1 — K+. -—.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und frauzöfiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfaugnahms und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückg eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 gf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für öchentlich 2 Bücher: 4 Büc Bücher: auf 1 Monat 2M——. 1 Mi. 5 55 3 2 3— 2 Mk.— Pf. n⸗ und Zurückſendung nen Koſten und C hr ſelbſt zu ſorgen. 5. Zehadene rate. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defüste Bücher(nament bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— It das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder def Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Aſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſ ſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmeriſam gemacht, daß das Veiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zuͦ ſtehen haber. 2 Meine Ausflucht in die Welt. Eine Erzaͤhlung 11 * 4 von 8 1 H. Clauren. 3* 5 Erſtes Baͤndchen. Dresden 1817 bei Paul Gottlob Hilſcher Den Liebenswuͤrdigſten meiner Leſerinnen gewidmet. 4 — Meine Ausflucht in die Welt. 1. Das Vaterhaus. In ſtiller Abgezogenheit lebte mein Vater auf ſeinen Guͤtern. Er machte von ſeinem großen Vermoͤgen keinen Gebrauch. Wir ſa⸗ hen nie fremde Geſellſchaft bei uns. Unſere einzigen Beſuche waren die des Predigers und der Paͤchter meines Vaters. Dieſe wur⸗ den nur an hohen Feſttagen geladen und dann ſtanden ſie immer wie Thraͤnenweiden, vorn uͤbergebuͤckt und ſchweigend. Mein * Vater war ein Feind aller Neuerungen. Wir ſaßen noch auf den Stuͤhlen, mit de⸗ nen meine ſelige Großmutter vor 30 Jahren ihr Zimmer geſchmuͤckt, und unſere Paͤchter noch auf den Kontrakten, die mein Großva⸗ ter mit ihren Vaͤtern und Großvaͤtern ge⸗ hloſſen hatte. Ich war das einzige Kind. Um meine Unſchuld zu bewahren, war kein einziges Frauenzimmer in unſerm ganzen großen Schloße. Selbſt in unſern thieriſchen Um⸗ gebungen war das weibliche Geſchlecht aus meiner Naͤhe verbannt. Es wieherten lauter Haͤngſte in den Staͤllen, es krehten lauter Haͤhne auf den Stiegen, die Melkerei war auf ein entferntes Vorwerk verlegt und die Waͤſche des ganzen Hauſes ward von der Pfarrerinn, einer alten Matrone, dergeſtalt beſorgt, daß ein Bedienter ihr woͤchentlich unſere ſaͤmmtliche Waͤſche brachte, und ſie von ihr wieder abholte. Wir aſſen Mittags und Abends nur eine Schuͤſſel, aber jeden Tiſchgenoß erhielt taͤglich eine Flaſche alter R heinwein; ich jedes Mal nur ein Glas Erzieher war mein Vater ſelbſt, Lehrer hatt ich in jeder Wiſſenſchaft faſt einen beſondern und Maitres in jedem Fache den Vorzuͤglich⸗ ſten. An unſerm Tiſche ſpeisten 20 Profeſ⸗ ſoren und Lehrer, lauter Maͤnner, die, von ——— 9 meiner fruͤheſten Kindheit an, in unſerm Hauſe angeſtellt waren und deren einzige Beſchaͤftigung war, mich zu unterrichten. Unſere Unterhaltungen, unſere Tiſchgeſpraͤche waren ungebunden; nur einen einzigen Punkt durften ſie nicht beruͤhren,— die Maͤdchen. Alle unſere Bedienten hatten die gemeſſenſte Ordre, in meiner Gegenwart des zweiten Geſchlechts nie zu erwaͤhnen; nur die ge⸗ ringſte zweideutige Aeußerung dieſer Art haͤtte jeden ohne Unterſchied augenblicklich aus dem Hauſe entfernt. Nomane und dramatiſche Werke kamen nie uͤber die Schwellen unſeres Schloſſes; die Biebel und die alten Dichter las ich nur in geſchriebenen Auszuͤgen. Die Kirche war der einzige Ort, wo ich weibliche Weſen ſah; aber auch da wendeten mir Evens Doͤchter den Ruͤcken zu, denn unſer mit Gitterwerk dicht verſchloſſener Sitz war unter der Orgel. Mein Stundenplan war darauf angelegt, meinen Geiſt tagtaͤglich von fruͤh 5 Uhr bis Abends 9 Uhr immer und 10 ewig zu beſchaͤftigen, und die Erholungs⸗ ſtunden fuͤllten Reiten, Fechten, Schwimmen, Ballwerfen, Klettern, Voltigiren, Billard⸗ ſpielen, Kegelſchieben und Tanzen. Ich hatte einen kleinen botaniſchen Garten, den ich ſelbſt bearbeiten mußte, und meine einzige Gemuͤthszerſtreuung war die Muſik. Alle Sonmeage hatten wir ein großes Konzert. Alle Bewohner unſeres Hauſes, bis auf den Kuͤchen⸗ und Stalljungen, waren muſikaliſch. Mein Vater dirigirte ſelbſt ſeine kleine Ka⸗ pelle. Auf Muſikalien, Buͤcher und Zeich⸗ nungen verwendete er jaͤhrlich Tauſende, und ich, ich ſollte ihm all die großen Summen, die ich ihm gekoſtet hatte, nun lohnen. Ich war nun 20 Jahre alt und mein Vater hatte mir nie ein boͤſes Wort geſagt. Es hatte ihm Freude gemacht, ſeine Plaͤne ſo an mir gelingen zu ſehen. Mein kloͤſterliches Leben hatte mir gefallen, weil ich kein beſſeres kannte. Die zarte Liebe, mit der mein Va⸗ ter mich umfaßte, hatte mir wohlgethan. .——* ———— ke 11 Ich hatte kein Geheimniß vor ihm, weil ich kein Geheimniß hatte; er war mein erſter Freund, die heiligſte Perſon in meiner klei⸗ nen Welt. Von der großen hatte mein Va⸗ ter noch ſelten mit mir geſprochen; und kam zufaͤllig die Rede auf dieſen Gegenſtand: ſo zog ein bitterer Krampf ſeine Lippen zuſam⸗ men, er brach ſchnell ab, oder— was der ſanfte Mann ſonſt nie that,— er machte ſich die Bruſt durch einen boͤſen Fluch auf die ganze Welt leicht. Kein Wunder, daß ich mich nach der Welt nicht ſehnte. Mir fehlte im Kreiſe meines Thuns und Treibens gar nichts. Meine einzigen Wuͤnſche be⸗ ſchraͤnkten ſich, beſonders jetzt, nun ich aͤlter wurde, und den Werth des Wiſſens kennen lernte, einzig und allein auf Wiſſenſchaften und Kuͤnſte. Ich lernte Tage lang mit mir ſchmollen, wenn ich nicht ſo gut zeichnete, wie mein Profeſſor Binadelli, oder wenn die ſchweren Paſſagen auf meiner Floͤte mir nicht ſo gluͤckten, wie meinem Lehrer Nado⸗ b 12 lini; wir hatten jetzt ein Zeitungskollegium eroͤffnet, welchem die Profeſſoren der Ge⸗ ſchichte, der Statiſtik, der Politik, der Geo⸗ graphie und der Kriegskunſt praͤſidirten; wir laſen engliſche, franzoͤſiſche, italieniſche und deutſche Zeitungen. Blieb mir nur ein Wort aus, ſo konnte ich es mir nicht vergeben, und je mehr ich mich aͤrgerte, deſto mehr zo⸗ gen ſcherzend meine Lehrer uͤber mich her, weil ich in fruͤherer Zeit, noch als Kind, behauptet hatte, es waͤre nicht ſchwer, alles zu wiſſen. Seit meiner fruͤhern Kindheit an, ſchlief ich mit meinem Vater in Einem Zimmer. Vor dem Schlafengehen und gleich nach dem Aufſtehen brachten wir dem hoͤchſten Weſen, vor einem Altar knieend, unſer kurzes, lau⸗ tes, aber herzliches Gebet. Der Altar war immer mit friſchen Blumen geſchmuͤckt; Win⸗ ter und Sommer durften dieſe nicht aus⸗ gehen. Mein Vater hatte einen ſehr eingeſchraͤnk⸗ ———*— „o 82 α—2 ,· 13 ten Briefwechſel. Sein einziger Korreſpon⸗ dent war mein Onkel, der Geſandte am ruſ⸗ ſiſchen Hofe, von dem er jaͤhrlich einmal Briefe erhielt und ihm eben ſo oft antwor⸗ tete. Eines Morgens bekam er von dieſem eine lange Epiſtel. Den ganzen Tag uͤber war mein Vater ſehr ernſt und ſtill. Er be⸗ obachtete mich oft ſchweigend und druͤckte mich nach dem Abendgebet mit ſtummer Wehmuth an ſein Herz. Erſt am Morgen des dritten Tages brach er ſein Schweigen.„Ich habe,“ hob er mit beklommener Bruſt an, und hieß mich neben ſich ſetzen,„ich habe mit Dir ein ern⸗ ſtes Wort zu reden, mein Sohn. Das vaͤ⸗ terliche Haus iſt fuͤr einen jungen Mann Deines Standes und Deiner Kenntniſſe kein bleibender Wirkungskreis. Der Vogel fliegt⸗ wenn ihm die Fluͤgel gewachſen, aus dem Neſte, das junge Thier verlaͤßt, wenn es laufen und ſich naͤhren kann, ſeine Mutter. 14 Das liegt in der Natur und dieſer muß der Menſch folgen. Du ſollſt in die Welt. Allein Du ſollteſt nicht eher, als bis Du feſten Schrittes gehen, als bis Du Dich mit dem, was Du hier gelernt haſt, ernaͤh⸗ ren koͤnnteſt, als bis Dir die Fluͤgel gewach⸗ ſen waͤren, um Dich hinauf zu ſchwingen zu den Sonnenhoͤhen des wirklichen Verdien⸗ ſtes, und Dich durch Deine Tugenden oben zu erhalten. Du warſt ein guter Sohn, werde jetzt ein guter Menſch. Das Vater⸗ herz bricht mir, wenn ich mein Haus ohne Dich denke. Du machteſt mir 20 Jahre lang dieſes Haus zu einem freundlichen Wohnplatz und jetzt wird es mir recht ein⸗ ſam ſein. Aber fuͤr Dich iſt mir nicht bange. Du findeſt im Hauſe meines Bruders faſt alles ſo, wie Du es bei mir verlaͤſſeſt, und die falſchen Freuden der Welt werden fuͤr Dich keine Reize haben, da Du die wahren haſt kennen gelernt. Ein reines Herz be⸗ wacht ſich beſſer allein⸗ als es zehen ſoge⸗ — — 15 nannte Fuͤhrer im Stande ſind, darum gebe ich Dir keinen mit. Du haſt einen Freund bei Dir, einen ſtrengen aber wahrhaftigen Freund, Dein Gewiſſen; dieſem folge uͤber⸗ all. Weiter gebe ich Dir keine Lehre mit, denn wer ſeinen Kindern erſt dann die Mo⸗ eral predigen will, wenn ſie das elterliche Haus verlaſſen, der kommt mir vor, wie einer, der dann erſt einpackt, wenn der Rei⸗ gewagen ſchon vor der Thuͤre ſteht. Ge⸗ woͤhnlich wird dann das beſte vergeſſen.— „Aber uͤber eins, mein Sohn, uͤber eins nuß ich mit Dir ſprechen, woruͤber ich noch nie mit Dir geſprochen habe. Ich meine,“ — er zog meine Hand an ſein bewegtes Herz und ſchlug die Augen nieder— ich meine das weibliche Geſchlecht. Waͤren die Frauen und NRaͤdchen das, was ſie ſein ſollten; ſo waͤren ſie die Engel unſers Er⸗ denlebens. Schon Moſes raͤumte ihnen die⸗ ſen Vorzug ein. Nach ſeinen ſchoͤnen Dich⸗ tung ſchuf Gott das Edlere von Stufe zu 16 Stufe; den Menſchen zuletzt, und die Krone ſeiner Schoͤpfung, der Beſchluß dieſes un⸗ endlichen Schoͤnen, war das Weib. Aber der Menſch iſt von Jahrtauſenden zu Jahr⸗ tauſenden geſunken, und das Weib iſt noch raſcheren Schrittes im Fallen vorangeeilt. Die ſchoͤne Huͤlle iſt ihm geblieben, aber der innere Werth iſt verloren gegangen. Nur in. der dunkelſten Vorzeit der Voͤlkergeſchichte galt der Kranz der Jungfraͤulichkeit. Aber mit jedem Schritte, den die Kultur vorwaͤrts that, ging das Gluͤck der Keuſchheit immer mehr und mehr verloren. Ich habe in dei⸗ ner Erziehung den Verſuch gewagt, die doͤchſtmoͤglichſte Kultur des Geiſtes mit der hoͤchſtmoͤglichſten Reinheit des Herzens zu vereinbaren. Bis jetzt, ich darf Dir es ins Geſicht ſagen, iſt es mir gegluͤckt. Du biſt ein gebildeter und keuſcher Mann geworden. Wenn ich mir ein Volk, ein ganzes Volk denke, das ſo ogen waͤre, wenn ich mir den ganzen Er all von ſolch einem Volke * be⸗ bewo dies. durch habe, eines Wort walt ſo vie Fraue Rechte ſcher? ſegen V ich me ſen To Krone 8 un⸗ Aber Jahr⸗ noch geeilt. er der eur in hichte Aber waͤrts mmer dei⸗ die t der 8 zu ins biſt rden. Volk mir Volke be⸗ 17 bewohnt denke, ſo waͤre die Welt ein Para⸗ dies. Laß nun das, was ich ſeit 20 Jahren durch phyſiſche und geiſtige Bildung gebaut habe, nicht durch den verfuͤhreriſchen Blick eines Maͤdchens, nicht durch das freundliche Wort eines Weibes, nicht durch die Allge⸗ walt der weiblichen Reize niederreißen. Meide, ſo viel als thunlich iſt, den Umgang mit Frauen und Maͤdchen, und— gieb mir die Rechte und ſchwoͤre es mir als ehrlicher deut⸗ ſcher Mann,— beruͤhre keine, bis der Prieſter⸗ ſegen Dir eine Gattinn in die Arme legt!!“ Von heiliger Schwaͤrmerei ergriffen, reichte ich meine Rechte, und leiſtete einen Eid, deſ⸗ ſen Tendenz ich nicht kannte. 2. Der Abſchied. Mein Vater ſchloß mich in ſeine Arme. Er fuͤhrte mich zum Altar unſeres Hauſes. Mein Vater weinte. Ich hatte nie Thraͤnen in ſei⸗ nen Augen geſehen. Seine weiche Stimmung riß mich mit ſich fort. Ich brach in ein langverhaltenes Schluchzen aus.„Denke an dieſe Stunde,“ rief mein Vater,„denke an dieſe Stunde, wenn dich die Reize eines Wei⸗ bes locken, und kehre ſo rein an Leib und Seele einſt wieder zuruͤck, als du jetzt an meiner Bruſt liegſt.“ Ich ſank auf die Kniee, mein Vater ſeegnete mich. Beim Mittagseſſen eroͤffnete mein Vater den ſaͤmmtlichen Lehrern und Maitres, daß ich heute noch nach Petersburg abreiſen werde, daß dieß die letzte Mahlzeit ſei, die ich in ihrem Kreiſe feiere: daß dieſer Kreis darum aber nicht aufgeloͤſ't ſein ſolle, ſondern jeder * von i bishen er nic Thaler an de Hauſe ben; ohne meines nung Euch! Vater fuͤllen Wein. All Lippen Guſtav 1 gilt me Gewiſſe 4 E derholte me. Er 6. Mein n in ſei⸗ timmung in ein denke an denke an es Wei⸗ Leib und jetzt an e Kniee, 1 Vater es, daß nwerde, eich in darum —n jeder 19 von ihnen bis an das Lebensende unter den bisherigen Bedingungen bleiben koͤnne, falls er nicht eine lebenslaͤngliche Penſion von 500 Thalern außer dem Hauſe vorziehe. Gewoͤhnt an den friedlichen Kreis unſers gluͤcklichen Hauſes, erklaͤrten ſie alle einmuͤthig, zu blei⸗ ben; kein Auge der wackern Maͤnner blieb ohne Thraͤnen. Die ſeltene Gutmuͤthigkeit meines edlen Vaters, die unerwartete Tren⸗ nung von mir, hatte ſie uͤberraſcht.„Macht Euch nicht weich, meine Herren,“ hob mein Vater an;„Einmal mußte Guſtav fort; fuͤllen Sie Ihre Glaͤſer mit altem deutſchen Wein. Mein Sohn Guſtay lebe!“ Alle ſtanden auf, tranken mit bebenden Lippen und naſſen Augen und riefen:„Unſer Guſtav lebe! „Fuͤllen Sie noch einmal die Glaͤſer, es gilt meinem Sohne. Er ehre Gott und ſein Gewiſſen!“— „Er ehre Gott und ſein Gewiſſen!“ wie⸗ derholten meine vaͤterlichen Freunde. B 2 ———— „Und“— jetzt kredenzten die Bedienten alten, uralten Johannisberger in gruͤnen Roͤ⸗ mern—„und er breche nie den Schwur, den er heute knieend zu Gott und ſeinem Vater als deutſcher Mann geſchworen!“ 9 breche nie den Schwur, den er knieend zu Gott und ſeinem Vater als deut⸗ ſcher un geſchworen!“ wiederholten die Maͤnner ierlich und tief verihee Ich ſant laut weinend an meines Vaters Bruſt und kuͤßte die Hand, die mich geleitet und geſeegnet hatte.— Mein Reiſewagen und mehrate andere zu meiner Begleitke raſſelten vor die Thuͤre. Sie fuhren ubg mein Herz; ich fuhlte jeden Radnagel in meiner zerriſſenen Bruſt. „Guſtav,“ ſagte mein Vater, und reichte mir einen gefuͤllten gruͤnen hrher in dem unſer Wappen eingeſchnitten war; dieß letzte Trunk, den Dir dein Wre in zuſen Hauſe reicht. Aus dieſem Glaſe trank ich den Abſchiedswein, als ich von dem Vater⸗ hauſe Roͤme wahre Glas; keit de dieſes die al Soͤhne welche Sohn! Jeder ſeinen Guſtav Ich ter, me dieſe S dre nnt Wir kor lich ern mich an ein, er r dienten den Roͤ⸗ Schwur, ſeinem 10 den er s deut⸗ en die Vaters geleitet dere zu Thuͤre. jeden reichte n dem iſt der ſeinem nk ich Vater⸗ 21 hauſe ging. Dein Aeltervater erhielt dieſen Roͤmer aus den Haͤnden ſeines Vaters. Be⸗ wahre dieſe Familienreliquie. Sie iſt von Glas; dieß erinnere dich an die Zerbrechlich⸗ keit deiner beſten Vorſaͤtze. Die gruͤne Farbe dieſes Bechers iſt die Farbe der Hoffnungen, die alle Vaͤter unſerer Familie von ihren Soͤhnen zu hegen berechtiget waren, und welche die Soͤhne erfuͤllten. Jetzt trinke, mein Sohn! die Wagen ſtehen vor der Thuͤre. Jeder von Ihnen, meine Herren, behalte ſeinen Bechef zum Andenken an meinen Guſtavb. Ich trank in drei Abſaͤtzen; meinem Va⸗ ter, meinen Leprern, und dem Andenken an dieſe Scheideſtuͤnde. Mein Vater fuhr nicht mit. Zweimal, dreimal ſanken wir einander in die Arme. Wir konnten nicht von einander laſſen. End⸗ lich ermannte ſich mein Vater. Er fuͤhrte mich an den Wagen, er hob mich ſelbſt hin⸗ ein, er rief:„mit Gott, mein einziger Sohn!“ und zum Schloßhof hinaus flog der Wagen. Ich bog mich hinaus, da ſtand mein Vater mit vorgeſtreckten, gefalteten Haͤnden, als ob er mich noch einmal erfaſſen, umfaſſen wollte. Ich warf den Kuß der kindlichen Liebe, der heißeſten Sehnſucht ihm zu; der Wagen bog um die Ecke,— und ich ſah meinen Vater nicht wieder. 6 Die Folgewagen ſollten mich, war die Abrede, bis zur Graͤnze unſerer Guͤter beglei⸗ ten; allein ich war kaum eine Stunde gefah⸗ ren, ſo war das ganze Gefolge, vermuthlich um mir die zweite Abſchiedsſcene zu erſparen, meinem Wagen. Mein Vate hatte mir kei⸗ verſchwunden, und ich ſaß 48 allein in nen Bedienten mitgegeben;„ das Har ſo ſeine Art, er hatte fuͤr alles geſorgt, ohne mir nur ein Wort vorher, davon zu ſagen. In der Seitentaſche des Wagens fand ich das Verzeichniß der mit eingepackten Sachen, nebſt Angabe des Orts, wo alles lige, die Angabe des baar mitgegebenen Geldes, und eine Haͤuf ſollte erſten lais dann nehm gehen mir, weiter N komm nie uͤl Welt fuͤhle, ſchreit S ten, ich ſti wenn ich m der ich Wagen. n Vater als ob mwollte. ebe, der gen bog n Vater var die beglei⸗ 2 gefah⸗ nuthlich rſparen, allein in mir kei⸗ war ſo ohne ſagen. und ich Sachen, ge, die 8, und 23 eine Brieftaſche mit Wechſeln auf verſchiedene Haͤuſer und die Reiſeroute, die ich nehmen ſollte; in letzterer war bemerkt, daß ich die erſten 20 Meilen mit vier untergelegten Re⸗ lais aus dem Stalle meines Vaters machen, dann bis Hamburg vier Pferde Extrapoſt nehmen und von da bis Petersburg zu Schiffe gehen ſollte. Auffallend war es mir, daß mir, außer den Kleidern, die ich anhatte, weitengar keine eingepackt waren. Nie aus den Graͤnzen unſerer Guͤter ge⸗ kommen, die Schwelle unſeres Schloſſes faſt nie uͤbertreten und nun mit einemmale in die Welt hinaus geworfen!— ich kann die Ge⸗ fuͤhle, die mein Herz beſtuͤrmten, nicht be⸗ ſchreiben. So lange die Relais meines Vaters dauer⸗ ten, ſo lange ging die Sache noch leidlich; ich ſtieg nur des Nachts aus dem Wagen, wenn mich niemand ſah. Allein jetzt fuhr ich mit dem letzten Relais. Jetzt ſollte ich— der ich bisher mit keinem fremden Menſchen 24 in der Welt geſprochen hatte— aus meinem Wagen heraus und mit Leuten reden. Eine fuͤrchterliche Parthie. Ich wußte, wie alt die Poſten waren, ich kannte die Geſchichte ihrer Entſtehung, ihre Rechte, ihre Verbindlichkei⸗ ten, als haͤtte ich bei dem Fuͤrſten von Thurn und Taxis in Dienſten geſtanden; aber ich wußte nicht, wie man es anfaſcge, Extra⸗ poſtpferde zu bekommen. Mein K Kutſcher wußte es auch nicht. Er war eben ſo blale, als ich.— So kamen wir in das Staͤdtchen, in dem ich, der Reiſeroute gemaͤß, die erſten Extra⸗ poſtpferde nehmen ſollte. Der Kutſcher hatte in ſeiner fruͤhſten Jugend als Stalljunge ein⸗ mal Getraide hi eher liefern muͤſſen. Seit der Zeit wußte er den Weg hierher, weiter aber wußte er nichts. Er fuhr mich gerade auf den Markt des Staͤdtchens, dort bliebelt wir ſtehen. Wir ſtanden keine drei Minuten, ſo war mein Wagen von Kindern beiderlei Ge⸗ ſchlechtes umringt, die ſich bald todt lachen woll ßung ausz lich zu u terde zum ehe auf war 2 ben alte dliche uͤber rer P S Menſe mit Meng⸗ wie it ſeine meinem Eine alt die te ihrer dlichkei⸗ Thurn ber ich Extra⸗ wußte , als in dem Extra⸗ hatte ke ein⸗ eit der aber de auf f wir n, ſo i Ge⸗ achen 2 — Er wollten. Das war alſo meine erſte Begruͤ⸗ ßung der Welt! Ich ſaß wie am Pranger; auszuſteigen, waͤre mir um keinen Preis moͤg⸗ lich geweſen. Ich machte meinen Wagen feſt zu und ließ nun draußen Gott walten. Un⸗ terdeſſen ſpannte mein Hans ab, reichte mir zum Aöſchied die Hand in den Wagen und ehe ich mich vom Schreck, nun ganz allein auf dieſer neuen Welt zu ſein, erholt hatte, war er ſchon uͤber alle Berge. Aus den ziemlich lauten Urtheilen der lie⸗ ben Jugend hoͤrte ich, daß ſie ſich uͤber die alte Form meines Wagens, uͤber die unmo⸗ dlſche Livrẽe meines ehrlichen Hans, und uͤber die Quaſten auf den Kopfgeſtellen unſe⸗ rer Pferde luſtig machten. So lange ich lebte, hatte noch kein Menſch daruͤber gelacht. Der Wagen war mit Sammt ausgeſchlagen; er hatte eine Menge Bequemlichkeiten und man ſaß darin wie in einer Wiege. Mein Großvater hatte ſeine Geſandſchaftsreiſen nach London und Liſſabon in dem Wagen gemacht. Damals hatte gewiß kein Menſch uͤber den Wagen gelacht. Waren denn die Meuſchen nicht eben ſo gut, als vor 60— 70 Jahren? Mein Wagen war noch eben ſo gut, wie da⸗ mals; ſollte denn ein Wagen die Menſchen beſchaͤmen? Und mein ehrlicher Hans! Lieber Gott, der war die Treue, die Beſcheidenheit, der Fleiß ſelbſt. Konnten denn alle dieſe Tugenden durch einen Schneider gehoben oder vernichtet werden? Seine Livrke war vom feinſten Tuche und mitt aͤchten Treſſen reich beſetzt. War dieſer gediegene Rock nicht ei⸗ nes ſo gediegenen Mannes werth, als mein guter Hans war? Er war der letzte, den ich aus dem Vaterhauſe ſah. Was hatte ich ihm nicht alles auftragen wollen! Aber der Unmuth hatte den ergrimmten Menſchen ſo aufgeregt, daß er ohns alle meine Auftraͤge forteilte, um nur dem ſebiha Heſtndel aus den Augen zu kommen. —— Damals Wagen n nicht ahren 9 wie da⸗ kenſchen Lieber denheit, e dieſe en oder r vom n reich icht ei⸗ s mein den ich tte ich der der hen ſo uftraͤge del aus 3. Die gefluͤchtete Apotheke. Ich ſaß immer noch auf dem Markte, und je laͤnger ich ſaß⸗ deſto mehr Menſchen ſam⸗ melten ſich um meinen Wagen. Kein Menſch konnte mich ſehen, ſo hatte ich alle Vorhaͤnge dicht zugezogen. Man glaubte allgemein, daß ich ſchlafe. Meine Situation war die pein⸗ lichſte. All' die Umſtehenden, die ich durch eine Glinſe meiner Vorhaͤnge der Reihe nach beaugapfelte, ſahen nicht aus, als koͤnnten ſie mir Poſtpferde ſchaffen. Endlich kam ein Mann an den Wagen, und huſtete, als ob er mir ein fernes Zeichen gaͤbe, mit mir ſprechen zu wollen. Der ward mein Erloͤſer. Ich raͤuſperte mich im Wagen, um ihm zu erkennen zu geben, daß ich nicht ſchlafe. Er trat ſogleich naͤher, luͤftere den Vorhang ein wenig und fragte, ob ich ſein Haus nicht mit meiner Gegenwart beehren wolle. 28 3 Eine ſolche Arligkeit hatte ich mir unter dem Poͤbel des Orts nicht moͤglich gedacht. Unſer Haus hatte noch nie ein Fremder mit ſeiner Gegenwart beehrt, und hier, ſteinfremd, oͤffnet ein Unbekannter das Heiligſte, was der Menſch hat, ſein Haus. Ich dankte ihm geruͤhrt und in den verbindlichſten Ausdruͤcken fuͤr ſeine Guͤte, druͤckte mir nur geſchwind den Wunſch vom rzen gp/ recht bald vier Poſtpferde nach Hamburg zu bekommen und aͤußerten jedoch auf eine moͤglichſt gemaͤßigte Weiſe, meinen Unwillen uͤber die zuſammen rottirte Umgebung, die mirnauch keinen Au⸗ genblick Ruhe gegoͤnnt haͤtte. „Die Pferde werde ich Ihnen gleich be⸗ ſorgen,“ antwortete der gaſtfreundliche Mann, und„Herr Bettelvoigt!“ rief er auf einen Invaliden,„ſchaffen Sie doch die Jungen hier weg, der Herr wird Ihnen auch ein Biergeld geben.“ Wie elektriſirt fuhr jetzt der alte Krieger unter die Jugend des Orts. Es begann eine komp dem vorn hinte Lerch haup mußt Tager gab t theilt die m war 7/ liche ausſte genief E und Jetzt war. berger nerun r unter gedacht. der mit ifremd, as der te ihm druͤcken chwind Id vier n und aͤßigte mmen n Au⸗ ch be⸗ Nann, einen ungen h ein rieger eine 29 komplette Mauſejagb. War der Alte hinter dem Wagen, ſo machten ihm die Jungen vorne Maͤtzchen, lief er vor, ſo retirirten ſie hinter; endlich ſchoß er im Amtseifer eine Lerche uͤber die Deichſel und die Jungen be⸗ haupte ten den Platz. Trotz meines Aergers mußte ich doch lachen. Es war ſeit vielen Tagen das erſte Mal, daß ich lachte. Ich ab dem Alten einen Harzer Gulden und ver⸗ theilte meine ſaͤmmtliche kleine Muͤnze unter die muntern Jungen, und der allgemeine Friede war von allen Seiten hergeſtellt. „Wollen Sie nicht,“ hob der Gaſtfreund⸗ liche an,„wenn Sie nun durchaus nicht ausſteigen, wenigſtens einige Erfriſchungen genießen?“ Er nannte mir ein Dutzend Sorten Weine, und fuͤgte bei jedem gleich den Preis hinzu. Jetzt erſt merkte ich, daß es ein Gaſtwirth war. Er hatte unter andern auch Johannis⸗ berger genannt. Eine ſchmerzlich frohe Erin⸗ nerung.„Iſt Ihr Johannisberger recht gut, aber recht gut und recht alt, ſo bringen Sie ihn!„ „O! mein Herr, das iſt ein Weinchen! lauter Juchten! ich ſage Ihnen, ob Sie in einen ruſſiſchen Juchtenwagen riechen, oder in meinen Johannisberger, das iſt ei ein Faͤrbchen, 5* Faͤrbchen!“ Er brachte einen elunrf Kraͤtzer, der einen Dukaten koſtete Das war der erſte Menſch der fremden Welt, den ich geſehen, geſprochen hatte!— Was hatte der Mann davon, mich zu betruͤ⸗ gen, mich, der ich ihm nie etwas zu leide gethan hatte? Ich gab ihm ſeinen Wein wie— der und ſeinen Dukaten und aͤrgerte mich uͤber meine Bloͤdigkeit, daß ich nicht das Herz hatte, ihm meine Meinung recht or⸗ dentlich zu ſagen. Ich konnte es abiß um ſo weniger, da er mir die Gefaͤlligkeit ge⸗ than und den Wagenmeiſter von der Poſt be⸗ ſtellt hatte. Das war ein vernuͤnftiger Mann. Er ſah meinen Wagen hinten und vorne an, er he wicht Pfert ſchaff mein nie a mußt Reiſe Poſtr faſt a davon muͤßt und ſpann zum meine pferſti Vierze gen, uͤber ſes. hoͤrnen en Sie inchen! Sie in oder in i, und 2 der emden te!— betruͤ⸗ 1 leide n wie⸗ mich t das ht or⸗ um it ge⸗ dſt be⸗ Nann. te an, 31 er hob die Achſe in die Hoͤhe, um ſein Ge⸗ wicht zu probiren, und erklaͤrte, daß unter 6 Pferden dieſer ſchwere Kaſten nicht fortge⸗ ſchafft werden koͤnne. Er hatte Recht, denn mein Großvater war in dieſem Wagen auch nie anders, als mit 6 Pferden gefahren, alſo mußte er auf 6 eingerichtet ſein. In meiner Reiſeroute ſtanden zwar viere, und in den Poſtreglements, die ich vomallen Staaten faſt auswendig wußte, ſtand ausdruͤcklich nichts davon, daß eine Perſon 6 Pferde nehmen muͤßte. Allein der Mann wollte nicht anders und ſo fuhr ich denn mit ſechſen lang ge⸗ ſpannt und mit zwei blaſenden Poſtillons zum Thor hinaus. Im Schatten konnte ich meinen Poſtzug ſehen. Ich habe einen Ku⸗ pferſtich von Verſailles unter Ludwig dem Vierzehnten. Da faͤhrt akkurat ſo ein Wa⸗ gen, wie der meinige war, mit 6 Pferden uͤber den großen Vorplatz des koͤnigl. Schloſ⸗ ſes. Das Schmettern der froͤhlichen Poſt⸗ hoͤrner ermuthigten mein Herz; ich zog meine Vorhaͤnge auf und beſchaute den Reſt des freundlichen Staͤdtchens. Alle Leute zogen die Huͤte; ich hatte rechts und links zu dan⸗ ken und konnte kaum fertig werden. Ein recht hoͤflicher Ort. Auf der Mitte der Station hielten die Poſtknechte, und ließen ſich fuͤr meine Rech⸗ nung zu eſſen geben. Dieſes gutmuͤthige Vertrauen fret mich Ich hatte noch in meinem Leben keinen Menſchen bewirthen koͤnnen, dies waren die erſten; ich ließ ihnen Wein geben; ich forderte Rheinwein und erſuchte ſie, meines Vaters Geſundheit zu trinken. Die wackern Burſche fanden ſich gleich willig dazu. Jeder trank auf das Wohl meines Vaters eine Bouteille; mir ſtanden vor Freuden die Thranen in den Augen. Der Wirth des Gaſthauſes erſuchte mich auch, auszuſteigen; allein dazu war ich nicht zu bewegen, denn ich gewahrte einige Frauen⸗ zimmer hinter den Fenſtern und vor dieſen hatte ich eine paniſche Furcht. Doch hatte — Dich ich ſch ich die zuzog, druͤckte zu en ſtete n viel lie zigen Menſch eine Li ten me Dingele Die gu mir fuͤr brachten tion; ie Inſtrukt Thaler ſo gut; ler und ſerechnu von Se eſt des zogen u dan⸗ Ein ten die Rech⸗ nuͤthige och in virthen ihnen n und heit zu en ſich Wohl kanden . Der auch, cht zu rauen⸗ dieſen hatte ich ich ſchon ſo viel uͤber mich gewonnen, daß ich die Vorhaͤnge meines Wagens nicht mehr zuzog, ſondern mich nur in den Winkel druͤckte, um ihren neugierigen Blicken mich zu entziehen. Die Poſtillonskollation ko⸗ ſtete mich mehrere Thaler; aber ich gab ſie viel lieber, als jenen Dukaten fuͤr den kraͤz⸗ zigen Johannisberger. Hatte ich doch zwei Menſchen froh gemacht und meinem Vater eine Libation gebracht. Die Poſtillons lob⸗ ten meinen Wagen; ſie meinten:„dat luͤdte Dingelchen fahre ſich wiereme Flaumenfeder.“ Die guten Jungens wöußten nicht, was ſie mir fuͤr eine Freude damit machten. Sie brachten mich froh und luſtig auf die Sta⸗ tion; ich hatte eigentlich in meiner Reiſe⸗ Inſtruktion die Ordre, jedem Poſtillion einen Thaler Biergeld zu geben, allein da ſie es ſo gut gemeint hatten, gab ich jedem 2 Tha⸗ ler und ſchrieb die Urſache mit in das Rei⸗ ſerechnungsbuch, um mich gegen ein Monitum von Seiten meines guten Vaters zu decken. C 33 34 Auf dieſer zweiten Station ging es beſſer. Es war ein, wenn ich nicht ixre, einzeln ſte⸗ hendes Haus auf der Luͤneburger Haide. Der Poſthalter erſuchte mich, auszuſteigen, und nannte mich Exzellens. Von da nann⸗ ten mich alle Poſtknechte bis Hamburg Ex⸗ zellenz. Ich hatte eine dunkele Erinnerung, irgendwo geleſen zu haben, daß das Vor recht, mit 6 Pferdensfahren zu duͤrfen, in manchen Laͤndern nur ein Vorrecht der Exzellenz ſei. Ich ennte mir daher den Irrthum des nicht das 5, ihm zu ſagen, daß ich keine Exzellenz ſei. Ueber 5 Wagen lachte kein Menſch, im Gegentkheil behandelte man mich mit einer Achtung, die an Unterthaͤnig⸗ keit graͤnzte. Mein Reiſevorrath war ausge⸗ gangen, ich hatte Hunger, die Frage, ob ich nicht ſo gnaͤdig ſeyn und etwas eſſen wollte, war mir daher ſehr willkommen. Ich ſtieg endlich aus. Als ich in das und halb erklaͤren, hatte aber Zimmer trat, ſaß die Tochter des Hauſes im Fenſt Maͤd hatte ſuchen Kopf ihres digte lione Reiſee trefflie hatte futtere ſters ihnen her!“ laßt i macher beſſer. zeln ſte⸗ Haide. uſteigen, a nann⸗ urg Ex⸗ nnerung, Vorrecht, manchen lenz ſei. um des tte aber ich keine n lachte elte man erthaͤnig⸗ r ausge⸗ „ob ich a wollte, in das auſes im 35 Fenſter; ich wollte ſchon zuruͤck, denn das Maͤochen ſchien nicht haͤßlich zu ſein, und ich hatte mir vorgenommen, die Gefahr nicht zu ſuchen. Allein da ſie einen verbundenen Kopf hatte, und der Vater die Verunſtaltung ihres Anzuges mit ihrem Zahnſchmerz entſchul⸗ digte, ſo trug ich dem einen meiner Poſtil⸗ lione auf, mir aus dem Wagen meine kleine Reiſeapotheke zu holen, in der ſich eine vor⸗ treffliche Zahntinktur befand. Der Menſch hatte ſich vergriffen und brachte mein Floͤten⸗ futteral. Die juͤngern Kinder des Poſtmei⸗ ſters quaͤlten mich mit ihren naiven Bitten, ihnen etwas vorzublaſen.„ Nachher, nach⸗ her!“ erwiederte ich ſie vertroͤſtend, jetzt laßt uns nur erſt Eure Schweſter geſund machen. Ich holte meine Zahntinktur, nahm einen neuen Zahnſtocher, wickelte ein wenig Baum⸗ wolle darum und troͤpfelte die Tinktur da⸗ rauf; aber ſelbſt uͤberbringen konnte ich dem Maͤdchen die Huͤlfe nicht; ich erſuchte ihren C 2 36 juͤngern Bruder darum. Ich ffuͤhlte, daß ich durch dieſen dummen Zug alle meine Men⸗ ſchenfreundlichkeit in Schatten ſtellte; aber ich konnte nicht. Ich hatte noch nie mit einem Frauenzimmer geſprochen. Das Maͤd⸗ chen blieb in der Entfernung, in die ich ſie durch dieſen Zug geſtellt hatte. Sie dankte mir fuͤr meine thaͤtige Theilnahme durch eine artige Verbeugung, die meine Wangen mit Karmin uͤbergoß. In wenig Minuten war ihr Schmerz geſtillt. Sie ſagte mir etwas, ich weiß aber nicht mehr was, denn ich war uͤber ihre Anrede ſo verwirrt, ſo in tauſend⸗ facher Angſt, daß ich meine Apotheke unter den Arm nahm und in den Wagen fluͤchtete. Meinen Flöͤtenkaſten hatte ich in der Angſt auf dem Tiſche ſtehen gelaſſen. 7 4— f In d Extra war, mit T Herr linken eine n Ausſte Gekreu Dreibl gen we˖ Nichte ſer Ka ſchwind ſaß alſ fuͤhlte Ich h Knieen. daß ich Men⸗ aber ie mit ich ſie dankte ch eine en mit n war etwas, ch war auſend⸗ unter ichtete. Angſt 4. Der Gekreuzigte. In dem Augenblicke kam eine vierſpaͤnnige Extrapoſt denſelben Weg, den ich gekommen war, angefahren; ihr folgte noch ein Wagen mit Domeſtiken. Aus der Equipage ſtieg ein Herr mit einem blitzenden Kreuz auf der linken Bruſt, und zwei junge Damen; die eine war, wie ich aus dem Geſpraͤch beim Ausſteigen abnehmen konnte, die Gattin des Gekreuzigten, die andere ſeine Nichte. Das Dreiblatt ſprach engliſch. Mein armer Wa⸗ gen war die Zielſcheibe ihres Witzes. Die Nichte nannte ihn den Kroͤnungswagen Kai⸗ ſer Karl des Vten. Ich konnte nicht ge⸗ ſchwind genug meine Vorhaͤnge zuziehen; ich ſaß alſo ihren Augen Preis gegeben. Ich fuͤhlte jeden ihrer Blicke, ohne ſie anzuſehen. Ich hatte meine Reiſeapotheke auf den Knieen. Die Glaͤſer darin klapperten an⸗ 38 einander, ſo zitterten meine Kniee vor Angſt. „Das iſt eine Karrikatur“ ſagte das Kreuz. 3 „Oder eine Poſſe“ entgegnete die Gat⸗ 2 tin. 8- „Der junge Menſch iſt nicht haͤßlich“ meinte die Nichte. Ein pgar rechte huͤh⸗ ſche Augen“ ſetzte ſie hinzu,„und ein aller⸗ liebſter Kopf; aber ein ganz vermaledeiter Anzug. Gott weiß, aus welchem Lande der mag her ſein.“ 2 Jetzt wandte ſich der Herr mit dem 3 Kreuze an den Poſthalter und erkundigte ſich leiſe in deutſcher Sprache, wer ich ſei. Der Mann, deſſen Tochter ich geſund gemacht hatte, der Zeuge meiner gegen die Poſtillions be⸗ wieſenen Freigebigkeit geweſen war, dem dieſe das Lob uͤber meine gaſifreundliche Be⸗ wirthung mitgebracht hatten, und der in den Blicken der drei Fremden die Spoͤttereien ge⸗ leſen hatte, die ihre Engliſchen Zungen uͤber mich ten, n Er mir w men n gute 5 reiſen, meinte ſpaͤnni alle B Reiſe Es pa, ar zuge v Der K gleiteri ſcheinli zog jetz Eit maͤdche mehrm daß ſi 2 vor das Gat⸗ zlich“ huͤh⸗ aller⸗ edeiter de der dem te ſich Der hatte, s be⸗ dem ſe Be⸗ n den en ge⸗ uͤber 39 mich und meinen Wagen ausgeſprochen hat⸗ ten, ward mein Advokat. Er erzaͤhlte den Fremden, was er von mir wußte, und ſie waren ſtille. Meinen Na⸗ men wußte er nicht, denn damals war noch gute Zeit, man konnte die halbe Welt durch⸗ reiſen, ohne einen Namen zu haben. Er meinte, ich ſei eine Exzellenz, ich ſei ſechs⸗ ſpaͤnnig gekommen, und daraus, daß ich ohne alle Bedienung reiſe, ſchlaß er, daß meine Reiſe ſehr geheime Zwecke haben muͤſſe. Es gab damals mebrere Hoͤle in Euro⸗ pa, an denen es Sitte war, in einem An⸗ zuge von faſt meinem Schnitte zu erſcheinen. Der Kreuzesmann aͤußerte gegen ſeine Be⸗ gleiterinnen die Vermuthung, daß ich wahr⸗ ſcheinlich zu einem dieſer Hoͤfe gehoͤre. Man zog jetzt ſtill ab und ging in das Poſthaus. Eine neu Verlegenheit. Das Zahnweh⸗ maͤdchen kam an den Wagen, dankte mir mehrmals fuͤr meine Dinktur, erzaͤhlte mir, daß ſie ſchon ſeit drei Wochen tagtaͤglich 40 Schmerzen gehabt und nichts geholfen habe, und daß ſie nun auch nicht das mindeſte mehr fuͤhle; zugleich meldete ſie mir, daß das Abendbrod fertig ſei und ich zu Tiſche kommen moͤchte. 4 Ich ſagte mit weggewandtem Geſicht, daß ich nun nicht eſen warde Das Maͤd⸗ chen ging; der Vater kam. Er bat wider⸗ holentlich, daß ich zum Eſſen kommen moͤgte; ich haͤtte ja vorhin uͤber Hunger geklagt; ſeine Frau nur habe a ftreiben koͤnnen. ch erklaͤrte ihm aber wied tholentlich, daß ich nicht kom⸗ men wuͤrde. „Machen ſie uns die Freube, Ew. Exzel⸗ lenz, und kommen Sie. Wir ſind Ihnen wegen unſers Kindes Dank ſchuldig. Meine Alte hat es wahrlich gut mit Ihnen gemeint. Es wird Ihnen ſchmecken. Thun Sie mei⸗ nem armen aber redlichen Hauſe die Ehre an. Sein Sie unſer Gaſt!. Mein Vater hatte der Beltz doch zuviel nbe das Beſte bereitet/ was ſie gethaꝛ Ich r Meile die m den d hier a funden licher der p Gaſte fluͤgelt Kleebl ſchon willkuͤl ich zog ſagte: habe, nindeſte daß Tiſche Beſicht, Maͤd⸗ wider⸗ moͤgte; eklagt; das ſie erklaͤrte t kom⸗ Exzel⸗ Ihnen Meine meint. 2 mei⸗ Ehre zuviel 41 gethan, wenn er ſo gewaltig auf ſie ſchimpfte. Ich war nun doch ſchon drei und zwanzig Meilen in der Welt herumgefahren und hatte, die muntere Jugend auf der erſten Station, den daſigen Wirth, und die drei Fremden hier ausgenommen, lauter gute Menſchen ge⸗ funden.— Was war das nicht fuͤr ein herr⸗ licher Zug von dem Poſthalter, mich nur um der paar Tropfen Tinktur willen gleich zu Gaſte zu bitten! Dieſe Gutmuͤthigkeit uͤber⸗ fluͤgelte meine Furcht vor dem engliſchen Kleeblatt auf einen Augenblick; ich ſetzte ſchon den Fuß aus dem Wagen, allein un⸗ willkuͤhrlich uͤberfiel mich ein leiſer Schauer; ich zog den Fuß ſchnell wieder zuruͤck und ſagte:„Lieber, guter Mann, ich bin nicht mehr hungrig. Ich danke. Ich kann nicht.“ „Ew. Exzellenz wollen nicht wegen— der Fremden? Die Exzellenz nickte ſtill mit dem Kopfe. Der Poſthalter ging; an ſeiner Stelle kam der Herr mit dem Kreuze. einer Ohnmacht nahe. „Der Poſthalter”“ begann 82 Fremde mit Anſtand und Artigkeit, hat mir und den Meinigen ziemlich deutlich zu verſtehen gege⸗ ben, daß er es gern ſaͤhe, wenn wir das Ich war . Zimmer raͤumten, um Ihnen Platz zu machen. Ich kann mir keine Urſache denken, warum Sie uns das Vergnuͤgen Ihrer Geſellſchaft nicht goͤnnen wollen, und komme daher in .*... meinem und der Meinigen Namen, Sie da⸗ rum ausdruͤcklich zu erſuchen.“ Wenn die Noth am groͤßten iſt, da iſt der liebe Gott immer am naͤchſten. Er hielt mir einen unſichtbaren Spiegel vor, ich guckte unſichtbar hinnein; nun kam ich mir, aber alles unſichtbar, recht albern vor. Die Leutchen hatten mir ja nichts gethan, ſondern ſich nur ein bischen uͤber meinen Rock mit den Folio⸗ knoͤpfen und dem blasroſa'nen Unterfutter aufgehalten, und uͤber meinen Wagen gelacht, der, ich konnte es nicht leugnen, nicht ſo ge⸗ ſchma⸗ equipa zu ſer Profeſ guten mir j mit ke ſein, davor Al vor m meine mir do die Be recht folgte . Jch tr das 31 liſch. Ich mich n h war Fremde nd den gege⸗ r das nachen. warum llſchaft her in hie da⸗ da iſt r hielt guckte er alles eutchen ch nur Folio⸗ rfutter gelacht, ſo ge⸗ 43 ſchmackvoll ausſah, als ihre praͤchtige Reiſe⸗ equipage. Alle drei ſchienen luſtige Menſchen zu ſein— und luſtige Leute, hatte mein Profeſſor der Philoſophie mir oft geſagt, ſind guten Schlages. Uebrigens hatte mein Vater mir ja nicht das Verſprechen abgenoͤthigt, mit keinem Frauenzimmer in Geſellſchaft zu ſein, ſondern nur keines zu beruͤhren, und— davor wollte ich mich wol in Acht nehmen. Alle dieſe Betrachtungen flogen blitzſchnell vor meiner Seele voruͤber, und der Stolz, meine Albernheit wieder gut zu machen, trieb mir das Queckſilber auf die Zunge und in die Beine. Ich antwortete dem Kreuzesherrn recht artig, ſtigg aus meinem Wagen und folgte ihm.. Mein Muth wuchs mit jedem Schritt. Ich trat mit einer leichten Verbeugung in das Zimmer und begruͤßte die Damen eng⸗ liſch. Ich hatte die Spottkreuzfeuer, in die ſie mich wahrſcheinlich hatten draͤngen wollen, total zum Schweigen gebracht. nun, daß ich ihre gutmüthigen Semerkuungen uͤber meine Manſchetten und er den Drap⸗ dargent meiner Weſte verſtanden hatte; ſie wußten nun, warum ich ihre Geſellſchaft gemieden hatte. Ihr Gegenkompliment ver⸗ rieth die aller peinlichſte Verlegenheità Sie ſprachen gar nicht weiter, ſondern der Herr mit dem Kreuze fuͤhrte nur die Unterhaltung allein, die ſich um Wetter, Weg und der⸗ gleichen drehte. Ueber mein Woher und Wo⸗ hin hatte er nicht das Herz zu fragen, weil der Poſthalter von geheimen Zwecken meiner Reiſe geſprochen hatte; allein nach meinem Namen konnte er ſich nicht enthalten zu fra⸗ gen. Mich uͤberwallte wieder eine ſonderbare Empfindung. So alt als ich war, ſo lange hatte mich noch kein Menſch gefragt, wieden; al ich heiße. Die Leute, die mich bisher geſe⸗ hen hatten, hatten immer auch meinen Na⸗ men gewußt. Zum Gluͤck waren die Damen eben nicht im Zimmer, denn in deren Ge⸗ Sie wußten genwa nenner verbeu und fi ſchaft unbeſch Eingeſe men, tete ga tereſſire ſeine 2 dem G Rieſpect der Kr wuͤrde, warum wußten rkungen Drap⸗ kte; ſie ellſchaft ut ver⸗ Aà Sie r Herr haltung d der⸗ d Wo⸗ „ weil meiner neinem zu fra⸗ derbare lange „ wie r geſe⸗ n Na⸗ Damen n Ge⸗ 45 genwart haͤtte ich mich um keinen Preis nennen koͤnnen. Als ich ihm mich nannte, verbeugte ſich das Kreuz mehr als uͤberraſcht, und freute ſich, hier ſo zufaͤllig die Bekannt⸗ ſchaft mit einem Manne zu machen, der ihn unbeſchreiblich nahe intereſſire.— Ich haͤtte ihm beinahe in das Geſicht gelacht; denn bis jetzt hatte die Welt, außer den beiden Poſtillions, und der lieben Ju⸗ gend auf der letzten Station, ſamt daſigem Wirth und hieſigem Poſthalter, von mir neu Eingeſchneiten noch gar keine Notiz genom⸗ men, und dieſer ſteinfremde Mann behaup⸗ tete gar, daß ich ihn unbeſchreiblich nahe in⸗ tereſſire. Ich haͤtte ihm ſagen koͤnnen, daß ſeine Diraden wahrſcheinlich meinem Onkel, dem Geſandten in Petersburg, gelten wuͤr⸗ den; aber es war recht huͤbſch, daß ihn der Reſpect ſo uͤberfiel, und den Damen, denen der Kreuzesherr mich wahrſcheinlich nennen wuͤrde, konnte der Schreck auch nicht ſchaden, warum waren ſie vorhin ſo boshaft, uͤber die Form meiner Friſur, und uͤber die fri⸗ vole Naivitaͤt meines dreieckigen Hütchens zu lachen. Mein guter Vater hatte immer geſagt, daß Lug und Trug die Welt belaſte. Das mußte im Klima der Welt liegen. Fing ich doch meine Laufbahn in die Welt auch mit Lug und Trug ¹ Ich ließ mich zu einem Geſandten luͤgen deſſen Namen mehrere Zei⸗ tungen erwaͤhnten, und ich freute mich recht innig, daß ich blutjunges Kind fuͤr einen Staatsmann des erſten Ranges gelten koͤnnte. Der Bekreuzte hatte ein paarmal die Bemer⸗ kung auf der Zunge, daß er mich weit aͤlter geglaubt habe, indeſſen wendete er dieſe Be⸗ merkung immer ſo, daß ich gar nichts da⸗ rauf zu antworten brauchte. So jung als ich war, mochte ich nicht ausſehen; nr mein Anzug machte mich beſtimmt um zehn Jahr aͤlter. 8 Unte mich eine Linge Kreuz; heim! was ihm die J klaͤrt habe, bereite hungr ich gl da, es ſatt g Der 5 men die fri⸗ chens zu geſagt, Das Fing ich uch mit n einem rere Zei⸗ ch recht r einen koͤnnte. Bemer⸗ eit aͤlter ieſe Be⸗ hts da⸗ ing als ; denn m zehn 47 5. Die Exzellenz im Heidekraute. Unterdeſſen noͤthigte mich der Poſthalter, mich zu Tiſche zu ſetzen: es war nur auf eine Perſon gedeckt. Der Kanonikus Baron Lingen— ſo hatte ſich der Menſch mit dem Kreuze mir praͤſentirt— fragte italieniſch heimlich ſeine Nichte, ob ſie nicht auch bald was zu eſſen bekaͤmen. Dieſe antwortete ihm halb laͤchelnd, halb verdrießlich, daß die Mamſell Poſthalterinn ziemlich rund er⸗ klaͤrt habe, alles, was ihre Kuͤche vermogt habe, ſei fuͤr den zuerſt gekommenen Fremden bereitet worden, und ſo muͤßten ſie denn mit hungrigen Magen zuſehen. Natuͤrlich beſtellte ich gleich noch drei Kouverts. Eſſen war da, es waͤren noch zwei Ambaſſadeure davon ſatt geworden. Die Kouverts kamen nicht. Der Kanonikus hatte bereits mit den Da⸗ men meine Einladung angenommen. Ich mußte alſo ſehen, wo die Kouverts blieben. Ich ſprang auf und wagte, in die Kuͤche zu gehen. Es war und blieb allemal ein Wagſtuͤck; denn in der Kuͤche war die kurirte Tochter. Ich hatte ſie einmal nur mit einem Viertelauge angeſehen, aber ich haͤtte darauf ſchwoͤren wollen, daß die Entzahnſchmerzte eine Ausnahme von meines Vaters Regel ſei. Die Kanonen ſuden hinter mir; ich hatte drei Perſonen zu Tiſche gebeten, und hatte weder Teller, noch Meſſer und Gabel. Ich mußte fort. Ich glaubte, den Poſthal⸗ ter zu erwiſchen, der war aber mit den Kin⸗ dern auf das Feld gegangen. Ich trat mit erzwungenem Muthe in die Kuͤche und wie⸗ derholte meine Bitte um die Kouverts. Un⸗ gluͤcklicherweiſe war die Tochter allein in der Kuͤche. Mit tauſendfaͤltiger Beklommenheit und abgewandtem Geſche krat ich meine Bitte um die Kouverte zu Tage. „Eigentlich,“ hob die Kleine mit einer 4 Stim⸗ Stimn die ge ich Er lich a Güte vollaut in der Damen es ihn ſchaden len ſie nun ſo werden „M gelten,“ wenn do legte bei Arm,— Kuͤche it lieben. che zu l ein kurirte einem darauf merzte Regel ; ich und Gabel. oſthal⸗ Kin⸗ at mit d wie⸗ Un⸗ in der ꝛenheit meine einer Stim⸗ 49 Stimme an, deren Silberlaut mir bis auf die geheimſten Nerven drang,„gern werde ich Ew. Exzellenz Wuͤnſche erfuͤllen. Eigent⸗ lich aber ſind die drei Herrſchaften Ihrer Guͤte nicht werth. Wir haben noch Eſſen vollauf in dem Hauſe(alſo wieder eine Luͤge in der Welt mehr) allein der Herr mit den Damen nahm ſich vorhin ſo ſonderbar, daß es ihm und ſeiner Geſellſchaft gar nicht ſchaden kann, ein bischen zu hungern. Wol⸗ len ſie aber Gnade fuͤr Recht ergehen laſſen, nun ſo ſollen die Kouverts gleich beſorgt werden.“ „Man muß nicht Boͤſes mit Boͤſem ver⸗ gelten,“ entgegnete ich und wagte das vor mir ſtehende Maͤdchen mit halbem Auge zu betrachten. „O! mein Herr!“ rief ſie bewegt aus, wenn doch alle Menſchen ſo gut waͤren.“ Sie legte bei dieſen Worten ihre Hand auf meinen Arm,— ich ſchrie laut auf und flog aus der Kuͤche in das Zimmer. D 50 Fremden, die meinen lauten Schrei gehoͤrt hatten, ſtuͤrzten mir entgegen und wollten wiſſen, was mir waͤre. „Nichts! Nichts!“ rief ich und flog zur Thuͤre hinaus in das Freie⸗ Sie hatte mich beruͤhrt,— ihre Hand hatte auf meinem Arm gelegen;— es war, als haͤtten alle ihre fuͤnf kleinen Finger ein⸗ geſchlagen, ſo durchbohrt war der Fleck, auf dem ihre Hand mit den weichen Gruͤbchen geruht hatte. Ich war nicht mehr ſo rein, als ich aus meines Vaters Hauſe gegangen war, ich hatte meinen Eid gebrochen. Das ungluͤckliche Maͤdchen ſtand mit der Lieblich⸗ keit ihrer Geſtalt, mit ihrem freundlichen Ge⸗ ſichte vor meiner Seele. Ich konnte ihr nicht fluchen. Aber mir, mir machte ich tau⸗ ſend Vorwuͤrfe. Warum war ich ausgeſtie⸗ gen. Blieb ich im Wagen meines Großoa⸗ ters, ſo war das alles nicht. Mein Vater, mein guter Vater hatte Recht, wenn er nir I Sie eilte aufgeſchreckt hinter mir her; die empfa Geſch Ich h gen a die A Ketten fel le Streng nicht e mich, genug, beſah der kle empfan paſſirt liche Schlag Manſch fand ich oder ſor linke. auch der der; die gehoͤrt wollten flog zur Hand 8 war, ger ein⸗ eck, auf Bruͤbchen ſo rein, gegangen . Das Lieblich⸗ hen Ge⸗ inte ihr ich tau⸗ usgeſtie⸗ Großva⸗ Vater, er mir 6*½ empfahl, den Umgang mit dem weiblichen Geſchlechte ſoviel als thunlich war, zu meiden. Ich hatte kaum einen Fuß aus meinem Wa⸗ gen auf die Welt geſetzt, ſo hatte mich auch die Allgewalt der weiblichen Reize in ihre Ketten geſchmiedet. Und— ol der alte Teu⸗ fel lebt noch im Menſchen— bei aller Strenge gegen mich ſelbſt, konnte ich doch nicht ernſtlich boͤſe auf mich ſein. Ich zwang mich, auf mich zu zuͤrnen. Aber ſchon ſchlimm genug, daß ich mich zwingen mußte. Ich beſah die Stelle, auf der das Maͤdchen mit der kleinen lieben Hand geruht hatte: ich empfand wohl, daß auf dem Fleck etwas paſſirt war, aber es war gar keine ſchmerz⸗ liche Empfindung. Es umußte ein kalter Schlag geweſen ſein, denn, als ich die Manſchetten und den Aermel zuruͤckſtreifte, fand ich nirgends Spuren von rothen Flecken oder ſonſt etwas aͤhnlichem. Es war die linke Hand und daher deutete ich mir auch den gewaltſamen Zuck, der mir quer D 2 5² durch das Herz fuhr, als mich das Maͤdchen beruͤhrte. Nach und nach ward mein Blut ruhiger; mit ihm mein Kopf. Ich durchlief die Szene vom Anfang an und machte am Ende die erfreuliche Bemerkung, daß ich ja das Maͤd⸗ chen nicht, ſondern das Maͤdchen mich be⸗ ruͤhrt hatte. Vom Beruͤhrtwerden ſtand in meinem Eide nichts; und ſo war ich ja, die Sache bei dem rechten Lichte beſehen, rein und unſchuldig, wie die Sonne, die eben hinter dem bluͤhenden Heidekraute ihr Nacht⸗ lager ſuchte. Ich hatte mich durch dieſe ganz richtige Bemerkung und durch das Ge⸗ hen wieder erholt: unwillkuͤhrlich wandte ich mich dem Poſthauſe zu; in deſſen Thuͤre ſtanden meine drei Gaͤſte mit den Servietten in der Hand, und einem ſchreihenden Hun⸗ ger im Magen, und ſchienen ruhig abzuwar⸗ ten, bis es der verruͤckten Exjzellenz gefaͤllig ſein wuͤrde, wieder zu ſich zu kommen. Ich renne mit einem Schrei, als ob das Haus brenn einem zwiſche komme lich zu He was n erſpart fragen denn i erwiede ob nich taͤdchen uhiger; Szene de die Maͤd⸗ ich be⸗ and in ja, die 1, rein ie eben Nacht⸗ h dieſe as Ge⸗ idte ich Thuͤre rvietten n Hun⸗ bzuwar⸗ gefaͤllig . Ich Haus 53 brenne, aus der Kuͤche, mache mir, ohne einem Menſchen zu antworten, Platz, laufe zwiſchen dem Heidegeſtrippe hin und her und komme nach einer Viertelſtunde recht gemuͤth⸗ lich zu Hauſe. Hatten meine Gaͤſte vorhin auf ihre Frage, was mir waͤre, keine Antwort erhalten; ſo erſparten ſie ſich zum zweitenmale darnach zu fragen; und das war mir auch recht lieb, denn ich haͤtte auf ihr Exzitatorium nichts erwiedern koͤnnen. Wir thaten alſo alle, als ob nichts vorgefallen ſei. 6. Die Eſtaffette. nun endlich zum Eſſen. en Rheinwein ſerviren. Erſt 3 agte ich den Blick auf mein Gegenuͤber, die Graͤfin Betty, zu ſchla⸗ gen. Wie ein Blitz ſchoſſen meine Augen⸗ lieder wieder auf den Deller nieder; denn ihr Auge war dem meinigen begegnet. Die Gluth der Verlegenheit brach mir durch Wange und Stirne. Mir brannte das ganze Geſicht. Ich griff meiner dlberäbeit in den Zuͤgel, ich nahm mich ziſammen. Die Unterhaltung des Kanonikus war Tcht angenehm. Ich merkte⸗ daß, ſobald ich ſie zu ſehr ingdas Wiſſenſchaftliche zog, der Kanonikus ſie im⸗ mer wieder auf die Mittelbahn der eigentli⸗ chen Siſchkonverſation n zursekbrachte um Frau und Nichte mit in das Geſpraͤch verflochten zu erhalten. Ich gewann nach und nach den I Ich ſe daß d als di es lag nichts aber it haͤtte mal vr an, ur denn Die Lu herum, mel; b Anfaͤng Mundn chen de cher, d brauner das C ſchon p aller E Eſſen. n. Erſt lick auf u ſchla⸗ Augen⸗ denn ihr Die Wange Geſicht. uͤgel, ich haltung . Ich in das ſie im⸗ eigentli⸗ im Frau rflochten nd nach 55 den Muth, auch mit den Damen zu ſprechen. Ich ſahe es wohl der Graͤfinn Betty an, daß die Luſt zu Lachen ihr noch naͤher war, als die Luſt zu eſſen und zu trinken. Aber es lag in dieſem Drange zu lachen durchaus nichts Boͤſes. Wenn es ſich geſchickt haͤtte— aber ich fuͤhlte, das ſchicke ſich nicht,— ich haͤtte gern geſagt:„nun ſehen Sie mich ein⸗ mal von hinten und vorne an, recht genau an, und lachen Sie ſich einmal recht aus, denn eher wird ihnen doch nicht beſſer! Die Luſt zu Lachen zog ihr im kleinen Geſichte herum, wie eine Gewitterwolke am Junihim⸗ mel; bald blitzte es da heraus, bald dort. Anfaͤnglich war es bloſſes Wetterleuchten; die Mundwinkel knippen zuſammen, das Gruͤb⸗ chen der Wange ward bald tiefer, bald fla⸗ cher, die großen dunkeln Bogen der Augen⸗ braunen zogen ſich enger und dichter; aber das Gewitter kam naͤher; man hoͤrte es ſchon puvvern; ſie konnte einigemal das mit aller Gewalt; zuruͤckgedraͤngte Kikkern nicht „ mehr laſſen. Ich fing beinahe ſelber dar⸗ uͤber zu lachen an, ohne eigentlich zu wiſſen, woruͤber. Sie ſchien das zu merken und das war ihr nur noch launi⸗ ger. Sie biß in das Eſſen, als kauete ſie lauter Kieſelſteine, um ſich das Lachen, das ſie immer mehr und mehr uͤberwaͤltigte, nur zu verbeißen. Aber ſie konnte nicht laͤnger! ſie ſtand ploͤtzlich vom Tiſche auf, eilte fort und noch hatte ſie die Thuͤr nicht in der Hand, als es bei ihr platzte und ſie mit Augen lautem Lachen zum Zimmer hinaus lief. Ich haͤtte, glaube ich, boͤſe werden ſollen, denn das Lachen galt offenbar mir. Aber ich konnte nicht. Ich wußte, daß man oft Tage hat, wo man uͤber alles lacht. Spaͤ⸗ terhin entdeckte ich erſt, daß ich wahrſchein⸗ lich bei meiner Irrjagd in der Heideparthie mein Reiſehaarbeutelchen hinten vom Kopfe ver⸗ loren hatte und daß es am hinterſten Rock⸗ knopfe haͤngen geblieben war. Als wir uns zu Tiſche ſetzten, war ſie hinter mir wegge⸗ 2 gange Deſer das daß waͤre, haͤtte, bis ſi denn Fuß i Ruͤckn poſſier auf de an. 2 brachte einand Gr und ſe nikus ſie dra getrage laſſen. er dar⸗ ich zu as zu launi⸗ uete ſie en, das te, nur laͤnger! lte fort in der ſie mit lef. m ſollen, Aber nan oft hrſchein⸗ eeparthie opfe ver⸗ n Rock⸗ vir uns wegge⸗ 57 gangen und hatte wahrſcheinlich den kleinen Deſerteur da hinten bammeln geſehen und das hatte denn auf ihr Lachorgan gewirkt, daß ſie daruͤber um das Eſſen gekommen waͤre, wenn ich nicht ausdruͤcklich gebeten haͤtte, daß man es fuͤr ſie warm halten ſolle, bis ſie wieder herein kaͤme. Das geſchah denn auch endlich, aber kaum, daß ſie einen Fuß in das Zimmer geſetzt hatte ſo fiel die Ruͤckwand meines Ichs, mit dem kleinen poſſierlichen Ausreißer, ihr wieder in die Augen. Sie waͤre erſtickt, wenn ſie nicht auf den Fleck umgekehrt waͤre. Lachen ſteckt an. Wir lachten jetzt alle drei mit und das brachte uns alle viere um vieles naͤher an⸗ einander. Graͤfinn Betty hatte ſich endlich erholt, und ſetzte ſich wieder zu Tiſche. Der Kano⸗ nikus machte ihr bemerkbar, daß, waͤhrend ſie draußen gelacht habe, ich dafuͤr Sorge getragen haͤtte, ihr Eſſen warm halten zu laſſen. In ſeinem Ton lag eine ſtillſchwei⸗ 58 gende Parallele zwiſchen unſerer beider Gut⸗ muͤthigkeit, welche Graͤfinn Betty recht gut zu fuͤhlen ſchien, denn ſie lachte nicht wieder und ließ ſich das Eſſen ganz vortrefflich ſchmecken. In ihrem Blick las ich ungefaͤhr: „ mein lieber Guſtav, Du biſt doch ſamt Deinem verwuͤnſchten Reiſehaarbeutelchen, das Dir da hinten wie ein Wahrzeichen haͤngt, ein guter Junge. Sei nicht boͤſe, daß ich gelacht habe. Aber und wenn es mir das Leben haͤtte koſten ſollen, ich haͤtte das La⸗ chen nicht laſſen koͤnnen. Ich bin Dir da⸗ rum doch gut und danke fuͤr Deine zarte Sorgfalt, wegen des Eſſens, recht herzlich. Dafuͤr ſoll es mir auch recht gut ſchmek. ken. 4— Glaͤſer voll, ſtand auf, hob das Glas und ſagte: meinem Vater!“¹ Meine Gaͤſte ehr⸗ ten meinen Toaſt. Sie ſtanden alle dreie auf, ſtießen die hellklingenden Glaͤfer an und tranken. Der Grafinn, dem Wiaeſenwaſſer, Ich ſchenkte nach einer Weile alle vier mußte Ruͤhrt ihr ir gefiele aus mir hatte, Betty ſeiner hob d rung: uns a einand mir w Maͤdch kuͤßte ner F Hand. Augen. ſchreien nen he Aber r Gut⸗ gut zu wieder trefflich igefaͤhr: ) ſamt en, das haͤngt, daß ich nir das as La⸗ Hir da⸗ e zarke herzlich. ſchmek⸗ lle vier as und ſte ehr⸗ e dreie an und nwaſſer, 59 mußte meine Kindesliebe eine uͤberraſchende Ruͤhrung gewehren. Die Thraͤnen ſtanden ihr in den Augen als ſie ſich ſetzte. Mir gefielen dieſe ſchoͤnen Thraͤnen. Ich loͤſchte aus meines guten Vaters Bilde, was er mir vom weiblichen Geſchlechte mitgegeben hatte, einige harte Pinſelſtriche. Graͤfinn Betty gehoͤrte gewiß unter die Ausnahmen ſeiner Regel. Kurz darauf ſtand ſie auf, hob das Glas und ſagte mit herzlicher Ruͤh⸗ rung:„meiner guten Mutter!" Wir hoben uns alle von unſern Sitzen und ſtießen mit⸗ einander an. Ihre Kindlichkeit machte ſie mir werth. Es war mir, als koͤnne ich dem Maͤdchen recht gut werden. Die Baroneſſe kuͤßte die Graͤfinn, der Kanonikus gab ſei⸗ ner Frau uͤber den Tiſch ſchweigend die Hand. Er beruͤhrte ſeine Frau vor meinen Augen. Ich war nahe daran, wieder aufzu⸗ ſchreien, um den Mann, den ich lieb gewon⸗ nen hatte, von dem Verderben zu retten. Aber ich hielt noch zu rechter Zeit an mich, 60 weil mich eigentlich ſeine Rettung nichts an⸗ ging. Ich ſollte noch ſtaͤrkere Sachen anſe⸗ hen. Nach aufgehobener Tafel kuͤßte der Kanonikus ſeine ſchoͤne junge Frau Dieß hatte mein Vater nicht verboten, aber ich fuͤhlte, daß ein Kuß eine noch bedeutendere Beruͤhrung ſei, als ein Haͤndedruck und machte die Augen zu, weil ich fuͤrchtete, die Graͤfinn Betty moͤchte auf mich zukommen, und mich auch kuͤſſen wollen. Ich waͤre ge⸗ ſtorben wenn ſie es gethan haͤtte Aber ſie kam nicht. Ein ſonderbares Gefuͤhl wallte mir im Herzen auf, ich hatte mich gefurch⸗ tet, daß ſie kommen moͤgte, und doch haͤtte ich gewuͤnſcht daß ſie gekommen waͤre. Sie j hatte ſo ſchoͤne friſche Lippen, einen ſo klei⸗ nen lieblichen Mund, daß ich mit ſuͤßer Be⸗ 3 klommenheit lange mit dem Blick auf dem bluͤhenden Geſichte verweilte und, mit aller⸗ Strenge gegen mich ſelbſt, in einem Kuſſe auf ſolche Lippen, durchaus nichts Suͤnd⸗ haftes denken konnte. D mich zublaſe ſten ge noch v Ich Allein mit de mer ne Geige Beiwa erſucht vorzuͤgl ſonſt. Herzen. gigkeit, Innern die ich ſts an⸗ anſe⸗ ite der Dieß ber ich atendere ck und te, die oimmen, daͤre ge⸗ lber ſie wallte gefuͤrch⸗ h haͤtte Sie ſo klei⸗ jer Be⸗ uf dem t aller⸗ n Kuſſe Suͤnd⸗ 61 Die Kinder des Poſthalters erinnerten mich an mein Verſprechen, ihnen etwas vor⸗ zublaſen, und brachten mir meinen Floͤtenka⸗ ſten geſchleppt. Ich hatte in meinem Leben noch vor keinem fremden Menſchen geblaſen. Ich ſuchte dem Verſprechen auszuweichen. Allein die Fremden vereinigten ihre Bitten mit denen der Kinder und als ich mich im⸗ mer noch weigerte, ließ der Kanonikus ſeine Geige und ſeine Frau die Guitarre aus den Beiwagen holen, legte uns Noten vor und erſuchte die Graͤfinn zu ſingen. Ich ſchalt heimlich auf meine Blöͤbigkeit, ſetzte die Floͤte an und blies. Zuerſt trug ich mit dem Kanonikus ein herrliches Duett vor. Ein ſehr weiches Adagio gelang uns vorzuͤglich. Ich blies heute anders, als ſonſt. Der Ton meiner Floͤte kam mir vom Herzen. Gott weiß es, ich hatte eine Ban⸗ gigkeit, eine gluͤckliche Wehmuth in meinem Innern; eine Spannung, die mir wohlthat, die ich aber nicht verſtand. Erſt, als ich 62 die geheimſter Regungen meiner Empfindung auf der Floͤte aushauchte, ward ich mir deutlich. Ich haͤtte weinen moͤgen, aber nicht vor Schmerz. Das Adagio ſprach mein Gefuͤhl aus. Bey der Pauſe von ei⸗ nigen Takten fiel mein Blick auf die Graͤfinn Betty. Sie lachte gar nicht mehr. Sie war verſunken in der Zartheit unſerer Har⸗ Ihr Auge ruhte auf mir. Ich be⸗ Ich bließ jetzt noch monien. hielt meine Faſſung. beſſer, als vorhin. Jetzt ſang die Graͤfinn. Die Bauermaͤd⸗ chen und Weiber in unſerer Dorfkirche waren die einzigen weiblichen Weſen, die ich bis jetzt hatte ſingen gehoͤrt und dieſe uͤberkreiſch⸗ ten immer die Orgel, daß mir die Ohren gellten. Graͤfinn Betty ſang ganz anders. Ihr Liedchen, zu dem wir alkompagnirten, hieß die Sehnſucht. Ein allerliebſtes Liedchen. Die letzte Zeile jedes Verſes ent⸗ hielt immer die Frage des Maͤdchens an den Geliebten: 6 I Du C · D mal Maͤdch mußte ner S Ei Poſtha Ein 1 Einlag einzuhe von m findung ch mir „ aber ſprach von ei⸗ 8 2 Graͤfinn Sie er Har⸗ Ich be⸗ t noch uermaͤd⸗ e waren ich bis erkreiſch⸗ Ohren anders. gnirten, erliebſtes ſes ent⸗ an den 63 „Denkſt Du Geliebter mein? Denkſt Du Geliebter mein?“ Ddie Flöͤte antwortete im Nachſpiele alle⸗ mal auf die zarte Frage des Liebenden Maͤdchens, und wer ſo, wie ich, fuͤhlte, mußte in der Antwort hoͤren, was in mei⸗ ner Seele vorging. 3 Eine Eſtaffette unterbrach uns. Der Poſthalter oͤffnete die lederne Brieftaſche. Ein Laufzettel erſuchte alle Poſtaͤmter, die Einlage dem Reiſenden, wo er ſich befaͤnde, einzuhaͤndigen. Die Einlage war ein Brief von meinem Vater an mich. —— 64 7. Das vneiſenneſt Ich eilte in eine Ecke des zinmers, nahm das Licht und las: „Es iſt um mich alles todt, ausgeſtor⸗ ben, mein guter Guſtav ,ſeit Du weg biſt. Nur Eltern, die ſich von ihren Kindern ha⸗ ben trennen muͤſſen, koͤnnen meinen Schmerz meſſen. So herbe habe ich ihn mir nicht gedacht. Mein einziger Guſtav, mein einzi⸗ ges Kind, ich denke mit jeder Minute an Dich. Ich lebe nur in Dir. Mein from⸗ mes Gebet, was Deine Engel zu den Wol⸗ ken tragen, gilt nur Dir. Ich bin weich und ſchwach, ich bin weibiſch geworden. Hundertmal rufe ich mir zu; n ſei ein Mann, Guſtav mußte in die Welt!“ aber dieſe Maͤnnlichkeit faßt im aufgeregten weichen Vaterherzen keinen Ankergrund. Ich habe keinen Troſt, als den des Wiederſehens. Mein Mein ſpreche derſehe die V der To noch d mein hoffen ſolute Eltern kaltet, nung i leiſer mein will n Herz r geplau war m Und je daß ich ziges ren fuͤ nahm sgeſtor⸗ eg biſt. ern ha⸗ Schmerz r nicht n einzi⸗ ute an n from⸗ n Wol⸗ n weich worden. Mann, er dieſe weichen h habe erſehens. Mein 65 Mein Guſtav, Du biſt kaum fort und ich ſpreche ſchon von der ſuͤßen Freude des Wie⸗ derſehens. Jetzt; Guſtav, jetzt kann ich mir die Verzweiflung der Eltern denken, denen der Tod ein Kind raubt. Ich kann doch noch die Zeit berechnen, wenn ich Dich an mein Herz wieder zu ſchließen ohngefaͤhr hoffen darf. Unſere Trennung iſt keine ab⸗ ſolute Nothwendigkeit. Aber— wenn die Eltern das Kind, im Arme des Todes er⸗ kaltet, in die Gruft ſenken, wenn die Hoff⸗ nung des Wiederſehens nur auf dem Grunde leiſer Ahndungen ſchimmern,—— ach, mein Guſtav, ich bin doch gluͤcklicher. Ich will nicht hadern, ich will hoffen. Das Herz war mir ſo voll. Nun ich mit Dir geplaudert habe, iſt mir wieder leichter. Es war mir, als haͤtte ich Dir ſoviel zu ſagen. Und jetzt iſt es nichts, als die Verſicherung, daß ich Dich liebe, daß ich Dich, mein ein⸗ ziges Kind, unausſprechlich liebe. Mit Leh⸗ ren fuͤll' ich meinen Brief nicht. Du liebſt E 66 mich ja, wie ich Dich liebe. Du wirſt mich nicht kraͤnken. Nein, mein Guſtav, Du wirſt mich nicht kraͤnken. Folge immer Dei⸗ nem Gefuͤhle. Du biſt ein guter, edler Menſch. Pruͤfe mit deinem Verſtande, ehe Du handelſt. Das ſei Deine ganze Lebens⸗ weisheit. Lebensklugheit wirſt Du aus Dir ſelbſt lernen, Du wirſt das Schickliche fuͤh⸗ len und das Unſchickliche meiden. Von den Frauenzimmern ſchreibe ich Dir nichts; denn ich habe in den letzten Stunden Deines Hier⸗ ſeins Dir das Noͤthige daruͤber geſagt. Du wirſt wahrſcheinlich ſchon jetzt Frauenzimmer geſehen, und gewiß Gelegenheit gehabt ha⸗ ben, ihre Schwaͤche zu bemerken. Meide ſie, wenn Du ruhig leben willſt. Lebe wohl, mein Kind. Antworte mir von Hamburg aus, und halte Dich dort nicht lange auf. Ich druͤcke Dich in Gedanken an meine wei⸗ nende Bruſt. Dein innerer Gott weiche nie von Dir.— Nun ich den Brief ſchließe, wird es wieder ſtill und einſam um mich, Er he wenn wie er meinen leſen, ich we die T Blatt nem auf de ſie hat jetzt ni De ner Fr gegang Do ſt mich „, Du er Dei⸗ , edler de, ehe Lebens⸗ us Dir he fuͤh⸗ don den 3; denn es Hier⸗ t. Du nzimmer abt ha⸗ eide ſie, wohl, damburg ige auf. ine wei⸗ iche nie ſchließe, n mich, 67 denn ſo lange ich ſchrieb, warſt Du bei mir. Mein einziges Kind, behalte Gott lieb und Deinen redlichen Vater. Der Poſthalter ſtand wie auf Nadelſpitzen. Er haͤtte ſein halbes Leben darum gegeben, wenn er gewußt haͤtte, was in der Depeſche, wie er den Brief nannte, ſtand. Er umging meinen Fluͤgel, um auf meinem Geſichte zu leſen, ob Krieg oder Frieden es verkuͤnde; ich wendete ihm aber den Nuͤcken, damit er die Thraͤnen nicht ſah, die mir auf das Blatt fielen. Graͤfinn Betty ſtand vor mei⸗ nem Centrum. Ich hatte ſie, die Augen auf den Brief geheftet, nicht bemerkt; allein ſie hatte die Thraͤnen geſehen. Sie ward jetzt noch neugieriger, als der Poſthalter. Der Kanonikus war unterdeſſen mit ſei⸗ ner Frau in den Garten hinter dem Hauſe gegangen. Die Graͤfinn und ich folgten. Das Paͤrchen ſaß von einer Linde um⸗ E 2 68 dunkelt, ſtill an einander gedruͤckt. Die ſchoͤne junge Frau dem liebenden Manne auf dem Schooße. Die Graͤfinn ſetzte ſich dicht neben mir. Haͤtte ich den Brief meines Vaters nicht in der Taſche gehabt, ich glaube, ich haͤtte ſie erſucht, ſich auch auf meinen Schooß zu ſetzen; denn ich durfte auf das junge Paar gar nicht hinſehen, ohne meine ganze Faſſung zu verlieren. Der Kanonikus hatte ſeine Seele dem Teufel verkauft, der war verloren, das ſah ich nun wohl: aber er kam mir gar nicht ungluͤcklich vor. Meine ganze zeitliche Gluͤckſeligkeit, und, wie die Fleiſcher den Marksknochen als Zulage, auch die ewige, haͤtte ich preis gegeben, wenn Graͤfinn Betty ſich ſo auf meinen Schoo ßgeſetzt haͤtte. Aber ſie ſetzte ſich nicht. Die taͤndelnde Melodie der liebenden Sehnſucht, der melancholiſche Ton der väͤterlichen Sehnſucht, das zaͤrtliche Paar neben uns, und Graͤfinn Betty, an der ich ſelbſt entdee Platz; einger aber ben n Die ane auf h dicht meines glaube, meinen auf das 2 meine nonikus ift, der a: aber Meine wie die Zulage, gegeben, meinen tte ſich benden Ton der che Paar der ich 69 ſelbſt im Finſtern immer mehr neue Reize entdeckte,— alles dies verſchob und ver⸗ ſchrob, druͤckte und verruͤckte mich. Ich wußte nicht, was ich mit mir ſelbſt anfan⸗ gen ſollte. Jetzt ruͤckte Graͤfinn Betty mir noch naͤher. „Kommen Sie,“ ſagte ſie mir leiſe in das Ohr,„Sie ſollen mich zu ihrer Vertrau⸗ ten machen!“ Ich verſtand nicht, was ſie, damit meinte. Aber, weil ſie aufſtand, ſtand ich auch auf. Wir gingen tiefer im Garten hinein. Unſer Fußpfad verlor ſich in das aͤußerſte Ende deſſelben. Ein kleiner ſchmaler Ruheſitz war ſein Zielpunkt. „Laſſen ſie uns ſetzen,“ ſagte die Graͤ⸗ finn leiſe. Ich ſetzte mich. Neben mir war kein Platz; denn der Sitz war auf eine Perſon eingerichtet. Wie es kam, weiß ich nicht; aber die kleine Graͤfinn ſaß auch, nicht ne⸗ ben mir, nicht vor mir, ſondern auf meinem 7⁰ Schooße. Wegſtoßen konnte ich ſie nicht, das haͤtte ſich nicht geſchickt. Auch wollte ich es nicht, denn ſie war gar nicht ſchwer. Ich befand mich unter dieſer ſuͤßen Buͤrde unbeſchreiblich wohl, nur haͤtte ich gewuͤnſcht, daß es noch dunkler, viel dunkler ſein moͤchte, denn ich ſchaͤmte mich vor mir ſelber. Ange⸗ ruͤhrt hatte ich ſie nicht. Davor huͤtete ich mich wohl. Sie lehnte ihren linken Arm auf meine rechte Achſel. Meine Rechte ruhte auf ihrer rechten Huͤfte; meine Linke auf ihrem kleinen Kniee. Aber mit meinem Ge⸗ wiſſen war ich immer im Reinen, denn was mir unter der Hand lag, war ja nicht ſie, ſondern ein weiches leichtes Reiſekleid. Das anzuruͤhren war mir nicht verboten. Und doch— ob den Effekt alle Reiſekleider ha⸗ ben, weiß ich nicht,— doch zitterte mir der Fuß, auf dem die Graͤfinn ſaß, als ſtaͤke ein Zitteraal in ſeinen Roͤhren. Ein wilder Schauer uͤberflog mich nach dem andern. Es ward mir wehe uͤbel und wohl, himmliſch wohl. Eraͤfi genhe 7 einer Der angel ſelten. habe trauer wahr nahe warm nnicht J meine Geliel wiſſe, S T Fraue Leben nicht, wollte ſchwer. Buͤrde vuͤnſcht, moͤchte, Ange⸗ ztete ich n Arm te ruhte nke auf em Ge⸗ enn was nicht ſie, d. Das 1. Und ider ha⸗ mir der als ſtaͤke n wilder ern. Es immliſch 71 7 wohl. Alles bunt durch einander. Die Eraͤfinn blieb in einer beiſpielloſen Unbefan⸗ genheit. „Erzaͤhlen ſie doch“ begann ſie nach einer Weile,„warum weinten Sie vorhin? Der Poſthalter meinte, das waͤren Staats⸗ angelegenheiten, aber um die weint man ſelten. Sie haben andern Kummer. Ich habe ſo gern, wenn mir die Menſchen ver⸗ trauen. Theilen Sie Ihr Geheimniß. Nicht wahr”“— ſie legte ihren kleinen Mund ſo nahe an mein Geſicht, daß ihr wuͤrziger warmer Hauch meine Wangen beſtrich— „nicht wahr, Sie weinten Ihrer Liebe?“ Ich betheuerte ihr, daß der Brief von meinem Vater geweſen ſei, daß ich keine Geliebte habe, daß ich nicht einmal recht wiſſe, was Liebe ſei. Sie laͤchelte zweifelnd. Da erzaͤhlte ich ihr, daß ſie das zweite Frauenzimmer ſei, mit dem ich in meinen Leben ſpraͤche und das erſte, das auf mei⸗ 72 nem Schooße ſaͤße. Daß ich noch kein Frau⸗ enzimmer angeruͤhrt, und meinem Vater ge⸗ ſchworen habe, keines zu beruͤhren. „Da haben Sie wohl noch nie gekuͤßt? frug ſie verwundernd und theilnehmend. „Nie. Ein Frauenzimmer noch nie!“ „Das iſt nicht moͤglich!“ ſagte ſie und ſchlug die kleinen Haͤnde in einander.„Wie alt ſind Sie denn?“ „Zwanzig Jahren antwortete ich beſchaͤmt, denn ich fuͤhlte, daß ſie mich jetzt dominir⸗ te.— Ungluͤckliche Welt, wo ſich die Keuſch⸗ heit ſchaͤmen muß!—. Die kleine Graͤfinn— lieber Gote, wäre ſie nur nicht ſo ſehr buͤbſch geweſen! Der Abend war warm./ Sie nahm das Tuch von den Achſeln. Dicht, ganz dicht vor meinen Augen, hob und ſenkte ſich ihr ſchnee⸗ weißer voller Buſen. In ſeiner Tiefe daͤm⸗ merte eine Stille, eine Ruhe— haͤtte die Hoͤlle doch meinen Sitz verſchlungen. Der ganze Erdball brannte unter mir. Auf Bet⸗ tys h hende dahin Situar gierige kuͤßt? 5 C 7 Gott u. ſen la tem L „ mer, Sie, Sie 1 koͤſtlich 7 zeigte Frau⸗ tter ge⸗ kkuͤßt?¹ id. nie!¹ ſie und „Wie eſchaͤmt, dominir⸗ Keuſch⸗ e, waͤre n!, Der Tuch cht vor ſchnee⸗ fe daͤm⸗ aͤtte die 1. Der uf Bet⸗ 73 tys halbentbloͤßter Achſel ruhte meine gluͤ⸗ hende Wange. Ich weiß noch nicht, wie ich dahin gekommen war. Und nun in dieſer Situation, die kleine Graͤfinn mit ihren neu⸗ gierigen Queerfragen. „Zwanzig Jahre und noch nicht ge⸗ kuͤßt! ach! ich bin ſiebzehn erſt und—“ „Und haben wohl ſchon recht viel ge⸗ kuͤßt?“— „Wenigſtens kuͤſſen laſſen!“ „Das darf ich auch; kuͤſſen laſſen, ſoviel Gott will, nur nicht ſelbſt kuͤſſen.“ „Haben Sie ſich denn ſchon einmal kuͤſ⸗ ſen laſſen?“ frug Betty mit halb unterdruͤck⸗ tem Lachen. „Sie ſind ja erſt das zweite Frauenzim⸗ mer, das ich in der Welt ſehe. Ich bitte Sie, Graͤfinn, ſein Sie barmherzig. Kuͤſſen Sie mich nur ein einzigesmal, es muß eine koͤſtliche Empfindung ſein.“ „Bei Ihnen muß es“ ſagte ſie und zeigte mit komiſcher Geberde auf meine ——— — 74 Stirne,„hier im Oberſtuͤbchen nicht recht richtig ſein. Habe ich doch in meinem Le⸗ ben noch nicht gehoͤrt, daß— gehen Sie, gehen Sie, Sie wollen ſich uͤber mich luſtig machen!“ „Kuͤſſen Sie mich, oder ich werde wahn⸗ witzig! Ich fuͤhle, es iſt alle mit mir, mit meinem Eide, mit meiner Seeligkeit, mit meiner Ruhe. Vielleicht bringt alles das Ihr Kuß wieder!“ „Schwerlich“ ſagte die ſiebzehnjaͤhrige Betty und brachte mir den Purpurmund ſo nahe, daß ich nur meine Lippen ein wenig vor detaſchiren durfte, um das Tirailleur⸗ Feuer zu eroͤffnen. „Ich darf kein Frauenzimmer beruͤhren“ rief ich, ihre Abſicht errathend,„ich darf nicht, Graͤfinn, ich habe geſchworen!“ „Einziger, ſchuldloſer Menſch!“— ſagte die kleine Graͤfinn, und ſchlang beide Arme um mich und druͤckte meinen gluͤhenden Kopf auf ihren ſtuͤrmiſchwogenden Buſen.—„Ein Kuß it keine M Stimt gen zz Geſich Pulſe 1n. wieder tauſer ſterber rung! auf il Auge. trank ſuͤßen 2 ſpran um 2 die 2 Poſth 0 ht recht nem Le⸗ n Sie, h luſtig e wahn⸗ nir, mit it, mit es das njaͤhrige nund ſo wenig ailleur⸗ ruͤhren“ ch darf 71 — ſagte e Arme en Kopf —„Ein 75 Kuß iſt in dem Sinne Ihres Eides noch keine Beruͤhrung!“— Mehr konnte ſie nicht ſprechen, denn die Stimme verſagte ihr. Sie druͤckte die Au⸗ gen zu, ſie hielt die kleine Hand vor ihr Geſicht. Alle ihre Nerven zuckten. Ihre Pulſe ſtockten. Der Athem verging ihr. „Alſo das iſt noch keine Beruͤhrung?“ wiederholte ich tiefſinnend und druͤckte nun tauſend Kuͤſſe auf das in meinem Arme er⸗ ſterbende Maͤdchen.„Noch keine Beruͤh⸗ rung?“— und legte meine zitternde Lippen auf ihr in der Verzuͤckung halb gebrochenes Auge.—„Noch keine Beruͤhrung?“— und trank den vergehenden Athem aus ihrem ſuͤßen Munde. Betty, die reizende Betty, erwachte; ſie ſprang von meinem Schooße, ſchlug ihr Tuch um Buſen und Achſel, hielt beide Haͤnde vor die Augen und ging ſchweigend nach dem Poſthaufe zuruͤck. Ich wollte aufſtehen und ihr nach. Aber 76 ich konnte nicht. Der Fuß, auf dem Betty geſeſſen hatte, war mir eingeſchlafen. Es kribbelte von oben bis zur Zehe, als ob ich das Bein in ein Ameiſenneſt geſteckt haͤtte. Mein ganzes Blut kochte nicht, es brannte. —— 3 Endlie konnte kein N trat, n wenn iu ſch lachte, auch wende goſſen mir p Ich b mit lo taugte dem einzuk Steif Beide n Betty en. Es ob ich tt haͤtte. rannte. 77 3. Zollenſpieker. Endlich ließ das Kribbeln im Fuß nach; ich konnte wieder auftreten. Im Garten war kein Menſch mehr. Als ich in das Zimmer trat, mußte ich blinzeln, denn das Licht fiel, wenn man aus der tiefen Dunkelheit kam, zu ſcharf auf die Augen. Die Baroneſſe lachte, das Poſthaltermaͤdchen konnte ſich auch des Lachens nicht erwehren. Betty wendete ihr Geſicht, das mit Schaam uͤber⸗ goſſen war. Es mußte wieder etwas mit mir paſſirt ſein, denn mir galt das Lachen. Ich beſah mich genauer; ja! ich mußte ſelbſt mit lachen. Die Roͤcke der ehemaligen Mode taugten gar nicht, eine kleine Graͤfinn auf dem Schooße, ſich auf einem ſchmalen Sitze einzuklemmen. In meinen Schoͤßen war Steifleinewand; die war jaͤmmerlich verbogen. Beide Schoͤße ſtanden horizontal ab, ich maß mit den Fluͤgeln drei Ellen in die Gre Breite. In jenen Zeiten, wo meine Tracht weiß o Mode war, muß es gar keine Kunſt geweſen eſſen al ſein, tugendhaft zu ſein. Ein Maͤdchen mit Ich einem neun Fuß breiten Reifrock auf den Schooß Kaiſer zu nehmen war eine wahre Unmoͤglichkeit. Mit ſie mir einem ſo auseinander geſeſſenen Rocke, als ich gen, o jetz ttrug, haͤtte kein Menſch ſich in einer ver, den W nuͤnftigen Geſellſchaft damals ſehen laſſen Zettelch duͤrfen. ich eilt Bettys Schaam war mir auffallend. las. Wir hatten ja nichts boͤſes gethan. Sie ben: war mir noch eine naͤhere Erklaͤrung uͤber U den Sinn der Beruͤhrung ſchuldig. o nich Ich wendete mich an ſie, aber ſie wich her mir aus. gut Unterdeſſen war angeſpannt worden. Die Be Poſtillone erinnerten durch ihr Blaſen an das die Einſteigen. Der ehrliche Poſthalter wollte von mir fuͤr das ganze Abendbrod kein Geld nehmen. Ich mußte es ihm aufdringen. S Der Kanonikus fuhr auch nach Hamburg. in die Tracht geweſen chen mit Schooß eit. Mit als ich iner ver⸗ n laſſen fffallend. 1. Sie in Geld gen. mburg. 79 Graͤfinn Betty ſagte im Einſteigen,„wer weiß ob wir im roͤmiſchen Kaiſer ſo gut eſſen als es uns hier geſchmeckt hat.“ Ich wußte nun, daß ſie im roͤmiſchen Kaiſer logirten. Aber das Geſicht konnte ſie mir nicht goͤnnen. Sie ſtieg in den Wa⸗ gen, ohne mich anzuſehen. Als ich ſie in den Wagen hob, druͤckte ſie mir ein kleines Zettelchen in die Hand. Sie fuhren fort; ich eilte noch in das Poſthaus zuruͤck und las. Es war mit Bleiſtift engliſch geſchrie⸗ ben: „Um Gottes willen verkennen Sie mich nicht. Ich weiß nicht, wie mir geſche⸗ hen iſt. Bleiben Sie mir ein Bischen gut und beſuchen ſie uns in Hamburg. Behalten Sie den Kern, aber aͤndern Sie die Schaale.” 90 Betty. Sie mußte das Billet geſchrieben haben, waͤhrend ich mit dem Poſthalter meiner Rech⸗ “ —-———— — 80 nung halber mich herumdiſputirte. Jede Zeile war mir ein Naͤthſel. Ich lernte es auswendig, ſetzte mich in meinen Sechsſpaͤn⸗ ner und ließ zufahren, um in Bettys Naͤhe zu ſein, denn ich fuͤhlte, daß ich allein war, ſeit ich Betty nicht mehr ſah. Ich hatte einen unverzeihlich dummen Streich gemacht. Ich haͤtte der kleinen Betty einen Platz in meinem Wagen anbieten ſollen. Ich ſaß nun in dem ſchaukelnden Sammtfutteral mutterſeelen allein und wir haͤtten hier viel beſſer geſeſſen, als dort im Garten. Ich ließ fahren, was die Pferde laufen konnten, um den Kanonikus einzuholen. Mir kam kein Schlaf in die Augen. Beides, meines Vaters Brief und Bettys Billet, lagen dicht nebeneinander in meiner Taſche, in meinem Herzen, in meinem Kopfe. Des Vaters Brief war ſo klar, ſo deutlich; Bet⸗ tys Billet mir lauter Hierogliphen. Der Vater hatte jetzt Recht: 4 F; Meide koͤſtlich auf di Aber i allen d Stimn ſtillen die ra⸗ Un tion h 81 Jede„Meide die Maͤdchen wenn du ruhig le⸗ ente es ben willſt!“ hsſpaͤn⸗ Ich haͤtte Betty meiden ſollen, ſo haͤtte 3 Näͤhe ich ſchlafen koͤnnen. Aber es that mir wohl n war, zu wachen. Ich dachte an ſie, an den ſchma⸗ len Sitz und an die breite Seligkeit jenes dummen koͤſtlichen Augenblicks. Ich legte mich jetzt kleinen auf die hermeneutiſche Analyſe ihrer Zeilen. anbieten Aber ich brachte keinen andern Sinn heraus, ikelnden als daß ich ſie in Hamburg beſuchen und ind wir ihr gut bleiben ſollte. Beides verſprach ich dort im mir ſelbſt. Jeden Buſch, jeden Strauch ſah ich fuͤr laufen des Barons Reiſewagen an. Ich bog mich en. Mir aus meiner Sammetſchachtel heraus, ich Beides, winkte mit meinem Schnupftuche, ich rief Billet, allen dreien laut einen guten Abend zu. Die Taſche, 8 Stimme meiner Sehnſucht verhallte auf der . Des fſilllen Heide und die Poſtillions lachten uͤber h; Bet⸗ die rappelnde Exzellenz. Der Unſer ſorgſamer Poſthalter der letzten Sta⸗ tion hatte mit der, waͤhrend unſers Daſeins Meide F 5 8² durchgegangenen, reitenden Poſt, bis Ham⸗ burg die Pferde voraus beſtellt und wahr⸗ ſchein war, als ich auf der naͤchſten Station an⸗ kam; denn man hatte ihm die fuͤr mich be⸗ ſtellten Pferde gegeben, weil er fuͤr ſeine zwei Wagen 6 Pferde brauchte. Nun galt Eile. Die Menſchen mußten glauben, das Wohl ganzer Nationen haͤnge von einer Viertelſtunde Verzug ab, ſo drin⸗ gend bat ich um Pferde. Allein die Leutchen dortiger Gegend ſind nicht ſo eilig. Der Kanonikus hatte alle beſtellte Pferde fuͤr ſich weggenommen Ich mußte warten. Auch in Luͤneburg, in dem freundlichen Luͤneburg mit ſeinen alten Haͤuſern und blam⸗ ken Spiegelſchei en, erreichte ich ihn nicht. Ich war recht mißmuͤthig, Grafinn Betth nicht zu finden, aber der eigene Eindruck, lich meiner dringenden Staatsgeſchaͤfte halber, um moͤglichſte Beſchleunigung gebeten. Dies war die Urſache, daß der Kanonikus, den ich nicht eingeholt hatte, ſchon expedirt den da te, zer genblichl ſo gem Vaters ten und immer ſichte t Aber ei meines ſter ſte ſchoͤn t keine; die lie Straße liche, rechts, Geſicht daß i geſtern ner mw wurde. Ham⸗ wahr⸗ ſchaͤfte* ebeten. onikus, xpedirt on an⸗ ich be⸗ ne zwei mußten haͤnge o drin⸗ Leutchen Der fuͤr ſich undlichen nd blan⸗ aun nicht. n Betty Lindruck, 893 den das alte reine Staͤdtchen auf mich mach⸗ te, zerſtreute mich wenigſtens auf einen Au⸗ genblick. Die Leute ſahen alle ſo zufrieden, ſo gemuͤthlich aus, als waͤren ſie aus meines Vaters Hauſe, wo auch alle Menſchen mit⸗ ten unter den Umgebungen der alten Vorzeit immer jung blieben und den Beweis im Ge⸗ ſichte trugen, daß Gottes Erde die beſte ſei. Aber eins war in Luͤneburg anders, als in meines Vaters Hauſe. Faſt in jedem Fen⸗ ſter ſteckte ein huͤbſcher Maͤdchenkopf. So ſchoͤn wie Graͤfinn Betty, war nun wohl keine; aber naͤchſt dieſer waren es unſtreitig die lieblichſten Geſichter der Welt. In der Straße des Poſthauſes links ein paar nied⸗ liche, ungemein niedliche Maͤdchen, und rechts, da lachten drei bluͤhende, froͤhliche Geſichterchen ſo zauberiſch freundlich heraus, daß ich an meinen harten Sitz von geſtern Abend dachte und mir in mei⸗ ner weichen Sammtkapſel bruͤhſiedendheiß wurde. 3 F2 4 84 Haͤtte Graͤfinn Betty mich nicht nach ſich gezogen, ich haͤtte den ganzen Tag hier auf der Straße in meinen Paradewagen ſitzen, mögen, denn noch in den letzten Augenblick des Abfahrens gewahrte meine aufgeregte Leidenſchaftlichkeit neues Land hinter den Spiegelſcheiben. Und das war alles feſtes Land, denn die Maͤdchen waren friſch und kern geſund. In Zollenſpieker mußte ich ausſteigen, denn mich hungerte. Ehe ich einen Fuß aus dem Wagen noch ſetzte, kam ein Dienſtmaͤd⸗ chen aus dem Hauſe mir entgegen gelaufen und uͤberreichte mir heimlich ein verſiegeltes Billet: „Wir haben umſonſt auf Sie gewartet. Ich habe immer an Sie gedacht. Hier werden Sie einen Herrn von Arde⸗ glio finden, laſſen ſie ſich nicht mit ihm ein. Er iſt ein Spieler. Wir ha⸗ ben Ad Be mer a daß ic ſehr hi hatte 2 wird ſi Vater, Betty Haß g. net ha drei S ſchen u meine nicht n nen Ar ſitzen i im ſter des ſuͤf ſo wie ich ſich eer auf ſitzen genblick fgeregte er den 8 feſtes ſch und Zſteigen, Fuß aus nſtmaͤd⸗ gelaufen eſiegeltes gewartet. Hier n Arde⸗ icht mit Wir ha⸗ 8⁵ ben ihn in Pyrmont kennen gelernt. Adieu. Betty. Betty war beſſer als ich. Sie hatte im⸗ mer an mich gedacht. Waͤhrend der Zeit, daß ich meine Augen auf den Reizen der ſehr huͤbſchen Luͤneburgerinnen weiden ließ, hatte Betty immer an mich gedacht. Jetzt wird ſie mein Schutzgeiſt und warnt mich. Vater, guter Vater, warum hatteſt Du Betty nicht geſehen. Sie wuͤrde Deinen Haß gegen das weibliche Geſchlecht entwaff⸗ net haben. Hatte ſie mich doch in zwei, drei Stunden zu einem ganz andern Men⸗ ſchen umgewandelt. Ich dachte ſie mir als meine Schweſter, aber ſie war mir noch nicht nahe genug. Sie haͤtte immer in mei⸗ nen Armen, Lippe auf Lippe, Auge auf Auge, ſitzen muͤſſen, mit dem verloͤſchenden Feuer im ſterbenden Blicke, mit dem leiſen Hauche des ſuͤßen Todes im halbgeoͤffneten Munde, ſo wie ſie geſtern Abend ſaß. Ach warum ——— 68 dauerte der Abend keine Ewigkeit. Ich wollte gleich nach. Sie waren kaum vor 5 einer halben Stunde abaefahren. Aber ich mußte wieder auf Pferde warten. Ich„. ſneg alſo aus und aß. Eimi ſein mer hatte teſte ſprac aber verzo verſte hung herhe mir wer luſtig geſte keine dieſe niſch —— Aber 1 3ch 9. Die Schlacht. Einige junge Leute, die aus Hamburg zu ſein ſchienen, hielten ſich mit in dem Zim⸗ mer auf, in dem man mir ſervirte. Es hatte die Ausſicht auf die Elbe. Der Ael⸗ teſte unter ihnen gab den Ton an; man ſprach anfaͤnglich franzoͤſiſch und leiſe, dann aber fing man an engliſch zu reden. Ich verzog keine Miene, ob ich gleich jedes Wort verſtand, ſondern aß, weil mich wuͤthend hungerte. Mein armer Rock mußte wieder herhalten. Lachte ich doch nicht uͤber ihren mir eben ſo lacherlich vorkommenden Anzug, wer gab ihnen das Recht, ſich uͤber mich luſtig zu machen? Sonderbar. Betty hatte geſtern auch gelacht und ich haͤtte ihr um keinen Preis deshalb gram ſein koͤnnen, und dieſe jungen Naſeweiſe brachten mich in Har⸗ niſch. Ich ſtand, als ich der faden Spoͤtteleien endlich muͤde wurde, auf, und gab, ohne ein Wort zu ſagen, dem witzigen Tonangeber ein paar ſo ungeheuere Ohrfeigen, daß er vom Stuhle purzelte. In dem Augenblick ſtuͤrzte die ganze Geſellſchaft, fuͤnf Mann ſtark, uͤber mich her. Der Himmel weiß, wo ſie ihre Kraͤfte mußten gelaſſen haben. Ich zwang ſie alle. Ich bekam wohl hie und da einmal einen Puff, und, was mich am meiſten aͤrgerte, mein weiſſer Rock mit dem Roſa⸗ futter wurde mit meiner eigenen Bratenbruͤhe von oben bis unten abſichtlich begoſſen. Zum Gluͤck erfaßte ich aber den Frevler, der mir den Schabernack ſpielte, und ſtauchte ihm das Geſicht ſo nachdruͤcklich in die Moſtrich⸗ ſauce meines Diners, daß der Menſch kein Auge aufthun konnte. Indeſſen hatte ein dritter ſchon eine Kaͤlberkeule ergriffen, mit der er meiner Arrieregarde hart zuſetzte; ein vierter bombardirte mich mit Fleiſchkloͤschen; der fuͤnfte goß Wein, Waſſer, Bier, Kaffe, was gerade von d Bajon ſchritt Ich ſ Seite: doch ich h muͤſſen kurs zogene mit e und 1 nun d die U D ſen; ber ſt ſchoß vierbe ben. teleien ne ein ngeber daß er enblick ſtark, wo ſie Ich ind da meiſten Roſa⸗ ubruͤhe Zum er mir te ihm oſtrich⸗ ch kein te ein n, mit e; ein sschen; Kaffe, 89 was er nur in der Wuth ergreifen konnte, gerade auf mich ein; und der ſechsſte, der von der Gewalt des Angriffs mit gefaͤlltem Bajonet gehoͤrt haben mogte, kam im Sturm⸗ ſchritt mit gefaͤllten Stuhle auf mich los. Ich ſchob alles rechts und links auf die Seite; aber die Mehrzahl fing an, am Ende doch meine Anſtrengung zu erſchoͤpfen, und ich haͤtte der uͤberlegenen Macht weichen muͤſſen, waͤre jetzt nicht unvermuthet Suk⸗ kurs erſchienen. Ein Fremder ſtuͤrzte mit ge⸗ zogenem Stockdegen in das Zimmer, gebot mit einem italieniſchen derben Fluche Ruhe und machte mit gehaltvollen Worten, die er nun deutſch ſprach, meine ſechs Gegner auf die Ungleichheit des Streits aufmerkſam. Die Fleiſchklosbatterie hatte ſich verſchoſ⸗ ſen; eine halbe Karthaune von grobem Kali⸗ ber ſtak in den Falten meines linken Rock⸗ ſchoßes. Den Stuͤrmer hatte ich mit ſeinem vierbeinigen Bajonett unter den Tiſch geſcho⸗ ben. Der Wein⸗Bier⸗Kaffe⸗ und Waſſer⸗ 960 Schuͤtze war mit einer blutigen Naſe abgezo⸗ gen, den Kaͤlberkannibalen hatte ich zwiſchen den Beinen; der Bratenbruͤhetirailleur leckte noch an ſeiner Moſtrichſance und der Rai⸗ ſonneur duſelte, von den zwei friſchen Ohr⸗ feigen beteubt, noch auf dem Boden herum. Nach dieſem treuen und wahrhaften Be⸗ richte uͤber die Affaire in Zollenſpieker war alſo wohl der Sieg unbezweifelt mein und ich hatte ohne alle Frage das Feld behaup⸗ tet; indeſſen war mir doch das Huͤlfstorps ſehr willkommen und ich fand den Zug von dem Fremden, der ſeine Haut ſo freiwillig mir zu Liebe zu Markte bringen wollte, ſo edel, daß ich dem Mann dankend um den Hals fiel. Er kannte einige meiner Gegner, wenig⸗ ſtens dem Namen nach; es wurde ihm, da uns allen unſere Hitze verraucht war, leicht, den Vermittler zu ſpielen und ſo ward denn bald ein foͤrmlicher Friede geſchloſſen, deſſen Hauptartikel darin beſtand, daß, weil ich ausge Boute Die die je trager ſonder endlic Rock jetzt knoͤpf weiß nach raus wein recht im anzu komy mach das Zipf rich abgezo⸗ zwiſchen r leckte er Rai⸗ n Ohr⸗ herum. ten Be⸗ ker war ein und behaup⸗ lfstorps Zug von freiwillig ollte, ſo um der V „ wenig⸗ ihm, da c, leicht, ard denn 1, deſſen weil ich 91 ausgeſchlagen hatte, ich pro Mann eine Bouteille Wein zum beſten geben mußte. Die Beulen, Kontuſionen, blutigen Naſen, die jeder bei dieſem Scharmuͤtzel davon ge⸗ tragen hatte, wurden nicht zuruͤckgegeben, ſondern jeder behielt, was er hatte. Mir endlich ward anheim geſtellt, meinen weißen Rock mit dem roſaſeidenen Futter und den jetzt zum Theil deſolat gewordenen Folio⸗ knoͤpfen dem geographiſchen Inſtitut, ich weiß nicht mehr wo, zu uͤberſenden, um dar⸗ nach den Plan der Zollenſpieker Schlacht he⸗ raus zu geben. Als wir unſern Verſoͤhnungs⸗ wein tranken: wobei wir alle mit einander recht gute Freunde wurden bat mich einer im Scherz, meinen Rock nun ſelbſt einmal anzuſehen. Ich zog ihn aus. Wirklich eine komplette Landkarte. Ein breiter Kaffeeguß machte die majeſtaͤtiſche Elbe, die ſich durch das ganze Terrain ſchlaͤngelte. Unten am Zipfel lag das große reiche Hamburg, ein tuͤchtiger Fettfleck. Den Damm von Ham⸗ ———— 3 2 —— burg bis Zollenſpieker bildete eine ſchmale Linie von Sahne. Haarburg und alle um⸗ liegende Orte von Bedeutung rechts und links am Ufer des Stroms, nannten mir meine Freunde ſie waren alle, bald braun, bald gelb, bald roth angelegt, je nachdem nun eine Sauce eben dahin gekommen war. Auch Luͤneburg und meine Station von ge⸗ ſtern Abend fand ich Letztere unterm vierten Knopfloche, gerade in der Gegend des Her⸗ zens; auf den Punkt wo der ſchmale Sitz ſtehen mußte, goß ich einen Tropfen rothen Wein. Ein Fleck mehr oder weniger konnte jetzt ja nicht mehr ſchaden, und nun hatte ich doch eine Specialkarte der Niederelbe. Zu meinen Staunen hoͤrte ich jetzt, daß mein Retter und unſer Friedensgarantiſt der Herr von Ardeglio war, vor dem mich Graͤ⸗ finn Betty gewarnt hatte. Sie hatte ihm Unrecht gethan; denn es war der beſte Menſch von der Welt. Mochte er immerhin Spieler ſein, was ging das mich an, er hatte ging queur Eſſens als ic tionsn der T Taſch nes 2 den. ſchen. deglio was Unfal zu ne ſuchte ter, unſer umſo ſchmale le um⸗ 8 und n mir braun, achdem n war. on ge⸗ vierten 2 rothen konnte n hatte lbe. zt, daß tiſt der h Graͤ⸗ te ihm r beſte zmerhin er hatte ſein Leben fuͤr mich in die Schanze geſchla⸗ gen, fuͤr mich, den er gar nicht kannte. Was mußte er erſt ſeinen Freunden ſein. Die neuen Pferde waren angeſpannt; ich ging in das Nebenzimmer, um den Mar⸗ queur wegen der Bezahlung des halbgenoſſenen Eſſens und des Strafweins zu ſprechen, und als ich zuruͤck kam, zog ich meinen Situa⸗ tionsplan an, griff nach meiner Boͤrſe in der Taſche und fand ſie nicht. In dieſelbe Taſche hatte ich Bettys zweites, hier erhalte⸗ nes Billet geſteckt; auch dies war verſchwun⸗ den. Ich durchſuchte alle die uͤbrigen Ta⸗ ſchen. Beides war nirgends zu finden. Ar⸗ deglio bemerkte meine Verlegenheit und frug, was ich ſuche. Ich erzaͤhlte ihm meinen Unfall, ohne jedoch den Namen der Graͤfinn zu nennen. Alle ſtanden beſtuͤrtzt auf und ſuchten. Man ſchickte auf die Faͤhre hinun⸗ ter, man durchſpuͤrte das ganze Zimmer, unſer Champ de Bataille, alle Muͤhe war umſonſt. — 94 „Meine Herren,“ hob Herr von Ardeg⸗ lio jetzt zu den uͤbrigen unſerer Geſellſchaft an;„wir muͤſſen den fremden Herrn und uns ſelbſt alles Argwohns gegen einander uͤberheben. Ich erſuche einen jeden die Ta⸗ ſchen umzuwenden.“ Verlegener als alle lief ich zur Thuͤr hin⸗ aus und erklaͤrte im Laufen, daß ich nicht im allerentfernteſten einen einzigen von der honetten Geſellſchaft in Verdacht habe; man bat mich wieder einzutreten. Dieſe Art von Rechtfertigung, wo man den Be⸗ weis der Unſchuld mit umgewandten Taſchen fuͤhrte, war wahrlich fuͤr mich beleidigen⸗ der, als jene Spoͤtteleien, die unſere Schlacht nach ſich gezogen hatten. Ich bat alſo ein⸗ mal fuͤr allemal, davon abzubrechen.„Der Verluſt ſei nicht der Rede werth; nur das Billet gereue mich; den der Boͤrſe koͤnne ich leicht verſchmerzen, da keine zehen Louis⸗ d'or darinnen geweſen waͤren. Ich entfernte mich wieder, um dem Marque dene R und ihr um die nicht 9. Ich fre Plan, annaht mer, i hoͤrte 12 er mir wir d uns 1 Marq Sie! ſicht. mein Ich tigen verd⸗ erlat burg Ardeg⸗ llſchaft n und nander ie Ta⸗ ur hin⸗ ) nicht on der habe; Dieſe en Be⸗ Taſchen eidigen⸗ Schlacht ſo ein⸗ „Der ur das koͤnne Louis⸗ n dem 95 Marqueur meine mit Brillanten beſetzte gol⸗ dene Repetiruhr zum Pfande hier zu laſſen! und ihn um einige Thaler baar zu erſuchen, um die Pferde zu bezahlen und in Hamburg nicht ganz mit leerer Hand zu erſcheinen. Ich freute mich daß der Marqueur meinen Plan, den mir die Noth eingegeben hatte, Zufaͤllig kam Ardeglio in das Zim⸗ annahm. mer, um ſich ſeinen Zigaro anzuzuͤnden. Er hoͤrte unſere Unterhandlung. „Auf keinen Fall gebe ich das zu, u fiel er mir in den Handel,„mein Gott ſehen wir denn alle ſo pauvre aus, daß Sie zu uns weniger Vertrauen haben, als zu einem r? Stecken Sie ihre Uhr ein, ich bitte Marqueu das Blut in das Ge⸗ Sie! Sie jagen mir ſicht. Ich ſchaäme mich, daß ich Ihnen meine Dienſte nicht gleich angeboten habe. Ich werde die Kleinigkeiten hier gern berich⸗ und da Sie wahrſcheinlich durch der tigen, nfall ganz ohne Geld ſind, ſo verdammten U erlauben Sie mir, Ihre Reiſekaſſe bis Ham⸗ burg zu fourniren.“ 96 Er legte vier Dukaten auf den Diſch. Nein, Betty, dieſem Menſchen haſt du ſchreiendes Unrecht gethan! Vater, Vater, was hatteſt du fuͤr grauſame Begriffe von der Welt! Dieſer ſeltene Mann kannte mich nicht, wußte nicht einmal meinen Namen und theilte im engſten Sinne des Worts Blut und Gut mit mir. Er uͤberließ mich meinem Staunen, und ging, ohne meinen Dank abzuwarten, zur Geſellſchaft zuruͤck. Als ich eine Weile darnach in das Zim⸗ mer trat, um mich zu verabſchieden, ſagte eben Ardeglio, der mich nicht gleich be⸗ merkte. „Der Kern iſt gut nur die Schaale taugt nicht; laßt ihn nur andere Kleider an⸗ ziehen das wird Euch ein ſtattlicher Junge werden! Jetzt fiel mir eine Schuppe von den Au⸗ gen. Jetzt verſtand ich eine Zeile in Bettys erſtem Billet mehr. Jetzt brannten mir die Klei⸗ Kleider ich die glich, wenn aus de haͤtte: ſo ſche gut bl und d ſah. mir eit macher komme Ar Thorſp mehr gen m Damn Zim⸗ ſagte ch be⸗ taugt er an⸗ Junge n Au⸗ Bettys ir die Klei⸗ 97 Kleiber auf dem Leibe. Es iſt wahr, wenn ich die ſchmucken jungen Leute mit mir ver⸗ glich, ich konnte keinem Menſchen verdenken, wenn er mich fuͤr einen Knecht Rupprecht aus dem ſiebzehnten Jahrhundert anſah. Ich haͤtte mich vor mir ſelber verſtecken moͤgen, ſo ſchaͤmte ich mich. Betty konnte mir nicht gut bleiben, wenn ſie nach Hamburg kam und die jungen, modiſchgekleideten Herren ſah. Ich eilte in den Wagen, mehr, um mir ein Kleid nach dem neueſten Geſchmack machen zu laſſen, als um nach Hamburg zu kommen. Ardeglio aͤußerte, daß, wer noch vor der Thorſperre nach Hamburg wolle, keine Zeit mehr zu verlieren habe. Meine Sechſe flo⸗ gen mit der geographiſchen Exzellenz auf dem Damme zwiſchen den Vierlanden luſtig hin. 10. Der erkannte Freuud. In kurzem holte mich Ardeglio ein. Ich bat ihn, ſich zu mir in den Wagen zu ſetznn, damit wir beſſer mit einander ſprechen koͤnn ten. Er hing ſein Pferd an und ſetzte ſich zu mir.. 5 war, ihm fuͤr ſeine mir heute ſo vielfaͤltig bewieſene Freundſchaft zu danken. Zugleich griff ich nach meiner Brieftaſche, die ich in Wagen ſtecken hatte, und zeigte ihm einen meiner Wechſel, die ich in Hamburg zu zie⸗ hen hatte, mit dem ich ihm meine kleine Schuld morgen decken wolle. „Machen Sie mich nicht aͤrgerlich,“ ſagte er freundlich lachend,„habe ich ſie denn ſchon gemahnt? Aber es iſt gut, daß ich bei der Gelegenheit den Wechſel zu ſehen be⸗ komme, der laͤuft auf ein Haus, das— doch Das dringendſte, was ich zu thun hatte, das t kurzen fenſ Sie, ihn 1 20— dann haben men Fär j den Kann kauf ganz E Wecht men Exem faͤhrli hatter Freun Geleg . Jc u ſetzen en koͤnm tzte ſich in hatte, vielfaͤltig Zugleich 2 ich im hm einen g zu zie⸗ ne kleine ch,“ ſagte ſie denn aß ich bei ſehen be⸗ as— doch 599 das um Gotteswillen unter uns— das ſeit kurzem zu wackeln angefangen hat. Verkau⸗ fen ſie den Wechſel geradezu, ſo ristiren Sie, horibel dabei zu verlieren. Geben Sie ihn mir; ich habe Bekannte; ich hoffe mit 20— 26 Procente Verluſt wegzukommen und dann haben ſie von Gluͤck zu ſagen. Sie haben mehrere Wechſel, wie ich ſehe, neh⸗ men ſie ſich auf hieſigem Platze ſehr in Acht. Fuͤr jetzt haben Sie an dieſem Wechſel zu den erſten Ausgaben vollkommen genug. Kann ich Ihnen ſpaͤterhin dann beim Ver⸗ kauf der uͤbrigen auch dienen, ſo rechnen Sie ganz auf meine Bereitwilligkeit.“ Er erzaͤhlte mir, waͤhrend er meinen Wechſel einſteckte, der ihn mit meinen Na⸗ men bekannt gemacht hatte, eine Menge Exempel von jungen Leuten, die in dem ge⸗ faͤhrlichen Hamburg Haab und Gut verlohren hatten; er empfahl mir in der Wahl meiner Freunde ſehr vorſichtig zu ſein und vorzuͤglich alle Gelegenheiten zum Spiel zu vermeiden. 6 2 Schöne blinde Betty, wo hatteſt Du denn diesmal Deine Augen gehabt! Der gluͤcklichſte Zufall konnte mir keinen vaͤterli⸗ chern Freund an die Seite fuͤhren, und Du warnſt mich vor ihm wie vor einem boͤſen Unthier. Wenn Maͤdchen mit ſolchen klaren Augen, als Betty hatte, falſch, ſo falſch ſehen können, ach! was hatte ich da von der Welt fuͤr ſchiefe Urtheile uͤber mich zu erwarten! Ich brachte meinen neuen Freund auf mein Lieblingsthema, das ſeit Zollenſpieker mir im Kopfe lag, auf die Umgeſtaltung mei⸗ nes Aeußern. Eher, hatte ich mir meinen Plan gemacht, eher wollte ich nicht aus dem Zim⸗ mer gehen; aber dann ſollte mein erſter Gang zu Betty ſein. Er verſprach, mich zum netteſten Elegant in ganz Hamburg zu machen. Er ſprach mit einer ſo lebhaften Theilnahme von meiner Umformung, daß mir das Herz unter dem rothen Weinflecke laut aufjauchzte. Es war mir jetzt recht lieb, daß mein weißer Rock ganz unbrauchbar ge⸗ worde gruͤnd zuziehe kannt das C gebrac Schwe men gen. ſchlafe der er gen, „ ſeiner genieß ren ul * 3 viellei⸗ t Du Der zaͤterli⸗ ad Du boͤſen klaren ) ſehen er Welt rten! ind auf enſpieker ng mei⸗ en Plan em Zim⸗ n erſter ), mich bburg zu lebhaften ig, daß Leinflecke echt lieb, hbar ge⸗ 101 worden war. Hatte ich doch nun eine ge⸗ gruͤndete Entſchuldigung, ihn nie wieder an⸗ zuziehen.— Ardeglio brachte zufaͤllig das Geſpraͤch auf meine bisherige Reiſe. Er frug mich, ob ich unterweges keine angenehme Reiſebe⸗ kanntſchaft gemacht habe. Ich freute mich, das Geſpraͤch endlich auf meine ſuͤße Betty gebracht zu ſehen. Ich nannte ihren Schwager, den Kanonikus, aber ihren Na⸗ men konnte ich nicht uͤber die Lippen brin⸗ gen. Vom ſchmalen Sitz, von dem einge⸗ ſchlafenen Beine, von ihren zuckenden Hauche der erſterbenden Liebe nur eine Sylbe zu ſa⸗ gen, waͤre der ſchaͤndlichſte Verrath geweſen. „Kennen Sie den Kanonikus genauer?” „Nur ſeit geſtern Abend; ich hoffe aber! ſeiner Bekanntſchaft in Hamburg naͤher zu genießen; er wird im roͤmiſchen Kaiſer logi⸗ ren und ich denke dort auch abzutreten.“ „Ol es iſt eine der beſten Aubergen nur vielleicht etwas theuer! 102 „Thut nichts; wo man ſo gute Geſell⸗ ſchaft. trifft, ſieht man nicht auf ein paar Sh let mehr oder weniger.“ „Angenehm iſt die Gefenſthaſt des Ka⸗ vonikas⸗ 4 „Sehr angenehm!“ 1 „Aber, ob ſie gut⸗ 4 iſt eine andere Frage.“ „Wie das?: wie dns2 Herr von Arde⸗ glio,“ frug ich ſtutzend. „Sie ſind jung, Freund! Sie kennen die Art Leutchen noch nicht! die huͤbſche Frau, die ſehr ſchoͤne Nichte, die Graͤfinn Betty, koͤnnen fuͤr den erſten Augenblick bezaubern. Aber— doch es iſt indiskret, mich ihnen ſo hinzugeben, es iſt— es iſt vielleicht grau⸗ ſam von mir, Sie zu— zu entzaubern“ „Sprechen Sie, ich bitte Sie, ſprechen Sie!“ rief ich, und die Angſt, etwas Nach⸗ theiliges uͤber die ſchoͤne Betty zu hoͤren, ſchnuͤrte mir die Kehle zu. „Der Kanonikus iſt ein Beutelſchneider. Ich l junge Frau die er wirft. uͤber kleine dirne, nen w wirft Mann „. verwer men, finn z 3 2 dor d heute verlier ſie nie 0 1 wir in Geſell⸗ 1 paar es Ka⸗ andere Arde⸗ nen die Frau, Betty, zaubern. hnen ſo t grau⸗ rn. 4 ſprechen 6 Nach⸗ hoͤren, chneider. 103 Ich lernte ihn in Pyrmont kennen. Er zieht junge Leute an ſich und dann aus. Seine Frau und die Graͤfinn ſind die Lockſpeiſen die er ſeiner Beute zum beliebigen Spiel hin⸗ wirft. Die Frau kenne ich nicht ſo genau; uͤber die kann ich nichts ſagen. Aber die kleine Graͤfinn; das iſt eine gemeine Buhl⸗ dirne, die ſich, wenn ſie baar Geld bei Ih⸗ nen wittert, Ihnen ungebeten an den Hals wirft und dabei dem Rufe eines ehrlichen Mannes keinen geſunden Fleck laͤßt.“ „Halten Sie ein!“ rief ich und faltete verwendet die Haͤnde vor die Augen zuſam⸗ men,„halten Sie ein, Sie thun der Graͤ⸗ finn zuviel!"¹? „Zuviel? Haha! Wollen Sie fuͤnf Louis⸗ dor dran wagen, ſo ſchaffe ich Sie Ihnen heute Abend noch auf Ihr Zimmer. Ich verliere hundert Dukaten gegen zehne, wenn ſie nicht kommt. Wollen Sie wetten?“ „Ja! Sie kommt, weil ſie mich kennt, weil wir in einem Gaſthauſe zuſammen wohnen.— 104 „Nein, nein! ſie kommt zu jedem, ſie geht in ſteinfremde Haͤuſer, wenn ſie weiß, daß es fuͤnf Louisdor ſetzt.“ Ich hatte nicht einmal einen ganz hellen Begriff von dem was er damit ſagen wollte; aber ſchon der Gedanke, daß Betty auch auf dem Schooße eines Andern ſo ſitzen, in dem Arme eines Andern ſo ihr Leben in ſuͤßer Liebe aushauchen koͤnne, brachte mich von Sinnen. Ich ſchlug mit geballter Fauſt eine venetianiſche Spiegelſcheibe meines Wa⸗ gens in Stuͤcken. Ich konnte nicht ſitzen bleiben. Die Luft im Wagen ward mir zu enge; ich mußte heraus, mußte mich er⸗ gehen. Gott! Gott! jenſeits des Stroms, der zu meinen Fuͤßen hinabeilte, lag mein Pa⸗ radies, und hier fand ich meine Hoͤlle. Ach! mein Vater, warum hatte ich Dich und Deine Lehren vergeſſen! Die Strafe des kindlichen Ungehorſams folgt mir auf dem Fuße. b Ar gen zu ſperre ihm Aber jedem nem! E iſt w in der einpaf in die und 5 Eindr mein . aus, ſer”“ mir a „ ich aͤ einem ᷣ 2 — 2 — 105 Ardeglio bat mich, wieder in den Wa⸗ gen zu kommen, wenn ich nicht die Thor⸗ ſperre verſaͤumen wollte. Er fing als ich bei ihm ſaß, wieder von Betty an zu ſprechen. Aber ich beſchwor ihn, zu ſchweigen. Mit jedem Worte riß er mir ein Stuͤck von mei⸗ nem blutenden Herzen los. Einſylbiger, mißmuͤthiger, ungluͤcklicher iſt wohl ein junger Menſch, meine Wechſel in der Daſche, noch nie in Hamburgs Thore einpaſſirt. Ich fuhr wie ein todter Menſch in die Stadt. All' das Treiben und Leben und Weben auf den Straßen machte keinen Eindruck auf mich. Betty, nur Betty fuͤllte mein Gemuͤth. „Halt!“ rief Ardeglio zum Wagen hin⸗ aus, und„ hier ſind wir am roͤmiſchen Kai⸗ ſer“ ſagte er. Ein gluͤhender Muͤhlſtein fiel mir auf das Herz. „Wir wollen wo anders abſteigen,“ rief ich aͤngſtlich, denn nun mit Betty unter einem Daͤche zu wohnen, nein, das war 106 mir nicht moͤglich. Aber Ardeglio war ſchon aus dem Wagen heraus, um, wie er ſagte, ſich zu erkundigen, ob noch Platz fuͤr mich ware. Er kam den Augenblick wieder! und brachte die erfreuliche Nachricht, daß hier alles ſchon beſetzt ſei. Er ſagte den Poſtil⸗ lons die Straße, wohin ſie fahren ſollten; ich dankte Gott, daß Ardeglio und der Zu⸗ fall mich gerettet hatten. In dem Augen⸗ blicke, als wir abfuhren, hoͤrte ich meinen Namen rufen. Es war Bettys Stimme. Ich fuhr mit dem Kopf aus dem Wagen, aber in dem Augenblicke ſchob ſich ein ho⸗ her Heuwagen vor mir dicht und langſam voruͤber, und als die Ausſicht endlich wieder frei war, gewahrte ich keinen Menſchen an den Fenſtern des ganzen Hauſes. Ardeglio hatte nichts gehoͤrt.„Auch“ ſagte er,„kann es die Graͤfinn nicht gewe⸗ ſen ſein, denn ich frug, ob Barons hier ab⸗ getreten waͤren, allein ſie haben auch kein Untern daher umſeh W lichen . an, aufgel nau. ſchon ſagte, r mich ! und ß hier Poſtil⸗ ſollten; der Zu⸗ Augen⸗ meinen Stimme. Wagen, ein ho⸗ angſam wieder chen an „Auch t gewe⸗ hier ab⸗ ſch kein 107 Unterkommen ſinden koͤnnen und haben ſich daher ebenfalls nach einer andern Auberge umſehen muͤſſen.“ Wir hielten vor einem kleinen unanſehn⸗ lichen Wirthshauſe.. „Hier,“ hob mein vaͤterlicher Freund an,„logiren Sie billig und ſind gut aufgehoben. Ich kenne den Wirth ge⸗ nau. Sie ſind wie Kind im Hauſe.“ Noch denſelben Abend kamen Schnei⸗ der, Schumacher, Friſeur, Galanteriehaͤnd⸗ ler u. ſ. w. und alles dieß beſorgte Arde⸗ glio mit einem Eifer und einer Treue, daß ſich mein Herz ihm mit jeder Stunde mehr verpflichtete. „Zahlen ſie an die Leute nichts aus!¹ ſagte er,„handeln Sie gar nicht mit ih⸗ nen. Ein junger Fremder Ihres Stan⸗ des, Ihres Vermoͤgens, Ihres Herzens, das iſt fuͤr dieſe Sorte Menſchen gerade der rechte Fang.“ 1 1098 Er ließ meinen Wechſel auf ſich gi⸗ riren, verſprach eine Schiffsgelegenheit auf Petersburg zu ſuchen, trank ein paar Glaͤſer Wein mit mir, und ging. —— ich gi⸗ genheit ik ein 3 11. Die Himmelsbraut. Das mir angewieſene Stuͤbchen ging in den Hof hinaus. Ich haͤtte eben ſo gut in einem kalmuͤkiſchen Dorfe, als in Hamburg wohnen koͤnnen; von Hamburg ſah ich gar nichts. Blos die Thurmuhren ſchlugen und es erweckte in mir ganz eigene Empfindun⸗ gen, als ich jetzt die geſtrige Stunde, welche die gluͤcklichſte meines bisherigen Lebens ge⸗ weſen war, vier, fuͤnf, ſechsmal von ver⸗ ſchiedenen Thuͤrmen ſchlagen hoͤrte. Arde⸗ glio's Worte: „wollen Sie fuͤnf Louisdor daran wenden, ſo ſchaff ich ſie Ihnen heute Abend noch auf Ihr Zim⸗ mer!“ traten, wie verſuchende Teufel, mir auf das Herz. Ich hatte zwar keinen baaren Mari⸗ engroſchen, aber meine Wechſel— ach! ich 110 haͤtte ſie gern alle darum gegeben, wenn die ſchoͤne Betty jetzt auf mein Zimmer gekom. men waͤre. Es klopfte. Haͤtte das Wetter in meinen kleinen Hof eingeſchlagen, ich haͤtte nicht mehr erſchrek⸗ ken koͤnnen, als uͤber dieß leiſe Klopfen. Das konnte kein anderer Menſch ſein, als Betty. Es kannte mich ja niemand in ganz Hamburg, als Betty und Ardeglio, und letzterer war den Augenblick erſt wegge⸗ gangen. Ich oͤffnete mit aͤngſtlicher Haſt die Thuͤre. Ein junges Frauenzimmer, in eine Enveloppe gehuͤllt, ſtand auf dem Flur und verbeugte ſich, als ſie mich gewahrte. Ich haͤtte beinahe laut aufgeſchrieen. Es war Bet— nein es war Betty nicht. Die Dame trat mit einer zweiten Verbeugung jetzt naͤher; ich mogte ſo ausgeſehen haben, als ob ich ſte einzutreten erſuchte; ſie ſtand in meinem Zimmer, machte die dritte Ver⸗ beugu und ſ „. ich bi Abend gehe i gen ankon mein ſin. mit r nicht. ich m bis h keln a meiner wollte aber i bin.“ W ich in aber enn die gekom. den Hof erſchrek⸗ en. h ſein, rand in rdeglio, wegge⸗ aſt die in eine ur und 2n. Es k. Die beugung haben, ie ſtand te Ver⸗ 111 beugung und ſagte ſchuͤchtern und verlegen und ſehr leiſe: „Sie nehmen nicht unguͤtig. Ich ſehe, ich bin im Irrthum. Ich ſah Sie dieſen Abend zum Thore herein kommen. Taͤglich gehe ich vor das Thor, immer in der ban⸗ gen Erwartung, eines von den Meinigen ankommen zu ſehen. Ich— verzeihen Sie mein Herr— ich hielt Sie fuͤr meinen Kou⸗ ſin. Ich winkte; ich gab Ihnen ein Zeichen mit meinem Tuche, aber Sie ſahen mich nicht. Ich konnte mir nicht einbilden, daß ich mich taͤuſchte; ich verfolgte den Wagen bis hierher. Ich wartete, bis es zu dun⸗ keln anfing, um nicht gleich von Ihnen als meinem Kouſin, erkannt zu werden; ich wollte Sie, als meinen Kouſin, uͤberra chen, aber ich fuͤhle, das ich jetzt die Ueberraſchte 3 bin.— War es der fremde liebliche Dialekt, den ich in meinem Leben nicht gehoͤrt hatte, der aber mit ſeiner zarten Harmonie wie eine 112 Floͤtenpaſſage auf mich wirkte, oder war es die ſchoͤne Form des ſchlanken Maͤdchens, oder war es das Jungfraͤuliche im Blick und in der Manier der Fremden— mir ward bald heiß, bald kalt. Ich haͤtte gern geſehen, wenn ſie geblieben und gern geſehen, wenn ſie gegangen waͤre. Ich vergaß, daß ich im Nachtjaͤckchen vor ihr ſtand, denn mein Schreiberſcher Atlas von Feſt⸗ und Bratenkleid war voͤllig deſolirt. „Erwarten Sie ſchon lange Ihren Herrn Kouſind“ fragte ich, um doch endlich etwas zu ſagen. „Seit Wochen ſchon. Koͤmmt er nicht oder nimmt ſich ſonſt keines von den Mei⸗ nigen meiner an, ſo bin ich verloren. So bin ich ſehr ungluͤcklich. So— ach Gott, ach Gott!!“— Sie barg ihr Geſicht in ihr Tuch, bezwang das Aufwallen ihrer Gefuͤhle, faßte ſich und ſagte nach einer kleinen Pauſe mit etwas feſterer Stimme:„Verzeihen Sie, mein Herr, daß ich ſtoͤrte.— Ich em⸗ pfehle mich Ihnen.“— Sie S Anm 1 ſagte ſagten ken? Ihner 1. helfen. anneh men, E kleine loppe Entgle barg n hoͤrt h 7 ſteh' ic ihrer? wahrli Schick var es dchens, Blick — mir ke gern zeſehen, ß, daß , denn t⸗ und Herrn etwas er nicht n Mei⸗ n. So Gott, in ihr Gefuͤhle, 1 Pauſe terzeihen Ich em⸗ Sie 113 Sie verbeugte ſich mit unausſprechlicher Anmuth und wollte gehen. „Erlauben Sie einen Augenblick,“— ſagte ich bewegt.„Verloren? Ungluͤcklich! ſagten Sie.— Ihr Blick flog zu den Wol⸗ ken? Sie riefen Gott zu Huͤlfey Was fehlt Ihnen? kann ich helfen? Sprechen Sie!“ „ Nein, mein Herr! Sie koͤnnen nicht helfen. Ich darf ihre Huͤlfe nicht einmal annehmen. Nur vom Himmel, kann ſie kom⸗ men, dem gehoͤre ich.“ Sie machte bei dieſen Worten eine kleine Bewegung mit der Hand. Die Enve⸗ loppe entglitt ihrer Achſel. Sie ergriff die Entgleitende haſtig, huͤllte ſich tiefer ein und barg mir den Himmel, dem ich ſo gern ge⸗ hoͤrt haͤtte.. „Dem Himmel, ſagen Sied wie ver⸗ ſteh' ich das? ſehen Sie mich fuͤr einen aus ihrer Familie an. Herzlicheren Antheil kann wahrlich keiner Ihrer Kouſins an Ihrem Schickſale nehmen. Goͤnnen Sie mir Ihr 8 1714 Vertrauen. Die Lieblichkeit gehoͤrt immer im Himmel zu Hauſe, haben Sie dort aber naͤheres Buͤrgerrecht?“. „Ich hatte es;“¹ entgegnete ſie mit einem tiefen Seufzer.„Aber ich habe es verſcherzt. Nur durch meine Familie.— „Sie hatten es? Sie haben es ver⸗ ſcherzt! Sprechen Sie doch deutlicher. Ich meine es wahrlich ehrlich mit Ihnen.“ „Ja, der Himmel ſollte meine Freiſtaͤtte ſein, ich habe ihn mit der Erde vertauſcht. Ich war eine Kloſterjungfrau. Ein Vikarius unſeres Konvents entfuͤhrte mich. Hier uͤber⸗ ließ mich der Treuloſe meinem Schickſale. Ich habe mich reuig an meine Abbatiſſinn, an meine Familie gewendet. Alle meine Briefe blieben ohne alle Antwort.“ „Aus welchem Kloſter fluͤchteten Sie, ungluͤckliche Himmelsbraut? zu welchem Or⸗ den gehoͤrten Sie?“— „Aus dem Kloſter der Bernhardinerin⸗ nen in B— n!“ antwortete ſie und beugte das 2 nieder. He fuͤr B einem Wort zu kop ſante E den B Huͤlfe dieſe n nicht. kloͤſtern Leben i ſo gluͤck Anſicht Auch it gethan. Ich ihr „ nerinnei der lieb reiſtaͤtte tauſcht. zikarius r uͤber⸗ hickſale. ttiſſinn, meine 1 Sie, em Or⸗ dinerin⸗ beugte 115 das Nonnengeſichtchen tief auf den Buſen nieder. Hatte ich doch den breiten N— i Blatt fuͤr Blatt beinahe durch geleſen, aber von einem Nonnenkloſter in B— n ſtand kein Wort darin. Doch hier war nicht die Zeit zu topographiſchen Gruͤbeleien. Die intereſ⸗ ſante Bernhardinerinn ſtand mit ihrer hol⸗ den Braͤuklichkeit vor mir. Ich hatte ihr Huͤlfe verſprochen. Auf weſchem Wege ihr dieſe werden ſollte, wußte ich ſelbſt noch nicht. Ich hatte hundert Mal von Nonnen⸗ kloͤſtern erzaͤhlen gehoͤrt. Das abgezogene Leben im Vaterhauſe, das mir meine Jugend ſo gluͤcklich gemacht hatte, war nach meiner Anſicht der ſtillen Kloſterexiſtens aͤhnlich⸗ Auch ich hatte das Geluͤbde der Keuſchheit gethan. Die Heilige war meine Schweſter⸗ Ich ihr Bruder in Chriſto. „Ich kenne den Orden der Bernhardi⸗ nerinnen nicht genau,“ hob ich, im Anſchaun der lieblichen Schweſter verloren, an,„von 9 2 116 welcher Regel, oder wie nennen Sie das, von welchem Syſtem iſt Ihr Orden?“ „Von der ſtrickten Obſervanz,“ entgeg⸗ nete die Veſtalinn.„Unſere Ordensregeln ſind die ſtrengſten. Die Trappiſten ſind ge⸗ gen uns wahre Weltkinder. Wir zaͤhlen uns zu den barmherzigen Schweſtern. Die Aus⸗ uͤbung der Naͤchſtenliebe iſt eine unſerer er⸗ ſten Pflichten. Wir nehmen die Schwachen und Bloͤdſinnigen auf, und den unheilbaren Kranken dienen wir mit einer ſeltenen Hin⸗ gebung. Wir muͤſſen die ganze Nacht hin⸗ durch unſere Horas ſingen; nur gegen Mor⸗ gen werden uns einige Stunden Schlaf ver⸗ goͤnnt. Die Despotie unſerer Mutter Abba⸗ tiſſinn hat keine Grenzen. Ein einziges Mal im Jahre, zur Faſtnachtszeit, ſehen wir ehr⸗ bare Frauen und Maͤdchen zu den Fuͤßen un⸗ ſerer Altaͤre; außer dieſer Zeit iſt, außer un⸗ ſern Aufwaͤrterinnen, keine weibliche Seele in unſern ſtillen Mauern zu finden. Die Fonds unſerer frommen Stiftung ſind bloß freiwil⸗ lige ſchwer wallfa nen z gen t der Ze ner Ot 1 braut, 7 der m hier. Welt, Schleige ander nen ſt laͤnger Laſter war ur ſere S den. mir un hier iſt das, 1 entgeg⸗ sregeln ind ge⸗ en uns e Aus⸗ erer er⸗ wwachen eilbaren in Hin⸗ iht hin⸗ n Mor⸗ laf ver⸗ Abba⸗ es Mal vir ehr⸗ ßen un⸗ ßer un⸗ Seele in e Fonds freiwil⸗ lige Beitraͤge andaͤchtiger Buͤßender und ſchwerer Suͤnder, die zu unſerm Wunderbilde wallfahrten und erleichtert wieber von dan⸗ nen ziehen. Unſere unaufhoͤrlichen Kaſteiun⸗ gen toͤdten die Bluͤthe unſerer Jugend vor der Zeit. Ein hohes Alter erreicht keine mei⸗ ner Ordensſchweſtern. 9 „Darum flohen Sie, heilige Himmels⸗ braut, Ihre ſtille Zelle?“ „Darum floh ich! aber der Abſcheuliche, der mich in die Welt fuͤhrte, verließ mich hier. Was ſollte ich nun in der ſuͤndigen Welt, wo jeder Bube die Zipfel meines Schleiers ergreift, um ihn mitten von ein⸗ ander zu reißen? Lieber zuruͤck in den klei⸗ nen ſtillen Wohnplatz meiner Jugend, als laͤnger in dieſer Welt herumirren, wo das Laſter ſich breite Wege gebahnt hat. Dort war unſere Abgeſchiedenheit ſo groß, daß un⸗ ſere Sprachgitter ſich vor dem Hauſe befan⸗ den. Hier ſteht kein ſolches Gitter zwiſchen mir und den ſuͤndigen Adamsſoͤhnen— nein, hier iſt mein Platz nicht.“ 117 118 Ich wußte nicht, was ich thun ſollte. In meiner Verlegenheit erbot ich mich, ſie ſelbſt nach B— n zuruͤck zu fuͤhren. Es ſtand zwar davon nichts in der Inſtruͤktion meines Vaters; allein dieſe konnte ja nicht auf alle Faͤlle Bedacht nehmen, die mir auf meiner Reiſe zuſtoßen wuͤrden. „Sie ſind ſehr guͤtig, mein Herr!“ ant⸗ wortete die Kloſterjungfrau zuͤchtig,„aber mit aller Achtung fuͤr Sie, was wuͤrde man von mir denken, wenn ich an der Seite eines jungen Mannes zuruͤck kaͤme, der gar nicht ernſt genug ausſieht, um eine Ordens⸗ ſchweſter vor ſich ſelbſt zu bewahren. Nein, mein Herr. Ich will einige Tage noch ab⸗ warten. Der Himmel wird ja wohl meine Bitte erhoͤren und mir Huͤlfe ſenden. Wenn ich nur bis dahin die Mittel in Haͤnden haͤtte, um die dringendſten Beduͤrfniſſe des Lebens zu befriedigen. Doch auch dieſe Pruͤfung werde ich uͤberſtehn und mit meiner Ergebung in den ſtrengen Wil⸗ len nen. O J ner 1 Groſe Wech nichts kender als g. mit b ſie, ei geſtan auf u 100 2 allein nicht ben, ſ fuͤr vo Ne die N Sie das 2 ſollte. ich, ſie Es trüktion a nicht nir auf rI! ant⸗ „aber de man Seite der gar Ordens⸗ Nein, och ab⸗ l meine Wenn Haͤnden eduͤrfniſſe ch auch hn und den Wil⸗ 119 len der Vorſehung ihren Zorn verſoͤh⸗ nen. Ich verſtand die Geweihete, aber zu mei⸗ ner unausſprechlichen Pein hatte ich keinen Groſchen in der Taſche; nichts, als die Wechſel, die, nach Ardeglio's Verſicherung, nichts taugten, oder doch einen ſehr ſchwan⸗ kenden Werth hatten. Indeſſen, beſſer etwas, als gar nichts. Ich entſchuldigte mich, nicht mit baarem Gelde verſehn zu ſein, und bat ſie, einen meiner Wechſel anzunehmen. Ich geſtand ihr im voraus, daß ſie die Summe, auf welche der Wechſel lautete— es waren 100 Thaler— nicht voͤllig erhalten wuͤrde; allein die Schuld laͤge nicht an mir, auch nicht an meinem Vater, der ſie mir mitgege⸗ ben, ſondern an dem, der ſie meinem Vater fuͤr vollwichtige Papiere verkauft habe. Nach vielem Zoͤgern gewann es endlich die Nonne uͤber ſich, das Papier anzunehmen. Sie ſchien noch etwas zu wollen; allein das Peinigende ihrer Lage wirkte auf ihr 120 Zartgefuͤhl ſo uͤberraſcht, daß ſie mir kaum danken konnte. Sie ging, und ich freute mich, dem Himmel ſein holdes, reines Kind erhalten zu Herz ſchwoll mir in meinem Nachtjaͤckchen hoͤher.— Haͤtte Betty geſehen, wie ich mit ſo reiner Liebe auf die Angſtwunden des be⸗ kuͤmmerten Nonnenherzens den leichten Wechſel als Heilpflaſter legte, ſie haͤtte mich gewiß noch lieber gewonnen.— haben. Ich hatte etwas Gutes gethan. Das Ardeg D und n ral bel Er er einem Mißhe ber ſer Gelege ſeinem kaum dem ten zu Das aͤckchen ch mit es be⸗ Wechſel gewiß 121 12. Der Lebensretter. Ardeglio kam dieſen Abend nicht wieder. Der Wirth brachte mir das Abendeſſen; und meine Floͤte, die er im geoͤffneten Futte⸗ ral bemerkte, brachten uns naͤher aneinander. Er erzaͤhlte mir, daß er Kapelldirektor bei einem kleinen Reichsfuͤrſten geweſen, einiger Mißhelligkeiten mit der erſten Saͤngerinn hal⸗ ber ſeinen Poſten niedergelegt und jetzt eine Gelegenheit etablirt habe, Muſikfreunde in ſeinem Hauſe aufzunehmen. Seine Vorliebe fuͤr Muſik ſprach mich an. Er gerieth in Feuer und Flammen, als er meine Meinung uͤber Muſik im Allgemei⸗ nen hoͤrte. „Sie haben allerdings, wie ich ſehe, die erſten Grundbegriffe vom Weſen der Muſik gefaßt“ ſagte er mit ſelbſtgefaͤlligem Tone, nallein, verzeihen Sie, Freund, es 122 fehlt Ihnen noch Schule. Ein halbes Jahr bei mir und die erſten Komponiſten unſerer Zeit nuͤßten vor Ihnen den Hut ziehen. Wir ſind noch zuruͤck in der Theorie der Kunſt, gewaltig zuruͤck, Selbſt uͤber die einfachſten Saͤtze ſind wir noch nicht im Rei⸗ nen. Im Bezirk einer Tonleiter ³ B. finden ei⸗ nige Tonlehrer achtzehen, andere vierundzwanzig und noch andere einige vierzig Tone. Da ſehen Sie das Ungewiſſe, das Schwankende. Mein Nachbar, der Organiſt, trampelt alle Son⸗ tage auf ſeiner Orgel herum, wie ein Buͤffel; aber uͤber Kon⸗ und Diſſonanzen hat er kei⸗ nen klaren Begriff; von den Neutris weiß er kein Wort. Ich ſetzte ihm auseinander, daß man dazu die falſche Quinte, die verminder⸗ te Terz, die uͤbermaͤßige Quinte und ihre Repliken rechne; da riß der Menſch vor Verwunderung das Maul auf, daß man mit einem ganzen Tremu⸗ lantenregiſter haͤtte hineinfahren koͤnnen. Sehen Sie, Freund, ſo ſind unſere heutigen Muſiker!u¹ Ich ſchlug beſchaͤmt die Augen nieder; denn ſten. meine Stillle zu d ſchwu meiſte Orgaꝛ wußte 7 direkt glar der n quart um il len, und 8 Jahr unſerer ziehen. rie der ber die im Rei⸗ nden ei⸗ zwanzig Da ſehen Mein e Son⸗ Buͤffel; er kei⸗ weiß er er, daß minder⸗ Repliken ung das Tremu⸗ Sehen uſiker!u nieder; 123 denn mir ging's, wie dem Nachbar Organi⸗ ſten. Als die ſchoͤne Betty geſtern Abend meinem Floͤtenſpiele durch ihre aufmerkſame Stille huldigte, hatte mich meine Eitelkeit zu dem Range eines Kuͤnſtlers hinaufge⸗ ſchwungen. Jetzt warf mich mein Kapell⸗ meiſterwirth hinunter neben den Buͤffel von Organiſten. Ich fuͤhlte, daß ich gar nichts wußte. „Glauben Sie wohl” hob mein Kapell⸗ direktor an und gab mir einen reinen Deller, „glauben Sie wohl, daß der Kantor hier in der naͤchſten Kirche weiß, was ein Sekund⸗ quartſextenakkord iſt? Neulich frug ich ihn, um ihm ein Bischen auf die Zaͤhne zu fuͤh⸗ len, was Harmonie, Melodie, Modulation und Generalbaß ſei?— ja, er ſoll mir heute noch Red und Antwort geben.“ Ich ſah wieder auf meinen Teller nie⸗ der und kaute in den trockenen Kapaun, der mir wie ein Quintſextenakkord zwiſchen den Zaͤhnen ſaß; denn ich wußte von alle dem auch keine Definition zu geben. Von dem einzigen Worte Harmonie hatte ich eine dunkele Idee. Das, was zwiſchen mir und Betty war, das mußte Harmonie ſein. Um meine Idee in Worten zu hoͤren, faßte ich mich, that, als ob ich verſtaͤnde, was mein muſikaliſcher Wirth mir vorſchwatzte und frug:„nun, wie definirten Sie ihm denn die Begriffe? „Nun, unter Generalbaß“ ſagte ich, „ verſteht man einen Baß, nebſt dem die je⸗ desmal zu Grunde liegende Harmonie zu⸗ gleich angegeben wird; in theoretiſcher Hin⸗ ſicht bezeichnet auch das Wort Generalbaß bloß die Kenntniß der Harmonie.“ Davon paßte nichts auf mich und Betty. Zwi⸗ ſchen uns ſtand weder ein General noch ein Baß. „Modulation“ fuhr mein Wirth fort und ſervirte den Nachtiſch,„bezeichnet die Kunſt auf eine geſchickte Art aus dem Hauptton in die ſogenannten Nebentoͤne aus⸗ zuweichen.“ 3 72 dachte Leben „1 haſſiſt ner Ti die ſue einem 2 „die ſi einem die V wohl ſten ut kenntn zum re n dem eine ir und Um ßte ich 3 mein e und 2 denn te ich, die je⸗ nie zu⸗ r Hin⸗ eralbaß y. Zwi⸗ Baß. h fort net die 8 dem ne aus⸗ 125 „Die Kunſt werde ich mir merken,“ dachte ich bei mir ſelbſt.„Im menſchlichen Leben iſt das eine Hauptkunſt!“¹ „Und Melodie u endete mein General⸗ baſſiſt,„iſt eine wohlgeordnete Folge einzel⸗ ner Toͤne; und unter Harmonie verſteht man die ſucceſſtoe Verbindung einzelner Akkorde zu einem Ganzen.“ Ich wiederholte heimlich und ſinnend: die ſucceſſive Verbindung einzelner Akkorde zu einem Ganzen!“ und ich laͤchelte freundlich, denn die Verbindung zu einem Ganzen mogte das wohl ſein, was Betty und ich im Verborgen⸗ ſten unſers Herzens wuͤnſchten. Der reichsfuͤrſtliche Kapelldirektor deutete die Verklaͤrung, die er in meinem Geſichte leſen mogte, fuͤr den Beifall, den ich ſeiner Lehre zolle, und rief: „Herr! mit Ihren Anlagen, mit ihren Vor⸗ kenntniſſen bring ich Sie in ſechs Säochin bis zum reinen Satz!“ 126 Ich ſtutzte; denn vom„reinen Satz hatte ich in meinem Leben noch nichts gehoͤrt. „Sie verſtehen“ hob ich an. „Was ich unter dem reinen Satz ver⸗ ſtehe? nu, in dem ſind alle unnatuͤrlichen Fortſchreitungen nicht erlaubt. Zu dieſen verbotenen unmelodiſchen Fortſchreitungen gehoͤrt vorzuͤglich der Sprung in die uͤbermaͤſ⸗ ſige Sekunde, in die uͤbermaͤßige Sexte, in die große Septime u. ſ. w. Hiernaͤchſt iſt auch der ſogenannte boͤſe Querſtand zu vermeiden.“ Ich erſchrack; denn es war mir, als ſtände mein Vater vor mir und ſpraͤche von den verbotenen Fortſchreitungen und von dem Sprunge in die uͤbermaͤßige Sekunde. Ich konnte kaum Athem holen vor Bangigkeit. Der Wirth hatte ſehr recht. Ich befand mich nicht auf dem reinen Satze. Ich haͤtte mei⸗ nen Vater nicht mit reinen Augen anſehen koͤn⸗ nen.— Ein kompletter boͤſer Zu⸗ und Querſtand. „Unſere Komponiſten hier in Ham⸗ burg;— man ſoll uͤber ſeine Kollegen nicht ſprechen, fehlern Selbſt Sie.— wie den wie die ordnung Ich verſchwet Mozart! Der Kunſt, i an Bettt Er n und ging Den und Scht macher, ſtellten S der probi und vera zen und? hatte 3 ver⸗ rlichen dieſen kungen ermaͤſ⸗ te, in ſt auch den.“ „ als de von in dem Ich gigkeit. d mich te mei⸗ en koͤn⸗ ſtand. Ham⸗ m nicht 127 ſprechen, aber ſie ſind von den erſten Schul⸗ fehlern nicht frei; ſie machen lauter Quinten. Selbſt Haydn und Mozart!— ich bitte Sie.— Einer laͤßt ſeine Bedienten ſingen wie den Herrn, der andere die Knechte gar wie die Goͤtter. Zeigt das muſikaliſche An⸗ ordnung? Iſt das nicht Verſchwendung?“ Ich war ſtill, und dachte, wohl dem, der verſchwenden kann, und ſo reich bleibt, als Mozart und Haydn. Der Wirth ſprach noch lange uͤber ſeine Kunſt, ich hoͤrte nichts; denn ich dachte nur an Betty.— Er merkte endlich, daß ich ſchlaͤfrig ward, und ging. Den folgenden Morgen kamen Schneider und Schuhmacher, Galanteriehaͤndler und Hut⸗ macher, und brachten die von Ardeglio be⸗ ſtellten Sachen. Keiner verlangte Bezahlung, je⸗ der probirte mir meine Herrlichkeiten an und auf, und verabſchiedete ſich unter tauſend Buͤcklin⸗ zen und Bitten um meine fernere Gewogenheit. 128 Charmante hoͤfliche Leute. Mein Spiegel ſagte mir, daß ich in dem neuen Coſtuͤme recht huͤbſch ausſehe. Ardeglio kam mit ſeiner Nachricht wegen des nach Petersburg ſegelnden Schiffes im⸗ mer noch nicht. Mein Wieth rieth mir, ſelbſt einmal nach dem Baumhauſe zu gehen. Hof⸗ fentlich wuͤrde ich den Herrn dort finden. Das Gewuͤhl der großen Stadt ſprach mich an. Alles war mir neu. Ich bliel faſt bei jedem Schritte ſtehen. Ich konnte mich nicht enthalten, die vozuͤglich elegamt gekleideten Maͤnner hoͤflich zu gruͤßen. Sie dankten zwar, aber ſie ſahen mir alle nach. Daß verdroß mich, und ich gruͤßte ſpaͤterhin nicht weiter. „Ardeglio war nicht im Baumhauſe. Ich ging auf den Jungfernſtieg, der Alſter entlang hoͤrte dort ein Paar Herren das Eſſen in ih⸗ rem Hotel ruͤhmen, und folgte ihnen, um dorn weil mir in meinem Wirtshauſe mein Eapaun nicht geſchmeckt hatte, zu Mittag zu ſpeiſen. An An Mojor ſitzen. Da Dienſt. prieß d ſonders Ohne pagnie nung z Strafe ſten, i gen m wo ein durch er, ein wollte chen, t Streich habe. Mi hatte in dem k wegen ffes im⸗ ir, ſelbſt n. Hof⸗ den. t ſprach zſch blieb h konnte elegant en. Sie lle nach. ſpaͤterhin iſe. Ich entlang ſen in ih⸗ um dort Capaun veiſen. An 129 An der Table d'Hote kam ich neben einen Mojor in einer auslaͤndiſchen Uniform zu ſitzen. Das Geſpraͤch kam auf den Militair⸗ Dienſt. Er erzaͤhlte von ſeinen Feldzuͤgen, prieß das Soldatenleben, und wußte ſich be⸗ ſonders viel mit der Diſciplin ſeines Staats. Ohne Pruͤgel, behauptete er, ſei keine Com⸗ pagnie, geſchweige denn eine Armee in Ord⸗ nung zu erhalten, und unter allen Regiments⸗ Strafen waͤren die Spitzruthen am wirkſam⸗ ſten, weil ein Soldat da den andern ſchla⸗ gen muͤßte; er ſchilderte eine ſolche Scene, wo ein junger Menſch, von guter Herkunft, durch die Gaſſen habe tanzen muͤſſen, weil er, eines Maͤdchens halber, deſertirt ſei. Er wollte ſich uͤber die Grimaſſen bald todt la⸗ chen, die der Gemarterte unter den blutigen Streichen ſeiner Kammeraden geſchnitten habe.* Mir quoll der Bißen im Munde. Ich hatte lange geſchwiegen, als ich aber auf O ₰ 130 den Geſichtern aller meiner Tiſchgenoſſen den lauteſten Unwillen uͤber den Cannibalen las, konnte ich mich nicht laͤnger halten und ſagte, uͤberraſcht von meinem Gefuͤhl:„Herr, ſie ſind ein Unmenſch!“ Ich erſchrak, als ich die Worte uͤber die Lippen hatte, der Major ſtauchte ſein Glas auf den Tiſch, und ſchrie:„was ſagt der Herr? ich weiß nicht, wer der Herr iſt; aber iſt der Herr von Familie, ſo verlange ich Genugthuung, eklatante Satisfaction!“ Ich nannte ihm meinen Namen, und bat um den ſeinigen. Ich konnte mich auf Piſtolen und Degen ſchlagen, denn ich ſchoß wie ein Gem⸗ ſenjaͤger und focht wie ein Italiener. Das Blut war mir warm geworden; es heaͤtte mir wohlgethan, auf das kalte Herz des Bruͤs⸗ ken zu treffen. Ein aͤltlicher Mann in einem blauen fei— nen Ueberrocke miſchte ſich in unſere Debat⸗ te.„Sie verfechten,“ ſagte er ruhig, ſich zu mir wendend,„die Sache der Menſchheit. Das i Menſch ihrentn ſchlaͤgt ſetze ſe faͤllt er digkeit ungleich humane Grauſa einſehen uns all men ſ nichts die S. handlut Ehre d vielleich tragen bleiben teillen „B ſſen den len las, nd ſagte, Herr, ſie uͤber die in Glas ſagt der iſt; aber ange ich “ Ich um den olen und ein Gem⸗ r. Das es haͤtte es Bruͤs⸗ auen fei⸗ 2 Debat⸗ ihig, ſich enſchheit. 131 Das iſt recht edel von Ihnen, aber kein Menſch weiß es Ihnen Dank, wenn Sie um ihrentwillen verbluten. Der Herr Major ſchlaͤgt ſich fuͤr das Herkommen und die Ge⸗ ſetze ſeines Staats, und wenn er faͤllt, ſo faͤllt er als braver Maͤnn, der ſeine Schul⸗ digkeit gethan hat. Alſo iſt dieſer Streit ungleich. Der Herr Major iſt ein viel zu humaner Mann, als daß er nicht ſelbſt das Grauſame dieſer militairiſchen Obſervanzen einſehen ſollte. Wir— und ſchluͤgen wir uns alle mit einander, wie wir hier beiſam⸗ men ſitzen, ſo aͤndern wir doch dadurch nichts in der Hauptſache. Die Stockpruͤgel, die Spitzruthen und alle die ehrloſen Be⸗ handlungen des Standes, dem gerade die Ehre das Heiligſte ſein ſoll, werden darum vielleicht noch lange bleiben; beſſer, wir ver⸗ tragen uns bei einem Glaſe Rheinwein, und bleiben gute Freunde. Marqueur, zehn Bou⸗ teillen alten Johannisberger!“ „Bravo!“ rief die ganze Geſellſchaft, ich 3 2 132 ſtand auf und kuͤßte den Mann im blauen Rocke; ſein Nachbar erhob ſich von ſeinem Sitze, machte mir Platz und ſetzte ſich auf meinen Stuhl neben den Major, wahrſchein⸗ lich, damit mir der Wein neben dem Blau⸗ rock beſſer ſchmecken ſolle, als neben dem Major. Ich dankte dem feinen Manne fuͤr dieſe ſtillſchweigende Aufmerkſamkeit, und trank mit der Tafelrunde den herrlichen Wein, den der Blaurock bezahlte. Dieſer brachte den erſten Toaſt auf die wahre Ehre des Soldatenſtandes aus. Wir mußten alle mit dem Major anſtoßen. Der zweite Roͤmer galt der Verſoͤhnung. Nach aufgehobner Ta⸗ fel verſchwand der Blaurock, vermuthlich, um uns den Dank fuͤr ſeine Vermittelung und fuͤr ſeinen Wein zu erſparen. Um mein Couvert zu bezahlen, mußte ich einen meiner Wechſel heraus holen, mit dem ich mich an den Wirth wendete. Das Pa⸗ pier lautete auf hundert Friedrichsd'or. Der Wirth machte große Kratzfuͤße, zog den Be zahlte Ich ren wi gut ſei. gnaͤdige das H eins de pier iſt Ich jetzt Ar terricht tenden mir in riskirte verliere hatte i⸗ ſchleud die Re Ich in meit Als blauen ſeinem ſich auf hrſchein⸗ Blau⸗ den dem inne fuͤr t, und en Wein, brachte hre des alle mit Roͤmer bner Ta⸗ hlich, um ung und nußte ich mit dem Das Pa⸗ or. fuͤße, zog 133 den Betrag ſeiner kleinen Forderung ab, und zahlte mir das uͤbrige aus. Ich aͤußerte die Beſorgniß, daß er verlie⸗ ren wuͤrde, weil vielleicht das Papier nicht gut ſei.„Aengſtigen Sie ſich daruͤber nicht, gnaͤdiger Herr, entgegnete der Wirth lachend, das Haus, auf das Ihr Wechſel lautet, iſt eins der beſten in der Stadt. Solch ein Pa⸗ pier iſt ſo gut wie baares Geld. 1 Ich ſtrich mein Geld ein, und wuͤnſchte jetzt Ardeglio zu ſprechen, der ſehr falſch un⸗ terrichtet ſein mußte. Er hatte einen bedeu⸗ tenden Wechſel auf das naͤmliche Haus von mir in Haͤnden, und nach ſeiner Aeußerung riskirte ich, mehr als die Haͤlfte daran zu verlieren. An die B. liner Kloſterjungfrau hatte ich auch eine faſt zu große Summe ver⸗ ſchleudert. Doch was die Linke thut, ſoll ja die Rechte nicht wiſſen. Ich ging, um nach Ardeglios Wohnung in meinem Wirthshauſe zu fragen. Als ich in die Hausthuͤr der Auberge 134 trat, in der ich eben gegeſſen hatte, ſtand der Maſor da, ſtocherte ſich in den Zaͤhnen und ſchaute uͤber ſeinen dicken Wanſt herab auf ein kleines Maͤdchen, das vor ihm ſtand, an ihn herauf blickte, und ihn um eine Gabe angeſprochen zu haben ſchien. Das Kind hatte roth geweinte Augen, und zitterte. Das Geſicht war bleich und vom hoͤchſten Kummer ergriffen. Sein Schmerz ſchien uͤber ſeine Kraͤfte zu gehn, es konnte nicht mehr ſprechen; es wand nur die Haͤndchen in einander, und ſchluchſte laut. Sein Kleid war aͤrmlich aber reinlich. „Will die Canaille marſchieren,“ rief der Major, und hob ſeinen geruͤhmten Gewalt⸗ zepter, den Braunen, in die Hoͤhe. Da ſprang ich dazwiſchen, und faßte die Kleine und zog ſie weg und fragte ſie lieb⸗ reich:„was willſt du, Kind? ich will Dir geben, was du brauchſt; was fehlt dir, mein armes Kind? „Meine Mutter, meine Mutter,“ ſchluch⸗ ſte die kleinen und z0 dem 2 zitterte graͤßlic ſie ko druͤckte 72 Kind? dich n helfen. 72 Mutten ſchmer⸗ geſtorb keinen einen Mutte kenne gelauf Sie. ; ſtand Zaͤhnen t herab n ſtand, ne Gabe Augen, ich und Sein u gehn, and nur ſchluchſte reinlich. rief der Gewalt⸗ aßte die ſie lieb⸗ vill Dir ir, mein ſchluch⸗ 135 ſte die Kleine, und faßte mich feſt mit ihren kleinen Haͤndchen und kuͤßte meinen Arm, und zog mich fort, als fuͤrchte ſie ſich vor dem Blicke des grimmigen Majors. Sie zitterte am ganzen Koͤrper, als haͤtte ſie das graͤßlichſte Fieber; ihre Lippen waren trocken; ſie konnte nicht mehr weinen, die Angſt druͤckte ihr das kleine Herz faſt ab. „Was haſt du mit deiner Mutter, mein Kind? ſprich doch, ich will dir helfen, fuͤrchte dich nicht; ich will dir und deiner Mutter helfen.“ „Ach, meine Mutter iſt todt, meine liebe Mutter iſt todt,“ ſchrie das Kind und rang ſchmerzlich die Haͤnde.„Sie iſt dieſen Augenblick geſtorben, meine liebe Mutter, und nun hab ich keinen Menſchen mehr in der Welt. Ich habe einen Doktor ſuchen wollen, der ſoll meine Mutter wieder lebendig machen; aber ich kenne keinen Menſchen. Da bin ich herum⸗ gelaufen in der ganzen Stadt. Kommen Sie. Vielleicht iſt meine liebe Mutter noch 136 zu retten. Ach! ſie darf ja nicht ſterben, meine arme Mutter.“ So ſprach das Kind, und ballte die bei⸗ den Haͤndchen krampfhaft vor die fliegende Bruſt, die keinen Athem mehr hatte. Ich eilte neben ihr her, und troͤſtete ſie, und verſprach ihr, alles anzuwenden, um zu ſehen, ob die Mutter wirklich todt ſei, und ſie nicht zu verlaſſen, wenn ſie Gott zur Waiſe gemacht habe. Aber das kleine Maͤdchen hoͤrte nicht auf meinen Troſt, ſondern rief immer verzwei⸗ felnd dazwiſchen,„nein, ſie kann nicht todt ſein, ſie darf nicht todt ſein, ich habe ja nichts, als meine Mutter.“ Wir gingen weit weg in den entfernte⸗ ſten Theil der Stadt. Hinten am Walle kamen wir in ein kleines Haus, das Kind fuͤhrte mich uͤber den Hof, in ein enges Stuͤbchen, da ſtand ein reinlich uͤberzogenes Bett; in dieſem lag die Entſeelte. „Mutter, meine liebe engliſche Mutter,“ rief di und k merter „Mut mach M 6. Herr? Je chen: Geld D rer M foͤrmli J mit d gen n wirklie ich ge an, 1 tiere, len, terben, die bei⸗ iegende ete ſie, um zu i, und ött zur cht auf verzwei⸗ )t todt dabe ja tfernte⸗ Walle 3 Kind enges zogenes utter,“ 137 rief die Kleine, und kletterte auf das Bette, und kuͤßte die blaße Wange der Entſchlum⸗ merten, und ſtreichelte ihre erkaltete Hand „Mutter, mach doch die Augen auf, ach Gott, mach doch nur ein einziges Mal die Augen auf!“ Mir brach das Herz. „Koͤnnen ſie denn gar nicht helfen, lieber Herr? Ach Jeſus, Jeſus, meine Mutter! Ich eilte auf den Hof, fand da ein Maͤd⸗ chen und bat, einen Arzt zu holen, ich bot Geld uͤber Geld, um nur zu eilen. Der Lebensretter kam. Ein langer hage⸗ rer Mann, mit grauen Augen, und einer un⸗ foͤrmlichen Tabacksnaſe. Ich erzaͤhlte ihm mein Zuſammentreffen mit dem Kinde, und bat ihn, vor allen Din⸗ gen nachzuſehen, ob die junge Frau im Bette wirklich todt ſei, ſeine Bemuͤhungen wuͤrde ich gern vergelten.„Pro primo,“ hob er an, und quitſchte langſam an ſeiner Taba⸗ tiere,„muß der Arzt in dergleichen Faͤl⸗ len, wie einer hier vor uns liegt, auszu⸗ 138 mitteln ſuchen, ob gewaltſam zugefuͤgte Ver⸗ letzungen vorhanden ſind. Dieſe werden bekanntlich eingetheilt in toͤdtliche, lethales, und in nicht toͤdtliche non lethales. Einige nehmen drei Grade der Lethalitaͤt an, wie z. E. Fortunatus Fidelis, der von unbedeuten⸗ den, gefaͤhrlichen und toͤdtlichen Verletzungen wiſſen will, Andere, und namentlich Sehizius, theilt ſie in heilbare, unheilbare und toͤdtliche ein; noch Andere, und unter dieſen vorzuͤglich der große Boerhave und van Swieten, ma⸗ chen einen Unterſchied zwiſchen zufaͤllig, meh⸗ rentheils, und unbedingt toͤdtlichen, oder auch zwiſchen zufaͤllig, an und fuͤr ſich oder unbe⸗ dingt toͤdtlichen. Zachias, Bohn, Hebenſtreit Boͤrner, Ludwig, Faſelius, Quiſtorp und Meiſter— 4. „Beſter Herr Doktor,“ fiel ich dem Ge⸗ lehrten in das Wort, nhier iſt Huͤlfe nothig! Iſt die Frau noch zu retten?“ „Ja das kommt darauf an, werther Herr! nach meiner Weiſe, giebt es gar keine an⸗ dere u annim den S daß d les, lethal ſich it und i ſehen in nu gen, Indir jedesn troffen Folge ſolche. pers macht zen K e Ver⸗ verden hales, Einige wie z. deuten⸗ zungen bizius, dtliche zuͤglich ma⸗ meh⸗ er auch unbe⸗ enſtreit o und n Ge⸗ noͤthig! Herr! ne an⸗ 139 dere und beſſere Abtheilung, als wenn man annimt, daß— verzeihen Sie, ich weiche von den Syſtemen aller jener Herren totaliter ab— daß die lethalen Verletzungen, abſolut letha⸗ les, unbedingt toͤdtlich, oder per accidens lethales, zufaͤllig toͤdtlich ſind, letztere theilen ſich in lethales per accidens inquilinum und in lethales per accidens extraneum; ſehen Sie, da haben Sie das ganze Syſtem in nuce. 1 „Alle Achtung fuͤr Ihr Syſtem, allein— „Abſolute lethales ſind ſolche Verletzun⸗ gen, die allein nach der Art, wie ſie das Individuum getroffen haben, und nach der jedesmaligen Natur und Verrichtung der ge⸗ troffenen Theile, den Tod zur unvermeidlichen Folge haben muͤſſen; dahin rechne ich alle ſolche, durch welche der Bau des ganzen Koͤr⸗ pers zerruͤttet und zum Leben untauglich ge⸗ macht wird, z. B. Zerſchmetterungen des gan⸗ zen Koͤpers, allgemeine Verbrennung. „Davon findet ſich, wie Sie ſehen, beſter 140 Herr Doktor, hier keine Spur, uͤberhaupt iſt hier, glaube ich, von einer Verletzung gar nicht die Rede.“ „Mein werther Herr, ſo will es auch mir ſcheinen, obwohl daruͤber mit Beſtimmt⸗ heit erſt nach der Section zu urtheilen ſein wird; jedennoch ſind die Symptome dieſer todten Verſonage dergeſtalt angethan, daß ein natuͤrlicher Tod eher zu ſupponiren iſt, als ein gewaltſamer.9 „Das Alles, beſter Herr Doktor, ver⸗ lange ich nicht zu wiſſen. Meine Bitte iſt nur, zu helfen, wenn Huͤlfe noch moͤglich iſt.1 „Mein goldner junger Herr, dermalen wuͤrde dieſes ein reines Superfluum ſein; maaßen die hier vor uns liegende Frauens⸗ perſon ſonder allen Zweifel und Ungewißheit, des Todes unwiederbringlich verblichen iſt.”“ So lange hatte die Kleine mit banger Erwartung hoch aufgehorcht; ſie hatte jedes Wort von den Lippen des Resdſeligen erlauſcht. Jetzt der gene terſten 71 an„ gewe grund zu Le ₰ Man ſich lehrte mein Schi rhaupt ig gar auch limmt⸗ n ſein dieſer aß ein als ein ver⸗ Bitte oͤglich malen ſein/ auens⸗ ißheit, iſt.¹ banger jedes auſcht. 141 Jetzt warf ſie ſich laut ſchreiend auf die Huͤlle der Entſeelten. Sie bedeckte das ausgeſchla⸗ gene Mutterherz mit tauſend Kuͤſſen der bit⸗ terſten Verzweiflung. „Mein Kind,“ hob der Doktor laͤchelnd an„da iſt der Angriffspunkt des Todes nicht geweſen. Anno 1764 gab Mumſen eine grundgelehrte dissertationem de corde rupto zu Leipzig heraus, in der— Ich griff in die Taſche, und gab dem Manne ungezaͤhlt, mit einem Wink, daß er ſich entfernen moͤge; denn ohne jene grundge⸗ lehrte Abhandlung geleſen zu haben, war mein Herz von des Kindes unſaͤglichem Schmerz auch zerriſſen. 13. Der roͤmiſche Kaiſer. Der Doctor ging. Ich ſchloß die Kleine in meine Arme, und ſuchte ihren Schmerz zu lin⸗ dern. Ich wiederholte ihr mein Verſprechen, fuͤr ſie zu ſorgen, und die Stelle der Mut⸗ ter zu erſetzen. Ich nannte ihr meinen Na⸗ men und Stand, und betheuerte ihr, daß, wenn ſie fromm und gut bliebe, ich mich im⸗ mer ihrer, wie ein Freund und Bruder, an⸗ nehmen wolle. Das Maͤdchen warf ſich am Bett der Mut⸗ ter auf die Kniee,„meine Mutter,“ rief ſie, hob gefaltet die Haͤnde gen Himmel und weinte laut. Gott hat dein letztes Gebet er⸗ hoͤrt, dein Glaube hat dir geholfen. Schlafe ſanft, meine Mutter. Ich habe deinen Geiſt in einem guten Engel wieder gefunden. Ich fromm bleiben, wie du, Mutter, in deine Hand will ich ſchwoͤren, deine Lehren nicht zu vergeſſen. S und l riſche fuͤhrte dieſer A ſamm ſie erz ihr; Naͤher lichen richte! rung, Ein a Hauſe die ich Begraͤ Hinte wenig des 5 lag e Aufſch leine in zu lin⸗ brechen, r Mut⸗ in Na⸗ 1 daß, ich im⸗ er, an⸗ er Mut⸗ rief ſie, el und bet er⸗ Schlafe 1 Geiſt . Ich 2 Hand eſſen.” 143 Sie legte ihre Stirne auf die kalte Rechte und betete leiſe. Ich druͤckte das ſchwaͤrme⸗ riſche Kind an meine weinende Bruſt, und fuͤhrte es ſchweigend von dem, was ihm auf dieſer Welt das Liebſte geweſen war. Auf dem Hofe fand ich mehrere Leute ver⸗ ſammelt. Ich ſprach mit ihnen uͤber die Frau; ſie erzaͤhlten alle nur Liebes und Gutes von ihr; ſie hatte ſich Semler genannt, hatte von Naͤhen und Sticken gelebt, einen ſtillen ſitt⸗ lichen Wandel gefuͤhrt, ihr Kind ſelbſt unter⸗ richtet, und war an den Folgen der Auszeh⸗ rung, in der duͤrftigſten Armuth, geſtorben. Ein armer Stubenmahler, der in demſelben Hauſe wohnte, erbot ſich, gegen die Koſten, die ich zu zahlen verſprach, ein anſtaͤndiges Begraͤbniß zu beſorgen. Die unbedeutende Hinterlaſſenſchaft die in einem Bette und weniger Waͤſche beſtand, ſchenkte ich der Frau des Mahlers; im Koffer der Verſtorbenen lag ein verſtegeltes Packet Briefe, mit der Aufſchrift:„an meine liebe Tochter Meta 144 zur Eroͤffnung nach erlangtem reife⸗ rem Alter.“ Dieſe nahm ich mit, und fuͤhrte meine kleine Meta, der ich verſprach, die Selige zur ewigen Ruheſtaͤtte mit ihr zu begleiten, in meine Wohnung. Hier erwartete mich der Major. „Herr Graf,“ ſagte er barſch und kurz, „Sie muüſſen ſich mit mir ſchießen, die Ver⸗ ſoͤhnung, die der Herr Blaurock anzettelte, war dummes Zeug. Was geht dem Manne unſer Handel an. Ich wollte dort weiter nichts ſagen, weil da eine Menge Menſchen dabei ſaßen, die von dem Begriffe der Ehre nichts wiſſen; denn es waren meiſt Leute vom Buͤrgerſtande: Sie ſind von Geburt, Sie muͤſſen wiſſen, was Sie ſich und mir ſchul⸗ dig ſind. 0 Mein Herz ſtimmte in dieſen Augenblicken nicht fuͤr die Anſichten ſeiner Ehrbegriffe. Ich hatte zum erſten Male einen Todten geſehen. Ich hatte das verlaſſene Kind an meiner Hand, dem ich vaͤterliche Vorſorge gelobt hatte. Der fa⸗ fatale dieſem ungele. 672 len, nicht, dieſes das fer ſorgen. iſt, kar „C den S im Waͤ telgaͤhre leidigun 2 H und gri Thuͤr hi das Kit Menſche Der Meta fi re ife⸗ t, und ꝛſprach, ihr zu 5 kurz, ie Ver⸗ zettelte, Manne weiter kenſchen er Ehre ute vom t/ Sie r ſchul⸗ ublicken fe. Ich geſehen. r Hand, te. Der fa⸗ 145 fatale Menſch kam mir mit ſeinem Antrage, in dieſem ſtillen weichen Augenblicke, zur hoͤchſt ungelegenen Zeit. „Ich werde kommen, wohin Sie befeh⸗ len,“ antwortete ich verdrießlich,„aber heute nicht, morgen nicht. Ich muß die Mutter dieſes Kindes zur Erde bringen, ich muß fuͤr das fernere Unterkommen dieſes Kindes ſelbſt ſorgen. Ehe dieſes Geſchaͤft nicht beendigt iſt, kann ich nicht aufwarten.”“ „Gut,“ antwortete er kalt.„Kommen⸗ den Sonntag fruͤh 7 Uhr erwarte ich Sie im Waͤldchen bei Flotbeck. Daß ich der Bet⸗ telgaͤhre da nachſtehen muß, iſt eine neue Be⸗ leidigung, aber ich werde mich raͤchen.“ „ Herr,“ rief ich bis zur Wuth gereizt und griff ihn beim Kragen und ſchob ihn zur Thuͤr hinaus,„dem Maͤdchen keinen Schimpf! das Kind iſt ehrlich. Es hat noch keinen Menſchen gemartert, wie Sie.“ Der Major zog ſeinen Degen, die kleine Meta fiel mir in die Arme und umklammerte K 146 meine Kniee, der Major ſprang zur Thuͤre hin⸗ aus. Meta ſchob ſchnell den Riegel vor. Der Major ſchimpfte drauſſen und polterte unter den moͤrderlichſten Fluͤchen zur Treppe hinunter. Meta vergaß uͤber der Angſt, mich auf den Sonntag ſeinen Piſtolen gegenuͤber zu wiſ⸗ ſen, beinahe den Verluſt ihrer Mutter. Sie bat mit den ſchmeichelhafteſten Worten, nicht nach Flotbeck zu gehen. Ich verſprach es ihr endlich zum Schein, um ſie nur zu beru⸗ higen. Die Neugieede trieb den Wirth auf meine Stube. Er wollte wiſſen, was ich mit dem Major gehabt habe. Ich wich ſeinen Fragen aus. Er ſtutzte, das kleine Maͤdchen bei mit zu finden, und als ich das Nebenzimmer fuͤr Meta beſtellte, und ihm auftrug, Schneider, Schumacher und Putzhaͤndlerinn zu beſtellen, buͤckte er ſich vor der Kleinen, denn er hielt ſie fuͤr eine Verwandte von mir, die ich ge⸗ kommen ſei, von hier abzuholen. T erſchoͤ gen f bald und zu leg das b gleitet Endli Nacht guter ein. Ich n befuͤrcl moͤchte Werth H. Ardegl haͤtte. wollte are hin⸗ el vor. polterte Treppe nich auf zu wiſ⸗ r. Sie n, nicht vrach es zu beru⸗ uf meine mit dem n Fragen bei mit nmer fuͤr öchneider, beſtellen, n er hielt ie ich ge⸗ 147 Der Schmerz des Tages hatte das Kind erſchoͤpft. Sie aß wenig, die verweinten Au⸗ gen fielen ihr uͤber Tiſche zu. Sie bot mir bald eine gute Nacht, kuͤßte mir die Hand und ging in ihr Zimmer, um ſich zu Bett zu legen. Vor dem Einſchlafen betete ſie leiſe; das brechende Schluchzen, das ihr Gebet be⸗ gleitete, ſtoͤrte die Verſtaͤndlichkeit ihrer Worte. Endlich ſagte ſie halb laut fuͤr ſich,„gute Nacht, meine liebe Mutter, gute Nacht mein guter Herr Graf,“ und ſchlummerte ſanft ein. Ich rief den Wirth, um ihn nach Arde⸗ glios Logis zu fragen. Er wußte es nicht. Ich ward meines Wechſels halber beſorgt, ich befuͤrchtete, daß er ihn zu wohlfeil weggeben moͤchte. An Metas Armuth hatte ich den Werth des Geldes kennen gelernt. Halb und halb wuͤnſchte ich, daß mich Ardeglio um den ganzen Wechſel betrogen haͤtte. Dann war Betty gerechtfertigt. Gern wollte ich ihm das Geld laſſen, wenn er mir K 2 148 dafuͤr meinen Glauben an Belty wieder gaͤbe, den er mir in der Tiefe meines Herzens ge⸗ toͤdtet hatte. Ich ahnete den Meuchelmord, ohne ſeinen Grund zu wiſſen, und— was muß der gute Gott nicht alles fuͤr Bitten an⸗ hoͤren— ich bat bei meinem ſtillen Abendſe⸗ gen den lieben Gott, daß Ardeglio nie wie⸗ der kommen moͤchte. Der Hoͤchſte erhoͤrte mein Gebet. Ardeg⸗ lio war und blieb verſchwunden. Ich mußte alle die Ouoriers, die fuͤr mich gearbeitet hat⸗ ten, und die er zu behandeln und zu bezah⸗ len verſprochen hatte, den folgenden Morgen befriedigen. Die Menſchen forderten ſechsmal ſo viel, als unſer ſchiefbeiniger Dorfſchneider wuͤrde verlangt haben; aber ich gab ihnen mit Vergnuͤgen, denn ich gefiel mir ſelbſt in meinem neuen Coſtuͤm. Vielleicht war Betty noch im römiſchen Kaiſer, denn ſo gut, als mich Ardeg⸗ lio um den Werth des Wechſels belogen hatte,— eben ſo konnte er mich vorgeſtern belogen haben, als er ſagte, ſie logiere nicht im roͤmiſchen Kaiſer. 0 ſen, Bettr Unree der ſ mir hatte dem ich ih ſtaͤndt ohne ſollte mein auf ſi E ich ſo nem Augen ten 9 Abent gaͤbe, us ge⸗ lmord, — was ten an⸗ bendſe⸗ ie wie⸗ Ardeg⸗ mußte tet hat⸗ bezah⸗ Morgen echsmal chneider nen mit meinem noch im Ardeg⸗ hatte,— rhaben, Kaiſer. Ich haͤtte die kleine Meta beinahe vergeſ⸗ ſen, ich wollte hin in den roͤmiſchen Kaiſer, Betty aufſuchen, ihr geſtehen, daß ich ihr Unrecht gethan, daß ich ſie geflohen, weil der ſchaͤndliche Ardeglio mit ſchwarzen Farben mir ihr Zauberbild entſtellt hatte. Wohl hatte ſie recht gehabt. Sie hatte mich vor dem Betruͤger gewarnt. Das alles wollte ich ihr ſagen, und, nur heraus mit dem Ge⸗ ſtaͤndniß der Eitelkeit, ich wollte den Kern ohne Schaale zeigen, mein modiſches Gewand ſollte den fatalen Eindruck verwiſchen, den mein ſteifer, weißer altfraͤnkiſcher Bratenrock auf ſie gemacht haben mußte. Ehrlicher, lieber, alter Rock! In dir war ich ſo gluͤcklich, ſo ſelig geweſen. In mei⸗ nem neuen Rock hatte ich noch keinen frohen Augenblick gehabt. Ich eilte zum Zimmer hinaus, als ſtaͤnde das Leben eines Menſchen auf jeder verſaͤum⸗ ten Minute. Da traten mir die geſtern Abend fuͤr Meta beſtellten Schneider, Putz⸗ 149 150 haͤndler u. d. g. in den Weg. Jetzt erſt fiel mir meine Meta ein. Ich erroͤthete uͤber mich ſelbſt, Ja, mein Vater hatte recht. Verlo⸗ ren, verloren iſt der Menſch, der ſich von den Reizen eines Maͤdchens beſtricken laͤßt. Ich ging in Metas Zimmer zuruͤck. Das Bette war leer. Das Kind nirgends zu fin⸗ den. Ihre Kleider waren nicht da. Sie mußte ausgegangen ſein. Ich bat die Leute zu warten. Ich ahnete, wo das verlaſſene Maͤdchen hingegangen ſein mochte. Wo konnte es lieber ſein, als bei der Huͤlle ſeiner Mut⸗ ter. Schien ich die Arme doch ſchon in den erſten Augenblicken vergeſſen zu haben. Die Kleine war nuͤchtern ausgegangen. Mich jam⸗ merte das Kind. Ich haͤtte mich ſelbſt haſ⸗ ſen moͤgen. Betty war an dem allen Schuld. Ich verdraͤngte Bettys Bild mit Gewalt aus meiner Seele. Ich ging mismuͤthig im Zim⸗ mer auf und ab. Ich war eben ungewiß, ob ich die Leute warten laſſen oder gehen, Meta holen und die Beſtellten wieder kommen laſß⸗ ſen ſi bei d kam, die H tender aß ke 7 hen,“ Staa ſonen ja oh ſieht ſie le gegeb Es i aufth und morg rang Jam eine erſt fiel er mich Verlo⸗ ch von laͤßt. . Das zu fin⸗ . Sie e Leute erlaſſene konnte r Mut⸗ in den 1. Die ch jam⸗ bſt haſ⸗ Schuld. halt aus im Zim⸗ wiß, ob n, Meta nen laſ⸗ 151 ſen ſollte, als die Kleine eintrat. Sie war bei dem Liebſten ihrer Welt geweſen. Als ſie kam, druͤckte ſie mir einen kleinen Zettel in die Hand, den ich im Sprechen mit den War⸗ tenden, ohne darauf zu achten, einſteckte. Sie aß keinen Biſſen, und hoͤrte die Beſtellungen, die ich fuͤr ſie machte, ohne alle Theilnahme an. „Ich will wieder zu meiner Mutter ge⸗ hen,“ ſagte die Kleine, als ſich die ihrer Staatsangelegenheiten halber beſtellten Per⸗ ſonen wieder entfernt hatten.„Ich habe ſie ja ohnehin nun nicht lange mehr. Ach ſie ſieht ſo gut, ſo ſanft aus. So war ſie, als ſie lebte. Ach ſie hat mir kein boͤſes Wort gegeben. Sie laͤchelt, wie ein heiliger Engel. Es iſt mir immer, als ſollte ſie den Mund aufthun, und mit mir zu ſprechen anfangen; und— ach großer, lieber, guter Gott,— und morgen ſoll ich ſie begraben laſſen!“ Sie rang ſchmerzlich die Haͤnde, und wankte, vom Jammer zerriſſen, zum Zimmer hinaus, ohne eine Antwort von mir abzuwarten. 1 152 Ich weinte ihr eine ſtille Thraͤne nach. Ob ich das Kind hier laſſen oder mit mir nach Petersburg nehmen wollte, war ich noch ungewiß. Hier kannte ich keinen Menſchen. Gluͤcklicherweiſe fiel mir die Bernhardiner⸗ Nonne ein. In den Jungfrauen⸗Kloͤſtern iſt ja, wie ich wußte, die Erziehung junger Maͤd⸗ chen eine vorzuͤgliche Nebenbeſchaͤftigung. Bei den Bernhardinerinnen war die kleine Meta gewiß gut aufgehoben. Die Aebtiſſin ſollte zwar etwas ſtreng ſein, indeſſen war ich doch auch ſtreng und kloͤſterlich erzogen, und wie ich mir halb laut geſtand, doch ein guter Menſch geworden. Aber, wie die Nonne in dem großen Hamburg heraus finden? das war bald zu machen. Ich ging alle Abend vor das Thor, das nach Zollenſpieker zufuͤhrt, dort wartete ſie gewiß noch auf ihren Couſin; dort mußte ich ſie einmal treffen. Jetzt zu Betty. Es war, als trieb mich ein unſichtbarer Geiſt zu ihr hin. Die Tage meines Hierſeins wollte ich in ihrem Umgang genie mich Peter blind 2 nete 1 freud Ihren Haus ich girt. das Kauf Gard Sie nun haber ſtern hat, Eiſen Sach nach. t mir noch iſchen. diner⸗ ern iſt Maͤd⸗ Bei Meta ſollte h doch d wie guter nne in 2 das Abend ufuͤhrt, ouſin; » mich Tage mgang 153 genießen, Meta bei der Nonne unterbingen, mich mit dem Major ſchießen, und dann nach Petersburg abſegeln. So war mein Plan. Wir blinde Menſchen ſollten ja keine Plaͤne machen. Auf dem Flur meines Wirthshauſes begeg⸗ nete mir Ardeglio! „Das hat Muͤhe gekoſtet,“ rief er mir freudig theilnehmend entgegen!„Ich habe Ihren Wechſel fuͤr voll untergebracht. Das Haus, auf das er geſtellt iſt, und das ich fuͤr zweifelhaft hielt, hat ſich recolli⸗ girt. Sie verlieren keinen Heller. Ich habe das Geld in meiner Wohnung; ich wollke die Kaufleute und Ouvriers bezahlen, die Ihre Garderobe beſorgt haben, allein ich hoͤre, daß Sie ſchon alles berichtiget hatten und will nun eilen, Ihnen das Geld zu holen. Sie haben, wie mir mein Freund erzaͤhlt, der ge⸗ ſtern mit Ihnen an der Table d'Hote geſpeißt hat, Unannehmlichkeiten mit dem Major von Eiſenpflug gehabt. Gott ſei Dank, daß die Sache beigelegt iſt. Mir verſagte der Athem, 8 154 als ich die Geſchichte hoͤrte. Der Major ſchießt trotz dem beſten Schuͤtzen. Der Menſch hat ein Blut in den Adern, ſo kalt wie ein Re⸗ genwurm; Sie waͤren, bei Gott im Himmel, Sie waͤren verloren geweſen. Mein guter praͤchtiger Graf, um des Himmels willen, ſein Sie auf ihrer Hut hier. Sie kennen die Welt noch nicht: Sie denken alle Men⸗ ſchen ſind ſolche Engel wie Sie ſelbſt. Auch nach einem Schiff, das nach St. Petersburg ſeegelfertig liege, habe ich hier und in Altona gefragt, es iſt aber nichts da. Ein Groͤnlaͤn⸗ der liegt zwar vor Anker; allein bei dem Schmutzfinken rathe ich Ihnen nicht an Bord zu gehen. Das ganze Ding riecht nach Thran, wie eine Schuſterherberge. Haͤtte ich fuͤr Sie eine Gelegenheit gefunden, ich haͤtte mich gleich mit verdungen, und haͤtte in Norden das Gluͤck geſucht das mich hier zu fliehen ſcheint.“ Da ſtand ich vor ihm, hochgluͤhend vor innerer Scham uͤber meine erbaͤrmliche Men⸗ ſchenkenntniß. Ich hatte Ardeglio fuͤr einen Betri einen keine ſein; wollt theile mein Geſch vertre jor n mich wuͤrd ſchießt ch hat n Re⸗ immel, guter villen, kennen Men⸗ Auch rsburg Altona oͤnlaͤn⸗ li dem Bord Thran, uͤr Sie h leich en das heint.“ nd vor Men⸗ r einen 155 Betruͤger gehalten, und der edle Menſch hatte einen ganzen Tag mir aufgeopfert, hatte ſich keine Muͤhe verdrießen laſſen, mir gefaͤllig zu ſein; hatte fuͤr mein Leben gezittert, und wollte die Gefahren der Seereiſe mit mir theilen. Wir wendeten um, und gingen auf mein Zimmer zuruͤck. Ich erzaͤhlte ihm die Geſchichte meines ganzen geſtrigen Tages, und vertraute ihm, daß die Affaire mit dem Ma⸗ jor noch nicht abgethan ſei, ſondern das ich mich mit ihm auf den Sonntag ſchießen wuͤrde. „Was, den Sonntag,“ ſchrie er,„den Sonntag? der Elende! ſo will er den Tag entweihen, der dem hoͤchſten Weſen geheiligt iſt? Nein, du rachgieriger Teufel, deine ver⸗ fluchte Kugel ſoll dieſes engelreine Herz nicht treffen. Herr Graf, ich ſchieße mich fuͤr Sie. Ich nehme meinen Mann ſonſt immer ſo ziem⸗ lich richtig auf das Korn; ich habe den er⸗ ſten Schuß. Gott wird ja auch diesmal meiner Hand LJeſtigkeit verleihen, daß ſie auf den 156 „Satan von Menſchen halte, und— fehl ich, ſo, daß dieſer Beelzebub zum Schuß koͤmmt, ſo fall' ich fuͤr Sie, mein Graf. Ihr ſcho⸗ nes Leben iſt der Menſchheit ein Seegen. An mir ungluͤcklichem Spielball der launiſchen Fortuna iſt ja nichts gelegen.9 Ich ſtuͤrzte dem edlen Menſchen an die treue Bruſt. Dieß war nun ſchon das zwei⸗ te Mal, daß er ſein Leben fuͤr mich Preis ge⸗ ben wollte. Ein Menſch, in deſſen Herzen ſolche Gefuͤhle heimiſch ſind, kann kein Be⸗ truͤger ſein. Es mußte heraus, das Geſtaͤnd⸗ niß, daß ich ihm Unrecht gethan hatte. Aber ich— ach ich hatte ſchon viel zu lange in der Welt gelebt, ich war nicht mehr ſo kryſtall⸗ rein, als ich aus der ſtillen Atmosphaͤre mei⸗ nes ehrlichen Vaterhauſes gekommen war,— aber ich hatte nicht das Herz, ihm ein Wort zu ſagen, wie ſchwer ich mich an ihm ver⸗ ſuͤndigt hatte. Ich umſchlang ihn und rief laut aus: „Ardeglio, das vergeß ich Ihnen nie. Von nun Auch Ihr ſ verſte Seku Herz. nes L „Sie Ihrer eigent mism der it meine haͤltn Hand Liebe um ſ ungel Ich zen Dank mich l ich, oͤmmt, ſchoͤ⸗ u. An niſchen an die 3 zwei⸗ eis ge⸗ Herzen n Be⸗ eſtaͤnd⸗ Aber nge in ryſtall⸗ re mei⸗ var,— Wort m ver⸗ aus: Von 157 nun an ſollen Sie mein treueſter Freund ſein. Auch mein Leben gehoͤrt Ihnen. Daß ich Ihr ſeltenes Anerbieten nicht annehmen kann, verſteht ſich von ſelbſt. Aber ſein Sie mein Sekundant!“ Ich druͤckte ihn wieder an mein Herz. Es war eine der ſeeligſten Stunden mei⸗ nes Lebens.„Aber,“ hob ich nach einer Weile an, „Sie aͤußerten vorhin einige Unzufriedenheit mit Ihrer Lage!“—„Kleinigkeit, lieber Graf, eigentlich bloße Kleinigkeit, die mich aber oft mismuthig macht. Ich bin mit meinem Bru⸗ der in Turin brouillirt. Er hat die Geliebte meines Herzens geheirathet. Familien⸗Ver⸗ haͤltniſſe noͤthigten ſie, ihm ſtatt meiner die Hand zu geben. Ihre Hand!— Aber ihre Liebe blieb mir; ich ſah, daß, ſo lange ich um ſie war, die Ehe meines Bruders nicht ungekraͤnkt ſein konnte. Ich opferte mich auf. Ich ging und ließ das Heiligſte meiner gan⸗ zen Exiſtenz in ſeinen Armen. Statt mir Dank fuͤr dieſe Entſagung zu wiſſen, verfolgt mich mein Bruder mit dem ſtrengſten Groll. 158 Dieß geht ſo weit, daß er mir die Zinſen meines Vermoͤgens, das er in Haͤnden hat, oft halbe Jahre lang vorenthaͤlt: ſo iſt jetzt z. B. der Fall, daß“— „Dieß, mein theurer Freund iſt Ihre Ver⸗ legenheit? lieber Ardeglio, eine Bitte eine ein⸗ zige Bitte, ſchlagen Sie mir ſie nicht ab. Ich bin Ihnen noch von Zollenſpieker her vier Du⸗ katen ſchuldig. Sie haben auf meinen Wech⸗ ſel das Geld gehoben: machen Sie ſich jenen Vorſchuß damit bezahlt, und den Reſt behal⸗ ten Sie, als einen Beweiß, daß Sie mir naͤ⸗ her ſind, als Ihrem Bruder in Turin.“ „Liebſter Herr Graf“— „Keine Einwendung, Ardeglio. Jedes nur entfernte Wort von Verweigerung meines, mit herzlicher Liebe gemachten, Antrages wuͤrde mir ſchmerzlich wehe thun.“ „Gut, mein edler Graf, ich nehme es, aber nur auf ſo lange, als mein Wechſel aus⸗ bleibt, dann zahle ich Ihnen. „Schon gut, ſchon gut, das wird ſich finden.“ 7 war, ſaͤmm kenne ſigen woͤhn halbe heit! 7 rer G lich; mein auskt C etwaꝛ 77 Ich Meta ziehen C entla · Zinſen n hat, iſt jetzt re Ver⸗ ne ein⸗ b. Ich jer Du⸗ Wech⸗ h jenen behal⸗ nir naͤ⸗ 41 . Jedes meines, wuͤrde me es, ſel aus⸗ nden. 159 „Weswegen ich eigentlich zu Ihnen kam, war, Sie zu fragen, ob Sie nicht Ihre ſaͤmmtlichen W kenne einen Maͤkler, einen durchaus zuverlaͤſ⸗ ſigen Mann, der dies Geſchaͤft gegen die ge⸗ woͤhnliche Proviſion von, glaube ich, einem halben Procente, gewiß zu Ihrer Zufrieden⸗ heit beſorgen wird.“ „Mein guter Ardeglio, Sie ſind in Ih⸗ rer Gefaͤlligkeit fuͤr mich wahrhaftig unerſchoͤpf⸗ lich; aber ich habe noch eine Bitte an Sie, mein Freund. Sie ſollen mir ein Maͤdchen auskundſchaften helfen.“ Er ſtutzte.„Ein Maͤdchen?“ fragte er etwas ungewiß. „Ja, und das noch dazu eine Nonne. Ich erzaͤhlte ihm nun den Plan, meine kleine Meta im Bernhardiner Kloſter zu B— n er⸗ ziehen zu laſſen. Er lachte mir gerade in das Geſicht, und entlarvte die Betruͤgerinn. Pfui, pfui uͤber die Welt. Mein Vater, Wechſel verkaufen wollten; ich 160 mein alter ehrlicher Vater, du hatteſt Recht, mich vor dem Geſchlecht zu warnen, das ſo tief ſinken kann. Eine Gemeinheit in dieſem Grade war mir nie denkbar geweſen. Jetzt verſtand ich Ardeglio, was er damit hatte ſa⸗ gen wollen, als er meinte, Betty kaͤme fuͤr fuͤnf Louisd'ors auf mein Zimmer. Ardeglio malte mir das Bild jener verworfenen Haͤuſer mit den Farben ſeiner lebhaften Darſtellungs⸗ gabe. Ich ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen. Ach! haͤtte er mir nie die Binde von den Augen geriſſen. Alle Frauenzimmer der ganzen Welt waren mir in dieſem furcht⸗ barem Augenblicke die ſchauderhafteſten Scheu⸗ ſale. Meine ehemalige Betty, die ſuͤße Schlange, war auch eine Bernhardinerinn, und was wird aus meiner armen, unſchuldi⸗ gen Meta! Ich warf einen Blick der heiße⸗ ſten Sehnſucht auf meine liebe alte ſammtne Reiſeſchachtel, die auf dem Hofe in der offe⸗ nen Remiſe ſtand; wie gern, wie unausſprech⸗ lich gern, haͤtte ich mich wieder hinnein ge⸗ ſetzt, lichen Kinde wahr herrlic weit Frau feinſte dieſe ner A erwacl bildur indeſſe Wenn gewiß Schuͤt dreizel da ka ihr ze Recht, das ſo eſem Jetzt tte ſa⸗ ie fuͤr deglio Haͤuſer lungs⸗ Kopfe Binde immer furcht⸗ Scheu⸗ ſͤße jerinn, chuldi⸗ heiße⸗ umtne r offe⸗ ſprech⸗ in ge⸗ ſetzt, 161 ſetzt, und waͤre in die Arme meines Vaters zuruͤck gefluͤchtet. „Nein,“ fuhr der Retter meiner kleinen Meta fort,„wenn Sie Ihren menſchenfreund⸗ lichen Plan mit der Erziehung des armen Kindes auf eine ganz vollkommene Weiſe wahr machen wollen; ſo will ich Ihnen eine herrliche Gelegenheit nachweiſen. Hier nicht weit von uns wohnt Madam Bignol, eine Frau von dem untadelhafteſten Ruf, von den feinſten Sitten, und von ſeltenen Kenntniſſen; dieſe hat ein Inſtitut, das ganz einzig in ſei⸗ ner Art iſt. In der Regel nimmt ſie nur erwachſene junge Damen auf, an deren Aus⸗ bildung ſie nur die letzte Feile zu legen braucht; indeſſen bin ich einer ihrer aͤlteſten Freunde. Wenn ich ſie darum erſuche, ſo thut ſie mir gewiß den Gefallen, und nimmt ihren kleinen Schuͤtzling auf. Ihre Meta iſt, ſagen Sie, dreizehen Jahr und hat gute Vorkenntniſſe, da kann meine treffliche Bignol ſich ſchon an ihr zeigen. Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, daß das 92 82 162 Kind in der Welt nicht beſſer aufgehoben ſein kann, aber theuer iſt das Inſtitut. Unter 300 Rthlr. jaͤhrlich wird kein Zoͤgling ange⸗ nommen; dafuͤr hat ſie aber auch Gelegenheit, alles zu lernen, was ein Maͤdchen von der feinſten Erziehung zu wiſſen braucht.“ „Gern, mein theurer Freund, bewillige ich die Summe, die verlangt wird, wenn Meta nur gut aufgehoben iſt. „Das iſt ſie; dafuͤr ſein Sie unbeſorgt. Sie ſollen Madam Bignol ſelbſt ſprechen, ihre ganz vorzuͤgliche Anſtalt ſelbſt kennen ler⸗ nen; morgen fuͤhre ich Sie bei ihr ein. Ich werde die Frau heute noch vorlaͤufig mit Ih⸗ rem Anliegen bekannt machen. muß ich fort.— Sie wollten mir. die Wechſel— „Ja,“ fiel ich ein, und uͤberreichte die Papiere, unter tauſend Entſchuldigungen, daß ich mit meinen Angelegenheiten ſo viel Sorge und Muͤhe machte, dem ehrlichen Ardeglio. Er ging. Doch jetzt Icl ſetzen uͤ Alſo l Recht! jenem nerinn, haͤtte u koͤnnen. heiligt. ich haͤtt wenn is mal me ſen waͤt keine ſ waͤre. Ich in mein mehr at die erſte haben. mußte n ſtoßen, 163 konnte mich noch von meinem Ent ben ſein Ich ch noch Ent⸗ Unter ſetzen uͤber die Frauenzimmerwelt nicht erholen. g ange⸗ Alſo hatte mein lieber, guter Vater doch genheit, Recht! In meinem eignen Zimmer, dort auf von der jenem Flecke da, hatte die abſcheuliche Luͤg⸗ nerinn, die Kloſterjungfrau, geſtanden. Ich haͤtte um keinen Preis auf die Diele treten vewillige 3. wein koͤnnen. Mein ganzes Stuͤbchen war mir ent⸗ 4 heiligt. Und— mein Geld dauerte mich, aber beſorgt ich haͤtte noch einmal ſo viel darum gegeben, ich es nicht gewußt haͤtte, noch zehn prechen, wenn ch cht gewußt haͤtte, noch zehn⸗ neu ler mal mehr, wenn das Maͤdchen ehrlich gewe⸗ 1 Jch ſen waͤre, noch tauſendmal mehr, wenn gar . Ic) ziine ſolche Bernhordinerinn in der Welt it Ih⸗ 2 m 19 waͤre. ..„ h len Ich ſtrich Betty aus, in meinem Herzen, in meinem Gedaͤchtniß, ich wollte gar nicht mehr an ſie denken. So, akkurat ſo, muͤſſen ihte 8 die erſten gefallenen Engel Gottes ausgeſehen e haben. So ſchoͤn und ſo ſuͤndhaftig. Ich do mußte mit Gewalt ihr Bild aus meiner Seele eglio. ſtoßen, ach, es war der Cherub, den ich mit L2 2 164 dem Flammenſchwerdte vor das Paradies mei⸗ nes Innern ſtellen konnte! Da kam der Schneider und brachte Me⸗ tas Kleider. Ich laͤchelte uͤber den duͤrrbei⸗ nigen Cherub. Auch Meta kam und die Putzhaͤndlerinn. Meta ging in ihre Kammer und kleidete ſich an. Die Kuͤnſtlerinn der Eitelkeit, die Putz⸗ haͤndlerinn, hatte ſie angezogen. So nieder⸗ gedruͤckt auch das Gemuͤth des Kindes war, das Geſchmackvolle ihres Trauerkleides hatte doch ſeinen Eindruck auf die ſchwache Seite ihrer Eitelkeit nicht verfehlt. Meta gefiel ſich im Spiegel, und— ich aͤrgerte mich faſt uͤber mich ſelbſt und uͤber das ſchnelle Schwanken meiner mir eben erſt von Ardeglio eingepraͤg⸗ ten Grundſaͤtze— ſie geſiel auch mir. Meta ſah wunderhuͤbſch aus. Ganz anders, als vorher. Ihr Anſtand hatte etwas Vorneh⸗ mes; in ihren Bewegungen lag die Grazie einer jugendlichen Hebe. Sie kuͤßte mir, wie geſtern, zum Dank fuͤr die erſte Wahrneh⸗ * mung len, m aber d nicht n kuſſes und ih Ich gl. Was d Ich lichkeit, wie mi ſo verb derbare. noch la bare Ve liebensn gegen n lichkeit, ſehen, gen unſ Sie Coſtuͤm, es mei⸗ te Me⸗ duͤrrbei⸗ dlerinn. dete ſich ie Putz⸗ nieder⸗ es war, 's hatte ſe Seite efiel ſich faſt uͤber hwanken ngepraͤg⸗ Meta ers, als Vorneh⸗ e Grazie mir, wie Lahrneh⸗ 165 mung meiner Zuſage, fuͤr ſie ſorgen zu wol⸗ len, meines Straͤubens ungeachtet, die Hand; aber das war die kleine Meta von geſtern nicht mehr. Ich ſchaͤmte mich ihres Hand⸗ kuſſes ſo, daß ich mich beinahe vergeſſen, und ihr die kleine zarte Hand gekuͤßt haͤtte. Ich glaube, ſie haͤtte es recht gern gelitten. Was doch ein Kleid nicht alles thut! Ich war uͤber des Maͤdchens Jungfraͤu⸗ lichkeit, die ſich in dem ſchwarzen Kreppkleide, wie mit einem Zauberſchlage entwickelt hatte, ſo verbluͤfft,— anders kann ich mein ſon⸗ derbares Gefuͤhl nicht nennen,— daß ich noch lachen muß, wenn ich an das ſonder⸗ bare Verhaͤltniß denke, in dem ich zu meinem liebenswuͤrdigen Findling ſtand; ſie nahm ſich gegen mich mit einer ſo ſchmeichelnden Zaͤrt⸗ lichkeit, daß, wer uns hoͤrte, ohne uns zu ſehen, haͤtte glauben muͤſſen, daß auf mor⸗ gen unſer Hochzeittag beſtimmt ſei. Sie blieb nicht lange in ihrem eleganten Coſtuͤm, ſondern legte es bald ab, und er⸗ 166 ſchien dafuͤr in einem der niedlichen Hausne⸗ gliges, die ich zugleich auf den Vorſchlag des Schneiders hatte beſorgen laſſen. Sie wech⸗ ſelte mit jedem Kleide ihre Rolle. Jetzt war ſie die Wirthliche. Sie legte alles in mei⸗ nem Zimmer zurecht, ſprach mit dem Wirth uͤber das Arangement meines Mittagstiſches, ſah meine Waͤſche durch, und muſterte meime uͤbrigen Habſeligkeiten. Sie war complett wie eine kleine Hausfrau. Ihre kindliche Vertraulichkeit hatte die wenigen Stunden un⸗ ſers Lebens, daß wir einander kannten, zu Jahren umgeſchaffen, und, launig genug, wir wußten nicht einmal recht, wer wir waren. Sie plapperte gelaͤufig franzoͤſiſch, ſprach fͤr ihre Jahre in ſehr gewaͤhlten, mir oft auf⸗ fallenden Ausdruͤcken, und an dem kleinen Verzeichniſſe, das ſie ſich von ihren erhaltenen Kleidern, Waͤſche u. ſ. w. anfertigte, ſah ich, daß ſie eine recht niedliche Hand, und auch ziemlich orthographiſch richtig ſchrieb. Geſtern hatte ſie mir ungefragt erzaͤhlt, daß gleich mich ſen w auch! zehn.“ als ge ich ſor waren immer geruͤnd chen, woͤlbte Ellenb fein ge liebſtes ausne⸗ ag des e wech⸗ tzt war n mei⸗ Wirth ttiſches, meim omplett eindliche nden un⸗ ten, zu ug, wir waren. rach fuͤr oft auf⸗ kleinen haltenen ſah ich, nd auch erzaͤhlt/ 167 daß ſie zwoͤlf Jahr alt ſei; heute war ſie gleich ein Jahr aͤlter geworben, denn als ich mich uͤber ihre Vorſchritte in ihren Kenntniſ⸗ ſen wunderte, entgegnete ſie,„nun, ich bin auch bald dreizehen! und dann werde ich vier⸗ zehn.“ Sie trug ſich heute hoͤher, gerader, als geſtern; die zwoͤlfjaͤhrigen Maͤdchen, die ich ſonſt in unſerer Dorfkirche geſehen hatte, waren mager und knoͤchern; ihre Fuͤße waren immer groͤßer, als ihre Schuhe; Meta war geruͤndet und nett. Ihr kleines Lockenkoͤpf⸗ chen, ihr voller weißer Hals, ihre ſchoͤn ge⸗ woͤlbte jungfraͤuliche Bruſt, die Gruͤbchen am Ellenbogen, ihr fleiſchiger Arm, ihr niedliches, fein gebautes Fuͤßchen,— es war ein aller⸗ liebſtes, zartes Weſen, meine kleine Meta. Noch wußte ich von ihr nichts, als daß ſie Meta hieß, und daß ſie ihre Mutter ver⸗ loren hatte. Aber auch ſie wuſte von ſich ſelbſt nicht viel mehr. Erſt jetzt hatte ich Zeit, mir ihre kleine Lebensgeſchichte auszubitten; denn geſtern war ſie zu erſchoͤpft geweſen, und ich 168 hatte bisher den Kopf mit ihrer Mutter, mit Betty, mit meinen Wechſeln, mit dem Ma⸗ jor, mit dem weiblichen Geſchlecht und mit Ardeglio zu voll gehabt. Jetzt, nach dem Eſſen, hatten wir mehr Muße. Aber meine Fragen uͤber ihre naͤhe⸗ ren Verhaͤltniſſe blieben faſt alle unbeantwor⸗ tet. Nur ſo viel wußte ſie, daß ihre Mut⸗ ter aus Frankfurt am Mayn war, daß ihr Vater, den ſie nie gekannt hatte, geſtorben war, und daß ihre Mutter ſich von weibli⸗ cher Arbeit ernaͤhret hatte. Die Mutter, die das Kind unterrichtet hatte, mußte von ſehr guter Erziehung gewe⸗ ſen ſein; denn Meta ſprach ſo verſtaͤndig und ſo gebildet, daß ich ihren Unterricht bei Madam Bignol beinahe fuͤr uͤberfluͤſſig hielt, und ſie lie⸗ ber gleich mit nach Petersburg genommen haͤtte. „Wie kamſt du denn zu dem Major?“ frug ich im Verfolg unſers Geſpraͤchs zufaͤllig. „Ih, das war ganz eigen. Vorgeſtern, als meine Mutter noch lebte und ſehr ſchwach war, ich m fen w Hofm geſtick iſt; 3 paar arme Wege entha chen, jedem Kaiſe in de ausge mir f Fremi daß i Thraͤt und eine 8 nehm / mit 3 Ma⸗ d mit mehr naͤhe⸗ wor⸗ Mut⸗ aß ihr torben weibli⸗ rrichtet gewe⸗ ig und Nadam ſie lie⸗ haͤtte. ℳ frug ig. geſtern/ chwach 169 war, wurde mir ſo angſt und bange, daß ich mir gar nicht mehr zu rathen und zu hel⸗ fen wußte. Da beſann ich mich auf Madam Hofmann, fuͤr die meine Mutter zuweilen geſtickt hatte, und die eine liebe, liebe Frau iſt; zu der wollte ich gehen, und ſie um ein paar eingemachte Kirſchen bitten, um meine arme Mutter damit zu erquicken. Auf dem Wege dahin konnte ich mich der Thraͤnen nicht enthalten, denn ich dachte an mein Muͤtter⸗ chen, ihr banges Stoͤhnen begleitete mich auf jedem Schritte. Als ich vor dem roͤmiſchen Kaiſer vorbei ging, ſtand eine junge Dame- in der Thuͤre, und ſchien im Begriff zu ſein, ausgehen zu wollen, die fragte mich, was mir fehlte. Ich erſchrack erſt, daß mich eine Fremde anredete; aber ſie fragte ſo liebreich, daß ich ihr alles erzaͤhlte. Da traten ihr die Thraͤnen in die Augen, und ſie gab mir Geld, und ging in das Haus zuruͤck und ließ ſich eine ganze Aſſiette Kirſchen geben, die ich mit⸗ nehmen mußte, und ſagte zu mir, daß ich 170 morgen wieder kommen ſolle, um ihr zu ſa⸗ gen, wie ſich meine Mutter befaͤnde. Sie ſprach ſo fromm und gut wie ein Engel.“ „Weiter, weiter,“ fiel ich ihr haſtig ins Wort, denn— doch Betty logirte ja nicht im roͤmiſchen Kaiſer! „Als nun meine Mutter geſtern geſtorben war, und ich in der Angſt meines Herzens gar nicht wußte, was ich thun ſollte, und ich einen Doktor ſuchte, der mir vielleicht noch helfen koͤnnte, da faßte ich mir Muth, und wollte zu der fremden Dame. Sie hatte mir die Nummer ihres Zimmers geſagt. Ich nahm alſo ihre Aſſiette, und ging, ihr mei⸗ nen Kummer zu erzaͤhlen. Aber der Mar⸗ queur, der mir die Aſſiette abnahm, ſagte, die Dame, die ich ſuche, ſpeiſe heute nicht zu Hauſe, da verzagte ich nun an Rath und an Huͤlfe, und in meiner unſaͤglichen Angſt fragte ich den dicken Mann, der in der Thuͤre ſtand, ob er keinen Doktor in der Naͤhe wuͤßte. Da kamen Sie. Ach Gott, da kamen Sie!“ zu ſa⸗ Sie I. 71 g ins nicht orben erzens und lleicht Nuth, hatte Ich mei⸗ Mar⸗ ſagte, cht zu nd an fragte ſtand, 2. Da 10 171 „ War denn das im roͤmiſchen Kaiſer?“ „Nun freilich. „ Wie ſah denn die Dame aus? „Ich ſage Ihnen ja, wie ein Engel.“ Sie beſchrieb mir ſie vom Kopf bis zum Fuß. Es war Betty. Ich ſprang auf. Ardeglio hatte mich be⸗ logen. Er hatte mir geſagt, daß der Kano⸗ nikus im roͤmiſchen Kaiſer kein Unterkommen gefunden habe. Doch, er konnte ſich verhoͤrt haben. Ich ging unruhig im Zimmer auf und ab. Meine Betty konnte nicht ſchlecht ſein. Sie hatte ſich ja ſo gut, ſo theilnehmend ge⸗ gen Meta bewieſen. Ich wollte hin, ich wollte ihr abbitten; ich wollte— ach ich weiß nicht, was ich wollte; da fielen mir Ardeglios böſe Worte mit den fuͤnf Louisdor ein.„Nein, ſie kann mitleidig ſein,“ rief ich ſchmerzlich aus; maber ſie iſt doch eine Bernhardinerinn.“ „Wer?“ fragte Meta. Nichts, mein Kind. Ich dachte nur an etwas. 172 „Sie ſcheinen boͤſe auf die Mamſell zu ſein,“ ſagte Meta, die auf meinem Geſicht mei⸗ nen Schmerz las,„und ſie iſt Ihnen doch ſo gut. 9 Wer? 1 „Ih, eben die Mamſell, die mir die Kirſchen gegeben hat.“ Ich blieb wie angewurzelt ſtehen. „Was weißt Du denn davon?“ „Ich? nun von ihr ſelbſt. Sie hat mir eine ganze Stunde von Ihnen vorgeſchwatzt, und mir auch das Brieſchen an Sie mitgegeben.“ „Du! Dir! Betty? was denn fuͤr ein Brieſchen?! „J nu, das, was ich Ihnen heute fruͤh gab, als ich von meiner Mutter kam. Auf dem Herwege ging ich mit zu der Mamſell, um ihr zu erzaͤhlen, daß meine gute Mutter geſtorben ſei, und daß der liebe Gott Sie mir zugefuͤhret haͤtte.”“ „Und da ſchrieb ſie an mich? u „Und ich gab Ihnen das Billet, Sie ſteck⸗ ten es ein, ohne weiter darauf zu ſehen. Ich I zu mei⸗ zut."4 c die t mir vatzt, ben. r ein fruh Auf uſell, rutter Sie ſteck⸗ Ich 173 glaubte, Sie wollten es nicht leſen, weil der Schneider und die Putzhaͤndlerinn da wa⸗ ren. Ich war wie electriſirt. Ich griff in al⸗ len Taſchen herum, und fand nichts. Ich durchwuͤhlte meinen Koffer, meine Waͤſche, meine Papiere, und fand nichts; ich haͤtte vor Unmuth vergehen moͤgen. „Wie kam ſie denn auf mich zu ſprechen, erzaͤhle doch, liebſte Meta; nein, erzaͤhl mir nicht. Ich will, ich muß ſelbſt hin;“ und ſo lief ich nach dem Hute, ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus, und eilte nach dem roͤmiſchen Kaiſer. 174 14. Der Mordplatz. Betty war dort geweſen. Vor einer Stunde war ſie abgereiſ't. Sie, der Canonikus, deſ⸗ ſen Gattinn und— ach, grauſamer Zuſatz des meuchelmoͤrderiſchen Marqueurs, der mir auf mein peinliches Verhoͤr alles erzaͤhlen mußte— und noch ein junger Menſch. Der junge Menſch hatte ſie in den Wa⸗ gen gehoben, der junge Menſch hatte ein Stutzbaͤrtchen gehabt, der junge Menſch hatte ihr gegenuͤber geſeſſen, der junge Menſch ſchien ein Offizier geweſen zu ſein, der aber in Ci⸗ vilkleidern gereiſt ſei, der junge Menſch hatte ihr Strickkoͤrbchen auf ſeinen Schoß genom⸗ men. Ach, Gott im Himmel weiß, was der junge Menſch nicht noch alles gemacht hatte. Alles konnte mir der Marqueur beant⸗ worten, nur meine Hauptfrage nicht, wer der junge Menſch geweſen war, und wohin ſie weiter gemiet keine V Aufſch hier i Billet troſtlo⸗ kleinen stunde , deſ⸗ Zuſatz r mir gaͤhlen Wa⸗ e ein hatte ſchien n Ci⸗ hatte enom⸗ s der atte. beant⸗ er der in ſie 175 weiter gereiſt waren; ſie hatten ſich Lohnpferde gemiethet, alſo war auch auf dem Poſtamte keine Auskunft daruͤber einzuholen. Vielleicht konnte mir ihr Billet daruͤber Aufſchluß geben. Es trieb mich nach Hauſe, hier wendete ich alles wieder um; aber das Billet blieb verſchwunden. Ich warf mich troſtlos in einen Seſſel, und erzaͤhlte meiner kleinen Geſellſchafterinn, daß Betty abgereiſt ſei. „Sie ſind der Mamſell wohl auch gut,“ ſagte Meta leiſe, und lehnte ſich an meine Schulter. Ich bin ihr gut, wie meiner Schweſter. Aber da ſie einmal nicht hat hier bleiben koͤnnen, iſt es mir doch lieb, daß ſie— fort iſt.—— „Ich glaube, Sie haben die Mamſell viel V lieber, als mich. In dieſer Aeußerung lag ſo etwas naives kindiſches, faſt komiſches, daß ich unwillkuͤhr⸗ lich lachen mußte. Meta ging augenblicklich weg, ſtellte ſich in das andere Fenſter und ſprach eine lange Weeille kein Wort. 176 Ich merkte, daß ſie empfindlich geworden war, ich naͤherte mich ihr, ſah ihr in das Geſicht, und gewahrte zwei große Thraͤnen, die an den ſeidenen Wimpern ihres großen ſchoͤnen Auges zitterten. „Was fehlt dir, meine liebſte Meta?“ ſagte ich ſanft. „Gar nichts, wenn ich Ihre liebe Meta binm,“ antwortete ſie, freundlich durch die Thraͤ⸗ nen laͤchelnd, und war nun wieder ſo traulich und herzlich, als vorher. Ich dachte im Stillen an das, was mir Ardeglio uͤber die Weiber geſagt hatte. Ach Gott, haͤtte ich doch nur ein bischen mehr Menſchenkenntniß gehabt, ich wußte gar nicht, wie ich mit Meta daran war. Bald kam ſie mir wie ein kleines Kind, bald wie ein erwachſenes Maͤdchen vor. Was mußte aus dieſem reizenden Geſchoͤpf werden, wenn Madam Bignol die letzte Feile an ihre Bil⸗ dung legte. Nach einer kleinen Pauſe,— es ſchien, als 4 als h mit ſollte roͤmif das den tiefes reau, wollt verw braut zu ſe len. ließ ſagte der den dem hier gen kuͤßte nie eworden in das ihraͤnen, großen Meta?“ de Meta die Thraͤ⸗ traulich was mir t hatte. bischen ußte gar -. Bald Hald wie s mußte n, wenn hre Bil⸗ s ſchien, als 177 als haͤtte ſie in ihrem Innern einen Kampf mit ſich ſelbſt gekaͤmpft,— hob ſie an,„ich ſollte ihnen ja erzaͤhlen, wie die Mamſell im römiſchen Kaiſer darauf gekommen iſt, mir das Billet an Sie zu geben. Ich hatte ihr den Verluſt meiner Mutter geklagt, und ihr tiefes Mitleid erregt. Sie ging in ihr Buͤ⸗ reau, holte mehrere Goldſtuͤcke heraus, und wollte ſie mir in die Hand druͤcken; allein ich verweigerte dieß, und ſagte ihr, daß ich nichts brauche, weil Sie verſprochen haͤtten, fuͤr mich zu ſorgen. Nun mußte ich von Ihnen erzaͤh⸗ len. Sie wurde immer aufmerkſamer, und ließ mich Sie genau beſchreiben. Alles paßt, ſagte ſie freudig und geruͤhrt, nur die Klei⸗ der nicht. Als ich ihr aber ſagte, daß ich den weißen Rock, mit den Folioknoͤpfen und dem Roſafutter, nach dem ſie laͤchelnd fragte, hier im Zimmer auf dem Stuhle haͤtte haͤn⸗ gen geſehen, rief ſie: ja er iſes, er iſts, kuͤßte mich, und ermahnte mich, das Gute nie zu vergeſſen, was Sie an mir thaͤten, M 178 fuͤr Ihr Gluͤck immer zu beten, und Sie im⸗ mer recht lieb zu behalten. Dann ſetzte ſie ſich hin, und ſchrieb ein langes Billet, und trug mir auf, Ihnen dieß zu geben, und be⸗ ſchenkte mich zum Andenken mit ihrem groſ⸗ ſen Umſchlagetuch, das ich heute fruͤh mit⸗ brachte.“ „Und das ſagſt du mir jetzt alles erſt, da ſie fort iſt? „Konnte ich denn eher mit Ihnen ſpre⸗ chen? Sie waren ja ſo zerſtreut, als ich heute fruͤh kam, und dann habe ich auch nicht ge⸗ wußt, daß ſie abreiſen wuͤrde. Ich konnte mich lange nicht zufrieden ge⸗ ben, daß ich Betty nicht wieder ſehen ſollte. Ardeglio— ach, haͤtte Ardeglio mir das von den Weibern nur nicht geſagt! Betty machte aber gewiß eine Ausnahme. Ein ſchlechtes Maͤdchen konnte das Kind unmoͤglich ſo liebreich beſchenkt, ſo fromm ermahnet ha⸗ ben. Nein, wahrhaftig, Betty konnte nicht ſchlecht ſein. B Wecht bringe gange men mir tona. uͤber 3 verbin zwei eine j O ₰ plaud auf d aufm T ren: allerl aͤltere beuge lichke Sie im⸗ tzte ſie t, und nd be⸗ groſ⸗ h mit⸗ 8 erſt, 1 ſpre⸗ )heute cht ge⸗ en ge⸗ ſollte. s von nachte lechtes ch ſo t ha⸗ nicht 79 Beim Ardeglio fielen mir wieder meine Wechſel ein. Er hatte mir das Geld gleich bringen wollen; es war der ganze Tag ver⸗ gangen, ohne daß ich ihn zu ſehen bekom⸗ men hatte. Ich ward unruhig. Er hatte mir ſein Logis genannt, er wohnte in Al⸗ tona. Ich beſchloß, noch dieſen Abend hin⸗ uͤber zu gehen, und nahm meine Meta mit. In der Allee, die Hamburg und Altona verbindet, gingen unter den Spatzierenden zwei Damen hinter uns herz eine aͤltere und eine juͤngere. Ich hatte Meta an der Hand. Die Kleine plauderte traulich mit mir, und machte mich auf die Merkwuͤrdigkeiten dieſer Nachbarſtaͤdte aufmerkſam. Da ſagte die juͤngere Dame zu der aͤlte⸗ ren:„das iſt er, ich erkenne die Kleine. Ein allerliebſtes Kind!,, Ich ſah mich um, die aͤltere Dame gruͤßte mich, freundlich ſich ver⸗ beugend, und ſagte mit wohlwollender Herz⸗ lichkeit:„verzeihen Sie den Antheil, den wir M 190 an Ibrer edlen That nehmen; aber ſolche gute Menſchen, wie Sie ſind, begegnen uns auf dem heutigen Lebenswege ſo ſelten, daß Sie eine Frau, die auch Mutter iſt, gewiß entſchuldigen, wenn ſie die Gelegenheit will⸗ kommen heißt, Ihnen im Namen aller Muͤt⸗ ter, und im Namen der Entſchlummerten, fuͤr dieſes gute Werk herzlich zu danken. Meta kuͤßte mit ihrem ſchmeichelnden Lieb⸗ reiz ihre Haͤnde. Die juͤngere beugte ſich zu ihr herab, und kuͤßte die Wange des Maͤd⸗ chens, um ihre ſtillen Thraͤnen zu verbergen, die ihr in die Augen getreten waren. Ich ſagte mit wenigen Worten, daß das, was ich gethan habe, wohl ein jeder Anderer ge⸗ than haben wuͤrde, wenn ihm die Vorſehung ein ſo huͤlfloſes Kind an das menſchliche Bruderherz gefuͤhret haͤtte, und fragte, wie ſie von meinen Verhaͤltniſſen zu Meta Kunde bekommen haͤtten. „Mein Mann,“ hob die aͤltliche Dame an,„hatte das Vergnuͤgen gehabt, geſtern zwiſch beizul 7 ſo ſch Dank 71 Kaiſe zu ur uns uns ware! zartet ſich folgt und ſtorbe muͤth Waif Sie/ G Han ſolche n uns daß gewiß will⸗ Muͤt⸗ nerten, 1. n Lieb⸗ ſich zu Maͤd⸗ ergen, Ich was er ge⸗ ſehung ſchliche , wie Kunde Dame geſtern 181 mit Ihnen zu ſpeiſen, und einen kleinen Zwiſt zwiſchen Ihnen und einem fremden Offizier beizulegen. 9 „Iſt das Ihr Gemahl geweſen? Er war ſo ſchnell verſchwunden, daß ich ihm meinen Dank noch ſchuldig geblieben bin.“ „Wir wohnen in der Naͤhe des roͤmiſchen Kaiſers, mein Mann kam gleich nach Tiſche zu uns, erzaͤhlte uns den Vorfall, und machte uns neugierig, Sie zu ſehen. Wir legten uns in das Fenſter, um Sie abzuwarten, und waren im Stillen geruͤhrte Zeugen von der zarten Menſchenfreundlichkeit, mit der Sie ſich hier des Kindes annahmen. Mein Mann folgte Ihnen und der Kleinen auf dem Fuße, und von den Leuten, die im Hauſe der Ver⸗ ſtorbenen wohnen, hoͤrte er, mit welcher gut⸗ muͤthigen Theilnahme Sie ſich der armen Waiſe angenommen haben. Gott belohne Sie, und erhalte ihr gutes Herz.“ Sie reichte mir bei dieſen Worten die Hand, und Emma, ihre Tochter, ſtreichelte 192 liebreich die Wange des Kindes. Die Mut⸗ ter war in ihrem Thun und Reden ſo herz⸗ lich, ſo einfach, daß man zu ihr gezogen wurde, ohne zu wiſſen, wie. Sie erzaͤhlte mir im Weitergehen, daß ſie erſt ſeit einem Jahre in Hamburg wohnten, daß ihr Mann Overlin hieße, daß ſie ſich ſonſt in Penſilva⸗ nien aufgehalten haͤtten, und daß ſie jetzt hier von den Fruͤchten ihres fruͤhern Erwerbs lebten, der ſonſt in kaufmaͤnniſchen Unterneh⸗ mungen im Großen beſtanden habe. Sie fragte, was ich fuͤr einen Lebensplan fuͤr Meta habe, und als ich ihr ſagte, daß ich ſie bei Madam Bignol in Penſion geben werde, bat ſie mich, ja recht vorſichtig mit der Auswahl der Anſtalt zu ſein, weil hier manche Inſtitute dieſer Art ihren Zweck gaͤnz⸗ lich verfehlten. Ich entgegnete ihr mit Dank fuͤr ihre Theilnahme an dem kuͤnftigen Gluͤck meiner Meta, daß ein Freund von mir, der in Hamburg ſehr genau bekannt ſei, mir dieſe Madam Bignol empfohlen habe, worauf ſie ſich denn beruhigte. V war zu ge gingen zuruͤck T tritt, die T I Faſſt Sie Sarg ſtillen als b fuͤr i einzig und arme bleib Dein ewig du Mut⸗ herz⸗ ezogen zaͤhlte einem Mann ſilva⸗ e jetzt werbs erneh⸗ Splan 1 daß geben g mit I hier gaͤnz⸗ nk fuͤr ꝛeiner nburg dignol ggte. 183 Wir hatten lange und viel geſprochen; es war jetzt zu ſpaͤt, nach Altona zu Ardeglio zu gehen. Wir wendeten daher um, und gingen mit Madame Overlin nach Hamburg zuruͤck. Den folgenden Morgen hatte ich den Auf⸗ tritt, vor dem mir ſchon lange gebangt hatte, die Beerdignng von Metas Mutter. Meta benahm ſich Anfangs mit einer Faſſung, die mir ſtille Bewunderung ablockte. Sie ſtand eine lange Weile an dem offenen Sarge der geliebten Mutter, und weilte mit ſtillem Thraͤnenblicke auf der kalten Huͤlle, als ob ſie das Bild der Unvergeßlichen ſich fuͤr ihr ganzes Leben einpraͤgen wollte.„Meine einzige, liebe Mutter,“¹ ſagte ſie dann leiſe, und zog die erſtarrte Hand an ihr gequaͤltes armes Herz,„ruhe ſanft. Kannſt du, ſo bleibe deine Seele als Schutzgeiſt bei mir. Dein Bild, dein liebes Bild umſchwebe mich ewig. Du unbegreiflicher, großer Gott, der du mir in meiner Mutter alles,— alles ge⸗ * 184 nommen haſt, ſei mein Zeuge, ich werde nie vergeſſen, was ſie mich gelehret hat.— Siehſt du mich noch mit deinem verklaͤrten Geiſte, meine heilige Mutter, ſo zage nicht um mich. Ich werde nicht verloren gehen. Ich weiß noch jedes deiner Worte, was du halb ſter⸗ bend zu mir ſagteſt, und ich werde es nim⸗ mer vergeſſen! Sie nahm einen Blumen⸗ ſtrauß, den ſie ſich von Bettys Gelde erkauft hatte, druͤckte ihn an ihre Lippen, und legte ihn auf das ſtille Mutterherz, das fuͤr ſie nun nicht mehr ſchlug. Dann ſchnitt ſie ſich von den Haaren der Entſeelten eine Locke ab, und wickelte dieſe ſorgfaͤltig ein. Jetzt kamen die Traͤger, und verſchloſſen, mit der Fuͤhlloſigkeit ihres Metiers, den Sarg; da brachen die Kniee meiner kleinen Meta und ihr Herz, ſie ſank in einander, und ver⸗ lor ihren Muth.„Ich ſoll ſie nicht wie⸗ der ſehen, nie— nie wieder ſehen,“ ſchrie ſie, und rang die kleinen Haͤnde, und ſank den harten Menſchen in die Arme, und bat ewigel gen/ ſich a mir ach! liert, tauſe! des wiede 2 Schn Sie ſtreut kuͤßte kniete die e e nie Siehſt eeiſte, mich. weiß ſter⸗ nim⸗ mmen⸗ kauft legte r ſie ſich 2 ab, oſſen, harg; Meta ver⸗ wie⸗ ſchrie ſank bat 185 um Gotteswillen, nur noch einmal, nur noch ein allereinzigesmal ihr den Sarg zu oͤffnen; aber ſie kehrten ſich nicht an das Jammerge⸗ ſchrei des verzweifelnden Kindes, ſondern tru⸗ gen ſchweigend den Sarg zum Hauſe hinaus. Ich wankte mit dem vom Schauder der ewigen Trennung zeriſſenen Kinde zum Wa⸗ gen, der dem Sarge folgte; ſie klammerte ſich an mich, ſie wollte ſo gern Troſt von mir hoͤren, und ich hatte keinen; denn— ach! fuͤr das Kind, das ſeine Mutter ver⸗ liert, giebt es keinen Troſt. Unter all den taufend Millionen Muͤttern dieſes Erdenrun⸗ des findet die Waiſe ihre Mutter nicht wieder! Auf dem Kirchhof uͤberließ ſie ſich ihrem Schmerz von neuem, aber er war weicher. Sie ſelbſt war erſchoͤpfter, kraftloſer. Sie ſtreute auf das Grab friſche Blumen, ſie kuͤßte den Sarg, als er eingeſenkt wurde, ſie kniete an der Gruft und betete leiſe; aber als die erſten Schollen von der Schaufel des Tod⸗ 196 tengraͤbers hinabroͤllten auf den holen Sarg, da ſchauderte die Kleine erbleichend ineinan⸗ der, und ich trug ſie halb ohnmaͤchtig in den Wagen zuruͤck. Als wir nach Hauſe kamen, bat ſie mich, dieſen Tag ganz allein bleiben zu duͤrfen, ſie wollte nur an ihre Mutter denken, und von keinem geſtoͤrt ſein. Ich ehrte ihre Trauer und wollte zu Ardeglio gehen, damit ich mit ihm wegen der Wechſelgeſchichte ſpraͤche und ihn baͤte, mich bei Madame Bignol einzufuͤh⸗ ren, als mir der Wirth ein Billet von Ar⸗ deglio brachte, was waͤhrend des Begraͤb⸗ niſſes abgegeben war, und worin er ſchrieb, daß er wegen dringender Abhaltung mich nicht bei ſeiner Freundinn Bignol einfuͤhren koͤnne, daß dieſe aber ſchon von meinen Abſichten unterrichtet ſei, und mich dieſen Morgen er⸗ warte. Die Wechſel habe er mit Willen noch nicht umgeſetzt, weil er erſt das morgende Duell abwarten wolle; man koͤnne nicht wiſ⸗ ſen, wie es ablaufe, und auf jeden Fall waͤre es in leicht mitzu des2 gleich gen, ſer it hier aber ſchen richte nicht — 0 ſagt, davo den in d in Muͤt haͤtte res Gru Sarg, einan⸗ n den mich, , ſie dvon rauer ) mit und ufuͤh⸗ 1 Ar⸗ graͤb⸗ drieb, nicht oͤnne, chten 1 er⸗ noch gende wiſ⸗ waͤre es immer ſicherer, das Geld, wenn wir viel⸗ leicht fliehen muͤßten, in Papieren, als baar mitzunehmen. Eben der ungewiſſen Folge des Duells wegen, waͤre es auch beſſer, Meta gleich heute bei Madame Bignol unterzubrin⸗ gen, daher bitte er mich, es gkeich mit die⸗ ſer in Richtigkeit zu bringen, und lege mir hier ihre Adreſſe bei; uͤbrigens erſuche er mich aber dringend, von dem Duell keinem Men⸗ ſchen hier etwas zu ſagen, weil die Ortsge⸗ richte dergleichen Ehrengerichte in der Regel nicht recht dulden wollten. Zu dem Duell hatte ich, unter uns ge⸗ ſagt, keine beſondere Luſt. Was hatte ich davon, den grießgraͤmlichen Major uͤber den Haufen zu ſchießen, oder gar von ihm in das Gras geſtreckt zu werden? Wenn ich in dem Augenblicke der Aufwallung mein Muͤthchen an dem abſcheulichen Unmenſchen haͤtte kuͤhlen koͤnnen, waͤre es mir ein ande⸗ res geweſen; aber ſo— doch ich kannte die Grundſaͤtze meines Vaters uͤber dieſen Punkt, 183 ich glaube, ich haͤtte ihn um allen Glauben an mich gebracht, wenn er erfahren, daß ich 1 5 ich einer Ehrenſache nur im allermindeſten aus⸗ gewichen waͤre; Furcht hatte ich bis jetzt noch nicht. Ich war meines Schuſſes ziemlich ge⸗ wiß, doch freilich, ich hatte noch auf keinen Menſchen geſchoſſen, und am Ende aller En⸗ den, was hatte mir denn der Major gethan? ich hatte ihn ja nicht beleidigt, er mich nicht.—„Doch weg mit allen den Spitz⸗ findigkeiten,“ rief ich mir zu, und hieb mit meinem leichten Stoͤckchen, das ich mir eben gekauft hatte, in die Luft.„Ich werde mich meiner Haut wehren, und dem lieben Gott meine Seele empfehlen;“ und ſomit ging ich zu Madam Bignol. Ich hatte mir eine alte Matrone vorge⸗ ſtellt, mit duͤrren Reden und magern Haͤnden, gelber Haut und ſtrengem Sinn: aber da hatte ich mich gewaltig geirrt. Madame Bignol— ich ver⸗ bluͤffte ordentlich, als ich mit meiner verdammten Bloͤdigkeit bei der ſchoͤnen Frau ins Zimmer trat. liche eine ange ſelbſt ſien, dem dern nol kolad den war geſch gear! Met hier moͤg dies mus und Ben lauben mten rat.- 189 Madame Bignol war eine junge freund⸗ liche Frau von hoͤchſtens 24 bis 25 Jahren; eine volle runde Geſtalt, ſehr geſchmackvoll angezogen, und die zuvorkommendſte Artigkeit ſelbſt. Die Fenſter beſchirmten gruͤne Jalou⸗ ſien, nur ein halbes Tageslicht daͤmmerte in dem eleganten Zimmer, in welchem die mo⸗ dernſten Meubles prangten. Madame Big⸗ nol war auf meinen Beſuch vorbereitet; Cho⸗ kolade und Madera und ſuͤſſe Fruͤchte wur⸗ den zum Fruͤhſtuͤck aufgetragen; das Dejeuner war von Berliner Porcellain, die Glaͤſer von geſchliffenem Cryſtall, die Fruchtkoͤrbe zierlich gearbeitetes Silber. Hier war meine kleine Meta gewiß gut aufgehoben; ich haͤtte mich hier lieber gleich ſelbſt mit erziehen laſſen moͤgen. Ardeglio hatte Recht. Gewiß war dies das beſte Inſtitut in ganz Hamburg. Madame Bignol ſprach mit Enthuſias⸗ mus von ihren Pflichten gegen ihre Zoͤglinge, und wahrſcheinlich, um mir die ſprechendſten Beweiſe zu geben, wie ſie es verſtand, ihre 190 ſchweren Obliegenheiten zu erfuͤllen, ließ ſie die Zoͤglinge ihrer kleinen Anſtalt rufen. Es traten vier junge erwachſene Maͤdchen in das Zimmer, alle ausgeſucht huͤbſch, alle nach dem neueſten Geſchmack gekleidet; ihre rothen Wan⸗ gen und die Fuͤlle ihres ſchoͤnen Koͤrpers zeug⸗ ten von ihrer Geſundheit, und ihr zuͤchtiger Anſtand von dem Weltton ihrer Erzieherinn. Sie waren beſcheiden, ohne bloͤde zu ſein, heiter, ohne die Grenzen der Schicklichkeit zu uͤberſchreiten, nur die Bekleidung ihres Bu⸗ ſens haͤtte, nach meinen, freilich noch nicht recht berichtigten Begriffen, ein wenig dezen⸗ ter ſein koͤnnen; denn ich durfte auf die Schaͤtze des jugendlichen Reichthums nicht blicken, ohne allemal in Metas Namen zu errdoͤthen. Die guten Kinder freueten ſich auf die neue Geſellſchafterinn, die ich ihnen zufuͤhren wollte, und ich ward mit Madame Bignol uͤber die Bedingungen bald dahin eins, daß ich ihr 800 Rthlr. jaͤhrlich zu zahlen verſprach, t 4 —— eß ſie . Es n das ) dem Wan⸗ zeug⸗ htiger erinn. ſein, eit zu Bu⸗ nicht dezen⸗ die nicht die uͤhren ignol daß prach, 191¹ und ihr— dieß ſchien ſie zu wuͤnſchen— auf die drei Jahre, die ich in Petersburg vor der Hand zuzubringen gedachte, die desfallſige Aſ⸗ ſignation auf meinen Vater ausſtellte, dem ich heute Nachmittag von dem ganzen Vor⸗ fall umſtaͤndlich Nachricht geben wollte; ſie uͤberließ mir, außerdem eine beſtimmte Summe fuͤr Metas Garderobe auszuſetzen, und aͤuſ⸗ ſerte den Wunſch, daß ich, wo moͤglich, heute noch Meta ihr uͤberliefern moͤchte, damit dieſe ſich waͤhrend meines hieſigen Aufenthalts, wo ich ſie taͤglich ſehen koͤnnte, nach und nach an ihre neue Lage gewoͤhnen moͤchte. Mir war dieſer Antrag um ſo willkommener, als ich ohnehin nicht wußte, wie morgen mein Duell mit dem Major ablaufen wuͤrde, wo denn in jedem Fall fuͤr ihr weiteres Unterkommen geſorgt war. Ich eilte nun nach Hauſe, und ſchrieb an meinen guten Vater ein ganzes Buch, in dem ich ihm die Geſchichte meiner Bekanntſchaft mit dem Canonicus, mit Ardeglio, Madame 192 Overlin und Madame Bignol weitlaͤuftig er⸗ zaͤhlte. Meiner ehemaligen Betty und der Nonne erwaͤhnte ich nur oberflaͤchlich, des Duells aber gar nicht, um ihn nicht vor der Zeit zu aͤngſtigen. Gegen Abend ſchrieb mir Ardeglio wieder: „Ich kann Sie morgen nicht abholen, mein wertheſter Graf, weil ich, auf den Fall, daß das Duell ungluͤcklich ablaͤuft, noch viel zu beſorgen und keine Minute Zeit uͤbrig habe; aber ich erwarte Sie im Flotbecker Waͤldchen hinter dem Garten bei dem Drillhafer. Ihre Piſtolen bringen Sie mit. Einen Wundarzt, geſattelte Pferde, eine Courir⸗Chaiſe, Paͤſſe, alles ſollen Sie in Bereitſchaft finden. Auch eine Flaſche Rheinwein, die wir erſt auf die gluͤckliche Reiſe des Majors austrinken wol⸗ len. Die Wechſel bringe ich mit. Ich habe ſie nicht in Geld umgeſetzt, weil Papier ſich leichter transportiren laͤßt, als Geld. Schaf⸗ fen Sie nur Meta heute Abend noch zu Madame Bignol. Ich habe die liebe Frau eben flog Weil glio konn mein unter wah tersl ftig er⸗ nd der h, des vor der ieder: öholen, n Fall, cch viel habe; aͤldchen Ihre ndarzt, Paͤſſe, Auch nuf die n wol⸗ h habe er ſich Schaf⸗ dch zu Frau eben 193 eben im Vorbeigehen geſprochen. Sie iſt von Ihnen entzuͤckt.— Sollten Sie fallen, mein Graf, ſo bilte ich Sie, mir ein Andenken zu vermachen; ſei es auch noch ſo klein, je⸗ des, auch das unbedeutenoſte von Ihnen iſt mir unausſprechlich werth. Laſſen Sie des⸗ falls Ihre Dispoſition an Ihren Herrn Va⸗ ter zuruͤck, doch richten Sie es ſo ein, daß er ſie erſt erfaͤhrt, wenn, Gott!— ich darf den ſchrecklichen Gedanken nicht ausdenken!! Adieu, mein Freund! Ardeglio. Jetzt fing mir an zu bangen. Das Blatt flog mir in der Hand. Ich mußte eine lange Weile im Zimmer auf und abgehen. Arde⸗ glio machte die Sache ſo ernſtlich. Sie konnte es werden. Ich eroͤffnete der Kleinen meinen Entſchluß, ſie bei Madame Bignol unter zu bringen; ich wuͤrde, ſagte ich ihr, wahrſcheinlich ſchon morgen nach St. Pe⸗ tersburg abreiſen, daher muͤßte ich ſie N 194 heute noch in ihre kuͤnftige Wohnung ein⸗ fuͤhren. Die Kleine ſah mich mit ſchmerzlichem Blicke ſchweigend on, dann flog ſie an mei⸗ nen Hals und ſchluchſte laut. „Ich habe meine Mutter heute begraben, und nun ſoll ich auch Sie verlieren,“ ſagte ſie mit gebrochener Stimme, und ſchmiegte ſich feſt an mich.„Das iſt ein harter Tag. Ach, es iſt wahr, was meine Mutter mir in der letzten Zeit ihres Lebens ſo oft wie⸗ derholte, wenn ſie mich zitternd umfing, und ſagte:„bleib mir, ſo lange ich bin, noch recht nahe. Bin ich nicht mehr, ſo wirſt du immer allein ſein, und immer verlaſſen; es wird dich kein Menſch mehr lieben, fuͤr dich wird kein menſchliches Herz mehr ſchlagen.”“ — Das arme Kind konnte die letzten Worte, vor Thraͤnen, kaum ausſprechen. „Meine Meta,“ rief ich tief bewegt, und druͤckte das holde Kind an meine Bruſt; „nein, du ſollſt nicht verlaſſen ſein. Mein Herz des ich w 7 und! Ander wie n gefuͤhl nen 2 bei J ich fuͤͦ fraͤulie da ſch leuchtt rief ic ein⸗ ichem mei⸗ aben, ſagte niegte Tag. mir wie⸗ und noch ſt du ; es dich gen. 1 vorte, vegt, ruſt; Mein 195 Herz wird ewig fuͤr dich ſchlagen. Denke des heutigen Tages und meines Schwures! ich werde dich nie vergeſſen!“ „Ach, ich habe nichts, als mein Leben und meine Liebe. Beides koͤnnte ich keinem Andern geben, als Ihnen. Ich liebe Sie, wie meine Mutter. Sie hat mir Gott zu⸗ gefuͤhrt, nur Sie kann ich lieben; weiter kei⸗ nen Menſchen in der Welt. Laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben, ich will mit Ihnen ge⸗ hen, bis an das Ende der Welt, ich will Ihre Magd ſein, ich will alles thun, nur nicht zur Madame Bignol.“ Ich umſchlang das ſuͤße Maͤdchen, und kuͤßte die Thraͤnen, die von ihren roſenen Wangen herabrollten. Sie bot mir, mit der Unſchuld eines Engels, ihre bebenden Lippen, ich fuͤhlte das zagende Herz in ihrem jung⸗ fraͤulichen Buſen an meiner Beuſt ſchlagenz da ſchleuderte mein Genius den Blitz der Er⸗ leuchtung in meine Seele—„meine Meta,“ rief ich nach einem kurzen, aber harten Kam⸗ N 2 e 196 pfe mit mir ſelbſt, ich kann nicht. Ich muß fort. Allein. Ohne dich. Bleibe hier. Ich bitte dich. Ich beſchwoͤre dich, bleibe hier. Schreib mir alle Monate. Und ge⸗ faͤllt es dir in deiner neuen Lage nicht, ſo laß ich dich in ſicherer Begleitung nachkom⸗ men. Es wird in Petersburg doch eine gute Frau ſein, die mir dann die Freude macht, dich in ihr Haus aufzunehmen.“ Meta ließ ihre kleinen Haͤnde ſinken, und ſagte mit unnennbarer Ergebung:„Mein Schickſal iſt in Ihrer Hand. Meiner Mut⸗ ter Segen ruht auf mir. Gott wird mich nicht fallen laſſen. Mein armes Herz hat keine Wuͤnſche mehr.“ „Fuͤge dich, meine verſtaͤndige Meta, in die Nothwendigkeit der Umſtaͤnde. Nach drei Jahren komme ich wieder zuruͤck. Dann ſe⸗ hen wir uns wieder. „Nach drei Jahren?“ fragte ſie freundlich, und laͤchelte durch die Thraͤnen, die ihr im Auge zitterten.„Ach, das iſt eine lange 197 Ich Zeit. Aber ich will mir Gewalt anthun. hier. Muß ich doch vielleicht noch laͤnger warten, bleibe ehe ich meine Mutter wieder ſehe.“ d ge⸗ Sie ging nunmehr, nachdem ſie ſich aus⸗ ht, ſo geweint hatte, packte ihre Habſeeligkeiten zu⸗ hkom, ſammen, und ſagte mit weicher Stimme: eine hich bin fertig. 9 Freude Wir nahmen einen Traͤger, und gingen 4 zu Madame Bignol. Dieſe mußte uns nicht n, und ſo zeitig vermuthet haben, ſie nahm ſich et⸗ „Mein was verlegen gegen Meta, doch fand ſie ſich Mut⸗ bald in das Geleis, und ſprach der Kleinen, — mich die ungemein ſchuͤchtern war, Muth ein. rz hat Auch die uͤbrigen Zoͤglinge ſuchten durch froͤh⸗ liches Entgegenkommen Metas Vertrauen zu tta, in gewinnen; aber ſie blieb einſylbig und aͤngſt⸗ ich drei lich. Madame Bignol lud mich zum Abend⸗ in ſe⸗ brode; aber ich hatte noch mein Teſtament zu machen, mein Angelegenheiten in Ord⸗ undlich, nung zu bringen, und von meinem Vater ihr im Abſchied zu nehmen; auch war meine Stim, lange mung nicht fuͤr den gemuͤthlichen Zirkel die⸗ 193 ſes Hauſes geeignet. Ich ſchlug alſo die Einladung aus und beurlaubte mich. Meta konnte, als ich ihr gute Nacht ſagte, die lange zuruͤck gedraͤngten Thraͤnen nicht mehr verhalten, ſie brach in ein lautes Weinen aus. Ich verſprach ihr unter den ſchmeichelndſten Liebkoſungen, ſie morgen fruͤh zu beſuchen. Kurzſichtige Menſchen! wir ſollen nie ſa⸗ gen, watz wir morgen thun wollen! Als ich in mein einſames Stuͤbchen zu⸗ ruͤck kam, fuͤhlte ich mich ſo allein, ſo ver⸗ laſſen, daß ich meiner Unbehagligkeit kaum Herr werden konnte. Am wohlſten war mir in Metas Zimmer. Ich ſetzte mich auf den Platz des Sophas, auf dem ſie geſeſſen hatte. Ich hoͤrte noch im ſuͤßen Wiederhall die Worte ihrer melodiſchen Stimme, als ſie mit unbeſchreiblichem Liebreitz vor mir ſtand, und ſagte:„ach, ich habe nichts, als mein Le⸗ ben und meine Liebe, beides koͤnnte ich kei⸗ nem Andern geben, als Ihnen!“— und dieſes holde Maͤdchen, das ſich mit ſo reinem nem ich emp mer ſaͤtze daß Maͤ deg wor zuer gem Big o die Meta 1 die mehr aus. iſten en. e ſa⸗ n zu⸗ ver⸗ kaum mir den hatte. die mit und Le⸗ kei⸗ und 199 kindlichen Vertrauen, ſo einzig und allein an mich geſchloſſen hatte, deſſen zeitliches und ewiges Wohl von der Vorſehung ſelbſt in meine Haͤnde gelegt worden war, hatte ich in ein Haus gefuͤhret, das ich kaum eine halbe Stunde lang hatte kennen gelernt. Eine unſaͤgliche Angſt fiel mir auf das Herz. Waͤre das verdammte Duell nicht morgen ge⸗ weſen, deſſen Ausgang ſo ungewiß war, ich haͤtte heute noch Meta zuruͤck geholt. Mei⸗ nem Vater durfte ich ſie auf den Fall, daß ich morgen bliebe oder fluͤchten muͤßte, nicht empfehlen; denn Meta war ein Frauenzim⸗ mer. Von der Strenge ſeiner kalten Grund⸗ ſaͤtze in dieſem Punkte mußte ich befuͤrchten, daß er mein Vorwort fuͤr das ungluͤckliche Maͤdchen ganz unbeachtet laſſen wuͤrde. Ar⸗ deglio, der Ardeglio, der mich mit der Ver⸗ worfenheit des weiblichen Geſchlechts ſelbſt zuerſt bekannt gemacht hatte, war es zwar geweſen, der mir die Anſtalt der Madame Bignol, als die vorzuͤglichſte, genannt hatte; 200 aber konnte der treue Freund nicht ſelbſt ge⸗ taͤuſcht ſein? der Widerwille des Maͤdchens, meine ſeltene Angſt— gewiß war beides nichts, als eine nur zu gegruͤndete Ahnung, daß ich hier einen Fehlgriff begangen hatte. Zum Gluͤck fiel mir Madame Overlin ein. Ich hatte dieſe zwar auch nur etwa eine halbe Stunde geſprochen; aber mein Herz fuͤhlte ſich zu ihr weit mehr hingezogen, als zu Madame Bignol. Er, Overlin ſelbſt, war gewiß ein rechtlicher Mann. Ach, waͤre nur Ardeglio bei mir geweſen, daß dieſer mir haͤtte rathen koͤnnen. Doch die Bitte, an Overlins gerichtet, ſich meiner kleinen Meta mit anzunehmen, auf ihre Erziehung im Hauſe der Madame Bignol ein guͤtiges Au⸗ genmerk zu haben, ſie zuweilen zu beſuchen, konnte ja niemanden nachtheilig ſein, und Overlins waren zu gut, als mir dieſes Ge⸗ ſuch an ihre Menſchenfreundlichkeit abzuſchla⸗ gen. Ich ſchrieb alſo vor allem an Herrn Overlin einen langen Brief⸗ 201 Nun war ich ruhiger. Meine letzten Wuͤnſche ſetzte ich fuͤr mei⸗ nen Vater auf. Ich konnte es nicht uͤber das Herz bringen, ich mußte ſeiner vaͤterli⸗ chen Vorſorge am Ende meines Briefes die kleine Meta empfehlen: ich bat ihn, fuͤr ihre voͤlige Ausbildung die noͤthigen Summen, auch nach Verlauf der drei Jahre, zu berich⸗ tigen, und ſie uͤberhaupt als das Vermaͤcht⸗ niß ſeines einzigen Sohnes anzuſehen. Ich nahm in den ruͤhrendſten Ausdruͤcken von ihm Abſchied, empfahl ihm meinen Freund Ardeglio, bat, ihm eine jaͤhrliche Unterſtuͤz⸗ zung von 1000 Rthlr. auszuzahlen, gruͤßte alle meine Lehrer und alle Bediente unſers Hauſes, und ſiegelte unter tauſend Thraͤnen den Brief zu. Ich konnte faſt die ganze Nacht kein Auge zu thun. Immer ſah ich den Major vor mir ſtehen⸗ Wenn ich ein wenig eingeſchlum⸗ mert war, ſchrak ich auf von dem Knall des Piſtols, das er auf mich abgedruͤckt hatte; 202 bald wieder winſelte der Major ſterbend zu meinen Fuͤßen im Sande; ich wollte mich mit Ardeglio anf die Pferde ſzerfen, die ver⸗ ſprochener maaßen bereit ſtehen ſollten, wir fanden keine, und vor Angſt, ergriffen zu werden, erwachte ich wieder aus dem ab⸗ ſcheulichen Traume. An allen Traͤumen iſt immer etwas. Dieſer Grundſatz beſtaͤtigte ſich auch in der Folge. Endlich ward es Tag. Muͤder, als ich mich niedergelegt hatte, ſtand ich auf, uͤber⸗ lieferte dem Wirth meine Briefe, mit der ausdruͤcklichen Ordre, ſie nicht eher, als um zwoͤlf Uhr Mittags auf die Poſt und an Overlins abzugeben, und ging, meine Piſto⸗ len in der Taſche, wie ein heimlicher Ver⸗ brecher, zum Hauſe hinaus. Kam ich vor 12 Uhr wieder, ſo unterblieb natuͤrlich die Abſendung der Briefe; darum hatte ich dem Wirth dieſen ſpaͤten⸗Termin geſetzt. Ich langte zur beſtimmten Stunde auf dem bezeichneten Flecke in Flotbeck an. —— —