deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat:* Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vex⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſigeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ . 7 —5 ⸗ 5 * E. T. Bulwer's ſaͤmtliche Werke. Fuͤnfter Band. e Aus bem Engliſchen uͤberſetzt von Louis Lax. Erſter Theil. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 835. — Der Gelehrte. Aus meinen Papieren; vom Verfaſſer des Pelham, Eugen Tram, England und die Engländer, Letzte Tage von Pompeji u. L. w. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Louis Lax. Er ſte r h ei — Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1835. ——— 2—————————— —— — 4— * —— Meinem hochgeſchaͤtzten, vortrefflichen Freunde dem Oberſten D' Apuilar widme ich dieſe Baͤnde. E. L. Bulwer. Hertford⸗Street, 20. April 1835. ₰ Vorrede. Ich uͤbergebe dem Leſer dieſe Baͤnde mit gro⸗ ßem Mißtrauen, und mit voller Ueberzeugung, daß ſie einer Vertheidigung beduͤrfen. Eine Reihe von Aufſaͤtzen, welche ich vor einiger Zeit in dem NewMonthly- Magazine unter dem Titel: „Unterredungen mit einem ehrgeizigen Gelehrten“ bekannt machte, erregte viel Aufmerkſamkeit zu ihren Gunſten, und ich bin ſeitdem oftmals auf⸗ gefordert worden, ſie zu ſammeln und wieder abdrucken zu laſſen. Ich ſchob dies jedoch im⸗ mer wieder auf, da es mir vorkam, als ſei ihr ernſter, gemeſſener Charakter nicht geeignet, bei der Menge einen Anklang zu finden, der nur irgend der ubermäßigen und enthuſiaſtiſchen Mei⸗ nung entſprechen koͤnnte, welche einige Wenige von ihrem Werthe gefaßt hatten. Erſt ſpäter, als ich mich entſchloſſen, gewiſſe Aufſatze und Erzaͤhlungen herauszugeben, fand ich ihren Ge⸗ dankenflug in ſolcher Uebereinſtimmung mit den erwaͤhnten Unterredungen, daß ich die letzteren (verbeſſert, etwas ausgefuͤhrter und unter dem veraͤnderten Namen„der neue Phaͤdon“) doch damit einverleibte; ich verſetzte ſie jedoch an das Ende der Sammlung, damit der Leſer ſie nach VIII Gutduͤnken beruͤckſichtigen oder uͤberſehen könne, gleich dem angefuͤgten Wege durch ein Gehäge, bei dem er anhalten, oder durch welches er ſeine Wanderung fortſetzen kann, je nachdem ihn ſein bisheriger Spaziergang angeſprochen oder er⸗ muͤdet hat. Im Allgemeinen habe ich uͤber die Tendenz ſowohl dieſer Unterredungen, als der verſchiede⸗ nen andern Aufſaͤtze, welche ihnen vorhergehen, und von denen einige ebenfalls ſchon bekannt ſind, zu bemerken, daß ſie mehr der poetiſchen, als der logiſchen Philoſophie angehören, daß ſie meiſt ſich mehr an das Gefuͤhl, als an den Verſtand wenden, und zu ihrem Stoff vorzugs⸗ weiſe die Metaphyſik des Herzens und der Lei⸗ Jenſchaften gewaͤhlt haben, welche ſonſt haͤufiger in Dichtungen, als in bloßen Abhandlungen benutzt wird. Waͤre der Titel nicht etwas zwei⸗ deutig und affectirt geworden, ſo wuͤrde ich ſie lieber„Kleine proſaiſche Gedichte“ genannt ha⸗ ben; ſie erzaͤhlen in Proſa, was gewoͤhnlich die Tendenz der Poeſie iſt. Ich geſtehe, daß ſie deshalb cum grano genoſſen werden muͤſſen; daß ſie mehr behaupten, als beweiſen, und daß ſie mehr fuͤr die geeignet ſind, welche mit den von ihnen ausgefuͤhrten Anſichten uͤbereinſtim⸗ men, als fuͤr ſolche, die erſt dazu bekehrt wer⸗ den muͤßten. Bei den Abhandlungen iſt das —— ne, ge, ine ein enz de⸗ nt IX vielleicht noch mehr der Fall, als bei den Er⸗ zahlungen, da in den letzteren die Moral oft ſchlichter iſt, ſich mehr an die Erfahrung der Vernunft haͤlt, und nicht ſo ſehr aus den Fein⸗ heiten und zarten Schattirungen der Gefuͤhle abgeleitet iſt. Kurz die Erzahlungen umfaſſen das Weſen der Abhandlung eben ſo gut, als die Abhandlungen ſelbſt, machen ſich aber dabei die dramatiſche Form zu Nutze, um ſo deſto eindringlicher und weniger langweilig Wahrhei⸗ ten einzupraͤgen. Obgleich einige Auffaͤtze dieſer Baͤnde bereits fruher erſchienen ſind, ſo glaube ich doch, daß alle zuſammen ſo ausgewaͤhlt und geordnet ſind, daß ſie ein ziemlich ſymmetriſches Ganze bilden, in welchem ein jedes fuͤr ſich eine Einheit des Zweckes zu behaupten, und Einen allgemeinen Strom ethiſchen Gefuͤhls und Glaubens ans Licht zu ſtellen ſucht. Ja ich furchte ſogar, daß ich eben in meinem Wunſche, dieß recht voll⸗ ſtaͤndig auszufuͤhren, mir gelegentlich eine Wie⸗ derholung habe zu Schulden kommen laſſen,— ein Fehler, der aber vielleicht unvermeidlich war, da ich nicht umhin konnte, die Folgerung der einen Abhandlung wieder bei den Problemen an⸗ zufuͤhren, die in einer andern verfochten wurden. Es iſt moͤglich, daß ich ſpaͤter(nach Been⸗ digung eines hiſtoriſchen Werkes, an welchem ich jetzt arbeite, nachdem ich mich in verſchiede⸗ nen Zwiſchenraͤumen ſchon ſeit Jahren damit beſchaͤftigt habe) dieſen Baͤnden einige gruͤndli⸗ chere und buͤndigere Aufſaͤtze hinzufuͤge, die in zwei neue Abtheilungen zerfallen wuͤrden, deren eine ſich um gewiſſe Punkte der alten Gelehr⸗ ſamkeit, die andere um Handel und Politik drehte. Aus dieſem Grunde habe ich auch den jetzigen Titel gewaͤhlt, welcher nach Vervollſtaͤn⸗ digung meines Planes beſſer hervortreten wird, als durch dieſe Baͤnde, wenn man ſie als ein abgeſondertes Werk betrachtet. Ich wiederhole, daß ich nur mit ungeheu⸗ cheltem Mißtrauen, nach reiflicher Ueberlegung und langem Anſtande, mich entſchloſſen habe, dieſe Papiere dem Ausſpruche des Publikums zu uͤbergeben. Ich weiß ſehr wohl, daß ſie unbedeutend an ſich ſind, und daß Miscellen dieſer Art ſogar noch fuͤr unbedeutender gehal⸗ ten werden, als ſie wirklich ſind— aber bei alledem regen ſie einige Gedanken und Gefuͤhle an, welche ich nicht ohne Nachwirkung erprobt zu haben wuͤnſchte; und die Erfahrung, aus welcher Jemand Nutzen gezogen zu haben glaubt, wird der Welt ſelten ohne einen, wenn auch nur ſchwachen Gewinn mitgetheilt. J 5 Seite Ueber den Unterſchied zwiſchen Schriftſtellern und dem Eindruck, welchen wir durch ihre Werke von ihſen erhaiten 1 Monos und Daimonos; eine Legende 23 ueber das Entſchwinden der Jugend. 1411 Die Welt, wie ſie iſt; eine Erzählung 62 Die Wahl des Phylias 14105 Ber Genſerſeee 1 Die wahre Liebesprobe 1155 Ueber den Mangel an Sympathie 172 Arasmanes. 183 Ueber Kränklichkeit und die Troſtgruͤnde dagegen 235 Das Schuldgefangenen⸗Geſetz; eine Erzählung nach Die Ueberſättigung 055 ueber den Unterſchied zwiſchen S und dem Eindruck, welchen wir durch ihre Werke von ihnen erhalten. Dieſes iſt eine jener ſchwierigen und ſubtilen Fra⸗ gen, welche bisher noch keiner literariſchen Unter⸗ ſuchung gewuͤrdigt wurdenz ſie ſteht mit zwei allge⸗ mein verbreiteten Vorurtheilen in Verbindung. Das erſte derſelben iſt die Behauptung, als ſeien Schrift⸗ ſteller verſchieden von der Vorſtellung, welche ihre Schriften von ihnen zu bilden geeignet ſind; und das zweite liegt in der Vorausſetzung, die Schrift⸗ ſteller muͤßten gerade ſo beſchaffen ſein, als deren Leſer ſie ſich zu denken belieben. Die Menſchen ver⸗ fahren hier in Beziehung auf Schriftſteller, wie in ſo vielen andern Dingen— ſie aͤußern ihre Anſich⸗ ten, um ihre Erwartungen getaͤuſcht zu finden⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 1 2 — Wenn jedoch ein Schriftſteller die große Mehrheit ſeiner Leſer taͤuſcht, ſo folgt daraus noch nicht, daß es ſeine Schuld iſt. Die meiſten Menſchen finden die Elginſchen antiken Fragmente ihren Erwartun⸗ gen nicht entſprechend. Weshalb?— weil ſie das Leben darſtellen— weil ſie natuͤrlich ſind. Ihre Enttäuſchung, wenn ſie einem Mann von Genie naͤher treten, iſt von berſelben Art. Er iſt ihnen zu natuͤrlich— ſie erwarteten, ſeinen Styl in fei⸗ nen Kleidern wieder zu finden. Die Menſchen wol⸗ len getäuſcht ſein, deshalb haben auch die Maͤnner von Genie, welche den Vorſtellungen der Mehrzahl in ihrem Aeußern und in der Darlegung ihres Ich entſprachen, jedesmal irgend eine Rolle geſpielt— ſie haben die Bewunderung der Menge durch Kunſt⸗ griffe gefeſſelt, die den Begriffen der Menge zu⸗ gänglich waren— ihr Benehmen war berechnet und beruhte auf Vorſpiegelungen— ſie erſchienen im gewohnlichen Leben, als ſei es eine Buͤhne. Eine ſolche Rolle ſpielten Pythagoras und Diogenes— Napoleon und Ludwig XIV.(Letzterer war ein Mann von Genie, wenn auch bloß der zarten Schoͤnheit ſeiner Complimente wegen)— Bolingbroke und Chatham(der nie anders als in ſeiner beſten Pe⸗ ruͤcke ſprach, weil er dadurch mehr Eindruck zu ma⸗ chen glaubte)— und vor allen Englaͤndern ſpielte dieſe Rolle Lord Byron. Dieſe letztern drei ſind der Menge ganz beſonders intereſſant geworden, nicht 3 ſo ſehr ihres Genies, als ihres Scharlatanismus wegen. Nur ein ungewohnlich kraͤftiger Geiſt kann ſich beruhigen, wenn er einen großen Mann auch zugleich natuͤrlich und einfach findet. Im Korſaren findet ſich in dieſer Beziehung eine vortreffliche Stelle, auf deren beſonderes Verdienſt, ſo viel ich weiß, noch keiner von den Millionen Kritikern aufmerkſam gemacht hat: „Er eilt— ſchnell trägt ſein Fuß ihn bis zum Strand, Hier hemmt er ſeine Haſt— ihm iſt be⸗ kannt Die Kunſt, durch die dem Kuͤhnen Herrſchaft wird, Und daß Verſtellung nur zum Ziele fuͤhrt.— Er athmet tief des Morgens friſche Luft, Die neue Kraft ihm in die Glieder ruft— Nothwendig ſchien ihm dieſe kurze Raſt, Daß nicht verſtort er ſei durch wilde Haſt, Daß wuͤrdig vor der Menge ſcheuem Blick Er ſtattlich und gebietend kehrt zuruͤck; Denn Konrad wußte, daß die Menge will Geleitet werden durch der Täuſchung Spiel.“ In dieſen, bis in ihr innerſtes Mark liſtige Le⸗ bensklugheit athmenden Zeilen werden die Kunſt⸗ griffe beſchrieben, welche Anfuͤhrer immer anzuwen⸗ den gezwungen wurden, die aber den Schriftſtellern (Anfuhrern einer andern Art) noch nicht ſo gelaͤufig geworden ſind. Deshalb ſind ſie einfach— deshalb taͤuſcht ſich in ihnen die Menge. Niemand fand ſich 2 1 4 getäͤuſcht in dem Lord Londonderry, Viele aber in Walter Scott;— Niemand in Karl X.„ Viele in Paul Courrier;— Niemand in dem Erzbiſchof von —— Viele in Wordsworth. Maſſillon wußte bei Hofe den Eindruck zu behaupten, den er auf der Kanzel gemacht hatte; er wußte ſeinen wohlklingen⸗ den Styl und ſeine ſchöne Perſon gleich vortheilhaft einzukleiden. Maſſillon war ein rechtlicher Mann, aber doch dabei ein Scharlatanz es war ſein Be⸗ ruf— denn er war auch ein guter Hofmann. Dieſes alſo iſt der Unterſchied zwiſchen den aus⸗ gezeichneten Schriftſtellern und den ausgezeichneten Hofleuten; Erſtere tauſchen gewoͤhnlich die Menge, Letztere nicht; weil Jene in den Kuͤnſten aufwach⸗ ſen, welche Maͤngel verbergen, und die Mehrzahl verblenden, Dieſe aber nur den Wiſſenſchaften leben, und keine andern Kuͤnſte, als die der Compoſition kennen.— Es folgt alſo daraus, daß das Gefuͤhl der Taͤuſchung in Demjenigen, der es empfindet, ge⸗ woͤhnlich das Zeichen eines ſchwachen Geiſtes iſt— eine thoͤrichte, ſchuͤlerhafte Gewohnheit, die alles Große nach dem Maßſtab eines Marionettenſpiels beurtheilt, und in einem großen Schriftſteller etwas ebenſo ungewoͤhnliches erwartet„als in der Kutſche des Lord⸗Major. Ich vernehme daher jedesmal das allgemeine Geſchrei, ein großer Mann entſpreche den Erwartungen nicht, die man ſich von ihm gebildet habe, mit einer Art mißtrauiſcher Verachtung gegen 5 die Perſonen, welche es äußern. Welchen Beruf haben ſie uͤberhaupt, ihn zu beurtheilen?— Zeigt ihnen Gog und Magog— und ſie werden finden, was ſie ſuchten. Iſt es nicht in der That ein uͤber⸗ muͤthiges unterfangen in der Maſſe armſeliger Schwaͤtzer, ein urtheil uͤber einen Mann faͤllen zu wollen, wenn ſie kaum ſeine Werke, die doch nur ein Theil von ihm ſind, verſtehen koͤnnen? Menſchen, die durchaus nichts in Sir Iſaak Newton's Prin- cipia verſtanden, noch verſtehen konnten, hielten ſich fuͤr vollkommen berufen, zu ſagen, er ſei ein ganz andrer Mann, als man ſich ihn vorſtelle.— In jedem Jahrhundert wird kaum ein guter Kritiker geboren; und doch glaubt jeder Narr, Perſonen kri⸗ tiſiren zu duͤrfen.—„Es gibt gewiſſe Leute“— ſagt Necker in einem ſeiner Fragmente—„die von unſerm Pascal, von unſerm Corneille ſprechen. Ich bin jedesmal ganz erſtaunt uͤber dieſe Vertrau⸗ lichkeit!“ Uebrigens glaube ich, daß in der Wirklichkeit weit weniger unterſchied zwiſchen dem Schriftſteller und ſeinen Werken iſt, als man gewoͤhnlich voraus⸗ ſetzt; meiſtens entſpricht er nicht dem Ideal, wel⸗ ches ein vernunftiger Mann ſich von ihm gebildet, in ſeiner phyſiſchen Erſcheinung, in ſeinem Benehmen.— ſeinem Aeußern,— ſeiner Perſoͤnlich⸗ keit— ſelten in ſeinen geiſtigen Eigenſchaften. Mir ſcheint es, als konne der Genius nur untergeordne⸗ 6 ter Art ſein, der nicht unermeßlich erhaben iſt uͤber ſeine Werke— der nicht einen unerſchoͤpflichen Ge⸗ danken⸗Reichthum in ſich fuͤhlt— Empfindungen und Einfalle, die er nie ſchriftlich niederzulegen Zeit genug haben wird. Er wird ſterben, und der Nach⸗ welt, die ſein Erbe iſt, nur den tauſendſten Theil ſeines geiſtigen Beſitzes hinterlaſſen. Ich halte die⸗ ſes eben von Perſonen, wie Lafontaine, die nur in einer eigenthuͤmlichen Richtung ſich auszeichnen, fuͤr wahr, von Maͤnnern, die ſcheinbar nur in einer, mit dem Gewande der Einfachheit umhuͤllten Idee leben, in jener Monomanie des Genius. Um ſo mehr aber muß es ſich beſtätigen von der Menge großer Autoren, die vielſeitig und gewandt ſind und in allen Richtungen ſich verſuchenz ſolche Maͤnner konnen niemals in ihren eigenen zahlloſen Leiſtungen ihren eigenen Anforderungen ganz genuͤgen. Alſo in den phyſiſchen oder conventionellen, nicht in den geiſtigen Eigenſchaften wird ein Schriftſtel⸗ ler unſerm Ideal gewöhnlich nicht zuſagen; dieſer Punkt verdient wohl aufgefaßt zu werden. Jeder meiner Leſer, der die Lebensbeſchreibungen der Ge⸗ lehrten genau verfolgt hat, wird zugeben, daß meine Behauptung durch Thatſachen beſtätigt wird; und ich bin feſt uͤberzeugt, daß unzaͤhlige Leſer, ſelbſt von beiden Geſchlechtern, weniger ſich fuͤr Byron's Ge⸗ nie intereſſiren, ſeitdem ſie in Lady Bleſſington's Journal geleſen haben, daß er eine Nankin⸗Jacke er e⸗ en it 7 und grüne Brillen trug.— Von ſolcher Art ſind dieſe Enttaäuſchungen!— Nein!— in dem Geiſt eines Mannes iſt jedesmal eine Aehnlichkeit mit ſei⸗ nen Werken begruͤndet. Seine Helden ſind vielleicht nicht ihm ſelbſt gleich, aber ſie werden gewiſſen Ei⸗ genſchaften ähnlich ſein, die er ſelbſt in ſich traͤgt. Die Gefuhle, die er äußert, ſind in dieſem Augen⸗ blicke ſeine eigenen;— findet man ſie in allen ſei⸗ nen Werken vorwaltend, ſo ſind ſie auch in ſeinem Geiſt uͤberwiegend; ſind ſie in dem einen Werk, und werden in dem anbern verläugnet, ſo bleiben ſie des⸗ halb doch Eigenthum des Verfaſſers, verrathen aber Mangel an Tiefe und Feſtigkeit des Gemuͤths. Die Werke allein ſtellen nicht den Charakter eines Man⸗ nes dar, aber ſie ſind der Inhaltsanzeiger jenes le⸗ benden Buches. Jeder weiß, wie vortrefflich Voltaire die Be⸗ hauptung J. Baptiſte Rouſſeau's widerlegte, daß Ta⸗ lent und Herzensguͤte vereinigt ſein muͤſſen.— Der gelehrte Strabo, welcher den Irrthum Rouſſeau's theilte, ſagt(ib. I):„Niemand kann ein guter Dich⸗ ter ſein, der nicht zuerſt ein guter Menſch iſt.“— Dieſes klingt paradox, und dennoch iſt es nicht weit von der Wahrheit entfernt;— ein guter Dichter kann vielleicht kein guter Menſch ſein, aber er muß gewiß gute Anlagen haben, vor Allem jene, welche mit edlen Geſinnungen— mit erhabenen Handlun⸗ gen— mit geiſtiger und irdiſcher Schoͤnheit ſym⸗ 8 pathiſiren. Dieſes reicht vielleicht nicht hin, um ihn zu einem guten Menſchen zu machen— es kann im Leben ſelbſt durch vielfache Gegenwirkungen auf⸗ gehoben werden, aber nicht in ſeinen ſchriftſtelleri⸗ ſchen Leiſtungen. Hier erwacht ſein beſſeres Ich,— hier gibt er ſich ganz der Begeiſterung hin, und dieſer verdankt er edle und erhabene Eingebungen. Sterne war vielleicht hart und bitter gegen ſeine Frau, aber ſein Herz war in dem Augenblick, da er Maria ſchrieb, zärtlich geſtimmt. Ein abſtoßendes Benehmen ſteht keineswegs im Widerſpruch mit ei⸗ ner außerordentlichen Feinheit des Gefuhls im Schrei⸗ ben. Letzteres kann ebenſo aufrichtig, als das Erſtere ſchwer zu vertheidigen ſeinz vielleicht iſt das Eine nur eine Folge, nicht aber ein Gegenſatz des An⸗ dern. Die Sehnſucht nach dem Ideal, welche dem Gefuͤhlsmenſchen eigenthuͤmlich iſt, macht ihn unzu⸗ frieden mit den Menſchen, die ihn umgeben, und die⸗ ſelbe Nerven⸗Reizbarkeit, welche ſeine Gefuhle erhoͤht, vermehrt auch ſeine Empfindlichkeit. Was mich be⸗ trifft, ſo befremdet es mich ſo wenig, zu horen, Sterne ſei ein heftiger und launenhafter Mann ge⸗ weſen, daß ich es gus dem uͤberreizten Ton ſeiner ernſthafteren Compoſitionen vielmehr vorweg ge⸗ ſchloſſen haben wuͤrde. Dieſer Gegenſatz zwiſchen großer Gefuͤhls⸗Empfaͤnglichkeit und abſtoßendem Be⸗ nehmen wird nicht bloß bei den Dichtern gefunden. Nero wurde durch die Klänge der Harfe aufs tieſſte 9 geruͤhrt; und Plutarch erzählt uns, daß Alexander Pheraͤus, einer der grauſamſten Thrannen, bei der Darſtellung eines Trauerſpiels faſt in Thraͤnen zer⸗ fließen wollte; ſo daß derſelbe Menſch, der den mei⸗ ſten Stoff fuͤr Trauerſpiele geliefert hatte, am mei⸗ ſten durch deren Pathos angegriffen wurde! Wer will jedoch behaupten, daß die Gefühle, welche ſolche Eindrucke hervorbrachten, ſelbſt in ſol⸗ chen Männern nicht loblich und gut waren?— Wer, dem die dunkeln Hoͤhlen des menſchlichen Her⸗ zens nicht ganz unbekannt ſind, wird es wagen, über den Gegenſatz zwiſchen Handlung und Gefuͤhl zu ſpotten, und nicht vielmehr ihn bedauern?— Solche Spoͤtter ſind ſeichte Witzlinge— ihr Spott iſt ein Beweis ihrer Oberflaͤchlichkeit. Es gibt dunkle Gefuͤhle im Menſchen, die, wenn ſie aufge⸗ regt werden, die beſſeren Gefuͤhle nicht zerſtoren, ſondern nur fuͤr eine Zeit lang uͤberwältigen— und den letzteren können wir in der Literatur, oder in rein geiſtigen Beſchäftigungen, uns ausſchließlich und ungehindert hingeben. Eine Leidenſchaft beſon⸗ ders iſt kräͤnklichen Gelehrten eigen, und wenn ſie auch bisher als ſolche wenig beobachtet worden, ſo iſt ſie dennoch der Grund vieler der großten Untu⸗ genden bei Gelehrten und zugleich bei Tyrannen; dieſe Leidenſchaft iſt das Mißtrauen, und ich glaube, man wird mir beiſtimmen, wenn ich es das charakteriſtiſche Kennzeichen kränklicher Gelehrten 10 nenne. Ihre große Reizbarkeit macht ſie zu em⸗ pfindlich gegen Beleidigungen,— ſie ſtellen ſich ihre Feinde boshafter vor, als ſie ſind,— halten ſich für mehr verlaͤumdet, als es der Fall iſt.— Sie fuͤrchten immer getaäuſcht und betrogen zu werden, und zwar nicht bloß in der Literatur. Da ſie wiſ⸗ ſen, daß ſie in den Geſchäften des gewöhnlichen Le⸗ bens unerfahren ſind, ſo beſorgen ſie ſtets, man werde ihnen eine Falle legen; auch ſcheuen ſie oft, ihrer Huͤlfloſigkeit in dieſer Beziehung ſich bewußt, lächerlich gemacht zu werden. So belagert ſie das Mißtrauen auf allen Wegen und in allen Geſtaltenz dieſes haͤlt ſie jetzt ab, edelmuͤthig, dann wieder freundlich zu ſein, und indem jene traurige Untugend auf ein Gemuͤth wirkt, welches leicht Eindruͤcke an⸗ nimmt, aber ſchwer ſie wieder vergißt, ſo macht ſie das ganze Benehmen des handelnden Mannes hart und abſtoßend, macht jedoch ihre Wirkungen in literariſchen Leiſtungen weniger bemerklich. Der denkende Mann hat dann nicht das Schreckbild eines Feindes vor ſich— kein geldhungeriger Ge⸗ ſchaͤftsmann quält ihn— kein uͤbelwollender Spaͤher forſcht ſeine Schwächen aus. Sein Geiſt wird wie⸗ der jung— was er ſchafft, iſt ſein wahres Ich— und die in dem wirklichen Leben zuruͤckgewieſenen Gefuͤhle durfen in dem ideellen ſich ausſprechen. Es war die eingeborne Tugend, um eine Phraſe aus dem Franzoſiſchen zu borgen, welche in dem irre — 11¹ geleiteten Rouſſeau ſprach, als er die Trefflichkeit der Tugend ausmalte. Es war die eingeborne Tu⸗ gend, welche das Gemuͤth des Alexander Pheraͤus ergriff, da er uͤber das Ungluͤck auf der Buͤhne weinte, welches vor ſeinen Blicken vorbei zog. Kam bei Beiden die Zeit fuͤr Handlungen und fuͤr das wirkliche Leben, ſo wurden andere Leidenſchaften auf⸗ geregt, und das Mißtrauen machte den Schriftſteller zu einem ebenſo verworfenen Menſchen, als den Tyrannen⸗ So konnen die zärtlichſten Gefuͤhle mit grauſa⸗ men Handlungen in einer Perſon ſich vereinigt fin⸗ den, und doch wird die Aufloͤſung des Raͤthſels dem Forſcher nicht ſchwer ſein, und wenn folglich das Leben eines Autors mit ſeinen Schriften nicht uͤber⸗ einſtimmt, ſo koͤnnen ſie doch ſeinem inneren We⸗ ſen ganz entſprechen. Dieſes iſt jedoch die nachtheiligſte Auffaſſung des Gegenſtandes,— und deshalb habe ich ſie zuerſt beleuch⸗ tet. Wie wenige Beiſpiele gibt es im Ganzen von jenem ſcheinbaren Gegenſatz, deſſen ich erwaͤhnte, zwiſchen den Handlungen des Schriftſtellers und ſei⸗ nen Werkens in den meiſten Fällen ſind ſie in ueber⸗ einſtimmung— und alle Töne des herrlichen In⸗ ſtruments ſtehen im Einklang!— Man beobachte das Leben Schiller's, wie vollkommen ſeine Werke ſeinem lebendigen, reflectirenden, kuͤhnen Genius ent⸗ ſprechen; das Feuer im Fiesko— das gedankenvolle Grübeln im Wallenſtein— ſind ſeinem eigenen Cha⸗ rakter verwandt.— Walter Scott und Cobbett— welcher Gegenſatz!— Hätte Cobbett's Leben das Scott's— oder Scott's Charakter der Cobbett's ſein können?— Man kann den Charakter der mei⸗ ſten Schriftſteller in ihren verſchiedenen Werken le⸗ ſen, als ſeien dieſe fuͤr Selbſtbiographien beabſichtigt geweſen. Warburton!— welche Darſtellung des ſtolzen und bittern Biſchofs, in ſeinen ſtolzen und bittern Büchern!— Sir Philipp Sidney*) iſt die in Handlung geſetzte Arkadia;— der weiſe und menſchenfreundliche Fenelon— der ſentenzenreiche und erhabene Corneille;— der traͤumeriſche und kaum verſtaͤndliche Shelley;— die pompoſe Kraft Johnſon's, mit ſeinen Vorurtheilen und ſeinem ge⸗ ſunden Verſtande, ſeiner Eiferſucht und ſeiner Milde, ſeinem redneriſchen Schwulſt in Geringfuͤgigkeiten, und ſeiner ſtarren Unabhaͤngigkeit des Geiſtes, trotz ſeiner demuͤthigen Verehrung des Ranges;— John⸗ ſon zeichnet ſich nicht weniger in ſeinem Ramblet, dem Raſſelas, den Lebensbeſchreibungen der Dichter, der Taxation no Tyranny, als in ſeinem breiten Armſtuhl bei Miſtreß Thrales, in ſeiner einſamen *)„Poeſie in Hanblung geſetzt“ druͤckt ſich Camp⸗ bell in Beziehung auf Sidney's Leben aus; es iſt wahr, aber man muß ſich die Poeſie der Arkadia darunter denken. * 13 Kammer in dem finſtern Hofe der Fleetſtreet, oder in ſeinem loͤwenhaften Uebermuth gegen den aͤngſt⸗ lichen Boswell. Wie erkennt man in der Leichtig⸗ keit und der Tiefe— dem Epcentriſchen und dem hausbackenen Verſtande— der Alles umfaſſenden Sympathie mit der Menſchheit im Ganzen, der Ab⸗ weſenheit faſt jeder Sympathie mit ihren geringfü⸗ gigeren Verhaͤltniſſen und engeren Verbindungen— wie erkennt man in dieſen Zugen, welche die Schrif⸗ ten Bertham's charakteriſiren, den weiſen Sonder⸗ ling, den wohlwollenden und leidenſchaftsloſen alten Mann!— Ich koͤnnte lange fortfahren, dieſe Be⸗ lege aufzuzählen;— Dante, Petrarca, Voltaire bie⸗ ten ſich, indem ich ſchreibe, meinem Gedaͤchtniß dar — aber es reicht hin, ſie zu nennen, um den Leſer zu erinnern, daß, wenn er ihre Charaktere kennen lernen will, er nur ihre Werke zu leſen braucht. Es gewaͤhrte mir viele Freude, das Leben Paul Louis Courrier's zu verfolgen, des glänzendſten po⸗ litiſchen Schriftſtellers, den Frankreich jemals be⸗ ſaß— und mich zu uͤberzeugen, in welchem feſten Einklang es mit dem Charakter ſeiner Schriften ſteht. Als ich vor einiger Zeit zu Paris mich mit mehreren ſeiner Freunde unterhielt, waren ſie er⸗ ſtaunt, mich ſo genau von ſeinem Charakter unter⸗ richtet zu ſehen.—„Sie muͤſſen ihn gekannt ha⸗ ben,“ ſagten ſie.—„Nein, aber ich kenne ſeine Schriften.“— Als er bei der italieniſchen Armee 14 war, zeichnete er ſich nicht durch Tapferkeit in ſei⸗ nem Beruf als Soldat aus, aber durch Entſchloſ⸗ ſenheit in der Verfolgung ſeiner antiquariſchen Stu⸗ dien!— durchaus ſorglos gegen die Gefahr, gab er ſich unabhaͤngig ſeinen eigenen Beſchäftigungen hin— an denen der Andern nicht theilnehmend— ungeruhrt bleibend durch die Stimme gewoͤhnlichen Ehrgeizes— allein umher wondernd in den Ruinen des Alterthums— hundertmal Straßenraͤubern in die Haͤnde fallend, eben ſo oft durch ſeine Gewandt⸗ heit ſich aus ihnen befreiend, und mit derſelben Sorgloſigkeit ſtets wieder dieſelben Zwecke verfol⸗ gend. In dieſem Benehmen zeichnet ſich derſelbe Charakter, der in ſeinen Schriften mit frohlicher Verachtung die ehrgeizigen Plane Anderer betrach⸗ tet— der denſelben Trotz gegen die Bourbons und gegen Bonaparte behauptet— der, weniger der Verfolgung ſich preisgebend, als der Subordination Hohn bietend, mit ruhigem Gleichmuth ſeine eigene unabhangige und eigenthuͤmliche Laufbahn verfolgt.— Ein Kritiker, der uͤber Schriften ſich ausſprach, die einige Beruͤhmtheit erlangt haben, bemerkte, daß ſie zwei einander entgegengeſetzte Anſichten des Lebens entwickelten;— die eine dem Ideellen und Erhabe⸗ nen— die andere dem Irdiſchen und Zyniſchen ſich naͤhernd. Der Kritiker meinte:„dieſes moͤge daher kommen, daß der Verfaſſer zwei verſchiedene Cha⸗ raktere habe— ein weniger ungewoͤhnlicher Um⸗ 1⁵5 ſtand, als die meiſten Menſchen glaubten.“ Es liegt tiefe Wahrheit in dieſer Bemerkung. Ein Schrift⸗ ſteller hat gewoͤhnlich zwei Charaktere,— der eine bezieht ſich auf ſeine Einbildungskraft, der andere auf ſeine Erfahrung. Dem einen verdankt er alle ſeine hoͤheren Schoͤpfungen, mit deſſen Huͤlfe ver⸗ klaͤrt und verfeinert er Alles; mit dem andern bil⸗ det er ſeine irdiſchen Geſtalten und ſeine Aphoris⸗ men weltlicher Klugheit. Dem einen verdanken wir — glaͤnzend doch faſt undeutlich gezeichnet— die Rebekka im Jvanhoe— der andere ſchuf— liſtig und ſelbſtſuͤchtig— den Andrew Faiſervice im Rob Roy. Das Original der erſteren braucht nie in der Wirklichkeit vorhanden geweſen zu ſein— ihre Ele⸗ mente gehoͤren dem Ideal an— aber der letztere war durchaus die Frucht der Erfahrung, und ent⸗ weder nach einem wirklichen lebenden Weſen gezeich⸗ net, oder unbewußt nach mehreren gebildet. Im Shakespeare dringt derſelbe zwiefache Charakter ſich auf. Das erhabenſte Ideal wird fortwaͤhrend mit den genaueſten Nachbildungen des gewoͤhnlichen Le⸗ bens vereinigt— Shakespeare hatte eine Miranda geſehen— aber er hatte ſein Glas mit dem ehrlichen Stephano getrunken. Jeder Charakter bezieht ſich auf eine beſondere Anſicht des Lebens— der eine (um zu meinem Gegenſtand zuruͤckzukehren) die Schoͤpfung der Einbildungskraft, der andere die der Erfahrung. Dieſe Widerſpruͤche in den Charakteren 16 — welche ſo oft den Forſcher irre gefuͤhrt haben⸗ laſſen ſich, denke ich, ſo leicht erklären, und die ſcheinbaren Gegenſaͤtze in der Tendenz eines Werkes ſich durch die verſchiedenen Richtungen in dem Geiſt des Schriftſtellers leicht aufloͤſen. Je mehr ein mit Einbildungskraft begabter Mann von der Welt ſieht, veſto auffallender werden jene Gegenſaͤtze ſich be⸗ merkbar machen. Ich kann dieſen Gegenſtand nicht verlaſſen— wenn auch die folgende Bemerkung eine Epiſode der in meinem Titel bezeichneten unterſuchung iſt— ohne darauf aufmerkſam zu machen, daß die der Er⸗ fahrung nachgebildeten Charaktere— meiſtens die weltlichen und humoriſtiſchen— nothwendigerweiſe in lebhafteren und deutlicheren Farben erſcheinen, als die durch die Einbildungskraft geſchaffenen. Des⸗ halb haben auch oft. oberflächliche Kritiker die hu⸗ moriſtiſchen und irdiſcheren Charaktere eines Schrift⸗ ſtellers fuͤr ſeine beſten erklärt— wobei ſie aber vergaßen, daß die unbeſtimmtheit der ideellen Cha⸗ raktere nicht allein in der Natur aller bloß der Ein⸗ bildungskraft entſprungenen Schoͤpfungen liegt, ſon⸗ dern auch ein Beweis von der Begeiſterung und Ge⸗ walt dieſer Geiſtesrichtung iſt. Der am nebelhafte⸗ ſten und zerfließendſten gezeichnete Held Scott's iſt der Meiſter von Rabenswood, und doch iſt dieſes vielleicht in der Ausfuͤhrung und Erfindung ſein glänzendſter Charakter. Jene grellen Farben und 17 beſtimmten umriſſe, welche die Blicke der Menge feſſeln, gehoͤren mehr den niederen Schulen der Kunſt an. Wir wollen ein Werk— das groͤßte, welches die Welt in dieſer Schule beſitzt, und in dem die Lebens⸗Aehnlichkeit der Charaktere bis in Fleiſch und Blut dringt— ich meine Tom Jones — mit Hamlet vergleichen. Die Haupt⸗Charaktere in Tom Jones ſind alle ſichtbare, eſſende, trinkende und gähnende Weſen; die im Hamlet ſind dunkel, geheimnißvoll, zerfließend— wir koͤnnen ſie mit den gewoͤhnlichen irdiſchen Bedürfniſſen und Zwecken nicht in Verbindung uns denken— ſie ſind „Dem Leben gleich— doch leblos— ſchrecklich anzuſehn, „Wie die Geſtalt, die uns um Mitternacht „Aus der Tapete ſtarr ins Auge blickt.“— Wer wird aber behaupten wollen, daß die Cha⸗ raktere in Tom Jones beſſer gezeichnet ſind, als die im Hamlet— oder daß zu den hoͤchſten Leiſtungen nach der Wirklichkeit mehr Kunſt erfordert wird, als zu denen der Einbildungskraft?— Es gibt aber manche Perſonen, die im Geheim wuͤnſchen, daß Hamlet eben ſo dicke Waden hätte, als Tom Jones!— Dieſe ſind es auch, welche Lara als ne belhaft tadeln— da gerade dieſe Unbeſtimmtheit dem Gedicht das einzige Intereſſe mittheilte, deſſen es fähig war. Nach ſolchen Kritikern muͤßte Mari⸗ torne's eine gelungenere Schoͤpfung ſein, als Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 18 Man wird bei humoriſtiſchen Autoren bemerken, daß ſie oft die Thorheiten ſelbſt mehr oder weniger beſitzen, welche ſie am meiſten lächerlich machen. Cervantes hatte Vieles vom irrenden Ritter— Sir Georg Etherege war unverkennbar der Fopling Flatter ſeiner eigenen Satyre;— Goldſmith war eben ſo keck gegen Kammermaͤdchen, und eben ſo ſchuͤchtern gegen vornehme Damen, als er in ſeinem vortrefflichen Luſtſpiel es verewigt hat;— und die antiquariſchen Launen Jonathan Oldbuck's fanden ſich auch in deſſen Verfaſſer. Das Vergnuͤgen, oder die Unannehmlichkeiten, welche unſere eigenen Schwaͤ⸗ chen uns veranlaſſen, gehen hinlaͤnglich in unſere Natur über, um hier oder da auch in unſren Schrif⸗ ten wieder hervor zu treten. Ich glaube, ein franzoſiſcher Schriftſteller hat irgendwo bemerkt, daß in unſerm Charakter Etwas liegt, welches nirgends, als in unſren Schriften her⸗ vortritt. Ja, Alles, was dem Idealen angehoͤrt— unſre Sehnſucht nach dem Ueberirdiſchen— die Vi⸗ ſionen unſrer Begeiſterung— unſre Träume von der vollkommenſten Tugend— die ganze celata Ve- nus, welche auf dem einſamen Ida unſres Herzens wohnt— wer' koͤnnte dieſe zarten Geheimniſſe ir⸗ diſchen und korperlichen Zuhoͤrern mittheilen— wer könnte vor einem kalten, gleichguͤltigen Zuſchauer die geliebten und verehrten Bilder verſunkener Wünſche und getäuſchter Hoffnungen ſo gaͤnzlich entſchleiern?— 19 Euer beſter Freund wuͤrde in der That, wenn Ihr ihm die Hälfte von dem erzähltet, was Ihr zu Papier bringt, Euch in das Geſicht gaͤhnen, oder fuͤr einen Narren halten. Wuͤrde es Rouſſeau wohl moöglich geweſen ſein, die thränenvollen Erguͤſſe ſei⸗ ner Réveries einem lebenden Weſen ernſthaft mit⸗ zutheilen?— Hätte Shakespeare die wilden Be⸗ kenntniſſe in ſeinen Sonetten wohl ſeinen Freunden in der„Seejungfer“ vorbringen konnen?— Wür⸗ den wir irgend eine Kenntniß von dem Charakter Milton's in deſſen Jugend haben— von ſeiner glänzenden, kryſtallhellen Reinheit— wenn er den Komus nicht geſchrieben haͤtte?— Die Schrift⸗ ſteller ſind die einzigen Menſchen, welche wir jemals wirklich und genau kennen lernen,— die andern Menſchen ſterben, und ihr Charakter wird bloß oberfläch⸗ lich werſtanden. Allerdings wird, wie ich bereits vorhin bemerkte, von einem Schriftſteller vielſeitigen und fruchtbaren Geiſtes Vieles von ſeinem heiligſten Ich nie ganz entſchleiert,— doch wiſſen wir we⸗ nigſtens, welche Art von Metall in der Mine zu finden geweſen ſein moͤchte, wenn auch noch nicht alle Schaͤtze zu Tage gefoͤrdert wurden. um nun, was ich bisher entwickelte, zuſammen zu faſſen, ſo iſt nicht allein die gewohnliche Anſicht, daß der Charakter der Schriftſteller ihren Werken nicht entſpreche, weit entfernt, in der Wahrheit be⸗ 20 gruͤndet zu ſein— ſondern ihre Schriften gewaͤh⸗ ren ſogar dem fleißigen Forſcher ihre genaueſte und vollſtändigſte Bekanntſchaft,— und einen weit ſchaͤtz⸗ bareren und aufklärenderen Beitrag, als der Tert ſelbſt, zu ihrer Lebensbeſchreibung. Aus dieſer That⸗ ſache koͤnnen wir die Schoͤnheit und Mannichfaltig⸗ keit der Beſtandtheile des menſchlichen Geiſtes beur⸗ theilen, wenn auch die Harmonie dieſer Beſtand⸗ theile oft ſo ſchrecklich verletzt wird. Es ſcheint je⸗ doch, daß— trotz der wirklich beſtehenden Aehnlich⸗ keit zwiſchen dem Buch und dem Mann— die Menge fortwaͤhrend ſich ſelbſt taͤuſchen wird, weil ſie an Aeußerlichkeiten hängt;— und weil der Mann das Buch nicht vermoͤge ſeines Geſichts, oder ſeiner Kleider, oder ſeines Benehmens, ſondern vermoͤge ſeines Geiſtes geſchrieben hat.— Wer daher erklärt, daß die Perſoͤnlichkeit des Schriftſtellers ſeinen Er⸗ wartungen nicht entſprochen habe, der verraͤth ge⸗ wohnlich nur ſeinen eigenen Mangel an Urtheils⸗ kraft und das Geheimniß ſeiner Ueberſchaätzung des pantomimiſchen Effects. Außerdem wird es aus die⸗ ſen Bemerkungen ſich ergeben, daß derſelbe Schrift⸗ ſteller oft zwei Charaktere vereinigt— von denen der eine weſentlich der Poeſie, der andere dagegen der Erfahrung des Lebens angehoͤrt; und daß da⸗ durch manche ſcheinbare Widerſpruche und Gegen⸗ ſätze in ſeinen Werken ſich leicht auflöſen laſſen;— und ferner, daß das Buch, weit davon entfernt, dem 21 Verfaſſer nicht zu entſprechen— Euch(und wäret Ihr auch ſein naͤchſter Verwandter, ſein theuerſter Freund— ſein Weib— ſeine Mutter) eine weit genauere und vollſtaͤndigere Kenntniß des Charak⸗ ters ſeines Geiſtes gewaͤhrt, als habe er jenes Buch nicht geſchrieben. „Hae pulcherrimae effigies et mensurae.“ Jede Biographie beſtaͤtigt dieſe merkwuͤrdige That⸗ ſache! Wer verwundert ſich mehr, als die Verwand⸗ ten eines Mannes, wenn er ſeinen Genius, welches der Geiſt und das Mark ſeines Charakters iſt, der Welt dargelegt hat? Waäͤre Alfieri oder Rouſſeau im 30ſten Jahre geſtorben, was wuͤrden Alle, die Jeden von ihnen perſoͤnlich kannten, uns uͤber ſie mitgetheilt haben? Häͤtten ſie uns auch nur die lei⸗ ſeſte Andeutung ihrer Charaktere geben koͤnnen?— Gewiß nicht. Der Geiſt eines Mannes offenbart ſich ſo ſehr in ſeinen Talenten, als in ſeinen Tu⸗ genden. Ein Parlamentsrath in Frankreich hatte einen Bruder, der ſich mit Mathematik beſchaͤftigte. —„Wie unwuͤrdig“— ſagte Jener—„iſt es doch des Bruders eines Raths des Parlaments der Bretagne, ein Mathematiker zu werden!“— Die⸗ ſer Mathematiker war Descartes! Was wuͤrden wir von dem Charakter Descartes wiſſen, wenn wir vorausſetzen, er habe ſeine Wiſſenſchaft aufge⸗ geben, und ſein Bruder(von dem man doch ge⸗ 22 — glaubt haben würde, er könne von ſeinem Leben und Charakter am beſten unterrichtet ſein) häͤtte ſeine Biographie geſchrieben?— Eine Bemerkung, die uns belehrt, welcher Werth auf Biographieen uͤberhaupt im Allgemeinen zu legen iſt. 1 75 Monos und Daimonos. J⸗ bin von Geburt ein Englaͤnder, verbrachte jedoch meine Jugendjahre in einem fremden, noͤrd⸗ licher gelegenen Lande. Ich hatte weder Bruder, noch Schweſter; meine Mutter ſtarb, als ich noch in der Wiege lag, und mein Vater ward mein ein⸗ ziger Geſellſchafter, Huͤter und Spielgenoß. Er war der juͤngere Sohn eines alten, adligen Hauſes: was ihn dazu bewog, ſein Vaterland und ſeine Freunde zu verlaſſen, aller Geſellſchaft zu entſagen und auf einem Felſen zu leben— iſt eine Geſchichte fuͤr ſich, welche nichts mit der meinigen zu thun hat. So wahr ein Gott lebt, ich glaube, daß die Ge⸗ ſchichte, welche ich euch erzaͤhlen will, euere Auf⸗ merkſamkeit zur Genuͤge in Anſpruch nehmen wird, ohne daß ich erſt die Geſchichte eines Andern zu Huͤlfe zu rufen brauche, um ihre ſchoͤnſten Zuͤge ein⸗ zuleiten, oder ihren unterhaltendſten Begebenheiten ein Intereſſe zu verleihen. Ich ſagte alſo, daß mein Vater auf einem Felſen lebte— die ganze Gegend 24 umher ſchien nichts als Felſen!— ſchwarze, ode, furchtbare Wuͤſtenei; verkruͤppelte Baͤume, verdorr⸗ tes Gras; Hoͤhlen, durch welche ein dunkler, wilder Strom, der nie das Sonnen⸗ oder Sternenlicht, als durch die ſeltenen, gräßlichen Riſſe der gewalti⸗ gen Steinmaſſen uͤber denſelben geſehen hatte, ſchäu⸗ mend und heulend in ſeinem gluͤcklichen Laufe hin⸗ eilte; ungeheure, mit Schnee bedeckte Klippen, auf denen die Raubvogel horſteten, die mit ihrem miß⸗ tönenden Geſchrei ſuͤße, angenehme Muſik zu dem Himmel aufſchickten, der zu kalt und wuſt ſchien, um nur eine Wolke uͤber dieſe bleiche, graue, troſt⸗ loſe Fläche auszuſpannen, das war der Charakter der Gegend, wo der Fruͤhling meines Lebens hin⸗ ſiechte. Das Klima, welches in den wärmeren Thei⸗ len von*** den neunmonatlichen Winter durch drei Monate eines ſcharf abgeſchnittenen, herbſtloſen Sommers ablöſt, ſchien in der freundlichen, lieben Gegend, in welcher meine heimathliche Stätte lag, niemals ſich zu verandern. Manchmal ſchmolz wol auf eine kurze Zeit der Schnee in den Thälern, und die Stroͤme ſchwollen, und eine Art blauer, widri⸗ ger, unnatuͤrlicher Vegetation ſchien hier und da ein bittres Lächeln uͤber einzelne kleine Stuͤcke der ganzen Felsmaſſe zu verbreiten: aber auf dieſe Zeug⸗ niſſe der wechſelnden Jahreszeit beſchränkten ſich die Sommer meines Knabenalters. Mein Vater lebte den Wiſſenſchaften— der Natur⸗Wiſſenſchaft,— beſaß aber nur geringe Kenntniſſe in andern Zwei⸗ gen; er lehrte mich Alles, was er wußtez den Reſt meiner Erziehung floßte die Natur in einer wilden, rauhen Geſtalt meinem Herzen durch ſtille, aber tiefe Lehren ein. Sie lehrte meine Fuͤße ſpringen, mei⸗ nen Arm ſchlagen;z ſie hauchte Leben in meine Lei⸗ denſchaften, unb große Finſterniß uͤber mein Ge⸗ muͤth; ſie lehrte mich mich an ſie ſelbſt in ihrer rauheſten, abſtoßendſten Form anzuklammern und von allem Andern, von der Geſellſchaft des Man⸗ nes, von dem ſanften Lächeln des Weibes und der hellen Stimme der Kindheit, und von den Banden und Hoffnungen, den geſelligen Verhaͤltniſſen und den Zwecken des menſchlichen Daſeins mich zuruͤck⸗ zuhalten. Selbſt auf jenem duͤſtern Felſen und un⸗ ter dem unfreundlichen Himmel hatte ich Genuͤſſe, die bem ſchalen Geſchmack der Städte, oder denen, welche ihre Wonne in einer Luft von Wohlgeruͤchen und in einem Lande der Roſen ſuchen, fremd find! Was waren dieß fuͤr Genuͤſſe? Sie hatten Myria⸗ den von Schattirungen und Wechſeln, aber ſie hat⸗ ten nur Einen gemeinſchaftlichen Namen. Was wa⸗ ren dieß fuͤr Genuͤſſe? Die Einſamkeit! Mein Vater ſtarb, als ich achtzehn Jahr alt war; ich war dem Schutz meines Onkels uͤberwie⸗ ſen und begab mich nach London⸗ Ich kam dort an, kuͤhn und düſter, ein Reicher an Kraft und Gliedern, und nach der Anſicht derer, die mich um⸗ gaben, ein Wilder in Benehmen und Gemuͤth. Sie wuͤrden uͤber mich gelacht haben, hätten ſie mich nicht gefuͤrchtet; ſie wollten mich aͤndern, aber ich verwandelte ſie; ich warf einen NRebel uͤber ihre Freuden und eine Wolke uͤber ihre Verſammlungen. Obgleich ich wenig ſprach, obgleich ich fremd und ſchweigend und theilnahmlos unter ihnen ſaß, ſchie⸗ nen ſie doch in meiner Geſellſchaft zuſammenzuſchrum⸗ pfen. Es konnte Niemand mit mir leben, und ſich glücklich oder behaglich fuhlen! Ich fuhlte es und haßte ſie, weil ſie mich nicht lieben konnten. Drei Jahre gingen voruͤber— ich wurde muͤndig— ich verlangte mein Vermoögen.— Voll Verachtung des geſellſchaftlichen Lebens, und mich von neuem nach Einſamkeit ſehnend, beſchloß ich, nach jenen fernen, unbevoͤlkerten Landern zu reiſen, von denen, wenn Jemand in ſie eingedrungen, noch Niemand zuruͤck⸗ gekehrt iſt, um ſie zu beſchreiben. So nahm ich Abſchied von ihnen allen, Vettern und Tanten, und als ich zu meinem alten Oheim kam, der mich we⸗ niger, als Einer, geliebt hatte, ſo nahm ich ſeine Hand mit einem ſo freundlichen Griffe, daß ich uͤber⸗ zeugt bin, das zarte, adelige Glied iſt von dem an nicht mehr zu ſeinen gewoͤhnlichen Geſchaͤften ge⸗ neigt geweſen. Ich begann meine Pilgerſchaft— ich drang in die brennenden Sandebenen— ich durchzog die un⸗ geheuren Wuͤſten— ich kam zu den unermeßlichen 27 Wäldern Afrikas, die nie ein menſchlicher Fuß be⸗ treten, wo nie eine menſchliche Stimme die hohe, ſchauerliche Feier geſtort hat, welche uͤber einer gro⸗ ßen Einſamkeit ruht, wie ſie uͤber dem Chaos geruht hatte, ehe die Welt entſtand! Dort keimt und ver⸗ geht die urſpruͤngliche Natur, unverändert und unge⸗ hemmt durch die Zuckungen der uͤbrigen Welt; der Saame wird zum Baum, lebt ſeine ungezaͤhlten Jahre durch, faͤllt und fault und vermodert und verſchwindet; dort ruͤckt die langſame Zeit vor, un⸗ veachtet in ihren maͤchtigen und ſtummen Verände⸗ rungen, außer von dem wandernden Lowen, oder jener gewaltigen Schlange, die hundertmal groͤßer iſt, als die winzige Boa, welche ſich Reiſende geſe⸗ hen zu haben ruͤhmen. Dort auch vernahm ich, als ich am ſengenden Mittag unter dem ſchweren, dich⸗ ten Schatten lag, ein Getrampel, wie von einem Heere, und das Krachen und Stuͤrzen der ſtarken Baume, und durch die verſchlungenen Zweige ſah ich das Behemoth auf ſeinem furchtbaren Wege hin⸗ ziehen, die Augen gluͤhend wie die Sonne, und die weißen Zähne gebogen, und ſchimmernd in dem graͤß⸗ lichen Rachen, wie kryſtallene Pfeiler in einer Hoͤhle ſchimmern; das Ungeheuer, deſſen Heimath nun dieſe Wuͤſten ſind, und das nie, ſeit die Waſſer von der Dädaliſchen Erde abgeſtroͤmt ſind, dem ſtaunenden Blicke eines Menſchen, außer dem meinigen, erſchie⸗ nen iſt! Jahre ſchwanden dahin, aber ich zählte ſie 28 nicht; ſie wurden mir nicht zugemeſſen durch die Bezeichnungen der Menſchen, noch mir zuwider ge⸗ macht durch die Wechſel ihres erbaͤrmlichen Lebens, und den Anblick ihrer gemeinen Arbeit. Jahre ſchwanden dahin, und meine Jugend reifte zur Maͤnnlichkeit, und die Mäannlichkeit ergraute unter dem ernſten Froſte des Alters; da uͤberfiel mich eine unruhige und ungewiſſe Stimmung, und ich ſprach in meinem thoͤrichten Herzen:„Ich will noch ein⸗ mal auf die Züge meines Geſchlechts blicken!“ Ich kehrte um auf meinen Schritten— ich zog wieder durch die Wuͤſten— betrat die Städte— nahm wieder das Gewand der Menſchen an, denn bis da⸗ hin war ich nackt in der Wilbniß geweſen, und das Haar war mir wie eine Hulle gewachſen. Ich be⸗ gab mich nach einem Seehafen und ſegelte nach England. In dem Schiffe befand ſich ein Mann, aber nur Einer, der meine Geſellſchaft nicht vermied, und vor dem Runzeln meiner Stirn nicht zuruͤckwich. Es war ein ſeichtes, ſonderbares Geſchoͤpf, voll der Fri⸗ volitat und des Egoismus und der Wichtigkeit De⸗ rer, fuͤr welche Städte eine Heimath und Geſchwätz eine geiſtige Nahrung ſind. Er beſtand aus einem anſtoßigen, verletzenden Gewebe von kleinlichen und niedrigen Gedanken. Die einzige Gemeinheit, die ihm fehlte, war die Furcht. Es war nicht möglich, ihn in Schrecken zu ſetzen, ihn zum Schweigen zu bringen oder ihm auszuweichen. Er ſuchte mich uͤberall auf; er war fuͤr mich wie ein Pflaſter, das keine Gewalt abreißen konnte; meine Seele erlahmte, wie meine Augen ihn erblickten. Er war meinem Geſichte, wie die Geſchoͤpfe, welche gerade wegen ihrer Widerlichkeit uns eben ſo furchtbar als ver⸗ ächtlich erſcheinen. Ich ſchmachtete danach, ihn, wenn er mich anredete, erwuͤrgen zu können! Ich haͤtte oft gern Hand an ihn gelegt, und ihn in die See zu den Haifiſchen geſchleudert, welche mit Luchs⸗ augen und offenem Rachen Tag und Nacht um das Schiff ſchwammen;z aber zu Vieler Blicke ruhten auf uns, und ich beugte mich und wendete mich ab und ſchloß die Angen vor Ekel, und wenn ich ſie wieder offnete, ſiehe! da war er wieder an meiner Seite, und ſeine ſcharfe, behende Stimme zerkratzte mein widerwilliges Ohr! Einſt wurde ich des Nachts durch das Geſchrei und das Gefluche der Leute aus meinem Schlafe geweckt, und ich eilte auf das Ver⸗ deck: wir waren auf einem Felſen geſtoßen. Es war ein furchtbarer, aber, o Chriſtus! ein herrli⸗ cher Anblick! Still und ruhig ſchien der Mond— die See ſchlummerte in ihrem Sapphirglanze, und in der Mitte der ſchweigenden ſanften Ruhe des Alls waren dreihundert und funfzig Seelen im Be⸗ griff, von der Welt zu ſcheiden! Ich ſaß bei Seite und blickte hin und half nicht. Eine Stimme kroch wie das Ziſchen einer Natter in mein Ohrz ich 30 wendete mich um und ſah meinen Quaͤler; das Mondlicht fiel auf ſein Geſicht, und es grinſte von dem trunkenen Lächeln des Rauſches, und ſein fah⸗ les blaues Auge ſchimmerte und er ſagte:„Auch hier wollen wir uns nicht trennen.“ Das Blut ſtroͤmte kalt durch meine Adern, und ich wuͤrde ihn hinab in das Meer geworfen haben, welches jetzt ſchneller und immer ſchneller auf uns losſtuͤrzte, aber das Mondlicht ſchien auf ihn, und ich wagte nicht, ihn zu toͤdten. Aber ich wollte nicht dableiben, um mit den Uebrigen unter⸗ zugehen, und ich ſprang allein vom Schiffe und ſchwamm nach dem Felſen. Ich ſah einen Hai nach mir ſchnappen, aber ich wich ihm aus, und einen Augenblick ſpäter hatte er genug, ſeinen Magen zu ſaͤttigen. Ich hoͤrte ein Krachen und einen verwirr⸗ ten, wilden Schrei der Angſt, der Todesangſt von dreihundertfunfzig Herzen, welche eine Minute ſpä⸗ ter zur Ruhe gebracht waren, und ich ſprach in meinem eignen Herzen mit einer hohen Freude: „Seine Stimme iſt bei den uͤbrigen, und wir ſind getrennt!“ Ich erreichte das ufer und legte mich nieder zu ſchlafen. Am naͤchſten Morgen oͤffneten ſich meine Augen auf ein Land, das ſchoͤner war, als die Träume ei⸗ nes Griechen. Die Sonne war eben aufgegangen und lachte die ſilbernen Stroͤme und die Bäume an, die ſich unter goldenen und purpurnen Fruͤchten 31 beugten, und die Thaudiamanten funkelten von ei⸗ ner mit Blumen bedeckten Flur, deren leiſeſter Hauch eine Wonne war. Tauſende von Vögeln, mit allen Farben eines nordiſchen Regenbogens auf ihren herr⸗ lichen, ſchimmernden Fluͤgeln, erhoben ſich von Gras und Baum und erfuͤllten die Luft mit Heiterkeit und Geſangz die See murmelte zu meinen Fuͤßen, ohne eine Spur der vergangenen Vernichtung auf ihrer kryſtallenen Stirn; der wolkenloſe, in klares, ſtrah⸗ lendes Licht gebadete Himmel ſchickte ſeine Luͤfte als einen Segen meinen Wangen zu. Ich erhob mich mit erfriſchtem, leichtem Herzen; ich durchſtreifte die neue Heimath, die ich gefunden; ich erklomm einen hohen Berg und ſah, daß ich auf einer kleinen In⸗ ſel war— ſie hatte keine Spur von Menſchen— und mein Herz ſchwoll, als ich umherblickend in meiner Freude ausrief:„Ich bin wieder allein!“ Ich ſtieg den Huͤgel hinab, und noch hatte ich ſei⸗ nen Fuß nicht erreicht, als ich die Geſtalt eines Menſchen ſich mir naͤhern ſah. Ich blickte ihn an, und mein Herz fullte ſich mit Sorge. Er kam nä⸗ her und ich erkannte, daß mein verhaßter Verfolger dem Waſſer entronnen war und jetzt vor mir ſtand. Er kam herauf mit ſeinem abſcheulichen Lächeln und ſeinem blinzenden Auge, und er ſchlang ſeine Arme um mich— ich haͤtte noch lieber die klebrigen Ringe der Schlange an mir gefuͤhlt— und er ſagte mit ſeiner kratzenden, rauhen Stimme:„Ha! ha! Freund, 32 wir werden doch noch zuſammen ſein!“ Ich warf ihm einen grimmigen Blick zu, ſprach aber kein Wort. An der Kuͤſte war eine große Hoͤhle, und ich ging hinab zu derſelben und trat hinein, und der Mann folgte mir.„Wir werden hier ſo gluͤck⸗ lich leben,“ rief er,„und uns nimmer trennen!“ und meine Lippe zuckte und meine Hand ballte ſich un⸗ willkuͤhrlich. Es war jetzt Mittag, und der Hunger uͤberkam mich, und ich ging hinaus und toͤdtete ein Reh; und ich brachte es zuruͤck und briet einen Theil davon an einem flackernden Holzfeuer, und der Mann aß, und ſchnalzte und lachte, und ich wuͤnſchte, daß die Knochen ihn erwuͤrgt haͤtten, und als er fertig war, ſagte er:„Wir werden hier koſt⸗ bare Tafel halten.“ Aber noch hielt ich Frieden. Endlich ſtreckte er ſich in einem Winkel der Höhle und ſchlief ein. Ich betrachtete ihn und ſah, daß ſein Schlummer ſchwer war, und ich ging hinaus und rollte einen gewaltigen Stein vor die Offnung der Hoͤhle, und nahm meinen Weg nach dem ent⸗ gegengeſetzten Ende der Inſel: jetzt war das Lachen an mir! Ich fand eine andere Hoͤhle, und machte mir ein Bett von Moos und Blaͤttern, und zim⸗ merte mir einen Tiſch von Holz, und ich blickte hinaus aus der Muͤndung der Hoͤhle, und ſah das weite Meer vor mir und ich ſagte:„Jetzt werde ich allein ſein!“ Als der nächſte Tag kam, ging ich wieder aus, 33 und fing eine Ziege, und nahm ſie mit und bereitete ſie, wie zuvor; aber ich war nicht hungrig und konnte nicht eſſen, darum ſtreifte ich umher und wanderte uͤber die Inſel: als ich zuruͤckkehrte, war die Sonne beinahe untergegangen. Ich trat in die Hoͤhle und auf meinem Bette und an meinem Tiſche ſaß der Mann, den ich in der andern Hoͤhle leben⸗ dig begraben zu haben glaubte. Er lachte, als er mich ſah, und legte den Knochen hin, an dem er nagte. „Ha! ha!“ rief er,„Ihr habt mir einen ſcho⸗ nen Streich ſpielen wollen, aber in der Hoͤhle war ein Loch, das Ihr nicht geſehen habt, und da bin ich herausgekrochen, Euch zu ſuchen. Es war eben nicht ſchwer, denn die Inſel iſt klein, und jetzt, da wir wieder zuſammen ſind, wollen wir uns nicht mehr trennen!“ Ich ſprach zu dem Manne:„Stehe auf und folge mir!“ Alſo ſtand er auf, und die Speiſe, die er zuruckließ, war ein Ekel in meinen Augen, denn er hatte ſie beruͤhrt.„Soll dies Geſchoͤpf aͤrndten, was ich ſaͤe?“ dachte ich, und mein Herz druͤckte mich wie Eiſen. Ich ſtieg eine hohe Klippe hinan:„Blicke um. Dich,“ ſagte ich;„Du ſieheſt den Strom, welcher die Inſel durchſchneidet; Du ſollſt die eine Seite bewohnen und ich die andere, aber nimmer ſoll der⸗ Bulwer's Werke. Laſchenausg. V. 3 34 ſelbe Fleck uns aufnehmen, noch daſſelbe Mahl uns naͤhren!“ „Das darf nicht ſein!“ antwortete der Mann, „denn ich kann das Reh nicht fangen, noch die Bergziege erhaſchen; und wenn Ihr mich nicht ſpei⸗ ſet, ſo werde ich Hungers ſterben!“ „Gibt es nicht Fruͤchte,“ ſagte ich,„und Voͤgel, denen Du Schlingen legen magſt, uud Fiſche, welche die See auswirft?“ „Aber,“ ſagte der Mann lachend,„aber ich habe ſie nicht ſo gern, wie das Fleiſch der Rehe und Ziegen!“ „So blicke auf,“ ſagte ich,„an dem grauen Steine dort, an der anderen Seite des Stroms, werde ich jeden Tag ein Reh oder eine Ziege nie⸗ derlegen, ſo daß Du die Nahrung haben magſt, die Du liebſt; aber koͤmmſt Du jemals uͤber den Fluß und betrittſt mein Koͤnigreich, ſo erſchlage ich Dich, ſo gewiß die See murmelt und der Vogel fliegt!“ Ich ſtieg die Klippe hinab und leitete den Mann an den Rand des Stromes.„Ich kann nicht ſchwimmen,“ ſagte erz ſo nahm ich ihn denn auf meine Schultern, trug ihn durch das Waſſer und fand eine Hohle fuͤr ihn, und machte ihm ein Bett und einen Tiſch, gleich dem meinen und verließ ihn. Als ich wieder auf meiner Seite des Fluſſes war, ſprang ich vor Freude, und erhob meine Stimme und ſagte:„Jetzt werde ich doch allein ſein.“ 35 So vergingen zwei Tage und ich war wirklich allein. Am dritten ging ich meiner Jagd nach: der Mittag war heiß, und ich war mde, als ich zuruckkehrte. Ich trat in die Höhle und ſah den Mann auf meinem Lager liegen.„Ha! ha!“ rief er,„hier bin ich; es war ſo einſam bei mir, daß ich wieder züruͤckgekommen bin, um mit Euch zu leben!“ Ich blickte den Mann finſter an und ſagte:„So gewiß die See murmelt und der Vogel fliegt, werde ich dich erſchlagen!“ Ich ergriff ihn mit meinen Armen, ich riß ihn von meinem Bette, ich trug ihn hinaus in die freie Luft, und wir ſtanden zuſam⸗ men auf dem glatten Sande, neben dem großen Meere. Plötzlich überkam mich eine Furchtz mich erſchuͤtterte die Weihe des ſtillen Geiſtes, welcher in der Einſamkeit herrſcht. Wäͤren Tauſende um uns hergeſtanden, ich hätte ihn vor ihnen Allen erſchla⸗ gen. Ich zagte jetzt, weil wir allein in der Oede waren mit dem Schweigen und Gott! Ich ließ ihn los.„Schwore,“ ſagte ich,„daß Du mich nie mehr belaͤſtigen willſt; ſchwoͤre, daß Du die Graͤnze unſers beiderſeitigen Aufenthaltes nicht wieder uber⸗ treten wirſt, und ich tödte Dich nicht!“„Ich kann nicht ſchworen,“ antwortete der Mannz„ich will lieber ſterben, als mir das gebenedeite Angeſicht des Menſchen verſchwoͤren, und iſt es auch nur das ei⸗ nes Feindes!“ Bei dieſen Worten erwachte meine 3* Wuth wieder; ich ſchleuderte den Mann zu Boden, und ſetzte meinen Fuß auf ſeine Bruſt, und legte meine Hand an ſeinen Nacken, und er wand ſich einen Augenblick— und war todt! Ich war ent⸗ ſetzt; und als ich auf ſein Geſicht blickte, glaubte ich, es belebe ſich wiederz mir war, als ſtarre mich das kalte, blaue Auge an, urd das abſcheuliche Grin⸗ ſen verziehe wieder den bleichen Mund, und die Haͤnde, welche im Todeskampf ſich in den Sand ge⸗ wuͤhlt hatten, ſtreckten ſich gegen mich aus. Und ich trat noch einmal auf ſeine Bruſt, und ich grub ein Loch an dem ufer und beſtattete die Leiche. „und jetzt,“ rief ich,„bin ich endlich allein.“ und da durchdrang mich das wahre Gefuͤhl der Einſamkeit, das unbeſtimmte, unbehagliche, ziel⸗ loſe Gefuͤhl der Verlaſſenheit. und es ſchauderte mich— es ſchauderte mich durch jedes Glied mei⸗ nes Rieſenkorpers, als ob ich ein Kind geweſen wäre, das im Finſtern zittert; und das Haar ſtraubte ſich mir, und mein Blut erſtarrte, und ich wäre nicht eine Minute länger an dieſem Platze geblie⸗ ben, und hätte ich dafuͤr wieder jung werden koͤn⸗ nen. Ich wendete mich ab und floh— floh um die ganze Inſel herum, und knirſchte mit den Zah⸗ nen, wenn ich an die See kam, und ſehnte mich nach einer unendlichen Wuͤſte, damit ich nur immer weiter fliehen könnte. Mit Sonnenuntergang kehrte ich zu meiner Hohle zuruͤck; ich ſetzte mich nieder 37 in einen Winkel meines Bettes und bedeckte mein Antlitz mit beiden Hͤnden— mir war, als hoͤrte ich ein Geräuſch; ich ſchlug die Augen auf und, ſo wahr ich lebe, ich ſah an dem anderen Ende des Bettes den Mann, den ich erſchlagen und begraben hatte. Da ſaß er, ſechs Fuß von mir und winkte mir zu, und ſah mich an mit ſeinen fahlen Augen und lachte. Ich ſtuͤrzte aus der Höhle— ich lief in einen Wald— ich warf mich auf die Erde— mir gegenuͤber, ſechs Fuß von meinem Geſichte war wieder das Geſicht des Mannes! Und mein Muth erwachte und ich ſprach, aber er antwortete nicht. Ich verſuchte ihn zu greifen, aber er entglitt mei⸗ nen Händen und blieb mir immer gegenuͤber ſechs Fuß entfernt, wie vorher. Ich legte mich nieder und druͤckte mein Geſicht in den Raſen und wollte nicht aufblicken, bis die Nacht kam und Finſterniß über der Erde war. Da erhob ich mich und kehrte zur Höhle zuruͤck; ich legte mich nieder auf mein Bett, und der Mann lag neben mir, und ich ward erzurnt und verſuchte ihn zu faſſen, wie fruͤher, aber ich konnte nicht, und ich ſchloß meine Augen, und der Mann lag neben mir. Tag folgte auf Tag, und es blieb daſſelbe. Bei Tiſch und im Bett, in der Hohle und draußen, beim Aufſtehen und beim Niederlegen, bei Tag und bei Nacht: ſechs Fuß von mir und nicht mehr war das todte, ge⸗ 38 ſpenſtiſche Weſen. und wenn ich auf das ſchoͤne Land und den heiteren Himmel blickte, und mich dann zu dieſem fuͤrchterlichen Gefährten wendete, ſagte ich:„Ich werde nie mehr allein ſein!“ und der Mann lachte. Endlich kam ein Schiff, und ich rief es an— es nahm mich auf, und ich dachte, als ich meinen Fuß auf das Verdeck ſetzte:„ich werde meinem Quälgeiſte entrinnen!“ Waͤhrend ich das noch dachte, ſah ich ihn auf das Verdeck heranklimmen, und ich ſuchte ihn hinab in die See zu ſtoßen, aber um⸗ ſonſt; er war mir zur Seite und aß und ſchlief mit mir, wie zuvor! Ich kam zuruͤck in mein Vaterland! Ich drängte mich unter die Menges ich ging zu Feſten und hoͤrte Muſik; ich ließ dreißig Menſchen bei mir verweilen, und Tag und Nacht wachen. Aber ich hatte ein und dreißig Gefaͤhrten, und der eine war beſtändiger, als alle uͤbrigen. Endlich ſprach ich zu mir ſelbſt:„Dies iſt eine Täuſchung, eine Bethoͤrung der aͤußeren Sinne, und das Ding iſt nicht, außer in meinem Geiſte. Ich will Die befragen, die in dieſen Krankheiten geſchickt ſind, und ich werde— wieder allein ſein!“ Ich wendete mich an Einen, der beruͤhmt dafur war, daß er dem geiſtigen Auge ſeinen Nebelſchleier und ſeine Trugbilder zu nehmen wiſſe— ich ver⸗ pflichtete ihn durch einen Eid zum Geheimhalten— 39 und ich erzählte ihm meine Geſchichte. Er war ein kuͤhner Mann und ein Gelehrter, und er verſprach mir Huͤlfe und Erloͤſung. „Wo iſt die Geſtalt jetzt?“ ſagte er lächelnd. Ich ſehe ſie nicht.“ Und ich antwortete:„Sie iſt ſechs Fuß von uns.“ „Ich ſehe ſie nicht,“ ſagte er wieder,„und wenn ſie wirklich waͤre, ſo wuͤrden meine Sinne das Bild nicht weniger deutlich aufnehmen, als die Ih⸗ rigen.“ und er ſprach zu mir, wie Schulleute ſpre⸗ chen. Ich ſtritt nicht und antwortete nicht, aber ich befahl den Dienern, ein Zimmer zu bereiten, und den Boden mit einer dicken Schicht von Sand zu bedecken. Als es geſchehen war, hieß ich den Arzt mir in das Zimmer folgen, und ich ſchloß die Thuͤre ab.„Wo iſt die Geſtalt jetzt?“ wiederholte er, und ich ſagte:„Sechs Fuß von uns, wie zuvor!“ Und der Arzt lächelte.„Blicken Sie auf den Bo⸗ den!“ ſagte ich und zeigte auf den Fleck,„was ſehen Sie?“ und der Arzt ſchauderte und faßte mich an, damit er nicht fiel.„Der Sand dort,“ ſagte er,„war glatt, als wir eintraten, und jetzt ſehe ich auf dieſem Flecke die Spur eines menſch⸗ lichen Fußes!“ und ich lachte und zog meinen lebenden Ge⸗ fährten fort:„Sehen Sie,“ ſagte ich,„was uns uͤberall hin folgt!“ 40 Der Arzt rang nach Athem:„Die Spur dieſer menſchlichen Fuͤße!“ rief er. „Koͤnnen Sie mir alſo nicht helfen?“ ſchrie ich in ploͤtzlicher, wuͤthender Todesqual,“ und ſoll ich nie mehr allein ſein?“ und ich ſah, wie die Fuͤße des todten Weſens dieſe Worte in den Sand zeichneten: „Einſamkeit iſt nur fuͤr den Schuld⸗ loſen— Boͤſe Gedanken ſind Gefährten auf eine Zeit— Boͤſe Thaten ſind Ge⸗ faͤhrten durch die Ewigkeit— Dein Haß trieb mich an, in Deine Einſamkeit ein⸗ zubrechen— Dein Verbrechen vernichtet die Einſamkeit auf immer. Ueber das Entſchwinden der Jugend. — Vn den ſieben Perioden des männlichen Lebens zeichnen ſich drei beſonders vor den uͤbrigen aus, nämlich— der uebertritt aus dem Knabenalter— das Entſchwinden der Jugend— der Anfang des hohen Alters. Ich nehme die verſchiedenen Zeitab⸗ ſchnitte dieſer Periode in gewoͤhnlichen Conſtitutionen mit dem fuͤnfzehnten, dreißigſten und fuͤnfzigſten Le⸗ bensjahre an. Ich werde mich jetzt beſonders mit der zweiten Periode beſchäftigen. Wenn ich ſie die des Entſchwindens der Jugend nenne, ſo will ich damit natuͤrlich nicht ſagen, daß dieſes Alter, die Bluͤthe und das Zenith unſerer Jahre, bereits dem Verfall anheimfaͤllt. unſere Koͤrper ſind noch in derſelben Jugendkraft, als fuͤnf Jahre zuvor, nur der Geiſt iſt mehr gereift worden. Unter der Jugend verſtehe ich das Wachſen und Fortſchreiten, ihr Entſchwin⸗ den wird nur inſofern bemerkbar, als wir, ſo zu ſagen, feſter und ſtationaͤrer geworden ſind. Die Eigenſchaften, welche beſonders die Jugend bezeich⸗ nen, ihre„ſchnell wechſenden Phantaſien“— ihr uebermaß von Kraft und Gefuͤhl, veraͤndern ſich mit dem dreißigſten Jahre.— Wir ſind noch jung⸗ aber nicht mehr jugendlich. Im dreißigſten Jahre ken⸗ nen wir nicht mehr die wilden Schwaͤrmereien Ro⸗ meo's— kaum koͤnnen uns im dreißigſten Jahre noch die träumeriſchen Viſionen Hamlets befallen. Die Leidenſchaften der Jugend ſind vielleicht noch eben ſo ſtark, aber nicht die Gefuͤhle der Jugend. Die Muskeln des Geiſtes ſind ſtaͤrker, aber die Nerven weniger reizbar geworden, und werden nicht mehr durch die geringſte angenehme oder unange⸗ nehme Beruͤhrung ſo leicht aufgeregt.— Ja, mit dem Beginn des Mannesalters entſchwindet unſere Jugend!— Es ſcheint mir, daß fuͤr nachdenkende Gemther, welche gewohnt ſind, die großen Zwecke des Lebens zu beobachten, und die Fähigkeit beſitzen, ſie zu ver⸗ ſtehen,— dieſes eine beſonders wichtige Periode iſt. Es iſt dieſes fuͤr unſere Reiſe ein Ruhepunkt, auf dem wir etwas verweilen muͤſſen; es iſt die Spitze des Huͤgels, von dem wir die beiden Theile unſerer Reiſe uͤberſehen. Wir laſſen eine Menge glänzender Gegenſtände hinter uns— nie werden wir wieder ſo feenhafte Auen mit denſelben feurigen Hoffnungen durchwandern;— nie finden wir wieder dieſelbe „Pracht und Glanz in Blumen und in Gras.“ Die Thautropfen glaͤnzen nicht mehrz der Mor⸗ gen iſt entſchwunden. „Wir ruhten aus, indem die Zeit entfloh, „Die Zeit jedoch entyflůct· die Blumen uns, „Und ſie bis zum Mittag liſtig fort. und welken in der Hand „Lebt wohl, ihr Blumen, Eure Zeit iſt um!—*) Wir ſollten dann eine Zeitlang ausruhen— um zuruͤckzuſchauen in die Vergangenheit,— um die Erinnerungen und Erfahrungen der Vergangenheit um uns zu verſammeln, um uns das Gefuͤhl einzu⸗ prägen, daß der leichtere Theil unſeres Daſeins voruͤber iſt, und daß deſſen ernſterer Theil beginnt,— daß unſere Thorheiten und Irrthuͤmer uns ermah⸗ nen zur Weisheit— denn da dieſes die Opfer ſind, welche das Schickſal von der Sterblichkeit erheiſcht, ſo duͤrfen ſie nicht unthätig zuruͤckgewuͤnſcht, ſon⸗ dern ſie muͤſſen mit Eifer wieder erſetzt werden; und je mehr wir uns mit dieſem Gedanken vertraut machen, deſto mehr wird die Vergangenheit die Schule der Gegenwart und Zukunft. Wenn wir auf die Gräber unſerer fruͤheren Irrthuͤmer zuruͤck⸗ blicken, ſo ſehen wir an jedem einen warnenden En⸗ gel ſtehen!— Es iſt der Wunſch eines thoͤrichten *) Georg Herbert. 44 Herzens:— O, koͤnnte ich meine Zeit noch einmal leben!— O, waͤre dieſes geſchehen, waͤre jenes nicht geſchehen!— Wir ſollen vielmehr uns freuen, daß eine ſo lange Zeit uns noch bleibt, um unſere Feh⸗ ler wieder gut zu machen, und daß die Erfahrung uns weiſer gemacht hat in der Schule der Leiden. Die Weisheit iſt ein, im Verhaͤltniß zu den Ent⸗ taäuſchungen, die unſere eigenen Maͤngel veranlaß⸗ ten, erkaufter Beſitz; denn Niemand wird weiſe durch die Leiden Anderer. Wir ſelbſt muͤſſen die Flamme gefuͤhlt haben, um das Feuer zu ſcheuen. In dem ſchoͤnen Gedicht, aus dem ich bereits vorhin eine Stelle anfuͤhrte, heißt es, die Blumen, welche, da ſie noch bluͤhten: „Geruch und Aug' entzuͤckt, „Sind jetzt, verwelckt, dem Kranken noch ein Heil.“— Mit dem Alter von dreißig Jahren erleiden die Charaktere der meiſten Menſchen eine Veränderung. Der Genuß der gewoͤhnlichen Vergnuͤgungen der Welt wurde erſchoͤpft und wird gleichguͤltiger. Wir haben die Viſionen der Jugend auf den Maßſtab der nuͤchternen Wirklichkeit zuruͤckgefuͤhrt— wir hegen nicht laͤnger jene Hoffnungen fuͤr die Vervoll⸗ kommnung des menſchlichen Geſchlechts, welche eine Folge unſerer Unerfahrenheit waren— wir jagen nicht länger Geringfuͤgigkeiten nach, oder geben Hirn⸗ geſpinnſten Raum. Eine der nuͤtzlichſten Lehren viel⸗ leicht, die wir der Enttaͤuſchung verdanken, ſind un⸗ ſere berichtigten Anſichten uͤber die Liebe. Zuerſt ſind wir zu ſehr geneigt, uns einzubilden, daß das Weib(e⸗ ner arme Mitgenoſſe unſerer menſchlichen Schwächen) vollkommen ſei, daß die Träume der Dichter Wahr⸗ heit enthielten, und daß Gott fuͤr uns jene engel⸗ reinen Weſen, jene unveraͤnderlichen, ſeraphiſchen Herzen beſtimmt habe, als welche die Toͤchter des Staubes zu betrachten die Einbildungskraft von jeher den großen Fehler beging.— und wie viele Vor⸗ trefflichkeit genuͤgte uns nicht, weil wir immer Voll— kommenheit erwarteten,— wie oft veraͤnderten wir die Idole unſerer Verehrung! Von wie vielen Stroͤmen haben wir uns, obgleich muͤde und durſtig, abge⸗ wendet, weil wir immer noch die goldene Quelle der Fabel zu finden glaubten!— Die Erfahrung, welche uns zuletzt den wahren Werth des Weibes ken⸗ nen lehrt, foͤrdert uns bedeutend in dem eigentlichen Beruf des Menſchen. Die Liebe, welche einſt unſer. ganzes Weſen ausſchließlich erfuͤllte, weicht maͤnn⸗ lichern und weniger ſelbſtſuͤchtigen Leidenſchaften;— wir erwachen aus einem falſchen Paradieſe, und fangen an, einheimiſch auf der wirklichen Erde zu werden. Nicht weniger wichtig ſind die Erfahrungen, welche uns lehren, die Menſchen nicht nach den Vorſtellungen einer idealen Moral zu beurtheilen; 45 denn wer zu feſt glaubt, daß alle Menſchen Goͤtter ſeien, kann ſpäter nur zu leicht ſie fuͤr Teufel hal⸗ ten; die Jugend hat gewoͤhnlich eine Periode des Menſchenhaſſes, und dieſer wird um ſo heftiger ſein, je groͤßer das eigene edle Zutrauen in die menſch⸗ liche Vortrefflichkeit war. Wir verzeihen Denen am ſchwerſten Fehler, von denen wir ſie nicht erwarte⸗ ten. Aber aus der Aſche des Menſchenhaſſes erhebt ſich wieder das Wohlwollen;— wir finden manche Tugenden, wo wir nur Laſter zu finden glaubten, — manche Handlungen uneigennuͤtziger Freundſchaft, wo wir nur Berechnung und Betrug vorausſetzten — und ſo gelangen wir nach und nach von den zwei Extremen zu der richtigen Mitte; und indem wir uns uͤberzeugen, daß kein menſchliches Weſen voll⸗ kommen gut oder durchaus ſchlecht iſt, bringt uns zuletzt unſere Menſchenkenntniß dahin, viel zu ent⸗ ſchuldigen und wenig zu erwarten. Die Welt heilt ſowohl den Optimiſten, als den Miſanthropen. Ohne dieſe richtige und nuͤchterne Wuͤrdigung der Men⸗ ſchen haben wir weder Klugheit in den Angelegen⸗ heiten des Lebens, noch Nachſicht fuͤr entgegenge⸗ ſetzte Anſichten— wir fuͤhren den Brtruͤger erſt in Verſuchung, und darauf verdammen wir ihn— wir haͤngen ſo feſt an einem Glauben, daß wir alle An⸗ dersdenkenden als Ketzer verurtheilen wuͤrden. Nur die Erfahrung lehrt uns, daß der Vorſichtige ſelten 47 betrogen wird, und daß aus den Meinungen, die wir verdammen, oft Handlungen entſprießen, die wir bewundern. Bei dem Entſchwinden der Jugend ſollten wir daher, indem wir, unſer Gemuͤth ſammelnd, zuruͤck⸗ ſchauen, fuͤr unſer ferneres Benehmen die Ergebniſſe unſerer Erfahrung zu Rathe ziehen, namlich eine Kenntniß der wahren Verhaͤltniſſe der Leidenſchaften zu einander, daß wir nicht auf eine einzige die Kraft verwenden, welche unter alle gleichmäßig ver⸗ theilt ſein ſollte,— eine ueberzeugung von der Ei⸗ telkeit geringfuͤgiger Beſtrebungen, welche eine un⸗ verhaͤltnißmaͤßige Thätigkeit in Anſpruch nehmen,— und ferner jene richtige Beurtheilung der Menſchen, welche ſie weder zu gering ſchätzt, noch uͤberſchätzt. Aus dieſen Ergebniſſen ziehen wir Schluſſe, welche uns nicht allein weiſer, ſondern auch beſſer machen. Die Jahre, welche wir in jenem Alter zuruͤckgelegt, ha⸗ ben wahrſcheinlich unſere Faͤhigkeiten ganz entwickelt — ſie haben uns gelehrt, worin wir uns auszeich⸗ nen können, und fuͤr was wir am meiſten geeignet ſind. Wir können jetzt mit beſſerem Erfolge als Raſſelas unſere Lebensrichtung waͤhlen. uebrigens bin ich geneigt, zu glauben, daß wir jene Lauf⸗ bahn vorziehen ſollen, von der wir für Geiſt und Gemuͤth das meiſte Gluͤck erwarten— das Streben nach Ehre, nach Reichthum nicht unbe⸗ dingt zurüͤckweiſend— aber ruhig die Vortheile und 48 die Uebelſtände jeder Richtung fuͤr uns abwägend, ſowohl des offentlichen, als des Privatlebens, der Einſamkeit und des weltlichen Treibens,— und uns dann entſcheidend, nicht nach abſtracten Regeln oder einſeitigen Marimen uͤber die Eitelkeit des Ruhmes und über die Freuden der Einſamkeit, ſondern nach dem beſondern Beruf und der Stimmung unſeres eigenen Geiſtes. Einigen gewaͤhrt die Arbeit und Thätigkeit Gluͤck, Andern die Ruhe. Dieſer Mann kann blos in der Geſellſchaft leben, jener blos in der Einſamkeit.— Der Ruhm iſt ein Bedürfniß für den Einen, und ganz ohne Reiz fuͤr den An⸗ dern.— Jeder moge ſeine Laufbahn wählen nach der Stimme ſeines eigenen Innern, und zwar nicht in Folge des unedlen Grundſatzes, daß nur unſer eignes Gluͤck unſers Daſeins Zweck und Ziel ſei(denn der beſſere Menſch hat außer ſich liegende Zwecke, die ihm ge⸗ wichtiger ſind, als Alles, was nur auf das eigene Ich Bezug hat), ſondern weil ein unruhiger und ſeinen Wirkungskreis nicht findender Geiſt ſelten tugend⸗ haft iſt. Gluͤck und Tugend ſtehen in Wechſelbeziehungen zu einander— die Tugendhafteſten ſind nicht allein die Gluͤcklichſten, ſondern die Glucklichſten ſind ge⸗ woͤhnlich die Tugendhafteſten. Wenn wir uns Be⸗ ſchäftigungen hingeben muͤſſen, die, ſo achtungs⸗ werth ſie an ſich auch ſein moͤgen, unſeren Anlagen und Neigungen nicht zuſagen, ſo werden wir zu 49 leicht hart und abſtoßend gegen unſere Mitmenſchen; unſere Talente konnen ſich nicht entwickeln, und bringen ſelbſt durch die Macht der umſtände unzei⸗ tige und unreife Fruͤchte hervor. Der Genius, wel⸗ cher durch Gegenſaͤtze aufgeregt wird, kann zu leicht boshaft werden, und die Menſchen die Wunden ent⸗ gelten laſſen, welche die Verhaͤltniſſe ihm ſchlugen; wird uns jedoch jene Lebensrichtung zu Theil, die unſerer individuellen Stimmung entſpricht, ſei es im Treiben der Welt oder in der Einſamkeit, in der Literatur oder im Geſchaͤftsleben, ſo erfreuen wir uns jener inneren Ruhe, welche fuͤr den Geiſt die beſte Atmosphaͤre iſt, in der Alles, was er hervor⸗ bringt, kraͤftig und geſund wird. Unſere eigene Zu⸗ friedenheit macht uns wohlwollend und freundlich gegen Andere, wir werden nicht durch Sorgen ge⸗ plagt und gefoltert, welche tyranniſch ſind, weil ſie zu unſerm eigentlichen Weſen Gegenſätze bilden. Wir erfuͤllen unſern wahrhaften Beruf, und unſere Um⸗ gebung erfreut ſich des Sonnenſcheines unſerer Her⸗ zen. Aus dieſem Grunde muß unſer eigenes Gluck uns beſonders bei der Wahl eines Lebensberufes lei⸗ ten, weil aus dem Gluͤcke jener Gemuͤthszuſtand entſpringt, der zur Tugend wird— und das ſoll⸗ ten auch diejenigen edelmuͤthigen und feurigen Na⸗ turen beruͤckſichtigen, welche fuͤr das vermeintliche Wohl Anderer ſich aufzuopfern geneigt ſind, und ſich in einen Kampf ſtuͤrzen, der ſie aufreiben muß. Unter Bulwer's Werke Taſchenausg. V. 4 weichen der Jugend feſt und entſchloſſen in den uns 50 den wenigen Wahrheiten, die wir Rouſſeau ver⸗ danken, iſt keine wahrer, als dieſe:—„Ein Mann darf der Menſchen wegen ſich nicht ſelbſt verder⸗ ven.“— Wir muͤſſen deshalb unſere Nuͤtzlichkeit nicht allgemeinen Theorien, ſondern unſern eignen Fähigkeiten und Gewohnheiten anpaſſen. Um prak⸗ tiſch zu ſein, muͤſſen wir diejenigen Eigenſchaften aufbieten, welche wir fähig ſind auszuuͤben. Jeder Stern, der in ſeiner beſtimmten Sphäre ſcheint, jeder— welches auch ſeine Große oder ſein Urſprung ſein moͤge— trägt mit zu dem allgemeinen Lichte bei. Die verſchiedenen Lebensalter erheiſchen auch ver⸗ ſchiedene Tugenden— die unbegrenzte Freigebigkeit des Knaben iſt im Mann eine Thorheit. Ein drei⸗ ßigjähriger Verſchwender iſt nicht mehr zu entſchul⸗ digen. Von jener Zeit bis zum herannahenden Alter muß Vorſicht und Klugheit in den Angelegenheiten des Lebens vorherrſchend ſein. Im ſpäteren Alter ſelbſt iſt Sparſamkeit weniger nothwendig. Die Na⸗ tur verlaͤßt den Elenden, der noch mit der einen Hand den Mammon liebkoſet, waͤhrend der Tod ihn ſchon an der andern faßt. Wir ſollten für unſer Alter ſorgen, damit die dringenden Beduͤrfniſſe die⸗ ſer Welt es nicht abziehen von den Betrachtungen uber die nächſte.— Es iſt ſchrecklich, wenn die ma⸗ gern Haͤnde des Aberwitzes einen Geldkaſten aus dem Grabe machen! Treten wir aber bei dem Ent⸗ 51 gewählten Lebenspfad,— baut ſich die Vernunft ihre Palaͤſte aus den Ruinen unſerer Leidenſchaften — ſo ſollten wir doch vermeiden, daß die Welt, die uns ſo in Anſpruch nimmt, uns nicht zu theuer werde. Das Alter des Ehrgeizes und der Vorſicht iſt ein gefährliches,— das Entweichen der Jugend wird uns zu einer gefährlichen Zeit,— wenn wir ver⸗ geſſen, daß der Geiſt ſeine eigene Jugend ewig bewah⸗ ren ſollte!— Gerade deshalb, weil wir fuͤhlen, wie wenig uns die Geſetze, indem ſie uns verhin⸗ dern, ſchlecht zu ſein, tugendhaft machen koͤnnen,— wie unſere Erfahrung unſeren inneren Antrieben entgegentritt,— weil wir ſeufzend geſtehen, wie an⸗ ſteckend das Beiſpiel iſt,— daß wir um deſto mehr unſere eigenen Herzen bewachen ſollten, nicht mehr, damit ſie nicht irren, ſondern damit ſie nicht zu hart und abgeſchloſſen werden. Jetzt iſt die Zeit, in der unſere Leidenſchaften am leichteſten beherrſcht werden konnen,— in der wir der Liebe uns entwöhnen, wenn wir in der Kraft und Fuͤlle unſers goldenen Alters am Beſten allein und unabhängig ſtehen können— gleich weit entfernt von der Sehnſucht der Jugend nach Idealen und von der traurigen Hülfloſigkeit des Alters. Jetzt iſt die Zeit, in der weder die Stimme der Geliebten, noch das unſchuldige kindliche Lächeln des Kindes uns ſo ruͤhren, als fruher, und als es ſpäter vielleicht wieder der Fall ſein wird. Wir werden durch unſere maͤnnlichen Plane beſchaͤftigt — 4* und gefeſſelt. Die Welt iſt unſere Gebieterin, un⸗ ſere Projecte ſind unſere Kinder.— Ein Mann er⸗ ſchrickt, wenn er dieſe Wahrheit hoͤrt, möge er je⸗ doch nachdenken und ſich ſelbſt beobachten— wenn er in Thätigkeit begriffen iſt(und nur Wenige in jenem Alter ſind es nicht) und ſich ſelbſt fragen: ob ich ihm unrecht thue?— ob er ſich nicht unbe⸗ wußt in ſein inneres Ich zuruͤckgezogen hat?— Wie eine Schnecke wandert er durch die Welt, ſeine Wohnung und ſein Schild mit ſich tragend.— Ha⸗ ben wir uns dagegen nicht vorzuſehn? Muß es nicht unſer Mißtrauen erregen, damit nicht das Mißtrauen ſelbſt die ſchoͤnen Zugaͤnge zu unſerem Herzen verſchließe?— Was kann das Leben, wenn wir ihm den ſchoͤnſten Theil unſeres Selbſt aufopfern, uns als Erſatz gewaͤhren? Was nuͤtzt uns die Erfah⸗ rung, wenn ſie uns verhindert, edel und großmu⸗ thig zu ſein, wenn ſie uns Herzensguͤte und Milde raubt, und Alles, was zaͤrtlichen und erhabenen Em⸗ pfindungen angehoͤrt— ohne welche die Weisheit hart und ſtarr bleibt, und die Tugend ihre Har⸗ monie verliert. Paley ſagt, wir ſollen dem Armen eine Gabe nicht zu ſtrenge, aus Beſorgniß, den Muͤßiggang zu ermuntern, verweigern, damit wir nicht von der andern Seite unſer Mitleiden ver⸗ haͤrten gegen das wahre ungluͤck— ſollen wir denn nun bei den hoͤheren Sympathien der Stimme des Herzens, der wohlwollenden Auslegung und allen 53 Gefuhlen menſchlicher Zuneigung(welche die Almoſen des Geiſtes ſind) nicht folgen, weil ſie uns vielleicht einer Taͤuſchung ausſetzen koͤnnen?— Soll der Irrweg, auf den dieſe Empfindungen gerathen ſind, unſere gänzliche Gefuhlloſigkeit rechtfertigen?— und muͤſſen wir ſelbſt ſchlecht werden, damit wir durch die Schlechtigkeiten Anderer nicht mehr leiden?— Dieſes daher iſt das Alter, in welchem wir, während die Erfahrung unſer Fuͤhrer wird, ihrer Stimme mit einer gewiſſen mißtrauiſchen Vorſicht folgen muͤſſen. Wir muſſen uns erinnern, wie ſehr der Menſch zu Ertremen geneigt iſt— wie leicht er von der Leichtgläubigkeit und Hingebung zum unglauben und zur Gefuhlloſigkeit uͤbergeht. Und wenn wir wirklich weiſe geworden ſind, ſo wer⸗ den wir, trotz zufälliger Täuſchungen, immer noch das edelſte Eigenthum unſeres Weſens— die Liebe und das Zutrauen— zu bewahren und zu be⸗ haupten ſuchen. Ich kenne in der That kein ſchöneres Schauſpiel in der Welt, als einen alten Mann zu ſehen, der mit Ehren alle Drangſale und Stuͤrme des Lebens überſtanden, und doch dabei die Friſche der Gefuͤhle ſeiner erſten Jugendzeit ſich erhalten hat. Dieſes iſt das wahre gluckliche Alter— dieſes macht des Lebens letzte Tage zu einem ſuͤdlichen Winter, in welchem der Strahl der Sonne erwaͤrmt, ohne 54 durch ſeine Hitze zu beläſtigen— ſolche Greiſe ſind der Jugend immer willkommen, und die Sympathie vereinigt ſie mit ihr, während ihre Weisheit ihr Fuͤh⸗ rer iſt. Zwiſchen Achtung und Verehrung iſt der unterſchied— letztere hat immer etwas von der Liebe in ſich. Dieſes iſt auch das Alter, in dem wir ruhig die Meinungen der Welt ſollten wuͤrdigen gelernt haben. In der Jugend ſind wir zu ſehr geneigt, die Anſichten Anberer, und den Einfluß der Oeffent⸗ lichkeit zu verachten, in dem reiferen Alter dagegen, ſie zu uͤberſchätzen.— Auch hier muͤſſen wir den richtigen Weg in der Mitte finden. Der Charakter eines Mannes iſt ſein wohlerworbenes Eigenthum— er iſt ein Reichthum— er beſtimmt an und fuͤr ſich ſchon eine Stellung in der Geſellſchaft. Gewoͤhnlich verdankt er ihm die Ehre des Ruhms und ſelten den Neid, der in ihrem Gefolge iſt. Wie viele andere Schatze, die weniger durch zufaͤllige um⸗ ſtande, als durch uns ſelbſt erworben worden, macht der Charakter gluͤcklicher als der Ruhm⸗— Der Weiſe verachtet deshalb nicht die Meinung der Welt— er wuͤrdigt ſie nach ihrem wahren Werthe— er ſetzt nicht leichtſinnig den Schatz ſeines guten Na⸗ mens auf das Spiel— er ſtrzt ſich nicht, bloß aus Eitelkeit, in den Kampf gegen die Anſichten Anderer— er wagt nicht ſein koſtbares Juwel gegen unwuͤrdige Feinde und fuͤr einen geringfuͤgigen 55 Zweck. Er achtet die Geſetze des Anſtandes.— Iſt er eben ſo wohlwollend, als weiſe, ſo wird er ſich erinnern, wie unendlich nützlich er durch ſeinen Charakter werden kann, daß er durch ihn die Irrenden und unterdruͤckten leichter retten kann. Der Charakter jedoch beruht auf einer falſchen und truͤgeriſchen Baſis, welcher nicht durch die Einge⸗ bungen der eigenen Bruſt, ſondern durch die Furcht vor dem urtheil Anderer ſich gebildet hat.— Was iſt das eigentliche Weſen und Leben des Charak⸗ ters?— Unabhaͤngigkeit, Integrität, Conſequenz!— oder, wie einer unſerer großen Schriftſteller ſich ausdruͤckt:„der angeborne Sinn fuͤr die Tugend, welcher ihr auch ohne eine Livree zu dienen ver⸗ mag.“— Dieſes ſind Eigenſchaften, die durch das urtheil Anderer nicht bedingt werden koͤnnen. Sie muͤſſen in uns entſtehen, und zugleich uns ſelbſt bilden— unzerſtoͤrbar und unveraͤnderlich, wie der Geiſt ſelbſt!— Wenn wir, dieſes Eigenthums uns bewußt, der Zeit und Gelegenheit uͤberlaſſen, es zu Tage zu fordern, ſo koͤnnen wir verſichert ſein, daß unſer Charakter fruͤher oder ſpäter auch in dem urtheil Anderer ſich feſtſtellen wird. Wir koͤnnen unſeren Zweck nicht mehr verfehlen, als durch eine unruhige und ſieberhafte Aengſtlichkeit in Beziehung auf das urtheil der Welt uͤber uns;— aber auch dann, wenn wir in die Verſuchung einer unwuͤrdigen Nachgiebigkeit gerathen, um den launenhaften und 56 wechſelnden Anforderungen der Zeit, der Stimme unſeres eigenen Gewiſſens zuwider, zu genuͤgen. Es liegt eine moraliſche Rechtlichkeit in der wuͤr⸗ digen Behauptung des Charakters, welche dem Willen der Menge ſich nicht unbedingt fuͤgen wird. und dieſes iſt eben ſo rechtlich, als weiſe, denn die Menge gewährt nie lange Denen ihre Achtung, welche auf ihre eigenen Unkoſten ihr ſchmeicheln. Wer die Gewandtheit des Demagogen hat, der wird auch ſeinen Zeit die Veränderlichkeit des Pöbels kennen lernen. Wenn es in der Eigenthuͤmlichkeit der früheren Jugendjahre liegt, bisweilen der Meinung zu trotzen, und ſie ohne urſache herauszufordern, ſo gerathen auch ſanftere Gemuͤther oft in das entgegengeſetzte Ertrem und ſcheuen zu ſehr das urtheil der Welt. Es iſt ihnen zu Muthe, als haͤtten ſie nicht das Recht, ihre eigene Meinung geltend zu machen— ſie haben ſich ſelbſt noch nicht durch Erfahrungen und Verſuchungen, in die ſie gerathen, geſtärkt. Sie ſind geneigt, uͤber Punkte nachzugeben, uͤber die ſie ſelbſt noch nicht ganz im Klaren ſind. Es iſt er⸗ goszlich, ihre Zweifel mit der hartnaͤckigen Sicherheit Anderer in Vergleichung zu ſtellen. In dem reifen maͤnnlichen Alter ſollten wir jedoch ganz uns ſelbſt rathen und helfen koͤnnen. Unſere eigene Vergangen⸗ heit und unſere eigene Zukunft ſollten unſere einzigen Fuͤhrer ſein.—„Wer im dreißigſten Jahre nicht ——— 57 ſein eigener Arzt ſein kann, der iſt ein Narr“— ein Arzt fuͤr ſeinen Koͤrper, wie fuͤr ſeinen Geiſt,— bekannt mit ſeiner moraliſchen Conſtitution— ihren Krankheiten, den Mitteln dagegen, der Diät und der Lebensart. Wir ſollten unſere eigenen Gedanken und Handlungen ſo einzurichten lernen, daß ſie zwar der Welt nicht widerſtreben, aber auch nicht durch dieſe geleitet werden. Wir ſollten ſo denken und handeln, daß wir eine Welt fuͤr uns ſelbſt ſein koͤnnen. Wenn wir uns ſo gewohnen und ausbilden, ſo wird es uns nicht ſchwer, etwaige Vorwuͤrfe und Verläumdungen zu ertragen. Die rauhe Beruͤhrung der Menge trifft dann auf keinen wunden Fleck— das unrecht, welches die Stunde gegen uns mit ſich bringt, verletzt oder betruͤbt uns nicht. Wir verlaſſen uns auf uns ſelbſt und auf die Zeit. Wenn es wahr iſt, daß das Weſen des Charakters beſon⸗ ders durch Grundſätze gebildet wird, ſo iſt es eben ſo wahr, daß Grundſaͤtze ſich nicht veraͤndern und wechſeln laſſen; wie es gut ausgedruͤckt wurde mit den Worten:„Grundſätze ſind eine Leidenſchaft fur die Wahrheit“*)— oder, wie ein älterer und gemuͤthlicherer Schriftſteller ſagt:„Die Wahrheiten Gottes ſind die Pfeiler der Welt“**).— Die *) Hazlitt. **) Aus einem ſeltenen und merkwuͤrdigen kleinen Trac⸗ tat: Der einfache Schuhflicker von Aggavvam. 1617. 58 Wahrheiten, an die wir glauben, ſind die Pfeiler unſerer Welt. Der Mann, der nach dem dreißig⸗ ſten Jahre leicht von dem Wege ſeiner Ueberzeugung abgeleitet werden kann, wird nie geachtet, nachdem der beabſichtigte Zweck durch ſeinen Wankelmuth erreicht worden.— Ich weiß nicht, ob wir nicht ſelbſt einen Geiſt hoͤher anſchlagen, der ſich fuͤr einen guten Preis verkauft, als Jenen, der ſich umſonſt hingiebt. Schließlich ſcheint mir dieſes Alter vor allen andern uns aufzufordern, die Artikel unſeres mora⸗ liſchen und religioͤſen Glaubensbekenntniſſes reiflich zu bedenken und feſtzuſtellen. Da wir uns mehr als je mitten in den Kampf und das Treiben der Welt begeben, ſollten wir jede Huͤlfsmacht, die uns unterſtuͤtzen kann, aufbieten, um uns zu troſten, zu rathen, aufzumuntern und zu leiten.— Es iſt die⸗ ſes eine Zeit, in der wir mit ernſtem Sinn die Elemente unſeres Glaubens ordnen muͤſſen, um zu einer ſolchen Aufloͤſung unſerer Zweifel zu gelangen, als die menſchliche Vernunft es geſtattet.— Gluͤck⸗ lich, wer mit Ueberzeugung die Gewißheit der un⸗ ſterblichkeit glauben und fuͤhlen kann—„daß die Welt kein Wirthshaus, ſondern ein Hospital iſt— ein Ort, wo wir nicht leben, ſondern wo wir ſterben ſollen“— und wer anerkennt:—„daß ein gottlicher Funke in uns iſt,— ein Etwas, das vor den Elementen war, und der Sonne keinen Tri⸗ 59 but zahlt.“*)— Ein Solcher beherrſcht allerdings nicht allein den Tod, ſondern auch das Leben, und „er vergißt, daß er ſterben kann, wenn er ſich uͤber ungluͤck beklagt.“**) Ich weiſe jeden Sectengeiſt zuruͤck— ich affec⸗ tire kein gefuhlloſes Geſchwätz— ich bekenne auf⸗ richtig, daß ich Manche gekannt habe, vor deren Tugenden ich, beſchämt uͤber meine eigenen Irr⸗ thuͤmer, mich beuge,— welche durch den Glauben weder geleitet, noch unterſtutzt wurden.— Aber nie vegegnete ich einem Solchen, der nicht eingeſtand, daß, koͤnnte er glauben, er auf keinen Fall ſchlech⸗ ter, auf jeden Fall aber glucklicher ſein wuͤrde.— Ich darf vielleicht am wenigſten in jenes Reich der Meinungen eindringen, das kein Geſetz zu erreichen vermag; denn auch ich hatte meine Zeiten des Zweifels, der Verzweiflung, der Philoſophie des Gartens. Vielleicht giebt es Einige, denen der Glaube— der Erloͤſer— in Finſterniß und im Grabe des unglaubens verborgen bleiben muß, bis er, unſterblich und Unſterblichkeit gewaͤhrend, aus ſeinem Grabe ſteigt— als ein Gott! Aber wenn ich demuͤthig und ehrfurchtsvoll einen Zuſtand mit dem anderen vergleiche, ſo rufe ich *) Religio Medici. Part II. Sect. 2. **) Religio Medici. Part I. Sect. 44. 60 nochmals:„Glucklich, dreimal gluͤcklich, wer von der unſterblichkeit des Geiſtes uͤberzeugt iſt— wer glaubt— wenn Alle, die er liebt, nach und nach von ſeiner Seite geriſſen werden, daß ſie zuruͤck⸗ gekehrt ſind„in ihr Geburtsland“*)— daß ſie der Wiedervereinigung harren;— wer fuͤhlt, daß er jeden Schatz des Wiſſens, den er erſtrebt, durch eine unbeſchränkte Exiſtenz mit ſich nimmt— wer in der Tugend das Weſen und die Elemente ſeines künftigen Daſeins erblickt, auf das er ſich hienieden nur vorbereitet; wenn in den Stuͤrmen der Zeit ijenſeits der wilden See der Hafen winkt, den er zuletzt erreichen wird— wer ahnet, daß jeder Kampf ſeine beſtimmte Belohnung, jedes ungluck ſeinen Balſam hat— wer weiß, daß, ſo verlaſſen und einſam er auch hienieden iſt, er doch nie gänzlich allein und verlaſſen ſein kann— daß uͤber ihm der Schutz der ewigen Macht und die Gnade der ewigen Liebe waltet!— O, wie wahr iſt jener Spruch:— „Wie gut mußte Er das menſchliche Herz kennen, der zuerſt Gott unſern Vater nannte!“— So wie, wenn unſer menſchliches Leben auf ein einziges Jahr beſchränkt wäre, und wir niemals die verwelkende Blume im nächſten Fruhiahr wieder *) Ein gewoͤhnlicher Ausdruck der chineſiſchen Grab⸗ ſchriften. 61 haͤtten emporbluͤhen ſehen, uns die Philoſophie, welche uns berichtete, daß ſie nicht geſtorben ſei, ſondern nur fuͤr eine Zeitlang ſchlafe, zweifelhaft erſcheinen, ein laͤngeres Leben aber uns uͤberzeugen wuͤrde, daß das ſcheinbare Wunder nur der Lauf der Natur ſei;— eben ſo verhaͤlt ſich dieſes Leben zur Ewigkeit, nur wie ein einziger umſchwung der Erde um die Sonne, und unſere Erfahrungen gehen nur bis zum Winter des Geiſtes, wenn ſeine Blät⸗ ter verwelken und abfallen, und er aͤußerlich zu ver⸗ faulen ſcheint; doch die Jahreszeiten folgen ſich unaufhoͤrlich uͤber den Graͤbern— und Diejenigen, welche uͤber uns ihr Daſein fortgeſetzt haben, ſehen die unvergaͤngliche Blume wieder aufbluͤhen in dem zweiten Fruͤhling!— Dieſe Hoffnung begruͤndet die Wuͤrde des Men⸗ ſchen, und ich kann nicht begreifen, wie, wer deren erhabene Beredtſamkeit in ſeinem Herzen fuͤhlt, einer unedlen Handlung ſich ſchuldig machen, oder einer niedrigen Leidenſchaft ſich hingeben kann. Die Un⸗ ſterblichkeit macht uns einer hoͤheren Gemeinſchaft mit Gott theilhaftig!— Die Welt, wie ſie iſt. „Wes iſt die Welt doch fuͤr ein herrliches Ding! Wie reizend war vorige Racht der Ball der Lady Lennor! Alles war ſo freundlich, und Charlotte ſo huͤſch— ich habe nie ein artigeres Mädchen ge⸗ ſehen! Aber ich muß mich anziehen⸗ Balfour will um Zwolf mit dem Pferde hier ſein, das er mir verkaufen mochte. Was bin ich gluͤcklich, daß ich einen Freund, wie Balfour, habe! Einen ſo unter⸗ haltenden, gutmuͤthigen, und dabei ſo verdammt ge⸗ ſcheidten Menſchen, mit dem beſten Herzen von der Welt. O, wie Schade! Es regnet etwas; aber thut nichts; es wird ſich wieder aufklären, und wenn nicht— nun, ſo kann man ja Billard ſpielen. Was iſt die Welt doch für ein herrliches Ding!“ Dieſer Monolog kam aus dem Munde von Char⸗ les Rugent, einem jungen Manne von einundzwan⸗ zig Jahren, einem Philanthropen und Optimiſten · Er war eine Waiſe, von guter Familie und großem Vermoͤgen: brav, großmuͤthig, vertrauensvoll und 63 offenherzig. Seine Bildung ging uͤber das Ge⸗ woͤhnliche, und er beſaß eine warme Liebe und ei⸗ nen reinen Geſchmack fuͤr die Wiſſenſchaften. Er hatte ſogar ſein Knie vor der Philoſophie gebeugt, aber der ſtille und kalte Anſtand, mit welchem die Göottin ihre Juͤnger empfaͤngt, hatte dem jungen Verehrer bald dieſen Dienſt verleidet.„Fort!“ rief er eines Morgens, indem er den Band von La Ro⸗ chefoucauld, den er zu verſtehen glaubte, bei Seite warf,„fort mit dieſem ſelbſtiſchen und erniedrigen⸗ den Lehrbuche! Die Menſchen ſind nicht die kleinli⸗ chen Geſchoͤpfe, wie ſie hier geſchildert werdenz ich will mit ſtolzer Freude von meinem Geſchlechte den⸗ ken!“ Du gute Erfahrung, wie viel ſchoͤnen Ge⸗ fuͤhlen denkſt du noch einen Streich zu ſpielen? Nicht ohne Grund ſagt uns Goethe, daß das Ge⸗ ſchick zwar ein vortrefflicher, aber auch ein ſehr theurer Lehrer ſei.“ „Ah, mein lieber Nugent, wie geht es?“ Mit dieſen Worten trat Capitain Balfour in das Zim⸗ mer. Es war ein huͤbſcher, bruͤnetter Menſch, mit einer etwas anmaßenden Miene und ziemlich freiem Weſen.„Und hier iſt das Pferd. Treten Sie an das Fenſter. Schreitet es nicht ſchoͤn aus? Wel⸗ ches Leben! Betrachten Sie ſeine Vordertheile. und wie es den Schwanz traͤgt! Bei Gott, ich habe gar keine Luſt mehr, es Ihnen abzulaſſen.“ „Ja, ja, mein Lieber, es mag Ihnen wohl leid 64 thun, ſich von ihm zu trennen. Es iſt ein prächti⸗ ges Thier. Doch ganz geſund— wie?“ „Laſſen Sie es unterſuchen.“ „Glauben Sie, Ihr Wort waͤre mir nicht eben ſo gut? Der Preis?“ „Beſtimmen Sie ihn ſelbſt. Prinz Paul hat mir einmal einhundertundachtzig Pfund dafür ange⸗ boten; aber Sie—“ „Sie ſollen ſie haben.“ „Nein, Nugent, laſſen Sie es mit einhundert⸗ und funfzig gut ſein.“ „Ich laſſe es mir nicht zuvorthun; hier iſt eine Anweiſung auf einhundertundachtzig Guineen.“ „Auf Seele! Sie beſchämen mich; aber Sie ſind ein reicher Patron.“ e „John, fuͤhre das Pferd in Herrn Nugent's Stall. Wo denken Sie zu Mittag zu ſpeiſen? Im Cocos⸗Baum?“ „Mit Vergnuͤgen.“ Die jungen Leute ritten zuſammen aus. Nugent war entzuckt von ſeinem neuen Kaufe. Sie ſpeiſten im Cocos⸗Baum. Balfour beſtellte einige fruhzei⸗ tige Pfirſichen. Nugent bezahlte die Rechnung. Sie gingen in die Oper. „Sehen Sie dort Florine, die Figurantin?“ fragte Balfour.„Hübſche Knochel— wie?“ „O ja, comme cà— tanzt aber unbeholfen— nicht ſchon.“ 65⁵ „Was, nicht ſchoͤn? Kommen Sie mit und ſpre⸗ chen Sie einmal mit ihr. Sie hat mehr Bewun⸗ derer, als irgend Jemand vom Theater.“ Sie gingen auf die Buͤhne, und Balfour uͤber⸗ zeugte ſeinen Freund, daß er von Florinen entzuckt ſein muͤſſe. Ehe die Woche um war, hielt ſich die Figurantin Equipage, und dafuͤr aß Nugent zwei⸗ mal woͤchentlich bei ihr Abendbrot. Nugent hatte fuͤr das„Keepſake“ eine Erzäh⸗ lung geſchrieben; es war ſein erſter literariſcher Verſuch, der ziemlich gut ausfiel und Gluck machte. Eines Tages ſaß er uͤber ſeinem Fruͤhſtuͤck, als ein langer, magerer, ſchwarzgekleideter Herr, Namens Gilpin, angemeldet wurde. Herr Gilpin machte eine ſehr ehrerbietige Ver⸗ beugung und ſtieß einen gewaltig tiefen Seufser aus. Nugent fuͤhlte ſich auf der Stelle von lebhafter Theilnahme fuͤr den Fremden ergriffen,„Sir,“ ſtotterte Herr Gilpin,„nur mit großem Leidweſen erſcheine ich vor Ihnen. Ich— ich— ich—“ Ein ſchwacher, ſchwindſuͤchtiger Huſten unterbrach ſeine Rede. Nugent bot ihm eine Taſſe Thee an. Das Anerbieten wurde abgelehnt und die Geſchichte fort— geſetzt. Herrn Gilpin's Erzählung iſt aber bald mitge⸗ theilt, wenn er nicht ſelbſt der Erzaͤhler iſt. Ein unglucklicher Schriftſteller— eivſt in guten Ver⸗ haͤltniſſen— Buͤrgſchaft für einen verraͤtheriſchen Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 5 66 Freund— der Freund entflohen— Drang unvor⸗ hergeſehener Umſtaͤnde— ein Engel von Frau und vier Herzenskinder— ein Buch fur die nächſte Sai⸗ ſon— jetzt in tiefem Mangel— ſchauderhaft, bet⸗ teln zu muͤſſen— betroffen von den edlen Geſin⸗ nungen, welche aus der Erzählung des Herrn Nu⸗ gent ſprechen— ein Strahl der Hoffnung erhellt ſeine Seele— et voilà die urſachen von Herrn Gilpin's Noth und Herrn Gilpin's Beſuch. Nie hatte es ein ergreifenderes Bild von dem bedraͤng⸗ ten Gelehrten gegeben, als Gregor Gilpin. Er ſah bleich, leidend und ehrwuͤrdig aus; er huſtete haufig und war in tiefe Trauer gekleidet. Nugent ſchwoll das Herzz er legte eine Banknote in Herrn Gil⸗ pin's Hand; er verſprach ihm noch wirkſamere Huͤlfe, und Herr Gilpin entfernte ſich uͤberwaͤltigt von ſeiner eigenen Dankbarkeit und Herrn Nugent's zartem Mitleiden. „Welch ein Gluck fuͤr mich, daß ich reich bin!“ rief der edle junge Menſchenfreund, indem er ſeinen Secretair oͤffnete. Rugent ging zu einer Conversazione bei Lady Lennox. Ihre Herrlichkeit war Wittwe und ein einnehmendes Weib. Sie hatte etwas von einer Gelehrten, etwas von einer Weltdame, etwas von einer Schoͤnheit, etwas von einer Kokette, und viel von einer Sentimentalen. Sie hatte eine Tochter, ohne einen Schilling; und nahm lebhaftes Intereſſe 67 an einem jungen Manne von ſo ausgezeichneten Ta⸗ lenten und ſo hoher Liebenswuͤrdigkeit, wie Herr Nu⸗ gent. Er ſaß neben ihr— ſie ſprachen von der Herzlo⸗ ſigkeit der Welt, ein Gegenſtand, uͤber den Maͤnner von einundzwanzig und Damen von fuͤnfundvierzig Jahren beſonders beredt ſind. Lady Lennor klagte, Herr Nugent vertheidigte.„Niemand,“ heißt es irgendwo in den Memoiren der Madame d'Epinay,„ſpricht viel uͤber unſchuld, der nicht arg verdorben iſt;“ und nichts gibt mehr den Anſchein von eigener Herzensguͤte, als ein Ausfall gegen die Herzloſigkeit Anderer. „Ein herrliches Weib!“ dachte Nugent.„Welch warmes Gefuͤhl! und wie huͤbſch iſt ihre Tochter! O, es iſt eine reizende Familie!“ Charlotte Lennox ſpielte eine ruͤhrende Melodiez Nugent lehnte ſich uͤber das Pianoz ſie ſprachen von Muſik, Poeſie, Waſſerpartieen, Gofuͤhl und Richmond Hill. Sie verabredeten eine Luſtfahrt. Nugent konnte dieſe Nacht nicht ſchlafen— er war offenbar verliebt. Als er am andern Morgen aufſtand, war das Wetter klar und ſchoͤn. Balfour, der beſte der Freunde, ſollte in einer Stunde bei ihm ſeinz Bal⸗ four's Pferd, das beſte der Pferde, ſollte ihn nach Richmond tragen, und in Richmond ſollte er Lady Lennor, die liebenswuͤrdigſte der Muͤtter, und Char⸗ lotte, die reizendſte der Doͤchter, treffen. Die Fi⸗ gurantin war immer langweilig geweſen— jetzt 5* 68 war ſie vergeſſen.„Es iſt beſtimmt eine köſtliche Welt!“ wiederholte Nugent, als er ſich das Hals⸗ tuch umhand. Es war einige— ich will nicht ſagen, wie lange — Zeit nach dieſem gluͤcklichen Tage; Nugent war allein in ſeinem Zimmer und ging mit uͤbereinander geſchlagenen Armen und die Stirn gerunzelt, auf und nieder.„Welch ein Schurke! Was fuͤr ein ge⸗ meiner Schuft! und das Pferd war lahm, als er es verkaufte— nicht zehn Pfund werth— und ich hatte ſo viel Vertrauen— der Teufel hole meine Thorheit! und daraus haͤtte ich mir noch nichts gemacht; aber daß er mir ſeine abgelegte Geliebte angehängt, mich zum Gelächter der Welt gemacht hat! Beim Himmel, er ſoll es bereuen! Borgt erſt Geld von mir und verſpottet dann meine Guther⸗ zigkeit! Fuͤhrt mich in ſeinen Elubb ein, um mich auszupluͤndern! Aber, Gott ſei Dank, ich kann ihm dafuͤr noch eine Kugel vor den Kopf ſchießen! Ah, Oberſt, das iſt ſchoͤn von Ihnen!“ Oberſt Nelmore, ein in der Geſellſchaft wohl bekannter ältlicher Mann mit einer ſchoͤnen Stirn, klugem, forſchendem Auge und artigem Benehmen, trat in das Zimmer. Nugent ergoß ſich gegen ihn in der langen Reihe ſeiner Beſchwerden, und ſchloß mit der Bitte, er moͤge dem beſten der Freunde— Gapitain Balfour, eine Herausforderung uͤberbrin⸗ gen. Der Oberſt mächte große Augen⸗ 69 „Es iſt wahr, mein Lieber, der Menſch hat ſich unſtreitig ſchlecht gegen Sie benommen; aber wegen welcher boſonderen Beleidigung wollen Sie ihn denn fordern?“ „Wegen ſeines Betragens im Allgemeinen.“ Der Oberſt lachte. „Nun denn dafuͤr, daß er geſtern ſagte, ich ſei ein verdammt langweiliger Menſch geworden, und er wuͤrde in Zukunft nicht mehr mit mir umgehen⸗ Er hat es geſtern in einem Bogenfenſter in White's Kaffeehaus zu Selwyn geſagt.“ Der Oberſt nahm eine Priſe. „Mein lieber junger Freund,“ ſagte er,„ich ſehe, Sie kennen die Welt nicht. Eſſen Sie heute bei mir— Punkt Sieben. Wir wollen mehr dar⸗ über ſprechen. Jedenfalls konnen Sie Riemand for⸗ dern, weil er Sie langweilig nennt.“ „NRicht fordern! Was ſoll ich denn thun?“ „Lachen— wenn Sie ihn ſehen, den Kopf ſchüt⸗ teln und ſagen— Ah, Balfour, Sie ſind ein kläg⸗ licher Menſch!“ Es gelang dem Oberſten, die Herausforderung zu hintertreiben, aber der Zorn Nugent's gegen den beſten der Freunde blieb ſo heftig, wie zuvor. Er lehnte die Einladung des Oberſten ab— er ſollte in der Familie Lennor eſſen. Währenddeſſen ging er in den ſchattigen Theil des Kenſingtön⸗Gartens, um ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen. 70 Er ſetzte ſich in eine Laube, und moraliſirte uͤber die Namen, Daten und Witze, welche dort Haͤnde, die längſt verweſt ſind, der Bewunderung der Nach⸗ welt hinterlaſſen haben. Eine heitere Geſellſchaft näherte ſich dieſem Ver⸗ ſtecke. Man hoͤrte ſie ſchon aus der Ferne reden und lachen.„Ja,“ ſagte eine ſcharfe, harte Stim⸗ me, an der Nugent einen der Modewitzlinge er⸗ kannte—„ja, Lady Lennor, ich habe Sie mit Nu⸗ gent ſentimentaliſiren hoͤren— pfui! Wie koͤnnen Sie Ihre Zeit ſo nutzlos wegwerfen?“ „Ach, der arme junge Menſch! Er iſt freilich pien bete mit ſeinen ſchoͤnen Phraſen und derglei⸗ chen; aber er iſt doch bei alledem ein gutes Geſchoͤpf und ſehr nuͤtzlich.“ „Wie ſo?“ „O, er iſt immer bcech einen leeren Platz bei Tiſche auszufullen; er leiht mir ſeine Wagenpferbe, wenn meine krank ſindz unterſchreibt fuͤr mich zu meinen milden Beiträgen und verſorgt den Salon mit Blumen. Mit Einem Worte, waͤre er vernuͤnf⸗ tiger, ſo wäre er nicht ſo angenehm; ſein Reiz liegt in ſeiner Beſchraͤnktheit.“ Welch eine Beſchreibung des talentvollſten, in⸗ tereſſanteſten der jungen Männer in dem Munde der ſentimentalſten aller Muͤtter! Nugent war wie vom Donner geruͤhrt! Die Geſellſchaft zog voruͤber, ohne ihn zu hen 71 Er raſte, fluchte, war wuͤthend. Er ſollte heute bei ihr ſpeiſen. Nein! Aber einen Brief wollte er der Lady ſchreiben— jedes Wort ein Dolch! Allein die Tochter— Charlotte war nicht bei der Geſell⸗ ſchaft geweſen. Charlotte— o! Charlotte war ein ganz anderes Weſen, als die Mutter— das natuͤr⸗ lichſte, einfachſte Geſchoͤpf von der Welt, und ſie liebte ihn offenbar. Da konnte er ſich wenigſtens nicht irren. Ja; um ihretwillen wollte er zum Diner gehen und ſeinen gerechten Unwillen erſticken. Er ging zu Lady Lennox. Es war große Ge⸗ ſellſchaft. Der junge Marquis von Auſterly war eben von ſeinen Reiſen zuruͤckgekehrt. Er ſaß neben der liebenswuͤrdigſten der Toͤchter. Nugent war ver⸗ geſſen. Nach Tiſche fand er jedoch Gelegenheit, Char⸗ lotten einige Worte ins Ohr zu fluͤſtern. Er wagte einen zaͤrtlichen Vorwurf und bat ſie, das Lied zu ſingen:„Wir ſahen uns in einem großen Kreiſe.“ Charlotte war heiſer— hatte ſich erkaͤltet. Char⸗ lotte konnte nicht ſingen. Nugent verließ Zimmer und Haus. Als er an die Ecke der Straße kam, beſann er ſich, daß er ſeinen Stock zuruͤckgelaſſen habe. Er ging zuruͤck und freute ſich(denn er war wirklich verliebt), daß er eine Entſchuldigung hatte, dem einfachſten, natuͤrlichſten Geſchoͤpf von der Welt einen boͤſen Blick zuwerfen zu können, der ſie die ganze Nacht nicht ſollte ſchlafen laſſen. Er eilte in den Salon hinauf, und Charlotte entzuͤckte eben den Marquis von Auſterly, der uͤber ihrem Stuhl lehnte, mit dem Liede:„Wir ſahen uns in einem großen Kreiſe.“ Charlotte Lennor war jung„liebenswuͤrdig und verſchmitzt. Lord Auſterly war jung, unerfahren und eitel. Es verging kein Monat, ſo trug er ſeine Hand an und wurde angenommen. „Schon gut! ſchon gut!“ ſagte der arme Nu⸗ gent eines Morgens, aus ſeinen Träumen erwa⸗ chend;„in meiner Freundſchaft betrogen, in mei⸗ ner Liebe getaͤuſcht, blieb mir doch noch das Ver⸗ gnügen des Wohlthuns. Die Freundſchaft verlaͤßt uns bei dem erſten Abſchnitt des Lebens, die Liebe beim zweiten, Wohlthaätigkeit dauert bis an den * Tod. Der arme Gilpin! Wie dankbar er iſt! Ich muß ſehen, ob ich ihm die Stelle außerhalb Landes verſchaffen kann.“ um ſich zu zerſtreuen, nahm er ein neues Journal zur Hand. Die Seite, die er aufſchlug, enthielt gerade einen heftigen Ausfall ge⸗ gen ihn ſelbſt, gegen ſeine ſchoͤne Erzahlung im Keepſake. Die Satyre beſchraͤnkte ſich nicht auf das Werk, ſie erſtreckte ſich auf den Verfaſſer ſelbſt. Er war ein Phantaſt, ein Narr, ein Tropf, ein geiſtiger Zwerg, ein erbärmliches Geſchoͤpf und eine Mißgeburt! So etwas iſt eine angemeſſene Lektuͤre fur einen verſtimmten Menſchen, beſonders wenn er nch nicht daran gewoͤhnt iſt. Nugent hatte eben 73 das Journal in die andere Ecke des Zimmers ge⸗ worfen, als ſein Advokat hereintrat, um mit ihm eine Hypothek in Ordnung zu bringen, die der groß⸗ muͤthige Nugent bereits hatte auf ſeine Guͤter auf⸗ nehmen muͤſſen. Der Advokat war ein angenehmer, unterhaltender Weltmann, der an Geſellſchaft ge⸗ wöhnt war, denn er war die Bedurfniſſe junger Leute gewohnt. Er bemerkte, daß Nugent etwas uͤbelgelaunt war. Er ſchrieb dieß, natuͤrlich genug, der Hypothek zu, und knuͤpfte zuerſt, um ihn zu zerſtreuen, eine allgemeine Unterhaltung an. „Was gibt es doch fuͤr Schurken auf der Welt!“ ſagte er. Nugent ſeufzte.„Dieſen Morgen, zum Beiſpiel, ehe ich zu Ihnen ging, war ich ſchon mit einer merkwuͤrdigen Sache beſchäftigt. Ein Gentle⸗ man gab ſeinem Schwiegerſohn ein Vermoͤgens⸗ Atteſt, damit er ſich um einen Wahlflecken bewerben konne; der Schwiegerſohn behielt die Anweiſung und prellte ſo den guten Mann um mehr als drei Pfund jaͤhrlich. Geſtern hatte ich gegen einen betruͤgeri⸗ ſchen Bankerott zu arbeiten— ein Muſter von lan⸗ ger, uͤberlegter, kaltbluͤtiger, entſchloſſener Schurke⸗ rei! und wenn ich Sie verlaſſe, ſo muß ich ſehen, was gegen einen literariſchen Schwindler zu thun iſt, der auf den Grund eines ſchwindſuchtigen Hu⸗ ſtens und eines Traueranzugs ſchon ſeit zwei Jah⸗ ren ganz anſtaͤndig von fremdem Mitleiden lebt.“ „Ha!“ „Er hat jetzt eben die ſchändlichſte Betrügerei begangen, ein Falſum auf den Namen ſeines On⸗ kels, der ſich ſchon zweimal entbloͤßt hat, um den Spitzbuben von Neffen zu retten, und der ſich jetzt dieſem neuen Verluſt unterwerfen muß, wenn er nicht durch einen Criminalproceß die Schande ſeiner Familie bekannt machen will. Der Reffe that es naturlich, weil er meines Clienten Gutmuͤthigkeit kennt, und ſo muß Jeder im Verhaͤltniß ſeines wei⸗ chen Herzens leiden.“ „Iſt nicht ſein Name Gil— Gi— Gilpin?“ ſtammelte Nugent. „Derſelbe! O, hat er Sie auch angefuͤhrt, Herr Nugent?“ Ehe unſer Held antworten konnte, ward ihm ein Brief uͤberbracht. Nugent brach ihn aufz er kam von dem Herausgeber des Journals, in welchem er ſo eben ſeine eigene Verurtheilung geleſen hatte. Er lautete ſo: „Sir!— Da ich in dem vergangenen Monat wegen dringender Geſchaͤfte von London abweſend, und die Redaction des— Magazins dadurch einem Andern zugefallen war, der ſeine Pflichten ſehr ſchlecht wahrgenommen hat, ſo habe ich erſt heut, am Tage meiner Ruͤckkehr, zu meinem großen Stau⸗ nen und Kummer geſehen, welch' unverantwortlicher, perſoͤnlicher Angriff in das Heft von dieſem Monat aufgenommen worden iſt. Ich kann Ihnen nicht 75 genug mein Bedauern daruber zu erkennen geben, um ſo mehr, da ich finde, daß der in Rede ſtehende Artikel nur von einem literariſchen Soͤldner geſchrie⸗ ben iſt. um Sie von meinem Leidweſen, wie von meinem Entſchluſſe zu uͤberzeugen, kuͤnftig ſolch' un⸗ wuͤrdiges Verfahren zu verhindern, lege ich hierbei einen zweiten und noch heftigeren Angriff bei, der uns fuͤr das nachſte Heft zugeſchickt wurde, und fuͤr den ſich leider der gewiſſenloſe Verfaſſer bereits von den Herausgebern ein Honorar verſchafft hat. Ich habe die Ehre u. ſ. w.“ Nugent's Blicke fielen auf den Einſchluß; es war die Handſchrift des Herrn Gregor Gilpin, des dankbarſten aller bedraͤngten Schriftſteller. „Sie ſehen mir heute ſo melancholiſch aus, mein lieber Nugent,“ ſagte Oberſt Nelmore, als er ſei⸗ nem jungen Freunde begegnete, wie er mit nieder⸗ geſchlagenen Augen in der alten Anlage von St. James⸗Park ſpazieren ging. „Ich bin ungluͤcklich,“ antwortete Nugent ſeuf⸗ zend,„ich bin unzufrieden; das Leben hat ſeinen Glanz verloren.“ „Ich bin gern in Geſellſchaft eines Schwermuͤ⸗ thigen,“ ſagte der Oberſt.„Laſſen Sie uns zuſam⸗ men, téte-à-téte, an meinem Junggeſellen⸗Tiſch ſpeiſen. Sie haben mir ſchon einmal eine abſchläg⸗ liche Antwort ertheilt; werde ich diesmal gluͤcklicher ſein?“ 76 „Ich werde einen traurigen Geſellſchafter abge⸗ ben,“ entgegnete Nugent,„aber ich bin Ihnen ſehr verbunden und nehme Ihre Einladung mit Ver⸗ gnügen an.“ Oberſt Nelmore hatte einige funfzig Jahre auf ſich. Er hatte ſeiner Zeit auch das Unglück kennen gelernt, und Manches von der rauhen Wirklichkeit des Lebens erfahren. Aber er hatte nicht umſonſt gelebt und gelitten. Er war kein Theoretiker und affectirte nicht den Philanthropen; aber er war zu⸗ frieden mit ſeinem kleinen Vermoͤgen, beliebt, trotz ſeiner Zuruͤckgezogenheit, ein ſcharfer Beobachter bei ſeiner Luſt am Studium, und that namentlich viel Gutes im Allgemeinen, eben weil er ſich an kein beſonderes Syſtem hielt.. „Ja,“ ſagte Nugent, als ſie nach Tiſche neben⸗ einander ſaßen, und der juͤngere Mann dem älteren, der ſeines Vaters innigſter Freund geweſen war, offenbart hatte, was ihm als das beiſpielloſeſte un⸗ glück erſchien,„ja,“ ſagte er, nachdem er die Treu⸗ loſigkeit Balfour's, den Verrath Charlottens und die Schurkereien Gilpins geſchildert hatte,„ich erkenne jetzt meinen Irrthum; ich liebe meine Nebenmen⸗ ſchen nicht mehrz ich baue nicht mehr auf die Liebe, Freundſchaft, Aufrichtigkeit oder Tugend der Welt; ich will mich nicht mehr ſo offenen Herzens dieſer großen Heerde von Schelmen hingeben; ich will die Renſchen nicht fliehen, aber verachten.“ „ * 77 Der Oberſt lächelte.„Setzen Sie Ihren Hut auf, junger Freund, und begleiten Sie mich zu ei⸗ nem kleinen Beſuche. Nein, keine Entſchuldigung: es iſt nur eine alte Dame, die mir erlaubt, zuwei⸗ len bei ihr Thee zu trinken.“ Nugent machte Ein⸗ wendungen, willigte aber doch ein. Die beiden Her⸗ ren begaben ſich nach einem kleinen Hauſe in Re⸗ gent⸗Park. Sie wurden in den Saal gefuͤhrt, wo ſie eine blinde alte Dame von heiterem Anſehen und einnehmendem Weſen fanden. „Und was macht Ihr Sohn?“ fragte der Oberſt nach den erſten Begruͤßungen,„haben Sie ihn kürz⸗ lich geſehen?“ „Kuͤrzlich geſehen? Sie wiſſen ja, daß er ſelten einen Tag voruͤbergehen laͤßt, ohne zu mir zu kom⸗ men, oder mir zu ſchreiben. Seit ich von der Blindheit heimgeſucht worden bin, konnte, obgleich er nichts von mir zu hoffen hat, und obgleich ich durch mein Witthum offenbar eine Laſt fur ihn ſein muß, da er mit einem beſchraͤnkten Einkommen viel in der Welt lebt, ſeit der ganzen Zeit koͤnnte er doch nicht aufmerkſamer, zaͤrtlicher gegen mich ſein, wenn ich auch die reichſte Mutter in England, und Alles zu meiner eigenen Verfügung wäre. Er gibt gern die heiterſte Geſellſchaft auf, um mir vorzule⸗ ſen, wenn ich nur im Geringſten unwohl oder miß⸗ geſtimmt bin, und er hat ſeine Pferde verkauft, um damit Miß Blansly zu bezahlen, da ich von meinen 78 eigenen Einkunften den Gehalt nicht beſtreiten konnte, um den eine ſo ausgezeichnete Tonkuͤnſtlerin meine Geſellſchafterin werden wollte. Muſik, wiſſen Sie, iſt jetzt mein Hauptgenuß. O, er iſt das Muſter der Soͤhne; die Welt haͤlt ihn fuͤr verſchwenderiſch und herzlos; aber konnte ſie ihn nur ſehen, wie zartlich er gegen mich iſt!“ rief die alte Dame mit gefalteten Haͤnden, indem ihr die Thraͤnen aus den Augen ſtrömten. Nugent war hingeriſſen; der Oberſt munterte die Dame auf, fortzufahrenz und Nugent meinte, er habe nie einen angenehmeren Abend verbracht, als während er ihren mütterlichen Anpreiſungen eines liebevollen Sohnes zugehoͤrt. „Ach, Oberſt,“ ſagte er, als ſie das Haus ver⸗ ließen,„wie viel weiſer ſind Sie geweſen, als ich: Sie haben Ihre Freunde mit umſicht gewaͤhlt. Was gäbe ich darum, wenn ich einen Freund haͤtte, wie dieſer gute Sohn ſein muß! Aber Sie haben mir noch den Namen der Dame nicht geſagt!“ „Geduld,“ antwortete der Oberſt, eine Priſe nehmend.„Ich habe noch einen Beſuch zu machen.“ Nelmore ging in eine kleine Gaſſe, und klopfte an ein niedriges Häuschen. Eine Frau mit einem Kinde an der Bruſt oͤffnete, und Nugent ſtand in einem jener Kreiſe heiterer Armuth, an deren An⸗ vlick der Reiche ſo viel Behagen findet. „Aha!“ ſagte Nelmore, ſich umſehend;„s ſieht 79 letzt recht anſtaͤndig hier aus; euer Wohlthäter hat ſein Werk nicht blos halb gethan.“ „Gott ſegne ihn! Ach, Herr, wenn ich denke, wie er ſelbſt in Noth iſt, wie oft er um Geld ver⸗ legen iſt, wie er von der Welt verläumdet wird, ſo kann ich gar nicht ſagen, wie dankbar ich bin und ſein muß. Er hat es ſich abgeſtohlen, um uns zu nähren, und das blos, weil er meinen Mann in der Jugend gekannt hat.“ Der Oberſt ließ die Frau ſich ausreden— Nu⸗ gent trocknete ſich die Augen und ließ ſeine Borſe zuruͤck.„Wer iſt,“ rief er, als ſie wieder auf der Straße waren,„dieſer bewunderungswürdige, ſich ſelbſt aufopfernde Mann? Er iſt ſelbſt in Noth— konnte ich ihm helfen! O, Sie haben mich bereits mit der Welt ausgeſoͤhnt. Ich ſehe jetzt, warum Sie mich hierher geführt haben; es gibt gute Menſchen, wie ſchlechte. Nicht alle ſind Balfours und Gilpins! Aber nennen Sie, nennen Sie mir den Wohlthäter dieſer armen Leute!“ „Warten Sie,“ ſagte der Oberſt, als ſie in Orfordſtreet einbogen,„das trifft ſich ſchoͤn. Ich ſehe da eine gute Frau, mit der ich ſprechen möchte. Nun, Miſtreß Johnſon,“ redete er eine ruͤſtige, ar⸗ tige, achtbar ausſehende Frau von vorgeruͤckten Jahren an, die, einen Korb am Arme, aus einem Helladen heraustrat,„nun, ich ſehe, Sie arbeiten 80 in Ihrem Berufe— machen Ankäufe für die Wirth⸗ ſchaft. Und wie geht es Ihrer jungen Dame?“ „Recht gut, Sir, Gottlob! recht gut,“ ant⸗ wortete die alte Frau mit einem Knipe.„und Ihnen doch auch, Sir?“ „Ich denke, in Betracht der Zerſtreuungen der langen Saiſon, recht gut. Aber Ihre junge Herr⸗ ſchaft iſt vermuthlich noch ſo frivol und herzlos, wie immer— nichts als eine Modedame, wie?“ „Sir,“ ſagte das Weib, ſich in die Bruſt wer⸗ fend,„es gibt keine beſſere Seele in der Welt, als meine junge Lady. Ich kenne ſie, wie ſie noch ſo groß war!“ „Was, ſie iſt wohl gar ſanftmuͤthig?“ ſagte der Oberſt ſpoͤttiſch. „Sanftmuthig— ich glaube, ſie iſt nicht im Stande, irgend Jemand ein hartes Wort zu ſagen. Es gibt nicht noch einmal ein ſo immer gleiches, ſanftes Gemuͤth.“ „Was? und auch nicht herzlos? Das iſt zu k „Herzlos! Sie pflegte mich, als ich beim Hin⸗ aufſteigen der Treppe das Bein brach, und jeden Abend, ehe ſie in Geſellſchaft ging, kam ſie mit ihrem ſuͤßen Lächeln in mein Zimmer und ſah, ob ich nichts brauchte.“ 8¹ „Und Sie glauben alſo,“ Mſtr. Johnſon,„daß ſie eine gute Frau abgeben wird, ſie war eben nicht ſehr verliebt, als ſie ſich verheirathete.“ „Daruͤber weiß ich nichts, aber ich bin uͤber⸗ zeugt, daß ſie ſchon Mylords Wuͤnſche ſtudirt, und ich hoͤrte ihn erſt noch heut zu ſeinem Bruder ſa⸗ gen:„Arthur, wenn Du wuͤßteſt, was ich fuͤr ei⸗ nen Schatz beſitze!“ „Sie haben ſehr Recht,“ ſagte der Oberſt, indem er wieder ſein natuͤrliches Weſen annahm, „und ich ſprach auch nur ſo, um das Vergnuͤgen zu haben, zu ſehen, wie gut und richtig Sie Ihre Herrſchaft vertheidigen wuͤrden. Sie iſt in der That eine vortreffliche Dame. Guten Abend!“ „Ich habe die Frau ſchon fruͤher geſehen,“ be⸗ merkte Nugent,„aber ich kann mich nicht beſinnen, woß ſie ſcheint Haushaͤlterin in irgend einer— lie zu ſein.“ „Allerdings.“ „Wie wohl thut es,“ ſeufzte Nugent,„wenn man von weiblichen Vorzuͤgen in der großen Welt hoͤrt. Es war klar, daß die ehrliche Frau es auf⸗ richtig mit ihren Lobeserhebungen meinte. Gluͤck⸗ licher Gatte, wer es auch ſein mag!“ Sie waren jetzt wieder im Hauſe des Oberſten⸗ „Laſſen Sie mich doch einmal dieſe Stelle leſen,“ ſagte Nelmore, indem er das Buch eines franzoſi⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 6 ſchen Philoſophen oͤffnete,„und da ich das Franzd⸗ ſiſche nicht wie ein Eingeborner ausſpreche, ſo will ich es lieber uͤberſetzen.“ „um die Menſchen zu lieben, erwarte man nur wenig von ihnen; um ihre Fehler ohne Bitterkeit zu ſehen, muͤſſen wir uns gewoͤhnen, ihnen zu verzeihen und einzuſehen, daß Nachſicht eine Gerech⸗ tigkeit iſt, welche die menſchliche Gebrechlichkeit von der Weisheit verlangen darf. Richts aber iſt mehr geeignet, uns zur Nachſicht zu ſtimmen, unſre Her⸗ zen gegen den Haß zu verſchließen, und ſie den Grundſätzen einer menſchlichen und ſanften Moral zu offnen, als eine tiefe Kenntniß des menſchlichen Her⸗ zens. Deshalb ſind auch immer die weiſeſten Men⸗ ſchen die nachſichtsvollſten geweſen u. ſ. w.“ „Uund nun machen Sie ſich auf eine Ueberraſchung gefaßt. Der gute Sohn, den Sie ſo bewundert, den Sie ſich zum Freund gewuͤnſcht haben, iſt Ca⸗ pitain Balfour.— Der edle, ſich ſelbſt aufopfernde Mann, dem Sie ſo großmuͤthig zu helfen verlang⸗ ten, iſt Herr Gilpin;— und die junge Dame, wel⸗ che in dem Strudel der Schönheit, Geſundheit, des geſellſchaftlichen Lebens und der Eroberungen das Krankenzimmer ihrer Dienerin beſuchen konnte, und in der ihr Gatte einen Schatz entdeckt, iſt Charlotte Lennox.“ „Gerechter Himmel!“ rief Nugent aus,“„wor⸗ an ſoll ich denn glauben? Bin ich verblendet gewe⸗ 8³ ſen, und ſind Balfour, Gilpin und Miß Lennor am Ende Muſter der Vollkommenheit?“ „Nichts weniger als das: Balfour iſt ein wuͤ⸗ ſter Verſchwender von lockerer Moral, deſſen Ehre nicht weit reicht; er ſah, daß Sie beſtimmt waren, die Erfahrung theuer zu erkaufen, er ſah, daß Sie beſtimmt waren, von Jemand gepluͤndert zu wer⸗ den, und ſo dachte er, er koͤnnte ſich wohl ſelbſt um den Gewinn bewerben. Er lachte hinterher auf Ihre Koſten, aber nicht, weil er Sie geringſchaͤtzte, denn ich glaube im Gegentheil, daß er Sie auf ſeine Art recht gern hatte,— ſondern weil in der Welt, in welcher er lebt, ſich Jeder uͤber ſeine Bekannten zu lachen erlaubt. Charlotte Lennor ſah eine gute Par⸗ tie in Ihnen, ja ich glaube ſogar, daß ſie wirklich etwas auf Sie hielt, aber man hat ihr von jeher vorgepredigt, daß Equipage, Rang und Reichthum beſſer, als Liebe ſei. Sie konnte der Verſuchung, Marquiſe Auſterly zu werden, nicht widerſtehen, und unter zwanzig Maͤdchen koͤnnte es nicht Einez aber darum iſt ſie nicht weniger gutherzig und ſanft⸗ muͤthig, und wird darum doch eine gute Herrin und eine ertragliche Frau ſein; Gilpin iſt der ſchlechteſte von den Dreien. Gilpin iſt ein offenbarer Schurke; aber Gilpin iſt in offenbarer Noth. Es that ihm wahrſcheinlich leid, als er Sie angriff, nachdem Sie ihm ſo reichliche Wohlthaten erwieſen hatten, aber da er ein ſeichter Tropf iſt, ſo haben ihm die Jour⸗ 6* 84 nale vielleicht nichts Anderes abkaufen wollen, außer Schmähungen. Sie muͤſſen nicht glauben, daß er Sie aus Bosheit, undankbarkeit oder Frechheit ver⸗ läumdet hat; er that es nur, um der zehn Guineen willen. Und doch iſt Gilpin ein Menſch, der, nach⸗ dem er ſeinen Vater um zehn Guineen geprellt hat, in der augenblicklichen Freude fuͤnf davon einem Bettler ſchenkt. In dieſem Falle wurde er jedoch durch ein beſſeres Gefuhl getriebens er half einem Freunde aus ſeiner Knabenzeit— nur wenig Men⸗ ſchen vergeſſen dieſe Jugendbande, wenn ſie auch andere brechen. Ihr Irrthum beſtand nicht bloß ein⸗ fach darin, daß Sie die ſchlechteſten Leute für die beſten hielten; ſondern es war ein doppelter: Sie hielten einen gewoͤhnlichen Schlag von Menſchen erſt fuͤr die Beſten, dann fuͤr die Schlechteſten; Sie nahmen einen liebenswuͤrdigen Bekannten fuͤr einen innigen Freund, Sie glaubten, daß ein Mann in Noth auch ein Mann von Verdienſt ſein müßte, und daß ein artiges, ſanftes Mädchen das hoͤchſte Mu⸗ ſter der menſchlichen Natur ſei; darauf aber waren Sie im Begriff, in das entgegengeſetzte Extrem zu verfallen, und eben ſo wenig unterſchied in Ihrem Argwohne, als fruͤher in Ihrer Leichtgläubigkeit zu machen. Ich wuͤnſchte, ich konnte mir ſchmeicheln, Sie von dem letzteren Irrthume, dem gefährlichſten von beiden, gerettet zu haben.“ —* 85 „Das haben Sie, mein lieber Nelmore, und nun leihen Sie mir Ihren Philoſophen.“ „Mit Vergnuͤgen; aber Eine kurze Marime wiegt Alles auf, was die Philoſophen Ihnen leh⸗ ren koͤnnen, denn die Philoſophen koͤnnen ſie nur ausarbeiten: ſie iſt einfach und heißt— Nimm die Welt, wie ſie iſt!“ Knebworth. Die Englaͤnder glauben vorzugsweiſe eine beſon⸗ dere Anhaͤnglichkeit an den heimathlichen Heerd, die nationelle Ueberzeugung von der Heiligkeit ſeines freundlichen Aſyls zu haben. Aber die Alten ſchei⸗ nen ebenfalls die„veneranda domus“ mit Liebe und Verehrung betrachtet zu haben. Auch ſie hiel⸗ ten den gaſtlichen Heerd fuͤr den Mittelpunkt unaus⸗ ſprechlicher Genuſſe— ihre lieblichſten Dichter ver⸗ weilen bei ſeinen Reizen— das Haus ſowohl, wie der Tempel, hatte ſein Allerheiligſtes, welches der nicht eingeweihte Fremde ungeheißen nicht profaniren durfte; die Hausgoͤtter waren deſſen beſondere Gottheiten, die am herzlichſten angerufen, am froͤmmſten bewahrt wurden. und es war ein ſcho⸗ ner Aberglaube, der der Hausgoͤtter! Ein ſchoͤner Begriff war es, daß unſere Vorfahren, fuͤr uns wenigſtens, zu Gottheiten wurden, und mit unnach⸗ laſſender Zaͤrtlichkeit uͤber den Schauplatz ihrer chemaligen glucklichſten Gefuͤhle und ungetruͤbteſten 87 Freuden wachten: eine ſolche Verehrung läͤßt ſich nicht nur bis auf die aͤlteſten Zeiten, uͤber die Epoche der civiliſirten Volker hinaus nachweiſen, welche wir gewoͤhnlich„die Alten“ nennen, ſondern ſie findet ſich auch noch in Kraft bei den wilden Stämmen. Es gehoͤrt zu den umfaſſenden Beweiſen, wie wenig der Tod die Liebe uͤberwinden kann. Aber bei uns bedarf es keiner gemeißelten Aehn⸗ lichkeit, keiner kindiſchen Idololatrie aͤußerlicher Bilder. Wir tragen unſere Penaten in und außer dem Hauſe bei uns, ihr Atrium iſt das Herz. uUnſere Hausgoͤtter ſind das Andenken an unſre Kindheit— die Erinnerungen an den Heerd, um den wir uns verſammelten, an die pflegenden Haͤnde, welche uns liebkoſten— an den Schauplatz von Leiden, Freu⸗ den— die Sorgen, Hoffnungen— das unaus⸗ ſprechliche Sehnen der Liebe, welches uns zuerſt mit der Heimlichkeit und der Heiligkeit der Haus⸗ ſtatte bekannt machte. Ich fuͤhlte mich eines Tages wahrhaft ergriffen, als ich eine irländiſche Huͤtte beſuchte, welcher die Lady Guͤtig(aus dem Luſt⸗ ſpiele) in ihrer herablaſſenden Guͤte die anmuthige Zierlichkeit eines engliſchen Haͤuschens ertheilt hatte, indem ſie Roſen an der Mauer hinziehen, die Fen⸗ ſter mit Scheiben verſehen, und den Lehmboden dielen ließ, ich fuͤhlte mich wahrhaft ergriffen von der ſchlichten Wahrheit, mit welcher ſich der arme Bauer ausdruͤckte, als er halb dankbar, halb aͤrger⸗ 88 lich auf die Veraͤnderung blickte.„Das iſt Alles recht ſchoͤn,“ ſagte er in ſeinem Dialekte,„aber die gute Dame weiß nicht, wie werth einem armen Manne jedes Ding iſt, das ihn an die Zeit erinnert, wo er noch ſpielte, ſtatt zu arbeiten— diefe gro⸗ ßen Leute verſtehen uns nicht.“ Das war ſehr wahr; auf dieſem Lehmboden hatte er als Kind geſpielt, an dieſem Heerde mit ſeinem ewigen Rauche, welcher jetzt durch neue Pforten das uner⸗ freuliche Tageslicht zuließ, hatte er geſeſſen und mit liebe vollen Herzen gekoſt, die nicht mehr ſchla⸗ gen. Dieſe neuen Verbeſſerungen betruͤbten und verwirrten ihn, nicht weil es Verbeſſerungen, ſondern weil ſie neu waren. Sie reihten ſich nicht an die Erinnerungen ſeiner Kindheit; die großen Leute verſtanden ihn nichtz ſie verachteten ſeine Gleichgoͤltigkeit gegen größere Bequemlichkeiten. Ach! ſie ſahen nicht ein, daß in dieſer Gleichguͤltig⸗ keit die volle Poeſie des Gefuͤhls lag. Die gute Dame ſelbſt wohnte in einem altmodiſchen, unge⸗ fuͤgigen Schloſſe. Wie? Wenn nun ein tyranni⸗ ſcher Wohlthäter deſſen trube Zimmer und duͤſtere Gallerien zu einer modernen, wohlproportionirten und ſchlicht freundlichen Wohnung umgeſchaffen haͤtte, waͤre es ihr wohl recht geweſen? Wuͤrde ſie nicht die Kinderſtube vermißt haben, in der ſie ge⸗ ſpielt hatte?— Das kleine Wohnzimmer, an deſſen Kamin die Phantaſie ihr noch das Geſicht ihrer 89 längſt dahin geſchiedenen Mutter vor Augen rief? Wuͤrden Ottomanen, Trumeaur, den alten, wurm⸗ ſtichigen Seſſel erſetzen, in welchem ihr Vater an den Sabbath⸗Abenden aus der heiligen Schrift vor⸗ las? oder den kleinen truͤben Spiegel, in welchem ſie vor dreißig Jahren ihr jungfraͤuliches Erroͤthen bemerkte, wenn ploͤtzlich ein theurer Name genannt wurde? Nein, ihr altes, väterliches Haus bleibt ihr, ſo unzierlich es iſt, lieber, als ein neuer Pa⸗ laſt; warum faͤllt ihr nicht ein, daß dieſelben Ge⸗ fuͤhle dem Bauer„die Huͤtte, an die ſich ſeine Seele ſchmiegt,“ theurer machten, als das neue Haus, welches fuͤr ihn ein Palaſt iſt? Warum ſoll das, was bei dem Reichen ein edles und zartes Gefuhl iſt, bei den Armen als eine thieriſche Apathie verachtet werden? Der Bauer hatte Recht—„die großen Leute verſtehen ihn nicht!“ Bei den angeſtrengten Arbeiten, welche mir von meiner fruͤheſten Jugend an aufgelegt wurden, ge⸗ hoͤrt es zu meinen groͤßten Genuͤſſen, auf kurze Zeit nach dem Ort zuruͤckzukehren, wo die gluͤck⸗ lichſten Tage meiner Kindheit hinſchwanden. Es iſt ein altes herrſchaftliches Gebaͤude, welches meiner Mutter, der Erbin des ehemaligen Beſitzers deſſel⸗ ben, gehoͤrt. Das Haus, welches früher von gro⸗ ßem umfang und zu verſchiedenen Epochen, von dem zweiten Kreuzzug an, bis zur Regierung der Eliſabeth, in einem viereckigen Raum herum gebaut 90 worden war, befand ſich, als es in ihre Haͤnde kam, in einem ſo verfallenen Zuſtande, daß man drei Seiten wieder einreißen mußte; die vierte, die noch uͤbrig, und deren Bau bedeutend verſcho⸗ nert worden iſt, bildet noch immer eines der groß⸗ ten Haͤuſer der Grafſchaft und enthaͤlt die alte, ge⸗ tafelte Halle mit ihrer hohen Decke und der Galle⸗ rie oben fuͤr die Muſik. Der Platz hat einige Aehnlichkeit mit Penshurſt(dem Sitze Sir John Sidney's), und ſeine ehrwuͤrdigen Alleen, welche vom Hauſe an den Abhang des Parks herabführen, und weite Ausſichten auf die mit Haͤuſern und Thuͤrmen beſetzten Huͤgel gegenuͤber eroͤffnen, gaben der Gegend jenen eigenthuͤmlich engliſchen Charakter von theilweiſer Pracht und allgemeiner Bebauung, mit welcher die Dichter zu Etiſabeths Zeiten ſich ſo gern beſchäftigten. Die Kirche, wie das oft bei ähnlichen Wohnplätzen der Fall iſt, ſteht im Parke, einen Bogenſchuß vom Hauſe, und fruͤher beruͤhrten die Mauern des äußeren Hofes beinahe den gruͤnen Vorplatz, welcher das heilige Gebaͤude umgab. Der ehemals der heiligen Maria geweihte Tempel ſelbſt iſt grau und veraltet, von der einfachſten Bauart des gothiſchen Kirchenſtyls, und da er auf dem Gipfel des Huͤgels ſteht, ſo vermiſcht ſich in der Entfernung ſein Thurm mit den Zinnen des Hauſes, ſo daß Alles nur Eine Maſſe erſcheint. Weiterhin rechts, den Huͤgel halb herunter und in der Nähe 91 einer von Bäumen umkraͤnzten Schlucht liegt ein achteckiges Gebäude von der ſchoͤnen griechiſchen Form, das die jetzige Eigenthuͤmerin errichtet hat— es iſt die Familiengruft. Eingehagt gegen das Wild, zieht ſich ein ſchmales Stuͤck Land herum, das mit Blumen, dieſen ſchoͤnſten Kindern der Erde, bepflanzt iſt, welche zu allen Zeiten den Todten geweiht waren. Die Neuheit dieſes Gebaͤudes, welches gegen die uͤbrigen in der Nähe abſticht, ſcheint mir eben durch den Contraſt deſſen Tendenz noch erhebender zu machen. Es ſteht allein in der imponirenden Landſchaft mit ihren uralten Huͤgeln und Baͤumen, ein Prototyp des Gedankens an den Tod, ein Denkmal, das von der lebenden Genera⸗ tion ausgehend, dieſelbe an ſeinem friſchen Lebens⸗ vertrag und an deſſen nahendes Ende mahnt. Denn mit all unſerm geruͤhmten Geſchlechtsalter ſind wir doch nur die Ephemeren des Bodens und ſtehen, was unſere Sterblichkeit betrifft, auf gleicher Stufe mit dem, was am wenigſten alt wird. Die regelmaͤßigſte und majeſtätiſchſte der Alleen, welche ich beſchrieben habe, fuͤhrt zu einem Waſſer, welches am Ende des Parkes liegt. Es iſt im Ver⸗ haltniſſe zu dem Gute nur klein, aber es iſt klar und tief, und der Strom bleibt, durch irgend einen unterirdiſchen Zufluß genährt, friſcher, ſtaͤrker, als ſein Anfang erwarten ließ. Am entgegengeſetzten ufer iſt eine kleine Fiſcherhutte, die aus einem dich⸗ ten und dunklen Gebuͤſch von Tannen, Lerchen⸗ baͤumen und Eichen weiß hervorblickt, durch die wieder hie und da die rothen Beeren der Ebereſche durchſchimmern; dahinter auf der anderen Seite des braunen, moosbewachſenen Wildgehäges zieht ſich ein Wald in beträchtlicher Ausdehnung hin. Dies, das entferntere ufer des Waſſers, iſt mein Lieblingsplatz. Hier pflegte ich als Knabe die ganze Ferienzeit zu verweilen, mich traͤge im Sommer⸗ mittage zu ſonnen und Schloͤſſer in die wolkenloſe Luft zu bauen bis zum Sinken des Tages. Das Schilf wuchs damals lang und dunkelgrüͤn längs des Randes auf; und obgleich es ſeither vor der neuernden Sichel gefallen iſt, und ich nicht mehr den Wind durch dieſe fruͤhſten Floͤtenrdhre ziehen und ſeufzen hoͤre, ſo duftet doch noch der Raſen vom Fruͤhling bis zum Herbſt von unzaäͤhligen Ge⸗ ſtraͤuchen und wilden Blumen und dem ausſtromenden Geruche des ſuͤßen Thymians. Und nie habe ich einen Platz geſehen, den die Schmetterlinge lieber beſuch⸗ ten, beſonders jene kleine feenhafte, blaugefluͤgelte Art, welche zahmer iſt, als die uͤbrigen und uns faſt zur Bewunderung einzuladen ſcheint, wenn ſie ſich der Gnade des Kindes hingibt, wie das Roth⸗ kehlchen der des Mannes. Die Spielarten der Stechfliegen ſchießen ſchimmernd in der Sonne durch die Zweige und längs dem Waſſer hin. Es iſt eine Welt, welche die ſchoͤnſten des Inſektenge⸗ 9³ ſchlechtes zu der ihrigen gemacht zu haben ſcheinen. Es liegt etwas in dem Summen und Leben eines Sommermittags, was einen unausſprechlichen Reiz fuͤr die Träume der Phantaſie hat. Es fuͤllt uns mit einem Bewußtſein des Lebens, aber eines uns fremden Lebens— es iſt die Fuͤlle der Schopfung ſelbſt, welche rings um uns uͤberquillt. Der Menſch iſt abwechſelnd, aber das Leben iſt da. Wer hat nicht ſchon Stunden an ſolch einem Platze ver⸗ bracht, Träume gehegt, welche in keiner Verbin⸗ dung mit der Erde ſtehen, und mit halbgeſchloſſenen Augen mit idealen Gebilden geſchwaͤrmt. Auf das duftende Gras geſtreckt, ſehe ich an dem anderen ufer die ſtille Kirche, wo die rauhen Vorfahren des Weilers ſchlafen— das Mauſoleum, wo einſt meine eigene Aſche ruhen wird, und die Thuͤrme der Wohnſtätte meiner Kindheit. Alles iſt ſo einſam und doch ſo belebt! Jetzt neigt ſich das“ Farrenkraut am Abhange, und der Hirſch nähert ſich mit ſeinem ſtattlichen Schritte der Waſſerſeite, um zu ruhen und zu trinken. O Nymphen!— O Feen! O Poeſie, ich bin wieder euer! Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber jedes Jahr, wenn ich dieſe Platze beſuche, bedarf ich ihres Troſtes immer noch mehr. Meine vergangene Jugend taucht in ihren bleicheren und truͤberen Farben vor mir auf, und die Vergangenheit verſtimmt mich mehr ge⸗ 94 gen die Gegenwart. Und doch iſt beinahe jedes Jahr eine Sproſſe zu dem Ehrgeize meiner Kind⸗ heit geworden und hat mich dem Ziele meiner ju⸗ gendlichen Traͤume naͤher gebracht. Richt der Geiſt hat ſich getaͤuſcht geſehen, aber das Herz. Welche Bande ſind zerriſſen, welche Neigungen verletzt wor⸗ den! Keine Zelle birgt die Egeria meiner Hoffnun⸗ gen, keine Beſchwoͤrung kann ſie jetzt mehr rufen! Jeder Ruheplatz in dem Leben des Ehrgeizigen wird zugleich durch die Trophäe und das Grab bezeich⸗ net. Aber namenloſe Menſchen haben das Grab ohne die Trophaͤe! Knebworth iſt ein kleines, abgelegenes, alter⸗ thuͤmliches Dorf, obgleich es nur dreißig Meilen von London liegt; es beſteht aus zerſtreuten Huͤtten, vor deren Thuͤren hier und da ein breiter gruͤner Fleck Brachland ſich befindet; die eine Seite des grasbewachſenen Weges, welcher die Hauptſtraße aus⸗ macht, iſt durch das Pfahlwerk des kleinern Parkes begrenzt, welcher nicht fuͤr das Wild beſtimmt iſt. Das Haus des Verwalters und das des Geiſtlichen ſind, mit Ausnahme des Schloſſes ſelbſt, die einzigen, welche auf Anſtaͤndigkeit Anſpruch machen. Und doch fand hier Dame Natur ihre Spielarten, und man⸗ nigfach waren ſie, und gehoͤrig abgeſondert, als wir zuerſt in der unbegrenzten Geſelligkeit der Kindheit die Freundſchaft eines jeden Dorfbewohners nachſuch⸗ ten. Der derbe Foͤrſter, ein herzhafter, trotziger Menſch, 95 deſſen Name ein Erbſtuͤck des Gutes war, und der viele Jahre ſpaͤter unter einem anderen Gutsherrn in einem denkwuͤrdigen Handgemenge mit den unverſoͤhn⸗ lichen Wilddieben fiel; der einfaͤltige, glotzende Idiot, der ſich vor der Thuͤr des Gaͤrtners ſonnte, bei dem er wohnte, ein privilegirter Koſtgänger, der vor Son⸗ nenaufgang bis Sonnenuntergang ſtill ſaß,(welch Staunen erregte nicht dieſe ſonderbare, paſſive Epi⸗ ſtenz in uns, den heftigen, wilden Knaben! Wir drängten uns um ihn und ſahen ihn an und wun⸗ derten uns, daß er ſeine Zeit verbringen koͤnne, ohne zu ſpielen oder zu arbeiten!)— der einzige Bettler⸗Patriarch des Ortes, der mehr aus Faulheit, wie aus Mangel zu betteln ſchien, denn wenn er ſeinen Hut abzog, fiel ſein langes, ſchneeweißes, zu beiden Seiten geſcheiteltes Haar uͤber Zu.ze von wahrer apoſtoliſcher Schoͤnheit herab, und mancher Kuͤnſt⸗ ler war ſchon ſtehen geblieben, um dies ehrwuͤrdige Haupt zu zeichnen;— die Eine Lais des Fleckens, eine kraͤftige, tuͤchtige Perſon, mit ſtarken Backen⸗ knochen und einem verfuͤhreriſchen Laͤcheln, die, ob⸗ wohl haͤßlich genug, ſich doch ihrer Bewunderer ruͤhmen konnte;— dann das Genie des Dorfes, eine Frau mit nur Einer Hand, die aber Alles mit die⸗ ſer Hand machen konnte, und obgleich ſie nament⸗ lich der Melkerei vorſtand, doch gleich geeignet zu allen anderen Geſchaͤften des oͤffentlichen Lebens in einem Dorfe war. Hunde, Kuͤhe, Pferde,— nichts 96 ⸗ konnte ohne ihre hohe Erlaubniß geſund oder krank ſein; in jedem Streite war ſie Zeugin, Geſchworne, Richterin. Nie hatte Jemand in vollerem Maße den Geiſt der Geſchaͤftigkeit beſeſſen; ſie hatte in Allem die Hand und war uͤberall vornan, wobei ſie allerdings mit ihrer Energie und ihren Kuͤnſten eine wunderbare Trene und Ergebenheit gegen ihre Gön⸗ ner verband. Groß, braun, muskulds, war ſie eine Art gezahmter Meg Merriles! Aber unſre beiden Hauptfreunde beſtanden in ei⸗ nem alten Paar, das in einem kleinen Winkel des Dorfes wohnte, und das, ſchon nahe ſeinem acht⸗ zigſten Jahre, Hand in Hand, waͤhrend die Erde beinahe ſechzig Mal ihren Kreislauf vollendet, fort⸗ geſchlendert war und nie auf einen unfreundlichen Gedanken gegen einander geſtoßen zu ſein ſchien. Die Liebe dieſer beiden alten Leute war die voll⸗ kommenſte, die ſchoͤnſte, die ich je geſehen habe. Ihre Kinder hatten geheirathet und ſie verlaſſen— ſie waren ganz allein. Ihre ſchlichte Neigung war ihnen Alles in Allem. Sie waren nie in London, nie über funfzehn Meilen von dem Fleck geweſen, wo ſie waren geboren worden, und wo ihre Gebeine einſt ruhen ſollten. Das Fortſchreiten des Wiſſens hatte ſie nie erreicht. Sie konnten weder leſen noch ſchrei⸗ ben. Das Alter hatte die Pforten des Geiſtes er⸗ ſtarrt,„ehe der Schulmeiſter ſeine Runde machte.“ Sie waren der Welt ſo unkundig, daß ſie kaum 97 den Namen des Königs wußten. Miniſterwechſel, Krieg und Frieden, die Bewegungen des Lebens, waren ihnen ſo nichts, ſo wenig, wie den roheſten Wilden des Kafferlandes. Ihrer Gedanken waren ſo wenig, als die Arithmetik des Geiſtes nur zulaſſen kann; aber ſie verlangten nicht darnach, die Sum⸗ me zu vergroͤßern, denn die Ideen concentrirten ſich in ihnen mit allem dem, was das wahre Ge⸗ fuͤhl der Liebe je den Weiſeſten gelehrt hat. Wenn die Strahlen ihrer Liebe aus dieſem Kreiſe heraus⸗ drangen, ſo trafen ſie nur die Familie, unter wel⸗ cher ſie vegetirten und uns, die deren juͤngſte Hoff⸗ nungen waren. Uns liebten ſie allerdings mit Waͤr⸗ me als Etwas, was zu ihnen gehoͤrte. und es ver⸗ ging auch kaum ein Tag, wo wir nicht in all dem Laͤrm und der Luſt der Knabenzeit mit einem hal⸗ ben Dutzend Hunden hinter uns drein in die Ruhe dieſer einfachen Huͤtte einbrachen, uͤber das Stacket kletterten, uͤber die Schwelle ſtuͤrmten, und mit Schuhen, welche den ganzen Tag durch Wald und Feld geſtiegen waren, die aͤngſtliche Reinlichkeit des Zimmers beſchmutzten, und eben durch die Unord⸗ nung, welche wir verurſachten, ihre alten Herzen froh und ſtolz und gluͤcklich machten. Dann wurden die rohen Stuͤhle hart in den Winkel des weiten Ka⸗ mins geſchoben— dann wurde ein friſches Holz⸗ ſcheit auf das Feuer gelegt— dann beſtand die alte Frau darauf daß wir unſre von der Kalte erſtarr Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 7 98 ten Haͤnde wärmen mußten, bis Einer von uns— ach, er war der Gluͤcklichſte!— das Stuͤck Kuchen oder die Hand voll Feigen und Roſinen vorholte, die ihnen zeigen ſollte, daß man ihrer nicht vergeſſen habe. und ſie wurden in der That von einer mäch⸗ tigeren Hand und einem zuverlaͤſſigeren Herzen, als die unſrigen waren, nimmer vergeſſen, denn täg⸗ lich kam aus der Schloßkhalle das ſchmackhafte Mahl, welches die alte Frau zärtlich ihrem Manne, deſſen Hände gelaͤhmt waren, zureichte, und ſo lange ſein Hunger nicht geſtillt war, ſaß ſie ſtill und wei⸗ gerte ſie ſich, Theil daran zu nehmen. Wie ſelten iſt das Alter ſo rein von Selbſtſucht! und wie viele junge, von den Phraſen der Poeſie und den Heucheleien des Gefuͤhls angefuͤllte Herzen wuͤrde das Alter dieſer armen Baͤuerin beſchämt haben! Ich ſehe den alten Mann noch vor mir in ſei⸗ nem großen, hochlehnigen, gewirkten Seſſel, welcher von den Meublen des alten Schloſſes herruͤhrt: in ſeiner Jugend hatte er zum Jagdperſonale eines fruͤheren Gutsherrn, des Vorgangers und Oheims meines Großvaters gehoͤrt, und es war ihm gelun⸗ gen, der Himmel weiß durch wie viele Jahre, einen gruͤnen Sammtrock, deſſen veralteter Schnitt recht gut zu ſeinen langen grauen Locken und ehrwuͤrdi⸗ gen Zuͤgen paßte, friſch und unverſchoſſen zu erhal⸗ ten. Armer, alter Newman Hager! Einen Segen auf Dein greiſes Haupt— gewiß— Du lebſt noch! 99 So lange ich lebe, biſt Du noch nicht ganz dahin⸗ gegangen, noch nicht ganz von der vergeßlichen Erde verſchlungen. und ſelbſt wenn auch ich Dich einge⸗ holt habe, wird dieſes uns Beide uͤberlebende Blatt, Dich. mit denen erhalten, welche die Welt nicht gern vergehen läßt! und an der anderen Seite des Ka⸗ mins ſaß die Genoſſin dieſer dunkeln und harmloſen Exiſtenz, mit einem Geſichte, welchem, wenn wir da waren, nie ein Lächeln bei unſerer Ankunft, noch eine Thräne bei unſerm Scheiden fehlte. So ſchlicht ihre Zuͤge auch immer geweſen ſein muͤſſen, und ſo verfallen und verrunzelt ſie auch damals waren, ſo habe ich doch nie ein Geſicht geſehen, in welchem der Verſtand oder die Empfindung unſerer gottlichen Natur eine ſchoͤnere und ruͤhren⸗ dere Spur zuruͤckgelaſſen haͤtte. Zuweilen, wenn der Wintertag ſich ſeinem Ende zuneigte, und Hunde und Kinder ſich zuſammen um das behagliche Feuer draͤngten, ergoͤtzte es uns, den alten Mann uns von ſeinen dunklen Erinnerungen an die fruͤheren Schloßherrn, von der Muſik längſt verhallter Huͤfthoͤrner, von der laͤngſt verſchwunde⸗ nen Herrlichkeit der ſechsſpaͤnnigen Kutſchen erzäh⸗ len zu laſſen, und wie der Schloßherr in Scharlach und Gold gekleidet war, und wie ſeine Dame ihr Brokatkleid durch die Alleen nachſchleppte. Aber wenn auch nur ein Kind, frug ich die guten alten Leute doch lieber nach ihren eigenen fruͤheren Schick⸗ 7* 100 ſalen, nach ihrer erſten Liebe, wie ſie ſich verhei⸗ ratheten und wie ſie duldend die Stuͤrme der wech⸗ ſelnden Welt beſtanden hatten. „Und ich denke, Newman,“ ſegte ich einſt,„Ihr habt eure Frau manchmal ausgeſcholten.“ Der alte Newman ſchlug die Augen nieder und die Frau an⸗ wortete ſtatt ſeiner. „Nicht der Rede werth; und wenn es kam, ſo verdiente ich es.“ „und ich glaube, bei Lichte beſehen, habt Ihr es ihm wohl eben ſo oft gemacht.“ „Nein,“ ſagte die alte Frau, mit einer ſo ſchd⸗ nen Herzlichkeit, wie ſie alle Poeſie der Welt nicht uͤbertreffen kann,„wie kann eine Frau ihren guten Mann ſchmäͤhlen, der den ganzen Tag fuͤr ſie und ihre Kinder gearbeitet hat? Ein Mann mag launiſch ſein duͤrfen, denn er traͤgt die Laſt, aber wer unders ſoll ihm den Gedanken daran vertreiben, als ſein Weib? und ſie thut am beſten daran, um ihrer ſelbſt willen, denn Niemand kann lange zanken, wenn es auf der andern Seite nicht erwidert wird.“ Wer hat dieſer armen Frau ihre Liebes⸗Weisheit gelehrt? Etwas Hoͤheres, als die gewoͤhnliche Na⸗ tur, etwas Beſſeres, als die beſte Weiblichkeit. Denn es gibt in der That außer in Romanen, nur We⸗ nige, denen die Natur oder Weiblichkeit ein ſolches Geheimniß gelehrt hat!„ und wir wuchſen auf von Kindern zu Knaben, von 101 Knaben zu Junglingen. und der alte Hager ſtarb— er ſtarb waͤhrend meiner Abweſenheit, und als ich zuruͤck⸗ kehrte, ging ich nach dem einſamen Hauſe des alten Weibes; ich dffnete das Schloß— da ſaß ſie am Kamine mit ſtarren, glanzloſen Augen. und New⸗ man's großer Seſſel ſtand ihr gegenuͤber an ſeinem gewohnlichen Platze, und der gruͤne Sammetrock lag ſauber gefaltet auf dem Stuhle. Arme alte Frau! Das Vergnugen uͤber mein Erſcheinen war erloſchen in ihr! Jede Freude war fuͤr ſie dahin! Jahr auf Jahr hatte die Zeit umſonſt verſucht, ihre warmen Gefuhle und ihre freundliche Sympathie zu erſtarren; aber eine einzige Stunde, die den Gefuͤhrten von ihrer Seite geriſſen, hatte das verhaͤngte Werk voll⸗ bracht. Newman war todt— und die Wittwe fuͤhlte nichts mehr. Sie lebte noch— aber nur wie ein uhrwerk. Sie ſchien nicht ſo um ihn zu trauern, daß ſie gegen alles Andere gleichguͤltig geweſen wäre. Nur Einmal ſah ich ſie weinen— wir hatten ſie eben aus Mitleid uber ihr einſames Alter gebeten, eine Geſellſchafterin, eine Waͤrterin in ihre Huͤtte zu nehmen.„Je eher ich todt bin, je beſſer,“ ſagte ſie.„Wie koͤnnte ich ein fremdes Geſicht leiden, wo der alte Mann zu ſitzen pflegte?“ Jetzt iſt es vorbei— die zerriſſene Bruͤcke iſt ͤberſchritten— ſie ſind wieder vereinigt. Waͤre ich auch ein Atheiſt— ſo würde ich doch beten, daß ein Himmel fuͤr die Armen ſein möge! Wer kann 102 ohne eine andere Welt das Raͤthſel der ungleichhei⸗ ten in dieſer loͤſen? Wie viele Stunden habe ich in Sommernaͤchten auf dem Kirchhof verbracht, welcher von jenem grä⸗ nen, ehrwuͤrdigen Park umſchloſſen iſt! Dort be⸗ wahren keine unziemlichen Zierrathen noch, nachdem die große Aera der Gleichheit ſchon begonnen hat, die kleinlichen unterſcheidungen der Vergangenheit; — Unterſcheidungen eines Tages und die Gleichheit der Ewigkeit! Dort erheben ſich, meiſt unbezeichnet, die grünen Huͤgel der ſchlichten Todten, und wo ja der Stein eine kurze Zeit den vergeſſenen Namen und das entſchwundene Jahr angibt, iſt die Grab⸗ ſchrift kurz und der Stoff roh. Es iſt das wahre Muſter und Ideal der Landkirche, ruhig, einſam, alt, unverziert. Es iſt vorzugsweiſe der Platz, wo der Tod nicht als Geſpenſt, ſondern als Engel belehrt, wo er uns keine leeren Schrecken einjagt, ſondern voll Beredtſamkeit in ſeiner erhabenen und liebevol⸗ len Moral der„Ruhe“ iſt. und weſſen Herz hat nicht dem Ausſpruch jener witzigen Franzoͤſin*) bei⸗ geſtimmt, der halb eine Pointe ſein ſollte, aber von ſelbſt, gegen den Willen der Sprecherin, ſich zu einer einfacheren, hochſt ruͤhrenden Wahrheit ge⸗ ſtaltete:„Zu Zeiten fuͤhle ich das Beduͤrfniß zu *) Madame Du Deffand. 103 ſterben, wie der Ueberwachte das Beduͤrfniß zu ſchla⸗ fen empfindet!“ Dies iſt das richtigſte Gleichniß Wer hat nicht, erſchoͤpft, ermuͤdet und geſaͤttigt, das Beduͤrfniß des Todes, wie die Uebermacht des Schlafes gefuͤhlt? Aber das iſt die Lehre nicht, welche bei etwas Nach⸗ denken die wahre Moral des Grabes ertheilt. Rein, dem Tode entnehmen wir die edle und herrliche Lehre des Lebens. Durch das Bewußtſein ſeiner Kuͤrze erſchuͤttert, werden wir auch durch ſeine Zwecke erhoben. Weil es kurz iſt, ſo muͤſſen wir es mit guten und nuͤtzlichen Thaten fuͤllen— weil die Ewig⸗ keit zur Hand iſt, muͤſſen wir uns durch das Wir⸗ ken und Streben, welches der Seele am wuͤrdigſten iſt, fuͤr deren Schwelle vorbereiten und durch die Herrlichkeit unſerer Thaten und Gedanken gleichſam von ſelbſt zur unſterblichkeit eingehen. Voll von dieſem Ehrgeize, erheben wir uns uͤber unſere Sor⸗ gen und Leiden hinaus; wir uͤberwaͤltigen den krank⸗ haften Nebel, den die Sättigung um uns herzieht, und gewinnen den Todten eine ihrem Geiſte und nicht ihrem Staube entnommene Moral ab. Der Kirchhof— das Dorf— der gruͤne Raſen — die Wälder— die mit Farrenkraut bewachſenen Huͤgel— das von Schilf und Thymian duftende ufer des Sees— die dunklen Schluchten— die Ebene, wo die Hirſche lagern, das Alles zuſammen macht mir dies zu einem Platze, der meine Jugend N 104 erfriſcht und ſie von den Einfluͤſſen der Welt erlöſt. Es hat Jeder einen ſolchen geſegneten und beſeligen⸗ den Platz— die Kaaba der Erde— den Schauplatz ſeiner Kindheit— den Zauberkreis ſeiner liebſten Er⸗ innerungen. und wer hat nicht, ſo lange es uns noch freiſteht, ihn nach Willkuͤhr zu beſuchen— ſo lange er noch in den theuern, heiligen Haͤnden iſt, denen er vor Zeiten gehoͤrte— ſo lange noch kein Fremder an dem Heerde ſitzt, und kein neuer Be⸗ wohner„die alten lieben Geſichter“ verdraͤngt, wer hat da nicht das Gefuͤhl gehoͤrt, als ob er im Sturm und Wetter ein Dach uͤber ſeinem Haupte habe— als ob er nicht ganz ſchutzlos ſei— als ob das Schickſal dem Flchtling ein Aſyl— und das Leben dem Er⸗ matteten eine Quelle bewahrt habe? Geſegnet ſei dieſes Haus und ſeine Beſitzerin! In der Nähe einer Mutter fühlen wir, daß un⸗ ſere Kindheit noch nicht ganz entſchwunden iſt! Sie iſt eine Schranke zwiſchen uns ſelbſt und dem Vorrücken der Zeit. Gehetzt und ermattet durch die Sorgen des maͤnnlichen Alters, treten wir in den der Ju⸗ gend geweihten Tempel(„einen Huͤter uns zur Seite“*) und unſre Verfolger ſchlummern, ſo lange wir an dem Altare weilen. ——— *) Die Furien des Aeſchylus. Die Wahl des Phylias. Phylias war ein junger Athenienſer, in dem durch die Lehren des Sokrates die beiden groͤßten Princi⸗ pien oder vielmehr Neigungen ſich feſtgeſetzt hatten, welche ein Staat in ſeinen Kindern anregen ſollte: nämlich das Verlangen nach Ruhm und die Vereh⸗ rung der Tugend. Er wuͤnſchte zugleich groß und gut zu ſein. Zum ungluͤck hegte Phylias noch eine dritte, etwas weniger erhabene, aber allgemeinere Begierde— die, geliebt zu ſeyn. Er duͤrſtete nach Popularität, wie nach Achtung, und verband eine hochſtrebende Seele mit einem zu empfaͤnglichen Herzen. Als er ſich eines Tages in den Olivenpflanzun⸗ gen erging, welche Cephiſus einfaſſen, und ſich jenen Träumereien uͤber die Zukunft hingab, welche das glckliche Vorrecht der Jugend bilden, wurden ſeine Gedanken in folgenden Worten laut: „Ja, ich will mein Leben dem Dienſte meines Vaterlandes widmen; ich will dem Wohlleben und * 106 der bequemen Ruhe entſagen. Fort von mir, ihr Koͤche Siciliens, ihr Guirlanden von Janus. In meinen Gemaäͤchern ſoll kein Weihrauch dampfen, kein Joniſches Lachen widerhallen. Nein, meine Jugend ſei nur dem Streben nach Weisheit gewid⸗ met und der Uebung der Tugendz ſo werde ich mir Groͤße, ſo mir Liebe erwerben. Denn wenn ich alle meine Freuden und Genuͤſſe dem Wohle Andrer opfre, muͤſſen ſie mich nicht dafuͤr ehren und ach⸗ ten? Muͤſſen ſie nicht darauf dringen, daß ich den Ehrenplatz bei den oͤffentlichen Feſtlichkeiten ein⸗ nehme? Werden nicht alle Freunde meiner Jugend ſich darum ſtreiten, wer an meinem Herzen ruhen ſoll? Es iſt ein Gluͤck, tugendhaft zu ſeyn; aber, o Sokrates, iſt es nicht ein größeres noch, wegen der Tugend allgemein geliebt zu ſeyn?“ Waͤhrend Phylias ſo mit ſich ſelbſt ſprach, horte er dicht neben ſich leiſe lachen. Etwas betroffen daruͤber— denn er hatte ſich ganz allein geglaubt — wendete er ſich haſtig um, und erblickte eine Geſtalt von gar ſeltſamem Anſchein. Er war ein hoher Mann in der Bluͤthe des Lebens; aber die eine Seite ſeines Geſichts und ſeiner Geſtalt war durchaus verſchieden von der andern: auf der einen war ſein Haupt mit dem feſtlichen Kranze geſchmuͤckt, das Gewand flatterte loſe und ungeordnet herab, und Frohſinn und Selbſtgefalligkeit ſprach aus den lächelnden Mienen. Es war eine Heiterkeit, eine 107 Laune, die man lieben mußte, aber zugleich ein Zug von Leichtſinn, welchen man nicht achten konnte. Einen ſchneidenden Gegenſatz bildete die andere Hälfte dieſer ſonderbaren Erſcheinung; ohne Kranz noch Krone, nach der Weiſe eines Richters vom Areopa⸗ gos, wallten die Locken glatt herab, das Gewand war koſtbar, aber anliegend und ſittſam; der Aus⸗ druck der Augen und der Stirn war wuͤrdig und erhaben, aber etwas nachdenkend und durch Sorge oder Studien ſogar etwas bewoͤlkt: die eine Seite war das Bild eines froͤhlichen Geſellen, den man willkommen heißt und vergißt, die andere das eines ſtrengen Mahners, vor dem man in unbewußter Furcht zuruͤckbebt, dem man ſeine Achtung nicht verſagen kann, aber dem man doch gerne ausweicht. „und wer biſt Du?“ fragte der Athenienſer voll Staunen und Ehrfurcht.„Aus welchem fremden Lande kommſt Du?“ „Ich komme aus dem Lande der unſichtbaren,“ antwortete die Erſcheinung,„und ich bin Dein Schutzgeiſt. Du haſt jetzt das Alter und jenen gei⸗ ſtigen Standpunkt erreicht, in welchem es mir ver⸗ goͤnnt iſt, Dich zu warnen und Dir zu rathen. Was fuͤr eitle Traͤume, o Phylias, haben ſich in Deine Bruſt eingeſchlichen! Siehſt Du nicht, daß Du nach zwei Guͤtern ſtrebſt, die eben ganz unver⸗ traͤglich mit einander ſind— nach allgemeinem Ruhme und allgemeiner Theilnahme? Waͤhle eines 108 davon, beide zuſammen kannſt Du nicht erreichen. Betrachte wohl die Geſtalt und Huͤlle, in der ich Dir erſcheine; willſt Du geliebt ſeyn, ſo findeſt Du in meiner einen Haͤlfte das Muſter, das Du nach⸗ ahmen mußt; ſuchſt Du Ruhm, ſo richte Dich nach der andern Hälfte; aber nie kannſt Du beide zu verſchmelzen hoffen! Blick noch einmal her! Gibt es einen ſtärkeren Contraſt? Gibt es Etwas, was ſich mehr entgegengeſetzt iſt? Reib' Dein Leben nicht mit Hirngeſpinnſten auf! Erhebe Dich uͤber Dein Geſchlecht, und laß Dich haſſen; bleibe auf gleicher Hoͤhe mit ihm, und Du findeſt Liebe. Du haſt die Wahl!“ „Falſcher Daͤmon!“ rief Phylias,„Du wuͤrdeſt mir das Leben ſelbſt verleiden, könnteſt Du mich zwingen, entweder hier Haß zu finden, oder dort Verachtung zu verdienen. Du kennſt meinen Sinn nicht. In ihm liegt nichts Strenges, noch Cyni⸗ ſches, ſo wenig ich im Voraus auf eine Auszeich⸗ nung rechne, die ich vielleicht erlangen mag; warum ſoll die Welt mich haſſen, bloß weil ich ihr die Auf⸗ richtigkeit meiner Zuneigung zu ihr beweiſe? Fort! Deine Rede iſt Trug oder Thorheit, und Du ge⸗ horſt nicht zu den guten Daämonen, von denen So⸗ krates zu ſprechen pflegte.“ Der Daͤmon lachte wieder.„Du wirſt mich bald beſſer kennen lernen, und, was Dir jetzt Thor⸗ 109 heit ſcheint, dann Erfahrung nennen. Du biſt alſo entſchloſſen, nach Ruhm zu ſtreben?“ „Mit ganzer Seele!“ rief der Athenienſer. „So ſei es; und von Zeit zu Zeit vergleiche Dich mit Glaucus. Lebe wohl!“ Die Erſcheinung verſchwand: nachdenkend und zerſtreut kehrte Phylias nach Hauſe zuruͤck. Sein Entſchluß war nicht erſchuͤttert, ſein Ehr⸗ geiz nicht geſchwaͤcht. Er entſagte den gewoͤhnlichen Freuden der Jugend, ſtaͤhlte ſeine Glieder durch Ab⸗ haͤrtung und Maͤßigkeit, und nährte die Quellen ſeines Geiſtes aus dem ſtillen Borne der Weisheit. Die erſten Verſuche ſeines Ehrgeizes entſprachen ſeinem Alter. Er machte die vorbereitenden Uebun⸗ gen durch, und trat als Mitbewerber um die Sie⸗ gerkrone in den Olympiſchen Spielen auf. Den Tag vorher, wo die Spiele beginnen ſollten, begeg⸗ nete Phylias unter der Menge, welche der Glanz der Feſtlichkeiten nach Olymp gezogen hatte, einem jungen Manne, den er von ſeiner Kindheit her ge⸗ kannt hatte. Sein offenes Benehmen und ſeine frohe Gemuͤthsſtimmung machten Glaucus zum Liebling Aller, die ihn kannten. Obgleich im Beſitz bedeutender Talente, ward er doch von Niemand beneidet, denn er uͤbte ſeine Ta⸗ lente nie, um ſich auszuzeichnen, ſondern ſetzte ſeinen Ehrgeiz nur darein, Andere zu erheitern. Er uͤber⸗ ließ ſich jeder Laune, ſowohl den ſeinigen, als denen 110 Anderer, wenn ſie nur Vergnügen verſprachen. Ge⸗ ſchmeidig und gewandt, bezauberte er ſelbſt die ſtoͤr⸗ riſchſten Philoſophen, und die lockerſten Taugenichtſe betheuerten ernſtlich, ſie liebten ihn, weil ſie ſich nicht genoͤthigt ſahen, ihn zu verehren. In ſeinem Geſichte laſen ſie nie den beſchämenden Verdacht, daß ihr Leben zu ſchmutzig ſei, und ſie ließen ſeinen Talenten Gerechtigkeit widerfahren, weil ſie in ſeine Schwäͤchen eingehen konnten. „Du bewirbſt Dich um keinen der Preiſe,“ ſagte Phylias, wenigſtens erinnere ich mich nicht, Dich bei den Voruͤbungen gefehen zu haben.“ „Ich? Beim Herkules, nein,“ antwortete Glau⸗ cus heiter.„Ich habe mir bei den Spielen die Rolle aufbewahrt, die ich auch im Leben gewaͤhlt habe, ich bleibe Zuſchauer. Wuͤrde ich beſſer trin⸗ ken, beſſer ſchlafen können, wenn man meine Statue im heiligen Walde aufſtellte? Gewiß nicht. Meine Freunde ſollen Glaucus als ihren Gefaͤhrten lieben, nicht als ihren Nebenbuhler haſſen. und Du?“ „Ich werde in den Wettrennen zu Wagen auf⸗ treten.“ „Ich wunſche Dir Gluͤck. Ich werde ein Opfer fuͤr Deinen Sieg darbringen. Einſtweilen will ich gehen und Therechdes ſein neues Drama vorleſen hoͤren. Lebe wohl!“ „Wie liebenswuͤrdig iſt dieſer Glaucus!“ dachte Phylias. 111 Selbſt Phylias liebte Glaucus ſtaͤrker, ſeit er erfahren, daß Glaucus ſich ihm nicht als Gegner gegenuͤberſtellen würde. Der Morgen brach an— die Stunde des Kam⸗ pfes nahte. Mit geroͤtheten Wangen, mit klopfen⸗ dem Herzen beſtieg Phylias ſeinen Wagen. Er war glucklich: ſeine Locken wurden mit dem Olivenkranze geſchmuͤckt. unter lautem Beifall kehrte er nach Athen zuruͤck. Sein Wagen rollte durch die durch⸗ brochenen Mauern ſeiner Vaterſtadt: die Dichter er⸗ hoben ihn bis zum Himmel. Phylias hatte ſeine Ruhmesbahn begonnen: die erſten Fruͤchte derſelben waren koͤſtlich. Seine Eltern weinten vor Freude uͤber ſeinen Triumph: die Väter ſtellten ihn ihren Soͤhnen als Muſter vor. Söhne aber haſſen die Muſter, und jemehr Phylias geprieſen wurde, deſto abgeneigter wurden ihm die Juͤnglinge ſeines Al⸗ ters. Als die Neuheit des Sieges ſich verloren hatte, drängte ſich ihm die ueberzeugung auf, daß die Hlivenkrone auch ihre Dornen habe. Begegnete er ſeinen Jugendfreunden auf der Straße, ſo gruͤßten ſie ihn kalt.„Wir fordern Dich nicht auf, mit uns zu kommen,“ ſagten ſie,„Du haſt wichtigere Sachen vor, als unſere Geſellſchaft Dir bieten kann. Wir eſſen heute Abend mit Glaucus, während Du vermuthlich uͤber die beſten Mittel nachſinnſt, Alci⸗ biades zu verdunkeln.“ Solche Geſpräche wirkten druͤckend auf das We⸗ 112 ſen Phylias ein. Er glaubte, er werde verkannt, uͤbel behandelt, und verſchanzte ſich hinter ſeinem Stolze. Er wurde zuruͤckhaltend, und man nannte ihn nunmehr hochmuͤthig. Die Olympiſchen Spiele kommen nicht alle Tage vor, und Phylias begann zu fuͤhlen, daß, wer ehr⸗ geizig iſt, keine Wahl hat zwiſchen Aufregung und Langeweile. Er ſuchte ſich daher fur einen edleren Triumph, als den eines Wagenlenkers, vorzuberei⸗ ten, und ſtrebte, nachdem er die Roſſe regiert, auch darnach, die Menſchen zu regieren. Er ruͤſtete ſich zu den Arbeiten des öffentlichen Lebens und ſtudirte die Kunſt, offentlich zu reden. Er beſuchte die Volksverſammlungen und erwarb ſich den Ruf eines Redners. Man weiß, daß zu jener Zeit Athen von inne⸗ ren Spaltungen zerriſſen war. Bald dem leiden⸗ ſchaftlichen Alcibiades ſchmeichelnd, bald mit ihm ſchmollend, ſahen ſeine Landsleute ihn heute in Sparta als Feind, und begrußten ihn morgen als Retter in Athen. Phylias, welcher den Ehrgeiz dieſes leichtſinnigen Genies fürchtete, und doch ſich der anmaßenden Tyrannei der vierhundert Regenten widerſetzte, erfuͤllte die Pflicht eines Patrioten, ſprach fuͤr die Freiheit, und mißfiel beiden Parteien. Richts konnte uneigennuͤtziger ſein, als ſeine Handlungs⸗ weiſe, nichts mehr bewundert werden, als ſeine Re⸗ den. Er legte ſeine Tugend an den Tag und be⸗ gruͤndete ſeinen Ruf, aber wohin er ſich wandte, wurde er allgemein verſchmaͤht und verfolgt. Er ſtieß haͤufig auf Glaucus, der, da er ſich nicht um Politik kuͤmmerte, von allen Parteien ge⸗ ſucht wurde, und, als der harmloſeſte, auch der po⸗ pulaͤrſte Menſch in Athen war. „Du biſt jetzt ein großer Mann geworden,“ ſagte ihm Glaucus eines Tages,„und wirſt bald die letzte Ehre erlangen, welche Athen ſeinen Kindern erwei⸗ ſen kann. Dein Vermoͤgen wird confiscirt, und Du ſelbſt wirſt verbannt werden.“ „Nimmermehr,“ rief Phylias mit einer edeln Aufwallung.„Die Wahrheit iſt ſtark und muß ſiegen. Die Falſchheit und Verläumdung wird zu Grunde gehen, und mein Volk mir Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen.“ „Die Goͤtter geben es!“ ſagte der Schmeichler Glaucus.„Niemand verdient es mehr.“ In den kurzen Erholungsſtunden, welche das öfſentliche Leben der Athenienſer geſtattete, hatte Phylias ſich verliebt. Chyllene war ſchoͤn wie ein Traum, voll liebens⸗ wuͤrdiger Eigenſchaften, aber ſie war ein Maͤdchen, und alſo eine Freundin des heiteren Lebens. In ſeiner Leidenſchaft fuͤr Chyllene fand Phy⸗ lias zum erſtenmal in Glaucus einen Nebenbuhler, denn die Liebe war die einzige Leidenſchaft, in wel⸗ cher Glaucus keinen Anſtand nahm, der Eiferſucht Vulwer's Werke. Taſchenausg. V. 8 114 des Mächtigen entgegen zu treten. Chyllene war in großer Verlegenheit wegen ihrer Wahl; Phylias war ſo weiſe, aber Glaucus war ſo gar frohlich; Phy⸗ lias war ſo beruͤhmt, aber Glaucus ſo beliebt; Phylias hielt treffliche Reden, aber wie ſchoͤn ſang Glaucus! Zum ungluͤck hatte Phylias in dem ernſten und maͤnnlichen Treiben ſeines Lebens, die kleinen Kuͤnſte des Gefallens, welche bei den Damen von Athen in ſo hohem Anſehen ſtanden, ganz vergeſſen. Er kleidete ſich mit einem wuͤrdevollen Anſtande, aber nicht mit der geſuchten und doch ungezwungenen Grazie des Glaucus. und wo haͤtte er, bei ſeinen vielen Beſchaͤftigungen, Zeit hernehmen ſollen, die Thuͤren ſeiner Geliebten mit Kraͤnzen zu ſchmuͤcken, die Libationen an ihrer Schwelle zu erneuern und jede Mauer in der Stadt mit ihrem Namen und dabei mit dem ſchmeichelhaften Beiworte cn zu ſchmuͤcken. Glaucus, der die Kunſt zu gefallen zum einzigen F Studium ſeines Lebens gemacht hatte, verſäumte keine dieſer wichtigen Pflichten. Glaucus gewann täglich mehr Grund und Boden. Ich ſchaͤtze Dich mehr als alle Maͤnner, konnte Chyllene ohne Erroͤthen zu Phylias ſagen. Aber ſie zitterte und ſagte nichts, wenn ſich Glaucus näͤherte. „Ich liebe Dich uͤber Alles,“ ſagte ihr Glaucus eines Tags mit großer Leidenſchaftlichkeit. „Nach meinem Vaterlande liebe ich Dich uͤber Alles,“ ſagte ihr Phylias denſelben Morgen. 115⁵5 Ach, dachte Chyllene, Phylias iſt ohne Zwei⸗ fel der beſte Patriot, aber der beſte Liebhaber iſt Glaucus. Selbſt die Schwaͤchen des Glaucus waren lie⸗ benswuͤrdig, waͤhrend die Tugenden des Phylias ihm einen Schein von Strenge gaben. Neben Phylias ſchaͤmte ſich Chyllene ihrer Fehler; neben Glaucus ſuͤhlte ſie nur ihre Vorzuͤge. Alcibiades war jetzt der Abgott der Athener. Er bereitete ſich eben, mit hundert Schiffen nach dem Hellespont abzuſegeln, um den Verbuͤndeten Athens beizuſtehen. Da er nicht geneigt war, einen ſo wachſamen Waͤchter ſeiner Handlungen, wie Phylias war, in der Stadt zuruͤckzulaſſen, ſo brachte er es dahin, daß ihm ein Commando auf der Flotte an⸗ vertraut wurde. Der Rang des Glaucus brachte ihm einen geringeren, aber doch noch ausgezeichne⸗ ten Poſten zu Wege. Chyllene war in Gefahr, ihre beiden Liebhaber zu verlieren. „So willſt Du mich verlaſſen?“ ſagte ſie zu Phylias. „Leider! Aber das Vaterland ruft mich. Mit Lorbeern geſchmuͤckt werde ich zu Dir zuruͤckkehren.“ „Und Du, Glaucus?“ „Alcibiades und Griechenland ſelbſt mag unter⸗ gehen, ehe ich mich von Dir trenne!“ rief Glau⸗ cus, der, wenn auch keine Geliebte im Spiel gewe⸗ 8* 16 ſen waͤre, doch nur mit Widerſtreben das Vergnu⸗ gen der Gefahr aufgeopfert haͤtte. Phylias reiſte mit einem neuen Sporne zum Ruhme und dem vollſten Vertrauen in die Zunei⸗ gung ſeiner Geliebten, nach Andria ab. Glaucus wurde plotzlich krank, blieb zu Hauſe, und einen Monat darauf wurde die ihm verlobte Chyllene bei Fackellicht nach ſeinem Hauſe gefuͤhrt. Sogleich durchſchaute Jedermann in Athen den Betrug, aber Alles lachte von Herzen daruͤber, denn Glaucus, hieß es, gab ſich ja nie fuͤr einen Ausbund von Tugend aus. Sein Mangel an Grundſätzen galt als Entſchuldigung dafuͤr, daß es ihm daran mangelte. Die Expedition nach Andria mißgluͤckte; Alcibia⸗ des wurde von Neuem verbannt, und Phylias, der Wunder der Tapferkeit gethan hatte, theilte das Schickſal des Oberfeldherrn. Seine Mitburger wa⸗ ren ja froh, daß ſie einen Anlaß hatten, ſich des unangenehmen Gefuͤhls zu entledigen, welches das Uebergewicht eines Andern unſerer Eigenliebe ver⸗ urſacht. So vergingen Jahre. Phylias hatte all den Ruhm erlangt, nach dem er in der Jugend geduͤrſtet hatte. Griechenland war voll von ſeinem Namen; er ſelbſt war jetzt alt, geächtet und fuͤhrte ein ab⸗ haͤngiges Leben am Perſiſchen Hofe. Dort achtete ihn Jedermann, aber Niemand liebte ihn. Die Ma⸗ jeſtät ſeines Weſens, die Einfachheit ſeines Lebens, 117 der Glanz ſeines Rufes machten, daß die Hoͤflinge von Perſepolis ſich in ſeiner Gegenwart nicht be⸗ haglich fuͤhlten. Er lebte viel allein, und ſeine einzige Erholung war, daß er Abends ſich in den Laubgängen eines Waldes erging, der ihn an die Haine von Athen erinnerte, und daß er dort uͤber die Abentheuer ſeines vergangenen Lebens nachdachte. um dieſe Zeit traf es ſich, daß Glaucus, der ſeine Frau und ſein Erbtheil uͤberlebt hatte, ſich in der Hoffnung, dadurch ſeinen erſchuͤtterten Ver⸗ moͤgensumſtaͤnden aufzuhelfen, in eine Verſchwoͤrung zur Wiederherſtellung der Oligarchie, nach dem Tode Cimons, hatte verſtricken laſſen. Er wurde verrathen, und ſeine Popularitat ſchuͤtzte ihn nicht vor der Verbannung. Er ſuchte eine Zuflucht zu Perſepolis: die elaſtiſche Heiterkeit ſeines Gemuͤths war noch ungeſchwaͤcht, und ſeine grauen Haare umkraͤnzte noch immer ein feſtliches Roſengewinde. Die Hoͤflinge waren entzuckt uͤber ſeinen Witz. Der Koͤnig kannte keine Freude ohne ihn. Phylias fragte man um Rath, aber in Glaucus Geſellſchaft lebte man. Als Phylias eines Abends in ſeinem Lieblingshaine ſich ſeinen Traͤumen uͤberließ, und er aus der Ferne die Muſik und das Gelächter eines Bankets hoͤrte, das der Koͤnig in ſeinem Sommerhauſe gab, und bei dem Glaucus zu ſeiner Rechten ſitzen mußte, wurde der ungluͤckliche Verbannte plotzlich leiſe an 118 ſeinem Gewande gezogen. Er wendete ſich ſchnell um, und ſah ſeinen Genius wieder. „Deine letzte Stunde naht,“ ſagte der Dämon, „ich komme noch einmal, Dich zu ſehen. Am Morgen Deines Lebens ſagte ich Dir das Schickſal voraus, welches bis zu deſſen Abend dauern ſolltez ich verkuͤndete Die, daß keine Hoffnung ſei, Ruhm und Liebe zu verbinden. Du haſt die Vereinigung verſucht— was war Dein Erfolg?“ „Geheimnißvolles Weſen!“ antwortete Phylias, „Deine Worte waren wahr, und meine Hoffnung entſprang aus der Thorheit der Jugend. Ich bin allerdings geehrt und ungeliebt. Aber gewiß iſt dies nicht das Geſchick aller Derer, welche ein gleicher Ehrgeiz antreibt, ſondern nur meines allein.“ „Und vergißt Du,“ entgegnete der Geiſt,„daß Dein Lehrer, Sokrates, zu Tode verfolgt, und daß Ariſtides wegen ſeiner Tugenden geaͤchtet wurde? Kannſt Du mir Einen großen Mann nennen, der nicht im Leben wegen ſeiner Dienſte verlaͤumdet worden waͤre? Du ſtehſt nicht allein. Glaͤnzen wollen heißt die Eigenliebe Anderer verletzen, und Eigenliebe iſt das rachſuͤchtigſte aller menſchlichen. Gefuͤhle.“ „Und doch,“ murmelte Phylias,„waͤre ich kein Athenienſer geweſen, hätte ich wohl Vntbot⸗ keit erndten konnen.“ „Man nennt Athen undankbar,“ entgegnete 11¹9 der Genius,„aber uͤberall, ſo lange die Welt ſteht, wird die undankbarkeit dieſelbe ſein. Ein Staat wird ſeine beruͤhmten Mäͤnner verbannen, der andere ſie verlaͤſtern, aber der Tag und die Nacht koͤnnen ſich nicht fremder ſein, als wahrer Ruhm und allgemeine Beliebtheit“ „Ach, das iſt eine bittere Lehre,“ ſagte Phy⸗ lias ſeufzend;„beſſer waͤre es dann, dem Ruhm zu entſagen, welcher uns die freundliche Nachſicht unſerer Nebenmenſchen entzieht. Wäre meine Wahl alſo nicht bloß ein ungluͤck, ſondern auch eine Ver⸗ irrung geweſen?“ Das Geſicht des Dämons nahm plotzlich einen göttlichen Ausdruck an. Majeſtaͤtiſch hob ſich ſeine Stirne und aus ſeinen durchbohrenden Blicken ſtrahlte unausſprechliche Weisheit, als er Folgendes erwie⸗ derte:„Horch! Waͤhrend Du jene unwuͤrdige Frage an mich richteſt, ſchallt das Gelächter des verderbten Glaucus an Dein Ohr. Die Goͤtter be⸗ ſtimmten ihm, daß er geliebt und verachtet werde. Moͤchteſt Du— koͤnnteſt Du Dir die Vergangen⸗ heit erkaufen— das Leben leben, das der gelebt hat? Moͤchteſt Du, um des Lächelns der Schmeichler, oder um der Liebe des Mädchens Deiner Jugend willen, das Gefuͤhl haben, daß Dein Daſein werth⸗ los geweſen ſei, daß Dein Grab unbekannt ſein werde? Nein, am Erroͤthen Deiner Wangen ſehe ich, daß Du fuͤhlſt, wie dem Großen der Stolz 120 der Erinnerung Gluͤck genug ſei. Deine einzige Verirrung beſtand darin, daß Du den ſchwankenden Hauch der Volksgunſt als den Lohn fuür unſterb⸗ liche Arbeiten begehrteſt. Große Männer muͤſſen der Welt dienen, ohne ſich um ihren nichtigen Bei⸗ fall zu kuͤmmern. Ihre Herzen ſind ihre eigene Welt. Hätteſt Du nur danach geſtrebt, groß zu ſein, wuͤrde es Dich nie geſchmerzt haben, daß Du nicht geliebt wurdeſt. Die Seele des Großen muß einem Strome gleichen, der ſich ſeines gewal⸗ tigen Laufes freuet, Allen wohlthut und die welken⸗ den Kraͤnze nicht achtet, welche vergängliche Hände in ſeine Fluthen werfen moͤgen.“ In derſelben Nacht wurde Phylias Leiche von einem der nach Hauſe zuruckkehrenden Schwaͤrmer im Walde gefunden. Und der König von Perſien ließ den Koͤrper in einem prunkvollen Grabmale beiſetzen, und die Buͤrger von Athen ordneten eine oͤffentliche Trauer wegen ſeines Todes an. Und Tauſend Dichter verkuͤndeten Unſterblichkeit dem Namen des Phylias, und der Name des Phylias iſt, außer in dieſer fluchtigen Erzahlung, von der Erde verſchwunden. Der Genfer⸗See. Es gibt Orte in der Welt, deren Beſuch Perſonen, die mit dem Genie ſympathiſiren, faſt fuͤr eine pflicht halten. Solche Pilgerungen nicht zu unter⸗ nehmen, erſcheint wie die Vernachläſſigung eines ver Zwecke des Lebens. Die Erde hat manches Mekka und Medina fuͤr Diejenigen, welche in dem Genius einen Propheten, und in deſſen Grabmahl ein Hei⸗ ligthum finden. Von dieſen iſt keiner ehrwuͤrdiger als„der Genferſee mit ſeiner kryſtallenen Fluthen.“ Der Name dieſes See's ſchon iſt ein Gedicht. Es zaubert uns die lebendigen Geſtalten Derer herauf, welche groͤßer waren, als ihre Mitmenſchen. So wie der Gedanke an Troja ſogleich vor unſerer Phantaſie den Skamander, die, in die Wolken ra⸗ genden Thuͤrme, das geräuſchvolle Treiben in dem weiten griechiſches Lager, mit dem einſamen Zelt des Achilles, der noch trauert uber den Verluſt ſei⸗ nes Freundes, und den Abſchied Hektors von Ihr, 122 der er„Vater, Mutter und Bruder“ war, er⸗ ſcheinen laͤßt; ſo ruft ſchon der Name bes Gen⸗ ferſee's auf: die Felſen von Meillerie,— die wei⸗ ßen Mauern des Schloſſes Chillon,— wir ſehen die Gondel Byrons und die Gewitterwolken, welche uͤber den Jura ziehen,— die Acazien⸗Allee, aus welcher der Geſchichtsſchreiber des unterganges des roͤmiſchen Reichs uͤber die Fluthen des See's ſchaute, nachdem er die letzte Seite ſeines unſterblichen Wer⸗ kes vollendet hatte;— Voltaire, Rouſſeau, Calvin, Männer, die ſo große Veraͤnderungen auf der Erde hervorbrachten, erſtehen vor unſerem geiſtigen Blick. Ja, der Genferſee iſt ein epiſches Gedicht; poetiſch ſchon an und fur ſich, ſteht ſein Name auch in Ver⸗ bindung mit den Charakteren der Poeſie;— und Alles, was die Ratur Großartiges und Schones hat, iſt hier vereinigt mit allen Erinnerungen, die der Genius in uns hervor zu zaubern vermag. Den Morgen nach meiner Ankunft in dem Wirthshauſe, welches, in geringer Entfernung von Genf, am ufer des See's liegt, fuhr ich in einem Boote nach dem Hauſe, welches Byron bewohnte, und das faſt gerade gegenuber liegt. Die Luft wan heiter, doch druͤckend heiß; das Waſſer ſchlug faſt gar keine Wellen. An dem andern ufer ſteigt man, einen etwas rauhen und ſteilen Weg hinan, nach einem kleinen Dorfe, um welches der Weg ſich nach dem Hauſe windet. Zur rechten Seite, wenn man 123 ſo eintritt, iſt ein Weinberg, in dem zu jener Zeit die Trauben reif und dicht hingen. Vor dem Hauſe ſtehen drei bis vier Bäume, und iſt man noch ei⸗ nige Stufen hinan geſtiegen, ſo ſieht man in einem kleinen Hofe einen Springbrunnen;— das Waſſer ſprang jedoch nicht mehr; es war damals ausge“ trocknet. Zu jeder Seite des Hofes liegt ein kleiner Garten, und vor der Thuͤre ſind roh gearbeitete ſteinerne Sitze. Im Hauſe tritt man zuerſt in eine kleine Flur, die zu drei Simmern fuͤhrt. Das groͤßte iſt ſehr ſchoͤn— lang und oval, mit geſchnitztem Tafelwerk— aus den Fenſtern, an den drei Seiten, genießt man die ſchonſten Ausſichten auf Genf, den See und die gegenuͤberliegenden Ufer. Unter den Fenſtern iſt eine mit Steinen gepflaſterte Terraſſe; wie oft mag Byron auf jener Terraſſe„die unter⸗ gehende Sonne mit ſehnſüchtigen Blicken verfolgt haben!“— Als er hier wohnte, war ſein Genius ganz zu ſeiner Reife gediehen— es war die in⸗ tereſſanteſte Zeit ſeines Lebens. Er hatte die Bruͤcke ͤberſchritten, welche ihn von ſeinem Vaterlande trennte; dieſe Bruͤcke war aber noch nicht abgebro⸗ chen. Er war durch den milden Suden noch nicht entnervt worden. Seine Genuͤſſe waren noch rein geiſtiger Art— ſeine Sinnlichkeit war noch natuͤr⸗ lich— ſein Herz ſchlug noch in friſcher Jugendlich⸗ keit und Kraft— er lebte noch mehr in der Zu⸗ kunft, als in der Vergangenheit,— und die Welt 124 träͤumte noch mehr von Dem, was er ſein wuͤrde, als von Dem, was er geweſen war. Seine Werke(die Pariſer Ausgabe) lagen auf dem Tiſche.— Er ſelbſt war überall!— An dieſes Zimmer ſtoͤßt ein kleines Cabinett, ſehr einfach und kunſtlos decorirt. An der einen Seite ſteht in einer Vertiefung ein Bette,— an der andern fuͤhrt eine Thuͤre in ein Ankleidezimmer. Hier war er gewoͤhn⸗ lich, wie man mir erzahlte, mit Schreiben beſchaͤf⸗ tigt. und welche Werke wurden hier geſchaffen?— „Manfred,“ und die ſchoͤnſten Stanzen des dritten Geſanges von„Childe Harold“ treten ſogleich vor unſer Gedaͤchtniß. Ich ſtieg jetzt eine Treppe hinan, und gelangte auf einen Gang, an deſſen Ende man aus einem Fenſter eine herrliche Ausſicht auf den See hat. In dieſem Gange hingen einige merkwuͤr⸗ dige, doch ſehr beſchmutzte Gemaͤlde; Franz I., Diana von Poitiers und Julius Skaliger unter An⸗ dern. Jetzt tritt man in das Schlafzimmer. Das Bett ſteht in einer Vertiefung, und in einem Winkel ſieht man einen alten Schreibtiſch aus Wallnußbaum⸗ holz. ueber einigen Fächern ſteht noch geſchrieben: „Briefe von Lady B.— Das innere Leben ſei⸗ ner Phantaſie tritt zuruͤck vor dieſen einfachen Wor⸗ ten, und alles ungluͤck, alle Enttaͤuſchungen ſeines wirklichen haͤuslichen Lebens draͤngen ſich widerwär⸗ tig auf. Wir erinnern uns der neun Executionen in einem Jahre,— der gegenſeitigen Entfremdung, 125 und des armſeligen Geſchwaͤtzes der Welt, und der „zerbrochenen Hausgoͤtter.“*) Die Menſchen moͤgen moraliſiren, wie ſie wollen, aber ungluͤck veranlaßt Irrthuͤmer,— die wir buͤßen muͤſſen. Ich wuͤnſchte nur die Zimmer zu ſehen, welche er ſelbſt bewohnt hatte; ich hielt mich nicht dabei auf, die uͤbrigen zu beſichtigen. Ich trat in den kleinen Garten vor dem Hauſe,— hier war ein anderer Springbrun⸗ nen, nicht verlaſſen durch deſſen Nymphe. Er wurde beſchattet durch die Zweige einer Weidez wei⸗ terhin dehnte ſich ein Weinberg, deſſen aus gruͤne Blätter und lockende Fruͤchte einen faſt traurigen Gegenſatz mit den Erinnerungen des Ortes bildeten. Die erhabene Mutter troſtet ſich leicht uͤber den Verluſt ihres beguͤnſtigtſten Kindes. Der Himmel *) Ich bin ein Bewunderer der Natur und der Schoͤnheit. Ich kann Muͤhſeligkeiten ertragen, bin Ent⸗ behrungen gewohnt, und kenne einige der herrlichſten Anſichten in der Welt. Aber trotz Allem dem⸗ hat die Erinnerung fruͤherer Leiden, und beſonders eines neue⸗ ren und häuslichen Ungluͤcks, welches mich durch das Leben begleiten muß, hier an meinem Herzen ge⸗ nagt; und weder die Töne der Hirten⸗Muſik, noch das Stuͤrzen der Avalanchen, noch die Waͤlder und Wolken haben mir auf einen Augenblick dieſe Laſt erleichtert, oder mich in den Stand ſetzen können, mein eigenes unglückliches Ich in der Majeſtät, der Groͤße und der Macht um mich, uͤber und neben mir zu vergeſſen.“ Byron's Journal ſeiner Reiſe durch die Schweiz. 126 war mehr im Einklang mit dem Gentus loci, als die Erde. Die ruhig ſchwebenden, aber dunkeln Wol⸗ ken ſpiegelten ſich in der glatten Fläche des See's; und die Spitzen der melancholiſchen Berge waren in Nebel gehuͤllt. Am naͤchſten Tage trieb es mich, die Gefuͤhle zu verſcheuchen, die der Anblick jener Villa Byron's aus dem Garten meiner Wohnung aufregte, und ich unternahm eine weniger intereſſante Pilgrimſchaft, jedoch zu einem beſuchteren, und vielleicht unvergaͤng⸗ licheren Wallfahrtsort. Was Byron fur ſeine Zeit, das war Voltaire fur ein halbes Jahrhundert,— eine Macht für ſich,— der Dictator der geiſtigen Republik. Er war einer der Wenigen, durch welche der Gedanke dieſelben Erfolge gehabt hat, wie das Handeln. Wer hat, naͤchſt den großen Reformatoren einen groͤßeren Einfluß auf die Geſinnungen der Men⸗ ſchen und auf das Schickſal von Rationen ausge⸗ uͤbt?— Nicht jedoch nach der gewöhnlichen Anſicht, welche ihm und ſeinen Collegen die urſachen der Revolution zuſchreibt; dieſe urſachen waren vorhan⸗ den, und wenn auch niemals ein Philoſoph gelebt hätte; aber er reifte und concentrirte die Wirkun⸗ gen,— ob zum Guten oder zum Boͤſen, das muß die Zeit noch lehren,— wir können bis jetzt bloß ſagen, daß die uebel, welche ſich daraus gebildet haben, nicht der Philoſophie, ſondern der Leiden⸗ ſchaftlichkeit in Rechnung zu ſtellen ſind. Diejenigen, 127 welche beweiſen, daß eine Krankheit vorhanden iſt, ſind nicht zu tadeln, wenn nach ihrem Tode falſche Mittel zu deren Heilung angewendet werden. Das ungluͤck der menſchlichen Angelegenheiten beſteht dar⸗ in, daß Weiſe die Verwerflichkeit eines alten Sy⸗ ſtems darlegen,— Quackſalber aber ein neues ein⸗ fuhren. Wir bedienen uns der geſchickteſten Werk⸗ meiſter, um den Verfall eines Gebaͤudes zu beur⸗ theilen, und der unerfahrenſten Maurer, um es auszubeſſern. Dieſes iſt dann aber dem Werkmeiſter nicht zur Laſt zu legen.—„Die Freunde der Frei⸗ heit ſind Diejenigen, welche die in ihrem Namen be⸗ gangenen Verbrechen am meiſten verabſcheuen.—“*) Die Gegend zwiſchen Genf und Ferney iſt male⸗ riſch, und angebaut genug, um uns gegen die Ge⸗ nauigkeit der Beſchreibungen mißtrauiſch zu machen, nach denen die umgebung Ferney's, bevor ſich Vol⸗ taire dort niederließ, eine Wuͤſtenei geweſen ſein ſoll. Man näͤhert ſich dem Hauſe durch eine Allee. Zur linken Seite iſt die wohlbekannte Kirche, welche „Voltaire Gott errichtete.“(Deo erexit Voltaire.)— Es iſt bei den Touriſten Mode geworden, uͤber dieſe Froͤmmigkeit ſich zu verwundern, und ſie mit den Grundſaͤtzen Voltaire's nicht uͤbereinſtimmend zu finden. Touriſten pflegen aber ſelten gruͤndlich zu unterſuchen. Jeder, der nur im Geringſten mit *) Influence des Passions. 128 Voltaire's Schriften bekannt iſt, ſollte doch wiſſen, wie wenig er ein Atheiſt war. Er war zu vielſei⸗ tig und gewandt fuͤr einen ſolchen Glauben. Seine Schriften enthalten mit die ſchaͤrfſten Beweiſe fuͤr vas Daſein des hochſten Weſens, welche die Philoſo⸗ phie darbietet; und ſo ſehr er auch den Aberglauben lächerlich macht, ſo iſt doch ſeine Satyre gegen den Atheismus weit ſchärfer. Sein Eifer fuͤr das Da⸗ ſein Gottes fuͤhrt ihn oft ſelbſt uͤber ſein Urtheil hinaus, wie in jenem Romane, wo der Dr. Friend (Doctor der Theologie und Parlaments⸗Mit⸗ glied!) ſeinen Sohn Jenni(welche Namen dieſe Franzoſen uns doch geben) und Jenni's Freund Birton, in einer Disputation vor einer Geſellſchaft von Wilden bekehrt.— Pr. Friend beſiegt den hart⸗ näckigen Atheiſten mit zu leichten Waffen. Voltaire hielt in der That eine Schlußfolge fuͤr ganz unver⸗ nuͤnftig, gegen welche, wie er fortwährend erklaͤrte, zu ſehr das Zeugniß aller unſerer Sinne ſich auf⸗ lehne. Den Gegnern der Vernunft war er die In⸗ toleranz ſelbſt. Man wird mich entſchuldigen, daß ich Voltaire dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſe,— ich wuͤnſche nicht, dem Atheismus eine ſo glänzende Autorität zu gewaͤhren. Der Kirche gegenuͤber, und von dem Hauſe ge⸗ trennt, war früher das Theater,— jetzt ninmt ein dichtes Gebuͤſch dieſe Stelle ein. Ich muß geſtehen, daß, wenn ich auch Voltaire's Glauben vertheidigte, 129 ich doch gern haͤtte ſehen moͤgen, ob„Mahomet“ oder„le Bon Dieu“ beſſer logirt waren⸗ Man hat jetzt das Haus vor ſich,— lang, re⸗ gelmäßig und leidlich ſchön, wenn man es mit dem gewoͤhnlichen Charakter der franzoͤſiſchen oder ſchwei⸗ zeriſchen Bauart vergleicht. Es iſt ſchon ſo oft be⸗ ſchrieben worden, daß ich denſelben Gegenſtand nicht wieder behandeln wuͤrde, wenn er nicht von einem Intereſſe wäre, dem keine Wiederholung Eintrag zu thun vermag. Außerdem lernt man den Charakter ſei⸗ nes fruͤhern Eigenthuͤmers durch daſſelbe näher kennen. Das Haus eines Mannes iſt oft ein Bild ſeiner ſelbſt. Die salle de réception iſt nicht groß, man ſieht noch dieſelben Stuͤhle mit durchbrochenen Leh⸗ nen und Geſtellen von Eichenholz,— denſelben Sammt mit gewirkten rothen Blumen an den Waͤn⸗ den.— Die Gleichguͤltigkeit des großen Schriftſtellers gegen das Schöne iſt bemerkbar in jenen grotesken Figuren an den Wänden, die einem engliſchen Dich⸗ ter, jedesmal, wenn er ſie angeſehen hätte, ein ner⸗ voſes Fieber zugezogen haben wuͤrden, und in einem hohen Ofen, von barbariſchem Geſchmack, reich ver⸗ goldet, der von„ſeiner eigenen Erfindung“ war. Er trägt ſeine Buͤſte. In dieſem Zimmer iſt auch das beruͤhmte Gemaͤlde, welches ebenfalls der ueberlie⸗ ferung nach, ſeinen eigenen Ideen gemaͤß, ausge⸗ führt ſein ſoll. Voltaire iſt hier abgebildet, wie er die„Henriade“ dem Apollo uͤberveicht, waͤhrend ſeine Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 9 13⁰ Feinde in die holliſchen Regionen verſinken, und der perſonificirte Neid zu ſeinen Fuͤßen das Leben aus⸗ haucht!— Ein merkwuͤrdiges Beiſpiel von der Be⸗ ſcheidenheit des Verdienſtes— und von ſeiner To⸗ leranz!— Es gibt alſo eine Holle fuͤr unglaͤubige — an Voltaire!— Wir duͤrfen jedoch allerdings ein ſolches Gemaͤlde nicht im wirklichen Sinne auf⸗ faſſen. Voltaire war ein geſcheidter Mann, aber zugleich ein vollkommener Weltmann. Wir koͤnnen uͤberzeugt ſein, daß er ſelbſt eben ſo ſehr, wie irgend ein Anderer uͤber die ganze Erfindung lachte. Wir koͤnnen uns darauf verlaſſen, daß, wenn der alte Herr, auf ſeine Schnupftabaksdoſe klopfend, mit jenem Ausdruck unausſprechlichen Spottes in ſeinen Zuͤgen, ſeinen Gaſten das Gemälde zeigte, er es ge⸗ wiß mit einem ſo witzigen Einfall begleitete, als dem Witzigſten von uns zu Gebote ſtehen koͤnnte. Wie vielen Spaß muß es ihm gemacht haben, wenn er auf das Geſicht eines jeden ſeiner Feinde auf⸗ merkſam machte! Wie munter mag er uͤber ihren Verdammungszuſtand geſcherzt haben. Es war dieſes in der That einer jener kindiſchen Ausbruͤche der Caricatur, zu uͤbertrieben, um boshaft ſein zu kön⸗ nen, und der wenigſtens der großen Lebendigkeit Voltaire's durchaus zuſagen mußte. Es war ein gutmuͤthiger Scherz, auf den er ſelbſt einging, um ſich uͤber ſeine Feinde luſtig zu machen. Voltaire kannte die Macht des Lächerlichen zu gut, um ſich 131 ſelbſt, wie die beſchräͤnkten Beurtheiler vorausſetzen, im Ernſt laͤcherlich zu machen. An den Salon ſtoßt das Schlafzimmer; man ſieht in demſelben die Portraits Friedrich's des Großen, das der Madame du Chatelet und ſein eigenes. Die beiden letzteren wurden in der durch Beaumarchais veranſtalteten Ausgabe ſeiner Werke benutzt. Auch ſteht hier die Vaſe, welche ſein Herz enthielt, mit der Inſchrift:„Mein Geiſt iſt uͤberall— mein Herz iſt hier.“— „Da ich glaube,“ ſagte mein Gefährte, mehr witzig als richtig,(wie ich gleich zeigen werde)— daß ſein Geiſt beſſer war als ſein Herz, ſo zweifle ich, ob der Ferney gegebene Vorzug ſonderlich hoch anzuſchlagen iſt.“— Le Kains Portrait hängt uͤber ſeinem Bett. Voltaire war ein Mann, der einen Schauſpieler wuͤrdigen konntez er ſelbſt war der Shakespeare des Theatraliſchen. Ein umſtand beweiſ't ſeine Gleich⸗ guͤltigkeit gegen die Natur. Das Erſte, woran ein Verehrer der Natur an einem ſolchen Orte gedacht hätte, wäre geweſen, die Fenſter ſeiner Lieblings⸗ zimmer nach den ſchoͤnſten Seiten der bezaubernden Landſchaft hin anlegen zu laſſen. Aber Voltaire's Fenſter eroffnen ſich alle, als ob es abſichtlich ſo veranſtaltet waͤre, nach der andern Seite! Man er⸗ blickt aus ihnen weder den herrlichen See, noch die erhabenen Alpen, welches ſo leicht hätte bewerkſtel⸗ 9* 132 ligt werben können, da ſie, ſobalb man in den Garten tritt, ſichtbar ſind. Aber weder der See, noch die Alpen waren Dinge, welche Voltaire je⸗ mals zu beſchreiben oder zu ſtudiren fur nöthig hielt. Wenn er auch auf dem Lande lebte, ſo war er doch vorzugsweiſe der Dichter der Städte. Und ſelbſt ſeine tiefe Menſchenkenntniß beſchraͤnkte ſich eigentlich nur auf kuͤnſtlich gebildete Geſellſchafts⸗Menſchen; auf den Geſchmack, die Irrthuͤmer und Schwaͤchen der Menſchen,— nicht auf die natuͤrlichen Gefuͤhle ihrer Herzen und Leidenſchaften. Wenn es nicht Menſchen mit tieferem Gemuͤth und mit umfaſſenderer Einbil⸗ dungskraft gaͤbe, ſo wäre Voltaire der gluͤcklichſte Darſteller der Menſchen geweſen, den es jemals gab. Wir traten wieder aus dem Hauſe,— ſtiegen einige Stufen hinab— und gelangten in eine enge Pappel⸗Allee, welche durch die dicken Hecken zu bei⸗ den Seiten vollkommen geſchloſſen ſein wuͤrde, wie ſie oben faſt zuſammenſtoßend ein Gewolbe bildet, wenn nicht hier und da kleine Durchſichten ange⸗ bracht waͤren, die bisweilen einen freien Blick in die großartige umgebung geſtatten. Auf dieſe Weiſe ſah Voltaire die Natur am liebſten durch kleine Fenſter in einer kuͤnſtlichen Hecke!— und ohne dieſe Hecke wuͤrde die Landſchaft ſo prächtig erſcheinen! Dieſes war Voltaire's Lieblings⸗Spaziergang des Morgens. Am Ende ſteht eine Bank, auf welcher der große Mann(und wann wird Frankreich, trotz aller ſei⸗ * 133 ner Mängel, einen groͤßeren erzeugen 2) zu ſitzen und zu denken pflegte. Ich ſehe ihn noch in ſeinem kar⸗ moiſinrothen Rock mit goldenen Litzen,— ſeine Struͤmpfe bis auf den halben Schenkel gezogen,— das Kinn auf den langen Rohrſtock geſtuͤtzt,— jenes Auge, hell Er wird oft fälſchlicherweiſe mit dunkeln Augen dargeſtellt) und durchdringend, weder auf den Boden, noch nach oben gerichtet, ſondern gerade vor ſich:— ſo beſchreibt ihn der alte Gaͤrt⸗ ner, der ſich ſeiner noch erinnert,— ich ſehe ihn ſeine letzte Reiſe nach Paris uͤberlegen,— iene glorreiche Beendigung eines Lebens ſo großer litera⸗ riſcher Triumphe, wie ſie jemals einem Schriftſtel⸗ ler zu Theil wurden,— jenes Todes, den das Gift ſeiner eigenen Lorbeeren veranlaßte. Nie beleuchtete der Ruhm ſo hell den Uebergang zum Grabe; aber dieſelbe Fackel diente zum Triumph⸗ und zum Lei⸗ chenzuge. Es war wie die letzte Scene irgend eines überladenen Melodrama's— und der Effect, wel⸗ cher die Spannung der Zuſchauer auf die Spite trieb, war zugleich das Signal fuͤr das Herabfallen des Vorhanges! Der alte Gärtner, welcher über hundert Jahre alt iſt, erklärt, daß er ſich der Perſon Voltaire's noch genau erinnere. Ich war erſtaunt, zu hoͤren, daß ſelbſt in ſeinem hohen Alter, und trotz ſeiner Gewohnheit, gebeugt zu gehen, er immer noch von ungewohnlich hoher Geſtalt war. Der Gärtner 1³4 verweilte jedoch mit groͤßerem Vergnuͤgen bei ſeiner Perſon, als bei ſeinem Anzuge; er that ſich viel zu Gute auf ſeine große Peruͤcke und die mit Treſſen beſetzte Weſte, noch mehr aber auf ſeine vergoldete Kutſche und ſeine vier langſchweifigen Pferde. Vol⸗ taire liebte den Glanz,— es war nichts Einfaches in ſeinem Geſchmack. Die Zeit, in der er lebte, war aber auch nicht die der Einfachheit. Auf einem mit Kiesſand beſtreuten Platze iſt ein langer Raſenſtreifen, unveraͤndert, wie Voltaire ſelbſt ihn angelegt hat, und nicht weit davon ſteht der Baum, den er pflanzte, ſchoͤn und gerade ge⸗ wachſen, reich belaubt; zu der Zeit, da ich ihn ſah, glaͤnzten ſeine zarten Blaͤtter in den Strahlen der Sonne. Keines ſeiner Werke hat ſich ſo friſch erhalten. Mein Beſuch in Byrons Hauſe am Tage zuvor, mein jetziger Beſuch in Ferney brachten natuͤr⸗ lich die Bewohner beider in Gegenſätze und Ver⸗ gleichungen. Es war etwas Aehnliches in den Ver⸗ folgungen, die Beide erduldet hatten, in dem großen perſoͤnlichen Einfluß, den Beide ausuͤbten. Byron aber nahm vorzugsweiſe das Herz, Voltaire das Intellectuelle in Anſpruch. Waͤre Byron alt ge⸗ worden, und der im Don Juan begonnenen Rich⸗ tung gefolgt, ſo wuͤrden ſich vielleicht noch mehr Aehnlichkeiten finden laſſen. Er war auch in der That mehr verwandt mit Voltaire als mit Rouſſeau, mit dem man ihn ebenfalls verglichen hat. Er 135 war erhaben uber die Weichlichkeit und die Ver⸗ ſtellung Rouſſeau's, und er hatte den geſunden Ver⸗ ſtand, den ſtrengen Spott und die ernſte Bitterkeit Voltaire's. Byron ſowohl, als Voltaire, fehlte es an einer wahren Beherrſchung uͤber die Leiden⸗ ſchaften; denn Byron malt oder erregt immer mehr das Gefuͤhl, als die Leidenſchaft.*)— In *) Byron wurde durch oberflaͤchliche Kritiker der Dichter der Leidenſchaft genannt, aber mit Unrecht. um die Leibenſchaft darzuſtellen, muß man, wie ich ſchon an einem anderen Orte bemerkt habe, den Kampf der Leidenſchaft darſtellen, und dieſes thut Byron(außer ſeinen dramatiſchen Werken wenigſtens) niemals. Es iſt keine Entwickelung der Leidenſchaft in der Liebe Me⸗ dora's, ſelbſt in der Gulnare's nicht; aber das Gefuͤhl tritt in Beiden ſo ſtark hervor, als die Leidenſchaft es thun könnte. Ueberall, im Childe Harold, im Don Juan, in den orientaliſchen Erzählungen malt Byron Gefuͤhle, aber keine Leidenſchaften. Wenn Macbeth uͤber ſeinen„Lebensweg“ Betrachtungen anſtellt, ſo äͤußert er ein Gefuͤhl;— wenn er, bevor er ſeinen Koͤnig ermordet, inne hält— ſo legt er uns ſeine Leidenſchaften dar. Othello, durch jene Eiferſucht, die halb Liebe, halb Haß iſt, mit ſich ſelbſt in Kampf ge⸗ rathend, iſt ein Gemälde der Leidenſchaft, Childe Ha⸗ rold, über Rom Betrachtungen anſtellend, ein Gemaͤlde des Gefuͤhls. Die Dichter der Leidenſchaft malen ver⸗ ſchiedene und entgegengeſetzte, mit einander im Kampf begriffene Empfindungen. Die Dichter des Gefühls ma⸗ len das Ueberwiegende einer beſonderen Gedankenrichtung oder Gemuͤthsbewegung. Die Menge verwechſelt jedoch leicht Beides, und nennt einen Schriftſteller der Leiden⸗ 136 Byron hatte jedoch das Gefuhl faſt ganz die Kraft und Innigkeit der Leidenſchaft. Er wußte Gedanken in Gefuͤhle einzukleiden. Voltaire legte kein Gefuͤhl in ſeinen Schriften dar, wenn es ihm ſelbſt auch vielleicht nicht fehlte. Er hätte in der That nicht mit ſo vielem Zartgefuͤhl großmuͤthig ſein koͤnnen, wenn er nicht ein ſanfteres und gefuͤhlvolleres Ge⸗ muͤth beſaß, als es in ſeinen Schriften ſich kund giebt. Noch weniger aber konnte ihn jene merk⸗ wuͤrdige Neigung fuͤr die ungluͤcklichen, jenes mu⸗ thige Mitgefuhl beſeelen, welche ſich in ſeinen letz⸗ ten Lebensjahren ſo ſtark ausſprachen. Niemand konnte mit weniger Grund„herzlos“ genannt werden, als Voltaire. Er blieb beſonders jeder fruͤheren Freundſchaft treu und liebte eben ſo innig als er bitter haßte. Jede Erzahlung von unglucks⸗ faͤllen machte großen Eindruck auf ihnz er hatte eine faſt kindliche Empfänglichkeit für dieſelben. Er hatte mehr wahren Sinn fuͤr Humanität, als ir⸗ gend einer ſeiner Zeitgenoſſen; er weinte, als er Turgot ſah, und ſtammelte ſeufzend:—„Laſſen Sie mich dieſe Hand kuͤſſen, welche das Heil des Volkes unterzeichnet hat.“— Haͤtte Voltaire auch ſchaft den, deſſen Held beſtändig ſagt, er liebe leiben⸗ ſchaftlich. Wenige Perſonen wollen zugeben, daß Cla⸗ riſſe und Clementina gelungnere Charaktere der Leiden⸗ ſchaft ſind, als Julia und Haiden. 137 nie eine Zeile geſchrieben, ſo wäre er doch der Nachwelt als ein praktiſcher Philanthropiſt bekannt geworden. Ein durch funfzig Bauern bewohntes Dorf wurde durch ihn in eine Heimath fuͤr 1200 Manu⸗ fakturiſten umgeſchaffen. In Ferney gilt er noch immer als ein Vater der Armen. Als Menſch war er eitel, von ſich ſelbſt eingenommen, empfindlich, launiſch, aber dabei gutherzig, edelmuͤthig und leicht zu ruͤhren. Er hatte nichts von Mephiſtopheles. Es war ſein Fehler, zu menſchlich zu ſein, das heißt, zu ſchwach und unſtät. Wir muͤſſen uns erinnern,„daß ſeine Oppoſition gegen religiòſe Meinungen ſich auf Moͤnche und Jeſuiten bezog, und daß der Fanatismus ihm das Chriſtenthum zu⸗ wider machte. Man bemerke den Unterſchied, mit dem er von dem proteſtantiſchen Glauben ſpricht,— mit welcher Wuͤrde und Achtung. Ich zweifle ſehr, ob Voltaire, wenn er in England geboren worden wäre, jemals das Chriſtenthum angegriffen hätte,— und ſehr moͤglich iſt es, daß, hätte er zwei Jahr⸗ hunderte fruͤher gelebt, ſein Geiſt der unterſuchung und ſein kecker Muth ihn, ſtatt zum Gegner der Kirche, zu ihrem Reformator gemacht haben moch⸗ ten. Vielleicht iſt es nur der unterſchied der Zeit und des Ortes, der den Unterſchied zwiſchen einem Luther und Voltaire bildet. Man fallt uͤber ihn als Schriftſteller gewöhn⸗ lich das urtheil, er habe manches Gute geleiſtet, 138 aber nichts ausgezeichnet Gutes,— eine ganz al⸗ berne und ungegruͤndete Behauptung.— Er ſchrieb ausgezeichnet gut! Er iſt, ohne allen Vergleich, der groͤßte Schriftſteller in Proſa, den Frankreich beſitzt. Man koönnte eben ſo gut ſagen, Swift häͤtte nichts Ausgezeichnetes geleiſtet, weil er weder ein ſo tiefer Forſcher iſt, als Bacon, noch ſo poetiſch, ars Mil⸗ ton. Voltaire iſt Swift im Großen. Swift iſt ihm ähnlich, aber zehntauſend Swifts wuͤrden noch nicht einen Voltaire machen. Frankreich mag af⸗ fectiren, den nationellſten ſeiner Schriftſteller nicht zu wuͤrdigen,— Frankreich mag glauben, ſeinem wahren National⸗Genius durch die Nachahmung deutſcher Schreckens⸗Darſtellungen, die deutſche Tiefe dabei vernachläſſigen, zu dienenz aber Alles, was Frankreich, mit nur einzelnen Ausnahmen, wirklich Nationelles und laͤngere Dauer Verſprechendes her⸗ vorgebracht hat, iſt ganz von den beſondern Eigen⸗ ſchaften Voltaire's durchdrungen— die politiſchen Schriften Paul Courrier's, die Poeſieen Berangers, die Novellen Paul de Kocks. Die Romantiſten ſind fuͤr Frankreich, was die Mitglieder der Akademie della Crusca fuͤr uns waren,— nur mit dem un⸗ terſchiede,— ſie mochten gern unmoraliſch ſein, wenn ſie könnten. Sie ſind eben ſo laſterhaft, aber auch eben ſo entmannt, als die Eunuchen. Dieſe Digreſſion fuhrt mich aber zu einer Schrift⸗ ſtellerin, die ich von einem ſo allgemeinen Tadel * 139 ausnehmen muß. Von Ferney begab ich mich nach Coppet; von dem am wenigſten ſentimentalen Schrift⸗ ſteller wendeten ſich meine Gedanken zu der ſenti⸗ mentalſten Schriftſtellerin. Voltaire iſt der mora⸗ liſche Antipode der Frau von Stael. Die Gegend zwiſchen Ferney und Coppet iſt angenehm, aber ein⸗ formig. Die naͤchſte umgebung des Hauſes erinnert an England. Links in einem dichten Gebuͤſch iſt das Grab der Frau von Stael. Wie vieler ihrer beredten Gedanken uͤber die Eitelkeit des Lebens er⸗ innerte ich mich, als ich es ſah! Kein weibliches Weſen wurde vielleicht je mehr durch innere geiſtige Stürme aufgeregt, als die, deren Staub hier die Erde birgt. Wenige haben jemals ſich mehr nach Flugeln geſehnt, um der Erde zu entfliehen, und Ruhe zu finden. Es fehlte ihr gerade Das, was Voltaire im hohen Grade beſaß,— geſunde Ver⸗ nunft. Sie hatte gerade Das, was Voltaire fehlte — Gefuͤhl. Es iſt ſehr richtig bemerkt worden, daß Voltaire das Talent fuͤr das letztere, welches die größte Anzahl beſitzt, im groͤßten Grade hatte. Frau von Stael dagegen hatte das Talent, welches Wenige dafuͤr beſitzen, aber nicht im hoͤchſten Grade, denn ihre Gedanken ſind ungewoͤhnlich, aber nicht tief, und ihre Einbildungskraft iſt erfindungslos. Kein Werk der Einbildungskraft, wie die„Corinna“ hat ſo wenig Erfindung. Wenn man ſich dem Hauſe naͤhert, ſo erblickt 140 man durch ein eiſernes Gitter parkähnliche Anlagen. Man tritt aus der Vorhalle gleich in die Bibliothek, einen langen und ſchoͤnen Saal, mit einer Statue Necker's; die Stirn des Miniſters iſt flach, und ſeine Phyſiognomie mehr gemüthlich, als geiſtreich. Dieſer ſehr achtbare Mann war in der That fuͤr ſeine Stellung nicht geeignet. Die Fenſter gehen auf eine mit Kiesſand beſtreute Terraſſe, an die Bibliothek ſtoͤßt ein mit alten Tapeten behangenes Schlafzimmer. 1 In dem Speiſeſaale ſieht man eine Buͤſte von A. W. Schlegel, und einen Kupferſtich, Lafayette darſtellend. ueber dem Billardzimmer, einem der großten, befindet ſich das Zimmer, in dem Frau von Stael gewoͤhnlich ſchlief, auch häufig ſchrieb. Die alte Frau, welche uns umherfuͤhrte, ſagte, ſie habe in allen Zimmern geſchrieben. Ihre Schriftſtellerei war allerdings nur eine Epiſode von ihrer unter⸗ haltung. In der Frau von Stael ſtanden die Schriftſtellerin und das Weib in der innigſten Ver⸗ bindung. Ihr ganzer Charakter war im Einklang; ihre Gedanken waren ſtets uͤberſchwenglich und in unruhe. Sie ſchrieb, wie ſie geſprochen haben wuͤrde.*) Man findet dieſes ſehr ſelten. An die *) Frau von Stael ſchrieb à la vole.—„Selbſt in ihren begeiſtertſten Stimmungen,“ ſagt Madame Necker de Saussure,„war es ihr angenehm, durch Dieienigen, 141 entgegengeſetzte Seite des Billardzimmers ſtößt ein kleiner Salon, mit einer Buͤſte Necker's, einem Por⸗ trait des Baron von Stael und ihr eigenes, in dem ſie mit einem Turban erſcheint. Jeder kennt jene kräftigen, wenn auch nicht ſchoͤnen Zuͤge mit den feurigen ſchwarzen Augen. Man zeigt hier auch noch ihre Schreibtafel und ihr Tintenfaß. Durch das ganze Haus weht ein Geiſt engliſcher Haͤuslich⸗ keit und ſtiller Ruhe. Die Mobeln ſind einfach und geſchmackvoll,— nichts ſtoͤrt den Eindruck des Or⸗ tes; und keine blendende Pracht zieht die Gedanken von dem Genius, dem er gewidmet iſt, ab. Die Anlagen ſind in natuͤrlichem Style gehalten, ohne etwas Ausgezeichnetes darzubieten. Zur Rechten be⸗ gränzt ſie ein ſehr klarer, erfriſchender Bach. Eine hofliche Einladung, die Anlagen zu ſchonen, geſiel welche ſie liebte, unterbrochen zu werben.“— Es gibt Perſonen, deren ganzes Leben Begeiſterung iſt. Dieſes war der Fall mit Frau von Stael. Sie gehorte nicht zu Denen, welche ihre Begeiſterung hervorzurufen ſtre⸗ ben, welche das Zimmer verfinſtern und die Thuͤren ver⸗ ſchließen, und nicht geſtort ſein wollen. Es war ein Zug ihres Charakters, daß, wenn ihre Schriften gedruckt waren, ſie ſich wenig mehr um dieſelben käͤmmerte. Sie hatten ihren Zweck erfullt; ihr Geiſt hatte ſich ausge⸗ ſprochen und ging zu neuen Ideen uͤber. Was mich betrifft, ſo machen mich auch Schriftſteller ungeduldig, welche ſtets die Geiſter ihrer fruͤheren Gedanken wieder aufrufen. 142 mir ſehr. Der Beſitzer ſtellt ſein Gebiet„unter den Schutz“ Derer, die es beſuchen. Dieſe Inſchrift iſt in dem Geiſte des edlen ariſtokratiſchen Styls ge⸗ halten. Es iſt unmoͤglich, dieſen Ort zu verlaſſen, ohne zu fuhlen, daß er wohlthuende, unvergaͤngliche Er⸗ innerungen zuruͤckläßt. Frau von Stael war der maͤnnliche Rouſſeau! Sie beſaß ganz ſeine Begeiſte⸗ rung, und keine ſeiner Schwächen. In der Beredt⸗ ſamkeit der Diction wurde ſie ihn uͤbertroffen haben, wäre ſie nicht zu beredt geweſen. Aber ſie parfuͤ⸗ mirt noch ihre Veilchen, und legt ihren Roſen Schminke auf. Ihr Herz blieb jedoch weiblich, wenn ihr Geiſt auch männlich war, und das Herz dictirte, was der Geiſt ausſchmuͤckte. Wenn ihre Gefuhle zum Schweigen gebracht wurden, ſo mußte ſie ſtumm bleiben. Die Vorzuͤge und die Fehler ihrer Schrif⸗ ten haben dieſelben urſachen. Sie nahm ihre Ge⸗ fuͤhle fuͤr ueberzeugungen, und bildete ſich eine Ge⸗ fuhls⸗Philoſophie. Wenige Perſonen fuͤhlten tiefer als ſie das Melancholiſche des Lebens. um ihr ſeh⸗ nendes Herz zu betruͤben, reichte ſchon der Gedanke hin, den ſie ſo oft auf den Lippen hatte:„Nie wurde ich ſo geliebt, wie ich liebe.“ Von der an⸗ dern Seite aber fand ſie Troſt in derſelben Em⸗ pfindlichkeit, welche ſie verwundete. Wie allen Dich⸗ tern, gewährte ihr ſchon das Gefuhl des Daſeins einen großen Genuß. Sie war von der Wahrheit 143 durchdrungen, daß die Genuͤſſe des Lebens deſſen Leiden uͤberwiegen, und die Aeußerung Herrn Tookes gefiel ihr ſehr, als er zu Erskine ſagte:—„Haͤt⸗ ten Sie nur zehn Jahre meines Lebens fuͤr mich erlangt, mit meinen Buͤchern, Federn und Tinte in einem Gefaͤngniß, ſo wuͤrde ich Ihnen dankbar ge⸗ weſen ſein.“— Nur empfindſame Seelen wiſſen, welche Genuͤſſe das Daſein darbietet. Die Religion, welche einen Theil ihres Weſens bildete, trug dazu bei, uͤber dieſes Daſein einen himmliſcheren Reiz zu verbreiten. Wie charakteriſtiſch und wie zart war jener Gedanke, daß, wenn nach dem Tode ihres Va⸗ ters ihr ein Gluͤck zu Theil wuͤrde,„ſie es ſeiner Vermittelung verdanke,“ als wenn er noch lebte!— Fuͤr ſie lebte er— im Himmel! Friede ſei ihrem ſchoͤnen Andenken! Ihr Genius iſt unuͤbertroffen in ihrem eigenen Geſchlecht; und wird er je uͤbertrof⸗ fen, ſo kann es nur durch ein Weſen ſein, welches mehr oder weniger, als ein Weib iſt. Die Gegend zwiſchen Coppet und Genf iſt viel maleriſcher, als die zwiſchen Ferney und Coppet. Je mehr man ſich Genf naͤhert, deſto mehr folgt eine Villa der andern; und es macht einen eigenen Eindruck, wenn man bei dem durch Marie Louiſe nach dem Tode Napoleons beruͤhmten Hauſe vorbei kommt. Dieſe Ausfluͤge in die Umgebung Genfs dehnen die Erinnerungen in einen weitern Kreis aus;— ſie gehoͤren noch dem Genferſee an. und 144 wenn die Verbannten der Erde in jene heitere Ge⸗ gend fluͤchten, ſo wird etwas von deren Geiſt auf ſie uͤbertragen. Sie nahm die Verfolgten und Le⸗ bensmuden auf, welche ſich dankbar erzeigten, indem ſie deren Ruhm erhöͤhten. Es war ein heiterer, warmer, ſonniger Tag, an dem ich meine Fahrt auf dem See begann. Hinter mir erblickte ich die Thuͤrme Genfs und vergaß der Gegenwart uͤber der Vergangenheit. Was waren mir ihre uhrmacher und ihre kleine Colonie von Englandern?— Ich ſah Farl von Savoyen an den Thoren Genfs,— ich hoͤrte die Stimme Berthe⸗ liers nach Freiheit und zu den Waffen rufen. Der Kampf war ungluͤcklich,— das Schaffot wurde er⸗ richtet— und der Patriot wurde ein Maͤrtyrerz aber ſein Blut war nicht vergebens gefloſſen. Die Religion half die Freiheit erringen.— Die Stadt iſt ſtille— ſie iſt ercommunizirt. Ploͤtzlich hört man ein Getoͤſe,— es vermehrt ſich,— das Volk ſtand auf,— es drängt ſich in den Straßen,— die Bilder werden zerſtoͤrt: Farel prebigt vor dem Rathe! Kurze Zeit darauf wirkt der feſte Geiſt Cal⸗ vins in dieſen Mauern. Der großartigſte der Re⸗ formatoren, und der, deſſen Einfluß ſich am weite⸗ ſten und dauerndſten ausgebreitet hat, iſt auch der erſte Verfolgte, den die Stadt des Sees in ihren Armen aufnimmt. Er traͤgt ſeinen Dank ab fuͤr dieſe Wohlthat,— ſeht ſie um ihn verſammelt. Wo 145⁵ das Eigenthum ſicher, wo der Gedanke frei iſt, wo das alte Wiſſen wieder auferſtand, wo der alte Geiſt wieder erwachte, da ſieht man auch die Wirkungen der Reformation, und den unbeugſamen, forſchenden, unüberwindlichen Geiſt Calvins! Alle Veränderun⸗ gen, welche er hervorbrachte, ſah er allerdings we⸗ der vorher, noch beabſichtigte er ſie. Dieſelbe Strenge des Gemuths, dieſelbe ſich nie verlaͤugnende Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit, welche ihn zu reformiren antrieben, veranlaßten auch ſeine Verfolgungen. Die Verban⸗ nung Bolſec's, und das Maͤrtyrerthum Servets werfen einen dunkeln Schatten auf ſeinen Namen. Aber das Heil, welches wir den erſten Forſchern ver⸗ danken, uͤberwiegt deren Irrthuͤmer. Hätte Calvin nicht gelebt, ſo wuͤrde nicht ein Servet, ſondern Tauſende haben bluten muͤſſen. Servet! Der Geiſt der Unterſuchung erloſet ſich ſelbſt in ſeinem Fort⸗ ſchritte; iſt die Vahn einmal eroffnet, ſo läͤßt ſie ſich nicht mehr beſchränken, bis auf den Punkt, den die erſten Forſcher ihr beſtimmten. Mit ihnen ge⸗ boren, ſchreitet die Unterſuchung nicht gleichmaͤßig mit ihnen fort— ſie uͤberlebt ihren Tod, ſie beginnt eigentlich, wo ſie aufhören. In dem einen Jahr⸗ hundert wird der Schriftſteller, in dem andern die Schrift verfolgt; in einem dritten ſind beide gleich peilig. Dieſelbe Stadt, welche den Contrat social verbrennen ließ, ſucht jetzt ihren großten Ruhm in dem Andenken an Rouſſeau. Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 10 146 Ich ließ Genf hinter mir, und die Villa By⸗ ron's, und die kaum ſichtbare Hütte Shelley's. Von allen Landſchaften gefallen mir die mit Seen am beſten. Man hat die Bewegung, aber nicht die Ein⸗ formigkeit des Oceans. Hinſichtlich der landſchaft⸗ lichen Schoͤnheit kann ich jedoch den Genferſee nicht mit dem Comer oder dem Lago maggiore in Ver⸗ gleichung ſtellen. Wenn ich jemals in meinen alten Tagen, wie ich hoffe,„die ſtille Einſiedelei“ finden weyde, ſo ſoll es unter den Pinien des Comer⸗See ſeyn, umgeben von jenen Wellen fluͤſſigen Sonnen⸗ ſcheins, unter jener unendlichen Mannichfaltigkeit von Farben und Schattirungen, den Waſſerfaͤllen von der koſtlichen Quelle des Plinius ſo nahe, als ich eine Wohnung kaufen oder erbauen kann. Das ſchweizeriſche Klima iſt zu rauh,— es durchdringt uns nicht mit jenem Gefühl des Lebens— mit je⸗ nem wolluͤſtigen Dahingeben an die Freude, wie je⸗ nes Paradies der Luft und der Sonne in Italien. Wenn man die ufer des Genferſees von der„ Mitte deſſelben ſieht, ſo verlieren ſie durch die große Breite des Sees viel von ihrer Wirkung, und die Entfernung der Alpen jenſeits vermindert ſcheinbar ihre Hohe. um das Erhabene zu wuͤrdigen, muß man nicht zu weit von ihm entfernt ſein. Ein ſchmaler Strom am Fuße des Montblanc würde eines der großartigſten Schauſpiele in der Welt ſein. Aber die Ehrfurcht, das unbeſchreibliche Gefuͤhl der 147 Gefahr, welche erhabene Naturgegenſtände in uns aufregen, gehen verloren, wenn wir ſie nicht un⸗ mittelbar vor uns haben. Die Landſchaft um den Genferſee erſcheint uns deshalb mehr prächtig, als großartig. Der groͤßere Theil der Fahrt hat auch etwas Einfoͤrmiges, außer wenn man ſich der Kuͤſte naher hält. Die ufer ſelbſt ſind mannichfaltig, doch die ewigen Berge im Hintergrunde dringen dem Ganzen immer denſelben Charakter auf. Um den See ganz zu ſeinem Vortheil zu ſehen, vermeide man das Dampfſchiff, und fahre längs dem einen oder dem andern ufer. Jenſeits Ouchy und Lau⸗ ſanne wird die Gegend reicher und mannichfaltiger. Als die Mauern jener Stadt nach und nach vor meinem Blicke verſchwanden, war die Luft faſt ſo ſtill als das Waſſer. Sie war bewegungslos und ſchweigend, wie der Todz die dunkeln, in die Wol⸗ ken reichenden Felſen werfen lange Schatten in den See. Nach Lauſanne zuruckblickend, erinnerte ich mich der Worte Gibbons; ich hatte die Stelle ſeit vielen Jahren nicht geleſen; den Tag zuvor hätte ich keine Sylbe davon erwaͤhnen koͤnnen, und jetzt treten ſie ſo deutlich vor mein Gedaͤchtniß, daß ich faſt nichts, als die Daten zu verändern hatte, da ich meine Erinnerung mit dem Original verglich.— „Es war,“ ſagt er—„am Tage oder vielmehr in der Nacht des 2ſten Juni 1787, zwiſchen 11 und 12 uhr, daß ich die letzte Zeile der letzten 403 148 Seite in einem Sommerhauſe meines Gartens ſchrieb. Nachdem ich meine Feder niedergelegt, ſpazierte ich in einer Akazienallee auf und ab, aus der man eine Ausſicht auf den See, die Berge und die umgebung genießt. Die Luft war milde, der Himmel heiter, der Mond ſpiegelte ſich in den Wolken, und die ganze Natur war ſtille.“— Welches Gemaͤlde! Welches muͤſſen die Gefühle eines Mannes geweſen ſein, der eben ein Werk vollendet hatte, das ihn unſterblich machen ſollte? Welche ruhige Fuͤlle des Triumphos, und eines fuͤr Eitelkeit zu erhabenen Selbſtgefuhls, athmet in jenen Worten!— Ich weiß nicht, was poetiſcher iſt, die Idee des Werks, oder deſſen Schluß — die Idee unter den„Ruinen des Capitols, waͤh⸗ rend die Moͤnche mit entbloͤßten Häuptern in dem Tempel des Jupiter die Vesper ſangen,“ oder deſſen Schluß in der Stille und Einſamkeit der Nacht unter den helvetiſchen Alpen. In welcher ruhigen, heitern Stimmung ſcheint er in dem Gefuͤhl ſeines Ruhms zu ſchwelgen! In einem ſolchen Augenblick fuͤhlte Gibbon, daß der Geiſt, dem er dieſen Ruhm verdanke, ſelbſt unvergänglich ſei. Ich meines Theils wuͤrde gefuͤhlt haben, daß der Geiſt göttlicher ſei, als der Genius— der Genius iſt nur eine Wirkung des Geiſtes, und der Kuͤnſtler iſt groͤßer, als das Werk. Die Triumphe, die wir erreichen, unſere Siege uͤber das Reich der Zeit konnen nur dann unſerem Selbſtgefuͤhl zuſagen, wenn wir ſie als die 149 Beweiſe Deſſen, was wir ſind, betrachten. Denn wer mochte ſich ſelbſt fuͤr den blinden Erzeuger von Gedanken halten, welche auf einen andern Boden ubertragen werden ſollen, und wenn der Staub, aus dem ſie ihre Nahrung zogen, in unfruchtbare Atome zerfallen ſoll?— Es iſt eine edle Beſchäfti⸗ gung, zu betrachten, was Shakespeare dachte, ſo lange er auf der Erde war, aber noch edler iſt es, zu ahnen, was jetzt die Beſtrebungen dieſes fur ein hoͤheres Daſein veſtimmten Geiſtes ſein moͤgen. Es wäre die wildeſte Einbildung menſchlicher Eitelkeit, wenn man ſich denken wollte, Gott habe ſolche Gei⸗ ſter bloß fuͤr die Erde erſchaffen; wie die Sterne ſenden ſie uns ihre Strahlen, aber ihr Zweck und ihre Beſtimmung iſt nicht darauf beſchränkt, die Lampen dieſes Atoms der Schoͤpfung zu ſein. Eine ſo große Verſchwendung des Geiſtes wäre in der That eine dem ganzen Syſteme und der ganzen Oekono⸗ mie des Univerſums widerſprechende Vergeudung! Aver neue Gegenſtände bieten ſich dar, um die Gedanken aufzuregen. Jenſeits erheben ſich die Fel⸗ ſen von Meilleries vom See aus geſehen, kann man ſie wenig von den benachbarten Felſen unterſcheiden. Das Dorf liegt am Fuße derſelben zerſtreut, der einzige Thurm erhebt ſich uͤber die Häuſer. Ich ließ den Schiffer an das Ufer fahren, und landete in der Gegend des verfallenden, alten Oertchens Evian. Indem ich von hier laͤngs dem ufer des Sees nach 150 Meillerie wanderte, kam ich durch eine ſehr in⸗ tereſſante Gegend. Die Sonne nahte ſich ihrem untergange, die glatte Flaͤche des Waſſers war un⸗ beweglich, und eine lange Reihe von Wallnußbäu⸗ men zog ſich laͤngs des ufers, weiterhin ſteigt das Land, mit gruͤnem Raſen bedeckt, empor. Jetzt ge⸗ langt man in eine reichbewaldete Strecke, bis man die faſt ſenkrechten Felſen von Meillerie ſich erheben ſieht— hier kahl und unfruchtbar, dort mit Ge⸗ buͤſch und Gruͤn bedeckt. In kleiner Entfernung er⸗ blickt man das Dorf mit ſeinem ſpitzen Thurm am Fuß des Berges, und geht man etwas weiter, ſo ſieht man am jenſeitigen ufer das unſterbliche Cla⸗ rens,— und in blendender Weiße uͤber das Waſſer hervorragend, die Mauern von Chillon. Als ich ſtille ſtand, wogten die Wellen langſam gegen meine Fuͤße, und eine lange roſenfarbene Wolke, das un⸗ ſterblich gewordene, eigenthuͤmliche Colorit Meille⸗ rie's, ſenkte ſich leiſe hinab von den Gipfeln des Jura. Ich geſtehe, daß ich in manchen Beziehungen mehr die Anſicht Scott's, als die Byron's uͤber die Verdienſte der Heloiſe theile. Julie und A. Prinr ſind für mich, wie fuͤr Scott,„zwei langweilige Pedanten“— Aber es ſind beredtſame Pedanten! Rouſſeau feſſelt nicht durch die Charaktere, die er zeichnet, ſondern durch die Gefuhle, welche er ihnen beilegt. Ich beruͤckſichtige nicht die Eigenthuͤmlich⸗ keit ſeiner Charaktere, ich vergeſſe ſie vielmehr ab⸗ 151 ſichtlich, und halte mich bloß an die Gefuͤhle, indem ich mir eigene Charaktere denke, die ihrer wuͤrdiger ſein koͤnnten. Meillerie iſt mir kein Wallfahrtsort Juliens wegen, ſondern der idealen Liebe. Es iſt die Julie unſeres eigenen Herzens, die Viſionen un⸗ ſerer eigenen Jugend, welche unſer Intereſſe fuͤr Scenen in Anſpruch nehmen, die keine Kritik, keine Vernunftgruͤnde der Liebe entfremden koͤnnen. Wir denken nicht an den Idealiſten, ſondern an das Ideal. Rouſſeau erfuͤllt uns mit ſeinem eigenen Egoismus. Wir ziehen uns auf uns ſelbſt zuruͤck— wir leben in unſern eigenen Schoͤpfungen, und nicht in ſei⸗ nen;— ſo war es wenigſtens mit mir der Fall. Wann werde ich jene Abenddämmerung an den ufern von Meillerie vergeſſen— oder jene ſternenklare Nacht, in der ich zuruͤckfuhr nach dem entgegenge⸗ ſetzten ufer?— Ein ſanfter Wind wehte von Clarens her— Chillon erhob ſich in der Entfernung aus den Wellen,— und alle Gedanken und Träume— alle unausgeſprochenen und unausſprechlichen Erin⸗ nerungen der fuͤr immer entſchwundenen Jugend und Leidenſchaft erwachten wieder in meinem Geiſt. Die Gegend war belebt, nicht durch Rouſſeau, ſondern durch Das, was ihn begeiſtert hatte— geheiligt, nicht durch den Prieſter, ſondern durch den Gott. Ich habe nicht genau die Zeit bemerkt, wann meine Reiſe beendigt wurde, auf jeden Fall aber war es ſehr ſpät. 15⁵² Zu Vevay hatte ich das Grab Lublow's, des Koͤnigsmoͤrders, geſehen. Ein ſtrenger Gegenſatz zu den Bosquets(jetzt beides Kartoffelfelder) Juliens. Jetzt vom See aus ſchien mir die alte Stadt Vevay etwas dem furchtbaren Schatten des Königsmorders Entſprechendes zu haben. Aber auch ſelbſt dieſe Er⸗ innerung ſteht einigermaßen in Einklang mit den Gefuͤhlen, welche der Ort anregtz und einer der ſchoͤnſten Beweiſe weiblicher Treue iſt die Ausdauer, mit der die Gattin des Republikaners alle Gefahren und Wechſelfaͤlle ſeines bewegten Lebens theilte. Sein Grabmahl hat ſie ſelbſt errichten laſſen. Wenn auch in einer Zeit, in der die ausgebildeteren Begriffe uͤber das Recht beiden Parteien fremd waren, der Eifer Ludlow's ſich mit Blut befleckte, das er hätte ſchonen ſollenz ſo vermoͤgen doch die Annalen jenes fuͤrchterlichen Krieges kein uneigennutzigeres, ſich ſelbſt aufopferndes Herz aufzuweiſen, als das ſeinige. Seine Aſche gehört mit zu den achtungswertheſten Reliquien am Genferſee. Wenn man ſich um einen Vorſprung des ufers wendet, erblickt man wieder Clarens, beſonders be⸗ merkbar durch den Eindruck heiterer und tiefer Ruhe. Man ſieht das Haus, in dem Byron eine Zeit lang wohnte, und das nichts Ausgezeichnetes hat. Dieſes iſt vielleicht der intereſſanteſte Theil der Reiſe. Dunkle Schatten von den Alpen fielen rechts über die Wogen, aber links gegen Clarens zu war noch 15⁵3 Alles ſonnig und ſtille. Wenn man zuruͤckblickte, ſo erſchien der See wie eine Maſſe geſchmolzenen Goldes— das ufer zur Rechten faſt undeutlich durch ſeinen Glanz, das zur Linken dagegen in ſei⸗ nen umriſſen beſtimmt hervortrelend durch ſeine Schatten. Hinter Ehillon, ein langes, weißes Ge⸗ väude, das in der Nähe mehr modern als alt er⸗ ſcheint, erheben ſich waldigte Berge. Man uͤberſieht jetzt das Ende des Sees; die ufer mit Waldung vom lebhafteſten Gruͤn bekleidet. Die Pappel, der Kirchthurm des Waldes, erhebt ſich oft ſchlank und maleriſch unter den andern Bäumen. Jetzt faͤhrt man bei Villeneuve an der kleinen Inſel vorbei, de⸗ ren Byron erwaͤhnt: „Die kleine Inſel zeigt ſich mir So groß als mein Gefaͤngniß hier⸗ Drei Bäume zwar nur auf ihr ſtehn⸗ Doch nimmer kann ich ſatt ſie ſehn 1c.*). Die drei Bäume ſtanden noch da, grun und mit uͤppigem Laube. Villeneuve, hinter dem ſich wieder Berge erheben, hat ein ehrwuͤrdiges Anſehen, dem Alterthum, deſſen es ſich ruͤhmt, entſprechend. Ich landete nicht gern, obgleich ich noch die Pilgrimſchaft nach Chillon vor mir hatte. Noch konnte ich mich nicht trennen vom See, noch im⸗ mer verweilte mein Auge auf ſeiner ebenen Flaͤche. *) Der Gefangene zu Chillon, Zeile 31. Vielleicht habe ich in der Vielen ſo gewoͤhnlichen Ei⸗ telkeit, die eine glänzende Zukunft ſich vorſpiegeln, getraͤumt, als ich ſo nachdenkend daſtand, daß unter den weniger glorreichen Namen, welche der Genfer⸗ ſee mit den unvergänglicheren vereinigt, er auch den eines Mannes nicht verachtlich zuruͤckweiſen werde, der wenigſtens die Andacht des Pilgers fuͤhlte, wenn ihn auch das Heiligthum nicht vermochte, ſeine Be⸗ geiſterung wuͤrdig auszuſprechen. 3 Die wahre Liebesprobe. Ni hingen zwei Perſonen mit größerer Leiden⸗ ſchaft an einander, als Adolph und Celeſte. Ihre Liebe war zum Sprichwort geworden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es eine ungluckliche Neigung ge⸗ weſen war, denn es liebt Niemand recht herzlich, wenn ſich Keiner die Muͤhe gibt, Hinderniſſe in den Weg zu legen. Der Geiſt des Widerſpruchs iſt wunderbar ſtark in ſeinen Wirkungen. Adolph war reich und adlig— Celeſte war ablig und arm. Ihre Familien waren im Streite; die Familie Adolph's war außerordentlich ehrgeizig, und die Celeſte's ungemein ſtolz. Waͤren ſie auch die beſten Freunde von der Welt geweſen, ihre Väter hätten die Liebe ihrer Kinder doch nicht genehmigt — Adolph's Vater nicht, weil er fuͤr ſeinen Sohn eine reiche Partie verlangte— der Celeſtens nicht, weil er zu ſtolz war, um gegen Jemand eine Ver⸗ pflichtung einzugehen, und weil er Weltmann genug war, um einzuſehen, daß, wer einem reichen Edel⸗ 156 mann ſeine Tochter ohne Mitgift gibt, in deſſen Schuld ſteht. Celeſtens Vater hätte ſeine Tochter gern einem reichen Parvenu gegeben, damit er ihm ſein Geld abborgen und zugleich ſich etwas auf ſeine Herablaſſung zu gut thun koͤnnte. Denn es iſt ein Grundſatz der guten Geſellſchaft, daß ein Roturier keine Gunſtbezeigung erweiſen kann. Nimmt man ſeine Dienſte an, ſo iſt er Dank ſchuldig. Nicht ſobald hatte man daher die aufkeimende Neigung der Liebenden entdeckt, als ihre Verwandten es fuͤr no⸗ thig hielten, bedeutend in Harniſch zu gerathen. Es iſt kein Zweifel, daß Eltern ein unbedingtes Recht auf die Augen, Nerven und Herzen ihrer Kinder haben. Was brauchen ſie gluͤcklich zu ſein, wenn es nicht genau auf die Art iſt, wie es den Eltern beliebt. Dieſe einleuchtenden Wahrheiten fanden je⸗ doch bei Adolph und Celeſte einigen Wibderſtand. Obgleich die Letztere eingeſperrt, und der Erſtere be⸗ wacht wurde, fuhren ſie doch fort, mit einander zu correſpondiren und zuweilen auch ſich zu ſehen. Ihre Liebe war keine fluͤchtige Laune; trotz aller Schwie⸗ rigkeiten, Hinderniſſe und Gefahren war ſie am Ende eines Jahres heftiger, als je geworden. Celeſte hatte muthig zwei junge, artige und feurige Kauf⸗ leute und einen ſehr alten Banquier ausgeſchlagen, der ſie in Jahresfriſt als Wittwe zuruckgelaſſen hätte. Adolph, der lebhafte, ſchoͤne Adolph, hatte jeden Ge⸗ danken an Hofiren und Erobern aufgegeben; ſeit er 157 Celeſten geſehen, hatten alle Frauen in ſeinen Au⸗ gen ihren Reiz verloren. Aber obgleich ihre Leiden⸗ ſchaft durch die Zeit geſtärkt wurde, ſo hatte doch die Zeit ihre Ausſichten auf Erfolg nicht ver⸗ beſſert— ſie fingen an, zu bangen und zu ver⸗ zweifeln. Die Roſen verblichen auf Celeſte's Wan⸗ gen— ſie haͤrmte ſich abz; ihr Mund kannte kein Lächeln mehr, ihr Wuchs verlor ſeine Wellenform, in ihren Augen ſtanden beſtändig Thränen, und ſie ſeufzte ſo, daß es allen Dienern des Hauſes zu Herzen ging. Endlich erkrankte ſie, die Arme kam aus Liebe dem Tode nahe. Die heftigere Leiden⸗ ſchaft Adolph's brachte auch ihm eine Krankheit zu⸗ wege. Sein Puls brannte fieberhaft, ſeine Rede war oft unzuſammenhaͤngend— ſein Urgroßvater war verruͤckt geweſen— Adolph gab die beſte Hoff⸗ nung, ſeinem Vorfahren nachzuſchlagen. Beſorgt, aber nicht erweicht, ſprach der Vater unſeres Verliebten ernſtlich mit ihm.„Entſage dieſer uͤbel angebrachten Liebe— wenn auch nur fuͤr einige Zeit. Der Muͤßiggang iſt der Quell die⸗ ſer jugendlichen Thorheit.— Ich will mein halbes Vermoͤgen daran legen, um Dir die Hoſſtelle zu ſchaffen, welche Dein Ehrgeiz ſich ſo oft als das Hoͤchſte erträͤumt hat. Mein Sohn, Du biſt jung, muthig, emporſtrebend; Dein Gluͤck, Dein Ruf wird feſt ſtehen. Ich will gern dies Opfer bringen, wenn Du nur Celeſten aufgiebſt.“ „ 15⁵8 Adolph preßte die Hand ſeines Vaters.„un⸗ moͤglich!“ murmelte er.„Ein Blick von ihr wiegt alle Traͤume des Ehrgeizes auf.“ Damit verließ er das Zimmer. Da unſere Verliebten endlich fanden, daß ſie nicht zuſammen leben koͤnnten, ſo faßten ſie den verzweifelten Entſchluß— auch nicht mehr getrennt zu leben;(in ihrem Vaterlande iſt dies eine ſehr beliebte Alternative) kurz, ſie nahmen ſich vor, ſich um's Leben zu bringen. Ich wollte, ich haͤtte die Briefe behalten koͤnnen, die ſie uͤber dieſen trauri⸗ gen Gegenſtand wechſelten. Ich habe nie etwas ſo Einfaches und Ruͤhrendes geleſen; wer ſie geſehen haͤtte, muͤßte es fuͤr die natuͤrlichſte Sache von der Welt halten, daß Leute, die nur einige wahre Zu⸗ neigung fuͤr einander haben, nie die Blauſaͤure bei ſich ausgehen laſſen durfenz wer weiß denn, welches Ereigniß ſie plotzlich trennen kannz und wie viel angenehmer iſt es, todt, als getrennt zu ſein! Die Liebenden kamen alſo uͤberein, ſich in der⸗ ſelben Nacht zu vergiften. Die letzten Briefe waren geſchrieben und mit ihren Thraͤnen geweicht. Es war eilf uhr. Adolph hatte ſich in ſein Zimmer zuruͤckgezogen— er nahm das Gift— und be⸗ trachtete es tiefſinig.„Morgen,“ ſagte er nach⸗ denkend—„morgen“— er zog den Pfropfen heraus—„morgen“— es riecht ſehr unangenehm— „morgen werde ich zur Ruhe ſein. Dieſes Herz“— 15⁵9 er ſchuͤttelte die Phiole—„wie es ſchäumt!— dieſes Herz wird aufgehoͤrt haben, zu ſchlagen— und unſere grauſamen Eltern werden uns ein gemeinſchaft⸗ liches Grab nicht verſagen.“ Bei dieſen Worten ſeufzte er ſchwer, murmelte den Namen Celeſtens, und ſchluckte den verhäͤngnißvollen Trank herunter. Wäͤhrenddeß waren die Eltern Adolph's noch bei dem Abendbrot. Der alte Kellermeiſter, der ſich die Augen abgetrocknet hatte, als Adolph das Zimmer verließ, trippelte hin und her mit der Miene eines Menſchen, der Etwas auf dem Herzen hat. Da ſein Herr jedoch ſehr hungrig, und deſſen Gemahlin ſehr ſchlaͤfrig war, ſo wurde er von Bei⸗ den nicht beachtet. Als endlich alle andern Diener das Zimmer bereits verlaſſen hatten, blieb der alte Mann noch immer zuruͤck— ſetzte dreimal die Gläſer wieder hin— und ſtellte dreimal die Kry⸗ ſtallflaſchen in Ordnung. „Es iſt gut ſo— laßt's nur ſein— macht die Thuͤr hinter Euch zu.“ „Ja, Sir, ja. Haben Sie— hm!“ „Was?“ „Den jungen Herrn, Sir?“ „Nun, was iſt's mit ihm?“ „Ach, Sir. Ich fuͤrchte, es iſt nicht ganz richtig mit ihm. Haben Sie nicht bemerkt, wie er ausſah, als er das Zimmer verließ?“ 16⁰ „Ma foi! ich war eben mit dem Huhn be⸗ ſchäftigt.“ „und Sie, gnädige Frau? Er küßte Ihnen ſo tiebevoll die Hand!“ „Ach ja!(Schläfrig) Er hat ein vortreffliches Herz, le cher enfant!“ „Ich ſchwätze nicht gern, gnädige Frau— aber— aber— der junge Herr hat in den letzten zwei, drei Tagen ſo ſeltſames Zeug mit ſich ſelbſt geſprochen und den ganzen Morgen heut hat er, wie er ſagt, um Experimente zu machen, Hunde vergiftet.“ „Gift!“ rief die Mutter, vollkommen munter, „hat er Gift in Haͤnden?“ „Ach ja— alle Taſchen voll.“ „Himmel!“ rief der Vater.„Das darf nicht geduldet werden— wenn er in Verzweiflung ge⸗ rathen ſollte— es iſt ein ſo eigener Junge. Sein urgroßvater iſt verruͤckt geſtorben. Ich will ſo⸗ gleich auf ſein Zimmer gehen.“ „und ich gehe mit!“ ſagte die Mutter. Das gute Paar eilte nach Adolph's Stubez als ſie die Thuͤre öffneten, horten ſie ſtohnen; ſie fan⸗ den ihren Sohn auf dem Bette bleich und verſtört; auf dem Tiſche ſtand eine mit„Gift“ bezeichnete Phiole, und die Phiole war leer. 161 „Mein Sohn, mein Sohn! Du kannſt Dich nicht ſo vergangen haben— o ſprich— es iſt nicht moͤglich— ſprich!“ „O, ich leide Hollenqualen! O! H! Ich ſterbe. Laßt mich! Celeſte hat auch Gift genommen— wir konnten nicht zuſammen leben— grauſame Eltern— wir verlachen Euch und ſterben!“ „Komm zu Dir— erhole Dich, mein Sohn, und Celeſte ſoll Dein ſein!“ ſagte die Mutter beinah in Krämpfen. Der Vater war ſchon nach einem Arzt gegan⸗ gen, der nicht weit von Celeſten wohnte, während dieſer in Eile ſeine Mittel bereitete, voll Mitleid auch nach dem Hauſe Celeſtens gelaufen, wo er ihrem Vater ſchnell die Nachricht mittheilte, die er ſo eben ver⸗ nommen. Der arme alte Herr humpelte nach dem Zim⸗ mer ſeiner Tochter. Zum Gluͤck fand er ſeine Frau bei ihr; ſie hatte„der Kleinen“ guten Rath gege⸗ ben, und dies iſt eine ſehr weitſchweifige Sache. Ce⸗ leſte wartete mit ungeduld auf ihre Entfernung; ſie ſtarb vor Verlangen nach dem Tode! Da ſturzte ihr Vater herein.„Kind,“ rief er,„Kind— was ſind das fur Geſchichten— haſt Du Dich vergiftet? Der junge Taugenichts dort iſt ſchon“— „Schon!“ ſchrie Celeſte, die Hände ringend. „Schon!“ So erwartet er mich alſo! Ach die Zuſage will ich wenigſtens nicht brechen!“ Sie ſprang nach ihrem Bette und holte eine Phiole Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 11 unter dem Kiſſen hervor; aber der Vater kam noch zur rechten Zeit und riß ſie ihr aus der Hand. Die Tochter fiel in heftige Kraͤmpfe, die ihr ſo ge⸗ fährlich zu werden drohten, als das Gift. Zweites Capitel. Wi ſehr es unſere Liebenden auch uͤbertreiben mochten, jedenfalls liebten ſie einander wahrhaft, un⸗ eigennuͤtzig und von ganzem Herzen. In zehn tan⸗ ſend Fällen iſt die Liebe nicht Einmal ſo ſtark und verſpricht ſolche Dauer. Adolph ſtarb nicht— das Gegenmittel wurde bei Zeiten eingegeben— er genas. Die Krankheit Celeſtens war gefährlicher— die Arme hatte ein hitz⸗ ges Fieber zu beſtehen, und mehrere Wochen zitterte man fur ihr Leben und ihren Verſtand. Es giebt keine Eltern, die Dem widerſtehen koͤnnen; gewoͤhnliche Launen kann man brechen, aber wenn junge Leute ſich vergiften und in hitzige Fieber verfallen— l faut céder. Ueberdies bringen ſolche Ereigniſſe das ganze Haus in Verwirrung und ſtoͤren Einen in 163 ſeiner Ruhe. Man capitulirt immer gern, wenn man ſelbſt der Sache uͤberdruͤſſig wird. Die alten Leute vertrugen ſich, und die Kinder wurden mit einander verheirathet. Da der Braͤutigam ſowohl, wie Celeſte, uͤberzeugt war, daß der einzige Zweck des Lebens in ihrem Zuſammenſein liege, ſo eilten ſie ſogleich in die ſuße Einſamkeit des Landes. Sie beſaßen eine reizende Villa und ſchoͤne Gaͤrten— ſie waren Beide geiſtreich— ralentvoll— liebenswuͤr⸗ dig— jung und verliebt. Wie war es moͤglich, daß ſie die Langeweile ankommen konnte? Sie konnten es nicht uͤber ſich bringen, Eines das An⸗ dere aus dem Auge zu verlieren. „Ach, Adolph, Du boͤſer Menſch, wo biſt Du geweſen?“ „Nur im Forſte gejagt, mein Engel.“ „Wie, und ohne mich? Pfui! Verſprich mir, das nicht mehr zu thun.“ „O, Theuerſte, wie gern!“ Ein andermal hieß es: „Wie, Celeſte! Drei Stunden lang habe ich Dich geſucht! Wo haſt Du geſteckt?“ „Sieh nicht ſo bos aus, Adolph; ich hatte nur dem Gaͤrtner Anweiſung zur Anlage einer klei⸗ nen Laube gegeben, in der du leſen koͤnnteſt. Es ſollte eine ueberraſchung werden.“ „Meine gute Celeſte! Aber drei Stunden— es iſt eine Ewigkeit ohne Dich! Verſprich mir, 11 164 mich nicht mehr zu verlaſſen, ohne mir zu wo ich Dich finden kann.“ „Mein theuerſter, theuerſter Adolph! wie liebe ich Dich! Moͤge meine Naͤhe Dir immer ſo werth ſein!“ Dieſe Lebensweiſe iſt bei Vielen etliche Tage ſehr reizend. Adolph und Celeſte liebten ſich ſo innig, daß ſie mehrere Monate dauerte. Was zu⸗ erſt Leidenſchaft war, wurde ſpäter Gewohnheit, und der Eine ſchalt den Andern aus Gewohnheit, wenn er oder ſie ſich der Abwechſelung verſchiedener unterhaltungen uͤberließ. Da ſie nichts weiter zu thun hatten, als auf Geſichter zu ſehen, die ſie fruͤher fuͤr ſchon gehalten hatten, ſo ward es dann und wann ſchwer, ſich des Gäͤhnens zu enthalten; und kürzlich hatte es einige kleine Reden, wie die folgenden, gegeben: „Lieber Adolph, Du ſprichſt gar nicht mehr mit mir— leg' doch das garſtige Buch weg, in dem Du immer lieſt.“ „Mein Engel, Du hoͤrſt ja nicht auf mich. Ich erzähle Dir von meinen Reiſen, und Du gähnſt mir in's Geſicht.“ „Mein theurer Adolph, ich bin ſo ſchlaͤfrig.“ Als Adolph eines Morgens erwachte, und ſich im Bette umwendete, ruhten ſeine Blicke auf Ce⸗ leſten, die noch ſchlief.„Wahrhaftig,“ dachte er, das habe ich noch nicht geſehen. Ich muß noch 165 einmal hinſehen,— ja, bei Gott, ſie hat eine Warze auf dem Kinn!“ Adolph ſtand auf und zog ſich an⸗ Adolph war ernſt und nachdenkend. Sie trafen ſich beim Fruͤh⸗ ſtuͤck. Celeſte war ſehr munter, Adolph war duͤſter und niedergeſchlagen. „Wir wollen heute ausreiten,“ ſagte Celeſte. „Ich habe Kopfweh, Liebe.“ „Du Armer! Nun, ſo laß uns das neue Gedicht leſen.“ „O, Liebe, Du ſprichſt ſo laut.“ „Ich!“ ſagte Celeſte, blickte Adolph vorwurfs⸗ voll an, und bemerkte zum erſten Male etwas in ſeinen Augen, was ſie befremdete. Sie ſah noch einmal hin.„Guter Gott!“ dachte ſie,„es iſt kein Zweifel, Adolph ſchielt.“ Auf der anderen Seite murmelte Adolph:„Die Warze iſt ſeit heute Morgen noch gewachſen.“ Es ließ ſich nicht beſchreiben, welche Wirkung die unſelige Entdeckung auf Adolph machte. Er vachte unaufhorlich daran. Er konnte uͤber weiter nichts klagen— aber freilich Warzen auf dem Kinn ſind nicht angenehm. Celeſte's Schoͤnheit hatte ſeit ihrer Heirath ſehr gewonnen. Es fiel Jedem auf. Adolph aber ſah nichts, als die Warze auf ihrem Kinn. Ihr Teint war bluͤhender, ihr Wuchs voller, ihr Gang ſtattlicher gewordenz aber was will das Alles heißen, wenn man eine Warze auf dem Kinn 166 hat! Mit jedem Tage ſchien die Warze dicker und dicker zu werden— in Adolph's Augen drohte ſie bald das ganze Geſicht einzunehmen. Ja er ſah ſchon in gebuͤhrender Zeit ſeine ſchoͤne Celeſte Eine Warze werden. Er unterdruͤckte ſeinen Kummer ſo gut er konnte, weil er von Natur zartfuͤhlend und wohlerzogen warz aber er dachte, es wäre nicht übel, wenn jedes ſeine beſondern Zimmer haͤtte. Sonderbar war es, daß waͤhrend deß Adolph's Schielen taͤglich ſchlimmer und auffallender wurde. „Ehe wir uns heirätheten,“ dachte Celeſte,„hat er beſtimmt nicht geſchielt; es iſt ſehr unangenehmz es wird Einem ſo unbehaglich, wenn man von ei⸗ ner Perſon angeſtarrt wird, die nach zwei Seiten ſehen kann, und Adolph hat es zum ungluͤck an ſich, daß er Alles anſtarrt. Ich glaube, ich ſollte ihm einen freundlichen, zarten Wink geben— es kann ja nicht unheilbar ſein.“ Da in dem ehelichen Wetteifer, Fehler an ein⸗ ander zu finden, Frauen immer den Vorſprung ha⸗ ben, ſo beſchloß Celeſte, bei der erſten paſſenden Gelegenheit den Wink zu wagen. „Sieh doch, Celeſte,“ ſagte Adolph eines Mor⸗ gens,„ich muß Dir meinen Hund zeigen.“ „Willſt Du gehen! Dummes Thier! Schick ihn fort. Sieh nur, was fuͤr Spuren ſeine Pfoten zu⸗ ruͤckgelaſſen haben. Ich kann die Hunbe nicht aus⸗ ſtehen, Adolph.“ 167 „Armes Geſchoͤpf,“ ſagte Adolph, ſeinem Lieb⸗ ling ſchmeichelnd. „Galt das mir oder ihm?“ ſagte Celeſte. „Oh, natuͤrlich dem Hunde.“ „Ich bitte um Verzeihung, Lieber, aber ich dach⸗ te, Du haätteſt mich angeſehen. In der That, Adolph, Du haſt, die Wahrheit zu ſagen, in der letzten Zeit eine recht boͤſe Gewohnheit angenommen — Du bekommſt einen ganz falſchen Blick.“ „Madame!“ rief Adolph, ungemein beleidigt, indem er nach dem Spiegel eilte. „Sei nicht bos, Lieber; ich haͤtte es nicht er⸗ wähnt, wenn es nicht täglich ſchlimmer wuͤrde. Ich bin ͤberzeugt, daß es ſich noch heilen laßt; Du brauchſt nur eine Oblate auf die Naſenſpitze zu le⸗ gen, und Du wirſt bald wieder gerade ſehen.“ „Eine Oblate auf die Naſe! Du thäteſt beſſer, Celeſte, Du legteſt eine auf die Warze an Deinem Kinn.“ „Mein Kinn!“ rief Celeſte, die ebenfalls nach dem Spiegel lief.„Was meinen Sie damit, Sir?“ „Nichts, als daß Du da eine große Warze haſt, die Du lieber verbergen ſollteſt.“ „Sir!“ „Madame!“ „Eine Warze auf meinem Kinn— Ungeheuer.“ „Ein falſcher Blick— Naͤrrin!“ 168 „Ja! Wie konnte ich nur einen Mann lieben, der ſchielt!“ „Oder ich eine Frau mit einer Warze auf dem Kinn!“ „Sir, ich werde mich nicht herablaſſen, Ihre Beleidigungen zu beachten. Es iſt kein Wunder— Sie koͤnnen nicht ſehen! Ich bedaure Ihren Fehler!“ „Madame, ich verachte Ihre Bemerkungen; aber da Sie die Ausſage Ihres eigenen Spiegels ableug⸗ nen, ſo erlauben Sie, daß ich einen Arzt kommen laſſe, und kann er Ihre Verunſtaltung heilen, um ſo beſſer fuͤr Sie.“ „Ja, ſchicken Sie nur nach einem Arzte; er ſoll ſagen, ob Sie ſchielen oder nicht— armer Adolph, ich bin nicht bos, o nein, ich bedaure einen ſo trau⸗ rigen Fehler.“ Celeſte brach in Thränen aus. Adolph nahm wuͤthend ſeinen Hut, beſtieg ſein Pferd und ritt ſelbſt nach dem Doctor. Dieſer war nicht bloß Arzt, ſondern auch Phi⸗ loſoph— er holte ſeinen Klepper und trabte zuruͤck mit Adolph. Unterwegs lockte er Adolph ſeine ganze Geſchichte ab, denn in der Leidenſchaft bringt man die Menſchen leicht zum Plaudern.„Das treuloſe Weib“— ſagte Adolph— wollen Sie es wohl glau⸗ ben? Wir haben Einer fuͤr den Anderen der ganzen Welt Trotz geboten— nie haben zwei Perſonen ſich ſo geliebt— ja wir zogen ſogar den Selbſtmord 169 einer längern Trennung vor. um ihretwillen ſchlug ich die glaͤnzendſten Partien aus— ich war ſchon zu glucklich, daß ſie nur ohne Mitgift mein ſein wollte— und nun erklaͤrt ſie, ich ſchiele. Und oh, was fur eine Warze hat ſie auf ihrem Kinn!“ Der Doctor konnte nicht gut ſehen, ob Adolph ſchielte, denn er hatte den Hut uͤber die Augen ge⸗ druͤckt; uͤberdies hielt er es weislich fuͤr beſſer, nur Eine Krankheit auf einmal zu behandeln. „Was die Warze betrifft,“ ſagte er,„ſo iſt ſie nicht ſchwer zu heilen.“ „Aber wenn meine Frau nicht eingeſtehen will, daß ſie eine hat, ſo wird ſie ſich auch nicht wollen heilen laſſen. Mir läge gar nichts daran, wenn ſie es nur eingeſtehen wollte. Oh uͤber die Eitelkeit der Frauen!“ „Sie haben dieſen kleinen Fehler vermuthlich bei der Ruͤckkehr von einer Reiſe entdeckt.“— „Reiſe? Seit unſerer Heirath ſind wir nicht einen Tag getrennt geweſen.“ „Oho!“ dachte der Doctor in Nachſinnen ver⸗ tieft.—„Ich habe ſchon bemerkt, daß er ein Phi⸗ loſoph war— aber freilich gehoͤrte nicht viel Phi⸗ loſophie dazu, um einzuſehen, daß Perſonen, die vor ein paar Monaten fuͤr einander ſterben wollten, nicht bloß wegen einer Warze oder eines falſchen Blickes ſich fremd geworden ſein konnten.“ Sie kamen auf Adolph's Villa an und traten in 17⁰ den Saul. Celeſte weinte nicht mehr. Sie hatte die Haube aufgeſetzt, die ihr am beſten ſtand, und ſah wie eine beleidigte, aber ſich doch nicht beſchwe⸗ rende Frau aus. „Geſtehe die Warze ein, Celeſte,“ ſagte Adolph, „und ich will Alles vergeben.“ „Warum ſo eigenſinnig wegen dieſes falſchen Blickes? Wenn auch Andere Dich deßhalb weniger bewundern moͤgen, bei mir wird das der Fall nicht ſein, wenn Du nur nicht ſo eitel biſt, es abzuleugnen.“ „Genug, Madame. Doctor, ſehen Sie ſich dieſe Dame an. Iſt die Warze nicht fuͤrchterlich— kann ſie geheilt werden?“ „Oh,“ rief Celeſte ſchluchzend,„ſehen Sie lieber, wie mein armer Mann ſchielt. Seine Augen waren ſo ſchoͤn, ehe wir uns verheiratheten.“ Der Doctor ſetzte ſeine Brille auf, und ſah erſt die Eine, dann den Andern an. „Sir,“ ſagte er bedaͤchtig,„dieſe Dame hat allerdings auf der linken Seite des Kinns ein Puͤnkt⸗ chen, das betraͤchtlich kleiner iſt, als ein Steckna⸗ delsknopf. Und, die Pupille des rechten Auges Ihres Mannes, Madame, iſt in der That, wie dies un⸗ ter zehn Perſonen bei neun der Fall iſt, um den hundertſten Theil eines Zolles näher an der Raſe als die Pupille des linken Auges. So kommt die Sache mir var, der ich Sie beide zum erſtenmale ſehe. Aber i wundre mich nicht, daß Sie, Sir, 171 das Waͤrzchen fur ſo ungeheuer, und Sie, Madame, das Auge für ſo verdreht zalten⸗ da Sie ſich täg⸗ lich ſehen!“„ Hier drängte ſich aber dem Paare zu gleicher Zeit eine geheime Ahnung auf, als ein Bote athem⸗ los ankam, um Adolph zu ſeinem Vater zu beſchei⸗ den, der plotzlich erkrankt war. Nach drei Monaten kehrte Adolph zuruck. Celeſte's Warze war vollkom⸗ men verſchwunden, und Celeſte fand ihres Mannes Auge ſo ſchoͤn wie je. Durch Erfahrung belehrt, erkannten ſie, daß Warzen ſchnell auf dem Kinn wachſen, und däß Augen ſich leicht zum Schielen gewohnen, wenn man ſie zu anhaltend anſieht; und daß es fuͤr zwei Perſonen leicht iſt, als Verliebte freudig fuͤr einan⸗ der zu ſterben, aber gar ſchwer, wenn man mit dem Zuſammenſein nicht ſparſam umgeht, nach der Hei⸗ rath vergnuͤgt mit einander zu leben. Ueber den Mangel an Sympathie. Jo muß laͤcheln, wenn ich die Jugend, in wonnigem Vorgenuß, von dem Entzuͤcken ſprechen hoͤre, einen gaͤnzlich gleichgeſtimmten Geiſt zu finden— ein Echo des Herzens— ein zweites Ich. Wer lebte, der nicht das Hirngeſpinnſt zu finden hoffte, und wer lebte, der es jemals gefunden haͤtte? Es iſt die gewöhnlichſte und die dauerndſte unſerer Täuſchun⸗ gen. Das, was die Natur des einen menſchlichen Weſens bildet—(ſeine Gefuͤhle, Gedanken, Zwecke, Beſtrebungen) iſt unendlich complicirt und mannig⸗ faltig; durch eine Menge fruͤherer Zufalligkeiten, dunkler Erinnerungen, unbewußter Gedankenverbin⸗ dungen, conſtitutioneller Eigenthuͤmlichkeiten gebil⸗ det, durch Eigenſchaften und Beziehungen, die aus⸗ ſchließlich dem einen Weſen zukommen, und nur theilweiſe Anderen. Es iſt eine Wahrheit, die Jeder zugeben wird, daß es nie zwei ganz ähnliche Perſo⸗ 173 nen gab, und doch befremdet Jeden die nothwendige, wenn auch traurige Schlußfolge, daß Niemand ein zweites Ich zu finden hoffen darf. und ſo leben wir denn fort, Sympathie ſuchend und wunſchend bis zum letzten Augenblick! Es iſt zugleich ein wi⸗ derwaͤrtiges Zeugniß fuͤr die Eitelkeit menſchlicher Wuͤnſche, daß die, welche ſich am meiſten nach Sym⸗ pathie ſehnen, die wenigſte Ausſicht haben, ſie zu finden. Es iſt dieſes ein nothwendiger Theil des ſehnſuchtigen und veraͤnderlichen Temperaments des Dichters. Je mehr er ſich überzeugt, daß ſeine er⸗ habenſten Viſionen durch die Menge nicht verſtanden werden, deſto mehr ſehnt er ſich nach dem einen Herzen und Geiſte, dem er ſich mittheilen koͤnne, ja, der ſie faſt ohne Mittheilung durch das Wort ver⸗ ſtehe— durch einen Inſtinkt— durch einen Magne⸗ tismus— durch jenen unſichtbaren und elektriſchen Einklang zweier Seelen, welche wir unter dem Worte„Sympathie“ im ausgedehnteſten und hoͤch⸗ ſten Sinne verſtehen. Aber die unwahrſcheinlichkeit, einen ſolchen Einklang zu finden, ſteht gewiß im Verhältniß zu der Seltenheit deſſelben. Wenn es uns aber auch gelingt, wenn wir ein eben ſo ge⸗ fuͤhlvolles Weſen finden, ſo verlangt es, ſtatt mit uns zu ſympathiſiren, bloß Sympathie fur ſich. Fuͤr einen Dichter muͤßte eine Dichterin ſich am beſten eignen; aber dieſe koͤnnte gerade von Allen am we⸗ nigſten mit einem Dichter ſympathiſiren. Man denke 174 ſich zwei Perſonen von derſelben Empfindlichkeit und denſelben Anſpruͤchen vereinigt! Mephiſtopheles ſelbſt konnte ſich keine ungluͤcklichere Verbindung aus⸗ denken! Es iſt ſeltſam, daß Diejenigen, die am mei⸗ ſten darauf berechnet ſind, mit dem Genius umzu⸗ gehen, gegen ſeine Schwäͤchen und Ueberſpannungen nachſichtig zu ſein, ſeine Wuͤnſche zu verſtehen, und ihnen zuvor zu kommen, ihn mit dem Mitleiden und der Ehrfurcht der Liebe zu ehren, gewohnlich ſelbſt ohne Genie, und von verhältnißmäßig un⸗ tergeordneten Geiſtesgaben ſind. Man erzählt die ruͤhrende Anekdote, daß die Frau eines Mannes bon Genie auf ihrem Todtenbette ausgerufen habe:— „Ach, mein armer Freund, wenn ich nicht mehr bin, wer wird Dich dann verſtehen?—“ und dieſe Frau, welche das Weſen, mit dem ſie fuͤr das Le⸗ ben vereinigt war, zu verſtehen das Bewußtſein hatte, ſtand keineswegs mit ihm auf gleicher geiſti⸗ ger Hoͤhe. Die Lebensbeſchreibung, welche ihre Zaͤrt⸗ lichkeit unſterblich macht, ſchweigt uͤber ihre Talente. Zwiſchen einem großen Manne und einem andern iſt in der That keine wirkliche Sympathie vorhanden, nur ehrerbietige Bewunderung nimmt deren Stelle ein. Auch zweifle ich ſehr, ob die Neigung, Per⸗ ſonen zu verehren, eine gewoͤhnliche Eigenſchaft der hochſten geiſtigen Fähigkeiten iſt. Solche Maͤn⸗ ner fuͤhlen allerdings Verehrung; ſie erfuͤllt ihren Geiſt, aber nicht fuͤr Sterbliche, denen ſie ſich 17⁵ uͤberlegen fühten, wohl aber fuͤr abſtracte und unkor⸗ perliche Dinge— fuͤr den Ruhm— fuͤr die Tugend — fuͤr die Weisheit— fuͤr die Natur, oder fuͤr Gott. Selbſt in den groͤßten Maͤnnern, die ſie umgeben, durchſchaut ihr, ungluͤcklicherweiſe zu ſcharfer Blick die Schwäͤchen; ſie beurtheilen ihre Mitmenſchen in Bezie⸗ hung auf ihr Ideal. Sie werden nicht verblendet durch den Glanz des Genius, weil ſie ſelbſt mit ihm vertraut und bekannt ſind. Sie koͤnnen bedauern, aber nicht bewundern. Gott und die Engel haben Mitleid mit unſeren Schwächen, aber ſie bewundern nicht unſere Macht. Auch die, welche ſich am meiſten der goͤtt⸗ lichen Einſicht und der Heiligkeit der Engel naͤhern, ſehen auf ihre Bruͤder von einem hoͤheren⸗Standpunk⸗ te;— ſie können aus ihrer himmliſchen Hoͤhe be⸗ dauern und bemitleiden, was unter ihnen, aber ſie koͤnnen nur verehren und anbeten, was uͤber ihnen iſt. Auf einer niedrigeren, jedoch in Vergleichung mit der Menge noch erhabenen Stufe findet ſich das Princip der Bewunderung am häufigſten und rein⸗ ſten— ein Geiſt, der einen Fuͤhrer ſucht, der ihn ſchuͤtzen und ihm rathen kann— Jemand, der die Groͤße zu wuͤrdigen weiß, aber keinen Maßſtab für deren Verhaͤltniſſe hat. So bemerken wir denn in Lebensbeſchreibungen, daß die Freundſchaft unter gro⸗ ßen Männern ſelten innig und dauernd iſt. Ein Boswell iſt der groͤßte Freund eines Johnſon. Der Genius hat keinen Bruder, keinen Gefährten; zu 176 Andern ſteht er nur im Verhaltniß eines Vormun⸗ des oder eines Vaters. Deshalb verlangen auch die Dichter, der urſachen vielleicht ſich nicht bewußt, aber in Folge jenes feinen natuͤrlichen Inſtinkts, der richtiger leitet, als alle Philoſophie, in ihren Idealen der Liebe Verehrung, als eine weſentliche Eigenſchaft; ſie verlangen in ihrer Geliebten ein Weſen, nicht von hohen Geiſtesgaben, ſondern gans in ihrem Geiſte ſich verlierend und aufloſend;— eine Medora fuͤr den Konrad. Es war wohl gethan, jene Medora auf eine wuͤſte Inſel zu bringen— um ſie von der Welt auszuſchließen. Im civiliſirten Leben wurde das arme Mädchen das Herz ihres Korſaren bald mit Madame Carſon in einer Opern⸗ loge haben theilen muͤſſen!— Aber dieſe Liebe, wenn auch zart und geiſtig, iſt noch keine Sympathie. Konrad haͤtte der Medora ſich nicht ganz anvertrauen koͤnnen. Sie war die Geliebte ſeines Herzens, aber nicht nach dem ſchoͤnen arabiſchen Ausdruck: „die Gebieterin ſeines Geiſtes.“— Die untergeordne⸗ ten Naturen ſind es alſo, welche den Genius am meiſten verehren, ſchaͤtzen und wuͤrdigen; aber wie Vieles kann der Genius untergeordneten Naturen gar nicht offenbaren! Wie können wir jene feurige Be⸗ redtſamkeit der Gefuͤhle und Leidenſchaften, die oft wie eine Laſt uns faſt erdruͤcken, Jemand mitthei⸗ len, der zwar uns aufmerkſam zuhoͤren, aber, wie Boswell, wuͤnſchen wird, daß noch ein anderer Zu⸗ 177 hoörer zugegen ſei, um zu bewundern, wie ſchoͤn wir ſprechen. Es gibt aber bisweilen Augenblicke im Leben, wo wir uns einbilden, unſere Zwecke exreicht zu haben, wo wir„evonte rufen— wo wir glauben, unſer zweites Ich ſei vor uns! Wie gleichgeſtimmt erſcheinen zwei Perſonen, die ſich lieben! In jener ſanften Nachgiebigkeit— jenem unbewußten Syſtem der Selbſtaufopferung, welche den Charakter der Liebe bei ihrem erſten Entſtehen bilden, ſcheint jede Natur mit der anderen vereinigt— ſie bilden nicht zwei Naturen, ſie bilden nur eine!— In dem bezaubern⸗ den Mondlichte jener entzuͤckenden Leidenſchaft wird alles Harte oder Unharmoniſche gemildert; die un⸗ regelmaͤßigkeiten und ſcharfen Ecken treten in den Schatten zuruͤck; Alles, was wir ſehen, ſteht im Einklang zu uns ſelbſt. Unſer leiſeſter Gedanke wird dann errathen, unſerem geringſten Wunſche kommt man entgegen, und welchen zarten Troſt finden wir gegen die Leiden unſeres Gemuͤths oder unſeres Koͤr⸗ pers! Selbſt Sorge und Krankheit haben dann ihre Reize— ſie bringen uns naͤher unter die Fittiche unſeres ſchuͤtzenden Geiſtes. Und wir Thoren bilden uns nun ein, dieſe Sympathie muͤſſe ewig währen. Aber die Zeit— ſie weiß zu trennen!— RNach und nach entfremden wir uns wieder gegenſeitig. Das Licht des Tages dringt ein, der Mond iſt ver⸗ ſchwunden, und wir ſehen jetzt klar und deutlich Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 12 178 alle die ſcharfen Linien und ſpitzen Ecken, die uns fruher verborgen blieben. Das weibliche Weſen hat ihre Einwendungen, und das maͤnnliche auch. Meine Verlorne, meine Begrabene, meine Un⸗ vergeſſene!— Du, die ich in meiner erſten friſchen Le⸗ bensbluͤthe kannte— Du, die von mir geriſſen wur⸗ de, bevor noch ein Blatt des Sommers der Liebe und Jugend zu welken begann— Du, uͤber deren Grabe ich, faſt noch ein Knabe, die weichen Gefuͤhle meines Gemuͤths faſt wegweinte;— jetzt, da ich das ewig ſich wiederholende Treiben der Welt und das Schickſal aller menſchlichen Verbindungen kenne, freue ich mich, daß Du nicht⸗mehr biſt!— daß die Gewohnheit nie die Muſik Deiner ſuͤßen Stimme, die Magie Deiner Augen mir gleichguͤltig machten, daß der Zauber eines ſchoͤnen Traums bis auf den letzten Augenblick Dich umgab! Lebteſt Du noch, ſo wuͤrden wir,— zwar nicht unſere Liebe— aber Alles, was die Liebe gottlich macht, uͤberlebt haben — die begeiſternde Anbetung, welche kaum glaubte, ein menſchliches Weſen des Staubes und des Wech⸗ ſels zu verehren— der unbegrenzte, überſchwengliche Glaube an die gegenſeitige Treue und Tugend, der faſt uns zu Dem machte, was er vorausſetzte, um uns der hohen Stellung wuͤrdig zu erhalten, in der wir uns uber die Kinder der Erde erhoben hatten. Alles dieſes— ſeit wie lange wuͤrde es ſchon voruͤber ſein— Deine Liebe wuͤrde das Loos jeder Liebe ge⸗ 179 theilt haben. So wie es aber jetzt iſt, kann ich durch das Andenken an Dich über jede Taͤuſchung mich troͤſten!— Auf Deinem Bilde haftet nicht der Flecken eines Fleckens! In meinen Stunden der Krankheit— der Schwermuth— der ängſtlichen Beſorgniſſe fuͤr die Gegenwart und Zukunft, erſcheinſt Du mir in Deiner bluͤhenden Jugend, mit Deinem ſuͤßen Lächeln— denn Dir war jedes verletzende Wort und jeder mißtrauiſche Gedanke fremd. In Allem, was von Dir in meinem Andenken lebt, iſt nicht eine Erinnerung, die ich vergeſſen moͤchte. Der Tod iſt die große Schatzkammer der Liebe. Dort liegt der wahre Reichthum der Leidenſchaft und Jugend begraben, dort ſucht das einſt ſo frei⸗ gebige Herz jene Schätze, die es der Welt jetzt, ſich vor ihr verſchließend, entzieht. Von jetzt ab ſteht es mit den menſchlichen Angelegenheiten nur durch den Verkehr der Neigungen in Verbindung. untergeordnete Geiſter jedoch, die nur dem Ge⸗ wohnlichen ſich zuwenden, finden vielleicht mehr eine Sympathie, die ihnen genügen kann. Der Mann, der ſich mit nichts, als der Jagd beſchäftigt, wird überall, wo Hunde und Jäger ſind, Gleichgeſtimmte finden. Das Weib, deſſen Geiſt nur auf dem Tanz⸗ ſaal lebt, kann eine Menge Gleichgeſtimmter finden. Es war der Weltmann, der von ſeinen zahlreichen Freunden ſprach— es war der Weiſe, der ihm . 12* 160 traurig erwiederte:—„Freund! Du biſt gluͤcklich; ich habe noch keinen einzigen gefunden!“— Es gibt zwei Mittel gegen die Sehnſucht nach Sympathie, und das erſte empfehle ich allen litera⸗ riſch beſchaͤftigten Maͤnnern, als ein großes Mittel, die moraliſche Geſundheit zu erhalten. Es iſt dieſes: wir ſollten, neben unſeren geiſtigen Beſtrebungen, irgend einen Gegenſtand verfolgen, den wir mit der Menge gemein haben koͤnnen, einen Zweck, ſei er bloß fuͤr die Unterhaltung beſtimmt, oder beziehe er ſich auf Geſchaͤfte oder Politik, der uns mit unſern Nebenmenſchen in Beruͤhrung bringt. Hierin koͤn⸗ nen wir leicht einen Gefaͤhrten finden, unſere Sehn⸗ ſucht nach Sympathie wenigſtens theilweiſe befriedi⸗ gen, und das Gefuͤhl unſerer Verlaſſenheit beſchwich⸗ tigen. Die Einſamkeit wird uns dann zur Erholung, und unſere geiſtigern Beſtrebungen ſind die Seraphe, welche ſie mit uns theilen. Unſere Einbildungskraft, ſtrenge geſondert von der Welt, iſt dann das Eden, in dem wir mit Gott wandeln. Denn da wir dem Treiben der Menge uns angeſchloſſen, und dafuͤr Theilnahme gefunden haben, ſo ſehnen wir uns nicht mehr ſo innig nach Sympathie mit Dem, was An⸗ dere nicht mit uns gemein haben, und was unſeren edleren Theil bildet. Und dieſes erinnert mich an das zweite Mittel. Wir lernen ſo unſere eigenen Träume und Gedanken zu unſerem Gefaͤhrten, zu unſerer Geliebten, zu unſerer Egeria machen. Wir 181 lernen unabhaͤngig ſein,— uns ſelbſt genuͤgen. Wäh⸗ rend unſeres Schlafes nach den Leidenſchaften der Welt, bildet Gott uns eine Eva aus unſerer eigenen Bruſt. und doch wird es uns oft betruͤben, zu denken, daß wir zum Staube zuruckkehren, die Erb⸗ ſchaft des Lebens aufgeben, unſere Atome den Ele⸗ menten neuer Dinge uͤberlaſſen ſollen— ohne den geiſtigſten Theil unſeres Ich mitgetheilt zu haben!— In wie viele Bände koͤnnen wir nur den zehnten Theil von Dem niederlegen, was wir gefuͤhlt ha⸗ ben?— Wie viele glänzende Gedanken, wie viele goͤttliche Viſionen wuͤrden ſogar unſerer ſpotten, wenn wir ſie auf dieſem lebloſen Papier nieder⸗ ſchreiben wollten?— Sich ruhig und kalt hinzu⸗ ſetzen, die wechſelnden Farben und Schattirungen dieſer Regenbogenbilder abzumalen, die in jedem Au⸗ genblicke ſich veraͤndern!— nein— wir ſind nicht bloße Maſchinen, die in Perioden und Phraſen Alles wiedergeben koͤnnen. Der Schriftſteller iſt dem Mann uͤberlegen!— So wie der beſte Theil der Schoͤnheit der iſt, den die Malerei nicht darzu⸗ ſtellen vermag*), ſo koͤnnen auch Worte mit dem hoͤhern Weſen des Dichters uns nicht bekannt ma⸗ chen. Wuͤrde Shakespeare auch bei einem ewigen Leben ſeine Gedanken haben erſchoͤpfen koͤnnen? Ein noch niederdruͤckenderer Gedanke, als die Be⸗ *) Bacon. 182 merkung, die ich eben machte, und die doch etwas Erhebendes noch in ſich hat, iſt es vielleicht, zu wiſſen, wie ſehr, aus Mangel an Sympathie An⸗ derer mit uns, unſere edelſten Beweggruͤnde, unſere reinſten Eigenſchaften, mißverſtanden und falſch aus⸗ gelegt werden. Wir ſterben— Niemand hat uns gekannt!— und doch wollen Alle uͤber unſeren Cha⸗ rakter urtheilen— auf einen Blick die Tiefe unſers Gemuͤths ermeſſen— uͤber uns ſchwatzen, als wenn ſie ſeit unſerer Kindheit mit uns vertraut und be⸗ kannt geweſen wären⸗ Einer von dieſen Vielen ſchreibt dann unſere Biographie— die Andern le⸗ ſen ſie, und nun wird fuͤr immer uͤber uns abge⸗ ſprochen. So gelangt denn die Kunde uͤber uns zu den Soͤhnen unſerer Soͤhne— entſtellt und un⸗ wahr; und wir werden, wenn wir aus unſerm jen⸗ ſeitigen Daſein zuruͤckſchauen auf die urtheile der Menſchen uͤber unſern Charakter und unſer Leben, nicht einen einzigen Zug des Gemaldes wiedererken⸗ nen koͤnnen, wie wir waren auf der Erde. 1 Arasmanes. Anmerkung. Die folgende Erzaͤhlung, welche der Verf. bereits fruͤher einzeln hat erſcheinen laſſen, iſt hier nach der Ueberſetzung des Herrn O. v. Czar⸗ nowski abgedruckt, welche, zuſammen mit Bulwer's Gedicht, O'Neil, ſchon im vorigen Jahre ebenfalls bei dem Verleger dieſes Werkes herausgekommen iſt. Erſtes Capitel. den weiten Ebenen von Chaldäa ſah der ehr⸗ wuͤrdige Chosphor, nicht der unberuͤhmteſte jener Patriarchen der Vorzeit, denen wir unſere erſten Kenntniſſe uͤber die Geſtirne des Himmels verdan⸗ ken, dem Ende ſeiner Tage entgegen. Auf ſeinem Todesbette ſprach er Folgendes zu ſeinem einzigen Sohn, dem jungen Arasmanes, deſſen Froͤmmigkeit ſelbſt in jener dunklen Stunde ihm ein Troſt und ein Segen war, und fuͤr deſſen wachſenden Ruhm, ſeiner Klugheit und Tapferkeit wegen, die ſchwa⸗ 184 chen Pulſe des entweichenden Lebens noch mit väter⸗ lichem Stolze ſchlugen. „Arasmanes,“ ſagte er,„ich ſtehe im Begriff, das einzige Geheimniß Dir mitzutheilen, welches, nachdem ich achtzig Jahre den Myſterien des Wiſ⸗ ſens gewidmet, ich fuͤr wuͤrdig halte, auf mein Kind zu vererben. Du weißt, daß ich viele Laͤnder ge⸗ ſchen und alle Wechſel des Lebens in ſeinem Un⸗ gluͤck und ſeinen Freuden erfahren habe. So wiſſe denn, daß die Erde nichts darbietet, welches das Streben darnach belohnen oder dem menſchlichen Verlangen genuͤgen koͤnnte. Wenn Du den Wider⸗ ſchein der Sterne im Waſſer beobachteſt, ſo erblickſt Du ein Bild des trugeriſchen Glanzes der Hoffnung; das Licht funkelt in der Welle, doch kann es weder erwaͤrmen, wenn es auch leuchtet, noch vermag es, auch nur fuͤr einen Augenblick, des Stromes Fort⸗ gang zu hemmen, welcher dem Abgrunde zueilt, in den er ſich ſtuͤrzen und verlieren wird. Nur in meinen alten Tagen befeſtigte dieſe ueberzeugung ſich in meinem Gemuͤth, und in dieſer Zeit entdeckte ich auch in einem jener heiligen Buͤcher, denen da⸗ mals meine Forſchungen gewidmet waren, das Ge⸗ heimniß, welches ich jetzt Dir anvertrauen will. So erfahre denn, mein Sohn, daß in der entfernteſten Gegend Aſiens ein Garten ſich befindet, welchen Gott den erſten Menſchen zu ihrem Aufenthalte an⸗ wies. In dieſem Garten geht die Sonne niemals 185 unter, und es herrſcht in demſelben ein ewiger Fruͤh⸗ ling. Dort plagt weder Ruhmſucht, noch andere Leidenſchaften, weder taͤuſchende Hoffnungen, noch deren Frucht, die Reue. Dort kennt man weder die Gebrechen des Alters, noch die Leiden und Qualen der Krankheiten; jeder ſchaͤdliche Einfluß iſt ver⸗ bannt aus der Luft; ewige Jugend und die Heiter⸗ keit eines ungeſtoͤrten Gluͤckes ſind die Vorrechte aller dort athmenden Weſen. Unſere erſten Aeltern wurden, einer unbekannten Suͤnde wegen, aus dieſer herrlichen Gegend verbannt, und ihre Kinder ver⸗ breiteten ſich uͤber die Erde. Der Eingang zu die⸗ ſem Garten wird jetzt durch Geiſter bewacht, und Wolken und Finſterniß verbergen ihn den Augen gewoͤhnlicher Menſchen. Den Tugendhaften und Kuͤh⸗ nen jedoch wurde der Anblick Gottes nicht verſägt; ſie vermoͤgen die Dunkelheit zu durchdringen, die ſtrengen Huͤter zu beſaͤnftigen und einzugehen in die Pforten des Paradieſes. Dahin alſo, mein Sohn — da Du ſo fruͤh Dich zu uͤberzeugen Gelegenheit haſt, daß in dem uͤbrigen Theile der Erde nur Sor⸗ gen und Plagen zu finden find— dahin richte Dei⸗ nen Weg!— Wie gluͤcklich wurde ich in meinen männlichen Jahren mich gefuͤhlt haben, als meine Kraͤfte meinem Willen noch unterwuͤrfig waren, wenn damals dieſes heilige Geheimniß mir bekannt geworden, und ich ſelbſt das Paradies aufzuſuchen vermocht hätte. Benutze Du jetzt mein Wiſſen, und 186 in der Hoffnung Deines Gluͤckes werde ich zufrieden ſterben.“— Der fromme Sohn druͤckte die Hand ſeines Vaters und verſprach, ſeinen letzten Anwei⸗ ſungen zu folgen. „Doch wie werde ich,“ ſagte er,„die Richtung finden, in welcher jener Garten des Gluͤckes liegt? wer wird mein Fuͤhrer dorthin ſein? Koͤnnen Schiffe, erbaut durch ſterbliche Haͤnde, an ſeiner Kuͤſte lan⸗ den, oder koͤnnen wir dem Kameeltreiber ſagen: Du näherſt Dich dem Ziel?“ Der Sterbende zeigte nach Oſten. „Im Oſten,“ ſagte er,„geht die Sonne auf, ein Bild des Fortſchrittes menſchlicher Weisheit: von Oſten kommt unſer Wiſſen. Suche dieſe Rich⸗ tung zu verfolgen, und Du wirſt das Eden zuletzt erreichen, welches Deine Muͤhe belohnt.“ und Chosphor ſtarb und wurde begraben bei ſeinen Vaͤtern. Nach einer kurzen Trauer nahm Arasmanes Ab⸗ ſchied von ſeinen Freunden, und ſuchte, indem er ſich gegen Morgen wendete, den Eingang zum Pa⸗ radieſe auf. Mehre Wochen lang rreiſte er allein, und die Sterne waren ſeine einzigen Fuͤhrer. Je weiter er vordrang, deſto mehr waren die Menſchen von dem Daſein des Paradieſes unter⸗ richtet. Von ſeiner fruͤheſten Jugend gewohnt, mit weiſen Maͤnnern umzugehen, ſuchte er ſie in allen Orten auf, durch die ihn ſein Weg fuͤhrte. Ihre 187 Ausſagen vermehrten ſeinen Eiferz denn ſie Alle kannten jene uralte Sage von einer ſchoͤnen Gegend im fernſten Oſten, aus welcher das jetzt lebende Menſchengeſchlecht verbannt ſei. Theilte er jedoch Jemand ſein verwegenes Vorhaben mit, ſo hatte er die Demuͤthigung, bloß dem Lächeln des Spottes oder dem ungläubigen Staunen der Verwunderung zu begegnenz Einige hielten ihn fuͤr einen Verruͤck⸗ ten, Andere wieder fr einen Betruͤger, ſo daß er zuletzt ſeine eigentlichen Abſichten vorſichtig ver⸗ barg, und ſich begnuͤgte, ſein Wiſſen zu vermehren und die Mittheilungen Anderer anzuhoͤren. Zweites Capitel. Envlich verließ der Wanderer einen großen Wald, durch den ſeit mehreren Tagen ſein ermuͤdender Weg ihn gefuͤhrt hatte, und ſchoͤn uͤber alle Beſchreibung war die Landſchaft, welche ſeinen Blicken ſich dar⸗ bot. Eine Ebene, bedeckt von der uppigſten Vege⸗ tation, lag vor ihm; durch die Bäume, welche hie und dort über dem ſmaragdenen Boden ſich erhoben, liefen Alleen, uͤberwölbt von Blumengewinden, deren Farbenpracht aus dem dunkeln Laub erglänzte, und deren ſuͤße Duͤfte die Luft balſamiſch erfuͤllten. Ein 188 Fluß, klar wie Kryſtall, floß uͤber Goldſand, und wo der Raſen am gruͤnſten war, erhoben ſich küh⸗ lende Springbrunnen, die ihren zerſtäubenden Strahl in die Luft ſandten. Voll von Entzuͤcken und Be⸗ geiſterung, blieb der Wanderer ſtehen; ein Gefuͤhl wolluͤſtiger Wonne, welches er fruͤher nie empfunden hatte, durchbebte ihn.„Sieh,“ ſagte er,„ſchon iſt mein Ziel erreicht, und Eden, das Land des Glucks und der Jugend, liegt vor mir!“— Als er ſo ſprach, erwiederte eine ſanfte Stimme: „Ja, gluͤcklicher Fremdling; Dein Ziel iſt er⸗ reicht; dieſes iſt das Land des Gluͤcks und der Ju⸗ gend!“— Er ſchaute ſich um, und ein Mädchen von blen⸗ dender Schonheit ſtand ihm zur Seite. „Genieße der Gegenwart,“ ſagte ſie,„dann wirſt Du der Zukunft trotz bieten! Noch ehe die Welt er⸗ ſchaffen war, brutete die Liebe ſchon über dem dun⸗ keln Chaos, bis unter dem Schatten ihrer Fluͤgel das Leben des werdenden Geſchlechts ſich bildete. Liebe nur iſt der wahre Gott, und wer ihm dient, wird eingeweiht in die Geheimniſſe eines Glaubens, der noch älter iſt, als die Sterne. Sieh! Du be⸗ trittſt jetzt die Schwelle des Tempels; Du biſt ein⸗ getreten in das Land des Gluͤckes und der Jugend!“— Bezaubert durch dieſe Worte, uͤberließ ſich Aras⸗ manes ganz dem ſuͤßen Rauſche, in den ſie ſeine Sinne wiegten. Er duldete, daß die Nymphe ihn 189 weiter in den Garten fuͤhrte, und von allen Seiten erſchienen jetzt Weſen in dem Hain, einige von be⸗ ſonderer, manche von der ſchoͤnſten Bildung. Der Satyr und der Faun kamen hervor, wie der jugend⸗ liche Bacchus, gemiſcht mit den mannichfach geſtal⸗ teten Gottheiten Indiens und Aegyptens; doch am zahlreichſten waren die Nymphenchore, welche die Gebilde der Schoͤnheit, wie ſie nur ſonſt den Trau⸗ men der Kuͤnſtler ſich darbieten, in der Wirklichkeit erſcheinen ließen; und wohin er auch blickte, uͤberall ſchien aus dem dichten Laub ein lächelndes Antlitz ihn zu begruͤßen und aus dem frohen, doch ſanften Blick Luſt und Wonne uͤber Alles zu verbreiten. Er fragte, wie dieſes Weſen, welches die Macht zu ha⸗ ben ſchien, uͤberall ſich zu vervielfaͤltigen, genannt werde?— Und ſein Name war Eros. Eine Zeit lang, deren Dauer ihm jedoch nicht bewußt war— da in jenem Lande kein Zeitmaß gilt — war Arasmanes vollkommen uͤberzeugt, daß er Eden ſelbſt erreicht habe. Er fuͤhlte ſeine Jugend inniger und lebhafter; Alles war ihm neu— ſelbſt in der Geſtalt der Blaͤtter und dem Fluͤſtern der balſamiſchen Luͤfte fand er Gegenſtaͤnde des Stau⸗ nens und der Bewunderung. Das Madchen liebend, welches zuerſt ihn ange⸗ redet hatte, war er bereit, jeden ihrer kleinſten Wuͤnſche(und ihrer Launen waren nicht wenige) zu befriedigen. Er drang bis in die entfernteſten Ge⸗ 190 genden des Gartens, welcher ihm jett unbegränzt erſchien. Niemals hatte er Langeweile, dieſe ſchien ihm ſogar ganz unmoglich, und fortwaͤhrend wieder⸗ holte ſich der Gedanke:„ich bin ein Bewohner des Landes des Gluͤcks und der Jugend.“ Eines Tages, als er mit ſeiner Geliebten ſich unterhielt und in ihr Antlitz blickte, bemerkte er mit Erſtaunen, daß, ſeit er zum letzten Mal ſie angeſe⸗ hen, eine Runzel auf der weißen Fläͤche ihrer Stirn ſich gebildet hatte; und indem er kaum dem Zeug⸗ niß ſeiner Augen traute, erſchienen ſchnell immer mehr Runzeln, und die Roſenglut der Wangen be⸗ gann zu welken und zu erbleichen.— Er verbarg, ſo gut er konnte, ſeine Verwunderung und ſein Miß⸗ vergnuͤgen uͤber dieſes ſeltſame Ereigniß, und da er nicht länger wagte, in ein Antlitz zu blicken, welches fruͤher die Quelle ſeines Entzuckens geweſen, ſuchte er Entſchuldigungen, um ſich von ihr zu trennen, und wanderte, verwirrt und mit ſeinem eigenen Selbſt zerfallen, in den Wald. Die Faunen und Dryaden und die jugendliche Geſtalt d65 Bacchus begegneten ihm zwar wieder, und auch des Eros lächelnde Zuͤge erſchienen ihm von Zeit zu Zeit, aber der Zauber, der ſie mit dem Glanze des Wunder⸗ vollen uͤberſtrahlte, war in ſeiner Bruſt erſtorben. Ja, es ſchien ihm ſogar, als trage der Gott des Weins eine gewiſſe Gemeinheit in ſeinen Zügen, und er gaͤhnte faſt hoͤrbar den Eros an. 191 So oft er ſeiner Lieblings⸗Nymphe wieder be⸗ gegnete, merkte er jedesmal mit Verdruß, daß die Runzeln ſich vermehrt hatten; die Jugend ſchien ihr mit ſchnellen Schritten zu entfliehen; und ſtatt eines jungen Mädchens, war es nun eine alte Ko⸗ kette, in die er ſich ſo leidenſchaftlich verliebt hatte. Eines Tages konnte er ſich nicht uͤberwinden, wenn auch mit einiger Verlegenheit, ihr zu ſagen: „Wohnſt Du ſchon viele Jahre in dieſem ſcho⸗ nen Garten, liebes Kind?“— „O gewiß, ſchon ſehr lange,“ erwiederte ſie lä⸗ chelnd. „Dann biſt Du alſo nicht mehr ſehr jung?“ fuhr Arasmanes, unhoflich genug, fort. „Was?“ ſchrie die Nymphe, indem ſie die Farbe wechſelte,„zeigt Dir mein Anblick das herannahende Alter? Iſt ſchon eine Runzel auf meiner Stirne erſchienen? Du ſchweigſt. O, grauſames Schickſal, willſt Du ſelbſt dieſen Geliebten mir rauben?—“ und die arme Nymphe brach in Thränen aus. „Liebes Kind,“ ſagte Arasmanes,„allerdings beginnſt Du, aͤlter zu werden; aber meine Freund⸗ ſchaft wird ewig ſein.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als die Nymphe einen langen, traurigen Blick auf ihn heftete, und dann mit einem lauten Schrei ſich ent⸗ fernte. Dicke Finſterniß bedeckte, wie ein Schleier, die Ebene; der Jugendreiz des Lebens mit ſeiner Begleiterin, der Poeſie, war dem Wanderer fuͤr im⸗ mer entflohen. Ein tiefer Schlaf uͤberfiel ihn; er erwachte ver⸗ ſtort und ohne ſich erquickt zu fuͤhlen. Vor ihm lag eine bergigte Gegend; die gruͤnen Thaͤler wur⸗ den durch Stroͤme bewäſſert, welche von den Höhen rauſchten. Von dem Garten, den er fuͤr Eden ge⸗ halten hatte, war keine Spur mehr vorhanden. Er befand ſich wieder auf der wirklichen Erde. Drittes Capitel. Mehrere Tage verfolgte nun der junge Abenteu⸗ rer, unzufrieden und ſich ungluͤcklich fuͤhlend, ſeinen Weg, immer der Richtung gegen Oſten folgend, und verſuchte, die ſuͤßen Täuſchungen der Vergan⸗ genheit zu ubertäuben, indem er die Hoffnung nährte, das wirkliche Eden jetzt bald zu finden. Der Abend war heiter und mild; der Abendſtern erſchien am Horizont dieſer ungeheuren Flächen— welche noch frei von den Wohnungen und dem An⸗ bau der Menſchen waren; ein ſchmaler Fluß drang aus einer Felſenſpalte und durchfloß die Ebene, bis er ſich in dem Dunkel eines Palmenwaldes verlor. An der Quelle dieſes Fluſſes ſaßen ein alter Mann 193 und ein junges Mädchen. Ochtor, der Greis, un⸗ terrichtete ſeine Tochter Azraaph in den erſten Leh⸗ ren der Weisheit; aufmerkſam hoͤrte das Maͤd⸗ chen zu, und mild beſchien der Abendſtern den ſtil⸗ len Ernſt in ihren ſchoͤnen Zuͤgen. Auch der Fremde, hinabſteigend von den Huͤ⸗ geln, welche die große Ebene begraͤnzten, kam, er⸗ mattet durch ſeine lange Reiſe, zu der Quelle, um ſeinen brennenden Durſt zu löſchen. Zuerſt bemerkte er noch nicht den Greis und ſeine Tochter, denn der Schatten des Felſens ver⸗ varg ſie ſeinem Anblick. Ochtor, der zu jenen er⸗ ſten Einſiedlern gehorte, welche in der Einſamkeit die Weisheit ſuchen, hatte, uͤberdruͤßig des wilden Treibens in der Welt, längſt in eine Hohle, unweit der Quelle jenes Fluſſes, ſich zuruͤckgezogen. Der nähere umgang mit der Natur machte ihn glucklich, die Betrachtungen über die Geheimniſſe der Zukunft beſchaͤftigten ihn mehr, als das Anbenken an eine unruhige Vergangenheit. Gewohnt, die ſeltenen Wanderer, die von Zeit zu Zeit von den Bergen kamen, um die Stäͤdte des Morgenlandes zu beſu⸗ chen, gaſtfreundlich aufzunehmen, und ihnen Speiſe und Lager anzubieten, brach er zuerſt das Still⸗ ſchweigen. Arasmanes nahm dankbar die Anerbietungen des Einſiedlers an, und wurde Ochtor's Gaſt. In dem Felſen befanden ſich mehrere Hoͤhlen, theils durch Bulwer's Werke, Taſchenausg. V. 13 194 die Natur, theils durch Jaͤger von den Bergen ge⸗ bildet, und in eine derſelben fuͤhrte der Greis den Wanderer, nachdem dieſer das einfache Mahl ge⸗ noſſen hatte.— Der Boden der Hoͤhle war mit trockenem Mooſe belegt, der Schlaf des Arasmanes war erquickend und mit manchem entzuͤckenden Trau⸗ me durchwebt. Als er am naͤchſten Morgen aufſtand, fand er den Greis und ſeine Tochter wieder an der Quelle des Fluſſes, welche die aufgehende Sonne beſchien, und wo ſie gewohnt waren, am Morgen und am Abend die Gottheit anzubeten. „Du wirſt uns doch ſo bald nicht verlaſſen, 2 ſagte der Einſiedler;„denn wer von den Bergen kommt, muß eine beſchwerliche Reiſe gemacht haben, und bedarf der Ruhe.“ Arasmanes erwiederte, indem er einen Blick auf die ſchoͤne Azraaph warf:„Wenn ich nicht fuͤrch⸗ tete, Deine heiligen Betrachtungen zu ſtoͤren, ſo wuͤrde dieſe ſtille, freundliche Gegend, und vor Allem Dein umgang den Wunſch in mir erregen, noch manchen Tag bei Dir zu bleiben.“ „Sieh, wie dem ſtillen Baume die wandernden Voͤgel Leben und Luſt bringen,“ ſagte der Weiſe, „und ſo erfreulich wird auch dem Einſamen die Ge⸗ ſellſchaft von ſeines Gleichen.“— und Arasmanes blieb hei Ochtor, dem Greiſe. 195 Viertes Capitel. „Alp dies ſind Deine Schickſale,“ ſagte Ochtor, „und immer noch glaubſt Du an die truͤgeriſchen Träume Deines Vaters uͤber das vorgebliche Eden? Ohne Zweifel gab es einſt fuͤr unſere glucklicheren Vorältern eine ſolche Gegendz denn wie ſollte ſonſt die Sage davon zu uns gelangt ſein? Aber Finſter⸗ niß verbirgt jetzt das Paradies, und Engel bewachen ſeinen Eingang. Vergeude nicht Deine Kraͤfte in einem Streben ohne Ziel, ſuche nicht vergeblich, was Du nimmer finden kannſt. Gieb nicht die Freuden der Erde auf, indem Du denen Edens nachjagſt. Bleibe bei uns, mein Sohn, in unſerer Einſamkeit. Hier iſt das wahre Paradies, von dem Dein Vater ſprach; denn hier kennen wir weder Leidenſchaft, noch Sorge. Vor den Demuͤthigungen und Enttaͤuſchun⸗ gen der Erde iſt der Einſame ſicher. Sieh, meine Tochter hat Gunſt gefunden vor Deinen Augen— ſie liebt Dich— ſie iſt ſchoͤn und ſanften Gemuͤ⸗ thes. Bleibe bei uns, mein Sohn, und vergeſſe, was Dein Vater, uͤberdruͤßig einer Welt, die er zu verlaſſen nicht den Muth hatte, von der falſchen Weisheit der unzufriedenheit Dir mitgetheilt hat.“ „Du haſt Recht, ehrwuͤrdiger Ochtor,“ rief 13* 196 Arasmanes mit Entzuͤcken,„gieb mir nur Deine Tochter, und ich will kein anderes Eden ſuchen, ols dieſe Ebenen.“ Fuͤnftes Capitel. Schon ſechsmal hatte die Sonne ihren Lauf er⸗ neuert, und immer noch wohnte Arasmanes in Och⸗ tor's Höhle. In dem ſchoͤnen Antlitz der Azraaph entdeckte er keine Runzeln— ihre unſchuldige Liebe blieb ihm ſtets neu; die majeſtätiſche Ruhe der Na⸗ tur erfullte auch ſein Gemuͤth mit einer heiligen Stille, und die Lehren Ochtor's zeigten ihm den Weg zum wahren Gluͤcke. Er fand in denſelben Beruhigung der Leidenſchaften und Erhebung des Geiſtes zugleich. Mitunter jedoch, und ſeit Kur⸗ zem mehr als jemals, fuhlte er wieder einen hefti⸗ gen Drang nach dem ſo lange vergeblich geſuchten Eden. Es plagte ihn die Einfoͤrmigkeit, dieſe un⸗ abwendbare Folge der Ruhe. Gegen das Ende des ſechsten Jahres, als ſie eines Morgens vor ihrer Hoͤhle ſtanden, und ihre Heerden ruhig um ſie weideten, erſchienen plotzlich auf den weſtlichen Huͤgeln viele Maͤnner. Sie wa⸗ ren ſchon durch dieſe bemerkt worden, bevor ſie 197 Zeit gehabt, zu berathen, ob ſie ſich verbergen ſollten; es war aber keine urſache zur Beſorgniß vorhanden, denn die Fremden wuͤnſchten bloß Speiſe und Lager. Der Vornehmſte dieſer Geſellſchaft war ein alter ehrwuͤrdiger Mann, gekleidet in die reichſten Stoffe des Morgenlandes. Leicht umfloß ihn das purpurne Gewand, und leuchtend glänzten die Edelſteine an ſeinem Guͤrtel und an ſeinem Schwert. Als er ſich Ochtor näherte, um ihn anzureden, malte ſich im⸗ mer mehr in den Zugen eines Jeden der beiden Greiſe Zweifel, Verwunderung, Wiedererkennung und Freude.„Mein Bruder!“ ertönte es zugleich von Beider Lippen, und der alte Anfuͤhrer druͤckte Ochtor an ſeine Bruſt und weinte laut. Den ganzen Tag blieben die Bruͤder zuſammen, und am Abend trennten ſie ſich mit Thranen. Za⸗ mielides, der Sohn des alten Anfuͤhrers, kniete vor Ochtor, und dieſer ſegnete ihn. Als nun Alle wieder fort waren, und die alte Einſamkeit und Stille zuruͤckkehrte, hing Ochtor allein ſeinen Gedanken nach, und Azraaph ſagte zu ihrem Gatten:„Meines Vaters Gemuͤth ſcheint unruhig und voll Sorge; geh, mein Geliebter, ich bitte Dich, und troͤſte ihn; der Thau liegt ſchwer auf dem Graſe, und mein Vater iſt ſchon alt.“ Schtor ſtand an dem ufer des Fluſſesz die wilden Zebra's kamen, um ihren Durſt zu löſchen; in einiger Entfernung hoͤrte man die Flußpferde wie⸗ 198 hern, und die Gegenwart der Thiere machte dem alten Manne ſeine Einſamkeit noch fuͤhlbarer. „Weshalb biſt Du betruͤbt, mein Vater?“— ſagte Arasmanes. „Habe ich mich nicht von meinen Verwandten trennen muͤſſen?“ „Aber Du hoffteſt fruͤher niemals, ſie wieder zu ſehen, und bleiben Dir nicht Deine Kinder?“ Schtor erwiederte: Hore mich, Arasmanes. Wiſſe, daß Zamiel, mein Bruder, und ich, beide lebhaft und feurig, in unſerer Jugend nach der Herrſchaft trachteten, und Jeder glaubte die zu dem Befthlen nöthigen Eigenſchaften zu beſitzen; aber mein Arm war ſtärker im Kampf, und mein Geiſt gewandter im Rath. Wir ſtrebten und waren thätig, und unſer Name wurde beruͤhmt in unſerem Stamm; aber auch der Neid ruhte nicht. Unſere Heerden wurden eine Beute der Feinde, und wir ſelbſt ſanken bis zu der Erniedrigung unſerer Scla⸗ ven. Ich verließ die Menſchen, und vergaß in die⸗ ſer weiten Einſamkeit, wo ich Ruhe und Zufriedenheit fand, den Ehrgeiz. Mein Bruder jedoch gab ſeine Hoffnungen nicht auf, geduldig ertrug er ſein Schick⸗ ſal, beſſere Zeiten erwartend. Und ſeine Ausdauer wurde belohnt! Die Stunde der Rache kam— er verſammelte im Geheimen ſeine fruͤheren Anhaͤnger — uͤberfiel unſere Feinde im Dunkel der Nacht, und am naͤchſten Morgen wurde er zum Anfuͤhrer des 199 Stammes erwahlt. Jetzt reiſet er mit ſeinem Sohne zu dem Koͤnig der„Stadt des Reichthums,“ deſſen Tochter Zamielides heirathen wird. Hätte ich nicht meinem Stamme entſagt und mich hieher gefluͤchtet, ſo ware dieſes ruhmvolle Loos das mei⸗ nige, und meine Tochter eine Koͤnigin geworden. Wundert es Dich jetzt noch, daß ich unruhig und ſorgenvoll bin?“ und Arasmanes uͤberzeugte ſich, daß der Ein⸗ ſiedler die Welt nur verachtet habe, weil er den Muth verloren hatte, in ihr zu leben. Ochtor aber blieb unzufrieden und traurig bis zu ſeinem Todez und nach drei Monaten begrub ihn Arasmanes an der Quelle des rauſchenden Fluſſes. Sechstes Capitel. Die Geſtändniſſe Ochtor's und ſein Tod machten einen lebhaften Eindruck auf Arasmanes. Er er⸗ wachte wie aus einem langen Schlaf. Die Ein⸗ ſamkeit hatte ihren Zauber verloren; und er fuͤhlte, daß ſchon die Unthaͤtigkeit mit der Reue verwandt iſt.„Wenn,“ dachte er,„ein ſo weiſes und tief⸗ ſinniges Gemuͤth, als das Ochtor's, fuͤr die Er⸗ innerungen des Ehrgeizes ſo empfaͤnglich iſt— 200 wenn am Rande des Todes ſelbſt, er der Einſam⸗ keit fluchte, in die er ſich ſo lange vergraben, und bei den erſten Rachrichten, die ihm aus der Welt wieder wurden, fuͤhlte, daß er, was des Lebens Gluͤckswechſel ihm bieten konnten, vernachläſſigt habe, um wie viel mehr muß ich in der Fuͤlle mei⸗ ner maͤnnlichen Kraft ſolchen Gefuͤhlen zugänglich ſein, waͤhrend ich noch nicht einmal das eine große Ziel erreicht habe, welches ich meinem Vater zu verfolgen verſprach? Richt laͤnger darf ich meine Zeit vergeuden in dieſer menſchenleeren Eindoͤde; fort muß ich, meine Lenden guͤrten, und mit Azraaph, meinem Weibe, jenes Eden ſuchen, in welches wir zuſammen eintreten wollen!“ Dieſer Gedanke reifte bald zum Entſchluß, und um ſo ſchneller, da nach dem Tode Ochtor's Aras⸗ manes keinen Gefaͤhrten und Theilnehmer ſeiner hoͤheren Betrachtungen mehr hatte. Azraaph war ſchoͤn und freundlich, aber ſobald er von den Sternen zu reden anfing, gaͤhnte ſie ihn an. Sie war zufrieden mit der Einſamkeit, weil ſie von der Welt weiter nichts kannte; und die Heerden, der Fluß und jeder Baum waren ihr Geſellſchaft; aber ihre Zufriedenheit war, wie Aras⸗ manes zu entdecken anfing, die der unwiſſenheit, und nicht die der Weisheit. Azraaph weinte bitterlich, als ſie die Höhle ver⸗ ließ, doch bald verſohnte ſie, je weiter ſie kamen, * 2⁰1 die Neuheit deſſen, was ſie ſah, mit dem Wechſel, und ihre Sehnſucht nach dem Fluß und dem Felſen verſchwand. Mehrere Wochen lang reiſten ſie gegen Oſten, und begegneten keinem lebenden Weſen, au⸗ ßer einigen Schlangen und einem Trupp wilder Pferde. Endlich langten ſie eines Abends in den Vorſtädten einer praͤchtigen Stadt an. Als ſie ſich dem Thore näherten, verblendete ſie faſt deſſen Glanz, denn es war aus gediegenem Golde, auf welches die vielen Naphtalampen, die es beleuchte⸗ ten, einen herrlichen Schein warfen⸗ Sie fragten, als ſie durch das Thor gingen, nach dem Namen der Stadt, und hoͤrten mit eini⸗ gem Erſtaunen und noch mehr Freude, daß es„die Stadt des Reichthums“ ſei. „Hier,“ ſagte Azraaph,„werden wir gewiß gut aufgenommen, denn der Sohn des Bruders meines Vaters iſt Gemahl der Tochter des Königs.“ „und hier,“ dachte Arasmanes,„werden gewiß viele Weiſe ſein, bei denen ich uber die wahre Lage Edens mich unterrichten kann.“ Sie warem, als ſie durch die Straßen gingen, erſtaunt uͤber das Gedränge, Gerauſch und die Be⸗ wegung in einer ſo ſpäten Stunde. Mit der Ein⸗ falt von Perſonen, welche ſo lange in der Eindde gelebt hatten, fragten ſie ſogleich nach dem Palaſte des Koͤnigs. 202 Der Erſte, den Arasmanes fragte, war ein junger Herr, praͤchtig gekleidet, der mit großer Sorgfalt einherſchritt, um ſeines Rockes Saum nicht zu beſchmutzen. Der junge Herr blickte ihn ſtolz und verwundert an, und ging weiter. Der Näͤchſte, den er fragte, war ein roher Bauer, der ein Bund Holz auf den Schultern trug. Dieſer lachte ihm ins Geſicht, und Arasmanes, empoͤrt daruͤber, ſchlug ihn zu Boden. Es kam ſo eben ein Richter vorbei, und Arasmanes that an ihn die⸗ ſelbe Frage. „Der Palaſt des Koͤnigs?“ ſagte der Richter, „und was wollt Ihr in des Koͤnigs Palaſte?“— „Die LTochter des Konigs iſt vermählt mit dem Vetter meiner Frau.“ „Deiner Frauen Vetter! Du mußt verruͤckt ſein; doch halt! Deine Kleider ſind zerriſſen und abgetragen. Ich glaube(und hier ſchoß der Richter einen ſchrecklichen Blick auf ihn), Du beſitzeſt weder Silber noch Gold:“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Arasmanes,„ich habe keines von beiden.“ „Po, ho!“ ſagte darauf der Richter hoͤhniſch; „er bekennt ſeine Schuld; er geſteht, daß er weder Silber noch Gold beſitzt. Hier, ihr Soldaten, er⸗ greift dieſen Mann und dieſe Frau. Fort mit ihnen ins Gefaͤngniß, daß wir morgen das Todesurtheil uͤber fie fällen. Wir wollen dann beſtimmen, ob ſie durch Hunger oder am Galgen ſterben ſollen. Die Boͤſewichter haben wirklich weder Silber, noch Gold; und was noch ſchlimmer iſt, ſie geſtehen es ſogart— „Iſt es moͤglich?“ rief die Menge; und ein Schauder des Abſcheu's ergriff jeden Anweſenden. „Fort mit ihnen ins Gefängniß! Lange lebe der Richter Kaly, deſſen Auge immer wacht, und der uns befreit von den Armen!“ Der Richter ſetzte ſeinen Weg fort, Thraͤnen tugendhaften Entzuͤckens vergießend uͤber den Ruf, den er ſich erworben hatte. Arasmanes und Azraaph wurden in das Ge⸗ fangniß geſchleppt, wo Jener ſeinen Gedanken üͤber die ſonderbaren Begriffe nachhing, welche die Be⸗ wohner der Stadt des Reichthums uͤber Tugend und Laſter zu haben ſchienen. Am naͤchſten Morgen wurden ſie durch lautes Geſchrei unter den Fenſtern ihres Gefangniſſes beunruhigt. Es war ein fuͤrch⸗ terlicher Lärm, doch ſchien es nur ein Ausbruch der Freude zu ſein. In der That war an jenem Morgen die Prinzeſſin, welche Azraaph's Vetter geheirathet hatte, von ihrem erſten Kinde glucklich entbunden worden, und groß war der Jubel und das Entzuͤcken daruͤber in der Stadt. Nun herrſchte aber der Gebrauch dort, daß, wenn ein Mitglied der koͤniglichen Familie die Bevoͤlkerung zu ver⸗ mehren geruhte, der Vater des Neugebornen alle 204 Gefängniſſe beſuchte und die Gefangenen befreite. Welches Gluͤck für Arasmanes und fuͤr Azraaph, daß die Prinzeſſin entbunden wurde, bevor ſie ge⸗ hangen waren! Unter Zymbeln⸗ und Paukenklang, mit wehen⸗ den Fahnen und von ſeiner Leibwache begleitet, kam der junge Vater auch zu dem Gefängniſſe, in wel⸗ ches unſer ungluͤckliches Paar gebracht worden war. „Habt Ihr ſchwere Verbrecher in Eurem Ge⸗ fängniß?“ fragte der Prinz den erſten Aufſeher; denn er bemuͤhte ſich damals um die Gunſt des Volkes. „Bloß einen Mann, Ew. Hoheit, der ſeit der vorigen Nacht hier iſt, und der mit kaltem Blute und ohne Zwang oder Tortur freiwillig geſtanden hat, er beſitze weder Silber noch Gold. Es wäre Schade, wenn M ein Boſewicht nicht beſtraft wuͤrde!“— „Ihr habt Recht,“ ſagte der Prinz,„und welche Unverſchaͤmtheit, das Verbrechen zu bekennen! Einen ſo ſeltſamen Mann muß ich doch ſehen.“ Indem er dieſes ſagte, ſtieg der Prinz ab, und folgte dem Aufſeher in die Zelle, welche Arasmanes und ſein Weib verſchloß. Sie erkannten ſogleich ihren Verwandten; denn in jenen alten Zeiten hat⸗ ten ungluͤckliche ein außerordentlich gutes Gedächt⸗ niß, wenn es darauf ankam, mächtige Verwandte wieder zu erkennen. Azraaph wollte dem Prinzen 205 um den Hals fallen, welches die Wache verhinderte, und Arasmanes fing an, fur den Beſuch ſeinen Dank zu ſtottern. „Dieſe Menſchen ſind verruͤckt,“ rief ſchnell der Prinz.„Befreit ſie, aber erſt will ich mich entfernen.“ Mit dieſen Worten lief er ſo ſchnell die Treppen hinunter, daß er faſt geſtuͤrzt waͤrez darauf beſtieg er ſein Pferd, und verfolgte ſeinen Weg in die andern Gefaͤngniſſe, begleitet von dem Freudengeſchrei des Volkes. Arasmanes und Azraaph wurden nun frei ge⸗ laſſen; ſie hatten großen Hunger, und gingen in den erſten Bäckerladen, den ſie ſahen, und baten um Gaſtfreundſchaft. „Gewiß,“ ſagte der Baͤcker;„doch zuerſt das Geld!“— Arasmanes, durch Erfahrung vorſichtiger ge⸗ worden, huͤtete ſich wohl, zu geſtehen, daß er kein Geld habe, ſondern ſagte, er habe es zu Hauſe vergeſſen.„Jetzt gieb mir nur das Brod,“ fuhr er fort,„und morgen will ich bezahlen.“ „Sehr wohl,“ erwiederte der Baͤcker,„aber das Schwert, welches Du trägſt, hat einen koſtbaren Griff; laß mir es hier, bis Du mit dem Gelde zuruͤckkehrſt.“ Arasmanes nahm das Brod und ließ ihm das Schwert. 206 Als ſie geſättigt waren, beſchloſſen ſie, eine ſo gefaͤhrliche Stadt ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen; doch als ſie eben in eine enge Straße einbogen, wurden ſie plotzlich durch ſechs Soldaten ergriffen, und die Augen ihnen ſchnell verbunden. Man ſchleppte ſie fortz ſie wußten nicht wohin. Endlich ſtiegen ſie eine Treppe hinauf; bald wurden ihnen die Binden von den Augen genommen, und ſie be⸗ fanden ſich in einem praͤchtigen Zimmer, allein mit ihrem Vetter, dem Prinzen. Er umarmte ſie zärtlich.„Vergebt mir,“ ſagte er,„wenn ich Euch vergeſſen zu haben ſchien; aber mein Ruf in dieſer Stadt wäre gaͤnzlich verloren gewe⸗ ſen, wenn ich Verwandte anerkannt haͤtte, die ſelbſt geſtanden, daß ſie weder Gold, noch Silber beſaͤßen. Bei dem Barte meines Großvaters, wie konntet Ihr ſo unvorſichtig ſein? Wißt Ihr nicht, daß Ihr in einem Lande ſeid, in welchem das Volk nur eine Gottheit anbetet, den Gott der koſtbaren Metalle?— Wer keine koſtbaren Metalle beſitzt, iſt laſterhaft; wer es bekennt, ein Gottesleugner. Keine Macht hatte Euch vom Tode durch Hunger oder am Gal⸗ gen gerettet, wenn die Prinzeſſin, meine Gemahlin, nicht gluͤcklicherweiſe heute morgen entbunden wor⸗ den ware.“ „Welches ſeltſame, barbariſche Land!“— ſprach Arasmanes. 207 „Barbariſch!“ wiederholte der Prinz.„Dieſes iſt das civiliſirteſte Volk in der ganzen Welt— ja, die ganze Welt gibt dieſes ſogar zu.— In keinem Staate iſt das Volk ſo reich, und folglich ſo glůck⸗ lich. Fur Diejenigen, welche kein Gold haben, iſt es allerdings ein ſchlechter Aufenthalt, fuͤr die Rei⸗ chen aber iſt es das Land der Seligkeit ſelbſt. Ja, es iſt das wahre Eden!“— „Eden! wie, alſo auch Ihr habt von Eden gehoͤrt?“— „Gewiß! und hier iſt es— das Land der Frei⸗ heit— des Gluͤckes— des Goldes!“ rief der Prinz mit Entzuͤcken;„bleibe bei uns, und überzeuge Dich!“— „Allerdings,“ dachte Arasmanes,„liegt dieſes Land im fernen Oſten: es hat mich zuerſt ungaſtlich aufgenommen; vielleicht aber war die Gefahr, der ich entronnen bin, bloß ein Sinnbild und Gleichniß des Engels mit dem Schwert, von dem die Sage erzäͤhlt!“ „Aber,“ ſagte er laut,„ich habe kein Gold und Silber.“ „Laß Dich das nicht kümmern,“ erwiederte Za⸗ mielides;„ich habe genug fuͤr Euch. Noch heute will ich Euch damit verſorgen.“ „Aber wird das Volk mich nicht als den armen Fremdling wiedererkennen?“ Der Prinz lachte einige Minuten lang ſo heftig, 208 daß ſie fuͤrchteten, er werde den Lachkrampf be⸗ kommen. „Was für ein Sonderling biſt Du, Arasma⸗ nes?“ ſagte er, nachdem er wieder ſprechen konnte. „Weißt Du nicht, daß die Bewohner dieſer Stadt niemals Deſſen ſich erinnern, was Jemand fruͤher war, ſobald er nur reich wird?— Erſcheine mor⸗ gen im Purpur, und Keinem wird es einfallen, daß er Dich geſtern in Lumpen geſehen hat.“— Siebentes Capitel. Zamnielides fuͤhrte ſeine Verwandten in ſein eigenes Gemach, und dort fanden ſie prächtige Anzüge, wel⸗ che er fur ſie beſtimmt hatte. Er machte ihnen au⸗ ßerdem einen eigenen Palaſt und große Lagerhaͤuſer, mit Waaren angefuͤllt, zum Geſchenke.„Sieh,“ ſagte er, indem er Arasmanes auf die Spitze eines hohen Thurmes fuͤhrte, von dem man das Meer überblickte,„betrachte jene Schiffe, die den geraumi⸗ gen Hafen mit einem Walde von Maſten erfuͤllen: die ſechs Fahrzeuge mit den gruͤnen Flaggen ſind Dein. Ich werde Dich in die Geheimniſſe des Han⸗ dels einweihen, und bald Du ſo reich ſein, als ich.“ 209 „und was iſt der Handel?“ fzagte Arasmanes. „Es iſt der Gottesdienſt, den das Volk dieſes Landes ſeinem Gotte darbringt,“ erwiederte der Prinz. Achtes Capitel. Arazmanes war allgemein beliebt;— einen ſo klugen, vortrefſlichen, liebenswuͤrdigen Mann hatte man in der„Stadt des Reichthums“ noch nie geſehen; und ſeine Gattin Azraaph wurde fuͤr die erſte Schoͤnheit erklärt. Berauſcht durch die Huldigungen, welche ihnen dargebracht wurden, und verblendet durch den Glanz, in dem ſie lebten, entfloh ihnen die Zeit in ſuͤßem Taumel. „Du haſt recht, o Zamielides!“ ſagte Arasmanes, als ſeine Schiffe mit Schätzen beladen zuruͤckkehrten, „die Stadt des Reichthums iſt das wahre Eden.“ Neuntes Capitel. Arasmanes war nun bereits drei Jahre in der Stadt. In ſeiner Perſon war eine auffallende Ver⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 14 210 änderung erfolgt; die Farbe der Geſundheit war von ſeinen Wangen entwichen; ſeine Stirn war mit den Furchen der Sorge bebeckt— ſein Gang ſchlep⸗ pend, ſeine Lippen zuſammengekniffen. Er glaubte zwar nicht laͤnger, daß er das wahre Eden gefun⸗ den habe, aber doch haͤtte er die Stadt des Reich⸗ thums ſchwerlich fuͤr Eden ſelbſt verlaſſen. Bloß mit dem Streben beſchäftigt, ſeinen Beſitz fortwaͤhrend zu vermehren, quaͤlte ihn auch unaufhörlich die Furcht des Verluſtes, Er zitterte bei jeder dunkle⸗ ren Wolke, die am Himmel erſchien; er wurde bleich bei jedem rauheren Winde, der die See un⸗ ruhig machte. Er lebte in einem glaͤnzenden Elende; und die Zerſtreuungen, die es darbot, waren, ihres beſtäͤndigen Einerlei wegen, ermüdend. Mit ſeiner ſo angebeteten Azraaph kam er nur wenig zuſam⸗ men. Ihre Beſchaͤftigungen trennten ſie von ihm. In einem ſo civiliſirten Lande konnten ſie nicht immer zuſammen ſein. Wenn er von ſeinen Schiffen ſprach, ſo langweilte er ſie zu Tode; wenn ſie dagegen von den Feſten erzählte, deren Zierde ſie geweſen, ſo konnte dies eben ſo wenig ſeine Theilnahme erregen. 211 Zehntes, Capitel. Der Hof war in Trauer, weil Zamielides an ei⸗ nem Fieber darniederlag. Die geſchickteſten Aerzte behandelten ihn, aber vergeblich; er ſtarb. Aras⸗ manes trauerte aufrichtiger um ihn, als irgend Je⸗ mand; denn nicht allein hatte er große urſache, ihm dankbar zu ſein, ſondern er wußte auch, daß, wenn ſeinen Schiffen ein Unfall zuſtieße, er keinen Freund mehr beſitze, der ſeinen Verluſt zu erſetzen geneigt wäre. Dies machte ihn beſorgter als jemals uͤber ſeine Lage. Ein Jahr dieſem Ereigniß wurde der Konig der Stadt des Reichthums zu einem Kriege veranlaßt, welcher fuͤnf Jahre dauerte⸗ Von beiden Seiten wurden zwei Millionen Menſchen ge⸗ todtet. Im zweiten Jahre dieſes Krieges befand ſich Arasmanes auf einem glaͤnzenden Feſte bei Hofe. Ein Bote kam athemlos und zitternd an. Eine große Seeſchlacht war gefochten worden, und 10,000 Mann von des Koͤnigs Unterthanen waren geblieben. „Aber wer gewann die Schlacht?“ fragte der Konig. „Eure Majeſtaͤt.“ Die Luft wurde mit Freudengeſchrei erfullt. „Am naͤchſten Tage,“ fuhr der Herold fort, „ereignete ſich bloß ein kleines ungluck. Drei von 14* den zerſtreuten Kriegsſchiffen des Feindes griffen die Schiffe einiger unſerer Kaufleute an, die mit Schaͤtzen beladen aus Ophir zuruͤckkehrten, und verbrannten und verſenkten ſie aus Rache.“ „Waren meine Schiffe unter denſelben?“ fragte Arasmanes mit aller Furcht der Erwartung. „Von Deinen Schiffen ſpreche ich,“erwiederte der Bote. Aber Niemand dachte an Arasmanes, oder an die 10,000 Mann, die geblieben waren. Die Stadt war voll Freude und Jubel, daß Seine Majeſtät geſiegt hatten. „Ach, ich bin ein verlorner Mann!“ ſagte Aras⸗ manes, als er mit Aſche guf dem Haupt, trauernd in ſeinem Hauſe ſaß. „Uund wir koͤnnen keine Feſte mehr geben,“ ſeufzte ſeine Frau. „Und Jeder wird uns verachten,“ fuhr Aras⸗ manes fort. „und wir muſſen unſern Palaſt verlaſſen,“ ſchluchzte die zaͤrtliche Azraaph. „Aber noch beſitze ich ein Schiff,“ rief Arasma⸗ nes, indem er aufſprang.„Es iſt jetzt im Hafen. Ich ſelbſt will es nach Ophir fuͤhren. Entweder will ich mein Vermoͤgen retten, oder in dieſem Be⸗ ſtreben untergehn.“ „und ich will Dich begleiten, mein Herz,“ ſagte Azraaph, indem ſie ihn umarmte,„denn es iſt mir 213 unmöglich, das Mitleid der Weiber zu ertragen, die mir nun den Rang abgewinnen.“ Die See war ruhig, und der Wind guͤnſtig, als das ungluckliche Paar das Schiff betrat, und während einer ganzen Woche wurde bei Hofe von nichts, als der Thorheit des Arasmanes und der ſeltenen Treue ſeiner Frau geſprochen. Eilftes Capitel. Nochdem ſie einige Wochen auf der See geweſen, erhob ſich ein widriger Wind, der ſie gänzlich von ihrer Richtung ablenkte. Vergebens ſtrengte der Steuermann alle ſeine Kräfte an, vergeblich waren alle Bemuͤhungen des Arasmanes; ſie wurden gegen Oſten getrieben, und zuletzt erklärten ſelbſt die alte⸗ ſten und erfahrenſten Seeleute, daß ſie in ein ihnen gaͤnzlich unbekanntes Meer verſchlagen worden ſeien⸗ Als ihr Waſſervorrath und ihre Lebensmittel bereits erſchopft waren, entdeckten ſie Land, und gegen Abend ankerte das Schiff an einem gruͤnen und angeneh⸗ men ufer. Die Einwohner, halb nackt, und kaum aus dem erſten rohen Naturzuſtand getreten, liefen hinzu, um ihnen beizuſtehen: an großen Feuern trock⸗ neten die ermatteten Seeleute ihre naſſen Kleider, 21¹⁴ und vergaßen bald in dieſem ſichern Hafen der Ruhe bie Muͤhſeligkeiten, welche ſie erduldet hatten. Sie blie⸗ ben mehrere Tage bei dieſen gaſtfreien Wilben, beſ⸗ ſerten ihr Schiff wieder aus, und verſorgten ſich mit Waſſer und Lebensmitteln. Was aber beſonders die Aufmerkſamkeit des Arasmanes erregte, waren mehrere koſtbare Diamanten in einer plump gearbei⸗ teten Krone, welche der Anfuͤhrer der Wilden auf dem Haupte trug. Durch Zeichen erfuhr er, daß dieſe Diamanten in einer Inſel im fernſten Oſten ſehr haͤufig ſeien; und daß von Zeit zu Zeit die Wo⸗ gen des Meeres große Felſenſtuͤcke an das ufer ſpuͤl⸗ ten, in denen ſie ſich fänden. Als aber Arasmanes die Abſicht andeutete, dieſe Inſel aufzuſuchen, beſtrebten ſich die Wilden, durch Zeichen von Schrecken und Abſcheu, die Gefahren darzuſtellen, mit denen dieſe unternehmung verbunden ſei, und ihn von derſelben abzuhalten. Dieſe Zeichen machten nur wenig Ein⸗ druck auf den Chaldäer, der von Natur kuͤhn, durch ſeinen Golddurſt noch mehr angetrieben wurde. Mit guͤnſtigem Winde ſtets gegen Oſten ſegelnd, erblick⸗ ten ſie am zehnten Tage einen großen Felſen, wel⸗ cher in ſolchem Glanz ſich uͤber das Meer erhob, daß er die Augen der Seeleute verblendete. Diamanten und Rubinen, Smaragde und Karfunkel ſtrahlten aus dem ſchwarzen Grunde des Felſen, und ver⸗ ſprachen dem Geringſten der Abenteurer einen uner⸗ meßlichen Reichthum. Nie war eine menſchliche Freude begeiſternder, als die der Mannſchaft, da das Schiff ſich der Felſenkuͤſte näherte. Die See war an dieſer Stelle eng eingeſchloſſen; das gegenſeitige Ufer er⸗ ſchien rauh und unfruchtbar, mit vorſpringenden Klippen, um welche die Wellen brandend empor ſpritzten. Doch die Augen des Schiffsvolkes waren bloß auf die„Inſel der koſtbaren Steine“ gerichtet. Sie waren ſchon mitten in der Meerenge, als die Wogen plotzlich unruhig wurdenz das Schiff bewegte ſich ſchwankend; etwas Glänzendes erſchien uͤber der Oberfläche, und zuletzt ſahen ſie deutlich die Schup⸗ pen und den Schweif einer ungeheuren Schlange. Ein plotzicher Schreck bemächtigte ſich der gan⸗ zen Mannſchaft; ſie erkannten jetzt die Wahrheit je⸗ ner, bamals allen Schiffern bekannten Sage, daß im fernſten Oſten die große Schlange des Meeres lebe, der noch kein Schiff ſich jemals ungeſtraft ge⸗ naht habe. Sie vergaßen alle Gedanken an den Dia⸗ mantenfelſen, und fielen auf die Knie, unbewußt Gebete zum Himmel ſtotternd. Ueber Allen aber er⸗ hob ſich die hohe Geſtalt des Arasmanes; wenig kummerte ihn die Schlange oder die Sage. Glück, Leben und Ruhm, Alles ſtand jetzt auf einem Wuͤr⸗ fel.„Ermanne Dich,“ ſagte er zum Steuermann, „oder wir werden auf das jenſeitige ufer geworfen. Sieh, die Inſel unerſchopflichen Reichthums glaͤnzt uns entgegen!“— Kaum hatte er dieſe Worte aus⸗ geſprochen, als mit einem fürchterlichen Geziſch die Schlange des Oſten ihr Haupt aus dem Waſſer er⸗ hob. Hoch und finſter, wie irgend eine Hohle, in der jemals Afrite wohnte, war der Abgrund ihres Rachens, und die leuchtenden und ſchrecklichen Au⸗ gen uͤberſtrahlten noch den Glanz des Diamanten⸗ felſens. t „Ich trotze Dir,“ ſagte Arasmanes, indem er ſein Schwert uͤber dem Haupte ſchwangz als plotz⸗ lich das Schiff, wie in einem Strudel ſich drehtez der kuͤhne Chaldäer wurde mit Gewalt dom Verdeck geworfen; er fuͤhlte noch, wie die Wellen uͤber ihm zuſammenſchlugen, und plotzlich entfloh ihm das Be⸗ wußtſein. Als er wieder zu ſich kam, lag Arasmanes auf dem heißen Sande, dem ufer der Diamanteninſel gegenuͤber; ueberbleibſel des Schiffes und hin und wieder die Leichen ſeiner Schiffsleute lagen um ihn her. Zu ſeinen Fuͤßen aber erblickte et, entſtellt und geſchwollen, die Geſtalt ſeiner ſchonen Azraaph, be⸗ deckt mit Seegraͤſern und Muſcheln. Und Thränen ſammelten ſich in den Augen des Chaldäers; ſeine fruͤhere Liebe fuͤr Azraaph kehrte in ihrer ganzen Stärke zuruͤck, und er warf ſich neben ihre Leiche, und riß ſich die Haare aus; die Bilder der letzten Jahre waren wie Träume aus ſeinem Gedächtniß verſchwunden, und er erinnerte ſich bloß noch an die einſame Hoͤhle und an ſeine angebetete Braut. Die Zeit verging: Azraaph lag begraben im 1 217 Sandez Arasmanes verließ das einſame Grab, und, indem er, von der Küſte ſich entfernend, in das In⸗ nere drang, ſuchte er nochmals menſchlichen Woh⸗ nungen ſich zu nähern. Er wanderte weit unter einer brennenden Sonne, und Nachts umgab er ſein Lager mit einem Kreiſe von Feuern, damit die wil⸗ den Thiere und die großen Schlangen ihn nicht an⸗ griffen; karglich und ungeſund war die Nahrung, welche nur Beeren und Wurzeln ihm darboten, die hier und da in der öden Wuͤſte ſich fanden, und unter dieſen Beſchwerden und Muͤhſeligkeiten wurde ihm die Stim⸗ me ſeines Herzens wieder hoͤrbar. Er fuhlte ſich wie fuͤr immer von allen Leidenſchaften geheilt. Der Geiz war entwichen aus ſeiner Bruſt, und es ſchien ihm, als konnte kein gemeines irdiſches Verlangen deſſen Stelle wieder einnehmen⸗ Eines Tages entdeckte er fern in der Wuͤſte ei⸗ nen glaͤnzenden Trupp Reiter— glänzend erſchienen ſie in der That, denn ſie waren mit Ruͤſtungen von Eiſen und Stahl bedeckt, und in ſchneller An⸗ naherung erſchien der Zug wie ein Strahl der leuch⸗ tenden Sonne ſelbſt. Arasmanes fuͤhlte ſeine Bruſt⸗ ſich heben, als er durch die weite Ebene die kriege⸗ riſchen Toͤne der Trompete erſchallen hoͤrte. Der Anfuͤhrer der Geſellſchaft hielt an, als er verwundert die edle, ſtolze Geſtalt und den kuhnen Blick des Chaldäers gewahrte. Er rief ſeinen Dol⸗ metſcher, und zu jener Zeit waren die Sprachen 218 des Oſten nur wenig verſchieden; ſo daß er leicht ſich mit ihm verſtändigen konnte.„Wiſſe,“ ſagte er, „daß wir in der ruhmvollſten Unternehmung begriffen ſind, die jemals durch Menſchenkinder ausgefuͤhrt wurde. Im fernſten Oſten liegt ein Land, von dem Dein Vater Dir vielleicht erzählt hat— das Land ewigen Gluͤckes und ewiger Jugend, und ſein Name iſt Eden.“ Arasmanes ſtaunte; er konnte kaum ſei⸗ nen Ohren trauen. Der Krieger fuhr fort:„Wir gehoͤren zu dem Stamm, der dem Oſten am Naͤch⸗ ſten liegt, und dieſes Land iſt deshalb ein Erbtheil, auf welches wir die meiſten Anſpruͤche haben. Meh⸗ rere junge Leute unter uns haben zu verſchiedenen Zeiten es aufſuchen wollen, doch uͤbernatuͤrliche Kraͤfte haben jedesmal den Verſuch vereitelt. Jetzt, da ich den Thron meiner Väter beſtiegen habe, will ich, dies iſt mein feſter Entſchluß, mit Gewalt der Waf⸗ fen in daſſelbe eindringen und es erobern. Sieh meine Geſellſchaft an! Sahſt Du jemals ſo kraͤftige Maͤnner, ſo vollſtaͤndig zum Angriff und zur Ver⸗ theidigung bewaffnet? Kannſt Du Dir Männer den⸗ ken, die eines ſolchen Sieges wuͤrdiger, oder ſiche⸗ rer wäͤren, ihn zu erreichen? Auch Du beſitzeſt, wie Dein Aeußeres zeigt, ungewoͤhmliche Kraͤfte— Du verdienſt einer der unſern zu ſein. Komm, ſchlage ein, und Du ſollſt bewaffnet und in Stahl gekleidet werden, und zu meiner rechten Seite reiten.“ Das Gewicher der Roſſe, das Ertonen der Mu⸗ 2¹9 ſik, die kräͤftige Stimme des Anfuͤhrers, Alles ent⸗ zundete das Blut des Arasmanes. Er dachte nicht an die Verwegenheit des Verſuchs— er dachte bloß an den Ruhm: das Ziel ſeines ganzen Strebens ſchien vor ihm zu liegen. Er nahm freudig das Anerbieten des Kriegers an; der Waffenſchmied kleidete ihn in Stahl, die Straußenfeder wehte uͤber ſeiner Stirn, und er ritt zur Rechten des kriegeri⸗ ſchen Koͤnigs. Zwoͤlftes Capitel. Di Geſellſchaft war nicht ohne Fuͤhrer, denn was Andern die Sage, das zeigte ihnen, die der auf⸗ gehenden Sonne ſo nahe wohnten, die Weisheit; und Manche von ihnen waren bereits an der Grenze von Eden geweſen und hatten die ſchwarze Wolke erblickt, die es bedeckt, und das Rauſchen der unſichtba⸗ ren Fluͤgel gehort, die uͤber ihr ſchweben. Arasma⸗ nes erzaͤhlte dem Krieger ſeine Geſchichte; ſie ſchwo⸗ ren ſich ewige Freundſchaftz und die andern Genoſ⸗ ſen betrachteten den Chaldäer als einen, von der Vor⸗ ſehung zu ihrer Hulfe abgeſchickten Mann. Denn, was ſehr ſeltſam war, kein Einziger ſchien zu fuͤrchten, daß ihr verwegenes unternehmen Gott nicht wohlgefaͤllig 220 ſein duͤrfte; ſie waren gewohnt, Blutvergießen als eine Tugend zu betrachten: konnte die Eroberung des Paradieſes durch Gewalt ihnen daher wohl als ein Verbrechen erſcheinen? Durch Einoͤden und Wuͤſten fuͤhrte ſie ihr Weg; und obgleich ihre Anzahl täglich durch Mangel an Nahrung, durch die brennenden Winde, und andere Beſchwerden abnahm, ſo ſchien dennoch ihr Muth nicht zu ſinken. Dreizehntes Capitel. Finſterniß trat wie eine hohe Mauer ihnen entge⸗ gen! Vom Himmel bis zur Erde reichte die ſchwarze Nacht, welche die Grenze des Landes Eden war. Kein Gegenſtand leuchtete durch das undurchdring⸗ liche Dunkel; kein Banner drohte von dieſen gi⸗ pfelloſen Waͤllen; kein menſchlicher Krieger verthei⸗ digte ſie; Alles wuͤrde in tiefer Ruhe begraben ge⸗ weſen ſein, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Schall wie das Brauſen eines aufgeregten Meeres ſich hatte hoͤren laſſen, und ſie wußten, daß dieſes das Rauſchen der Fluͤgel von den bewachenden Engeln ſei. Die Krieger hielten an, ſtumm und erſchrockenz ihre Augen kehrten ſich ab von der Finſterniß und 221 ſchauten in das kuͤhne Antlitz ihres Anfuhrers. Er befahl ihnen, die Naphta⸗Fackeln, welche ſie mitge⸗ bracht hatten, anzuzuͤnden, ihre Schwerter zu zie⸗ hen, und auf das gegebene Zeichen drangen Roß und Reiter ein in die Mauern der Finſterniß. Fuͤr einen Augenblick zwar glimmten die Fackeln noch in der Dunkelheit, doch bald erloͤſchten ſie; durch den ſchwarzen Nebel griff eine Rieſenhand mit einem Flammenſchwert, und wohin ſie ſich wendete, tod⸗ tete der Nachbar ſeinen Naͤchſten— der Vater ſtarb durch ſeinen Sohn— der Bruder durch den Bru⸗ der; Geſchrei und Huͤlferuf und das Getrampel der ſcheuen Roſſe drang durch die Kluft, welche in der Mauer der Finſterniß bloß durch jenes mächtige Schwert entſtanden war, als es von Glied zu Glied wuͤthete, und die Dunkelheit ſeinen Strahlen wich. Vierzehntes Capitel. Gegen Abend war Alles vorbei; nur wenige Krie⸗ ger entgingen dem allgemeinen Schickſal und lagen entkraͤftet auf dem Boden vor der Mauer der Fin⸗ ſterniß. Arasmanes war der Letzte in dem Wirr⸗ warr des Kampfes geblieben; und als er, zu Boden geworfen, unter den Sterbenden und Todten lag, 222 ſchien die Dunkelheit auf einen Augenblick zu wei⸗ chen, und er⸗that einen weiten Blick in die wunder⸗ bare Lieblichkeit Edens. Ueber Thalern, welche das unmuthigſte Gruͤn ſchmuckte, gläͤnzte ein purpurnes Sonnenlicht, heiter und unbewolkt, denn es war das Laͤcheln Gottes. und uͤberall erblickte man gluckliche Weſen, in deren Antlitz die Freuden ungetruͤbter Gluͤckſeligkeit leuchteten. Schon bei dem Anſchauen ihrer Wonne drang himmliſches Entzuͤcken in das Gemuͤth des Chaldäers, ungeachtet der Schrecken und Verwuͤſtungen dieſer Stunde. Bittend ſtreckte er ſeine Arme aus, doch fuͤr immer verſchwand das ſchoͤne Bild ſeinen Blicken. Fuͤnfzehntes Capitel. Der Koͤnig und alle Haupt⸗Anfuͤhrer waren ge⸗ blieben, und einſtimmig wurde Arasmanes zu ihrem Hauptmann erwaͤhlt. Traurig und niedergeſchlagen führte er den geringen Ueberreſt der Geſellſchaft durch die Wuͤſten nach dem Lande zuruͤck, welches ſie ſo übermuͤthig verlaſſen hatten. Dreimal wurden ſie auf dieſem Ruͤckzuge durch feindliche Stämme ange⸗ griffen, aber ihr Muth und die Klugheit des Aras⸗ manes retteten ſie aus dieſen Gefahren. Als ſie in ihrer Geburtsſtadt ankamen, hatte ſich der Bruder ihres Koͤnigs der Regierung bemächtigt. Das Heer, welches ihn haßte, erklärte ſich fuͤr den Fremden, der ihre Gefaͤhrten zuruͤckgefuͤhrt hatte. Arasmanes willigte ein; eine große Schlacht wurde gefochten, der uſurpator erſchlagen, und Arasmanes, ein neuer uſurpator, beſtieg an ſeiner Stelle den Thron. Sechzehntes Capitel. . Chaldaäͤer wurde hinfällig: die Beſchwerden, die er in der Wuͤſte ertragen, verbunden mit den Sorgen, die waͤhrend ſeines Aufenthaltes in der Stadt des Reichthums an ihm genagt hatten, lie⸗ ßen ſchnell ſeine Jugendbluͤthe hinwelken. Er war im Beſitz aller Quellen des Vergnuͤgens, zu der Zeit, wenn wir es nicht länger genießen koͤnnen. Trotz dem bemuͤhte er ſich, in ſeinem Gerichtshofe ſich zu zerſtreuen, den Jeder unzufrieden verließ, und auf ſeinen Feſten, welche die Hoͤflinge zu wenig glänzend fanden, ſo wie das Volk dagegen ſie für zu verſchwenderiſch erklaͤrte. Durch Erfahrung klug geworden, behauptete er ſeine Krone, indem er dem Heere ſchmeichelte, und von Ueberfluß umgeben, ſeine Stuͤtze in der bewaffneten Macht ſuchte: 224 An den Hof des Arasmanes kam damals ein fremder Wanderer; es war ein kleiner, alter Mann, und wenn auch von gewöhnlichem Aeußeren, doch einer der beruͤhmteſten Weiſen des Morgenlandes. Seine Unterhaltung war, obgleich meiſt melancho⸗ liſch und ernſt, dennoch ſehr anziehend fuͤr Arasma⸗ nes, der ſich oft gegen ihn uͤber die Beſchwerden der koͤniglichen Wuͤrde und uͤber die Langweiligkeit des Lebens überhaupt beklagte.„Ach, wie viel gluͤck⸗ licher,“ ſagte der Konig,„ſind Diejenigen, welche nicht ſo hoch ſtehen. Wie viel gluͤcklicher war ich ſelbſt in der Einſamkeit, als ich meine Heerden huͤ⸗ tete und der ſuͤßen Stimme meiner Azraaph horchte! Koͤnnte ich doch dieſe Tage wieder zuruͤck rufen!“ „Ich kann Dir dazu behulflich ſein, großer Koͤ⸗ nig,“ ſagte der Weiſe,„blicke in dieſen Spiegel, wenn Du wuͤnſcheſt, die Vergangenheit zuruͤckzuru⸗ fen, und jeder verlangte Zeitabſchnitt derſelben wird ſich Dir im Bilde erneuen⸗ Siebzehntes Capitel. Arasmanes war durch den Weiſen nicht getauſcht worden. Der Spiegel ſtrahlte ihm alle Scenen ſei⸗ nes fruheren Lebens zuruͤck: jetzt ſaß er, ein gluck⸗ 225 licher Knabe, zu den Füßen Chosphor's— nun trat er entzuͤckt in das Thal der Nymphe ein, bevor er noch wußte, wie bald ihre Schoͤnheit welken wuͤrde — darauf war er an der Quelle des Fluſſes, und blickte bei dem Strahl der aufgehenden Sonne in das holde Antlitz ſeiner Azraaph; jede Scene, deren Wiederholung er wuͤnſchte, erſchien treu und mit lebendigen Farben in dem magiſchen Spiegel. Um⸗ geben durch Pracht und ueberfluß, ſuchte er doch ſeinen einzigen Troſt in der Vergangenheit.„Du ſiehſt, daß ich Recht habe,“ ſagte er zu dem Frem⸗ den;„ich war in jenen Zeiten weit gluͤcklicher; warum wuͤrde ich ſonſt ſo gern in der Erinnerung ſie erneuern?“ „Weil,“ ſagte der Weiſe mit einem bittern Lä⸗ cheln,„Du, o großer Koͤnig, jeng Scenen erblickſt, ohne die Gefuhle, welche ſie damals begleiteten; Du betrachteſt die Vergangenheit mit Deinen jetzigen Empfindungen, und Alles, was damals die Gegen⸗ wart truͤbte, wurde durch die Zeit gemildert. Ur⸗ theile ſelbſt, ob ich Recht habe.“ Er hauchte nun uͤber den Spiegel und bat Aras⸗ manes, nochmals in ihn zu ſchauen. Dieſer ſah dieſelben Scenen, doch jede Täuſchung der Zeit war verſchwunden. Er war nochmals ein Knabe, aber voll unruhe und ungeduld, geplagt von tauſend klei⸗ nen Sorgen im Herzen; er war wieder an dem Fluſſe mit Azraaph, aber im Geheimen ermuͤdet Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 15 226 durch die langweilige Gleichfoͤrmigkeit dieſes Lebens; er uͤberzeugte ſich nun, daß in allen Scenen, die er fuͤr die glucklichſten in der Erinnerung hielt, er die Gegenwart nicht genoſſen habez immer hatte die Zukunft nur ſein ganzes Gemuͤth erfuͤllt und be⸗ ſchäͤftigt, ſo wie der Traum des unerreichbaren Lan⸗ des Eden.„Ach,“ ſagte er, indem er den Spiegel zertruͤmmerte,„ich war getäuſcht, und Du, o Wei⸗ ſer! haſt ſelbſt die Genuͤſſe der Erinnerung mir jetzt geraubt!“ Achtzehntes Capitel. Arasmanes vergaß nie den kurzen Blick, den er auf ſeiner verwegenen Unternehmung in den Garten von Eden gethan hatte; und da jetzt der Zauber der Ruͤckerinnerung von ihm gewichen war, ſo er⸗ neuerte ſich dafuͤr nur deſto lebhafter der Wunſch, das uneroberte Land dennoch zu erreichen. Er be⸗ fragte den Weiſen uͤber die Moͤglichkeit der Befrie⸗ digung dieſer Sehnſucht. „Es iſt Dir bloß noch ein Verſuch geſtattet,“ erwiederte der Weiſe,„und in dieſem kann ich Dir nicht nützlich ſein; aber eine Perſon, die, wenn ich zu meinen Vätern gegangen bin, Dich beſuchen wird, kann darin Dich unterſtuͤtzen.“ 227 „Kann dieſe Perſon nur nach Deinem Tode er⸗ ſcheinen?“ fragte Arasmanes. „Nur nach meinem Tode,“ antwortete der Weiſe. Dieſe Kunde verwirrte das Gemuͤth des Aras⸗ manes. Er fand allerdings nirgends ſo viel Beru⸗ higung, als in der Geſellſchaft ſeines Freundes— er war ſein einziger Troſt; aber auch der Gedanke war ihm eine druͤckende Laſt, daß er Eden(das Ziel ſeines ganzen Lebens) nur nach dem Tode dieſes Freundes beſuchen duͤrfe. Er fing jetzt an, den Wei⸗ ſen als ein Hinderniß der Erfuͤllung ſeiner innig⸗ ſten Wuͤnſche zu betrachten. Jeden Morgen erkun⸗ digte er ſich nach ſeiner Geſundheit; ſie ſchien un⸗ zerruͤttbar zu ſein. Die Wuͤnſche fuͤr ſein baldiges Ende gingen bald in ſchwarze Gedanken uͤber; und Arasmanes beſchloß zuletzt deren Ausfuͤhrung. Eines Morgens wurde der Weiſe todt in ſeinem Bette gefunden; er war auf Befehl des Koͤnigs erdroſſelt worden. Neunzehntes Capitel. An demſelben Tage, als der Koͤnig in ſeinem Rathe ſaß, hoͤrte man außerhalb der Thore einen furchtbaren Laͤrm; und aus der Menge trat plotz⸗ lich ein altes Weib, in weiße Gewaͤnder von einem 15* 228 fremden Schnitt gehuͤllt, und von abſchreckendem und zuruͤckſtoßendem Aeußern, hervor, und erſchien vor dem Koͤnige.„Sie wollten mich nicht einlaſſen, weil ich häßlich und alt bin,“ ſagte ſie mit krei⸗ ſchender und mißtoͤnender Stimme,„aber ich bin ſchon fruͤher in Koͤnigs⸗Palaͤſten geweſen.“— „Was willſt Du, Weib?“ fragte Arasmanes, und er fuͤhlte einen kalten Schauder ſein Herz durch⸗ dringen. „Ich bin die Perſon,“ erwiederte ſie,„von wel⸗ cher der Weiſe ſprach, und—c Dich allein zu ſprechen.“— Arasmanes fuͤhlte ſich, wie durch eine fremde Gewalt ergriffen, der er nicht zu widerſtehen ver⸗ mochte; er erhob ſich von ſeinem Thron, die Ver⸗ ſammlung ging im hoͤchſten Erſtaunen aus einander, und die Alte wurde allein mit dem Koͤnige gelaſſen. „Du wuͤnſcheſt, Eden, das Land des Gluͤcks und der Jugend, wieder zu ſuchen?“ fragte ſie mit grinſendem Lächeln. „Ja,“ antwortete der Koͤnig, und ſeine Stimme zitterte. „Ich will Dich dorthin fuͤhren.“ „Und wann?“ „Morgen, wenn Du willſt,“ und die Alte lachte laut. Es lag etwas in der Erſcheinung, der Stim⸗ me und den Geberden dieſes Weſens, welches dem Koͤnige ſo widerlich war, daß er es kaum ertragen konnte. In Begleitung einer ſolchen Führerin ſchien Eden ſelbſt ihm nicht mehr wuͤnſchenswerth. Ohne eine Antwort zu geben, verließ er ſchnell den Saal, und befahl den Wachen, die Alte fernerhin nicht mehr vor ihm erſcheinen zu laſſen. In der darauf folgenden Nacht war der Schlaf des Arasmanes ungewoͤhnlich feſt, und er erwachte erſt ſpaͤt am andern Morgen. Von dieſem Augen⸗ blicke an ſchien es ihm, als ſei in ſeinem Gedanken⸗ gange eine vollkommene Veraͤnderung eingetreten. Er wuͤnſchte nicht mehr, Eden aufzuſuchen; ſei es, daß die Erſcheinung der Alten ihm jetzt einen Wi⸗ derwillen dagegen eingefloͤßt; ſo viel aber war ge⸗ wiß, er fuͤhlte, daß das Verlangen ſeines ganzen Lebens ihn ploͤtzlich verlaſſen habez; und jetzt war ſein einziges Streben nur darauf gerichtet, ſo lange und vollkommen die Freuden zu genießen, die in ſei⸗ nem Bereich lagen, als es ihm moͤglich wurde. „Welcher Thor war ich doch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß ich ſo viele Jahre mit dem Wunſche verlor, die Erde zu verlaſſen! Muß ich erſt in mei⸗ nem Alter mich uͤberzeugen, wie piel Angenehmes ſie darzubieten vermag?“— „Komm, komm, komm!“— rief eine krei⸗ ſchende Stimme; und der erſchrockene Arasmanes erblickte, als er um ſich ſah, das ſchreckliche Antlitz der Alten wieder. 230 „Komm,“ ſagte ſie, mit dem Fuße ſtampfend, „ich bin bereit, Dich nach Eden zu fuͤhren.“ „Ungluͤckliche!“ erwiederte der Koͤnig mit zit⸗ ternden Lippen,„wie haſt Du meins Wachen ge⸗ täuſcht?— Aber ich will ſie Alle erdroſſeln laſſen!“— „Du haſt ſchon genug erdroſſeln laſſen,“ kreiſchte die Alte mit boshaftem Blick.—„Haſt Du nicht Deinen beſten Freund erdroſſelt?“— „Wie, willſt Du mich verhoͤhnen?“ rief der Koͤnig; und mit gezuͤcktem Schwert ſprang er auf ſie zu; der Stahl durchſchnitt die Luft; die Alte war dem Hiebe ausgewichen, in demſelben Augen⸗ blick umfaßte ſie durch eine ſchnelle Wendung den Koͤnig von hinten und druͤckte ihre langen hagern Finger in ſeine Bruſt; wie Geierkrallen drangen ſie durch das Purpurkleid, und Trasmanes ſchrie laut auf vor Entſetzen und Pein. Schnell erſchienen auf dieſes Geraͤuſch die Wachen. „Elende Wichte,“ ſagte er, und kalter Schweiß floß von ſeiner Stirnez„wollt Ihr mich hier er⸗ morden laſſen? Schlagt die Höllen⸗Hexre zu Boden; nur ihr Tod kann Euch das Leben retten!“ „Wir ſahen ſie, o Koͤnig! nicht eintreten,“ ſagte erſchrocken der Hauptmann der Wache,„doch jetzt ſoll ſie ſterben.“ Die Soldaten griffen alle zugleich die Alte an, welche, wie eine verfolgte Tigerin, grimmige Blicke auf ſie ſchoß. 231 „Ihr Thoren,“ ſagte ſie,„wißt, daß weder ſtei⸗ nerne Mauern, noch bewaffnete Maͤnner meiner Ge⸗ walt trotzen.“ Sie hoͤrten die Stimme— ſie ſahen nicht, wo⸗ her ſie kam— die Alte war verſchwunden. Zwanzigſtes Capitel. De Wunden von den Krallen dieſes ſchrecklichen Geſpenſtes in der Bruſt des Koͤnigs wollten nicht heilenz ſie machten ihm unausſtehliche Schmerzen. Vergebens war jeder Verband, und eben ſo zweck⸗ los jede Ermahnung zur Geduld. Was ihn noch mehr aufregte, als die Schmerzen, war die Belei⸗ digung, welche ihm widerfahren war— daß eine ſo abſcheuliche Creatur an der Perſon eines Koͤnigs ſich vergriffen hatte— dieſer Gedanke war nicht zu ertragen. Sonderbar aber war es, daß, je mehr Qualen der Koͤnig litt, deſto groͤßer ſeine Sucht nach irdiſchen Genuͤſſen war; das Leben ſchien ihm nie ſo reizend, als jetzt, da es ſo ſchwer auf ihm lag Seine Guͤnſtlinge, die gewohnt waren, ſeiner fruͤhern Schwaͤche zu ſchmeicheln, indem ſie uͤber die Gluͤckſeligkeit Edens und uͤber die Moͤglichkeit, in daſſelbe zu dringen, ihn unterhielten, fanden jetzt, vaß ſelbſt die Erwähnung dieſes Gegenſtandes ihren koͤniglichen Herrn raſend machte. Schon bei dem Wort: Eden, ſchaͤumte er vor Wuth— er wuͤnſchte, ja er verſuchte ſogar, ſich einzubilden, daß ein ſol⸗ cher Ort gar in der Welt nicht vorhanden ſei. Einundzwanzigſtes Capitel. Endich verſicherte ein Arzt, der mehr Vertrauen zu ſeiner Kunſt beſaß, als die uͤbrigen, den Konig, daß er die Wunde zu heilen vermoͤge. „Wiſſe, o Koͤnig,“ ſagte er,„daß der Strom Athron in dem Thal Mithra die Eigenſchaft hat, alle Kränkheiten der Konige zu heilen. Du brauchſt vloß Deine goldene Gondel zu beſteigen und zwanzig Tagereiſen den Strom hinab zu gleiten, indem Du unterwegs Myrrhen und Weihrauch opferſt, und Du wirſt vollkommen wieder hergeſtellt ſein. Lange lebe der Koͤnig!“— Zweiundzwanzigſtes Capitel. De Strom Athron ſchlich truͤbe, tief und ſtille; die Hoͤflinge, Wachen und Aerzte verſammelten ſich 2³3 an den ufern, und der Konig beſtieg ſeine goldene Gondel. Nur der Arzt, welcher ihm den Rath er⸗ theilt, begleitete ihn in dieſelbe.—„Denn,“ ſagte er,„die Gottheit des Stromes darf nicht entheiligt werden, nur fuͤr Koͤnige beſitzt er ſeine Heilkraft.“ — und der Koͤnig lag mitten in dem Fahrzeug, der Arzt aber ließ den Duft des koſtlichen Weih⸗ rauchs zum Himmel ſteigen; und die Gondel glei⸗ tete ſanft den Strom hinab, während die am ufer verſammelte Menge weinte und betete. „Taͤuſchen mich meine Augen nicht,“ ſagte der Koͤnig mit ſchwacher Stimme,„ſo ſcheint der Strom wie in einen großen See ſich auszudehnen, und die ufer verſchwinden immer mehr von beiden Seiten.“— „So iſt es,“ erwiederte der Arzt—„und ſiehſt Du jene ſchwarzen Felſen ſich uͤber die Fluth er⸗ heben?“— „Ja,“ entgegnete der Koͤnig.— „Dies iſt der Eingang zu Eden, dem Ziele Dei⸗ ner Wuͤnſche.“— „Elender Hund!“ rief der König wuͤthend,„nenne mir dieſes gehaͤſſige Wort nicht.“— Während er ſprach, verwandelte ſich plotzlich der angebliche Arzt, und an ſeiner Stelle erblickte der Konig entſetzt die ſchreckliche Alte. Die Gondel trieb fort, und die an den ufern verſammelte Menge ſah, wie die Alte den Koͤnig feſt umſchlang; ſein Ge⸗ ſchrei erſchallte uͤber den Waſſern, als die goldene 234 Gondel ſchnell durch einen finſtern Bogen in den Felſen einfuhr. Als ſie verſchwand, ſchloſſen ſich die Felſenwände wieder, aber noch hoͤrte man das furchtbare Gelaͤchter der Here, indem ſie das eine Wort nur ausſprach: Niemals!— Seit jener Stunde ſah man den Koͤnig nicht wieder. und dieſes iſt die wahre Geſchichte von Arasmanes, dem Chaldäer. Ueber Kränklichkeit und die Troſtgruͤnde dagegen. Wir beruͤckſichtigen nicht hinlaͤnglich unſeren phy⸗ ſiſchen Zuſtand als die urſache vieler unſerer mora⸗ liſchen Beziehungen— wir beobachten nicht genug unſer aͤußeres Ich— welche Veraͤnderungen brach⸗ ten in unſeren Geiſt äußere urſachen— Zufaͤlle— Krankheiten hervor!— So iſt zum Beiſpiel ein all⸗ gemeiner Zuſtand phyſiſcher Schwaͤche— gewöhn⸗ lich Kraͤnklichkeit genannt— einer der intereſſan⸗ teſten Gegenſtaͤnde, uͤber den wir moraliſche Be⸗ trachtungen anſtellen koͤnnen. Dieſe Unterſuchung iſt nicht, wie mehrere andere philoſophiſche Betrach⸗ tungen— abſtract und ſubtil;— es iſt keine ab⸗ geſchloſſene Aufgabe— ſie bezieht ſich nicht bloß auf einen Menſchen, den Kreis, der ihn umgibt, nicht beruͤckſichtigend;— ſie beſchaͤftigt ſich mit uns Allen, — denn Kraͤnklichkeit iſt ein Theil des Todes— 236 ſie iſt deren Anfang. Fruͤher oder ſpäter iſt ſie un⸗ ſer Loos auf kürzere oder längere Dauer. Einige werden allerdings plotzlich hingerafft, und die Krankheit verkuͤndet den ſchrecklichen Gaſt nicht zum Voraus;— aber ſolche Ausnahmen gehoͤren nicht in die allgemeine Regel;— und in unſe⸗ rem künſtlichen Daſein— welches vielfach verletzt wird durch die Schädlichkeiten der Gewohnheit— durch die unbekannten Krankheiten unſerer Vorfah⸗ ren— durch die verſchiedenen uebel, welchen alle Menſchen, die geiſtig oder koͤrperlich angeſtrengt ar⸗ veiten, ausgeſetzt ſind— durch die Sorgen der Ar⸗ muth— durch die Ueppigkeit des Reichthums— durch das Nagen der Leidenſchaften— werden zu⸗ letzt irgendwo die Lebensbedingungen angegriffen, und die Meiſten von uns ſind kaum durch die gol⸗ denen Thore des Lebens getreten, ſo drohen ihnen ſchon die erſten Mahnungen der phyſiſchen Vernich⸗ tung.—„Jeder Krankheitsanfall eines lebendigen Weſens iſt fuͤr uns eine Leichenpredigt, und fordert uns auf, zu ſchauen, wie der alte Todtengraͤber Zeit die Erde aufwirft, und ein Grab gräbt, welches un⸗ ſere Suͤnden und unſere Sorgen bedecken wird.“ Das Leben ſelbſt iſt nur ein langes Sterben, und während jeden Kampfes gegen die Krankheit— „werden wir uns des Grabes und der Feierlich⸗ keiten unſeres eigenen Begräbniſſes bewußt. Jeder Tag entzieht dem Tode wieder, was die Nacht, 237 da wir in ſeinem Schooße ruhten, und in ſeinen Vorzimmern ſchliefen, ihm gewaͤhrt hatte.“*) So wie Cicero ſich an die Uebel des Alters zu gewoͤhnen ſtrebte, indem er deſſen Annaͤherung be⸗ obachtete, und deſſen Leiden gegen die Vortheile abwog: ſo werden wir auch einen fortdauernden kränklichen Zuſtand beſſer ertragen, wenn wir uns der Troſtgruͤnde erinnern, die er uns darbietet. Jeder muß beobachtet haben, daß der Geiſt während einer langen Krankheit die Fähigkeit erwirbt, in ſich ſelbſt die Quelle vielfacher Genuͤſſe zu finden— „tauſend Bilder Deſſen, was einſt war“— ſo wie jene ruhige Einformigkeit, die fuͤr gewohnliche Augen ſo wenig Abwechſelung zu haben ſcheint, zu veleben. Wir werden nach und nach empfaͤnglicher fur alltägliche Eindruͤcke;— wie Einer, deſſen Au⸗ gen durch einen Feenzauber beruͤhrt werden, er⸗ oͤffnet ſich uns eine neue Welt in Dem, was An⸗ dere gar nicht beachten. Täglich machen wir neue Entdeckungen, und freuen uns uͤber unſere Fort⸗ ſchritte.— Ich erinnere mich eines meiner Freunde — eines Mannes von lebendiger Einbildungskraft— der, da er an einer Krankheit litt, welche die voll⸗ kommenſte Ruhe zur Bedingung machte,— indem er weder leſen, noch ſchreiben, auch nur ſelten ſich unterhalten durfte— eine unerſchoͤpfliche Quelle ——————— *) Jeremy Taylor ou Holy Dying. 238 der Abwechſelung in dem Marmor eines alten Ka⸗ mins fand, deſſen unregelmäßig laufende Adern ſich ihm zu ſeltſamen, mehr oder weniger deutlichen Bildern von Menſchen, Thieren, Bäumen u. ſ. w. bildeten. Er erzählte ſpaäter, daß er jeden Morgen mit einem neuen Gegenſtand vor ſeinen Augen er⸗ wacht ſei, und daß ſeine Einbildungskraft immer gleich in das neue Reich ſeiner Entdeckungen ſich gefunden habe. Dieſes Beiſpiel jener eigenthuͤm⸗ lichen Fähigkeit des Geiſtes, aus dem kleinſten Wirkungskreis, in den er beſchraͤnkt wird, ſich ein Intereſſe zu bilden, mag ſonderbar erſcheinen,— iſt aber keinesweges uͤbertrieben. Wie Viele von uns haben Stunden lang mit halb geſchloſſenen Augen die Flammen des beweglichen Feuers ver⸗ folgt— ja, ſogar die Blumen auf den Vorhaͤngen des Krankenbettes gezählt und in dieſer Beſchäfti⸗ gung ein Intereſſe gefunden?— Der Geiſt hat keine Scholle, an der er klebt; ſeine Neigungen beſchraͤnken ſich nicht auf einen Ort— er weiß uͤberall ſeine Heimath zu finden— er lebt und ge⸗ deiht in jedem Gebiete— ſei es auch noch ſo ent⸗ fernt von ſeinem gewohnten Kreiſe,— wohin der Zufall ihn verſchlagen kann. Gott bildete das menſchliche Herz ſchwach, aber elaſtiſch;— es hat die Gabe, ſelbſt Gift in Nahrungsſtoff zu verwan⸗ deln. Werden wir verbannt aus der freien Luft des Himmels— an das Krankenlager gefeſſelt— — —— 239 wird uns der freundliche umgang mit Menſchen entzogen— muͤſſen wir kämpfen mit der Gefahr und der Finſterniß— ſo koͤnnen wir doch mit unſeren eigenen Phantaſien uns umgeben, und fuh⸗ len ſelbſt unter den bitterſten Qualen phyſiſcher Leiden, daß wir, Trotz ihrer, frei ſind!— Es war mein Loos, häufigen Krankheitsanfällen ausgeſetzt zu ſein, wenn auch mein Körper kraͤftig iſt, und ich große Entbehrungen und Anſtrengungen ertragen kann. Der Grund davon iſt, daß ich mich meiſtens in London aufhalte, und erſt ſeit Kurzem habe ich mich an die dumpfe Luft und den Man⸗ gel an Bewegung, die das Leben in großen Städten mit ſich bringen, gewoͤhnen koͤnnen. Mochte ich in der eingeſchloſſenen Luft noch ſo hinfallig geworden ſein, ſobald ich die todten Mauern verließ, und die gruͤnen Bäume wieder ſah, lebte ich von Neuem auf— meine Nerven fuͤhlten ſich geſtärkt— ich war wohl und munter,— und fragte mich ſelbſt verwundert, wo meine Krankheit geblieben ſei!— Dieſen körperlichen Zuſtand hatte ich mir freiwillig und ſelbſt zugezogen, denn nichts band oder bindet mich an Städte;— ich bin unabhängig von den Menſchen, hinreichend bemittelt, und habe ſeit mei⸗ ner Jugend gelernt, allein zu leben. Weshalb be⸗ ruͤckſichtigte ich denn nicht meine Geſundheit, als das groͤßte aller irdiſchen Guͤter?— Aber iſt denn die Geſundheit wirklich das großte aller irdiſchen 240⁰ Guüter?— Soll nur der Koͤrper und deſſen Wohl uns in Anſpruch nehmenk Sind wir geſchaffen, um nur fur unſer Ich zu leben?— Duͤrfen wir irgend einen irdiſchen Vortheil zu dem Hauptzweck unſeres Daſeins machen, und „Propter vitam vivendi pordere causas?“ Ich geſtehe, daß ich nicht einſehen kann, wie die Menſchen ſich den Hoffnungen eines unſterblichen Weſens hingeben— wie ſie die alte Wahrheit von der Nichtigkeit des Lebens, von dem Vorzuge geiſtiger Genuͤſſe in Beziehung auf phyſiſche, von dem uͤberwiegenden Einfluß des Geiſtes und des gei⸗ ſtigen Strebens wiederholen, und doch die Geſund⸗ heit als unſer größtes Gut preiſen, die Ruͤckſichten für dieſen verfallenden Staub als den wichtigſten aller menſchlichen Zwecke darſtellen konnen. Die Ge⸗ ſundheit iſt allerdings ein großes Gut, deſſen Erhal⸗ tung nicht vernachlaͤſſigt werden darf;— aber es gibt noch weit heiligere Pflichten— Pflichten, die den Korper nicht beachten duͤrfen; denn wir ſollen nicht allein leben, ſondern wir ſollen auch wuͤrdig leben! Und dieſes Gebot iſt nicht ohne erhabene Vor⸗ bilder.— Wer lieſet den großen Dichter, der„von himmliſchen Dingen ſang,“ und erinnert ſich nicht, daß ſeine Handlungen ſeinem hochfliegenden Genius entſprachen— daß er„der Sonne keine Huldigung bringen konnte;“ daß er ſelbſt der Wohlthat des 241 Lichtes vollig entſagte— aber daß die Vertheidi⸗ gung der heiligen Rechte der Nationen, der edle Kampf fuͤr das Wohl der Nachwelt, ihm als eine unvermeidbare Nothwendigkeit erſchien— wes⸗ halb?— weil es eine Pflicht war!— Haben wir nicht auch unſere Pflichten— wenn auch nach einem kleineren Maaßſtabe, die eine nicht weniger edle Hingebung und Aufopferung unſerer ſelbſt erhei⸗ ſchen?— Gibt es nicht Zwecke, die wichtiger ſind, als unſer koͤrperliches Wohl, und als unſere korper⸗ liche Bequemlichkeit?— Iſt unſer erſter großer Beruf der, unſerem phyſiſchen Gedeihen zu leben? — Nein; Jeder, der ſchreibt, arbeitet, oder thätig dem Staate dient, bildet ſich ſelbſt, wenn er irgend einen Begriff von ſtaatsbuͤrgerlicher Tugend hat, Intereſſen, die nicht kauflich ſind fuͤr einen ruhige⸗ ren Blutumlauf, oder fuͤr einige Jahre, die das Le⸗ bensalter gewinnen duͤrfte. Manche von uns koͤn⸗ nen ihren Mitmenſchen weder durch Vermogen, noch durch Macht oder durch Einfluß Opfer darbringen; — aber Jeder von uns,— der Reiche, der Arme, der Hohe und der Geringe— hat uͤber ein Gut zu verfuͤgen— er kann ſich ſelbſt aufopfern!— Aus dieſen Gruͤnden geſchah es, daß ich in jener Zeit meine Geſundheit weniger beruckſichtigte;— ein Gut, welches allerdings nicht gering geſchätzt werden darf, das aber durch ein, den menſchlichen Wirkungskreiſen ſich entziehendes, unthaͤtiges, zweck⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 16 242 loſes Daſein zu theuer erkauft ſein wuͤrde, und in⸗ dem ich das uebel, welches ich(jedoch irrthuͤmlich) für unheilbar hielt, erduldete, gab ich mir Muͤhe, mit deſſen Nothwendigkeit mich zu verſohnen. Es ſcheint mir nun nach meinen Erfahrungen, daß, wenn das Nervenſyſtem ſchwaͤcher wird, die Theilnahme fuͤr unſere Mitgeſchöͤpfe zunimmt— jene ueberfuͤlle der Kraft, die meiſtens eine unver⸗ wuͤſtbare Geſundheit begleitet, iſt nicht geeignet, die Schwaͤchen Anderer nachſichtig zu beurtheilen. Wie kann ſie mit Dem ſympathiſiren, was ihr gänzlich unbekannt iſt?— Wir finden ſelten, daß Menſchen von großer phyſiſcher Kraft und Geſundheit ein ſehr feines Gefuͤhl beſitzen; ihre Humanität und Freund⸗ lichkeit ſind großen Theils abhängig von ihrem Wohlbefinden— ihre beſten Eigenſchaften ſind oft nur die Folgen ihrer guten Laune. Die feinere und ſchwaͤchlichere Körperbildung des weiblichen Ge⸗ ſchlechts macht deſſen Herzen empfaͤnglicher fur je⸗ des edle Gefuͤhl, und eben ſo wird in unſerem Ge⸗ ſchlecht oft Das, was die Rerven ſchwächt, die In⸗ nigkeit des Gefuͤhls erhoͤhen. und dieſes iſt auch in der That die urſache jener groͤßeren Hinneigung zum Mitleiden, zur Barmherzigkeit, zur Freundſchaft in unſeren ſpätern Tagen, wie Bolingbroke es ſo ruhrend auszuſprechen weiß. Das Bewußtſein einer unerſchuͤtterten Geſundheit und gereiften Stärke treibt uns fort auf der Bahn jener ſelbſtſuͤchtigen Genuͤſſe, 24³ uͤber die zu gebieten wir einen gewiſſen Stolz fuͤh⸗ len. Die Leidenſchaften unſeres Geiſtes werden oft durch das Maß unſerer Krafte unterſtuͤtzt, und ſau⸗ gen ihre Nahrung aus denſelben Quellen, welche den Schlag des Herzens ſtärken, und unſere Schritte feſt machen auf der Erde. Wenn aber der Koͤrper ſchwach wird, und den Wettkampf der Stärke auf⸗ geben muß, ſo kehrt der Geiſt nach und nach wie⸗ der in ſich ſelbſt zuruͤck— er gibt den Kampf mit den Leidenſchaften auf, der von ſeinem Intereſſe ver⸗ liert— geiſtige Beſchaͤftigungen ſprechen uns mehr an, und indem wir uns nicht länger ſelbſt eine Welt ſein können, bildet ſich die ſuße Gewohnheit aus, unſere Neigungen Anderen zuzuwenden; die Bande, welche unſere Herzen mit andern verknuͤpfen, werden uns fuͤhlbarer, und jeder Beweis von der Liebe An⸗ derer laͤßt uns die Liebe ſelbſt hoͤher ſchatzen. Es iſt daher einer der Troſtgruͤnde gegen die Kraͤnklich⸗ keit, daß wir empfaͤnglicher ſind fur alle weicheren Gefuͤhle, und daß die Anhänglichkeit unſerer Freunde uns inniger beglůckt. Wenn wir dabei, je mehr der Koͤrper den Genuͤſſen der Außenwelt entſagen lernt, geiſtigeren Beſchaͤftigungen uns mehr zuwenden, ſo eroffnen ſich uns neue Quellen des Vergnuͤgens. Die Buͤcher haben dann eine vertraulichere Sprache fuͤr uns, und ihr Anblick iſt uns ſo erfreulich, als das Geſicht eines theuern Freundes und Troͤſters. Viel⸗ leicht kennt kein Epikuräer, der den eitlen Vergnuͤ⸗ 16* 244 1 gungen der Welt nachjagt, den ſeligen Zuſtand, mit dem wir uns in unſerem einſamen Studirzimmer mit der Weisheit, der Poeſie und der Romantik fruͤherer Jahrhunderte umgeben, und durch die Sy⸗ bille menſchlichen Wiſſens in das Elyſium abgeſchie⸗ dener Geiſter eingefuͤhrt werden. Der Schmerz oder die Leiden, welche uns von Zeit zu Zeit an unſer irdiſches Ich erinnern, veran⸗ laſſen wohl kaum haͤufigere und beunruhigendere Un⸗ terbrechungen, als die Raſtloſigkeit und die heftigen Leidenſchaften einer kraͤftigen Geſundheit. Wir be⸗ gnuͤgen uns mit der Ruhe,— und dieſe Ruhe be⸗ gluͤckt uns mit ſuͤßen und entzuͤckenden Traumen. Noch ein anderer Vortheil begleitet gewoͤhnlich die Kraͤnklichkeit.— Wir leben weniger fuͤr die Welt— wir dehnen den Kreis unſerer Bekannt⸗ ſchaften nicht aus in den zerſtreuenden Wirbel der gewoͤhnlichen Geſellſchaft— wir ſind deshalb weni⸗ ger ſtoͤrenden Unterbrechungen ausgeſetzt, und allen jenen Demuͤthigungen und Qualen des Geiſtes, wel⸗ che Diejenigen ertragen muͤſſen, die liebloſem Ge⸗ ſchwaͤtz und geſchminktem Prunk ſich hingeben. Alle dieſe eiteln Schaugerichte werden richtig gewuͤrdigt, ſo bald wir gelernt haben, in unſer eigenes Innere zu ſchauen. Auch fugt ſich das Herz, welches ruhi⸗ ger zu ſchlagen gewohnt wurde, durch Leiden leich⸗ ter in die gemaͤßigte Stimmung, welche die Philo⸗ ſophie erfordert. So kann uns die Kränklichkeit 245 manche Irrthuͤmer und manche Reue erſparen, und uns abhalten,„eiteln Schatten nachzulaufen.“— Plato zog ſich in ſeine Hoͤhle zuruͤck, um weiſe zu werden; die Krankheit mit ihrer Ruhe, Finſterniß und Einſamkeit iſt oft eine moraliſche Hoͤhle fuͤr den Geiſt. Auch lernt, wer die Hinfaͤlligkeit des Lebens kennen gelernt hat, deſſen Werth beſſer wuͤrdigen. Er gewoͤhnt ſich daran, dem Tode mit einem ruhi⸗ gen Auge entgegen zu ſehen, und die Gewohnheit*) begabt ihn mit einer groͤßeren Kraft, als die Stoi⸗ ver der Halle. Auch iſt die durch augenblickliche phy⸗ ſiſche Aufregungen ungetruͤbte heitere Ruhe jener nie erſchuͤtterten Geſundheit unbekannt, welche des er⸗ erbten Schatzes, weil ſie durch Vergleichungen deſ⸗ ſen Werth nicht kennen lernt, ſich nicht ſo ſehr be⸗ wußt wird. Wie entzuͤckend ſind die erſten Schritte zur Wiedergeneſung— die erſte Wiederkehr der ver⸗ lornen Kraͤfte!— Wenn die weiſe Einfachheit des Heſiodus die berauſchende Freude eines Bräutigams, da er den erſten umarmungen ſeiner Geliebten ent⸗ gegen eilt, ſchildern will, ſo kann er ſie bloß mit dem Entzuͤcken eines von einer ſchmerzhaften Krank⸗ heit Geneſenden, oder den Ketten eines Gefängniſ⸗ *) Exilia, tormenta, bella, morbos, naufragia, medi- tare, ut nullo sis malo, Tyro.— Senec. Epist. 246 ſes Entronnenen vergleichen*). Die Befreiung vom Schmerz iſt die hoͤchſte Wonne. Mit welcher Dank⸗ barkeit begruͤßen wir die Geneſung— das erſte Ent⸗ knospen des neuen Frühlings, den wir wieder erle⸗ ben!— Wenn aber auch unſere Krankheit jene ge⸗ ſegnete Wiedergeburt nicht geſtattet, ſo hat ſie doch ihre Erleichterungen und weniger qualvollen Augen⸗ blicke— Augenblicke, in denen der Geiſt ſich zum Himmel erhebt, wie die Lerche, ſingend und jubelnd ihre Flugel badend in der reineren Luft. Wir kön⸗ nen uns daher eines ruhigen Zuſtandes, und doch dabei jener Entzuͤckungen erfreuen, welche die Ein⸗ foͤrmigkeit manches mehr beneideten Lebens weit uͤber⸗ wiegen. Ich glaube jedoch, daß die größte Entſchä⸗ digung, welche die Kraͤnklichkeit des Koͤrpers, wenn wir ſie moraliſch richtig auffaſſen, darbietet, darin beſteht, daß der Geiſt, der Betrachtung anheim ge⸗ geben, dem Hoheren und Unſterblichen ſich mehr zu⸗ wendet, als dem Sinnlichen und Irdiſchen. So wie die Aſtronomie zuerſt unter den chaldäiſchen Schaͤ⸗ fern ausgebildet wurde, die auf jenen weiten und ebenern Flaͤchen ihre Aufmerkſamkeit ungetheilt den Geſtirnen zuwenden konnten;— ſo richten wir auch in den Stunden der Krankheit, in denen irdiſche Angelegenheiten uns weniger in Anſpruch nehmen, unſere Gedanken und Betrachtungen, zu denen uns *) Hes. Scut. Herc. 42. 247 mehr Zeit vergönnt iſt, zu den Sternen, und werden halb unbewußt vertraut mit den himmliſchen Dingen. Indem alſo, wie ich bemerkt habe, unſere Nei⸗ gungen fuͤr zartere und feinere Eindruͤcke empfäng⸗ lich ſind, bildet ſich auch unſer Geiſt edler, und unſere Wuͤnſche richten ſich nach einem hoͤheren Ziel. Wir ſehen ein, wie einer unſerer erhabenſten Mo⸗ raliſten ſagt, daß„die Erde ein Hospital, nicht ein Gaſthaus iſt— eine Wohnung, in der wir nicht leben, ſondern in der wir ſterben ſollen.“— unſer Daſein wird zu einer großen Vorberei⸗ tung fuͤr den Tod, und der innere Mahner ſpricht fortwaͤhrend, aber mit ſuͤßer und lockender Stimme zu uns. Dieſes ſind die Gedanken, mit denen die Stun⸗ den der Krankheit mich lehrten, das zu betrachten, was in den Augen der Menge eines der groͤßten Leiden iſt!— Es iſt vielleicht ein Troſt fuͤr Die⸗ jenigen, welche mehr erduldet haben, als ich, zu fuͤhlen, daß durch das Aufbieten geiſtiger Kraͤfte die Hinfaͤlligkeit des Koͤrpers uns gute Zwecke und frohe Hoffnungen darbieten kann, und daß die Finſterniß nur, wenn wir ſie nicht unterſuchen— uns Ge⸗ ſpenſter erſcheinen laßt, und uns mit Furcht und Schrecken erfuͤllt. Das Schuldgefangenen-Geſetz⸗ Dae unmittelbare Intereſſe, welches unſere Geſetz⸗ gebung mit dem beſtehenden Schuldgefangenen⸗Ge⸗ ſetz und deſſen wahrſcheinlicher Reform verknuͤpft, veranlaßt mich, die folgende Geſchichte mitzutheilen. Es lebte einmal zu Hamburg ein Kaufmann, Namens Meyer— es war ein guter, kleiner Mann, mildthaͤtig gegen die Armen, gaſtfrei gegen ſeine Freunde, und ſo reich, daß er allgemein, trotz ſei⸗ nes guten Herzens, geachtet wurde. Zu dem Theil ſeines Eigenthums, der in Anderer Haͤnden ſich be⸗ fand, und den man„Schulden“ nennt, gehoͤrte auch die Summe von 500 Pfund Sterling, die er dem Capitain eines engliſchen Schiffes geliehen hatte. Die Schuld war ſchon ſo alt, daß der wuͤrdige Meyer auf eine anderweitige Unterbringung dieſes Capitals bedacht zu werden anfing. Er beſchloß da⸗ ————— 249 her, einen Ausflug nach Portsmouth zu machen,— in welcher Stadt damals der Capitain Jones ſich aufhielt— und ſich jene Freiheit zu nehmen, die meiner Anſicht nach in einem freien Lande nie geſtattet ſein ſollte— naͤmlich die Freiheit, ſein Geld zu verlangen. Unſer wuͤrdiger Kaufmann kam an einem ſcho⸗ nen Morgen zu Portsmouth anz er war zwar in jener Stadt, aber nicht gaͤnzlich mit der engliſchen Sprache unbekannt. Er verlor keine Zeit, um den Capitain Jones aufzuſuchen. „und was“— ſagte er zu einem Manne, den er bat, ihn nach dem Hauſe des Capitains zu fuͤh⸗ ren,—„was iſt das da fuͤr ein ſchoͤnes Schiff?“— „Es iſt der Royal Sally,“— erwiederte Jener —„nach Kalkutta beſtimmt— ſegelt morgen ab; aber hier iſt Capitain Jones Wohnung;— er wird Ihnen daruͤber ſagen koͤnnen, was Sie wiſſen wol⸗ len.“— Der Kaufmann verveugte ſich, und klopfte an die Thuͤre eines aus rothen Ziegelſteinen gebauten Hauſes,— mit gruͤner Thuͤre— einem metallenen Klopfer.— Capitain Gregory Jones war ein ſchlan⸗ ker, großer Mann; er trug eine blaue Jacke, hatte hervorſtehende Backenknochen, kleine Augen, und ſein ganzes Benehmen ließ in ihm einen derben, geraden Seemann erkennen. Capitain Gregory Jones ſchien etwas verlegen uͤber den Beſuch ſeines Freundes— er bat ihn um 25⁰ eine etwas laͤngere Friſt. Der Kaufmann machte ein ernſthaftes Geſicht— drei Jahre waren bereits verfloſ⸗ ſen. Der Capitain ſuchte Aufſchub zu erlangen,— der Kaufmann drängte;— der Capitain wurde empfindlich — der Kaufmann ebenfalls, und fing an zu drohen. Plotzlich veraͤnderte Capitain Jones ſein Benehmen— er bat um Entſchuldigung, ſagte, er koͤnne das Geld leicht verſchaffen, erſuchte den Kaufmann, in ſein Gaſt⸗ haus zuruͤckzugehen, und verſprach, im Laufe des Tages zu ihm zu kommen. Herr Meyer ging nach Hauſe, und beſtellte ein gutes Mittageſſen. Die Zeit verging— ſein Freund kam nicht. Meyer wurde ungeduldig. Er hatte eben ſeinen Hut aufge⸗ ſetzt, und wollte ausgehen, als der Kellner die Thuͤre öoͤffnete und zwei Herren anmeldete. „Ah, da kommt das Geld,“— dachte Herr Meyer. Die Herren traten ein,— der groͤßte von ihnen zog ein Papier hervor, welches Meyer fuͤr eine Quittung hielt.—„Ah, gut— ich werde gleich unterzeichnen!“— „Das iſt nicht noͤthig, mein Herr.— Sie wer⸗ den die Guͤte haben, uns zu begleiten. Dieſes iſt ein Schuldbefehl, mein Herr;— mein Haus iſt ſehr gut eingerichtet— die vornehmſten Perſonen wohnen bei mir— auch iſt es billig,— nur eine Guinee täglich— unter Weinen haben Sie die Wahl.“— „Ich— verſtehe nicht“— ſagte der Kaufmann, 251 ſeltſam lächelnd—„es gefaͤllt mir hier ſehr gut, mein Herr— ich danke Ihnen.“— „Kommen Sie— kommen Sie“— ſagte der andere Herr, der jetzt zum erſtenmale ſprach,— „keine umſtände, mein Herr— Sie ſind unſer Gefangener— dieſes iſt eine Buͤrgſchaft fuͤr die Summe von 10,000 Pfund Sterling, welche Sie dem Capitain Gregory Jones ſchuldig ſind.“— Der Kaufmann gerieth außer ſich— aber es ver⸗ hielt ſich ſo.— Capitain Gregory Jones, der Herrn Meyer 500 Pfund ſchuldig war, hatte Herrn Mayer wegen 10,000 Pfund, verhaften laſſen; denn, wie Je⸗ dermann weiß, ſo kann uns Jeder verhaften laſſen, der gewiſſenlos genug iſt, zu ſchwoͤren, daß wir ihm Geld ſchuldig ſind.— Wo ſollte Herr Meyer in einer fremden Stadt einen Buͤrgen finden?— Herr Meyer mußte mit in das Gefaͤngniß. „Das iſt eine eigene Art, Jemand ſein Geld zu bezahlen!“— ſagte Herr Meyer. um ſich die Zeit zu vertreiben, machte unſer Kauf⸗ mann, der ſehr geſellig war, Bekanntſchaft mit einigen ſeiner Mitgefangenen:—„Weshalb ſind Sie im Gefaͤngniß?“— fragte er einen großen Mann, der ein ſehr anſtändiges Aeußere hatte—„wegen wel⸗ ches Verbrechens?“— „Ich, Herr, wegen eines Verbrechens?“— er⸗ wiederte der Gefangene—„ich wollte nach Liver⸗ pool reiſen, um bei der Wahl meine Stimme zu 252 geben, als ein Freund des Candidaten der Gegen⸗ partei mich plotzlich wegen einer angeblichen Schuld von 3000 Pfund verhaften ließ. Die Wahl wird vorüber ſein, bevor ich einen Buͤrgen geſtellt habe.“ „O was erzählen Sie mir da?— Sie wurden verhaftet, weil Sie Ihren Beruf als Wähler ehrlich erfullen wollten?— Iſt das Gerechtigkeit?“ „Gerechtigkeit?— nein“— rief Jener—„es iſt das Schuldgeſetz.“— „und weshalb ſind Sie im Gefängniß?“— fragte der Kaufmann mitleidig ein mageres leichen⸗ aͤhnli⸗ ches Geſchöpf, das ab und zu ein Schnupftuch an vereits ganz roth geweinte Augen brachtle. „Ein Rechts⸗Anwalt verſprach einem meiner Freunde, einen Wechſel zu discontiren, wenn er ei⸗ nige unterſchriften erhalten könne.— Ich indoſſirte. — Der Wechſel wurde fällig, am naͤchſten Tage ließ der Anwalt Alle, die unterzeichnet hatten, ver⸗ haften; es waren unſerer acht; das Geſetz ſpricht ihm von Jedem zwei Guineen zu;— das ſind 16 Guineen fur den Anwalt, mein Herr— aber ach!— meine Familie wird verhungern, bevor ich wieder frei bin.— O, Herr! es gibt eine gewiſſe Klaſſe von Menſchen, welche man discontirende Anwalte nennt, und die davon leben, daß ſie uns arme Leute in die Falle locken und verhaften laſſen!“— „Mein Gott!— aber iſt das Gerechtigkeit?“ 253 „Ach, nein, mein Herr— es iſt das Schuld⸗ Geſetz⸗— „Aber,“ ſagte der Kaufmann, indem er ſich jetzt an einen Advokaten wendete, den der Teufel ver⸗ laſſen hatte, und der nun mit ſeinen Schlachtopfern daſſelbe Schickſal theilte—„man ſagte mir, in England halte man einen Mann ſo lange fuͤr un⸗ ſchuldig, bis ſeine Schuld bewieſen ſei;— aber ich bin jetzt hier, weil ein verwuͤnſchter Seemann, der mir 500 Pfund ſchuldig iſt, geſchworen hat, ich wäre ihm 10,000 Pfund ſchuldig;— ich vin bloß auf den Eid dieſes Schurken, hier im Gefaͤngniß. Heißt das Jemand ſo lange fuͤr unſchuldig halten, bis ſeine Schuld bewieſen iſt?“— „Mein Herr,“— ſagte der Advokat—„Sie denken an Criminalfälle; aber wenn ein Mann ſo ungluͤcklich iſt, Schulden zu machen, ſo iſt das etwas ganz Anderes— wir ſind ſtrenger gegen die Ar⸗ muth, als gegen das Verbrechen!“— „Aber, mein Gott!— iſt das Gerechtigkeit?“ „Gerechtigkeit;— ei was!— Es iſt das Schuld⸗ Geſetz—“ ſagte der Advokat. Der Kaufmann wurde freigelaſſenz Niemand bewies, daß er etwas ſchuldig ſei.— Er wendete ſich an die Behorde, trug ſeine Sache vor, verlangte Gerechtigkeit gegen den Capitain Jones. „Capitain Jones?“— ſagte der Beamte, eine 254 2 Priſe nehmend.—„Sie meinen den Capitain Gre⸗ gory Jones?“— „Ja— allerdings!“ „Er iſt geſtern nach Kalkutta abgeſegelt. Er be⸗ fehligt den Royal Sally.— Er hat offenbar dieſe Schuld gegen Sie beſchworen, um vor Ihrer For⸗ derung Ruhe zu haben, und Ihnen den Mund zu 1 ſtopfen, bis Sie ihm nichts mehr anhaben konnten. Es iſt ein ſchlauer Burſche, der Gregory Jones!“ „Aber, den Teufel, Herr!— gibt es denn keine Huͤlfe dagegen?“ „Huͤlfe?— o ja— eine Klage wegen Meineid.“. „Aber was hilft mir das?— Sie ſagen, er iſt fort,— und ſo weit— nach Kalkutta.“ „Da wird freilich Ihre Klage nicht viel helfen. E „und kann ich nicht zu meinem Gelde kommen?“ „Richt, daß ich wüßte.“ „und ich bin ſtatt ſeiner verhaftet worden?“ „Ja wohl.“ „Mein Herr— iſt das aber Gerechtigkeit?“ „Das weiß ich nicht, mein Herr Meyer— aber 1 es iſt das Schuld⸗Geſetz“— erwiederte der Be⸗ amte, und entließ den Kaufmann. * Die ueberſaͤttigung. De Moraliſten haben Unrecht, wenn ſie die Ueber⸗ fättigung ohne Ausnahme tadeln, und den Ueber⸗ ſaͤttigten Vorwuͤrfe machen. Es gibt eine Art von ueberſättigung, die der Weisheit forderlich iſt. Wenn das Vergnuͤgen Ekel erregt, ſo beginnt die Philoſophie. Ich zweifle, ob Jemand ſich eine voll⸗ ſtändige Weltkenntniß erwerben kann, wenn nicht die Reize und Lockungen des Lebens ihm bekannt ge⸗ worden ſind. Nicht der Zuſchauer des Lebens, ſon⸗ dern der ſelbſt Handelnde erwirbt ſich Erfahrung. Nicht in Folge der Beobachtung der Schickſale An⸗ derer, ſondern durch die Erinnerung ſeiner eigenen ver⸗ anlaßt, ſagte der Weiſeſte der Sterblichen:—„Alles iſt eitel.“— Eine wahre und praktiſche Philoſophie, nicht die der Buͤcher bloß, ſondern die der Menſchen, wird durch die Leidenſchaften eben ſo wohl, als durch den Verſtand erworben. An den Tempel der Wiſſenſchaft gränzt ſowohl der Garten, als auch die 256 Wuͤſte— und aus den Roſenblättern, die in unſe⸗ rer Hand verwelkten, wird ein heilender Balſam bereitet. Ein gewiſſes Gefuͤhl der ueberſaͤttigung, der Eitelkeit menſchlicher Genuͤſſe, des labor ineptiarum, der Nichtigkeit des gewoͤhnlichen Treibens, bildet oft die beſte Vorbereitung zu jener nuͤchternen, aber erhabenen Anſicht der Zwecke des Lebens, welche die Philoſophie iſt. So wie Viele das Krankenlager ge⸗ ſegnet haben, auf dem ſie Muße hatten, ihr fruͤhe⸗ res Daſein zu uͤberblicken, und eine verbeſſerte Karte fuͤr ihre fernere Reiſe zu entwerfen— ſo gibt es auch eine gewiſſe Krankheit des Geiſtes, in der die Erſchoͤpfung ſelbſt wohlthaͤtig wirkt, und aus den Leiden und der Langenweile bildet ſich die Saat fuͤr unſere moraliſche Wiedergeburt. Vieles, was in der Moral weniger einſeitig iſt, vieles Zarte und Tiefe in der Poeſie kam aus einem uͤberſaͤttigten Geiſte. Die Enttäuſchungen eines warmen und be⸗ geiſterten Herzens ſind ſehr belehrend. So wie die erſten Bekehrten des Chriſtenthums unter den Un⸗ glͤcklichen und Irrenden waren— ſo ſind vielleicht diejenigen Menſchen, welche am meiſten die Irrwege der menſchlichen Natur kennen gelernt haben, auch fur ein geiſtiges Streben mehr vorbereitet. Gegen den einen Fauſt, der den boͤſen Feind zum Gefaͤhrten waͤhlte, finden ſich Tauſende, mit Engeln Um⸗ Jang haben. 257 Je civiliſirter, je verfeinerter die Zeit iſt, in der wir leben, deſto leichter koͤnnen wir uͤberſaͤttigt werden— „Den Ueberdruß an Allem, Was wir fuͤhlen, hoͤren, ſehn.“— Das gewoͤhnliche Treiben, jene Beſchaͤftigung mit dem Nichtigen, jene bequeme unthaͤtigkeit, die Aller Loos iſt, welche, von vornehmer Geburt und reich, keinen andern Beruf haben, als nach ihren Neigun⸗ gen zu leben, bewirken dieſelbe koͤnigliche unzufrie⸗ denheit, welche einſt das Attribut eines Koͤnigs war. In einem freien und reichen Lande ſind alle Reiche und Unabhaͤngige wie Koͤnige. Wir haben dieſelbe glaͤnzende Einfoͤrmigkeit, daſſelbe ſich ſtets wieder⸗ holende Prunkſchauſpiel, uͤber welche an den Hoͤfen ſo haͤufig geklagt wird. Die ganze Geſellſchaft iſt jetzt zu einem Hofe geworden, und wir bringen un⸗ ſer Leben ſo zu, wie Frau von Maintenon, indem wir Diejenigen uns zu unterhalten bemuͤhen, welche nicht unterhalten werden koͤnnen, oder indem wir wie Ludwig XIV. uns durch Die wollen unterhalten laſſen, die uns nicht unterhalten koͤnnen. ueberſät⸗ tigung iſt daher der gewöhnliche und allgemeine Fluch des unbeſchaͤftigten Theils eines hoch⸗ civili⸗ ſirten Landes. Auch entſprechen ſich die ungleichhei⸗ ten des Lebens oft in ihren Erſcheinungen. Werden die an dem einen Extrem von dem Vergnuͤgen aus⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 17 geſchloſſen, ſo ſind die an dem andern deſſelben un⸗ fähig. Die Nebel lagern ſich dumpf und dick an— dem Fuße des Berges, aber die Luft in der Hoͤhe wird zuletzt zu fein zum Einathmen. Die Armen leiden nicht weniger an ueberſätti⸗ gung, als die Reichen— an der Ueberſaͤttigung der Arbeit und an der Ueberzeugung von deren Hoff⸗ nungsloſigkeit.—„Denken Sie ſich“— ſo ſchrieb einſt ein Handwerker an mich—„einen Mann, der es fuͤhlt, daß er fur etwas Beſſeres geboren wurde, als zu arbeiten und zu ſterben, den der Fluch einer unausloͤſchlichen Sehnſucht nach Kennt⸗ niſſen begleitet, waͤhrend er verurtheilt iſt, ſein Le⸗ ben von Jahr zu Jahr in Sklavenarbeit zuzubrin⸗ gen, um der Nothwendigkeit dieſer Stlavenarbeit ſich zu entheben, und Zeit fur die Vervollkommnung ſeines Geiſtes und Herzens zu gewinnen— denken Sie ſich einen ſolchen Mann, mit dieſem Drange und Streben, deſſen Anſtrengungen aber alle ver⸗ geblich ſind, indem er ſich uͤberzeugt, daß das Aeu⸗ ßerſte, was er thun kann, iſt, fuͤr den Tag zu ſorgen, und ſo von einem Tage zum andern ſich durchzukämpfen. Mit welchem Erfolg kann er die Nacht fuͤr ſeine geiſtige Ausbildung benutzen? Kaum giebt er ſich einen Augenblick den Wundern der Kenntniſſe hin, die zum erſtenmale ſich ihm darbie⸗ ten, als die Stimme ſeiner Kinder ihn ſtoͤrt, und ihn erinnert an die irdiſchen Sorgen,— an die 259 unbezahlte Rechnung— an die auf das Arbeitslohn am Samſtag faͤlligen Forderungen. O, mein Herr, Niemand kann ſich vorſtellen, wie groß in ſolchen Augenblicken unſer Lebensuͤberdruß iſt, wie nieder⸗ gedruͤckt und matt wir uns fuͤhlen;— die unter⸗ haltung ſowohl, als die Wiſſenſchaft werden uns dann widerwaͤrtig— wir ſinken zu Boden unter der Laſt, die uns auferlegt wurde— wir ſind der Sonne ſo uͤberdruͤſſig, wie der groͤßte Muͤßiggaͤnger im Lande— wir theilen ſein Vorrecht der Ueber⸗ ſättigung, und ſehnen uns nach der Ruhe in dem gruͤnen Bett, in welchem unſere Vorfahren ſchlafen, und wo wir fuͤr immer befreit ſind von jenen un⸗ aufhorlich drängenden Sorgen.“— Dieſen Brief hatte ein Dichter geſchrieben— wir wollen wuͤnſchen, daß nicht viele ſeines Stan⸗ des mit ihm zu einem Loos verurtheilt ſein moͤgen, welches ſo wenig ihrem geiſtlichen Streben zuſagt. Je mehr aber die Wiſſenſchaften ihre Kreiſe erwei⸗ tern, deſto mehr wird auch die Anzahl ihrer Juͤn⸗ ger zunehmen, und wenn unſer ſozielles Syſtem immer daſſelbe bleibt, ſo zweifle ich, ob die Sehn⸗ ſucht nach dem Wiſſen, welche zugleich die Sehn⸗ ſucht nach Ruhe und Muße iſt, fuͤr Jene ein Heil ſein wird, die fortwährend zu arbeiten verurtheilt ſind. Die ueberſättigung der Reichen findet jedoch ihre Heilmittel in Dem, was gerade der Fluch der Ar⸗ muth iſt. Ihre Ueberſaͤttigung entſteht durch Muͤßig⸗ 17* 260 gang, und ſie wird geheilt durch Thaͤtigkeit. Bei ihnen iſt die ueberſättigung gewöhnlich die Folge einer lebhaften Einbildungskraft und eines tragen Geiſtes. Sie beſchaͤftigen ſich mit Kleinigkeiten, an denen ihre Gefuͤhle zuletzt kein Intereſſe mehr zu nehmen vermoͤgen. Nicht die Frivolen leiden an Ueberſaͤttigung, ſondern eine beſſere Klaſſe von Gei⸗ ſtern, deren Loos es iſt, keine andere als frivole Beſchaͤftigungen zu haben. Die Verfaſſer der fran⸗ zoͤſiſchen Memoiren, die ſo vieles Talent in einer Welt von Armſeeligkeiten vergeuden, bieten das tra rigſte Bild der Ueberſaͤttigung dar, und ent⸗ wickeln uns die duͤſterſten Lehren der Apathie, die oft ihre Folge wird. Die Blumen des Herzens verwelken. Madame d Epinay hat dieſes kurz und ſchoͤn ausgedruckt;„Le coeur se blase, les ressorts 8e brisent, et l'on finit, je crois, par n'etre plus sensible à rien.“— D, wie ſchrecklich iſt jene Verzweiflung des Ge⸗ muͤths, jene Erſchoͤpfung aller Gefuͤhle, jene hoff⸗ nungsloſe Gleichgultigkeit gegen Alles.— „Von dieſer Holle Qualen weiß „Nur, wer ſie kennt.“— Den ganzen langen Tag keinen Gegenſtand zu finden, der intereſſiren, kein Vergnuͤgen, das un⸗ terhaltung gewaͤhren kann, mit einem ſtets nach Aufregungen ſich ſehnenden Herzen, um die tödtliche 261 Langeweile und innere Leere zu beſchwichtigen— ein Feind der Zeit zu werden— alle Sekunden ihres Ganges zu zahlen— ihr Gefangener zu ſein — nur vom Tode Befreiung hoffen zu duͤrfen— zu einer Maſchine ſich erniedrigt zu fühlen, ohne eigenen Willen und ohne innere Kraft, die jeden Tag aufgezogen wird— Weſen eines Traumes, in dem wir unwillkuͤhrlich handeln— unſern beſſern Theil gebunden und eingezwaͤngt fühlend und unſere Thätigkeit einer Macht zu widmen genoͤthigt, die uns zu Dienſten mißbraucht, welche weder Zweck noch Erfolg haben— muͤßig und doch keiner Ruhe genießend:— moͤge doch kein glucklicheres Weſen jemals einen ſolchen Zuſtand beneiden!— Gewoͤhnlich uͤberfällt uns dieſe Ueberſaͤttigung, wenn plotzlich in den Leidenſchaften eine Pauſe ein⸗ getreten iſt. Der Sturmwind hat ſich gelegt, und das Blatt, welches er empor wirbelte, ruht jetzt im Staube. Es iſt das verfehlte Ziel getaͤuſchter Liebe oder erfolgloſen Ehrgeizes. Wer ſtellte jemals die Liebe dar, wenn ſie die Unwuͤrdigkeit ihres Ge⸗ genſtandes entdeckt, und ſich traurig in ſich ſelbſt zuruͤckzieht, und malte nicht zugleich den darauf folgenden Lebensuͤberdruß, die Leere und Langeweile, welche uns plotzlich in allen Verhaͤltniſſen des Da⸗ ſeins entgegen tritt?— So auch mit dem Ehrgeiz — die Abdankung eines Staatsmannes vor ſeiner Zeit iſt vielleicht die am wenigſten beneidenswerthe Ruhe, welche ſeine Feinde ihm gewäͤhren könnten.— „Damiens Bette von Stahl iſt ein Prachtlager gegen ein Bett mit verwelkten Lorbeeren:— die traurige Einſamkeit der Selbſtverbannung Swifts— das Geſpenſt des Olivares— Napoleon, der mit ſeinem Gefaͤngnißwärter wegen der Form von Thee⸗ taſſen Streitigkeiten hat— welche demuͤthigende Pa⸗ rodien des Werths irdiſcher Ehre ſind dieſes nicht?— Welcher ſchreckliche Abgrund trennt hier die Ver⸗ gangenheit von der Zukunft. Die gezwungene Ruhe bei einer ewigen inneren Aufregung, iſt eine Ein⸗ ſamkeit, die ſelbſt der boſe Feind nicht ſuchen wuͤrde. Glucklich aber ſind Diejenigen, welche der Fluch der ueberſättigung ſchon fruhe trifft, bevor das Herz ſeine Hůͤlfsquellen erſchopft hat, ſo lange wir noch Kraft haben, der Lethargie zu widerſtehen, ehe ſie zur Gewohn⸗ heit wird, und ſo lange wir ſie blos auf die Kleinigkeiten des Lebens zu beſchranken, und von hoheren Zwecken ab⸗ zuleiten vermoͤgen; ſo lange nur die weniger edlen Ge⸗ nuſſe uns überdruͤſſig werden, und wir ernſteren Be⸗ ſchäftigungen uns noch zuwenden koͤnnen;— denn die unzufriedenheit der Einbildungskraft iſt oft ein Sporn für den Geiſt. Die ueberſaͤttigung iſt die Erbſchaft des Herzens, nicht die der Vernunft; und wenn die Vernunft auf die geeignete Weiſe aufgeboten wird, ſo weiß ſie den Zauber ſelbſt zu loͤſen, und den Schlaͤfer zu erwecken; denn nur Derjenige, welcher die innere ueberzeugung naͤhrt, daß er unabweis⸗ 263 bare Pflichten zu erfullen hat— daß der Mittel⸗ punkt ſeines Daſeins in der Welt, und nicht in ihm ſelbſt liegt— vermag den Egoismus des Lebens⸗ uͤberdruſſes zu berwinden.— Sobald Alles, was auf ihn ſelbſt ſich bezieht, ihm abgeſtanden und ohne Intereſſe erſcheint, ſo kann er neue und unerſchopfliche Quellen der Thaͤtigkeit in den Verhaͤltniſſen auf⸗ finden, in denen er zu Andern ſteht. Die Pflicht bietet uns Genuͤſſe dar, welche keine ueberſaͤttigung zulaſſen. Wenn die ueberſättigung auf dieſe Weiſe erkannt und beſeitigt worden iſt, ſo entwickelt ſich jene Philoſophie, deren ich im Anfang dieſer Be⸗ trachtungen erwähnte. Denn die Weisheit iſt der wahre Phonix; ſie erhebt ſich jederzeit nur aus der Aſche eines fruͤheren geiſtigen Daſeins. Wenn wir die Genuͤſſe dieſes Lebens richtig wuͤrdigen lernten, ſo gewährt uns auch vielleicht jene nie hienieden zu vefriedigende Sehnſucht einen neuen Beweis unſerer wahren Beſtimmung jenſeits der Grenzen des Irdi⸗ ſchen. Dieſes iſt ein Troſt, den Weiſe und Dichter oft den Schmerzen unſerer Enttäuſchungen entnom⸗ men haben, indem ſie nachwieſen, daß unſere nie zu ſtillenden Wunſche für etwas auf der Erde Un⸗ erreichbares prophetiſche Stimmen und zugleich Buͤrgen ſind für einen hoheren, uͤber dieſes Daſein hinaus reichenden Beruf— ſo daß das Leben ſelbſt nur eine Anweiſung auf die Ewigkeit iſt.— Wie Vogel, die in einem Käſig geboren wurden, Bulwer's Werke. Taſchenausg. V. 18 264 durch den angebornen Inſtinkt ihrer Natur in das 1 Freie ſich ſehnen— ſo erſtirbt auch in uns die in⸗. nere Stimme nicht;— es gibt Augenblicke, in denen unbeſtimmte und unausſprechliche Ahnungen eines edleren Geburtsrechtes uns ergreifen— und 3 der Geiſt fuͤhlt das Bewußtſein, daß die Fluͤgel, mit denen er gegen die Wände ſeines Gefaͤngniſſes flat⸗ tert, durch den Schoͤpfer— der jedem Weſen ſeine Beſtimmung gab— fuͤr einen hoͤheren Flug in das Reich himmliſcher Freuden berechtigt und berufen ſind.