen.“ Als dieſe Worte geſprochen waren, ſchaute ſich Capitän Wragge in plözlicher Beſtürzung nach ſeiner Begleiterin um. Ihre Hand zitterte heftig in ſeinem Arme, und ihre Lippen waren feſt zuſammengepreßt mit einem Ausdruck ſprachloſen Schmerzes. Langſam und ſchweigend gingen Beide weiter, bis ſie die ſüdliche Begrenzung der Häuſer erreichten und eine kleine Wüſte von Kieſelſteinen und verdorr⸗ tem Gras betraten— das öde Ende von Ald⸗ borough, der einſame Anfang von Slaughden. Es war ein trüber, dumpfer Abend. Oſtwärts dehnte ſich die graue Majeſtät des Meeres aus, ein⸗ gewiegt in athemloſe Stille. Der Horizont ver⸗ ſchmolz in unſichtbaren Linien mit dem einförmigen dunkeln Lufthimmel. Das träge Schiff lag dunkel und ſtill auf dem trägen Waſſer. Südwärts ſchloßen der hohe Rücken des Seedamms und der gräuliche Rieſenkreis eines Burgthurms, der mächtig über ſeine Grasumwallung emporragte, die Fernſicht auf Alles was dahinter lag ab. Weſtwärts glimmte noch ein trübſeliger Streif des Lichts der untergehenden Sonne ſchwarzröthlich an dem trauernden Himmel, verfin⸗ ſterte die Umriſſe der Bäume welche am fernen Saume der gr wandel Sümpf die tr. räuſchl noch, ſeite, l. den mi verfaul kerten Kein C hört, k trägen kreiſchen Marſch Meiere Ton de Hauſe Abendſ Ma Capität Burgth ſagte ſt ausruh Sie auf ihr die unt ſie in nuten dete ſie Sie ül „Finde argwöh⸗ empfin⸗ Als ſie rang die ne durch Mädchen, ich habe ja, ein nute ſich ſch ſeiner n ſeinem ngepreßt weiter, rreichten verdorr⸗ on Ald⸗ en. Oſtwärts lus, ein⸗ ont ver⸗ örmigen g dunkel ſchloßen gräuliche ber ſeine uf Alles noch ein Sonne verfin⸗ Saume 47 der großen Marſch landeinwärts ſtanden, und ver⸗ wandelte ihre kleinen leuchtenden Waſſerſümpfe in Sümpfe von Blut. Dem Auge näher wälzte ſich die trübe Fluth des ſchlängelnden Aldefluſſes ge räuſchlos dem dunkelnden Meeresufer zu; und näher noch, einſam und verlaſſen an der offenen Waſſer⸗ ſeite, lag der aufgegebene kleine Hafen von Slaugh⸗ den mit ſeinen verfallenen Kais und Magazinen von verfaultem Holz, und ſeine wenigen Küſtenſchiffe an⸗ kerten verlaſſen an dem ſchlammigen Flußſtrand. Kein Geräuſch von Wellen wurde an dem Ufer ge⸗ hört, kein Waſſergemurmel ertönte hörbar auf dem trägen Strome. Von Zeit zu Zeit erhob ſich der kreiſchende Ruf eines Seevogels von der Gegend der Marſch her und in Zwiſchenräumen erſcholl von den Meiereien, fern in der Oede landeinwärts, der ſchwache Ton der gewundenen Kuhhörner, um das Vieh nach Hauſe zu rufen, und arbeitete ſich traurig durch die Abendſtille hindurch. Magdalene zog ihre Hand aus dem Arm des Capitäns und ſchlug den Weg gegen den Wall des Burgthurms ein.„Ich bin müde vom Gehen,“ ſagte ſie;„laſſen Sie uns halten und hier ein wenig ausruhen.“ Sie ſezte ſich auf den Hügelabhang, ſtüzte ſich auf ihren Ellenbogen, riß mechaniſch die Grasbüſchel die unter ihre Hand geriethen aus, und zerſtreute ſie in die Luft. Nachdem ſie ſchweigend einige Mi⸗ nuten mit dieſer Beſchäftigung zugebracht hatte, wen⸗ dete ſie ſich plözlich an Capitän Wragge.„Sind Sie überraſcht?“ fragte ſie mit banger Heftigkeit. „Finden Sie mich verändert?“ Des Capitäns richtiger Tact ſagte ihm daß die Zeit noch nicht gekommen ſei, ſich offen gegen ſie auszuſprechen, und daß er ſeine Sprachblumen für eine paſſendere Gelegenheit aufſparen müſſe. „Wenn Sie dieſe Frage ſtellen, ſo muß ich ſie beantworten,“ erwiederte er.„Ja, ich finde Sie ver⸗ ändert.“ Sie riß wieder einen Grasbüſchel aus.„Ich glaube, Sie können recht gerathen haben,“ ſagte ſie. Der Capitän ſchwieg wohlweislich. Seine ein⸗ zige Antwort war eine Verbeugung. „Ich habe Alles verloren was mir theuer iſt,“ fuhr ſie fort, indem ſie immer ſtärker und ſtärker an den Grasbüſcheln zerrte,„Wenn ich das ſage, ſo habe ich vielleicht blutwenig geſagt— aber ich muß Ihnen helfen mich zu verſtehen. Es gibt Dinge, wo ich zu einer frühern Zeit eher geſtorben wäre, als daß ich ſie gethan hätte— Dinge bei denen es mir kalt über den Rücken rieſelte, wenn ich nur daran dachte. Jezt iſt es mir gleichgiltig ob ich die⸗ ſelben vollbringe oder nicht. Ich ſcheere mich um meine Perſon gar nichts, ich intereſſire mich für mich ſelbſt nicht mehr, als für eine Handvoll Gras. Ich nehme an, ich habe etwas verloren. Was iſt das? Das Herz? Das Gewiſſen? Ich weiß es nicht. Wiſſen Sie es? Welchen Unſinn ſchwaze ich heraus! Wen kümmert es was ich verloren habe? Es iſt fort und damit iſts zu Ende. Ich glaube meine Außenſeite iſt der beſte Theil an mir— und das iſt mir unter jeder Bedingung geblieben. Ich habe mein gutes Ausſehen nicht verloren, nicht wahr? Da! da! Geben Sie ſich keine Mühe zu antworten oder 1 heute Seeme lich g. gen. Frau achtzel ob ich fragme ſich wi ſinken, rührte. ſagte keit de „O ſie zige N Ca ſtaunen Menſch machtle gebung loſen 2 hatte, lungen ruhig liebten Minute ihr.„ Capität ein we Mädche Coll daß die egen ſie men für ich ſie Sie ver⸗ „Ich agte ſie. ine ein⸗ ier iſt,“ ärker an age, ſo ich muß Dinge, n wäre, enen es ich nur ich die⸗ nich um für mich 18. Ich ſt das? 3 nicht. heraus! Es iſt meine nd das ch habe wahr? tworten 49 oder mich mit Schmeicheleien zu bezahlen. Ich bin heute genug bewundert worden. Zuerſt von dem Seemann und dann von Herrn Noel Vanſtone; ſicher⸗ lich genug, um die Eitelkeit jeder Frau zu befriedi⸗ gen. Habe ich irgend ein Recht, mich ſelbſt eine Frau zu nennen? Vielleicht nicht: ich bin bloß ein achtzehnjähriges Mädchen. Weh mir, ich fühle, als ob ich vierzig wäre!“ Sie ſtreute die lezten Gras⸗ fragmente nach allen vier Winden hinaus, wendete ſich wieder zum Capitän zurück und ließ ihren Kopf ſinken, bis ſie mit der Wange den Raſenboden be⸗ rührte.„Es fühlt ſich ſo weich und freundlich an,“ ſagte ſie indem ſie ſich mit hoffnungsloſer Zärtlich⸗ keit die entſezlich anzuſehen war daran ſchmiegte. „O ſie verläßt mich nicht, die Mutter Erde, die ein⸗ zige Mutter die mir noch geblieben iſt.“ Capitän Wragge blickte mit ſchweigendem Er⸗ ſtaunen auf ſie. Welche Erfahrung über Welt und Menſchen er auch beſizen mochte, ſo war ſie doch machtlos, in ihren Tiefen die ſchreckliche Selbſtauf⸗ gebung zu ergründen, welche ſich in ihren rückhalts⸗ loſen Worten die Bahn auf die Oberfläche gebrochen hatte, welche ſie jezt zu noch rückhaltsloſeren Hand⸗ lungen fortriß.„Verflucht ſchlimm!“ dachte er un⸗ ruhig bei ſich ſelbſt.„Hat der Verluſt ihres Ge⸗ liebten ihr das Hirn verrückt?“ Er ſtellte etwa eine Minute lang Betrachtungen an, dann ſprach er zu ihr.„Laſſen Sie das bis morgen,“ flüſterte ihr der Capitän vertraulich ins Ohr.„Sie ſind heute Abend ein wenig ermüdet. Keine Uebereilung, mein liebes Mädchen, keine Uebereilung!“ Collins, Namenlos. III. 4 50 Sie erhob ſchnell ihren Kopf und ſah nach ihm um mit derſelben zornigen Entſchloſſenheit, mit dem⸗ ſelben verzweifelten Hohn, welchen er in ihrem Ge⸗ ſicht an dem merkwürdigen Tage zu York geſehen hatte, wo ſie zum erſten Mal in ſeiner Gegenwart gehandelt hatte.„Ich kam hieher um Ihnen mit⸗ zutheilen was ich im Schilde führe,“ ſagte ſie,„und ich will es Ihnen mittheilen!“ Sie ſezte ſich auf⸗ recht an dem Abhang hin und ſchaute, indem ſie die Hände um ihre Kniee ſchlang, gerade vor ſich auf die allmälig immer dunkler werdende Gegend hin⸗ aus. In dieſer ſeltſamen Stellung verharrte ſie, bis ſie ſich ſelbſt wieder geſammelt hatte, dann wandte ſie ſich, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen, mit folgenden Worten an den Capitän. „Als Sie und ich zum erſten Mal einander tra⸗ fen,“ begann ſie auf einmal,„gab ich wir viele Mühe, meine Gedanken an mir zu halten. Nunmehr weiß ich genug, um zu wiſſen daß ich fehlte. Als ich Ihnen zu York erſtmals erzählte, daß uns Michael Vanſtone zu Grunde gerichtet habe, damals, glaube ich, vermutheten Sie bei ſich ſelbſt daß ich ein für allemal entſchloſſen war mich nicht darein zu fügen. Ob Sie es nun vermutheten oder nicht, genug, es iſt ſo. Ich verließ meine Freunde mit dieſem Entſchluß in meiner Seele, und ich fühle ihn jezt ſtärker, zehn⸗ mal ſtärker als jemals, in mir.“ „Zehnmal ſtärker als jemals,“ hallte es aus dem Munde des Capitäns wieder.„Pünktlich ſo— das natürliche Reſultat von Characterſtärke.“ „Nein. Das natürliche Reſultat davon daß ich an nichts Anderes zu denken hatte. Ich hatte an etwa in de an darat mer Vern jenen ich d „ „ich gefaf und zunel mich erlau Warr ich b tigken „Ich gerad hätte Vanſ Brig. gefun ſeine bei n zu le habern gewa zu ve dieſen ach ihm it dem⸗ em Ge⸗ geſehen genwart ten mit⸗ e,„und ich auf⸗ ſie die ſich auf nd hin⸗ ſie, bis wandte hen, mit der tra⸗ e Mühe, ehr weiß Als ich Michael glaube ein für u fügen. g, es iſt Entſchluß er, zehn⸗ aus dem das daß ich hatte an etwas Anderes zu denken, bevor Sie mich unwohl in der Vauxhall⸗Promenade fanden. Jezt habe ich an nichts Anderes zu denken. Erinnern Sie ſich daran, wenn Sie für die Zukunft finden daß ich im⸗ mer das alte Lied ableiere. Eine Frage zuerſt noch. Vermutheten Sie was ich zu thun geſonnen war, an jenem Morgen wo Sie mir die Zeitung zeigten und ich die Nachricht von Michael Vanſtone's Tode las?“ „Im Allgemeinen ja,“ erwiederte Capitän Wragge; „ich vermuthete im Allgemeinen daß Sie den Vorſaz gefaßt hatten, Ihre Hand in ſeine Börſe zu ſtecken und daraus(wie ganz am Plaz) dasjenige heraus⸗ zunehmen was eigentlich Ihnen gehörte. Es berührte mich damals doppelt ſchmerzlich daß Sie mir nicht erlaubten Ihnen bei dieſem Geſchäfte beizuſtehen. Warum iſt ſie ſo rückhaltig gegen mich? bemerkte ich bei mir; warum iſt ſie ſo grenzenlos rückhaltig?“ „Sie ſollen ſich von jezt an über keine Rückhal⸗ tigkeit mehr zu beklagen haben,“ fuhr Magdalene fort. „Ich ſage Ihnen offen, hätten die Ereigniſſe nicht gerade den Verlauf genommen den ſie nahmen, ſo hätten Sie mir beiſtehen müſſen. Wenn Michael Vanſtone nicht geſtorben wäre, ſo hätte ich mich nach Brighton begeben, und würde ſicherlich einen Weg gefunden haben, unter einem angenommenen Namen ſeine Bekanntſchaft zu machen. Ich hatte Geld genug bei mir, um viele Monate anſtändig mit einander zu leben. Ich würde dieſe Zeit vortheilhaft benüzt haben. Ich würde im Nothfall ein ganzes Jahr ab gewartet haben, um Frau Lecounts Einfluß auf ihn zu vernichten, und ich würde damit geendet haben dieſen Einfluß in meine eigenen Hände überzuſpielen. 5² Ich hatte den Vortheil der Jugend, den Vortheil der Neuheit, den Vortheil völliger Verzweiflung auf meiner Seite, und ich würde beſtimmt zu meinem Zwecke gelangt ſein. Ehe das Jahr vorüber geweſen, ja ehe nur die Hälfte des Jahres verfloſſen wäre, würden Sie Frau Lecount von ihrem Herrn entlaſſen geſehen haben, Sie würden geſehen haben, daß ich in das Haus aufgenommen worden wäre, als Michael Vanſtones Adoptivtochter, als die treue Freundin welche ihn in ſeinem hohen Alter von einer Aben⸗ teurerin befreit hat. Mädchen, älter als ich bin, haben ſich dieſer Liſt, anſcheinend eben ſo hoffnungs⸗ los wie die meine, bedient und damit ſchließlich ihren Zweck erreicht. Ich hatte die Geſchichte fertig, ich hatte meine Pläne all überlegt, ich hatte die Woche zum Angriff auf dieſen alten Mann beſtimmt, und zwar zum Angriff nach meiner Methode, bevor Frau Lecount eine andere Methode zum Angriff auf mich ausfindig gemacht haben würde— und ich ſage Ihnen wieder, ich wäre zu meinem Zwecke gelangt.“ „Ich glaube es,“ ſagte der Capitän.„Und was weiter?“ „Dann würde Herr Michael Vanſtone ſeinen Ge⸗ ſchäftsverwalter geändert haben. Sie wären Nach⸗ folger auf dieſer Stelle geworden, und dieſe geſchickten Manöver, auf die ſich einzulaſſen er ſo thöricht war, würden ihn das Vermögen gekoſtet haben das er meiner Schweſter und mir raubte. Bis zum lezten Heller, Capitän Wragge— ſo gewiß Sie hier ſizen, bis zum lezten Heller! Eine kühne Verſchwörung, eine arge Hinterliſt, nicht wahr? Mir gleichgiltig! Jede Verſchwörung, jede Hinterliſt iſt in meinem Ge⸗ wiſſer Geſe; Sie Habe ich m. T Herz teſten ſagte bliebe ihm in de ich be pitän brevi über laſſen kann, zu ge Exper anzuſ ganz allen unzug Verſie ihn e ſeine mitth⸗ der g * Leben. 8rtheil g auf leinem weſen, wäre, tlaſſen aß ich tichael eundin Aben⸗ h bin, lungs⸗ ihren g, ich Woche und Frau f mich ſage angt.“ d was 7 en Ge⸗ Nach⸗ hickten t war, as er lezten ſizen, örung, giltig! m Ge⸗ 53 wiſſen gerechtfertigt Angeſichts des niederträchtigen Geſezes das uns zu hilfloſen Mädchen gemacht hat. Sie ſprachen eben jezt von meiner Rückhaltigkeit. Habe ich endlich den Schleier fallen laſſen? Habe ich mich ausgeſprochen zur eilften Stunde?“ Der Capitän legte ſeine Hand feierlich auf ſein Herz und erging ſich einmal wieder in ſeinem brei⸗ teſten Redeſtrom. „Sie erfüllen mich ganz mit nuzloſer Bedauerung,“ ſagte er.„Wenn dieſer alte Mann beim Leben ge⸗ blieben wäre, was für eine Ernte würde ich bei ihm eingeheimst haben! Welche enorme Geſchäfte in der moraliſchen Landwirthſchaft zu machen wäre ich bevorrechtet geweſen! Ars longa,“ ſagte der Ca⸗ pitän, pathetiſch ſich ins Lateiniſche ergehend,„vita brevis*)! Laſſen Sie uns eine Thräne vergießen über den Verluſt dieſer vergangenen Gelegenheit, laſſen Sie uns verſuchen, was die Gegenwart bieten kann, um uns dafür den Troſt der Schadloshaltung zu geben. Ein Schluß iſt klar in meiner Seele. Das Experiment, das Sie mit Herrn Michael Vanſtone anzuſtellen ſich vornahmen, meift liebes Mädchen, iſt ganz erfolglos bei ſeinem Sohne. Sein Sohn iſt allen gewöhnlichen Formen pecuniärer Verſuchung unzugänglich. Sie können ſich auf meine feierliche Verſicherung verlaſſen,“ fuhr der Capitän fort, indem ihn eine unwillige Erinnerung an die Antwort auf ſeine Anzeige in der Times befiel,„wenn ich Ihnen mittheile, daß Herr Noel Vanſtone in vollem Sinne der gemeinſte unter den Menſchenkindern iſt.“ *) Ars longa, vita brevis. Lang iſt die Kunſt, kurz das Leben. „Ich weiß dieß eben ſo gut aus meiner eigenen Erfahrung,“ ſagte Magdalene.„Ich habe ihn ge⸗ ſehen und ihn geſprochen— ich kenne ihn beſſer als Sie ihn kennen. Eine weitere Enthüllung, Capitän Wragge, für Ihr vertrautes Ohr. Ich ſchickte Ihnen gewiſſe Anzugsartikel zurück, als ſie für den Zweck zu dem ich ſie nach London mitgenommen hatte aus⸗ gebraucht waren. Dieſer Zweck war, mir in Verklei⸗ dung einen Weg zu Noel Vanſtone zu bahnen und für meine Perſon ein Urtheil über Frau Lecount und ihren Herrn faſſen zu können. Ich erreichte meine Abſicht, und ich ſage Ihnen wieder, ich kenne die zwei Individuen in jenem Hauſe drüben, mit denen wir jezt uns zu befaſſen haben, beſſer als Sie.“ Capitän Wragge drückte ein tiefes Erſtaunen aus und ſtellte ſo unſchuldige Fragen, wie ſie der gei ſtigen Stimmung einer Perſon, die vollkommen von Ueberraſchung hingeriſſen iſt, angemeſſen waren. „Gut,“ lautete des Capitäns Reſumé, als Mag⸗ dalene ihm kurz geantwortet hatte;„und was zogen Sie in Ihrem Sinn für ein Reſultat daraus? Einen Beſchluß müſſen Sie gefaßt haben, ſonſt wären wir nicht hieher gekommen. Sie ſehen Ihren Weg vor ſich. Ohne Zweifel, mein liebes Mädchen, Sie ſehen Ihren Weg vor ſich?“ „Ja,“ ſagte ſie lebhaft.„Ich ſehe meinen Weg vor mir.“ Der Capitän rückte ein wenig näher zu ihr hin. Eine brennende Neugierde malte ſich in jedem Zuge ſeines Vagabundenangeſichts ab. „Fahren Sie fort,“ ſagte er mit unruhigem Flü⸗ ſtern;„bitte, fahren Sie fort.“ — kelheit ein Z Lipper legten „, der Ce zumur lich a 5 22 b Man Ding Sie h an; u tat iſt „ habe pitän ſollte Lage dort Ihrer es we möger Ueber ſicht in ſer igenen hn ge⸗ er als apitän Ihnen Zweck 2 aus⸗ berklei⸗ en und ecount rreichte kenne „ mit Sie.“ en aus er gei en von n. Mag⸗ zogen rraus? wären n Weg ¹, Sie n Weg hr hin. Zuge m Flü⸗ 2 55 Sie ſtarrte gedankenvoll in die zunehmende Dun⸗ kelheit hinaus, ohne ein Wort zu antworten, ohne ein Zeichen zu geben, daß ſie ihn gehört habe. Ihre Lippen waren geſchloſſen. Ihre geballten Hände legten ſich mechaniſch feſter um ihre Kniee. „Da iſt keine Verkleidung die Hauptſache,“ ſagte der Capitän, welcher ſie behutſam zum Sprechen auf⸗ zumuntern ſuchte.„Der Sohn iſt ſchwerer zugäng⸗ lich als der Vater.“ „Nicht nach meinem Plan,“ fiel ſie plözlich ein. „In der That!“ ſagte der Capitän.„Gut! Man ſagt daß es einen Schlupfweg zu jedwedem Ding gebe, wenn man nur lange genug darnach ſucht. Sie haben lange genug darnach geſucht, nehme ich an; und das natürlich daraus hervorgehende Reſul⸗ tat iſt— Sie haben ihn gefunden.“ „Ich habe mich nicht abgequält zu ſuchen; ich habe ihn ohne zu ſuchen gefunden.“ „Sie haben den Teufel im Leib!“ rief der Ca⸗ pitän in äußerſter Betretenheit.„Mein liebes Kind, ſollte mich meine Anſicht von Ihrer gegenwärtigen Lage ganz irre leiten? So wie ich es verſtehe, iſt dort Herr Noel Vanſtone im Beſize von Ihrem und Ihrer Schweſter Vermögen, gerade wie ſein Vater es war— er iſt abſolut entſchloſſen, dieſes Ver⸗ mögen zu behalten, ſo wie ſein Vater es war?“ 5. 74 „Ja. „Und hier ſind Sie, ganz ohne Ausſicht es durch Ueberredungskunſt wiederzugewinnen, ganz ohne Aus⸗ ſicht durch das Geſez es wiederzuerhalten— aber in ſeinem Fall eben ſo entſchloſſen, wie in dem ſei⸗ 56 nes Vaters, es durch eine Kriegsliſt ihm zum Troz zu erobern?“ „Juſt ſo entſchloſſen? Nicht um des Vermögens willen, merken Sie das; bloß um des Rechtes willen.“ „Gerade ſo. Und die Mittel zu dieſem Recht zu gelangen, welche ſchon bei dem Vater der doch kein Geizhals war, ſchwer waren, ſind ſie ſo leicht bei dem Sohne der ein Geizhals iſt?“ „Vollkommen leicht.“ „Da reite mich ein Eſel, zum erſten Mal in meinem Leben!“ rief der Capitän, der mit ſeiner Geduld zu Ende war.„Ich will aufgeknüpft wer⸗ den, wenn ich weiß was Sie beabſichtigen!“ Sie ſchaute ſich zum erſten Male nach ihm um, und blickte ihm gerade und feſt in das Geſicht. „Ich will Ihnen ſagen was ich beabſichtige,“ ſagte ſie.„Ich beabſichtige ihn zu heirathen.“ Capitän Wragge erhob ſich wie der Bliz auf ſeine Kniee und blieb dann wie verſteinert vor Er⸗ ſtaunen in dieſer Stellung. „Erinnern Sie ſich was ich Ihnen erzählt habe,“ ſagte Magdalene, indem ſie wieder von ihm weg blickte.„Ich habe jede Sorge für mich ſelbſt ver⸗ loren. Ich habe nur noch ein Ziel im Leben jezt; und je bälder ich es erreiche— und ſterbe— um ſo beſſer. Wenn—“ Sie hielt inne, veränderte ihre Lage ein wenig und zeigte mit der einen Hand auf den ſtark abnehmenden Fluß unter ihr, der trübe in dem dunkelnden Zwielicht ſchimmerte—„wenn ich geweſen wäre was ich einſt war, ich würde mich eher in dieſen Fluß geſtürzt haben, als daß ich ge⸗ than hätte was ich jezt zu thun im Begriffe bin. Wie es mer, is mehr. Ich bet „U über I indem machte, then ih A „U wankte unvolle De Antwo⸗ und z Wort und ſe. nieder. lichte ſ würde ſcheinli ſeine? 3 „Vielle gen ich gen ſir und be Sie z 1 Troz nögens dillen.“ echt zu ch kein cht bei Ral in ſeiner t wer⸗ m um, t. htige,“ 7 iz auf or Er⸗ habe,“ m weg ſtt ver⸗ n jezt; — um rte ihre nd auf rübe in enn ich de mich ich ge⸗ fe bin. 57 Wie es nun ſteht, mache ich mir keinen weitern Kum⸗ mer, ich ermüde meinen Geiſt mit keinen Entwürfen mehr. Die kurze und ſchmähliche Bahn liegt vor mir. Ich betrete ſie, Capitän Wragge— und heirathe ihn.“ „Und halten ihn in vollſtändiger Ungewißheit über Ihre Perſönlichkeit?“ ſagte Capitän Wragge, indem er langſam aufſtand und eine Kreisbewegung machte, um ihr ins Geſicht zu ſehen.„Und heira⸗ then ihn als meine Nichte— Fräulein Bygrave?“ „Als Ihre Nichte, Fräulein Bygrave.“ „Und nach der Verheirathung—?“ Seine Stimme wankte als er dieſe Frage begann und er ließ ſie unvollendet. „Nach der Verheirathung,“ ſagte ſie,„habe ich Ihres Beiſtandes nicht weiter nöthig.“ Der Capitän ſenkte den Kopf, als ſie ihm dieſe Antwort gab— blickte ſie ganz in der Nähe an und zog ſich dann ſchnell wieder zurück ohne ein Wort zu äußern. Er trat einige Schritte hinweg und ſezte ſich dann verdrießlich wieder auf das Gras nieder. Wenn Magdalene in dem ſterbenden Tages⸗ lichte ſein Geſicht hätte ſehen können, ſein Geſicht würde ſie erſchreckt haben. Zum erſten Male wahr⸗ ſcheinlich ſeit ſeiner Kindheit hatte Capitän Wragge ſeine Farbe verändert. Er war todtenblaß. „Haben Sie mir Nichts zu ſagen?“ fragte ſie. „Vielleicht erwarten Sie zu hören, welche Bedingun⸗ gen ich Ihnen anzubieten habe. Meine Bedingun⸗ gen ſind dieſe. Ich bezahle alle Ihre Auslagen hier und bei unſerm Scheiden am Hochzeitstage erhalten Sie zum Lebewohl ein Geſchenk von zweihundert Pfund. Wollen Sie mir unter dieſen Bedingungen Ihren Beiſtand verſprechen?“ „Welche Beiſtandsleiſtungen erwarten Sie von mir?“ fragte er mit einem verſtohlenen Blick auf ſie und einem plözlich mißtrauiſch klingenden Tone. „Ich erwarte bloß daß Sie Ihren und meinen angenommenen Namen preſerviren,“ antwortete ſie, „und daß Sie allen Nachforſchungen der Frau Le⸗ count, um zu entdecken wer ich in Wirklichkeit bin, gründlich zuvor kommen. Ich verlange nicht mehr. Für das Uebrige bin ich verantwortlich, nicht Sie.“ „Ich habe nach der Hochzeit zu keiner Stunde und an keinem Orte mehr Etwas zu thun, wenn ſich auch Etwas ereignen ſollte?“ „Nichts, mag es ſein was es wolle.“ „Ich muß Sie an der Kirchenthüre verlaſſen, wenn es Ihnen ſo beliebt?“ „An der Kirchenthüre— mit Ihrer Belohnung in der Taſche.“ „Bezahlt von Ihrem eigenen Gelde das Sie be⸗ ſizen?“ „Gewißlich. Wie anders könnte ich es bezahlen?“ Capitän Wragge nahm ſeinen Hut ab und wiſchte mit ſeinem Taſchentuch ſein Geſicht mit einer Miene der Erleichterung ab. „Geben Sie mir eine Minute Bedenkzeit,“ ſagte er. „So viel Minuten Sie wollen,“ erwiederte ſie, indem ſie ſich in ihre vorige Stellung auf die Erd⸗ erhöhung zurücklehnte und ihre frühere Beſchäftigung des Ausreißens von Grasbüſcheln und des Schleu⸗ derns derſelben in die Luft wieder aufnahm. Die Erwägungen des Capitäns verwickelten ſich keineswe eigene S war gan gung zu liches A gefügt he einzigen das, ob ruhte, de war. C ihrer Vo dann be des Vor Wen betrachte denkliche die mit keinem l ſchieden hindurch Betracht rathung, heit der den Phe und im des Ve⸗ Auge. ein Ma⸗ mögliche halb die Majeſtä von der gungen ie von auf ſie ne. meinen ete ſie, au Le⸗ eit bin, mehr. Sie.“ Stunde enn ſich rlaſſen, ohnung Sie be⸗ hlen?“ wiſchte Miene agte er. rte ſie, e Erd⸗ ftigung Schleu⸗ en ſich keineswegs durch unnöthige Grübeleien über ſeine eigene Stellung und die Stellung Magdalenens. Er war ganz und gar unfähig die Größe der Beleidi⸗ gung zu beurtheilen, die ihr Frank durch ſein ſchmäh⸗ liches Aufgeben des beiderſeitigen Verhältniſſes zu gefügt hatte— eine Beleidigung, welche ſie mit einem einzigen grauſamen Schlage von dem Trachten losriß das, obgleich es nur auf Wahn und Täuſchung be ruhte, dennoch das beſeligende Trachten ihres Lebens war. Capitän Wragge nahm die einfache Thatſache ihrer Verzweiflung gerade ſo wie er ſie fand, und dann beſchaute er ſich ſchnurſtracks die Conſequenzen des Vorſchlags welchen ſie ihm gemacht hatte. Wenn er die Sachlage vor der Verheirathung betrachtete, ſo erblickte er darin durchaus nichts Be⸗ denklicheres, als die Anwendung einer Betrügerei, die mit Ausnahme des zu erreichenden Zweckes in keinem bedeutenden Grade von den Betrügereien ver⸗ ſchieden war, die er ſein ganzes Vagabundenleben hindurch auszuſinnen und durchzuführen gewohnt war. Betrachtete er aber die Sachlage nach der Verhei⸗ rathung, ſo traten aus der verhängnißvollen Dunkel⸗ heit der Zukunft in nebelhaften Umriſſen die lauern⸗ den Phantome des Entſetzens und des Verbrechens und im Hintergrund die ſchwarzen gähnenden Schlünde des Verderbens und des Todes vor ſein geiſtiges Auge. Innerhalb ſeiner eigenen gemeinen Sphäre ein Mann von grenzenloſer Verwegenheit und allen möglichen Ränken und Kniffen, beugte er doch außer⸗ halb dieſer Sphäre ſein Knie ehrfurchtsvoll vor der Majeſtät des Geſezes wie der unſchuldigſte Mann von der Welt; in Beziehung auf ſeine perſönliche 60 Sicherſtellung war er die Vorſicht ſelbſt und dabei die vollendetſte Memme, die je Gottes Erdboden ge⸗ tragen hatte. Gegenwärtig beſchäftigte nur eine wich⸗ tige Frage ſeinen Geiſt. Konnte er unter den ihm geſetzten Bedingungen ſich an der Verſchwörung gegen Noel Vanſtone bis zum Zeitpunkt der Verheirathung betheiligen und ſich dann davon zurückziehen, ohne Gefahr zu laufen daß er in die Folgen verwickelt werde die, wie die Erfahrung ihn lehrte, ſicherlich damit verbunden waren? So ſeltſam es auch erſcheinen mag, ſo übte doch in dieſer Beziehung die Perſon des Herrn Noel Van⸗ ſtone den hauptſächlichſten Einfluß auf ſeine ſchließ⸗ liche Entſcheidung aus. Der Capitän hätte das Geldoffert das ihm Magdalene gemacht hatte leicht ablehnen können, denn die theatraliſchen Unterhaltun⸗ gen hatten ſeinen Beutel mit mehr als dreimal zwei⸗ hundert Pfund geſpickt. Aber die verlockende Aus⸗ ſicht, dem Manne der ihn und ſeine Mittheilung nur zu dem Werth einer Fünfpfundnote taxirt hatte im Dunkeln einen Streich zu ſpielen, überwog bei Wei⸗ tem ſeine Vorſicht und ſeine ſelbſtiſchen Bedenklich⸗ keiten. Auf dem ſchmalen neutralen Boden des Egoismus begegnen ſich die beſten und die ſchlimm⸗ ſten Leute einander auf ganz gleiche Weiſe. Der Un⸗ wille, den Capitän Wragge beim Leſen der Antwort auf ſeine Anzeige empfand, ließ ſich durch eine rück⸗ blickende Würdigung ſeines eigenen Benehmens nicht bändigen. Er war eben ſo tief beleidigt, eben ſo wirklich aufgebracht, als ob er einen vollkommen ehrenwerthen Vorſchlag aufs Tapet gebracht hätte und ihm dafür mit einer perſönlichen Beſchimpfung vergolten ger erfül ben an? bei jeder ſtones N weniger daß bei den Wec in ſeinen die zweit erſte Rof „Ich Wragge, erhob. weitern einkunft. der. Je nicht wo wir forte Mag Eine hof Verzweif ihrer He des Capi Antwort konnte. „Wi können bei Frau nd dabei oden ge⸗ ne wich⸗ den ihm ig gegen irathung n, ohne erwickelt ſicherlich bte doch del Van⸗ ſchließ⸗ tte das te leicht rhaltun⸗ al zwei⸗ de Aus⸗ ung nur atte im dei Wei⸗ denklich⸗ en des ſchlimm⸗ Der Un⸗ Antwort ne rück⸗ as nicht eben ſo kommen tt hätte mpfung 61 vergolten worden wäre. Er war zu ſehr von Aer⸗ ger erfüllt, als daß er dieß in ſeinem erſten Schrei⸗ ben an Magdalene hätte verbergen können. Er hatte bei jeder nachfolgenden Gelegenheit, wenn Noel Van⸗ ſtones Name erwähnt wurde, ſich ſelbſt mehr oder weniger vergeſſen. Und es iſt nicht zu viel geſagt, daß bei ſeiner gegenwärtigen Endentſchließung über den Weg den er einſchlagen ſollte, zum erſten Mal in ſeinem Leben das Geld als leitendes Motiv in die zweite Linie zurücktrat, und die Erbostheit die erſte Rolle ſpielte. „Ich nehme die Bedingungen an,“ ſagte Capitän Wragge, indem er ſich wieder raſch auf ſeine Beine erhob.„Selbſtverſtändlich unterwerfe ich mich den weitern Beſtimmungen unſerer gegenſeitigen Ueber⸗ einkunft. Wir ſcheiden am Hochzeitstage von einan der. Ich frage nicht wohin Sie gehen, Sie fragen nicht wohin ich gehe. Von dieſem Zeitpunkt ſind wir fortan einander Fremdlinge.“ Magdalene erhob ſich langſam von dem Erdhügel. Eine hoffnungsloſe Niedergeſchlagenheit, eine düſtere Verzweiflung ſpiegelte ſich in ihrem Blick und in ihrer Haltung ab. Sie wies die dargebotene Hand des Capitäns zurück und ihre Stimme klang bei ihrer Antwort ſo ſchwach, daß er ſie kaum vernehmen konnte. „Wir verſtehen einander,“ ſagte ſie,„und wir können jezt heimgehen. Morgen werden Sie mich bei Frau Lecount einführen.“ „Ich habe zuerſt noch ein Paar Fragen zu ſtel⸗ len,“ ſagte der Capitän ernſthaft.„Es ſind in die⸗ 62 ſer Angelegenheit mehr Riſicos zu beſtehen und es befinden ſich mehr verborgene Gruben auf unſerem Wege, als Sie anzunehmen ſcheinen. Ich muß den ganzen Umriß Ihres morgigen Beſuches bei Frau Lecount kennen, bevor ich Sie und dieſe Frau zu einer Unterredung zuſammen bringe.“ „Warten Sie bis morgen,“ brach ſie ungeduldig aus.„Machen Sie mich heute Abend nicht toll durch das Geſchwäze darüber.“ Der Capitän ſagte nichts mehr. Sie wandten ihr Geſicht gegen Aldborough und gingen langſam zurück. Als ſie die Häuſer erreichten, hatte die Nacht ſie überfallen. Weder Mond noch Sterne waren ſicht⸗ bar. Ein ſchwaches, leiſes Lüftchen, das vom Lande her blies, hatte ſich mit der Dunkelheit erhoben. Magdalene hielt auf dem einſamen Spaziergang ſtill, um beſſer die kühle Briſe einathmen zu können. Nach einer Weile kehrte ſie dem Lüftchen den Rücken und ſchaute gegen das Meer hinaus. Die unermeß⸗ liche Stille der ruhigen Gewäſſer, die ſich in der dunkeln Leere der Nacht verloren, war ehrfurcht gebietend. Magdalene ſtand da und blickte in die Finſterniß hinein, als wenn ihre Myſterien kein Ge⸗ heimniß für ſie wären— dann bewegte ſie ſich gegen das Dunkel langſam vorwärts, gleichſam als ob daſſelbe ſie mittelſt irgend einer geheimen Anziehungs⸗ kraft an ſich zöge. „Ich will an das Meer hinunter gehen,“ ſagte ſie zu ihrem Begleiter.„Warten Sie hier, bis ich wieder zurückkomme.“ Er verlor ſie in einem Augenblick aus den Augen — es hätte. der tie ertönte und er ſtummt einen ſtreifen wurden Er floß u noch ie wegen drang ihm. gend Stille. Ein er eilte und ih konnte, näher blick u längs bei. zügen konnte Mann benams Die und m. Capitä nund es unſerem muß den bei Frau Frau zu ageduldig doll durch wandten langſam Nacht ſie ren ſicht— im Lande erhoben. aziergang können. Rücken unermeß hin der hrfurcht e in die kein Ge ch gegen als ob iehungs⸗ „“ ſagte bis ich n Augen 63 — es war als wenn die Nacht ſie verſchlungen hätte. Er lauſchte und zählte ihre Fußtritte, die in der tiefen Stille knarrend auf den kleinen Steinen ertönten. Allmählig erklangen ſie immer entfernter und entfernter in die Nacht hinein. Plözlich ver ſtummte ihr Schall ganz. Hatte ſie auf ihrem Weg einen Halt gemacht, oder hatte ſie einen der Sand⸗ ſtreifen erreicht, die zur Zeit der Ebbe ſichtbar wurden? Er wartete und horchte ängſtlich. Die Zeit ver floß und kein Schall drang zu ihm herauf. Und noch immer lauſchte er mit wachſender Beſorgniß wegen der Finſterniß. Noch ein Augenblick und dann drang ein Laut von dem unſichtbaren Strande zu ihm. Fern und ſchwach am Ufer unten ertönte kla⸗ gend ein Schmerzensſchrei durch die ſchweigende Stille. Dann war Alles wieder ruhig. Ein ſchnelle Unruhe bemächtigte ſich ſeiner und er eilte vorwärts um an das Ufer hinunter zu gehen und ihr zu rufen. Bevor er über den Pfad gehen konnte, traf der Schall von Fußtritten die raſch näher kamen ſein Ohr. Er wartete einen Augen blick und die Geſtalt eines Mannes kam geſchwind längs des Weges zwiſchen ihm und dem Meere vor bei. Es war zu finſter um Etwas an den Geſichts⸗ zügen des Fremden unterſcheiden zu können; man konnte nur erkennen daß es ein hochgewachſener Mann war, eben ſo hochgewachſen wie jener Kirke benamste Seeoffizier in Rhedereidienſten. Die Geſtalt ging in nördlicher Richtung vorbei und war augenblicklich aus dem Geſicht verloren. Capitän Wragge ſchritt über den Weg, trat einige Fuß vorwärts gegen das Meer hinab und hielt dann wieder an um zu horchen. Wiederholt drang das Geknarre von Fußtritten auf den Kieſeln an ſein Ohr. Langſam wie der Ton entſchwunden war, kam er wieder zurück. Er that einen Ruf um ihr die Richtung des Weges zu ihm anzuzeigen. Sie kam heran bis er ſie gerade ſehen konnte— ein Schatten der den Kieſelſteinabhang erklomm und gleichſam aus der Finſterniß der Nacht herauszu⸗ wachſen ſchien. „Sie haben mir viel Angſt gemacht,“ flüſterte er aufgeregt.„Ich fürchtete, es wäre Ihnen Etwas zugeſtoßen. Ich hörte Sie ſchreien als ob Sie in Noth wären.“ „So, Sie hörten mich?“ ſagte ſie gleichgiltig. „Ich war allerdings in Noth. Aber es macht nichts, es iſt jezt vorüber.“ Ihre Hand ſchwang bei dieſer Antwort mechaniſch Etwas auf und ab. Es war das kleine weiße Sei⸗ dentäſchchen, welches ſie bis jezt immer in ihrem Buſen verborgen gehalten hatte. Eines der Reli⸗ quien, welches es enthielt— eines der Reliquien, wovon ſie zuvor nicht das Herz gehabt hatte ſich zu trennen, war für immer verſchwunden. Allein an einem fremden Strande hatte ſie die zärtlichſte ihrer jungfräulichen Erinnerungen, die theuerſte ihrer jung⸗ fräulichen Hoffnungen von ſich geriſſen. Allein an einem fremden Strande hatte ſie Franks Haarlocke aus ihrem früheren Aufbewahrungsort genommen und ſie von ſich fort in das Meer und die Nacht hinausgeſchleudert. De an Co längs ſodann und tr Hotels nem 2 die W und z kaufme Al zuſamt eines „ „ich n 32 Hotelb mer i werder weilen Ol mann ſogleic ſeinem ſein 3 nd hielt lt drang eſeln an den war, um ihr en. Sie 2— ein nm und erauszu⸗ flüſterte Etwas -Sie in ichgiltig. zt nichts, echaniſch iße Sei⸗ n ihrem er Reli⸗ eliquien, ſich zu llein an ſte ihrer er jung⸗ llein an aarlocke nommen e Nacht 65 Zweites Capitel. Der hochgewachſene Mann, welcher im Dunkeln an Capitän Wragge vorbeigegangen war, ſchritt längs des öffentlichen Weges raſch vorwärts, ſchnitt ſodann eine kleine Strecke unangebauten Landes ab und trat hierauf durch das offene Thor des Aldborough. Hotels ein. Das Licht im Gange, welches bei ſei⸗ nem Vorübergehen voll auf ſein Geſicht fiel, erwies die Wahrheit von Capitän Wragge's Vermuthung und zeigte daß der Fremde wirklich Herr Kirke in kaufmänniſchen Dienſten war. Als Herr Kirke mit dem Wirth auf dem Gange zuſammentraf, nickte er ihm mit der Vertraulichkeit eines alten Stammgaſtes zu. „Haben Sie die Zeitung erhalten?“ fragte er; „ich möchte gern nach der Fremdenliſte ſehen.“ „Ich habe ſie in meinem Zimmer,“ ſagte der Hotelbeſizer, indem er den Weg zum Wohnzim⸗ mer im Hintertheile des Hauſes vorausging.„Es werden wohl einige Freunde von Ihnen hier ver⸗ weilen, denke ich?“ Ohne hierauf Etwas zu erwiedern, ſah der See⸗ mann, ſobald die Zeitung in ſeinen Händen war, ſogleich nach der Fremdenliſte und ging dieſelbe mit ſeinem Finger Name für Name durch. Plözlich hielt ſein Finger bei der Zeile inne: „Landhaus zur Seeausſicht: Herr Noel Van⸗ ſtone.“ Der Kauffahrercapitän wiederholte den Namen Collins, Namenlos. III. 5 66 bei ſich ſelbſt und legte dann die Zeitung gedanken⸗ voll nieder. „Haben Sie Jemanden gefunden den Sie kennen, Capitän?“ fragte der Gaſtgeber. „Ich habe einen Namen gefunden den ich kenne einen Namen den mein Vater ſeiner Zeit oft auszuſprechen pflegte. Iſt dieſer Herr Vanſtone mit Familie hier? Wiſſen Sie nicht ob ein junges Fräulein ſich in ſeinem Hauſe befindet?“ „Ich kann es nicht ſagen, Capitän. Meine Frau wird ſogleich da ſein; ſie wird es ſicherlich wiſſen. Es muß wohl ſchon eine ziemliche Zeit her ſein, daß Ihr Vater dieſen Herrn Vanſtone kannte?“ „Allerdings iſt es ſchon ziemlich lange her. Mein Vater kannte einen Subalternoffizier dieſes Namens, als er mit ſeinem Regimente in Canada ſtand. Es wäre wirklich merkwürdig, wenn die Perſon hier ſich als der nämliche Mann herausſtellen würde und wenn die junge Dame ſeine Tochter wäre.“ „Entſchuldigen Sie, Capitän— aber die junge Dame ſcheint Ihnen ein bischen ſtark im Sinne zu liegen,“ ſagte der Gaſtgeber mit einem ſcherzenden Lächeln. Herr Kirke ſah aus, als ob die Saite die ſeines Wirthes gute Laune eben angeſchlagen hatte, ganz und gar nicht nach ſeinem Geſchmack wäre. Er kam ohne Weiteres wieder auf den Subalternoffizier und das Regiment in Canada zurück. „Die Geſchichte dieſes armen Burſchen war ſo betrübend als ich jemals von einer gehört habe,“ ſagte er, indem er zerſtreut wieder auf die Fremden⸗ liſte ſchaute. 7 wenn der A Geſchi 2 A wenn oder e befinde Ohren iſt, da der R in Ca ſeinem Abſchi von d aus d wieder Lippen ſelben und§ gen ar „2 der hie mann. „C ſehen,“ alt, C 17 gedanken⸗ ie kennen, ich kenne Zeit oft ſtone mit n junges eine Frau ch wiſſen. ſein, daß r. Mein Namens, and. Es hier ſich irde und — die junge Sinne zu herzenden die ſeines te, ganz Er kam izier und war ſo t habe,“ Fremden⸗ 67 „Würde es Ihnen vielleicht unangenehm ſein, wenn Sie dieſelbe mir erzählten, mein Herr?“ fragte der W drrth.„Betrübend oder nicht— Geſchichte iſt Geſchichte, wenn Sie wiſſen daß ſie wahr iſt.“ Herr Kirke zögerte. „Ich glaube kaum daß ich Recht thun würde, wenn ich ſie erzählte,“ ſagte er.„Wenn dieſer Mann oder einige Anverwandte von ihm noch am Leben ſich befinden, ſo iſt dieß keine Geſchichte die für fremde Ohren taugt. Alles was ich Ihnen mittheilen kann iſt, daß mein Vater unter ſehr mißlichen Umſtänden der Retter des jungen Offiziers wurde. Sie ſchieden in Canada von einander. Mein Vater blieb bei ſeinem Regimente. Der junge Offizier nahm ſeinen Abſchied und kehrte nach England zurück— und von dieſem Zeitpunkte an haben ſie einander ganz aus dem Geſichte verloren. Ich müre doch ſehr neu⸗ gierig ob dieſer Vanſtone hier der nämliche Mann iſt. Ich wäre neugierig— Er unterbrach ſich pls ich ſelbſt, Juſt als eine wiederholte Anſpielung auf„die junge Dame“ ſeinen Lippen zu entfliehen auf dem Punkt ſtand. In dem⸗ ſelben Augenblick trat die Frau des Gaſtgebers herein, und Herr Kirke wandte ſich mit ſeinen Nachforſchun⸗ gen auf einmal an die höhere Autorität im Hauſe. „Wiſſen Sie nichts von dieſem Herrn Vanſtone, der hier in der Fremdenliſte ſteht?“ fragte der See⸗ mann.„Iſt er ein älterer Mann?“ „Er iſt ein erbärmlich kleines Geſchöpf von An⸗ ſehen,“ erwiederte die Wirthin—„aber er iſt nicht alt, Capitän.“ „Dann iſt er nicht der Mann den ich meine. 68 Vielleicht iſt es ſein Sohn? Hat er etwelche Damen mit ſich gebracht?“ Die Wirthin warf ihren Kopf in die Höhe und zog ihre Lippen verächtlich zuſammen. „Er hat eine Haushälterin bei ſich,“ ſagte ſie. „Eine Perſon von mittlerem Alter, aber keine von meinem Schlage. Möglich daß ich Unrecht habe, aber ich kann nun einmal eine ſolche Zierpuppe in ihren Jahren nicht leiden.“ Herr Kirke begann etwas verwirrt dareinzuſehen. „Ich muß mich über dieſes Haus etwas im Irrthum befinden,“ ſagte er.„Sicherlich iſt doch vor dem Landhaus zur Seeausſicht ein achteckig geformter freier Raſenplaz und in der Mitte des bekiesten Weges eine weiße Flaggenſtange?“ „Das iſt nicht die Seeausſicht, mein Herr! Das iſt die Nordſteinvilla, wovon Sie reden. Dort wohnt Herr Bygrave. Seine Frau und ſeine Nichte kamen heute mit dem Poſtwagen hieher. Seine Frau iſt groß genug, um als eine Merkwürdigkeit geſehen laſſen werden zu können, und das am ſchlechteſten angekleidete Weib das mir je vor die Augen gekom⸗ men iſt. Aber Fräulein Bygrave iſt werth daß man ſie anſieht, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf. Sie iſt nach meinem Urtheil das feinſte Mäd⸗ chen das wir zu Aldborough ſeit langer Zeit gehabt haben. Ich möchte doch wiſſen wer ſie ſind! Kennen Sie den Namen, Capitän?“ „Nein,“ ſagte Herr Kirke mit einem Schatten von getäuſchter Erwartung auf ſeinem dunkeln wet⸗ tergehärteten Geſichte;„ich hörte den Namen niemals zuvor.“ No er auf der G trinken zehn ſich zu ſeine das„¼ No wandt Hochſt klüger hätte können ſtehen zurück. vierzig Er Weg ſ ſchwar liche manch drung. N gelegt nen K e Damen höhe und ſagte ſie. keine von ht habe, puppe in nzuſehen. Irrthum vor dem geformter bekiesten n Herr! n. Dort ne Nichte ine Frau tgeſehen lechteſten n gekom⸗ daß man bedienen ſte Mäd⸗ t gehabt Kennen Schatten keln wet⸗ niemals 69 Nachdem er dieſe Worte erwiedert hatte, ſtand er auf um ſich zu verabſchieden. Vergebens lud ihn der Gaſtgeber ein noch ein Glas auf den Weg zu trinken, vergebens drang die Wirthin in ihn noch zehn Minuten zu warten und eine Taſſe Thee zu ſich zu nehmen. Er ſezte einfach entgegen daß ihn ſeine Schweſter erwarte und daß er unverweilt in das Pfarrhaus zurückkehren müſſe. Nachdem Herr Kirke das Hotel verlaſſen hatte, wandte er ſich gegen Weſten und ſchritt längs der Hochſtraße landeinwärts, ſo ſchnell als die Dunkel⸗ heit es ihm erlaubte. „Bygrave?“ dachte er bei ſich ſelbſt.„Jezt weiß ich ihren Namen, aber um wie viel bin ich jezt klüger daran! Wenn es Vanſtone geweſen wäre, ſo hätte meines Vaters Sohn in den Fall kommen können ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Er blieb ſtehen und ſchaute in der Richtung von Aldborough zurück. „Was ich für ein Narr bin!“ brach er plözlich aus, indem er mit ſeinem Stock auf den Boden ſchlug.„Ich wurde an meinem lezten Geburtstage vierzig.“ Er kehrte um und ſezte geſenkten Hauptes ſeinen Weg ſchneller als jemals fort. Seine entſchloſſenen ſchwarzen Augen drangen forſchend durch die nächt liche Dunkelheit auf dem Lande, wie ſie dieſelbe manchmal zur See vom Schiffsverdeck aus durch drungen hatten. Nachdem er mehr als eine Stunde Weges zurück⸗ gelegt, erreichte er ein Dorf mit einer uralten klei nen Kirche und einem Pfarrhauſe, die ruhig in einer Thaleinſenkung beiſammen lagen. Er trat von hin⸗ zum 2 ten in das Haus und fand ſeine Schweſter, die Frau alleden des Geiſtlichen, allein bei ihrer Arbeit im Wohn⸗„C zimmer ſizend.„S „Wo iſt Dein Mann, Lizzie?“ fragte er, indem Narren er einen Seſſel in einer Zimmerecke nahm. fuhr „Wilhelm iſt ausgegangen um eine kranke Per⸗ meine ſon zu beſuchen. Er hatte, ehe er ging, gerade noch verwei Zeit genug,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„um mit mir ausma über die junge Dame zu ſprechen; und er erklärt, bis zu er wird ſich niemals wieder mit Dir nach Aldborough blieben trauen, bis Du ein feſt verheiratheter Mann wäreſt.“ ſtohlen Sie hielt inne und ſchaute ihren Bruder auf Leute merkſamer als je an. gethan „Robert!“ ſagte ſe indem ſie ihre Arbeit bei iſt no Seite legte und ſchnell durch das Zimmer zu ihm ſie ſch hintrat.„Du ſiehſt verdrieß lich, Du ſiehſt zerſtreut genug aus. Wilhelm lachte nur über Dein Zuſammentreffen eins. mit der jungen Dame. Iſt es ernſthafter Natur? rend i 1 Sag mir wie ſieht ſie aus?“ kel jed Er wenitt ſeinen Kopf bei dieſer Frage weg Antliz von ihr. ſo der Sie ſezte ſich auf einen Schemel zu ſeinen Füßen E 3 und fuhr fort ihn anzublicken. auf u „Iſt es ernſthafter Natur, Robert?“ wiederholte eben ſ ſie zärtlich. gen di Kirkes verwettertes Geſicht war an keine Ver⸗ Kindh J— ſtellungen gewohnt, es antwortete für ihn, bevor er Herr ein Wort geſprochen hatte. bei der „Sag es Deinem Gatten nicht, bis ich fort ihre bin,“ ſagte er mit einem Ungeſtüm, das ihr ganz Hunde und gar neu an ihm war.„Ich weiß daß ich bloß Unfäll von hin⸗ die Frau Wohn⸗ , indem nke Per⸗ ade noch mit mir erklärt, bborough wäreſt.“ der auf rbeit bei zu ihm zerſtreut entreffen Natur? uge weg n Füßen nderholte ne Ver⸗ bevor er ich fort ihr ganz ich bloß zum Auslachen diene— aber es ſchmerzt mich bei alledem.“ „Es ſchmerzt Dich?“ wiederholte ſie erſtaunt. „Du kannſt mich nicht halb für einen ſolchen Narren halten, Lizzie, für den ich mich ſelbſt halte,“ fuhr Kirke mit Bitterkeit fort.„Ein Mann von meinem Alter ſollte es beſſer kennen. Meine Augen verweilten im Ganzen nicht länger als eine Minute ausmacht auf ihr, und da bin ich auf dem Plaze bis zu einbrechender Nacht wie eingewurzelt ſtehen ge⸗ blieben, in der Erwartung ſie wieder zu ſehen— ver ſtohlen, möchte ich es nennen, wenn ich einen meiner Leute gefunden hätte der das gethan was ich ſelbſt gethan habe. Ich glaube ich bin verzaubert. Sie iſt noch ein völliges Mädchen, Lizzie; ich zweifle ob ſie ſchon neunzehn überſchritten hat— ich bin alt genug um ihr Vater ſein zu können. Es iſt Alles eins. Sie ſteckt mir wider meinen Willen fortwäh rend im Kopfe. Ich habe durch das pechfinſtre Dun⸗ kel jeden Schritt auf dem Weg zu dieſem Hauſe ihr Antliz vor mir geſehen und ich ſehe es gegenwärtig ſo deutlich wie ich Dich ſehe, und noch deutlicher.“ Er ſtand ungeduldig auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Schweſter betrachtete ihn eben ſo mit Erſtaunen als mit Theilnahme, Empfindun⸗ gen die ſich auf ihrem Geſichte abmalten. Von ihrer Kindheit auf war ſie immer gewohnt geweſen ihn als Herr über ſich ſelbſt zu erblicken. Seit Jahren war er bei dem Vermögenszerfall der Familie ihr Vorbild und ihre Stüze geweſen. Sie hatte von ihm gehört, wie Hunderte ſeiner Mitmenſchen in den verzweifelten Unfällen des Seelebens bei ſeiner unerſchütterten Geiſtesgegenwart Rettung vor dem nahdrohenden Tode ſuchten— und es nicht vergebens thaten. Niemals in ihrem ganzen Leben zuvor hatte ſeine Schweſter das Gleichgewicht in dieſer ruhigen und ſich gleichbleibenden Seele aufgehoben geſehen, wie ſie es jezt ſah. „Wie kannſt Du ſo unbillig von Deinem Alter und Dir ſelbſt ſprechen?“ ſagte ſie.„Es lebt keine Frau, Robert, die gut genug für Dich wäre. Wie iſt ihr Name? „Bygrave. Kennſt Du ihn?“ „Nein, aber ich möchte in Bälde ihre Bekannt⸗ ſchaft machen. Wenn wir nur ein Bischen mehr Zeit vor uns hätten, wenn ich nur nach Aldborough gehen und ſie ſehen könnte— aber Du reiſeſt ja morgen ab; Dein Schiff geht zu Ende der Woche unter Segel.“ „Gott ſei Dank dafür!“ ſagte Kirke hizig. „Freuſt Du Dich über Deine Abreiſe?“ fragte ſie, indem ſeine Worte ſie immer mehr in Erſtaunen verſezten. „Es freut mich recht, Lizzie, um meinetwillen. Wenn ich meine Beſinnung wieder erlangen ſoll, ſo muß ich den Weg zu ihr auf dem Verdeck meines Schiffes finden. Dieß Mädchen tritt bereits zwiſchen mich und meine Gedanken; ſie darf nicht noch einen Schritt weiter thun und zwiſchen mich und meine Pflicht treten. Ich habe in dieſer Beziehung meinen beſtimmten Entſchluß gefaßt. So ein Narr ich auch bin, ſo habe ich doch noch Beſinnung genug übrig, um mich morgen früh in einiger Entfernung von Aldborough zu befinden. Ich kann gut noch ein⸗ „C Nach wortet Beiſtit dahine Willer zu la gewoh nehme ſo wü gen n einen nicht müſſer Rückn ten, nachzu bin ao Landſ nicht Geliel ſtehe, S und bis r. rohenden thaten. tte ſeine gen und en, wie m Alter ebt keine e. Wie Bekannt⸗ en mehr borough reiſeſt ja r Woche g. fragte rſtaunen etwillen. ſoll, ſo meines zwiſchen dch einen id meine gmeinen ich auch g übrig, ing von och ein⸗ mal zwanzig Meilen gehen— und ich will meine Rückreiſe heute Nacht antreten.“ Seine Schweſter ſprang auf und faßte ihn feſt beim Arm. „Robert,“ rief ſie aus,„es iſt Dir nicht Ernſt! Du kannſt nicht die Abſicht haben uns allein zu Fuß in der dunkeln Nacht zu verlaſſen?“ „Es iſt einerlei, meine Liebe, ob ich zulezt bei Nacht oder zuerſt am Morgen Lebewohl ſage,“ ant⸗ wortete er lächelnd.„Verſuch es und gib mir Deine Beiſtimmung, Lizzie. Mein Leben iſt auf der See dahingefloſſen, und ich bin nicht gewohnt meine Willenskraft auf dieſe Weiſe aus dem Sattel heben zu laſſen. Die Leute auf dem Lande ſind daran gewohnt, die Leute auf dem Lande können es leicht nehmen. Ich kann es nicht. Wenn ich hier bleibe, ſo würde ich keine Ruhe haben; wenn ich bis mor⸗ gen wartete, ſo würde ich bloß zurückgehen um noch einen Blick auf ſie werfen zu können. Ich wünſche nicht noch mehr Scham vor mir ſelbſt fühlen zu müſſen, als ich bereits fühle. Ich wünſche mir den Rückweg zu meiner Pflicht und mir ſelbſt zu erfech⸗ ten, ohne einen Aufenthalt um doppelt darüber nachzudenken. Die Dunkelheit macht mir nichts; ich bin an die Dunkelheit gewohnt. Ich darf nur die Landſtraße fortmarſchiren und kann ſo meinen Weg nicht verlieren. Laß mich gehen, Lizzie! Die einzige Geliebte, mit der ich in meinem Alter in Verkehr ſtehe, iſt mein Schiff. Laß mich zu ihr zurückkehren.“ Seine Schweſter hielt ihn noch immer am Arme und balgte ſich mit ihm wegen ſeines Verbleibens bis morgen herum. Er hörte ihr mit vollkommener 74 Geduld und Freundlichkeit zu, aber ſie konnte auch nicht einen Augenblick ſeinen Entſchluß erſchüttern. „Was ſoll ich zu Wilhelm ſagen?“ wandte ſie ein.„Was wird er denken, wenn er heim kommt und Dich abgereist findet?“ 3 „Sag ihm, ich hätte den Rath befolgt den er uns in ſeiner lezten Sonntagspredigt gab. Ich habe der Welt, dem Fleiſch und dem Teufel den Rücken gewendet.“ „Wie kannſt Du ſo ſchwazen, Robert! Und die Knaben dazu— Du verſpracheſt nicht zu gehen, ohne den Knaben ein Lebewohl zu ſagen.“ „Das iſt wahr. Ich habe meinen kleinen Neffen das Verſprechen gethan, und ich will es halten.“ Als er dieß ſprach, ſtreifte er ſeine Schuhe an der äußern mit Matten bedeckten Thürſeite ab.„Leuchte mir die Stiege hinauf, Lizzie. Ich will den zwei Buben Lebewohl ſagen ohne ſie aufzuwecken.“ Sie ſah die Nuzloſigkeit eines längern Wider⸗ ſtandes ein, nahm den Leuchter und ging in den obern Stock voraus. Die Knaben— zwei Kinder— ſchliefen in einem Bette zuſammen. Der jüngere war der Liebling ſeines Onkels und war auch nach dem Namen ſeines Onkels getauft. Er lag in friedlichem Schlummer und hatte ein rohgearbeitetes Schiffchen als Spielzeug feſt in ſei⸗ nen Armen. Kirkes Augen glänzten mild und ſanft, als er ſich auf den Zehenſpizen an die Seite des Kindes hinſtahl und es mit der Zärtlichkeit eines Weibes küßte. „Armer kleiner Mann,“ ſagte der Seemann mit weicher Stimme.„Er iſt in ſein Schiff ſo vernarrt, wie ich es res au mir ei mich e n8 lich w I meine ſuchen, Er Schwe nungs Unglü⸗ ſie. verſuc kanntſ 5, Gottes ſoll, Hände Hände Er auf u fröhlie nicht Frühſ Deine Kuß!; S wie i ate auch üttern. ndte ſie kommt den er . Ich ifel den Und die n, ohne Neffen halten.“ an der „Leuchte en zwei —7 Wider⸗ in den n einem g ſeines Onkels d hatte tin ſei⸗ d ſanft, ite des t eines un mit rrt, wie 75 ich es in ſeinem Alter war. Ich will ihm ein beſſe⸗ res ausſchnizeln, wenn ich zurückkomme. Willſt Du mir einmal meinen Neffen übergeben, Lizzie, und mich einen Seemann aus ihm machen laſſen?“ „O Robert, wenn Du nur verheirathet und glück⸗ lich wäreſt, wie ich es bin!“ „Die Zeit iſt vorbei, meine Liebe. Ich muß mir meine gegenwärtige Lage möglichſt zu Nuzen machen ſuchen, und mein kleiner Neffe ſoll mir dazu helfen.“ Er verließ das Zimmer. Die Thränen ſeiner Schweſter floſſen reichlich, als ſie ihm in das Woh⸗ nungszimmer hinab folgte. „In Deiner dießmaligen Abreiſe liegt ſo etwas Unglück Bedeutendes und Trauriges, wie nie,“ ſagte ſie.„Soll ich morgen nach Aldborough gehen und verſuchen ob ich nicht in Deinem Intereſſe ihre Be⸗ kanntſchaft machen kann?“. „Nein!“ erwiederte er.„Laß ſie ſein. Wenn es Gottes Wille iſt, daß ich das Mädchen wieder ſehen ſoll, ſo werde ich ſie ſehen. Ueberlaß das den Händen der Zukunft und Du überläßt es rechten Händen.“ Er zog ſeine Schuhe wieder an, ſezte ſeinen Hut auf und ergriff ſeinen Stock. „Ich werde mich nicht überlaufen,“ ſagte er fröhlich.„Wenn der Poſtwagen mich auf der Straße nicht überholt, ſo werde ich an dem Ort, wo ich des Frühſtücks wegen Halt mache, auf ihn warten. Trockne Deine Thränen, liebe Schweſter, und gib mir einen Kuß!“ Sie beſaß die gleiche Geſtalt und Geſichtsfarbe wie ihr Bruder und einen Anflug von dem Geiſte 76 deſſelben, ſie wiſchte ihre Thränen ab und nahm beherzt von ihm Abſchied. „Ich werde in Jahresfriſt zurück ſein,“ ſagte Kirke, indem er an der Thüre wieder in ſein altes ſeemän⸗ niſches Geleiſe verfiel.„Ich werde Dir einen chine⸗ ſiſchen Shawl mitbringen, Lizzie, und eine Kiſte voll Thee für Deine Vorrathskammer. Laß die Knaben mich nicht vergeſſen, und betrachte es als kein Un⸗ recht von mir, daß ich Dich in dieſer Weiſe verlaſſe. Ich weiß, daß ich recht handle. Gott ſegne und behüte Dich, meine Liebe, und Deine Gattin und Deine Kinder! Lebe wohl!“ Er hielt inne und küßte ſie. Sie lief an die Thüre um ihm nachzuſchauen. Ein Luftſtoß löſchte das Licht aus— und die ſchwarze Nacht machte ihn augenblicklich vor ihr verſchwinden. Drei Tage ſpäter ging das Kauffahrteiſchiff erſter Claſſe— Deliverance(Befreiung), Capitän Kirke — von London nach den chineſiſchen Gewäſſern unter Segel. Drittes Capitel. Das Drohen eines Sturmes und die Veränder⸗ lichkeit des Wetters war mit der Nacht vorüber. Als der Morgen über Aldborough anbrach, war die Sonne Meiſterin an dem blauen Himmel, und die Wellen kräuſelten ſich munter unter dem Hauche eines Sommerlüftchens. Zu einer Morgenſtunde, wo noch keine andern Badegäſte an den Badpläzen erſchienen waren, zeigte der Ne ein, Joyces Hand. ſern e und ü floſſene rigkeit Untern doppel zu we dalene beacht tiefe 2 Frau N auskre (um ſ Erſte nahm zum; für d Antli⸗ zeigte Gemü Wrag ander befan was herob papie d nahm te Kirke, ſeemän⸗ n chine⸗ iſte voll Knaben ein Un⸗ verlaſſe. gne und tin und an die löſchte chte ihn iff erſter in Kirke wäſſern rränder⸗ vorüber. war die und die Hauche andern waren, zeigte ſich der unermüdliche Wragge an der Pforte der Nordſteinvilla und ſchlug eine nördliche Richtung ein, mit einem hübſchgebundenen Exemplar von Joyces„Wiſſenſchaftlichen Dialogen“ in ſeiner Hand. Nachdem er die Oedung hinter den Häu⸗ ſern erreicht hatte, ging er an den Strand hinab und öffnete ſein Buch. Die Unterredung am ver⸗ floſſenen Abend hatte ſeine Auffaſſung der Schwie⸗ rigkeiten geſchärft, denen bei der bevorſtehenden Unternehmung begegnet werden mußte. Er war jezt doppelt entſchloſſen das characteriſtiſche Experiment zu wagen, auf welches er in ſeinem Briefe an Mag⸗ dalene angeſpielt hatte, und in der Eigenſchaft eines beachtungswerthen und wohlunterrichteten Mannes das tiefe Intereſſe und die Aufmerkſamkeit der furchtbaren Frau Lecount auf ſeine eigene Perſon zu concentriren. Nachdem Capitän Wragge eine tüchtige Doſis auskrambarer Wiſſenſchaft zu ſich genommen hatte (um ſich ſeines eigenen Ausdruckes zu bedienen), das Erſte was er am Morgen bei leerem Magen vor⸗ nahm, verſammelte er ſeinen kleinen Familienzirkel zum Frühſtück, ganz vollgepumpt mit Wiſſenſchaft für dieſen Tag. Er bemerkte daß Magdalenens Antliz unverkennbare Spuren einer ſchlafloſen Nacht zeigte; ihr Benehmen war indeſſen ruhig und ihre Gemüthsverfaſſung vollkommen in ihrer Gewalt. Frau Wragge, die ſich etwa dreizehn Stunden nach ein⸗ ander durch eine ununterbrochene Ruhe erfriſcht hatte, befand ſich in vortrefflicher Stimmung und hatte, was ein Wunder war, die Schuhe über ihren Ferſen heroben. Sie brachte in das Zimmer Stücke Seiden⸗ papiers von verſchiedener Größe mit ſich, die zackig in geheimnißvolle und mannigfaltige Formen aus⸗ geſchnitten waren, was alsbald die kurze und ſcharfe Frage des Gatten hervorrief: „Was haſt Du da gebracht?“ „Muſter, Capitän,“ ſagte Frau Wragge in einem furchtſamen, einſchmeichelnden Tone.„Ich ging zu London in die Läden und kaufte ein orientaliſches Caſchemirkleid. Es koſtet ſchweres Geld. Ich bin im Begriff es zu verſuchen und zu ſparen, indem ich es ſelbſt verfertige. Ich habe meine Muſter bekommen und eine Anleitung zum Kleidermachen, die ſo zier⸗ lich wie gedruckt abgeſchrieben iſt. Ich will recht be⸗ ſcheiden ſein, Capitän, und in einer beſondern Ecke bleiben, wenn Du mir gefälligſt eine anweiſen wirſt; und ob mein Kopf ſchwirrt oder nicht, ſo will ich doch ganz gerade bei meiner Arbeit ſizen bleiben.“ „Du wirſt Deine Arbeit fertigen,“ ſagte der Ca⸗ pitän mit ſtrengem Ernſt,„wenn Du weißt wer Du biſt, wer ich bin und wer dieſe junge Dame iſt— eher nicht. Zeig mir Deine Schuhe! Gut. Zeig mir Deine Haube! Gut. Mache das Frühſtück!“ Als das Frühſtück vorüber war, erhielt Frau Wragge die Ordre ſich in ein anſtoßendes Zimmer zurückzuziehen und dort zu warten, bis der Capitän kommen und ſie wieder freilaſſen würde. Sobald ſie ihnen den Rücken gekehrt hatte, nahm er gleich⸗ zeitig die Unterredung, welche am vorhergehenden Abend auf Magdalenens eigenen Wunſch eingeſtellt worden war, wieder auf. Die Fragen die er jezt ſtellte, bezogen ſich alle auf den Beſuch den ſie in Noel Vanſtones Hauſe gemacht hatte. Es waren die Fragen eines durch und durch helldenkenden Mann losgel hatte Vauxl D Aufkl. A drückt count habe, laſſen zugeſe Lecou ſich z ließ, der 2 aus, Auge Mag hätte Haus Pund Schn ihre ohne zu re Mag der Mein ſchein gehe Tem n aus⸗ ſcharfe n einem ging zu aliſches bin im n ich es kommen ſo zier⸗ echt be⸗ on Ecke nwirſt; ich doch der Ca⸗ wer Du iſt— . Zeig tück!“ t Frau Zimmer Capitän Sobald gleich⸗ ehenden ngeſtellt er jezt n ſie in waren nkenden 79 Mannes, kurz, erſchöpfend und gerade auf ihr Ziel losgehend. In weniger als einer halben Stunde Zeit hatte er ſich mit jedem Vorfall, der ſich in der Vauxhallpromenade zugetragen, bekannt gemacht. Die Schlüſſe, die der Capitän nach erhaltener Aufklärung zog, waren klar und faßlich. Was die ungünſtige Seite der Sache betraf, ſo drückte er ſeine Ueberzeugung aus, daß Frau Le⸗ count ſicherlich die Verkleidung ihres Gaſtes entdeckt habe, daß ſie nie in Wirklichkeit das Zimmer ver⸗ laſſen, obgleich ſie die Thüre geöffnet und wieder zugeſchloſſen haben konnte, und daß deßhalb Frau Lecount bei beiden Gelegenheiten, wo Magdalene ſich zum Sprechen in ihrer eigenen Stimme hinreißen ließ, ſie gehört habe. Bezüglich der günſtigen Seite der Frage ſprach er ſeine vollkommene Befriedigung aus, daß das bemalte Geſicht und die gefärbten Augenlider, die Perrücke und der wattirte Mantel Magdalenens Identität ſo erfolgreich verborgen hätten, daß ſie der eingehendſten Unterſuchung der Haushälterin Troz bieten könnte, ſo weit es den Punkt der äußerlichen Erſcheinung beträfe. Die Schwierigkeit, Frau Lecounts Ohren eben ſo gut wie ihre Augen hinters Licht zu führen, war, wie er ohne Anſtand zugab, nicht ſo leicht aus dem Wege zu räumen. Aber in Anbetracht der Thatſache, daß Magdalene in beiden Fällen wo ſie ſich vergaß in der Hize des Aergers geſprochen hatte, war er der Meinung, daß ihre Stimme jede vernünftige Wahr⸗ ſcheinlichkeit für ſich habe, einer Entdeckung zu ent⸗ gehen, wenn ſie nur künftighin alle Ausbrüche ihres Temperaments vermeiden und in jenen ruhigeren und 80 gewöhnlichen Tönen ihrer Stimme ſprechen würde, welche Frau Lecount noch nicht gehört hatte. Im Ganzen war der Capitän geneigt die Ausſicht als hoffnungsvoll darzuſtellen, wenn nur ein einziges be⸗ denkliches Hinderniß ſchon von Anfang an bei Seite geräumt würde. Dieſes Hinderniß beſtehe in nichts Geringerem, als in der Anweſenheit der Frau Wragge auf dem Schauplaz der Handlung. Zu Magdalenens Erſtaunen horchte Capitän Wragge, als ſie im Verlauf ihrer Erzählung auf die Geſchichte mit dem Geiſte kam, mit der Miene eines Mannes zu, der durch das was er hörte mehr be⸗ unruhigt als ergözt wurde. Als ſie fertig war, gab er ihr offenherzig zu verſtehen, daß nach ſeiner Anſicht ihr unglückliches Zuſammentreffen mit Frau Wragge auf der Treppe des Gaſthauſes der bedenk⸗ lichſte aller Vorfälle wäre, die ſich auf der Vauxhall⸗ promenade zugetragen hätten. „Ich kann wohl gegen die Schwierigkeit, welche die Schwachköpfigkeit meiner Frau darbietet, ankäm⸗ pfen,“ ſagte er,„wie ich oft zuvor dagegen ange⸗ kämpft habe. Ich kann ihr die neue Identität ihrer Perſon wohl in ihren Kopf hineintrichtern, aber ich kann den Geiſt nicht aus ihrem Kopf heraus trichtern. Wir haben keine Sicherheit, daß das Weib in dem grauen Mantel und dem Sacktuch ge⸗ rade zu dem critiſcheſten Zeitpunkt und unter den widerwärtigſten Umſtänden nicht wieder in ihre Erinnerung zurückkommt. In deutlichem Engliſch, mein liebes Mädchen, Frau Wragge iſt eine Fall⸗ grube unter unſern Füßen bei jedem Schritt, den wir thun.“ „W ſagte) darnach gen Si „3 weilige ich blo ſprecher nung armen niſſe r und ur ges Fo einer verwan mögen meinen Außenf Frau mich f Anverr ten, ſorge geben, ich ni andere nicht ſo ſehe auf ei gung men, Col vürde, Im ht als ges be⸗ Seite nichts Pragge apitän auf die eines ihr be⸗ war, ſeiner Frau bedenk— urhall⸗ welche ankäm⸗ ange⸗ it ihrer , aber heraus aß das uch ge⸗ ter den n ihre jngliſch, ne Fall⸗ tt, den 81 „Wenn wir auf die Fallgrube recht Acht geben,“ ſagte Magdalene,„ſo können wir unſere Maßregeln darnach nehmen um ihr auszuweichen. Was ſchla⸗ gen Sie vor?“ „Ich ſchlage,“ erwiederte der Capitän,„die zeit⸗ weilige Entfernung der Frau Wragge vor. Wenn ich bloß von einem pecuniären Geſichtspunkt aus ſprechen ſoll, ſo kann ich nicht in eine völlige Tren⸗ nung von ihr einwilligen. Sie haben doch oft von armen Leuten geleſen, die plözlich durch Vermächt⸗ niſſe reich geworden ſind, welche ſie aus entfernten und unvermutheten Gegenden erhielten? Frau Wrag⸗ ges Fall, als ich mich mit ihr verheirathete, war, einer von dieſer Art. Eine ältliche weibliche An⸗ verwandte theilte bei dieſer Gelegenheit das Ver⸗ mögen welches ihr das Glück beſcheert hatte, mit meinem Weibe; und wenn ich nur einen häuslichen Außenſchein bewahre, ſo weiß ich zuverläſſig daß Frau Wragge noch ein zweites Mal profitabel für mich ſein wird, nämlich beim Tode dieſer ältlichen Anverwandten. Würde dieſer Umſtand nicht obwal⸗ ten, ſo hätte ich mein Weib ſchon lange der Für⸗ ſorge der menſchlichen Geſellſchaft im Großen über⸗ geben, in der angenehmen Ueberzeugung daß, wenn ich nicht für ihren Unterhalt ſorgte, es ſchon eine andere Perſon thun würde. Obgleich ich mich nun nicht dazu verſtehen kann dieſen Weg einzuſchlagen, ſo ſehe ich doch kein Hinderniß, warum ich ſie nicht auf eine beſtimmte Zeit in eine anſtändige Verpfle⸗ gung geben und, um ſie uns aus dem Weg zu räu⸗ men, etwa in einem abgelegenen Pachthof in der 6 Collins, Namenlos. I11 5 82 Eigenſchaft einer geiſteskranken Dame unterbringen ſollte. Sie würden die daraus entſtehenden Koſten geringfügig, ich würde meine zeitweilige Erlöſung von ihr unausſprechlich wohlthuend finden. Was ſagen Sie dazu? Soll ich mit ihr Knall und Fall aufpacken und ſie ſogleich mit dem nächſten Poſt⸗ wagen fortſchicken?“ „Nein,“ verſezte Magdalene mit Beſtimmtheit. „Das Loos des armen Geſchöpfes iſt bereits hart genug; ich will nicht dazu beitragen, es noch härter zu machen. Sie war zärtlich, treuherzig und gütig gegen mich, als ich unwohl war, und ich möchte mich um keinen Preis dazu hergeben, ſie bei frem den Leuten einſperren zu laſſen, ſo lange ich dagegen helfen kann. Die Gefahr, in der wir ſtehen wenn wir ſie hier behalten, iſt lediglich nur eine Gefahr weiter. Ich will ihr Troz bieten, Capitän Wragge, wenn Sie auch nicht wollen.“ „Gehen Sie noch einmal mit ſich zu Rath,“ ſagte der Capitän mit ernſtem Tone,„bevor Sie ſich entſchließen Frau Wragge hier zu behaltén.“ „Einmal iſt genug,“ erwiederte Magdalene;„ich will ſie nicht weggeſchickt haben.“ „Ganz gut,“ ſagte der Capitän mit Ergebung. „Ich will mich in Gefühlsfragen nimmermehr ein⸗ miſchen. Aber ich habe in Rückſicht auf meine eigene Perſon noch ein Wort zu ſagen. Wenn meine Dienſte Ihnen von irgend einem Nuzen ſein ſollen, ſo dür⸗ fen mir meine Hände nicht ſchon am Anfang gebun⸗ den werden. Das iſt ernſthafter Natur. Ich ge⸗ traue mir nimmermehr mein Weib und Frau Le count zuſammentreffen zu laſſen. Ich hege nun einm und Wra len 1 forde ſpät ſich daß Sie die E tigkei Ja o „ augen dabei Vorſe C ſüßlie „ „Wol nehm Lecou „ wöhn Parat Ich l genug paſſen zu ve mädch folg rbringen 1 Koſten Erlöſung Was und Fall en Poſt⸗ mmtheit. its hart h härter id gütig h möchte ei frem dagegen en wenn Gefahr Wragge, Rath,“ vor Sie ten.“ e;„ich rgebung. ehr ein⸗ e eigene Dienſte ſo dür⸗ gebun⸗ Ich ge⸗ Frau Le ege nun einmal B. Beſorgniß, wenn Sie ſolche auch nicht hegen, und ich mache es zur Bedingung daß, wenn Frau Wragge hier bleib bt, ſie auf ihrem Zimmer verwei⸗ len muß. Wenn Sie glauben, ihre Geſundheit er⸗ fordere es, ſo können Sie ja früh am Morgen oder ſpät am Abend dieſelbe zu einem Spaziergang mit ſich nehmen, aber nimmermehr dürſen Sie es zugeben daß ſie mit dem Dienſtmädchen, mnanrmehe dürfen Sie es zugeben daß ſie allein ausgeht. Ich ſtelle die Sache deutlich hin; ſie iſt von zu großer Wich⸗ tigkeit um damit zu ſpaſſen. Was ſagen Sie dazu, Ja oder Nein?“ „Ich ſage Ja,“ verſezte Magdalene nach einer augenblicklichen Ueberlegung.„Doch verſteht es ſich dabei von ſelbſt, daß ich ſie nach Ihrem eigenen Vorſchlage zum Spazierengehen mitnehmen darf.“ Capitän Wragge verbeugte ſich und fand ſeine ſüßliche Manier wieder. „Nun, was ſind unſere Plane?“ fragte er. „Wollen wir dieſen Nachmittag auf unſer Unter nehmen losgehen? Sind Sie bereit ſich bei Frau Lecount und ihrem Herrn einführen zu laſſen?“ „Ganz und gar bereit.“ „Wiederum gut. Wir werden ſie zu ihrer ge wöhnlichen Ausgangsſtunde, um zwei Uhr, auf dem Paradeplaz treffen. Es iſt jezt noch nicht zwölf. Ich habe jezt noch zwei Stunden vor mir, juſt Zeit genug um meine Frau in ihre neue Haut hineinzu⸗ paſſen. Dieſer Prozeß iſt abſolut nothwendig, um zu verhindern, daß ſie uns gegenüber dem Dienſt⸗ mädchen bloßſtellt. Machen Sie ſich über den Er⸗ folg keine Sorge. Frau Wragge hat während des 84 Verlaufs ihres ehelichen Lebens eine Unmaſſe von angenommenen Namen in ihren Kopf hineingetrichtert. Es iſt lediglich die Frage ob ſie dauernd genug hin⸗ eingetrichtert ſind. Ich denke, wir ſind jezt für alle Fälle ſattelgerecht. Gibt es für mich vor zwei Uhr noch etwas zu thun? Haben Sie noch irgend eine Beſchäftigung für den Morgen?“ „Nein,“ ſagte Magdalene.„Ich werde in mein Zimmer zurückkehren und daſelbſt ein wenig auszu⸗ ruhen verſuchen.“ „Sie hatten eine unruhige Nacht, beſorge ich?“ ſagte der Capitän, indem er höflich die Thüre für ſie öffnete. „Ich ſchlief ein oder zweimal ein,“ ſagte ſie gleichgiltig.„Ich glaube, meine Nerven ſind ein Bischen angegriffen. Die kecken ſchwarzen Augen jenes Mannes, der mich am geſtrigen Abend ſo un⸗ ziemlich anſtarrte, ſchienen mir in meinen Träumen wieder auf mich gerichtet zu ſein. Wenn wir ihn heute ſehen und er mich noch einmal beläſtigt, ſo muß ich Sie um die Mühe erſuchen mit ihm zu ſprechen. Wir wollen hier wieder um zwei Uhr zu⸗ ſammentreffen. Sind Sie nicht hart gegen Frau Wragge; lehren Sie ihr das was ſie lernen muß mit möglichſter Zartheit.“ Mit dieſen Worten verließ ſie ihn und ging die Treppe hinauf. Sie legte ſich mit einem ſchweren Seufzer auf ihr Bett und verſuchte zu ſchlafen. Es war ver⸗ gebens. Die drückende Müdigkeit, von welcher ſie eingenommen war, war nicht die Müdigkeit für die in der Ruhe ein Gegenmittel lag. Sie ſtand wieder und j ihre und ſchaftl ſich v eigene ſich de davon pfindle aufbie noch i Anhäi taucht mit tl jeder derträ dergeſ welche bloß 1 war. gegen wenn ſiegen welche bes ar allerve 2 5 8 8 2 ſſe von richtert. aug hin⸗ für alle bei Uhr nd eine in mein auszu⸗ e ich 2% hüre für agte ſie ind ein Augen ſo un⸗ räumen wir ihn tigt, ſo ihm zu Uhr zu⸗ n Frau ten muß ging die fzer auf dar ver⸗ lcher ſie für die bHwieder 85⁵ auf und ſezte ſich an das Fenſter, worauf ſie mit gedankenloſer Verdroſſenheit auf das Meer hinaus⸗ ſchaute. Eine ſchwächere Natur, als die ihrige, würde den Schlag den ihr Franks Treuloſigkeit beigebracht nicht ſo heftig gefühlt haben, als ſie ihn gefühlt hatte und jezt noch fühlte. Eine ſchwächere Natur würde ihre Zuflucht zu Ausbrüchen des Zorns genommen und Troſt in Thränen gefunden haben. Die leiden⸗ ſchaftliche Stärke von Magdalenens Liebe klammerte ſich verzweiflungsvoll an das ſinkende Wrack ihrer eigenen Illuſion— klammerte ſich daran, bis ſie ſich durch die bloße Kraft ihres Willens mit Gewalt davon trennte. All ihren angebornen Stolz, ihr em⸗ pfindliches Gefühl für geſchehenes Unrecht mußte ſie aufbieten, um gegen die Gedanken anzukämpfen welche noch immer aus der unauslöſchlichen Hingebung und Anhänglichkeit an die glücklichere Vergangenheit auf⸗ tauchten und ihre Nahrung zogen, welche noch immer mit thörichtem Eigenſinn Franks herzloſes Lebewohl jeder andern Urſache zuſchrieben, nur nicht der Nie⸗ derträchtigkeit des Mannes der dieſes Lebewohl nie⸗ dergeſchrieben hatte. Es lebte noch nie ein Weib welches eine treue Liebe aus dem Herzen reißen konnte, bloß weil der Gegenſtand dieſer Liebe ihrer unwürdig war. Alles was ſie thun kann iſt im Geheimen da⸗ gegen zu kämpfen, in dem Kampf zu unterliegen wenn ſie ſchwach iſt, oder, wenn ſie ſtark iſt, obzu⸗ ſiegen durch einen Prozeß von Selbſtzerfleiſchung, welche von allen moraliſchen auf die Natur des Wei⸗ bes angewandten Mitteln das allergefährlichſte und allerverzweifeltſte, und von allen moraliſchen Gemüths⸗ veränderungen diejenige iſt, deren Spuren für das ganze übrige Leben nicht vertilgt werden können. Magdalenens ſtarke Natur hatte ſie in dem ſchweren Gefühlskampf aufrecht erhalten und der Ausgang deſſelben ließ ſie ſo zurück wie ſie jezt war. Nachdem ſie faſt eine Stunde lang an dem Fen⸗ ſter geſeſſen hatte, während welcher Zeit ihre Augen maſchinenmäßig in die Gegend hinausſtarrten, ihr Geiſt nicht den geringſten Eindruck empfand und ihre Seele gedankenlos hinbrütete, raffte ſie ſich endlich aus der ſeltſamen wachenden Betäubung von welcher ſie befallen war empor, ſtand auf und traf ihre Vor⸗ bereitungen für das ernſte Geſchäft des Tages. Sie wendete ſich zu dem Kleiderkaſten und nahm von den Nägeln zwei helle, feine Muslinkleider her⸗ unter, welche im verfloſſenen Jahre für den Sommer⸗ gebrauch zu Rabenſchlucht gemacht worden waren und welche zu geringen Werth beſaßen, um bei dem Verkauf ihres übrigen Beſizthums mit veräußert zu werden. Als ſie die Kleider neben einander auf das Bett gelegt hatte, blickte ſie noch einmal in den Kleiderkaſten hinein. Er enthielt bloß noch ein an⸗ deres Sommerkleid, den glatten Alpacarock, welchen ſie während ihrer merkwürdigen Unterredung mit Noel Vanſtone und Frau Lecount getragen hatte. Dieſen ließ ſie an ſeinem Plaze hängen, da ſie ent⸗ ſchloſſen war ihn nicht anzuziehen, weniger etwa aus Beſorgniß daß die Haushälterin ein Muſter wieder erkennen möchte, das nicht auffällig genug um be⸗ merkt, und zu alltäglich um erkannt zu werden war, als vielmehr aus der Ueberzeugung, daß er für den beabſichtigten Zweck weder heiter noch paſſend genug war. linübe ſchuhe den ſchloß fältig Ar ſie mi es wa gen ſe ſelben empfir mich welche ob de hätte, welche Farbe Blau ſichtsf⸗ ohne in ihr ſchaue wo ſie ſie der den 1 Glacẽ zuwen „L weil war. ir das können. hweren usgang m Fen⸗ Augen n, ihr nd ihre endlich welcher re Vor⸗ 8. b nahm her her⸗ ommer⸗ waren dei dem ßert zu ſer auf in den ein an⸗ welchen ig mit hatte. ſie ent⸗ wa aus wieder um be⸗ en war, für den bgenug 87 war. Nachdem ſie noch einen glatten, weißen Mus⸗ linüberwurf, ein Paar hellgraue ziegenlederne Hand⸗ ſchuhe und einen florentiniſchen Gartenſtrohhut aus den Schiebladen des Schrankes genommen hatte, ſchloß ſie denſelben zu und ſteckte den Schlüſſel ſorg⸗ fältig in ihre Taſche. Anſtatt ſogleich an ihr Ankleiden zu gehen, ſaß ſie müſſig da und beſchaute die zwei Muslinkleider; es war ihr gleichgiltig welches von beiden ſie tra⸗ gen ſollte und doch ſchwankte ſie mit der Wahl des⸗ ſelben unentſchloſſen hin und her. „Was thut es zur Sache?“ ſagte ſie mit einem empfindungsloſen Lachen zu ſich ſelbſt.„Ich fühle mich in meiner eigenen Achtung gleich unwürdig, welches ich auch trage.“ Sie bebte zuſammen, als ob der Klang ihres eigenen Lachens ſie erſchreckt hätte, und langte darauf blizſchnell nach dem Kleide, welches ihr am nächſten bei der Hand lag. Die Farbe deſſelben war blau und weiß, gerade das Blau welches am Beſten ihrer ausgezeichneten Ge⸗ ſichtsfärbe entſprach. Sie zog haſtig das Kleid an, ohne ſich dem Spiegel zu nähern. Zum erſten Male in ihrem Leben vermied ſie es, ihr Spiegelbild zu ſchauen mit Ausnahme eines einzigen Augenblicks, wo ſie ihr Haar unter dem Strohhut ordnete, worauf ſie den Spiegel alsbald wieder verließ. Sie warf den Ueberwurf über ihre Schultern und zog ihre Glacéhandſchuhe an, ihren Rücken dem Toilettentiſch zuwendend. „Soll ich mich ſchminken?“ fragte ſie ſich ſelbſt, weil ſie inſtinktmäßig fühlte, daß ſie bleich geworden war.„Das Roth befindet ſich noch in meinem Kof⸗ fer. Ich kann mein Geſicht nicht noch falſcher machen, als es bereits iſt.“ Sie ſchaute nach dem Spiegel um und wandte ſich dann wieder ab davon. „Nein!“ ſagte ſie.„Ich habe Frau Lecount ſo gut wie ihrem Herrn vor das Geſicht zu treten. Keine Schminke.“ Nachdem ſie auf der Uhr nach der Zeit geſehen, verließ ſie das Zimmer und ſtieg wieder die Treppe Pirinter Es fehlten noch zehn Minuten bis zwei Uhr. Capitän Wragge wartete auf ſie in dem Em⸗ pfangzimmer. Er ſah ganz reſpectabel in ſeinem Frack, ſeiner Sommercravatte und ſeinem hohen weißen Hut aus. Er hatte eine büffellederne Weſte, graue Beinkleider und entſprechende Gamaſchen an, was einen gar freundlichen und wahrhaft ländlichen Anblick bot. Seine Vatermörder waren höher als jemals und er trug einen funkelnagelneuen Feldſtuhl in ſeiner Hand. Jedweder Handelsmann in England, der ihn in dieſem Augenblick geſehen hätte, würde ihm auf dem Flecke creditirt haben. „Charmant!“ ſagte der Capitän, indem er Mag⸗ dalene bei ihrem Hereintreten ins Zimmer mit väter⸗ lichen Blicken muſterte.„So friſch und kühl! Ein wenig zu blaß, meine Theure, und zu einem großen Theil zu ernſthaft. Alles Uebrige unübertrefflich. Verſuchen Sie ob Sie lächeln können.“ „Wenn die Zeit zum Lächeln kommt,“ ſagte Mag⸗ dalene mit Bitterkeit,„dann verlaſſen Sie ſich nur getroſt auf meine theatraliſche Fertigkeit in jeglicher Mienenveränderung die nothwendig ſein wird. Wo iſt Frau Wragge?“ wieder mir di ihrer2 neue L Folge ſamkeit bleiben daß ſi wird f Schnei beſtimn brütent das G Ei. 2 meinen konnte komme Parad 5 als ſ Arzu Tag g denen übel ſt und w nenſchi hälteri keinesn nachen, wandte dunt ſo Keine geſehen, Treppe ei Uhr. m Em⸗ ſeinem hohen Weſte, en an, ndlichen der als eldſtuhl ngland, würde Mag⸗ väter⸗ ! Ein großen refflich. e Mag⸗ ich nur eglicher S. Wo 89 „Frau Wragge hat ihre Lection gelernt,“ er⸗ wiederte der Capitän,„und zum Lohne dafür von mir die Erlaubniß erhalten, in ihrem Zimmer bei ihrer Arbeit ſizen bleiben zu dürfen. Ich heiße ihre neue Liebhaberei fürs Kleidermachen gut, weil ich in Folge deſſen ſicher bin, daß ſie ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihre Arbeit verwenden und gerne zu Hauſe bleiben wird. Ich befürchte nicht im Mindeſten daß ſie mit ihrer orientaliſchen Robe„zu hurtig“ wird fertig werden, da gewiß kein Verſehen bei ihrer Schneiderei vorkommen kann, welches ſie ſich nicht beſtimmt zu Schulden kommen laſſen wird. Sie wird brütend über ihrer Robe ſizen, verzeihen Sie mir das Gleichniß, wie eine Henne übér einem tauben Ei. Ich verſichere Sie, ihre neue Grille verſchafft weinem Herzen eine gewiſſe Erleichterung. Nichts konnte unter den obwaltenden Umſtänden gelegener kommen.“ Er ſchritt ſtolzen Ganges an das Fenſter, ſah hinaus und winkte Magdalene zu ihm zu treten. „Dort ſind ſie!“ ſagte er und deutete auf den Paradeplaz. Herr Noel Vanſtone ſchlenderte gemächlich vorbei, als ſie hinausſah. Er war in einen vollſtändigen Anzug von altmodiſchem Nanking gekleidet. Der Tag gehörte augenſcheinlich zu einem derjenigen, an denen es mit ſeinen Geſundheitsverhältniſſen ſehr übel ſtand. Er ſtüzte ſich auf Frau Lecounts Arm und wurde vor der Sonne durch einen hellen Son⸗ nenſchirm geſchüzt, den ſie über ihn hielt. Die Haus⸗ hälterin war mit gewohnter Zierlichkeit mit einem keineswegs auffallenden, lavendelfarbigen Sommer⸗ 90 kleid, einer ſchwarzen Mantille, einem ſehr beſcheide⸗ nen Strohhut und einem gekräuſelten blauen Schleier bekleidet; ſie geleitete ihren Herrn mit der zärtlich⸗ ſten Aufmerkſamkeit. Bald lenkte ſie ſeine Beobach⸗ tung auf die verſchiedenen Gegenſtände der Ausſicht auf das Meer, bald verneigte ſie ihren Kopf in dank⸗ barer Erwiederung der Höflichkeit der vorüberwandeln⸗ den Fremden, welche auswichen um dem Kranken freien Paß zu laſſen. Sie erregte unter den Bumm⸗ lern am Meeresſtrand einen ſichtbaren Eindruck. Sie blickten mit ungetheiltem Intereſſe nach ihr und wech⸗ ſelten vertrauliche Winke des Beifalls, welche ſo deut⸗ lich wie Worte den Sinn haben konnten:„Eine ſehr häusliche Perſon, ein wahrhaft vortreffliches Frauen⸗ zimmer!“ Capitän Wragges doppelfarbige Augen folgten der Frau Lecount mit ununterbrochener, mißtrauiſcher Aufmerkſamkeit. „Eine ſchwierige Arbeit für uns Das,“ flüſterte er Magdalenen ins Ohr.„Eine ſchwierigere Arbeit als Sie denken, bis wir dieſes Weibsbild von ihrem Plaze verdrängen.“ „Warten Sie es ab,“ ſagte Magdalene in ruhi⸗ gem Tone.„Warten Sie es ab und Sie werden den Erfolg ſehen.“ Sie ſchritt auf die Thüre zu. Der Capitän folgte ihr ohne eine weitere Bemerkung zu machen. „Ich will warten bis Du verheirathet biſt,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„keinen Augenblick länger, Du magſt mir bieten was Du willſt.“ Süden nen, ſe Ca dieſer Garten öffnete, angezo⸗ kleinen der Ga blieb c lächelte Vorwi⸗ den, ut Aldbor Ein Dame, ſchwarz capitän gehend erwiede blicklich Die D mit Zi „C Kirkes denken wirklich vertrar Fräule eſcheide⸗ Schleier zärtlich⸗ zeobach⸗ Ausſicht n dank⸗ handeln⸗ Kranken Bumm⸗ ick. Sie id wech⸗ ſo deut⸗ ine ſehr Frauen⸗ folgten auiſcher flüſterte Arbeit n ihrem in ruhi⸗ werden n folgte biſt,“ länger, 91 An der Hausthüre wandte ſich Magdalene wie⸗ der an ihn. 2 „Wir wollen dieſen Weg gehen,“ ſagte ſie gegen Süden deutend,„dann umkehren und ihnen begeg⸗ nen, ſobald ſie zurückkommen.“ Capitän Wragge bezeigte ſeine Zuſtimmung zu dieſer Anordnung und folgte Magdalenen an das Gartenthor. Als ſie daſſelbe um hindurchzugehen öffnete, wurde ihre Aufmerkſamkeit von einer Dame angezogen, welche mit einem Kindsmädchen und zwei kleinen Knaben hinter ihr, auf dem Pfade außerhalb der Gartenmauer hin und her ſchlenderte. Die Dame blieb auf dem Plaze ſtehen, blickte neugierig hin und lächelte vor ſich hin, als Magdalene herauskam. Der Vorwiz war Meiſter über Kirkes Schweſter gewor⸗ den, und ſie war mit der ausdrücklichen Abſicht nach Aldborough gekommen, Fräulein Bygrave zu ſehen. Ein gewiſſes Etwas in der Geſichtsbildung der Dame, ein gewiſſes Etwas in dem Ausdruck ihrer ſchwarzen Augen erinnerte Magdalene an den Schiffs⸗ capitän, deſſen unberufene Bewunderung am vorher gehenden Abend ihren Unwillen gereizt hatte. Sie erwiederte den forſchenden Blick der Fremden augen⸗ blicklich durch ein finſteres, mißfälliges Stirnrunzeln. Die Dame wechſelte die Farbe, bezahlte den Blick mit Zinſen und ſchritt ſodann langſam weiter. „Ein ſchroffes, keckes, ſchlimmes Mädchen,“ dachte Kirkes Schweſter.„Was konnte Robert ſich denn denken, als er ſie ſo bewunderte? Ich bin nun wirklich recht froh daß er abgereist iſt. Ich hoffe und vertraue, daß er niemals wieder ſeine Augen auf Fräulein Bygrave weilen laſſen wird.“ 92 „Was für Bauern ſind die Leute hier!“ ſagte Magdalene zu Capitän Wragge.„Dieſes Weib war noch unverſchämter als der Mann am verfloſſe⸗ nen Abend. Sie gleicht ihm im Geſichte. Ich möchte wiſſen wer ſie wäre.“ „Das will ich ſogleich ausmitteln,“ ſagte der Capitän.„Wir können Fremden gegenüber nicht zu vorſichtig ſein.“ Er wendete ſich unmittelbar an ſeine Freunde, die Bootsleute, dieſelben waren nahe bei der Hand und Magdalene hörte deutlich die Fragen und Ant⸗ worten. „Wie befindet ihr euch Alle dieſen Morgen?“ ſagte Capitän Wragge in ſeiner leichten ſpaßhaften Weiſe.„Aus welchem Loche bläst der Wind? Nord⸗ weſt und Weſtnordweſt, nicht wahr? Sehr gut. Wer iſt dieſe Dame?“ „Das iſt Frau Strickland, Herr.“ „So, ſo! die Frau des Geiſtlichen und die Schwe⸗ ſter des Schiffcapitäns. Wo iſt der Capitän heute?“ „Auf dem Weg nach London, ſollt' ich denken, Herr. Sein Schiff geht zu Ende der Woche nach China unter Segel.“ China! Als dieſes einzige Wort den Lippen des Mannes entfloh, ſchnitt ein Wehgefühl des alten Schmerzes Magdalene durch das Herz. So fremd er ihr auch ſein mochte, ſo begann ſie doch ſchon den bloßen Namen des Schiffscapitäns, wenn er er⸗ wähnt wurde, zu haſſen. Er hatte ihre Träume in der vergangenen Nacht geſtört, und jezt, wo ſie mit der verzweifeltſten Rückſichtsloſigkeit auf dem Punkte ſtand, ihre alten Erinnerungen an die Heimath zu vergeſſ ihr Ge „K gleiter oder ſe finden, kümme Si um un und F Ca Schritt Sicht d eine S deckten farbige und di delte, begann Magde der be⸗ „2 jeder o Spazie Hut ſt count „ſagte Weib eerfloſſe⸗ möchte gte der er nicht Freunde, r Hand nd Ant⸗ drgen?“ aßhaften Nord⸗ t. Wer Schwe⸗ heute?“ denken, he nach Lippen es alten d fremd h ſchon ner er⸗ iume in ſie mit Punkte nath zu 93 vergeſſen, war er die indirecte Urſache geweſen, daß ihr Geiſt wieder an Frank zurückdachte. „Kommen Sie,“ ſagte ſie ärgerlich zu ihrem Be⸗ gleiter.„Was bekümmern wir uns um dieſen Mann oder ſein Schiff? Kommen Sie mit fort!“ „Ganz Ihrer Meinung!“ ſagte Capitän Wragge. „So lange wir nicht Freunde von den Bugraves finden, was haben wir uns um andere Leute zu be⸗ kümmern?“ Sie ſetzten ihren Weg ſüdwärts fort, kehrten dann um und gingen wieder zurück, um mit Noel Vanſtone und Frau Lecount zuſammen zu treffen. Viertes Capitel. Capitän Wragge und Magdalene mußten ihre Schritte ſo weit zurücklenken, bis ſie wieder in der Sicht der Nordſteinvilla ſich befanden, ehe ſie irgend eine Spur von Frau Lecount und ihrem Herrn ent⸗ deckten. Erſt an dieſem Punkt wurden das lavendel⸗ farbige Kleid der Haushälterin, der Sonnenſchirm und die ſchwache kleine Figur, die darunter herwan⸗ delte, in einiger Entfernung ſichtbar. Der Capitän begann alſobald langſamer zu gehen und ertheilte Magdalene ſeine Rathſchläge für ihr Benehmen bei der bevorſtehenden Unterredung in folgenden Worten: „Vergeſſen Sie Ihr Lächeln nicht,“ ſagte er.„In jeder andern Beziehung wird es ſchon gehen. Der Spaziergang hat Ihre Geſichtsfarbe erhöht und der Hut ſteht Ihnen vortrefflich. Schauen Sie Frau Le⸗ count feſt in das Geſicht; zeigen Sie keine Verlegen⸗ heit beim Sprechen, und falls Herr Noel V Zanſtone Ihnen eine zu ſichtliche? Aufmerkſamkeit erweist, ſo nehmen Sie nicht zu viel Noli davon, ſo lange das Auge der Haushälterin auf Ihnen weilt. Eines merken Sie ſich vor Allen! Ich habe mich den gan⸗ zen Morgen über Joyces wiſſenſchaftliche Dialoge hergemacht und hege durchaus die ernſtliche Abſicht, Frau Lecount ein vollſtändiges Benefiz meiner Stu dien angedeihen zu laſſen. Wenn es mir nicht ge⸗ lingt ihre Aufmerkſamkeit von Ihnen und ihrem Herrn abzulenken, ſo gebe ich keine taube Nuß für den Erfolg unſerer Anſtrengungen. Leeres Geſchwäze würde bei dieſer Frau nicht ziehen, Höflichkeiten wür⸗ den nicht ziehen, Späſſe würden nicht ziehen; nur richtig angebrachte Wiſſenſchaft wird die Erinnerung an den verſtorbenen Profeſſor bei ihr hervorrufen und ſolch richtig angebrachte Wiſſenſchaft wird ihren Zweck erreichen. Wir müſſen eine Reihe von Eiang. len feſtſezen, um Sie wiſſen zu laſſen was ich Wil lens bin. Merken Sie auf dieſen Feldſtuhl. Wenn ich ihn von meiner linken Hand in die rechte wechſele, ſo will ich als Joyce ſprechen. Wenn ich ihn von meiner rechten Hand in die linke wechſele, ſo ſpreche ich als Wragge. Im erſten Falle unterbrechen Sie mich nicht— ich gehe mit vollen Segeln auf unſer Ziel los. Im zweiten Fall ſagen Sie immerhin was Ihnen eben einfällt; denn meine hingeworfenen Bemerkungen haben nicht das Geringſte zu bedeuten. Wünſchen Sie vielleicht eine Probe vorzunehmen? Haben Sie mich hinlänglich verſtanden? Ganz gut nehmen Sie meinen Arm und geben Sie ſich ein heiteres Ausſehen. Aufgepaßt! Da ſind ſie.“ T T zwiſch Norde der o Natur Vanſt erregt erlaub Nichte iſt He Landh rough Es gi meine ſtone) jederze warun die vi wir ſi die Ur ſtone, Cordie Korn harmo und d davon Aufen zu m Vanſtone veist, ſo inge das Eines den gan⸗ Dialoge Abſicht, ner Stu nicht ge⸗ d ihrem Nuß für Beſchwäze iten wür⸗ den; nur innerung vvorrufen ird ihren n Signa⸗ ich Wil . Wenn wechſele, ihn von o ſpreche chen Sie auf unſer mmerhin worfenen bedeuten. nehmen? Banz gut Sie ſich d ſie.“ 95 Das Zuſammentreffen fand beinahe halbwegs zwiſchen dem Landhaus zur Seeausſicht und der Nordſteinvilla ſtatt. Capitän Wragge zog ſeinen hohen weißen Hut und eröffnete unmittelbar darauf die Unterredung mit den freundlichſten Ausdrücken und Mienen. „Guten Morgen, Frau Lecount!“ ſagte er mit der offenen und erheiternden Höflichkeit eines von Natur geſelligen Mannes.„Guten Morgen, Herr Vanſtone. Ich ſehe daß Sie heute leidend ſind: das erregt meine beſorgte Theilnahme. Frau Lecount, erlauben Sie mir meine Nichte vorzuſtellen— meine Nichte, Fräulein Bygrave. Mein liebes Kind, dieß iſt Herr Noel Vanſtone, unſer Nachbar auf dem Landhaus zur Seeausſicht. Wir müſſen in Aldbo⸗ rough unbedingt gute Nachbarn ſein, Frau Lecount. Es gibt nur einen Spaziergang an dem Orte(wie meine Nichte juſt gegen mich bemerkte, Herr Van⸗ ſtone) und auf dieſem Spaziergange müſſen wir jederzeit Alle uns treffen, wenn wir ausgehen. Und warum nicht? Sind wir gegenſeitig denn Perſonen die viele Umſtände machen? Nichts von der Sorte, wir ſind gerade das Widerſpiel davon. Sie beſizen die Umgangsleichtigkeit des Feſtlandes, Herr Van⸗ ſtone, ich meſſe mich mit Ihnen in der biderben Cordialität eines Engländers von altem Schrot und Korn— die Damen befreunden ſich gegenſeitig in harmoniſcher Abwechslung, wie die Blumen auf einem und demſelben Gartenbeete— und das Reſultat davon iſt ein gemeinſchaftliches Intereſſe, uns den Aufenthalt am Meeresufer einander recht angenehm zu machen. Entſchuldigen Sie meine überfluthende 96 Laune, entſchuldigen Sie meine fröhliche und jugend⸗ liche Gemüthsſtimmung. Das Jod in der Seeluft, Frau Lecount— die weltbekannte Wirkung des Jods in der Seeluft!“ „Sie kamen geſtern an, Fräulein Bygrave, nicht wahr?“ ſagte die Haushälterin, nachdem der Capi⸗ tän mit ſeiner Redeſündfluth zu Ende war. Sie richtete dieſe Worte an Magdalene mit je⸗ nem herzlichen und mütterlichen Intereſſe an deren Jugend und Schönheit, welches durch eine gewiſſe ehrerbietige Liebenswürdigkeit, die ihre Lebensſtellung in Herrn Noel Vanſtones Haushaltung erforderte, gemildert war. Nicht das mindeſte Zeichen von Argwohn oder Ueberraſchung verrieth ſich in ihrem Geſicht, ihrer Stimme oder ihrem Benehmen, als ſie und Magdalene jezt einander anblickten. Es war am Anfang ganz deutlich daß das wahre Geſicht und die wahre Geſtalt, welche ſie jezt ſah, ſie in keiner Beziehung an das falſche Geſicht“ und die falſche Geſtalt erinnerten, welche ſie in der Vaux⸗ hallpromenade geſehen hatte. Die Verkleidung war offenbar vollſtändig genug geweſen, um ſelbſt Frau Lecounts Scharfblick ein Schnippchen zu ſchlagen. „Meine Tante und ich kamen geſtern Abend hier an,“ ſagte Magdalene.„Wir fanden den lezten Theil der Reiſe ſehr ermüdend. Ich darf doch die Vermuthung wagen, daß Sie es ebenſo fanden?“ Sie gab vorſäzlich eine längere Antwort als rnöthig war, da ſie gleich bei der erſten Gelegenheit die Wirkung zu entdecken beabſichtigte, welche der Ton ihrer Stimme auf Frau Lecount hervorbringen würde. Di ihr mi men d ſcheiden Augen ſamen ruhig das R allmähl das m. würdig Zurückl beſtimn Haushe war, e „S müdung Unterhe ihren H ausruhe Der ſicht ha gen zu mit ha plözliche nehmen kleinen Sogar wärmte hatte u Weib, gingen Colli jugend⸗ Seeluft, ng des ve, nicht er Capi⸗ mit je⸗ in deren gewiſſe sſtellung forderte, hen von n ihrem en, als en. S e Geſicht , ſie in und die r Vaux⸗ ung war oſt Frau agen. end hier n lezten doch die den?“ vort als legenheit llche der rbringen 97 Die dünnen Lippen der Haushälterin behielten ihr mütterliches Lächeln, das liebenswürdige Beneh⸗ men der Haushälterin verlor Nichts an ſeiner be⸗ ſcheidenen Zutraulichkeit, aber der Ausdruck ihrer Augen verwandelte ſich plözlich aus einem aufmerk⸗ ſamen in einen forſchenden Blick. Magdalene ſagte ruhig noch ein paar Worte, dann wartete ſie wieder das Reſultat ab. Die Veränderung breitete ſich allmählig über Frau Lecounts ganzes Geſicht aus; das mütterliche Lächeln erloſch und in das liebens⸗ würdige Benehmen miſchte ſich ein leichter Zug von Zurückhaltung. Aber noch wurde kein Zeichen einer beſtimmten Erkennung ſichtbar, der Ausdruck der Haushälterin blieb, was er von Anfang geweſen war, ein Ausdruck des Forſchens und weiter nichts. „Sie klagten einige Minuten vorher über Er⸗ müdung, Herr,“ ſagte ſie, indem ſie jede weitere Unterhaltung mit Magdalene aufgab und ſich an ihren Herrn wendete.„Wollen Sie hineingehen und ausruhen?* Der Eigenthümer des Landhauſes zur Seeaus⸗ ſicht hatte ſich bisher darauf beſchränkt, Verbeugun⸗ gen zu machen, einfältig zu lächeln und Magdalene mit halbgeſchloſſenen Augen zu bewundern. Die plözliche Unruhe und Aufgeregtheit in ſeinem Be⸗ nehmen und die erhöhte Farbe in ſeinem abgelebten kleinen Geſichte konnte nicht mißverſtanden werden. Sogar Herrn Noel Vanſtones Amphibiennatur er⸗ wärmte ſich unter dem Einfluß des Geſchlechtes; er hatte unſtreitig ein Kennerauge für ein hübſches Weib, und Magdalenens Anmuth und Schönheit gingen nicht ſpurlos an ihm vorbei. Collins, Namenlos. III. 7 „Wollen Sie hineingehen, Herr, und ausruhen?“ ſagte die Haushälterin, indem ſie ihre Frage wie⸗ derholte. „Noch nicht, Lecount,“ ſagte ihr Herr.„Ich bilde mir ein, ich fühle mich kräftiger; ich glaube, ich kann noch ein wenig ſpazieren gehen.“ Er wen⸗ dete ſich mit dummem Lächeln an Magdalene und fügte in einem gedämpften Tone hinzu: „Ich habe ein neues Intereſſe an meinem Spa⸗ ziergange gefunden, Fräulein Bygrave. Verlaſſen Sie uns noch nicht, ſonſt nehmen Sie jenes Intereſſe wieder mit ſich fort.“ Er lächelte und ſchmunzelte im höchſten Wohlge⸗ fallen über ſein geiſtreiches Compliment, von welchem Capitän Wragge die Aufmerkſamkeit der Haushäl⸗ terin mit vieler Geſchicklichkeit dadurch ablenkte, daß er ſich ihr an die Seite geſellte und ſie in dem nämlichen Augenblick anſprach. Sie gingen nun alle vier mit langſamen Schritten weiter. Frau Lecount ſagte nichts mehr. Sie hielt ihren Herrn feſt am Arm und ſchielte über ihn hinweg nach Magdalene mit einem gefährlichen forſchenden Ausdruck hinüber, der ſich dießmal mehr als je in ihren hübſchen ſchwarzen Augen bemerklich machte. Dieſer Blick entging dem ſchlauen Wragge keineswegs. Er nahm ſeinen Feldſtuhl als Signal von der linken Hand in die rechte und ließ ſeine wiſſenſchaftlichen Batte⸗ rien auf der Stelle ſpielen. „Ein Schauſpiel voll Geſchäftigkeit, Frau Le⸗ count,“ ſagte der Capitän, indem er höflich ſeinen Feldſtuhl gegen das Meer und die vorüberſegelnden Schiffe hinſchwenkte.„Englands Größe, Madame, Englan wie ſch ſind! Frage ſeine L. droſtati bewerkſt ſchnell ſezt wü denn ic einem N haſt Wr mender Burſche dieſer T nur um Folge? garantir die Ther voller S ter, ang wich, un Tiefe des der Wiſſ Hier Lecount klärung „Mit der Capi ſeiner St welchem ſeiner Hö uhen?“ ige wie⸗ „Ich glaube, Er wen⸗ ene und m Spa⸗ Verlaſſen oſſ Intereſſe Wohlge⸗ welchem Haushäl⸗ akte, daß in dem nun alle Lecount feſt am agdalene hinüber, hübſchen ſer Blick Er nahm ken Hand en Batte⸗ Frau Le⸗ ich ſeinen ſſegelnden Madame, 99 Englands wahre Größe! Ich bitte, beachten Sie wie ſchwer manche von dieſen Fahrzeugen befrachtet ſind! Ich bin oft geneigt an mich wundernd die Frage zu ſtellen ob der britiſche Seemann, wenn er ſeine Ladung an Bord genommen hat, ſich der hy⸗ droſtatiſchen Wichtigkeit der Operation die er eben bewerkſtelligt hat auch ganz bewußt iſt? Wenn ich ſchnell auf das Verdeck eines dieſer Fahrzeuge ver⸗ ſezt würde(wovor mich aber der Himmel bewahre, denn ich bekäme gleich die Seekrankheit) und ich zu einem Mitglied der Schiffsmannſchaft ſagte: Jack, Du haſt Wunder gethan, Du haſt die Theorie ſchwim⸗ mender Körper ausſtudirt— wie würde der wackere Burſche da nicht erſtaunen! Und doch hängt von dieſer Theorie Jacks Leben ab. Wenn er ſein Schiff nur um den dreißigſten Theil überladet, was iſt die Folge? Er ſegelt über Aldborough hinaus. Ich garantire Ihnen, in voller Sicherheit. Er ſchifft in die Themſe hinein. Ich garantire wieder dafür, in voller Sicherheit. Er fährt nun im Süßwaſſer wei⸗ ter, angenommen etwa bis in die Nähe von Green⸗ wich, und— er geht unter! Unter, Madamo, in der Tiefe des Stromes, ganz gewiß nach den Grundſäzen der Wiſſenſchaft.“ Hier machte er eine Pauſe und überließ Frau Lecount nur die höfliche Alternative ſich nähere Auf⸗ klärung zu erbitten. „Mit unendlichem Vergnügen, Madame,“ ſagte der Capitän, indem er mit den tieſſten Baßtönen ſeiner Stimme den ſchwachen Discant übertäubte, in welchem Herr Noel Vanſtone Magdalene den Tribut ſeiner Höflichkeit darbrachte.„Wir wollen ohne Um⸗ 100 ſchweif, wenn es Ihnen gefällig iſt, mit einem erſten Axiom beginnen. Alle Körper, welche immer auf der Oberfläche des Waſſers ſchwimmen mögen, drücken ſo viel Flüſſigkeit hinweg daß das Gewicht dieſer leztern dem Gewicht des Körpers gleich iſt. Gut! Wir haben nun unſern erſten Grundſaz aufgeſtellt. Was folgern wir daraus? Offenbar dieß, daß es, um ein Fahrzeug über Waſſer zu erhalten, noth⸗ wendig iſt, dafür Sorge zu tragen, daß das Fahr⸗ zeug und ſeine Ladung von weniger Gewicht ſei als das Gewicht einer Waſſermenge— ich bitte, folgen Sie mir!— einer Waſſermenge, die an Maſſe jenem Theil des Fahrzeugs gleich iſt welchen man ohne Gefahr in das Waſſer einſenken will. Jezt aber, Madame, iſt Salzwaſſer ſpecifiſch dreißigmal ſchwerer als ſüßes oder Flußwaſſer, und ein Schiff in der Nordſee wird nicht ſo tief ſinken als ein Schiff in der Themſe. Wenn wir folglich ein Schiff mit der Beſtimmung den Londoner Markt zu verſehen be⸗ frachten, ſo haben wir, um mich der Sprache der Hydroſtatiker zu bedienen, dreierlei Alternativen. Entweder wir laden um den dreißigſten Theil weni⸗ ger als wir auf die See hinaus mitnehmen können, oder wir erleichtern an der Mündung des Fluſſes das Schiff um den dreißigſten Theil ſeiner Fracht, oder wir thun weder das Eine oder das Andere, und gehen, wie ich bereits die Ehre hatte zu bemer⸗ ken, unter! Dieß,“ ſagte der Capitän, indem er ſeinen Feldſtuhl von der rechten Hand wieder in ſeine linke zurückwechſelte, zum Zeichen daß Joyce für dießmal ſeine Rolle ausgeſpielt habe;„dieß, meine liebe Madame, iſt die Theorie der ſchwimmen⸗ den Kö fügen: „D haben empfan wenigen Bygrar ſchaft a mich zu klärte n haben ſich um Berückſ fen ſein Sie im Geh auf ihr — Ein⸗ ihr Her die äuß ihrem Capitän und He über ſe übergele Fragen ſtellte. „Icl Bygrav⸗ welche? —„abe rough m erſten mer auf „drücken zt dieſer . Gut! ufgeſtellt. daß es, n, noth⸗ as Fahr⸗ t ſei als te, folgen ſſe jenem nan ohne Jezt aber, l ſchwerer iff in der Schiff in f mit der ſſehen be⸗ prache der ternativen. heil weni⸗ en können, es Fluſſes eer Fracht, 1s Andere, zu bemer⸗ indem er wieder in daß Joyce be;„dieß, ſchwimmen⸗ 101 den Körper. Erlauben Sie mir ſchließlich hinzuzu⸗ fügen: Sie ſind herzlich willkommen.“ „Danke, mein Herr!“ ſagte Frau Lecount.„Sie haben mich unabſichtlich ſchmerzlich berührt, aber die empfangene Mittheilung iſt in dieſer Beziehung nicht weniger ſchäzbar. Es iſt lange, lange her, Herr Bygrave, ſeit ich mich in der Sprache der Wiſſen⸗ ſchaft anreden hörte. Mein theurer Gatte machte mich zu ſeiner Theilnehmerin— mein theurer Gatte klärte meinen Geiſt auf, wie Sie eben jezt verſucht haben ihn aufzuklären. Seitdem hat Niemand mehr ſich um meinen Verſtand bekümmert. Ihre gütige Berückſichtigung meiner Perſon ſoll nicht weggewor⸗ fen ſein.“ Sie ſeufzte mit klagender Ergebenheit und öffnete im Geheimen ihre Ohren der Unterhaltung, welche auf ihrer andern Seite gepflogen wurde. Eine Minute früher würde ſie gehört haben, wie ihr Herr ſich in den ſchmeichelhafteſten Phraſen über die äußerliche Erſcheinung von Fräulein Bygrave in ihrem Seebadanzug ausließ. Aber Magdalene hatte Capitän Wragges Signal mit dem Feldſtuhl geſehen und Herrn Noel Vanſtone urplözlich auf das Thema über ſeine eigene Perſon und ſeine Beſizungen hin⸗ übergelenkt, indem ſie zu trefflich paſſender Zeit eine Frage wegen ſeines Hauſes zu Aldborough an ihn ſtellte. „Ich wünſche Sie nicht zu erſchrecken, Fräulein Bygrave,“ waren Herrn Noel Vanſtones erſte Worte, welche Frau Lecounts aufmerkſames Ohr erhaſchte —„aber es gibt nur ein ſicheres Haus zu Aldbo⸗ rough— und dieſes Haus iſt das meinige. Das Meer kann alle übrigen Häuſer zerſtören, das mei⸗ nige kann es nicht zerſtören. Mein Vater ſorgte dafür; mein Vater war ein merkwürdiger Mann. Er hat mein Haus auf Pfählen erbaut. Ich habe Urſache zu glauben daß es die ſtärkſten Pfähle in ganz England ſind. Nichts kann ſie aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu Folge zuſammenbrechen— ich küm⸗ mere mich um das was die See thut gar nicht— nichts kann ſie aller Wahrſcheinlichkeit zu Folge zu⸗ ſammenbrechen.“ „Dann müſſen wir ja,“ ſagte Magdalene,„wenn die See uns bedroht, Alle bei Ihnen unſere Zu⸗ flucht nehmen.“ Herr Noel Vanſtone ſah den Weg zu einem wei⸗ tern Compliment angebahnt, und in demſelben Augen⸗ blick erſah ſich der ſchlaue Capitän auch ſeinen Weg zu einem neuen wiſſenſchaftlichen Ausbruch. „Ich möchte beinahe wünſchen, der Einbruch des Meeres würde ſtattfinden,“ murmelte einer von den beiden Gentlemens,„um mir die willkommene Ge⸗ legenheit zu verſchaffen daß ich ihr eine Zufluchts⸗ ſtätte anbieten kann.“ „Ich könnte beinahe darauf ſchwören, der Wind hat ſich wieder gewendet!“ rief der Andere.„Wo iſt ein Mann den ich fragen kann? Ah, da iſt er. Bootsmann, wie bläst der Wind jezt? Weſtnordweſt — he? Und Siüdſüdoſt geſtern Abend— he? Gibt es etwas Merkwürdigeres, Frau Lecount, als die Veränderlichkeit des Windes in dieſem Himmels⸗ ſtrich?“ fuhr der Capitän fort, indem er den Feld⸗ ſtuhl auf ſeine wiſſenſchaftliche Seite hinüber wechſelte. „Gibt es irgend eine Naturerſcheinung, welche den m Erſtan electri vorhau iſt. ten P Schnel kleiner alle 3 88 Frau niß be bedaut nen§ hätte. die ge zwiſche Wind gegen blicklich zum 2 ges d dieſe 2 zum B treppe nehme der Ki Dieſe Weltm as mei⸗ r ſorgte Mann. sch habe fähle in Wahr⸗ ich küm⸗ nicht— olge zu⸗ ,„wenn ſere Zu⸗ nem wei⸗ n Augen⸗ nen Weg rruch des von den nene Ge⸗ zufluchts⸗ der Wind „Wo iſt a iſt er. tnordweſt he? Gibt als die Himmels⸗ den Feld⸗ wechſelte. welche 1 103 den wiſſenſchaftlichen Forſcher mehr in verwirrtes Erſtaunen verſezt? Sie werden mir ſagen daß das electriſche Fluidum das in der Luft im Ueberfluſſe vorhanden iſt die Haupturſache dieſer Veränderlichkeit iſt. Sie werden mir das Experiment jenes berühm⸗ ten Philoſophen ins Gedächtniß zurückrufen, der die Schnelligkeit eines großen Sturmes an dem Fluge kleiner Federn maß. Meine liebe Madame, ich gebe alle Ihre Behauptungen zu—“ „Ich bitte um Entſchuldigung, mein Herr,“ ſagte Frau Lecount:„Sie legen mir zu gütig eine Kennt⸗ niß bei, die ich gar nicht beſize. Behauptungen, ich bedaure es ſagen zu müſſen, ſind gänzlich über mei⸗ nen Horizont hinaus.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht, Madame,“ fuhr der Hauptmann fort, indem er ſich aus Artigkeit ſtellte als ob er ihre Unterbrechung gar nicht gehört hätte.„Meine Bemerkungen beziehen ſich nur auf die gemäßigte Zone. Stellen Sie mich an die Küſte zwiſchen den Tropen, ſtellen Sie mich dahin wo der Wind zur Tageszeit gegen die Küſte und bei Nacht gegen das Meer bläst— und ich ſchreite augen⸗ blicklich zu entſcheidenden Experimenten. Ich weiß zum Beiſpiel daß die Sonnenhize während des Ta⸗ ges die Luft über dem Lande verdünnt und auf dieſe Weiſe den Wind verurſacht. Sie fordern mich zum Beweis dafür auf. Ich begleite Sie die Küchen⸗ treppe hinab(mit Ihrer gütigen Erlaubniß): ich nehme meine größte Paſtetenſchüſſel aus den Händen der Köchin; ich fülle ſie mit kaltem Waſſer. Gut! Dieſe Schüſſel mit kaltem Waſſer repräſentirt das Weltmeer. Ich verſehe mich hierauf mit einem un⸗ ſerer ſchäzbarſten Hausrathsgegenſtände— mit einer Heißwaſſerplatte— ich fülle ſie mit heißem Waſſer und lege ſie mitten in die Paſtetenſchüſſel hinein. Wieder gut! Die Heißwaſſerplatte repräſentirt das Land welches die Luft darüber verdünnt. Behalten Sie das im Sinn und geben Sie mir ein angezün⸗ detes Licht. Ich halte mein angezündetes Licht über das kalte Waſſer und blaſe es aus. Der Rauch bewegt ſich unmittelbar von der Schüſſel zur Platte hin. Bevor Sie Zeit haben Ihre Befriedigung darüber auszudrücken, zünde ich das Licht wieder an und mache das ganze Erperiment auf umgekehrte Weiſe. Ich fülle die Paſtetenſchüſſel mit heißem Waſſer und die Platte mit kaltem; ich blaſe das Licht wieder aus und der Rauch bewegt ſich dießmal von der Platte zu der Schüſſel. Der Geruch iſt unangenehm — aber das Experiment iſt ſchlagend.“ Er nahm ſeinen Feldſtuhl wieder in die andere Hand und blickte Frau Lecount mit ſeinem einſchmei⸗ chelnden Lächeln an. „Sie finden mich doch nicht langweilig, Madame, oder ja?“ ſagte er in einem leichten, gefälligen Tone, juſt als die Haushälterin heimlich noch einmal ihre Ohren der Unterhaltung auf ihrer andern Seite öffnete. „Ich bin erſtaunt, mein Herr, über den Lauf Ihrer Mittheilung,“ verſezte Frau Lecount, indem ſie den Capitän mit einiger Verwirrung, aber bis dahin ohne Mißtrauen, beobachtete. Sie dachte viel⸗ leicht, er wäre ſogar für einen Engländer zu excen⸗ triſch und wahrſcheinlich ein Bischen eitel auf ſeine Kenntniſſe. Aber er hatte ihr wenigſtens eine mit⸗ telbare Schmeichelei dadurch gezollt, daß er ſein Wiſſe ſo me wiſſen ſtorbe Berül behan „„ mome auf d Ich f (obgle bezüg C er ſi feindl Miliz 3 ſagte Leben wie d intelle Darf er ſich dem L noch i dem ſe „2 indem „und diſche nen ſe it einer Waſſer hinein. tirt das Zehalten mgezün⸗ cht über r Rauch r Platte ledigung an und Weiſe. ſſer und wieder von der igenehm andere nſchmei⸗ Nadame, en Tone, nal ihre öffnete. en Lauf indem aber bis hte viel⸗ u excen⸗ nuf ſeine ine mit⸗ er ſein 105 Wiſſen vor ihr auskramte, und ſie fühlte dieß um ſo merklicher, als ſie bisher gefunden hatte, daß ihre wiſſenſchaftliche Wahlverwandtſchaft mit ihrem ver⸗ ſtorbenen Gatten von den Leuten mit denen ſie in Berührung kam mit keinem abſonderlichen Reſpect behandelt wurde. „Haben Sie, mein Herr,“ fuhr ſie nach einem momentanen Zögern fort,„Ihre Forſchungen auch auf das Fach meines ſeligen Mannes ausgedehnt? Ich frage lediglich darum, Herr Bygrave, weil ich (obgleich ich bloß eine Frau bin) gerne meine Ideen bezüglich der Reptilien mit Ihnen austauſchen möchte.“ Capitän Wragge war viel zu vorſichtig, als daß er ſich mit ſeiner ſchlagfertigen Wiſſenſchaft auf feindliches Territorium gewagt hätte. Der alte Milizmann ſchüttelte ſeinen klugen Kopf. „Ein zu viel umfaſſender Gegenſtand, Madame,“ ſagte er,„für einen Halbwiſſer wie ich bin. Das Leben und die Arbeiten eines ſolchen Philoſophen, wie Ihr Gatte, Frau Lecount, warnen Männer von intellectuellem Caliber ſich mit einem Rieſen zu meſſen. Darf ich fragen,“ fuhr der Hauptmann fort, indem er ſich leiſe den Weg zum künftigen Verkehr mit dem Landhaus zur Seeausſicht anbahnte,„ob Sie noch irgend welche wiſſenſchaftliche Denkſchriften von dem ſeligen Profeſſor beſizen?“ „Ich beſize ſein Aquarium,“ ſagte Frau Lecount, indem ſie beſcheiden ihre Augen zu Boden ſchlug, „und eines von ſeinen Thieren, eine kleine auslän⸗ diſche Kröte.“ „Sein Aquarium!“ rief der Capitän in Tö⸗ nen ſchmerzlicher Theilnahme.„Und ſeine Kröte! 106 Entſchuldigen Sie die plumpe Weiſe, wie ich meine Gedanken ausdrücke, Madame. Sie beſizen einen Gegenſtand von allgemeinem Intereſſe, und weil ich zu dieſer Allgemeinheit gehöre, ſo gebe ich gerne meinen Vorwiz es zu ſehen zu.“ Frau Lecounts glatte Wangen rötheten ſich vor Vergnügen. Die einzige angreifbare Stelle in dieſer kalten und verſchloſſenen Natur war die Stelle wo das Andenken an den Profeſſor eingeniſtet war. Ihr Stolz auf ſeine wiſſenſchaftlichen Werke und ihre tiefe Kränkung darüber daß dieſelben außerhalb des Vaterlandes ſo wenig gekannt wurden, dieß waren natürliche Gefühle. Niemals hatte Capitän Wragge ſeinen gefälſchten Weihrauch auf dem nichtigen Altar menſchlicher Eitelkeit mit beſſerem Erfolge angezündet als jezt. „Sie ſind ſehr gut, mein Herr,“ ſagte Frau Lecount.„Indem Sie meines Gatten Andenken ehren, ehren Sie auch mich. Aber obgleich Sie mich freundlichſt auf einem Fuße der Gleichheit behandeln, ſo darf ich doch nicht vergeſſen welche Stellung ich im häuslichen Kreiſe einnehme. Ich werde es als eine Begünſtigung anſehen Ihnen die Hinterlaſſen⸗ ſchaften meines Mannes zu zeigen, wenn Sie mir zuvor geſtatten wollen die Erlaubniß meines Herrn einzuholen.“ Sie wandte ſich an Herrn Noel Vanſtone. Ihre vollkommene aufrichtige Abſicht, das vorgeſchlagene Anſuchen zu ſtellen, vermiſchte ſich aber gemäß einer ſeltſamen Verworrenheit der Motive, welche man in dem Gemüth einer Frau weit öfter als in dem eines Mannes findet, mit einem eiferſüchtigen Mißtrauen fragt gewa zärtli erhaſ recht „Her in C meine mit d ſehen grazi ich Aqua in E in de Aben wolle begle ſieht. davo⸗ men Auge Stock ins ſtam koſtet S fige h meine n einen weil ich h gerne ſich vor n dieſer telle wo ar. Ihr nd ihre halb des 3 waren Wragge en Altar gezündet ſte Frau Undenken Sie mich handeln, Uung ich es als feerlaſſen⸗ Sie mir s Herrn 2. Ihre ſchlagene äß einer man in em eines ißtrauen 107 über den Eindruck welchen Magdalene auf ihren Herrn hervorgebracht hatte. „Dürfte ich ein Anſuchen an Sie ſtellen, Herr?“ fragte Frau Lecount, nachdem ſie einen Augenblick gewartet hatte, um irgend ein Fragment von der zärtlichen Beſprechung die an ihr Ohr gedrungen zu erhaſchen, aber von Magdalene, Dank dem Feldſtuhl, recht hübſch an der Naſe herumgeführt worden war. „Herr Bygrave iſt einer von den wenigen Perſonen in England, welche die wiſſenſchaftlichen Arbeiten meines Gatten zu würdigen wiſſen. Er beehrt mich mit dem Wunſche, meine kleine Welt von Reptilien ſehen zu dürfen. Darf ich ſie ihm zeigen?“ „Unfehlbar, Lecount,“ ſagte Herr Noel Vanſtone graziös.„Sie ſind ein vortreffliches Geſchöpf und ich verpflichte Sie mir mit Freuden. Lecounts Aquarium, Herr Bygrave, iſt das einzige Aquarium in England— Lecounts Kröte iſt die älteſte Kröte in der Welt. Wollen Sie uns beſuchen und heute Abend um ſieben Uhr Thee bei uns trinken? Und wollen Sie Fräulein Bygrave veranlaſſen Sie zu begleiten? Ich wünſche daß ſie ſich mein Haus be⸗ ſieht. Ich glaube nicht daß ſie nur irgend eine Idee davon hat, was für ein ſtarkes Haus es iſt. Kom⸗ men Sie und nehmen Sie meine Räunlichkeiten in Augenſchein, Fräulein Bygrave. Sie ſollen einen Stock haben und an die Wände ſchlagen. Sie ſollen ins erſte Stockwerk hinaufgehen und auf die Dielen ſtampfen und dann ſollen Sie hören was es Alles koſtet.“ Seine Augen zogen ſich in den Winkeln in pfif⸗ fige Falten zuſammen und er lispelte einige andere 108 zärtliche Worte in Magdalenens Ohr, unter dem Schuze der Alles übertönenden Stimme, mit welcher Capitän Wragge ihr für die Einladung dankte. „Kommen Sie pünktlich um ſieben Uhr,“ wis⸗ perte er,„und bitte, tragen Sie dieſen bezaubern⸗ den Hut.“ Frau Lecounts Lippen ſchloſſen ſich ominös. Sie begann in der Nichte des Capitäns eine ſehr bedenk⸗ liche Beigabe zu der geiſtigen Schwelgerei zu er⸗ blicken, welche die Geſellſchaft des Capitäns ihr bot. „Sie ermüden ſich, Herr,“ ſagte ſie zu ihrem Herrn.„Es iſt einer von Ihren ſchlimmen Tagen. Laſſen Sie mich Ihnen Achtſamkeit empfehlen, laſſen Sie mich Sie bitten heimzukehren,“ Nachdem Herr Noel Vanſtone ſeinen Endzweck er⸗ reicht, das heißt, ſeine neue Bekanntſchaft zum Thee eingeladen hatte, zeigte er ſich wider alles Vermuthen lenkſam. Er gab zu daß er etwas ermüdet wäre, und kehrte auf einmal um, indem er dem Rath der Haushälterin Folge leiſtete. „Nehmen Sie meinen Arm, mein Herr, nehmen Sie meinen Arm auf der andern Seite,“ ſagte Ca⸗ pitän Wragge, als ſie ſich zum Zurückgehen um⸗ wandten. Seine doppelfarbigen Augen ſchauten bedeutungsvoll auf Magdalene, während ſie ſprach, und warnten ſie nicht gleich beim Beginn Frau Lecounts Geduld zu ſehr auf die Probe zu ſtellen. Sie verſtand ihn augenblicklich und ſtellte ſich troz Herrn Noel Vanſtones wiederholten Betheuerungen, daß er den Arm des Capitäns nicht nöthig habe, ſchnell auf die Seite der Haushälterin. Frau Le⸗ count gewann ihren guten Humor wieder und knüpfte eine z ſie ih Beant gegent werder 2 „Meit Beſter e der H daß? ſie zu barſte bieten hatte. äußer für e ſähen ich m. Sie ſtand abſolr Dame Sie 1 8 iſt ei r dem welcher te. wis⸗ aubern⸗ 8. Sie bedenk⸗ zu er⸗ hr bot. ihrem Tagen. laſſen peck er⸗ n Thee muthen wäre, ath der nehmen gte Ca⸗ n um⸗ chauten ſprach, Frau ſtellen. ich troz ungen, habe, au Le⸗ knüpfte 109 eine zweite Unterhaltung mit Magdalene an, indem ſie ihr vor allen andern Fragen bloß diejenige zur Beantwortung vorlegte, auf welche bei der Lage der gegenwärtigen Umſtände am ſchwierigſten geantwortet werden konnte. „Ich nehme an, Frau Bygrave iſt von der Reiſe zu erſchöpft, um heute ausgehen zu können?“ ſagte Frau Lecount.„Werden wir morgen das Vergnü⸗ gen haben ſie zu ſehen?“ „Wahrſcheinlich nicht,“ verſezte Magdalene. „Meine Tante iſt mit ihrer Geſundheit nicht am Beſten daran.“ „Ein verwickelter Caſus, liebe Madame,“ fügte der Hauptmann hinzu, der es ſich nicht verhehlte daß Frau Wragges perſönliche Erſcheinung, wenn ſie zufällig jemals geſehen werden ſollte, den offen⸗ barſten aller erdenklichen Widerſprüche von dem dar⸗ bieten würde was Magdalene gerade von ihr geſagt hatte.„Es iſt ein altes Nervenleiden, welches äußerlich nicht ſichtbar iſt. Sie würden meine Frau für ein Bild von Geſundheit halten, wenn Sie ſie ſähen— und doch, ſo trügeriſch iſt der Schein, finde ich mich genöthigt ihr jede Aufregung zu verbieten. Sie ſieht keine Geſellſchaft— unſer ärztlicher Bei⸗ ſtand, ich bedaure es ſagen zu müſſen, verbietet es abſolut.“ „Sehr ſchlimm,“ ſagte Frau Lecount.„Die arme Dame muß ſich oft einſam fühlen, mein Herr, wenn Sie und Ihre Nichte von ihr weg ſind?“ „Nein,“ verſezte der Capitän;„Frau Bygrave iſt eine von Natur häusliche Frau. Wenn ſie im 110 Stand iſt ſich ſelbſt zu beſchäftigen, ſo findet ſie un⸗ beſchränkte Zuflucht bei Nadel und Zwirn. Nachdem Capitän Wragge bis zu dieſem Abſchnitt der Erklärung vorgerückt war und ſich abſichtlich um die Grenzen der Wahrheit herum bewegt hatte, für die Eventualität nämlich, daß der Vorwiz der Haushälterin ſie aufſtacheln würde geheime Nach⸗ forſchungen in Betreff der Frau Wragge anzuſtellen, that er weislich ſeiner geläufigen Zunge Einhalt und erging ſich nicht weiter in Einzelnheiten. „Ich ſeze große Hoffnung auf die Luft dieſes Ortes,“ bemerkte er ſchließlich.„Das Jod, wie ich ſchon erwähnt habe, thut Wunder.“ Frau Lecount gab in der möglich kürzeſten Wort⸗ form die Tugenden des Jodes zu und zog ſich in das innerſte Heiligthum ihrer eigenen Gedanken zurück. „Hier ſteckt irgend ein Geheimniß dahinter,“ ſagte die Haushälterin zu ſich ſelbſt.„Eine Dame, die ausſieht wie das Bild von Geſundheit, eine Dame, welche von einem complicirten Nervenleiden heim⸗ geſucht iſt, und eine Dame, deren Hand noch feſt genug iſt, um ſich der Nadel und des Zwirns zu bedienen— das iſt ein lebendiger Haufe von Wider⸗ ſprüchen die ich durchaus nicht verſtehen kann. Wer⸗ den Sie lange in Aldborough verweilen, mein Herr?“ fügte ſie laut hinzu, indem ihre Augen einen Augen⸗ blick tiefforſchend auf dem Geſichte des Capitäns ruhten. „Dieß Alles, liebe Madame, hängt von Frau Bygrave ab. Ich hoffe zuverſichtlich daß wir den Herbſt Ihre 2 ganze 7,8 hat da Di Vanſto verwech dalene Frau! nun di Stelle „ nichts wiſſen Ihne in der Capitä krank i ſie dor ſie nie zurückb boroug weilen Lecoun heraus Herr? hälteri „ſo wi zen He größten Worte ſie un⸗ bſchnitt ſichtlich hatte, biz der Nach⸗ iſtellen, alt und dieſes wie ich Wort⸗ ſich in edanken ſagte ne, die Dame, heim⸗ och feſt rns zu Wider⸗ Wer⸗ Herr?“ Augen⸗ pitäns Frau dir den 111 Herbſt über hier bleiben werden. Sie haben wohl Ihre Wohnung im Landhaus zur Seeausſicht für die ganze Saiſon aufgeſchlagen?“ „Darüber müſſen Sie meinen Herrn fragen. Er hat darüber zu entſcheiden, nicht ich.“ Die Antwort war eine unglückliche. Herr Noel Vanſtone war im Geheimen verdrießlich über die verwechſelte Ordnung im Gehen, die ihn von Mag⸗ dalene getrennt hatte. Er ſchrieb dieſen Wechſel Frau Lecounts intrigantem Einfluſſe zu und nahm nun die erſte beſte Gelegenheit wahr, es ihr auf der Stelle fühlen zu laſſen. „Ich habe über unſern Aufenthalt zu Aldborough nichts zu ſagen,“ plazte er mürriſch heraus.„Sie wiſſen ſo gut als ich, Lecount, daß das Alles von Ihnen abhängt. Frau Lecount hat einen Bruder in der Schweiz,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Capitän wandte—„einen Bruder der bedenklich krank iſt. Wenn es ſchlimmer mit ihm wird, wird ſie dorthin reiſen und ihn beſuchen müſſen. Ich kann ſie nicht begleiten und kann nicht allein im Hauſe zurückbleiben. Ich werde meinen Aufenthalt zu Ald⸗ borough abbrechen und bei einigen Freunden ver⸗ weilen müſſen. Das Alles hängt von Ihnen ab, Lecount, oder von Ihrem Bruder, was auf Eins herauskommt. Wenn es von mir abhinge,“ fuhr Herr Noel Vanſtone fort, indem er über die Haus⸗ hälterin hinweg ſcharf nach Magdalene hinblickte, „ſo würde ich mit dem größten Vergnügen den gan⸗ zen Herbſt über in Aldborough verweilen. Mit dem größten Vergnügen,“ wiederholte er, indem er die Worte mit einem zärtlichen Blick auf Magdakene und einer hämiſchen Betonung für Frau Lecount noch einmal herſagte. Bis zu dieſem Punkt war Capitän Wragge ſtill geblieben und hatte die verſprochene Möglichkeit einer Trennung zwiſchen Frau Lecount und ihrem Herrn, welche der kleine ärgerliche Ausfall Herrn Noel Van⸗ ſtones ihm ſo eben enthüllt hatte, ſorgfältig in das Schreibbuch ſeiner Gedanken eingetragen. Ein ominö⸗ ſes Zittern der dünnen Lippen der Haushälterin, als ihr Herr öffentlich ihre Familienangelegenheiten vor fremden Perſonen preisgab und öffentlich ihrer Eiferſucht Hohn ſprach, gab ihm einen Wink als Vermittler einzuſchreiten. Wenn man den Zwieſpalt bis aufs Aeußerſte kommen ließ, ſo ſtand zu befürch⸗ ten daß die Einladung für dieſen Abend auf die Villa⸗ zur Seeausſicht zu Waſſer werden würde. Jezt, wie allemal bei ſolcher Gelegenheit, warf Capitän Wragge ſeine nuzvollen Kenntniſſe als Nothanker aus. Unter den gelehrten Auſpicien Joyce's tauchte er zum dritten Male in den Ocean der Wiſſenſchaft unter und brachte eine friſche Perle daraus hervor. Er predigte noch immer fort(über die Pneumatik dießmal) und klärte noch immer Frau Lecounts Ver⸗ ſtand mit der höflichſten Ausdauer und der ſanfteſten Redefluth auf, als die promenirende Geſellſchaft vor Herrn Noel Vanſtones Hausthüre Halt machte. „Gerechter Himmel, da ſind wir an Ihrem Hauſe, mein Herr,“ ſagte der Capitän, indem er ſich inmit⸗ ten einer ſeiner bilderreichſten Sentenzen unterbrach. „Ich will Sie nicht eine Minute ſtehen laſſen. Kein Wort zur Entſchuldigung, Frau Lecount, ich bitte und beſchwöre Sie. Ich werde Ihnen dieſen merk⸗ würdi tigen weile eben Satis glas Um ſi Uhr, angen ſehr l. Jezt, W um di Noel einen ter de abſond nomm „2 Lächel komme Bv konnte Plaz augen „C Wrage die Ro haben Fiſche gefang Er Col Lecount gge ſtill eit einer Herrn, el Van⸗ in das ominö⸗ hälterin, enheiten ch ihrer ink als wieſpalt befürch⸗ ie Villa Jezt, Capitän othanker tauchte ſenſchaft hervor. keumatik its Ver⸗ unfteſten haft vor te. Hauſe, hinmit⸗ erbrach. n. Kein ch bitte n merk⸗ 113 würdigen Saz in der Luftpumplehre bei einer künf⸗ tigen Gelegenheit klarer auseinanderſezen. Mittler⸗ weile brauche ich nur zu wiederholen, daß Sie das eben erwähnte Experiment zu Ihrer eigenen vollen Satisfaction mit einer Blaſe, einem leeren Glocken⸗ glas und einem viereckigen Kaſten vornehmen können. Um ſieben Uhr dieſen Abend, mein Herr, um ſieben Uhr, Frau Lecount. Wir haben einen merkwürdig angenehmen Spaziergang gemacht und damit einen ſehr lehrreichen Austauſch unſerer Ideen verbunden. Jezt, liebes Mädchen, unſere Tante wartet auf uns.“ Während Frau Lecount auf die Seite ſchritt, um die Gartenpforte zu öffnen, bemächtigte ſich Herr Noel Vanſtone der günſtigen Gelegenheit und warf einen lezten zärtlichen Blick auf Magdalene— un⸗ ter dem Schuz des Regenſchirms, den er zu dieſem abſonderlichen Zwecke in ſeine eigenen Hände ge⸗ nommen hatte. „Vergeſſen Sie nicht,“ ſagte er mit dem ſüßeſten Lächeln,„vergeſſen Sie nicht, wenn Sie heute Abend kommen, dieſen bezaubernden Hut zu tragen.“ Bevor er noch ein Paar lezte Worte hinzufügen konnte, war Frau Lecount ſchon wieder auf ihren Plaz hingeglitten, und der ſchüzende Schirm ging augenblicklich wieder in ihre Hände über. „Eine vortreffliche Morgenarbeit!“ ſagte Capitän Wragge, als er und Magdalene mit einander auf die Nordſteinvilla zugingen.„Sie und ich und Joyce haben alle Drei Wunder gethan. Wir haben beim Fiſchen des erſten Tages eine freundliche Einladung gefangen.“ Er hielt inne und wartete auf eine Antwort; als Collins, Namenlos. III. 8 114 er keine erhielt, beobachtete er Magdalene aufmerk⸗ ſamer als er bisher gethan hatte. Ihr Antliz war wieder todtenblaß geworden; ihre Augen blickten ge⸗ rade vor ſich hinaus in purer unverholener Ver⸗ zweiflung. „Was iſt es denn?“ fragte er mit der größten Beſtürzung.„Sind Sie unwohl?“ Sie gab keine Erwiederung; ſie ſchien ihn kaum zu hören. „Beginnen Sie wegen Frau Lecount unruhig zu werden?“ fragte er weiter.„Es iſt nicht die ge⸗ ringſte Urſache zu einer Beſorgniß vorhanden. Sie mag ſich vielleicht einbilden früher ſchon eine der Ihrigen ähnliche Stimme gehört zu haben, aber Ihr Geſicht leitet ſie ganz irre. Behalten Sie Ihre Faſ⸗ ſung und Sie werden ſie immer im Dunkeln laſſen. Laſſen Sie ſie im Dunkeln und Sie werden jene zweihundert Pfund in meine Hände legen, ehe der Herbſt vorüber iſt.“ Er wartete wieder auf eine Antwort, und wie⸗ der blieb ſie beharrlich ſtill. Der Capitän, verſuchte es zum dritten Male, in einer andern Richtung. „Haben Sie dieſen Morgen irgend welche Briefe erhalten?“ fuhr er fort.„Gibt es wieder ſchlimme Neuigkeiten aus der Heimath? Irgend welche friſche Differenzen mit Ihrer Schweſter?“ „Sagen Sie nichts über meine Schweſter,“ fuhr ſie leidenſchaftlich heraus;„weder Sie noch ich ſind berechtigt von ihr zu ſprechen.“ Sie ſprach dieſe Worte an dem Gartenthor und huſchte nun allein in das Haus hinein. Er folgte ihr und hörte die Thüre ihres Zimmers heftig zu⸗ ſchlag ſchlief durch er ve⸗ ſeiner telſt Hälfte kleiner Capit weißen und ſ D Haube nen 6 Zähne gebrei zum d ihre g zweife ken ir Beſchö merkte des be andern Stimn gebrac wegen Frau dem ſie ſich ſie get könnte. zufmerk⸗ liz war kten ge⸗ er Ver⸗ größten n kaum unruhig die ge⸗ n. Sie ine der ber Ihr hre Faſ⸗ m laſſen. den jene ehe der ind wie⸗ verſuchte ung. e Briefe ſchlimme e friſche r,/ fuhr ich ſind hor und er folgte eftig zu⸗ ſchlagen, heftig zuſchließen und noch einmal zu⸗ ſchließen. Indem Capitän Wragge ſeinem Unwillen durch ein Kreuzdonnerwetter! Luft verſchaffte, trat er verdrießlich in eines der Parterrezimmer, um nach ſeiner Frau zu ſehen. Das Zimmer ſtand vermit⸗ telſt einer zierlichen kleinen Thür, an deren obern Hälfte ein Fenſterchen angebracht war, mit einem kleinern und dunklern Gemach in Verbindung. Der Capitän näherte ſich leiſe dieſer Thüre, lüpfte den weißen Muslinvorhang der über das Fenſter hing, und ſchaute in das innere Zimmer hinein. Daſelbſt befand ſich Frau Wragge, mit ihrer Haube auf der einen Seite und mit heruntergetrete⸗ nen Schuhen, eine Reihe Stecknadeln zwiſchen ihren Zähnen, das orientaliſche Caſhmirkleid über den Tiſch gebreitet, in der einen Hand ungewiß ihre Scheere zum Schneiden parat haltend, und in der andern ihre geſchriebene Anleitung zum Kleidermachen mit zweifelhafter Bedenklichkeit betrachtend— ſo verſun⸗ ken in die unüberwindlichen Schwierigkeiten ihrer Beſchäftigung, daß ſie ganz und gar nichts davon merkte daß ſie in dieſem Augenblick der Gegenſtand des beobachtenden Auges ihres Gatten war. Unter andern Umſtänden würde ſie durch den Schall ſeiner Stimme gar bald zum Bewußtſein ihrer Situation gebracht worden ſein. Aber Capitän Wragge war wegen Magdalene zu beſorgt, als daß er an ſeine Frau noch irgend welche Zeit vergeudet hätte, nach⸗ dem er ſich zu ſeiner Befriedigung überzeugt daß ſie ſich noch ſicher in ihrem Käfig befand und daß ſie getroſt noch längere Zeit dort gelaſſen werden könnte, 116 Er verließ das Gemach, ſtahl ſich nach einem kurzen Zögern auf dem Gange die Treppe hinauf und lauſchte eifrig vor Magdalenens Thüre. Ein dumpfes Geſchluchze, deſſen Ton durch ihr Taſchen⸗ tuch oder in den Bettkiſſen erſtickt war, war Alles was zu ſeinen Ohren drang. Er kehrte noch einmal in das Erdgeſchoß zurück, während endlich eine ſchwache Vermuthung der Wahrheit in ſeinem Geiſte däm⸗ merte. „Der Teufel hole ihren Allerliebſten!“ dachte der Capitän.„Herr Noel Vanſtone hat den Geiſt des⸗ ſelben gleich beim Beginn wieder aufgeweckt.“ 7 Fünftes Capitel. Als Magdalene kurz vor ſieben Uhr in dem Wohnzimmer erſchien, war keine Spur von Mißmuth mehr in ihrem Weſen ſichtbar. Sie ſprach und ſah ſo ruhig und gleichgiltig wie gewöhnlich aus. Das düſtere Mißtrauen auf Capitän Wragges Geſicht verſchwand bei ihrem Anblick. Es hatte während des Nachmittags Augenblicke gegeben, wo er ernſtlich gezweifelt hatte ob die Wolluſt, ſeinem Groll den er gegen Noel Vanſtone empfand Luft und Befriedigung zu verſchaffen, ſo wie die Ausſicht, zweihundert Pfund zu verdienen, nicht zu theuer durch die damit verbundene Gefahr der Entdeckung erkauft wären, welcher ihn Magdalenens unzuverläſſige Ge⸗ müthsſtimmung zu jeder Stunde des Tages ausſezen mußte. Der jezt deutlich vor ihm liegende Beweis von der gewaltigen Kraft ihrer Selbſtbeherrſchung nahn kümn ſamke demſe tung heran die bezüg len critiſe deutſ ange; Mög der4 obwa einge aus tän, nete, C der Eigen T Theil des N gleich Mags ner unerſ einem hinauf . Ein aſchen⸗ r Alles einmal chwache e däm⸗ in dem tißmuth und ſah Vragges s hatte den, wo ſeinem nd Luft Ausſicht, rer durch erkauft ſige Ge⸗ ausſezen Beweis errſchung 117 nahm einen Centnerſtein von ſeinem Herzen. Es kümmerte den Capitän wenig was ſie in der Ein⸗ ſamkeit ihres Gemachs leiden mochte, wenn ſie aus demſelben nur mit einem Geſicht das jede Beobach⸗ tung aushielt, und einer Stimme die Nichts verrieth. heraustrat. Auf dem Weg nach dem Landhaus zur Seeaus⸗ ſicht ſprach Capitän Wragge ſeine Abſicht aus, an die Haushälterin ein Paar theilnehmende Fragen bezüglich ihres kranken Bruders in der Schweiz ſtel⸗ len zu wollen. Er war der Meinung, daß der critiſche Geſundheitszuſtand dieſes Mannes einen be⸗ deutſamen Einfluß auf den künftigen Verlauf der angezettelten Verſchwörung ausüben werde. Jedwede Möglichkeit einer Trennung, bemerkte er, zwiſchen der Haushälterin und ihrem Herrn biete unter den obwaltenden Umſtänden eine Ausſicht dar welche die eingehendſte Berückſichtigung verdiene. „Wenn wir nur Frau Lecount zur rechten Zeit aus dem Wege ſchaffen köonnen,“ flüſterte der Capi⸗ tän, als er die Gartenthüre ſeines Gaſtfreundes öff⸗ nete,„ſo iſt unſer Mann gefangen!“ Eine Minute ſpäter befand ſich Magdalene wie⸗ der unter Noel Vanſtones Dach, dießmal in der Eigenſchaft eines von ihm ſelbſt eingeladenen Gaſtes. Die Vorgänge des Abends waren zum größten Theil nur eine Wiederholung der Vorgänge während des Morgenſpaziergangs. Herr Noel Vanſtone ſchwankte gleich einem Pendel zwiſchen der Bewunderung von Magdalenens Schönheit und der Verherrlichung ſei⸗ ner Beſizthümer hin und her. Capitän Wragges unerſchöpfliche Ergüſſe und Mittheilungen, verbunden 118 mit zarten und indirecten Fragen in Betreff von Frau Lecounts Bruder, lenkten die eiferſüchtige Wach⸗ ſamkeit der Haushälterin beſtändig von der Belau⸗ ſchung des Blickes und der Worte ihres Herrn ab. So verfloß der Abend bis zehn Uhr. Um dieſe Zeit war die ſchlagfertige Wiſſenſchaft des Capitäns erſchöpft und die üble Laune der Haushälterin bahnte ſich mit Gewalt ihren Weg auf die Oberfläche. Aber⸗ mals warnte Capitän Wragge Magdalene durch einen Blick und erhob ſich troz Herrn Noel Vanſtones gaſtfreundlichen Proteſtes, um gute Nacht zu ſagen. „Ich habe die gewünſchte Mittheilung erhalten,“ bemerkte der Capitän auf dem Rückwege.„Frau Lecounts Bruder lebt zu Zürich. Er iſt ein alter Junggeſelle, beſizt etwas Moneten, und ſeine Schwe⸗ ſter iſt ſeine nächſte Verwandte. Wenn er nur ſo gefällig ſein wollte, endlich einmal ſeinen Marſch ins Jenſeits anzutreten, ſo würde er uns eine ganze Welt von Verdrießlichkeiten mit Frau Lecount er⸗ ſparen.“ Es war eine ſchöne Mondſcheinnacht. Er ſah ſich nach Magdalene um, als er dieſe Worte ſprach, um zu ſehen ob die unlenkſame Niedergeſchlagenheit ihres Geiſtes ſich ihrer wieder bewältigt hätte. Nein! Ihre veränderliche Laune hat abermals einen andern Character angenommen. Sie blickte mit einer übermüthigen, fieberiſchen Fröhlichkeit um ſich; ſie ſpottete über den bloßen Gedanken einer ernſthaften Verwickelung mit Frau Lecount; ſie äffte Noel Vanſtones Fiſtelſtimme nach und wiederholte Noel Vanſtones hochfliegende Complimente, indem es ihr ein grauſames Vergnügen machte ihn ins Lächer⸗ liche das 4 an de von Kieſel dem dieſe günſt liche ſie zu zünde plaze unſert liegt. Kind, ſchlech in H ein C S dießm Landl Gäſte Krafte welche Kunſt Magd ſtones derho Vergr Geſell f von Wach⸗ Belau⸗ en ab. dieſe pitäns bahnte Aber⸗ heinen iſtones ſagen. alten,“ „Frau alter Schwe⸗ nur ſo eſch ins ganze int er⸗ Er ſah ſprach, genheit ermals blickte keit um einer ie äffte derholte dem es Lächer⸗ 119 liche herunterzuziehen. Anſtatt wie zuvor ſchnell in das Haus hineinzurennen, ſchlenderte ſie gleichgiltig an der Seite ihres Begleiters hin, indem ſie Strophen von Liedern vor ſich hinſummte und die lockeren Keeſelſteine auf dem Gartenwege rechts und links mit dem Fuße fortſchleuderte. Capitän Wragge begrüßte dieſe Veränderung ihrer geiſtigen Stimmung als das günſtigſte von allen Omen. Er dachte, er ſähe deut⸗ liche Zeichen, daß der Familiengeiſt endlich wieder in ſie zurückgekehrt wäre. „Wohl,“ ſagte er, als er ihr das Nachtlicht an⸗ zündete,„wenn wir uns morgen Alle auf dem Parade⸗ plaze treffen, ſo werden wir nach der Ausdrucksweiſe unſerer Freunde zur See gewiß ſehen, wie das Land liegt. Eines kann ich Ihnen prophezeihen, liebes Kind, ich würde von meinen Augen einen verdammt ſchlechten Gebrauch gemacht haben, wenn dieſe Nacht in Herrn Noel Vanſtones häuslicher Atmoſphäͤre nicht ein Gewitterſturm ſich zuſammenziehen ſollte. Des Capitäns gewohnter Sch harfblick hatte auch dießmal nicht falſch geſehen. Sobald die Thüre des Landhauſes zur Seeausſicht hinter den ſcheidenden Gäſten geſchloſſen war, machte Frau Lecount eine Kraftanſtrengung zur Behauptung ihrer Autorität, welche bereits von I Ragdalenens Einfluß bedroht war. Sie bediente ſich jedes in ihrer Macht ſtehenden Kunſtgriffes um ſich Gewiß ßheit zu verſchaffen, was Magdolene eigentlich für eine Stellung in Noel Van⸗ ſtones Meinung einnehme. Sie ſuchte ihn zu wie⸗ derholten Malen zu einer unwillkürlichen Beichte des Vergnügens zu verlocken welches er bereits in der Geſellſchaft des ſchönen Fräuleins Bygrave fühlte; 120 ſie wand ſich um jede mögliche Schwäche ſeines Cha⸗ racters ein⸗ und auswärts, wie die Fröſche und Eidechſen durch den Felſenbau ihres Aquariums ein⸗ und auswärts ſchlüpften. Aber ſie that einen einzi⸗ gen ernſtlichen Mißgriff, welchen ſonſt ſehr vernünftige Leute in ihrem Verkehr mit geiſtig tiefer ſtehenden Perſonen beinahe in der Regel zu thun geneigt ſind — ſie vertraute blindlings der Narrheit eines Nar⸗ ren. Sie vergaß daß eine der geringſten menſch⸗ lichen Fähigkeiten— die Verſchlagenheit— gerade diejenige Fähigkeit iſt welche bei Naturen, die bezüg⸗ lich ihrer geiſtigen Ausbildung auf niederſter Stufe ſtehen, oft am meiſten entwickelt iſt. Wenn ſie ihren Verdruß ehrlich und ohne Umſchweife ihrem Herrn vorgehalten hätte, ſo würde ſie ihn wahrſcheinlich eingeſchüchtert haben. Wenn ſie das was ihr auf dem Herzen lag mit deutlichen Worten ihm gezeigt hätte, ſo würde ſie ihn durch die Darlegung einer Kette von Ideen, die über die Grenzen ſeiner Faſ⸗ ſungskraft hinausgingen und die er alſo zu begreifen nicht im Stande war, verblüfft haben. Seine Neu⸗ gierde hätte ihn verleitet ſich eine Erklärung auszu⸗ bitten, und dadurch, daß ſie ihren Angriff auf dieſe ſeine Neugierde richtete, würde ſie ihn in ihre Gewalt bekommen haben. So aber wie es war, ſezte ſie ihre Verſchlagenheit der ſeinigen entgegen— und der Narr trug den Sieg über ſie davon. Herr Noel Vanſtone, dem alle großherzigen Motive auf Gottes weiter Erde unerforſchliche Myſterien waren, ſah das engherzige Motiv im Hintergrund des Benehmens ſeiner Haushälterin, und zwar mit einer ſo augen⸗ blicklichen Schärfe des Blickes, als wenn er ein Mann von d Lecou wund ihn n mit d ten F einzu S hunde ließ. nachz! hätte, ein fi ſamke und Schli gezog C Stim Zeit der e junge ein o und geſeh haber Frem S als weite ergri Kette 8 Cha⸗ he und is ein⸗ m einzi⸗ ünftige ehenden gt ſind 8 Nar⸗ menſch⸗ gerade bezüg⸗ Stufe e ihren Herrn heinlich hr auf gezeigt g einer er Faſ⸗ egreifen ne Neu⸗ auszu⸗ uf dieſe Gewalt ezte ſie — und rr Noel Gottes ſah das nehmens augen⸗ Mann 121 von den höchſten Geiſtesanlagen geweſen wäre. Frau Lecount verließ ihn für dieſen Abend, total über⸗ wunden und ſich ihrer Niederlage bewußt— verließ ihn mit dem unbändigen Grimm einer Tigerin und mit dem niederträchtigen Verlangen in ihren elegan⸗ ten Fingernägeln, dieſelben in das Geſicht ihres Herrn einzuſchlagen. Sie war das Weib nicht das ſich durch eine oder hundert Niederlagen vom weitern Kampfe abſchrecken ließ. Sie war abſolut entſchloſſen immer und immer nachzudenken, bis ſie endlich ein Mittel aufgefunden hätte, der wachſenden Vertraulichkeit mit den Bygraves ein für allemal eine Grenze zu ſezen. In der Ein⸗ ſamkeit ihres Zimmers fand ſie ihre Faſſung wieder, und nun ging ſie zum erſten Mal daran, über die Schlüſſe die ſie ſich aus den Ereigniſſen des Tages gezogen hatte Muſterung abzuhalten. Es lag für ſie etwas gewiſſes Bekanntes in der Stimme dieſes Fräuleins Bygrave, und zu gleicher Zeit in unerklärlichem Widerſpruch damit doch wie⸗ der etwas ganz Fremdes. Geſicht und Geſtalt der jungen Dame waren durchaus neu für ſie. Es war ein auffallendes Geſicht und eine auffallende Geſtalt, und wenn ſie beide in einer frühern Periode einmal geſehen hätte, ſo würde ſie ſich gewiß daran erinnert haben. Fräulein Bygrave war ohne Frage eine Fremde und doch— Sie war ſchon während des Tages nicht weiter als bis hieher gelangt, ſie konnte auch jezt nicht weiter gelangen. Die Gedankenkette riß. Ihr Geiſt ergriff die Fragmente davon und bildete eine andere Kette, welche ſich an die in Verſchluß gehaltene Dame knüpfte, an die Tante, welche wohl ausſah und doch nervenleidend war, welche nervenleidend und doch mit Nadel und Faden ſich zu beſchäftigen im Stande war. Eine unbegreifl liche Aehnlichkeit mit einer ihr nicht erinnerlichen Stimme bei der Nichte; eine räthſelhafte Krankheit, welche die Tante von dem öffentlichen Leben ausgeſchloſſen hielt; eine außer⸗ gewöhnliche Höhe wiſſenſchaftlicher Bildung bei dem Onkel, in Verbindung mit einer gewiſſen Derbheit und Kühnheit des Benehmens, welches ſich keines⸗ wegs mit dem Weſen eines in gelehrte Forſchungen verwickelten Mannes in Einklang bringen ließ— waren die Mitglieder dieſer kleinen Familie von drei Perſonen wirklich das, was ſie von der Außenſeite zu ſein ſchienen? Mit dieſer Frage in ihrem Kopf ging ſie zu Bette. Sobald ſie das Licht gelöſcht hatte, ſchien die Finſterniß ihren Gedanken eine gewiſſe unerklärliche Verworrenheit mitzutheilen. Sie wanderten gegen ihren Willen von der Gegenwart in die Vergangen⸗ heit zurück. Sie brachten ihren alten Herrn wieder zum Le ſbona afis riefen vergeſſene Worte und Hand⸗ lungen in dem engliſchen Club zu Zürich ihr ins Gedachtniß: ſprangen dann davon weg an das Tod tenbett des alten Mannes zu Brighton; ſie bewegten ſich von Brighton nach London, betraten das leere unwohnliche Zimmer auf der Vauxhallpromenade; ſie ſtellten das Aquarium an ſeinen Plaz auf dem Küchentiſch zurück und verſezten das falſche Fräulein Garth in den Stuhl daneben, wie ſie ihre entzünde⸗ ten Augen vor dem Licht ſchüzte; ſie legten den anony Anſchl und f ſie be über zeige Noel2 abgeſe fel wi beunrr in lee⸗ Herr dieſem aberm Im n ihr H ihren ligkeit Stücke und l Form regun men 8 „„ d S Licht hatte erſchü Comn flüchti Wanc ihr de ausſah lleidend häftigen keit mit Nichte; on dem außer⸗ dei dem Herbheit leinos⸗ chungen ieß— on drei ßenſeite ſie zu ien die lärliche gegen gangen⸗ wieder Hand⸗ ihr ins as Tod⸗ wegten 8 leere, nenade; uf dem räulein tzünde⸗ en den immnien Brief, den Brief welcher dunkel auf einen Anſchlag gegen ſie anſpielte, wieder in ihre Hand und führten ſie damit in die Gegenwart ihres Herrn; ſie belebten in ihrem Geiſte wieder die Unterredung uber d das Ausfüllen des leeren Raumes in der An⸗ zeige und den Streit der entſtand, als ſie Herrn Noel Vanſtone ſagte daß die von ihm gebotene Summe abgeſchmackt gering ſei; ſie weckten einen alten Zwei fel wieder in ihr auf, der ſie ſeit Wochen nicht mehr beunruhigt hatte— ob der gedrohte Anſchlag nicht in leeren Worten verdunſtet ſei, oder ob ſie und ihr Herr vielleicht doch wieder davon hören würden. Bei dieſem Punkte angekommen, brac chen ihre Gedanken abermals ab und es zeigte ſich eine momentane Lücke. Im nächſten Augenblick fuhr ſie in ihrem Bette auf; ihr Herz pochte heftig, ihr Kopf wirbelte, als ob ſie ihren Verſtand verloren hätte. Mit electriſcher Schnel⸗ ligkeit fügte ihr Geiſt die mannigfach zerſtreuten Stücke ihrer Gedanken zu einem Ganzen zuſammen und legte ſie klar und deutlich in einer verſtändlichen Form vor ſich hin. In der Alles bemeiſternden Auf⸗ regung des Augenblicks ſchlug ſie ihre Hände zuſam⸗ men und rief plözlich in der Dunkelheit aus: „Wieder Fräulein Vanſtone!!!“ Sie verließ das Bett und zündete ſich nochmals Licht an. So kräftig ihre Nerven auch waren, ſ hatte doch der heftige Anſturz ihres Verdachtes ſit erſchüttert. Ihre feſte Hand zitterte, als ſie ihre Commode öffnete und daraus ein Fläſchchen unit flüchtigem Salz herausnahm. Troz ihrer glatten Wangen und ihres wohlerhaltenen Haares ſah man ihr doch jedes Jahr ihres Alters an, als ſie den 124 Spiritus mit Waſſer miſchte, ihn gierig hinunter trank, ſich in ihren Schlafrock hüllte und ſich auf die eine Seite ihres Bettes niederſezte, um wieder den Beſiz ihrer Selbſtruhe zu gewinnen. Sie war gänzlich unfähig, den geiſtigen Proceß, der ſie zu ihrer Entdeckung geführt hatte, ſeinem Ver⸗ laufe nach wieder durchzumachen. Sie konnte ſich nicht vollſtändig genug von ihrer Perſönlichkeit los⸗ reißen, um zu ſehen daß ihre halbgeformten Schlüſſe in Betreff der Bygraves damit geendet hatten, jene Familie zu Gegenſtänden ihres Argwohns zu machen; daß die Aſſociation der Ideen ihren Geiſt hierauf auf den andern Gegenſtand ihres Argwohns gelenkt hatte, der ſich als der gefährliche Anſchlag gegen ihren Herrn darſtellte, und daß die beiden Ideen von jenen zwei verſchiedenen Gegenſtänden ihres Mißtrauens plözlich mit einander in Berührung getreten waren und ſo ihr ein Licht aufgeſteckt hatten. Sie war nicht im Stande auf dieſe Weiſe von der Wirkung auf die Urſache rückwärts zu ſchließen. Sie konnte bloß fühlen daß ihr Verdacht ſchon mehr als ein bloßer Verdacht geworden war; die Ueberzeugung ſelbſt hätte in ihrem Geiſte keine tiefern Wurzeln ſchlagen können. Indem Frau Lecount Magdalene in dem neuen Lichte das jezt auf ſie geworfen wurde beſah, wollte ſie ſich gar zu gerne ſelbſt überreden daß ſie einige Züge von dem Geſicht und der Geſtalt des falſchen Fräuleins Garth in dem ſchönen und anmuthigen Mädchen, das kaum noch vor einer Stunde an dem Tiſche ihres Herrn geſeſſen hatte, wieder erkannte und daß ſie jezt Aehnlichkeiten auffand, an die ſie früher nigen gehört die die ſchlage gar zu ſultate Wahrl komme gebens Fr Verſue vergeu vermei maßun noch n an— leberz ſtand, legbar Augen W ſicherſt ſchlag⸗ W ſamme Nacht ihre§ ſicher war e weiſer ſolchen hinunter auf die der den Proceß, em Ver⸗ nte ſich eit los⸗ Schlüſſe en, jene machen; hierauf gelenkt en ihren on jenen trauens waren bie war Virkung konnte als ein zeugung Wurzeln n neuen ‚wollte e einige falſchen ruthigen an dem erkannte die ſie 125 früher nicht gedacht hatte, nämlich zwiſchen der zor⸗ nigen Stimme, die ſie in der Vauxhallpromenade gehört hatte und der ſanften manierlichen Stimme, die dieſen Abend eine Treppe tiefer an ihr Ohr ge⸗ ſchlagen hatte und noch darin klang. Sie wollte ſich gar zu gerne ſelbſt überreden daß ſie zu dieſen Re ſultaten durch keine ungebührliche Verdrehung der Wahrheit, die ſie ja in Wirklichkeit ſchon kannte, ge⸗ kommen ſei; aber ſie bemühte ſich dießfalls ver⸗ gebens. Frau Lecount war nicht das Weib das über dem Verſuch einer Selbſttäuſchung Zeit und Nachdenken vergeuden wollte. Sie begnügte ſich mit dem un⸗ vermeidlichen Schluſſe, daß eine augenblickliche Muth⸗ maßung ſie zu der Entdeckung geführt habe. Und noch mehr als das, ſie erkannte die volle Wahrheit an— ſo unwillkommen ſie ihr auch war— daß die leberzeugung die nun einmal in ihrem Innern feſt⸗ ſtand, nicht durch das geringſte Stückchen eines vor⸗ legbaren Beweiſes unterſtüzt werde, um ſie in den Augen anderer Perſonen zu rechtfertigen. Welches war nun unter dieſen Umſtänden das ſicherſte Verfahren das ſie gegen ihren Herrn ein⸗ ſchlagen ſollte? Wenn ſie, ſobald ſie am nächſten Morgen zu⸗ ſammenkämen, ihm offenherzig erzählte was ihr dieſe Nacht durch den Kopf gefahren ſei, ſo konnte, wie ihre Kenntniß von Herrn Noel Vanſtone ihr ſagte, ſicher nur einer von zwei Fällen eintreten. Entweder war er ärgerlich und ſtreitſüchtig, verlangte nach Be⸗ weiſen und klagte in Ermanglung eines Vorbringens ſolcher wohl gar noch ſie an daß ſie ihn ohne Ur⸗ —— ſache beunruhigt hätte, bloß um ihrer eiferſüchtigen Abſicht der Fernhaltung Magdalenens vom Hauſe Vorſchub zu leiſten— oder er war ernſtlich verblüfft, ſchrie nach dem Schuz des Geſezes und bewirkte da⸗ durch, daß die Bygraves es ſich zur Warnung die⸗ nen ließen und ſchon von vornherein zu allen mög⸗ lichen Vorſichtsmaßregeln ihre Zuflucht nahmen. Wenn Magdalene allein bei der Verſchwörung betheiligt geweſen wäre, ſo würde die Haushälterin der leztern Conſequenz keine große Wichtigkeit beigelegt haben. Aber wie die Täuſchung jezt vor ihren Blicken lag, war ſie eine zu verſtändige Frau, als daß ſie die unerſchöpfliche Fruchtbarkeit des Capitäns an liſtigen Auskunftsmitteln nach ihrem wahren Werth unter⸗ ſchäzt hätte. „Wenn ich dieſem unverſchämten Schelm nicht mit vollen ſchlagenden Beweiſen entgegentreten kann,“ dachte Frau Lecount,„ſo werde ich wohl morgen früh meinem Herrn die Augen öffnen, aber Herr Bugrave wird ſie noch vor Nacht ihm wieder zu⸗ ſchließen. Der Spizbube ſpielt mit all ſeinen Carten unter dem Tiſche, und er wird das Spiel mit voller Gewißheit gewinnen, wenn er meine Hand ſich in Bewegung ſezen ſieht. Dieſe Politik des Abwartens war ſo offenbar eine kluge Politik, der verſchmizte Herr Bygrave fühlte ſich, nachdem er für den eintretenden Fall mit gründ⸗ lichen Beweismitteln für die Identität, welche er und ſeine Nichte zu ihrem Vorhaben angenommen hatten, ſich verſehen, ſeiner Sache ganz ſicher— daß Frau Lecount plözlich beſchloß am nächſten Morgen mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen und mit ihrem Angriff auf die ſie unn ans Li Herrn ſchaft zu beft lichkeit ſezung Tage einer 2 Weo Maßre nen die Waffen Re Fälle; zu der De liche T packen Verrät mußte. Die lein Vo einem Frage) jüngern jener nung; ſezen k Di niß der ſüchtigen n Hauſe verblüfft, irkte da⸗ ung die⸗ en mög⸗ n. Wenn zetheiligt er leztern t haben. cken lag, ſie die liſtigen h unter⸗ m nicht n kann,“ morgen ber Herr leder zu⸗ Carten it voller ſich in bar eine e fühlte t gründ⸗ e er und hatten, äiß Frau gen mit Angriff auf die Verſchwörung ſo lange inne zu halten, bis ſie unwiderlegbare Thatſachen zu ihrer Unterſtüzung ans Licht bringen würde. Die Bekanntſchaft ihres Herrn mit den Bygrave es war lediglich eine Bekannt⸗ ſchaft von der Dauer eines Tages. Es war nicht zu befürchten daß ſie zu einer gefährlichen Vertrau⸗ lichkeit ſich umgeſtalten konnte, wenn ſie die Fort⸗ ſezung dieſer Bekanntſchaft auch noch für ein Paar Tage zugab und ihr erſt ſpäteſtens nach Ablauf einer Woche für immer den tödtlichen Stoß verſezte. Was konnte ſie während dieſes Zeitraumns für Maßregeln ergreifen, um die Hinderniſſe zu entfer⸗ nen die ihr jezt im Wege ſtanden n, und ſich mit den Waffen zu verſehen deren ſie jezt bedurfte? Reifliche Ueberlegung zeigte ihr drei ve erſchieden ne Fälle zu ihren Gunſten, drei verſchiedene Wege, um zu der nothwendigen Entdeckung zu gelangen. Der erſte Fall war mit Magdalenen freundſchaft⸗ liche Beziehungen zu unterhalten, ſie unverſehens zu packen und dann ſo zu verſtricken, daß ſie ihre eigene Verrätherin in Noel Vanſtones Anweſenheit werden mußte. Die zweite Alternative war an das ältere Fräu⸗ lein Vanſtone zu ſchreiben und dieſelbe(unter irgend einem beunruhigenden Vorwand für die Stellung der Frage) um Auskunft betreffs der Abſichten ihrer jüngern Schweſter und um Mittheilung dieſer oder jener Eigenthümlichkeiten ihrer perſönlichen Erſchei⸗ nung zu bitten, welche einen Fremden in den Stand ſezen könnten ihre Identitä zu erkennen. Die dritte Röglichkeit endlich war das Geheim⸗ niß der Abſperrung der Frau Bygrave zu erforſchen 128 und durch eine perſönliche Unterredung ſich zu ver⸗ gewiſſern ob das wirkliche Leiden dieſer kranken Dame möglicher Weiſe nicht in dem Mangel der Fähigkeit, die Geheimniſſe ihres Gatten zu verwahren, beſtände. Nachdem Frau Lecount ſich entſchloſſen hatte, es mit allen drei Fällen in der Ordnung, wie ſie hier aufgezählt wurden, zu verſuchen und Magdalene gleich an dem Tage, der bereits ſchon graute, die Schlin⸗ gen zu legen, zog ſie endlich ihren Schlafrock ab und geſtattete ihrer ſchwächern Natur, ihr Anrecht auf einen kurzen Schlummer geltend zu machen. Die Morgendämmerung brach bereits über dem kalten grauen Meere heran, als ſie ſich wieder zu Bette legte. Der lezte Gedanke in ihrer Seele, ehe ſie in Schlummer fiel, war characteriſtiſch für das Weib, es war ein Gedanke der den Capitän bedrohte. „Er hat mit dem geheiligten Andenken an mei⸗ nen Ehegatten ein frevelndes Spiel getrieben,“ dachte die Profeſſors⸗Wittwe.„Bei meinem Leben und mei⸗ ner Ehre, ich will es ihm wieder heimgeben.“ Früh am nächſten Morgen begann Magdalene ihrer mit dem Capitän getroffenen Verabredung ge⸗ mäß den Tag damit, daß ſie Frau Wragge zum Behuf einer kleinen Bewegung ausführte, und zwar zu einer Stunde wo man nicht zu befürchten hatte daß ſie die öffentliche Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen würde. Dieſe wehrte ſich heftig darum zu Hauſe bleiben zu dürfen. Sie habe noch das Caſhemir⸗ kleid im Sinne und halte es für nothwendig ihre Anleitung zum Kleidermachen wenigſtens hundert Mal durchzuſtudiren, ehe ſie(um ihren eigenen Aus⸗ druck z ſchraube zulegen. Ausrede gehen. dalene arme S Gefange Entſchlu lezten il ihr beſſ Sie zurück. ging, n der Mo ihres C lene un teten, k dem La auf ein, tän Wr Der Zeilen: „Me Wunſch theilen längern Dunwich wiſſen, theilen Ihrer 1 Coll zu ver⸗ ken Dame Fähigkeit, beſtände. hatte, es e ſie hier ene gleich e Schlin⸗ k ab und recht auf über dem wieder zu Seele, ehe für das bedrohte. an mei⸗ 1,“ dachte und mei⸗ n.“ tagdalene dung ge⸗ igge zum und zwar ten hatte ich ziehen zu Hauſe Caſhemir⸗ ndig ihre hundert enen Aus⸗ druck zu gebrauchen)„ihren Muth ſo weit hinauf⸗ ſchrauben könnte, um ihre Scheere an den Stoff an⸗ zulegen.“ Allein ihre Geſellſchafterin nahm keine Ausrede an und ſo war ſie gezwungen mit auszu⸗ gehen. Der einzige ehrliche Lebenszweck, den Mag⸗ dalene gjezt verfolgte, war der Entſchluß, daß die arme Frau Wragge um ihretwillen nicht zu einer Gefangenen gemacht werden ſollte, und an dieſen Entſchluß klammerte ſie ſich mechaniſch an, als dem lezten ihr übrig gebliebenen Zeichen, an welchem ſie ihr beſſeres Selbſt noch erkannte. Sie kehrten ſpäter als gewöhnlich zum Frühſtück zurück. Während Frau Wragge die Treppe hinauf⸗ ging, um ſich von Kopf bis zu Fuß zur Paſſirung der Morgenmuſterung vor dem beobachtenden Auge ihres Gatten herauszupuzen, und während Magda⸗ lene und der Capitän auf ſie im Wohnzimmer war⸗ teten, kam das Dienſtmädchen mit einem Billet von dem Landhaus zur Seeausſicht. Der Bote wartete auf eine Antwort und das Schreiben war an Capi⸗ tän Wragge adreſſirt. Der Capitän öffnete das Billet und las folgende Zeilen: „Mein lieber Herr! Noel Vanſtone äußerte den Wunſch, daß ich an Sie ſchreiben und Ihnen mit⸗ theilen ſollte daß er dieſen ſchönen Tag zu einer längern Spazierfahrt nach einem Küſtenorte, Namens Dunwich, beſtimmt habe. Er möchte gar zu gerne wiſſen, ob Sie die Koſten eines Wagens mit ihm theilen und ihm bei dieſem Ausflug das Vergnügen Ihrer und Fräulein Bygraves Geſellſchaft ſöbenen Collins, Namenlos. III. 130 wollen. Er hat mir gütig erlaubt mit von der Par⸗ thie zu ſein, und wenn ich ohne Unſchicklichkeit mich ſo ausdrücken darf, ſo möchte ich es wagen hinzu⸗ zufügen daß ich eben ſo viel Vergnügen als mein Herr empfinden würde, wenn Sie und Ihre junge Dame dem Anſchluß an uns Ihre Zuſtimmung gäben. Wir beabſichtigen Aldborough Punkt eilf Uhr zu ver⸗ laſſen. Betrachten Sie mich, werther Herr als Ihre unterthänige Dienerin Virginie Lecount.“ „Woher kommt der Brief?“ fragte Magdalene, als ſie auf Capitän Wragges Geſicht eine Verände⸗ rung bemerkte.„Was wollen die Leute auf dem Landhaus zur Seeausſicht von uns?“ „Entſchuldigen Sie,“ ſagte der Capitän ernſt⸗ haft;„das erfordert Ueberlegung. Laſſen Sie mich eine Minute oder zwei nachdenken.“ Er ſchritt im Zimmer ein Paar Mal auf und ab, blieb dann plözlich ſeitwärts an einem Tiſchchen in einer Ecke, auf welchem Schreibmaterialien bereit lagen, ſtehen. „O, ich kam nicht geſtern auf die Welt, Ma⸗ dame,“ ſagte der Capitän, indem er ſcherzhaft zu ſich ſelbſt ſprach. Er blinzelte mit ſeinem braunen Auge, ergriff die Feder und ſchrieb die Antwort. „Können Sie jezt reden?“ fragte Magdalene, als das Dienſtmädchen das Zimmer verlaſſen hatte. „Was ſteht im Briefe und was haben Sie darauf geantwortet?“ Der Capitän händigte ihr den Brief ein. „Ich habe die Einladung angenommen,“ verſezte er ruhig. Ma „He offene? „Jc Lecount Sie her „Un unmögli „Icl funden Gemüth. mehr ker iſt in 2 danken ſeien; o⸗ einem 5 ihr Ihre ins Gede ſein wie Umwand gefunden Beweiſe eines kl zwei verf Menſchen Frau Lec ſchmied habe.“ Mit Joyces „Du Freund, der Par⸗ beit mich 1 hinzu⸗ Is mein re junge g gäben. zu ver⸗ als enerin it.“ gdalene, Verände⸗ ruf dem n ernſt⸗ Sie mich nuf und Tiſchchen ein bereit ſt, Ma⸗ zhaft zu braunen wort. ene, als i hatte. darauf verſezte 131 Magdalene las das Billet. „Heimliche Feindſchaft geſtern,“ ſagte ſie,„und offene Freundſchaft heute. Was meinen Sie dazu?“ „Ich meine,“ ſagte Capitän Wragge,„daß Frau Lecount ſchlauer iſt als ich ſie mir dachte. Sie hat Sie herausgefunden!“ „Unmöglich!“ rief Magdalene.„Ganz und gar unmöglich in der Zeit!“ „Ich kann nicht ſagen wie ſie Sie herausge⸗ funden hat,“ fuhr der Capitän mit vollkommener Gemüthsruhe fort.„Sie mag wohl Ihre Stimme mehr kennen als wir vorausgeſezt haben. Oder ſie iſt in Folge mehrfacher Erwägungen auf den Ge⸗ danken gekommen, daß wir eine verdächtige Familie ſeien; oder irgend ein verdächtiger Umſtand der mit einem Frauenzimmer in Zuſammenhang ſtand mag ihr Ihren Morgenbeſuch in der Vauxhallpromenade ins Gedächtniß zurückgerufen haben. Dem mag nun ſein wie ihm wolle, die Bedeutung dieſer plözlichen Umwandlung iſt klar genug. Sie hat Sie heraus⸗ gefunden und ſie wünſcht nun für ihre Entdeckung Beweiſe zu ermitteln, indem ſie unter dem Vorwand eines kleinen freundſchaftlichen Geſpräches ein oder zwei verfängliche Fragen hineinſchlüpfen läßt. Meine Menſchenkenntniß iſt eine ſehr mannigfaltige; und Frau Lecount iſt nicht der erſte abgeſchlagene Ränke⸗ üdrien im Unterrock, mit dem ich zu thun gehabt abe.“ Mit dieſen Worten nahm er ſein Exemplar von Joyces wiſſenſchaftlichen Dialogen aus ſeiner Taſche. „Du haſt deine Schuldigkeit bereits gethan, mein Freund,“ ſagte der Capitän, indem er ſeinem nüz⸗ 13² lichen Leitfaden ein Tätſchchen mit der Hand gab und dann ihn in dem Schrank verſchloß. „So iſt es mit der menſchlichen Popularität,“ fuhr der unverbeſſerliche Vagabund fort und ſteckte den Schlüſſel wohlgemuth in ſeine Taſche.„Geſtern noch war Joyce mein Factotum, heute ſcheere ich mich keinen Teufel mehr um ihn!“ „Er ſchnalzte mit den Fingern und ſezte ſich zum Frühſtück nieder. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Magdalene, in⸗ dem ſie ihn ärgerlich anſah.„Wollen Sie für die Zukunft mich mir ſelbſt überlaſſen?“ „Liebes Kind!“ rief Capitän Wragge,„können Sie ſich denn noch immer nicht in die Schlagfertig⸗ keit meines Humors ſinden? Ich habe meine wiſſen⸗ ſchaftlichen Manöver einfach deßwegen aufgegeben, weil ich durchaus ſicher bin daß auch Frau Lecount es aufgegeben hat mir Glauben zu ſchenken. Habe ich nicht die Einladung nach Dunwich angenommen? Seien Sie ganz unbeſorgt. Der Beiſtand, den ich Ihnen bereits geleiſtet habe, ſteht in gar keinem Vergleich mit dem welchen ich Ihnen jezt leiſten werde. Meine Ehre erfordert jezt mit Frau Lecount Kegel zu ſchieben. Dieſer ihr lezter Schachzug hat es zu einer perſönlichen Angelegenheit zwiſchen uns beiden gemacht. Das Weibsbild denkt jezt in der That, es könne mich in die Taſche ſtecken!!¹“ rief der Capitän, indem er in einer Anwandlung tugendhaften Unwillens mit ſeinem Meſſergriff auf den Tiſch ſchlug.„Bei allen ſieben Himmeln, niemals in meinem Leben vorher war ich ſo beleidigt. Rücken Sie Ihren Seſſel an den Tiſch und hö das we Mao dämpft „I anderg⸗ Maßre⸗ nie in Ich ſag das No. trauiſe daß ſie punkt nicht ſe werden Herrn ſache hat. hat, ſ unſerer ches Kü zeugun dieſem jedes 2 Mißtre Zauber mit de Ich we bald n Dunwi men S in den ab und arität,“ ſteckte Geſtern eere ich ſich zum ene, in⸗ für die „können agfertig⸗ wiſſen⸗ gegeben, Lecount Habe ommen? den ich keinem t leiſten Lecount hzug hat hen uns kt jezt Taſche in einer ſeinem en ſieben war ich den Tiſch 133 und hören Sie eine halbe Minute aufmerkſam auf das was ich Ihnen jezt zu ſagen habe.“ Magdalene gehorchte ihm. Capitän Wragge dämpfte vorſichtig ſeine Stimme, ehe er fortfuhr. „Ich habe Ihnen die ganze Zeit über ausein⸗ andergeſezt,“ ſagte er,„daß die einzige nothwendige Maßregel darin beſteht, daß Sie ſich von Frau Lecount nie in einem aufgeregten Zuſtande ertappen laſſen. Ich ſage nach dem was dieſen Morgen vorgefallen jezt das Nämliche. Laſſen Sie die Frau immerhin miß⸗ trauiſch gegen Sie ſein! Ich verpfände mein Wort daß ſie niemals auch nur den geringſten Anhalts⸗ punkt für ihren Argwohn finden wird, wenn wir ihr nicht ſelbſt dazu verhelfen. Wir werden heute inne werden ob ſie unklug genug geweſen iſt ſich ihrem Herrn zu verrathen, ehe ſie irgend welche That⸗ ſache worauf ſie ſich ſtüzen kann zuſammengebracht hat. Ich bezweifle es. Wenn ſie aber geplaudert hat, ſo wollen wir einen Plazregen von Beweiſen unſerer Identität mit den Bygraves auf ſein ſchwa⸗ ches Köpfchen herabſchütten, bis ihm vor lauter Ueber⸗ zeugung völlig Ach und Weh wird. Sie haben bei dieſem Ausflug zwei Dinge zu thun. Fürs Erſte: jedes Wort das Frau Lecount zu Ihnen ſagt mit Mißtrauen aufzunehmen, und zweitens: allen Ihren Zauber aufzubieten, um mit Herrn Noel Vanſtone mit dem heutigen Datum ins Reine zu kommen. Ich werde Ihnen hiezu Gelegenheit verſchaffen, ſo⸗ bald wir den Wagen verlaſſen und unſern Weg nach Dunwich einſchlagen. Tragen Sie Ihren Hut, neh⸗ men Sie Ihr Lächeln mit, laſſen Sie Ihre Geſtalt in dem günſtigſten Lichte erſcheinen, ſchnüren Sie ſich 134 knapp zuſammen, ziehen Sie Ihre netteſten Stiefe⸗ letten und hellſten Glacéhandſchuhe an, knüpfen Sie das miſerable Bürſchchen an Ihr Schürzenband, knüpfen Sie ihn feſt, und überlaſſen Sie ſodann die ganze Anordnung dieſer Angelegenheit nur meiner Perſon. Aufgepaßt! Hier iſt Frau Wragge. Wir müſſen jezt doppelt vorſichtig in ihrer Beaufſichtigung ſein. Zeig mir Deine Haube, Frau Wragge! Zeig mir Deine Schuhe! Was ſehe ich auf Deiner Schürze? Einen Flecken? Lege ſie nach dem Frühſtück ab und ziehe eine neue an. Rücke Deinen Seſſel nach der Mitte des Tiſches— mehr links, noch mehr! Be⸗ reite das Frühſtück!“ Um drei Viertel auf eilf Uhr ward Frau Wragge mit ihrer eigenen vollen Zuſtimmung in das Hinter⸗ zimmer entlaſſen, um ſich für den Reſt des Tages in das Labyrinth der Wiſſenſchaft des Kleidermachens zu verirren. Pünktlich mit dem Glockenſchlage fuh⸗ ren Frau Lecount und ihr Herr vor dem Thor der Nordſteinvilla vor und fanden Magdalene und Ca⸗ pitän Wragge in dem Garten auf ſie wartend. Auf dem Weg nach Dunwich fiel Nichts vor was das Vergnügen der Fahrt geſtört hätte. Herr Noel Vanſtone befand ſich im vortrefflichſten Geſundheitszu⸗ ſtande und in dem beſten Humor von der Welt. Lecount hatte Entſchuldigungen wegen des kleinen Mißverſtänd⸗ niſſes vom vorhergehenden Abend vorgebracht. Lecount hatte um den Ausflug als eine Ehrenſache für ſich ſelbſt nachgeſucht. Er dachte an dieſe Zugeſtändniſſe, blickte auf Magdalene und grinste und ſchmun⸗ zelte ohne Unterlaß. Frau Lecount ſpielte ihre Rolle meiſterlich. Sie behandelte Magdalene mit mütter⸗ licher L merkſar pitän ſchmolle dieſe 1 ſchaftlie ſtände entſchli auf ih war m keit ge einzige Tages Al verließ wahr, und ſi Wort 22 ſterte Rückwe Si Spazie legener bevölk⸗ Ortes Jahrhr beſichti Wäldc Sandh ragen. er Mo Stiefe⸗ ofen Sie zenband, dann die meiner le. Wir ichtigung e! Zeig Schürze? ab und nach der r! Be⸗ Wragge Hinter⸗ 8 Tages machens age fuh⸗ Thor der ind Ca⸗ nd. vor was err Noel dheitszu⸗ Lecount verſtänd⸗ Lecount für ſich indniſſe, ſchmun⸗ re Rolle mütter⸗ 135 licher Liebe und Noel Vanſtone mit zärtlicher Auf⸗ merkſamkeit, ſie nahm verdoppelten Antheil an Ca⸗ pitän Wragges Unterhaltung und zeigte eine Art ſchmollender Niedergeſchlagenheit, als ſie fand daß dieſe Unterhaltung ſich mit Ausſchluß aller wiſſen⸗ ſchaftlichen Erörterungen bloß auf allgemeine Gegen⸗ ſtände ausdehnte. Nicht ein Blick, nicht ein Wort entſchlüpfte ihr, was auch nur im entfernteſten Grade auf ihre wirkliche Endabſicht angeſpielt hätte. Sie war mit ihrer gewöhnlichen Zierlichkeit und Sauber⸗ keit gekleidet und an dem ſchwülen Sommertage die einzige Perſon, welche in den heißeſten Stunden des Tages vollkommen kühl blieb. Als ſie bei ihrer Ankunft zu Dunwich den Wagen verließen, nahm Capitän Wragge einen Augenblick wahr, wo Frau Lecounts Auge nicht auf ihm ruhte, und ſprach Magdalene durch ein leztes warnendes Wort Muth ein. „Nehmen Sie ſich vor der Kaze in Acht!“ flü⸗ ſterte er.„Sie wird ihre Krallen ſchon auf dem Rückweg herausſtrecken.“ Sie verließen das Dörfchen und machten einen Spaziergang nach den Ruinen eines ganz nahe ge⸗ legenen Kloſters, dem lezten Ueberreſt der einſt wohl⸗ bevölkerten Stadt Dunwich, das die Zerſtörung des Ortes durch das Alles verſchlingende Meer um Jahrhunderte überlebt hatte. Nachdem die Ruinen beſichtigt waren, ſuchten ſie den Schatten eines Wäldchens zwiſchen dem Dorfe und den niedrigen Sandhügeln auf, welche über die Nordſee empor⸗ ragen. Hier manövrirte Capitän Wragge ſo, daß er Magdalene und Noel Vanſtone in einiger Ent⸗ .„ 136 fernung von Frau Lecount und ſich ſelbſt voraus ließ— dann einen falſchen Weg einſchlug— und gleich darauf den Weg mit äußerſter Geſchicklichkeit verlor. Nachdem ſie ein Paar Minuten(in der fal⸗ ſchen Richtung) fortgewandelt waren, erreichten ſie einen offenen Plaz nahe am Meere, und nun machte er, indem er mit durchtriebener Artigkeit ſeinen Feld⸗ ſtuhl zum Gebrauch für die Haushälterin öffnete, den Vorſchlag, an der Stelle wo ſie ſich befänden ſo lange zu warten, bis die vermißten Mitglieder der Luſtparthie dieſes Weges kommen und ſie wieder auffinden würden. Frau Lecount gab dem Vorſchlag ihre Zuſtim⸗ mung. Sie wußte recht gut daß ihr Begleiter ab⸗ ſichtlich irre gegangen war; aber dieſes Bewußtſein übte keinen ſtörenden Einfluß auf die einſchmeichelnde Liebenswürdigkeit ihres Benehmens. Der Tag ihrer Abrechnung mit dem Capitän war noch nicht ge⸗ kommen— ſie fügte bloß dieſen neuen Poſten der Rechnung bei und bediente ſich ſodann des angebote⸗ nen Feldſtuhls. Capitän Wragge ſtreckte ſich in einer romantiſchen Lage zu ihren Füßen hin, und die beiden unverſöhnlichen Feinde(wie zwei Liebende in einem Gemälde gruppirt) vertieften ſich in eine ſo leichte und angenehme Unterhaltung, als ob ſie von zwanzig Jahren her die beſten Freunde geweſen wären. „Ich kenne Sie, Madame,“ dachte der Capitän, während Frau Lecount mit ihm ſprach.„Sie möch⸗ ten gar zu gerne daß ich mich verſchnappe und in dem Nez meiner improviſirten Wiſſenſchaft fange, und es ich in ‿ 77 nen Ar den Bo der zur ſie doc In nung gemein über ü Englan Geſund ſprache und d einen o lang, daher vollzäh Als war, count Magda bleiben „G flüſtern band?“ Es antwor 7 5 Sie mi weg ni voraus — und icklichkeit der fal⸗ chten ſie n machte nen Feld⸗ öffnete, änden ſo jeder der e wieder Zuſtim⸗ eiter ab⸗ wußtſein eichelnde ag ihrer nicht ge⸗ Zſten der ngebote⸗ ſich in in, und Liebende in eine 8 ob ſie geweſen Capitän, ie möch⸗ und in fange, 137 und es wäre Ihnen gewiß äußerſt willkommen, wenn ich in dem Aquarium des Profeſſors erſöffe!“ „Du Spizbube mit dem grünen und dem brau⸗ nen Auge!“ dachte Frau Lecount, als der Capitän den Ball der Unterhaltung auffing und ihn ihr wie⸗ der zuwarf;„ſo dick Deine Haut auch iſt, ich werde ſie doch noch durchſtechen!“ In dieſem Kreuzfeuer ihrer gegenſeitigen Geſin⸗ nung ſprachen ſie mit fließenden Phraſen über all⸗ gemeine Gegenſtände, über öffentliche Angelegenheiten, über örtliche Naturſcenen, über die Geſellſchaft in England und die Geſellſchaft in der Schweiz, über Geſundheit, Clima, Bücher, Heirath und Geld— ſprachen fort, ohne einen Augenblick inne zu halten, und ohne das geringſte Mißverſtändniß von der einen oder andern Seite, beinahe eine volle Stunde lang, bis Magdalene und Noel Vanſtone den Weg daher ſchlenderten und die Parthie von vier wieder vollzählig machten. Als ſie den Gaſthof, wo das Gefährte eingeſtellt war, erreichten, ließ Capitän Wragge Frau Le⸗ count in ungeſtörtem Beſize ihres Herrn und gab Magdalene ein Zeichen, einen Augenblick zurückzu⸗ bleiben und mit ihm zu ſprechen. „Gute Actien?“ fragte der Capitän in einem flüſternden Tone;„iſt er feſt an Ihrem Schürzen⸗ band?“ Es durchſchauerte ſie von Kopf zu Fuß, als ſie antwortete: „Er hat meine Hand geküßt,“ ſagte ſie.„Haben Sie mit dem genug? Laſſen Sie ihn auf dem Heim⸗ weg nicht an meiner Seite ſizen! Ich habe ertragen 138 ſo viel ich ertragen konnte— haben Sie Schonung mit mir für den Reſt des Tages.“ „Ich will Sie auf dem Vorderſiz des Wagens neben mir placiren,“ verſezte der Capitän. Auf der Zurückfahrt bewahrheitete Frau Lecount Capitän Wragges Prophezeiung. Sie zeigte ihre Krallen. Die Zeit dazu hätte nicht beſſer gewählt werden, die Umſtände ſie nicht mehr begünſtigen können. Magdalenens Geiſt war niedergedrückt; ſie war er⸗ ſchöpft an Leib und Seele; und ſie ſaß gerade der Haushälterin gegenüber, welche in Folge der neuen Anordnung gezwungen worden den Chrenſiz neben ihrem Herrn einzunehmen. Indem ihr ſo alle mög⸗ lichen Erleichterungsmittel für die Beobachtung der leiſeſten Veränderung die auf Magdalenens Geſicht vorging zu Gebote ſtanden, wagte Frau Lecount ihren erſten Verſuch damit, daß ſie die Unterhaltung auf London und die beſondern Vortheile hinüber⸗ ſpielte, welche die Hauptſtadt in ihren verſchiedenen Vierteln an beiden Seiten des Fluſſes den Bewoh⸗ nern darböte. Der immer fertige Wragge durch⸗ ſchaute ihre Abſicht bälder als ſie vorausgeſezt hatte, und trat augenblicklich ins Mittel. „Sie kommen jezt zur Vauxhallpromenade, Ma⸗ dame,“ dachte der Capitän;„ich will noch vor Ih⸗ nen dort ſein.“ Er ging nun ſchnell auf eine rein erdichtete Schilderung der verſchiedenen Viertel Londons ein, in welchen er gewohnt hätte, und rettete dadurch, daß er geſchickt die Vauxhallpromenade als eines dieſer Viertel bezeichnete, Magdalene von einer plözlichen Frage Lecount Von ſe auf ſei Familie in die ſeines ſchwarz ſeines Erdgeſe geſſen. winnen Ausbrr ſeine A nicht. einzige⸗ zu laſſ Ueberze Vanſton gende; angreif beigelee bis er „Es Umſtän promen ſich an Haus o daſelbſt ich Sie von ein Dießma Schonung Wagens Lecount igte ihre t werden, können. war er⸗ erade der der neuen ſiz neben alle mög⸗ tung der s Geſicht Lecount erhaltung hinüber⸗ ſchiedenen Bewoh⸗ ge durch⸗ ſezt hatte, de, Ma⸗ vor Ih⸗ erdichtete vons ein, urch, daß tes dieſer plözlichen 139 Frage in Bezug auf dieſen Stadttheil, womit Frau Lecount ſich vorgenommen hatte ſie zu verblüffen. Von ſeinen Wohnungen ging er dann mit Aolglätte auf ſeine eigene Perſon über und goß ſeine ganze Familiengeſchichte(in der Rolle des Herrn Bygrave) in die Ohren der Haushälterin, ohne dabei das Grab ſeines Bruders in Honduras mit dem von dem ſchwarzen Naturkünſtler verfertigten Monument und ſeines Bruders ungeheuer wohlbeleibte Wittwe im Erdgeſchoß des Koſthauſes zu Cheltenham zu ver⸗ geſſen. Als ein Mittel Magdalene Zeit zum Ge⸗ winnen ihrer Faſſung zu verſchaffen, erreichte dieſer Ausbruch autobiographiſcher Mittheilungen zwar ſeine Abſicht, aber einem weitern Zweck entſprach er nicht. Frau Lecount horchte zu, ohne ſich durch ein einziges Wort das der Capitän zu ihr ſagte täuſchen zu laſſen. Er beſtärkte ſie lediglich nur in ihrer Ueberzeugung, daß es ganz nuzlos wäre Herrn Noel Vanſtone in ihr Vertrauen zu ziehen, ehe ſie ſchla⸗ gende Thatſachen gegen Capitän Wragges ſonſt un⸗ angreifbare Stellung in der Identität, die er ſich beigelegt, ins Feld führen könnte. Sie wartete ruhig, bis er fertig war und erneuerte dann ihren Angriff. „Es iſt ein merkwürdiges Zuſammentreffen von Umſtänden, daß Ihr Onkel früher in der Vauxhall⸗ promenade gewohnt haben ſoll,“ ſagte ſie, indem ſie ſich an Magdalene wandte.„Mein Herr hat ein Haus an dem nämlichen Orte, und wir hielten uns daſelbſt auf, ehe wir nach Aldborough kamen. Dürfte ich Sie fragen, Fräulein Bygrave, ob Sie Etwas von einer Dame, Namens Fräulein Garth, wiſſen?“ Dießmal ſtellte ſie die Frage, ehe ſich der Capitän 140 ins Mittel legen konnte. Magdalene hätte durch das was in ihrer Gegenwart bereits vorgegangen war darauf vorbereitet ſein ſollen, allein ihre Nerven waren durch die frühern Vorfälle des Tages ange⸗ griffen worden, und ſie konnte die Frage bloß nach einer vorläufigen Pauſe eines Augenblicks, während deſſen ſie ihre Selbſtbeherrſchung wieder gewinnen wollte, verneinend beantworten. Ihr Zögern war von einer zu momentanen Dauer, um die Aufmerk⸗ ſamkeit einer von keinem Argwohn beeinflußten Per⸗ ſon auf ſich zu ziehen; aber es dauerte immerhin lange genug, um Frau Leounts heimliche Ueberzeu⸗ gung zu befeſtigen und ſie zu einem theilweiſen Weitergehen zu ermuthigen. „Ich fragte bloß,“ fuhr ſie fort, indem ſie Mag⸗ dalene immer feſt firirte und die Bemühungen des Capitäns Wragge, ſich in die Unterhaltung zu miſchen, gar nicht berückſichtigte,„weil Fräulein Garth für mich eine fremde Perſon iſt, und mich plagt die Neugierde, ſo viel als möglich über ſie auszukundſchaften. Den Tag, ehe wir die Stadt verließen, Fräulein Bygrave, ſtattete uns eine Perſon, die ſich unter dem erwähnten Namen vorſtellte, unter ſehr ungewöhnlichen Umſtänden einen Beſuch ab.“ Mit einer ſanften, einſchmeichelnden Manier, mit einem raffinirten Hohne, der in ſeiner wohlberechne⸗ ten Anwendung der Sprache des Mitleids nicht viel weniger als teufliſch war, beſchrieb ſie jezt keck in Magdalenens Gegenwart Magdalenens Erſcheinung in Verkleidung. Sie machte nur eine ſpöttiſche An⸗ ſpielung auf Herrn und Frau zu Rabenſchlucht als Perſonen, welche jederzeit dem ältern und reſpect⸗ vollern weſen Beiſpie blödeten Namen von He mit vie tung he Capität dem ſie und je Zunge kann, 1 lene ſo zu ihre Wragg einen ihrem 73 Madan Nichte wieder gekomn gern 6. dend ſt es an Frau ſtechend Ziehen und le den S werden tte durch gegangen ke Nerven ges ange⸗ bloß nach während gewinnen gern war Aufmerk⸗ zten Per⸗ immerhin Ueberzeu⸗ heilweiſen ſie Mag⸗ nühungen altung zu Fräulein und mich über ſie die Stadt ne Perſon, lte, unter ich ab.“ anier, mit lberechne⸗ nicht viel zt keck in rſcheinung tiſche An⸗ hlucht als d reſpect⸗ 141 vollern Zweig der Familie ein Dorn im Auge ge⸗ weſen wären. Sie bedauerte die Kinder die das Beiſpiel ihrer Eltern befolgten und ſich nicht ent⸗ blödeten unter dem vorgeſchobenen Character und Namen einer achtbaren Perſon pecuniären Vortheil von Herrn Noel Vanſtone zu erhaſchen. Indem ſie mit vieler Schlauheit ihren Herrn in die Unterhal⸗ tung hereinzog, um einer allenfallſigen Diverſion des Capitäns nach dieſer Seite hin zuvorzukommen, in⸗ dem ſie keine kleinlichte Uebertreibung verſchmähte und jede zarte Stelle verwundete welche von der Zunge eines boshaften Weibes angegriffen werden kann, würde ſie ihre Abſicht durchgeſezt und Magda⸗ lene ſo lang auf die Folter geſpannt haben, bis dieſe zu ihrer eigenen Verrätherin wurde, wenn Capitän Wragge nicht durch einen lauten Schreckensruf und einen ſchnellen Griff nach Magdalenens Handgelenk ihrem vollen Lauf eine Schranke vorgeſchoben hätte. „Zehn tauſend Mal Verzeihung, meine liebe Madame!“ rief der Capitän.„Ich ſehe an meiner Nichte Geſicht, ich fühle an meiner Nichte Puls daß wieder einer ihrer heftigen Nervenanfälle über ſie gekommen iſt. Mein theures Mädchen, warum zö⸗ gern Sie unter Freunden zu geſtehen daß Sie lei⸗ dend ſind? Welche unzeitige Höflichkeit! Man ſieht es an ihrem Geſichte, daß ſie leidet, nicht wahr, Frau Lecount? Stechende Schmerzen, Herr Vanſtone, ſtechende Schmerzen auf der linken Seite des Kopfes. Ziehen Sie Ihren Schleier herunter, meine Liebe, und lehnen Sie ſich an mich. Unſere Freunde wer⸗ den Sie entſchuldigen, unſere vortrefflichen Freunde werden Sie entſchuldigen für den Reſt des Tages.“ Ehe Frau Lecount auch nur einen Augenblick das wirkliche Vorhandenſein eines Anfalls von Nerven⸗ leiden bezweifeln konnte, zeigte ſich ihres Herrn un⸗ ruhiges Mitgefühl, genau wie der Capitän voraus⸗ geſezt hatte, in den rührigſten Kundgebungen. Er ließ das Gefährte halten und drang auf einen ſo⸗ fortigen Wechſel der vertheilten Size— den beque⸗ men Hinterſiz für Fräulein Bygrave und ihren Onkel, den Vorderſiz für Frau Lecount und für ihn ſelbſt. Hatte Lecount ihr Riechfläſchchen mit ſich ge⸗ nommen? Vortreffliches Geſchöpf! Sie ſoll es als⸗ bald Fräulein Bygrave geben und der Kutſcher ſoll b vorſichtig fahren. Wenn der Kutſcher Fräulein Bygrave durchs Fahren erſchüttert, ſo ſoll er keinen Pfenning Trinkgeld erhalten. Das Magretiſiren war in ſolchen Fällen häufig ſehr nüzlich. Herrn Noel Vanſtones Vater war der kräftigſte Magnetiſeur in Europa, und Herr Noel Vanſtone war ſeines Vaters Sohn. Sollte er ſie magnetiſiren? Sollte er dem verdammten Kutſcher Ordre geben an einen ſchattigen Plaz, der zu dieſem Zwecke paſſend wäre, zu fahren? Sollte ärztliche Hilfe vorgezogen werden? Konnte man ärztliche Hilfe irgendwo näher als in Aldborough finden? Jener Eſel von einem Kutſcher wußte es nicht. Halten Sie jeden reſpectabeln Herrn der in einem Einſpänner vorüberfährt an, und fra⸗ gen Sie ihn ob er ein Arzt iſt! So machte Herr Noel Vanſtone, kurze Zwiſchenräume die er zum Athemholen brauchte abgerechnet, mit ſtufenweiſe ſteigender Sympathie und Wichtigthuerei auf der Heimfahrt unabläſſig fort. Frau Lecount nahm ihre Niederlage ohne ein Wort z Capitän dünnen Reſt de der äng junge gebung ihm als wachſen Feind e keit ann mehr ſi Frau Lo die ſich nem Se Erſt Halt m. demſelbe von ihr Wagenſ die ſtrei zuſamm zu, da Flamme Dankesl theilneh dann M „3 gen,“ b ſie Sie konnte. „S nblick das Nerven⸗ Herrn un⸗ voraus⸗ gen. Er einen ſo⸗ en beque⸗ ud ihren hfür ihn t ſich ge⸗ les als⸗ ſcher ſoll Fräulein er keinen gnetiſiren Herrn gnetiſeur r ſeines » Sollte an einen id wäre, werden? r als in Kutſcher In Herrn und fra⸗ hte Herr er zum fenweiſe auf der hne ein 143 Wort zu äußern hin. Von dem Augenblick an, wo Capitän Wragge ſie unterbrach, ſchloſſen ſich ihre dünnen Lippen und öffneten ſich nicht mehr für den Reſt des Tages. Die wärmſten Gefühlsergießungen der ängſtlichen Beſorgniß ihres Herrn für die leidende junge Dame entlockten ihr keine äußerliche Kund⸗ gebung von Aerger. Sie nahm ſo wenig Notiz von ihm als möglich. Sie ſchenkte dem Capitän, deſſen wachſende Rückſichtnahme für ſeinen überwundenen Feind einen noch nie dageweſenen Grad der Höflich⸗ keit annahm, nicht die geringſte Aufmerkſamkeit. Je mehr ſie ſich Aldborough näherten, deſto feſter ruhten Frau Lecounts harte ſchwarze Augen auf Magdalene, die ſich mit geſchloſſenen Augen und heruntergelaſſe⸗ nem Schleier auf den entgegengeſezten Siz lehnte. Erſt dann, als der Wagen vor der Nordſteinvilla Halt machte und Capitän Wragge Magdalene aus demſelben heraushob, ließ ſich die Haushälterin herab von ihm Notiz zu nehmen. Als er lächelte und am Wagenſchlag ſeinen Hut herunterzog, brach plözlich die ſtrenge Zurückhaltung die ſie ſich auferlegt hatte zuſammen und ſie blizte ihm einen ſo giftigen Blick zu, daß des Capitäns Höflichkeit auf dem Fleck in Flammen aufging. Er kehrte ſich mit einer haſtigen Dankesbezeugung für Herrn Noel Vanſtones lezte theilnehmende Fragen noch einmal um und führte dann Magdalene ins Haus hinein. „Ich ſagte Ihnen ja, ſie würde ihre Krallen zei⸗ gen,“ bemerkte er.„Es iſt nicht meine Schuld daß ſie Sie nicht gekrizt hat, ehe ich ihr Einhalt thun konnte. Sie hat Sie doch nicht verlezt, nicht wahr?“ „Sie hat mich verlezt, doch betrachte ich dieß als 144 etwas Gutes,“ ſagte Magdalene.„Sie hat mir den Muth eingeflößt vorwärts zu ſchreiten. Sagen Sie mir jezt was morgen geſchehen ſoll, und ſeien Sie getroſt daß ich es thun werde.“ Ein ſchwerer Seufzer entfuhr bei dieſen Worten ihrer Bruſt und ſie ging in ihr Zimmer hinauf. Der Capitän ging gedankenvoll in das Wohn⸗ zimmer und ſezte ſich dort nieder um zu überlegen. Er fühlte ſich hinſichtlich der nächſten Manöver von Seite des Feindes nach der heutigen Niederlage des⸗ ſelben keineswegs ſeiner Sache ſo ſicher, als er wohl hätte wünſchen mögen. Der Abſchiedsblick der Haus⸗ hälterin hatte ihm deutlich gezeigt, daß ſie mit ihren Angriffsmitteln noch nicht zu Ende ſei, und der alte Milizmann fühlte das ganze Gewicht der Nothwen⸗ digkeit einer Vorbereitung, um dem nächſten Schritt, den ſie vorwärts thun würde, gerüſtet entgegenzu⸗ treten. Er zündete ſich eine Cigarre an und vertiefte ſeinen vorſichtigen Geiſt in die Gefahren der Zukunft. Während Capitän Wragge in dem Wohnzimmer auf der Nordſteinvilla ſich ſeinen Ueberlegungen hin⸗ gab, ſann Frau Lecount in ihrem Schlafzimmer auf der Villa zur Seeausſicht nach. Ihre Erbitterung über das Mißlingen ihres erſten Verſuches, dem An⸗ ſchlag der Gegner hinters Licht zu kommen, hatte ihre Augen für die augenblickliche Nothwendigkeit einer zweiten Anſtrengung, ehe Noel Vanſtones wachſender Liebestaumel ihren Einfluß auf ihn vernichtete, nicht blind gemacht. Da die Schlinge, welche ſie Mag⸗ dalene gelegt, nicht verfangen hatte, ſo war nunmehr die Verſtrickung der Schweſter Magdalenens das nächſte mögliche Mittel zum Zwecke das verſucht werden Thee, öf Rohentn an Fräu So des Gef Aller So gene vor ſich ſcharfen garre m er auf? vorbereit In! es hier haupt n habe.( veränder durch eit ehe ſie. einen Ar Mit die die Trep zu laſſen ihm ſpre „Hof Capitän, Colli mir den igen Sie eien Sie Worten nauf. Wohn⸗ berlegen. ver von age des⸗ er wohl er Haus⸗ nit ihren der alte dothwen⸗ Schritt, gegenzu⸗ vertiefte Zukunft. nzimmer gen hin⸗ mer auf ditterung dem An⸗ atte ihre eit einer rchſender ete, nicht ie Mag⸗ nunmehr ens das verſucht 145 werden mußte. Frau Lecount verlangte eine Taſſe Thee, öffnete ihren Schreibzeug und begann mit dem Rohentwurf eines Briefes, der mit der Morgenpoſt an Fräulein Vanſtone die ältere geſchickt werden ſollte. So endete das Scharmüzel des Tages. Die Hize des Gefechtes ſollte aber erſt noch kommen. Sechstes Capitel. Aller menſchliche Scharfſinn hat ſeine Grenzen. So genau Capitän Wragge auch bisher ſeinen Weg vor ſich geſehen hatte, ſo war es doch mit ſeiner ſcharfen Einſicht jezt zu Ende. Er rauchte ſeine Ci⸗ garre mit der peinigenden Ueberzeugung aus, daß er auf Frau Lecounts nächſten Angriff gänzlich un⸗ vorbereitet war. In dieſer Lage belehrte ihn ſeine Erfahrung daß es hier nur einen zuverläſſigen Weg, und über⸗ haupt nur einen einzigen gebe, den er einzuſchlagen habe. Er entſchloß ſich zu dem Verſuch einer ganz veränderten Tactik gegen die Haushälterin, um da⸗ durch einen verwirrenden Eindruck auf ſie zu machen, ehe ſie Zeit hätte ihren Vortheil wahrzunehmen und einen Angriff im Dunkeln gegen ihn zu unternehmen. Mit dieſem Gedanken ſchickte er das Dienſtmädchen die Treppe hinauf, um Fräulein Bygrave erſuchen zu laſſen daß ſie zu ihm herunter kommen und mit ihm ſprechen möchte. „Hoffentlich ſtöre ich Sie doch nicht,“ ſagte der Capitän, als Magdalene in das Zimmer trat.„Er⸗ Collins, Namenlos. III. 10 146 lauben Sie mir wegen des Tabakrauchs um Ent⸗ ſchuldigung zu bitten und Ihnen ein Paar Worte hinſichtlich unſerer nächſten Maßregeln zu ſagen. Ich will nur gleich mit meiner gewohnten Offenheit her⸗ ausplazen: Frau Lecount ſezt mich in Verlegenheit und ich beabſichtige ihr das Compliment heimzugeben und ſie ebenfalls in Verlegenheit zu ſezen. Die Hand⸗ lungsweiſe, die ich vorzuſchlagen habe, iſt eine ſehr einfache. Ich habe die Ehre gehabt Ihnen bereits einen ſehr heftigen Nervenanfall anzudichten und bitte Sie nun um die Erlaubniß, wenn Herr Noel Van⸗ ſtone ſich morgen früh nach Ihnen erkundigen läßt, mir die fernere Freiheit nehmen zu dürfen, Sie vollends bettlägerig zu machen. „Frage von der Villa zur Seeausſicht: „„Wie befindet ſich Fräulein Bygrave dieſen Morgen?““ „Antwort von der Nordſteinvilla: Viel ſchlimmer; Fräulein Bygrave muß das 111 Zimmer hüten. „Die Frage etwa vierzehn Tage lang jeden Tag wiederholt:— „„Wie befindet ſich Fräulein Bygrave?““ „Antwort, wenn nöthig, jedesmal wiederholt: „„Nicht beſſer.““ 3 2 „Können Sie die Gefangenſchaft ertragen? Ich ſehe deßwegen noch keinen Grund ein, warum Sie nicht zuerſt am frühen Morgen und zulezt am ſpäten Abend friſche Luft ſchöpfen ſollten. Aber für den ganzen Tag müſſen Sie ſich, das läßt ſich nicht ver⸗ bergen, in gleiche Cathegvrie mit Frau Wragge ſtel⸗ len— Sie müſſen Ihr Zimmer hüten.“ „Ur thue, f dalene. „Jo der Cay gen Ku ich kann der mie errather ſagt iſt Herrn i Schilde in Anw tität zu Ihnen erreichen kehr ein herein e beim K. Hand. Ma⸗ pitän fr „M men, b Das W in einer lich und den. 1 müſſen, Ihrer(. dann if Verrückt um Ent⸗ ar Worte gen. Ich theit her⸗ blegenheit mzugeben Die Hand⸗ eine ſehr n bereits und bitte oel Van⸗ gen läßt, vollends be dieſen muß das eden Tag 17 erholt: en? Ich Sie nicht m ſpäten für den nicht ver⸗ agge ſtel⸗ 147 „Und was liegt Ihrem Wunſche, daß ich dieß thue, für eine Abſicht zu Grunde?“ fragte Mag⸗ dalene. „Ich habe eine doppelte Abſicht dabei,“ verſezte der Capitän.„Ich werde ob meiner eigenen geiſti⸗ gen Kurzſichtigkeit ſchamroth; aber es iſt Thatſache, ich kann nun einmal den Weg nicht deutlich ſehen, der mich den nächſten Schachzug der Frau Lecount errathen ließe. Alles was mir meine Ahnung ſicher ſagt iſt, daß ſie einen abermaligen Verſuch, ihrem Herrn über die Wahrheit die Augen zu öffnen, im Schilde führt. Welche Mittel ſie nun auch immer in Anwendung bringen mag, um hinter Ihre Iden⸗ tität zu kommen, ſo iſt doch perſönlicher Verkehr mit Ihnen ſchlechterdings nothwendig, wenn ſie ihr Ziel erreichen will. Ganz gut. Seze ich nun dieſem Ver⸗ kehr eine Schranke, ſo werfe ich ihr damit von vorne⸗ herein ein Hinderniß in den Weg— oder wie man beim Kartenſpielen ſich ausdrückt, ich binde ihr die Hand. Verſtehen Sie jezt worauf es abgeſehen iſt?“ Magdalene verſtand es vollkommen. Der Ca⸗ pitän fuhr fort: „Mein zweiter Grund, Sie in Verſchluß zu neh⸗ men, betrifft ausſchließlich Frau Lecounts Herrn. Das Wachsthum der Liebe, mein theures Kind, iſt in einer Beziehung jedem andern Wachsthum unähn⸗ lich und gedeiht am beſten unter widrigen Umſtän⸗ den. Unſere erſte Handlung, die wir vornehmen müſſen, iſt daß wir Herrn Noel Vanſtone den Zauber Ihrer Geſellſchaft fühlen laſſen. Unſere nächſte ſo⸗ dann iſt ihn durch den Verluſt derſelben bis zur Verrücktheit zu treiben. Ständen wir gegenwärtig 148 nicht in einer ſo critiſchen Stellung zu Frau Lecount, ſo würde ich noch ein Paar Zuſammenkünfte mehr mit ihm vorgeſchlagen haben, in der Abſicht dieſes Ziel zu fördern. Bei der gegenwärtigen Sachlage müſſen wir uns auf den Eindruck verlaſſen den Sie geſtern auf ihn hervorgebracht haben, und das Ex⸗ periment einer plözlichen Trennung viel eher ver⸗ ſuchen, als ich anders ſonſt gewünſcht hätte. Ich werde Herrn Noel Vanſtone ſehen, wenn Sie ihn auch nicht ſehen dürfen, und wenn es irgendwo in der Gegend des Herzens dieſes Gentlemans ein wun⸗ des Fleckchen gibt, ſo verlaſſen Sie ſich darauf daß ich ihn daran faſſen werde! Sie ſind jezt in voll⸗ ſtändigem Beſize meiner Anſichten. Nehmen Sie ſich Zeit zu überlegen und geben Sie mir Ihre Antwort — Ja oder Nein!“ „Ich gebe jeder den Vorzug,“ ſagte Magdalene, „die mich von der Geſellſchaft der Frau Lecount und ihres Herrn erlöst! Es ſei ſo wie Sie wünſchen.“ Sie hatte bisher mit ſchwachem und mattem Tone geantwortet, aber dieſe lezten Worte ſprach ſie mit erhöhter Stimme und ſteigender Geſichtsfarbe, Zei⸗ chen welche den Capitän Wragge warnten nicht wei⸗ ter in ſie zu dringen. „Sehr gut!“ ſagte der Capitän.„Wir verſtehen einander wieder wie gewöhnlich. Ich ſehe, Sie ſind ermüdet, und ich will Sie nicht länger aufhalten.“ Er erhob ſich um die Thüre zu öffnen, machte aber halbwegs Halt und kam wieder zurück. „Erlauben Sie mir die Sache mit dem Dienſt⸗ mädchen unten in Ordnung zu bringen,“ fuhr er fort.„Sie können nicht abſolut das Bett hüten; wir mü kaufen, ſoll, ab unſer G ſtehen g gerade als ein Hauſe die Thü⸗ Sie ſind ſtatt in „Da wünſche im Hau zu mir „Fü „Fü Cap und ſchl „Si „Ich m immerhi Nach gefährti Wohnzi⸗ D „Do Lecount, fte mehr ht dieſes Sachlage den Sie das Ex⸗ eher ver⸗ tte. Ich Sie ihn endwo in ein wun⸗ rauf daß in voll⸗ Sie ſich Antwort agdalene, dunt und nſchen.“ tem Tone h ſie mit be, Zei⸗ licht wei⸗ verſtehen Sie ſind zalten.“ , machte k n Dienſt⸗ fuhr er tt hüten; 149 wir müſſen die Verſchwiegenheit des Mädchens er⸗ kaufen, wenn ſie ihre Schuldigkeit an der Thüre thun ſoll, aber, wie ſich von ſelbſt verſteht, ohne ſie in unſer Geheimniß einzuweihen. Ich werde ihr zu ver⸗ ſtehen geben daß ſie ſagen ſoll, Sie ſeien unwohl, gerade wie ſie ſagen würde, Sie wären nicht daheim, als ein Mittel, unwillkommene Bekanntſchaften vom Hauſe ferne zu halten. Erlauben Sie mir Ihnen die Thüre zu öffnen. Ich bitte um Entſchuldigung, Sie ſind ja daran in Frau Wragges Arbeitszimmer, ſtatt in Ihr eigenes Gemach zu gehen.“ „Das weiß ich wohl,“ ſagte Magdalene.„Ich wünſche Frau Wragge aus dem ſchlechteſten Zimmer im Hauſe zu entfernen und ſie in den obern Stock zu mir herauf zu nehmen.“ „Für den Abend?“ „Für die ganzen vierzehn Tage.“ Capitän Wragge folgte ihr in den Speiſeſaal und ſchloß weislich die Thüre, bevor er wieder ſprach. „Sind Sie wirklich im Ernſt geſinnt ſich meiner Frau Geſellſchaft vierzehn Tage lang auf den Hals zu laden?“ fragte er im größten Erſtaunen. „Ihre Frau iſt das einzige unſchuldige Geſchöpf in dieſem ſündhaften Hauſe,“ fuhr ſie heftig heraus. „Ich muß und will ſie bei mir haben.“ „Bitte, verſezen Sie ſich nicht in Aufregung,“ ſagte der Capitän.„Nehmen Sie Frau Wragge immerhin zu ſich. Ich bedarf ihrer nicht.“ Nachdem er mit dieſen Worten auf ſeine Lebens⸗ gefährtin Verzicht geleiſtet, kehrte er beſcheiden in das Wohnzimmer zurück. „Das ſchwache Geſchlecht!“ dachte der Capitän, indem er ſeinem durchtriebenen Kopfe einen gelinden Klaps verſezte.„Man gebe dem weiblichen Geiſte eine harte Nuß zum Aufbeißen und ſogleich läuft das Häfchen der weiblichen Laune über. Die harte Nuß, auf welche der Capitän anſpielte, war an jenem Abend nicht bloß auf den weiblichen Geiſt in Nordſteinvilla beſchränkt; ſie erſtreckte ſich auch auf den weiblichen Geiſt im Landhaus zur See⸗ ausſicht. Beinahe zwei Stunden ſaß Frau Lecount an ihrem Schreibpult, ſchrieb, verbeſſerte und ſchrieb wieder, ehe ſie einen Brief an Fräulein Vanſtone die ältere fertig bringen konnte, der genau dem Zweck entſprach den ſie damit erreichen wollte. Endlich war das Concept zu ihrer Zufriedenheit vollendet und ſie fertigte eine ſchöne Abſchrift davon, die am nächſten Tage auf die Poſt befördert wer⸗ den ſollte. Der ſo producirte Brief war ein Meiſterwerk von Scharfſinn. Nach den erſten einleitenden Phraſen ſezte die Haushälterin Nora ohne Hehl von dem ver⸗ kleideten Beſuche in der⸗ Vaurgalepromenäe von der bei dieſer Zuſammenkunft gepflogenen Unterredung und von ihrem eigenen Verdacht in Kenntniß, daß die Perſon welche ſich für Fräulein Garth ausgab aller Wahrſcheinlichkeit nach Fräulein Vanſtone die jüngere ſelbſt geweſen ſei. Bis hieher hatte Frau Lecount die Wahrheit geſagt; nun fuhr ſie fort mit⸗ zutheilen daß ihr Herr im Beſize von Beweiſen ſei, die ihn berechtigten die Hilfe des Geſezes anzuſpre⸗ chen; daß er den Anſchlag mit dem er bedroht ſei kenne, und wohl wiſſe, derſelbe ſolle in Aldborough gegen il lich mit erbietige Hoffnun ihren E daß es ſchreiten Unt wäre es in der werde; als fals eine fre beſtimm Vorfälle ſei zu m Tagen in ihre aber di ganz un ſchensw unterrie Wenn Zeit he wollte Und Fr den To Fräulei nehmen die Err ſtändig⸗ ihrer E gelinden en Geiſte ich läuft anſpielte, veiblichen reckte ſich zur See⸗ Lecount d ſchrieb iſtone die em Zwec riedenheit ft davon, dert wer⸗ werk von Phraſen dem ver⸗ von der terredung niß, daß hausgab ſtone die ttte Frau fort mit⸗ veiſen ſei, anzuſpre⸗ edroht ſei dborough 151 gegen ihn zur Ausführung kommen; und daß er end⸗ lich mit der Sicherſtellung ſeiner Perſon nur aus ehr⸗ erbietigen Rückſichten gegen die Familie und in der Hoffnung zögere, das ältere Fräulein Vanſtone werde ihren Einfluß auf ihre Schweſter dahin verwenden, daß es unnöthig gemacht werde zu Extremitäten zu ſchreiten. Unter dieſen Umſtänden(fuhr der Brief fort) wäre es offenbar nöthig daß der verkleidete Beſuch in der Vauxhallpromenade mit Sicherheit identificirt werde; denn wenn Frau Lecounts Vermuthung ſich als falſch auswieſe und wenn die Perſon ſich als eine fremde herausſtellte, ſo ſei Herr Noel Vanſtone beſtimmt entſchloſſen Schuz bei den Gerichten zu ſuchen. Vorfälle zu Aldborough, bei denen es nicht nöthig ſei zu verweilen, würden Frau Lecount in wenigen Tagen in den Stand ſezen, der verdächtigen Perſon in ihrer wahren Geſtalt anſichtig zu werden. Da aber die Haushälterin das jüngere Fräulein Vanſtone ganz und gar nicht kenne, ſo ſei es natürlich wün⸗ ſchenswerth daß irgend eine in dieſem Punkt beſſer unterrichtete Perſon die Sache in die Hand nehme. Wenn das ältere Fräulein Vanſtone zufällig freie Zeit hätte um ſelbſt nach Aldborough zu kommen, wollte ſie wohl gütigſt ſchreiben und dieß anzeigen? Und Frau Lecount würde dann zurückſchreiben um den Tag zu beſtimmen. Wenn aber andererſeits Fräulein Vanſtone abgehalten ſei die Reiſe zu unter⸗ nehmen, ſo machte Frau Lecount den Vorſchlag, daß die Erwiederung des Fräuleins eine möglichſt voll⸗ ſtändige Beſchreibung der perſönlichen Erſcheinung ihrer Schweſter enthalten ſollte. Sie ſollte ferner 152 einiger kleiner Eigenthümlichkeiten, welche ſich als Muttermale oder andere Zeichen auf ihrem Geſichte oder ihren Händen zeigten, Erwähnung thun und endlich im Fall daß dieſelbe in lezter Zeit geſchrieben hätte, bemerken welches die Adreſſe in ihrem lezten Briefe war und, wenn eine ſolche ſich nicht vorfände, was für einen Poſtſtempel das Couvert hätte. Mit Hilfe dieſer Mittheilungen würde Frau Lecount im Intereſſe der irregeführten jungen Dame die Verant⸗ wortlichkeit einer geheimen Identificirung übernehmen und alsbald zurückſchreiben, um das ältere Fräulein Vanſtone mit dem Reſultat bekannt zu machen. Die Schwierigkeit, dieſen Brief an die rechte Adreſſe zu ſenden, machte Frau Lecount keinen ſon⸗ derlichen Kummer. Da ſie ſich des Namens des Advocaten erinnerte, welcher zu Michael Vanſtones Zeit die Sache der zwei Schweſtern vertreten hatte, ſo richtete ſie ihren Brief an„Fräulein Vanſtone, abzugeben bei— Pendril, Esquire, London.“ Dieß ſchloß ſie in ein zweites Couvert ein und adreſſirte es mit einer Zeile inwendig an Herrn Noel Vanſto⸗ nes Sachwalter, worin dieſer Herr angegangen wurde, den Einſchluß alsbald auf die Geſchäftsſtube des Herrn Pendril zu ſchicken. „Jezt,“ dachte Frau Lecount, als ſie den Brief in ihr Schreibpult ſchloß, um ihn am folgenden Tag eigenhändig auf die Poſt zu tragen,„jezt habe ich ſie in meinem Sacke.“ Am nächſten Morgen kam das Dienſtmädchen von dem Landhaus zur Seeausſicht, richtete Compli⸗ mente von ihrem Herrn aus und erkundigte ſich nach Fräulei Wragg. mäßig unwohl Bei Vanſton ſelbſt o behufs Fräulei fragte ſchlaue tet.( würde und er für den „H nicht in Am vorher Herrn Morgen „Un Die betraf, „H An Laune und Ta Aufregt Probe Am leidende ſich als Geſichte hun und eſchrieben em lezten vorfände, tte. Mit vount im Verant⸗ ernehmen Fräulein hen. die rechte inen ſon⸗ nens des Vanſtones ten hatte, Vanſtone, 1.“ Dieß adreſſirte l Vanſto⸗ n wurde, tube des den Brief nden Tag habe ich tmädchen Compli⸗ ſich nach 153 Fräulein Bygraves Geſundheitsumſtänden. Capitän Wragges ärztlicher Tagesbericht wurde ordnungs⸗ mäßig gemeldet— Fräulein Bugrave befinde ſich ſo unwohl daß ſie das Zimmer hüten müſſe. Bei Empfang dieſes Berichtes brachte Herrn Noel Vanſtones ängſtliche Beſorgniß ihn zu dem Entſchluß ſelbſt auf der Nordſteinvilla vorzuſprechen, als er behufs ſeines Nachmittagsſpaziergangs ausging. Fräulein Bygrave befand ſich noch nicht beſſer. Er fragte ob er Herrn Bygrave ſehen könnte. Der ſchlaue Capitän war auch auf dieſen Fall vorberei⸗ tet. Er dachte, ein wenig aufregende Spannung würde Herrn Noel Vanſtone keinen Schaden bringen, und er hatte deßwegen vorſichtig dem Dienſtmädchen für den Nothfall eingeſchärft die Antwort zu ertheilen: „Herr Bygrave läßt ſich entſchuldigen; er iſt nicht in der Lage Jemanden zu empfangen.“ Am zweiten Tage erfolgten die Nachfragen, wie vorher durch einen Boten am Morgen und durch Herrn Noel Vanſtone ſelbſt am Nachmittag. Die Morgenantwort bezüglich Magdalenens war: „Um einen Schatten beſſer.“ Die Nachmittagsantwort, welche Capitän Wragge betraf, war: „Herr Bygrave iſt eben ausgegangen.“ An dieſem Abend war Herrn Noel Vanſtones Laune ſehr veränderlich und Frau Lecounts Geduld und Takt wurden bei ihrem Bemühen, durchaus eine Aufregung ſeiner Perſon zu vermeiden, arg auf die Probe geſtellt. Am dritten Morgen war der Bericht über das leidende Fräulein weniger günſtig: 154 „Mit Fräulein Bygrave geht es noch ſehr ſchlecht und ſie kann das Bett nicht verlaſſen.“ Als das Dienſtmädchen mit dieſer Botſchaft nach der Villa zur Seeausſicht zurückkehrte, begegnete ſie dem Briefträger und nahm zwei an Frau Lecount adreſſirte Briefe mit ſich ins Frühſtückzimmer. Die Handſchrift des erſten Briefes war der Haushälterin wohlbekannt. Er kam von dem ärzt⸗ lichen Beiſtand ihres kranken Bruders in Zürich und zeigte an, daß die Krankheit des Patienten ſich in lezter Zeit auf ſo auffallende Weiſe zum Beſſern gewendet habe, daß alle Hoffnung vorhanden wäre ihn am Leben zu erhalten. Die Adreſſe des zweiten Briefes trug eine ihr fremde Handſchrift. Frau Lecount, welche ahnte daß es Fräulein Vanſtones Antwort wäre, wartete mit dem Leſen, bis das Frühſtück vorüber war und ſie ſich auf ihr Zimmer zurückziehen konnte. Sie öffnete den Brief, ſchaute ſchnell nach dem Namen am Ende und erſtaunte ein wenig, als ſie ihn las. Die Unterſchrift hieß nicht:„Nora Van⸗ ſtone“, ſondern„Harriet Garth.“ Fräulein Garths Brief meldete daß das ältere Fräulein Vanſtone ſeit Verfluß einer Woche eine Stelle als Gouvernante angenommen habe, un⸗ ter der Bedingung, ſich der Familie ihrer Herr⸗ ſchaft an ihrem zeitweiligen Aufenthaltsorte im Sü⸗ den Frankreichs anzuſchließen und mit derſelben zu⸗ rückzukehren, wenn ſie wieder nach England zurück⸗ ginge, was wahrſcheinlich binnen eines Monats oder ſechs Wochen erfolgen würde. Für die Dauer dieſer unumgã ſtone Fr. Briefe ſei gew Mittheil Schweſt dalene ben, bei Briefe Lambetl — und Zuſtand Nach erwähnt ſie von hielten, ſie aber zu dieſt Stellver Fräulei und ſeit heit wü⸗ Er hab zu eine ſelbe fi ſeine 30 das abſ geſchickt Tag, a men we Wäl ſchlug, r ſchlecht daft nach gnete ſie Lecount er. war der hem ärzt⸗ rrich und n ſich in Beſſern den wäre eine ihr hnte daß rtete mit und ſie nach dem als ſie ra Van⸗ s ältere dche eine be, un⸗ er Herr⸗ im Sü⸗ elben zu⸗ d zurück⸗ ats oder er dieſer unumgänglichen Abweſenheit hätte Fräulein Van⸗ ſtone Fräulein Garth erſucht, alle an ſie gerichteten Briefe zu öffnen; der Hauptzweck dieſer Maßregel ſei geweſen, dadurch die raſche Beantwortung jeder Mittheilung zu ermöglichen, welche etwa von ihrer Schweſter an ſie gelangen möchte. Fräulein Mag⸗ dalene Vanſtone habe ſeit Mitte Juni nicht geſchrie⸗ ben, bei welcher Gelegenheit der Poſtſtempel auf dem Briefe nachweiſe, daß er in London, im Diſtrikt von Lambeth, auf die Poſt gegeben worden ſein müſſe — und die ältere Schweſter habe England in einem Zuſtand peinlicher Beſorgtheit um ſie verlaſſen. Nachdem dieſe Aufklärungen zu Ende waren, erwähnte Fräulein Garth daß Familienverhältniſſe ſie von einer perſönlichen Reiſe nach Aldborough ab⸗ hielten, um Frau Lecounts Plan zu unterſtüzen, daß ſie aber in der Perſon des Herrn Pendril für einen zu dieſem Endzweck in alleweg ungemein geſchickten Stellvertreter geſorgt habe. Dieſer Herr ſei mit Fräulein Magdalene Vanſtone ſehr wohl bekannt und ſeine Geſchäftserfahrung und ſeine Verſchwiegen⸗ heit würden ſeinen Beiſtand doppelt ſchäzbar machen. Er habe auf das Freundlichſte ſeine Bereitwilligkeit zu einer Reiſe nach Aldborough erklärt, ſobald die⸗ ſelbe für nöthig befunden werden dürfte. Da aber ſeine Zeit ſehr koſtbar ſei, ſo ſtellte Fräulein Garth das abſonderliche Anſuchen, daß nicht eher nach ihm geſchickt werden möchte, bis Frau Lecount über den Tag, an welchem ſeine Dienſte in Anſpruch genom⸗ men werden ſollten, vollſtändig im Reinen wäre. Während Fräulein Garth dieſe Maßregel vor⸗ ſchlug, fügte ſie hinzu daß ſie es als ganz ange⸗ 156 meſſen betrachte ihre Correſpondentin mit einer ſchriftlichen Schilderung des jüngern Fräuleins Van⸗ ſtone zu verſehen. Es könnte ſich der Fall ereignen, daß es Frau Lecount die Zeit nicht mehr erlaube ſich der Dienſte des Herrn Pendril zu verſichern, und daß die Ausführung von Herrn Noels Abſichten gegen das unglückliche Mädchen, welches er gern ſchonen möchte, unvermeidlicher Weiſe durch eine unvorher⸗ geſehene Schwierigkeit in Feſtſtellung ihrer Identität verzögert werden könnte. Die Perſonalbeſchreibung, welche unter ſolchen Umſtänden übermacht wurde, folgte hierauf. Es war darinnen keine perſönliche Eigenthümlichkeit, an welcher Magdalene erkannt werden konnte, vergeſſen und ſie enthielt ſogar„die zwei kleinen Muttermale dicht beiſammen auf der linken Seite des Nackens,“ deren früher in den gedruckten Placaten die nach York geſendet wurden Erwähnung gethan worden war. Am Schluſſe drückte Fräulein Garth ihre Befürch⸗ tung aus, daß Frau Lecounts Muthmaßung ſich nur zu wahrſcheinlich als wahr herausſtellen würde. So lange indeß noch die geringſte Hoffnung vorhanden ſei, daß die Verſchwörung ſich als von einer fremden Perſon geleitet herausſtellen könnte, fühle Fräulein Garth ſchon aus Dankbarkeit gegen Herrn Noel Vanſtone die Verpflichtung, bei den geſezlichen Schrit⸗ ten, welche in dieſem Falle angeordnet würden, mit⸗ zuwirken. Als natürliche Folge fügte ſie hierauf ihre eigene formelle Ablehnung jedweder Identität zwiſchen ihr und der verkleideten Perſon, die ſich ihres Namens bedient habe hinzu, eine Ablehnung die, wenn es die Nothwendigkeit erheiſche, ſie per⸗ ſönlich Garth, Vanſton und ſei der Näl Mit Verſiche Vortheil Schweſte in Engl war vol mäßigen jeher Fr ausgefer Dieſ Hände: Er Identité Profeſſi ſchreibur der Not benüzt eine und Garth v und beſ das ält pfangen promene ſcheinlie noch ir von A it einer ins Van⸗ ereignen, erlaube ern, und en gegen ſchonen nvorher⸗ Sdentität reibung, wurde, erſönliche erkannt gar„die auf der in den wurden Befürch⸗ ſich nur de. So drhanden fremden Fräulein n Noel Schrit⸗ en, mit⸗ hierauf dentität die ſich lehnung ſie per⸗ 157 ſönlich wiederholen würde. Sie ſei das Fräulein Garth, welche bei dem verſtorbenen Herrn Andreas Vanſtone die Stelle einer Gouvernante bekleidet habe, und ſei niemals ihr ganzes Leben lang in oder in der Nähe der Vauxhallpromenade geweſen. Mit dieſer Erklärung und mit den lebhafteſten Verſicherungen der Schreiberin, daß ſie Alles zum Vortheile Magdalenens thun würde, was ihre Schweſter für ſie gethan hätte, wenn dieſe Schweſter in England geweſen wäre, ſchloß der Brief. Er war vollſtändig unterzeichnet und mit der geſchäfts⸗ mäßigen Genauigkeit in ſolchen Dingen, welche von jeher Fräulein Garths Character ausgezeichnet hatte, ausgefertigt. Dieſer Brief gab eine furchtbare Waffe in die Hände der Haushälterin. Er verſah ſie mit Mitteln, Fräulein Bygraves Identität durch die Hilfe eines Sachwalters von Profeſſion feſtzuſtellen. Er enthielt eine Perſonalbe⸗ ſchreibung die haarſcharf genug war, um im Fall der Noth vor Herrn Pendrils Erſcheinen mit Erfolg benüzt werden zu können. Er ſtellte ſich auch als eine unterzeichnete Entlarvung des falſchen Fräuleins Garth von der Hand des wahren Fräuleins Garth dar und beſtätigte die Thatſache, daß der lezte Brief, den das ältere Fräulein Vanſtone von der jüngern em⸗ pfangen hatte, in der Nachbarſchaft der Vauxhall⸗ promenade auf die Poſt gegeben und deßhalb wahr⸗ ſcheinlich auch dort geſchrieben worden war. Wenn noch irgend ein ſpäterer Brief mit dem Poſtſtempel von Aldborough angekommen wäre, ſo wäre die 1 1 158 Kette von Beweiſen, ſofern ſie ſich auf die Frage der Oertlichkeit bezogen, zweifelsohne noch vollſtändi⸗ ger geweſen. Allein auch ſo, wie ſie jezt war, bot ſie Zeugniß genug, beſonders wenn auch noch das in Frau Lecounts Beſiz befindliche Fragment des braunen Alpacakleides als weiteres Beweismittel hinzugerechnet wurde— um den über die Verſchwö⸗ rung gezogenen Schleier zu lüften und Herrn Noel Vanſtone von Angeſicht zu Angeſicht der klaren und überraſchenden Wahrheit gegenüberzuſtellen. Das einzige Hinderniß, das jezt von Seite der Haushälterin einem unmittelbaren Handeln in dem Weg ſtand, war das Hinderniß der Abgeſchloſſenheit Fräulein Bygraves in die Grenzen ihres Zimmers. Die Frage, wie man ſich perſönlichen Zutritt ver⸗ ſchaffen könne, war eine Frage die entſchieden wer⸗ den mußte, ehe man mit Herrn Pendril in Verbin⸗ dung treten konnte. Frau Lecount ſezte ſchnell ihren Hut auf und ſprach auf der Nordſteinvilla vor, um zu verſuchen welche Entdeckungen ſie auf ihre Fauſt allenfalls vor Poſtſchluß noch machen könnte. Bei dieſer Gelegenheit war Herr Bygrave zu Hauſe und ſie ward ohne die geringſte Schwierigkeit vorgelaſſen. Nach ſorgfältiger Ueberlegung hatte Capitän Wragge den Entſchluß gefaßt, die Sache dem Ent⸗ ſcheidungspunkte ein wenig näher zu bringen. Die Mittel, durch welche er zu ſeinem Ziel zu gelangen hoffte, machten es für ihn nothwendig, die Haushäl⸗ terin und ihren Herrn, jedes einzeln, zu ſprechen und ſie durch zwei total entgegengeſezte Eindrücke, die er auf ihre gen wo Lecounte ihn in i das will konnte. einer ar auf wel ſchmeiche deſſen E ſeinen „Ich mein H. auszudr empfand ſein hört „Ne lichſter „Jd gehabt, nüzlich „Idl nothwen Gebraue Auf blickliche wenig dete Hö hingekon gen? 7 ſchloſſen „Da hie Frage ollſtändi⸗ war, bot noch das nent des beismittel Verſchwö⸗ rrn Noel aren und Seite der in dem loſſenheit Zimmers. tritt ver⸗ den wer⸗ Verbin⸗ ſchnell ſteinvilla ſie auf machen rave zu dierigkeit Capitän em Ent⸗ n. Die gelangen Haushäl⸗ chen und⸗ , die er auf ihren Geiſt in Betreff ſeiner Perſon hervorbrin⸗ gen wollte, mit einander zu veruneinigen. Frau Lecounts Beſuch war ihm deßwegen, weit entfernt ihn in irgend eine Verlegenheit zu verſezen, vielmehr das willkommenſte Ereigniß das er ſich nur wünſchen konnte. Er empfing ſie in ſeinem Wohnzimmer mit einer auffallenden Rückhaltigkeit in ſeinem Benehmen, auf welche ſie völlig unvorbereitet war. Sein ein⸗ ſchmeichelndes Lächeln war verſchwunden und an deſſen Stelle eine undurchdringliche Feierlichkeit in ſeinen Mienen getreten. „Ich habe es gewagt Ihnen beſchwerlich zu fallen, mein Herr,“ ſagte Frau Lecount,„um das Bedauern auszudrücken welches wir Beide, mein Herr und ich, empfanden, als wir von Fräulein Bygraves Unwohl⸗ ſein hörten. Hat ſich ihr Befinden noch nicht gebeſſert?“ „Nein, Madame,“ verſezte der Capitän mit mög⸗ lichſter Kürze.„Meine Nichte iſt noch nicht beſſer.“ „Ich habe einige Erfahrung in der Krankenpflege gehabt, Herr Bygrave. Wenn ich mich irgendwie nüzlich machen könnte—“ „Ich danke Ihnen, Frau Lecount. Es iſt nicht nothwendig daß wir von Ihrem gütigen Anerbieten Gebrauch machen.“ Auf dieſe deutliche Antwort folgte eine augen⸗ blickliche Stille. Die Haushälterin fühlte ſich ein wenig verblüfft. Wo war Herrn Bygraves vollen⸗ dete Höflichkeit und Herrn Bygraves Wortreichthum hingekommen? Hatte er die Abſicht, ſie zu beleidi⸗ gen? Für dieſen Fall war Frau Lecount feſt ent⸗ ſchloſſen daß er ſeinen Zweck nicht erreichen ſollte. „Darf ich nach der Beſchaffenheit ihrer Krankheit 160 fragen?“ fuhr ſie hartnäckig fort.„Sie ſteht doch, hoffe ich, nicht in Zuſammenhang mit unſerem Aus⸗ flug nach Dunwich?“ „Ich bedaure es ſagen zu müſſen,“ entgegnete der Capitän,„daß ſie mit dem Nervenanfall in dem Wagen begann.“ „So! ſo!“ dachte Frau Lecount.„Er verſucht es nicht einmal mich glauben zu machen daß die Krankheit eine wirkliche ſei; er zieht gleich Anfangs die Maske ab!“ „Iſt es ein Nervenleiden, mein Herr?“ fügte ſie laut hinzu. Der Capitän antwortete durch ein feierliches Neigen des Kopfes bejahend. „Dann haben Sie zwei Nervenleidende im Hauſe, Herr Bygrave?“ „Ja, Madame, zwei. Meine Frau und meine Nichte.“ „Das iſt wahrlich ein ſeltſames Zuſammentreffen von Mißgeſchick.“ „Ja, Madame. Sehr ſeltſam.“ Troz Frau Lecounts Entſchluß, ſich durchaus nicht beleidigen zu laſſen, begann doch Capitän Wragge's unerhörte Fühlloſigkeit gegen jeden Streich den ſie auf ihn richtete ſie zum Zorn zu reizen. Sie war es ſich recht wohl bewußt wie ſchwer es ihr wurde ihre Gemüthsſtimmung wieder ins Gleichgewicht zu bringen, ehe ſie weiter ſprechen konnte. „Iſt im Augenblick keine Hoffnung vorhanden,“ knüpfte ſie den Faden des Geſprächs wieder an, „daß Fräulein Bygrave bald im Stande ſein wird ihr Zimmer zu verlaſſen?“ „Dur „Sie lichen Be „Ich der Capit Achtung.“ Das floß bei d Lippen. 5 Ihre ſagte ſie vermuthli kunde?“ „Gan tän, ohne ſicht und ſtehe von Der ließen Fr ſtand ver die Unter Augenblie es ſich nie den Schat „Ich die Art haben, z meiner T kann. I eines Ha⸗ Fräulein Collin teht doch, dem Aus⸗ ntgegnete l in dem erſucht daß die Anfangs fügte ſie eierliches n Hauſe, d meine entreffen zus nicht Vragge’s den ſie Sie war r wurde wicht zu handen,“ dder an, ein wird „Durchaus keine, Madame.“ „Sie ſind doch, vermuthe ich, mit Ihrem ärzt⸗ lichen Beiſtand zufrieden?“ „Ich brauche keinen ärztlichen Beiſtand,“ ſagte der Capitän gelaſſen.„Ich gebe ſelbſt auf die Sache Achtung.“ Das angeſammelte Gift in Frau Lecounts Innern floß bei dieſer Antwort über und ſtrömte über ihre Lippen. „Ihre Pfuſcherei in der Wiſſenſchaft, mein Herr,“ ſagte ſie mit einem boshaften Lächeln,„erſtreckt ſich vermuthlich auch auf eine Pfuſcherei in der Arznei⸗ kunde?“ „Ganz richtig, Madame,“ antwortete der Capi⸗ tän, ohne daß die leiſeſte Verwirrung in ſeinem Ge⸗ ſicht und Benehmen wahrzunehmen war.„Ich ver⸗ ſtehe von dem einen ſo viel wie von dem andern.“ Der Ton, in welchem er dieſe Worte ſprach, ließen Frau Lecount nur eine einzige mit dem An⸗ ſtand vereinbare Wahl übrig. Sie ſtand auf um die Unterredung zu beendigen. Die Verſuchung des Augenblicks aber war zu heftig für ſie und ſie konnte es ſich nicht verſagen, beim Weggehen Capitän Wragge den Schatten einer Drohung ins Geſicht zu ſchleudern. „Ich verſchiebe es noch, mein Herr, Ihnen für die Art und Weiſe, wie Sie mich aufgenommen haben, zu danken,“ ſagte ſie,„bis ich die Schuld meiner Verpflichtung zu demſelben Zweck bezahlen kann. Indeſſen freut es mich aus der Abweſenheit eines Hausarztes den Schluß ziehen zu können, daß Fräulein Bygraves Unwohlſein von weit geringerer Collins, Namenlos. III. 11 Bedeutung iſt, als ich bei meiner Hieherkunft vor⸗ ausſezte.“ „Ich widerſpreche einer Dame niemals, Madame,“ entgegnete der unverbeſſerliche Capitän.„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, bei unſerem nächſten d ſammentreffen zu denken daß meine Nichte ſich völlig wohl befinde, ſo werde ich mit Entſagung vor dem Ausdruck Ihrer Meinung die Kniee beugen.“ Mit dieſen Worten folgte er der Haushälterin bis in den Gang und öffnete ihr höflich die Thüre. „Ich merke den Stich, Madame!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er die Thüre wieder zugemacht hatte. „Die Trumpfcarte in Ihrer Hand iſt eine gewiſſe Anſchauung die Sie ſich von meiner Nichte machen, und ich will dafür Sorge tragen daß Sie dieſelbe nicht ausſpielen!“ Er kehrte in ſein Zimmer zurück und wartete das nächſte Ereigniß das nun vielleicht eintreten würde, nämlich einen Beſuch von Frau Lecounts Herrn, mit voller Ruhe ab. In weniger als einer Stunde recht⸗ fertigte der Erfolg denn auch Capitän Wragges Vor⸗ ausſezung und Herr Noel Vanſtone trat ein. „Mein lieber Herr,“ rief der Capitän, indem er mit Herzlichkeit die widerſtrebende Hand ſeines Gaſtes ergriff;„ich weiß warum Sie gekommen ſind. Frau Lecount hat Ihnen von ihrem Beſuche hier erzählt und zweifelsohne erklärt daß die Krankheit meiner Nichte ein bloßer Vorwand ſei. Sie fühlen ſich über⸗ raſcht, Sie fühlen ſich verlezt— Sie argwöhnen, ich möchte mit Ihren freundlichen Sympathien nur mein Spiel treiben; kurz, Sie verlangen eine Erklärung. Dieſe Erklärung ſollen Sie haben. Nehmen Sie Plaz, Her Ihre Der Welt zu uns in ei und ich ehrlich— daran.“ Zum Vanſtone „Lecor aus. „Dieſe „Ich fürch Morgen! lichkeit in aufrichtige lichen An nicht fühl Wort geg meine Lip fel eine ſe ſie hat eit die in ihr bekleiden ihren Eine nicht beob „Ich Vanſtone würdig le „In! fort,„ko gehen, de zunft vor⸗ Nadame,“ Wenn es hſten Zu⸗ ſich völlig vor dem 7 iashälterin ie Thüre. ſte er zu ccht hatte. e gewiſſe e machen, e dieſelbe artete das en würde, eerrn, mit inde recht⸗ gges Vor⸗ n. indem er es Gaſtes d. Frau er erzählt it meiner ſich über⸗ öhnen, ich nur mein erklärung. men Sie 163 Plaz, Herr Vanſtone. Ich bin im Begriffe mich in Ihre Denk⸗ und Handlungsweiſe als Mann von Welt zu verſezen. Ich erkenne gerne an daß wir uns in einer falſchen Stellung befinden, mein Herr, und ich ſage Ihnen gleich am Anfang offen und ehrlich— Ihre Haushälterin trägt die Schuld daran.“ Zum erſten Mal in ſeinem Leben riß Herr Noel Vanſtone ſeine Augen weit auf. „Lecount!“ rief er in der äußerſten Ueberraſchung aus. „Dieſelbe, mein Herr,“ verſezte Capitän Wragge. „Ich fürchte, ich habe Frau Lecount, als ſie dieſen Morgen hieher kam, durch einen Mangel an Herz⸗ lichkeit in meinem Benehmen beleidigt. Ich bin ein aufrichtiger Mann, und ich kann mir keinen äußer⸗ lichen Anſtrich von dem geben was ich im Innern nicht fühle. Es ſei ferne von mir auch nur ein Wort gegen den Character Ihrer Haushälterin über meine Lippen kommen zu laſſen. Sie iſt ohne Zwei⸗ fel eine ſehr vortreffliche und zuverläſſige Frau, aber ſie hat einen ernſtlichen Fehler, der allen Perſonen die in ihrem Lebensalter ſtehen und dieſelbe Stellung bekleiden gemeinſchaftlich iſt— ſie iſt eiferſüchtig auf ihren Einfluß über ihren Herrn, obwohl Sie es noch nicht beobachtet haben mögen.“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ fiel Herr Noel Vanſtone ein.„Meine Beobachtungsgabe iſt merk⸗ würdig lebhaft. Mir entſchlüpft Nichts.“ „In dieſem Fall, mein Herr,“ fuhr der Capitän fort,„konnte Ihnen unmöglich die Bemerkung ent⸗ gehen, daß Frau Lecount ihrer Eiferſucht geſtattet 164 hat, in ihrem Benehmen gegen meine Nichte eine leidenſchaftliche Rolle zu ſpielen.“ Herr Noel Vanſtone dachte an den häuslichen Waffengang zwiſchen Frau Lecount und ihm ſelbſt, als ſeine Abendgäſte die Villa zur Seeausſicht ver⸗ laſſen hatten, und ſuchte in ſeinem Kopfe vergebens nach einer treffenden Antwort um. Er drückte das äußerſte Erſtaunen und Bedauern aus, er dachte, die Lecount habe auf der Fahrt nach Dunwich ihr Beſtes gethan, um ſich angenehm zu machen, und ſprach die Hoffnung und das Vertrauen aus, daß es ſich bloß um ein unſeliges Mißverſtändniß handle. „Beabſichtigen Sie damit zu ſagen, mein Herv“ fuhr der Capitän mit Strenge fort,„daß Sie ſelbſt den Umſtand nicht bemerkt haben? Als ein Mann von Ehre und ein Mann von Beobachtungsgabe können Sie mir dieß nicht ſagen! Die äußerliche Höflichkeit Ihrer Haushälterin hat die wirklichen Herzensgefühle Ihrer Haushälterin nicht verheim⸗ lichen können. Meine Nichte hat ſie durchſchaut, ge⸗ rade ſo wie Sie und ich ſelbſt. Meine Nichte, Herr Vanſtone, iſt ein zartfühlendes, characterfeſtes Mäd⸗ chen, und ſie hat es mit den beſtimmteſten Worten abgelehnt, für die Zukunft irgend einen Verkehr mit Frau Lecount zu unterhalten. Mißverſtehen Sie mich nicht! Für meine Nichte, wie für mich ſelbſt, bleibt die Anziehungskraft Ihrer Geſellſchaft, Herr Vanſtone, noch immer dieſelbe. Fräulein Bygrave verſchmäht es einfach der Erisapfel zu ſein(wenn Sie mir dieſe claſſiſche Anſpielung erlauben wollen welcher in Ihren Haushalt geworfen wird. Ich denke, ſie thut ſo weit auch recht daran, und ich ge⸗ ſtehe fre an welch heit hino wegen, u ſich tägli nehme 0. Haus me „In mes,“ be — Sie Bygrave „Dar mein liel die ſpäte Autoritä Zuchthau eines Ho ſich ab⸗ der nuzer „Seh Herr No ſchnelle 2 war.„ ich muß mich nich Lecount lich mach Sein ſtüm ſei Wragges ſchlumme der Hau ichte eine däuslichen im ſelbſt, jſicht ver⸗ vergebens üückte das achte, die hr Beſtes ſprach die ſich bloß in Herr,“ Sie ſelbſt tin Mann ungsgabe äußerliche wirklichen verheim⸗ chaut, ge⸗ chte, Herr tes Mäd⸗ n Worten erkehr mit ehen Sie nich ſelbſt, haft, Herr Bygrave ein(wenn n wollen) ird. Ich nd ich ge⸗ 165 ſtehe freimüthig daß ich eine nervöſe Indispoſition, an welcher ſie wirklich litt, zu einer ernſtlichen Krank⸗ heit hinaufgeſchraubt habe— einzig und allein deß⸗ wegen, um dieſe zwei Damen zu verhindern, daß ſie ſich täglich auf dem Paradeplaz treffen und unange⸗ nehme Eindrücke von einander in Ihr und mein Haus mitſchleifen.“ „In meinem Hauſe leide ich nichts Unangeneh⸗ mes,“ bemerkte Herr Noel Vanſtone.„Ich bin Herr — Sie müſſen das bereits beobachtet haben, Herr Bygrave?— Ich bin Meiſter im Hauſe.“ „Darüber herrſcht nicht der geringſte Zweifel, mein lieber Herr. Aber vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht hinein in ewiger Ausübung Ihrer Autorität zu leben, das gleicht mehr dem Leben eines Zuchthausverwalters als dem Leben des Beſizers eines Haushalts. Zu oft getragene Kleider nuzen ſich ab— bedenken Sie das, zu oft getragene Klei⸗ der nuzen ſich ab.“ „Sehen Sie es wirklich in dieſem Lichte?“ ſagte Herr Noel Vanſtone, der durch Capitän Wragges ſchnelle Anerkennung ſeiner Autorität wieder verſöhnt war.„Ich weiß nicht ob Sie Unrecht haben. Aber ich muß offenbar einige Schritte thun. Ich möchte mich nicht lächerlich machen— ich will lieber die Lecount ganz und gar fortſchicken, als mich lächer⸗ lich machen.“ Seine Geſichtsfarbe hob ſich und er legte unge⸗ ſtüm ſeine kleinen Arme über einander. Capitän Wragges ſchlauberechnete Aufhezerei hatte ſeinen ſchlummernden Argwohn in Betreff des Einfluſſes der Haushälterin auf ſeine Perſon geweckt. Sein 166 Naturell nährte dieſen Argwohn heimlich in der Tiefe ſeiner Seele, und Frau Lecount war jezt nicht an⸗ weſend, um ihn wie gewöhnlich wieder in Schlummer einzulullen. „Was muß Fräulein Bygrave von mir denken!“ rief er aus mit einem plözlichen Ausbruch ängſtlicher Unruhe.„Ich will die Lecount fortſchicken— zum Donnerwetter; ich will die Lecount auf der Stelle fortſchicken.“ „Nein, nein, nein!“ ſagte der Capitän, in deſſen Intereſſe es lag, Frau Lecount wo immer möglich zu keinen verzweifelten Extremitäten zu treiben. „Warum zu ſtrengen Maßregeln ſchreiten, wenn milde Maßregeln zum Ziele führen? Frau Lecount iſt eine alte Dienerin; Frau Lecount iſt anhänglich und brauchbar. Sie hat nun eben einmal dieſen kleinen Anflug von Eiferſucht— Eiferſucht auf ihre häusliche Stellung bei ihrem unverheiratheten Prin⸗ cipal. Sie ſieht daß Sie einer hübſchen jungen Dame eine galante Aufmerkſamkeit ſchenken; ſie ſieht daß die junge Dame für Ihre Höklichkeitsbezeugung eine eigenthümliche Empfänglichkeit zeigt— und die arme Seele verliert darüber ihre gute Laune! Was iſt das Gegenmittel dafür? Schmeicheln Sie ihr— machen Sie als Mann dem ſchwächern Weibe ein Zugeſtändniß. Wenn Frau Lecount in der nächſten Zeit wo wir uns auf dem Paradeplaz begegnen, bei Ihnen iſt, werden wir einen andern Weg einſchlagen. Wenn Frau Lecount nicht bei Ihnen iſt, ſchenken Sie uns ohne Weiteres das Vergnügen Ihrer Ge⸗ ſellſchaft. Kurz, mein lieber Herr, verſuchen Sie es zuerſt mit dem Suaviter in modo(wie wir claſſiſchen Leute un Fortiter Es Noel Va befolgen — ſelbſt ben würd auf eine keit für ſelbſt ge Characte Regung drücken. als ob e lich den gab er ſchlags Fell zu „Abe kommen, Conceſſic kannt we dürfen, i Der Fräulein jemals deſſenun gewöhnl zurück. Erlaubn zurecht; handen, T der Tiefe nicht an⸗ chlummer denken!“ ingſtlicher — zum der Stelle in deſſen er möglich iben. ten, wenn u Lecount anhänglich nal dieſen t auf ihre eten Prin⸗ gen Dame ſieht daß igung eine Hdie arme Was iſt ie ihr— Weibe ein er nächſten gegnen, bei einſchlagen. , ſchenken Ihrer Ge⸗ hen Sie es rclaſſiſchen 167 Leute uns auszudrücken pflegen) ehe Sie ſich dem Fortiter in re anvertrauen!“ Es gab einen beſondern Grund, warum Herr Noel Vanſtone Capitän Wragges verſöhnlichen Rath befolgen ſollte. Ein offener Bruch mit Frau Lecount — ſelbſt wenn er ſeinen Muth hiezu aufgeboten ha⸗ ben würde, konnte die Anerkennung ihrer Anſprüche auf eine Belohnung in ſich ſchließen, als Erkenntlich⸗ keit für die Dienſte die ſie ſeinem Vater und ihm ſelbſt geleiſtet hatte. In Folge ſeines ſchmuzigen Characters zitterte er bei dem bloßen Gedanken, die Regung ſeiner Dankbarkeit in pecuniärer Form aus⸗ drücken zu müſſen, und nachdem er zuerſt ſich geſtellt als ob er bei ſich ſelbſt rathſchlage und dabei abſicht⸗ lich den Schein der Unſchlüſſigkeit angenommen hatte, gab er ſeine Zuſtimmung zu der Annahme des Vor⸗ ſchlags des Capitäns, nämlich der Frau Lecount das Fell zu ſtreicheln. „Aber meine Perſon muß dabei auch in Betracht kommen,“ fuhr Herr Noel Vanſtone weiter.„Meine Conceſſion an Lecounts Schwachheit darf nicht miß⸗ kannt werden. Fräulein Bygrave muß nicht glauben dürfen, ich habe Furcht vor meiner Haushälterin.“ Der Capitän erklärte daß ein ſolcher Gedanke in Fräulein Bygraves Seele weder aufgetaucht ſei, noch jemals auftauchen werde. Herr Noel Vanſtone kehrte deſſenungeachtet immer und immer wieder mit ſeiner gewöhnlichen Hartnäckigkeit zu dieſem Gegenſtande zurück. Würde es indiscret ſein, wenn er um die Erlaubniß bäte ſich perſönlich mit Fräulein Bygrave zurecht zu finden? War irgend eine Hoffnung vor⸗ handen, daß er ſo glücklich ſein würde ſie an dieſem 168 Tage zu ſehen? oder, wo nicht, am folgenden Tage? oder, wo nicht, am Tage nachher? Capitän Wragge antwortete mit vieler Vorſicht; er fühlte das Gewicht der Nothwendigkeit, nicht Noel Vanſtones Mißtrauen durch eine zu große Raſchheit in Erfüllung ſeiner Wünſche zu erregen. „Von einer Unterredung am heutigen Tage, mein werther Herr, kann keine Rede ſein,“ ſagte er.„Sie iſt nicht wohl genug; ſie bedarf Ruhe. Morgen früh gedenke ich mit ihr einen Spaziergang zu ma⸗ chen, ehe die Hize des Tages beginnt— nicht bloß um ihr nach dem was ſich mit Frau Lecount zugetra⸗ gen eine Verlegenheit zu erſparen, ſondern weil die Morgenluft und die Morgenſtille von weſentlichem Nuzen bei ſolchen nervöſen Fällen ſind. Wir ſind Leute früh beim Zeug, wir werden um ſieben Uhr ausgehen. Wenn Sie auch frühzeitig aufſtehen und ſich uns vielleicht anſchließen wollen, ſo habe ich ſchwerlich nöthig zu ſagen, daß wir gegen Ihre Be⸗ theiligung an unſerm Morgenſpaziergang gar Nichts einzuwenden haben. Die Stunde, ich weiß es wohl, iſt eine ungewöhnliche, aber ſpäter am Tage wird meine Nichte auf dem Sopha ausruhen und nicht im Stande ſein Beſuche anzunehmen.“ Nachdem Capitän Wragge dieſen Vorſchlag ge⸗ macht hatte, lediglich in der Abſicht um Herrn Noel Vanſtone in den Stand zu ſezen nach der Nordſtein⸗ villa zu einer Stunde zu entwiſchen, wo ſeine Haus⸗ hälterin ſich wahrſcheinlich noch im Bette befinden würde, überließ er ihm den Wink wo möglich auf dieſelbe indirecte Weiſe zu benüzen wie er gegeben worden war. Herr Noel Vanſtone war ſchlau ge⸗ nug(e mit im Stelle zu den Morge nahm hierauf „ Wragg uns. zu wi hat. wähnt fenen Herz; ſtone M tän ſe aus. dazwif der U hatte gethau der H Herrn tereſſe indem theilte 55 Capit „Wir 9 5 n Tage? Wragge Gewicht tißtrauen ig ſeiner ge, mein r.„Sie Morgen g zu ma⸗ icht bloß zugetra⸗ weil die entlichem Wir ſind eben Uhr ehen und habe ich Ihre Be⸗ ar Nichts es wohl, age wird nicht im chlag ge⸗ errn Noel dordſtein⸗ ne Haus⸗ befinden glich auf gegeben hlau ge⸗ nug(es war ja einer der Fälle wo ſeine Intereſſen mit im Spiele waren) ſich dem Vorſchlag auf der Stelle anzuſchließen. Er erklärte höflich daß er allzeit zu den frühaufſtehenden Leuten gehöre, wenn der Morgen ihm einen beſondern Anziehungsreiz darböte, nahm die Verabredung auf ſieben an und erhob ſich hierauf um Abſchied zu nehmen. „Ein Wort beim Weggehen,“ ſagte Capitän Wragge.„Dieſe Unterredung bleibt ganz zwiſchen uns. Frau Lecount braucht nichts von dem Eindruck zu wiſſen den ſie auf meine Nichte hervorgebracht hat. Ich habe dieß bloß deßwegen vor Ihnen er⸗ wähnt, um mich wegen meines anſcheinend ungeſchlif⸗ fenen Benehmens zu rechtfertigen und Ihr eigenes Herz zufrieden zu ſtellen. Im Vertrauen, Herr Van⸗ ſtone— im ſtrengſten Vertrauen. Guten Morgen!“ Mit dieſen Abſchiedsworten begleitete der Capi⸗ tän ſeinen Beſuch unter höflichen Verbeugungen hin⸗ aus. Wenn nicht irgend ein unerwartetes Mißgeſchick dazwiſchen treten würde, ſah er den Weg zum Ziele der Unternehmung ſicher und geebnet vor ſich. Er hatte dieſen Morgen zwei wichtige Schritte vorwärts gethan. Er hatte die Saat der Zwietracht zwiſchen der Haushälterin und ihrem Herrn geſät und er hatte Herrn Noel Vanſtone in ein gemeinſchaftliches In⸗ tereſſe mit Magdalene und ihm ſelbſt hereingezogen, indem er ein Geheimniß vor Frau Lecount mit ihm theilte. „Wir haben unſern Mann im Sacke,“ dachte der Capitän, indem er ſich vergnügt die Hände rieb.— „Wir haben endlich unſern Mann im Sacke.“ Nachdem Herr Noel Vanſtone die Nordſteinvilla 170 verlaſſen, ging er geraden Wegs nach Hauſe, voll⸗ kommen wieder im Beſize ſeiner Selbſtachtung und feſt entſchloſſen die Sache mit kräftiger Hand zu be⸗ treiben, wenn er ſich in Zerwürfniß mit Frau Lecount befinden würde. Die Haushälterin empfing ihren Herrn am Thor mit dem zärtlichſten Benehmen und dem freundlichſten Lächeln. Sie wandte ſich mit niedergeſchlagenen Augen an ihn und ſezte ſeiner beabſichtigten Unab⸗ hängigkeitsbehauptung den Schlagbaum unbegrenzter Ehrfurcht entgegen. „Darf ich es wagen zu fragen, Herr,“ begann ſie,„ob Ihr Beſuch auf der Nordſteinvilla Sie zu dem nämlichen Schluß, wie mich, in Bezug auf Fräu⸗ lein Bygraves Unwohlſein geführt hat?“ „Gewiß nicht, Lecount. Ich glaube vielmehr daß Sie einen zu raſchen und voreiligen Schluß gezogen haben.“ „Es thut mir weh dieß hören zu müſſen, Herr. Ich fühlte mich durch Herrn Bygraves unhöfliche Auf⸗ nahme verlezt, aber ich wußte nicht daß auf mein Urtheil dadurch ein ungünſtiger Einfluß ausgeübt wurde. Vielleicht hat er Sie, Herr, mit einem herzlicheren Willkommen empfangen.“ „Er empfing mich wie einen Gentleman— das iſt Alles, denke ich, was ich zu ſagen brauche, Lecount — er empfing mich wie einen Gentleman.“ Dieſe Antwort klärte Frau Lecount bezüglich eines einzigen zweifelhaften Punktes, über den ſie noch nicht im Reinen bei ſich geweſen war, zu ihrer vollen Zu⸗ friedenheit auf. Was auch Herrn Bygraves plöz⸗ licher Kühle gegen ſie für eine Abſicht zu Grunde liegen ließ ſie nicht e noch in terin ſ ſes Re Nachde 52 mir g „ ſehen, 8 hören für d ſehen ſo er dankl . ſende voll⸗ g und zu be⸗ ecount 1 Thor lichſten agenen Unab⸗ renzter begann Sie zu Fräu⸗ hr daß ezogen Herr. e Auf⸗ fmein sgeübt einem — das lecount h eines h nicht en Zu⸗ plöz⸗ Grunde 171 liegen mochte, ſeine höfliche Aufnahme ihres Herrn ließ ſie ſchließen, daß die Gefahr der Entdeckung ihn nicht eingeſchüchtert habe und daß die Verſchwörung noch im vollen Gange ſei. Die Augen der Haushäl⸗ terin ſprühten Blize. Sie hatte ausdrücklich auf die⸗ ſes Reſultat gerechnet. Nach einem augenblicklichen Nachdenken ſtellte ſie an ihren Herrn eine zweite Frage. „Sie werden wahrſcheinlich Herrn Bygrave wie⸗ der beſuchen, Herr?“ „Natürlich werde ich ihn beſuchen— wenn es mir gefällt.“ „Und vielleicht werden Sie Fräulein Bygrave ſehen, wenn ſie ſich wohler befindet?“ „Warum nicht? Es ſollte mich freuen zu erfah⸗ ren warum nicht? Iſt es etwa nothwendig daß ich erſt um Ihre gütige Erlaubniß frage, Lecount?“ „Ganz und gar nicht, Herr. Wie Sie oft geſagt haben(und wie ich oft Ihnen zugeſtimmt habe), Sie ſind Herr. Es mag Sie vielleicht befremden es zu hören, Herr Noel— ich habe einen geheimen Grund für den Wunſch, daß Sie Fräulein Bygrave wieder ſehen ſollten.“ Herr Noel ſtuzte ein wenig und ſchaute ſeine Haushälterin mit einer gewiſſen Neugierde an. „Ich habe einen wunderlichen Einfall, Herr, be⸗ züglich dieſer jungen Dame. Wenn Sie meinen Ein⸗ fall entſchuldigen und Nachſicht damit haben würden, ſo erwieſen Sie mir eine Gunſt für die ich ſehr dankbar wäre.“ „Ein Einfall?“ wiederholte ihr Herr mit wach⸗ ſendem Erſtaunen.„Was für ein Einfall?“ — „Bloß das, Herr,“ ſagte Frau Lecount. Sie nahm aus einem ihrer hübſchen Schürzen⸗ täſchchen ein Blatt Papier heraus das ſo klein als möglich zuſammengelegt war, und gab es ehrerbietig Herrn Noel Vanſtone in die Hand. „Wenn Sie eine alte und treue Dienerin ver⸗ pflichten wollen, Herr Noel,“ ſagte ſie in einem ganz ruhigen und doch eindrücklichen Tone,„ſo werden Sie gütigſt dieſes Stück Papier in Ihre Weſtentaſche ſtecken, es aber erſt dann öffnen und leſen, wenn Sie ſich zunächſt in Fräulein Bygraves Geſellſchaft befinden, ſo wie bis dahin keiner menſchlichen Seele Etwas von dem anvertrauen, was jezt zwiſchen uns vorgegangen iſt. Ich verſpreche Ihnen mich über meine ſeltſame Zumuthung zu er⸗ klären, Herr, wenn Sie meiner Bitte entſprochen und Ihre nächſte Unterredung mit Fräulein Bygrave be⸗ endigt haben werden.“ Sie verbeugte ſich anmuthig vor ihm und verließ das Zimmer. Herr Noel Vanſtone blickte mit unausſprechlichem Erſtaunen von dem zuſammengefalteten Papier nach der Thüre und von der Thüre wieder nach dem zu⸗ ſammengefalteten Papiere. Ein Geheimniß in ſeinem eigenen Hauſe und unter ſeiner eigenen Naſe? Was hatte das zu be⸗ deuten? Es hatte zu bedeuten daß Frau Lecount dieſen Morgen ihre Zeit nicht unbenüzt hatte vorübergehen⸗ laſſen. Während der Capitän das Nez über ſeinen Beſuch auf Nordſteinvilla warf, unterwühlte die Haus⸗ hälterin gründlich den Boden unter ſeinen Füßen. Das z und n Auszu in Fro Scharf beneid zeug; dächtig gefund S Wrag zurück Trepp maßre aus d ohne er en bloß was um d der in Uhr anzuſ weite C gute S hürzen⸗ in als rbietig n ver⸗ m ganz en Sie ntaſche wenn raves keiner n, was ſpreche zu er⸗ en und we be⸗ verließ hlichem er nach em zu⸗ ſe und zu be⸗ dieſen rgehen ſeinen Haus⸗ Füßen. 173 Das zuſammengefaltete Papier enthielt nichts mehr und nichts weniger als einen ſorgfältig geſchriebenen Auszug aus der Perſonalbeſchreibung Magdalenens in Fräulein Garths Brief. Mit einem verwegenen Scharfſinn, um welchen ſie ſelbſt Capitän Wragge beneidet haben würde, hatte Frau Lecount ihr Werk⸗ zeug zur Enthüllung der Verſchwörung in der unver⸗ dächtigen Perſon des Opfers derſelben ſelbſt auf⸗ gefunden. d △ Siebentes Capitel. Spät an dieſem Abend, als Magdalene und Frau Wragge von ihrem Spaziergang in der Dunkelheit zurückkamen, hielt der Capitän Magdalene auf der Treppe an, um ihr Mittheilungen über die Tages⸗ maßregeln zu machen. Er drückte dabei ſeine Abſicht= aus daß die Zeit gekommen ſei, Herrn Noel Vanſtone ohne den geringſten Verzug dahin zu bringen, daß er endlich einen Vorſchlag mache. Sie antwortete bloß daß ſie ihn verſtanden habe und thun wolle was er verlange. Capitän Wragge bat ſie hierauf um die Gewogenheit, ſich einem Ausflug zu Fuß, der in Herrn Noel Vanſtones Geſellſchaft um ſieben Uhr früh des andern Tages gemacht werden ſollte, anzuſchließen. „Ich bin bereit,“ verſezte ſie.„Sonſt Nichts weiter?“ Er verlangte nichts weiter. Magdalene bot ihm gute Nacht und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie hatte die nämliche Abneigung, länger als 174 nöthig in des Capitäns Geſellſchaft zu verweilen, während der ganzen drei Tage ihrer Abgeſchloſſen⸗ heit im Hauſe gezeigt. Während dieſer ganzen Zeit betheiligte ſie ſich, ſtatt über Frau Wragges Geſellſchaft unwirſch zu erſcheinen, geduldig, ja beinahe eifrig, an der langweiligen Beſchäftigung derſelben. Sie, die in verfloſſenen Tagen über die Einförmigkeit ihres Le⸗ bens in der ungezwungenen Freiheit zu Rabenſchlucht oft getobt und gewüthet hatte, nahm jezt ohne Mur⸗ ren die Einförmigkeit ihres Lebens an Frau Wrag⸗ ges Arbeitstiſch hin. Sie, die in alten Zeiten den bloßen Anblick von Nadel und Faden gehaßt hatte, die noch niemals ein Kleidungsſtück von ihrer eige⸗ nen Arbeit getragen, verlegte ſich jezt mit ſo ſorg⸗ lichem Eifer auf die Verfertigung des Kleides der Frau Wragge und ertrug die vielen Schnizer der⸗ ſelben mit ſolcher Geduld, als ob das alleinige Ziel ihrer Exiſtenz bloß die erfolgreiche Vollendung dieſes einzigen Kleides geweſen wäre. Alles war ihr willkommen— die unbedeutenden Schwierigkeiten der Anpaſſung eines Rockes, das nichtsſagende un⸗ aufhörliche Geplapper des armen einfältigen Ge⸗ ſchöpfes, das ſo ſtolz auf ihren Beiſtand und ſo glücklich in ihrer Geſellſchaft war— Alles war willkommen, um ihre Gedanken von der bevorſtehen⸗ den Zukunft, von dem traurigen Looſe abzulenken, zu dem ſie ſich ſelbſt verurtheilt hatte. Diefe tief ver⸗ wundete Seele fand jezt Linderung durch eine Lap⸗ palie, wie der Druck von der groben und freundlichen Hand ihrer Gefährtin war, dieſes verödete Herz empfand jezt bei den Küſſen die ſie bei Anbruch des To Vergnü⸗ De. keinen und in Magda ſchaft Erfolge ihn un mehr Wragg mehr abgepr Frau fernen Gedand er entd Wragg ernſtlich men u weggel ihre Tl war, mochte, daß ſi Dieſen mit vo chen in weilen, loſſen⸗ ie ſich, wirſch an der die in es Le⸗ ſchlucht Mur⸗ Wrag⸗ en den hatte, r eige⸗ d ſorg⸗ es der er der⸗ leinige endung 8 war gkeiten de un⸗ n Ge⸗ ind ſo s war ſtehen⸗ ken, zu ef ver⸗ e Lap⸗ jdlichen Herz Inbruch 175 des Tages von Frau Wragge erhielt ein ſeliges Vergnügen. Des Capitäns iſolirte Stellung im Hauſe übte keinen niederſchlagenden Einfluß auf ſeinen leichten und immer gleichförmigen Geiſt aus. Statt über Magdalenens ſyſtematiſche Vermeidung ſeiner Geſell⸗ ſchaft einen Verdruß zu fühlen, blickte er auf die Erfolge und war damit höchlich zufrieden. Je mehr ſie ihn um ſeines Weibes willen vernachläſſigte, deſto mehr wurde ſie direct in der Eigenſchaft als Frau Wragges ſelbſtbeſtellte Wächterin nüzlich. Er hatte mehr als einmal ernſtlich daran gedacht, das ihm abgepreßte Zugeſtändniß zu widerrufen und ſeine Frau auf ſeine eigene Verantwortlichkeit hin zu ent⸗ fernen und unſchädlich zu machen; und er hatte den Gedanken lediglich bloß deßwegen aufgegeben, weil er entdeckte daß Magdalenens feſter Entſchluß, Frau Wragge als ihre Geſellſchafterin zu behalten, ein ernſtlich gemeinter ſei. Sobald die Beiden beiſam⸗ men waren, war ſeine hauptſächlichſte Beſorgniß wie weggeblaſen. Auf ſeinen eigenen Wunſch ließen ſie ihre Thüre verſchloſſen, ſo lange er außer dem Hauſe war, und was auch Frau Wragge immer thun mochte, ſo konnte er ſich auf Magdalene verlaſſen daß ſie nicht öffnete bis er wieder nach Hauſe kam. Dieſen Abend rauchte Capitän Wragge ſeine Cigarre mit voller Behaglichkeit und ſchlürfte ſein Schnäps⸗ chen in glücklicher Unwiſſenheit über das Vorhanden⸗ ſein der Fallgrube hinunter, die ihm Frau Lecount an dieſem Morgen gegraben hatte. Pünktlich mit dem Schlag ſieben erſchien Herr Noel Vanſtone. Im Augenblick wo er in das Zim⸗ 176 mer trat entdeckte Capitän Wragge eine Veränderung in ſeinem Blick und Benehmen. „Da ſteckt nichts Gutes dahinter,“ dachte der Capitän.„Wir ſind mit Frau Lecount noch nicht fertig.“ „Wie beſindet ſich Fräulein Bygrave dieſen Morgen?“ fragte Herr Noel Vanſtone.„Doch wohl genug, hoffe ich, für unſern Morgenſpaziergang?“ Seine halbgeſchloſſenen Augen, geblendet und befeuchtet von dem Morgenlicht und der Morgenluft, ſchauten verſtohlen im Zimmer herum, und er wech⸗ ſelte ſeinen Plaz mit einer eigenthümlichen Unruhe von einem Stuhl zum andern, als er dieſe höflichen Fragen ſtellte. „Meine Nichte befindet ſich beſſer— ſie iſt eben im Begriffe ſich für den Spaziergang anzukleiden,“ entgegnete der Capitän, indem er während des Sprechens feſt ſeinen unruhigen kleinen Freund be⸗ obachtete.„Herr Vanſtone!“ fügte er plözlich hinzu. „Ich bin ein offener und aufrichtiger Engländer— verzeihen Sie mir die ungeſchliffene Manier meine Meinung auszuſprechen. Sie behandeln mich dieſen Morgen nicht mit derſelben Herzlichkeit, wie Sie mich geſtern behandelten. Es iſt irgend etwas Schwankendes in Ihrem Geſichte zu leſen. Ich habe dieſe Ihre Haushälterin in Verdacht, mein Herr! Hat ſie etwa mit Ihrer Nachſicht ein Spiel getrie⸗ ben? Hat ſie es verſucht Ihre freundliche Geſinnung gegen mich oder meine Nichte zu vergiften?“ Wenn Herr Noel Vanſtone die Einſchärfung der Frau Lecount befolgt und das zuſammengelegte kleine Blatt Papier in ſeiner Taſche zubehalten hätte, bis die würde i rede nich haben. Theils b und wier ernſtlich Geiſte ei daß er i blieben mählig einer au Capi ſten Sa⸗ „En pitän ir heimniſſe fach nur mich in Zeit, He ins. Ge ohne all ſchenkte mein H keiten 1 ſo kann Freundſ zu unter. Er ſchaute mannho Coll derung hte der ch nicht dieſen h wohl a9 2 et und genluft, r wech⸗ Unruhe öflichen iſt eben leiden,“ nd des und be⸗ hinzu. nder— meine ) dieſen vie Sie etwas ch habe Herr! getrie⸗ ſinnung 7 ung der ngelegte n hätte, 177 bis die Zeit zu ſeinem Gebrauche da geweſen wäre, würde ihn Capitän Wragges abſichtlich barſche An⸗ rede nicht unvorbereitet auf eine Antwort gefunden haben. Aber der Vorwiz hatte ſich ſeines beſſern Theils bemächtigt— er hatte das Blatt bei Nacht und wiederholt am Morgen geöffnet— es hatte ihn ernſtlich beſtürzt und verblüfft gemacht und in ſeinem Geiſte eine zu ſtörende Aufregung zurückgelaſſen, als daß er im Beſize ſeiner gewöhnlichen Redemittel ge⸗ blieben wäre. Er zögerte lange, und als er all⸗ mählig endlich eine Antwort gab, begann er mit einer ausweichenden Phraſe. Capitän Wragge unterbrach ihn, ehe er den er⸗ ſten Saz vollendet hatte. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſagte der Ca⸗ pitän in ſeinem ſtolzeſten Tone.„Wenn Sie Ge⸗. heimniſſe zu bewahren haben, ſo haben Sie es ein⸗ fach nur zu ſagen und ich bin fertig. Ich dränge mich in keines Mannes Geheimniſſe ein. Zu gleicher Zeit, Herr Vanſtone, müſſen Sie mir erlauben Ihnen ins Gedächtniß zurückzurufen daß ich Sie geſtern ohne allen Rückhalt von meiner Seite empfing. Ich ſchenkte Ihnen mein offenſtes und vollſtes Vertrauen, mein Herr— und, ſo hoch ich auch die Annehmlich⸗ keiten und Vortheile Ihrer Geſellſchaft ſchäzen mag, ſo kann ich mich doch nicht dazu verſtehen, Ihre Freundſchaft unter andern als gleichen Bedingungen zu unterhalten.“ Er öffnete ſeinen reſpectabeln Ueberrock und ſchaute ſeinen Gaſt mit ſtrengen Blicken und einer mannhaften trozigen Miene an. Collins, Namenlos. III. 12 178 „Ich beabſichtige keine Beleidigung!“ rief Herr Noel Vanſtone mit kläglichem Tone.„Warum unter⸗ brechen Sie mich, Herr Bygrave? Warum laſſen Sie mich nicht zur Erklärung kommen? Ich beab⸗ ſichtige keine Beleidigung.“ „Von einer Beleidigung iſt keine Rede, mein Herr,“ ſagte der Capitän.„Sie haben ein vollkom⸗ menes Recht, Ihre Geheimniſſe bei ſich zu behalten. Ich bin nicht beleidigt— ich nehme bloß für mich das nämliche Vorrecht in Anſpruch das ich Ihnen zugeſtehe.“ Er ſtand mit großer Würdeentfaltung auf und zog die Klingel. „Sagen Sie Fräulein Bygrave,“ befahl er dem eintretenden Dienſtmädchen,„daß unſer Morgenſpa⸗ „ziergang auf eine andere Gelegenheit verſchoben iſt und ich ſie nicht bemühen will herunterzukommen.“ Dieſe ſtrenge Maßregel hatte die gewünſchte Wirkung. Herr Noel Vanſtone ſtritt ſich heftig um eine geheime Unterredung von einem Augenblick herum, bis die Botſchaft abbeſtellt wurde. Capitän Wragges Strenge ließ allmählig theilweiſe nach. Er ſchickte das Dienſtmädchen wieder hinunter, nahm ſeinen Stuhl wieder ein und wartete gutes Muthes auf das Reſultat. In der Herausfindung der leich⸗ teſten Art und Weiſe, wie er der Schwäche ſeines Gaſtes beikommen könne, hatte er eine große Ueber⸗ legenheit über Frau Lecount. Seine Urtheilskraft war durch keine verborgene weibliche Eiferſüchtelei beeinflußt, und er vermied den Fehler, in welchen die Haushälterin in Folge einer Selbſttäuſchung ge⸗ fallen war— den Fehler nämlich daß ſie den Ein⸗ druck we hatte, u Welt, we nicht nac wenn ſie Macht de als ſie ſ „Sie mir ja k und anht Herr No als das hatte. „Mei der Byg gung. 2 bitte, fah Zwiſe Magdale Lecount von der ſchüchtert ſchendes Herr No treffen. ſonderbar hergehen Papier d in die§ In geheimni der Wal ief Herr m unter⸗ n laſſen ch beab⸗ 2, mein vollkom⸗ behalten. für mich ) Ihnen auf und er dem rgenſpa⸗ poben iſt imen.“ wünſchte eftig um igenblick Capitän ach. Er , nahm Muthes er leich⸗ ee ſeines » Ueber⸗ heilskraft ſüchtelei welchen ung ge⸗ den Ein⸗ 179 druck welchen Magdalene auf Noel Vanſtone gemacht hatte, unterſchäzte. Es gibt eine Macht in der Welt, welche ein Frauenzimmer von mittlern Jahren nicht nach ihrem vollen Werthe zu ſchäzen verſteht, wenn ſie im Kampf damit begriffen iſt, es iſt die Macht der Schönheit eines Weibes das jünger iſt als ſie ſelbſt. „Sie ſind ſo hizig, Herr Bygrave— Sie laſſen mir ja keine Zeit— Sie wollen ja nicht warten und anhören was ich Ihnen zu ſagen habe!“ rief Herr Noel Vanſtone in Mitleid erregendem Tone, als das Dienſtmädchen die Zimmerthüre geſchloſſen hatte. „Mein Familienfehler, werther Herr— das Blut der Bygraves. Empfangen Sie meine Entſchuldi⸗ gung. Wir ſind alleine, wie Sie es wünſchten; bitte, fahren Sie fort.“— Zwiſchen die zwei Alternativen geſtellt, entweder Magdalenens Geſellſchaft zu verlieren oder Frau Lecount zu verrathen— ohne die geringſte Ahnung von der lezten Endabſicht der Haushälterin, einge⸗ ſchüchtert durch Capitän Wragges unerſchütterlich for⸗ ſchendes und ihn durchbohrendes Auge— brauchte Herr Noel Vanſtone nicht lange um eine Wahl zu treffen. Er entwarf ein verworrenes Gemälde ſeiner ſonderbaren Unterredung mit Frau Lecount am vor⸗ hergehenden Abend, nahm das zuſammengelegte Blatt Papier aus ſeiner Taſche und gab es dem Capitän in die Hand. In dem Augenblick, wo Capitän Wragge das geheimnißvolle Zettelchen ſah, dämmerte eine Ahnung der Wahrheit in ſeinem Geiſte empor. Er zog ſich 180 an das Fenſter zurück ehe er das Blatt öffnete. Die erſten Zeilen, die ſeine Aufmerkſamkeit an ſich zogen, waren folgenden Inhalts: „Haben Sie die Gefälligkeit, Herr Noel, die junge Dame, in deren Geſellſchaft Sie ſich gegenwärtig befinden, mit der nach dieſen Zeilen folgenden Per⸗ ſonalbeſchreibung die mir von einer Freundin mit⸗ getheilt worden iſt zu vergleichen. Den Namen der beſchriebenen Perſon, für welchen ich einen leeren Plaz gelaſſen habe, werden Sie alsbald erfahen, wenn der ſonnenklare Beweis Ihrer eigenen Augen Sie ge⸗ nöthigt hat das zu glauben, was Sie nimmermehr glauben würden dem bloßen ununterſtüzten Zeugniß von Virginie Lecount.“ Das war genug für den Capitän. Ehe er ein Wort von der Beſchreibung ſelbſt geleſen hatte, wußte er was Frau Lecount gethan, und empfand mit einem tiefen Gefühl von Beſchämung daß ſein weiblicher Feind ihn durch einen ausgedachten Schach⸗ zug überrumpelt habe. Doch jezt war keine Zeit nachzugrübeln; die ganze Verſchwörung war von einer unwiderruflichen Ver⸗ nichtung bedroht. Für Capitän Wragge blieb in der gegenwärtigen critiſchen Lage kein anderes Mit⸗ tel übrig, als unverweilt nach den erſten Eingebun⸗ gen ſeines verwegenen Geiſtes zu handeln. Er las Zeile für Zeile durch, aber noch fand ſeine ſattelfeſte Erfindungsgabe, die ihn ſonſt noch nie verlaſſen hatte, dießmal keine Antwort auf die Anfrage die jezt an ſie geſtellt worden war. Endlich kam er zu dem Schlußſaz, den lezten Worten, welche der zwei kleinen Muttermale auf Magdalenens Nacken Erwäh⸗ nung the bung di ſeinen C ten, ſeit Mundwi ſelbſt. Er 1 vom Fei ſtone ge ſich dabe andeutet „Bit Etwas! „Es Vanſton⸗ fragen „Ich fuhr Ca legenheit liebt, it die Toll „To Beſtürzr „To er mit hinſtieß. verdächt Verräth jämmerl tenderen ich wes Nichte ete. Die h zogen, die junge enwärtig den Per⸗ din mit⸗ men der n leeren en, wenn Sie ge⸗ mermehr Zeugniß eer ein n hatte, empfand daß ſein Schach⸗ die ganze hen Ver⸗ blieb in res Mit⸗ Eingebun⸗ Er las ſattelfeſte verlaſſen frage die am er zu der zwei n Erwäh⸗ 181 nung thaten. Bei dieſer Stelle, welche der Beſchrei⸗ bung die Krone aufſezte, durchblizte ein Gedanke ſeinen Geiſt— ſeine doppelfarbigen Augen zwinker⸗ ten, ſeine gekräuſelten Lippen zogen ſich an den Mundwinkeln zuſammen.— Wragge war wieder er ſelbſt. Er machte ſchnell eine ſchwingende Kreisbewegung vom Fenſter abwärts und ſchaute Herrn Noel Van⸗ ſtone gerade ins Geſicht. In ſeiner Miene drückte ſich dabei ein ſauertöpfiſcher ruhiger Zug ab, der andeutete daß etwas Ernſtes kommen würde. „Bitte, mein Herr, kennen Sie vielleicht zufällig Etwas von Frau Lecounts Familie?“ fragte er. „Es iſt eine ehrbare Familie,“ ſagte Herr Noel Vanſtone,„das iſt Alles was ich weiß. Warum fragen Sie?“ „Ich pflege in der Regel keine Wette einzugehen,“ fuhr Capitän Wragge fort.„Aber bei dieſer Ge⸗ legenheit wette ich mit Ihnen, wenn es Ihnen be⸗ liebt, in der Familie Ihrer Haushälterin herrſcht die Tollſucht.“ „Tollſucht!“ wiederholte Herr Noel Vanſtone voll Beſtürzung. „Tollſucht!“ ſagte der Capitän noch einmal, indem er mit ſeinem Zeigefinger ernſt auf das Blatt Papier hinſtieß.„Ich ſehe die Argliſt des Wahnſinns, die verdächtigen Zeichen des Wahnſinns, die kazenartige Verrätherei des Wahnſinns, in jeder Zeile dieſes jämmerlichen Wiſches. Das gibt einen weit bedeu⸗ tenderen Grund zur Beunruhigung, mein Herr, als ich wegen Frau Lecounts Benehmen gegen meine Nichte vorausſetzen zu müſſen glaubte. Es iſt mir 182 klar daß Fräulein Bygrave in etwas einer andern Dame gleichſieht, die Ihre Haushälterin ernſtlich beleidigt hat, die vielleicht früher mit einem Aus⸗ bruch von Wahnſinn bei Ihrer Haushälterin in einem Zuſammenhang geſtanden, und welche jezt augenſcheinlich in dem zerſtreuten Geiſte Ihrer Haus⸗ hälterin mit meiner Nichte verwechſelt wird. Das iſt meine Ueberzeugung, Herr Vanſtone. Ich mag nun Recht oder Unrecht haben. Alles was ich ſage iſt— weder Sie, noch irgend ein anderer Mann können für das Abfaſſen dieſes unfaßlichen Docu⸗ ments und für den Gebrauch, welchen Sie davon zu machen aufgefordert wurden, einen vernünftigen Beweggrund bezeichnen.“ „Ich glaube nicht daß Lecount wahnſinnig iſt,“ ſagte Herr Noel Vanſtone mit einem ganz verblüff⸗ ten Blick und einem ſehr verdrießlichen Tone.„Es hätte mir nicht entgehen können,— bei meiner be⸗ währten Beobachtungsgabe— es hätte mir un⸗ möglich entgehen können, wenn Lecount wahnſinnig geweſen wäre.“ „Ganz gut, mein lieber Herr. Nach meiner Meinung iſt ſie die Sclavin eines tollhäusleriſchen Wahnes. Nach Ihrer Meinung iſt ſie im Beſiz ihrer vollen Geiſteskraft und hat irgend einen ge⸗ heimnißvollen Beweggrund den weder Sie noch ich ergründen können. In dieſem Dilemma ſteht uns nur ein Weg offen, auf welchem wir ohne irgend eine Gefährde die Beſchreibung der Frau Lecount auf die Probe ſtellen können, und zwar nicht bloß um der Neugierde zu genügen, ſondern auch um zu unſerer gegenſeitigen Privatſatisfaction zu dienen. Nach N. Nichte 1 abgeſchn dieſes„ können Vanſton dann J oder ni⸗ hin erze Laſſen Um den einer Id jungen; Geſichts Augen. hundert mälchen Nackens Mutterr ſchaft zu meine 9 haben d zu nehn He ſeinen b an dieſe „U der Cay rückgab 2 fuhr er anzug n andern ernſtlich m Aus⸗ erin in che jezt r Haus⸗ d. Das Ich mag ich ſage r Mann Docu⸗ e davon ünftigen nig iſt,“ verblüff⸗ e.„Es einer be⸗ mir un⸗ ahnſinnig h meiner Lleriſchen m Beſiz einen ge⸗ noch ich teht uns ie irgend Lecount licht bloß h um zu dienen. 183 Nach Natur der Sache kann man unmöglich meiner Nichte mittheilen daß ſie zum Gegenſtand eines ſo abgeſchmackten Experiments gemacht worden iſt, wie dieſes Pamphlet da an die Hand gibt. Aber Sie können ſich Ihrer eigenen Augen bedienen, Herr Vanſtone; Sie können ſich perſönlich überzeugen und dann Ihrer Haushälterin, ſie mag nun verrückt ſein oder nicht, auf das Zeugniß Ihrer eigenen Sinne hin erzählen daß ſie ſich auf dem Holzweg befindet. Laſſen Sie mich wieder die Beſchreibung durchſehen. Um den größern Theil davon gebe ich für den Zweck einer Identification keinen Pfifferling; hundert von jungen Damen beſizen hochgewachſene Geſtalten, ſchöne Geſichtszüge, helle braune Haare und helle graue Augen. Sie werden auf der andern Seite ſagen, hundert von jungen Damen haben keine zwei Mutter⸗ mälchen dicht beiſammen auf der linken Seite des Nackens. Das hat ſeine volle Richtigkeit. Die Muttermale dienen uns wie wir Männer der Wiſſen⸗ ſchaft zu ſagen pflegen, ſtatt einer Kreuzprobe. Wenn meine Nichte von oben herunterkommt, mein Herr, haben Sie meine volle Erlaubniß, ſich die Freiheit zu nehmen und ihren Nacken zu beſichtigen.“ Herr Noel Vanſtone ertheilte dieſer Kreuzprobe ſeinen höchſten Beifall, indem er zum erſten Mal an dieſem Morgen gimpelhaft ſchmunzelte und grinste. „Und ihren Nacken zu beſichtigen,“ wiederholte der Capitän, indem er das Billet ſeinem Gaſte zu⸗ rückgab und alsdann auf die Thüre zuging. „Ich will ſelbſt hinaufgehen, Herr Vanſtone,“ fuhr er fort,„und Fräulein Bygraves Spaziergangs⸗ anzug muſtern. Sollte ſie Ihnen unſchuldiger Weiſe 184 ein Hinderniß in den Weg gelegt haben, daß zum Beiſpiel ihr Haar ein wenig zu tief hinabhängt oder ihre Halskrauſe ein Bischen zu hoch iſt, ſo will ich meine Autorität aufbieten und ſie unter dem näch⸗ ſten beſten harmloſen Vorwand der mir einfällt da⸗ hinbringen, daß ſie dieſe Hinderniſſe für Ihre Augen bei Seite räumt. Alles was ich verlange iſt nur, daß Sie Ihre Gelegenheit mit Vorſicht wahrnehmen und meine Nichte nicht auf die Vermuthung bringen, daß ihr Nacken der Gegenſtand einer Beſichtigung durch einen Gentleman iſt.“ Kaum hatte ſich Capitän Wragge aus dem Zimmer entfernt, als er die Treppen in aller Haſt hinaufeilte und an Magdalenens Thüre klopfte. Sie öffnete ihm in ihrem Ausgangsanzug, gehorſam dem zwiſchen ihnen verabredeten Signale das ſie zum Herabkommen aufforderte. „Was haben Sie mit Ihrem Farbekäſtchen und Ihrem Puderbeutel gethan?“ fragte Capitän Wragge, ohne ein Wort mit einleitenden Erklärungen zu ver⸗ lieren.„Sie waren nicht in dem Koffer mit Coſtü⸗ men welche ich in Birmingham für Sie verkaufte. Wo ſind ſie?“ „Ich habe ſie mit hieher gebracht,“ entgegnete Magdalene.„Was können Sie möglicher Weiſe denn dabei für eine Abſicht haben, daß Sie darnach verlangen?“ „Bringen Sie augenblicklich dieſelben in mein Ankleidezimmer— den ganzen Kram, Pinſel, Palette und all das übrige Zeug. Verlieren Sie keine Zeit mit langen Fragen. Ich werde Ihnen mittheilen was ſich zugetragen, ſobald wir fortgehen. Jeder Augenb verzügl Sei ernſtlich habe. lung zu Er ſchl ein Lie „A Capitä mit fl den P. Beſize⸗ „ Sie J hinwee eine h Maler Ding einſt durche hält und auch daß zum ngt oder will ich m näch⸗ fällt da⸗ Augen iſt nur, rnehmen bringen, ichtigung lus dem Uler Haſt fte. Sie rſam dem ſie zum chen und Wragge, zu ver⸗ it Coſtü⸗ verkaufte. ntgegnete er Weiſe darnach in mein „Palette keine Zeit mittheilen n. Jeder 185 Augenblick iſt Goldes werth. Folgen Sie mir un⸗ verzüglich!“ Sein Geſicht zeigte deutlich daß er einen ſehr ernſtlichen Grund für ſeine ſeltſame Aufforderung habe. Magdalene nahm ihre cosmetiſche Samm⸗ lung zu ſich und folgte ihm in das Ankleidezimmer. Er ſchloß die Thüre, ſezte ſich auf einen Stuhl, nahm ein Licht und erzählte ihr dann was ſich zugetragen. „Wir ſind daran entdeckt zu werden,“ fuhr der Capitän fort, indem er ſorgfältig ſeine Farben mit flüſſigem Leim und einem ſehr ſchnell trocknen⸗ den Pulver, das er aus einem Fläſchchen eigenen Beſizes hinzuſchüttete, mit einander vermengte. „Es gibt nur noch einen Ausweg für uns(lüpfen Sie Ihr Haar von der linken Seite Ihres Nackens hinweg).— Ich habe Herrn Noel Vanſtone gerathen eine heimliche Gelegenheit wahrzunehmen und Sie zu beſichtigen, und ich will nun direct dieſen weib⸗ lichen Teufel von einer Lecount Lügen ſtrafen, indem ich Ihnen die beiden Muttermälchen hinwegmale.“ „Sie können nicht weggemalt werden,“ ſagte Magdalene.„Keine Farbe wird daran halten.“ „Meine Farbe wird halten,“ bemerkte Capitän Wragge.„Ich habe mich ſeiner Zeit in verſchiede⸗ nen Künſten verſucht, unter andern auch mit der Malerkunſt. Haben Sie jemals von einem ſolchen Ding gehört, das man Schwarzkitt nennt? Ich lebte einſt in der Nachbarſchaft von Drurylane, wo ich durchaus in Schwarzkitt machte. Meine Fleiſchfarbe hält auf Beulen von allen Sorten, Schattirungen und Größen, und ſie wird, ich verſpreche es Ihnen, auch an Ihren Muttermalen halten.“ 186 Mit dieſer Verſicherung tunkte der Capitän ſei⸗ nen Pinſel in eine kleine Maſſe von dunkler Farbe, welche er in einem Untertäßchen gemiſcht und, ſoweit es der Stoff zulaſſen wollte, bis zur Helle von Magdalenens Hautfarbe gradirt hatte. Hierauf rieb er zuerſt mit einem battiſtenen Tuch ein wenig weißes Pulver auf denjenigen Theil ihres Nackens den er zur Operation beſtimmte, und legte ſodann mit der Pinſelſpize zwei Schichten Farbe auf die Muttermäler. Die ganze Procedur war in ein Paar Augenblicken abgemacht und die Muttermäler verſchwanden wie durch einen Zauber im Nu und waren nicht mehr zu ſehen. Nur die genaueſte Be⸗ ſichtigung konnte die künſtliche Täuſchung entdecken, durch welche ſie verborgen gehalten wurden; auf eine Entfernung von bloß zwei oder drei Schritten aber waren ſie vollkommen unſichtbar. „Warten Sie hier fünf Minuten,“ ſagte Capitän Wragge,„um die Bemalung trocknen zu laſſen— und dann treffen wir uns im Wohnzimmer. Frau Lecount ſelbſt würde irre gemacht werden, wenn ſie jezt ſie beſähe.“ „Halt!“ ſagte Magdalene.„Da iſt Etwas was Sie mir noch nicht erzählt haben. Wie hat Frau Lecount die Beſchreibung erhalten, welche Sie unten geleſen haben? Was ſie auch von mir geſehen ha⸗ ben mag, das Mal auf meinem Nacken hat ſie nicht geſehen— es iſt zu weit zurück und zu hoch oben; mein Haar verhüllt es.“ „Wer weiß um das Mal?“ fragte Capitän Wragge. Sie plözliche 9 matter „Fr geſchrie „G Fremde Recht h „3 ſagen k zu Yor „N Fräulei D Fräulei Fräulei ter dan „W Ca; 5 ſchriebe Ihnen geſchrie am Ei ruhe u lichen wohlw Ihren C in Mo A „2 än ſei⸗ Farbe, ſoweit le von uf rieb wenig NRackens ſodann auf die in ein ermäler tu und ſte Be⸗ tdecken, n; auf chritten Lapitän ſſen— Frau enn ſie us was t Frau e unten den ha⸗ ie nicht hoben; Capitän 187 Sie wurde todtenblaß unter der Qual einer plözlichen Erinnerung an Frank. „Meine Schweſter weiß darum,“ ſagte ſie mit matter Stimme. „Frau Lecount wird vielleicht Ihrer Schweſter geſchrieben haben,“ bemerkte der Capitän. „Glauben Sie, meine Schweſter würde einer Fremden mittheilen was keine Fremde zu wiſſen ein Recht hat? Niemals! Niemals!“ „Iſt ſonſt Niemand denkbar der es Frau Lecount ſagen konnte? Des Males wurde in den Placaten zu York erwähnt. Wer rückte es dort ein?“ „Nora nicht! Vielleicht Herr Pendril. Vielleicht Fräulein Garth!“ „Dann hat Frau Lecount an Herrn Pendril oder Fräulein Garth geſchrieben— wahrſcheinlicher an Fräulein Garth. Die Gouvernante konnte ſich leich⸗ ter damit befaſſen als der Advocat.“ „Was kann ſie zu Fräulein Garth geſagt haben?“ Capitän Wragge überlegte eine Weile. „Ich kann nicht ſagen was Frau Lecount ge⸗ ſchrieben haben mag,“ entgegnete er,„aber ich kann Ihnen mittheilen was ich an Frau Lecounts Stelle geſchrieben haben würde. Ich würde Fräulein Garth am Eingang mit falſchen Berichten über Sie in Un⸗ ruhe und Furcht verſezt und mich dann nach perſön⸗ lichen Eigenthümlichkeiten erkundigt haben, die einer wohlwollenden Fremden dazu dienen konnten, Sie Ihren Freunden zurückzugeben.“ Ein Schimmer des Zorns blizte augenblicklich in Magdalenens Augen auf. Was Sie gethan haben würden, das hat Frau „W hd. 188 Lecount wirklich gethan,“ ſagte ſie unwillig.„Weder der Advocat noch die Gouvernante ſollen mir mein Recht auf meinen eigenen Willen und die von mir ſelbſt einzuſchlagenden Wege beſtreiten. Wenn Fräu⸗ lein Garth glaubt, ſie könne meine Handlungen durch eine Correſpondenz mit Frau Lecount contro⸗ liren— ſo will ich Fräulein Garth zeigen daß ſie ſich auf dem Holzweg befindet! Es iſt hohe Zeit, Capitän Wragge, mit dieſen erbärmlichen Befürch⸗ tungen einer Entdeckung endlich ein⸗ für allemal fer⸗ tig zu werden. Wir wollen den kürzeſten Weg zu dem Ziele einſchlagen das wir uns vorgeſteckt haben, bälder als Frau Lecount oder Fräulein Garth daran denken. Wie viel Zeit räumen Sie mir noch ein, um aus dem Bürſchchen da unten einen Heiraths⸗ antrag herauszupreſſen?“ „Ich getraue mir nicht viel Zeit mehr einzuräu⸗ men,“ verſezte Capitän Wragge.„Da jezt Ihre Freunde wiſſen wo Sie ſich befinden, ſo können ſie uns jeden Tag über den Hals kommen. Glauben Sie binnen einer Woche damit fertig zu werden?“ „Ich will in der Hälfte der Zeit damit fertig werden,“ ſagte ſie mit ſtarker, herausfordernder Stimme.„Laſſen Sie uns dieſen Morgen allein beiſammen, wie Sie zu Dunwich gethan haben, und nehmen Sie Frau Wragge mit ſich, um eine Ent⸗ ſchuldigung für Ihre Abweſenheit von unſerer Ge⸗ ſellſchaft zu haben. Iſt die Malerei jezt trocken? Gehen Sie hinunter und ſagen Sie ihm daß ich gleich komme.“ So war zum zweiten Mal die Abſicht der wohl⸗ gemeinten Bemühungen Fräulein Garths vereitelt. So wr Umſtänd gerne 3 ſie una Der zimmer noch ei ſeine B S „Jo warten der Se derſezte daß me daß un ſie zu Damen Fragen ihr eig Stuhl und r Augenſ ſerm S Mo Worte erſten tigſten an. probe welche im vol geringſ einem „Weder r mein on mir Fräu⸗ blungen contro⸗ daß ſie de Zeit, Befürch⸗ nal fer⸗ Weg zu haben, hdaran och ein, eiraths⸗ nzuräu⸗ zt Ihre inen ſie blauben den?“ t fertig dernder allein en, und ne Ent⸗ rer Ge⸗ trocken? daß ich r wohl⸗ ereitelt. 189 So wurde durch die verhängnißvolle Gewalt der Umſtände aus der Hand, die Magdalene gar zu gerne zurückgehalten haben würde, eine Hand welche ſie unaufhaltſam ihrem Schickſal entgegen trieb. Der Capitän kehrte zu ſeinem Gaſt in das Wohn⸗ zimmer zurück, nachdem er zuerſt auf ſeinem Weg noch einmal innegehalten hatte, um Frau Wragge ſeine Befehle in Betreff des Spaziergangs zu ertheilen. „Ich bedaure recht ſehr Sie ſo lange haben warten zu laſſen,“ ſagte er, indem er ſich wieder an der Seite des Herrn Noel Vanſtone vertraulich nie⸗ derſezte.„Ich kann mich nur dadurch entſchuldigen daß meine Nichte ihr Haar zufällig ſo geordnet hatte, daß unſere Abſicht vereitelt worden wäre. Ich ſuchte ſie zu überreden es anders zu machen— und junge Damen ſind bekanntlich ſo beſchaffen, daß ſie in allen Fragen die ſich auf ihre Toilette beziehen ein wenig ihr eigenes Köpfchen haben. Reichen Sie ihr einen Stuhl hier neben Ihnen, wenn ſie hereinkommt— und nehmen Sie dann mit aller Gemächlichkeit Augenſchein von ihrem Nacken ein, ehe wir zu un⸗ ſerm Spaziergang aufbrechen.“ Magdelene trat in das Zimmer, als er dieſe Worte ſagte, und nahm nach dem Austauſch der erſten gegenſeitigen Begrüßungen mit der unverdäch⸗ tigſten Bereitwilligkeit den ihr angebotenen Stuhl an. Herr Noel brachte auf der Stelle die Kreuz⸗ probe in Anwendung, wobei er die Beſtandtheile, welche der Gegenſtand ſeines Experiments waren, im vollſten Umfange zu würdigen wußte. Nicht die geringſte Spur eines Muttermales war auf irgend einem Theil der gerundeten weißen Oberfläche von 190 Fräulein Bygraves Nacken ſichtbar. Stumm beant⸗ wortete dieſer die blinzelnden Forſchungen der halb⸗ geſchloſſenen Augen Herrn Noel Vanſtones dahin, daß an Frau Lecounts gegentheiliger Beſchreibung auch kein wahres Wörtchen wäre. Dieſer einzige Hauptvorfall in den Ereigniſſen des Morgens war von allen Vorfällen die ſich bisher ereignet hatten der wichtigſte in ſeinen Reſultaten. Dieſe eine Entdeckung erſchütterte den Einfluß der Haushälterin auf ihren Herrn in einer Weiſe, wie ihn noch Nichts bis jezt erſchüttert hatte. In ein Paar Minuten erſchien Frau Wragge und erregte bei Herrn Noel Vanſtone ſo viel Er⸗ ſtaunen, als er bei ſeiner Verſunkenheit in das Ver⸗ gnügen über Magdalenens Geſellſchaft zu empfinden fähig war. Die Ausflugsparthie verließ nun das Haus und nahm ihre Richtung nordwärts, um nicht an den Fenſtern des Landhauſes zur Seeausſicht vorübergehen zu müſſen. Zu Frau Wragges unaus⸗ ſprechlicher Verwunderung bot ihr Gatte ihr zum erſten Male im Laufe ihres ehelichen Lebens höflich ſeinen Arm und ging mit ihr den jungen Leutchen voraus, als wenn der Vorzug allein mit ihr zu gehen, für ihn einen beſondern anziehenden Genuß gehabt hätte! „Geh etwas ſchneller!“ flüſterte ihr der Capitän mit barſchem Tone zu.„Laß unſere Nichte und Herrn Vanſtone allein! Wenn ich Dich auf einem Blick rückwärts ertappe, ſo werde ich Dein orienta⸗ liſches Caſhemirkleid zu oberſt in das Küchenfeuer werfen! Kehre Deine Fußſpizen mehr auswärts und halte Schritt— nimm Dich zuſammen, halte Schritt!“ Fra ſchränkt ſchlotter habe ei Der Nach n⸗ ſteinville gleich blieb m „N jezt vor „Hb Noel W halb ge geneigt zu halt Seit ligen T Frau L Seine( ganzes ging un einem u Wragge ihren V Anmuth nuzt un Selbſtbe „No Spazier mit eine „Ich ho beant⸗ r halb⸗ dahin, reibung einzige ns war hatten ſe eine hälterin n noch Wragge diel Er⸗ a4s Ver⸗ pfinden un das m nicht ausſicht unaus⸗ hr zum höflich zeutchen ihr zu Genuß Capitän⸗ hte und f einem orienta⸗ henfeuer rts und ſchritt!“ 191 Frau Wragge hielt Schritt ſo gut es ihre be⸗ ſchränkten Kräfte erlaubten. Ihre ſonſt ſtarken Kniee ſchlotterten unter ihr. Sie glaubte feſt, der Capitän habe ein Räuſchchen. Der Spaziergang dauerte etwas über eine Stunde. Nach neun Uhr waren ſie Alle wieder auf die Nord⸗ ſteinvilla zurückgekehrt. Die Damen zogen ſich ſo⸗ gleich in das Haus zurück; Herr Noel Vanſtone blieb mit Capitän Wragge noch in dem Garten. „Nun,“ ſagte der Capitän,„was halten Sie jezt von Frau Lecount?“ „Hol der Teufel die Lecount!“ verſezte Herr Noel Vanſtone in großer Aufregung.„Ich bin halb geneigt Ihre Anſicht zu theilen, ich bin halb geneigt meine verfluchte Haushälterin für wahnſinnig zu halten.“ Seine Stimme hatte einen ärgerlichen und unwil⸗ ligen Ton, wie wenn die geringſte Anſpielung auf Frau Lecount ihn äußerſt unangenehm berührte. Seine Geſichtsfarbe wechſelte alle Augenblicke, ſein ganzes Benehmen war zerſtreut und ſchwankend; er ging unruhig im Garten auf und ab. Es würde einem weniger ſcharfſichtigen Beobachter als Capitän Wragge war, klar geweſen ſein daß Magdalene ihren Vortheil durch Aufbietung einer unerwarteten Anmuth und durch verführeriſche Ermuthigung be⸗ nuzt und damit einen vollſtändigen Sieg über ſeine Selbſtbeherrſchung davon getragen hatte. „Noch niemals in meinem Leben hat mir ein Spaziergang ſo viel Vergnügen gemacht,“ rief er mit einem plözlichen Ausbruch von Begeiſterung aus. „Ich hoffe, Fräulein Bygrave empfindet alle Annehm⸗ 2 2 19 lichkeit davon. Gehen Sie morgen früh um die nämliche Zeit aus? Darf ich mich Ihnen wieder anſchließen?“ „Allerdings, Herr Vanſtone,“ ſagte der Capitän mit Herzlichkeit.„Entſchuldigen Sie daß ich zu meinem Gegenſtand zurückkehre— aber wie werden Sie zu Frau Lecount ſagen?“ „Das weiß ich nicht. Die Lecount iſt mir eine völlig läſtige Perſon! Was würden Sie thun, Herr Bygrave, wenn Sie an meiner Stelle wären?“ „Erlauben Sie mir eine Frage zu ſtellen, mein werther Herr, ehe ich es Ihnen ſage. Wann iſt Ihre Frühſtücksſtunde?“ „Um halb zehn.“ „Steht Frau Lecount frühzeitig auf?“ „Nein. Die Lecount iſt am Morgen faul und ſchläfrig. Ich haſſe ſchläfrige Weiber! Wenn Sie an meiner Stelle wären, was würden Sie zu ihr ſagen?“ „Ich würde Nichts ſagen,“ verſezte Capitän Wragge.„Ich würde jezt ſchnell mich auf den Rückweg aufmachen; ich würde mich von Frau Le⸗ count in dem vordern Garten erblicken laſſen, als wenn ich vor dem Frühſtück noch eine Bewegung hätte machen wollen, und ich würde ſie bei der Ver⸗ muthung laſſen, als ob ich eben erſt aus meinem Zimmer gegangen wäre. Wenn ſie fragt ob Sie heute hieher zu kommen beabſichtigen, ſo ſagen Sie Nein. Beobachten Sie ein tiefes Stillſchweigen, bis die Umſtände Sie zwingen ihr eine Antwort zu geben. Dann theilen Sie ihr die offene Wahrheit mit; ſa⸗ gen Sie ihr daß Herrn Bygraves Nichte und Frau Lecount thümlich wären, Erwähr mein R Wer Rathgel gedacht den Int als Fro Nordſte — ſo zur Au lange r rung d Natur außer dieſem nur eit „Erklärr Er erkl angerat wolle, der Se Bei Voraus keiner Ahnun Sie ho Unterr ans Er Col um die wieder Capitän ich zu e werden mir eine un, Herr m d n, mein Vann iſt faul und Venn Sie ie zu ihr Capitän auf den Frau Le⸗ ſſen, als Zewegung der Ver⸗ 8 meinem gt ob Sie ſagen Sie eigen, bis zu geben. mit; ſa⸗ und Frau 193 Lecounts Beſchreibung in den allerwichtigſten Eigen⸗ thümlichkeiten ganz und gar von einander verſchieden wären, und bitten Sie daß dieſes Gegenſtandes keine Erwähnung mehr gethan werden möge. Das iſt mein Rath. Was denken Sie davon?“ Wenn Herr Noel Vanſtone in das Herz ſeines Rathgebers hätte hinein blicken können, ſo würde er gedacht haben daß der Rath des Capitäns vortrefflich den Intereſſen des Capitäns angepaßt ſei. So lange als Frau Lecount über die Beſuche ihres Herrn auf Nordſteinvilla in Unwiſſenheit erhalten werden konnte — ſo lange würde ſie warten bis die Gelegenheit zur Ausführung ihres Experiments käme und ſo lange würde ſie es nicht unternehmen die Verſchwö⸗ rung durch weitere Schritte zu gefährden. Nach Natur der Sache war Herr Noel Vanſtone ganz außer Stand den Rath des Capitäns Wragge unter dieſem Geſichtspunkte zu erfaſſen; er ſah darin eben nur ein ihm gebotenes zeitweiliges Mittel, einer „Erklärung mit ſeiner Haushälterin auszuweichen. Er erklärte mit eifriger Lebhaftigkeit daß er die ihm angerathene Handlungsweiſe buchſtäblich befolgen wolle, und kehrte ſodann ohne weitern Verzug nach der Seeausſicht zurück. Bei dieſer Gelegenheit wurden Capitän Wragges Vorausſezungen durch Frau Lecounts Benehmen in keiner Hinſicht Lügen geſtraft. Sie hatte keine Ahnung von ihres Herrn Beſuch auf Nordſteinvilla. Sie hatte ſich vorgenommen, nöthigenfalls auf ſeine Unterredung mit Fräulein Bygrave geduldig bis ans Ende der Woche zu warten— und ſie ſezte Collins, Namenlos. III. 13 194 ihn nicht im Geringſten durch irgend unerwartete Fragen in Verlegenheit, als er ihr ſeine Abſicht an⸗ kündigte, an dieſem Tage mit den Bugraves nicht perſönlich zuſammentreffen zu wollen. Alles was ſie ſagte war: „Fühlen Sie ſich nicht wohl genug, Herr Noel? Oder ſind Sie nicht hinlänglich aufgelegt dazu?“ Er antwortete kurz!„Ich fühle mich nicht wohl genug,“ und damit war das ganze Geſpräch zu Ende. Am andern Tag wiederholten ſich die Vorgänge des vorhergehenden Morgens ganz genau. Dießmal kam Herr Noel Vanſtone äußerſt vergnügt mit einem Andenken in ſeiner Bruſttaſche nach Hauſe— er hatte zärtlichen Beſiz von einer Locke des Fräulein Bygrave ergriffen. In den Zwiſchenräumen wäh⸗ rend des Tages, wenn er ſich allein befand, nahm er die Locke heraus und küßte ſie mit einer Inbrunſt die beinahe an leidenſchaftliche Glut grenzte. Die Paar jungen Mädchen, mit denen er in ſeines Va⸗ ters kleinem Cirkel zu Zürich zuſammengetroffen war, hatten ein muthwilliges Vergnügen gefuͤhlt wenn ſie ihn wie ein kleines niedliches Spielzeug behan⸗ delten. Der ſtärkſte Eindruck, den er auf ihre Herzen machen konnte, war bloß ein Eindruck, in welchem ihre Schooßhündchen mit ihm hätten rivali⸗ ſiren können; das tiefſte Intereſſe, das er für ſich in ihnen entflammen konnte, war bloß ein Intereſſe, das ſie etwa für eine neue Puzſache oder ein neues Kleid fühlen mochten. Die einzigen Frauenzimmer, die bisher um ſeine Bewunderung gebuhlt oder ſeine Complimente ernſtlich entgegengenommen hatten, waren Damen deren Reize bereits im Verblühen begriffen ſicht mel erſten J Stunden zugebrac nachher und ohn müſſen So ſo war nes neu und Be Lecount fragte zu eine Er vern „Vi drang d Jezz brannte zu wer Freunde Fräulei bezeugr Mitthe Lecoun erwartete ſſicht an⸗ ves nicht 3 was ſie er Noel? azu?“ icht wohl zu Ende. Vorgänge Dießmal nit einem ſe— er Fräulein nen wäh⸗ d, nahm Inbrunſt zte. Die ines Va⸗ fffen war, wenn ſie g behan⸗ auf ihre drruck, in en rivali⸗ r für ſich Intereſſe, ein neues enzimmer, oder ſeine u hatten, Verblühen 195 begriffen waren und die wenig oder gar keine Aus⸗ ſicht mehr hatten unter die Haube zu kommen. Zum erſten Mal in ſeinem Leben hatte er jezt glückliche Stunden in der Geſellſchaft eines ſchönen Mädchens zugebracht, welches ihn ſo behandelt hatte daß er nachher ohne ein beſonderes demüthigendes Gefühl und ohne ſich in ſeiner Selbſtachtung erniedrigen zu müſſen an ſie zurückdenken konnte. So ſorgſam er es auch zu verbergen verſuchte, ſo war doch die Veränderung die ſich in Folge ſei⸗ nes neuen in ihm erwachten Gefühls in ſeinem Blick und Benehmen zeigte von der Art, daß ſie Frau Lecount nicht entgehen konnte. Am zweiten Tage fragte ſie ihn ganz ſpizig ob er noch keine Anſtalt zu einem Beſuche bei den Bygraves getroffen habe. Er verneinte es wie zuvor. „Vielleicht gehen Sie morgen hin, Herr Noel?“ drang die Haushälterin weiter in ihn. Jezt waren ſeine Ausflüchte erſchöpft. Er brannte vor Ungeduld, ihrer forſchenden Fragen los zu werden, er vertraute auf den Beiſtand ſeiner Freunde auf Nordſteinvilla und antwortete alſo dieß⸗ mal: Ja. „Wenn Sie die junge Dame ſehen,“ fuhr Frau Lecount fort,„ſo vergeſſen Sie mein Billet nicht, Herr, welches Sie in Ihrer Weſtentaſche haben.“ Man ſprach gegenſeitig nichts weiter mehr, aber mit dieſer Nachtpoſt ſchrieb die Haushälterin an Fräulein Garth. Der Brief meldete unter Dankes⸗ bezeugungen bloß den Empfang von Fräulein Garths Mittheilung und gab ihr die Nachricht, daß Frau Lecount hoffe in ein Paar Tagen in der Lage zu 196 ſein wieder zu ſchreiben und Herrn Pendril nach Aldborough zu berufen. Als es ſpät am Abend im Wohnzimmer auf der Nordſteinvilla dunkel zu werden begann und der Capitän wie gewöhnlich nach Licht ſchellte, war er ſehr überraſcht Magdalenens Stimme im Gange zu hören, wie ſie dem Dienſtmädchen befahl die Lichter wieder hinunter zu tragen. Sie klopfte gleich nach⸗ her an die Thüre und trat leiſe gleich einem Geiſte in das dunkle Zimmer herein. „Ich habe an Sie eine Frage über Ihre Pläne für morgen zu ſtellen,“ ſagte ſie.„Meine Augen ſind dieſen Abend ſehr ſchwach und ich hoffe daher, Sie werden nichts dagegen haben und mich auf ein paar Minuten mit dem Lichte verſchonen.“ Sie ſprach dieſe Worte mit matter gedämpfter Stimme und ſchlich ſich dann ſtill nach einem Stuhle, der weit vom Capitän weg in dem finſterſten Theile des Zimmers ſtand. Nahe am Fenſter ſizend, konnte 82 er eben nur die dunkeln Umriſſe ihres Kleides unter⸗ ſcheiden und kaum die ſchwachen Töne ihrer Stimme hören. In den lezten zwei Tagen hatte er Nichts von ihr geſehen, ausgenommen während des Morgenſpa⸗ ziergangs. Dieſen Nachmittag hatte er ſeine Frau in dem kleinen Hinterzimmer Parterre laut aufkreiſchen gehört. Sie konnte ihm bloß erzählen daß Magda⸗ lene ſie erſchreckt habe, daß Magdalene ſich wieder in dem nämlichen Zuſtand befinde wie damals, als in der ſchrecklichen verfloſſenen Zeit der Brief aus China ankam. „Ich war ſehr bekümmert als ich heute von Frau Wragge hörte daß Sie ſich unwohl befänden,“ ſagte der Cap Sprechen aus der genug an mein ſie hätte thut Nie Nämlich Uhr wie „Er gen zu „Ich ich möch ſo früh habe ſch auf. Se und bed Uhr kon „Da ſtänden! „Ich Weiſen Ihre den Sa⸗ „Un „Un empfang „Ah ich will aufhalte darüber jdril nach r auf der und der „ war er Gange zu die Lichter eich nach⸗ em Geiſte dre Pläne ne Augen ffe daher, h auf ein edämpfter m Stuhle, ten Theile nd, konnte des unter⸗ r Stimme tichts von orgenſpa⸗ e Frau in ufkreiſchen Magda⸗ ch wieder nals, als Brief aus von Frau n,“ ſagte 197 der Capitän, indem er unbewußt ſeine Stimme beim Sprechen beinahe zu einem Geflüſter herabdämpfte. „Es hat Nichts zu bedeuten,“ ſagte ſie ruhig aus der Dunkelheit hervor.„Ich fühle mich ſtark genug zu leiden und zu leben. Andere Mädchen an meiner Stelle würden glücklicher geweſen ſein— ſie hätten gelitten und wären geſtorben. Doch das thut Nichts; es wird in hundert Jahren noch das Nämliche ſein. Wird er morgen früh um ſieben Uhr wieder kommen?“ „Er kommt, wenn Sie keine Einwendung dage⸗ gen zu machen haben.“ „Ich habe Nichts dagegen einzuwenden. Aber ich mochte gerne die Zeit verändert haben. Ich ſehe ſo früh am Morgen nicht zum Beſten aus. Ich habe ſchlechte Nächté und ſtehe verſtört und ermüdet auf. Schreiben Sie ihm dieſen Abend ein Billetchen und bedeuten Sie ihm darin daß er erſt um zwölf Uhr kommen ſoll.“ „Das iſt zu ſpät. Unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden darf man Sie um Zwölf nicht ausgehen ſehen.“ „Ich habe nicht die Abſicht ſpazieren zu gehen. Weiſen Sie ihn in das Empfangszimmer—“ Ihre Stimme erſtarb im Stillſchweigen, ehe ſie den Saz zu Ende führen konnte. „Und...?“ ſagte Capitän Wragge. „Und laſſen Sie mich allein ihn im Zimmer empfangen“ „Aha!“ ſagte der Capitän.„Ich verſtehe. Nun ich will mich, ſo lang er hier iſt, im Speiſezimmer aufhalten— und Sie können kommen und mir darüber berichten, wenn er fortgegangen iſt.“ 198 „Zum zweiten Mal trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein. „Gibt es keinen andern Weg, als Ihnen perſön⸗ lich zu berichten?“ fragte ſie plözlich.„Ich kann mich wohl ſelbſt beherrſchen, ſo lange er bei mir iſt, aber ich kann nachher nimmer von meinen Worten und meinem Benehmen Rechenſchaft ablegen. Gibt es keinen andern Weg?“ „Eine Menge Wege,“ ſagte der Capitän.„Hier iſt der erſte beſte der mir gerade einfällt. Laſſen Sie den Vorhang über das Fenſter Ihres Zimmers oben herunter, ehe er kommt. Ich will auf den Strand hinausgehen und daſelbſt, das Haus in Sicht, warten. Wenn ich ihn wieder herauskommen ſehe, ſo will ich auf das Fenſter ſchauen. Hat er Nichts geſagt, ſo laſſen Sie den Vorhang herunter. Hat er Ihnen einen Antrag gemacht, ſo ziehen Sie den Vorhang hinauf. Dieſes Signal iſt die Einfachheit ſelbſt; wir können einander nicht mißverſtehen. Sehen Sie morgen auf Ihren Vortheil. Verſichern Sie ſich ſeiner, mein liebes Kind, verſichern Sie ſich ſeiner, wenn es möglich ſein kann.“ Er hatte laut genug geſprochen, um verſichert ſein zu können daß ſie ihn gehört habe— aber keine Antwort kam von ihren Lippen. Die Todten⸗ ſtille ward bloß durch das Rauſchen ihres Kleides unterbrochen, was ihn belehrte daß ſie von ihrem Stuhle aufgeſtanden ſei. Wie ein Schatten glitt ſie wieder über das Zimmer; die Thüre ſchloß ſich leiſe— ſie war fort. Er ſchellte haſtig nach Licht. Das Dienſtmädchen fand ihn ganz nahe am Fenſter ſtehend und weit weniger Selbſtbeherrſchung als gen ein we Vorrath Am Uhr, z0 tungspo Fiſcherb Pünktli⸗ Vanſton Garten, dem B Wragge und zür Er zehn M rauchte er nock er gan; nete un Der lenens nehmen Secund in ihr kommen ereigner Nichts und ve zurückz! Als das S 199 blick des als gewöhnlich zeigend. Er ſagte ihr daß er ſich ein wenig unpäßlich fühle und ſchickte ſie in die ein perſön⸗ Vorrathskammer um Branntwein zu holen. „Ich kann ei mir iſt, Am folgenden Tage, einige Minuten vor zwölf n Worten Uhr, zog ſich Capitän Wragge auf ſeinen Beobach⸗ en. Gibt tungspoſten zurück und verſteckte ſich hinter einem Fiſcherboot, das an das Ufer heraufgezogen war. n.„Hier Pünktlich mit dem Glockenſchlage ſah er Herrn Noel t. Laſſen Vanſtone ſich der Nordſteinvilla nähern und die Zimmers Gartenpforte öffnen. Als die Hausthüre ſich hinter (auf den dem Beſuche geſchloſſen hatte, lagerte ſich Capitän 3 in Sicht, Wragge ganz gemächlich an der Seite des Bootes imen ſehe, und zündete ſeine Cigarre an. 3 er Nichts Er ſchmauchte etwa eine halbe Stunde und noch 8 gter. Hat zehn Minuten darüber, wie ſeine Uhr ihm zeigte, und a Sie den rauchte die Cigarre bis auf das lezte Stümpchen das Einfachheit er noch in ſeinen Lippen halten konnte. Eben war zverſtehen. er ganz damit fertig, als die Thüre ſich wieder öff⸗ Verſichern nete und Noel Vanſtone herauskam. ichern Sie Der Capitän ſchaute augenblicklich nach Magda⸗ lenens Fenſter. In der ſeinen Geiſt in Anſpruch verſichert nehmenden Aufregung des Moments zählte er die e— aber Secunden. Sie konnte von dem Empfangzimmer ie Todten⸗ in ihr eigenes Gemach in weniger als einer Minute es Kleides kommen. Er zählte bis zu dreißig— und Nichts von ihrem ereignete ſich. Er zählte bis zu fünfzig— und atten glitt Nichts ereignete ſich. Er gab nun das Zählen auf ſchloß ſich und verließ ungeduldig das Boot um nach Hauſe aſtig nach zurückzukehren. nahe am Als er den erſten Schritt vorwärts that, ſah er lherrſchung das Signal. 200 Der Vorhang war aufgezogen. Vorſichtig ſtieg Capitän Wragge die Erhöhung am Strande hinauf und blickte gegen die Villa zur Seeausſicht, ehe er ſich auf der Promenade zeigte. Herr Noel Vanſtone hatte bereits ſeine Behauſung erreicht und war eben im Begriff über die Schwelle ſeiner Thüre zu treten. „Wenn mir all Dein Geld angeboten würde und ich müßte dafür in Deinen Schuhen ſtecken,“ ſagte der Capitän, indem er ihm nachblickte—„ſo reich Du biſt, ich möchte es nicht annehmen!“ Achtes Capitel. Bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe empfing Capitän Wragge eine bedeutungsvolle Botſchaft durch das Dienſtmädchen. „Herr Noel Vanſtone wird dieſen Nachmittag um zwei Uhr wieder vorſprechen, wenn er auf das Vergnügen rechnen dürfte, Herrn Bygrave zu Hauſe anzutreffen.“ „Wo befindet ſich Fräulein Bygrave?“ „In ihrem eigenen Zimmer.“ „Wo befindet ſich Frau Bygrave?“ „Im Hinterzimmer.“ Capitän Wragge lenkte ſeine Schritte ſchnell nach der leztern Richtung und traf ſeine Frau zum zweiten Male in Thränen an. Sie war für den ganzen Tag aus Magdalenens Zimmer fortgeſchickt worden, und zerbrach ſich vergeblich den Kopf zu errathen womit ſie denn das verdient habe. Ihr Gatte machte ohne a ſchickte dem Ar ob Mag einer S erledigt Die Magda ſie entſ möchte. gegnun Wragg⸗ rung d wort v Cay ſchrank „E zu den Vanſtor möchte, Ihnen nicht. Fürs( fluß ar in eine Herr— wir in über ei ganz n neuen zwei P ſobald Erhöhung Villa zur de zeigte. ehauſung Schwelle ürde und n,“ ſagte „ſo reich z Capitän urch das achmittag auf das zu Hauſe hnell nach m zweiten en ganzen t worden, errathen tte machte 201 ohne alle Ceremonie ihren Klagen ein Ende und ſchickte ſie auf der Stelle in den obern. Stock, mit dem Auftrag an die Thüre zu klopfen und zu fragen ob Magdalene ihm nicht fünf Minuten Gehör wegen einer Frage ſchenken wolle, die noch vor zwei Uhr erledigt ſein müſſe. Die zurückkommende Antwort fiel verneinend aus. Magdalene verlangte daß der Gegenſtand, über den ſie entſcheiden ſollte, ihr ſchriftlich mitgetheilt werden möchte. Sie verſprach auf gleiche Weiſe ihre Ent gegnung abzugeben. Selbſtverſtändlich mußte Frau Wragge, und nicht das Dienſtmädchen zur Abliefe⸗ rung des Billets und zur Zurückbringung der Ant⸗ wort verwendet werden. Capitän Wragge öffnete ſofort ſeinen Papier⸗ ſchrank und ſchrieb nachſtehende Zeilen: „Empfangen Sie meine wärmſten Glückwünſche zu dem Erfolg Ihrer Unterredung mit Herrn Noel Vanſtone. Die Frage, die ich beantwortet wiſſen möchte, beſteht darin ob ich ihn rückſichtlich der Ihnen auszuſezenden Geldſumme drängen ſoll oder nicht. Es iſt dabei zweierlei ins Auge zu faſſen. Fürs Erſte, ob beſagte Drängerei, ohne Ihren Ein⸗ fluß auf ihn im Geringſten zu unterſchätzen, nicht in eine langwierige Preſſerei umſchlagen dürfte, ehe Herr Noel Vanſtone Geld ſchwizt. Zweitens, ob wir in Anbetracht Ihrer gegenwärtigen Lage gegen⸗ über einem durchtriebenen Ränkeſchmied im Unterrock ganz wohl daran thun, durch weitern Verzug uns neuen Gefahren auszuſezen. Ueberlegen Sie dieſe zwei Punkte und laſſen Sie mir Ihre Entſcheidung ſobald als thunlich zukommen.“ 20² Die Antwort, welche auf dieß Billet zurückkam, war mit verkrizelten beklecksten Buchſtaben geſchrie⸗ ben, was gegen Magsdalenens ſonſt feſte und deut⸗ liche Handſchrift auffallend abſtach. Sie enthielt folgende Worte: „Geben Sie ſich keine Mühe in Betreff der Geldſumme. Ueberlaſſen Sie den Gebrauch, den er für die Zukunft von ſeinem Gelde machen ſoll, mei⸗ nen Händen.“ „Sahſt Du ſie?“ fragte der Capitän, als ſeine Frau ihm die Antwort einhändigte. „Ich verſuchte ſie zu ſehen,“ ſagte Frau Wragge mit einem wiederholten Thränenguß,„aber ſie öffnete die Thüre bloß ſo weit, um die Hand herausſtrecken zu können. Ich empfing und gab derſelben einen kleinen Druck— und, ach die arme Seele, ſie fühlte ſich ſo kalt in der meinigen an!“ Als Frau Lecounts Herr um zwei Uhr erſchien, war er ſo beklommen, daß er einer ſchmerzſtillenden Abkühlung mit Frau Lecounts grünem Fächer gar wohl bedurft hätte. Die Angſt ſeine Werbung um Magdalene anzubringen, der Schrecken ſich von ſei⸗ ner Haushälterin entdeckt zu finden, die peinigende Ahnung der harten Geldbedingungen, die ihm Mag⸗ dalenens Verwandter und Beſchüzer auferlegen würde — alle dieſe Gemüthsbewegungen durchſtürmten ihn in wechſelſeitigen Kampfe und verſezten ſein ſchwach⸗ müthiges Herz in eine ſolche Spannung daß es ſich in einem Zuſtand qualvoller Beklemmung beſand. Er ſchnappte nach Luft, als er ſich im Empfangzimmer zu Nordſteinvilla niederſezte, und die ominöſe bläu⸗ liche Bläſſe, die ſich jedesmal in Augenblicken der Aufreg wieder ergriff flaſche von de ziges W Du Gewan ten zur ſtone d mit er Alle di ſolchen geringſ Famili⸗ ſtellung obgleich und ar thun h glücklich abzuha — un halben ringſte Theil wartete ſtand 1 kam er auf die „Er Vanſtor haben. rückkam, geſchrie⸗ nd deut⸗ enthielt reff der „den er oll, mei⸗ als ſeine Wragge e öffnete asſtrecken en einen ie fühlte erſchien, ſtillenden cher gar ung um von ſei⸗ einigende m Mag⸗ n würde nten ihn ſchwach⸗ es ſich in und. Er gzimmer zſe bläu⸗ icken der 203 Aufregung über ſein Geſicht verbreitete kam jezt wieder warnend zum Vorſchein. Capitän Wragge ergriff in unerkünſtelter Beſorgniß ſeine Branntwein⸗ flaſche und nöthigte ſeinen Gaſt ein Weinglas voll von dem geiſtigen Getränke zu genießen, ehe ein ein⸗ ziges Wort zwiſchen ihnen gewechſelt ward. Durch dieſes Reizmittel erfriſcht und durch die Gewandtheit, womit der Capitän allen ſeinen Wor⸗ ten zuvorkam, ermuthigt, brachte es Herr Noel Van⸗ ſtone dahin, den ernſten Gegenſtand ſeines Beſuches mit erträglich deutlichen Ausdrücken vorzubringen. Alle die conventionellen Präliminarien, die bei einer ſolchen Gelegenheit vorkommen, wurden ohne die geringſte Schwierigkeit ins Reine gebracht. Die Familie des Freiers war ehrenwerth, ſeine Lebens⸗ ſtellung unleugbar befriedigend und ſeine Zuneigung, obgleich etwas übereilt, augenſcheinlich uneigennüzig und aufrichtig. Alles was Capitän Wragge zu thun hatte war dieſe verſchiedenen Punkte mit einer glücklichen Wahl der Worte und in einer Stimme abzuhandeln die vor männlicher Aufregung zitterte — und dieß that er meiſterhaft. In der erſten halben Stunde der Unterredung war nicht die ge⸗ ringſte Anſpielung auf den delicaten und gefährlichen Theil der Freiwerbung gemacht. Der Capitän wartete, bis er ſeinen Gaſt in einem ruhigen Zu⸗ ſtand verſezt hätte. Als dieſes Ziel erreicht war, kam er allmählich behutſam in folgenden Worten auf dieſen Punkt zu ſprechen: „Eine kleine Schwierigkeit gibt es noch, Herr Vanſtone, die wir meines Erachtens beide überſehen haben. Das neuliche Betragen Ihrer Haushälterin 204 macht mich zu der Befürchtung geneigt, daß ſie die bevorſtehende Veränderung in Ihrem Leben mit nichts weniger als freundlichem Auge anſehen wird. Wahrſcheinlich haben Sie es noch nicht für noth⸗ wendig gehalten, ſie von dem friſchen Bande das Sie zu knüpfen beabſichtigen zu unterrichten.“ Herr Noel Vanſtone erblaßte bei dem bloßen Gedanken, ſich vor Frau Lecount zu erklären. „Ich kann nicht ſagen was ich zu thun im Be⸗ griffe bin,“ verſezte er, indem er einen ſcheuen Blick ſeitwärts nach dem Fenſter warf, als erwartete er, daß die Haushälterin dort hereingucke.„Ich haſſe alle unerquicklichen Lagen und dieß iſt die unange⸗ nehmſte Lage in die ich je verſezt worden bin. Sie wiſſen nicht was die Lecount für ein erſchreckliches Weib iſt. Aber ich habe keine Furcht vor ihr, ich bitte Sie, glauben Sie nicht daß ich Furcht vor ihr habe—“ Bei dieſen Worten ſtieg ihm ſeine Furcht in die Kehle und ſtrafte ihn direct durch Verſagung der Sprache Lügen. „Bitte recht ſehr, mühen Sie ſich nicht mit Er⸗ örterungen ab,“ ſagte Capitän Wragge, ihm zu Hilfe kommend.„Das iſt eine gewöhnliche Geſchichte, Herr Vanſtone. Hier iſt ein Weib, das in Ihrem Dienſte und vorher im Dienſte Ihres Vaters alt geworden; ein Weib das alle möglichen Kniffe und Pfiffe ausgeſonnen hat, um ſich für die ſpätern Jahre eine nachhaltige Stellung zu verſchaffen; kurz ein Weib, dem es Ihre unüberlegte, aber durchaus natürliche Güte erlaubt hat ein Eigenthumsrecht an Sie anzuſprechen—“ „Ei der der Folge ſ etwas „Ich m anſprech Vater Pfund, meiner Er Gemäld aufbeſch ſprizte Ströme. „Ru bis jezt „Ne Sie ſag ich kann Sie wa Sie war theilen. wie hoch Er ſ Lächeln, zeigte ei ſinnigen „Ich daß ich Capitän. klar wie zimmer ſie die in mit n wird. r noth⸗ de das bloßen im Be⸗ n Blick tete er, h haſſe inange⸗ n. Sie ockliches hr, ich vor ihr in die ng der nit Er⸗ hm zu ſchichte, Ihrem rs alt fe und ſpätern n; kurz urchaus echt an 205 „Ein Eigenthumsrecht!“ rief Herr Noel Vanſtone, der den Capitän mißverſtand und die Wahrheit in Folge ſeines reinen Unvermögens, ſeine Furcht noch etwas länger zu verbergen, ſich entſchlüpfen ließ. „Ich weiß nicht, welchen Betrag an Eigenthum ſie anſprechen will. Sie wird mich wohl für meinen Vater wie für mich ſelbſt zahlen laſſen. Tauſend Pfund, Herr Bygrave, tauſend Pfund Sterling aus meiner Taſche!!!“ Er rang in Verzweiflung ſeine Hände bei dem Gemälde dieſes Geldopfers das ſeine Phantaſie her⸗ aufbeſchworen hatte, und ſein goldenes Lebensblut ſprizte unter Frau Lecounts Lanzette in großen Strömen von Freigebigkeit aus ihm heraus. „Ruhig, Herr Vanſtone, ruhig! Die Frau weiß bis jezt nichts und das Geld iſt noch nicht fort.“ „Nein, nein, das Geld iſt noch nicht fort, wie Sie ſagen. Ich habe bloß etwas ſchwache Nerven! ich kann nichts dafür daß ich ſchwache Nerven habe. Sie waren eben im Begriffe mir Etwas zu ſagen; Sie waren eben im Begriffe mir einen Rath zu er⸗ theilen. Ich ſchäze Ihren Rath— Sie wiſſen nicht, wie hoch ich Ihren Rath ſchäze.“ Er ſagte dieſe Worte mit einem einſchmeichelnden Lächeln, das mehr als Rathloſigkeit ausdrückte; es zeigte eine knechtiſche Abhängigkeit von ſeinem ſcharf⸗ ſinnigen Freunde an. „Ich wollte Sie bloß verſichern, mein lieber Herr, daß ich Ihre Lage ſehr wohl verſtehe,“ ſagte der Capitän.„Ich ſehe Ihre ſchwierige Stellung ſo klar wie Sie ſelbſt ein. Sagen Sie einem Frauen⸗ zimmer wie Frau Lecount, daß ſie von ihrem Thron 206 herabſteigen und für eine junge und ſchöne Nachfol⸗ gerin, ausgerüſtet mit der Autorität einer Gattin, Plaz machen müſſe, und gewiß wird eine unange⸗ nehme Scene die unvermeidliche Folge ſein. Eine unangenehme Scene, Herr Vanſtone, wenn Ihre Anſicht von dem geſunden Verſtand Ihrer Haushäl⸗ terin begründet iſt. Etwas weit Ernſthafteres noch, wenn meine Meinung, daß ihr Geiſt nicht in Ord⸗ nung ſich befindet, ſich zufällig als die richtige her⸗ ausſtellt.“ „Ich ſage nicht daß es nicht auch meine Mei⸗ nung iſt,“ fügte Herr Noel Vanſtone bei.„Beſon⸗ ders nach dem was heute vorgefallen.“ Capitän Wragge verlangte alsbald zu wiſſen, auf welchen Vorfall er damit denn anſpielen wolle. Herr Noel Vanſtone ſezte hierauf unter Einſchal⸗ tung von unzähligen Zwiſchenſäzen die ſich alle auf ſeine Perſon bezogen auseinander, daß Frau Lecount vor kaum einer Stunde die befürchtete Frage bezüglich des Billetchens in ihres Herrn Taſche ge⸗ than habe. Er hätte auf ihre Frage ihr geantwor⸗ tet wie Herr Bygrave ihm gerathen. Als Frau Lecount vernommen, daß die Perſonalbeſchreibung im Allgemeinen die Probe der Genauigkeit ausge⸗ halten und nur bezüglich der wichtigen Eigenthüm⸗ lichkeit der Muttermäler auf dem Nacken ſich als unrichtig herausgeſtellt, hätte ſie eine Weile überlegt und ihn dann gefragt, ob er das Billet vor Vor⸗ nahme der Unterſuchung Herrn Bygrave gezeigt habe. Er habe verneinend geantwortet, da ihm dieß als einzige ſichere Form einer Erwiederung erſchienen ſei, die man ſich bei dem augenblicklichen Anlaß hatte er ſich hier Worten Noel. mißtraue Freundit Haus be⸗ beſuchen derben eine Bin jenen Pe Verfluß werde.“ Herr auf die einem A war, de Bygrave des Wa rolle, u und er legenheit Capi Aufmerk lung. J hen— e zeig für ernſthaft meiner 2 mir eber Nachfol⸗ Gattin, unange⸗ 1. Eine in Ihre Haushäl⸗ res noch, in Ord⸗ tige her⸗ ine Mei⸗ „Beſon⸗ wiſſen, en wolle. Einſchal⸗ ſich alle aß Frau ete Frage aſche ge⸗ geantwor⸗ Ils Frau chreibung t ausge⸗ genthüm⸗ ſich als überlegt vor Vor⸗ eigt habe. dieß als erſchienen en Anlaß mir eben erzählt haben, Herr Vanſtone, kann kein 207 hatte erdenken können— und die Haushälterin habe ſich hierauf mit folgenden ſeltſamen und auffallenden Worten an ihn gewendet: „Ich will Ihnen reinen Wein einſchenken, Herr Noel. Sie vertrauen ſich fremden Perſonen an und mißtrauen Ihrer alten Dienerin und Ihrer alten Freundin. Jedesmal wenn Sie Herrn Bygraves Haus betreten, jedesmal wenn Sie Fräulein Bygrave beſuchen, gehen Sie näher und näher Ihrem Ver⸗ derben entgegen. Sie haben Ihnen mir zum Troz eine Binde über Ihre Augen gelegt. Aber ich ſage jenen Perſonen, ich ſage Ihnen, daß ich ſie nach Verfluß weniger Tage Ihnen wieder abnehmen werde.“ Herr Noel Vanſtone machte keine Einwendung auf diefen ungewöhnlichen Herzenserguß, der von einem Ausdruck in Frau Lecounts Geſicht begleitet war, den er noch nie an ihr geſehen hatte. Herrn Bygraves Behauptung, daß die lauernde Seuche des Wahnſinns durch das Blut der Haushälterin rolle, war ihm in das Gedächtniß zurückgekommen und er hatte das Zimmer bei der erſten beſten Ge⸗ legenheit verlaſſen. Capitän Wragge lauſchte mit der geſpannteſten Aufmerkfamkeit auf die ihm alſo mitgetheilte Erzäh⸗ lung. Man konnte nur eine Folgerung daraus zie⸗ hen— es war ein deutlicher und warnender Finger⸗ zeig für ihn, haſtig dem Ziele zuzueilen. „Es nimmt mich gar nicht Wunder,“ ſagte er ernſthaft,„zu hören daß Sie mehr geneigt ſind meiner Meinung beizupflichten. Nach dem was Sie Mann von Beſinnung anders handeln. Die Sache wird ernſthaft. Ich weiß kaum auf welche Folgen wir uns gefaßt halten müſſen, wenn Sie Ihre bevorſtehende Lebensveränderung der Frau Lecount mittheilen. Meine Nichte dürfte in dieſe Folgen verwickelt werden. Sie iſt nervenſchwach, ſie iſt im höchſten Grade reizbar, ſie iſt der unſchuldige Gegen⸗ ſtand des Haſſes und Mißtrauens dieſes Weibes. Sie machen mir bange, mein Herr! Ich bin nicht leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen— aber ich gebe zu, Sie machen mir bange für die Zukunft.“ Er runzelte ſeine Stirne, ſchüttelte ſeinen Kopf und ſah mit verzagtem Kleinmuth ſeinen Gaſt an. Herr Noel Vanſtone begann ſich unbehaglich zu fühlen. Die Veränderung in Herrn Bygraves Be⸗ nehmen ſchien ihm ein bedeutungsvolles Anzeichen daß derſelbe ſeinen Antrag noch einmal aufs Ta⸗ pet bringen und von einem neuen und ungünſtigern Geſichtspunkt aus beleuchten wolle. Er erholte ſich Raths bei ſeiner angebornen Feigheit und ſeiner angebornen Verſchlagenheit und ſchlug eine von ihm ſelbſt entdeckte Löſung der Schwierigkeit vor. „Was brauchen wir der Lecount Alles zu er⸗ zählen?“ fragte er.„Welches Recht hat die Lecount es zu wiſſen? Können wir uns nicht verheirathen, ohne ſie in unſer Geheimniß zu ziehen? Und kann nicht irgend Jemand ihr die Sache nachher mitthei⸗ len, wenn wir Beide außerhalb ihres Bereiches ſind?“ Capitän Wragge nahm dieſen Vorſchlag mit einem Ausdruck von Erſtaunen entgegen, der unbe⸗ dingtes Zeugniß für die Größe ſeiner'gewaltigen Verſtellungskunſt ablegte. Seine Hauptabſicht wäh⸗ rend der es bis d dern We regung Lecount ſelbſt au Capitän ſchwacher antwortl ſchließlich gehalten „Ich tung en⸗ „Aber e⸗ und ich Vanſtone eine Au gegeben ſchlagen und ſo Ihnen( eine ſehr Ihrer P tionen 1 auf wele ſind. D wiß wünf der dadu lichen B will. Hochzeits Colli⸗ ee Sache Folgen ie Ihre Lecount Folgen ie iſt im e Gegen⸗ Weibes. bin nicht — aber zukunft.“ nen Kopf Gaſt an. aglich zu aves Be⸗ Anzeichen aufs Ta⸗ üünſtigern holte ſich ud ſeiner von ihm r. 8 zu er⸗ e Lecount heirathen, Und kann r mitthei⸗ es ſind?“ hlag mit der unbe⸗ ſewaltigen 209 rend der ganzen Unterredung war eben nur geweſen es bis auf dieſen Punkt zu bringen, oder, mit an⸗ dern Worten, es ſo einzufädeln, daß die erſte An⸗ regung einer Verheimlichung der Heirath vor Frau Lechunt von Herrn Noel Vanſtone und nicht von ihm ſelbſt ausgehen ſollte. Niemand wußte beſſer als der Capitän, daß die einzige Verantwortlichkeit, die ein ſchwacher Mann jemals übernimmt, nur eine Ver⸗ antwortlichkeit iſt, die ihm fortwährend als eine aus⸗ ſchließlich auf ſeinen eigenen Schultern laſtende vor⸗ gehalten werden kann. „Ich pflege zwar heimlichen Schritten jeder Gat⸗ tung entgegen zu treten,“ ſagte Capitän Wragge. „Aber es gibt Ausnahmen von der ſtrengſten Regel, und ich halte mich für verbunden zuzugeben, Herr Vanſtone, daß Ihre Stellung in dieſer Angelegenheit eine Ausnahmsſtellung iſt, wenn es jemals eine gegeben hat. Das Verfahren, das Sie eben vorge⸗ ſchlagen haben, ſo convenienzwidrig ich es auch halte und ſo peinlich es für mich ſelbſt ſein mag, würde Ihnen(nur um das Geringſte zu ſagen) nicht bloß ſicht wäh⸗ eine ſehr ernſtliche Verlegenheit erſparen, ſondern Ihrer Perſon auch Schuz gegen die Geldreclama⸗ tionen von Seiten Ihrer Haushälterin gewähren, auf welche Sie ſchon aufmerkſam gemacht worden ſind. Dieß ſind zwei Reſultate, deren Erreichung ge⸗ wiß wünſchenswerth iſt, wenn ich meinerſeits auch von der dadurch zu erzielenden Beſeitigung jeder ſchmerz⸗ lichen Berührung meiner Nichte gar nicht reden will. In anderer Beziehung indeſſen muß eine Hochzeitsfeier, die nach Ihrem Vorſchlag mit ſolcher Collins, Namenlos. III. 14 210 Heimlichkeit vor ſich gehen ſoll, über Hals und Kopf abgemacht werden, denn je länger der Verzug, um ſo größer wird die Gefahr, daß das Geheimniß unſern Händen entſchlüpfen könnte. Ich bin nicht wider ſchnelle Heirathen, wo durch ein angemeſſenes Einkommen eine gegenſeitige Flamme zum Auflodern gebracht wird. Meine eigene war eine Liebesver⸗ bindung, die mit größter Eilfertigkeit abgeſchloſſen wurde. Nach vielfacher Erfahrung gibt es eine Menge Beiſpiele von kurzen Freiereien und ſchnellen Hochzeiten, wobei nur Trümpfe umgeſchlagen wurden — ich bitte um Entſchuldigung— wobei nachher Alles gut ausgefallen iſt. Wenn Sie und meine Nichte, Herr Vanſtone, die Zahl dieſer Fälle um einen vermehren wollen, ſo müſſen allerdings die unter den höhern Ständen üblichen Heirathsprälimi⸗ narien ſchnell ins Reine gebracht werden. Ohne Zweifel verſtehen Sie mich, daß ich damit die Aus⸗ einanderſezung des Ehevertrags meine?“ „Ich möchte noch einen Theelöffel voll Brannt⸗ wein,“ ſagte Herr Noel Vanſtone, indem er ſein Glas mit zitternder Hand hinhielt, als das Wort „Ehevertrag“ von den Lippen des Capitäns kam. „Ich will einen Theelöffel voll mit Ihnen trin⸗ ken,“ ſagte der Capitän, indem er flink von dem Piedeſtal ſeiner Achtungswürdigkeit herabſtieg und den Branntwein mit dem höchſten Genuſſe hinunter⸗ ſchlürfte. Herr Noel Vanſtone folgte tapfer dem Beiſpiele ſeines Gaſtfreundes und erwartete dann ergebensvoll und gelaſſen das kommende Gottesur⸗ theil, zurückgebeugten Hauptes und mit geballten Fäuſten— in der allbekannten Stellung welche der ganzen wenn m Zahnausr Der beſtieg w „Wir er, den „Ich hal Zeitpunkt gethan, keine and Morgeng mitbringt ich mir( ſind) nich tionen mi dem gen würde ich es würde lungen ſt die ander das Gehe Lecount Wahrheit ſamkeit 3 mit mir Eine Noel Van Nicken ſei „Sehr Herr, hab ich ein Me nd Kopf ug, um eheimniß din nicht meſſenes uflodern jebesver⸗ eſchloſſen es eine ſchnellen wurden nachher id meine älle um ings die prälimi⸗ Ohne die Aus⸗ Brannt⸗ er ſein as Wort 3 kam. nen trin⸗ von dem tieg und hinunter⸗ pfer dem ete dann Gottesur⸗ geballten elche der ich ein Mann von einem ſehr originellen Geiſtesſchlage 211 ganzen civiliſirten Menſchheit gemeinſchaftlich iſt, wenn man nämlich in dem Schmerzensſtuhl des Zahnausreißers ſizt. Der Capitän ſezte ſein leeres Glas nieder und beſtieg wieder ſein Piedeſtal. „Wir ſprachen eben von dem Chevertrag,“ ſagte er, den Faden des Geſprächs wieder anknüpfend. „Ich habe bereits, Herr Vanſtone, zu einem frühern Zeitpunkt unſerer Unterhaltung davon Erwähnung gethan, daß meine Nichte dem Manne ihrer Wahl keine andere Ausſteuer als die unſchäzbarſte aller Morgengaben, die Morgengabe ihrer eigenen Perſon, mitbringt. Dieſes Umſtandes egen indeſſen laſſe ich mir(wie Sie ohne Zweifel ſchon gewahr worden ſind) nicht das Recht rauben, di üblichen Stipula⸗ tionen mit ihrem künftigen Gatten zu treffen. Nach dem gewöhnlichen Verlauf ſolcher Angelegenheiten würde ich meinen Rechtsbeiſtand zu Ihnen ſchicken, es würden vielſeitige Berathungen und Verhand⸗ lungen ſtattfinden, es würde eine Verzögerung um die andere erfolgen, fremde Perſonen würden ſich in das Geheimniß Ihrer Abſichten eindrängen, und Frau Lecount würde früher 35 ſpäter zur Kenntniß der Wahrheit gelangen die Sie ihr mit ſo vieler Sorg⸗ ſamkeit zu verbergen beſtreben. Sind Sie ſo weit mit mir einverſtanden?“ Eine unansſprech iche Spannung verſchloß Herrn Noel Vanſtones Lippen. Er konnte bloß durch ein Nicken ſeines Kopfes antworten. „Sehr gut,“ ſagte der Capitän.„Nun, mein Herr, haben Sie möglicher Weiſe ſchon beobachtet daß 212 bin. Wenn ich Ihnen bisher noch nicht in dieſem Lichte erſchienen, ſo muß ich nothwendiger Weiſe Sie dahin aufklären, daß es gewiſſe Gegenſtände gibt, bei welchen ich hartnäckig nur auf mich ſelbſt Bedacht nehme. Der Gegenſtand in Betreff des Checontracts iſt einer davon. Laſſen Sie mich an Sie die Frage ſtellen: Was pflegt ein Vater oder Vormünder in meiner gegenwärtigen Lage gewöhn⸗ lich zu thun? Nachdem er dem Mann, welchen er zu ſeinem Schwiegerſohn gewählt und in dem er ein heiliges Pfand für das Glück eines Weibes er⸗ blickt, Vertrauen geſchenkt hat, ſchleicht er rings um dieſen Mann herum und verſchmäht es ihm die ganz und gatk untergeordnete Verantwortlichkeit der Jür⸗ ſorge für ihre pecuniäre Zukunft anzuvertrauen. Er feſſelt ſeinen Schwiegerſohn mit der bindendſten Urkunde die das Geſez nur immer hervorbringen kann, und gebraucht bei dem Gatten ſeines Kindes dieſelben Vorſichtsmaßregeln, die man anzuwenden pflegt, wenn man mit einem Fremden oder Land⸗ ſtreicher zu thun hat. Ich nenne ein ſolches Be⸗ nehmen wie dieſes im höchſten Grade unſchicklich und widerſinnig. Von mir werden Sie keine ſolche Handlungsweiſe zu erwarten haben, Herr Vanſtone, ich will Ihnen, das werden Sie finden, Nichts vor⸗ predigen was ich nicht ausübe. Ich vertraue Ihnen meine Nichte an, ich vertraue Ihnen damit aber auch jede untergeordnete Verantwortlichkeit gegen ſie und gegen mich an. Geben Sie mir Ihre Hand, mein Herr— bekräftigen Sie mir auf Ihr Chren⸗ wort, daß Sie für Ihre Frau ſorgen wollen wie es Ihrer Stellung und Ihren Mitteln angemeſſen iſt — und Augenbli macht!“ Nacht Aufträge Ueberrock und vorge Vaters, Eine vor Erſta Augenbli drückte d einem le Niemals tigen Lar viel Müh als jeze. lichen Da über die einen Me Pfund ar verlorene Ernte ar welche er Weiſe in werden, i Gefühle men ſuch bahnen, oder dur Herrn N ließ ihn e n dieſem r Weiſe eenſtände ich ſelbſt reff des mich an ter oder gewöhn⸗ elchen er dem er eibes er⸗ ings um die ganz der Für⸗ ertrauen. ndendſten rbringen 3Kindes uwenden er Land⸗ ches Be⸗ nſchicklich ne ſolche Vanſtone, chts vor⸗ ne Ihnen nit aber it gegen re Hand, r Chren⸗ n wie es heſſen iſt 213 — und die Frage des Chevertrages iſt von dieſem Augenblick an zwiſchen uns ein⸗ für allemal abge⸗ macht!“ 3 Nachdem er ſich in dieſem erhabenen Tone der Aufträge Magdalenens entledigt, knüpfte er ſeinen Ueberrock auf und ſaß da mit hochgeſtrecktem Haupt und vorgehaltener Hand, wie ein Modell eines fühlenden Vaters, und ein Bild menſchlicher Uneigennüzigkeit. Einen Augenblick lang war Herr Noel Vanſtone vor Erſtaunen buchſtäblich verſteinert. Im nächſten Augenblick ſprang er von ſeinem Stuhle auf und drückte die Hand ſeines großherzigen Freundes mit einem leidenſchaftlichen Ausbruch der Bewunderung. Niemals noch während ſeiner langen und vielgeſtal⸗ tigen Laufbahn hindurch hatte Capitän Wragge ſo viel Mühe gehabt, nicht aus der Faſſung zu kommen, als jezt. Verachtung gegen den Erguß einer erbärm⸗ lichen Dankbarkeit deren Gegenſtand er war, Triumph über die reichen Erfolge der Verſchwörung gegen einen Mann welcher ſeinen Beiſtand nur zu fünf Pfund angeſchlagen hatte, tiefes Bedauern über die verlorene Gelegenheit der Einſammlung einer reichen Ernte auf dem Felde des moraliſchen Ackerbaus, welche entſchlüpfen zu laſſen ſeine Furcht, möglicher Weiſe in die bevorſtehenden Folgen verwickelt zu werden, ihn genöthigt hatte— all dieſe verſchiedenen Gefühle beſturmten des Capitäns Seele, alle zuſam⸗ men ſuchten ſich ihren Weg auf die Oberfläche zu bahnen, und entweder durch die Züge ſeines Geſichts oder durch ſeine Zunge hervorzutreten. Er ließ Herrn Noel Vanſtone ruhig im Beſize ſeiner Hand, er ließ ihn einen ganzen Haufen gellender Betheuerungen eeinzuſchlagen, ſo gibt es keinen ſchlauern Fuchs auf 214 und Verſprechungen aufſtapeln, bis er wieder die ge⸗ niß vor wohnte Herrſchaft über ſich gewonnen hatte. Nach zeitigen? Erreichung dieſes Zieles ſezte er den kleinen Mann Seite zu⸗ in ſeinen Stuhl zurück und leitete ſofort das Ge⸗ A ſpräch auf Frau Lecount über. Vanſtone „Ich meine, es wäre jezt Zeit, uns zu einer mache m Schwierigkeit zu wenden die wir noch nicht über⸗ der Dunk wunden haben,“ ſagte der Capitän.„Laſſen Sie uns Herr By annehmen, daß ich meinen Gewohnheiten und Gefüh⸗„Da len Gewalt anthue, daß ich eine ſorgfältige Ab⸗ der Capi wägung der bereits erwähnten Rückſichten zugebe, möchte ie und daß ich Ihren Wunſch, mit meiner Nichte ohne moraliſch Frau Lecounts Vorwiſſen verbunden zu werden, werther meine feierliche Zuſtimmung gebe. Erlauben Sie Herr mir zu fragen, auf welche Weiſe Sie es in dieſem ein weni Fall angehen wollen, um Ihre Abſicht durchzuführen?“„Sol „Ich weiß nicht wie ich es angehen kann,“ Capitän verſezte Herr Noel Vanſtone rathlos.„Wollten Sie llgemein mir vielleicht irgend einen Weg in Vorſchlag bringen?“ und im§ „Sie ſtellen da ein bedeutenderes Anſinnen an„Ig, mich als Sie denken, Herr Vanſtone. Ich thue nie⸗ ſchneller mals Etwas bloß zur Hälfte. Sobald ich mit mei⸗„Noe ner gewohnten Aufrichtigkeit handle, ſo bin ich(wie Capitän. Sie bereits wiſſen) bis an die äußerſte Grenze grund, der Unklugheit offenherzig. Sobald Ausnahmszu⸗ begehen? 2 ſtände mich zwingen ein entgegengeſeztes Verfahren der Welt als ich bin. Wenn ich auf Ihr ausdrück⸗ liches Verlangen meinen ehrſamen engliſchen Ueber⸗ rock hier abziehe und einen Jeſuitenrock anziehe— wenn ich aus purem Mitleiden mit Ihrer mißlichen Lage damit einverſtanden bin, daß Sie Ihr Geheim⸗ Sie ver „Sin die ge⸗ . Nach a Mann das Ge⸗ zu einer hht über⸗ Sie uns d Gefüh⸗ ige Ab⸗ zugebe, hte ohne werden, ben Sie n dieſem ühren?“ kann,“ llten Sie eingen?“ nnen an hue nie⸗ mit mei⸗ ich(wie Grenze ahmszu⸗ berfahren uchs auf ausdrück⸗ 1 Ueber⸗ ziehe— nißlichen Geheim⸗ niß vor Frau Lecount bewahren, ſo darf es keine un⸗ zeitigen Bedenklichkeiten geben, welche ich auf Ihrer Seite zu bekämpfen habe.“ „Ich meine nur ſo,“ antwortete Herr Noel Vanſtone,„daß Sie mir vorangehen ſollen. Ich mache mir gar keine Scrupel daraus die Lecount in der Dunkelheit zu halten. Aber ſie iſt verteufelt ſchlau, Herr Bygrave. Was iſt da zu machen?“ „Das ſollen Sie alſogleich hören,“ erwiderte 1 der Capitän.„Che ich meine Anſichten enthülle, möchte ich Ihre Meinung in Betreff einer abſtracten moralifchen Frage hören. Was halten Sie, mein werther Herr, vom frommen Betrug im Allgemeinen?“ Herr Noel Vanſtone ſchaute bei dieſer Frage ein wenig verblüfft darein. „Soll ich mich deutlicher ausdrücken?“ fuhr Capitän Wragge fort.„Was ſagen Sie zu dem 6 allgemein angenommenen Grundſaz, daß in der Liebe und im Krieg jede Liſt erlaubt iſt?— Ja oder Nein?“ „Ja,“ antwortete Herr Noel Vanſtone mit ſchneller Bereitwilligkeit. „Noch eine Frage und ich bin fertig,“ ſagte der Capitän.„Sehen Sie irgend einen beſondern Gegen⸗ grund, an Frau Lecount einen frommen Betrug zu begehen?“ Herrn Noel Vanſtones Entſchloſſe ein wenig zu ſchwanken.’ „Kann die Lecount vielleicht dahinter kommen?“ fragte er vorſichtig. „Sie kann es nicht wohl herausbringen, bis die verheirathet und außerhalb ihres Bereiches ſind.“ „Sind Sie deſſen verſichert?“ meit begann „Vollkommen.“ „So ſpielen Sie der Lecount gefälligſt irgend einen Streich,“ ſagte Herr Noel Vanſtone mit un⸗ ausſprechlicher Erleichterung.„Ich habe kürzlich den Verdacht gehegt, daß ſie mich zu dominiren ſuche — ich fange an zu fühlen daß ich mit der Lecount lange genug Geduld gehabt habe. Ich wünſche ſie endlich einmal vom Halſe zu bekoͤmmen.“ „Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden,“ ſagte Capitän Wragge.„Sie ſollen in acht bis zehn Tagen ihrer los ſein.“ Herr Noel Vanſtone ſprang hizig von ſeinem „Siz auf und näherte ſich dem Capitän. „Was ſagen Sie da!“ rief er aus.„Wie ge⸗ denken Sie die Lecount wegzuſchicken?“ „Ich gedente ſie auf eine Reiſe zu ſchicken,“ ver⸗ ſezte Capitän Wragge. „Wohine „Von Ihrem Hauſe zu Aldborough an ihres Bruders Krankenlager zu Zürich.“ Herr Noel Vanſtone fuhr bei dieſer Antwort zurück und nahm ſchnell wieder ſeinen Siz ein. „Wie wollen Sie das machen?“ fragte er in der größten Verwirrung.„Ihr Bruder, möchte er beim Teufel ſein! befindet ſich viel beſſer. Sie hat dieſen Morgen einen zweiten Brief von Zürich erhalten.“ „Sahen Sie den Brief?“ „Ja. Sie grämte ſich immer ſo gehr um ihren Bruder ab— ſie wollte mir den Brief zeigen.“ 1 „Von wem iſt er und was enthielt er?“ „Er war vom Doctor— dieſer ſchreibt immer 03 ſie. Ich kümmere mich keinen Strohhalm um ihr Bruder Briefe, Kranke nicht wi bieten, Geneſun Wi als Sie „O ſie ihre „Kö „Na muß im wo ſie i niemals ſicht ver Hausord „Se Brief davon mir den laſſen.“ „Wo „Ich ich es trauten rechnen geſpielt Wo . 2 fragte H ₰ ch „ Ich Frau Le tirgend mit un⸗ zlich den een ſuche Lecount nſche ſie Capitän gen ihrer ſeinem Wie ge⸗ en,“ ver⸗ in ihres Antwort ein. er in der er beim at dieſen alten.“ im ihren heigen.“ . mmer og im ihr 217 Bruder und entſinne mich nicht viel mehr von dem Briefe, mit Ausnahme daß er ziemlich kurz war. Der Kranke befände ſich viel beſſer, und wenn der Doctor nicht wieder ſchreibe, ſo möge ihr das eine Garantie bieten, daß ihr Bruder auf dem Weg vollſtändiger Geneſung wäre. Das war der hauptſächlichſte Inhalt.“ „Wiſſen Sie nicht wohin ſie den Brief legte, als Sie ihn ihr wieder zurückgaben?“ „O ja. Sie legte ihn in die Schublade worin ſie ihre Rechnungsbücher aufzubewahren pflegt.“ „Können Sie zu dieſer Schublade kommen?“ „Natürlich! Ich beſize einen Nachſchlüſſel— ich muß immer einen Nachſchlüſſel zu dem Plaz haben wo ſie ihre Rechnungsbücher aufbewahrt. Ich gebe niemals zu doß die Rechnungsbücher meiner Durch⸗ ſicht verſchloſſen bleiben; das gehört einmal zur Hausordnung.“ „Seien Sie ſo gut, Herr Vanſtone, den heutigen Brief zu holen, ohne daß die Haushälterin etwas davon merkt und erweiſen Sie mir die Gefälligkeit mir den Brief auf eine oder zwei Stunden zu über⸗ laſſen.“ „Warum wünſchen Sie das?“ „Ich habe zuvor mehrere Fragen zu ſtellen, ehe ich es Ihnen ſagen kann. Beſizen Sie keinen ver⸗ trauten Freund zu Zürich, auf deſſen Beiſtand Sie rechnen können, wenn der Frau Lecount ein Streich geſpielt werden ſoll?“ „Was für einen Beiſtand verſtehen Sie darunter?“ fragte Herr Noel Vanſtone. „Ich meine,“ ſagte der Capitän,„Sie ſollten an Frau Lecount in Aldborough einen Brief ſchreiben, 218 welcher in einen andern Brief an einen Ihrer Freunde in der Ferne eingeſchloſſen wäre. Dann meine ich, Sie ſollten dieſem Freund Anleitung geben, daß er Ihnen zu einem harmloſen Scherz Beiſtand leiſte, indem er den Brief an Frau Lecount zu Zü⸗ rich auf die Poſt gebe. Kennen Sie irgend Jemand dort, auf den Sie in dieſer Beziehung zählen könnten?“ „Ich kenne zwei Perſonen auf die ich mich ver⸗ laſſen kann!“ rief Herr Noel Vanſtone.„Beide Da⸗ men— beide Junggeſellinnen— beide erbitterte Feindinnen der Lecount. Aber was iſt Ihre Ab⸗ ſicht dabei, Herr Bygrave? Obgleich es mir in der Regel an Scharfſinn nicht mangelt, ſo ſehe ich doch Ihre Abſicht nicht ein.“ „Sie ſollen ſie alsbald einſehen, Herr Vanſtone.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich, ging an ſein Schreibpult an der Zimmerecke und ſchrieb ein Paar Zeilen auf ein Blatt Papier. Nachdem er dieſelben zuerſt ſelbſt bedächtlich durchgeleſen, winkte er Herrn Noel Vanſtone herbeizukommen und ſie ebenfalls zu leſen. „Seit ein paar Minuten,“ ſagte der Capitän, indem er wohlgefällig mit der Spize ſeiner Schreib⸗ feder auf ſeinen Entwurf hindeutete,„hatte ich die Ehre den Anfang der Verübung eines frommen Betrugs an Frau Lecount zu machen. Hier iſt er!“ Er räumte ſeinen Stuhl am Schreibtiſch ſeinem Gaſte ein. Herr Noel Vanſtone ſ ſich und las „Meine werthe Madame! Ich bedaure recht ſehr Ihnen mittheilen zu müſſen, daß Ihr. Bruder 9 1 3 9r einen heftigen Krankheitsrückfall erlitten. Die Symp⸗ tome ſin ſchmerzli Kranken mögliche Krankhei alle Hof Aber ich Einklang zum Sch ſehr fat zu laſſe u. dgl. Capi auf den Niedrig Vanſton bei dem Stellung den ang hatte ih gründe noch eit Vaters ſeines e ſeinem daran e weitere eben jez hatte ol türliches halten, nen und Ihrer Dann g geben, Zeiſtand zu Zü⸗ Jemand nnten?“ tich ver⸗ ide Da⸗ rbitterte hre Ab⸗ in der ich doch nſtone.“ ging an rieb ein hddem er ,winkte und ſie Capitän, Schreib⸗ ich die frommen iſt er!“ ſeinem und las re recht „Bruder Symp⸗ 219 tome ſind ſo bedenklicher Natur, daß ich es für meine ſchmerzliche Pflicht halte, Sie augenblicklich an ſein Krankenlager hierher zu berufen. Ich gebe mir alle mögliche Mühe, den wiederholten Fortſchritten der Krankheit Einhalt zu thun und ich habe noch nicht alle Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg verloren. Aber ich kann es mit meinem Geywiſſen nicht in Einklang bringen, Sie über die ernſthafte Wendung zum Schlimmen im Befinden meines Patienten, was ſehr fatale Folgen haben könnte, in Unwiſſenheit zu laſſen. Mit vieler Theilnahme verbleibe ich u. dgl. u. dgl.“ Capitän Wragge harrte mit etwas Aengſtlichkeit auf den Effect den ſein Brief hervorbringen würde. Niedrig geſinnt, ſelbſtſüchtig und feige, wie Noel Vanſtone war, mochte er wohl einige Beklemmung bei dem Gedanken fühlen, einem Weibe das in der Stellung von Frau Lecount ihm gegenüber ſtand den angeſonnenen Betrug ſpielen zu ſollen. Sie hatte ihm redlich gedient, ſo intereſſirt ihre Beweg⸗ gründe dazu auch ſein mochten— ſie hatte, als er noch ein Knabe war, das vollſte Vertrauen ſeines Vaters genoſſen— ſie lebte jezt unter dem Schirme ſeines eigenen Daches. Konnte er das Alles aus ſeinem Gedächtniſſe verbannen, und wenn er ſich daran erinnerte, konnte er ſeine Gehilfin ſo ohne alle weitere Zögerung dem Plane Preis geben, der ihm eben jezt vorgeſchlagen worden war? Capitän Wragge hatte ohne ſein Wiſſen noch Glauben genug an na⸗ türliches Gefühl der Menſchheit in ſich zurück be⸗ halten, um daran zu glauben. Zu ſeinem Erſtau⸗ nen und, das muß hinzugefügt werden, auch zu ſei⸗ 220 ner Herzenserleichterung erwieſen ſich ſeine Annah⸗ men als vollſtändig grundlos. Die einzigen Re⸗ gungen, die bei Durchleſung des Briefes in Noel Vanſtones Geiſt aufſtiegen, waren eine herzliche Be⸗ wunderung der Idee ſeines Freundes und eine prah⸗ leriſche Beſorgtheit, den Ruhm, die Perſönlichkeit zu ſein, welche jene Idee ausführte, ſich ſelbſt zuzu⸗ wenden. Alle Tage mag es Beiſpiele von einem Narren geben, der keine Memme iſt, alle Tage kann man gelegentlich ein Exemplar von einem Narren finden, der nicht verſchlagen iſt— aber es wird vernünftiger Weiſe bezweifelt werden können ob es nach der Erfahrung erweisbarer Maßen einen Nar⸗ ren gebe der nicht grauſam iſt. „Vortrefflich!“ rief Herr Vanſtone, indem er in ſeine Hände klatſchte.„Herr Bygrave, Sie ſind ſo gut wie Figaro in dem franzöſiſchen Luſtſpiel. Um vom Franzöſiſchen zu ſprechen, ſo findet ſich ein bedenklicher Fehler in dieſem artigen Briefchen von Ihnen vor— es iſt in der unrechten Sprache ge⸗ ſchrieben. Wenn der Doctor an die Lecount ſchreibt, ſo ſchreibt er franzöſiſch. Vielleicht ſezten Sie vor⸗ aus daß ich es überſezen würde. Sie werden ohne meine Hilfe damit nicht fertig, oder? Ich ſchreibe franzöſiſch ſo fließend wie engliſch. Schauen Sie einmal auf mich! Ich will das Briefchen, während ich hier ſize, mit ein paar Federzügen überſezen.“ Er vollendete die Ueberſezung faſt ſo ſchnell, als Ca⸗ pitän Wragge das Original zu Stande gebracht hatte. „Warten⸗Sie eine Minute!“ rief er in kunſt⸗ richterlichem Hochtriumph über die Entdeckung eines zweiten Mangels in dem Entwurf ſeines geiſtreichen Freundes Datum „Ich Capitän ben den verbeſſer Herr Gedanke keit eine Verbeſſer endlich lehnte e „Ich zu nehm irgend Datums „Vie unbändi der Zeit gelangt. aus, S genügen Sie mit wir wol den Sch Her⸗ tän Wr men hin Die Po Jahre noch ſel nach Zü Annah⸗ gen Re⸗ in Noel iche Be⸗ ie prah⸗ ollichkeit sſt zuzu⸗ einem ge kann Narren es wird nob es en Nar— m er in ſind ſo l. Um ſich ein hen von ache ge⸗ ſchreibt, Sie vor⸗ den ohne ſchreibe ten Sie während zen.“ als Ca⸗ ht hatte. n kunſt⸗ ng eines iſtreichen 221 Freundes.„Der Doctor fügt ſeinen Briefen ſtets das Datum bei. Hier in Ihrem ſteht kein Datum.“ „Ich überlaſſe das Datum Ihnen,“ ſagte der Capitän mit einem ſardoniſchen Lächeln.„Sie ha⸗ ben den Fehler entdeckt, mein werther Herr; bitte, verbeſſern Sie ihn!“ Herr Noel Vanſtone betrachtete ſich in ſeinen Gedanken die gewaltige Kluft, die zwiſchen der Fähig⸗ keit einen Fehler zu entdecken und der Fähigkeit ein Verbeſſerungsmittel anzuwenden liegt. Er befolgte endlich das Beiſpiel manches klügern Mannes und lehnte es ab ſich der Sache zu unterziehen. „Ich konnte nicht daran denken mir die Freiheit zu nehmen,“ ſagte er höflich.„Vielleicht hatten Sie irgend einen Beweggrund für die Auslaſſung des Datums.“ „Vielleicht iſt es ſo,“ entgegnete der Capitän in unbändig guter Laune.„Das Datum hängt von der Zeit ab, binnen welcher ein Brief nach Zürich gelangt. Ich kenne mich in dieſem Punkt noch nicht aus, Sie müſſen aber aus der Zeit Ihres Vaters genügende Erfahrung hierüber beſitzen. Gewähren Sie mir die Wohlthat gefälliger Mittheilung und wir wollen ſodann das Datum hinzufügen, ehe Sie den Schreibtiſch verlaſſen.“ Herrn Noel Vanſtones Erfahrung war, wie Capi⸗ tän Wragge ganz richtig vermuthet hatte, vollkom⸗ men hinreichend die Zeitfrage alsbald zu erledigen. Die Poſtverbindungsmittel auf dem Continent(im Jahre achtzehnhundert und ſiebenundvierzig) waren noch ſehr dürftig und ein Brief, der von England nach Zürich und von Zürich wieder zurück nach Eng⸗ 222 land geſchickt wurde, brauchte zu dieſer doppelten Reiſe damals zehn Tage mit der Poſt. „Datiren Sie den Brief auf Franzöſiſch fünf Tage von morgen an voraus,“ ſagte der Capitän, nach⸗ dem er dieſe Mittheilung erhalten hatte.„Ganz gut. Das Nächſte iſt jezt daß Sie mir das Schrei⸗ ben des Doctors ſo bald als möglich einhändigen. Es iſt durchaus nöthig daß ich mich vorerſt einige Stunden lang einübe, ehe ich Ihre Ueberſezung ab⸗ ſchreiben und dabei zugleich die Handſchrift des Doc⸗ tors genau nachahmen kann. Haben Sie etwa aus⸗ ländiſches Schreibpapier? Laſſen Sie mir ein Paar Bogen zukommen und ſchicken Sie mir zu gleicher Zeit einen Umſchlag mit der Adreſſe an eine Ihrer befreundeten Damen zu Zürich, nebſt einem Begleit⸗ ſchreiben welches die erforderliche Bitte enthält, den Einſchluß auf die Poſt zu geben. Das iſt die ganze Mühe, Herr Vanſtone, die ich Ihnen zu machen brauche. Ich möchte durchaus nicht ungaſtfreund⸗ lich erſcheinen; aber je bälder Sie mir die Materia⸗ lien beiſchaffen können, um ſo mehr Vergnügen wird es mir machen. Wir verſtehen einander doch ganz und gar, glaube ich? Ich habe Ihre Werbung um die Hand meiner Nichte angenommen und ich gebe einer heimlichen Heirath in Anbetracht der auf Ihrer Seite obwaltenden Umſtände meine feierliche Zuſtim⸗ mung. Eine kleine harmloſe Kriegsliſt iſt nothwen⸗ dig um Ihre Abſichten zu fördern. Ich ſinne dieſe Kriegsliſt auf Ihr Verlangen aus und Sie machen davon ohne das geringſte Bedenken Gebrauch. Das Reſultat davon iſt daß in zehn Tagen, von morgen an gerechnet, Frau Lecount auf dem Weg nach der Schweiz von mor und den decken n wird F ſein, die und zug nen Hoc begriffen tig an, len! C 8 „Ich gen Frö Vanſton „Wi Wragge aber ich Tage. daß wir Frau LE „Ich ſten Tie hizig ar gut zu was ſol „Do der Ca⸗ Spazier gentlich, hier vo nicht, 1 ſelben. oppelten uf Tage I, nach⸗ „Ganz Schrei⸗ ändigen. t einige ung ab⸗ des Doc⸗ wa aus⸗ in Paar gleicher le Ihrer Begleit⸗ dält, den die ganze machen ſtfreund⸗ Materia⸗ gen wird och ganz ung um ich gebe uf Ihrer Zuſtim⸗ nothwen⸗ ine dieſe machen ch. Das morgen nach der 223 Schweiz ſein wird, daß in vierzehn Tagen, ebenfalls von morgen an, Frau Lecount nach Zürich gelangen und den Streich, den wir ihr geſpielt haben, ent⸗ decken wird. In zwanzig Tagen von morgen an wird Frau Lecount wieder in Aldborough zurück ſein, die Verehelichungsacten auf dem Tiſche finden, und zugleich erfahren daß ihr Herr auf einem klei⸗ nen Hochzeitsausflug für die Zeit der Flitterwochen begriffen ſei. Ich nehme das als arithmetiſch rich⸗ tig an, weil es ſich von ſelbſt verſteht. Gott. empfoh⸗ len! Guten Morgen!“ „Ich hoffe doch, ich werde das Glück haben, mor⸗ gen Fräulein Bygrave zu ſehen?“ ſagte Herr Noel Vanſtone, indem er ſich an der Thüre umdrehte. „Wir müſſen vorſichtig ſein,“ verſezte Capitän Wragge.„Ich will es für morgen nicht verhindern, aber ich gebe kein Verſprechen für die folgenden Tage. Erlauben Sie mir Sie daran zu erinnern, daß wir für die nächſten zehn Tage es noch mit Frau Lecount zu thun haben.“ „Ich wünſchte, Frau Lecount wäre in der tief ſten Tiefe der Nordſee!“ rief Herr Noel Vanſtone hizig aus.„Sie haben über ihre Behandlung ganz gut zu reden.— Sie wohnen nicht im Hauſe. Aber was ſoll ich thun?“ „Das will ich Ihnen morgen ſagen,“ antwortete der Capitän.„Machen Sie ſich allein zu Ihrem Spaziergang auf den Weg und ſprechen Sie gele⸗ gentlich, wie Sie heute gethan haben, um zwei Uhr hier vor. Mittlerweile vergeſſen Sie die Sachen nicht, um die ich Sie gebeten. Verſiegeln Sie die⸗ ſelben zuſammen in einem großen Couvert. Sobald 224 Sie damit fertig ſind, laden Sie Frau Lecount ein Sie wie gewöhnlich auf Ihrem Spaziergang zu be⸗ gleiten, und während ſie ſich in ihr oben gelegenes Zimmer begibt, um ihren Hut aufzuſezen, ſchicken Sie Ihr Dienſtmädchen über Hals und Kopf zu mir. Sie haben mich doch verſtanden? Guten Morgen!“ Eine Stunde ſpäter traf das verſiegelte Couvert mit ſeinem Inhalte vollſtändig wohlerhalten bei Capitän Wragge ein. Die doppelte Aufgabe, ein⸗ mal eine fremde Handſchrift Zug für Zug nachzu⸗ ahmen, ſodann Worte, die in einer Sprache, welche er bloß oberflächlich kannte, richtig und genau zu copiren, bot mehr Schwierigkeit in Betreff ihrer Ueberwältigung dar als der Capitän ſich vorgeſtellt hatte. Es ſchlug bereits eilf Uhr, bevor er mit ſei⸗ nem Geſchäft das er unternommen allmählich vollends zu Stande kam und das Schreiben nach Zürich zur Aufgabe auf die Poſt fertig war. Ehe er zu Bette ging, machte er noch einen Aus⸗ gang auf den einſamen Paradeplaz, um daſelbſt die friſche Abendluft einzuathmen. Alle Lichter in dem Landhaus zur Seeausſicht waren ausgelöſcht, als er in dieſer Richtung hinſchaute, nur im Fenſter der Haushälterin erblickte er noch Licht. Capitän Wragge ſchüttelte argwöhniſch ſeinen Kopf; er hatte bis zum jezigen Zeitpunkt Erfahrungen genug gemacht, um das Wachen der Frau Lecount mit mißtrauiſchen Augen zu betrachten. Went mer hätt dem Par ſter beobe die Hau⸗ ſinnen ül fes welch So ſein moc daß ihre in ihren nun zun Pendril er von ſ fügung ſcheidende ſie Herrn von wel⸗ würde um eine ten Geſch Frau Le⸗ getäuſcht währ ſer die Pro , Nacken ſtone die Aldboron Colli zunt ein zu be⸗ elegenes ſchicken zu mir. orgen!“ Couvert lten bei be, ein⸗ nachzu⸗ , welche enau zu eff ihrer orgeſtellt mit ſei⸗ vollends lrich zur nen Aus⸗ elbſt die in dem , als er nſter der Wragge bis zum icht, um rauiſchen Neuntes Capitel. Wenn Capitän Wragge in Frau Lecounts Zim⸗ mer hätte hineinblicken können— während er auf dem Paradeplaz ſtand und das Licht in ihrem Fen⸗ ſter beobachtete— ſo würde er geſehen haben daß die Haushälterin daſaß, ganz verſunken in Nach⸗ ſinnen über ein Stückchen werthloſen braunen Stof⸗ fes welches auf ihrem Toilettentiſche lag. So ärgerlich es für Frau Lecount auch immer ſein mochte, ſo konnte ſie ſich doch nicht verhehlen daß ihre Sache den Krebsgang ginge und ſie ſich in ihren Berechnungen getäuſcht habe. Was war nun zunächſt anzufangen? Wenn ſie nach Herrn Pendril ſchickte und er auf ein Paar Stunden, die er von ſeiner Geſchäftszeit abbrach und ihr zur Ver⸗ fügung ſtellte, nach Aldborough kam, welche ent⸗ ſcheidende Maßregel konnte er da ergreifen? Wenn ſie Herrn Noel Vanſtone den Originalbrief zeigte, von welchem ihr Billet einen Auszug enthielt, ſo würde er natürlich alsbald bei dem Schreiber um eine Erklärung nachſuchen, würde dem erdichte⸗ ten Geſchichtchen auf die Spur kommen, durch welche Frau Lecount mit ſo vielem Erfolg Fräulein Garth getäuſcht hatte, und würde jedenfalls auf die Ge⸗ währ ſeiner eigenen Augen hin noch erklären daß die Probe in Betreff der Muttermäler auf dem Nacken durchaus mißlungen wäre. Fräulein Van⸗ ſtone die ältere, deren unerwartete Anweſenheit zu Aldborough vielleicht Wunder gethan, deren Stimme. Collins, Namenlos. III. 15 226 in dem Vorſaal zu Nordſteinvilla in dem Moment, wo man ihr weitern Zutritt verweigert haben würde, möglicher Weiſe zu den Ohren der Schweſter gedrun⸗ gen wäre und zu augenblicklichen Reſultaten geführt hätte— Fräulein Vanſtone, die ältere, befand ſich außerhalb des Vaterlandes und kehrte wahrſcheinlich mindeſtens vor einem Monat nicht zurück. So un⸗ ruhig Frau Lecount auf den bisher von ihr einge⸗ ſchlagenen Weg zurückblickte, ſo konnte ſie doch keinen Ausgang aus dem Labyrinth der aufgehäuften Schwierigkeiten auffinden, die dem Erfolg ihrer Pläne einen Riegel vorſchoben. Ein anderes Weib dürfte in dieſer Lage gewartet haben, bis eine Veränderung der Umſtände einge⸗ treten wäre und wirkſamen Beiſtand geleiſtet hätte. Frau Lecount verfolgte muthig ihre Schritte und beſchloß den Weg zu ihrem Ziele in einer neuen Richtung aufzuſuchen. Sie verzichtete vor der Hand auf jeden weitern Verſuch eines Beweiſes, daß die falſche Fräulein Bygrave die wahre Magdalene Vanſtone wäre— ſie entſchloß ſich dem Felde ihrer nächſten Beſtrebungen engere Grenzen anzuweiſen, die thatſächliche Frage über Magdalenens Identität ganz unberührt zu laſſen und ſich damit zufrieden zu geben, daß die junge Dame die ihn zu Nordſtein⸗ villa in ſo viel Entzücken verſezte, und die verkleidete Dame die ihm auf der Vaurhallpromenade ſo viel Schrecken eingejagt hatte, eine und dieſelbe Perſon wären. Aller Augenſcheinlichkeit nach waren die Mittel zur Durchführung des neuen Plans weit weniger bequem in Betreff des zu liefernden Beweiſes, als V die Mitte Frau Lec Beiſtand wohlwolle geſchoben, Pendril o hing der in erſter einen hei und in zu findig zu aus welch ausgeſchn von Frär Inden in der Ord beſchloß den, von kleidungen obachten auf die † beſtechend wäre. S ſtig ausn Geldes o oder ſein ſteinvilla zu der zu Schwierig robe zu Wenn wies, ſo Moment, n würde, gedrun⸗ geführt fand ſich ſcheinlich So un⸗ hr einge⸗ ach keinen gehäuften ter Pläne gewartet de einge⸗ tet hätte. ritte und er neuen der Hand daß die tagdalene elde ihrer zuweiſen, Identität zufrieden Nordſtein⸗ verkleidete de ſo viel de Perſon ie Mittel weniger eiſes, als V 227 die Mittel zur Durchſezung des Planes auf welchen Frau Lecount eben verzichtet hatte. Hier war kein Beiſtand von Andern zu erwarten, keine ſcheinbar wohlwollenden Motive konnten als ein Vorwand vor⸗ geſchoben, keine Einladung zu kommen an Herrn Pendril oder Fräulein Garth er Tlaſien werden. Hier hing der Haushälterin einzige Ausſicht auf Erfolg in erſter Linie lediglich von der Möglichkeit ab, ſich einen heimlichen Zutritt ins Haus zu verſchaffen und in zweiter Linie von ihrer Geſchicklichkeit, aus⸗ findig zu machen ob das denkwürdige Alpacakleid, aus welchem ſie ein Stückchen Zeug verſtohlen her⸗ ausgeſchnitten ſhatte, glücklicher Weiſe einen Theil von Fräulein Bygraves Garderobe ausmache. Indem ſie die jezt vor ihr liegenden Schwierigkeiten in der Ordnung, wie ſie ſich ihr aufdrangen, durchging, beſchloß ſie die nächſten Paar Tage dahin zu verwen⸗ den, von früh Morgens bis ſpät Abends die Be⸗ kleidungen der Bewohner der Nordſteinvilla zu be⸗ obachten und das einzige Dienſtmädchen im Hauſe auf die Probe zu ſtellen, ob es der Verſuchung eines beſtechenden Geſchenkes zu widerſtehen im Stande wäre. Sie nahm an daß der Erfolg ſich als gün⸗ ſtig ausweiſen würde und daß ſie entweder mittelſt Geldes oder durch Liſt ſich ohne Herrn Bygraves oder ſeiner Nichte Vorwiſſen Einlaß in die Nord⸗ ſteinvilla verſchaffen könnte und wandte ſich hierauf zu der zweiten von den beiden Schwierigkeiten— der Siwierigteit, Zutritt zu Fräulein Bygraves Garde⸗ robe zu erl angen. Wenn das Dienſtmädchen ſich als beſtechbar er⸗ wies, ſo konnten alle Hinderniſſe in dieſer Richtung 228 vor der Hand als beſeitigt betrachtet werden. Zeigte ſich aber das Dienſtmädchen als eine ehrliche Perſon, ſo war das neue Problem äußerſt ſchwierig zu löſen. Lange und ſorgſame Ueberlegung der Frage führte die Haushälterin endlich zu dem kecken Entſchluſſe, im Fall mit der Magd nichts anzufangen wäre, mit Frau Bygrave ſelbſt eine Beſprechung auszuwirken. Was war die wahre Urſache der geheimnißvollen Abſchließung dieſer Dame? War ſie eine Perſon von der ſtrengſten und äußerſt ungelegenen Redlich⸗ keit? oder eine Perſon auf die man ſich in Betreff der Bewahrung eines Geheimniſſes nicht recht ver⸗ laſſen konnte? oder eine Perſon die eben ſo ver⸗ ſchmizt wie Herr Bygrave ſelbſt und als Reſerve aufgeſtellt war um zu Bewerkſtelligung einer neuen Täuſchung die erſt nachkommen ſollte ihren Beiſtand zu leihen? In den erſten zwei Fällen konnte Frau Lecount getroſt auf ihre Verſtellungsgabe und die Reſultate die ſie damit erzielen würde vertrauen. Im zweiten Fall mußte es eine weſentliche Wichtig⸗ keit für ſie bilden, einen Feind zu entdecken der im dunkeln Hintergrunde lauerte. Unter allen Umſtän⸗ den beſchloß ſie das Unternehmen zu wagen. Von den drei ihr günſtigen Möglichkeiten, auf welche ſie am Anfang des Kampfes gezählt hatte— der Möglichkeit, Magdalene mittelſt des Tones ihrer Sprache zu ertappen, der Möglichkeit, ihr mit Hilfe ihrer Freunde auf die Spur zu kommen und der Möglichkeit endlich, ſie mittelſt Frau Bygrave zu fangen, waren zwei erprobt worden und hatten ſich als nuzlos erwieſen. Die dritte ſtand jezt noch zum Ver ſtigem C So f ausgedas geſchiede vom Str Vor Capitän rich eige kunft 1 keine vo gefällt, wichtige ergreifen Zu denklichk Ankunft ſelbſt al Er aufgetra ruhig a⸗ herabgen über ihr ſie bei Capitän empfund möchte ſchon eit hallpron Wi „ dem ſie Zeigte Perſon, dierig zu ge führte atſchluſſe, häre, mit zuwirken. mißvollen e Perſon Redlich⸗ n Betreff recht ver⸗ n ſo ver⸗ 3 Reſerve ner neuen Beiſtand nte Frau und die vertrauen. Wichtig⸗ en der im Umſtän⸗ en. Von welche ſie — der nes ihrer mit Hilfe und der grave zu hatten ſich jezt noch 229 zum Verſuche bereit und die dritte konnte von gün⸗ ſtigem Erfolg ſein. So ſchmiedete die Feindin des Capitäns ihren fein ausgedachten Anſchlag gegen ihn in der heimlichen Ab⸗ geſchiedenheit ihrer Kammer, während er ſelbſt außen vom Strand her das Licht in ihrem Fenſter beobachtete. Vor dem Frühſtück am nächſten Morgen gab Capitän Wragge den nachgemachten Brief nach Zü⸗ rich eigenhändig auf die Poſt. Vor ſeiner Zurück⸗ kunft nach Nordſteinvilla hatté ſein Geiſt noch keine vollſtändige Entſcheidung über die Maßregeln gefällt, welche er gegen Frau Lecount für die hoch⸗ wichtige Zwiſchendauer der nächſtfolgenden zehn Tage ergreifen ſollte. Zu ſeinem größten Erſtaunen wurden ſeine Be⸗ denklichkeiten in Betreff dieſes Punktes bei ſeiner Ankunft zu Hauſe mit einem Male durch Magdalene ſelbſt abgeſchnitten. Er fand ſie in dem Zimmer, wo das Frühſtück aufgetragen war, auf ihn wartend. Sie ſchritt un⸗ ruhig auf und ab, ihr Haupt war auf ihren Buſen herabgeneigt, ihre Haare flatterten in Unordnung über ihre Schultern herab. In dem Moment, wo ſie bei ſeinem Eintreten aufſchaute, empfand der Capitän die Furcht, welche Frau Wragge vor ihm empfunden hatte— die Furcht nämlich, ihr Geiſt möchte wieder zu Boden geſchmettert ſein, wie er es ſchon einmal war, als Franks Brief auf der Vaux⸗ hallpromenade zu ihr gelangt war. Wird er heute wieder kommen?“ fragte ſie, in⸗ „WD dem ſie den Stuhl welchen ihr der Capitän anbot, 230 mit ſolcher Heftigkeit von ſich ſtieß, daß er auf den Boden fiel. „Ja,“ ſagte der Capitän, indem er ihr mit ſo wenig Worten als möglich antwortete.„Er kommt um zwei Uhr.“ „Nehmen Sie mich fort von hier!“ rief ſie aus, indem ſie wild ihr Haar aus dem Geſicht ſchleuderte. „Nehmen Sie mich fort von hier, ehe er kommt. Ich kann mich des Schauders den ich vor der Verhei⸗ rathung mit ihm empfinde nicht erwehren, ſo lange ich mich an dieſem verhaßten Plaz befinde— neh⸗ men Sie mich irgendwo hin, wo ich ihn vergeſſen kann, oder ich werde wahnſinnig! Gönnen Sie mir zwei Tage Ruhe, zwei Tage entfernt von dem An⸗ blick dieſes ſchrecklichen Meeres, zwei Tage befreit von der Gefangenſchaft in dieſem ſchrecklichen Hauſe, zwei Tage irgendwohin in die weite Welt, weg von Aldborough. Ich will mit Ihnen wieder zurückkom⸗ men. Ich will es bis zum Ende durchführen! Bloß zwei Tage laſſen Sie mich vor dieſem Manne und Allem was ihn anbelangt flüchten! Hören Sie, Sie Böſewicht?“ rief ſie, indem ſie ſeinen Arm ergriff und mit raſender Leidenſchaftlichkeit ſchüttelte—„ich bin gequält genug geworden— ich kann es nicht länger ertragen!“ Es gab nur einen Weg ſie zu beruhigen und der Capitän ſchlug ihn augenblicklich ein. „Wenn Sie es verſuchen wollen, Ihre Faſſung wieder zu gewinnen,“ ſagte er,„ſo ſollen Sie im Verlauf einer Stunde Aldborough hinter ſich haben!“ Sie ließ ſeinen Arm fahren und lehnte ſich kum⸗ mervoll an die Wand hinter ihm. „Ich ſie nach „Sie ſo es verhit Sie Schürzen Der Cay wurden Taſchent „Sie dachte,“ jezt ſo es thut Die bot ihm licherer „Se „Ich bi ich bin Er einen I Thüre zurückzu in ſein Aufmer ein Bet und en human edlern Selbſte lich ha „H. auf den mit ſo Er kommt ſie aus, hleuderte. uimt. Ich r Verhei⸗ ſo lange — neh⸗ vergeſſen Sie mir dem An⸗ ge befreit en Hauſe, weg von zurückkom⸗ ten! Bloß anne und Sie, Sie em ergriff lte—„ich a es nicht higen und e Faſſung n Sie im h haben!“ ſich kum⸗ 231 „Ich will es verſuchen,“ antwortete ſie, indem ſie nach Luft rang, ihn aber weniger wild anblickte. „Sie ſollen ſich nicht über mich beklagen, wenn ich es verhindern kann.“ Sie verſuchte zerſtreut ihr Schnupftuch aus ihrer Schürzentaſche zu nehmen, aber es gelang ihr nicht. Der Capitän holte es für ſie heraus. Ihre Augen wurden fanfter, ihr Athemzug leichter, als ſie das Taſchentuch von ihm in Empfang genommen hatte. „Sie ſind ein freundlicherer Mann als ich dachte,“ ſagte ſie.„Es thut mir Leid, daß ich eben jezt ſo leidenſchaftlich zu Ihnen geſprochen habe— es thut mir ſehr, ſehr Leid!“ Die Thränen ſtahlen ſich in ihre Augen, und ſie bot ihm mit der angebornen Grazie und Güte glück⸗ licherer Tage ihre Hand. „Seien Sie mir wieder gut,“ ſagte ſie flehend. „Ich bin ja bloß ein Mädchen, Capitän Wragge— ich bin ja bloß ein Mädchen!“ Er nahm ſchweigend ihre Hand, tätſchelte ſie einen Augenblick lang— und dann öffnete er die Thüre für ſie, um wieder in ihr eigenes Zimmer zurückzugehen. Es lag eine ungekünſtelte Theilnahme in ſeinem Geſichte, als er ihr dieſe unbedeutende Aufmerkſamkeit erwies. Er war ein Vagabund und ein Betrüger, er hatte ein niederträchtiges, ſchuftiges und entehrendes Leben durchgelebt— aber er war human, und ſie hatte den Weg zu den verlorenen edlern Gefühlen in ihm gefunden, welche ſogar die Selbſtentweihung einer Schwindlerexiſtenz nicht gänz⸗ lich hatte vernichten können. „Hol der Teufel das Frühſtück!“ ſagte er, als das Dienſtmädchen auf ihren Befehl hereinkam. „Gehe ſchnell in den Gaſthof und ſage, ich brauche einen Wagen und zwei Pferde; binnen einer Stunde muß es vor der Hausthüre ſein.“ Er ging in den Gang hinaus, noch aufgeregt von dem Gefühl einer geiſtigen Unruhe, welche etwas Neues für ihn war, und ſchrie ſeinem Weibe befeh⸗ lender als je zu: „Packe zuſammen was wir für die Abweſenheit einer Woche brauchen— und ſei in einer halben Stunde fertig!“ Nachdem er dieſe Weiſungen erlaſſen hatte, kehrte er in das Frühſtückszimmer zurück und ſchaute mit ungeduldiger Verwunderung über ſeine Abneigung, ſeinem Mahle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, auf den halb gedeckten Tiſch hin. „Sie hat mir meinen erſten Appetit genommen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt mit erzwungenem Lachen. „Ich will es mit einer Cigarre und einem Gang in die friſche Luft verſuchen.“ Wenn er zwanzig Jahre jünger geweſen wäre, ſo würden dieſe Schadloshaltungen möglicher Weiſe ihre Wirkung verfehlt haben. Aber wo kann der Mann gefunden werden, deſſen innere Politik einer Revolu⸗ tion des Herzens unterläge, wenn dieſer Mann in den hohen Fünfzigern ſteht? Uebung und Ortsverände⸗ rung gaben dem Capitän ſein Gleichgewicht zurück. Er fand beim Wohlgeruch ſeiner Cigarre die ver⸗ lorene Faſſung wieder und lenkte ſeine abſchweifende Aufmerkſamkeit auf die Frage der bevorſtehenden Abweſenheit von Aldborough. Eine Ueberlegung von etwelchen Minuten gewährte ſeiner Vernunft die Befriedig Ausbruch Weges die beſte für die( ſten war Capi Abend, haus zur ihn mit der der beſize, befindlich wiſſe ni alle Mü⸗ Stelle zu Frau L hälterin Reiſe n falſche Bruders weile di wahrer dann er vorzieher ihrem§ Geldinte vertheide blieb, k Vanſton der Nor werden reinkam. brauche Stunde zhufgeregt he etwas de befeh⸗ veſenheit r halben e, kehrte aute mit neigung, ¹ laſſen, ommen,“ Lachen. m Gang wäre, ſo Zeiſe ihre er Mann Revolu⸗ in in den erände⸗ ht zurück. die ver⸗ zweifende ſtehenden derlegung nunft die 233 Befriedigung, daß Magdalenens leidenſchaftlicher Ausbruch ihn gerade zur Einſchlagung desjenigen Weges genöthigt habe, deſſen Ergreifung, wenn man die beſtehende Sachlage ſich recht hübſch betrachtete, für die Gegenwart bei weitem am wünſchenswerthe⸗ ſten war. Capitän Wragges eingreifende Fragen an jenem Abend, wo er und Magdalene auf dem Land⸗ haus zur Seeausſicht ihren Thee getrunken, hatten ihn mit peinlicher Gewißheit belehrt, daß der Bru⸗ der der Haushälterin ein anſtändiges Vermögen beſize, daß ſeine Schweſter ſeine nächſte am Leben befindliche Verwandte war, und daß es trozdem ge⸗ wiſſe nicht allzu ſehr gewiſſenhafte Bäschen gab die alle Mühe anwendeten, in ſeinem Teſtamente die Stelle zu behaupten die nach Natur der Sache bloß Frau Lecount zukam. Hierin lag für die Haus⸗ hälterin ein mächtiger Beweggrund, ſich für eine Reiſe nach Zürich beſtimmen zu laſſen, wenn der falſche Bericht über den Krankheitsrückfall ihres Bruders in England anlangte. Allein wenn mittler⸗ weile die geringſte Idee von Herrn Noel Vanſtones wahrer Stellung in ihr auftauchte— wer konnte dann errathen, ob ſie es nicht noch zur eilften Stunde vorziehen dürfte, lieber ihr großes Geldintereſſe an ihrem Herrn zu verfechten, ſtatt ihr unbedeutendes Geldintereſſe am Krankenlager ihres Bruders zu vertheidigen? Während dieſe Frage unentſchieden blieb, konnte die klare Nothwendigkeit, Herrn Noel Vanſtones wachſender Intimität mit der Familie in der Nordſteinvilla Einhalt zu thun, nicht bezweifelt werden und von allen Mitteln, dieſen Zweck zu er⸗ 234 reichen, war die zeitweilige Entfernung der Haus⸗ haltung von dem bisherigen Aufenthalt zu Aldbo⸗ rough unbeſtreitbar der unverdächtigſte. Durchaus befriedigt durch die Richtigkeit dieſes Schluſſes, be⸗ gab ſich Capitän Wragge ſchnurſtracks nach dem Landhaus zur Seeausſicht, um ſeine Entſchuldigun⸗ gen und die nöthigen Erklärungen abzugeben, ehe der Wagen ankam und die Abreiſe ſtattfand. Herr Noel Vanſtone war für den Beſuch leicht zu ſprechen; er machte eben vor dem Frühſtück im Garten ſeinen Spaziergang. Der Verdruß und Aerger über dieſen durch ſeine Rechnung gemachten Strich war ohne Rückhalt in ſeinem Geſichte zu leſen, als er die Neuigkeit hörte die ihm ſein Freund mit⸗ zutheilen hatte. Des Capitäns beredte Zunge machte ihm indeſſen bald die Nothwendigkeit einer Reſignation unter den gegenwärtigen Umſtänden begreiflich. Der bloß anſpielende Wink, daß„der fromme Betrug“ nach Allem doch fehlſchlagen dürfte, wenn irgend ein Zufall während der Zwiſchenzeit von zehn Tagen Frau Lecount ein Licht aufſteckte, hatte eine ungewöhnliche Wirkung, um Herrn Noel Vanſtone ſo geduldig und unterwürfig zu machen als gewünſcht werden konnte. „Ich werde Ihnen aus zwei guten Gründen nicht mittheilen wohin wir gehen wollen,“ ſagte Capitän Wragge, als er ſeine vorläufigen Erklärungen ver⸗ vollſtändigt hatte.„In erſter Linie habe ich meinen Kopf noch nicht in Ordnung und in zweiter Linie kann Frau Lecount, wenn Sie nicht wiſſen was un⸗ ſer Beſtimmungsort iſt, Sie auch nicht ausholen. Ich hege nicht den geringſten Zweifel, daß ſie in dieſem 2 und uns was ich habe, ſo auf ein Nichte kleine Lu guten F wünſche. zu über druck he getäuſch meine h Bekannt unſern Auf und Sie läi Sollte tragen, ich wern „W fragte „Wußte mir kein „Ur geſſen! ihre Li⸗ Her mer Ve Als ſchon d ſeinem r Haus⸗ u Aldbo⸗ Durchaus ſſes, be⸗ ach dem huldigun⸗ eben, ehe D. uch leicht hſtück im ruß und gemachten zu leſen, rund mit⸗ e Zunge keit einer imſtänden daß„der en dürfte, viſchenzeit aufſteckte, rrn Noel u machen nden nicht Capitän ngen ver⸗ ch meinen iiter Linie was un⸗ ausholen. daß ſie in 235 dieſem Augenblick hinter dem Fenſtervorhang ſteht und uns von dort aus beobachtet. Wenn ſie fragt was ich dieſen Morgen bei Ihnen zu thun gehabt habe, ſo erzählen Sie ihr daß ich gekommen ſei um auf ein Paar Tage Lebewohl zu ſagen, weil meine Nichte ſich wieder nicht ganz wohl fühle, und eine kleine Luftveränderung vorzunehmen und dabei einigen guten Freundinnen einen kurzen Beſuch abzuſtatten wünſche. Wenn Sie dann ſo nebenher, ohne jedoch zu übertreiben, auf Frau Lecounts Geiſt den Ein⸗ druck hervorbringen könnten, daß Sie ſich in mir getäuſcht fühlten und daß Sie lieber geneigt wären, meine herzliche Aufrichtigkeit in Unterhaltung Ihrer Bekanntſchnft in Zweifel zu ziehen, ſo würden Sie unſern gegenwärtigen Plan in hohem Grade fördern. Auf unſere Zurückkunft nach der Nordſteinvilla dürfen Sie längſtens in vier oder fünf Tagen rechnen. Sollte ſich mittlerweile etwas mir Auffallendes zu⸗ tragen, ſo ſteht uns die Poſt immer zu Gebote und ich werde nicht ermangeln Ihnen zu ſchreiben.“ „Wird nicht Fräulein Bygrave mir ſchreiben?“ fragte Herr Noel Vanſtone in kläglichem Tone. „Wußte ſie, daß Sie hieher gingen? Schickte ſie mir keine Botſchaft?“ „Unverzeihlich von meiner Seite, daß ich es ver⸗ geſſen habe,“ rief der Capitän.„Sie ſchickt Ihnen ihre Liebe.“ Herr Noel Vanſtone ſchloß ſeine Augen in ſtum⸗ mer Verzückung. Als er ſie wieder öffnete war Capitän Wragge ſchon durch die Gartenthüre fortgegangen und auf ſeinem Wege zurück nach der Nordſteinvilla. Sobald 236 ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, eilte Frau Lecount von ihrem Beobachtungspoſten den ſie, wie der Capitän ganz richtig vermuthet hatte, eingenom⸗ men, herab und wendete ſich an ihren Herrn mit der Frage, von welcher der Capitän ebenfalls ganz richtig vorausgeſehen hatte daß ſie nach ſeiner Ent⸗ fernung erfolgen würde. Die empfangene Antwort machte aber bloß einen einzigen Eindruck auf ſie. Sie hielt Alles nur für einen lügenhaften Vorwand und kehrte wieder an ihr Fenſter zurück, um die Nordſteinvilla wachſamer als je zu beobachten. Zu ihrem äußerſten Erſtaunen ſah ſie nach Ver⸗ fluß von weniger als einer halben Stunde einen leeren Wagen vor Herrn Bygraves Hausthüre vor⸗ fahren. Reiſegepäck wurde herausgebracht und in das Fuhrwerk gepackt. Fräulein Bygrave erſchien und nahm ihren Siz darin. Ihr folgte in den Wa⸗ geu eine Dame von großem Caliber und hoher Statur, in welcher die Haushälterin Frau Bygrave vermuthete. Hierauf kam das Dienſtmädchen und ſtand wartend auf dem Fahrweg. Die lezte Perſon, die erſchien, war Herr Bygrave. Er verſchloß die Hausthüre und nahw den Schlüſſel mit ſich fort in ein unweit liegendes Landhaus, wo der Eigenthümer der Nordſteinvilla wohnte. Bei ſeiner Rückkehr nickte er dem Dienſtmädchen zu, das ſich in der Richtung eines niedriger gelegenen Theiles der klei⸗ nen Stadt entfernte, und ſchloß ſich ſodann den Damen in dem Wagen an. Der Kutſcher beſtieg den Bock und das Inhrwerk verſchwand. Frau Lecount legte das Opernglas, mittelſt deſſen ſie dieſe Vorgänge ganz in der Nähe hatte beobachte wirrung ſchämte. dabei ha ſo über menſchlich dringlich Frau einer ſch. ſeinerſeit hatte, u ruhe an der das ten wür Zukunft dung in Morgen⸗ Mochte ſein was rückgebli die Perſ hälterin Lecount an Silb fort auf mädchen Sie chem He villa zu gegenwoͤ kundſcha ſich ihr lte Frau ſie, wie ingenom⸗ derrn mit alls ganz iner Ent⸗ Antwort auf ſie. Vorwand um die ten. nach Ver⸗ de einen hüre vor⸗ und in erſchien den Wa⸗ nd hoher Bygrave chen und te Perſon, ſchloß die ch fort in genthümer Rückkehr h in der der klei⸗ dann den er beſtieg mittelſt ähe hatte 237 beobachten können, mit dem Gefühle rathloſer Ver⸗ wirrung nieder, welche einzugeſtehen ſie ſich beinahe ſchämte. Die verborgene Abſicht, die Herr Bygrave dabei haben mochte daß er ſein Haus zu Aldborough ſo über Hals und Kopf von allen darin lebenden menſchlichen Weſen entleerte, war für ſie ein undurch⸗ dringliches Geheimniß. Frau Lecount unterwarf ſich den Umſtänden mit einer ſchnellen Reſignation, welche Capitän Wragge ſeinerſeits in einer ähnlichen Situation nicht gezeigt hatte, und verſchwendete weder Zeit noch Gemüths⸗ ruhe an nuzloſe Muthmaßungen! Ob der Schleier der das Geheimniß bedeckte, ſich verdichten oder lüf⸗ ten würde, das überließ ſie der Entſcheidung der Zukunft und faßte ausſchließlich nur die Nuzanwen⸗ dung ins Auge, welche ſie aus dem Ereigniſſe des Morgens in ihrem eigenen Intereſſe machen konnte. Mochte aus der Familie auf Nordſteinvilla geworden ſein was immer wollte, das Dienſtmädchen war zu⸗ rückgeblieben— und gerade das Dienſtmädchen war die Perſon, deren Beiſtand für die Pläne der Haus⸗ hälterin von äußerſter Wichtigkeit ſein konnte. Frau Lecount ſezte ihren Hut auf, durchſah den Vorrath an Silbermünze in ihrer Börſe und machte ſich ſo⸗ fort auf den Weg, um die Bekanntſchaft des Dienſt⸗ mädchens zu machen. Sie begab ſich zuerſt in das Landhaus in wel⸗ chem Herr Bygrave den Schlüſſel zu der Nordſtein⸗ villa zurückgelaſſen hatte, um des Dienſtmädchens gegenwärtige Adreſſe von dem Eigenthümer auszu⸗ tundſchaften. Soweit es dieſen Punkt betraf, erwies ſich ihr Ausgang erfolgreich. Der Villabeſizer wußte 238 daß das Mädchen Erlaubniß erhalten hatte auf ein Paar Tage zu ihren Freunden heimzugehen; er wußte auch in welchem Theile von Aldborough ihre Freunde lebten. Aber hier vertrockneten ſeine Auskunftsquel⸗ len plözlich. Er wußte Nichts von dem Beſtim⸗ mungsorte wohin ſich Herr Bygrave und ſeine Familie begeben hatten, und er befand ſich in voll⸗ kommener Unwiſſenheit über die Zahl der Tage, auf welche ſich ihre Abweſenheit wahrſcheinlich er⸗ ſtrecken würde. Alles was er ſagen konnte war, daß er durch ſeinen Miethsmann keine Aufkündigung erhalten, ſondern daß ihn dieſer bloß erſucht habe den Hausſchlüſſel aufzubewahren, bis Herr Bygrave wieder zurückkehren und denſelben perſönlich wieder verlangen würde.. Etwas verblüfft, aber nicht entmuthigt, richtete Frau Lerount nun ihre Schritte nach der Hinterſtraße von Aldborough und ſezte die Verwandten des Dienſtmädchens in großes Erſtaunen, daß ſie Ihnen die Ehre eines Morgenbeſuchs zu Theil werden ließ. Frau Lecount gebrauchte Anfangs den Vorwand, ſie ſei gekummen um das Dienſtmädchen zu dingen, da ſie vernommen, daſſelbe habe Herrn Bygrave’s Dienſt verlaſſen. Die Magd ging dadurch leicht in die Falle und that iht Beſtes um die ihr geſtellten Fragen zu beantworten. Aber ſie wußte ſo wenig als der Villabeſizer von den Plänen ihres Herrn. Alles was ſie darüber ſagen konnte war, daß ſie nicht entlaſſen worden ſei und daß ſie den Empfang eines Billets abzuwarten habe, welches ſie erforder⸗ lichen Falls in ihre Stellung auf Nordſteinvilla zurückrufen würde. Frau Lecount hatte ſchon im Voraus Beziehune das Geſp. das Dien meinen Stellung Worten z Inder dieſe ind des Hau zwei Ent aus daß der häus alſo nich Fräulein nur von gekannt die Haus Bygrave einfachen wenig be Gatte ſi öffentlich unbedeut über ein ſie vorhe Licht ar ein daß zu eine Magdals Täuſchur auf ein er wußte Freunde nftsquel⸗ Beſtim⸗ nd ſeine in voll⸗ er Tage, nlich er⸗ nte war, undigung habe den Bygrave h wieder richtete nterſtraße dten des ie Ihnen den ließ. Vorwand, 1 dingen, zygrave's leicht in geſtellten ſo wenig 's Herrn. daß ſie Empfang erforder⸗ dſteinvilla ſchon im 239 Voraus nicht erwartet daß das Mädchen in dieſer Beziehung beſſer unterrichtet wäre: ſie ſpielte daher das Geſpräch auf ein anderes Feld über und brachte das Dienſtmädchen allmählich dahin ſich im Allge⸗ meinen über die Vortheile und Nachtheile ihrer. Stellung bei Herrn Bygraves Familie in ihren Worten zu ergehen. Indem Frau Lecount die Notizen, welche ſie auf dieſe indirecte Weiſe über die kleinen Geheimniſſe des Haushalts erhielt, beſtens benuzte, machte ſie zwei Entdeckungen. Sie brachte in erſter Linie her⸗ aus daß das Dienſtmädchen mit dem gröbern Theil der häuslichen Geſchäfte genug zu thun hatte und alſo nicht in der Lage war die Geheimniſſe von Fräulein Bygraves Garderobe auszuſchnüffeln, welche nur von der jungen Dame ſelbſt und ihrer Tante gekannt wurden. In zweiter Linie vergewiſſerte ſich die Haushälterin, daß der wahre Grund von Frau Bygraves ſtrenger Abſchließung lediglich in der einfachen Thatſache geſucht werden mußte, daß ſie wenig beſſer als eine Blödſinnige war und daß ihr Gatte ſich wahrſcheinlich ſchämte ſich mit ihr an öffentlichen Orten ſehen zu laſſen. Dieſe ſcheinbar unbedeutenden Entdeckungen ſteckten Frau Lecount über einen äußerſt wichtigen Punkt, in Betreff deſſen ſie vorher in Zweifel herumgetappt war, ein helles Licht auf. Sie ſah zu ihrer vollen Befriedigung ein daß der am beſten zum Ziele führende Weg, um zu einer heimlichen Durchſuchung der Garderobe Magdalenens zu gelangen, nur durch eine liſtige Täuſchung der ſchwachköpfigen Dame, nicht aber 240 durch eine Beſtechung des unwiſſenden Dienſtmäd⸗ chens gefunden werden konnte. Nachdem die Haushälterin zu dieſem Schluſſe gekommen war und ihr Kopf von bevorſtehenden Angriffen auf die ſchwach befeſtigte Discretion der armen Frau Wragge wimmelte, wollte ſie ſich klüg⸗ licher Weiſe nicht länger mehr den neugierigen Blicken ausſezen. Sie leitete die Unterhaltung auf locale Gegenſtände hinüber, wartete noch ſo lange bis ſie ſicher war daß ſie einen vortrefflichen Ein⸗ druck von ihrer Perſon hinterlaſſen würde, und ver⸗ abſchiedete ſich alsdann. Drei Tage verfloſſen, und Frau Lecount und ihr Herr richteten, jedes unter einem völlig verſchiedenen Zweck und Geſichtspunkt, mit gleicher unruhiger Er⸗ wartung ihr Augenmerk auf die erſten Zeichen zurück⸗ kehrendem Lebens in der Richtung der Nordſteinvilla. Während dieſer Zwiſchenzeit gelangte weder von dem Onkel noch von der Nichte ein Brief an Herrn Noel Vanſtone. Seine aufrichtige Entrüſtung, die er über dieſe vernachläſſigende Behandlung fühlte, leiſtete ihm bei der Aeußerung der erdichteten Zwei⸗ fel in Betreff ſeiner abweſenden Freunde, deren Preisgebung in Anweſenheit der Haushälterin ihm der Capitän anempfohlen hatte, mächtigen Vorſchub. Er geſtand ſeine Beſorgniß, ſich nicht bloß in Herrn Bygrave, ſondern auch in deſſen Nichte geirrt zu haben, mit einer ſolch natürlichen Miene des Ver⸗ druſſes, daß er thatſächlich ein neues Element von Verwirrung zu den bereits beſtehenden Verlegenheiten Frau Lecounts hinzufügte. Am Vanſton entdeckte den an Herrn 2 Der Zeilen e that ihr fände u Er beal zurückzur Erwägu theilen! nicht ehe ſtatten, hielte; Tage de dieſer ſe Vanſton läutert ſchaft ſe einträte Verkehr augenbl ſobald! (wenn wolle), Der ſich der vernicht die Erf Coll eenſtmäd⸗ Schluſſe ſtehenden etion der ſich klüg⸗ ugierigen tung auf ſo lange chen Ein⸗ und ver⸗ und ihr ſchiedenen higer Er⸗ en zurück⸗ ſteinvilla. der von an Herrn tung, die g fühlte, ten Zwei⸗ de, deren terin ihm Vorſchub. in Herrn geirrt zu des Ver⸗ ment von egenheiten 241 Am Morgen des vierten Tages traf Herr Noel Vanſtone den Briefträger in ſeinem Garten und entdeckte zu ſeiner großen Herzenserleichterung unter den an ihn abgelieferten Briefen ein Billet von Herrn Bygrave. Der Aufgabeort des Billets, das nur ein Paar Zeilen enthielt, hieß„Woodbridge“. Herr Bygrave that ihm zu wiſſen daß ſeine Nichte ſich beſſer be⸗ fände und ihm ihre Liebe wie früher melden laſſe. Er beabſichtige am folgenden Tag nach Aldborough zurückzukehren, wo er Herrn Vanſtone einige neue Erwägungen von durchaus perſönlicher Natur mitzu⸗ theilen hätte. Mittlerweile bitte er Herrn Vanſtone nicht eher auf der Nordſteinvilla einen Beſuch abzu⸗ ſtatten, bis er eine beſondere Einladung hiezu er⸗ hielte; dieſe Einladung würde beſtimmt an dem Tage der Rückkehr der Familie erfolgen. Der Grund dieſer ſcheinbar ſeltſamen Zumuthung würde Herrn Vanſtone zu ſeiner vollkommenen Befriedigung er⸗ läutert werden, wenn er ſich wieder in der Geſell⸗ ſchaft ſeiner Freunde befände. Bis dieſer Zeitpunkt einträte, werde ihm die ſtrengſte Vorſicht in ſeinem Verkehr mit Frau Lecount eingeſchärft; auch ſei die augenblickliche Vernichtung von Herrn Bygraves Brief, ſobald der nöthige Gebrauch davon gemacht worden (wenn der claſſiſche Ausdruck entſchuldigt werden wolle), eine Conditio sine qua non. Der fünfte Tag kam. Herr Noel Vanſtone, der ſich dem Sine qua non unterworfen und den Brief vernichtet hatte, erwartete mit unruhiger Spannung die Erfolge, während Frau Lecount ihrerſeits ge⸗ 16 Collins, Namenlos. III. duldig auf die kommenden Ereigniſſe lauerte. Gegen drei Uhr Nachmittags erſchien der Wagen wieder am Thore der Nordſteinvilla. Herr Bygrave ſtieg aus und trippelte flink nach dem Landhaus des Villabeſizers, um den Schlüſſel zu holen. Bei ſei⸗ ner Rückkehr folgte ihm das Dienſtmädchen auf den Ferſen nach. Fräulein Bygrave verließ den Wagen, ihre gigantiſche Verwandte folgte ihrem Beiſpiel; die Hausthüre wurde geöffnet, die Koffer wurden hinaufgeſchafft; der Wagen verſchwand— und die Bygraves waren wieder in ihrem Hauſe! Es ſchlug vier Uhr, fünf Uhr, ſechs Uhr und Nichts ereignete ſich. Eine halbe Stunde ſpäter erſchien Herr Bygrave, geſchniegelt, fleckenlos und anſtändig wie immer, auf dem Paradeplaz und ſchlenderte gelaſſen in der Richtung der Villa zur Seeausſicht hin. Anſtatt ſogleich in das Haus zu treten, ging er vorüber, hielt dann inne, als ob er plözlich ſich an Etwas erinnert hätte, kehrte hierauf um und fragte am Thore nach Herrn Vanſtone. Herr Vanſtone kam gaſtfreundlich aus dem Gange heraus. Indem Bygrave ſeine Stimme zu einem Tone ſteigerte, welcher von irgend einem lauſchenden Individuum durch eine offene Thüre in der Gegend des Schlaf⸗ gemachs leicht gehört werden konnte, kündigte er den Zweck ſeines Beſuches auf der Thürmatte mit mög⸗ lichſt wenigen Worten an. Er wäre bei einem ent⸗ fernten Berwandten aufgehalten worden. Der ent⸗ fernte Verwandte beſäße zwei Gemälde— Prachtſtücke von alten Meiſtern— welche er zu verkaufen Willens wäre und die er zu dieſem Zweck Herrn Bygraves Fürſorge ſtone, o die Gen binnen Herr Br gekehrt Nac lichen 2 Zeigefin römiſche wahr? wahrhaf ziergang Nac ſich Her mit de welche eines g lich in unausſ in dem nen Ar Ruhe weſenhe Wirkun faſſung einem war ſi in den tion ih Herzen⸗ Stirne Gegen wieder pe ſtieg aus des Bei ſei⸗ auf den Wagen, Beiſpiel; wurden und die Uhr und 2 ſpäter los und laz und Villa zur ging er ) ſich an d fragte Vanſtone Indem ſteigerte, dividuum Schlaf⸗ gte er den nit mög⸗ nem ent⸗ Der ent⸗ rachtſtücke — Willens Bygraves Fürſorge anvertraut hätte. Wenn Herr Noel Van⸗ ſtone, als ein Liebhaber von ſolchen Gegenſtänden, die Gemälde zu ſehen wünſchte, ſo könnten ſie ihm binnen einer halben Stunde gezeigt werden, ſobald Herr Bygrave wieder nach der Nordſteinvilla zurück⸗ gekehrt ſein würde. Nachdem ſich der Erzränkeſchmied dieſer unbegreif⸗ lichen Ankündigung entledigt hatte, legte er ſeinen Zeigefinger bedeutungsvoll an die Seite ſeiner kurzen römiſchen Naſe und ſagte:„Schönes Wetter, nicht wahr? Guten Nachmittag!“ und ſchlenderte, ein wahrhaftes Räthſel, wieder hinaus, um ſeinen Spa⸗ ziergang auf dem Promenadeplaz fortzuſezen. Nach Verfluß einer halben Stunde präſentirte ſich Herr Noel Vanſtone auf der Nordſteinvilla— mit der leidenſchaftlichen Gluth eines Verliebten, welche durch die darüber liegende geiſtige Nebelwolke eines ganz und gar verwirrten Mannes unauslöſch⸗ lich in ſeinem Buſen hindurchloderte. Zu ſeiner unausſprechlichen Seligkeit fand er Magdalene allein in dem Empfangzimmer. Noch niemals war ſie ſei⸗ nen Augen ſo ſchön vorgekommen wie jezt. Die Ruhe und Freiheit während ihrer viertägigen Ab⸗ weſenheit von Aldborough hatten ihrer wohlthätigen Wirkungen nicht ermangelt. Sie hatte ihre Geiſtes⸗ faſſung mehr als wieder gefunden. Unaufhörlich von einem gewaltſamen Extrem zum andern vibrirend, war ſie jezt von der leidenſchaftlichen Verzweiflung in den lezten fünf Tagen in eine fieberiſche Exalta⸗ tion ihrer Lebensgeiſter übergeſprungen, welche jeder Herzensangſt ſpottete und allen Folgen kühn die Stirne bot. Ihre Augen ſprühten Funken; ihre Wangen glänzten roſenfarbig; ſie plauderte unauf⸗ hörlich fort mit dem verlornen Nachklang der mäd⸗ chenhaften Fröhlichkeit früherer Tage— ſie lachte mit einer beklagenswerthen Beharrlichkeit— ſie ahmte Frau Lecounts ſanfte Stimme und Frau Lecounts einſchmeichelnde Grazie des Benehmens nach, und zwar mit einer mehr als naturgetreuen Wiedergebung des Originals, welche indeß bloß ein matter Ab⸗ glanz der köſtlichen und ſorgfältigen Mimik frühe⸗ rer Zeiten war. Herr Noel Vanſtone, der ſie noch nie ſo geſehen hatte, war ganz bezaubert; ſein ſchwa⸗ cher Kopf wirbelte ihm vom Rauſche des Vergnügens; ſeine ſonſt kreideweißen Wangen glühten, als wenn ſie von der Röthe der ihrigen inſicirt worden wären. Die halbe Stunde, während welcher er mit ihr allein war, floß ihm dahin als ob es nur fünf Mi⸗ nuten wären. Als dieſe Zeit verfloſſen war und ſie ihn ſchnell verlaſſen hatte, um einer zum voraus abgemachten Aufforderung, zu ihrer Tante zu kom⸗ men, Folge zu leiſten, würde er in dieſem Augenblick gerne, ſo ein Knicker er auch war, aus ſeiner Taſche fünf goldene Sovereigns für weitere fünf goldene Minuten bezahlt haben, die er in ihrer Geſellſchaft hätte zubringen dürfen. Die Thüre hatte ſich kaum hinter Magdalene geſchloſſen, als ſie wieder ſich öffnete und der Capi⸗ tän hereintrat. Er begann ſeine Erklärungen, die ſein Gaſt nach Natur der Sache von ihm erwarten mochte, mit der nicht viele Umſtände machenden Eile eines Mannes, den ſeine Zeit hart drängt und der thiſcheoſſon iſt, keinen Augenblick unbenüzt zu ver⸗ ieren. „Se ich die züglich erwogen meſſen ſich befi Lecount uns ge Haushä men ar alle Fü auf der Ihre N Her Schrecke der Fro der Sa W „D fort,„ Nichts zeugen haben rough fort, o hinter könnten nächſten ihre 9 nicht, j auf de keine ganz r unauf⸗ er mäd⸗ e lachte ie ahmte Lecounts ch, und rgebung tter Ab⸗ k frühe⸗ ſie noch in ſchwa⸗ mügens; ls wenn n wären. mit ihr fünf Mi⸗ und ſie voraus zu kom⸗ ugenblick er Taſche f goldene eſellſchaft tagdalene der Capi⸗ gen, die erwarten nden Eile und der zt zu ver⸗ „Seit wir uns zulezt ſahen,“ begann er,„habe ich die Wahrſcheinlichkeiten für und gegen uns be⸗ züglich unſeres gegenwärtigen Standpunktes genau erwogen. Das Reſultat iſt nach meinem Er⸗ meſſen folgendes: Wenn Sie noch zu Aldborough ſich befinden, ſobald der Brief von Zürich an Frau Lecount anlangt, werden alle Mühen, die wir uns gegeben haben, umſonſt ſein. Wenn Ihre Haushälterin fünfzig Brüder hätte, die alle zuſam⸗ men auf dem Sterbebette lägen, ſo würde ſie eher alle Fünfzig fahren laſſen, als daß ſie Sie allein auf der Villa zur Seeausſicht ließe, während wir Ihre Nachbarn auf der Nordſteinvilla wären.“ Herrn Vanſtones glühende Wangen wurden vor Schrecken wieder todtenblaß. Seine eigene Kenntniß der Frau Lecount ſagte ihm daß dieſe Anſicht von der Sachlage die einzig richtige wäre. „Wenn wir wieder fortgehen,“ fuhr der Capitän fort,„ſo wird damit Nichts gewonnen werden, denn Nichts wird in dieſem Fall Ihre Haushälterin über⸗ zeugen daß wir Ihnen nicht die Mittel gelaſſen haben uns zu folgen. Sie müſſen dießmal Aldbo⸗ rough verlaſſen und, was noch mehr iſt, Sie müſſen fort, ohne daß auch nur eine einzige ſichtbare Spur hinter Ihnen zurückbleibt auf der wir Ihnen folgen könnten. Wenn wir dieſen Plan im Verlauf der nächſten fünf Tage ausführen, ſo wird Frau Lecount ihre Reiſe nach Zürich antreten. Thun wir es nicht, ſo iſt es ſterbensgewiß daß ſie wie feſtgenagelt auf der Seeausſicht ſizen bleiben wird. Stellen Sie keine Fragen! Ich habe Ihnen Ihre Maßregeln ganz richtig angegeben und ich wünſche nur daß Sie 246 denſelben die genaueſte Berückſichtigung ſchenken. Ihre Verheirathung mit meiner Nichte hängt davon ab, daß Sie kein einziges Wort von dem vergeſſen was ich Ihnen jezt ſagen werde.— Noch eine Frage zuerſt! Haben Sie meinen Rath befolgt? Haben Sie Frau Lecount mitgetheilt daß Sie der Anſicht zu werden begännen daß Sie ſich in uns getäuſcht hätten?“ „Ich habe ihr noch Schlimmeres als das mitge⸗ theilt,“ verſezte Herr Noel Vanſtone reumüthig. „Ich beging einen ſchimpflichen Verrath an meinen eigenen Gefühlen. Ich entehrte mich ſelbſt, indem ich ſagte daß ich in Fräulein Bygrave Mißtrauen ſeze!“ „Fahren Sie fort ſich zu entehren, mein werther Herr! Mißtrauen Sie uns Beiden mit Ihrer gan⸗ zen Kraft— ich will Ihnen dabei ſogar Beiſtand leiſten. Noch eine Frage weiter. Sprach ich laut genug dieſen Nachmittag? Hat Frau Lecount mich gehört?“ „Ja. Die Lecount öffnete die Thüre; die Le⸗ count hörte Sie. Was wollten Sie mit jener Nach⸗ richt bezwecken? Ich ſehe kein Gemälde hier. Iſt dieß wieder ein anderer frommer Betrug, Herr Bygrave?“ „Eine bewundernswerthe Vermuthung fürwahr, Herr Vanſtone! Sie werden meine Abſicht bei dem fingirten Gemäldehandel aus meinen alsbald folgen⸗ den Worten die ich an Sie zu richten im Begriffe bin erſehen. Wenn Sie wieder in Ihre Villa zu⸗ rückkommen, ſo iſt es gerade das was Sie Frau Lecount zu ſagen haben. Machen Sie ihr weiß, daß die Kunſtwerke meines Verwandten zwei werth⸗ loſe Gemälde ſeien, Copien von den Alten Mei⸗ ſtern, welche ich Ihnen als Originale um einen übermäßigen Preis anzuhängen verſucht hätte. Sa⸗ gen Sie Betrüge ner un mit ein bindung zu ſpr Worten ſagt. ich birn Sie v habe? heute morgen aus. zuſam Statt die Se recht nicht 1 bis je halten Tage. dem Am ſ en. Ihre ab, daß was ich zuerſt! ie Frau werden ten?“ 8 mitge⸗ umüthig. meinen indem en ſeze!“ werther rer gan⸗ Beiſtand ut genug gehört?“ die Le⸗ ner Nach⸗ Iſt dieß ygrave?“ fürwahr, bei dem Sie Frau ihr weiß, dei werth⸗ lten Mei⸗ um einen tte. Sa⸗ 247 gen Sie ihr daß Sie mich als einen wahrſcheinlichen Betrüger in Verdacht hätten und daß Sie mit mei⸗ ner unglücklichen Nichte Mitleid fühlten, daß Sie mit einem ſolchen Spizbuben wie ich bin, in Ver⸗ bindung ſtehe. Das iſt Ihr Thema über das Sie zu ſprechen haben. Drücken Sie das in vielen Worten aus was ich Ihnen gerade in wenigen ge⸗ ſagt. Sie können das doch, nicht wahr?“ „Allerdings,“ ſagte Herr Noel Vanſtone.„Aber ich kann Ihnen auch Etwas ſagen— die Lecount wird mir nicht glauben.“ „Warten Sie noch ein wenig, Herr Vanſtone; ich bin mit meinen Inſtructionen noch nicht fertig. Sie verſtehen doch was ich Ihnen ſoeben geſagt habe? Ganz gut. Wir wollen ſehen ob wir von heute bis morgen Fortſchritte machen. Gehen Sie morgen mit Frau Lecount um Ihre gewöhnliche Zeit aus. Ich werde mit Ihnen auf dem Paradeplaz zuſammentreffen und mich vor Ihnen verbeugen. Statt die Verbeugung zu erwiedern, ſehen Sie auf die Seite— auf gut Engliſch, beleidigen Sie mich recht tüchtig! Das iſt nicht ſchwer auszuführen, nicht wahr?“ „Sie wird mir nicht glauben, Herr Bygrave — ſie wird mir nicht glauben!“ „Warten Sie wieder ein wenig, Herr Vanſtone. Es kommen noch mehr Inſtructionen. Sie haben bis jezt Ihre Weiſungen für heute und morgen er⸗ halten. Jezt kommen die für die nachfolgenden Tage. Der Tag darauf iſt der ſiebente Tag, ſeit dem wir den Brief nach Zürich geſchickt haben. Am ſiebenten Tag lehnen Sie es ab einen Spazier⸗ 248 gang wie vorher zu machen, und ſchüzen als Grund Ihre Befürchtung vor, daß Sie wieder durch ein Zuſammentreffen mit mir beläſtigt werden könnten. Brummeln Sie über die Kleinheit des Ortes, ſchla⸗ gen Sie ein Lamento wegen Ihrer ſchlechten Geſund⸗ heitszuſtände an, drücken Sie den Wunſch aus daß Sie nie nach Aldborough gekommen wären und nie⸗ mals mit den Bygraves Bekanntſchaft gemacht hät⸗ ten, und wenn Sie ſodann Frau Lecount mit dieſen Ergüſſen Ihres Mißvergnügens recht bearbeitet und geplagt haben, dann rücken Sie ganz plözlich mit der Frage heraus, ob ſie eine Ortsveränderung nicht für beſſer halten würde. Wenn Sie ihr dieſe Frage recht natürlich ſtellen, glauben Sie daß Sie ſich auf eine Antwort darauf verlaſſen können?“ „Es wird überhaupt nicht nöthig ſein ſie zu fragen,“ ſagte Herr Noel Vanſtone gereizt.„Ich brauche bloß zu ſagen daß ich des Aufenthalts zu Aldborough überdrüſſig bin; ſie wird dann, wenn ſie mir glaubt— was ſie aber nicht thun wird, ich weiß es ganz beſtimmt, ſie wird mir nicht glauben! — mit ihrem Rath und Vorſchlag ſchon herausrücken, ehe ich darnach fragen kaan.“ „Ach! Ach!“ ſagte der Capitän neugierig.„Es gibt dann wohl einen Ort, an welchen Frau Lecount dieſen Herbſt zu ziehen wünſchen wird.“ „Sie will an dieſen Plaz jeden Herbſt reiſen, der Teufel ſoll ſie holen!“ „Wohin will ſie denn?“ „Zu Admiral Bartrams— Sie werden ihn wohl nicht kennen oder?— zu Heiligenkreuz in der Marſch.“ „Ver ſtone. 2 ſter Wich iſt Admi „Ein machte ſ ihm Gell waren. zu Heilig in Berei mit Aus weitere? mit ihm mit dem Vater ge nen Kre immer e Gefallen mich zu miral C ladet ſie kommen. zimmer Dame w liebt es — und kreuz zu Sie Ihr „Ich Vanſtone erklären Mit 8 Grund urch ein könnten. 3, ſchla⸗ Geſund⸗ aus daß und nie⸗ acht hät⸗ it dieſen itet und zlich mit ng nicht ſe Frage ſich auf 1 ſie zu t.„Ich halts zu wenn ſie dird, ich glauben! usrücken, g.„Es Lecount t reiſen, den ihn z in der 249 „Verlieren Sie Ihre Geduld nicht, Herr Van⸗ ſtone. Was Sie mir eben jezt ſagen, iſt von höch⸗ ſter Wichtigkeit in Betreff unſeres Vorhabens. Wer iſt Admiral Bartram?“ „Ein alter Freund meines Vaters. Mein Vater machte ſich ihm verbindlich— mein Vater ſtreckte ihm Geld vor, als ſie Beide noch junge Männer waren. Ich bin gleichſam ein Mitglied der Familie zu Heiligenkreuz; mein Zimmer iſt immer für mich in Bereitſchaft gehalten. Der Admiral beſizt zwar mit Ausnahme eines Neffen, Georg Bartram, keine weitere Familie. Georg iſt mein Vetter; ich ſtehe mit ihm auf eben ſo intimem Fuße, wie mein Vater mit dem Admiral, aber ich bin geſcheidter als mein Vater geweſen, denn ich habe meinem Freunde kei⸗ nen Kreuzer Geld geliehen. Die Lecount macht immer ein mächtiges Weſen daraus, welch großen Gefallen Sie an Georg habe— ich glaube bloß um mich zu ärgern. Sie findet aber auch an dem Ad⸗ miral Gefallen; er ſchmeichelt ihrer Eitelkeit. Er ladet ſie immer ein mit mir nach Heiligenkreuz zu kommen. Er räumt ihr ſtets das beſte Schlaf⸗ zimmer ein und behandelt ſie als wenn ſie eine hohe Dame wäre. Sie iſt ſo hochmüthig wie Luecifer, ſie liebt es wie eine hohe Dame behandelt zu werden — und ſie plagt mich jeden Herbſt nach Heiligen⸗ kreuz zu reiſen. Was haben Sie? Warum ziehen Sie Ihr Taſchenbuch heraus?“ „Ich brauche die Adreſſe des Admirals, Herr Vanſtone, zu einem Zwecke den ich Ihnen alsbald erklären werde.“ Mit dieſen Worten öffnete Capitän Wragge ſein 250 Taſchenbuch und ſchrieb die Adreſſe nach Herrn Noel Vanſtones Angabe folgendermaßen nieder: „Admiral Bartram zu Heiligenkreuz in der Marſch bei Oſſory in Eſſex. „Gut!“ rief der Capitän, indem er ſein Taſchen⸗ buch wieder ſchloß.„Das einzige Hinderniß, das uns noch im Wege ſtand, iſt jezt Lin wedgerüummt. Geduld, Herr Vanſtone— Geduld! Laſſen Sie uns meine Verhaltungswinke an dem Punkt wieder auf⸗ nehmen, wo wir damit ſtehen geblieben ſind. Schenken Sie mir nur noch fünf Minuten Aufmerkſamkeit, und Sie werden dann den Weg zu Ihrer Verheira⸗ thung ſo deutlich wie ich vor ſich ſehen. Uebermor⸗ gen erklären Sie daß Sie Ihres Aufenthalts in Aldborough ſatt wären, und Frau Lecount wird Heiligenkreuz in Vorſchlag bringen. Sie ſagen im erſten Augenblick nicht Ja, nicht Nein, behalten ſich den nächſten Tag zur Ueberlegung vor und nehmen ſich ſchließlich noch am ſpäten Abend vor, gleich am andern Morgen nach Heiligenkreuz abzureiſen. Pflegen Sie ſelbſt das Packen zu beaufſichtigen der ſchieben Sie gewöhnlich die ganze Mühe auf Frau Lecounts Schultern?“ „Natürlich hat das Alles die Lecount zu beſor⸗ gen, die Lecount iſt dafür bezahlt. Aber ich reiſe nicht wirklich ab, nicht wahr?“ „Sie begeben ſich ſo ſchnell als die Pferde laufen können auf die iſlbohn⸗ ohne vorher noch einmal mit dieſem Hauſe irgend einen Verkehr zu unterhal⸗ ten, weder mündlich, noch ſchriftlich. Sie laſſen Frau Lecount zurück um! Ihre Curioſitäten zuſammenzu⸗ packen, mit den Geſchäftsleuten es in Ordnung zu bringen Heiligen! iſt der pfängt ſ meine A — ſo wi abreiſen! Herr wieder e liſt endl dämmern „Und fragte er „Wa der Cay Rücken hier bec Verheira nächſten buch au rals auf men, ur holen. wir alsb während ſich beſin der antr und Fra ten. W „Wa Herr No von Ent derrn Noel in der n Taſchen⸗ rniß, das ggeräumt. n Sie uns hieder auf⸗ Schenken erkſamkeit, Verheira⸗ Uebermor⸗ tthalts in punt wird ſagen im halten ſich d nehmen gleich am n. Pflegen er ſchieben Lecounts zu beſor⸗ r ich reiſe rde laufen dch einmal unterhal⸗ aſſen Frau ſammenzu⸗ rdnung zu 251 bringen und Ihnen dann am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz nachzufolgen. Dieſer folgende Morgen iſt der zehnte Morgen. Am zehnten Morgen em⸗ pfängt ſie den Brief von Zürich, und wenn Sie nur meine Weiſungen gründlich befolgen, Herr Vanſtone — ſo wird ſie ſo gewiß als ich hier ſize nach Zürich abreiſen!“ Herrn Noel Vanſtones Geſichtsfarbe begann ſich wieder etwas zu erhöhen, als des Capitäns Kriegs⸗ liſt endlich in ihrem wahren Lichte vor ihm aufzu⸗ dämmern begann. „Und was ſoll ich zu Heiligenkreuz thun?“ fragte er. „Warten Sie dort bis ich Sie berufe,“ entgegnete der Capitän.„Sobald uns Frau Lecount den Rücken gewendet hat, werde ich mich in die Kirche hier begeben und die nöthige Anzeige wegen der Verheirathung machen. Am nämlichen oder am nächſten Tage werde ich nach der in meinem Taſchen⸗ buch aufgezeichneten Adreſſe reiſen, Sie bei Admi⸗ rals aufſuchen und dann mit mir nach London neh⸗ men, um den erforderlichen Erlaubnißſchein einzu⸗ holen. Mit dieſer Urkunde in unſerer Taſche werden wir alsbald den Rückweg nach Aldborough antreten, während Frau Lecount auf dem Wege nach Zürich ſich beſindet— und ehe ſie eilig ihre Rückreiſe wie⸗ der antritt, werden Sie und meine Nichte Mann und Frau ſein! Das ſind Ihre künftigen Ausſich⸗ ten. Was denken Sie davon?“ „Was für ein durchtriebener Kopf Sie ſind!“ rief Herr Noel Vanſtone mit einem plözlichen Ausbruch von Enthuſiasmus.„Sie ſind der außerordentlichſte Mann den ich je getroffen habe. Man ſollte glau⸗ ben, Sie hätten in Ihrem ganzen Leben nichts An⸗ deres gethan als den Leuten Naſen gedreht.“ Capitän Wragge empfing dieſe ſeinem angebor⸗ nen Genie unfreinili dargebrachte Huldigung mit dem Wohlgefallen eines Mannes der fühlt daß er dieſelbe ganz und gar verdiene. „Ich habe Ihnen bereits geſagt, mein werther Herr,“ ſuohe er beſcheiden,„daß ich niemals eine Sache blo hal b thue. Entſchuldigen Sie daß ich Sie vaia erinnere daß wir keine Zeit zur Aus⸗ tauſchung gegenſeitiger Complimente haben. Sie ſind in Beziehung auf meine Weiſungen vollkommen im Reinen? Ich d hag dieſelben aus Furcht vor irgend einem unglückli ichen Zufall nicht niederzuſchreiben. Verſuchen Sie es mit dem Syſtem der Gedächt⸗ nißkunſt— zählen Sie Ihre Weiſungen nach mir an Ihrem Daumen und Ihren vier Fingern herab. Heute, ſagen Sie zu Frau Lecount, hätte ich Sie mit den Kunſtwerken eines Verwandten anzu⸗ ſchmieren verſucht. Morgen beleidigen Sie mich auf der Parade; den Tag darauf weigern Sie ſich ſpa⸗ zieren zu gehen, Sie werden Aldboroughs überdrüſſig und erlauben Frau Lecount ihren Vorſchlag zu ma⸗ chen. Und den nächſten Tag darauf gehen Sie nach Heiligenkreuz. Noch einmal, mein lieber Herr! Daumen— Kunſtwerke; Zeigefinger— Kränkung meiner Perſon auf dem Paradeplaz: Mittelfinger — Ueberdruß an Aldborough; Goldfinger— An⸗ nahme von Lecounts Vorſchlag. Kleiner Finger— Auf nach Heiligenkreuz! Nichts kann klarer, nichts leichter zu thun ſein. Gibt es vielleicht irgend einen Punkt d daß ich Ueberfluf „Nur „Iſt es her komn „Gar Capitän. hängt v wird die ihr ſage Probſtein kehren o beobachte Sie kein Sie nich ihr ſehen nach Hei die abſo folgt ha⸗ ſein wele Verbind Ihnen Intereſſe dachtheil Wahrnel Mit Herrn— ihn auf Capi in der llte glau⸗ lichts An⸗ t. angebor⸗ gung mit lt daß er n werther mals eine ie daß ich zur Aus⸗ Sie ſind zmmen im vor irgend uſchreiben. Gedächt⸗ gen nach Fingern „hätte ich ten anzu⸗ emich auf 2 ſich ſpa⸗ berdrüſſig ig zu ma⸗ Sie nach der Herr! Kränkung bittelfinger r— An⸗ Finger— rer, nichts gend einen Punkt den Sie nicht verſtehen? Sagen Sie mirs daß ich es Ihnen, ehe Sie gehen, noch einmal zum Ueberfluſſe erklären kann.“ „Nur noch Eins,“ ſagte Herr Noel Vanſtone. „Iſt es ganz ausgemacht daß ich nicht wieder hier⸗ her komme, ehe ich nach Heiligenkrenz gehe?“ „Ganz beſtimmt ausgemacht!“ antwortete der Capitän.„Der ganze Erfolg unſeres Vorhabens hängt von Ihrer Fernhaltung ab. Frau Lecount wird die Glaubwürdigkeit alles deſſen was Sie zu ihr ſagen an einem einzigen Probſtein prüfen, dem Probſtein nämlich, ob Sie mit dieſem Hauſe ver⸗ kehren oder nicht. Sie wird Sie Tag und Nacht beobachten. Machen Sie hier keine Beſuche, ſenden Sie keine Boten, ſchreiben Sie keine Briefe, gehen Sie nicht einmal für Ihre Perſon aus. Laſſen Sie ihr ſehen daß Sie auf ihren Vorſchlag hin ſo ſchnell nach Heiligenkreuz eilen, bringen Sie ihrem Geiſte die abſolute Gewißheit bei daß Sie ihren Rath be⸗ folgt haben, ohne auf irgend eine Weiſe, es möge ſein welche es wolle, mit mir oder meiner Nichte in Verbindung zu ſtehen. Thun Sie das und ſie muß Ihnen glauben, auf ein Zeugniß hin, das unſern Intereſſen ſehr förderlich, den ihrigen aber äußerſt nachtheilig iſt, das Zeugniß nämlich ihrer eigenen Wahrnehmungen. Mit dieſen lezten Worten der Vorſicht drückte er Herrn Noel Vanſtone herzlich die Hand und ſchickte ihn auf der Stelle nach Hauſe. Capitän Wragge legte ſich an dieſem Abend in der aufgeräumteſten Laune zu Bette. Er hielt eine luſtige Anrede an das Löſchhorn ſeines Leuch⸗ ters, als er es um das Licht auszulöſchen aufhob. „Wenn ich dich doch nur auf Frau Lecount her⸗ abfallen laſſen könnte,“ ſagte der Capitän,„ſo würde ich der lezten Beſorgniß mein Lebewohl bieten, die in Beziehung auf den Hochzeitstag noch übrig ge⸗ blieben iſt.“ Zehntes Capitel. Nach der Rückkehr auf ſeine Villa vollführte Herr Noel Vanſtone die Weiſungen, die ihm als Richt⸗ ſchnur ſeines Benehmens ertheilt worden waren, am erſten der fünf Tage mit untadelhafter Genauig⸗ keit. Ein ſchwaches Lächeln von Verachtung ſpielte um Frau Lecounts Lippen, als das Geſchichtchen von Herrn Bygraves Verſuch, ſeine unächten Gemälde als Originale anzubringen aufgetiſcht wurde, aber ſie gab ſich keine Mühe nur ein einziges Wort von Be⸗ merkung zu äußern, als er zu Ende gekommen war. „Gerade wie ich ſagte!“ dachte Herr Noel Van⸗ ſtone—„ſie glaubt kein Wort davon.“ Am folgenden Tage erfolgte das Zuſammentref⸗ fen auf dem Paradeplatz. Herr Bygrave zog ſeinen Hut und Herr Vanſtone blickte auf die Seite. Des Capitäns heftiger Ausdruck des Erſtaunens und ſeine finſtere Miene des Unwillens waren in höchſter Vollen⸗ dung dargeſtellt; aber es war ſichtbarlich daß ſie ver⸗ fehlten einen Eindruck auf Frau Lecount zu machen. „Ich beſorge, Sie haben Herrn Bygrave heute beleidigt,“ bemerkte ſie ironiſch.„Es iſt für Sie ein Glück, daß er ein vortrefflicher Chriſt iſt, und ich wage zu ben wird Herr Antwort danken ſ über ſein Bis zu klar u verſtande dem Vorr am dritte kleinen wie es n und ſein veränderr vorausge entgegen, empfahl. antwortet ſeine En ſchieben, dem Tag Die keiner gr. legte ſich tung ihre kluge un ſtone alle ten, vorg wie Capit bezweifel Bygraves es Leuch⸗ aufhob. ount her⸗ „ſo würde eten, die übrig ge⸗ hrte Herr als Richt⸗ n waren, Genauig⸗ ng ſpielte htchen von Gemälde e, aber ſie von Be⸗ men war. doel Van⸗ mmentref⸗ bog ſeinen ite. Des und ſeine er Vollen⸗ aß ſie ver⸗ u machen. ave heute r Sie ein und ich wage zu prophezeien daß er ben wird.“ Herr Noel Vanſtone enthielt ſich wohlweislich eine Antwort zu geben. Im Gegentheil, er pries in Ge⸗ danken ſeinen eigenen Scharfblick und triumphirte über ſeinen geiſtreichen Freund. Bis hieher waren die Weiſungen des Capitäns zu klar und einfach geweſen um von Jemand miß⸗ verſtanden werden zu können. Aber ſie nahmen mit dem Vorrücken der Zeit auch an Verwickelung zu, und am dritten Tage ließ ſich Herr Noel Vanſtone einen kleinen Fehler zu Schulden kommen. Nachdem er, wie es nöthig war, ſeinen Uieberdruß an Aldborough und ſein eifriges Verlangen nach einer Aufenthalts⸗ veränderung vorgebracht hatte, kam ihm, wie er vorausgeſehen, die Haushälterin mit einem Vorſchlag entgegen, indem ſie einen Beſuch zu Heiligenkreuz an⸗ empfahl. Als er auf dieſen ſo angebotenen Rath antwortete, beging er leinen erſten Fehler. Anſtatt ſeine Entſch cheidung auf d den folgenden Tag zu ver⸗ ſchieben, nahm er Frau Lecounts Vorſchlag ſchon an dem Tage, an welchem er ihm gemacht wurde, an. Die Folgen dieſes Irrthums waren indeß von keiner großen Bedeutung. Die Haushälterin ver⸗ legte ſich bloß einen Tag früher auf die Beobach⸗ tung ihres Herrn, ein Reſultat, dem ſchon durch die kluge und vorſichtige Maßregel, Herrn Noel Van⸗ ſtone allen Verkehr mit der Nordſteinvilla zu verbie⸗ ten, vorgebeugt worden war. Frau Lecount, welche, wie Capitän Wragge ganz richtig vorhergeſehen hatte, bezweifelte daß der Wunſch ihres Herrn, mit den Bygraves alle Verbindung aufzugeben und zu die⸗ Ihnen morgen verge⸗ 256 ſem Zweck nach Heiligenkreuz zu reiſen, aufrichtig gemeint ſei, ſuchte der Richtigkeit oder Unrichtigkeit des Eindrucks der auf ſie hervorgebracht worden war dadurch auf die Spur zu kommen, daß ſie mit äußer⸗ ſter Wachſamkeit auf Zeichen eines heimlichen Ver⸗ kehrs von der einen oder andern Seite lauerte. Die ſtrenge Aufmerkſamkeit, mit welcher ſie bisher alles Hineingehen und Herauskommen auf der Nordſtein⸗ villa beobachtet hatte, wurde jezt ganz auf ihren Herrn übertragen. Sie ließ ihn für den ganzen Reſt des dritten Tages durchaus nicht mehr aus dem Ge⸗ ſichte. Sie erlaubte keiner dritten Perſon, die unter was immer für einem Vorwand in das Haus kam, auch nicht eine Minute lang heimlich mit ihm zu ſprechen. Von Zeit zu Zeit während der Nacht ſchlich ſie ſich vor die Thüre ſeines Zimmers, um zu hor⸗ chen und ſich zu vergewiſſern daß er im Bette ſei, und als der Küſtenwächter am folgenden Morgen ſeine Runde machte, ſah er zu ſeinem Erſtaunen eine Dame, die ebenſo früh wie er ſelbſt aufgeſtanden und an einem der obern Fenſter in der Villa zur Seeausſicht mit ihrer Arbeit beſchäftigt war. Am vierten Morgen kam Herr Noel Vanſtone mit dem Bewußtſein des Fehlers den er am vorher⸗ gehenden Tage begangen hatte zum Frühſtück her⸗ unter. Der natürlichſte Weg, den er zum Zweck einer Zeitgewinnung einſchlagen konnte, war zu erklären, daß er noch keinen feſten Entſchluß gefaßt habe. Er rückte ganz keck mit ſeiner Antwort heraus, als die Haushälterin ihn fragte ob er geſonnen ſei an die⸗ ſem Tage fortzuziehen. Wieder machte Lecount keine Bemerkung und wieder zeigten ſich die Merkmale und Zeichen kelmüthi fahrung Herrn. ſein cap Zeit zu winnen, ſeiner— Wachſan Dieſ tag wur lichen S um Stu hälterin rend ihr Gang ſt paſſende pflanzt Nicht e kein Lar ihr Ohr ſeiner 1 Wetter ſähe die mit Bye ſchloſſen, ligenkrer zurückble men zu ſchäftsle genden Colli aufrichtig zrichtigkeit orden war mit äußer⸗ ichen Ver⸗ ierte. Die sher alles Nordſtein⸗ auf ihren anzen Reſt dem Ge⸗ die unter daus kam, it ihm zu acht ſchlich m zu hor⸗ Bette ſei, Morgen aunen eine ffgeſtanden Villa zur ar. Vanſtone m vorher⸗ hſtück her⸗ Zweck einer 1 erklären, habe. Er ,, als die ei an die⸗ count keine rkmale und Zeichen von Ungläubigkeit auf ihrem Geſichte. Wan⸗ kelmüthigkeit in ſeinen Vorſäzen war nach ihrer Er⸗ fahrung überhaupt nichts Ungewöhnliches bei ihrem Herrn. Allein bei dieſer Gelegenheit glaubte ſie daß ſein capriciöſes Benehmen bloß ein fingirtes ſei, um Zeit zu einem Verkehr mit der Nordſteinvilla zu ge⸗ winnen, und ſie ſezte demzufolge ihre Beobachtung ſeiner Perſon mit verdoppelter und verdreifachter Wachſamkeit fort. Dieſen Morgen kamen keine Briefe. Gegen Mit⸗ tag wurde das Wetter ſchlecht und an den gewöhn⸗ lichen Spaziergang war gar nicht zu denken. Stunde um Stunde ohne Unterbrechung befand ſich die Haus⸗ hälterin in dem einen Zimmer auf der Lauer, wäh⸗ rend ihr Herr in dem andern ſaß. Die Thür in den Gang ſtand offen und Frau Lecount hatte durch ein paſſendes Seitenfenſter, an welchem ſie ſich aufge⸗ pflanzt hatte, alle Ausſicht auf die Nordſteinvilla. Nicht ein Zeichen das verdächtig war zeigte ſich; kein Laut, der Argwohn erregen konnte, drang an ihr Ohr. Als der Abend anbrach, machte ihr Herr ſeiner Unentſchloſſenheit ein Ende. Das ſchlechte Wetter eckele ihn an, der Ort ſei ihm verhaßt, er ſähe die Unannehmlichkeit wiederholter Begegnungen mit Bygraves voraus— und ſo wäre er denn ent⸗ ſchloſſen, gleich am folgenden Morgen früh nach Hei⸗ ligenkreuz aufzubrechen. Die Lecvunt könnte noch zurückbleiben um ſeine Raritätenſammlungen zuſam⸗ men zu packen, und die Angelegenheiten mit den Ge⸗ ſchäftsleuten in Ordnung zu bringen; und am fol⸗ genden Morgen dann könnte ſie ihm zu Admirals Collins, Namenlos. III. 17 258 nachfolgen. Die Haushälterin wurde über den Ton und die Art und Weiſe, womit er dieſe Befehle er⸗ theilte, doch ein Bischen ſtutzig. Sie wußte ja ſelbſt ganz beſtimmt, daß er durchaus keinen Verkehr mit der Nordſteinvilla unterhalten hatte, und dennoch ſchien er entſchloſſen Aldborough möglichſt ſchnell zu verlaſſen. Zum erſten Mal ſchwankte ſie in ihrem ſtarren Feſthalten an ihren eigenen Folgerungen. Sie er⸗ innerte ſich daß ihr Herr ſich über die Bygraves beklagt habe, ehe ſie nach Aldborough zurückgekehrt waren; auch war ſie es ſich bewußt daß ihre Un⸗ gläubigkeit ihr ſchon einmal einen Streich geſpielt habe, als die Erſcheinung des Reiſewagens an dem Hausthor erwieſen, daß ſogar Herr Bygrave einmal die Wahrheit geſprochen habe. Dennoch entſchloß ſich Frau Lecount mit unab⸗ läſſiger Vorſicht zu handeln. Sie nahm in jener Nacht heimlich die Schlüſſel von der Vorderthüre und von der Hinterthüre weg. Alsdann öffnete ſie leiſe das Fenſter ihres Schlafgemachs und ſezte ſich dann nieder, mit Hut und Mantel bekleidet, um ſich vor Erkältung zu ſchüzen. Herrn Noel Vanſtones Fenſter befand ſich auf der nämlichen Seite des Hauſes wie das ihrige. Wenn irgend Jemand in der Dunkelheit herbeikam, um von dem Garten aus zu ihm herauf zu ſprechen, ſo war es gerade ſo gut als wenn er mit der Haushälterin ſpräche. Auf allen Punkten bereit jeglicher Form geheimen Einver⸗ ſtändniſſes, welche die Liſt etwa erfinden mochte, den Weg abzuſchneiden, wachte Frau Lecount die ganze Nacht hindurch. Als der Morgen grauto, ſchlich ſie ſich hein chen au an ihre Stellung Vanſtone ſeinen Erwägur auf den ſtandhaf kreuz z1 innerer den möch ſchickte 2 Plaz zu und Her muthung führe. Die vor, Fra nehmen nern Si⸗ den Kut alle ang von Pa Er hätte andern 1 lenkte ih nahm ih über au ihrer Al zehn Mi innen vo den Ton eefehle er⸗ ja ſelbſt rkehr mit d dennoch ſchnell zu m ſtarren Sie er⸗ Bygraves kückgekehrt ihre Un⸗ ) geſpielt s an dem ve einmal nit unab⸗ in jener orderthüre öffnete ſie ſezte ſich t, um ſich Vanſtones Seite des gemand in arten aus gerade ſo üche. Auf en Einver⸗ Lochte, den die ganze ſchlich ſie 259 ſich heimlich die Treppe hinab, ehe das Dienſtmäd⸗ chen aufgeſtanden war, ſteckte die Schlüſſel wieder an ihre Pläze und nahm ſodann wiederholt ihre Stellung in dem Wohnzimmer ein, bis Herr Noel Vanſtone am Früſſtückstiſche erſchien. Hatte er ſeinen Entſchluß geändert? Nein. Er lehnte es in Erwägung der ſtarken Ausgabe ab mit der Poſt auf den Bahnhof zu fahren: aber er beharrte ſo ſtandhaft als je auf ſeinem Entſchluſſe nach Heiligen⸗ kreuz zu gehen. Er äußerte den Wunſch, daß ein innerer Plaz in der Frühkutſche für ihn belegt wer⸗ den möchte. Bis zum lezten Augenblick mißtrauiſch, ſchickte Frau Lecount den Bäckerburſchen, um den Plaz zu beſtellen. Er war ein öffentlicher Diener und Herr Bygrave konnte daher nicht auf die Ver⸗ muthung kommen, daß er einen Privatauftrag aus⸗ führe. Die Kutſche fuhr bei der Villa zur Seeausſicht vor, Frau Lecount ſah ihren Herrn ſeinen Plaz ein⸗ nehmen und überzeugte ſich daß die andern drei in⸗ nern Size von Fremden beſezt waren. Sie fragte den Kutſcher ob die äußern Pläze welche noch nicht alle angefüllt waren, auch bereits ihre volle Anzahl von Paſſagieren hätten. Der Mann bejahte es. Er hätte zwei Herrn in der Stadt zu holen und die andern würden am Gaſthofe einſteigen. Frau Lecount lenkte ihre Schritte alsbald nach dem Gaſthofe und nahm ihre Stellung gerade dem Paradeplaz gegen⸗ über auf einem Punkte, wo ſie die Kutſche bis zu ihrer Abfahrt im Geſichte behalten konnte. Nach zehn Minuten raſſelte dieſelbe vorbei, außen und innen voll, und die Haushälterin überzeugte ſich mit 260 irgend ein anderer Angehö ſchien, und ſo lag denn Noel Vanſtones nicht mehr den Wegzug von der Villa Sie ſezte ſich allein im weis durch ihre eigenen S ſtäblich in das entgegenge thungen getrieben. Indem Frau Lecount drei Tage auf den Grund erſte Idee nach Heiligenkreu ausgegangen war und daß eigenen Augen daß weder Herr Bygrave ſelbſt noch riger der Nordſteinvilla ſich unter den Paſſagieren befand. Es war nur noch mehr eine Vorſichtsmaßregel anzuwenden und Frau Lecount vernachläſſigte die⸗ ſelbe keineswegs. Herr Bygrave hatte die Kutſche ohne Zweifel bei der Villa zur Seeausſicht vorfah⸗ ren ſehen. Er konnte ſchnell einen Wagen miethen und derſelben auf gut Glück hin bis zur Eiſenbahn folgen. Frau Lecount behielt den Gaſthof, den ein⸗ zigen Ort wo ein Wagen zu bekommen war, beinahe noch eine Stunde lang im Auge, um die Ereigniſſe abzuwarten. Es fiel Nichts vor; kein Wagen er⸗ eine Verfolgung Herrn im Bereiche menſchlicher Möglichkeit. Der lange Druck auf Frau Lecounts Geiſt ließ endlich nach. Sie verließ ihren Siz auf dem Paradeplaz und kehrte in beſſerer Laune als gewöhnlich heim, um Anſtalten zu dem bevorſtehen⸗ zur Seeausſicht zu treffen. Wohnzimmer nieder und holte tief und erleichtert Athem. Capitän Wragges Berechnungen hatten ihn nicht getäuſcht. Der Be⸗ inne hatte zulezt die Un⸗ gläubigkeit der Haushälterin bewältigt und ſie buch⸗ ſezte Ertrem der Vermu⸗ die Vorfälle der lezten ihrer eigenen Wahrneh⸗ mungen erwog und da ſie beſtimmt wußte daß die z zu gehen von ihr ſelbſt ihr Herr weder Gelegen⸗ heit ge Familie daß er ſich na gen, de blieb, Verrätt ſie die Lichte wurde Räthſel Der V auszug ter ein Der U betrüge dacht, ſeine C ächtlich plaz, ſ Schauy den Pe Bereit! drängt einzige ſache Noel für di hinterl hinterl Bi folgerr elbſt noch dſteinvilla smaßregel ſſigte die⸗ ie Kutſche ht vorfah⸗ n miethen Eiſenbahn , den ein⸗ er, beinahe Ereigniſſe Wagen er⸗ ing Herrn nenſchlicher Lecounts in Siz auf Laune als hevorſtehen⸗ zu treffen. nieder und Wragges Der Be⸗ ezt die Un⸗ nd ſie buch⸗ der Vermu⸗ der lezten Wahrneh⸗ ßte daß die n ihr ſelbſt eer Gelegen⸗ 261 heit gefunden noch die Neigung gezeigt hatte, der Familie zu Nordſteinvilla die Mittheilung zu machen, daß er ihren Vorſchlag angenommen habe— ſah ſie ſich natürlicher Weiſe zu dem Anerkenntniß gezwun⸗ gen, daß auch nicht ein Stückchen Grundes übrig blieb, um die fernere Fortſezung des Argwohns von Verrätherei in ihrer Seele zu rechtfertigen. Wenn ſie die Reihenfolge der Umſtände in dem neuen Lichte das durch die Reſultate auf ſie geworfen wurde betrachtete, ſo konnte ſie durchaus nichts Räthſelhaftes, nichts Widerſprechendes daran erblicken. Der Verſuch, die unechten Gemälde als Originale auszugeben, harmonirte vollkommen mit dem Charak⸗ ter eines ſolchen Mannes wie Herr Bygrave war. Der Unwille ihres Herrn über den Verſuch ihn zu betrügen, ſein unumwunden ausgeſprochener Ver⸗ dacht, daß Fräulein Bygrave insgeheim darum wußte, ſeine Enttäuſchung in Betreff der Nichte, ſeine ver⸗ ächtliche Behandlung des Onkels auf dem Parade⸗ plaz, ſein Ueberdrüſſigwerden des Ortes, welcher der Schauplaz einer zu raſchen Vertraulichkeit mit frem⸗ den Perſonen geweſen war, und dieſen Morgen ſeine Bereitwilligkeit denſelben zu verlaſſen— all dieſes drängte ſich dem Geiſte der Haushälterin aus einem einzigen genügenden Grunde als natürliche That⸗ ſache auf. Ihre leiblichen Augen hatten Herrn Noel Vanſtone Aldborough verlaſſen geſehen, ohne für die Bygraves auch nur eine einzige Spur zu hinterlaſſen, oder auch nur zu verſuchen welche zu hinterlaſſen, die ſie verfolgen könnten. Bis hieher führte die Haushälterin ihre Schluß⸗ folgerungen— aber nicht weiter. Sie war ein zu 262 verſtändiges Frauenzimmer, als daß ſie ihre Zukunft dem Zufall oder dem blinden Glücke anvertraut hätte. Der wankelmüthige Sinn ihres Herrn konnte ſich wieder ändern. Ein zufälliges Zuſammentreffen von Umſtänden konnte Herrn Bygrave früher oder ſpäter Gelegenheit verſchaffen, ſeinen begonnenen Fehler wieder gut zu machen und ſeinen verlorenen Plaz in Herrn Noel Vanſtones Achtung auf irgend eine liſtige Weiſe wieder zu erobern. Wenn Frau Lecount auch zugeben mußte daß die Umſtände ſich ſchließlich unverkennbar zu ihren Gunſten geſtaltet hatten, ſo war ſie nichts deſtoweniger überzeugt, daß die Sicherheit ihres Herrn für die Zukunft durch kein anderes Mittel dauernd begründet werden könnter als durch eine rückſichtsloſe Entlarvung der Ränke⸗ ſchmiede, die ſie ſchon anfangs angeſtrebt hatte, und die ſie entſchloſſen war noch fernerhin anzuſtreben. „Ich werde zu Heiligenkreuz jedesmal vergnügt,“ dachte die Haushälterin indem ſie ihre Rechnungs⸗ bücher öffnete und die Rechnungen der Kaufleute ordnete.„Der Admiral iſt ein Gentleman, das Haus iſt nobel, der Tiſch iſt vortrefflich. Keine Frage! Hier in dieſem Hauſe will ich allein verweilen, bis ich das Innere von Fräulein Bygraves Garderobe geſehen habe.“ Sie packte die Raritätenſammlung ihres Herrn in die verſchiedenen Kiſten ein, bereinigte die Rech⸗ nungen der Kaufleute und überwachte im Laufe des Tages die Bedeckung der Möbel. Mit dem Ein⸗ tritt des Abends ging ſie aus, um ſich auf Aus⸗ kundſchaftung zu verlegen, und ſchlich ſich unter dem Schuz der Dunkelheit in den Garten der Nordſtein⸗ villa. zimmers Stockes Zögern geräuſchl Derſelbe ihrer Er und and die Thüt war aus ſie dieſe herum n dieſelbe „Rie Thüren Haushäl plaz zur zur Taſ Das beſ goldenen Sie liche W lezten zu Am auf. C lichen H vielen 2 ſeinen§ tenthor Boot Schwim in welch e Zukunft nvertraut en konnte nentreffen üher oder gonnenen derlorenen uf irgend enn Frau tände ſich geſtaltet eugt, daß durch kein en könnte er Ränke⸗ hatte, und ſtreben. ergnügt,“ echnungs⸗ Kaufleute das Haus ie Frage! lilen, bis Garderobe res Herrn die Rech⸗ Laufe des dem Ein⸗ auf Aus⸗ unter dem Nordſtein⸗ 263 villa. Sie ſah das Licht in dem Fenſter des Wohn⸗ zimmers und die Lichter in den Fenſtern des zweiten Stockes wie gewöhnlich. Nach einem augenblicklichen Zögern ſtahl ſie ſich an die Hausthüre und probirte geräuſchlos den Thürklopfer von der Außenſeite. Derſelbe drehte zwar das Schloß auf, wie ſie nach ihrer Erfahrung von den Häuſern in Aldborough und anderweitigen Badeorten erwartet hatte, aber die Thüre widerſtand ihr deßhalb doch. Die Thüre war aus Vorſicht von innen verriegelt. Nachdem ſie dieſe Entdeckung gemacht, ging ſie um das Haus herum nach der Hinterthüre und überzeugte ſich daß dieſelbe auf die nämliche Weiſe verwahrt war. „Riegeln Sie immerhin, Herr Bygrave, Ihre Thüren ſo feſt zu als es Ihnen beliebt,“ ſagte die Haushälterin, indem ſie ſich wieder auf den Parade⸗ plaz zurückſchlich.„Sie können doch den Eingang zur Taſche Ihres Dienſtmädchens nicht verriegeln. Das beſte Schloß, das Sie beſizen, kann durch einen goldenen Schlüſſel geöffnet werden.“ Sie ging nun heim zu Bette. Das unaufhör⸗ liche Wachen und die unabläſſige Aufregung der lezten zwei Tage hatten ſie ungemein erſchöpft. Am nächſten Morgen ſtand ſie um ſieben Uhr auf. Eine halbe Stunde ſpäter ſah ſie den pünkt⸗ lichen Herrn Bygrave, wie ſie ihn bereits an ſo vwielen Morgen zu gleicher Zeit geſehen hatte, mit ſeinen Handtüchern unter dem Arme aus dem Gar⸗ tenthor der Nordſteinvilla heraustreten und auf ein Boot zueilen das am Strande ſeiner harrte. Schwimmen war eine von den vielen Leibesübungen, in welchen der Capitän Meiſter war. Er wurde 264 jeden Morgen in das Meer hinausgerudert und nahm mit Wolluſt ſein Bad in dem tiefblauen Waſſer. Frau Lecount hatte bereits die Zeit die er zu dieſer Erfriſchung brauchte, auf ihrem Wachtpoſten ausgerechnet, und auf dieſe Weiſe gefunden daß von dem Augenblick an wo er am Ufer einſtieg, bis zu dem Augenblick wo er wieder zurückkam, gewöhnlich eine volle Stunde verfloß. Während dieſes Zeitpunktes hatte ſie niemals einen andern Bewohner der Nordſteinvilla das Haus verlaſſen ſehen. Das Dienſtmädchen befand ſich ohne Zweifel bei ihrer Arbeit in der Küche; Frau By⸗ grave lag wahrſcheinlich noch im Bette, und wenn Fräulein Bygrave zu dieſer frühen Stunde ſchon auf war, ſo hatte ſie vielleicht Weiſung erhalten, in der Abweſenheit ihres Onkels nicht auszugehen. Die Schwierigkeit, dem Uebelſtande von Magdalenens Anweſenheit im Hauſe zu begegnen, war ſchon in den leztverfloſſenen Tagen die einzige Schwierigkeit ge⸗ weſen, zu deren Bewältigung Frau Lecount troz all ihrem Scharfſinn bis jezt keine Mittel hatte finden können. Sie ſaß wohl noch eine Viertelſtunde lang, nach⸗ dem das Boot des Capitäns vom Ufer abgeſtoßen war, am Fenſter, mit ihrem Geiſt in tiefe Gedanken verſunken und ihre Augen mechaniſch auf die Nordſtein⸗ villa geheftet. So ſaß ſie da und dachte eben darüber nach was für eine Entſchuldigung ſie an ihren Herrn von Aldborough ſchreiben könnte, um den Auſſchub ihrer Abreiſe von dort um einige Tage zu rechtfer⸗ tigen— als die Thüre des Hauſes das ſie beobach⸗ tete ſich plözlich öffnete und Magdalene ſelbſt im Garten es war einige und lie als ob Augen plaz hi mit ein daß ſie ſich zu Fro zweifelt getäuſe welche müht l geboten und ſo Gunſter hegen Blättch ihrem einen 2 auf.. lein B Dienſtr handeln werden daß me Die Niema⸗ wieder leiſe 3 dert und iefblauen eit die er achtpoſten daß von , bis zu ewöhnlich niemals das Haus ſich ohne Frau By⸗ ind wenn ſchon auf en, in der hen. Die gdalenens on in den igkeit ge⸗ it troz all tte finden ung, nach⸗ abgeſtoßen Gedanken Nordſtein⸗ n darüber ren Herrn Auſſchub u rechtfer⸗ e beobach⸗ ſelbſt im 265 Garten erſchien. Es konnte kein Irrthum obwalten: es war ihre Geſtalt und ihr Kleid. Sie that haſtig einige Schritte gegen das Gartenthor, blieb ſtehen und ließ den Schleier ihres Gartenhutes herunter, als ob ſie das helle Morgenlicht zu ſtark für ihre Augen fühlte, dann eilte ſie ſchnell auf den Parade⸗ plaz hinaus und ſtürzte mit einer ſolchen Haſt oder mit einer ſolchen geiſtigen Spannung nordwärts fort, daß ſie durch das Gartenthor brauste, ohne es hinter ſich zu ſchließen. Frau Lecount fuhr von ihrem Stuhle auf und. zweifelte einen Augenblick ob ihre Augen ſie nicht getäuſcht hätten. Hatte ſich ihr die Gelegenheit, welche herbeizuführen ſie ſich bisher vergeblich abge⸗ müht hatte, nunmehr in Wirklichkeit von ſelbſt dar⸗ geboten? Hatte das Glück, das ihr ſo hartnäckig und ſo lange entgegengewirkt, ſich endlich zu ihren Gunſten erklärt? Sie konnte keinen Zweifel darüber hegen daß ſich, nach dem Ausdrucke des Volkes, das Blättchen gewendet habe. Sie griff haſtig nach ihrem Hut und ihrer Mantille und machte ſich, ohne einen Augenblick zu zögern, nach der Nordſteinvilla auf. Herr Bygrave draußen auf dem Meere, Fräu⸗ lein Bygrave ausgegangen, Frau Bygrave und das Dienſtmädchen beide daheim und beide leicht zu be⸗ handeln— die Gelegenheit durfte nicht verſäumt werden, das Wagniß war ſchon der Mühe werth daß man es unternahm. Dießmal war die Hausthüre leicht zu öſſnen; Niemand hatte ſie nach Magdalenens Weggang wieder verriegelt. Frau Lecount machte die Thüre leiſe zu, horchte einen Augenblick lange in dem 266 Gange, und hörte das Geräuſch welches das mit ihren Töpfen und Pfannen beſchäftigte Dienſtmäd⸗ chen machte. „Wenn mein Glücksſtern mich geraden Wegs in Fräulein Bygraves Zimmer führt,“ dachte die Haushälterin, indem ſie ſich leiſe die Treppe hinauf ſchlich,„ſo dürfte ich wohl den Weg zu ihrer Gar⸗ derobe finden, ohne Jemanden aufzuſtören.“ Sie probirte die Thüre zunächſt vornen im Hauſe, auf der rechten Seite des Treppenaufgangs. Der launenhafte Zufall hatte ſie ſchon wieder im Stiche gelaſſen. Das Schloß war geſperrt. Sie probirte die Thüre gegenüber zur linken Hand. Die ſymme⸗ triſch in eine Reihe geordneten Stiefel und die Ra⸗ ſirmeſſer auf dem Waſchtiſchchen ſagten ihr im Augenblick daß ſie nicht das rechte Zimmer gefunden habe. Sie kehrte auf die rechte Seite des Treppen⸗ aufgangs zurück, ging einen kleinen Gang entlang der nach dem Hintertheil des Hauſes führte, und verſuchte es mit einer dritten Thüre, und in einem Augenblick ſtanden ſich die zwei entgegengeſezten Extreme weiblicher Menſchheit, Frau Wragge und Frau Lecount, einander von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. „Ich bitte zehntauſend Mal um Verzeihung!“ ſagte Frau Lecount mit der vollendetſten Selbſtbe⸗ herrſchung. „Der Herrgott ſei bei uns!“ ſchrie Frau Wragge in der rathloſeſten Verwirrung. Die beiden Ausrufungen erfolgten in einem Mo⸗ ment, und in demſelben Moment nahm Frau Lecount bereits das Maß ihres Opfers. Nichts von der un⸗ bedeuten das orie tigt und bemerkte blindline um den daß ſich men no⸗ und ein auf wel liche und nehmen „Id nicht üb ergriff. auszuſpt Die Stimme cheln au lichen Tu an, und Unwahr Wahrhe beneidet gehört, ſei, ſie Villa z Haushä beharrlie ihre Fr⸗ ſei von fel als das mit nſtmäd⸗ Wegs chte die hinauf er Gar⸗ 7 Hauſe, 3. Der i Stiche probirte ſymme⸗ die Ra⸗ ihr im gefunden Treppen⸗ entlang te, und n einem igeſezten gge und Ungeſicht ihung!“ Selbſtbe⸗ Wragge lem Mo⸗ Lecount der un⸗ 267 bedeutendſten Wichtigkeit entging ihr. Sie bemerkte das orientaliſche Caſhemirkleid, welches halb gefer⸗ tigt und halb aufgetrennt auf dem Tiſche lag; ſie bemerkte Frau Wragges unbeholfenen Fuß, wie er blindlings in der Nähe ihres Stuhles herumſchürfte, um den verlorenen Schuh zu ſuchen. Sie bemerkte daß ſich außer der Thüre durch die ſie hereingekom⸗ men noch eine zweite Thüre in dem Zimmer befand und ein zweiter Stuhl ganz nahe bei der Hand, auf welchem ſie recht gut und auf eine freundſchaft⸗ liche und vertrauliche Art und Weiſe ihren Siz ein⸗ nehmen könnte. „Ich bitte, nehmen Sie meine Zudringlichkeit nicht übel,“ flehte Frau Lecount, indem ſie den Stuhl ergriff.„Ich bitte, erlauben Sie mir mich vorerſt auszuſprechen!“ Die Haushälterin ſprach mit ihrer ſanfteſten Stimme, blickte Frau Wragge mit einem ſüßen Lä⸗ cheln auf ihren ſchmeichleriſchen Lippen und einer zärt⸗ lichen Theilnahme in ihren hübſchen ſchwarzen Augen an, und entwickelte ihre kleine einleitende Kette von Unwahrheiten mit einem ſo künſtlichen Anſtrich von Wahrheit, um die ſie ſelbſt der Vater der Lügen beneidet haben dürfte. Sie habe von Herrn Bygrave gehört, daß Frau Bygrave in hohem Grade kränklich ſei, ſie habe ſich in ihren müſſigen Stunden auf der Villa zur Seeausſicht, wo ſie die Stellung einer Haushälterin des Herrn Noel Vanſtone ausfülle, beharrlich Vorwürfe gemacht daß ſie Frau Bygrave ihre Freundſchaftsdienſte nicht angeboten habe; ſie ſei von ihrem Herrn(der Frau Bygrave ohne Zwei⸗ fel als einer der Freunde Herrn Bygraves und 268 natürlich auch als einer der Bewunderer ihrer reizen⸗ den Nichte bekannt ſein werde) angewieſen worden heute ihm nach dem Aufenthaltsorte nachzufolgen, wohin er ſich von Aldborough aus begeben habe: ſie ſei genöthigt frühe abzureiſen, aber ſie könne es vor ihrem Gewiſſen nicht verantworten, wenn ſie fortgehen würde, ohne noch einen Beſuch abzuſtatten und ſich wegen ihres anſcheinenden Mangels an nachbarlichen Rückſichten zu entſchuldigen. Sie habe Niemand im Hauſe angetroffen, ſie ſei nicht im Stande geweſen ſich dem Dienſtmädchen hörbar zu machen; ſie habe angenommen daß Frau Wragges Boudoir, da ſie dieſes Gemach im Erdgeſchoſſe nicht aufgefunden, ſich im obern Stocke befinden müſſe; ſie habe ſich nun gedankenloſer Weiſe eine Zudringlich⸗ keit zu Schulden kommen laſſen, über welche ſie eine aufrichtige Beſchämung fühle, und ſie könne ſich jezt lediglich nur an Frau Bygraves Nachſicht wenden, um von ihr entſchuldigt zu werden und Vergebung zu erhalten. Eine weniger ausgedachte Entſchuldigung ſchon würde Frau Lecounts Zwecke Vorſchub geleiſtet ha⸗ ben. Sobald Frau Wragges ſich zerarbeitendes Faſſungsvermögen die Thatſache begriffen hatte, daß ihr unerwarteter Beſuch eine Nachbarin wäre, die ihr von Ruf wohl bekannt war, verſank ihr ganzes Weſen in Bewunderung über Frau Lecounts damen⸗ haftes Benehmen und Frau Lecounts ausgezeichnet ſtehendes Kleid! „Welch eine noble Art und Weiſe zu ſprechen ſie hat!“ dachte die arme Frau Wragge, als die Haushälterin mit ihrem Schlußſaz zu Ende war. „Und, a niedlich „Ich fort, inde mirkleide liegendes im Auge bei eine Erfahrun langt. Kleid w macht he Frau B einige§. ten zu man wi Frar merkung ein Gele der hefte „Da mir geſe angeſezt recht gu — aber wochenle doch nie meine 2 Schauen kann de er nach läßt me r reizen⸗ worden zufolgen, n habe: könne es venn ſie zuſtatten gels an Sie habe nicht im örbar zu Wragges sſſe nicht nüſſe; ſie dringlich⸗ e ſie eine ſich jezt wenden, ergebung ng ſchon eiſtet ha⸗ beitendes hatte, daß bäre, die hr ganzes ts damen⸗ gezeichnet ſprechen „als die nde war. 269 „Und, ach, mein Herz hüpft mir vor Freude, wie niedlich ſie gekleidet iſt!“ „Ich ſehe, ich ſtöre Sie,“ fuhr Frau Lecount fort, indem ſie ſich gewandt des orientaliſchen Caſhe⸗ mirkleides bemächtigte, als ein nahe bei der Hand liegendes Mittel zur Erreichung des Zweckes den ſie im Auge hatte—„ich ſehe, ich ſtöre Sie, Madame, bei einer Beſchäftigung welche, ich weiß es aus Erfahrung, die angeſpannteſte Aufmerkſamkeit ver⸗ langt. Aber Sie liebe Seele: Sie trennen ja das Kleid wieder auf, wie ich ſehe, nachdem Sie es ge⸗ macht haben! Das iſt wieder meine eigene Erfahrung, Frau Bygrave. Einige Kleider ſind ſo halsſtarrig, einige Kleider ſcheinen Einem in eben ſo viel Wor⸗ ten zu ſagen: Nein, man mag mit mir thun was man will, ich werde nicht paſſen!“ Frau Wragge wurde durch dieſe glückliche Be⸗ merkung in hohem Grade überraſcht. Sie brach in ein Gelächter aus und ſchlug ihre großen Hände in der heftigſten Aufregung zuſammen. „Das iſts gerade was dieſes Kleid immer zu mir geſagt hat, ſeitdem ich zuerſt die Scheere daran angeſezt habe,“ rief ſie fröhlich aus.„Ich weiß recht gut daß ich einen abſcheulich dicken Rücken habe — aber das macht Nichts. Warum ſollte ein Kleid wochenlang zur Hand ſein und dann nach Allem doch nicht hinten zuſammenpaſſen. Es hängt über meine Bruſt wie ein Sack herunter, in der That. Schauen Sie her, Madame, auf den Saum. Ich kann damit nicht zurecht kommen. Vornen ſchleppt er nach und hinten zieht er ſich in die Höhe. Es läßt meine Ferſen ſehen und— der Herrgott weiß 270 es— ich habe die liebe Noth genug mit meinen Ferſen, ohne daß mir das Zeigen derſelben auch nur den geringſten Vortheil brächte!“ „Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?“ fragte Frau Lecount vertraulich.„Darf ich es verſuchen, Frau Bygrave, ob ich vielleicht mit meiner Erfah⸗ rung Ihnen nüzlich werden kann? Ich meine, unſere Buſen, Madame, ſind unſere große Schwierigkeit. Nun, iſt dieſes Ihr Buſen?— ſoll ich unumwun⸗ den ſagen was ich davon halte? An dieſem Ihrem Buſen iſt ein ungeheures Verſehen!“ „Sagen Sie das nicht!“ rief Frau Bygrave ſtehentlich.„Thun Sie mir den Gefallen, ſagen Sie das nicht, es iſt Jammerſchade darum. Er iſt um ein gutes Theil dicker, ich weiß es wohl; aber er iſt bei alledem nach einem von Magdalenens Kleidern zugeſchnitten.“ Sie hatte weit zu viel Intereſſe an dem Gegen⸗ ſtand ihres Kleides, um zu bemerken daß ſie ſich bereits vergeſſen und Magdalene bei ihrem eigent⸗ lichen Namen genannt hatte. Frau Lecounts ſcharfe Ohren entdeckten das Verſehen in dem Augenblick wo es begangen worden war. „So! So!“ dachte ſie.„Eine Entdeckung be⸗ reits. Wenn ich jemals in meinen Argwohn Zwei⸗ fel geſezt hätte, ſo iſt hier nun eine ehrenwerthe Dame, welche mich darin wieder beſtärkt.“ „Ich bitte Sie um Entſchuldigung,“ fuhr ſie in lautem Tone fort,„ſagten Sie, dieß ſei nach einem von Ihrer Nichte Kleidern zugeſchnitten?“ „Ja,“ ſagte Frau Wragge.„Sie gleichen ein⸗ ander wie ein Ei dem andern.“ „Als „muß ire des Kleit Sie es „Bei Wragge. gen Sie bloßer auf den Bette iſt Sie eifrig de Lecount auf ihre ſchnell ö Minuten Bade zu „Da derſchran zernen 2 Hier ſi meinem. auf dem iſt Alles Frar ging ſof der Sch.⸗ Erfolg liſchen( nuten ir „Faf „fahren 271 „Alsdann,“ entgegnete Frau Lecount gewandt, meinen„muß irgend ein bedenklicher Fehler beim Fertigen n auch des Kleides Ihrer Nichte vorgekommen ſein. Können Sie es mir zeigen?“ fragte„Beim gütigen Gott— ja wohl!“ rief Frau rſuchen, Wragge.„Gehen Sie hieher, Madame, und brin⸗ Erfah⸗ gen Sie gefälligſt das Kleid mit. Es wird aus unſere bloßer Schwere herunterrutſchen, wenn Sie es hier erigkeit. auf dem Tiſch auslegen. Dort drinnen auf dem umwun⸗ 5 Bette iſt Raum genug hiezu.“ Ihrem Sie öffnete die Verbindungsthüre und zeigte Ftade V eifrig den Weg in Magdalenens Zimmer. Als Frau Bygrave Lecount ihr folgte, warf ſie einen verſtohlenen Blick gen Sie auf ihre Uhr. Niemals zuvor war die Zeit ſo iſt um ſchnell verſtrichen wie dieſen Morgen. In zwanzig aber er Minuten ſchon mußte Herr Bygrave von ſeinem Kleidern Bade zurückkommen. „Da!“ ſagte Frau Wragge, indem ſie den Klei⸗ Vegenl⸗ derſchrank öffnete und ein Kleid von einem der höl⸗ ſie ſich zernen Aufhänger herunternahm.„Sehen Sie her! Gegen⸗ eigenk⸗ Hier ſind Falten an ihrem Buſen und Falten an ſcharfe meinem. Sechs auf einem und ein halbes Duzend blick wo auf dem andern, und meine ſind die dickſten, das jſt Alles.“ iſt Alles. ung be⸗ 3 Frau Lecount ſchüttelte bedächtlich den Kopf und n Zwei⸗ ging ſofort in ihrer Abhandlung auf die Feinheiten nwerthe der Schneiderkunſt ein, was auch den gewünſchten Erfolg hatte, daß die Eigenthümerin des orienta⸗ ſie in liſchen Caſhemirkleides binnen weniger als drei Mi⸗ h einem nuten in die äußerſte Verwirrung verſezt wurde. „Fahren Sie,“ rief Frau Wragge flehentlich, „fahren Sie ſo nicht fort! Ich bin himmelweit hen ein⸗ 272 hinter Ihnen zurück und mein Kopf ſchwirrt mir bereits. Sagen Sie, liebe gute Seele, was denn eigentlich gethan werden ſoll. Sie ſagten juſt eben Etwas über die Muſter. Vielleicht bin ich zu dick für die Muſter? Ich kann nicht dafür, wenn ich es bin. Wie vielfach habe ich, als ich noch ein im Wachſen begriffenes Mädchen war, recht tüchtig über meine lange Figur gejammert! Ich bin um die Hälfte zu groß, Madame; meſſen Sie mich der Länge oder meſſen Sie mich der Breite nach— ich kann es nicht leugnen, ich bin überall um die Hälfte zu groß.“ „Meine werthe Madame,“ wendete Frau Lecount ein,„thun Sie ſich nicht ſelbſt Unrecht! Erlauben Sie mir Sie verſichern zu dürfen daß Sie eine recht empfehlende Figur beſizen, eine Minervafigur. Eine majeſtätiſche Einfachheit in der Geſtalt einer Frau erfordert gebieteriſch auch eine majeſtätiſche Einfach⸗ heit in der Form des Kleides dieſer Frau. Die Coſtümgeſeze ſind claſſiſch, die Coſtümgeſeze dürfen nicht geringſchäzig behandelt werden. Falten für Venus, Puffe für Juno, Falbeln für Minerva. Ich wage Ihnen einen totalen Wechſel des Muſters vor⸗ zuſchlagen. Ihre Nichte hat ja noch andere Kleider vorräthig. Warum ſollten wir nicht ein Minerva⸗ muſter darunter finden?“ Als ſie dieſe Worte ſagte ging ſie wieder an den Kleiderſchrank zurück. Frau Wragge folgte ihr und nahm die Kleider, eines nach dem andern, heraus, indem ſie dabei klein⸗ müthig ihren Kopf ſchüttelte. Seidenkleider, Muslin⸗ kleider kamen zum Vorſchein. Das einzige Kleid, „Sie ander keine anſtä nicht Kleid darin ja de was count ein Hake mit Gar 6 ließ lung fuhr Eine unru menf beme Auft ſie druch G ert mir as denn iſt eben zu dick mich es ein im tig über um die nich der )— ich e Hälfte Lecount Frlauben ine recht r. Eine r Frau Einfach⸗ u. Die e dürfen lten für wa. Ich ers vor⸗ Kleider Ninerva⸗ ieder an Kleider, bei klein⸗ Muslin⸗ ge Kleid, ¹ r — welches unſichtbar blieb, war das Kleid nach welchem Frau Lecount forſchte. „Da iſt der ganze Kram,“ ſagte Frau Wragge. „Sie mögen's wohl für die Venus und die zwei andern thun(ich habe ſie'mal in Bildern geſehen, keine von den Damen hatte auch nur einen Fezen anſtändige Leinwand an), aber ſie werden's für mich nicht thun.“ „Es wird ſicherlich noch ein anderes Kleid da drinnen ſein?“ ſagte Frau Lecount, indem ſie in den Kleiderſchrank hineindeutete, aber durchaus Nichts darin berührte.„Täuſche ich mich nicht, ſo ſehe ich ja dort in der Ecke hinter dem dunkeln Shawl Et⸗ was hangen?“ Frau Wragge entfernte den Shawl; Frau Le⸗ count öffnete die Thüre des Kleiderſchrankes noch ein wenig weiter. Da, nachläſſig an dem innerſten Haken hängend— da war das braune Alpacakleid mit ſeinen weißen Tupfen und ſeiner doppelten Garnirung. Die Plözlichkeit und Vollſtändigkeit der Entdeckung ließ die Haushälterin, ſo raffinirt ſie in der Verſtel⸗ lung auch war, ihre Vorſicht total vergeſſen. Sie fuhr bei dem Anblicke des Kleides zuſammen. Einen Augenblick darnach wandten rſich ihre Augen unruhig nach Frau Wragge hin. War ihr Zuſam⸗ menfahren bemerkt worden? Es dat durchaus un⸗ bemerkt vorübergegangen. Frau Wragge’s ganze Aufmerkſamkeit war auf das Apacakleid gerichtet; ſie ſtarrte es unbegreiflicher Weiſe mit einem Aus⸗ druck des heftigſten Schreckens an. Collins, Namenlos. III. 18 274 „Sie ſcheinen beſtürzt zu ſein, Madame,“ ſagte Frau Lecount.„Worüber entſezen ſie ſich in dem Kleiderſchrank ſo ſehr?“ „Ich hätte ein Kronenſtück aus meinem Geld⸗ beutel darum gegeben,“ ſagte Frau Wragge,„wenn meine Augen dieſen Rock da nicht geſehen hätten. Es war mir bereits ganz aus dem Sinn geſchwun⸗ den, und jezt iſt es wieder zurückgekommen. Zuge⸗ deckt wieder!“ ſchrie Frau Wragge, indem ſie in einem plözlichen Anfall von Verzweiflung den Shawl über das Kleid zog.„Wenn ich noch länger darauf hin⸗ blicke, ſo werde ich meinen, ich befinde mich wieder in der Vauxhallpromenade!“ „Vauxhallpromenade!“ Dieſes Wort ſagte Frau Lecount, daß ſie auf der Schwelle einer neuen Ent⸗ deckung ſtehe. Sie ſchaute zum zweiten Male ver⸗ ſtohlen auf ihre Uhr. Es waren kaum mehr zehn Minuten von dem Zeitpunkt, wo Herr Bygrave nach Hauſe zurückkehren konnte; es war nicht eine von den zehn Minuten mehr, binnen welcher ſeine Nichte möglicherweiſe zurückkam. Vorſicht rieth Frau Le⸗ count ſich zu entfernen, um nicht Gefahr zu laufen erwiſcht zu werden, Vorwiz feſſelte ſie aber an den Fleck und gab ihr den Muth allen Zufällen ent⸗ gegenzutreten, bis die Zeit um war. Ihr liebens⸗ wuͤrdiges Lächeln begann ein wenig härter zu wer⸗ den, als ſie zärtlich ihren Weg in Frau Wragges ſchwaches Herz ſondirte. „Sie haben einige unangenehme Erinnerungen an die Vauxhallpromenade?“ ſagte ſie mit dem möͤg⸗ lichſt milden Frageton in ihrer Stimme.„Oder ſollte prom Dam einen T ſo ſch men auf in ſe nung von des den das den Gard dalen verſe imm zuar den auf zu ſ „ſagte in dem Geld⸗ „wenn hätten. ſchwun⸗ Zuge⸗ n einem vl über zuf hin⸗ wieder te Frau en Ent⸗ ale ver⸗ hr zehn ve nach ne von e Nichte rau Le⸗ laufen an den en ent⸗ liebens⸗ zu wer⸗ Vragges erungen m mög⸗ eer ſollte 275 ich vielleicht ſagen, unangenehme Erinnerungen an dieſes Kleid, das Ihrer Nichte gehört?“ „Das lezte Mal, daß ich ſie in dieſem Kleide ſah,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie auf einen Stuhl ſank und zu zittern begann,„war damals wo ich vom Einkaufen zurückkam und den Geiſt ſah.“ „Den Geiſt?“ wiederholte Frau Lecount, indem ſie anmuthig ihre Hände zuſammenſchlug.„Liebe Madame, entſchuldigen Sie. Gibt es denn ſo Etwas in der Welt? Wo ſahen Sie ihn? In der Vaurhall⸗ promenade? Erzählen Sie mir— Sie ſind die erſte Dame, mit der ich zuſammengetroffen bin, welche einen Geiſt geſehen hat— bitte, erzählen Sie mir!“ Durch die Wichtigkeit der Stellung, welche ſie ſo ſchnell in den Augen der Haushälterin eingenom⸗ men hatte, geſchmeichelt, ging nun Frau Wragge auf die Erzählung ihres übernatürlichen Abenteuers in ſeiner vollen Breite ein. Die athemloſe Span⸗ nung, mit welcher Frau Lecount ihre Schilderung von dem Anzug des Geſpenſtes, dem Hinaufhuſchen des Geſpenſtes über die Stiege und dem Verſchwin⸗ den des Geſpenſtes in dem Schlafgemache lauſchte, das außerordentliche Intereſſe, das Frau Lecount an den Tag legte, als ſie hörte daß das Kleid in der Garderobe das nämliche Kleid wäre, welches Mag⸗ dalene in dem erſchrecklichen Moment wo der Geiſt verſchwand getragen, ermuthigte Frau Wragge ſich immer tiefer und tiefer in die Einzelnheiten hinein⸗ zuarbeiten und in ein Labyrinth von Nebenumſtän⸗ den ſich zu verirren, aus welchem herauszufinden ihr auf ganze Stunden hinaus keine Ausſicht dargeboten zu ſein ſchien. 276 Schneller und ſchneller entflohen die unerbittlichen Minuten; näher und näher kam der verhängnißvolle Moment, wo Herr Bygrave zurückkehren mußte. Frau Lecount blickte zum dritten Male nach ihrer Uhr, ohne bei dieſer Gelegenheit einen Verſuch zu machen, die Bewegung vor den Augen ihrer Geſell⸗ ſchafterin zu verheimlichen. Es waren ihr buchſtäb⸗ lich nur noch mehr zwei Minuten übrig, um ſich von der Nordſteinvilla aus dem Staube zu machen. Zwei Minuten konnten hinreichen, wenn kein ungün⸗ ſtiger Zwiſchenfall ſich zutrug. Sie hatte das Al⸗ pacakleid entdeckt, ſie hatte die ganze Geſchichte von dem Abenteuer in der Vauxhallpromenade gehört; und noch mehr als das, ſie hatte ſogar Kenntniß von der Hausnummer der Wohnung erlangt, deren ſich Frau Wragge zufällig erinnerte, weil ſie der Anzahl ihrer Lebensjahre entſprach. Sie hatte jezt Alles, was zur vollſtändigen Aufklärung ihres Herrn nothwendig war, ausgefuͤhrt. Wenn ſie ſogar noch mehr Zeit vor ſich gehabt hätte, ſo war Nichts da, was ſich der Mühe gelohnt hätte, noch länger zu verweilen. „Ich will dieſe würdige Blödſinnige durch einen „Coup d'état“(Staatsſtreich) zum Schweigen brin⸗ gen,“ dachte die Haushälterin,„und dann verſchwin⸗ den, ehe ſie wieder zu ihrer Beſinnung kommt.“ „Entſezlich!“ ſchrie Frau Lecount, indem ſie die Geiſtererzählung durch einen gellenden Angſtruf unterbrach und zu Frau Wragges unausſprechlichem Erſtaunen ohne die geringſte Ceremonie zur Thüre ſtürzte.„Sie machen mir das innerſte Mark in meinen Knochen gefrieren. Guten Morgen!“ mirkl und 7 Stin oben nen Weiſ ſelbſt einen allme mirkl fremt ſchän W Frau Verz tenw ſie ſ mach 3 war Stra gaſt auf geber Gart Byg forſch ittlichen nißvolle mußte. ch ihrer ſſuch zu Geſell⸗ uchſtäb⸗ um ſich machen. ungün⸗ das Al⸗ hte von gehört; enntniß „deren ſie der atte jezt 3 Herrn ar noch chts da, nger zu h einen n brin⸗ rſchwin⸗ t.* ſie die Ingſtruf clichem Thüre tark in 277 Sie ſchleuderte kaltblütig das orientaliſche Caſhe⸗ mirkleid in Frau Wragges umfangreichen Schooß und verließ im Augenblick das Zimmer. Als ſie hurtig die Treppe hinuntereilte, hörte ſie die Thüre des Schlafgemachs öffnen. „Was iſt das für eine Manier?“ rief eine Stimme von ferne, welche ihr vom Treppengeländer oben ſchwach den Abſchied nachhagelte.„Was mei⸗ nen Sie damit daß Sie meinen Rock auf dieſe Weiſe auf mich hinwerfen? Sie ſollten ſich über ſich ſelbſt ſchämen,“ fuhr Frau Wragge fort, die aus einem Lämmchen zu einer Löwin wurde, als ihr allmählich die unwürdige Behandlung ihres Caſhe⸗ mirkleides zum Bewußtſein kam.„Sie garſtige, fremde Perſon ſollten ſich in die Haut hinein ſchämen!“ Verfolgt von dieſen Abſchiedsgrüßen, erreichte Frau Lecount die Hausthüre und öffnete ſie ohne Verzug. Sie ſchlich ſich pfeilſchnell längs des Gar⸗ tenweges fort, eilte durch das Thor und erſt, als ſie ſich auf dem Paradeplaz in Sicherheit befand, machte ſie Halt und ſchaute nach dem Meere hin. Der erſte Gegenſtand, auf den ihre Augen fielen, war Herr Bygraves Geſtalt, welche regungslos am Strande ſtand— ein zu Stein gewordener Bade⸗ gaſt mit ſeinen Handtüchern in der Hand! Ein Blick auf ihn war hinlänglich, um die Ueberzeugung zu geben, daß er die Haushälterin beim Paſſiren ſeines Gartenthors geſehen hatte. In der ganz richtigen Vermuthung, daß Herrn Bygraves erſtes Geſchäft die Anſtellung von Nach forſchungen in ſeinem Hauſe ſein werde, ſezte Frau 278 — Lecount ſo gelaſſen, als ob gar Nichts vorgefallen wäre, ihren Weg nach der Seeausſicht zurück fort. Als ſie in das Zimmer eintrat, wo ihr einſames Frühſtück auf ſie wartete, war ſie überraſcht einen Brief auf dem Tiſch liegen zu ſehen. Sie näherte ſich mit einem Ausdruck von Ungeduld um ihn zu ergreifen, indem ſie dabei dachte, es möchte irgend eine Kaufmannsrechnung ſein, die ſie vergeſſen hätte. Es war der gefälſchte Brief aus Zürich. Ende des dritten Bandes. fallen fort. ſames einen äherte hn zu irgend hätte.