deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Offensein der Bibliothek. Pfongtene und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückga e eines geliehe nen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Leihbibliothek ebedingungen. Bibliothek ſteht zur Em⸗ Tag von Morgens 2 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 ſfür wöchentlich 2 2² Bücher: 4 B Bücher: her: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 N Pf. 1 N T 2 Mk.— Pf. ¹„ 3 3„—„— a Färtige Ahonnenten haben für Hin und Zurückſendung r auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. hadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſole chen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zer ne, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der ſer zum Erſt ſatz des Ganzen verpflichtet. . isid Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen. auch dafür zu kehen haben. der Meine Ausflucht in die Welt. 3 * Eine Erzaͤhlung 8 von 4 H. Clauren. 3 Zweites Baͤndchen. Dresden 1317 bei Paul Gottlob Hilſcher. 4 Wetd Wund Hinſie meine in Er O½ J 85—— licher 7)— 8 5⁸ um n. uund gende ALufta rief t Feier fen d den? einer 5 Stur ewig 15. Victor of Helsingborg. Weder Ardeglio, noch der Major, noch der Wundarzt, noch die Pferde waren da. In Hinſicht der letztern war alſo ſchon ein Theil meines ſchwarzen Traums von voriger Nacht in Erfuͤllung gegangen. Ich ſtand, an einen Baum gelehnt, in aͤngſt⸗ licher Beklommenheit. Es war alles ſtill um mich herum; in den Wipfeln der Baͤume und in den Halmen des großen vor mir lie⸗ genden Haferfeldes, rauſchte ein ſchauerliches Luͤftchen, und von den umliegenden Doͤrfern rief der ernſte Glockenhall die Frommen zur Feier des Sontagsmorgens. Auch mich rie⸗ fen die Glocken zu dem Tempel des lieben⸗ hen Allvaters, und ich Moͤrder ſtand unter einem Azurhimmel, und horchte auf den Stundenſchlag, der mich zum Verbrecher auf ewig ſtempeln, oder mit dem mein Leben ſich enden ſollte. Ich verlor mich, um nur et⸗ was zu denken und mein geheimes Zittern zu beſchwichtigen, in ſchwankende, regelloſe Be⸗ trachtungen uͤber die Grenze der falſchen Ehre, als ich in der Ferne einen Menſchen herauf⸗ kommen ſah; Ardeglio, der Wundarzt, oder der Major!—— Mich wandelte ein Grauſen an, fuͤr das ich keine Worte kenne. Der Augenblick der Entſcheidung nahte.„Mein Vater,““ rief ich leiſe, und griff nach dem Piſtol in der Taſche,„leb wohl! Dir gehoͤrt mein letz⸗ ter Blick; mein letzter Athemzug meiner klei⸗ nen Meta, Bet—!,, doch an Betty wollte ich in dieſer ernſten Minute nicht mehr denken. Der Menſch kam naͤher. Es war keiner von den dreien. Es war ein Fremder. Er ſtand ſtill, ſah ſich eine Weile um, gewahrte mich endlich und fragte mit einem tiefen Buͤckling, ob ich der Graf***r ſei. Ich bejahte es, halb unſchluͤßig, ob ich ihm antworten ſollte. glio, dieſe verapr als ich meiner meinen meines perſoͤnl von A r ek⸗ rn zu Be⸗ Ehre, rauf⸗ oder das der klei⸗ e ich ken. einer um, inem ſei. bich 205 „Dann habe ich die Ehre, Ihnen dieſes ganz gehorſamſt zuzuſtellen; hochdero Figuͤr⸗ chen und Anzug paſſen vollkommen, ſo daß ich mich wohl verſichert halten darf, nicht an den Unrechten gekommen zu ſein. Er machte wieder einen tiefen Buͤckling, und uͤberreichte mir einen an mich adreſſirten Brief. Ich erbrach ihn mit ungewiſſer Hand und las. „Herr Graf! Wenn Ihr Freund, der Herr von Arde⸗ glio, nicht geblaudert hat, ſo treffen Ihnen dieſe Zeilen den Sonndag Morgen uf den verapredeten Platze. Eine Stunde darauf, als ich pei Sie geweſen war, erhielt ich von meinen Schoͤf die Ordre, unverzuͤglich pei meinen Regimende einzutreffen. Die Flichten meines Duͤnſtes gehen den F lichten vor mein perſoͤnliches Intereſſe foͤr. Zuvoͤllig war Herr von Ardeglio bei einen meiner Bekannden, 2⁰06 von dem ich mir verabſchieden wollte. Ich erfuhr das er Sie kante; auf meine Bitte verſprag er mich, meine Abreuſe gegen Ih⸗ nen zu ferſchweigen, weil ich mich das Ver⸗ gnuͤchen nich verſagen konnte, Ihnen vor Ihre Anmaßlichkeit und Ihre Behandlung auf ihr Zimmer, pis zum Sonndag, durch die Erwartung unſers Zweikampfs zu zuͤchti⸗ gen. Hoffentlich iſt meine Abſicht erreicht, denn Sie ſcheinen mich noch nicht viel Pul⸗ ver gerochen zu haben, und werden alſo dieſe Tage in der Ungewißheit geſchwept haben, die Sie die zuͤchtigende Pein hat bewirken ſollen, welche Sie verdienet haben. Aufge⸗ hoben iſt nicht aufgeſchoben. Ich garniſo⸗ nire in P..., ſo bald Sie von Petersburg zuruͤck kommen, bitte ich, mir davon zu be⸗ nachrichtigen, und ich werde denn nicht ſei⸗ men, Sie Ort und Dag zu beſtimmen, um da unſern Ehrenhandel abzumachen. Der Major Baron von Eiſenpflug. und nich ſagt Nac uͤber laͤche noch Ich Bitte Ih⸗ Ver⸗ vor dlung durch uͤchti⸗ reicht, Pul⸗ dieſe aben, virken Aufge⸗ rniſo⸗ sburg u be⸗ t ſei⸗ um g.¹¹ 2⁰7⁷ „Eure Gnaden wollte ich um ein Trink⸗ geldchen unterthaͤnigſt gebeten haben,“ ſagte der Ueberbringer, ſich wieder tief buͤckend, als er ſah, daß ich das Billet geleſen hatte und es wieder zuſammen legte,„und um ein kleines Empfangſcheinchen, daß ich das Briefchen richtig uͤberliefert.““ Ich gab ihm das Couvert zuruͤck, ſchries mit Bleiſtift darauf,„empfangen,“ und druͤckte ihm einen Friedrichsd'or in die Hand. Unter drei Fridrichsdoͤrchen kann ich es nicht thun, mein gnaͤdigſter Herr! Es waͤre, ſagte der Herr Major, ein ſehr wichtiges Nachrichtchen, das ich die Ehre haͤtte zu uͤberbringen.“ „Ja, das iſt es,“¹ ſagte ich ſeufzend und laͤchelte ſchmerzlich.„Hier, nehmen Sie noch zwei Friedrichsd'or. Stehen Sie in Dien⸗ ſten des Herrn Majors?" Nein, ghaͤdigſter Herr, ich bin aus Ar⸗ 208 kona, ich mach ſo kleine Geſchaͤftchen, vor⸗ dem als Lohnlakai, jetzt ſo, wo es irgend ein Verdienſichen giebt. Ich bin zu allem zu gebrauchen. Ich kenne alle Leutchen in Al⸗ tona, ich bin bekannt, wie ein buntes Huͤnd⸗ chen. 0 „O! dann kennen Sie vielleicht auch den Herrn von Ardeglio? ¹ „Was ſoll ich nicht; ich habe dem lie⸗ ben Herrchen noch vorgeſtern ein Waͤgelchen verſchaffen muͤſſen, eiligſt und ſchleunigſt.“ „Einen Wagen! wozu?“ „Ja, ein Waͤgelchen, ein kleines leichtes Dingelchen. Gleich nach dem Abendbrodchen ſind der gnaͤbige Herr abgereiſzt. Wohin, kann ich nicht ſagen.— Er ging und verlor ſich bald mir aus den Augen. „Ardeglio!“ rief ich laut aus, als ich allein war, und legte beide Haͤnde auf mein blu⸗ blutet abreit mir geben heiml betrog Abſche Meta mich b herum Haupt immer hatte d mir fate Am dachte 3 ich mein blu⸗ 209 blutendes Herz. Er wußte, daß der Major abreiſ'te, und ſagte mir nichts; er heuchelte mir Liebe, und wollte ſein Leben fuͤr mich geben. Er nahm meine Wechſel und fuhr heimlich davon. Er hatte mich um Betty betrogen und meine kleine Meta verkauft!— Abſcheulicher— dreimal abſcheulicher Menſch! Meta zu retten, war mein erſter Gedanke. Ich wollte ſie augenblicklich wieder aus dem Hauſe holen, in das ich Unbeſonnener das Kind geſchleppt hatte. Ich eilte nach Ham⸗ burg zuruͤck. Im Stillen wußte ich es dem Major Dank, daß er abgereiſ't war; denn ich haͤtte mich blos um der ſogenannten Ehre willen herum geſchoſſen. Das Duell haͤtte in der Haupt ſache gar nichts geaͤndert, er waͤre mir immer ein fataler Menſch geblieben; aber ich hatte das Recht nicht, alle Menſchen, die mir fatal waren, uͤber den Haufen zu ſchießen. Am naͤchſten lag mir Meta. An ſie dachte ich mehr, als an das ganze Duell O 210 Aber Ardeglio— um Gotteswillen, was war um aus Ardeglio, aus dieſem Menſchen gewor⸗ gen, den, den ich nie beleidigt, den ich geliebt rief: hatte, wie meinen Bruder! O Betty! du dame haſt recht gehabt. Ich war furchthar be⸗ hem ſtraft, deiner Warnung nicht gefolgt zu ſein. Sie! Ardeglio war der erſte Menſch, der mich wiede ſchaͤndlich betrogen hatte.—— Ich gaͤbe Mad zehn Jahre meines Lebens darum, wenn es Sie auch der letzte geweſen waͤre. dorth Vor allem mußte ich in mein Wirths⸗ 7 haus, um die Briefe aufzuhalten, die ich ich er dem Wirth an meinen Vater gegeben hatte, meine um ſie zur Poſt zu befoͤrdern, wenn ichum„ 12 Uhr nicht zuruͤck gekommen ſei. Dann wiede wollte ich meine Meta abholen, und dann Nur ſehen, ob von Ardeglio und meinen Wechſeln hat n 3 nichts zu erforſchen ſei. Mein ganzes Ver— guter moͤgen war in ſeinen Haͤnden. wiede Eine Centnerlaſt fiel mir vom Herzen. Die H Briefe waren gluͤcklicher Weiſe noch nicht ab⸗ Maͤde gegangen. Als ich auf mein Zimmer kam, trat in as war gewor⸗ geliebt ty! du dar be⸗ zu ſein. r mich h gaͤbe denn es Wirths⸗ die ich hatte, ich um Dann d dann Vechſeln s Ver⸗ en. Die icht ab⸗ er kam, 211 um ſie aufzuheben, ſtuͤrzte mir Meta entge⸗ gen, warf ſich vor mir auf die Kniee, und rief:„Ich kann nicht! Ich kann bei Ma⸗ dame Bignol nicht bleiben. Schon ſeit fruͤ⸗ hem Morgen bin ich hier, und warte auf Sie! ach Gott, nun ich Sie ſehe, iſt mir wieder wohl. Nein, nein, nie wieder zu Madame Bignol. Fordern Sie von mir, was Sie wollen. Ich will ſterben. Aber nur dorthin nicht wieder zuruͤck.“ „Was iſt Dir geſchehen, Meta?u fragte ich entzuͤckt, das liebliche Maͤdchen wieder in meinen Armen zu haben. „Nichts, nichts. Aber ich kann nicht wieder zuruͤck. Ich will bei Ihnen bleiben. Nur bei Ihnen iſt mir wohl. Zu Ihnen hat mich Gottes guter Geiſt gefuͤhrt. Lieber guter Herr Graf, verſtoßen Sie mich nicht wieder. Halb Kind, halb Engel, ſchlang das ſchoͤne Maͤdchen ihre Arme um mich. Herr Overlin trat in dieſem Augenblick in das Zimmer⸗ 82 212 „Du kleines Maͤdchen,“ ſagte er ernſt⸗ haft aber freundlich,„du haſt mir heute viel Sorge und Kummer gemacht. Du haſt mir einen Gang gekoſtet, der mir ſauer gewor⸗ den iſt. Herr Graf, hier iſt das Pa⸗ pier, das Sie der Bernhardinerinn gaben, hier Ihre Anweiſung, die ſie der Ma⸗ dame Bignol einhaͤndigten, und hier Ih⸗ re Wechſel von Freund Ardeglio. Das Koͤſt⸗ lichſte, was Ihnen geraubt worden war, wollte ich Ihnen auch bringen; aber, wie ich ſehe, hat ſich das brave Maͤdchen ſelbſt ranzionirt. Jetzt packen Sie ein. Ein ſchwe⸗ diſches Schiff, Victor of Helsingborg, iſt im Begriff, nach Petersburg unter Seegel zu gehen. Der Capitain iſt mein Freund. Sie ſind ſehr gut aufgehoben. In einer Stunde muͤſſen Sie am Bord ſein. Ver⸗ trauen Sie meiner Frau die kleine Meta an. Sie wird das Maͤdchen fromm und gut er⸗ ziehn; und damit Sie nicht glauben, daß etwa eine eigennuͤtzige Abſicht bei dieſem An⸗ Menſe Overli was wenige Wechſ „2 weitlaͤt brechen in die letzten „denn von Ar Spur. Bekann auf de Wechſel 213 trage zum Grunde liege, ſo bitte ich gleich im voraus, von irgend einer Vergeltung un⸗ ſerer kleinen Muͤhe kein Wort zu erwaͤhnen. Meta iſt unſer zweites Kind. Ihre Bildung, ihre Tugend werden unſer Lohn ſein.“ In wenigern Worten kann man keinem Menſchen mehr ſagen, als ich von Herrn Overlin hier alles hoͤrte. Ich wußte nicht, was ich ihm zuerſt antworten ſollte, noch weniger, wie er zu meinen Papieren und Wechſeln gekommen ſei. „Ich kann mich uͤber das Alles nicht weitlaͤuftig aͤußern,“ antwortete er kurz ab⸗ brechend, als er die Verlegenheit bemerkte, in die mich ſeine Kunde von jeder meiner letzten hieſigen Handlungen verſetzt hatte, denn es gebricht uns an Zeit. Den Herrn von Ardeglio hatte ich ſchon lange auf der Spur. Ich erfuhr zufaͤllig, daß er Ihre Bekanntſchaft gemacht hatte, denn er erſchien auf der Boͤrſe mit einem Ihrer groͤßeren Wechſel. Er machte ſich durch die Anſtalten 214 einer ſchnellen Abreiſe verdaͤchtig. Er ver⸗ ſchwand. Ich ſetzte ihm dieſe Nacht nach; ergriff ihn mit obrigkeitlicher Huͤlfe, und fand in ſeiner Correſpondenz eine Menge Billets, aus denen ich ſeine Verbindung mit der ſau⸗ bern Madame Bignol und der B— r Nonne ſattſam erkundſchaftete; auch Ihre Boͤrſe in Zollenſpieker hat Ihnen der Patron aus der Taſche geſtohlen. Die arme kleine Meta ſollte von Madame Bignol— wie ſich die gemeine Perſon genannt hatte,— ein Jahr noch in der geheimen Wiſſenſchaft gebildet, und dann einem bekaunten reichen Wuͤſtling hieſiger Gegend zugefuͤhrt werden. Darum war mein erſter Gang, ſobald ich dieſen Morgen in die Stadt zuruͤck kam, in das ſaubere Haus. Maͤdchen, daß ich dich dort nicht mehr traf, daß dein eignes Gefuͤhl deine Ahnung uͤber den Zweck deines un⸗ gluͤcklichen Dortſeins zur Gewißheit geſtem⸗ pelt hat, und daß ich dich hier zu den Fuͤßen deines edlen Retters finde— ſieh, das hat meit ich, iſt, lich eintr der Gem hatt Here Crin Wei 0f 1 muͤſſ unſe Fruͤl werd gen, Rech lin i ſeine war! ver⸗ nach; fand llets, ſau⸗ Konne eſe in s der Meta h die Jahr bildet, iſtling Darum dieſen n das dort Befuͤhl 3 un⸗ geſtem⸗ Fuͤßen s hat 215 meinem Herzen wohlgethan und darum will ich, ſo lange dieſer hier jenſeit des Meeres iſt, dein Vater ſein.— Ardeglio iſt gericht⸗ lich eingezogen, und wird dieſen Vormittag eintreffen. Bei der Madame Bignol und der barmherzigen B— nerinn habe ich das Gewiſſen ohne gerichtliche Huͤlfe geweckt. Sie hatten die Wahl zwiſchen der freiwilligen Herausgabe der Papiere, oder zwiſchen der Criminal⸗Unterſuchung; da gaben beide ohne Weigerung.—, Doch jetzt fort, fort! Victor of Helsingborg heißt unſere Loſung. Wir muͤſſen eilen. Deine Sachen ſind ſchon in unſer Haus getragen. Genießen Sie ein Fruͤhſtuͤck bei uns, Herr Graf, meine Leute werden Ihre Koffers nach dem Hafen brin⸗ gen, und ihren Wagen werde ich fuͤr Ihre Rechnung bei Gelegenheit verkaufen.“ Die ſtuͤrmende Eile, mit der Herr Over⸗ lin das alles vortrug, das Determinirte in ſeiner Rede, brachten mich um alle Gegen⸗ wart des Geiſtes. Ich ließ ihn uͤber mi 216 ſchalten und walten, nach ſeinem Gefallen, bezahlte meine Rechnung, ſchenkte meinen beruͤhmten Bratenrock dem Marqueur, trennte mich von meinem lieben Sechsſpaͤnner, fuͤhrte Meta, das unſchuldige Kind, in das Over⸗ I1 linſche Haus, ſchied unter heiſſen Thraͤnen W von dem Maͤdchen, das dem Schmerz der muß Trennung beinahe erlag, und ſchwamm eine dem Stunde darauf die Elbe hinab. allen, einen ennte ͤhrte Der⸗ aͤnen der eine 16. Mein Seeleben. Wer aus der Welt hinaus laufen will, muß ſich auf ein Schiff ſetzen. Wer ſich vor dem Gedraͤnge der Auſſenwelt nicht retten kann, der gehe an den Bord eines Dreidek⸗ kers, und er wird Zeit und Muße gewinnen, in ſich ſelbſt herabzuſteigen und ſich nur ſich zu gehoͤren. Darum ſind auch die Seemen⸗ ſchen ganz andere Weſen, als wir Erdfloͤhe. Wenn ich den ruhigen ſtillen Mann, meinen Kapitain, anſah, wie er, mit in einander geſchlagenen Armen, ſtundenlang auf dem Verdeck, auf einem Flecke ſtand, kein Wort ſprach, und mit einer unbeſchreiblichen Ge⸗ muͤthlichkeit nichts dachte; wenn die Matro⸗ ſen ganze Tage lang nichts thaten, als Ta⸗ back kauen und mit den Beinen baumeln, da gewann ich wieder ſo viel Herrſchaft 218 uͤber mich, daß ich mich uͤber mich ſchaͤmen konnte. Ich fange mein Seeleben aus der Mitte an; aber da mitten auf der hohen See fing ich auch eigentlich erſt wieder an zu leben; denn in den erſten Tagen meiner Waſſerfahrt folterte mich eine Angſt, eine Sehnſucht, eine Unruhe, als haͤtte mich das feſte Land wie einen Verbrecher von ſich geſtoßen. Meta, das Ungluͤckskind, war es, die mir dieſen namenloſen Kmmer machte. Der Herr Overlin konnte ein Engel von Menſch ſein, aber auch ein Teufel. Ardeglio hatte mei⸗ nen Glauben an die Menſchen gemordet. Herr Overlin hatte mir das Maͤdchen aus den Haͤnden gewunden. Er hatte weder mich, noch ſie gefragt, ob wir mit ſeinem Antrag, Meta zu ſich zu nehmen, zufrieden waͤren. Er ſchob mich mit beiden Haͤnden aus Deutſchland hinaus, und das mit einer Haſt, als ob er ein— großer Gott, ja das war er: Herr Overlin war ein Seelenverkäufer. imen Mitte fing eben; fahrt eine wie e mir Herr ſein, mei⸗ ordet. aus mich, ntrag, vaͤren. aus Haſt, 3 war aufer. * 219 Ich erinnerte mich, in meiner fruͤhen Kind⸗ heit von einem unſerer alten Bedienten gehoͤ⸗ ret zu haben, daß es ſolche Menſchen in Hamburg gebe. Der Himmel weiß, nach wel⸗ cher wuͤſten Inſel er mich hin verkauft hatte; ich glaubte, nach Petersburg zu ſegeln, und mein Victor hatte vielleicht ſeine Richtung gerade nach dem entfernteſten Ende der Suͤd⸗ welt, um mich dort mein Leben auf einer Kaffeeplantage beſchließen zu laſſen. Und Me⸗ ta— meine arme verwaiſte Meta! Ich fragte ſie noch bei Overlins heimlich, ob ſie gern bei ihnen bliebe. Sie ſenkte das Koͤpfchen und ſagte leiſe:„ich muß, weil Sie wollen.“*— O! warum ſagte ich da nicht laut:„komm mit mir.“ Als ſie mich mit dem Seelenwu⸗ cherer, dem Herrn Overlin, bis an den Ha⸗ fen begleitete, und mein Victor die Anker lichtete, und ich ihr das letzte Lebewohl zu⸗ rief, und ſie ſich weit uͤber das Waſſer vor⸗ beugte, und die gerungenen kleinen Haͤnde mir nachſtreckte, und das Taſchentuch in die 220 Elbe fallen ließ, das unſere kleine Kochs⸗ magd mir, wie ein ſchwimmender Pudel, auf meine Bitte apportirte,— warum ſprang ſie da nicht ſelbſt in die Wellen, ich haͤtte ſie heruͤber geholt; denn ich ſchwamm eben ſo gut, wie der kleine Schiffsjunge. Daß Herr Overlin mir meine Wechſel alle wieder verſchafft hatte, bewieß gar nichts fuͤr ihn. Er wollte mich vielleicht nur ſicher machen, um mich deſto gewiſſer um das Maͤdchen betruͤgen zu koͤnnen.—— Die Kuͤſten des feſten Landes waren laͤngſt meinen Augen entſchwunden; aber ich fragte des Tages wenigſtens dreimal:„wo liegt Hamburg?“ um mit meinem Blicke nur die Stelle zu fixiren, wo ſie athmete; wenn ich dann recht lange hingeſehen hatte, war es mir, als ſchwebte ihre zarte Geſtalt auf den Wellen heruͤber. Wenn ich allein auf dem Verdeck war, rief ich in die weiten Luͤfte laut ihren Namen, er verhallte in den un⸗ ermeßlichen Raͤumen. Jeder Hauch des uns ochs⸗ „auf vrang haͤtte eben echſel nichts ſicher das varen r ich wo 2 nur wenn war Luͤfte un⸗ 221 verfolgenden Windes trieb mich weiter von dem ſchuldloſen Kinde, das meine Unbeſon⸗ nenheit vielleicht auf ewig, immer und ewig ungluͤcklich gemacht hatte. Jetzt, nachdem ich mehrere Tage an Zu⸗ faͤllen von Seekrankheit gelitten hatte, und wieder hergeſtellt war, beſchwichtigte ſich all⸗ gemach meine Sorge um das Kind. Aber das war nicht Ueberzeugung, daß ich nichts fuͤr ihr Gluͤck zu fuͤrchten habe, ſondern rei⸗ nes Seephlegma, das auf mein ganzes We⸗ ſen mit derſelben Bleiſchwere fiel, mit der es alle Seemenſchen niederdruͤckt. „Dat ſcholl wohl gut gahn,“ war ewig und immerdar das Bontmot meines maul⸗ faulen Kapitains; aber ſein Grundſatz ſenkte ſich immer tiefer in meine Seele, ſo daß, wenn ich an Meta dachte, ich am Ende auch immer ſagte:„dat ſcholl wohl gut gahn.“ Ich baumelte nunmehro auch mit den Beinen, ſchlug die Arme auch in einander, und hatte mich am wohlſten, wenn ich an gar nichts dachte. Floͤke, Buͤcher, Crayon, Feder, Papier und Dinte— alles blieb un⸗ angeruͤhrt liegen; denn es ekelte mir vor al⸗ ler Arbeit. Meine liebſte Beſchaͤftigung war, in das Blaue hinaus zu ſehen, und es that meinen traͤgen Augen gut, dann auf gar keinen Gegenſtand zu ſtoßen. Eſſen war mir eine Anſtrengung, Schlaf das Allerhoͤchſte meines Genuſſes. Zum Gluͤck dauerte dieſer heilloſe Zuſtand nur ſo lange, als uns der undurchringliche Seenebel umſchloſſen hielt, der einige Tage hindurch die Flaͤche des Meeres mit ſeinem Wolkeuſchleier uͤberzogen hatte. Die kuͤhlen Luͤftchen die, von der Eisſpitze des Nord⸗ pols, uͤber den finniſchen Meerbuſen berd wehten, und den Nebel verjagten, erfriſchten 2 auch meine Seele wieder, ſo daß mir die Gemuͤthlichkeit des Schiffslebens, bei der ich mich vorhin ſo wohl befunden hatte, jetzt anfing, laͤſtig zu werden. Von der Unter⸗ haltung war nicht viel zu erwarten; denn chen ſchn konn gah Sch und Ben uͤber Neb gaͤh er t reckt ſchle gen geſti Swor alles dem kom nigſe Zeitt ayon, b un⸗ or al⸗ war, id es n auf m war hoͤchſte uſtand ngliche Tage ſeinem kuͤhlen Nord⸗ n her iſchten nir die der ich , jetzt Unter⸗ denn * 223 ſchwediſch ſprach ich nicht, der Kapitain konnte außer ſeinem„dat ſcholl wohl gut gahn“ wenig deutſch, die Matroſen, lauter Schweden, ſprachen kein deutſches Wort, und die Kochsmagd, ein kleiner deutſcher Bengel von 12 Jahren, war die ganze Neiſe uͤber von derſelben ſchlaͤfrigen Laune, als ich die Nebeltage uͤber geweſen war. Man mußte gaͤhnen, wenn man ihn anſah; denn, wenn er wachte, gaͤhnte er beſtaͤndig ſelbſt, und reckte und dehute ſich, wie ein Sieben⸗ ſchlaͤfer. Um doch etwas zu thun, denn zu geiſti⸗ gen Arbeiten war ich immer noch nicht recht geſtimmt, machte ich mich an meine Sa⸗ chen, und packte ſie um. Das Einpacken Svwor dem Duell war ſo raſch gegangen, daß alles bunt durch einander lag. Ich dankte dem Himmel, daß ich auf dieſen Einfall ge⸗ kommen war; denn nun hatte ich doch we⸗ nigſtens, im engſten Sinne des Worts, einen Zeitvertreib⸗ Ich uͤbereilte mich bei dieſer Arbeit nicht, ich hatte ja Zeit dazu. In einem der Gil⸗ lets, die ich i Hamburg angehabt hatte, fand ich ein Zettelchen; ich ſchlug es aus einander. Es war Bettys Billet. Jetzt erſt entſann ich mich, daß ich es, als mir es Meta gab, eingeſteckt, und mich nachher umgekleidet hatte. „Ein Engel von einem Kinde hat mir in ſeiner ſuͤßen Unſchuld die Geſchichte Ih⸗ rer Tugend erzaͤhlt. Mein himmliſcher guter Graf, ich bin dadurch mit Ihnen wieder ausgeſoͤhnt; denn ich war recht boͤſe auf Sie, daß Sie nicht im roͤmiſchen Kaiſer abgetre⸗ ten waren, da ich Sie doch ausdruͤcklich darum erſucht hatte. Ich moͤgte Ihnen um den Hals fallen, und Sie ſegnen fuͤr die Menſchenfreundlichkeit, mit der Sie, mein liebenswuͤrbiger Freund, ſich des Kindes an⸗ genommen haben. Sind Sie mir nur ein bischen gut, ſo kommen Sie dieſen Augen⸗ blick blick der wir Sie Sie nen. ungl ſind geliel der t eiſern nie n nen die 7 die m theilen das 0 theils reinen meine denker niß/ nicht, Gil⸗ hatte, aus hes, mich mir Jh⸗ guter vieder Sie, getre⸗ icklich n um r die mein s an⸗ ar ein lugen⸗ blick 225 blick zu mir. Ich habe Ihnen Dinge von der groͤßten Wichtigkeit zu erzaͤhlen; denn wir reiſen in kurzem ab. Vielleicht ſehe ich Sie dann nie wieder, und ich muß, ich muß Sie zuvor ſprechen. Ich kaͤme ſelbſt zu Ih⸗ nen. Aber das ſchickt ſich nicht. Ich wuͤrde ungluͤcklich ſein, wenn Sie nicht kaͤmen. Sie ſind mir, ich darf es Ihnen geſtehen, mein geliebter Graf, naͤchſt meiner guten Mutter, der theuerſte Menſch auf dieſer Welt. Mein eiſernes Schickſal will, daß ich Sie vielleicht nie mein nennen darf. Aber ich werde Ih⸗ nen ewig gehoͤren, und vermag ich nicht, die Feſſeln meiner Verhaͤltniſſe zu ſprengen, die mir verbieten, mein Leben mit Ihnen zu theilen, ſo bluͤht mir jenſeits des Grabes das Gluͤck, Sie, dann frei von den vorur⸗ theilsvollen Anſichten dieſer Welt, mit der reinen gluͤhenden Liebe zu umfaſſen, die in meinem Herzen fortleben wird, ſo lange ich denken kann. Jetzt, nach dieſem Geſtaͤnd⸗ niß, ſchaͤme ich mich nicht mehr, Ihnen zu P 226 fagen, daß ich ſeelig in der Ueberzeugung bin, das erſte Maͤdchen geweſen zu ſein, das Sie gekuͤßt hat. Mein einziger Guſtav! be⸗ halte Dein engelreines Herz Deiner Betty. Ich engen kram in de Aber klaͤrlie ſtreuu das wohit ihr a terte heit u Maͤde derung Buͤber Er he dieſen 17. Das St. Chatarinenſtift. Ich ſehe mich noch auf dem Boden meiner engen ſtillen Kajuͤte, neben meinem ausge⸗ kramten Koffer ſitzen, dieß raͤthſelhafte Billet in der Hand. Ich las es zweimal, dreimal. Aber immer blieb mir das Maͤdchen uner⸗ klaͤrlich. Ich fluchte meiner unſeligen Zer⸗ ſtreuung, in der ich an jenem Ungluͤckstage das Billet eingeſteckt hatte, ohne zu wiſſen, wohin. Jetzt, wo ich hundert Meilen von ihr auf dem offenen Meere ſchwamm, mar⸗ terte mich nun die unbeſchreiblichſte Ungewiß⸗ heit uͤber Bettys Character. Ich kannte die Maͤdchen noch gar nicht. Ardeglios Schil⸗ derung von den Weibern uͤberhaupt war feine Buͤberei geweſen; das ſah ich wohl deutlich. Er hatte die Grundſaͤtze meines Vaters uͤber dieſen Punkt von mir gehoͤrt. Darum hatte P 2 er in dieſen Ton eingeſtimmt, um mein Ver⸗ trauen mir abzugewinnen, und mich deſto ſicherer betruͤgen zu koͤnnen. Was er mir uͤber Betty geſagt hatte, war infame nieder⸗ traͤchtige Luͤge, die ſich der freche Menſch er⸗ laubt hatte, um mich von ihr, die ihn viel⸗ leicht naͤher kannte, ganz entfernt zu halten. Dem beſonnenen Teufel war ſein hoͤlliſches Spiel gelungen. Aber es waren doch auch Sachen in dem Billet, uͤber die ich mein Ge⸗ fuͤhl nicht wegbringen konnte. Das„um den Hals fallen,“ das „mein geliebter Graf,“ die gluͤhende Liebe, ihre Seeligkeit, mir den erſten Kuß gegeben zu haben, und am Ende gar Du— das alles haͤtte ich um keinen Preis an ein Maͤdchen ſchreiben koͤnnen. Um ſo viel weniger ſie an mich, in einem, dem fremden Kinde offen gegebenen, Zettelchen. Ich wollte mit ihr rechten, daß ſie mir nicht haͤtte ſo ſchreiben ſollen; aber ich konnte nicht; denn jedes ihrer Worte that meinem Herzen unat das mein und und dort; wo ich d mit 7 pitait halten 2 Quer Stuͤc ferbu⸗ dem N kein? ſtille Betty ter ve Ver⸗ deſto mir ieder⸗ ch er⸗ viel⸗ dalten. liſches auch in Ge⸗ u das hende erſten Ende keinen n. Um , dem telchen. ir nicht e nicht; Herzen 229 unausſprechlich wohl. Ich druͤckte das Blatt, das unter ihrer Hand geruhet hatte, an meine Lippen. Ich flog auf das Verdeck, und fragte wieder, wo Hamburg liege— und doch— ach, Betty war ja nicht mehr dort; ich Ungluͤcklicher wußte nicht einmal, wo mein Auge ſie ſuchen ſollte. Ach, haͤtte ich doch nur einen einzigen Menſchen gehabt, mit dem ich mich haͤtte ausſprechen koͤnnen! „Was halten Sie,“ fragte ich den Ca⸗ pitain, der eben Speck mit Erbſen aß,„was halten Sie von den Frauenzimmern? „Hm,“ ſagte er, und ſtutzte uͤber meine Querfrage, und tauchte ein aufgeſtipptes Stuͤckchen Speck mit der Gabel in die Pfef⸗ ferbuͤchſe,—„das Weibsvolk iſt Speck, mit dem man Maͤuſe faͤngt.”“ Nein, kuͤrzer und plumper konnte mir kein Menſch antworten; ich fluͤchtete in meine ſtille Cajuͤte zuruͤck, um meine himmliſche Betty von dem Erbſenkannibalen nicht wei⸗ ter verunglimpfen zu laſſen. „.., S, 7A, e- 2,Bt dee h en Vein uwhe e. 2h 5 Ich nahm mein Billet wieder vor, und anatomirte jedes Wort. Sie nennt mich den theuerſten Menſchen auf der Welt; ſie nennt mich ihren einzigen Guſtav. Woher wußte ſie meinen Namen? Was waren das fuͤr Dinge von der groͤßten Wichtigkeit, die ſie mir zu ſagen hatte? was wollte ſie mit den vorurtheilsvollen Anſichten der Welt, von denen ſie erſt jenſeit des Gra⸗ bes entfeſſelt zu werden hoffte? und die ihr verboͤten, ihr Leben mit mir zu theilen? Ach, warum hatte ich nicht einen einzi⸗ gen Menſchen, der mir Aufſchluß geben konnte? Man iſt nirgends einſamer, als auf dem Meere. Es that mir wohl, durch nichts in meinen Traͤumen, in meinen Gedanken an Betty geſtoͤrt zu werden. Mir war es jetzt einerlei, wohin mich die Winde trieben, die in unſere Segel blieſſen. Wohnte doch die fuͤße Ueberzeugung in meinem Herzen, daß mich Betty liebte; ſpiegelte ſich doch das zarte jed Lat Ro Ein kleit here dete Ha wei ren ten Ank win und unn glau Die pers und ſchen zigen men? oͤßten was ichten Gra⸗ ie ihr 2 einzi⸗ geben f dem dts in en an s jetzt 1, die ch die daß as zarte 231 Bild ihrer ſchoͤnen Geſtalt auf jeder Welle, die unſerm Schiff entgegen tanzte; trug doch jedes Luͤftchen, das uns vom heimathlichen Lande nacheilte, den wuͤrzigen Hauch ihrer Roſenlippen zu mir heruͤber. So lebte ich in meiner ſchwimmenden Einſtedelei ſtille gluͤckliche Tage, bis uns die kleine muntere Kochsmagd vom Maſtkorbe herab die Naͤhe des erzielten Landes verkuͤn⸗ dete. Die geſchliffenen Granitmauern des Hafens von Kronſtadt ſchimmerten uns von weitem entgegen. In wenigen Stunden fuh⸗ ren wir die ſtolze Newa herauf, und leg⸗ ten im Hafen der praͤchtigen Kaiſerſtadt vor Anker. Ich draͤngte mich durch das bunte Ge⸗ wimmel des Hafens, nahm einen Fuͤhrer an, und eilte zu meinem Onkel. Ich ſtuͤrzte mit unnenbarem Gefuͤhl in ſeine Arme, denn ich glaubte meinen Vater vor mir zu ſehen. Dieſelbe Sprache, dieſelbe Haltung des Koͤr⸗ pers, daſſelbe Geſicht, nur ernſter, kaͤlter. In ſeinem Hauſe war dieſelbe Stille, wie in dem unſrigen. Auch hier war kein Frau⸗ enzimmer zu ſehen, noch zu hoͤren. Alle Be⸗ dienten, alles Hausgeraͤth, nach alter deut⸗ ſcher Weiſe; uͤberall gediegene Pracht, aber altfraͤnkiſche Formen. Mir war dies alles recht, denn ich war in der erſten Viertel⸗ ſtunde zu Hauſe; es war mir, als lebte ich in unſerm heimathlichen alten Schloſſe. Die Abgeſchiedenheit meiner Umgebungen that mir wohl, denn es zog mich nichts ab von mei⸗ ner innern Geſellſchaft, die ich in meiner ge⸗ heimen Unterhaltung mit Betty fand. Den folgenden Morgen erſchien mein On⸗ kel in der Staatsuniform der Geſandten un⸗ ſers Hofes, und uͤberreichte mir in Gegen⸗ wart ſaͤmmtlicher Hausofficianten ein Patent als Legationsſecretair im Namen meines Mo⸗ narchen, und nahm mich in Eid und Pflicht. Mein Vater hatte mir eine brillante Uni⸗ form unſers Departements der auswaͤrtigen Angelegenheiten beſorgen laſſen, die mir der On⸗ un⸗ egen⸗ atent Mo⸗ icht. Uni⸗ rtigen r der 233 Kammerdiener des Onkels darreichte; ich mußte ſie noch dieſen Mittag anziehen, und mein einziger Aerger war, daß mich Betty nicht ſah; denn kein Ambaſſadeur konnte ſtattlicher ausſehen, als ich in der eleganten, reich ge⸗ ſtickten Gallauniform. Mit dem Degen konnte ich anfangs nicht recht fertig werden; er kam mir immer zwiſchen die Beine. Allein in kurzem hatte ich in meinem neuen Koſtum die Gewandheit eines Garde⸗Cornets. Die erſten Tage meines Hierſeins raub⸗ ten mir mehrere diplomatiſche Viſiten, wie mein Onkel die Beſuche nannte, die ich bei mehreren Geſchaͤftsmaͤnnern des erſten Ran⸗ ges mit ihm machen mußte; dann poſtirte er mich an den Arbeitstiſch, und eroͤffnete meine Dienſtearriere mit dem Unterricht in der trockenen Chifferirkunſt.„Warum,“ dachte ich tauſendmal,„warum hatte ich nicht noch Betty vor meiner Abreiſe geſprochen ¹“, ich haͤtte ihr dann einen ſelbſterfundenen Schluͤſ⸗ ſel zur Chifferſprache gegeben, und mir ihr 234 in einer Sprache correſpondiret, die der gan⸗ zen Welt haͤtte unentziffert bleiben ſollen. Spaͤterhin erhielt ich vom Onkel intereſ⸗ dantere Arbeiten, und wenn er mich auch nicht lobte, denn bis zu einer freundlichen Aeußerung dieſes Grades ließ er ſich nie herab, ſo bewieſen doch die Auftraͤge zu Aus⸗ arbeitungen und Noten, die er mir nach und nach gab, daß er mit meinem Streben nach Erfuͤllung meiner Dienſtpflicht nicht unzu⸗ frieden war. So lebte ich drei Faßde⸗ ohne Umgang, ohne Freund, ohne Liebe. Ein diplomatiſcher Menſch, war meines Onkels Grundſatz, muß ſich von den geſelligen Verhaͤltniſſen immer in einer gewiſſen Entfernung zu halten wiſ⸗ ſen. Ich hatte daher nur Umgang mit ſehr wenigen Haͤuſern, und auch da kam ich ſel⸗ ten hin. Er ſelbſt lebte nur ſeinem Dienſt und ſeinem Studium der Wiſſenſchaften ſei⸗ nes Fachs. Seine große reiche Bibliothek war meine einzige Erholung— nein, ſo kann gan⸗ tereſ⸗ auch lichen nie Aus⸗ und nach unzu⸗ gang, tiſcher muß mmer wiſ⸗ t ſehr h ſel Dienſt n ſei⸗ liothek kann 235 ich die Stunden nicht neunen, die ſie mir fuͤllte, ſie war blos mein einziger Zeitvertreib. Von Jugend auf an das ſtille Kloſterleben gewoͤhnt, und hier in das ernſte Geſchaͤft mit faſt pedantiſcher Strenge gezwaͤngt, war ſelbſt mein Herz rein diplomatiſch geworden. Es trat nur leiſe auf, und ſchwieg, weil ich mit dem Kopfe ein Schutz⸗ und Trutzbuͤnd⸗ niß gegen alle Einfaͤlle der Liebe in das Land meiner kalten Ruhe geſchloſſen zu haben ſchien. Von meinem Vater erhielt ich alle Vier⸗ teljahre regelmaͤßig einen Brief, den ich eben ſo regelmaͤßig beantwortete. Ich hatte ihm von Meta erzaͤhlt. Er ſchenkte mir ſeinen Beifall uͤber die Art, wie ich mich des Kin⸗ des angenommen hatte; er hatte ſeine guͤtige Aufmerkſamkeit ſo weit getrieben, daß er ſich an Herrn Opverlin ſchriftlich gewandt und ſich nach Metas Auffuͤhrung erkundigt hatte, und er ſchrieb mir, daß er ſich freue, mir melden zu koͤnnen, daß mein kleiner Zoͤgling meine Vorſorge durch ihr muſterhaftes Be⸗ tragen belohne; er habe erfahren, daß Herr Overlin wohlhabend, aber nicht reich ſei; man koͤnne ihm alſo die Verflegung eines fremden Kindes auf mehrere Jahre, ohne alle Verguͤtigung, nicht zumuthen, es ſei ihm gelungen, ſich mit Herrn Overlin daruͤber zu einigen. Overlins waͤren, wie er durch zu⸗ verlaͤßige Quellen ausgemittelt, ganz vorzuͤg⸗ lich achtbare Menſchen, er hoffe alſo, daß das Kind bei ihnen vollkommen gut aufge⸗ hoben ſei. Meta ſchrieb auch von Zeit zu Zeit; aber ihre Briefe ſagten nichts, als die ewige Wie⸗ derholung ihrer dankbaren Verpflichtung gegen mich, ſie ſchrieb, wie ein Kind an ſeinen Vater; ich beantwortete anfangs in eben die⸗ ſem Styl ihre Briefe, weil die ſpaͤtern aber immer des naͤmlichen Inhalts waren, und ich meine vaͤterlichen Floskeln erſchoͤpft hatte, nahm ich ihre wiederholten Eingaben, ohne weiteres, als leere Dankadreſſen, ad acta. Von Betty hoͤrte ich gar nichts. —— ein ner ein Herr ſei; eines ohne ihm der zu h zu⸗ orzuͤg⸗ daß aufge⸗ aber Wie⸗ gegen ſeinen n die⸗ aber und hatte, ohne acta. 237 Aus dieſem trockenen Einerlei weckte mich eines Morgens ein leiſes Klopfen an mei⸗ ner Thuͤre. Ich rief auf gut ruſſiſch,„ herein,“ und ein niedliches Maͤdchen trat mit einem freund⸗ lichen deutſchen guten Morgen in mein Zim⸗ mer und ſagte halb leiſe, als haͤtte ſie eine Heimlichkeit auf dem Herzen, ſie waͤre geſtern erſt mit ihrer Herrſchaft aus Hamburg hier angekommen und haͤtte mir ein Briefchen von Mamſell Semler mitgebracht, und das ſolle ſie mir ganz mutterſeelen allein uͤbergeben, und die Mamſell ließ mich um Gotteswillen bitten, das zu thun, um was ſie mich in dem Briefe erſucht haͤtte,„und! ſetzte das Maͤdchen hinzu,„wenn Sie die Mamſell ſehen koͤnnten, Sie wuͤrden ihr gewiß nichts abſchlagen, denn ſo einen lieben Engel giebt es in der ganzen Welt nicht mehr. In Zeit von drei Wochen reiſen wir wieder ab, wenn Sie da ein Briefchen wieder mitzugeben ha⸗ ben, ſo ſtehe ich recht ſehr gern zu Befehl.“ Ich freute mich, auch einmal eine Heim⸗ lichkeit zu haben; denn das Maͤdchen redete kein lautes Wort. Ich druͤckte dem kleinen Courier fuͤr richtige Ueberbringung der Depe⸗ ſche einen blauen Zettel*) in die Hand, und dankte ihr mit der Handwendung, die ſich die Großen erlauben, wenn ſie einen auf gute Manier gehen heiſſen; ſie verſtand den bal⸗ kendicken Wink, und verabſchiedete ſich. Ich erbrach den Brief. „Mein theurer Herr Graf!“ „Ich habe Ihnen oft geſchrieben; aber ich mußte meine Briefe immer dem Herrn Overlin zeigen, da war es mir jedesmal, als praͤche ich mit jemandem, mit dem ich ei⸗ gentlich nur vom Herzen zum Herzen reden moͤchte, uͤber einen ganzen Markt weg. Ich mußte mein Geſchreibſel oft umaͤndern, denn es war dem Herrn Overlin immer nicht hoͤf⸗ *) Fuͤnf Nubel⸗ deim⸗ eedete einen Depe⸗ und ſich gute bal⸗ aber Herrn l, als ch ei⸗ reden Ich denn t hoͤf⸗ 239 lich genug; zuweilen corrigirte er mir gar, weil ich, wie er meinte, Ausdruͤcke haͤtte mit einfließen laſſen, die in die Feder eines Maͤd⸗ chens, das an ſeinen Wohlthaͤter ſchreibe, nicht gehoͤrten. Sie haben daher trockene Briefe von mir erhalten, die, zur Strafe fuͤr ihre Leere, am Ende ganz unbeantworter ge⸗ blieben ſind. Ich bin anfaͤnglich ſehr un⸗ gluͤcklich daruͤber geweſen, denn ich fuͤrchtete, Sie haͤtten mich ganz vergeſſen; aber wenn ich mir Ihr Bild wieder mit all' ſeinen ſchoͤ⸗ nen Zügen vor meine Seele ſtellte, ſo ge⸗ wann ich jedesmal die Ueberzeugung, daß es Ihnen nicht moͤglich ſei, das Andenken an ein Maͤdchen ganz aus dem Gedaͤchtniß zu verwiſchen, das mit unnennbarer zarter An⸗ haͤnglichkeit ihr Leben an das Ihrige knuͤpft. Seit dem Augenblick, daß Sie auf Ihrem Schiffe, hinter dem Maſtbaumwalde unſers Hafens, meinen Augen entſchwanden, denke ich taͤglich Ihrer. Sie druͤckten das Tuch, das ich mit den ſtillen Thraͤnen meines Schmer⸗ zes uͤber unſere Trennung benetzt hatte, und das ich in der Elbe verlor, an Ihre Lippen. Auf welchem Meer der kleine Matroſe jetzt auch ſchwimmen mag, der Ihnen dieß Tuch brachte, er ſoll heute noch dafuͤr einen gu⸗ ten Tag haben. Es that mir wohl, daß Sie meine Thraͤnen mitnahmen; es that mir un⸗ ausſprechlich wohl daß Sie ſie kuͤßten.”“ „Tauſendmal habe ich ſchon gefragt, wenn Sie wieder nach Deutſchland kommen werden, und immer iſt die allgemeine Antwort:„ich weiß es nicht!“ Tauſendmal habe ich mir ſchon die Stunde ausgemalt, wenn ich in Ihre Arme fliegen werde, und Sie dann mich wieder Ihre kleine Meta nennen werden. Ich bin jetzt ſo groß, als Mamſell Overlin damals war, als Sie von uns abreiſten. Ich bin geſund und gluͤcklich,— nein, ach, gluͤck⸗ ich bin ich gar nicht, denn ich ſehe Sie nicht, habe keinen Menſchen, mit dem ich von Ih⸗ nen ſprechen kann; man nennt mich kindiſch, wenn ich ſage, daß ich von Ihnen traͤume; nan und ppen. jetzt Tuch gu⸗ ß Sie r un⸗ 44 wenn erden, 1 ich mir ich in mich herden. vverlin . Ich gluͤck⸗ nicht, n Ih: ndiſch, aͤume; an „—— 241 man ſchilt es unſchicklich, wenn ich alle junge Maͤnner, die ich zuweilen an oͤffentlichen Or⸗ ten ſehe, im Vergleich mit meinem guͤtigen Grafen, hinter Sie ſtelle; man wirft mich durch die harten Mahnungen an meine Ar⸗ muth von der Hoͤhe herab, auf die Sie mich zu ſich heraufgezogen haben.“ „Ach, die Menſchen verſtehen mich nicht; ſie kennen das ſtille Feuer nicht, das meine keuſche Bruſt durchgluͤht, und von der all⸗ maͤchtigen Sehnſucht, die mich zu dem Ein⸗ zigen meines Lebens hinreißt, haben ſie kei⸗ nen Begriff.“ „Ich erroͤthe uͤber dieſe Zeilen, aber ich kann ſie nicht wieder ausſtreichen. Sie wer⸗ den mein Gefuͤhl nicht misdeuten. Nein. Sie gewiß nicht. Darf doch die liebende Himmelsbraut am Kreuze ihres Heilandes ihre Empfindungen ausweinen, warum ſollt' ich es nicht an dem Bilde des himmliſch reinen Mannes, der meine Seele bis in Ewigkeit fuͤllt?“ 9 2z2 „Jettchen Wallmouthen, die Tochter un⸗ ſers armen Nachbars, geht morgen mit ihrer Herrſchaft auf einige Wochen nach Petersburg. Sie hat mir gelobt, dieſen Brief in Ihre eignen Haͤnde zu uͤbergeben, und mir Ihre Antwort zu bringen. Ich ſchreibe dieſe Zeilen in der Stunde der ſtillen Mitternacht. Ich weiß, daß dieſe Heimlichkeit eine Suͤnde gegen Herrn Overlin iſt, aber Gott mag ſie mir verzeihen. Neulich waren wir in einem Treibhauſe. Am zierlich gearbeiteten Spalier faͤcherte ſich am Fenſter ein breiter Pfirſichbaum mit großen Fruͤchten aus, und unter der Schwelle des Hauſes hatte ſich, aus der Wurzel des Baums, ein kleiner Sproͤßling heimlich durchgearbeitet, und gruͤnte gemuͤthlich im Freien.„Dem hier iſt es,“ ſagte ich ſchmerzlich laͤchelnd,„zu eng im Hauſe geworden, darum hat er ſich in das Freie gedraͤngt; an ſeinem friſchen Gruͤn ſieht man, daß ihm hier wohler iſt, als da drinnen am ſteifen Spalier.“ „Der Schoͤßling,“ ſagte Herr Overlin, der w der den n de ter, bint ſylv ſind dent den Ben lings Plan dem mer, Schr unte ſem gegen gewa r un⸗ ihrer Bburg. eignen atwort in der daß Herrn zeihen. Am h am großen le des aums, beitet, n hier zu eng in das n ſieht rinnen verlin, 243 der jedes Wort, jeden halben Wink verſteht, wird hier drauſſen verkuͤmmern, waͤhrend der Baum, am eleganten Spalier im Hauſe, dem Gaͤrtner die ſuͤßeſten Fruͤchte bringt.“ „Das elegante Spalier iſt,“ dachte ich, der Herr Wallford, an den er ſeine Toch⸗ ter, und der Herr Billings, an den er mich binden will. Beide ſind ein paar junge Pen⸗ ſylvanier, die vor kurzem hier angekommen ſind, und an die er uns zu verheirathen ge⸗ denkt. Seit dem Augenblick, daß ich aus den taͤglichen Anſpielungen, und aus dem Benehmen des mir zugedachten jungen Bil⸗ lings mit Gewißheit folgern muß, daß ein Plan der Art mit mir im Werke iſt, ſeit dem ungluͤcklichen Augenblick iſt es mir im⸗ mer, als muͤßte ich, wenn ich uͤber der Schwelle aus dem Hauſe nicht heraus kann, unter derſelben heraus. Ich begehe in die⸗ ſem Gedanken vielleicht wieder eine Suͤnde gegen Herrn Overlin, der mich gepflegt und gewartet hat, wie der Gaͤrtner ſeinen Pfir⸗ Q2 244 ſichbaum; aber ich kann nicht wider mein Herz. Herr Billings iſt reich und jung und nicht haͤßlich, auch, glaube ich, gut. Allein ich muͤßte mit ihm nach Penſylvanien, und dann ſaͤhe ich Sie nie— nie wieder!“ „Ich wollte ſchon den ſchrecklichen Ent⸗ ſchluß faſſen und ja ſagen, in dem ſuͤßen Wahne, von Nordamerika aus Ihnen naͤher zu ſein; aber ſeit ich mit Gewißheit weiß, daß das zwiſchen uns dann liegende Eismeer noch kein Sterblicher durchſchifft hat, ſank mein Muth.“ „Mein theuerſter Graf, als Gott mir meine Mutter raubte, ſandte er Sie mir zur Rettung. Ich habe jetzt auf der ganzen lie⸗ ben weiten Erde Niemand, als Sie. Nur Sie allein koͤnnen uͤber mein Schickſal ge⸗ bieten. Weiter keiner. Ich ſelbſt nicht. Iſt es Ihr Wille, daß ich Herrn Billings meine Hand geben ſoll, ſo wird dieſer dadurch ſeinen einzigen Werth in meinen Augen be⸗ kommen, und ich werde— ich muß gehor⸗ ner fuͤh ken und naͤn ſo d ben Nac ſten wietd 1 zen. in d nern chen mein und Allein und 1 Ent⸗ ſuͤßen naͤher. weiß, smeer ſank t mir ir zur n lie⸗ Nur al ge⸗ Iſt meine durch en be⸗ gehor⸗ 245 chen. Aber gluͤcklich kann ich nicht ſein. Dieß werde ich nur werden, wenn ich in Ihrer Naͤhe bin, wenn ich Sie taͤglich ſehen, Ihre Hand an mein Herz druͤcken, und die Luft einathmen kann, in der Sie leben.“ „Mißbilligen Sie nicht die Kuͤhnheit mei⸗ ner Wuͤnſche, ich habe fuͤr meine heiligen Ge⸗ fuͤhle, in die meine Seele bei dem Gedan⸗ ken an ihre Erfuͤllung zerfließt, keine Worte.“ Ich muß enden, mein Licht brennt aus, und die Glocke ſchlaͤgt zwoͤlf. Das iſt die naͤmliche Glocke, die ich in dem Stuͤbchen ſo deutlich hoͤrte, als ich die erſte Nacht ne⸗ ben Ihrem Zimmer ſchlief. In ihrem leiſen Nachhall liegt die Erinnerung meiner ſelig⸗ ſten Stunden. Ach, vielleicht kehren ſie nie wieder!“¹ „Mir iſt wohl, mir iſt leicht im Her⸗ zen. Die Laſt, die auf mir lag, liegt jetzt in dem Briefe. Koͤnnte man ſie nach Cent⸗ nern wiegen, ſo braͤchte ſie das arme Jett⸗ chen Wallmouthen in ihrem Schiffe nicht fort. 246 Ich werde nun ſanft einſchlummern, denn ich werde von Ihnen traͤumen. Schlafen Sie wohl, mein theurer Herr Graf. Sie heiſſen Guſtav. Dreihundert Meilen liegen zwiſchen uns; darum ſehen Sie nicht, daß ſich die Wange mir hoͤher roͤthet, als das Band an meinem Nachtkorſet, wenn ich Ih⸗ nen heimlich zuliſple, ſchlafen Sie wohl, mein einziger, lieber Guſtav! „Meta. 71 „Du ſollſt nach Petersburg,“b rief ich laut und freudig aus, kuͤßte den Brief und zerdruͤckte eine Thraͤne, die mir unwillkuͤhrlich waͤhrend des Leſens in die Augen getreten war.„Nicht nach Penſylvanien, nicht mit Herrn Billings, zu mir hierher, an mein Herz, ſuͤßes, holdes Maͤdchen! hier iſt dein Platz. 4 Mein ganzes Gemuͤth war aufgeregt, die Leere in meinem Innern war gefuͤllt. Ich ſprang, ich tanzte im Zimmer herum, ich —— denn lafen Sie iegen daß das Ih⸗ mein ich und orlich reten mit mein dein 7 die Ich 247 haͤtte gleich ſelbſt mit Courierpferden hinflie⸗ gen und ſie holen moͤgen—— ach, haͤtte ich das doch gethan!! Vor allen Dingen mußte ich ihr antwor⸗ ten, und dann ſollte meine Sorge ſein, hier ein anſtaͤndiges Haus zu finden, wo ich fuͤr Meta auf eine herzliche Aufnahme rechnen konnte. Mein Onkel durfte von dem allen nichts wiſſen; der haͤtte Millionen Bedenklichkeiten zuſammen geſucht und gefunden. Meine Meta mußte heimlich handeln; ich auch. In die⸗ ſer Heimlichkeit lag ein Reiz, der ſeinen eig⸗ nen neuen Zauber fuͤr mich hatte. Ich eilte an das Pult, und ſchrieb ihr meinen Plan. Sie ſollte zu Lande kommen, und einen ſichern ſoliden Mann zu ihrem Be⸗ gleiter mitnehmen; ich legte ihr zur Beſtrei⸗ tung der Reiſekoſten einen Wechſel bei und ſchloß einen Brief an Herrn Overlin mit ein, der ihn mit meinen Wuͤnſchen in den beſtimm⸗ teſten Ausdruͤcken bekannt machte. Gegen 248 letztern erwaͤhnte ich des Herrn Billings und der mit ihm gehegten Abſicht nicht, ſondern ſagte ihm nur im Allgemeinen, daß ich fuͤr die fernere Ausbildung Metas hier eine ganz vorzuͤgliche Gelegenheit gefunden habe, und daß ich zur Befoͤrderung ihres weiteren Gluͤcks es fuͤr zutraͤglich, fuͤr durchaus nothwendig halte, Meta nach Petersburg kommen zu laſ⸗ ſen. An Meta ſelbſt ſchrieb ich einen bogen⸗ langen Brief, mit mehr als zehen Poſtſcrip⸗ ten. Ich hatte ihr immer noch etwas zu ſa⸗ gen, ich konnte mich von der Unterhaltung mit ihr nicht trennen. Ich malte ihr und mir die ſchoͤnſten Tage unſrer Zukunft ſo, daß, als ich nachher das Ganze noch einmal durchlas, nichts als die Beſtimmung unſers Hochzeittages fehlte. Ich hatte das ganze Entzuͤcken meiner Seele in dem Briefe aus⸗ gegoſſen. Der Brief lag verſiegelt da, mit der Auf⸗ ſchrift an meine ſuͤße Meta in Hamburg. Aber Jettchen Wallmouthen kam nicht, ihn und ndern 2 fuͤr ganz und luͤcks endig u laſ⸗ ogen⸗ ſerip⸗ u ſa⸗ ltung und ſo, nmal uſers ganze aus⸗ Auf⸗ burg. ihn 249 abzuholen. Das einfaͤltige Ding hatte mir nicht geſagt, wo ſie wohne, nicht, wie ihre Herrſchaft heiſſe; ich Unbeſonnener hatte nach beidem auch nicht gefragt, und ſo war mir der Comunicationsweg mit Meta abgeſchnit⸗ ten. Ich wartete von Tage zu Tage, von Woche zu Woche. Jettchen Wallmouthen kam nicht. Ich lief in alle Aubergen der Kaiſerſtadt, und fragte, ob hier Jettchen Wallmouthen, ein Kammermaͤdchen aus Ham⸗ burg, logiere; aber ich erhielt uͤberall die mit einem zweideutigen Laͤcheln begleitete Ant⸗ wort nie snaju(ich eeh. Antwort mußte Meta haben. Ihre ganze Ruhe, ihr und mein Gluͤck hingen davon ab. Kam der Brief zu ſpaͤt, oder gar nicht in ihre Haͤnde, ſo band Herr Overlin den Pfirſichbaum an das Spalier des Herrn Bil⸗ lings, und freute ſich der Fruͤchte, die er in Penſylvanien trieb.„Waſil,“ ſchrie ich, als ſaͤhe ich Meta ſchon an Bord geſchleppt wer⸗ den, um nach Nordamerika zu ſegeln,„Wa⸗ 250 ſil, hier dieſen Brief zur Poſt.¹ Ich ſchlug ein zweites Couvert darum, und adreſſirte ihn an Demoiſelle Semler in Hamburg, mit dem Zuſatz,„eigenhaͤndig zu eroͤffnen.“— „Waſil, laufe, fahre, nimm meine Droſchke, nur mache, daß der Brief zur Poſt koͤmmt.“ Der ehrliche Junge ſtuͤrzte vor lauter Dienſt⸗ eifer zur Thuͤre hinaus, daß er das Schloß entzwei rannte. Auch mir war eine Laſt jetzt vom Herzen; war ich doch den Brief nun los, der mir ſo lange in her Taſche gebrannt hatte. Gott, wenn er zu ſpaͤt kam, meine Meta ſchon fort war, mir auf ewig entriſſen—— Nein, nein, das war nicht moͤglich. Ohne meine Ant⸗ wort ſagte Meta beſtimmt nicht ja. Ich hatte von dieſem Augenblick an eine Unruhe, als ginge ich uͤberall auf Kohlen. Der Onkel fixirte mich oͤfters mit ſeinem kalten Hofblick, und fragte, was mir fehle; ich ſaͤhe blaß aus, und die Arbeit ſchiene mir nicht zu ſchmecken. —————A — 251 Ich wich den feinen noch im Hinterhalte liegenden Bemerkungen durch ein trockenes „mir fehlt gar nichts, ich bin recht geſund,“ aus, und freute mich innerlich, daß ich blaß ausſehen ſollte; denn wenn Meta kam, ſah ſie doch, daß auch ich um ihrentwillen ge⸗ litten hatte. Eſſen und Trinken ſchmeckte mir nicht; viel weniger die Arbeit. Wenn ich an Meta dachte, und an die Moͤglichkeit, ſie nie, nie wieder zu ſehen, und an das Schreckliche, daß ich, ich allein dann daran Schuld war, ſo quoll mir jeder Biſſen im Munde, und die Feder vertrocknete in mei⸗ ner gluͤhenden Hand. Ich ſollte fuͤr den Onkel Noten machen, und, ach Gott, der Text fehlte mir. Vierzehn Tage waren ſeit dem Abgange meines Briefes vergangen. Meta war noch nicht da. Sie konnte noch nicht da ſein. Denn mein Brief konnte, wie ich bei ruhi⸗ gerem Blute berechnete, noch gar nicht Ham⸗ burg erreicht haben; aber der Liebende glaubt 252 Wunder. Jetzt erſt ſiel mir ein, daß ich mich nun ernſtlich nach einer Gelegenheit um⸗ thun mußtte, um Meta in einem anſtaͤndigen Hauſe unterzubringen. In den diplomatiſchen Zirkeln, in denen ich mit meinem Onkel zuweilen erſcheinen mußte, hatte ich mehreremal von dem St. Catharinenſtift ſprechen hoͤren, welches man allgemein als die erſte weibliche Erziehungs⸗ anſtalt in der ganzen Welt ruͤhmte. Das Stift lag an der Fantanka, in der Naͤhe unſrer Wohnung. Dieſe beiden Punkte be⸗ ſtimmten mich zu der Idee, es zu verſuchen, meiner Meta eine Stelle in dieſem Stifte zu verſchaffen. Dort kundſchaftete der Onkel mein Maͤdchen nie aus, denn in ein Haus, wo uͤber 200 Maͤdchen waren, ſetzte der Wei⸗ berfeind keinen Fuß. Ich wußte, daß alle Monate, eines Sonn⸗ tags, in dem Inſtitute große Aſſemblee war, zu der Jedermann freien Zutritt hatte. Dieſe fiel auf den naͤchſten Sonntag, ich ging alſo 6 ich um⸗ digen denen einen St. man ungs⸗ Das Naͤhe 2 be⸗ chen, te zu nkel aus, Wei⸗ onn⸗ war, Dieſe alſo 253 hin, um mich vorlaͤufig mit dem Innern die⸗ ſer Anſtalt bekannt zu machen, und die Di⸗ rectrize kennen zu lernen, mit der ich dann, bei gelegener Zeit, uͤber Metas Aufnahme naͤ⸗ here Ruͤckſprache nehmen wollte. Ich erſchien in meiner Staatsuniform, und wurde in einen großen herrlichen Saal gefuͤhrt, in wel⸗ chem, laͤngs den Waͤnden, in einiger Entfer⸗ nung von denſelben, niedrige Schranken hin⸗ liefen. Die Geſellſchaft verſammelte ſich in den Zwiſchenraͤumen zwiſchen den Waͤnden und den Schranken; der Mittelraum des Saals war dadurch ein freier Platz, der fuͤr die Kinder des Inſtituts beſtimmt blieb, die mit einem beſtimmten Glockenſchlage erwar⸗ tet wurden. Die Glocke ertoͤnte, die Fluͤgelthuͤren am andern Ende des Saals flogen auf und die Directrize, eine wuͤrdige Matrone, welche das Vertrauen ihrer Kaiſerinn und die Achtung der ganzen Reſidenz, nach Verdienſt und Wuͤr⸗ en, im hoͤchſten Grade noch heute genießt, . 254 trat, an der Spitze ihrer jungen Damen, mit ihren zweihundert Zoͤglingen in den Saal, und begruͤßte die Umſtehenden durch drei tiefe Verbeugungen. Reben mir ſtand ein Mann aus Permien. Er war zweitauſend Werſte weit hergekom⸗ men, um ſeine Tochter, die hier erzogen wurde, mit ſeinem Beſuch zu uͤberraſchen. Er hatte uns Umſtehenden ſein weites Her⸗ kommen, ſeine Sehnſucht, ſein Gluͤck, nun ſein geliebtes Kind bald zu ſehen, mit ruͤh⸗ render Einfachheit erzaͤhlt; der Mann zitterte, als die Fluͤgelthuͤren aufgingen, daß er kaum ſeinen Hut zu halten vermogte. Schon nach der zweiten Verbeugung erkannte ihn ſein geliebtes Kind, das Maͤdchen flog aus dem Zuge, ſtuͤrzte auf den geliebten Vater los, kletterte in freudiger Behendigkeit an den Schranken hinauf, und hing weinend an dem Halſe des gluͤcklichen Vaters. Alles draͤngte ſich hinzu, Niemand konnte ſich der eaͤnen enthalten; einem jeden ſagte ſein Gefuͤhl, mit Saal, ei tiefe mien. gekom⸗ rzogen ſchen. Her⸗ nun . ruͤh· tterte, kaum nach ſein dem los, - den n dem aͤngte raͤnen efuͤhl, 256 daß ein gluͤckliches Wiederſehen das Vorge⸗ fuͤhl der ſeligen Freuden iſt, die uns jenſeits erwarten. Die muͤtterliche Theilnahme, mit der die Directrize herbeieilte, und den Vater ihres kleinen Zoͤglings bewillkommte, gewann ihr mein Herz. Auch ſie hatte die Augen voll Waſſer, und ſchloß das froͤhliche Kind mit hingebender Zaͤrtlichkeit an ihre Bruſt. Ich dachte an Meta und ſegnete den Einfall, ſie hierher vor der penſylvaniſchen Vorſorge des Herrn Overlin fluͤchten zu wollen. Saͤmmtliche Anweſende wurden jetzt, wie gewoͤhnlich, mit Thee und Confituren bewir⸗ thet. Die Bedienung beſtand aus Kaiſerli⸗ chen Lakaien, die in der Hoflieverei ſervirten. Der groͤßte Theil der Geſellſchaft beſtand aus Eltern, Geſchwiſtern, Verwandten und Freun⸗ den der jungen Damen, die hier erzogen wurden, und da hier nur aus den beiden erſten Klaſſen des Reichs Kinder weiblichen Geſchlechts in der Regel aufgenommen wer⸗ den duͤrfen, ſo gab es hier, wie in allen 256 hoͤhern Zirkeln der Kaiſerſtadt, Prinzen, Fuͤr⸗ ſtinnen, Grafen, Excellenzen und Orden ſon⸗ der Zahl. Unter den Damen, ſie ſich mit offner Vertraulichkeit unter die Stiftszoͤglinge miſch⸗ ten, und die hier vorzuͤglich bekannt zu ſein ſchienen, hatte ich ſchon fruͤher eine ſchoͤne Frau bemerkt, die durch das St. Cathari⸗ nenkreutz auf der Bruſt die Höhe ihres Stan⸗ des bezeichnete. Sie ſprach bald ruſſiſch bald franzoͤſiſch, und wurde mir darum beſonders auffallend, weil, ſo oft ich ſie anſah, ich jedesmal ihrem Blicke begegnete. Je laͤnger ich ſie anſah, deſto bekannter kam mir ihr Geſicht vor; ich konnte mich ſchlechterdings nicht beſinnen, wo ich ſie ſchon einmal ſollte geſehen haben. Ich hatte eine ſonderbare dunkle Idee, als haͤtte ich einmal von ihr getraͤumt. An dem Auftritte, als das kleine Maͤdchen ſeinen Vater ſo unvermuthet wie⸗ der fand, hatte ſie ſichtbaren Antheil ge⸗ nommen. Sie liebkoſte das Kind und un⸗ terhielt terhi fragt ſie n ſie einen den Geſit ſens ſie zwan einen war ffner niſch⸗ ſein hoͤne hari⸗ btan⸗ bald ders ich nger ihr ings ollte bare ihr leine wie⸗ ge⸗ un⸗ hielt 257 terhielt ſich lange mit dem Permier. Ich fragte dieſen, wer ſie waͤre, allein er kannte ſte nicht; ich fragte mehrere, allein es kannte ſie viemand. Indeſſen ſah ich ſie wieder in einem Fenſterbogen ſtehen, den Ruͤcken gegen den Saal gekehrt; und das Tuch vor dem Geſicht; an dem fliegenden Zucken ihres Bu⸗ ſens konnte man deutlich gewahren; daß ſie heimlich ſchluchzte, und ſich mit Muͤhe zwang, nicht laut zu weinen. Ich hatte nur einen Augenblick wo anders hingeſehen, da war ſie unterdeſſen verſchwunden. 18. Das Naͤthſel vom Ural. Ich aͤrgerte mich, ihr Weggehen nicht be⸗ merkt zu haben, ich waͤre gern ihrem Wa⸗ gen gefolgt, um ihre Wohnung zu erfahren; denn ſo unerklaͤrlich feſt hatte mich noch keine Frau fixirt; ihre ſchoͤne Geſtalt, ihre ſtolze edle Haltung, die Eleganz ihres Aeußern, die Weiblichkeit ihres Characters, und die Demuth, die in ihrer Stellung lag, als ſie, ungeſehn von Allen, im Winkel ſtand und weinte, alles dies beſchaͤftigte mich den gan⸗ zen Abend ſo, daß mich einige Male bei dem Abendtiſch mein Onkel mit ſeinem kalten Hoflaͤcheln fragte, was mir fehle; ich ſchien heute ſo diſtrait zu ſein, als ich es noch nie geweſen ſei. Den folgenden Tag ward ich vom ssoſchen Geſandten zu einem kleinen muſikaliſchen Abend⸗ kenn beug t be⸗ Wa⸗ hren; keine ſtolze ußern, d die s ſie, und gan⸗ i dem kalten ſchien ch nie sſchen lbend⸗ 259 zirkel geladen. Ich war ſchon einigemal da geweſen, und hatte mich in dieſem mir un⸗ vergeßlichen Hauſe immer ſehr wohl gehabt. Meine liebe Flote hatte mich dort vorzuͤglich eingefuͤhrt; ich erſchien an ihrer Seite auch diesmal. Ich kam zufaͤllig etwas ſpaͤt, er⸗ hielt von der Geſandtinn, einer der lie⸗ benswuͤrdigſten Frauen, die ich kenne, uͤber mein langes Ausbleiben meine wohlverdiente Portion freundlicher Schelte, und mußte, weil man ſchon auf mich gewartet hatte, gleich an mein Pult, ohne mich in der Ge⸗ ſellſchaft umſehen zu koͤnnen. In der Ouvertuͤre, in der ich gegen den Schluß, wo Trompeten und Pauken alles uͤberrauſchten, mehrere Takte zu pauſiren hatte, ſah ich uͤber mein Pult weg, und gerade in die großen Feueraugen der geſtrigen ſchoͤnen Frau. Ich war ſo uͤberraſcht, daß ich mich, als kenne ſie mich ſo genau, wie ich ſie, ver⸗ beugte, vhne recht genau zu wiſſen, ob, und R 2 260 warum ich es gethan hatte. Sie dankte mit einer auszeichnenden Verbindlichkeit. Nein, Verbindlichkeit war es nicht. Nennen kann ich dieſe Art von Gegengruß gar nicht. Es war, als waͤren wir alte Bekannte, die ſich beibe freuten, einander hier zu finden. Das Geſicht war mir durchaus nicht fremd. Ich hatte es in meinem Leben irgendwo ſchon ge⸗ ſehen. Das wußte ich nun gewiß. Aber die Haltung hatte ich beim freudigen Schreck, die intereſſante Unbekannte hier mir gegen⸗ uͤber zu finden, ſo verloren, daß ich bei den letzten Takten der Ouverkuͤre keinen Laut her⸗ vorbringen konnte. Auch mein ehrlicher Permier war hier. Ihm zu Ehren hatte ein Mitglied unſers mu⸗ ſikaliſchen Kreiſes ein ungemein ruͤhrendes Lied in ruſſiſcher Sprache gedichtet, welches einer bekannten Arie als Text untergelegt war, und die Ueberſchrift fuͤhrte, Sehnſucht nach meinem Kinde. Anna Iwanowa, ein liebes Maͤdchen aus Archangel, das mit ſei⸗ ner ſang zu b Beif des meir 8 toͤne Maͤd den der der Alle endig ach ner? zum mer dem liebe Floͤt Saͤn 2 mit NRein, kann nach ein it ſei⸗ — 261 ner Silberſtimme uns ſchon oft entzuͤckt hatte, ſang das Lied, das ich mit obligater Floͤte zu begleiten hatte. Ich ſammelte mich; den Beifall der ſtolzen eblen Frau, und den Dank des Vaters aus Permien einzuaͤrndten, war mein Ziel. Wer die Zauberkraft der weichen Moll⸗ toͤne kennen lernen will, muß ein ruſſiſches Maͤdchen ſingen hoͤren. Anna Iwanowa trug den Schmerz der Trennung, die Allmacht der Vater⸗ und Mutterliebe, das ſuͤße Wehe der Sehnſucht, mit einer Zartheit vor, daß Alle davon ergriffen wurden. Jeder Vers endigte ſich mit der Strophe:„Ach ſagt! ach ſagt, denkt auch mein Kind noch mei⸗ ner?“ die Frage der gepreßten Angſt ſtieg zum wildeſten Forte, oder verhallte im im⸗ mer leiſer werdenden Decreſcendo, je nach⸗ dem Verzweifelung oder ſanfte Duldung das iebende Aelternherz erſchoͤpft hatte. Meine Floͤte weinte in die Klagen der gefuͤhlvollen Saͤngerinn, ich hauchte meine ganze Seele 262 in das Inſtrument, denn ich dachte an mei⸗ nen frommen Vater, der ſtill daheim ſaß, und gewiß die Einſamkeit auch fragte,„ſage, ach ſage, denkt auch mein Kind noch mei⸗ ner?“ und meine ſtille Liebe flog mit glei⸗ cher Frage zu Meta, und ich blickte uͤber die Noten zum Himmel, um die Zukunft zu fra⸗ gen, ob ich das holde Maͤdchen meines Le⸗ bens hier in meine Arme ſchließen werde. Das ruͤhrende einfache eied endete, Der Permier riß mich an ſeine Bruſt; viele der Geſellſchaft weinten ſtille Thraͤnen, die ſchoͤne Frau ſchluchſte wieder wie geſtern. Sie kuͤßte Anna JIwanowa, und druͤckte, er⸗ griffen von unnennbarem Gefuͤhl, meine Hand an ihr beſtuͤrmtes Herz.„Arme ſchoͤne Mut⸗ ter,“ dachte ich,„wahrſcheinlich haſt du fruͤher ein Kind verloren, das deiner nicht mehr denkt,“ ich druͤckte theilnehmend ihre Hand wieder, und ſagte ihr, fuͤr den Bei⸗ fall, den ihre Thraͤnen unſerm Spiele ſchenk⸗ ten, etwas Verbindliches. Sie wendete ihr Zim Sti wir der ben thin und nun hoͤrt dem hatt Die das Bil fraꝛ glei hat eine Bruſt; zaͤnen, eſtern. e, er⸗ Hand Mut⸗ ſt du nicht ) ihre Bei⸗ ſchenk⸗ hendete 263 ihr Geſicht weg und ging in ein anderes Zimmer. Wir muſicirten weiter; die fruͤhere heitere Stimmung des Zirkels fand ſich wieder, und wir bereiteten uns und unſern Zuhoͤrern einen der vergnuͤgteſten Abende. Bei der Tafel fand ich meinen Platz ne⸗ ben der liebenswuͤrdigen Frau. Unſere Wir⸗ thinn, die Geſandtinn, ſtellte mich ihr vor, und nannte ſie mir als die Graͤfinn Orwa⸗ nuwoff; ihr Gatte war, wie ich nachher hoͤrte, Koſakenhettman geweſen, und auf dem Felde der Ehre geblieben. Bis jetzt hatte ich franzoͤſiſch oder ruſſiſch geſprochen. Die ſchoͤne Koſakinn redete mich deutſch an, das ſie zum Bewundern gelaͤufig ſprach. In Rußland ſprechen Leute der feinern Bildung, außer dem ruſſiſchen, gewoͤhnlich franzoͤſiſch, engliſch, italieniſch und deutſch, gleich fertig; allein mit dieſer Gewandheit hatte ich hier meine Mutterſprache im Munde einer ruſſiſchen Dame noch nicht gehoͤrt. Sie 264 war, wie ſie mir erzaͤhlte, fruͤher ſelbſt in Deutſchland geweſen, und war in meinem Vaterlande bekannter, als ich, der ich, auſ⸗ ſer meiner Reiſe von der Heimath nach Ham⸗ burg, noch nichts davon erfahren hatte. An ihrer Seite verflog mir der gluͤckliche Abend, wie eine Minute. Sie bat mich, ſie zu beſuchen. Sie ſagte das in einem ſo vertraulichen Tone, als waͤren wir laͤngſt alte Bekannte. Ueberhaupt lag in ihrem ganzen Betragen ſo etwas eigenes von Her⸗ zensgute und Unbefangenheit, von ſchwaͤr⸗ meriſcher Neizbarkeit, und, ja ich darf es ſo nennen, von inniger Liebe, daß ich mich von ihrer Liebenswuͤrbigkeit umſtrickt fuͤhlte, ohne es ſelbſt eigentlich recht zu wiſſen. 1 Ich hatte ganze Buͤcher uͤbe r den Kau⸗ kaſus und ſeine Bewohner geleſen; aber die⸗ ſes himmliſche Weſen hatte ich unter den Koſakinnen nicht geſucht. Die Guͤter ihres Mannes lagen am Fuße des ſuͤdlichen Ural⸗ gebuͤrges; ſie war vorgeſtern erſt von dort ———— in nem auſ⸗ am⸗ liche nich nem ingſt 265 zuruͤck gekommen; ſie hatte uͤber achtzehn Jahre unter jenem paradieſiſchen Himmel ge⸗ lebt, ohne in Petersburg geweſen zu ſein. Alſo konnte ich ſie fruͤher nicht geſehen ha⸗ ben, denn als ſie Deutſchland durchreiſ't hatte, war ich noch ein kleines Kind gewe⸗ ſen. Wir kamen auf unſere geſtrige Be⸗ kanntſchaft im Catharinenſtift zuruͤck; ich er⸗ zaͤhlte ihr, daß ich mich ſeit geſtern Nach⸗ mittag unaufhoͤrlich damit beſchaͤftigt habe, heraus zu finden, wo ich ſie ſchon irgendwo in meinem Leben geſehen haͤtte, weil die Zuͤge ihres Geſichts mir auſſerordentlich aͤhn⸗ lich vorgekommen waͤren. Sie nahm mit wehmuͤthiger Freude meine Linke zwiſchen ihre beiden Haͤnde, und druͤckte und ſtreichelte ſie, unbemerkt von den Gäͤſten der Tafelrunde. Sollte die reitzende Koſa⸗ kinn eine Bernhardinerinn ſein? fragte ich mich heimlich, und dachte halb laͤchelnd an das ſpeckige Bonmot meines Kapi⸗ tains. Sie war aͤlter, als ſie ſchien; ſie mußte nach ihren Aeuſſerungen eine ſtarke 266 Dreißigerinn ſein; aber wenn man die uͤp⸗ pige Fuͤlle ihres Koͤrpers, die Friſche ihres Teints, den Feuerblitz ihres Auges, die Raſch⸗ heit ihrer Bewegungen ſah, und den Flat⸗ terſinn bemerkte, der im Blicke, wie im Wangengruͤbchen, laͤchelte, ſo mußte man glauben, daß ſie kaum einige zwanzig zaͤhle. Als ſie nach aufgehobener Tafel nach Hauſe fahren wollte, begleitete ich ſie bis in das Vorzimmer, wo ſie ſich in ihre Pelze huͤllte; ſie nahm beim Abſchied meinen Kopf zwiſchen ihre beiden Haͤnde, und druͤckte mir mit raſchaufwallender Leidenſchaftlichkeit un⸗ gezaͤhlte Kuͤße auf Mund und Stirne, und doch lag in dieſer freien Manier, die nur der ſchoͤnen Frau eines Koſaken⸗Hetmanns gut ſtehen konnte, durchaus nichts unzartes, nichts unweibliches. Madam Bignol und die Nonne wuͤrden ganz anders, Betty bei⸗ nahe ſo, Meta gar nicht ſo gekuͤßt haben. Warum kannte ich die Weiber nicht, um mir das alles deutlich zu erklaͤren? tin ner nut He frie auf da⸗ die at uͤp⸗ hres aſch⸗ Flat⸗ im man hle. nach s in Pelze Kopf mir un⸗ und nur anns ertes, und bei⸗ aben. um 267 Beim Weggehen ſagte mir die Geſand⸗ tinn heimlich ins Ohr, ich ſolle gegen mei⸗ nen Onkel der Bekanntſchaft mit der Orwa⸗ nuwoff nicht erwaͤhnen. Der verſtorbene Hetmann haͤtte mit meinem Onkel in Unzu⸗ friedenheit gelebt, letzterer wuͤrde es daher auf keinen Fall gerne ſehen, wenn er hoͤre, daß ich die Graͤfinn bei ihr geſprochen; ich ſolle morgen zur Graͤfinn ja kommen, denn dieſe rechne beſtimmt darauf, mich bei ſich zu ſehen; allein, weil es moͤglich ſei, daß mein Onkel meine Gaͤnge beobachte, ſolle ich nicht gerade zur Orwannwoff fahren, ſondern erſt zu ihr, der Geſandtinn; ſie werde mich dann zur Hetmann begleiten, So war ich denn durch Weiber⸗Haͤnde in Intriguen und Heimlichkeiten verſtrickt, an die meine ehrliche Offenheit fruͤher nie gedacht hatte. Hinter dem Nuͤcken des Onkels hatte ich an Meta geſchrieben, und hinter dem Ruͤcken deſſelben ging ich nun zu der ſchoͤnen Koſakinn. De n folgenden Morgen fragte mich mein Onkel mit einer Miene, als ob er die ge⸗ ſtrige Geſellſchaft 8 namentlich wiſſe, wer alles bei dem veirrſchen Geſandten geweſen ſei. Ich nahm meine ganze Politik zuſam⸗ men, und nannte ihm alle, nux die Orwa⸗ nuwoff nicht. Ich ſreuete mich meiner Hal⸗ tung; kein Ambaſſadeur kounte bei den wichtig⸗ ſien T Dingen, die er verhandelte, ein gleichguͤl⸗ tigeres Geſicht machen, als ich bei der Erzaͤh⸗ lung des geſtrigen Abends. Vor drei Jahren waͤre ich bei einem ſolchen Falle blutroth ge⸗ worden; ich haͤtte geſtockt und am Ende bekannt. Jetzt— mein Onkel haͤtte meine Anlage zum Diplomatiker laut anerkennen muͤſſen, wenn er in mein Inneres haͤtte ſehen koͤn⸗ nen. Er laͤchelte, wie er immer zu thun pflegte, hoͤhniſch kalt, und lobte das Haus des oss ſchen Geſandten, als eins der beſten in der ganzen Reſidenz. Ich beſtaͤtigte dieß aus vol⸗ lem Herzen, und hing gleich an dieſe Beſtaͤtigung die Notiz, daß ich heute wieder dort ſein wuͤrde. hun aus en in 269 „Heute? wieder? ſchon wieder? ſchar⸗ mant! ich freue mich, daß man auf dich re⸗ flectiret, mon neveu! womit amuͤſirt man ſich denn heute dort? t „Wir ſpielen blos unter uns, kleine Sa⸗ chen, Quartetts und dergleichen, es iſt wei⸗ ter kein Zirkel da. 1 Ich begriff die Gewandheit nicht, womit ich Sr. Erzellenz die Nothnaſe andrehte; aber ich freute mich uͤber mich ſelber. „Dann erlaubſt Du wohl, von der Par⸗ thie zu ſein? Ich bin ohnehin bei dem Ge⸗ ſandten mit einer ſolchen amicablen Viſite sans gene in Reſt.1 1 „Der Geſandte wird Sie, gnaͤdiger On⸗ kel, gewiß willkommen heißenn— brachte ich langſam heraus, denn meine Parthie zur Graͤfiun war nun zu Waſſer, der Geſandte war vielleicht nicht einmal zu Hauſe, kein Quartettſpieler dort zu erwarten, und meine Luͤge am Tage;—„nur fuͤrchte ich, wird ihn heute Ihre Gegenwart in Verlegenheit 270 ſetzen; wir wollen einige ſchwere Sachen ein⸗ ſpielen, die er im Diletkantenconzert uͤber⸗ morgen vortragen will, und dann wird er ſich nicht gern vor Ihnen mit den Einuͤbun⸗ gen hoͤren laſſen wollen, dieſe ſind aber un⸗ aufſchieblich.“— Bon, bon. Embaraſſiren will ich die Erzellenz im mindeſten nicht. Ein andermal alſo habe ich das Plaiſir, Dich dahin zu begleiten. Er laͤchelte wieder in ſeiner kalten Ma⸗ nier, und ich jauchzte im Innern, dem Un⸗ gewitter gluͤcklich ausparirt zu ſein. Im Hauſe der liebreitzenden Orwanuwoff trug alles das Gepraͤge einer aſiatiſchen Pracht. Sie hatte ſich vor ihrer Ankunft ihr ganzes Haus neu meubliren laſſen. Der ſchoͤne Pallaſt war, wie es in allen Hotels der Großen hier uͤblich iſt, vom Hausflur bis zum oberſten Dachſtuͤbchen, geheitzt, ſo⸗ daß in allen Zimmern und Saͤlen ein und daſſelbe Klima herrſchte. Die Treppen wa⸗ ren ihre verl ihre Livr Bef reich in reich mei Sit mich ren Mit finn wir mit imn ſaß und wol ein⸗ ber⸗ - er Sun⸗ un⸗ die mal zu Ma⸗ Un⸗ woff ſchen unft Der otels sflur ſo, und wa⸗ 1 271 ren mit bluͤhenden Blumen garnirt, welche ihre Wohlgeruͤche im ganzen Hauſe lieblich verbreiteten. Das Vorzimmer wimmelte von ihren zahlloſen Bedienten in den reichſten Livreen, und ihre Gemaͤcher verkuͤndeten die Beſitzerin als eine der geſchmackvollſten und reichſten Frauen von Petersburg. Sie ſelbſt, die ſchoͤne Frau, empfing uns in einem einfachen reitzenden Negligee. Sie reichte mir traulich die Hand, ich zog ſie an meine Lippen, ſie beugte ſich nach ruſſiſcher Sitte zu meiner Wange herab, und kuͤßte mich mit freundlicher Herzlichkeit. Wir wa⸗ ren und blieben mit der Geſandtinn allein. Mir war an der Seite der zauberiſchen Graͤ⸗ finn unbeſchreiblich wohl. Wir plauderten, wir muſicirten, und oft, wenn ſich die, mir mit ihrem wirklich auffallenden Wohlwollen, immer raͤthſelhaftere Frau unbemerkt glaubte, ſaß ſie, wie in ſtillen Traͤumen verſurken, und ihr Blick weilte mit ſichtharem Wohl⸗ wollen auf mir. Als ich nach dem Abend⸗ 273 eſſen nach Hauſe fuhr, mußte ich ihr ver⸗ ſprechen, woͤchentlich einigemale zu kommen, und beim Abſchiedskuß ſchenkte ſie mir zum Andenken an den erſten Abend, den ich in ihrem Hauſe verbrachte, einen Ring und eine Jabotnadel, die der Hofjuwelier, den ich kurz darauf zufaͤllig ſprach, auf ſechstauſend Rubel kaxirte. Ich erſchrack mehr uͤber dieſen Werth, als ich mich daruͤber freute. Was konnte die ſonderbare Frau fuͤr Abſichten haben, mich durch ſolche koͤſtliche Merkzeichen ihres Wohl⸗ wollens an ſich zu feſſeln? Irgend einen zweideutigen Plan auf meine ſchuldloſe Ju⸗ gend konnte ich durchaus nicht vorausſetzen; denn, wenn auch gleich ein unauslöͤſchliches Feuer in ihren Augen gluͤhte, wenn auch ihr uͤppiger Koͤrper tauſendfaͤltige fuͤße Reitze barg, ſo war doch nie ein unzartes Wort uͤbe, ihre Lippen geglitten, ſo lag doch in ihrem Blick, den ſie oft minutenlang ſinnend an mich hing, nicht das mindeſte buhleriſche. Sie Sie erſte un lang ſten moch denn aͤuße Tau fuhr fuhr mein bedie Hetn erful Beſi Klee mir und daͤcht ver⸗ nen, zum h in und 1 ich iſend als die mich Vohl⸗ einen Ju⸗ etzen; liches h ihr Reitze Wort h in inend iiſche. Sie 275 Sie war im reinen Sinne des Worts meine erſte Freundin dieſer Welt. Ich ſah ſie von nun an faſt alle Abende. Ich war ſtunden⸗ lang bei ihr allein, ſie vertaͤndelte die ſuͤße⸗ ſten Stunden meines Lebens mit mir, ich mochte beinahe ſagen, ſie verhaͤtſchelte mich; denn ich durfte nur einen halben Wunſch aͤußern, ſo ſcheute ſie keine Muͤhe und keine Tauſende, ihn mir zu erfuͤllen. Zuweilen fuhr die Geſandtinn mit mir, wenignens fuhr ich allemal bei dieſer vor, ließ dann meinen Schlitten nach Hauſe fahren, und bediente mich zur Tour nach der Koſaken⸗ Hetmann der Equipage der Geſandtinn. So erfuhr mein Onkel kein Wort von meinen Beſuchen bei der Orwanuwoff. Eines Abends, als die Geſandtinn unſer Kleeblatt fuͤllte, fragte mich die Graͤfinn, ob mir die Petersburger Schoͤnen nicht gefielen,“ und ob ich denn gar nicht an das Heirathen daͤchte. Ich hatte ſchon lange auf dem Her⸗ habt, mit ihr uͤber Meta zu ſprechen, S 274 und durch ihre Bekanntſchaft mit der Directrize des St. Katharinenſtifts Metas Aufnahme in demſelben zu bewirken; ich benutzte ihre im Scherz hingeworfene Frage, um ihr alles zu erzaͤhlen, was ich von Meta wußte; ich machte die beiden Frauen mit meinem Plane, Meta herkommen laſſen zu wollen, bekannt, und las ihnen den letzten Brief des Maͤdchens vor, den ich immer in meinem Portefeuille bei mir trug. Erſt lachten ſie, dann laͤchel⸗ ten ſie; am Ende traten ihnen die Thraͤnen in die Augen. So ſind alle gute Weiber, und darum ſind ſie ſo liebenswuͤrdig. „Nein, Guſtav,“ nahm die Graͤfinn das Wort, bei meinem Naͤmen nannte ſie mich nach ruſſiſcher Sitte gewoͤhnlich, auch hieß ſie mich, wie es dort nach traulicher Landes⸗ weiſe, bei einiger naͤhern Bekanntſchaft, faſt uͤberall uͤblich iſt, mehrentheils du;„nein, Guſtav, mit dem Stifte geht es nicht; aber kann ich Dir Freude machen, ſo bring das verwaiſte Kind in mein Haus. Iſt ſie noch ——˖O⏑O—ꝛ—:˖˖ꝑn— ſo Dir nack ohn ſein. Ihr aͤng waͤh ſtav unbe End ihr legte in bewe eines liche in d die res eins rectrize zme in )re im les zu machte Meta „ und dchens efeuille laͤchel⸗ hraͤnen Veiber, nn das e mich h hieß Landes⸗ t, faſt „ nein, ;z aber ig das te noch ———˖˖:———:B:———,—:-—— 275 ſo gut, ſo rein, ſo ſchuldlos, wie Du ſie Dir mahlſt, und wie ſie wohl dem Briefe nach zu ſein ſcheint, ſo ſoll ſie— ich bin ohnehin jetzt allein— ſo ſoll ſie meine Tochter ſein. Mach nur, daß ſie bald herkommt. Ihr Brief gefaͤllt mir; ſie iſt im Anfange aͤngſtlich, ſteif, verlegen, und je laͤnger ſie waͤhrend des Schreibens meinen huͤbſchen Gu⸗ ſtav vor der Seele gehabt hat, deſto offener, unbefangener, herzlicher iſt ſie geworden. Am Ende ſpricht nicht mehr ihre Feder, ſondern ihr Herz.„Guſtav“— ſie ſtand raſch auf, legte ihre Haͤnde auf meine Achſeln, ſchien in der Tiefe ihres innern Geheimniſſes ſehr bewegt—„Guſtav! achte die keuſche Liebe eines frommen Maͤdchens! Du haſt ſein zeit⸗ liches— ach und vielleicht ſein ewiges Gluͤck in der Hand. Es giebt Maͤnner in der Welt, die man in jeder Hinſicht als die Muſter ih⸗ res Geſchlechts aufſtellen koͤnnte; aber nur eins fehlt ihnen, die Wuͤrdigung des Weibes, die kleine oder die große Kunſt, das liebende S 2 276 Weib zu verſtehen; und ſie ſelbſt und ihre Frauen ſind ungluͤcklich bis zum Tode.“ Die Geſandtinn zupfte ſie, als haͤtte ſie etwas geſagt, was ſie nicht haͤtte ſagen ſollen, unvermerkt am Kleide; ſie wendete ſich von mir, und gieng, in ſich ſelbſt verſunken, einige male im Zimmer auf und ab. War die Graͤ⸗ finn mir vorher ein Raͤthſel geweſen, ſo war ſie es mir heute noch mehr. Ihren Ausfall auf die Maͤnner deutete ich auf ihr Verhaͤltniß mit ihrem verſtorbenen Manne, der wahrſcheinlich dieſe gluͤhende Liebe nicht zu behandeln verſtanden hatte; aber durch ihren Antrag, Meta, die ſie vielleicht mehr, als ich ſelbſt, fuͤr meine Geliebte hielt, zu ſich zu nehmen, zerſetzten ſich meine Zwei⸗ fel vollig, die ich, einmal auf die Weiber mistrauiſch gemacht, immer noch im Stillen, uͤber das Verhaͤltniß der ſchoͤnen Koſakinn zu mir, gehabt hatte. In ihrem Wohlwollen zu mir konnte ſchlechterdings nichts Unreines liegen, ſonſt wuͤrde ſie Meta eher entfernt, als die weil hatt Graͤ war ſie liebe Vor ſelbe ziehe Ritt und ren, nirg Aus Geſe weil Gen ſand Zirk ihre 4 te ſie ſollen, h von einige Graͤ⸗ o war ete ich rbenen e Liebe aber elleicht e hielt, Zwei⸗ Weiber Stillen, inn zu lwollen nreines ntfernt, 27 ₰ als an ſich gezogen haben. Die boͤſen Nebel, die mich auf dem Meere meiner Unkunde des weiblichen Geſchlechts immer bisher umzogen hatten, fielen; ich ſah jetzt klar, daß die Graͤfinn ein himmelreines, engelgutes Weſen war, ob ich mir gleich die Urſache, warum ſie mir ausſchließlich vor allen jungen, weit liebenswuͤrdigern Maͤnnern der Reſidenz, den Vorzug ſchenkte, nicht enthuͤllen konnte; denn ſelbſt der Verdacht, daß ſie mich an ſich ziehe, um einen jungen noch nicht gefallenen Ritter an ihren Siegeswagen zu ſpannen, und mit dieſem uͤber ihr Alter zu triumphi⸗ ren, fand nicht ſtatt, weil ſie ſich mit mir nirgends oͤffentlich ſehen ließ. Ihr einziger Ausgang war in die Iſaakskirche und zur Geſandtinn. In erſtere begleitete ich ſie nie, weil ich in einer griechiſchen Kirche fuͤr mein Gemuͤth keine Andacht fand, und bei der Ge⸗ ſandtinn war immer nur ein ganz kleiner Zirkel, mehrentheils von muſikaliſchen Kuͤnſt⸗ lern, in dem die Hetmann mit ihren Juwe⸗ 278 len und mit dem Sonnenblick ihrer bezau⸗ bernden Schoͤnheit mehr glaͤnzte, als mit ihrem beſcheidenen Begleiter.— Ich dankte ihr fuͤr ihre gaſtfreundliche Bereitwilligkeit, Meta zu ſich nehmen zu wol⸗ len, und baute auf ihr guͤtiges Verſprechen meinen Himmel. Denn hier ſpuͤrte mir der Onkel das Maͤdchen gewiß nicht aus. Ich konnte es taͤglich ſehen, kuͤßen, ohne daß ein Menſch in der ganzen Welt darum wußte, und ich lachte den armen Herrn Billings ſchon weidlich aus, daß er mit Metas Koͤrb⸗ chen nach Nordamerika abſegeln mußte. Meine Brieftaſche lag noch offen auf dem Tiſche. „Laß doch ſehen, ſagte die Graͤfinn mit der Laune, die jedem Worte, was uͤber ihre Lippen glitt, ſeinen eigenen Gehalt gab, laß doch ſehen, was unſer Freund Guſtav noch fuͤr andere Geheimniſſe hat.“ Ich hatte ja alles, was meinem Herzen das Geheimſte war, meine Waͤnſche fuͤr ezau⸗ mit dliche wol⸗ rechen r der Ich daß vußte, llings Koͤrb⸗ n auf n mit r ihre „ laß noch Herzen fuͤr — 279 Meta vertraut. Weiter war nichts Geheimes in meiner Seele, ich gab ihr daher die Brieftaſche, und ſah mit Vergnuͤgen, wie ſie mit ihren kleinen Fingern darinnen herum wuͤhlte. Unter andern fiel ihr das Bleiſtift⸗ billet von Betty in die Hand. Es war durch die Laͤnge der Zeit ſo verwiſcht, daß nur ich, der es auswendig konnte, es zu entziffern verſtand. Aber der Name Betty war noch deutlich zu leſen. „Was iſt das fuͤr eine Betty?“ fragte die Graͤfinn mit ungewiſſer Stimme. Ich hatte ihr, ungeachtet wir ſchon ſo manchen Abend mit einander verplaudert hat⸗ ten, noch nichts von Betty erzaͤhlt, weil ich ihren Familiennamen nicht einmal wußte, weil ich ſeit laͤnger denn drei Jahren nichts von ihr gehoͤret hatte und weil— ich ge⸗ ſtehe es— das Bild meiner ſanften reinen Meta die Erinnerung an Betty, die ich nur einige wenige Augenblicke geſehen, und uͤber die ich von dem verdammten Ardeglio ein 280 ſo zweideutiges Urtheil gehoͤret, faſt gaͤnzlich in den Hintergrund gedraͤngt hatte. Die Frage der Graͤfinn rief die ſonder⸗ ð baren Scenen im Poſthauſe auf der Luͤne⸗ burger Haide in meine Seele zuruͤck, wo ich von den ſchoͤnſten Lippen, die ein Maler, was ſage ich ein Maler, die der liebe Gott nicht reizender ſchaffen konnte, in meinem Leben den erſten Kuß erhielt; ich erzaͤhlte alſo von ihr, was ich wußte, und das Feuer, das mir damals in der Bruſt ſtroͤmte, be⸗ geiſterte auch jetzt wieder meine Rede. Ich beſchrieb ihre Geſtalt, die Grazie ihres Koͤr⸗ pers, die Zauberkraft ihres Auges, den klei⸗ nen Fuß, die zarte Hand mit den roſenen „Gruͤbchen, kurz die ganze Betty, wie ſie da⸗ mals in der Fuͤlle ihrer Reize auf meinem Schooße geſeſſen hatte. Die Graͤfinn hoͤrte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu; reiſ'te denn das Maͤdchen allein?“ rief ſie unter⸗ brechend. nzlich nder⸗ Luͤne⸗ o ich daler, Gott einem zaͤhlte Feuer, be⸗ Ich Koͤr⸗ klei⸗ ſenen e da⸗ einem hoͤrte reiſte unter⸗ 281 „Bewahre der Himmel; ſie kam in der anſtaͤndigſten Geſellſchaft; ein junger Mann, der ſich ihren Couſin nannte, und der ſeine Gattinn bei ſich hatte, war ihr Begleiter. Der Mann hatte ein Ordenskreuz auf der Bruſt, und nannte ſich Kanonikus von Lingen.“ „Sie iſt es, ſie iſt es,“ rief die Graͤ⸗ finn, ſprang auf und ſchlug die Haͤnde in einander. Guſtav, gieb mir dieſen Kuß, mit dem ſie auf deine unentweihten Lippen der Natur— Die Geſandtinn fiel ihr in die Rede: „um Gottes Willen kein Wort weiter!— Graf! ehren Sie das Geheimniß einer ſehr ungluͤcklichen Frau. Fragen Sie nicht weiter.“ Die Graͤfinn hielt ſich beide Haͤnde vor die Augen; ein Strom von Thraͤnen entquoll der gepreßten Bruſt, ſie ſank weinend in meine Arme, ſchloß mich feſt an ihre Bruſt, und ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus. 19. Dunkele Ahnung. Die Geſandtinn war eben ſo erſchuͤttert; ſie ſtand, das Tuch vor den Augen, eine lange Weile im Fenſter; dann ſammelte ſie ſich, und kam zu mir, druͤckte mir freundlich die Hand, und ſagte:„lieber Graf, kommen Sie unter einigen Tagen nicht wieder. Fra⸗ gen Sie die Graͤfinn nie in Bezug dieſes Auftritts. Nie! Verſprechen Sie mir das. Noch weniger ſagen Sie einem Menſchen in der Welt davon. Laſſen ſie mir das Billet hier. Es wird der Graͤfinn wohl thun, es zu leſen. Aber leſen Sie mir es erſt vor, damit ich die Stellen, die etwas verwiſcht ſind, ihr ausfuͤllen kann.“ „Vor allem ſagen ſie mir,“ hob ich an, nachdem ich mich von den unbegreiflichen Dingen, die vor meinen Augen voruͤber ge⸗ gangen waren, etwas erholt hatte,„ob ich ; ſte ange ſich, die amen Fra⸗ ieſes das. n in illet es vor, iſcht an, chen 283 die Graͤfinn beleidigt, ob ich ihr wehe ge⸗ than habe, ob ſie aufhoͤren kann, mir gut zu ſeyn; ich ſehe ein undurchdringliches Dun⸗ kel vor mir, und ſtehe vielleicht mitten drinn!—“ „Wohl ſtehen Sie mitten in dem Gewebe von Raͤthſeln, und— doch, wir wollen, wir duͤrfen ja nicht daruͤber ſprechen. Leſen Sie, mein Freund. Die Graͤfinn liebt Sie, wie Sie gewiß kein weibliches Weſen in der Welt liebt, lieben darf. Sie wird Sie ewig lieben. Leſen Sie.“ Ich las. Die theilnehmende Frau ließ auf das Blatt, was mir von Anfange an immer eine halbe Hieroglyphe geweſen war, und mir nun noch unerklaͤrlicher wurde, heiß⸗ geweinte Thraͤnen fallen, nnd bat mich jetzt wiederholendlich, nicht laͤnger zu bleiben, weil ſie fuͤrchtete, die Graͤfinn moͤchte wieder⸗ kommen, welches ſie dringend vermeiden zu wollen ſchien. Als ich ſchon in der Thuͤre ſtand, erariff die Geſandtinn meine Hand, —— und ſagte:„Graf, geben Sie mir Ihr Eh⸗ renwort, daß Sie von der Graͤfinn nich in einmal mit Jemand ſprechen wollen. Ich Me muß dieß verlangen. Ich bin es der Graͤe, dieſ finn, Ihnen, Betty, und noch ſo manchen andern ſchuldig. Bei Gott im Himmel, ich fen. meine es ehrlich mit Ihnen. Auch gegen ſan Betty, wenn Sie ſie je in Ihrem Leben ein⸗ hal mal wieder ſehen ſollten, erwaͤhnen ſie die Scene nie; und fragte Sie Betty, ob Sie die Fre Graͤfinn in Petersburg kennen lernten, ſo ſa⸗ um gen Sie geradezu nein. Verſprechen Sie mee wa das. Ich muß Ihr Ehrenwort darauf for⸗ dor dern. Ich muß.“ ner Haͤtte ich gewußt, was ich nachher e⸗ dpo fuhr, daß mich dieſes Ehrenwort meinen ich Aufenthalt in Petersburg koſten wuͤrde, ich kar haͤtte es nie gegeben. Verbindlichkeiten, de- ger ren Folgen man nicht uͤberſehen kann, ſollte wa man nie eingehen. Aber die Geſandtim we hatte geſagt, ſie fordere es um der Graͤfinn 9 willen; fuͤr dieſe war mir in dieſem Augen⸗ Eh⸗ nicht Ich Graͤ⸗ nchen „ich gegen ein⸗ die e die ſa⸗ mir for⸗ eer⸗ einen ich de⸗ ſollte dtinn ifinn igen⸗ 285 blicke nichts zu theuer, und ſo ſchwur ich in die Hand der Geſandtinn, mit keinem Menſchen von der Graͤfinn zu ſprechen, und dieſes Auftritts nie zu erwaͤhnen. Die ganze Nacht konnte ich nicht ſchla⸗ fen. Die Graͤfinn, Betty, Meta, die Ge⸗ ſandtinn, alles kreutzte ſich halb wachend, halb traͤumend vor meinen Augen durcheinander. Der Morgen brach an; ich mußte ins Freie; ich ließ meinen Schlitten vorfahren, um in Krasnoi Kabak*) meine Meta zu er⸗ warten. Ich war taͤglich hinausgefahren: dort mußte ſie vorbei kommen: in einem mei⸗ ner zehen Poſtſcripte hatte ich ſie gebeten, dort abzuſteigen, und dort zu bleiben, bis ich kommen und ſie abholen werde. Ich kannte den Wirth, einen rechtlichen Mann, genau, ich hatte ihm geſagt, daß eine Ver⸗ wandte von mir aus Deutſchland kommen werde, der wenn ſie eintreffe, ein be⸗ *) Ein Wi haus, ungefaͤhr 10 Werſte von Pe⸗ tersbur; zuf der Straße nach Deutſchland zu⸗ 286 ſonderes Zimmer geben ſollte, wo ſie bleiben könne, bis ich ſie abhole. Jedesmal fuhr ich mit vollem Herzen hinaus, und kam mit leerem wieder. Diesmahl ahnete mir, ſie be⸗ ſtimmt zu finden. War es von der halb durchwachten Nacht, oder von dem geſtrigen Auftritt, der mich ſehr exaltirt hatte, oder war es Vorgefuͤhl, meine Meta endlich zu finden,— ich hatte eine Beklommenheit, eine Engbruͤſtigkeit, daß ich ungeachtet der ſcharfen reinen Winterluft, wie ſie nur unter dieſer Zone heimiſch iſt, kaum athmen konnte. Ich kam in Krasnoi Kabak an; ich war eben im Ausſteigen, als der Wirth mir ſchon höflich entgegen rief:„nur in das Zimmer links, man hat ſchon mit Schmerzen auf Sie gewartet.—“ Der Schreck, die Freude preßten mir die Kehle zuſammen, ich zitterte an allen Gliedern, flog in das Haus, riß die Thuͤre des beſtellten Zimmers auf, und ſtuͤrzte meinem Onkel in die Arme. leiben fuhr mit e be⸗ halb rigen oder h zu hheit, der unter nnte. war ſchon nmer Sie eude terte riß und 287 „Lentement, lentement, mon neveu! rief mir mein Onkel entgegen, und laͤchelte uͤber die Haſt, mit der ich ihn, blind im Entzuͤcken des Gedankens, meine Meta zu finden, beinahe uͤber den Haufen gerannt haͤtte.„Ich hoͤre, daß mein Neveu tag⸗ taͤglich hier heraus faͤhrt; eh bien, dachte ich, du willſt ihm eine kleine Atrappe praͤ⸗ pariren, und ihm hier einmal Geſellſchaft leiſten. Ich komme hier heraus, der Wirth erfaͤhrt durch meine Leute meinen Namen, und beeilt ſich, mich durch tauſenderlei Hof⸗ lichkeiten zu diſtinguiren. Er praͤſentirt ſich mir als einen Confident von meinem Neveu, und tritt mit der Vermuthung heraus, daß heute endlich die lange erwartete Couſine aus Deutſchland nun wahrſcheinlich komme, weil ich ſelbſt heraus gefahren ſey, um ſie zu empfangen. Er fuͤhrt mich in dieſes Zimmer, das mein Neveu ſeit mehrern Wochen bereits gemiethet habe, um das erſte Abſteigequartier hier zu nehmen; ich bin uͤber die ſonderbare 288 Nachricht von der vermeintlichen Couſine ſuͤr⸗ prenirt, indeſſen, um die Dehors nicht zu beleidigen, beſtaͤtige ich ſeine Vermuthung, und kaum, daß ich mich von dem erſten Effroi erholt habe, kommt mon neveu auf den Fluͤgeln der Impatience angeflogen, raſ't in das Zimmer, und embraſſirt mich, ſtatt der angebeteten Mamſell aus Deutſchland— ha ha ha! c'est bien drole, vraiment, bien drole!“ Haͤtte ich doch alle Schollen des Eis⸗ meeres uͤber mich thuͤrmen, haͤtte ich mich doch verſenken koͤnnen in den tiefſten Schacht der Nertſchinskſchen Bergwerke. Ich ſtand, mein heiliges Geheimniß vernichtet, wie ein uͤberfuͤhrter Verbrecher vor dem laͤchelnden Onkel, und der kalte Mann, der nie uͤber ein Maͤdchen mit mir geſprochen hatte, nannte meine holde Meta, mit wegwerfenden Hohne, eine Mamſell aus Deutſchland. Ich lache jetzt daruͤber, aber in jenem abſcheulichen Augenblicke ſchlug mich dieß Wort, und die an eine men er nun ble die baſſe mich ſelb zen Poli daß Cas dein kind tas ſuͤr⸗ bt zu pung, erſten auf raſt ſtatt .— nent, Eis⸗ mich hacht tand, ein nden uͤber annte ohne, lache ichen die 289 veraͤchtliche Art, mit der es der Onkel mir in den Bart warf, tauſend Klaftern unter die Erde. „Da ich nun einmal,“ hob der Onkel an und laͤchelte, als ob er vor den Thron eines Monarchen ſtuͤnde, und in dem Mo⸗ mente Bauchgrimmen bekaͤme, deſſen Wehe er in der Weſte behalten muͤßte,„da ich nun einmal par hazard hinter deine miſera⸗ ble ſekretirten Geheimniſſe gekommen bin— die Simplicitaͤt, einen Geſandten, einen Am⸗ baſſadeur fuͤr ſo kurzſichtig zu halten, aͤrgert mich faſt mehr, als die affaire d'amour ſelbſt,— ſo bitte ich mich nun vom Gan— zen au fait zu ſetzen. Bei deiner bornirten Politik wirſt du dich wenigſtens perſuadiren, daß eine aufrichtige Developpe, des ganzen Cas, das einzige Moyen iſt, die Sache deinem Vater, als eine Badinage, als eine kindiſche Frivolitaͤt zu detailliren.“. Ich erzaͤhlte ehrlich und offen, daß Me⸗ tas Widerwille, nach Penſylvanien zu gehen, T 290 mich beſtimmt habe, ſie nach Petersburg kommen zu laſſen. „Warum, und was ſoll ſie hier? wo war das Aſyl, in dem ſie hier aufgehoben ſein ſollte?“ Ich ſtockte. Die Graͤfinn durfte ich nicht nennen.„Wahrſcheinlich hat dir— die Frau Comteſſe Orwanuwoff die liberale Of⸗ ferte gemacht, der eheſtandsſcheuen Mamſell in ihrem Hotel eine Freiſtaͤtte anzubieten. Eine Espece von Kuppelei dieſer Art ſieht der ma bonne aͤhnlich. Das iſt ordinaire⸗ ment das gewoͤhnliche Metier von ſolchen ci⸗ devant laſterhaften Damen.“ Die Luft entſchwand meiner Bruſt; alle meine Pulſe ſtanden ſtill. Der kalte laͤchelnde Onkel wußte alles. Er freute ſich ſeines ge⸗ lungenen diplomatiſchen Meiſterſtuͤcks, die Tiefen meiner ſuͤßeſten Traͤume ausſpionirt zu haben. Ich hatte mein Ehrenwort gege⸗ ben, von der Graͤfinn nie zu ſprechen. Ich mußte ſie verlaͤugnen. Ich mordete meine burg wo hoben nicht die 2 Of⸗ amſell dieten. ſieht naire⸗ en ci- alle helnde es ge⸗ die dionirt gege⸗ Ich meine — 291 Wahrheitsliebe mit grauſamer Hand. Es mußte ſein. Ich raffte meine ganze in die Flucht geſchlagene Kraft zuſammen, und antwortete moglichſt unbefangen,„die Com⸗ teſſe Orwanuwoff? die kenne ich gar nicht. Ich hatte die Idee, Meta im St. Cathari⸗ nenſtift unterzubringen.“ „Charmant! das iſt gerade der Ort, der fuͤr ſolche verlaufene deutſche Mamſells etablirt iſt. Man wuͤrde ſich dort der raren Acquiſition extraordinairement erfreut haben. Aber du ſagſt, die— die Orwanuwoff kenn⸗ teſt du nicht! Ein Beweis mehr, wie ſehr ſie verſtanden hat, dich zu myſtifiziren. Ich kenne ſie daran. Ich bin vollkommen ſatis⸗ fazirt; ich brauche nichts mehr zu wiſſen. Es iſt gut, fahre nach Hauſe, wir entre⸗ teniren noch vielleicht ein andermal mehr daruͤber.“ Ich verwuͤnſchte mich! ich verfluchte das Krasnoi Kabak, was vor einer halben Stunde n h mit das liebſte Plaͤtzchen im weiten 2 292 ruſſiſchen Reiche geweſen war, und fuhr mit au meinen zerbrochenen Hoffnungen, und mit— einem Herzen voll truͤber Beſorgniſſe fuͤr die I mit Zukunft, in die Stadt zuruͤck. Er Was ſollte nun aus Mera werden, wenn unf ſie kam, und ſie mußte bald kommen; ſie wa mußte, nach meiner Berechnung, die freilich alle Winde von Weſten vor ihren Wagen Cat ſpannte, in drei, hoͤchſtens vier Tagen hier wa ſeyn. die Zur Graͤfinn durfte ich nicht, theils hatte ein es die Geſandtinn fuͤr einige Tage verbeten, fůr . theils ſah ich nun, was ich nie geglaubt ger hatte, daß der Onkel jeden meiner Schritte bewachen laſſe; ich wollte alſo zur Geſand⸗ das tinn, um ihr— nein, das gieng auch nicht, Po da haͤtte ich ihr die ganze Geſchichte von die⸗ noͤt ſem Morgen ausfuͤhrlich erzaͤhlen muͤſſen, und das war mir nicht moͤglich, denn die entſetz⸗ Ab lichen Worte des Onkels uͤber die Graͤfinn ihn haͤtten die Geſandtinn, die meinem Onkel Ma ohnehin nicht recht geneigt zu ſeyn ſchien, 4 mit mit r die wenn ſie reilich gagen hier hatte beten, glaubt chritte eſand⸗ nicht, n die⸗ „ und ntſetz⸗ raͤfinn Onkel ſchien, 295 auf immer und ewig von ihm entfernt, und — diesmal trat wirklich die Politik zwiſchen mir und Meta in das Spiel— eine ſolche Erkaltung durfte ich, um der Verhaͤltniſſe unſrer beiderſeitigen Hofe, auf keinen Fall wagen. Am Ende kam ich wieder auf das St. Catharinenſtift zuruͤck. Naͤchſten Sonntag war dort wieder Aſſemblee. Dann wollte ich die Directrize ſprechen, und die Frau hatte ein viel zu gutes Geſicht, als daß ich haͤtte fuͤrchten ſollen, mit meinem Geſuch zuruͤck gewieſen zu werden. Der Onkel ſchrieb, ſo viel ich ihn kannte, das ganze Ereigniß beſtimmt mit heutiger Poſt meinem Vater. Es war alſo durchaus nothig, daß ich auch ſchrieb. Ich ſetzte ihm die Sache mit Metas Abſcheu vor Penſylvanien aus einander, ſagte ihm, daß die Menſchlichkeit es fordere, das Maͤdchen nicht wider ihren Willen in einem Welttheil zu ſtoßen, daß ich mich als des 294 Naͤdchens naͤchſter Freund betrachten muͤſſe, der daß Meta, wenn ſie ſich in Overlins Abſich⸗ der ten mit Herrn Billings nicht fuͤge, eine un⸗ lan angenehme Lage im Hauſe des erſtern voraus ſehen muͤſſe, und daß dieß ſie zur Veraͤnde⸗ h rung ihres Wohnorts beſtimmt habe. Unbe⸗ b Ge kannt in der ganzen uͤbrigen weiten Welt, haͤtte ich ihr alſo Petersburg zu ihrem kuͤnf⸗ zig tigen Wohnort vorgeſchlagen, und wuͤrde ihr iſt im St. Catharinenſtift, der erſten Erziehungs⸗ Wa anſtalt, die es vielleicht unterm Monde gebe, wi ein Unterkommen zu verſchaffen ſuchen. ſeh Ich freute mich, als ich den Brief fer⸗ vin tig hatte. Es war kein Wort Lüge darin, Br denn meinen frommen herrlichen Vater haͤtte ich um keinen Preis beluͤgen koͤnnen, und ne doch war alles ſo ſauber und zierlich auf wo Schrauben geſtellt, daß blos die beiden Erz⸗ ſpione, mein Onkel und mein Herz, wiſen nl konnten, wie viel Wahres an dem Briefe war. Lo Waſil wunderte ſich, daß ich ihn mit es einem Brief an den Vater auf die Poſt ſen⸗ 1 nuͤſſe, bſich⸗ 2 un⸗ oraus aͤnde⸗ Unbe⸗ Welt, kuͤnf⸗ de ihr ungs⸗ gebe, f fer⸗ darin, haͤtte und ) auf — Erz⸗ wiſſen war. n mit t ſen⸗ 295 den wollte, da dieſen Augenblick der Heiducke des Onkels mit Kourierpferden nach Deutſch⸗ land abgereiſ't ſei. Die Nachricht uͤberraſchte mich. Ich ward roth. Der Burſche ſah mir in das Geſicht, und erroͤthete mit. „Ueberhaupt,“ hob er in ſeiner treuher⸗ zigen ruſſiſchen Sprache an, die unuͤberſetzbar iſt, weil wir fuͤr das trauliche, gutgemeinte, was in der Bruſt eines ehrlichen Ruſſen wohnt, gar keine Worte haben,„uͤberhaupt ſehe ich nicht ab, was Sie ſich immer ſo viel Muͤhe mit dem Schreiben geben. Ihre Briefe gehen ja doch alle nicht ab.,„ „Was iſt das,“ rief ich, wie von ei⸗ nem Donnerſchlage aufgeſchreckt,„Burſche, was ſprichſt du?“ „Es muß heraus; ich diene Ihnen, und nicht Sr. Excellenz. Sie geben mir meinen Lohn, und nicht der alte Herr. Ich habe es gebeichtet, und der Pope hat mir zwar meine Suͤnde vergeben; aber ich habe dem 296 heiligen Waſil zwei Tage lang ein Licht brennen muͤſſen.“ „Was haſt du gethan, Waſil?“ fragte ich ſanfter, denn der arme Junge hat ja ſeine Suͤnde gegen mich ſchon ſeinem Gott geklagt, und ſeine Gewiſſensangſt mit einem Lichte gebuͤßt. „Seit dem Briefe, den ich einmal auf die Poſt tragen ſollte,— er war, wie ich vom Heiducken nachher hoͤrte, an ein Maͤd⸗ chen in Deutſchland, habe ich alle Briefe, mit denen ſie mich zur Poſt ſchickten, dem Heiducken geben muͤſſen. Das arme deutſche Maͤdchen wird recht gewartet haben; und die kleine Jungfer, die hier geweſen iſt, und Sie einmal geſprochen hat, habe ich auch nicht wieder herein laſſen duͤrfen. Ach Gott, und das Kind hat mich ſo gebeten. Ich verſtand wohl, was ſie ſagte, aber ich konnte ihr weiter nichts antworten, als: „nicht h'rein, nicht h'cein,“ ſie iſt wohl dreimal wieder getommen, aber wie ich im⸗ mer gen meit Suͤ halt dun meit an Licht ragte at ja Gott inem auf e ich Maͤd⸗ riefe, dem itſche und iſt, 2 ich Ach heten. aber als: wohl im⸗ 297 mer ſagte: nicht h'rein, iſt ſie fort gegan⸗ gen, und hat mir ein Geſicht gemacht, wie meine Großmutter.“ Haͤtte der Pope dem Jungen nicht ſeine Suͤnde vergeben, ich haͤtte ſie ihm ewig be⸗ halten, ſo wuͤthend boͤſe war ich auf den dummen Menſchen. Er hatte mich um alle meine Hoffnungen betrogen, er hatte mich an meinen Onkel verkauft. „Sage mir um Gotteswillen,“ hob ich von Unmuth uͤberwallt an, Waſil, wie konn⸗ teſt du ſo, ſo abſcheulich mich betruͤgen?“ „Lieber Herr, ich mußte. Ich habe vor Angſt geweint, gefaſtet; aber ich mußte. Wie Sie mir den Brief gaben, an das Maͤdchen in Deutſchland, ſprang ich, denn Sie ſagten, ich ſollte geſchwind ſeyn, die Treppe hinunter, und wollte zum Hauſe hmaus. Da begegnete mir der alte Herr. Er fragte, was ich habe, ich zeigte ihm den Bref; Sie hatten mir das nicht ver⸗ boten, alſo glaubte ich, nichts Boͤſes da⸗ 298 mit zu thun. Er las die Aunfſcchrift, und ſchuͤttelte mit dem Kopfe und laͤchelte; aber ich merkte wohl, daß das mit dem Lachen nicht ſein Ernſt war, denn es ruckte ihm durch den ganzen Koͤrper.„Lie⸗ ber Waſtl,“ ſo hatte er in ſeinem Leben nicht zu mir geſagt,„lieber Waſil, du brauchſt nicht auf die Poſt zu gehen, ich ſchreibe heute dabin, wo der Brief hin ſoll, da kann ich ihn einſchlieſſen;“ mit den Wor⸗ ten nahm er ihn, ging in ſein Zimmer, und noch in der Thuͤre ſah ich, daß er ihn auf⸗ machte. Gleich darauf kam der Heiduck, und ſagte ganz kurz und rund:„Junge, wenn du deinem Herrn etwas von dem Briefe ſagſt, kriegſt du hundert mit der Knute, und die Exzellenz laͤßt dir Naſe und Ohren aufſchlitzen, und wenn dir dein Herr wieder Briefe giebt, die du auf die Poſt tragen ſollſt, ſo bringe du ſie mir, ich werde ſie ſchon beſorgen. Was wir thun, geſchieht um des jungen Herrn Beſten wil⸗ ſchrift, chelte; mit nn es „Lie⸗ Leben „ du , ich n ſoll, Wor⸗ „ und n auf⸗ eiduck, Junge, dem it der e und Herr 2 Poſt „ ich thun, n wil⸗ 299 len.“ Wie ich das erſt hoͤrte, that ich, was der Heiduck von mir wollte, denn ich wußte, er hatte Sie lieb.“ „Lieb? mich! der Heiducke lieb, der vermaledeite Schurke.“ „Nein, da thun Sie ihm unrecht, gnaͤ⸗ diger Herr, das habe ich aus der Geſchichte nit der deutſchen Jungfer geſehen. Er hatte, Gott weiß wie, bemerkt, daß ſie zu Ihnen gekommen war. Da nahm er mich gleich vor, und ſagte, das ſey ein liederliches Weibsſtuͤck, das Sie verfuͤhren wolle, ich ſolle um Gottes willen das Maͤdchen nicht wieder zu Ihnen laſſen. Ich erwiederte, ſie koͤnne nicht ruſſiſch, und ich nicht deutſch, und da lehrte er mich die Worte nicht h'rein, das hat ſie auch verſtanden; aber das muß ich auch ſagen, wie ein ſchlechtes Maͤdchen ſah die Jungfer gar nicht aus, ſie hatte ein paar ſo huͤbſche Augen, wie die hochſelige Kaiſerinn, die bei meiner Mutter in der Siube haͤngt.“ „Geh,“ ſagte ich— die ehrliche Haut war ſo kurzſichtig geweſen, als ich ſelbſt— „geh! ich will allein ſeyn; kuͤnftig thuſt du, was ich befehle. Hoͤrſt du von mir ſpre⸗ chen, ſo ſagſt du mir es buchſtaͤblich wieder. Was jetzt unter uns vorgefallen, davon ſchweigſt du gegen jedermann. Nun waren zwei Partheien in unſerm ſtillen Hauſe; unſere bis dahin wenigſtens ſcheinbar gehaltene Eintracht war geſpalten. Mein innerer Friede, meine Argloſigkeit, mein Vertrauen auf die Menſchheit war geflohen. Ich ward argwoͤhniſch, mißtrauiſch, ver⸗ ſchloſſen. So verdirbt der Menſch den Men⸗ ſchen, ſo alle die Welt. Mein guter alter Vater mochte wohl in ſeinem Leben auch ſolche Erfahrungen gemacht haben; darum machte er aus ſeinem Schloſſe eine Inſel, um aus der ſchlechten Welt keine Menſchen zu ſehen. Meta— das arme ungluͤckliche Maͤd⸗ chen war verloren. Vielleicht— das ſuͤd⸗ liche die jetzt amen ſich auf muß rette Allg Aus Kraß der Hoh band war meir nen Seit Waͤ Fehl Haut dſt— ſt du, ſpre⸗ ieder. davon nſerm zſtens alten. mein lohen. ver⸗ Men⸗ alter auch arum Inſel, iſchen Maͤd⸗ ſuͤd⸗ 301 lichere Klima ihrer Zone hatte dort ſchon die Stroͤme geoͤffnet, vielleicht ſegelte ſie jetzt ſchon die Elbe hinab, um nach Nord⸗ amerika geſchleppt zu werden. Sie mußte ſich von mir vergeſſen glauben; kein Menſch auf dem ganzen Erdball nahm ſich ihrer an. Ich hatte keine Ruhe, keine Raſt;„ich muß hin,“ rief ich mir zu, ich muß ſie retten. Der Gedanke ergriff mich mit der Allgewalt ſeines ganzen Zaubers. Vor der Ausfuͤhrung bangte mir nicht, ich fuͤhlte Kraft in mir, allen Schwierigkeiten, die der Onkel mir in den Weg legen wuͤrde, Hohn zu bieten. Das unſichtbare Gaͤngel⸗ band, an dem er mich zu fuͤhren waͤhnte, war auf ewig zerriſſen. Ich ſchaͤmte mich meiner Abhaͤngigkeit, in die er mich wie ei⸗ nen Schulknaben geſchmiedet gehabt hatte. Seiner Liſt wollte ich Liſt, ſeiner Kaͤlte Waͤrme, ſeiner diplomatiſchen Feinheit offene Fehde entgegen ſetzen. Der Handſchuh war 3⁰2 ihm geworfen, es galt jetzt nur Entſchloſſen⸗ heit, in meinem Plane nicht zu wanken. Vor allen Dingen mußte ich zur Ge⸗ ſandtinn, um ihr zu ſagen, daß Meta nun nicht komme, und um von ihr und der Graͤfinn Abſchied zu nehmen. Vei dieſer Gelegenheit wollte ich auch ſuchen, naͤhere Aufſchluͤſſe uͤber das Verhaͤltniß des Onkels zur letzteren zu erhalten. Die Graͤfinn mußte einige Schuld haben; denn der Onkel war — dieſe Gerechtigkeit mußte ich ihm ſelbſt jetzt in meinem hoͤchſten Unmuthe wiederfah⸗ ren laſſen,— ein zu vorſichtiger und gegen den guten Ruf ſeiner Mitwelt zu gerechter Mann, um die Gruͤnde ſeines lauten harten Unwillens auf die huͤbſche Frau, ſo aus der Luft zu greifen. Aber war ich nicht recht ungluͤcklich in allen Bekanntſchaften mit den Weibern? Betty wurde mir von dem vermeſſenen Ardeglio verdaͤchtig gemacht. entla ducke laſte das Hern zwiſe Geſe Vor Ihn ten wein Stin erwe thia Ge⸗ a nun d der dieſer aͤhere onkels mußte l war ſelbſt erfah⸗ gegen rechter harten ‚b aus ich in 7 eſſenen 509 Die Nonne und die Madame Bignol entlarvte mir Herr Overlin. Jettchen Wallmouthen machte der Hei⸗ ducke meines Onkels zu einer Syrene. Und die Graͤfinn nennt dieſer geradezu laſterhaft! Und doch konnte ich den Glauben an das Geſchlecht nicht verlieren, das der liebe Herr Gott geſchaffen hatte, um einen Ring zwiſchen Engel und Menſchen zu haben. „Gut, daß Sie kommen,“ rief die Geſandtinn mit verſtoͤrtem Geſichte mir im Vorzimmer entgegen.„Ich wollte eben zu Ihnen ſchicken und Sie holen laſſen. Tre⸗ ten Sie naͤher; die Graͤfinn erwartet Sie.“ Die Graͤfinn empfing mich mit rothge⸗ weinten Augen. „Mein Freund,“ hob ſie mit weicher Stimme an,„mein lieber Freund, ein un⸗ erwartetes Ereigniß macht es dringend nö⸗ thia, daß ich heute noch Petersburg ver⸗ . Ich kam vom fernen Ural her, um 304 hier ein Gluͤck zu genießen, nach dem ich mich Jahre lang geſehnet hatte; ich muß es jetzt aufgeben, und bin nun, bei allen mei⸗ nen Reichthuͤmern, wieder aͤrmer, als die geringſte Bauersfrau auf meinen Guͤtern. Ich habe mich gefreut, Ihre Bekanntſchaft zu machen, ich rechne die wenigen Tage, daß wir uns geſehen haben, zu den gluͤck⸗ lichſten meines Lebens, ſie werden mir ewig unvergeßlich bleiben. Nehmen Sie dieſen Ring, als ein kleines Andenken von mir, und— verzeihen Sie, Sie ſind zu wohl⸗ habend, als das, was ich Ihnen hier gebe, als ein Geſchenk anzuſehen; aber nehmen Sie es als einen Beweis meiner Theilnahme an Ihrem Gluͤcke; Dieſen Schmuck— ſie uͤberreichte mir mit dieſen Worten eine Samm⸗ lung von Juwelen von ſeltner Pracht und auſſerordentlich geſchmackvoller Faſſung— dieſen Schmuck geben Sie einſt der, die Sie fuͤr die wuͤrdigſte unſers Geſchlechts halten. Waͤhlen Sie nach eignem Gefuͤhl, — und ſ noch auf e Denk mal erſtich mich rein, Dein und ich l giß die 2 hat. ner niede ſind vielle den, mit m ich uß es 1 mei⸗ ls die uͤtern. tſchaft Tage, gluͤck⸗ ewig dieſen mir, wohl⸗ gebe, ehmen nahme — ſie damm⸗ t und — ᷣᷣ 3⁰05 und ſehen Sie bei Ihrer Wahl weder auf Stand, noch zeitliche Guͤter, ſondern einzig und allein auf ein Herz, von dem Sie ſich geliebt wiſſen. Denken Sie zuweilen meiner, und wenn Sie ein⸗ mal mehr von mir hoͤren, ſo— ihre Thraͤnen erſtickten faſt ihre Rede— ſo verdammen Sie mich nicht. Bleibe mein ſchuldloſer Guſtav ſo rein, ſo einfach und gut, als Du biſt. Bewahre Dein Herz vor dem Boͤſen, ehre Deinen Vater, und geht es Dir einſt nicht gut in der Welt, und ich lebe dann noch, ſo komme zu mir, und ver⸗ giß in den Armen Deiner treueſten Freundinn die Welt, die mich um meinen Frieden gebracht hat.“ Sie umſchlang mich, und kuͤßte mich mit ei⸗ ner unbeſchreiblichen Innigkeit; ich ſank vor ihr nieder, und rief in aͤngſtlicher Spannung:„wer ſind Sie, unbegreifliche, edle Frau? ich ſehe Sie vielleicht nie wieder, und ſoll von Ihnen ſchei⸗ den, ohne die Raͤthſel zu loͤſen, in denen Sie mit mir ſprechen?“ Sie ſchuͤttelte ſchweigend mit dem Kopfe, U 3⁰6 legte beide Haͤnde auf mein Haupt, und ſprach mit Wehmuth und Andacht:„Gott ſegne Dich, mein Guſtav.“ Dann rief ſie freudig,„ich habe ihn geſegnet, ich habe ihn geſegnet, Gott wird ihn nicht verlaſſen.“ Sie hob mich auf, druͤckte mich laut weinend an ihre Bruſt, riß ſich los und ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus. Die Geſandtinn war von dem Auftritte tief erſchuͤttert; ich benutzte dieſe Stimmung, und beſchwor ſie, mir uͤber die Graͤfinn Aufſchluß zu geben.„Sie haben mir,“ entgegnete ſie be⸗ ſtimmt,„Ihr Ehrenwort gegeben, nie uͤber die Graͤfinn zu ſprechen. Laſſen Sie die ungluͤckliche, die ſehr ungluͤckliche Frau in Frieden ziehen und bewahren Sie ihr Andenken in Ihrem Herzen.“ Ueber Meta konnte ich in dieſem Augenblick mit ihr nicht weiter ſprechen; ich war durch den unerwarteten Abſchied von der Graͤfinn zu er⸗ griffen. —— ——Vʒ—:ʒ p.,:’;é— 0„ 2 ſprach Dich, h habe t wird ruͤckte ch los ete tief „ und luß zu ſie be⸗ ber die ckliche, en und zen.“ eenblick ch den zu er⸗ — 3——ÿ—————„4., 20. Meine Reiſe nach Nordamerika. Erſt als ich zu Hauſe mich wieder erholt, und mich ſtundenlang vergeblich gequaͤlet hatte, uͤber der Graͤfinn ſonderbares Geſchick nur einige Auf⸗ ſchluͤſſe mir zuſammen zu ſetzen, kam ich wieder auf meine Lieblingsidee zuruͤck, zu Meta ſelbſt zu eilen, und ſie, Gott weiß, wohin zu fuͤhren. Am naͤchſten lag mir der Ural. Ein gigantiſcher Plan, mit dem Maͤdchen nach Aſien zu fluͤchten! Aber je mehr Schwierigkeiten der Sache im Wege la⸗ gen, deſto ſtaͤrker wurde der Reiz, ſie zu uͤber⸗ winden, und die Hoffnung, fern vom Onkel und ſeinem Heiducken, fern von Herrn Overlin und ſeinem Herrn Billings, mit dem holden Kinde, in der Naͤhe der liebenswuͤrdigen Graͤfinn zu le⸗ ben; dieſe ſchmeichelnde Hoffnung lieh mir Muth zu dem rieſenhaften Unternehmen. Vor allem mußte mein Onkel betrogen werden. Ich kam den naͤchſten Morgen zu ihm, und 1 2 308 erzaͤhlte ihm mit ziemlich natuͤrlicher Aengſtlich⸗ keit, denn das Luͤgen trieb mir den Angſtſchweis in das Geſicht, daß ich dieſe Nacht einen ſehr boͤſen Traum gehabt habe. Mein Vater ſey er⸗ krankt, und habe mich noch vor ſeinem Ende zu ſprechen gewuͤnſcht, weil er mir noch vieles zu vertrauen gehabt habe. Ich haͤtte beim Erwachen nun wohl geſehen, daß dies zum Gluͤck blos ein Traum geweſen ſey; allein ich haͤtte ſeitdem doch eine ſo druͤckende Angſt, daß ich unmoͤglich laͤnger aushalten koͤnne. Ich wollte alſo nach Hauſe, und faͤnde ſich dann, daß meine Ahnung voͤllig ungegruͤndet geweſen, ſo wuͤrde ich eilen, wieder zuruͤck zu kommen.— War ich nur erſt zum Thore hinaus; ſo ging es nach Hamburg, und von da nach dem Ural. „Du vergißt,“ ſagte mein Onkel diesmal ohne Laͤcheln,„daß Du im Dienſt Deines Mo⸗ narchen biſt. Wuͤnſcheſt Du zu retourniren, ſo werde ich tentiren, Dir einen Rappel zu verſchaf⸗ fen, oder wenigſtens einen Urlaub zu effectuiren, alle De gen wa zen geg gar ner erhe ſpre daß ich hab Arg als Unn die uiren, 3⁰9 allein ohne eines oder das andere kannſt Du Deine hieſige Situation nicht abandonniren.“ Hin waren meine Traͤume, meine Hoffnun⸗ gen, meine Calcuͤle. Das weite ruſſiſche Reich ward mir jetzt zu enge, weil ich es fuͤr die Gren⸗ zen meines Arreſts anſah. Um mich wenigſtens gegen Meta zu rechtfertigen, ſchrieb ich ihr die ganze Geſchichte meiner Schuldloſigkeit, und mei⸗ ner verfehlten Wuͤnſche. Ich trug meinen Brief ſelbſt auf die Poſt. Sie hat ihn, wie ich ſpaͤter erfahren, nie erhalten. Die Feſſeln meines Dienſtverhaͤltniſſes zu zer⸗ ſprengen, hatte ich das Herz nicht; ich ſah ab, daß, wenn ich heimlich von Petersburg abging, ich meinen Vater unbeſchreiblich wuͤrde gekraͤnkt haben; auch war eine heimliche Abreiſe, bei den Argusaugen meines Onkels, der mich jetzt mehr als je auf das Korn faßte, ein reines Ding der Unmoͤglichkeit. Ich biß knirſchend in die Ketten, die mich hier feſt hielten, weil ich fuͤhlte, daß ich ſie nicht abſtreifen konnte. 310 Meine Erloͤſung kam durch meinen Erzfeind, den Heiducken. Er traf nach wenig Wochen wie⸗ der in Petersburg ein, und brachte von meinem Vater Briefe mit, in denen dieſer mir meldete, daß ich von meinem Monarchen an einem Hofe im ſuͤdlichen Europa als Legationsrath angeſtellet ſey, daß ich gleich abreiſen moͤchte, daß ich aber bei ihm einige Wochen verweilen ſolle, weil er ſich ſehne, mich nach ſo langen Jahren endlich einmal wieder zu ſehen. Die zarteſte Liebe hatte ihm dieſen gluͤcklichen Brief dictirt. Ich ſah, ich hoͤrte in dieſen Zeilen meinen guͤtigen Vater; der Onkel mußte ihm von meinen ſogenannten Verge⸗ hungen kein Wort geſchrieben, der Heiducke mußte keine Sylbe von mir boͤſes erzaͤhlet haben; denn im ganzen Briefe war kein Vorwurf, nicht die geringſte Hindeutung enthalten. Ich hatte ihn kaum ausgeleſen, als mein On⸗ kel kam, und mir das Rathspatent feierlich uͤber⸗ reichte. Er hing eine Menge Worte daran, in denen er ſeiner Bildung meiner wenigen Faͤhig⸗ keiten die meiſten Elogen machte. Er ſprach lang feind, wie⸗ einem -edete, Hofe eſtellet ) aber beil er endlich hatte h, ich r; der Verge⸗ eiducke haben; nicht n On⸗ uͤber⸗ an, in Faͤhig⸗ h lang 311 und breit uͤber die gnaͤdigſte Auszeichnung meines Fuͤrſten, uͤber die Wichtigkeit meines neuen Po⸗ ſtens, und uͤber meine glaͤnzenden Ausſichten, iu kurzem einer der beruͤhmteſten Ambaſſadeure von Europa zu werden; aber ich uͤberhoͤrte das alles, denn ich dachte nur an meinen Vater und an Meta, die ich auf meiner Reiſe durch Deutſch⸗ land beſtimmt zu ſehen hoffte, wenn ihr nicht mein Unſtern auf ihrer Fahrt nach Nordamerika ſchon geleuchtet hatte. Den folgenden Tag ſchon hatte ich die praͤch⸗ tige Kaiſerſtadt im Ruͤcken. Waſil, mein treuer Waſil, ſaß an meiner Seite. Hamburg lag weit rechts ab von meiner Tour; aber meine Poſt⸗ pferde bogen rechts ab hin zu dem geliebten Ham⸗ burg, das den Endpunkt meiner gluͤhenden Sehn⸗ ſucht in ſich faßte. „Blaſe, Poſtillion,“ rief ich, als wir in die Straße kamen, in welcher der Herr Overlin wohnte. Der froͤhliche Poſtknecht ſtieß in das Horn; wir hielten vor dem Hauſe; ich ſprang 312 aus dem Wagen. Herr Overlin war mit ſeiner ganzen Familie nach Nordamerika gereiſt. Schmerzlicher kann der Fall vom Himmel in die Hoͤlle nicht ſeyn, als mir dieſe Nachricht. Es war alles fort. Die Leute im Hauſe wußten nicht umſtaͤndlich genug mir alles zu erzaͤhlen; ich ſuchte Jettchen Wallmouthen unter den Nach⸗ barsleuten auf; dieſe ſtattete ausfuͤhrlichen Be⸗ richt ab. Die Kleine haͤtte verdient, geheimer Referendair im erſten beſten Cabinet zu werden, ſo wußte ſie durch ihre treue Darſtellung mir den ganzen Hergang zu verlebendigen. Ich war nur einige Tage zu ſpaͤt gekommen. Vorige Woche war die Overlinſche Familie zu Schiffe abgeſegelt; mit ihnen Meta. Das Außenbleiben meiner Ant⸗ wort hatte ſie anfaͤnglich ungewiß gemacht. Als Jettchen ihr aber von Waſil erzaͤhlet hatte, der ihr durchaus nicht erlaubt hatte, zu mir zu kom⸗ men, da hatte ſie freudig ausgerufen;„nein, er iſt unſchuldig, er iſt unſchuldig. Man haͤlt ihn in ſo enger Verwahrſam, als mich. Auch zu mir wuͤrde man ſeinen Abgeſandten nicht gelaſſen fre ſeiner mel in ihhricht. vußten aͤhlen; Nach⸗ en Be⸗ heimer verden, nir den ar nur Woche ſegelt; r Ant⸗ Als e, der 1 kom⸗ in, er It ihn uch zu elaſſen ..☛ 313 haben.“ Jettchen hatte die Haͤlfte ihrer gehei⸗ men Liebe errathen, die andere gab ihr Meta freiwillig.„Ich achte,“ hatte ſie noch wenige Tage vor ihrer Abreiſe zu Jettchen geſagt,„ich achte Herrn Billings; aber meine Hand, mein Herz werde ich ihm nie geben, es waͤre denn, daß Guſtav mir es befoͤhle.“ Sie war krank am Bord des Schiffes gegangen. Ihr letztes Wort war an Jettchen geweſen:„Wie ſelig, wenn ich auf der See ſtuͤrbe, denn auf dem feſten Lande bluͤht mir doch kein Gluͤck mehr.“ Die Freuden meines Lebens waren dahin. Meine ſchoͤnſten Hoffnungen waren gefallen, mein Herz gebrochen. In dieſer Schwermuth irrte ich einige Tage in Hamburg umher, unſchluͤßig, ob ich ihr nach Nordamerika folgen, oder bleiben ſollte. Meine Phantaſie hatte ſich das Maͤdchen dargeſtellt, wie es mir hier ſchlank und bluͤhend in die Arme flie⸗ gen wuͤrde, und nun ſah ich ſie in Gedanken, blaß, krank in der aͤngſtlichen Kajuͤte eines pen⸗ ſylvaniſchen Schnellſeeglers. — 314—„ 4. In der Auberge, in der ich abgetreten war, logirte ein junger Tonkuͤnſtler, der uͤber Tiſch einigemal die Idee fallen ließ, nach der Capſtadt, nach Lima, oder Mexico, kurz nur recht weit weg gehen zu wollen, weil es ihm hier nicht mehr gefalle, und weil er hoffe, mit ſeinem Talent dort in einem Jahrzehend mehr zu verdienen, als hier in ſeinem ganzen Leben. Der junge Mann hieß Muͤller, und ſpielte eine brillante Violine. Mein bischen Floͤte brachte uns naͤher an einan⸗ der; eigentlich aber mein geheimer Plan, den ich mir kaum ſelbſt recht geſtand, ihn zu bereden, mich nach Nordamerika zu begleiten. Er ſehnte ſich nach der Welt jenſeit des Meeres; ich haͤtte ihm ſagen koͤnnen, wir wollen nach Colombo oder nach Tigro, es waͤre ihm alles einerlei ge⸗ weſen. Als ich ihm aber von Philadelphia er⸗ zaͤhlte, und daß das ein Ort von 42000 Ein⸗ wohnern waͤre, und der vortrefflichen Anſtalten erwaͤhnte, die fuͤr Kunſt und Gewerbe dort ſeit langen Jahren florirten, und endlich hinzuſetzte, daß ich ihn ganz umſonſt mitnehmen wollte, wenn war, Tiſch ſtadt, weit mehr alent „als Nann oline. inan⸗ en ich eden, ehnte haͤtte ombo ei ge⸗ a er⸗ Ein⸗ alten t ſeit etzte, venn 8 315 er mich dahin begleitete, da fiel er mir um den Hals, und rief:„nirgends anders hin, als nach Philadelphia. Die Penſylvanier ſoll mein Spiel bezaubern, und haben ſie ſich ſatt gehoͤrt, dann ziehe ich in die angrenzenden Laͤnder, in das freie Canada, und an die Ufer des Miſſiſippifluſſes, nach Neumexiko und Florida; nur fort, fort; aber erſt muͤſſen Sie mir die Freude machen und mit mir nach F. reiſen, das iſt ein kleines Doͤrf⸗ chen unweit Pyrmont, dort wohnt meine alte Mutter, die muß ich noch einmal ſehen; und die muß Sie ſehen; mit Ihnen laͤßt ſie mich ziehen, und wenn wir hinauf in das noͤrdlichſte Land der Welt, nach Spitzbergen ſegeln wollten.“ Der Taumel ſeiner Freude betaͤubte meine Skrupel, die ſich mir aufdraͤngten, wenn ich an meinen Vater und an den Geſandtſchaftsrath dachte, in deſſen Rolle ich jetzt figuriren ſollte. Doch, meinen Vater hoffte ich von Philadelphia aus zu beſchwichtigen, und der Nimbus des Le⸗ gationsraths hatte gegen das Gluͤck, Meta zu uͤberraſchen, keinen Reiz fuͤr mich. „. 53 316 Muͤller und ich ſchlugen ein; der Beſchluß war gefaßt, und den folgenden Tag ſaßen wir ſchon im Wagen und Waſil auf dem Bocke, um nach F. zu reiſen, und von Muͤllers Mutter uns zu verabſchieden. Wir paſſirten Pyrmont; das Fruͤhjahr hatte die Natur in ſeine Reize gekleidet. Es war Sonntag; eigentliche Badegaͤſte waren noch nicht da, aber mehrere Fremde aus der umliegenden Gegend waren hier zuſammen getroffen, um den ſchoͤnen Tag zu genießen. Die Geſellſchaft hatte eben, als wir ankamen, abgeſpeißt, und verein⸗ zelte ſich in den umliegenden Parthien. Muͤller fand im Speiſeſaale einige aͤltere Bekannte, de⸗ nen er ſeine vorhabende Reiſen nach New⸗ Hampſhire, Meßachuſetts, Connecticut, New⸗ York und Penſylvanien vortrug, daß, wer ihm zuhoͤrte, glauben mußte, er kaͤme eben von da⸗ her, ſo genau hatte er die ſpeciellen Nachrichten behalten, die ich ihm uͤber die vereinigten Staa⸗ ten unterweges mitgetheilet hatte. Mir war unter den Menſchen nicht wohl. eſchluß ben wir ke, um ter uns r hatte s war h nicht genden im den t hatte verein⸗ Muͤller e, de⸗ New⸗ New⸗ er ihm on da⸗ richten Staa⸗ wohl. Dem Ungluͤcklichen, dem die Menſchen alles ge⸗ nommen haben, iſt jeder geraͤuſchvoller Zirkel verhaßt; ich flog in das Gebuͤſch, das den Thal⸗ grund der beruͤhmten Heilquelle umkraͤnzt. Ach, fuͤr meinen Schmerz hatte das Wunderwaſſer keine Kraft! Ich ging allein, die Haͤnde auf den Ruͤcken geſchlagen; das herrliche Gruͤn des Laubwaldes und der lachenden Auen erquickte mich; die mil⸗ den Luͤfte wallten uͤber die jungen Saaten am Ab⸗ hange der Berge, und in den wiegenden Wipfeln der Baͤume uͤber mir zwitſcherten die bunten Saͤn⸗ ger der Liebe ihr Lied. Nicht fern mehr war der ſtille Wohnplatz meiner Jugend. Von den Beſi⸗ tzungen meines Vaters ſprach man hier ſchon, wie von benachbarten Gegenden, und ich wollte fliehen die heimathlichen Fluren, die mich hier ſo traulich anſprachen, ich wollte meiden das Ange⸗ ſicht meines Vaters, der gewiß jeden Morgen den alten Thurm ſeines Schloſſes beſtieg, um mit dem Fernrohre die Ankunft ſeines Kindes fruͤ⸗ her, als alle Andere im ganzen Hauſe, zu erſpaͤ⸗ 3¹7 318 hen; ich wollte die Arme, die er ſehnſuchtsvoll entgegen breitete, nicht fuͤllen, nicht an das Herz eilen, das ſo liebevoll fuͤr mich ſchlug.—— Nein, Muͤlller war beſſer, als ich, der mußte ſeine alte Mutter noch einmal ſehen, ehe er die ferne Welt beſuchte,— O, es kaͤmpfte lan⸗ ge in meiner Bruſt. Blos die Furcht, daß mein Vater mich von der Fahrt nach Nordamerika ab⸗ halten wuͤrde, war der Schlagbaum, der zwi⸗ ſchen mir und ihm ſtand. Aber ich riß ihn nieder. „Nein,“ rief ich halb laut, und ſah mit uaſſem Auge hin in die Gegend, wo das friedliche Haus ſtehen mußte, in dem einer der edelſten Menſchen dieſer Erde wohnte,„nein, ich will hin; er ſoll mich ſegnen, und dann erſt geht es nach Phila⸗ delphia.“ Mit dieſen Worten trat ich in ein kleines Bos⸗ ket, in dem zwei junge Damen auf einem Gar⸗ tenſopha ſaſſen; ſie blickten auf und Meta ſtuͤrzte mit einem lauten Schrei in meine Arme. Sie vermochte weiter kein Wort zu ſprechen, denn der Athem war ihr vergangen; ſie hatte ih⸗ re A war gewe todt waͤre böſef nen; che 2 Wan erſta der. als tesn Hert hoͤrt ruht in de faßt ſchů⸗ nen, tsvoll 3 Herz mußte ehe er ee lan⸗ mein ka ab⸗ r zwi⸗ nieder. aſſem Haus nſchen er ſoll Phila⸗ Bos⸗ Gar⸗ ſtuͤrzte echen, tte ih⸗ 3¹9 re Arme um mich feſt geſchlungen, aber ihr Auge war geſchloſſen, das Blut war von ihrer Wange gewichen, ihr Herz ſchlug nicht mehr, ſie hing todt in meinen Armen. Aber ſie war es, oder es waͤre die furchtbarſte Taͤuſchung geweſen, die der boͤſeſte Geiſt der Unterwelt nur haͤtte erſinnen koͤn⸗ nen; denn ſo, gerade ſo hatte ich mir das liebli⸗ che Maͤdchen gedacht. Ich kuͤßte die ſchoͤne blaſſe Wange, ich kuͤßte das geſchloſſene Auge und die erſtarrten Lippen, aber ihr Leben kehrte nicht wie⸗ der. Ihre Geſellſchafterin hatte verzweifelnd mehr als zehnmal in mich hinein geſchrieen,„um Got⸗ teswillen, was iſt das? wer ſind Sie, mein Herr? was beginnen Sie hier?“ aber ich ſah und hoͤrte ſie nicht. Meta, das engelſchoͤne Maͤdchen, ruhte ja an meiner Bruſt. Die ganze Welt lag in dieſem Goͤtteraugenblicke unter mir. „Aber mein Herr,“ rief die Dame wieder und faßte mich mit beiden Haͤnden am Arme, und ſchuͤttelte mich unſanft aus meinem ſeligen Erſtau⸗ nen,„was ſoll das? laſſen Sie die Dame los. Gott, wenn jemand kaͤme!“ ——— ——— 320 „Laſſen Sie die ganze Welt kommen! Mein Maͤdchen, meine Meta gebe ich nicht wieder!“ Meta?— Sie ſind in Irrthum! das dachte ich gleich!“ Im Irrthum? Iſt— ſollte das nicht Meta ſein?“ fragte ich aͤngſtlich und verzweifelnd an der Unfehlbarkeit meiner Sinne. „Bei Gott im Himmel, Sie irren ſich: die Mamſell heißt nicht Meta“— Da ſchlug das Maͤdchen ihr großes herrliches Auge auf! ſie holte tief Athem, ſie ſtrich ſich, halb ihrer noch unbewußt, die Haare aus dem Geſicht, und ſchaute, wie aus einem ſchoͤnen Traum erwacht, um ſich her; ſie richtete ſich aus meinem Arm auf, eine Thraͤne netzte die ſeidnen Wimpern ihres Auges, und wie in ſuͤſſer Verzuͤ⸗ ckung verſchmolzen rief ſie gen Himmel:„ich ha⸗ be ihn geſehen!“ Es war Meta. Ihre Stimme, ihr Blick, ihre grazieuſe Haltung, ſie war tauſendmal ſchoͤ⸗ ner geworden, als ich ſie verlaſſen hatte. „Meta, meine himmliſche Meta,“ lispelte ich Mein r4 dachte Meta nd an h: die rliches h ſich, s dem choͤnen ch aus eidnen Verzuͤ⸗ ch ha⸗ Blick, ſchoͤ⸗ elte ich 321 ihr leiſe ins Ohr,„biſt Du es wirklich? haſt Du meiner nicht vergeſſen? ſprich, ach ſprich, daß ich Deine Stimme wieder hoͤre.“ Sie wendete ſich in meinem Arme, legte ihr Geſicht auf meine Schulter, und fing unwill⸗ kuͤhrlich laut zu weinen an. „Laſſen Sie mich weinen,“ ſagte ſie halb heimlich,„mein Herz hat ſich nach Thraͤnen geſehnt. Mir iſt unausſprechlich wohl.“ Die Fremde ſah nun endlich, daß wir uns kannten, ſie fand ſich uͤberfluͤßig und ging. Ich fuͤhrte Meta auf das Sopha, wir ſetzten uns und nun erſt gewann Meta Sprache und volle Beſinnung wieder. Ich erzaͤhlte ihr die Geſchichte meines Briefes und meiner jetzigen Herreiſe, meine Verzweifelung, ſie nicht in Hamburg gefunden zu haben, und meinen Entſchluß, ſie in Penſyl⸗ vanien aufzuſuchen. „Gott iſt mit uns,“ rief ſie freudig aus, als ſie das letztere hoͤrte;„ſonſt haͤtten wir uns nicht ſo ſonderbar zuſammen gefunden. Ach er X 322 war auch mit mir, als ich den beſtimmten Ent⸗ ſchluß faßte, nicht mit Overlins zu reiſen; ich war ſchon am Bord des Schiffes. Alle meine Hoffnungen, Sie noch einmal in meinem Leben zu ſehen, waren vernichtet. Wir fuhren die Elbe hinab. Ich war krank. Aber meine Seele litt noch mehr, als mein Koͤrper. Ich mußte einen Entſchluß faſſen, wenn ich die Freude, Sie noch einmal wieder zu ſehen, nicht auf immer und ewig aufgeben wollte. Ich erklaͤrte Herrn Overlin, daß ich auf keinen Fall mitreiſen wuͤrde; ich waͤre bis zum ſterben krank, ich wuͤrde die Seereiſe nicht uͤberleben. Ich moͤchte nicht in die neue Welt, und keine menſchliche Macht koͤnne mich dazu zwingen. Sie haͤtten mich ihm anvertraut, zur Erziehung, aber nicht zur Entfuͤhrung: nur wenn er mir eine ſchrift⸗ liche Aufforderung von Ihrer Haud vorweiſen koͤnne, mich mit nach Amerika zu nehmen, wuͤrde ich gehen. Wolle er Gewalt brauchen, ſo wuͤrde ich mir durch einen Sprung in die Wellen meine Freiheit erkaufen, ſollte es auch auf Koſten mein mir Beſt mich mit Vor gege er h nich dort ich wol Far ſein um in Ent⸗ ſen; ich 2 meine n Leben ren die e Seele mußte Freude, ht auf erklaͤrte nitreiſen ik, ich moͤchte ſchliche haͤtten er nicht ſchrift⸗ rweiſen wuͤrde wuͤrde meine Koſten 3²³ meines Lebens ſein. Nur Gott ſelbſt konnte mir den Muth gegeben haben, mit dieſer feſten Beſtimmtheit zu ſprechen. Herr Overlin hatte mich noch nie ſo reden gehoͤrt. Er machte mir mit ſeiner gewoͤhnlichen Sanftmuth blos den Vorwurf, daß ich meine entſchiedene Abneigung gegen dieſe Reiſe ihm eher haͤtte eroͤffnen ſollen, er habe immer geglaubt, daß, wenn ich auch nicht ganz gerne mitgehe, mein Aufenthalt mir dort mit der Zeit doch gefallen wuͤrde; allein da ich durchaus auf das Hierbleiben beſtehe, ſo wolle er mich in Kuxhaven laſſen, wo er eine Familie kenne, bei der ich gewiß gut aufgehoben ſein ſollte. Ich fiel ihm und Madame Overlin um den Hals; die Todtenangſt war mir vom Herzen gewaͤlzt, ich athmete wieder freier, und befand mich in dieſem ſeligen Augenblicke nun wieder vollig wohl. Herr Overlin hielt Wort. Er ſchrieb den Vorgang Ihrem Herrn Vater, bedung bei dem Kaufmann Kwrus mein Unterkommen und ſegelte mit den Seinigen den folgenden Tag weiter. An Sie nicht zu ſchreiben⸗ X 2 3 7 532 hatte ich Herrn Overlin verſprechen muͤſſen. Ich vertraute auf Gott. Wollte dieſer, daß wir uns wieder ſehen ſollten, ſo war es ſeiner Guͤte ein leichtes, mir dieſe Seligkeit zu bereiten, Kuus fuhren vor wenigen Tagen nach Hanno⸗ ver; ſie nahmen mich mit, und geſtern machten wir mit einigen Familien von dort eine Parthie hieher; die Dame, mit der ich hier ſaß, kennt mich nicht einnal dem Namen nach, was wird ſie von mir und Ihnen denken. Kommen Sie, Herr Graf, wir wollen ſie aufſuchen.“ Mit dem Aufſuchen war ich ſo eilig nicht. Ich ſah meine Meta, ich hoͤrte nur ſie, ich hatte mich in ihren wunderlieblichen Reitzen verlohren. Ich hielt ſie feſt umſchlungen. Ich kuͤßte den Purpur ihrer Lippen, die Gruͤbchen ihrer Wan⸗ gen, ich verſchmolz im Entzuͤcken der ſeligen Liebe. Meta ſtraͤubte ſich mit jungfraͤulicher Zuͤchtigkeit; nur vom eignen Gefuͤhl uͤberwaͤlti⸗ get, ließ ſie mich im Zauber des Wiederfindens endlich gewaͤhren. Wir koſten in traulicher Hin⸗ gebung miteinander und hatten uns tauſend Ereig zu er die v halten ſchwe Juge Nam freur T ſchra Conn Phile ſchaͤd und 7 — Meta uͤber, u liche daß geleb n. Ich äß wir Guͤte reiten, danno⸗ achten garthie kennt was mmen .“ nicht. hatte ohren. ke den Wan⸗ eligen llicher waͤlti⸗ ndens Hin⸗ uſend — 325 Ereigniſſe aus der Geſchichte ſeit unſrer Trennung zu erzaͤhlen; da ſtoͤrte uns Metas Geſellſchaft, die von Neugierde geplagt, nicht laͤnger ſich halten konnte, und jetzt in das Gebuͤſch ge⸗ ſchwaͤrmt kam. Ich ſtellte mich als einen alten Jugendfreund von Meta vor, nannte meinen Namen, und ward vom froͤhlichen Kreiſe mit freundlicher Achtung begruͤßt. Wir eilten in den Saal zuruͤck. Muͤller er⸗ ſchrack, als ich ihm den Handel, mit ihm nach Connecticut, Meßachuſetts, New⸗York und Philadelphia zu gehen, rund aufſagte. Zur Ent⸗ ſchaͤdigung verſprach ich, ihn mit mir zu nehmen, und ferner fuͤr ihn ſorgen. Dieſen Abend ſchon ſaßen wir im Wagen, Meta und ich im Fonds, Muͤller uns gegen⸗ uͤber, Waſil auf dem Bocke. Unſere Reiſe ging ſchnurſtraks in die vaͤter⸗ liche Heimath. Keers wußten von Overlins, daß Meta auf Koſten meines Vaters bei ihm gelebt hatte, ſie konnten alſo in meinem Wun⸗ 326 ſche, ſie jetzt mit nach Hauſe nehmen zu wollen, nichts auffallendes finden. Von meinem Vater durfte ich eine liebevolle Aufnahme meiner Meta erwarten, es war ja ſein Pflegekind, und es mußte ihm Freude machen, das holde Weſen zu ſehen, und Meta kam ja an der Hand des lange erſehnten Sohnes in das Haus. Ich ſaß und kuͤßte und plauderte und traͤumte. Meta war froͤhlich und heiter; ſie entfaltete mit jeder Stunde mehr und mehr die Gediegenheit ihres Charakters, die hohe Wuͤr⸗ de ihrer Weiblichkeit, die unendliche Zartheit ihres Gemuͤths. Mein Plan, deſſen Keim mir lange ſchon in der Seele geſchlummert hatte, ward mit jeder Station reifer. Nur Metas Hand konnte mein Gluͤck vollenden. Ihr war der Schmuck der ſchoͤnen Graͤfinn Orwanuwoff beſtimmt. Ich wollte auf die Legationsrathsherrlichkeit verzich⸗ ten; Meta ſollte die himmliſche Gefaͤhrtimn mei⸗ nes irdiſchen Lebens und die treue Pflegerin meines Vaters ſein. Seine Guͤte verbuͤrgte mir die dom las Lieb vollen, bevolle var ja Freude Meta Sohnes auderte heiter; hehr die Wuͤr⸗ artheit chon in t jeder te mein ick der Ich verzich⸗ in mei⸗ legerin zte mir 327 die Billigung meines Antrags, und in dem Ma⸗ donnen⸗Geſichtchen des liebreizenden Maͤdchens las ich auf die ſtille Frage meiner unermeßlichen Liebe ein freudiges Jawort. Aber das kam alles anders. 21, Meta. Es war ein herrlicher Fruͤhlingsmorgen, als wir die Grenzen der vaͤterlichen Beſitzungen er⸗ reichten. Ich ließ weit vom Schloſſe halten, ſtieg mit Meta aus, um meinen alten Vater unver⸗ muthet zu uͤberraſchen, und ſchluͤpfte ungeſehn zu der Gartenthuͤre hinein. Mit baͤnglich klo⸗ pfendem Herzem eilte ich, Meta am Arm, durch den ſtillen Garten, trat, ohne von einem Men⸗ ſchen gemerkt zu werden, in das Haus, riß die Stubenthuͤre meines Vaters auf, und fand Betty zu ſeinen Fuͤßen. Mein Vater ſprang auf und eilte in meine offenen Arme.— Wir lagen eng verſchlungen in einander, keiner konnte anfangs ein Wort ſprechen. Mein Vater weinte laut vor Freude, und rief endlich laut aus:„O wer fuͤhlt meine Freude mit mir. Mein Sohn iſt wieder da. Das ganze Haus zuſammen. Guſtav, du biſt groͤßer geworden , als gen er⸗ —, ſtieg unver⸗ geſehn h klo⸗ durch Men⸗ iß die fand neine nder, Mein idlich mir. DHaus rden 3²9 und ſtark, Betty, du kennſt ihn nicht mehr! Herr Rittmeiſter!(zu einem Huſarenoffizier, den ich im Taumel meiner Freude noch gar nicht bemerkt hatte) das iſt mein Sohn, Ihr Schwager. Betty— ach ich verzeihe alles. Gott hat mir meinen Sohn wieder geſchenkt. Heil allen Eltern, die Freude an ihren Kindern erleben, die kalten eiſernen Riegel ſind zerſorun⸗ gen, die vor meinem Herzen lagen. Betty! Schreibe das. Ich will es ſelbſt ſchreiben. Mein Sohn, mein einziges Kind!— ach, Eltern⸗ freude iſt die ſeligſte auf dieſer Welt.“ Mein Vater ſprach noch mehr, aber ich hoͤrte es nicht, denn die ſchoͤne Betty hatte meinen Kopf in ihren Haͤnden, ſie kuͤßte mich, und weinte und lachte, und fragte einmal uͤber das andere:„kennſt Du mich nicht, naͤrriſcher Guſtav: Weißt Du noch den Sitz im Poſt⸗ garten? und Dein bammelndes Reiſehaarbeu⸗ telchen am Knopfe? O, Du biſt noch viel huͤb⸗ ſcher geworden! mein einziger Herzens⸗Guſtav. Sieh! hier der Menſch mit dem wilden Barte iſt 33⁰0 mein Mann.“ Der Rittmeiſter druͤckte mich in ſeinen Pelz. Die Freudenthraͤnen troͤpfelten ihm in den Bart.„Bruder Guſtav,“ rief er und umarmte mich wieder,„ſchenk mir Dein Wohl⸗ wollen, Bettys gluͤcklicher Beſitz giebt mir ein Recht darauf.“ Ich wollte jetzt Meta vorſtellen. Sie ſtand mit gefaltenen Haͤnden an der Thuͤre und weinte ſtille Thraͤnen der Theilnahme an meinem Gluͤck. Sie hatte keinen Vater, keine Mutter mehr. Die Demuth ihrer Stellung ſagte, wie tief ſie die Armuth eines Kindes fuͤhlte, das verlaſſen, das allein in der Welt ſteht. Ich faßte ſie bei der Hand, und fuͤhrte ſie zu meinem Vater.„Meta, Ihr Pflegekind,“ ſagte ich, und Meta ſank vor ihm nieder, und umſchlang ſeine Kniee, und ſtammelte ihm ihren Dank fuͤr ſeine Guͤte; ſie kuͤßte ſeine Hand, aber er hob ſie auf, und druͤckte ſie mit freundlicher Herzlichkeit an ſeine Bruſt. Ich erzaͤhlte in ge⸗ draͤngter Kuͤrze, wo ich ſie gefunden, und mein Vater ſagte, daß ich ihm Freude gemacht habe, ſtand veinte Zluͤck. mehr. jef ſie laſſen, te ſie eind,“ und ihren aber licher n ge⸗ mein habe, 331 das Maͤdchen ihm zuzufuͤhren; daß er laͤngſt ge⸗ wuͤnſcht, ſie perſoͤnlich kennen zu lernen, und daß ſie die Erwartungen, die er nach Overlins Briefen von ihr gehabt, noch bei weitem uͤber⸗ treffe. Betty hatte kaum gehoͤrt, daß das die Kleine ſey, die ſie in Hamburg geſehen hatte, als ſie ſie in ihre Arme ſchloß und herzig ab⸗ kuͤßte, auch der Rittmeiſter kuͤßte ihre roſige Wange, ſo, daß mir, der ich ſie noch nie in dem Arme eines Andern geſehen hatte, anfing⸗ dabei ganz warm zu werden. .„Aber Betty,“ fragte ich verwundernd, „nannten Sie, Vater, meine Schweſter?“— „Das iſt ſie,“ fiel ſchnell mein Vater ein, und winkte dem Rittmeiſter und Betty zu,„mein alter Freund, der Graf von Wiedebur, war ihr Vater, und ſeit ſeinem Tode habe ich ſie ſo gut wie an Kindes ſtatt angenommen.“ „Du entſinnſt Dich, mein Bruͤderchen,“ ſagte Betty und laͤchelte ſchalkhaft,„daß ich Dir ſchrieb, ich haͤtte Dir Dinge von Wichtig⸗ keit zu erzaͤhlen; nun ſieh, das waren ſie, oder 332 iſt es Dir nicht wichtig genug, eine ſo liebens⸗ wuͤrdige Schweſter zu haben? Als wir uns im Poſthauſe ſahen, da wußte ich Deinen Namen noch nicht. Der Kanonikus ſagte mir ihn erſt, als wir abgefahren waren; waͤrſt Du nur in Hamburg zu mir gekommen, ich haͤtte Dir noch ſo manches geſagt, aber—“ Jetzt kam das ganze Haus zuſammen; meine alten Lehrer und Freunde, die ſa8ͤmmtli⸗ chen Bedienten und Muͤller mit Waſil, die beide unterdeſſen mit dem Wagen eingetroffen waren. Alle Bewohner dieſes Hauſes lebten noch, und der ganze Morgen verflog uns in dem Genuſſe des gluͤcklichen Wiederſehens. Wir gingen nun in den Speiſeſaal. Auf der Tafel ſtanden wieder die gruͤnen Roͤmer, die bei meinem Abſchiede unter meine Lehrer vertheilt worden waren. Mein Vater hatte den meini⸗ gen auspacken und ihn auf meinen Platz ſtel⸗ len laſſen. Wir hatten uns kaum geſetzt, als mein Va⸗ ter die Roͤmer fuͤllen ließ, und aufſtand, und — ehrli⸗ Men Thre trete Hoͤh men elter reine ben. Kraß ich d ziges daß und mich Mei ehre Tug — 333 mit ſichtbarer Ruͤhrung fragte:„Guſtav, haſt Du Deinen Schwur gehalten?“ „Ja, mein Vater!“ antwortete ich mit der ehrlichen Offenheit, die das gute Gewiſſen dem Menſchen giebt, vor jedermann, ſelbſt vor den Thron des allmaͤchtigen Gottes jenſeits zu treten. Mein Vater hob ſeinen Roͤmer hoch in die Hohe.„Mein Sohn,“ ſagte er,„hat den Na⸗ men ſeiner Ahnen heilig gehalten, Deine Vor⸗ eltern bis in die ſpaͤteſte Vorzeit zuruͤck waren reine edle Menſchen. Auch Du biſt es geblie⸗ ben. Dein Auge, die Fuͤlle Deiner jugendlichen Kraft, Dein Mund bezeugen es. Guter Gott, ich danke dir, daß du meinen Sohn, mein ein⸗ ziges Kind vor dem Boͤſen dieſer Welt bewahrt, daß du ihn in das Haus ſeiner Vaͤter ſchuldlos und rein wieder zuruͤck geleitet haſt! du haſt mich zum gluͤcklichſten deiner Weſen gemacht. Mein Sohn wird den Namen meiner Vaͤter ehren. Die hoͤchſte Summe der menſchlichen Tugenden nur iſt der wahre Adel. Meine Her⸗ 334½ ren, meine Tochter Betty, meine liebe Meta, dankt mit mir dem Herrn der Welt, daß er mich in meinem Sohne geſegnet hat. Mein Guſtav lebe!“ „Er lebe,“ riefen alle und tranken; ich ſank an meines Vaters Bruſt und ſchwelgte im Ge⸗ nuſſe des ſeligſten Gluͤcks. Mein Vater ſaß zwiſchen Meta und Betty, ich zwiſchen erſterer und dem Rittmeiſter. Wir feierten ein Mahl der Freundſchaft und Liebe. Die ganze Runde war eine Familie. Nach dem Eſſen theilte mein Vater uns den Plan mit, Meta hier zu behalten. Sie ſollte ſeine Pflegerinn ſeyn, und die Oberaufſicht uͤber ſein ganzes Hausweſen fuͤhren. Er gab ihr den Auftrag, ſich ein Kammermaͤdchen, und das weibliche Dienſtperſonale fuͤr die haͤusliche Oe⸗ konomie zu beſorgen, und Meta bat um die Er⸗ laubniß, fuͤr die erſtere Stelle Jettchen Wall⸗ mouthen von Hamburg verſchreiben zu duͤrfen. Sie freute ſich des Vertrauens, das ihr der Vater ſchenkte; ſie kuͤßte ihm dankbar die Hand, Meta, mich zuſtav h ſank n Ge⸗ Betty, Wir Liebe. s den ſollte uͤber ab ihr d das he Oe⸗ ie Er⸗ Wall⸗ uͤrfen. or der Hand, 535 und ſagte mit der ihr eigenen Anmuth:„Sie ſtellen mich auf einen mir heiligen Platz; meine kindliche Liebe ſoll Ihnen beweiſen, wie innig ich meine Verpflichtungen fuͤhle.“ Die Umwandlung meines Vaters in Hinſicht ſeiner fruͤhern Zuruͤckgezogenheit von dem weib⸗ lichen Geſchlecht war mir unerklaͤrlich: ich ſprach an einem der folgenden Tage mit Betty daruͤber; „das iſt mein Werk,“ entgegnete ſie mir mit ſchlauem Laͤcheln,„Dein Vater iſt der erſte Menſch auf Gottes Erdboden, dann kommt mein Stutzbaͤrtchen, und dann Du. Ich koͤnnte Dir Wunderdinge erzaͤhlen, Du ſollſt alles er⸗ fahren, nur jetzt nicht. Haſt Du etwa Wuͤnſche auf Deinem lichterlohbrennenden Herzen, mein junger Freund, ſo— Du verſtehſt mich, denn Du wirſt roth bis an die Ohrlaͤppchen— ſo ſtehen meine Huͤlfstruppen jederzeit zu Dienſten. Nicht wahr, Du armes Blut, das liebliche Waiſenkind mit den frommen Taubenaugen iſt als Hausmarſchallinn im Pallaſt Deiner Vaͤter noch nicht ganz auf ihrem Platze? ſprich einma 336 ehrlich mit mir; aufrichtig, wie es einem Bruder geziemt gegen ſeine Schweſter, die ihn durch und durch geſchaut hat, nicht wahr, Du wuͤßteſt noch eine andere Stelle fuͤr Meta? Aus Deinem Vater habe ich einen Mann gemacht, was giebſt Du mir, wenn ich aus Meta eine Frau mache, ſo z. B. eine Frau Guſtavinn?“ àA„Enhliſche Betty, Du haſt mich ſchon ein⸗ mal durch Deine Reitze verruͤckt gemacht; bringe mich jetzt durch den Glauben an Deine Hoff⸗ nungen nicht um den kleinen Reſt meines Ver⸗ ſtandes! Glaubſt Du, daß mein Vater ein⸗ willigen wuͤrde?“ „Bei Gott iſt kein Ding unmoͤglich. Aber Herzenskind, Freund Hymen zuͤndet ſeine Fackel nur bei dem Feuer an, das ihm Cupido anpuh⸗ ſtet. Wird Cupido auch puhſten?“ „Wie meinſt Du das, kleine komiſche Betty?“ „Da iſt nichts komiſches dabei; ich meine, weißt Du auch, daß es in Metas ſtillem ſanften Herze wie ir „ ich— „N Guſta einbil ſchlaͤg Deine gluͤckl findet in der Dero werth viel. denkt, aufſte einen mit d Forſte wiede ſtohle druder h und uͤßteſt einem giebſt nache, n ein⸗ bringe Hoff⸗ Ver⸗ ein⸗ Aber Fackel puh⸗ niſche neine, nften 337 Herzen ſo flackert und flimmert und flammert, wie in dem Deinigen?“ „Gefragt habe ich ſie darum nicht, aber ich— ſollte es meinen.“ „Meinen? ſieh doch den ſchnurrigen Musje Guſtav! was ſich Allerhoͤchſtdieſelben nicht alles einbilden! Weil das Maͤdchen den Blick nieder⸗ ſchlaͤgt, wenn Du ſie mit Deinen Hohlbohrern, Deinen großen Augen anſchaueſt, weil ſie nur gluͤcklich iſt, wenn ſie in Deinem Kreiſe ſich be⸗ findet, ſetzen ſich der junge Herr gleich die Idee in den Kopf, daß die Mamſell Semler ſich in Dero Perſoͤnchen ſterblich verliebt habe. Nein, werther Freund, ſchmeicheln Sie ſich nicht zu viel. Wenn Du wiſſen willſt was ſie uͤber Dich denkt, ſo will ich Dir das noͤthige Lichtchen aufſtecken.“ Sie ſprang fort, und brachte mir einen zuſammen gelegten Brief, ſchob mir ihn mit den Worten:„da lies, der Vater iſt im Forſte, ehe er wieder kommt, muß das Papier wieder auf dem Platze liegen, wo ich es wegge⸗ ſtohlen habe,“ in die Hand, und ließ mich allein. Y Das Papier war der letzte Brief, den Herr Overlin, von Kuxhaven aus, an meinen Vater geſandt hatte. Er ſchrieb unter andern fol⸗ gendes; „Das Maͤdchen hat die letzte Mine ge⸗ ſprengt, und ich danke dem Himmel, daß ich noch ſo davon gekommen bin. Seit dem letzten Auftritte, den ich mit ihr im Verfolg des mir mitgetheilten Briefes von Freund Guſtav gehabt hatte, war ihr ganzes Weſen umgeaͤndert; ſie hat beſtimmt auf die Beantwortung ihres hinter meinem Ruͤcken geſchriebenen Briefes gerechnet. Sie wußte nicht, daß ſie vom Onkel aufgefangen war, ſie war daher ungewiß geworden; indeſſen ſchien ſie bald wieder das Vertrauen zu Guſtav gewonnen zu haben, und dadurch, daß Jettchen Wallmouthen ihr erzaͤhlt hatte, wie ihr der Zutritt zu Guſtav verſperrt worden, mistrauiſch mit Guſtavs Umgebungen geworden zu ſeyn. Sie war ſonſt heiter, offen und immer ſich gleich geweſen. Jetzt ward ſie duͤſter, verſchloſſen und launig. Sie ſprach tagelang kein Wort, Herr Vater n fol⸗ ne ge⸗ aß ich letzten es mir gehabt rt; ſie hinter echnet. fangen ndeſſen Guſtav ettchen or der rauiſch ſeyn. gleich hloſſen Wort, 339 ſie verrichtete ſtill ihre Arbeit, und fluͤchtete dann in ihr Zimmer, wo ſie die Einſamkeit am wohl⸗ thaͤtigſten anzuſprechen ſchien. Sie aß faſt keinen Biſſen, in ihrem Auge brannte eine dunkle Gluth. Es reiften in ihrer Seele Entſchluͤße, vor denen mir bangte. Emma ſuchte ihr Ver⸗ trauen zu gewinnen, aber ſie wieß ſie ſanft zu⸗ ruͤck, und ſagte:„laßt mich, quaͤlt mich nicht mit euren Fragen. Es wird mir bald wohl ſeyn.“ Ihr Blick war bei den Worten in die Wolken geflogen, als ob ſie Huͤlfe von oben erwartete.“ „Mich jammerte das Maͤdchen, ſie ver⸗ bleichte, wie eine geknickte Roſe. Ich faßte ſie einige Tage vor unſerer Abreiſe vertraulich bei der Hand, und ſetzte ihr ganzes Verhaͤltniß zu Guſtav auseinander, von dem ich ihr geſtand, auf zuverlaͤſſigem Wege Kunde bekommen zu zu haben; ich nahm meine ganze Beredſamkeit umen, und bat ſie, am Schluße meiner , von dem Geſichtspunkt auszugehen, daß s ehrlich mit ihr meine, daß ich nie wieder N 2 340 von Billings Antraͤgen mit ihr ſprechen, daß ich ihr uͤber ihre Hand voͤllige Freiheit laſſen wolle, daß ſie uͤber die von Ihnen ausgeſetzte Mitgift von 5000 Rthlr., in jedem Falle unumſchraͤnkt diſponiren ſolle, daß ich jetzt unſere Abreiſe nicht laͤnger aufſchieben koͤnne, daß ſie mir und meiner Frau unentbehrlich ſey, da Emma unſer Haus bald verlaſſen werde, und daß ſie uns ſehr ver⸗ pflichte, wenn ſie uns wenigſtens auf ein Jahr nach Philadelphia begleite. Ich weiß, Meta, fuhr ich fort, und fixirte ihren Blick, daß Ihre Phantaſie krank iſt; Sie traͤumen ſich Anſpruͤche auf den Grafen! Sie ſchmeicheln ſich mit Hoff⸗ nungen, zu denen— es ſchmerzt mich, Meta, dieß ſagen zu muͤſſen, zu denen Sie Ihre Lage, Ihre Verhaͤltniſſe nicht berechtigen koͤnnen. Meta, ſein Sie nicht undankbar gegen den Vater, der blos, weil ſein Sohn Sie ihm em⸗ pfiehlt, Sie wie ſein eignes Kind an unſer Herz geleget hat. Der junge Graf iſt der reichſte junge Mann im Lande; ſeine Famillie die aͤlteſte unter den Geſchlechtern des erſten Adeis. Es giebt gegen koͤnne Ausn ſeln d Koͤnn in der ſeiner haͤltn wenn Sie nahe „ thun Thor entfer 77 blick von Der einzi⸗ aber daß ich wolle, Nitgift hraͤnkt e nicht meiner Haus dr ver⸗ 1 Jahr Meta, Ihre pruͤche Hoff⸗ Meta, Lage, Pönnen. n den m em⸗ r Herz eeichſte aͤlteſte Es giebt Vorurtheile in der Welt, uͤber die wir oft gegen unſere beſten Einſichten nicht hinweg konnen. Auch der junge Graf wird bei der Auswahl ſeiner kuͤnftigen Gemahlinn den Feſ⸗ ſeln dieſer Convenienz ſich unterwerfen muͤſſen. Koͤnnte Ihnen das gleichguͤltig ſeyn, ihn hier in der Naͤhe zu haben, ihn vielleicht an der Seite ſeiner ihm von der Beruͤckſichtigung der Ver⸗ haͤltniſſe zugefuͤhrten Gattinn zu ſehen, und— wenn er fuͤr Sie wirklich das empfaͤnde, was Sie ſich einbilden,— ſein Gluͤck durch Ihre nahe Gegenwart zu ſtoͤren?“ „Ich will mit, ich muß mit,“ rief ſie.„Sie thun mir ſchmerzlich wehe, wenn Sie mir die Thorheit zutrauen, des Grafen Herz nur im entfernteſten in Anſpruch zu nehmen.“ „Nein, Herr Overlin, ſelbſt Ihr Scharf⸗ blick erreicht die Tiefe meines Standpunkts nicht, von dem aus ich an den Grafen hinaufblicke. Der Graf iſt mein Herr. Ich liebe ihn als den einzigen Mann, dem ich ewig gehoͤren werde; aber nicht in dem Sinn, in dem Sie es waͤh⸗ 31² nen. Wenn auch Sie mit Ihrem feinen Zart⸗ gefuͤhl meine Empfindungen mißverſtehen, dann iſt meine Liebe nicht von dieſer Welt. Dann will ich ſie zuruͤckdraͤngen in das arme Herz, das die Menſchen mit ihrem Hohne zertreten. Als meine Mutter ſtarb, war Er der einzige auf dem ganzen Erdenrunde, der ihr eine Thraͤne weinte. Er war der einzige, der mit mir ſie zur ſtillen Gruft geleitete. Er gelobte mir, nie mich zu verlaſſen; an ſeiner Bruſt fand ich den erſten Troſt wieder.— O Herr Overlin, ſo etwas vergißt ſich nie. Die Tauſende, welche die Guͤte ſeines Vaters auf meine Erziehung verwendet hat, kann ich vielleicht— Gott macht ja auch Arme zuweilen reich— einmal wieder geben. Aber fuͤr Seine Liebe, fuͤr Seine Thraͤ⸗ nen, fuͤr Seine zarte Sorgfalt, mit der er mich Verlaſſene umfaßte, mit der er mich vor der Verzweifelung rettete, kann ich ihm nichts, als mein Leben, meine ewige Liebe geben. Gott, der in mein Inneres ſieht, weiß, daß nichts unkeuſches in meiner Bruſt iſt.— Verſchonen Zart⸗ dann Dann Herz, treten. einzige hraͤne nir ſie r, nie nd ich lin, ſo welche jehung macht wieder Thraͤ⸗ r mich or der s, als Gott, nichts chonen 345 Sie mich mit der Annahme der von dem Grafen gebotenen Mitgift. Es kommt mir vor, als ob Sie meinten, mit dieſem Gelde mir die Anſpruͤche abzukaufen, die, wie Sie ſich einbilden, ich mir auf den Grafen traͤume. Ich bitte Sie, Herr Overlin, kein Wort wieder von dem Gelde. Es erniedrigt mich. Ich weiß, daß ich ohne des Grafen Guͤte eine arme Bettlerinn waͤre! aber — ſelbſt auch die bunten Gaukeleien meiner Traͤume, ſobald Guſtav in ihrem luftigen Hin⸗ tergrunde ſteht, verkaufte ich fuͤr keine Millio⸗ nen. Sie haben ein einziges Wort geſagt, was mich beſtimmt, meiner Seligkeit das Blutopfer zu bringen, ihn nie wieder zu ſehen und in der neuen Welt den Frieden zu ſuchen, den ich in der alten nicht finden ſoll. Sie ſagen, des Gra⸗ fen kuͤnftiges eigenes Gluͤck verlange meine Ent⸗ fernung? Sie fuͤrchten, daß meine Gegenwart es ſtoͤren moͤchte. Nein, großer ewiger Gott, das will ich nicht. Gehen Sie weit, weit von hier. Ich will mit. Der Allwiſſende, der Herz und Nieren pruͤft, fordere jenſeits Rechenſchaft 34 ¼ von Ihnen, wenn Sie anders ſprechen, als es iſt. Ich will mit; denn es gilt Guſtavs Gluͤck. Es iſt vorbei! ich habe nun keine Wuͤnſche mehr.“ „Sie legte die Haͤnde auf die hochfliegende Bruſt, und faltete ſie krampfhaft in einander. In ihr dunkel gluͤhendes Auge traten ein Paar Thraͤnen, auf ihrer Wange brannte hochrother Purpur. Sie ſank erſchoͤpft in das Sopha zu⸗ ruͤck. Ich ging, weil ich den Kampf, dem das edle Maͤdchen erlag, nicht laͤnger mehr zuzu⸗ ſehen vermochte. Ich fragte mein Gewiſſen, ob meine Vernunft mein Verfahren billigte. Ich konnte nicht anders handeln! bei der Leidenſchaft⸗ lichkeit, die aus Guſtavs Briefe an Meta ſprach, und bei der unendlichen Liebe, mit der das Maͤdchen an ihm hing, war es gar keinem Zweifel unterworfen, daß, beſonders wenn der junge Mann das Maͤdchen ſah, an das die Natur den ganzen Reichthum ihrer Reitze ver⸗ ſchwendet hat, die Vernunft ihre Rechte verlor. Ich weiß, daß Ihnen das Gluͤck Ihres Sohnes als es Gluͤck. uͤnſche egende ander. Paar rother ha zu⸗ m das zuzu⸗ n, ob Ich ſchaft⸗ orach, das einem n der s die ver⸗ erlor. ohnes 950 lieber iſt, als die Huldigung der Convenienz. Ich weiß, daß Sie uͤber die Thorheit der Stan⸗ desvorrechte lachen. Allein ich weiß auch, daß die Statuten Ihrer Familie den Geſamtbeſitz Ihrer weitlaͤuftigen Guͤter, und die Acquiſition mehrerer Seitenlehne und bedeutender Erbfaͤlle, von der ebenbuͤrtigen Verbindung Ihres Soh⸗ nes, als des einzigen Stammhalters Ihres Hauſes, abhaͤngig machen, und darum hielt ich aus alter Achtung und Anhaͤnglichkeit, mich dem Glanz Ihres Hauſes fuͤr verpflichtet, dieſer Meſalliance, die gar nicht zu vermeiden war, wenn ſich die beiden jungen Leute einander kennen lernten, in Zeiten vorzubeugen. Von Metas richtigen Anſichten, von ihrer Demuth, von ihrer Religioſitaͤt und von der Zeit erwarte ich, daß ſie ſich endlich fuͤgen, nach und nach wie⸗ der heiter werden, endlich die Schwaͤrmerei ih⸗ rer Jugend vergeſſen, und vielleicht ſpaͤterhin einem andern jungen Manne ihre Hand geben wird.“ „Sie wurde krank, aber ſie ſchwieg. Sie ſprach von dem Tage dieſer gegenſeitigen Erklaͤ⸗ rung an uͤber die ganze Sache kein Wort mehr. Sie machte ſich ſtaͤrker, als ſie war. Die Tod⸗ tenbleiche ihres Geſichts, die Blaͤſſe ihrer Lip⸗ pen, der kalte, trockne Blick ihrer verloͤſchenden Augen deuteten auf die Zerſtoͤrungen ihres In⸗ nern. Aber ſie that ſich Gewalt an, ſie half meiner Frau mit einpacken, ſchied mit ſichtba⸗ rer Kaͤlte von ihren Freundinnen, ging an Bord unſers Schiffs und erſt, als wir uns den fol⸗ genden Tag den Elbmuͤndungen naͤherten, brach ihre Krankheit in ein heftiges Fieber aus.“ „Sie erklaͤrte mir mit einer Beſtimmtheit, die an ihrer ſanften Weiblichkeit mir ganz neu war, daß ſie ihren Tod vor ſich ſehe, daß ich dem Grafen das Ehrenwort gegeben habe, fuͤr ihre Erziehung und Bildung zu ſorgen, daß er mir aber nicht das Recht gegeben, ſie in einen andern Welttheil zu fuͤhren, daß ich ſie durch dieſe Gewaltthat aller menſchlichen Rechte be⸗ raube, und daß ſie auf dem Meere wohl eine mit⸗ leidige Welle finden werde, die ihr Leiden ende.“ Erklaͤ⸗ mehr. e Tod⸗ er Lip⸗ jenden s In⸗ e half ſcchtba⸗ Bord en fol⸗ brach ntheit, az neu aß ich , fuͤr daß er einen durch te be⸗ emit⸗ ende.“ 347 „Emma ſtand mit mir an ihrem Lager, als das Maͤdchen dieſe Worte ſprach. Nur eine gaͤnzliche Reſignation auf das Leben konnten ihr den Muth geben, ſo zu reden. Emma rief im Schmerz der Theilnahme:„Vater, quaͤlen Sie das arme gefolterte Herz nicht laͤnger. Meta kommt nicht lebendig nach Amerika. Sie ken⸗ nen die ſanfte Dulderinn nicht; aber dies Kreuz iſt ihrer Kraft zu ſchwer. Sie haben ſie in der beſten Ueberzeugung, nicht anders handeln zu duͤrfen, an einen furchtbaren Abgrund gefuͤhret. Sie ſteht hart am Rande. Nur ein Wort noch, und fie iſt unwiederbringlich verloren.“ „Bei dieſer Lage der Sache mußte ich mei⸗ nen Plan aufgeben; haͤtten Sie das Maͤdchen geſehen, Sie wuͤrden vielleicht noch fruͤher, als ich, von der Idee abgeſtanden haben, dieſer Liebe laͤngere Gewalt entgegen zu ſetzen. Zum Gluͤck fiel mir mein Freund Krun in Kuxhaven ein. Dort war Meta gut aufgehoben, und Ksrus ſchlugen mir gewiß die Bitte nicht ab, bis auf Iyre weitere Dispoſition dem Maͤdchen in ihrem Hauſe eine Freiſtaͤtte zu goͤnnen. Ich machte Meta mit meinem Entſchluſſe bekannt; der Heiland ſprach zu dem kranken Gichtbruͤchi⸗ gen: gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen, und ſie gingen hin, und wurden von Stund an geſund. So war es mit Meta. Sie genaß von dieſem Augenblicke, und in ihrem rein kindlichen Abſchied von uns lag ihre ſchoͤne Seele wieder offen da. Sie ſchied ohne Groll von mir. Sie ſchlang ſich wieder um mich und ſagte:„Emma meinte, Sie haͤtten nicht anders handeln koͤn⸗ nen. Ich glaube es, denn Sie haben es im⸗ mer gut mit mir gemeint. Zuͤrnen Sie nicht. Ich kann nicht anders handeln. Aber ich werde mir Muͤhe geben, Ihren Grundſaͤtzen Ehre zu machen.“ „Ich benutzte dieſe Stimmung, und bat ſie, mir zu verſprechen, ihren jetzigen Aufenthalt nicht nach Petersburg zu ſchreiben. Sie ver⸗ ſprach es, und ſo wird, wenn Sie dem Guſtav melden, daß wir alle nach Amerika abgeſegelt ſind— Ich annt; ruͤchi⸗ volfen, nd an ß von lichen vieder Sie Emma koͤn⸗ es im⸗ nicht. er ich ſaͤtzen at ſie, ithalt ver⸗ uſtav ſegelt 349 „Geſchwind den Brief,“ rief Betty, und riß mir das Papier aus der Hand,„der Vater kommt.“ Sie ſtuͤrmte fort, und ich ſtand vor Ort. Wenn der Bergmann im ſtillen Schachte ſein Geſtein anhaut, und— ein wohlthaͤtiger Berggeiſt muß mit im Spiele ſeyn— eine lach⸗ terbreite Goldader thut ſich vor ſeinen Augen auf— nein, mein armer reicher Bergmann, deine Schaͤtze wuͤrden die meinigen nicht aufwie⸗ gen. Ich breitete die Arme weit aus, als wollte ich das einzige Maͤdchen meines Herzens mit allen ihren tauſend Reizen auf immer und ewig umarmen. Ich mußte hin zu ihr, ſie war mir ja ſo nahe; jede Minute, die ich ohne ſie verbrachte, waͤre von meinem Leben verloren geweſen. Sie ſaß im Garten unter dem alten blauen Fliederbuſch, unter dem ich in meiner Kindheit immer am liebſten geſeſſen hatte, und ſtickte. Ich ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder, ich bedeckte ihre zarte kleine Hand mit den Kuͤſſen der gluͤ⸗ hendſten Liebe, und rief ihr zu:„ich habe das 300 Portrait Ihrer Seele geſehen. Sie haben dem Maler im ſchoͤnſten Augenblicke Ihres Lebens geſeſſen. Er hat den Pinſel der Wahrheit mit Kraft gefuͤhrt. O Meta, himmliſche Meta, was ſoll ich Ihnen bieten, um Ihre ſuͤße Liebe zu lohnen?“ „Herr Graf, was iſt Ihnen?“ fragte Meta und ſtand erroͤthend auf.„Ich verſtehe kein Wort— ſtehen Sie auf, ich bitte Sie, ſtehen Sie auf, wenn es jemand ſaͤhe!“— „Laſſen Sie die ganze Welt es ſehen. Ich ſtehe nicht eher auf, als bis Sie mir ſagen, daß Overlin nicht gelogen hat. Meta, ſind Sie mir gut?“ „Herr Graf“ ſtehen Sie auf!“—— „Sind Sie mir gut? Overlin hat es klar und deutlich geſchrieben, daß Sie mir gut ſind.“ „Nun ja, lieber Graf,“ ſagte das Maͤdchen leiſe, und laͤchelte freundlich zu mir hinab,„ich bin Ihnen gut; aber, ſtehen Sie nur auf.“ Ich ſprang in die Hoͤhe, umſchlang ſie mit en dem Lebens eit mit Meta, e Liebe Meta he kein ſtehen Ich ſagen, „ ſind der leidenſchaftlichſten Heftigkeit, und ſagte ihr herzlich und beſtimmt,„nun ſo geben Sie mir Ihre Hand! Meta, gieb mir Deine Hand und ſei mein Weib.“ „Nein,“ ſagte Meta und der Purpur der Jungfraͤulichkeit roͤthete ihre ſchonen Wangen noch hoͤher.„Nein, Herr Graf. Ihre Liebe macht mich unausſprechlich gluͤcklich, ſchalten Sie uͤber mein Leben. Es gehoͤrt Ihnen. Aber das Wort, was Sie eben ſprachen, laſſen Sie nie wieder uͤber Ihre Lippen. Sie muͤſſen ein Maͤdchen Ihres Ranges ſich zur Gefaͤhrtinn erkieſen, und ich habe Gott gebeten, daß Sie eine wuͤrdige waͤhlen. Der Wohlſtand Ihres Hauſes fordert von Ihnen dieſe Maasregeln, und Sie lieben Ihren Vater und Ihre Familie zu ſehr, als daß Sie ſich nicht gern in ihre Wuͤnſche fuͤgen ſollten. Ich kenne die Pflicht meiner Verhaͤltniſſe, und ich habe mir geſchwo⸗ ren, nicht von ihr zu weichen. Haben Sie nur einige Barmherzigkeit fuͤr mich, ſo helfen Sie mir, mich an meinen Schwur zu halten. Beu⸗ 35² gen Sie das arme Maͤdchen, das nichts hat, als ſeine Ruhe, nicht durch deren Verluſt. Es hat mir blutige Thraͤnen gekoſtet, die Thorheit meiner kindiſchen Traͤumereien in meinem Herzen zu vernichten; ich bin jetzt ihrer Herr geworden. Entreiſſen Sie mir dieſe Herrſchaft nicht, denn ſie iſt die einzige Baſis meiner Exiſtenz.“ „Dieſes Gebaͤude von kalten, zuſammen geſuchten Grundſaͤtzen iſt Overlins Werk. Nicht ſeine Lection will ich Sie uͤberhoͤren;— ich frage Dein Herz, Meta. Du ſtehſt auf der Stelle, Meta, auf der ich die fröhlichſten Stunden meiner Kindheit verlebte. Weihe Sie mir auch fuͤr die Freuden meiner Zukunft ein.“ Meta legte beide Haͤnde auf die gefolterte Bruſt und ſenkte den Kopf tief nieder. Sie ſchwieg eine kleine Pauſe, dann ſank ſie wieder in meine Arme und ſagte mir gepreßtem Schmerze:„ich darf nicht! haben Sie Mitleid mit mir. Sprechen Sie nie wieder hieruͤber mit mir, ich wuͤrde ſonſt dieſen friedlichen Wohnplatz auf immer meiden muͤſſen.“ ———P—P—P—’——4.. „D mein dieſe! Ural, Du z alles Herrl Arme meine 8 2 ſchlug in me an de einer diene Naͤhe liebte mich Sche ſollte doch liches 8 hat, . Es vorheit Herzen orden. denn mmen Nicht — ich af der ichſten e Sie in. olterte Sie vieder eßtem eitleid rruͤber lichen „Du liebſt mich nicht, Meta, ſonſt wuͤrde mein Herz Dir lieber ſeyn, als dieſes Haus, dieſe Umgebungen. Ich weiß ein Plaͤtzchen am Ural, dort fragt kein Menſch, wie viel Ahnen Du zaͤhleſt. Dort laß uns hinziehen. Sie moͤgen alles hier behalten, ihre Stammbaͤume und die Herrlichkeiten ihrer Beſitzungen. Mit Deinem Arme, Meta, umſchreibſt Du die Grenzen meiner ganzen irdiſchen Seligkeit.“ „Nein, nein,“ ſagte langſam Meta, und ſchlug das naſſe Auge zum Himmel.„Du ſiehſt in mein Herz, Allwiſſender!— Ich habe mich an den Gedanken gewoͤhnt, Sie an der Seite einer Andern gluͤcklich zu ſehen. Ich will ihr dienen, dieſer Andern, wenn ich nur in Ihrer Naͤhe bleiben darf, und Sie ſagen noch, ich liebte Sie nicht! Sie, glaubte ich, wuͤrden mich verſtehen, Sie wuͤrden, glaubte ich, die Scheidewand kennen, die zwiſchen uns ſtehen ſollte, zu hoch, um ſie zu uͤberſpringen, und doch niedrig genug, um mir zuweilen ein freund⸗ liches Wort zu ſagen, um mir des Freundes 3 3⁵4 Hand zu reichen, wenn ich auf der ſchweren Stelle ſtrauchelte, die mir meine Geburt, meine Armuth, meine Verhaͤltniſſe anweiſen.“ „Die Scheidewand will ich bauen,“ erwie⸗ derte ich laͤchelnd, und kuͤßte das holde fromme Maͤdchen,„aber nicht zwiſchen Dir und mir, Meta, ſondern zwiſchen uns und der Welt.“ Ich ging, denn ich hoͤrte jemand in der Ferne kommen. Mein Vater ließ mich rufen. Er hatte in Bezug auf mich Briefe aus der Re⸗ ſidenz bekommen; ich ſollte auf meinen neuen Poſten. Ach, haͤtte ich doch meine Scheidewand fertig gehabt, ich haͤtte ſie bis an den Himmel bauen moͤgen, daß kein Menſch, kein Brief dar⸗ uͤber haͤtte kommen ſollen. Das Herz war mir voll. Es ging uͤber. Ich vertraute meinem Vater meine Wuͤnſche, ich nannte Meta, als das Maͤdchen, das er mir zur Gattinn ge⸗ ben moͤge. „Guſtav,“ hob mein Vater ſanft und herz⸗ lich an,„Dein Vertrauen, Deine Offenheit freuen mich. Auch Deine Wahl; Meta iſt Dei⸗ nes H ihrer willen Ausbi vorzuͤg Haus ihrer Du ſi tigkeit ich mit Sohn Zeiten blinde herrſch bindur gerlich Dir wenn licher ſeit I Die Unter chweren „ meine erwie⸗ fromme nd mir, elt.“⸗ in der h rufen. der Re⸗ n neuen dewand Himmel rief dar⸗ var mir meinem ta, als inn ge⸗ nd herz⸗ ffenheit iſt Dei⸗ 3⁵³ nes Herzens werth, ich ehre das Maͤdchen um ihrer ſeltenen Tugend, um ihrer Liebe zu Dir willen; ihr Aeuſſeres, ihre Talente, die hohe Ausbildung ihres Verſtandes ſtellen ſie unter die vorzuͤglichſten ihres Geſchlechts. Unſer ganzes Haus haͤngt an dem Maͤdchen mit Liebe. An ihrer Seite kann kein Mann ungluͤcklich werden. Du ſiehſt, ich laſſe dem Maͤdchen alle Gerech⸗ tigkeit wiederfahren, und was ich ſagte, habe ich mit voller Ueberzeugung geſagt. Allein, mein Sohn, ein altes Familiengeſetz, das aus den Zeiten des Fauſtrechts herſtammt, in denen blinde Vorurtheile unſere Voreltern noch be⸗ herrſchten und ſie wider die hanſeatiſchen Ver⸗ bindungen eingenommen hatten, die von buͤr⸗ gerlichen Mitgliedern geſchloſſen waren, raubt Dir Dreiviertel Deiner kuͤnftigen Beſitzungen, wenn Du Deine Hand einem Maͤdchen buͤrger⸗ licher Abkunft giebſt. Dieſe Beſitzungen ſind ſeit Jahrhunderten in unſern Haͤnden geweſen. Die Bewohner derſelben, unſere ſogenannten Unterthanen, haben unſrer Milde ihren Wohl⸗ 3 2 3⁵56 ſtand zu verdanken. Ihr Gluͤck, das Gluͤck von mehrern hundert Familien wuͤrde mit dem Au⸗ genblick ſeine Endſchaft erreichen; denn die Leute wuͤrden mit ihren Stellen an unſern Lehnsherrn, den Souverain, zuruͤckfallen, und das Schick⸗ ſal unſerer Kronbauern theilen, die viel Dienſte und Abgaben leiſten muͤſſen. In unſrer Fami⸗ lie ſelbſt ſind mehrere aͤrmere Mitglieder, die auf Unterſtuͤtzungen des Beſitzers dieſer Herr⸗ ſchaft ein ſtillſchweigendes Recht haben. Die⸗ ſem zu genuͤgen, wuͤrdeſt Du bei Deinem dann eingeſchraͤnkten Vermoͤgen nicht im Stande ſeyn. Meta wuͤrde von ihnen, und nicht ohne Grund, als die Urſache angeſehen werden, die Dich der Mittel beraubt habe, gegen ſie werkthaͤtiger Freund zu ſeyn. Meta wuͤrde von Allen ange⸗ feindet, von Allen gehaßt werden. Und Deine Kinder, wenn ſie einſt groß werden, und zu ei⸗ gener Einſicht gelangen, wuͤrden ſie nicht den Vater vor den Richterſtuhl ihrer Kindesanſpruͤche zu ziehen berechtiget ſeyn, der ihnen, wenn Gott irgend ihre Ehe ſegnet, kaum ſo viel zuruͤcklaͤßt, daß Dich Erbe ganze gen, Aber eilen. Jahr Vater Du t derein nen g Sie dann Vorſt mit v 3 ich b als h durft Sekr weg, uͤck von em Au⸗ ie Leute sherrn, Schick⸗ Dienſte Fami⸗ er, die Herr⸗ Die⸗ m dann de ſeyn. Grund, dich der haͤtiger n ange⸗ Deine zu ei⸗ cht den ſpruche n Gott icklaͤßt, 357 daß ſie leben koͤnnen, ſtatt daß ſie, wenn Du Dich in die Familienſtatuten fuͤgeſt, auf ein Erbe rechnen koͤnnen, was das bedeutendſte im ganzen Reiche iſt?— Ich will Dich nicht zwin⸗ gen, Du ſollſt Deinen freien Willen haben. Aber laß Dich nicht von Deiner Jugend uͤber⸗ eilen. Ich bitte Dich, Guſtav, nimm Dir ein Jahr Zeit. Tritt den Poſten an, den Dir Dein Vaterland anvertrauet, und dann thue, was Du vor Dir, vor Deiner Familie und Deinen dereinſtigen Nachkommen verantworten zu kon⸗ nen glaubſt. Meta ſoll unterdeſſen hier bleiben. Sie ſoll meine geliebte Tochter ſeyn, und auch dann noch, wenn Dein Herz den nothwendigen Vorſtellungen Gehoͤr giebt, werde ich ihre Lage mit vaͤterlicher Sorgfalt begruͤnden.“ Ich wußte, daß ich nach einem Jahre, daß ich bis zu meinem Tode noch ſo fuͤhlen wuͤrde, als heute; aber, wie ich meinen Vater kannte, durfte ich jetzt nicht widerſprechen. Der alte Sekretair meines Vaters kam; ich ſchlich mich weg, um meinem Herzen Luft zu machen. Waſil ſtand in meinem Zimmer, und kramte meinen Koffer aus, der von Petersburg aus mir nachgeſandt worden war. Mit Selbſtgefaͤllig⸗ keit ſagte er auf deutſch zu mir,„nun ich ſchon leſen kann viel deutſch, Jaͤger hier mich alle Tage quaͤlt, leſen deutſch. Hier dicker Brief an die huͤbſche Jungfer Mamſell Meta. Ich habe gefunden, muß auch Mamſell haben geſiegelt, Fingerhut darauf iſt.“ Er gab mir das Packet. Es war das Vermaͤchtniß von Metas Mutter, was ich in Hamburg zu mir genommen hatte. Ich ging damit zu Meta. Sie ſaß in ihrem Zimmer und hatte roth geweinte Augen. „Gute Meta,“ hob ich ſehr bewegt an,„es iſt moͤglich, daß ich mich wieder von Dir tren⸗ nen muß. Ich habe mit meinem Vater eben ge⸗ ſprochen; er beſteht darauf, daß ich meinen Poſten bald antreten ſoll. Du bleibſt hier. Was ich vorhin geſagt habe, das ſteht unerſchuͤtter⸗ lich feſt; Gott und der blaue Himmel ſind meine Zeugen geweſen.— Hier hab ich an Dich noch etwas auszuliefern. Lies, wenn Du ruhig biſt.“ kramte aus mir zefaͤllig⸗ ch ſchon ich alle Brief an ch habe eſiegelt, Packet. Nutter, atte. ihrem an,„es ir tren⸗ ben ge⸗ meinen Was huͤtter⸗ dmeine h noch biſt. 3⁵9 detas Blick fiel kaum auf die Aufſchrift, als ſie das Paket an ihre Lippen druͤckte, mir mit tiefer Wehmuth die Hand reichte, und mit weicher Stimme ſagte:„bleiben Sie, Herr Graf. Wir wollen zuſammen leſen. Vor Ih⸗ nen habe ich keine Geheimniſſe. Willkommen, meine theure Mutter, aus Deiner ſtillen Frie⸗ denswelt. Du, ach du nur kannteſt mein Herz. Gegruͤßet ſey mir, du heilige Verklaͤrte! Dein Bild, dein holdes, ſanftes Bild ſteht lebendig vor meiner Seele. Lieber Herr Graf, haben Sie die Freundſchaft, und leſen Sie den Inhalt dieſer Blaͤtter mir vor. Es liegt eine Seligkeit fuͤr mich darin, die letzten Worte meiner Mut⸗ ter zu mir aus Ihrem Munde zu hoͤren. Ich eroͤffnete das Paket und las. 22. Friede ſey mit ihrer Aſche. Meine theure, meine einzige Meta! „Wenn du dieſe Zeilen lieſeſt, ſchlummert meine Huͤlle im Grabe, und ich bin Staub und Aſche geworden.“ „Mir hat das Leben nicht gelaͤchelt; mir ſchaudert vor dem Tode blos, weil ich dich in dieſer Welt zuruͤck laſſen muß.“ „Du haſt von mir nichts gewußt, als daß ich deine Mutter bin.“ „Ich habe deinen Vater dir todt genannt.“ „Ich will dir erzaͤhlen die Geſchichte meiner Tage; ſchenke der Ungluͤcklichen, die fuͤr dich den ganzen Werth ihres Daſeins verkauft hat, eine Thraͤne der kindlichen Theilnahme.“ „Mein Vater war Kammerherr und Ober⸗ landforſtmeiſter; ſeine verſchwendriſche Pracht⸗ liebe ſtuͤrzte ihn in unbezahlbare Schulden; er ſtarb und hinterließ mir nichts, als ſeinen Namen.“ immert ub und t; mir dich in ls daß nnt.“¹ meiner ir dich ft hat, Ober⸗ Fracht⸗ en; er ſeinen „Meine Mutter hatte ich fruͤher verloren. Ihr Bruder der Hausmarſchall am Ku ſchen Hofe ließ mich zu ſich kommen, und erzog mich wie ſein eignes Kind; ich ſollte ſeine Erbinn ſeyn. 14 „Als ich heran gewachſen war, trug er mir ſeine Hand an. Er hatte ſchon die Einwilligung ſeines Fuͤrſten, die Diſpenſation der Kirche, kurz alles beſorgt, und ich ſagte Nein, weil er dreiſ⸗ ſig Jahr aͤlter war, als ich, und weil ein jun⸗ ger Mann ſchon mir ſeine Liebe geſchworen hatte.“ „Dies war ein Offizier einer fremden Macht, der bei uns auf Werbung lag. Ich erzaͤhlte ihm im Vertrauen der Liebe noch an dem naͤmlichen Tage den Antrag meines Onkels; er warf ſich zu meinen Fuͤßen und dankte fuͤr das Opfer, das ich ihm durch mein Nein gebracht hatte; allein er fuͤrchtete, daß der Onkel ſeinen Plan darum nicht aufgeben, ſondern fernere Mittel verſuchen wuͤrde, mir meine Hand abzugewin⸗ nen, weil er durch mein Nein vor dem ganzen 362 Hofe, vor der ganzen Stadt laͤcherlich gemacht werde.“ „So verpflichtet ich mich dem Onkel fuͤr das fuͤhlte, was er an mir gethan hatte, ſo wider⸗ lich war er mir als Gatte. Ich haͤtte ihm um keinen Preis meine Hand gegeben.“ „Mein Geliebter verſtand meinen Abſcheu fuͤr der Verbindung mit dem Onkel zu benutzen. Er gruͤndete darauf den Sieg uͤber meine Un⸗ ſchuld.“ „Ich wollte an Ehre und Gluͤck verzweifeln, als ich die unſeligen Folgen ſchmeichelnder Ue⸗ berredungskunſt ſpuͤrte; er aber gelobte mir mit ſeiner Ehre ewige Liebe und Treue; ich ſey, ſagte er, nun ſeine Verlobte vor Gott, und ich ſolle es auch in kurzem vor der Welt ſeyn.“ „Vier Wochen darauf kam ein anderer Werbeoffizier an ſeine Stelle. Er verließ un⸗ fern Wohnort, ohne einmal muͤndlich Abſchied von mir zu nehmen. Schriftlich that er es in beiliegenden Zeilen. Es iſt ſein erſter und ſein letzter Brief, den ich von ihm in Haͤnden habe.“ macht r das vider⸗ n um ſſchen utzen. e Un⸗ eifeln, r Ue⸗ r mit ſey, nd ich 44 derer 3 un⸗ ſchied es in ſein abe.“ 363 „Mit dieſem ſchrecklichen Briefe faßten mich Schmach und Elend in die Mitte, und ſie ha⸗ ben mich geleitet bis ins Grab.“ „Ich begreife mich heute noch nicht, wie ich dieſem Manne mich hatte hingeben koͤnnen.“ „Im Hauſe, im Orte konnte ich keinen Mo⸗ nat laͤnger bleiben.“ „Mein Onkel peinigte mich tagtaͤglich; ich litt ſchweigend, denn ich ſah die Qual, mit der er mein Leben verbitterte, als Strafe des Himmels fuͤr mein Vergehen an.“ „Zum Gluͤck rief ihn eine Dienſtreiſe in ein entlegenes Jagdſchloß des Fuͤrſten.“ „Ich benutzte ſeine Abweſenheit, gab bei den zuruͤck gebliebenen Domeſtiken unſers Hauſes eine Reiſe zu einer Anverwandtinn vor, fluͤchtete hierher, und nannte mich Semler.“ „Ich wollte uͤber das Meer, um mich auf einer fernen wuͤſten Inſel vor meiner Schande zu verbergen; aber meine Geſundheit erlaubte die Reiſe nicht.“ „Nur eine Hoffnung hatte ich, nur einen 364 Wunſch, bei deiner Geburt mit Dir zu ſterben. Aber der zuͤrnende Gott gewaͤhrte mir nicht dieſe Gnade.“ „Ich mußte leben.“ „Dein erſtes ſuͤßes Laͤcheln brachte wieder die erſte Waͤrme in mein erſtarrtes Herz. Ich fand wieder Thraͤnen und Liebe zum Leben.“ „Bis hieher hatte ich von den Taſchengeldern gelebt, die mir der Onkel mit freigebiger Hand geſpendet hatte. Spaͤterhin mußten meine we⸗ nigen Habſeligkeiten verſetzt und verkauft werden. Das letzte war ein Ning, den mir der Schoͤpfer meines unendlichen Ungluͤcks, in jener unſeligen Stunde, als ewiges Unterpfand ſeiner Treue uͤberreichte.“ „Bis hieher hatte ich dieſen Ring aufge⸗ hoben, um ihn Dir als Vermaͤchtniß zu hin⸗ terlaſſen; er ſollte Dir einmal dienen, dich dei⸗ nem Vater zu erkennen zu geben.“ „Allein meine Beduͤrfniſſe wurden drin⸗ gender. Du erkrankteſt; ich mußte mich ent⸗ ſchließen, ihn wenigſtens zu verpfaͤnden.“ kerben. nicht wieder . Ich 74 eldern Hand ie we⸗ erden. opfer eligen Treue nufge⸗ hin⸗ h dei⸗ drin⸗ ent⸗ „Der Jude, dem ich ihn brachte, laͤchelte: „der Ring iſt nicht vier Thaler werth,“ ſagte er, und gab mir ihn zuruͤck. Dies ver⸗ ſicherten mehrere andere, denen ich ihn vor⸗ zeigte. Ich warf den Ring in die Elbe. Du ſollſt nie deinen Vater kennen lernen.“ „Ich fand in meinem Fleiße nun die Quelle, dich und mich zu ernaͤhren.“ „Gott hatte ſich mit mir ausgeſoͤhnt. Ich habe nie gehungert, nie gefroren, ich habe Dich ernaͤhrt und gekleidet. Gottes Guͤte ſei dafuͤr geprieſen.“ „Jetzt endlich hat die Stunde meiner Erloͤ⸗ ſung geſchlagen.“ Ich nenne den Tod als meinen Freund will⸗ kommen, nach dem ich mich lange geſehnt habe“ „Die Trennung von Dir iſt der einzige herbe Tropfen, der meinen Todeskelch truͤbt. Aber ich habe zu dem gebetet, der die Haare auf unſerm Haupte gezaͤhlet hat, der keinen Sper⸗ ling vom Dache fallen laͤßt, und der die Lilien auf dem Felde kleidet. Mein Gebet hat mich geſtaͤrkt. Ich ſterbe im feſten Glauben an Gotk. Er wird dich beſchirmen und Dein Schutz ſeyn.“ „Hat Gott den Abgeſchiedenen die Kraft verliehen, den Lieben diſſeits nahe zu bleiben, ſo werde ich Dich ewig umſchweben.“ „Behalte meine Lehren in Deinem Herzen, ſo wirſt Du nicht fallen, wie Deine ungluͤck⸗ liche Mutter fiel.“ „Es wird dunkel vor meiner Seele. Guter allmaͤchtiger Gott, erbarme dich meines Kindes und ſchenke mir eine ſanfte Aufloͤſung.“ „Ich ſegne Dich, Meta! der letzte Hauch meines Lebens trage mein Gebet fuͤr Dich zu dem Himmel, in dem mein Geiſt ſeinen Frieden ahnet. Julie von Eichenſtroͤm.“ Meta zerfloß in Thraͤnen; ſie rang im ſtillen Schmerz die Haͤnde; ſie hatte keine Worte, nur zuweilen rief ſie leiſe:„meine arme Mutter, und ſenkte den Blick zur Erde, als ſaͤhe ihr bar dur verſ brie letzt Die ſtell Her ſchie Ich ich alle kein ihre nich wei iſt ſoll dah t mich Gotk. Schutz Kraft leiben, derzen, gluͤck⸗ Guter kindes Hauch ich zu rieden n. 44 ſtillen „ nur dutter, he ihr 367 Auge die ferne Staͤtte, die der Mutter Huͤlle barg. Erſt nachdem wir uns ausgeweint hatten, durchſahen wir die uͤbrigen Papiere: es waren verſchiedene Aufſaͤtze fuͤr Meta, der Geburts⸗ brief der Mutter, Metas Taufſchein, und zu⸗ letzt der erwaͤhnte Brief von Metas Vater. Dieſer ſchrieb: „Sie koͤnnten glauben, ich haͤtte daß ange⸗ ſtellt, das ich fort miſte, aber auf Ehre, mein Herr Kammerad iſt von unſerm Schöf herge⸗ ſchickt, von freien Stuͤcken, um mir abzuloͤſen. Ich kann von Sie nicht Abſchied nehmen, den ich bin gar zu ſehr gerihrt weilen ich jetzunder allererſt gehoͤret habe, daß Sie von Haus aus kein Fermoͤgen haben thun, ſondern das alles ihren Onkel gehoͤrt, was ſie haben, der aber nichts rausruͤcken wird, wenn ſie mir nehmen, weil er Sie ſelpſten gern genommen haͤtte. nun iſt aber bei uns ein Raͤkelmang, das wir nich ſollen heirathen als mit 500 Daler Rehwenien, daher Sie muͤſſen mirſch nicht uͤbel nehmen, 6 333 wenn ich ſie nicht heirathen werde duͤrfen. ſolches thut mir erſchrecklich leid, aber Sie ſind ein vernuͤnftig Maͤdchen, Sie werden ſich wohl faſſen, und eine andere Bardie machen, nicht ins Milidaͤr, ich aber bin und verbleibe jederzeit und ſtets Ihr dreier Freund Juͤrgen Freiherr Von Eiſenpflug Primiehleudenand.“ „Eiſenpflug?“ ſchrie ich und ſprang auf, und ſchlug beide Haͤnde uͤber dem Kopf zuſam⸗ men.„Eiſenpflug! den kenne ich! Großer Gott, Du des Majors Tochter,— Das Dein Vater, der in Hamburg—“ „Ach, er ſteht noch vor mir!“ ſagte Meta, und hielt beide Haͤnde vor das Geſicht; ſein erſtes Wort, das er mir ſprach, war Fluch, ſein letztes Fluch!“ Ich eilte auf mein Zimmer, und holte ſein Cartellbillet; es war ſeine Handſchrift, ſein irfen. ſind wohl nicht erzeit fklug auf, ſam⸗ Bott, gater, Neta, ſein luch, eſein ſein 369 Stil, das in beiden Dokumenten vorkommende Wort„Schof,“ ein und daſſelbe. Freudig ſagte ich zu Meta:„Ich reiſe morgen ab; jetzt finde ich das Ende des Fadens, ich habe den Ausweg aus dem Labyrinthe⸗ Laß mich reiſen; morgen muß ich fort. Meta raͤumte ſich meine Freude mit meinem Dringen auf ſchleunige Abreiſe nicht zuſammen. Sie reichte mir ſchweigend die Hand, und fragte mit weicher Stimme: lieber Graf, Sie wollen ſchon wieder fort?— ach Gott, wenn und— ſie ſeufzte tief— wie ſehen wir uns wieder? „Wenn! bald; ſehr bald; und wie! als Braͤutigam! ohne Braut ſetze ich keinen Fuß in dieſes Haus.“ Meta wechſelte die Farbe, ich ſchlang ſie ſchnell in meine Arme, ſetzte mit Innigkeit hinzu: „und dieſe Braut biſt Du, mein Engelsmaͤdchen, meine einzige himmliſche Meta,“ und druͤckte iht den Verlobungskuß auf den kleinen Ro⸗ ſenmund. Mein Vater bewunderte meinen ſchnellen Aa 0 Entſchluß; aber er billigte ihn, und meinte, wenn wir nur erſt von einander getrennt waͤren, wuͤrde das aufgeloderte Feuer bald wieder erloͤ⸗ ſchen. Armer Vater, es mußte lange her ſeyn, daß du nicht geliebt hatteſt. Ich ſchwieg; ich hatte ja den Stein der Weiſen, einen Plan, ge⸗ funden, der vor der Zeit nicht kund werden durfte. Von meinem Vater erhielt ich ein ganzes Paket Briefe in die Reſidenz mit, von Betty und dem Major ein großes dito. Betty ſagte mir heimlich:„ich habe an lauter Familien ſchreiben muͤſſen, in denen Du huͤbſche Maͤdchen finden wirſt. Wenn Dir eins gefaͤllt, drehe ich Dir den Hals um. Wie Meta liebt Dich keine; ich muß nur machen, daß ich meinen Ernſt wieder aus dem Hauſe bringe, denn er findet alle Morgen eine neue Tugend, einen neuen Reitz an dem holden Weſen.“ Die andern hatten alle den Abend vor meiner Abreiſe Abſchied von mir genommen. Meta that es erſt am andern Morgen ſelbſt. — ⏑— S Ster! Blun dufte licher ſie bo was „ich: nun ſo eng nenne verge mit t funkel dunke Lipper Som ſtillen Erde D 62 genon weiche heinte, zaͤren, erloͤ⸗ ſeyn, ; ich 1, ge⸗ derden anzes Betty de an 1 Du eins Meta ß ich enge, gend, heiner Meta —— ⏑⏑—⏑—:—— 371 Sie geleitete mich durch den Garten. Die Sterne funkelten am Himmel hell und klar. Die Blumen, die Bluͤthen, die Buͤſche und Straͤuche dufteten wuͤrzig um uns her. Es war ein herr⸗ licher, ſtiller Morgen. Meta war wunderſchoͤn; ſie bot mir freiwillig die Lippen zum Morgenkuß, was ſie nie gethan hatte; ſie ſagte laͤchelnd: „ich wollte Ihnen heute noch ſoviel ſagen, und nun weiß ich nichts mehr; mir iſt das Herz ſo eng. Sind Sie boͤſe, wenn ich Sie Guſtav nenne? mein guter, o mein allereinziger Guſtav, vergeſſen Sie mich nicht.“ Sie ſchmiegte ſich mit traulicher Hingebung an mich; ihre Augen funkelten hell und klar, wie die Sterne an dem dunkeln Morgenhimmel, der Hauch ihrer ſuͤſſen Lippen war wuͤrzig, wie der Duft der warmen Sommerluft, und ihre treue Liebe glich dem ſtillen herrlichen Morgen, der die ſchlummernde Erde mit ſeiner Friſche erquickte. Dreimal, viermal hatte ich ſchon Abſchied genommen; ach, ich konnte nicht weg aus dieſen weichen Armen, nicht weg von dieſem warmen Aa 2 2* 372 Herzen. Heute erſt konnte ich das Maͤdchen eigentlich mein nennen. Sie ſelbſt endlich ſchob mich mit ſanfter Freundlichkeit in den Wagen. Meine Geſchaͤfte in der Reſidenz waren bald abgemacht. Von allen den Haͤuſern, in denen ich mir Maͤdchen beſehen ſollte, beſuchte ich kein einziges. Aber eine alte Bekannte traf ich hier unvermuthet; ein Burſche brachte mir naͤmlich folgendes Billet. „Mein Hochgraͤflicher Herr Legationsrad“ „Aus die Intelligenz Blaͤtter thue ich erſe⸗ hen, daß Sie hier angekommen ſeind, weshalb ich mich habe unterſtehen wollen, Sie meine Aufwartung zu machen, weswegen ich aber ſol⸗ ches nicht vermoͤgend geweſen, im Stande zu ſein, iſt die Urſache, das ich malade durch einen Contract am linken Fuße bin, warum ich nicht ausgehen kann. Sie werden mir nicht mer er⸗ kennen, ſo herunter gekommen iſt meine Viehſo⸗ nomie und ganze Stellage, wie ich anfancks mit Ihren Freund Ardeglio hieher gekommen —;—C—C—O—Q—Q—Q·ͤͤꝗᷓͤõᷓͤᷓůͤᷓ́ᷓ́ůͤᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓͤ bin, vors habel uns, der Stra enzin maͤrſ lerie, mit greif laſſen verhe ren. maße was gegel Woll Sie Freu gen! dchen ſchob gen. bald denen h kein ) hier imlich d“ erſe⸗ eshalb meine er ſol⸗ nde zu einen nicht ter er⸗ iehſo⸗ fancks mmen —Q—Q——Qᷓaᷓaᷓäaäaaaq— bin, haben mir uns eine Wirtſchaft angeſchaft vors Thor, wo mir recht gut gewirtſchaftet haben, das alles is zu bekommen geweſt bei uns, aber wie mein Mann is geſchtorben, is der Krieg angegangen und weil mir an der Straße gewohnt, bin ich ein gedruͤcktes Frau⸗ enzimmer geworden, und haben alle durch⸗ maͤrſche auf mich gelegen vornehmlich die Kawal⸗ lerie, darum ich Ihnen habe bitten wollen, mich mit einen kleinen Duſoͤr unter die Arme zu greifen. Der Heiland hat keinen von ſich gehen laſſen ungegeßen, alſo werden Sie mit ihren verheerungswuͤrdigen Katarakter mir auch erhaͤ⸗ ren. Der Herr Overlin hat mich damals der⸗ maßen zugeſetzt, daß ich habe rausgeben muͤſſen, was Sie mich mit ihr gutes Herz freuwillig gegeben haben, daher ich nichts von Sie beſitze. Wollen Sie zu mich heraus kommen, ſo werden Sie alles in der Wahrheit befinden, und zwei Freundinnen oben drauf, die Sie ein Vergnuͤ⸗ gen machen werden, ſie kennen zu lernen. Sie haben, wie mich Ardeglio geſagt hat, mir immer die—— Nonne geheißen, aber das iſt damals nur mein Spaß geweſt, weil mir Ardeg⸗ lio ſo geinſchtruirt gehabt hat, der immer ſolche Raupen in den Koppe gehabt hat; die Madame Bignol is jetzunder auch bei mich und ſieht noch recht ſehr ſchoͤne aus, ſie heißt aber eigentlich die ſchwarze Lowiſe. ſtets und immerdar Ihre ewige Freundin Lottchen Niedlich.“ Ein Friedrichsd'or war meine ganze Ant⸗ wort, den war die Kunde von dem ſaubern Ar⸗ deglioſchen Kleeblatt wohl werth. Ohne mich lange in der Reſidenz aufzuhalten, ging ich bald von hier nach meinem neuen Be⸗ ſtimmungsort ab. Auf dem Wege dahin paſſirte ich das Land, unter deſſen Fahnen der Major diente. Er garniſonirte, wie ich erfuhr, noch in P.. Ich machte die kleine Seitentour dort⸗ hin, die Briefe der ungluͤcklichen Mutter meiner Meta im Portefeuille. das iſt Irdeg⸗ ſolche ndame t noch ntlich in ich.“ Ant⸗ n Ar⸗ alten, Be⸗ iſirte Najor noch dort⸗ ſeiner 375 Ich fand ihn in ſeiner Behauſung, eine tuͤr⸗ kiſche Pfeife im Munde, ein großes Glas Weisbier vor ſich, gehuͤllt in eine dicke Tabaks⸗ wolke. „Herr Major,“ begann ich nach der erſten Begruͤßung,„Sie werden ſich meiner unbedeu⸗ tenden Perſon und Ihrer ſchriftlich an mich ge⸗ richteten Herausforderung entſinnen. Ich bin gekommen, um Ihrem Verlangen zu genuͤgen. Beſtimmen Sie Ort und Stunde, doch, wenn ich bitten darf, verſchieben Sie letztere nicht weit hinaus; denn ich kann mich meiner Dienſt⸗ verhaͤltniſſe halber nicht laͤnger, als hoͤchſtens 24 Stunden, hier aufhalten. Ehe wir aber dieſe Sache abmachen, erlauben Sie mir eine Frage. Kannten Sie in Ihren fruͤhern Jahren ein ge⸗ wiſſes Fraͤulein Julie von Eichenſtroͤm?“ Der Major flog von ſeinem Sitz auf, als haͤtte der Blitz in ſein Weisbier geſchlagen. „Herr was nannten Sie da fuͤr einen Namen? wo iſt das Maͤdchen? lebt Julchen noch?“ „Die Ungluͤckliche hat geendet, ſie iſt todt.“ e 97 Den Major traf es, wie ſchwerer Donner⸗ ſchlag; er legte die Pfeife weg, ſein braunes Geſicht ergraute; die Erinnerung ſeines Ver⸗ brechens druͤckte ihm den Blick zur Erde. „Sie, Herr Major, haben das Maͤdchen gemordet. Das Kind, das Sie in Hamburg im romiſchen Kaiſer, in der Hausthuͤr, mit ge⸗ rungenen Haͤnden, anflehte, das Kind, dem Sie mit dem Stocke drohten, das Sie Canaille ſchimpften, Herr Major, das war Ihr Kind.“ Dem Major zuckte es durch alle Glieder. „Gott ſtraf mich,“ brummte er vor ſich hin, n„das waren Julchens Zuͤge, ich ſehe das Kind noch vor mir ſtehen. Es war, als wollte das Kind mir das Gewiſſen zerreiſſen, ich konnte ſeinen Blick nicht ertragen.“ „Wohl moͤglich, Herr Major, daß Sie in jenem Augenblicke eine dunkle Ahndung ihrer ſchweren Mordthat hatten; denn es war die Todesſtunde des Maͤdchens, das Sie elend ge⸗ macht hatten.“ Der Major ſtampfte mit dem onner⸗ aunes Ver⸗ dchen nburg nit ge⸗ dem naille Ihr lieder. hin, Kind das onnte zie in ihrer r die d ge⸗ dem 377 Fuße und hielt ſich bie geballte Rechte vor die tief gerunzelte Stirn. „Des armen Kindes nahm ich mich an; mein Vater ließ es erziehn. Es iſt ſchoͤn und groß ge⸗ worden. Seine Reitze und ſeine Tugenden haben mein Herz der lieblichen Meta auf ewig gewon⸗ nen, ich habe ſie mir von meinem Vater zur Ge⸗ faͤhrtinn meines Lebens erbeten. Hier, Herr Major, den letzten Brief von Metas ungluͤck⸗ lichen Mutter, der uns die noͤthigen Aufſchluͤſſe gegeben hat.“ Der Major nahm den Brief und ging an das Fenſter. Dem harten eiſernen Mann traten waͤhrend des Leſens die Thraͤnen in die Augen, er zitterte, daß das Blatt ihm in der Hand flog. Er gab mir den Brief, als er ihn ausgeleſen hatte, zuruͤck, und ſagte mit weggewandtem Geſicht:„kein boͤſes Wort hat ſie mir geſagt, und ich lebe noch! und ſie iſt todt! ſie iſt vor Kummer, vor Jammer nnd in Schande geſtor⸗ ben, und ich lebe noch!“ Er ſtellte ſich in das Fenſter, das Herz brach 378 ihm entzwei, er fing zu weinen an, wie ieern Mar Kind. mich Ich ſchauderte ſtill in einander. aber Das war das Gericht Gottes, vor dem das halte Innerſte des Suͤnders erbebte. als Nach einer langen Pauſe begann ich wieder: Ihn „Herr Major, Sie wiſſen die Abſicht meines ſoll Hierſeins; Sie ſind mir noch Antwort auf meine Geſe Frage wegen Ort und Stunde ſchuldig. mmoͤg „Ich ſchieße mich nicht,“ ſagte er kurz vor moͤg ſich hin, mir den Ruͤcken zugekehrt. Er wendete. ſich raſch gegen mich, und trat mir einige Maj Schritte naͤher.„Wiſſen Sie noch, Herr Graf⸗ Herr weswegen wir uns ſchießen wollten? weil ſie nenn ſagten, ich waͤre ein Unmenſch. Herr! Mord⸗ Got ſchockdonnerwetter, das waͤre ich, wenn ich gem mich mit Ihnen ſchoͤße. Ohne Sie waͤre mein kum Kind verhungert. Sie ſagen, es iſt groß und Gra ſchoͤn geworden. Sie ſagen, Sie wollen dem ein verachteten Kinde ohne Namen und Stand, chen ohne Vermoͤgen, ohne Vater, Ihre Hand ge. Wei ben. Sie— der reichſte angeſehenſte junge der e ein das eder: eines neine vor ndete inige Braf, Il ſie vord⸗ ich mein und dem and, ge⸗ unge 379 Mann in Ihrem Lande. Herr, ſchießen Sie mich vor den Kopf, ich mag nicht mehr leben; aber zum Duell bringen Sie mich nicht. Ich halte auf meine Ehre, Gott ſtraf mich, mehr als auf mein Leben. Aber ich ſchieße mich mit Ihnen nicht. Ich will mein Kind adoptiren. Es ſoll den Namen meiner Vaͤter fuͤhren. Mein Geſchlecht iſt ſo alt, als das Ihrige. Mein Ver⸗ moͤgen— ich habe nicht viel, aber mein Ver⸗ moͤgen gehoͤrt ihr.“ „Ihr Vermoͤgen behalten Sie,“ fiel ich dem Major ins Wort,„aber durch die Adoption, Herr Major, koͤnnen Sie mich und Meta un⸗ nennbar gluͤcklich machen.“„Gluͤcklich! lieber Gott! ich habe noch keinen Menſchen gluͤcklich gemacht. In vier Wochen ſollen Sie das Do⸗ kument in Haͤnden haben, kommen Sie, Herr Graf— Herr Schwiegerſohn, laſſen Sie uns ein Glas Wein trinken, rothen? weißen? rau⸗ chen Sie Taback? Johann, Martin, Chriſtine! Wein! Glaͤſer! Iſt mir doch, als haͤtte mir der Herr⸗Gokt eine Abſolution von allen meinen Suͤnden gegeben, ſeit Sie mir geſagt haben, daß ich etwas fuͤr mein Kind thun kann. Die Mutter ſchreibt, ſie ſoll mich nicht ſehen. Herr Graf, das iſt ein hart Wort. Das iſt fuͤr den Ring! Aber tauſend Donnerwetter ſollen mich durch den Erboden durch und durch ſchlagen, wenn ich mit dem Ring nicht ſelbſt angefuͤhrt worden bin; ich habe dreißig Piſtolen dafuͤr ge⸗ geben. Herr, wenn das nicht wahr iſt, will ich zehen Jahre krumm ſitzen. Aber Sie hat es ge⸗ ſchrieben. Es iſt ihr letzter Wille, und ich will ihn in Ehren halten. Ich komme nicht auf Eure Hochzeit. Aber meldet mir den Tag; ich will ein Soldatenmaͤdchen ausſtatten! mein ganzes Grenadier⸗Bataillon ſoll einen Feſttag ha⸗ ben!“ Der Wein kam. Er ſchenkte ein.„Meta, meine Tochter“ rief er laut,„ſoll leben, und der Herr Graf, ihr Gatte, daneben.“ Er trank meinem Vater! ich hob hierauf das Glas.„Dem Andenken an Metas Mutter! 381 durch das, was Sie an Meta thun wollen, ver⸗ ſoͤhnen Sie der Mutter Geiſt.“ Er ſtuͤrzte das Glas hinunter!„O“ rief er, wenn Julchen noch lebte! ich bin leichtſinnig ge⸗ weſen; aber ſchlecht, nein, ſchlecht hol mich der Teufel nicht. Wie ich aͤlter geworden bin, habe ich es tauſendmal bereut, und oft mir Muͤhe gegeben, Julchen ausfindig zu machen; aber ſie war von der Welt wie verſchwunden. Auf ihrem Grabhuͤgel— Mordkreuzſapperment— da ſteht vielleicht nicht ein hoͤlzernes Kreuz. Herr, einen Leichenſtein will ich drauf legen laſſen, mit gold⸗ nen Buchſtaben und mit meinem Wappen, und Kanonen und Fahnen drunter, daß jedermann ſehe, daß da unten ein ehrliches Soldatenweib liege, und die Inſchrift ſoll darauf: hier ruht die Frau Majorin Freiin von Eiſenpflug. Friede ſey mit ihrer Aſche.“ „Friede ſey mit ihrer Aſche,“ ſagte ich lang⸗ ſam; und freute mich uͤber des Majors originel⸗ les Streben, das Boͤſe ſeiner Jugend, nach ſeis nen Kraͤften, wieder gut zu machen. 23. Die Heimfahrt. Der Major hielt Wort. In vier Wochen hatte ich die Adoptionsurkunde fuͤr Meta, von des Majors Souverain unterzeichnet, und mit dem Staatsſiegel bekraͤftiget. Das wichtige Dokument blieb keine vierund⸗ zwanzig Stunden in meinen Haͤnden; ich ſandte es mit Eſtaffette an meinen Vater, erzaͤhlte ihm den ganzen Zuſammenhang der Sache und bat jetzt wiederholentlich um ſeine Einwilligung zu meiner Verbindung mit Meta. Seine Einwen⸗ dungen gegen Meta Semler fielen gegen die Baroneſſe Meta von Eiſenpflug weg. Er hatte nun keine gegruͤndete Urſache mehr, nein zu ſagen. Mit klopfendem Herzen zaͤhlte ich die Stun⸗ den, die mein Brief brauchte, hinzukommen; mit Todtenangſt berechnete ich den Augenblick, wo ich die Antwort haben konnte. Endlich kam ſie, ich eroͤffnete ſie mit zittern⸗ der Hand. ochen „von d mit rund⸗ andte e ihm d bat ig zu nwen⸗ n die hatte n zu Stun⸗ men; blick, tern⸗ 383 „Dein Brief,“ ſchrieb mir mein Vater, „hat mich uͤberraſcht, meine Antwort ſage ich Dir darauf muͤndlich; denn wenn Du Deine Geſchaͤfte dort abgemacht haſt, die Dich noch ohngefaͤhr fuͤnf Monathe aufhalten werden, erwarte ich Dich wieder bei uns. Meta weiß, wie Du es wuͤnſcheſt, von ihrer Standeserho⸗ hung nichts. Du ſollſt ihr dieſe Freude ſelbſt machen. Ehe Du aber kommſt, muß ich Dich mit Dingen bekannt machen, uͤber die ich mich mit Dir nicht muͤndlich unterhalten kann, weil ſie zu denen gehoͤren, die nur einer ſchriftlichen Auseinanderſetzung faͤhig ſind. „Du haſt ſchon lange genug gelebt, um das menſchliche Herz mit ſeinen Schwaͤchen und Fehlern hinreichend kennen zu lernen; ich darf Dich alſo ein Paar Menſchen kennen lehren, die auf Deine Liebe und Achtung Anſpruͤche haben, und dieſe Anſpruͤche zu behalten wuͤnſchen, unge⸗ achtet ſie Dir beide vielleicht in einem Lichte erſcheinen werden, das zuweilen in einem dun⸗ keln Schatten ſteht. „Du haſt bisher in dem Wahne geſtanden, Deine Mutter fruͤh verlohren zu haben; bei der Abgeſchiedenheit, in der Du lebteſt, und bei der Zuverlaͤſſigkeit der Bewohner unſers Hauſes, war es mir leicht, Dich in dieſem Wahne zu erhalten. Du wurdeſt in Petersburg gebohren als ich am daſigen Hofe im Dienſt meines Va⸗ terlandes ſtand. Deine Mutter war vierzehn Jahre alt, als ich ſie heirathete, ich hatte ſie von Deutſchland mit nach Petersburg gefuͤhrt, und lebte an ihrer Seite die gluͤcklichſten Tage, die mir die Reinheit ihres ſchoͤnen Herzens, ihr gebildeter Verſtand, und die reitzende Bluͤthe ihrer Jugend immer mehr und mehr verſuͤßten. „Kurz nach Deiner Geburt rief mich unſer Monarch ab, und ſandte mich in den entgegen geſetzten Theil von Europa. Deine Mutter war noch zu ſchwach, mich zu begleiten. Sie blieb daher vor der Hand noch in Petersburg. Mein Bruder folgte mir im dortigen Dienſt; ich glaubte von Zeit zu Zeit bald wieder nach Pe⸗ tersburg zuruͤckzukehren, darum ließ ich Deine Mutte die zaͤ So v Brude meine „8 Ton d Koſakt war v len vo das 2 Meine ohne! Verbr Ich h digte! tes El ſten 2 Ich b Leben nem K debrien anden, bei der nd bei auſes, hne zu vohren 6 Va⸗ erzehn ete ſie fuͤhrt, Tage, s, ihr Bluͤthe iten. unſer tgegen r war blieb Mein ; ich ch Pe⸗ Deine 585 Mutter nicht nachkommen; ich erhielt monatlich die zaͤrtlichſten Briefe von ihr, und war ruhig. So verſtrich ein Jahr, als ich von meinem Bruder einen Brief erhielt, der mein Gluͤck, meine Ruhe, mein ganzes Leben zertruͤmmerte. „Nach ſeiner Anſicht war meine Gattin vom Ton des Tages hingeriſſen worden; ein junger Koſakkenoffizier hatte um ihre Liebe gebuhlt, und war von ihr erhoͤrt worden. Fuͤnfhundert Mei⸗ len von ihr entfernt, zerriß dieſer unſelige Brief das Band, das die zarteſte Liebe geknuͤpft hatte. Meine gluͤhende Eiferſucht ſprach das Urtheil ohne Unterſuchung. Toͤdtlicher Haß gegen die Verbrecherinn fuͤllte mein gemartertes Herz. Ich hatte keinen Rathgeber, als meine belei⸗ digte Liebe, keinen Freund, als mein beſchimpf⸗ tes Ehrgefuͤhl. Ich ſchrieb Eliſen den wuͤthend⸗ ſten Brief; ſie antwortete keine Sylbe darauf. Ich betrieb mit einer Eile, als ſtaͤnde mein Leben auf jeder Minute Verzoͤgerung, bei mei⸗ nem Hof, die Scheidung, ſandte ihe den Schei⸗ debrief, mit einem Schreiben begleitet, in dem B b 386 ich die ganze Bitterkeit meines giftigen Haſſes ausgoß, und forderte Dich zuruͤck. Sie lieferte Dich an den Onkel, meinen Bruder, aus, und ſchrieb mir kein Wort. „Spaͤter erſt erfuhr ich, daß ſie geſchrieben, daß aber mein Bruder dieſen Brieſ zuruͤck behal⸗ ten hatte. Dieſe Kataſtrophe wandelte mich zu einem andern Menſchen um. Ich verfluchte das weibliche Geſchlecht; ich ſchwor mich der Welt ab. Ich nahm meinen Abſchied, zog mich auf meine Guͤter zuruͤck, und lebte einzig und allein Deiner Erziehung. Dieſe war darauf berechnet, Dich vom zweiten Geſchlecht immer entfernt zu halten. „Deine Mutter blieb in Petersburg. Ein Jahr nach dieſem Auftritte bat ſie ihre Mutter — Du kennſt ihren Sohn, den Kanonikus von Lingen,— um die Erlaubniß, den Koſakkenhet⸗ mann Orwanuwoff, der mein Erdengluͤck zertre⸗ ten hatte, heirathen zu duͤrfen. „Die wuͤrdige Mutter gab ihre Einwilligung lediglich unter der Bedingung, daß ſie die Toͤch⸗ ter die waͤren damit Grund erfahre niß na damalt ziehn, die He ſie Di „N. zur gri in den mit di mehrer mußte Schwe Lingen 387 Haſſes ter dieſer Ehe ihr, ſobald ſie drei Jahre alt jeferte waͤren, uͤberlaſſen und nie wieder ſehen muͤſſe, „ und damit ſie nicht von der Hetmann in ihren freien Grundſaͤtzen erzogen wuͤrden. Mein Bruder, der rieben, erfahren hatte, daß Eliſe die muͤtterliche Erlaub⸗ 6 behal⸗ niß nachgeſucht hatte, und deſſen Plan es ſchon lich zu damals war, Dich fuͤr den Dienſt ſelbſt zu er⸗ te das ziehn, vermochte die alte Frau von Lingen, daß Welt die Hetmann Petersburg verlaſſen mußte, damit ch auf ſie Dich, wenn Du ſpaͤter hinkaͤmſt, nie ſehe, allein und daß, wenn ein Zufall Dich je mit ihr zuſam⸗ echnet, men fuͤhre, ſie geloben ſolle, ſich Dir nie als atfernt Mutter zu erkennen zu geben. „Sie verſprach beides. Ein„Nach den Geſetzen des Landes, ging ſie Nutter zur griechiſchen Kirche uͤber und feierte am Ural, s von in den weitlaͤuftigen Beſitzungen des Hetmanns, kenhet⸗ mit dieſem ihre Verbindung. Dort lebte ſie zertre⸗ mehrere Jahre. Ihrem Angeloͤbniß zu Folge mußte ſie ihr einziges Kind dieſer Ehe, Deine ligung Schweſter Betty, ihrer Mutter, der Frau von Toͤch⸗ Lingen, uͤberliefern. Der Hetmann blieb in B b 2 388 einem Gefechte gegen die unruhigen Grenznach⸗ baren der dortigen Gegend, die Kirgiſen, und Deine Mutter zog ſich nun in die bekannte Herrnhuter Colonie, Sarepta, zuruͤck. „Durch eine ſonderbare Fuͤgung des Ge⸗ ſchicks lernteſt Du Deinen Onkel, den Kano⸗ nikus von Lingen, und Deine Schweſter Betty auf Deiner Reiſe nach Hamburg kennen. Der Kanonikus, ſobald er Deinen Namen von Dir erfuhr, war beſonnen genug, ihn gegen Betty zu verheimlichen, weil er von ihrer Jugendlich⸗ keit befuͤrchten mußte, daß ſie Dir ihr Verhaͤlt⸗ niß zu Dir nicht verſchweigen wuͤrde. Erſt in Hamburg theilte ihr ihre Tante das Weſentliche davon mit, daher Bettys Billet an Dich. „Herrn Overlin, einen alten Freund unſers Hauſes bat ich, Dich in Hamburg zu beobachten. Er hat meine Bitte redlich erfuͤllt. „Die nn ſche Geſandtin in Petersburg war eine Jugendfreundinn Deiner Mutter. Sie hatte ihr Deine Ankunft gemeldet. Drei Jahre lang hatte Deine Mutter ihrem Herzen Gewalt angen von ſcheir ſie do kam nach trieb an Sie folger Lied, Dein Von entbe Brud ich ih Dein dadu kannt ligen entſp verm znach⸗ a, und kannte s Ge⸗ Kano⸗ Betty . Der on Dir Betty endlich⸗ erhaͤlt⸗ Erſt in entliche unſers achten. rg war Sie Jahre Gewalt angethan, Dich nicht zu ſehen; endlich als ſie von der Geſandtinn hoͤrte, Du wuͤrdeſt wahr⸗ ſcheinlich nicht lange mehr dort bleiben, konnte ſie das Mutterherz nicht laͤnger gewaͤltigen. Sie kam mit dem Permier, den gleiche Sehnſucht nach ſeinem Kinde in das St. Catharinenſtift trieb; dort fand ſie Dich. Sie erkannte Dich an der Staatsuniform unſrer Geſandtſchaft. Sie beſtuͤrmte nun die Geſandtinn, Dich den folgenden Tag mit ihr zuſammen zu bitten. Das Lied, das Anna Iwanowna dort ſang, galt Deiner Mutter eben ſo ſehr, als dem Permier. Von jenem Augenblick an genoß ſie die lang entbehrte Freude, Dich taͤglich zu ſehen. Mein Bruder mißbrauchte die vaͤterliche Gewalt, die ich ihm uͤber Dich anvertraut hatte; er eroͤffnete Deine Briefe, und da er Deinen Plan mit Meta dadurch erfuhr, und unſere Familienverhaͤltniſſe kannte, die eine Verbindung mit der nach dama⸗ ligen Vorausſetzungen aus buͤrgerlicher Abkunft entſproſſenen Meta nicht zulaͤſſig machten; ſo vermogte er den Herrn Overlin, um der Ruhe 590 unſers Hauſes willen, Meta mit nach Amerika zu nehmen. Zugleich ſchrieb er einen ſehr hefti⸗ gen Brief an die Graͤfinn Orwanuwoff, erinnerte ſie an das ihrer Mutter gegebene Verſprechen, und beſtimmte ſie, augenblicklich Petersburg zu verlaſſen. Unterdeſſen traf Dein Rapell dort ein. Sie wollte auf ihre Guͤter gehen, blieb aber nach einem ſpaͤter gefaßten Plan in Moskau. Betty war von den Verhaͤltniſſen ihrer Mut⸗ ter durch mehrere umſtaͤndliche Briefe genau unterrichtet. Sie kam mit ihrem wackern Mann, den ſie vor kurzem geheirathet hatte, zu mir, in der Abſicht, mich mit Deiner Mutter aus⸗ zuſoͤhnen. „Die Schilderung der vieljaͤhrigen Leiden, denen Deine Mutter faſt erlegen war, griff in mein Herz. Betty theilte mir die Briefe mit, die ſie von ihr erhalten hatte, ſeit Du in Peters⸗ burg warſt. Sie betheuerte bei Gott und ſeinem Sohne, daß ihr Verhaͤltniß zu dem Grafen Or⸗ wanuwoff durchaus nicht ſtrafbar geweſen ſey, daß mein Brief ſie bei ihrer Schuldloſigkeit ſo lmerika r hefti⸗ innerte rechen, durg zu ort ein. b aber au. rMut⸗ genau Mann, u mir, r aus⸗ Leiden, griff in fe mit, Peters⸗ ſeinem en Or⸗ en ſey, gkeit ſo 391 erbittert habe, daß ſie mir anfangs nicht habe antworten koͤnnen, und daß meines Bruders Benehmen durchaus darauf raffinirt geweſen, ihre Liebe zu mir zu ertoͤdten. Sie habe endlich bei ruhigerm Blute ſich gegen mich gerechtfertigt, aber, als ſie dieſen Brief an mich habe abgehen laſſen wollen, ſei ihr Todesurtheil, der Schei⸗ debrief, eingetroffen. „Ich draͤnge die Geſchichte ihrer Verhaͤltniſſe zuſammen, darum verſchiebe ich die Erzaͤhlung der boͤſen Tage, welche die Verzweifelung ihr bereitete, bis zu Deiner Herkunft auf, wo Dir Betty ein Mehreres daruͤber mittheilen wird. Der Hetmann war ein edler Menſch. Er erfuhr, daß Eliſe um ſeinetwillen Ehre, Gatten und Vaterland verloren habe. Er bot ihr ſeine Hand und ſein Vermoͤgen als Erſatz an.“ „Jetzt, da der Tod ihr den redlichen Ge⸗ faͤhrten ihres gekraͤnkten Lebens entriſſen und die Theilnahme der Geſandtinn Dich ihr wieder gegenuͤber gefuͤhret hatte, wachte die Sehnſucht zu ihren Kindern und der Wunſch wieder auf⸗ in der Mitte der Ihrigen zu leben, und mich von ihrer voͤlligen Unſchuld zu uͤberzeugen. Sie hatte Betty zu ihrer Fuͤrſprecherinn gemacht. Du fandeſt die Vermittlerinn zu meinen Fuͤßen. „Wo alte unverloſchene Liebe die Richterinn iſt, und die Beredſamkeit einer Betty die Sache vertheidigt, und der Urtheilsſpruch in dem Au⸗ genblick, wo nach faſt vierjaͤhriger Abweſenheit der einzige Sohn in das Vaterhaus tritt, da iſt das Erkenntniß bald zu berechnen. Ich ſollte verzeihen; das ſanfte Weib erklaͤrte ſich ſtrafbar, daß ſie waͤhrend meiner Abweſenheit den Schein nicht gemieden, und durch ihre Unbefangenheit zu den ihrer und meiner Ehre nachtheiligen Ge⸗ ruͤchten Veranlaſſung gegeben hatte. Mir machte ſie keinen Vorwurf. Kein Tadel iſt aus ihrem frommen Herzen gekommen; es iſt immer noch das engelreine, offene Weſen, das es war, als ſie vor dem Altar ihre Hand in die meinige legte.. „Ich habe mich fuͤr den Schuldigen erkannt. War ihr leichter Sinn ein Fehler, ſo war meine mich Sie nacht. ßen. terinn Sache n Au⸗ enheit da iſt ſollte afbar, Schein enheit n Ge⸗ nachte ihrem noch „als einige kannt. meine Uebereilung, mein Zweifel in ihre Rechtlichkeit und Treue, meine blinde Folge gegen die Rath⸗ ſchlaͤge meines Bruders, der von jeher ein alter Weiberhaſſer war, ein Verbrechen. Ich war der ſchuldige Theil. Ich habe ihr dieß Geſtaͤnd⸗ niß gemacht, und ich wiederhole Dir es, mein Sohn, um Dir eine Genugthuung zu geben fuͤr die Einbuße der zarten Mutterpflege, um die mein Jaͤhzorn Deine Kindheit, Deine Jugend gebracht hat. „Deine Großmutter, eine alte deutſche Frau von ſtrenger Sitte und aͤchtem frommen Sinn, hat lange mit Eliſen gezuͤrnt. Auch dieſe hat ihr jetzt verziehn; ich mußte den Beichtvater unſrer Monarchinn, auf den die Großmutter, wie auf feſten Grund, baut, erſuchen, ſie ausfuͤhrlich zu uͤberzeugen, daß die Griechen auch Chriſten ſind; denn der Uebertritt ihrer Tochter zur grie⸗ chiſchen Kirche hatte ſie vorzuͤglich geſchmerzt. Seitdem dieſer ihr aber das Beiſpiel aller der deutſchen Prinzeſſinnen aufgeſtellt hatte, welche mit ruſſiſchen Großfuͤrſten verbunden worden und zuvor auch das griechiſche Glaubensbekennt⸗ niß ablegen mußten, ſeitdem hat ſie Eliſen ver⸗ ziehn, und ſie des Geluͤbdes entbunden, ihre Tochter nicht wieder zu ſehen. Betty erbt die Guͤter ihres Vaters und iſt dadurch unſtreitig die reichſte Frau in unſerm Lande. „Sieh, mein Sohn, ſo hat ſich alles um uns in kurzer Zeit umgeſtaltet. Wir haben, ich bekenne es demuͤthig vor Gott, meinem Richter, wir haben Alle gefehlt. Ich und die Großmutter und mein Bruder am meiſten. Die Gerechtigkeit der Vorſehung hat uns auch am meiſten dafuͤr geſtraft. Mein Bruder wird durch ſeinen uner⸗ klaͤrlichen Weiberhaß nie frohen Sinnes werden. Seine Kaltherzigkeit druͤckt ihn tiefer herab, als den Baugefangenen ſein Eiſen; und ich und die Großmutter haben ein Vierteljahrhundert unſers Lebens verlohren; denn jeder Tag ohne Eliſe iſt mir und ihrer Mutter ein unerſetzlicher Verluſt geweſen. Die Natur hat endlich geſiegt, und Betty, das holde Weib, hat dieſen ſchoͤnen kennt⸗ ver⸗ ihre öt die reitig s um 1, ich ichter, nutter tigkeit dafuͤr uner⸗ erden. „als n die inſers liſe iſt eerluſt „ und hoͤnen 395 Sieg uͤber uns errungen. Gottes Segen dafuͤr ihr und ihrem Manne! „Ich wollte Dir meine Antwort uͤber Meta erſt hier geben, wenn Du wieder kaͤmſt. Allein warum ſollte ich Dich in Ungewißheit laſſen uͤber das wichtigſte Deines Lebens! „Meta ſei Dein. Ich lerne ſie taͤglich naͤher kennen. Overlins guͤnſtiges Urtheil beſtaͤtigt ſich immer mehr und mehr. Die Phantaſie kann kein vollendeteres Weſen ſchaffen. Sie iſt ſo ſchoͤn, als ſie gut iſt; ihre ſanfte Weiblichkeit, die Feſtigkeit ihres Charakters, ihr frommes, reines Herz, ihr ſeltenes Talent, die hohe Ausbildung ihres Verſtandes, ihr zartes Anſchmiegen an alles, was zu uns gehoͤrt, ihre Demuth und ihr Stolz, und ihre grenzenloſe Liebe zu Dir, geben ihr die heiligſten Anſpruͤche auf Dein Herz, und ſichern Dir Dein kuͤnftiges Gluͤck. Unſer ganzes Haus und meine ſaͤmmtlichen Untertha⸗ nen ehren ſie mit hingebender Achtung als ihre kuͤnftige Gebieterinn; ich ſegne ſie als meine Tochter, ſie ſoll mit ihrer immer ſich gleich blei⸗ 395 benden ſtillen Heiterkeit den Ton des friedlichen Hauſes meiner Vaͤter in ſeiner gluͤcklichen Stim⸗ mung erhalten, und ihre Hand, die Dich durch das Leben geleitet, ſoll mir die Augen zudruͤcken, wenn meine letzte Stunde ſchlaͤgt. „Komm bald, mein Guſtav, und bleibe dann bei uns. Ich hatte Dich fruͤher nie eigentlich fuͤr den Dienſt des Landes beſtimmt; aber ich war uͤberzeugt, daß ein junger Mann in die Welt muß, wenn er dem menſchlichen Leben und Treiben nicht fuͤr immer fremd bleiben ſoll. Jetzt aber wuͤnſche ich, daß Du wieder zuruͤckkehreſt. Nach meinem Tode halte es nach Deinem Ge⸗ fallen. Aber ſo lange ich lebe, bleibe bei mir. Meine Unterthanen rechnen auf Dich; die Be⸗ foͤrderung ihres Wohls wird Deine Tage mit lohnenden Geſchaͤften fuͤllen, und die freundli⸗ chen Abende ſollen uns im engen kleinen Kreiſe zuſammen finden, ſo lange wir leben. „In fuͤnf Monaten ſehe ich Dich wieder, um mich nie mehr von Dir zu trennen. Am lichen Stim⸗ durch icken, dann atlich r ich die und Jetzt hreſt. Ge⸗ mir. Be⸗ mit ndli⸗ reiſe jeder, Am 401 gefreſſen, nicht getrunken. Ruhen Herr aus, morgen friſch aufſtehen, nicht muͤde hinkommen, luſtig muͤſſen ſeyn bei Braut, nicht ſchlaͤfrig. Betten hier gut ſeyn, Waſil im Wagen ſchlafen.“ Am Ende hatte der Junge recht. Ich war von der langen anhaltenden Reiſe ſo erſchoͤpft, daß ich, wenn ich ſo in die Mitte der Meinigen trat, die Freude des Wiederſehens nur im hal⸗ ben Traume genoſſen haͤtte. Ich legte mich zu Bette und ſchlief wie ein Todter. 24. Der Weihnachtsabend. Als ich erwachte, ſtand mein ehrlicher Hans vor dem Bette. Ich haͤtte ihn in der geſchmack⸗ vollen Livree, in der er prangte, faſt nicht wie⸗ der erkannt. Er praͤſentirte ſich mir als meinen nunmehrigen Leibkutſcher, und uͤberreichte mir Briefe von Meta und Betty. Meta ſchrieb mir nur wenige Zeilen.„Will⸗ kommen, mein geliebter Guſtav, in unſrer Naͤhe. Ich wollte Dir entgegen. Aber Betty, die das Köpfchen von lauter Anſtalten ſo voll hat, daß ſie mein Herz faſt daruͤber vergißt, konnte mich nicht begleiten, und allein, meinte der Vater, ſchicke es ſich nicht. Millionen Kinder freuen ſich des heutigen Abends; aber auf dem ganzen Erdenrunde, wie im Himmel ſelbſt, iſt kein gluͤcklicheres Weſen, als heute Deine Meta.“ Betty hatte einen foͤrmlichen Tagesbefehl aufgeſetzt. Ihr Plan war es geweſen, daß ich in d. Hans hmack⸗ öt wie⸗ meinen te mir „Will⸗ unſrer Betty, o voll ergißt, meinte Uionen aber immel ite ta.“ befehl ich in 4⁰3 Seus erſt voͤllig mich von der Reiſe erholen ſollte; der Wirth hatte die Pferde, die geſtern ſchon eingetroffen waren, verſteckt, und vor⸗ geben muͤſſen, mich geſtern nicht fortbringen zu koͤnnen. Waſil hatte ihn unterſtuͤtzen muͤſſen; ich dankte ihrer Vorſorge, denn der Schlaf hatte mich geſtaͤrkt, ich war wie neu gebohren. Wir fuhren mit viermal untergelegten Pfer⸗ den, aber Hans ließ ſich die Ehre ſeines Amtes nicht nehmen; er fuͤhrte den ſechsſpaͤnnigen Poſt⸗ zug bis in das freundliche Doͤrfchen meiner Heimath. Es war ein koͤſtlicher Wintertag; die Luft rein und heiter; der Weg feſt und eben, ich flog mehr, als ich fuhr. Als wir die Grenze der vaͤterlichen Guͤter er⸗ reichten, daͤmmerte ſchon der ſtille Weihnachts⸗ Abend herauf; hoch uͤber dem Thurme des Schloſſes blinkte am dunkeln Himmel der Stern der Liebe. Saͤmmtliche Foͤrſter meines Vaters empfin⸗ Cc 2. gen mich am Grenzſtein unſerer Beſitzungen zu Pferde, und ritten, die blanken Buͤchſen quer uͤber den Sattel gelegt, im flinken Trabe voran. Den raſchen Zug fuͤhrten mehrere Reitknechte mit brennenden Pechfackeln. In unſerm Doͤrf⸗ chen, das Hans mit dem gellenden Knall ſeiner muntern Peitſche ſtattlich begruͤßte, waren alle die kleinen Wohnungen der gluͤcklichen Einwoh⸗ ner feſtlich beleuchtet. Die jungen Bauernburſche ſchoſſen in den Gaͤrten, und ein freundliches Halloh erſcholl vor allen Thuͤren. Das Schloß war herrlich illuminirt, und als mein Wagen uͤber die helle Bruͤcke raſſelte, ſchlug der Donner von Kanonen und Böoͤllern an die klirrenden Fen⸗ ſter des Schloſſes. Meta, der Vater, Betty, ihr Gatte, Muͤller und alle die guten Menſchen dieſes Hauſes em⸗ pfingen mich mit offenen Armen. Meta war in dieſem kurzen Zeitraum noch um vieles ſchoͤner geworden, ſie war gerundeter, voller, die ſuͤße Liebe laͤchelte im ſanften Feuer ihres Auges, Geſundheit und Friſche roͤtheten ihre Wange, n zu quer ran. echte doͤrf⸗ einer alle voh⸗ rſche iches hloß agen und die Kuͤße ihrer Purpurlippen hoben mich in die Sphaͤren der Seraphs. „Vorwaͤrts, vorwaͤrts,“ rief Betty ſcher⸗ zend,„in das warme Stuͤbchen zum Vater.“ Und als wir uns ein wenig von der Freude des Willkommens erholt hatten, und ich Betty fuͤr die feſtlichen Anſtalten meines Empfangs zu meinem Director du spectacle ernannte, ent⸗ gegnete ſie lachend:„o, das iſt erſt der Anfang, mein Freund; das Beſte kommt noch. Heute iſt Weihnachten. Wir haben Dir eine allerliebſte Beſcherung zugedacht, Bruͤderchen, aber wie man die Kinder einſperrt, und ſie nicht eher aus der gluͤcklichen Gefangenſchaft laͤßt, als bis alles aufgeputzt iſt, und die Tannenbaͤume an⸗ gezuͤndet ſind, ſo mußt Du mir anch verſpre⸗ chen, hier aus dem Cabinet nicht eher heraus zu kommen, als bis Du gerufen wirſt. Deine Koffer ſind hierher geſchafft, wir haben eine kleine Geſellſchaft dieſen Abend. Mach Dich ein Bis⸗ chen elegant, es ſind lauter honorige Leutchen.“ Betty hatte immer dergleichen Poſſen im Koͤpfchen; ich wollte proteſtiren, mich ſchon wie⸗ der von Meta ſcheiden zu ſollen, und Bettys Geſellſchaft war auch wahrſcheinlich eine kleine Windbeutelei; denn ſo lange ich unſer Schloß kannte, hatte ich noch keine Geſellſchaft in dem⸗ ſelben geſehen; aber Meta, die noch nie ein un⸗ wahres Wort geſprochen hatte, beſtaͤtigte Bet⸗ tys Behauptung mit der ſchmeichelnden Bitte, ihr diesmal blindlings zu folgen. Es entfernte ſich alſo alles, und Waſil, der ſich ſeit geſtern nun einmal in die Dienſte meiner kleinen Fee ver⸗ kauft hatte, brachte die gute Staatsuniform. Nach einer Stunde kam mein Vater, in ei⸗ nem reich geſtickten, ſehr geſchmackvollen Kleide, und geſchmuͤckt mit allen ſeinen Orden. Daß dieſer zu Bettys Komodie mit gehoͤrte, hatte ich nicht berechnet. Ich wollte ihm etwas im Scherz daruͤber ſagen, aber das Feſtliche ſeines Anſtan⸗ des, der heitere Ernſt, der in ſeinem Geſichte laͤchelte, und eine gewiſſe Befangenheit, die ihm auf der Bruſt zu liegen ſchien, verſchloſſen mir den Mund. 40 Er umarmte mich ſchweigend, und fuͤhrte mich, als meine Toilette fertig war, in unſern ſogenannten Ahnenſaal. Ich trat in einen großen eleganten Kreis von Herren und Damen, die mir mein Vater als unſere Grenznachbaren und als Befreundete aus der umliegenden Gegend vorſtellte.„Ich wollte Dich, mein Sohn,“ ſagte mein Vater, und ſammelte einen kleinen Zirkel der Intereſ⸗ ſantern um uns,„ ich wollte Dich bei Deiner Ruͤckkunft gleich in die Mitte derer fuͤhren, von denen Du mit Deinen kuͤnftigen Beſitzungen um⸗ ſchloſſen leben wirſt. Ich habe in meiner Zu⸗ ruͤckgezogenheit von der Welt, deren Urſache meinen Freunden und lieben Nachbaren bekannt iſt, ihre Liebe zum Frieden ſchaͤtzen gelernt; denn in der langen Zeit meines Beſitzes iſt unter uns allen kein Streit, keine Irrung vorgefallen. Meine Tochter Betty hat mich in die Welt wie⸗ der zuruͤckgefuͤhrt, ich habe die perſoͤnlichen Ver⸗ haͤltniſſe der achtbaren Familien unſrer Gegend wieder angeknuͤpft, und ich bitte Sie alle, mei⸗ 4⁰⁸ nem Sohn ihr Wohlwollen zu ſchenken. Der ehrliche Martin Luther zaͤhlte die guten Nach⸗ barn unter die hoͤchſten Guͤter des Lebens. Alſo — gute Nachbarſchaft, meine Herren.“ Er reichte beide Haͤnde traulich in den Kreis, und die Umſtehenden ergriffen ſie, druͤckten ſie herzlich und hießen mich in ihrer Mitte willkommen. Die Thuͤren des Saals flogen auf, und an der Spitze mehrerer jungen Maͤdchen, der Toͤch⸗ ter der hier verſammelten Familien, trat Meta herein; der Schmuck meiner Mutter zierte das engelſchoͤne Maͤdchen, das im weißen Gewande erſchien; an ihrer jungfraͤulichen Bruſt ſtrahlte eine Sonne von blitzenden Juwelen, und durch ihr Ringelhaar flocht ſich ein bluͤhender Myr⸗ thenkranz. Mein Vater faßte ſie bei der Hand, und fuͤhrte ſie mit den Worten:„Dein Weihnachts⸗ geſchenk, mein Sohn,“ in meine Arme. Aller Umſtehenden Blicke huldigten der Wun⸗ derlieblichen. Ich war uͤberraſcht, das Maͤdchen meines Herzens im braͤutlichen Schmucke zu ſe⸗ — R⸗ 409 hen, ich druͤckte ihre Hand in hoͤchſter Entzuͤk⸗ kung an meine Bruſt, wir umſchloſſen den Va⸗ ter, er wollte ſprechen, aber der Paukenwirbel vom Orcheſter, und das Schmettern der Trom⸗ peten, und das Rauſchen der vollen Muſik uͤber⸗ toͤnte die ſtillen Laute unſrer zitternden Lippen, und es flogen wieder die Thuͤren auf, und ge⸗ fuͤhrt von Betty, und der alten wuͤrdigen Frau von Lingen, und im Gefolge des Kanonikus, ſeiner Frau und des Rittmeiſters, trat meine Mutter, die Graͤfinn von Orwanuwoff, in den Saal. Alle verbeugten ſich tief; ihre hohe edle Figur, das flimmernde Blitzen ihres Juwelen⸗ Diadems in ihrem dunkeln Haare, der Glanz ihres mit Diamanten reich geſtickten Gewandes, und der Feuerblick ihres Auges, imponirte den ganzen Kreis— die ſchoͤne Frau ſtand mit dem Stolze einer Kaiſerinn in unſrer Mitte. Mit einem lauten Freudenſchrei ſtuͤrzte ich ihr entgegen. Meta und ich ſanken zu ihren Fuͤßen nieder, die Muſik verhallte leiſe im wei⸗ 410 ten Saale, aller Augen gingen uͤber und mein Vater umſchlang die in ſuͤſſe Wonne verſunkene Gruppe. „Meine Kinder, meine Freunde,“ hob er endlich an,„es ſind heute fuͤnfundzwanzig Jahre, daß meine Gattinn hier in dieſem naͤmli⸗ chen Saale, in dieſer naͤmlichen Stunde, mir ihre Hand gab. Viele aus dieſem achtbaren Kreiſe waren damals Zeugen unſerer hier ge⸗ feierten Verbindung. Euch, meine Kinder, iſt durch Betty, und Ihnen, meine Freunde, durch die geſchichtliche Auseinanderſetzung, die ich Ihnen heute Mittag vorzutragen die Ehre hatte, bekannt geworden, welch ein ungluͤckliches Mißverſtaͤndniß dieſes heilige Band aufgeloͤſet hatte. Die Vergangenheit, in der Eliſa ihren vielleicht etwas zu weit getriebenen Stolz, ſich nicht rechtfertigen zu wollen, weil ſie ſchuldlos war, und ich meinen Mangel an Vertrauen in ihre Tugend, meine Uebereilung, meinen blin⸗ den Jaͤhzorn, abgebuͤßt haben, liegt hinter uns. Ich darf es geſtehen, ich habe dieſes Viertel⸗ — — jahrt verle fuͤr nam der And nun in die knů Vel Ver ben lieb nic ſeit un die lig er he — 411 jahrhuudert meines Lebens unwiederbringlich verlohren. Meiner Eliſa ſchenkte die Vorſehung fuͤr den Verluſt eines Mannes, der ſie mit namenloſer Liebe umfaßt hatte, einen Gatten, der ihrer Treue, ihrer Tugend werth war. Das Andenken an den edlen Hetmann Grafen Orwa⸗ nuwoff wird uns um ſo werther ſeyn, als Gott in ſeiner Tochter uns den Engel weckte, der die zerriſſenen Faͤden des Gewebes wieder an⸗ knuͤpfte, das ungluͤckliche Mißverſtaͤndniß unſrer Verhaͤltniſſe aufklaͤrte, und uns die gegenſeitige Verzeihung und Vergeſſenheit des Vergangenen bewirkte. Zwei Menſchen, die ſich einander ſo liebten, als ich und Eliſa, konnten ſich zu lieben nicht aufhoͤren. Die Ueberzeugung unſrer gegen⸗ ſeitigen Schuldloſigkeit, und das Geſtaͤndniß unſrer Mißgriffe, zerſprengten die Riegel, welche die Zeit zwiſchen uns geſchoben hatte. Im hei⸗ ligen Genuß der Mutterfreuden entſproß der erſte Keim zu dem ſeligen Augenblicke, der uns heute zuſammenfuͤhrt. Eliſa hatte ihren Sohn geſehen! ſie fand in ſeinen Zuͤgen ſich ſelbſi wie⸗ der, das Mutterherz ſchlug lauter, und willig reichte ſie die Hand zur Verſoͤhnung. Wir fei⸗ ern heute unſre ſilberne Hochzeit, die wuͤrdige Mutter meiner Eliſa hat unſern Bund von neuem geſegnet, und ich habe Sie, meine Freunde und Freundinnen, gebeten, nun Zeu⸗ gen unſrer ehelichen Wiederverbindung zu ſeyn. Aber noch ein Paar fuͤhren die gluͤcklichen Eltern zum Traualtar; unſern Sohn Guſtav und Meta, Freiin von Eiſenpflug. Die Fuͤgung Gottes iſt in der Verbindung dieſer beiden Lie⸗ benden ſo ſichtbar, daß unſer Haus, und Alle, die es wohl mit uns meinen, dieſes holde reine Maͤdchen fuͤr ein Geſchenk des Himmels anneh⸗ men.— So ſegne denn Gott unſern Doppel⸗ bund, und ſchenke uns froͤhliche Tage, damit wir das Leben genießen, und uns mit unſern Kindern und Freunden und Nachbarn noch lange der Guͤte des Allmaͤchtigen erfreuen.“ Jetzt ſtellte ſich der Oberhofprediger, der vor fuͤnfundzwanzig Jahren meine Eltern ge⸗ traut, und den mein Vater aus der Reſidenz V V willig r fei⸗ irdige von meine 413 ſich erbeten hatte, oben im Saal unter das Bild unſers Stammvaters, und hielt eine einfache ruͤhrende Traurede; ein frommes Lied beſchloß die Ceremonie.— Wer vermochte mein Gluͤck zu faſſen! mein herrlicher Vater froh und heiter— die ange⸗ betete Graͤfinn Orwanuwoff meine Mutter! ſtatt am Ural, hier an meiner Seite! meine himmli⸗ ſche Meta, meine himmliſche Meta mein! Mir ſchwindelten die Sinne, die Freude machte mich trunken. Aber Betty, dieſe Meiſterinn in der Kunſt, Menſchen gluͤcklich zu machen, ließ mich nicht zur ruhigen Beſinnung kommen, denn der anſtoßende Saal wurde geoͤffnet, und unter lautem Jubel ſchwaͤrmte die Geſellſchaft hinein, um die Beſcherung in Augenſchein zu nehmen, die Betty uns allen hier bereitet hatte. Keins aus der Geſellſchaft ging leer aus. Auf dem Platze eines jeden brannte ein praͤchtiger Tan⸗ nenbaum; das Flackern von mehrern t’ nd Wachsſtockenden, der Jubel der Beſchert die bunten Ouodlibets von kleinen und grof zerr⸗ —— 414 lichkeiten und die luſtige Muſik des Orcheſters — es war ein ſo froͤhlicher Laͤrm, daß keines ſein eigenes Wort hoͤren konnte. Meta und mir hatte Betty mit der verſchwenderiſchen Pracht einer aſiatiſchen Fuͤrſtin beſchert; unſere Ge⸗ ſchenke nahmen die Haͤlfte des ganzen großen Saales ein, und mitten darunter hing mein al⸗ ter lieber Rock mit den Folioknoͤpfen und dem Roſafutter; ſie hatte ihn zufaͤllig bei einer her⸗ umziehenden Schauſpielergeſellſchaft gefunden, wo er, wie ſie meinte, in der Komoödie aus dem Stegreif ſeine Rolle ganz vortrefflich exekutirt habe:„es mußte uns heute,“ ſagte ſie, „nichts fehlen, was zu uns gehoͤrte, und dar⸗ um war mir der Rock, auf den der Schauſpie⸗ ler große Stuͤcke zu halten ſchien, um keinen Preis zu theuer. Sie nahm mich und Meta hier⸗ auf, und fuͤhrte mich in aller Geſchwindigkeit durch die Zimmer des Schloſſes, die fuͤr uns bereitet waren; das Hauptgebaͤude, in dem die Eltern wohnten, war ganz unveraͤndert geblie⸗ ben; alles noch die alten Mobilien; ſo hatte un⸗ a hier⸗ digkeit uͤr uns dem die geblie⸗ atte un⸗ ſere Mutter es ſich ausdruͤcklich erbeten; allein den rechten Fluͤgel, in dem Betty mit ihrem Manne wohnte, und den linken, der zu unſerer Reſidenz beſtimmt war, hatte ſie ſo umgeſtaltet, daß ich ſelbſt faſt ganz fremd darinnen war. Auch in die Brautkammer ließ mich Betty einen Blick werfen, aber Meta erroͤthete und zog laͤchelnd die Thuͤre des himmliſchen Heiligthums zu. Es ward zur Tafel geblaſen, wir mußten fort, zuruͤck in die Geſellſchaft. Ein großer feſt⸗ licher Ball beſchloß das Ganze; aber ich und Meta fragten erſt den folgenden Morgen, wie lange er gedauert hatte. —— Der liebenswuͤrdige junge Graf hatte die Erzaͤhlung ſeiner Ausflucht in die Welt fruͤher ſchriftlich aufgeſetzt, er fand ſie neulich unter ſeinen Papieren; wir laſen ſie im kleinen Zirkel dieſer ſeltenen Familie, und er erlaubte ſie mir zur weitern Mittheilung. Hat ſie das Gluͤck ge⸗ habt, meinen Leſern zu gefallen, und haben dieſe 416 den Grafen und Meta und Betty und die Eltern lieb gewonnen, ſo ſoll es mich freuen; denn dieſe herzlichen Menſchen ſind es werth, von allen, die ſie kennen, geſchaͤtzt und geliebt zu werden. Es iſt unter uns ein altes Herkommen, daß wir zum Weihnachtsabend alle beiſammen ſind, wo ſich die originelle Betty die Freude nicht neh⸗ men laͤßt, uns Allen zu beſcheren. Eben ſteige ich in den Wagen, um den froͤhlichen Abend dort zu genießen. Noch lebt alles dort gluͤcklich und freudig bei einander, aber unſer Weihnachts⸗ abend iſt jetzt noch lauter als ſonſt, denn Bet⸗ tys und Metas muntere Jungen und bluͤhende Maͤdchen helfen redlich uns tollen. H. Clauren. N ͤböooöooͤoͤoͤo 1 7