Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . Eduard Ofttmann in Gießen, 5 Schloßgaſ aſſe Lit. A. Nr. 256. ) Aeih- und Leſebedingungen. 0 1 ſf 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em ſe pfangnahme und Rückgabe der Büch er jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ¹ Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d 85 jedan Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v ₰ wird. „bei Entgegennahme entſprchende Summe on mir zurückerſtattet ¹ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——;————— —auf 1 Monat: 1 Mk. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2— 3 4 5. Auswärtige Be wenen h „ aben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ſ Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 deſerte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ec.) muß der 1 Ladenpreis erſetzt werden.— ¹ Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theit eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 1' 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 T age feſtgeſetzt und wird d J beſonders darauf aufmerkeun gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſt attfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ d ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——- 6 “———= —— 4 22—— 1 Ausgewülllte Mlerke Wilkie Collins. Aus deim Engliſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. Namenlos. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. 4 p Zwiſchenſcene. I. Nora Vanſtone an Herrn Pendril. „Weſtmorelandhaus, Kenſington, den 14. Auguſt 1846. „Lieber Herr Pendril! „Obiges Datum wird Ihnen beweiſen daß die lezte von vielen harten Prüfungen überſtanden iſt. Wir haben Rabenſchlucht verlaſſen; wir haben dem Vaterhauſe Lebewohl geſagt. „Ich habe ernſtlich überlegt was Sie am Mitt⸗ woch vor Ihrer Rückreiſe nach London zu mir ſagten. Ich bin vollkommen mit Ihnen einverſtanden daß Fräulein Garth durch alles das was ſie unſertwegen durchgemacht hat mehr erſchüttert iſt als ſie zugeben will, und daß es hinfort meine Pflicht iſt ihr künf⸗ tig wo möglich jede Angſt um mich und meine Schweſter zu erſparen. Das iſt ſehr wenig was ich für unſere theuerſte Freundin, unſere zweite Mutter thun kann. Aber ich will es jedenfalls von Herzen gerne thun.— „Indeß verzeihen Sie mir wenn ich Ihnen ge⸗ ſtehe daß ich in Bezug auf Magdalene ganz und gar nicht mit Ihnen einverſtanden bin. Ich weiß in unſerer hilfloſen Lage die Wichtigkeit Ihres Bei⸗ ſtandes ſo wohl zu ſchäzen, ich laſſe mirs ſo ſehr angelegen ſein der Theilnahme des vertrauten Rath⸗ gebers und älteſten Freundes meines Vaters würdig zu erſcheinen, daß ich mich in Wahrheit über mich ſelbſt ärgere wenn ich anderer Meinung bin als Sie, und dennoch iſt dieß der Fall. Magdalene iſt ein eigenthümliches Mädchen, und wer ſie nicht genau kennt wird nicht ſo leicht klug aus ihr. Ich will gerne glauben daß ſie in aller Unſchuld Sie auf eine falſche Fährte geleitet und ſich vielleicht von der ungünſtigſten Seite gezeigt hat. Aber daß der Schlüſ⸗ ſel zu ihrer Sprache und ihrem Benehmen am lezten Mittwoch in dem von Ihnen angedeuteten Gefühl gegen den Mann liegen ſollte der uns zu Grunde gerichtet hat, das kann und will ich von meiner Schweſter nicht annehmen. Wenn Sie ſo gut wie ich wüßten was für eine edle Natur ſie iſt, ſo wür⸗ den Sie ſich über meinen hartnäckigen Widerſpruch gegen Ihre Anſicht nicht wundern. Werden Sie mich auf eine andere Meinung zu bringen verſuchen? Nach Herrn Clares Meinung frage ich nichts; er glaubt an nichts. Aber auf das was Sie ſagen lege ich einen ſehr großen Werth, und da ich von der Freund⸗ lichkeit Ihrer Beweggründe überzeugt bin, ſo ſchmerzt es mich denken zu müſſen daß Sie Magdalene Un⸗ recht thun. * 7 „Nachdem ich mir durch dieſes Bekenntniß Luft geſchafft habe, kann ich jezt auf den eigentlichen Ge⸗ genſtand meines Briefes kommen. Ich verſprach, wenn Sie keine Muße fänden uns heute zu beſuchen, Ihnen zu ſchreiben und Alles zu erzählen was ſeit Ihrem Weggang vorgefallen iſt. Der Tag iſt vor⸗ übergegangen ohne daß wir Sie zu ſehen bekamen. Ich öffne alſo meinen Schreibzeug und halte mein Verſprechen. Mit Bedauern muß ich melden daß drei von unſern Dienſtmädchen— die Hausmagd, die Küchenmagd und ſogar unſer Kammermädchen, gegen das wir gewiß immer freundlich waren— gleich nach Ausbezahlung ihres Lohnes durch Ihre Vermittlung aufpackten und ſich davon machten, ſo⸗ bald Sie den Rücken gekehrt hatten. Sie verab⸗ ſchiedeten ſich von uns ſo ſteif und gefühllos, als ob ſie unter ganz gewöhnlichen Umſtänden das Haus verließen. Die Köchin benahm ſich troz ihrer hefti⸗ gen Gemüthsart ganz anders: ſie ließ uns ſagen daß ſie dableiben und bis zum lezten Augenblick uns beiſtehen wolle. Und Thomas, der nie an einem andern Plaz geweſen war als bei uns, ſprach mit ſolcher Dankbarkeit von der unwandelbaren Güte meines theuern Vaters gegen ihn und bat ſo drin⸗ gend um Erlaubniß uns auch ferner zu bedienen ſo lange ſeine kleinen Erſparniſſe ausreichen, daß Mag⸗ dalene und ich alle Rückſicht auf die Form hintan⸗ ſezten und ihm beide die Hand reichten. Weinend ging der arme Burſche aus dem Zimmer. Ich wünſche ihm alles Glück; möge er einen freundlichen Herrn und einen guten Plaz finden! „Der lange, ſtille, regneriſche Abend— der lezte den wir auf Rabenſchlucht zubrachten— wurde uns ſehr trübſelig. Ich glaube, im Winter würde er uns weniger drückend geworden ſein: die zugezoge⸗ nen Vorhänge, die hellen Lampen und die geſelligen Feuer würden uns ein wenig aufgerichtet haben. Wir waren jezt nur noch zu fünf im Hauſe, nachdem wir einſt ſo zahlreich geweſen. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen wie trübe das graue Tageslicht gegen ſieben Uhr in den einſamen Zimmern und auf den geräuſchloſen Treppen uns vorkam. Wahrlich, das Vorurtheil für lange Sommerabende iſt nur bei glücklichen Leuten zu Hauſe. Wir thaten unſer Beſtes. Wir machten uns allerlei zu thun, und Fräulein Garth half uns. Die Ausſicht uns auf unſern Ab⸗ zug vorzubereiten, die früher am Tage ſo ſchrecklich geſchienen hatte, verwandelte ſich, als der Abend herankam, in die Ausſicht uns ſelbſt entfliehen zu können. Wir verſuchten es zuerſt, jede in ihrem eigenen Zimmer einzupacken; aber die Einſamkeit war mehr als wir ertragen konnten, Wir ſchafften alle unſere Habſeligkeiten hinab, legten ſie in einen großen Haufen auf den Speiſetiſch, und ſo trafen wir ge⸗ meinſchaftlich im gleichen Zimmer unſere Vorberei⸗ tungen. Wir haben gewiß nichts weggenommen was nicht im ſtrengſten Sinne des Wortes uns gehörte. „Nachdem ich Ihnen bereits meine Ueberzeugung mitgetheilt daß Magdalene bei der Mittwochsbeſpre⸗ chung mit Ihnen nicht ganz bei Troſte war, fühle ich mich verſucht hier inne zu halten und zum Be⸗ weis meiner Behauptung ein Beiſpiel anzuführen. Der kleine Umſtand ereignete ſich am Mittwoch, juſt bevor wir in unſer Zimmer hinaufgingen. geſ gep tire den den ratl gen ein diri des Ma ſein daß Unt nun Dir deu⸗ Wer Um nati wol nah⸗ Sch klär: zuge wür Car Gar dam Ben ſo V 9 „Nachdem wir unſere Kleider und Geburtstags⸗ geſchenke, unſere Bücher und Muſicalien zuſammen⸗ gepackt hatten, begannen wir unſere Briefe zu ſor⸗ tiren, die, da ſie alle auf denſelben Tiſch gelegt wor⸗ den, unter einander gekommen waren. Einige von den meinigen waren unter Magdalenens Briefe ge⸗ rathen, und einige von den ihrigen unter die meini⸗ gen. Unter dieſen lezteren fand ich eine Carte die ein Schauſpieler, der eine Liebhabertheatervorſtellung dirigirte bei welcher ſie ſich betheiligte, zu Anfang des Jahres meiner Schweſter gegeben hatte. Der Mann hatte ihr die Carte, die ſeinen Namen und ſeine Adreſſe enthielt, in dem Glauben überreicht daß ſie noch verſchiedene Einladungen zu ähnlichen Unterhaltungen bekommen werde, und in der Hoff⸗ nung daß ſie ihn bei künftigen Gelegenheiten als Director empfehlen könnte. Ich erzähle dieſe unbe⸗ deutenden Details bloß um zu zeigen welch geringen Werth die Aufbewahrung einer ſolchen Carte unter Umſtänden wie die unſrigen haben mußte. Ganz natürlich ſchleuderte ich ſie über den Tiſch weg, und wollte ſie auf den Boden werfen. Sie fiel zu kurz, nahe bei dem Plaze wo Magdalene ſaß. Meine Schweſter nahm die Carte, ſchaute ſie an und er⸗ klärte ſogleich, ſie würde um Alles in der Welt nicht zugeben daß dieſes ganz werthloſe Ding vernichtet würde. Sie war beinahe böſe auf mich daß ich die Carte weggeworfen hatte, beinahe böſe auf Fräulein Garth, weil ſie fragte was ſie denn möglicher Weiſe damit anfangen könne. Konnte es einen deutlicheren Beweis geben daß unſer Mißgeſchick— das ſie um ſo Vieles ſchwerer betroffen hat als mich— ſie gänz— lich aus den Angeln gehoben und irre gemacht hat? Wahrlich ihre Worte und Blicke dürfen nicht zu ihrem Nachtheil gedeutet werden, wenn ſie nicht genug Herr über ſich iſt um ihr natürliches Urtheil zu beſizen— wenn ſie bei einer ſo ganz bedeutungs⸗ loſen Frage die unvernünftige Ungeberdigkeit eines Kindes zeigt. „Kurz nach eilf Uhr gingen wir hinauf um wo möglich einige Ruhe zu finden. „Ich zog den Vorhang von meinem Fenſter weg und ſah hinaus. O welch eine qualvolle lezte Nacht war das! Kein Mond, keine Sterne: eine ſolch tiefe Finſterniß, daß nicht ein einziger der lieben, ver⸗ trauten Gegenſtände im Garten ſichtbar wurde, als ich nach ihnen ſchaute; eine ſolch tiefe Stille, daß ſogar meine eigenen Bewegungen im Zimmer mich beinahe erſchreckten. Ich verſuchte mich niederzulegen und zu ſchlafen, aber das Gefühl der Einſamkeit kehrte wieder und überwältigte mich gänzlich. Sie werden ſagen, ich ſei mit meinen ſechsundzwanzig Jahren alt genug, daß ich mich ſelbſt beſſer hätte beherrſchen ſollen. Ich weiß ſelbſt nicht recht wie es geſchah, aber ich ſchlich mich in Magdalenens Zim⸗ mer, gerade wie ich mich vor langen Jahren, als wir noch Kinder waren, hineinzuſchleichen pflegte. Sie war nicht zu Bette, ſondern ſaß, mit ihrem Schreib⸗ material vor ſich, nachdenklich am Tiſche. Ich ſagte, ich möchte gerne die lezte Nacht bei ihr zubringen, und ſie küßte mich, ſagte ich möchte mich nur legen, und verſprach bald nachzukommen. Mein Gemüth war etwas ruhiger geworden und ich ſchlief ein. Es war Tag als ich erwachte, und das Erſte was ich 11 ſah war Magdalene, die noch immer nachſinnend auf dem Stuhle ſaß. Sie war nicht zu Bette gegangen und hatte die ganze Nacht nicht geſchlafen. „Ich werde ſchlafen wenn wir Rabenſchlucht ver⸗ laſſen haben,“ ſagte ſie.„Es wird mir wohler wer⸗ den wenn Alles vorüber iſt und ich Frank Lebewohl geſagt habe.“ In ihrer Hand hatte ſie das Teſta⸗ ment ihres Vaters und den Brief den ſie an Sie ſchrieb; beides gab ſie, als ſie ausgeſprochen hatte, in meine Hand. Ich ſei die älteſte, ſagte ſie, und dieſe lezten koſtbaren Reliquien müßten in meiner Verwahrung bleiben. Ich wollte ihr eine Theilung derſelben vorſchlagen, aber ſie ſchüttelte den Kopf. Ich habe, antwortete ſie, für mich ſelbſt Alles ab⸗ geſchrieben was er im Teſtament ſagt und Alles was er im Briefe ſagt. So ſprechend zog ſie aus ihrem Buſen ein weißſeidenes Täſchchen das ſie in der Nacht gemacht und worein ſie die Auszüge geſteckt hatte, als wollte ſie dieſelben beſtändig bei ſich behalten. Dieß, fügte ſie hinzu, ſagt mir mit ſeinen eigenen Worten was ſeine lezten Wünſche für uns beide waren, und dieß iſt Alles was ich für die Zukunft brauche. „Ich verweile hier bei Lappalien und muß mich beinahe über mich ſelbſt wundern daß ich mich nicht ſchäme Sie damit zu behelligen. Aber ſeit ich Ihre vieljährige Verbindung mit meinem Vater und mei⸗ ner Mutter kenne, habe ich Sie als einen alten Freund betrachtet und natürlich auch ſo an Sie ſchreiben gelernt. Ueberdieß liegt mir ſo viel daran Sie auf andere Anſichten über Magdalene zu brin⸗ gen, daß ich nicht umhin kann Ihnen ſelbſt die un⸗ — 21 — — bedeutendſten Dinge zu erzählen welche Sie etwa zu meiner eigenen Meinung von ihr bekehren könnten. „Als die Frühſtücksſtunde kam— am Donnerſtag — fanden wir zu unſerer Ueberraſchung einen frem⸗ den Brief auf dem Tiſch. Vielleicht muß ich Ihnen davon erzählen, im Fall künftig Ihre Einſchreitung nöthig werden ſollte. Er war an Fräulein Garth adreſſirt, auf Papier mit dem breiteſten Trauerrand geſchrieben, und der Verfaſſer war derſelbe Mann der uns im lezten Frühjahr einmal auf dem Heim⸗ weg von einem Spaziergang nachfolgte— Capitän Wragge. Er ſcheint ſich noch einmal ſeiner frechen Anſprüche auf eine Familienverbindung mit meiner armen Mutter verſichern zu wollen, und zwar unter dem Vorwand eines Condolenzſchreibens, das von einem ſolchen Menſchen allein ſchon eine Unverſchämt⸗ heit iſt. Er ſpricht ſo viel Mitgefühl aus— als er in den Zeitungen von unſerm Kummer erfahren habe— wie wenn er wirklich ein naher Verwandter von uns wäre, und in einer Nachſchrift, die ſeine gänzliche Unkenntniß der wirklichen Sachlage beweist, fragt er, ob man es für wünſchenswerth halte daß er unter den andern Verwandten der Eröffnung des Teſtaments anwohne. Als Adreſſe unter welcher Briefe ihn in den nächſten vierzehn Tagen finden würden, bezeichnet er das Poſtamt Birmingham. Dieß iſt Alles was ich Ihnen über den Gegenſtand zu ſagen habe. Sowohl Brief als Schreiber ſchei⸗ nen mir aller Beachtung von unſerer oder Ihrer Seite gleich unwürdig zu ſein. „Nach dem Frühſtück verließ Magdalene uns und ging allein in das Morgenzimmer. Da das Wetter va zu inten. erſtag frem⸗ hnen itung Barth rand Nann Heim⸗ bitän echen einer unter von ämt⸗ als hren dter eine eist, daß des cher den am. and hei⸗ hrer und tter 13 fortwährend regneriſch war, ſo hatten wir die Ein⸗ leitung getroffen daß Francis Clare ſie in dieſem Zimmer treffen ſolle, wenn er komme um ſich zu verabſchieden. Ich war oben als er eintrat, und ich blieb auch noch etwas länger als eine halbe Stunde oben, wie Sie ſich wohl denken können, in kummervoller Angſt um Magdalene. „Nach dieſer halben Stunde ging ich die Treppe hinab. Als ich auf den Abſaz kam, hörte ich plöz⸗ lich ihre Stimme laut flehend und ihn beim Namen rufend— dann ſtarkes Schluchzen— ſodann ein ſchreckliches Lachen und Kreiſchen unter einander, ſo daß es durch das ganze Haus ſcholl. Ich lief augen⸗ blicklich in das Zimmer und fand Magdalene in hef⸗ tigen hyſteriſchen Krämpfen auf dem Sopha liegend, während Frank mit finſterer, zorniger Miene daſtand und an ſeinen Nägeln kaute. „Ich war ſo empört— ohne genau zu wiſſen warum— da ich natürlich nicht wußte was bei der Beſprechung vorgefallen war— daß ich Herrn Fran⸗ cis Clare bei den Schultern nahm und zum Zimmer hinausſtieß. Es liegt mir viel daran Ihnen zu ſagen wie ich gegen ihn handelte und was mich dazu ver⸗ anlaßte, denn ich begreife daß er äußerſt beleidigt iſt und leicht irgendwo von meiner unweiblichen und unziemlichen Heftigkeit gegen ihn ſprechen könnte. Sollte er gegen Sie darauf zu reden kommen, ſo will ich freiwillig eingeſtehen daß ich mich vergeſſen habe; doch werden Sie hoffentlich wohl denken daß es nicht ohne einen guten Grund geſchah. „Ich ſtieß ihn in die Halle hinaus und überließ Magdalene für den Augenblick der Obhut von Fräu⸗ 14 lein Garth. Statt fortzugehen, ſezte er ſich ſtörriſch auf einen Stuhl in der Halle. Darf ich um den Grund dieſer außerordentlichen Heftigkeit fragen? begann er dann mit beleidigtem Blick. Nein, ſagte ich. Sie werden ſo gut ſein ſich den Grund ſelbſt zu denken und uns augenblicklich zu verlaſſen, wenn ich bitten darf. Er blieb verſtockt auf dem Stuhle ſizen, kaute an ſeinen Nägeln und dachte nach. Was habe ich gethan um ſo gefühllos behandelt zu wer⸗ den? fragte er nach einer Weile. Ich kann mich mit Ihnen in keine Erörterung einlaſſen, antwortete ich; ich kann Sie bloß erſuchen uns zu verlaſſen. Wenn Sie darauf beharren zu warten um meine Schweſter wieder zu ſehen, ſo gehe ich ſelbſt zu Ihrem Vater hinüber und bitte ihn um ſeine Einſchreitung. Bei dieſen Worten erhob er ſich mit großer Haſt. Ich bin in dieſer Sache ſchändlich behandelt worden, ſagte er. Alle Mühſeligkeiten und Opfer ſind mir zugefallen. Ich bin der einzige unter euch der eini⸗ ges Herz hat: alle übrigen ſind ſo hart wie Stein— Magdalene mit inbegriffen. In einem Athem ſagt ſie, ſie liebe mich, und gleich darauf verlangt ſie, ich ſoll nach China gehen. Was habe ich gethan um mit dieſem herzloſen Wankelmuth behandelt zu wer⸗ den? Ich meinerſeits bleibe meinen Grundſäzen ge⸗ treu— ich verlange bloß daheim bleiben zu dürfen, und nun iſt die Folge davon daß ihr Alle gegen mich ſeid. So brummte er die Treppe hinab, und ſeitdem ſah ich nichts mehr von ihm. Dieß war Alles was zwiſchen uns vorfiel. Wenn er die Sache anders erzählen will, ſo iſt es falſch. Er machte keinen Verſuch zurückzukommen. Eine Stunde ſpäter erſe ſah lene die nen im Es ſchie er nock kam ruhf ſchö gedt konn zwiſ hat von betr Erm die anzu für i wor Laſt ſie e nun leſer Lebe 15 erſchien ſein Vater um uns Lebewohl zu ſagen. Er ſah Fräulein Garth und mich, aber nicht Magda⸗ lene; er ſagte uns, er würde mit ihrem Beiſtand die nothwendigen Maßregeln treffen, damit man ſei⸗ nen Sohn in London gehörig im Auge halte und im geeigneten Zeitpunkt richtig auf das Schiff liefere. Es war ein kurzer Beſuch und ein trauriger Ab⸗ ſchied. Selbſt Herr Clare zeigte Kummer, obſchon er ſich alle Mühe gab es zu verbergen. „Nachdem er gegangen war, blieben uns kaum noch zwei Stunden übrig bis die Zeit zur Abreiſe kam. Ich ging zu Magdalene zurück und fand ſie ruhiger und beſſer, obſchon furchtbar blaß und er⸗ ſchöpft, wie auch, ſo ſchien es mir, durch Gedanken gedrückt zu deren Mittheilung ſie ſich nicht entſchließen konnte. Sie wollte mir damals von dem Vorfall zwiſchen ihr und Francis Clare nichts ſagen, und hat mir auch ſeitdem nichts geſagt. Als ich zornig von ihm ſprach(denn ich fühlte wohl daß er ſie betrübt und gequält hatte, während er ihr doch alle Ermuthigungen und Tröſtungen hätte geben ſollen, die man nur ſpenden kann), ſo weigerte ſie ſich mich anzuhören. Sie machte die beſten Entſchuldigungen für ihn; ſie legte die ganze Schuld an dem Zuſtand worin ich ſie gefunden hatte lediglich ſich ſelbſt zur Laſt. Hatte ich Unrecht wenn ich Ihnen ſagte daß ſie eine edle Natur ſei? Und werden Sie Ihre Mei⸗ nung von ihr nicht ändern wenn Sie dieſe Zeilen leſen? „Wir hatten keine Freunde die kommen und uns Lebewohl ſagen konnten; unſere wenigen Bekannten waren zu entfernt, vielleicht auch zu gleichgiltig um ihren Beſuch zu machen. Wir gebrauchten die kurze uns noch geſtattete Muße um zum lezten Male mit einander das Haus zu durchwandern. Wir nahmen Abſchied von unſrem alten Schulſaale, unſern Schlaf⸗ gemächern, dem Zimmer wo unſere Mutter geſtor⸗ ben, der kleinen Studirſtube wo unſer Vater ſeine Rechnungen zu beſorgen und ſeine Briefe zu ſchrei⸗ ben pflegte; in unſerer verlaſſenen Lage war es uns da zu Muthe, wie andern Mädchen etwa bei der Trennung von alten Freunden. Aus dem Hauſe gingen wir dann, da das Wetter ſich einen Augen⸗ blick aufheiterte, in den Garten und pflückten unſern lezten Blumenſtrauß. Zugleich wurde beſchloſſen dieſe Blumen, wenn ſie zu verwelken anfangen, ein⸗ zulegen und zur Erinnerung an die entſchwundenen glücklichen Tage aufzubewahren. Als wir dem Garten Lebewohl geſagt hatten, blieb nur noch eine halbe Stunde übrig. Wir gingen zuſammen an das Grab, knieten ſchweigend neben einander nieder und küßten den geweihten Grund. Mir war als müßte mein Herz brechen. Auguſt war der Geburtsmonat meiner Mutter, und im vorigen Jahre um dieſe Zeit hielten mein Vater, Magdalene und ich eine geheime Be⸗ rathung, mit welchem Geſchenke wir ſie wohl an ihrem Geburtstagsmorgen überraſchen könnten. „Hätten Sie geſehen wie Magdalene litt, ſo würden Sie nie wieder an ihr zweifeln. Ich mußte ſie beinahe mit Gewalt von der lezten Ruheſtätte unſerer Eltern wegziehen. Che wir aus dem Kirch⸗ hof kamen, riß ſie ſich von mir los und lief zurück. Sie kniete am Grabe nieder, riß leidenſchaftlich eine Handvoll Gras heraus und ſagte zu ſich ſelbſt etwas m die kurze Male mit r nahmen en Schlaf⸗ ter geſtor⸗ dater ſeine zu ſchrei⸗ ar es uns a bei der em Hauſe n Augen⸗ en unſern beſchloſſen igen, ein⸗ wundenen m Garten ine halbe as Grab, id küßten ßte mein at meiner it hielten eime Be⸗ wohl an ten. litt, ſo ch mußte uheſtätte im Kirch⸗ ff zurück. llich eine ſt etwas 17 das ich aber, obſchon ich ihr unmittelbar folgte, nicht mehr hören konnte. Als ich ſie vom Boden aufzu⸗ richten verſuchte, wandte ſie ſich in einer ſo wahnſinni⸗ en Art gegen mich um, ſchaute mich mit einer ſo furcht⸗ peren Wildheit in ihren Blicken an, daß ihr Anblick mich förmlich erſchreckte. Zu meiner Beruhigung wich der Paroxismus eben ſo plözlich wie er gekommen war. Sie ſteckte das ausgerupfte Gras in ihren Buſen, ergriff meinen Arm und eilte mit mir aus dem Kirchhof hinaus. Ich fragte ſie warum ſie zu⸗ rückgegangen ſei, wie auch welche Worte ſie am Grab geſprochen habe.„Ein Gelübde gegen unſern todten Vater,“ antwortete ſie mit einer augenblicklichen Wiederkehr des wilden Blicks und des wahnſinnigen Benehmens womit ſie mich bereits erſchreckt hatte. Ich ſcheute mich ſie durch weitere Reden aufzuregen und verſparte alle Fragen auf eine paſſendere Zeit. Sie werden daraus ſehen wie furchtbar ſie leidet, wie wild und ſeltſam ſie unter einer gewaltigen Aufregung handelt, und Sie werden das was ſie bei Ihrem lezten Beſuche am Mittwoch ſagte oder that nicht zu ihren Ungunſten deuten. „Wir kamen bloß nach Hauſe zurück um ſogleich nach der Eiſenbahn wegzueilen. Vielleicht war es ſo beſſer für uns— beſſer daß wir nur einen ein⸗ zigen Augenblick hatten um zurückzuſchauen, ehe die Straßenbiegung das lezte Stück von Rabenſchlucht unſern Augen entzog. Auf der Station war keine Seele die wir kannten, Niemand ſtarrte uns an, Niemand wünſchte uns Lebewohl. Der Regen be⸗ gann wieder, als wir unſere Pläze im Zug einnah⸗ Collins, Namenlos. II. 2 ℳ men. Was wir beim Anblick der Eiſenbahn em⸗ pfanden, welche ſchauerliche Erinnerungen an das Unglück das uns vaterlos gemacht ſich unſern See⸗ len aufdrängten, das vermag und wage ich Ihnen nicht zu ſagen. Ich habe mir alle Mühe gegeben dieſen Brief nicht in einem düſtern Tone zu ſchrei⸗ ben und Ihre vielfache Güte nicht dadurch zu ver⸗ gelten daß ich Sie mit unſrem Kummer beunruhige. Vielleicht habe ich bereits zu lang bei der kleinen Geſchichte unſers Abſchieds von Hauſe verweilt. Ich kann zu meiner Entſchuldigung bloß ſagen daß mein Herz davon voll iſt, und was nicht in meinem Herzen iſt das kann meine Feder nicht ſchreiben. „Wir befinden uns an unſrem neuen Wohnorte erſt ſo kurz, daß ich Ihnen nichts mehr zu berichten habe, außer daß die Schweſter von Fräulein Garth uns mit der herzlichſten Freundlichkeit aufgenommen. Vernünftiger Weiſe überläßt ſie uns jezt uns ſelbſt bis wir beſſer im Stande ſind an unſere Zukunfts⸗ pläne zu denken und auf einen angemeſſenen Lebens⸗ unterhalt zu ſinnen. Das Haus iſt ſo groß und die Lage unſerer Zimmer iſt mit ſolchem Wohl⸗ bedacht ausgewählt, daß ich kaum merken würde daß wir uns in einer Schule befinden, wenn ich nicht zuweilen das Lachen der jüngern Mädchen im Garten hörte. „Mit den freundlichſten Grüßen von Fräulein Garth und meiner Schweſter zeichne ich Ihre dankbare Nora Vanſtone.“ „J keine W Die ein unglückl. ſchließen mich, w und dar in Thräu von der erneuter ſprachen. „Die Schweſte leer, un aihn em⸗ an das en See⸗ Ihnen gegeben I ſchrei⸗ zu ver⸗ rruhige. kleinen erweilt. gen daß meinem ben. ohnorte erichten Garth ommen. ſelbſt kunfts⸗ ebens⸗ ß und Wohl⸗ würde un ich den im äulein II. Fräulein Garth an Herrn Pendril. „Kenſington, Weſtmorelandhaus, den 23. September 1846. „Mein lieber Herr! „Ich ſchreibe dieſe Zeilen in einem Jammer den keine Worte beſchreiben können. Magdalene iſt uns entlaufen. Heute in aller Früh hat ſie heimlich das Haus verlaſſen und uns ſeitdem keine Nachricht von ſich gegeben. „Ich würde kommen und perſönlich mit Ihnen ſprechen, aber ich wage es nicht Nora zu verlaſſen. Ich muß verſuchen ob ich mich faſſen und ſchreiben kann. „Geſtern geſchah Nichts was mich oder Nora auf dieſe lezte, ich hätte beinahe geſagt, dieſe ſchlimmſte von allen unſeren Heimſuchungen vorbereiten konnte. Die einzige Veränderung die wir beide an dem unglücklichen Mädchen bemerkten ließ auf Gutes ſchließen, als wir uns gute Nacht ſagten. Sie küßte mich, was ſie in der lezten Zeit nicht gethan hatte, und dann brach ſie, als ſie ihre Schweſter umarmte, in Thränen aus. Wir hatten ſo wenig eine Ahnung von der Wahrheit, daß wir uns von dieſen Zeichen erneuter Zärtlichkeit und Liebe das Allerbeſte ver⸗ ſprachen. „Dieſen Morgen, kurz nach acht Uhr, als ihre Schweſter in Magdalenens Zimmer ging, war es leer, und auf dem Toiletten tiſch lag ein Brief von ihrer Hand an Nora. Ich kann Nora nicht bewegen den Brief wegzugeben; ich kann Ihnen nur inliegende Abſchrift davon ſenden. Sie werden ſehen daß er über die von ihr eingeſchlagene Richtung keinen Aufſchluß gibt. „Da ich den Werth der Zeit bei dieſem ſchreck⸗ lichen Vorfall zu ſchäzen wußte, ſo unterſuchte ich ihr Zimmer und fragte mit Hilfe meiner Schweſter die Dienſtbboten aus, ſobald ich Nachricht von ihrem Entweichen erhalten hatte. Ihr Kleiderkaſten war leer, ebenſo auch alle ihre Koffer, bis auf einen einzigen den ſie augenſcheinlich mitgenommen hat. Wir glauben daß ſie ihre Kleider und Juwelen heim⸗ lich verſilbert, den einzigen Koffer den ſie mitnahm geſtern aus dem Hauſe geſchafft, ferner daß ſie die⸗ ſen Morgen zu Fuß uns verlaſſen hat. Eines der Dienſtmädchen gab uns ſo unbefriedigende Antwor⸗ ten, daß wir glauben, es habe ſich von ihr beſtechen laſſen und alle Anordnungen zu ihrer Flucht einge⸗ leitet, welche ſie ſelbſt nicht ohne Furcht vor Ent⸗ deckung treffen konnte. „Ich habe Gründe(die ich Ihnen in einer paſ⸗ ſenderen Zeit ſagen kann) mich verſichert zu halten daß ſie mit der Abſicht ihr Glück auf der Bühne zu verſuchen entwichen iſt. Sie beſizt die Carte eines Schauſpielers von Profeſſion, der einſt bei einem Liebhabertheater in Clifton eine Vorſtellung dirigirte an welcher ſie theilnahm. Und an ihn wird ſie ſich wohl um Beiſtand gewendet haben. Ich ſah die Carte zur Zeit und weiß daß der Mann Hurtable heißt. Der Adreſſe kann ich mich nicht ſo ganz genau erinnern, aber ich glaube daß es irgend ein mit dem ſtreet im unverzüg ziehen; glaube, „Hät einen Ve lich ma bald ſie regeln ſie über weggeft richten hoffnur auf we von de ten üb felten väterli Bühne hegen gende aß er einen hreck⸗ ee ich beſter hrem war einen hat. heim⸗ nahm die⸗ 8 der twor⸗ techen einge⸗ Ent⸗ rpaſ⸗ halten Bühne eines einem rigirte ie ſich h die rtable ganz d ein 21 mit dem Theater zuſammenhängender Ort in Bow⸗ ſtreet im Coventgardenviertel war. Ich erſuche Sie unverzüglich die nothwendigen Erkundigungen einzu⸗ ziehen; die erſte Spur von ihr wird, wie ich ſeſt glaube, unter dieſer Adreſſe zu finden ſein. „Hätten wir nichts Schlimmeres zu fürchten als einen Verſuch aufs Theater zu gehen, ſo würde ich die Betrübniß und Angſt nicht empfinden die mich jezt überwältigen. Hundert andere Mädchen haben eben ſo gedankenlos gehandelt und darum nicht eben ſchlimm geendet. Aber meine Befürchtungen um Magdalene beginnen und enden nicht mit der Ge⸗ fahr worin ſie gegenwärtig ſchwebt. „Seit wir Rabenſchlucht verlaſſen haben, lag Etwas ſchwer auf ihrem Herzen, und zwar in den lezten ſechs Wochen weit ſchwerer als im Anfang. Bis zur Zeit wo Francis Clare England verließ, wurde ſie, davon bin ich feſt überzeugt, im Stillen durch die Hoffnung aufrecht erhalten daß er es mög⸗ lich machen würde ſie noch einmal zu beſuchen. So⸗ bald ſie erfuhr daß die von Ihnen getroffenen Maß⸗ regeln dieß zu verhindern ihren Zweck erreicht; ſobald ſie überzeugt ſein konnte daß das Schiff ihn wirklich weggeführt hatte, vermochte Nichts mehr ſie aufzu⸗ richten oder zu intereſſiren. Sie hat ſich immer hoffnungsloſer ihrem Brüten überlaſſen, Gedanken auf welche ſie ſicherlich erſt dann kam als ſie ſich von der gänzlichen Zerſtörung ihrer Heirathsausſich⸗ ten überzeugt hatte. Sie hat irgend einen verzwei⸗ felten Plan gefaßt Michael Vanſtone den Beſiz ihres väterlichen Vermögens ſtreitig zu machen, und die Bühnenlaufbahn die ſie jezt verſuchen will iſt weiter 22 nichts als ein Mittel ſie von aller Familienabhängig⸗ keit zu befreien, damit ſie vollkommen ſicher vor häus⸗ licher Ueberwachung alle möglichen tollen Wagniſſe unternehmen kann. Wie ſchwer es mir wird in ſol⸗ chen Ausdrücken von ihr zu ſchreiben, mögen Sie ſich ſelbſt denken. Die Zeit iſt vorüber wo die Ruͤck⸗ ſicht auf eigene Betrübniß etwas über mich vermochte. Was ich ſagen kann um Ihre Augen für die wahre Gefahr zu erſchließen und Sie in der Ueberzeugung zu befeſtigen daß es Noth thut ſie augenblicklich ab⸗ zuwenden, das ſage ich mit eigener Selbſtüberwin⸗ dung, ohne Bedenken und Rückhalt. „Noch ein Wort und ich bin fertig. „Als Sie zum lezten Mal ſo freundlich waren uns in dieſem Hauſe zu beſuchen, erinnern Sie ſich da wie Magdalene uns in Jammer und Noth brachte, weil Sie durchaus von Ihnen wiſſen wollte ob ſie ein Recht habe ihres Vaters Namen zu führen? Erinnern Sie ſich wie ſie auf ihren Fragen beſtand, bis ſie Ihnen die Erklärung abgenöthigt hatte daß vor dem Geſez ſowohl ſie als ihre Schweſter namen⸗ los ſeien? Ich wage Ihnen dieß ins Gedächtniß zurückzurufen, weil Sie an die Angelegenheiten von Hunderten von Clienten denken müſſen und daher dieſen Umſtand leicht vergeſſen haben könnten. Dieſe Beſprechung mit Ihnen hat ſicherlich ihrem natür⸗ lichen Streben uns zu täuſchen und durch Annahme eines fremden Namens ſich ſelbſt herabzuwürdigen ein Ende gemacht. Wir müſſen ſie durch Beſchrei⸗ bung ihrer Perſon ausfindig machen— anders kön⸗ nen wir keine Spur von ihr entdecken. „Ich kann mir ſonſt nichts mehr denken was Ihre Entſcl ten l Koſter Brief morg⸗ mich blickli einzig darin Ihrer C „ mit terlen Gott wahr muß könn ange Stil Du Geli nicht hängig⸗ r häus⸗ gagniſſe in ſol⸗ gen Sie ie Rück⸗ mochte. wahre eugung lich ab⸗ berwin⸗ waren Sie ſich brachte, ob ſie ühren? heſtand, te daß amen⸗ ächtniß en von daher Dieſe natür⸗ nahme rdigen eſchrei⸗ 3 kön⸗ 3 Ihre 23 Entſchließung in unſerm beklagenswerthen Falle lei⸗ ten könnte. Um Gotteswillen, ſparen Sie keine Koſten und keine Anſtrengung. Ich ſchicke meinen Brief durch einen Exrpreſſen; er muß ſpäteſtens bis morgen 10 Uhr in Ihren Händen ſein. Laſſen Sie mich mit ein Paar Zeilen wiſſen daß Sie augen⸗ blicklich nach beſtem Ermeſſen handeln wollen. Meine einzige Hoffnung Nora beruhigen zu können beſteht darin daß ich ihr ein Wort der Aufmunterung von Ihrer Feder zeige. „Ihre aufrichtige und zu innigem Dank verpflichtete Heinrike Garth.“ III. Magdalene an Nora. (In obigem Brief eingeſchloſſen.) „Innigſt geliebte Nora! „Verſuche ob Du mir verzeihen kannſt. Ich habe mit mir ſelbſt gekämpft bis ich der Anſtrengung un⸗ terlegen bin. Ich bin das elendeſte Geſchöpf auf Gottes Erden. Unſer ruhiges Leben hier macht mich wahnſinnig; ich kann es nicht länger ertragen; ich muß fort. Wenn Du in meine Gedanken ſehen könnteſt, wenn Du wüßteſt wie heftig ich dagegen angekämpft, wie ſchauerlich ſie mich in der einſamen Stille dieſes Hauſes heimgeſucht haben, ſo würdeſt Du mich bemitleiden und mir verzeihen. O meine Geliebte, nimm es nicht übel daß ich Dir mein Herz nicht ſo erſchließe wie ich ſollte: ich wage es nicht. 24 16 ſbarf mich Dir nicht ſo zeigen wie ich wirk⸗ ich bin. „Bitte, ſchicke und ſuche nicht nach mir; ich werde ſchreiben und Dich von all Deiner Angſt erlöſen. Du weißt, Nora, wir müſſen jezt unſer Brod ſelbſt verdienen; ich bin bloß fortgegangen um das mei⸗ nige auf die für mich paſſendſte Art zu ſuchen. Ob es mir gelingt oder nicht, ich kann mir auf die eine oder andere Art nicht dadurch ſchaden. Ich habe keine Stellung zu verlieren und keinen Namen zu entehren. Zweifle nicht an meiner Liebe— laß Fräulein Garth nicht an meiner Dankbarkeit zwei⸗ feln. Ich verlaſſe Dich voll Jammer im Herzen, aber ich muß gehen. Hätte ich Dich weniger zärt⸗ lich geliebt, ſo hätte ich Dirs vielleicht mündlich ge⸗ ſagt— aber wie konnte ich mir zutrauen daß ich Deinem Zureden zu widerſtehen und den Anblick Deines Kummers zu ertragen vermöchte? Lebe wohl, meine Theuerſte! Empfange tauſend Küſſe, beſte, geliebteſte Schweſter, bis wir uns wieder treffen. Magdalene.“ IV. Sergeant Bulmer(von der Entdeckungspolizei) an Herrn Pendril. Scotlandyard, den 29. September 1846. „Verehrter Herr! „Ihr Schreiben meldet mir daß die bei der For⸗ ſchung nach der vermißten Dame intereſſirten Par⸗ teien ſeien. Ihnen traf un kann, rung; komme nem f den ſit Spur Dieſer einfack heitel kleidet zu ſpr warte Huxta aufſch fehl g daß ſ ihr m ſie ur vorſp. vor hinter und d an 2⁵ teien mit großer Begierde auf Nachrichten erpicht ſeien. Ich ging heute auf Ihr Bureau um mit Ihnen darüber zu ſprechen. Da ich Sie nicht an⸗ traf und morgen nicht wiederkehren und vorſprechen kann, ſo ſchreibe ich dieſe Zeilen um keine Verzöge⸗ rung zu veranlaſſen und zu ſagen wie weit wir ge⸗ kommen ſind. „Mit Bedauern muß ich melden daß ſeit mei⸗ nem frühern Bericht keine Fortſchritte gemacht wor⸗ den ſind. Die vor etwa einer Woche aufgefundene Spur der jungen Dame bleibt noch immer die lezte. Dieſer Fall ſcheint, aus der Ferne beſehen, ungeheuer einfach zu ſein. Näher betrachtet wird er ungemein heikel und, um es nur zu geſtehen, ſehr verzwickt. „Der gegenwärtige Stand der Sache iſt fol⸗ gender: „Wir haben die junge Dame bis zur Theater⸗ agentur in Bopſtreet verfolgt. Wir wiſſen daß der Agent am 23. in aller Frühe, während er ſich an⸗ kleidete, hinabgerufen wurde, um eine junge Dame zu ſprechen die in einem Cabriolet unter dem Haus wartete. Wir wiſſen ferner daß er ihr, als ſie Herrn Huxtables Carte vorzeigte, die Adreſſe dieſes Herrn aufſchrieb, und noch hörte wie ſie dem Kutſcher Be⸗ fehl gab an die Eiſenbahn zu fahren. Wir glauben daß ſie mit dem Neunuhrzug abfuhr. Wir folgten ihr mit dem Zwölfuhrzug. Wir haben ermittelt daß ſie um halb drei Uhr in Herrn Huxtables Wohnung vorſprach, daß er nicht zu Hauſe war und auch nicht vor acht Abends zurückerwartet wurde; daß ſie hinterließ ſie werde um acht Uhr wieder vorſprechen, und daß ſie nicht zurückkam. Herrn Hurtables An⸗ 26 gabe iſt daß er und die junge Dame einander nie geſehen haben. Die erſte Betrachtung welche jezt folgt, geht dahin: Dürfen wir Herrn Hurtable glau⸗ ben? Ich habe mich ſorgfältig nach ſeinem Character erkundigt; ich weiß ſo viel oder noch mehr von ihm als er ſelbſt, und meine Anſicht iſt daß wir glauben dürfen. Nach meinem beſten Wiſſen iſt er ein voll⸗ kommen rechtlicher Mann „Hier iſt nun der Haken in der Sache. Die junge Dame entfernt ſich mit einer ſehr beſtimmten Abſicht. Statt auf die Ausführung dieſer Abſicht loszugehen, hält.ſie ganz plözlich ein. Warum hat ſie eingehalten und wo? Dieß ſind unglücklicher Weiſe gerade die Fragen die wir jezt noch nicht be⸗ antworten können. „Meine eigene Anſicht von der Sache iſt kurz wie folgt:— ich denke nicht daß ihr ein ernſter Unfall zugeſtoßen iſt. Ernſte Unfälle kommen neun⸗ mal unter zehn von ſelbſt zu Tage. Meine eigene Meinung iſt daß ſie in die Hände einer oder mehre⸗ rer Perſonen gerathen iſt die ein Intereſſe dabei haben ſie verborgen zu halten, und gerieben genug ſind um dieß auch durchführen zu können. Ob ſie ſich freiwillig oder nicht in ihrer Gewalt befindet, darüber kann ich bis jezt noch keinen Ausſpruch wa⸗ gen. Ich möchte nicht gerne falſche Hoffnungen oder falſche Befürchtungen erregen, ſondern will bloß kurz⸗ weg bei meinem bereits ausgeſprochenen Gutachten ſtehen bleiben. „In Betreff der Zukunft habe ich Ihnen mitzu⸗ theilen daß ich einen von meinen Leuten in täglichem Verkehr mit den Behörden gelaſſen habe. Ferner habe zettel geſezt ordnu theate geſellt gen haben theate Stͤdt ſie mi Auge blick nung zu ge Ich r Dame wand das der nie he jezt glau⸗ wacter n ihm auben voll⸗ Die nmten lbſicht n hat klicher ht be⸗ kurz rnſter neun⸗ igene nehre⸗ dabei genug b ſie ndet, wa⸗ oder kurz⸗ chen itzu⸗ chem rner 27 habe ich für eine weite Verbreitung der Anſchlag⸗ zettel geſorgt worin ein Preis auf ihre Entdeckung geſezt iſt. Endlich habe ich die nothwendigen An⸗ ordnungen getroffen um die Programme aller Land⸗ theater zu Geſicht zu bekommen und die Schauſpieler⸗ geſellſchaften wohl im Auge zu behalten. Vor eini⸗ gen Jahren würde dieß viel Zeit und Geld gekoſtet haben. Zum Glück für unſern Zweck ſind die Land⸗ theater übel daran. Mit Ausnahme der großen Städte iſt kaum ein einziges offen und wir können ſie mit wenig Koſten und noch weniger Mühe im Auge behalten. „Dieß ſind die Schritte die ich für den Augen⸗ blick nothwendig glaube. Wenn Sie anderer Mei⸗ nung ſind, ſo haben Sie mir nur Ihre Anweiſungen zu geben und ich werde ihnen ſorgfältig nachkommen. Ich verzweifle noch nicht daran daß wir die junge Dame auffinden und geſund und wohl zu ihren Ver⸗ wandten zurückbringen können. Sagen Sie ihnen das gefälligſt und erlauben Sie mir zu zeichnen Ihr verehrungsvoller Abraham Bulmer.“ V. Anonymer Brief an Herrn Pendril. „Mein Herr! „Dem geſcheidten Mann genügt ein einziges Wort. Die Angehörigen einer gewiſſen jungen Dame vergeuden Zeit und Geld ohne allen Nuzen. Ihr vertrauter Schreiber und Ihr Entdeckungspoliziſt ſuchen eine Nadel in einem Heubund. Heute iſt der 9. October und ſie haben ſie noch nicht gefunden. Sie werden eben ſo bald die nordweſtliche Durch⸗ fahrt finden. Rufen Sie Ihre Hunde zurück; dann werden Sie von der Hand der jungen Dame ſelbſt Nachrichten über ihr Wohl erhalten. Je länger Sie nach ihr ſuchen, um ſo länger wird ſie bleiben was ſie jezt iſt, nämlich: verloren.“ (Auf der Rückſeite des voranſtehenden Briefs ſteht von Herrn Pendrils Hand wie folgt: „Keine in die Augen ſpringende Möglichkeit den Anſchluß bis zu ſeiner Quelle zu verfolgen. Poſt⸗ ſtempel Charingeroß. Fabrikzeichen auf der innern Seite des Couverts abgeſchnitten. Handſchrift wahr⸗ ſcheinlich von einem Mann, aber verſtellt. Schrei⸗ ber, wer es auch ſein mag, genau unterrichtet. Keine weitere Spur von dem jüngern Fräulein Vanſtone bis jezt entdeckt.“) rech enge mit 3 ſteht it den Poſt⸗ innern wahr⸗ Schrei⸗ Keine nſtone Bweite Scene. Skeldergaſſe in Vork. Erſtes Capitel. In demjenigen Theil der Stadt der auf dem rechten Ufer der Ouſe liegt, befindet ſich eine enge Straße, genannt Skeldergaſſe, und parallel mit dem Fluſſe von Norden nach dem Süden gehend. Die Pforte durch welche man früher in die Skelder⸗ gaſſe gelangte, beſteht nicht mehr, und die wenigen alten Häuſer die ſich noch in der Straße vorfinden ſind in das trübſelige moderne Coſtüm der weißen Tünche und Ueberkalkung geſteckt. Läden der kleinen und armſeligen Art, da und dort mit dunkeln Ma⸗ gazinen und unfreundlichen Privatwohnungen aus rothen Ziegeln vermiſcht, ſtellen das gegenwärtige Bild der Skeldergaſſe dar. Auf der Flußſeite ſind die Häuſer da und dort durch Gäßchen unterbrochen die nach dem Waſſer hinlaufen, und vereinzelte freie Pläze zeigen die Maſten vorüberſegelnder Barken im Hintergrunde. An ihrem ſüdlichen Ende hört die Straße plözlich auf, und der breite Ouſefluß, die Bäume, die Wieſen, der öffentliche Spaziergang auf dem einen Ufer und der Weg der Schiffszieher auf dem andern erſchließen ſich für das Auge. Hier wo die Straße endet und auf der vom Fluß abgelegenſten Seite führt ein ſchmales Gäß⸗ chen zu dem gepflaſterten Fußweg der ſich über die alten Wälle von York erhebt. Die einzige kleine Häuſerreihe, welche Alles iſt was die Gaſſe beſizt, beſteht aus wohlfeilen Miethwohnungen die in der Entfernung von wenigen Fuß einen Theil der maſ⸗ ſiven Stadtmauer zum Gegenüber haben. Dieſer Plaz heißt das Rosmaringäßchen. Nur ſehr wenig Licht dringt hinein, ſehr wenig Leute wohnen darin; die ſchwankende Bevölkerung des Skeldergäßchens geht hindurch und die Beſucher des Wallganges die ihn auf⸗ oder abwärts benüzen ſuchen möglichſt ſchnell aus dem trübſeligen kleinen Durchgang zu kommen. Die Thüre eines der Häuſer in dieſem verlor⸗ nen Winkel von York öffnete ſich ſachte am Abend des 23. Septembers 1846, und ein einſames Indi⸗ viduum männlichen Geſchlechts ſchlenderte aus der Abgeſchloſſenheit des Rosmaringäßchens in die Skel⸗ dergaſſe. Der Mann wandte ſich nordwärts und ging nach der Ouſebrücke und dem geſchäftigen Mittelpunkt der Stadt zu. Sein Aeußeres verkündigte reſpectable Armuth. Er trug in einem Taffentfutteral einen Ginghamſchirm, ſezte ſeine Füße mit ſorgfältigſter Vermeidung aller ſchmuzigen Stellen aufs Pflaſter und b von Auge gallen pitän Frühl Raber Eiſenk ſogar gewol chen Er ha mit de von C ſchwar weißer Todes langen eines lers Eine Ausze Zeiten das d. vor d Wirbe dor K ändert geblie einen iſter laſter 31 und betrachtete die ganze Umgebung mit zwei Augen von verſchiedenen Farben: einem gallenbraunen Auge das ſich nach Beſchäftigung umſah und einem gallengrünen Auge mit einem ähnlichen Ausdruck. Kurz und gut, der Fremde vom Rosmaringäßchen war lein Anderer als Capitän Wragge. In Bezug auf ſein Aeußeres hatte ſich der Ca⸗ pitän nicht beſſer gemacht ſeit dem denkwürdigen Frühlingstage wo er ſich vor dem Thorhäuschen in Rabenſchlucht Fräulein Garth vorgeſtellt hatte. Die Eiſenbahnmanie dieſes berüchtigten Jahres hatte ſogar den behutſamen Wragge ergriffen, ihn ſeinem gewohnten Treiben entzogen und zulezt, wie man⸗ chen beſſern Mann, auf dem Boden liegen laſſen. Er hatte ſein geiſtliches Ausſehen verloren— er war mit den Herbſiblättern abgeſchoſſen. Sein Hutband von Crepp trauerte in Braun darüber daß es ſeine ſchwarze Farbe verloren hatte. Sein ſchmuzig weißer Halskragen und ditto Halsbinde waren des Todes alter Leinwand geſtorben und nach ihrer langen Heimath in die Papiermühle gewandert, um eines Tags im Laden eines Schreibmaterialienhänd⸗ lers in einigen Buch Papier wieder aufzuleben. Eine graue Jagdjacke im lezten Stadium wollener Auszehrung hatte den ſchwarzen Frack früherer Zeiten erſezt und bewahrt, wie ein getreuer Diener das dunkle Geheimniß von der Wäſche ſeines Herrn vor den Augen einer lauernden Geſellſchaft. Vom Wirbel bis zur Zehe hatte ſich jeder Quadratzoll in der Kleidung des Capitäns zum Schlimmen ver⸗ ändert, aber der Mann ſelbſt war unwandelbar geblieben— erhaben über alle Formen moraliſchen Mehlthaues, unzugänglich für die Einwirkungen des geſellſchaftlichen Roſtes. Er war ſo höflich, ſo redſelig, ſo freundlich würdevoll wie immer. Er trug ſeinen Kopf ohne Hemdkragen ſo hoch, wie er ihn je mit einem ſolchen getragen hatte. Das fadenſcheinige ſchwarze Schnupftuch um ſeinen Hals war vortrefflich zugeknöpft. Seine morſchen alten Schuhe waren zierlich gepuzt; in Bezug auf die Glätte des Kinnes hätte er ſich mit dem höchſten kirchlichen Würdenträger in York meſſen können. Zeit, Veränderung und Armuth hatten alle an dem Capitän gerüttelt und ihn gleichwohl nicht zu Boden geworfen. Er durchſchritt die Straßen von York als ein Mann der über Kleider und Umſtände er⸗ haben iſt; ſein Vagabundenfirniß glänzte ſo hell als nur je. An der Brücke angekommen blieb Capitän Wragge ſtehen und ſchaute muſſig über das Geländer auf die Kähne im Fluſſe hinab. Es war ganz augen⸗ ſcheinlich daß er keinen beſondern Beſtimmungsort zu erreichen und auf der Welt nichts zu thun hatte. Während er noch zögernd daſtand, ſchlug es auf der Münſteruhr von York halb ſechs. Cabriolette raſſelten an ihm vorbei über die Brücke, um den Zug zu erreichen der zwanzig Minuten vor ſechs von Lon⸗ don abging. Nach einem augenblicklichen Bedenken ſchlenderte der Capitän hinter den Cabrioletten her. Wenn es zu den regelmäßigen Gewohnheiten eines Mannes gehört von ſeinen Nebenmenſchen zu leben, ſo hat es dieſer Mann immer mehr oder weniger auf große Eiſenbahnſtationen abgeſehen. Capitän Wragges Erntefeld waren die Menſchen, und an dieſe von irger 6 der zur⸗ Maſſ zu de gehöt York More einen einen Ange Winr hatte ſich denen ſtänd reiche ausge Aufſe in die gierde und nebſt druckt Papie ten 2 hatter C Co ungen h, ſo . Er vie er Das Hals alten if die ſchſten önnen. n dem Boden York de er⸗ ell als gragge er auf augen⸗ agsort hatte. uf der ſſelten zug zu 1 Lon⸗ denken n her. eines leben, eniger apitän nd an 33 dieſem unbeſchäftigten Nachmittag bot der Bahnhof von York vielleicht eben ſo lohnende Ausſichten als irgend ein anderer Plaz. Er erreichte die Plattform wenige Minuten nach der Ankunft des Zuges. Die gänzliche Unfähigkeit zur Treffung adminiſtrativer Maßregeln, um große Maſſen in Ordnung zu halten, eine Unfähigkeit die zu den nationalen Characterzügen engliſcher Beamten gehört, tritt nirgends ſchlagender zu Tag als in York. Drei verſchiedene Bahnzüge führen vom Morgen bis in die Nacht drei Paſſagierhaufen unter einem Dache zuſammen und überlaſſen es ihnen einen Auflauf herbeizuführen, wobei die confuſen Angeſtellten der Geſellſchaft Alles thun um den Wirrwarr noch zu vermehren. Der übliche Tumult hatte ſeinen Höhepunkt erreicht, als Capitän Wragge ſich der Plattform näherte. Duzende von verſchie⸗ denen Leuten ſuchten Duzende verſchiedene Gegen⸗ ſtände in Duzenden verſchiedenen Richtungen zu er⸗ reichen, Alle von demſelben gemeinſchaftlichen Punkt ausgehend, und alle zuſammen ohne den mindeſten Aufſchluß. Eine plözliche Zertheilung der Menge in die Nähe der Wagen zweiter Claſſe zog die Neu⸗ gierde des Capitäns an. Er drängte ſich dorthin und fand einen anſtändig gekleideten Mann, der nebſt einem Portier und einem Poliziſten einige ge⸗ druckte Zettel aufzuheben ſuchte, die aus einem Papier herausgefallen waren, welches ſein verwirr⸗ ten Mitpaſſagiere ihm aus der Hand geſchlagen hatten. Capitän Wragge bot in dieſer Noth mit der Collins, Namenlos. II. 3 höflichen Munterkeit die ihn characteriſirte ſeinen Beiſtand an und bemerkte jezt die drei auffallenden Worte: Fünfzig Pfund Belohnung, in fetter Schrift auf den Zetteln gedruckt die er mit aufleſen half. Er riß ſogleich einen davon an ſich um ihn bei der erſten beſten Gelegenheit genauer anzuſehen. Wäh⸗ rend er den Zettel in ſeiner hohlen Hand zerkrüm⸗ pelte, hefteten ſich ſeine verſchiedenfarbigen Augen mit hungrigem Intereſſe auf den Eigenthümer des unglücklichen Packes. Wenn ein Mann zufällig keine fünfzig Pfennige in ſeiner Taſche beſizt, ſo pocht ihm das Herz, wenn es auf dem rechten Flecke ſizt, und der Mund wäſſert ihm, wenn er gebührend eingerichtet iſt, beim Anblick eines andern Mannes der ein gedrucktes Anerbieten von fünfzig Pfund Sterling für ſeine Nebenmenſchen herumträgt. Der unglückliche Reiſende packte ſeine Papiere ſo gut als möglich zuſammen und entfernte ſich von der Plattform, nachdem er eine Frage an das erſte officielle Opfer der Paſſagiernoth gerichtet hatte das noch Gedanken genug beiſammen hatte um ihn an⸗ zuhören. Indem er an die Flußſeite zuging, die nahe bei der Hand war, beſtieg er die Fähre bei der Pforte der Nordſtraße. Der Capitän, der ihn bis dahin ſorgfältig im Auge behalten hatte, trat ebenfalls in das Boot und verwandte die kurze Ueberfahrtszeit zur Durch⸗ leſung des Placats das er zu ſeiner eigenen Privat⸗ belehrung behalten hatte. Indem er dem Reiſenden ſorgfältig den Rücken kehrte, ſtudirte Capitän Wragge jezt folgende Zeilen: am Dan Perf Bra⸗ Geſi ſicht⸗ ſchla ſprich Man und zwei linken lene geno ſpiele weni don kein theilt gefül Man Hark Wya hotel L Selb Leber ſeinen lenden Schrift i half. dei der rkrüm⸗ Augen er des ufällig zt, ſo Flecke ihrend tannes Pfund ere ſo h von 8 erſte te das on an⸗ g, die pre bei tig im Boot Durch⸗ Privat⸗ ſenden gragge 3⁵ Fünfzig Pfund Belohnung! Entflohen aus ihrer Wohnung in London, früh am Morgen des 20. Septembers 1846, eine junge Dame. Alter— achtzehn. Kleidung— tiefe Trauer. Perſönliche Erſcheinung— ſehr hellbraunes Haar; Brauen und Wimpern dunkler; Augen— hellgrau; Geſichtsfarbe— auffallend blaß; der untere Ge⸗ ſichtstheil voll und groß; Geſtalt— groß und ſchlank; Gang— außerordentlich graziös und leicht; ſpricht mit Offenheit und Entſchloſſenheit; hat die Manieren und Gewohnheiten einer fein erzogenen und gebildeten Dame. Perſönliche Kennzeichen: zwei kleine Flecken, dicht neben einander, an der linken Seite des Halſes; Wäſchezeichen: Magda⸗ lene Vanſtone. Iſt vermuthlich unter einem an⸗ genommenen Namen in eine gegenwärtig in York ſpielende Theatergeſellſchaft eingetreten oder hat wenigſtens einzutreten verſucht. Hatte, als ſie Lon⸗ don verließ, einen einzigen ſchwarzen Koffer und kein weiteres Gepäck. Wer über ſie Aufſchluß er⸗ theilt, in Folge deſſen ſie zu ihren Verwandten zurück⸗ geführt werden kann, erhält die obige Belohnung. Man wende ſich an das Büreau des Rechtsanwalts Harkneß, Coneyſtraße in York oder an die Herrn Wyatt, Pendril und Gwilt, Searleyſtraße, Lincolns⸗ hotel zu London. Obſchon Capitän Wragge ſich an vollkommene Selbſtbeherrſchung bei allen Vorkommniſſen des Lebens gewöhnt hatte, ſo verrieth ſich doch, als er in ſeiner Lectüre an das Wäſchezeichen der verlornen jungen Dame kam, ſein tiefes Erſtaunen in einem Ausdruck der Ueberraſchung, der ſogar dem Fähr⸗ mann auffiel. Der Reiſende achtete weniger dar⸗ auf; ſeine ganze Aufmerkſamkeit war auf das ent⸗ gegengeſezte Ufer gerichtet, und er verließ das Boot haſtig, ſobald es ans Land ſtieß. Capitän Wragge faßte ſich wieder, ſchob das Placat ein und ſolgte ſeinem Führer zum zweiten Mal. Der Fremde lenkte ſeine Schritte nach der näch⸗ ſten Straße die zum Fluſſe hinabging, verglich eine Notiz in ſeiner Brieftaſche mit den Häuſernummern zur linken Hand, blieb bei einer derſelben ſtehen und zog die Klingel. Der Capitän ging bis zum nächſten Hauſe weiter, that als ob er ebenfalls klingelte und blieb mit dem Rücken gegen den Reiſenden ſtehen, indem er ſich den Anſchein gab als ob er auf Einlaß wartete, während er in Wirklichkeit mit geſpannter Aufmerkſamkeit lauerte, ob er nicht einige Brocken von dem Geſpräch das bei der Oeffnung der Thüre hinter ihm geführt wurde erſchnappen könnte. Die Thüre wurde mit aller gebührenden Schnellig⸗ keit bedient und ein ſehr belehrender Austauſch von Fragen und Antworten auf der Schwelle belohnte die Gewandtheit des Capitäns Wragge. „Wohnt Herr Hurtable hier?“ fragte der Rei⸗ ende. „Ja,“ lautete die Antwort die von einer Frauen⸗ ſtimme kam. „Iſt er zu Hauſe?“ „Für den Augenblick nicht; aber er wird heute Abend um Acht Uhr wieder da ſein.“ keinen deutl. war chene nehm Na baren der d in di die F Lendc gelege lornen einem Fähr⸗ r dar⸗ 1s ent⸗ „Boot Bragge folgte näch⸗ h eine umern en und ächſten te und ſtehen, Einlaß annter rrocken Thüre nellig⸗ h von lohnte Rei⸗ rauen⸗ heute 37 „Ohne Zweifel war den Tag über eine junge Dame hier?“ „Ja, eine junge Dame kam dieſen Nachmittag.“ „Ganz recht; ich komme in derſelben Angelegen⸗ heit. Hat ſie Herrn Huxtable geſprochen?“ „Nein; er war den ganzen Tag nicht daheim. Die junge Dame ſagte mir, ſie würde um acht Uhr wieder vorſprechen.“ „Richtig, ich will zur ſelben Zeit kommen und Herrn Hurtable beſuchen.“ „Darf ich keinen Namen melden?“ „Nein, ſagen Sie, ein Herr ſei wegen Theater⸗ ſachen dageweſen, das wird genügen. Warten Sie gefälligſt noch eine Minute; ich bin fremd im Ort; wollen Sie ſo gut ſein mir den Weg nach der Coneyſtraße zu zeigen.“ Das Frauenzimmer gab die gewünſchte Mitthei⸗ lung; die Thüre wurde geſchloſſen und der Fremde eilte in der Richtung der Coneyſtraße hinweg. Bei dieſer Gelegenheit machte Capitän Wragge. keinen Verſuch ihm zu folgen. Das Placat ſagte deutlich genug daß die nächſte Abſicht des Mannes war mit dem Rechtsanwalt in Betreff der verſpro⸗ chenen Belohnung die erforderliche Rückſprache zu nehmen. Nachdem der Capitän genug für ſeinen unmittel⸗ baren Zweck geſehen und gehört hatte, ging er wie⸗ der die Straße hinab, wandte ſich rechts und bog in die Promenade ein die in dieſem Theil der Stadt die Flußſeite zwiſchen den Schwimmbädern und dem Lendalthurm begränzt.„Dieß iſt eine Familienan⸗ gelegenheit,“ ſagte Capitän Wragge zu ſich ſelbſt, indem er aus purer Gewohnheit auf der Verwandt⸗ ſchaft mit der Mutter Magdalenens beharrte.„Ich muß das Ding nach allen Beziehungen in Betracht ziehen.“ Er ſteckte den Schirm unter den Arm, kreuzte ſeine Hände auf dem Rücken und glitt ſachte in den Abgrund ſeiner eigenen Ueberlegungen hin⸗ ab. Die Ordnung und die Sauberkeit, die ſich in den abgeſchabten Kleidern des Capitäns zu bemerken gab, war das genaue Abbild der Ordnung und Sauberkeit welche die Operation ſeines Geiſtes aus⸗ zeichnete. Es war ſtets ſeine Gewohnheit den vor ihm liegenden Weg durch eine hübſche Reihenfolge von Alternativen zu ſehen, und ſo ſah er ihn auch jezt. Drei Wege ſtanden ihm offen in Betreff der merkwürdigen Entdeckung die er ſo eben gemacht hatte. Der erſte war gar nichts in der Sache zu thun. Unzuläſſig aus Familiengründen: gleich un⸗ zuläſſig aus pecuniären Gründen; folglich verworfen. Der zweite Weg war den auf fünfzig Pfund veran⸗ ſchlagten Dank der Verwandten der jungen Dame zu verdienen. Der dritte Weg war durch eine zei⸗ tige Warnung den Dank der jungen Dame ſelbſt zu verdienen der auf eine unbekannte Ziffer anzuſchlagen war. Zwiſchen dieſen zwei lezten Alternativen ſchwankte der ſchlaue Wragge hin und her; nicht als ob er an Magdalenens Geldmitteln gezweifelt hätte, denn er war mit den Umſtänden welche die Schweſtern ihrer Erbſchaft beraubt hatten gänzlich unbekannt— ſondern weil er fürchtete, es möchte vielleicht ein Hinderniß in Geſtalt eines noch unentdeckten Herrn mit ihrem Verſchwinden vom Hauſe im geheimen Zuſammenhang ſtehen. Nach reifer Ueberlegung be⸗ ſchlo den Dine ſchne Han Mäd auf zirte. tet 1 ſem wohl Stel zubri ſich weit gege wirk Yorr 8 Paſſ würt die fand konn hof? alleit ſchein Mög ſie in heru vandt⸗ „Ich etracht Arm, ſachte n hin⸗ ich in nerken g und aus⸗ n vor nfolge ch jezt. f der emacht che zu ch un⸗ orfen. beran⸗ Dame ie zei⸗ bſt zu hlagen vankte ob er denn heſtern nt— ht ein Herrn eimen ig be⸗ 39 ſchloß er inne zu halten und ſich von den Umſtän⸗ den leiten zu laſſen. Mittlerweile galt es vor allen Dingen dem Boten aus London den Rang abzu⸗ ſchneiden und ſelbſt auf die junge Dame ſicher die Hand zu legen. „Ich habe ein Mitgefühl für dieſes irregeleitete Mädchen,“ ſagte der Capitän vor ſich hin, indem er auf der einſamen Flußſeite feierlich auf und ab ſtol⸗ zirte.„Ich habe ſie immer wie eine Nichte betrach⸗ tet und werde ſie ſtets ſo betrachten.“ Wo befand ſich die adoptirte Verwandte in die⸗ ſem Augenblick? Mit andern Worten, wie konnte wohl eine junge Dame in Magdalenens critiſcher Stellung bis zu Herrn Huxtables Rückkehr ihre Zeit zubringen? Wenn ein ſtörender Herr im Hintergrund ſich befand, ſo war es reiner Zeitverluſt dieſe Frage weiter zu verfolgen. Aber wenn die im Placat an⸗ gegebene Andeutung richtig war— wenn ſie ſich wirklich in dieſem Augenblick allein in der Stadt York befand, wo mochte ſie wohl ſein? Vor allen Dingen nicht in den gedrängt vollen Paſſagen. Auch beſichtigte ſie jezt nicht die Merk⸗ würdigkeiten im Münſter, denn die Stunde wo man die Cathedrale ſehen konnte war jezt vorüber. Be⸗ fand ſie ſich im Wartſaale der Eiſenbahn? Sie konnte dieß kaum wagen. War ſie in einem Gaſt⸗ hof? Zweifelhaft, wenn man bedenkt daß ſie ganz allein war. In einer Paſtetenbäckerei? Weit wahr⸗ ſcheinlicher. Fuhr ſie in einem Cabriolet umher? Möglich allerdings, aber mehr nicht. Schlenderte ſie irgendwo an einem ruhigen Pläzchen im Freien herum? Wiederum wahrſcheinlich genug an dieſem ſchönen Abend. Der Capitän hielt inne, wog die Wahrſcheinlichkeiten die für das ſtille Pläzchen und die Paſtetenbäckerei ſprachen gegen einander ab und entſchied ſich für das erſtere. Es war noch Zeit genug ſie im Paſtetenladen aufzufinden, in den erſten Gaſthöfen nach ihr zu fragen, oder ſie endlich in Herrn Huxtables unmittelbarer Nachbarſchaft zwiſchen ſieben und acht Uhr abzufangen. So lange es hell blieb, war es das Geſcheidteſte das Tageslicht zu benüzen und im Freien nach ihr zu ſchauen. Wo? Die Promenade war ein ruhiges Pläzchen; aber ſie war nicht dort, auch nicht in der einſamen Straße drüben die an der Abteimauer hinabführt. Wohin jezt? Der Hauptmann blieb ſtehen, ſchaute über den Fluß hinüber, ſtrahlte unter dem Einfluß einer neuen Idee auf, und eilte plözlich zu der Fähre zurück. Der Spaziergang auf den Wällen, dachte dieſer pfiffige Mann mit einem Zwinkern ſeiner verſchieden⸗ farbigen Augen. Das ruhigſte Pläzchen in York und der Plaz den jeder Fremde auſſucht. Nach zehn Minuten muſterte Capitän Wragge ſein neues Forſchungsfeld. Er beſtieg die Wälle (welche den ganzen weſtlichen Theil der Stadt um⸗ ſchließen) durch die Nordſtraßenpforte, von wo aus die Promenade rund um lauft, bis ſie wieder an ihrem ſüdlichen Ende im ſchmalen Gang des Ros⸗ maringäßchens aufhört. Es war damals zwanzig Minuten über ſieben. Die Sonne war ſeit länger als einer halben Stunde untergegangen. Das rothe Licht lag breit und tief auf dem wolkenloſen weſt⸗ lichen Himmel; alle ſichtbaren Gegenſtände ſchwebten in ei Dunl in de Fünk ſeinen vorül 3 ſchrit! die ü als(. in de der 2 verſch ſeiner Yorke das Spize großa hier; ſich k merkſ E bahn Er hi thätig allen todten den a feſtigt Jahrk ſich a geben og die n und ab und ) Zeit erſten ich in biſchen 8s hell cht zu Wo? ber ſie Straße Wohin über einer Fähre dieſer ieden⸗ York ragge Wälle t um⸗ d aus er an Ros⸗ Hanzig änger rothe weſt⸗ hebten 41 in einem zarten Zwielicht, waren aber noch nicht in Dunkel gehüllt. Die paar erſten Lampen die unten in der Straße angezündet wurden ſahen wie ſchwache Fünkchen eines gelben Lichtes aus, als der Capitän ſeinen Gang an einer der merkwürdigſten Ausſichten vorüber, welche England bieten kann, antrat. Zu ſeiner Rechten breitete ſich, als er weiter ſchritt, unter den Wällen das offene Land aus— die üppigen grünen Wieſen, dazwiſchen die Bäume als Grenzlinie, die breiten Windungen des Fluſſes in der Ferne, die zerſtreuten Wohnungen mehr in der Nähe; Alles in die Abendſtille eingehüllt, Alles verſchönt durch die Friedſamkeit des Abends. Zu ſeiner Linken ragte der majeſtätiſche Giebel des Yorker Münſters hoch über die Stadt empor und fing das lezte ſtrahlende Licht des Himmels mit den Spizen ſeiner gewaltigen Thürme auf. Hatte dieſer großartige Anblick das verlorene Mädchen verlockt hier zu weilen und zu ſchauen? Nein, bis jezt zeigte ſich keine Spur von ihr. Der Capitän ſchaute auf⸗ merkſam um ſich und ging weiter. Er erreichte den Plaz wo die Schienen der Eiſen⸗ bahn ſich durch Wölbungen im alten Walle hinziehen. Er hielt an dieſer Stelle an— da war die Central⸗ thätigkeit eines großen Eiſenbahnunternehmens mit allen Pulſen ſeines geräuſchvollen Lebens neben der todten Majeſtät der Vergangenheit, tief unter den alten geſchichtlichen Steinen, die von dem be⸗ feſtigten York und ſeinen Belagerungen vor zwei Jahrhunderten erzählen— an dieſem Plaz ſtellte er ſich auf und ſuchte von Neuem nach ihr, aber ver⸗ gebens. Andere Perſonen ſchauten müſſig auf die n troſtloſe Thätigkeit in dem Gewirre der Eiſenſchienen hinab; aber ſie befand ſich nicht unter ihnen. Der Capitän ſah zweifelhaft zu dem dunkelnden Himmel empor und ging weiter. Er hielt wieder an, da wo die Pforte der Mickle⸗ ſtraße noch immer ſteht und den Stadtwall befeſtigt, wie in alten Zeiten. Hier ſteigt der Pflaſterweg einige Stufen hinab, geht durch das dunkle ſteinerne Wachhaus des alten Thors, ſteigt wieder hinan und ſezt ſeinen Lauf nach Süden fort, bis die Wälle abermals den Fluß erreichen. Er machte Halt und ſpähte ängſtlich in die trüben Winkel der alten Wach⸗ ſtube. Wartete ſie dort bis die Dunkelheit kam und ſie vor lauernden Augen verbarg? Nein: ein ein⸗ ſamer Arbeiter ſchlenderte durch das ſteinerne Zim⸗ mer, ſonſt aber regte ſich kein lebendiges Geſchöpf an dem Orte. Der Capitän ſtieg die Stufen hinan die aus der Pforte führen und ging weiter. Er kam etwa fünfzig oder ſechzig Schritte auf dem gepflaſterten Fußwege vorwärts, die äußeren Vorſtädte von York auf der einen Seite neben ſich, während ein Seilerweg und ein Stückchen Küchengarten einen leeren Streif des Grundes und Bodens auf der an⸗ dern Seite einnahmen. Er ging mit eifrigen Augen und beſchleunigten Schritten vorwärts, denn vor ſich ſah er eine einſame Frauengeſtalt, die an der Bruſt⸗ wehr des Walles ſtand, das Geſicht nach Weſten ge⸗ wendet. Er näherte ſich vorſichtig, um ſich ihrer zu verſichern, bevor ſie ſich umwandte und ihn be⸗ merkte. Es war kein Zweifel möglich in Betreff die⸗ ſer ſchlanken, dunkeln Geſtalt, als ſie mit gleichgil⸗ tiger Grazie an der Bruſtwehr ruhte, das Geſicht nach Weſte ſchwo Licht jugen kaum Elter mals den ihrer Leben geren „Une S ſtellte geehr chienen Der Himmel Mickle⸗ efeſtigt, ſterweg einerne an und Wälle llt und Wach⸗ m und in ein⸗ e Zim⸗ deſchöpf hinan uf dem drſtädte ährend n einen der an⸗ Augen vor ſich Bruſt⸗ ſten ge⸗ ) ihrer ihn be⸗ reff die⸗ ht nach 43 Weſten gewendet. Da ſtand ſie in ihrem langen ſchwarzen Mantel und Kleid, während das lezte trübe Licht des Abends ſanft über ihr blaſſes, entſchloſſenes, jugendliches Geſicht herabfiel. Da ſtand ſie— vor kaum drei Monaten der verzogene Liebling ihrer Eltern, der unſchäzbare Juwel des Hauſes, der nie⸗ mals ohne Schuz geblieben, nie allein gelaſſen wor⸗ den— da ſtand ſie in der lieblichen Dämmerung ihrer Weiblichkeit, allein in eine fremde Stadt hinein⸗ geworfen, wrackartig in die Welt hinausgetrieben! So ſehr Capitän Wragge Vagabund war, ſo brachte doch ihr erſter Anblick ſelbſt ſeine unverzagte Zuverſichtlichkeit zum Schwanken. Als ſie langſam ihr Geſicht wandte und ihn anſah, erhob er ſeinen Hut ſo ehrerbietig, als ihm dieß nach einem langen Leben ſchamloſer Dreiſtigkeit noch möglich war. „Ich habe, ſcheint mir, die Ehre mit dem jün⸗ geren Fräulein Vanſtone zu ſprechen,“ begann er. „Unendlich erfreut— aus verſchiedenen Gründen.“ Sie ſah ihn mit halber Verwunderung an. Keine Erinnerung an den Tag, wo er ihrer Schweſter und ihr ſelbſt auf ihrem Heimweg mit Fräulein Garth gefolgt war, regte ſich in ihrem Gedächtniß, als er jezt mit ſeinem veränderten Benehmen und Aufzug vor ſie trat. „Sie werden ſich wohl irren,“ ſagte ſie ruhig; „Sie ſind mir gänzlich fremd.“ „Verzeihen Sie,“ erwiderte der Capitän.„Ich bin gewiſſermaßen mit Ihnen verwandt. Ich hatte das Vergnügen Sie dieſes Frühjahr zu ſehen. Ich ſtellte mich bei dieſer denkwürdigen Gelegenheit einer geehrten Lehrerin in der Familie Ihres ſeligen Vaters rie vor. Erlauben Sie daß ich mich unter gleich an⸗ genehmen Umſtänden Ihnen vorſtelle. Mein Name iſt Wragge.“ Er hatte inzwiſchen ſeine ganze Unverſchämtheit wieder gewonnen. Seine doppelfarbigen Augen zwin⸗ kerten fröhlich, und er begleitete ſeine beſcheidene Selbſtvorſtellung mit der Verbeugung eines Tanz⸗ meiſters. Magdalene runzelte die Stirne und zog ſich einen Schritt zurück. Der Capitän war jedoch nicht der Mann ſich durch einen kalten Empfang abſchrecken zu laſſen. Er ſteckte ſeinen Schirm unter den Arm und buchſtabirte ihr humoriſtiſch zu ihrer beſſern Aufklärung ſeinen Namen vor.„W, R, A, G, G, E— Wragge,“ ſagte er, indem er die Buchſtaben über⸗ zeugend an ſeinen Fingern herzählte. „Ich erinnere mich Ihres Namens,“ ſagte Mag⸗ dalene.„Entſchuldigen Sie daß ich Sie ſogleich ver⸗ laſſe. Ich habe zu thun.“ Sie verſuchte an ihm vorüber zu kommen und nordwärts gegen die Eiſenbahn hin zu gehen. Er trat dieſem Verſuch augenblicklich entgegen, indem er mit höflichem Proteſt beide Hände erhob und ein Paar geſtopfte ſchwarze Handſchuhe ausbreitete. „Nicht dieſen Weg,“ ſagte er,„nicht dieſen Weg, Fräulein Vanſtone: ich bitte ſehr.“ „Warum nicht?“ fragte ſie hochfahrend. „Weil,“ antwortete der Capitän,„dieß der Weg iſt der zu Herrn Huxtable führt.“ In unverholenem Erſtaunen über dieſe Antwort beugte ſie ſich plözlich vor und ſchaute ihm zum erſten Mal feſt ins Geſicht. Er hielt ihre argwöhniſchen Forſe darül heiter ta, H vorbe als er ſie we eben geſtoh ſten 8 es nu gelind erwieſ ich an⸗ Name ämtheit n zwin⸗ heidene Tanz⸗ heinen icht der chrecken n Arm beſſern 5, E— über⸗ e Mag⸗ ich ver⸗ Intwort n erſten dniſchen 45⁵ Forſchungen aus, und ſtellte ſich ſogar ſehr erfreut darüber.„H, U, X,— Hux,“ ſagte er, indem er heiter ſeinen alten Scherz wieder aufnahm;„T, A— ta, Huxta, B, L, E— ble, Huxtable.“ „Was wiſſen Sie von Herrn Hurtable?“ fragte ſie;„warum erwähnen Sie ſeinen Namen gegen mich?“ 3 Des Capitäns geſchwungene Lippen kräuſelten ſich von Neuem auf. Er gab ſogleich die beſte prac⸗ tiſche Antwort, indem er das Placat aus ſeiner Taſche zog.. „Es iſt gerade noch hell genug,“ ſagte er,„daß junge(und liebenswürdige) Augen leſen können. Bevor ich auf die perſönliche Mittheilung eingehe, wozu Ihre ſchmeichelhafte Frage mich auffordert, bitte ich Sie Ihre Aufmerkſamkeit einige Augenblicke dieſem Document zuzuwenden.“ Sie nahm das Placat. Beim lezten Schimmer des Zwielichts las ſie die Zeilen die einen Preis auf ihre Entdeckung ſezten— die eine Beſchreibung von ihr, wie das Signalement eines entlaufenen Hundes, in unbarmherzigem Druck veröffentlichten. Keine zarte Rückſichtsnahme hatte ſie auf den Schlag vorbereitet, keine freundlichen Worte milderten ihn als er kam. Der Landſtreicher, deſſen ſchlaue Augen ſie während des Leſens eifrig beobachteten, wußte eben ſo wenig, als ſie ſelbſt, daß das Placat das er geſtohlen hatte nur in der Vorausſicht des ſchlimm⸗ ſten Falles in Bereitſchaft geſezt worden war, daß es nur dann veröffentlicht werden ſollte, wenn alle gelinderen Mittel ſie aufzufinden ſich als vergebens erwieſen hätten. Das Placat entſank ihrer Hand; eine dunkle Röthe übergoß ihr Geſicht. Sie wandte ſich von dem Capitän Wragge ab, als ob jeder Ge⸗ danke an ſeine Exiſtenz ihr entſchwunden wäre. „O Nora, Nora!“ ſagte ſie kummervoll vor ſich hin.„Nach dem Brief, den ich Dir geſchrieben— nach dem harten Kampf, den mich mein Weglaufen gekoſtet hat! O Nora! Nora!“ „Wie befindet ſich Nora?“ fragte der Capitän mit der äußerſten Höllichkeit. Sie wandte ſich mit einer Zornesflamme in ihren großen grauen Augen gegen ihn.„Iſt dieſes Ding öffentlich geworden?“ fragte ſie, indem ſie mit ihrem Fuß darauf ſtampfte.„Iſt das Mal auf meinem Nacken für ganz York geſchrieben worden?“ „Bitte, beruhigen Sie ſich,“ redete ihr Wragge zu.„Bis jezt habe ich einen Grund zu glauben daß Sie ſo eben das einzige in Umlauf geſezte Exemplar geleſen haben. Erlauben Sie mir es auf⸗ zuheben.“ Ehe er das Papier berühren konnte, raffte ſie es vom Pflaſter auf, zerriß es in Stückchen und warf ſie über den Wall. „Bravo!“ rief der Capitän.„Sie erinnern mich an Ihre arme, theure Mutter. Ein Familienzug, Fräulein Vanſtone. Wir Alle erben unſer heißes Blut von meinem Großvater mütterlicher Seits.“ „Wie kommen Sie dazu?“ fragte ſie plözlich. „Mein theures Weſen,“ remonſtrirte der Capitän; „ich habe Ihnen ſo eben geſagt daß wir Alle vom Großvater mütterlicher Seits dazu kommen.“ „Wie kamen Sie zu dieſem Placat?“ wiederholte ſie zornig. hatte ich d began inden der e ſchein bei d nichts ſtigen größt Lage D entſpr nicht keine Rath und runde 7 daure Wahr 9 haben Ende ſpäher zu ve D vollſte ſtand. aller Faſſum wandte der Ge⸗ e. vor ſich ben— glaufen Lapitän n ihren 8 Ding t ihrem neinem Vragge lauben geſezte 's auf⸗ eſie es p warf en mich ienzug, heißes its.“ lich. pitän; le vom erholte 47 „Ich bitte zehntauſendmal um Verzeihung! Ich hatte meinen Kopf bei dem Familienzug.— Wie ich dazu kam? Ganz kurz folgendermaßen.“ Hier begann Capitän Wragge ſeine perſönliche Angabe, indem er wie gewöhnlich mit den längſten Worten der engliſchen Sprache um ſich warf und mit augen⸗ ſcheinlicher Wonne ſich ſelbſt reden hörte. Da er bei dieſer ſeltenen Gelegenheit durch Verheimlichung nichts zu gewinnen hatte, ſo ging er von ſeinen ſon⸗ ſtigen Gewohnheiten ab, und erlaubte ſich mit dem größten Erſtaunen über die Neuheit ſeiner eigenen Lage die ungeſchminkte Wahrheit zu ſagen. Die Wirkung ſeiner Erzählung auf Magdalene entſprach ſeinen Erwartungen keineswegs. Sie war nicht betroffen; ſie war nicht erbittert; ſie zeigte keine Luſt ſeine Barmherzigkeit anzurufen und ſeinen Rath zu begehren. Sie ſchaute ihm feſt ins Geſicht und ſagte, als er ſeinen lezten Saz ziemlich abge⸗ rundet hatte, weiter nichts als„Fahren Sie fort!“ „Fortfahren?“ wiederholte der Capitän.„Be⸗ daure wirklich Sie enttäuſchen zu müſſen, aber die Wahrheit iſt: ich bin zu Ende.“ „Nein, das ſind Sie nicht,“ erwiderte ſie.„Sie haben das Ende Ihrer Erzählung weggelaſſen. Das Ende davon iſt: Sie kamen hieher um mich auszu⸗ ſpähen und Sie hoffen die fünfzig Pfund Belohnung zu verdienen.“ Dieſe klaren Worte verblüfften den Capitän ſo vollſtändig daß er einen Augenblick ſprachlos da⸗ ſtand. Aber er hatte ſchon zu oft ſtarke Wahrheiten aller Art anhören müſſen, als daß er lange außer Faſſung geblieben wäre. Che Magdalene ihren Vortheil verfolgen konnte, hatte der Vagabund ſein Gleichgewicht wieder erlangt. Wragge war wieder er ſelbſt. „Schlau,“ ſagte der Capitän, indem er gut⸗ müthig lachte und mit ſeinem Regenſchirm auf das Pflaſter trommelte;„es gibt Leute die dieß vielleicht übel genommen hätten. Ich bin nicht ſo leicht zu beleidigen. Fahren Sie fort.“ Magdalene ſah ihn durch das überhand neh⸗ mende Dunkel in ſtummer Verlegenheit an. Ihr Bischen geſellſchaftliche Erfahrung hatte ſie lediglich unter Leuten geſammelt die ein gemeinſames Ge⸗ fühl für Ehre und eine gemeinſame Verantwortlich⸗ keit für ſociale Stellung hatten. Sie hatte bisher nichts als das erfolgreiche menſchliche Product aus der großen Fabrik der Civiliſation geſehen. Hier hatte ſie ein verfehltes Geſchöpf vor ſich und troz ihres ſchnellen Verſtandes war ſie in Verlegenheit, wie ſie ſich gegen daſſelbe benehmen ſollte. „Verzeihen Sie mir, wenn ich auf den Gegen⸗ ſtand zurückkomme,“ fuhr der Capitän fort.„Es iſt mir ſoeben eingefallen daß Sie wirklich im Ernſt geſprochen haben könnten. Mein armes Kind! Wie kann ich die fünfzig Pfund verdienen, bevor die Be⸗ lohnung mir angeboten iſt? Dieſe Placate werden vielleicht erſt in künftiger Woche öffentlich ange⸗ ſchlagen. So unſchäzbar Sie für alle Ihre Ver⸗ wandten(mich ſelbſt eingerechnet) ſind, ſo können Sie doch mein Wort darauf nehmen daß die Advo⸗ caten die dieſen Fall beſorgen nicht fünfzig Pfund für Sie bezahlen werden, wenn ſie es möglicher Weiſe vermeiden können. Sind Sie noch immer überze Gelde Pendr zeihen. Famil ſo gen es ſch. ſtone, dringli wenn wollen einen nd ſein wieder er gut⸗ uf das ielleicht eicht zu d neh⸗ . Ihr ediglich es Ge⸗ ortlich⸗ bisher ct aus Hier d troz enheit, Gegen⸗ „Es n Ernſt ! Wie die Be⸗ werden ange⸗ Ver⸗ können Advo⸗ Pfund glicher immer 49 überzeugt daß meine gierigen Taſchen nach dem Gelde ſchnappen? Sehr gut, knöpfen Sie dieſelben mir zum Troz mit Ihren eigenen ſchönen Fingern auf. Um 9 Uhr 45 Minuten heute Abend geht ein Zug nach London; fügen Sie ſich in die Wünſche Ihrer Freunde und fahren Sie mit demſelben zurück.“ „Nie,“ ſagte Magdalene, indem ſie bei dieſer bloßen Unterſtellung gerade ſo aufflammte, wie der Capitän es darauf angelegt hatte.„Wäre ich nicht ſchon zum Voraus entſchloſſen geweſen, ſo würde dieſes niederträchtige Placat mich vollends beſtimmt haben. Ich verzeihe Nora,“ fügte ſie äbgewendet und mit ſich ſelbſt ſprechend hinzu,„aber Herrn Pendril und Fräulein Garth kann ich nicht ver⸗ eihen.“ „Ganz recht,“ bemerkte Capitän Wragge.„Der Familienzug. Ich würde es in Ihrem Alter gerade ſo gemacht haben; es liegt im Blute. Hören Sie! es ſchlägt ſchon wieder— halb acht. Fräulein Van⸗ ſtone, verzeihen Sie dieſe von der Noth gebotene Zu⸗ dringlichkeit. Wenn Sie Ihren Entſchluß ausführen, wenn Sie noch länger Ihre eigene Herrin ſein wollen, ſo müſſen Sie noch vor acht Uhr irgend einen Entſchluß faſſen. Sie ſind jung, Sie beſizen keine Erfahrung, Sie ſchweben in augenſcheinlicher Gefahr. Hier iſt auf der einen Seite eine dringende Nothwendigkeit, und da bin ich auf der andern, mit dem Intereſſe eines Onkels an Ihnen und voll von guten Rathſchlägen. Machen Sie Gebrauch davon.“ „Wenn ich nun vorzöge von Niemand abzu⸗ Collins, Namenlos. II. 4 hängen und auf eigene Fauſt zu handeln?“ ſagte Magdalene.„Was dann?“ „Dann,“ erwiderte der Capitän,„werden Sie geraden Wegs in eine der vier Fallen hineinlaufen, die in der alten und intereſſanten Stadt York ge⸗ legt ſind um Sie zu fangen. Erſte Falle in Herrn Huxtables Haus; zweite Falle in ſämmtlichen Gaſt⸗ höfen; dritte Falle auf dem Bahnhof; vierte Falle im Theater. Der Mann mit den Placaten hatte eine Stunde zu ſeiner Verfügung. Wenn er in die⸗ ſer Zeit nicht(unter Beiſtand des Anwaltes vom Orte) die genannten vier Fallen gelegt hat, ſo iſt er nicht der pfiffige Advocatenſchreiber für den ich ihn halte. Kommen Sie, kommen Sie, mein theu⸗ res Mädchen! Wenn aber ſonſt Jemand im Hinter⸗ grund iſt, deſſen Rath Sie dem meinigen vor⸗ ziehen—4 „Sie ſehen daß ich allein bin,“ fügte ſie ſtolz dazwiſchen.„Wenn Sie mich beſſer kennen würden, ſo müßten Sie wiſſen daß ich von Niemand als von mir ſelbſt abhänge.“ Dieſe Worte entſchieden den einzigen Zweifel der den Capitän noch beunruhigte, nämlich ob der vor ihm liegende Weg glatt und eben ſei. Der Beweggrund zu ihrer Flucht von Hauſe war alſo offenbar, wie die Placate angenommen hatten, eine unbändige Leidenſchaft fürs Theater.„Eines von beiden,“ dachte Wragge in ſeiner logiſchen Weiſe bei ſich.„Entweder iſt ſie in ihrer gegen⸗ wärtigen Lage mehr als fünfzig Pfund für mich werth, oder ſie iſt es nicht. Wenn ſie es iſt, ſo mögen ihre Verwandten nur nach ihr pfeifen. Wenn ſagte n Sie laufen, ork ge⸗ Herrn Gaſt⸗ Falle hatte in die⸗ 3 vom ſo iſt den ich n theu⸗ Hinter⸗ n vor⸗ ſe ſtolz vürden, nd als Zweifel ob der 1. Der ar alſo hatten, „Eines ogiſchen gegen⸗ ir mich iſt, ſo Wenn 51 ſie es nicht iſt, ſo habe ich ſie bloß feſtzuhalten bis die Placate angeſchlagen ſind.“ Geſtärkt durch die⸗ ſen einfachen Feldzugsplan kehrte der Capitän zum Angriff zurück und ſtellte Magdalene höflich zwiſchen die zwei unvermeidlichen Auswege, entweder ſich ihm anzuvertrauen, auf der einen Seite, oder zu ihren Verwandten zurückzukehren, auf der andern. „Ich achte Unabhängigkeit des Characters wo ich ſie finde,“ ſagte er mit einer Miene tugendſamer Strenge.„Bei einer jungen und liebenswürdigen Verwandten erſcheint ſie mir nicht bloß achtungs⸗ werth, ſondern ich bewundere ſie ſogar. Aber(ent⸗ ſchuldigen Sie die kühne Behauptung) um Ihren eigenen Weg zu gehen, müſſen Sie zuerſt überhaupt einen Weg haben auf dem Sie gehen können. Wo iſt nun unter den obwaltenden Umſtänden Ihr Weg? Herr Huxtable kommt, um mit ihm anzufangen, gar nicht in die Frage.“ „Für heute Abend allerdings nicht,“ ſagte Mag⸗ dalene;„aber was hindert mich an Herrn Huxrtable zu ſchreiben und meine eigenen geheimen Verab⸗ redungen auf morgen mit ihm zu treffen?“ „Von ganzem Herzen zugegeben— ein Wink, ein handgreiflicher Wink. Jezt kommt die Reihe an mich. Um auf morgen zu kommen(noch einmal, entſchuldigen Sie die kühne Behauptung), müſſen Sie zuerſt die Nacht durchmachen. Wo wollen Sie ſchlafen?“ „Gibt es kein Hotel in York?“ „Vortreffliche Hotels für große Familien, vor⸗ treffliche Hotels für einzelne Herren. Aber die aller⸗ ſchlechteſten Hotels in der Welt für hübſche junge Damen die ſich allein an der Thüre zeigen, ohne männliche Begleitung, ohne ein Mädchen als Be⸗ dienung und ohne ein einziges Stück Gepäck. So dunkel es iſt, ſo könnte ich doch ohne Zweifel einen Damenkoffer ſehen, wenn etwas Aehnliches ſich in unſerer unmittelbaren Nachbarſchaft vorfände.“ „Mein Koffer iſt im Gepäckſaale. Was verhin⸗ dert mich ihn abholen zu laſſen?“ „Nichts, wenn Sie durch Ihren Koffer Ihre Adreſſe verrathen wollen— nichts, auf der Welt gar nichts. Aber bitte, bedenken Sie doch! Halten Sie denn wirklich die Leute die nach Ihnen forſchen für ſolche Narren daß ſie nicht auch den Gepäckſaal ins Auge faßten? Wenn dieſe Leute finden daß Sie heute acht Uhr Abend nicht zu Herrn Huxtable kom⸗ men, werden ſie dann ſolche Narren ſein, daß ſie nicht in allen Gaſthöfen nachfragten? Glauben Sie etwa, eine junge Dame von Ihrer auffallenden Er⸗ ſcheinung könnte(ſelbſt den Fall geſezt daß die Wirthe Sie aufnehmen) in einem Gaſthof wohnen, ohne Gegenſtand allgemeiner Neugierde und Beach⸗ tung zu werden? Jezt bricht die Nacht ſchnell über uns herein. Ich will Sie nicht länger beläſtigen, ſondern mir nur noch einmal die Frage erlauben, wo werden Sie ſchlafen?“ Auf dieſe Frage gab es keine Antwort. In Magdalenens Stellung gab es buchſtäblich, von ihrer Seite, keine Antwort darauf. Sie ſchwieg. „Wo werden Sie ſchlafen?“ wiederholte der Ca⸗ pitän.„Die Antwort liegt auf der Hand— unter meinem Dache. Frau Wragge wird hocherfreut ſein Sie zu ſehen. Betrachten Sie meine Frau als Ihre . Tante Wirth der N und Etwa⸗ merken — do mich a viellei heiten vermö mich, Ihres glänze Lehrja Sie je in me künftig ſchränk Minut nung. zubiete Großer theilig⸗ „L Augen Capitä meine ſich un haben Si ohne I8 Be⸗ So einen ſich in verhin⸗ Ihre Welt Halten orſchen äckſaal ß Sie kom⸗ aß ſie n Sie in Er⸗ ß die ohnen, Beach⸗ über ſtigen, auben, In ihrer er Ca⸗ unter t ſein Ihre 53 Tante; bitte, ſehen Sie eine Tante in ihr. Die Wirthin iſt eine Wittwe, das Haus ſteht ganz in der Nähe, es ſind keine andern Miethsleute darin, und ein Schlafzimmer ſteht leer. Könnte irgend Etwas für alle Umſtände befriedigender ſein? Be⸗ merken Sie wohl daß ich nicht von morgen ſpreche — das Morgen überlaſſe ich Ihnen und beſchränke mich ausſchließlich auf heute Nacht. Ich könnte Ihnen vielleicht, vielleicht auch nicht, in Theaterangelegen⸗ heiten behilflich ſein. Mitgefühl und Bewunderung vermögen vielleicht, vielleicht auch nicht, viel über mich, wenn ich die Kühnheit und Unabhängigkeit Ihres Characters betrachte. Tauſend Beiſpiele von glänzenden Sternen des brittiſchen Dramas, die ihre Lehrjahre auf der Bühne ſo begonnen haben wie Sie jezt, drängen ſich vielleicht, vielleicht auch nicht, in meiner Erinnerung. Dieß ſind Punkte für zu⸗ künftige Beſprechungen. Für den Augenblick be⸗ ſchränke ich mich ſtreng auf meine Pflicht. In fünf Minuten kommen wir an meine gegenwärtige Woh⸗ nung. Erlauben Sie mir Ihnen meinen Arm an⸗ zubieten. Nicht? Sie zögern? Sie mißtrauen mir? Großer Gott! wär' es möglich daß Sie etwas Nach⸗ theiliges von mir gehört hätten?“ „Sehr möglich,“ ſagte Magdalene, ohne einen Augenblick auf die Antwort warten zu laſſen. „Darf ich um das Nähere fragen?“ ſagte der Capitän mit der höflichſten Ruhe.„Schonen Sie meine Gefühle nicht. Thun Sie mir den Gefallen ſich unumwunden auszuſprechen. Kurz und gut, was haben Sie gehört?“ Sie antwortete ihm mit der verzweifelten Rück⸗ . 1 ſichtsloſigkeit eines Weibes das in die Enge getrie⸗ ben wird und ſich nichts um die Folgen bekümmert — ſie antwortete ihm augenblicklich. „Ich habe gehört daß Sie ein Schuft ſind.“ „Wirklich?“ ſagte der unerforſchliche Wragge. „Ein Schuft? Nun, ich erſpare mein Vorrecht Sie über dieſen Punkt aufzuklären auf eine paſſendere Zeit. Nehmen wir alſo für den Augenblick an daß ich ein Schuft ſei. Was iſt Herr Huxtable?“ „Ein ehrenwerther Mann, ſonſt würde ich ihn nicht in dem Hauſe geſehen haben wo wir uns zu⸗ erſt trafen.“ „Sehr gut. Jezt merken Sie wohl auf: Sie ſprachen ſoeben davon daß Sie an Herrn Huxtable ſchreiben wollen. Was glauben Sie wohl daß ein ehrenwerther Mann mit einer jungen Dame anfangen werde, welche offen geſteht daß ſie von ihrer Ver⸗ wandtſchaft weggelaufen iſt um auf die Bühne zu gehen? Mein liebes Mädchen, nach Ihrer eigenen Darſtellung können Sie bei Ihrem gegenwärtigen Anliegen keinen ehrenhaften Mann brauchen. Sie brauchen vielmehr einen Schurken wie ich bin.“ Magdalene lachte bitter. „Es iſt etwas Wahres daran,“ ſagte ſie.„Ich danke Ihnen, daß Sie mich zu mir ſelbſt in meinen Umſtänden zurückgerufen haben. Ich muß mir mein Glück ſelbſt ſchaffen, und wer bin ich um den Weg der dazu führt ſo wähleriſch auszuſuchen? Ich habe Sie jezt um Verzeihung zu bitten. Ich habe ge⸗ ſprochen als ob ich eine junge Dame von Familie und Stellung wäre. Abſurd! Wir kennen das beſſer, nicht wahr, Capitän Wragge? Sie haben ganz Recht. Nieme — un plözlie benüz merku S plözlie 8 Ir beſizt zurück auch ich ni nicht welche lunge .3 die ke an di getrie⸗ mmert d.“ ragge. ht Sie ſendere i daß ich ihn ns zu⸗ .. Sie uxtable aß ein fangen r Ver⸗ hne zu eigenen ärtigen Sie 4.“ „Jch meinen r mein n Weg h habe be ge⸗ Familie beſſer, Recht. 5⁵ Niemandens Kind muß unter Jemandens Dach ſchlafen — und warum nicht unter dem Ihrigen?“ „Dieſen Weg,“ ſagte der Capitän, indem er die plözliche Veränderung in ihrer Stimmung geſchickt benüzte und ſchlau ſich hütete ſie durch eigene Be⸗ merkungen zu erbittern.„Dieſen Weg!“ Sie folgte ihm einige Schritte und hielt dann plözlich inne. „Angenommen ich wäre ſchon entdeckt? Wer beſizt denn eine Gewalt über mich? Wer kann mich zurückholen wenn ich nicht freiwillig gehe? Wenn ſie auch Alle mich morgen fänden, was dann? Kann ich nicht zu Herrn Pendril Nein ſagen? Kann ich nicht gegenüber Fräulein Garth meinem Muthe ver⸗ trauen?“ „Können Sie auch Ihrer Schweſter gegenüber Ihrem Muthe vertrauen?“ flüſterte der Capitän, welcher die ihr ſchon zweimal entſchlüpften Anſpie⸗ lungen auf Nora nicht vergeſſen hatte. Ihr Haupt ſenkte ſich. Sie ſchauderte, als hätte die kalte Nachtluft ſie getroffen, und lehnte ſich müde an die Bruſtwehr des Walles. „Bei Nora nicht,“ ſagte ſie betrübt.„Bei den Andern könnte ich mir ſelbſt vertrauen. Bei Nora nicht.“ „Dieſen Weg,“ wiederholte Capitän Wragge. Sie raffte ſich auf, ſchaute zu dem dunkelnden Him⸗ mel empor, ſchaute ſich in der überhand nehmenden Finſterniß um. „Was ſein muß, das muß ſein,“ ſagte ſie und folgte ihm. Die Münſteruhr ſchlug drei Viertel auf Acht, als ſie die Wallpromenade verließen und die Stufen ins Rosmaringäßchen hinabſtiegen. Beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick ertheilte der Advocatenſchreiber aus London ſeinen Untergebenen die lezten Weiſun⸗ gen, und nahm für ſich ſelbſt auf der entgegengeſez⸗ ten Seite des Fluſſes Poſto, von wo er Herrn Hux⸗ tables Hausthüre leicht im Auge behalten konnte. Zweites Capitel. Capitän Wragge blieb etwa in der Mitte der einzigen kleinen Häuſerreihe, die das Rosmaringäß⸗ chen bildet, ſtehen, und öffnete die Thüre ſeiner Wohnung für ſich ſelbſt und ſeinen Gaſt mit ſeinem eigenen Schlüſſel. Als ſie in den Gang kamen, er⸗ ſchien ein abgehärmtes Weibchen in einer Wittwen⸗ haube mit einem Lichte.„Meine Nichte,“ ſagte der Capitän, indem er Magdalene vorſtellte,„meine Nichte auf Beſuch in York. Sie hat ſich freundlich entſchloſſen von Ihrem leeren Schlafzimmer Gebrauch zu machen. Bemerken Sie gefälligſt wohl daß Sie es meiner Nichte abtreten müſſen, und ſorgen Sie ganz beſonders für friſche Wäſche. Iſt Frau Wragge oben? Sehr gut. Sie können mir Ihr Licht leihen. Mein liebes Mädchen, Frau Wragges Boudoir be⸗ findet ſich im erſten Stock. Frau Wragge iſt zu Hauſe. Erlauben Sie mir Ihnen den Weg hinauf zu zeigen.“— Während er die Treppe zuerſt hinaufſtieg, flü⸗ ſterte die abgehärmte Wittwe ihrem Gaſt kläg— lich zu: im er in ein allein gen o abgeg kleine nach weiße derha einem vorwe Erſche Notiz „ ſie an D hob ſt Als ſ ragte Rieſen ſen 2 ſchaffe neben unter haften 8 Stufen dem⸗ reiber zeiſun⸗ geſez⸗ 1 Hux⸗ nte. te der ingäß⸗ ſeiner ſeinem n, er⸗ ttwen⸗ te der meine ndlich prauch 3 Sie Sie ragge eihen. ir be⸗ iſt zu dinauf „ flü⸗ kläg⸗ 57 „Ich hoffe Sie werden mich bezahlen, Fräulein? Ihr Onkel bezahlt nicht.“ Der Capitän ſtieß die Thüre des Vorderzimmers im erſten Stock auf und zeigte eine weibliche Geſtalt in einem abgeſchoſſenen, bernſteinfarbigen Atlaskleid, allein auf einem kleinen Stuhle ſizend, mit ſchmuzi⸗ gen alten Handſchuhen an den Händen, mit einem abgegriffenen alten Buch auf dem Schooße und ein kleines Nachtlicht an ihrer Seite. Die Geſtalt endigte nach oben mit einem großen, glatten, mondartig weißen, runden Geſichte, das mit einer grünen Bän⸗ derhaube eingefaßt und ſpärlich durch Augen von einem ſanften, matten Blau beſtrahlt war, die gerade vorwärts ins Leere ſchauten und von Magdalenens Erſcheinung an der offenen Thüre nicht die geringſte Notiz nahmen. „Frau Wragge!“ ſchrie der Capitän, indem er ſie anrief als ob ſie feſt ſchliefe.„Frau Wragge!“ Die Dame mit den matten blauen Augen er⸗ hob ſich langſam zu einer ſcheinbar endloſen Höhe. Als ſie endlich eine aufrechte Stellung erreicht hatte, ragte ſie zwei oder drei Zoll über ſechs Fuß empor. Rieſen beiderlei Geſchlechts ſind, in Folge einer wei⸗ ſen Anordnung der Vorſehung, meiſtens ſanſt ge⸗ ſchaffen. Hätte man Frau Wragge und ein Lamm neben einander geſtellt, ſo würde die Vergleichung unter ſolchen Umſtänden das Lamm als einen bos⸗ haften Betrüger ausgewieſen haben. „Thee, mein Lieber?“ fragte Frau Wragge, in⸗ dem ſie unterwürfig zu ihrem Gemahl herabſchaute deſſen Kopf, wenn er auf den Zehen ſtand, mit knapper Noth an ihre Schultern reichte. „Fräulein Vanſtone, die jüngere,“ ſagte der Ca⸗ pitän, indem er Magdalene vorſtellte.„Unſere ſchöne Baſe die ich durch einen glücklichen Zufall getroffen habe. Unſer Gaſt für die Nacht. Unſer Gaſt!“ wiederholte der Capitän, indem er wieder ſchrie, als ob die große Dame noch immer feſt ſchliefe, obſchon ihre offenen Augen das Gegentheil verriethen. Ein Lächeln drückte ſich(in ſchwachen Linien) auf dem großen leeren Raume ihres Geſichtes aus. „Ah?“ ſagte ſie fragend.„Ah wirklich? Wollen Sie gefälligſt Plaz nehmen? Ich bedaure— nein, ich ſollte nicht ſagen bedaure; ich bin ſehr erfreut—“ Sie hielt inne und befragte ihren Eheherrn mit einem verlegenen, hilfeflehenden Blicke. „Natürlich ſehr erfreut!“ rief der Capitän. „Natürlich ſehr erfreut!“ plapperte die Rieſin im ambrafarbigen Atlaskleid noch zahmer als ſonſt nach. „Frau Wragge iſt nicht taub,“ erklärte der Ca⸗ pitän.„Sie iſt bloß etwas langſam— ſchläfrig von Anlage, wenn ich dieſen Ausdruck gebrauchen darf. Ich bin bloß darum laut mit ihr(und er⸗ weiſen Sie mir die Ehre ebenfalls laut zu ſein) weil ich darin einen Sporn für ihre Ideen ſehe. Rufen Sie ihr laut zu, ſchauen Sie ſie an— ſo erwacht ihr Geiſt zur rechten Zeit. Sprechen Sie einfach mit ihr, ſo ſchweift ihr Geiſt meilenweit direct von Ihnen ab. Frau Wragge!“ Frau Wragge ließ ſogleich die Wirkung des Spornes an ſich merken. „Thee, mein Lieber?“ fragte ſie wiederholt. „Sez Deine Haube gerade,“ ſchrie der Chemann. „Ich er geg heit im nungs Syſte ſten 2 meine nicht Geleit Wrag drehte rechts ein w wiede links, Das erſten dalen Kleid vertre r Ca⸗ inſere zufall Unſer vieder feſt ntheil inien) aus. Jollen nein, üt— n mit in im nach. r Ca⸗ hläfrig auchen nd er⸗ ſein) ſehe. — ſo n Sie direct g des lt. mann. 59 „Ich bitte zehntauſendmal um Verzeihung,“ begann er gegen Magdalene wieder.„Die traurige Wahr⸗ heit iſt daß ich ein Märtyrer meines eigenen Ord⸗ nungsſinnes bin. Alles Unzeitige, aller Mangel an Syſtem und Regelmäßigkeit bringt mich zum heftig⸗ ſten Aerger. Meine Aufmerkſamkeit wird abgelenkt, meine Ruhe über den Haufen geworfen. Ich kann nicht ruhen und raſten bis Alles wieder im rechten Geleiſe iſt. Was das Aeußere betrifft, ſo iſt Frau Wragge zu meinem unendlichen Bedauern das ver⸗ drehteſte Weib das ich je geſunden habe. Mehr rechts!“ rief der Capikän, als Frau Wragge, wie ein wohldreſſirtes Kind, mit ihrem revidirten Kopfpuz wieder vor das muſternde Auge ihres Mannes trat. Frau Wragge zupfte ſogleich die Haube nach links, Magdalene ſtand auf und ſezte ſie ihr zurecht. Das Mondsgeſicht der Rieſin erheiterte ſich zum erſten Mal. Sie betrachtete mit Bewunderung Mag⸗ dalenens Mantel und Haube.„Lieben Sie die Kleider, Fräulein?“ fragte ſie plözlich mit einem vertraulichen Geflüſter.„Ich liebe ſie ſehr.“ „Zeige Fräulein Vanſtone ihr Zimmer,“ ſprach der Capitän, indem er drein ſchaute als ob das ganze Haus ihm gehörte.„Das leere Zimmer, das leere Zimmer der Hausfrau, im dritten Stock vorn. Bringe Fräulein Vanſtone Alles was ſie an Toi⸗ lettenartikeln etwa bedarf. Sie hat kein Gepäck bei ſich. Liefere ihr Alles was fehlt; dann komm zurück und mach Thee.“ Frau Wragge nahm dieſe hohen Befehle mit einem Blick gelaſſenen Staunens auf und ging voran aus dem Zimmer; Magdalene folgte ihr mit einem Licht das der aufmerkſame Capitän ihr gab. So⸗ bald ſie auf dem äußern Treppenabſaz allein waren, erhob Frau Wragge das zerlumpte alte Buch, worin ſie bei Magdalenens Eintritt geleſen und das ſie ſeither nicht aus der Hand gelegt hatte, und klopfte ſich langſam damit auf die Stirne.„O mein armer Kopf,“ ſagte die Rieſin in kleinlautem Selbſtgeſpräch, „es ſchwirrt wieder ärger als je.“ „Es ſchwirrt?“ wiederholte Magdalene in äußer⸗ ſtem Erſtaunen. Frau Wragge ſtieg die Treppe hinauf, ohne eine Erklärung abzugeben, blieb vor einem der Zimmer im zweiten Stock ſtehen und ging voran. „Dieß iſt nicht der dritte Stock,“ ſagte Magda⸗ lene.„Dieß iſt gewiß nicht mein Zimmer?“ „Warten Sie ein Bischen,“ bat Frau Wragge. „Warten Sie ein Bischen, Fräulein, bevor wir wei⸗ ter hinaufgehen. Das Schwirren in meinem Kopf iſt heftiger geworden als je. Warten Sie ein Bis⸗ chen, bis ich wieder etwas wohler bin.“ „Soll ich Hilfe holen?“ fragte Magdalene;„ſoll ich die Hausfrau rufen?“ „Hilfe?“ erwiederte Frau Wragge;„es iſt Dan⸗ kes werth, aber ich brauche keine Hilfe. Ich bin daran gewöhnt. Ich habe das Schwirren ſchon ſo viele Jahre lang ab und zu gehabt.“ Sie blieb ſtehen, beſann ſich, verlor den Faden und verſuchte plözlich in Verzweiflung eine Frage.„Sind Sie je in Darchs Speiſeſaal in London geweſen?“ fragte ſie ſcheinbar mit dem tiefſten Intereſſe. „Nein,“ verſezte Magdalene, verwundert über die ſeltſame Frage. merkſo Bedier ſtellt. waren alle z wieder braten Eins. Stache Hamm fertig und P heiß, ſ ſechs, beertor Schwe ten, ur Doppe und al ſer Her Tilda, ich me So⸗ baren, worin s ſie lopfte armer präch, ußer⸗ eine mmer agda⸗ agge. wei⸗ Kopf Bis⸗ nſoll Dan⸗ bin on ſo blieb ſuchte Sie ragte über 61 „Dort war es wo ich das Schwirren in meinem Kopf zum erſten Mal bekam,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie dem neuen Leitfaden mit der größten Auf⸗ merkſamkeit und Aengſtlichkeit folgte.„Ich war zur Bedienung der Herrn in Darchs Speiſehaus ange⸗ ſtellt. Die Herren kamen alle zuſammen; die Herren waren alle zuſammen hungrig,— die Herren gaben alle zuſammen ihre Befehle“— ſie ſtockte und klopfte wieder verzweifelt mit dem zerlumpten alten Buche an ihren Kopf. „Und Sie mußten alle ihre Befehle, jeden einzeln und abgeſondert im Gedächtniß behalten?“ fragte Magdalene, um ihr herauszuhelfen.„Und dieſes Bemühen machte ſie confus?“ „Ja, ſo iſt's,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie einen Augenblick in heftigen Zorn gerieth.„Schweine⸗ braten mit Gemüſe und Erbſenpudding für Numero Eins. Gedämpftes Ochſenfleiſch und Rüben und Stachelbeertorte für Numero Zwei. Ein Stück Hammelsbraten mit etwas Grünem darüber, gut fertig und recht fett, für Numero Drei. Stockfiſch und Paſtinaken, zwei Stücke neben einander, recht heiß, ſonſt iſt es Ihr Tod, für Numero Vier. Fünf, ſechs, ſieben, acht, neun, zehn. Rüben und Stachel⸗ beertorte, Erbſenpudding mit recht viel Fett— Schweinebraten und Ochſenbraten und Hammelbra⸗ ten, und Alles geſchnitten, und Grünes darüber— Doppelbier für den Einen und Ale für den Andern, und altes Brod hier und friſches Brod da, und die⸗ ſer Herr will Käſe und dieſer Herr nicht— Mathilde, Tilda, Tilda, Tilda, fünfzigmal hinter einander, bis ich meinen eigenen Namen nicht mehr wußte— O Gott! o Gott! o Gott!!! Alle zuſammen, Alle zur gleichen Zeit, Alle voll Ungeduld, bis ſie Alle in meinem Kopf herumſchwirrten wie vierzigtauſend Millionen Bienen. Sagen Sie's dem Capitän nicht — ſagen Sie's dem Capitän nicht!“ Das unglück⸗ liche Geſchöpf ließ das alte zerlumpte Buch fallen und ſchlug mit beiden Händen an ihren Kopf, wäh⸗ rend ihre Blicke angſtvoll auf der Thüre hafteten. „Still! Still!“ ſagte Magdalene;„der Capitän hat Sie nicht gehört. Ich weiß jezt wie es mit Ihrem Kopfe ſteht. Laſſen Sie mich ihn kühlen.“ Sie tunkte ein Handtuch ins Waſſer und drückte es an den heißen hilfloſen Kopf welchen Frau Wragge ihr mit der Willährigkeit eines kranken Kindes hinhielt.. „Was für eine hübſche Hand Sie haben!“ ſagte das arme Geſchöpf, welchem die Kühlung wohlthat, und nahm Magdalenens Hand mit Bewunderung in die eigene.„Wie weich und weiß ſie iſt. Ich möchte auch gerne eine Dame ſein; ich behalte meine Hand⸗ ſchuh immer an— allein ich kann meine Hände doch nicht ſo bekommen wie die Ihrigen. Ich bin aber doch hübſch gekleidet, nicht wahr? Ich liebe Kleider: es iſt ein Troſt für mich. Ich fühle mich immer glücklich wenn ich meine Sachen anſehe. Ach — werden Sie mir wohl nicht böſe werden?— d möchte gar zu gern Ihren Hut einmal auf⸗ ezen.“ Magdalene half ihr dazu mit dem willfährigen Mitgefühl der Jugend. Frau Wragge ſtellte ſich, als ſie den Hut hoch auf ihrem Kopf ſizen hatte, lächelnd vor den Spiegel und nickte ſich ſelbſt zu.„Ich hatte auch Seite waru ten? , Alle e Alle auſend n nicht nglück⸗ fallen „wäh⸗ eten. apitän es mit ühlen.“ drückte Bragge Kindes „ſagte ohlthat, kung in möchte Hand⸗ Hände Ich bin ch liebe le mich de. Ach 2en?— al auf⸗ ährigen ich, als lächelnd h hatte 63 einſt einen eben ſo ſchönen, wie dieſer da,“ ſagte ſie —„nur weiß, nicht ſchwarz. Ich trug ihn, als der Capitän mich heirathete.“ „Wo trafen Sie ihn zuerſt?“ fragte Magdalene, indem ſie die zufällige Gelegenheit benüzte, ihre ge⸗ ringen Kenntniſſe über die Perſönlichkeit des Capi⸗ täns zu vermehren. „Im Speiſehauſe,“ ſagte Frau Wragge.„Er war unter allen der hungrigſte und lauteſte den man zu bedienen hatte. Ich beging bei ihm mehr Fehler als bei allen Andern zuſammen. Er fluchte wie ein Heide— o wie fluchte er nicht immer! Als er nicht mehr über mich fluchte, heirathete er mich. Es waren auch noch Andere da die mich haben wollten. Gott ſtehe mir bei, ich war ſehr wähleriſch. Warum auch nicht? Wenn man ein Bischen Geld auf der Seite hat, etwas mehr als man erwarten konnte, warum ſoll man ſich dann nicht für eine Dame hal⸗ ten? Iſt man nicht eine Dame, wenn man ſeine Wahl hat? Ich hatte mein Bischen Geld, und ich hatte meine Wahl, und ich wählte den Capitän. Er war der Geſcheidteſte und Raſcheſte von ihnen allen. Er nahm mich und mein Geld in ſeine Ob⸗ hut. Ich bin noch da, das Geld iſt verſchwunden. Legen Sie das Handtuch nicht auf den Tiſch dort — er will es nicht haben. Verrücken Sie ſeine Raſirmeſſer nicht thun Sie es ja nicht, ſonſt ver⸗ geſſe ich welches es iſt. Ich muß mir merken wel⸗ ches dasjenige für morgen früh iſt. Denken Sie ſich, der Capitän raſirt ſich nicht ſelbſt. Er hat michs gelehrt. Ich raſire ihn. Ich kämme ihm das Haar und ſchneide ihm die Nägel— er iſt ſchrecklich heikel mit ſeinen Nägeln. So auch mit ſeinen Hoſen. Und ſeinen Schuhen. Und ſeiner Zeitung am Morgen. Und ſeinen Frühſtücken, ſeinen Imbiſſen, ſeinen Mit⸗ tagsmahlen und dem Thee.“— Sie hielt inne als ob ihr auf einmal etwas einfiele, ſchaute um ſich, bemerkte das zerlumpte alte Buch auf dem Boden und ſchlug verzweiflungsvoll die Hände zuſammen. „Ich habe die Stelle verloren!“ rief ſie ganz rath⸗ los;„um Gotteswillen, was wird aus mir werden? Ich habe die Stelle verloren!“ „Beunruhigen Sie ſich nicht,“ ſagte Magdalene; „ich will Ihnen die Stelle bald wieder finden.“ Sie hob das Buch auf, blätterte und fand daß der Gegenſtand des Kummers der Frau nichts Wich⸗ tigeres war, als eine altmodiſche Abhandlung über die Kochkunſt, unter die gewöhnlichen Rubriken: Fiſch, Fleiſch und Geflügel, gebracht, und mit der üblichen Reihe von Recepten. Beim Umſchlagen der Blätter kam Magdalene auf eine beſondere Seite welche dicht mit kleinen halbvertrockneten Tropfen beſät war.„Sonderbar!“ ſagte ſie.„Wenn dieß etwas anderes als ein Koch⸗ buch wäre, ſo würde ich ſagen, es habe Jemand darüber geweint.“ „Jemand?“ wiederholte Frau Wragge mit er⸗ ſtauntem Blick.„Es iſt kein Jemand, ſondern nur ich bins. Meinen freundlichen Dank daß die Stelle wieder ſicher iſt. Wahrlich, ich pflegte darüber zu weinen. Sie würden auch weinen, wenn Sie die Mahlzeiten des Capitäns darnach zurecht machen müßten. So oft ich mich zu dieſem Buch niederſeze, beginnt das Schwirren in meinem Kopf. Wer wird es here und da ich, ich Hauin. zut Kr. oder N ſilie. Wie ſo der ger ter, ſo Sehen Ihrigen wiſſen, Omelet es ſich wenn e hundert und ur Halte e Bratpfe kehren? einmal Sie n. pfanne „L6 dann ke dalene. Coll 1. Und Norgen. en Mit⸗ ane als m ſich, Boden ammen. az rath⸗ verden? dalene; n.“ und daß 8 Wich⸗ über die Fiſch, üblichen gdalene kleinen derbar!“ n Koch⸗ Jemand mit er⸗ ern nur e Stelle küber zu Sie die machen ederſeze, der wird 65 . Immen? Manchmal meine ich, ich hab's, es herausbetfällt mir Alles wieder. Manchmal meine und dann 9's nicht, und dann kommt Alles in einem ich ich zurück. Sehen Sie da! Da ſteht was er Halhinem Frühſtück morgen beſtellt hat. Omelette zut Kräutern. Klopfe zwei Eier mit etwas Waſſer oder Milch, Salz, Pfeffer, Schnittlauch und Peter⸗ ſilie. Hacke es klein.— Da iſts! Hacke es klein! Wie ſoll ich es klein hacken, wenn Alles durch einan⸗ der gemiſcht iſt und lauft? Lege ein Stückchen But⸗ ter, ſo groß wie dein Daumen, in die Bratpfanne. Sehen Sie meinen Daumen an und ſehen Sie den Ihrigen an. Von welchem verlangt man die Größe? —— Koche es, aber nicht braun.— Wenn es nicht braun ſein ſoll, welche Farbe ſoll es denn ſonſt ſein? Sie will es mir nicht ſagen; ſie meint, ich ſoll es wiſſen, und doch weiß ich es nicht. Schütte die Omelette hinein.— Da, das kann ich thun! Laß es ſich ſezen, hebe es ringsum am Rande hinauf und wenn es fertig iſt, ſo ſchlage es um. O wie viel hundertmal habe ich es in meinem Kopf gedreht und umgeſchlagen, ehe Sie heute Abend kamen. Halte es weich; lege die Schüſſel verkehrt auf die Bratpfanne hin und kehre es um. Was ſoll ich um⸗ kehren?— Um Gotteswillen, verſuchen Sie es noch einmal mit der kalten Serviette, und dann ſagen Sie mir was— die Schüſſel oder die Brat⸗ pfanne?“ „Legen Sie die Schüſſel auf die Bratpfanne und dann kehren Sie die Bratpfanne um,“ erklärte Mag⸗ dalene.„So wird es wohl gemeint ſein.“ Collins, Namenlos. II. 5 „Danke freundlich,“ ſagte Frau⸗ 8 will es mir im Kopf einprägen; bitte, ragge.„Ich noch einmal.“ 3 ſagen Sie es Magdalene ſagte es noch einmal. „Und dann kehre die Bratpfanne um, holte Frau Wragge mit einem plözlichen Anflugeder⸗ Eifer.„Jezt habe ichs! O die vielen Portiolon Omelettes die alle zuſammen in meinem Kopf brie⸗ ten und alle mißriethen. Sehr verbunden. Sier haben mich wieder ganz zurecht gebracht; ich bin nur noch etwas müde vom Reden. Und dann die Bratpfanne umſchlagen, dann die Bratpfanne um⸗ ſchlagen, dann die Bratpfanne umſchlagen. Es klingt wie Poeſie, nicht wahr?“ Ihre Stimme ſank and ſie ſchloß ſchläfrig die Augen. In ſelbem Augenblick öffnete ſich die Thüre des untern Zimmers und des Capitäns honigſüße Baßtöne ſtrömten, verſtärkt mit dem üblichen Sporn für die Fähigkeiten ſeiner Frau, die Treppe herauf. „Frau Wragge!“ rief der Capitän.„Frau Wragge!“ Sie ſprang bei dieſer furchtbaren Aufforderung auf.„O was befahl er mir denn?“ fragte ſie zer⸗ ſtreut.„Eine Menge Sachen, und ich habe ſie alle vergeſſen.“ 1 „Sagen Sie daß Sie Alles gethan haben, wenn er Sie fragt,“ rieth Magdalene.„Es waren lauter Dinge für mich— Dinge die ich nicht brauche. Ich erinnere mich an Alles was nöthig iſt. Mein Zim⸗ mer iſt das Vorderzimmer im dritten Stock. Gehen Sie hinab und ſagen Sie daß ich ſogleich komme.“ Sie nahm das Licht und ſchob Frau Wragge gegen komme dritten De voblir Anſtan Raben es war zu ſein ſogar dann 1 fremder kleinen blieb dann 1 wenn ſelbſt. es alſo Sie um wie niſſe de Vergar daran ſie dar⸗ ſtand Fenſter troſtloſe Jamme „N. doch wi ſo gedu 2.„Ich 1 Sie es flügeder⸗ Vortiolon opf brie⸗ en. Sie ich bin dann die nne um⸗ Es klingt äfrig die die Thüre Honigſüße n Sporn e herauf. „Frau orderung e ſie zer— e ſie alle en, wenn en lauter iche. Ich ein Zim⸗ Gehen komme.“ Wragge 67 gegen die Treppe hin.„Sagen Sie daß ich ſogleich komme,“ füſterte ſie wieder und ging allein in den dritten Soock hinauf. Has Zimmer war klein, eng und ſehr ärmlich woblirt. In frühern Tagen würde Fräulein Garth Anſtand genommen haben einem Dienſtboten auf Rabenſchlucht ein ſolches Zimmer anzubieten. Aber es war ruhig; es geſtattete ihr einige Minuten allein zu ſein, und in dieſer Beziehung war es erträglich, ſogar willkommen. Sie ſchloß ſich ein und ging dann unwillkührlich, wie jedes Mädchen das in ein fremdes Schlafgemach kommt, an den wackelnden kleinen Tiſch und den trüben kleinen Spiegel. Dort blieb ſie einen Augenblick ſtehen und wandte ſich dann verdrießlich und verächtlich weg.„Was thuts wenn ich auch noch ſo blaß bin?“ dachte ſie bei ſich ſelbſt.„Frank kann mich nicht ſehen— was ſchadet es alſo?“ Sie legte Mantel und Hut weg, und ſezte ſich um wieder Faſſung zu gewinnen. Aber die Ereig⸗ niſſe des Tages hatten ſie gänzlich erſchöpft. Die Vergangenheit bereitete ihr nur Herzeleid, wenn ſie daran zu denken verſuchte. Die Zukunft war, wenn ſie darein zu ſchauen verſuchte, eine öͤde Leere. Sie ſtand wieder auf und trat an das vorhangloſe Fenſter— ſchaute hinaus, als ob irgendwo in der troſtloſen Nacht ein Mitgefühl für ihren eigenen Jammer verborgen wäre. „Nora!“ ſagte ſie zärtlich vor ſich hin;„ich möchte doch wiſſen ob Nora an mich denkt. O wenn ich ſo geduldig ſein könnte wie ſie. Wenn ich nur die e Schuld vergeſſen könnte die wir gegea Michael Van⸗ ſtone haben.“. Ihr Geſicht verfinſterte ſich mit einen Ausdruck rachſüchtiger Verzweiflung und ſie ſchritt Fachte in dem kleinen Käfig von einem Zimmer auf ud ab. „Nein, nie, bis die Schuld bezahlt iſt!“ Ihre He⸗ danken ſchweiften wieder zu Frank zurück.„Nod, immer auf der See, der arme Burſche; weiter, immer weiter hinweg von mir, Tag und Nacht hindurch ſegelnd. O Frank, was wäre ich ohne Deine Liebe!“ Ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sie zer⸗ drückte ſie, ging nach der Thüre und lachte mit dem Leichtſinn der Verzweiflung, als ſie dieſelbe wieder aufſchloß. „Jede Geſellſchaft iſt beſſer als meine eigenen Gedanken!“ rief ſie mit erzwungener Luſtigkeit, als ſie das Zimmer verließ.„Ich vergeſſe meine plöz⸗ lich hergeſchneiten Verwandten— meine blödſinnige Tante und meinen Schuft von einem Onkel.“ Sie ging die Treppe hinab bis auf den Abſaz des erſten Stocks und blieb da einen Augenblick unſchlüſſig ſtehen.„Wie wird das enden?“ fragte ſie ſich.„Wo⸗ hin wird meine blindlings unternommene Reiſe mich jezt führen? Wer weiß und wer kümmert ſich darum?“ Sie trat ins Zimmer. Capitän Wragge präſidirte am Theebrett mit der Miene eines Fürſten der ſich in ſeinem Bankettſaale brüſtet. An der einen Seite des Tiſches ſaß Frau Wragge, an den Augen ihres Gatten hängend, wie ein Thier das auf Fütterung wartet. Auf der an⸗ dern Seite ſtand ein leerer Stuhl auf welchen der eigener ſchließe fahrun haltlos ſagen: und do günſtig lich da mir un Falſche meine und m tel Van⸗ lusdruck uchte in und ab. hre He⸗ „Noͤd, c, immer hindurch Deine Sie zer⸗ mit dem e wieder eigenen keit, als ne plöz⸗ dſinnige .“ Sie es erſten ſchlüſſig h.„Wo⸗ eiſe mich barum?“ mit der kettſaale aß Frau end, wie der an⸗ hen der 69 Capitän mit, einer einladenden Handbewegung hin⸗ wies, als I gdalene hereinkam.„Wie gefällt Ihnen Ihr Zimme 24 fragte er;„ich hoffe doch, Frau Wragge hat ſich nüzlich gemacht? Nehmen Sie Milch und Zücker? Verſuchen Sie das hieſige Brod, geben Si. der Yorker Butter die Ehre, koſten Sie ein ſaſches Ei aus der Umgegend. Ich biete all das Wenige was ich habe. Eines armen Mannes Mahl⸗ zeit, mein liebes Mädchen,— gewürzt mit dem Will⸗ komm eines Gentlemans.“ „Gewürzt mit Salz, Pfeffer, Schnittlauch und Peterſilie,“ murmelte Frau Wragge, die bei einem mit der Kochkunſt in Verbindung ſtehenden Wort ſogleich Feuer fing und ihr Gedächtniß für den Reſt des Abends im Hinblick auf die Omelettes panzerte. „Seze dich gerade an den Tiſch!“ rief der Ca⸗ pitän.„Mehr links, noch mehr— ſo iſts recht. Während Sie droben waren,“ fuhr er gegen Magda⸗ lene fort,„blieb mein Geiſt nicht unthätig. Ich habe Ihre Stellung lediglich vom Standpunkt Ihres eigenen Intereſſes aus ins Auge gefaßt. Be⸗ ſchließen Sie ſich morgen durch das Licht meiner Er⸗ fahrung leiten zu laſſen, ſo ſteht dieſes Licht rück⸗ haltlos zu Ihren Dienſten. Sie können natürlich ſagen:„„Ich kenne Sie ja faſt gar nicht, Capitän, und das Wenige was ich von Ihnen weiß iſt un⸗ günſtig.““ Zugegeben unter einer Bedingung, näm⸗ lich daß Sie mir erlauben Sie nach dem Thee mit mir und meinem Character ganz bekannt zu machen. Falſche Scham iſt meiner Natur fremd. Sie ſehen meine Frau, mein Haus, mein Brod, meine Butter und meine Eier, ganz genau wie ſie ſind. Sehen Sie auch mich, mein liebes Mädchen mal daran ſind.“ Als der Thee vorüber war, zog ſich Fra⸗ auf ein Signal von ihrem Manne, mit dem wigen Kochbuch in ihrer Hand, in eine Stubenecke zunz k. „O welch ein Plaggeiſt!“ flüſterte ſie vertraulich, als ſie an Magdalene vorüber ging. „Schon wieder die Ferſe hinabgetreten!“ rief der Capitän, indem er auf die ſchwerfälligen Klump⸗ füße ſeiner Frau deutete, während ſie durch das Zimmer ſchlürfte.„Der rechte Schuh. Zieh ihn über den Abſaz hinauf— zieh ihn über den Abſaz hinauf! Bitte, erlauben Sie mir,“ fuhr er fort, indem er Magdalene ſeinen Arm bot und ſie zu einem ſchmuzigen kleinen Roßhaarſopha geleitete.„Sie bedürfen der Ruhe— nach Ihrer langen Reiſe— Sie bedürfen wirklich Ruhe.“ Er zog ſeinen Stuhl an den Sopha und betrachtete ſie mit einem ein⸗ ſchmeichelnd forſchenden Blick, als wäre er ihr ärzt⸗ licher Beiſtand geweſen und hätte ihre Diagnoſe im Kopfe. „Sehr angenehm! Sehr angenehm!“ ſagte der Capitän, als ſein Gaſt comfortabel auf dem Sopha ſaß.„Ich fühle mich ganz im Schooß meiner Fa⸗ milie. Sollen wir auf unſern Gegenſtand zurück⸗ kommen, den Gegenſtand meiner eigenen ſchuftigen Perſon? Nein! nein! Keine Entſchuldigungen, keine Einwendungen, wenn ich bitten darf. Machen Sie die Sache Ihrerſeits nicht kleiner und ſeien Sie ver⸗ ſichert daß ich meinerſeits ſie nicht kleiner machen werde. Kommen wir jezt zu den Thatſachen, bitte, laſſen Sie uns zu den Thatſachen kommen. Wer „ weil Sie ein⸗ Wragge und ſerer ten E von Schy reis l färbte Lächelt gekräu zwinken natürl ſeine: Schult Nein: in ihr imagin bracht das u der G Betracs tän fo iſt wer w, i, Sie ein— Wragge wigen zuäck. traulich, rief der Klump⸗ rch das ieh ihn 1 Abſaz er fort, ſie zu te.„Sie teiſe— Stuhl m ein⸗ or ärzt⸗ iagnoſe gte der Sopha ter Fa⸗ zurück⸗ uftigen „keine en Sie ie ver⸗ nachen bitte, Wer 71 und was bin ich? Lenken Sie Ihren Geiſt zu un⸗ ſerer Unterroung auf den Wällen dieſer intereſſan⸗ ten Stadrzurück und laſſen Sie uns noch einmal von Ibem Geſichtspunkte ausgehen. Ich bin ein Schye und in dieſer Eigenſchaft(wie ich Ihnen be⸗ reis bemerkt habe) der nüzlichſte Mann mit dem Sie möglicher Weiſe zuſammentreffen konnten. Ge⸗ ben Sie jezt wohl Acht. Es gibt viele Abarten von dem Genus Schuft; laſſen Sie mich Ihnen zu⸗ erſt meine Abart ſagen. Ich bin ein Schwindler.“ Seine vollſtändige Schamloſigkeit ging wirklich über alle Begriffe. Keine Spur eines Erröthens färbte die ſeichte Eintönigkeit ſeines Geſichtes; das Lächeln ſchwebte ſo freundlich wie immer auf ſeinen gekräuſelten Lippen; ſeine doppelfarbigen Augen zwinkerten mit der ſelbſtvergnügten Offenheit eines natürlich harmloſen Mannes Magdalenen zu. Hatte ſeine Frau ihn gehört? Magdalene ſah über ſeine Schulter nach der Zimmerecke wo ſie hinter ihm ſaß. Nein: die autodidactiſche Kochkünſtlerin war gänzlich in ihren Gegenſtand verſunken. Sie hatte ihre imaginäre Omelette zu dem critiſchen Stadium ge⸗ bracht wo die Butter hineingeworfen werden ſoll— das unbeſtimmt abgemeſſene Stückchen Butter von der Größe eines Daumens. Frau Wragge ſaß in Betrachtung ihrer eigenen Daumen verſunken da, und ſchüttelte ihren Kopf darüber, als ob ſie ganz und gar nicht damit zufrieden wäre. „Stoßen Sie ſich nicht daran,“ fuhr der Capi⸗ tän fort;„ſtraucheln Sie nicht darüber. Schwindler iſt weiter nichts als ein zweiſylbiges Wort. S, ch, w, i, n, d, Schwind, l, e, r, ler, Schwindler. De⸗ finition: ein moraliſcher Landwirth; ein Mann welcher das Feld des menſchlichen Migefühls be⸗ baut. Ich bin dieſer moraliſche Landwith, dieſer feldbebauende Menſch. Engherzige Mittelnisigkeit, neidiſch auf meinen Erfolg in meinem Beruf, nunt mich Schwindler. Was liegt daran? Derſelbe wie rige Sinn greift Männer in andern Berufsarten auf ähnliche Weiſe an— nennt große Schriſtſteller Scribler— große Generale Menſchenmezger— und ſo weiter. Es kommt lediglich auf den Geſichtspunkt an. Indem ich Ihren Geſichtspunkt annehme, er⸗ kläre ich mich mit deutlichen Worten als Schwindler. Geben Sie mir jezt die Gefälligkeit zurück und nehmen Sie meinen Geſichtspunkt an. Hören Sie was ich in der Ausübung meines Berufes für mich zu ſagen habe.— Soll ich fortfahren mich offen auszuſprechen?“ „Ja,“ ſagte Magdalene,„und ich will Ihnen nachher offen ſagen was ich davon denke.“ Der Hauptmann räuſperte ſich und ſammelte im Geiſt ſeine ganze Streitmacht an Worten, Reiterei, Fußvolk, Artillerie und Reſerve, ſtellte ſich ſelbſt an die Spize und ſtürzte in die Schlacht, um die Sittlichkeitsſchanzen der Geſellſchaft mit einem all⸗ gemeinen Angriff zu nehmen. „Merken Sie jezt wohl auf,“ begann er.„Hier bin ich, ein Kerl ohne alle Mittel. Sehr gut. Ohne die Sache noch verwickelter zu machen durch die Frage, wie ich in dieſe Lage gekommen bin, will ich nur unterſuchen ob es die Pflicht einer chriſtlichen Gemeinſchaft iſt oder nicht, dem Bedürftigen zu helfen. Wenn Sie Nein ſagen, ſo werfen Sie mich einfach über den Haufen und damit iſt die Sache aus. die F chriſtl füllen der. lweicht ( erſpe welck mel! ganz der d dern hat wand mein zu he werd Men werd ganz Dieß wirth mitun das Art gen bekon gerad pflüg Bode entwe mich dieſer igkeit, nnnt be wie fsarten ftſteller — und spunkt te, er⸗ indler. nehmen das ich ſagen chen?“ Ihnen elte im eiterei, ſelbſt um die m all⸗ „Hier Ohne ſch die oill ich ſtlichen en zu e mich Sache * 73 aus.„ Sie Ja ſagen, ſo erlauben Sie mir die Fendeg Warum verdiene ich Tadel, wenn ich eine chriſtlichse Gemeinſchaft veranlaſſe ihre Pflicht zu er⸗ füllen? Sie können ſagen: Iſt ein geordneter Mann der Geld erſpart hat verbunden, es wieder an einen kLeichtſinnigen Fremden zu verſchwenden der keines erſpart? Ja wohl, natürlich iſt er das! Und aus welchem Grund, wenns beliebt? Du lieber Him⸗ mel! Aus dem Grund, weil er es nun einmal hat, ganz ſicher. In der ganzen Welt erhält der Menſch, der das Ding nicht hat, unter dem einen oder an⸗ dern Vorwand daſſelbe von dem Menſchen, der es hat— und in neun Fällen von zehn iſt der Vor⸗ wand ein falſcher. Ei wie? Ihre Taſchen ſind voll, meine Taſchen ſind leer, und Sie weigern ſich mir zu helfen? Schmuziger Geizhals! Glauben Sie, ich werde Ihnen erlauben die heiligen Pflichten der Menſchenliebe in meiner Perſon zu verlezen? Ich werde es Ihnen nicht erlauben— ich ſage Ihnen ganz deutlich, ich werde es Ihnen nicht erlauben. Dieß ſind meine Grundſäze als moraliſcher Land⸗ wirth. Sind es Grundſäze bei denen Kunſtgriffe mitunterlaufen? Allerdings. Bin ich zu tadeln, wenn das Feld menſchlichen Mitgefühls auf keine andere Art bebaut werden kann? Fragen Sie meine Colle⸗ gen im Feldbau ob ſie ihre Ernten nur ſo umſonſt bekommen. Nein, ſie müſſen die Natur überliſten, gerade wie ich den Geizhals überliſte. Sie müſſen pflügen und ſäen, ſie müſſen über und unter dem Boden wühlen, in der Tiefe und auf der Oberfläche entwäſſern, und Alles das. Was kann man gegen mich einwenden, wenn ich die Entwäſſerung bei den Menſchen auf großem Fuße betreibe? Varum darf man mich verfolgen, wenn ich die edelſtérn G fühle far; 5: 4. ler Gefü unſerer gemeinſchaftlichen Natur Tag für Trag an⸗ rege? Schändlich! Ich kann es mit keinem ais dern Worte bezeichnen— ſchändlich! Hätte ich kein Voor⸗ trauen auf die Zukunft, ſo würde ich an der Menſch⸗. heit verzweifeln— aber ich habe Vertrauen auf die Zukunft. Ja! dereinſt wird(wenn ich einmal todt und dahingegangen bin), da die Ideen ſich erweitern und die Aufklärung zunimmt, die eigentliche Ver⸗ dienſtlichkeit des Berufes den man jezt Schwindel nennt anerkannt werden. Wenn dieſer Tag kommt, ſo zieht mich nicht aus meinem Grabe hervor und gebt mir kein öffentliches Begräbniß; benüzet den Umſtand nicht daß ich keine Stimme zu meiner Ver⸗ theidigung erheben kann, und beleidigt mich nicht durch eine nationale Bildſäule. Nein! laßt mir auf meinem Grabſtein Gerechtigkeit widerfahren; fertigt mich mit einem einzigen Meiſterſpruch in meiner Grabſchrift ab: Hier liegt Wragge, einbalſamirt in der allzu ſpäten Erkenntniß ſeiner Spezies: er pflügte, ſäete und erntete ſeine Mitmenſchen; eine erleuchtete Nachwelt wünſcht ihm Glück zu der immer gleichen Vortrefflichkeit ſeiner Ernten.“ Er hielt inne, nicht aus Mangel an Zuverſicht, nicht aus Mangel an Worten, ſondern lediglich aus Mangel an Athem.„Ich ſpreche offen, mit einem Anflug von Humor,“ ſagte er freundlich.„Ich er⸗ ſchrecke Sie doch nicht etwa?“ So müde und ver⸗ droſſen Magdalena war, obſchon Argwohn gegen Andere, Zweifel an ſich ſelbſt ſie quälten, ſo regte doch die maßloſe Unverſchämtheit dieſer Vertheidi⸗ gung⸗ Sinn cheln Ernt. zwzeden nen barer haft um ihrer hier aber heimf ich l habe Geſch ſchlin unhei nen 2 allein häng⸗ auch Nord dritte üblich am Stell was Inde. ſchaft meine darf efühle g an⸗ dern Ver⸗ enſch⸗ f die todt eitern Ver⸗ indel mmt, und t den Ver⸗ nicht r auf ertigt neiner amirt er eine mmer rſicht, aus einem ch er⸗ d ver⸗ gegen regte hheidi⸗ 75 — den Schwindel ihren angebornen Bndeide Comik an, ſo daß ein unwillkürliches Lä⸗ cheln uf ihre Lippen kam.„Iſt die Yorkſhirer Ernt⸗ gerade jezt eine beſonders reiche?“ fragte ſie, ir dem ſie ihn in anmuthig weiblicher Weiſe mit ſei⸗ nen eigenen Worten bediente. „Ein guter Einfall— ein mit Händen greif⸗ barer Einfall,“ ſagte der Capitän, indem er ſcherz⸗ haft die Zipfel ſeiner fadenſcheinigen Jacke zeigte, um Magdalene einen practiſchen Commentar zu ihrer Bemerkung zu geben.„Mein liebes Mädchen, hier oder anderswo fehlt es nie an einer Ernte— aber ein einziger Menſch kann ſie nicht immer ein⸗ heimſen. Die Hilfe intelligenter Mitwirkung iſt mir, ich bedaure es geſtehen zu müſſen, verſagt. Ich habe nichts gemein mit dem plumpen Troß meiner Geſchäftsgenoſſen, die ſich vor Amt und Gericht des ſchlimmſten aller Fehler ſchuldig machen, nämlich der unheilbaren Dummheit in der Ausübung ihres eige⸗ nen Berufes. So wie Sie mich ſehen, ſtehe ich ganz allein da. Nach jahrelanger erfolgreicher Unab⸗ hängigkeit beginnen die Schattenſeiten des Ruhmes auch mir anzukleben. Auf meinem Zug aus dem Norden mache ich in dieſer intereſſanten Stadt zum dritten Mal Halt; ich befrage meine Bücher um die üblichen Aufſchlüſſe in Betreff früherer Erfahrungen am Ort; ich finde unter der Rubrik: Perſönliche Stellung in York die Anfangsbuchſtaben: Z. G. B., was bedeutet: Zu gut bekannt. Ich ſchlage meinen Index auf und wende mich an die nächſte Nachbar⸗ ſchaft. Dieſelben kurzen Bemerkungen begegnen meinem Auge. Leeds. Z. G. B. Scarborough. Z. G. B. Harrowgate. 3. G. B. d ſo weiter. Was iſt die unvermeidliche Fr., 5 Ich ſtelle mein Verfahren ein; meine Hilfsqueſlè⸗ 8 dunſten und meine ſchöne Baſe findet mich in ver⸗ Criſis meiner Laufbahn.“ „Ihre Bücher?“ ſagte Magdalene.„Was für Bücher meinen Sie?“ „Sie ſollen ſehen,“ antwortete der Capitän. „Vertrauen Sie mir oder nicht, wie Sie wollen— ich vertraue Ihnen unbedingt. Sie ſollen ſehen.“ Mit dieſen Worten zog er ſich in das hintere Zimmer zurück. In ſeiner Abweſenheit warf Mag⸗ dalene abermals einen verſtohlenen Blick auf Frau Wragge. Hielt ſie ſich noch immer abgeſchloſſen von dem ſündfluthlichen Redeſtrom ihres Mannes? Vollkommen. Sie hatte die imaginäre Omelette bis zum lezten Stadium der culinariſchen Behand⸗ lung gebracht, und ſie probirte jezt die Schlußope⸗ ration des Umdrehens, während ihre flache Hand die Schüſſel und das Kochbuch die Bratpfanne vor⸗ ſtellte.„Ich habs behalten,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie durch das Zimmer hindurch Magdalene zunickte.„Zuerſt die Bratpfanne auf die Schüſſel legen und dann beide zuſammen umſtürzen.“ Capitän Wragge kam zurück und brachte ein zierliches ſchwarzes Futteral mit blankem Meſſing⸗ ſchloß mit. Aus dieſem Futteral zog er fünf oder ſechs dicke Büchlein, in kaufmänniſches Pergament gebunden und jedes comfortabel mit ſeinem eigenen Schlößchen verſehen. „Geben Sie Acht,“ ſagte der moraliſche Land⸗ wirth:„ich will mir das nicht zum Verdienſt anrech⸗ hen.“ intere Mag⸗ Frau loſſen anes? eelette hand⸗ ßope⸗ Hand vor⸗ agge, dalene hüſſel 2 ein ſſing⸗ oder ament genen Land⸗ rech⸗ 77 meine Natur ordnungsliebend zu ſein, und An bi es iſy. Ich muß Alles ſchwarz auf weiß haben, as bin prde ich toll. Da iſt meine kaufmänniſche ſonſt d.othek, Tagebuch, Hauptbuch, Bezirksbuch, Corre⸗ Bihndenzbuch, Notizenbuch u. ſ. w. Sehen Sie ge⸗ fälligſt in eines davon hinein. Ich ſchmeichle mir daß von der erſten bis zur lezten Seite kein Dinten⸗ fleck und kein nachläßiger Eintrag zu finden iſt. Sehen Sie dieſes Zimmer an— iſt da ein Stuhl am unrechten Ort? Nicht daß ich wüßte! Sehen Sie mich an. Bin ich ſtaubig? Bin ich ſchmuzig? Bin ich bloß halb raſirt? Bin ich mit einem Wort ein fleckenloſer armer Mann oder bin ich es nicht? Bedenken Sie wohl! Ich mache mir kein Verdienſt daraus; die Natur des Menſchen, mein liebes Mäd⸗ chen— die Natur des Menſchen.“ Er öffnete eines der Bücher. Magdalene konnte die bewundernswürdige Genauigkeit ſämmtlicher Ein⸗ träge nicht beurtheilen; aber ſie wußte die Zierlichkeit der Handſchrift, die Regelmäßigkeit der Zahlenreihen, die mathematiſche Pünttlichkeit der rothen und ſchwar⸗ zen Linien, die vollendete Sauberkeit in Bezug auf Flecke, Klexe oder Ausradirungen zu würdigen. Ob⸗ ſchon Capitän Wragges angeborner Ordnungsſinn bei ihm— wie auch bei andern— zu veraltet und mechaniſch ward, um irgend einen erhabenen mora⸗ liſchen Einfluß auf ſeine Handlungen auszuüben, ſo hatte er doch ſeine naturgemäße Wirkung auf ſeine Gewohnheiten hervorgerufen und ſeine Gaunereien ſo ſtreng in Methode und Syſtem gebracht, als wären ſie die commerciellen Geſchäfte eines recht⸗ ſchaffenen Mannes geweſen. „Scheinbar ſieht mein Syſtem vertr„ fuhr der Capitän fort.„In Wirklichkeit kelr dau de Einfachheit ſelbſt. Ich vermeide bloß die Vohhar der geringeren Kunſtgenoſſen. Das heißt, ich deh niemals für mich ſelbſt und ich wende mich nie R. reiche Leute— zwei verhängnißvolle Mißgriffe die der untergeordnete Practiker beſtändig begeht. Leute mit geringen Mitteln haben zuweilen großmüthige Regungen in Bezug auf Geld— reiche Leute nie. Mylord mit vierzigtauſend jährlicher Rente; Sir John mit Grundbeſiz von einem halb Duzend Graf⸗ ſchaften— das ſind die Männer die es dem an⸗ ſtändigen Bettler nie verzeihen, wenn er ihnen einen Souverän abſchwindelt; das ſind die Männer die nach der Bettelpolizei ſchicken, das ſind die Männer die auf ihr Geld Acht haben. Wer ſind die Leute die Schillinge und Sechspfenninger aus purer Nach⸗ läßigkeit verlieren? Dienſtboten und kleine Schreiber für welche Schillinge und Sechspfenninger ſchon etwas Bedeutendes ſind. Haben Sie je gehört daß Rothſchild oder Baring ein Vierpfenningſtück in eine Goſſe haben fallen laſſen? Ein Vierpfenninger in Rothſchilds Taſche iſt ſicherer, als ein Vierpfen⸗ ninger in der Taſche des Weibes das in dieſem Augenblicke in der Skeldergaſſe abgeſtandene Gar⸗ nellen ausſchreit. Durch dieſe geſunden Grundſäze beſtärkt, durch maſſenhafte ſchriftliche Nachweiſe in meiner kaufmänniſchen Bibliothek aufgeklärt, bin ich in den vergangenen Jahren unter der Bevölkerung herumgeſtreift und habe meine Wohlthätigkeitsernten mit dem erfreulichſten Erfolge eingeheimst. Hier im Buch Numero Eins ſind alle meine Bezirke aufge⸗ zeicht milit Bezi mein Geiſ bedr der Hier Offi witt wiſſe ſagt kann Fall und Hier ſchri niſſe ſcha⸗ befle der u. ſ mein tigke barſ nach ſeite Verr liche gabe die aus,“ es die Fehler dni nie iite ffe die Leute üthige nie. Sir Graf⸗ m an⸗ einen er die tänner Leute Nach⸗ reiber ſchon gehört ück in ninger rpfen⸗ dieſem Gar⸗ ndſäze iſe in in ich erung ernten er im aufge⸗ ichnet mit den darin herrſchenden Volksneigungen: zeichnet mi Bezirk, geiſtlicher Bezirk, ackerbauender militärihgt ſ. w. u. ſ. w. Hier in Numer Zwei ſind Bezirk Fälle für welche ich ſpreche. Familie eines meirWaterloo gefallenen Offiziers; Frau eines armen Geiſtlichen der von einem Nervenleiden betroffen iſt; bedrängte Wittwe eines Viehmäſters den ein wüthen⸗ der Stier zu Tode geſpießt hat, u. ſ. w. u. ſ. w. Hier in Numer Drei ſind die Leute die von der Offiziersfamilie, der Pfarrersfrau, der Viehhändlers⸗ wittwe gehört haben, und Leute die nichts davon wiſſen; Leute die Ja, und diejenigen die Nein ge⸗ ſagt haben; Leute bei denen man wieder anfangen kann, und diejenigen die ſich nur durch einen friſchen Fall auffriſchen laſſen; die Leute die zweifelhaft ſind, und diejenigen vor denen man ſich hüten muß, u. ſ. w. Hier in Numer Vier ſind meine angenommenen Hand⸗ ſchriften von öffentlichen Beamten; meine Zeug⸗ niſſe in Betreff meiner eigenen Verdienſte und Recht⸗ ſchaffenheit; meine herzzerreißenden, mit Thränen befleckten und mit Rührung getränkten Angaben von der Pfarrersfrau und der Viehhändlerswittwe, u. ſ. w. u. ſ. w. Hier in Numer Fünf und Sechs ſind meine perſönlichen Zeichnungen für locale Wohlthä⸗ tigkeitszwecke, wirklich eingezahlt in lohnenden Nach⸗ barſchaften, nach dem Grundſaz daß man eine Sprotte nach dem Häring oder eine Wurſt nach der Speck⸗ ſeite werfen muß; ebenſo mein Tagebuch wo die Verrichtungen jedes einzelnen Tages, meine perſön⸗ lichen Betrachtungen und Bemerkungen, meine An⸗ gaben über vorhandene Schwierigkeiten(wie z. B. die Schwierigkeit daß ich mich in dieſer intereſſanten Stadt z. g. b. finde; mein Ausgehen und Heim— kommen; Wind und Wetter; Politik und g e. Ereigniſſe; Schwankungen in meiner eigenen Pentlich heit; Schwankungen in Frau Wragges Kopf; chlun 3 kungen in unſern Mitteln und Mahlzeiten; unſerk⸗ Zahlungen, Grundſäzen und Ausſichten, u. ſ. w. u. ſ. w. So, mein liebes Mädchen, geht die Mühle des Schwindlers. Sie ſehen mich alſo jezt genau wie ich bin. Schon ehe ich Sie ſah, wußten Sie, daß ich von meinem Wiz lebe. Nun, habe ich Ihnen bewieſen oder nicht daß ich Wiz genug habe, um davon leben zu können?“ „Ich zweifle nicht daran, daß Sie ſich volle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließen,“ ſagte Magdalene ruhig. „Ich bin ganz und gar noch nicht erſchöpft,“ fuhr der Capitän ſort.„Ich kann nöthigenfalls noch den ganzen Abend fortfahren. Wenn ich mir indeß volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, ſo kann ich viel⸗ leicht den übrigen Punkten in meinem Character vor⸗ behalten ſich bei künftigen Gelegenheiten zu entwickeln. Für den Augenblick entziehe ich mich der Beobach⸗ tung. Wragge tritt ab. Und nun zur Sache! Er⸗ lauben Sie mir die Frage, welche Wirkung ich auf Ihren eigenen Geiſt hervorgebracht habe? Glauben Sie daß der Schuft, der Ihnen alle ſeine Geheim⸗ niſſe anvertraut hat, ein Schurke iſt der eine ſchöne Baſe auf eine niederträchtige Weiſe ausbeuten will.“ „Ich will ein wenig warten, bevor ich dieſe Frage beantworte,“ verſezte Magdalene.„Als ich zum Thee herabkam, ſagten Sie zu mir daß Ihr Geiſt ſich in meinem Intereſſe beſchäftigt habe. Darf ich⸗ fragen wie?“ len d haben und wandt Auffir gen 2 folgen Sie l weile Gaſth. Gepãt Sie ſ ber h⸗ dem! Er w in Lo den ſi polizei runge mit o welche gewiß ſogar bleibe verſuc Wenn komm Eiſenl Klemn eine Co Heim⸗ ontliche ſund⸗ Ui. hu n⸗ unſer? ſ. w. Mühle genau 1 Sie, Ihnen e, um Ue Ge⸗ ruhig. böpft,“ s noch indeß h viel⸗ r vor⸗ vickeln. vobach⸗ el Er⸗ ich auf lauben deheim⸗ ſchöne will.“ Frage ) zum r Geiſt arf ich⸗ 81 „Allerdings,“ ſagte Capitän Wragge.„Sie ſol⸗ len das reine Ergebniß des ganzen Denkprozeſſes haben, Beſagter Prozeß betrifft die gegenwärtigen und zukünftigen Maßregeln Ihrer troſtloſen Ver⸗ wandten, ſowie der Advocaten die denſelben zu Ihrer Auffindung behilflich ſein wollen. Ihre gegenwärti⸗ gen Maßregeln nehmen aller Wahrſcheinlichkeit nach folgende Form an:— Der Advocatenſchreiber hat Sie bei Herrn Huxtable aufgegeben, und mittler⸗ weile auch nach ſorgfältiger Nachforſchung in allen Gaſthöfen. Seine lezte Ausſicht iſt daß Sie ins Gepäckzimmer nach Ihrem Koffer ſchicken werden. Sie ſchicken nicht darnach— und nun iſt der Schrei⸗ ber heute Nacht(Dank dem Capitän Wragge und dem Rosmaringäßchen) mit ſeinem Latein zu Ende. Er wird dieſe Thatſache ſofort ſeinen Auftraggebern in London mittheilen, und dieſe Auftraggeber wer⸗ den ſich(erſchrecken Sie nicht) an die Entdeckungs⸗ polizei um Hilfe wenden. Unvermeidliche Verzöge⸗ rungen angenommen, wird ein Spion von Profeſſion mit all ſeiner Schlauheit und mit den Placaten, welche ihm privatim helfen ſollen Sie zu erkennen, gewiß nicht ſpäter als übermorgen, möglicher Weiſe ſogar noch früher, hier ſein. Wenn Sie in York bleiben, wenn Sie mit Herrn Huxtable zu verkehren verſuchen, ſo wird dieſer Spion Sie ausfindig machen. Wenn Sie dagegen die Stadt verlaſſen bevor er kommt(natürlich müſſen Sie anders als mit der Eiſenbahn abreiſen), ſo bringen Sie ihn in dieſelbe Klemme wie den Schreiber— Sie nöthigen ihn eine friſche Spur aufzuſuchen. Dieß meine kurze Collins, Namenlos. II. 6* Darſtellung Ihrer gegenwärtigen Lage. Was den⸗ ken Sie davon?“ „Ich denke daß ſie einen einzigen Fehler hat,“ ſagte Magdalene.„Sie endet mit Nichts.“ „Verzeihen Sie mir,“ erwiderte der Capitän. „Sie endet mit einer Anordnung zu Ihrer ſichern Abreiſe und einem Plan zur vollſtändigen Befriedi⸗ gung Ihrer Wünſche in Betreff der Bühne. Beide aus Mitteln meiner eigenen Erfahrung geſchöpft und beide auf das erſte Wort von Ihnen bis ins ausführlichſte Detail zu Ihrer Verfügung ſtehend.“ „Ich denke, ich weiß wie dieſes Wort lautet,“ antwortete Magdalene, indem ſie ihn aufmerkſam anſchaute. „Ungemein erfreut dieß zu hören. Sie haben nur zu ſagen: Capitän Wragge, nehmen Sie ſich meiner an, denn meine Pläne ſind in dieſem Augen⸗ blick auch die Ihrigen.“ „Ich will Ihren Vorſchlag heute Nacht überle⸗ gen,“ ſagte ſie nach kurzem Bedenken.„Sie ſollen morgen früh meine Antwort haben.“ Capitän Wragge ſah etwas enttäuſcht aus. Er hatte nicht erwartet daß die Rückhaltung von ſeiner Seite auf eine ſo ruhige Rückhaltung von der ihren ſtoßen würde. „Warum wollen Sie ſich nicht ſogleich entſchei⸗ den?“ remonſtrirte er in ſeinen überzeugendſten Tönen.„Sie haben bloß zu überlegen—“ „Ich habe mehr zu überlegen als Sie denken,“ fiel ſie ein.„Ich habe noch einen andern Zweck im Auge als denjenigen den Sie kennen.“ 1 8„Darf ich fragen—“ lette. ſunken ſchnare ihrer Fr und ſ „ 0 ſie leiſ hat,“ apitän. ſichern efriedi⸗ Beide eſchöpft bis ins hend.“ lautet,“ nerkſam haben Sie ſich Augen⸗ überle⸗ e ſollen us. Er n ſeiner er ihren entſchei⸗ gendſten denken,“ zweck im 83 „Entſchuldigen Sie mich, Capitän Wragge— Sie dürfen nicht fragen. Erlauben Sie mir Ihnen für Ihre Gaſtfreundſchaft zu danken und gute Nacht zu wünſchen. Ich bin gänzlich erſchöpft; ich bedarf Ruhe.“ Noch einmal fügte ſich der Capitän weislich, mit der ſchnellen Selbſtbeherrſchung eines erfahrenen Mannes, in ihre Laune. „Erſchöpft, natürlich!“ ſagte er in mitfühlendem Tone.„Unverzeihlich von meiner Seite daß ich nicht früher daran gedacht habe. Wir wollen unſere Be⸗ ſprechung morgen wieder aufnehmen. Erlauben Sie mir Ihnen ein Licht zu geben. Frau Wragge!“ Zu Boden geworfen durch geiſtige Anſtrengung, träumte Frau Wragge noch immer von ihrer Ome⸗ lette. Ihr Kopf war nach der einen Seite umge⸗ ſunken und ihr Körper nach der andern. Sie ſchnarchte ſanft. Von Zeit zu Zeit hob ſich eine ihrer Hände in die Luft, ſchüttelte eine imaginäre Bratpfanne und ſank mit einem ſchwachen Stoß wieder auf das Kochbuch in ihrem Schooße. Als ſie die Stimme ihres Mannes vernahm, ſprang ſie auf und ſtellte ſich ſchlaftrunken, aber mit weit offe⸗ nen Augen, ihm gegenüber. „Hilf Fräulein Vanſtone,“ ſagte der Capitän. „Und das nächſte Mal, wenn Du Dich wieder auf Deinem Stuhl vergiſſeſt und einſchläfſt, ärgere mich nicht dadurch daß du Dich ſo krumm legſt.“ Frau Wragge riß ihre Augen noch weiter auf und ſah in hilfloſem Staunen Magdalene an. „Frühſtückt der Capitän beim Kerzenlicht?“ fragte ſie leiſe.„Und habe ich die Omelette nicht gemachtst Ehe der ſtrafende Ton ihres Mannes ſie aufs Neue anſpornen konnte, nahm Magdalene ſie mit⸗ leidig beim Arm und führte ſie aus dem Zimmer. „Ein anderer Zweck als derjenige den ich bereits kenne?“ wiederholte Capitän Wragge, als man ihn allein gelaſſen hatte.„Steht vielleicht im Hinter⸗ grunde doch ein anderer Herr? Brütet er Unheil im Finſtern, auf das ich nicht gerechnet hatte?“ Drittes Capitel. Am nächſten Morgen gegen ſechs Uhr erwachte Magdalene, als ihr das Sonnenlicht ins Geſicht ſchien, in dem Stübchen im Rosmaringäßchen. Sie fuhr aus ihrer tiefen traumloſen Nachtruhe mit jenem peinlichen Gefühl der Verworrenheit auf, das beim erſten Erwachen Jeden beſchleicht der in einem fremden Bette ſchläft.„Nora!“ rief ſie mecha⸗ niſch, als ſie ihre Augen öffnete. Im nächſten Augenblick ermunterte ſich ihr Geiſt und ihre Sinne ſagten ihr die Wahrheit. Mit ſteigendem Ueberdruß ſah ſie ſich in der erbärmlichen Kammer um und fand ſich darin zurecht. Der ſchmuzige Contraſt, welchen der Ort gegen Alles bot was ſie in ihrem eigenen Schlafgemach zu ſehen gewohnt war— die in ſeiner dürftigen Ausſtattung dargeſtellte wirkliche Vernachläßigung aller Eleganz und Sauberkeit, woran ſie von Kindheit auf gewohnt geweſen, empörte bei Magdalene jenes Gefühl körperlicher Selbſtachtung ☛ einer gebildeten Dame zur zweiten Natur wird. So 9 gegent! doch ſtehent ſchluß Sache W oder d allen Hände Fenſte lich ar konnte Ferne das C alten welche ans welche Müdit den ſi pitän lungen ſeitige ſeiner pfen i ſeinen Humo Staut gung ie aufs ſie mit⸗ mmer. bereits nan ihn Hinter⸗ Unheil e2“ erwachte Geſicht n. achtruhe deit auf, der in e mecha⸗ nächſten e Sinne berdruß um und Contraſt, n ihrem — die wirkliche ,woran börte bei tachtung ur wird. 8⁵ So geringfügig ſolche Einflüſſe in Anbetracht ihrer gegenwärtigen Lage erſcheinen mochten, ſo beſtimmte doch ſchon der bloße Anblick des in einem Winkel ſtehenden Kruges und Waſchbeckens ihren erſten Ent⸗ ſchluß beim Erwachen. Es war bei ihr ausgemachte Sache das Rosmaringäßchen unverweilt zu verlaſſen. Wie ſollte ſie es verlaſſen? Mit Capitän Wragge oder ohne ihn? Sie kleidete ſich an mit einer heikeln Scheu vor allen Dingen im Zimmer die ſie dabei mit ihren Händen oder Kleidern berührte; dann öffnete ſie das Fenſter. Die Herbſtluft fühlte ſich ſcharf, aber lieb⸗ lich an, und der kleine Fleck Himmel den ſie ſehen konnte glänzte bereits warm im neuen Sonnenſchein. Ferne Stimmen von Bootsleuten auf dem Fluß und das Gezwitſcher der Vögel in dem Gras das den alten Stadtwall bedeckte, waren die einzigen Töne welche die Morgenſtille unterbrachen. Sie ſezte ſich ans Fenſter und ſuchte die Gedanken wieder auf, welche ſie in der Nacht verloren hatte, als die Müdigkeit ſie überſchlich. Der erſte Gegenſtand, auf den ſie zurückfam, betraf den landſtreicheriſchen Ca⸗ pitän Wragge. Es war dem„moraliſchen Landwirth“ nicht ge⸗ lungen ihr perſönliches Mißtrauen gegen ihn zu be⸗ ſeitigen, ſo ſchlau er auch durch offenes Eingeſtändniß ſeiner Betrügereien gegen Andere dagegen anzukäm⸗ pfen verſucht hatte. Er hatte ihre Meinung von ſeinen Fähigkeiten erhöht; er hatte ſie durch ſeinen Humor beluſtigt, durch ſeine Zuverſichtlichkeit in Staunen geſezt, aber ihre urſprüngliche Ueberzeus gung von ſeiner Schuftigkeit ſtand noch eben ſo ſohe wie im Augenblick ſeines erſten Zuſammentreffens mit ihr. Wäre es ihre einzige Abſicht geweſen auf die Bühne zu gehen, ſo würde ſie den zweifelhaften Beiſtand des Capitäns Wragge unter allen Um⸗ ſtänden ſogleich von ſich gewieſen haben. Aber die gefährliche Reiſe, auf welche ſie ſich jezt ſo abenteuerlich gewagt, hatte noch ein anderes, dunkles und fernes Ziel— ein Ziel auf deſſen Weg Fallgruben verborgen waren, und zwar ganz anderer Art, als die ſeichten Fallgruben die ſich auf dem Weg zur Bühne vorfanden. In der geheimnißvol⸗ len Stille des Morgens faßte ſie ihren zweiten und weiter gehenden Plan feſt ins Auge, und die ver⸗ ächtliche Geſtalt des Schwindlers ſtand in einem neuen Lichte vor ihr. Sie ſuchte ſie von ſich zu bannen und ſich wie⸗ der hoch über und außer aller Verbindung mit ihr zu fühlen, wie bisher. Nachdem ſie ſich ein wenig mit ihrem Anzug zu ſchaffen gemacht, zog ſie das weiße Seidentäſchchen, das ihre eigenen Hände in der lezten Nacht in Ra⸗ benſchlucht gefertigt, aus ihrem Buſen. Es war oben mit zarten Seidenſchnüren zugezogen. Das Erſte, was ſie bei der Oeffnung herausnahm, war eine mit einem Stückchen Silberfaden befeſtigte Locke von Frank; das nächſte war ein Papierumſchlag mit den Auszügen, die ſie aus ihres Vaters Teſtament und ihres Vaters Brief gemacht hatte; das lezte war ein eng zuſammengelegtes Päckchen Banknoten im Werth von etwa zweihundert Pfund, welche ſie, wie Fräulein Garth richtig vermuthet, aus ihren Juwe kauf! gebot zurüch Und an, d als g zärtli len d daß i Gelie ſicher an i ihren gen wie 1 ihre? Die der 2 die I T der l ten 2 zuwer ihren treffens auf die elhaften en Um⸗ ſie ſich anderes, ſen Weg anderer auf dem mnißvol⸗ iten und die ver⸗ n einem ſich wie⸗ mit ihr Unzug zu täſchchen, t in Ra⸗ Es war in. Das hm, war igte Locke chlag mit Teſtament das lezte Banknoten velche ſie, aus ihren 87 Juwelen und Kleidern erlöst hatte, zu deren Ver⸗ kauf die Aufwärterin in der Penſion ihr die Hand geboten. Sie ſchob die Bankſcheine ſogleich wieder zurück, ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen. Und dann, dann ſah ſie gedankenvoll die Haarlocke an, die auf ihrem Schooße lag.„Du biſt beſſer als gar nichts,“ ſagte ſie, mit anmuthiger Mädchen⸗ zärtlichkeit zu ihr ſprechend.„Ich kann doch zuwei⸗ len daſizen und Dich anſehen, bis ich beinahe glaube daß ich Frank ſelbſt ſehe. O mein Geliebter! mein Geliebter!“ Ihre Stimme wurde weich und un⸗ ſicher; mit ſchmachtender Inbrunſt hielt ſie die Locke an ihre Lippen. Sie fiel aus ihren Fingern in ihren Buſen. Eine liebliche Röthe färbte ihre Wan⸗ gen und verbreitete ſich bis an ihren Hals hinab, wie wenn ſie dem fallenden Haar folgte. Sie ſchloß ibre Augen und ließ ihren ſchönen Kopf ſanft ſinken. Die Welt entſchwand ihr und auf einen Augenblick der Verzauberung erſchloß Amor der Tochter Evas die Thüre des Paradieſes. Das immer ſtärker werdende Alltagsgeräuſche in der benachbarten Straße nöthigte ſie ſich den har⸗ ten Wirklichkeiten der hinfließenden Zeit wieder zu⸗ zuwenden. Mit einem ſchweren Seufzer erhob ſie ihren Kopf und betrachtete noch einmal das gemeine, erbärmliche Stübchen. Die Auszüge aus dem Teſtament und dem Briefe — dieſe lezten, jezt ſo eng mit der Abſicht die ſich in ihrem Geiſte feſtgeſezt verbundenen Denkzeichen— lagen noch immer vor ihr. Die flüchtige Farbe ſchwand aus ihrem Geſichte, als ſie das kleine Ma⸗ nuſcript offen auf ihrem Schooß ausbreitete. Die Auszüge aus dem Teſtament ſtanden oben; ſie be⸗ ſchränkten ſich auf die wenigen rührenden Worte, worin der todte Vater ſeine Kinder wegen des Mackels ihrer Geburt um Verzeihung bat, und ſie anflehte, der unabläßigen Liebe und Sorgfalt zu ge⸗ denken womit er denſelben zu ſühnen geſtrebt hatte. Sodann kam der Auszug aus dem Brief an Herrn Pendril. Sie las die lezten melancholiſchen Säze laut für ſich:—„Um Gottes willen, kommen Sie ſobald Sie dieſe Zeilen erhalten, kommen Sie und erlöſen Sie mich von dem ſchrecklichen Gedanken daß für meine zwei theuern Mädchen in dieſem Augen⸗ blick nicht geſorgt iſt. Wenn mir etwas zuſtieße, und wenn ich, troz meines ſehnlichſten Wunſches ihrer Mutter Recht widerfahren zu laſſen, am Ende dennoch in Folge meiner erbärmlichen Rechtsunkennt⸗ niß Nora und Magdalene erblos hinterließe, ich würde in meinem Grab keine Ruhe finden.“ Wiederum unter dieſen Zeilen und dicht am Ende der Seite ſtand die furchtbare Erklärung zu dieſem Briefe die Herrn Pendrils Lippen entfallen war.—„Herrn Vanſtones Töchter ſind Niemandens Kinder, und das Geſez gibt ſie hilflos der Gnade ihres Onkels Preis.“ Hilflos, als dieſe Worte geſprochen wurden— hilflos noch immer, nach Allem was ſie beſchloſſen, nach Allem was ſie geopfert hatte. Die durch den directen Ausdruck der lezten Wänſche ihres Vaters feſtgeſezte Sicherheit der natürlichen Rechte beider Schweſtern; die Zurückrufung Franks aus China; die Rechtfertigung ihres Entweichens von Nora— Alles hing an ihrem verzweifelten Vorhaben, das ver⸗ lorene Erbe um jeden Preis von dem Manne zurück⸗ zuerha gemach war n ſo wer gar ni S nachlä durch ihm g. ichs he Ehe d formul ihrem Ei zu arb Kühnh an kei gebote damit ihre 4 Zwei treten vorwãä die N. zu erft keit ih ſich w verbar ſinn n Ander irgend Hand ſie be⸗ Worte, n des ind ſie zu ge⸗ hatte. Herrn 1 Säze en Sie hie und ten daß Augen⸗ uſtieße, unſches Ende nkennt⸗ würde ederum Seite eſe die „Herrn nd das Preis.“ den— hloſſen, rch den Vaters beider China; has ver⸗ zurück⸗ 89 zuerhalten, der ſeines Bruders Kinder zu Bettlern gemacht und beſchimpft hatte. Und dieſer Mann war noch immer ein Schatten für ſie! Sie wußte ſo wenig von ihm daß ſie in dieſem Augenblick ſo⸗ gar nicht einmal ſeinen Aufenthaltsort kannte. Sie erhob ſich und ſchritt mit der geräuſchloſen, nachläßigen Grazie einer wilden Waldbeſtie im Käfig durch das Zimmer.„Wie kann ich im Finſtern zu ihm gelangen?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Wie kann ichs herausfinden wo?“— Sie hielt plözlich inne. Ehe die Frage ſich in ihren Gedanken vollſtändig formulirt hatte, herrſchte Capitän Wragge wieder in ihrem Geiſte vor. Ein Mann der wohl gewöhnt war im Finſtern zu arbeiten; ein Mann mit endloſen Mitteln der Kühnheit und Verſchlagenheit; ein Mann der ſich an keiner gemeinen Beſchäftigung ſtieß die ihm an⸗ geboten werden konnte, wenn er nur ſeine Taſchen damit füllte— war dieß das Werkzeug auf welches ihre Hand in der gegenwärtigen Noth wartete? Zwei von den Nothwendigkeiten denen ſie entgegen⸗ treten mußte, ehe ſie auch nur einen einzigen Schritt vorwärts thun konnte, ſchwebten ihr offen vor— die Nothwendigkeit von ihres Vaters Bruder mehr zu erfahren als ſie jezt wußte, und die Nothwendig⸗ keit ihn auf eine falſche Fährte zu leiten, indem ſie ſich während der ganzen Nachforſchung perſönlich verbarg. Bei ihrem entſchloſſenen Unabhängigkeits⸗ ſinn mußte die unvermeidliche Spionsarbeit einem Andern übertragen werden. Hatte ſie in ihrer Lage irgend ein bereitwilliges menſchliches Geſchöpf zur Hand außer dem Vagabunden da unten? Keine Seele. Sie dachte ängſtlich, ſie dachte lange darüber nach. Keine Seele! Wenn ſie dem Thatbeſtand feſt ins Auge ſah, ſo hatte ſie keine andere Wahl, als ſich entweder des Schuftes zu bedienen oder von ihrem Vorhaben abzulaſſen. Sie blieb mitten im Zimmer ſtehen.„Was kann er im ſchlimmſten Falle thun?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Mich betrügen. Gut! Wenn mein Geld ihn für mich ſtimmt, was dann? Mag er mein Geld haben!“ Sie kehrte mechaniſch an ihren Plaz beim Fenſter zurück. Ein weiterer Augenblick beſtimmte ihren Entſchluß. Noch ein Augenblick und ſie that den erſten fatalen Schritt abwärts— ſie beſchloß der Gefahr die Stirne zu bieten und es mit Capitän Wragge zu verſuchen. Um neun Uhr pochte die Hausfrau an Magda⸗ lenens Thüre und meldete ihr mit freundlichen Grüßen von Capitän Wragge daß das Frühſtück be⸗ reit ſtehe. Sie fand Frau Wragge allein, in einem weiten braunen, holländiſchen Morgenrock, mit einer matt⸗ farbigen Haube, aufgepuzt mit ſchmuzigen Roſabän⸗ dern. Die Exaufwärterin der Darch'ſchen Speiſe⸗ ſäle war in die Betrachtung einer großen Platte verſunken, die eine lederartige, gelbe, aber reichlich mit kleinen ſchwarzen Flecken beſtreute Subſtanz enthielt. „Da iſts,“ ſagte Frau Wragge,„Omelette mit Kräutern. Die Hausfrau half mir. Und das da haben wir fertig gebracht. Verlangen Sie von dem Capitän nichts davon, wenn er hereinkommt— er iſt eine g gefalle dem? Der j hat ſi halb davon darüb genkle Haber Sie n D nächſte Glück ſpann ihren ſeine das F weg u daß ſtß geben „. Magd Geſter einen Zweck dienen darüber und feſt als ſich n ihrem „Was ſie zu n mein Mag er n ihren genblick lick und — ſie es mit Magda⸗ ndlichen ſtück be⸗ weiten er matt⸗ koſabän⸗ Speiſe⸗ Platte reichlich Subſtanz ette mit das da von dem — er iſt 91 eine ganz gute Seele. Das Ding iſt nicht gut aus⸗ gefallen. Wir hatten Unglück damit. Es war unter dem Roſt. Es wurde auf der Treppe verſchüttet. Der jüngſte Sohn der Wirthin, der daneben ſaß, hat ſich daran verbrannt. Wahrlich, es iſt nicht halb ſo gut wie es ausſieht. Verlangen Sie nichts davon. Vielleicht merkt er nichts, wenn Sie nichts darüber ſagen. Was halten Sie von meinem Mor⸗ genkleid? Ich möchte ſo gern ein weißes haben. Haben Sie ein weißes? Wie iſt es garnirt? Sagen Sie mir's.“ Der furchtbare Eintritt des Capitäns that der nächſten Frage auf ihren Lippen Einhalt. Zum Glück für Frau Wragge war ihr Mann viel zu ge⸗ ſpannt darauf, daß Magdalene verſprochenermaßen ihren Entſchluß ſagen werde, um den Küchenfragen ſeine gewöhnliche Aufmerkſamkeit zu widmen. Als das Frühſtück vorüber war, ſchickte er Frau Wragge weg und ſagte in Betreff der Omelette nur zu ihr daß ſie volle Erlaubniß habe ſie dem Hunde zu geben. „Wie ſieht mein kleiner Vorſchlag beim Tages⸗ lichte aus?“ fragte er, indem er für Magdalene und ſich ſelbſt Stühle hinſtellte.„Wie lautet der Ent⸗ ſcheid: Capitän Wragge, nehmen Sie ſich meiner an? oder: Capitän Wragge, guten Morgen?“ „Sie ſollen es ſogleich hören,“ antwortete Magdalene.„Ich habe zuerſt Etwas zu ſagen. Geſtern Nacht bemerkte ich Ihnen daß ich noch einen andern Zweck im Auge habe, außer dem 659 mein Auskommen auf der Bühne zu ver⸗ ienen—“ „Bitte um Entſchuldigung,“ fiel Capitän Wragge ein.„Sagten Sie, Ihr Auskommen verdienen?“ „Allerdings. Meine Schweſter und ich müſſen durch eigene Anſtrengung unſer tägliches Brod er⸗ werben.“ „Was!!!“ rief der Capitän, indem er mit einem Blick des Entſezens aufſprang.„Die Töchter meines reichen und ſchmerzlich beweinten Vetters durch Hei⸗ rath ſind genöthigt ihr Auskommen zu verdienen? Unmöglich— toll, lächerlich— unmöglich!“ Er ſezte ſich wieder und ſah Magdalene an, wie wenn ſie ihn perſönlich beleidigt häite. „Sie kennen unſer Unglück nicht in ſeiner gan⸗ zen Ausdehnung,“ ſagte ſie ruhig.„Ich will Ihnen ſagen was vorgefallen iſt, ehe ich weiter gehe.“ Nan erzählte ſie ihm Alles in den einfachſten Ausdrücken die ſie finden konnte und in möglichſt wenig Details. Capitän Wragge war dermaßen verblüfft, daß ihm aus der ganzen Erzählung nur ein einziger Umſtand mit Klarheit hervorging. Die von dem Advocaten ausgeſezte Belohnung von fünfzig Pfund für die vermißte junge Dame ſtieg jezt auf einmal zu einer ungeheuern Höhe in ſeiner Schäzung. „Habe ich es ſo zu verſtehen,“ fragte er,„daß Sie gänzlich von allen Mitteln entblößt ſind?“ „Ich habe meinen Schmuck und meine Kleider verkauft,“ erwiderte Magdalene, ungeduldig über ſein gemeines Fortleiern auf der pecuniären Saite. „Wenn mein Mangel an Erfahrung mich auf einem Theater nicht ſchnell vorwärts kommen läßt, ſo kann ich warten bis die Bühne im Stand iſt mich zu bezahlen.“ wärts beſizer woller bereit dalene wenig erfahr einem mich weit ſtern Wragge hen?“ müſſen rod er⸗ e. fachſten öglichſt t, daß einziger in dem Pfund einmal 3„daß 2“ Kleider g über Saite. f einem kann ich zahlen.“ 93 Capitän Wragge ſchäzte in ſeinem Geiſt die Ringe, Bracelette und Halsſpangen, Seiden⸗ und Atlaskleider, ſowie die Spizen der Tochter eines vermöglichen Mannes etwa zu einem Drittel ihres Realwerthes. Im nächſten Augenblick ſanken die fünfzig Pfund Belohnung wieder ſehr tief in dem gründlichen Anſchlag dieſes verſtändigen Mannes. „Eben das,“ ſagte er in ſeiner geſchäftsmäßigſten Art.„Es iſt durchaus nicht zu fürchten, mein lie⸗ bes Mädchen, daß Sie auf einem Theater nicht vor⸗ wärts kommen ſollten, wenn Sie baare Mittel beſizen und von meinem Beiſtand Nuzen ziehen wollen.“ „Ich muß mehr Beiſtand annehmen als Sie bereits geboten haben, oder gar keinen,“ ſagte Mag⸗ dalene.„Ich habe ernſtere Schwierigkeiten vor mir, als nur die Mühe aus York hinauszukommen und mir die Bahn zur Bühne zu brechen.“ „Was ſagen Sie da? Ich bin ganz Aufmerk⸗ ſamkeit; bitte, erklären Sie ſich.“ Sie überlegte ihre nächſten Worte ſorgfältig, ehe ſie über ihre Lippen kamen. „Es ſind gewiſſe Nachforſchungen vorzunehmen,“ ſagte ſie,„wozu mein Intereſſe mich auffordert. Wenn ich ſie ſelbſt unternähme, ſo würde ich den Argwohn der in Frage ſtehenden Perſon erregen und nur wenig oder nichts von dem erfahren was ich zu erfahren wünſche. Könnten die Nachfragen von einem Fremden angeſtellt werden, ohne daß man mich in der Sache ſähe, ſo würde mir dadurch ein weit wichtigerer Dienſt geleiſtet, als Sie mir ge⸗ ſtern Nacht anboten. Capitän Wragges Vagabundengeſicht wurde ernſt und aufmerkſam. „Darf ich fragen,“ ſagte er,„welcher Art die Nachſorſchungen wohl ſein dürften?“ Magdalene zögerte. Sie hatte nothwendig Michael Vanſtones Namen genannt, als ſie dem Capitän den Verluſt ihrer Erbſchaft erzählte. Sie mußte ihn unvermeidlich von Neuem erwähnen, wenn ſie von ſeinen Dienſten Gebrauch machte. Er mußte dieß ohne Zweifel von ſelbſt auf dem Wege einfacher Folgerung entdecken, wenn ſie ihre Worte auch noch ſo ſorgfältig abwog. War unter dieſen Umſtänden irgend ein vernünftiger Grund vorhanden, warum ſie Michael Vanſtone nicht geradezu nennen ſollte? Kein vernünftiger Grund— und dennoch ſcheute ſie ſich. „Zum Beiſpiel,“ fuhr Capitän Wragge fort, „betreffen die Nachforſchungen einen Herrn oder ein Frauenzimmer? Einen Feind oder einen Freund?“ „Einen Feind,“ antwortete ſie raſch. Ihre Antwort hätte den Capitän noch länger im Dunkel erhalten können, aber ihre Augen ver⸗ ſchafften ihm Aufklärung.„Michael Vanſtone,“ dachte der ſchlaue Wragge.„Sie ſieht gefährlich drein; ich will ein wenig weiter taſten.“ „Was nun die Perſon betrifft die der Gegen⸗ ſtand dieſer Nachforſchungen iſt,“ fuhr er fort,„ſind Sie bei ſich ſelbſt vollkommen klar darüber was Sie zu wiſſen brauchen?“ „Vollkommen klar,“ antwortete Magdalene.„Ich brauche fürs Erſte zu wiſſen wo er lebt.“ „Ja, und dann?“ de ernſt Art die wendig le dem Sie dähnen, te. Er Wege Worte dieſen handen, nennen dennoch 2 fort, der ein eund?“ länger en ver⸗ ſſtone,“ fährlich Gegen⸗ „„ſind er was .„Ich 9⁵ „Ich muß ſeine Gewohnheiten erfahren, muß wiſſen mit was für Leuten er umgeht, was er mit ſeinem Gelde macht—“ Sie überlegte ein wenig. „Und noch Etwas,“ ſagte ſie;„ich muß wiſſen ob ein Frauenzimmer in ſeinem Hauſe iſt— eine Ver⸗ wandte oder eine Haushälterin die Einfluß auf ihn hat.“— „Harmlos genug in ſo weit,“ ſagte der Capitän. „Was noch mehr?“ „Nichts. Das Uebrige iſt mein Geheimniß.“ Die Wolken auf Capitän Wragge's Geſicht be⸗ gannen ſich wieder zu klären. Er kehrte mit ſeiner üblichen Beſtimmtheit zu ſeinem üblichen Entweder Oder zurück.„Dieſe Nachfragen,“ dachte er,„be⸗ deuten eins von zwei Dingen— Bosheit oder Geld! Iſt es Bosheit, ſo werde ich ihr durch die Finger ſchlüpfen. Iſt es Geld, ſo werde ich mich mit Rückſicht auf die Zukunft nüzlich machen.“ Magdalenens wachſame Augen beobachteten arg⸗ wöhniſch den Fortgang ſeiner Betrachtungen.„Ca⸗ pitän Wragge,“ ſagte ſie,„wenn Sie Zeit zur Ueberlegung brauchen, ſo ſagen Sie es offen.“ „Ich brauche keinen Augenblick,“ antwortete der Capitän.„Stellen Sie Ihre Abreiſe aus York, Ihre dramatiſche Laufbahn und Ihre Privatnachfor⸗ ſchungen unter meine Obhut. Ich ſtelle mich rück⸗ haltslos zu Ihrer Verfügung. Sprechen Sie ſich aus— nehmen Sie mich?“ Ihr Herz klopfte hoch; ihre Lippen bewegten ſich rod— aber ſie ſagte das Wort: ,”5 a.“ Es trat eine Pauſe ein. Magdalene ſaß ſchwei⸗ gend da und kämpfte mit der vagen Angſt vor der Zutunft, einer Bangigkeit die durch ihre eigene Ant⸗ wort hervorgerufen worden. Capitän Wragge ſei⸗ nerſeits war ſichtlich in die Ueberlegung einer neuen Reihenfolge von Alternativen verſunken. Seine Hände glitten in ſeine leeren Taſchen hinab und erprobten prophetiſch ihre Geräumigkeit als Aufbewahrungs⸗ orte für Gold und Silber. Der Glanz der koſtbaren Metalle ſtrahlte in ſeinem Geſicht, die Glätte der koſtbaren Metalle lag in ſeiner Stimme, als er ſich mit einem neuen Vorrath von Worten verſah und das Geſpräch wieder aufnahm. „Die nächſte Frage,“ ſagte er,„iſt die Zeitfrage. Erſordern dieſe vertraulichen Nachforſchungen Ihrer⸗ ſeits unmittelbare Aufmerlſamkeit oder kann man damit warten?“ „Für den Augenblick kann man damit warten. Ich wünſche mir meine Freiheit von aller Einmiſchung ſeitens meiner Verwandten zu ſichern, ehe die Nach⸗ forſchungen gemacht werden.“ „Sehr gut. Der erſte Schritt zur Erreichung dieſes Zweckes iſt daß wir morgen zu unſerm Rück⸗ zug aus York blaſen— halten Sie einem Kriegs⸗ mann dieſe profeſſionelle Metapher zu gut. Ich ſehe meinen Weg in ſo weit offen, aber wie ich ſpä⸗ ter nach der Ordre marſchiren ſoll, wie wir in der Miliz zu ſagen pflegten, darüber bin ich ganz im Unklaren. Die nächſte Richtung, die wir einſchlagen, ſollte ſo gewählt ſein, daß wir unſere dramatiſchen Abſichten feſt im Auge halten. Ich bin vollkommen bereit, wenn ich weiß was Ihre Abſichten ſind. Wie denken nen; P geben ſchwu ſchicht grünh ſeiner ſchein! den E glaub ſicht d der m blick o /A Magd nichts Ihren Ich w buhler Probe Text und e dalene in we habe Zeit von H§H 5 Col ſchwei⸗ vor der ne Ant⸗ ge ſei⸗ neuen Hände probten hrungs⸗ sſtbaren atte der er ſich ah und eitfrage. Ihrer⸗ in man warten. niſchung ie Nach⸗ reichung ganz im ſſchlagen, matiſchen llkommen ten ſind. 97 Wie kommen Sie überhaupt dazu ans Theater zu denken? Ich ſehe das heilige Feuer in Ihnen bren⸗ nen; ſagen Sie mir, wer hat es entzündet?“ Magdalene konnte nur eine einzige Antwort geben. Sie konnte nur auf die für immer ent⸗ ſchwundenen Tage zurückblicken und ihm die Ge⸗ ſchichte ihres erſten Schrittes zur Bühne in Immer⸗ grünhaus erzählen. Capitän Wragge lauſchte mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit, ſchöpfte aber augen⸗ ſcheinlich aus dem was er hörte keinen befriedigen⸗ den Eindruck. Was Freunde ihm vorerzählten, daran glaubte er im Stillen nicht unbedingt, und die An⸗ ſicht des Regiſſeurs war die Anſicht eines Mannes der mit dem Honorar in ſeiner Taſche und im Hin⸗ blick auf ein künftiges Engagement ſprach. „Intereſſant, ſehr intereſſant,“ ſagte er, als Magdalene ausgeſprochen hatte.„Aber es beweist nichts für einen practiſchen Mann. Eine Probe von Ihren Talenten iſt nothwendig um mich aufzuklären. Ich war ſelbſt auf der Bühne und kann die„Neben⸗ buhler“ auswendig von Anfang bis zu Ende. Eine Probe iſt Alles was ich verlange, wenn Sie den Text nicht vergeſſen haben, eine Probe von Lucia und eine Probe von Julia.“ „Ich habe den Text nicht vergeſſen,“ ſagte Mag⸗ dalene betrübt,„und ich habe die Hefte bei mir in welche ich meinen Dialog herausſchrieb. Ich habe ſie nie weggegeben, ſie erinnern mich an eine Zeit—“ Ihre Lippe zitterte und eine Anwandlung von Herzweh brachte ſie zum Schweigen. „Nervös,“ bemerkte der Capitän nachſichtig. Collins, Namenlos. II. 7 „Ganz und gar kein böſes Zeichen. Die größten Schauſpielerinnen ſind nervös. Folgen Sie ihrem Beiſpiel und überwinden Sie das. Wo ſind die Rollen? Ah richtig, da! Sehr zierlich geſchrieben und merkwürdig ſauber. Ich will Ihnen die Stich⸗ worte angeben— es wird(wie die Zahnärzte ſagen) im Augenblick vorüber ſein. Nehmen Sie das Hin⸗ tere des Zimmers als die Bühne und mich als das Publicum. Die Glocke läutet; der Vorhang geht hinauf; Ordnung in der Gallerie; Stille im Par⸗ terre— hereintritt Lucia.“ Sie that Alles um ſich ſelbſt zu beherrſchen; ſie brachte den Kummer, den unſchuldigen, natürlichen, menſchlichen Kummer um die Abweſenden und die 1 Todten, zum Schweigen— ſie ließ ſich von ihm keine Thräne entreißen. Entſchloſſen, mit kalten, ge⸗ ballten Händen verſuchte ſie zu beginnen. Als die erſten vertrauten Worte über ihre Lippen gingen, kam Frank von der See zu ihr zurück, und das Ge⸗ ſicht ihres todten Vaters blickte ſie mit dem Lächeln glücklicher alter Zeiten an. Die Stimmen ihrer Mutter und Schweſter redeten freundlich in der duf⸗ tigen ländlichen Stille, und die Gartenſpaziergänge von Rabenſchlucht erſchloſſen ſich abermals ihren Blicken. Mit einem ſchwachen Jammerſchrei ſank ſie auf einen Stuhl; ihr Kopf fiel vorwärts auf den Tiſch, und nun brach ſie in heftige Thränen aus. Capitän Wragge war im Augenblick auf ſeinen Füßen. Sie ſchauderte, als er in ihre Nähe kam, und ſtieß ihn unwillig mit der Hand zurück.„Laſſen Sie mich,“ ſagte ſie,„laſſen Sie mich eine Minute allein!“ Der willfährige Wragge zog ſich in das meine S übern fiebern loſe, lichen, drame kühn kleidet würde betrüb wurde keit; liche Mann rufe h größten ihrem ind die hrieben Stich⸗ ſagen) 18 Hin⸗ als das g geht m Par⸗ hen; ſie ürlichen, und die on ihm. lten, ge⸗ Als die gingen, das Ge⸗ Lächeln en ihrer der duf⸗ iergänge ls ihren hrei ſank ärts auf nen aus. uf ſeinen ähe kam, „Laſſen Minute hin das 1 99 vordere Zimmer zurück, ſchaute zum Fenſter hinaus und pfiff leiſe vor ſich hin.„Wieder der Familien⸗ geiſt,“ ſagte er,„und dabei etwas Hyſterie.“ Nachdem er ein Paar Minuten gewartet, kam er auf ſeine Fragen zurück. „Kann ich Ihnen etwas anbieten?“ fragte er. „Kaltes Waſſer? Verbrannte Federn? Riechſalz? Aerztlichen Beiſtand? Soll ich Frau Wragge her⸗ beirufen? Wollen wirs auf morgen verſchieben?“ Sie fuhr wild und glühend auf, mit verzweifel⸗ ter Selbſtbeherrſchung in ihrem Geſichte, mit zor⸗ niger Entſchloſſenheit in ihrem Benehmen.. „Nein!“ ſagte ſie.„Ich muß mich abhärten— und ich will es thun. Sezen Sie ſich wieder und ſehen Sie mich ſpielen.“ „Bravo!“ rief der Capitän.„Raſch darauf los, meine Schöne, und es iſt vorüber!“ Sie begann, aber mit einer erröthenden Selbſt⸗ überwindung, mit geſteigerter Stimme und einer fieberiſchen Gluth auf der Wange. All der kunſt⸗ loſe, mädchenhafte Zauber ihres Spiels in glück⸗ lichen, beſſern Tagen war vorüber. Das angeborne dramatiſche Talent das in ihr lag kam hart und kühn an die Oberfläche, alles mildernden Reizes ent⸗ kleidet der einſt ſeine Zierde gebildet hatte. Sie würde einen Mann von irgend welchem Zartgefühl betrübt und abgeſtoßen haben. Capitän Wragge wurde geradezu electriſirt. Er vergaß ſeine Höflich⸗ keit; er vergaß ſeine langen Worte. Der weſent⸗ liche Geiſt in dem ganzen Vagabundenleben des Mannes brach unwiderſtehlich in ſeinem erſten Aus⸗ rufe hervor:„Wer zum Teufel hätte das gedacht! Wahrhaftig, ſie kann ſpielen!“ Kaum waren die por Worte ſeinen Lippen entflohen, ſo faßte er ſich wiezn bin: der und lenkte in ſeine gewöhnlichen Geſprächscanäls 1 ein. Magdalene unterbrach ihn mitten in ſeinem en erſten Compliment.„Nein,“ ſagte ſie,„ich habe hen Ihnen ein für allemal die Wahrheit herausgepreßt; aus G mehr brauche ich nicht.“ darin „Verzeihen Sie mir,“ erwiderte der unverbeſſer⸗ raſch liche Wragge;„Sie brauchen ein wenig Unterwei⸗ Ihrer ſung, und ich bin der Mann ſie Ihnen zu geben.“ zahler Mit dieſer Antwort ſtellte er ihr einen Stuhl Dritt vor und machte ſich an ſeine Erklärung. ben J Sie ſezte ſich ſchweigend. Eine verdrießliche doner Gleichgiltigkeit begann ſich in ihrem Benehmen kund mein zu thun. Ihre Wangen wurden wieder blaß, und nicht? ihre Augen blickten müde und leer die Wand vor S ſich an. Capitän Wragge merkte ſich dieſe Zeichen Bühn von Ueberdruß und Selbſtunzufriedenheit nach der dalene Anſtrengung die ſie gemacht hatte, und ſah wie Sie ſ wichtig es war daß er ſie durch eine offene und auf m directe Erklärung über die Hauptſache aufmuntere. 1172 Sie hatte in ſeinen lohnſüchtigen Augen einen neuen Capite Werth gewonnen. Sie hatte ihn auf eine Specu⸗ griff lation mit ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihrem nichts entſchiedenen Bühnentalent gebracht, auf eine Spe⸗ wochen culation, die ihm nicht eingefallen war, bis er ſie ſam h ſpielen ſah. Der alte Blizmann war mit ſeinen vor a Ränken raſch bei der Hand. Er und ſeine Pläne deſſen hatten ſich vollſtändig verändert, als Magdalene ſich auf m ſezte um zu hören was er ihr zu ſagen hatte. betrach „Herrn Hurtables Meinung iſt meine Meinung,“ nirgen ſagte er.„Aber Sie müſſen eingeübt werden, be⸗ zum 9 ken die h wie Scanäte ſeinem h habe epreßt; erbeſſer⸗ aterwei⸗ geben.“ Stuhl rießliche ien kund , und and vor Zeichen nach der ſah wie fene und muntere. en neuen Specu⸗ nd ihrem ine Spe⸗ dis er ſie it ſeinen ne Pläne dalene ſich ate. ſteinung,“ rden, be⸗ 101 vor Sie auf der Bühne Etwas leiſten können. Ich hin unbeſchäftigt— ich bin ein Sachverſtändiger— ich habe Andere eingeübt— ich kann auch Sie ein⸗ üben. Glauben Sie nicht an meine Worte: glau⸗ ben Sie nur daß ich mein eigenes Intereſſe nicht aus dem Auge verliere. Ich will mein Intereſſe darin finden mir mit Ihnen Mühe zu geben und raſch ans Werk zu gehen. Sie werden mich aus Ihrer Bühneneinnahme für meinen Unterricht be⸗ zahlen. Ihre halbe Gage fürs erſte Jahr, ein Drittel Ihrer Gage fürs zweite Jahr und den hal⸗ ben Nettogewinn von Ihrem Beneſiz auf einem Lon⸗ doner Theater. Was ſagen Sie dazu? Habe ich mein Intereſſe daran geſezt Sie zu pouſſiren, oder nicht?“ So weit der Anſchein ging und die Sache die Bühne betraf, war es klar daß er ſeine und Mag⸗ dalenens Intereſſen mit einander verknüpft hatte. Sie ſagte ihm dieß mit kurzen Worten und wartete auf weitere Mittheilung. „Vier oder ſechs Wochen Studium,“ fuhr der Capitän fort,„werden mir einen vernünftigen Be⸗ griff von Ihrer Leiſtungsfähigkeit geben. Hier iſt nichts zu machen— denn wir können Sie nicht wochenlang im Rosmaringäßchen im engen Gewahr⸗ ſam halten. Ein ſtiller Ort auf dem Lande, ſicher vor aller Einmiſchung und Störung, iſt der Plaz deſſen wir auf einen Monat bedürfen. Trauen Sie auf meine genaue Bekc untſchaft mit Yorkſhire und betrachten Sie den Plaz als gefunden. Ich ſehe nirgends Schwierigkeiten, außer daß wir morgen zum Rückzug blaſen müſſen.“ 102 „Ich dachte, Sie hätten geſtern Nacht Ihre An⸗ ordnungen getroffen?“ ſagte Magdalene. „Ganz richtig,“ verſezte der Capitän.„Sie wu den geſtern Nacht getroffen, und die Sache ſteht ſot Wir können nicht mit der Eiſenbahn abreiſen, weil der Advocatenſchreiber ganz ſicher auf dem Bahnhof in York nach Ihnen lauert. Sehr gut; wir wählen deßwegen die Landſtraße und fahren in unſerem eigenen Wagen ab. Wo zum Teufel bekommen wir dieſen? Wir bekommen ihn vom Bruder der Haus⸗ frau, der ein Pferd und eine Chaiſe hat und an uns vermiethen will. Dieſe Chaiſe kommt morgen in aller Frühe ans Ende des Rosmaringäßchens. Ich führe meine Frau und meine Nichte aus um ihnen Schönheiten der Nachbarſchaft zu zeigen. Wir haben einen Speiſekorb bei uns, ſo daß Jedermann unſere Abſicht ſehen kann. Sie vermummen ſich mit einem Shawl, Hut und Schleier der Frau Wragge; wir kehren York den Rücken und treten für den Tag eine Luſtfahrt an— Sie und ich auf dem Bockſiz, Frau Wragge und der Korb hinten. Wieder gut. Einmal auf der Landſtraße, was thun wir da? Wir fahren auf die erſte Station über York draußen, nördlich, ſüdlich oder öſtlich, wie wir uns noch entſchließen. Kein Advocatenſchreiber war⸗ tet dort auf Sie. Sie und Frau Wragge ſteigen bei der erſten beſten Gelegenheit aus und der Korb wird geöffnet. Statt Geflügel und Champagner zu enthalten, enthält er einen Reiſeſack mit den Dingen welche Sie für die Nacht brauchen. Sie nehmen Ihre Billete für einen zum Voraus feſtgeſezten Ort, und ich bringe den Wagen nach York zurück. Ein⸗ mal ich da unten dem fühler Bitte woche Bahn ihm päck eine ſchwu eine fragte ja ge mit „Die Wieg langſe Gefül nen l 0 dalen der C ſtehen — un menſe gel ei in I uhndai wählen unſerem ien wir Haus⸗ ind an morgen ßchens. aus um n. Wir dermann nen ſich r Frau ) treten ich auf hinten. as thun on über wie wir ber war⸗ e ſteigen der Korb agner zu Dingen nehmen zten Ort, ick. Ein⸗ 103 mal wieder in dieſem Haus angekommen, ſammle ich das zurückgelaſſene Gepäck und citire die Frau von unten herauf. Die Damen ſollen ſich von dem und hem Ort(natürlich ein falſcher Ort) ſo angezogen fühlen daß Sie ſich entſchloſſen haben dort zu bleiben. Bitte den üblichen Wochenzins anzunehmen ſtatt der wochentlichen Aufkündigung. Wartet der Schreiber im Bahnhof in York auf mich? Ich nehme mein Billet ihm vor der Naſe. Ich folge Ihnen mit dem Ge⸗ päck auf Ihrer Eiſenbahnlinie nach— und wo bleibt eine Spur von Ihrer Abreiſe? Die Fee iſt ver⸗ ſchwunden und den geſezlichen Behörden hat man eine Naſe gedreht.“ „Warum ſprechen Sie von Schywierigkeiten?“ fragte Magdalene.„Für die Schwierigkeiten ſcheint ja geſorgt zu ſein.“ „Für alle, bis auf eine,“ ſagte Capitän Wragge mit einer ominöſen Betonung des lezten Wortes. „Die Hauptſchwierigkeit der Menſchheit von der Wiege bis zum Grabe— das Geld.“ Er blinzelte langſam mit ſeinem grünen Auge, ſeufzte mit tiefem Gefühl und begrub ſeine inſolventen Hände in ſei⸗ nen leeren Taſchen. „Wozu iſt das Geld erforderlich?“ fragte Mag⸗ dalene. „Um meine Rechnungen zu bezahlen,“ antwortete der Capitän mit rührender Einfachheit.„Bitte, ver⸗ ſtehen Sie mich recht. Ich war perſönlich niemals — und werde es auch nie ſein— darauf erpicht einem menſchlichen Geſchöpfe auf der bewohnbaren Erdku⸗ gel einen einzigen Heller zu bezahlen. Ich ſpreche in Ihren Intereſſen, nicht in den meinigen.“ „In meinen Intereſſen?“ „Gewiß. Sie können ohne die Chaiſe morgen nicht wohl von York hinwegkommen, und ich kann die Chaiſe ohne Geld nicht bekommen. Der Bri der der Hausfrau leiht ſie her, wenn er ſieht daß die Rechnung ſeiner Schweſter bezahlt iſt, und wenn er ſeine Miethe für den Tag vorausbekommt— anders nicht. Erlauben Sie mir die Sache in ein geſchäftliches Licht zu ſtellen. Wir ſind übereinge⸗ kommen daß ich für meinen dramatiſchen Lehrcurſus aus Ihrem künftigen Verdienſt auf der Bühne be⸗ lohnt werde. Sehr gut. Ich ziehe bloß auf meine künftigen Ausſichten, und Sie, als diejenige von welcher meine Ausſichten abhängen, ſind natürlich mein Banquier. Schlagen Sie bloß Beiſpielshal⸗ ber meinen Antheil an Ihrer erſten Jahresgage auf den ganz unzulänglichen Betrag von hundert Pfund an. Halbiren Sie dieſe Summe; theilen Sie dieſe Summe in vier Theile—“ „Wie viel brauchen Sie?“ fragte Magdalene ungeduldig. Capitän Wragge kam in ſchwere Verſuchung die an der Spize der Placate ſtehende Belohnung zur Grundlage ſeiner Berechnung zu machen. Aber er fühlte, wie unendlich wichtig gegenwärtig Mäßi⸗ gung für die Zukunft war, und da er in Wirklich⸗ teit zwölf oder dreizehn Pfund bedurfte, ſo duplirte er einfach den Betrag und ſagte:„Fünfundzwanzig.“ Magdalene zog das Beutelchen aus ihrem Bu⸗ ſen und gab ihm das Geld mit einer verächtlichen Bemerkung über die vielen Worte, die er für einen ſo kleinlichen Betrag verſchwendet habe. In den , alten zwan die 4 es ei 3 chen ſtand murn Er ſt ſeine auf Natu tur d dicker „Ein den. ſchlu⸗ ſchrie Frä mit nigl Ang Int res Con - digt Wert daß Verle ſein Büch norgen h kann r Bru⸗ ht daß ) wenn umt— in ein rreinge⸗ reurſus hne be⸗ f meine ge von atürlich ielshal⸗ age auf Pfund ie dieſe gdalene ung die ung zur Aber er Mäßi⸗ Wirklich⸗ duplirte vanzig.“ tem Bu⸗ cchtlichen är einen In den 10⁵ alten Tagen von Rabenſchlucht floßen fünf und zwanzig Pfund aus einem Federzug ihres Vaters in die Hände jeder beliebigen Perſon im Hauſe, der es einfiel darum zu bitten. Des Capitäns Augen verweilten auf dem Beutel⸗ chen wie die Augen eines Verliebten auf dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe verweilen.„Glückliches Beutelchen!“ murmelte er, als ſie es wieder in ihren Buſen ſchob. Er ſtand auf, ging in eine Ecke des Zimmers, zog ſeine hübſche Mappe hervor und öffnete ſie feierlich auf dem Tiſch zwiſchen Magdalene und ſich.„Die Natur des Menſchen, mein liebes Mädchen, die Na⸗ tur des Menſchen,“ ſagte er, indem er eines ſeiner dicken, in Pergament gebundenen Büchlein aufſchlug. „Ein Geſchäftsvertrag hat zwiſchen uns ſtattgefun⸗ den. Ich muß ihn ſchwarz auf weiß haben.“ Er ſchlug das Buch an einer weißen Seite auf und ſchrieb oben mit ſchöner, kaufmänniſcher Hand:— Fräulein Vanſtone junior: in Rechnung mit Horazio Wragge, ehemals bei der kö⸗ niglichen Miliz. Den 24. September 1846. Angeſchlagener Werth von H. Wragges Intereſſen an Fräulein V.'s erſter Jah⸗ resgage— ſage Zweihundert Pfund, à Conto bezahlt: 25 Pfund. Nachdem der Capitän den Eintrag vervollſtän⸗ digt und durch Verdopplung des urſprünglichen Werthes unter der Rubrik Soll auch gezeigt hatte daß Magdalenens ſchnelle Willfährigkeit für ſein Verlangen bei ihm nicht weggeworfen ſei, preßte er ſein Fließpapier auf die naſſe Tinte und legte das Büchlein mit der Miene eines Mannes weg der eine verdienſtliche Handlung vollbracht hat und da⸗ mit großthueriſch prahlen kann. „Verzeihen Sie daß ich Sie plözlich verlaſſen muß,“ ſagte er.„Zeit iſt von Wichtigkeit. Ich muß mich des Gefährts verſichern. Wenn Frau Wragge hereinkommt, ſagen Sie ihr Nichts. Sie hat nicht Verſtand genug um ſich auf ſie verlaſſen zu können. Wenn ſie ſich herausnimmt Fragen an Sie zu ſtellen, ſo machen Sie denſelben unverzüglich ein Ende. Sie brauchen nur recht laut zu reden. Bitte, bedienen Sie ſich meines Anſehens bei ihr und ſeien Sie ſo laut mit Frau Wragge, wie ich es bin!“ Er ſezte ſeinen hohen Hut auf, verneigte ſich und trippelte aus dem Zimmer. Magdalene hatte für nichts Anderes Sinn als für die Wohlthat allein zu ſein, ſie fühlte keinen andern beſtimmten Eindruck mehr, als eine dunkle Ahnung daß mit ihr und ihrer Lage eine ernſthafte Veränderung vorgegangen ſei. Sie ließ die Ereig⸗ niſſe des Morgens wie Schatten an ihrem Geiſte vorüberziehen und harrte gleichgiltig deſſen was der Tag noch weiter bringen würde. Nach Verlauf eini⸗ ger Zeit öffnete ſich leiſe die Thüre. Die Rieſen⸗ geſtalt der Frau Wragge trat herein und blieb vor Magdalene in feierlichem Erſtaunen ſtehen. „Wo ſind Ihre Sachen?“ fragte Frau Wragge mit einem plözlichen Ausbruch unbezwingbarer Be⸗ ſorgtheit.„Ich bin oben geweſen und habe in Ihre Schubladen hineingeſehen. Wo ſind Ihre Nachtklei⸗ der und Nachthauben? und Ihre Unterröcke und Ihre Strümpfe? und Ihre Haarnadeln und Bärenpomade, und all das übrige Zeug?“ rlaſſen en an züglich reden. bei ihr vie ich rneigte nn als keinen dunkle aſthafte Ereig⸗ Geiſte pas der zuf eini⸗ Rieſen⸗ ieb vor Wragge rer Be⸗ in Ihre aachtklei⸗ nd Ihre pomade, 107 „Ich habe mein Reiſegepäck auf dem Bahnhof gelaſſen,“ ſagte Magbalene. Frau Wragges Vollmondsantliz erheiterte ſich ſetwas. Der unvertilgbare weibliche Inſtinet der Neu⸗ gierde verſuchte in ihren matten blauen Augen aufzu⸗ ſprühen, flackerte aber nur kläglich und erſtarb dann. „Wie viel Reiſegepäck?“ fragte ſie vertraulich. „Der Capitän iſt ausgegangen. Laſſen Sie uns gehen und es holen.“ „Frau Wragge!“ ſchrie eine erſchreckliche Stimme an der Thüre. Zum erſten Mal nach Magdalenens Erfahrung war Frau Wragge taub für den gewohnten Sporn. Sie wagte ſogar in der That eine ſchwache Gegen⸗ vorſtellung in der Anweſenheit ihrer Ehehälfte. „O laß ſie doch ihre Sachen herbeiſchaffen,“ bat Frau Wragge.„Ach, die arme Seele, laß ſie doch ihre Sachen herbeiſchaffen.“ Der unerbittliche Zeigefinger des Capitäns deu⸗ tete auf einen Winkel des Zimmers, ſenkte ſich dann allmälig wie ſein Weib ſich vor ihm zurückzog, und machte plözlich in der Region ihrer Schuhe Halt. „Höre ich doch immer ein Klappen auf dem Fußboden,“ rief Capitän Wragge mit einem Aus⸗ druck von Abſcheu aus.„Ja, wahrhaftig! Wieder über der Ferſe unten! Der linke Schuh dießmal. Zerr' ihn herauf, Frau Wragge, zerr' ihn herauf! Die Kutſche wird morgen früh um neun Uhr da ſein,“ fuhr er fort, ſich an Magdalene wendend. „Wir können möglicher Weiſe es nicht mehr wagen Ihren Koffer zu reclamiren. Hier iſt Schreibpapier. Schreiben Sie ein Verzeichniß deſſen was Sie noth⸗ wendig brauchen nieder. Ich will daſſelbe in einen Laden mitnehmen, die Rechnung für Sie bezahlen und das Paket hieher bringen. Wir müſſen den Koffer opfern, wir müſſen wahrhaftig.“ Während ihr Eheherr mit Magdalene ſich unter⸗ hielt, hatte Frau Wragge ſich wieder aus ihrem Winkel hervorgeſtohlen und nahe genug an den Capitän herangewagt, um noch die Worte„Laden“ und„Paket“ zu hören. Sie klatſchte mit unbän⸗ diger Aufregung in ihre Hände und verlor alsbald alle Selbſtbeherrſchung. „Ach, wenn es Etwas einzukaufen⸗ gibt, laß es mich thun!“ ſchrie Frau Wragge.„Sie geht aus um ihre Sachen zu kaufen! Ach, laß mich mit ihr gehen, bitte, laß mich mit ihr gehen!“ „Siz nieder!“ ſchnaubte ſie der Capitän an. „Gerade! Mehr nach rechts, noch mehr. Bleib wo Du biſt!“ Frau Wragge kreuzte ihre hilfloſen Hände auf ihrem Schooß und ſchmolz von ſanften Thränen über. „Ich kaufe ſo gerne ein,“ bat das arme Ge⸗ ſchöpf,„und ich komme jezt ſo wenig dazu!“ Magdalene vervollſtändigte ihre Liſte und Ca⸗ pitän Wragge verließ alsbald mit derſelben das Zimmer.„Laſſen Sie ſich von meinem Weibe nicht beläſtigen,“ ſagte er heiter, als er hinausging. „Machen Sie es kurz mit ihr, der armen Seele, machen Sie es kurz mit ihr!“ „Weinen Sie nicht,“ ſagte Magdalene, indem ſie Frau Wragge zu tröſten ſuchte und ihr auf die Schultern tätſchelte.„Wenn das Paket kommt, ſollen Sie es aufmachen.“ dem Dank tuch, frühen Sie Ich dürfer Sie. auf n Kuß.“ P und 2 verwe loſes Wohl ſich ſe entſch Uhr Herrr an de ſpäten lag h einen zahlen n den unter⸗ ihrem n den Laden“ unbän⸗ lsbald laß es ht aus nit ihr in an. eib wo de auf n über. ne Ge⸗ nd Ca⸗ n das de nicht usging. Seele, indem auf die „ſollen 109 „Dank, meine Theure,“ ſagte Frau Wragge, in⸗ dem ſie ſanft ihre Thränen trocknete;„herzlichen Dank. Nehmen Sie keine Notiz von meinem Taſchen⸗ ſtuch, ich bitte Sie. Es iſt ſo gar klein! Ich hatte früher eine hübſche Parthie davon mit Bordirungen. Sie ſind jezt alle dahin. Laſſen Sie es gut ſein! Ich werde mich freuen Ihre Sachen auspacken zu dürfen. Sie ſind ſehr gut gegen mich. Ich liebe Sie. Ich ſage— aber Sie müſſen nicht ärgerlich auf mich werden, nicht wahr? Geben Sie mir einen Kuß.“ Magdalene beugte ſich mit der freien Anmuth und Milde früherer Tage über ſie und berührte ihre verwelkten Lippen.„Laſſe man mich etwas Harm⸗ loſes thun,“ dachte ſie mit bangem Herzensſchmerz. —„O, laſſe man mich etwas Unſchuldiges und Wohlwollendes thun um der alten Zeiten willen!“ Sie fühlte ihre Augen feucht werden und wandte ſich ſchweigend weg. In dieſer Nacht kam kein Schlummer über ſie. In dieſer Nacht kämpften die aufgejagten Mächte des Guten und Böſen den furchtbaren Kampf um ihre Seele und ließen den Streit zwiſchen ſich noch un⸗ entſchieden, als der Morgen dämmerte. Als die Uhr des Yorker Münſters Neun ſchlug, folgte ſie Herrn Wragge an die Kutſche und nahm ihren Siz an der Seite des Capitäns ein. Eine Viertelſtunde ſpäter hatten ſie York hinter ſich und die Landſtraße lag hell und offen vor ihnen im Morgenſonnenlichte. Zwiſchenſcene. Chronik der Begebenheiten, aufbewahrt in Capitän Wragges Bücherfutteral. I. (Octoberchronik 1846.) Ich habe mich in den Schooß meiner Familie zurückgezogen. Wir wohnen in dem abgelegenen Dörfchen Ruswarp an den Ufern der Esk, ungefähr zwei Meilen landeinwärts von Whitby. Unſere Woh⸗ nungen ſind comfortabel, dabei genießen wir noch die Wohlthat einer niedlichen Wirthin. Frau Wragge und Fräulein Vanſtone ſind mir hieher vorausgegan⸗ gen, zufolge des Plans den ich zum Zweck der Aus⸗ führung unſeres Rückzugs von York feſtgeſtellt hatte. Ich folgte ihnen einen Tag ſpäter allein mit dem Reiſegepäck. Beim Verlaſſen des Bahnhofs hatte ich die Genugthuung, den Advocatenſchrege in einer eifrigen Unterredung mit dem Entdedüngspolizei⸗ beamten, deſſen Erſcheinen ich vorhergeſagt hatte, begriffen zu ſehen. Ich ließ ihn im ungeſtörten Be⸗ ſize d umhe ruhig ihm A Bemi Vanſt 5 ungen das die ſo⸗ zimm ſchickt Unter Hilfs an il der r Aben Scha mich Wir in ei cirten Sher der d für Flaſc Mein tend; ſprur tief r auch apitän Familie legenen ngefähr ee Woh⸗ dir noch Wragge sgegan⸗ er Aus⸗ t hatte. nit dem s hatte in einer spolizei⸗ t hatte, rten Be⸗ 111 ſize der Stadt York und der ganzen Umgebung rings umher. Er hat die Höflichkeit erwidert und uns im ruhigen Beſize des Eskthales, dreißig Meilen von ihm entfernt, gelaſſen. Auffallende Reſultate hatten ſchon meine erſten Bemühungen, das theatraliſche Talent des Fräuleins Vanſtone auszubilden. Ich hatte die Entdeckung gemacht daß ſie ein ungewöhnliches Talent für Mimik beſizt. Sie hat das bewegliche Geſicht, die biegſame Stimme und die ſcharfe dramatiſche Auffaſſung, welche ein Frauen⸗ zimmer für Characterrollen und Verkleidungen ge⸗ ſchickt machen. Alles was ihr jezt noch mangelt iſt Unterricht und Uebung, um ſich ihrer natürlichen Hilfsmittel zu verſichern. Die Erfahrung die ich ſo an ihr machte hat in meinem Kopfe eine Idee wie⸗ der wachgerufen, die mir urſprünglich bei einer der Abendvorſtellungen des verſtorbenen unnachahmlichen Schauſpielers Karl Mathews einfiel. So viel ich mich erinnere, betrieb ich damals eine Weinhandlung. Wir ahmten den natürlichen Weinerzeugungsproceß in einer Hinterküche zu Brompton nach, und produ⸗ cirten einen Tiſchwein, einen blaſſen künſtlichen Sherry von toniſchem Character, angenehm auf der Zunge und ein Lieblingswein am ſpaniſchen Hof, für neunzehn einen halben Schilling das Duzend, Flaſchen eingerechnet— ſiehe Proſpect von damals. Mein und meiner Theilnehmer Profit war unbedeu⸗ tend; wir hatten dem Geſchmack der Zeit einen Vor⸗ ſprung abgewonnen und waren dem Flaſchenhändler tief verſchuldet. Da ich wegen Mangels an Geld auch am Ende meines Wizes war und ſah, welch 112 zahlreiches Publiceum Mathews zuſtrömte, ſtieg die Idee in mir auf, eine mimiſche Nachahmung des großen Mimen ſelbſt vom Stapel zu laſſen und zwar in der Form von Abendſcenen*), geſpielt von einer Dame. Das einzige unbedeutende Hinderniß das im Wege ſtand blieb die Schwierigkeit ein Frauenzim⸗ mer zu finden. Von jener Zeit bis jezt iſt mir aber alles Suchen darnach fehlgeſchlagen. Endlich habe ich mein Ziel erreicht; ich habe die rechte Dame jezt gefunden. Fräulein Vanſtone beſizt Jugend und Schönheit ſo gut als Talent. Unterrichte ſie in der Kunſt der dramatiſchen Verkleidung, beſorge ihr paſ⸗ ſende Anzüge für verſchiedene Charactere; entwickle ihre Anlagen für Geſang und Spiel; verſieh ſie mit einer Menge wiziger Phraſen, die ſie dem Audito⸗ rium vortragen kann; kündige ſie als eine junge Dame at Home“ an; verblüffe das Publicum durch eine dramatiſche Unterhaltung welche man von An⸗ fang bis zu Ende einzig den Anſtrengungen dieſer jungen Dame verdankt; nimm die ungetheilte An⸗ ordnung der Sache in deine Hände— und was folgt als nothwendige Conſequenz? Ruhm für mein ſchönes Bäschen und ein voller Beutel für mich ſelbſt. Ich theilte dieſe Betrachtungen mit gewohnter Freimüthigkeit dem Fräulein Vanſtone mit, indem ich ihr das Offert machte, die Vorträge bei den Unterhaltungen zu ſchreiben, das ganze Geſchäft an⸗ zuordnen und den Ertrag zu theilen. Ich vergaß *) Eigentlich„at home“ Vorſtellungen oder Seenen, welche „daheim“, in der Behauſung der betreffenden Perſon, die hiezu einladet, gegeben werden. nicht!: ich ihr ſein n zu kär wolle, ich no Nachfe und a ſich zu Ermitt 52 meiner ner H Ihre L ſer Gr einen erklärt Je auf w nahme Sie l ihren Docun aus in ihr Zukun der S ihrem Col eg die ng des d zwar n einer das im uenzim⸗ nir aber h habe ame jezt id und in der ihr paſ⸗ ntwickle ſie mit Audito⸗ 2 junge m durch don An⸗ n dieſer lte An⸗ nd was ür mein ch ſelbſt. wohnter indem bei den chäft an⸗ ) vergaß 7 en, welche die hiezu nicht meinem Vorſchlag dadurch Kraft zu geben daß ich ihr über die Eiferſüchteleien, denen ſie ausgeſezt ſein würde, und über die Hinderniſſe mit denen ſie zu kämpfen hätte, wenn ſie ſich der Bühne widmen wolle, klaren Wein einſchenkte. Zum Schluſſe machte ich noch eine feine Anſpielung auf die geheimen Nachforſchungen, für die ſie ſich ſo ſehr intereſſirt, und auf ihre perſönliche Unabhängigkeit, welche ſie ſich zu ſichern wünſcht, bevor ſie nach Maßgabe ihrer Ermittelungen handelt. „Wenn Sie auf die Bühne gehen,“ ſagte ich, „würden Ihre Dienſte von einem Theaterdirector er⸗ kauft werden, und er würde ſein Anſpruchsrecht auf Sie gerade zu der Zeit geltend machen, wo Sie ihn frei verlaſſen können ſollten. Wenn Sie dagegen meinem Plan beipflichten, ſo werden Sie Ihr eige⸗ ner Herr und Ihr eigener Director ſein und können Ihre Laufbahn ganz nach Belieben beſtimmen.“ Die⸗ ſer Grund ſchien ihr einzuleuchten. Sie nahm ſich einen Tag Bedenkzeit, und als der Tag vorüber war, erklärte ſie ihre Einwilligung. Ich trug die ganze Verhandlung alsbald ſchwarz auf weiß ein. Unſer Uebereinkommen iſt mit Aus⸗ nahme eines einzigen Punktes ungemein befriedigend. Sie legt ein krankhaftes Mißtrauen an den Tag, ihren Namen unter irgend ein ihr vorgehaltenes Document zu ſezen, und erklärt rund heraus durch⸗ aus Nichts unterzeichnen zu wollen. So lange es in ihrem Intereſſe liegt, ſie mit Geldmitteln für die Zukunft zu verſehen, verpflichtet ſie ſich mündlich in der Sache fortzufahren. Wenn es aber aufhört in ihrem Intereſſe zu liegen, ſo droht ſie offen das Ge Collins, Namenlos. II. 8 ſchäft nach vorausgegangener wöchentlicher Kündigung aufgeben zu wollen. Sie iſt ein ſchwer zu behan⸗ delndes Mädchen; ſie hat bereits ihren eigenen Werth für mich herausgefunden. Einen Troſt beſize ich noch: ich habe die Verrechnung der Einnahmen, und mein ſchönes Bäschen ſoll mir gewiß ihre Taſchen nicht zu ſchnell füllen, wenn ich dazu beitragen kann. Meine Bemühungen, Fräulein Vanſtone für den bevorſtehenden Bühnenverſuch einzuüben, vermannig⸗ faltigte ich noch durch das Schreiben zweier anony⸗ men Briefe, welche das Intereſſe der jungen Dame betrafen. Da ich nämlich fand daß ſie allzu unruhig darüber war, wie ſie ihre Stellung zu ihren Freun⸗ den ins Klare bringe, und deßwegen meinem Unter⸗ richt nicht mehr die gehörige Aufmerkſamkeit zollte, ſchrieb ich einen anonymen Brief an den Advocaten der mit den Nachforſchungen nach ihr betraut iſt, und empfahl ihm auf freundliche Manier ſich nicht weiter um ſie zu bekümmern. Den Brief ſchickte ich an einen meiner Freunde in London, mit dem Auf⸗ trag ihn zu Charingeroß auf die Poſt zu geben. Eine Woche ſpäter ſendete ich durch denſelben Canal einen zweiten Brief, worin ich den Advocaten er⸗ ſuchte mir ſchriftlich mitzutheilen, ob er und ſeine Clienten ſich entſchloſſen hätten meinem Rath zu folgen oder nicht. Ich ertheilte ihm unter ſcherz⸗ hafter Anſpielung auf die Colliſion unſerer gegen⸗ ſeitigen Intereſſen die Weiſung den Brief ſo zu adreſſiren:„Wurſt wider Wurſt, Poſtamt Weſt⸗ ſtrand.“ In einigen Tagen langte die Antwort an, indem ſie zufolge einer mit meinem Freunde in London ge⸗ pflog Whit T beſtin word Brief ſein ältere ſtone was theile für ausdr die C unter ältern Wenn nichts aufs Pend dril. hervo Bedie ment Welt S der 2 liefern ihre nichts ſtelle daß digung behan⸗ Werth ze ich n, und raſchen u kann. ür den nannig⸗ anony⸗ Dame nruhig Freun⸗ Unter⸗ zollte, oocaten aut iſt, ſch nicht ickte ich m Auf⸗ geben. Canal aten er⸗ nd ſeine tath zu v ſcherz⸗ gegen⸗ ſo zu t Weſt⸗ , indem don ge⸗ 115 pflogenen Verabredung heimlich an das Poſtamt Whitby geſchickt wurde. Die Erwiderung des Advocaten war kurz und beſtimmt:„Mein Herr! Wenn mein Rath befolgt worden wäre, ſo würden Sie und Ihr anonymer Brief zugleich mit der Verachtung behandelt worden ſein welche Sie verdienen. Aber die Wünſche der älteren Schweſter des Fräuleins Magdalene Van⸗ ſtone haben Anſpruch auf meine Berückſſichtigung, was ich nicht beſtreiten kann: und auf ihr Anſuchen theile ich Ihnen mit daß alle weiteren Maßregeln für meinen Theil zurückgenommen ſind, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieſes Zugeſtändniß die Gelegenheit zu einem Briefwechſel, wenigſtens unter den Schweſtern, anbahnt. Ein Brief von dem ältern Fräulein Vanſtone iſt in dieſen eingeſchloſſen. Wenn ich binnen einer Woche von deſſen Empfang nichts vernehme, übergebe ich dieſe Angelegenheit aufs Neue in die Hände der Polizei. William Pendril.“ Ein ſtrenger Herr, dieſer William Pen⸗ dril. Ich kann von ihm bloß ſagen, was einſt ein hervorragender Edelmann von ſeinem ſauertöpfiſchen Bedienten ſagte:„Ich möchte ein ſolches Tempera⸗ ment wie dieſer Burſche beſizt um keinen Preis der Welt haben.“ Selbſtverſtändlich ſah ich erſt in den Brief, den der Advocat eingeſchloſſen hatte, bevor ich ihn ab⸗ lieferte. Fräulein Vanſtone die ältere ſchilderte ihre Unruhe darüber daß ſie von der Schweſter nichts höre; zeigte an, daß ſie eine Gouvernanten⸗ ſtelle bei einer Privatfamilie angenommen habe, und daß ſie dieſelbe binnen Wochenfriſt antreten werde. Endlich äußerte ſie ihre Sehnſucht nach einem Briefe Prof der ihr Troſt verſchaffen ſollte, bevor ſie an den Scht Verſuch der Uebernahme ihrer neuen Pflichten gehe. ewig Als ich den Umſchlag wieder geſchloſſen hatte, be⸗ Van gleitete ich die Ablieferung des Briefes an Fräulein perſt Vanſtone die jüngere mit einem Wort der Warnung. eines „Sind Sie jetzt Ihres Muthes mehr verſichert,“ kauf ſagte ich,„als damals wo ich Sie zuerſt getroffen?“ geſch Sie gab mir eine ſchnelle Antwort.„Capitän der Wragge, als Sie mir auf den Wällen von York Bere begegneten, war ich noch nicht ſo weit gegangen um habe nicht zurückkehren zu können. Jezt bin ich zu weit iſt 1 gegangen.“ tung Wenn ſie in der That dieß fühlte, und ich denke glück es war ſo, konnte ihre Correſpondenz mit ihrer Lauf Schweſter keinen Nachtheil bringen. Sie ſchrieb Mitl noch denſelben Tag einen ellenlangen Brief, weinte ziehe reichlich bei der Abfaſſung deſſelben und war auf⸗ Zeit fallend übellaunig und ſchnippiſch gegen mich, als Mitt der Abend kam. Sie ermangelt der Erfahrung, das all n arme Mädchen, ſie beſizt erbärmlich wenig Erfah⸗ gen rung von der Welt. Wie tröſtlich iſt es für mich lative mir bewußt zu ſein, daß juſt ich der Mann bin der ſeinen ihr dieſe Erfahrung geben kann! eines das digke II. noch händ (Novemberchronik.) Wir haben uns in Derby feſtgeſezt. Die dra⸗ matiſche Unterhaltung iſt niedergeſchrieben und die veinte r auf⸗ „als „, das Erfah⸗ mich in der 117 Proben haben ihren ununterbrochenen Fortgang. Alle Schwierigkeiten ſind auf die Seite geſchafft, nur die ewige Schwierigkeit wegen des Geldes nicht. Fräulein Vanſtones Mittel ſind zwar zur Befriedigung unſerer perſönlichen Bedürfniſſe hinreichend genug, die Miethe eines Claviers zur Uebung und die Ausgaben für An⸗ kauf und Fertigung der erforderlichen Kleider mit ein⸗ geſchloſſen. Aber die Unkoſten der Zuſtandebringung der dramatiſchen Unterhaltung gehen weit über den Bereich der Mittel hinaus über die wir zu verfügen haben. Ein Freund von mir, der hier beim Theater iſt und den ich in das Intereſſe unſerer Unterhal⸗ tung zu ziehen hoffte, hat, wie ſich herausſtellt, un⸗ glücklicher Weiſe ſelbſt mit einer Criſis in ſeiner Laufbahn zu kämpfen. Das Feld des menſchlichen Mitleids, aus dem ich die nöthige Geldernte hätte ziehen können, iſt mir verſchloſſen, weil es mir an Zeit es zu bebauen gebricht. Ich ſehe kein anderes Mittel mehr übrig— wenn es um Weihnachten all mit unſerm Gelde iſt— als einen von den hieſi⸗ gen Muſicalienhändlern anzugehen, der als ein ſpecu⸗ lativer Mann bekannt iſt. Eine Privatprobe in ſeiner Behauſung und ein Geſchäft, das die Taſchen eines gewinnſüchtigen Dritten vollpropfen wird— das ſind die Opfer welche die ſchreckliche Nothwen⸗ digkeit mir auferlegt. Gut! Es bleibt mir doch noch ein Troſt dabei. Ich werde den Muſicalien⸗ händler prellen. IMli. (Decemberchronik. Erſte Hälfte.) Der Muſicalienhändler nöthigt mir unwillkür⸗ lichen Reſpect ab. Er iſt von den menſchlichen Weſen, mit denen ich im Laufe meines Lebens zu⸗ ſammengetroffen bin, eines der ganz wenigen, das nicht zu prellen iſt. Er hat von unſerer Hilfloſigkeit meiſterhaft Nutzen gezogen und uns für Vorſtellungen in Derby und Nottingham mit ſolch geſchäftsmäßiger Nichtbeachtung aller Intereſſen, mit Ausnahme des ſeinen, Bedingungen geſtellt, daß ich, ſo ſehr ich es auch liebe von Allem und Jedem meine Aufzeichnung ſchwarz auf weiß zu machen, es in der That nicht über mich gewinnen kann den Profit zu regiſtriren. Ich brauche wohl nicht zu ſagen daß ich gute Miene zu der böſen Sache machte und mit meinem ſchönen Bäschen den kärglichen Geldüberſchuß, der noch für uns abfiel, theilte. Nun, die Reihe wird auch an uns kommen! Indeſſen bedaure ich herzlich daß ich den Muſicalienhändler des Ortes nicht ſchon in früherer Zeit kennen gelernt habe. Um von meiner Perſon zu ſprechen, ſo habe ich keine Urſache über Fräulein Vanſtone Klage zu führen. Wir haben es ſo eingerichtet daß ſie, ſobald wir an einen andern Ort ziehen, ihren Freunden regelmäßig ihre Adreſſe auf dem Poſtamt angeben ſoll. Sie ſteht auf dieſe Weiſe nicht nur mit ihrer Schweſter in Briefwechſel, ſondern auch in ſchriftlicher Ver⸗ bindung mit einem gewiſſen Herrn Clare, der ſich in S ſchen pedirt. in Erf duum geargr grund zu wi Aſiens ſelbſt Di Namer Magd tern die G einen den ei Sie ſ willigt len m zeichni werder von fi wunde der Kl Stape leicht auf di deſten ſie nu Wenn lkür⸗ ichen zu⸗ das gkeit ngen giger des ch es nung nicht riren. Niene bönen h für ch an aß ich in in be ich ähren. vir an mäßig Sie weſter Ver⸗ er ſich 119 in Somerſetſhire aufhält und alle Briefe die zwi⸗ ſchen ihr und ſeinem Sohne gewechſelt werden ex⸗ pedirt. Durch ſorgfältiges Nachforſchen habe ich in Erfahrung gebracht, daß letzterwähntes Indivi⸗ duum ſich jetzt in China befindet. Da ich anfänglich geargwohnt hatte, es möchte ein Herr im Hinter⸗ grund ſtehen, ſo gewährt es mir hohe Befriedigung zu wiſſen, daß er ſich in die nebelgraue Ferne Aſiens zurückgezogen hat. Möge er recht lange da⸗ ſelbſt bleiben! Die nichtsbeſagende Verantwortlichkeit einen Namen zu erſinnen, unter welchem unſere talentvolle Magdalene auftreten könnte, iſt auf meine Schul⸗ tern gebürdet worden. Sie iſt in dieſem Punkte die Gleichgiltigkeit ſelbſt.„Geben Sie mir irgend einen beliebigen Namen,“ ſagte ſie;„ich habe auf den einen ſo viel Recht wie auf den andern. Machen Sie ſelbſt einen.“ Ich habe ſchon vorher einge⸗ willigt ihre Wünſche zu befriedigen. Die Hilfsquel⸗ len meiner kaufmänniſchen Bibliothek bieten ein Ver⸗ zeichniß von brauchbaren Namen die angenommen werden können; und wir können binnen der Friſt von fünf Minuten einen auswählen, wenn der be⸗ wunderungswürdige Geſchäftsmann der uns jezt in⸗ der Klemme hat bereit iſt ſeine Ankündigungen vom Stapel zu laſſen. In dieſem Punkt iſt mein Herz leicht genug; all meine Sorgen concentriren ſich auf die ſchöne Künſtlerin. Ich hege nicht den min⸗ deſten Zweifel daß ſie Wunder thun wird, wenn ſie nur an dem erſten Abend bei ſich ſelbſt bleibt. Wenn aber die Tagespoſt unheilbringend genug iſt, 120 daß ſie durch einen Brief von ihrer Schweſter in einen aufgeregten Zuſtand verſezt wird, ſo zittere ich für die Folgen. IV. (Decemberchronik. Zweite Hälfte.) Mein mit Naturgaben reich ausgeſtattetes Bäs⸗ chen iſt zum erſten Mal öffentlich aufgetreten und hat den Grundſtein zu unſerm künftigen Reichthum gelegt. An dem erſten Abend war ein zahlreicheres Publi⸗ cum anweſend, als ich zu hoffen gewagt hätte. Die Neuheit einer Abendunterhaltung, die von Anfang bis Ende ohne weitere Unterſtüzung lediglich von einer jungen Dame durchgeführt werden ſollte(ſiehe Ankündigung), ſtachelte die Neugierde des Publicums auf und machte ziemlich gefüllte Pläze. Das gute Gluͤck wollte es daß an dieſem Tag kein an Fräu⸗ lein Vanſtone adreſſirter Brief einkam. Sie beſaß ihre vollkommene Selbſtbeherrſchung, bis ſie das erſte Kleid anzog und zum Beginn der Muſik klin⸗ geln hörte. In dieſem ceritiſchen Moment brach ſie plözlich zuſammen. Ich fand ſie allein im Wart⸗ zimmer, ſchluchzend und redend wie ein Kind.„Ach, mein armer Vater! mein armer Vater! Ach mein Gott, wenn er nich jezt ſähe!“ Meine Erfahrung in ſolchen Dingen belehrte mich alsbald daß in die⸗ ſem Fall flüchtiges Salz mit Zuthat von vernünfti⸗ gen Rathſchlägen zur Anwendung kommen müſſe. Im entzü daß die e ging hize heit hintet macht die Z gleich Fiebe racter tive, Duze und wind ten. bälde ihre ſpäter ohnm Der Beſin darin den ten, ſo ſti nöthi medie eine Leber ter in zittere Bäs⸗ nd hat hthum Publi⸗ 2. Die Anfang ch von (ſiehe licums 8 gute Fräu⸗ beſaß ſie das ſik klin⸗ rach ſie Wart⸗ .„Ach, h mein fahrung in die⸗ rnünfti⸗ müſſe. 121 Im Augenblick erhoben wir ſie zur Concerthöhe, entzündeten Flammen in ihren Augen und machten daß die aufſteigende natürliche Röthe ihrer Wangen die erkünſtelte bei weitem übertraf. Der Vorhang ging in die Höhe, gerade als wir ſie in Rothglüh⸗ hize gebracht hatten. Sie ging mit großer Kühn⸗ heit auf die Sache los, gerade ſo wie ſie es in dem hintern Empfangzimmer im Rosmaringäßchen ge⸗ macht hatte. Die Erſcheinung ihrer Perſon brachte die Frage über ihre Aufnahme beim Publicum ſo⸗ gleich ins Reine, bevor ſie nur die Lippen öffnete. Fieberhaft galoppirte ſie gleichſam durch ihre Cha⸗ racterrollen, ihre Geſangsparthien und ihre Recita⸗ tive, und machte dabei Mißgriffe und Fehler zu Duzenden, hielt aber nicht inne ſie zu verbeſſern, und riß das Publicum in einem wahren Wirbel⸗ wind mit ſich fort, ohne auf einen Applaus zu war⸗ ten. Die ganze Geſchichte war zwanzig Minuten bälder als wir gerechnet hatten vorüber. Sie führte ihre Aufgabe bis zu Ende durch, aber eine Minute ſpäter, nachdem der Vorhang gefallen war, ſank ſie ohnmächtig auf das Sopha des Wartzimmers hin. Der Muſicalienhändler hatte vor Verwunderung die Beſinnung verloren; ich hatte keinen Anzug um darin erſcheinen zu können— ſo kam es daß wir den Arzt auf die Bühne hinaustreten laſſen muß⸗ ten, um vor dem Publicum, welches die Künſtlerin ſo ſtürmiſch herausrief daß das Haus erzitterte, die nöthige Entſchuldigung vorzubringen. Ich blies dem mediciniſchen Sprecher hinter dem Vorhang hervor eine hübſche Anſprache ein und niemals in meinem Leben zuvor hörte ich einen ſolch ungeheuern Bei⸗ 122 fallsſturm von einem verhältnißmäßig kleinen Publi⸗ cum. Ich fühlte den Tribut— ich fühlte ihn tief. Fünfzehn Jahre waren verfloſſen, ſeit ich in der⸗ ſelben Stadt kümmerlich die Mittel zu meiner Exi⸗ ſtenz herausgeſchlagen hatte, indem ich der Geſell⸗ ſchaft eines Gaſthauſes die Zeitungen vorlas und dabei erläuternde Randgloſſen mochte. Und jezt, jezt ſtolzire ich hier auf einem grünen Zweig. Ich brauche wohl nicht zu ſagen daß meine erſte Maßregel war den Muſicalienhändler auf dem Fleck bei Seite zu ſchieben. Er ſprach den nächſten Mor⸗ gen vor, ohne Zweifel um den großmüthigen Vor⸗ ſchlag zu machen, das Engagement noch über Derby und Nottingham auszudehnen. Es wurde ihm er⸗ klärt, mein Bäschen fühle ſich nicht wohl genug um ihn empfangen zu können, und als er nach mir fragte, bedeutete man ihm daß ich noch nicht auf ſei. Ich war in dieſem Augenblick zufällig damit beſchäf⸗ tigt, den Fall unſerer talentvollen Magdalene nach⸗ drücklich vorzuſtellen. Ihre Antwort war im höch⸗ ſten Grade befriedigend. Sie wolle ſich Niemanden auf die Dauer verbindlich machen, am wenigſten einem Manne, der ihre und meine Lage zu ſolch ſchmählicher Uebervortheilung mißbraucht hätte. Sie wolle ihr eigener Herr ſein und den Gewinn mit mir theilen, ſo lange ſie Geld bedürfe und ſo lange es ihr beliebe das Geſchäft fortzuſezen. So weit war das gut. Allein der Grund den ſie gleich nachher für die ſchmeichelhafte Bevorzugung meiner Perſon anführte, war weniger nach meinem Ge⸗ ſchmacke.„Der Muſicalienhändler iſt keineswegs der Mann den ich zu meinen Nachforſchungen verwen⸗ den w getreue erſten nicht. Zukunf tung f ments gleichke in unſ die nä lein Vo die Zei tes Vo wieder „8 Id Aufſcht ihr die vor. ſie dur Publi⸗ tief. n der⸗ r Exi⸗ Geſell⸗ s und S jezt, ie erſte n Fleck Mor⸗ Vor⸗ Derby hm er⸗ ug um ich mir auf ſei. beſchäf⸗ e nach⸗ n höch⸗ nanden enigſten zu ſolch te. Sie inn mit d lange do weit gleich meiner em Ge⸗ egs der verwen⸗ 123 den will,“ ſagte ſie;„Sie ſind der Mann.“ Ihr getreues Gedächtniß für dieſe Nachforſchungen in der erſten Verwirrung ihres Erfolges gefällt mir gar nicht. Das iſt eine ſchlimme Vorbedeutung für die Zukunft, das iſt eine verteufelt ſchlimme Vorbedeu⸗ tung für die Zukunft. V. (Januarchronik 1847.) Sie hat bereits den Huffuß gezeigt. Die Dirne fängt an mir fürchterlich zu werden. Nach dem Schluſſe des Nottinghamer Engage⸗ ments(deſſen Erfolge denen zu Derby mehr als gleichkamen) machte ich, da wir das Geſchäft ganz in unſere Hände genommen hatten, den Vorſchlag die nächſte Unterhaltung in Newark zu geben. Fräu⸗ lein Vanſtone machte keine Einwendung, bis wir auf die Zeitfrage kamen, wo ſie mich durch ihr beſtimm⸗ tes Verlangen, noch eine Woche zu warten bis ſie wieder öffentlich auftrete, ungemein überraſchte. „Zu welch möglichem Zweck denn?“ fragte ich. „Zu dem Zweck, um die Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen, deren ich in York Erwähnung gethan habe,“ antwortete ſie. Ich malte ihr augenblicklich die Gefahren dieſes Aufſchubs in vergrößerten Umriſſen vor und ſtellte ihr die Gegengründe in allen erdenklichen Formen vor. Sie blieb vollkommen unbeweglich. Ich ſuchte ſie durch den Vorhalt der Unkoſtenfrage in mein Nez zu treiben. Ihre Antwort beſtand darin daß ſie mir ihren Antheil an den Einnahmen zu Derby und Nottingham einhändigte— und damit waren meine Auslagen gedeckt, ſo daß nahezu zwei Guineen auf den Tag kamen. Ich verwundere mich über den Mann der zuerſt das Maulthier als den Typus der Halsſtärrigkeit aufgeſtellt hat. Welch eine ſchlechte Kenntniß hat dieſer Mann von dem Weibervolk gehabt! Aber da war nicht mehr zu helfen. Ich brachte meine Weiſungen gewohnter Maßen ſchwarz auf weiß zu Papier. Meine erſten Anſtrengungen waren auf Ausfindigmachung des Aufenthalts des Herrn Michael Vanſtone gerichtet. Ich erwartete dabei auch heraus⸗ zufinden wie lange er daſelbſt wohl bleiben werde, und ob er Rabenſchlucht verkauft habe oder nicht. Meine nächſten Nachforſchungen ſollten mich über ſeine täglichen Lebensgewohnheiten und über die An⸗ wendung ſeines Geldes unterrichten. Ich ſollte herausbekommen, welches ſeine vertrauten Freunde ſeien und auf welchem Fuße er mit ſeinem Sohne, Herrn Noel Vanſtone, der gegenwärtig bei ihm lebe, ſtehe. Die Auſſpürungen ſollten ſchließlich damit enden, zu erfahren ob nicht eine weibliche Anverwandte oder irgend eine andere Frau mit der Führung des Hausweſens betraut ſei, von der bekannt wäre daß ſie Einfluß entweder auf Vater oder Sohn ausübe. Wenn meine lange Praxis in Bebauung des Fel⸗ des der menſchlichen Sympathie mich nicht gewöhnt hätte, meine Spürnaſe in die Angelegenheiten ande⸗ rer Leute zu ſtecken, ſo würde ich wohl dafür gehal⸗ ten hal Woche: mochte fahrung Antwor nach N. künftige Ordnun 1) Place z daſelbſt traf am don ein behörde 2) 0 heim ur empfäng Theil ſe andere von Ac und der ner And ſchäftske einige einige 4 küſte, w nen. Geſchäft 3)( Freunde Der Er daß ſie Derby waren zuineen ber den zus der cchlechte bervolk brachte uf weiß ren auf Michael heraus⸗ werde, er nicht. ch über die An⸗ h ſollte Freunde Sohne, hm lebe, ) damit erwandte ung des däre daß ausübe. des Fel⸗ gewöhnt en ande⸗ ür gehal⸗ 125 ten haben daß manche dieſer Fragen im Laufe einer Woche nur mit harter Mühe zu erledigen wäre. Dem mochte nun ſein wie ihm wollte, ich ließ meine Er⸗ fahrung wohlthätig für mich wirken und brachte die Antworten noch einen Tag früher als feſtgeſezt war nach Nottingham zurück. Zur Bequemlichkeit bei künftigem Gebrauch laſſe ich ſie hier in regelmäßiger Ordnung folgen. 1) Herr Michael Vanſtone lebt jezt auf German⸗ Place zu Brighton und wird wahrſcheinlich ſo lange daſelbſt verweilen, als ihm die Luft anſchlägt. Er traf am lezten September aus der Schweiz in Lon⸗ don ein und verkaufte Rabenſchlucht mit allen Zu⸗ behörden unmittelbar nach ſeiner Ankunft. 2) Seine täglichen Lebensgewohnheiten ſind ge⸗ heim und verborgen. Er macht ſelten Beſuche und empfängt eben ſo ſelten Geſellſchaft bei ſich. Ein Theil ſeines Geldes iſt in öffentlichen Fonds, der andere in Eiſenbahnactien angelegt, welche die Panik von Achtzehnhundertſechsundvierzig überlebt haben und deren Werth raſch in die Höhe geht. Seit ſei⸗ ner Ankunft in London hat er auch mit großer Ge⸗ ſchäftskenntniß im Häuſerhandel ſpeculirt. Er beſizt einige Häuſer in entlegenen Theilen Londons und einige Häuſer an gewiſſen Badeorten an der Oſt⸗ küſte, welche immer mehr an öffentlichem Ruf gewin⸗ nen. In allen dieſen Fällen ſoll er auffallend gute Geſchäfte gemacht haben. 3) Es iſt ſchwer zu erfahren wer ſeine intimen Freunde ſind. Zwei Namen nur weiß ich beſtimmt. Der Erſte iſt Admiral Bartram, der in frühern Jah⸗ 126 ren, wie man ſich erzählt, freundſchaftliche Verbind⸗ lichkeiten gegen Herrn Michael Vanſtone hatte. Der Zweite iſt Herr Georg Bartram, ein Neffe des Ad⸗ mirals und jezt im Hauſe zu German⸗Place auf kurzen Beſuch ſich befindend. Herr Georg Bartram iſt ein Sohn von des verſtorbenen Herrn Andreas Vanſtone Schweſter, die ebenfalls den Weg des Flei⸗ ſches gegangen iſt. Er iſt demnach Geſchwiſterkind mit Herrn Noel Vanſtone. Dieſer leztere, nemlich Herr Noel Vanſtone, beſizt eine ſchwächliche Geſund⸗ heit, lebt aber mit ſeinem Vater in German⸗Place auf dem vortrefflichſten Fuße. 4) Es befindet ſich keine weibliche Anverwandte in Herrn Michael Vanſtones Familiencirkel, aber es iſt eine Haushälterin dort, welche ſeit dem Tode ſei⸗ ner Frau in ſeinem Dienſte ſteht und dadurch einen gewaltigen Einfluß auf Beide, den Vater und den Sohn, gewonnen hat. Sie iſt eine geborne Schwei⸗ zerin, ſchon vorgerückt an Jahren und Wittwe. Ihr Name iſt Frau Lecount. Als ich dieſe Einzelnheiten dem Fräulein Vanſtone mittheilte, entſchlüpfte ihr keine Bemerkung, mit Ausnahme daß ſie mir dankte. Ich ſuchte ſie zu be⸗ wegen, mich in ihr Vertrauen zu ziehen. Vergebens; ich erreichte nichts als eine erneute Höflichkeitsbezeu⸗ gung; dann ging ſie ausweichend plözlich auf ein anderes Thema, nämlich die dramatiſche Unterhaltung, über. Sehr gut. Wenn ſie mir die gewünſchte Mittheilung nicht machen will, ſo liegt die Folge⸗ rung auf platter Hand: ich muß mir ſelbſt helfen. Ge Seite lichen — Sta — Ab Da⸗ wir im nen in erbind⸗ Der es Ad⸗ ice auf artram Indreas es Flei⸗ ſterkind nemlich Geſund⸗ n⸗Place wandte aber es ode ſei⸗ h einen nd den Schwei⸗ e. Ihr zanſtone g, mit e zu be⸗ gebens; tsbezeu⸗ auf ein haltung, wünſchte Folge⸗ helfen. 127 Geſchäftliche Erörterungen ſollen den Reſt dieſer Seite ausfüllen. Laßt mich wieder zum Geſchäft⸗ lich en übergehen. F Fr. V. 12 Pf. 10 Sch. Fr. V. 12 Pf. 10 Sch. Ich ſelbſt 12 Pf. 10 Sch. Ich ſelbſt 20 Pf. Sland der Finanzen. Dritte Woche im Januar. h igsort: Aufführungen: Newark. Zwei. Nettoeinnahmen: Neettoeinnahmen: Schwarz auf Weiß: Baarer Geldvorrath: 25 Pf. St. 32 Pf. St. 10 Sch. Angebliche Wirkliche Gewinntheilung: Gewinntheilung: Privatüberſchuß der Woche oder vielmehr Selbſtgeſchenktes Honorar 7 Pf. St. 10 Sch. wir nen Abgehört Paſſirt und richtig er⸗ H. Wragge. funden H. Wragge. Das nächſte Bollwerk britiſcher Sympathien, das im Sturm nehmen, iſt Sheffield. Wir begin⸗ in der erſten Woche des Februars. VI. (Februarchronik.) Uebung hat meinem ſchönen Bäschen jezt die Sicherheit verliehen, von der ich vorausſagte daß ſie mit der Zeit kommen werde. Ihr Kunſtgriff, die Identität ihrer Perſon bei der Darſtellung verſchie⸗ dener Characterrollen durch Maske und Spiel gänz⸗ lich zu bemänteln, verblüffte ihr Publicum ſo voll⸗ kommen daß manche Leute zweimal kamen, um zu ſehen wie ſie es denn mache. Es iſt ein liebens⸗ würdiger, für uns vortheilhafter Fehlen des eng⸗ liſchen Publicums, daß es nie weiß, Wenn es etwas Gutes genug geſehen hat. Es wird in der That verſucht, ſie durch Herausrufen zur Wiederholung einer ihrer Characterrollen zu beſtimmen, einer alten nordengliſchen Dame, zu der die ehrenwerthe Lehrerin in der Familie des ſeligen Herrn Andreas Vanſtone, welcher ich mich zu Rabenſchlucht vorſtellte, das Modell lieferte. Die Darſtellung dieſer einzel⸗ nen Rolle verſezt die Zuſchauer in das höchſte Ent⸗ zücken. Ich wundere mich nicht darüber. Eine ſolch außerordentliche Nachahmung des höhern Alters durch ein neunzehnjähriges Mädchen iſt dem Publi⸗ cum, nach meiner langen theatraliſchen Erfahrung, nie vorgeführt worden. Ich finde ſelbſt daß ich gegenwärtig in einem gedrückteren Tone ſchreibe als gewöhnlich. Ich ver⸗ miſſe den frühern Anflug von Humor. Die That⸗ ſache iſt daß ich wegen der Zukunft ſehr herunter⸗ geſtimn Glückes rin bei fühle n nen be der Bo bärmlic Sie ſie mich zwei B Auf den zw infernal Hindern ſpäterer geleſen ſich wir halbe 2 ſchlag hi eigenen Mädcher hinnimn heil für ſche Fol wahrlich Golli zt die e daß f, die rſchie⸗ gänz⸗ voll⸗ um zu bens⸗ 8eng⸗ etwas That volung alten hrerin aſtone, , das einzel⸗ e Ent⸗ e ſolch Alters Publi⸗ hrung, einem ch ver⸗ That⸗ runter⸗ 129 geſtimmt bin. Auf dem höchſten Gipfel unſers Glückes angekommen, bleibt meine verkehrte Schüle⸗ rin bei ihrem lumpigen Familienhader ſtecken. Ich fühle mich alle Augenblicke ihren grillenhaften Lau⸗ nen bezüglich des Vanſtone Preis gegeben— ich, der Baumeiſter ihrer klingenden Erfolge. Zu er⸗ bärmlich; bei meiner armen Seele, zu erbärmlich! Sie hat auf den Grund der Nachforſchungen die ſie mich zu machen nöthigte bereits gehandelt und zwei Briefe an Herrn Michael Vanſtone geſchrieben. Auf den erſten Brief kam keine Antwort. Auf den zweiten empfing ſie eine Erwiderung. Ihre infernaliſche Schlauheit warf mir ein unerwartetes Hinderniß in den Weg dieſelbe abzufangen. Zu ſpäterer Tageszeit, als ſie die Antwort geöffnet und geleſen hatte, legte ich ihr eine neue Falle: Sie fing ſich wirklich— aber auch nur das. Ich hatte eine halbe Minute Zeit in ihrer Abweſenheit in den Um⸗ ſchlag hineinzugucken. Dieſer enthielt nichts als ihren eigenen zurückgeſendeten Brief. Sie iſt nicht das Mädchen welches eine Beleidigung der Art ruhig hinnimmt. Unheil wird daraus entſtehen. Un⸗ heil für Michael Vanſtone— was freilich keine irdi⸗ ſche Folge mit ſich brächte: Unheil für mich— was wahrlich eine ernſtliche Sache wäre. Collins. Namenlos. II. 9 (Märzchronik.) Nachdem wir zu Sheffield und Mancheſter Vor⸗ ſtellungen gegeben hatten, reisten wir nach Liver⸗ pool, Preſton und Lancaſter. Wiederum eine Ver⸗ änderung in dieſer Wetterhexe von einem Mädchen! Sie hat keine Briefe mehr an Michael Vanſtone ge⸗ ſchrieben, und betreibt jezt den Gelderwerb ſo eifrig als ich ſelbſt. Wir beziehen allerdings große Ein⸗ künfte, arbeiten uns aber dabei faſt zu Tode. Ich ſah dieſe Veränderung bei ihr nicht gern. Sie be⸗ abſichtigt auf irgend eine Weiſe zu antworten, denn ſonſt würde ſie keine ſo außerordentliche Begierde ihre Börſe zu füllen an den Tag legen. Nichts was ich thun mag, keine Fälſchung der Rechnungen, keine Honorare die ich mir ſelbſt decretire, können dieſe Börſe leeren. Der ungemeine Erfolg ihrer Dar⸗ ſtellungen und ihr eigener Scharfblick, womit ſie ihre Intereſſen verfolgt, zwingen mich buchſtäblich in das Geleiſe einer vergleichungsweiſe ehrlichen Handlungs⸗ weiſe hinein. Sie ſteckt mehr als ein Drittel des Profits in ihre Taſche, troz meiner verſchmizteſten Kniffe ihr zuvorzukommen. Und dieß in meinem Alter! Dieß nach meiner langen und erfolgreichen Laufbahn als moraliſcher Landwirth! Zeichen der Bewunderung ſind freilich nur Kleinigkeiten, aber ſie drücken meine Empfindungen aus und ich bringe die⸗ ſelben ohne Rückhalt zu Papier. W und ſ ſchlag. ſtone hunde Es iſt gewin beträg den C Werke den irn Leiſtur Jo undzw Reſtau Feld d ten. futtera Mädch Zimme klärte läufig Jo Empfit Sie t Seelen Dinge r Vor⸗ Liver⸗ e Ver⸗ idchen! 8ne ge⸗ Heifrig ze Ein⸗ 2. Ich Sie be⸗ 1, denn hegierde ſts was n, keine n dieſe r Dar⸗ ſie ihre üin das dlungs⸗ ttel des nizteſten meinem greichen chen der aber ſie inge die⸗ 131 VIII. (April⸗ und Maichronik.) Wir haben noch ſieben größere Städte beſucht und ſind gegenwärtig zu Birmingham. Beim Nach⸗ ſchlagen meiner Bücher finde ich daß Fräulein Van⸗ ſtone bis jezt die enorme Summe von beinahe vier⸗ hundert Pfund durch ihre Vorſtellungen realiſirt hat. Es iſt ganz und gar möglich daß mein eigener Rein⸗ gewinn miſerable ein⸗ oder zweihundert Pfund mehr beträgt. Aber ich bin der Baumeiſter ihrer klingen⸗ den Erfolge— der Verleger, ſo zu ſagen, ihres Werkes— und, bringe ich auch nur eines von bei⸗ den in Anſchlag, ſo bin ich noch immer unter meinen Leiſtungen bezahlt. Ich machte die erwähnte Entdeckung am neun⸗ undzwanzigſten des Monats, dem Jahrestag der Reſtauration meines königlichen Vorfahrers auf dem Feld der menſchlichen Gutmüthigkeit, Karl des Zwei⸗ ten. Ich hatte mit knapper Mühe mein Bücher⸗ futteral wieder verſchloſſen, als das undankbare Mädchen, deſſen Ruf ich gegründet hatte, in das Zimmer trat und mir mit eben ſo viel Worten er⸗ klärte daß die Geſchäftsverbindung zwiſchen uns vor⸗ läufig ein Ende habe. Ich verſuche keine Schilderung meiner eigenen Empfindungen, ich erzähle lediglich nur Thatſachen. Sie theilte mir mit dem Anſchein vollkommener Seelenruhe mit, daß ſie Raſt nöthig und„neue Dinge in Ausſicht“ habe. Sie würde mich mög⸗ licher Weiſe als Beiſtand dabei verlangen, würde möglicher Weiſe aber auch ihre Vorſtellungen wie⸗ der aufnehmen. Jedenfalls würde es genügen, wenn wir gegenſeitig unſere Adreſſen austauſchten, unter welchen wir einander ſchreiben könnten, ſobald es nöthig wäre. Da ſie nicht verlange, mich mir und dir nichts plözlich zu verlaſſen, ſo wolle ſie den nächſten Tag(es war ein Sonntag) noch bleiben und erſt am Montag Morgen abreiſen. Dieß war ihre Erklärung in faſt gleicher Wörterzahl. Eine Gegenvorſtellung wäre, das wußte ich aus Erfahrung, ſofort verworfen worden. Eine beein⸗ flußende Gewalt hatte ich über ſie nicht auszuüben. Die einzige Maßregel, die ich bei dieſem Ereigniß ergreifen konnte, war ausfindig zu machen welchen Weg ich zu Gunſten meiner eigenen Intereſſen ein⸗ ſchlagen ſollte, und dieſen Weg dann ohne einen Augenblick unnöthigen Zauderns alsbald zu betreten. Ein bischen Nachdenken hat mir ſeitdem die Ueberzeugung gegeben, daß ſie einen tiefangelegten Plan gegen Michael Vanſtone im Schilde führe. Sie iſt jung, wohlgebildet und geſchickt, durchaus keine Sclavin der Rückſichten. Sie hat Geld genug zuſammengeſcharrt um davon leben zu können, und hinlänglich Zeit zur Verfügung, um der ſchwachen Seite eines alten Mannes auf die Spur zu kom⸗ men; ſie ſchreitet unerſchrocken mit den legitimen Waffen ihres Geſchlechts in den Kampf gegen Mi⸗ chael Vanſtone. Bedarf ſie meiner vielleicht zu einem Vorhaben wie dieſes iſt? Zweifelhaft. Iſt ſie etwa nur von dem eifrigen Wunſche beſeelt mich auf leichte Weiſe abzuſchütteln? Wahrſcheinlich. Ge⸗ höre ſolche Entſ Weg natir ihr ausz ſchar Zwei Erfa Drol und vürde wie⸗ wenn unter ld es r und e den leiben 3 war h aus beein⸗ nüben. eigniß delchen n ein⸗ einen treten. m die elegten führe. rchaus genug 1, und wachen u kom⸗ gitimen en Mi⸗ icht zu t. Iſt lt mich h. Ge⸗ 13³ höre ich etwa zu der Sorte von Männern, die ſich ſolchergeſtalt von ihrem Pflegling behandeln laſſen? Entſchieden nicht: ich bin der Mann, um meinen Weg durch eine hübſche Aufeinanderfolge von Alter⸗ nativen zu ſehen, und hier ſind dieſe! Erſtens. Meine Willfährigkeit in Beziehung auf ihr Vorhaben kundzugeben, die Adreſſen mit ihr auszutauſchen und dann im Geheimen mein Auge ſcharf auf alle ihre künftigen Schritte zu richten. Zweitens. Zärtliche Beſorgtheit im Ton väterlicher Erfahrung auszudrücken und hinterdrein mit der Drohung zu kommen, ich wolle bei ihrer Schweſter und dem Advocaten Lärm ſchlagen, wenn ſie auf ihrem Vorhaben beſtehe. Drittens. Meine Nach⸗ richten, die ich bereits beſize, auf das Beſte auszu⸗ beuten, indem ich mittelſt derſelben ein marktgerech⸗ tes Geſchäftchen zwiſchen mir und Michael Vanſtone abſchließe. Für die Gegenwart gebe ich dem letzten der drei Fälle den Vorzug. Aber meine Endent⸗ ſcheidung iſt von zu großer Wichtigkeit, um ſie zu überhudeln. Heut iſt erſt der neunundzwanzigſte. Ich will meine Chronik der Begebenheiten bis Montag ausſetzen. 31. Mai. Meine Alternative und ihre Pläne ſind beide mit einander über den Haufen geworfen worden. Die Zeitung kam, wie gewöhnlich, nach dem Frühſtück herein. Ich lief ſie ſchnell durch und fand unter den Todesanzeigen des Tages folgende merk⸗ würdige Stelle: „Am 29. d. M. geſtorben zu Brighton Michael Vanſtone, Esg., früher in Zürich, 77 Jahre alt.“ Fräulein Vanſtone war im Zimmer anweſend, als ich dieſe zwei überraſchenden Zeilen las. Sie hatte ihren Hut auf; ihre Koffer waren gepackt; ſie wartete ungeduldig, bis es Zeit war ſich auf den Bahnhof zu begeben. Ich überreichte ihr die Zeitung, ohne ein Wort von meiner Seite. Ohne ein Wort auch von ihrer Seite, ſchaute ſie auf die Stelle auf die ich deutete und las die Neuigkeit von Michael Vanſtone's Tod. Das Papier entfiel ihrer Hand und ſie ſchlug ungeſtüm ihren Schleier herunter. Ich fing noch einen Blick ihrer Augen auf, bevor ſie ihr Geſicht vor mir verbarg. Der Eindruck auf meine Seele war im höchſten Grad überwältigend. Um mich mit meinem gewöhnlichen Anflug von Humor auszudrücken, ihr Geſicht verdeutlichte mir daß die empfindlichſte That, welche Michael Vanſtone, Esq., früher in Zürich, jemals in ſeinem Leben vollführt hatte, die war welche er am 29. dieſes Monats in Brigthon voll⸗ brachte. Ich fand unter den obwaltenden Umſtänden die Todtenſtille im Zimmer außergewöhnlich unan⸗ genehm und gedachte daher eine Bemerkung zu machen. Die Rückſicht auf mein eigenes Intereſſe gab mir ſogleich einen Gegenſtand an die Hand. Ich erwähnte der dramatiſchen Unterhaltungen. „Nach dem, was ſich zugetragen,“ ſagte ich, „ſeze ich voraus daß unſere Vorſtellungen nach wie vor ihren gewöhnlichen Fortgang nehmen?“ „Nein,“ antwortete ſie hinter ihrem Schleier. „Wir fahren mit unſeren Nachforſchungen fort.“ Geſicht und h Entſchl ſtändig ſend, Sie t; ſie den tung, Wort 2 auf ichael chlug noch t vor ar im einem , ihr That, ürich, war voll⸗ inden unan⸗ g zu ereſſe Hand. 13⁵ „Nachforſchungen über einen Verſtorbenen?“ „Nachforſchungen über den Sohn des Verſtor⸗ benen.“ „Herrn Noel Vanſtone?“ „Ja, Herrn Noel Vanſtone.“ Da ich keinen Schleier hatte, um ihn über mein Geſicht herunterzulaſſen, ſo beugte ich mich vorwärts und hob das Zeitungsblatt auf. Ihre teufliſche Entſchloſſenheit warf mich für einen Augenblick voll⸗ ſtändig zu Boden. Ich mußte erſt nach Faſſung ſchnappen, ehe ich mit ihr wieder reden konnte. „Sind die neuen Nachforſchungen ſo harmlos wie die früheren?“ fragte ich. „Ganz eben ſo harmlos.“ „Was wünſchen Sie, daß ich ermitteln ſoll?“ „Ich wünſche zu wiſſen ob Herr Noel Vanſtone nach dem Begräbniß ſeines Vaters noch in Brigh⸗ ton bleibt.“ „Und wenn nicht?“ „Wenn nicht, ſo muß ich ſeinen neuen Aufent⸗ haltsort wiſſen, derſelbe mag ſein wo er will.“ „Ja. Und was weiter?“ „Ich wünſche daß Sie zunächſt ausfindig machen, ob das ganze Vermögen des Vaters auf den Sohn übergeht.“ Ich begann ihre Abſicht zu durchſchauen. Das Wort Geld war mir Balſam auf das Herz. Ich fühlte mich wieder auf meinem eigenen Grund und Boden. „Noch etwas Anderes?“ fragte ich. „Nur eins noch,“ antwortete ſie.„Vergewiſſern Sie ſich gefälligſt, ob Frau Lecount, die Haushäl⸗ 136 terin, in Herrn Noel Vanſtones Dienſten bleibt oder nicht.“ Ihre Stimme veränderte ſich ein wenig, als ſie den Namen der Frau Lecount ausſprach. Sie iſt augenſcheinlich ſcharfſinnig genug, um bereits Miß⸗ trauen gegen die Haushälterin zu ſchöpfen. „Werden meine Auslagen wie gewöhnlich be⸗ zahlt werden?“ ſagte ich. „Wie gewöhnlich.“ „Wann ſoll ich nach Brighton abreiſen?“ „So bald es Ihnen möglich iſt.“ Sie ſtand auf und verließ das Zimmer. Nach einem augenblicllichen Schwanken entſchied ich mich für die Ausführung des neuen Auftrags. Je ge⸗ heimere Nachforſchungen ich für mein Bäschen an⸗ ſtelle, um ſo ſchwerer ſoll es ihr fallen ſich vom Halſe zu ſchaffen ihren aufrichtigen Horatio Wragge. Mein morgiger Aufbruch nach Brighton läßt ſich nicht mehr verſchieben. Alſo ich reiſe morgen ab. Wenn Herr Noel Vanſtone das Beſitzthum ſeines Vaters erbt, ſo iſt er das einzige menſchliche Weſen mit goldenem Segen, dem es nicht gelingt, mir ein Gefühl ungetrübten Neids einzuflößen. IX. (Junichronik.) 9. Ich kehrte geſtern mit meinen eingezogenen Erkundigungen zurück. Hier ſind ſie; ich habe ſie zu meinem Privatgebrauch für die Zukunft aufgezeichnet. ſtänden Michae gerade ſtorben bei die der jü der äl fügung ihre Se ſcheint ſein, d faſſen. Sachw der ve zu ben Entſchl einzigen Maßen toren i Sie ſt um ſie hingebe vor.( bleibt als ſie Sie iſt Miß⸗ ich be⸗ Nach h mich Je ge⸗ en an⸗ ch vom gragge. äͤßt ſich en ab. ſeines Weſen nir ein ogenen e ſie zu eichnet. 137 Herr Noel Vanſtone verließ geſtern Brighton und bezog zu dem Zweck, Geſchäfte in London zu machen, eines der leerſtehenden Häuſer ſeines ſeligen Vaters an der Vauxhall Promenade in Lambeth. Dieſe ausnahms⸗ weiſe einfache Wahl eines Aufenthaltsortes von Sei⸗ ten eines reichen Herrn führt auf den Gedanken, daß Herr Noel Vanſtone und ſein Geld ſich nicht ſo leicht von einander trennen können. Herr Noel Vanſtone iſt unter nachſtehenden Um⸗ ſtänden in ſeines Vaters Schuhe getreten. Herr Michael Vanſtone ſcheint, merkwürdiger Weiſe genug, gerade ſo wie ſein Bruder Andreas Vanſtone ge⸗ ſtorben zu ſein, nämlich ohne Teſtament. Es waltet bei dieſen zwei Fällen nur der Unterſchied ob, daß der jüngere Bruder einen ungiltigen lezten Willen, der ältere Bruder aber gar keine leztwillige Ver⸗ fügung hinterließ. Die ſtarrköpfigſten Männer haben ihre Schwächen und Herrn Michael Vanſtones Schwäche ſcheint eine unüberwindliche Abneigung geweſen zu ſein, den möglichen Fall ſeines Todes ins Auge zu faſſen. Sein Sohn, ſeine Haushälterin und ſein Sachwalter hatten alle drei immer und immer wie⸗ der verſucht, ihn zur Errichtung eines Teſtamentes zu bewegen, hatten aber niemals ſeinen hartnäckigen Entſchluß zu erſchüttern vermocht, den Vollzug der einzigen Geſchäftshandlung die er nachweislicher Maßen überſehen hatte hinauszuſchieben. Zwei Doc⸗ toren waren bei ſeiner lezten Krankheit gegenwärtig. Sie ſtellten ihm vor, daß er ein zu alter Mann ſei, um ſich der Hoffnung die Krankheit zu überſtehen hingeben zu können. Sie ſtellten es ihm vergebens vor. Er erklärte ſeinen eigenen beſtimmten Entſchluß 138 nicht ſterben zu wollen. Seine lezten Worte auf dieſer Welt(ich habe ſie aus dem Munde der Kran⸗ kenwärterin welche Frau Lecount beiſtand) waren: „Es geht mit jeder Minute beſſer. Schickt alsbald nach der Kaleſche und laßt mich ausfahren!“ In der nämlichen Nacht zeigte es ſich, daß der Senſen⸗ mann der hartnäckigere von ihnen beiden war, und der Sohn, ſein einziges Kind, konnte bloß nach dem gehörigen Lauf des Geſezes das Beſizthum antreten. Kein Menſch zweifelt daß das Reſultat daſſelbe ge⸗ weſen wäre, wenn er eine leztwillige Verfügung hin⸗ terlaſſen hätte. Vater und Sohn ſezten unbedingtes Vertrauen in einander und es war bekannt daß ihre gegenſeitigen Beziehungen ſtets von der freund⸗ lichſten Art geweſen waren. Frau Lecount verbleibt bei Herrn Noel Vanſtone in derſelben dienſtlichen Eigenſchaft als Haushälterin,. wie bei ſeinem Vater, und hat ihn nach dem neuen Aufenthaltsort auf der Vauxrhallpromenade begleitet. Es iſt von männiglich anerkannt daß ſie bei der Wendung, welche die Dinge genommen, einen ſchlech⸗ ten geraucht habe. Wenn Herr Michael Vanſtone ein Teſtament gemacht hätte, ſo würde ſie ohne Zweifel ein anſtändiges Legat erhalten haben. Jezt hängt ſie von Herrn Noel Vanſtones Dankbarkeits⸗ gefühl ab, und es iſt keineswegs wahrſcheinlich, ich bilde mir das wohl ein, daß ſie daſſelbe einſchlum⸗ mern laſſen wird, ohne ihm zu rechter Zeit einen ſanften Stoß zu verſezen. Ob die künftigen Pläne meines hübſchen Bäschens in dieſer Richtung auf unheilvolle Rache oder auf Geld abzielen, iſt mehr als ich zur Zeit ſagen kann. Auf jeden Fall will ich ihr count g So gegenwͤ wie Fr aufnahn gegen n nichts o Ein klus einen N ein für des Ma Kein Wort n Aufenth Sehr gr ken eine ſie ſich gerade: gegen ei nats an 23. Offenba⸗ Marken mich ſell 22., Antwort 25. gedienten Kriegslij bekomme auf Kran⸗ aren: sbald In enſen⸗ „ und h dem reten. be ge⸗ g hin⸗ ingtes t daß reund⸗ nſtone Uterin, neuen gleitet. dei der ſchlech⸗ inſtone ohne . Jezt arkeits⸗ ch, ich ſchlum⸗ einen Pläne ng auf t mehr all will 139 ich ihr unbedenklich vorherſagen, daß ihr Frau Le⸗ count gewaltig zu ſchaffen machen wird. So viel zu meiner eigenen Belehrung über die gegenwärtige Lage der Dinge. Die Art und Weiſe, wie Fräulein Vanſtone meine Auskundſchaftungen aufnahm, zeugte von dem undankbarſten Mißtrauen gegen mich. Sie vertraute meinem einſamen Ohre nichts als den Ausdruck ihres beſten Dankes an. Ein kluges, ein verteufelt kluges Mädchen! Aber einen Mann bei der Naſe herum zu führen, das iſt ein für alle Mal zu viel, beſonders wenn der Name des Mannes zufällig Wragge heißt. Kein Wort mehr von den Vorſtellungen, kein Wort mehr davon, ob wir unſern gegenwärtigen Aufenthalt aufgeben und anderswohin ziehen wollen. Sehr gut. Meine rechte Hand geht mit meiner lin⸗ ken eine Wette ein. Zehn gegen eins darauf daß ſie ſich mit dem Sohne in Verbindung ſezen wird, gerade wie ſie es mit dem Vater gethan hat. Zehn gegen eins darauf daß ſie noch vor Ablauf des Mo⸗ nats an Herrn Noel Vanſtone ſchreibt. 23. Sie hat mit der heutigen Poſt geſchrieben. Offenbar ein langer Brief, denn ſie drückte zwei Marken auf den Umſchlag.(Privatbemerkung für mich ſelbſt: die Antwort abfangen.) 22., 23., 24. Privatbemerkung wiederholt: die Antwort abfangen. 25.— Die Antwort iſt gekommen. Als ein aus⸗ gedienter Milizmann habe ich mich natürlich einer Kriegsliſt bedient, um den Brief in meine Hände zu bekommen. Der Erfolg, welcher jede kluge Ausdauer belohnt, hat auch mich belohnt, und ich habe dem⸗ nach den Brief in meine Hände bekommen. Der Brief iſt nicht von Noel Vanſtone, ſondern von Frau Lecount geſchrieben. Sie fußt auf ab⸗ ſolut moraliſchem Boden in einem Tone ſpöttiſcher Höflichkeit. Herrn Noel Vanſtones ſchwächliche Ge⸗ ſundheit und friſcher Verluſt halten ihn ab ſelbſt zu ſchreiben. Alle weitern Briefe von Fräulein Van⸗ ſtone werden unerbrochen zurückgeſchickt werden. Jede perſönliche Annäherung wird die Anrufung des ge⸗ richtlichen Schuzes herbeiführen. Herr Noel Van⸗ ſtone, welcher von ſeinem verſtorbenen, tief betrauer⸗ ten Vater ausdrücklich vor Fräulein Magdalene Vanſtone gewarnt worden ſei, habe dieſe Warnung ſeines Vaters noch nicht vergeſſen. Betrachte es als einen auf das ehrenwerthe Andenken des beſten aller Männer geworfenen Mackel, wenn man annehmen wollte, ſeine Handlungsweiſe könnte eine andere als die von ſeinem Vater verfolgte ſein. Dieß ſei das⸗ jenige was er ſelbſt der Frau Lecount zu ſchreiben befohlen habe. Sie ihrerſeits habe ſich bemüht ſich der verſöhnlichſten Ausdrücke zu bedienen, die ſie nur wählen konnte; ſie habe es verſucht(in Berück⸗ ſichtigung der Höflichkeitsformen) Fräulein Vanſtone keinen unnöthigen Seelenſchmerz dadurch zu verur⸗ ſachen daß ſie dieſelbe mit dem Familiennamen an⸗ redete; und ſie hoffe endlich zuverſichtlich, daß dieſe Zugeſtändniſſe welche für ſich ſelber ſprächen, nicht als weggeworfen ſich erwieſen(dieß iſt der Kern des Briefes und dieß ſein Schluß). Ich ziehe aus dieſem kleinen Document zwei Fol⸗ gerungen. Fürs Erſte, daß dieß zu ernſtlichem Un⸗ heil fül troz al mit we ich ſähe jezt ſeh 29. laſſen. tiſchen zum Te lezte N es denl in dieſe ſchreibe Laf bieten Aber d muß di Die erhielt bezüglie verſchaf wäre, d verfolge wie zur „dießme ſind No und ich Da ich Entſchlu nahm i Gegenſt ruhe je de dem⸗ ſondern auf ab⸗ öttiſcher che Ge⸗ elbſt zu n Van⸗ u. Jede des ge⸗ 2l Van⸗ etrauer⸗ agdalene Larnung e es als ſten aller nnehmen dere als ſei das⸗ ſchreiben nüht ſich die ſie Berück Vanſtone u verur⸗ amen an⸗ daß dieſe en, nicht Kern des zwei Fol⸗ chem Un⸗ 141 heil führen wird, und fürs Zweite, daß Frau Lecount troz all ihrer Höflichkeit eine gefährliche Perſon iſt, mit welcher man nicht gut Brod ißt. Ich wünſchte, ich ſähe meinen Weg glatt und eben vor mir. Bis jezt ſehe ich ihn noch nicht ſo. 29. Fräulein Vanſtone hat meinen Schuz ver⸗ laſſen. Die ganze gewinnreiche Zukunft der drama⸗ tiſchen Darſtellungen iſt für mich wie für ſie ſelber zum Teufel gegangen. Ich bin beſchwindelt, ich, der lezte Mann unter Gottes freiem Himmel, von dem es denkbarer Weiſe erwartet werden konnte, daß er in dieſen beſchimpfenden Ausdrücken von ſich ſelber ſchreiben würde— ich bin beſchwindelt! Laßt mich die Ereigniſſe niederſchreiben. Sie bieten mir zwar nur wenig tröſtliche Ausſichten dar. Aber das Naturell des Mannes überwiegt. Ich muß die Ereigniſſe ſchwarz auf weiß vor mir haben. Die Ankündigung ihrer bevorſtehenden Abreiſe erhielt ich geſtern. Nach einigen höflichen Phraſen bezüglich der Ermittelungen, die ich ihr zu Brighton verſchafft hatte, gab ſie zu verſtehen daß es nöthig wäre, die Nachforſchungen noch ein wenig weiter zu verfolgen. Ich erbot mich augenblicklich, dieſelben wie zuvor über mich zu nehmen.„Nein,“ ſagte ſie; „dießmal ſind dieſelben nicht auf Ihrem Wege. Es ſind Nachforſch chungen die ſich auf ein Weib beziehen, und ich gedenke ſie in eigener Perſon anzuſtellen.“ Da ich mich heimlich überzeugt fühlte daß dieſer neue Entſchluß ſchnurſtracks auf Frau Lecount abzielte, nahm ich mir einige unſchuldige Fragen über dieſen Gegenſtand heraus. Sie lehnte mit aller Gemüths⸗ ruhe jede Antwort darauf ab. Ich fragte dann, wann ſie abzureiſen beabſichtige. Sie wollte dieß am Achtundzwanzigſten thun. Nach welchem Be⸗ ſtimmungsort? London. Auf lange? Wahrſchein⸗ lich nicht. Ganz allein? Nein. Mit mir? Nein. Mit wem denn? Mit Frau Wragge, wenn ich nichts dagegen einzuwenden hätte. Lieber Himmel! zu welchem möglichen Zweck denn? Zu dem Zweck eine anſtändige Wohnung zu bekommen, was ſie ſchwer⸗ lich zu erreichen hoffen dürfte, wenn ſie nicht von einer ältern Freundin begleitet wäre. Und ich, ſollte ich, in meiner Eigenſchaft als älterer Freund, in die⸗ ſer Angelegenheit ganz aus dem Spiele gelaſſen werden? Das kann im Augenblick nicht beantwor⸗ tet werden. Sollte ich ihr nicht einmal Briefe nach⸗ ſchicken welche für ſie unter unſerer gegenwärtigen Adreſſe ankommen würden? Nein; ſie wollte auf dem Poſtamt ſchon ſelbſt anordnende Schritte thun, und ſie möchte mich zu gleicher Zeit um eine Adreſſe angehen, unter der ich einen Brief von ihr erhalten könnte, im Falle die Nothwendigkeit einer künftigen Correſpondenz einträte. Weitere Fragen wären nach dieſer lezten Antwort pure Zritverſchwendung gewe⸗ ſen. Ich ſparte meine Zeit, indem ich keine weitern Fragen mehr ſtellte. Es war mir klar daß unſere gegenwärtige Stel⸗ lung gegen einander die nämliche war, wie vor Michael Vanſtones ereignißvollem Tode. Ich kehrte wie früher zu meiner Wahl von Alternativen zurück. Welchen Weg wieſen mir meine eigenen Intereſſen? Etwa den, auf den Zufall zu rechnen daß ſie meiner wieder bedürfen könnte? Oder den, ihr mit der Dazwiſchenkunft ihrer Anverwandten und Freunde zu di mittel zwiſch zwiſch native den 2 einmn D ter n von? iſt ein nützun von i indire mittel in Be darein ſelbſt lichkei mir ft ſchwas Frau ganz hielt alsbal den C buch der e und ſ in ein bin 1 Anfeu lte dieß em Be⸗ hrſchein⸗ Nein. ch nichts nel! zu beck eine ſchwer⸗ icht von ch, ſollte , in die⸗ gelaſſen eantwor⸗ efe nach⸗ wärtigen ollte auf tte thun, e Adreſſe erhalten künftigen iren nach ng gewe⸗ e weitern tige Stel⸗ wie vor Ich kehrte en zurück. ntereſſen? ſie meiner mit der Freunde 143 zu drohen? Oder den, die Nachrichten die ich er⸗ mittelt hatte als einen profitabeln Geſchäftszweig zwiſchen dem reichen Sprößling der Familie und zwiſchen mir zu benützen? Die lezte der drei Alter⸗ nativen war diejenige welcher ich bereits beim Vater den Vorzug gegeben hatte. Ich entſchied mich noch einmul für ſie bei dem Sohne. Der Bahnzug fuhr nahezu vier Stunden ſpä⸗ ter nach London ab und führte ſie fort, begleitet von Frau Wragge. Mein Weib, die arme Seele, iſt ein weit zu großer Schwachkopf, als daß die Be⸗ nützung ihrer Thätigkeit in der gegenwärtigen Lage von irgend einem Werthe wäre; aber ſie wird mir indirecten Nutzen dadurch bringen, daß ſie das Binde⸗ mittel zwiſchen mir und Fräulein Vanſtone iſt; und in Berückſichtigung dieſes Umſtandes füge ich mich darein, meine Hoſen ſelbſt zu bürſten, meinen Bart ſelbſt wegzumachen und mich den übrigen Unannehm⸗ lichkeiten zu unterwerfen, welche die Selbſtbedienung mir für einige Zeit verurſachen wird. Die wenigen ſchwachen Funken von Verſtand, welche früher in Frau Wragges Kopf noch glimmten, ſcheinen jetzt ganz erloſchen zu ſein. Als ſie die Erlaubniß er⸗ hielt mit nach London zu gehen, beehrte ſie uns alsbald mit zwei Fragen: Könnte ſie wohl im La⸗ den Etwas kaufen? und: Dürfte ſie wohl das Koch⸗ buch zurücklaſſen? Fräulein Vanſtone ſagte Ja zu der einen Frage, und ich ſagte Ja zu der andern, und ſeit dieſem Augenblick befindet ſich Frau Wragge in einem Zuſtand ununterbrochenen Lachens. Ich bin noch heiſer von dem Schreien, welches ich als Anfeuerungsmittel wiederholt vergeblich angewendet 144 hatte, und ich verließ ſie im Eiſenbahnwagen zu meinem unausſprechlichen Aerger mit hinabgetretenen Schuhen. Unter gewöhnlichen Verhältniſſen würden dieſe abgeſchmackten Einzelnheiten ſich nicht meinem Gedächtniß eingeprägt haben, aber wie die Ange⸗ legenheiten wirklich ſtehen, wird meines unglücklichen Weibes Geiſtesſchwäche Folgen herbeiführen, die kei⸗ nes von uns vorausſieht. Sie iſt nichts weiter als ein erwachſenes Kind, und ich kann deutlich bemerken daß ihr gerade aus dieſem Grunde Fräu⸗ lein Vanſtone mehr Vertrauen ſchenkt, als ſie einem ſcharfſinnigen Weibe ſchenken würde. Ich kenne kleine dicke Kinder vielleicht noch beſſer, als mein hübſches Bäschen ſie kennt, und ich rathe, man nehme ſich vor jeder Form menſchlicher Unſchuld in Acht, wenn es zufällig das Intereſſe erfordert ein Geheimniß zu be⸗ wahren.“ Doch laßt mich zum Geſchäftlichen zurückkehren. Da ſitze ich nun, um zwei Uhr an einem heitern Sommernachmittag, ganz allein, um mir die ſicherſte Art und Weiſe zu überlegen wie ich mich in meinem Intereſſe am beſten Herrn Noel Vanſtone nähern kann. Mein heimlicher Verdacht, daß er einen filzigen Character beſize, wirkt auf mich nicht entmuthigend. Ich habe früher von Leuten, die ihr Geld ganz eben ſo innig liebten wie er, ganz erfreuliche Geldbezüge gemacht. Das wirkliche Hinderniß, das aus dem Wege geſchafft werden muß, iſt Frau Lecount. Wenn ich mich nicht im Irrthum befinde, ſo verdient ſie eine gewiſſe ernſtliche Aufmerkſamkeit von meiner Seite. Ich will für heute meine Chronik ſchließen und Frau Lecount die gebührende Rückſicht ſchenken. . T eine über N lebte den i Dame da di einen und e gehein Gepãt taten meine Schlö fand lein T Der Der d men, dramo beſtim würdit deckun Beneh Col gen zu retenen würden neinem Ange⸗ icklichen die kei⸗ weiter deutlich e Fräu⸗ einem te kleine hübſches ſich vor benn es 8 3 zu be⸗ ckehren. heitern ſicherſte meinem rn kann. filzigen thigend. unz eben ldbezüge aus dem t. Wenn dient ſie meiner ſchließen ſchenken. 145 Drei Uhr. Ich öffne dieſe Seiten wieder, um eine Entdeckung zu regiſtriren die mich ausnehmend überraſchte. Nachdem ich den lezten Eintrag vollendet hatte, lebte ein Umſtand wieder in meinem Gedächtniß auf den ich bemerkt hatte, als ich dieſen Morgen die Damen auf den Bahnhof begleitete. Ich machte da die Wahrnehmung, daß Fräulein Vanſtone nur einen von ihren drei Koffern mitgenommen hatte, und es drängte ſich mir der Gedanke auf, daß eine geheime Unterſuchung des von ihr zurückgelaſſenen Gepäckes möglicher Weiſe von vortheilhaften Reſul⸗ taten ſein könnte. Da ich in gewiſſen Perioden meines Lebens freundſchaftliche Studien mit fremden Schlöſſern zu betreiben gewohnt geweſen war, ſo fand ich keine Schwierigkeit darin, mich mit Fräu⸗ lein Vanſtones Koffern auf vertrauten Fuß zu ſezen. Der eine von den beiden bot nichts von Intereſſe. Der andere, welcher zur Aufbewahrung von Coſtü⸗ men, Toilettengegenſtänden und andern bei den dramatiſchen Vorſtellungen erforderlichen Requiſiten beſtimmt war, erwies ſich einer genauen Unterſuchung würdiger; er leitete mich ſchnurſtracks auf die Ent⸗ deckung eines Geheimniſſes der Eigenthümerin. Ich fand alle Anzüge in dem Koffer vollſtändig, nur mit einer einzigen auffallenden Ausnahme; dieſe Ausnahme war der Anzug der alten nordeng⸗ liſchen Dame, der Characterrolle nämlich von der ich ſchon erwähnt habe daß ſie die beſte von den Darſtellungen meiner Schülerin und in Stimme und Benehmen nach ihrer alten Gouvernante, Fräulein Collins, Namenlos. II. 10 146 Garth, modellirt ſei. Die Perrücke, die Augenbrauen, der Hut und Schleier, der Mantel, inwendig wat⸗ tirt, um Nacken und Schultern zu entſtellen, das Schminkbüchschen und die übrigen cosmetiſchen Gegenſtände, deren ſie ſich zur Altmachung ihres Geſichtes und Veränderung ihrer Farbe bediente, Alles war fort. Nichts als das Kleid war zurückge⸗ blieben, ein mit Blumen übertrieben beſeztes Seiden⸗ kleid, das zwar für dramatiſche Zwecke ganz brauch⸗ bar, aber in Farbe und Muſter zu auffallend war, um eine Beſichtigung bei Tageslicht ertragen zu können. Die andern Stücke des Anzugs ſind ruhig genug, um eine Muſterung zu paſſiren; der Hut und Schleier ſind blaß altmodiſch und der Mantel iſt von dunkelgrauer Farbe. Aber aus einer ſolchen Entdeckung wie dieſe kann ein klarer Schluß gezogen werden. So gewiß als ich hier ſize iſt ſie im- Be⸗ griffe, den Feldzug gegen Noel Vanſtone und Frau Lecount in einer Verkleidung zu eröffnen, bei wel⸗ cher für keine dieſer zwei Perſonen ein denkbarer Grund vorliegt, anfänglich einen Verdacht zu ſchöpfen, nämlich in der Verkleidung des Fräuleins Garth. Welchen Weg habe ich unter dieſen Umſtänden einzuſchlagen? Da ich hinter ihr Geheimniß gekom⸗ men bin, was ſoll ich damit beginnen? Dieß ſind äußerſt wichtige Erwägungen. Ich bin wirklich in Verlegenheit wie ich mich dabei verhalten ſoll. Was mir die gegenwärtige peinliche Unruhe ver⸗ urſacht, das iſt etwas mehr als die bloße Thatſache, daß ſie dieſe Verkleidung wählte um ans Ziel ihrer geheimen Zwecke zu kommen. Hundert von Mäd⸗ chen haben die Grille ſich zu verkleiden, und hundert von in d ſchül fache Sie hinaꝛ und nache darzu nem iſt ſo eigen zur welch daß Abſie förde den ziel jedes welch neu; dere Dieß reichl ſchen nehm eher mit d hatte ihr ſind rauen, g wat⸗ 1, das etiſchen g ihres diente, rrückge⸗ Seiden⸗ brauch⸗ id war, gen zu d ruhig dut und untel iſt ſolchen gezogen im-Be⸗ nd Frau bei wel⸗ enkbarer ſchöpfen, Garth. nſtänden z gekom⸗ dieß ſind irklich in oll. ruhe ver⸗ Thatſache, ziel ihrer on Mäd⸗ d hundert 147 von Beiſpielen kann man Jahr aus Jahr ein in den Zeitungsblättern leſen. Allein meine Ex⸗ ſchülerin iſt nicht einen Augenblick mit den mannig⸗ fachen Abenteuerinnen der Zeitungen zu verwechſeln. Sie iſt fähig eine lange Strecke über die Grenze hinauszuſchreiten, indem ſie ſich als Mann verkleidet und die Stimme und das Benehmen eines Mannes nachahmt. Sie hat eine natürliche Anlage, Charactere darzuſtellen, die ich in gleichem Maße noch bei kei⸗ nem andern Frauenzimmer gefunden habe, und ſie iſt ſo lange damit öffentlich aufgetreten, bis ſie ihre eigene Kraft gefühlt und ihr Verkleidungstalent bis zur höchſten Stufe ausgebildet hat. Ein Mädchen, welches die ſcharfſinnigſten Perſonen damit überraſcht, daß es eine Eigenſchaft, wie die berührte, in der Abſicht benüzt, die Zwecke ihres Privatlebens zu fördern; ein Mädchen, welches dieſe Eigenſchaft durch den Entſchluß erhöht, ſich die Bahn zu ſeinem End⸗ ziel ſelbſt zu ebnen und bis zu dieſer Stunde jedes Hinderniß beſiegt hat: das iſt ein Mädchen, welches ein Experiment der Ueberliſtung verſucht, neu und gefährlich genug, um auf die eine oder an⸗ dere Weiſe ſehr ernſthafte Folgen herbeizuführen. Dieß iſt meine Ueberzeugung, gegründet auf eine reichliche Erfahrung in der Kunſt, die armen Men⸗ ſchentinder zu hintergehen. Ich ſage von dem Unter⸗ nehmen meines ſchönen Bäschens, was ich nicht eher darüber gedacht oder geſagt habe, als bis ich mit dem Inhalt ihres Koffers Bekanntſchaft gemacht hatte. Die Ausſichten, ob ſie in dem Kampf um ihr verlorenes Vermögen ſiegen wird oder nicht, ſind ſo gleichmäßig abgewogen, daß ich ums Leben nicht vorher ſehen kann wohin die Wagſchale neigt. Alles was ich zu beurtheilen vermag iſt, daß es ſich mit verdammter Gewißheit auf die eine oder die andere Weiſe an dem Tage entſcheiden wird, wo ſie verkleidet Noel Vanſtones Thürſchwelle betritt. (Welchen Weg weiſen mir meine Intereſſen jezt an? Auf meine Ehre, ich weiß es nicht.) Fünf Uhr. Ich habe einen meiſterhaften Com⸗ promiß zu Stande gebracht. Ich habe mich ent⸗ ſchloſſen auf beiden Achſeln Waſſer zu tragen. Mit der heutigen Poſt habe ich einen anonymen Brief an Herrn Noel Vanſtone nach London abge⸗ ſendet. Derſelbe wird auf dieſelbe Weiſe den Ort ſeiner Beſtimmung erreichen, deren ich mich erfolg⸗ reich bediente um Herrn Pendril zu myſtificiren, und er wird die Vauxhallpromenade in Lambeth ſpäte⸗ ſtens morgen Nachmittag erreichen. Der Brief iſt kurz und hat nachſtehenden Zweck. Er benachrichtigt Herrn Noel Vanſtone in den be⸗ unruhigendſten Redensarten, daß er zum Opfer einer Verſchwörung auserſehen und daß die Haupträdels⸗ führerin eine junge Dame ſei, die bereits mit ihm und ſeinem Vater in brieflichem Verkehr geſtanden habe. Er bietet ihm den erforderlichen Nachweis Behufs der Sicherſtellung ſeiner eigenen Perſon an, unter der Bedingung daß er den Schreiber für die perſönliche Gefahr entſchädige, welche eine ſolche Ent⸗ hüllung herbeiführen könnte. Und er ſchließt mit der Beſtimmung, daß die Antwort in die Times ein⸗ gerückt und mit der Adreſſe verſehen werde:„Ein unbekguͤnter Freund;“ ferner ſoll ſie deutlich ange⸗ ben welche Belohnung Herr Noel Vanſtone für den unſch in V T in de in di wärti die lohnu feind! läufer Herr in eit hier chen ihr u ausko einen veräc ich al ken 3 Perſo forſch Geſch legt, inden genhe auf ü es w haſche Ruhe ſcher neigt. es ſich er die wo ſie en jezt Com⸗ ch ent⸗ nymen abge⸗ en Ort erfolg⸗ n, und ) ſpäte⸗ Zweck. den be⸗ er einer trädels⸗ mit ihm eſtanden tachweis Lſon an, für die che Ent⸗ ießt mit nes ein⸗ .:„Ein ſch ange⸗ für den 149 unſchäzbaren Dienſt biete den ihm zu leiſten man in Vorſchlag brachte. Wenn nicht irgend eine unerwartete Verwicklung in den Weg tritt, verſezt mich dieſer Brief gerade in die Lage die ich in Rückſicht auf meine gegen⸗ wärtigen Intereſſen einzunehmen wünſche. Wenn die Anzeige erſcheint und wenn die gebotene Be⸗ lohnung groß genug iſt, um ein Uebergehen in’'s feindliche Lager zu rechtfertigen, ſo werde ich Ueber⸗ läufer. Wenn die Anzeige nicht erſcheint oder wenn Herr Noel Vanſtone meinen unſchäzbaren Beiſtand in einer zu niedrigen Ziffer berechnet, ſo bleibe ich hier und erwarte die Zeit, wo mein ſchönes Bäs⸗ chen mich wieder braucht, oder bis ich ſelbſt mich ihr wieder nöthig mache, was auf das Gleiche her⸗ auskommt. Wenn der anonyme Brief durch irgend einen Zufall in ihre Hände geräth, ſo wird ſie darin verächtliche Anſpielungen auf mich ſelbſt finden, welche ich abſichtlich einfließen ließ, um ſie auf den Gedan⸗ ken zu bringen daß der Schreiber eine von jenen Perſonen ſei, an die ich mich bei Anſtellung der Nach⸗ forſchungen wenden mußte. Wenn Frau Lecount das Geſchäft in die Hand nimmt und mir eine Schlinge legt, ſo lehne ich ihre verführeriſche Einladung ab, indem ich mich für ganz unwiſſend in der Angele⸗ genheit ausgebe, ſobald eine zweite Perſon darin auf die Scene tritt. Mag es zu Ende gehen wie es will, ich bin da, um ein Profitchen dabei zu er⸗ haſchen, indem ich beide Wege mit vollkommener Ruhe und Sicherheit in's Auge faſſe— ein morali⸗ ſcher Landwirth, der ſeinen Blick auf zwei Ernten 1⁵5⁰ auf einmal richtet und ſeine Schwindlerſichel für jeden Fall in Bereitſchaft hält. In der nächſtfolgenden Woche wird die Zeitung für mich mehr Intereſſe haben denn jemals. Ich bin neugierig für welchen Theil ich eintretenden Falls Parthie nehmen werde. 2 dem ſchofs ner archit den merſt dieſer rinth Theit nächf bräu mals kann 4 die Bevi el für ſeitung &△ Ich Dritte Scene. Vauxhallpromenade in Lambeth. Erſtes Capitel. Der alte erzbiſchöfliche Palaſt zu Lambeth an dem ſüdlichen Ufer der Themſe— mit ſeiner Bi⸗ ſchofspromenade und ſeinem Biſchofsgarten, mit ſei⸗ ner Terraſſe vornen gegen den Fluß zu, iſt eine architectoniſche Reliquie des früheren London, die den Liebhabern des Pittoresken in der heutigen Krä⸗ merſtadt London werth und theuer iſt. Südlich von dieſem ehrwürdigen Gebäude liegt das Straßenlaby⸗ rinth von Lambeth und faſt in der Mitte jenes Theils der ſich kreuzenden Häuſermaſſen, der zu⸗ nächſt am Fluſſe ſich hinzieht, läuft die rauchge⸗ bräunte Doppelreihe von Häuſern, die jezt wie ehe⸗ mals unter dem Namen Vauxrhallpromenade be⸗ kannt iſt. Das Nezwerk der düſtern Straßen, das ſich über die umgebende Nachbarſchaft erſtreckt, enthält eine Bevölkerung die größtentheils der ärmeren Claſſe 1⁵² angehört. In den Durchgängen, wo ſich zahlreiche Läden befinden, zeigt ſich auf dem ſchmuzigen Pfla⸗ ſter rückſichtslos der eckelige Kampf mit der Armuth, ſammelt ſeine Kräfte die Woche hindurch, ſchwillt Sonnabend Nachts zu einem Tumult an und ſieht den Morgen des Sonntags bei einem trüben Gas⸗ licht.. Unglückliche Weiber, deren Geſichter niemals lächeln, kommen in die Mezgerläden in ſolchen Thei⸗ len Londons wie dieſe, die Ueberreſte der Wochen⸗ löhne ihrer Männer welche in den Kneipen nicht verpraßt wurden feſt mit ihrer Hand umſpannend, mit Augen die das Fleiſch verſchlingen, welches ſie nicht zu kaufen ſich getrauen, mit gierigen Fingern welche es lüſtern berühren, etwa wie die Finger ihrer reichen Schweſtern einen Edelſtein anrühren. In dieſem Bezirk, wie in noch andern Bezirken der Hauptſtadt, lungert der häßliche Londoner Vagabund, mit dem Straßenkoth in ſeiner Sprache, mit dem Straßenſtaub auf ſeinen Kleidern, griesgrämiſch und roh darein blickend, an der Straßenecke und vor den Thüren der Branntweinkneipen, der öffentliche Schand⸗ fleck ſeines Landes, der unbeachtete Vorbote bevor⸗ ſtehender ſocialer Umwälzungen. Hier ſtößt die laute Selbſtanmaßung des modernen Fortſchritts, der ſo viel in den Sitten umgeformt und ſo wenig an den Menſchen geändert hat, auf den abſoluten Wider⸗ ſtand, der ihre Anſprüche nach allen vier Winden zerſtreut. Hier, wo der nationale Wohlſtand wie ein zweiter Belſazar an dem Schauſpiel ſeiner eigenen Pracht und Herrlichkeit ſich vergnügt, ſteht die Schrift an der Wand geſchrieben welche dem Alleinherrſcher gewinn und be würdig mangel Promer vereinze ſind die der ſtä wirkt n wird n kaufen. Stille und Ca promen Bettſte Wagen um die det ma Seitenſ erleucht die W befinder ley ein Method lichen überraf Stelle liebliche lreiche Pfla⸗ muth, chillt ſieht Gas⸗ iemals i Thei⸗ Zochen⸗ nicht nnend, hes ſie fingern Finger rühren. ken der abund, it dem ſch und vor den Schand⸗ bevor⸗ ie laute der ſo an den Wider⸗ Winden wie ein eigenen Schrift herrſcher 153 Geld mit warnender Stimme zuruft, daß ſein Ruhm in der Wage gewogen und ſeine Macht zu leicht be⸗ funden worden iſt. In einer ſolchen Nachbarſchaft wie dieſe liegend, gewinnt die Vauxhallpromenade bei einer Vergleichung und begründet Anſprüche auf eine gewiſſe Achtungs⸗ würdigkeit welche kein unparteiiſcher Beobachter er⸗ mangeln wird anzuerkennen. Ein großer Theil der Promenade beſteht noch in Wohnhäuſern. An den vereinzelten Lagen, wo Läden zum Vorſchein kommen, ſind dieſe Läden nicht belagert von den Pöbelmaſſen der ſtärker bevölkerten Durchgänge. Der Verkehr wirkt nicht ſtörend und das conſumirende Publicum wird nicht beſtürmt durch kreiſchende Einladungen zu kaufen. Vogelfreunde haben ſich die geiſtesverwandte Stille der Scene ausgeſucht, und Tauben girren und Canarienvögel zwitſchern nun auf der Vauxhall⸗ promenade. Wagen und Kutſchen aus zweiter Hand, Bettſtellen von einem gewiſſen Alter, vereinzelte Wagenräder für ſolche die eben nur eines bedürfen, um die gehörige Anzahl zu ergänzen, Alles das fin⸗ det man hier in einer und derſelben Niederlage. Ein Seitenſtrom der großen Gasfluth welche London erleuchtet gibt den Tribut ſeiner Lichtquellen an die Werkſtätten ab die ſich in dieſem Stadttheil befinden. Hier haben die Anhänger von John Wes⸗ ley einen Tempel errichtet, der vor der Periode der Methodiſtenbekehrung zu den Principien der kirch⸗ lichen Baukunſt erbaut wurde. Und hier— der überraſchendſte Gegenſtand von allen— an der Stelle wo einſt Tauſende von Lichtern ſtrahlten, wo liebliche Muſikklänge die ganze Nacht bis zum Mor⸗ ſchöne und faſhionable ſte gab und tanzte, urchtbare Wildniß ene todte Leib der Vauxhallgärten, die unter freiem gen ertönten, wo Londons Welt ein Jahrhundert hindurch Fe breitet ſich heut zu Tage eine f von Koth und Schutt aus, der verlaſſ dem Capitän Wragge ſeine einer Chronik der Begeben⸗ Frau an dem Fenſter hallpromenade und e ein bedrucktes Papier, das anzuzeigen, daß Zimmer zu Zimmer beſtanden aus zwei Stock. Sie waren juſt auf amen gemiethet worden, welche Dieſe zwei Damen Am ſelben Tage, a lezte Aufzeichnung in ſ heiten vollendete, erſchien eine eines der Häuſer an entfernte von dem Glaſ daran angeklebt war um vermiethen wären. Gemächern im erſten eine Woche von zwei D zum Voraus bezahlt hatten. waren Magdalene und Frau Wragge. Sobald die Beſizerin des Hauſes das Zimmer hatte, trat Magdalene an das Fenſter und hinaus nach der gegenüber liegen⸗ Dieſe machten in Bezug auf Um⸗ ches Anſehen größere Anſprüche als die übrigen Häuſer der Promenade. der Erbauung war an einem derſelbe ben und wies das Jahr 1759 nach. etwas rückwärts von dem Straßenpflaſter und waren durch kleine Streifen von Gärtchen davon getrennt. in Verbindung mit der d den entgegengeſezten klei⸗ Magdalene unmöglich die den Thüren zu erkennen, oder von einer ſchaute vorſichtig den Häuſerreihe. fang und äußerli Dieſe eigenthümliche L Breite des Fahrweges un Perſon terſcheid und F Augen das fa das ſie nung b von N wurde. Nas Minute lich in obachte ſchafter Vor Grund an den Reihen führeriſ Kaufler des Lo hereing „Ich h Frau? Circulé Lage f iſt leick ſind al morgen Bleiſtif den do brauche ionable tanzte, Wildniß dte Leib nel ver⸗ ge ſeine Zegeben⸗ Fenſter ade und ſier, das mmer zu aus zwei juſt auf n, welche Damen Zimmer iſter und er liegen⸗ auf Um⸗ rüche als 3 Datum ngeſchrie⸗ e ſtanden nd waren getrennt. g mit der ezten klei⸗ öglich die von einer 15⁵⁵ Perſon die zufällig an die Fenſter kam mehr zu un⸗ terſcheiden als die allgemeinen Umriſſe der Kleidung und Figur. Nichtsdeſtoweniger ſtand ſie da, ihre Augen ſorglich auf ein Haus in der Reihe heftend, das faſt dem ihrigen gegenüber lag— das Haus das ſie ſich ſchon beſchaut hatte, ehe ſie die Woh⸗ nung betreten, das Haus das in dieſem Augenblicke von Noel Vanſtone und Frau Lecount bewohnt wurde. Nachdem ſie in tiefem Stillſchweigen etwa zehn Minuten oder mehr Wache geſtanden, blickte ſie plöz⸗ lich in das Zimmer zurück, um die Wirkung zu be⸗ obachten welche ihr Benehmen auf ihre Reiſegeſell⸗ ſchafterin hervorgebracht haben mochte. Von dieſer Seite zeigte ſich nicht der geringſte Grund zu Beſorgniſſen. Frau Wragge hatte ſich an den Tiſch geſezt und mit dem Ordnen ganzer Reihen von ſchlauen Kaufmannscirculären und ver⸗ führeriſchen Preisliſten, welche von ankündigenden Kaufleuten in Umlauf geſezt und bei dem Verlaſſen des Londoner Bahnhofs durch ihr Kutſchenfenſter hereingeworfen worden waren, vollauf zu ſchaffen. „Ich habe oft von leichtem Leſen reden hören,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie unaufhörlich die Lage der Circuläre veränderte, ſo wie ein Kind raſtlos die Lage friſch erhaltener Spielſachen verändert.„Hier iſt leichtes Leſen, gedruckt in ſaubern Farben. Hier ſind all die Sachen die ich kaufen werde, wenn ich morgen in die Läden gehe. Leihen Sie mir einen Bleiſtift, wenn Sie ſo gut ſein wollen— Sie wer⸗ den doch nicht böſe auf mich, nicht wahr?— ich brauche einen, um mir die Sachen anzuſtreichen”“ 15⁵6 Sie ſah zu Magdalene auf, indem ſie freudenvoll ob ihrer veränderten Umſtände kicherte und mit un⸗ verholenem Wohlgefallen ihre großen Hände auf den Tiſch ſchlug.„Kein Kochbuch!“ rief Frau Wragge. „Kein Schwirren in meinem Kopfe! Keinen Ca⸗ pitän morgen zu raſiren! Ich habe Alles hinunter⸗ getreten; mein Hut hängt auf eine Seite, und Nie⸗ mand ſchreit mich deßwegen an. So wahr mein Herz ſchlägt, hier habe ich bloß Feſttag und keine Täuſchung“ Ihre Hände begannen wieder lauter als zuvor auf dem Tiſch zu trommeln, bis Magda⸗ lene ihr einen Bleiſtift reichte und ſie dadurch zur Ruhe brachte. Frau Wragge fand auf der Stelle ihre Würde wieder, ſtüzte ihre Ellenbogen viereckig auf den Tiſch und wiegte ſich für den Reſt des Abends in ſüße Träume vom Einkaufen. Magdalene kehrte an das Fenſter zurück. Sie nahm einen Stuhl, ſezte ſich hinter dem Vorhang nieder und richtete ihre Augen noch einmal beharr⸗ lich auf das gegenüber liegende Haus. Die Vorhänge waren über die Fenſter des erſten und zweiten Stockes heruntergezogen. Das Fenſter des Parterrezimmers war unverhüllt und theilweiſe offen, aber kein lebendiges Geſchöpf kam demſelben nahe. Thüren öffneten ſich, Leute kamen und gingen in den Häuſern auf beiden Seiten; Kinder ſtrömten duzendweiſe auf das Straßenpflaſter um zu ſpielen, und fielen in die kleinen Gartenſtreifchen ein, um ihre verlorenen Bälle und Federſpiele wieder herauszu⸗ holen. Schaaren Volkes ſtrömten fortwährend vor⸗ und rückwärts; ſchwere Wagen, hoch belaſtet mit Gütern, ſchlenderten die Straße entlang auf ihrem Wege; ganze t aufhörli nach ein über un aufgeſck nicht d menſchle Magda Vauxho Charact ihres§ ihr alle gänzlich Fenſter um ſich haupt! Kur Wragge für das aber ir ſezte di Nichts Frau 2 flüſſe d von S. Capität hatte, Armſeſ ein, we ſchmerz Die Se denvoll mit un⸗ auf den Wragge. ien Ca⸗ inunter⸗ nd Nie⸗ ſr mein nd keine rlauter Magda⸗ urch zur r Stelle viereckig Abends ck. Sie Vorhang beharr⸗ ees erſten Fenſter heilweiſe demſelben d gingen ſtrömten ſpielen, um ihre herauszu⸗ end vor⸗ aſtet mit uf ihrem 157 Wege zu oder von der nahen Eiſenbahnſtation; das ganze tägliche Leben des Stadtviertels brauste in un⸗ aufhörlicher Thätigkeit nach jeder Richtung hin, nur nach einer einzigen nicht. Die Stunden rauſchten vor⸗ über und noch war das gegenüberliegende Haus nicht aufgeſchloſſen, noch ſah man, weder außen noch innen, nicht die geringſte Spur von dem Daſein eines menſchlichen Weſens. Der einzige Zweck, welcher Magdalene beſtimmt hatte ſich perſönlich auf der Vauxhallpromenade einzufinden, der Zweck, die Blicke, Charactere und Gewohnheiten der Frau Lecount und ihres Herrn voneinem Beobachtungspunkt aus der ihr allein bekannt war zu ſtudiren, war bis jezt gänzlich vereitelt. Nach drei Stunden Wache am Fenſter hatte ſie noch nicht ſo viel entdecken können, um ſich nur zu vergewiſſern daß das Haus über⸗ haupt bewohnt ſei. Kurz nach ſechs Uhr ſtörte die Wirthin Frau Wragges Studium durch Ausbreiten des Tiſchtuchs für das Eſſen. Magdalene ſezte ſich an den Tiſch, aber in einer Stellung welche ſie noch in Stand ſezte die Ausſicht aus dem Fenſter zu beherrſchen. Nichts zeigte ſich. Die Mahlzeit ging zu Ende. Frau Wragge, welche in Folge der narcotiſchen Ein⸗ flüſſe des Anſtreichens der Circulare und in Folge von Speiſe und Trank, die ſie in Abweſenheit des Capitäns mit erhöhtem Appetit zu ſich genommen hatte, ſchläfrig geworden war, zog ſich nach einem Armſeſſel zurück und ſchlummerte in einer Stellung ein, welche ihren Ehegatten in den heftigſten Seelen⸗ ſchmerz verſezt haben würde. Es ſchlug ſieben Uhr. Die Schatten des Sommerabends verlängerten ſich allmählig auf dem Straßenpflaſter und den ge⸗ ging ſ bräunten Häuſerwänden, und noch immer blieb die händler verſchloſſene Hausthüre gegenüber geſperrt; noch Straße immer zeigte das einzige, offenſtehende Fenſter Der Nichts als den ſchwarzen leeren Raum des Zim⸗ vermeit mers innen, leblos und unveränderlich, als ob das konnte, Gemach ein Grab geweſen wäre. forderte Frau Wragges anfangs ſanftes Schnarchen nahhm Manne nach und nach einen immer rauhern Ton an; der erreicht Abend ging allmählig in das Dunkeln der Nacht Dienſtr über. Es war beinahe acht Uhr— da fiel endlich„NY ein Ereigniß vor. Die gegenüber liegende Haus: Oder e thüre nach der Straße öffnete ſich zum erſten Male mann, und ein Frauenzimmer erſchien auf der Schwelle.„Y War dieß Frauenzimmer Frau Lecount? Nein. wortet Als ſie näher kam, zeigte ihre Kleidung daß es ein er üben Dienſtmädchen war. Sie hatte einen großen Haus⸗„U ſchlüſſel in der Hand und ging offenbar aus um Ladenn einen Auftrag zu beſorgen. Aufgeregt theils von iſt der Neugier, theils von der Eingebung des Augenblicks, erſt bie die ihre ſtürmiſche Natur zum Handeln anſpornten, Da nachdem ſie die vielen leztverfloſſenen Stunden in nächſten Unthätigkeit hatte bleiben müſſen, ſezte Magdalene und n ihren Hut auf und beſchloß dem Dienſtmädchen nach zurück. ihrem Beſtimmungsort zu folgen, wo derſelbe ſich Me auch befinden möchte. Qdie ſie Das Mädchen führte ſie nach dem großen, an in derf Läden reichen Durchgang ganz in der Nähe, welcher deckung der Lambethweg heißt. Nachdem die Magd in eine großer kleine Entfernung vorgetreten war und ſich mit der wendig Unſchlüſſigkeit einer Perſon, die ſich in ihrer Nach⸗ darnach barſchaft noch nicht recht auskennt, umgeſchaut hatte, Al⸗ den ge⸗ blieb die t; noch Fenſter es Zim⸗ ob das den nahm an; der er Nacht el endlich de Haus⸗ ten Male hwelle. t2 Nein. aß es ein gen Haus⸗ aus um heils von genblicks, nſpornten, unden in Nagdalene dchen nach erſelbe ſich roßen, an e, welcher gd in eine ch mit der hrer Nach⸗ haut hatte, 159 ging ſie über die Straße und trat in einen Buch⸗ händlersladen. Magdalene ging ebenfalls über die Straße und folgte ihr hinein. Der unter den gegebenen Umſtänden nicht zu vermeidende Verzug, ehe ſie in den Laden treten konnte, ließ Magdalene überhören was das Mädchen forderte. Die erſten Worte jedoch, welche von dem Manne hinter dem Ladentiſche geſprochen wurden, erreichten ihre Ohren und belehrten ſie, daß das Dienſtmädchen einen Eiſenbahnführer kaufen wolle. „Meinen Sie einen Führer für dieſen Monat? Oder einen Führer für den Juli?“ fragte der Laden⸗ mann, zu der Käuferin gewendet. „Mein Herr hat mir nicht geſagt welchen,“ ant⸗ wortete das Mädchen.„Alles was ich weiß iſt daß er übermorgen aufs Land geht.“ „Uebermorgen iſt der erſte Juli,“ ſagte der Ladenmann.„Der Führer, den Ihr Herr wünſcht, iſt der Führer für den nächſten Monat. Er wird erſt bis morgen ausgegeben.“ Das Mödchen erklärte ihre Bereitſchaft den nächſten Tag wieder vorzuſprechen, verließ den Laden und nahm ihren Weg nach der Vauxhallpromenade zurück. Magdalene kaufte die nächſte beſte Kleinigkeit, die ſie auf dem Tiſch liegen ſah, und kehrte haſtig in derſelben Richtung nach Hauſe zurück. Die Ent⸗ deckung, welche ſie ſo eben gemacht hatte, war von großer Wichtigkeit für ſie, und ſie fühlte die Noth⸗ wendigkeit mit dem möglichſt geringen Zeitverluſt darnach zu handeln. Als ſie in das Vorderzimmer ihrer Wohnung 160 trat, fand ſie Frau Wragge, die eben erwacht war, in ſchlaftrunkener Verwirrung. Ihre Haube war auf eine ihrer Schultern herabgefallen und einen ihrer Schuhe hatte ſie verloren. Magdalene verſuchte ihr begreiflich zu machen daß ſie nach dieſem Reiſe⸗ tage ermüdet und daß es das Klügſte ſei, was ſie vornehmen könne, wenn ſie ſich zu Bette begebe. Frau Wragge zeigte ſich vollkommen willig von dieſem Winke Gebrauch zu machen, vorausgeſezt daß ſie nur erſt ihren Schuh wieder gefunden hätte. Während ſie nach dem Schuhe ſuchte, fiel ihr Blick unglücklicher Weiſe auf die Circulare die auf einem Nebentiſche lagen, und ſie erlangte ſogleich die Erinne⸗ rung an die früheren Vorgänge des Abends wieder. „Geben Sie mir den Bleiſtift,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie mit heftiger Haſt die Circulare aufraſſte.„Ich kann noch nicht zu Bette gehen. Ich hab' es erſt halb zu Stande, die Dinge anzu⸗ ſtreichen die ich brauche. Laſſen's mal ſehen— wo hab' ich aufgehört? Probiren Sie Finchs Nah⸗ rungsnäpfchen für Kinder? Nein! Da iſt ein Kreuz daneben; das Kreuz bedeutet daß ichs nicht brauche. Troſt im Felde. Bucklers unzer⸗ ſtörbare Jagdhoſen. Ach meine Liebe! meine Liebe! ich hab' die Stelle verloren! Nein, ich habe ſie! Hier iſt ſie, hier iſt mein Zeichen daneben. Ele⸗ ante Caſhmirkleider; durchaus orien⸗ taliſch, ſehr prächtig; herabgeſezt auf ein Pfund, neunzehn ein halb Schilling. Man eile. Nur noch drei übrig. Nur noch drei! Ach geben's Geld, laſſen's uns gehen und eines kaufen!“ „2 wahr, Circul ter her überla ſchließe Col cht war, be war d einen verſuchte n Reiſe⸗ was ſie begebe. llig von eſezt daß n hätte. ihr Blick uf einem e Erinne⸗ 3 wieder. gte Frau Circulare e gehen. ige anzu⸗ n— wo hs Nah⸗ Da iſt ichs nicht unzer⸗ e] meine habe ſie! n. Ele⸗ orien⸗ ezt auf hilling. Nur noch und eines 161 „Bei Nacht nicht,“ ſagte Magdalene.„Nicht wahr, Sie gehen jezt zu Bette und buingen Ihre Circulare morgen zu Ende? Ich will ſie Ihnen ne⸗ ben das Bett hinlegen und Sie können ſich, wenn Sie am Morgen aufwachen, zuerſt damit wieder beſchäftigen.“ Dieſer Vorſchlag erhielt unmittelbar Frau Wrag⸗ ges Beifall. Magdalene führte ſie in das nächſte Zimmer und legte ſie in das Bett wie ein Kind— ihre Spielſachen zur Seite. Das Zimmer war ſo eng und das Bett war ſo klein, und Frau Wragge, eingehüllt in das für dieſe Gelegenheit paſſende Gewand, mit ihrem Vollmondsantliz, das von dem breiten Hof einer Nachthaube rings eingefaßt war, ſah ſo ungeheuerlich und unverhältnißmäßig groß aus, lda Magdalene, ſo unruhig ſie auch war, doch ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, als ſie ihrer Reiſegeſellſchafterin eine gute Nacht ſagte. „Ha! ha!“ rief Frau Wragge voller Freude, „wir werden dieſes Caſhmirkleid morgen haben. Kommen Sie her. Ich muß Ihnen was ins Ohr wispern. Juſt wie Sie mich ſehen, werde ich ſchla⸗ fen, zuſammengekrümmt und der Capitän iſt nicht da um mich anzuſchreien!“ Das Vorderzimmer der Wohnung enthielt ein Sophabett, welches die Wirthin in kurzer Zeit für die Nacht herrichtete. Als dieß gethan und die Lich⸗ ter hereingebracht waren, blieb ſich Magdalene allein überlaſſen, um über ihr künftiges Verhalten zu be⸗ ſchließen, wie ihre eigenen Gedanken es ihr riethen. Collins, Ramenlos. II, 1 162 Die Fragen und Antworten, welche dieſen Abend während ihrer Anweſenheit in dem Buchhändlerladen gewechſelt worden waren, führten ſie offenbar zu dem Schluſſe, daß einen Tag ſpäter Herrn Noel Van⸗ ſtones gegenwärtiger Aufenthalt in der Vauxhall⸗ promenade zu Ende gehen werde. Ihr erſter vor⸗ ſichtiger Entſchluß, zuerſt einige Tage in unverdäch⸗ tiger Beobachtung des gegenüberliegenden Hauſes vorbeigehen zu laſſen, bevor ſie ſich in daſſelbe hinein⸗ wagte, war durch die eingetretene Wendung der Dinge vollſtändig vereitelt. Sie war in die Alternative verſezt, entweder am nächſten Tage häuptlings ihr Wageſtück zu vollbringen oder aber damit bis auf eine künftige Gelegenheit die ſich vielleicht nie mehr zeigen würde auszuſezen. Einen Mittelweg hatte ſie nicht. So lange ſie nicht Noel Vanſtone mit ihren eigenen Augen geſehen und das Schlimmſte was von Frau Lecount zu fürchten war entdeckt, ſo lange ſie nicht dieſen Doppelzweck erreicht hatte, natürlich mit der erforderlichen Vorſicht, ihre eigene Perſönlichkeit ſorgfältig in der Verborgenheit zu halten— konnte ſie keinen Schritt vorwärts zur Ausführung des Vorhabens thun welches ſie nach London geführt hatte. Es verfloßen die Minuten der Nacht, eine nach der andern; in ihrem Geiſte drängten und folgten ſich die ſtürmiſchen Gedanken, einer nach dem andern — und noch ergriff ſie keinen Entſchluß, noch ſchwankte und zögerte ſie mit einer Unſchlüſſigkeit die ihr ſelbſt nach ihrer Erfahrung etwas Neues an ſich war. Endlich durchſchritt ſie ungeduldig das Zimmer und gewährte ſich die triviale Zerſtreuung, ihren Reiſe⸗ koffer ſie für tän W täuſcht Kleider zu Bi um da digung vergeſſ ihrem Da des W vorher herabg ihr zur Ihre A als ſie „D leiſen, unſerm ſeines Vorhan hinaus. nahm d tiſchen Dame etwas ſie an ter ha ſagte ſ Brief: im Sy Abend lerladen zu dem el Van⸗ auxhall⸗ ter vor⸗ verdäch⸗ Hauſes e hinein⸗ er Dinge ternative ings ihr bis auf nie mehr hatte ſie nit ihren was von lange ſie irlich mit fönlichkeit — konnte rung des n geführt eine nach d folgten m andern ſchwankte ihr ſelbſt ſich war. mmer und ahen Reiſe⸗ 163 koffer zu öffnen und die wenigen Gegenſtände deren ſie für die Nacht bedurfte herauszunehmen. Capi⸗ tän Wragges Vermuthungen hatten ihn nicht ge⸗ täuſcht. Da befanden ſich, verborgen zwiſchen zwei Kleidern, jene Coſtümſtücke welche er in ihrem Koffer zu Birmingham vermißt hatte. Sie nahm eines um das andere zur Hand, um ſich ſelbſt die Befrie⸗ digung zu verſchaffen, daß ſie nichts was ſie bedürfe vergeſſen hätte, und kehrte dann noch einmal zu ihrem Beobachtungspoſten am Fenſter zurück. Das Haus gegenüber war dunkel mit Ausnahme des Wohnzimmers. Der Vorhang daſelbſt, welcher vorher hinaufgezogen war, war jezt über das Fenſter herabgelaſſen; das Licht brannte dahinter und zeigte ihr zum erſten Mal daß das Zimmer bewohnt ſei. Ihre Augen ſtrahlten und ihre Wangen rötheten ſich, als ſie dieß gewahrte. „Dort iſt er!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt mit einem leiſen, ſchmerzlichen Geflüſter.„Dort lebt er von unſerm Gelde in dem Hauſe welches die Warnung ſeines Vaters mir verſchloſſen hat!“ Sie ließ den Vorhang fallen den ſie zuvor aufgezogen hatte um hinauszuſchauen, kehrte zu ihrem Koffer zurück und nahm die graue Perrücke heraus, die zu ihrem drama⸗ tiſchen Coſtüm in der Characterrolle der nordengliſchen Dame gehörte. Die Perrücke war durch das Packen etwas zerzaust worden; ſie ſezte dieſelbe auf, um ſie an dem Toilettentiſche auszukämmen.„Sein Va⸗ ter hat ihn vor Magdalene Vanſtone gewarnt,“ ſagte ſie, indem ſie die Stelle in Frau Lecounts Brief wiederholte und dabei bitter lachte, als ſie ſich im Spiegel ſah.„Ich bin doch begierig ob ſein 164 Vater ihn auch vor Fräulein Garth gewarnt hat. Morgen iſt es bälder, als ich berechnete. Thut nichts zur Sache, morgen wird ſichs zeigen. Zweites Capitel. Am frühen Morgen, als Ragdalene aufſtand und hinausſchaute, war der Himmel trübe und um⸗ wölkt. Aber ſobald die Zeit der Frühſtücksſtunde heranrückte, hatten ſich die drohenden Regenwolken verzogen, und ſie konnte nunmehr, ohne eine Stö⸗ rung durch das Wetter befürchten zu müſſen, ſich mit der erſten unumgänglichen Angelegenheit befaß⸗ ſen, der Angelegenheit nämlich, ihre Reiſegeſellſchaf⸗ terin aus dem Hauſe zu ſchaffen. Frau Wragge war um zehn Uhr angekleidet, ringsum geharniſcht mit kaufmänniſchen Circularen und brannte vor Verlangen fortzukommen. Schon zu einer frühern Stunde hatte Magdalene mit rich⸗ tigem Tact Vorkehrung getroffen, daß die Frau der Aufſicht der älteſten Wirthstochter übergeben wurde, eines ruhigen, wohlerzogenen Mädchens, deſſen In⸗ tereſſe an der Einkaufsexpedition durch ein kleines Geldgeſchenk, mit dem ſie auf eigene Rechnung einen Sonnenſchirm und ein Muſſelinkleid kaufen ſollte, ohne Mühe erworben worden war. Gleich nach zehn Uhr ſchickte Magdalene Frau Wragge und ihre Be⸗ gleiterin in einer Droſchke fort. Sie geſellte ſich hierauf zur Wirthin, welche mit Inſtandſezung der Zimmer im obern Stock beſchäftigt wor; ſie hatte dabei die Abſicht, durch ein kleines, zu rechter Zeit bahnhe zweite lange Kinder ein Uh ſelbſt hoffte der Hi tag hi UmſtäR lene, d achtet ehe di Haus at hat. t nichts aufſtand und um⸗ csſtunde enwolken ne Stö⸗ ſen, ſich it befaſ⸗ eſellſchaf⸗ gekleidet, Lircularen Schon mit rich⸗ Frau der en wurde, eſſſen In⸗ in kleines ung einen fen ſollte, nach zehn Hihre Be⸗ eſellte ſich ſezung der ſie hatte echter Zeit 165 angeknüpftes Geſpräch herauszubringen welches wohl die täglichen Gewohnheiten der Hausbewohner wären. Sie erfuhr daß außer Frau Wragge und ihr ſelbſt keine andern Miethsleute da waren. Der Gatte der Wirthin, welcher eine Anſtellung am Eiſen⸗ bahnhof hatte, war den ganzen Tag abweſend. Ihre zweite Tochter hatte die Beſorgung der Küche, ſo lange die ältere Schweſter fort war. Die jüngern Kinder befanden ſich in der Schule und ſollten um ein Uhr zum Mittageſſen heimkommen. Die Wirthin ſelbſt„fertigte feines Weißzeug für Damen“ und hoffte mit dieſer Arbeit in einem Kämmerchen auf bn Hinterſeite des Hauſes für den ganzen Vormit⸗ tag hinlänglich beſchäftigt zu ſein. Unter ſolchen Umſtänden war es eine leichte Aufgabe für Magda⸗ lene, das Haus verkleidet zu verlaſſen und unbeob⸗ achtet es zu verlaſſen, vorausgeſezt daß ſie ausging, ehe die Kinder um ein Uhr zum Mittageſſen nach Haus kamen. Um eilf Uhr waren die Gemächer in Ordnung geſezt und hatte ſich die Wirthin entfernt, um an ihre Arbeit zu gehen. Magdalene ſchloß leiſe die Thüre ihres Zimmers, zog den Vorhang vor das Fenſter und begann alsbald mit ihren Vorbereitun⸗ gen zu dem gefährlichen Experiment des Tages. Dieſelbe lebendige Ahnung von zu vermeidenden Gefahren und zu überwindenden Schyierigkeiten, welche ſie warnend veranlaßt hatte das abenteuer⸗ liche Stück ihres Charactercoſtüms im Koffer zu Birmingham zu laſſen, ließ jezt ihren Geiſt ganz lebhaft fühlen welch ein bedeutender Unterſchied zwi⸗ ſchen einer Verkleidung, welche bloß bei Gaslicht zur 166 Beluſtigung der Zuſchauer getragen wird, und einer Verkleidung obwalte, welche man bei Tageslicht anzieht, um die forſchenden Augen zweier Fremden zu täuſchen. Das erſte Kleidungsſtück, welches ſie anlegte, war einer ihrer alten Röcke(aus ſogenann⸗ tem Alpacaſtoffe gemacht) von dunkelbrauner Farbe mit einem hübſchen Muſter von ſterngeſtaltigen weißen Tüpfchen. Eine doppelte Troddel, welche vings um den Saum des Kleides unten herumlief, war die einzige darauf ſich zeigende Verzierung durch die Mo⸗ diſtin, eine Verzierung welche mit dem Character eines Anzugs, der für ein bejahrteres Frauenzimmer paſſen ſollte, gar wohl harmonirte. Die Entſtellung ihres Kopfes und Geſichtes war der nächſte Gegen⸗ ſtand ihrer Aufmerkſamkeit. Sie ordnete ihre graue Perrücke und ſah nach wie ſie ihr ſaß, mit einer Ge⸗ ſchicklichkeit welche eine fortwährende Praxis ihr ver⸗ liehen hatte; befeſtigte die falſchen Augenbrauen(die etwas groß und von einem dunklern Haar als die Perrücke gemacht waren) ſorgfältig mit dem Gummi den ſie zu dem Zweck vor ſich hatte an ihrer Stelle, und bemalte ihr Geſicht mit dem auf einer Bühne gebräuchlichen Farbenmaterial, um die durchſichtige Schönheit ihres Teints in die matte, blaßdunkle Ge⸗ ſichtsfarbe einer kränklichen Frau umzuwandeln; die Falten und Merkmale des Alters folgten hierauf und hier boten ſich ihr die erſten Hinderniſſe dar. Die Kunſt, welche bei Gaslicht anſchlug, ſchlug bei Tage fehl. Die Schwierigkeit einer Verbergung der offen: bar künſtlichen Natur der Zeichen des Alters war abſolut unüberwindlich. Sie wendete ſich zu ihrem Reiſekoffer um, nahm zwei Schleier aus demſelben und pr ſezte, n Schleie dieſer dem E einfacht deutlich Runzel Rollen an der war d thürmt — die Geſicht andern Grund blick 1 kleine ſchnell digung zuſtelle durch, färbte entzün tor— Nähe auf u tamor rückſtr wenn ſich I gegen einer geslicht remden hes ſie enann⸗ Farbe weißen gs um ar die ie Mo⸗ aracter zimmer ſtellung Gegen⸗ graue ner Ge⸗ hr ver⸗ en(die als die Gummi Stelle, Bühne hſichtige nkle Ge⸗ ln; die auf und r. Die dei Tage er offen: ars war u ihrem emſelben 167 und prüfte, indem ſie ihren altmodiſchen Hut auf⸗ ſezte, nacheinander den Effect derſelben. Einer der Schleier(von ſchwarzen Spizen) war zu dick, um zu dieſer Sommerszeit, ohne Aufſehen zu erwecken, über dem Geſichte getragen zu werden. Der andere von einfachem Flore ließ die Geſichtszüge juſt noch un⸗ deutlich genug hindurchſchimmern, daß ſie etliche Runzeln(viel weniger als ſie beim Spielen von Rollen gewöhnlich anwendete) auf der Stirne und an den Mundwinkeln auftragen konnte. Aber kaum war dieß Hinderniß ſo aus dem Wege geſchafft, ſo thürmte ſich ſchon wieder eine neue Schwierigkeit auf — die Schwierigkeit wie ſie den Schleier vor dem Geſichte herunter behalten ſollte, während ſie mit andern Perſonen ſprach, ohne daß ſie einen triftigen Grund für dieſe Handlungsweiſe angab. Ein Augen⸗ blick Ueberlegung und ein zufälliger Blick auf ihre kleine Porcellanpalette von Schminkfarben regte ihren ſchnellen Erfindungsgeiſt an, eine ſichtbare Entſchul⸗ digung für das Herunterbehalten des Schleiers dar⸗ zuſtellen. Sie entſtellte ſich mit vielem Bedacht da⸗ durch, daß ſie die innere Seite ihrer Augenlider roth färbte; dadurch brachte ſie den Anſchein einer Augen⸗ entzündung hervor, welche kein Menſch als ein Doc⸗ tor— und auch dieſer Doctor nur in unmittelbarer Nähe— als falſch erkennen konnte. Sie ſprang auf und blickte triumphirend auf die abſcheuliche Me⸗ tamorphoſe ihrer Perſon, welche ihr der Spiegel zu⸗ rückſtrahlte. Wen konnte es jezt ſeltſam bedünken, wenn ſie ihren Schleier nicht aufſchlug und wenn ſie ſich Frau Lecounts Erlaubniß erbat, mit dem Rücken gegen das Licht zu ſizen? 168 Zulezt warf ſie noch den Mantel um, den ſie von Birmingham mitgebracht hatte und der inwendig von Capitän Wragges eigener erfahrener Hand auswat⸗ tirt worden war, um die jugendliche Grazie und Schönheit ihres Nackens und ihrer Schultern zu ver⸗ bergen. Nachdem ihr Anzug nunmehr vollendet war, übte ſie den Gang ein das man ihr im Anfang als zu ihrer Rolle paſſend gelehrt hatte— einen Gang mit einem leichten Hinken— dann kehrte ſie nach einer minutenlangen Probe zu dem Spiegel zurück und übte ſich in der Verſtellung ihrer Stimme und Mienen. Dieß war der einzige Theil der Rolle, in welchem es ihr möglich war mit ihren phyſiſchen Eigenthümlichkeiten Fräulein Garth nachzuahmen, und hier war die Aehnlichkeit vollſtändig. Die grobe Stimme, die derbe Manier, die Gewohnheit gewiſſe Phraſen mit einem emphatiſchen Kopfnicken zu be⸗ gleiten, das Northumbriſche Schnarren das bei jedem Wort, welches ein r enthielt, ſich hören ließ— all dieſe perſönlichen Eigenthümlichkeiten der alten nord⸗ ländiſchen Gouvernante waren ganz nach dem Leben wiedergegeben. Die ſo beendigte Metamorphoſe ihrer Perſon war buchſtäblich, wie Capitän Wragge an⸗ gedeutet hatte, ein Triumph der Maskirungskunſt. Mit Ausnahme des einzigen Falls, daß man ihr Ge⸗ ſicht bei einem hellen Sonnenlicht in der Nähe ſah, hätte Niemand der Magdalene erblickte in ihr auch nur einen Augenblick etwas anderes als ein kränkeln⸗ des, mißgeſtaltetes, reizloſes Weib von wenigſtens fünfzig Jahren vermuthet. Bevor ſie die Thüre öffnete, ſah ſie ſich ſorgfältig um, in der Abſicht ſich zu vergewiſſern daß keines ihrer Bühnen Wirthin ſollte. ſtand, d Briefen und ſod hatte, m Als ſie fuhr ſie wohl No einander und läch mal No Sie auf ihr war nal noch, 1 und in kinder r Ein pentritt ruhig m gewann Geſchöp nen. 2 quer di Haustht Die geöffnet den Bu mentane Nacht i e von g von 1swat⸗ 2 und u ver⸗ t war, ig als Gang nach zurück ie und llle, in Zſiſchen ahmen, grobe gewiſſe zu be⸗ i jedem — all mnord⸗ Leben ſe ihrer ge an⸗ gskunſt. ihr Ge⸗ he ſah, hr auch ränkeln⸗ nigſtens rgfältig es ihrer 169 Bühnenmaterialien mehr ſichtbar blieb, im Fall die Wirthin in ihrer Abweſenheit das Zimmer betreten ſollte. Der einzige vergeſſene, ihr gehörige Gegen⸗ ſtand, den ſie entdeckte, war ein kleines Paket mit Briefen von Nora, welche ſie in der Nacht geleſen und ſodann zufällig unter den Spiegel geſchoben hatte, während ſie mit dem Ankleiden beſchäftigt war. Als ſie die Briefe nahm um ſie zu beſeitigen, durch⸗ fuhr ſie zum erſten Male der Gedanke:„Würde wohl Nora mich erkennen, wenn wir auf der Straße einander begegneten?“ Sie ſchaute in den Spiegel und lächelte traurig.„Nein,“ ſagte ſie,„nicht ein⸗ mal Nora.“ Sie öffnete nun die Thüre, nachdem ſie zuerſt auf ihrem Wachtpoſten ſich umgeſehen hatte. Es war nahe an zwölf Uhr. Kaum eine Stunde übrigte noch, um ihren verzweifelten Verſuch auszuführen und in ihre Wohnung zurückzukehren, ehe die Wirths⸗ kinder von der Schule nach Hauſe kamen. Ein augenblickliches Lauſchen am oberſten Trep⸗ pentritt verſicherte ſie daß unten im Gange Alles ruhig war. Sie ſtieg ſtill die Treppen hinab und gewann die Straße, ohne irgend einem lebenden Geſchöpf auf ihrem Weg aus dem Hauſe zu begeg⸗ nen. In der nächſten Minute hatte ſie die Straße quer durchſchnitten und klopfte an Noel Vanſtones Hausthüre. Die Thüre wurde von demſelben Dienſtmädchen geöffnet, welchem ſie am vorhergehenden Abend in den Buchhändlerladen gefolgt war. Mit einem mo⸗ mentanen Zittern, welches an die denkwürdige erſte Nacht ihres öffentlichen Auftretens erinnerte, erkun⸗ 170 digte ſich Magdalene(mit Fräulein Garths Stimme und mit Fräulein Garths Manier) nach Frau Lecount. „Frau Lecount iſt ausgegangen, Madame,“ ſagte die Dienerin. „Iſt Herr Vanſtone zu Hauſe?“ fragte Magda⸗ lene, die ihre Entſchloſſenheit beim erſten entgegen⸗ tretenden Hinderniß wieder behauptete. „Mein Herr iſt noch nicht auf, Madame.“ Ein abermaliges Hinderniß! Eine ſchwächere Natur würde ſich den warnenden Fingerzeig zu Her⸗ zen genommen haben. Magdalenens Natur erhob ſich erſt recht zum heftigen Kampf dagegen. „Wann wird Frau Lecount zuruͤckkommen?“ fragte ſie. „Gegen ein Uhr, Madame.“ „Sagen Sie ihr gefälligſt, daß ich wo möglich unmittelbar nach ein Uhr wieder vorſprechen werde. Es iſt mein beſonderer Wunſch Frau Lecount zu ſehen. Mein Name iſt Fräulein Garth.“ Sie wandie ſich und verließ das Haus. Auf ihr eigenes Zimmer heimzukehren, davon konnte keine Rede ſein. Das Dienſtmädchen ſchaute ihr nach(was Magdalene daran erkannte daß ſie die Thüre nicht ſchließen hörte); überdieß würde ſie, wenn ſie jezt heimgehen wollte, riskiren gerade zur Zeit wieder ausgehen zu müſſen, wo die Wirthskinder ſich ganz gewiß um das Haus herum befinden würden. Sie wandte ſich mechaniſch rechts, ſchritt vorwärts bis ſie die Vauxhallbrücke erreichte und wartete hier, indem ſie über den Fluß hinſchaute. Der Zwiſchenraum der vor ihr liegenden freien Zeit be denſelbe Als aufs N als ſie Ein plö Vermun unter d — und das An nicht w Noras ihr Leb den des Stunde Es war juſt noc von No ſcheinlieh Paar T ihrer S mir me Zwiſche unterna trat— triumpl Stimme Frau „ ſagte Magda⸗ tgegen⸗ 44 wächere zu Her⸗ erhob nmen?“ möglich i werde. ount zu 18. Auf konnte aute ihr 3 ſie die ſie, wenn zur Zeit inder ſich würden. vorwärts rtete hier, den freien 171 Zeit betrug beinahe eine Stunde. Wie ſollte ſie denſelben ausfüllen? Als ſie ſich ſelbſt dieſe Frage ſtellte, erwachte in ihr aufs Neue der Gedanke, welcher ſie durchblizt hatte als ſie das Paket mit Briefen von Nora weglegte. Ein plötzlicher Drang, das erbärmliche Ganze ihrer Vermummung auf die Probe zu ſtellen, miſchte ſich unter die höhern und reinern Gefühle ihres Herzens — und vergrößerte noch ihre natürliche Sehnſucht das Antliz ihrer Schweſter zu ſehen, obſchon ſie es nicht wagte ſich zu erkennen zu geben und zu ſprechen. Noras lezte Briefe hatten in den kleinſten Details ihr Leben als Gouvernante geſchildert— die Stun⸗ den des Unterrichts, die Stunden der Muße und die Stunden des Spaziergehens mit ihren Zöglingen. Es war, wenn ſie ſchnell ein Gefährt finden konnte, juſt noch Zeit für Magdalene, nach der Behauſung von Noras Herrſchaft zu fahren und dabei die Wahr⸗ ſcheinlichkeit für ſich zu haben, daß ſie daſelbſt ein Paar Minuten früher ankam, ehe die Ausgangsſtunde ihrer Schweſter eintrat.„Ein Blick auf ſie wird mir mehr ſagen denn hundert Briefe!“ Mit die⸗ ſem Gedanken in ihrem Herzen, und bloß das Ziel im Auge habend, unter dem Schuz ihrer Maske Nora auf ihrem täglichen Spaziergang zu folgen, eilte Magdalene über die Brücke und machte ſich auf das nördliche Ufer des Fluſſes. So am Wendepunkt ihres Lebens, ſo in der Zwiſchenzeit, bevor ſie den unwiderruflichen Schritt unternahm und über Noel Vanſtones Thürſchwelle trat— entfernten ſie die Mächte des Himmels, triumphirend im Streit um ſie über die Mächte der 172 Hölle, von der Scene ihrer beabſichtigten Täuſchung und führten ſie barmherzig immer weiter und weiter von dem fatalen Hauſe hinweg. Sie hielt das erſte leere Cabriolet an das an ihr vorüberfuhr, befahl dem Kutſcher nach der Neu⸗ ſtraße in die Springgärten zu fahren und verſprach ihm den doppelten Fuhrlohn, wenn er binnen einer gegebenen Zeit ſeinen Beſtimmungsort erreiche. Der Mann verdiente das Geld— verdiente ſogar mehr wie der Erfolg zeigte. Magdalene hatte, indem ſie nach dem Jacobspark zuging, kaum zehn Schritte vorwärts durch die Neuſtraße gethan, als die Thüre eines Hauſes auf der andern Seite ſich öffnete und eine Dame in Trauerkleidung, begleitet von zwei kleinen Mädchen, heraustrat. Die Dame ſchlug ihre Rich⸗ tung ebenfalls nach dem Park ein, ohne ihren Kopf gegen Magdalene zu wenden, als ſie die Staffeln des Hauſes herabſtieg. Es lag daran wenig: Mag⸗ dalenens Herz blickte durch ihre Augen und erzählte ihr daß ſie Nora vor ſich ſah. Sie folgte derſelben in den Jacobspark und von da(längs der Maillebahn) in den grünen Park, während ſie immer näher und näher kam, als ſie die Raſen erreichten und die Anhöhe in der Rich⸗ tung des Hydeparkendes hinaufſtiegen. Ihre ſehn⸗ ſüchtigen Augen verſchlangen jede Einzelheit in Noras Kleidung und entdeckten auch die unbedeutendſte Ver⸗ änderung, welche an ihrer Figur und ihrer Haltung ſtattgehabt hatte. Sie war ſeit dem Herbſt mage⸗ rer geworden— ihr Haupt ſenkte ſich ein wenig; ſie ging wie ermüdet einher. Ihr Traueranzug, der mit der beſe welche ihrer v Oberkle Shawl feilſten welche, Seide Sie Raſenfl nen au Verdach Abſicht eine br falſches Kleidun ſter im gen an ſanfte ſicht ei mentes in den gen we welche Nez de tes, l nahm Sie w uſchung dweiter das an er Neu⸗ erſprach in einer e. Der ar mehr dem ſie Schritte e Thüre ete und i kleinen re Rich⸗ en Kopf Staffeln Mag⸗ erzählte und von Park, als ſie er Rich⸗ re ſehn⸗ n Noras dſte Ver⸗ Haltung ſt mage⸗ enig; ſie der mit 173 der beſcheidenen Grazie und Zierlichkeit getragen wurde, welche kein Mißgeſchick von ihr nehmen konnte, war ihrer veränderten Stellung angepaßt. Ihr ſchwarzes Oberkleid war aus Taffet gefertigt, ihr ſchwarzer Shawl und Hut waren von der einfachſten und wohl⸗ feilſten Beſchaffenheit. Die zwei kleinen Mädchen, welche, auf jeder Seite eines, mit ihr gingen, waren in Seide gekleidet. Magdalene haßte ſie inſtinctmäßig. Sie machte eine weite Kreisbewegung um die Raſenfläche, daß ſie gelegen nach und nach von vor⸗ nen auf ihre Schweſter zukommen konnte, ohne den Verdacht zu erregen daß das Zuſammentreffen mit Abſicht herbeigeführt war. Ihr Herz pochte heftig; eine brennende Hize glühte in ihr, als ſie an ihr falſches Haar, ihre falſche Farbe und ihre falſche Kleidung dachte und das liebe Geſicht der Schwe⸗ ſter immer näher und näher kommen ſah. Sie gin⸗ gen an einander ganz nahe vorüber. Noras ſchwarze, ſanfte Augen ſchauten auf, mit einem ſinnigeren Lichte, mit einer traurigeren Schönheit als vor die⸗ ſem. Sie waren es ſich nicht bewußt daß ſie in Wahrheit das Geſicht der Schweſter vor ſich hatten, und ſchauten wieder weg davon als von dem Ge⸗ ſicht einer fremden Perſon. Dieſer Blick eines Mo⸗ mentes griff Magdalenen ins Herz. Sie ſtand wie in den Boden eingewurzelt, als Nora vorübergegan⸗ gen war. Ein Grauen vor der gemeinen Verkleidung welche ſie entſtellte, ein ungeheures Herzbangen, das Nez der Täuſchung zu zerreißen und ihr ſchamgeröthe⸗ tes, bemaltes Antliz an Noras Buſen zu bergen nahm Beſiz von ihrem Körper und ihrer Seele. Sie wandte ſich um und ſah der Schweſter nach. 174 Nora und die zwei Kinder hatten die Anhöhe erreicht und waren nahe an einem der Thore in dem eiſernen Gitter, welches den Park von der Straße abſchloß. Von einem unwiderſtehlichen Zauber ge⸗ trieben, folgte ihnen Magdalene wieder, holte ſie ein, als ſie das Thor erreichten, und hörte die Stimme der beiden Kinder, die ſich in einem zorni⸗ gen Streit darüber befanden, welchen Weg ſie zu⸗ nächſt einzuſchlagen wünſchten. Sie ſah Nora die⸗ ſelben durch das Thor führen, dann ſtehen bleiben und mit ihnen ſprechen, während ſie auf einen paſſen⸗ den Moment wartete um über die Straße zu gehen. Der laute Streit und die Heftigkeit der Kinder ſtieg bei jedem Worte das ſie zu ihnen ſprach. Das jüngere— ein Mädchen von acht oder neun Jah⸗ ren— wurde nach Kinderart ganz erbost, weinte, knirſchte und ſchlug ſogar nach der Gouvernante. Die Leute auf der Straße blieben ſtehen und lach⸗ ten; einige davon riethen im Scherz zu einer kleinen heilſamen Züchtigung; eine Frau fragte Nora ob ſie des Kindes Mutter wäre; eine andere bedauerte ſie laut daß ſie die Gouvernante des Kindes ſei. Ehe Magdalene ihren Weg durch die Menge fort⸗ ſezen konnte, ehe ihr Alles bemeiſternder Angſtdrang, der Schweſter zu helfen, ſie für jede andere Ueber⸗ legung blind gemacht und als Selbſtverrätherin an Noras Seite geführt hatte, fuhr eine offene Kaleſche langſam über das Pflaſter und wurde am Weiter⸗ fahren durch das Gedränge der Fuhrwerke vor ihm gehindert. Eine alte Dame, die darin ſaß, hörte das Geſchrei des Kindes, erkannte Nora und rief ſie auf der Stelle zu ſich. Der Lakai zertheilte die Menge gebrach ſen We verächtl zu nehn ter nien nen.“ Kaleſche davon lene wo „S würde hätten Neue zu Sie wie im zurück. Liebe zu lens de faßte ſ und hie Farben dunkelte die ſtol ſchaftlich ſtand d cums g gewieſer ſchämth eines§ nach Cb — und Anhöhe in dem Straße ber ge⸗ holte ſie örte die n zorni⸗ ſie zu⸗ ora die⸗ bleiben paſſen⸗ u gehen. Kinder h. Das un Jah⸗ weinte, ernante. nd lach⸗ rkleinen Nora ob edauerte des ſei. ge fort⸗ ſtdrang, Ueber⸗ herin an Kaleſche Weiter⸗ vor ihm , hörte und rief eilte die 175 Menge und die Kinder wurden in die Kaleſche gebracht.„Es iſt ein Glück daß ich zufällig die⸗ ſen Weg kam,“ ſagte die alte Dame, indem ſie Nora verächtlich zuwinkte ihren Plaz auf dem Vorderſiz zu nehmen;„Sie konnten die Kinder meiner Toch⸗ ter niemals leiten und werden es auch niemals kön⸗ nen.“ Der Lakai ſchlug den Wagentritt auf— die Kaleſche fuhr mit den Kindern und der Gouvernante davon— die Menge zerſtreute ſich— und Magda⸗ lene war wieder allein. „So ſei es!“ dachte ſie mit Bitterkeit.„Ich würde ihr doch nur Schmerz verurſacht haben. Wir hätten nur die Qual des Abſchieds gehabt um aufs Neue zu leiden.“ Sie wendete mechaniſch ihre Schritte und kehrte wie im Traum nach dem offenen Plaz des Parkes zurück. Indem ſie ſich trügeriſch mit der Kraft ihrer Liebe zur Schweſter, mit der Heftigkeit des Unwil⸗ lens den ſie um der Schweſter willen fühlte, waffnete, faßte ſie die furchtbare Verſuchung ihres Lebens und hielt feſter an ihr denn jemals. Durch all die Farbenklexe, durch all die Entſtellung ihrer Maske dunkelte in den verſtörten und ernſten Zügen die ſtolze Verzweiflung dieſer kräftigen und leiden⸗ ſchaftlichen Natur hindurch. Nora zu einem Gegen⸗ ſtand der Neugierde und der Beluſtigung des Publi⸗ cums gemacht; Nora auf der offenen Straße zurecht⸗ gewieſen; Nora das gemiethete Opfer der Unver⸗ ſchämtheit einer alten Frau und der üblen Laune eines Kindes— und demſelben Manne, der Frank nach China geſchickt hatte, auch dieſes zu verdanken — und nach ihm dem Sohne dieſes Mannes zu verdan⸗ 176 ken! Der Gedanke an ihre Schweſter, welcher ſie von dem Schauplaz einer beabſichtigten Täuſchung entfernt hatte, welcher ihr das Bewußtſein ihrer eigenen Ver⸗ kleidung verhaßt machte, war jezt der Gedanke, wel⸗ cher dieſe und alle Mittel ſanctionirte, durch welche ſie ihr Endziel erreichte; der Gedanke, welcher ihren Fuß beflügelte und ſie zurückjagte näher und näher dem verhängnißvollen Hauſe zu. Sie verließ den Park wieder und fand ſich in den Straßen ohne zu wiſſen wo. Noch einmal rief ſie den nächſten beſten Hauderer an, der an ihr vor⸗ beikam, und hieß ihn nach der Vauxhallpromenade fahren. Der Uebergang vom Gehen zum Fahren beruhigte ſie. Sie fühlte die Zurückkehr ihrer Acht⸗ ſamkeit auf ſich ſelbſt und ihren Anzug. Die Noth⸗ wendigkeit ſich zu vergewiſſern daß in der Zwiſchen⸗ zeit, ſeitdem ſie ihr eigenes Zimmer verlaſſen hatte, kein widriger Zufall hinſichtlich ihrer Verkleidung eingetreten, verſchaffte ſich augenblicklich in ihrem Geiſte Geltung. Sie hieß den Kutſcher am erſten Paſtetenbäckerladen, an dem er vorbeikam, halten und erhielt dort Gelegenheit einen Spiegel zu Rathe zu ziehen, ehe ſie nach der Vauxhallpromenade zurückkam. Ihr grauer Kopfpuz war zerrüttet und ihr alt⸗ modiſcher Hut ſaß ein wenig auf der Seite. Nichts ſonſt hatte Schaden gelitten. Sie verbeſſerte die wenigen Mängel in ihrem Anzug und kehrte in ihren Wagen zurück. Es war halb zwei Uhr als ſie ſich dem Hauſe näherte und zum zweiten Mal an Noel Vanſtones Hausthüre klopfte. Das Dienſt⸗ mädchen öffnete wie vorher. „Sſt Frau Lecount zurückgekehrt?“ „I hieher Die Gang! pich vo Hintert Licht de raum h dielte? ſtanden nen Pl ein glä Mitte ausſtafſ Schneck fröſche dem g. ſchlamn moosbe auf der wie der los wie Augen. thiere e engliſch⸗ lene fu Anblick mit und „Er Frauen etwas Coll ſie von entfernt nen Ver⸗ ake, wel⸗ h welche er ihren id näher d ſich in mal rief ihr vor⸗ omenade Fahren ter Acht⸗ ie Noth⸗ zwiſchen⸗ en hatte, kleidung n ihrem m erſten lten und Rathe zu rrückkam. ihr alt⸗ Nichts ſerte die kehrte in ar als ſie Mal an Dienſt⸗ 177 „Ja, Madame. Wollen Sie gefälligſt ſich nur hieher begeben.“ Die Magd ſchritt Magdalenen durch einen leeren Gang voran, führte ſie an einer Stiege ohne Tep⸗ pich vorbei und öffnete die Thüre eines Zimmers im Hintertheil des Hauſes. Das Zimmer erhielt ſein Licht durch ein einzelnes Fenſter das in einen Hof⸗ raum hinausging, die Wände waren kahl; der ge⸗ dielte Fußboden hatte keine Decke. Zwei Bettſeſſel ſtanden an der Wand und ein Küchentiſch hatte ſei⸗ nen Plaz unter dem Fenſter. Auf dem Tiſch ſtand ein gläſernes Becken, mit Waſſer gefüllt und in der Mitte mit einer kleinen Pyramide von Felsſtücken ausſtafſirt die mit Schlingpflanzen durchflochten waren. Schnecken hingen an den Seiten des Beckens. Kaul⸗ fröſche und winzige Fiſchchen ſchwammen hurtig in dem grünen Waſſer. Schlüpfrige Eidechſen und ſchlammige Fröſche ſchlüpften geräuſchlos auf den moosbewachſenen Felsſtücken ein und aus— und auf dem Gipfel der Pyramide, da ſaß einſam, kalt wie der Stein, braun wie der Stein, bewegungs⸗ los wie der Stein, eine kleine Kröte mit glänzenden Augen. Die Kunſt, Fiſche und Reptilien als Haus⸗ thiere einzuthun, war zu der damaligen Zeit bei dem engliſchen Volke noch nicht einheimiſch, und Magda⸗ lene fuhr daher, als ſie in das Zimmer trat, beim Anblick des erſten Aquariums das ſie je geſehen hatte mit ununterdrückbarem Erſtaunen und Eckel zurück. „Erſchrecken Sie nicht,“ ſagte hinter ihr eine Frauenſtimme.„Meine Lieblinge thun Niemanden etwas zu Leide.“ Collins, Namenlos. II. 12 178 Magdalene wandte ſich um und ſtand vor Frau Lecount. Sie hatte— ihre Vorurtheile auf den Brief gründend den ihr die Haushälterin geſchrie⸗ ben— erwartet ein hartes, verſchmiztes, mißlauni⸗ ges, unverſchämtes altes Weib zu treffen. Nun fand ſie ſich vor einer Dame mit milden, annehmlichen Manieren, deren Kleidung die vollendetſte Zierlich⸗ keit, der vollendetſte Geſchmack, die vollendetſte Ma⸗ troneneinfachheit, deren perſönliche Erſcheinung nichts mehr und nichts weniger als ein Triumph des phyſi⸗ ſchen Widerſtandes gegen den zerſtörenden Einfluß der Zeit war. Wenn Frau Lecount einige fünfzehn oder ſechzehn Jahre von ihrem wirklichen Alter ge⸗ ſtrichen und ſich für eine Achtunddreißigerin ausge⸗ geben hätte, ſo würde kein Mann unter Tauſenden oder keine Frau unter Hunderten Anſtand genom⸗ men haben ihr zu glauben. Ihr dunkles Haar ſchillerte juſt nur ein Bischen ins Graue hinüber und nicht mehr. Es war glatt geſcheitelt unter einem untadeligen Spizenhäubchen, das ſpärlich mit Trauer⸗ bändern garnirt war. Nicht eine einzige Runzel zeigte ſich auf ihrer glattweißen Stirne oder ihren vollen weißen Wangen. Ihr Doppelkinn war mit einem Grübchen verſehen und ihre Zähne waren Wunder von Weiße und Regelmäßigkeit. Ihre Lip⸗ pen hätte man vom Standpunkt der Critik aus als zu dünn bezeichnen können, wenn ſie nicht gewohnt geweſen wären ihre Mängel durch das Mittel eines entſchuldigenden und überredenden Lächelns gut zu machen. Ihre großen ſchwarzen Augen würden ſtolz ausgeſehen haben, wenn ſie ſich in dem Geſicht eines andern Weibes befunden hätten: in Frau Lecounts Geſicht 1 mit zärt! blickten: gipfel, raum, o Händen, einander Battiſt, pflegte, ſchwarze ken Mich Kleid, das ſie Muslinſe auf ſie ſ ſtein war ſelbſt ein dieſelben Fülle ihr ihrer Ge Boden d wenn ſie Frau Lec aus hät nicht zwe funden gegen ſie und läch unbarmh lenens er periode d ten Befr Frau if den ſchrie⸗ launi⸗ fand nlichen erlich⸗ e Ma⸗ nichts phyſi⸗ influß nfzehn er ge⸗ ausge⸗ ſenden genom⸗ Haar er und einem rauer⸗ Runzel ihren ar mit waren re Lip⸗ us als wohnt eines gut zu en ſtolz t eines counts 179 Geſicht waren ſie mild und ſchmelzend; ſie weilten mit zärtlichem Intereſſe auf jedem Ding auf das ſie blickten: auf Magdalene, auf der Kröte am Felſen⸗ gipfel, auf der Ausſicht vom Fenſter in den Hof⸗ raum, auf ihren eigenen vollen und wohlgebildeten Händen, welche ſie während des Sprechens ſanft an einander rieb; auf ihrem zierlichen Vorhemdchen von Battiſt, welches ſie mit Wohlgefallen zu beſchauen pflegte, während ſie Andern zuhörte. Das elegante ſchwarze Oberkleid, in welchem ſie um das Anden⸗ ken Michael Vanſtones trauerte, war eigentlich kein Kleid, es war ein wohlausgeführtes Compliment das ſie dem Tod entrichtete. Ihr unſchuldweißes Muslinſchürzchen war ein kleines häusliches Gedicht auf ſie ſelbſt. Ihre Ohrringe von ſchwarzem Bern⸗ ſtein waren ſo beſcheiden mit ihren Anſprüchen, daß ſelbſt ein Quäcker, ohne eine Sünde zu begehen, dieſelben hätte anſchauen können. Die anmuthige Fülle ihres Geſichtes kam ganz der anmuthigen Fülle ihrer Geſtalt gleich; dieſelbe glitt ſanft über den Boden dahin, ſie wogte in ruhiger Wellenbewegung, wenn ſie ging. Es gibt nicht viele Männer welche Frau Lecount völlig vom platoniſchen Geſichtspunkt aus hätten betrachten können.— Jünglinge von nicht zwanzig Jahren würden ſie unwiderſtehlich ge⸗ funden haben; die Weiber allein hätten ihr Herz gegen ſie verhärten und ihren Weg durch dieſe ſchöne und lächelnde Oberfläche in das Innere auf eine unbarmherzige Weiſe erzwingen können. Magda⸗ lenens erſter Blick auf dieſe Venus aus der Herbſt⸗ periode des weiblichen Lebens zeigte ihr zur größ⸗ ten Befriedigung, wie wohl ſie daran gethan hatte 180 ihren Grund und Boden erſt verkleidet zu unter⸗ ſuchen, ehe ſie es wagen konnte perſönlich gegen Frau Lecount aufzutreten. „Habe ich das Vergnügen die Dame vor mir zu haben welche dieſen Morgen einen Beſuch abgeſtattet hat?“ fragte die Haushälterin.„Spreche ich mit Fräulein Garth?“ Ein gewiſſes Etwas in dem Ausdruch ihrer Augen, als ſie dieſe Frage ſtellte, gemahnte Mag⸗ dalene ihr Geſicht vom Fenſt zu kehren, als ſie bis jezt gethan hatte. Der bloße Zweifel ſchon, ob nicht die Häushälterin ſie bereits in einem zu ſtarken Lichte geſehen haben mochte, brachte ihre Selbſtbeherrſchung auf einen Augenblick zum Wanken. Sie ließ ſich zur Wiedergewinnung derſelben Zeit und antwortete nur mit einem Knix. „Genehmigen Sie meine Entſchuldigungen, Ma⸗ dame, wegen des Ortes an welchem ich Sie zu empfangen genöthigt bin,“ fuhr Frau Lecount in geläufigem, aber mit fremdem Accent geſprochenen Engliſch fort.„Herr Vanſtone verweilt hier nur eines vorübergehenden Zweckes willen. Wir verlaſſen morgen Nachmittag den Plaz, um an das Meeresufer zu reiſen, und es wurde nicht der Mühe werth erachtet das Haus in ordentlichen Zuſtand zu verſezen. Wollen Sie nicht Plaz nehmen und mich durch Erwähnung des Gegenſtands ihres Beſuches ver⸗ binden?“ Sie glitt unmerkbar Magdalenen ein oder zwei Schritte näher und ſtellte einen Stuhl gerade dem Fenſterlicht gegenüber für ſie hin.„Bitte, ſezen Sie ter ab weiter einwärts ſich nieder,“ ſagte Frau Lecount, indem ſie mit zärt⸗ lichſtem Beſuche „Ich entgegne ihr Pro ſorgfälti muß S herunter Sie ſag ihrer ſel wart zo des Zi Schatter Frau. höfliche würdige tereſſe einen S dalenen die Wa Kopf ei drehen welcher lichkeit einem t ſchulde vielleich indem zu ihr ſchentue Licht hi unter⸗ en Frau mir zu geſtattet ich mit d ihrer te Mag⸗ inwärts er bloße bereits mochte, agenblick vinnung m Knix. en, Ma⸗ Sie zu ount in rochenen hier nur verlaſſen eeresufer herachtet verſezen. ch durch hes ver⸗ der zwei kade dem ſezen Sie mit zärt⸗ 181 lichſtem Intereſſe auf die entzündeten Augen ihres Beſuches durch den Schleier deſſelben blickte. „Ich leide, wie Sie ſehen, an einem Augenübel,“ entgegnete Magdalene, indem ſie ununterbrochen nur ihr Profil gegen das Fenſter hielt und ihre Stimme ſorgfältig nach Fräulein Garths Ton modelte.„Ich muß Sie um die Erlaubniß bitten, den Schleier herunter zu laſſen und vom Lichte abwärts zu ſizen.“ Sie ſagte dieſe Worte, weil ſie ſich wieder Herrin ihrer ſelbſt fühlte. Mit vollkommener Geiſtesgegen⸗ wart zog ſie den Seſſel vom Fenſter in die Ecke des Zimmers zurück und ſezte ſich ſo, daß der Schatten ihres Hutes gehörig auf ihr Geſicht fiel. Frau Lecounts beredte Lippen murmelten einige höfliche Worte des Mitleids; Frau Lecounts liebens⸗ würdige ſchwarze Augen blickten mit noch mehr In⸗ tereſſe als vorher auf die fremde Dame. Sie ſtellte einen Seſſel gerade in einer Linie mit dem Mag⸗ dalenens für ſich ſelbſt hin und rückte ſo nahe an die Wand, daß ſie ihren Gaſt zwang, entweder den Kopf ein wenig weiter herum gegen das Fenſter zu drehen oder, indem er nicht auf die Perſon mit welcher er ſprach ſchaute, in den Fehler der Unhöf⸗ lichkeit zu verfallen.„Ja,“ ſagte Frau Lecount mit einem vertraulichen Hüſteln.„Und welchem Umſtande ſchulde ich die Ehre ihres Beſuches?“ „Dürfte ich zuerſt fragen ob Sie meinen Namen vielleicht zufällig ſchon kennen?“ ſagte Magdalene, indem ſie ſich als von der Nothwendigkeit geboten zu ihr hinwandte— aber zu gleicher Zeit ihr Ta⸗ ſchentuch gleichgiltig zwiſchen ihr Geſicht und das Licht hielt. 182 „Nein,“ antwortete Frau Lecount mit einem wiederholten Hüſteln, das etwas herber als das erſte war.„Der Name des Fräuleins Garth iſt mir nicht bekannt.“ „In dieſem Fall,“ fuhr Magdalene fort,„kann ich den Zweck, der mich veranlaßt Ihnen beſchwer⸗ lich zu fallen, am beſten dadurch aus einander ſezen, daß ich angebe wer ich bin. Ich lebte viele Jahre lang als Gouvernante in der Familie des ſeligen Herrn Andreas Vanſtone zu Rabenſchlucht, und ich komme im Intereſſe ſeiner verwaisten Töchter hieher.“ Frau Lecounts Hände, welche bis dahin ſanft über einander hingeglitten waren, blieben plözlich ruhig, und Frau Lecounts Lippen, welche ſich im Selbſtvergeſſen ſchloſſen, zeigten gleich am Anfang der Unterredung daß ſie zu dünn waren. „Ich bin überraſcht daß Sie im Freien ohne einen grünen Schirm das Tageslicht ertragen kön⸗ nen,“ bemerkte ſie ruhig, indem ſie von der Selbſt⸗ vorſtellung des falſchen Fräuleins Garth ſo wenig Notiz nahm, als wenn dieſelbe gar nicht geſprochen hätte. „Ich finde daß ein Schirm über meine Augen ſie in dieſer Jahreszeit in einen zu erhizten Zuſtand verſezt,“ erwiderte Magdalene, indem ſie der Ge⸗ laſſenheit der Haushälterin die gleiche Ruhe ent⸗ gegenſezte.„Dürfte ich fragen ob Sie hörten was ich juſt über den Endzweck meines Beſuches in die⸗ ſem Hauſe geſagt habe?“ „Dürfte ich meinerſeits fragen auf welche Weiſe dieſer Endzweck ſich auf mich beziehen kann?“ gab Frau Lecount zurück. „Gewiß,“ ſagte Magdalene.„Ich komme zu Ihnen, in Bet einem 2 Die Sie zei beſſer t hatte, 1 lich klu „ terin. ich vol Madan wicht dieſer bloß de Feder Ausdrr ein krä lichen guten Antwo ſoll ich mit Vo ich um es mic nicht? Vanſto ſchickt ſchreib⸗ eines legenh ich ſie einem 8 das iſt mir „kann ſchwer⸗ wſezen, Jahre ſeligen und ich jeher.“ n ſanft plözlich ſich im Anfang a ohne en kön— Selbſt⸗ g Notiz nhätte. Augen Zuſtand der Ge⸗ he ent⸗ en was in die⸗ Weiſe 2“ gab nme zu 183 Ihnen, weil die Abſichten des Herrn Noel Vanſtone in Betreff der zwei jungen Damen denſelben in einem Brief von Ihnen ſelbſt kundgegeben wurden.“ Dieſe unumwundene Antwort that ihre Wirkung. Sie zeigte der Frau Lecount daß die fremde Dame beſſer unterrichtet war, als ſie Anfangs vermuthet hatte, und daß es unter dieſen Verhältniſſen ſchwer⸗ lich klug ſein dürfte ſie ungehört zu entlaſſen. „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte die Haushäl⸗ terin.„Ich verſtand vorher nicht recht; jezt verſtehe ich vollkommen. Sie befinden ſich im Irrthum, Madame, wenn Sie vorausſezen daß ich einiges Ge⸗ wicht beſize, oder daß ich irgend einen Einfluß in dieſer peinlichen Angelegenheit ausübe. Ich bin bloß das Sprachrohr des Herrn Noel Vanſtone, die Feder die er in der Hand hält, wenn Sie mir dieſen Ausdruck geſtatten wollen— nichts weiter. Er iſt ein kränklicher Menſch und gleich den andern kränk⸗ lichen Menſchen hat er ſeine ſchlimmen und ſeine guten Tage. Es war ſein ſchlimmer Tag, als dieſe Antwort an die junge Perſon geſchrieben wurde— ſoll ich ſie Fräulein Vanſtone nennen? Ich will es mit Vergnügen— das arme Mädchen! Wer bin ich um ÜUnterſcheidungen zu machen, und was geht es mich an ob ihre Eltern verheirathet waren oder nicht? Wie geſagt, es war einer von Herrn Noel Vanſtones ſchlimmen Tagen, als dieſe Antwort ge⸗ ſchickt wurde, und deßwegen hatte ich ſie niederzu⸗ ſchreiben, einfach als ſein Secretär, in Ermanglung eines beſſern. Wenn Sie wünſchen über die Ange⸗ legenheit dieſer jungen Damen zu ſprechen— ſoll ich ſie junge Damen nennen, wie Sie gerade jezt 184 thaten? Nein, die armen Dinger, ich will ſie die Fräulein Vanſtones nennen— wenn Sie wünſchen über die Angelegenheit der Fräulein Vanſtones zu ſprechen, ſo will ich Herrn Noel Vanſtone Ihren Namen und den Gegenſtand ſagen, um deſſentwillen Sie mich mit Ihrem Beſuche beehrten. Er iſt allein im Empfangzimmer und heute hat er einen ſeiner guten Tage. Ich habe auf ihn den Einfluß einer alten Dienerin und ich will dieſen Einfluß mit Ver⸗ gnügen zu Ihren Gunſten benüzen. Soll ich auf der Stelle gehen?“ fragte Frau Lecount, indem ſie mit freundlichſter Beſorgtheit ſich nüzlich zu machen aufſtand. „Wenn es Ihnen gefällig iſt,“ ſagte Magdalene mit dankbarer Heiterkeit,„und wenn ich dadurch Ihre Güte nicht über Gebühr in Anſpruch nehme.“ „Im Gegentheil,“ erwiderte Frau Lecount,„Sie legen mir eine Verpflichtung auf, indem Sie mir erlauben in der Vollbringung einer wohlwollenden That in meinem beſchränkten Wirkungskreiſe mitzu⸗ helfen.“ Sie machte eine Verbeugung, lächelte und glitt aus dem Zimmer. Allein gelaſſen geſtattete Magdalene ihrem Aerger, den ſie in Frau Lecounts Gegenwart hatte unter⸗ drücken müſſen, freien Lauf. In Ermanglung eines edlern Gegenſtandes, an dem ſie ihren Verdruß aus⸗ laſſen konnte, machte ſie ſich an die Kröte. Der Anblick des kleinen häßlichen Reptils, das ruhig auf ſeinem Felſenthrone ſaß und mit ſeinen glänzenden Augen fühllos in den leeren Raum hinausſtarrte, regte jeden Nerv in ihrem Körper auf. Sie blickte auf das Geſchöpf mit der ſchaudernden Spannung des Ha ihre reg „Jo gerne n Herz od weißt d eine Te Die runzelte der lan teten W bebte v Bewegr ſie auch zurück. der geſe Lecount „He „wenn zu war läuten, Ende n Sie vo nicht h in Auff gebung ernſthaf Krankhe eine fet in ſeine ſie die inſchen nes zu Ihren twillen allein ſeiner 3 einer it Ver⸗ ch auf dem ſie machen dalene adurch ehme.“ „„Sie ie mir llenden mitzu⸗ te und Aerger, unter⸗ Seines iß aus⸗ Der hig auf zenden ſtarrte, blickte unnung 185⁵ des Haſſes hin und murmelte ihm boshaft durch ihre regelmäßigen Zähne zu: „Ich möchte gern wiſſen, weſſen Blut am käl⸗ teſten rinnt,“ ſagte ſie,„deines, du kleines Unge⸗ thüm, oder das der Frau Lecount? Ich möchte gerne wiſſen was von beiden das ſchlimmſte iſt, ihr Herz oder dein Rücken. Du haſſenswerthe Creatur, weißt du was deine Herrin iſt? Deine Herrin iſt eine Teufelin!“ Die geſprenkelte Haut unter dem Maul der Kröte runzelte ſich geheimnißvoll, dann dehnte ſie ſich wie⸗ der langſam aus, als ob ſie die juſt an ſie gerich⸗ teten Worte hinunter geſchluckt hätte. Magdalene bebte vor Eckel zurück bei der erſten wahrnehmbaren Bewegung an dem Leib des Thieres, ſo unbedeutend ſie auch war, und kehrte wieder zu ihrem Stuhle zurück. Sie hatte ſich keinen Augenblick zu früh wie⸗ der geſezt. Die Thüre öffnete ſich leiſe und Frau Lecount erſchien zum zweiten Male. „Herr Vanſtone will Sie ſprechen,“ ſagte ſie, „wenn Sie ſo gütig ſein wollen ein paar Minuten zu warten. Er wird die Klingel des Sprechzimmers läuten, wenn ſeine gegenwärtige Beſchäftigung zu Ende und er bereit iſt Sie zu empfangen. Seien Sie vorſichtig, Madame, daß Sie ſeine Stimmung nicht herabdrücken oder ihn auf irgend eine Weiſe in Aufregung bringen. Sein Herz iſt für ſeine Um⸗ gebung ſeit den früheſten Jahren ein Gegenſtand ernſthafter Beſorgniß geweſen. Es iſt keine poſitive Krankheit vorhanden; es iſt nur eine zeitweiſe Schwäche, eine fettige Ausartung, ein Mangel an Lebenskraft in ſeinem Organismus ſelbſt. Sein Herz wird ruhig 186 genug ſchlagen, wenn Sie demſelben nicht zu viel zu thun geben. Das iſt das Gutachten aller Aerzte die ihn geſehen haben. Sie werden dieß nicht ver⸗ geſſen und demgemäß bei ihrer Converſation auf der Hut ſein. Doch von den Aerzten zu ſprechen, haben Sie ſchon einmal die goldene Salbe gegen das be⸗ trübende Leiden in Ihren Augen angewendet? Sie iſt mir als ein vortreffliches Heilungsmittel geſchil⸗ dert worden.“ „In meinem Falle blieb ſie ohne Erfolg,“ ent⸗ gegnete Magdalene ſpizig.„Bevor ich Herrn Noel Vanſtone ſehe,“ fuhr ſie fort,„möchte ich fragen—“ „Bitte um Verzeihung,“ unterbrach ſie Frau Le⸗ count.„Hat Ihre Frage irgendwie Beziehung auf jene zwei armen Mädchen?“ „Sie bezieht ſich auf die Fräulein Vanſtones.“ „Dann kann ich darauf nicht eingehen. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich, ich kann mich wahrhaftig in keine Erörterung über dieſe armen Mädchen einlaſſen(es macht mir große Freude zu hören daß Sie dieſelben die Fräulein Vanſtones nennen) außer in Gegenwart meines Herrn und mit ausdrücklicher Erlaubniß mei⸗ nes Herrn. Laſſen Sie uns von irgend etwas An⸗ derem reden, ſo lange wir hier warten. Wollen Sie meinem Aquarium Ihre Aufmerkſamkeit ſchenken? Ich habe alle Urſache, zu glauben daß es in England eine vollſtändige Novität iſt.“ „Ich beſah mir den Behälter, während Sie außer dem Zimmer waren,“ ſagte Magdalene. „Thaten Sies? Sie verſpüren kein Intereſſe dafür, wage ich zu ſagen. Ganz natürlich! Ich in⸗ tereſſirte mich auch nicht dafür, bis ich heirathete. Mein t ren to mich 3u benen? zer Na Frau. im Di liſirte: Landsl ſelbſt ꝛ können. nem th nen Be Tode an der gen, n kunde. Behält Hier ie dieſen kleine bin? Profeſſ meinen erheben den Ge ſind d Grade ſtreiche der K ſagte ſem S 187 Mein theurer Gemahl— ſeit einer Reihe von Jah⸗ ren todt— bildete meinen Geſchmack und erhob mich zu ſich ſelbſt. Sie werden von dem verſtor⸗ benen Profeſſor Lecomte, dem ausgezeichneten Schwei⸗ zer Naturforſcher, doch gehört haben. Ich bin ſeine Frau. Der engliſche Club in Zürich(wo ich im Dienſte meines verſtorbenen Herrn lebte) eng⸗ liſirte meinen Namen in Lecount. Ihre geiſtreichen Landsleute wollen nichts Fremdes um ſich dulden, ſelbſt nicht einmal einen Namen, wenn Sie abhelfen können. Doch ich ſprach von meinem Gemahl, mei⸗ nem theuren Gemahl, der mir erlaubte ihm in ſei⸗ nen Beſtrebungen beizuſtehen. Ich habe ſeit ſeinem Tode einzig Ein Intereſſe gehabt— das Intereſſe an der Wiſſenſchaft. Ausgezeichnet in vielen Din⸗ gen, war der Profeſſor auch groß in der Reptilien⸗ kunde. Er hinterließ mir ſeine Thiere und ſeinen Behälter. Ich erhielt kein anderes Vermächtniß. Hier iſt der Behälter. Alle Thiere ſtarben bis auf dieſen ruhigen, kleinen Kameraden, dieſe niedliche kleine Kröte. Sind Sie überraſcht daß ich ihr gut bin? Da brauchts nicht überraſcht zu ſein. Der Profeſſor lebte lange genug, um mich über die ge⸗ meinen Vorurtheile gegen die kriechenden Geſchöpfe zu erheben. Bei richtigem Verſtändniß ſind die kriechen⸗ den Geſchöpfe ſogar ſchön; bei richtiger Zergliederung ſind die kriechenden Geſchöpfe lehrreich im höchſten Grade.“ Sie ſtreckte ihren kleinen Finger aus und ſtreichelte mit der Spize deſſelben ſanft den Rücken der Kröte.„So erfriſchend bei der Berührung,“ ſagte Frau Lecount.„So niedlich und kühl in die⸗ ſem Sommerwetter!“ 188 Die Klingel vom Sprechzimmer ertönte. Frau Lecount ſtand auf, beugte ſich zärtlich über das Aquarium, und zwitſcherte beim Fortgehen der Kröte zu, als ob ſie ein Vogel geweſen wäre.„Herr Van⸗ ſtone iſt bereit Sie zu empfangen. Folgen Sie mir gefälligſt, Fräulein Garth!“ Mit dieſen Worten öff⸗ nete ſie die Thüre und ging aus dem Zimmer voran. Drittes Capitel. „Fräulein Garth, Herr!“ ſagte Frau Lecount, indem ſie die Thüre des Sprechzimmers öffnete, und dann mit dem Ton und dem Benehmen einer wohl⸗ gezogenen Dienerin das Erſcheinen dieſes Beſuches ankündigte. Magdalene befand ſich in einem langen, ſchma⸗ len Zimmer, beſtehend in einem Vorder⸗ und einem Hintergemach, welche zu einem einzigen zuſammen⸗ gezogen worden waren, indem man die Flügelthüren zwiſchen ihnen geöffnet hatte. Nicht weit von dem Vorderfenſter, den Rücken der Helle zugekehrt, ſah ſie ein gebrechliches, flachshaariges, ſelbſtvergnügtes Männchen ſizen, das in einen ſchönen weißen Schlaf⸗ rock von allzu großer Weite gekleidet war und auf der Bruſt im Knopfloch ein Veilchenbouquet trug. Er ſah dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt aus. Seine Geſichtsfarbe war ſo zart wie die eines jun⸗ gen Mädchens; ſeine Augen waren vom hellſten Blau, ſeine Oberlippe ſchmückte ein ſchwaches, ins Weiße fallendes Schnurrbärtchen, gewichst und an beiden Enden in eine geringelte Locke zuſammen⸗ gedreh merkſa ſeine er läc einem Er he Schoo heit ſe rechten mit eit bedeckt gebrac Africa geräth Peru, ren ar geſtape zigen Reiſe ſich m geziert tenheit Geſun und ſ zur V ihn hi Lecoun Mann auf n gewan „Nehr holte Frau r das Kröte r Van⸗ ie mir en öff⸗ voran. ecount, te, und wohl⸗ eſuches ſchma⸗ einem ammen⸗ lthüren on dem rt, ſah gnügtes Schlaf⸗ und auf et trug. alt aus. ies jun⸗ hellſten es, ins und an ſammen⸗ 189 gedreht. Wenn irgend ein Gegenſtand ſeine Auf⸗ merkſamkeit beſonders an ſich zog, ſo ſchloß er halb ſeine Augenlider und blinzelte darauf hin. Wenn er lächelte, ſchrumpfte die Haut ſeiner Schläfe zu einem Neſt von ſchalkhaften Runzelchen zuſammen. Er hatte eine Platte mit Erdbeeren auf ſeinem Schooß und eine Serviette darunter, um die Rein⸗ heit ſeines weißen Schlafrockes zu wahren. Zu ſeiner rechten Hand ſtand ein großer runder Tiſch welcher mit einer Sammlung von ausländiſchen Curioſitäten bedeckt war, die aus allen vier Weltgegenden zuſammen⸗ gebracht zu ſein ſchienen. Ausgeſtopfte Vögel aus Africa, porcellanene Ungeheuer aus China, Silber⸗ geräthſchaften und Verzierungen aus Indien und Peru, Moſaikarbeiten aus Italien und Broncefigu⸗ ren aus Frankreich— waren alle durcheinander auf⸗ geſtapelt mit grobgehobelten Schachteln und ſchmu⸗ zigen Lederfutteralen, die zur Verpackung für die Reiſe dienen ſollten. Der kleine Mann entſchuldigte ſich mit freundlichem, aber pinſelhaftem Lächeln und geziertem Wiz wegen des Wirrwarrs in ſeinen Sel⸗ tenheiten, ſeines Schlafrocks und ſeiner ſchwächlichen Geſundheit, winkte mit der Hand gegen einen Stuhl und ſtellte ſein Ohr mit pragmatiſcher Höllichkeit zur Verfügung ſeines Gaſtes. Magdalene ſah auf ihn hin mit einem augenblicklichen Zweifel, ob Frau Lecount ſie nicht getäuſcht habe. War dieß der Mann welcher unbarmherzig den Pfad verfolgte, auf welchem ſein unbarmherziger Vater vor ihm gewandelt war? Sie konnte es ſchwer glauben. „Nehmen Sie doch Plaz, Fräulein Garth!“ wieder⸗ holte er. Als er ihre Unſchlüſſigkeit bemerkte, nannte 190 er mit gehobener, feiner und verdrießlich werdender Stimme ſeinen Namen:„Ich bin Herr Noel Van⸗ ſtone. Sie wünſchen mich zu ſprechen, hier bin ich!“ „Wollen Sie mir erlauben mich zurückzuziehen, Herr?“ fragte Frau Lecount. „Gewiß nicht!“ erwiderte ihr Herr.„Bleiben Sie hier, Frau Lecount, und leiſten Sie uns Ge⸗ ſellſchaft. Frau Lecount hat mein vollſtes Ver⸗ trauen,“ fuhr er fort, indem er ſich zu Magdalene wandte.„Was Sie mir immer zu ſagen haben, Madame, ſagen Sie auch ihr. Sie iſt ein häus⸗ licher Schaz. Es gibt kein zweites Haus in England, das einen ſolchen Schaz wie Frau Lecount beſizt.“ Die Haushälterin hörte das Lob ihrer häuslichen Tugenden, indem ſie ihre Augen unbeweglich auf ihr elegantes Vorhemdchen heftete. Aber Magda⸗ lenens raſche, durchdringende Scharfſicht hatte vor⸗ her einen Blick aufgefangen, welcher zwiſchen Frau Lecount und ihrem Herrn gewechſelt worden war, und welcher ihr den Verdacht einflößte, daß Herr Noel Vanſtone vorher inſtruirt worden war was er in Gegenwart ſeines Beſuches zu ſagen und zu thun habe. Dieſer Argwohn— und die Schwierigkeiten welche das Zimmer bot, eine Stellung zu nehmen, daß ihr Geſicht nicht der Helle zugewendet war— mahnten Magdalene auf der Hut zu ſein. Sie hatte zuerſt ihren Stuhl beinahe in die Mitte des Zimmers Feſtellt. Ein augenblickliches Nachdenken bewog ſie aber ihren Siz nach Links zu bringen, um juſt an der innern Seite und nahe am linken Pfoſten der Flügelthüre Plaz zu nehmen. In dieſer Stellung verſperrte ſie geſchickt den einzigen Weg, umgehe indem nahm. Raum einige genomr übrig, lene, thüre, Beſuch ſeine 5 drucksv Herrn und ne ten.„ Reihe 9 ſtone, zufällig Aermel hätten worfen wöhnli — es drei vu Beſiz d can an Tiſche. Eine v Alle d ters. dender l Van⸗ niich!“ ziehen, Bleiben ns Ge⸗ 3 Ver⸗ gdalene haben, häus⸗ ngland, heſizt.“ uslichen lich auf Magda⸗ tte vor⸗ in Frau ar, und rr Noel s er in zu thun rigkeiten nehmen, war— in die lickliches Links zu nahe am nen. In einzigen 191 Weg, auf welchem Frau Lecount den großen Tiſch umgehen und Magdalene von vorn anſehen konnte, indem ſie ihren Siz an der Seite ihres Herrn nahm. Zur rechten Hand vom Tiſche war der leere Raum durch den Kamin und das Feuergitter, durch einige Reiſekoffer und eine große Packkiſte ganz ein⸗ genommen. Es blieb für Frau Lecount keine Wahl übrig, als ſich entweder in einer Linie mit Magda⸗ lene, an dem entgegengeſezten Pfoſten der Flügel⸗ thüre, zu placiren— oder ſich unſanft hinter dem Beſuch vorbeizudrängen, in der offenbaren Abſicht ſeine Vorderſeite zu gewinnen. Mit einem aus⸗ drucksvollen Hüſteln und einem feſten Blick auf ihren Herrn gab die Haushälterin den leztern Punkt auf und nahm ihren Siz an der Thürpfoſte zur Rech⸗ ten.„Warte ein wenig,“ dachte Frau Lecount;„die Reihe iſt nächſtens an mir.“ 4 „Aufgepaßt wo Sie ſind!“ rief Herr Noel Van⸗ ſtone, als Magdalene beim Rücken ihres Stuhles zufällig an den Tiſch kam.„Aufgepaßt auf den Aermel Ihres Mantels! Entſchuldigen Sie, Sie hätten faſt den ſilbernen Leuchter dort herunter ge⸗ worfen. Ich bitte nicht zu glauben daß es ein ge⸗ wöhnlicher Leuchter iſt. Es iſt nichts von der Sorte — es iſt ein peruaniſcher Leuchter. Es gibt nur drei von dem Muſter auf der Welt. Einer iſt im Beſiz des Präſidenten von Peru; einer iſt im Vati⸗ can aufbewahrt und einer befindet ſich auf meinem Tiſche. Er koſtet zehn Pfund; iſt aber fünfzig werth. Eine von meines Vaters Erhandelſchaften, Madame. Alle dieſe Dinge ſind Erhandelſchaften meines Va⸗ ters. Es gibt kein anderes Haus in England, wel⸗ ſizt als dieſes. Sezen Sie bitte machen Sie ſichs be⸗ count iſt wie die Curioſitäten, on meines Vaters Er⸗ n meines Vaters ches ſolche Raritäten be „Lecount; ich quem. Frau Le lein Garth— ſie iſt eine v handelſchaften. Erhandelſchaften, war ein merkwür Sie ſind eine vor nicht wahr, Lecount? Mein Vater diger Mann, Madame. jedem Schritt an ihn erin habe eben jezt ſeinen S Solches Leinenzeug wie Sie können's es wird jezt nicht mehr für Geld und gute Worte Wollen Sie vielleicht das Gewebe n? Vielleicht können Sie das in? Vielleicht wollen Sie lieber von Ihren zwei Schülerinnen mit mir reden? nicht wahr? Sind es ſa friſch, in voller Blüthe, „Verzeihen Sie, betrübtem Tone ein. Erlaubniß mich zu entf dieſe Weiſe von den armen kann nicht dabei ſizen, Herr, Lächerliche gezogen Lage, berückſichtige „Sie gutes Geſchöpf,“ ſ indem er die Haushälterin mit Augenlidern anblinz Ich verſichere edles Geſchöpf. zwei Mädchen bemitleide nicht bekommen. Es ſind zwei, ubere Mädchen? Gerundet, engliſche Schönheiten?“ fiel Frau Lecount mit „Ich muß in der That um ernen bitten, wenn Sie auf Dingern ſprechen. und hören daß ſie ins Berückſichtigen Sie ihre Sie Fräulein Garth.“ agte Herr Noel Vanſtone, halbgeſchloſſenen elte.„Sie vortreffliche L Madame, Frau Lecount iſt ein Sie werden bemerken daß ſie die t. Ich für meine Perſon ber ich kann Ihnen Zuge⸗ Ich bin ein groß⸗ ſtändniſſe für dieſelben machen. müthige ſelben n herzlichf Fräulei tigen E Bis ſchweig im Aug auf die und ſto Herr 2 ſchließen ger un Frau L hätte. Rückſich vernant eine ei Vanſton was ich Coll en Sie chs be⸗ Fräu⸗ ers Er⸗ Vaters Vater ie wer⸗ t. Ich Leibe. ht mehr Worte Gewebe be nicht n Ihren nd zwei, erundet, n?2“ unt mit hat um Sie auf en. Ich 3 ſie ins Sie ihre Zanſtone, hloſſenen Lecount! at iſt ein ß ſie die 2 Perſon en Zuge⸗ ein groß⸗ 193 müthiger Mann. Ich kann Zugeſtändniſſe für die⸗ ſelben und für Sie machen.“ Er lächelte mit der herzlichſten Artigkeit und verzehrte eine Erdbeere von der Platte auf ſeinem Tiſch. „Sie beleidigen Fräulein Garth in der That, Herr, ohne es zu beabſichtigen; Sie beleidigen Fräulein Garth,“ remonſtrirte Frau Lecount.„Sie kann ſich nicht ſo in Sie finden, wie ich. Berückſichtigen Sie Fräulein Garth, Herr. Mir zu Liebe, berückſich⸗ tigen Sie Fräulein Garth.“ Bis jezt hatte Magdalene ein entſchiedenes Still⸗ ſchweigen beobachtet. Der glühende Unwille, der ſie im Augenblick verrathen haben würde, hätte ſie ihn auf die Oberfläche heraufblizen laſſen, pochte ſchnell und ſtolz in ihrem Herzen und warnte ſie, ſo lange Herr Noel Vanſtone ſprach, ihre Lippen zu ver⸗ ſchließen. Sie würde ihn noch einige Minuten län⸗ ger ununterbrochen haben reden laſſen, wenn ſich Frau Lecount nicht zum zweiten Male hineingemiſcht hätte. Die raffinirte Unverſchämtheit des Mitleids der Haushälterin war die Unverſchämtheit eines Weibes und ſtachelte ſie an ſich ſelbſt zu beherrſchen. Sie hatte nie bewunderungswürdiger Fräulein Garths Stimme und Manieren nachgeahmt als jezt, wo ſie die folgenden Worte ſprach. „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte ſie zu Frau Lecount. „Ich mache keinen Anſpruch darauf mit beſonderer Rückſicht behandelt zu werden. Ich bin eine Gou⸗ vernante und erwarte das nicht. Ich heiſche nur eine einzige Vergünſtigung. Ich bitte Herrn Noel Vanſtone, er möchte um ſeiner ſelbſt willen anhören was ich ihm zu ſagen habe.“ Collins, Namenlos. II. 13 194 „Verſtehen Sie, Herr?“ bemerkte Frau Lecount. „Es ſcheint daß Fräulein Garth Ihnen einige ernſte Warnungen zu geben hat. Sie ſagt, Sie ſollten ſie anhören um Ihrer ſelbſt willen.“ Herrn Noel Vanſtones ſchöne Geſichtsfarbe wurde alsbald ſchneeweiß. Er ſtellte die Erdbeerenplatte unter die Erhandelſchaften ſeines Vaters hin. Seine Hand zitterte und ſeine kleine Figur wand ſich un⸗ ruhig auf dem Stuhle hin und her. Magdalene be⸗ obachtete ihn aufmerkſam.„Bereits eine Entdeckung,“ dachte ſie;„er iſt eine Memme!“ „Was meinen Sie damit, Madame?“ fragte Herr Noel Vanſtone mit ſichtlicher Aengſtlichkeil in Blick und Haltung.„Was meinen Sie damit, wenn Sie ſagen, ich müſſe Sie um meiner ſelbſt willen anhören? Wenn Sie hieherkommen mich einzuſchüch⸗ tern, ſo kommen Sie an den unrechten Mann. Meine Characterſtärke war in unſerm Club zu Zürich all⸗ gemein bekannt— nicht wahr, Lecount?“ „Allgemein, Herr,“ ſagte Frau Lecount.„Aber laſſen Sie uns Fräulein Garth anhören. Vielleicht habe ich ihre Meinung falſch ausgelegt.“ „Im Gegentheil,“ erwiderte Magdalene,„Sie haben meine Meinung vollkommen ausgedrückt. Der Zweck meines Hieherkommens iſt ihn vor dem Weg zu warnen den er jezt eingeſchlagen hat.“ „Nicht ſo!“ bat Frau Lecount ernſtlich.„O, wenn Sie dieſen armen Mädchen zu helfen wünſchen, ſo reden Sie nicht auf dieſe Weiſe. Mildern Sie ſeinen gefaßten Entſchluß. durch Bitten, beſtärken Sie ihn nicht noch durch Drohungen!“ Sie übertrieb ein Bischen den Ton der Demuth, in welchem ſie dieſe B gung n fallen. ſehen Kniff n Inſtanz chen, d hälterin würde geforde heit ar Fräulei brachte zu öffn den Sc fallen i Kindhei meiner mitzuth fürchten ches S haben. ganz er ſich der und ſie ecount. ernſte Iten ſie wurde enplatte Seine ſich un⸗ lene be⸗ eckung,“ fragte hkeit in t, wenn t willen zuſchüch⸗ Meine rich all⸗ „Aber Vielleicht ,„Sie ickt. Der dem Weg ch.„O, wünſchen, dern Sie irken Sie übertrieb Achem ſie 195 dieſe Worte ſprach und ließ den Blick der Mißbilli⸗ gung womit ſie dieſelben begleitete zu ſehr ins Auge fallen. Wenn Magdalene nicht ſchon klar genug ge⸗ ſehen hätte, daß es Frau Lecounts gewöhnlicher Kniff war, alle Dinge ſtatt ihres Herrn in der erſten Inſtanz zu entſcheiden und ihm dann weiß zu ma⸗ chen, daß er nicht nach der Entſchließung ſeiner Haus⸗ hälterin, ſondern nach ſeiner eigenen handle— ſo würde ſie es jezt geſehen haben. „Sie hören was die Lecount juſt geſagt hat!“ bemerkte Herr Noel Vanſtone.„Sie hören das un⸗ geforderte Zeugniß einer Perſon die mich von Kind⸗ heit auf gekannt hat? Nehmen Sie ſich in Acht, Fräulein Garth, nehmen Sie ſich in Acht!“ Er brachte wohlgefällig die Zipfel ſeines weißen Schlaf⸗ rockes über ſeinen Knieen in Ordnung und nahm die Platte mit Erdbeeren wieder auf ſeinen Schooß. „Ich hege keineswegs den Wunſch Sie zu belei⸗ digen,“ ſagte Magdalene.„Ich bin lediglich nur von dem Wunſche beſeelt, Ihre Augen der Wahrheit zu öffnen. Sie ſind mit den Characteren der bei⸗ den Schweſtern, deren Vermögen in Ihren Beſiz ge⸗ fallen iſt, nicht bekannt. Ich kenne dieſelben von Kindheit an und ich komme, Ihnen die Vortheile meiner Erfahrung in jener und in Ihrem Intereſſe mitzutheilen. Sie haben von der ältern Nichts zu fürchten; ſie erträgt geduldig das harte Loos, wel⸗ ches Sie und Ihr Vater vor Ihnen ihr auferlegt haben. Die Anſicht der jüngern Schweſter iſt darin ganz entgegengeſezt. Sie hat es bereits abgelehnt ſich der Entſcheidung Ihres Vaters zu unterwerfen, und ſie läßt ſich jezt auch durch Frau Lecounts Brief nicht zum Schweigen und zur Ruhe bringen. Neh⸗ 196 men Sie mein Wort darauf, ſie iſt fähig Ihnen ernſtliche Noth zu bereiten, wenn Sie darauf be⸗ ſtehen ſie zu Ihrer Feindin zu machen.“ Herr Noel Vanſtone wechſelte noch einmal die Farbe und kam auf ſeinem Stuhl wieder in un⸗ ruhige Bewegung.„Ernſtliche Noth,“ wiederholte er mit einem beſtürzten Blick.„Wenn Sie meinen mit Briefſchreiben, Madame, ſo hat ſie uns ſchon Noth genug gemacht. Sie hat einmal an mich und zweimal an meinen Vater geſchrieben. Einer von den Briefen an meinen Vater war ein Drohbrief — iſts nicht ſo, Lecount?“ „Sie drückte ihre Gefühle aus, das arme Kind,“ ſagte Frau Lecount.„Ich erachtete es für hart ihr den Brief zurückzuſchicken, aber Ihr theurer Vater wußte es am beſten. Was ich damals ſagte war: Warum ſoll man ſie nicht ihre Gefühle ausdrücken laſſen? Was ſind ein Paar Drohworte nach Allem? In ihrer Lage, das arme Geſchöpf, ſind es Worte eben und weiter Nichts.“ „Ich rathe Ihnen ſich deſſen nicht ſo ſicher zu halten,“ ſagte Magdalene.„Ich kenne ſie beſſer als Sie ſie kennen.“ Sie pauſirte bei dieſen Worten— pauſirte in einem augenblicklichen Schrecken. Der Stachel von Frau Lecounts Mitleid hatte ſie nahezu gereizt ihren angenommenen Character zu vergeſſen und in ihrer eigenen Stimme zu ſprechen. „Sie haben der von meiner Schülerin geſchriebe⸗ nen Briefe Erwähnung gethan,“ fuhr ſie gegen Noel Vanſtone gewendet fort, als ſie ſich wieder Meiſterin über ſi ſprecher wir wo geſchrie dem B heit wi Schwe ſind da ſpricht er ſprie ihm er ein ner bevor Könnern He eine E ſuch es Fräuler das G kein zu das noö Vater legen jene ve „Sie wahr, 7. Fr.e ihre ſ ſagte ſ bezeicht Neh⸗ Ihnen uf be⸗ nal die in un⸗ derholte meinen 8 ſchon ich und er von rohbrief Kind,“ hart ihr r Vater te war: sdrücken Allem? 3 Worte ſicher zu eſſer als uſirte in chel von izt ihren in ihrer eſchriebe⸗ gen Noel Meiſterin 197 über ſich ſelbſt fühlte.„Wir wollen Nichts darüber ſprechen was ſie an Ihren Vater geſchrieben hat; wir wollen einzig von dem ſprechen was ſie Ihnen geſchrieben hat. Befindet ſich etwas Unziemliches in dem Briefe, iſt Etwas darin geſagt was der Wahr⸗ heit widerſpricht? Iſt es nicht wahr daß die zwei Schweſtern grauſam des Vermögens beraubt worden ſind das ihr Vater ihnen ausſezte; ſein lezter Wille ſpricht noch heute für ihn und ſeine Töchter, und er ſpricht einzig nur deßhalb ohne Erfolg, weil es ihm entging daß ſeine Verheirathung ihn nöthigte ein neues Teſtament zu errichten, und weil er ſtarb, bevor er ſein Verſehen wieder gut machen konnte. Können Sie das leugnen? Herr Noel Vanſtone lächelte und nahm wieder eine Erdbeere zu ſich.„Ich mache nicht den Ver⸗ ſuch es zu leugnen,“ ſagte er.„Fahren Sie fort, Fräulein Garth!“ „Iſt es nicht wahr,“ beharrte Magdalene,„daß das Geſez, welches dieſen Schweſtern deren Vater kein zweites Teſtament gemacht hat, das Geld nahm, das nämliche Geld nun Ihnen gegeben hat deſſen Vater gar keinen lezten Willen hinterließ? Gewiß, legen Sie es aus wie Sie wollen, iſt dieß hart für jene verwaisten Mädchen?“ „Sehr hart,“ erwiderte Herr Noel Vanſtone. „Sie ſehen es doch in dem nämlichen Licht, nicht wahr, Lecount?“ Frau Lecount ſchüttelte ihren Kopf und ſchloß ihre ſchönen ſchwarzen Augen.„Herzzerreißend,“ ſagte ſie.„Ich kann es mit keinem andern Worte bezeichnen— herzzerreißend. Wie die junge Perſon, nein, wie Fräulein Va gekommen iſt daß Herr kein Teſtament legenheit das zu ver 198 nſtone die jüngere nur darauf rechtigk⸗ mein verſtorbener ehrenwerther ſelbſt fi gemacht hat, ich bin in Ver⸗ am Leb ſtehen. Vielleicht iſt es in den er verl⸗ Zeitungen gekommen? Doch Fräulein Garth. Sie ich unterbreche Sie, Geldes haben noch etwas mehr über andere den Brief Ihrer Schülerin zu ſagen?“ Sie zog ſchlag bei dieſen Worten leiſe ihren Stuhl ein Paar Zoll rückſicht über die Linie des Stuhls ihres Beſuches vorwärts.„A Der Verſuch war ganz probte ſich als nuzlos. ihren Kopf auf dem Fu weiterem Vorrücken. Ich habe nur no ſagte Magdalene. richtete an Herrn Ich bitte ihn mir „ artig ausgeführt, aber er er⸗ Garth Magdalene hielt lediglich teſter 6 mehr nach links— und die Packkiſte bekanne ßboden verhinderte Frau Lecount an noch Geld ſonſt ir ch mehr eine Frage zu ſtellen,“ ich nich Der Brief meiner Schülerin B Noel Vanſtone einen Vorſchlag. ſtellte 4 mitzutheilen warum er die Erwä⸗ ich bitt gung deſſelben zurückgewieſen hat.“„G „Meine gute Dame!“ rief Herr Noel Vanſtone, ihr He indem er ſeine weißlichten Brauen mit höhniſchem armer „Iſt das wirklich Ihr Ernſt? Angele Wiſſen Sie was das für ein Vorſchlag iſt? Haben punkt. Erſtaunen wölbte. Sie den Brief geſe hen?“ hohen „Es iſt mir vollſtändig Ernſt,“ ſagte Magdalene, count? „und ich habe d ſich ins Gedächtniß Hälfte dieſes Ver Töchter, der Theil für ſie beſtimmte, en Brief geſehen. Er erſucht Sie habe z zurückzurufen wie das Vermögen lebt, u 7 mögens, war den und er des Herrn Andreas Vanſtone in Ihre Hände ge⸗ quälen kommen iſt; er benachrichtigt Sie, daß die eine zwei u getheilt zwiſchen ſeine einmal ſeine leztwillige Abſicht kopf, fordert von Ihrem Ge Das j darauf verther n Ver⸗ in den e Sie, )r über bie zog ar Zoll rwärts. cer er⸗ lediglich Packkiſte an noch ſtellen,“ Schülerin orſchlag. e Erwä⸗ Janſtone, hniſchem r Ernſt? Haben agdalene, ſucht Sie Vermögen dände ge⸗ die eine hen ſeine ge Abſicht hrem Ge⸗ b 199 rechtigkeitsſinn, für ſeine Kinder zu thun was er ſelbſt für ſie gethan haben würde, wenn er länger am Leben geblieben wäre. Mit deutlicheren Worten, er verlangt von Ihnen daß Sie die eine Hälfte des Geldes den Töchtern geben, und ſtellt Ihnen frei die andere Hälfte ſelbſt zu behalten. Das iſt der Vor⸗ ſchlag. Warum haben Sie ſich geweigert ihn zu be⸗ rückſichtigen?“ „Aus dem möglichſt einfachen Grunde, Fräulein Garth,“ ſagte Herr Noel Vanſtone in aufgeräum⸗ teſter Laune.„Wollen Sie ſich nur an das wohl⸗ bekannte Sprüchwort erinnern: Ein Narr und ſein Geld ſind bald von einander geſchieden. Was ich ſonſt immer auch ſein mag, Madame, ein Narr bin ich nicht.“ „Behandeln Sie es nicht auf dieſe Weiſe, Herr,“ ſtellte Frau Lecount vor.„Seien Sie ernſthaft— ich bitte, ſeien Sie ernſthaft!“ „Ganz und gar unmöglich, Lecount,“ entgegnete ihr Herr.„Ich kann nicht ernſthaft ſein. Mein armer Vater, Fräulein Garth, ſtellte ſich in dieſer Angelegenheit auf einen hohen moraliſchen Geſichts⸗ punkt. Die Lecount da ſtellt ſich auch auf einen hohen moraliſchen Geſichtspunkt, nicht wahr, Le⸗ count? Ich mache es nicht auf dieſe Weiſe. Ich habe zu lang in der Atmoſphäre des Feſtlandes ge⸗ lebt, um mich mit moraliſchen Geſichtspunkten abzu⸗ quälen. Mein Gang in dieſer Sache iſt ſo klar als zwei und zwei vier machen. Ich habe das Geld einmal erhalten, und ich wäre ein vollendeter Dumm⸗ kopf, wenn ich mich wieder davon trennen wollte. Das iſt mein Geſichtspunkt. Einfach genug, nicht 200 wahr? Ich frage Nichts darnach ob ich des Geldes würdig bin; ich balge mich mit Ihnen nicht um das Geſez, das vollkommen auf meiner Seite iſt. Ich tadle es nicht daß Sie als eine total Fremde hieher kamen, um meinen Entſchluß auf die Probe zu ſtellen und zu ändern; ich tadle die zwei Mädchen nicht, daß ſie gerne ihre Finger in meine Börſe tunken möchten. Alles was ich ſage iſt, ich bin nicht Narr genug um dieſelbe zu öffnen. Pas si béte! pflegten wir im engliſchen Club zu Zürich zu ſagen. Sie verſtehen Franzöſiſch, Fräulein Garth? Pas si bète!“ Er ſtellte noch einmal ſeine Erdbeerplatte bei Seite und wiſchte ſeine Finger an der feinen weißen Serviette ſauber ab. Nagdalene behauptete ihre Kaltblütigkeit. Hätte ſie ihn in dieſem Moment durch das Lüpfen ihrer Hand todtſchlagen können, ſie würde ſie wahrſcheinlich gelüpft haben. Aber ſie behauptete ihre Kaltblütigkeit. „Habe ich das ſo zu verſtehen,“ fragte ſie,„daß die lezten Worte, welche Sie in dieſer Angelegenheit zu ſagen haben, die Worte ſind, die der Brief der Frau Lecount in Ihrem Namen enthielt?“ „Vollkommen ſo,“ erwiderte Herr Noel Vanſtone. „Sie haben eben ſo wohl das Vermögen Ihres eigenen Vaters als das Vermögen des Herrn An⸗ dreas Vanſtone geerbt, und doch fühlen Sie jezt keine Verpflichtung, nach Gründen der Gerechtigkeit oder der Großmuth gegen jene zwei Schweſtern zu handeln? Alles was Sie ihnen zu ſagen für nöthig halten iſt: Sie haben das Geld bekommen und Sie weigern ſich einen einzigen Heller davon heraus⸗ zugeben?“ promiß ſchmähe tigkeit Gründe angege geehrte ſchuldie er zuv lein G betrach thun nicht 1 erbiete einmal erinne Ihnen Gouve hat 1 Hoffn verlor Sie Pfund werth Wenn hieher ſtellen ht, daß nöchten. nug um wir im erſtehen 1 Er eite und berviette Hätte en ihrer ſcheinlich lütigkeit. je,„daß legenheit Brief der Vanſtone. en Ihres errn An⸗ Sie jezt rechtigkeit beſtern zu ür nöthig men und n heraus⸗ 201 „Ganz genau dargeſtellt! Fräulein Garth, Sie ſind eine Geſchäftsfrau. Lecount, Fräulein Garth iſt eine Geſchäftsfrau!“ „Berufen Sie ſich nicht auf mich, Herr!“ rief Frau Lecount, indem ſie anmuthsvoll ihre vollen weißen Hände rieb.„Ich kann es nicht ertragen! Ich muß vermitteln! Laſſen Sie mich— ach, wie nennt man es nur im Engliſchen?— einen Com⸗ promiß vorſchlagen. Theurer Herr Noel, Sie ver⸗ ſchmähen es auf verkehrte Weiſe ſich ſelbſt Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen. Sie haben beſſere Gründe als den Grund, welchen Sie Fräulein Garth angegeben haben. Sie befolgen das Beiſpiel Ihres geehrten Vaters, Sie fühlen es ſeinem Andenken ſchuldig zu ſein, in dieſer Sache ſo zu handeln wie er zuvor gehandelt hat. Das iſt ſein Grund, Fräu⸗ lein Garth— ich beſchwöre Sie auf meinen Knieen, betrachten Sie das als ſeinen Grund. Er wird thun was ſein theurer Vater that, nicht mehr, nicht weniger. Sein theurer Vater machte ein An⸗ erbieten, und er will jezt dieſes Anerbieten noch einmal machen. Ja, Herr Noel, Sie werden ſich erinnern was jenes arme Mädchen in ſeinem Brief Ihnen ſagte. Ihre Schweſter war genöthigt als Gouvernante in die Fremde zu ziehen, und ſie ſelbſt hat mit dem Verluſt ihres Vermögens auch die Hoffnung auf ihre Verheirathung auf viele Jahre verloren. Sie werden ſich daran erinnern— und Sie werden hundert Pfund der einen und hundert Pfund der andern geben, wie es Ihr bewunderns⸗ werther Vater in der lezten Zeit angeboten hat? Wenn er dieß thut, Fräulein Garth, wird er genug 202 thun? Wenn er jeder dieſer unglücklichen Schweſtern hundert Pfund gibt—?“ „Er wird dieſe Beleidigung bis an die lezte Stunde ſeines Lebens bereuen,“ ſagte Magdalene. In dem Augenblick, wo dieſe Antwort über ihre Lippen glitt, hätte ſie Welten darum gegeben, wenn ſie dieſelbe hätte zurücknehmen können. Frau Le⸗ count hatte endlich ihren Stachel an der rechten Stelle angeſezt. Die raſchen Worte Magdalenens waren leidenſchaftlich aus ihrem Munde geplazt— in ihrer eigenen Stimme. Nichts als die Gewohnheit des öffentlichen Auf⸗ tretens bewahrte ſie, den ernſtlichen Fehler, den ſie begangen hatte, durch einen Verſuch ihn zu ver⸗ beſſern noch handgreiflicher zu machen. Hier kam ihr ihre theatraliſche Uebung zu Hilfe und drängte ſie in Fräulein Garths Stimme fortzufahren, gerade als ob nichts vorgefallen wäre. „Sie meinen es wohl, Frau Lecount,“ fuhr ſie fort,„aber Sie verlezen, ſtatt daß Sie wohl thun. Meine Schülerinnen werden eine ſolche Abfindung, wie Sie vorſchlagen, nicht annehmen. Ich bedaure eben jezt ſo heftig geſprochen zu haben; ich bitte um Verzeihung.“ Sie blickte der Haushälterin bei die⸗ ſen verſöhnlichen Worten mit ſcharfforſchenden Augen ins Geſicht. Frau Lecount vereitelte den Blick, in⸗ dem ſie ihr Taſchentuch vor die Augen hielt. Hatte ſie den momentanen Wechſel in Magdalenens Stimme vom angenommenen in den natürlichen Ton bemerkt oder nicht? Unmöglich zu beantworten. „Was kann ich mehr thun!“ murmelte Frau Lecount hinter ihrem Taſchentuche.„Vergönnen Sie komme. war. offenen deßwe ner V Verleg hinter hörte, allein benüze gemeit wecken deutlie übrige mehr, durch B ſtone auch weſtern e lezte alene. er ihre „wenn au Le⸗ rechten alenens lazt— en Auf⸗ den ſie zu ver⸗ er kam drängte gerade fuhr ſie al thun. indung, bedaure ditte um bei die⸗ Augen lick, in⸗ Hatte Stimme bemerkt e Frau nen Sie 203 mir Zeit zu denken, vergönnen Sie mir Zeit mich zu faſſen. Darf ich mich einen Augenblick entfernen, Herr? Meine Nerven ſind durch dieſen verdrieß⸗ lichen Auftritt erſchüttert worden. Ich muß ein Glas Waſſer haben, ſonſt werde ich ohnmächtig, fürchte ich. Gehen Sie noch nicht, Fräulein Garth. Ich bitte, geſtatten Sie uns Zeit dieſen verdrieß⸗ lichen Gegenſtand zurechtzuſezen, wenn es uns mög⸗ lich iſt; ich bitte hier zu verweilen bis ich zurück⸗ komme.“ Es gab zwei Eintrittsthüren in das Zimmer. Eine, die Thüre in das vordere Sprechzimmer, nahe zu Magdalenens linker Hand. Die andere, die Thüre in das hintere Sprechzimmer, die hinter ihr angebracht war. Frau Lecount entfernte ſich höflich durch die offenen Flügelthüren; ſie wählte dieſen Ausgang deßwegen, um ihren Beſuch dadurch, daß ſie an ſei⸗ ner Vorderſeite vorüberging, anſcheinend nicht in Verlegenheit zu verſezen. Magdalene wartete bis ſie hinter ſich die Thüre öffnen und wieder ſchließen hörte, und beſchloß dann die Gelegenheit welche ſie allein mit Noel Vanſtone ließ auf das Beſte zu benüzen. Die völlige Hoffnungsloſigkeit, in dieſer gemeinen Natur eine großmüthige Regung zu er⸗ wecken, war ihr durch ihre eigene Erfahrung zur deutlichſten Gewißheit geworden. Die einzige noch übrige Ausſicht auf irgend einen Erfolg war nur mehr, ihn wie eine feige Memme zu behandeln und durch ſeine Furcht Einfluß auf ihn zu bekommen. Bevor ſie ſprechen konnte, brach Herr Noel Van⸗ ſtone ſelbſt das Stillſchweigen. So pfiffig er es auch zu verbergen ſich beſtrebte, ſo war er doch halb 204 ärgerlich, halb beſtürzt darüber daß ſeine Haus⸗ hälterin ihn verlaſſen hatte. Er ſchaute zweifelhaft auf ſeinen Beſuch. Er zeigte eine nervöſe Aengſt⸗ lichkeit ſie zu verſöhnen, bis Frau Lecount zuruͤck⸗ kehrte. „Ich bitte ſich zu erinnern, Madame; ich leug⸗ nete niemals daß dieſer Fall ein ſehr harter wäre,“ begann er.„Sie ſagten eben zuvor daß es Ihr Wunſch nicht ſei mich zu beleidigen. Darf ich Ihnen einige Erdbeeren anbieten? Wollen Sie vielleicht meines Vaters Erhandelſchaften anſehen? Ich ver⸗ ſichere Sie, Madame, ich bin von Natur ein galanter Mann und ich nähre für jene beiden Schweſtern, be⸗ ſonders für die jüngere, ein tiefes Mitgefühl. Packen Sie mich an dem Flecke meiner Weichherzigkeit, ſo haͤben Sie mich an meinem ſchwachen Flecke gepackt. Nichts würde mir mehr Vergnügen machen als zu hören daß Fräulein Vanſtones Liebhaber(ich nenne ſie ſicherlich immer Fräulein Vanſtone und die Lecount macht es eben ſo)— ich ſage, Madame, nichts würde mir mehr Vergnügen machen als zu hören daß Fräu⸗ lein Vanſtones Liebhaber zurückgekommen wäre und ſie geheirathet hätte. Wenn ein Geldanlehen ihn vielleicht zurückbringen könnte, und wenn die gebo⸗ tene Sicherheit gut wäre, und wenn mein Sachwal⸗ ter ſich einverſtanden erklärte—“ „Halt, Herr Vanſtone,“ ſagte Magdalene.„Sie ſind total irrthümlich daran in Ihrer Schäzung der Perſon mit der Sie ſich befaſſen. Sie haben im Ernſt Unrecht, wenn Sie vorausſezen daß die Ver⸗ heirathung der jüngern Schweſter— und ſollte ſie auch binnen Wochenfriſt erfolgen— irgend einen Unterſch welche Ihren rede da deln m an die beſchleu von ein aber a mittel e wegen, nach de men ſo ein nar Das G welches ſie wie Das iſ in ihm unerträ rechts ſtern b zu räch unglüch nenreie Zoll b Ihnen die ni deren vollen Ihnen welche Haus⸗ eifelhaft Aengſt⸗ zurück⸗ h leug⸗ wäre,“ es Ihr Ihnen dielleicht Ich ver⸗ galanter ern, be⸗ Packen o haͤben Nichts n hören enne ſie Lecount 8 würde ß Fräu⸗ äre und hen ihn ie gebo⸗ Sachwal⸗ le.„Sie zung der aben im die Ver⸗ ſollte ſie ud einen 20⁵ Unterſchied in den Ueberzeugungen herbeiführen könnte, welche ſie zum Schreiben der Briefe an Sie und Ihren Vater bewogen. Ich ſtelle nicht in Ab⸗ rede daß ſie in Folge verſchiedener Gründe han⸗ deln mag. Ich ſtelle nicht in Abrede daß ſie ſich an die Hoffnung anklammert ihre Verheirathung zu beſchleunigen, und an die Hoffnung ihre Schweſter von einem Leben der Abhängigkeit zu erlöſen. Wenn aber auch dieſe beiden Zwecke durch andere Hilfs⸗ mittel erreicht würden, ſo könnte ſie doch Nichts be⸗ wegen, Sie im Beſize der Erbſchaft zu laſſen die nach der Abſicht des Vaters ſeinen Kindern zukom⸗ men ſollte. Ich kenne ſie, Herr Vanſtone! Sie iſt ein namenloſes, heimathloſes, freundloſes Geſchöpf. Das Geſez, welches für Sie Sorge trägt, das Geſez, welches für alle legitimen Kinder Sorge trägt, gibt ſie wie ein verächtliches Aas den Winden Preis. Das iſt Ihr Geſez, nicht das ihrige. Sie erkennt in ihm bloß ein Werkzeug feiler Unterdrückung und unerträglichen Unrechts. Das Gefühl dieſes Un⸗ rechts jagt ſie umher, als wenn ſie von böſen Gei⸗ ſtern beſeſſen wäre. Der Entſchluß, dieſes Unrecht zu rächen, brennt in ihr wie Feuer. Wenn dieſes unglückliche Mädchen morgen verheirathet und millio⸗ nenreich wäre, glauben Sie denn, ſie würde einen Zoll breit von ihrem Vorſaz abweichen? Ich ſage Ihnen, Sie würde bis zum lezten Athemzuge gegen die niederträchtige Ungerechtigkeit zu Felde ziehen, deren Opfer die hilfloſen Kinder durch den jammer⸗ vollen Tod ihres Vaters geworden ſind! Ich ſage Ihnen, ſie würde vor keinem Mittel zurückbeben, welches ein verzweifeltes Weib ergreifen kann, Ihre 206 verſchloſſenen Hände zum Oeffnen zu zwingen, und wenn ſie bei dem Verſuch auch zu Grunde ginge!“ Sie hielt plözlich inne. Noch einmal hatte ihre unbezwingliche Heftigkeit ſie verrathen. Noch ein⸗ mal hatte der natürliche Adel dieſer irregeleiteten Natur den Sieg über die Täuſchung errungen, zu deren Ausführung ſie ſich eben erniedrigen wollte. Das Truggebilde des Augenblicks verſchwand vor ihrem geiſtigen Auge, und der Entſchluß ihres Le⸗ bens brach ſich plözlich Bahn nach außen in ihren eigenen Worten, ihren eigenen Tönen, heißer und immer heißer aus ihrem Herzen ſtrömend. Sie ſah den erbärmlichen Zwergmann vor ſich, wie er ſchwei⸗ gend in ſeinem Stuhle kauerte. Hatte ſeine Furcht ihm Bewußtſein genug gelaſſen, um die Verände⸗ rung in ihrer Stimme zu bemerken? Nein, ſein Geſicht ſprach die Wahrheit— ſeine Furcht hatte ihn verwirrt gemacht. Dießmal hatte ſie der Zufall des Augenblicks begünſtigt. Die Thüre hinter ihrem Stuhl hatte ſich bis jezt noch nicht wieder geöffnet. „Keine Ohren haben mich gehört als die ſeinigen,“ dachte ſie mit dem Gefühl unnennbarer Erleichte⸗ rung.„Ich bin Frau Lecount entgangen.“ Dem war aber nicht ſo. Frau Lecount hatte das Zimmer gar nie verlaſſen. Nachdem die Haushälterin die Thüre geöffnet und ohne hinauszugehen wieder geſchloſſen hatte, kniete ſie leiſe hinter Magdalenens Stuhl nieder. Indem ſie ſich an dem Pfoſten der Flügelthüre feſt⸗ hielt, nahm ſie eine Scheere aus ihrer Taſche, war⸗ tete bis Noel Vanſtone, deſſen Blicken ſie ebenfalls ganz verborgen blieb, durch ſein Geſpräch die Auf⸗ merkſan und ber Hand b Rock de Alpaca den B. Lecount eine ül Gewan regelmo bel her der dar ſie die aufſtan verbare chen. Ceremt des hit Plaz. Herr?“ Beſtür bleich, haben anderr „8 Noel Wiede „Fräu gedrol der be ders n, und ginge!“ tte ihre ]ch ein⸗ eleiteten gen, zu wollte. and vor hres Le⸗ in ihren ßer und Sie ſah ſchwei⸗ Furcht Verände⸗ , ſein ht hatte r Zufall er ihrem geöffnet. einigen,“ Erleichte⸗ nt hatte geöffnet n hatte, nieder. hüre feſt⸗ che, war⸗ ebenfalls die Auf⸗ 207 merkſamkeit Magdalenens auf ſich gezogen hatte, und beugte ſich dann mit der Scheere, die in ihrer Hand bereit war, vorwärts. Der Saum von dem Rock des Pſeudofräuleins Garth, von dem braunen Alpacarock nämlich mit den weißen Tupfen, berührte den Boden im Bereich der Haushälterin. Frau Lecount lüpfte die äußere der beiden Falbeln welche, eine über die andere, rund um den untern Theil des Gewandes liefen, ſchnitt behutſam ein kleines, un⸗ regelmäßiges Stück des Stoffes von der innern Fal⸗ bel heraus und legte dann die äußere zierlich wie⸗ der darüber, um die Lücke zu verbergen. Während ſie die Scheere wieder in ihre Taſche geſchoben hatte, aufſtand und ſich hinter dem Pfoſten der Flügelthüre verbarg, hatte Magdalene ihre lezten Worte geſpro⸗ chen. Frau Lecount wiederholte ganz ruhig die Ceremonie des Oeffnens und Schließens der Thüre de hintern Sprechzimmers und glitt zurück an ihren laz. „Was iſt vorgefallen in meiner Abweſenheit, Herr?“ fragte ſie, indem ſie ſich mit einem Blick der Beſtürzung an Noel Vanſtone wandte.„Sie ſind bleich, Sie ſind in Aufregung! O, Fräulein Garth, haben Sie die Warnung vergeſſen die ich Ihnen im andern Zimmer ertheilte?“ „Fräuleim Garth hat Alles vergeſſen,“ rief Herr Noel Vanſtone, der ſeine verlorne Faſſung beim Wiedererſcheinen der Frau Lecount wieder fand. „Fräulein Garth hat mir auf die beleidigendſte Weiſe gedroht. Ich verbiete Ihnen fernerhin noch eines der beiden Mädchen zu bemitleiden, Lecount, beſon⸗ ders nicht das jüngere. Sie iſt das verzweifeltſte 208 Geſchöpf, von dem ich jemals gehört habe. Sie droht, wenn ſie mein Geld nicht auf gütlichem Wege bekommen kann, es auf böſem zu erhalten. Fräu⸗ lein Garth hat mir das ins Geſicht geſagt. Ins Geſicht!“ wiederholte er, indem er ſeine Arme über einander legte und tödtlich beleidigt ausſah. „Beruhigen Sie ſich, Herr,“ ſagte Frau Lecount, „bitte, beruhigen Sie ſich und laſſen Sie mich mit Fräulein Garth ſprechen.— Ich bedaure hören zu müſſen, Madame, daß Sie vergaßen was ich Ihnen im erſten Zimmer geſagt habe. Sie haben Herrn Noel aufgeregt; Sie haben die Intereſſen, wegen deren Vertheidigung Sie hieher kamen, auf das Spiel geſezt und lediglich doch nur das wiederholt was wir ſchon vorher wußten. Die Sprache, wel⸗ cher Sie ſich in meiner Abweſenheit zu bedienen erlaubten, iſt die nämliche Sprache deren ſich Ihre Schülerin thörichter Weiſe genug bediente, als ſie zum zweiten Mal an meinen verſtorbenen Herrn ſchrieb. Wie kann eine Dame von Ihren Jahren und Ihrer Erfahrung im Ernſt ſolchen Unſinn wie⸗ derholen? Dieß Mädchen thut groß und droht. Sie will dieß thun; ſie will jenes thun. Sie ha⸗ ben Ihr Vertrauen, Madame. Sagen Sie mir ge⸗ fälligſt in deutlichen Worten, was kann ſie thun?“ So ſcharf auch die Stichelei zugeſpizt war, ſie prallte ohne zu verlezen ab. Frau Lecount hatte ihren Stachel ſchon zu oft eingeſenkt. Magdalene ſtand auf, ihrer angenommenen Rolle wieder voll⸗ kommen mächtig, und beendigte ruhig die Unter⸗ redung. Unbekannt, wie ſie war, mit dem was hin⸗ ter ihrem Stuhl vorgefallen war, ſah ſie doch in Frau Le rung, di ter mehr bleiben. „Ich ſagte ſie Frage b Ihnen r nur ſag ſie an Ausführ war ſog glauben Pläne d wären. nur beh ſo wird ner Scht hieher g einzuſchü⸗ laſſe Her weder d mit den theilen, beharren Sie ver Herr Beſtürzu Geſichte ſeine Lip volle H Colli 2. Sie n Wege Fräu⸗ t. Ins ne über Lecount, nich mit ören zu h Ihnen n Herrn „wegen auf das iederholt he, wel⸗ bedienen ich Ihre als ſie n Herrn Jahren ſinn wie⸗ d droht. Sie ha⸗ mir ge⸗ thun?“ war, ſie unt hatte tagdalene dder voll⸗ le Unter⸗ was hin⸗ doch in 1 209 Frau Lecounts Blick und Benehmen eine Verände⸗ rung, die es ihr räthlich erſcheinen ließ, nichts wei⸗ ter mehr zu riskiren und nicht länger im Hauſe zu bleiben. „Ich ſtehe nicht im Vertrauen meiner Schülerin,“ ſagte ſie.„Ihre eigenen Handlungen werden Ihre Frage beantworten, wenn die Zeit kommt. Ich kann Ihnen vermöge meiner eigenen Bekanntſchaft mit ihr nur ſagen daß ſie keine Großſprecherin iſt. Was ſie an Herrn Michael Vanſtone geſchrieben, zu deſſen Ausführung hatte ſie ſchon Anſtalten getroffen, ja war ſogar ſchon— ich habe allen Grund ſo zu glauben— in der Ausführung begriffen, wenn ihre Pläne durch ſeinen Tod nicht durchkreuzt worden wären. Herrn Michael Vanſtones Sohn braucht nur beharrlich den Weg ſeines Vaters zu verfolgen, ſo wird er bald inne werden daß ich mich in mei⸗ ner Schülerin nicht getäuſcht habe, und daß ich nicht hieher gekommen bin um ihn durch leere Drohungen einzuſchüchtern. Mein Geſchäft iſt abgemacht. Ich laſſe Herrn Noel Vanſtone die alternative Wahl, ent⸗ weder das Vermögen des Herrn Andreas Vanſtone mit den Töchtern des Herrn Andreas Vanſtone zu theilen, oder bei ſeiner gegenwärtigen Weigerung zu beharren und den Folgen davon entgegenzuſehen.“ Sie verbeugte ſich und ging an die Thüre. Herr Noel Vanſtone ſprang auf; Aerger und Beſtürzung kämpften auf ſeinem verblüfften weißen Geſichte mit einander um die Oberhand. Bevor er ſeine Lippen öffnen konnte, ließen ſich Frau Lecounts volle Hände auf ſeine Schultern herab, führten ihn Collins, Namenlos. II. 14 210 ſanft auf ſeinen Stuhl zurück und ſtellten die Platte mit den Erdbeeren wieder in die vorige Lage auf ſeinen Schooß. „Wohnen Sie in London, Madame?“ fragte Frau Lecount. „Nein,“ erwiderte Magdalene.„Ich wohne auf dem Land.“ „Wenn ich Ihnen zu ſchreiben wünſche, wohin ſoll ich den Brief adreſſiren?“ „An das Poſtamt Birmingham,“ ſagte Magda⸗ lene, indem ſie den Plaz nannte den ſie zulezt ver⸗ laſſen hatte und nach welchem alle Briefe an ſie adreſſirt wurden. Frau Lecount wiederholte die Poſtrichtung, um ſie ihrem Gedächtniſſe einzuprägen, that zwei Schritte im Gange vorwärts und legte ruhig ihre rechte Hand auf Magdalenens Arm. „Ein Wort guten Rathes,“ ſagte ſie,„ein einzi⸗ ges Wort auf die Reiſe. Sie ſind ein beherztes Weib und ein gewandtes Weib. Seien Sie nicht zu be⸗ herzt, ſeien Sie nicht zu gewandt. Sie riskiren mehr als Sie denken.“ Sie ſtellte ſich plözlich auf ihre Zehen und flüſterte die folgenden Worte in Magdalenens Ohr.„Ich halte Sie in meiner hohlen Hand!“ ſagte Frau Lecount mit einem ſtarken, ſchneidenden Nachdruck bei jeder Silbe. Ihre linke Hand ballte ſich feſt zuſammen als ſie ſprach⸗ Es war die Hand in der ſie das Stückchen Zeug von Magdalenens Rock verborgen hielt, die Hand die es in dieſem Augenblick feſt umfaßte. „Was meinen Sie damit?“ fragte Magdalene, ſie zurückſtoßend. Ihre S öffnen i len auf noch me ihre klei ſchuldig Carte c darauf auf den geſehen iſt, ein die Bel reits he ihr vor daraufl. „ mit Fre nachdru daß ſie ie Platte ſage auf gte Frau ohne auf 2, wohin Magda⸗ ulezt ver⸗ fe an ſie ung, um ei Schritte hre rechte „ein einzi⸗ rztes Weib icht zu be⸗ ie riskiren llözlich auf Worte in ammeiner mit einem lilbe. Ihre ſie ſprach, kchen Zeugf die Hand Magdalene, 211 Frau Lecount ſchlüpfte höflich voraus, um die Hausthüre zu öffnen. „Ich meine Nichts damit,“ ſagte ſie.„Warten Sie ein wenig und die Zeit wird es weiſen. Eine lezte Frage, Madame, ehe ich Lebewohl ſage. Als Ihre Schülerin noch ein kleines, unſchuldiges Kind war, unterhielt ſie ſich damals nicht manchmal mit dem Aufbauen von Cartenhäuſern?“ Magdalene antwortete ungeduldig mit einer Geſte der Bejahung. „Sahen Sie ſie da manchmal ihr Haus immer höher und höher aufbauen,“ fuhr Frau Lecount fort, „bis es förmlich eine Pagode von Carten war? Sahen Sie da ihre kleinen Kinderaugen ſich weit öffnen und darauf hinſchauen, und ſich ſo ſtolz füh⸗ len auf das bereits Vollbrachte, daß ſie wünſchte noch mehr zu thun? Sahen Sie da manchmal, wie ihre kleine Hand unbeweglich war, wie ſie ihren un⸗ ſchuldigen Athem an ſich hielt und noch eine andere Carte auf die Spize legte, und wie einen Augenblick darauf das ganze Haus in einen Trümmerhaufen auf dem Tiſch zuſammenſtürzte? Ach, Sie haben das geſehen! Bringen Sie ihr, wenn es Ihnen gefällig iſt, einen freundlichen Gruß von mir. Ich wage die Behauptung aufzuſtellen, daß ſie ihr Haus be⸗ reits hoch genug aufgebaut hat, und ich empfehle ihr vorſichtig zu ſein, ehe ſie noch eine weitere Carte darauflegt.“ „Ich werde es ihr melden,“ ſagte Magdalene mit Fräulein Garths Rauhheit und Fräulein Garths nachdrucksvollem Kopfnicken.„Aber ich zweifle ſehr daß ſie darauf achten wird. Ihre Hand iſt noch 212 viel feſter als Sie annehmen, und ich denke, ſie wird die andere Carte noch darauflegen.“. „Und das Haus zuſammenwerfen,“ ſagte Frau Lecount. „Und es wieder aufbauen,“ verſezte Magdalene. „Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen.“ „Guten Morgen!“ ſagte Frau Lecount, indem ſie die Thüre öffnete.„Noch ein leztes Wort, Fräulein Garth! Denken Sie daran was ich Ihnen im Hin⸗ terzimmer ſagte! Gebrauchen Sie die goldene Salbe gegen ihr betrübendes Augenleiden!“ Als Magdalene ihren Fuß auf die Schwelle der Thüre ſezte, begegnete ſie einem Briefträger, der die Haustreppe heraufſtieg, mit einem Brief in der Hand, den er aus ſeinem Pack herausgeklaubt hatte.„Noel Vanſtone Esquire?“ hörte ſie den Mann fragweiſe ſagen, als ſie ihres Weges durch das Vordergärtchen der Straße zu fortging. Sie paſſirte das Gartenthor, nicht ahnend vor welcher neuen Schwierigkeit und Gefahr ihr zeitiges Fortgehen ſie bewahrt habe. Der Brief, welchen der Briefträger juſt in die Hände der Haushälterin abgeliefert hatte, war kein anderer als der anonyme 4 Brief von Capitän Wragge an Noel Vanſtone. Viertes Capitel. Frau Lecount ging in das Empfangzimmer zu⸗ rück, das Bruchſtück von Magdalenens Rock in der einen und Capitän Wragges Brief in der andern Hand haltend. „Si Noel V lein Ge „No ſagte F ſo weni ben un kerade die Ver denke i den. Brieftr Si reich il in ſein Entdec ſicht de den B. „N Frau nahm. wird und ſ Waſſer ſie ſich hätte mir N gange ſtriche farbe ich hö Stim ſie wird te Frau gdalene. ndem ſie Fräulein im Hin⸗ ie Salbe velle der , der die der Hand, e.„Noel fragweiſe ergärtchen hnend vor or zeitiges welchen ushälterin anonyme nſtone. zimmer zu⸗ ock in der der andern „Sind Sie ihrer los geworden?“ fragte Herr Noel Vanſtone.„Haben Sie die Thüre hinter Fräu⸗ lein Garth zugemacht?“ „Nennen Sie ſie nicht Fräulein Garth, Herr,“ ſagte Frau Lecount, verächtlich lächelnd.„Sie iſt ſo wenig Fräulein Gaxth als Sie es ſind. Wir ha⸗ ben uns mit der Darſtellung einer verſchmizten Mas⸗ kerade beehren laſſen, und wenn wir unſerm Beſuch die Verkleidung genommen hätten, ſo hätten wir, denke ich, Fräulein Vanſtone ſelbſt darunter gefun⸗ den. Hier iſt ein Brief für Sie, Herr, den der Briefträger juſt gebracht hat.“ Sie legte den Brief auf den Tiſch in den Be⸗ reich ihres Herrn. Herr Noel Vanſtone concentrirte in ſeinem Erſtaunen über die ihm eben mitgetheilte Entdeckung ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das Ge⸗ ſicht der Haushälterin. Er blickte nicht einmal auf den Brief den ſie ihm hingelegt hatte. „Nehmen Sie mein Wort darauf, Herr,“ fuhr Frau Lecount fort, indem ſie gelaſſen einen Stuhl nahm.„Wenn unſer Beſuch nach Hauſe kommt, ſo wird er ſein graues Haar in eine Schachtel legen und ſeine traurige Augenentzündung mit warmem Waſſer und einem Schwamm wegwaſchen. Wenn ſie ſich die Runzeln ſo gut auf ihr Geſicht gemalt hätte als die Augenentzündung, ſo würde das Licht mir Nichts gezeigt haben und ich wäre gewiß hinter⸗ gangen worden. Aber ich betrachtete mir die Pinſel⸗ ſtriche genau; ich ſah unter ihrer ſchmuzigen Geſichts⸗ farbe die Haut einer jungen Dame durchſchimmern; ich hörte in dieſem Zimmer eben ſo gut eine wahre Stimme, die im Zuſtande der Leidenſchaft, als eine 214 falſche, die mit fremdartiger Betonung geſprochen wurde— und ſo glaube ich auch nicht an ein ein⸗ ziges Stück der äußeren Erſcheinung dieſer Dame, vom Wirbel bis zur Zehe. Das Mädchen ſelbſt wars nach meiner Meinung, Herr Noel— und noch dazu ein keckes Mädchen.“ „Warunm ſchloſſen Sie nicht die Thüre und ſchick⸗ ten nach der Polizei?“ fragte Herr Noel.„Mein Vater würde nach der Polizei geſchickt haben. Sie wiſſen ſo gut wie ich, Lecount, mein Vater würde nach der Polizei geſchickt haben.“ „Verzeihen Sie, Herr,“ ſagte Frau Lecount.„Ich glaube, Ihr Vater würde gewartet haben, bis mehr Gründe nach der Polizei zu ſchicken vorlagen als jezt. Wir werden die Dame ſchon wiederſehen, Herr. Vielleicht wird ſie das nächſte Mal mit ihrem eige⸗ nen Geſicht und ihrer eigenen Stimme hieher kom⸗ men. Ich bin neugierig zu ſehen wie ihr eigenes Geſicht ausſieht; ich bin neugierig zu erfahren, ob das was ich von ihrer Stimme in der Aufwallung der Leidenſchaft gehört habe hinreicht, um die näm⸗ liche Stimme wiederzuerkennen, wenn ihr Ton ruhig iſt. Ich beſize ein kleines Andenken an ihren Be⸗ ſuch, von dem ſie nichts weiß, und ſie wird mir nicht ſo leicht entſchlüpſen als ſie denkt. Wenn es ſich als ein nüzliches Andenken herausſtellt, ſollen Sie erfahren was es iſt. Wenn nicht, ſo will ich Sie mit einem ſolch geringfügigen Gegenſtand nicht be⸗ unruhigen. Erlauben Sie mir, Herr, Sie an den Brief dort zu ihren Handen zu erinnern. Sie ha⸗ ben bis jezt noch nicht auf ihn hingeſehen.“ Her als ſein — und fiel ſeir Frau 8 jungen Geſicht ihre g. gekünſt Noel! blüffte mich ben h ſei de berau thum thum das könnt mich 2 cound prochen ein ein⸗ Dame, n ſelbſt und noch d ſchick⸗ „Mein n. Sie würde it.„Ich is mehr gen als n, Herr. em eige⸗ her kom⸗ eigenes hren, ob fwallung die näm⸗ on ruhig hren Be⸗ nir nicht es ſich llen Sie ich Sie nicht be⸗ an den Sie ha⸗ 215 Herr Noel Vanſtone öffnete den Brief. Er ſtuzte als ſein Blick auf die erſten Zeilen fiel— zauderte — und las ihn dann eilig durch. Das Papier ent⸗ fiel ſeiner Hand und er ſank in ſeinen Stuhl zurück. Frau Lecount ſprang mit der Lebhaftigkeit eines jungen Mädchens auf und ergriff den Brief. „Was iſt vorgefallen Herr?“ fragte ſie. Ihr Geſicht entfärbte ſich, als ſie dieſe Frage ſtellte, und ihre großen ſchwarzen Augen ſtierten ihn mit un⸗ gekünſteltem Erſtaunen und Schrecken an. „Schicken Sie nach der Polizei?“ rief der Herr. „Lecount, ich will beſchüzt ſein. Schicken Sie nach der Polizei!“ „Darf ich den Brief leſen, Sir?“ Er winkte ſchwach mit ſeiner Hand. Frau Le⸗ count las den Brief aufmerkſam durch und legte ihn hierauf, ohne ein Wort zu ſprechen, beiſeite auf den Tiſch. „Haben Sie mir Nichts zu ſagen?“ fragte Herr Noel Vanſtone, indem er ſeine Haushälterin mit ver⸗ blüffter Zaghaftigkeit anſtarrte.„Lecount, man will mich berauben! Der Schuft, der den Brief geſchrie⸗ ben hat, weiß Alles und will mir Nichts ſagen, es ſei denn daß ich ihn dafür bezahle. Man will mich berauben! Hier auf dem Tiſch befindet ſich Eigen⸗ thum im Werth von mehreren tauſend Pfund, Eigen⸗ thum das niemals erſezt werden kann, Eigenthum das alle gekrönten Häupter Europas nicht eiſen könnten, wenn ſie es auchsverſuchten. j mich ein, Lecount, und ſſchicken Sie na⸗ Anſtatt Polizei zu requiriren count einen großen grünen P pißß 216 ſtück herab und ſezte ſich ihrem Herrn gegenüber nieder. „Sie ſind in Aufregung, Herr Noel,“ ſagte ſie; „Sie ſind erhizt. Laſſen Sie mich Ihnen Kühlung zuwedeln.“ Mit einem Geſicht ſo hart wie je, mit minder Zärtlichkeit in Blick und Benehmen, als die meiſten Frauen zur Schau getragen haben würden, wenn ſie eine halbertrunkene Fliege aus einem Milch⸗ napf gerettet hätten, fächelte ſie ihm fünf Minuten oder mehr ſchweigend und geduldig Luft zu. Keinem geübten Auge, das die eigenthümlich bläuliche Bläſſe ſeiner Geſichtsfarbe und die auffallende Anſtrengung womit er Athem holte beobachtet hätte, würde es entgangen ſein, daß das große Organ des Lebens in dieſem Mann, wie ſchon die Haushälterin erklärt hatte, zu ſchwach für die Ausübung der ihm zuſtehen⸗ den Funktion war. Sein Herz hatte mit ſeiner Ver⸗ richtung ſo ſchwer zu arbeiten, als ob es das Herz eines abgelebten alten Mannes wäre. „Fühlen Sie ſich jezt leichter, Herr?“ fragte Frau Lecount.„Können Sie ein wenig denken? Können Sie Ihre beſſere Urtheilskraft wieder in Bewegung ſezen?“ Sie ſtand auf und legte ihre Hand auf ſein Herz, mit ſo mechaniſcher Theilnahme und ſo wenig auf⸗ richtigem Intereſſe, als ob ſie die Schüſſeln beim Mittageſſen angefühlt hätte, um ſich zu vergebiſſern daß ſie gehörig warm gemacht wären.„Ja,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich wieder ſezte und die Bewegung mit dem Fächer von Neuem begann,„Sie erholen ſich bereits, Herr Noel.— Befragen Sie mich nicht über dieſen anonymen Brief, bis Sie darüber Ihre eigenen ausge und ſo Sie n jedoch geben. für S Noel, ſchrecke Gegen Verſch Dame zählt. rung. daß d zuthei Was 77 Vanſt wieder ſeinen 0 „2 ſo wie fort. ſeine was leins veran kleidu iſt od eigene wiſſen genüber agte ſie; Kühlung je, mit als die würden, n Milch⸗ Minuten Keinem e Bläſſe rengung ürde es Lebens i erklärt zuſtehen⸗ ner Ver⸗ as Herz fragte denken? leder in in Herz, nig auf⸗ In beim gewiſſern 1,“ fuhr ewegung erholen ich nicht der Ihre 217 eigenen Gedanken gefaßt und Ihre Anſicht zuerſt ausgeſprochen haben.“ Sie ſezte das Zufächeln fort und ſah ihm dabei feſt in das Geſicht.„Denken Sie nach,“ ſagte ſie;„denken Sie nach, Herr, ohne jedoch ſich anzuſtrengen, Ihren Gedanken Worte zu geben. Vertrauen Sie meiner warmen Sympathie für Sie, die in den Augen lesbar iſt. Ja, Herr Noel, dieſer Brief iſt ein armſeliger Verſuch Sie zu ſchrecken. Was beſagt er? Er beſagt daß Sie der Gegenſtand einer von Fräulein Vanſtone geleiteten Verſchwörung ſind. Wir wiſſen das bereits, die Dame mit den entzündeten Augen hat es uns er⸗ zählt. Unſere Finger wühlen ſchon in der Verſchwö⸗ rung. Was ſagt der Brief noch weiter? Er ſagt daß der Schreiber Ihnen werthvolle Nachrichten mit⸗ zutheilen habe, wenn Sie ihn dafür bezahlen wollen. Was nannten Sie dieſe Perſon eben zuvor, Herr?“ „Ich nannte ſie einen Schuft,“ ſagte Herr Noel Vanſtone, indem er die Wichtigkeit ſeiner Perſon wieder zu fühlen begann und ſich nach und nach in ſeinem Stuhle aufrichtete. „Ich bin hierin mit Ihnen einverſtanden, Herr, ſo wie in jeder andern Sache,“ fuhr Frau Lecount fort.„Er iſt entweder ein Schuft, der in der That ſeine Nachrichten Ihnen mittheilt und wirklich meint was er ſagt, oder er iſt das Sprachrohr des Fräu⸗ leins Vanſtone, die ihn zum Schreiben dieſes Briefes veranlaßte, um uns in einer andern Form der Ver⸗ kleidung irre zu führen. Ob nun der Brief wahr iſt oder ob der Brief falſch iſt— leſe ich nicht Ihre eigenen weiſeren Gedanken jezt, Herr Noel?— Sie wiſſen Beſſeres als ein verfrühtes Anxufen der Po⸗ 218 lizei, was Ihre Feinde nur zwänge äußerſt auf der Hut zu ſein. Ich bin vollſtändig mit Ihnen ein⸗ verſtanden, jezt noch keine Polizei. Sie werden die⸗ ſem unbenannten Mann oder dieſer unbenannten Frau gerne erlauben anzunehmen, daß Sie leicht in Furcht gejagt werden können. Sie werden ihm eine Falle wegen der Mittheilungen legen, als Vergeltung für die Falle die er Ihnen wegen Ihres Geldes ge⸗ legt hat. Sie werden den Brief beantworten und den Erfolg der Antwort abwarten; und Sie werden die Koſten für das Anrufen der Polizei bloß dann aufwenden, wenn Sie wiſſen daß die Ausgabe nöthig iſt. Ich bin wieder mit Ihnen einverſtanden— keine Ausgabe wenn es ſich anders machen läßt. Nach jeder Richtung, Herr Noel, ſind meine und Ihre Anſichten in dieſer Sache eins.“ „Stellt ſich Ihnen die Sache in dieſem Lichte dar, Lecount— wirklich?“ ſagte Herr Noel Van⸗ ſtone.„Ich für meine Perſon denke ſo; ich denke ſicherlich ſo. Ich werde der Polizei keinen Heller bezahlen, wenn ichs anders zu machen im Stande bin.“ Er ergriff den Brief wieder und wurde beim zweiten Durchleſen deſſelben verdrießlich und ver⸗ wirrt.„Aber der Mann will Geld!“ brach er un⸗ geduldig heraus.„Sie ſcheinen zu vergeſſen, Lecount, daß der Mann Geld will.“ „Geld, das Sie ihm anbieten, Herr,“ entgegnete Frau Lecount;„aber— wie Ihre Gedanken ſchon im Voraus angenommen haben— Geld das Sie ihm nicht geben. Nein! nein! Sie ſagen zu die⸗ ſem Manne: Halten Sie Ihre Hand auf, mein Herr; und wenn er ſie hinhält, ſo geben Sie ihm einen Klatſch wieder Sie w erfreut kehrt. annonce eine An tert ein ren?. aber is halten.“ Ohr das Hit darund f der ein⸗ die⸗ unten cht in n eine eltung es ge⸗ n und perden dann nöthig en— läßt. e und Lichte [ Van⸗ ) denke Heller Stande ſe beim Id ver⸗ er un⸗ kecount, gegnete n ſchon das Sie zu die⸗ n Herr; m einen 219 Klatſch für ſeine Bemühung und ſtecken Ihre Hand wieder in Ihre Taſche. Ich bin ſo erfreut darüber Sie wieder lachen zu ſehen, Herr Noel! ſo erfreut zu ſehen daß Ihr guter Humor wieder zurück⸗ kehrt. Wir wollen den Brief durch eine Zeitungs⸗ annonce beantworten, wie der Schreiber anweist— eine Annonce iſt ſo wohlfeil! Ihre arme Hand zit⸗ tert ein Bischen— ſoll ich die Feder für Sie füh⸗ ren? Ich bin nicht geſchickt genug mehr zu thun; aber ich kann immerhin verſprechen die Feder zu halten.“ Ohne auf ſeine Antwort zu warten, ging ſie in das Hinterzimmer und kehrte mit Feder, Tinte und Papier zurück. Indem ſie mehrere Bogen Fließ⸗ papier auf ihren Knien zurechtrichtete und ausſa wie ein Modell freudiger Unterwürfigkeit, nahm ſie noch einmal unmittelbar vor dem Stuhl ihres Herrn Plaz. „Soll ich ſchreiben was Sie mir dictiren, Herr?“ fragte ſie.„Oder ſoll ich eine kleine Skizze entwer⸗ fen, welche Sie hernach verbeſſern werden? Ich will eine kleine Skizze entwerfen. Laſſen Sie mich den Brief ſehen. Wir ſollen es in die Times einrücken und an einen„unbekannten Freund“ adreſſiren. Was ſoll ich ſagen, Herr Noel? Halt, ich will es ſchreiben und dann können Sie es ſelbſt ſehen:„Ein unbekannter Freund wird erſucht, mittelſt Einrückung in die Zeitung eine Adreſſe anzugeben, durch die ein Brief zu ihm gelangen kann. Die offerirte Mitthei⸗ lung wird beim Empfang honorirt mit einer Summe von—.“ Welchen Betrag wünſchen Sie, daß ich darunter ſeze, Herr?“ 220 „Sezen Sie Nichts darunter,“ ſagte Herr Noel Vanſtone mit einem heftigen Ausbruch von Unge⸗ duld.„Geldangelegenheiten ſind mein Geſchäft— ich ſage, Geldangelegenheiten ſind mein Geſchäft, Lecount. Ueberlaſſen Sie das mir.“ „Gewiß, Herr,“ entgegnete Frau Lecount, indem ſie ihrem Herrn die Unterlage von Fließpapier reichte.„Sie werden nicht vergeſſen bei Ihrem Geld⸗ offert recht freigebig zu ſein, da Sie ja vorhinein wiſſen, daß Sie Nichts ausbezahlen werden.“ „Schreiben Sie mir Nichts vor, Lecount! Ich kann das Vorſchreiben nicht leiden!“ ſagte Herr Noel Vanſtone, indem er ſeine Unabhängigkeit mit ſteigender Ungeduld zu behaupten ſuchte.„Ich ge⸗ denke dieß Geſchäft für mich ſelbſt abzumachen. Ich bin Meiſter, Lecount.“ „Sie ſind Meiſter, Herr.“ „Mein Vater war Meiſter vor mir. Und ich bin meines Vaters Sohn. Ich ſage Ihnen, Lecount, ich bin meines Vaters Sohn!“ Frau Lecount verbeugte ſich unterthänig. „Ich gedenke diejenige Geldſumme darunter zu ſezen welche ich für recht halte,“ fuhr Herr Noel Vanſtone fort, indem er ſeinen kleinen Flachskopf heftig ſchüttelte.„Ich gedenke dieſe Annonce ſelbſt abzuſenden. Die Dienſtmagd ſoll ſie zu dem Papier⸗ händlersſchalter tragen, damit ſie in die Times ein⸗ gerückt wird. Wenn ich zweimal klingle, ſchicken Sie die Dienſtmagd. Sie verſtehen, Lecount? Schicken Sie die Dienſtmagd.“ Frau Lecount knixte wieder und ging gemächlich nach der Thüre. Sie wußte es ganz genau, wann ſie ihrer gehen zu lehrt ih bande Sachen nen We Merkme ſchwacht zu beſt der Ar Fall; 1 ihres wolle, Maulef ſich ſel öffnete machen „ hinaus Noel Unge⸗ ift— ſchäft, indem papier Geld⸗ hinein Ich Herr it mit ſch ge⸗ nachen. nd ich count, iter zu - Noel chskopf ſelbſt gapier⸗ es ein⸗ en Sie Schicken nächlich wann 221 ſie ihren Herrn zu leiten und wann ſie ihn allein gehen zu laſſen habe. Die Erfahrung hatte ſie ge⸗ lehrt ihn in allen weſentlichen Stücken am Gängel⸗ bande zu führen, dagegen ihn nachher in allen Sachen von untergeordneter Bedeutung ſeinen eige⸗ nen Weg gehen zu laſſen. Es war ein bezeichnendes Merkmal ſeiues ſchwachen Characters— ſo wie aller ſchwachen Charactere— auf Lappalien hartnäckig zu beſtehen. Das Ausfüllen des leeren Plazes in der Annonce war die Lappalie in gegenwärtigem Fall; und Frau Lecount beſchwichtigte den Argwohn ihres Herrn, daß ſie ihn am Gängelbande führen wolle, dadurch daß ſie ihm alsbald nachgab.„Mein Mauleſel hat hinten ausgeſchlagen,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt in ihrer eigenen Sprache, als ſie die Thüre öffnete.„Ich kann heute Nichts mehr mit ihm machen.“ „Lecount!“ rief der Herr, als ſie in den Gang hinausſchritt.„Kommen Sie zurück!“ Frau Lecount kam zurück. „Sie ſind doch nicht erzürnt über mich? Sind Sie es?“ fragte Herr Noel Vanſtone unruhig. „Gewiß nicht, Herr,“ erwiderte Frau Lecount. „Wie ich eben zuvor ſagte, ſie ſind Meiſter.“ „Gutes Geſchöpf! Geben Sie mir Ihre Hand.“ Er küßte ihre Hand und lächelte im vollſten Beifall zu dieſem ſeinem zärtlichen Benehmen.„Lecount, Sie ſind eine treffliche Perſon!“ „Dank, Herr,“ ſagte Frau Lecount. Sie ver⸗ beugte ſich und ging hinaus.„Wenn er in ſeinem Paviansſchädel etwas Hirn hätte,“ ſagte ſie im Gange vor ſich hin,„was für ein Schurke würde er ſein!“ 222 Als Herr Noel Vanſtone ſich ſelbſt überlaſſen war, verſank er in tiefe Betrachtungen über den leeren Raum auf der entworfenen Annonce. Frau Lecounts ſcheinbar überflüſſiger Wink, beim Geld⸗ anerbieten ja recht freigebig zu ſein, wenn er vor⸗ hinein wüßte daß er Nichts ausbezahlen würde, war auf eine tiefe Kenntniß ſeines Characters gegründet geweſen. Er hatte ſeines Vaters ſchmuzige Geldliebe geerbt, ohne die ſtarrköpfige Geſchicklichkeit ſeines Vaters mitzuerben, womit dieſer das Geld zu paſſen⸗ der Zeit zu gebrauchen verſtand. Die einzige Idee, die er mit ſeinem Reichthum in Verbindung brachte, war die Idee ihn recht zuſammenzuklemmen. Er war ein ſo eingefleiſchter Filz, daß ſchon die bloße Möglichkeit, im Gedanken freigebig zu ſein, ihn er⸗ ſchreckte. Er ergriff die Feder und legte ſie wieder hin; dann las er zum daitten Mal den anonymen Brief und ſchüttelte dabei argwöhniſch ſeinen Kopf. „Wenn ich dieſem Manne eine große Geldſumme anbiete,“ dachte er bei ſich ſelbſt plözlich,„wie weiß ich ob er nicht Mittel findet mich zur Zahlung zu zwingen? Weiber ſind immer voreilig; die Lecount iſt immer voreilig. Ich habe den Nachmittag vor mir—ich will den Nachmittag dazu anwenden um darüber nachzudenken.“ Verdrießlich legte er das Fließpapier und den Entwurf der Annonce auf den Stuhl den Frau Le⸗ count juſt verlaſſen hatte. Als er zu ſeinem eige⸗ nen Siz zurückkehrte, ſchüttelte er feierlich ſeinen Kopf und legte mit der Miene eines Mannes, der in tiefe Gedanken verſunken iſt, ſeinen weißen Schlaf⸗ rock über ſeinen Knieen zurecht. Minute um Minute verflof einand Uhr— in Un Ruf 1 Klinge M ſchiedr gerade ſchreit heimz Vaux ſtand, briole hielt. Wirth dem verwi chen blickli in da S Trep⸗ ihrer Wrad in de hang ab. dn Gan erlaſſen ber den Frau Geld⸗ er vor⸗ de, war gründet eldliebe ſeines paſſen⸗ ſe Idee, brachte, n. Er e bloße ihn er⸗ wieder onymen u Kopf. dſumme die weiß lung zu Lecount ag vor den um ind den rau Le⸗ m eige⸗ ſeinen es, der Schlaf⸗ Minute 223 verfloß; die Viertel⸗ und halben Stunden folgten einander auf dem Zifferblatt von Frau Lecounts Uhr— und noch immer blieb Herr Noel Vanſtone in Ungewißheit verloren, noch immer nicht ſtörte der Ruf nach dem Dienſtmädchen die Unthätigkeit der Klingel des Empfangszimmers. A** Mittlerweile hatte Magdalene nach ihrer Verab⸗ ſchiedung von Frau Lecount ſich weislich enthalten, gerade über die Straße auf ihre Wohnung loszu⸗ ſchreiten, und erſt nach einem Umweg in der Nähe heimzukehren gewagt. Als ſie ſich wieder in der Vauxhallpromenade befand, war der erſte Gegen⸗ ſtand, der ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ein Ca⸗ briolet welches vor der Thüre ihrer Wohnung an⸗ hielt. Nach einigen Schritten vorwärts erblickte ſie die Wirthstochter, die am Wagenſchlage ſtand und mit dem Kutſcher in einen Streit wegen des Fahrgeldes verwickelt war. Sobald ſie bemerkte daß das Mäd⸗ chen ihr den Rücken zuwandte, benüzte ſie augen⸗ blicklich dieſen Umſtand und ſchlüpfte unbeobachtet in das Haus hinein. Sie ſchlich ſich längs des Ganges hin, ſtieg die Treppe hinauf und fand ſich auf dem oberſten Tritt ihrer Reiſegefährtin gegenüber. Da ſtand Frau Wragge mit einem Haufen kleiner Päckchen die ſie in den Armen trug, und erwartete ängſtlich den Aus⸗ gang des Streites mit dem Kutſcher auf der Straße ab. Umzukehren war unmöglich. Der Schall der ſchel⸗ tenden Stimmen unten näherte ſich immer mehr dem Gange. Unſchlüſſigkeit war ſchlimmer als bloß nuz⸗ 224 los. Nur eine Wahl war ihr gelaſſen— die Wahl vorwärts zu gehen, und dieſe verzweifelte Wahl traf Magdalene denn auch. Sie ſchob Frau Wragge auf die Seite, ohne ein Wort zu ſagen, rannte in ihr Zimmer, riß Mantel, Hut und Perrücke herunter und warf ſie in den leeren Raum zwiſchen dem Sophabett und der Wand hinunter, wo man ſie nicht ſah. Für die erſten Paar Minuten beraubte das Er⸗ ſtaunen Frau Wragge der Gewalt über ihre Sprache und ſie blieb auf dem Fleck wo ſie ſtand wie ein⸗ gewurzelt ſtehen. Zwei Stücke ihrer Päckchenſamm⸗ lung fielen von ihren Armen auf die Treppe her⸗ unter. Der Anblick dieſer Cataſtrophe weckte ſie wieder auf.„Diebe!“ ſchrie Frau Wragge, plözlich von einer Idee erfaßt;„Diebe!“ Magdalene hörte ſie durch die Zimmerthüre, welche ſie nicht Zeit genug gehabt hatte vollſtändig zu ſchließen.„Sind Sie es, Frau Wragge?“ rief ſie hinaus in ihrer eigenen Stimme.„Was gibt es?“ Sie haſchte, während ſie ſprach, ſchnell nach einem Handtuch, tunkte es ins Waſſer und fuhr damit haſtig über den untern Theil ihres Geſichts. Bei dem Ton der vertrauten Stimme drehte ſich Frau Wragge herum, ließ ein drittes Päckchen fallen, ver⸗ gaß in ihrem Erſtaunen dieſen Unfall ganz und ſtieg die zweite Treppenreihe hinauf. Magdalene trat an den Treppenabſaz des erſten Stocks hinaus und hielt das Handtuch über die Stirne, als wenn ſie an Kopfſchmerz litte. Ihre falſchen Augenbrauen erfor⸗ derten Zeit zu ihrer Entfernung und ein Kopfſchmerz, den ſie bei dieſer Gelegenheit vorſchüzte, gab den eilige Sie ſelbſt S grobe bei d Hier Co Wahl hl traf Vragge unte in erunter n dem nan ſie as Er⸗ Sprache die ein⸗ nſamm⸗ pe her⸗ ckte ſie plözlich erthüre, ndig zu rief ſie dt es?“ einem damit 6. Bei h Frau n, ver⸗ nd ſtieg trat an nd hielt ſie an n erfor⸗ ſchmerz, ab den 225 paſſendſten Vorwand ab, den ſie erſinnen konnte um ſie ſo zu verdecken wie ſie jezt verdeckt waren. „Warum machen Sie dieſen Lärm im Hauſe?“ fragte ſie.„Ich bitte, ſeien Sie ruhig. Ich bin halb blind vor Kopfweh.“ „Iſt ein Unglück paſſirt, Madame?“ forſchte die Wirthin vom Gang herauf. „Ganz und gar nicht,“ erwiderte Magdalene. „Meine Freundin iſt etwas furchtſam, und der Streit mit dem Kutſcher hat ſie erſchreckt. Zahlen Sie dem Mann was er verlangt, und laſſen Sie ihn gehen.“ „Wo iſt ſie?“ fragte Frau Wragge mit einem zitternden Geflüſter.„Wo iſt das Weib das mit eiligen Schritten an mir vorbei in Ihr Zimmer gegan⸗ gen iſt?“ „Pah!“ ſagte Magdalene.„Es iſt kein Weib mit eiligen Schritten an Ihnen vorbei gegangen, wie Sie es nennen. Schauen Sie hinein und ſehen Sie ſelbſt darnach.“ Sie machte die Thüre weit auf. Frau Wragge wackelte in das Zimmer, ſchaute ſich überall ſchnell herum, ſah Niemand und drückte ihr Erſtaunen über dieß Reſultat dadurch aus, daß ſie ein viertes Päck⸗ chen zu Boden fallen ließ und von Kopf bis zu Fuß erbärmlich zitterte. „Ich ſah ſie aber doch da hineingehen,“ ſagte Frau Wragge mit furchterfülltem Tone.„Ein Weib in einem grauen Mantel und einem Sackhut. Ein grobes Weib. Sie iſt mit eiligen Schritten an mir bei der Treppe vorbei gegangen, ja, das that es. Hier iſt das Zimmer und kein Weib darin. Geben Collins, Namenlos. II. 15 226 Sie mir ein Gebetbuch!“ rief Frau Wragge, indem ſie den Reſt ihrer Päckchenſammlung vollends auf den Boden fallen ließ, und ſo gleichſam einen Waſſerfall von Waarenartikeln improviſirte.„Ich muß etwas Gutes leſen! Ich muß an mein leztes Ende den⸗ ken! Ich habe einen Geiſt geſehen!“ „Unſinn!“ ſagte Magdalene.„Sie träumen. Das Einkaufen iſt zu viel für Sie geweſen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und nehmen Sie Ihren Hut ab.“ „Ich habe von Geiſtern in Nachtkleidern erzählen hören, von Geiſtern in Leilachen, und von Geiſtern in Ketten,“ fuhr Frau Wragge fort, indem ſie wie verſteinert in dem eigenen Zaubercirkel der auf dem Boden zerſtreut umher liegenden Leinwandpacketchen ſtand.„Hier iſt aber ein Geiſt, ſchlimmer als alle andern— ein Geiſt in einem grauen Mantel und in einem Sackhut. Ich weiß was es iſt,“ fuhr Frau Wragge in reumüthige Thränen zerſchmelzend fort.„Es iſt ein Strafgericht für mich, daß ich fern vom Capitän weg ſo glücklich war. Es iſt ein Strafgericht für mich, weil ich mit hinabgetretenen Schuhen in den Läden von halb London geweſen bin, zuerſt mit dem einen Schuh und dann mit dem andern, die ganze Zeit über während ich ausgewe⸗ ſen bin. Ich bin ein ſündhaftes Geſchöpf. Laſſen Sie mich nicht allein gehen, meine Liebe, laſſen Sie mich nicht allein gehen!“ Sie packte Magdalene feſt am Arm und fiel bei der bloßen Idee, allein bleiben zu müſſen, in einen wiederholten Zitter⸗ paroxysmus. Die einzige Wahl, die ſolchergeſtalten noch übrig blieb, war ſich den Umſtänden zu unterwerfen. Mag⸗ ndem f den erfall twas den⸗ imen. Gehen ab.“ ählen iſtern 2 wie dem etchen alle und fuhr lzend fern t ein tenen weſen t dem gewe⸗ Laſſen n Sie dalene allein zitter⸗ übrig Mag⸗ 227 dalene führte Frau Wragge an einen Stuhl, den ſie zuerſt in eine ſolche Stellung gebracht hatte, daß es ihr möglich war, ihrer Reiſegeſellſchafterin ſo lange den Rücken zuzukehren, bis ſie ihre falſchen Augen⸗ brauen mit Hilfe von ein wenig Waſſer weggeſchafft hatte.„Warten Sie eine Minute da,“ ſagte ſie, „und verſuchen Sie ſich ſelbſt zu beruhigen, während ich meinen Kopf mit Waſſer neze.“ „Mich ſelbſt beruhigen?“ wiederholte Frau Wragge. „Wie bin ich im Stande mich ſelbſt zu beruhigen, wenn mein Kopf mir aus den Schultern ſpringen will? Das ſchlimmſte Schwirren, das ich jemals wegen des Kochbuchs bekommen habe, war Nichts gegen das Schwirren, das ich jezt wegen des Gei⸗ ſtes bekommen habe. Das iſt ein erbärmliches Ende eines Feiertages. Sie können mich wieder zurückbrin⸗ gen, meine Liebe, zu jeder Zeit wenn es Ihnen be⸗ liebt. Ich habe ſchon genug daran!“ Als Magdalene endlich ihre Augenbrauen glück⸗ lich weggeſchafft, hatte ſie freie Zeit, den unglück⸗ lichen Eindruck, der auf den Geiſt ihrer Geſellſchaf⸗ terin hervorgebracht worden war, mit allen Waffen der Ueberredung zu bekämpfen, die ihr durch ihren Scharfſinn dargeboten wurden. Der Verſuch erwies ſich als nuzlos. Frau Wragge beharrte— allerdings in Folge einer Augen⸗ ſcheinlichkeit, die, es mag per Parentheſe bemerkt werden, ſelbſt eine klügere Geiſterſeherin als ſie war befriedigt hätte— auf dem Glauben, daß ſie auf übernatürliche Weiſe einen Beſuch aus der Geiſter⸗ welt erhalten habe. Alles was Magdalene thun konnte war, durch vorſichtiges Forſchen ſich zu ver⸗ 228 gewiſſern daß Frau Wragge nicht ſchnellen Ueber⸗ blick genug gehabt hatte, um die Identität des ver⸗ meintlichen Geiſtes mit der alten nordengliſchen Dame in den dramatiſchen Darſtellungen zu erkennen. Nachdem ſie ſich über dieſen Punkt Beruhigung verſchafft, konnte ſie alles Uebrige der natürlichen Unfähigkeit, Eindrücke feſtzuhalten, überlaſſen, voraus⸗ geſezt daß dieſe Eindrücke nicht fortwährend erneut wurden. Dieſe Unfähigkeit, Eindrücke feſtzuhalten, war aber eine der characteriſtiſchen Schwächen des Kopfes ihrer Geſellſchafterin. Sie ſuchte Frau Wragge durch die wiederholte Verſicherung zu trö⸗ ſten, daß nach allen Geſezen und Regeln der Geiſter eine einmalige Erſcheinung gar Nichts auf ſich habe, wenn nicht zwei andere unmittelbar darauf folgten; ſie lenkte geduldig die Aufmerkſamkeit der armen Frau auf die Packetchen, welche dieſe auf der Hausflur und Treppe verloren hatte; ſie verſprach ihr die Verbindungsthüre zwiſchen den zwei Zimmern halb offen zu laſſen, wenn Frau Wragge ihrerſeits ſich verbindlich mache in ihr Zimmer ſich zurückzuziehen und nichts mehr über die erſchreckliche Geiſtererſchei⸗ nung zu ſchwazen. Nach allem dem nahm ſich Mag⸗ dalene freie Zeit und überließ ſich ununterbrochenen Betrachtungen über die Ereigniſſe dieſes denkwür⸗ digen Tages. Zwei ernſthafte Folgen hatten ihr erſtes Vor⸗ wärtsſchreiten begleitet. Frau Lecount hatte ſie da⸗ bei erwiſcht wie ſie mit ihrer eigenen Stimme ſprach; und dann hatte der Zufall ſie in ihrer Verkleidung mit Frau Wragge zuſammengeführt. Welchen Vortheil hatte ſie gewonnen, um ihn leber⸗ 3 ver⸗ Dame unnen. igung lichen draus⸗ erneut alten, n des Frau u trö⸗ Geiſter habe, en; ſie Frau usflur hr die halb s ſich ziehen erſchei⸗ Mag⸗ ſchenen nkwür⸗ 3 Vor⸗ ſie da⸗ prach; eidung m ihn —,— 229 gegen dieſen doppelten Unſtern in die Wagſchale zu legen? Den Vortheil, jezt mehr von Noel Vanſtone und Frau Lecount zu wiſſen, als ſie in Monaten erfahren haben würde, wenn ſie nur auf die Nach⸗ forſchungen Anderer hätte bauen müſſen. Eine Un⸗ gewißheit, welche ſie bisher gequält hatte, war alſo ſchon bei Seite geräumt. Der Plan, den ſie gegen Michael Vanſtone ausgebrütet und den Capitän Wragges Spürnaſe bereits theilweiſe durchgeſchnüffelt hatte, als ſie ihm zuerſt die Auflöſung ihrer Theil⸗ haberſchaft angekündigt, dieſer Plan mußte, wie ſie jezt deutlich einſah, verworfen werden, weil er bei Michael Vanſtones Sohn nicht anwendbar war. Die Speculationsſucht des Vaters war der Angelpunkt geweſen, um welchen ſich die ganze Maſchinerie ihrer ausgeſonnenen Verſchwörung gedreht hatte. In dem doppelt ſchmuzigen Character des Sohnes war keine ſo vortheilhafte Handhabe entdeckbar. Herr Noel Vanſtone war gerade an dem Flecke unverwundbar, an welchem ſein Vater eine offene Seite zum An⸗ griff darbot. Wie ſollte ſie nun nach Erreichung dieſes Schluſſes ihr künftiges Verhalten modeln? Welche neuen Mit⸗ tel konnte ſie ausfindig machen, um troz Frau Le⸗ counts malitiöſer Wachſamkeit und Noel Vanſtones erbärmlichen Mißtrauens heimlich zu ihrem Ziele zu gelangen? Sie ſaß vor dem Spiegel und kämmte mecha⸗ niſch ihr Haar aus, während ihr Geiſt ſich mit die⸗ ſen wichtigen Erwägungen beſchäftigte. Die Auf⸗ regung des Augenblicks hatte eine fieberiſche Glut⸗ röthe auf ihre Wangen hingeblaſen und den hellen 230 Schimmer ihrer großen grauen Augen noch glän⸗ zender gemacht. Sie war es ſich bewußt daß ihr Ausſehen ſchöner als je war; ſie war es ſich be⸗ wußt daß ihre Schönheit durch den Contraſt, der ſich nach Entfernung der angenommenen Maske dar⸗ bot, nur gewann. Ihr liebliches, lichtbraunes Haar hatte nie ſo voll und ſeidenweich ausgeſehen wie jezt, wo es ſeiner Haft durch die graue Perrücke entron⸗ nen war. Sie flocht es bald ſo, bald anders mit ihren raſchen, geſchickten Fingerchen; ſie ließ die lockige Fülle deſſelben auf ihre Schultern fallen, ſie legte es dann wieder rückwärts auf einen Haufen und wandte ſich auf die Seite, um zu ſehen wie es hinunterwalle, um Nacken und Schultern zu be⸗ ſchauen, befreit von der künſtlichen Entſtellung durch den wattirten Mantel. Einen Augenblick ſpäter blickte ſie wieder gerade in den Spiegel hinein, wühlte mit beiden Händen in ihrem Haar, ſtüzte ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch und beſah immer näher und näher ihr Spiegelbild, bis endlich ihr Athem das Glas zu trüben begann.„Ich kann jeden Mann lebendig um den Finger wickeln,“ dachte ſie mit dem Lächeln ſtolzen Triumphes,„ſo lange ich mein Ausſehen behalte. Wenn der verächtliche Wicht mich jezt ſähe—“ Sie bebte zurück vor der Vollendung des Gedankens, indem es ſie ſchaudernd durchrieſelte; ſie wandte ſich von dem Spiegel ab und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen.„Ach Frank!“ murmelte ſie,„welch ein Geſchöpf könnte ich Deinetwillen werden!“ Mit begierigen Fingern riß ſie das weißſeidene Täſchchen aus ſeinem Ver⸗ ſteck in ihrem Buſen; ihre Lippen verſchlangen es ————y „ mit ſchweigenden Küſſen.„Mein Liebling! Mein Engel!. Ach Frank, wie liebe ich Dich!“ Thränen 5 be. entquollen ihren Augen. Sie trocknete ſie haſtig, d er verſteckte das Täſchchen wieder in ihrem Buſen und ar⸗ wandte dem Spiegel den Rücken.„Nichts mehr von Haar mir ſelbſt,“ dachte ſie,„nichts mehr für heute von jezt, meinem tollen, erbärmlichen Selbſt!“ tron- 7 Sie bebte vor jeder weitern Ueberlegung ihrer nit nächſten Schritte zurück; ſie getraute ſich nicht an 3 die die dunkelnde Zukunft zu denken, mit welcher jezt 1, ſie Noel Vanſtone in ihren innerſten Gedanken eng ver⸗ aufen knüpft war, und ſchaute ſich ungeduldig im Zimmer le 15 nach einer häuslichen Beſchäftigung um, die ihrem d ⸗ Geiſt eine andere Nahrung geben könnte. Sie er⸗ urch innerte ſich wieder des Maskenanzugs den ſie zwi⸗ päter f ſchen das Bett und die Wand hinuntergeworfen ſtuzte batie Es war unmöglich ihn daſelbſt liegen zu aſſen. beſah. Frau Wragge, die jezt mit der Ordnung ihrer ndlich Packetchen zu thun hatte, konnte dieſer Beſchäftigung kann überdrüſſig werden, jeden Augenblick zurückkommen, dachte näher an das Bett treten und den grauen Mantel lange ſehen. Das durfte nicht ſein. tliche Ihr erſter Gedanke war, den Anzug in den r der Koffer zurückzulegen; aber nach dem was vorgefallen, dernd war es nicht räthlich denſelben ſo nahe bei ſich zu el ab verwahren, wo ſie und Frau Wragge ſich in dem „Ach nämlichen Raume beiſammen befanden. Sie beſchloß önnte ſich den Anzug noch dieſen Abend vom Halſe zu ngern ſchaffen und mit kühner Entſchiedenheit nach Bir⸗ Ver⸗ 1 mingham zurückzuſenden. Ihre Hutſchachtel paßte n es † in ihren Koffer. Sie nahm dieſelbe heraus, warf 232 Perrücke und Mantel hinein und drückte unbarm⸗ herzig den Hut oben drauf platt zuſammen. Der Rock, den ſie noch anhatte, war ihr eigener. Frau Wragge hatte ſie ſchon oft in demſelben geſehen; es war alſo nicht nöthig denſelben zurückzuſchicken. Ehe ſie die Schachtel verſchloß, ſchrieb ſie eilig folgende Zeilen auf ein Blatt Papier:„Ich nahm aus Ver⸗ ſehen die inliegenden Sachen mit mir. Nehmen Sie dieſelben mit dem übrigen Gepäck in Ihre Verwah⸗ rung, bis Sie wieder von mir hören.“ Sie legte den Zettel oben auf den Hut, adreſſirte die Schach⸗ tel an Capitän Wragge in Birmingham, ging ſo⸗ dann die Treppe hinab und ſchickte die Wirthstochter damit nach der nächſten Poſt.„Dieſe Schwierigkeit iſt aus dem Weg geräumt,“ dachte ſie, als ſie wie⸗ der in ihr Zimmer zurückging. Frau Wragge war noch damit beſchäftigt, ihre Packetchen auf ihrem kleinen ſchmalen Bette zu ord⸗ nen. Sie wandte ſich mit einem ſchwachen Schrei um, als Magdalene zu ihr hineinſchaute.„Ich dachte, es wäre wieder der Geiſt,“ ſagte Frau Wragge.„Ich werde es als eine Warnung be⸗ trachten, meine Liebe, was mir vorhin begegnet iſt. Ich habe alle meine Packetchen gerade gelegt, juſt wie es der Capitän gerne ſehen würde. Ich habe meine beiden Schuhe hinten oben. Wenn ich dieſe Nacht meine Augen ſchließe, was wohl nicht der Fall ſein wird, denk' ich, ſo will ich ſo gerade ſchla⸗ fen, als meine Füße es zulaſſen. Und ich will auch nie wieder einen ſolchen Feiertag haben, ſo lang ich lebe. Ich hoffe, es ſoll mir vergeben werden,“ ſagte Frau Wragge, indem ſie traurig ihren Kopf ſchüt⸗ — telte.„Ich hoffe demüthig, es ſoll mir vergeben werden.“ „Vergeben!“ wiederholte Magdalene.„Wenn den andern Frauen ſo wenig vergeben zu werden brauchte als Ihnen— dann wär' es gut! Machen Sie einmal ein Paar von dieſen Packetchen auf. Kommen Sie! Ich möchte gerne ſehen was Sie heute eingekauft haben.“ Frau Wragge zögerte, ſeufzte reumüthig, beſann ſich ein wenig und ſtreckte dann ihre Hand furchtſam nach einem der Päckchen aus, dachte aber wieder an die übernatürliche Warnung und bebte vor ihren eigenen Einkäufen zurück, mit einer verzweifelten Anſtrengung übey ſich ſelbſt die Gewalt zu be⸗ haupten. „Machen Sie dieß da auf,“ ſagte Magdalene, um ihr Muth einzuflößen.„Was iſt da drinnen?“ Frau Wragges glanzloſe blaue Augen begannen troz ihrer Gewiſſensangſt ein wenig aufzuleuchten, allein ſie unterdrückte die ſchwache Regung und ſchüttelte den Kopf. Die mächtige Leidenſchaft einzu⸗ kaufen mochte wohl wieder wach in ihr werden, aber der Geiſt hatte noch nicht aufgehört in ihrem Ge⸗ hirn zu rumoren. „Haben Sie wohlfeil eingekauft?“ fragte Mag⸗ dalene vertraulich. „Spottwohlfeil,“ rief die arme Frau Wragge, indem ſie über Hals und Kopf in die ihr gelegte Schlinge ſtürzte und ſo gierig über das Packet her⸗ fiel, als ob Nichts vorgefallen wäre. Magdalene plauderte mit ihr mehr als eine Stunde lang über die Einkäufe und hatte dann 234 den geſcheidten Einfall, ihre Aufmerkſamkeit von allen Geiſtererinnerungen durch einen Spaziergang auf andere Gegenſtände zu lenken. Als ſie die Wohnung verließen, öffnete ſich drü⸗ ben die Thüre von Herrn Noel Vanſtones Haus, und es erſchien das Dienſtmädchen, um einen aber⸗ maligen Ausgang zu machen. Sie hatte dießmal offenbar einen Brief zu beſorgen, da ſie einen ſol⸗ chen ſorgfältig in der Hand trug. Magdalene, die ſich bewußt war noch keinen Feldzugsplan, weder in offenſiver noch in defenſiver Beziehung, entworfen zu haben, hegte unter einem leiſen Anfall einer vor⸗ übergehenden Furcht das neugierige Verlangen, zu wiſſen ob Frau Lecount ſich ſchon entſchloſſen hätte friſche Verbindungen anzuknüpfen, und ob der Brief an„Fräulein Garth“ adreſſirt wäre. Der Brief trug keine ſolche Adreſſe. Herr Noel Vanſtone hatte endlich das ſchwere Problem in Be⸗ ziehung des Geldes gelöst. Der leere Raum in der Annonce war ausgefüllt und Frau Lecounts An⸗ nahme der anonymen Warnung des Capitäns be⸗ fand ſich jezt auf dem Wege, um in der Times in⸗ ſerirt zu werden. Ende des zweiten Bandes. br V Pre b von rgang ) drü⸗ Haus, aber⸗ leßmal en ſol⸗ e, die der in fen zu r vor⸗ n, zu hätte Brief -Noel in Be⸗ in der 8 An⸗ ns be⸗ nes in⸗ belletriſtiſche Ausland. Kabinetsbibliothek der claſſiſchen Romane aller Nationen. Preis eines jeden Bändchens 2 Sgr.— 6 kr. rhein. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Stuttgart. Franckhiſche Verlagshandlung. Bändchen About, E., Germaine... 8 dinswarth, Rookwood, oder der Bandit der Heerſtraße 7 (Almauiſt, Drei Frauen in Smaland..... 8 — Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben.. 3 — Amalie Hillner........ 5 — Der Königin Juwelenſ cmuck.. 5 Anderſen, Nur ein Geiger........ 5 — Der Improviſator.......... 6 4 Kpeltern, Der Schutzgeiſt......... 6 Weglio, Niccolo de' Lapi... 10 zalzac, Modeſte Mignon, und: die kleinen Kunſtgrife einer tugendhaften Frau..... 6 zelcher, Edward, Horatio Howard Brenton... 15 zell, Currer, Shirley. Roman....... 14 — Vilette.. 5...... 14 ernard, Ch., Erzählungen....... 16 iernhardt, Kinder der Zeit. 8 1oz, Ein Weihnachtsjubelgeſang in Proſa, und: Leben und Abenteuer des Herrn Martin ßuzslenit ac. 18 = Das Grillchen auf dem Herde... 3 2 — Bleak Hunſe.......... 23 — Dombey und Sohn 3..... 18 Bremer, Die Lüchter des Präfidenten.2 Nina........... 5 — Die Nachbarn..... 5 Dash, Cäſar Ceril, 1 Canſeis — Ge Cruſen Darler indchen Bändchen Bremer, Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen 2 — Das Haus, oder Familienſorgen u. Famiihferuden 5 — Die Familie H..... 2 Ein Tagebuch.......... 4 — In Dalekarlien......... 4 — Die Johannisreiſe......... 3 — Geſch hwiſterleben..... 8 — Die Heimath in der neuen Welt.....24 — Hertha. Geſchichte einer Seele..... 10 — Vater und Tochter... 3 8 — Reiſebilder aus der Schweiz u 48 Italien.. 24 Cäſar Vorgin⸗ Roman v. Verfaſſ. d.„Whitefriars“ 14 Ceril, oder die Abenteuer eines Stutzers.... 7 1 Conſcience, H., Das Wunderjahr 1566... 2 — Geſchichte des Grafen Hugo von Brgenhohe und ſeines Freundes Abulfaradüs.. 2 — Der Rekrut. Eine Dorfgeſchichte.. 2 — Der Geizhals........ 2 — Der Banernkriteg......... 5 Der Geldteufel.......... 7 — Batavia.. 2....... 8 — Das Leid der Zeiten........ 8 1— Der junge Doktor........ 8 — Simon Turchi.. 8 Cooper, Das Markus⸗R diff oder der Krater 9 — Edward Wyers, od. Erinner. a. d. Leben e. Seemanns 4 Cruſenſtolpe, Carl Johann und die Schweden— 21 Darlem, Eliſabeth v. Oeſterreich, Königin v. drautꝛei 6 Dash, Die blutige Marquiſe... 1 71 Bändchen Dumas, Alex., Iſaak Laquedem....... 5 Dumas — Die beiden Dianen......... 16 Hei — Königin Margot.........10— Di — Die Fünfundvierzig........ 15 Da — Olympia von Clèves....... 15— B0 — Eine Tochter des Regenten......— M — Ange Piton............ 121 De — Die Gräſin Charny)....... 35 Go — Das Brautkleid. 3 Pama — Eine corſ. Familie, Geſch. 6. Todten, Gabriel Lambert 4 Ei — Der Baſtard von Mauleon.... 111 — Tauſend und Ein Geſpenſt....... 13 SB — Die ſchwarze Tulpe...........— Do — Die Taube............ Al — Gott lenktt............. Er — Gott und Teufel........ Of — Der Pfarrer von füburn.......11 CEinent — El Salteador.......... EFerry, — LCatherine Blum....4— — Abenteuer eines Schauſpielers... 1 Feval⸗ — Die Mohikaner von Paris. I. Abtheilung.. 2— —— II. Abth. unter dem Titel: Salvator... 41 Fuller — Ingenus.....= L — Der Page des Herzogs von Sovopen..... Gleig — Der Haſe meines Großvaters... GSGare, — Der Wolfsführer...........— 8 — Die Gräfin von Verrue........ 1 d. — Die Genoſſen Jehus......... 11 85 D — Karl der Kühne........... 10 Gner ** Bändchen Dumas, Saler. Meiſter Adam der Talgbrels. .16— Heinrich 1.. 10— Die Wöl unen von Machecoul.... 15— Das Horoscop....... 15— Black...... 7— Memoiren des Dichters vora.... 12—— Der Pechvogel..... Garibaldi's Memoiren.. 33 Dumas, Ilex., der Jüngere, Diana von Lys mbert 1— Ein Frauenleben........ . 11— Drei ſtarke Männer...... .13— Sophie Printems...... 4 3 4— Doctor Servans...... .2— Kleine Novellen........ .17— Triſtan der Rothe........ 7— Offland und Antonine.. .11 Eikenharſt, Dar Amſterdams Gehei nniſe. . 5 Ferrn⸗ Gabr., Der Waldläufer.. 4— Die Koſakenjagd........ 1 Feval, Pariſer Liebſchaften... .25— Der Bucklige....... . 47 Eullerton, Schloß Grantley..... .11— Lady Bird..... . 11 Gleig, Der leichte Dragoner..... 8 . 10 15— Die Bankiersfrau oder Hof und Stadt 10 3 Gore, Das Erſtgeburtsrecht...... — Die Frau des Geſandten...... — Der Geldverleiher. Guerrazzi, Die Belagerung von Florenz . 30 . 12 . 12 . 14 . 8 1— 9 3 Guerrazzi, Die Schlacht von Benevent..... Jakob, Die Katakomben von Rom... Jungfrau v. Orleans, die, vom Verf. der„Whitefriars“ Jzko, Marie die Spanierin, oder das Schlachtopfer eines Mönchs. Mit einem Vorwort von E. Sue Kavanagh, 3., Natalie......... — Daiſy Vurns...... Knorring, Der Käthner und ſeine Familie ꝛc. — Skizzen...... Kingston, Der Tſcherkeſſen⸗ Häuptling.. König Karl XI. und ſeine Günſtlinge. Hiſt. Roman Homaleweh, Petersburg bei Tag und bei Nacht. Laergir, Die beiden Hofnarren. Hiſtor. Roman Jamartine, A., Raphael. Eine Liebesgeſchichte.. See, Holme, Thorney⸗Hall........ Lever, Bekenntniſſe von Harry Lorrequer.... — Jack Hinton, von der Garde...... — Tom Burke... l..... — Der St. Patrits⸗Abend.. — O, Malley, der iriſche Dragoner..... — O'Donoghue. Eine Erzählung aus Irland — Arthur O'Leary, ſeine Fahrten u. Prfahungen ꝛc. — Die Nevilles von Garretstown.... — Der Ritter von Gwynne........ — Die Daltons oder drei Lebenswege..... Manzoni, Die Verlobten...... „Muaquet, Herzensſchulden......... — Die weiße Roſe... Bändchen 13 — Oo en 0l f Co O — 2 Bändchen .. 13 irs“ 12 pfer due 10 .. 12 . man — = 0 f 0o R 0O. — cn 3 —— — ——444