— Leihbib ivthet deutſcher, engliſcher und franz öſiſcher-Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. * 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun lden angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 kücher: 6 Bücher: ———— auf! Monat: 1 Mk.— Pf. F. 5 5 Pf 2 Mk.— Pf. .. „ 3 3 Auswärtige Konnenten haben für Hin und Zuräckſendung der Ben auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ve darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eee——— — E. T. Vulwer's ſaͤmtliche Werke. Sechs ter Band. D 6 e h re. Aus dem— Engliſchen uͤberſetzt von Louis Lax. 8 weiter Tbeil. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 8 35. Der Gelehrte. Aus meinen Papieren; vom Verfaſſer des Pelham, Eugen Tram, England und die Engländer, Letzte Tage von Pompeji u. L. w. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Louis La. 8 weiter Sheil Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1835. 3 „ „ 1 — — 4— ℳ 1 * N X—. 8 5 — Ueber Untreue in der Liebe. Fir den gewöhnlichen Menſchen gibt es nur Eine untreue— die, welche, wenigſtens bei dem Weibe nie gebuͤßt, oder verziehen werden kann. Er kennt nicht die tauſend Schattirungen, in welche ſich der Abfall verkleidet, er verfolgt nicht die furchtbaren Fortſchritte, welche die Entfremdung des Herzens macht. Nur fuͤr den, welcher tief und wahrhaft tiebt, gibt es eine Untreue, bei welcher der Koͤrper nicht betheiligt iſt. Gleich der Undankbarkeit wird ſie von den Geſetzen nicht beſtraft. Wir haben kein Mittel, uns zu raͤchen. Wer kann, wenn ſich zwei Perſonen aus Liebe verbunden haben, und die Nei⸗ gung des Einen die des Andern uͤberlebt, die Qual des ungluͤcklichen ermeſſen, der das Erloͤſchen eines Lichtes bewacht, welches nichts wieder anzuͤnden kann! Dazu trifft es ſich noch häufig, daß die erſte Ent⸗ deckung plotzlich eintritt. In dem liebenden Herzen liegt ein ſo tiefes Vertrauen; blind gegen die allmä⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 3 2 lige Abnahme der Zuneigung, mißt es in ſeiner himm⸗ liſchen Guͤte den abgewendeten Blick, das froſtige Wort tauſend Urſachen— der Sorge, dem Unwohl⸗ ſein, einer äußern Unruhe, einem Alles verdrängen⸗ den Gedanken— nur der rechten nicht bei; und ſo verſucht das arme thoͤrichte Ding durch größere Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤt einen Schmerz zu entſchädigen, an dem es keine Schuld hat. Aber ach! die Zeit iſt gekom⸗ men, wo es nicht mehr zu entſchädigen vermag. Er iſt ſeinem grauſamen Mitgenoſſen nicht mehr ſein Alles in Allem. Die Gewohnheit hat ihren ewigen Fluch ausgeſprochen, und die Gleichguͤltigkeit la⸗ gert da, wo wir unſere Seele ausgeſchuͤttet hatten. Endlich bricht das entſetzliche Licht uͤber uns ein⸗ Wir erkennen, daß man uns nicht mehr liebt. Und welches Heilmittel ſteht uns offen? Keines. Unſer erſtes, natuͤrliches Gefuͤhl iſt Groll. Wir rufen Verrath; wie haben wir dieſes undankbare Herz, das von uns abgefallen iſt, geſchätzt und gehegt, wie ha⸗ ben wir jeden Pfeil von ihm abzuwenden geſucht, wie haben wir in der Ferne und in Einſamkeit in ſehnenden Gedanken an ſeine Treue und Schoͤnheit geſchwelgt— und nun iſt es nicht mehr unſer! Dann brechen wir in wilde Vorwuͤrfe aus— wer⸗ den tyranniſch— bewahren jeden Blick— wägen jede Handlung ab— wir ſind unglücklich— wer⸗ den läſtig— verletzend. Dieſer unſer Schmerzens⸗ rampf, die ungeſtuͤmen Ausbruche unſrer Leidenſchaf⸗ *7 3 ten, unſre ironiſchen und bittern Ausfälle, bei denen wir halb, wie ſonſt, das ſanfte Wort erwarten, wel⸗ ches den Zorn beſchwichtigt: dies Alles beſchleunigt + nur die verhaͤngnißvolle Stunde; dies wird uns als ein neues Verbrechen angerechnet; ſogar die Beweiſe unſrer ſchmerzlichen Liebe werden geſammelt und als Gruͤnde wiederholt, warum man uns nicht mehr lieben kann, als ob wir ohne Kampf, ohne Murren uns in einen ſo großen Verluſt fuͤgen konnten. Ach! nur unter gewaltigen Stoͤßen ſtuͤrzt der Tempel zu⸗ ſammen und hoͤren wir die Gottheit ſcheiden. Oft ſtehen wir ſchweigend und mit vollem Herzen da, und blicken auf die harten, kalten Augen, die nie mehr in Zaͤrtlichkeit fuͤr uns zerſchmelzen. Und un⸗ ſer Schweigen iſt ſtumm— ſeine Beredtſamkeit iſt dahin. Man verſteht uns nicht mehr. Wir ſehnen uns nach dem Tode als nach einer Rache. Wir be⸗ ten faſt um ein großes Mißgeſchick, eine ſchwere Krankheit, damit ſie uns unſere Troͤſterin und Pfle⸗ gerin zuruͤckfuͤhre. Wir ſagen:„In Kummer oder Krankheit konnte ſie uns ſo nicht verlaſſen.“ Wir taͤuſchen uns. Wir ſind ſchirmlos— das Dach iſt K uns uͤber unſern Haͤuptern weggenommen— wir ſind jedem Sturme preisgegeben. Dann uͤberkommt uns ein ſchneidendes und ſchreckliches Gefühl der Ein⸗ ſamkeit und Huͤlfloſigkeit. Schwache Kinder hat man uns allein im Dunkel gelaſſen. Der Tod be⸗ raubt uns ſo unwiderruflich nicht; denn wird ſelbſt 4 das Jenſeits, das die gluͤcklichen Todten vereinigt, die in Liebe ſterben, die Neigung wiedererwecken, die ſchon erloſchen war, ehe das Leben noch hinſchwand? Was ſollen wir thun? Wir haben uns daran gewoͤhnt, zu lieben und geliebt zu werden. Koͤnnen wir uns zu neuen Banden wenden, und in einem Andern ſuchen, was in dem Einen verſiegt iſt? Wie nichtig iſt oft dieſe Zuflucht? Haben wir nicht die⸗ ſem— dem falſchen, verrätheriſchen Freunde— die beſten Jahre unſres Lebens, die Jugend unſres Her⸗ zens, die Bluͤthe unſrer Zuneigung geſchenkt? Ha⸗ ben wir nicht die Erndte hingegeben? Und wie we⸗ nig iſt fuͤr einen Andern zum Nachleſen geblieben? Das eben macht das Verbrechen der moraliſchen Un⸗ treue. Wer uns ſeine oder ihre Liebe entzieht, raubt uns auch die Liebe der uͤbrigen Welt. Wir haben vielleicht die Jugend, die Reize nicht mehr, Neigung zu erwerben. Einſt hätten wir aus der ganzen Welt wählen koͤnnen— jetzt iſt die Zeit voruber. Wer ſoll uns in unſerm welken, vertrockneten Laube ſo lieben, wie in den Tagen, wo wir die meiſten der Eigenſchaften beſaßen, welche Liebe gewinnen? Es war ein ſchoͤner Gedanke, als die Frau, welche ihr Gatte verſtoßen wollte, ausrief:„So gib mir auch zuruͤck, was ich Dir zugebracht habe.“ und der Mann antwortete in der gemeinen Rohheit ſeiner Seele:„Du ſollſt Dein Vermoͤgen wieder haben.“ „Ich dachte nicht an Vermoͤgen,“ erwiederte die — ₰ — Frau; gib mir meinen wahren Schatz zuruͤck; meine — 35 Schoͤnheit und meine Jugend gib mir wieder— gib mir die Jungfraͤulichkeit der Seele, das heitere Gemuͤth und das Herz zuruͤck, das noch keine Täu⸗ ſchung kannte.“ Ja, das iſt's, deſſen uns der Ungetreue beraubt, wenn er uns in die Welt zuruͤckſtößt, und uns mit bitterm Hohne zuruft, neue Bande zu knuͤpfen. Im Verhaͤltniß zu der Zeit, die wir treu geweſen ſind, zu den Gefuͤhlen, die wir geopfert, zu dem Reichthum der Seele, der Liebe, der Hingebung, den wir hingegeben haben, verringert ſich die Moͤglichkeit, anderswo einen Erſatz zu finden. Aber das iſt noch nicht Alles. Auch das andere Treiben der Welt iſt uns ploͤtzlich ſchaal und unerquicklich geworden. Die täglichen Beſchäftigungen des Lebens, die gewohnli⸗ chen Vergnuͤgungen, die an und fuͤr ſich ſo matten Zerſtreuungen der Geſellſchaft hatten ihren Reiz, als wir ſie theilen, mit einander beſprechen konnten. Die Sympathie machte ſie ſuͤß— ohne ſie ſind ſie uns nichts mehr, ſchlimmer als nichts. Die Unterhaltung iſt zum Schellengeklingel, die Geſellſchaft zu einer Bildergallerie geworden. Ehrgeiz, Arbeit, die gro⸗ ßen Lebenszwecke— ſelbſt dieſe regen uns mit einem Male nicht mehr auf. Hatten wir nicht die Hoff⸗ nung, daß die Belohnungen auf unſer anderes Ich zuruͤckſtrahlen wuͤrden? und jetzt haben wir kein anderes Ich mehr. und dann— und dies iſt ein 6 neuerer Grund— gehoͤrt nicht eine gewiſſe Ruhe und Freiheit des Geiſtes zu großen Anſtrengungen? In der Ueberzeugung, daß wir beſitzen, was wir am hochſten ſchätzen, können wir mit heiterer Zuverſicht und Hoffnung in die Weite blicken; das Bewußtſein, daß wir einen Schatz in Händen haben, den äußeres Mißrathen nicht zu erſchoͤpfen vermag, macht uns kuͤhn und unternehmend. Jetzt trägt Alles die Farbe unſrer Niedergeſchlagenheit; unſer Selbſtgefuͤhl, die⸗ ſer nothwendige Sporn des Ruhmes, iſt gebeugt und gedemuthigt. unſer Stolz hat einen droͤhnenden, bittern Stoß erhalten. Wir fuͤhlen nicht mehr, daß wir einer gewichtigen Anſtrengung gewachſen ſind. Wir wundern uns, wie wir fruͤher ſo viel gewagt haben. und das iſt der Grund, warum dem Othello, als er ſich verrathen wähnt) die Beſchäftigungen ſei⸗ nes ganzen Lebens ploͤtzlich ſo läſtig und verhaßt wurden. „Fahr' wohl,“ ſagt er, „Fahr' wohl, des Herzens Ruh! Fahr' wohl, mein Friede!“ und dann fuͤgt er, als das unbewußte, aber noth⸗ wendige Glied in der Gedankenreihe, ſogleich hinzu: „Fahr' wohl, du wallender Helmbuſch, ſtolzer Krieg, Der Ehrgeiz macht zur Tugend. O fahr' wohl! Fahr' wohl, mein wiehernd Roß und ſchmetternd Erz, Muthſchwellende Trommel, Ee Pfeifenklang, 7 Dut königlich Panier, und aller Glanz, Pracht, Pomp und Ruͤſtung des glorreichen Kriegs!— Fahr' wohl! Othello's Tag'werk iſt gethan!“ Dieſer bittre Verrath hat aber noch eine andere und anhaltendere Folge. Unſer Vertrauen in die menſch⸗ liche Natur wird geſchwaͤcht. Wir ſind nicht mehr die leichtgläubigen Schwärmer fuͤr das Gute. Die Pfeiler der moraliſchen Welt ſcheinen erſchuͤttert. Wir glauben, wir halten nichts mehr von der Treue Anderer. Hat der Eine, den wir ſo verehrt, dem wir ſo gedient haben— der uns in unſren beſten Jahren gekannt hat— dem wir zahlloſe, tagliche Opfer gebracht haben— den wir in dem Innerſten unſeres Herzens trugen— dem zu Liebe wir einer Welt getrotzt haͤtten, wenn ſie ſich gegen ihn geaͤußert haͤtte— wenn dieſer Eine uns verlaſſen hat, wer ſoll dann noch treu ſein? Mit der Zeit fangen wir an, uns in das Aergſte zu fuͤgen; wir pfluͤcken das Moos unſerer Gefuͤhle von dem Herzen, welches fuͤr uns zu Stein gewor⸗ den iſt. unſer Stolz verknoͤchert zur Gleichguͤltigkeit. Da wir nicht mehr geliebt werden, ſo hoͤren wir auch auf, zu lieben. Jahre moͤgen wechſeln, alle andern Gefuͤhle moͤgen ebben und fluthen. Der Ehr⸗ geiz mag ſich in Apathie verwandeln— Großmuth zu Geiz verderben— wir moͤgen den Haß von Jahren vergeſſen— aus Feinden Freunde machen. Aber die Liebe, die wir verloren haben, wird nie 8 wieder erneuert. Auf dieſer furchtbaren Leere der Bruſt erhebt ſich kein Tempel und Garten mehr:— das Gefühl, welches an die Stelle der Liebe tritt, ſei es nun Haß, Verachtung oder Gleichguͤltigkeit, dauert bis zuletzt. und wie viele von uns, fuͤr im⸗ mer gegen den Einen geandert, ſind es auch fuͤr im⸗ mer gegen die Welt, und ſind nie mehr ſo heiter, ſo freundlich, ſo thätig im Guten, oder ſo unglaͤu⸗ big gegen das Boͤſe, wie wir fruͤher waren. Die Sündfluth der Leidenſchaft iſt zuruͤckgetreten— die Erde iſt wieder gruͤn. Aber wir ſind in einer neuen Welt. und die neue Welt iſt nur die Grabſtätte der alten. Fi⸗Ho⸗Ti; oder: Die Freuden des Rufes. Eine Chineſiſche Erzaͤhlung. Fi⸗ do⸗xi galt fuͤr einen jungen Mann von Ta⸗ lent und fuͤhrte in Peking ein gluͤckliches und behag⸗ liches Leben. In der Bluͤthe der Jugend, von einer hoͤchſt achtbaren Familie abſtammend, und im Genuß eines guten Auskommens, war er ausnehmend be⸗ liebt bei den jungen Herren, welche er an ſeiner Ta⸗ fel bewirthete, und bei den Damen, welche glaubten, daß er ihnen einen Antrag machen koͤnnte. Obgleich die Chineſen im Allgemeinen nicht geſellig ſind, hatte Fi⸗Ho⸗Ti es doch verſucht, Gaſtereien aufzubringen, bei welchen das Ceremoniel der Froͤhlichkeit Platz machen mußte. Alle Freuden des Lebens ſtanden ihm zu Gebote; er trank, obwohl ohne Uebermaß, aus 10 dem Becher des Genuſſes; aß, lachte, und liebte ſein Theil. Niemand in Peking war munterer am Tage und ſchlummerte ſanfter waͤhrend der Nacht. In einer ungluͤcklichen Stunde entdeckte Fi⸗Ho⸗Ti, daß er die Talente beſitze, welche wir eben beruͤhrt haben. Einem Philoſophen— der, da er uͤberdies ſein Oheim war, ein zwiefaches Recht, das der Phi⸗ loſophie und der Verwandtſchaft hatte, ihm alles unangenehme in's Geſicht zu ſagen— war es ein⸗ gefallen, ſich uͤber das gluckliche Leben zu erzuͤrnen, welches Fi⸗Ho⸗Li ſo friedlich fuhrte. Eines ſchoͤnen Morgens beſuchte er demnach unſe⸗ ren jungen Chineſiſchen Epikuräer. Er fand ihn in ſei⸗ ner Sommerwohnung, wo er, auf uͤppige Kiſſen ausgeſtreckt, aus den ſchoͤnſten kleinen Porzellantaſ⸗ ſen den koͤſtlichſten Thee ſchluͤrfte, dabei einen Chi⸗ neſiſchen Roman las und von Zeit zu Zeit ſein Stu⸗ dium durch eine muntere Unterhaltung mit einer jungen Dame belebte, die bei ihm zu Beſuch war. Unſerm Philoſophen war der Anblick ſo vieler Be⸗ haglichkeit uber die Maßen anſtoͤßig. Auch konnte man ſich nichts unphiloſophiſcheres denken; denn da es die Pflicht der Philoſophie iſt, uns das Leben zu verſuͤßen, ſo beeilt ſie ſich, es uns zuerſt zur Laſt zu machen. Die Göttin liebt die Geduld, haßt aber das Vergnuͤgen. unſer Weiſer war ein Mann, den man ſehr achtete, aber ſehr wenig leiden mochte. Fi⸗Ho⸗Ti 11 erhob ſich von ſeinen Kiſſen, etwas beſchämt, daß man ihn in einer ſo angenehmen Laͤſſigkeit angetrof⸗ fen hatte, wobei er ſich zum erſtenmal der Grund⸗ ſaͤtze der Chineſiſchen Moral erinnerte, welche es ei⸗ nem Herrn als hoͤchſt unziemlich anrechnen, wenn er mit einer Dame gefunden wird. Der Roman fiel ihm aus der Hand, und die junge Dame wuͤrde, aus Angſt vor dem großen Bart und den langen kägeln des Philoſophen davon gelaufen ſein, wenn ihre Fuͤße dies erlaubt haͤtten; indeß rief ſie ihrem Gefolge und eilte fort, um ſich bei ihren Freundin⸗ nen daruͤber zu beklagen, wie die ſchoͤnſten Zuſam⸗ menkuͤnfte geſtoͤrt werden koͤnnten, wenn junge Leute ſo ungluͤcklich waͤren, Philoſophen zu Oheimen zu haben. Als der Mandarin— denn Fi⸗Ho⸗Ti's Gaſt beſaß dieſe hohe Wuͤrde und hatte das Recht, eine“ blaue Kugel*) auf ſeiner Muͤtze zu tragen— das Feld rein ſah, raͤusperte er ſich dreimal und begann ſodann ſeine väterlichen Ermahnungen. „Schämſt du dich nicht, junger Mann,“ ſagte er,„ein ſolches Leben zu fuͤhren? Schaͤmſt du dich, ſo läſſig und ſo gluͤcklich zu ſein? Du beſitzeſt Ta⸗ lent, du ſehſt in der Bluͤthe deiner Jugend und haſ *) Das Unterſcheidun der dritten und vierten K zeichen der Mandaxine von 12 bereits den Rang eines Keu,jin*) erlangt— biſt du denn taub gegen die edle Stimme des Ehrgeizes? Dein Vaterland ruft dich auf zur Thätigkeit, ſuche deinen Namen auszuzeichnen, gedenke des Beiſpiels von Confuzius, gib dich an das Studium, ſei weiſe und groß.“ Der Mandarin ſprach noch lange in dieſem Sinne, denn er hoͤrte ſich gern reden und glaubte, wie alle Leute, die ein Recht haben, Rath zu ertheilen, daß er erſtaunlich beredt ſei. Diesmal wurde ſeine Ei⸗ telkeit jedoch nicht zu Schanden, denn er hatte ſich auch an die Eitelkeit eines Andern gewandt. Fi⸗Ho⸗Ti war erſchuͤttert; er erkannte, daß es ſehr thoͤricht von ihm geweſen ſei, ſo lange gluͤcklich zu ſein. Bilder von unzufriedenheit und Ruhm ſtiegen vor ihm auf; er hoͤrte mit Aufmerkſamkeit den Ermah⸗ nungen des Philoſophen zu, und beſchloß, ſich aus⸗ zuzeichnen und weiſe zu werden. Der Mandarin war entzuͤckt uͤber den Erfolg ſeines Beſuches. Es war ein großer Triumph, daß er ſo viele Freude geſtort hatte. Er ging nach Hauſe und fing einen Traktat uͤber die Vortheile der Philoſophie an. Man weiß, daß in China Gelehrſamkeit die Bahn zu den Staatsämtern oͤffnet. Was in andern *) Ein Univerſitäts⸗Grad, welcher die Beſitzer zum Staatsdienſte tauglich macht. 13 Ländern Rang und Vermogen, das iſt die Wiſſen⸗ ſchaft in dem himmliſchen Reiche. Fi⸗Ho⸗Ti uͤber⸗ ließ ſich ganz dem Studium. Er zog ſich in eine * einſame Hoͤhle bei Kai⸗fon-gu zuruͤck, fuͤllte ſeine Zufluchtsſtätte mit Buͤchern und wiſſenſchaftlichen Inſtrumenten und entſagte allem geſelligen Verkehr. Die Kräuter der Ebene und das Waſſer des Quel⸗ les genügten einem Geſchmack, der bis jetzt nur die koſtlichſten Gerichte von Peking gewohnt war. Ohne einen Gedanken an Liebe und Vergnuͤgen, verbrachte er drei ſeiner ſchoͤnſten Lebensjahre mit ununterbro⸗ chener Arbeit. Er unterrichtete ſich und hielt ſich endlich fuͤr fähig, Andre zu unterrichten. Brennend vor wachſender Ehrſucht, kehrte un⸗ ſer Gelehrter nach Peking zuruͤck. Er verfaßte ein Werk, welches, trotzdem daß es leicht und witzig ge⸗ nug war, um auch den heitren Sinn zu bezaubern, doch eine neue philoſophiſche Schule gruͤndete. Es war zugleich kuhn und zierlich; und der älteſte Man⸗ darin fonnte es ebenſo wuͤrdigen und genießen, wie die juͤngſte Schoͤnheit von Peking. Mit Einem Wort, man riß ſich um Fi⸗Ho⸗Ti's Buch. Fi⸗Ho⸗Ti 1 wurde der Mode⸗Schriftſteller. Die Neuheit des literariſchen Beifalls entzuͤckte unſren jungen Gelehrten, und er gab ſich mehr als ie dem literariſchen Streben hin. Er ſchrieb ein neues Werk und mit gleichem Erfolg; die ganze Welt erklärte, daß Fi⸗Ho⸗Ti ſeinen Ruf begrun⸗ 14 det habe, und er erhielt die glänzende Auszeichnung des Bin⸗sze. Ward Fi⸗Ho⸗Ti durch ſeinen Ruf glucklicher?* Wir werden ſehen.„ Er machte ſeinem Oheim, dem Mandarin, einen Beſuch, weil er glaubte, daß dieſer ſich nicht wenig uͤber den Erfolg ſeiner Ermahnungen freuen wuͤrde. Der Philoſoph empfing ihn mit einer verlegenen Kaͤlte. Er ſprach vom Wetter und dem Kaiſer, von der letzten Pagode und von der neueſten Mode in Theetaſſen— aber kein Wort von den Buͤchern ſeines Neffen. Fi⸗Ho⸗Ti ward empfindlich und brachte das Geſpräch ſelbſt darauf. „Ach!“ ſagte der Philoſoph trocken,„ich habe gehoͤrt, daß du etwas geſchrieben haſt, was den Weibern gefällt: nun, mit zunehmender Urtheilskraft wirſt du wohl auch ſolider werden. Aber um auf die Theetaſſen zuruͤckzukommen.... Fi⸗Ho⸗Ti war bekuͤmmert: er hatte die Liebe ſeines Oheims fuͤr immer verloren, denn er galt jetzt fuͤr gelehrter, als ſein Oheim ſelbſt. Die ge⸗ woͤhnlichſte Kränkung, welche der Erfolg mit ſich fuͤhrt, iſt die, daß unſre Familie uns haufig eben deßwegen haßt.„Mein Oheim liebt mich nicht mehr,“ dachte er, als er wieder in ſeinen Palankin ſtieg.„Das iſt ein ungluͤck.“ Ach! Es war die Wirkung des Rufes. Fi⸗Ho⸗Ti war von Herzen freundlich und heiter; 15⁵ obgleich ſich der Durſt nach Vergnuͤgen abgekuͤhlt hatte, ſo hegte er doch noch die geſelligen Wuͤnſche der Freundſchaft. Er ſammelte von Neuem die Ge⸗ fährten ſeiner Jugend um ſich; er dachte, daß ſie doch wenigſtens ſich freuen wuͤrden, daß ihr Freund ihrer Zuneigung nicht unwuͤrdig ſei. Er empfing ſie mit offnen Armen; ſie erwiederten ſeinen Gruß nur mit Schuͤchternheit und ſchlecht affektirter Theil⸗ nahmez ihre Unterhaltung floß nicht mehr unge⸗ zwungenz ſie furchteten, ſich vor einem ſo gelehrten Manne eine Bloͤße zu geben; ſie fuͤhlten, daß ſie nicht mehr auf gleicher Stufe ſtänden, und weigerten ſich doch, ihn als etwas Hoͤheres anzuerkennen. Fi⸗Ho⸗Ti bemerkte mit unſäglichem Schmerze, daß ſich eine Scheidewand zwiſchen ihm und den Gefähr⸗ ten vergangener Jahre aufgethuͤrmt habe; ihr Trei⸗ ben, ihre Empfindungen waren nicht mehr dieſelben. Sie waren nicht ſtolz auf ſeine Erfolge, ſondern ei⸗ ferſuͤchtig; die Freunde ſeiner Jugend wurden die Richter ſeines reiferen Alters. „Auch das iſt ein ungluͤck,“ dachte Fi⸗Ho⸗Ti, als er ſich des Nachts auf ſein Lager warf.— Möͤglich— aber es war die Wirkung des Rufes. „Aber,“ dachte der Gelehrte,„habe ich keine alte Freunde mehr, ſo kann ich mir neue erwerben. Die Männer, welche denſelben Beſtrebungen obliegen, muͤſſen auch dieſelben Neigungen haben. Ich trachte 16 nach Weisheit; ſo will ich mich um die Freundſchaft der Weiſen bemuͤhen.“ Dies war eine große Idee von Fi⸗Ho⸗Ti. Er umgab ſich mit den Schriftſtellern, witzigen Koͤpfen und weiſen Leuten von Peking. Sie aßen an ſeinem Tiſche, ließen ihn ihre Manuſcripte leſen— und eine ſchlechte Handſchrift iſt kein Spaß in China!— und ſchmähten jede Woche anonym in den Pekinger Jour⸗ nalen, denn China iſt vielleicht der einzige deſpoti⸗ ſche Staat in der Welt, wo die Preſſe ganz frei iſt. Das Herz Fi⸗Ho⸗Ti's erkannte, ſo ſehr es ſich nach Freundſchaft ſehnte, die Unmoͤglichkeit, unter den Literaten Chinas einen einzigen Freund zu fin⸗ den; ſie waren alle zu voll von ſich, als daß ſie an Neigung fuͤr einen Andern denken konnten. Sie hatten kein Wort, keinen Gedanken, kein Gefuͤhl, außer was Liebe fuͤr ihre eignen Buͤcher und Haß gegen die Werke ihrer Zeitgenoſſen ausſprach. Eines Tages hatte Fi⸗Ho⸗Ti das Ungluͤck, ein Bein zu brechen. Ein Literat, der zu ſeinen ver⸗ trauteſten Bekannten gehoͤrte, fand ihn auf ſeinem Lager, als eben die Operation des Einrichtens über⸗ ſtanden war, welche ein Franzoͤſiſcher Wundarzt aus Gefälligkeit vorgenommen hatte. „Ach,“ ſagte der Schriftſteller,„wie traurig, wie ungluͤcklich!“ „Sie ſind ſehr guͤtig,“ antwortete Fi⸗Ho⸗Ti, den die ſichtliche Bewegung ſeines Gaſtes ruͤhrte 17 „Ja, es iſt wirklich recht hart, daß Sie dieſer unfall gerade jetzt betroffen hat, denn ich wollte Sie eben uͤber dieſe Stelle in meinem neuen Buche befra⸗ gen, ehe es morgen herausgegeben wird.“ Das gebrochene Bein ſeines Freundes ärgerte den Autor nur, weil es ihm das Vergnuͤgen raubte, ſeine eignen Werke vorleſen zu koͤnnen. Vor Allem fand es Fi⸗Ho⸗Ti unmöglich, Män⸗ nern zu vertrauen, welche ſich ſelbſt untereinander den moöglichſt ſchlechten Charakter beilegten. Wenn man dieſen Literaten glaubte, ſo hatte es nie ein ſo neidiſches, boswilliges, unwuͤrdiges, unmoraliſches Gezuͤcht gegeben, als die Literaten von Peking wa⸗ ren. Jeder neue Bekannte erzaͤhlte ihm eine Anek⸗ dote von einem alten Bekannten, bei der ihm die Haare zu Berge ſtanden. Fi⸗Ho⸗Ti wurde beſtuͤrzt. Er zog den Kreis ſeiner Geſellſchaft immer enger zuſammen und be⸗ ſchloß, auf den Gedanken an Freundſchaft unter Maͤn⸗ nern von aͤhnlichen Beſtrebungen Verzicht zu leiſten. Die Schriften Fi⸗Ho⸗Ti's waren ſelbſt in den entfernteſten Provinzen des himmliſchen Reiches mit großem Beifall aufgenommen worden. Die Herrey citirten ihn bei ihrem Thee, und die Damen waren neugierig, ob er gut ausſehe; aber dieſer Beifall, dieſes Intereſſe, das er erregte, erreichte nicht Fi⸗Ho⸗Ti's Ohren. Er ſah nicht das Lächeln, das er durch ſeinen Witz, noch die Thränen, die er Vylwer's Werke. Taſchenausg. VI. 2 18 durch ſeinen Pathos hervorrief: die Wirkungen ſei⸗ nes Rufes zeigten ſich ihm nur in den Schmaͤhungen, mit denen ihn die Jvurnale von Peking uͤberhaͤuften. Dort las er jede Woche und jeden Monat, daß er nur ein gar armſeliges Geſchoͤpf ſei. Ein Journal nannte ihn einen Narren, ein anderes einen elenden Menſchenz ein drittes erklärte gans ernſthaft, daß er buckelig ſei, und ein viertes, daß ſich nichts von ſeinen Geſinnungen in den Werken des Confuzius finden laſſe. In Peking gilt jede Andeutung auf Originalitat fur eine Angabe der unverzeihlichſten Schuld. Andere Journale mißhandelten ihn weniger, als ſie ihn ver⸗ unſtalteten. Er fand ſeine Lehren in alle Geſtalten verzerrt. Er konnte ſie nicht vertheidigen, denn es iſt nicht der Wurde gemäß, auf alle Pekinger Jour⸗ nale zu antworten, aber ſeine Schmeichler verſicher⸗ ten ihn, daß die Wahrheit am Ende doch obſiegen, und daß die Nachwelt ihm werde Gexechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen.„Ach,“ dachte Fi⸗Ho⸗Ti,„bin ich dazu beſtimmt, mein ganzes Leben hindurch ange⸗ elagt, und erſt nach dem Tode freigeſprochen zu werden? Soll mir erſt Gerechtigkeit werden, wenn die Bosheit keine Macht mehr uͤber mich hat? Das iſt wirklich ein ungluck!“— Sehr moͤglich, aber es war die nothwendige Folge des Rufes! Fi⸗Ho⸗Ti fing jetzt an einzuſehen, daß der Wunſch nach Ruhm ein Hirngeſpinnſt ſei. Er war ſei⸗ en, en. er nal den daß von zius litat ndere ver⸗ alten n es Jour⸗ ſicher⸗ ſiegen, it wi⸗ in ich ange⸗ en zu wenn Das ; aber aß der Er war 19 jedoch noch leichtgläubig genug, einer andern, eben ſo trugeriſchen Schimäre nachzugehen. Er ſagte ſich:„Es war eitel und armſelig von mir, daß ich zu glanzen begehrte. Ich will mein Herz zu einem edleren Ehrgeize erheben und nur Andere zu beleh⸗ ren ſtreben.“ Voll von dieſem erhabnen Gedanken, verfolgte Fi⸗Ho⸗Li jetzt eine ernſtere, grundlichere Gedanken⸗ richtung, und wurde ſtreng gewiſſenhaft in der Ab⸗ faſſung ſeiner Werke. Er wollte nicht mehr glaͤn⸗ zend ſchreiben, ſondern das Wahre entdecken. Er ſtrich ohne Erbarmen die lebhafteſten Bilder, die ſchimmerndſten Aphorismen, wenn ihm nur ein Zweifel an ihrem moraliſchen Nutzen aufſtieß. Er verbrachte damit noch zwei Jahre des kurzen Ju⸗ gend⸗Sommers und uͤbergab der Welt die Fruͤchte ſeines Studiums in einem Werke der ſorgfältigſten Forſchung, das einzig zum Zweck hatte, ſeine Lands⸗ leute aufzuklären.„Das wenigſtens, kann man doch nicht ſchmaͤhen,“ dachte er, als er die letzte Zeile beendigt hatte. Ach! wie ſehr irrte er ſich. In andern Ländern iſt das Publikum ohne Zwei⸗ fel dem Schriftſteller nicht wenig dankbar, der deſ⸗ ſen Vorurtheile verbeſſert, und deſſen Schwaͤchen be⸗ kämpft; aber wer in China nur Einen orthodoxen Jrrthum angreift, dem Volke beweiſt, daß man es erheben und bilden wolle, der kann auch fuͤr ſeine Lebenszeit von Gluͤck und Ruhe Abſchied nehmen. 2* 20 Fi⸗Ho⸗Ti's Buch wurde von den Philoſophen mit der nachläͤſſigſten Kälte aufgenommen, und zwar erſtens, weil die Pekinger Philoſophen Schwaͤrmer ſind, und es ſein Syſtem nicht auf Schwärmereien begruͤndete, und dann, weil ſie auf Fi⸗Ho⸗Ti außerordentlich eiferſuͤchtig waren. Aber, o Fo! mit welchen Schmaͤhungen und Ver⸗ läumdungen wurde es erſt von ſeinen alten Freunden, den Journaliſten von Peking, beehrt! Er hatte der Freund ſeines Geſchlechts ſein wollen, und wurde als der aͤrgſte ſeiner Feinde verſchrieen. Man gab ihm alle Arten geheimer Abſichten Schuld: die ge⸗ malten Pantoffeln der Mandarine waren in Gefahr, und er hatte es offenbar darauf angelegt, alle Glo⸗ cken der großen Pagode zu bewickeln. Ach! Wuͤn⸗ ſche doch Niemand, ein Heiliger zu werden, wenn er nicht darauf gefaßt iſt, ein Maͤrtyrer zu werden. „Iſt das ungerechtigkeit?“ rief Fi⸗Ho⸗Ti ſei⸗ nen Schmeichlern zu.„Nein,“ antworteten ſie ein⸗ ſtimmig;„nein, Fi⸗Ho⸗Ti, es iſt der Ruf.“ Seines Ehrgeizes durch und durch muͤde, beſchloß Fi⸗Ho⸗Ti, ſich jetzt wieder ganz dem Vergnuͤgen zu widmen. Er ſchmauſte wieder, liebte, und ließ ſich Muſik vormachen. Aber umſonſt! Der Geſchmack, die Luſt war vergangen. Die ernſteren Beſtrebun⸗ gen, denen er ſich die letzten Jahre ergeben, hatten ſeinen Geiſt des Vermoͤgens beraubt, die Genuͤſſe der Frivolität zu wuͤrdigen. Er hatte eine Kluft 7 21 wiſchen ſich und ſeiner Jugend gebildet;— ſein Herz konnte nicht mehr jung ſein⸗ „Eine treue Bruſt,“ dachte er,„ſoll mich fuͤr Alles troͤſten. Yang⸗y⸗ſe iſt ſchon, und laͤchelt mir zuz ich will um ſie werben.“ Fi⸗Ho⸗Ti ergoß ſeine ganze Seele in die Lei⸗ denſchaft, welche er gefaßt hatte. Yang⸗y⸗ſe ſchenk⸗ te ihm ein guͤnſtiges Ohr. Er konnte nicht uͤber Grauſamkeit klagen und hielt ſich für geliebt. Mit der edlen und uneigennuͤtzigen Gluth, welche ſeinem fruheren Charakter eigen war, aber in China ſo ungemein ſelten iſt, widmete er ſeine Zukunft, ver⸗ wendete er den Schatz ſeiner Neigungen an den Ge⸗ genſtand ſeiner Liebe. Einige Wochen lang ſchwelgte er in einem Traum des Entzuͤckens: aber nur zu bald erwachte er. Eine andere Schoͤne wollte den reichen und großmuͤthigen Fi⸗Ho⸗Ti an ſich feſſeln. „Warum,“ ſagte ſie eines Tages,„warum werfen Sie ſich weg an dieſe Yang⸗yeſe? Glauben Sie, ſie liebt Sie? Sie irren ſich; ſie iſt herzlos und nur aus Eitelkeit ſucht ſie Sie zu ihrem Sklaven zu machen.“ Fi⸗Ho⸗Ti war entruͤſtet und unglaͤu⸗ big.„Leſen Sie dieſen Brief,“ ſagte die Nebenbuh⸗ lerin.„Yang⸗y⸗ſe hat ihn mir erſt vor einigen Tagen geſchrieben.“ Fi⸗Ho⸗Ti las, wie folgt⸗ „„Wir hatten geſtern Abend ein reizendes Sou⸗ per mit dem munteren Dichter und wuͤnſchten Sie 22 ſehr herbei. Sie brauchen mich nicht wegen meiner Neigung fuͤr ihn aufzuziehen; ich liebe ihn nicht, aber es macht mir Vergnuͤgen, uͤber ſeine Huldigun⸗ gen gebieten zu koͤnnen; mit Einem Wort, es ſchmei⸗ chelt meiner Eitelkeit, daß ich einen der ausgezeich⸗ ſ netſten Männer von Peking an mich gefeſſelt habe. Aber— lieben— ach! das iſt etwas ganz An⸗ 6 deres!“ 6 Fi⸗Ho⸗Ti gingen jetzt die Augen auf. Er er⸗ f innerte ſich an tauſend kleine Beiſpicke, welche zur Genuge bewieſen, daß ſich Yang⸗y⸗ſe nur in ſeinen Ruhm verliebt habe. Er erkannte endlich den ſchweren Fluch der Aus⸗ zeichnung. Wer beruͤhmt iſt, kann nie mehr um ſeiner ſelbſt willen geliebt werden! So wie er nicht wegen ſeiner Fehler, ſondern wegen ſeines Erfolges gehaßt wird, ſo wird er auch nicht wegen ſeiner Ta⸗ lente, ſondern wegen deren Ruf geliebt. Ein Mann von Ruf iſt wie ein Thurm, deſſen Höhe man nach der Länge ſeines Schattens mißt. Der empfindliche und hochherzige Fi⸗Ho⸗Ti uͤberließ ſich einer düͤſtern Niedergeſchlagenheit. Verkannt, verläumdet und ver⸗ läſtert, voll des Gefuͤhls, daß ihn Niemand außer aus Eitelkeit liebe, und daß er allein in der Welt unter ſeinen Feinden ſtehe, wurde er eine Beute des Menſchenhaſſes und von ewigem Argwohn zernagt. Er mißtraute dem Lächeln Anderer. Die Geſichter der Menſchen erſchienen ihm wie Masken: er ſah gt. ter ſah 23 uͤberall nur Trug. und doch hatten dieſe Gefuͤhle nicht in ſeinem urſpruͤnglichen Charakter gelegen, der von Natur offen, heiter und voll Vertrauen war. War die Veraͤnderung ein ungluͤck? Moöglich; aber ſie war die Folge des Rufes! um dieſe Zeit fing Fi⸗Ho⸗Ti auch an, die Fol⸗ gen ſeiner ſchweren Studien zu empfinden. Seine Geſundheit nahm ab; ſeine Nerven waren angegrif⸗ fenz er befand ſich in der ſchrecklichen Umwaͤlzung, in welcher der Geiſt, dieſer rachſuͤchtige Arbeiter, ſeinen Zorn an dem geſchwaͤchten Werkmeiſter, dem Koͤrper, ausläßt. Er war nur noch der Schatten ſeines fruͤhern Ich's. Als er eines Tages an einem der Baͤche ſtand, welche die Gärten von Peking durchſchneiden, und nachdenkend auf das Waſſer blickte, loſten ſich ſeine bittern Traumgedanken in folgende Worte auf: „Ach!“ dachte er,„warum ward ich je unzufrieden mit dem Gluͤcke? Ich war jung, reich und heiter; das Leben war mir ein unaufhoͤrlicher Feſttag; mei⸗ ne Freunde, meine Geliebte hatten mich gern um meiner ſelbſt willen. Niemand haßte, verhoͤhnte, beneidete mich. Wie dies Blatt auf dem Waſſer, ſo huͤpfte meine Seele froͤhlich uͤber die Wogen des Lebens. Aber Muth, mein Herz! Ich habe doch wenigſtens etwas Gutes gethan; Wohlthun muß Dankbarkeit erzeugen. Der junge Pſi⸗tſching zum Beiſpiel. Der Gedanke, daß er mich lieben muß, 24 macht mir Freudes ich habe ſein Gluͤck begruͤndet, ihn aus ſeinem Dunkel zu Ruf gebracht, denn bis⸗ her iſt es noch immer meine Art geweſen, auf Nie⸗ mand eiferſuͤchtig zu ſein.“ Pſi⸗tſching war ein junger Dichter, der Secre⸗ tair bei Fi⸗Ho⸗Ti geweſen war. Der Gelehrte hatte in dem jungen Mann Genie und unerſaͤttli⸗ chen Ehrgeiz entdeckt, ſeine Beſtrebungen geleitet und berathen, ihm zu Vermoͤgen und Anſehn verhol⸗ fen und ihn in Stand geſetzt, ſeine Geliebte zu hei⸗ rathen. Pſi⸗tſching gelobte ihm ewige Dank⸗ barkeit.. Waͤhrend Fi⸗Ho⸗Ti ſich ſo mit dem Gedanken an Pſi⸗tſchings Liebe troͤſtete, traf es ſich, daß Pſi⸗ tſching und einer der Modephiloſophen, welchem die oͤffentliche Stimme den zweiten Rang nach Fi⸗Ho⸗ Ti einräumte, an dem ufer des Fluſſes vorbeikamen. Ein Baum entzog Fi⸗Ho⸗Ti ihren Blicken; ſie wa⸗ ren in einem ernſthaften Geſpräche begriffen, und Fi⸗ Ho⸗Ti hoͤrte ſeinen Namen mehremals nennen. „Ja,“ ſagte Pſi⸗tſching,„der arme Fi⸗Ho⸗Ti kann nicht mehr lange leben; ſeine Geſundheit iſt gebrochen. Wenn er todt iſt, verlieren Sie einen furchtbaren Nebenbuhler.“ Der Philoſoph lächelte.„O ja, es wird aller⸗ dings ein Stein weniger in meinem Wege ſein. Sie ſind ja wohl beſtändig um ihn?“ e e 8 — 8— — —— 58— — c— S* 7 — F 25 „Allerdings. Er iſt ein liebenswuͤrdiger Mann, aber die Wahrheit iſt eigentlich, daß ich, ſeit ich weiß, daß er nicht mehr lange leben kann, ein Jouv⸗ nal uͤber ſeine letzten Tage fuͤhre, denn ich denke, die Geſchichte meines trefflichen Freundes zu ſchrei⸗ ben. Ich bin uͤberzeugt, daß es intereſſiren und großen Abſatz finden wird.“ Die Beiden gingen voruͤber. Fi⸗Ho⸗Ti ſtarb nicht ſo bald, als man gedacht hatte, und Pſi⸗tſching gab nie das Tagebuch hev⸗ aus, von dem er ſich ſo großen Vortheil verſprach. Aber Fi⸗Ho⸗Ti zeichnete ſich von jetzt an nicht mehr durch Herzensguͤte, noch durch die Philanthropie ſei⸗ ner Anſichten aus, und man ſprach nur von der Bitterkeit ſeiner Stimmung und der Schaͤrfe ſeiner Satyre. Er erhob ſich nach und nach zu den hoͤchſten Wuͤrden im Staate, und erhielt, als ein neuer Kai⸗ ſer den Thron beſtieg, den Befehl, ſich eine Gunſt⸗ bezeigung auszubitten. Das Amt eines Tsung⸗ tuh(oder Vicekoͤnigs) in der reichen Provinz Tſche⸗ kiang, war eben erledigt. Die Hoͤflinge erwarteten athemlos, daß er um dieſe Stelle anhalten wuͤrde. Der Kaiſer laͤchelte gnaͤdig— denn es war die Wuͤrde, die er insgeheim Fi⸗Ho⸗Ti ſchon zugedacht hatte.„Sohn des Himmels und Gebieter einer My⸗ riade von Jahren,“ ſagte der Guͤnſtling,„ſo erlaube 26 denn Deinem Diener, daß er ſich in eins der Kloͤſter von Kai⸗fon⸗gu zuruͤckziehe, und ſeinen Namen vertauſche!“ Die letzte Hoffnung, die Fi⸗Ho⸗Ti auf Frieden hatte, war, daß er ſeinem Rufe entfloh. Die Weltkenntniß in Menſchen und Buͤchern. Des Koͤnigthum war mit ſeinen Symbolen in Frankreich abgeſchafft worden. Ein Fuͤhrer wilder Thiere beſaß einen ungeheuern Bengaliſchen Tiger (der Stolz ſeiner Sammlung), den man gewoͤhnlich den Koͤnigstiger nennt. Was that unſer Fuͤh⸗ rer?— Er kannte die Welt und verwandelt den Namen des Thieres aus einem Koͤnigstiger in ei⸗ nen Nationaltiger! Horaz Walpole, der die Welt nicht weniger kannte, als jener Führer, freute ſich außerordentlich uͤber dieſe Anekdote. Gerade in ſolchen Kleinigkeiten— in der gluͤcklichen Wendung einer Phraſe— in einem gut angebrachten Spaße, woran der Oberflächliche nie denkt, liegt, bei ſchein⸗ barer Zufälligkeit, wahrhafte Weisheit. Die Quel⸗ len des Witzes aͤndern ſich ſo gut, wie alles An⸗ dere. Sir William Temple erzaͤhlt uns, daß bei 28 der Ruͤckkehr Karls II. Niemand ſo aus der Mode geweſen wäre, als der alte Earl von Norwich, den man zur Zeit Karls I. fur den größten Witzling gehalten hatte. Aber es iſt klar, daß es dem Eart von Norwich an Weltkenntniß gefehlt haben mußz er fuͤhlte nicht, gleich jenem Menageriefuͤhrer, wie durch Inſtinkt, auf welche Weiſe ein Beiname zu ändern ſei— er hielt ſich bis ans Ende an ſeinen Koͤnigstiger! Dieſe Weltkenntniß wirft unſere Berechnungen um— ſie macht nicht immer Erfahrung nothig. Ei⸗ nige erwerben ſie durch innere Anſchauung; ihr er⸗ ſter Schritt im Leben offenbart eine eben ſo große Herrſchaft über die Gemuther ihrer Zeitgenoſſen, eine eben ſo ſcharfe neberlegung, eine eben ſo glück⸗ liche Gewandtheit, als am Schluß ihrer Laufbahn. Congreve hat ſeine Luſtſpiele im fuͤnfundzwanzigſten Jahre geſchrieben; die beſten Anekdoten von dem Scharfſinn des Cyrus ruͤhren aus ſeinem Kna⸗ benalter her. Ich wuͤrde vor Allem einen wahrhaf⸗ ten Bericht von den Kinderjahren Talleyrand's wuͤn⸗ ſchen. Welche Maſſe von Witz mag er beim Rei⸗ fenſchlagen entfaltet haben! Shakespeare hat uns den Wahnſinn Hamlet's, des Jünglings, und Lear's, des alten Mannes, gegeben— aber es liegt bei wei⸗ tem tiefere Weisheit in den Gedanken des jungen Mannes, als in denen des Greiſes. Der Geiſt, der fruͤh an Einſamkeit gewöhnt iſt, 29 gibt gewoͤhnlich den ſchaͤrfſten Beobachter der Welt ab, und zwar deshalb, weil, wenn uns wenig Ge⸗ genſtaͤnde zur Betrachtung vorliegen, wir ſie erfaſ⸗ ſen, ſie uͤberdenken, von allen Seiten unterſuchen; und wir auf dieſe Art uns die Kenntniß von dem großen Buche der Menſchheit erwerben, wie ſich Eu⸗ gen Aram das der Gelehrſamkeit ancignete, indem wir nämlich nur immer fuͤnf Zeilen auf einmal ſtu⸗ diren und mit unſrer Arbeit nicht eher aufhoren, als bis wir dieſe gruͤndlich erlernt haben. Ein Knabe, deſſen Aufmerkſamkeit nicht durch zu viele Gegenſtände abgewendet worden iſt, der meiſt allein lebt, und deshalb auf das Denken, nicht als auf eine Aufgabe, ſondern als auf eine Zerſtreuung hin⸗ gewieſen iſt, tritt zuletzt als ein ſchuͤchterner Mann, aber als ein tiefer Beobachter, in die Welt. An Nachdenken gewoͤhnt, wird er durch Neuheit nicht verblendet; indem ſie ſich ſeinem Auge aufdringt, beſchäftigt ſie ſeinen Geiſt. Wenn er ſich daher nie⸗ derſetzt, um das Geſehene zu beſchreiben, ſchildert er es auch gleich mit dem erſten Entwurf richtig, und vielleicht lebendiger, als er es im ſpätern Leben thun wuͤrde, wo es nicht mehr ſo neu fuͤr ihn iſt. Viel⸗ leicht gleicht auch das moraliſche Auge dem phy⸗ ſiſchen— macht ſich durch Gewohnheit mit der Täuſchung vertraut, und verkehrt unwillkuͤrlich die ſich ihm darbietenden Gegenſtaͤnde, bis die Täu⸗ ſchung natürlicher wird, als die Natur ſelbſt. 30 Es gibt Menſchen, welche die Welt zu kennen behaupten, weil ſie deren Laſter kennen. Raͤumten wir dies ein, ſo wuͤrde kein Weiſer es mit einem Beämten von Bow⸗ſtreet oder dem Schließer von Newgate aufnehmen können. Das koͤnnte nur fuͤr Weltkenntniß gelten, wenn die Welt von lauter Schelmen bewohnt waͤre. Wer von dieſer Anſicht ausgeht, wird unſern Geiſt ſo wenig zu beurtheilen wiſſen, als ein Arzt unſern Koͤrper, wenn er deren nie anders als in krankhaftem Zuſtande geſehen hat. Solche Leute wuͤtden die Geſundheit ſelbſt fuͤr eine Krankheit halten! Im Allgemeinen finden wir in der That, daß die Menſchen ſich von ihren Schwa⸗ chen, nicht von ihren Laſtern leiten laſſen, und dieſe Schwaͤchen ſind oft das Liebenswuͤrdigſte an ihnen. Der ſchwankende Jaffier verräth ſeinen Freund durch eine Schwäche, welche ein verhärteter Verbre⸗ cher eben ſo gut empfunden haben mochte, und wel⸗ che in dieſem Verbrecher der Anlaß ſeiner Schuld geweſen ſein konnte. Die mit einem Blick erſpähte Kenntniß dieſer Schwaͤchen ſetzt uns beſſer in Stand, unſer Geſchlecht zu verſtehen und zu gewinnen, als die Kenntniß der Laſter, zu welchen dieſelben fuh⸗ ren; es iſt rathſamer, die Eine urſache zu erfaſſen, als die tauſend Wirkungen zu erwägen. Die erſtere Kenntniß iſt es, welche ich vorzugsweiſe die Weltkennt⸗ niß nenne. Sie iſt es, welche Moliere im Drama unſterb⸗ lich machte, und Talleyrand im Leben auszeichnete. 1 ( 31 Man hat die Frage aufgeſtellt, ob dieſelbe Welt⸗ en kunde, welche wir in einem Schriftſteller bewundern, m ihn, wenn der Zufall ihn vorgeſchoben haͤtte, on eben ſo gluͤcklich im Geſchaftsleben gemacht haben ur wuͤrde. Eine nothwendige Folge iſt es gewiß nicht. ter Swift war der verſtaͤndigſte Schriftſteller ſeiner Zeit cht und— im egoiſtiſchen Sinne des Wortes— dem ein⸗ len zigen, in dem er es betrachtete— einer der unver⸗ ren ſtaͤndigſten Politiker. Welche Weltkenntniß liegt in at.„Don Juan“ und in Byron's„Correſpondenz“, und ine welcher ſcheinbare Mangel an dieſer Kenntniß in in der Empfindlichkeit des großen Dichters gegen An⸗ ba⸗ griffe auf der einen Seite, und auf der andern in nd dem ausgelaſſenen Spiele mit ſeinem Charakter! an Wie erklaͤrt ſich dieſer unterſchied zwiſchen dem Men⸗ und ſchen und dem Schriftſteller? Dadurch, daß in dem bre⸗ Schriftſteller die perſonlichen Gebrechen durch das Genie vel⸗ verſteckt oder ausgeſchmuͤckt werden. Nicht ſo in dem 6 uld Menſchen: Unmuth, Spleen, krankhafte Reizbarkeit ihte verderben uns unaufhoͤrlich unſre Entwuͤrfe fuͤr das Le⸗ ind, ben, gehen aber oft unſern Entwuͤrfen auf dem Papier als ein eigenes Intereſſe. Wenn Byron mit der Welt uͤh⸗ zankt, wie Childe Harold, ſo zeigt er ſein Ge⸗ ſen, nie: zankt er aber mit der Welt in ſeiner eigenen tere Perſon, ſo verraͤth er ſeine Thorheit! um Weis⸗ ant⸗ heit in einem Buche zu offenbaren, brauchen wir nur erb⸗ die theoretiſche Weisheit zu beſitzen, aber im Leben bedarf man nicht allein der theoretiſchen Weisheit, 32 ſondern auch praktiſcher Geſchicklichkeit, um ihr ge⸗ maͤß zu handeln. Man kann genau wiſſen, was man zu thun hat, aber nicht Kraft genug haben, es wirk⸗ lich zu thun.„Jetzt,“ ſagt der ſchuͤchterne Verliebte, „ſollte ich gehen und mit meiner Geliebten ſprechen — mein Nebenbuhler iſt bei ihr— ich ſollte mich ſo angenehm als moͤglich machen— ich ſollte dieſen Menſchen durch meine Witze und Complimente ver⸗ dunkeln.“ Thut er es aber auch? Nein! Er ſitzt in einem Winkel und ſchmollt mit der Dame. Er iſt in dem traurigen, von Perſius beſchriebenen Zu⸗ ſtande. Er weiß, was gut iſt, kann es aber nicht ausfuͤhren. Und doch wuͤrde eben dieſer Mann, wenn er ein Schriftſteller waͤre, eben weil er ſo bitterlich fuhlt, daß ſeine Conſtitution ſtaͤrker iſt, als ſeine Ver⸗ nunft, ſeinen Liebhaber im Buche Alles thun laſſen, was er in der Wirklichkeit nicht zu thun vermag. Daher geben uns oft die den beſten Rath fuͤr un⸗ ſer Benehmen, welche das Ihrige am thoͤrichtſten einrichten. Sie ſind bei klarem Verſtande, wenn ſie ihn fuͤr uns benutzen, aber Eitelkeit, Laune und Leidenſchaft verblendet ſie, wenn ſie fuͤr ſich ſelber handeln. Der Weltkenntniß iſt eine gewiſſe Art von Witz eigen, und wir finden gewoͤhnlich, daß Schriftſteller, denen man die meiſte Weltkenntniß in ihren Buͤchern nachſagt, auch gemeinhin fuͤr die witzigſten Autoren ihres Landes gehalten wurden, ſo: Horaz, Plautus, 33 Moliere, Le Sage, Voltaire, Cervantes, Shakespeare, Fielding, Swift*), und das kommt daher, weil das Weſen der feinſten Witzgattung Wahrheit iſt. Selbſt in dem feierlichen, ernſten Tacitus ſtoßen wir unaufhoͤrlich auf plötzliche Wendungen, und treffende Pointen von glaͤnzender Gedankenfuͤlle, welche uns gerade durch die Tiefe ihrer Wichtigkeit zum Lächeln bringen— ein Aphorismus gränzt immer hart an ein Epigramm**). Es iſt bemerkenswerth, daß es kaum einen recht populären Schriftſteller von großer Einbildungs⸗ kraft gibt, in deſſen Werken wir nicht den geſunden Sinn finden, welcher ſchon Weltkenntniß iſt, und den die Oberflächlichen ſo haͤufig in geradem Widerſpruch mit der Phantaſie waͤhnen. Wenn ein Autor ihn nicht in hohem Grade beſitzt, iſt er auch niemals in hohem Grade popu laͤr, wie groß auch ſein Ruf ſein mag. Man vergleiche Scott und Shelley, die bei⸗ *) Man erlaube mir, zwei neuere, durch Witz und Weisheit gleich ausgezeichnete politiſche Schriftſteller zu erwaͤhnen— Sidney Smith und den Herausgeber des „Examiner,“ Herrn Fonblanque. Der Letztere iſt, wie ſehr wir auch von ſeiner Politik abweichen mogen, viel⸗ leicht in unſrer Zeit der größte Meiſter in der Kunſt, welche„die Worte ſcharf wie Schwerter“ macht. **) Jeder erinnert ſich des ſcharfſinnigen Spottes Gibbon's. Vulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 3 34 den phantaſiereichſten Schriftſteller ihrer Zeit. Der Eine verliert in ſeinem wildeſten Fluge nie den geſunden Verſtand aus den Augen— es bleibt im⸗ mer ein Zuſammenhang zwiſchen ihm und ſeinem niedrigſten Leſer; was noch mehr iſt, je unſtäter die⸗ ſer Flug wird, deſto enger wird dieſe Verbindung. Wir fuͤhlen uns ſogar noch mehr von dem Autor hingeriſſen, wenn er bei ſeinen Geiſtern der Berge und Schluchten, bei den gewaltigen Todten zu Mel⸗ roſe iſt, als wenn er uns durch die Scherze einer Wachtſtube fuͤhrt, oder uns eine Unterhaltung von Liebenden anvertraut. Aber Shelley verſchmähte den gemeinen Verſtand. Von ſeinem„Prinzen Athana⸗ ſius“ koͤnnen wir uns keinen irdiſchen Begriff ma⸗ chen; mit ſeinem„Prometheus“ ſtehen wir in kei⸗ ner menſchlichen Sympathie, und je erhabener er wird, deſto unpopulärer finden wir ihn. Schrift⸗ ſteller, welche ihr Geſchlecht nicht theoretiſch kennen, moͤgen Bewunderung erwecken, werden aber nie po⸗ pulaͤr werden. Und wenn wir Maͤnner von unbe⸗ zweifeltem Genie daruͤber klagen hören, daß ſie von der Menge nicht verſtanden wuͤrden, ſo liegt das nur daran, daß ſie ſelbſt nicht in den Gefuͤhlen der Menge bewandert ſind. Denn was iſt Kenntniß der Menſchheit anders, als Kenntniß ihrer Gefuͤhle, ihrer Launen, Grillen und Leidenſchaften? Wer ſie be⸗ ruhrt, wird Aufmerkſamkeit erwecken, wer ſie entwi⸗ ckelt, hat ſein Publikum gewonnen. ndung. Autor Berge Mel⸗ einer 35 unter Schriftſtellern von geringerem Rufe finden wir oft ſo viel Scharfſinn und Erkenntniß der menſch⸗ lichen Schwaͤchen, daß ſie uns ſtellenweiſe ſtutzig ma⸗ chen, waͤhrend ſie es mit ihrer Kenntniß nicht ſo weit bringen koͤnnen, daß ſie uns im Ganzen ge⸗ fallen. Sie malen die Natur mit einem gluͤcklichen Zuge, verletzen aber die ganze Aehnlichkeit, ehe ſie den Plan zu Ende gebracht haben— ſie entzuͤcken uns durch einen Gedanken, und empoͤren uns durch einen Charakter. Sir John Suckling gehoͤrt zu die⸗ ſen Schriftſtellern— ſeine Correſpondenz iſt witzig und gedankenreich, und ſeine Stuͤcke ſind, obſchon im Vergleich zu ſeinen Liedern wenig bekannt, voll von richtigen Bemerkungen und falſchen Situationen, hoͤchſt natuͤrlichen Stellen und ganz unwahrſcheinli⸗ chen Erfindungen. ueber zwei Perſonen in einem dieſer Stuͤcke iſt das Fodesurtheil geſprochen, und der Dichter hebt die Eitelkeit des Einen durch einen Zug hervor, der eines bei weitem groͤßern Drama⸗ tikers wuͤrdig geweſen waͤre. „Ich habe nur Eine Sorge,“ ſagt Pellagrin. „Und die iſt?“ fragt ſein Freund. „Daß die Leute,“ antwortet Pellagrin,„wenn man uns abfuͤhrt, ſagen werden, Du ſeiſt ein netterer Burſche, als ich!“ Wäre der ganze Charakter im Sinne dieſes Sa⸗ tzes entworfen, ſo wuͤrde ich den Namen des Stü⸗ ckes nicht vergeſſen haben, und der Verfaſſer hätte 3* 36 nicht bloß einen Scherz gemacht, ſondern etwas Gan⸗ zes geſchaffen. Frau von Stasl und Rouſſeau ſchei⸗ nen mir Beide dieſe unvollkommene Kenntniß beſeſſen zu haben. Beide ſind groß in Aphorismen, und ſchwach, wenn es gilt, Gebilde von Fleiſch und Blut zu verwirklichen. Wenn uns Frau von Stasl er⸗ zählt,„daß große Verluſte nicht bloß die Menſchen nicht enger an die ihnen noch gebliebenen Vortheile knüpfen, ſondern ſogar alle Bande der Zuneigung roſen,“ ſo ſpricht ſie wie Jemand, der tief in die Ge⸗ heimniſſe des menſchlichen Herzens eingeweiht iſt, und druͤckt genau aus, was ſie angeben willz wenn ſie aber den Charakter von Corinna's Geliebten ent⸗ wirft, ſo bringt ſie nicht nur alle moraliſche Eigen⸗ ſchaften in Eine unmögliche Verbindung, ſondern verfehlt auch ganz, was ſie offenbar zu malen beab⸗ ſichtigt. Ein ſtolzer, gefuͤhlvoller, großmuͤthiger, hoch⸗ herziger Engländer mit der Seele, die zugleich für das Genie empfaͤnglich iſt, und deſſen Wirkungen fürchtet— der kuhn als Soldat, und zaghaft als Menſch iſt— der Sklave der Liebe, welche ihn die Welt verachten heißt, und der der Meinung, welche ihm befiehlt, ſie zu verehren:— das iſt der neue, zarte, vuntfarbige Charakter, den Frau von Stasl ausgedacht hat, dem aber nichts unähnlicher ſein kann, als der herzloſe und jammernde Pedant, den ſie aufgeſtellt hat. Bei Rouſſeau iſt jeder Satz, den Lord Eduard r, hoch⸗ ich fur kungen ft als he ihn inung, iſt der u von nlicher eant, duard aͤußert, voll Schoͤnheit und oft tief, und doch geben uns dieſe Sätze kein Bild von dem Redner ſelbſt. Die Ausdruͤcke ſind ganz Seele, und der Charakter iſt ganz Thon— es gibt nichts Glaͤnzenderes, als die Gedanken, nichts Schwerfälligeres, als den, der ſie vorbringt. Es iſt eigen, daß die ernſteren Schriftſteller nicht oft in Handlung und Charakter eben ſo gluͤck⸗ lich geweſen ſind, als in dem Zauber der Betrach⸗ tung oder in dem Reize des Styles. Wahrend Goldſmith uns mit allen Perſonen ſeiner unnach⸗ ahmlichen Erzählung bekannt macht— waͤhrend wir in den Sommerabenden an der Schwelle ſitzen und mit dem guten Landpfarrer in ſeinem loͤb⸗ lichen Eifer fuͤr die Monogamie ſympathiſiren— während wir dann und wann einen Blick hinter das Gitter werfen, und der heitern Sophie, welche mit Richard ſpielt, zulaͤcheln, oder unſere ganze Bewun⸗ derung Olivia zuwenden, welche ſich ein Lied einübt, ehe der junge Squire kommt— waͤhrend wir den derben Burchell uͤber den Zaun ſteigen und ſeinen eichenen Knuͤttel ſchwingend mit herzhaften Schritten zugehen ſehen— ja, waͤhrend wir mit Moſes ausreiten, um Zeugen ſeiner Einkäufe zu ſein, und unſere Ohren ſpitzen, wenn Herr Jenkin⸗ ſon anfaͤngt:„Ja, Herr, die Welt iſt kindiſch ge⸗ worden,“— während wir uns der Charaktere die⸗ ſer unſterblichen Erzählung erinnern, und zugleich 38 ſo mancher lebenden Perſonen denken, mit denen wir gegeſſen und uns beſprochen haben:— ſehen wir in den duͤſtern Raſſelas, von dem weiſeren Zeitgenoſſen Goldſmith's, eine truͤbe Reihenfolge ſchattiger Bilder ohne Leben und Wirklichkeit, bloße Maſchinen zur Schaͤrfung der Moral und zur ſchoͤnen Vertheilung wohlklingender Phraſen. Vielleicht gehoͤrt Humor dazu, um einen Charakter mit Fleiſch und Blut zu zeichnen, und vielleicht muß man, um eine genaue Einſicht in das Wahre zu ahnen, ſchnell das La⸗ cherliche aufzufaſſen wiſſen. Wir koͤnnen die Tiefe Macchiavel's erſt recht ergruͤnden, wenn wir die un⸗ nachahmliche Laune ſeines Romans genoſſen haben. Jener koſtliche Egoiſt, der zur Hälfte guter Kum⸗ pan, zur Haͤlfte ein Weiſer, halb goͤttlich, halb wuͤſt iſt, der Lieblingsſchwätzer der Philoſophie— mit Ei⸗ nem Worte: der unerreichte und unerreichbare Mon⸗ taigne erklärt in vollem Ernſte, daß beſtändige Heiterkeit das unzweideutigſte Zeichen von Weis⸗ heit ſei, und daß ihr Reich, wie das aller Dinge jen⸗ ſeits des Mondes, immer ſtill, klar und unbewoͤlkt ſei. In derſelben Abhandlung erzaͤhlt er die alte Geſchichte von Demetrius, dem Grammatiker, der, als er im Delphiſchen Tempel einen Trupp Philo⸗ ſophen ſehr behaglich und vergnuͤgt mit einander plaudern ſah, ihnen zurief:„Ich muͤßte mich ſehr irren, Ihr Herren, wenn ſich nicht aus Euern hei⸗ tern Geſichtern ſchließen ließe, daß Ihr eben in kein it Ei⸗ Mon⸗ dige Weis⸗ e jen⸗ woͤlkt ate der, Philo⸗ ander ſehr hei⸗ kein 39 fehr tiefes Geſpraͤch verwickelt ſeid.“ Herakleon ant⸗ wortete darauf dem Grammatiker:„Pah, mein lie⸗ ber Mann! Leute, die in ewiger Angſt danach gruͤ⸗ beln, ob das Wort 6aAl in der zukuͤnftigen Zeit mit einem l oder mit zweien geſchrieben werden muß, ſolche Leute moͤgen die Stirn runzeln und eine feierliche Miene annehmen, bei uns aber, die wir uns uͤber die wahre Philoſophie unterhalten, bringt eben dies die Heiterkeit mit ſich.“ Als Herakleon, der Magier, ſich entſchloß, weiſe zu ſein, wußte er, warum. und bei alledem iſt es doch unſere Conſtitution, und nicht unſre Gelehrſamkeit, welche uns das Eine oder das An⸗ dere— ernſt oder heiter, munter oder finſter macht. Wir koͤnnen unſere Philoſophie in Einer Schule bilden, obgleich unſre Gefuͤhle uns zu einer andern drängen; und während unſre Vernunft ſich mit Demokritus freut, moͤgen unſre Herzen mit Heraklitus klagen. und in der That gehoͤrt nicht bloß Alles, was die Weisheit uns lehren kann, ſondern zum Theil viel⸗ leicht auch eine von Natur ſanguiniſche und ſpann⸗ kraftige Gemuͤthsbeſchaffenheit dazu, um die gemei⸗ neren Metalle unſerer Weltkenuͤtniß in Silberblicke zu verwandeln. Betrug und Taäuſchung ſind ſchlecht geeignet, den Geiſt aufzumuntern!„Die Suͤßigkeit des Honigs lohnt den Schmerz des Stachels nicht*).“ *) Jeremias Taylor, Predigt vr. 2. Abtheilung. 40 Wenn wir die Menſchen kennen oder zu kennen glauben, ſo zieht ſich ein truͤber Schatten uͤber die Herrlichkeit aller Dinge, die wir ſehen.„Die Lilie iſt verwelkt, der Glanz des Veilchens iſt erbli⸗ chen*)“ Wenn wir vielleicht auch nicht egoiſtiſcher werden, ſo verengern wir doch den Kreis unſerer Ge⸗ nuͤſſe. Wir wagen, wir unternehmen nicht mehr ſo viel, wie ſonſt. Die See, welche zu unſern Fuͤßen rollt, bietet unſrer Neugierde keinen Hafen dar, den wir nicht ſchon geſehen haͤtten. Zu gleicher Zeit nimmt unſer Ehrgeiz auch einen andern Charakter an— er wird mehr Sache der Gewohnheit, als eines feu⸗ rigen Triebes. Wir haben unſre Laufbahn einmal angetreten, und wir duͤrfen ſie Schande halber nicht mehr verlaſſen, aber ich zweifle, ob nicht jeder Menſch von nur maͤßiger Weisheit es erkennt, wie gering der Lohn fuͤr alles Streben iſt. Ja, man frage den älteſten, abgelebteſten Abentheurer von der Welt, und man wird finden, daß ein Traum in ſeinem Herzen ſchlummert, den er allen Ehren, nach denen er trachtet, vorzieht, vielleicht der Traum einer gluck⸗ lichen, ſtillen Zuruͤckgezogenheit, welcher ſeit dem Kna⸗ benalter in ſeiner Bruſt geſchlummert hat, und den er nie verwirklichen wird. Der Kaufmann und ſein *) Jeremias Taylor, Betrachtungen uͤber den Zuſtand des Menſchen.“ gering ge den Welt, ſeinem denen glůck⸗ Kna⸗ d den d ſein uſtand 41 Ruheſitz in Highgate ſind nur der Typus von Wal⸗ pole und ſeinem Palaſt zu Hughton. Der ſchlimm⸗ ſte Zug unſerer Weltkenntniß iſt, daß unſere Weis⸗ heit uns ſo wenig nuͤtzt— wir ergruͤnden die Her⸗ zen Anderer, ſtellen aber unſer eigenes nicht zufrie⸗ den. Jeder Weiſe fuhlt, daß er nicht ehrgeizig, hab⸗ ſuͤchtig, noch fuͤr Gemuͤthsbewegungen empfänglich ſein ſollte— und doch hoͤrt der Weiſeſte nicht auf, bis auf den letzten Augenblick zu ſtreben und zu gluͤhen. Es hat Maͤnner gegeben, die am ärgſten gegen den Ehrgeiz geeifert, und ſelbſt zu den Ehr⸗ geizigſten gehoͤrt haben, ſo daß wir, im beſten Falle, nur weiſe werden, um Buͤcher ſchreiben zu koͤnnen, welche die Welt ſelten vor unſerm Tode wuͤrdigt; oder Reden und Geſetze vorzubringen, welche ſich die Welt nach unſerm Tode zu vergeſſen beeilt. Alles zuſammengenommen gleicht das menſchliche Leben aufs Höͤchſte und Beſte doch nur einem eigenſinni⸗ gen Kinde, mit dem man ein wenig ſpielen und Nachſicht haben muß, um es ruhig zu erhalten, bis es einſchläft, und dann hat die Sorge ein Ende*). *) Sir William Temple. Geſchichte von Koſem Keſamim, dem Zauberer*). „„ 8 Es war tiefe Nacht, und der Zauberer ſtand plotz⸗ lich vor mir.„Erhebe Dich,“ ſagte er,„und laß uns auf die Oberflaͤche der Erde ziehen**).“ Ich F *) Dieſe Erzaͤhlung, die zwar an und fuür ſich ein Ganzes bildet, iſt doch nur einem bis jetzt noch unreifen und unvollendeten Werke entlehnt, welches ich ſpaͤter vielleicht uͤberarbeiten und vervollſtändigen werde— einem philoſophiſchen Gedichte in freien Verſen, in wel⸗ chem bald auf dem Wege des Launigen, bald auf dem des Schreckens, gewiſſe ſociale und metaphyſiſche Probleme entwickelt werden ſollen. Ich brauche kaum zu erwaͤh⸗ nen, daß die Hauptſache bei einer ſolchen Arbeit die iſt, daß man nicht in eine Nachahmung des Fauſt verfäͤllt. *) Der Erzähler war mit dem Zauberer in den Hoͤhlen im Innern der Erde. 43 erhob mich und folgte dem Zauberer, bis wir an den Eingang einer Hoͤhle kamen. Als wir deren unterirdiſchen Windungen, das Ohr voll von dem lauten und wilden Rauſchen des gefeſſelten Waſſers, einige Minuten lang gefolgt waren, gelangten wir endlich zu einer Stelle, wo die Luft mit kuͤhler, ir⸗ diſcher Friſche auf meine Bruſt ſchlug, und in dem⸗ . ſelben Augenblicke brach durch eine Spalte in dem Felſen das volle Silberlicht des Mondes herein und erleuchtete hier und da die Waͤnde, welche von Kry⸗ ſtallen ſchimmerten und von einem tiefen Strom be⸗ ſpuͤlt wurden, der ſich ſeinen geheimnißvollen Weg nach der freien Luft bahnte. Und jetzt, durch die Kluft hingleitend, ſtanden wir in einer breiten Zelle, lös⸗ deren hoher Bogen ſich nach der See zu oͤffnete Saͤulen und Zacken(die in den mannigfachſten Kry⸗ Ich ſtalliſationen erglaͤnzten— Streifen von allen Far⸗ ben) ſtiegen leicht zu beiden Seiten dieſer Hoͤhle em⸗ ſich por, und mit einem gewaltigen Satze und mit maͤch⸗ 0 tiger Stimme ſtuͤrzte der Strom, deſſen Lauf wir gefolgt waren, in die Arme der großen See. Stern wel⸗ auf Stern ſpiegelte ſeine feierlichen Strahlen in die⸗ dem ſer See, und der Mond, der ſich in eine Fuͤlle des eme Glanzes gehuͤllt hatte, wie ich denſelben nie fruͤher 3 ſich um dieſe ſchwermuͤthige Kugel hatte lagern ſe⸗ iut hen, fullte die Höhle mit einem Lichte, das ſich zum den Lichte des Tages verhielt, wie das Leben eines Engels zu dem eines Sterblichen. Leidenſchaftslos und doch 44 freundlich— beſtaͤndig— geheimnißvoll— ohne Schwanken— ſchien er auf die flimmernden Kry⸗ ſtalle und gab ſelbſt der Luft eine heilige Wuͤrde, und durch den weiten Bogen von der Höhle bis zu dem Rande des Himmels hauchte ſein ſuͤßes Geſicht eine ſtille, ruhige Freude in die plätſchernden Wogen —„das Laͤcheln der See*).“ Nur einige wenige duͤnne und flockige Wolken unterbrachen das klare Himmelsgewoͤlbe— und ſie blieben, gleich Geſpan⸗ nen der Geiſter, fern am Horizonte. „Und ſchon,“ ſagte ich,„iſt dieſe Außenwelt— und Eure duͤſtern Reiche da unten haben nichts, was ſich mit ihnen vergleichen ließe. In den Tempeln der verborgenen Erde ſchimmern keine Sterne, und Ein Blick des lieblichen Mondes uͤberwiegt alle Zauber⸗ feuer und Meteore der Rieſenpaläſte unter uns.“ „Junger Sterblicher,“ ſagte der Zauberer mit klagender Stimme, Du blickſt auf meine heimatli⸗ chen Geſtade. Neben dieſer See ſtanden meine vaͤ⸗ terlichen Hallen, und unter dieſem Monde ſchwollen zuerſt in meiner Bruſt die tiefen Fluthen der menſch⸗ lichen Gefuͤhle an, und in dieſer Hoͤhle, von der wir jetzt hinaus auf die Meere und die Himmel blicken, verbrachte ich einige der ernſten Stunden meiner Jugend in jenen hohen, erhabenen Betrachtungen, welche Euer geſchwaͤchtes, von dem Schlamm der *) Prometheus des Aeſchylus. Jahrhunderte erdruͤcktes Geſchlecht nie gekannt hatz denn jene Epoche war noch fern von den Zeiten, welche ſelbſt die Sage kaum durchdringt. Eure erſten Väter— was wißt Ihr von ihrem Wiſſen?— was iſt Euch von ihren Geheimniſſen geblieben? Ihre gewaltigen und tiefen Geiſter wurden nie von dem Senkblei Eurer Forſchungen ergruͤndet. Die Wogen der ſchwarzen Nacht ſind uͤber die Alte Welt gerollt, und Alles, was Ihr von ihren begrabenen Herrlich⸗ keiten errathen koͤnnt, dankt Ihr den zerſchellten Bruchſtuͤcken, welche je zuweilen der Zufall an die Kuͤſten des neuen Geſchlechts wipft.“ „Sinkt denn,“ ſagte ich,„unſre Schagle im Vergleich mit den Menſchen jener fernen Zeiten? Iſt denn unſer Wiſſen nicht tiefer und zuverlaͤſſiger? Waren ihre Begriffe nicht das Ergebniß undeutli⸗ cher und beſchwerlicher Muthmaßungen? Lebten ſie nicht unter Schatten und Träumen, und machten ſie nicht die Wahrheit ſelbſt zum Geſchöpfe einer frucht⸗ baren Phantaſie?“ „Nein,“ antwortete die verhuͤllte, ſchwankende Ge⸗ ſtalt neben mir,„ihr Wiſſen drang in die Herzen der Dinge. Sie befragten die Sterne— aber nur um das Geſchick der Erde zu meſſen, und könnten wir ihre untergegangenen Rollen nus dem Staube for⸗ dern; ſo wuͤrdet Ihr in einen Spiegel der lebenden Zeiten ſchauen. Ihre Verkuͤndigungen— die ſie der Anſtrengung und der Verzuͤckung jener Mächte ent⸗ 46 rangen, welche Ihr erſtarrt in der Seele ſchlummern laßt— durcheilten die Wuͤſteneien von Jahrhunder⸗ ten, und bezeichneten unter wilden Horden die Städte und Geſetze von Reichen, welche erſt entſtehen ſollten. Tauſende von Kuͤnſten ſind von der Erde geſchieden, und die Wiſſenſchaft iſt nur noch der Schatten deſſen, was ſie war.— Junger Sterblicher, Du haſt Deinen Sinn auf Weisheit geſetzt— Du haſt die friſchen, ſchimmernden Stunden des angehenden Le⸗ bens mit den ermuͤdenden Gedanken Anderer verbracht; Du haſt nach Kenntniß geſtrebt, und in dieſem Stre⸗ ben ſind die Farben der Geſundheit auf immer von Deinen Wangen gewichen, und das Alter ſchleicht ſich ſchon zum Marke, während der Thau noch auf dem Blatte liegt; und fuͤr dieſes Streben— und in der Verzuͤckung und in den Geſichten, welche das Streben der Seele nährt— iſt Dein Geiſt jetzt ſeiner fleiſchlichen Laufbahn auf Erden entruͤckt, wandert nach Willkuͤr durch die furchtbaren Kluͤfte und Minen, welche die Welt umſchließt— athmet Lebensluft un⸗ ter den Todten— geſellt ſich zu Geiſtern und den Maächten, die nicht von Fleiſch ſind, und erfaßt durch unvollkommene Blicke und umſchattete Zeichen einige Kenntniß von den urgeheimniſſen der Schoͤpfungz — und Du erſchauſt in mir und meiner Wiſſenſchaft, was Deine Gelehrſamkeit und Deine Einbildungs⸗ kraft fruͤher nicht geahnt hatte. Keine Legende han⸗ delte je von meinem wunderbaren und feierlichen We⸗ ſeiner indert tinen, t un⸗ den durch einige fungz chaft, ungs⸗ han⸗ We⸗ 47 ſen, und nichts in meiner Natur gleicht den Erzäh⸗ lungen von Zauberern, welche die gewöhnlichen Phan⸗ taſiegebilde des Aberglaubens verſinnlicht haben. Du biſt ohne eine Karte durch ein Land gereiſt, in wel⸗ chem ſelbſt die Fabel der Wahrheit nicht vorgearbei⸗ tet hat. Du moͤchteſt etwas von dem Weſen erfah⸗ ren, das ſo Deinem ſtaunenden Blicke verſchloſſen worden;— es ſei! unter dieſen ſchimmernden Bo⸗ gen, vor der See meiner Vaͤter, unter dem lau⸗ ſchenden Ohre des weilenden Mondes— ſollſt Du eine Geſchichte von der Alten Welt vernehmen. Die Geſchichte von Koſem Keſamim. Längs der Kuſten, welche ſeit dreißig Jahrhunder⸗ ten kein menſchlicher Fuß betreten hat, und auf Ebenen, wo jetzt nicht Ein Stein mehr auf dem andern ſteht, der ſelbſt nur vom Verfalle ſpraͤche— brei⸗ tete ſich einſt die Stadt und das Reich der weiſen Könige aus, wie die Monarchen, welche dieſes Land beherrſchten, von ihren Nachbarn genannt wurden. In dem Dunkel geheimnißvoller Tempel, und unter der Orakelkunde der ſternenbeleſenen Prieſter wurde die Jugend eines jeden königlichen Nachfolgers bis zum ernſten und bedaͤchtigen Mannesalter auferzogen. Ihr ganzes Leben war ein Geheimniß.— Hinter der grabesdumpfen Große des fuͤrſtlichen Palaſtes ſchoſſen ſie— ſelten geſehen— gleich den Göttern— wie aus einer Wolke das Licht ihren gefuͤrchteten, 48 aber wohlwollenden Geſetze hervor: die Bahn ihres Lebens ward nicht bekannt, aber man glaubte, daß ſie Gewalt beſäßen uͤber die Jahreszeiten und die Elemente, und daß ſie nach Willkur die breitfittigen Geiſter beſchwören könnten, welche hin und her uber die Erde ziehen, und gleich Traͤumen durch ei⸗ nen unerforſchlichen, unbeſtimmten Einfluß die Schick⸗ ſale der Nationen und den Ehrgeiz der Koͤnige lenken. Dieſem fuͤrſtlichen Geſchlechte ward ein Sohn geboren, dem zugleich Seher und König ein ſeltſa⸗ mes und uͤbernatuͤrliches Geſchick verkuͤndeten. Seine Kindheit ſchon war ſchweigſam, ernſt, betrachtend. und ſchon als Knabe hatte ſein Kopf Alles durch⸗ wuͤhlt, was die grauköpfigen Prieſter ihn lehren konnten. Aber die Leidenſchaften ſind eng mit den Ele⸗ menten des Denkens verwebt. und die wahre Weis⸗ heit wird nur durch den Kampf heftiger Bewegungen erworben. Neben den Forſchungen ſeines anſtreben⸗ den Geiſtes gluͤhte das Herz des jungen Prinzen von tauſend unausgeſprochenen und ungezugelten Lei⸗, denſchaften.“— Der Zauberer ſchwieg einen Augen⸗ blick und rief ſodann mit einer Stimme, die weit von dem kalten und feierlichen Tone abwich, in den ſich gewoͤhnlich ſeine Worte huͤllten:— „Oh, ſchon, über die Schonheit dieſer kraͤnklichen, verblaßten Zeiten hinaus, war vie Schoͤnheit des —— ihres „daß id die ittigen d her ch ei⸗ Schick⸗ Koͤnige Sohn ſeltſa⸗ Seine chtend. durch⸗ lehren Ele⸗ Weis⸗ ungen treben⸗ rinzen en Lei⸗ Nugen⸗ e weit in den lichen, it des 49 Weibes in der jungen Welt!— Die Herrlichkeit Edens war noch nicht von ihrem Antlitze verſchwun⸗ den, und der Glanz der friſchen Natur glühte zu⸗ gleich auf der Erde und auf der Erde majeſtätiſchen Töchtern. Schönheit iſt das Idol der Jugend, und in der Bruſt Gondorah's, denn alſo wurde der Prinz im Volke genannt(ſein erhabener und myſtiſcher Name aber darf nicht offenbart werden) lebte die große Leidenſchaft— das große Sehnen— die große Begierde nach dem Hehren und dem Lieblichen, in welcher Form und Geſtalt es auch ruhte. Nicht in dem Weibe bloß, in allen Dingen verehrte er das Schone; wo er es erſchaute, ſpiegelte ſich das Bild der Gottheit in ſeiner anbetenden Seele. Aber ihn, oder vielmehr mich(wenn das Gedachtniß durch den Lauf und Wechſel von Welten die Identität bewahrt, indem es mich zu Dem macht, der vor Jahrhunder⸗ ten mir ganz unähnlich als Menſch unter Menſchen lebte) mich hatte eine noch heftigere, ausſchließlichere Leidenſchaft, als die Liebe oder Anbetung der Natur ergriffen:— die Wißbegierde!— Mein Geiſt ſtuͤrzte ſich in die Tiefe der Dinge— ich liebte es, Schritt fuͤr Schritt die Wirkung bis zu ihrer erſten urſache zuruͤckzufuͤhren. Die Vernunft bildete eine Kette zwiſchen Himmel und Erde, und jedes Glied verleitete mich, zu den Sternen ſelbſt anzuſtreben. und die Weisheit meiner weiſen Väter war mein; ich kannte das Geheimniß der Elemente, und konnte Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 4 5⁰ ſie in den Schlaf zaubern oder zum Kampfe erregen. Die Myſterien jener furchtbaren Chemie— auch ei⸗ ner jener Wiſſenſchaften, welche jetzt ſchlummern— durch welche wir der Luft gebieten, und auf ihren unſichtbaren Pfaden wandeln, durch welche wir den Donner wecken, und das Gewolk beſchwoͤren und die Erde ſpalten koͤnnen— die Herrſchaft uͤber jenes hohe Vermoͤgen— die Einbildungskraft— durch welche die Phantaſie ſelbſt ſchafft, was ſie will, und welche, geuͤbt und gebildet, die Schatten der Todten wiedererwecken und dem fleiſchlichen Auge die Genien ſichtbar machen kann, welche die Welt durch⸗ ziehen;— die rege, ſpannende, ſchlafloſe Wiſſenſchaft, welche aus den Sternen das Buch eines Weiſen zu machen vermag:— dies Alles war mein, und doch murrte ich, war ich mißvergnuͤgt! Denn wie viele erhabene Geheimniſſe blieben mir noch zu erforſchen! Die Erfahrung des heutigen Tages war am mor⸗ genden nur eine getaͤuſchte Hoffnung, und die Beſtim⸗ mung meines Ehrgeizes war: zu wuͤnſchen. Es war Abend, und ich verließ die Haine des geheiligten Tempels, um ſie, die ich liebte, zu beſu⸗ chen. Der Weg fuͤhrte uͤber ſchwarze, ſchroffe Fels⸗ maſſen, zwiſchen denen wildes Geſtraͤuch und dichtes Gras gruͤn und uͤppig emporſtieg; denn die Zerſto⸗ rung verkuͤndete irgend eine große umwaͤlzung des Bodens in den fruͤheren Weltepochen, wo der Wech⸗ ſel oft dem Wechſel auf die Ferſe tritt, und die 51 Erde hatte ſich noch kaum wieder in die Gleichheit ihrer ruhigen Laufbahn gefunden. Und ich ſtand un⸗ ter dem Baume, wo ſie mich treffen ſollte, und mein Herz ſchlug, als ich ihren Fuß heraneilen ſah und als ſie kam, hauchten mir ihre ſuͤßen Lippen das Willkommen menſchlicher Liebe zu, und ich lehnte mein Haupt an ihren Buſen und war zufrieden. und„Oh,“ ſagte ſie,„biſt Du nicht ſtolz auf Deinen heraufdaͤmmernden Ruhm? Die Seher ſpre⸗ chen von Dir mit Staunen, und die Prieſter beugen ihre Haͤupter vor Deinem Namen.“ Da brach die Leidenſchaft meiner Seele hervor, und ich antwortete:„Was iſt die ärmliche Macht, die ich beſitze, und was dieſe duͤrre Kenntniß? Nach dem großen urgeheimniß des Alls habe ich Tag und Nacht gerungen, aber ich kann es nicht erreichen. Was nutzt es ſelbſt, den dunkeln Geiſtern zu gebie⸗ ten, die den Himmel befehden— wenn wir nicht die Natur Deſſen kennen, was wir befehlen? Was ich wuͤnſche, iſt nicht Kenntniß, ſondern die Quelle der Kenntniß. Ich moͤchte, daß mein Auge ſogleich in den Keim und Grund der Dinge dränge; daß, wenn ich auf die äußere Schoͤnheit der Welt blicke, mein Geſicht das Innere erfaßte und den Mechanis⸗ mus arbeiten ſaͤhe, welcher die Schoͤnheit daruͤber erzeugt und bewirkt. Ich habe genug von meiner Kunſt gelernt, um zu wiſſen, daß eine Haut uͤber dem menſchlichen Auge liegt, welche es verhindert, 4 ½ 52 uͤber die Oberfläche hinauszudringen; dieſe Haut zu entfernen, in das Weſen zu tauchen, und den Einen großen Geiſt, den Schopfer aller Dinge zu beobach⸗ ten, danach ringe ich und trachte ich vergebens. Alle andere Kenntniß iſt Trug; dies iſt das große Vor⸗ recht, welches der Muthmaßung Hohn ſpricht und uns einem Gott gleich macht!“ Da ſah Lyciah, daß ich bewegt war, und ſie kußte mich und ſang mir die ſuͤßen Geſaͤnge, welche mein Herz wie in ein duftendes Kräuterbad tauchten. Mitternacht lagerte auf der Erde, als ich uber den wilden Schauplatz mich heimwaͤrts wendete. Fels haufte ſich auf Fels, begränzte und durchſchnitt das einſame Thal, das ich durchkreuzte, und der Mond ſchien ſo ſtill, wie zu dieſer Stunde, wo ſein Leben doch um viertauſend Jahre dem untergange näher iſt. Da plotzlich ſah ich in zitternder Bewegung ein Meteorfeuer von wunderbarem Glanze vor mir hin⸗ rollen. So oft es ſich uͤber den dürren, unfruchtbg⸗ ren Boden bewegte, ſprang und ſchoß es raſtlos hin und her, und wie es ſo huͤpfte und bebte, glaubte ich zu horen, wie es aus ſeinem brennenden Mittel⸗ punkte mit wilder, toller Luſt herauslachte. Ich dachte, als ich auf das Feuer blickte, daß in dieſer Geſtalt eines der Kinder der Elementargeiſter um⸗ herſchwaͤrme, und ich redete es an in ſeiner Sprache, und befahl ihm, eine handgreifliche Geſtalt anzuneh men. Aber das Feuer ſauſte unbekuͤmmert weiter 3 2*5 nur daß jetzt das Lachen aus der Flamme deutlich und furchtbar an mein Ohr ſchlug. Da ſtraͤubte ſich mein Haar— mein Blut erſtarrte— meine Kniee zitterten gegeneinander: ich war unter dem Einfluß eines heiligen Schreckens, denn ich fuͤhlte, und daß die Macht nicht von dieſer Welt, noch von der ciah, war, welche meine ererbte Kenntniß von der Macht ſang anderer Welten bereits erforſcht hatte. Meine Stimme ein ſchwankte, und dreimal verſuchte ich, mit dem Lichte zu ſprechen— aber umſonſt; als ich es zuletzt mit uber der feierlichen Beſchwoͤrung anredete, durch welche Fels die grimmigſten der boͤſen Geiſter gebändigt werden: das— ſprang das Feuér auf vom Boden, erhob ſich in Nond die fernſte Höhe, badete mit bleichem, aber herrli⸗ eben chem Glanze die ganze Atmoſphäre in ſeinen Schim⸗ äher mer, erdruͤckte mit ſeinem gewaltigeren Strahle die ein Pracht des Mondes und verſchmolz ſeine Rieſenkrone hin⸗ mit den fernen unſichtbaren Regionen des Himmels! tbg⸗ und eine Stimme kam hervor und ſagte:„Du ſtlos rufſt nach niederern Geiſtern, ich bin der, welchen ubte Du zu ſchauen verlangt haſt.— Ich bin das leben⸗ ttel⸗ dige Weltprinzip!“ Ich Ich beugte mein Antlitz und bedeckte es mit mei⸗ ieſer nen Händen, und meine Stimme verſagte mir; und um⸗ als ich wieder aufblickte, ſah ich, daß das Feuer von che, ſeiner augenblicklichen Höhe zuſammengeſchwunden eh war und jetzt— zwerghaft und beſcheiden— in ter ſchwankendem, ſchlangengleichem Laufe vor mir hin⸗ 54 kroch. Aber mich hatte Furcht erfaßt, und ich floh, und ſchnell floh das Feuer zu meiner Seite, und oft, aber nur ſchwach, drang aus ſeinem fuͤrchterlichen Herzen das Lachen, daß mir das Mark in den Bei⸗ nen erſtarrte. und die Wuͤſte war voruͤber, und der Rieſentempel des Einen Gottes erhob ſich vor mir; ich ſtuͤrzte vorwaͤrts und ſank athemlos vor ſeinem ſtillen Altare nieder. Und dort ſaß der Hohe⸗ prieſter, denn Tag und Nacht wacht einer von der heiligen Schaar neben dem Altare, und er war von hohem Alter, und alle menſchliche Aufregung war aus ſeinen Adern gewichen, aber ſelbſt er ward von meiner Furcht betroffen und blickte auf mich mit ſei⸗ nen glanzloſen Augen, und er hieß mich muthig ſein, denn der Platz ſei heilig. Ich ſah um mich, und das Feuer war nicht ſichtbar, und ich athmete frei; aber ich antwortete nicht dem Prieſter, denn die Jahre hatten ihn zu Stein abgeſtumpft, und als ich mich erhob, folgte mir ſein Auge nicht. Ich ge⸗ langte in die Purpurhallen, die füͤr des Koͤnigs Sohn abgeſondert waren. Und die Pfeiler waren von Elfenbein und mit Gold ausgelegt, und die Edelſteine und die Wohlgeruͤche des Oſtens gaben dieſen wunderbaren Raͤumen Licht und Duft, und das prächtige Banket war angerichtet, und Muſik von unſichtbaren Haͤnden ſchwoll durch Bogen und Gang, als ich die konigliche Halle betrat. Aber ſiehe! ne⸗ ben dem Throne, unter dem purpurnen Thronhimmel hing ſchie flehe Seit Da nes ſichtl iſt, Und und konn entl gend kam dach das auf das dem deut Rat ſtät ſchl Nil 55 hingeſchmiegt, ſah ich das lachende Feuer, und es ſchien zuſammengedruͤckt und demuͤthig um Schutz zu flehen. Ich ſtand ſtill und zog die Hoͤflinge bei ßei⸗ Seite, und bat ſie, auf die Flamme zu merken; aber nd ſie ſahen ſie nicht— ſie brannte nur fuͤr mein Auge. vor Da erkannte ich, daß es in der That ein Geiſt je⸗ vor nes hohen Geſchlechtes war, welches, ſelbſt wenn es bhe⸗ ſichtbare Geſtalten annimmt, fuͤr Niemand ſichtbar der iſt, als fuͤr die Juͤnger der ſchrecklichen Wiſſenſchaft! on und ich zitterte, aber verehrte. ar Und das Feuer blieb bei mir Nacht und Tag, on und ich gewoͤhnte mich an ſein Licht. Aber nie ſei⸗ konnte ich durch Spruch noch Zauber ihm ein Wort ein, entlocken; und es folgte meinen Schritten mit ſchwei⸗ und gender und geduldiger Huldigung. und allmaälig rei; kam eine eitle und ſtolze Freude uͤber mich, wenn ich die dachte, daß ich ſo geehrt werde, und ich blickte auf als das bleiche und wechſelnde Antlitz des Feuers wie ge⸗ auf das Geſicht eines Freundes. igs Es war aber ein Mann, der von Jahren uͤber ren das Gedenken der Lebenden hinaus prophezeiht hatte die— ein wunderbarer und beruͤhmter Seher— bei ben dem in Zeiten des Schreckens und ſchlimmer Vorbe⸗ nd deutung unſre Prieſter und Monarchen ſelbſt ſich on Rath und Winke holten. Ich ſuchte ſeine Wohn⸗ ng, ſtätte auf. Der Seher gehorte nicht zu unſrem Ge⸗ ne⸗ ſchlechte— er war von den fernen Waſſern des Nil gekommen, und die dunklen Geheimniſſe Aegyp⸗ 56 tens hatten ſeine Jugend umſpielt. In eben der Höhle, in welcher jetzt, junger Fremoling des Nor⸗ dens, dieſe Erzahlung in Dein Ohr dringt, hatte der Seher ſeinen ſchimmernden Sitz— denn Lampe an Lampe erleuchtete damals aus ewigem Naphta dieſe blendenden Kryſtalle— und die Seeleute von den Schiffen, welche ſich in jener Bucht dort draͤng⸗ ten, ſchauten fern auf den blauen Waſſern die naͤchtliche Flamme, wie ſie längs der Welle flackerte, und den ehrfurchtsvollen Schiffer an manche erhabne Legende von der Hoͤhlenwohnung erinnerte. Und hierher hatten ſich oft meine jungen Fuͤße im erſten Knabenalter gewendet, und von den verſchrumpf⸗ ten Lippen des alten Aegyptiers hatte ich viel mei⸗ nes hoͤchſten Wiſſens geſammelt; denn er liebte mich — und da er mit prophetiſchem Auge weit in die dunkeln Tiefen der Zeit blickte, ſo wußte er, daß ich zu wilden und ſchrecklichen Schickſalen und zu einem Leben beſtimmt war, das die Dauer des ſeinigen ubertraͤfe. 8 In der Nacht, als der neue Mond ſeinen ſtar⸗ ken und ſchädlichen Einfluß uͤber das Laub und Le⸗ ben der Erde verbreitete, war es, wo ich den Ae⸗ gyptier aufſuchte. Das Feuer brannte, als es zu meiner Seite ſprang, und ſpielte, mit heftigerem und rotherem Lichte als ſonſt. und als ich dem ſilbernen Sande folgend, mich zum Eingang der Hoͤhle wendete, ſah ich den alten Mann auf einem Ste Fur Aug ſich und in „V Ker bei den unt den z rem dem der nem 57— Steine ſitzen. Als ich eintrat, fuhr der Seher in Furcht und Schrecken von ſeinem Sitze auf— ſeine Augen rollten— ſein duͤnnes, graues Haar erhob ſich— ein kalter Schweiß trat auf ſeine Stirn— und der gefuͤrchtete Meiſter ſtand vor ſeinem Zoͤgling in Ehrfurcht und Todesangſt. „Du kommſt,“ murmelte er mit bleichen Lippen. „Was iſt zu Deiner Seite? Haſt Du es gewagt, Kenntniß zu ſuchen bei der Seele allen Grauens— bei dem gräßlichen Ausſätzigen der—. Fort! Laß den Boͤſen ziehen!“ Die Stimme ſchien den alten Mann zu verlaſſen, und mit einem Schrei fiel er mit dem Geſichte auf den Boden. „Iſt es,“ ſagte ich, von ſeinem Entſetzen erſchuͤt⸗ tert,„iſt es das Feuer, welches meinen Schritten folgt, wovor Du zitterſt? Siehe, es iſt harmlos wie ein Hundz es ſcheint, aber brennt nichtz wenn es ein Dämon iſt, ſo iſt es ein froͤhlicher, denn ich höre es lachen, waͤhrend ich ſpreche. Aber ſeinetwe⸗ gen, o hoher Herr, habe ich Dich aufgeſucht. Kannſt Du mir die Beſchaffenheit des Geiſtes verkuͤnden? Denn gewißlich iſt es ein Geiſt. Kannſt Du mir ſein Ziel und Streben offenbaren?“ Ich erhob den alten Mann von der Erde— und ſein koͤniglicher Muth kehrte zuruͤck— und er nahm die Zauberkrone von der Wand, und er ſetzte ſie auf ſeine Stirn— denn er war gleich einem 58 Monarchen unter den Dingen, ſo nicht von Staub ſind. und er ſprach zu dem Feuer:„Komm na⸗ her!“ und das Feuer ſchluͤpfte zu ſeinen Fuͤßen. und er ſagte:„Biſt Du der Geiſt des Elementes, und war Deine Wiege in dem Herzen des Feuer⸗ ſteines?“ und eine Stimme aus der Flamme antwortete „Nein.“ Und wieder erbebte der Aegyptier. „Was biſt Du denn?“ fragte er. Und das Feuer antwortete:„Dein Herr.“ Und die Glieder des Aegyptiers zitterten wie unter der Hand des Todes. und er ſagte:„Biſt Du ein Daͤmon dieſer Welt?“ Und das Feuer antwortete:„Ich bin das Leben dieſer Welt, und ich bin nicht von anderen Welten.“ „Ich ahne Dich— ich fuͤrchte Dich— ich er⸗ kenne Dich an!“ ſagte der Aegyptier,„und bald wird in Deinen milden Schooß dies gekroͤnte Haupt gelegt werden.“ Und das Feuer lachte. „Aber ſag' mir,“ begann ich— denn obgleich das Blut mir ſtockte, war meine Seele doch muthig und feſt—„ſage mir, o Herr, was will das Ding von mir?“ „Es iſt der große Ahn von uns Allen!“ ſagte der Aegyptier ſtohnend. heit ſich lan unter ieſer Leben ten.“ h er⸗ bald aupt gleich uthig Ding ſagte 59 „Und kennt es die Geheimniſſe der Vergangen⸗ heit?“ „Es traͤgt die Geheimniſſe der Vergangenheit in ſich geſchloſſen.“ „Kann es mich lehren, was ich zu wiſſen ver⸗ lange? Kann es mich das Weſen der Dinge, die Natur alles Deſſen lehren, was ich ſehe? Kann es mir den Schleier von meinen irdiſchen Augen loͤſen?“ „Schweig, vorſchneller Fuͤrſt!“ rief der Aegyp⸗ tier ſich erhebend und mich mit ſeinem eiſigen Blicke anſtarrend—„ſuche nicht zu wiſſen, wo die Wiſ⸗ ſenſchaft Dir zum Fluche werden wird. Verlange keine Gewalt, welche das Leben in ein lebendiges Grab verkehren wuͤrde. Alle Kenntniß, die ein Menſch je errungen, iſt meinz aber das Geheimniß habe ich geſcheut, und dieſe Macht habe ich von mir geſtoßen, wie der Schäfer die Viper aus der Hand wirft. Sei ruhig— ſei mäßig— ſei weiſe. und befichl mir, den Geiſt zu bannen, welcher zu Dir aus dem Feuer ſpricht!“ „Kann es mich das Urgeheimniß lehren? Kann es, wenn ich auf das Gras oder die Bluͤthe blicke, meinen Blick mit der Kraft begaben, in die Urſache und das Getriebe ſeines Lebens zu dringen?“ „Ich kann es lehren,“ ſagte das Feuer, und es erhob ſich hoher und brannte ſtärker, als es ſprach, bis die Naphta⸗Lampen davor erblichen. 60 „Dann weile bei mir, o Geiſt,“ ſagte ich,„und laß uns nicht geſchieden ſein.“ „Ungluͤcklicher Knabe,“ rief der Aegyptier,„war alſo das das ſeltſame und üͤbernatürliche Verhaͤng⸗ niß, welches meine Kunſt fuͤr Dich vorherſah, wenn ſie gleich nicht deſſen Natur entzifferte? Weißt Du, daß dieſes ſo klare— ſo reine— ſo ſchöne Feuer nichts Anderes iſt, als—“ „Huͤte Dich!“ rief die Stimme aus dem Feuerz und die Spitze der Flamme erhob ſich, wie der Kopf der Schlange, die auf ihre Beute ſtuͤrzen will. „Du erſchreckſt mich nicht,“ ſagte der Aegyptier, obgleich das Blut aus ſeinen gelben Wangen gewichen war.„Du biſt— „Das lebendige Weltprinzip,“— ihn die Stimme. „Und Dein anderer Name?“ rief der Aegyptier. „Dein Beſieger!“ antwortete die Stimme; und plötzlich, wie die Antwort erſchallte, ſank der Aegyp⸗ tier, wie vom Blitze verbrannt, als Leiche zu meinen Fuͤßen. Das Licht des Feuers ſpielte mit blauem, zitterndem Glanze um den Koͤrper, und ich ſah bei dieſem Lichte, daß der Korper ſchon in widrige Ver⸗ weſung uͤbergegangen war— das Fleiſch war von den Beinen gefault— und das Gewuͤrm und krie⸗ chende Gethier, das die Verweſung erzeugt, ſchlang ſich durch die Kinnlade und die Schläfen des Weiſen. Mir ward weh, und ich rang nach Athem.„Es iſt ſcha kroc antr iſt meit Tod ner, und ſicht ſach das forſ eine war chun als den ven gyp dert Ma Und dure ßem tier. und 3yp⸗ inen em, bei er⸗ von rie⸗ ng en. Es 61 iſt Dein Werk, o furchtbarer Dämon!“ ſagte ich ſchaudernd. Und das Feuer verließ den Todten und kroch demuͤthig zu meinen Fuͤßen, und ſeine Stimme antwortete:„Wie groß auch meine Macht ſei, ſie iſt Deine Sklavin!“ „War dieſer Tod Dein Werk?“ wiederholten meine bebenden Lippen. „Du weißt,“ antwortete das Feuer,„daß der Tod nicht im Willen irgend einer Macht, außer Ei⸗ ner, ſteht. Der Tod kommt durch ſeinen Willen— und ich frohlockte bloß uͤber den Schlag.“ Ich verließ die Hoͤhle; meine Kunſt, ſo ſcharf⸗ ſichtig ſie war, ſchaffte mir keinen Blick in die ur⸗ ſachen vom Tode des Aegyptiers. Ich betrachtete das Feuer, als es ſich durch das Gras wand, mit forſchendem, doch zagendem Auge. Ich fuͤhlte eine Scheu vor der Gewalt des Damons, und doch war daß ſtolze Entzuͤcken, das ich bei der Unterjo⸗ chung dieſer Gewalt empfunden, noch geſtiegen, und als ich ging, war mein Schritt voll Wuͤrde uͤber den Gedanken, daß ich einen ſo anſehnlichen Skla⸗ ven hätte. Aber die Worte des geheimnißvollen Ar⸗ gyptiers tonten mir noch in das Ohr— noch ſchau⸗ derte und bebte ich vor ſeiner Anklage gegen die Macht und das Geheimniß, nach dem ich begehrte. Und die Stimme des Feuers ſprach jetzt, als wir durch die ſternenhelle Einſamkeit wandelten, mit ſü⸗ tem und beredendem Ausdrucke zu mir:„Schrecke nicht, junger Weiſer,“ ſagte oder ſang ſie vielmehr, „vor einer Gewalt zuruͤck, die uber die hinausgeht, von welcher Deine weiſeſten Vorfahren je getraumt haben— verliere Deinen Muth nicht bei den fa⸗ ſelnden Einfluͤſterungen des Alters. Wenn hat je das Alter gebilligt, was die Jugend wuͤnſcht? Du biſt fuͤr das Geſchick gebildet, welches königlichen Herzen gebuͤhrt— das Geſchick wirbt um Dich. Warum ſpielſt Du den Zauderer?“ „Wiſſenſchaft,“ ſagte ich ſinnend,„kann nie Leid gebähren. Kannſt Du mir Wiſſenſchaft bieten, ſo will ich nicht zuruͤckweichen. Siehe! Ich nehme Deine Gabe an!“ Das Feuer ſpielte munter hin und her. und aus der Mitte deſſelben ſchritt eine bleiche, ſchattige Geſtalt von weiblicher Bildung und ausnehmender Schoͤn⸗ heit hervor: ihr Geſicht war in der That nicht von lebender Bläſſe, und die Glieder waren unbeſtimmt, und ihre Dunſtgewaͤnder ſchwollen von keiner Ruͤn⸗ dung an; aber die Zuͤge waren lieblich wie ein Traum, und langes, gelbes Haar— glühend wie Sonnenlicht— fiel ihren Nacken herab.„Du möch teſt,/ ſagte ſie,„bis in das Prinzip der Welt drin⸗ gen. Du moͤchteſt, daß Dein Auge mein ſchönes und geheimnißvolles Reich ergruͤndete. Aber noch nicht; erſt iſt eine Pruͤfung zu beſtehen. Zu der vollen Kenntniß kannſt Du nur durch die unvoll⸗ kommene gelangen!“ Darauf, kuͤßte die Jungfrau und litz lion —( wel wen Gre Aug Reg befo war alle full ren und ſtur wär ſph war den Elf eſtalt von mmt, Ruͤn⸗ ein wie noͤch⸗ drin⸗ ones noch der voll⸗ frau 63 meine Augen und verſchwand, und mit ihr verſchwand auch das Feuer. O ſchoͤn!— O prachtvoll!— O gottlich! Die Schuppen waren von meinem Geſichte gefallen— und eine wunderbare Herrlichkeit war auf das Ant⸗ litz der Erde geſtiegen. Ich ſah Millionen auf Mil⸗ lionen Geiſter hin und her durch die Luft ſchießen, — Geiſter, die mein Zauber noch nie erſpaͤht hatte — Geiſter von Regenbogenfarben, erbebend in der Luſt, welche ihre Natur ausmacht. Wohin ich mein Auge wendete, war Leben auf Leben erſichtlich. Auf jedem Grashalm drängten ſich Myriaden, die dem bloßen Auge unſichtbar blieben— aber mit entſprechender Regelmaͤßigkeit alle Weiſen des Menſchengeſchlechts befolgten; jedes Staubkornchen, jeder Waſſertropfen war ein Weltall, in tauſend Stämme zertheilt, die alle die großen Beſtimmungen der Sterblichkeit er⸗ fuͤllten— Liebe— Furcht— Hoffnung— Geiz — Eiferſucht— Krieg— Tod. Meine Augen wa⸗ ren von einem glorreichen Zauber beruͤhrt worden. und ſelbſt in Dem, was dem gewohnlichen Auge ein ſtummer, einſamer und athemloſer Moment geweſen wäre, wurde ich plohlich in eine blendende Atmo⸗ ſphäre von Leben verſetzt, wo jedes Atom eine Welt war. Und meine Augen niederſenkend, ſah ich aus den kleinen Spalten der Erde jene phantaſtiſchen Elfen hervortauchen, die beſonders von euren Nor⸗ diſchen Barden gefeiert worden ſind; ſie kamen her⸗ 64 aus ſo munter, ſo munter— tanzten in dem mit den Schein der ſchweigenden Himmel, und jagten die ſchnellgefluͤgelten Geſchoͤpfe, welche kaum das Glas der Wiſſenſchaft vor das Auge bringen kann. Wenn Alles umher Leben war, ſo war es ein Leben voll Zauber und Harmonie— ein feines, durchdringendes Element des Entzuͤckens. Die Sprache verſagte mir vor Freude, und ich ſchaute erſchuttert und athem⸗ los um mich, als ich ſo gleichſam in die inneren Tempel des großen Syſtems des Weltalls gedrun⸗ gen war. Ich ſah mich nach dem gen um— es wat fort. Ich war allein unter dieſer neuen und bevol⸗ kerten Schoͤpfung, und ich ſtreckte mich wolluͤſtig un⸗ ter einen Baum, um meine Seele mit Wundern zu ſättigen. Meine Extaſe war die eines Dichters auf dem Gipfel ſeiner Verzuͤckung— meine Adern wa⸗ ren gefuͤllt von der Poeſie, welche ein Rauſch iſt und an meine Augen hatte die Poeſie geruͤhrt, welche die ſchoͤpferiſche Kraft iſt— und die Wunder vor mir waren die Poeſie, welche der Zauberſtab iſt. Tage gingen voruͤber, und der glänzende Geiſt, welcher mich ſo begabt hatte, erſchien nicht, und noch immer hoͤrte der Zauber nicht aufz jede Stunde, jeden Augenvlick zeigten ſich neue Wunder. Ich konnte nicht gehen— ich konnte weder Steine, noch Kraut beruͤhren, ohne in ein neues Reich zu gelan⸗ gen, das von denen, welche ich ſchon geſehen, gan verſch — ſo beſtin Fuß in en Forſc ich, 7 ich b Sinn gneti gen, ſichti A ann ich fi obere Nien keit, C ſchen daß im Seht Stt ſagte wart zu zu d B 65⁵ verſchieden, aber gleich ſehr mit Leben erfuͤllt war — ſo daß es nie an Neuem mangelte, und waͤre ich beſtimmt geweſen, meine ganze Exiſtenz auf drei Fuß Erde zu verbringen, ſo hätte ich dieſe Exiſtenz in ewigem Wechſel, in unbefriedigter und ewig neuer Forſchung verleben koͤnnen. Aber vor Allem empfand ich, wenn ich Lyciah aufſuchte, erſt die Gabe, welche ich beſaß, denn im Geſpräch mit ihr drang mein Sinn bis in ihr Herz, und ich fuͤhlte, wie mit ma⸗ gnetiſcher Sympathie die Gedanken und Bewegun⸗ gen, welche alle mir gehoͤrten, ſich durch deſſen durch⸗ ſichtige Reine bewegten. Allmälig ſehnte ich mich allerdings, ſie Antheil an meinen entdeckten Reichen nehmen zu laſſen, denn ich fing jetzt langſam an, die Ermuͤdung eines Er⸗ oberers zu empfinden, der allein herrſcht— ich hatte Niemand, der meine Macht theilte oder die Herrlich⸗ keit, in welcher ich lebte, mitgenoß. Eines Tages kam ſelbſt mitten unter den engli⸗ ſchen Weſen, welche, ſelig um mich ſchwebten, ſo daß ich die leiſen Melodien vernahm, welche ſie hoch im Hinziehen ſangen— eines Tages kam dieſes Sehnen, dies Gefuͤhl der Einſamkeit im Leben, der Sättigung an der Herrlichkeit, uber mich. und ich ſagte:„Aber dies iſt der unvollkommene Zuſtand; warum nicht des Ganzen genießen? Koͤnnte ich je zu dem hohen und empyraͤiſchen Wiſſen gelangen, zu dem dies nur ein Schritt iſt, ſo wuͤrde dieſes un⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 5 66 befriedigte Gefühl ohne Zweifel verſchwinden; die Deine unzufriedenheit entſteht, weil noch Etwas zu er⸗ warer reichen iſt; hat man Alles, muß die unzufriedenheit„ aufhoͤren.“ ich;, „Strahlender Geiſt,“ rief ich laut,„dem ich einer ſchon eine ſo große Wohlthat danke,„komm zu mir— nur warum haſt Du mich verlaſſen? Komm und mache wend Deine Gaben vollſtändig. Ich ſehe jetzt nur die Wunder„ der geheimen Theile der Welt— beruͤhre meine Au⸗ Eine gen, damit ich auch die urſache dieſer Wunder der ſehe. Ich bin von einer Luft voll Leben umgeben, aufſe laß mich in das Princip dieſes Lebens dringen. feſte Strahlender Geiſt, hilf Deinem Diener!“ Da ver⸗ die nahm ich die ſuͤße Stimme, welche in dem Feuer ben, geſprochen hatte— aber ich ſah nicht das Feuer Di ſelbſt. und die Stimme ſprach zu mir:— 3 Sin „Sohn der weiſen Koͤnige, ich bin hier!“ „Ich ſehe Dich nicht,“ ſagte ich.„Warum ver⸗ We birgſt Du Deinen Glanz?“ 3 erſe „Du ſiehſt die Hälfte, und eben dieſer Anblick verblendet Dich gegen das Ganze. Dieſer ueber⸗ pfa fluß und Strom des Lebens ergießt ſich von mir, als von ſeiner Quelle. Wer kann, wenn er den mittle⸗ ren Lauf des Fluſſes ſieht, auch deſſen fernen Quell jetz ſehen? An Dir, nicht an mir liegt die Schuld, daß 6 Du mich nicht bemerkſt. Ich bin noch, wie ich war, als ich mein Haupt zu Deinen Fußen beugte; aber ver⸗ blick eber⸗ als ttle⸗ Well daß war, aber 67 Deine Augen ſind nicht mehr, was ſie damals waren!“ „Seltſames verkuͤndeſt Du mir, o Geiſt,“ ſagte ich;„denn warum ſollten meine Augen, da ſie zu einer klareren Anſicht der Dinge zugelaſſen worden, nur allein ſich verdunkeln, wenn ſie ſich zu Dir wenden?“ „Fuͤhrt nicht alles Wiſſen, mit Ausnahme des Einen rechten Wiſſens, uns von der Entdeckung der erſten urſachen ab? Wie die Phantaſie ſich hoch aufſchwingen und neue Welten finden, aber doch die feſte Wahrheit verlieren mag, ſo magſt Du Dich in die Regionen einer uͤbernatuͤrlichen Wiſſenſchaft erhe⸗ ben, und doch von dem Leitfaden zur Natur ſelbſt Dich immer mehr ins Dunkel verirren.“ Ich ſann uͤber die Worte des Geiſtes, aber ihr Sinn ſchien unklar. „Kannſt Du mir nicht,“ ſagte ich nach einer Weile,„in Deinem alten, bleichen, wogenden Glanze erſcheinen?“ „Nicht, bis Deine Augen das Vermogen em⸗ pfangen, mich zu ſchauen.“ „Und kann ich dieſes Vermogens wuͤrdig werden?“ „Wenn Du entſchieden unzufrieden mit Deinen jetzigen Gaben biſt.“ „Erhabner Geiſt! das bin ich ſchon.“ „Willſt Du auf das Gerathewohl von dieſem an⸗ genehmen Zuſtande ſcheiden, ohne das zu kennen, 5* 68 was da folgen mag? Siehe, Alles um Dich iſt voll von Herrlichkeit und melodiſch in Luſt! Willſt Du dieſen Zuſtand gegen ein dunkles und gefahrvolles Unbekanntes vertauſchen?“ „Das Unbekannte iſt die Leidenſchaft Deſſen, der zu erkennen ſtrebt.“ „Beſinne Dichz denn es iſt eine furchtbare Wahl,“ ſagte der unſichtbare. „Mein Herz ſchlaͤgt ruhig. Kommz ich unter⸗ werfe mich der Buße meines Wunſches.“ „Deine Bitte iſt gewaͤhrt,“ ſagte der Geiſt. und in demſelben Augenblick ſchoß mir ein ſchnel⸗ ler, ſcharfer, tödtlicher Schmerz durch das Herz. Ich fuͤhlte, wie der Strom in meinen Adern ſtill ſtand, und zu einer ſtockenden Maſſe erſtarrte— meine Kehle roͤchelte, ich rang gegen den Druck einer ei⸗ ſernen Gewalt.— Ein ſchreckliches Gefuͤhl meiner eigenen Ohnmacht ergriff mich— die Muskeln ver⸗ ſagten dem Willen ihren Dienſt, meine Stimme war fort— ich war in der Gewalt einer Macht, welche in mich eingedrungen und ſich der Feſtung meines eignen Ichs angemaßt hatte. Dann kam ein Schauer des Fleiſches, ein tödtliches Gefuͤhl eiſiger Kälte, und zuletzt ſank eine Finſterniß, tief und dicht wie eine Felsmaſſe uͤber die ganze Erde— ich hatte den Tod beruͤhrt! Die Stimme des Damons weckte mich aus die⸗ ſem Zuſtande.„Erwache! Blicke auf! Du haſt meine er ei⸗ reiner er⸗ war velche eines auer und eine den die⸗ haſt 69 Deinen Willen! Ertrage die Buße!“ Die Finſter⸗ niß verzog ſich von der Erde; das Eis thaute von meinen Adern; die Sinne waren wieder meine Diener. Ich blickte um mich, und ſiehe, ich ſtand auf dem⸗ ſelben Flecke, aber wie war Alles veraͤndert! Die Erde war Eine blaue und kriechende Maſſe von Fäul⸗ nißz ihr reiches Gruͤn, ihre hohen Baͤume, ihre er⸗ habnen Berge, ihre blinkenden Waſſer waren nur eine Täuſchung meiner fruͤheren Blindheit geweſenz ſogar das Gruͤn des Graſes und der Bäume war Verweſung, und die Blätter(denn jedes Blatt war nicht, wie es dem gewoͤhnlichen Auge ſchien, Eins und unbelebt) waren aus Myriaden von Inſekten und winzigem Gewuͤrm zuſammengeſetzt, das ſich an der Verderbniß maͤſtete, aus der es entſprang. Das Waſſer wimmelte von einem ekelhaften Leben— die ſchoͤnen Geſtalten, welche ich in meinem letzten Wah⸗ ne geſehen, waren an vielen Stellen verweſt, und aus dieſer Verweſung entſtanden andere Geſchoͤpfe, die von jenen lebten. Jeder Athemzug Luft war nicht Luft, ein duͤnner, geſunder Strom, ſondern eine ſtinkende, giftige Welle voll Thierchen;(denn die Luft iſt die Hauptzerſtoͤrerin, weshalb Alles, was athmet, ſtirbt; ſie iſt das langſame, ſichere Gift der Natur, das Alles durchdringt und aufloͤſt) das Licht der Himmel war der krankhafte, widrige Glanz, der von dem allgemeinen Tod im Leben ausſtrahlte. Im 70 kleinſten Dinge, das ſich bewegte, ſah man die Zet⸗ ſtörung ſich durch die Adern bewegen, und die ihm unbewußte Aufloͤſung erzeugte neue Lebensgeſchlech⸗ ter! Die Welt war ein todter Koͤrper, aus wel⸗ chem Alles, was die Welt trug, ſein Daſein entnahm. Es gab keine Schonheit, es gab kein Leben, das nicht aus ſeiner eignen Verderbniß ein ekelhaftes Leben fuͤr Andere erzeugte! Ich blickte auf mich ſelbſt herab und ſah, daß meine Adern von einer ſtaubgleichen Welt von Weſen wimmelten, die aus meiner eignen Krankheit in ihr ſcheußliches Daſein uͤbergingen und die menſchliche Beſtimmung durch dieſelbe Laufbahn von Liebe, Leben und Tod ver⸗ höhnten. Ich dachte, es muſſe ein Zanber ſein, und dieſer Wechſel der Scene wuͤrde wieder wechſeln. Ich ſchloß die Augen mit wahnwitzigem Schauder, und ich floh ſchnell, ſchnell, aber blindlings, und ſo lang ich floh, tönte ein Lachen in meine Ohren, und ich ruhte nicht, als bis ich zu den Füßen Lyciah's war, denn ſie war mein erſter, unwillkuͤrlicher Ge⸗ danke. Wenn Furcht oder Sorge ſich meiner be⸗ mächtigt hatte, ſo pflegte ich immer an ihren Buſen zu fliehen, und mein Herz durch den Zauber ihrer ſuͤßen Stimme zu beſchwichtigen. Ich lag zu den Füßen Lyciah's,— ich umklammerte ihre Kniee— ich blickte flehend auf zu ihrem Antlitz— Gott meiner Väter! Derſelbe Fluch verfolgte mich noch immer! Ihre Schoͤnheit war dahin. Es war kein . Ganzes— nicht Ein Leben mehr in dieſem Weſen, das ich ſo angebetet hatte. Ihr Leben war aus ei⸗ ner Million Leben, ihre ſtattliche Geſtalt aus Ato⸗ men zuſammengeſetzt, die ſich auseinander broͤkelten und ſo den graͤßlichen Zuſtand der Verweſung ver⸗ breiteten, welcher uͤberall umher herrſchte.— Ihre zarten Farben— ihr ſchwarzes Haar, ihre duften⸗ den Lippen— Pah!— Wer, wer beſchreibt mei⸗ nen Todesſchmerz!— Ich wendete mich wieder von ihr ab— ich fuhr voll Abſcheu vor ihrer Umar⸗ mung zuruͤck— ich' floh von Neuem— weiter, im⸗ mer weiter. Ich erſtieg einen Berg und blickte her⸗ ab auf den mannigfachen Ausſatz der Erde. Trotzig zwang ich mich zu dem Verſuche; trotzig ſog ich das Wiſſen ein, das ich geſucht hatte; trotzig ſchluͤrfte ich die gräßliche Buße ein, welche ich herausge⸗ fordert. „Dämon,“ rief ich,„erſcheine und empfange mei⸗ nen Fluch!“ „Siehe!“ ſagte die Stimme,„ich bin ſtets zu Deiner Seite.“ Ich blickte um mich, und das Feuer war an meiner Seite; und ich ſah, daß es das blei⸗ che Licht war, welches der Mund der Verweſung aushaucht; und in der Mitte des Lichtes, welches gleichſam das Gewand und Grabtuch bildete, ſtand eine Rieſengeſtalt, welche die Geſtalt einer Leiche war, die ſchon vor Monaten begraben worden. Ich 34 blickte auf den Daͤmon mit erſchrockenem, aber nicht muthloſem Auge, und indem ich blickte, erkannte ich in dieſen grauenvollen Zuͤgen eine Aehnlichkeit mit dem weiblichen Geiſte, der mir die erſte verhaͤngniß⸗ volle Gabe gewährt hatte. Aber er war ausgereckt, erweitert, todt— die Schoͤnheit zur Gräßlichkeit verweſt. „Ich bin der, den Du von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht zu ſehen verlangteſt:— Ich bin das Prinzip des Lebens.“ „Des Lebens? Fort, ſchrecklicher Spötter! Haſt Du keinen andern Namen?“ „Ja! Und mein andrer Name iſt— Verwe⸗ ſung!“— „Strahlende Lichter des Himmels,“ rief ich, meine Augen voll Quat von der ekelhaften Knochen⸗ ſtätte der ganzen Erde erhebend,„und iſt es das, was die Menſchen Natur nennen, iſt das das ein⸗ zige Prinzip der Welt?“. Während ich ſprach, zitterte das gewaltige Ge⸗ rippe unter meinen Fuͤßen. und das Geſicht der Leiche neben mir überkam Furcht.— und ſiehe! Die Himmel erhellten ſich von einem reinen und herrli⸗ chen Lichte, und aus ihrer Mitte brach eine Stim⸗ me hervor, welche langſam über das Antlitz der Grabeserde hinrollte, wie die Stimme des Donners uͤber das Thal des Hirten. — — 8 8 S 5 55 S 2 582 8 8 S„ 2 S 8 8 3 — 8 — — 8— S S5 8 8 — — — — — — 8 — 8 — — Ueber die Leidenſchaft zu dem Univerſellen. Als ich noch jünger war, wie jetzt, war ich von jener Sucht nach dem Univerſellen ergriffen, die ſich vielleicht nicht ſelten bei den geſchmeidigen und leb⸗ haften Phantaſten findet, welche ſich leicht Alles deſ⸗ ſen, was ſie unternehmen, bemeiſtern und in der Arbeit daher nur einen Triumph ihrer Selbſtſchä⸗ tzung finden. Ich halte es fuͤr ausgemacht, daß der Geiſt in ſeiner hoͤchſten Vollkommenheit in kei⸗ ner in ſeinem Bereich liegenden Art des menſch⸗ lichen Wiſſens oder der Ausbildung ganz unwiſſend ſein darf, und daß auch der Koͤrper, da er ein Theil von uns, und noch dazu der hervortretendſte und ſichtbarſte Theil iſt, ebenfalls ein gebuͤhren⸗ des Recht auf ſorgſame Erziehung hat, denn wir ſind nicht ganz Seele. Der Körper ſollte in der —— 2 — — er e 75 That der Diener des Geiſtes ſein— aber vernach⸗ läſſigt oder verachtet man den Sklaven zu ſehr, ſo rebellirt er, und kann leicht ſelbſt der Tyrann wer⸗ den. Die Anſicht von dieſer geiſtigen und leiblichen Geſammtvervollkommnung iſt alt, denn auf ſie gruͤn⸗ det ſich der Charakter der alten Nationen und na⸗ mentlich Athens. Alcibiades und Perikles waren nur die Perſonificationen ihres vaterlaͤndiſchen Ge⸗ nius. Aber die Aufgabe, den Kreis des Wiſſens ab⸗ zuſchließen, war freilich vor zwei tauſend Jahren aus⸗ fuhrbarer, als jetzt: der Buͤcher waren wenig, die Spe⸗ culationen beſchrankt, die Gelehrſamkeit ergoß ſich in einem maͤchtigen Strome— aber nicht aus zahlrei⸗ chen Quellen. Alle Fruͤchte des Baumes der Er⸗ kenntniß waren dem Wanderer mehr zur Hand, und nicht, wie jetzt, in Myriaden Reiſern, über die Ober⸗ flaͤche der Welt zerſtreut. Wenn dies ihr Vortheil im Geiſtigen war, ſo eigneten ſich auch in der kör⸗ perlichen Erziehung das Leben, welches die Alten fuͤhrten, ihre von der traͤgen Apathie der neuern Zeiten ſo ganz abweichenden Sitten und Gewohn⸗ heiten vortrefflich dazu, alle Fähigkeiten zu vervoll⸗ kommnen und ſie mit allen Reizen zu begaben. Das Bad und das Gymnaſium, welches einen nothwendigen Theil ihrer Exiſtenz bildete, diente ohne eine Anſtrengung dazu, ſie zu verſchoͤnern und zu kräftigen. Ihre ganze Lebensweiſe brachte Schoͤn⸗ heit zu Wege. Dann trugen auch die Geſetze, wel⸗ 76 che in Athen ſich nur um das Volk drehten, welche eben ſo uͤber ihre Steuern und Miniſter, wie uͤber Verbeſſerungen in der Muſik oder Neuerungen im Theater zu beſtimmen, eine neue Statue zu genehmigen und die Zierrathen eines projectirten Tempels zu berathen hatten— dieſe trugen dazu bei, die Auf⸗ merkſamkeit des Volkes nicht bloß uber alle gemei⸗ nere Erforderniſſe, ſondern über alle erhabeneren Kuͤnſte und die Zierden des Lebens auszudehnen: man mußte ein Auge fuͤr die Grazie, ein Ohr fuͤr die Poeſie, einen Sinn fuͤr Schoͤnheit haben, um die täglichen Pflichten eines Buͤrgers erfullen zu koͤnnen. Das Volk wurde durch Alles zum Kritiker und zum fei⸗ nen Weltmann erhoben, weil es in Allem als Ge⸗ ſetzgeber und Schiedsrichter mitzuſprechen hatte.— Abſolute Freiheit erzeugt das Univerſalgenie. Die Regung und Gährung und erſtaunliche Thätigkeit dieſer alten Republiken trieb den Geiſt fort uͤber die Gränzen der Natur hinaus. Sogar aus ihrer Ver⸗ derbniß keimten goͤttliche Saaten hervor, und die Geſchoͤpfe, welche ſie erzeugte, waren Götter. Dieſe Gruͤnde zuſammengenommen gaben unſern alten Vorbildern jenen Charakter der Geſammtver⸗ vollkommnung, welche die Neueren, unter andern ge⸗ ſellſchaftlichen Bedingungen, nicht anders als unvoll⸗ ſtändig erreichen koͤnnen. Bei der groͤßeren und verwickelten Natur der Civiliſation iſt eine Theilung der Arbeit nothwendig e t 3 . 77 geworden, und da man nicht mehr zu kleinen Städ⸗ ten, ſondern zu uͤbervoͤlkerten Staaten gehort, ſo kann der Einzelne nicht mehr darauf Anſpruch ma⸗ chen, mit Erfolg den Dichter, Philoſophen, Kuͤnſtler und Kritiker in ſich zu vereinigen, das OHrakel des ei⸗ nen Geſchlechtes und das Idol des andern zu ſein*). Der wahre Charakter des Univerſellen iſt fuͤr immer dahin. Zum Gluͤck fuͤr uns weckt uns die Welt etwas fruͤh und etwas rauh von dieſem Ehrgeize, der, wenn zu lang gepflegt, fuͤr gewohnliche Zwecke zu weit abſchweift; und zum Gluͤcke gewoͤhnen wir, in⸗ dem wir bei Zeiten uns auf die Verfolgung Einer Laufbahn oder die Meiſterſchaft in Einer Kunſt be⸗ ſchränken, uns daran, nicht nach den goldenen Ae⸗ pfeln zu jagen, welche uns von unſrem Ziele ab⸗ locken. Bei alledem hat dieſe Leidenſchaft wenigſtens fur eine kurze Zeit ihre Vortheile, welche fuͤr unſer gan⸗ zes Leben nachwirken: wenn wir nicht in der Ju⸗ gend nach der Erreichung vieler Dinge ſtrebten, werden wir im ſpätern Alter kaum in einem einzi⸗ gen zur Vollkommenheit gelangen. In einem wei⸗ ten und gemiſchten Bereiche ſammeln wir den gro⸗ *) Prior ſagte artig genug zu Lord Bolingbroke, der von allen neuern Staatsmännern dem Charakter des Alcibiades am naͤchſten kam:„die Männer vereh⸗ ren, und die Frauen lieben Sie.“ 78 ßen Schatz von Gedanken und Bildern, von prakti⸗ ſchen Lebensanſichten, von Vergleichungen der man⸗ nigfachen Geſtalten der Wahrheit in Menſchen wie in Buͤchern, welche das einzelne und alleinige Stre⸗ ben, dem wir uns zuletzt widmen, foͤrdern, beſtarken und verſchoͤnern. Wir entgehen dadurch der Gefahr, Bureauma⸗ ſchinen zu werden, oder nur von Einer Idee zu zeh⸗ ren. Jede beſondere Forſchung, die wir verſucht ha⸗ ben, mag allerdings nicht mit der Tiefe getrieben werden, die zur Eroͤffnung einer eignen Mine erfor⸗ derlich iſt. Aber die breite Flaͤche, welche wir durch⸗ pfluͤgt haben, bietet uns eine ergiebige Erndte dar. Der thätige Geiſt erſtaunt, was er für Nutzen aus der geringſten Kenntniß zu ziehen vermag. Gibbon erzählt uns mit behaglicher Wichtigkeit, welchen Vor⸗ theil ihm in ſeinem unſterblichen Werke, bei den darin eroͤrterten Belagerungen und ſtrategiſchen Bewegungen daraus erwachſen ſei, daß er in der Miliz gedient habe! Ein noch größeres Beiſpiel von Anwendung der Ausbildung liefert Milton:— welche wunderbare Fuͤlle von aller Art von Kennt⸗ niſſen, von den ſcheinbar bunteſten und ungefuͤgigſten, hat er in ſeinem großen Gedicht niedergelegt. Es gibt aber vielleicht gar keinen großen Strom des Genius, der nicht durch tauſend zinsbare Ströme genährt würde. Milton iſt in der That ein erhabenes Bei⸗ ſpiel von dem Anſtreben nach dem univerſellen. Die⸗ 79 ſer ſtrenge Republikaner, der dem gewoͤhnlichen Auge in ſo duͤſtern und doch ſo erhabenen Farben entge⸗ gentritt, beſaß in ſeinen fruͤheren Richtungen Alles, wodurch ſich unſer Ideal von dem Ritter und Ka⸗ valier am meiſten auszeichnet. Niemand war in jener ſpätern Zeit durch Geiſt und Natur ſo ganz der in Allem vollkommne und vollendete Gentleman. Schoͤn von Perſon, gewandt von Benehmen, erfah⸗ ren in den ritterlichen Waffenuͤbungen, ein Meiſter in jeder mannhaften, wie in jeder ſanfteren Kunſt, erfahren in Muſik, in Geſang, in den Sprachen Europa's, der bewunderte Guͤnſtling der Frauen und Damen Italiens, die Sonne aller Augen,„welche Einfluß ſtrahlten und den Ausſchlag gaben,“ er, der erklärte Dante von England, war der Inbegriff un⸗ ſerer Traͤume vom Troubadour und die Verwirkli⸗ chung des phantaſiereichen Erichton. In ſeinem ſpä⸗ teren Leben finden wir den ſtolzen Patrioten, wie er mit patriziſchem Stolze zu allen Talenten, die er ſich erworben, zum Schwerte, wie zur Leyer greift, und wenn wir die Umriſſe der Erziehung aus⸗ fuͤhren koͤnnten, die er als nothwendig fuͤr Andere vorſchreibt, ſo wuͤrden wir keinen Grund mehr zur Klage haben, daß die Ausdehnung und Mannigfal⸗ tigkeit des Athenienſiſchen Genius verſchwunden ſei“). *) In ſeinem Briefe an Maſter Samuel Hartlik kann Milton in der That dem ehrgeizigſten der neuern 80 Allein dies Griechiſche Sehnen nach allem Wiſ⸗ ſen, nicht bloß nach dem, welches belehrt, ſondern Gelehrten bange machen. Nachdem er in ſeiner ſtattli⸗ chen Weiſe erklärt hat, daß er„die Erziehung voll⸗ kommen und ausgezeichnet erklaͤrt, welche einen Mann in Stand ſetzt, gerecht, geſchickt und hochherzig alle 6) Friedens⸗ und Kriegs⸗(¹) Aemter zu verſehen,“ ent⸗ wirft er eine allgemeine Ueberſicht von den rationellen Studien junger Leute zwiſchen zwoͤlf und ein und zwan⸗ zig Jahren in Grammatik, Arithmetik, Ackerbau, Na⸗ turgeſchichte, Geometrie, Aſtronomie, Geographie, Befe⸗ ſtigungskunde, Baukunſt, Mechanik, Schifffahrt, Ge⸗ ſchichte der Meteore, Mineralien, Pflanzen und leben⸗ den Geſchoͤpfe, in Bezug auf Anatomie und Heilkunde. Zu Allem dieſem muͤſſen„die nuͤtzlichen Erfahrungen von Jgern, Vogelſtellern, Schaͤfern, Gärtnern, Apo thekern, Architekten, Mechanikern, Bergleuten und Ana⸗ tomen“ zu Rathe gezogen werden. Und das Alles wird verlangt, ehe der Schuͤler zu„der laͤndlichen Abtheilung des Virgil“ uͤbergeht. Dann kommen Ethik, Theolo⸗ gie, Politik, Geſetze, wie ſie zuerſt von Moſes und„ſo weit man ſich auf menſchliche Einſicht verlaſſen kann, von Lykurgus, Solon, Zaleukus, Charondas gegeben wurden,“ und naͤchſtdem„alle Roͤmiſche Edicte und Tafeln, mit ihnen Juſtinian und ſo herab bis zu den Sächſiſchen und traditionellen Geſetzen von England und den Parlamentsacten“ Dem ſchließt ſich noch das Franzoſiſche, Italieniſche, Lateiniſche, Grie⸗ chiſche, Hebraͤiſche an,„dem man noch recht gut den Chaldaͤiſchen und Syriſchen Dialekt hinzufuͤgen könnte.“ So ausgeſtattet, ſollen die Zoͤglinge Dichter, Autoren, Redner werden; und ſtatt in Freiſtunden Kolben zu 1a rd ng o⸗ ſo n en nd u en ßt P n 81 auch nach dem, welches ſchmuckt, ſetzt uns unfehlbar, bei den gewoͤhnlichen Menſchen, zwei Vorwuͤrfen, dem der Oberflaͤchlichkeit und dem der Frivolität aus, gerade den Anklagen, welche wir am wenigſten ver⸗ dienen duͤrften. Vielleicht iſt Niemand in ſei⸗ nen Anſichten oberflaͤchlicher, als der, welcher ſich Einemund nur Einem 3weig des Wiſſens ergibtz vielleicht iſt Niemand we⸗ niger oberflaͤchlich, als wer die Umriſſe von vielen kennt. In der That kann der, welcher in der Lite⸗ ratur oder in der Staatskunſt nur Einer Richtung folgt, ſelten in derſelben eine Meiſterſchaft erlangen. Nur dadurch, daß wir unaufhoͤrlich Wahrheiten mit Wahrheiten vergleichen, gelangen wir zu richtigen und tiefen Schluſſen: je großer das Vereich der Ver⸗ gleiche, deſto groͤßer ſind unſre Folgerungen. Es gibt eine Erfahrung des Verſtandes, ſo gut wie der Beobachtung, welche nie durch ausſchließliche ſpielen,„ſich in den Anfangsgruͤnden des Soldatenſtan⸗ des, in der Kunſt der Schlachtordnung, des Marſchi⸗ rens, Lagerns, Befeſtigens, Belagerns und Beſchießens uben;“ worauf ſie nach den erſten paar Jahren, nach welchen, wie Milton ganz ernſt erklaͤrt, er nicht ſehr mehr auf ihr Studiren() draͤnge, Ausfluͤge auf unſre Flotte zu machen haͤtten, um ſich praktiſche Kenntniſſe von der Schifffahrt und dem Seegefechte zu erwerben. Wenn das Alles keine Univerſalgelehrte macht, ſo macht es doch gewiß hoͤchſt univerſelle Tölpel. Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 6 82² Vorliebe und beſchraͤnkte Gränzen gehoͤrig erzielt werden kann. Wir finden daher in allen den tiefſten Kennern des menſchlichen Herzens oder des menſchlichen Gei⸗ ſtes einen auffallend forſchluſtigen und mannigfalti⸗ gen Durſt nach allen großen und kleinern Zweigen des Wiſſens. Der Staatsmann, welcher den„Fuͤr⸗ ſten“ ſchrieb, ſchrieb auch Luſtſpiele und einen Roman, eine Abhandlung uͤber die Kriegskunſt, und Gedichte ohne Ende. Goethe war Botaniker, ſo wie Dichter und Philoſoph. Shakespeare ſcheint nach ſeinen reichen Anſpielungen,„welche mit bun⸗ ten Blumen ſeine goldenen Gedanken emailliren*),“ mit großem Fleiß Alles gelernt zu haben, was ſein Alter einem Mann erlaubte, der ſich ſelbſt unterrich⸗ tet, und nicht zeitig genug in den alten Sprachen oder den phyſiſchen Wiſſenſchaften gebildet wurde. Und doch hatte er ſelbſt von dieſen letzteren ſich etwas beigebracht. Man findet Metaphern bei ihm, welche den mechaniſchen Kuͤnſten des Lebens entlehnt ſind. Eine oberflaͤchliche Kenntniß von Al⸗ lem verhalf ihm zu ſeiner Tiefe. Nicht weniger univerſell, nicht weniger ausgebildet war Baco, den man den Shakespeare der Philoſophie nennen kann. Mit derſelben Feder, welche den Ariſtotelismus der *) Sir P. Sidney. 8³ Schulmaͤnner vernichtet, ſchreibt er einen Tractat uͤber die Geſetze, ein Heilmittel fuͤr die Gicht, die ueberſetzung eines Pſalmes und einen Verſuch uͤber Pflanzungen. Die Maͤnner hingegen, welche ſo aͤngſtlich die Oberflaͤchlichkeit vermeiden, welche nur Eine Quelle des Wiſſens ergruͤnden, und der Mei⸗ nung ſind, daß man, um auf deren Boden zu drin⸗ gen, ſich keine Zeit abmuͤßigen duͤrfe, um von an⸗ dern Quellen zu koſten, ſind gewoͤhnlich ſeichte und eigenſinnige Gruͤbler. Sie gehen um und um in einem engen Kreiſe und entdecken den Ausgang nicht. Ein Beiſpiel davon iſt der von Boyle erwaͤhnte Pe⸗ dant, der ſein ganzes Leben dem Studium eines einzigen Minerals gewidmet hatte, und dabei einge⸗ ſtand, er habe noch nicht den hundertſten Theil von deſſen Eigenſchaften ergruͤndet. Solche Leute ſind, nicht bloß oberflaͤchlich, ſie verdienen den Namen der wahrhaft Frivolen— ſie ſind zuletzt ſo mit ihrem Einem Streben verſchmolzen, daß deſſen geringſte und unbedeutendſte Details in ihren Augen Wich⸗ tigkeit erhalten. Sie bruͤten ewig uͤber dem Inſekte auf dem Einen Blatte des Baums der Erkenntniß: Gegenſtände, die groß ſind, koͤnnen ſie nicht ſehen — ſie verbringen mitten in der verſchwenderiſchen Welt ihr Leben damit, daß ſie den hundertſten Theil der Eigenſchaften eines Minerals unterſuchen! Kleine Geiſter halten oft irrig fuͤr Frivolitaten, was nur die Andeutung einer gewiſſen Verfeinerung 6* 84 iſt, welche den ganzen Charakter durchdringt und ihr Gepräge auf allen, ſo großen als kleinen Din⸗ gen zuruͤckläßt. Die meiſten ausgezeichneten Men⸗ ſchen haben Eine vorherrſchende, ſtark entwickelte Leidenſchaft des Geiſtes, welche ihre Richtung bis ins Kleinſte verfolgt. So zeigte ſich bei Goethe die eigene Liebe zur Ordnung oder Harmonie, welche ihn zum groͤßten literariſchen Kuͤnſtler machte, der je gelebt hat, auch in der Zierlichkeit ſeiner Handſchrift, in ſeiner Sorge fuͤr die gefällige Ord⸗ nung ſeiner Meubel und Papiere, in ſeinem Wider⸗ willen gegen einen Tintenfleck auf einem Manuſcripte. Alle dieſe Ruͤckſicht auf Kleinigkeiten war nicht Fri⸗ volität; es war ein Charakterzug, es gehoͤrte zum Kuͤnſtler: ohne dieſelbe haͤtte er nicht die Geiſtes⸗ richtung gehabt, welche ihn zu dem machte, was er war. Dieſelben Zuͤge, obwohl in geringerem Grade, finden wir bei Pope. Bei ihm ſprach ſich weniger die Liebe zur Ordnung, als zur Sauberkeit Einem Theil der Ordnung) aus. Bei den meiſten Dich⸗ tern iſt die Liebe zur Schönheit die ſtärkſte inteller⸗ tuelle Leidenſchaft, und dieſe zeigt ſich oft in der Eleganz des Hausweſens.***, den die Drappi⸗ rung eines Vorhangs ſchwer befriedigt, iſt darum nicht frivolz er offenbart nur denſelben Geſchmack, welcher ihm ſeinen Scharfblick bei Kunſtwerken ver⸗ leiht, und den glaͤnzenden Mechanismus ſeiner Verſe bis zu einem Uebermaß von Glätte abſchleift. de, ger m ich⸗ lec⸗ der pi⸗ um ck, er⸗ 8⁵ Aber dieſe Liebe zur Schoͤnheit in allen ihren Erſcheinungen iſt am ſtärkſten bei denen, die ihre Jugend mit dem Streben vollbracht haben, jede Fa⸗ higkeit zu uben und in jeder Richtung ſich hervor⸗ zuthun. Die Jünger des Univerſellen erlangen ei⸗ nen beinah unmittelbaren Inſtinct fuͤr die ungetrubte Harmonie der Dinge. Ihr fruͤhzeitiger Ehrgeiz ev⸗ offnet ihnen tauſend Quellen des Genuſſes. Wo etwas Ausgezeichnetes iſt, empfinden ſie das volle Entzucken der Bewunderung. Eine Landſchaft, ein Bild, eine Statue, eine Gemme, ein ſchoͤnes Pferd, einen Palaſt, die Beſitzungen Anderer, wenn ſie nur bewundert zu werden verdienen— das Alles macht ihr Sinn fuͤr den Genuß, ſo lange ſie es betrachten, zu ihrem Eigenthume; die Sympathie uberträgt es ihnen fuͤr den Augenblick und verdrängt den Neid. Wir ſchmeicheln uns Alle in unſern Lieblings⸗ neigungen, und was mich betrifft ſo mag ich mich uͤber die Natur der meinigen täuſchen; allein ich glaube, daß, wenn man das Schoͤne in allen Din⸗ gen liebt, und ſich, ſo weit es die Mittel erlauben, mit lauter Proben deſſelben umgibt, dies nicht nur die Gedanken erhebt, und den Geiſt harmoniſch ſtimmt, ſondern daß dies auch eine Art Huldigung iſt, welche wir den Gaben Gottes und den Arbeiten der Menſchen ſchuldig ſind. Schoͤnheit iſt die Prie⸗ ſterin des Wohlwollens. 86 * Trotzdem iſt die Sucht nach dem univerſellen weder klug noch ſicher, wenn wir nicht irgend Ein Studium vor den andern pflegen, und die uͤbrigen nur zu Dienern oder zur Folie deſſelben machen. Wenn wir ein wenig von Allem wiſſen, ſo koͤnnen wir darum nicht uͤber Alles ſchreiben; wenn wir aber die Richtung der Phantaſie oder des Denkens einſchlagen, fuͤr die wir uns am begabteſten halten, und wenn wir dieſe nun zu unſerm Hauptzwe⸗ cke nehmen, ſo wird alles Uebrige, was wir wiſſen, oder was uns ziert, das Ziel unſers Hauptſtrebens erweitern und in ein helleres Licht ſetzen. Es war weiſe von Milton, oder von Homer, daß ſie das Vorzuͤglichſte ihres vielſeitigen Wiſſens in ihren Ge⸗ dichten niederlegten, aber mit Recht hätte man ſie oberflaͤchlich genannt, wenn ſie beſondere Abhandlun⸗ gen uͤber jede Art von Kenntniſſen geſchrieben hät⸗ ten, welche ſie ſtudirt haben muͤſſen. Weit entfernt, uͤber die Laͤnge des Lebens zu klagen, ehre ich vielmehr die Freimuͤthigkeit des al⸗ ten Weiſen, welcher in ſeinem hundertſten Jahre er⸗ klärte, ſein einziger Kummer ſei, daß er ſo fruͤh ſterbe. Der Geiſt des Menſchen iſt ſo umfaſſend, ſeine Fähigkeiten ſind ſo mannigfach, der umfang der Beobachtungen, die ſeine Kräfte naͤhren und her⸗ vorlocken, ſo maßlos, daß, wenn wir auch von der Schoͤpfung der Welt bis jetzt gelebt hätten, wir doch nicht den millionſten Theil von dem haätten be⸗ 87 reichen koͤnnen, was wir bei der aͤußerſten Anſpan⸗ nung unſrer Fähigkeiten zu erfaſſen im Stande ſind. — Es gehoͤrt eine Ewigkeit dazu, alle Elemente der Seele zu entwickeln! Ferdinand Fitzroy,. oder: Ueherallzu ſchon. Meine liebe Freundin,“ ſagte ich neulich zu ei⸗ ner Mutter, welche ihre Beſorgniß ausſprach, ob auch ihr Sohn ſo huͤbſch werden wuͤrde, wie ſie— „glauben Sie mir, wenn Schönheit eine gefährliche Ausſtattung fuͤr Frauen iſt, ſo iſt ſie eine durchaus ſchädliche fuͤr Maͤnner.— Ein ſchoͤnes Geſicht iſt ein großes Hinderniß fuͤr einen jungen Mann, der ſich einer Facultät widmen will. Ein Advocat hat einen inſtinctartigen Widerwillen gegen einen Adonis von Anwalt. Welcher geſcheidte Mann wird gern einen Antinous zu ſeinem Hausarzte nehmen? Der Neid unſers Geſchlechts, das bei weitem eiferſuͤchti⸗ ger iſt, als das Ihrige, läßt keine Weisheit ohne eine Stuͤlpnaſe zu Als Apollo auf die Erde herab⸗ 89 ſtieg, konnte er keine beſſere Anſtellung, als die eines Schaͤfers, finden.“ „Pah!“ erwiederte meine ſchoͤne Freundin,„gibt es nicht ein treffliches Sprichwort, daß ein S Geſicht der beſte Empfehlungsbrief iſt?“ „Es iſt ein Bellerophonsbrief, Madame, u die Empfehlung iſt ein Verrath. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die Geſchichte von Herrn Ferdinand Fitz roy erzaͤhle?“— Herr Ferdinand Fitzroy war eines jener Muſter von Vollkommenheit, von denen menſchliche Aeltern nur Eines hervorbringen koͤnnen. Herr Ferdinand Fitzroy alſo war ein einziger Sohn. Vater und Mutter liebten ihn ſo erſtaunlich, daß ſie ihn zu Grunde zu richten beſchloſſen; er wurde demgemäß ungemein verzogen, nie durch den Anblick eines Bu⸗ ches geärgert und mit ſo viel Roſinenkuchen gefüt⸗ tert, als er nur eſſen konnte. Es wäre ein Gluͤck fuͤr Herrn Ferdinand Fitzroy geweſen, wenn er im⸗ mer haͤtte Roſinenkuchen eſſen und ein Kind bleiben koͤnnen.„Nimmer,“ ſagte der griechiſche Dichter, „nenne einen Sterblichen glucklich, ehe Du nicht ſei⸗ nem Ende beigewohnt haſt.“ Herr Ferdinand Fitzroy war ein ſchoͤner Menſch! Was fuͤr Augen! Und dies Haar— dieſe Zähne— dieſe Geſtalt— und dabei dies Benehmen und die unwiderſtehliche Ma⸗ nier, ſein Halstuch zu knuͤpfen! Als er beinah ſechzehn Jahr alt war, ſtellte ein ſauertöpfiſcher al⸗ 90 ter Oheim ſeinen Aeltern vor, daß es doch an der Zeit wäre, Herrn Ferdinand Fitzroy leſen und ſchrei⸗ ben lernen zu laſſen. Obwohl nicht ohne Schwie⸗ rigkeit, uͤberzeugte er ſie doch— denn er war außer⸗ ordentlich reich, und Reichthuͤmer ſind bei einem Oheim wunderbare Beweisgruͤnde in Bezug auf die Erziehung eines Neffen, dem ſeine Aeltern nichts hinterlaſſen koͤnnen. Unſer Held wurde alſo in die Schule geſchickt. Er war von Natur ein recht gu⸗ ter, offener Kpf, und machte daher uͤberraſchende Fortſchritte im Lernen. Die Frau Schullehrerin liebte huͤbſche Kinder.„Was fuͤr ein Genie wird der junge Ferdinand Fitzroy werden, wenn Du Dir Muͤhe mit ihm gibſt,“ ſagte ſie zu ihrem Manne. „Pah, mein Herz, es iſt unnuͤtz, ſich mit Dem Muͤhe zu geben.“ „und warum, Schatz?“ „Weil er viel zu huͤbſch iſt, um je ein Gelehrter zu werden.“ „Das iſt freilich wahr, Lieber!“ ſagte die Frau Schullehrerin. So blieb alſo Herr Ferdinand Fitzroy, weil er zu huͤbſch zu einem Gelehrten war, der Letzte in der vierten Claſſe! unſer Held wurde aus der Schule genommen.— „Welche Facultät ſoll er wählen?“ ſagte ſeine Mutter. au er er 9¹ „Der Lordkanzler,“ antwortete ſein Vater,„iſt mein leiblicher Couſin, er ſoll Juriſt werden.“ Der Lordkanzler ſpeiſte an demſelben Tage bei ihnen: Herr Ferdinand Fitzroy wurde ihm vorgeſtellt. Seine Herrlichkeit war ein kleiner Mann mit einem groben Geſichte, harten Zuͤgen, finſtern Augenbrauen, der Schoͤnheit und Albernheit fuͤr ſynonym hielt, und ſich das Geſicht eines Rechtsgelehrten nicht ohne eine Pergamenthaut denken konnte. „Was,“ rief er,„ihn zum Juriſten machen! Nein, nein, das geht nimmermehr. Schicken Sie ihn zur Armee; er iſt viel zu huͤbſch zu einem Ad⸗ vokaten.“ „Das iſt freilich wahr, Mylord!“ ſagte die Mut⸗ ter. Sie kauften daher Herrn Ferdinand Fitzroy eine Cornetſtelle im*** Dragonerregiment. Man lernt nichts durch Inſpiration. Herr Fer⸗ dinand Fitzroy hatte auf der Schule nie geritten, außer auf einem Mitſchuͤler, um gepeitſcht zu wer⸗ den, und war daher ein ſehr mittelmäßiger Reiter. Er wurde in die Reitſchule geſchickt und von Jeder⸗ mann ausgelacht. „Das iſt ein verdammter Toͤlpel!“ ſagte Cornet Roßkopf, der ſehr haͤßlich war.„Eine ſchauderhafte Puppe!“ ſagte der noch häßlichere Lieutenant St. Squintam.„Wenn er nicht beſſer reitet, ſo wird er dem Regimente Schande machen,“ bemerkte Ca⸗ pitain Neidhart, der ein Mann von ſehr gutem 92 Ausſehn war.„Wenn er nicht beſſer reitet, ſo muͤſ⸗ ſen wir mit ihm brechen!“ ſagte der Oberſt Kamaſch, der ein furchtbarer Tyrann in der Disciplin war, und zugleich rief er dem Bereiter zu:„He! Herr Schlag⸗ zu, machen Sie doch, daß der junge Herr nicht wie ein Muͤhlſack ſitzt!“ „Pah, Sir, Der wird nie beſſer reiten lernen.“ „Wahrhaftig, Oberſt, er iſt viel zu huͤbſch für einen Cavalerieoffizier.“ „Allerdings!“ fugte Cornet Roßkopf hinzu. „Sehr wahr!“ ſagte Lieutenant St. Squintam. „Wir muͤſſen mit ihm brechen!“ erklärte der Oberſt. und ſo zog ſich Alles von Herrn Ferdinand Fitz⸗ roy zuruͤck. unſer Held war empfindlich; er verließ das*** Regiment und forderte den Oberſten. Der Oberſte wurde getoͤdtet! „Wie ungebuͤhrlich hat ſich Herr Ferdinand Fitz⸗ roy benommen!“ ſagten die Verwandten des Oberſten. „Gewiß!“ ſagte die Welt. Die Aeltern waren in Verzweiflung!— Sie waren nicht reich; aber unſer Held war der einzige Sohn, und ſie zapften den alten muͤrriſchen Onkel gehorig an. „Er iſt ſo artig,“ ſagten ſie,„und wird ſich noch machen.“ Sie borgten daher dem Onkel ein paar tauſend ie ge el Pfund ab und kauſten ſeinem ſchoͤnen Neffen einen Sitz im Parlamente. Herr Ferdinand Fitzroy war und wuͤnſchte ſeinen Charakter wieder zu heben. Er plagte ſich wie ein Pferd— verarbeitete Broſchuͤren und Re⸗ views— lernte Ricardo auswendig— und machte Anmerkungen zur engliſchen Conſtitution. Er erhob ſich, um eine Rede zu halten. „Was fuͤr ein huͤbſcher Menſch!“ fluͤſterte ein Mitglied. „Ein Geck!“ ſagte ein anderes. „Da wird nie ein Redner draus!“ ſaste ein drit⸗ tes ſehr hoͤrbar. und die Herren auf den Bänken gegenuͤber lach⸗ ten hoͤhniſch und riefen ihr: Hört!— unverſchämt⸗ heit iſt nur in Irland zu Hauſe, und man wird nicht gleich an Einem Tage ein Redner. Durch die⸗ ſen Empfang entmuthigt, wurde Herr Ferdinand Fitzroy etwas verlegen. „Ich ſagte es ja!“ ſagte einer ſeiner Nachbarn. „Complett geſcheitert!“ ſagte ein anderer. „Er hält zu viel auf ſeine Haare, als daß er Etwas darunter haben könnte,“ ſagte ein Dritter, der fuͤr einen Witzling galt. „Hoͤrt! hoͤrt!“ riefen die Herren von den Bänken gegenuͤber. Herr Ferdinand Fitzroy ſetzte ſich nieder— er hatte eben nicht geglänzt, war aber doch, die Wahr⸗ 94 heit zu ſagen, nicht durchgefallen. Mancher Redner vom erſten Rang hatte matter angefangen, und manches Mitglied fuͤr eine Grafſchaft hatte man mit der Haͤlfte ſeines Verdienſtes als einen kuͤnftigen Phonix ausgeſchrieen. Aber ſo dachten die Helden der Korngeſetze nicht. „Aus allen ſolchen Adoniſſen werden nie Redner werden!“ ſagte ein beruͤhmter Deputirter mit einer verzerrten Raſe. „Und Geſchaͤftsleute auch nicht,“ fuͤgte der Prä⸗ ſident eines Comittes hinzu, der ein Geſicht wie ein Kaͤnguru hatte. „Der arme Teufel!“ ſagte der Hoͤflichſte von der Clique.„Er iſt ein gut Theil zu huͤbſch fuͤr die Arbeit. Bei Gott, er will wieder das Wort neh⸗ men. Das geht nimmermehr; wir muͤſſen ihn zum Schweigen huſten.“ Und es wurde gehuſtet, bis Herr Ferdinand Fitz⸗ roy ſich wieder niederſetzte. unſer Held war jetzt ſieben bis achtundzwanzig Jahre alt, ſchoͤner als je und wurde von allen jun⸗ gen Damen auf den Almaks bewundert. „Wir koͤnnen Dir Nichts hinterlaſſen,“ ſagten ſeine Aeltern, die laͤngſt ihr Vermoͤgen verbraucht hatten, und jetzt von dem Credit lebten, den ihnen dieſer ehemalige Beſitz verſchaffte.„Du biſt der ſchoͤnſte Mann von London, und mußt eine Erbin heirathen.“ an, verwarf ihn aber auch nicht, ſondern ließ ihm 95 „Gern,“ antwortete Herr Ferdinand Fitzroy. Miß Helene Convolvulus war eine reizende junge Dame mit einer Haſenſcharte und ſechstauſend Pfund jährlich. Dieſer Miß Helene Convolvulus brachte unſer Held ſeine Huldigungen dar. Himmel! Welchen Laͤrm ſtellten ihre Verwandte deshalb an.„Man ſieht ja ſeine Abſichten,“ ſagte der Eine:„ein huͤbſcher Gluͤcksjager, der ſo viel Nutzen als moͤglich aus ſeiner Perſoͤnlichkeit zu zie⸗ hen ſucht!“—„Schoͤn iſt, wer ſchoͤn handelt,“ ſagte ein Andrer;„er iſt aus der Armee ausgeſtoßen worden und hat ſeinen Oberſten umgebracht!“— „Heirathen Sie ja keine Schoͤnheit,“ ſagte ein Drit⸗ ter.„Er kann nur ſich bewundern.“—„Er wird ſo viel Geliebten haben,“ bemerkte ein Vierter.— „Er wird Sie immer eiferſuͤchtig machen,“ erklaͤrte ein Fuͤnfter;—„Ihr Vermoͤgen durchbringen,“ ſagte der Sechſte;—„und Ihnen das Herz brechen,“ ſchloß der Siebente. Miß Helene Convolvulus war klug und vorſich⸗ tig. Sie ſah, daß viel Wahres an dem war, was man ihr ſagte, und fand ſich gut genug in Freiheit und ſechstauſend Pfund jährlich, daß ſie nicht gar zu gierig nach einem Manne war. Unſre Heldin hatte jedoch keine Abneigung gegen einen Liebhaber, veſonders wenn er ſo huͤbſch war, wie Herr Ferdi⸗ nand Fitzroy. Darum nahm ſie ihn gerade nicht 96 Hoffnung, und erlaubte ihm, im Vertrauen, daß er bald Herr Fitzroy Convolvulus werden wuͤrde, ſich bei ſeinem Schneider und Wagenmacher in Schulden zu ſtecken. So verging die Zeit, ohne daß es je an Entſchuldigungen und Ausfluͤchten fehlte; aber unſer Held war ſanguiniſcher Natur, und ſeine Aeltern nicht weniger. Ein Fruͤhſtuͤck in Chiswick und ein Faulfieber rafften Vater und Mutter in einem Zwi⸗ ſchenraum von einer Woche fort, nachdem ſie Herrn Ferdinand Fitzroy vorher geſegnet und ſich an dem Gedanken erquickt hatten, daß ſie ihn ſo gut ver⸗ ſorgt zurucktießen. unſer Held hing alſo jetzt einzig und allein von dem alten verdienſtlichen Oheim und von Miß Helene Convolvulus abz— der erſtere war, obwohl Baro⸗ net und Satyriker, doch dabei Bankier und Ge⸗ ſchäftsmann:— er blickte hoͤchſt mißfaͤllig auf die Apollolocken und die weißen Zähne des Herrn Fer⸗ dinand Fitzroy. „Wenn ich Dich zum Erben einſetzen ſoll,“ ſagte er,„ſo erwarte ich, das Du das Bankiergeſchäft fortſetzen wirſt.“ „Gewiß,“ ſagte der Neffe. „Hm!“ brummte der Onkel,„ein ſauberer Burſche fuͤr einen Bankier!“ Die Glaäubiger draͤngten Herrn Ferdinand Fitzroy, und Herr Ferdinand Fitzroy drängte Miß Helene Con⸗ volvulus.„Es iſt zu gefährlich,“ ſagte ſie ſchuͤchtern, ſche oy, on⸗ rn, „einen ſo allgemein bewunderten Mann zu heirathen. 97 Werden Sie auch immer treu ſein?“ „Beim Himmel!“ rief der Liebhaber— „Ach!“ ſeufzte Miß Helene Convolvulus, und da eben Lord Rufus Pumilion eintrat, ſo nahm das Geſpräch eine andere Richtung. Endlich wurde der Hochzeittag feſtgeſetzt, und Herr Ferdinand Fitzroy kaufte ſich einen neuen Wa⸗ gen. Beim Apollo, wie ſchon ſah er darin aus! Einen Monat vor der Trauung ſtarb der Onkel. Miß Helene Convolvulus ward ganz zärtlich in ih⸗ ren Beileidsbezeigungen.„Sein Sie heiter, Ferdi⸗ nand,“ ſagte ſie,„um Ihretwillen habe ich Lord Rufus Pumilion den Abſchied gegeben!“—„Himm⸗ liſche Guͤte!“ rief unſer Held;„aber Lord Rufus Pumilion hat nur vier Fuß zwei Zoll und Haare wie eine Pfingſtroſe.“ „Es kann nicht Jeder ſo huͤbſch ſein, wie Herr Ferdinand Fitzroy,“ war die Antwort. unſer Held entfernte ſich, um bei der Eroͤffnung des Teſtaments ſeines Oheims zugegen zu ſein. „Ich vermache,“ ſagte der Erblaſſer, der, wie ſchon erwahnt, ein Stuͤck Satyriker war,„mei⸗ nen Antheil an dem Bankiergeſchäft und mein gan⸗ zes Vermoͤgen mit Ausnahme der Legate, an—“ Herr Ferdinand Fitzroy zog ſein prächtig geſticktes, batiſtenes Taſchentuch heraus und trocknete ſich die Vulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 5 98 * ſchoͤnen Augen—„an meinen natuͤrlichen Sohn, John Spriggs, einen fleißigen, arbeitſamen Juͤng⸗ ling, welcher dem Geſchäft Ehre machen wird. Ich hatte einmal die Abſicht, meinen Neffen Ferdinand zum Erben einzuſetzen, aber ein ſolcher Lockenkopf kann kein Talent fuͤr Rechnungen haben. Ich ver⸗ lange von meinem Nachfolger Geſchäftskenntniß, und nicht Schoͤnheit; Herr Ferdinand Fitzroy iſt viel zu huͤbſch zu einem Bankier; ſein ſchones Geſicht wird ihm ohne Zweifel eine Erbin in der Stadt verſchaf⸗ fen. Einſtweilen vermache ich ihm zur Anſchaffung einer Toilette ein tauſend Pfund.“ „Tauſend Teufel!“ ſchrie Herr Ferdinand Fitz⸗ roy, aus dem Zimmer ſtuͤrzend. Er flog zu ſeiner Geliebten. Sie war nicht zu Hauſe.„Luͤgen,“ ſagt das Italieniſche Sprichwort,„haben kurze Beine,“ aber boͤſe Wahrheiten haben ſie deſto länger! Ta⸗ ges darauf erhielt Herr Ferdinand Fitzroy einen ſehr artigen Abſagebrief. „Ich wuͤnſche Ihnen alles moͤgliche Gluͤck,“ ſagte Miß Helene Convolvulus am Schluß,„aber meine Freunde haben Recht; Sie ſind viel zu huͤbſch fuͤr einen Ehemann!“ Eine Woche ſpaͤter wurde Miß Helene Convol⸗ vulus Lady Rufus Pumilion! „Ach, Herr,“ ſagte der Gerichtsvollzieher, als er ein paar Tage nach Aufloͤſung des Parlaments 99 hw mit Herrn Ferdinand Fitzroy in einem Miethwagen 3 nach Kings Bench rollte—„ach, wie traurig iſt 5 d. es, daß man einen ſo huͤbſchen Herrn in das Ge⸗ faͤngniß fuͤhren muß!“ ver⸗ und z vird— haf⸗ ung Fis⸗„ iner ſagt ne,“ Ta⸗ ſehr agte eine 8 . wol⸗ als ents 7* Der neue Phaͤdon, oder: Geſpraͤche uͤber menſchliche und goͤttliche Dinge, mit einem Todkranken. N odn oh) soruv ärrcslnen o dho nod 105 Jardrov; zc c6 kreſeöra; 1066 cc0 d dxobotelt Plat. Phaed. I. Sch war immer ein Freund der alten Form des Dialoges; allerdings nicht ſowohl um die Wahrheit zu erforſchen, als vielmehr auf eine faßliche und doch nicht unkritiſche oder uͤbereilte Weiſe von Wahr⸗ heiten zu ſprechen. ungezwungener, als die gewöhn⸗ riche Abhandlung, mehr gehoben durch das Anzie⸗ hende des individuellen Charakters, wird der Dialog auch durch die glänzenden Muſter des Alterthums ge, 0 re; heit und ahr⸗ hn⸗ zie⸗ alog ums 101 verhindert, die Gattung, zu der er gehoͤrt, mit verbrauchten und unedlen Erinnerungen in Verbin⸗ dung zu bringen. Vielleicht laͤßt ſich nach der leich⸗ teren und weniger ſtrengen Philoſophie eine zugleich dramatiſche und unpedantiſche Form des Ausdrucks geben. Ich habe kuͤrzlich mit einem Manne, dem ich lange einen eigenen, originellen Charakter zuge⸗ ſchrieben habe, einige unterredungen gehabt, die mir nicht ganz unintereſſant ſcheinen. Sie haben natuͤr⸗ lich keinen feſten Charakter, umfaſſen mannigfal⸗ tige Gegenſtäͤnde, und tragen nur das Gepraͤge und die Individualität der poetiſchen und halb phan⸗ taſtiſchen Philoſophie, welche meinem Freunde eigen⸗ thuͤmlich iſt, und jenes truͤben Colorits, wie es ſich fuͤr ein Bild paßt, deſſen Hintergrund der Tod aus⸗ fullt. Sollten ſie in ihrer Diction bald zu bluͤhend, bald zu nachläſſig ſcheinen, ſo kann ich nur bemer⸗ ken, daß ſie getreu den Ton der Unterhaltung wie⸗ dergeben, der in aufgeregten Momenten die Charak⸗ teriſtik des Hauptſprechers bildet. Ich wollte, ich konnte, waͤhrend ich die todten Worte nacherzähle, dem Leſer auch den Anblick, den Ausdruck, das Lä⸗ cheln, den leiſen und muſikaliſchen Accent verſinnli⸗ chen, der ihrer Bedeutung erſt ihren ganzen Reiz verlieh. Sie wären gar nicht an das Licht gekom⸗ men, wäre mein Freund nicht uͤberzeugt, daß das Siegel auf die Grenze ſeiner Tage gedruͤckt iſt, und raubte ſein Aeußeres mir nicht zu klar jede Hoff⸗ 102 nung, daß er noch mehrere Monate uͤberleben könnte. Was auch die Fähigkeiten, die Bildung und das Streben ſeines Geiſtes ſind, ihm iſt jedes reife und dauerhafte Erzeugniß verſagt. Dieſe fluͤchtigen Pro⸗ ben von Allem, was er gelernt, gedacht und gefuͤhlt hat, werden, wenn wir menſchliche Wahrſcheinlich⸗ keiten richtig erkennen, die einzige Urkunde ſein, die er nachlaſſen wirdz kein Denkmal— aber doch einige auf ſein Grab geſtreute Blaͤtter. Es macht mir Schmerz, dieſe Worte niederzuſchreiben. Ob er ihn theilen wird?— Nein, oder er hat ſich ſelbſt ver⸗ kannt. Er blickt aus der kleinen Herberge der Sterb⸗ lichkeit und träͤumt von der langen bevorſtehenden Sommerreiſe; er grämt ſich heut nicht, daß er mor⸗ gen abreiſen muß. Am vorigen Sonnabend, den 13ten November, ritt ich nach L—s Wohnung, die einige Meilen von meinem Hauſe entfernt iſt. Der Tag war ziem⸗ lich kalt, aber trotz dem fand ich ihn, wie er bei offenen Fenſtern einen alten Liebling in Geſtalt eines Eichhoͤrnchens fuͤtterte, das fruͤher ein zahmer Ge⸗ ſellſchafter geweſen war. L— hatte es, als er dieſe Wohnung bezog, freigelaſſen, allein es kam immer jeden Tag aus dem kleinen Gehölze den Fenſtern gegenüber, um ſeinen fruͤhern Herrn zu ſehen und ſich irgend einen Beweis der Erinnerung von ſeiner mildthätigen Gaſtfreundſchaft zu holen. te. as nd ro⸗ hlt die ige nir hn er⸗ rb⸗ en or⸗ er, en bei es ze⸗ eſe er rn nd Erſte Unterredung. Die Univerſalitat des Boͤſen in der Welt.— Iſt eben ſo ſichtbar in den geringeren Geſchöpfen, als im Menſchen.— Die Poffnung auf Perfectibilität.— Veraͤnderung in L—*6 Temperament.— Was ange⸗ nehm in der Erinnerung iſt, iſt oft läſtig, ſo lange es geſchieht.— Liebe.— Der Einfluß der Gewohnheit auf den Eheſtand.— Die Geſellſchaft macht Anforde⸗ rungen im Verhaͤltniß, wie ſie bereit zur Bewunderung iſt.— L—s Traurigkeit.— Unterſchied zwiſchen Witz und Humor.— Luſt an Beweisfuͤhrung in Ge⸗ ſpraͤchsform, nicht mehr ſo obherrſchend als fruͤher.— Unſere Unfaͤhigkeit, uns die Natur unſerer kuͤnftigen Seligkeit vorzuſtellen.— Anekdote von Fuͤſeli.— Plato.— Citat von Lord Herbert von Cherbury.— Das Gefuͤhl, daß unſere Faͤhigkeiten ſich bei Geiſtes⸗ werken nicht mit dieſer ſichtbaren Welt genuͤgen kon⸗ nen.— Dieſes Gefuͤhl haͤufiger in den Engliſchen Dichtern, als in denen des Continents.— Die Gei⸗ ſtigkeit des Goethiſchen Genius.— Bemerkung uͤber Wilhelm Meiſter.— Scotts Dichtungen groͤßer als ſeine Proſa.— Der Maler Blake und ſeine Zeich⸗ nungen zu den Nachtgedanken.— Young.— Seine Duͤſterkeit verbreitet ſich nur uͤber dieſe Welt, ohne die andere zu verdunkeln. „B alle dem,“ ſagte L—,„fuͤhrt doch, obgleich die einfache und kurze Geſchichte des Armen oft elend 104 genug iſt, kein Bauer ein ſo erbärmliches Leben, als die weniger edlen Geſchoͤpfe, die wir uns manchmal verſucht fuhlen, fuͤr phyſiſch gluͤcklicher zu halten. Bemerken Sie, wie unbehaglich dies arme Thier ſich umſieht. Es iſt in ewiger Angſt vor einer großen Angorakatze, die meine Wirthſchafterin fuͤr den Haus⸗ dienſt nothwendig hält, und die ſchon zweimal mei⸗ nen zaghaften kleinen Klausner beinah aufgefreſſen hätte. In einer wie langen Reihe von Geſchöpfen beſteht die Exiſtenz nur aus Einem vorherrſchenden Gefuͤhle der martervollſten aller Empfindungen— der Furcht! Nein, das menſchliche Leben iſt al⸗ lerdings im beſten Falle nur ein Bild in Rembrandt⸗ ſcher Manier, aber wir haben doch nicht Grund, an⸗ zunehmen, daß in der thieriſchen Welt die Farben glänzender aufgetragen ſind. Die Fiſche werden durch Eingeweidewuͤrmer verzehrt; die Vögel ſind immerwährenden, oft ſehr ſchmerzlichen Krankheiten unterworfen. Betrachten Sie vieſen Ameiſenhaufen — welch traurige Verſpottung unſres Geſchlechts— was fuͤr ewige Kriege zwiſchen einem Haufen und einem andern— welch unrecht, welche Gewaltthä⸗ tigkeit! Sie wiſſen, daß die rothen Ameiſen das Lager der ſchwarzen angreifen und die Jungen die⸗ ſer kleinen Neger entfuͤhren, damit ſie die Sklaven ihrer Sieger werden. Wenn ich in der ganzen Na⸗ tur daſſelbe Elend, dieſelben boͤſen Leidenſchaften ſehe, deren Wirkungen bei uns Verbrechen ſind, ——————— 105 deren urſache aber bei den Thieren Inſtinct iſt, ſo geſtehe ich, daß ich zuweilen an unſrer Endbeſtim⸗ mung in dieſer Welt verzage, daß ich mich faſt ver⸗ ſucht fuhle, die edelſte irdiſche Hoffnung, welche ſich je der Menſch machte, und welche nur das Erzeug⸗ niß der neuern Zeiten iſt— die Hoffnung auf menſch⸗ liche Perfectibilität aufzugeben.“ A. So haben Sie ſich alſo zu der beredten Be⸗ thoͤrtheit Condorcet's und der Stasl hingeneigt! Sie haben alſo trotz der zahlloſen Jahre vor uns, in welchen die großen Reihenfolgen der Menſchenge⸗ ſchlechter durch den Perſiſchen Inbegriff der Weltge⸗ ſchichte:„Sie wurden geboren, waren elend und ſtarben“ aufgezeichnet werden— trotz einer ſo lan⸗ gen, gleichfoͤrmigen, truben Erfahrung, trotz unſrer phyſiſchen Bildung, welche den Körper ſelbſt des Geſuͤndeſten und Staͤrkſten ſo vielen Leiden und da⸗ durch die Gemüthsſtimmungen ſo vielen Schwach⸗ heiten unterwirft— trotz alledem haben Sie ge⸗ glaubt, daß wir die Vergangenheit Luͤgen ſtrafen, die Huͤlle der Verbrechen abwerfen, in das volle Licht des Wiſſens gleiten, und gleich Engeln vor den Au⸗ gen Gottes werden koͤnnten,— mit Einem Worte, Sie haben geglaubt, daß wir ſchon auf dieſer Erde beim Fortſchreiten in der Weisheit zur Vollkommen⸗ heit gelangen duͤrften. L. Spricht nicht die Zeit dafuͤr, in der wir 106 leben? Blicken Sie umher; kein lebloſer Gegenſtand, kein Holzblock, kein eiſerner Bolzen, „Der nicht einen ird'ſchen Wechſel muß In etwas Seltſames und Reiches dulden. Sehen Sie nur, wie der Menſch uͤberall triumphirt, wohin er nur ſeinen Geiſt richtet. Welche erſtaun⸗ liche Verbeſſerungen in jeder Kunſt, jedem Schmuck, jedem Lurus des Lebens! Warum ſollten nicht am Ende dieſe Verbeſſerungen im Leben ſelbſt eintreten? Sind wir„des Teufels Erzthoren,“ daß wir Alles beſſern koͤnnen, nur das nicht, was allein uns in Stand ſetzt, unſern Sieg zu genießen— das menſchliche Herz? umſonſt erfaſſen wir Alles außer uns, wenn wir nicht uͤber das Innere gebie⸗ ten koͤnnen. Nein! Die Inſtitutionen reifen zu lichtern Formen; mit den Inſtitutionen wird der Charakter ſich ausdehnen, aus den morſchen Schran⸗ ken unſrer Schwächen und Laſter herausſchwellen, und wenn es uns auch nicht beſchieden iſt, jemals vollkommen zu werden, ſo werden wir doch ewig wenigſtens uns der Perfectibilität nähern. Die Welt hat zwei Heilande gehabt— einen göͤttlichen und einen menſchlichen; der erſte war der Gruͤnder unſe⸗ rer Religion, der zweite der Verbreiter unſres Wiſſens. Der zweite— und ich ſage damit nichts Profanes, denn er dient dem erſten— iſt die Ge⸗ walt der Preſſe. Durch ihn, den Vater aller heil⸗ ſamen Revolutionen, den urheber aller dauernden 107 Reformen, durch ihn wird der Menſch verwirklichen, was der Erſte geboten— das Reich des Friedens, und den Verband der Liebe durch die große Heerde der Menſchheit. A. unſer Geſpraͤch iſt auf einen ernſtern Ge⸗ genſtand, als gewoͤhnlich gefallenz aber dieſe Zeiten geben Menſchen, welche denken, und noch nicht zum Handeln berufen worden ſind, gleichſam einen 2 prophetiſchen feierlichen Anſtrich. Mir iſt, als ob 5 ich hinter einem vor einer andern, unbekannten n Welt gezogenen Vorhang ſtaͤnde, und geſpannt, aber . 8 doch in heiliger Scheu, die Hand erwartete, welche ihn wegreißen ſoll. e⸗ L. Ja, ich beneide Sie zuweilen, aber nicht im⸗ u mer, um die lange und glaͤnzende Laufbahn, welche er zum erſtenmale in der Welt, dem Ehrgeiz eines * weiſen Mannes eroͤffnet iſt; Ihnen kann es gelingen, n ſie zu betreten; Sie beſitzen Eifer und Thätigkeit; [8 und Sie moͤgen nun fallen oder ſteigen, ſo werden 8 Sie wenigſtens den Schritt vorwärts verſuchen. Ich lt aber bin ein gefeſſelter Vogel, und im Augenblick, d wo meine Kette bricht, geht auch mein Weg him⸗ ⸗ melwaͤrts und iſt nicht mehr fuͤr die Erde beſtimmt. 8 Gibt es wohl einen beſſern Prediger uͤber die menſch⸗ 6 lichen Eitelkeiten, als das Fleiſch, das doch ihr ur⸗ ⸗ heber iſt? Vor zwei Jahren waren meine Glieder ⸗ kräftig, mein Blut leicht— wie grenzenlos war mein Ehrgeiz! Jetzt iſt meine Geſundheit dahin, und 108 mit ihr ſterben meine Wuͤnſche nach Ruhm. Sie und ich, An, wir ſind zugleich zur Welt gekommen— A. Ja, aber mit wie verſchiedenen Tempera⸗ menten! L. Allerdings; Sie waren weniger veraͤnderlich, zuruͤckhaltender, und beſaßen einen gruͤndlicheren Ehrgeiz als ich; Ihre Gemuͤthsſtimmung war mehr feierlich, die meinige mehr heftig: das Leben hat unſre Anlagen verwechſelt, weil es unſre Koͤr⸗ per umgewandelt hat. Was fuͤr eine froͤhliche Zeit war unſer erſtes Jahr der Freiheit und des Vergnu⸗ gens! Aber wie ſchaal iſt der Trank, wenn der Schaum vom Glaſe verfliegt; die Geſellſchaft wird nur zur droͤhnenden Cymbel und zur Bildergallerie, ſobald wir entdecken, daß es ihr an Liebe fehlt. Was macht uns ſo weiſe, als unſre Thorheiten? Die Intriguen, die Liebſchaften, welche, während ſie im Gange ſind, uns entwuͤrdigen, belehren uns, wenn ſie voruͤber ſind. Wir ſind gleichſam durch die Verfolgung eines ſchimmernden Inſects zum Gipfel eines Berges gefuͤhrt worden, und ſehen das Land des Lebens vor uns ausgebreitet. A. Sollen wir aber nicht mit Boileau ausrufen: Souvent de tous nos maux la raison est la plus pire? Dieſe Taͤuſchungen ſind angenehm.— L. In der Erinnerung— aber ſo lange wir uns ihnen hingaben, waren ſie läſtig und unvortheil⸗ 169 hafe; in das Spiel mit Frauen läßt man ſich mit vielfachen Nachtheilen ein, wenn man ein Herz mit in den Wettſtreit bringt: wie tief wird man ver⸗ wundet, wenn man mit Marmontel's Alcibiades ent⸗ deckt, daß man nicht wirklich geliebt werde, und wie bitter mag man es bereuen, wenn man wirk⸗ uch geliebt worden! Die Geſellſchaft iſt mit jeder 6. Liebe, außer der ehelichen, in Fehde, und wie bald i tritt dieſe Liebe in die Atmoſphäre der Alltäglichkeit uͤber! Sie verliert ihren Reiz bei mir, ſobald ich, 2. was nie ausbleibt, bemerke, daß, obgleich das gute Paar im Ganzen ſehr freundlich gegen einander ſein rd mag, daſſelbe doch die zarteren Aufmerkſamkeiten 2 den grauſamſten aller Entzauberungen, der Gewohn⸗ lt. heit, geopfert hat. Die Leute haben irgend einen n* kleinen Aagenden Spott gegeneinander; ſie haben nd jede wechſelſeitige Schwaͤche und, was ſchlimmer iſt, , 3 auch den Stachel dafuͤr ausgefunden.„Der Hauch ch des Zephyrs kann die kleineren Ranken der Rebe er⸗ ſchuͤttern,“ und das Bild verliert„die Farben und 5 Schonheiten der Herzlichkeit*).“ Die einzigen intereſſanten, und, wenn ich Roche⸗ la *) Ferem ias Taylor in ſeiner trefflichen Predigt uͤber den„Trauring,“ welche mehr Kenntniß von den My⸗ ir ſterien der Liebe und den wahren Mitteln enthält, durch * welche ſie bewahrt werden kann, als in allen Schriften der Liebesdichter zu finden iſt. 11⁰ foucault widerſprechen darf, die einzigen koͤſtliche Ehen ſind die, in welchen der Mann weiſe genug iſt, ſeine Frau wenig zu ſehenz die Abweſenheit am Morgen verhindert die Langeweile am Abend, und haͤufige Trennungen uͤberwinden den boͤſen Zauber der Gewohnheit. A. Daher macht uns eine gluͤhende Phantaſie ſo oft untauglich fuͤr die wahren Genuͤſſe häuslicher Anhaͤnglichkeit— die Gewohnheit ſtumpft die Phan⸗ taſie noch mehr ab, als ſie das Gemuͤth ermuͤdet. Aber Sie hatten einige glaͤnzende Augenblicke in dem erſten Jahre Ihres Weltlebens. Ich erinnere mich, wie Sie von Allen bewundert wurden und ſo Viele bewunderten. L. Ich war jung, reich, von guter Geburt, und hatte ein heiteres, ſpannkräftiges Temperament. Das waren alle meine Anſpruͤche! Aber den Augen⸗ blick, da meine friſche Lebendigkeit mich verließ, wurde auch die Geſellſchaft kälter. Es iſt nicht ganz wahr, daß nur zufällige Anſpruͤche, oder ſolche von hoͤchſtem Range, uns einen dauernden Platz in den Zauberkreiſen unſrer modernen Armidas verſchaffen. Die Geſellſchaft iſt ein Feſt, zu dem Jeder ſeinen Beitrag liefern muß, und wenn unſer Sitz an der Tafel als die Stätte der Duͤſterkeit und des Schwei⸗ gens bezeichnet wird, ſo läßt man uns bald allein mit unſern Betrachtungen. ueberdieß liegt das Ge⸗ heimniß des Weltlebens darin, daß man in Stau⸗ 111 nen ſetze und nie die Erwartung taͤuſche. Wer nicht im Rufe des Witzes ſteht, kann auch ohne denſelben Gluͤck machenz hat man aber jenen Ruf, ſo wird es Einem nicht verziehen, wenn man unter der Er⸗ wartung der Leute bleibt; ſie legen Einem das Schwei⸗ gen fuͤr Geringſchätzung aus; ſie ſehen das Wun⸗ derthier, und beeilen ſich, fortzugehen, um daſſelbe zu ſchmähen und nicht wieder zu ſehen. A. Ich habe mich oft gewundert, als ich Sie ſo gern ſchweigen ſah, da ich Sie doch in einigen Zirkeln ſo — wie ſoll ich ſagen?— ſo brillant gekannt habe. L. Die Sache iſt kein Geheimniß; wenn ich ſchweige, geſchieht es wider meinen Willen. Ich habe immer die Moralität der Heiterkeit gepre⸗ digt; wenn ich ſie ſelbſt nicht ausubte, ſo liegt das an meiner Unfähigkeit. Vor zwei Jahren verließen mich plotzlich meine Lebensgeiſter. Umſonſt verſuchte ich, ſie wieder zu erfaſſen; umſonſt, mich in die Welt zu drängen, umſonſt,„hoͤrt' ich Muſik, und buhlt' ich um der Frauen Lächeln:“ eine Art Betäubung hatte ſich meiner bemaͤchtigt, und ich bin ſeitdem nie in gemiſchter Geſellſchaft im Stande geweſen, ſie ab⸗ zuſchuͤtteln; ſeit der Zeit auch habe ich mich lang⸗ ſam ohne eine ſichtbare Krankheit abgezehrt, und ich ſterbe buchſtäblich an keinem uebel, außer an der unfahigkeit zu leben. Da wir vom Witz ſprechen, ſo fällt mir ein, daß ich vor einigen Monaten bei einem Mittagsmahle M— und W—, J— und zwei oder drei andere mit Recht we⸗ gen ihres Witzes und ihres Humors ausgezeich⸗ nete Perſonen traf. Eine derſelbep, ich glaube M—, ſagte von Jemand, er habe Witz, aber keinen Humorz ein Anderer behauptete, es ſei gerade umgekehrt. Ich bat die Streitenden, ſie moͤchten doch einmal den Unterſchied zwiſchen Witz und Humor feſtſtellen, aber ſie ſchwiegen ſtockſtill. A. Es iſt nicht ſelten das Weſen eines Strei⸗ tes, daß er Jeden dazu bringen will, einzuräumen, was Niemand verſteht. L. Es mag ſeinz aber es iſt in der That nicht ſo nothwendig, etwas gruͤndlich zu verſtehen, als Sie oder ich glauben. Jeder der Streitenden wußte recht gut, was er meinte, und konnte es nur nicht aus⸗ einanderſetzen. Der unterſchied war klar genug, daß er ihren eignen Geiſt zurecht leiten konnte, aber, da er nicht analyſirt worden, nicht klar genug, um An⸗ deren von Nutzen zu ſein. Uebrigens iſt Witz die Ei⸗ genſchaft des Philoſophen— Humor die des Dich⸗ ters; die Natur des Witzes bezieht ſich auf Sachen, Humor auf Perſonen. Der Wiz äußert ſich in glaͤn⸗ zenden Wahrheiten, der Humor in feinen Ableitun⸗ gen von der Kenntniß des individuellen Cha⸗ rakters. Rochefoucault iſt witzig, der Vicar von Wakefield iſt das Muſter des Humors. A. Da Sie definiren, ſo kann ich Ihre Defi⸗ nition beſtreiten. Soll ich? L. Nicht Geſprächsweiſe, ſonſt hoͤren wir damit auf, daß wir Unſinn ſprechen; metaphyſiſche Disputa⸗ tionen ſind recht gut auf dem Papiere, aber geſprochene Disputationen gehoͤren nur in abſtractes Plaidiren. A. Erinnern Sie ſich noch, wie, als wir zu⸗ ſammen in Cambridge lebten, die damaligen jungen Pedanten der Anſicht waren, daß aller Geiſt nur darin beſtaͤnde, daß Einer den Andern verwirren oder zu Boden disputiren koͤnne? L. Ja, und ſie hielten uns, glaube ich, fuͤr arm⸗ ſelige Weſen, weil wir fruͤhzeitig weiſer waren und uber das lachten, was ſie ſo hoch ſtellten; aber dieſe Luſt an Beweisfuͤhrung in Geſprächsform iſt nicht mehr ſo in Mode, wie zur Zeit unſrer Großeltern: damals machte dies beruͤhmt. Sie werden finden, daß die geſcheidten Neſtors aus jener Zeit noch im⸗ mer voll Eifer ſind, mit Ihnen anzubinden. G— iſt ganz boͤs auf mich, weil ich mich geweigert hatte, in einem geſchloſſenen Wagen mit ihm uͤber das Syſtem des Helvetius zu disputiren. Strangulat inclusus dolor atque exaestuat intus. A. Der wahre Geiſt der Converſation beſteht darin, daß man auf eines Andern Bemerkung wei⸗ terbaut, aber nicht ſie umſtuͤrzt; ſo ſagt der Mann von Geiſt:„bei Ihrer Bemerkung fällt mir ein;“ und der ſtreitſuͤchtige Menſch ruft:„ich kann nicht mit Ihnen uͤbereinſtimmen“ Hier wurde unſer Geſpräch durch den Eintritt Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 3 einer Verwandten L—'s unterbrochenz ſie kam mit ſeiner Medicin, denn obgleich er ſich über menſchliche Huͤlfe hinaus hält, ſo mag er doch nicht die ſan⸗ guiniſcheren Hoffnungen ſeiner Angehoͤrigen zuruͤck⸗ ſtoßen.„Sie ſollen das Bewußtſein haben,“ ſagte er,„daß ſie Alles gethan haben, was ſie fuͤr mich thun konnten: mein Boot iſt ins Waſſer gelaſſen, aber es wäre häßlich, wenn ich nicht noch ein wenig am ufer verweilte. Es ſcheint mir uͤbrigens ganz eigen, daß wir bei Leuten, die dem Tode nahe ſind, in ſo geringem Grade jene geſpannte, ängſtliche und raſtloſe Wißbegierde nach dem wahrnehmen, was ih⸗ rer jenſeits des Grabes wartet, obgleich ſie bei mir mächtig genug iſt, daß ſie ſogar jedes Leidweſen uberwältigt. Selbſt die, welche die meiſte Gotter⸗ gebung beſitzen und am zuverläſſigſten auf die Of⸗ fenbarung vertrauen, wiſſen nicht, ahnen nicht die Natur des ihnen bereiteten Lebens und Gluͤckes. Sie wiſſen nicht, wie die Sinne zu den Fähigkeiten eines Geiſtes verfeinert und geläutert werden muͤſ⸗ ſen; ſie wiſſen nicht, wie ſie leben, ſich bewegen und beſtehen, ſie wiſſen nicht, wen ſie ſehen, oder was ſie horen werden; ſie kennen nicht das Ausſe⸗ hen, noch den umfang der Herrlichkeiten, mit denen ſie in Beruͤhrung kommen ſollen. Welches wird un⸗ ter den vielen Wohnſtätten die ihrige ſein? Dies Alles, dieſer Gegenſtand einer großen und nicht an⸗ ſtoßigen Muthmaßung, ſcheint mir ſo natuͤrlich un⸗ r⸗ f⸗ die es. en en der ſe⸗ en un⸗ ies an⸗ un⸗ 11⁵ ſere Erwaͤgung in Anſpruch zu nehmen, und ich er⸗ wäge es ſo oft, daß die Muthmaßung ſich zur Lei⸗ denſchaft verdichtet, und daß ich mich ungeduldig danach ſehne, das dunkle Thor zu verlaſſen und in Beſitz des ewigen Geheimniſſes zu kommen. Daher nimmt, je mehr ich mich dem Tode naͤhere, die Na⸗ tur und die Geſtalt der Dinge ein feierlicheres und erhabeneres Ausſehen an. Ich blicke auf die Blät⸗ ter, auf das Gras und das Waſſer mit einem faſt nicht mehr ſchmerzlichen Gefuͤhle, und doch weiß ich nicht, wie ich es ſonſt nennen ſoll, denn es iſt tief, ernſt, leidenſchaftlich, obgleich nicht eigentlich traurig. Ich moͤchte, wenn ich auf dieſe Kinder und Zierden der Erde blicke, gern wiſſen, ob ich ſolche Gegen⸗ ſtände wirklich nicht mehr wiedeyſehen, ob ſie in der Welt, in welcher meine kuͤnftige Heimath aufgeſchla⸗ gen werden ſoll, nicht ihres Gleichen, nicht ein Ur⸗ bild haben, oder ob ſich in der That oben Aehnliches nur nach einer wundervolleren, herrlicheren Form gebildet, findets— ob nicht in jenem fremden Lande, das weder Jahreszeit noch Arbeit kennt, ſich unter allen ſeinen Herrlichkeiten etwas Bekanntes zeigen — ob nicht das Herz etwas, was es gekannt hat, etwas von„jenen ſuͤßen Lieblingsklaͤngen,“ etwas von dem wiedererkennen wird, was der Erdenſtaub ſo gern hatte, und der Geiſt nicht verleugnen mag. Welche Spannung und welche Erhabenheit liegt uͤberdieß fuͤr den, der, wie wir, das Wiſſen zu ſei⸗ 8* nem Born und zu ſeiner erſten Liebe gemacht hat, in jener eigenthuͤmlichen Neugierde, welche ſich auf die Ausdehnung des Wiſſens bezieht, das wir erlan⸗ gen ſollen! Was iſt am Ende der Himmel Ande⸗ res, als ein Uebergang von unklaren Vermuthungen und blindem Ringen mit einem geheimnißvollen und widrigen Geſchicke, zu der Fuͤlle der Weisheit— mit Einem Wort, von Unwiſſenheit zum Wiſſen— aber zu welcher Art von Wiſſen? So enthalten ſelbſt Buͤcher etwas Prophetiſches und Myſtiſches in ihren Speculationen, was ich vor einigen Jahren, da mein Geiſt noch zu ſehr in den Ketten des Kör⸗ pers lag, nicht erkennen konnte— denn was von dieſen Speculationen wird wahr, wird falſch ſein? Wie viel Schritte hat unſre Weisheit zu dem Arca⸗ num der wahren Moralität gethan; wie weit hat ſich irgend ein kuͤhner und umherſchweifender Geiſt dem Geheimniß von dem durch die Welt kreiſenden Gluͤcke genaͤhert? Wird Er, den wir jetzt als ei⸗ nen Schwärmer gering ſchätzen, einſt als der begei⸗ ſterte Prophet unſers blinden und tauben Geſchlech⸗ tes befunden werden; und wird Er, den wir jetzt als den erhabenen Heiligen oder den tiefen Lehrer verehren, mit dem Verbreiter und Heiligſprecher eng⸗ herziger Vorurtheile, mit dem Kluͤgler in einem kleinen Winkel des großen und kaum entdeckten Univerſums der Wahrheit, in moraliſcher Hinſicht mit dem Chine⸗ ſen gleichgeſtellt werden, der da annimmt, daß ſein —* ein 117 Reich die Erdkugel ausfuͤllt, und der die Verbeſſe⸗ rungen einer edleren Aufklaͤrung in Bann thut? A. Aber denen— und wie Viele gibt es de⸗ ren?— welche an der andern Welt ſelbſt zweifeln, muß dieſer Troſt der Muthmaßung nur eine ſehr matte und froſtige Geiſtesthätigkeit verſchaffen. L. Das gebe ich zu. Ich ſpreche nicht von der Maſſe, ſei es dieſes oder jenes oder gar keines Glau⸗ bens. Ich habe mich oft mit Vergnuͤgen der Anek⸗ dote von Fuͤſeli erinnert— einem wunderbaren Manne, deſſen Talente in dieſer Welt nur zum zehn⸗ ten Theil entwickelt wurden; in allen ſeinen Arbei⸗ ten, in ſeinen Schriften, wie in ſeinen Bildern, ſieht man den gewaltigen Geiſt mit Muͤhe und Anſtren⸗ gung, und das nur mit theilweiſem Erfolge, ringen, und da er dies ſelber fuͤhlte, da er dieſen Kampf zwiſchen der glorreichen Abſicht und der gelähmten Kraft verſpuͤrte— ſo verſtehe ich recht gut, was er mit der Antwort meinte, die ich jetzt nacherzählen will. Ein Geck fragte ihn:„Glauben Sie wirklich, Herr Fuͤſeli, daß ich eine Seele habe?“—„Ich weiß nicht,“ entgegnete Fuͤſeli,„ob Sie eine Seele haben, oder nicht, aber daß ich eine habe, bei Gott, das weiß ich!“ und in der That ohne das preis⸗ wuͤrdige und Alles umfaſſende Erbarmen, welches unſer Glaube enthält, wurde es etwas ſchwer halten, ſich einzubilden, daß die Seele, dieſe Anweiſung auf unſterblichkeit, in Allen— in dem ſtumpfſinnigen, 118 unbewußten Fleiſchklumpen, welcher nur die zu ſei⸗ ner Erhaltung noͤthigen Dienſtleiſtungen und weiter nichts verrichtet, und in den gläͤnzenden, gefluͤgelten Raturen gleich ſei, mit denen wir oft unſre eigene erheben, und wolche nichts Irdiſches an ſich zu ha⸗ ben ſcheinen, als, um die bekannte Metapher des Athenienſers*) zu brauchen, die Gewaͤnder, die ſie abtragen. Sie werden uber eine Pedanterie lachen, aber eine der groͤßten Freuden, die ich mir bei meiner Ankunft zu Hauſe träume— wie die Maäͤhriſchen Sectirer den Himmel ſo liebenswuͤrdig nennen— iſt die, daß ich Plato ſehen, und erfahren werde, ob er je, wie er ſelbſt meinte, und wie ich gern glau⸗ ven will, ehe er auf dieſe Welt herabkam, in einer beſſeren geweſen ſei. Das Studium dieſes göttlichen und hochſt chriſtlichen Genius iſt ſo bezaubernd, daß ich oft eine Art eiferſuͤchtigen Neides gegen die Com⸗ mentatoren empfunden habe, welche der Erforſchung dieſer myſtiſchen und unirdiſchen Philoſophie ihre Jahre gewidmet haben. Wäre ich geſund geweſen, ſo hätte mein Ehrgeiz mir nicht erlaubt, ein ſo traͤumeriſcher Huͤter der Lampe in eines Andern Grabe zu werden; aber meine Phantaſie wuͤrde mich in eine ideale Lage verſetzt haben, welche meine Raſtloſigkeit mir in der Wirklichkeit verſagte. Die⸗ *) Sokrates. ei⸗ ten ene ha⸗ des ſie en, iner chen „ob lau⸗ iner ichen daß Som⸗ hung ihre eſen, in ſo ndern vuͤrde meine Die⸗ 11¹9 ſes thätige Weſen und dabei dieſe literariſche Indo⸗ lenz— dieſes Erſinnen von Plaͤnen und dieſe Ero⸗ berungen in der Wiſſenſchaft, von denen, wenn kaum begonnen, Ein Lächeln einer Unternehmung mich ablocken konnte, veranlaßte C—, mich nicht unpaſſend„den außerordentlichſten— theoreti⸗ ſchen Leſer“ zu nennen, den er je gekannt habe. Doch ich ſehe, daß Sie ſich eben auf„das Leben Lord Herberts von Cherbury“ lehnen; wollen Sie nicht die Seite aufſchlagen, wo ich ein Zeichen ge⸗ macht habe? Wir ſprachen von der Seele, und dieſe Stelle enthaͤlt einen ſehr ſchoͤnen und beredten, wo nicht tiefen Gedanken daruͤber. Wollen Sie ihn leſen A. Recht gern.—„Wie in meiner Mutter Schooß*) jene Schopfungskraft, welche meine Au⸗ gen, Ohren und andern Sinne bildete, ſie nicht fuͤr dieſen dunkeln und dumpfen Raum beſtimmte, ſon⸗ dern im Bewußtſein eines beſſern Lebens ſie zu tauglichen Organen, zur Erkennung und Erfaſſung der in dieſer Welt erſcheinenden Gegenſtände machte — ſo glaube ich, daß meine Seele, ſeit meinem *) Ich bin nicht ſicher, daß ich dieſe Stelle woͤrt⸗ rich wiedergebe. Ich hatte ſie ſo im Kopfe behalten, und da ich auf dem Lande ſchreibe, ſo habe ich in die⸗ ſem Augenblick das Buch nicht zur Hand, um es zu vergleichen. 120 Eintritt in dieſe Welt gewiſſe Fähigkeiten gebildet und entwickelt hat, welche fuͤr dieſes Leben faſt eben ſo unnuͤtz ſind, wie die oben erwähnten Sinne fuͤr den Schooß der Mutter; und dieſe Fähigkeiten ſind Hoffnung, Glaube, Liebe und Freude, da ſie bei kei⸗ nem voruͤbergehenden oder vergaͤnglichen Gegenſtande in dieſer Welt verweilen, ſondern ſich auf Hoͤheres erſtrecken, als hier gereicht werden kann, und ſich eigentlich nur mit dem vollkommen Ewigen und Unendlichen vertragen.“ L. Iſt das nicht ſchoͤn gedacht? A. Ja. Es beweiſt, daß der Verfaſſer jenes unbeſtimmte Etwas empfunden hat, welches uns uͤber die Welt hinausfuͤhrt. Die Spur dieſes Ge⸗ fühles iſt es, welche ich immer zuerſt bei dem Stu⸗ dium eines großen Schriftſtellers aufſuche. Wie feierlich lodert es in Shakespeare! Mit welcher weh⸗ muͤthigen und ſtrengen Groͤße durchbebt es den noch göttlicheren Milton! Wie eigenthuͤmlich prägt es ſich in den Werken unſrer ſpaͤtern Dichter aus— in Wordsworth, Shelley und ſelbſt in den gemiſch⸗ teren, ſinnlicheren und nicht ſo wohlwollenden Ver⸗ ſen Byron's. Deſto ſeltener zeigt ſich dieſes Gefuͤhl in den Dichtern des Continents, von denen jedoch, wenn ich recht berichtet bin, die Deutſchen auszu⸗ nehmen ſinb. L. Allerdings. Goethe beſitzt es. Fuͤr mich liegt etwas ſehr Geheimnißvolles und Geiſtiges in nes ins Se⸗ Lie eh⸗ och 36 ſch⸗ ger⸗ uͤhl och, szu⸗ nich in 121 dem Goethiſchen Genius; ſelbſt der einfache und ſchlichte Verſtand, mit welchem er gleich allen gro⸗ ßen Geiſtern, uns ſo oft belehrt, und welcher beſon⸗ ders in ſeiner Lebensſchilderung hervortritt, gewinnt an Wirkung durch die zarte und feine Schoͤnheit des Gefuͤhls, mit welchem er immer nebeneinander ge⸗ ſtellt iſt. A. Ich erinnere mich einer ſehr ſcharfſinnigen Bemerkung in ſeinem Wilhelm Meiſter, einem Bu⸗ che, welches einen ſehr merklichen Einfluß auf mei⸗ nen Geiſt hatte, und obgleich die Bemerkung alltäg⸗ lich ſcheinen mag, ſo entſpricht ſie doch ganz der Manier Goethe's.„Wenn wir,“ ſagt er,„einem Freunde einen Brief geſchrieben haben, und dieſer trifft ihn nicht an und wird uns zuruckgebracht, ſo empfinden wir eine ſonderbare Bewegung, indem wir unſer eignes Siegel erbrechen und uns mit unſerm Ich wie mit einer dritten Perſon unterhalten.“ L. Es liegt etwas Geiſterartiges in ſolcher Un⸗ terhaltung, es iſt wie ein Geſpraͤch mit unſrer eig⸗ nen Seele. A. Eine ſolche Vemerkung werden Sie vergeblich in den Werken Scott's ſuchen. L. Iſt dieſe Beſchuldigung auch gerecht? Sie werden eben ſo umſonſt in Wilhelm Meiſter nach den prachtvollen Schilderungen im Jvanhoe ſuchen. Aber ich geſtehe gern, daß ich kein Verehrer der Waverley⸗Romane bin; auch kann ich nicht der Be⸗ hauptung beitreten, daß ſie die ihnen vorangegan⸗ genen Poeſien uͤberträͤfen. Das ganze Verdienſt Scott's ſcheint mir weſentlich das eines Dichters zu ſein; und wenn man zu ſeinen proſaiſchen Werken uͤbergeht, ſo hat man dieſelben Gefuͤhle, Beſchreibun⸗ gen und Scenen, nur mit dem offenbaren Rachtheil, daß ſie eines ſo eigenthuͤmlich emphatiſchen, gluͤhen⸗ den und originellen poetiſchen Gewandes beraubt ſind. Wo findet ſich in allen ſeinen Romanen eine Scene, die an Schwung, Gewalt und, wenn ich ſo ſagen darf, an ächt dichteriſchen Blitzen der jetzt haͤu⸗ fig angefuͤhrten in Rokeby gleich kommt, wo Bev⸗ trand Riſingham in die Kirche tritt— Die Aeußerſten ſtehn, mit off'nem Mund, Es klang wie Huf' auf hartem Grund, u. ſ. w. Rokeby, Geſang VI. St. 32. In der Braut von Abydos iſt eine Scene, die we⸗ gen ihrer Gedrungenheit und kuͤhnen Schilderung ſehr beruͤhmt iſt— Er ſpringt hinweg, gewinnt den Sand, u. ſ. w. Braut von Abydos, Geſ. II. St. 24. Vergleichen Sie die beiden Stellen. Wie ſchnell wird ſich die Schale zu Scott hinneigen. Mit Einem Wort, er vereinigt in ſeiner Poeſie alle Verdienſte ſeiner Proſa; und die Mängel der letztern— die abgenutzte Moral, die matte Liebe, die geringe Sym⸗ vathie mit der großen Menge, die ariſtokratiſchen, 123 n⸗ fuͤrſtlichen Vorurtheile verſchwinden in der Poeſte ſt und nehmen ein anmuthiges, maleriſches Gewand zu an. Ja, ſeine Poeſie ergluͤht von einem eigenen n Lichte. Ein Recenſent in dem Edinburger Journale n⸗ beweiſt, daß, wenn auch verſchieden im Style, doch il, im Geiſte Shakespear und Scott die beſte Idee von n⸗ Homer gäben.“ Die Aehnlichkeit zwiſchen Shakes⸗ bt peare und Homer kann ich in der That nicht finden; ne aber gar oft habe ich die zwiſchen Scott und dem ſo großen Griechen bemerkt. Scott wuͤrde den Homer u⸗ wundervoll in ſeinem eignen Balladenmetrum uͤber⸗ ſetzt haben. A. Von allen Enthuſiaſten ſcheint mir der Ma⸗ ler Blake der bemerkenswertheſte geweſen zu ſein. Mit welchem tiefen Glauben hing er an ſeiner Fä⸗ n8 higkeit, Geiſter zu ſehen und ſich mit den Verſtorbe⸗ nen zu unterhalten! Und welche herrliche Ader des Wahnſinns war das— zu wie trefflichen Verſen begeiſterte ſie ihn! ird L. und welche Zeichnungen! Noch vor einigen em Tagen habe ich ein Exemplar der„Nachtgedanken“ ſte geleſen, welche er auf eine zugleich ſo groteske, und die doch ſo erhabene Manier, bald durch eine buchſtäb⸗ m⸗ liche Erlauterung, bald durch ein ſo unbeſtimmtes en, und unzuſammenhaͤngendes Phantaſiebild geſchmuckt . 124 hat, daß das Ganze eins der erſtaunlichſten und ſon⸗ derbarſten Produkte macht, welches je zwiſchen der Schoͤpfung des Genius und den Traͤumen der Ver⸗ ruͤcktheit die Wage gehalten hat. Ich erinnere mich einiger ſeiner Stiche, aber es ſind nicht die ausge⸗ Zeichnetſten. Zu den ſchoͤnen Verſen— Wie weiſe iſt es, mit den Stunden, die wir Verbracht, zu reden, ſie zu fragen, was Dem Himmel ſie berichtet haben; hat er die Zeichnung eines Mannes gegeben, der ſi⸗ tzend und mit ernſtem Geſicht ſich mit einer kleinen Schattengeſtalt zu ſeinen Füßen unterhält, während andere Geſtalten von gleicher Form, jede mit einer Rolle in der Hand, zum Himmel aufſchweben. Es macht einen feierlichen Effect.— Die Zeile— Bis daß ſie all der Tod, der naͤcht'ge Jäger, Verſcharrt, iſt durch einen grimmigen Wilden dargeſtellt, der mit einem gewaltigen Speer graͤßliche Hoͤllenhunde hetzt, davon einer aber einen ungluͤcklichen Fluͤchtling niedergeriſſen, und bei der Kehle gepackt hat: das Geſicht des Hundes iſt unausſprechlich todahnlich. Der Vers— Die Natur ſcheint uns zu kurz um eine Spanne, erhält eine bis zum Laͤcherlichen buchſtäbliche Erlaͤu⸗ terung. Ein baͤrtiger Mann von rieſigem Wuchſe beſpannt ein Kind mit ſeinem Zeigefinger und Dau⸗ der nde ing das aͤu⸗ chſe au⸗ 125 men. Beinah eben ſo buchſtäblich, aber wirkungs⸗ reicher iſt die Zeichnung zu dem Folgenden:— Wenn von der Kette der Vernunft geriſſen, Der Geiſt wild hinjagt, jubelnd ob des Friedens Voll Trug, bis er im Leichentuch erſtickt! Man ſieht eine junge Wilde, die mit fliegenden Haa⸗ ren allein umherwandelt unb frohlockt, während uber ihr zwei koͤrperloſe Haͤnde ein gewaltiges Bahr⸗ tuch ausbreiten, welches im Begriff ſcheint, auf die ſich ahnungslos Freuende herabzufallen. A. Young war gluͤcktich. Er ſcheint faſt der einzige Dichter zu ſein, deſſen bloße Metaphern ge⸗ zeichnet und verſinnlicht worden ſind. L. Aber wie wundervolle Metaphern ſind es auch: zuweilen allerdings gewoͤhnlich, verbraucht, alltäglich, zuweilen auch uͤbertrieben und phantaſtiſch — aber dagegen wie oft unausſprechlich erhaben! Mil⸗ ton ſelbſt hat ihn nicht uͤbertroffen. Aber ſo beliebt Young iſt, hat man ihm doch nicht genug Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen. Er hat noch keinen Kri⸗ tiker gefunden, der ſeine eigenthuͤmlichen und em⸗ phatiſchen Schoͤnheiten recht entwickelt und ans Licht gezogen hat. A. Wir konnen allerdings die Stelle eines ſol⸗ chen Kritikers nicht gut vertreten, aber wir ſollten doch einen dieſer Tage ſeine Rachtgedanken zuſam⸗ men leſen und unſre Erklärungen dazu machen. L. Das wuͤrde mir viel Vergnuͤgen machen. 126 Young iſt von allen Dichtern vorzugsweiſe derjenige, welcher von einem jungen Manne ſtudirt werden muß, der im Begriff iſt, die goldenen Feſſeln zu bre⸗ chen, welche ihn an die Welt ketten; ſein Truͤbſinn erſchreckt und entmuthigt dann nicht mehr: denn der Truͤbſinn lagert ſich auf die Erde, welche wir verlaſſen wollen, und wirft nicht einen einzigen Schatten auf den Himmel, welcher ihren Gegenſatz bildet— der dunkle Strom ſeiner feierlichen und furchtbaren Bilder reißt die Gedanken zur Ewigkeit hin. Wir wuͤnſchen nicht einmal mehr zuruͤckzubli⸗ ckenz die Ideen, welche er erweckt, ſind nach ſeinen eigenen Worten„die Bahnbrecher des Todes;“ ſie ebenen den Wegz ſie brechen die„Hinderniſſe und Schranken“ der Neigungen nieder; das geſtirnte und in Pracht ſtrahlende Ziel wird uns in vollem Glanze vor Augen geruͤckt, während alles Andere, womit er unſern Pfad umgibt, betruͤbt und bekuͤmmert. Wir ſchaudern, fahren zuruͤck vor dem Leben; und eilen, wie Kinder, welche in Thraͤnen und Angſt bei ir⸗ gend einer entſchwundenen Gefahr in die Arme ih⸗ rer Mutter ſtuͤrzen, in den Schoß des Todes, als unſers Freundes und Troͤſters. Zweite Unterredung. L— ˙ Krankheit nimmt zu.— Bemerkungen über eine Stelle in Baco.— Vortheile des Glaubens an Unſterblichkeit.— Ausfuͤhrung einer Idee aus dem letzten Geſpräche.— Eine Charakteriſtik des Erhabe⸗ nen.— Gefuͤhle eines Sterbenden uͤber die Raſtloſig⸗ keit des Lebens u. ſ. w. 3 A ich drei Tage nach dem Geſpraͤche, welches ich, obwohl mit dem unvollkommenen Erfolge nachzuer⸗ zahlen geſucht habe, welcher nicht ausbleiben kann, wenn man unterredungen auf dem Papiere wieder⸗ geben will, L— beſuchte, fand ich ihn auf ſeinem Sopha liegend, und augenſcheinlich viel ſchwächer, als ich ihn das Letztemal ſah. Er hatte die ganze Nacht an heftigen Bruſtkrämpfen gelitten, und war jetzt, obgleich frei von Schmerzen, noch von der Er⸗ ſchoͤpfung befallen, welche ihnen nachfolgt. Aber das Alles war nicht im Stande, eine gewiſſe, nicht ge⸗ rade heitere, aber hochſtrebende Spannkraft des Gei⸗ ſtes ganz zu uͤberwinden, die in der Krankheit noch bemerkbarer war, als in geſundem Zuſtande; denn 128 ich weiß nicht, wie es zuging, äber während der Krankheit ſchienen ſeine Gedanken immer noch mehr hervorzutreten, noch klarer zu werden, als ſie in ge⸗ woͤhnlichen körperlichen Verhaltniſſen waren. Auch war er kuͤrzlich, bis zu ſeiner jetzigen Krankheit, in ein anhaltendes Schweigen verfallen, aus dem er nur auf Augenblicke geweckt werden konnte. Viel⸗ leicht wurde jedoch jetzt, da alle ſeine Betrachtungen auf ein offenbar nahes Ziel gerichtet, und mit dem ernſten, obgleich fuͤr ihn nicht duͤſtern, Colorit ge⸗ färbt waren, welches den Todesgedanken anhängt, jenes geheime Sehnen nach Sympathie, jene in dem Menſchen liegende Begierde nach Mitthei⸗ lung um ſo ſtärker, je kürzer die Zeit war, welche ihm zu deren Befriedigung vergonnt ſchien. Lange aufgeſammelte Wuͤnſche, oft und tief erwogene Ge⸗ danken, die ſich von den fernen Gegenſtänden abge⸗ ſchnitten ſahen, welche ſie zu erreichen geſtrebt hat⸗ ten, ſchienen mit Bedacht ihre Laſt niederzulegen, und auf einem Wege einzuhalten, den ſie nicht mehr zu Ende zu bringen beſtimmt waren.„Ich habe,“ ſagte L—, nachdem wir einige Minuten uͤber ihn ſelbſt geſprochen hatten,„das gottliche Buch über „die Fortſchritte der Wiſſenſchaft“ geleſen. Welcher Engliſche Schriftſteller, außer etwa Milton in ſeinen proſaiſchen Werken, erhob uns je gleich Baco über dieſe gemeine Erde? Wie ſchrumpfen vor ſeinen erhabenen Sentenzen alle die magern Troſtſpruͤche gt, ei⸗ che nge Ge⸗ oge⸗ hat⸗ gen, ehr be,“ ihn uber cher inen uͤber inen uͤche 1²9 und abgenutzten Gemeinplätze der Prediger und Ka⸗ techeten zuſammen; er treibt, wie er ſelbſt ſehr ſchön ſagt, den Geiſt nicht auf„Flügeln von Wachs“ durch die großen Himmelsbahnen. Unſere Wuͤnſche werden durch ihn weniger irdiſch, indem wir durch ihn uns fuͤr weiſer halten; die Liebe zur gottlichen Wiſſenſchaft begeiſtert und erhebt uns. Er zwingt ſo ſchon ſelbſt unſre unwiſſenheit, zur Erweiterung der Seele, zur Verſtaͤrkung unſers Sehnens nach der unſterblichkeit beizutragen, daß er nie in uns gleich andern Philoſophen, das Gefuͤhl der Unzufrie⸗ denheit und der eignen Geringfügigkeit zuruͤckläßt. Mit derſelben Hand, welche unſren Fortſchritten auf Erden ihre Graͤnze ſteckt, zeigt er auf die unbe⸗ graͤnzte Herrlichkeit des Himmels. Geben Sie Acht, wie er dies in einer Stelle gethan, die ich Ihnen vorleſen will. Im Verlauf ſeiner hochherzigen Ver⸗ theidigung der Wiſſenſchaft„gegen die Schmaͤhun⸗ gen und unbilden, die ihr von der Unwiſſenheit im Allgemeinen, aber von einer auf verſchiedene Art auftretenden unwiſſenheit zu Theil geworden, indem dieſelbe bald in dem Eifer und der Eiferſucht der Theologen, bald in der Schaͤrfe und Anmaßung der Politiker, bald in den Irrthuͤmern und Schwächen der Gelehrten ſelbſt zum Vorſchein kommt,“— im Verlauf dieſer erhabenen und glänzenden Rechtfer⸗ tigung ſtellt er die gebuhrenden Gränzen der Wiſ⸗ ſenſchaft dahin feſt:„Erſtens daß wir unſer Gluͤck Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 9 13⁰ nicht der Art in unſer Wiſſen ſetzen ſollen, daß wir daruͤber unſre Sterblichkeit vergeſſen; zweitens daß wir unſer Wiſſen ſo anwenden, daß wir daraus Ruhe und Zufriedenheit, nicht Widerwillen und Reue ſchopfen; drittens, daß wir nicht durch die Betrach⸗ tung der Natur die Geheimniſſe Gottes erreichen zu koͤnnen glauben“ Nachdem er von den beiden erſten Begranzungen geſprochen, ſagt er von der letztern:„und was den dritten Punkt betrifft, ſo verdient er, daß man etwas bei demſelben verweilt, und nicht leichtſinnig daruͤber hingeht: denn wenn Jemand meinen ſollte, daß er durch Beobachtung und Erforſchung der ſinnlichen und materiellen Ge⸗ genſtande zu dem Licht gelangen konne, durch wel⸗ ches er ſich die Natur und den Willen Gottes zu offenbaren vermöge, ſo waͤre er in der That von eit⸗ ler Philoſophie mißleitet; denn die Betrachtung der Geſchöpfe und Werke Gottes erzeugt Wiſſen in Bezug auf die Werke und Geſchopfe ſelbſtz aber in Bezug auf Gott kein vollkommenes Wiſſen, ſondern nur Staunen, welches verkuͤmmer⸗ tes Wiſſen iſt. und darum(bemerken Sie, wie herr⸗ lich dieſes Bild uͤbertragen, und wie ſchon es ange⸗ wendet iſt) ſagte einer aus Plato's Schule ſehr tref⸗ fend:„„wie der Verſtand des Menſchen eine Aehn⸗ lichkeit mit der Sonne habe, welche, wie wir ſehen⸗ die ganze Erdkugel erſchließt und erleuchtet, aber dann wieder die Sterne und die Himmelskugel ver⸗ 131 dunkelt; ſo auch entdecke der Verſtand materielle Dinge, verfinſtere und verſchließe aber die göttli⸗ chen.““ Sagen Sie mir, aber freimuthig und ohne ſich durch die Wuͤrde und den antiken Glanz der Sprache verfuͤhren zu laſſen— ſagen Sie mir, ob Sie ſich nicht bei den obigen Stellen, durch Ihre unwiſſenheit nicht nur nicht gedemuͤthigt, ſon⸗ dern eben durch deren Ueberzeugung erhoben fuͤhlenz denn richten wir nicht, indem wir die Geheimniſſe des Himmels, und nur des Himmels von unſrem Wiſſen unergruͤndet laſſen, die geheimen und ſchuͤch⸗ ternen Wuͤnſche unſres Herzens nach jenem unſterb⸗ lichen Leben, welches dem großen Ehrgeiz des Wiſ⸗ ſens die Krone aufſetzen, und die Geheinmiſſe offen⸗ baren ſoll, die uns in dieſem beſchraͤnkten Daſein verſchloſſen ſind? Hier wird alſo unſre Phantaſie nicht herabgedruͤckt, der Eifer unſres Strebens nicht erkaͤltet, wir werden nicht unluſtig geſtimmt, durch die Gränzen des Wiſſens, noch mit dem Gefuͤhl der Nichtigkeit, Leere und Troſtloſigkeit auf uns ſelbſt zuruckgeworfen. Das iſt eben das eigenthuͤmliche Vorrecht der Ueberzeugung von unſrer angeborenen unſterblichkeit, daß ſie den Hemmungen und Hinder⸗ niſſen des Wiſſens, uͤber welche die Weiſen aller Zeiten geklagt haben, ihre Bitterkeit benimmt,— daß ſie unſern Gedanken in demſelben Augenblick, wo ſie auf ihrem irdiſchen Laufe aufgehalten wer⸗ den, Flügel gibt, daß ſie uns uͤber uns ſelbſt erhebt, 9* 132 wo unſer Ich ermattet und zuſammenſinkt: dieſes Vorrecht iſt es, welches mir immer als der groͤßte Vortheil erſchienen iſt, den ein denkender Menſch, welcher an die unſterblichkeit glaubt, uͤber den nicht Glaubenden hat. und obgleich zum Glück fuͤr die Menſchheit und fuͤr alle wahre Tugend, die Zeit zu ſchnell vergeht, als daß man das Benehmen Ande⸗ rer nach dem Verhältniß, in welchem ihre Meinun⸗ gen den unſrigen entſprechen, meſſen konnte, ſo muß ich doch geſtehen, daß der, welcher jenes Vorrecht in Anſpruch nimmt, einen außerordentlichen Vor⸗ theil vor dem, welcher es verwirft) in dem Beſitze edler und unirdiſcher Gedanken, in dem Sporn zur Weisheit, und in dem Schwung der Neigungen, Phantaſien und Wuͤnſche voraus hat. Mir ſcheint, als ob nicht bloß der Körper, ſondern auch die Seele des Menſchen dazu geſchaffen worden,„äuf⸗ recht zu gehen und zu den Sternen zu blicken.“ A.(Nach einer Pauſe. Gleichviel ob es aus dieſem, wenn auch noch ſo geheim gehaltenen, doch den Menſchen insgeſammt gemeinſchaftlichen Gefuͤhle entſteht oder nicht, aus dem Gefuͤhle, daß die er⸗ habenſten Quellen der Empfindung und der Weisheit noch unbekannt bleiben, ſo liegt doch ein gans ei⸗ genthuͤmlicher Charakterzug in jedem Genius vom erſten Range, daß nämlich ſeine hochſten Verſuche doch die Ahnung in uns zurücklaſſen, als habe ein unbeſtimmtes, aber gſorreiches„Etwas“ zu dem dem 133 Verſuch beſeelt und begeiſtert, bleibe aber noch unausgeſprochen. Die Wirkung iſt wie die ei⸗ nes Thurmes, der, indem er unmerklich gen Himmel zulaͤuft, ſeine Erhabenheit und Majeſtat den gehei⸗ men Gedanken verdankt, mit welchen der Himmel in Verbindung ſteht. L. Allerdings; und das was Sie mit Recht den Charakterzug des hoͤchſten Genies nennen, iſt jenes Pfand der Erhabenheit, auf welchem die Alten ſo ſehr beſtanden, die vielleicht in Folge des großen, durch ihre Religion der Forſchung uͤberlaſſenen Bo⸗ reiches mehr von dem erwähnten Gefuͤhle durchdrungen waren, als dies bei dem nuͤchternen Verſtande und den ruhigeren und befriedigteren Betrachtungen der Neueren der Fall iſt. Der beruͤhmte Freund der Zenobia*) hat es als Charakteriſtik des wahrhaft Erhabenen aufgeſtellt, daß es mehr Gedanken er⸗ weckt, als es ausdruͤckt; und Plinius bemerkt an einer Stelle, wo er uͤber Maler ſpricht, ich glaube von Timanthes, daß man aus ſeinen Werken mehr“**) herausnehme, als darin gemalt ſei, und daß, wenn auch ſeine Kunſt das Hoͤchſte erreiche, der Genius *) Longin. Sect. 7. **) In unius hujus operibus intelligitur plus semper quam pingitur; et cum sit ars summa, ingenium ta- men ultra artem est. 134 doch noch uber der Kunſt ſtehe.“ Das iſt es auch⸗ was die Poeſie Young's weſentlich auszeichnet. A. Den wir ja zuſammen kritiſiren wollten? L. Ja, aber heut nicht. Mein Gemuͤth iſt hei⸗ terer, als das des Dichters, deſſen Seele in dem Thale des Todesſchattens wandelt. Wir wollen uns daran machen, wenn uns Beiden die Troͤſtungen ſeines Truͤbſinns recht willkommen ſind, und wenn wir die Nacht um uns in den Sternen vergeſſen kon⸗ nen, welche er lauſchen heißt“). Was gibt es Neues in dieſer Unterwelt? Wir ſprachen jetzt eine Zeitlang uͤber den Stand der Angelegenheiten, die Regierung und die unruhen im Lande**). Ich erzählte ihm von einem ausge⸗ zeichneten Studiengenoſſen von uns dvon Cambridge her, der eben in das Parlament gewählt worden war. 2— ließ ſich weitlaͤufig uͤber ſeine Begierde aus, in eine offentliche Laufbahn einzutreten.„Ich glaube,“ ſagte er,„daß, wenn ich ſelbſt noch in dieſem Augenblick Gelegenheit dazu hätte, die Thätigkeit, der Eifer, der Sporn, welchen dieſer Wechſel mit ſich bringen wuͤrde, mir das Leben retten koͤnnte. Mir iſt, als ob gewiſſe verſtopfte Gefuͤhlsquellen *)„Und rufe den Sternen zu lauſchen.“ Youngs Nachtgebanken. **) Geſchrieben im Jahre 1831, ehe die Reformbill durchging. h⸗ nbill 135 N durch die unterdruͤckung der Ebbe und Fluth mein Herz aufrieben, als ob alle meine gediegenſten Kraͤfte in ihrer Scheide verroſteten. Der Thätigkeit hinge⸗ geben, hätte ich gar keine Zeit zu ſterben. So fuhle ich mich gleich dem alten Weiſen, der ſich das Ge⸗ ſicht mit ſeinem Mantel bedeckte, und ſich niederſetzte und auf den Tod wartete. A. Aber warum ſich denn nicht in das offentli⸗ che Leben werfen? L. Sehen Sie mich an. Bin ich im Stande, mich um einen unabhängigen Flecken zu bewerben? Hierhin zu reiten— dorthin zu gehen— mich zu verſtellen— zu betreiben— zu bewirthen— zu ſchmeicheln— zu luͤgen? A. Aber Ihr Verwandter, Lord L— 2 L. Er hat mir einen Sitz angeboten, wenn ich ſeine Partei, die alten Tories, unterſtuͤtzen will. A. Und Ihr Schulfreund, N—2 L. Hat mich vergeſſen; doch wird keiner nach meinem Tode, wenigſtens auf eine Stunde, ſich ſo grämen, wie er. Ich komme auf das Bild von dem Weiſen und ſeinem Mantel zuruͤck, das ich immer fuͤr eine der ergreifendſten Anekdoten der Geſchichte gehalten habe. Als Perikles von dem Entſchluß des Philoſophen(der, wie Sie ſich erinnern werden, Ana⸗ ragoras, ſein Lehrer, war) horte, eilte er zu dem Platze, wo er ſaß, und der letzten Erlöſung harrte; er flehte den Weiſen in ſpäter und unfruchtbarer Be⸗ truͤbniß an, gegen ſein herannahendes Geſchick zu kämpfen und den drohenden Tod zuruͤckzuſchlagen. „O Perikles,“ ſagte der alte Mann, durch die Er⸗ innerung an die lange Vernachläſſigung verwundet, mit ſchwacher und ſterbender Stimme, indem er zu⸗ gleich ſein Geſicht etwas aus dem Mantel erhob, „wer die Lampe braucht, vergißt nicht, ſie mit Oel zu traͤnken.“ um wieder auf das Treiben und die Aufregung der politiſchen Welt rings umher zu kommen— wie ſeltſam dringt das Getöſe des Tumults in das Ohr Deſſen, der im Sterben iſt; wie ſeltſam ſcheint es, das geſchäftige Leben und den Tod ſo nahe zu ſehen! Dieſer Contraſt, ich geſtehe es, erweckt in mir die ſchmerzlichſten, obwohl unbeſtimmten und nur mit Widerſtreben anerkannten Gefuͤhle, die ich je empfunden habez er flößt mir Niedergeſchlagen⸗ heit und Neid ein; meine beſſeren und erhebenderen Gedanken verlaſſen mich; ich erkenne nur meine Schwäche, meine Nutzloſigkeit in einer Welt, wo Alles ſeine Ruͤſtung zurichtet, und eine Aufregung, eine Unternehmung, eine Gefahr erwartet. Ich er⸗ innere mich meines alten Ehrgeizes, meiner fruͤheren Hoffnungen, meiner Kräfte, meiner Träume; ich ſehe die mächtigen Fluten des Thatenlebens uͤber mich wegſtrömen, und erblicke mich nicht einmal mit dem Tode ringen, ſondern fuͤhle nur, wie er immer dunkler gegen mich aufſteigt, ohne daß ich mich re⸗ — en. Fr⸗ et, zu⸗ ob, Oel ung das eint in und ich gen⸗ eren eine wo ung, er eren ſehe mich dem mer re⸗ — 137 gen und widerſetzen kann. Ich koͤnnte mich mit ei⸗ nem vernachläſſigten Brunnen in einer zerſtörten Stadt vergleichen: zwiſchen den verfallenen Paläſten der Hoffnung, welche um mich her niedergeſtuͤrzt ſind, rinnt das Waſſer des Lebens ſtill und verlaſſen dahin. L—s Stimme bebte bei dieſen Worten, und ſein Hund— denn ich habe mir oft gedacht, daß in die⸗ ſem Thiere ein Inſtinct liege, der ihn aus einem Blick, aus einer Biegung der Stimme erkennen läßt, wenn der Gegenſtand ſeiner wunderbaren Treue und Liebe traurigen Herzens iſt— ſein Hund, ein alter Wachtelhund, den er viele Jahre lang geliebt hatte, und der ihm jetzt ſo wenig in dem Cabinet, als fruͤher auf der Jagd, von der Seite wich, kam auf ihn zu und leckte ihm die Hand. Ich geſtehe, dieſer kleine umſtand ruͤhrte mich ſo, daß mir die Thraͤnen in die Augen traten. Aber ich wurde noch weicher geſtimmt, als ich L— ſich uͤber das ehrliche Geſicht des Hundes in Thraͤnen ergießen ſahz ich wußte Alles, was in ſeinem Geiſte vorging— er fühlte keine weibiſche Schwäche— keinen Kummer uͤber den Tod: er hatte nur mehr und ſchärfer, als irgend Jemand, die Vernachläſſigung und Treulo⸗ ſigkeit von Freunden empfunden, und verglich in dieſem Augenblick tauſend bittre Erinnerungen mit der ſtillen Liebe ſeines demuͤthigen Gefährten. Ich hatte L— nie fruͤher weinen ſehen, obgleich ich ihn fruͤher in ſchmerzlichen Pruͤfungen beobachtet hatte, und obgleich ſein Gefuͤhl ſo leicht zu wecken iſt, daß er nie einen edlen Gedanken aͤußert, noch eine ruͤhrende poetiſche Stelle lieſt, wobei nicht ſeine Augen einen feuchten Glanz annehmen, und ſeine Lippen beben. Unſer Geſpraͤch kam jetzt ins Stocken, und ob⸗ wohl ich noch einige Stunden bei ihm blieb, ſo be⸗ ſinne ich mich doch auf nichts, was von dieſem— noch erzählt zu werden verdiente. et en ne Dritte Unterredung. Die franzoͤſiſchen weltlichen Philoſophen.— Der erſte Schritt zur Weisheit iſt, daß man denken lerne, gleichviel wie.— Der Gedanke berichtigt ſich ſelbſt.— Glaͤnzende Schriftſteller ſind weniger gefaͤhrlich, als geiſtloſe.— Gruͤnde dafuͤr— Die Fehler gewiſſer Philoſophen.— L—, die ehrerbietige Neigung, welche er einfloͤßt.— Das Herz ſchrickt vor dem Tode zu⸗ ruͤck.— Eine Stelle aus Bolingbroke.— Das ge⸗ woͤhnliche Leben gewaͤhrt keinen Wirkungskreis fuͤr alle unſere Empfindungen.— Ein ruͤhrender Gedanke in Milton's lateiniſchen Gedichten.— Bemerkungen uͤber Byron und die Charakteriſtik eines Dichters fuͤr unſere Seit.— Schilderung eines Helden im Dienſte der Wahrheit. J beſuchte L— am naͤchſten Tage; K—, eine der wenigen Perſonen, die er zuläßt, war bei ihm; ſie unterhielten ſich uͤber diejenigen Schriftſteller, welche ihre Philoſophie auf weltliche Gegenſtände gerichtet haben, die Weisheit in Epigramme verwandelten, und der Goͤttin aus dem Hain und dem Portikus den Anzug einer Dame nach der Mode gaben.— 140 Niemals vielleicht,“— ſagte K—„hat die Tugend, trotz der Behauptung Plato's, daß wir ſie bloß zu ſehen brauchen, um ſie anzubeten, der Weisheit ſo viele Schuͤler verſchafft, als der Witz. Wie Viele von uns wurden zuerſt auf den Weg der Vernunft gefuͤhrt, haben zuerſt gelernt, zu denken, Schluͤſſe zu machen, eine Moral aus den Thorheiten des Le⸗ bens zu ziehen, durch einen glänzenden Aphorismus Rochefoucauld's oder la Bruysre's!— Eine witzige Pointe nimmt, wie der Reim, zugleich das Gedächt⸗ niß und die Einbildungskraft in Anſpruch; was mich betrifft, ſo geſtehe ich aufrichtig, daß ich nie das Nach⸗ denken kennen gelernt— niemals über politiſche Oe⸗ konomie geſchrieben, nie den Charakter meines ſpitz⸗ buͤbiſchen Vormundes erkannt, und bei Zeiten noch mein Vermögen auf Vorſicht gerettet,— nie ein ſo gutes Weib gewaͤhlt hätte; ja, ſelbſt 2—s Freund nicht geworden wäre, wenn nicht ein vergnuͤgter Tag in Verſailles mich mit Rochefoucauld's Maxi⸗ men bekannt gemacht hätte; ſeit jenem Augenblick dachte ich, und eine Zeit lang zwar dachte ich noch ſehr falſch und ſehr oberflächlich, doch die Gewohn⸗ heit des Denkens heilt nach und nach die Maäͤngel der erſten Lehrzeit, und ich ſegne oft Roche⸗ foucauld, weil er aus einem verſchwenderiſchen und uͤppigen Leben mich gerettet, aus den Klauen eines Schurken mich befreit, und geiſtigen Beſchäftigungen und ehrenwerther Geſellſchaft mich zugeführt hat⸗ nd, zu ſo iele nft uͤſſe Le⸗ mus tzige icht⸗ mich ach⸗ Oe⸗ ſpit⸗ noch n ſo eund igter Kaxi⸗ blick noch on⸗ die ocho⸗ und eines ngen hat. 141 Wie wenig wuͤrde jedoch Rochefoucauld's Buch dem abgeſchmackten Eiferer gegen die Gemuͤthloſigkeit ſeiner Lehren auf eine ſo aute Wirkung berechnet erſcheinen. A. Ja, die Fehler eines glaͤnzenden Schrift⸗ ſtellers ſind niemals auf die Dauer ſchaͤdlich, tau⸗ ſend Menſchen leſen ſein Werk, die kein anderes le⸗ ſen wuͤrdenz jede ſeiner Lehren wird genau beleuch⸗ tet, man entdeckt bald, was Wahrheit und Irrthum iſt; die Wahrheit wird zu Fixſternen, und die Irr⸗ thuͤmer zu Leuchtthuͤrmen. Aber der geiſtloſe Schrift⸗ ſteller wird vernachläſſigt und weniger zum Gegen⸗ ſtand der Unterſuchung.— Dieſe, jener große Ab⸗ ſonderer des Korns von der Spreu, wird ihm ver⸗ weigert; der Schuͤler hoͤrt ihn als eine Autorität nennen, lieſ't ihn ohne einen Fuͤhrer, ſaugt ſeine Irrthuͤmer ein, und prunkt ſogar mit ihnen als ei⸗ nem Beweiſe ſeiner Gelehrſamkeit. Mit Einem Wort, der geiſtloſe Schriftſteller gewinnt diejenigen nicht fuͤr die Weisheit, welche ihr zu folgen abge⸗ neigt ſind; und Denen, die ihr willig folgen, beut er die Verſuchung, den Irrthum fuͤr die Wahrheit zu nehmen. L. Ich muß Ihnen aufrichtig geſtehen, daß ich eine Einwendung dagegen habe, den Anfang des Denkens mit dieſen weltlichen Forſchern zu eroffnen. Wenn auch Rochefoucauld ſelbſt uns mit ſo ehrlichem Ernſte berichtet, daß er„les sentimens beaux“ hatte, und daß er„extrémement les belles pas- sionss“ billigte, ſo liegt es offenbar doch nicht in ſei⸗ ner Abſicht, zu veredeln; er ſchildert uns das Tragi⸗ komiſche der großen Welt, doch er begeiſtert uns nicht zu der Mitwirkung fuͤr ihre großen Zwecke, er entwickelt uns einige von den mehreren Triebfe⸗ dern der Menſchen, doch er verſchweigt uns, mit welchen beſſeren Motiven ſie in Verbindung ſtehen, und wie ſie durch deren Befoͤrderung gereinigt und erhoͤhet werden koͤnnen. Dieſes iſt es, was ich in den meiſten Schriftſtellern, die ſehr ſcharfſinnig, und mit gluͤcklicher und wahrer Einſicht die Laſter und Thorheiten der Menſchen aufgedeckt haben, weniger zu tadeln, als zu bedauern finde. ⸗„Ich finde es in la Bruyère, in Rochefoucauld, ſelbſt in dem weni⸗ ger ſcharfen und mehr zarten Vauvenarques, deſſen Verdienſte durch Dugalt Steward, wie es mir ſcheint, zu hoch geſtellt wurden; ich finde es in Swift, Fiel⸗ ding(ein ſo bewunderungswuͤrdiger Moraliſt der Letztere auch ohne Zweifel in allen untergeordneten Richtungen der Moral iſt), und wer zeichnet ſich un⸗ ter den Alten durch denſelben Fehler ſo ſehr uns, wie der ſarkaſtiſche und unnachahmbare Luzian?— Doch wir wollen nicht voreilig urtheilen; dieſer Man⸗ gel an Gefuͤhlsadel, um mich ſo auszudruͤcken, iſt nicht nothwendigerweiſe eine Folge des Scharf⸗ ſinns. Wo wir jedoch den Gefuͤhlsadel und den Scharfſinn vereinigt ſehen, da finden wir das höchſte s ſei⸗ agi⸗ uns ecke, ebfe⸗ mit hen, und in und und riger s in veni⸗ eſſen eint, Fiel⸗ der neten n⸗ uns, 2— Man⸗ iſt harf⸗ den öchſte Genie, einen Shakespeare, einen Tacitus, einen Cervantes. A. Ein anderes charakteriſtiſches Merkmal der Schriftſteller, von denen wir ſprechen, iſt dieſes:— ſie ſind zu ſehr geneigt, auf Buͤcher keine Ruͤckſicht zu nehmen, und nach ihren eigenen Erfahrungen zu ſchreiben; nun iſt allerdings eine Erfahrung, ſobald ſie auf einer vielſeitigen und umfaſſenden Theorie be⸗ ruht, fuͤr die Wahrheit von unſchätzbarem Werthz wo dieſe Theorie jedoch fehlt, da kann die Evfah⸗ rung zwar richtige Ergebniſſe in einzelnen Punkten gewähren, aber ſie wird in Beziehung auf die Zu⸗ ſammenfaſſung des Ganzen Irrthuͤmer erzeugen; denn der Irrthum iſt nur die Auffaſſung einiger Thatſachen, ſtatt der Ueberſicht aller. L. Mit Einem Wort, es iſt mit Philoſophen, wie mit Politikern; die Erfahrung, welche Indivi⸗ duen leitet, darf keine Regel fuͤr das Gemeinweſen werden. Und hierbei erinnere ich mich einer geiſt⸗ reichen und richtigen Vergleichung des Kaiſers Julian. — Als er von Jemand ſprach, der mehr aus der Erfahrung als aus Grundſätzen ſeine Kenntniſſe ſchopfte, verglich er ihn mit einem Quackſalber, der in Folge ſeiner Erfahrungen eine oder zwei Krank⸗ heiten, mit denen er vertraut geworden, zu behan⸗ deln vermag, der jedoch, da es ihm an einem Sy⸗ ſtem, oder einer Theorie der Kunſt fehlt, der un⸗ zähligen Krankheitsfälle unkundig iſt, die er durch 144 perſonliche Beobachtung nicht kennen gelernt hat. Wenn jetzt aber Jemand von einer umfaſſenden und wiſſenſchaftl'chen Theorie im Gegenſatz zu einer veſchraͤnkten und einſeitigen Praxis ſpricht, ſo wird er, der in der That der wahre Arzt iſt— er wird als ein Quackſalber ausgeſchrieen.“ Kurz nach dieſem Theil unſerer unterredung ging K— fort, und wir ſprachen uͤber einige Gegenſtände, die Bezug auf K— haͤusliche und Privat; Angele⸗ genheiten hatten. Je mehr wir uns verſtändigten und vertrauter wurden, deſto mehr theilte L— in jenen langen Winter⸗Abenden, an denen wir allein vor dem Kaminfeuer ſaßen, von einigen Vorfällen aus ſeinem fruͤheren Leben mir mit, und ich erſuchte ihn dringend, da ich immer große Theilnahme fuͤr Alles, was ihn betraf, gefuͤhlt hatte, und unſerer freundſchaftlichen Verhättniſſe ungeachtet, mit manchen Einzelheiten aus ſeinem Leben nicht bekannt war,/ welches, wie ich mir vorſtellte, manches der Mittheilung nicht unwerthe darbieten mußte, mir eine kurze und auf⸗ richtige Darlegung ſeines thätigen und literariſchen Treibens anzuvertrauen. Auch wuͤnſchte ich, daß ein größerer Kreis ſo viel von einem ungewohnli⸗ chen Menſchen wiſſen mochte, als jetzt von ihm be⸗ kannt ſein mag, von einem Menſchen, der, wenn er auch nicht viele Lebens⸗Jahre zählte, und manche derſelben in jenen Zerſtreuungen und Vergnügungen zugebracht hatte, die Männern ſeiner Geburt und X wenn ranche ungen tund 14⁵ ſeines Reichthums zu Gebote ſtehn, jetzt wenigſtens durch Alle, die ihn kennen, immer mit einer Liebe, die faſt an Anbetung grenzt, und mit einer Achtung genannt wird, die mehr der Verehrung gleicht, welche wir fuͤr irgend einen alten und beruͤhmten Philoſo⸗ phen fuͤhlen, als der vertraulichen Anhaͤnglichkeit, die Männer von gleichem Alter mit uns und ohne oͤffentlichen Ruf uns einflößen. „Was mein fruͤheres Leben betrifft,“ ſagte L—, indem er lächelnd meinen dringenden Bitten nachgab, „ſo fuͤhle ich, daß es bloß das Echo eines Echo iſt. Ich weigere mich jedoch nicht, es Ihnen mitzuthei⸗ len, wie es iſt; denn es kann einigen Ihrer Be⸗ merkungen, die mehr werth ſind, als die Begeben⸗ heiten, die ihnen zum Grunde liegen, Stoff gewaͤh⸗ ren; und was einige ſpätere Ereigniſſe in meiner Laufbahn betrifft, ſo wird es mich, wenn auch ver⸗ letzen, doch zugleich beruhigen, ihrer zu erwaͤhnen. Kommen Sie daher morgen zu mir, und ich will bis dahin uͤberlegen, was fuͤr die durch Sie ge⸗ wuͤnſchten Mittheilungen ſich am Beſten eignet. Aber verlaſſen Sie mich jetzt noch nicht, theurer A—. Bleiben Sie ſitzen— wir wollen näher an das Feuer ruͤcken.— Wie viele Scenen haben wir ge⸗ meinſchaftlich erlebt— wie viele unternehmungen vereinigt beſtanden!— Laſſen Sie uns jetzt von dieſen ſprechen, morgen will ich Sie dann mit mei⸗ ner beſondern Geſchichte unterhalten; das Ich— Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 10 146 das ewige Ich— laſſen Sie noch einen Tag es uns vermeiden. Koͤnnten Sie ſich nur vorſtellen, wie ſchrecklich es mir erſcheint, daß mit den Jahren die Innigkeit der Gefüͤhle zunimmt; ich habe dieſes in mehreren Fällen eines fruͤhen Todes bemerkt;— eines fruͤhen Todes, denn das Herz uͤberlebt die Ruinen, welche die Zerſtorung der Zeit bildet. Wenn die koͤrperlichen Theile erhärten, ſo erkräftigen ſich die moraliſchen. In der Jugend aber, wenn alle unſere Gefuͤhle friſch und neu ſind, ſträuben ſie ſich gegen ihren Untergang— ſie ſtreben, ſo zu ſagen, aus ihrem verfallenden Gefängniß empor— ſie ſeh⸗ nen ſich nach Freiheit und Erlöſung.—„Werden wir,“ wie jener treffliche, doch ſo oft verkannte Geiſt, der den engliſchen Staatsmannern Polarſtern und Leuchtthurm zugleich iſt, irgendwo ſo ruͤhrend fragt —„werden wir gefuͤhlvoller, jemehr der große Au⸗ genblick unſerer irdiſchen Auflöſung ſich nähert, oder werden Diejenigen, welche in einem veraͤnderten Da⸗ ſein mit einander zu leben beſtimmt find(denn die Freundſchaft beſteht nur unter den Guten) jener gotttichen uebereinſtimmung ſich inniger bewußt, welche mit ihrer jenſeitigen Genoſſenſchaft ſie ver⸗ knuͤpfen ſoll*)?“ Ich hätte dieſe Bemerkung durch die Verände⸗ *) Bolingbroke's Briefe an Swift. ns vie die die enn ſich alle ſich gen, ſeh⸗ den eiſt, und ragt oder Da⸗ die jener ußt, ver⸗ ände⸗ 147 rungen unſres phyſiſchen Zuſtandes erlautern kbn⸗ nenz durch die Erſchoͤpfung in Folge von Krankheitz durch die Huͤlfloſigkeit, welche wir in dieſem Zuſtande fuͤhlen, und durch die Abhängigkeit, und das Be⸗ durfniß einer Stuͤtze, welche ſie veranlaßt; ich wollte jedoch die Gedankenfolge L—'s nicht ſtoͤren oder unterbrechen, und nach einer kleinen Pauſe fuhr er fort: „Fuͤr Maͤnner, die von heftigen Leidenſchaften beherrſcht werden, ſcheint mir kein Mittelzuſtand zwiſchen dem offentlichen Leben und innerer Unzufrie⸗ denheit Statt zu finden. Im oͤffentlichen Leben fin⸗ den jene Leibenſchaften einen weiten Wirkungskreis; ſie geſtalten ſich zum Wohlwollen, zum Patriotis⸗ mus, oder zum Parteigeiſt— oder ſie vereinigen ſich zum Ehrgeiz, wenn ſie mehr den Dingen, als den Perſonen ſich zuwenden. Wer aber wird jemals im Privatleben, nachdem die erſte Begeiſterung der Leidenſchaft verflogen iſt, ein zärtliches und inniges Gemuͤth ganz befriedigt fuͤhlen?— Ein Wort, ein Blick, ſchreckt uns zuruͤck; wir machen Anſpruch auf eine zu lebhafte Erwiederung; wir werden empfind⸗ lich, wenn wir ſie nicht zu finden glauben— dieſe Empfindlichkeit verletzt; was Schwäͤche des Herzens iſt, wird dem Charakter zur Laſt gelegt— Vor⸗ wuͤrfe, Streit und Kaͤlte ſind die Folgen. Wir werden in unſer eignes Herz zuruͤckgewieſen; und daraus entſteht etwas Gutes oder etwas Boͤſes— 10* 148 wir werden fromm oder wir werden ſelbſtſuͤchtig. Wenn unſre Gefuͤhle unter unſern Mitgeſchoͤpfen keine Erwiederung finden, ſo ſuchen ſie einen Zufluchts⸗ ort im Himmel, oder ſie vereinigen ſich zu einer ein⸗ ſamen und egoiſtiſchen Abgeſchloſſenheit, und die Selbſtſucht wird woͤrtlich, wie der vergeſſene Lee ſie, im Allgemeinen bezeichnete „Die Achſe, um die Alles ſich nun ſchwingt“— Die unvermeidlichkeit dieſes Wechſelfalls ſpricht ſich beſonders bei den Frauen aus; ihre Leidenſchaften ſind ausdauernder als die unſrigen, ihre Enttäuſchung daher auch von nachhaltenderer Wirkung. Aus die⸗ ſem Grunde entwickelt ſich die leichtgläubige Schwär⸗ merei der Betſchweſter, oder das verſteinerte Herz der einſamen Alten, wo dreißig Jahre zuvor ein mit Liebe fuͤr alle Weſen, und mit dem Beduͤrfniß der Gegenliebe erfuͤlltes Gemuͤth das ganze Daſein be⸗ herrſchte! Ach, woher kommt es, daß keine Natur der andern ganz gleich—, daß dennoch unſrer Sehn⸗ ſucht hoͤchſtes Ziel die Sympathie iſt, und daß Nie⸗ mand(oder die Ausnahmen ſind ſo unbedeutend, daß ſie nicht in Anſchlag gebracht werden können) nach der Erfahrung von Jahren und der Probezeit der Gewohnheit ſich ruhmen darf, jenes Ziel erreicht zu haben?— Milton, deſſen Lebensſchickſal Enttäu⸗ ſchung war— bittre Enttaͤuſchung in ſeinen Pri⸗ vat⸗ und oͤffentlichen Verhältniſſen— Milton, deſ⸗ ſen Gemuͤthsſtimmung die leichtſinnige Nachwelt ſich fen ts⸗ ein⸗ die ſie, ſich ften ung die⸗ vär⸗ derz mit der be⸗ atur ehn⸗ Nie⸗ daß nach der t zu taͤu⸗ Pri⸗ deſ⸗ ſich 149 als zwar erhaben, aber als finſter und abgeſchloſſen, hat uberliefern laſſen, druͤckt in einem ſeiner fruͤhe⸗ ren lateiniſchen Gedichte ſeine Geſinnungen mit ei⸗ nem melancholiſchen und ſanften Pathos aus, das nicht oft die reichen und platoniſchen jugendlichen Erguͤſſe in ſeiner Mutterſprache darbieten: Vix sibi quisque parem de millibus invenit unum; Aut si fors dederit tandem non aspera votis, Ilum inopina dies— qua non speraveris hora Surripit— eternum linquens in saccula damnum*). und wer, der fuͤr kurze Zeit ein Herz gefunden, wel⸗ ches dem ſeinigen ganz zu entſprechen ſchien, hat nicht täglich und ſtuͤndlich zu ſich ſelbſt geſagt:— „Dieſes kann nicht von Dauer ſein!“— Hat er nicht eine leiſe, dunkle Todesahnung gefuͤhlt? Hat er nicht zum erſtenmal ſich geſcheut, in die Zukunft zu blicken? Wurde ihm nicht unbehaglich und ängſt⸗ lich? Glich er nicht dem ungluͤcklichen, der auf ei⸗ nem mit tauſend Gefahren bedrohten Wege wandert, und doch Alles, was ihm werth iſt, mit ſich hat? Ach, es liegt unendlich viel tiefes und wahres Ge⸗ fuͤhl in Byrons Worten, die, aus kritiſchem Geſichts⸗ punkt einen Irrthum enthalten.„Die Liebe hat in —„ *) Kaum unter Tauſend Einer findet Mitgefühl, Und wenn ein mild Geſchick den Traum erfuͤllt, Trifft unerwartet ihn der ſchwarze Tag, Ein ew'ges Grab bereitend dem Verluſt. 15⁵⁰ der That einen Seufzer zu ihrem beſten Dolmetſcher gemacht.“— A. Wir moͤgen Lord Byron beurtheilen, wie wir wollen— und denkende Maͤnner bilden ſich eine andere Anſicht von ihm, als die bisher gewöhnliche, — kein Dichter hat mehr als er die gemeinſchaftli⸗ chen Seiten des menſchlichen Gefuͤhls zu beruͤhren gewußt. L. Seine Verdienſte wurden allerdings bisher nicht richtig aufgefaßt und gewuͤrdigt, und eine vor⸗ urtheilsfreie Kritik derſelben ſteht noch zu erwarten. Nichts erſcheint mir ſeltſamer in der Geſchichte der Nachahmung, als die Mißgriffe, welche alle Nach⸗ ahmer Lord Byron's begingen. Die großen Eigen⸗ thuͤmlichkeiten Lord Byron's ſind Kraftfulle und Ge⸗ walt der Empfindungen— er nimmt die allgemein menſchlichen Gefuͤhle in Anſpruch— er froͤhnt nie⸗ mals der Empfindelei oder kindiſcher Albernheit— und trotz ſeiner vielen Abſchweifungen beguͤnſtigt er niemals das Laub auf Koſten der Frucht. Was ſind die Eigenthuͤmlichkeiten aller ſeiner Nachahmer? — Sie ſind ohne Kraft und Mark— ſie affectiren eine weinerliche Stimmung— ſie entſprechen kei⸗ nem allgemein menſchlichen Gefuͤhle— ſie prunken mit hochtrabenden Redensarten— ſie bauen ganze Pyramiden von Blumen und Bluͤthen— ſie beru⸗ fen ſich auf„die wenigen gleichgeſtimmten Seelen“ — ſie thun ſich viel darauf zu gut, den Leſer zu cher wie eine iche, ftli⸗ hren sher vor⸗ ten. der ach⸗ gen⸗ Ge⸗ nein nie⸗ t er Was ner? iren kei⸗ nken anze eru⸗ len“ zu 15⁵¹ ermuͤden, und betrachten den Mangel an Intereſſe als den Beweis eines erhabenen Genius. Wenn Byron klagt, ſo iſt er der Held, welcher ſeine Wun⸗ den zeigt; ſeine Nachahmer ſind Bettler auf der Straße, die da ſchreien:„Habt Mitleid mit dieſen Geſchwuͤren und Pflaſtern!“— Im erſteren Fall iſt wahrer Pathos vorhanden, weil mit dem Mit⸗ leiden auch Bewunderung angeregt wird; in dem letztern Falle Ekel, den die berechnende Verſtellung und dies vorgeſchuͤtzte ungluͤck erzeugen. Wer in unſrer Zeit in der Poeſie Gluͤck zu machen wuͤnſcht, der muß den Geiſt der Gegenwart, nicht den der Vergangenheit genau zu dem ſeinigen gemacht ha⸗ ben. Er muß der hohen Begeiſterung theilhaftig geworden ſein, die durch die wiedererwachende Welt ſtromt. Mit der Begeiſterung aber muß er geſun⸗ des urtheil verbinden; er muß den Gefuͤhlen und dem Verſtändniß der mittleren ſowohl, als der hoͤhe⸗ ren Claſſen entſprechen; er muß in Mancheſter und in Liverpol ſich Gunſt erwerben. Die ariſtokratiſche Abgeſchloſſenheit, die menſchenfeindliche Geſinnung des großen Herrn, welche Byron darſtellte, ſind un⸗ tergegangen in der Thätigkeit, in der Lebendigkeit, in dem Leben unſrer Zeit. Statt des Gefuͤhls moͤge ſcharfer Witz oder derbe Kraft wirken; ſtatt der Ge⸗ wohnheiten und Sitten Weniger ſeien die großen Intereſſen Vieler Gegenſtand der Darſtellung. A. Aber in England iſt die Ariſtokratie immer 15⁵² noch die erſte Claſſe von Leſern, in deren Haͤnde die Poeſie fällt; werden ſie nicht befriedigt, ſo kommt das Buch nicht in die Mode— kommt es nicht in die Mode, ſo werden die mittleren Claſſen es niemals leſen. L. Kann dies aber ſo bleiben?— Kann es längere Zeit ſo bleiben? Wird es nicht einſich⸗ tige und einflußreiche Kritiker geben, die das hervor⸗ heben, was nur fuͤr kurze Zeit vernachläſſigt wer⸗ den kann?— Ich ſage, fuͤr kurze Zeit, denn Sie muͤſſen zugeben, daß Alles, was die Mehrzahl durch ihre Gefuͤhle, durch ihre dauerden Intereſſen in Anſpruch nimmt, der unſterblichkeit anheim fallen muß.— Zu dieſen Schriften werden die Fuͤhrer und Freunde der Menge,— eine Autorität, auf welche ſie ſich berufen koͤnnen, freudig benutzend,— ſtets zuruͤckkehren— und iſt die Aufmerkſamkeit auf ſie gerichtet, ſo wird der Ruhm willig folgen. Wenn ich prophezeihen ſoll, ob ein neuer Schriftſteller in unſrer Zeit beruͤhmt werden wird, ſo forſche ich bloß, nachdem ich von ſeinem Genius mich uͤber⸗ zeugt, inwiefern er der Diener der Wahrheit, und geneigt iſt, alle ſeine Kräfte ihr zu widmen, die Lieblingsblumen ſeines Geiſtes ihr zu opfern, fuͤr ſie ſelbſt eigenthuͤmlicher Form und Manier ſich zu entaͤußern, keine Art der Compoſition, die ihr nuͤtzlich ſein kann, zu verachten, jetzt den kuͤhnſten Flug wagend, dann wieder den niedrigſten geiſtigen de es en es T ie n er uf uf n in r⸗ 15³ Leiſtungen ſein Talent widmend, gewandt und viel⸗ ſeitig in der Methode, doch feſt und unveraͤnderlich immer denſelben Zweck verfolgend— moͤge er auf jedem Felde ſeine Kraͤnze oder ſeine Aerndte ſuchen, aber nur auf einem Altar ſeine Opfer darbringen! Ein ſolcher Mann muß groß werdenz durch den Neid, durch die Vernachlaͤſſigung, durch den Haß, durch die Verfolgung wird er ſich ſeinen Weg bah⸗ nenz er wird ihn weder verfehlen, noch deſſelben uͤberdruͤßig werden; er wird trotz aller Entbehrungen, trotz aller Enttäuſchungen der Gewißheit ſeiner Be⸗ lohnungen ſich bewußt bleiben; er wird ſeine Begei⸗ ſterung nicht verbergen, weil er befuͤrchtet, ſich lä⸗ cherlich zu machen; er wird das Schwerdt der Sa⸗ tyre ſchwingen, ohne die Feinde, welche ſie ihm er⸗ weckt, zu ſcheuen. Nach und nach werden die Men⸗ ſchen in ihm, der alle Hinderniſſe beſiegt, einen Kaämpen fuͤr das Recht und einen Fuͤhrer anerken⸗ nen. Wenn ein Grundſatz zu vertheidigen iſt, ſo werden ihre Blicke ſich auf ihn richten; iſt ein Vor⸗ urtheil zu uͤberwinden, ſo wird man ihn als den Erſten unter dem Banner der Wahrheit erwarten. Sein Name wird leben trotz der zerſtoͤrenden Macht von Jahrhunderten, denn die Wahrheit iſt der unzerſtoͤrbare und heilige Triumphbogen, der ſeine unſterblichkeit ſichert. Vierte Unterredung. Enthaltend L—s Geſchichte. Un die Nachſicht des Leſers fuͤr Vieles in der Ma⸗ nier und in dem Gegenſtand der Unterhaltung L—s zu gewinnen, muß ich zu bemerken bitten, wie ſehr die Einbildungskraft auch alle diejenigen Richtungen ſeines Geiſtes beſeelt, von denen, wo das urtheil ganz geſund iſt, Alles, was nur der Phantaſie an⸗ gehoͤrt, ſorgfältig ausgeſchloſſen bleiben wuͤrde. Wie groß auch L—s Talente ſein mögen, ſo war doch in ſeinem Charakter immer etwas Lockeres und un⸗ zuſammenhängendes, welches jedoch, wer es bemerkte, nicht fuͤglich verachten konnte, weil es ſeinen Anſich⸗ ten eine Zartheit, ſeinen Meinungen eine Gefuͤhls⸗ wärme verlieh, die vielleicht mehr Zuneigung zu ihm entwickelten, als es moͤglich geweſen, wenn ſeine Kenntniſſe und Anlagen durch ein ſchieferes urtheil unterſtuͤtzt worden wären. Was mich betrifft, der ich die Welt mehr verachte als haſſe, und ſelten et⸗ was beobachttẽ, das, reiflich erwogen, uͤber der Ver⸗ Na⸗ —5 ehr gen heil an⸗ Wie och Un⸗ kte, ſich⸗ hls⸗ ihm eine heil der et⸗ Ver⸗ 15⁵⁵ achtung mir erhaben ſcheint, ſo werde ich oft, ſelbſt wi⸗ der Willen, durch das Wohlwollen in ſeinen Mei⸗ nungen, ſo wie durch ſeine milde und menſchenfreund⸗ liche Philoſophie hingeriſſen. Oft muß ich laͤ⸗ cheln, wenn ich ſeine ſchwärmenden und platoniſchen Ideen uͤber unſern irdiſchen Beruf vernehme, doch bleibt es zweifelhaft, ob dieſes Lächeln verächtlich iſt, wenn auch L—'s Beweisgruͤnde mit Irrthum und Trug verwoben zu ſein ſcheinen. Ich erinnerte L—, als ich ihn wiederſah, an ſein, in unſrer letzten Unterhaltung mir gegebenes Verſprechen, mir ſeine fruͤhere Lebensgeſchichte mit⸗ zutheilen. Ich aͤußerte den Wunſch, es moge bieſes ſowohl die Geſchichte ſeines Innern, als ſeiner Er⸗ lebniſſe ſein: eine literariſche und moraliſche Dar⸗ ſtellung— das Memoire eines Gelehrten. Die Zeit, in der ich dieſen Wunſch aͤußerte, war guͤnſtig. Seine Stimmung, war beſſer, als gewoͤhnlich, auch wurde er von koͤrperlichen Schmerzen nicht geplagt; der Abend war heiter, und die Luft athmete jene ruhige Milde, die uns oft gegen das Ende eines je⸗ ner ſchoͤner Tage erfreut, welche die Strenge eines engliſchen Winters mitunter weniger empfindlich machen. Die Bekenntniſſe eines ehrgeizigen Gelehrten. Sie wiſſen, ſagte L—, ſeine Geſchichte beginnend, daß ich mit den Vortheilen eines guten Namens und ei⸗ 156 nes nicht unbedeutenden Vermogens geboren wurde. Die Sorge meiner Erziehung, denn ich war eine Waiſe, fiel meiner unverheiratheten Tante anheim, welche man⸗ che vortreffliche Eigenſchaften mit einer ſeltenen Her⸗ zensgüte vereinigte. Die gute alte Frau! Wie gut und wie dankbar erinnere ich mich ihrer, mit ihrer hohen Mütze, der mit Schildkrotenſchale eingefaßten Brille, die den freundlichen Ausdruck ihrer Augen weder verbergen noch verduͤſtern konnte. Wie gut erinnere ich mich auch noch des Buchſtabirbuches und der Grammatik, und(da ich ätter wurde) des alterthuͤmlichen Bandes von Plutarchs Lebensbeſchrei⸗ bungen, der immer, fuͤr meinen Gebrauch und Nu⸗ tzen, auf dem alten ſchwarzen Tiſch neben ihrem Seſſel lag. und noch etwas Beſſeres, als das Buch⸗ ſtabirbuch und die Grammatik, ja, als ſelbſt das Leben des Cajus Marius mit jenem erhabenen und ſchrecklichen Ereigniß, welches Plutarch ſo ſchön er⸗ zählt, wie der den Mord beabſichtigende Sklave, als er in des großen Romers Zufluchtsort trat, wo derſelbe, durch Jahre und ungluͤck gebeugt, ſich ver⸗ borgen, und durch das feierliche Halbdunkel des Zim⸗ mers den Blick ſeines Schlachtopfers wie ein war⸗ nendes Feuer ſich entgegen blitzen ſah, waͤhrend eine Stimme rief:„Willſt Du es wagen, Menſch, den Cajus Marius zu ermorden?“ und wie der wilde Gallier, entſetzt und erſchrocken, die Waffe fallen ließ, und aus dem Zimmer floh;— beſſer noch, Die fiel an⸗ er⸗ gut rer ten gen gut hes des rei⸗ Ku⸗ 157 ſage ich, als das Buchſtabirbuch und die Gramma⸗ tik, und als dieſe ſchonen alten Geſchichten, waren gewiſſe einfache Lehren, mit denen meine Tante Ab⸗ wechſelung in dieſe Beſchäftigungen zu bringen pflegte. Nie zu luͤgen, nie eine ſchlechte Handlung zu bege⸗ hen, nie einen Freund zu verlaſſen, nie einen Feind zu verleumden, dieſes waren die ererbten Grundſätze ihrer Familie, und ſie pragte ſie meinem Geiſt als Etwas ein, das, wenn ich ihm treu nachkaͤme, ſelbſt die Suͤnde entſchuldigen und wieder gut macheu koͤnne, wenn ich etwa einmal vergaße, wie achtſyl⸗ bige Worte buchſtabirt werden. Ich wurde zur Schule geſchickt, als ich ungefähr 7 Jahr alt war, und ich blieb dort bis zum 12ten Jahre, wo ich Ovid's Epiſteln leſen konnte. Ich kam darauf in eine andere, fuͤr mein Alter und meine Kenntniſſe mehr geeignete Lehranſtalt. Hier trat ich mit einem entſchiedenen Entſchluß ein, der in ſeinen Folgen zu der Ausbildung meines Cha⸗ rakters viel beitrug. In meiner erſten Schule war ich der uͤbermuͤthigen Wildheit der älteren Knaben ſo oft und wiederholt ausgeſetzt geweſen, daß ich in dem Augenblick, da mein Alter und meine Kräfte eine genuͤgende Vertheidigung moͤglich machten, in⸗ nerlich beſchloß, den Geſetzen der Ehre zuvorzukom⸗ men, und keinen Schlag mehr ohne Widerſtand mir gefallen zu laſſen. Als ich daher in dem Alter von 12 Jahren in eine neue Schule kam, hielt ich mich 15⁵8 reif fuͤr die Epoche der Emancipation, nach der ich ſo lange ſchon mich geſehnt hatte. Den dritten Tag nach meiner Ankunft mußte ich meine erſte Probe beſtehen; ich wurde durch einen Knaben, der einige Kopfe groͤßer war, als ich, geſchlagen— ich wehrte mich— wir kämpften und ich unterlag, aber er ſchlug mich nie wieder. Wenn ein Knabe perſoͤnli⸗ chen Muth beſitzt, ſo iſt dieſes eine vortreffliche Re⸗ gel; denn durch eine tuͤchtige Schlägerei entgeht man wenigſtens zwanzig kleineren, ſo wie unzähligen Ne⸗ ckereien und Quälereien. Kein Knabe mag gern mit einem andern, der ſchwächer und kleiner iſt, ſich bal⸗ gen, und wird, um es zu vermeiden, lieber das Ver⸗ gnuͤgen des Tyranniſirens aufgeben. Wir koͤnnen leider! bei den jetzigen Verhältniſſen nicht zu fruh die große Kunſt des Widerſtandes lernen. Ich ubertrieb jedoch, wie Sie gleich hoͤren werden, mei⸗ nen Grundſatz. Ich war durch den Lehrer noch nie angeruͤhrt worden, hatte ſelbſt noch keinen Verweis erhalten, als eines Tages, da ich ungefähr 15 Jahr alt war, ich einen verzweifelten Auftritt hatte, der mit meiner Verweiſung aus der Schule endigte. Wir hatten einen Aufwärter, einen launiſchen und eigenſinnigen Mann. Er war ſtreng gegen die klei⸗ neren Knaben, doch hatte er ſeine Lieblinge unter ihnen— Buͤrſchchen, die ihn immer„Herr“ titu⸗ lirten und ihm Orangen ſchenkten. Gegen uns aus der obern Schule war er im Allgemeinen hoflich Lag obe nige rte nli⸗ Re⸗ nan Ne⸗ mit bal⸗ er⸗ nen ruh Ich mei⸗ nie veis ahr der igte. und klei⸗ nter titu⸗ aus flich 1⁵9 und er wußte es ſo einzurichten, daß er von dem Einen oder dem Andern waͤhrend der Feiertage ein⸗ geladen wurde. Aus dieſer Ruͤckſicht war er nach⸗ ſichtig gegen manche unregelmäßigkeiten, geſtattete uns, an halben Feiertagen Feſte zu veranſtalten, und uͤberſah es, wenn er einen erib*) bei uns ent⸗ deckte. Gegen die Schullehrerin war er ſanft, wie ein Laͤmmchen. Eine ſo ſchuͤchterne und demuͤthige Beſcheidenheit ſah man noch nie in einem behoſeten Weſen. Wie lobte er des Sonntags ihren Pud⸗ ding! Wie ſtrich er ihr juͤngſtes Mondkälbchen her⸗ aus, als es in die griechiſche Klaſſe kam! Wie fein wußte er ihre wenigen, noch vorhandenen Reize her⸗ vor zu heben, wenn ſie des Sonntags ihr neues ſei⸗ denes Kleid in der Kirche trug! und welche geiſt⸗ reichen Anſpielungen machte er auf ihren freundli⸗ chen Einfluß uͤber das Gemuͤth des ſtrengen Doc⸗ tors! Dem ſei nun, wie ihm wolle, zwiſchen dem Aufwärter und mir beſtand eine Spannung; wir waren uns gegenſeitig nicht gewogen; er behauptete, ich hetze die andern Knaben gegen ihn, und ich hatte ihn in Verdacht, daß er bei der dicken Schullehrerin mich verleumde. Es kam endlich zu einem offenen Bruch. Eines Abends vertrieb ſich der Aufwärter *) Der gewohnliche Ausdruck in den Schulen fuͤr die wortliche Ueberſetzung irgend eines claſſiſchen Schrift⸗ ſtellers. 160 nach der Schule mit einem Knaben aus der hoheren Klaſſe die Zeit mit dem Damenſpiel. Nun ſtand aber das Schulzimmer nach der Schule gaͤnzlich und ausſchließlich der Benutzung der Knaben frei; es war regnigtes Wetter und Mehrere von uns begannen ein etwas gerauſchvolleres Spiel, als das, womit der Auf⸗ waͤrter beſchäftigt war. Herr— gebot Stillſchweigenz meine Kameraden ließen ſich einſchuͤchtern— ich je⸗ doch nicht; ich beſtand auf unſerm Recht, außer den Lehrſtunden ſo viel Lärm zu machen, als wir woll⸗ ten. Meine Beredtſamkeit uͤberzeugte die Andern, und wir fingen unſer Spiel wieder an. Der Auf⸗ waͤrter gebot nochmals Stillſchweigen; wir thaten, als hoͤrten wir es nicht. Er ſtand auf, und ſah⸗ wie ich ihm trotzte. „Herr L—,“ ſchrie er—„horen Sie mich nicht?— Sein Sie ruhig!“— „Entſchuldigen Sie, aber wir haben nach den Lehrſtunden ein Recht auf die Schulſtube, beſonders bei ſchlechtem Wetter!“! „O, ſchoͤn; ich werde Sie dem Doctor anzei⸗ gen“— Mit dieſen Worten ging er hinaus. Wir ſetzten unſer Spiel fort; der Lehrer trat ein. Es war ein großer, hagerer, lahmer Mann, mit einem ſtrengen, kameronianiſchen Blick. „Was iſt das, Herr L—?“— ſagte er, indem er auf mich zuging;„wie können Sie ſich unterſte⸗ hen, den Befehlen des Herrn— ungehorſam zu ſein?“ eren tand und war ein Aufe genz hje⸗ den woll⸗ dern, Auf⸗ aten, ſah, mich den ders nzei⸗ Wir Es inem wem rſte⸗ in?“ 161¹ „Seine Befehle waren aber gegen die Schul⸗ geſetze.“ „Geſetze!— und wer gibt hier in der Schule Geſetze, als ich? Sie ſind unverſchämt, Herr L—, und Sie wiſſen nicht, was Sie Ihren Vorgeſetzten ſchuldig ſind.“ „Vorgeſetzte,—“ ſagte ich, mit einem Blick auf den Aufwaͤrter. Der Lehrer glaubte, ich ſpräche von ihm ſelbſt; er wurde zornig, und gab mir eine Oyrfeige. Mein Blut wuͤthete in den Adern, noch nie er⸗ hielt ich unter jenem Dache einen Schlag, den ich nicht im Augenblick geraͤcht haͤtte. Ich hatte in der Schule Schritt fuͤr Schritt meinen Weg zum Fauſt⸗ heldenthum durchgekaͤmpft. Die, welche ſtärker und friedfertiger waren, als ich, haßten mich, griffen mich aber nicht an; dieſe ſtanden jetzt um mich her, und triumphirten uͤber meine Demuͤthigung; ich ſah, wie ſie in uͤbermuͤthiger Schadenfreude ſich gegenſei⸗ tig zuwinkten; ich ſah ihre Augen funkeln, und hä⸗ miſches Lächeln ihren Mund umziehen. Der Lehrer hatte in meiner Klaſſe noch nie einen Knaben ge⸗ ſchlagen. Meine Beſchimpfung war um ſo groͤßer, weil beiſpiellos. Alle dieſe Gedanken beſtuͤrmten mich. Ich richtete mich empor, ballte meine Fauſt, und gab in einer plotzlichen und faſt unwillkuͤrlichen Aufwallung, den Schlag, den ich erhalten hatte, zu⸗ ruͤck. Der Paͤdagog haͤtte mich auf der Stelle nie⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 11 162 derſchmettern koͤnnen, denn er war ein ſehr ſtarker Mann. Ich achte in dieſem Augenblick ſeine Selbſt⸗ beherrſchung, damals verachtete ich ihn wegen ſeiner Feigheit. Er ſtand da, wie vom Donner geruͤhrt, als er dieſen Beweis meiner ſo kecken Widerſetzlich⸗ keit erhalten; das Blut verließ plotzlich ſeine gelb⸗ liche Wange und kehrte ſchnell in ſtuͤrmiſchem An⸗ drang zuruͤck.„Folgen Sie mir!—“ ſagte er end⸗ lich, indem er fortging. Ich folgte ihm mechaniſch in dumpfer und betaͤubter Stimmung. Er ging voraus in das vom Schulhauſe abgeſondert liegende Gebaͤude; trat in ein kleines dunkles Zimmer zu ebener Erde, in welches ich nur einmal, den Abend, ehe ich zu ihm kam, den Fuß geſetzt hatte; winkte mir, zu folgen; warf mir noch einen harten veraͤcht⸗ lichen Blick zu; verließ das Zimmer, ſchloß die Thuͤre zu, und ich war allein. Später kamen die Dienſt⸗ mädchen, und machten auf einem kleinen Sopha ein Bett zurecht. Am andern Morgen wurde mir mit ge⸗ heimnißvollem Schweigen mein Fruͤhſtuͤck gebracht. Die Einförmigkeit meiner Lage fing an, mir laͤſtig zu werdenz ich ſah mich in dem kleinen Zimmer nach einem Buch um, und endlich fand ich eines hinter einem rothen Theegeſchirr. Es war— ich erinnere mich deſſen noch ſehr wohl— es war Be⸗ los's Sechzigjähriger. Ich habe ſeitdem niemals wieder einen Blick in das Buch gethan, doch zu je⸗ ner Zeit machte es einen großen Eindruck auf mich rker lbſt⸗ iner hrt, lich⸗ gelb⸗ An⸗ end⸗ niſch ging ee r zu bend, inkte huͤre ienſt⸗ a ein it ge⸗ acht. laͤſtig nmer eines ich Be⸗ mals u je⸗ mich 163 — einen duͤſtern, melancholiſchen Eindruck, wie je⸗ ner, den ein regnigter, truͤber Tag auf uns hervor⸗ bringt; es ſchien mir damals eine druͤckende Todes⸗ ſtille in dieſen Memoiren zu bruͤten, welche mich mit der Vorſtellung eines Mannes erfuͤllte, der die Biographie eines genußloſen Lebens ſchreibt, und dem ſogar das Bewußtſein dieſer Leerheit und Nuͤch⸗ ternheit mangelt. Dieſer Eindruck mag vielleicht ein falſcher ſein, und läſe ich das Buch noch ein⸗ mal, ſo wuͤrde es vielleicht ganz verſchiedene Gefuͤhle in mir erregen. Ich erinnere mich jedoch, daß ich bei dieſer und jener Stelle mit leidenſchaftlichem Pathos ſagte:„Gut, ich will niemals mein Leben der Gelehrſamkeit widmen.“— Ich hatte das Buch noch nicht beendigt, als die Schullehrerin eintrat, in⸗ dem ſie vorgab, einen Bund Schluͤſſel zu ſuchen, ei⸗ gentlich aber wohl ſehen wollte, wie ich beſchäͤftigt war; meine unſchuldige unterhaltung mit dem Sech⸗ zigjährigen ſchien ihr ſehr zu mißfallen, und nach⸗ dem ſie kaum zwei Minuten das Zimmer verlaſſen, kam eine Magd, und forderte das Buch. Noch habe ich den Sechzigjährigen nicht ausgeleſen, und wahr⸗ ſcheinlich wird es auch nie geſchehen. Ich brachte einen traurigen Abend und eine ſchlafloſe Nacht zu, doch fruͤh am andern Morgen hoͤrte ich die Klingel ziehen, und ſah aus dem Fenſter meines Gefängniſſes eine Magd das Thor oͤffnen, und meine Tante uͤber den kleinen Kiesweg gehen, welcher das Plätzchen 11* 164 vor dem Hauſe, das man einen Garten zu nennen beliebte, durchſchnitt. ungefaͤhr eine halbe Stunde darauf trat der Doctor mit meiner armen Tante, die in Thraͤnen zerfloß, ein. Der Doctor hatte ſich unerbittlich gezeigt; nur die Ausweiſung aus der Schule konnte mein Vergehen buͤßen. Das Wort Ausweiſung aber erſchreckte meine Tante; ſie hatte von Knaben gehoͤrt, fuͤr deren ganzes uͤbriges Leben die Ausweiſung von traurigen Folgen geweſen;z de⸗ nen ſie die Thore des Collegs, die Vortheile der Connexionen, den Eintritt in die Kirche und in ehrenvolle und einträgliche Aemter verſchloſſenz es war fuͤr ihr Ohr ein ſchrecklicher und verhaͤngniß⸗ voller Ton. Sie kaͤmpfte gegen ein Ungluͤck an, das für ſie von ſo dauernder Nachwirkung zu ſein ſchien. Ich behauptete ein wuͤrdiges Stillſchweigen, da ich entſchloſſen war, wenn auch ihre Vorwuͤrfe und der Gram, den ich ihr verurſachte, mir zu Her⸗ zen gingen, doch kein Zeichen der Reue zu geben. „Sehen Sie, Madame,“ ſagte der Doctor, den meine Hartnaͤckigkeit nur noch mehr aufbrachte; „ſehen Sie doch den jungen Herrn anz bereut er wohl ſeine unverſchaͤmtheit?“— Meine Tante ſah mich an, und ich ging an das Fenſter, um mein Geſicht zu verbergen. Damit war die Sache beendigt, und ich kehrte mit der Tante zuruͤck, die in mir einen Verworfenen und einen fuͤr e den te; er das var nte fuͤr 165 das Leben Verlornen erblickte, weil ich Ohrfeigen ruhig zu ertragen nicht im Stande war. Eine Woche darauf wurde ich zu einem Herrn gebracht, der keine eigentliche Schule hielt, aber Zöglinge annahm— eine feine Unterſcheidung, die den Schullehrer vom Erzieher ſondert. Es waren unſerer ungefähr ſechs, in dem Alter von 15 bis 48 Jahren. Er verpflichtete ſich, uns fuͤr die Uni⸗ verſitat vorzubereiten, und bei ihm fing ich in der That eigentlich erſt zu lernen an.— Ja, dört begann eine neue Epoche für mein Gemuͤth und fuͤr mein Herz— ich lernte Buͤcher und auch mich ſelbſt kennen. In einem Jahre durchlebte ich eine Welt von Gefuͤhlen. Vom Kinde wurde ich plötzlich zum Mann. Aber laſſen Sie mich meine Geſchichte me⸗ thodiſch erzählen; zuerſt will ich Ihnen die Fort⸗ ſchritte der Ausbildung meines Innern mittheilen. Herr S— war ein eleganter und angenehmer Schul⸗ mann, von dem orthodoxen Univerſitätskaliber, nicht tief gelehrt, aber vollkommen eingeweiht in die Schoͤnheiten und Eigenthuͤmlichkeiten der Autoren, die er geleſen hatte. Sie wiſſen,—, welche Au⸗ toren ein auf den Univerſitäten Gebildeter lieſ't, und welche er vernachläſſigt. Jetzt bin ich mit den am meiſten vernachläſſigten am wenigſten unbekannt; doch damals war es, wie Sie ſich denken koͤnnen, anders. Bevor ich zu Herrn S— kam, hatte ich keine ſonderliche Neigung zu den Studien gezeigt;— 166 die gewohnliche fragmentariſche Methode des Con⸗ ſtruirens, Analyſirens und Auswendiglernens, ſowie die Nothwendigkeit, Aufgaben zu machen, deren einzige moͤgliche Vollkommenheit in dem Mangel an Eigen⸗ thumlichkeit beſtehen konnte, und Verſe, deren hochſte Schoͤnheit in der geſchickten Zuſammenſtellung von Pla⸗ giaten beſtand;— alles dieſes hatte ſchon fruͤh mich angeekelt, und ich ſchwaͤnzte die Stunden eben ſo eifrig, als meine ubrigen Schulgenoſſen. Bei Herrn S— aber wurde es ploͤtzlich ganz anders. Am er⸗ ſten Tage meiner Ankunft wurde die Medea des Eu⸗ ripides vorgetragen. In welche angenehme Unter⸗ haltung wußte S— die Beſchäftigung zu verwan⸗ deln, die ich fruͤher fuͤr ſo langweilig hielt— wie beredt verweilte er bei jedem poetiſchen Ausdruck, wie wußte er jede Schoͤnheit durch Vergleiche und Gegenſaͤtze aus den Werken anderer Dichter hervor⸗ zuheben! Welches Leben brachte er in ſeinen Vor⸗ trag! Wie durch einen Zauberſtab beruͤhrt, wurde die griechiſche Phraſe, die fruͤher nur an das Lexi⸗ kon und die Grammatik mich erinnerte, mit der Bluͤthe und dem Glanz der Poeſie bekleidet! Euri⸗ pides war der erſte von den göttlichen Geiſtern des Alterthums, der mich lehrte, uͤber den Traͤumen der Dichtkunſt zu bruͤten; und meine Dankbarkeit iſt ſo innig und tief, daß ich ſelbſt jetzt ſeine Trauerſpiele noch oͤfter leſe, als ſelbſt die Shakespeare's, und mir einbilde, in jener kleinen, alten, abgenutzten Aus⸗ n⸗ ige en⸗ ſte la⸗ ich ſo rrn er⸗ Fu⸗ ter⸗ an⸗ wie uck, und or⸗ or⸗ de exi⸗ der uri⸗ des der ſo iele mir us⸗ 167 gabe, in der ich ihn damals ſtudirte, Schönheiten zu finden, die nur meinem Herzen zugaͤnglich ſeien. Ich ſtudirte jetzt nach einer ganz neuen Methode; — zuerſt bewunderte ich— dann unterſuchte ich ge⸗ nauer, was ich bewundert hatte— um zuletzt zu kritiſiren, bisweilen nachzuahmen. In Zeit von zwei Jahren hatte ich faſt alle griechiſchen und lateini⸗ ſchen Dichter, Geſchichtſchreiber und Redner geleſen, und ſtudirt; nur die Philoſophen blieben mir noch unbekannt. S— unternahm es nicht, die gottliche Weisheit Plato's und den ſcharfen und durchdrin⸗ genden Geiſt des Stagiriten uns zu enthuͤllen und zu erklären. Doch muß ich von dem Letztern die wenigen Fragmente ausnehmen, die jeder orthodoxe Schulmann curſoriſch durchzugehen nicht umhin kann. Sie erinnern ſich jener Stelle in Gibbon's Memoi⸗ ren, in welcher er, mit pedantiſcher Selbſtgefällig⸗ keit die Liſte der Buͤcher mittheilt, welche er, ich glaube in einem Jahr, geleſen hat. Sie konnen ſich denken, wie ſehr meine Eitelkeit befriedigt wurde, als, da ich zufallig dieſe Stelle fand, ich mich uͤber⸗ zeugte, daß meine Thätigkeit in dieſer Beziehung der des triumphirenden Geſchichtſchreibers wenigſtens gleich kam. Ich war etwas mehr als ein Jahr bei S—, als an einem ſchoͤnen Fruͤhlingsmorgen ein Anfall poetiſcher Begeiſterung mich ergriff. Seit jener Zeit nahm die Krankheit zu, denn ich nährte ſie; und 168 obgleich die Leiſtungen dieſer Art, welche wohlwol⸗ lende Augen geſehen haben, ziemlich mittelmaͤßig be⸗ funden wurden, ſo glaube ich doch, daß, wenn je⸗ mals ich einen dauernden Ruf gewinnen koͤnnte, es in dieſer Richtung ſein moͤchte. Die Liebe begleitet gewoͤhnlich die Poeſie, und bei mir fand keine Aus⸗ nahme von der Regel Statt. ungefaͤhr eine Stunde von S—'s Hauſe war ein kleiner, aber angenehmer Bach, in welchem Ei⸗ nige von uns in den Sommertagen ſich zu baden und dort die Erholungsſtunden zuzubringen pflegten. An dieſen Lieblingsort begab ich eines Tages mich allein, und nicht weit davon begegnete ich zwei Damen, mit deren Einer ich in einem Hauſe in der Nach⸗ varſchaft eine oberflächliche Bekanntſchaft angeknuͤpft hatte. Ich redete ſie an, und ſah das Geſicht ih⸗ rer Begleiterin.— Ach! muͤßte ich zehntauſendmal leben, immer wuͤrde jenes Geſicht mich wachend und traͤumend umſchweben. Meine Bekannte ſtellte uns einander vor. Ich ging mit ihnen nach dem Hauſe der Miß D—(ſo hieß die Fremde, welche zugleich die Jüngere von den Beiden war). Den nächſten Tag beſuchte ich ſie. Die ſo eingeleitete Bekanntſchaft wurde fortge⸗ ſetzts und trotz unſerer Jugend, denn Luch D— war erſt 17 Jahre alt, und ich faſt ein Jahr juͤnger, liebten wir uns bald, und mit einer Liebe, die voll Schwärmerei und Poeſie, wie es in unſerm Alter wol⸗ be⸗ nje⸗ e, es leitet Ausr war Ei aden gten. llein, men, Nach⸗ nuͤpft ih⸗ dmal und Ich —(ſo von e ich ortge⸗ war inger, e voll Alter 169 nothwendig ſein mußte, nicht weniger ausdauernd und innig war, als ſei ſie den tiefern und irdiſchern“ Quellen entſprungen, aus denen das reifere Leben ſeine Reigungen nährt. O, Gott, wie wenig dachten wir daran, welche Ver⸗ hängniſſe unſerm jungen Leben drohten!— Wir über⸗ ließen uns der Sprache unſers Herzens, und verga⸗ ßen, daß es eine Zukunft gab. Keiner von uns hatte eine beſtimmte Abſicht, wir dachten nicht— ſo kindiſch waren wir noch— an Heirathen, an haͤusliche Einrichtung, oder an die Einwilligung un⸗ ſerer Verwandten.— Wir beruͤhrten gegenſeitig unſre Hände und waren gluͤcklich; wir laſen Poeſien zuſammen, und wenn unſte Augen ſich von dem Blatt erhoben, begegneten ſich dieſe Augen, und wir wußten nicht, weshalb unſre Herzen ſo heftig ſchlu⸗ gen; und zuletzt, wenn wir von der Liebe ſprachen, wenn wir uns Lucy und— nannten, wenn wir uns mittheilten, was wir, von einander entfernt, dach⸗ ten, was wir fuͤhlten, wenn wir zuſammen waren— wenn wir mit unſern Händen in einander geſchlun⸗ gen ſaßen, und wenn wir zuletzt, kuͤhner geworden, in der ſtillen Einſamkeit eines Sommerabends unſre erſten Kuͤſſe wechſelten, glaubten wir da wohl, daß die Welt unterſage, was uns ſo natuͤrlich ſchien, oder fragten wir,— da wir in unſerm eignen Her⸗ zen die unmoͤglichkeit des Wechſels fuͤhlten— ob 170 dieſer ſüße und geheimnißvolle Zuſtand des Daſeins auch immer dauern werde. Luch war ein einziges Kind; ihr Vater war ein Mann von ſchlechtem Ruf. Ein Verſchwender, ein Spieler— mit zerruͤttetem Vermoͤgen, und ohne Huͤlfsquellen,— doch ihr einziger Beſchutzer und Vormund. Das Dorf, in dem wir Beide wohnten, lag nicht weit von London;z Herr D— beſaß in dem Ort ein kleines Haus, wo er ſeine Tochter Tage, oft Wochen allein ließ, um zweideutigen Beſchäfti⸗ gungen nachzugehen, da er keinen beſtimmten Lebens⸗ beruf hatte. Luchy's Mutter war ſchon ſeit längerer Zeit aus Gram geſtorhen(dieſes Schickſal war ſpä⸗ ter auch das ihrer Tochter)— ſo daß das arme Maädchen keinen Rathgeber oder Freund hatte, als ihre eigne unſchuld, und ach! die unſchuld iſt nur ein ungenuͤgender Erſatz fuͤr die Erfahrung. Die Dame, mit der ich ihr begegnete, hatte ihre Mutter gekannt, und fuͤhlte Theilnahme fuͤr die Tochter. Sie beſuchte ſie häufig, und nahm ſie oft mit in ihr eignes Haus, wenn ſie ſich dort aufhielt, aber dieſes war nicht haͤufig, und immer nur fuͤr einige Tage der Fall. Sie war Lucy's einzige Freundin. War es daher ein Wunder, wenn Luchy mir ge⸗ ſtattete, ſie zu beſuchen?— und daß wir Stunden und Tage zuſammen zubrachten?— daß ſie mich ihren einzigen Freund, ihren Bruder ſowohl, als ih⸗ ren Geliebten nannte?— unſre Verbindung hatte eins ein ein hne und ten, in age, fti⸗ ens⸗ erer ſpä⸗ rme als nur Die tter ter. ihr eſes age ge⸗ den nich tte — 171 eine bemerkenswerthe Eigenthuͤmlichkeit. Niemals, ſeit der erſten Stunde unſrer Bekanntſchaft, bis zu der letzten unſrer Trennung, ſagten wir uns jemals ein unfreundliches oder verletzendes Wort. Da wir ſo abgeſchloſſen und einſam lebten, nie in der Ge⸗ ſellſchaft zuſammentrafen, mit allen umtrieben und Kuͤnſten des Lebens unbekannt waren, ſo fand ſich nie Gelegenheit zu Eiferſucht und Vorwuͤrfen, zu abſichtlicher Koketterie, oder ungerechtem Verdacht, welche bei den in Geſellſchaft ſich entwickelnden Lie⸗ besverhältniſſen gewoͤhnlich ſind; nur die liebreichſte Sprache, nur die zärtlichſten Gedanken fanden zwi⸗ ſchen uns Statt. Wenn irgend etwas ſie verhin⸗ derte, mich zu ſehen, ſo verbarg ſie niemals ihre Betruͤbniß, noch fiel es mir ein, ihr jemals Vor⸗ wuͤrfe zu machen. Wir waren im Grunde unſrer Herzen uns bewußt, daß wir uns gegenſeitig Alles ſeien, und nie wurde dieſes gluͤckliche Gefuhl durch die geringſte Verſtellung von der einen oder der an⸗ dern Seite geſchmaͤlert oder getruͤbt. Arme, arme Lucy— wie viele Jahre ſcheinen ſeit jener Zeit ver⸗ gangen zu ſein! Wie duͤſter und melancholiſch, und doch ach, wie treu ſind dennoch die Bilder, welche dieſe Erinnerungen mir bewahren! Wenn ich uͤber jene Zeit nachdenke, ſo erſchrecke ich, und frage mich ſelbſt, ob ich ſie auch wirklich durchlebt, ob es nicht bloß ein Traum war. Manche andere Verhältniſſe in meinem Leben waren romantiſch, in manchen 172 ſpielte auch das Herz ſeine Rolle. Aber dieſer kurze Theil meines Daſeins iſt gaͤnzlich von dem übrigen“ getrennt— er ſcheint mit allen meinen übrigen Gefuͤhlen und Handlungen in keiner Verbindung zu ſtehen— er iſt wie eine träumeriſche Wanderung außerhalb der wirklichen Welt, für die hier kein Gegenſtand der Vergleichung ſich auffinden läßt. Eines Abends wollten wir uns an einem einſa⸗ men und abgelegenen Ort langs dem ufer des Bachs, wo gewöhnlich unſere Rendezvous waren, treffen. Ich wartete lange uͤber die verabredete Zeit, und wollte eben traurig fortgehen, als ſie erſchien. Als ſie ſich näherte, ſah ich, daß ſie weinte, und ſie konnte lange keine Worte finden. Endlich erfuhr ich, daß ihr Vater ſo eben nach langer Abweſenheit zuruͤckgekehrt ſei,— und ihr ſeinen Entſchluß mit⸗ getheilt habe, ihren jetzigen Aufenthalt ſchnell zu verlaſſen, und in eine entfernte Gegend, vielleicht ſelbſt in das Ausland, zu reiſen. Und dieſes ſo wahrſcheinliche, ſo gewiſſe Ereig⸗ niß— die Moöglichkeit unſerer Trennung— war uns bisher noch nie eingefallen! Wir hatten gelebt in dem Thal des Gluͤcks und nichts gewußt von dem fremden und wuͤſten Lande jenſeits der Berge, die uns umgaben! Als ich die Nachricht vernahm, ge⸗ rieth ich in eine dumpfe Bewußtloſigkeit. Eine Zeitlang konnte ich kein Wort hervorbringen, und machte keinen Verſuch, meine Geliebte zu troſten. kurze brigen brigen ng zu erung kein tt einſa⸗ Bachs, reffen. „und Als nd ſie erfuhr enheit mit⸗ ell zu Meicht Ereig⸗ war gelebt dem , die „ ge⸗ Eine „und oſten. 173 Endlich ſetzten wir uns unter einen alten Baum, und Lucy ſprach zuerſt. Ich kann nicht ſagen, ob Lucy ſchoͤn war, oder nicht, auch will ich nicht ver⸗ ſuchen, ſie zu beſchreiben, denn es ſchien mir dieſelbe Abſpannung und Leere des Herzens erforderlich, um kalt und nuͤchtern auf jenem Geſicht und jener Ge⸗ ſtalt, die jetzt Staub ſind, zu verweilen, als es vorausſetzen wuͤrde, wenn man von einem Bräuti⸗ gam, der Witwer geworden, ehe der erſte Rauſch voruͤber, eine genaue Beſchreibung der unbedeutend⸗ ſten Kleinigkeiten in ſeiner Brautkammer verlangte⸗ Doch abgeſehen von ihren perſoͤnlichen Reizen, lag etwas in Lucy's ſuͤßer und zaͤrtlicher Stimme, das mich, waͤre ſie ſelbſt nicht ſchoͤn geweſen, mit Liebe erfuͤllt haben wuͤrdez und jetzt, da ſie ſich ſelbſt faſt ganz vergeſſend, nur fuͤr mich auf Hoffnung und Troſt bedacht war, ſchien meine Liebe zu ihr noch groͤßer und inniger zu werden, und jeden Gedanken, jedes Gefuͤhl in mir zu beleben und zu durchdringen. Es iſt eine ſeltſame Erſcheinung in der Geſchichte des menſchlichen Herzens, daß die traurigſte Gegen⸗ wart oft in der Ruͤckerinnerung den größten Genuß gewaährt; und von allen Momenten unſerer kurzen und ungluͤcklichen Liebe iſt mir keiner ſo theuer und werth geblieben, als jene verhaͤngnißvolle Stunde. Wir gingen langſam nach ihrem Hauſe zuruͤck, we⸗ nig ſprechend, aber mein Arm umſchlang ſie auf dem ganzen Wege. Hatten wir irgend einen Ent⸗ 174 ſchluß gefaßt?— irgend einen Plan entworfen? Keinen! Wir mußten— wir fuͤhlten es, und ſtraͤub⸗ ten uns nicht dagegen, dem Schickſal, das uͤber uns gebot, uns uͤberlaſſen. Nur in ſpäteren Jahren be⸗ reitet uns die Weisheit(welche die Gabe der Pro⸗ phezeihung iſt) auf unſer Schickſal vor, oder ver⸗ theidigt uns gegen daſſelbe. An dem Eingang des Gartens von Lucy's Wohnung war ein durch Baͤume und Buͤſche geſchuͤtzter Ort, wo, wenn wir zuſam⸗ men gekommen waren, wir uns immer das letzte Lebewohl geſagt— und hier verweilten wir auch dieſen letzten Abend, und konnten die letzten Worte und die letzten Kuͤſſe nicht finden— und als ich mich losriß und entfernte, ſchaute ich zuruͤck, und ſah ſie in dem truͤben Licht des Abends noch dort verweilen, wartend und weinend. Welche Stunden der Trauer und des ungluͤcks muß ein Weſen, das ſo innig liebte, ſpaͤter verlebt haben!— In der Schlafloſigkeit dieſer Nacht entwickelte ſich, natuͤrlich genug, ein Plan. Ich wollte Luch's Vater aufſuchen, ihm unſere Liebe entdecken und um ſeine Einwilligung bitten. Wir mochten vielleicht zum Heirathen noch zu jung ſein, aber wir konnten warten und uns bis dahin lieben. Ich verlor keine Zeit, um vieſen Entſchluß auszufuͤhren. Am näch⸗ ſten Tage vor Mittag war ich an der Thüre von Lucy's Wohnung und einen Augenblick darauf in rfen? raͤub⸗ uns n be⸗ Pro⸗ ver⸗ des aume ſam⸗ letzte auch Worte s ich und dort nden das ckelte ucy's d um eicht nten keine naͤch⸗ von 175 der kleinen Stube gegen den Garten hinaus mit ih⸗ rem Vater allein. Ein Knabe macht ſich ſeltſame Vorſtellungen von einem Mann, der fuͤr einen Schurken gehalten wird. Ich war auf ein wildes und ungeſtuͤmes Benehmen ud auf einen unhoflichen und rauhen Empfang vorbereitet. Ich fand aber in Herrn D— einen Mann, der, da er von hoher Geburt war, und von Jugend an in ge⸗ bildeter Geſellſchaft gelebt hatte, in ſeiner aͤußeren Erſcheinung und ſeinem Umgang ihren Vorzuͤgen noch entſprach. Seine Stimme war ſanft und ein⸗ ſchmeichelndz ſein, wenn auch mageres und eingefal⸗ lenes Geſicht hatte noch die Spuren fruͤherer Schoͤn⸗ heit; und ein ungemein hoͤfliches und zuvorkommen⸗ des Benehmen war wahrſcheinlich durch die Gewohn⸗ heit, Andere zu betruͤgen, mehr vervollkommnet, als erworben worden. Ich erzählte bieſem Mann unſere Geſchichte aufrichtig und ohne etwas zu verſchwei⸗ gen. Als ich ſie beendigt hatte, ſtand er auf, nahm mich bei der Hand, und druͤckte einiges Bedauern, doch auch einige Zufriedenheit uͤber das, was er ge⸗ hoͤrt hatte, aus. Er bedauerte, daß viele beſondere umſtaͤnde ihn genoͤthigt haͤtten, ſeine Tochter ohne Schutz zu laſſen; er erkannte es an, daß meine Ge⸗ burt und meine kuͤnftige Gluͤcksumſtände den Gegen⸗ ſtand meiner Wahl nur ehren koͤnnten. Nichts wuͤrde ihn ſo gluͤcklich, ſo ſtolz gemacht haben, wäre ich alter, wäre ich mein eigner Herr geweſen. Aber ich und er 176 mußten leider geſtehen, daß meine Freunde und Vor⸗ muͤnder niemals in eine ſo fruͤhe Verbindung von meiner Seite willigen wuͤrden, und ſie und die Welt wuͤrden ihm daruͤber Vorwuͤrfe machen; denn die Verleumdung(fuͤgte er in melancholiſchem Tone hinzu) habe auch an ſeinem Namen genagt, und ir⸗ gend einer, falſchen oder wahren, Beſchuldigung ge⸗ gen Jemand, der einmal der Welt Zutrauen verlo⸗ ren, werde meiſtens Glauben geſchenkt. Alles dieſes und noch mehr, ſagte er, und es that mir leid, indem er ſo ſprach. Unſere Zuſam⸗ menkunft endigte ohne beſtimmtes Ergebniß, aber— er lud mich fuͤr den andern Tag zum Eſſen ein. Kurz, während er die Erwähnung dieſes Gegenſtan⸗ des zu vermeiden ſchien, geſtattete er mir, ſeine Toch⸗ ter ſo oft zu ſehn, als ich wollte; dieſes dauerte un⸗ gefähr 10 Tage. Als ich nach dieſer Zeit meinen gewoͤhnlichen Morgenbeſuch machte, fand ich D— alleinz er ſchien ſehr aufgeregt zu ſein, und ſagte mir, er ſolle verhaftet werden; er ſei fuͤr immer zu Grunde gerichtet und ſeine arme Tochter!— er konnte nicht weiter ſprechen, ſein maͤnnliches Herz war uberwältigt, und er verbarg ſein Geſicht in den Haͤnden. Ich verſuchte, ihn zu troͤſten, und fragte ihn nach der für ſeine Befreiung nöthigen Summe⸗ Sie war bedeutend, und als ich ſie nennen hoͤrte, verzweifelte ich daran, ihn retten zu können. Ich irrte mich. Doch weshalb ſoll ich eine ſo oft ſich sor⸗ von Pelt die one ir⸗ ge⸗ erlo⸗ 177 wiederholende Geſchichte, den Betruͤger von der ei⸗ nen Seite, den Betrogenen von der andern, weiter ausfuͤhren? Ich unterhandelte mit einem Ehren⸗ mann aus Iſraels Stamme— ich nahm eine Summe auf, die ich nach meiner Volljährigkeit zuruͤckzuzahlen mich verpflichtete, und dieſe Summe erhielt D—. Mein Umgang mit Lucy dauerte fort, aber nur kurze Zeit. Dieſe Angelegenheit kam zu den Ohren eines Mannes, der meiner armen Tante, als mein Vormund gefolgt war. Er drohte D— mit Ver⸗ folgungen, denen der Betruͤger nicht zu trotzen wagte. Mein Vormund war ein Weltmann; er ſagte mir nichts, bat mich aber, ihn auf einer kleinen Reiſe in eine benachbarte Grafſchaft zu begleiten. Ich nahm, wie ich glaubte, nur fuͤr einige Tage, Ab⸗ ſchied von Lucy. Ich begleitete meinen Vormund— war eine Woche abweſend— kehrte zuruͤck, und eilte nach D—s Wohnung; ſie war verſchloſſen— ein altes Weib oͤffnete endlich— ſie waren fort, der Vater und die Tochter, Niemand wußte, wohin! Jetzt erſt erfuhr ich von meinem Vormund, wel⸗ chen Antheil er an dieſem, mir ſo ſchrecklichen Er⸗ eigniß hatte. Er entdeckte mir die Umtriebe D—s; er ließ deſſen Charakter in ſeinem wahren Licht er⸗ ſcheinen. Noch hoͤrte ich ihm geduldig zu, als er aber, durch mein Stillſchweigen aufgemuntert, ſich bemuͤhte, mir zu beweiſen, daß Lucy an ihres Va⸗ ters Betruͤgereien Theil genommen— daß ſie für Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 12 178 ihren und ihres Vaters Vortheil den Erben eines bedeutenden Vermoͤgens getäuſcht habe, da kannte meine Wuth keine Grenzen mehr; und wir geriethen lebhaft an einander. Ich trotzte ſeiner Autoritaͤt — ich lachte ſeiner Drohungen— ich erklarte of⸗ fen meinen Entſchluß, Lucy bis an das Ende der Welt aufzuſuchen, und ſobald ich ſie gefunden, mich mit ihr zu vermählen. Ich weiß nicht, ob mein Vormund tief genug in meinen Charakter eingedrun⸗ gen war, um zu wiſſen, daß ich durch Gewalt nicht zu zwingen ſei; aber er gab zuletzt etwas nach— ſuchte ſeine Uebereilung zu entſchuldigen, und unſer Streit endigte in einem Vertrage. Ich willigte ein, Herrn S— zu verlaſſen, und das nächſte Jahr bei meinem Vormund, mich fuͤr die univerſitaͤt vor⸗ bereitend, zuzubringen; er verſprach dagegen, daß, wenn nach dem Ablauf dieſes Jahres ich noch im⸗ mer darauf beſtände, meine Geliebte aufzuſuchen, er mir keine Hinderniſſe in den Weg legen wolle. Ich war mit dieſen Bedingungen nicht ganz zufrie⸗ den, doch ging ich auf dieſelben in der feſten Ueber⸗ zeugung ein, daß Luch mir ſchreiben werde, und daß wir uns wenigſtens durch die gegenſeitige Kenntniß“ unſerer Lage und die Zuſagen unſerer Beſtändigkeit troͤſten wuͤrden. In dieſer Vorausſetzung beſtand ich darauf, ſechs Wochen länger bei S— zu blei⸗ ben, welches mir zugeſtanden wurdez und damit die Briefe Luch's den Aufpaſſern meines Vormundes eines annte ethen ritaͤt e of⸗ e der mich mein drun⸗ nicht — unſer illigte Jahr vor⸗ daß 179 oder der Dazwiſchenkunft von S— entzogen wuͤr⸗ den, ging ich taͤglich dem Poſtboten entgegen, der gewoͤhnlich unſere Briefe brachte; doch es kam keiner von Lucy. Spaͤter hoͤrte ich, daß durch D—, dem mein Vormund nicht allein gedroht, ſondern den er auch vorſichtigerweiſe erkauft hatte, die Briefe, die ſie in unbefangenem Zutrauen an mich addreſſirte, unterſchlagen worden ſeien, und daß ſie bloß aufge⸗ hoͤrt habe, an mich zu ſchreiben, als ſie aufhoͤrte, an meine Treue zu glauben. Ich wohnte jetzt bei meinem Vormund. Er war ein geſelliger und freigebiger Mann, deſſen Haus immer mit Gäſten aus den angenehmſten Zirkeln Londons angefuͤllt war. Wir lebten in fortwaͤhren⸗ den Zerſtreuungen, und mein Onkel, der glaubte, ich ſei reich genug, um wiſſenſchaftlicher Bildung ent⸗ behren zu koͤnnen, war mehr auf die Unterhaltung, als auf die Belehrung meines Geiſtes bedacht. Die⸗ ſes Jahr verfloß mir aber trotz der Froͤhlichkeit, die mich umgab, langſam und traurig, und am Ende deſſelben verließ ich meinen Onkel, um auf die Uni⸗ verſität zu gehenz doch verweilte ich erſt einige Zeit in London, um Nachforſchungen uͤber D— anzuſtel⸗ len. Ich konnte keine beſtimmte NRachrichten uͤber ihn erhalten, erfuhr jedoch, daß er am wahrſchein⸗ lichſten in einem Spielhauſe in der K— Straße zu finden ſein werde. Ich begab mich dorthin. Es war keine der anſtaͤndigſten und eleganteſten Höhlen 12* 180 des Laſters; die an der Schwelle befeſtigte Kette deutete auf Beſorgniß vor den Spähern der Polizei, und ein abſtoßendes, duͤſtres Geſicht muſterte mich erſt mißtrauiſch, ehe es mich die ſchmutzige und enge Treppe hinauf ſteigen ließ. Doch mein Zweck war bald erreicht. An der Spitze des Rouge et noir- Tiſches erblickte ich ſchon, als ich eintrat, mir ge⸗ rade gegenuͤber das leidenſchaftlich aufgeregte Geſicht D—s. Er blickte, ſo lange er ſpielte, nicht einmal auf; er gewann bedeutend, erhob ſich mit gluhenden Wan⸗ gen und zitternden Händen— ſtieg die Treppe hin⸗ ab— trat in ein Zimmer, wo kalte Speiſen und Wein auf einem Tiſche ſtanden— ſtuͤrzte ein großes Glas Madera hinunter, und verließ das Haus. Ich hatte ruhig gewartet— ich war mit leiſem Schritt ihm gefolgt— jetzt ſchoͤpfte ich tief Athem, und ballte meine Faͤuſte, als wolle ich mich zu einem Kampf vorbereiten— und als er etwas unter einer Laterne ſtehen blieb, wie es ſchien, noch unentſchloſſen, wel⸗ chen Weg er einſchlagen wolle— faßte ich ihn mit der Hand an der Schulter, und ſprach ſeinen Na⸗ men aus. Er ſah mich mit ſtarrem und verwirr⸗ tem Blick an, bevor er mich erkannte. Dann aber fand er bald ſein ſuͤßes Lächeln und ſeinen ſchmeichelnden Ton. Er ergriff meine widerſtrebende Hand, und fragte mit der Zärtlichkeit eines Vaters nach meinem Befinden. Ich beachtete ſeine Worte Kette lizei, mich enge war oir- ge⸗ eſicht auf; Wan⸗ hin⸗ und roßes hatte ihm ballte ampf terne wel⸗ mit Na⸗ wirr⸗ ann einen bende aters Lorte 181 nicht.„Ihre Tochter?“ ſagte ich mit bebender Stimme. „Ah, es iſt eine alte Bekanntſchaft von Ihnen,“ erwiederte er laͤchelnd,„ich hoffe, Sie ſind jetzt von dieſer Thorheit geheilt. Das arme Kind! ſie wird ſich freuen, einen alten Freund wieder zu ſehen. Sie wiſſen wahrſcheinlich—“ „Was?“— denn er zoͤgerte. „Daß Lucy verheirathet iſt!—“ „Verheirathet!“ und als dieſes Wort meine Lip⸗ pen verlaſſen hatte, ſchien es mir, als ſei auch mein eigentliches Leben mit dem Ton entwichen. Wann — o, wann hatte ich jemals in meinen ſchlafloſen Naͤchten und in meinen Tagen des unglucks und der Sorge, wann hatte, ſo groß auch meine Ver⸗ zweiflung geweſen, ich mir auch nur den Gedanken an die Möglichkeit eines ſolchen Verhaͤngniſſes träu⸗ men laſſen?— Verheirathet! meine Luch, meine treue, zärtliche, geliebte Luch! Plotzlich ſchienen alle meine zuruckgedrängten Leidenſchaften ihre Dämme zu durchbrechen, und mich zu uͤberwältigen. Ich faßte jenen lächelnden Böſewicht mit kräͤftiger Fauſt. „Sie ſind Schuld an Allem— Sie haben ihr das Herz gebrochen— Sie haben mein Herz zerfleiſcht! Ich verfluche Sie in Luch's und in meinem Na⸗ men! Ich verfluche Sie von Grund meiner Seele! Verworfener! Elender!“— und er war wie ein ge⸗ brechliches Rohr in meinen Händen. „Raſender,“ ſagte er, als er endlich ſich mir entwunden hatte,„meine Tochter vermaͤhlte ſich aus freiem Antriebe, und mit einem Mann, der weit mehr geeignet iſt, ſie gluͤcklich zu machen, als Sie. — Gehn Sie— gehn Sie— ich vergebe Ihnen — auch ich liebte einſt, und Luch's Mutter!“— Ich antwortete nicht— ich ließ ihn gehn. Sie ſehen mich jetzt in eine neue Lebens⸗Epoche treten;— eine lange Reihe ſuͤßer Traͤume und Ah⸗ nungen einer der Wirklichkeit entfremdeten Zukunft war fuͤr immer dahin. Ich hatte ploͤtzlich das Ende jener Periode erreicht, welche wie ein Mährchen aus dem Morgenlande iſt, wie ein Mährchen„von Ruhm und von der Sonne.“ Unvermuthet, wie in der Nacht, hatte das ſchreckliche Geſpenſt der Wahrheit mich uͤberraſcht. Ich war erwacht, und fuͤr immer — der Zauber war von mir gewichen, und ich war wie die andern Menſchen! Die kleinlichen irdiſchen Angelegenheiten— die täglich ſich aufdringende Wirk⸗ lichkeit— das leere geſellige Treiben— die geiſtloſe Zeitvergeudung— dieſem Allen wendete ſich jetzt mein Daſein zu. Ich wurde ploͤtzlich in die wirkliche Welt eingefuͤhrt; ich war gegen dieſelbe geruͤſtet, wie durch Magie, die Waffe fuͤr dieſen Kampf war mir in die Hand gegeben. Und alles dieſes hatte ich er⸗ lebt— Liebe— Enttaͤuſchung— Menſchenkennt⸗ niß— waͤhrend ich noch ein Knabe war!— Es war einige Zeit nach dieſem Vorfall, daß mir haus weit Sie. Ihnen poche d Ah⸗ kunft Ende aus Ruhm der hrheit nmer war iſchen Wirk⸗ ſtloſe mein Welt urch ir in er⸗ ennt⸗ daß 183 mir uͤber die Vermählung Luch's Einiges bekannt wurde;z doch ich erwaͤhne deſſen ſchon jetzt, da es gleichguttig iſt, von welcher Seite ich es hoͤrte. Es wurde einſt, und wird noch in den geſellſchaftlichen Zirkeln eine Geſchichte erzählt von einem reichen, thoͤrichten Manne, der durch einen Betruͤger geprellt ſowohl, als auch in Furcht gehalten wurde, und von einem Madchen, welches mit ſo offenbarer Ge⸗“ walt in die Kirche gefuͤhrt ward, daß der Geiſtliche ſich weigerte, die Zeremonie zu verrichten. Die Verbindung wurde jedoch ſpäter mit beſonderer Ge⸗ nehmigung als rechtmaͤßig anerkannt. Dieſer Ge⸗ ſchichte liegt Wahrheit zum Grunde, und Luch war die Heldin und das Schlachtopfer des Romans. Jetzt aber wird meine Erzählung einen etwas andern Charakter annehmen. Ihnen, A—, die Sie ſo gut die Gewohnheiten eines Univerſitätslebens kennen, brauche ich nicht mitzutheilen, wie einfoͤrmig und abgeſchloſſen ein ein⸗ zelner Mann ſich es machen kann. Im erſten Jahre miſchte ich mich, wie Sie ſich erinnern werden, in keinen von den vielen Zirkeln, in welche jene eigen⸗ thuͤmliche und ſo verſchiedenartig zuſammengeſetzte Geſellſchaft ſich theilt. Meine Neigung fuͤr das Stu⸗ diren kehrte zuruͤck, doch ich betrieb es damals we⸗ der ſo ſyſtematiſch, noch ſo ausdauernd, als Sie ſpaäter es an mir bemerkt zu haben verſichern. Zwei bis drei Buͤcher, angefuͤllt mit ſchreckenden und un⸗ 184 reifen Grundſätzen, fielen mir in die Hände, und ich ſog ihre einſeitigen Theorieen ein. Wir leben ein⸗ ſam, und wir bilden uns ein Syſtem; wir werfen uns in die Welt, und wir bemerken die Irrthuͤmer in den Syſtemen Anderer. Das urtheil und die Er⸗ findung ſind zwei verſchiedenartige Fähigkeiten, und werden durch zwei verſchiedene Lebensrichtungen aus⸗ gebildet, oder, wie Gibbon ſich ausdruͤckt: Die Con⸗ verſation bereichert das urtheil, aber die Einſamkeit iſt die Schule des Genius.“ Meine einzige Erholung beſtand in langen und einſamen Spazierritten, und der traurige Anblick der Natur in der flachen und durren umgebung unſerer Univerſität entſprach der troſtloſen Melancholie mei⸗ nes Herzens. Im zweiten Jahre meines Aufent⸗ halts dort miſchte ich mich etwas mehr in die Ge⸗ ſellſchaft, und Sie werden ſich, geſchah es auch mehr zufällig als abſichtlich, erinnern, daß ich meiſt nur mit den ausgezeichnetſten und vielverſprechendſten jungen Männern unſerer Zeit in Verbindung trat. Ich erſchien jedoch wenig zu meinem Vortheil unter dieſen Akademikern, die eben von oͤffentlichen Schu⸗ len kamen; deren Lebensgeiſter immer aufgeregt, die zu Witz und Satyre geſtimmt, und bald geneigt waren, uͤber Kleinigkeiten zu lachen, bald ernſthaft uͤber ſie zu disputiren,— welche Eigenthuͤmlichkei⸗ ten jedoch meiner gewohnten, ſtillen Ruhe und Zu⸗ ruͤckgezogenheit nicht zuſagen konnten. Ich bin ſeit⸗ ich ein⸗ rfen mer Er⸗ und aus⸗ Son⸗ rkeit und der erer mei⸗ ent⸗ Ge⸗ nehr nur ſten rat. nter chu⸗ egt, eigt haft kei⸗ Zu⸗ ſeit⸗ 185 her mit den ausgezeichnetſten dieſer Männer wieder zuſammen gekommen, und ſie wunderten ſich, wie ſie ſelbſt nicht verhehlen konnten, uͤber den Ruf, den ich erlangt habe, und uͤber die Gewandtheit in der unterhaltung, welche mir, wenn auch nur in gluͤck⸗ licher Stimmung, zu Gebote ſteht. Sie wuͤnſchten mir Gluͤck zu dieſer Veraͤnderung; ſie irrten ſich— meine Fähigkeiten ſind ganz dieſelben— ich habe bloß an Leichtigkeit gewonnen, deren Fruͤchte mitzu⸗ theilen. Im Sommer jenes Jahres machte ich ei⸗ nen kuͤhnen Verſuch, mein Gemuͤth zu ſtaͤrken, und meine duͤſtre Abgeſchloſſenheit zu beſiegen, und ich beſuchte in dem beſcheidenen Charakter eines Fuß⸗ reiſenden Nordengland und den groͤßten Theil Schott⸗ lands. Nichts hatte einen wohlthaͤtigern Einfluß auf meinen Charakter, als die Ausfuͤhrung dieſes Ent⸗ ſchluſſes. Ich wurde unter tauſend verſchiedene Menſchen geworfen; ich war fortwährend in Thätig⸗ keit, und in die Nothwendigkeit verſetzt, fuͤr mich ſerbſt zu ſorgen, welches bekanntlich das ſicherſte Ausbildungsmittel fur feſte Selbſtſtändigkeit iſt. Eines Abends ſuchte ich einen näheren Weg nach einem Dorfe, der uͤber das Gebiet eines Gutsbeſitzers fuͤhrte. Als ich nicht weit von dem Hauſe mich be⸗ fand(welches ein altes, verfallendes Gebaͤude in der Architektur aus der Zeit Jakob des Erſten war, mit hohen Giebeln, dicken Mauern und tief liegenden, kleinen Fenſtern), bemerkte ich in geringer Entfer⸗ 186 nung zwei Damenz die Eine ſchien von ſchwaͤchlicher und zarter Geſundheit zu ſein, denn ſie ging ſehr langſam und blieb oft ſtehen, auf ihre Begleitung ſich ſtuͤtzend. Ich blieb etwas zuruͤck, um nicht ſchnell bei ihnen vorbeizugehen; ſie wendeten jedoch ſich bald nach dem Hauſe, und ich ſah ſie nicht mehr.— Jene ſchlanke Geſtalt jedoch, die ich nicht erkannte, die durch ein unguͤnſtiges Geſchick ich nur mit einem Blick, und doch zum letztenmal auf Erden ſah, war, wie ich ſpäter erfuhr— Lucy D—!— Ich verließ dieſe Gegend, jenes Ereigniſſes in meinem Leben damals unkundig, und hielt mich ei⸗ nige Wochen an den ufern des Keswickſee auf. Dort erhielt ich eines Abends einen Brief, der nach Lon⸗ don an mich addreſſirt war, und von dort mir nach⸗ geſchickt wurde. Es war Luchy's Handſchrift; doch die, eine ſchwache und zitternde Hand verrathenden Buchſtaben, ſo verſchieden von der anmuthigen Si⸗ cherheit, die ſie in Alles ſonſt zu legen wußte, er⸗ fullten mich ſchon auf den erſten Blick mit Unruhe. Hier iſt der Brief— leſen Sie ihn— Sie werden dann wiſſen, was ich verloren habe. „Ich richte an Sie, mein Theurer, mein ewig geliebter—, die letzten Zeilen, welche dieſe Hand jemals ſchreiben wird. Bis jetzt ware es ein Ver⸗ brechen geweſen, an Sie zu ſchreiben; vielleicht iſt es auch jetzt noch eine Suͤnde— aber dem Tode nahe wie ich bin, und von allen irdiſchen Ge⸗ 187 danken und Erinnerungen geſchieden, außer von dem Andenken an Sie, fuͤhle ich, daß ich mein Gemuͤth in der letzten Stunde nicht ruhig werde ſammeln konnen, bis die, welche Sie einſt liebten, Ihnen ihren Segen ertheilt hat; und wenn dieſes geſchehen, glaube ich ruhig auch Ihr Bild verlaſſen, und von dem Letzten, das an die Erde mich noch knuͤpft, mich trennen zu konnen. Ich will Sie nicht betruͤben, indem ich Ihnen erzaͤhle, was ich gelitten habe, ſeit⸗ dem wir uns trennten— mit welcher Angſt ich daran dachte, was Sie fuͤhlen wuͤrden, wenn Sie mich nicht mehr fänden— und durch welche grauſame, ſchreckliche Gewalt ich gezwungen wurde, die Un⸗ gluckliche zu werden, die ich jetzt bin. Ich wurde zu einer mir widrigen und unausſtehlichen Verbin⸗ dung gedrängt— doch ich danke Gott, daß ich meine Pflichten erfuͤllt habe. Was habe ich verbrochen, daß mein Leben ſo elend geworden iſt? Ich befrage mein Herz und mein Gewiſſen— und jede Nacht wäge ich die Suͤnden des Tages; ſie ſcheinen mir nicht ſo ſchwer zu ſein, und doch war meine Buße ſo bitter. Ich kann ohne Uebertreibung ſagen, daß in den letzten zwei Jahren kein Tag war, den ich nicht mit Thraͤnen bezeichnet habe. Doch genug hiervon und auch von mir ſelbſt. Nur mit Ihnen, mein theurer, theurer 2—, nur mit Ihnen will ich mich jetzt noch beſchäftigen! Mein Herz ſagt mir, daß Sie nicht vergeſſen haben, wie wir gegenſeitig 188 uns einſt die Welt waren, und ich denke, Sie wer⸗ den es ſelbſt unter den Wechſeln und Veraͤnderungen eines maͤnnlichen Lebens nicht vergeſſen. Es iſt wahr, L—, ich war ein armes und huͤlfloſes und nicht zu wohl erzogenes Maͤdchen, Ihrer glanzenden Beſtim⸗ mung gaͤnzlich unwuͤrdig; aber Sie dachten damals nicht ſo,— und wenn Sie mich verloren haben, ſo bleibt mir der traurige, doch wahre Troſt, zu fuͤhlen, daß Sie niemals ſo denken werden. Ihre Erinnerung wird mich mit tauſend Reizen und Vorzuͤgen begaben, die ich nicht beſaß, und mein Andenken wird durch die ſchoͤnſten Bilder jener Lebenszeit verſchonert wer⸗ den, in der Sie mich zuerſt ſahen. und dieſes Be⸗ wußtſein, theuerſter L—, verſuͤßt mir den Tod— und troͤſtet mich bisweilen uͤber das, was verloren iſt. Wäre unſer Loos ein anderes geweſen— wären wir vereinigt worden, und Sie haͤtten Ihre Liebe gegen mich uͤberlebt(und wie ſehr war es moͤglich!), ſo wäre mein Loos noch ungluͤcklicher geweſen, als es jetzt iſt. Ich weiß nicht, woher es kommt— viel⸗ leicht durch die Annäherung des Todes— aber ich glaube, alt geworden zu ſein, und ein Recht zu ha⸗ ben, Sie zu warnen und zu ermahnen. So ent⸗ ſchuldigen Sie denn, wenn ich Sie dringend bitte, ernſtlich an die großen Zwecke des Lebens zu denkenz — denken Sie an dieſelben, wie Jemand, der eine ferne Heimath erreichen und von ſeinem Wege nicht abgelenkt ſein will. O! wuͤßten Sie, welche feier⸗ ber⸗ gen hr, zu im⸗ icht mir Sie ird en, uch er⸗ wir gen 189 liche und ſchwarmeriſche Freude der Glaube, die Ge⸗ wißheit in mir anregt, daß wir uns, und fuͤr immer, wiederfinden werden! Wird dieſe Hoffnung nicht auch Sie beleben, und Sie ſicher durch die Gefahren und Uebel dieſes verworrenen Lebens fuͤhren? Moͤge Gott Sie ſegnen, und uͤber Ihnen wachen— moͤge Er Sie troͤſten und Ihr Herz zu ſich erheben!— Wenn Sie dieſe Zeilen erhalten, lebe ich nicht mehr — und meine Liebe, meine Theilnahme fuͤr Sie wird, ich hoffe und ich fuͤhle es, ewig geworden ſein.— Leben Sie wohl.“ L. M. Der Brief, fuhr L—, indem er mit ſeiner in⸗ nern Bewegung kämpfte, fort,— war aus jenem Dorf datirt, durch welches ich vor ſo kurzer Zeit ge⸗ kommen war; in derſelben Nacht noch reiſete ich dorthin— Luch war den Tag vorher begraben wor⸗ den! Ich ſtand auf einem friſchen Grabhuͤgel, und nur wenige, wenige Fuß unter mir, durch eine kleine Erdſchicht von mir getrennt, verweſete das Herz, welches mich ſo treu und ſo innig geliebt hatte! O, Gott! welche Veraͤnderung kann ein einzi⸗ ger Tod auf dieſer bevölkerten und fruchtbaren Erde fuͤr uns bewirken! Der Himmel, die Sonne, die Luft, die rauſchenden Waſſer, die belebenden Berg⸗ ſpitzen, das fluſternde, glänzende Laub, „Der Wieſen helles Gruͤn, der Blumen Farben⸗ pracht,“ 190 uͤbt alles dieſes einen ewigen Zauber uͤber uns? Sind ſie wie der Theil und das Eigenthum eines unvergänglichen Lebens der Natur? Haben Sie Etwas, das dauernd— unveraͤnderlich in ſei⸗ nen Beziehungen zum großen Ganzen bleibt? Ach, ihr Reiz fuͤr uns iſt das Werk des Zufalls. Eine Veränderung, Allen unſichtbar, außer uns ſelbſt, in dem Leben und Treiben der Welt, und Alles erſcheint uns verändert. Eine einzige Stunde vermag der ganzen Gedankenfolge, der ganzen Ebbe und Fluth der Gefuͤhle fuͤr ein ganzes Daſein eine andere Rich⸗ tung anzuweiſen. Nichts kann uns dann mehr ſo erſcheinen, wie fruͤher; es iſt eine Stoͤrung in dem feinen Mechanismus eingetreten, durch den wir den⸗ ken und fuͤhlen, und unſer ganzes Daſein fortſetzen — der Pendel ſchwingt ſich nicht mehr richtig— der Zeiger folgt nicht mehr genau dem Gange der Zeit— die Maſchine geht fort, aber Symmetrie und Ordnung ſind aus ihr verſchwunden; ein einzi⸗ ger Zufall veraͤndert die Harmonie, aber ſie iſt ver⸗ ſchwunden fuͤr immer! Und doch denke ich mir oft, daß der Stoß, wel⸗ cher die geiſtige Natur aus ihren Fugen treibt, die moraliſche Natur ſanfter ſtimmt. Ein Tod, der uns das Liebſte raubt, vereinigt uns durch tauſend Erinnerungen mit Allen, die trauern und je getrauert haben; er baut eine Bruͤcke zwiſchen der Jugend und dem Alter; er verknuͤpft ihre Herzen durch die n82 nes Sie ſei⸗ ch, ine in int der uth ch⸗ 191 ruͤhrendſten menſchlichen Sympathienz er nimmt der Natur, was ſie der Begeiſterung, aber nicht, was ſie dem weicheren Gefuͤhl darbietet. und was viel⸗ leicht mehrz, als alles Andere, uns verwandelt,— die tiefe Trauer uber den Tod eines geliebten We⸗ ſens, verringert in uns ſelbſt die thieriſche Anhaͤng⸗ lichkeit und die kleinlichen Leidenſchaften fuͤr das ir⸗ diſche Leben. Wir haben das Ziel der Philoſophie erreicht, und der Sarg und das Grab verlieren ihre Schrecken. Ein ganzes Jahr lang kehrte mein Geiſt nicht zu den gewohnten Beſchäftigungen zuruͤck; mein Ehrgeiz fuͤr wiſſenſchaftliches Streben war mit ei⸗ nemmale erſtickt. Bisher hatte ich zu mir geſagt: „Wenn ich mich auszeichne, ſo wird ſie es erfah⸗ ren“— dieſer Antrieb war jetzt nicht mehr vor⸗ handen. Ich konnte keine Buͤcher mehr ſehen; meine Gedanken waren verduͤſtert,— eine melancholiſche Gleichguͤltigkeit erfuͤllte und bedruͤckte mich— das truditur dies die— das Abſterben eines Tages nach dem andern ohne Zweck und Nutzen— die uͤber der oͤden Wieſe ſich jagenden Wolken— die Folgereihe der Athemzuͤge ohne inneres Leben— dieſes waren die einzigen, meinem Zuſtande entſprechenden Bilder und Gleichniſſe. Meine Freunde hofften, ich wuͤrde nach einigen der hoͤchſten akademiſchen Auszeichnun⸗ gen ſtreben; Sie koͤnnen ſich wohl denken, daß ich ihre Erwartungen taͤuſchte. Ich verließ die univer⸗ ſitaͤt und eilte nach London. Ich war gerade voll⸗ jährig. Man ſchmeichelte mir von allen Seiten, und ich ſtuͤrzte mich in die Geſellſchaft. Der Verſuch war gefährlich, aber in meinem Fall bewährte er ſich.— Ich ließ mir zum Denken keine Zeit;— das Spiel, die Intrigue, das Jagen nach Vergnu⸗ gungen, mit dieſen Gegenſtänden beſchäftigt ſich die vornehme Welt; es ſind große Huͤlfsquellen fuͤr ei⸗ nen Reichen, der trauert. Der Mann in mir er⸗ wachte wieder; die täglichen Kleinigkeiten des Lebens verwiſchten nach und nach meine krankhafte Ver⸗ ſtimmungs ſtets ſich folgende Fußtritte, wenn es auch die von Muͤßiggängern waren, machten die In⸗ ſchrift auf dem Grabſteine unleſerlich. Ich ſagte zu meinem Herzen:„Weshalb trauern, wenn die Trauer nur eitel, und die Sehnſucht nur Schwäche iſt? Ich will zuruͤckkehren zu Dem, was die Erde mir noch bietet, ich will ſtreben, mir wieder Genußfahigkeit zu erwerben.“— Wer lange dieſelbe Rolle ſpielt, in deſſen Eigen⸗ thuͤmlichkeit geht ſie zuletzt uͤber. Zuerſt war es mir unbehaglich, meine Aufmerkſamkeit Frivolitäten zu ſchenken, nach und nach wurden ſie mir aber wichtig. Die Geſellſchaft ertheilt, wie die Buͤhne, Belohnungen, welche um ſo berauſchender werden, weil ſie der Ge⸗ genwart angehoͤren; dem Manne, der bloß hinter den Lampen des Orcheſters zu erſcheinen braucht, um beklatſcht zu werden, muß jede andere Art von Ruhm voll⸗ und rſuch te er 5— gnü⸗ hdie rei⸗ er bens Ver⸗ nes te zu auer Ich noch gkeit igen⸗ r es taͤten htig. gen, 3 Ge⸗ inter um uhm 193 und Beifall an Werth verlieren; ſo iſt es auch mit der Geſellſchaft. Der Witz und die geſellige Ge⸗ wandtheit konnen ſelten Lob erringen, welches, wenn auch dauernder, doch glänzender wäre, als ſie dem augenblicklichen Eindruck verdanken. und wer ein⸗ mal die Wonne des éclat gekoſtet hat, der kann ſel⸗ ten dem Drange widerſtehen, ihn zu behaupten. Dieſes wurde jetzt mit mir der Fall, und es war mir von Nutzen, wenn es auch vielleicht Andern geſcha⸗ det haben mag. Ich lebte meinen Sommertag, wie die Andern, lachte, liebte und ſcherzte. Die Gegen⸗ ſtaͤnde meiner Huldigung waren, ich laͤugne es nicht, geringfuͤgig, aber es verſoͤhnte mich ſchon mit dem Leben, daß es mir irgend einen Gegenſtand dar⸗ bot. Die Londoner Season war jetzt voruͤber; ich trauerte nicht mehr, aber ich war abgeſpannt. Da ich wieder in der Welt lebte, ſo kehrte auch der Ehr⸗ geiz zuruͤck. Ich ſagte, wenn ich bemerkte, welche Auszeichneng der Mittelmaͤßigkeit geworden:„War⸗ um willſt Du Dich begnuͤgen, die des Gluͤckes Un⸗ wuͤrdigen mit der Satyre zu verfolgen?— Warum willſt Du nicht ſelbſt kaͤmpfen um den Preis?“— Mit einem Wort, ich duͤrſtete wieder nach Kennt⸗ niſſen, um durch ſie des Sieges wuͤrdig zu werden. Jetzt kommt die eigentliche Geſchichte des Gelehrten; — doch ich habe fuͤr jetzt ſchon zu lange Ihre Nachſicht in Anſpruch genommen. Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 13 Fuͤnfte Unterredung. Die Geſchichte L—'s in Veziehung auf ſeine geiſti⸗ gen Beſtrebungen wird fortgeſetzt.— Helvetius.— Seine Fehler und ſeine Verdienſte.— Die Materia⸗ liſten.— Die Philoſophie des Glaubens. „Descartes machte die Bemerkung,“— ſagte L—, als wir, einige Tage nach unſrer letzten Unter⸗ haltung denſelben Gegenſtand wieder auffaßten— „daß, um den Geiſt zu vervollkommnen, wir weniger lernen, als beobachten muͤſſen.“— Dieſer Aus⸗ ſpruch erklärt den Nutzen der Einſamkeit. Es gibt gewiſſe Zeiten, in denen die Wiſſenſchaften uns vor⸗ zugsweiſe zuſagen; aber nie werden wir ſie mit großerem Erfolg betreiben, als wenn wir uns aus⸗ ruhen von dem geräuſchvollen Treiben der Welt, und wenn die Leidenſchaften der Menſchen uns er⸗ muͤdet haben. Stellen Sie daher ſich vor, mich eine ſtarke Tagereiſe von London, in einer ſchoͤnen Ge⸗ gend, einem alten Hauſe, mitten in einer mit vie⸗ ler Muͤhe durch einen meiner Vorfahren geſammel⸗ ten, und mit neuern Werken durch mich vermehrten Bibliothek zu ſehen. eiſti⸗ ria⸗ agte ter⸗ iger lus⸗ gibt vor⸗ mit aus⸗ elt, er⸗ eine Ge⸗ vie⸗ nel⸗ rten 295 Die erſte wiſſenſchaftliche Richtung, der ich mich ergab, war die Moralphiloſophie; und das erſte Buch, welches mich feſſelte, war Helvetius. Ich kenne nichts Verfuͤhreriſcheres fuͤr einen unerfahrenen Denker, als den: Piscours de' ésprit;— die Man⸗ nigfaltigkeit, das unterhaltende, Belehrende, die feine Kritik, die brillanten Pointen, welche das Werk charakteriſiren, und nicht allein den Gegen⸗ ſtand, ſondern auch deſſen Auffaſſungsweiſe ſo anzie⸗ hend machen, wuͤrden hinreichen, jenen Schriftſteller Vielen zu empfehlen, welche den Zweck ſeines Sy⸗ ſtems nicht durchſchauen und unfähig ſind, den Grad der Einſicht zu beurtheilen, mit der die einzelnen Theile behandelt wurden. Sein großer metaphyſiſcher Irrthum beſteht in der Vorausſetzung, als ſeien alle Menſchen mit den⸗ ſelben Fähigkeiten geboren; und als wären alle Wir⸗ kungen des Charakters und des Genies nur in der Erziehung begründet. Denn, erſtens kann Helvetius, wenn ein ſtrenger Beweis verlangt wird, ihn nicht durch Thatſachen belegen; und zweitens, wenn es auch möglich wäre, ſo wurden weder ſein Syſtem, noch wir etwas dadurch gewinnen; denn die großte Sorgfalt in der Erziehung kann nicht alle Menſchen gleich machen*); und vermochte dieſes auch eine uber⸗ *) Denn da der Bufall aus des Helvetius Begriff von der Erziehung nicht ausgeſchloſſen wird, ſondern 196 menſchliche Macht, ſo kann dieſes, wie es mir ſcheint, in den Augen praktiſcher und wirklicher Weſen von keiner großer Bedeutung ſein. Aber ſelbſt dieſe Lehre, wenn ſie auch unwahr iſt, hat wohlthätig gewirkt; denn der Streit, den ſie veranlaßte, zwang die Menſchen zu genauerer unterſuchung; ſie mußten die Wunder zugeben, welche die Erziehung moͤg⸗ lich machen kann, ſo wie die allgemeine Aehn⸗ lichkeit anerkennen, welche eine gemeinſchaftliche Er⸗ ziehungsart einem ganzen Volke zu gewaͤhren ver⸗ mag— große Wahrheiten, denen das menſchliche Geſchlecht Alles verdanken wird, was in ſeinen Fort⸗ ſchritten zur Vervollkommnung ausführbar iſt!— Doch wir wollen von dieſem Punkt abſehen, uns von dem metaphyſiſchen Theil ſeiner Lehren zu dem mehr praktiſch moraliſchen wenden, und unterſuchen, ſogar nach ihm(Eseay III. Chap. I.)„den großten Theil an ihr hat,“ ſo iſt es doch einleuchtend, daß wir zugeben muͤſſen, was er ſelbſt faſt unmittelbar darauf ſagt, namlich:—„baß keine genau unter denſelben Verhaͤlt⸗ niſſen ſtehenden Perſonen genau dieſelbe Erziehung er⸗ halten können— das heißt, es koͤnnen nicht zwei oder mehrere Perſonen ſich genau ähnlich ſein— bie Frage wird daher zu einem eiteln ſcholaſtiſchen Streit⸗ punkt. So lange beide Parteien darin uͤbereinſtimmen, daß zwei oder mehrere Perſonen nicht genau aͤhnlich ausgebildet werden koͤnnen, ſo kommt wenig darauf an, gus welchen Gruͤnden dieſes nicht möglich iſt. nt, on re, kt; die ten oͤg⸗ hn⸗ Er⸗ oer⸗ iche ort⸗ uns dem hen, ßten wir ſagt, alt⸗ er⸗ zwei die reit⸗ men, nlich wauf 197 ob er jenem myſtiſchen Worte Tugend ſeine rechte Bedeutung gegeben hat. Wir Alle kennen die poe⸗ tiſche und unbeſtimmte Deutung, welche das ſchwaͤr⸗ meriſche Gemuͤth Plato's, und das Geſchwaͤtz ſeiner Nachahmer dieſem Worte gab— eine Symmetrie, eine Harmonie, eine ſchoͤne Abſtraction, unveraͤnder⸗ lich, unbegreiflich— das iſt die platoniſche Tugend. Darauf folgt die harte und einſeitige Beſtimmung der materiellen Schule.—„Was hier Tugend iſt“ — heißt es in ihr—„iſt bei unſern Antipoden La⸗ ſter; die Geſetze der Moral ſind willkuͤrlich und un⸗ ſicher— „Imposteur à la Mecque, et prophöte à Mé- dine;*) es gibt kein bleibendes und unveränderliches Geſetz fuͤr das Gute; die Tugend iſt bloß ein Traum.“— Helvetius iſt der Erſte, welcher jene andere großar⸗ tige, nutzliche, befriedigende Auslegung zwar nicht erfunden, aber allgemeiner bekannt gemacht hat:— „Die Tugend iſt die Gewohnheit, unſere Handlun⸗ gen dem allgemeinen Beſten entſprechend zu machenz die Liebe der Tugend iſt bloß der Wunſch fuͤr das allgemeine Wohl; tugendhafte Handlungen ſind die, welche zu dem allgemeinen Gluͤck beitragen.“— In dieſer ſchoͤnen und deutlichen Erklärung ſind alle Wi⸗ *) Voltaire, Mahomet. Let. I. 198 derſpruͤche geloͤſet; dieſelben Handlungen konnen in dem einen Lande gebilligt, in dem andern getadelt werden, doch die Richtigkeit dieſer Auslegung wird darunter nicht leiden. Was dem Gemeinwohl in China entſpricht, ſagt ihm vielleicht auf den Hebri⸗ den nicht zu, ſo lange wir jedoch, wo wir auch ſein moͤgen, das allgemeine Beſte beruͤckſichtigen, ſind un⸗ ſere Abſichten tugendhaft. Auf dieſe Art haben wir in jedem Klima unſern Polarſtern, und ohne zu den Traͤumen des Plato unſre Zuflucht nehmen zu muͤſ⸗ ſen, werden wir nicht durch offenbare Widerſpruͤche gezwungen, die Tugend ſelbſt fuͤr einen Traum zu erkläͤren.—„Das Antlitz der Tugend bleibt ſchon und reizend, trotz aller Masken, die man ihr ange⸗ legt hat.*)“— A. Aus dieſer Beſtimmung des Zwecks der Tu⸗ gend hat Bentham auch ſeine Entwickelung des Zwecks der Regierung hergeleitet. Beide beabſichti⸗ gen das Gemeinwohl, oder noch deutlicher ausge⸗ druͤckt, das groͤßtmoͤgliche Gluͤck der groͤßten Zahl. Es iſt eine ſehr der Beachtung wuͤrdige Erſcheinung, daß der Zweck der Tugend und der Zweck einer gu⸗ ten Regierung nur auf dieſelbe Weiſe erklärt wer⸗ den koͤnnen. L. Allerdings, und daraus ergiebt ſich ein uͤber⸗ *) Shaftesbury. 1 ir e⸗ 5 7 e⸗ M. 9⸗ u⸗ 199 wiegendes Verdienſt des Helvetius!— Mehr als ein Philoſoph vor ihm hat die Tugenden in Bezie⸗ hung auf das Gemeinweſen mit den Privattugenden gleichgeſtellt. Obgleich Helvetius perſoͤnlich ſo vor⸗ trefflich und exemplariſch in den kleinern Vorzuͤgen und Verdienſten des Lebens war, vermied er es den⸗ noch(den egviſtiſchen Philoſophen in dieſer Beziehung, aber aus andern Gruͤnden aͤhnlich), bei ihnen zu verweilen; ſie ſind fuͤr die Menſchheit weniger wich⸗ tig, als die großen Grundſätze des oͤffentlichen Be⸗ nehmens— Grundſätze, welche Staaten regieren und veredeln. Es war eine erhabene Wahrheit in jener Zeit, welcher Wahrheit wir ſo Vieles, das jetzt unſchätzbar iſt, zu verdanken haben, wenn er erklarte:„daß Geſetzgeber zwei Methoden haͤtten, unſern moraliſchen Zuſtand zu vervollkommnen; die erſte, mit den allgemeinen Intereſſen Privatintereſſen zu verbinden; die zweite, die Fortſchritte und die Verallgemeinerung geiſtiger Ausbildung zu befor⸗ dern.“— Dieſes iſt ein Grundſatz, den jedes Volk im Herzen tragen ſollte. A. Gewiß; vor dem Helvetius hatten die Mo⸗ raliſten einen Bund mit den beſtehenden Uebeln ge⸗ ſchloſſen; ſie ermahnten die Menſchen, ſich ſelbſt, aber nicht ihre Geſetze, zu verbeſſern, ohne wel⸗ ches Verfahren jedoch alle Vervollkommnung nur theilweiſe iſt. Welchen Erfolg koͤnnte es haben, wenn man die neuern Griechen auffordern wollte, 200 nicht zu luͤgen? Gebt ihnen aber ein Geſetzbuch, nach welchem die küge dem eignen Intereſſe entge⸗ gentritt. L. Die Regierungsform beſtimmt auch die Volke⸗ meinung. Je nachdem die Volksmeinung eine Tu⸗ gend ehrt oder vernachlaͤſſigt, wird dieſe Tugend auch allgemein geuͤbt werden, oder nicht. Unter Handel treibenden Volkern bedingt der Reichthum die Ach⸗ tung; in despotiſchen Staaten macht die Schmeiche⸗ lei ſich als Weisheit geltend; die Leidenſchaften be⸗ ſtimmen die Menſchen zu Handlungen, und die Lei⸗ denſchaften werden im Verhaͤltniß zu der Belohnung, die ihnen geboten wird, in Thätigkeit geſetzt. Dieſes ſind ernſte und wichtige Wahrheiten; wir haben es dem Helvetius zu vpe wenn ſie jetzt allgemei⸗ ner bekannt ſind. A. Aber ich habe Sie in Ihrer Erzählung un⸗ terbrochen. Zu welchen neuen Studien veranlaßte Sie die Anerkennung, welche Sie dem Helvetius ge⸗ währten?— L. Sie leitete mich nicht unmittelbar zu neuen Studien, ſondern gab denen, die mich bisher beſchäf⸗ tigten, eine feſtere Richtung. Ich war, wie ich fruͤ⸗ her bemerkte, abſtracten Speculationen ergeben, doch ſie waren traͤumeriſcher und wilder Art. Ich be⸗ muͤhte mich jetzt, die Philoſophie auf der Grundlage der geſunden Vernunft aufzufuͤhren. Ich begann darauf ſtrengere und gruͤndlichere metaphyſiſche Stu⸗ 201 uch, dien, indem ich den Subtilitaͤten, die gewoͤhnlich den tge⸗ Studirenden beſchäftigen, weniger Aufmerkſamkeit ſchenkte, als den allgemeinern Grundſaͤtzen, von de⸗ lks⸗ nen das menſchliche Treiben im Allgemeinen, ſowie Tu⸗ auch unſre täglichen Handlungen in geheimer Ab⸗ uch haͤngigkeit ſtehen. Die Moralphiloſophie iſt die erha⸗ del benſte aller Wiſſenſchaften;— die von der Moral⸗ ch⸗ philoſophie abſtrahirte Metaphyſik iſt zugleich die che zweckloſeſte und am meiſten pedantiſche. Der Mann be⸗ iſt wirklich thoͤricht,„qui verborum minutiis rerum Lei⸗ frangit pondera.“ n, Doch bald genuͤgten mir die Materialiſten nicht eſes ehr. Helvetius entzuͤckte meine Einbildungskraft es— ſchaͤrfte meinen Verſtand— ließ aber mein Ge⸗ nei⸗ muͤth unbefriedigt. Auch Locke und Condillac ent⸗ ſprachen nicht meinen Erwartungen, und ich mußte un⸗ nach Antworten auf Fragen ſuchen, welche ſie ent⸗ ßte weder nicht zu beantworten fähig waren, oder de⸗ ge⸗ nen ſie aͤngſtlich auswichen. Darauf kamen die Schot⸗ tiſchen, und(ſo weit ſie mir zugaͤnglich waren) die uen Deutſchen Philoſophen, mit ihren weit erhebendern äf⸗ Syſtemen— die eigenthuͤmliche, ſternenklare Dun⸗ ruͤ⸗ kelheit der Letztern— die edle Kuͤhnheit, der ernſte och Glaube, durch den die Erſtern ſich auszeichnen. Ich be⸗ konnte jedoch nicht blind ſein fuͤr die Fehler und age Maͤngel beider. Es mußten ſich mir die Subtili⸗ nn täten, das Marktſchreieriſche und Fanatiſche des Ei⸗ tu⸗ nen— die uebereilung und das unlogiſche Verfah⸗ 202 ren des Andern aufdringen. Selbſt Plato mit al⸗ len ſeinen Träumereien ſchien mir beſtimmter zu ſein, als dieſe ſeine letzten Nachahmer. Da nun meine Fuͤhrer mich auf dieſer weiten und unbegränz⸗ ten Haide, niedergebeugt und betruͤbt durch meine eignen Zweifel, verließen, ſo beſchloß ich, wenigſtens nicht zu verzweifeln, denn plotzlich fuͤhlte ich, daß ich noch nicht ganz allein war!— Meine Bücher blieben ſtumm und verſchloſſen, aber die ganze Na⸗ tur umgab mich, und das Weſen der Dinge wurde mein Lehrer!— Ja— nicht durch die Metaphyſik baute ich meinen darniederſinkenden Glauben auf, ſondern durch die Analogie— und wurde ein Phi⸗ loſoph fuͤr mich ſelbſt. Gluͤcklich, weſſen Zweifel, wie die meinigen, ſich in jene vertrauende, demuͤthige, immaterielle Hoffnung auflöſen, die fuͤr unſer be⸗ ſchränktes irdiſches Daſein am Beſten geeignet ſcheint — die unſre Tugend zu ſtaͤrken, unſern Geiſt zu er⸗ heben geſchaffen iſt. Es gibt Menſchen von ſtren⸗ gem Sinn, lange erprobter Selbſtverläͤugnung, de⸗ nen ihre Entbehrungen ſogar zur Gewohnheit und zum Genuß geworden ſind— die ſowohl gut als gluͤcklich ohne den Glauben an ein Jenſeits zu ſein vermoͤgen. Ich geſtehe, daß ich dieſe Hoͤhe nicht ev⸗ reicht habe, und zu der groͤßern Menge mich zählen muß. Nie wurde ich mir der Kraft meines eignen Gemuͤths ſo bewußt, nie traute ich mir ſo ſehr zu, menſchliche Irrthuͤmer und die Sorgen des Tages 203 abzuſtreifen, als da ich das Geburtsrecht und das Eden der Unſterblichkeit glänzend vor mir ſah. Es gibt eine Philoſophie, die zwar vielfach erſtrebt, aber noch nicht erreicht wurde— eine Philoſophie, welche dieſes Jahrhundert aus der Aſche des Ma⸗ terialismus des vorigen gebaͤren muß— es iſt„die Philoſophie des Glaubens!“— Sechste Unterredung. Beſchluß des Hiſtoriſchen.— Fortſchritt von der Moral zur Geſchichte.— Fuͤr das Studium der Ver⸗ gangenheit iſt der Skepticismus guͤnſtig.— Philoſophi⸗ ſche Hiſtoriker ſind gefaͤhrlich.— Hume und Gibbon. — Die Vortheile des Tacitus und Polybius, weil ſie Männer von Erfahrung waren.— Bolingbroke, der erſte engliſche Erfahrungsmann. Die Geſchichte iſt der Ankläger des Menſchengeſchlechts.— Die Griechen.— Themiſtokles.— Patriotismus und Philanthropismus. — Die Irrthuͤmer des Alterthums.— Erhebende Hoff⸗ nungen fuͤr die Bukunft. und widerſtrebend—(fuhr L— am naͤchſten Tage in der Mittheilung der Geſchichte ſei⸗ nes Geiſtes fort)— wendete ich mich von der Be⸗ trachtung der Motive zu jener der Handlungen,— von der Moral zu der Geſchichte.— Volney ſagt in ſeinen vortrefflichen Vorleſungen:„daß der geeig⸗ netſte geiſtige Zuſtand fuͤr hiſtoriſche Betrachtungen der iſt, in welchem wir mit unſerm Urtheil zoͤgern.“ — Dieſe Wahrheit iſt einleuchtend, aber Diejenigen, welche ſie, in dieſe Phraſe eingekleidet, zugeben, wuͤr⸗ der er⸗ ohi⸗ on. ſie der der us. off⸗ am ſei⸗ Be⸗ agt eig⸗ gen n.“ en, ur⸗ 205 den ſich zuruͤckziehen, wenn wir ſtatt des zoͤgernden urtheils den wirklichen Zweifel ſetzten. Und doch iſt es wahr!— Die Geſchichte ſollte in dem Zuſtande unterſuchenden Zweifels ſtudirt werden. In dieſem Zuſtande ſind alle geiſtigen Fähigkeiten in Spannung — wir ringen, wir meſſen, wir vergleichen— jede Seite ſtellt die Richtigkeit unſers eigenen urtheils auf die Probe. Das Zutrauen jedoch ſchlaͤfert ein und macht unthätig. Wenn wir ſchon mit der Ab⸗ ſicht eine hiſtoriſche Schrift ſtudiren, Alles zu glau⸗ ben, was wir leſen, ſo faßt das Gedächtniß die Thatſachen auf, ohne daß ein einziger Gedanke in uns aufgeregt wuͤrde. Wir koͤnnen unſer Gehirn mit Jahreszahlen und Legenden anfuͤllen; wir kon⸗ nen unſre Perioden mit irgend einer Fabel aus Rom ſchließenz aber wir fuͤhlen nicht, daß wir ſowohl ge⸗ dacht, als geleſen haben. unſer Gedaͤchtniß iſt be⸗ reichert worden, aber unſer urtheil nicht geſchärft; wir haben geleſen, aber nicht unterſucht;— was kann auch die Unterſuchung nuͤtzen, wo die Ueberzeu⸗ gung ſchon vorherrſcht?— Es iſt derſelbe Unter⸗ ſchied in Beziehung auf den Vortheil der Geſchichte zwiſchen Dem, der uͤberlegt, weil er zweifelt, und Dem, der nichts unterſucht, weil er Alles glaubt,— als zwiſchen dem Werth eines mit Gemeinplätzen angefullten Buches und eines philoſophiſchen Trac⸗ tats. Erſteres kann mehr Thatſachen enthalten, als der letztere, dieſer aber enthaͤlt Thatſachen, die 206 zu altgemeinen Sätzen verarbeitet wurden. Der metaphyſiſche Gang des Studiums entwickelt auf natuͤrliche Weiſe jene ſkeptiſche Stimmung. Wir ſollten daher nach den moraliſchen Studien uns erſt zu der Geſchichte wenden. Auch iſt dieſes nicht der einzige Vortheil, den uns dieſe Einthei⸗ lung gewaͤhrt. Die Geſchichte wuͤrde in der That Dem, der weder weiß, was Recht, noch was unrecht iſt, wo Regierungen weiſe gehandelt, wo ſie gefehlt haben,— nicht mehr Dienſte leiſten, als ein alter Kalender. Die Geſchichte, aus dem Geſichtspunkt des politiſchen Nutzens betrachtet, iſt, um Vollney nochmals anzufuͤhren,„eine große Samm⸗ lung moraliſcher und ſocialer Verſuche, welche das menſchliche Geſchlecht unwillkuͤrlich und ſehr zu ſei⸗ nem eigenen Nachtheil an ſich ſelbſt macht.“— Wir muͤſſen jedoch die Prinzipien der Wiſſenſchaft erſt kennen lernen, bevor wir es mit den Experimenten wagen duͤrfen. A. Und trotz dem, daß der wahre Nutzen der Geſchichte auf philoſophiſchem Wege erreicht wird, iſt oft eine bloße Mittheilung der Thatſachen einer philoſophiſchen Behandlung der Geſchichte vorzu⸗ ziehen. 61 L. Weil es beſſer iſt, daß wir ſelbſt unterſuchen, als daß wir Andete fuͤr uns unterſuchen laſſen. Ein Philoſoph hat ein Syſtem; er beurtheilt Alles nach ſeiner Theorie; er muß nothwendig partheiiſch wer⸗ b a v 2 t 1 1 er uf Bir ns cht ei⸗ as wo n, em iſt, as ir rſt er d, er U⸗ in r⸗ 257 den und wie Licinius Maler, ſtellt er ſeinen einau⸗ gigen Prinzen im Profil dar. A. Die philoſophiſchen Geſchichtſchreiber ſind be⸗ ſonders in unſrer Literatur gefahrlich. Niemand kann uns die Geſchichte aus falſcheren Geſichtspunk⸗ ten darſtellen, als Hume und Gibbon gethan haben. L. und dieſes nicht allein deshalb, weil ſie mit⸗ unter nicht genau in den Thatſachen ſind, ſondern weil ſie dieſelben auf eigenthuͤmliche Weiſe auffaſſen⸗ Hume erzaͤhlt uns die Geſchichte von Factionen, und Gibbon die Geſchichte der Oligarchien— Beide laſ⸗ ſen das Volk ganz unberuͤckſichtigt.— Es kommt daher, weil Keiner von Beiden die Maſſen der Menſchen hinlaͤnglich kannte, um zu fuͤhlen, daß die Geſchichte etwas mehr ſein muͤſſe, als eine, wenn auch noch ſo vortrefflich dargeſtellte Chronik der Dynaſtien;— ſie ſind gebildete und elegante Gelehrte, die zu den privilegirten Annehmlichkeiten der Geſellſchaft ſich veſonders hinneigten;— da ſie die menſchliche Na⸗ tur fortwahrend zu ſkizziren gewohnt waren, ſo ge⸗ ben ſie uns vielleicht ein ziemlich genaues Skelett, aber ſie vermoͤgen nicht, es mit Fleiſch und Blut zu verſehen; ihre Theilnahme beſchraͤnkte ſich fuͤr die Verhältniſſe der Hoͤfe— ihr Geiſt war nicht kräf⸗ tig genug, um auch fuͤr jene Geſchichte ohne Kronen und ohne Lorbeeren ſich zu intereſſiren;— Jeder von ihnen macht Anſpruͤche auf das, was ihm am Meiſten fehlt— Hume, mit ſeiner fließenden Af⸗ 208 fectation der Aufrichtigkeit iſt niemals aufrichtig— und Gibbon philoſophirt beſtändig, iſt aber ſelten wahrhaft philoſophiſch. A. Aber Tacitus und Polybius werden nicht leicht uͤbertroffen. L. und weshalb?— Weil ſowohl Tacitus, als Polybius die Welt in unruhigern Zeiten geſehen hatten, als unſre Hiſtoriker;— die Kenntniß des menſchlichen Geſchlechts war nicht bloß ihrem Herzen leicht aufgeprägt, ſondern, ſo zu ſagen, tief und bleibend eingefurcht; ihre ſchlaue, doch finſtere Weisheit war die Frucht ſchrecklicher Erfahrungen. Gibbon prahlt mit den Vortheilen, die er für ſeine Geſchichte durch die militairiſchen Studien in der Miliz erhalten;— nicht von ſolchem Feiertagsdienſt lernte Polybius ſeine Methode, Kriege darzuſtellen. — Als der Megalopolitaner in ſeiner ſtuͤrmiſchen und kuͤhnen Laufbahn im Kriege ſelbſt ſeine Schule durchmachte, und jene kalte veberlegenheit und Vor⸗ ſicht ſich aneignete, welche die diplomatiſchen Intri⸗ guen, an denen er Theil nahm, erforderten ſowohl, als ausbildeten— gelangte er langſam zu jenem umfaſſenden Beobachtungsgeiſt, zu jener bewunderns⸗ werthen Einſicht in den wahren Geiſt der Thatſa⸗ chen, zu jener Fähigkeit, mit einem Blick das Un⸗ wahrſcheinliche zu erkennen, und die Wahrheit durch alle umhuͤllenden Wolken und Nebel zu entdecken, welche die Fragmente ſeiner trefflichen Geſchichte — d — — —— e e 8 209 charakteriſiren, und das, was in andern Händen nur eine Sammlung militairiſcher Bulletins geworden wäre, zu einem ſo unſchatzbaren Huͤlfsmittel fuͤr den Staatsmann und den Politiker erheben. und wenn wir das Leben des bei weitem groͤßern Römers über⸗ blicken, ſo müſſen wir auch hier uns uͤberzeugen, daß die Weisheit des Schriftſtellers die Frucht der Er⸗ fahrungen eines Mannes war, der Augenzeuge der Regierung eines Domitian geweſen iſt. Wenn ſeine Gemälde uns feſſeln durch eine kühne Vertheilung jener dunkeln Farben— wenn ein Verbrechen nach dem andern, ſo ſchrecklich nach dem Leben gezeichnet, jene furchtbare Zeit uns vergegenwaͤrtigt— wenn die finſtern Geheimniſſe der Herrſcher in jenen lako⸗ niſchen Aphorismen uns mitgetheilt werden— wenn in jeder Sentenz uns eine Erinnerung erfaßt— wir in jedem Charakter ein Bild, und zugleich einen Spiegel der Zeit entdecken,— ſo drängt ſich uns das Gefuͤhl auf, wie nothwenbig ſeine finſtern und Schauder erregenden Erfahrungen jene Kraft und Treue ſeines Styls bedingen mußten. Durch Thätigkeit, Muͤhe, durch alle Gefahren und Beloh⸗ nungen der Oeffentlichkeit hindurch gelangte er auf den Weg der Philoſophie, einen hier mit Raub und Mord umgebenen Weg; jeder Sklave, der umge⸗ bracht wurde, grub in ſein Herz eine Warnung ein, jedes Schreckniß, das er erlebte, erhoͤhte und kräf⸗ tigte ſeinen Genius. Seine Schrift, durchdrungen Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 14 210 von dem Geiſt ſeiner Zeit, laͤßt dieſelbe vor den Au⸗ gen der Nachwelt wieder aufleben. Wenn ſein Werk ſchrecklich und abſtoßend iſt, ſo liegt dieſes an dem Schrecklichen und Abſtoßenden eines unnatuͤrlichen Staatslebens. Die Zeit hat jene Leiche nicht be⸗ ruͤhrt. Der Zauberer hat uns das Geſchlecht in ſeiner Große und Stellung erhalten, bewegungslos und athemlos, aber ſonſt in Allem unverändert, ein treues Bild des Lebens. A. Es iſt ein großer Verluſt fuͤr unſre Litera⸗ tur, daß Bolingbroke nie erfuͤllte, was die Abſicht ſeines Lebens und die Erwartung ſeiner Freunde ge⸗ weſen zu ſein ſcheint— naͤmlich der in ſeinen Brie⸗ fen ſo oft erwaͤhnte Plan, eine Geſchichte zu ſchreiben. L. Jaz nach Allem, was er uns hinterlaſſen hat, ſchien er außerordentlich fuͤr dieſe Aufgabe ge⸗ eignet zu ſein;— ſeine Gedanken ſo richtig, und dabei ſo edel; ſeine tiefe Menſchenkenntniß; ſeine ſcharfſinnige Auffaſſung des wahren Verdienſtes! A. Er gab unſtreitig der Ruͤtzlichkeitslehre ihre erhabenſte Geſtalt, und iſt der eigentliche Schoͤpfer derſelben in England*). L. Wenn ich von dieſen urtheilen uͤber die Ge⸗ *) Die Anhänger der Nuͤtzlichkeitslehre haben ganz uͤberſehen, wie Vieles ſie dem Lord Bolingbroke ver⸗ danken. Sie wollten in einem Tory keinen Fuͤhrer anerkennen. 211 ſchichtſchreiber mich wieder zuruͤckwende zu der Wir⸗ kung, welche die Geſchichte hervorbringt, ſo muß ich faſt glauben, daß ihre allgemeine Wirkung darauf berechnet iſt, das Herz gegen die Menſchen zu ver⸗ härten. Die ſo lange ſich gleichbleibenden unverän⸗ derlichen Erfolge, welche die Erfahrung aus ihr ent⸗ nimmt, ſcheinen ſchweigend, aber unwiderlegbar das menſchliche Geſchlecht anzuklagen. Die Menſchen haben es ſich die groͤßte Muͤhe koſten laſſen, ihren hartnäckigſten Ankläger zu erhalten. Alle Regie⸗ rungsformen, ſie moͤgen noch ſo verſchieden von ein⸗ ander ſein, ſcheinen eine gleiche Wirkung zu ha⸗ ben— die allgemeine Erniedrigung der Regierten. — Wodurch unterſcheidet ſich das hochgeruͤhmte Grie⸗ chenland von dem verachteten Perſien?— Das er⸗ ſtere brachte einige hundert Namen hervor, welche das letztere nicht aufweiſen kann. Allerdings!— Aber was ſind einige Atome gegen den Sand am Meere?— Was ſind einige große Maͤnner gegen das Gluͤck der Menge?— Verachten nicht die grie⸗ chiſchen Schriftſteller, bie griechiſchen Weiſen mehr als alle Anderen die Maſſen um ſich?— Bilden nicht die undankbarkeit, die Verworfenheit, das Elend ihrer Mitgeſchöpfe die Lieblingsgegenſtaͤnde der Satyre der Alten?— und wie Wenige ſind unter dieſen großen Männern, uͤber deren Verdienſte die Geſchichte entſcheiden kann!— Wie Wenige blieben, ſelbſt nach dem urtheile ihrer eigenen Zeit 14* 212 unbefleckt. Plutarch ſagt, die guten Buͤrger von Athen ſeien die beſten Menſchen in der Welt gewe⸗ ſen, die ſchlechten haͤtten aber nirgends ihres Glei⸗ chen gefunden an Verworfenheit und Rohheit. Wenn nun aber wir ſelbſt die Buͤrger, welche Plutarch fuͤr die guten haͤlt, naͤher beleuchten und nach den Ge⸗ ſichtspunkten ihrer eigenen Zeit beurtheilen wollen, wie viel hat da ſelbſt die Nachſicht noch zu entſchul⸗ digen! Sollte ich eine Perſonification des Genius von Athen wählen, ſo wuͤrde ich mich fuͤr Themiſto⸗ kles entſcheiden, ein großer Krieger und ein weiſer Mann, entſchloſſen im ungluͤck, gewandt und reich an Huͤlfsmitteln. Aber betrachten wir die Kehrſeite des Gemaͤldes; er beginnt ſeine Laufbahn mit den groͤßten Ausſchweifungenz von ihnen bekehrt er ſich, wie man ſagt, wozu?— zu den niedrigſten Schmei⸗ cheleien gegen die Menge; das Volk, welches ihn zuerſt anbetet, beherrſcht er durch Täuſchungenz er nimmt ſeine Zuflucht zu den Trugſchluͤſſen des Aber⸗ glaubens, um ſie fuͤr die Zwecke ſeines Ehrgeizes zu benutzen*).— Als einen Beweis, wie wenig die *) Als er durch die Athenienſer zum Admiral er⸗ waͤhlt wurde, verſchob er alle oͤffentlichen und Privat⸗ geſchaͤfte bis zu dem Tage ſeiner Einſchiffung, um mit groͤßerer Wuͤrde und Wichtigkeit zu erſcheinen, indem er eine ſo ungewoͤhnliche Thaͤtigkeit entwickelte.— Es iſt wohl einleuchtend, daß dieſe Angelegenheiten nur Weisheit der Anfuͤhrer in die Berathungen des Vol⸗ kes gedrungen war, wie wenig alſo die Mehrzahl durch die Regierungsform gebildet wurde— finden wir die Nachricht, daß, als ein anderer Athemienſi⸗ ſcher Redner den Themiſtokles über einen gewiſſen Punkt zu ſehr in die Enge trieb, das Volk jenen Redner und die Weiber deſſen Frau ſteinigten. So viel uͤber die Freiheit der Discuſſionen bei den Al⸗ ten.— Er regiert wie ein Marktſchreier. Zuerſt beabſichtigt er, ſeine Verbuͤndeten zu vernichten, und da ihm dieſes mißlingt, begnuͤgt er ſich, ſie zu pluͤn⸗ dern. Von Natur aus nicht eigennuͤtzig, verrieth er doch ſeinen Gaſt(Timokreon, den Rhodier) fuͤr Geld. Eben ſo eitel als raubſuͤchtig, vergeudet er bald wie⸗ der in Pracht und Glanz, was er durch unedle Mit⸗ tel gewonnen hat. Indem er endlich„eine Tugend bei tauſend Verbrechen behauptet,“ vollendet er die Darſtellung ſeines eigenen Charakters und die des Geiſtes ſeines Vaterlandes, welche derſelbe zugleich bezeichnet, dadurch, daß er(trotz ſeiner leeren Verſprechungen, dem Barbaren Huͤlfe zu leiſten, trotz ſeines Gefuͤhls der Rache) bis auf den letzten oberflaͤchlich in ſo kurzer Zeit beſeitigt werden konntem es war alſo ein bloßer Kunſtgriff, ſich in der Herr⸗ ſchaft zu behaupten, in ſeinen Augen etwas Edleres und Beſſeres, als eine zweckmaͤßige Thaͤtigkeit fuͤr das öf⸗ fentliche Wohl. 214 Augenblick der Liebe zu ſeinem Geburtslande treu bleibt, eine Leidenſchaft, die keine Verbrechen oder niedrigen Handlungen fur daſſelbe verhinderte, ſon⸗ dern bloß ihn abhielt, ihm als Feind ſich gegenüber zu ſtellen. Der ſelbſtſuchtigſte, der liſtigſte, der ge⸗ fuhlloſeſte Menſch brachte lieber ſich ſelbſt um, als daß er Griechenland beleidigte*). A. Er fuͤhrte durch ſein Leben den Beweis, daß der Patriotismus nur ein beſchraͤnktes und unphilo⸗ ſophiſches Gefuͤhl iſt, welches nur einen Theil der Moral umfaßt. Die Philanthropie iſt die einzige Art der Liebe des Menſchengeſchlechts, welche alle Proben beſteht. Ein Patriot kann in einem Punkt rechtlich ſein, in allen andern ein Schurke— ein Philanthropiſt umfaßt und uͤberſieht das Ganze der Tugend. L. uUnd durch die Philanthropie(eine moderne Tugend) koͤnnen wir vielleicht die Geſchichte der Ver⸗ gangenheit aufklären und erlautern. Sie allein ver⸗ mag dem Gefuͤhl entgegen zu wirken, daß die Ver⸗ vollkommnung des Menſchengeſchlechts ein Hirnge⸗ ſpinnſt ſei, welches Gefuͤhl die Geſchichte zu erwecken und zu nähren ganz geeignet iſt; wir koͤnnen leider *) Dieſe Behauptungen ſind zu ſtrenge. L— nimmt nicht genug Ruͤckſicht auf den griechiſchen Charakter und giebt zu viel auf die rhetoriſchen Uebertreibungen Plu⸗ tarchs.— Bei alledem war aber allerdings Themi⸗ ſtokles kein rechtlicher Mann. d nothduͤrftig das Leben zu friſtenz— wenn ihre Fä⸗ 215 dem Eindruck geſchehener Thatſachen nur entgegen⸗ wirken durch die Träume der Begeiſterung fur die Zukunft; indem wir uns an einen dieſer Traͤume halten, und an die Hoffnung, die, wenn ſie auch begruͤndet ſein ſollte, durch Beiſpiele aus der Vor⸗ zeit wenigſtens nicht beſtätigt wird, daß durch die Ausbreitung der Kenntniſſe die Menſchen jener poli⸗ tiſchen Vollkommenheit ſich nähern werden, welche jedoch nicht allein durch die Fortſchritte der Wiſſen⸗ ſchaft oder der Kunſt bedingt wird,— welche nicht allein abhängig iſt von Paläſten, Straßen und Tem⸗ peln, und von einigen hochtrabenden und feierlichen Namen und Worten, ſondern welche ſich in dem Ge⸗ meinweſen, das heißt in der Mehrzahl des Volkes offenbaren muß durch allgemeine Aufklärung und Bildung, durch Wirkungen, muͤſſen wir hinzuſetzen, welche bis jetzt noch keine urſachen hervorgebracht haben. Denn weshalb ſtudiren wir die Geheimniſſe der Geſetzgebungs⸗ und Regierungskunſt; weshalb wecken wir die Vergangenheit aus ihrem Grab und ſchauen zuruͤck in fruhere Jahrhunderte, wenn dieſe Bemuͤhungen und Forſchungen blos, wie es bisher geſchehen iſt, die Lage der Oligarchien verbeſſernz wenn ſie den Purpur und den Palaſt nur Wenigen gewaͤhren, wenn in jedem Staat die unterdruͤckte Mehrzahl ſich plagen, abarbeiten, die Zeit in einem harten und unfruchtbaren Kampf zubringen muß, um 216 higkeiten nicht geweckt werden, ihre Thatkraft ſchon in der Wiege erdruͤckt wird; wenn ſie Fremdlinge bleiben, fuͤr Alles, was veredelt, und vervollkomm⸗ net— wenn bei jedem Verſuch, ſich zu erheben, ihnen ein Geſetz entgegentritt, und jede Unterneh⸗ mung bei ihnen zu einem Verbrechen wird;— wenn wir, die weiten Gefilde des Lebens uͤberblickend, nur einen allgemeinen Arbeitsplatz ſehen, von allen Sei⸗ ten eingeſchloſſen durch Galgen, Rad, Pranger und Gefängniſſe,— uͤberall Unwiſſenheit, Vorurtheil, Blutvergießen, Suͤnde;— und ſollte dieſer Zuſtand ein dauernder auf der Erde ſein muſſen, wozu nuͤtzt dann der Kampf fuͤr eine Freiheit, deren nur We⸗ nige theilhaftig werden können, fur eine Aufklärung, die nur wenige glaͤnzende Funken aus einer duͤſtern Atmoſphäre hervorzurufen vermag— für eine po⸗ litiſche Glückſeligkeit, welche einen Thron gedeihen läßt, einem Triumphwagen Pferde vorſpannt, und die gefluͤgelten Worte der Beredtſamkeit, oder der Dichtkunſt, oder die erhabenen Speculationen der Wiſſenſchaft aufruft und beguͤnſtigt— und wenn doch dieſe glorreichen Wirkungen den kleinſten Theil des unermeßlichen menſchlichen Elendes nicht aufzu⸗ wiegen vermögen?— Ach! wenn dieſes das ewige Loos der Sterblichkeit ſein ſoll, ſo laßt uns unſere Buͤcher, laßt uns die Zugänge zu unſerm Geiſt und Herzen verſchließen, laßt uns das Wohlwollen als ein Unding, die Speculation als eine Träumerei aufge⸗ hon nge m⸗ en, eh⸗ enn nur ei⸗ eil, ind tzt be⸗ ng, 217 ben. Laßt uns ſpielen mit dem Leben, wie der Te⸗ janer, nur an die Roſe denken, und an den Wein, und da unſere eifrigſten Beſtrebungen fuͤr Andere ſo wenig zu erreichen vermoͤgen, ſo laßt uns unſere Hoffnungen und' Gewiſſen nicht ausdehnen jenſeits des kleinen und ſicheren Kreiſes unſeres Ich!— Nein, der Menſch muß entweder an die Vervoll⸗ kommnungsfähigkeit ſeines Geſchlechts glauben, oder die Tugend und die Menſchenliebe ſind bloß Trug⸗ bilder einer erhitzten und uͤberſchwaͤnglichen Einbil⸗ dungskraft. A. und dieſer Glaube, er moͤge nun wahr oder falſch ſein, gewinnt täglich mehr Anhänger⸗ L. Ich muß geſtehen, daß, bevor ich mich zu ihm hinneigte, ich in der Wiſſenſchaft nichts als Finſterniß und Verzweiflung ſah.— Mir erſchie⸗ nen die ſchwebenden Schatten, welche die Philo⸗ ſophie zwiſchen die Erde und die Sonne gebannt hatte, wie duͤſtre Wolken, welche den Himmel ver⸗ finſtern, und von denen eine nach der andern in der Luft verſchwebt.— Wenn ich in meiner einſamen Zuruͤckgezogenheit einen Tag nach dem andern damit zubrachte, uber die Offenbarungen der alten Weiſen, die, indem fie die Wahrheit ſuchten, nur den Irv⸗ thum unter ihre verſchiedenen Floskeln verſteckten, nachzudenken, ſo fuhlte ich, daß dieſes nicht zur Weisheit, ſondern zum Verzweifeln an der Weisheit mich fuͤhren koͤnne Welche Vergeudung unſerer gei⸗ 218 ſtigen Kraft— welcher Spott uͤber unſern Verſtand — ſchienen mir die Gebaͤude, welche ſie errichtet hatten, darzulegen;— die Pythagoräiſche Einheit, und das Feuer Heraklits, auf welches dieſer Un⸗ gluͤcksphiloſoph den Urſprung aller Dinge zuruͤckfuͤh⸗ ren wollte; und die„Homoͤomerien“ des Anaxagoras, und des Empedokles Harmonie und Disharmonie, und die Atome des Epikur, und der doppelte Geiſt und die Vorexiſtenz des Plato,— lag in dieſen Träumereien und Luftſchloͤſſern jener erhabenen Na⸗ turen nicht etwas den menſchlichen Verſtand Demt⸗ thigendes?— noch dazu, da ſie von Männern auf⸗ geſtellt wurden, welche, in Hoͤhlen und in wilder Einſamkeit jenem begeiſternden und erhebenden Nach⸗ denken ganz gelebt hatten, wie es nur im Alterthum in dieſer Art moͤglich war. und wenn durch zweck⸗ maßigere Studien, oder einen gluͤcklicheren Gang der Schlußfolgen ſie der Wahrheit näher gefuͤhrt wurden— wenn Demokritus fuͤr einen Augenblick und in Zwiſchenraͤumen, bei einem ſchimmernden Licht den wahren Lauf der himmliſchen Geſtirne ah⸗ net— oder wenn Ariſtippus auf den mit Roſen be⸗ ſtreuten Irrwegen ſeines Glaubens dennoch einen fluͤchtigen Blick auf die wahre Moral und die ur⸗ ſachen des menſchlichen Gluͤckes wirft— oder wenn der erhabene Zeno und der erfahrenere Epikur auf verſchiedenen Wegen dennoch zuletzt an das wahre Ziel gelangen, und gleich darauf aber wieder in Irr⸗ and htet eit, Un⸗ ͤh⸗ ras, nie, eiſt eſen Na⸗ ni⸗ uf⸗ der ch⸗ um eck⸗ ng hrt lick den ah⸗ be⸗ en 1r⸗ nn uf re r thuͤmer zuruͤck taumeln— ſo ſpottet um ſo mehr ihre ſo kurze und theilweiſe Annaͤherung an die Wahr⸗ heit der Erfolge menſchlicher Nachforſchungen— „caput ac fontem ignorant, divinant, ac delirant omnes*).— Nun ſtelle man die Erinnerungen, welche der Gang der Geſchichte, und jener der Philoſophie uns darbieten, zuſammen, die Irrthuͤmer der Weiſen mit dem Elend und dem traurigen Schickſal der Menge, und welches finſtere und abſchreckende Bild, bietet uns unſere Kenntniß der Vergangenheit, welche hier zugleich die Ausſicht in die Zukunft bedingt! — Wie ſehr muß dieſes Gefuhl unſere Beſtrebungen fuͤr die Gegenwart abſtumpfen! Wie eitel muß uns der gewaltigere Kampf um uns und deſſen unbedeu⸗ tende Erfolge erſcheinen! Man betrachte in dieſem Augenblick das wilde Treiben und die Gährung der Welt— wie koͤnnen Diejenigen, welche die Ver⸗ gangenheit fuͤr den Spiegel der Zukunft halten, dem Intereſſe fuͤr irgend eine Sache oder fuͤr irgend ein Prinzip, außer inſofern ihr eigener unmittelbarer Vortheil dabei erreicht wird, ſich widmen!— Wie eitel und leer muͤſſen ihnen, je mehr ſie genau be⸗ kannt ſind mit der Geſchichte und mit den Fortſchrit⸗ ten des Wiſſens die Beſtrebungen der Menge er⸗ ſcheinen. Weshalb opfert das Volk ſeine Kräfte ei⸗ *) Erasmi Colloquia; Hedonius et Spudaeus. 220 ner zweckloſen Unternehmung? Woher die Hoffnung und der Kampf des triumphirenden Galliers; oder das leiſe Gefluͤſter, welches einen Einfall in die herrlichen Länder Italiens vorher verkuͤndet?— Weshalb ſoll Blut vergoſſen werden an der Weichſel? weshalb der bewaffnete Belgier ſtreiten fuͤr Regie⸗ rungen und Koͤnige?— Weshalb wollen wir uns ſelbſt in Unruhe ſetzen eines Namens— eines ein⸗ gebildeten Gutes wegen?— Dieſe Redner, und Pergamente und Verſammlungen, und Drohungen und Bitten— dieſes Geſchrei nach einer„Reform“ — als welche erbaͤrmliche Taͤuſchungen muͤſſen ſie dem erſcheinen, der da glaubt, daß die Maſſe der Menſchen verurtheilt iſt, fuͤr immer„Holzhauer und Waſſertrager“ zu ſein!— Ihnen erhoͤht keine Veränderung den Zuſtand des Daſeins;— der Hunger treibt fortwährend zur Arbeit— der Man⸗ gel verbietet die Ausbildung des Geiſtes. Was nutzt es, ob dieſes Geſetz durchgeht, oder jene Flotte ab⸗ ſegelt, oder dieſer Palaſt gebaut wird?— ihre Lage bleibt immer dieſelbe; das gluͤcklichſte Zuſam⸗ mentreffen des Zufalls und der Weisheit bringt ih⸗ nen nur vermehrte Arbeit; von der ſie eine freie Staatsverfaſſung nicht befreit; die eine despotiſche nicht vermehrt.— So lange die Sonne auf und unter geht, ſo lange muͤſſen ſie ihr Brod gewinnen durch Arbeit, und ſo lange iſt ihr Leben umgeben durch die Verſuchung zum Verbrechen.— Es ſcheint nung oder n die Sun chſel? Kegie⸗ uns ein⸗ und ingen orm“ n ſie e der und keine der Man⸗ nutzt ab⸗ ihre ſam⸗ tih⸗ freie tiſche und nnen eben eint mir deshalb fuͤr einen wahrhaft verſtändigen und ge⸗ bildeten Mann nicht moͤglich, daß er aufrichtig und ohne Selbſtſucht fuͤr das allgemeine Beſte thaͤtig ſein konne, wenn er nicht den Glauben hegt, daß Geſetze und erhoͤhte Kenntniſſe endlich, wenn auch nach und nach, zu irgend einer Methode führen werden, um die große Mehrzahl der Menſchen, was Lebensgluͤck und geiſtige Ausbildung betrifft, mit der kleineren Anzahl in ein richtigeres Verhältniß zu ſetzen;— daß die menſchliche Natur eines Grades der Vollkommenheit fähig ſei, den ſie bis jetzt noch nicht erreicht zu haben ſcheint, und daß, wenn der Geiſt uͤber die Gewäſſer wehen wird, die Verbeſſe⸗ rung von der Oberflaͤche bis in die tiefſten Tiefen geht.— Die Republiken des Alterthums haben die⸗ ſes Ziel nie erreicht. um zu ihm zu gelangen, muſ⸗ ſen ſowohl die geſelligen Verhältniſſe, als die Ge⸗ ſetzgebung verändert werden. Aus dieſem Grunde freue ich mich mit einem geiſtreichen und bewunde⸗ rungswerthen Schriftſteller*), daß die Theorie we⸗ nigſtens bereits wirkſam iſt; es freut mich, daß die unterſuchung rege wird, wenn ſie auch auf die Irrthuͤmer Owens oder auf die Hirngeſpinnſte St. Simons geräth. Aus dieſer Unterſuchung kann ſich noch Gutes entwickeln: und irgend ein kuͤnftiger Ba⸗ *) Der Verfaſſer der„Essays on the Publication of Opinion etc.“ 222 con bringt vielleicht eine Umwälzung in den Apio⸗ men einer alten Schule hervor, welche durch jeden neuen Schuͤler bisher nur verwirrt, nicht erloſet wurde. Aus welchen ganz verſchiedenen Geſichtspunk⸗ ten muß dem Manne die Welt erſcheinen, der es moͤglich findet, ſolche Hoffnungen zu hegen! Wel⸗ ches wunderbare Licht fallt auf die Zukunft, wenn er mit ahnendem Seherblick in dieſelbe dringt!— Je weiter ſein Blick ſchaut, deſto glänzender wird das Licht. Durch eine erhabenere Hoffnung beſeelt, als Wuͤnſche, die ſich auf die Erde beſchränkten, je zuvor anregten, fuͤhlt er ſich mit dem Muth bewaff⸗ net, den ihn umgebenden Vorurtheilen zu trotzen. Kein Sectenvortheil, kein geringfugiges Ziel liegt vor ihm; er ſieht blos die Wiedergeburt des Men⸗ ſchengeſchlechts. Dieſes iſt der Gegenſtand ſeines Ehrgeizes, an den er ſein Streben und ſeinen Na⸗ men knuͤpft.— Von den Muͤhſeligkeiten, der Hun⸗ gersnoth und der Arbeit um ſich her, erhebt ſich ſein Geiſt zu Prophezeihungen und ſchaut in ferne Jahr⸗ hunderte; und ſollte er auch irren, ſo wandert er auf ebenei Pfade mit wohlwollender Geſinnung durch das Leben, und ſtirbt— wenn auch als Schwärmer, doch als ein ſolcher, der dem großartigſten Traum ſich hingegeben hat! 8 4 er, um Siebente Unterredung. Beſchreibung einer engliſchen Landſchaft.— Der thieriſche Genuß des Lebens.— Einſam lebende Per⸗ ſonen ſind oft am gluͤcklichſten.— Cowley uͤber die Stadt und das Land.— L—'s Fortſchritte von der Geſchichte zu den Werken der Einbildungskraft.— Er wird zur Nachahmung angeregt, nicht durch den Ruhm, ſondern durch den Genuß, den die Compoſition gewaͤhrt. — Der Genius iſt beſonders empfaͤnglich fuͤr den Ge⸗ nuß— ſelbſt Traurigkeit iſt ihm ein Genuß.— 2L—s Studien werden unterbrochen. L wohnt in einer ausgezeichnet ſchoͤnen Gegend. Vielleicht ſind einige der ſchoͤnſten Landſchaften Eng⸗ lands in der Naͤhe von London; und als ich neulich gegen das Ende des Monat April das ſtille Thal hinunter ritt, wches von der Hauptſtraße nach L—s Hauſe ſich aog iat, ſchien es mir, als habe der Fruͤhling nie einer ſchoͤneren Anſicht gelächelt. Die Natur hatte ſich wie durch einen ploͤtzlichen und froͤhlichen Sprung verjuͤngt.— Kurze Zeit vorher hatte ich denſelben Weg gemacht— Alles war kahl und winterlich— der Maͤrzwind ſtuͤrmte durch die 224 entblatterten Hecken und Bäume— bie einzigen Vo⸗ gel, welche ich antraf, waren zwei verkuͤmmerte Sperlinge mitten im Wege, zu entkraͤftet, um auch nur zwitſchern zu könnenz aber jetzt hatte ein neues Leben die Erde beruͤhrt— die Baͤume waren durch jenes zarte und liebliche Gruͤn angehaucht, welches wir nicht erblicken können, ohne eine gewiſſe jugend⸗ liche Friſche in unſerem Herzen zu fühlen. Hier und da brachen aus der duftenden Hecke dicke Bluͤ⸗ thenbuͤſchel, und der Weißdorn ſchien des Winters zu ſpotten durch ſeine ſchneeweißen Flocken, ſowie der Schulknabe oft prunkt mit einem abgelegten Theil des Anzuges ſeines Großvaters. ueber mir und um mich war Alles in Bewegung, in Freude, in Entzucken— die Voͤgel, welche mir oft erſchie⸗ nen ſind, wie die Boten zwiſchen Erde und Himmel, beauftragt, die Huldigung und Dankbarkeit der Na⸗ tur darzubringen, und begabt mit den ſuͤßeſten Stim⸗ men, um ihre Sendung zu erfullen,— die Vögel huͤpften auf allen Zweigen umher, ihre Töne erfuͤll⸗ ten jeden Hauch der Luft. Gerade wo die Hecke ſich zur linken Seite offnete, ſah ich den Monarchen der engliſchen Flüſſe ſeine ſtillen gleitenden Silberwellen fortwälzen, und in dem Thal an ſeinem jenſeitigen ufer Doͤrfer, Kirchen, Thuͤrme, Huͤtten, und die Wohnungen der Ueppigkeit zwiſchen den Bluthen⸗ bäumen und dem lebhafteren Gruͤn, das ſie umgab. Es war eine durchaus engliſche Landſchaft; denn es n Vo⸗ merte auch neues durch elches ugend⸗ Hier Bluͤ⸗ inters ſowie legten rmir reude, rſchie⸗ mmel, r Na⸗ Stim⸗ Vogel erfuͤll⸗ e ſich n der wellen itigen d die ithen⸗ ngab. nn es 225 hat mir immer geſchienen, als ſei das beſondere cha⸗ rakteriſtiſche Merkmal engliſcher Gegenden ein gewiſ⸗ ſer Geiſt der Zufriedenheit, der auf ihnen ruht. Ueber den engliſchen Landſchaften ſchwebt ein gluͤcklicheres Lächeln, als ich es ſelbſt im Suͤden bemerkt habe; ein gluͤcklicheres, wenn auch nicht ſo wolluſtiges Lä⸗ cheln, als ob die Natur ſich hier mehr heimiſch fuͤhlte. Ich gelangte jetzt an die Wendung des Thals, nach welcher man bald L—s Beſitzung erreicht, in einigen Minuten war ich an deren Eingang. Wenn das Gebiet auch keineswegs ausgedehnt iſt, ſo ſcheint es doch ſo zu ſein— die Baume ſind alle ſehr groß, und der Boden hebt und ſenkt ſich abwechſelnd, wo⸗ durch die ganze Anlage ein wildes und parkähnliches Anſehen erhaͤlt. Das Haus iſt klein und altmodiſch Gedoch weder im gothiſchen Styl, noch in dem aus Eliſabeths Zeit)— es ſcheint in den letzten Jahren der Regierung Jakob des Erſten erbaut worden zu ſein, und mehrere Veränderungen erlitten zu haben, zum letztenmal wahrſcheinlich in der Regierungszeit der Koͤnigin Anna. Die alten braunen Mauern aus Ziegelſteinen ſind meiſt mit Jesmin und Epheu uberzogen, und aus dem Zimmer, in welchem L— gewöhnlich ſich aufhielt, hat man die Ausſicht auf eine Baumgruppe, zwiſchen deren Oeffnungen man Blumenbeete und andere kleine Anlagen erblickt. Und an dieſem Ort, der halb Garten, halb Wald war, Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 15 „ 226 fand ich meinen Freund, durch die Milde des Wet⸗ ters heraus gelockt, mit einem Buch auf einer länd⸗ lichen Bank ſitzen und umgeben durch die zahlreichen Hunde, welche er von allen Arten und Groͤßen un⸗ terhäͤlt.—„Ich habe,“ ſagte L—, indem er von Letzteren ſprach,„wie der alte Montaigne, gern thieriſches Leben um mich. Das reine Bewußtſein und Gefuͤhl der Exiſtenz iſt in den Thieren um ſo viel ſtaͤrker, als in uns, ihre Munterkeit in der fri⸗ ſchen Luft und Sonne iſt ſo lebhaft, daß ich, der ich glaube, daß wir mit Allem ſympathiſiren wuͤr⸗ den, wenn wir uns nur herabließen, Alles zu be⸗ merken, mich uͤberzeugt habe, wie wohlthätig ihre Empfaͤnglichkeit fuͤr angenehme Empfindungen auf unſere eigene Heiterkeit und innere Zufriedenheit zu⸗ ruͤck wirkt. Und wie begluͤckend iſt in der That das Gefuͤhl des Lebens!— welche ſanfte Ruhe hauchen wir in dem warmen Sonnenſchein ein,— welches erquickende Gefuͤhl durchſtroͤmt uns in der friſchen Luft— zu welchen tiefen und erhabenen Betrach⸗ tungen fuͤhlen wir uns aufgelegt unter dem geſtirn⸗ ten Himmel— wie ſehr genügt ſchon die äußere Natur, uns gluͤcklich zu machen, wenn wir uns nicht ſelbſt fortwaͤhrend Sorgen bereiteten. Der Menſch wuͤrde glucklich ſein, wenn ſeine Mitmenſchen es nicht verhinderten. Die einſamſten Perſonen waren von jeher die am wenigſten ungluͤcklichen. — A. Aber ſollte ihre Zufriedenheit auch nicht aus„ 227 ihrer geiſtigen Dumpfheit entſtehen?— ſollte es nicht vielmehr Gleichgüttigkeit, als ein Gefuͤhl des Gluͤckes ſein? L. Entſchuldigen Sie— ich bin nicht dieſer An⸗ ſicht. Wie Viele haben nicht die Einſamkeit kennen gelernt nicht allein als das pabulum ihres Geiſtes, wie Cicero ſagt, ſondern auch als die Hebamme ih⸗ res Genius!— Wie viele der heiligſten Orakel ka⸗ men, gleich denen zu Dodona, aus der tiefen Ein⸗ ſamkeit und Stille der Waͤlder! Die Lebensbeſchrei⸗ bungen der Maͤnner von Genie berichten uns, daß bei weitem der groͤßere Theil derſelben in der Ein⸗ ſamkeit ſich gebildet hat.— Ich meines Theils glaube ſogar, daß die Einſamkeit ſowohl den Stumpf⸗ ſinnigen belohnt, als den Weiſen;— der Er⸗ ſtere iſt in ihr empfaͤnglicher fuͤr das bloß thie⸗ riſche Daſein, welches ſeine einzige Quelle der Zufriedenheit iſt; der letztere wird nicht durch die Aufregung, die Abſpannung und die Menge kleiner Sorgen, welche die Geſellſchaft in Anſpruch nimmt, von jener Betrachtung und jenen Nachforſchungen abgehalten, welche ſeinen erſten Lebensgenuß und das nalb ſeiner Wuͤnſche bilden. Es gibt ein Geſuͤhl ſußer Ruhe, wenn ein Mann, der ſeine Fähigkeiten mehr geiſtig, als handelnd ausgebildet hat, nach ei⸗ ner langen Abweſenheit in Städten zuruͤckkehrt zu den spissa nemora domusque Nympharum, wel⸗ S S Niemand, der es nicht kennt, ſich vor⸗ 15* „ 228 ſtellen kann. Mit welcher innigen Wonne verweilt Covley hierbei in jenem, vielleicht dem beredteſten essay in unſerer Sprache!— Wenn auch der Ver⸗ faſſer der Davideis als Dichter durch die Hofleute, welche ſeine Verehrer waren, ſehr uberſchätzt wurde, und deshalb nicht, wie viele ſeiner Bruͤder, jene Ver⸗ nachlaͤſſigung der Menge erfahren hatte, die unſere Herzen verletzt und unſere Eitelkeit demuͤthigt. Wie erhaben und humoriſtiſch zugleich iſt der Con⸗ traſt, den er zwiſchen der Stadt und dem Lande aufſtellt!—„Wir ſind hier unter den herrlichen und großartigen Scenen der Natur; dort ſind wir umgeben mit den Erbärmlichkeiten der Menſchen. Hier wandeln wir auf den ebenen und offenen Pfa⸗ den der goͤttlichen Guͤte; dort muͤſſen wir umher irren in den finſtern Labyrinthen menſchlicher Bos⸗ heit!“ A. Es liegt ein eigener Reiz darin, wenn man von den rauheren Gegenſtänden, nicht allein des Lebens, ſondern auch der Literatur, auf Stellen trifft, wie dieſe! Wie beruhigen und erquicken dieſe gruͤnen Stellen der Poeſie des Gefühls das Herz! L. Sie werden ſich noch jetzt das Vergnuͤgen denken können, mit dem ich, abgeſpannt durch die langen und trockenen Details, welche den größeren Theil unſerer Geſchichte bilden, zu jener angenehme⸗ ren Methode, die geiſtigen Fortſchritte der Nationen rweilt dteſten r Ver⸗ fteute, wurde, e Ver⸗ unſere thigt. Con⸗ Lande rlichen d wir nſchen. Pfa⸗ umher Bos⸗ tionen 229 zu beobachten, mich wendete— zu der Geſchichte ihrer Literatur. A. Ich bin Ihnen ſehr dankbar, daß Sie den Gegenſtand unſerer letzten Unterhaltung wieder auf⸗ faſſen. Wir ſprachen von den Betrachtungen, welche die Geſchichte in unſerem Gemuͤth erweckt. Von jenem nothwendigen(und doch ſo ſelten nuͤtzlichen) Studium erholten Sie ſich alſo durch eine angeneh⸗ mere Literatur. L. Ja, und dieſer Wechſel brachte eine merk⸗ wuͤrdige Wirkung in meinem bisherigen geiſtigen Le⸗ ben hervor. Bisher hatte ich ohne Nachahmungs⸗ trieb geleſen. Die Philoſophie erſtickt, indem ſie die Vernunft beruhigt, den Ehrgeiz. Von den Ge⸗ ſchichtsſchreibern erwecken auch ſo wenige unſere ſanf⸗ teren Gefuͤhle, in der Geſchichte ſelbſt ermuthigt uns ſo ſelten Etwas, in der Bluͤthe unſerer Jahre Details zuſammen zu ſtellen, welche eben ſo uner⸗ giebig, als muͤhſam zu ſammeln ſind, daß ich nie⸗ mals in Verſuchung kam, etwas Hiſtoriſches zu ſchreiben. Aber die Fiction eroͤffnete mir jetzt ihr großes und wunderbares Reich— ich wurde zurück⸗ gefuͤhrt zu fruͤheren Gefuͤhlen(und dieſe ſind immer emporſtrebend— zu jenen magiſchen Bezauberungen, welche meine Knabenzeit ſo ſehr verklaäͤrt hatten. Die glaͤnzenden Schatze des Witzes und der Phantaſie, die tiefen Minen der Poeſie durfte ich ausbeuten, und ich war habſuͤchtig! Ich wuͤnſchte zu beſitzen, 230 und zu reproduziren. Man hat eine Legende des Nordens von einem Mann, der allen Verſuchungen, welche die Erde darbieten kann, widerſtanden hatte. Der Dämon zeigte ſeinen Blicken die Wunder unter der Erde. Baͤume, erglaͤnzend von diamantenen Früchten, goldene Pfeiler und koſtbare Steine, Spring⸗ brunnen, die in tauſend verſchiedenen Farben ihre Strahlen empor ſchickten, und eine herrliche Muſik, die von allen Seiten mit himmliſchen Tonen das Ohr entzuͤckte. Dem Verſucher gelang es;— Habſucht und Neid wurden in der bis jetzt ruhigen Bruſt entflammt. Dieſe Schwäche war ein Bild der meinigen!— Ich wurde nicht allein durch die Werke, welche mich um⸗ gaben, begeiſtert, ſondern ich beneidete auch die Be⸗ geiſterung Derer, welche ſie geſchaffen hatten. Ich erinnerte mich jener gluͤhenden Beſchreibung, welche Frau von Stasl in ihrem Verſuch uͤber den Enthu⸗ ſiasmus von dem Zuſtand der Ekſtaſe giebt, in dem der Verfaſſer eines Werkes, nicht bei deſſen Bekannt⸗ machung, ſondern bei deſſen Production ſich befindet. Konnte Shakespeare, rief ich aus, jenen glorreichen Tempel des Ruhms ſich errichten, ohne ſelbſt die Begeiſterung zu fuͤhlen, mit der er den Bau vollen⸗ dete? Muß er ſelbſt nicht vor allen anderen Men⸗ ſchen eines jeden Scherzes ſich erfreut haben, der von den Lippen Falſtaffs erklang, oder eines jeden moraliſchen Spruches des melancholiſchen Jakobs? 231 — Muß er nicht dies erhabene Entzucken eines uͤber⸗ irdiſchen Weſens gefuͤhlt haben, als ſein Geiſt die wuͤſte Inſel, den Kaliban und den Ariel herauf be⸗ ſchwor?— Muß er nicht berauſcht geweſen ſein von einer Wonne, leichter und zarter, ja ſelbſt be⸗ gluͤckender, als irgend eine Freude der Erde ſie zu gewaͤhren vermag, als ſeine Phantaſie in der Som⸗ mernacht mit Titanien unter den gruͤnen Zweigen verweilte, und die, von den Kuͤſſen der Blumen be⸗ thaueten Locken ſchaute? Und hatte nicht auch der ſchwarze und unheimliche Schrecken ſeine Wonne, als er die grauſigten Drei„ſo geſpenſtig und ſo wild in ihrer Erſcheinung“ aufrief, welche das blu⸗ tige Schickſal Makbeths vorherſagten und zugleich veranlaßten? Weit davon entfernt, den Glauben vieler Menſchen zu theilen, daß die Stimmung des Genius zur Traurigkeit und Riedergeſchlagenheit ſich neige, ſchien es mir weſentlich nothwendig fuͤr den Genius, daß er ſehr empfänglich fur die Freude ſei. Der Dichter in Proſa, wie in Verſen— der Schoͤ⸗ pfer— kann nur in dem Grade ſeine Geſtalten deut⸗ 2 lich hervortreten laſſen, als er ſie genau erkannt und lange an ihnen gebildet hat. und wie viele unter der Maſſe von Schriften, welche zur Nachwelt ge⸗ langen, tragen mehr die glaͤnzenden und heiteren Farben des Geiſtes, als die truͤben und duͤſteren. — Homer, Virgil, Arioſto, Voltaire, Goethe, Cer⸗ vantes— und vielleicht in niedrigerem Grade— 232 Walter Scott, Fielding, le Sage, Moliére. Wel⸗ che heitere und fröhliche Geſundheit, welch ein fri⸗ ſcher und kräftiger Lebensdrang iſt ſichtbar in allen! Mit ſehr verkehrtem urtheil haben Einige ſich auf die wenigen Ausnahmen von der Regel berufen und behaupten wollen, der duͤſtre Geiſt Byron's und die krankhafte Reizbarkeit Rouſſeau's charakteriſirten nicht einzelne Individuen, ſondern die ganze Gattung. Ich dagegen glaube, wir wuͤrden ſelbſt in dieſen Ausnahmen, wenn wir es genau unterſuchen koͤnnten, uns uͤberzeugen, daß die Fähigkeit zur Freude auch in ihrem Temperament vorherrſchte, und daß ihre poetiſchen Sorgen und Schmerzen ihnen zur Wonne wurden!— Wer kann ſagen, ob Rouſſeau, als kr ſeine:„Réveries,“ oder ob Byron, als er„Childe Harolds Wanderungen“ ſchrieb, nicht maͤchtiger er⸗“ faßt wurden durch die Erhabenheit ihrer Gegenſtände, als durch das ungluͤck, welches ſie unſterblich machen wollten? Mußten ſie durch die Schoͤnheit ihrer ei⸗ genen Ideen, die Melodie ihrer Sprache, durch alle Wunder ihrer eigenen Kunſt nicht mit einer faſt uͤberirdiſchen Begeiſterung erfuͤllt werden?— Viel⸗ leicht wuͤrden wir finden, daß Rouſſeau kein große⸗ res Vergnuͤgen genoß, wenn es auch anderer Art war, da er in ſeiner Jugend jene Fußreiſe machte, die ihn mit einem ſo friſchen Enthuſiasmus erfuͤllte, als da er in ſeinen alten Tagen in finſtrer Schwer⸗ muth ſeine Einſamkeit mit eingebildeten Feinden er⸗ Wel⸗ fri⸗ Uen! auf und d die irten tung. ieſen nten, auch ihre onne s er hilde r er⸗ ande, achen r ei⸗ alle faſt Viel⸗ roͤße⸗ Art chte, llte, wer⸗ er⸗ 233 füllt, und das Echo ſelbſtgeſchaffener Leiden an ſei⸗ nem geliebten See ertoͤnen ließ. Sie ſehen alſo, daß ich mit dem irrigen oder wahren Glauben erfullt war, daß durch die Ausbil⸗ dung meiner Phantaſie ich mein eigenes Gluck ſichern wurde. Ich war begierig, nicht ſo ſehr nach dem Ruhm ausgezeichneter Dichter, als vielmehr nach dem Genuß, deſſen ſie unter ihren Schoͤpfungen ſich erfreut haben mußten. Ich ſchloß mich noch ſtrenger ab, nicht um die Gedanken Anderer zu ſtudiren, ſon⸗ dern um meine eigenen niederzuſchreiben. Ich hatte lange den Drang gefuhlt, die tiefſten Schätze der Gelehrſamkeit mir zu erwerben; jetzt aber beſeelte mich der Ehrgeiz, eines leichtern Wiſſens Maſſe zu vermehren. A. und fanden Sie jenen Genuß in ideellen Schoͤpfungen, den Sie erwarteten?— L. Es wuͤrde vielleicht der Fall geweſen ſein, aber meine Lehrzeit dauerte nicht lange. „ A. und weshalb nicht? L. An einem ſchoͤnen Junitage, als ich allein in meinem Zimmer ſaß, wurde ich plötzlich aus mei⸗ nen Traͤumereien durch einen ſcharfen und heftigen Schmerz geweckt, der mir durch die Bruſt drang, und als er aufhorte, fiel ich in Ohnmacht. Die⸗ ſer Zufall beunruhigte mich etwas, doch ich hoffte, durch die friſche Luft mich wieder zu erholen. Ich ging hinaus und erſtieg einen Huͤgel hinter dem 234 Hauſe.— Da meine Aufmerkſamkeit jetzt erregt und auf mich ſelbſt gerichtet worden war, erſchrak ich, als ich meinen Athem ſo kurz fand, daß ich mehre⸗ mal waͤhrend des Hinaufſteigens mußte ſtehen blei⸗ ben, um Luft zu ſchoͤpfen. Ein kurzer, leiſer Hu⸗ ſten, den ich fruͤher nicht beachtet hatte, war mir jetzt eine Warnung, die ich zu befolgen mich vorbe⸗ reitete Als ich an jenem Abend, zum erſtenmal ſeit mehreren Wochen, genauer mich im Spiegel be⸗ trachtete, bemerkte ich, daß meine Beſorgniſſe durch die Veraͤnderung meines Aeußern beſtätigt wurden. Meine Wangen waren eingefallen, und ich entdeckte in deren Mitte jene hektiſchen Flecken, deren Pro⸗ phezeihung gewoͤhnlich eintrifft.— Ich ſah, daß meine Tage gezaͤhlt waren, und legte an jenem Abend mich mit dem Entſchluſſe nieder, auf den Tod mich vorzubereiten. Als ich am naͤchſten Tage meine zer⸗ ſtreuten Papiere ordnete, und die gewaltigen Unter⸗ nehmungen ſah, die ich angefangen hatte, dabei der langen und ernſthaften Anſtrengung meiner Fähig⸗ keiten mich erinnerte, welche ſelbſt dieſe Anfänge er⸗ forderten— da erfaßte mich eine Art von Verzweif⸗ lung. Es war jetzt einleuchtend, daß ich nichts Großes vollbringen konnte; und ſollte ein Geiſt, der ſeinem irdiſchen Ende entgegen ſah, ſich noch mit Kleinigkeiten beſchäftigen?— Auf dieſe Fragen gab es nur Eine Antwort. Ich uͤbergab meine Fragmente den Flammenz und jetzt uberfiel mich in der That 235 eine Verzweiflung, wie ich ſie fruͤher noch nicht ge⸗ fuͤhlt hatte. Ich ſah mich ſelbſt in der Lage eines Menſchen, der nach vieler Arbeit endlich einen Zu⸗ fluchtsort in der Welt gefunden und eine Heimath gewonnen hat, und der in dem Augenblick, wo er zu ſeinem Herzen ſagt:„Jetzt ſollſt Du Ruhe haben!“ — wieder fortgeriſſen wird in das wilde Treiben. Ich hatte einen Gegenſtand gefunden— er wurde mir entriſſen;— mein Stab war zerbrochen, und wurde mir bloß gelaſſen, um zu dem Grabe zu krie⸗ chen, ohne die Muͤhſeligkeit des Weges durch eine Stutze erleichtern zu koͤnnen. Ich hatte nach keinem unedlen Ziele geſtrebt— ich hatte meine Wuͤnſche nicht beſchränkt auf das Gewoͤhnliche— ich hatte fuͤr meinen Ehrgeiz einen erhabnen Zweck gewählt. Ich hatte in meinen phantaſtiſchen Traͤumen alle Ge⸗ nuͤſſe meines Daſeins auf dieſe eine Hoffnung bezo⸗ gen, und dieſe nicht bloß auf die wankenden Grund⸗ lagen jugendlicher unerfahrenheit gebaut— nein, ich hatte ſtudirt, ich hatte gedacht, gearbeitet, bevor ich eigene Verſuche wagte. und jetzt hatte ſich zwi⸗ ſchen mir und der Erfullung meiner Plane, die ich muͤhſam vorbereitet, und ven denen ich eine nicht unverdiente Belohnung erwartete, der ewige Abgrund eroffnet. Es ſchien mir, als ſei ich verurtheilt, das Leben in dem Augenblick zu verlaſſen, da es einen Zweck und eine Bedeutung fuͤr mich erhalten hatte. Es lag in dieſem Gedanken eine Bitterkeit, der ſich 236 ſchwer widerſtreben ließ. Vergebens ſagte ich zu mei⸗ nem Geiſt:„Weshalb graͤmſt Du Dich?— Der Tod ſelbſt ſchreckt Dich ja nicht.— und was koͤn⸗ nen überdies des Lebens herrlichſte Gaben Dir Beſ⸗ ſeres gewaͤhren, als Ruhe.“— Doch wir lernen zuletzt unſer Schickſal ertragen, indem wir uns über daſſelbe ſtellen; es gibt keine Trauer, die nicht durch einen feſten Entſchluß beſiegt werden koͤnnte. Da ich jetzt von Tage zu Tage mich hinfälliger werden ſah, ſo wendete ich mich zu jenen erhebenden und weniger irdiſchen Betrachtungen, welche uns, ſo zu ſagen, mit Flügeln verſehen, wenn die Fuͤße ihre Dienſte verweigern. Sie ſind mir theurer geworden, als die Träume, denen ſie folgten, und ſie fluͤſtern mir Worte des Heils von einer glaͤnzendern Unſterb⸗ lichkeit zu, als die des Ruhmes. Achte Unterredung. L— s unwillkuͤrliche Unruhe bei dem Gebanken an den Tod.— Anekdote von den letzten Stunden eines mit Schrecken vor dem Tode erfuͤllten Mannes.— L—6 Zufriedenheit daruͤber, daß das allmaͤlige Verſchwin⸗ den ſeiner Kräfte ihn auf ſein Ende vorbereitet.— Urtheile uͤber die„Nachtgedanken.“— Ein ueberblick unſrer gleichzeitigen Poeten.— Merkwuͤrdiger Unter⸗ ſchied zwiſchen den Blankverſen und Reimen derſelben Periode; die erſteren tragen mehr vom engliſchen Cha⸗ rakter an ſich.— Eigenthuͤmlichkeiten der alten engli⸗ ſchen Poeſie;— deren beſondere Vorliebe fuͤr claſſiſche Anſpielungen,— ihre Miſchung des Ernſtes und Scher⸗ zes— ihre Ausfuͤhrlichkeit in Naturbeſchreibungen u. ſ. w.— Vergleichung Pope's mit Thomſon, Akenſide's mit Johnſon.— Young.— Seine Neigung fuͤr den Ehrgeiz.— Die Lebensanſichten ſind in den griechiſchen Dichtern duͤſterer, als in den roͤmiſchen.— Die eng⸗ liſche Muſe neigt ſich mehr zu den erſtern hin. Young war durchdrungen von unſrer fruͤhern Poeſie.— Die erhabenſten Dichter ſind reich an den gemuͤthlichſten Bildern, die der neuern Literatur auch an den uͤber⸗ ſpannteſten Ideen.— Young wird deshalb durch ihr Beiſpiel gerechtfertigt in ſeiner Gemuͤthlichkeit und Nei⸗ gung, Details auszumalen.— Seine große Gabe, zu perſonificiren.— Die Erhabenheit der„Nachtgedanken“ in Vergleichung mit Childe Harold und andern didakti⸗ 238 ſchen Dichtungen.— Der Dichter hat ſeinen Plan gut vurchgefuͤhrt, die Weisheit ſeiner Maximen, die Schon⸗ heit ſeiner Diction, Schlußbemerkungen uͤber Youngs Charakter.— Gruͤnde, warum L—s Urtheile verein⸗ zelt werden. Mit melancholiſchem Vergnügen habe ich vernom⸗ men, welches Intereſſe dieſe Unterredungen in einem freundlichen und nachdenkenden Kreiſe von Leſern ge⸗ funden haben*). Ich erhielt mehr anonyme Briefe, als ich zu nennen fuͤr gut halte, welche ſich uͤber mein langes Stillſchweigen beklagen, und mich auf⸗ fordern, Dialoge fortzuſetzen, die bereits ſo oft wie⸗ derholt wurden, daß ich(indem ich wohl weiß, wie ungeduldig die Leſer einer periodiſchen Schrift ge⸗ woͤhnlich über Aufſätze, die in Fortſetzungen erſchei⸗ nen, werden) vorausſetzen zu dürfen glaubte, ſie haͤt⸗ ten die Nachſicht des Publikums ſchon genügend in Anſpruch genommen. Mir namentlich liegt wenig Schmeichelhaftes in dem Intereſſe, welches dieſe Un⸗ *) Der Leſer wird ſich hier erinnern, daß dieſe Dia⸗ logen zuerſt in fragmentariſcher Form in: New Monthly Magazine erſchienen— es lag ein Zwiſchenraum von mehrern Monaten(vom Mai bis November) zwiſchen der Erſcheinung der letzten und der folgenden Unter⸗ redung.— —————— 239 terredungen erregt haben koͤnnen. Ich bin bloß das Echo eines Andern, oder um eines zwar alten, aber doch entſprechenden Bildes mich zu bedienen, ich bin bloß das Band, welches die Blumen zuſammenhält. Mein Stillſchweigen hatte zwei Gruͤnde. Bei den jetzigen Kämpfen und Ereigniſſen ſchienen die Gedan⸗ ken und Gefuͤhle, die geiſtige Geſchichte eines Individuums das allgemeine Intereſſe nicht in An⸗ ſpruch nehmen zu koͤnnen, und ich glaubte es L— ſelbſt ſchuldig zu ſein, jene Geſchichte bis auf ruhi⸗ gere Zeiten auszuſetzen. Soll ich noch einen andern Grund nennen, ſo will ich aufrichtig hinzufuͤgen, daß es mir zu der Fortſetzung ſeit Kurzem an Muth ge⸗ fehlt hat. Nie mehr als jetzt— doch nein, ich will einer Geſchichte nicht vorgreifen, welche, inſofern Ereigniſſe und Thatſachen Intereſſe erregen, ſo we⸗ nig ſich empfiehlt. Der Leſer hat jetzt weiter keine Unterbrechung zu befuͤrchten. Alles, was noch zu be⸗ richten bleibt, iſt ſchon bearbeitet, und ich brauche es nur ſtuͤckweiſe unter die Preſſe zu ſchicken, bis das Ganze vollendet iſt, und dem Zauber ſein Siegel auf⸗ gedruͤckt wird. Ich beſuchte jetzt L— taͤglich, denn ſeine Krank⸗ heit wurde immer gefährlicher, und ich wuͤrde un⸗ gern einige Strahlen jener Sonne verloren haben, die ſo bald fuͤr immer untergehen ſollte. Nichts ent⸗ wickelt in uns ſo mannigfaltige und ſeltſame Em⸗ pfindungen, als eine Unterhaltung uͤber jene großen 24⁰ und erhabenen Gegenſtande des Lebens oder der Na⸗ tur, die ſelten angenehm ſind, außer der Weisheit, welche uͤber ſie Betrachtungen anſtellt— als eine Un⸗ terhaltung uͤber ſolche Gegenſtände mit einem Mann, deſſen Lippen bald fur die Cwigkeit geſchloſſen wer⸗ den ſollen. Dieſer Gedanke verleiht ſelbſt gewöhn⸗ tichen Worten eine gewiſſe Heiligkeit, es muß dieſes alſo um ſo mehr mit Gegenſtänden der Fall ſein, die unſere feinſten Gefuͤhle und begeiſtertſten Hoff⸗ nungen betreffen. Ich ſah alſo L— täglich, und täglich ertrug er ſein Schickſal mit mehr Reſignation; doch kann ich nicht läugnen, daß bisweilen ſein alter Ehrgeiz her⸗ vorbrechen zu wollen ſchien, wenn das Treiben der lebendigen Welt um ihn, wenn Ruhm und kraͤftiges Handeln zu ſeinem Herzen ſprachen;— Augenblicke, in denen er laͤnger zu leben wuͤnſchte, und in denen die tiefe Ruhe des Grabes ihm zuruckſchreckend und unzeitig erſchien, wobei aber auch zu beruͤckſich⸗ tigen iſt, welches gewaltige Treiben, waͤhrend wir dieſe Betrachtungen uͤber das ueberirdiſche verfolgten, in der Welt um uns Statt fand. Kampf und Be⸗ wegung— der harte Gegenſatz zwiſchen den Din⸗ gen, die waren, und denen, die da kommen ſollen — die ungeheuern umwälzungen der geſelligen Zu⸗ ſtände, die geiſtigen Revolutionen, welche uͤberall vor⸗ bereitet waren, mußte Alles dieſes nicht ſelbſt bis zu jener tiefen Einſamkeit empfunden werden, wwo Na⸗ Pheit, eMn⸗ ann, wer⸗ vohn⸗ dieſes ſein, Hoff⸗ ug er n ich her⸗ n der ftiges blicke, denen d und ckſich⸗ d wir lgten, p Be⸗ Din⸗ ſollen Zu⸗ vor⸗ bis wo 241 ein glänzendes geiſtiges Leben nach und nach er⸗ loͤſchte?— „Ich erinnere mich“— ſagte L— eines Abends, als wir uns in ſeiner Studirſtube unterhielten, nach⸗ dem die Vorhaͤnge zugezogen worden—„ich erin⸗ nere mich, die Geſchichte der letzten Stunden eines meiner Bekannten, eines Juriſten, der in ſeinem Be⸗ ruf ſich ſehr auszeichnete, gehoͤrt zu haben. Es war ein entſchloſſener, ehrgeiziger Mann, feſten und un⸗ erſchrockenen Geiſtes, wurde jedoch in der Bluͤthe ſeiner Jahre plötzlich durch eine Krankheit überfal⸗ len, die einen ſo gefährlichen Charakter annahm, daß keine Hoffnung mehr blieb, und er nur noch ſechs oder ſieben Stunden, und nicht mehr, zu leben hatte. Er war ſeines Schickſals ſich vollkommen bewußt, aber keineswegs verſohnt mit demſelben.—„Kom⸗ men Sie“— ſagte er, ſeinen Arm ausſtreckend, zu dem Arzt(er war ein Mann von ungewoͤhnlicher Koͤrperkraft)—„ſehen Sie dieſe Muskeln, ſie ſind durch die Krankheit nicht geſchwächt worden; noch in dieſem Augenblick befinde ich mich in voller maͤnn⸗ licher Kraft, und Sie ſagen mir, daß ich ſterben muß!“— Er knirſchte die Zähne, indem er ſprach. —„Sehen Sie, ich fuͤge mich nicht in mein Schick⸗ ſal; ich will kaͤmpfen mit dieſem Feinde—“ und er erhob ſich, verlangte Speiſe und Wein und ſtarb mit demſelben kuͤhnen Widerſtand, den er in der Schlacht einem wuͤthenden und uͤberlegenen Feinde Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 16 242 entgegengeſtellt haben wuͤrde. Koͤnnen Sie ſich in ſeine Gefuͤhle nicht hineindenken? Ich kann es ſehr gut.—„Ja,“ fuhr L— nach einer kurzen Pauſe fort,—„ich muß mich ſehr beruhigt daruͤber füh⸗ len, daß mein Gemuͤth mit dem unvermeidlichen durch das allmälige Verſchwinden meiner phyſiſchen Kräfte verſohnt worden iſtz der geiſtige Bewohner wird nicht ploͤtzlich und gewaltſam aus ſeiner Behauſung ver⸗ trieben; ſondern das Gebaude ſelbſt verfällt, und der Bewohner hat Zeit gehabt, ſich fuͤr ein anderes vor⸗ zubereiten. Wenn ich aber Euch Alle, die Ihr noch kräftig und unternehmend ſeid, um mich ſehe— wenn in der Todtenſtille einer langen und ſchlafloſen Nacht die Bilder alles deſſen, was ich hätte thun konnen, wenn die gewöhnliche Zeit des Lebens mir zu Theil geworden wäre, vor mir emporſteigen, ſo ergreift mich das Gefuͤhl eines Mannes, der plotzlich mitten in einer Reiſe aufgehalten wird, die erſt jetzt anfangen ſollte, durch die Mannigfaltigkeit der Sce⸗ nen und durch den Triumph neuer Unternehmungen und Entdeckungen belohnend zu werden. Es iſt, als ob der Reiſende im Angeſicht deſſelben Landes ſturbe, fuͤr deſſen Entdeckung er die Freuden der Jugend und die Genuͤſſe des männlichen Alters aufgeopfert hyatte. Doch dieſen Betrachtungen darf ich mich nicht uͤberlaſſen— ich muß ſie vermeiden. Und wie kann ich meinen Gedanken beſſer eine andere Richtung ge⸗ ben, als indem ich mich mit Ihnen von jenem Ge⸗ — — 8 8 8 S. 2,2 243 dicht unterhalte, mit deſſen Beurtheilung wir ſchon vor langer Zeit uns beſchaftigen wollten, und wel⸗ ches, ſo finſter und einfoͤrmig es auch Jedem in der Bluthe ſeiner Jahre erſcheinen muß, doch von allen modernen Werken die heiterſten und heiligſten Tro⸗ ſtungen Denen darbietet, welche das Irdiſche ſelbſt nicht länger zu feſſeln vermag?“ A. Sie ſprechen von den„Nachtgedanken?“— Ja, wir wollten dieſes ſonderbare Gedicht unterſu⸗ chen, welches ſo viele Kaͤufer hat, und doch mit ſo wenigen Kritiken beehrt wurde. Wenn wir uns aber der Zeit erinnern, in der es erſchien, und der Poeſie, die auf daſſelbe folgte, ſo iſt es gewiß einer ausfuͤhr⸗ lichern Kritik werth, als, mit einer einzigen Aus⸗ nahme, ihm bis jetzt gewidmet wurde. „Es iſt wirklich merkwuͤrdig,“ ſagte L—,„wie groß der unterſchied des Geiſtes der Poeſie in dem letzten Jahrhundert wird, je nachdem Blankverſe oder Reime angewendet werden. Die Poeſie in Rei⸗ men war entſchieden franzoͤſiſch und kunſtlich; Poli⸗ tur, Eleganz und epigrammatiſche Schärfe waren deren hervorſtechende Eigenſchaften; aber in Blank⸗ verſen, jenem edlen, durch Surrey eingefuͤhrten, und durch Shakespear vervollkommneten Versmaß ſcheint der Genius der alten engliſchen Poeſie einen entſchie⸗ denen Haltpunkt gefunden zu haben. In demſelben Jahr mit Pope's Dunciade erſchien„der Sommer“ von James Thomſon. Zwei Jahre vorher, nämlich 16* 244 1726, hatte der Winter, die erſte von den bekannt gemachten Jahreszeiten, den Reichthum der engli⸗ ſchen Poeſie vermehrt, zwar zuerſt unbemerkt, doch glucklicherweiſe bald durch den vielleicht beſten Kri⸗ tiker jener Zeit, Whateley, ausgezeichnet, und der allgemeinen Bewunderung empfohlen. Die Jahres⸗ zeiten ſind ein durchaus nationelles, engliſches Ge⸗ dicht. Zwar hat weder Thomſon, noch irgend ein beruͤhmter engliſcher Dichter, die Affectation, claſ⸗ ſiſche Vorbilder nachahmen zu wollen, gaͤnzlich ver⸗ meiden koͤnnen; und dieſe Affectation wird allerdings unter jenen Dichtern oft am haufigſten gefunden, welche den nationellen Charakter am reinſten behaup⸗ tet haben. Nicholas Grimoald, der zweite engliſche Dichter in Blankverſen nach Surrey— ein Ueber⸗ ſetzer ſowohl als Dichter— bietet ein merkwürdiges Beiſpiel des engliſchen, mit der lateiniſchen Schule verſetzten Geiſtes dar. So folgen in ſeinem Gedicht über die Freundſchaft auf Zeilen, die durch und durch engliſch ſind, kurz darauf Anſpielungen auf Scipio, und Laelius, und Cicero und Atticus; ja ſelbſt auf Theſeus und Pirithous, oder, wie es ihm beliebt, den letztern Namen abzukuͤrzen, Pirith. Kurz, in der langen Reihe der engliſchen Dichter ſehen wir ſelbſt die vor Eliſabeth— Vaur, Sack⸗ ville— ſelbſt den gewöhnlichen Tuſſer in ſeinen „Fuͤnfhundert Spruͤchen fur das Hausweſen“(gewiß ein ſo engliſches und ländliches Gedicht, als moglich) wedicht durch cipio, ſt auf eliebt, ichter Sack⸗ ſeinen gewiß glich 245 mit beſonderer Begierde aus alten Zeiten oft die un⸗ geeignetſten und affectirteſten Zierrathen und Anſpie⸗ lungen aufſuchen. Auch die Anmuth und Eleganz in dem Zeitalter Eliſabeths vermochten dieſem ver⸗ derbten Geſchmack nicht entgegen zu tretent Chri⸗ ſtenthum und Mythologie, das Ritterweſen und der Stoizismus, gothiſche Eigenſchaften und roͤmiſche Namen, Alles wird mit dem hartnaͤckigſten Trotz ge⸗ gen den guten Geſchmack und die geſunde Vernunft durcheinander geworfen.— Die Arkadia(die man mit demſelben Recht ein Gedicht nennen kann, wie den Telemach) des fein gebildeten Sidney enthaͤlt die arabeskenartigſte Miſchung dieſer poetiſchen Archi⸗ tekturen;— ſelbſt Shakespeare entgeht dieſer Ma⸗ nie nicht; Morlove gibt ſich ihr hinz Ben Johnſon, trotz ſeiner tiefen Gelehrſamkeit und ſeines richtigen Geſchmacks, gibt uns ein treues Gemaͤlde ſeiner Zeit, doch er ziert es mit roͤmiſchen Juwelen.— Dieſe Manier behauptete ſich; weder die Heiligkeit des Ge⸗ genſtandes, den Milton gewählt, noch die Strenge ſeiner religioſen Secte, genuͤgten, um aus ſeinem ehrwürdigen Werk auszuſchließen: „Oſiris, Iſis, Orus und den ganzen Zug.“ Die Goͤtter des Alterthums werden in die moderne Hoͤlle verpflanzt:— „Des Himmels Erſtgeborenen Titan „Verdraͤngt Saturn, dem gleiches Loos dann wird 246 „Vom maͤcht'gen Jupiter, dem eignen Sohn, „Den Rhea ihm gebar, und dieſer herrſcht „In Kreta erſt, dann waͤhlt er ſeinen Sitz „Auf dem Olymp!“— ja ſelbſt in das hebraͤiſche Paradies: „Der ew'ge Fruhling bluht, „Und mit den Grazien und Horen tanzt „Pan unermuͤblich“— Der Klimax in Raphaels Schoͤnheit iſt: „Er war wie Maja's Sohn.“ und„der Ewige“ ſelbſt borgt Homers Wageſchalen, um den Kampf zwiſchen den Täufeln und Engeln zu entſcheiden: „Die goldne Wage ſchwebt „Am Himmel jetzt noch naͤchſt dem Skorpion.“ Wir Alle wiſſen, wie ſehr auf dem engliſchen Heli⸗ kon dieſelben claſſiſchen Beziehungen auch in einer ſpätern Periode vorwalten, wie wenig ſelbſt die witzig⸗ ſten Köpfe zur Zeit Karls des Zweiten dieſer ererb⸗ ten Gewohnheit ſich entziehen. Sedley's Mädchen ſind alle Urania's oder Phillis'n. Bald entlehnt er vom Lykophron eine Sentenz, bald verſichert er uns in einem ſeiner ſchonſten Geſänge, daß: „Amor dem Meer noch iſt verwandt, „Dem ſeine Mutter einſt entſtieg.“ aen, n zu „ Heli⸗ einer itzig⸗ rerb⸗ chen t er uns 247 Dryden, der ſich nie durch einen vollkommenen Ge⸗ ſchmack auszeichnete, wenn er auch in ſeinen treffli⸗ chen proſaiſchen Schriften bewies, daß, obgleich er die Praxis vernachläſſigte, die Theorie ihm nicht un⸗ bekannt war, iſt weniger aͤngſtlich rlaſſiſch und un⸗ zeitig mythologiſch, als man hätte erwarten ſollen. Zwar wurde ſeit ſeiner Zeit die poetiſche Schule ſy⸗ ſtematiſcher in der Benutzung claſſiſcher Vorbilder, aber doch hielt ſie ſich in dieſer Beziehung weniger excentriſch. Pope iſt zugleich der am meiſten romi⸗ ſche(und am wenigſten griechiſche) von allen unſern Dichtern, trotz dem aber wirkt ſein Romanismus nicht ſtorend und verletzend. Ich fuͤhre dieſes Alles an, um zu beweiſen, daß, wenn jene Dichter des vori⸗ gen Jahrhunderts Vieles und oft ungeſchickt von al⸗ ten Fabeln, alten Namen und alten Geſchichten ge⸗ borgt haben, wir doch deshalb nicht vorausſetzen duͤr⸗ fen, dieſe Dichter, die ich mir die Freiheit nehme, vorzugsweiſe engliſch zu nennen, ſeien jenes Fehlers wegen weniger national geweſenz nein, jene Fähig⸗ keit, zu borgen, und ihrem Gegenſtand Zierrathen anzueignen, die unſrer Nationalität durchaus wider⸗ ſtreben, beweiſ't faſt im Gegentheil, wie durchdrun⸗ gen ſie von dem Geiſt der ausgezeichnetſten ihrer Vor⸗ gänger waren. Zu den charakteriſtiſchen Merkmalen unſrer eng⸗ liſchen Poeſie gehoͤrt große Treue und Genauig⸗ keit in ländlichen Gemälden— tiefe Melancholie in 248 moraliſchen Reflectionen mit einer cben ſo ſtark ent⸗ wickelten Fähigkeit, die freundlichen Seiten des Le⸗ bens aufzufaſſen, als die Schattenſeiten,— eine Fulle des Reichthums, einen kuhnen Muth des Ausdrucks, und eine ſeltſame Neigung fur plötzlichen Wechſel in Gedanken und der Diction, ſo daß das Epigramma⸗ tiſche und das Erhabene, das Humoriſtiſche und das. Ernſthafte, das Feierliche und das Lächerliche oft in den ſchroffſten Gegenſätzen neben einander ſtehen, wo⸗ durch der großtmogliche Widerſpruch gegen die ſtrenge Einfachheit der wahren alten Schulen ſich heraus⸗ ſtellt, und eine Aehnlichkeit, jedoch nur zufällig, und bloß in dieſem Punkt mit der italieniſchen Literatur entſteht*). Die drei groͤßten Dichter in Blankverſen in der Mitte des letzten Jahrhunderts ſind Akenſide, Thom⸗ ſon und Young. Von dieſen Dreien halte ich den letzten für den nationellſten; doch mit Ausnahme je⸗ ner Neigung für ſchroffe Gegenſätze, deren ich vor⸗ hin erwähnte, beſitzen die beiden Erſtern auch in ho⸗ hem Grade die ausgezeichnetſten Eigenſchaften unſrer Nationalitat. Pope's ländliche Gedichte wurden zwar *) Kritiker, die mit unſerer fruͤheren Literatur nicht bekannt ſind, haben dieſe Miſchung in die neueſte Zeit verlegen, ja einige ſogar deren Urſprung in England Byron's Nachahmungen aus dem Italieniſchen zuſchrei⸗ ben wollen. ent⸗ Le uͤlle cks, in ma⸗ das t in enge aus⸗ und atur der om⸗ den je⸗ vor⸗ ho⸗ ſrer war icht Zeit and rei⸗ 249 in ſo fruͤher Jugend geſchrieben, daß man ſie mit Thomſons Jahreszeiten nicht fuglich in Vergleichung ſtellen konnte, wenn nicht Pope's landſchaftliche Be⸗ ſchreibungen in ihrer Anlage und ihrem Geiſt ſich ſtets gleich geblieben waͤren, trotz ſeiner ſpätern Ver⸗ vollkommnung an Correctheit, an kuͤhnen Wen⸗ dungen, an gewähltem Geſchmack, an unvergleichlicher Schärfe des Epigramms, und ſelbſt an erhabenen Gedanken und Bildern(wie z. B. in dem Prolog zum Cato), welche die Poeſie ſeiner reiferen Jahre ʒietenz aber wenn gleich Pope in allen andern Rich⸗ tungen vollkommen wurde, ſo blieben ſeine Anſich⸗ ten uber ländliche Beſchreibungen doch faſt immer dieſelben, namlich ſo beſchraͤnkt als möglich. und dieſer individuelle Fehler wurde auch der ſeiner Schule — und iſt bis auf den heutigen Tag der Hauptfeh⸗ ler der franzoſiſchen Schule geblieben. Nachdem Pope unter Anderm den Herbſt zum Gegenſtand einer kur⸗ sen Idylle gemacht, wählt er„Hylas mit der wohl⸗ klingenden Stimme“ zu ſeinem Saͤnger, der uns zuerſt erzaͤhlt, daß „Phoͤbus geht unter, und im Purpurlicht „Der letzte Strahl ſich in den Wolken bricht“— Dylas mit der wohlklingenden Stimme faͤhrt nun fort: „Der glänzende Arkturus reift das Korn, „Es ſchwillt die Traube, einſt der Freude Born⸗ „Die Zweige beugt der goldnen Fruchte Zahl— „Und nur die Liebe lebt zu eigner Qual?“— Dieſe Verſe ſind vielleicht ſo gut, als irgend etwas in„Les Jardins de Pelille,“ aber es iſt keine Spur engliſcher Poeſie in ihnen. Thomſon wuͤrde in keinem Alter ſie ſo geſchrieben haben, und Pope haͤtte ſie bloß etwas gefeilt, wenn ſie in demſelben Jahr geſchrieben worden wären, als er die„Dunciade“ herausgab, nämlich, wie ſchon vorher bemerkt wurde, in demſelben Jahr, in dem Thomſons Sommer er⸗ ſchien. Der Dichter der Jahreszeiten aber beginnt in ſeinem Herbſt: „Mit Sichel und mit Garbe kommt der Herbſt— „Die Aehren neigen jetzt ihr ſchweres Haupt, „Und dicht und ſtille ſtehn die Halme da, „Denn nicht ein Luͤftchen ſtört die Ruhe auf, „Die in dem Reichthum waltet!“— Auch das Folgende iſt ſchon!— Wordsworth kann der Natur nicht mehr getreu bleiben. Er ſpricht von den Herbſtnebeln: „Der Nebel huͤllt die weite Fläͤche ein, „Des Stromes Welle, wo man ſie noch ſieht, „Scheint träge nur zu rollen durch den Dampf. „Und röthlich truͤbe ſieht man durch den Dunſt „Der Sonne Scheibe „Vergroͤßert ſcheint, „Was burch die dicke Luft das Aug' erblickt, „Gigantiſch ſchreitet durch die Haide hin, „Der Schäfer— bis der Nebel Alles deckt „Mit einem grauen Schleier ohne Form.“ Das iſt nationelle Beſchreibung!— Das iſt eng⸗ 25¹ liſch!— Und wenn der Strom auch der Tweed war, „deſſen ufer zuerſt jene doriſchen Geſänge hoͤrten.“ — Auch jene Neigung, vom Ernſthaften zum Ko⸗ miſchen uͤberzugehn— die man, wie ich bemerkt ahr habe, weniger in Thomſon findet, als in Young(in de“ Akenſide findet man ſie kaum, faſt gar nicht)— iſt rde, rein engliſch; zum Beiſpiel der Fuchsjaͤger Trink⸗ er⸗ gelag: nnt„Sie ſetzten ſich „Zum ernſten Trinken“ „Auf dem Tiſch, „Als ſei er ſelbſt betrunken, lag und ſtand 3 „Verwirrt von Glaͤſern, Flaſchen, Pſeifen, Zei⸗ tungen „Ein Chaos durcheinander, und umher kann„Saß, wen der maͤcht'ge Geiſt noch nicht beſiegt 1 von „Vielleicht, daß jener Doctor trium⸗ phirt, „Deß Magen nach des Trinkens Ab⸗ 3 . grund lechzt.“ 3 nſt Dieſes ſind Stellen, welche(indem ſie das Ernſthafte mit dem Burlesken vereinigen) ſchwerlich in irgend einer andern Sprache in einem Gedicht derſelben Art gefunden werden, und der Geiſt in dieſen Blankver⸗ ſen iſt gänzlich verſchieden von dem in den Reimen jener Zeit. Es athmet in ihnen Leben, Handlung, die friſche Luft weht uns aus ihnen an, der con⸗ templative Spaziergang des Abends in den Feldern 252 oder das geſellige Plaudern am Heerde. Aber der Genius des Reimes war in London einheimiſch— ſchwatzte mit den Hofleuten— war verliebt und hatte witzige Einfälle in demſelben Athem— ſprach uͤber grune Felder in einem finſtern Zimmer— und die Preſſe verließ er nie ohne eine Allongenperuͤcke und ein Schwerdt Die Jahreszeiten wurden im Jahr 1730 vollen⸗ det. Vierzehn Jahre ſpaͤter erſchienen Akenſide's „Genuͤſſe der Einbildungskraft.“ Es iſt ein groß⸗ artig angelegtes Gedicht, aber Akenſide's geiſtige Richtung— ſeine Pedanterie und Steifheit— ent⸗ ſprechen nicht ganz dem Gegenſtande, den er gewählt hatte. Es iſt eine Arbeit und Ausarbeitung in ſei⸗ nen Verſen ſichtbar, als ſeien ſie vielmehr den Lei⸗ den, als den Genuͤſſen der Einbildungskraft entſproſ⸗ ſen. Seine Vorliebe fuͤr die lateiniſche Compoſition traͤgt auch dazu bei, ihn weniger nationell zu ma⸗ chen. Aus dieſen Gruͤnden iſt ſein Gedicht viel zu ſcholaſtiſch geworden, und er iſt allerdings weder in der Kraft oder in dem Reichthum des Ausdrucks, noch in Genauigkeit der Beſchreibung, in Erhaben⸗ heit und in der Vermeidung kalter Allgemeinheiten Thomſon oder Young gleich zu ſtellen. Vergleicht man aber trotz dem ſeine Blankverſe mit ſeinen eigenen Reimen, oder mit jenen in Johnſon's:„London“ (welches, obgleich ich mich nicht ganz genau erinnere⸗ zu welcher Zeit es erſchien, doch ſechs oder ſieben eiten leicht enen on nere⸗ ieben 25⁵³ Jahre fruͤher bekannt gemacht worden ſein muß), ſo tritt die engliſche Muſe in den Blankverſen wieder ſichtbarer und freier hervor, als in den andern und kruͤppelhaftern Versarten. Ich ſtelle Johnſon ab⸗ ſichtlich deshalb mit ihm zuſammen, weil der Genius Beider ſcholaſtiſch und didaktiſch war. Beide bilde⸗ ten nach den Alten— der Eine copirte nach Ju⸗ venal, der Andere ahmte den Lucretius nach. Ich werde von Beiden Stellen waͤhlen: Zuerſt Johnſon: „O, könnteſt Spiel und Park verlaſſen Du, „Zu ſuchen an des Savern Ufern Ruh⸗ „Du faͤndeſt da den ſchonſten Zufluchtsort, „Aus Londons Kerkern ſehnteſt Du Dich fort— „Du konnteſt pflanzen, ſaͤen und Dein Mahl, „Einfach und wohlfeil, ſpart Dir manche Qualz „Aus jedem Buſche toͤnt Dir dort Muſik, „Gluͤcklich ward nie, wer dort nicht fand ſein Gluͤck.“ Jetzt zu Akenſide. Er redet die Schoͤnheit an (bei Johnſon wuͤrde es Venus geweſen ſein!), und nachdem er gefragt hat,„ob ſie mit dem lachenden Herbſt nach den atlantiſchen Inſeln fliehen will,“ fugt er hinzu: „Doch willſt Du lieber dort verweilen, wo „Der Peneus mit kryſtall'ner Woge fließt, „Die in ſich ſpiegelt Tempe's ſchönes Thal,— „Das ſchoͤne Tempe, wo in gold'ner Zeit „Die Nymphen und die Faunen mit dem Pan „Im kuͤhlen Dickicht oft den heitern Tag „Gefeiert in des Fruͤhlings Bluͤthenzeit.“ Hier iſt Alles claſſiſch— antik— griechiſch— es 254 koͤnnte eine Ueberſetzung des Euripides ſein. Wie verſchieden iſt das Leben in dieſen Zeilen zu der kal⸗ ten Auferweckung trockener Knochen im Johnſon!— Johnſon, der die herrlichen Balladen verachtete, die den Keim bilden zu Allem, was edel und ſchoͤn in unſrer Poeſie iſt, hätte den unterſchied zwiſchen dem wirklichen Antiken und deſſen Nachäffung nicht be⸗ greifen können. Beide haben ihre Gefäße aus der alten Quelle„splendidior vitro“ gefuͤllt, aber das Gefäß des Einen iſt eine etruskiſche Vaſe, das des Andern ein irdenes Geſchirr von Fleet⸗ſtreet. Nach⸗ dem wir uns jedoch jetzt etwas vorbereitet haben durch den kurzen Ueberblick der fruͤheren und der gleichzeitigen engliſchen Poeſie, wenden wir uns wieder zu Young— einem Manne, deſſen großartige Gedanken, erhabener Ausdruck, deſſen wunderbares Talent, Baͤnde in eine Zeile zu drängen, meiner Anſicht nach, ihn gaͤnzlich außer den Bereich irgend eines ſeiner Zeitgenoſſen ſetzen, und ihn befähigen, die verſchiedenartigſten Eigenſchaften der Proſa und des Metriſchen zu vereinigen;— ſie machen es ihm möglich, bald Milton gleich zu kommen in dem ho⸗ hen Pomp ſeiner Bilderſprache, bald einem Tacitus in der eiſernen Feſtigkeit und Gewalt ſeiner Ge⸗ danken. A. In Youngs Eeiſt ſcheint eine beſondere Rich⸗ tung fuͤr den Ehrgeiz vorgewaltet zu haben. Seine Poeſie und ſein Leben verrathen gleichmäßig jene e——— — 2 1 t e n n 255 hochfliegenden Wuͤnſche und jenes Streben nach Ef⸗ fect, welche wir ſowohl in ſchriftſtelleriſchen Leiſtun⸗ gen, als im Charakter ehrgeizig nennen. L. Es iſt eine merkwuͤrdige Erſcheinung in der Geſchichte der Literatur, daß der ſtrenge rechtliche Young unter jenem moraliſchen Ungeheuer im öffent⸗ lichen und im Privatleben, Philipp Herzog von Whar⸗ ton, in das Parlament einzutreten verſuchte. Wäre es ihm gelungen, welchen unterſchied wuͤrde dieſes nicht allein in Youngs Leben, ſondern auch in ſei⸗ nem Charakter bewirkt haben!— Ware nicht viel⸗ leicht der groͤßte aller theologiſchen Poeten(denn we⸗ der Milton noch Dante ſind eigentlich theologiſche Poeten, wenn ſie auch oft ſo genannt werden) in jener verderbten und verkaͤuflichen Zeit unſerer par⸗ lamentariſchen Geſchichte ein ungluͤcklicher Abentheu⸗ rer, oder ein intriguirender Stellenjäger geworden? A. Die Vorausſetzung iſt nicht lieblos, wenn wir ſein ſpäteres Leben beruͤckſichtigen, und ſeine Um⸗ triebe fur ſeine geiſtliche Befoͤrderung verfolgen. Ich meines Theils neige mich ſehr zu dem Verdacht, daß die erhabene Melancholie des Dichters meiſt der un⸗ zufriedenheit des Weltmannes zu verdanken iſt. L. Es iſt gewiß ſehr moͤglich, daß ſelbſt die re⸗ ligioſeſten und rechtlichſten Geſinnungen nicht immer jene kleinlichen Gefuͤhle zu unterdruͤcken vermogen, welche in den verwickelten Verhältniſſen dieſer Welt 25⁵6 ſich feſt an das Herz klammern, und oft die nicdri⸗ gen Motive der herrlichſten Erfolge des Genius ſind. Die Verletzung eines ſelbſtſuͤchtigen Ehrgeizes brachte den Gulliver Swifts hervor, und fügte wahr⸗ ſcheinlich auch der duͤſtern Poeſie Youngs einige Schat⸗ ten hinzu. Eine krankhafte Unzufriedenheit— eine ſchwächliche Conſtitution— brachte jene ſanfte Me⸗ lancholie in den„Raſſelas“ Johnſons, jene wilde in„Childe Harold“ Byrons. Wenn der Dichter, nach irgend einer Betruͤbniß in der Welt, zu ſeiner troſtenden und beruhigenden Kunſt Zuflucht nimmt, ſo bemerkt er nicht, wie wenig Edles jene Betruͤb⸗ niß oft hat. Die Quellen der Begeiſterung ſind uͤberhaupt ſo verſchiedenartig und eigenthuͤmlich, der Schlamm und das Gold ſind ſo feſt mit einander verbunden und permiſcht, daß, wenn es auch immer ein merkwürdiger metaphyſiſcher Genuß ſein mag, das Gute und das Boͤſe darin zu analyſiren, zu wägen und zu ſcheiden, es keineswegs ein Geſchift iſt, welches zu unternehmen weiſe ſein moͤchte. Wir wollen uns an den tiefen Gedanken und den herrli⸗ chen Verſen des Lucretius erfreuen, ohne zu fragen, wie viel wir davon dem Geiſt des Weins und wie viel ſeinem eigenen verdanken.* Im Allgemeinen konnen wir annehmen, daß die Contemplationen in der Poeſie der Alten gewoͤhnlich ſich zu einem froͤhlichen Reſultat und zu vinh mmer mag, „zu ſchift Wir errli⸗ agen, wie ß die hnlich iſcher 257 Moral neigen— die Melancholie iſt ſanft, nicht duͤſter, und wird gegen den Schluß immer heiter. „— Vina Hques, et spatio brevi Spem longai reseces; dum loquimur, fugerit invida Aetas; carpe diem quam minimum credula postero.“ Das Leben iſt kurz— indem wir ſprechen, ent⸗ flieht es— genieße der Gegenwart und denke nicht an die Zukunft— das iſt die Hauptmoral der alten Poeſie, eine anmuthige und weiſe Moral— gebo⸗ ren und gepflegt unter einem ſudlichen Himmel, und den Namen der„Philoſophie des Gartens“ wohl verdienend— indem ſie uns an das kurze, bald dahinwelkende Leben der Blumen, die uns umgeben, erinnert, um uns aufzumuntern, ihren Duft einzu⸗ ſaugen, ſo lange ſie noch bluͤhen. Es muß jedoch bemerkt werden, daß dieſs angenehmere Form der Melancholie mehr unker hen Roͤmern, als unter den Griechen bemerkbar t. Durch alle Philoſopheme der Letztern zieht ſich die finſtre und traurige Lehre eines unwiderſtehlichen Fatums wie ein bitterer Strom, und eine gewiſſe ſchwermuͤthige Verzweif⸗ lung in den weniger allgemein bekannten ueberbleib⸗ ſeln der griechiſchen Poeſie bildet oft einen ſchnei⸗ denden Geßenſatz mit der heiteren Weisheit der mehr bewunderten Dichter. Wenn man von Anakreon zu den, durch Stobaeus geſammelten Fragmenten des Mimnermus uͤbergeht, ſo iſt es in der That, als ob man ſich von den Roſen zu dem Grabmal unter Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 17 258 denſelben wendet.—„Das Leben iſt kurz— wir lernen von den Göttern weder Boͤſes noch Gutes— das ſchwarze Schickſal droht uns— Tod und Alter ſtehen uns bevor. Es giebt keinen Sterblichen, den Jupiter nicht mit Muͤhſeligkeiten uͤberhaͤuft“ ꝛc.— Die engliſchen contemplativen Schriftſteller ſchoͤpfen ihre Begeiſterung beſonders aus dieſer duͤſteren Art der Reflexion. Lord Sackville zeigt uns in ſeinem „Mirror of Magistrates,“ bis zu welchem Grade jene Verzweiflung uͤbertrieben werden kann. Er bringt das Ungluͤck perſonificirt in die Hoͤlle, und laͤßt dem Leſer die Haupt⸗Charaktere unſerer Ge⸗ ſchichte durch daſſelbe vorſtellen!— Young war mit unſren fruͤheren Schriftſtellern genau bekannt. Aber von allen großen Dichtern hat er ſeine Plagiate am wenigſten verſteckt.— Drummond ſagt; „Die Welt iſt eine Jagd, „Das Wild der Menſch— der Nimrod iſt der Tod!—“ Young aber fuͤhrt das Bild weiter und hochtra⸗ bender aus: „Ich ſeh' der Menſchen laute, wilde Jagd, „Verachtend das Geſetz und jedes Recht, „Verfolgend und verfolgt— bis ſie der Tob, „Der maͤcht'ge Jaͤger,— ſicher alle trifft.—“ Die Vorliebe fuͤr gewoͤhnliche und alltägliche Bil⸗ der iſt bei Young ſehr bemerkenswerth; doch wenn wir die Werke der groͤßeren Dichter unterſuchen, ſo werden wir im Allgemeinen erſtaunt ſein, zu fin⸗ wir — Alter „den — öpfen Art einem Hrade Er und Ge⸗ r mit Aber am ſt der chtra⸗ . e Bil⸗ wenn chen, u fin⸗ 25⁵9 den, daß jene Dichter, welche reich ſind an den er⸗ habenſten und fremdartigſten Bildern, auch die ge⸗ muͤthlichſten darbieten. Nur der Genius, in dem wir jene vermiſſen, vermeidet auch dieſe. Wir koͤn⸗ nen ſicher darauf rechnen, wenn wir Shakespeare oͤffnen, daß die ſublimſte Metapher in der nächſten Zuſammenſtellung mit einer ſolchen ſein wird, die wir bei jedem Andern gemein nennen wuͤrden: „Morgen und morgen— immer morgen!— „So ſchleicht der Tag zum Tag mit kleinem Schritt, „Und jedes Geſtern hat zum Tode nur „Den Narr'n geleuchtet— Drum erloͤſche, Licht!“ Allgemein iſt das Geſchrei gegen Young, daß er zu bombaſtiſch und hochtrabend und geſucht in ſeinen Metaphern, dabei zu uebertreibungen geneigt ſei. Er hat unſtreitig dieſe Fehler; aber der Mann in dem Luſpiel ſpricht:—„Die großen Genie's koͤn⸗ nen doch nie etwas ſagen, wie andere Leute“— und es iſt allerdings nicht zu laͤugnen, wenn auch gewoͤhnliche und oberfläͤchliche Kritiker das Gegen⸗ theil haben behaupten wollen, daß in der ganzen neueren Literatur gerade den ausgezeichnetſten Talen⸗ ten die meiſten Uebertreibungen und die groteskeſten Einfälle nachzuweiſen ſind. Wir Alle wiſſen, wie vorherrſchend ſie unter den Italienern ſindz ſelbſt die kalten Regeln des franzoſiſchen Drama verbannen ſie nicht, und ſogar Corneille, unſtreitig der großartigſte 17* 260 franzoſiſche Dichter, iſt auch am meiſten zu Ueber⸗ treibungen geneigt: „Ma plus douce espérance est de perdre J'espoir.“ iſt ein Beiſpiel unter tauſenden. Sie erinnern ſich gewiß der Uebertreibungen, die Addiſon in Milton nachweiſt und geſammelt hat, und Sie wiſſen, wie viele andre jener große Dichter noch enthaͤlt, die Addiſon nicht ſammelte; kurz, wenn wir Young we⸗ gen des Mangels an richtigem Geſchmack in der Wahl ſeiner Metaphern tadeln, ſo tadeln wir keinen ihm beſonders eigenthuͤmlichen Fehler, ſondern einen ſolchen, den er mit den groͤßten neuern Dichtern in einem ſo merkwuͤrdigen Grade theilt, daß er faſt mit ihrem Genie nothwendig verbunden zu ſein ſcheint. Ich bin uͤbrigens noch nicht ganz mit mir einig, ob ſie, oder wir, die Kritiker, Unrecht haben⸗ Ich glaube, daß, wenn man Milton und Young eine Sammlung ihrer Einfaͤlle vorgelegt haͤtte, ſie Vieles zu ihrer Vertheidigung wuͤrden angefuͤhrt ha⸗ ben. Beilaͤufig wollen wir noch bemerken, daß Dr. Johnſon in ſeinem oberflaͤchlichen und uͤbereilten Ver⸗ ſuch uͤber Youngs Poeſie, in der Wahl jener Einfälle, die er tadelt, nicht ſehr glucklich geweſen iſt. Er ſagt zum Beiſpiel uͤber eine Zeile in Youngs:„Kauf⸗ mann,“ die ſich auf Tyrus bezieht:„Das Burleske kann unmoͤglich ſich weiter verirren.“ Die Zeile heißt:„Ihre Kaufleute ſind Fuͤrſten, und jedes Verdeck ein Thron!“— Es iſt aber immer noch leber⸗ Poir.“ ſich tilton wie „die we⸗ der einen einen nin faſt ſein mir aben. oung „ ſie t ha⸗ Ver⸗ faͤlle, Er dauf⸗ leske Zeile jedes noch 261 die Frage, ob die Worte, welche Johnſon ſo lächer⸗ lich erſcheinen, nicht im Gegentheil ein ſehr kuͤhnes und entſprechendes Bild gewähren;— auf jeden Fall aber hätte der Kritiker wenigſtens hundert ſchlagen⸗ dere Beiſpiele auswählen koͤnnen. Ein großes Ver⸗ dienſt Youngs, jedoch zugleich eine große urſache ſeiner uebertreibungen, iſt ſeine Gewohnheit, Gefuͤhle zu verkoͤrpern, ſeine Neigung fuͤr die Perſonification. Zum Beiſpiel: „Erſchrocken bebt „Die Hoffnung und die Furcht am ſchmalen Steg „Des Lebens— was erblicken ſie?— „— Den unermeßlich tiefen Abgrund.—“ Dieſe Belebung der unheimlichen Gefuhle des menſchlichen Herzens, wodurch dem duͤſtern Unſicht⸗ baren Geſtalt und Weſen verliehen wird, iſt in der obigen Stelle ſehr gelungen. Ferner: „In längſtvergang'ne Zeiten kehrt zuruͤck, „Geſchaͤftig— zu ſehr fuͤr mein inn'res Gluͤck, „In ſtiller Nacht— faſt einem Moͤrder gleich— „Jetzt der Gedanke, und begegnet ſtets „Entſchwund'ner Freude Geiſtern.“— Der Gedanke, der wandert, und die Freuden, de⸗ nen er begegnet, ſind Bilder, die dem hoͤchſten Grade der ſchaffenden Poeſie angehoͤren, und oft werden wenige Zeilen, welche dieſe erhabene Fähigkeit dar⸗ legen, eine eben ſo reiche Erfindungsgabe bekunden, als jene, welche die Weſen des dramatiſchen und epiſchen Gedichts hervorruft— ſo wie die Griechen 262 oft die complicirteſten Gleichniſſe in ein einziges Bei⸗ wort zu drängen wußten. Es laͤßt ſich kaum ein ſchlagenderes Beiſpiel dieſer Fähigkeit aufſtellen, als wo er kurz darauf ſeinen eigenen Schmerz perſonifi⸗ zirt, und ſagt: „Puͤnktlich wie Liebende zur Stunde ſind, „Verkehr auch ich zur ſelben Zeit mit meinem Schmerz.“ Wenn jedoch dieſe uͤberwiegende Neigung zur Per⸗ ſonification ſo vieles Treffliche in Youngs Schriften hervorbringt,— ſo veranlaßt es auch Manches, was die Kritik als verwerflich bezeichnen muß. Man wird zum Beiſpiel uͤber folgende Verſe lächeln muͤſſen: „Wer kann „Den Tod treu malen— hat Jemand der Tyrann „Geſeſſen ſchon?“ Es iſt, meiner Anſicht nach, dieſelbe Gewohn⸗ heit der Perſonification, welche in Milton und Sha⸗ kespeare meiſtens denſelben Fehler(wenn es uͤber⸗ haupt immer ein Fehler iſt) veranlaſſen. Auch Young beſitzt jenes Talent der Griechen, deſſen ich fruher erwähnte, die complicirteſten Bilder in ein Wort zu vereinigen, in hoͤherem Grade, als irgend ein Dichter ſeit ſeiner Zeit. Wir wollen ein Beiſpiel wählen: „Mit Dir, Philander! ſtarb mir Alles hin, „Und jede Freude ſank mit Dir in's Grab,— „Dein letzter Seufzer hebt den Zauber auf, „Der an die Erde mich gekettet— Wo, rann ohn⸗ Sha⸗ ber⸗ chen, ilder als llen 263 „Ach, wo iſt jetzt ihr Reiz?— nur wuͤſt und duͤrr „Erſcheint, was fruͤher war ein Paradies.— ⸗ „Der große Zauberer iſt todt.“— Hier wird der ganze Inhalt der vorhergehenden Zeilen— die ganze Macht der Freundſchaft— die ganze Gewalt des Todes werden in die Worte zu⸗ ſammengedraͤngt: „Der große Zauberer iſt todt!“ Nichts iſt auch in der That in dem ganzen Ge⸗ dicht Youngs bemerkenswerther, als dieſes Talent der Zuſammenziehung. Er ſammelt einen großen Schatz von Gedanken, und weiß aus ihnen eine un⸗ ſchätzbare Sentenz zu prägen. Er comprimirt die Poroſitäten der Sprache, und weiß unendlich viel in eine einzige Zeile zu bringen. Es iſt allerdings merkwuͤrdig, daß ein Schriftſteller, der uͤber dieſe Fähigkeit in ſo unerreichtem Grade gebietet, dennoch dabei dem Vorwurf der Schwuͤſſtigkeit allerdings mit Grund ſich ſo ſehr ausſetzt. Welche Stelle muͤſſen wir jedoch Young in unſ⸗ rer Literatur anweiſen? Bis jetzt iſt ſie noch ſchwan⸗ kend und unbeſtimmt. Seine Verdienſte ſind, wie die vieler unſerer anderen Dichter, anerkannt, aber ſollen wir ihn uͤber Pope ſtellen?— Pope's Ver⸗ ehrer wuͤrden damit nicht einverſtanden ſein.— Un⸗ ter Goldſmith?— Wenige wuͤrden zugeben, daß das:„verlaſſene Dorf“ ein ausgezeichneteres Gedicht ſei, als die„Nachtgedanken.“ Wo iſt denn ſeine 264 eigentliche Stelle? Ich muß geſtehen, daß ich geneigt wäre, ihn ſehr hoch zu ſtellen. Ich wuͤrde, mit einem Wort, die„Nachtgedanken“ fuͤr das vortrefflichſte didaktiſche Gedicht in un⸗ ſerer Sprache erklaͤren. Die hochſten Gattungen der Poeſie ſind, wie wir Alle zugeben, die epiſche und die dramatiſche. Ich bin zweifelhaft, ob, im Allgemeinen, darauf die lyriſche oder die didak⸗ tiſche folgen müſſe, doch davon bin ich uͤberzeugt, daß in unſerer Literatur die didaktiſche Poeſie vorzuziehen iſt. Keiner unſerer Lyriker iſt unſern großen didaktiſchen Schriftſtellern gleich gekommenz man muß jedoch bemerken, daß oft ein großer un⸗ terſchied zwiſchen der Stelle des Gedichts und jener des Dichters iſt; mehrere ausgezeichnete Schriften können dem Verfaſſer einen hoͤheren Ruf erwerben, als ein ganz klaſſiſches Werk. Sowohl bei Voltaire, als bei Scott wurde der ſchriftſtelleriſche Ruf nicht ſo ſehr durch die Qualität, als durch die Quantität ihrer Leiſtungen bedingt. Als das Publicum ſchrie, der Verfaſſer des„Waverley“ ſchreibe zu viel und zu ſchnell, bemerkte es nicht, daß ſelbſt ſeine weni⸗ ger ausgezeichneten Werke zur Erhoͤhung ſeines Ruhms beitrugen, indem ſie die Fruchtbarkeit ſeines Genies darlegten. Auch auf ihn kann man wohl die Worte anwenden, die ſich auf einen Anderen be⸗ ziehen:—„wären ſeine Fehler nicht ſo zahlreich, ſo würde er nicht ſo große Dinge vollbracht haben.“— ß ich Ich nken“ un⸗ ungen piſche „ im didak⸗ eugt, oeſie nſern. menz Un⸗ jener iften rben, aire, nicht titãt hrie, und eni⸗ ines ines oh be⸗ ich, — 265 Wenn ich nun auch die„Nachtgedanken“ unmittel⸗ bar unter das„verlorne Paradies“ ſtelle, ſo bin ich doch weit entfernt, zu behaupten, daß Young als Dichter unmittelbar neben Milton geſtellt wer⸗ den muͤſſe. Ich halte die„Nachtgedanken“ fuͤr ein conſequenter durchgefuͤhrtes, erhabeneres Gedicht, als„Childe Harold;“ wenn ich mich aber an alle die Werke erinnere, welche den letzten begleiten — an Fruͤchte deſſelben kuͤhnen und trotzigen Geiſtes — an das melancholiſch Duͤſtre in„Lara“— an die Sehnſucht nach Freiheit im„Gefangenen von Chil⸗ lon,“ an die kecke Großartigkeit„Kains,“ und vor Allem an den reichen, kraͤftigen Humor, an die tiefe Kenntniß des Lebens, welche die Geſtalten„Don Juan's“ zu wirklichen Perſonen macht, ſo gebe ich gern zu, daß Byron ein groͤßerer Genius und ein groͤßerer Dichter iſt, als Young. A. Alſo halten Sie wirklich die„Nachtgedanken“ fuͤr vortrefflicher als„Childe Harold?“— L. und zwar ſo ſehr, daß ich faſt glaube, die ſchoͤnſten Stellen im„Childe Harold“— die erha⸗ benſten Reflexionen und die kuͤhnſten Declamationen — ſind die, welche Young(wenn auch unbewußt) nachgeahmt wurden. Childe Harolds Fehler liegen beſonders in dem Gedicht, als einem Ganzen. Es iſt keine Großartigkeit in der Conception. Jede Novelle aus der Minervadruckerei liefert eine ähn⸗ liche Idee fuͤr den Helden und die Anlage. Ein 266 unzufriedener junger Mann von Stande, uͤberſättigt und ſich langweilend, geht auf Reiſen— man mag den Stoff drehen und wenden, wie man will, ſo laͤuft er immer darauf hinaus. Dieſen armſeligen und auseinanderfallenden Stoff hat der Dichter aber in ein ſo prächtiges Gewand gekleidet, und mit ei⸗ nem ſo reichen Ueberfluß von Edelſteinen geziert, daß die Theilnahme des Leſers dennoch hinlänglich gefeſ⸗ ſelt wird. Wenn wir„Childe Harold“ aber als ein großes Gedicht beurtheilen, ſo duͤrfen wir nicht ver⸗ geſſen, daß es in den weſentlichſten Erforderniſſen eines großen Gedichtes mangelhaft iſt. Doch die Anlage der:„Nachtgedanken“ fuͤr ein didaktiſches Gedicht iſt durchaus großartig. Ein bejahrter Trau⸗ ernder verweilt allein bei den Todten— das Grah iſt ſeine Buͤhne— die Nacht die Zeit der Handlung, und der Tod, die Zeit, die Ewigkeit, die hoͤchſten, aber raͤthſelhafteſten Gegenſtaͤnde menſchlicher Hoff⸗ nung und Furcht ſeine einzigen Aufgaben!— An dieſem Ort, und zu dieſer Zeit, beginnt er mit ei⸗ ner ſeinem Zwecke wuͤrdigen Anrufung: „O Finſterniß und Schweigen!— ſteht mir bei, „Erhabne Schweſtern, edle Zwillinge „Der alten Nacht— die den Gedanken Ihr „Erhebet zur Vernunft— und auf Vernunft „Baut den Entſchluß— fuͤr Maͤnnerwuͤrde ſtets „Die feſte Saͤule— ſteht mir, Schweſtern bei!— „Und noch im Grabe will ich danken Euch— „Im Grabe, wo Ihr herrſcht!“— ſättigt nmag ill, ſo ſeligen r aber nit ei⸗ t, daß gefeſ⸗ ls ein t ver⸗ rniſſen ch die tiſches Trau⸗ Gral dlung, chſten, Hoff⸗ An nit ei⸗ ei, 267 Durch dieſe duͤſtere Erſcheinung fortgeriſſen, läßt er im Angeſicht der Sterne, und uͤber den Graͤbern alle Pracht und Herrlichkeit der Welt bei ſich vor⸗ uͤber ziehen— die verſchleierte und undeutliche Ge⸗ ſtalt der Hoffnung— „Den Geiſt von jeder Stunde, die einſt war, „Und wie ein Engel laͤchelt,— oder wild „Wie eine Furie ſchaut.“— Der Trauernde ſteht auf dem Grabe, umgeben von den Weſen zweier Welten, und ſeine grauen Haare werden noch ehrwuͤrdiger, weil die Stimme eines Propheten aus ihm ſpricht. Die Zeit und der Ort, welche er gewaͤhlt hat, um uns zu belehren, heiligen ſeine Spruͤche; es iſt nicht bloß die menſch⸗ liche und irdiſche Moral, welche er mittheilt. Der Plan erhebt das Werk und behauptet deſſen eigene Majeſtät in jedem Wechſel des Versmaßes. Und das Großartige liegt zugleich in dieſem duͤſtern, ſchrecklichen Stoff— immer bleibt die Hoffnung!— Es iſt eine tiefe und ſtuͤrmiſche See, aber hell fun⸗ keln uͤber ihr die Sterne. Je ſchaͤrfer die Fragen uͤber das Daſein ſich aufdringen, deſto feierlicher werden ſie zum Himmel verwieſen. Unſre Heilmit⸗ tel und Gegengifte liegen bereit, und die zeitlichen Angelegenheiten werden nur vor den Richterſtuhl der Ewigkeit gezogen. Dieſes iſt es, welches fuͤr Solche, die Gram oder die Annäherung des Todes gleichgul⸗ tig macht gegen die Eitelkeiten der Welt, den großen - 268 Ermahner in ſeiner ganzen Majeſtät erſcheinen läßt, und ihn zugleich ſeiner Duͤſternheit entkleidet. Wenn wir mit ihm uͤberzeugt ſind von der Eitelkeit des ir⸗ diſchen Lebens, ſo wird die Melancholie ſuͤß und be⸗ ruhigend, die aus dieſer Ueberzeugung ſich bildet, und verweiſet uns mit feſter Hand auf das göttliche Etwas, welches jenſeits uns erwartet. „Die Finſterniß erweckt des Forſchens Geiſt, „Und hoher Wahrheit guͤnſtig iſt der Nacht „Geheiligt Schweigen— und die Wahrheit bringt „Der Seele innern Frieden.“— Ich weiß nicht, ob ich dieſes große Gedicht uber⸗ ſchätze, wenn ich es einen wuͤrdigen Anhang zum „verlornen Paradieſe“ nenne. Es iſt der Troſt zu jener Klage. Denken Sie ſich nach den Jahrhun⸗ derten, die voruͤbergegangen ſind, ſeitdem unſre er⸗ ſten Aeltern ihrer Nachkommenſchaft die Erde als Erbtheil uͤberließen, nachdem ſie es mit Blut beſie⸗ gelt und unter der Bedingung von Arbeit und Plage uns vermacht hatten— denken Sie ſich nach Allem, was die Erfahrung lehren konnte— nachdem un⸗ zählige Geſchlechter die Schätze der Weisheit ange⸗ hauft hatten— einen alten Mann, einen jenes ver⸗ bannten und geſunkenen Geſchlechts, ſtehend unter den Gräbern ſeiner Vorfahren, ihre ganze Geſchichte unter fortwährenden Berufungen auf das menſchliche Herz erzählen, und mit zitternden Händen den ein⸗ zigen Troſt uns andeutend, fuͤr alle Sorgen und —₰ läßt, Wenn es ir⸗ nd be⸗ bildet, ttliche ingt uber⸗ zum ſt zu rhun⸗ re er⸗ e als beſie⸗ plage Ulem, un⸗ ange⸗ ver⸗ mter ichte liche ein⸗ und 269 Beſchwerden der Erde— die Hinweiſung auf den Himmel!— Wie vollendet dieſes Gemaͤlde Alles, was Milton begann. Es ſchließt die Geſchichte des menſchlichen Geſchlechts, deren erſtes Capitel Jener bearbeitet hatte; es predigt den großen Abſchluß des Suͤndenfalls; es zeigt, daß die damals dem Geiſt eingehauchte Flamme ihn immer noch beſeelt; es er⸗ klärt die geheimnißvollen Rathſel unſrer irdiſchen Trau⸗ rigkeit und unſrer ewigen Hoffnungen. Wenn aber die Anlage der„Nachtgedanken“ groß iſt, ſo iſt ſie auch gleichfoͤrmig und conſequent durchgefuͤhrt. Der Flug der Begeiſterung ermattet nie. Selbſt die hu⸗ moriſtiſchen Einfälle widerſtreben der Feierlichkeit des Gedichtes nicht— ſo wie die grotesken Masken, welche oft an den Mauern eines Doms eingehauen ſind, wenn ſie auch den Geſetzen des reineren Ge⸗ ſchmacks nicht entſprechen, doch auf faſt unerklaͤrbare Weiſe die Harmonie des Ganzen nicht ſtören. Auch die Trauer des Dichters iſt weder egoiſtiſch, noch erſcheint ſie als weinerliche Schwaͤche. Es iſt die große Eine, der ganzen menſchlichen Natur inne wohnende Trauer— die tiefe Sehnſucht, welche aus der genauen Kenntniß unſres Weſens und des Schau⸗ platzes, der uns angewieſen wurde, ſich entwickelt. Dieſe Kenntniß bringt, je nachdem ſie auf verſchie⸗ denartige Gemuͤther einwirkt, verſchiedene Erfolge hervor. In Voltaire äußerte ſie ſich durch Witz; in Goethe bildete ſie einen erhabenen Humor aus; in 270 Young's Geiſte entwickelte ſie dieſelbe tiefe Melan⸗ cholie, welcher wir die Begeiſterung des Sehers des Sirach, und den beſten Theil der Philoſophie des Plato verdanken. Die Anlage des Gedichts daher, und deren conſequente Ausführung ſind es, welche ihm eine ſo ausgezeichnete Stelle in unſrer Literatur anweiſen. Unterſuchen Sie nach dieſem irgend ein anderes didaktiſches Gedicht, und Sie werden erſtau⸗ nen uber den Contraſt— und um ſo mehr von dem überwiegenden Verdienſt der„Nachtgedanken“ ſich uberzeußen.— Die„Jahreszeiten“ erſcheinen jetzt nur als eine Idyllez der„Verſuch uͤber den Men⸗ ſchen“ wird zu einer franzöſiſchen und gekuͤnſtelten Poeſie, ſelbſt die:„Excursion“ bekommt etwas Kindiſches und Geſchwätziges, ſobald ſie mit der fe⸗ erlichen und erhabenen Majeſtät der„Nachtgedanken“ in Vergleichung geſtellt werden. Die„Nachtgedanken“ haben noch ein anderes Verdienſt; außer der einen großen Lehre ſind ſie reich an vielen andern weniger wichtigen. Vergeſſen Sie den Plan— ſchlagen Sie irgend eine Seite auf, und auch der am meiſten weltlich geſinnte Mann wird vielfachen unterricht ſchoͤpfen können aus jenen Bemerkungen und Reflerionen, und jener irdiſchen Weisheit. Es iſt in der That merkwür⸗ dig, daß man oft auf derſelben Seite die Erhaben⸗ heit Milton's und die Schärfe La Bruyeres verei⸗ nigt findet. Ich kenne, außer der Odyſſee, kein Ge⸗ Relan⸗ rs des des daher, welche ratur d ein rſtau⸗ dem jetzt Men⸗ elten twas fei⸗ ken eres eſie eſſen eite nnte mnen ner uͤr⸗ en⸗ rei⸗ Be⸗ 271 dicht, welches in dieſer Beziehung die„Nachtgedan⸗ ken“ uͤbertrifft. Welche uͤberreiche Fuͤlle findet man an einzeln ſtehenden Schoͤnheiten! Die Gleichniſſe und die Anmuth des Ausdrucks, welche man uͤber⸗ all findet, durfen nicht unerwähnt bleiben. Wie ſchoͤn in der Diction iſt jene Anrede an die Blumen: „Ihr Lilien und Ihr, bemaltes Volk, „Das auf den Feldern lebt, und immer noch „Im Paradieſe blieb.“— und wie ausdrucksvoll iſt das kurze Gleichniß: „Wie unſer Schatten „Wachſen die Wuͤnſche, wenn die Sonne ſinkt.“— Doch hier muß ich inne halten, weil ich ſonſt zu weit gefuͤhrt werden wuͤrde; denn das Gedicht macht auf den oberflächlichen Leſer faſt mehr Eindruck, wenn es an einer beliebigen Stelle aufgeſchlagen wird, als bei einer regelmaͤßigen Durchſicht des Gan⸗ zen. Geſtatten Sie mir daher nur noch einige Worte uͤber den Verfaſſer ſelbſt. Der Ehrgeiz war aller⸗ dings ſeine Hauptleidenſchaft, und ſcheint bis zu ſeinen letzten Tagen ihn nicht verlaſſen zu haben⸗ Dieſe Neigung zum Ehrgeiz vermehrte vielleicht in ſeinen weiſern Augenblicken ſeine Verachtung der Welt; denn gewoͤhnlich wurden wir enttaͤuſcht, bevor wir verachten. Die reinere Quelle der Begeiſterung ſcheint jedoch ſein ganzes Weſen innig beſeelt zu ha⸗ ben. Im Colleg zeichnete er ſich durch ſeinen erfolg⸗ reichen Eifer gegen den Unglauben Tindal's aus. 272. Einige ſeiner fruͤheſten literariſchen Opfer wurden auf den Altar der Religion gelegt. Man ſagt, daß er einſt auf der Kanzel, wo er gewoͤhnlich ein ge⸗ waltiger und uͤberzeugender Redner war, bitter ge⸗ weint habe, als er ſah, daß er ſeine eigene Ruh⸗ rung den Herzen einer weltlich geſinnten Verſamm⸗ lung nicht mittheilen konnte. Von Natur eitel, gab er das Drama, in dem er ſich einen ſo großen Ruf erworben, auf, als er in die Kirche trat; und obgleich man ihn fuͤr habſuͤchtig ausſchrie, gab er doch,— als ſein Stuͤck:„die Bruͤder“ gegeben wurde, nicht den wirklichen Ertrag deſſelben(denn es machte kein großes Gluckh), ſondern den Ertrag, den er erwartet hatte(tauſend Pfund Sterlingh fuͤr die Verbreitung des chriſtlichen Glaubens unter den Heiden hin. Seine unterhaltung zeichnete ſich bei Kraft und Geſundheit durch einen religiöſen Auf⸗ ſchwung aus, ſo wie durch tiefe Gedanken bei der Annäherung ſeines Todes. Wir wollen mit ihm hof⸗ fen, daß die Sehnſucht ſeines Ses der Beweis fuͤr ein Jenſeits ſei: „Die Trauer bildet unſern W Theil, „Und eble Sehnſucht iſt Unſterblichkeit.“— Wir wollen, indem wir ſein Genie bewundern, von ſeiner Weisheit uns belehren laſſen; uns furchtsvoll vor dem Geiſte beugen, der„die Muſik der Sphären herabzog, um deren Gottheit zu ver⸗ kuͤndigen;“— und aus dem ſchrecklichen Bildniß . urden „daß n ge⸗ r ge⸗ Ruͤh⸗ mm⸗ eitel, roßen und b er geben (denn trag, fuͤr den bei Auf⸗ i der hof⸗ weis ern, ehr⸗ tuſik ver⸗ dniß 273 des Todes, welches er uns dargeſtellt hat, die Thor⸗ heit eines wilden und ausſchweifenden Lebens erken⸗ nen; mit ihm ſchaudern, wenn er den boͤſen Feind beſchwoͤrt aus der Unterwelt; ſeiner Anrufung der Nacht in ſtiller Bewunderung horchen: „Des Tages Erſtgeborner— der Natur „Urſprung und Stamm, und uͤberlebend einſt „Die Sonne ſelbſt.“— aber immer wollen wir zuruͤckkehren zu ſeinem letz⸗ ten begluͤckenden und heiligen Troſt: „Durch manchen heil'gen und erhabnen Spruch „Hat Euch die Muſe jetzt gefuͤhrt, und viel „Gezeigt von Sorgen in der Menſchen Thun „Und Eitelkeit,— und was der Wanderer „Auf dieſem boͤſen Wege nie vermißt;— „Auch Thraͤnen uͤber todte Freunde hat „Sie viel geweint— die Wunder Euch erzählt, „Die Gottes Liebe auf der Erde ſchuf;— „Unſterblichkeit bewieſen, und den Weg „Euch angedeutet, der zum Segen fuͤhrt „Auf Erden, und im Himmel einſt zum Heil!“— Ich habe den Inhalt,— und, ſo viel ich mich erinnern kann, die eigenen Worte der Bemerkungen meines Freundes mitgetheilt— es war die letzte Un⸗ terredung, die ich uͤber ſeinen Lieblingsdichter mit ihm hatte,— und wenn auch der, weltlicher Litera⸗ tur mehr ergebene Leſer nicht ganz mit L— in Be⸗ ziehung auf die hohe Stellung uͤbereinſtimmt, welche dem ſo beurtheilten Gedicht angewieſen wird; ſo glaube ich doch nicht, daß es ihm mißfallen wird, Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 18 274 wenn ſeine Aufmerkſamkeit auf einige Augenblicke fuͤr einen, wenigſtens der ausgezeichnetſten, wenn auch nicht der beliebteſten vaterlaͤndiſchen Dichter in An⸗ ſpruch genommen wurde.— uebrigens iſt es auch vielleicht nicht unzweckmaͤßig, wenn wir dann und wann unſre kritiſche Empfaͤnglichkeit fuͤr den Genius beleben, fuͤr deſſen Schoͤnheiten und Fehler, indem wir uns zuruͤckwenden zu jenen fruͤheren Schriftſtel⸗ lern, die— indem ſie außer dem Bereich unſrer klein⸗ lichen Eiferſucht liegen— uns, ſo zu ſagen, in der Gewohnheit erhalten, ohne Neid zu lobem und ohne ungerechtigkeit zu tadeln. Auch muß ich bekennen, daß er mir eine Pflicht gegen die beruͤhmten Todten ſcheint, bisweilen von dem geſchäftigern Treiben der Welt zu ihnen zuruͤckzukehren, um die Blumen zu bewaͤſſern, oder den Lorbeer anzufriſchen, womit eine fruͤhere Dankbarkeit ihre Graäber ſchmuͤckte. e fuͤr auch An⸗ auch und enius ndem lein⸗ der ohne men, dten der zu eine Neunte Unterredung. Bei der Annaͤherung des Todes werden die Unter⸗ haltungen inniger.— L—'s Vemerkungen uͤber den Gemeinſpruch, daß das Leben ein Scherz ſei.— Die Eitelkeit des Ehrgeizes.— Unſere Irrthuͤmer ent⸗ ſtehen aus dem Wunſche, groͤßer zu ſein, als wir ſind. — Gedanken uͤber den Aberglauben.— Die erſten Aſtrologen.— Philanthropie.— Die Beſorgniß, Veraͤnderungen mitbewirken zu helfen, deren gute Fol⸗ gen fuͤr eine kunftige Generation die Nachtheile fuͤr die unſrige nicht compenſiren koͤnnten.— Gegenſatz zwi⸗ ſchen dem ruhigen Leben der Männer von Genie, und den Umwälzungen, welche ihre Werke veranlaſſen. — Die Hoffnung des Umganges mit großen Geiſtern in einem kuͤnftigen Zuſtande.— Die Heiligkeit des Grabes.— Der Phaepon Plato's.— Die Beſchrei⸗ bung der letzten Augenblicke des Sokrates.— Die ungenügenden Beweiſe der heidniſchen Welt fuͤr die Unſterblichkeit des Geiſtes.— Die offenbarte Re⸗ ligion hat die Menſchen auf logiſcherem Wege zu den Argumenten der natürlichen Theologie geleitet.— Der Unglaube verwickelt uns in größere Schwierig⸗ keiten, als der Glaube.— Unſere Zweifel entmuthi⸗ gen uns nicht, wenn wir an Gott glauben.— L— 18* 276 letzte Stunden.— Sein Abſchied von der Natur.— Sein Tod. Der Tag war heiter und wolkenlos, als, gegen das Ende des Monat Auguſt ich langſam nach L—s ein⸗ ſamer Wohnung ritt; ſeine Kraͤfte hatten in den letzten Tagen ſo ſehr abgenommen, daß eine finſtere Ahnung mich befiel, ich wurde ihn zum letztenmal ſehen. Er hatte ſich immer vorgenommen, ſich nicht eher auf das Bett zu beſchränken, bis er durchaus dazu gezwungen ſein wuͤrde, und ich glaube, daß die⸗ ſes nicht ungewoͤhnlich hei Perſonen iſt, die an ſei⸗ ner Krankheit leiden. Seine gewohnten Zerſtreuun⸗ gen waren ſo ruhiger Art, daß er gluͤcklicherweiſe ſie bis zuletzt fortſetzen konnte, und ſeine, ſo reiche und mannigfaltige Unterhaltungsfähigkeit wurde durch die Annäherung des Todes nicht vermindertz vielleicht wurde ſie nur um deſto eindringlicher durch den lei⸗ ſeren Ton der ſanfteſten aller menſchlichen Stimmen, oder durch den Huſten, der ſeine Theorien uͤber dieſe Welt mit einer warnenden Erinnerung an die nächſte unterbrach. Ich habe bemerkt, daß, ſo wie bei alten Perſonen das Gedächtniß gewoͤhnlich geſchärft wird*), *) Naͤmlich im eigentlichen Sinn, das Gedachtniß, inſofern es fruͤhzeitige Kenntniſſe oder Ereigniſſe be⸗ das ein⸗ den ſtere nmal nicht haus die⸗ ſei⸗ uun⸗ ſe ſie und h die leicht lei⸗ men, dieſe ichſte alten d*), tniß, 277 es eben ſo bei Jenen der Fall iſt, welchen eine tödt⸗ liche Krankheit die verlängerte Ausſicht in die irdiſche Zukunft benimmt. Der Geiſt wendet ſich, wenn die äußeren Gegenſtände ihn nicht mehr in Anſpruch nehmen, nach innen, und die fruͤher der Hoffnung zugewendeten Gedanken kehren jetzt zur Vergangen⸗ heit zuruͤck. Fruͤher hatte ich an L— jene außeror⸗ dentliche Kraft des Gedächtniſſes, jene Schnelligkeit. mit der deſſen Schätze ihm zugänglich wurden, nicht vemerkt, welche er jetzt darlegte. Fruͤher ſchien mir ſeine Einbildungskraft ſeiner Gelehrſamkeit uberlegen zu ſein,— jetzt entwickelte jeder Gegenſtand, uͤber den wir ſprachen, eine Maſſe ausgedehnter und oft ſehr detaillirter Kenntniſſe, deren er ſich vielleicht fruher ſelbſt nicht bewußt war. Es iſt, trotz der Trauer, die es in uns erregt, ein ſchoͤner Anblick, das allmälige Dahinſcheiden eines edeln Gemuths zu beobachten— wie die Leidenſchaften entweichen, und der Geiſt eine groͤßere Feſtigkeit und Liebenswuͤrdig⸗ keit durch die Schwäche des erſterbenden Körpers entwickelt. Der Charakter nimmt einen hohern Aufſchwung, und unſre Liebe wird durch unſte Be⸗ trifft; alte Leute erinnern ſich deſſen, was vor 50 Jah⸗ ren vorgefallen iſt, vergeſſen aber die Begebenheiten von geſtern. Ihr Geiſt hat ſich der Jugend, als dem geeignetſten Hafen fuͤr die Reiſe zur Unſterblichkeit zu⸗ gewendet. 278 wunderung erhabener, und durch unſer Mitleiben ſanfter. Mit dieſen Betrachtungen erfuͤllt, kam ich in dem Hauſe meines ſterbenden Freundes an. Sein alter Diener ſagte mir:—„Mein Herr hat eine ſchlechte Nacht gehabt, er ſcheint heute Morgen niedergeſchla⸗ gen, und wird ſich gewiß ſehr freuen, Sie zu ſe⸗ hen, denn er hat oft gefragt, wie ſpät es ſei, als wenn die Zeit ihm zu lang wuͤrde.“— Der alte Mann wiſchte ſich, indem er ſo ſprach, die Thränen ab, und ich folgte ihm in L—s Studirzimmer. Das Anſehn des Kranken hatte ſich, ſelbſt ſeit ich ihn zuletzt geſehen, ſehr verändert. Die Augen ſchienen tiefer geſunken zu ſein, und die gewöhnliche fliegende Roͤthe ſeiner Krankheit war einer durchſichtig blei⸗ chen Farbe gewichen. Ich ergriff ſeine Hand, und er ſchuttelte freundlich mit dem Kopf.—„Das Ziel iſt faſt erreicht“— ſagte er lächelnd mit leiſer Stimme. Ich antwortete nicht, und nach einer kur⸗ zen Pauſe fuhr er fort:—„Man hat geſagt, das Leben ſei ein Scherzz es iſt ein ſehr trauriger Scherz, und wie ſchlechte Späße im Allgemeinen, wird er um ſo unerträglicher, wenn er bald zu Ende geht. Bei einer langen Krankheit behält man zuletzt nur den Bodenſatz des Geiſtes. Man ſpricht ſo viel von den moraliſchen Qualen, welchs den Suͤnder auf ſeinem Todtenbette erwarten, eben ſo gut könnte man auch von der phyſiſchen Schwäche eines ſterbenden iden dem lter chte hla⸗ ſe⸗ alte nen das ihn nen nde lei⸗ ind iel ſer ur⸗ as rz⸗ t. ur on uf n en 279 Ringers ſprechen. Die geiſtigen und die phyſiſchen Kraͤfte ſind in uns zu enge verbunden, als daß wir noch ſicher auf die eine derſelben rechnen koͤnnten, wenn die andere uns verlaͤßt. Ich bin wenigſtens gluͤcklich, daß die Ausdauer, wenn auch nicht die Elaſticität meines Geiſtes, mir in meinen letzten Ta⸗ gen bleibt! Ich durchſah heute Morgen einige Pa⸗ piere, die mit meinen fruͤheren Viſionen, dem erſten Streben nach Ruhm, und der Sehnſucht nach irdi⸗ ſcher unſterblichkeit gefullt waren. Ich bin zufrie⸗ den, daß mir nicht Zeit gewährt iſt, dieſen Trugbil⸗ dern mein Gluͤck zu opfern. Das Herz eines Man⸗ nes muß ſehr frivol ſein, wenn der Beſitz des Ruhms die Arbeit, ihn zu erlangen, belohnen ſoll. Der Werth des Ruhmes wird dadurch verringert, daß er nicht fuͤhlbar und gegenwaͤrtig iſt,— wir fuͤhlen, wir ſe⸗ hen, wir hoͤren ihn nicht. Man lobt uns hinter un⸗ ſerm Ruͤcken, aber wir horen es nicht; wenige loben uns in unſrer Gegenwart, aber wer waͤre nicht miß⸗ trauiſch gegen ſolches Lob?— Was beſtändig auf unſerer Jagd nach Ruhm uns erſcheint, iſt der Ta⸗ del, nicht das Lob— der Neid, nicht die Achtung⸗ Wir ſuchen den Verehrer, und wir finden den Ver⸗ folger.“ —„Ja,“ erwiederte ich,„aber der große Mann lernt bald ungerechte Anfeindungen verachten.“— —„In dem Verhältniß, als er den Tadel ver⸗ achtet“— entgegnete 2—,„wird er auch das Lob 280 verachten— iſt er nicht empfindlich gegen jenen, ſo wird dieſes ihm keinen Genuß gewähren; und ſo wird die Jagd nach Ruhm uns eine muͤhſelige Arbeit ſein, die ſich nicht belohnt, und zwar die Rachtheile eines ruhmloſen Daſeins, aber nicht deſſen Vortheile ge⸗ waͤhren.“ A. Aber beruͤckſichtigen Sie die Belohnung, welche unſer eigenes Herz uns gewaͤhrt, und die uns nichts zu rauben vermag— unſer ſtolzes Selbſtge⸗ fuͤhl, und, wenn Sie wollen, unſre Berufung auf die Gerechtigkeit der Nachwelt. L. Aber unſer Selbſtgefuͤhl— unfre Selbſtzu⸗ friedenheit kann eben ſo wohl, vielleicht ſelbſt noch ſicherer in einem ſtillen, ruhigen Lebenswandel, als durch des Ruhmes Erfolge erreicht werden; und was die Nachwelt betrifft, welcher philoſophiſche, welcher gemäßigte, weiſe Mann kann wirklich einen Genuß in der Gegenwart darin finden, daß er der Lobes⸗ erhebungen, die er nie hoͤren kann, ſich im Voraus erfreut?— Nein, man ſage, was man wolle, der Ehrgeiz iſt eine Thorheit; er heilt nie die Wun⸗ den, welche er dem Herzen ſchlug— er raubt dem Leben ſeine friſche Farbe, er ertodtet deſſen geſellige Genuͤſſe— er macht unſern Geiſt unempfänglich fur die Vortheile unſrer Jugend, und wir werden alt, ohne daß wir unſrer ſchoͤnſten Jahre uns erfreut ha⸗ ben. Wenn uns dieſe Leidenſchaft beherrſcht, ſo hat, wir koͤnnen es nicht laͤugnen, Alles, was ſonſt unſer „ſo vird ein, ines ge⸗ ng, uns tge⸗ auf izu⸗ och als was cher nuß bes⸗ aus der un⸗ dem lige fuͤr alt, ha⸗ at, ſer ———— 281 Herz entzuckt, einen oͤden, erdruͤckenden Charak⸗ ter, und, was noch ſchlimmer iſt, je mehr wir uns beſtreben, einen hoͤhern Flug zu nehmen, deſto em⸗ pfindlicher wird unſte Enttäuſchung.— Wahre Phi⸗ loſophen haben daher weiſe gehandelt, wenn ſie uns den Rath gaben, mehr unſre Vernunft, als unſre Gefuͤhle auszubilden, denn die Vernunft verſoͤhnt uns mit den gewohnlichen Gegenſtaͤnden des Lebens, unſre Gefuͤhle dagegen erregen in uns die Sehnſucht nach dem Entfernten, dem Schaurigen, dem Un⸗ ſichtbaren, „Daß das Gewoͤhnliche umkleidet wird „Mit goldnem Aushauch aus des Morgens Strahl.“— Doch der goldne Aushauch verſchwindet, je mehr der Mittag ſich nähert;— unſre Phantaſien ſind das Opium unſers Lebens, die Begeiſterung und die Viſion— dann aber die Abſpannung und die Er⸗ ſchlaffung.— Welcher ſonderbare unſtern iſt es aber doch, wenn wir es genauer unterſuchen, daß es thoͤricht wird, unſern herrlichſten Gefuͤhlen Nahrung zu gewähren!— Wir tragen in uns die Saat der Groͤßes laſſen wir ſie jedoch emporwachſen, ſo uber⸗ ſchatten ſie unſern Verſtand und unſer Gluͤck! Be⸗ merken Sie die Irrthuͤmer der Menſchen; auf welche geheimnißvolle Weiſe ſind ſie ſtets aus dem Wunſch entſtanden, groͤßer zu ſein, als wir ſind. Wie der Banyanenbaum ſich nur in die Luft erhebt, um wie⸗ 282 der zuruͤckzuwurzeln in die Erdez ſo mochten wir uns in den Himmel erheben, fallen aber immer wie⸗ der zuruͤck in den Staub.— So fuͤhlten die Men⸗ ſchen in den alteſten Zeiten, wenn ſie emporſchau⸗ ten zum geſtirnten Himmel, wenn ſie hoͤrten den„le⸗ bendigen Donner“ oder wenn der mächtige Sturm⸗ wind mit tauſend myſteriöſen Stimmen ihre Herzen fuͤllte,— daß geheime Kräfte uͤber ihnen wirken mußten;— ſie beugten ſich vor den unheimlichen Eindruͤcken— ſie nährten den Traum— und was entſtand daraus?— Aberglauben!— Der fin⸗ ſterſte und gefährlichſte aller moraliſchen Dämonen entſtand aus dem Wunſch, ſich einen Gott zu bil⸗ den, und ihre Nachfolger machten die Erde zu einer Hoͤlle durch ihre Beſtrebungen, die Myſterien zu behaupten, und die Befehle des Himmels zu wie⸗ derholen! Wie ſchoͤn, wie erhaben war jene Sehnſucht des menſchlichen Herzens, welche die alten chaldäiſchen Irrthuͤmer der Aſtrologie erweckte. Wer kann noch heute jene alten Wahrſager ſtudiren, die uns den großartigſten Anblick, den die Natur uns geſtattet, das Schickſal ganzer Reiche, die Wunder der Zeit, die Beſtimmung des Weltalls verkunden wollten, ohne Bewunderung zu fuͤhlen fur die ungeheure Idee ei⸗ nes ſelbſt ſo thoͤrichten Traumes? Wer dachte zuerſt daran, in dem großen Buche des Himmels zu le⸗ ſen?— Wer kam zuerſt auf den Gedanken, in je⸗ fin⸗ nen bil⸗ ner zu ie⸗ des en och en et, it, ne ei⸗ rſt 283 nen kalten, ruhig flimmernden Punkten ſei unſer Schickſal verzeichnet?— Wer es auch war, es muß ein kuͤhner und ungewoͤhnlicher Geiſt geweſen ſeinz aber gerade dieſe Erhabenheit ſeines Genies brachte der Welt Jahrhunderte von Taͤuſchungen, Pfaffen⸗ trug und Schreckniſſen.— Strebe fuͤr einen Au⸗ genblick empor von der geringen Maſſe des wirklich Bekannten— befluͤgle den Geiſt— vergoͤnne dem Streben ſeinen Flug.— und was kann der Erfolg ſein?— Wie ſelten Gewinn— wie ſelten et⸗ was Anderes, als eine glaͤnzende Thorheit!— So wie das Feuerwerk, welches Kinder in den finſtern Himmel ſenden— ſo ſteigt auch unſere Wißbegierde empor, und erleuchtet fuͤr einen Augenblick das dunkle Ge⸗ woͤlbe des räthſelhaften Raumes, fällt jedoch zur Erde zuruck, ſeines Glanzes beraubt— ein Spiel⸗ werk fuͤr Alle, doch ein Licht der Erkenntniß fuͤr Keinen. „Aber einen Ehrgeiz“— ſagte ich—„gibt es, mit dem Sie eine Ausnahme machen werden,— den der Philanthbopie, den Wunſch, den Ungluͤckli⸗ chen mehr zu erheben, als niederzudruͤcken;— und da Sie, wie ich weiß, un die Vervollkommnungsfä⸗ higkeit des Menſchengeſchlechts glauben, ſo wer⸗ den Sie jenen Ehrgeiz gewiß richtig zu wuͤrdigen wiſſen.“ „Sie erinnern mich freundlich,“ ſagte L—,„an eine der großten Troͤſtungen, mit denen ein Mann, 284 der ein warm fühlendes und wohlwollendes Herz hat, die Welt verlaſſen kann— an die ueberzeuguug näm⸗ lich, daß die Menſchen allmälig jener vollkommenen Tugend und jenem allgemeinen Gluͤck ſich naͤhern, welche ſeinen edelſten Wuͤnſchen entſprechen.— Die Nacht iſt, nach der alten egyptiſchen Lehre, die fin⸗ ſtere Mutter aller Dinge; mit dem Lauf der Jahr⸗ hunderte aber wird⸗es lichter. Was die Oberfläch⸗ lichkeit fuͤtchtet, das belebt eigentlich die Welt— ich meine der ewige Geiſt des Wechſels. und indem die Egyptier ſich dieſe Wahrheit, vielleicht unbewußt, vergegenwaͤrtigten, ſtellten ſie ihre Dämonen, wie Porphyrius uns erzählt, als auf dem Waſſer ſchwe⸗ bend vor, immer in Bewegung und den großen Fort⸗ gang der Veraͤnderungen leitend.— Wer uͤbernimmt aber leichtſinnig die ſchwere Verantwortlichkeit, die herrſchenden Meinungen ſeiner Generation zu erſchut⸗ tern, wenn er weiß, daß Jahrhunderte voruͤbergehen koͤnnen, bevor das Gute, welches dadurch erreicht wird, das Ueble compenſirt?— Dieſe Beſorgniß, dieſe Aengſtlichkeit des Gewiſſens ſind es, welche uns feige machen in der Gegenwart, und die großen Gei⸗ ſter, welche der Reform den Weg eroffnen ſollten, unthätig und niedergedruͤckt halten, während die un⸗ bedeutendern Geiſter, die Handlanger der Zeit, nur Zoll fuͤr Zoll der dringendſten Nothwendigkeit nach⸗ geben, Jahrhunderte dadurch das Ziel verzoͤgernd, hat, näm⸗ enen hern, Die fin⸗ ahr⸗ läch⸗ t. dem ußt, wie hwe⸗ ort⸗ nmt die huͤt⸗ hen eicht niß, uns Sei⸗ ten, un⸗ nur ch⸗ nd,, welches die Wenigen bereits in ihren Herzen und Speculationen erreicht haben.“ A. Es gehoͤrt mit zu den ſonderbaren Ereigniſ⸗ ſen, die wir täglich beobachten, daß Menſchen, die am meiſten das Leben Anderer aufregen, ſelbſt das ruhigſte und zuruͤckgezogenſte Leben fuͤhren. Es iſt merkwuͤrdig zu leſen, wie Kant, der die Gemuͤther der Deutſchen in Feuer und Flammen ſetzte mit dem truͤben Licht des Myſtizismus(, ſelbſt ein ſehr re⸗ gelmaͤßiges Leben von einem Tage zum andern fuhrte und den Mechanismus der Uhr darin nachahmte, welche durch ihren ruhigen Fortgang Millionen ihre Zeit beſtimmt, in der ſie mit ſtets neuen Traͤumen die kurze Spanne ihrer Eriſtenz erfullen.— So iſt es auch im Allgemejnen mit Philoſophen und Dichtern — wie wunderbar iſt der Gegenſatz ihres ruhigen Da⸗ ſeins mit der lebhaften Aufregung, die ihre geiſtige Thätigkeit oft hervorbringt!— Dieſes macht es uns auch vielleicht ſo intereſſant, die ſtillen Orte zu beſuchen, von wo die Orakel der Welt ausgingen— — die Einſiedelei zu Ermenonville— die Wartburgz weil in jener Rouſſeau ſeinen unſterblichen Phanta⸗ ſieen nachhing— in der andern der kuͤhne Geiſt Lu⸗ thers das Licht entzundete, welches noch jetzt leuchtet in der Welt!— Welche Betrachtungen muß die Stille jener verfallenden Gebäude erwecken, wenn wir uns des warmen Herzens und kräftigen Geiſtes ihrer fruͤhern Bewohner erinnern!— Plato und 286 ſeine Höhle blieben fuͤr alle Zeiten das Bild und Gleichniß fuͤr den Philoſophen und ſein Leben. L. Nur wenige Menſchen, theurer Freund, den⸗ ken an alle die erhabenen und gottlichen Hoffnungen, auf welche der Glaube an die unſterblichkeit uns hin⸗ weiſet. Eine der reinſten derſelben iſt die auf einen vollkommener gebildeten Geiſt— auf den großen Vor⸗ zug des Umgangs mit Allen, die vor uns gelebt ha⸗ ben,— auf die Erforſchung vergangener Zeiten, und ihrer finſtern Weisheit. Wie Vieles erſtirbt in eines jeden Menſchen Herzen, ohne einen Anklang zu fin⸗ den!— Wie Weniges von dem, was der Weiſe weiß, theilt er der Welt mit!— Wie viele Sai⸗ ten auf der Lyra in den Herzen der Dichter haben noch keine Toͤne hören laſſen!— Es iſt vielleicht eines der Privilegien unſerer unſterblichkeit, dieſen unermeßlichen Schatz von Weisheit und Harmonie, der fuͤr die Welt noch nicht erhoben wurde, kennen zu lernen. Die Welt kennt oft den beſten Theil ei⸗ nes Genius nicht— Plato verbirgt Vieles von ſei⸗ nem tiefen Wiſſen in ſeiner Höhle— und dieſes, das hohe Unbekannte, iſt unſer Erbtheil.—„Sie ſe⸗ hen“— fuhr L— fort,„wie leicht es iſt, mit dieſen Gedanken den Tod zu verſchoͤnern und zu zieren! Mit wie vielen Kraͤnzen konnen wir das Grab behän⸗ gen!— Ja, wir koͤnnen ſogar, wenn wir bei Zei⸗ ten anfangen, den Anblick des Grabes zu einer hoͤchſt verfuͤhreriſchen Viſion machen— wir entkleiden es und den⸗ ngen, einen Vor⸗ t ha⸗ und eines fin⸗ Leiſe Sai⸗ aben eicht ieſen onie, men l ei⸗ ſei⸗ ſes, ſe⸗ eſen en! dn⸗ Zei⸗ chſt es 287 nach und nach von Allem, was es Abſchreckendes und Duͤſteres hat, und es begleitet zuletzt unſere ange⸗ nehmſten Traͤume. Sowie der nicht anerkannte und vernachlaͤſſigte Genius ſeiner Muſe zufluͤſtert:— „Die Nachwelt wird Dich erkennen, und Du wirſt leben, wenn ich nicht mehr bin,“— ſo finden wir in der Zuſage dieſer Zukunft einen Erſatz fuͤr jeden Schmerz, fur jede Enttaͤuſchung in der Gegenwart. Die Araber glauben, daß dic Orte, wo die Men⸗ ſchen zuerſt der Gottheit opferten, unter einem be⸗ ſonderen heiligen Schutz ſtehen— der Raubvogel ver⸗ weilt dort nicht, das wilde Raubthier wird wie durch einen Zauber zuruͤckgehalten; es iſt ein geheiligter Ort, auf dem das Auge Gottes ruht, und den der Menſch in ehrfurchtsvollem Andenken haͤlt. Wie mit dieſen erſten Punkten der Gottesverehrung, ſo iſt es mit unſerem letzten Hafen der Ruhe— wie wir den Ort, wo unſere unvollkommene Anbetung dargebracht wurde, wo unſere erſte Erkenntniß des Goͤttlichen entzuͤndet wurde, in Verehrung halten, eben ſo ſollte es auch geſchehen mit dem, wo unſre vollkommenere Einweihung in das Geheimniß des letzten Grundes aller Dinge erfolgt, und wo die Darlegung unſerer Dankbarkeit nicht länger mehr durch die Sorgen um das Irdiſche geſtort und geſchmälert wird.— Wenn irgend ein Ort in der Welt heilig iſt, ſo muß es wohl jener kleine gruͤne Huͤgel ſein, unter dem aller Gram ein Ende hat, und von wo wir— wenn die Har⸗ 288 monie in der Schoͤpfung, die Stimme in unſe⸗ ren Herzen, jene Neigung des Menſchen, ſo leicht an eine Offenbarung zu glauben— wenn Alles die⸗ ſes unſerer nicht mit einer ewigen Luge ſpottet— uns auf Seraphs⸗Schwingen zu einem überirdiſchen Leben empor heben muͤſſen— umgeben von Allen, die wir lieben— das Streben unſerer Sehnſucht er⸗ fullt, unſer Geiſt ein umfaſſendes Wiſſen„ unſere Atmoſphäre ewige Liebe!“— Ich bemerkte einen Band des Plato auf dem Tiſch, und wir unterhielten uns uber dieſen göttlichen Phi⸗ loſophen und beſonders wurde ſein Dialog Phaedon der Gegenſtand unſeres Geſprächs. „Von allen Dialogen Plato's,“ ſagte L—,„iſt der Phaedon vielleicht am meiſten geleſen worden, und kann auch als der intereſſanteſte betrachtet wer⸗ ben, und zwar theils aus dem Grunde, weil er ſo genaue Mittheilungen uͤber die letzten Stunden des Sokrates enthalt, theils weil wir ſtets wißbegierig ſind, die Meinungen der weiſeſten Männer des Al terthums uͤber die unſterblichkeit des Geiſtes kennen zu lernen. Vielleicht giebt es keinen Theil unſerer Studien, der einen belohnenderen Genuß gewährte. Es lebt das Andenken derſelben in uns, wie die Er⸗ innerung an eine Landſchaft des Suͤdens, in welcher das Colorit des Himmels die Haupt⸗Schonheit bil⸗ det, von der wir zu berauſcht waren, als daß wir die uͤbrigen Details zi unterſuchen können, dir ri unſe⸗ leicht s die⸗ et— iſchen Allen, cht er⸗ unſere Tiſch, Phi⸗ aedn „iſt orden, t wer⸗ er ſo n des gierig 8 Al⸗ fennen nſerer ährte. 289 jedoch alle durch die Beleuchtung des Ganzen noch verklärt uud verſchoͤnert erſchienen. Jeder Dialog plato's iſt mehr oder weniger dramatiſch— der Phaedon jedoch am meiſten von allen. Es iſt ein Gemaͤlde von außerordentlicher Großartigkeit und Milde, in dem alle Geſtalten deutlich und lebendig ſind. Wir ſehen die vielen Schuͤler, einige Athenien⸗ ſer, andere Fremde, am fruͤhen Morgen des letzten Tages ihres Fuͤhrers und Lehrers an dem Thore des Gefängniſſes warten— denn das Schiff des Thr⸗ ſeus iſt jetzt zuruͤckgekehrt*), mit Blumen bekraͤnzt, als ein feſtliches zugleich, und als ein Opfer⸗Zeichen. Im Gefaͤngniß ſelbſt werden dem Sokrates die Feſ⸗ ſeln abgenommen.— Da ſtehen ſeine Schuͤler, trau⸗ ernd, aber nicht verzweifelnd— begeiſtert durch die fruͤheren Lehren ihres Freundes und Fuͤhrers— be⸗ ſeelt durch jene eigenthuͤmliche Leidenſchaft— nicht des Mitleidens, welche Plato ſo ſchon beſchrieben hat, in welcher der Schmerz uͤber ſeinen Tod durch alle jene Troͤſtungen, die ſie aus ſeinen letzten Un⸗ terredungen ſchoͤpfen, faſt aufgehoben wird. Der Gefangenwärter erſcheint— das Thor wird geoͤffnet — ſie ſind beim Sokrates. Die Art und Weiſe, in welcher, nachdem die lauten Klagen der antippe be⸗ *) Kein Verbrecher durfte vor deſſen Ruͤckkehr hinge⸗ richtet werden. Bulwer's Werke. LTaſchenausg. VI. 19 290 ſeitigt wurden, die erhabenen Gegenſtände des Ge⸗ ſpraͤchs eingeleitet werden, iſt beſonders einfach und natuͤrlich. Wir ſehen den Sokrates„aufrecht ſitzend auf ſeinem Bett,“ froͤhlich uͤber ſeine Befreiung von den Feſſeln moraliſiren— bis er von einem Gedan⸗ ken zum andern zu ſeiner beruͤhmten Entwickelung der urſachen gelangt, weshalb„ein tiefes Studium der Philoſophie entſchloſſen machen muͤſſe zum Tode.“ Die kleinen gelegentlichen Zuͤge, mit denen Plato hier und da den Dialog durchwebt, machen ihn beſonders lebendig; und die Eigenthuͤmlichkeit des Sokrates, in jener Miſchung leichter Froͤhlichkeit und erhabener Gedankenfuͤlle, welche ſeine Zuhoͤrer in dem Zuſtande zwiſchen Lachen und Weinen erhält— die freund⸗ liche Geduld, mit der er gewohnt iſt, Erwiederun⸗ gen aufzunehmen, und die Kunſt, mit der er den Fragenden ſich ſelbſt antworten zu laſſen weiß, ma⸗ chen den Charakter zu einem ſo deutlich und beſtimmt gezeichneten, als irgend einen in Shakespeare's Stuͤk⸗ ken. Die gänzliche Abweſenheit irgend eines rheto⸗ riſchen Verſuchs, eine unwuͤrdige Leidenſchaft aufzu⸗ regen, die natuͤrliche Einfachheit, mit der das ganze Trauerſpiel entwickelt wird von der Zeit an, da er auf das Glied zeigend, welches die Feſſeln zerquetſcht hatten, ihnen laͤchelnd erzaͤhlt, wie der Schmerz durch angenehme Empfindungen uͤberwogen worden ſei— bis zu dem Schluß, als er aus dem Bade zuruͤck⸗ gekehrt iſt, und nachdem er ſeine Kinder zum letz⸗ 291 tenmale umarmt hat, er ſich mitten unter ſeine Freunde ſetzt,„und ſprach jetzt nicht mehr viel, und die Sonne war ihrem Untergang nahe*)3“ der wei⸗ nende Gefangenwärter, der von ihm Abſchied nimmt; die Bitte des Sokrates, das Gift zu bringen, die Antwort Krito's:„nein, die Sonne verweilt noch auf den Bergen,“ der unbeſiegbare Blick des Sokra⸗ tes in das Antlitz ſeines Henkers(ſo unuͤberſetzbar ausgedrüͤckt in dem Wort ravoyoo„), als er das furchtbare Getraͤnk zu ſich nahm;— der plotzliche Ausbruch des Schmerzes ſeiner Schuͤler, uͤber den ſie jedoch durch einige Worte des Sterbenden errd⸗ then muͤſſen;— das umhergehen in der engen Zelle, um die Wirkung des Giftes zu beſchleunigen;— die Worte in der Beſchreibung:„und da er fuͤhlte, daß ihm die Glieder ſchwer wurden, legte er ſich *)„Und ſchon verſchwand der Sonne letzter Strahl— „Noch nicht— noch nicht— o ſcheine noch ein⸗ mal—“ Es iſt Schade, daß Byron durch ein ungluͤckliches Beiwort in den folgenden Zeilen den Eindruck ſeiner ſchoͤnen Beſchreibung ſtoͤrt. Es iſt nämlich die Rede von Thränen der Verzweiflung. In den Thränen, welche die Schuͤler des Sokrates um ihn weinten, war jedoch keine Verzweiflung.„Die Trauer war,“ wie Plato ſagt,„nicht ganz unangenehm.“ Der Tod eines durchaus vortrefflichen Mannes läßt keine Verzweif⸗ lung zu. 19* 292 nieder“— um zu ſterben;— die Scene, als der Henker ſeinen Fuß ſtark druͤckte und ihn fragte, ob er den Druck fuhle, von dem er aber keine Empfin⸗ dung mehr hatte;— der allmalige Fortſchritt des betäubenden Giftes von den Fuͤßen zu den edleren Theilen, und wie Sokrates denen, die um ſein Bette ſtehen, ſelbſt noch ſagt, daß die Glieder kalt und ſteif werden, indem er in jener unvergleichlichen pa⸗ thetiſchen Phraſe hinzufuͤgt:—„Wenn es mein Herz erreicht, ſo werde ich Euch verlaſſen;“— jener letzte und myſtiſche Befehl,(den die letzten Pla⸗ toniker als einen ſymboliſchen Wunſch der Reinigung und Heilung zu erklaͤren ſich bemuͤhten) dem Aesku⸗ lap zu opfern;— Krito's Frage:„Haſt Du keinen andern Wunſch?— die ruhige Trauer der Stelle, die darauf folgt:„Hierauf gab er keine Antwort, aber als er kurze Zeit ruhig gelegen hatte, bewegte er ſich, und ſeine Augen wurden ſtarr. und Krito bemerkte es, und druͤckte ihm die Augen und den Mund zu.— Dieſes, Echekrates, war das Ende unſeres Führers.“— Dieſes ganze Gemälde, ſage ich, iſt ein ſo großes Meiſterſtuͤck der Wahrheit und Zärtlichkeit— die Darſtellung eines ſo großartigen Schauſpiels— daß es ſchon an und fuͤr ſich ſelbſt den Phaedon zu einem der herrlichſten Schätze er⸗ hebt, die uns aus der goldenen Zeit des Alterthums geblieben ſind. Aber um wie viel ergreifender muß die Wirkung ſein, da die letzte Scene eines ſolchen 293 Lebens durch alle Hoffnungen und Ahnungen des ent⸗ weichenden Geiſtes verklärt wird— da der Abſchied von dieſer Welt erleichtert wird durch erhabene Troͤ⸗ ſtungen auf ein Jenſeits, und der Weiſe ſeine ganze Weisheit auf den einen Satz zuruͤckgefuͤhrt, daß ſter⸗ ben unſterblich werden heißt. Wir wollen nicht die Gedanken, welche dieſer Dialog in uns anregt, durch eine Kritik der Details beeintraͤchtigen— wir ziehen es vor, das Andenken an denſelben lieber unſeren Gefuͤhlen zuzuweiſen, als der unterſuchung der kalten Vernunft. Ach! wenn wir Letzteres thun, ſo wird der Effect bedeutend ge⸗ ſtoͤrt. Denn ich muß geſtehn, daß, trotz aller Poeſie der Sprache, trotz aller Schaͤrfe der Argumente, ich mich durch die Schlußfolgen des großen Heiden, ſobald ich ihnen mehr mit dem Verſtande, als mit dem Herzen und der Einbildungskraft folge, mich nicht uͤberzeugt fuͤhlen kann. Faſt jeder Beweis, den er fuͤr die unſterblichkeit des Menſchen anfuͤhrt, iſt eben ſo anwendbar auf das niedrigſte der Thiere, auf das kleinſte Geſchoͤpf, welches in einem Tropfen Waſ⸗ ſer lebt. So zum Beiſpiel jener Schluß, der viel⸗ leicht von allen am wenigſten dunkel iſt, und den⸗ noch faſt eine ſcholaſtiſche Frivolitäͤt genannt werden kann.„Das Entgegengeſetzte kann das Entgegen⸗ geſetzte nicht aufnehmen, eben ſo wenig als das Ent⸗ gegengeſetzte von dem, durch das es eingefuͤhrt wird. Was giebt dem Koͤrper, wenn es ſich in ihm befin⸗ 294 det, das Leben?— Der Geiſt. Der Geiſt fuͤhrt da⸗ her das Leben in Das ein, was er bewohnt. Was iſt das Entgegengeſetzte des Lebens? Der Tod. Der Geiſt kann aber nicht das Entgegengeſetzte von Dem aufnehmen, was er eingefuͤhrt hat— er kann des⸗ halb den Tod nicht aufnehmen.— Wie nennen wir aber Das, was den Tod nicht aufnimmt?— un⸗ ſterblich.“— Dieſes iſt einer von den verſtändlich⸗ ſten Beweisgruͤnden des weiſeſten aller Heiden. Koͤn⸗ nen wir uns noch wundern, wenn wir horen, daß Sokrates und Plato in Athen nur Wenige zu dem Glauben an die unſterblichkeit des Geiſtes bekehren konnten?— Geht man auf deren Beweisfolgen ein, ſo hat die Fliege am Fenſter, die Spinne, welche auf ſie lauert— ja, ſelbſt der Baum, ſo wie wir, das Princip, welches das Leben einfuͤhrt, und koͤn⸗ nen nicht das Entgegengeſetzte von Dem aufnehmen, was es einfuͤhrt— ihr Geiſt iſt deshalb eben ſo un⸗ ſterblich als der unſrige. Aber noch ein groͤßerer Einwurf beſteht darin, daß die Frage verwickelt wird, wenn Sokrates be⸗ hauptet, Das, welches das Leben einfuͤhre, ſei der Geiſt. Hier liegt gerade der Scheidepunkt zwiſchen dem Materialiſten und uns. Was kann verwirren⸗ der ſein, als die noch ſubtileren unterſcheidungen uͤber „Harmonie,“ und„Gleichheit“ und uber die Präexi⸗ ſtenz des Geiſtes— über welche letztere jedoch die Beweiſe des Weiſen uͤberzeugender ſind, als uͤber die 295 Fortdauer des Geiſtes nach dem Tode, die jedoch, wenn ſie wahr waͤren, des ganzen Heils der Unſterb⸗ lichkeit uns wieder berauben wuͤrden— denn wenn der Geiſt ſchon da war, bevor er unſeren Koͤrper be⸗ lebte— und wenn unſere ſcheinbaren Kenntniſſe viel⸗ mehr dunkle Erinnerungen unſeres fruͤheren Wiſſens ſind— wenn, wie die ſchwaͤrmende Poeſie der Pla⸗ toniker es vorausgeſetzt hat, das Entzuͤcken, welches die Entdeckung einer Wahrheit uns veranlaßt, nichts iſt, als die Wiedererkennung derſelben— das Wie⸗ derfinden, ſo zu ſagen, von Etwas, das uns fruͤher innig vertraut und bekannt war— wo bleibt denn die vollkommene Identitaͤt, welche allein ein neues Daſein fuͤr uns zu einem Gluͤck machen kann, def⸗ ſen wir uns bewußt werden?— Welchen Troſt kann es mir gewaͤhren, zu glauben, daß mein Geiſt in einer andern Form fortleben wird, daß aber ich— mein ſich ſelbſt bewußtes Ich— mein Gedächtniß und meine Erinnerung,— das neue Daſein nicht fuͤhlen?— Dieſes wuͤrde nicht eine Fortſetzung mei⸗ ner ſelbſt ſein, ſondern eine Veraͤnderung in einen Andern, der von mir ſo verſchieden wäre,— als Sokrates von Newton.— Nein, durch den Phae⸗ don koͤnnte ein moderner Unglaͤubiger nicht uͤber⸗ zeugt werden; aber Alles iſt in ihm dazu geeignet, Denjenigen, der bereits glaubt,— der nur wuͤnſcht, ſeinen Glauben mit ſchoͤnen Gedanken zu bereichern — in das hoͤchſte Entzuͤcken zu verſetzen, und zu er⸗ 296 bauen*), ſo daß er von dem Pisgah ſeiner ueber⸗ zeugung hinabſchaut auf die Irrenden. Alle unſere ſpaͤteren Anhaͤnger der natuͤrlichen Religion ſind gluͤck⸗ licher in ihren Schlußfolgen, als dieſer erhabene Alte. Es gehoͤrt zu den beſondern Segnungen der offen⸗ barten Religion, daß ſie die Menſchen logiſcher zu den Folgerungen fuͤr die natuͤrliche Theologie gefuͤhrt *) Es gewaͤhrt im Phaedon, wie uͤberhaupt in al⸗ len Schriften Plato's, großes Intereſſe, in ſeinen Theo⸗ rien die Keime moderner philoſophiſcher oder chriſtlicher Glaubensartikel zu verfolgen. Zum Beiſpiel Reid's Be⸗ hauptung von der uns inne wohnenden Anlage zur Wahr⸗ heit, oder„das inſtinktmaͤßige Vorherwiſſen menſchli⸗ cher Handlungen“ war bereits in Phaedon angedeutet, wenn auch hier nur von der Praͤexiſtenz des Geiſtes (eine Lehre, die wenigſtens ſo alt iſt, als Pherecides, der, als der erſte unter den Griechen, lehrte, der Geiſt beſtehe von Ewigkeit her— Sokrates lehrte wenig oder nichts vollkommen Neues. Ach! wohl faſt Nie⸗ mand!) und von jener phantaſtiſchen Lehre die Rede iſt, daß das Wiſſen bloß eine Ruͤckerinnerung ſei.— „Die Wahrheit hiervon,“ ſagt Cebes,„wird durch ei⸗ nen ſchoͤnen Beweis beſtätigt. Wenn man die Menſchen auf geeignete Weiſe befragt, ſo werden ſie von jedem Dinge ſprechen, wie es wirklich iſt— wäͤre dieſes aber moͤglich, wenn nicht Kenntniſſe und geſunde Vernunft ihnen inne wohnten, oder eingeboren waͤren?““ In einem andern Theil des Phaedon kann man die erſte Andeutung des katholiſchen Fegefeuers auffinden— wenn auch in den aus Egypten entlehnten Myſterien vielleicht noch ein fruͤherer Urſprung nachzuweiſen iſt. 297 hat. Deren Feinde ſelbſt haben, trotz dem, daß ſie mit den Principien derſelben nicht uͤbereinſtimmten, ihre wichtigſten Schlußfolgen beſtätigt. Die Unſterb⸗ lichkeit des Geiſtes wurde zu einer ernſten und be⸗ ſtimmten Lehre, welche die Schuͤler nicht nach Ge⸗ fallen umgehen konnten. Die Aufmerkſamkeit wurde fuͤr die Gruͤnde dafuͤr und dagegen entſchieden in An⸗ ſpruch genommen. Und aus vielfachen Streitigkei⸗ ten ſind die Principien entwickelt worden, die die⸗ ſem Glauben zur Grundlage dienen. Als Chriſtus ſagte: Ich bin das Licht der Welt!— ſprach er eine ſeiner erhabenſten Prophezeihungen aus. Sein Glaube hat unendlich viel Wahrheiten hervorgeru⸗ fen; nicht allein die Reformer, welche, indem ſie die Religion unterſuchten, die Freiheit begruͤndeten, ſondern auch die Philoſophen, welche durch die Er⸗ weiterung des Reiches der Zweifel auch das der Ge⸗ danken vergroͤßerten— ſie entdeckten Laͤnder, welche wir ſeitdem bekehrt haben— ſie drangen in die dun⸗ klen Regionen der Ungewißheit, welche ſeitdem mit Wahrheiten bevolkert worden ſind; und der Finſter⸗ niß haben wir unſre Fuͤhrer zu verdanken, ſo wie die Nacht uns die Sterne ſichtbar macht. Der Glaube hat die Philoſophie, ſtatt ſie zu unterdruͤcken, nur noch ſtrenger und forſchender gemacht. Wenn uns noch Raͤthſel beunruhigen, die unſere Vernunft nicht aufzuloͤſen vermag— wenn der urſprung des Uebels uns noch betruͤbt und in ein Labyrinth fuͤhrt— 298 wenn wir nicht begreifen koͤnnen,„wie der Geiſt in den Koͤrper tritt oder ihn verlaͤßt, noch das Geheim⸗ niß der Harmonie der Lyra“(ein ſchoͤnes Gleichniß im Phaedon) kennen;— ſo konnen wir doch immer bei den Ruhepunkten verweilen, die wir gewonnen haben, und unſere Unwiſſenheit braucht nicht in al⸗ len Faͤllen ſich zum Richter aufzuwerfen, bloß des⸗ halb, weil ſie nicht Zeuge ſein kann.— Ueberzeugt, daß, wenn der Glaube ſeine Raͤthſel hat, der Un⸗ glaube doch noch finſterer iſt, lernen wir die Philo⸗ ſophie der Hoffnung, und wenn der Geiſt, erſchrok⸗ ken und verwirrt durch den öden Raum, der ihn um⸗ giebt, zuruͤckſinkt, ſo duͤrfen wir darauf bauen, daß Er, der ihm ſeine Fluͤgel verlieh, ſpaͤter ſeine Kraft ſtärken, ihn auf den richtigen Weg leiten, und ihn befaͤhigen wird, den Glanz zu ertragen, der jetzt noch ſeinen Blick verblendet. Sind wir einmal von dem Daſein Goites uͤberzeugt, ſo uͤberwinden wir die Ver⸗ zweiflung!— Wir moͤgen wohl noch unſere Zweifel und Wuͤnſche hegen— unſere Sorgen und Muͤhſe⸗ ligkeiten haben— aber es genuͤgt uns, zu wiſſen, daß es unſere Beſtimmung iſt, ſie zu uͤberleben. Und wenn wir ermuͤdet ſind von unſeren eitlen Wande⸗ 3 rungen, ſo erinnern wir uns, daß der Gedanke zu Gott ſelbſt ſich fluͤchten kann— und daß wir an dem Buſen eines Vaters Beruhigung ſchoͤpfen duͤrfen!“— unter Geſprachen dieſer Art wurde der Tag be⸗ rioſer Glaube zum Leben und Regierer der Welt ge⸗ 299 endigt, und wann wird jemals das Andenken an dieſen Tag mich verlaſſen!— Es ſchien mir, als wir am Fenſter ſaßen, die Sonne in der ſtillen Som⸗ merluft zu ihrem Untergang ſich neigend, die Blaͤt⸗ ter unbewegt, und doch wie voll Leben, die Muͤcken tanzend in den letzten Sonnenſtrahlen, die Vogel mit ihren Liebeshymnen, und dann und wann das Zir⸗ pen der Grasmuͤcke— es ſchien mir, als wir ſo ſaßen, und hinausſchauten in das lebendige Treiben der Natur, als hoͤrte ich die Toͤne jener mit ſo ſchwaͤrmeriſchen Viſionen erfuͤllten Weisheit, die fuͤr den ſich beſonders eignete, deſſen Leben ſich zum Schluſſe neigte,— als koͤnne ich mir denken, daß die Welt einige tauſend Jahre juͤnger ſei, und daß nicht einer von den Soͤhnen unſerer kalten und nuͤch⸗ ternen Zeit von dem Leben Abſchied zu nehmen im Begriff ſtehe, ſondern vielmehr ein Enthuſiaſt jener Tage, wo das Wiſſen eine Leidenſchaft und ein Traum zugleich war, als noch die Geheimniſſe des Weltalls und des kuͤnftigen Lebens fuͤr die anziehendſten Ge⸗ genſtände menſchlicher Erkenntniß galten, und in den ſchoͤnen Ländern des Weſten die Soͤhne der Weisheit geboren wurden, um unter den Bäumen zu ſterben, welche ſie mit Gottheiten bevolkert hatten, und ih⸗ ren eigenen Geiſt dem großen Geiſt uͤberließen, von dem ſie einen Theil bildeten, und welchen ihr myſte⸗ 300 macht hatte ¹); denn ich glaube, nein, ich bin ſogar uberzeugt, daß dieſe Erſtlingsgebornen der Philo⸗ ſophie weder in ihrem Benehmen, noch in ihrer Ge⸗ dankenweiſe richtig durch die Nachwelt, welche leicht⸗ ſinnig auf den Staub tritt, der einſt Leben war, gewürdigt worden ſind. Sie waren auf Irrwegen, aber ihre Wege waren nicht die der Erde, und ſie beſaßen mehr von jener Kraft und Schoͤnheit und Majeſtät, welche der Geiſt ſindz ſie hatten weniger Irdiſches und mehr Geiſtiges, als manche geweihte Prieſter, welche aus dem cherubiſchen Paradies des Tithes des irdiſchen Charakters des Heidenthums geſpottet haben. Und jetzt ſank die Sonne, und „Der Abendſtern „Begruͤßt mit Liebesblick die ſtille Nacht**).“ „Erinnern Sie ſich,“ ſagte L—,„einer Geſchichte in einer unſerer alten engliſchen Chroniken, wie ein Vogel in des Königs Zimmer flog, als der König mit irgend einem Weiſen uͤber das Weſen des Gei⸗ * Phornutus meint, indem er vom Jupiter ſpricht, den Geiſt der Welt, indem er uͤber ihn ſich ſo aus⸗ drückt: omeo 6 ee ꝛc.—„So wie wir ſelbſt durch einen Geiſt belebt werden, ſo hat die Welt auf gleiche Weiſe einen Geiſt, der ihr inne wohnt, und die⸗ ſen nennen wir Zeus, weil er vie Urſache des Lebens in allen lebenden Weſen iſt.“ Xc. Cudworth. Vol. I. p. 529., **) Milton, ein Gedicht des Verfaſſers. ichte ein onig Gei⸗ icht, aus⸗ elbſt auf die⸗ bens 301 ſtes ſich unterhielt?—„Sieh,“ ſagte der Weiſe, „der Geiſt gleicht dieſem Vogel, waͤhrend er in dem Zimmer iſt; Du kannſt deſſen Flug und Bewegungen beobachten, aber Du weißt nicht, woher er kam, noch wohin er fliegen wird, wenn er das Zimmer verlaͤßt.“— Es begab ſich jetzt, merkwuͤrdig genug, daß, waͤhrend 2— ſprach, ein kleiner Vogel, ich weiß nicht, von welcher Art, plotztich auf den Raſen un⸗ ter das Fenſter huͤpfte, und obgleich alle ſeine fruͤ⸗ heren Mitſänger bereits ſchwiegen, einen langen, volltonenden, ſuͤßen Geſang ertoͤnen ließ, welcher in dem allgemeinen Stillſchweigen, faſt einen unheim⸗ lichen Eindruck machte.—„Armer Vogel!“ ſagte L—,„es iſt Dein Abſchiedslied an Einen, der Dir vielleicht Futter fuͤr Deine Kleinen gegeben hat, und deſſen Haͤnde bald für immer geſchloſſen ſein werden. — und,“— fugte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, die Augen empor hebend, und in die milde Sommr⸗ nacht hineinblickend—„und ſollte ich nicht dankbar ſein gegen jene Macht, die ſeit meiner Kindheit meinen Gedanken Nahrung gewährte, habe ich keine Abſchiedshymne fuͤr jene Natur, die ich vielleicht zum letztenmal ſehe?— O, unſichtbarer Geiſt der Schöpfung— der uͤber alle Dinge wacht— uͤber die Wuͤſte und den Felſen ſowohl, als uͤber die le⸗ bendig rieſelnde Quelle oder uͤber das gruͤne Thal und die Felder mit ihren Fruͤchten— mich, der ich Bulwer's Werke. Taſchenausg. VI. 20 302 jetzt ſo traurig und muͤde bin, haſt Du gepflegt, wie das liebſte Deiner Kinder!— Du haſt unaus⸗ ſprechliche Troͤſtungen dem Herzen zugefluſtert, wel⸗ ches der Welt, durch die es getäuſcht worden, uͤber⸗ druͤßig war!— Du gewährteſt mir in den Stuͤr⸗ men auf den Bergen eine Muſik, meinem Ohr wohl⸗ toͤnender, als die in den Paläſten— Du ließeſt die Blumen und das Gras mich anlächeln, wie liebliche Kinder ihren Vater. Mir war jeder Deiner ewigen Sterne wie der Blick der erſten Geliebten dem Her⸗ zen des Dichters!— Ratur! meine Mutter Natur! — So wie der Knabe in der harten Sklaverei der Schule ſich in das Freie ſehnt, ſo ſehnte ich mich in den Mauern der Städte und unter dem Treiben fremder Menſchen nach Deiner ſuͤßen umarmung, nach Deinem Buſen, an den ich mein Haupt legen, und meinen Thränen freien Lauf laſſen konnte!— Ich danke Dir, Natur, daß Du bis auf den letzten Augenblick mir treu bleibſt!— Richt in den engen Gemächern der Arbeit und Muͤhſeligkeit— nicht ge⸗ feſſelt auf ein Lager, von wo meine Augen, wenn ſie Dich ſuchten, nur jene kahlen Waͤnde erblicken wuͤrden, die des Sterbenden traurigſtes Gefaͤngniß ſind, oder durch das Gitter nur ſchauen könnten das gleichgultige Drängen der untheilnehmenden Menge — nicht ſo wird mein letzter Seufzer mich vereinigen mit der großen Quelle des Lebens!— In jenem geheimnißvollen Augenblick, wenn der letzte Athem egt, us⸗ wel⸗ ber⸗ tuͤr⸗ ohl⸗ die iche gen er⸗ ur! der in ben ng. en ten gen ge⸗ nn ken niß ten ge en em entweicht, wird das Gefuͤhl Deiner Freiheit noch er⸗ guicken meinen Geiſt!— Lebe wohl, Du, und Deine vielen tauſend Diener und Kinder,— jedes Blatt am Baum, jeder Thautropfen im Graſe, je⸗ des Luftchen, das die Bläthen erquickt, ſind wie Freunde, die ich lieber um mein Todtenbette ver⸗ ſammelt ſehe, als fuhlloſe Herzen, und meinem Geiſt entfremdete Menſchen!— O, Natur, lebe wohl! — Werde ich, wenn wir wieder vereinigt ſind in einem andern Daſein, Deine Macht, Deine Schon⸗ heit, Dein Weſen inniger fuͤhlen koͤnnen, als in dieſem?“— Als ich von L— fuͤr die Nacht Abſchied nehmen wollte, bat L— mich, mit bedeutungsvollem Ton, noch etwas länger bei ihm zu verweilen.—„Die Wahrheit iſt“— ſagte er—„daß Dr.— zweifelt⸗ ob ich noch einen andern Tag erleben werde; blei⸗ ben Sie daher wenigſtens ſo lange bei mir, bis ich einſchlafe. Ich meine dies“— fuͤgte er lächelnd hinzu—„nicht im bildlichen, ſondern im woͤrtli chen Sinne.“— Ich blieb, als er ſich niedergelegt hatte, neben ſeinem Bett ſitzen, und wir fuhren fort, uns zu un⸗ terhalten, denn er wuͤnſchte es, aber nur mit langen unterbrechungen. Er gab mir noch mehrere Auf⸗ 20* 304 träge in Beziehung auf ſein Begräbniß, und auf mehrere andere, in ſeinem Teſtamente nicht erwaͤhnte Angelegenheiten. War auch der umgang mit Men⸗ ſchen ihm gleichgültiger geworden, ſo war er doch nicht undankbar gegen ihre Zuneigung gewordenz der geringſte Beweis von Herzensgüte that ihm ſehr wohl, und er wollte bei ſeinem Tode zeigen, daß er keinen derſelben vergeſſen habe. Ich habe bemerkt, daß je mehr wir von der Welt entfernt leben, deſto mehr kleine Gefälligkeiten, die in dem Treiben der Geſellſchaft ſelbſt unberuͤckſichtigt bleiben wuͤrden, von uns geſchätzt werden— dieſelbe ueberſchatzung aber findet allerdings dann auch in Beziehung auf unbedeutende Verletzungen Statt. Das Herz gelängt nie zu der Unabhaͤngigkeit des Geiſtes. Vor dem Fenſter, welches nach dem Garten ging, ſchwankten die Spitzen der Bäume hin und her, und der Himmel war vollkommen wolkenlos, und mit Sternen beſäet.—„Ich werde ſehr mude,“— ſagte —„machen Sie den Vorhang des Bettes zu.“ Ich that es, und ſchlich mich leiſe in das benach⸗ barte Zimmer, wo die Waͤrterin ſſernh in ei⸗ nem Armſeſſel am Kamin ſaß. „Schläft er?“ fragte ſie, und ſtand auf, als ich mich näherte. „Er wird bald einſchlafen,“ ſagte ich,„er ſcheint muͤde zu ſein.“ „Der arme Herr!“ entgegnete ſie,„ſeine Leiden uf nte en⸗ och der hr kt, ſto er en, n8 uf t ig, nd te 30⁵ werden bald voruͤber ſein, und ſie nahm bei dieſen Worten eine große Priſe aus ihrer Doſe. FJa!— ſo iſt der Welt Brauch. Mit welcher bewundernswerthen Leichtigkeit weiß man den Schmerz zu beſeitigen!— Ein Freund, ein Bruder, ein Ehemann, ja, ſelbſt ein Sohn ſtirbt— ſie danken Gott dafuͤr, daß ſeine Leiden voruͤber ſind!— In einer Beziehung haben ſie Recht. Sie genießen ih⸗ ren eigenen kurzen Sommer, wie ſie am Beſten kon⸗ nen, und verlangen von der Wolke nicht, daß ſie ränger am Himmel verweile, als nothig iſt, um den Boden zu erfriſchen und die Blumen gedeihen zu laſ⸗ ſen. Ja, dieſes iſt eine engbruͤſtige Anſicht uͤber den Zweck des Todes. Ein erhabener Genius verſchwin⸗ det,— ein warmfuͤhlendes Herz hort auf zu ſchla⸗ gen, und wir denken bloß(wenn wir uns ſelbſt tro⸗ ſten) daran, daß das Individuum von ſeinem Schmer⸗ zenslager befreit iſt. Sollten wir aber nicht an den Verluſt denken, den die Welt— den das menſch⸗ liche Geſchlecht erleidet? Ich glaube doch. Wie viele Gedanken, welche Ueberzeugung haͤtten predigen konnen auf der ganzen Erde, werden durch den fruͤh⸗ zeitigen Tod eines Weſens fuͤr immer vernichtet! Welche Dienſte hätte die hohe moraliſche Reinheit, das tiefe Wiſſen, der feurige Geiſt L—s der Erde noch leiſten konnen!— Aber daran denken wir nie!—„Der arme Herr“— ſagte die Wärterin —„ſeine Leiden werden bald uͤberſtanden ſein!“— und 306 dabei nahm ſie eine Priſe Schnupftabak.— Mein Gott! wie gut koͤnnen wir uns doch ſelbſt troſten! „Er iſt ein guter Herr,“ fuhr ſie fort, indem ſie nach dem Kamine zuruͤckkehrte—„und dabei hat er die Thiere ſo lieb. Der Hund Caeſar liegt voch, wie gewöhnlich zu ſeinen Fuͤßen?— o, ich wette, daß er da liegt, ſtill wie eine Maus. Ich bin ge wiß, die Thiere wiſſen, ob wir krank ſind, oder nicht. Ach, was wird der Hund beginnen, wenn—“ und die Wärterin hielt inne, und nahm wieder eine Priſe. Dieſe unterhaltung verletzte mich, und ich ſchlich mich wieder in das nächſte Zimmer. Welches Still⸗ ſchweigen herrſchte hierz doch das Herz verſteht auch die Sprache des Stillſchweigens!— Ich ging grade auf das Bett zu. L—s Hand lag auf der Decke. Ich ergriff ſie ſanft; der Puls ging faſt unfuͤhlbar leiſe, aber er ſtockte noch nicht ganz. Ich wollte eben die Hand wieder zuruͤckziehen, als L— ſich halb umwendete, und ſie leiſe druͤckte. Ich hoͤrte einen ſchwachen Seufzer, und da ich glaubte, er wache, ſo beugte ich mich uber ihn, um ihm in das Geſicht zu ſehen. Das Licht fiel vom Fenſter her auf daſſelbe, und ich war befremdet— erſtaunt uͤber das milde, himmliſche Lächeln, welches um ſeine Lippen ſchwebte — Aber dieſe Lippen waren von einander getrennt! — Ich fuͤhlte nochmals ſeinen Puls.— RNein— er ging nicht mehr. Ich wendete mich fort mit ei⸗ te, der ine ich ill⸗ ch de ke. ar te ub en ſo zu e, te t ei⸗ 307 nem unausſprechlichen Gefuͤhl der Beklommenheit im Herzen. Ich ging nach der Thuͤre, und rief mit leiſer Stimme der Wärterin. Sie kam ſchnell, doch es ſchien mir eine Stunde, bis ſie die Schwelle be⸗ trat.— Wir traten zum Bett,— und da ſaß der arme Hund neben dem Haupt ſeines Herrn. Er war von ſeinem gewoͤhnlichen Ruheplatz ſacht em⸗ por gekrochen; und als er uns den Vorhang ausein⸗ anderziehen ſah, ſchaute er uns mit einem ſo bedeu⸗ tenden Blick an, daß— nein, ich kann weiter nichts ſagen!— Der Tod eines guten Mannes macht auf uns einen Eindruck, den wir nicht der ganzen Welt vorſchwatzen können!— Ueber Untreue in der Liebe Fi⸗Ho⸗Ti; ober: Die Freuben des Rufes. Die Weltkenntniß in Menſchen und Buͤchern Die Geſchichte von Koſem Keſamim, dem Zau⸗ berer. Ueber die Leidenſchaft zu dem Univerſellen. Ferdinand Fitzroy, oder: Ueberall zu ſchoͤn. Der neue Phäbon, oder: Geſpräche über menſch⸗ liche und göttliche Dinge mit einem Tod⸗ kranken 42 74 100 —— 88⁸ 100 — — —