o Zeihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und weſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —˙.————z————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. eereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————,——,—,— ——FF Ein Familiengemahlde von Jvohanna Auſten. Aus dem Engliſchen überſeßt von W.. L3 ndan. Zweiter Theil. ——— Leipzig, 1322 bei Shriſtian Ernſt Kotlmann. ————— ——— Zweiter Theit, 1. Ana ülnb nur noch zwei Tage in Uppercroß, die ſie ganz im Kreiſe der Familie Musgrove zubrachte, und ſie hatte das erfrenende Bewußt⸗ ſein, hier nicht nur als Geſellſchafterinn, ſon⸗ dern auch als Gehilfinn bei allen jenen Einricht⸗ ungen fuͤr die Zukuuft, welche den gebengten Aeltern ſchwer geworden ſein muͤßten, nutzlich zu werden. Am naͤchſten Morgen kam Nachricht von Lyme. Luiſens Zuſtand war noch unveraͤndert, und es hatten ſich keine bedenklichern Erſchein⸗ ungen gezeigt. Karl Musgrove kam einige Stunden nachher mit einer umſtaͤndlichern Nach⸗ richt. Er war ziemlich aufgeraͤumt. Eine ſchnelle Heilung ließ ſich freilich nicht hoffen, 1 aber alles ging ſo gut, als es die Umſtände er⸗* laubten. Er ſprach mit inniger Dankbarkeit von der Guͤte der Familie Harville, und beſon⸗ ders von der ſorgfaͤltigen Pflege, welche die Kranke von der Hausfrau erhielt. Frau Har⸗ ville hatte Marien nichts mehr zu thun uͤbrig gelaſſen, und Karl war mit ſeiner Frau früh in's Wirthshaus zuruͤck gekehrt. Marie hatte 1 wieder Anfalle von Krämpfen gehabt, und Karl wuͤnſchte, ſie haͤtte ſich bewegen laſſen, Sn am vorigen Tage heim zu kehren. i6 Der junge Musgrove wollte am ſelbigen Ta⸗ 1 ge nach Lyme zuruͤckreiſen, und ſein Vater wuͤr⸗ de ihn begleitet haben, wenn es die Frauen hät⸗ ten zugeben wollen. Sie meinten, es wuͤrde daburch fuͤr die Andern nur mehr Unruhe und fuͤr ihn mehr Kummer entſtehen. Man kam aber auf einen weit beſſern Gedanken. Karl nahm die alte Waͤrterinn mit, die alle Kinder aufge⸗ zogen, und auch den letzten, den kraͤnkelnden, verzaͤrtelten Heinrich, gepflegt hatte, bis er nach ſeinen Bruͤdern in die Schule kam, und die nun in der einſamen Kinderſtube ſaß, wo ſie Struͤmpfe flickte, und alle Beulen und Brauſchen heilte, 7 die ſie in ihre Naͤhe bringen konnte. Sara fuͤhlte ſich gluͤcklich, daß ſie ihre liebe Luiſe pfle⸗ gen ſollte. Frau Musgrove Henriette hat⸗ ten zwar ſchon daran gedacht, die Alte nach Lyme zu ſchicken, aber ohne Anna wuͤrde es ſchwerlich ſo bald zum Entſhluſſe und zur 66 fuͤhrung gekommen ſein. Am naͤchſten Tage erhielt man bn Karl Hayter eine ſo umſtaͤndliche Nachricht von Lui⸗ ſen, als man alle vier und zwanzig Stunden erhalten wollte. Er hatte es ſich angelegen ſein laſſen, nach Lyme zu gehen, und brachte gute Hoffnung mit. Die Kranke ſchien hellere Au⸗ genblicke der Beſinnung zu haben. Alle Nach⸗ richten ſtimmten darin uͤberein, daß Wentworth in Lyme bleiben zu wollen ſchien. Anna woilte am naͤchſten Tage abreiſen. Alle furchteten den Abſchied. Wie ſollte werden ohne ſie! Wie haͤtten ſie ſich ſ ander troͤſten köͤnnen! Man ſprach ſo viek uͤber, daß Anna nicht Beſſeres thun zu eönnen glaubte, als daß ſie bei Allen die ihr bekannte geheime Reigung aufregte, und ſie uͤberredete, mit einander nach Lyme zu reiſen. Es ward ihr nicht ſchwer. Der Entſchluß wurde gefaßt, am folgenden Tage abzureiſen, und in Lyme zu bleiben, bis Luiſe im Stande wäre, wieder auf zubrechen. Man mußte ja den guten Leuten, bei welchen die Kranke war, die Muͤhe erleich⸗ tern, man wollte der lieben Frau Harville we⸗ nigſtens die Sorge fuͤr ihre eigenen Kinder ab⸗ nehmen, und man war, mit einem Worte, ſo froh uͤber den gefaßten Entſchluß, daß Anna ſich freute, denſelben hervorgerufen zu haben. Sie glaubte ihren letzten Morgen in Uppercroß nicht beſſer zubringen zu konnen, als wenn ſie bei den Vorbereitungen zur Reiſe Beiſtand leiſtete, und Alle zum fruͤhen Aufbruche antrieb, obgleich ſie dann einſam zuruͤchbleiben mußte. Sie war, die beiden Kinder ihrer Schweſter ausgenommen, die Letzte, ſie war die Einzige, die von Allen uͤbrig blieb, welche kurz zuvor i enge verbundenen Haͤuſer in upper⸗ croß belebt und erheitert hatten. In wenigen Tagen wat alles ſo ganz anders geworden. Genas Luiſeh ſo ward alles wieder gut, und mehr Gluͤck, als vorher, mußte folgen. Anna glaubte beſtimmt voraus zu ſehen, was auf ——— — —— — —— — Luiſens Geneſung folgen werde. Noch weni⸗ ge Monate, und das jebt ſo einſame Zimmer, wo ſie ſtill und gedankenvoll ſaß, war wieder mit Gluͤcklichen und Froͤhlichen angefuͤllt, mit Men⸗ ſchen, die das Gefuͤhl begluͤckter Liebe erwaͤrmte und erheiterte, mit Menſchen,* Anna El⸗ ſiot ſo wenig glich. Bei ſolchen Betrachtungen an einem truͤben Novembertage, wo ein dichter Regen faſt alle Ge⸗ genſtände verdunkelte, die man aus dem Feénſter ſchen konnte, mußte es fuͤr Annn ſehr willkom⸗ men ſein, als ſie den Wagen ihrer Freundinn herbei rollen hoͤrte. So gern ſie aber auch ab⸗ reiſete, es ward ihr doch traurig ums Herz, als ſie das Herrnhaͤus verließ, als ſie einen Abſchiedsblick auf die Wohnung ihrer Schweſter warf, oder durch die truͤben Wagenfenſter die letzten Hutten des Dorfes erblickte! Sie hatte Ereigniſſe in Uppereroß erlebt, die ihr den Ort theuer machten. Sie erinnerte ſich vieler ſchmerzlichen Empfindungen, die einſt ſie tief bewegt hatten, nun aber beſäͤnftigt waren; ſie erinnerte ſich einiger Aufwallungen milderer Gefuͤhle, einiger Regungen 3 Freundſchaft 10 und Verſoͤhnung, die nie wieder erwartet wer⸗ den, und theuer zu ſein nie aufhören konnten. Sic ließ alles— nur nicht die ung. Anna waͤr nie in Kelynch geweſen, ſeit ſie im Stni das Haus ihrer Freundinn ver⸗ laſſen hatte. Es war nicht nothwendig gewe⸗ ſenz und den wenigen Gelegenheiten, die zu ei⸗ nem Beſuche im Hauſe ihres Vaters haͤtten fuͤh⸗ ren koͤnnen, wußte ſie auszuweichen. Bei ih⸗ rer Ruͤckkehr nahm ſie ſogleich wieder Beſitz von ihrem alten Platze in dem ſchoͤn eingerich⸗ teten Zimmer ihrer S und ſie zu F Fran Ruſſel verrieth bei der S Be⸗ een auch einige Bekuͤmmerniß. Sie wußte, wer haͤufig in Uppercroß geweſen war. Anna aber hatte zum Glück entweder wirklich in ihrem Aeußeren eine gůnſtige Veraͤnderung erfahren, oder Frau Ruſſel bildete es ſich ein, und als das Fraͤulein den Gluͤckwunſch ihrer Freundinn empfing, hatte ſie in ihrem Innern die ſtille Freude, die ſchweigende Bewunderung ihres Vetters damit in Verbindung zu bringen, ₰ 11 und die Hoffnung zu naͤhren, daß eln zweiter Fruͤhling der Jugend und Schönheit ſie beglük⸗ ken ſollte.. Als man eine Unterredung anknuͤpfte, zeigte ſich bald, daß auch in Anna's Gemuͤthe eine Veraͤnderung vorgegangen war. Die Angele⸗ genheiten, wovon ihr Herz bei dem Abſchiede von Kellynch ſo voll geweſen war, und die im Kreiſe der Familie Musgrove in den Htter⸗ grund ihrer Seele zuruͤck getreten waren, ja die ſie ſelbſt hatte zuruͤck draͤngen muͤſſen, konnten jetzt nur eine ſchwaͤchere Theilnahme in ihr erwecken. Sie hatte in der letzten Zeit ſelbſt an ihren Va⸗ ter, an ihre Schweſter und an Bath nur wenig gedacht. Alles, was ihre Freunde in Uppercroß anging, lag ihr nun näher, und als Frau Ruſ⸗ ſel auf ihre gemeinſchaftlichen fruͤhern Hoffnun⸗ gen und Beſorgniſſe zuruͤckkam, als ſie von der neuen haͤuslichen Einrichtung des Baronets in Bath ſprach, und ihr Bedauern aͤußerte, daß Fran Clay noch immer Eliſabeths Geſellſchafte⸗ rinn wor, wuͤrde Anna ſich geſchämt haben, wenn es ſich verrathen haͤtte, wie viel mehr ſie an Lyme, an Luiſe Musgrove und alle ihre 19 dortigen Bekannten und wie viel anzic⸗ hender die Heimath und Freundſchaft der Fa— 3 milie Harville und Benwick's für ſie war, als ihres Vaters Haus in Bath, oder ihrer Schwe⸗ ſter, freundſchaftliche Verbindung mit Frau Clay. Sie mußte ſich wirklich anſtrengen, um“ 6 vor ihrer Freundinn eben ſo viel Theilnahme, als dieſe verrieth, an Gegenſtnden zu zeigen, die den erſten Anſpruch darauf hatten. Es zeigte ſich anfangs ein etwas verlegenes Benehmen, als das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand kam. Man mußte von dem ungluͤck⸗ 4 lichen Vorfall in Lyme ſprechen. Frau Ruſſel hatte ſchon am vorigen T Tage, gleich nach ihrer Ankunft, alles erfahren; aber die Sache mußte wieder beſprochen werden; ſie mußte manche Fragen ½ thun, Luiſens Unbeſonnenheit bedauern, den Er⸗* folg beklagen, und Beide mußten Wentworths Nahmen erwaͤhnen. Anna fühltey daß ſie es nicht ſo gut konnte, als Frau Ruſſel. Sie konn⸗ te den Nahmen nicht nennen, und ihrer Freun⸗ dinn dabei gerade in die Augen ſehen, bis ſie das Mittel gebraucht hatte, ihr mit wenigen„ Worten zu ſagen, was ſie von dem zaͤrtlichen 4 4 9 ——— Verſtaͤndniſſe zwiſchen ihm und Luiſe dachte. Als dieß geſchehen war, machte ihr der Nahme keine Verlegenheit mehr. Frau Ruſſel hoͤrte mit ruhiger Faſſung zu, und wuͤnſchte dem Paare Gluͤck; in ihrem In⸗ nerſten aber war Unmuth, und das verzngte Gefuͤhl, daß ſie den Mann nicht mit Unrecht verachtet hatte, der in einem Alter von drei und zwanzig Jahren den Werth einer Anna Elliot begriffen zu haben ſchien, aber acht Jahre ſpůͤ⸗ ter an einer Luiſe Musgrove Sefalen nven konnte. Die erſten drei bis vier Tage vergingen ſehr ruhig, ohne ein merkwuͤrdiges Ereigniß, außer daß einige ſchriftliche Rachrichten von Lyme ein⸗ trafen, die ihren Weg zu Anna, ſie wußte nicht wie, fanden, und ziemlich beruhigend von Lui⸗ ſens Zuſtande ſprachen. Nach Verlauf jener Zeit aber fühlte Frau Ruſſel lebhafter, welche Pflicht die Höflichkeit ihr auflegte, und ſie ſprach entſcheidend aus, womit ſie ſich fruͤher nur leiſe bedroht hatte.„Ich muß Fran Croft beſuchen, ſprach ſie, ich darf es nicht laͤnger aufſchieben. Anna, haben Sie den Muth, mich zu begleiten. 1 ½ und einen Beſuch in jenem Hauſe zu machen? Es wird fuͤr uns Beide eine Pruͤfung ſein.“ Anna bebte vor dem Gedanken keineswegs zuruͤck, und ſie ſprach ihr wahres Gefuͤhl aus, als ſie erwiederte:„Ich glaube, Sie werden mehr dabei leiden, als ich. Ihre Gefühle haben ſich weniger mit der Veranderung verſohnt, als die meinigen. Ich bin bei dem frtzeſetten Auf⸗ enthalt in dieſer Gegend mehr an dieſen Wech⸗ ſel gewoͤhnt worden.“ Sie haͤtte mehr uͤber den ehe ſagen können; denn ſie hegte eine ſo hohe Meinung von der Familie Croft, ſie ſchaͤtzte ihren Vater ſo glucklich, einen ſolchen Miethmann erhalten zu haben, ſie fuͤhlte, welches gute Beiſpiel die Firchſpielgemeine, und wie viel Theilnahme und Beiſtand die Armen gefunden hatten, daß ſie, obgleich bekuͤmmert und beſchämt uͤber die Moth⸗ wendigkeit der Entfernung ihrer Angehörigen, doch in ihrem Innern ſich geſtehen mußte, es waͤren Diejenigen fortgegangen, die nicht ver⸗ dient haͤtten zu bleiben, und Kellynch ware in beſſern Händen. Dieſe Ueberzeugungen mußten . allerdings etwas Peinliches und Herbes haben; —,——— „ —— 15 aber ſie wurde dadurch gegen den Schmerz be⸗ wahrt, den Frau Ruſſel bei dem Eintritte in das befreundete Haus, in die wohlbekannten Zimmer, fuͤhlen mußte. In ſolchen Augenblicken konnte Anna nicht zu ſich ſelber ſagen:„Dieſe Zimmer ſollten nur uns gehoren! O wie iſt alles ſo veraͤndert! Un⸗ wuͤrdige Veraͤnderung! Ein altes Geſchlecht ver⸗ trieben! Fremdlinge an ſeiner Stelle!“ Nein, dachte ſie nicht an ihre Mutter, erinnerte ſie ſich nicht, wo dieſe geſeſſen, dieſe gewaltet hat⸗ te, ſo hob nie ein Seufzer jener Art ihre Bruſt. Frau Croft behandelte ſie immer mit einer Freundlichkeit, die in Anna's Herzen die ange⸗ nehme Hoffnung erwetkte, die Gunſt der wackern Frau zu beſitzen, und bei dem Beſuche in ihres Vaters Hauſe wurde ſie mit beſonderer ſamkeit empfangen. Der ungluͤckliche Vorfall in Su war bald der vorherrſchende Geſpraͤchſtoff, und bei der Vergleichung der erhaltenen Nachrichten uͤber die Kranke fand man, daß die Mittheilungen, wel⸗ che Frau Croft und Anna empfangen hatten, ſich von derſelben Stunde des geſtrigen Morgens 16 zum Erſtenmahl ſeit dem Unfalle, nach Kellynch gekommen war, und die letzte Nachricht fuͤr An⸗ na mitgebracht hatte, deren Spur ſie nicht ge— nau verfolgen konnte. Wentworth war nur we⸗ nige Stunden in Kellynch geweſen, und danh nach Lyme zuruͤck gekehrt, wo er fuͤrs Erſte bleiben zu wollen ſchien. Sie fand, daß er ſich beſonders nach ihr erkundigt, und die Hoffnung geaͤußert hatte, Fraͤulein Elliot wuͤrde ſich durch die Anſtrengungen, die nach ſeiner Schilderung ſehr groß geweſen waren, nicht geſchadet haben. Das war artig, und machte ihr mehr Freude, als irgend etwas hatte thun können. Der Unfall ſelbſt konnte von geſetzten, ver⸗ ſtaͤndigen Frauen, deren Urtheil ſich auf ausge⸗ machte Thatumſtaͤnde ſtutzte, nur aus einem Geſichtspunkte betrachtet werden, und Alle wa⸗ ren darin einig, daß das Ungluͤck die Folge einer großen Unbedachtſamkeit und Unvorſichtig⸗ keit geweſen war, daß die Wirkungen ſehr viel Beſorgniß erregten, und daß Luiſens Herſtellung noch lange zweifelhaft ſein, und die erlittene Verletung leicht Nachwehen haben könnte. herſchrieben, daß Wentworth am vorigen Tage, —— 17 Der Admiral faßte ſeine Gedanken zuſam⸗ men, als er ausrief:„Ja, ein boͤſer Handel, in der Thati Das iſt eine neue Art zu freien, wenn man ſeinem Liebchen den Kopf zer⸗ ſchmeißt. Nicht wahr, Fraͤulein Elliot? Das heißt, den Kopf zerſchmeiſſen und ein Waſ dazu geben.“ Des Admirals Benehmen war nicht ganz von der Art, woran Frau Ruſſel haͤtte Gefallen finden koͤnnen; Anna aber war entzuͤckt dar⸗ uͤber. Seine Gutmuͤthigkeit und ſein ſchlichter Sinn waren unwiderſtehlich. Ja, hob er wieder an, plotzlich aus kurzem Nachdenken erwachend: es muß Ihnen recht unangenehm zu Muthr dabei ſein, daß Sie herkommen und uns hier finden. Ich habe mich vorher nicht darauf beſonnen, aber ſehr unan⸗ genehm muß es fuͤr Sie ſein. Aber, machen Sie keine Umſtaͤnde bei uns. Sehen Sie ſich in allen Zimmern um, wenn's Ihnen gefällt. Ein andermahl, Herr Admiral, jetzt nicht, wenn ich bitten darf. ₰ Nun, wann Sie wollen. Sie können durch's Gebüſch ja zu jeder Zeit herein kom⸗ . hei. B ———— . men. Sie werden ſehen, da haͤngen unſre Re⸗ genſchirme neben der Thuͤre. Ein guter Plaß, nicht wahr? Aber— fiel er ſich in's Wort— Sie werden den Platz wohl nicht fuͤr gut hal⸗ ten; ſonſt waren ja die Regenſchirme immer in des Kellermeiſters Stube. Nun, ſo geht's ja immer! Der Eine macht's ſo, der Andre ſo, aber Jedermann hat ſeine Art am liebſten. Und ſo muͤſſen Sie auch ſelber wiſſen, ob's beſ⸗ ſer fuͤr Sie ſein wird, ſich im oder nicht. Anna lehnte den Vorſchag noch a freundlich ab. Wir haben hier wenige Veraͤnderungen genct fuhr der Admiral nach einer Pauſe fort. Sehr we⸗ nige! Von der Waſchhausthure haben wir Ihnen ſchon in Uppereroß geſagt. Das iſt eine große Ver⸗ beſſerung. Es iſt zu verwundern, wie eine Fami⸗ lie in der Welt ſo lange die Unbequemlichkeit dul⸗ den konnte. Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, was wir gethan haben. Herr Shepherd meint, das waͤre wirklich die groͤßte Verbeſſerung im Hau— ſe. Es iſt wahr, die wenigen Veraͤnderungen, die wir angebracht haben, ſind alle Verbeſſerun⸗ p.* gen geweſen. Aber meiner Frau allein gehoͤrt das Verdienſt. Ich habe nicht viel anders ge⸗ than, als daß ich einige von den großen Spie— geln aus meinem Ankleidezimmer geſchafft habe, das ſonſt ihr Herr Vater hatte. Ein recht guter Mann, und gewiß auch ein ſehr gebildeter Mann; aber ich ſollte meinen, Fräulein Elliot — fuhr er mit der Miene eines ernſten Nach⸗ denkens fort— er muͤßte fuͤr ſein Alter faſt zu viel auf Putz halten. So viele Spiegel! Du lieber Himmel, man konnte ſeinen eigenen Anblick gar nicht los werden. Sophie mußte mir hilfreiche Hand leiſten, und ſo ſchafften wir alles auf die Seite. Nun bin ich recht niedlich eingerichtet; mein kleiner Barbierſpiegel in einer Ecke, und noch ein großes Ding, dem ich nie zu nahe komme. Anna, die ſich nicht erwehren konnte, dieſe Aeußerungen beluſtigend zu finden, war um ei⸗ ne Antwort verlegen, und der Admiral, beſorge, er waͤre nicht hoͤflich genug geweſen, hob wieder an:„Wenn Sie wieder an ihren guten Vater ſchreiben, Fraͤulein Elliot, ſo bitte ich, mich und meine Frau zu emyfehlen, und ihm zu ſa⸗ B 2 — 20 gen, daß es uns hier ſehr wohl gefällt, und wir nichts auszuſetzen haben. Im Fruͤhſtuck⸗ zimmer raucht zwar der Kamin ein wenig, a aber nur wenn der Wind gerade aus Norben kommt und ſtark geht, und das mag nicht dreimahl im Winter der Fall ſein. Ich habe die meiſten Landhaͤuſer hier in der Gegend geſehen, und kann daruͤber urtheilen; aber keines gefaͤllt mir beſſer. Schreiben Sie das doch, und meine Gruͤſſe dazu! Er wird's gern hoͤren.“ Frau Ruſſel und des Admirals Gemahlinn en viel Gefallen an einander; aber die Be⸗ kanntſchaft, die mit dieſem Beſuche ſich an⸗ knuͤpfte, ſolite für jetzt nicht weiter gehen. Als der Admiral und ſeine Frau den Beſuch erwie⸗ derten, kuͤndigten ſie an, daß ſie auf einige Wochen verreiſen wollten, um ihre Verwandten im noͤrdlichen Theile der Grafſchaft zu beſu⸗ chen, und wahrſcheinlich nicht zuruͤckkommen wuͤrden, ehe Frau Ruſſel nach— abgereiſet waͤre. So fuͤr alle Geſche Wentworth im Schloſſe zu treffen, oder ihn in Seſeſ smn zn ſehen, und ſie die ſie deß gehabt Fls 2 * — Kart Musgrove und Marie blieben zwar, nach der Aeltern Abreiſe, weit laͤnger in Lyme, als es nach Anna's M keinung noͤthig war, aber ſie ka⸗ men auch zuerſt wieder heim, und gleich nach ih⸗ rer Ruͤckkehr machten ſie einen Beſuch bei Frau Ruſſel. Luiſe war bei der Abreiſe des jungen Paares im Stande geweſen, außer dem Bette zu ſein; ſie hatte zwar volles Bewußtſein, aber ihe Kopf war ſehr ſchwach, ihre Nerven waren aͤußerſt empfindlich, und obgleich es im Ganzen gut mit ihr ging, ſo ließ ſich doch unmoͤglich beſtimmen, wann es möglich ſein werde, ſie nach Hauſe zu ſchaffen, und ihre Aeltern, die bald heimkehren mußten, um ihre ſungern Kinder zu den Weihnachtfeierta⸗ gen zu empfangen, durften taum hoffen, daß es ih⸗ nen vergoͤnnt ſein werde die rat nbe mitzunchmen. lächelte äber die vielen aͤngſtlichen vnnn⸗ mushre behiel die Kinder der gran faſt immer bei ſich; man ließ aus Uppercroß alles herbeiſchaffen, wodurch der Familie Har⸗ ville die Laſt erleichtert werden konnte, und von beiden Seiten zeigte ſich ein Wetteifer von Un⸗ eigennützigkeit und Gaſtfreundſchaft. Marie hatte an ihrem alten Uebel gelitten; im Ganzen aber verrieth ihre lange Abweſenheit, daß ſie mehr Freude als Leid gehabt hatte. Karl Hayter war häufeger in Lyme geweſen, als es ihr angenehm war. Wenn ſie bei der Familie Harville zu Tiſche waren, von einer Dienſtmagd aufgewartet, und Frau Harville hatte anfangs der Schwiege tter den Vorrang gegeben; hinterher aber, als ſie erfahren, weſſen Tochter Marie waͤre, ſich ſo artig entſchuldigt, und es war ein ſo angenehner Verkehr zwiſchen der Familie Harville und den Gäſten geweſen, und Marie ſo fleißig mit S wol⸗ den, daß man Lyme nur loben e⸗ Si hatte die Umgegend beſucht, ein Skn war in der Kirche geweſen, wo man viele Men⸗ ſchen geſehen hatte, und ales dieß, in Verbind⸗ „ 8 — — — — —— „ 0 2 5 ung mit dem Bewußtſein, ſich nuͤtzlich zu er⸗ weiſen, hatte den vierzehntäͤgigen ſehr angenehm gemacht. un Anna fragte nach nne finſter. Farl lachte. Wh D Benwick iſt ſehr wohl, glaub' ant⸗ wortete Marie. Aber ein ſehr wunderlicher jun⸗ ger Mann. Ich weiß nicht, was man aus ihm machen ſoll. Wir baten ihn, uns auf ein Paar Tage zu beſuchen; mein Mann wollte ihn auf die Jagd fuͤhren. Benwick ſchien ganz erfreut daruͤber zu ſein, und ich hielt alles fuͤr abge⸗ macht; aber— ſiehe da, am Dienſtage, erſt Abends, machte er eine ſehr ungeſchickte Ent⸗ ſchuldigung; wollte nicht ſchießen können, wollte ganz mißverſtanden worden ſein, wollte dieß ver⸗ ſprochen haben und jenes, und das Ende vom Liede war, daß er gar nicht kommen wollte. Ich vermuthe, er glaubte ſich zu langweilen, aber ich däͤchte doch wahrlich, wir waͤren munter ge⸗ nug in unſerm Hauſe fuͤr einen ſo ſchwermuͤthi. gen Mann, als Benwick iſt. Aber, liebe Marie, fiel Karl lachend ein, Du weißt ja doch, wie ſich's eigentlich verhielt. 24 Sie ſind an Allem Schuld, fuhr er fort, ſich zu Anna wendend. Er glaubte, ſie zu ſehen, wenn er uns begleitete, und dachte Alle in Ap⸗ pereroß beiſammen zu finden; als er aber hoͤrte, daß Frau Ruſſel anderthalb Stunden weit von Uppereroß wohnte, hatte er nicht das Herz zu kommen. Das iſt das Wahre von der Sache, auf mein Wort! Und Marie weiß es recht gut. Narie wollte es nicht gern zugeben, ſei es, daß ſie Benwick weder durch Herkunft und Stand für berechtigt hielt, in eine Elliot ſich zu verlieben, oder daß ſie ihre Schweſter nicht fuͤr eine machtigere Anziehung halten mochte, als ſich ſelber. Man mag das errathen. Anna war ſo dreiſt, gar nicht zu verhehlen, daß ſie ſich geſchmeichelt Snb E Erkundigungen fort. O er ſpricht von Ihnen, hob Karl wieder an, und in Ausdrůcken— Ich muß geſtehen, Karl, fiel ein, ich habe ihn in der ganzen Zeit nie mehr als zweimahl von Anna ſprechen hoͤren. Ich ſage Dir, Anna, er ſpricht gar nicht von Dir. Run, freilich nicht ausdruͤcklich, gab Karl —„—— „—— —— — —— 25 zu; aber es iſt klar, daß er Sie außerordentlich bewundert. Sein Kopf iſt voll von gewiſſen Buͤchern, die er auf ihre Empfehlung lieſt, und moͤchte gern mit Ihnen daruͤber ſprechen. Er hat in einem von dieſen Buͤchern etwas“ gefun⸗ den, das er— Ja, ich weiß nicht mehr, was es war, aber es war etwas ſehr Schönes. Ich hoͤrte, wie er mit Henrietten daruͤber ſprach, und dabei aͤußerte: er häͤtte große Hochachtung gegen Fraͤulein Elliot. Ja; Marie, es war ſo, aber Du wareſt eben im andern Zimmer. An⸗ muth, Lieblichkeit, Schoͤnheit— O es war kein Ende von Anna's Reizen! n O gewiß, ſprach Marie lebhaft, es macht ihm nicht vicl Ehre, wenn er es gethan hat. Fräulein Harville iſt erß ſeit ſechs Monaten todt. Ein ſolches Herz iſt des Beſitzes nicht ſonderlich werth— Nicht wahr liebe Frau Ruſ ſel? Sie ſind gewiß auch dieſer Meinung. Ich mßte Capitain Benwick ſehen, che ich daruͤber entſcheiden koͤnnte, erwiederte Frau Ruſ⸗ ſel laͤchelnd. Dazu wird wohl bald Rath werden, verſ⸗ Karl. Er konnte es freilich nicht uͤber 26 ſich gewinnen, mit uns zu gehen, und hinter⸗ her wieder aufzubrechen, um hier einen formli⸗ chen Beſuch zu machen; aber ſie können ſich darauf verlaſſen, er kommt cheſter Tage ſelbſt nach Kellynch. Ich gab ihm die Entfernung waͤre ſehr ſehenswerth; denn er findet Geſchmack an ſolchen Merkwuͤrdigkeiten, und ich glaubte, ihm dadurch eine gute Entſchuldigung an die Hand zu geben. Er hoͤrte mit ganzer Seele zu, und ich ſah aus ſeinem Benehmen, daß er die Abſicht hatte, ſich bald hier ſehen zu laſſen. Jede Bekanntſchaſt von Anna wird mir im⸗ mer willkommen ſein; erwiederte freundlich Frau O er iſt wohl S mein als Annas Be⸗ F den letten vierzehn Tagen täglich geſehen. gern ſehen. Sie werden ihn keineswegs ſonderlich ange⸗ nehm finden, betheuerte Marie. Er iſt einer der ſchlaͤfrigſten jungen Maͤnner, die man ſehen und den Weg an; ich ſagte ihm, die Kirche e ſprach Marie. Ich habe ihn ja in Nun denn, als ihren gemeinſchaftlichen Be⸗ kannten werde ich Capitain Benwick ſe ſehr kann. Oſt iſt er mit mir am Strande von einem Ende zum andern gegangen, ohne ein Wort zu ſagen. Er hat gar nicht viel Lebensart. Ich bin uͤberzeugt, er wird Ihnen nicht 8e fallen. I„ch bin nicht Deinen Meinung, Marie, ſprach Anna. Ich glaube Frau Ruſſel wuͤrde Gefallen an ihm ſinden. Ich denke, ſein Ge⸗ muͤth wuͤrde ihr ſo ſehr gefallen, daß ſie bald keinen Mangel in ſeinem Benehmen erblickte. So geht es mir auch, ſprach Karl. Ich bin gewiß, er wuͤrde Frau Ruſſel gefallen. Er iſt ganz ein Mann nach ihrem Sinn. Gibt man ihm ein Buch in die Hand, p 3. er den gunh Tag. Ja, das thut er! rief Marie ſpottiſch. Er liegt uͤber ſeinem Buche, und weiß nicht, daß Jemand mit ihm ſpricht, oder daß Jemand eine Schere fallen laͤßt, oder ſonſt etwas geſchieht. Glaubſt Du denn, ſo etwas koͤnnte Frau Ruſſel gefallen? Frau Ruſſel mußte lachen.„In der hat, ſprach ſie, ich haͤtte nicht gedacht, daß uͤber meine Meinung von Jemanden ſo verſchiedene Vermu⸗ — thungen ſtatt finden könnten, da ich mich doch als unwandelbar und offen in meinen Anſichten zeige. Ich bin in der That neugierig, enen . Mann kennen zu lernen, der zu ſo ganz entge⸗ gen geſeßten Meinungen Anlaß gibt. Ich wuͤr⸗ de es gern ſehen, wenn er mich beſuchte. Und wenn er kommt, Marie, ſollen Sie erfahren, was ich von ihm halte; aber— will † kein Urtheil faͤllen.““ Marie wiederhohlte ihre Seheßin Frau Ruſſel aber knüpfte eine andre Unterredung an. Darauf erzählte Marie lebhaft, wie man mit dem jungen Elliot ſo ſonderbar zuſam⸗ men getroffen waͤre, oder ihn vielmehr ver⸗ fehlt haͤtte. Ich wuͤnſche, ihn nicht zu ſchenh ſyrach Frau Ruſſel. Es hat einen ſehr nachtheiligen Eindruck bei mir zuruͤck gelaſſen, daß er ſich weigerte, auf freundſchaſtlichem Fuße mit dem Haupte der Familie zu leben. Dieſe Entſcheidung hemmte Mariens Eifer. Anna wagte es nicht, ſich nach Wentworth zu erkundigen, aber ſie erhielt unverlangt Mit⸗ 3 cheilungen genug. Er war in der letzten Zeit ——————— weit aufgeraͤumter geworden, als es ſich mit Luiſen zur Beſſerung anließ, und nun ein ganz andrer Mann, als in der erſten Woche. Er hatte Luiſen nicht geſehen, und war ſo beſorgt, eine Zuſammenkunft könnte nachtheilige Folgen fuͤr ſie haben, daß er gar nicht darum bat, und er ſchien vielmehr die Abſicht zu he⸗ gen, eine Reiſe zu machen, und erſt nach acht bis zehn Tagen zuruͤck zu kehren, wo ſie ſich mehr erholt haben wuͤrde. Er hatte nach Plymouth reiſen und Benwick bewegen wollen, ihn zu begleiten; aber wie Karl behaup⸗ tete, war Benwick eher geneigt, nach Kellynch zu reiten. Frau Ruſſel und Anna mußten ſeitdem oſt an Benwick denken. So oft die Klingel gezo⸗ gen wurde, glaubte Frau Ruſſel, ſeinen Herold zu hoͤren, und kam Anna von einem einſamen Spaziergange in ihres Vaters Park, oder von einem Beſuche bei duͤrſtigen Dorfbewohnern zu⸗ ruͤck, ſo war ſie immer neugierig, ob ſie ihn ſe⸗ hen oder von ihm horen wuͤrde. Benwick k aber nicht. Er war entweder weniger gencigt — dazu, als Karl Musgrove ſich einbildete, oder — ßen, die Seide⸗ und Goldpapier ausſchnit und ein anderer war mit Fleiſch und kalten 30 zu ſchuͤchtern, und als eine Woche vergangen war, hielt ihn Frau Ruſſel der Theilnahme unwerth, die er angefangen hatte, zu erwecken. Die Familie Musgrove kam zuruͤck, um ih⸗ re frohen Kinder, die aus der Koſtſchule heim kamen, zu empfangen, und brachten Harvilles kleine Kinder mit, um den Laͤrm in uppercroß zu vermehren und in Lyme zu Henriette blieb bei Luiſen.. Frau Ruſſel und Anna machten ihren Be⸗ ſuch zu gleicher Zeit, und Anna fand Uppercroß wieder lebendig genug, und obgleich Henriette Luiſe, Hayter und Weniworth fehlten, ſo war doch das Zimmer ganz anders, als in Au⸗ hatte. Harville's Kinder waren zunächſt bei Frau Musgrove, welche eifrig bemuͤht war, ſe ie gegen die Mißhandlungen ihrer Enkel zu ſchutzen, die man doch hatte hohlen laſſen, um den kleinen Gäſten untgrhaltun zu machen. Auf der einen ſtand ein Tiſch, woran ſchwatzende Maͤdchen genblicke, wo ſie es zum F 1 7 — Paſteten belaſtet, wo ſchwelgende Knaben ſchmauſten. Dazu ein praſſelndes Weihnacht⸗ feuer im Kamin, das trotz des Laͤrms der Kin⸗ er ch hoͤrbar machen wollte. Karl und Ma⸗ ie erſchienen auch, während der Beſuch d , Musgrove, der VPater, erwies Ruſſel viel Aufmerkſamkeit, und ſetzte ſich eine Zeitlang neben ſie, aber ſo laut er auch ſprach, er tunge vor dem Geſchrei der Kinder, die auf ſeinen Knieen ſaßen, ſich nicht ver⸗ ſtändlich machen. Es war ein ſchönes Famili⸗ enſtuͤck. 4 Anna glaubte, nach ih ene Stimmung urtheilend, ein ſolcher hau— Sturm koͤnnte unmoͤglich wohlthaͤti ſeſen ſein, welche Luiſens Krankheit ſo ſehr erſchuͤttert haben mußte. Frau Musgrove aber, die Anna an ihre Seite rief, ihr herzlich fuͤr alle, den Ihrigen FKkieſene Aufmerkſamkeit zu danken, ſchloß eine kurze Erzählung ihrer Leiden mit der Bemerkung, da nun alles uͤberſtanden wärg wuͤrde ihr nichts ſo wohlthaͤtig ſein, als ein ruhige Froͤhlichkeit in der Heimath, wo bei ſie einen zufriedenen Blick umher warf. 32 Luiſe erhohlte ſich nach und nach. Ihre Mutter hoffte ſogar, das Maͤdchen werde heim⸗ kehren koͤnnen, ehe die juͤngern Bruͤder und Schweſtern wieder in die Koſtſchulen zurt kehrten. Harville und ſeine Frau hatten prochen, Luiſen nach Uppercroß zu brin Wentworth war abgereiſet, um ſeinen Br in Shhropſhire zu beſuchen. 5ch werde mich kuͤnftig hoffentlich erin ſprach Frau Ruſſel, ſobald ſie mit Anna im Wagen ſaß, in den Weihnachtfeiertagen nicht wieder nach Uppercroß zu gehen. 8 Jedermann hat ſeinen eigenen Geſchmack, wie in andern Dingen, ſo auch was Laͤrm be⸗ trifft, und ob Töne ganz unſchaͤdlich empfindlich ſind, haͤngt mehr davon ab, welcher Art, als in welcher Menge ſie— men. Nicht lange nachher kam Frau Ruſſel an einem Regentage in Bath an, und ließ keinen Klagelaut hoͤren, waͤhrend ſie bei dem Noltn agrer Wagen, bei dem Rumpeln von Karr und Rollwagen, bei dem Geſchrei von Zeitung⸗ traͤgern, Backwerk⸗ und Milchverkaͤufern, und 1 endloſem Geraͤuſch aller Art, durch die langen Straßen fuhr. Nein, dieſer Laͤrm gehoͤrte ja zu den Wintervergnuͤgungen; ihre Seele wurde dadurch aufgeregt, und wie Frau Musgrove fuͤhlte ſie, wenn ſie's auch nicht ſagte, daß nach einem langen Aufenthalte auf dem Lande, ihr nichts ſo wohlthaͤtig waͤre, als ein bischen ruhige Froͤhlichkeit. Anna theilte dieſe Gefuͤhle nicht. Sie hegte eine ſehr beſtimmte, obgleich nicht ausgeſprochene Abneigung gegen Bath. Als ſie durch die dicke Regenluft die großen Haͤuſer der Stadt erblick⸗ te, ſtieg nichts weniger als der Wunſch in ihr auf, ſie beſſer zu ſehen; der Wagen fuhr ihr zu ſchnell durch die Straßen, ſo unangenehm ihr der Weg war— denn wer haͤtte ſie freundlich bewillkommt bei ihrer Ankunft! Mit ſuͤßer Sehnſucht ſah ſie zuruͤck auf den Laͤrm in Up⸗ pereroß und die ſtille Einſamkeit von Kellynch. ESliſabeths letzter Brief hatte eine merkwuͤr⸗ dige Nachricht gemeldet. Vetter Elliot war in Bath. Er hatte den Baronet beſucht, zum Zweitenmahl, zum Drittenmahl ungemein aufmerkſam geweſen, und wenn Eli⸗ ſabeth und ihr Vater nicht im Irrthum waren, II. Lhelt. C 34 * hatte er ſich nun eben ſo ſehr bemuͤht, Be⸗ kanntſchaft zu ſuchen, und den Werth ſeiner Verwanbtſchaft mit ihnen zu ruͤhmen, als er ſich fruͤher beſtrebt hatte, Gleichgiltigkeit zu zei⸗ gen. Dieß war ſehr wunderſam, wenn es ſich ſo verhielt, und Frau Rüſſel fuͤhlte eine ſehr angenehme Nengier und Unruhe uͤber Elliot. Sie fing ſchon an, die Aenßerung, die ſie neu⸗ lich gegen Marie gethan hatte, er waͤre ein Mann, den ſie nicht ſehen moͤchte, zu widerru⸗ fen; ſie wuͤnſchte ſehr, ihn zu ſehen. War es ſein ernſtliches Beſtreben, ſich, als ein treuer Verwandter, zu verſoͤhnen, ſo mußte man es ihm verzeihen, daß er ſi ich vom vaͤterlichen Stamme abgeſondert hatte. Anna wurde durch dieſen umſtand nicht eben ſo aufgeregt; aber ſie fuhlte, daß ſie Elliot i eber wiederſehen, als nicht ſehen wollte, was ſie von vielen andern Leuten in Bath nicht ſa⸗ gen konnte 111. Der Baronet hatte eine ſehr gute Wohnung in einer der ſchoͤnſten Gegenden der Stadt ge⸗ waͤhlt, und war, wie Eliſabeth, mit ſeiner Ein⸗ richtung ſehr zufrieden. Anna wurde von ihrer Freundin hier abge⸗ ſetzt, die dann in ihre eigene Wohnung fuhr. Sie trat mit ſchwerem Herzen ins Haus, eine lange Gefangenſchaft ahnend, und brach in den bekuͤmmerten Ausruf aus:„O wann werde ich Euch wieder verlaſſen!“ Die unerwartete Herz⸗ lichkeit aber, womit man ſie empfing, war ihr wohlthaͤtig. Ihr Vater und ihre Schweſter freu— ten ſich, ſie zu ſehen, um ihr das Haus und das Hausgeraͤthe zu zeigen. Als man ſich zu Tiſche ſetzte, fand man es auch beſſer, daß ihrer vier waren. Frau Clay war ungemein gefällig und lieb⸗ C 2 36 reich; aber ihre Hoflichkeit und ihr Laͤcheln ver⸗ ſtanden ſich von ſelbſt; denn Anna hatte immer ſich vorgenommen, bei ihrer Ankunft zu fodern, was ihr gebuͤhrte; aber die Freundlichkeit der Uebrigen warvunerwartet. Alle waren ſehr auf— geraͤumt, und ſie ſollte bald die Urſache erfahren. Man hatte nicht Luſt ſie anzuhoͤren. Einige Schmeicheleien, daß man ſie in der Gegend ihrer Heimath vermiſſe, wurden einige Zeit er⸗ wartet, und als Anna nichts der Art ſagen konn⸗ te, zog man nur einige unbedeutende Erkundi⸗ gungen ein, und fuͤhrte dann die Unterredung allein. Uppercroß hatte nichts Anziehendes, Kellynch nicht viel, aber Bath war alles in allem. Man gab Anna die Verſicherung, Bath haͤtte jede Erwartung erfuͤllt. Ihr Haus war ohne Zweifel das beſte in dem ſchoͤnen Stadttheile; ihre Beſuchzimmer beſaßen entſchiedene Vorzuge vor allen andern, wovon ſie gehoͤrt hatten, und eben ſo viel Ueberlegenheit zeigte ſich in der ge⸗ ſchmackvollen Einrichtung des Hauſes. Man ſuchte eifrig ihre Bekanntſchaft und jedermann wollte ſie beſuchen. Sie waren vielen Veran⸗ ——— 37 laſſungen zu Bekanntſchaften ausgewichen, und noch immer erhielten ſie Karten von Lenten, die ſie nicht kannten. Konnte Anna ſich wundern, daß ihr Vater und ihre Schweſter ſich gluͤcklich fuͤhlten? Sie mochte ſich nicht wundern, aber ſie mußte ſeufzen, daß ihr Vater nichts Herabwuͤrdigendes in ſei⸗ ner veraͤnderten Lage fand, daß er es nicht be⸗ dauerte, die Pflichten und die Wuͤrde eines Gutsbeſitzers aufgegeben zu haben, daß ſich ſeine Eitelkeit durch das Kleinliche des Stadtlebens ſo geſchmeichelt fand; und als Eliſabeth die Fluͤ⸗ gelthuͤren aufriß, frendig aus einem Zimmer ins andere ging und mit ihrem Raume prahlte, mußte Anna ſeufzen, und laͤcheln und ſich wun⸗ dern zugleich, daß die ehemalige Gebieterinn von Kellynch⸗Hall auf den Platz zwiſchen vier Waͤn⸗ den, die etwa dreißig Fuß auseinander waren, ſtolz ſein konnte. Aber dieß war es nicht len was Eliſabeth und ihren Vater glucklich— Auch Herr Elliot war ja unter ihnen. Man hatte ihm nicht nur verziehen, man war. üer ihn. Er war ſchon im November, auf dem Wege — nach London, durch Bath gekommen, wo ihm bekannt geworden war, daß der Baronet ſich daſelbſt aufhielt, hatte aber auf der eiligen Rei—⸗ ſe nicht Zeit gehabt, dieſe Kunde zu benutzen. Seit vierzehn Tagen war er nun in Bath; er hatte gleich nach ſeiner Ankunft ſeine Karte ab⸗ gegeben, dann ſo eifrig naͤhere Bekanntſchaft ge⸗ ſucht, ſo viel Aufrichtigkeit in ſeinem Benehmen gezeigt, das Vergangene ſo gut entſchuldigt, und ein ſo lebhaftes Verlangen verrathen, wieder als Verwandter aufgenommen zu werden, daß das fruͤhere gute Einverſtndniß wieder — wurde. Man fand nichts an nih zu ben. Er hatte alen Schein einer Vernachlaͤſſigung von ſeiner Seite weg zu erklaͤren gewußt. Alles war in ei⸗ nem Mißverſtaͤndniſſe gegruͤndet geweſen. Es war ihm nie eingefallen, ſich zuruͤck zu ziehen; er hatte vielmehr gefuͤrchtet, man waͤre ihm, aus un⸗ bekannten Gruͤnden, ausgewichen, und ſein Zart⸗ füͤhl hatte ihm Schweigen aufgelegt. Der Wink, * er nchlergetis„oder geringſchaͤtzig von der — und der Familienehre geſprochen ha⸗ en ſollte, ctweckte ſeinen lebhaften Unwillen. * 39 Er, der immer ſtolz darauf geweſen war, ein Elliot zu ſeln, und der in Hinſicht auf verwandt⸗ ſchaftliche Verbindungen ſo ſtrenge Anſichten hatte, die zu dem Tone der neuern Zeit, nur Gleich⸗ giltigkeit gegen die Vorrechte der Abſtammung zu zeigen, wenig paßte— wie haͤtte uͤber eine ſolche Beſchuldigung nicht erſtaunen ſollen! Aber ſeine Geſinnungen, ſeine Auffuͤhrung muß⸗ ten ſolche Aeußerungen widerlegen. Er konnte dem Baronet das Zeugniß aller ſeiner Bekann⸗ ten bringen, und in der That fand man in dem Eifer, womit er die erſte Gelegenheit zu einer Ausſöhnung ergriffen hatte, um wieder in das freundliche Verhaͤltniß eines Verwandten und muthmaßlichen Erben zu kommen, einen ſtarken Beweis fuͤr ſeine uͤber bie Be genſtand. Selbſt ſeine Heirath ſꝙien ſich ſchr ent⸗ ſchuldigen zu laſſen. Er ſelber ließ ſich uͤber dieſen Gegenſtand nicht aus; aber ſein vertrauter Freund, ein Oberſt Wallis, ein ſehr achtbarer, ſehr gebildeter Mann— und der auch nicht ͤbel ausſaͤhe, ſetzte der Baronet hinzu— hat⸗ te, als er von Vetter Elliot vorgeſtellt worden 40 war, einige Umſtaͤnde in Beziehung auf die Heirath mitgetheilt, welche jene, fuͤr ſo ſchmach⸗ voll gehaltene, Verbindung in einem andern Lich⸗ te erſcheinen ließen. Oberſt Wallis hatte den jungen Elliot lange gekannt, war auch mit deſ⸗ ſen Frau bekannt geweſen, und wußte um die ganze Geſchichte. Sie war freilich nicht von guter Herkunft, aber gut erzogen, hatte Kennt⸗ niſſe, Vermoͤgen und war ſehr verliebt in ſeinen Freund. Das war der Zauber geweſen. Sie hatte ihn aufgeſucht. Ohne dieſe Anziehung haͤtte ihr ganzer Reichthum den Vetter Elliot nie in Verſuchung fuͤhren konnen, und der Ba⸗ ronet erhielt uͤberdieß die Verſicherung, daß ſie eine ſehr ſchoͤne Frau geweſen war. Wie hakte dieß nicht die ganze Geſchichte mildern ſollen! Eine ſehr ſchoͤne Frau— ſehr reich und ver— liebt in ihn! Der Baronet ſchien dieß als eine vollſtändige Entſchuldigung anzunehmen, und wiewohl Eliſabeth die Sache nicht in einem ſo ganz guͤnſtigen Lichte ſah, ſo gab ſie doch zu, daß jene Umſtände alles ſehr milderten. Vetter Elliot war oft bei ihnen geweſen, hat⸗ te einmahl bei ihnen geſpeiſet, war ſehr erfreut 41 über dieſe Auszeichnung, da ſie ſonſt keine Mahlzeiten gaben, erfreut mit einem Worte ͤber jeden Beweis verwandtſchaftlicher Aufmerk⸗ ſamkeit, und ſchaͤtzte ſich glucklich, mit ihnen auf vertraulichem Fuße zu ſiehen. Anna hoͤrte zu, verſtand aber nicht alles. Sie wußte wohl, daß den Anſichten der Redenden ſehr viel zugeſchrieben werden mußte, und daß man ihr alles in einem verſchoͤnernden Lichte zeigte. Al⸗ les, was ſeltſam, oder unvernuͤnftig in der Ge⸗ ſchichte dieſer Ausſoͤhnung klang, mochte wohl nur auf Rechnung des Vortrags der Erzahler kommen. Sie ahnete indeß, daß Elliots Wuͤnſchen, nach Verlauf ſo vieler Jahre wieder in ein freundliches Verhaͤltniß mit ſeinen Verwandten zu kommen, mehr zum Grunde lag, als ſich deutlich verrieth. In Hinſicht auf zeitliche Vortheile konnte er nichts gewinnen, wenn er mit dem Baronet gut ſtand, nichts verlieren durch Unfrieden mit ihm. Er war vermuthlich jetzt ſchon der Reichſte von beiden, und das Stammgut Kellynch war ihm ſo gewiß, als kuͤnftig die erbliche Adelswuͤrde. Wie haͤtte ein ver⸗ ſtändiger Mann— und er ſah als ein ſehr ver⸗ ſtändiger Mann aus— nach ſolchen Dingen trach⸗ 42 ten können? Anna wußte nur eine Loͤſung des Raͤthſels; vielleicht hatte er Abſichten auf Eliſa⸗ beth. Es mochte fruͤher wohl eine Neigung ſtatt gefunden haben, wiewohl Ruͤckſichten auf Vortheil und ein Zufall ihn auf einen andern Weg gezogen hatten, und in ſeiner jetzigen Lage, wo er ganz nach ſeinem Gefallen handeln konnte, wollte er vielleicht um ihre Gunſt werben. Eliſabeth war allerdings ſehr huͤbſch, gut erzogen, ſehr gebildet, und Elliot mochte ihre Geſinnungen wenig ergrůͤn⸗ det haben, da er ſie nur bei oͤffentlichen Gelegen⸗ heiten, und als er ſelber noch ſehr jung war, ge⸗ ſehen hatte. Ob ihre Stimmung und ihr Ver⸗ ſtand vor ſeinem, durch Lebenser fahrung geſchaͤrf⸗ ten Blicke beſtehen moͤchte, war eine andere Fra⸗ ge, die Anna ſich nicht ohne Bekuͤmmerniß vor⸗ legte. Sie wuͤnſchte lebhaft, daß er nicht zu ge⸗ nau in der Pruͤfung, nicht zu ſcharf beobachtend ſein moͤchte, wenn er auf Eliſabeth Abſichten hat⸗ te; und daß ihre Schweſter dieß ſelber glaubte, und Frau Clay ſie in der Vermuthung beſtaͤrkte, ſchien ein Blick zu verrathen, den Beide ſich zu⸗ warfen, als von Eliots Muſges die Rede war. Anna erzählte, daß ſie in Lyme ihn flüchtig geſchen hatte; aber man achtete wenig darauf. „Ja, vielleicht iſt er's geweſen. Wer weiß es!“ Die Beſchreibung, die Anna von ihm geben wollte, mochte man nicht anhören. Man be⸗ ſchrieb ihn ſelbſt, beſonders uͤbernahm dieß der Baronet. Er ruͤhmte, ſein Vetter hätte ganz das Anſehn eines gebildeten Mannes, ein ſeines Benechmen, eine gnte Geſichtsbildung, ein ver⸗ ſtändiges Auge, aber er ſetzte freilich hinzu, waͤre ſehr zu beklagen, daß der Vetter— gerade Haltung hätte, ein Fehler, der mit den Jahren ſehr zugenommen zu haben ſchiene, und es ließe ſich auch nicht läugnen, daß ſeit zehn Jah⸗ ren faſt alle ſeine Zge nachtheilig veraͤndert wor⸗ den wären. Vetter Elliot haͤtte die Meinung ver⸗ rathen, hieß es weiter, der Baronet ſähe noch ge⸗ rade ſo aus, als beim letzten Abſchiede; aber der Baronet verſicherte, es haͤtte ihn verlegen ge⸗ macht, daß er nicht im Stande geweſen waͤre, dieſe Schmeichelei ganz zu erwiedern. Der alte Hert geſtand indeß, ſein Vetter haͤtte ein beſſeres An⸗ ſehen, als die meiſten Männer) und er wollte ohne Bedenken uͤberall mit ihm erſcheinen. . 44 Man ſprach den ganzen Abend von dem Vetter und deſſen Freunde, dem Oberſten, den es ſo ſehr verlangt hatte, den Baronet kennen zu lernen. Der Oberſt hatte auch eine Frau, die man aber nur erſt aus Beſchreibungen kannte, da ſie noch nicht von ihrer Krankheit geneſen war. Der Vetter hatte ſie als eine ſehr reizende Frau geſchildert, die in hohem Grade der Bekanntſchaft mit der Familie des Baronets wuͤrdig waͤre. Gleich nach ihrer Herſtellung hoffte man ſie kennen zu lernen. Der Baronet hatte eine ſeht hohe Meinung von des Oberſten Gemahlin, die ſo reizend„ſo ſchoͤn ſein ſollte. Er ſehnte ſich recht, ſie ken⸗ nen zu lernen, und hoffte, ſie werde ihn fur den Anblick der vielen gemeinen Geſichter ent⸗ ſchädigen, die man immer in den Straßen von Bath ſahe. Ja, das war das Schlimmſte in Bath, die große Anzahl reizloſer Weiber. Er wollte nicht ſagen, daß es nicht auch huͤbſche gaͤbe, aber die Zahl der haͤßlichen war außer allem Ver⸗ haͤltniſſe. Er wollte oft, bei einem Gange durch die Stadt, bemerkt haben, daß einem huͤbſchen Geſichte dreißig bis fuͤnf und dreißig Scheuſale 45 gefolgt waͤren, und einmahl, als er in einem La⸗ den geſtanden, hatte er ſieben und achtzig Weiber, eine nach der andern, gezaͤhlt, worunter auch nicht ein leidliches Geſicht geweſen war. Es war frei⸗ lich ein froſtiger Morgen, ein ſehr ſcharfer Froſt geweſen, wobei unter tauſend Frauen kaum eine die Probe beſtehen kann; aber dennoch gab es, nach ſeiner Meinung, gewiß eine ſchreckliche An⸗ zahl haͤßlicher Weiber in Bath. Und vollends die Maänner! Noch weit ſchlimmer! Nichts als Vo⸗ gelſcheuchen in allen Straßen! Wie wenig die Weiber an den Anblick einer ertraͤglichen Geſtalt gewoͤhnt waren, verrieth dentlich die Wirkung, welche ein wohl ausſehender Mann hervorbrachte. So oft er Arm in Arm mit dem Oberſten Wallis ging, waren immer die Blicke aller Frauen auf den Mann gerichtet, der eine ſchoͤne kriegeris ſche Geſtalt haben ſollte, aber freilich rothhaarig war. Der beſcheidne Baronet! Er ſollte aber nicht ausweichen. Seine Tochter und Frau Clay ließen beide den Wink fallen, daß des Oberſten Begleiter wohl eben ſo gut als jener ausſähe, und gewiß nicht rothhaarig waͤrc. Und wie ſieht Marie aus? fragte der Baronet, in der beßten Laune. Als ich ſie zuletzt ſah, hatte ſie eine rothe Naſe. Ich will doch nicht daß das immer ſo iſt? a O nicht doch! Das muß ganz zufaͤllig— ſein. Sie iſt im Ganzen ſeit Michael ſehr geſund und von gutem Ausſchen geweſen. Ich wollte ihr wohl einen neuen Hut, oder ei⸗ nen Pelz ſchicken, wenn ich wuͤßte, daß ſie ſich dadurch nicht in Verſuchung fuhren ließe, ſich den ſcharſen Winden auszuſeben, die eine— Haut machen. n Anna erwog, ſie die Veſihteunz wagen wollte, daß jene Geſchenke keineswegs zum Miß⸗ brauche verleiten wuͤrden, als auf einmahl der Thuͤrklopfer erſcholl. So ſpaͤt? Es war ja ſchon zehn Uhr. Sollte es Vetter Elliot ſein? Er hatte auswaͤrts geſpeiſet, und wollte vielleicht auf dem Heimwege einſprechen, um ſich nach ihrem Befin⸗ den zu erkundigen. Frau Clay meinte, es můͤßte Herr Elliot ſein, wie ſie am Klopfen horen wollte, und ſie hatte recht. Der Tafeldecker und ein% kei öffneten ihm die Thuͤre. 13 0 Anna erkannte in ihm den Fremden aus Ly⸗ 1 47 me; ganz derſelbe, bis auf den Anzug. Sie trat ein Paar Schritte zuruͤck, waͤhrend die Andern ſeine Begruͤßungen empfingen, und ihre Schweſter ſeine Entſchuldigungen uͤber den ſpaͤten Beſuch annahm. Er hatte nicht voruͤber gehen koͤnnen, ohne ſich zu erkundigen, ob ſie, oder ihre Freun⸗ dinn, am vorigen Tage ohne eine Erkältung davon gekommen waͤre. Endlich mußte die Reihe an Anna kommen. Der Baronet ſprach von ſeiner juͤngſten Tochter — an Marien ſich zu erinnern, war gerade keine Veranlaſſung— und bat den Vetter um Erlaub⸗ niß, ſie ihm vorzuſtellen. Die laͤchelnde und er⸗ röthende Anna zeigte ganz die hubſchen Zuͤge, die Elliot gar nicht vergeſſen hatte, und an ſeiner Ue⸗ berraſchung ſich beluſtigend, ſah ſie ſogleich, daß er fruͤher nicht errathen hatte, wer ſie war. Er war höchſt verwundert, jedoch eben ſo ſehr erfreut. Seine Blicke glaͤnzten, froͤhlich bewillkommete er die Verwandte, und mit einer Anſpielung auf das Vergangene bat er, ihn als einen Bekannten auf⸗ zunehmen. Er ſah ſo gut aus, als ſie ihn in Ly⸗ me geſehen hatte; ſeine Zuͤge wurden noch einneh⸗ mender, während er ſprach, und ſein Benehmen 48 war ſo gebilbet, ſo leicht, ſo ungemein gefallig, daß ſie nur einen Wn kannte, der ſi 5 ch eben ſo gut benahm. Er ſetzte ſich zu ihnen,( ihre ienehelg ward anziehender durch den Beitrag, den er dazu ab. Er war ohne allen Zweifel ein verſtaͤndiger Mann, und zehn Minuten waren hinlaͤnglich, dieß darzuthun. Sein Ton, ſeine Ausdruͤcke, ſeine Wahl des Geſpraͤchſtoffes, und der feine Sinn, womit er zu rechter Zeit aufzuhoͤren wußte, alles dieß verrieth Verſtand und Beurtheilung. Er ſprach, ſo bald er eine Gelegenheit fand, von Ly⸗ me, wunſchte Anna's Meinung uͤber den Ort zu kennen, aber vor allen Dingen uͤber die Umſtaͤnde zu ſprechen, welche ſie und ihn zu gleicher Zeit in daſſelbe Wirthshaus gebracht hatten, und er be⸗ dauerte, daß ihm eine ſolche Gelegenheit entgan⸗ gen war, ihr aufzuwarten. Anna erzaͤhlte ihm mit wenigen Worten, in welcher Geſellſchaft und in welcher Abſicht ſie nach Lyme gekommen war. Sein Bedauern ſtieg, waͤhrend er zuhörte. Er hatte damahl den ganzen Abend einſam in einem Zimmer neben dem ihrigen zugebracht, Stimmen und ununterbrochene Munterkeit gehoͤrt, und ſich 49 geſehnt, unter ſo froͤhlichen Menſchen zu ſein, aber nicht im Mindeſten geahnet, daß er auch nur einen Schatten von einem Rechte haͤtte, Bekannt— ſchaft zu ſuchen. Wenn er doch nur gefragt haͤtte, wer die Geſellſchaft waͤre, ſo wuͤrde der Nahme Musgrove ihm ſchon genug verrathen haben. Dieß ſollte ihn von der ungereimten Gewohnheit heilen, nie in einem Wirthshauſe nach andern Gaͤſten zu fragen: eine Gewohnheit, die er, als ſehr junger Mann, in der Meinung angenommen, daß Neugier einem gebildeten Manne nicht anſtaͤndig wäre. „Die Anſichten eines jungen Mannes von zwei und zwanzig Jahren, ſetzte er hinzu, über das Benehmen, das fuͤr einen feinen Mann gehoͤren ſoll, ſind vermuthlich abgeſchmackter, als was ir⸗ gend eine andre Art von Menſchenkindern ſich in den Kopf ſetzt. Die thoͤrigen Mittel, die ſie oſt dazu anwenden, laſſen ſich nur mit der Thorheit ihrer Abſichten vergleichen.“ Elliot wußte ſehr gut, daß er ſich nicht mit Anna allein unterhalten konnte; er wendete ſich ſehr bald wieder zu den Uebrigen, und kam nur von Zeit zu Zeit wieder auf Lyme zurück. Seine Fragen fuͤhrten endlich zu einer Erzaͤh⸗ 1. Zheit. D 50 lung des Auftrittes, den ſie, bald nach ſeiner Abreiſe, mit angeſehen hatte, und als ſie auf ei⸗ nen unglucksfall anſpielte, mußte er alles wiſſen. Seine Fragen veranlaßten auch den Baronet und Eliſabeth, gleichfalls zu fragen; aber auffallend war es, wie man ſich dabei ſo ganz verſchieden benahm. Herr Elliot erinnerte ſie an Frau Ruſ⸗ ſel, bei dem Wunſche, den Vorgang genau zu er⸗ fahren, und bei der Theilnahme, womit er zu fuͤhlen ſchien, was ſie, als n des unn⸗ tes, gelitten hatte. Eer blieb eine Stunde bei en Die enh⸗ Stutzuhr auf dem Kaminſimſe hatte elf geſchlagen, und der Nachtwaͤchter machte ſchon am Ende der Straße dieſelbe Meldung, ehe Herr Elliot, oder ſonſt Jemand zu fuͤhlen ſchien, daß er lange da ge⸗ weſen war. Anna hatte nicht gebacht, daß 3 an uun in Bath ſo angenehm ſein ſollte. 51 IV. Eſnen Umſtand gab es, woruͤber Anna, bei der Ruckkehr in ihres Vaters Haus, noch lieber Ge⸗ wißheit gehabt hätte, als uͤber die Frage, ob Elliot in Eliſabeth verliebt waͤre, daruͤber nähmlich, ob ihr Vater ſich nicht in Frau Clay verliebt hätte. Sie war daruͤber ſchon in den erſten Stunden nichts weniger als ruhig. Als ſie am naͤchſten Morgen zum Fruͤhſtuͤcke kam, glaubte ſie, Frau Clay haͤtte nun einen ſchickli⸗ chen Vorwand gefunden, um ihre Abreiſe anzu⸗ kuͤndigen. Die Geſellſchafterinn mochte etwa geſagt haben, ſie wuͤrde nun, da Fraͤulein Anna gekommen waͤre, nicht mehr noͤthig ſein, denn Eliſabeth antwortete leiſe:„Gar kein Grund, ich ſage Ihnen, gar keiner; ſie iſt nichts fuͤr mich, in Vergleichung mit Ihnen.“ Und ganz vernehmlich hoͤrte ſie ihren Vater ſagen: D 2 „Nein, liebe Frau Clay, das darf nicht ſein. Sie haben ja noch gar nichts von Bath geſe⸗ hen. Sie ſind nur hier geweſen, um uns nuͤtz⸗ lich zu ſein. Jetzt dürfen Sie uns nicht weg⸗ laufen. Sie muͤſſen bleiben, um Frau Wallis kennen zu lernen, die ſchoͤne Frau Wallis. Ich weiß es, fuͤr ihre ſchoͤne Seele iſt der Anblick der Schoͤnheit ein wahrer Genuß.“ Seine Worte und ſein Benehmen verrie⸗ then, daß er in vollem Ernſte ſprach, und Anna war nicht überraſcht, als ſie den Blick bemerkte, den Frau Clay verſtohlen auf Etiſabeth und auf ſie ſelber warf. In Anna's Geſichte mochte ſich vielleicht Wachſamkeit verrathen, aber die Lobrede auf die ſchoͤne Seele ſchien ihrer Schwe⸗ ſter nicht aufzufallen. Frau Clay tieß ſich von den vereinten Bitten zu dem Verſprechin bewe⸗ gen, noch laͤnger zu bleiben. Als Anna an demſelben Morgen mit ihrem Vater allein war, freute er ſich uͤber ihr gutes Ausſehen; und meinte, ihre ganze Geſtalt und ihre Wangen waͤren nicht mehr ſo mager, als ſonſt; ihre Haut, ihre Farbe— alles viel beſ⸗ ſer, klarer, friſcher. Er ſragte, ob ſie irgend etwas gebraucht haͤtte.„Nein, nichts.“ Viel⸗ leicht blos den Geſundbrunnen von Gowland? „Nein, durchaus nichts“ Der Baronet war hoͤchlich erſtaunt, und ſetzte hinzu:„Du kannſt nicht beſſer ausſehen, wenn Du ſo bleibſt; aber ich empfehle Dir doch den ſteten Gebrauch des Gowland⸗Waſſers im Fruͤhjahr. Frau Clay hat es auf meine Empfehlung gebraucht, und Du ſiehſt, wie gut es ihr bekommen iſt. Ihre Sommerſproſſen ſind weg, wie Du ſiehſt.“ Haͤtte doch Eliſabeth dieß hoͤren konnen! Eine ſolche Lobrede auf aͤußere Vorzuͤge wuͤrde ihr doch wohl auſgefallen ſein, zumahl da Anna meinte, die Sommerſproſſen waͤren ganz und und gar nicht verſchwunden. Doch— am En⸗ de war die Heirath weniger ein Ungluͤck, wenn auch Eliſabeth ſich vermaͤhlte; denn Anna konnte ja zu jeder Zeit bei Frau Ruſſel eine S— finden. Frau Ruſſel hatte bei win ſſi Ge⸗ muͤthe und feinem Benehmen, in Hinſicht auf jenen Umſtand eine Pruͤfung zu beſtehen, ſo oft ſie des Baronets Haus beſuchte. Sie ward immer empfindlich, wenn ſie ſah, wie Frau Clay 54 in Gunſt war, während Anna uberſehen wurde, und aͤrgerte ſich, wenn ſie weg war, ſo ſehr als Jemand, der die Brunnenkur braucht, alle neuen Buͤcher lieſt und eine ausgebreitete Be⸗ kwntſchnſt hat, Zeit zum S b Als Elliot mit tihr. nche vn wur⸗ de ſie nachſichtiger, oder gleichgiltiger gegen die Andern. Sein Benehmen empfahl ihn ſogleich, und als ſie ſich mit ihm unterhielt, fand ſie das Grundliche dem Oberfläͤchlichen ſo berlegen, daß. ſie anfangs, wie ſie ihrer Freundin Anna erzahlte, 3 hůtte ausrufen mogen:„Kann dieß Herr eu ſein!“ Sie konnte ſich keinen angenehmern, ach⸗ tungwůͤrbigern Mann denken. Er vereinigte alle gute Eigenſchaften: Verſtand, richtige Anſichten, Weltkenntniß und ein warmes Herz. Er hatte ein lebhaftes Gefühl fuͤr Familienanhanglichkeit und Familienchre, aber ohne Stolz oder Schwaͤ⸗ chez er lebte mit der Freigebigkeit eines vermo⸗ genden Mannes, ohne zu verſchwenden, und folgte in weſentlichen Dingen ſeinem eigenen urtheile, ohne der bffentlichen Meinung in Dingen, die den Anſtand betrafen, trotz zu bieten. Er war 55 geſetzt, aufmerkſam, gemaͤßigt, aufrichtig; er ließ ſich nie von einer fluͤchtigen Aufregung, oder von Selbſtſucht hinreißen, in dem Wahne, dem An⸗ triebe eines kraͤftigen Gefuͤhles zu folgen, und doch hatte er fuͤr alles Liebenswuͤrdige und Lieb⸗ liche ſo viel Sinn, gegen alle Gluͤckſeligkeit des haͤuslichen Lebens ſo viel Achtung, als Men⸗ ſchen von eingebildeter Begeiſterung und heftiger Stimmung ſelten beſitzen. Frau Ruſſel war uͤberzeugt, daß er nicht gluͤcklich verheirathet ge⸗ weſen war. Oberſt Wallis ſagte es ja, und ſie ſelber ſah es; aber es war doch kein ſo arges Ungluͤck geweſen, daß es ſein Gemuͤth verbittert, oder ihn abgehalten haͤtte, an eine neue Ver⸗ bindung zu denken. Frau Ruſſel war ſo zufrie⸗ den mit Elliot, daß ſie den Verdruß ziemlich vergaß, den ihr Frau Clay machte. Anna hatte ſchon ſeit einigen Jahren die Erfahrung gemacht, daß ſie und ihre treffliche Freundinn zuweilen verſchiedene Anſichten hatten, und es wunderte ſie nicht, daß Frau Ruſſel in Elliots lebhaften Verlangen nach einer Ausſoh⸗ nung nichts Verdäͤchtiges, oder Wiederſprechen⸗ des, nichts, das geheime Beweggruͤnde verrieth, erblickte. Rach der Meinung ihrer Freundinn war es ganz natuͤrlich, daß Elliot in reifern Jahren ein gutes Einverſtändniß mit dem Haupte der Familie fuͤr eine ſehr wuͤnſchenswerthe Sa— che hielt, die ihn bei allen Verſtändigen empfeh⸗ len muͤßte. Ganz natuͤrlich mußte der Einfluß der Zeit ſich ſo in einem Kopfe zeigen, wo es urſprunglich hell war, und den nur Jugendhitze zu Verirrungen hatte hinreißen können. Anna wagte es indeß, noch immer zu laͤcheln, und nannte endlich den Nahmen ihrer aͤltern Schwe⸗ ſter. Frau Ruſſel ſah ſie ſchweigend an, und antwortete dann bedächtig;„Eliſabeth? Nun gut, das wird ſich ausweiſen.“ Dieſe Hinweiſung auf die Zukunſt mußte Anna, nach kurzem Nachdenken, ſich gefallen laſſen. Sie konnte jetzt nichts beſtimmen. Eli⸗ ſabeth hatte hier ja den Vorrang, und Anna war ſo ſehr gewoͤhnt, ihn anzuerkennen, daß eine beſondere, lihr gewidmete Aufmerkſamkeit faſt fuͤr unmoͤglich gelten mußte. Elliot war ja auch erſt ſeit ſieben Monaten Witwer, und Zoͤgerung von ſeiner Seite ſehr zu entſchuldigen. Anna konnte den Flor um ſeinen Hut nie anſehen, 57 ohne zu fuͤhlen, daß ſie nicht zu entſchuldigen waͤre, wenn ſie ihm ſolche Einbildungen zu⸗ ſchrieb. War auch ſeine Ehe nicht ſehr gluͤcklich geweſen, ſo hatte ſie doch ſo viele Jahre beſtan⸗ den, daß Anna nicht begreifen konnte, es ließe ſich der furchtbare Eindruͤck, den die Auflöſung einer ſolchen Verbindung te, ſo ſchnell vergeſſen. Wie indeß auch der Ausgang ſein— Ellivt war ihre angenehmſte Bekanntſchaft in Bath. Sie kannte Niemanden, der ihm glich, und es war ein großer Genuß fuͤr ſie, zuweilen mit ihm von Lyme zu ſprechen, das er eben ſo gern wiederzuſehen, und genauer kennen zu ler⸗ nen wuͤnſchte, als ſie. Die Umſtände ihres er⸗ ſten Zuſammentreffens wurden beſprochen. Er gab ihr zu verſtehen, daß er ſie mit Lebhaſtig⸗ keit angeſehen hatte. Sie wußte es wohl, und erinnerte ſich an noch Jemand, der ſie auch ſo angeſehen.. Nicht immer aber dachten ſie gleich. Si fand, daß er Rang und Familienverbindungen hoͤher ſchäͤtzte, als ſie. Es war nicht bloß Nachgiebig⸗ keir, ſondern wirkliches Gefallen an der Sache 55 ſelbſt, als er an den Bekuͤmmerniſſen ihres Va⸗ ters und ihrer Schweſter uber einen Gegenſtand, der nach Anna's Meinung nicht wuͤrdig war, ſo etwas zu erregen, mit Waärme Antheil nahm. Die Zeitung meldete einſt die Ankunft der Wit⸗ we des Visevunt's Dalrymple, und ihrer Tochter Fraͤulein Carteret, und für mehre Tage war alle Freude aus dem Hauſe verſchwunden. Die Familie Dalrymple war— nach Anna's Mein⸗ ung zum Unglücke— mit dem Hauſe Elliot 3— verwandt, und die Sn Sorge war, wie man ſchicklich die Bekanntſchaft anknuͤpfen ſollte. 6 Anna hatte ihren Vater und ihre Schweſter nie vorher mit dem hohen Adel in Beruͤhrung geſehen, und ſand ſich ſehr getaͤuſcht. Die hohe Meinung ihrer Angehoͤrigen von ihrem Range hatte ſie etwas Beſſeres hoffen laſſen, und ſie ſah ſich jetzt, was ſio nie geahnet hatte, dahin gebracht, den Wunſch auszuſprechen, daß ſie mehr Stolz haben moͤchten. Von unſern„Vettern und Baſen Dalrymple“ den ganzen *68 die Ohren n itn en n Der Baronet war einmal mit dem n rſorte nen Viscount in Geſellſchaft geweſen, hatte aber 59 nie ſonſt Jemand von der Familie kennen gelern. Die Schwierigkeit entſtand aus dem Umſtande, daß alle Verbindung durch Hoͤflichkeitsbriefe ſeit dem Tode des Viscounts abgebrochen war, da zu jener Zeit, bei einer gefaͤhrlichen Krankheit des Baronets, eine ungluͤckliche Unterlaſſung ſtatt ge⸗ funden hatte. Es war kein Beileidſchreiben nach Ireland gegangen. Dieſe Verſaͤumniß ward am Haupte des Suͤnders heimgeſucht, denn als Frau Elliot ſtarb, erhielt man auch in Kellynch kein Beileidſchreiben, und es war Grund genug zu der Beſorgniß, daß das Haus Dalrymple die ver— wandtſchaftliche Verbindung fuͤr voͤllig aufgehoben hielt. Wie dieſe Angelegenheit wieder in Ordnung gebracht werden und wie man dazu kommen koͤnnte, wieder als Verwandte aufgenommen zu werden— das war die Frage, und es war eine Frage, welche, wenn auch aus einem vernuͤnftigern Geſichtspunk⸗ te, weder Frau Ruſſel, noch der juͤngere Elliot fur unwichtig hielt. Familienverbindungen waͤren im⸗ mer der Beachtung, gute Geſellſchaft waͤre immer des Aufſuchens werth, hieß es; Lady Dalrymple haͤt⸗ te eine glaͤnzende Wohnung auf drei Monate gemie⸗ chet, und wuͤrde ein großes Haus machen. Sie war 60 auch im vorigen Jahre in Bath geweſen und Frau Ruſſel hatte viel zum Lobe der reizenden Frau ge⸗ hort. Es war ſehr zu wuͤnſchen, daß die Ver⸗ bindung wieder angeknupft werden möchte, wenn s geſchehen könnte, ohne daß ſich die S6„. liot etwas vergaͤbe. Der Baronet wollte jedoch ſeinen eigenen„e gehen, und ſchrieb endlich an die hochgeborne Baſe ei⸗ nen ſehr ſchoͤnen Brief, der volle Erläuterung gab, Bebauern ausdruckte und Bitten ausſprach. We⸗ der Frau Ruſſel, noch Vetter Elliot konnten den Brief bewundern, aber er that die verlangte Wirk⸗ ung und brachte drei Zeilen Gekritzel, worin Lady Dalrymple erklaͤrte, daß ſie ſich ſehr geehrt fuhlte, und ſich freuen wuͤrde, des Baronets Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Das Laäͤſtige der Sache war nun voruͤber, und die Suͤßigkeiten begannen. Man legte einen Beſuch ab, und erhielt Karten von Lady Dalrymple und Fraͤulein Carteret, die man aufbewahrte, wo ſie am meiſten in die Augen ſie⸗ len; und Jedermann mußte von den Baſen Dal⸗ rymple und Carteret hoͤren. Anna war beſchaͤmt. Wenn Lady Dalrymple und ihre Tochter ſehr einnehmend geweſen waͤren, — 61 ſo wuͤrde ſie uͤber die Bewegung, wozu Beide Veranlaſſung gaben, dennoch beſchaͤmt geweſen ſein; aber Mutter und Tochter waren voͤllig unbe⸗ deutend; keine Vorzuͤge im Benehmen, in Kennt⸗ niſſen, oder in Geiſtesgaben. Lady Dalrymple ward eine reizende Fran genannt, weil ſie fuͤr Je⸗ dermann ein Lächeln und eine hoͤfliche Antwort hatte. Fraͤulein Carteret hätte ſo gemeine Zuͤge und ein ſo linkiſches Benehmen, daß ſie in des Ba⸗ ronets Hauſe nie Zutritt erhalten haͤtte, wenn es nicht wegen ihrer Herkunft geſchehen waͤre. Frau Ruſſel konnte nicht laͤugnen, ſie haͤtte et⸗ was Beſſeres erwartet; meinte aber, es wäre ei⸗ ne Bekanntſchaft, die man ſchon ſchaͤtzen muͤßte. Als Anna ihre Meinung dem Vetter Elliot mit⸗ theilte, ſtimmte er ihr bei, daß zwar Beide an ſich nichts waͤren, behanptete jedoch, ſie muͤßten als Verwandte, als gute Geſellſchaft, als Leute, die gute Geſellſchaft um ſich ſammeln wuͤrden, al⸗ lerdings werth geachtet werden. Gute Geſellſchaft, ſagte Anna laͤchelnd, nenne ich die Geſellſchaft geſchickter, gebildeter Leute, die ein Geſpräch zu fuͤhren verſtehen. Sie ſind im Jrrthume, erwiederte Elliot hoſ⸗ lich, das iſt nicht gute Geſellſchaft, das iſt die beßte. Zu guter Geſellſchaft gehort nichts, als gute Herkunft, Bildung und Lebensart, aber mit der Bildung nimmt man's nicht ſehr genau. Her⸗ kunft und gutes Benehmen ſind weſentlich, e bischen Gelehrſamkeit iſt jedoch gar nicht. lich in guter Geſellſchaft ſondern im Gegentheil recht brauchbar. Sie ſchůͤtteln den Kopf? Sie ſind nicht zufrieden? O wer wird ſo ekel ſein! Meine liebe Baſe, fuhr er fort, ſich zu ihr ſeßend: Sie haben mehr recht, hier ekel zu ſein, als beinahe alle Frauen, die ich kennc. Aber taugt es? Wird es Sie gluͤcklich machen? Wied es nicht kluger ſein, die Geſellſchaft der beiden Verwandten ſich gefallen zu laſſen, und alle Vortheile dieſer Ver⸗ bindung ſo viel als moͤglich zu genießen? Ich ge⸗ be Ihnen mein Wort, die beiden Baſen werden dieſen Winter in den erſten Kreiſen glänzen. Rang iſt nun einmal Rang, und wenn man weiß, daß Sie mit ihnen verwandt ſind, ſo wird dieß ſeinen guten Nutzen haben, ihrer Familie— unſrer Famille, laſſen Sie mich ſagen— jene Achtung zu ſichern, die wir Alle wuͤnſchen muͤſſen. e, ſeufzte Anna, es wird wohl bekannt werden, daß wir mit der Familie verwandt ſind. Sie ſammelte ſich, und keine Antwort wuͤnſchend, ſetzte ſie hinzu: Ich glaube in der That, man hat ſich zu viel Muͤhe gegeben, zu dieſer Bekanntſchaft zu gelangen. Ich glaube, fuhr ſie laͤchelnd fort, ich bin ſtolzer, als irgend Jemand unter Ihnen, aber ich geſtehe Ihnen, es iſt mir aͤrgerlich, daß wir ſo aͤngſtlich bemuͤht ſind, eine Verwandtſchaft anerkannt zu ſehen, die unſern Ben gewiß ſehi gleichgiltig iſt. Verzeihen Sie mir, liebes Fraͤulein, Sie be⸗ urtheilen ihre Anſpruͤche ungerecht. In London koͤnnte es, bei der jetzigen ſtilen Lebensweiſe ihrer Familie, vielleicht ſo ſein, als Sie ſagen; in Bath aber wird man ihren Herrn Vater und ſeine Ange⸗ hoͤrigen immer fuͤr eine willkommene Bekannt⸗ ſchaft halten.— Nun, ich bin gewiß zu ſtolz, mich uͤber eine Bewillkommung zu freuen, die ſo ganz vom— Orte abhaͤngt. Ihr Unwille gefaͤllt mir, erwiederte Vetter El⸗ liot, und er iſt ſehr natuͤrlich. Aber Sie ſind jetzt in Bath, und es kommt darauf an, ſich hier das Anſehen und die Wuͤrde zu ſichern, die ihrem Herrn 63 Vater gebuͤhren. Sie reden von Stolz; auch mich haͤlt man fuͤr ſtolz, wie ich weiß, und ich wuͤnſche nicht, daß man eine andere Meinung von mir haͤtte; denn unſer beiderſeitiger Stolz möchte, ge⸗ nau betrachtet, wohl auf denſelben Gegenſtand ge⸗ richtet ſein, wenn er auch nicht von ganz gleicher Art ſein ſollte. In einem Punkte aber, meine liebe Baſe— fuhr er leiſer fort, obgleich ſonſt Niemand im Zimmer war— in einem Punkte fuͤhlen wir gewiß gleich. Wir muͤſſen fuͤhlen, daß mehr Umgang mit ſeines Gleichen, oder mit Hoͤ⸗ heren, fuͤr ihren Vater den Vortheil haben kann, ſeine Gedanken von Leuten abzulenken, die unter ihm ſind. 1 6 Er blickte bei dieſen Worten auf den Stuhl, wo Frau Clay vorher geſeſſen hatte, und dieſer Blick erklärte hinlaͤnglich ſeine Meinung. Anna konnte zwar nicht glauben, daß er und ſie dieſelbe Art von Stolz fuͤhlten, aber es gefiel ihr, daß er Fran Clay nicht leiden konnte, und ſie glaubte, daß ſie ſei⸗ nen Wunſch, ihrem Vater vornehme Bekanntſchaf⸗ ten zu gewinnen, mit ſeiner Abſicht, jene Fran zu verdraͤngen, voͤllig entſchuldigen durſte. V. Woe der Baronet t und Eliſabeth eifrig be⸗ muͤht waren, ihr Gluͤck bei den vornehmen Baſen zu machen, erneuerte Anna eine Besaft ganz andrer Art. Sie hatte ihre ehemalige Lehrerinn beſucht, und von ihr erfahren, daß eine ihrer alten Mitſchuͤle⸗ rinnen in Bath wohnte, die zwei maͤchtige Anſprü⸗ che auf ihre Aufmerkſamkeit hatte; fruͤher geleiſte⸗ te freundſchaftliche Dienſte und gegenwärtige Lei⸗ den. Frau Smith, die Anna als Fraͤulein Hamil⸗ ton gekannt hatte, war zu einer Zeit, wo Freund⸗ lichkeit am meiſten werth iſt, guͤtig gegen ſie gewe⸗ ſen. Anna war bald nach dem Tode ihrer gelteb⸗ ten Mutter mit trauerndem Herzen in die Koſt⸗ ſchule gekommen, wo ſie ſich ſchmerzlich nach Hauſe zuruck ſehnte, und ſo viel litt, als ein Madchen von vierzehn Jahren mit ſehr reizbatem Gefuͤhle 11. Zhei. E und nicht ſehr aufgeraͤumtem Geiſte in dieſem Le⸗ bensalter leiden mußte. Fraͤulein Hamilton, drei Jahre aͤlter als ſie, blieb ein Jahr laͤnger in der Schule, weil ſie keine nahen Verwandten und keine beſtimmte Heimath hatte, und wußte auf die Mit⸗ ſchuͤlerinn ſo guͤnſtig zu wirken, daß Anna bald hei⸗ terer wurde und nie gleichgiltig an die Theilnahme ihrer Freundinn denken konnte. Bald nach dem Abſchiede von der Schule hatte ſich Fraͤulein Hamilton verheirathet, und daß ſie ſich mit einem reichen Mann vermaͤhlt hatte, war Alles, was Anna von ihr erfuhr, bis die ehema⸗ lige Lehrerinn ihr von der Lage der Jugendfreun⸗ dinn ganz unerwartete Nachrichten mittheilte. Frau Smith war Witwe und arm. Ihr Mann war ein Verſchwender geweſen, und bei ſeinem Tode, ungefaͤhr zwei Jahre fruͤher, fanden ſich ſeine Angelegenheiten in der ſurchtbarſten Verwirrung. Sie hatte mit Schwierigkeiten aller Art zu kam⸗ pfen, und um das Maaß ihres Ungluͤcks voll zu machen, ward ſie von einem heftigen Flußfieber befallen, das ſich zuletzt auf die Beine geworfen, und ſie fur jetzt verkruppelt hatte. Sie war nach Bath gekommen, um Heilung zu ſuchen, wohnte 67 unweit der warmen Baͤder in einer ſehr duͤrftigen Lage, ohne Magd, und, wie begreiflich, 4 allen Umgang. Die gemeinſchaftliche Freundinn verſicherte, Frau Smith wuͤrde uͤber einen Beſuch von Fraͤu⸗ lein Ellivt ſehr erfreut ſein, und Anna eilte als⸗ bald zu ihr. Sie ſagte zu Hauſe nicht, was ſie gehoͤrt hatte, und was ihre Abſicht war, weil ſie wohl wußte, daß eine ſolche Mittheilung wenig Theilnahme erwecken wuͤrde. Frau Ruſſel, wel⸗ che ſie zu ihrer Vertrauten machte, billigte ihre Geſinnungen und brachte ſie an das Weſt⸗Ende, den unanſehnlichen Stadttheil, wo die Ungluͤck⸗ liche wohnte.— Der Beſuch erneuerte die Bekanntſchaft, und die Neigung, welche Beide fruͤher zu einander gezogen hatte, wurde waͤrmer als je. In den er⸗ ſten zehn Minuten waren ſie verlegen und bewegt. In zwolf Jahren hatten ſie ſich nicht geſehen, und jede fand die Jugendfreundinn dem entworfenen Bilde nicht ganz ahnlich. Zwoͤlf Jahre hatten das bluͤhende, ſtille, noch wenig ausgebildete Maͤdchen von funfzehn Jahren zu der ſiebenundzwanzigjaͤh⸗ rigen Jungfran gemacht, die jede Schoͤnheit, Ju⸗ E 2 63 gendblůte ausgenommen, beſaß, und deren Be⸗ nehmen ſo ſelbſtbewußt gut, als unwandelbar freundlich war; und zwoͤlf Jahre hatten die ſchoͤ⸗ ne, wohlgebildete Hamilton, die in voller Bluͤte der Geſundheit und in dem Bewußtſein ihrer ueberlegenheit ſtand, in eine arme, kranke, hilf⸗ loſe Witwe umgewandelt, die den Beſuch ihres chemaligen Schuͤzlings als eine Gunſt empfing. Bald aber war alles Unerfreuliche der Zuſammen⸗ kunſt verſchwunden, und es blieb nur der an⸗ ziehende Reiz, ſich ehemahliger Zuneigung zu er⸗ innern und von alten Zeiten zu keden. Anna fand in Frau Smith den Verſtand und das gefällige Benehmen, worauf ſie ziemlich ſicher gerechnet hatte, aber es war uͤberraſchend fur ſie, auch Neigung zur Unterhaltung und Froͤhlichkeit zu ſinden. Weder die Zerſtreuungen der Welt, unter welchen ſie lange gelebt hatte, noch ihre beſchraͤnkte Lage, weder Krankheit, noch Kummer, ſchienen ihr Herz verſchloſſen, oder ihre S ſtimmung verſtört zu haben. Bei Anna's zweitem Beſuche ſprach Fran Smith ſehr offen, und das Erſtaunen ihrer Freun⸗ dinn ſtieg. Anna konnte ſich kaum eine frenden⸗ ———.————— —— 69 loſere Lage denken. Frau Smith hatte ihren Mann geliebt, und ihn verloren; ſie war an Reichthum gewoͤhnt geweſen, und hatte ihn verſchwinden ge⸗ ſehen; ſie hatte kein Kind, das ſie wieder an das Leben und an Lebensgluͤck haͤtte knuͤpfen koͤnnen, keine Verwandten, die ihr bei der Anordnung ih⸗ rer verwickelten haͤuslichen Angelegenheiten be⸗ hilflich geweſen waͤren, und keine Geſundheit, die alles andere ertraͤglich gemacht haben wuͤrde. Zu ihrer haͤuslichen Einrichtung gehoͤrte ein geraͤuſch⸗ volles Wohnzimmer mit einer anſtoßenden finſtern Schlafkammer, aber ohne Beiſtand konnte ſich die Kranke nicht aus dem einen Gemache in das andre bewegen, und nur ein Dienſtbote war im Hauſe, der hilfreiche Hand leiſten konnte, und Frau⸗ Smith verließ das Haus nie anders, als um in die warmen Bäder ſich bringen zu laſſen. Und trotz allen dieſen Umſtaͤnden hatte Frau Smith, wie Anna zu bemerken glaubte, nur Augenblicke, wo der Kummer ſie uͤberwaͤltigte, gegen ganze Stunden von Beſchaͤſtigung und Genuß. Wie konnte das ſein! Anna beobachtete, erwog, und be⸗ veſtigte ſich endlich in der Meinung, daß hier nicht Seelenſtaͤrke und Ergebung allein wirkten. Ein 70 ergebenes Gemůth konnte geduldig ſein, ein kraͤf⸗ tiger Verſtand mußte Entſchloſſenheit geben, aber hier war etwas mehr; hier war jene Schnellkraft des Gemuͤthes, jene Neigung zu erquickender Trö⸗ ſtung, jene Gewalt, ſich ſchnell vom Schlimmen zum Guten abzuwenden und eine Beſchaͤftigung zu ſuchen, die ſie aus ſich ſelber hinaus fuͤhrte. Dieß war Naturgabe, des Himmels koͤſtlichſte Gabe, und Anna ſah in ihrer Freundinn eines jener ſel⸗ tenen Weſen, in welchen dieſes Geſchenk, nach einer milden Fuͤgung der Vorſehung, faſt fur je⸗ den andern Mangel entſchaͤdigen zu ſollen ſcheint. Frau Smith ſagte ihr, es waͤre eine Zeit ge⸗ weſen, wo ſie beinahe den Muth haͤtte ſinken laſ⸗. ſen. Sie war in der erſten Zeit ihres Aufenthalts in Bath in einer weit traurigern Lage geweſen. Nach einer Erkaͤltung, die ſie ſich unterwegs zu⸗ gezogen hatte, mußte ſie gleich nach ihrer Ankunft das Bett huͤten, und eine Wärterin annehmen, obgleich ihre Vermögensumſtande gerade zu jener Zeit jede außerordentiche Ausgabe druckend mach⸗ ten. Dieſe bedraͤngte Lage war jedoch gluͤcklich uͤberſtanden worden; ſie hatte ſogar guten Einfluß auf ihre Stimmung gehabt, und Zufriedenheit in 71 ihr erweckt, da ſie die Ueberzengung erhalten hat⸗ te, daß ſie in guten Haͤnden war. Bei ihrer Welt⸗ kenntniß erwartete ſie nirgend eine ploͤtzliche, oder uneigennuͤtzige Zuneigung, aber waͤhrend ihrer Krankheit hatte ſie ſich uͤberzeugt, daß ihre Wir⸗ thinn etwas auf guten Ruf hielt, und ſie nie ſchlecht behandeln werde. Sie war uͤberdieß ſo gluͤcklich geweſen, in der Schweſter ihrer Wirthinn eine treff⸗ liche Waͤrterinn zu finden.„Dieſe gute Frau iſt fuͤr mich eine ſchätzbare Bekanntſchaft geworden, ſetzte Frau Smith hinzu. Sobald ich wieder den freien Gebrauch meiner Haͤnde hatte, lehrte ſie mich ſtricken, was mir viel Vergnuͤgen gewaͤhrt hat, und unter ihrer Anleitung lernte ich dieſe Zwirnkaͤſtchen, Nadelkiſſen und andre Kleinigkei⸗ ten machen, womit Sie mich immer beſchaͤftigt ſehen. Ich ſinde darin ein Mittel, einige ſehr arme Familien in meiner Nachbarſchaft zu unter⸗ ſtuͤtzen. Meine Waͤrterinn hat durch ihr Gewerbe eine ſehr ausgebreitete Bekanntſchaft unter Leuten erlangt, die kaufen können, und ſie ſetzt meine Waare ab. Sie weiß immer den rechten Augen⸗ blick fuͤr ihr Geſchaͤft abzupaſſen. Das Herz iſt offen, wie ſie wiſſen, wenn man eben einen großen 7½ Schmerz uͤberſtanden, oder den Seegen der Ge⸗ ſundheit wieder erlangt hat, und meine gute Rook verſteht ſich vortrefflich darauf, den rechten Au⸗ genblick zu finden, wo es Zeit zum Reden iſt. Sie kennt das menſchliche Herz, und hat ſo viel ge⸗ ſunden Menſchenverſtand und einen ſo richtig beob⸗ achtenden Blick, daß ſie eine weit beſſere Geſell⸗ ſchafterinn iſt, als Tauſende, welche„die beſte Erziehung von der Welt““ erhalten haben, und doch nichts wiſſen, was des Anhoͤrens werth waͤre. Nennen Sie's meinetwegen Geklatſch; aber wenn Frau Rook mir eine halbe Stunde widmen kann, ſo hat ſie mir gewiß etwas Unterhaltendes und Ruͤtzliches zu erzaͤhlen, etwas, das die Menſchen⸗ kenntniß vermehrt. Man hoͤrt doch gern, was vorgeht, und will gern wiſſen, wie dig Leute nach der neuſten Mode laͤppiſch und albern ſind. Fuͤr mich, da ich ſo einſam lebe, iſt die Sehe mit ihr wahrhaſftig ein Feſt.“ Anna wollte uͤber dieſes Vergnugen nicht ſtrei⸗ teln, und antwortete:„Das will ich gern glau⸗ ben. Weiber dieſer Art haben viele Gelegen⸗ heiten und wenn ſie verſtaͤndig ſind, moͤgen ſie wohl des Anhoͤrens werth ſein. Wie viele Abar⸗ ten der Menſchennatur haben ſie immer vor Au⸗ gen! Und nicht bloß in den Thorheiten der Men⸗ ſchen ſind ſie wohl bewandert, ſie ſehen die Men⸗ ſchen zuweilen unter Umſtänden, die im hochſten Grade anziehend und ruͤhrend ſein können. Wie viele Beiſpiele von warmer, uneigennuͤtziger, ſelbſtverlaͤugnender Zuneigung, von Heldenmuth, Seelenſtaͤrke, Geduld, Ergebung, von allen Kämpſfen, allen Aufopferungen, die uns am hoͤch⸗ ſten adeln! Eine Krankenſtube kann uns oft mehr Belehrung geben, als wer weiß wie viele Buͤcher.“ O ja, erwiederte Frau Smith minder zuver⸗ ſichtlich, zuweilen wohl, aber ich fuͤrchte, ſolche Lehren ſind nicht oft von der erhabenen Art, die Sie ſchildern. Hier und da mag die menſchliche Natur in Zeiten der Pruͤfung groß erſcheinen, im Allgemeinen aber ſieht man ihre Schwaͤche und nicht ihre Staͤrke in einer Krankenſtube, und man hoͤrt mehr von Selbſtſucht und Ungeduld, als von Edelmuth und Standhaſtigkeit. Es gicbt ſo we⸗ nig wahre Freundſchaft in der Welt! Und lei⸗ der!— ſetzte ſie mit leiſer und zitternder Stim⸗ me hinzu— giebt es ſo viele Menſchen, die 74 nicht cher ernſtlich nachdenken, bis es beinahe zu ſpaͤt iſt. enn Anna ſah, wie elend ſolche Gefuhle machen. Der Mann ihrer Freundinn war nicht geweſen, was er hätte ſein ſollen, und ſeine Frau war un⸗ ter Menſchen gerathen, welche ihr eine ſchlimmere Meinung von der Welt erweckt hatten, als dieſe, nach Anna's Glauben, verdiente. Es war indeß nur eine fluͤchtige Regung in ihrer Freundinn, die ſich bald davon frei machte, und in anderm Tone hinzu ſetzte:„Ich glaube indeß nicht, daß meine gute Rook jetzt in einer Lage iſt, wo ſie etwas finden könnte, das anziehend„oder erbaulich fuͤr mich wäre. Sie hat jetzt keine Kranke zu warten, als die Frau des Oberſten Wallis, die weiter nichts, als eine huͤbſche, thoͤrige, verſchwenderiſche, mo⸗ deſuͤchtige Frau iſt, wie ich glaube. Hoͤchſtens koͤnnte ſie mir daher Nachrichten von Spitzen und Put mittheilen. Aber Frau Wallis ſoll mir auch ſchon Nutzen bringen. Sie hat viel Geld, und ich denke, ſie ſoll alle die theuer bezahlten Dinge kaufen, die ich jetzt vorraͤthig habe.“ Anna hatte ihre Freundinn mehrmahl beſucht, ehe man in ihres Vaters Hauſe von dem Daſein 7 S einer ſolchen Frau etwas erfuhr. Endlich mußte Anna von ihr ſprechen. Ihr Vater, Eliſabeth und Frau Clay kamen eines Morgens mit einer unerwarteten Einladung auf denſelben Abend von Lady Dalrymple zuruͤck, und Anna hatte bereits verſprochen, dieſen Abend bei ihrer Freundinn im Weſt⸗Ende zuzubringen. Es that ihr nicht leid, daß ſie eine Entſchuldigung hatte. Sie wuß⸗ te ja wohl, daß ihre Angehoͤrigen nur darum ein⸗ geladen waren, weil Lady Dalrymple, die wegen einer ſtarken Erkaͤltung das Zimmer huͤten mußte, froh war, die ihr aufgedrungene Verwandtſchaft benutzen zu koͤnnen. Sie lehnte daher fuͤr ſich die Einladung ſehr gern mit der Bemerkung ab, ſie haͤtte einer alten Schulfreundinn ihren Beſuch zu⸗ geſagt. Man nahm zwar an allen Angelegenhei⸗ ten Anna's nicht viel Antheil; es wurden aber doch ſo viele Fragen gethan, daß man erfuhr, wer die Schulfreundinn war. Eliſabeth's Blicke ſpra⸗ chen Verachtung; ihr Vater wurde ſehr ernſt. Im Weſt⸗Ende? ſprach er. Und wen kann meine Tochter im Weſt⸗Ende beſuchen? Eine Frau Smith! Die Witwe eines Herrn Smith. Und wer war denn der Mann? Einer von den 76 fuͤnftanſend Herrn Smith, die man uͤberall findet. Und was kann zu ihr ziehen? Sie iſt alt und kraͤnklich. Wahrlich, meine Tochter, Du haſt ei⸗ nen ſehr ſonderbaren Geſchmack. Alles, was an⸗ dre Menſchen empoͤrt, gemeine Geſellſchaft, armſe⸗ lige Zimmer, unreine Luft, und was ſich ſonſt noch Widriges damit verbindet, iſt fuͤr dich einla⸗ dend. Aber Du wirſt doch wohl die alte Frau bis morgen koͤnnen warten laſſen? Sie iſt ihrem Ende vermuthlich nicht ſo nahe, daß ſie nicht noch einen Tag erleben koͤnnte. Wie alt iſt ſie? Vierzig? Nein, Vater, noch nicht ein und dreißig; aber ich werde meine Zuſage wohl nicht zuruͤck nehmen konnen, weil es auf einige Zeit hinaus der einzi⸗ ge Abend iſt, der fuͤr ſie und fuͤr mich paßt. Sie geht morgen in's warme Bad; und fuͤr die uͤbri⸗ gen Tage der Woche ſind wir, wie ſie wiſſen, verſagt.— Aber was ſagt Frau Ruſſel zu dieſer Bekannt⸗ ſchaft? fragte Eliſabeth. Sie findet nichts dabei zu tadeln, erwiederte Anna, im Gegentheile billigt ſie, was ich thue. Sie hohlt mich gewoͤhnlich in ihrem Wagen ab, wenn ich Fran Smith beſuche. 77 Da muß man ſich im Weſt⸗Ende ſehr wundern, einen Wagen in der Naͤhe zu ſchen, bemerkte der Baronet. Die Witwe des Herrn Ruſſel hat freilich kein ausgezeichnetes Wappen, aber es iſt doch ein huͤbſcher Wagen, und man wird ohne Zweifel wiſ⸗ ſen, daß eine Elliot darin fährt. Eine Witwe Smith, die im Weſt⸗Ende wohnt! Eine arme Witwe, die kaum zu leben hat— zwiſchen dreißig und vierzig Jahren— nichts als Fran Smith ſchlechtweg— eine ganz alltägliche Frau Smith— und ſie unter allen andern Leuten und allen andern Nahmen in der Welt die erwaͤhlte Freundinn von Anna Elliot, welche dieſe Frau ihren eigenen Verwandten unter dem hohen Adel von England und Ireland vor⸗ zieht! Frau Smith— was fuͤr ein Nahme! Frau Clay, welche waͤhrend dieſes Auſtrittes zu⸗ gegen geweſen war, hielt es fuͤr rathſam, hinaus zu gehen, und Anna haͤtte viel ſagen koͤnnen und gern etwas ſagen moͤgen, um zu zeigen, daß ihr e Freun⸗ dinn ziemlich eben ſo viel Anſpruͤche machen konnte, als die Hausfreundinn, aber ihre Achtung gegen ihren Vater hielt ſie davon ab. Sie gab keine Ant⸗ wort, und uͤberließ es ihm ſelber, ſich zu erinnern, daß Frau Smith nicht die einzige Witwe von drei⸗ 78 ßig bis vierzig Jahren in Bath war, die wenig zu leben und keinen Abdelsnahmen hatte. Anna hielt ihr Wort; die Andern folgten gleich⸗ falls der Einladung, und wußten, wie ſich von ſelbſt verſteht, am naͤchſten Morgen den angenehmen Abend nicht genug zu ruͤhmen. Niemand von der Fami⸗ lienbekanntſchaft hatte gefehlt, als allein Anna. Ihr Vater und ihre Schweſter hatten nicht nur der hochadeligen Baſe ſelber aufgewartet, ſondern auch mit Vergnuͤgen den Auftrag ausgerichtet, Andre zu verſammeln, und ſowohl Frau Ruſſel als den Vetter Elliot einzuladen ſich bemuͤht. Anna erfuhr alles, was ſich von einem ſolchen Abend erzaͤhlen ließ, von Frau Ruſſel. Fuͤr ſie mußte das Anzie⸗ hendſte ſein, daß ihre Freundin viel mit Elliot ge⸗ ſprochen, daß man nach ihr ſelber gefragt, nach ihr verlangt, und ſie zugleich wegen der Urſache des Wegbleibens geruͤhmt hatte. Ihre freundlichen, theilnehmenden Beſuche bei der kranken, duͤrftigen Schulfreundinn ſchienen den Vetter Elliot ganz ent⸗ zuͤckt zu haben. Er hielt ſie fur ein Maͤdchen von den ſeltenſten V Vorzuͤgen, in Scelenſtimmung, Be⸗ nehmen, Gemuͤthsart, ein Muſter weiblicher Treff⸗ lichkeit. Er ſprach lange mit Frau Ruſſel uͤber die 70 Vorzuge ihrer Freundinn, und jene verrieth ſo viel von dem Inhalte der Unterredung, daß die hohe Meinung, die ein ſo verſtaͤndiger Mann von ihr heg⸗ te, faſt ſo viele angenehme Empſindungen in Anna aufregte, als Frau Ruſſel gern erwecken wollte. Frau Ruſſel war nun in ihrer Meinung uͤber Elliot vollig mit ſich einig. Sie hielt ſich uͤber⸗ zeugt, daß er die Abſicht hatte, um Anna zu ſei⸗ ner Zeit anzuhalten, und daß er ihrer wuͤrdig war, und ſchon uͤberrechnete ſie, in wie vielen Wochen er von allem Zwange der Witwertrauer erloͤſet, und frei alles aufzubieten wuͤrde, um ihr zu ge⸗ fallen. Sie mochte gegen ihre Freundinn nicht mit halb ſo viel Gewißheit ſich aͤußern, als ſie uͤber dieſe Sache fuͤhlte; ſie wagte nicht viel mehr als Winke uͤber dasjenige, was etwa ſpäter ſich ereig⸗ nen könnte, uͤber eine, moͤglicher Weiſe entſtehende Zuneigung von feiner Seite und uͤber das Wuͤn⸗ ſchenswerthe einer ſolchen Verbindung, wenn Zu⸗ neigung entſtehen und erwiedert werden ſollte. An⸗ na hoͤrte ihr ruhig zu. Sie laͤchelte, erroͤthete und ſchuͤttelte freundlich den Kopf. Sie wiſſen wohl, ich bin keine Heirachſtifte⸗ rinn, ſprach Frau Ruſſel, weil ich zu gut weiß, 30 wie ungewiß alle menſchlichen Begebenheiten und Berechnungen ſind. Ich meine nur, wenn Herr Elliot kuͤnftig ſich um ihre Hand bewerben ſollte, und Sie geneigt waͤren, ihn anzunehmen, ſo wuͤr⸗ den Sie wahrſcheinlich gluͤcklich mit ihm ſein. Je⸗ dermann muͤßte es eine ſehr paſſende Verbindung nennen, ich aber glaube ſie fuͤr eine ſehr gluckliche halten zu koͤnnen. Herr Elliot iſt ein ſehr angenehmer Mann, er⸗ wiederte Anna, und in vielen Hinſichten acht. ich ihn ſehr hoch, aber wir wuͤrden nicht fur einander paſſen. bloß:„Ich geſtehe Ihnen, es wuͤrde mir das groͤßte Vergnuͤgen machen, wenn ich Sie als die kuͤnftige Gebieterinn von Kellynch betrachten, wenn ich Sie in der Zukunft auf dem Platze ihrer lieben Mutter ſehen könnte, wo Sie in allen Rechten, in der oß⸗ fentlichen Gunſt und in allen Tugenden, die Nach⸗ folgerinn ihrer Mutter ſein wuͤrden. Sie ſind ganz das Ebenbild ihrer Mutter in ihren Zuͤgen, wie in ihrer Gemuthſtimmung— und wie gluck⸗ lich, wenn ich mir denken duͤrfte, daß Sie auch in äußerer Lage, in Nahmen und Heimath ihr glei⸗ Frau Ruſſel ließ es hingehen, und erwiederte 12 31 chen, daß Sie auf demſelben Platze walten und be⸗ glucken ſollten, und nur darin ihr unaͤhnlich waͤren, daß Sie mehr Werthſchaͤtzung fanden. Meine theu⸗ erſte Anna, es wuͤrde mir mehr Freude machen, als man vft in meiner Lebenszeit fuͤhlt.⸗ Anna mußte ſich wegwenden, aufſtehen und an einen entfernten Tiſch treten, wo ſie, unter dem Vorwande eines Geſchaͤftes, ſich auſſtutzte, um die Gefuͤhle zu bemeiſtern, welche jene Schilderung ihrer Freundinn aufgeregt hatte. Auf einen Augen⸗ blick war ihre ganze Seele bezaubert. Der Gedan⸗ ke, zu werden, was ihre Mutter geweſen war, und den geliebten Nahmen„Frau Elliot““ in ſich wieder aufleben zu ſehen, nach Kellynch zuruͤckzukehren, es ihre Heimath, ihre Heimath fuͤr immer zu nen⸗ nen— dieſer Zauber war ſo maͤchtig, daß ſie nicht ſogleich widerſtehen konnte. Frau Ruſſel ſprach nichts weiter, um den aufgeregten Gedanken ſelbſt wirken zu laſſen, und bei ſolchem Glauben hätte ja Elliot ſelber in dieſem Augenblicke nicht beſſer fuͤr ſich ſprechen können. Aber was ſie glaubte, war keineswegs Anna's Glauben. Derſelbe Ge⸗ danke an den, fur ſich ſelber ſprechenden Elliot gab unſrer Anna ihre Faſſung wieder, und der Zauber, — 5 1I. Theit. 32 den Kellynch und der Nahme:„Frau Elliot'“ erweckt hatten, verſchwand. Sie wollte ihn nie nehmen; nicht nur, weil ihre Gefuͤhle noch im⸗ mer nur einem Mann geweiht waren, auch ihr urtheil ſprach, bei ernſtlicher Erwaͤgung der Moͤg⸗ lichteiten eines ſolchen Falles, gegen Elliot. Sie war nun ſchon einen Monat mit ihm be⸗ kannt geweſen, und durfte doch nicht glauben, ſei⸗ ne Gemuͤths art genau zu kennen. Daß er ein verſtaͤndiger Mann, ein angenehmer Mann war, daß er gut ſprach, gute Anſichten darlegte, tref⸗ fend und als ein Mann von Grundſaͤtzen zu ur⸗ theilen ſchien, ſo viel war klar genng. Er wußte gewiß, was recht war, und ſie wußte keine ſitt⸗ liche Pflicht, die er offenbar uͤberſchritten haͤtte, beſtimmt anzugeben, und dennoch wuͤrde ſie Be⸗ denken getragen haben, fuͤr ſein Betragen zu buͤr⸗ gen. Sie hatte Mißtrauen gegen ſein fruͤheres, wo nicht gegen ſein jetziges, Betragen. Die Nah⸗ men fruherer Geſellſchaſter, die Anſpielungen auf fruͤhere Gewohnheiten und Beſtrebungen, wovon er zuweilen etwas verlauten ließ, gaben zu nicht guͤnſtigen Vermuthungen uͤber ſeine ehemaligen Verhaͤltniſſe Anlaß. Sie ſah, daß er boſe Ge⸗ 53 — wohnheiten gehabt hatte, daß Reiſen an Sonnta⸗ gen*) etwas Gewoͤhnliches geweſen waren, daß es einen, wahrſcheinlich nicht kurzen Abſchnitt ſei⸗ nes Lebens gegeben, wo er ſich gegen alle ernſt⸗ liche Angelegenheiten wenigſtens ſorglos gezeigt hatte, und wenn er auch nun ganz anders denken mochte, wer konnte fuͤr die wahren Geſinnungen eines gewandten und behutſamen Mannes buͤrgen, der alt genug geworden war, um eine gute Ge⸗ müthsart wuͤrdigen zu können! Wie ließ ſich's je ausmitteln, ob ſein Gemuͤth wahrhaft gerei⸗ nigt war? Ellio: war verſtaͤndig, beſonnen, gebildet, aber nicht offen. Nie hoͤrte man einen Ausbruch des Gefuͤhles, nie ſah man eine Aufwallung von Un⸗ willen, oder Freude uͤber Boͤſes und Gutes bei Andern. Dieß war fuͤr Anna eine offenbare Un⸗ vollkommenheit. Sie konnte ſich von den fruͤher erhaltenen Eindrucken nicht mehr losmachen. Das aufrichtige, offene, muntere Gemuͤth ſchaͤtzte ſie vor allen; Waͤrme und Begeiſterung feſſelten ſie noch —— *) Dieß wird als eine Störung der Sonntagsfeier angeſe⸗ hen, die in England ſehr geachtet wird. F 2 34. immer. Sie fuͤhlte, daß ſie mehr auf die Auf⸗ richtigkeit derjenigen rechnen könnte, die zuweilen ein unbehutſames, oder uͤbereiltes Wort ſprachen, als der Menſchen von unveraͤnderlicher Geiſtesge⸗ deren Zunge ſich nie verſchnappt. Herr Elliot war zu allbeliebt. Er gefiel Allen in nihtes Vaters Hauſe, wo doch die Gemůthſtimm⸗ ungen ſo verſchieden waren. Er war zu nach⸗ giebig gegen Jedermann, ſtand zu gut mit Jeder⸗ mann. Er hatte ziemlich offen mit Anna uͤber Frau Clay geſprochen, er ſchien ſehr gut einzu⸗ ſehen, was Frau Clay im Schilde fuͤhrte, und ſie zu verachten, und doch pries Frau Clay ſo laut, Jedermann, ihn angenehm. Frau Ruſſel ſah entweder weniger, oder mehr, als ihre junge Freundinn, da ſie nichts ſah, was Mißtrauen haͤtte erwecken koͤnnen. Sie fand in ihm einen Mann, wie er ſein ſollte, und es gab fuͤr ſie kein fuͤßeres Gefuͤhl, als die Hoffnung, ihn im naͤchſten Herbſte mit ihrer geliebten Anna in der Kirche zu Kellynch verbunden zu ———— 856 VI. E⸗ war im Anfange des Februars, und Anna, die nun ſchon vier Wochen in Bath geweſen war, ſehnte ſich ſehr, aus Uppercroß und Lyme etwas zu erfahren. Sie wuͤnſchte mehr zu hoͤren, als Marie ihr mittheilte. Seit drei Wochen hatte ſie gar keine Nachricht erhalten. Sie wußte nur, daß Henriette wieder zu Hauſe war, und Luiſe, obgleich ſie ſich ſchnell erhohlte, noch immer in Ly⸗ me lebte. Eines Abends, als ſie ſehr lebhaft an Alle dachte, kam ein ungewoͤhnlich dicker Brief von Marie, und ihre angenehme Ueberraſchung zu erhoͤhen, ward ihr ein Gruß vom Admiral und ſeiner Frau dabei gemeldet. nn Beide mußten in Bath ſein. Das war wich⸗ tig fuͤr ſie. Ihr Herz fuͤhlte ſich zu ihnen ge⸗ zogen. un Was iſt das? ſprach ihr Vater. Admiral 36 Croft hier? Croſt, der Miethmann von Kellynch? Was haben ſie Dir mitgebracht?— Einen Brief von Marie, lieber Vater. O diefe Briefe ſind gute Paͤſſe, und bahnen leicht den Weg zu einer Bekanntſchaft. Ich wuͤrde jedoch den Admiral Croft auf jeden Fall beſucht haben. Ich weiß, was ich meinem Miechmaug 5 bin. Anna konnte nicht ehe zuhören, ihr Brief lag ihr zu ſehr am Herzen. Er war— Tage fruͤher angefangen. „Liebe Anna. Ich entſchuldige t⸗ nce „wegen meines Schweigens, weil ich weiß, wie „wenig man in einem Orte wie Bath an Briefe „denkt. Du biſt gewiß zu gluͤcklich, als daß Du „Dich viel um Uppercroß bekuͤmmern ſollteſt, das, zwie Du weißt, wenig Stoff zu Briefen gibt. „Endlich iſt nun das Feiertagsleben bei uns vor⸗ „bei. Nie halten wohl Kinder ſo lange Weih⸗ „nachtfeiertage; ich wenigſtens nicht. Geſtern „ſind endlich alle Kinder abgereiſet, die kleinen „Harville ausgenommen. Nicht wahr, Du „wunderſt Dich, daß die gar nicht nach Hanſe „gegangen ſind? Frau Harville muß eine ſeltſa⸗ 37 „me Mutter ſein, daß ſie ſich ſo lange von ihren „Kindern trennen kann. Ich begreife das nicht. „Artige Kinder ſind's auch gar nicht, nach meiner „Meinung; aber meine Schwiegermutter ſcheint „ſie eben ſo lieb, wo nicht lieber zu haben, „als ihre Enkel.— Was fuͤr ein ſchreckliches „Wetter wir gehabt haben! In Bath mag „man's wenig merken auf dem ſchönen Pfla⸗ „ſter, aber auf dem Lande hat's was zu bedeu⸗ „ten. Seit der Mitte des Jannars hat mich „keine Seele beſucht, ausgenommen der junge „Hayter, der haͤufiger kam, als mir lieb war. „Unter uns geſagt, es iſt ſehr zu bedauern, daß „Henriette nicht ſo lange als Luiſe in Lyme ge⸗ „blieben iſt; es wuͤrde ihr ihn doch ein bischen „aus dem Wege gebracht haben. Der Wagen iſt „heute fort, und ſoll morgen Luiſe und Harville „mit ſeiner Frau bringen. Wir ſollen erſt uͤber⸗ „morgen bei meinen Schwiegeraͤltern ſpeiſen. „Meine Schwiegermutter iſt ſo bange, daß die „Reiſe ihre Tochter ſehr ermuͤden moͤchte, und „das iſt doch bei der Sorgfalt, die man ihr be⸗ „weiſet, gar nicht wahrſcheinlich. Es waͤre mir weit „angenehmer, wenn ich morgen da ſpeiſen konnte.“ 68 „Es freut mich, daß Du Vetter Elliot ſo „angenehm findeſt, und ich wuͤnſche, ich waͤre „auch mit ihm bekannt; aber ich habe mein „gewohnliches Schickſal, ich bin immer nicht „da, wenn ſich etwas Angenehmes zutraͤgt, im⸗ „mer die Letzte unter meinen Angehörigen, die „man beachtet. Aber wie unendlich lange bleibt „denn Fran Clay bei Eliſabeth! Denkt ſie denn „gar nicht daran, wieder abzureiſen? Aber viel⸗ „leicht wuͤrden wir doch nicht eingeladen, wenn „ſie auch Platz machte. Sage mir doch, was „denkſt Du davon? Daß meine Kinder verlangt „werden, erwarte ich nicht. Ich koͤnnte ſie auf „vier bis ſechs Wochen recht gut bei 6 „Schwiegeraͤltern laſſen. „Ich hoͤre ſo eben, daß der bmiral mit „ſeiner Frau in dieſen Tagen nach Bath reiſet. „Er ſoll gichtiſch ſein. Mein Mann hat es „ganz zufaͤllig erfahren. Sie ſiid nicht ſo höf⸗ „lich geweſen, mir Nachricht zu geben, oder „mich zu fragen, ob ich etwas zu beſtellen haͤtte. „Es kommt mir nicht vor, als ob ſie nachbar⸗ „licher wuͤrden. Sie laſſen ſich gar nicht bei „uns ſehen, und dieß iſt in der That ein Be⸗ 39 „weis von grober Vernachlaͤſſigung. Karl em⸗ Dir herzlich, und ich bin Deine Marie.“ „30 kann leider nicht ſagen, daß ich wohl „waͤre. Jemina hat mir eben geſagt, der Flei⸗ „ſcher haͤtte erzaͤhlt, es ginge ein boͤſes Hals⸗ „weh um. Ich glaube, ich werde es bekom⸗ „men, und Du weißt, das al iſt bei mir „ungewoͤhnlich ſchlimm.“ So ſchloß der erſte Theil des Briefes, der ſpaͤterhin einen Umſchlag erhalten hatte, worauf beinahe eben ſo viel ſtand. „Ich ließ meinen Brief unverſiegelt, um Dir „noch ſchreiben zu können, wie Luiſe die Reiſe „ausgehalten hat, und es iſt mir ſehr lieb, daß „ich's gethan habe, da ich viel hinzu ſetzen muß. „Erſtlich erhielt ich geſtern einen Brief von Frau „Croft, worin ſie ſich erbot, jede Beſtellung an „Dich zu uͤbernehmen; recht guͤtig und freundlich „iſt der Brief, und an mich uͤberſchricben, ganz „wie ſichs gebuͤhrt. Ich kann nun meinen Brief „ſo lang machen, als es mir gefaͤllt. Der Admi⸗ „„ral ſcheint nicht ſehr krank zu ſein, und ich hoffe 90 „gern, daß Bath ihm ganz gut bekommen wird. „Es ſoll mich in der That freuen, wenn die Fa⸗ „milie wieder da iſt. Unſere Gegend kann eine „ſo angenehme Familie nicht entbehren.“ „Jetzt etwas von Luiſe. Ich muß Dir etwas „ſagen, woruͤber Du Dich ziemlich wundern wirſt. „Sie kam am Dienſtage mit Capitain Harville und „ſeiner Frau gluͤcklich hier an. Abends gingen „wir hin, um zu ſehen, wie ſie ſich befaͤnde, und „zu unſerer Verwunderung fanden wir Capitain „Benwick nicht in der Geſellſchaft, da man ihn „doch ſo gut, als die Familie Harville, eingela⸗ „den hatte. Nun, wirſt Du die Urſache erra⸗ „then? Nichts mehr oder weniger, als daß er in „Luiſe verliebt iſt, und nicht nach Uppercroß zu „kommen wagt, bis er eine Antwort von meinem „Schwiergevater hat. Alles war zwiſchen ihm und „ihr verabredet, ehe ſie herkam, und er hat ihrem „Vater durch Capitain Harville einen Brief ge⸗ „ſchickt. Die reine Wahrheit! Biſt Du nicht er⸗ „ſtaunt? Es ſollte mich wenigſtens wundern, „wenn Du je einen Wink daruͤber erhalten hät⸗ „teſt; ich habe auch nicht das Mindeſte davon ge⸗ hoͤrt. Meine Schwiegermutter verſichert heilig, * ———— —— 61 „ſie haͤtte nie etwas von der Sache gewußt. Wir „ſind indeß alle ſehr zufrieden damit; es iſt frei⸗ „lich nicht ſo gut, als wenn ſie Wentworth bekom⸗ „men haͤtte, aber doch beſſer, als Karl Hayter. „Mein Schwiegervater hat ſchriftlich ſeine Ein⸗ „willigung gegeben, und Benwick wird heute er⸗ „wartet. Frau Harville ſagt, ihr Mann denke „freilich ein wenig an ſeine gute Schweſter, aber „Beide haben Luiſen ſehr lieb. Ja, ich bin ganz einig mit Frau Harville, auch wir Beide lieben „Luiſen mehr, weil wir ſi ie gepflegt haben. Mein „Man iſt neugierig, was Wentworth dazu ſagen „wird; aber Du wirſt Dich wohl erinnern, „ich glaubte nie, daß er Reigung zu Luiſen haͤtte: „ich konnte nie etwas davon merken. Du ſiehſt „nun auch, was es mit der Vermuthung, daß „Benwick Dein Anbeter waͤre, füͤr ein Ende ge⸗ „nommen hat. Es iſt mir immer unbegreifich „geweſen, wie mein Mann ſich ſo etwas in den „Kopf ſetzen konnte. Ich hoffe, er wird nun ar⸗ „tiger ſein... Ja, ein glänzendes Loos iſt es „nicht fuͤr Luiſe, aber doch talſendmahl beſſer, als „in die Familie Hayter zu heirathen.“ Matie brauchte nicht zü fuͤrchten, daß ihre 92 Schweſter auf irgend eine Weiſe auf die Neu⸗ igkeit vorbereitet geweſen waͤre. Nie in ihrem Leben war ſie mehr in Erſtaunen geſetzt worden. Benwick und Luiſe! Es war faſt zu wunder⸗ bar, um daran zu glauben, und ſie mußte ſich die groͤßte Gewalt anthun, um in dem Zimmer zu blei⸗ ben, eine ruhige Faſſung zu zeigen und auf die ge⸗ woͤhnlichen Fragen zu antworten. Zum Gluͤck fragte man nicht viel. Der Baronet wollte wiſſen, ob der Admiral mit vier Pferden reiſete, und ob er ſich in einer Stadtgegend einmiethen werde, wo er und ſeine Tochter ihn ſchicklicher Weiſe beſuchen koͤnnten. 323 Was macht Marie? fragte Eliſabeth, und die Antwort nicht erwartend, ſeßte ſie hinzu: Was bringt denn den Admiral und ſeine Frau nach Bath? Er ſoll die Gicht haben, erwiederte Anna. Gicht und Alterſchwaͤche! ſprach der Baronet. Der arme Mann! Haben ſie Bekannte hier? fragte Eliſabeth. Ich weiß nicht; aber ich ſollte denken, ein Mann von des Admirals Alter und Stande muͤßte an einem Orte, wie Bath, viele Bekannte haben. Ich vermuthe, ſprach der Baronet kalt, Admi⸗ ral Croft wird in Bath am Beßten als der Pach— ter von Kellynch⸗Hall bekannt ſein. Eliſabeth, duͤrften wir ihn und ſeine Frau bei Lady ple einfuͤhren? O ich daͤchte nicht. Bei dem Verhaͤltniſſe, wor⸗ in wir, als Verwandte, mit Lady Dalrymple ſte⸗ hen, muͤſſen wir ſorgfaͤltig darauf ſehen, ſie nicht mit Bekanntſchaften, die ihr nicht angenehm ſein könnten, in Verlegenheit zu ſetzen. Wären wir nicht mit ihr verwandt, ſo haͤtte es nichts zu be⸗ deuten, aber als Verwandte wuͤrde ſie jeden Vor⸗ ſchlag von uns beachten zu muͤſſen glauben. Es wird wohl am beßten ſein, wenn wir's dem Admi⸗ ral uͤberlaſſen, ſich ſelber ſeinen Umgang zu ſuchen. Man ſieht hier einige wunderlich ausſehende Leute umher gehen, die Seeleute ſein ſollen. Der Admi⸗ ral wird ſich wohl zu ihnen geſellen. So viel Antheil nahm der Baronet und Eli⸗ ſabeth an Mariens Briefe, und als ſich Frau Clay, mit gebuͤhrender Aufmerkſamkeit, nach Frau Must grove und ihren huͤbſchen Kindern erkundigt hatte, war Anna frei. Als ſie in ihrem Zimmer allein war, erwog ſie die uͤberraſchende Nachticht. Ihr Schwager war 94 mit Recht neugierig, was Wentworth dabei fuͤhlen wuͤrde. Vielleicht hatte er das Feld verlaſſen, Lui⸗ ſen aufgegeben, ſie zu lieben aufgehoͤrt, oder ge⸗ funden, daß er ſie nicht geliebt. Unertraͤglich war ihr der Gedanke an Falſchheit oder Leichtſinn, oder an unfreundliche Begegnung zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Freunde. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß eine ſolche Freundſchaft rauh getrennt werden ſollte. Benwick und Luiſe! Die muntre, froͤhlich ſchwaz⸗ zende Luiſe, und der niedergeſchlagene, nachden⸗ kende, tieffuͤhlende, bůcherfleißige Benwick— Wie ſollten ſie fuͤr einander paſſen! Welche unglei⸗ che Gemuͤther! Was konnte ſie angezogen haben? Die Antwort lag nahe. Ihre Lage hatte ſie ein⸗ ander genaͤhert. Sie waren mehre Wochen lang beiſammen geweſen; ſie hatten in demſelben kleinen haͤuslichen Kreiſe gelebt, und ſeit Henriettens Ab⸗ reiſe mußten ſie in ihrem Umgange ganz auf ſich ſelbſt beſchraͤnkt ſein; Luiſe, die eben Geneſene, war anziehend, und Benwick nicht untroͤſtlich ge⸗ weſen. Anna hatte dieß fruͤher ſchon argwoͤhnen muͤſſen, und ſtatt aus den neuern Ereigniſſen den Schluß zu ziehen, den Marie daraus zog, wurde ——,— —— 96 —.—— ſie dadurch nur in dem Gedanken beſtaͤrkt, daß in Benwicks Herzen allerdings ein zaͤrtliches Gefuͤhl gegen ſie gedaͤmmert hatte. Sie wollte jedoch dar⸗ aus nicht mehr zur Befriedigung ihrer Eigenliebe ziehen, als Marie ſelber haͤtte erlauben koͤnnen, und ſie war uͤberzeugt, daß jede ertraͤglich angeneh⸗ me junge Frau, die ihm Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme bewieſen hatte, dieſelbe Huldigung empfan⸗ gen haben wurde. Er hatte ein gefuͤhlvolles Herz und mußte Jemanden lieben. Sie ſah nicht ein, warum ſie nicht glůcklich mit einander leben ſollten. Luiſe hatte fur den Anfang Eifer genug fur das See⸗ leben und Beide mußten in der Folge ſich noch ahn⸗ licher werden. Er mußte einen fröhlichern Sinn erhalten, ſie fuͤr Scott und Byron ſich begeiſtern lernen, ja dieß war vermuthlich ſchon gelernt, und ohne Zweifel hatten ſie ſich bei der Poeſie verliebt. Der Gedanke, daß ſich Luiſe in eine Literaturfreun⸗ dinn und eine empfindſame Betrachterinn verwan⸗ delt haͤtte, war beluſtigend, aber Anna zweifelte nicht, daß es wirklich ſo geworden waͤre. Die Reiſe nach Lyme und der Fall am Strande konnten ſo wich⸗ tigen Einfluß auf ihre Geſundheit, ihre Stimmung, ihren Muth und ihre Sinnesart bis an das Ende 96 ihres Lebens haben, als ſie auf ih ganzes Schick⸗ ſal gehabt zu haben ſchienen. S* Der Schluß ihrer Betrachtungen war, daß Luiſens Verbindung gar nicht uͤberraſchend waͤre, wenn man einem Maͤdchen, das Wentworth's Werth gefuͤhlt hätte, erlauben koͤnnte, einen an⸗ dern Mann vorzuziehen, und daß nichts dabei zu bedauern wäre, wenn Wentworth keinen Freund dadurch verlohren haͤtte. Nein, es war nicht Be⸗ dauern, was in Ann'as Herzen, wie ruhig ſie auch ſein wollte, ſchlug, und ihr das Blut in die Wangen trieb, wenn ſie ſich Wentworth feſſellos und frei dachte. Es waren Gefuͤhle in ihrem In⸗ nern, welche ſie zu erforſchen ſi ch ſchaͤmte; denn ſie glichen zu ſehr einer Freude, einer digen Freude. 3* Sie ſehnte ſich, den Admiral und ſune. zu ſehen; als ſie aber zu ihnen kam, zeigte ſich, das Beide noch nichts von der Neuigkeit wußten. Der foͤrmliche Beſuch ward abgelegt und erwie⸗ dert, Luiſe genannt und Benwick dazu, ohne daß auch nur eis leiſes Laͤcheln ſich verrathen haͤtte. Der Admiral hatte eine Wohnung in einem ſchönen Stadttheile genommen, die ganz des Ba⸗ — — 95 ronets Beifall hatte. Er ſchaͤmte ſich der Bekannt⸗ ſchaft gar nicht; er dachte mehr an den Admiral und ſprach mehr von ihm, als dieſer je um den Baronet ſich bekuͤmmerte. Der Admiral fand gerade ſo viele Bekannte in Bath, als er wunſchte, und hatte mit der Familie Elliot bloß aus Hoͤflichkeit Verkehr, ohne Vergnqͤ⸗ gen davon zu erwarten. Er und ſeine Frau wi⸗ chen auch hier nicht von ihrer ländlichen Gewohn⸗ heit ab, faſt immer bei einander zu ſein. Die Aerzte hatten ihm, ſeiner Gichtanfälle wegen, viel Bewegung zu Fuße vorgeſchrieben, und ſeine Frau ſchien alles mit ihm zu theilen und des Ge⸗ hens nicht muͤde zu werden, um ihm wohl zu thun. Anna ſah Beide uͤberall beiſammen. Sie fuhr faſt jeden Morgen mit Frau Ruſſel, dachte immer an die Unzertrennlichen und ſah ſie immer. Es war fuͤr ſie, da ſie die Gefuͤhle des wackeren Paares kannte, das anziehendſte Gemaͤhlde der Gluͤckſeligkeit. Sie ſah ihnen immer ſo lange nach, als ſie konnte; ſie freute ſich bei dem Ge⸗ danken, daß ſie ahnete, wovon Beide ſprachen, die in gluͤcklicher Unabhaͤngigkeit ihres Weges gin⸗ gen; ſie freute ſich, wenn ſie ſah, wie der Admi⸗ n. Lheit. G 6 58 ral einem alten Freunde, der ihm begegnete, herz⸗ lich die Hand druͤckte, oder wie lebhaft das Geſpraͤch wurde, wenn zuweilen eine kleine Geſellſchaft von. Seeleuten ſich zuſammen fand, wo dann Frau Croft ſo verſtaͤndig und ſcharfſinnig ausſah, als ei⸗ ner von den Offizieren um ſie her. Anna war ſo häuſig in der Geſellſchaft ihrer Freundinn, daß ſie nur ſelten zu Fuße ging; eines Morgens aber, als ſie im untern Stadttheile aus dem Wagen der Frau Ruſſel geſtiegen war, um allein nach Hauſe zu gehen, traf ſie den Admiral. Er ſtand, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, in ernſter Betrachtung vor dem Fenſter eines Bilderladens, und war ſo vertieft, daß ſie unbemerkt haͤtte vor⸗ uͤber gehen konnen, und ihn anreden, ja anruͤhten mußte, um ſeinen Blick auf ſich zu ziehen. Als er ſie bemerkte, zeigte er ganz ſeine ge⸗ woͤhnliche Offenheit und gute Laune.„O Sie ſind's! Ich danke, ich danke. Das heißt mich freundſchaftlich behandeln. Da ſtehe ich, und gaffe das Bild an. Ich kann hier nie voruͤber gehen, ohne ſtehen zu bleiben. Was das fuͤr ein Ding iſt, das wie ein Bovt ausſehen ſoll. Sehen Sie nur! Iſt Ihnen je ſo etwas vorgekommen? ———— 29 Was eure Moh hler fuͤr wunderli che Leute ſein mö⸗ gen, daß ſie ſich einbilben koͤnnen, Semand möchte einer ſo ungrſtalten alten Wuſche anbertranen voll darin, n ſhuch u 9t ſich nach den Felſen und nicht im naͤchſten Augenb lick um was gat nicht fehlen kann.. ſn„wo des 6cbaut vire fort, S zu dem Fraͤulein wendend: vi ern Sie? Kann ich einen Weg fuͤr Sie machen, oder mit Ihnen? Kann ich Ihnen einen Dienſt leiſten?“ Ich wüßte nichts, als wenn ſie mir das Vel⸗ gnuͤgen machen wollen, mit mir zu gehen, ſo weit unſer Weg derſelbe iſt. Ich gehe nach Hauſe Das wi ich, von Herzen gern, und weiter noch. Ja, ja, wir machen einen recht angeneh⸗ men Gang zuſammen, und unterwegs habe ich Ihnen was zu erzählen. Da, nehmen Sie mei⸗ nen Arm. So recht! Es iſt mir nie wohl, als wenn ich da ein Weibchen habe... Du mein G 2 100 — Himmel, was das fuͤr ein Boot iſt! fuhr er fort, noch einen Blick auf das Bild werfend, ehe ſie ſich in Bewegung ſetzten. Sagten Sie nicht, Herr Admiral, Sie hätten mir etwas mitzutheilen?* Ja das hab ich. Sogleich. Aber da kommt ein Freund, Capitain Brigden. Ich will nur im Voruͤbergehen fragen, wie's ihm geht. Ich hal⸗ te mich nicht auf.„Nun, wie geht's?““ Brig⸗ den wundert ſich, daß ich jemand anders, als meine Frau bei mir habe. Sie kann nicht gehn, das arme Kind; ſie hat eine Blaſe am Fuß, wie ein Dreiſchillingſtuͤck... Sehn Sie, druͤ⸗ ben geht Admiral Brand mit ſeinem Bruder. Schlechte Kerle, alle Beide! Gut, daß ſie nicht auf dieſer Seie gehen. Sophie kann ſie nicht leiden. Sie haben mir einmahl einen elenden Streich geſpielt. Ich erzaͤhle Ihnen die Geſchichte ein Andermahl. Da kommt der alte Herr Drew mit ſeinem Enkel. Sehen Sie, er wirft Ihnen einen Kuß zu; denkt, Sie waͤren meine Frau. Der gute Mann! Es iſt auch zu fruͤh Friede geworden fuͤr ihn.. Nun, Fraͤulein Elliot, wie gefaͤllt's Ihnen in Bath? Wir ſind —,———— 101 ſehr zufrieden. Immer begegnen wir einem oder dem andern alten Freunde; alle Morgen ſehen wir ſie auf der Straße, haben immer genug zu ſchwatzen, und wenn wir dann zu Hanſe kom— men, ruͤcken wir unſere Stuͤhle zurecht, und es iſt uns ſo wohl, als ob wir in Kellynch waͤren, oder gar in unſerer alten Wohnung in North⸗ Yarmouth und Deal. Ich kann Ihnen ſagen, un⸗ ſer Haus hier gefaͤllt uns nicht uͤbler, weil's uns an unſte erſte Wohnung in North⸗Yarmouth er⸗ innert. Der Wind pfeift hier gerade ſo durch ei⸗ nen von den Schenktiſchen. Als ſie einige Schritte weiter gegangen waren, wagte es Anna, noch einmahl an die verſprochene Mittheilung zu erinnern. Vergebens; der Admi⸗ ral hatte ſich vorgeſetzt, erſt den offnen Platz in der Oberſtadt zu erreichen, und da ſie nicht wirk⸗ lich Frau Croft war, ſo mußte ſie ihn ſchon gehen laſſen. Nun ſollen Sie etwas hoͤren, woruͤber Sie ſich wundern werden, nahm er endlich das Wort. Aber zuerſt muͤſſen Sie mir den Nahmen des Fraͤuleins ſagen, wovon ich reden will. Das Fraͤulein, Sie wiſſen's ja, wir ſind Alle ſo bekuͤmmert um ſie ge⸗ 102 weſen; Fraͤulein Musgrove, mein'ich. Ihren Tauf⸗ nahmen— immer vergeſſe ich ihren Taufnahmen. Anna wuͤrde ſich geſchaͤmt haben;, wenn ſie haͤtte verrathen wollen, daß ſie ihn ſo ſchnell be⸗ griffen hatte, als es wirklich der Fall war; aber nun konnte ſie ohne Bedenklichkeit Luiſens Nah⸗ men nennen. i Ja, ja, Luiſe Musgrove, das iſt der Nahme. Ich wollte, die Maͤdchen haͤtten nicht eine ſolche Menge von ſchoͤnen Taufnahmen. Ich wuͤrde nie irre, wenn ſie alle Sophie hießen, oder ungefaͤhr ſo. Nun, Sie wiſſen, wir dachten Alle, dieſes Fraͤulein Luiſe ſollte meinen Schwager, Capitain Wentworth, heirathen. Er hat ja wochenlang um ſie gefreit, wie's ausſah. Wir wunderten uns, worauf Beide noch warten koͤnnten, bis die Ge⸗ ſchichte in Lyme dazwiſchen kam; da mußte freilich gewartet werden, bis ihr Kopf wieder in Ordnung war. Aber ſelbſt zu jener Zeit benahmen ſich Beide wunderlich. Wentworth ging nach Plymouth, ſtatt in Lyme zu bleiben, und dann zu ſeinem Bruder Eduard. Da iſt er noch, und ſeit dem November wiſſen wir nichts von ihm. Selbſt meine Frau konnte das Ding nicht begreifen. Nun aber hat 103 Alles die ſonderbarſte Wendung genommen, das Fraͤulein heirathet nicht Wentworth, ſondern Ben—⸗ wick. Sie kennen ja Benwick? Ja, ich bin ein wenig bekannt mit ihm. Nun, ſie heirathet ihn, oder hochſt wahrſchein⸗ lich ſind ſie ſchon verheirathet, denn ich heniht worauf ſie warten ſollten. Ich fand in Capitain Benwick einen ſehr an⸗ genehmen jungen Mann, erwiederte Anna, und ich hoͤre, er hat ein vortreffliches Gemuͤth. O ja, ja! gegen Benwick iſt gar nichts zu ſa⸗ gen. Er hat freilich erſt ſeit vorigem Sommer ein Schiff, und es ſind nur ſchlechte Zeiten zum Fortkommen. Sonſt iſt gar nichts an ihm auszu⸗ ſeßen. Ein portrefflicher, gutherziger Menſch, auf mein Wort, und ein thaͤtiger, eifriger Offizier, was Sie vielleicht gar nicht glanben wuͤrden, weil ſein weiches Weſen ihn eben nicht empfiehlt. Sie irren ſich, Herr Admiral. Ich wuͤrde aus Herrn Benwicks Benehmen gewiß nie auf Mangel an Muth ſchließen. Ich habe ſein Weſen ſehr angenehm gefunden, und bin uͤberzeugt, es wird uͤberall gefallen. Nun, die Frauen wiſſen am Beßten zu ur⸗ 104½ cheilen; aber Benwick iſt zu ſanft fuͤr mich, und mags vermuthlich nur Parteilichkeit ſein, aber So⸗ phie und ich, wir halten meines Schwagers Be⸗ nehmen fuͤr beſſer. Er iſt mehr nach unſerm Sinne. Anna war gefangen. Sie hatte nur die zu ge⸗ woͤhnliche Meinung beſtreiten wollen, daß Muth und feines Benehmen unvertraͤglich ſeien, keines⸗— wegs aber war es ihre Abſicht geweſen, Benwick's Benehmen als ein Muſter vorzuſtellen, und ſie war, nach einigem Zoͤgern, im Begriffe zu ſagen, daß ſie die beiden Freunde gar nicht vergleichen wollte, als der Admiral ſie mit den Worten unterbrach: „Die Sache iſt gewiß wahr. Nicht bloßes Ge⸗ ſchwaͤtz. Wir haben's von meinem Schwager ſelbſt. Meine Frau hat geſtern einen Brief von ihm er⸗ halten, worin er ſagt, daß Harville ihm alles von Uppercroß geſchrieben hat. Da werden nun Alle beiſammen ſein.“ Anna konnte dieſe Gelegenheit nicht entſchluͤ⸗ pfen laſſen und hob an:„Ich will hoffen, Herr Admiral, es iſt in dem Tone von ihres Herrn Schwagers Briefe nichts, das Sie und ihre Gemahlinn beunruhigen koͤnnte. Im vorigen Herbſte ſah es freilich aus, als ob zwiſchen 106 ihm und Fraͤulein Musgrove ein zaͤrtliches Ver⸗ ſtaͤndniß waͤre; aber ich hoffe, man darf anneh⸗ men, daß es von beiden Seiten, ohne Unfreund⸗ lichkeit, aufgeloſet worden iſt; ich hoffe, man fin⸗ det in dem Briefe nicht den Unmuth eines gekrank⸗ ten Mannes.“ Ganz und gar nicht, ſage ich Ihnen; keine Verwuͤnſchung, kein murrender Ton von Anfang bis zu Ende. Anna ſchlug die Augen um ihr Laͤcheln zu verbergen. Rein, nein! erwiederte der Admiral, mein Schwager iſt nicht der Mann, der wimmert und klagt, dazu hat er zu viel Muth. Hat das Maͤd⸗ chen einen andern Mann lieber, nun, ſo iſt's beſſer, ſie nimmt ihn. 5 Allerdings, aber ich wollte ſe es iſt hof⸗ fentlich nichts in ihres Herrn Schwagers Briefe, woraus Sie die Vermuthung ziehen koͤnnten, daß er von ſeinem Freunde eine Kraͤnkung erlitten zu haben glaubt, und das konnte ſich ja verrathen, ohne daß er es ausdruͤcklich ſagte. Es ſollte mir ſehr leid thun, wenn eine Freundſchaft, wie ſie zwi⸗ ſchen Beiden beſtanden hat, durch einen ſolchen 106 Umſtand aufgehoben, oder auch nur geſchwaͤcht wer⸗ den koͤnnte. Ja, ja, ich verſtehe Sie, aber ich ſage Ihnen, es iſt gar nichts der Art in dem Briefe. Er gibt dem Benwick auch nicht den mindeſten Hieb, oder ſagt auch nur, daß er ſich wunderte. Nein, aus dem Tone ſeines Briefs ließe ſich's gar nicht erra⸗ chen, daß er je ſelber Abſichten gehabt hätte auf das Fraͤulein— wie heißt ſie denn? Er aͤußert ganz artig die Hoffnung, daß ſie gluͤcklich ſein wer⸗ den, und das lautet nicht eben unverſöhnlich, ſollte ich denken. Anna erhielt nicht die vollkommene ueberzeug⸗ ung, die der Admiral geben wollte; aber es wuͤrde unnuͤtz geweſen ſein, weiter zu forſchen. Sie be⸗ gnügte ſich mit gewoͤhnlichen Bemerkungen, oder zeigte ruhige Aufmerkſamkeit, und ließ den Admi⸗ ral das Geſpraͤch nach ſeiner Weiſe fortſetzen. Der arme Wentworth! ſprach er endlich. Nun muß er von vorne wieder anfangen mit einer An⸗ dern. Ich denke, er muß nach Bath kommen. Sophie muß ihm ſchreiben, daß er uns beſuchen ſoll. Hier gibt's huͤbſche Mädchen genug, denk' ich. Was hilft's, wieder nach Uppercroß zu gehen; das andre Fraͤulein iſt ja auch verlobt mit dem Vetter. Nicht wahr, Fraͤulein Elliot, waͤre es nicht beſſer, wir ſuchten ihn nach Bath zu zichen? —.——— VII. At der Admiral gegen Anna den Wunſch aus⸗ ſprach, ſeinen Schwager nach Bath zu bringen, war Wentworth ſchon auf dem Wege dahin. Er kam an, ehe ſeine Schweſter geſchrieben hatte, und als Anna wieder ausging, ſah ſie ihn. Elliot begleitete ſeine beiden Baſen und gran Cle Sie waren auf offener Straße, als es an⸗ fing zu regnen, zwar nur ein wenig, aber gerade genug, um den Frauen ein Obdach erwuͤnſcht zu machen. Eliſabeth wuͤnſchte beſonders, in dem Wagen der Lady Dalrymple, der in einiger Ent⸗ fernung hielt, nach Hauſe zu fahren. Sie gins mit Anna und Frau Clay in einen nahen Putzla⸗ den, und Elliot begab ſich zu Lady Dalrymple, um ihren Beiſtand zu erbitten. Er kam bald mit guͤn⸗ 106 Figer Antwort, wie ſich verſteht, wieber zuruͤck, und Lady Dalrymple, erfreut, die beiden Fraͤulein heim bringen zu können, wollte ſie in wenigen Mi⸗ nuten abhohlen. Der Wagen hatte nur für vier Perſonen be⸗ quem Platz, und da Fraͤulein Carteret bei ihrer Mutter war, ſo ließ ſich nicht erwarten, daß mehr als zwei aufgenommen werden könnten. Eliſabeth hatte ohne alle Frage den erſten Anſpruch. Sie durfte keine Unannehmlichkeit leiden, aber es dau⸗ erte einige Zeit, um den hoͤflichen Wettſtreit zwi⸗ ſchen den beiden Andern zu ſchlichten. Der Re⸗ gen war ganz unbedeutend, und Anna wuͤnſchte aufrichtig, lieber mit Elliot zu gehen. Abes auch fur Frau Clay hatte der Regen nichts zu bedeuten; ſie meinte, es troͤpfelte kaum, und ſie haͤtte ſtaͤr⸗ kere Halbſtiefeln, als Anna. Sie wollte, aus Hoͤftichkeit, eben ſo gern mit Elliot gehen, und die Sache wurde zwiſchen ihnen mit ſo viel hoͤfli⸗ cher und ſtandhafter Großmuth verhandelt, daß die Andern fuͤr ſie entſcheiden mußten. Eliſabeth behauptete, Fran Clay hätte ſich ſchon ein wenig erkaͤltet, und Elliot that, aufgefordert, den Aus⸗ ſpruch, Anna's Halbſtiefeln waren die ſtärkſten. 109 Es wurde daher beſchloſſen, daß Frau Clay in den Wagen kommen ſollte, und man war eben dar⸗ uͤber einig geworden, als Anna, die nahe am Fen⸗ ſter faß, ganz deutlich ſah, daß Wentworth die Straße hinab ging. Ihre Beſtuͤrzung war nur ihe allein fuͤhlbar, aber ſie machte ſich ſogleich ſelber Vorwuͤrfe uͤber ihr einfaltiges Benehmen. Ein Paar Minuten hindurch war ſie in der groͤßten Verwirrung, und als ſie, ſich ſelber ſcheltend, endlich wieder zur Be⸗ ſinnnung kam, warteten die Andern noch auf den Wagen, und der immer gefaͤllige Elliot war in ei⸗ ne anſtoßende Straße gegangen, einen iwn Frau Clay auszurichten. Anna hatte große Luſt, an die deehh zu treten; ſie wollte ſehen, ob es regnete. Warum haͤtte ſie einen andern Beweggrund bei ſich arg⸗ wohnen ſollen? Wentwoth mußte ja nun ſo weit ſein, daß ſie ihn nicht mehr ſehen konnte. Sie ſtand auf, und wollte hinaus gehen; eine Hälfte ihres Selbſt ſollte nicht immer ſo viel klger ſein, als die andere, oder nicht immer die andere fuͤr ſchlimmer halten, als ſie war. Nun, ſie wollte ſehen, ob es regnete, mußte aber im naͤchſten Au 11b genblicke zuruͤcktreten, als Wentworth ſelbet mit mehren Herren und Frauen herein kam, die er ohne Zweifel nicht weit von dem Laden getroffen harte. Er wat bei ihrem Anblicke uberraſchter und beſtuͤrzter, als ſie je vorher bemerkt hatte, und ſuh ganz roth aus. Zum Erſtenmahl ſeit der wieder angeknpften Bekunntſchaft fuͤhlte ſie, daß ſie weniger ihre Reßungen verrathen hatte, als er, und es entſtand dadurch fuͤr ſie der Vortheit, daß ſie ſi ch in den letzten Nugenblicken faſſen konnte. Die uͤberwältigenden, verblendenden und verwir⸗ renden erſten Wirkungen lebhafter Ueberraſchung waren fuͤr ſie voruͤber. Aber noch immer war ihr Gefuͤhl lebhaft aufgeregt. Es war Schmerz und Freube in ihrer Bruſt, ein Welſtid von Ent⸗ zůcken und Leid. Er ſprach mit ihr und wandte ſich dann weg. Sein Benehmen verrieth Verlegenheit; ſie konnte es weber kalt, noch freundlich nennen, und über⸗ haupt nichts ſo gewiß davon ſagen, daß es eben verlegen war. Nach einer kurzen Pauſe trat er wieber zu ihr und ſprach noch einmahl. Man erkundigte ſich wechſelſeitig nach gewöhnlichen Gegenſtaͤnden, 111 aber weder ſie, noch er mochte durch das Geſprach kluͤger werden, und Anna wurde noch immer mehr gewahr, daß er weniger unbefangen war, als fruher. Sie hatten, da ſie ſo viel beiſammen geweſen waren, es ſo weit gebracht, daß ſie mit ziemlich viel anſcheinender Gleichgiltigkeit und Ruhe mit einander zu ſprechen vermochten, aber er konnte es in dieſem Augenblicke nicht dahin bringen. Die Zeit hatte ihn umgewandelt, oder Luiſe hatte es gethan, und es ſchien, als ob er ſel⸗ ber ſo etwas gefüͤhit haͤtte. Er ſah ſehr wohl aus, keineswegs als haͤtte er an ſeiner Geſundheit, oder an ſeiner muntern Seelenſtimmung gelitten, und er ſprach von Uppercroß, von der Familie Mus⸗ grove, ja ſelbſt von Luiſe, und es blitzte in ſeinem Auge ſogar der ihm eigene ſchlau bebeutſame Blick auf, als er ſie nannte; aber es war nicht der be⸗ hagliche, unbefangene Wentworth, und er konnte ſich auch nicht ſtellen, als ob er es wäre. Es war für Anna nicht üͤberraſchend, aber em⸗ pfindlich, daß Eliſabeth ihn nicht kennen wollte. Sie bemerkte, daß er Eliſabeth anſah, ihre Schwe⸗ ſter ihn, und von beiden iten vollkommene Wie⸗ dererkenning ſtatt fandʒ r uͤberzeugt, daß er * „ 112 als ein Bekannter anerkannt zu werden erwartete, und ſie ſah nun zu ihrem Bedauern, daß ihre Schweſter ſich mit augeechlc Fälte weg⸗ wendete. Frau Dalrymple, der Eliſabeth ungehulpig ent⸗ gegen ſah, fuhr nun vor, und der Diener meldete ſie. Es fing nun wieder an zu regnen; es war eine kleine Zogerung noͤthig, und ſo viel Laͤrm, ſo viel Gerede, daß Alle, die im Laden verſammelt waren, erfahren mußten, Lady Dalrymple wollte Fraͤulein Elliot abhohlen. Endlich ging Eliſabeth mit ihrer Freundinn, nur von dem Diener beglei⸗ tet, da Vetter Elliot noch nicht zuruͤck gekommen war. Wentworth, der ihnen nachſah, wendete ſich wieder zu Anna, und erbot ſich, mehr durch eine Gebehrde, als durch Worte, ſie auch an den Wagen zu fuͤhren. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, antwortete ſie, aber ich fahre nicht mit. Es iſt nicht ſo viel Platz im Wagen. Ich gehe zu Fuß; ich gehe lieber. Aber es regnet ja.. O nicht viel, ganz unbedeutend fuͤr Ich bin zwar erſt geſtern hier angekommen, fuhr Wentworth fort, aber wie ſie ſehen, ſchon ganz 1. 113 gehorig eingerichtet— er zeigte auf einen neuen Regenſchirm— und es würde mich freuen, wenn Sie Gebrauch davon machen wollten, da Sie ein⸗ mahl entſchloſſen ſind, zu Fuße zu gehen. Doch beſſer waͤre es, glaube ich, wenn Sie mir erlau⸗ ben wollten, Ihnen eine Saͤnfte zu hohlen. Anna lehnte ſein Anerbieten dankbar ab, und wiederhohlte, der Regen wuͤrde nicht fortdauern. „Ich warte nur auf meinen Vetter Elliot, ſetzte ſie hinzu. Er wird gewiß in einem Augenblicke hi ſein.“ Kaum hatte ſie ausgeredet, als Elliot herein trat. Wentworth erkannte ihn ſogleich wieder. Es war ganz derſelbe Mann, der in Lyme auf der Treppe geſtanden, und Anna, als ſie voruͤber ging, bewundert hatte, außer daß ſich nun in Blick und Benehmen das Bewußtſein der Vorrechte des Ver⸗ wandten und Freundes verrieth. Er trat geſchaͤf tig herein, ſchien nur ſie zu ſehen, nur an ſie zu denken, entſchuldigte ſein Ausbleiben, bedauerte daß ſie hatte warten muͤſſen, und wuͤnſchte lebhaft, ſie nach Hauſe zu bringen, ehe der Regen ſtärker irde. Im nächſten Augenblicke gingen Beide aus, ſie an ſeinem Arme, und ein höflicher, d. cheir 114 vrrlegener Blick und ein:„Ich empfehle mich Ih⸗ nen!“ war alles, wozu ſie Zeit hatte. So bald ſie weg waren, ſprach Eine von Went⸗ worth's Begleiterinnen:„Herr Elliot ſcheint ſein Muͤhmchen nicht ungern zu haben.“ O allerdings, das iſt ja klar genug, erwiederte eine Andre. Es läßt ſich leicht errathen, was dar⸗ aus werden wird. Er iſt immer um die Familie, wohnt faſt da„glaub' ich. Nun, er ſieht ſehr gut aus. Gewiß, hob die Erſte wieder an, und ich hore, er ſoll der angenehmſte Mann im Umgange ſein. Anna Elliot iſt huͤbſch, nach meiner Meinung, ſprach die Zweite, ſehr huͤbſch, wenn man ſie laͤn⸗ ger anſieht. Es gehoͤrt nicht zum Ton, das zu ſa⸗ gen, aber ich muß geſtehen, ich bewundre ſie mehr, als ihre Schweſter. O auch ich! antwortete die Erſte. Ich auch, ſiel eine Dritte ein. Gar nicht zu vergleichen. Aber alle Maͤnner ſind ganz geſchoſſen in Fraͤulein Eliſabeth. Anna iſt zu zart fuͤr ſie. Anna wuͤrde ihrem Vetter ſehr verbunden ge⸗ wrſen ſein, wenn er auf dem ganzen Wege nach Hauſe gar nicht geſprochen hätte. Es war ihr nie 11 ſo ſchwer geworben, ihn anzuhoͤren, wiewohl nichts uͤber ſeine Aufmerkſamkeit und Sorgfalt ging, und die Gogenſtaͤnde ſeiner Reden meiſt immer ſolche waren, die etwas Anziehendes fuͤr ſie hatten, ein warmes, gerechtes und umſſchtiges Lob der Frau Ruſſel, und ſehr verſtaͤndige Winke gegen Frau Clay. Aber Anna konnte jetzt nur an Wentworth denken. Sie begriff nicht, was errin dieſem Au⸗ genblicke fuͤhlte, ob die fehlgeſchlagene Hoffnung ihm wirklich Kummer machte„oder nicht, und ehe ſie daruͤber nicht vollig im Reinen war, konnte ſie nicht ganz unbefangen ſein. Mit der Zeit hoffte ſie weiſe und verſtaͤndig zu werden, aber leider mußte ſie ſich geſtehen, daß ſie jetzt noch nicht weiſe war. 6 k.* Ein andrer Umſtand, den ſie vor allen Dingen gern haͤtte wiſſen moͤgen, war, wie lange er in Bath zu bleiben gedachte; er hatte nichts dnvon ge⸗ geſagt, oder ſie konnte ſich nicht datauf beſinnen. Vielleicht reiſete er nur durch, aber wahrſcheinli⸗ cher war es, daß er ſich eine Zeitlang aufhalten wollte. In dieſem Falle war nichts wahrſcheinli⸗ cher, als daß Frau Ruſſel ihn irgendwo traͤfe. Ob ihre Freundinn ſich ſeiner erinnern wird? Wie H 2 2 — — . 116 wird ſich alles machen? Sie war ſchon genothigt geweſen, ihrer Freundinn zu ſagen, daß Luiſe Musgrove Benwick heirathen wollte. Es war ihr ſchwer geworden, die Ueberraſchung der wuͤrdigen Frau mit ruhiger Faſſung zu bemerken, und wenn nun Frau Ruſſel mit Wentworth in Geſellſchaft zu⸗ ſammen treffen ſollte, ſo konnte ihre mangelhafte Kenntniß von der Sache zu einem neuen Vorur⸗ theile gegen ihn Anlaß geben. Am folgenden Morgen ging Anna mit ihrer Freundinn aus, und in der erſten Stunde erwarte⸗ te ſie unaufhoͤrlich mit banger Unruhe, ihn zu ſe⸗ hen, und als ſie endlich eine Straße hinab ging, ſah ſie ihn auf dem jenſeitigen Fußwege in ſo wei⸗ ter Entfernung, daß ſie ihn faſt in der ganzen Laͤnge der Straße im Auge hatte. Es waren viele andre Maͤnner um ihn; Viele gingen auf demſelben We⸗ ge, aber ihn zu verkennen, war unmoͤglich. Anna blickte unwillkuͤhrlich auf ihre Freundinn, aber nicht in der thörigen Vermuthung, als ob Frau Ruſſel ſo ſchnell, als ſie ſelber, ihn erkannt haͤtte, da es gar nicht zu erwarten war, daß jene ihn eher bemer⸗ ken wurde, bis er ihr gerade gegenuͤber war. Sie warf indeß von Zeit zu Zeit einen unruhigen Blick 117 auf Frau Ruſſel, und als Wentworth endlich ſo nahe war, daß er bemerkt werden mußte, wagte ſie es zwar nicht, ihre Freundinn wieder anzuſe⸗ hen, weil ſie wohl fuͤhlte, daß ſie ihr Geſicht nicht ſehen laſſen durfte, aber ſie wußte ſehr gut, daß Frau Ruſſel ihre Blicke gerade nach ihm gerichtet hatte. Sie konnte ſich ſehr wohl denken, welche Zaubergewalt er auf das Gemuͤth ihrer Freundinn ausuͤben mußte, wie ſchwer es derſelben ward, ih⸗ re Augen wegzuwenden, und mit welchem Erſtau⸗ nen Frau Ruſſel bemerken mochte, daß eine Zeit von acht bis neun Jahren, die er in entfernten Weltgegenden und unter vielen Muͤhſalen zuge⸗ bracht, ihm nichts von ſeinen Reizen geraubt hatte. Endlich wendete Frau Ruſſel ihre Augen weg. Was wird ſie nun ſagen? Sie werden ſich wundern, hob ſie an, wohin ich ſo lange meine Blicke gerichtet habe. Ich ſah nach den Fenſtervorhaͤngen, die man mir geſtern Abend als die hübſcheſten in ganz Bath beſchrieb. Ich kann mich der Hausnummer nicht erinnern, aber ich ſehe mich nach allen Fenſten um, und finde nichts, das auf die Beſchreibung paßte. Anna ſeufzte, erröthete und lächelte, voll Be⸗ 116 dauern und Verachtung, entweder gegen ihre Freun⸗ dinn, oder gegen ſich ſelber. Das Aergerlichſte bei der Sache war, daß ſie bei aller Vorſicht und Sorg⸗ falt den rechten Augenblick verloren hatte, zu be⸗ obachten, ob er ſie geſehen hatte, oder nicht. Ein Paar Tage gingen voruͤber, ohne daß et⸗ was vorfiel. Das Schauſpiel, oder die oͤffentli⸗ chen Herter, wo Wentworth wohl zu ſehen gewe⸗ ſen ſein wuͤrde, waren nicht vornehm genng fuͤr die Familie Elliot, die ſich des Abends nur in der zierlichen Armſeligkeit von Privatgeſellſchaften lang⸗ weilte, worein ſie immer mehr gezogen wurde. An⸗ na, die dieſes trůͤben Stillſtandes můde war, ſchmerz⸗ lich empfand, daß ſie nichts erfuhr, und ſich fur ſtaͤr⸗ ker hielt, als ſie war, weil ihre Staͤrke keine Pruͤfung beſtanden hatte, ſehnte ſich ungeduldig nach dem Kon⸗ zertabend. Es war ein Konzert zum Vortheil eines Kuͤnſtlers, den Lady Dalrymple beſchuͤtzte. Es ver⸗ ſtand ſich von ſelbſt, daß die Familie Elliot nicht feh⸗ len durfte. Man erwartete eine vorzuͤgliche Kunſt⸗ leiſtung, und Wentworth war ein großer Freund der Muſik. Anna glaubte, ſie wuͤrde zufrieden ſein, wenn ſie nur noch einnahl ein Paar Minuten mit ihm ſprechen könnte, und ſie fuͤhlte Muth genug, 119 ihn anzureden, wenn ſich die Gelegenheit ſinden ſollte. Eliſabeth hatte ſich von ihm gewendet, Frau Ruſſel ihn uberſchen, und ſie fuͤhlte, daß ſie ihm Aufmerkſamkeit ſchuldig war. Sie hatte Frau Smith halb und halb verſpro⸗ chen, den Abend ihr zu widmen, aber bei einem ſchnellen Beſuche entſchuldigte ſie ſich, und verab⸗ redete mit ihr, am folgenden Tage ihr mehre Stun⸗ den zu ſchenken.„Erzählen Sie mir nur ja alles, wenn Sie zu mir kommen, ſprach Frau Smith. Wer gehoͤrt denn zu ihrer Geſellſchaft?“ Anna nannte alle. Frau Smith antwortete nicht, aber als Anna Abſchied nahm, ſprach die Freundinn halb ernſt, halb mit ſchelmiſchem Aus⸗ drucke:„Nun, ich wuͤnſche viel Vergnuͤgen im Konzert, und kommen Sie doch ja morgen, wenn Sie können, denn es faͤngt an, mir zu ahnen, daß ich nicht viele Beſuche mehr von Ihnen erhalten könnte.“ 6 Anna war betroffen und verwirrt, aber als ſie einen Augenblick unſchluſſig gezögert hatte, war es ihr lieb, daß ſie forteilen mußte. VIII. Der Baronet, ſeine beiden Toͤchter und Frau Clay waren die erſten von ihrer Geſellſchaft, die ſich im Vorzimmer des Konzertſaales einfanden, und auf Lady Dalrymple wartend, ſtellten ſie ſich an's Ka⸗ minfeuer. Die Thuͤre oͤffnete ſich alsbald wieder, und Wentworth trat allein in's Zimmer. Anna war ihm die Nächſte, und vortretend redete ſie mit ei⸗ nem hoͤftichen:„Wie befinden Sie ſich?“ ihn an, als er mit einer Verbeugung voruͤber gehen wollte. Er mußte ſtehen bleiben und gleichfalls eine hoͤfli⸗ che Erkundigung einziehen, wie furchtbar auch Va⸗ ter und Schweſter im Hintergrunde ſtanden. Daß ſie im Hintergrunde ſtanden, war ein Vortheil fuͤr Anna, da ſie nicht bemerkte, was jene fuͤr Geſich⸗ ter machten, und ganz ruhig thun konnte, was ſie fur recht hielt. Waͤhrend ſie mit Wentworth ſprach, hoͤrte ſie 121 ihren Vater mit Eliſabeth fliſternd ſprechen. Sie konnte nichts unterſcheiden, aber errathen, wovon die Rede war, und als Wentworth eine kalte Verbeug⸗ ung machte, errieth ſie, auch ihr Vater haͤtte durch eine kalte Begruͤßung ein Zeichen gegeben, daß er ſich der ehemaligen Bekanntſchaft erinnerte, und mit einem ſchnellen Seitenblicke entdeckte ſie, daß auch Eliſabeth einen leichten Knicks machte. Dieß, wiewohl ſpaͤt, ungern und unfreundlich, war doch beſſer als nichts, und Anna faßte Much. Als man vom Wetter, von Bath und vom Kon⸗ zerte geſprochen hatte, fing das Geſpraͤch an, zu ſtocken, und es ward endlich ſo wenig geſagt, daß Anna jeden Augenblick erwartete, er werde ſich entfernen, aber er blieb, ſchien gar nicht eilig, ſie verlaſſen zu wollen, und endlich ſprach er, aufge⸗ regter, ein wenig laͤchelnd, ein wenig warm:„Ich habe. Sie kaum geſehen, ſeit dem Tage in Lyme. Ich fuͤrchte, der Schreck hat Sie angegriffen, zu⸗ mahl da Sie in dem Augenblicke ſelbſt ſich anſtreng⸗ ten, ihre Faſſung zu behalten.“— Anna verſicherte, es ſei nicht der Fall geweſen. Es war eine furchtbare Stunde, ein furchtba⸗ rer Tag, ſprach er, und fuhr mit der Hand uͤber 122 die Angen, als waͤre die Erinnerung daran ihm noch zu peinlich geweſen; aber nach einem Augen⸗ blicke ſetzte er, wieder laͤchelnd, hinzu: Der Tag hat indeß Folgen gehabt, die nichts weniger als furchtbar ſind. Als Sie mit ſo viel Geiſtesgegen⸗ wart aͤußerten, daß Benwick am Beßten dazu paß⸗ te, einen Wundarzt zu hohlen, konnten Sie wohl nicht ahnen, daß er Einer von Denjenigen ſein ſollte, welchen des Fraͤuleins Veseeeſ be⸗ ſonders am Herzen lag. Gewiß nicht, erwiederte Anna. Aber es ſheint — ich darf wohl hoffen, es wird eine ſehr gluck⸗ liche Verbindung ſein. Auf beiden Seiten ſind gute Grundſaͤtze und eine gute Gemuͤthſtimmung. Ja, ſprach er, ohne eben vorſchnell auszuſehen, aber weiter geht auch die Aehnlichkeit nicht. Ich wuͤnſche von Herzen, daß beide gluͤcklich ſein mö⸗ gen, und freue mich uͤber jeden Umſtand, der es hoffen laͤßt. Sie haben mit keinen Schwierigkeiten in ihrer Heimath zu kaͤmpfen; kein Widerſpruch, keine Launen, keine Hinhaltung ſteht ihnen im We⸗ ge. Die Aeltern des Fraͤuleins betragen ſich, wie das junge Paar ſelbſt, ſehr anſtaͤndig und guͤtig, und laſſen es ſich mit einer wahrhaſt aͤlterlichen 193 Herzlichkeit angelegen ſein, ihrer Tochter Wohl⸗ fahrt zu befoͤrdern. Alles dieß verſpricht viel, ſehr viel fuͤr ihr Gluͤck, vielleicht mehr als— Er ſchwieg. Ein ploͤtzlicher Gedanke ſchien ihm durch die Seele zu fahren, und ihm auch eine Ahn⸗ ung der Bewegung zu geben, die Anna's Wange roͤthete und ihre Augen an den Boden heftete. Nach einer Pauſe aber fuhr er fort:„Ich muß geſtehen, ich finde eine Ungleichheit, eine zu gro⸗ ße Ungleichheit, und zwar in einem Punkte, der eben ſo weſentlich iſt, als das Gemuͤth. Ich halte Luiſe Musgrove fuͤr ein ſehr liebens⸗ wuͤrdiges Maͤdchen, von ſanfter Gemuͤthsart, und nicht ohne Verſtand. Aber Benwick iſt et⸗ was mehr. Er iſt ein geſchickter, ein lernfleißi⸗ ger Mann— und ich laͤugne nicht, ſeine Zuneig⸗ ung zu ihr hat mich ein wenig uͤberraſcht. Waͤre es die Wirkung der Dankbarkeit geweſen, hätte er ſie lieb gewonnen, weil er glaubte, ſie haͤtte ihm den Vorzug gegeben, ſo wuͤrde es eine an⸗ dre Sache geweſen ſein. Aber es gibt keinen Grund, das zu glauben. Im Gegentheil, es ſcheint eine von ſelbſt erwachte, ganz unveranlaßte Regung von ſeiner Seite zu ſein, und das eben 12 4 uͤbertaſcht mich. Ein Mann, wie er, in ſeiner Lage— mit einem verwundeten, faſt gebrochenen Herzen! Fraͤulein Harville war ein Maͤdchen von weit hoͤherm Werthe, und ſeine Neigung gegen ſie war eine wahrhafte Zuneigung. Ein Mann, der ſein Herz einem ſolchen Maͤdchen geweiht hat, kann es nicht vergeſſen— er darf es nicht— er kann es nicht.“ War es das Bewußtſein, daß ſein Freund den⸗ noch vergeſſen hatte, oder war's ein anderes Be⸗ wußtſein, das ihn abhielt; er ſprach nicht weiter, und Anna, die trotz der bewegten Stimme, wo⸗ mit Wentworth die letzten Worte ſprach, trotz des Geraͤuſches im Saale, jede Silbe verſtanden hatte, war geruͤhrt, erfreut, verwirrt und von tauſend Gefuͤhlen bewegt. Es war ihr unmoͤglich, ſich auf einen ſolchen Gegenſtand einzulaſſen, als ſie aber nach einer Pauſe fuͤhlte, daß ſie etwas ſagen muß⸗ te, und doch nichts weniger wuͤnſchte, als die Un⸗ terhaltung ganz abzubrechen, wich ſie nur halb aus, als ſie ſagte:„Sie ſind lange in Lyme ge⸗ weſen, glaube ich?“ Gegen vierzehn Tage. Ich konnte nicht eher fortgehen, bis Luiſens Herſtellung völlig geſichert war. Ich hatte an dem Ungluͤcke zu viel Antheil gehabt, als daß ich ſobald mich hätte beruhigen konnen. Ich war Schuld— ich allein. Sie wuͤrde nicht eigenſinnig geweſen ſein, wenn ich nicht ſchwach geweſen waͤre.— Die Umgegend von Lyme iſt ſehr ſchoͤn. Ich habe ſie zu Fuße und zu Pferde haͤufig durchſtrichen, und je mehr ich ſeh⸗ deſto mehr fand ich zu bewundern. Ich wuͤnſche ſehr, Lyme einmahl wieder zu ſehen, antwortete Anna. Wirklich? Ich haͤtte nicht gedacht, daß irgend etwas in Lyme einen ſolchen Wunſch in Ihnen haͤt⸗ te erwecken koͤnnen. Das Entſetzen und das Un⸗ gluck, worein ſie verwickelt wurden— die Spann⸗ ung des Gemuͤths— und dann wieder die Ab⸗ ſpannung der Seele— Ich haͤtte gedacht, ihre letzten Eindruͤcke in Lyme waͤren ein ſtarker Wi⸗ derwille geweſen. Die letzten Stunden warih autings ſchr peinlich; aber wenn der Schmerz voruͤber iſt, wird die Erinnerung daran oft ein Vergnuͤgen. Man hat einen Ort darum nicht weniger lieb, wenn man gleich da gelitten hat, es wäre denn, daß man nichts als Leiden gehabt haͤtte, was doch keineswegs 126 der Fall bei mir in Lyme war. Wir waren nur in den beiden letzten Stunden in Angſt und Be⸗ kuͤmmerniß, und hatten doch vorher viel Freude gehabt. So viel Neues und Schoͤnes! Ich bin ſo wenig gereiſet, daß jeder neue Ort anziehend fuͤr mich ſein wuͤrde, und Lyme hat ſo viele wahre Schoͤnheiten, und— endigte ſie, leicht erroͤthend bei einigen Erinnerungen— uͤberhaupt hat der Ort ſehr angenehme Eindruͤcke auf mich gemacht. Sie hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als die Thuͤre ſich wieder oͤffnete, und die Erwarteten tra⸗ ten herein. Lady Dalrymple! erſcholl es, und der Baronet ging ihr mit ſeiner Tochter und Frau Clay entgegen. Sie und ihre Tochter wurden von Vet⸗ ter Elliot und dem Oberſten Wallis, die faſt zu glei⸗ cher Zeit ankamen, herein gefuͤhrt. Anna ward in die Gruppe gezogen, die ſich um die Ankommen⸗ den bildete, und ſah ſich von Wentworth getrennt. Ihre anziehende, faſt zu anziehende Unterredung mußte auf einige Zeit abgebrochen werden, aber un⸗ bedeutend war die Buße gegen das Gluck, wofur ſie dieſelbe erleiden mußte. Sie hatte in kaum zehn Minuten mehr von Wentworths Geſinnungen gegen Luiſe, mehr von ſeinen Gefuͤhlen uͤberhaupt . erfahren, als woran ſie zu denken wagte, und mit frohen, obgleich bewegten Gefuͤhlen erfuͤllte ſie die Pflichten der Hoͤflichkeit, die der Augenblick foderte. Sie war gegen Alle gut geſtimmt. Es waren Ge⸗ danken in ihr aufgeregt worden, welche ſie in die Stimmung ſetzten, gegen Jedermann hoͤflich und freundlich zu ſein, und jeden als minder t denn ſie ſelber, zu bemitleiden. Ihre freudigen Regungen wurden etwas ge⸗ maͤßigt, als ſie in dem Augenblicke, wo ſie ein we⸗ nig zuruͤcktrat, um ſich Wentworth wieder zu naͤh⸗ ern, bemerkte, daß er ſich entfernt haͤtte. Sie ſah ihn aber noch in dem Konzertſaale gehen. Er war fortgegangen, und auf einen Augenblick regte ſich ein ſchmerzliches Gefuͤhl in ihr. Aber ſie mußten ſich ja wieder begegnen; er mußte ſich ja wohl nach ihr umſehen, und ehe das Konzert zu Ende war, eine Gelegenheit fuͤr ihn kommen, ſie in der Ver⸗ ſammlung zu finden. Vielleicht war es gerade in dieſem Augenblicke beſſer, getrennt zu ſein; ſie be⸗ durfte ja einer kleinen Pauſe, ſich zu erhohlen. Als gleich nachher auch Frau Ruſſel erſchien, begaben ſich Alle in den Konzertſaal, wo man beim Eintritte ſo wichtig that, ſo viele Blicke auf 128 ſich zog und ſo viele Anweſende. als moͤg⸗ lich war. Eliſabeth und nna waren beide ſehr gluͤcklich, als ſie in den Saal traten. Eliſabeth, die Arm in Arm mit Fraͤulein Carteret ging und auf den breiten Ruͤcken der vor ihr gehenden Lady Dalrym⸗ ple ſah, hatte keinen Wunſch, deſſen Erfuͤllung ihr nicht moͤglich geſchienen haͤtte, und Anna— Aber es wuͤrde Beleidigung fuͤr Anna's Gluͤckſelig⸗ keit ſein, wenn man ſie mit den ſeligen Gefuͤhlen ihrer Schweſter vergleichen wollte; da dieſe nur aus ſelbſtiſcher Eitelkeit, jene aus edler Zuneigung her⸗ vor gingen. Nichts von dem Glanze des Saales entging Anna's Blicken, wie ihren Gedanken. Ihr Gluͤck kam aus ihrem Innern. Ihre Augen glaͤnzten und ihre Wangen gluhten, aber ſie wußte es nicht. Sie dachte nur an die letzte halbe Stunde, und als ſie mit den Uebrigen zu ihren Sitzen ging, uͤber⸗ ſchaute ihre Seele ſchnell jene Augenblicke. Seine Wahl der Gegenſtaͤnde des Geſpraͤches, ſeine Aus⸗ drucke, und noch mehr ſein Benehmen und ſein Blick, alles ließ in ihren Augen nur eine einzige Deutung zu. Seine Meinung von Luiſens untergeordnetem 129 Werthe, die er recht angelegentlich ausgeſprochen zu haben ſchien; ſeine Verwunderung uͤber Benwick, ſeine Anſicht uͤber die erſte lebhafte Zuneigung; die angefangenen Aeußerungen, die er nicht zu endigen vermochte— ſeine halb abgewendeten Augen und ſeine mehr als halb ausdruckvollen Blicke— alles, alles ſagte, daß ſein Herz wenigſtens zu ihr zuruck kehrte, daß es keinen Unwillen, keine Empfindlich⸗ keit, kein Ausweichen mehr gab, und nicht bloß Freundſchaft und Achtung, ſondern ſelbſt die zaͤrt⸗ lichen Regungen vergangener Zeiten darauf gefolgt waren, ja etwas wenigſtens von jenen Regungen. Sie konnte aus der Veraͤnderung nichts anders ſchließen; er mußte ſie lieben. Dieſe Gedanken, und die dadurch aufgeregten Traͤume beſchaͤftigten und bewegten ſie zu ſehr, als daß ſie zu beobachten im Stande geweſen waͤre, und ſie ging durch den Saal, ohne ihn zu erblicken, ohne auch nur zu verſuchen, ihn aufzufinden. Als ihre Geſellſchaft die Plaͤtze eingenommen hatte, ſah Anna ſich um, ob Wentworth etwa in demſelben Theile des Saales waͤre; aber ſie konnte ihn nicht auffinden. Das Konzert begann, und ſie mußte ſich eine Zeitlang begnügen, auf beſcheidenere Weiſe gluͤcklich zu ſein. II. Thell. — 1 0 Ihre Geſellſchaft war getheilt und hatte zwei zuſammen ſtoßende Baͤnke. Anna ſaß auf der vor⸗ derſten und Elliot hatte es mit Hilfe ſeines Freun⸗ des, des Oberſten Wallis, glucklich dahin gebracht, einen Platz an ihrer Seite zu erhalten. Eliſabeth, die zwiſchen Lady Dalrymple und Fraͤulein Carteret ſaß und vom Oberſten Wallis ſehr artig behandelt wurde, war ungemein vergnügt. Anna's Gemuͤth war in der guͤnſtigſten Stimm⸗ ung fuͤr die Abendunterhaltung. Es war gerade Beſchaͤftigung genug fuͤr ihre Seele; ſie hatte Ge⸗ fuͤhl fuͤr das Zaͤrtliche, frohe Empfaͤnglichkeit für das Muntere, Aufmerkſamkeit fuͤr das Wiſſen⸗ ſchaftliche, Nachſicht mit dem Langweiligen, und nie hatte ihr ein Konzert beſſer gefallen, wenigſtens in der erſten Abtheilung. Gegen Ende derſelben, nach einem italieniſchen Geſange, erklaͤrte ſie dem Vetter Elliot die Worte deſſelben nach dem Konzert⸗ zettel, den ſie in der Hand hatte.„Dieß iſt un⸗ gefaͤhr der Sinn, oder die Bedeutung der Worte, denn von dem Sinne eines italieniſchen Liebes⸗ liedchens muß man nicht viel ſprechen; aber ſo ge⸗ —nau als ich die Meinung wiedergeben kann, da ich mir nicht anmaße, der Sprache maͤchtig zu 132 ſein. Ich bin im Italieniſchen ſchlecht bewan⸗ dert.“ Ja, ja, ich ſehe es wohl; ich ſehe, Sie ver⸗ ſtehen nichts davon, ſind aber doch der Sprache kundig genug, daß Sie auf den erſten Blick dieſe verſetzten, verkuͤrzten italieniſchen Zeilen in klares verſtaͤndliches zierlichee Engliſch uͤbertragen konnen. Sie brauchen nichts mehr von ihrer Unwiſſenheit zu ſagen, wir haben hier den vollſtaͤndigen Beweis. Ich will nichts gegen eine ſo gütige Höflichkeit ſagen, aber ich wuͤrde mich nicht gern von einem wirklichen Kenner pruͤfen laſſen. Ich habe ihres Vaters Haus ſo lange zu beſu— chen das Vergnuͤgen gehabt, erwiederte er, daß ich wohl etwas von Fraͤulein Anna Elliot erfahren mußte; und ich weiß, ſie iſt zu beſcheiden, als daß man ihre Vorzuͤge auch nur halb kennen koͤnn⸗ te, und ſie hat ſo viele Vorzuge, daß ihre Beſchel⸗ denheit bei jeder Andern ihres Geſchlechts— na⸗ tuͤrlich ſein wuͤrde. O pfui! zu viel Schmeichelei!. ſprach n, na, und auf den Konzertzettel blickend, ſebte ſie hinzu: Ich vergeſſe ganz, was nun kommt. Vielleicht bin ich mit ihren Geſinnungen länger 2 * 1 5 1 7 3 132. belannt geweſen, als Sie wiſſen, fuhr Elliot mit leiſer Stimme fort. Nun, wie ſo? Sie koͤnnen damit bloß ſeit meiner Ankunft in Bath bekannt ſein, außer daß Sie etwa fruͤher unter meinen Angehoͤrigen von mir ſprechen gehoͤrt haben. Ich kannte Sie, dem Rufe nach, lange vor ihrer Ankunft in Bath. Perſonen, die mit Ihnen auf vertrautem Fuße lebten, haben mir Schil⸗ derungen von Ihnen gemacht; und auf dieſem We⸗ ge ſind Sie mir ſeit vielen Jahten bekannt gewor⸗ den. Ihr Aeußeres, ihre Gemuͤthſtimmung, ihre Vorzuͤge, alles wurde beſchrieben, alles war mir lebendig. Elliot täuſchte ſich nicht, wenn er durch jene Aeußerungen Antheil zu erwecken hoffte. Wer könnte dem Zauber eines ſolchen Geheimniſſes wi⸗ derſtehen! Von Ungenannten ſeit langer Zeit einem neuen Bekannten geſchildert worden zu ſein, das iſt unwiderſtehlich, und Anna war ganz Neugier. Sie war erſtaunt und fragte ihn dringend, aber vergebens. Es machte ihm Freude, gefragt zu werden, aber er wollte nichts ſagen. Nein, nein! ſprach er, kuͤnftig vielleicht, aber * jetzt nicht. Ich mag keine Nahmen nennen, aber es iſt wirklich der Fall geweſen; ich habe vor meh⸗ ren Jahren eine Schilderung von Ihnen erhalten, die mir die hoͤchſte Meinung von ihren Vorzuͤgen erweckte, und die lebhafteſte Neugier in mir auf⸗ regte, Sie kennen zu lernen. Anna konnte auf Niemanden rathen, der vor mehren Jahren mit Gunſt von ihr geſprochen haͤt⸗ te, als auf Wentworths Bruder, welcher vielleicht mit Elliot einmahl Umgang gehabt haben mochte, aber ſie hatte nicht den Muth, die Frage zu thun. Der Nahme Anna Elliot war mir lange ein an⸗ ziehender Ton; lange hat er einen Zauber auf meine Seele ausgeuͤbt, und wenn ich's duͤrfte, wuͤrde ich den Wunſch verrathen, daß er immer unveraͤndert bleiben moͤchte. Das waren, glaubte Anna, ſeine Worte, aber kaum hatte ſie den Ton vernommen, als ihre Auf⸗ merkſamkeit, durch andere Toͤne, nahe hinter ihr, angezogen wurde, die alles andere unbedeutend machten. Ein Mann von gutem Ausſehen, ſprach der Baronet, von ſehr gutem Ausſehen. Ja, ein ſehr ſchoͤner junger Mann, aniede⸗ te Lady Dalrymple; mehr Anſtand, als man oft in Bath ſieht. Wohl ein Irelaͤnder? Nein, ich kenne ihn; eine Hutbekanntſchaft. Wentworth— Capitain Wentworth heißt er. Sei⸗ ne Schweſter hat meinen Miethsmann, den Ad⸗ miral Croft, der Kellynch gepachtet hat. Ehe der Baronet ſo weit gekommen war, hatte Anna den Capitain Wentworth entdeckt, der in ei⸗ niger Entfernung unter einem Haufen von Maͤn⸗ nern ſtand. Als ihre Blicke ihn fanden, ſchien er ſein Auge von ihr abzuwenden. Sie glaubte einen Augenblick zu ſpt gekommen zu ſein, und ſo lange ſie hinzuſehen wagte, wendete er ſein Auge nicht wieder zu ihr; aber das Konzert ſing wieder an, und ſie war genoͤthigt, ihre Aufmerkſamkeit wieder auf das Spiel zu richten und gerade vor ſich zu ſehen. als ſie wieder einen Blick auf ihn werfen konnte, hatte er ſich entfernt. Er haͤtte ihr nicht naͤher kommen koͤnnen, wenn er auch gewollt haͤtte, da ſie ganz umringt und eingeſchloſſen war; aber ſie haͤtte gern ſeinen Blick auf ſich ziehen moͤgen. Auch Elliot's Reden machten ſie bekuͤmmert. Sie hatte nicht laͤnger Luſt, mit ihm zu ſprechen, und wuͤnſchte, er waͤre ihr nicht ſo nahe geweſen. 135 Die erſte Abtheilung war zu Ende. Sie hoffte nun, eine wohlthaͤtige Veraͤnderung eintreten zu ſehen, und als die Geſellſchaft eine Zeitlang nichts geſagt hatte, ſtanden Einige auf, ſich Thee geben zu laſſen. Anna gehoͤrte zu den Wenigen, die nicht aufſtanden, und blieb neben Frau Ruſſel ſitzen, aber ſie hatte das Vergnügen, ihren Nachbar El⸗ liot los zu werden. Sie nahm ſich vor, ſich ſelbſt durch die Naͤhe ihrer Freundinn nicht abhalten zu laſſen, wenn ſie Gelegenheit faͤnde, mit Went⸗ worth zu ſprechen. Sie glaubte es ihrer Freun⸗ dinn vom Geſichte zu leſen, daß auch ihn ge⸗ ſehen hatte. Aber er kam nicht, obleich Anna ihn zuweilen in der Ferne zu ſehen glaubte. Der aͤngſtliche Au⸗ genblick ging erfolglos voruͤber. Die Uebrigen kamen zuruͤck; der Saal fuͤllte ſich wieder, die Sitze wurden wieder beſetzt, und eine andere Stunde des Vergnuͤgens, oder der Buͤßung ſtand bevor, eine andere Stunde ſollte Freude, oder Gaͤhnen erwecken, je nach dem wahrer, oder er⸗ kuͤnſtelter Geſchmack vorherrſchend war. Anna ſah einer Stunde unruhiger Bewegung entgegen. Sie konnte den Saal nicht mit ruhigem Gemuͤche verlaſſen, wenn ſie nicht Wentworth noch einmahl geſehen, wenn ſie nicht einen freundlichen Blick mit ihm gewechſelt hatte. 2 Als die Plaͤtze wieder beſetzt wurden, gab es viele Veraͤnderungen, deren Erfolg fuͤr Anna guͤn⸗ ſtig war. Oberſt Wallis wollte nicht wieder ſitzen, und Elliot wurde von Eliſabeth und Fraͤulein Car⸗ teret ſo dringend eingeladen, ſich zwiſchen ſie zu ſeben, daß er es nicht ablehnen konnte. Anna kam, durch einige andere Veraͤnderungen und durch einen kleinen Kunſtgriff von ihrer Seite, naͤher als vorher an's Ende der Bank, wo ſie mit Voruͤber⸗ gehenden leichter in Verbindung kommen konnte. Ihre naͤchſten Nachbarn verließen bald ihre Sitze, und ehe das Konzert geſchloſſen war, ſaß ſie am Ende der Bank. Sie war in dieſer Lage und ein Platz an ihrer Seite offen, als Wentworth ſich wieder ſehen ließ. Er war nicht weit von ihr. Auch ſein Auge hatte ſie gefunden, aber er ſah ernſthaft aus; ker ſchien unſchluͤſſig zu ſein, und nur nach und nach kam er ihr ſo nahe, daß er mit ihr ſprechen konnte. Sie fuͤhlte, daß ihm etwas fehlen mußte; die Veraͤn⸗ derung war unverkennbar. Sah er doch ſo ganz 137 anders aus, als ſie ihn im Vorzimmer gefunden hatte. Was konnte die urſache ſein? Sie dachte an ihren Vater, an Frau Ruſſel. Hatte man un⸗ freundliche Blicke auf ihn geworfen? Er fing an, ernſthaft vom Konzerte zu ſprechen, faſt wie der Wentworth in Uppereroß; er geſtand, ſeine Er⸗ wartung ſaͤhe ſich getaͤuſcht, der Geſang haͤtte ihn nicht befriedigt, und er wuͤrde es nicht ungern ſehen, wenn alles vorbei waͤre. Anna hielt der Kunſtleiſtung eine ſo gute Schutzrede, und ſprach, ſeine Gefuhle ſchonend, ſo freundlich, daß ſeine Zuͤge heiterer wurden, und er laͤchelte beinahe, als er ihr antwortete. Sie ſprachen noch einige Mi⸗ nuten mit einander; er blieb in guter Stimmung, blickte ſogar auf die Bank herab, als hätte er ei⸗ nen Platz geſehen, der es wohl werth waͤre, daß man ihn einnaͤhme; aber in dieſem Augenblicke tippte Jemand Fraͤulein Anna auf die Schulter und ſie mußte ſich umwenden. Es war Vetter Elliot. Er bat, entſchuldigend, um die Erklaͤrung des italie⸗ niſchen Textes. Fraͤulein Carteret wollte gern den Inhalt der nächſten Arie kennen. Anna konnte es nicht ablehnen, aber nie hatte ſie der Hoͤflichkeit mit ſo ſchmerzlichem Gefuͤhle ein Opfer gebracht. 138 Wenige Minuten, nur ſo wenige als möglich, mußten indeß unvermeidlich geopfert werden, und als ſie wieder frei war, und ſich wieder umſehen konnte, nahm Wentworth mit Zuruͤckhaltung, aber haſtigem Weſen, Abſchied. Er muͤßte, ſagte er, ſo ſchnell als moͤglich nach Hauſe eilen. Wäre denn dieſe Arie nicht werth, daß Sie noch blieben? ſprach Anna, durch deren Seele ſchnell ein Gedanke fuhr, der ſie noch aͤngſtlicher bedacht machte, ihn aufzumuntern. Nein, antwortete er mit Nachdruck, nichts iſt werth, daß ich bleibe. Mit dieſen Worten ging er hinaus. Eiferſuͤchtig auf Elliot! das war der einzige deutliche Beweggrund. Wentworth eiferſuͤchtig auf ihre Zuneigung! Haͤtte ſie das vor acht Tagen, vor drei Stunden glauben können? Fuͤr einen Au⸗ genblick ein köſtlicher Genuß! Aber ach! ganz an⸗ dre Gedanken folgten. Wie ließ ſich dieſe Eifer⸗ ſucht beruhigen? Wie ſollte die Wahrheit ihm of⸗ ſenbar werden? Wie war es möglich, daß er je ihre wahren Geſinnungen erfahren konnte, da ihre beiderſeitige Lage ſo viele Nachtheile herbeifuͤhrte! Sie konnte nicht ohne ein peinliches Gefuͤhl an El⸗ liots Aufmerkſamkeiten denken. Es war nicht zu berechnen, wie viel Ungluͤck daraus entſtehen konnte. W erinnerte ſich am naͤchſten Morgen mit Freu⸗ de ihres Verſprechens, Frau Smith zu beſuchen. Sie glaubte, auf dieſe Weiſe gerade zu der Zeit, wo Elliot wahrſcheinlich kommen moͤchte, abweſend zu ſein; denn ihm auszuweichen, war nun ihre erſte Angelegenheit. Sie hegte viel Wohlwollen gegen Elliot. Trotz der unſeligen Folgen ſeiner Aufmerkſamkeiten war ſie ihm Dankbarkeit und Achtung, vielleicht Mitleid ſchuldig. Sie mußte haͤufig an die ſenderbaren Umſtände denken, unter welchen die Bekanntſchaft mit ihm entſtanden war, an das Recht, das er, durch ſeine verwandtſchaftlichen Verhaltniſſe, ſeine Geſinnungen, ſeine fruͤhe Vorliebe, auf ihre Theil⸗ nahme erlangt zu haben ſchien. Das Verhaͤltniß war doch immer ſehr ſonderbar; ſchmeichelnd, wenn auch peinlich. Wasſ ſie gefuͤhlt haben wuͤrde, wenn 140 kein Wentworth im Spiel geweſen waͤre, war der Unterſuchung nicht werth; denn es gab einen Went⸗ worth, und mochte der Ausgang des ungewiſſen Verhaͤltniſſes gut oder ſchlimm ſein, ihm gehoͤrte ihr Herz fuͤr immer. Ihre Verbindung mit ihm, glaubte Anna, koͤnnte ſie nicht mehr von andern Maäͤnnern trennen, als es ihre unwiderrufliche Trennung von ihm thun wuͤrde. Holdere Traͤume ſchwaͤrmeriſcher Liebe und ewi⸗ ger Treue mochten wohl nie auf der Straße getraͤumt worden ſein, als durch Annas Köpfchen gingen, wah⸗ rend ſie auf dem Wege zum Weſt⸗Ende war. Sie war freundlicher Aufnahme gewiß, und Frau Smith ſchien ihr heute fur den Beſuch beſon⸗ ders verbunden zu ſein, und ſie kaum erwartet zu haben, obgleich man Abrede genommen hatte. Frau Smith wollte ſogleich etwas von dem Kon⸗ zerte hoͤren, und Anna hatte ſo gluͤckliche Erinner⸗ ungen davon, daß ihre Zuͤge ſich belebten, und ſie gern von dem Abende ſprach. Alles, was ſie mit⸗ theilte, ſagte ſie ſehr froh; aber alles dieß war we⸗ nig fuͤr jemand, der im Konzerte geweſen war, und unbefriedigend fuͤr eine ſo forſchende Fragerinn, als Frau Smith, die auch ſchon durch den kurzen Be⸗ 1 ½1 richt einer Waͤſcherinn und eines Aufwaͤrters beſſer, als es Anna erzaͤhlen konnte, wußte, wie das Kon⸗ zert ausgefallen war. Vergebens fragte ſie nun, ob dieſe und jene da geweſen waͤre, da ihr alle an⸗ geſehene Fremden in Bath, dem Rahmen und ih⸗ ren Verhaͤltniſſen nach, gut bekannt waren, aber Anna konnte wenig Auskunft geben. Frau meinte, ihre Freundinn haͤtte ohne Zweifel, Geſellſchafterinn der Lady Dalrymple, auf der vor⸗ derſten Reihe, zunaͤchſt am Orcheſter, geſeſſen. Nein, aber ich furchtete es eben, und es wuͤrde mir in jeder Hinſicht ſehr unangenehm geweſen ſein. Lady Dalrymple ſetzt ſich zum Gluͤcke immer etwas weiter, und wir hatten ſehr gute Plaͤtze, zum Hoͤ⸗ ren, mein ich, nicht zum Sehen, denn ich merke wohl, daß ich ſehr wenig geſehen habe. O Sie haben genug zu ihrer eigenen Unterhal⸗ tung geſehen. Ich kann das begreifen. Es gibt eine Art von ſtill haͤuslichem Genuſſe, ſelbſt mitten in einem Gedraͤnge, und den haben Sie gehabt. Sie waren in einer zahlreichen Geſellſchaft fuͤr ſich, und brauchten ſonſt keine Unterhaltung. Aber ich haͤtte mich doch mehr umſehen ſollen, erwiederte Anna, fuhlte jedoch dabei wohl daß ſie 142 es an Umſehen wirklich nicht hatte fehlen laſſen, und nur der Gegenſtand ihre Erwartungen nicht er⸗ fuͤllt hatte. 2 Nein, nein, Sie hatten beſſere Beſchaͤftigung. Sie brauchen mir nicht zu ſagen, daß Sie einen angenehmen Abend gehabt haben. Ich leſe es in ihrem Auge. Ich ſehe deutlich, wie die Stunden hingegangen ſind, und daß Sie immer auf etwas Angenehmes zu horen hatten. In den Pauſen un⸗ terhielt man ſich mit Geſprach. Leſen Sie das in meinem Auge? fragte Anna, ein wenig laͤchelnd. Allerdings. Ihre Zuͤge ſagen mir ganz deutlich, daß Sie geſtern Abend mit dem Manne in Geſell⸗ ſchaft geweſen ſind, den ſie fuͤr den angenehmſten halten, mit dem Manne, der in dieſem Angenblik⸗ ke anziehender fuͤr Sie iſt, als die ganze Welt. Erroͤthen bedeckte Anna's Wangen. Sie konnte nichts ſagen. Und da dieß der Fall iſt, fuhr Frau Smith nach einer kurzen Pauſe fort: ſo werden Sie mir wohl glauben, daß ich die Gute zu ſchaͤtzen weiß, womit Sie mich heute beſuchen. Es iſt in der That ſchr freundlich von Ihnen, daß Sie in dieſem Augen— 143 blicke zu mir kommen, wo Sie ſo viele Einlad⸗ ungen haben muͤſſen, F Zeit angenehmer zuzu⸗ bringen. Anna hoͤrte nichts. Sie war noch ganz erſtaunt und verwirrt uͤber den Scharfblick ihrer Freundinn, und begriff nicht, wie Frau Smith etwas von Went⸗ worth haͤtte hoͤren koͤnnen. Sagen Sie mir doch, hob Frau Smith nach kurzem Schweigen wieder an: weiß Herr Elliot, daß Sie Umgang mit mir haben? Iſt es ihm be⸗ kannt, daß ich in Bath bin? Herr Elliot? fragte Anna, überraſcht aufblik⸗ kend. Nach kurzem Nachdenken ſah ſie, daß ein Mißverſtaͤndniß im Spiele geweſen war. Sie er⸗ rieth es augenblicklich, und ermuthigt durch das Bewußtſein, daß ihr Geheimniß geſichert war, ſetzte ſie gefaßter hinzu:„Kennen Sie Elliot?“ Ich bin ziemlich betunt mit ihm geweſen, ſprach Frau Smith, ſehr ernſt, aber es ſcheint, die Bekanntſchaft iſt vergeſſen. Ich habe ihn nun ſehr lange nicht geſehen. Das habe ich gar nicht gedacht. Sie ſagten mir nie vorher etwas davon. Haͤtte ich's gewußt, ſo wuͤrde ich das Vergnugen gehabt haben, mit ihm von Ihnen zu reden. In der That, erwiederte Frau Smith mit ih⸗ rer gewoͤhnlichen Munterkeit, das iſt eben das Vergnuͤgen, das ich Ihnen gern machen moͤchte. Ich wuͤnſche, daß Sie mit Herrn Elliot von mir ſprechen. Ich brauche ihre Verwendung bei ihm. Er kann mir Dienſte leiſten, und wenn Sie die Guͤte haben wollten, meine liebe Anna, ſich dieſer Angelegenheit anzunehmen, ſo wird's gemacht ſein. Es wuͤrde mich ungemein freuen, und ich pofe, Sie koͤnnen gar nicht zweifeln an meiner Bereit⸗ willigkeit, Ihnen jeden Dienſt zu leiſten; aber ich vermuthe, Sie glauben, daß ich hoͤhere Anſpruͤche auf Herrn Elliot's Gefaͤlligkett, und ein groͤßeres Recht auf ihn einzuwirken habe, als wirklich der Fall iſt. Ich bin uͤberzeugt, Sie ſind, ich weiß nicht wie, zu einer ſolchen Meinung ver⸗ leitet worden. Betrachten Sie mich aber bloß als Herrn Elliot's Verwandte. Gaͤbe es irgend etwas, das ich als Verwandte von ihm forden duͤrfte, ſo ſtchen Sie doch ja niha an, meine Dienſte zu ver⸗ langen. 145 Frau Smith heftete einen durchdringenden Blick auf ſie, und ſprach dann laͤchelnd:„Ich bin etwas voreilig geweſen, wie ich ſehe. Verzeihen Sie's. Ich haͤtte die förmliche Melgung erwarten ſollen. Aber, mein liebes Fraͤulé geben Sie mir, als einer alten Freundinn, einen Wink, wann ich ſprechen kann. Naͤchſte Woche? Gewiß naͤchſte Woche werde ich wohl glanen duͤrſen, daß alles im Reinen ſei, und dann meit e eigennutzigen Plane auf Herrn Elliot's Gluͤck gruͤnden kennen.“ Nein, erwiederte Anna, weder naͤchſte Voche noch die folgende, noch die dritte. Glauben Sie mir, es giebt gar nichts der Art, woran Sie den⸗ ken, das in irgend einer Woche im Reinen ſein koͤnnte. Ich werde Herrn Elliot nicht heirathen, und moͤchte wohl wiſſen, wie Sie auf den Ge danken gekommen ſind. Frau Smith ſah ſie ernſthaft an, ucelt ſhůͤt⸗ telte den Kopf und rief:„Nun, ich moͤchte, daß ich Sie verſtaͤnde. Wuͤßte ich doch, wie es mit Ihnen wäre! Ich bin uͤberzeugt, Sie werden nicht grauſam ſein wollen, wenn der rechte Augenblick kommt. Bis er kommt denken wir Frauen im⸗ mer, wie Sie ja wiſſen, daß wir Riemand haben I. Their. 146 wollen. Es verſteht ſich bei uns von ſelbſt, daß jeder Mann abgewieſen werden ſoll, bis er kommt. Aber warum ſollten Sie grauſam ſein? Laſſen Sie mich fuͤr meisen— jetzigen Freund kann ich nicht ſagen— aber f ur meinen ehemaligen Freund ſpre⸗ chen. Gäbe 6 eine paſſendere Verbindung? Wo faͤnden Sie einem gebildetern, angenehmern Mann? Hören ie doch, wie gut Oberſt Wallis von ihm ſpricht, und wer kann hn beſet tennen, als Oberſt Wallis?“ Liebe Frau Smith, 6n Eliots gean iſt ja nicht viel uber ein halbes Jahr todt. Wie koͤnnte man ihm zutrauen, daß er ſn um eine Andre werben wollte? O wenn Sie ſonſt keine Einendunhen haben, ſprach Frau Smith mit ſchlauem Blicke: ſo iſt Herr Elliot geborgen, und ich gebe mir ſeinetwe⸗ gen keine Muͤhe mehr. Vergeſſen Sie mich nicht, wenn Sie verheirathet ſind; mehr wuͤnſche ich nicht. Laſſen Sie ihn wiſſen, daß ich ihre Freun⸗ dinn bin, und dann wird er wenig der Muͤhe ach⸗ eten, die nothwendig iſt; aber jetzt iſt es bei ſei⸗ nn Geſchäͤften und Verbindungen ſehr natuͤrlich, dieſe 6 vermeiden und ſo gut als moͤg⸗ 147 lich ſich ihr zu entſchlagen. Neun und neunzig unter Hundert wuͤrden's eben ſo machen. Denkt er doch ſchwerlich, wie wichtig es fuͤr mich iſt!. Nun, liebes Fraulein, ich hoffe zuver⸗ ſichtlich, Sie werden ſehr glucklich ſein. Herr Elliot hat Verſtand genug, ihren Werth zu er⸗ kennen. Ihr Friede wird nicht Schiffbruch lei⸗ den, wie es mir geſchah. Sie ſind ſicher in al⸗ len Bezichungen auf aͤußere Verhaͤltniſſe, ſicher uͤber ſeinen Charakter. Er wird ſich nicht auf Irrwege leiten, er wird ſich nicht durch Andre zu ſeinem Verderben verfuͤhren laſſen. Ja, ich kann alles dieß von meinem Vetter gern glauben. Er ſcheint ein ruhiges, entſchiedenes Gen muth zu haben, und ganz und gar nicht für gefährli⸗ che Eindruͤcke empfaͤnglich zu ſein. Ich hege viel Achtung gegen ihn, und habe nach allem, was ich beobachten konnte, keine Urſache, anders gegen ihn geſinnt zu ſein. Aber ich kenne ihn erſt kurze Zeit und er iſt, glaube ich, nicht der Mann, den man bald genau kennen lernt. Nun, wird denn dieſer Ton, worin ich von ihm ſpreche, Sie nicht uͤber⸗ zeugen? Ruhiger kann ich doch nicht ſprechen. Auf mein Wort, er iſt mir Sollte er mir . 143 ſe ſeine Hand antragen— und ich habe wenig Ur⸗ ſache, zu glauben, daß er ſo etwas im Sinne fuͤhrt — ſo werde ich ſie nicht annehmen. Glauben Sie, ich werde es nicht thun. Ich verſichere Ihnen, Herr Elliot hatte an dem Vergnuͤgen, das mir das geſtrige Konzert gegeben haben kann, nicht ſo viel Antheil, als Sie glauben. Nein, Herr Elliot iſt es nicht, der— Sie hielt inne, und mit hohem Erroͤthen be⸗ dauerte ſie, daß ſie ſo viel angedeutet hatte; aber weniger wuͤrde kaum hinlaͤnglich geweſen ſein. Frau Smith wuͤrde kaum ſo ſchnell geglaubt haben, El⸗ liot waͤre in ſeinen Bewerbungen nicht gluͤcklich geweſen, wenn ſie nicht gemerkt haͤtte, daß es ſonſt Jemand war. Unter dieſen Umſtanden gab Frau Smith ſogleich nach, ohne zu verrathen, daß ſie mehr ſäͤhe, und Anna, die gern weiterer Beob⸗ achtung entgehen wollte, wuͤnſchte zu wiſſen, war⸗ um Frau Smith ſie fuͤr Elliots Braut gehalten hatte, woher ihr dieſer Gedanke gekommen ſein, und von wem ſie ihn gehoͤrt haben konnte.„Wie ſind ſie zuerſt darauf gefallen?“ fragte ſie. Ich bin zuerſt darauf gefallen, als ich hoͤrte, wie haͤufig Sie mit Herrn Elliot zuſammen waͤren, und ich ſah ein, daß wahrſcheinlich Sie und er ſo etwas fuͤr ſehr erwuͤnſcht ten muͤßten. Ich kann Ihnen verſichern, alle ihre Bekannten haben daſſelbe geglaubt. Erſt ſeit einigen Tagen aber habe ich davon reden hoͤren. Anna war nicht wenig uͤber als Frau Smith erzaͤhlte, es habe ihre Waͤrter inn, Frau Roo⸗ ke, jene Nachricht ihr mitgetheilt, welche ſie von der Gemahlinn des Oberſten Wallis erhalten hätte. „Sie war Montag Abend eine Stunde bei mir und erzaͤhlte mir die ganze Geſchichte.“ Die ganze Geſchichte! wiederholte Anna lachend. Ich glaube, ſie konnte keine ſehr lange Geſchichte aus einem ſo kleinen Stůckchen von einer ungegrun⸗ deten Nachricht machen. Frau Smith gab keine Antwort. Aber wenn es auch nicht gegruͤndet iſt, daß ich Anſpruͤche auf Herrn Elliot machen kann, fuhr Anna fort, ſo wuͤrde ich mich doch ſehr freuen, Ihnen auf alle mogliche Weiſe nuͤtzlich ſein zu koͤnnen. Soll ich es ihm ſagen, daß Sie in Bath ſind? Wollen Sie mir irgend etwas an ihn auszurichten geben? Nein) ich danke Ihnen. Auf keine Weiſe. In der erſten Aufwallung, und unter einer irrigen Vor⸗ 160 ausſetzung, hůtte ich vielleicht verſuchen laſſen kön⸗ nen, Ihnen fuͤr gewiſſe Umſtande Theilnahme zu erwecken. Doch jetzt nicht— nein, ich Sie mit nichts zu beſchweren. Sagten Sie nicht, Sie haͤtten Elliot lange gekannt? 41. So iſt's. Doch wohl nicht, ehe er verheirathet war? Allerdings, er war noch nicht als 6 ihn zuerſt kennen lernte. und— waren Sie genau mit ihm bekannt? Sehr genau. Nun, ſo ſagen Sie mir doch, wie war er denn zu jener Zeit? Ich moͤchte ſehr gern wiſſen, wie Herr Elliot als ſehr junger Mann ge⸗ weſen iſt. War er denn, wie er jetzt erſcheint? I„ch habe ihn ſeit drei Jahren nicht geſehen, ant⸗ wortete Frau Smith mit einem ſo ernſten Weſen, daß es unmoͤglich war, uͤber dieſen Gegenſtand wei⸗ ter zu ſprechen. Anna ſah, ſie hatte nichts weiter gewonnen, als daß ihre Neugier geſchaͤrft war. Beide ſchwiegen. Frau Smith war in Gedan⸗ ken verloren, bis ſie endlich mit ihrer gewoͤhnlichen 151 Herzlichkeit wieder anhob:„Verzeihen Sie mir, liebe Anna, daß ich Ihnen ſo kurze Antworten gege⸗ ben habe. Ich war unſchluͤſſig, was ich thun, und wußte nicht, was ich Ihnen ſagen ſollte. Es war ſo Manches dabei zu bedenken. Man will nicht gern zudringlich ſein, nicht gern boͤſe Ein⸗ druͤcke machen und Unheil ſtiften. Es iſt viel⸗ leicht gut, ſelbſt die glatte Außenſeite der Familien⸗ Eintracht zu bewahren, wenn auch nichts Dauer⸗ haftes darunter ſein mag. Doch— ich bin nun zu einem Entſchluſſe gekommen, und glaube recht zu handeln; ich glaube, Sie muͤſſen mit Herrn Elliots wahren Geſinnungen bekannt werden. Ich bin uͤberzeugt, Sie haben in dieſem Augenblicke nicht die mindeſte Abſicht, ſeine Bewerbungen an⸗ zunehmen, aber man weiß ja nicht, was kuͤnftig geſchehen könnte. Es waͤre ja moglich, daß Sie einmahl anders gegen ihn geſinnt waͤren. Hoͤren Sie die Wahrheit, jetzt, wo Sie unbefangen ſind. Herr Elliot iſt ein herzloſer, ein gewiſſenloſer Mann; argliſtig, zuruͤckhaltend, kalt, ſelbſtſuͤchtig, und um ſeines Vortheiles, oder ſeiner Bequemlichkeit wil⸗ len wuͤrde er ſich jeder Grauſamkeit, jeder Verraͤthe⸗ rei ſchuldig machen, wenn es, ohne ſeinem Rufe zu 152 — ſchaden, geſchehen koͤnnte. Er hat kein Mitgefuͤhl gegen Andre. Er kann Diejenigen, die ſich meiſt durch ihn ins Verderben haben bringen laſſen, ohne die mindeſten Gewiſſensbiſſe vernachlaͤſſigen und ver⸗ laſſen. Er iſt fuͤr keine Regung von Gerechtigkeit oder Mitleid empfaͤnglich. O ſein Herz iſt ſchwarz, leer und ſchwarz.“— Frau Smith machte eine Pauſe, als Anna ihr Erſtaunen laut verrieth, und fuhr dann ruhiger fort: „Was ich ſage, macht Sie betroffen. Sie muͤſſen einer gekraͤnkten, unmuthigen Frau Nachſicht ſchen⸗ ken, aber ich will mich zu bemeiſtern ſuchen. Sie ſollen von mir hoͤren, wie ich ihn gefunden habe. Thatſachen moͤgen reden. Er war der vertraute Freund meines lieben Mannes, der ihm Vertrauen und Liebe ſchenkte, und ihn fuͤr ſo gut hielt, als er ſelber war. Ihre Freundſchaft war geſchloſſen, ehe ich mich verheirathete; ich lernte ſie als die ver⸗ trauteſten Freunde kennen, und auch mir gefiel Herr Elliot ungemein. Ich hatte die hochſte Meinung von ihm. Im neunzehnten Jahre iſt man, wie Sie wiſſen, nicht zu ernſthaftem Nachdenken auf⸗ gelegt, aber ich hielt Herrn Elliot fuͤr ſo gut als Andre, und fuͤr weit angenehmer, als die meiſten Andern. Ich ſah ihn faſt immer. Wir wohnten zu jener Zeit in London, und lebten auf ſehr gutem Fuß. Er war damahl in einer ungünſtigen Gluͤcks⸗ lage, er war der aͤrmere, und es wurde ihm ſchwer, nur das aͤußere Anſehen eines Mannes von guter Abkunft ſich zu geben. Er fand immer eine Hei⸗ math bei uns, wenn er wollte, er war ſtets will⸗ kommen, er war wie ein Bruder. Mein guter Mann, der das zarteſte, edelſte Gemuͤth von der Welt hatte, wuͤrde den letzten Heller mit ihm ge— theilt haben, und ich weiß, ſein Geldbeutel war immer fuͤr ihn offen. Das muß gerade in der Zeit ſeines Lebens get weſen ſein, die meine Neugier immer ganz beſon⸗ ders gereizt hat, erwiederte Anna. Es wird um dieſelbe Zeit geweſen ſein, wo er mit meinem Va⸗ ter und meiner Schweſter bekannt ward. Ich ſel⸗ ber habe ihn fruͤher nie gekannt und nur von ihm gehört, aber es war etwas in ſeinem Betragen ge— gen meinen Vater und meine Schweſter, und ſpaͤ⸗ ter in den mit ſeiner Heirath verbundenen Umſtän⸗ den, das ich mit der jetzigen Zeit nie ganz vereini⸗ gen kennte. Es ſchien einen andern Mann anzu⸗ kuͤndigen. it 154 ————— Ich weiß alles, alles! antwortete Frau Smith. Er hatte mit ihrem Vater und ihrer Schweſter Be⸗ kanntſchaft gemacht, ehe ich ihn kennen lernte, aber ich hoͤrte ihn immer von Beiden ſprechen. Ich weiß, daß er eingeladen und aufgemuntert wurde, und weiß, er wollte nicht hingehen. Ich kann Ihnen vielleicht Aufſchluͤſſe uͤber Dinge geben, woran Sie wenig denken, und von ſeiner Heirath wußte ich zu jener Zeit alle Umſtaͤnde. Ich war mit jedem Fuͤr und Wider bekannt, ich war die Freundinn, der er alle ſeine Hoffnungen und Entwuͤrfe anver⸗ traute. Seine Frau kannte ich zwar nicht vorher, weil's bei ihrem geringen Stande unmoglich war, wohl aber ſpaterhin bis auf ihre beiden letzten Le⸗ bensjahre, und ich kann Ihnen ſe ßr uͤber die⸗ 165 Punkt beantworten. MNein, uͤber ſeine Frau habe nicht etwa eine beſondere Frage zu thun. Man hat mir immer geſagt, ſie haͤtten nicht gluͤcklich mit einander ge⸗ lebt. Aber ich moͤchte gern wiſſen, warum er zu jener Zeit die Bekanntſchaft mit meinem Vater ſo geringe achtete. Mein Vater war gewiß ſehr wohlwollend gegen ihn geſinnt. Warum zog ſich Herr Elliot zuruͤck? Herr Elliot hatte zu jener Zeit nur ein einziges Ziel im Ange; er wollte ſein Gluͤck machen, und zwar auf einem etwas ſchnellern Wege, als durch die Rechtsgelehrſamkeit. Sein Entſchluß war we⸗ nigſtens, ſein Gluͤck nicht durch eine unkluge Hei⸗ rath zu hindern, und ich weiß, er glaubte— ob mit Recht oder Unrecht, kann ich natuͤrlich nicht entſcheiden— er glaubte, daß ihr Vater und hre* Schweſter mit ihren Hoͤflichkeiten und Einladungen 5 auf eine Verbindung zwiſchen dem Erben und dem Fraͤulein ausgingen, aber ſo etwas paßte nicht zu ſeinen Anſichten von Reichthum und Unabhaͤngig⸗ keit. Glauben Sie mir, dieß war es, was ihn be⸗ wog, ſich zuruͤck zu ziehen. Ich erfuhr von ihm die ganze Seſchichte. Er verhehlte mir nichts. Es war in der That ſonderbar, daß gleich nach meiner Trennung von Ihnen, bei meiner Verheirathung, ihr Vetter mein erſter und genaueſter Bekannter wurde, und daß ich durch ihn ſtets von ihrem Va⸗ ter und ihrer Schweſter hoͤrte. Er ſchilderte eine Schweſter, und ich dachte liebevoll an die andre. Vielleicht, fragte Anna, von einem ploͤtzli⸗ chen Gedanken ergriffen: ſprachen Sie zuweilen von mir mit Herrn Elliot? 156 Allerdings, ſehr oft. Ich that groß mit mei⸗ ner Anna Elliot, und verſicherte ihm, Sie ganz anders waͤren, als— Sie hielt fruͤhe genug inne. Dieß erklaͤrt etwas, das er mir geſtern Abend ſagte, fuhr Anna fort. Ich fand, daß er oft von mir gehoͤrt hatte, und konnte nicht begrei⸗ en, wie. Auf was fuͤr tolle Einbildungen man kommt, wo das liebe Selbſt im Spiele iſt! Und wie gewiß irret man ſich da!— Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbrach. Herr Elliot heirathete alſo bloß um des Geldes willen? Ohne Zweifel öffnete Ihnen dieſer Umſtand zuerſt die Augen uͤber ihn? Frau Smith verrieth einige mſotnmtet „O was iſt denn gewoͤhnlicher, als ſo etwas! fuhr ſie fort. Wer in der großen Welt lebt, ſieht zu haͤufig, wie Maͤnner und Maͤdchen um des Geldes willen heirathen, als daß man daruͤber erſtaunte, wie man ſollte. Ich war ſehr jung, lebte nur unter jungen Leuten, und wir waren ein unbedachtſames, froͤhliches Voͤlkchen, das ſich keine zu ſtrengen Regeln des Betragens vor⸗ ſchrieb. Wir hatten nur den Lebensgenuß im —— 3%„ ——— Auge. Jetzt denke ich anders; Zeit, Krankheit und Kummer haben mich zu andern Anſichten gefuͤhrt; zu jener Zeit aber, ich laͤugne es nicht, fand ich gar nichts Tadelnswerthes in Herrn El⸗ liot's Betragen. Fuͤr ſich ſelber auf das zu ſorgen, galt als Pflicht.““ Aber ſie war von ſehr gemeiner— Ja, und dieß gab mir auch zu Einwendungen Anlaß, aber er achtete nicht darauf. Geld, Geld, das war alles, was er brauchte. Ihr Vater war ein Viehhaͤndler, ihr Großvater ein Fleiſcher geweſen, aber alles war ihm gleichgil⸗ tig. Sie war ſchoͤn, hatte eine anſtaͤndige Er⸗ ziehung erhalten, wurde von einigen achtbaren Verwandten beguͤnſtigt, und als ſie zufaͤllig mit Herrn Elliot in Geſellſchaft kam, verliebte ſie ſich in ihn; von ſeiner Seite aber entſtand kei⸗ ne Schwierigkeit, keine Bedenklichkeit ihrer Her⸗ kunft wegen. Er war einzig darauf bedacht, den wahren Betrag ihres Vermoͤgens genau kennen zu lernen, ehe er ſich bloß gab. Glau⸗ ben Sie mir, was Herr Elliot jetzt auch auf ſeinen Ruf halten mag, in ſeiner Jugend hatte er nicht die mindeſte Achtung dagegen. Die Aus⸗ 1563 ſicht auf die Erbſchaft war etwas fuͤr ihn, aber die Ehre der Familie galt ihm gar nichts. Ich ha⸗ be ihn oft ſagen hoͤren, wenn Baronetwuͤrden verkaͤuflich waͤren, ſo ſollte die ſeinige Jedermann fuͤr funfzig Pfund haben, ſammt Wappen und Wahlſpruch, Nahmen und Livree. Ich mag nicht die Hälfte der Aeußerungen wiederhohlen, die er daruͤber zu thun pflegte; es wuͤrde unar⸗ tig ſein. Und doch muͤſſen Sie einen Beweis haben, wenn Sie meiner Behauptung glauben ſollen, und ich will Ihnen Beweiſe geben. S„ch brauche keine, erwiederte Anna. Sie ha⸗ ben ja nichts behauptet, was Herrn Elliot anders zeigte, als er vor einigen Jahren zu ſein ſchien. Alles dieß beſtätigt vielmehr, was wir von ihm gehoͤrt und geglaubt haben. Ich bin neugieriger, zu erfahren, warum er ſich jetzt ſo ganz anders zeigt. Frau Smith antwortete, ſie muͤßte zu ihrer eigenen Befriedigung ihre Beweiſe geben, und bat ihre Freundinn, ein Käſichen zu hohlen, das auf dem Simſe der Schlafkammer ſtand. Anna ging, als ſie ſah, daß Frau Smith auf ihrem Willen beſtand. Alle dieſe Papiere, ſprach Frau Smich, d das — ——— Käſtchen oͤffnend: ſind von ihm und meinem Man⸗ ne; es iſt nur ein kleiner Theil der Schriften, die ich durchſehen mußte, als ich Witwe geworden war. Der Brief, den ich ſuche, iſt von Elliot, und wurde vor meiner Verheirathung geſchrieben. Ich weiß nicht, warum mein Mann ihn aufbewahrt hat, aber er war darin nachlaͤſſig und planlos, wie andere Maͤnner, urd ich fand beim Nachſuchen dieſen Brtef mit andern, noch unbedeutendern, von verſchiede⸗ nen Perſonen. Hier iſt er. Ich wollte ihn nicht verbrennen, weil ich gerade zu jener Zeit mit Elliot wenig zufrieden war, und daher jedes Denkmahl fruͤherer Freundſchaft aufzubewahren beſchloß. Jetzt iſt es mir noch aus einem andern Grunde lieb, daß ich dieſes Blatt vorzeigen kann. Der Brief war an Herrn Smith, im Jahre 1803, von London aus geſchrieben, und lautete ſo: „Lieber Smith. Ich habe Ihren Brief erhal⸗ „ten. Ihre Guͤte iſt mir faſt zu viel. Hätte doch „die Natur ſolche Herzen, als das Ihrige, recht „vielen Menſchen gegeben; aber ich habe in den drei „und zwanzig Jahren meines Lebens kein aͤhnliches „gefunden. Jetzt brauche ich, glauben Sie's mir, „Ihren Beiſtand nicht; ich bin wieder bei Kaſſe. 460 „Wünſchen Sie mir Gluck, ich bin den Baronet „und das Fraͤulein los. Sie ſind wieder nach Kel⸗ „lynch zuruck, und ich habe es ihnen faſt zuſchworen „muͤſſen, in dieſem Sommer ſie zu beſuchens aber „ich komme nicht eher nach Kellynch, als bis ich 6 „einen Sachverſtaͤndigen mitbringen kann, der mir „ſagen ſoll, wie ſich das Gut am Vortheilhafte⸗ „ſten verſteigern laͤßt. Der Baronet konnte aber „wohl leicht wieder heirathen; er iſt thoͤrig genug „dazu. Thut er's, ſo werden ſie mich in Ruhe zlaſſen, und das mag denn eine anſtändige Vergů⸗ „tung fuͤr die Anwartſchaft ſein. Er 5 n „als voriges Jahr.“ „Ich wollte, mein Name waͤre nicht Elivt; „er iſt mir zuwider. Den Nahmen Walter kann „ich, Gott ſei Dank, fallen laſſen, und ich bitte „Sie, mich nicht wieder mit meinem zweiten W. „zu beſchimpfen, da ich fuͤr mein uͤbriges Leben nichts zanders 65 will, als Vilhelm Ettiot“ Anna konnte einen ſolchen Brief nicht ohne. eine Aufwallung von Unwillen leſen, und als Frau Smith die gluͤhende Wange ihrer Freundinn ſah, ——————— 161 hob ſie wieder an:„Ich weiß es, er ſpricht ſehr unchrerbietig. Die Ausdruͤcke ſind mir nicht mehr gegenwaͤrtig, aber ich erinnere mich genau des In⸗ halts. Das ſchildert Ihnen den Mann. Bemer— ken Sie ſeine freundſchaftlichen Betheuerungen ge⸗ gen meinen guten Mann. Kann man ſich ſtaͤrker ausdruͤcken?“ Anna konnte nicht ſogleich den Verdruß und die Kränkung uͤberwinden, diẽ ſie fuͤhlte, als ſie ſolche Worte uͤber ihren Vater hoͤrte. Sie mußte ſich er⸗ innern, daß der Blick, den ſie auf dieſen Brief warf, eine Verletzung der Ehrengeſetze war, daß Niemand nach ſolchen Zeugniſſen beurtheilt werden darf, und daß Privatbriefe nicht vor fremde Augen gehoͤren, ehe ſie ruhige Faſſung genug erlangen konnte, den Brief zuruͤck zu geben, deſſen Inhalt ſie erwogen hatte. Ich danke Ihnen, ſprach ſie. Das iſt ohne Zweifel ein gnuͤgender Beweis fuͤr Alles, was ſie geſagt haben. Aber warum will er jetzt mit uns bekannt ſein? Auch das kann ich erklaͤren, antwortete Frau Smith laͤchelnd. Ich habe Ihnen Elliot gezeigt, wie er vor zwolf Jahren war; Sie ſollen ihn nun n. 2heu.— L — S. — 162 ſehen, wie er jetzt iſt. Freilich kann ich Ihnen keine ſchriftlichen Beweiſe vorlegen, aber durch ein mund⸗ liches Zeugniß, das Sie nicht glaubwuͤrdiger verlan⸗ gen können, will ich Ihnen darthun, was er jetzt will, und wonach er trachtet. Er heuchelt jetzt nicht. Er will Sie heirathen. Seine Aufmerkſamkeiten ge⸗ gen ihre Familie ſind ſehr aufrichtig und kommen ganz aus dem Herzen. Ich will Ihnen meinen Gewaͤhrmann nennen; ſeinen Freund, den Ober⸗ ſten Wallis. Sie kennen ihn? Nein. Auf ſo ganz geradem Wege habe ich's nicht erfahren. Es hat einen kleinen Umweg ge⸗ macht; aber das bedeutet nichts; der Strom iſt noch ſo gut, als anfangs, und das Bischen Unrath, das er bei ſeinen Kruͤmmungen aufgenommen haben mag, laͤßt ſich leicht wegſchaffen. Herr Elliot ſpricht mit dem Oberſten Wallis ohne Zuruͤckhaltung uͤber ſeine Abſichten auf Sie; dieſer Oberſt mag an ſich ein verſtaͤndiger, bedaͤchtiger, ſcharfſichtiger Mann ſein, aber er hat eine ſehr huͤbſche alberne Frau, der er Dinge ſagt, die er ihr beſſer verſchwiege. In der frohen Stimmung, die das Gefuhl der wieder⸗ gekehrten Geſundheit in ihr erweckt, erzaͤhlt ſie al⸗ 5 les ihrer Wärterinn, und die Wärterinn, die meine Bekanntſchaft mit Ihnen kennt, bringt mir alles. Am Montage hat mich die gute Frau in die Ge⸗ heimniſſe eingeweiht, und Sie ſehen, was ich von der ganzen Geſchichte ſagte, war nicht ſo erdichtet, als Sie glaubten. Liebe Smith, ihr Zeugniß iſt nicht befrteblerh Wenn Elliot auch Abſichten auf mich hätte, ſo läßt ſich daraus doch gar nicht erklaͤren, warum er ſich ſo viel Muͤhe gegeben hat, mit meinem Vater ſich wieder auszuſoͤhnen. Alles dieß geſchah, ehe ich nach Bath kam. Ich fand ſie bei meiner Ankunft im beßten Vernehmen. Ich weiß es ſehr wohl, aber— Wie koͤnnen Sie auch erwarten, liebe Smith, auf ſolchem Wege echte Rachrichten zu erhalten! Thatſachen, oder Anſichten, die durch ſo viele Haͤnde gehen, muͤſſen bei dieſem durch Thorheit, bei jenen durch Unwiſſenheit verdreht werden. Hoͤren Sie mich nur an, fuhr Frau Smith fort. Sie werden bald zu urtheilen im Stande ſein, wie glaubwuͤrdig meine Nachrichten ſind, wenn ich Ih⸗ nen einige Umſtände mittheile, welche Sie ſogleich verwerfen oder beſtaͤtigen koͤnnen. Niemand glaubt, 9 2 16 4½ =———— daß Sie ihm zu ſeinem jetigen Benehmen den er⸗ ſten Beweggrund gegeben hätten. Er hatte Sie zwar vor ſeiner Ankunft in Bath geſehen und be⸗ wundert, aber ohne zu wiſſen, wer Sie waren. So ſagt wenigſtens meine Quelle. Iſt's wahr? Sah er Sie im vorigen Sommer, oder im Herbſt, irgendwo in der weſtlichen Gegend, wie meine Er⸗ zahlerinn ſagt? Allerdings, und in ſo fern hat ſie wahr chen. Es war in Lyme. Wohlan, ſprach Frau Smith freudig, ſo hat aiſo meine Quelle dieſen erſten Punkt ganz richtig ange⸗ geben⸗ Er ſah Sie in Lyme, und Sie gefielen ihm ſo ſehr, daß er hoͤchſt erfreut war, Sie in ihres Vaters Hauſe als Anna Elliot wiederzuſehen. Von dem Augenblicke an hatte er ohne Zweifel einen dop⸗ pelten Beweggrund, ſeine Beſuche fortzuſeten. Schon fruͤher aber trieb ihn ein anderer Beweg⸗ grund, wie ich Ihnen nun auch erklaͤren will. Iſt etwas in meiner Geſchichte, das Sie fuͤr falſch oder unwahrſcheinlich halten, ſo fallen Sie mir in's Wort. Meine Quelle ſagt, die Freundinn ihrer Schweſter, die Sie zuweilen gegen mich genannt haben, waͤre mit dem Baronet und Fraͤulein Eli⸗ —— 165 ſabeth nach Bath gekommen, und ſeitdem immer hier geblieben; ſie wäre eine gewandte einſchmeis chelnde, huͤbſche Frau, arm und von gutem Anſehen, und mit einem Worte eine Frau, deren Verhaͤlt⸗ niſſe und Benehmen des Baronets Freunde auf den Gedanken gebracht haben ſollen, daß ſie wohl die Abſicht haͤtte, Frau Elliot zu werden, und Alle, ſagt man mir, wunderten ſich ſehr, daß ihre Schweſter die Gefahr nicht zu erkennen ſcheine. Frau Smith ſchwieg einen Augenblick, als aber Anna nichts zu erwiedern hatte, fuhr ſie fort: „In dieſem Lichte wurde die Sache lange vor ih⸗ rer Ankunft in Bath von den Bekannten ihres Va⸗ ters betrachtet. Oberſt Wallis beſuchte zwar zu jener Zeit ihres Vaters Haus nicht, aber ſeine freundſchaftliche Geſinnung gegen Elliot bewog ihn, alles zu beobachten, was vorging, und als Elliot kurz vor Weihnachten auf ein Paar Tage nach Bath kam, machte er ihn mir der Lage der Dinge und mit ben verbreiteten Geruͤchten bekannt. Nun muͤſſen Sie wiſſen, die Zeit hat in Elliot's An⸗ ſichten uͤber den Werth einer Baronetwuͤrde we⸗ ſentliche Veraͤnderungen hervor gebracht. In al⸗ lem, was ſich auf Herkunft und Familienverbind⸗ 166 ung bezieht, iſt er ein ganz andrer Mann gewor⸗ den. Er hat nun ſchon lange ſo viel Geld gehabt, als er nur immer verzehren konnte, jedes Wun⸗ ſches Befriedigung hat er gefunden, und iſt nun nach und nach dahin gekommen, ſeine Gluͤckſelig⸗ keit in dem anſehnlichen Range zu ſuchen, den er erben ſoll. Ich ſah das kommen, ehe unſre Be— kanntſchaft abgebrochen wurde, aber es iſt nun ſchon eine veſte Geſinnung geworden. Unertraͤg⸗ lich iſt ihm der Gedanke, nicht Baronet zu werden. Sie können alſo leicht errathen, daß die Nachrich⸗ ten, die er von ſeinem Freunde erhielt, ihm nicht ſonderlich angenehm ſein konnten, und daß nichts natuͤrlicher war, als der Entſchluß, ſo bald als moͤglich nach Bath zuruͤck zu kehren, und ſich eine Zeitlang hier aufzuhalten, in der Abſicht, die ehemalige Bekanntſchaft wieder anzuknuͤpfen, und mit ihren Angehorigen in ein Verhaͤltniß zu kom⸗ men, wo er Mittel faͤnde, die ihm drohende Ge⸗ fahr zu ermeſſen, und wenn ſie gegruͤndet waͤre, die gefährliche Frau zu uͤberliſten. Die beiden Freunde hielten dieß fuͤr das einzige wirkſame Mittel, und Oberſt Wallis wollte dabei auf alle mögliche Art Beiſtand leiſten. Elliot kam bald ——— ————— 167 zuruͤck; erhielt Verzeihung, wie Sie wiſſen, Zu⸗ tritt in ihrem Hauſe, und es war ſein beſtaͤndi⸗ ges und— bis ihre Ankunft ein anderes hinzu⸗ fuͤgte— ſein einziges Augenmerk, ihren Vater und Frau Clay zu beobachten. Er verſaͤumte kei⸗ ne Gelegenheit, wo er Beide ſehen konnte, kam zu allen Stunden— doch es iſt ja unnothig, daruͤber viel zu ſagen. Sie koͤnnen ſich ja denken, was ein ſchlauer Mann thun wuͤrde, und von dieſem Ge⸗ danken geleitet, erinnern ſie ſich vielleicht, was Sie ihn haben thun ſehen⸗ Ja, alles was Sie mir ſagen, ſummt mit demjenigen uͤberein, was ich gewußt habe oder mir denken konnte. Es iſt immer etwas Widriges im Thun und Treiben der Verſchmitztheit. Die Kunſtgriffe der Selbſtſucht und Falſchheit muͤſſen immer empoͤrend ſein, aber ich habe nichts gehoͤrt, das mich wirklich uͤberraſchte. Ich kenne Manche, die eine ſolche Darſtellung von Vetter Elliot belei⸗ digen wuͤrde, und die nicht leicht daran glauben mochten, ich aber bin nie mit ihm zufrieden gewe⸗ ſen, und habe immer einen andern Beweggrund ſeines Betragens geſucht, als offenbar wurde. Ich möchte gern wiſſen, wie er jetzt uͤber die Wahr⸗ 168 ſcheinlichkeit des befuͤrchteten Ereigniſſes denkt, und ob er die Gefahr fuͤr geringer haͤlt, oder nicht. Fuͤr geringer, wie ich höre. Er glaubt, Frau Clay fuͤrchte ihn, weil ſie merken moͤge, daß er ſie durchſchaut habe„ und wage es nun nicht, ſo zu handeln, als ſie es in ſeiner Abweſenheit thun wuͤrde. Aber er muß doch auf einige Zeit ſich ent⸗ fernen, und ich ſehe nicht ein, wie er je ſicher ſein kann, ſo lange ſie ihren Einfluß behält. Nach der Erzäͤhlung meiner Waͤrterinn hat die Gemah⸗ linn des Oberſten den laͤcherlichen Gedanken, man ſollte, wenn Elliot ſich mit Ihnen vermaͤhlt, in den Ehevertrag ſetzen, daß ihr Vater Frau Clay nicht heirathen ſoll. In der That, der Plan iſt des Verſtandes der guten Frau werth, und meine Waͤr⸗ terinn hat wohl recht, wenn ſie ſagt, man könnte dadurch ja nicht verhindern, daß Vater ſonſt jemand heirathete. Es iſt mir ſehr lieb, daß ich alles dieß weiß, ſprach Anna, als ſie einige Augenblicke in Gedan⸗ ken verſunken geweſen war. Es wird mir in man⸗ her Hinſicht empfindlich ſein, mit ihm umzugehen, aber ich werde nun beſſer wiſſen, wie ich mich zu benehmen habe. Elliot iſt offenbar ein unredlicher, —,———— ————— —————— —— 169 hinterliſtiger Mann, der ſich immer nur von ſei⸗ nem Eigennutze hat leiten laſſen. Frau Smith war aber mit Elliot noch nicht ſertig. Sie hatte die Richtung, wovon ſie an⸗ fangs ausgegangen war, verloren, und Anna, zu ſehr mit den Angelegenheiten ihrer Familie be⸗ ſchaͤftigt, hatte vergeſſen, was in den erſten Aeu⸗ ßerungen ihrer Freundinn we ngedeutet worden. Ihre Aufmerkſamkeit ward aber bald auf die Er⸗ taͤuterung jener Winke gelenkt, und ſie hoͤrte eine Erzählung, die zwar nicht ganz die heftige Erbit⸗ terung der Fran Smith rechtfertigte, aber doch bewies, daß Slliot ſehr gefuͤhllos, ſehr ungerecht und untheilnehmend gegen ſie gehandelt hatte. Sie erfuhr, daß Elliot auch nach der Verheirath⸗ ung ſeines Freundes in vertrauter Verbindung mit ihm geblieben war, und ihn zu ungemeſſenem Auf⸗ wande verleitet hatte. Frau Smith ſuchte ihren Mann zaͤrtlich zu entſchuldigen, aber Anna er⸗ rieth leicht, daß man immer beſſer gelebt hatte, als die Einkuͤnfte erlaubten, und daß anfangs eine ge⸗ meinſchaftliche Verſchwendung herrſchend geweſen war. Nach der Schilderung der Witwe ſchien deren Gatte ein warm ſſhlender, lenkſamer, ſorg⸗ „ 170 loſer, nicht ſehr verſtaͤndiger Mann, liebenswuͤr⸗ diger, als ſein Freund und ihm ſehr ungleich ge⸗ weſen, von ihm aber geleitet und wahrſcheinlich verachtet worden zu ſein. Elliot hatte durch ſeine Heirath ein großes Vermoͤgen erworben; er war geneigt, jedes Vergnuͤgen und jede Befriedigung der Eitelkeit zu ſuchen, wo es geſchehen konnte, ohne ſich in Verlegenheit zu bringen, da er bei al⸗ ler Nachſicht gegen ſich ſelber doch ein kluger Mann geworden war; er fing an reich zu werden in dem Augenblicke, wo ſein Freund ſich hätte erinnern ſollen, daß er ſelber arm war, und er ſchien auf die muthmaßlichen Vermoͤ ensumſtände dieſes Freundes keine Ruͤckſicht genommen, ſondern im Gesgentheil ihn zu Ausgaben gereizt und ermun⸗ tert zu haben, nur zum konnten. So geſchah es. Der Mann arb, ehe er noch ganz ſeine rettungloſe Lage kannte. Er hatte fruͤher ſo viele Verlegenheiten erfahren, daß er die Geſinnungen ſeiner Freunde auf die Probe ſtel⸗ len mußte, wobei ſich denn zeigte, daß er Elliot's Freundſchaſt lieber nicht gepruft haͤtte; aber erſt bei ſeinem Tode ward die ungluckliche Lage ſeiner ——————————————— ——— ——————— — — 171 Angelegenheiten ganz offenbar. Mit einem Ver⸗ trauen auf Elliots Theilnahme, das ſeinem Her⸗ zen mehr als ſeinem Verſtande ruͤhmlich war, hatte Smith ihn zum Vollſtrecker ſeines letzten Willens ernannt; aber Elliot wollte ſich nicht damit befaſ⸗ ſen. Die Bedraͤngniſſe und Ungluͤcksfäͤlle, womit dieſe Weigerung die unvermeidlichen Leiden der armen Witwe vermehrt hatte, waren ſo groß ge⸗ weſen, daß ſie dieſelben nicht ohne ſchmerzliche Empfindungen erzahlen, und Anna nicht ohne Regungen des Unwillens ihr zuhoren konnte. Frau Smith zeigte ihrer Freundinn einige Brieſe, die er bei jener Gelegenheit auf dringen⸗ de Geſuche der bedraͤngten Witwe geſchrieben hatte, und alle verriethen dieſelbe rauhe Entſchloſſenheit, ſich keine fruchtloſe Beſchwerdé zu machen, und unter der Huͤlle kalter Hoͤflichkeit dieſelbe harther⸗ zige Gleichgiltigkeit gegen alle Leiden, die dadurch uͤber die Witwe kommen moͤchten. Es war ein furchtbares Bild von Undankbarkeit und Unmenſch⸗ lichkeit, und Anna meinte zuweilen, es konnte kaum ein offenbares Verbrechen ſchlimmer gewe⸗ ſen ſein. Sie hatte viel anzuhoͤren; alle Umſtaͤnde vergangener Leiden, alle Einzelheiten gehaͤufter 172 Drangſale, wokauf ihre Freundinn in fruͤhern Unterredungen nur hingedeutet hatte, wurden jetzt mit leicht zu entſchuldigender Redſeligkeit darge⸗ legt. Anna fuͤhlte, daß darin ein Troſt lag, und wunderte ſich nur uͤber dir ruhige Faſſung, die ih⸗ re Freundinn gewohnlich zeigte. Es war ein Umſtand in der Geſchichte dieſer hatte Grund zu vermuthen, daß eine Beſitzung ihres Mannes in Weſtindien, welche wegen aufgelaufe⸗ ner Schulden viele Jahre lang unter Beſchlagver⸗ waltung geweſen war, durch zweckmaͤßige Maßre⸗ geln wieder erlangt werden koͤnnte, und dieſe Guͤ⸗ ter waren, wenn auch nicht anſehnlich, doch be⸗ trächtlich genug, die Witwe in eine unabhaͤngige Lage zu ſetzen. Es war Niemand da, der ſich der Sache angenommen hätte. Elliot wollte nichts thun, ſie aber konnte es nicht, da ihre Kraͤnklichkeit ſie unfäͤhig machte, ſich ſelber zu bemuͤhen, und Geldmangel ſie abhielt, durch Andre handeln zu laſſen. Sie hatte keine Verwandten, deren Rath ſie hätte ſuchen koͤnnen und war nicht im Stande, den Beiſtand der Geſetze zu gewinnen. Dieß machte hre bedraͤngte Lage noch ſchmerzlicher. Wie hart, Leiden, der beſonders empfinblich war. Frau Smith 173 zu fuͤhlen, daß ſie in beſſern umſtaͤnden ſein můßte, wenn vielleicht nur eine geringe, am rechten Orte angewandte Muͤhe ihr zu Huͤlfe käme, und zu be⸗ ſorgen, daß durch Zögerung ſelbſt ihre unrich gefährdet werden könnten! Dieſe Angelegenheit war es, die ihre Freundinn durch Fuͤrſprache bei Elliot befordern ſollte. Frau Smith hatte, in der Vermuthung, daß Anna ihren Vetter Elliot heirothen werde, anfangs freilich ger furchtet, ihre Freundinn in dieſem Falle zu verlieren; als ſie ſich aber uͤberzeugte, daß Elliot noch keinen Schritt zur Störung dieſer Freundſchaft gethan ha⸗ ben konnte, da er nicht einmal wußte, daß ſie in Bath wohnte, ſo fiel ſie ſogleich auf den Gedanken, daß durch die Mitwirkung ſeiner Geliebten etwas fuͤr ſie gethan werden koͤnnte, und ſie wollte vorſchnell An⸗ na's Gefuhle fur ſich gewinnen, in ſo fern es geſche⸗ hen konnte, ohne Elliot's Rufe zu ſchaden, als ploͤtz⸗ lich Anna's Widerlegung des verbreiteten Geruͤchtes die ganze Lage der Dinge aͤnderte. Frau Smith verlor nun die Hoffnung, die Angelegenheit, die ihr am Herzen lag, zu einem gluͤcklichen Ausgange zu brin⸗ gen, erhielt aber dagegen den Troſt, die ganze Ge⸗ ſchichte auf ihre Art erzaͤhlen zu koͤnnen. Als dieſe umſtaͤndliche Mittheilung geendigt war, konnte Anna nicht umhin, ihre Verwunder⸗ ung daruber zu aͤußern, daß Frau Smith anfangs ſo guͤnſtig von Elliot geſprochen,— empfohlen, ja geruͤhmt hatte. Konnte ich denn anders, meine Liebe? erwie— derte Frau Smith. Ich hielt ihre Verbindung mit ihm fuͤr gewiß, wenn er vielleicht auch noch nicht ſeinen Antrag gemacht hatte, und ich konnte eben ſo wenig die Wahrheit ſagen, als wenn er ſchon ihr Mann geweſen waͤre. Mein Herz blutete, als ich von Gluckſeligkeit ſprach. Aber er iſt ja verſtaͤndig, er iſt angenehm, und mit einem Maͤdchen wie Sie, war doch einige Hoffnung auf einen glůcklichen Aus⸗ gang. Gegen ſeine erſte Fran zeigte er ſich ſehr unfreundlich; ihre Ehe war unglucklich, aber ſie war zu unwiſſend und einfältig, als daß er ſie haͤtte achten konnen, und er liebte ſie nie. Ich hoffte gern, daß es Ihnen beſſer gehen wuͤrde. Anna mußte ſich heimlich geſtehen, es waͤre wohl möglich geweſen, daß ſie ſich hätte bewegen laſſen, ihn zu heirathen, und ſie ſchauderte bei dem Ge⸗ danken an das Elend, worein eine ſolche Verbind⸗ ung ſie gebracht haben muͤßte. Ja, ſie haͤtte ſich —— — 7————————— — 175 vielleicht durch Frau Ruſſel uͤberreden laſſen, und wer waͤre dann am ungluͤcklichſten geweſen, wenn die Zeit, zu ſpät, alles enthuͤllt haͤtte? Es war ſehr zu wuͤnſchen, daß Frau Ruſſel nicht läͤnger im Irrthum bliebe, und am Ende der lan⸗ gen Unterredung erhielt Anna volle Ermaͤchtigung, ihrer Freundinn alles, was ſie von Frau Smith wußte, zu eroͤffnen, in ſo fern Elliots Betragen dadurch ins Licht geſetzt wurde. Anna ging nach Hauſe, um uͤber alles, was ſie gehort hatte, nachzudenken. In einer Hinſicht ward ihr Gefuhl durch die Nachrichten, die ſie ͤber El⸗ liot erhalten hatte, erleichtert. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß ſie ihm nun nicht laͤnger eine wohl⸗ wollende Regung weihen konnte. Er erſchien nun, Wentworth gegenuͤber, in ſeiner ganzen unwillkom⸗ menen Zudringlichkeit, und an das unabhelfliche Unheil, das er am vorigen Abende durch ſeine Auſ⸗ 176 merkſamkeiten geſtiftet haben konnte, dachte ſie mit Empfindungen, die nun keine andere Ruͤckſicht mildern, oder mit einer Regung von Verlegenheit verſchmelzen konnte. Es war nun vorbei mit al⸗ lem Mitleid gegen ihn. Dieß aber war auch die einzige Erleichterung. In jeder andern Hinſicht ſah ſie, wenn ſie um ſich her, oder in die Zukunft blickte, vieles, das Mißtrauen und Beſorgniß er⸗ weckte. Mit Bekuͤmmerniß dachte ſie an die Täuſch⸗ ung und den Schmerz, wovon Fran Ruſſel be⸗ wegt werden mußte, an die Kraͤnkung, die ihrem Vater und ihrer Schweſter bevorſtand, und ſie fühlte ſich ungluͤcklich, als ſie viele Uebel voraus ſah, ohne zu wiſſen, bie ſie eines derſelben ab⸗ wenden ſollte. Sie freute ſich dankbar, daß ſie ihn kennen gelernt hatte. Nie hatte ſie geglaubt, eine Belohnung dafuͤr zu verdienen, daß ſie eine alte Freundinn nicht geringſchaͤtzig behandelt hatte, aber es war wirklich eine Belohnung daraus ent⸗ ſprungen. Frau Smith war im Stande geweſen, ihr etwas zu ſagen, das ſie von ſonſt Niemanden haͤtte erfahren koͤnnen. Hätten nur ihre Angehs⸗ rigen auch ſchon alles gewußt! Vergeblicher Wunſch! Sie mußte mit Frau Ruſſel ſprechen, ſich mit ihr 177 berathen, und wenn ſie ihr Beſtes gethan hatte, mußte ſie den Erfolg mit aller ihr möglichen Faſ⸗ ſung erwarten, und am Wenigſten konnte ſie Faſ⸗ ſung in jenem geheimen Winkel ihrer Seele finden, den ſie vor ihrer Freundinn nicht enthuͤllen durfte. Ihre Unruhe, ihre Beſorgniſſe mußte ſie fuͤr ſh allein behalten. Als ſi ſie heim kam, fand ſe, daß es ihr, nach ihrer Abſicht, gelungen war, ihrem Vetter auszu⸗ weichen, Er hatte einen langen Morgenbeſuch ab⸗ geſtattet; als aber ſie eben ſich Glück wunſchte, und ſich freute, bis auf den folgenden Tag ſicher zu ſein, hoͤrte ſie, daß er am Abend wieder kom⸗ men wollte. Ich hatte gar nicht die Abſicht, ihn zu bitten, ſprach Eliſabeth mit erkuͤnſtelter Nachläͤſſigkeit; aber er gab ſelber ſo viele Winke, wie wenigſtens Frau Clay ſagt. Ja, das ſage ich, ſprach dieſe. Ich habe ni in meinem Leben Jemand geſehen, der ſo ſehr auf eine Einladung angeſpielt haͤtte. Der arme Mann! ich kann Ihnen ſagen, Fraͤulein Anna, ich habe wirklich um ihn gelitten, da ihre hartherzige Schwe⸗ ſter ſo grauſam ſein zu wollen ſcheint. TLheil. M 176 L nein, erwiederte Eliſabeth, ich bin vielmehr nur zu ſehr daran gewohnt, durch die Winke eines Mannes umgeſtimmt zu werden. Als ich ſah, wie ſehr er's bedauerte, meinen Vater heute fruͤh ver⸗ fehlt zu haben, gab ich ja ſogleich nach, denn ich moͤchte nicht gern eine Gelegenheit entſchluͤpfen laſ⸗ ſen, ihn und meinen Vater zuſammen zu bringen. Sie zeigen ſich beide ſo ſehr zu ihrem Vortheile, wenn ſie mit einander in Geſellſchaft ſind. Jeder von ihnen benimmt ſich ſo artig. Herr Elliot iſt ſo ehrerbietig. Es iſt eine Freude, es anzuſehen, ſprach Frau Clay, aber ſie watge es doch nicht, ihre Augen da⸗ bei auf Anna zu richten. Ganz wie Vater und Sohn! Liebes Fraͤulein, darf ich nicht ſagen, wie Vater und Sohn? O ich will Niemands Worte hindern! Wollen Sie ſolche Gedanken haben, meinetwegen! Aber ich ſehe in der That nicht, daß er in ſeinen Aufmerkſamkeiten weiter ginge, als andere Maͤnner. Liebes Fraͤulein, rief Frau Clay, Haͤnde und Blicke erhebend, und ließ ihr Erſtaunen in einem angemeſſenen Stillſchweigen untergehen. 179 Meine liebe Penelope, erwiederte Eliſabeth, Sie brauchen ſich ſeinetwegen nicht ſo zu beunruhigen. Sie wiſſen ja, ich habe ihn eingeladen. Ich ſchickte ihn mit einem Laͤcheln fort. Als ich horte, daß er wirklich morgen auf den ganzen Tag zu ſeinen Freunden nach Thornberry⸗Park geht, hatte ich Mitleid mit ihm. Anna bewunderte das gute Spiel der Freundinn, die im Stande war, ſo viel Vergnuͤgen zu verra⸗ then, in dem Augenblicke, wo der Mann ankam, deſſen Gegenwart ihrem Hauptzwecke hinderlich ſein mußte. Elliots Anblick konnte ihr unmoͤglich anders als verhaßt ſein; und dennoch vermochte ſie das freundlichſte, ſanfteſte Weſen anzunehmen, und ſchien ganz zufrieden damit zu ſein, daß ſie dem Ba⸗ ronet nur halb ſo viel Aufmerkſamkeit widmen durf⸗ te, als ſie ſonſt gethan haben wuͤrde. Fur Anna war es ein peinlicher Augenblick, als Elliot in's Zimmer trat, und noch mehr, als er ſich ihr naͤherte und ſie anredete. Sie hatte fruͤher ſchon wohl gefuͤhlt, daß er nicht immer ganz auf⸗ richtig ſein konnte, jetzt aber ſah ſie uͤberall Man⸗ gel an Aufrichtigkeit. Seine aufmerkſame Ehrer⸗ bietung gegen ihren Vater, war, mit ſeinen fruͤhern M 2 180 Aeußerungen verglichen, widrig, und wenn ſie an ſein hartes Betragen gegen Frau Smith dachte, war es ihr faſt unertraͤglich, ſein Laͤcheln, ſeine mil⸗ de Freundlichkeit zu ſehen, oder ſeine erkuͤnſtelten guten Geſinnungen zu hoͤren. Sie nahm ſich vor, jede Veraͤnderung in ihrem Benehmen zu vermei⸗ den, die eine Beſchwerde von ſeiner Seite hätte veranlaſſen können. Es war ſehr wichtig fur ſie, Nachforſchung, oder Aufſehen zu verhuͤten; aber ſie hatte die Abſicht, ihm einen ſo entſchiedenen Kalt⸗ ſinn zu zeigen, als mit ihrem verwandtſchaftlichen Verhältniſſe vereinbar war, und die wenigen Schritte zu einer unnöthigen Traulichkeit, wozu ſie ſich nach und nach hatte verleiten laſſen, wollte ſie ſo gelaſſen als moglich zuruͤck gehen. Sie war zuruckhaltender, als am vorigen Aben⸗ de. Elliot mußte ihre Neugier in Beziehung auf den Umſtand, wie und wo er fruͤher etwas zu ihrem Lobe hätte horen koͤnnen, erſt wieder aufregen; und man bat ihn nichts weniger als dringend; aber der Zauber war einmal geloͤſet. Er fand, daß die Ei⸗ telkeit ſeines beſcheidenen Muͤhmchens nur bei dem aufregenden Leben in einem vollen Geſellſchaftzim⸗ mer geweckt werden konnte, er fand wenigſtens, daß 181 es nicht durch die Verſuche geſchehen konnte, die er in dieſem Augenblicke, wo auch die Andern ſo ge⸗ bieteriſche Anſpruche auf ihn machten, wagen durfte. Er ahnete wenig, daß er gegen ſeinen Vortheil handel⸗ te, als er gerade diejenigen Umſtaͤnde ſeines Betra⸗ gens, die am wenigſten zu entſchuldigen waren, r in Erinnerung brachte. Sie hörte mit Vergnuͤgen, h er wi irklich ſth am folgenden Morgen Bath verlaſſen und zwei Ta⸗ ge lang abweſend ſein wollte, Man lud ihn ein, am Abend ſeiner Ruͤckkehr wiederzukommen, aber vor dem naͤchſten Sonnabend konnte er ſchwerlich zuruͤck⸗ kehren. Es war fuͤr Anna ſchon ſchlimm genug, immer eine Frau Clay vor Augen haben zu muͤſſen; aber daß ein aͤrgerer Heuchler ſtets in ihrer Geſellſchaft ſein ſollte, ſchien allen Frieden und jeden frohen Le⸗ bensgenuß ſtoren zu muͤſſen. Es war ſo demuͤthigend fur ſie, an den ſteten Betrug zu denken, womit El⸗ liot gegen ihren Vater und ihre Schweſter handelte, und an die mancherlei Kraͤnkungen, die ihnen be⸗ vorſtanden. Die Selbſtſucht der Frau Clay war nicht ſo verwickelt, nicht ſo empoͤrend, als die ſei⸗ nige, und Anna härte ſich gern die Heirath mit allen Uebeln gefallen laſſin, wenn ſie von den 169 gen Kunſtgriffen, womit Elliot die Verbindung 1 verhindern ſuchte frei geweſen wäre. Am Freitage wollte ſie ſehr fruͤh am Morgen zu Frau Ruſſel gehen, um ihr die nöthige Eroͤff⸗ nung zu machen, und ſi ſie wuͤrde gleich nach dem Fruͤhſtucke aufgebrochen ſein, wenn nicht auch Frau Clay, um fur Fräulein Eliſabeth einen Auf⸗ trag zu uͤbernehmen, haͤtte ausgehen wollen. An⸗ na wartete, um vor einer ſolchen Begleiterinn ſicher zu ſein, aber ſo bald die Hausfteundinn fort war, aͤußerte ſie die Abſicht, zu Frau Ruſſel zu gehen. Gut! antwortete Eliſabeth. Ich habe nichts an ſie zu beſtellen, als meinen Gruß. Du kannſt auch das langweilige Buch mitnehmen, das ſie mir geliehen hat. Sage, ich hatte es ganz ausge⸗ leſen. Ich kann mich wahrlich nicht mit all den neuen Gedichten und politiſchen Schriften quaͤlen, die herauskommen. Frau Ruſſel ermuͤdet einen wahrlich mit ihren neuen Buͤchern. Du brauchſt es ihr nicht zu ſagen, aber ihr Anzug vorgeſtern Abend war abſchenlich. Ich glaubte ſie hätte et⸗ was Geſchmack darin, aber ich ſchämte mich fuͤr ſie im Konzert. Alles ſo ſteif und in . 183 ihrem Weſen, und ſie ſitzt ſo— Aber gruͤ⸗ he ſie beſtens. Auch von mir, ſetzte der Baronet hinzu. Recht freundlich! Du kannſt ſagen, ich wollte ihr bald einen Beſuch machen. Richte es recht hof⸗ lich aus. Aber ich will nur eine Karte abgeben. Morgenbeſuche ſind nie huͤbſch bei Frauen von ih⸗ rem Alter, die ſo wenig auf ihr Aeußeres halten. Wenn ſie doch nur Roth auflegte, ſo dürfte ſie ſich nicht ſcheuen, ſich ſehen zu laſſen. Als ich zuletzt bei ihr war, wurden die Rollos ſogleich niederge⸗ laſſen. Der Baronet hatte eben geſprochen, als es an der Hausthuͤr pochte. Wer konnte es ſein? Anna hätte glauben koͤnnen, es waͤre Vetter Elliot, in deſſen Plan es ja lag, zu allen Stunden zu kommen; aber ſie wußte, daß er eine Reiſe von drei bis vier Stunden Weges antreten wollte. Nach wenigen Minuten trat der junge Musgrove mit ſeiner Frau herein. Ueberraſchung war die lebhafteſte Regung, die ihre Ankunft erweckte; Anna aber war aufrichtig erfreut, ſie zu ſehen, und die Uebrigen waren nicht ſo ſehr bekuͤmmert, daß ſie unfähig geweſen 1384 wären, ein anſtändiges Geſicht zur Bewillkommung zu machen, und da es bald klar wurde, daß die beiden Gäſte, ihre naͤchſten Verwandten, keines⸗ wegs in der Abſicht kamen, in dieſem Hauſe ein Unterkommen zu ſuchen, ſo waren der Baronet und Eliſabeth im Stande, ſie ziemlich herzlich zu empfangen. Es ergab ſich in den erſten Augen⸗ blicken, daß die beiden jungen Leute mit Frau Musgrove angekommen, und in einem Gaſthofe ab⸗ geſtiegen waren. Als der Baronet und Fraͤulcin Eliſabeth ſich in das andere Zimmer begeben hat⸗ ten, um ſich an Mariens bewundernden Aeußer⸗ ungen zu laben, konnte Anna ihren Schwager da⸗ hin bringen, ihr umſtändlich zu erzählen, was der Zweck dieſer Reiſe nach Bath war, oder die laͤch⸗ elnden Winke zu erklären, womit Marie prahlend auf eine beſondere Angelegenheit angeſpielt hatte. Sie erfuhr, daß die Reiſegeſellſchaft aus dem jun⸗ gen Paare, Frau Masgrove, Henriette und Ca⸗ pitain Harville beſtand. Er erzaͤhlte ihr darauf die ganze Geſchichte der Reiſe. Den erſten An⸗ ſtoß hatte Harville gegeben, der in Geſchaͤften nach Bath reiſen mußte, und als vor acht Tagen zuerſt die Rede davon geweſen war, hatte Karl * 185 Musgrove, da die Jahreszeit der Jagd nicht guͤn⸗ ſtig war, ihm ſeine Begleitung angeboten. Frau Harville freute ſich, ihren Mann in Musgrove's Geſellſchaft reiſen zu ſehen, Marie aber konnte den Gedanken nicht ertragen, allein zu bleiben, und war daruͤber ſo untröſtlich, daß es einige Tage lang ausſah⸗ als ob alles ungewiß, oder gar auf— gegeben waͤre. Endlich ward die Sache von Karl's Aeltern wieder in Anregung gebr acht. Seine M utter hatte alte Freunde in Bath, die ſie gern wiederſehen wollte, und Henriette konnte die guͤn⸗ ſtige Gelegenheit benutzen, fur ſich und ihre Schwe⸗ ſter Brautkleider einzukaufen. So ward alles in's Geleiſe gebracht, und Karl kam mit ſeiner Frau zur Reiſegeſellſchaft, wie es Alle wuͤnſchten. Frau Harville blieb indeß mit i ren Kindern und Ben⸗ wick bei Vater Musgrove und Luiſe in Uppercroß. Anna mußte ſich wundern, daß die Heirathan⸗ gelegenheiten ſchon ſo weit gediehen waren, um an Henriettens Brautkleider zu denken. Sie hatte vermuthet, es moͤchten ſich in Hinſicht guf Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde ſo viele Schwierigkeiten finden, daß ſo bald nicht an eine Heirath zu denken waͤre; ihr Schwager erzahlte ihr aber, der junge Hayter haͤtte 186 — den Antrag erhaltén, ein Pfarramt fuͤr einen jun⸗ gen Mann, der es erſt nach mehren Jahren ſelber antreten konnte, zu verſehen, und waͤre nun, auch abgeſehen von ſeinen guͤnſtigen Ausſichten fuͤr die Zukunft, in ſo guten Umſtänden, daß die Einwil⸗ ligung beider Familien die Wuͤnſche des jungen Paars erfuͤllt hatte. Die Hochzeit ſollte in weni⸗ gen Monaten, gleichzeitig mit Luiſens Vermaͤhl⸗ ung, gefeiert werden. Farl ruͤhmte die Vorzůge der Pfarre, die in einer ſchoͤnen Gegend in der Grafſchaft Dorſet, ungefahr zwoͤlf Stunden von Upperecroß, lag, in der Rachbarſchaft einiger ange⸗ ſehenen Gutsbeſitzer, an welche Hayter beſondere Empfehlungen erhalten ſollte.„Aber er wird das nicht gehoͤrig zu ſchaͤtzen wiſſen, ſetzte Musgrove hinzu. Er macht ſich zu wenig aus der Jagd, und das iſt ſein ſchlimmſter Fehler.“ Es freut mich ſehr, ſprach Anna, daß es ſo kommt, und daß zwei Schweſtern, die ſo viele Vor⸗ zuͤge haben und immer ſo freundſchaftlich gegen ein⸗ auder waren, zu gleicher Zeit ſo gluͤcklichen Ausſich⸗ ten entgegen gehen. Ihre Aeltern werden ſi ſich ge⸗ wiß ſehr glůͤcklich fuͤhlen. 3 O ja! Meinem Vater wuͤrde es freilich eben ſo 187 — angenehm ſein, wenn der junge Mann reicher wäre, aber er hat ſonſt nichts an ihm auszuſetzen. Zwei Toͤchter auf einmal anszuſtatten, das kann freilich nicht ſehr angenehm ſein. Ich wil nicht geſagt ha⸗ ben, daß ſie kein Recht dazu haͤtten. Es iſt nicht anders als billig, daß ſie das Ihrige erhalten, und er war immer ein ſehr guͤtiger, freigebiger Vater gegen mich. Meine Frau ſteht freilich Henriettens Heirath eben nicht gern; Sie wiſſen's ja. Aber ſie thut Hayter unrecht, und ich gebe mir umſonſt alle Nuaͤhe, ihr zu zeigen, daß Winthrop ein huͤb⸗ ſches Gut iſt. Eine ſehr gute Heirath iſts in un⸗ ſern Zeiten. Karl Hayter hat mir immer gefallen, und ich will nun nicht von ihm laſſen. So treffliche Aeltern, als die ihrigen, muͤſſen das Gluͤck erleben, ihre Kinder gut verheirathet zu ſehen, fuhr Anna fort. Sie thun gewiß Alles, um ſie gluͤcklich zu machen. gelch ein Segen fuͤr junge Leute, in ſolchen Haͤnden zu ſein! Ihre Aeltern ſind, wie es ſcheint, ganz frei von jenen chtgeizi⸗ gen Regungen, die bei Jung und Alt zu ſo vielen Vergehungen und zu ſo viel Eltend gefuͤhrt haben. Aber Lniſe iſt doch voͤllig hergeſtellt? Ja, ich glaube es, erwiederte Musg rove faſt ————— 183 zögernd: ſie iſt ziemlich hergeſtellt. Aber ſie hat ſich veraͤndert. Da iſt nichts mehr zu ſehen von Lau⸗ fen und Springen, von Lachen und Tanzen— al⸗ les ganz anders. Wenn man nur eine Thuͤre ſtark zumacht, ſo er ſchrickt ſ ſie, und windet ſich, wie ein Waoſſerhuͤhnchen im Waſſer„und Benwick ſitzt ne⸗ ben ihr, oder ſie fliſtern zuſammen, den ganzen Tag. Anna konnte ſich des Lachens nicht enthalten. Nun, das können Sie freilich nicht leiden, ich weiß es wohl; aber ich halte ihn doch für einen 6 chen jungen Mann. Ganz gewiß. zweifelt daran, und ich hoffe, Sie halten mich nicht fuͤr ſo engherzig, daß ich Jedermann anſinnen wollte, an denſelben Dingen Gefallen zu finden, die mir Ver gnůgen machen. Ich ſchaͤtze Benwick ſehr, und wenn man ihn zum Reden bringen kann, weiß er viel zu ſagen. Sei⸗ ne Leſerei hat ihm nicht geſchadet, denn er hat ſo gut gefochten, als geleſen. Er iſt tapfer. Ich habe ihn vorigen Montag erſt recht kennen gelernt. Wir hatten den ganzen Morgen eine gewaltige Ratten⸗ jagd in meines Vaters Scheunen, und er machte ſeine Sache ſo gut, daß er mir 15 ſo lieb geworden iſt. 159 Das Geſpraͤch wurde unterbrochen, als Kart tusgrove durchaus den Andern folgen mußte, um Spiegel und Porzellan zu bewundern. Anna aber hatte ſo viel erfahren, daß ſie die Lage der Dinge in Uppercroß kannte, und ſich uͤber die glucklichen umſtaͤnde freuen konnte, und wenn ſie auch bei ih⸗ rer Frende ſeufzte, ſo druͤckte doch ihr Seufzer weder Groll noch Neid aus. Gern haͤtte ſie freilich auch gleichen Segen genoſſen, aber es war in ihrem In⸗ nern nicht das Verlangen, den Segen der Gluck⸗ lichen zu mindern. Alle waren bei dem Beſuche in der beſten Stimm ung. Marie war ſehr auſgeraͤumt. Die Reiſe in dem vierſpaͤnnigen Wagen ihrer Schwiegermutter hatte ihr ſo wohl gefallen, und es war ihr ſo an⸗ genehm, ihre Zeit in Bath unabhäͤngig von ihres Vaters Hauſe zuzubringen, daß ſie ganz dazu ge⸗ ſtimmt war, alles gebuͤhrend zu bewundern, und alle Vorzüge des Hauſes, die man ihr darlegte, bereitwillig anzuerkennen. Eliſabeth war eine Zeitlang ziemlich mißmuthig. Sie fuͤhlte, daß man Frau Musgrove und deren Reiſegeſellſchaſt zum Eſſen bitten mußte, aber ſie konnte den Gedanken nicht ertragen, die veraͤnderte ———— 190 Lebensweiſe und die verminderte Dienerzahl, die ein Gaſtmahl verrathen mußte, vor Leuten ſehen zu laſſen, die immer ſo tief unter der Familie Elliot von Kellynch geweſen waren. Es war ein Kampf zwiſchen Schicklichkeitgefuͤhl und Eitelkeit, aber als endlich die Eitelkeit geſiegt hatte, war Eliſabeth wieder gluck⸗ lich.„Das ſind altfraͤnkiſche Anſichten, ſagte ſie zu ſich ſelber; laͤndliche Gaſtfreundſchaft. Wir ſind ja nicht gewohnt, Gaſtmahle zu geben, und wenige Familien in Bath thun es. Ja, es wuͤrde Frau Musgrove ſelber nicht behagen, es wurde ſie ſtören. Wohlan— auf einen Abend will ich ſie bitten; das iſt weit beſſer, das iſt etwas Neues. Zwei ſolche Zimmer, als die unſrigen, haben ſie noch nicht ge⸗ ſehen. Es wird ihnen Freude machen, morgen Abend zu kommen. Eine kleine, aber erleſene Geſellſchaft.“ Eliſabeth war mit dieſem Plane zufrieden, und als die beiden Anweſenden die Einladung fuͤr ſich angenommen und die Einwilligung der Abwe— ſenden zugeſagt hatten, war auch Marie ganz ver⸗ gnuͤgt. Sie wurde beſonders gebeten, um mit Vetter Elliot, Lady Dalrymple und Fraͤulein Car⸗ teret Bekanntſchaft zu machen, die zum Gluͤcke ſchon eingeladen waren. Nichts konnte ihr ange⸗ nehmer ſein, als dieſe Aufmerkſamkeit. Eliſabeth wollte Frau Musgrove noch an demſelben Vormit⸗ tage beſuchen, und Anna ging mit dem jungen tusgrove und ihrer Schweſter, um Henrietten und dezen Mutter ſogleich zu begruͤßen. Ihr Vorſatz, bei Frau Ruſſel die Morgenſtun⸗ den zuzubringen, mußte fuͤr jetzt aufgegeben wer⸗ den. Alle Drei gingen auf einige Minuten zu ihr. Anna aber uͤberredete ſich, daß ein kurzer Auf⸗ ſchub der vorgehabten Eroͤffnung nichts zu bedeu⸗ ten haben koͤnnte, und eilte in den Gaſthof, wo ſie den Freunden und Gefaͤhrten vom vorigen Herb⸗ ſte mit einer Regung von Wohlwollen entgegen ging, die durch ſo viele Erinnerungen lebhaft er⸗ weckt wurde. Frau Musgrove war mit ihrer Tochter allein, und Anna wurde von beiden ſehr freundlich auf⸗ genommen. Henriette war bei den gluͤcklichen Ausſichten, die ſich eben vor ihr eroͤffnet hatten, in der Stimmung, gegen Jedermann, dem ſie fruͤher Wohlwollen geweiht hatte, ſich freundlich und theilnehmend zu beweiſen, und Ftan Mus grove belohnte durch Zuneigung die guten Dienſte 192 die Anna in bedraͤngten Augenblicken geleiſtet hatte. Es war eine Herzlichkeit, eine Waͤrme, eine Aufrichtigkeit, woruͤber Anna deſto mehr er⸗ freut war, da ſie ſolches Gluͤck im väterlichen Hauſe ſchmerzlich vermißte. Man bat ſie, ſo viel als moͤglich bei ihnen zu ſein, man lud ſie auf je⸗ den Tag, auf den ganzen Tag ein, ja man nahm ſie, als ein Glied der Familie, in Anſpruch, und ſie kam dagegen, wie von ſelbſt, wieder darauf zu⸗ ruck, die gewohnten Aufmerkſamkeiten zu erweiſen und den gewohnten Beiſtand zu leiſten. Als der junge Musgrove weggegangen war, hoͤrte ſie ſeiner Mutter zu, die von Luiſen ſprach, oder ſei⸗ ner Schweſter Henriette, die ihre eigene Geſchich⸗ te erzaͤhlte, gab ihr Gutachten uͤber Einkaufsan⸗ gelegenheiten, leiſtete ihrer Schweſter Marie jede begehrte Hilfe, vom Ordnen des Haubenbandes bis zum Abſchluſſe ihrer Rechnungen, und vom Suchen eines Schlůſſels bis zur Ueberredung, daß es Niemanden einfiele, ihr uͤbel zu begegnen, was Marie zuweilen ſich einbildete, obgleich es ihr ſonſt recht wohl auf ihrem Sitze am Fenſter gefiel, wo ſie den Eingang des Brunnenſaales berſehen konnte. Ein unruhiger Morgen mußte erwartet wer⸗ 193 den, wie es bei einer zahlreichen Reiſegeſellſchaft 8 in einem Wirthshauſe nicht anders ſein konnte. Jetzt kam eine Rechnung, in der naͤchſten Minute ein Waarenbuͤndel, und Anna war noch nicht eine halbe Stunde da geweſen, als das geraͤumige Zim⸗ mer ſchon uͤber die Haͤlfte voll zu ſein ſchien. Ei⸗ 2 nige alte Freundinnen ſaßen um Frau Musgrove, unb Karl Musgrove kam endlich mit Harville und Wentworth zuruͤck. Anna konnte nur auf einen Augenblick uͤberraſcht ſein, als ſie Wentworth er⸗ blickte. Wie hatte ſie vergeſſen koͤnnen, daß die Ankunft ihrer gemeinſchaftlichen Freunde ſie bald wieder mit ihm zuſammen bringen muͤßte! Die letzte Zuſammenkunſt war ſehr wichtig geweſen, da ſie ſeine Gefuͤhle enthuͤllt hatte; fuͤr Anna war ei⸗ ne frohe Ueberzeugung daraus entſtanden, aber Wentworth's Blicke erweckten ihr die Beſorgniß, daß dieſelbe ungluͤckliche Ueberzengung, die ihn aus dem Konzertſaale getrieben hatte, noch immer herrſchte. Er ſchien nicht zu verlangen, ihr ſo nahe zu ſein, um ein Geſpraͤch mit ihr anfangen zu koͤnnen. Sie ſuchte ruhig zu ſein und wollte die Sachen ihren Gang gehen laſſen.„Iſt treue Anhaͤng⸗ N 4 3 194 lichkeit auf beiden Seiten, ſprach ſie zu ſich ſelber, ſo muͤſſen unſre Herzen ſich bald verſtehen. Wir ſind ja nicht Kinder, daß wir zaͤnkiſch reizbar wa⸗ ren, durch jede augenblickliche Unachtſamkeit uns auf Irrwege leiten ließen, und muthwillig mit un⸗ ſerm eigenen Gluͤcke ſpielten.“ Wenige Minuten nachher aber fuhlte ſie, daß ſie beide unter ihren jetzigen Umſtaͤnden nicht mit einander in Geſell⸗ ſchaft ſein konnten, ohne ſich den nachtheiligſten in und Mißdentungen auszuſetzen. Anna, ſprach. immer noch am Fenſter. da ſteht Frau Clay— ja ſie iſt es gewiß— un⸗ ter dem eee ſie, und ein Herr iſt bei ihr. Ich ſah ſie eben um die Straßenecke kommen. Sie ſcheinen ganz in ihr Geſpraͤch ver⸗ tieft zu ſein. Wer mag's ſein? Komm, ſag es mir doch. Lieber Himmel, ich beſinne mich, e iſt Herr Elliot ſelbſt. Nein, ſprach Anna ſchnell, Herr Elliot kann's nicht ſein. Er wollte heute fruͤh um neun Uhr von hier abreiſen, und kommt vor nicht zuruͤck. Als ſie dieſe Worte ſprach, mer kte ſie, deh Went⸗ worth ſie anſah; ſie ward daher unruhig und verle⸗ 196 gen, und bedauerte, ſo viel geſagt zu haben, ſeng los es auch war. Marie, die ſich's nicht nachſagen laſſen uuſſte. ihren eigenen Vetter nicht zu kennen, fing an, ſehr lebhaft von der Familienaͤhnlichkoit zu ſprechen; ſie verſicherte beſtimmt, daß es Elliot waͤre, und fo⸗ derte ihre Schweſter auf, ſelbrr zuzuſehon; Anng aber wollte ſich nicht in Bewegung ſetzen, und ſuchte kalt und gleichgiltig zu ſein. Ihre Verlegenheit kam indeß wieder, als ſie merkte, daß einige der beſu⸗ chendem Franen ſich lächelnde Blicke zuwarſen, als ob ſie geglaubt haͤtten, das Geheimniß zu kennen. Offenbar hatte ſich das ſie betreffende Gerücht ver⸗ breitet, und es folgte eine kurze Pauſe, die anzu⸗ deuten ſchien, daß es ſich nun noch weiter ten werde. Komm, Anna! hob Maie wieder an, komm und ſieh nur ſelbſt. Wenn Du nicht gleich kommſt, iſt es zu ſpät. Sie trennen ſich und geben ſich die Haͤnde. Ich ſollte Elliot nicht kennen! ½ haſt wohl Alles von Lyme vergeſſon. Anna ging gelaſſen an's Fenſter, umihre Schwe⸗ ſter zu beruhigen, und vielleicht auch, um ihre Ver⸗ zu verbergen. Sie kam noch fruͤhe genug, N 2 ſich ihrer großen Ueberraſchung zu wberzeugen daß es wirklich— was ſie nicht geglaubt hatte— Vetter Elliot war, ehe er auf der einen Seite ver? ſchwand, waͤhrend Frau Clay ſchnell auf der andern von dannen ging. Sie unterdruckte das Erſtaunen, das ſie bei einer ſo anſcheinend freundſchaftlichen Zuſammenkunft zwiſchen zwei Perſonen, deren ge⸗ genſeitiger Vortheil ſich ſo entgegen geſetzt war, noth⸗ wendig fühlen mußte, und ſprach ruhig:„Ja, es iſt allerdings Herr Elliot. Er hat vermuthlich die Stunde ſeiner Abreiſe geaͤndert, das iſt alles, oder vielleicht irre ich 6 und 6 nicht recht gehört.“ Sie ging zu ihrem Stuhle un wieder ge⸗ faßt, und mit der angenehmen Hoffnung, ſich gut heraus geholfen zu haben. Als der Beſuch weg war, wandte ſich Karl Musgrove zu ſeiner Mutter mit den Worten: „Nun, Mutter, ich habe etwas gethan, das Ih⸗ nen gefallen wird. Eine Loge fuͤr morgen Abend habe ich genommen. Nicht wahr, das iſt gut? Ich weiß, Sie ſehen gern ein Schauſpiel, und es iſt Platz fuͤr uns alle. Die Loge faßt neun Perſonen. Ich habe Capitain Wentworth eingeladen. Anna — 197 tommt gewiß auch gern zu uns. Wir ſehen ja ale gern ein Schauſpiel. Frau Musgroye antwortete freundlich, das Schauſpiel waͤre ihr ganz angenehm, wenn es Hen⸗ rietten und den Uebrigen geſiele. Aber wie kannſt Du an ſo etwas denken, Karl fiel Marie lebhaft ein. Haſt Du denn vergeſſen, daß wir morgen Abend zu meinem Vater gebeten ſind? Wir ſind ja ganz ausdruͤcklich eingeladen, um Lady Dalrymple und Fraͤulein Carteret und Herrn Elliot kennen zu lernen— unſre angeſehenſten Verwandten. Wie kannſt Du ſo vergeßlich ſein. Bah! was iſt denn eine Abendgeſellſchaft? rief Karl. Nicht werth, daß man ſich daran erinnert. Dein Vater haͤtte uns wohl zu Tiſche bitten koͤnnen, wenn er uns hätte ſehen wollen. Thue was Du willſt, ich gehe in's Schauſpiel. O Karl, das waͤre ganz abſcheulich! Du haſt's ja verſprochen, zu kommen. Nein gar nichts verſprochen. Ich laͤchelte nur und verbeugte mich, und ſagte das Wort— gluck⸗ lich. Das war kein Verſprechen. Aber Du mußt gehen, Karl. Es wuͤrde un⸗ verzeihlich ſein, wenn Du ausbliebeſt. Wir wur⸗ — 193 * den ja ausdruͤcklich gebeten, um vorgeſtellt zu wer⸗ den. Es war immer eine ſo innige Verbindung zwiſchen der Familie Dalrymple und uns. Es be⸗ gab ſich nie etwas auf der einen oder der andern Seite, was nicht angenblicklich waͤre gemeldet wor⸗ den. Du weißt ja, wir ſind ganz nahe Verwandte, und Herr Elliot auch, den Du ja nothwendig ken⸗ nen lernen mußt. Herr Elliot hat auf jede Auß⸗ merkſamkeit Anſpruch. Bedenke nur, meines Va⸗ ters Erbe— das kuͤnftige Haupt der Familie. Sch mag nichts hoͤren von Erben und Famili⸗ enhaͤuptern, ſprach Karl. Ich gehoͤre nicht zu Den⸗ fenigen, welche die herrſchende Macht vernachlaͤſſi⸗ gen und ſich vor der aufgehenden Sonne buͤcken. Wenn ich nicht um Deines Vaters willen gehen wollte, ſo wurde ich's fuͤr ſchmaͤhlich halten, um ſeines Erben willen zu gehen. Was geht Elliot mich an! Dieſe gleichgiltige Aeußerung gab Anna neues Leben. Sie ſah, daß Wentworth ganz aufmerkſam hoochte und bei den letzten Worten ſeine forſchen⸗ den Blicke von ihrem Schwager auf ſie heftete. Karl und Marie ſprachen noch eine Weile in demſelben Tone; er, halb im Ernſte, halb ſcher⸗ *99 zend, beſtand auf dem Vorſate, in's Schauſpiel zu gehen, ſie aber widerſprach ihm unveraͤndert ernſtlich und ſehr lebhaft; aber ſie vergaß nicht, zu erklaͤren, ſie ware zwar entſchloſſen, zu ihrem Vater zu gehen, wuͤrde ſich aber fuͤr unfreundlich behandelt halten, wenn man ohne ſie in's Schau⸗ ſpiel gehen wollte. Wir ſchieben es doch lieber auf, ſiel Frau Mus⸗ grove ein. Karl, es wird beſſer ſein, wenn Du die Loge fuͤr kuͤnftigen Dienſtag beſtellſt. Es waͤre Schade, wenn wir uns theilen muͤßten, und wir wuͤrden Fraͤulein Anna auch verlieren, wenn bei ihrem Vater Geſellſchaft iſt. Gewiß, Henriette wuͤrde ſich ſo wenig aus dem Schauſptele machen, als ich, wenn Fraͤulein Anna nicht bei uns ſein konnte. 3 Anna war ihr fur dieſe gutige Geſinnung aufrich⸗ tig verbunden, zumahl da ſie dadurch Gelegenheit er⸗ hielt, mit entſchiedenem Tone ihr zu ſagen:„Wenn es bloß von meiner Neigung abhinge, ſo wuͤrde die Geſellſchaft bei meinem Vater— ausgenommen um meiner Schweſter Marie willen— das gering⸗ ſte Hinderniß ſein. Ich finde kein Vergnuͤgen in einer ſolchen Geſellſchaft, und wuͤrde ſie ſehr gern 200 mit einem Schauſpiele vertauſchen, zumahl an ihrer Seite. Aber vielleicht waͤre es daran zu denken.“ Sie hatte es geſprochen, aber ſie zitterte, als es geſchehen war, weil ſie fuͤhlte, daß man auf ihre Worte horchte, und ſie wagte es nicht, die Wirk⸗ ung derſelben zu beobachten. Es wurde bald verabredet, daß man am Diens⸗ tage in's Schauſpiel gehen wollte; Karl aber neckte noch immer ſeine Frau, indem er darauf beſtand, das Schauſpiel beſuchen zu wollen, und wenn 6 ſonſt Niemand mitginge. Wentworth verließ ſeinen Sitz und ging an's Kamin, vermuthlich um bald nachher wieder wes zu gehen, und mit minder offenbarer Abſicht ſeinen Platz neben Anna zu nehmen. Sie ſind noch nicht lange genug in Bath 3 ſen, ſprach er, um die Annehmlichkeiten der hieſi⸗ gen Abendgeſellſchaften kennen zu lernen. D nein, dieſe Geſellſchaften, wie ſie gewohn⸗ lich ſind, haben nichts Anziehendes fuͤr Ich bin keine Kartenſpielerinn. Auch fruͤher waren Sie's nicht, ichn weiß es. Sie liebten die Karten nicht, aber die Zeit aͤndert vieles. 201 Sch habe mich nicht ſo ſehr veraͤndert, ſprach Anna, und hielt plotzlich inne, weil ſie Mißdeut⸗ ung, ſie wußte ſelber nicht welche, fuͤrchtete. Nach einer kurzen Pauſe ſprach Wentworth, als wäre es aus augenblicklichem Gefuͤhle her⸗ vor gegangen:„Es iſt wohl eine lange Zeit! Acht und ein halbes Jahr iſt eine lange Zeit!“ Es blieb Anna uͤberlaſſen, nachzugruͤbeln, ob er die Abſicht gehabt haͤtte, mehr zu ſagen, denn als ſie noch die Toͤne hoͤrte, die er ausgeſpro⸗ chen, wurde ſie durch Henrietten aufgeſtoͤrt, die gern den guͤnſtigen Augenblick zum Ausgehen benutzen wollte, und ihre beiden jungen Freun⸗ dinnen auffoderte, keine Zeit zu verlieren, ehe wieder Beſuch kaͤme. Man wollte aufbrechen. Anna ſagte, ſie„i re bereit, und gab ſich Muͤhe, durch den Aus⸗ druck ihrer Zuͤge dieſe Verſicherung zu beſtaͤti⸗ gen. Aber— ſprach ihr geheimſtes Gefuͤhl— wenn Henriette wuͤßte, wie ungern ich dieſen Stuhl verlaſſe, ſie wuͤrde in ihren Empfindun⸗ gen fuͤr ihren Vetter, in ihrem Vertrauen auf ſeine Neigung, Grund genug mich zu bemitleiden. 202 Im Begriffe, auszugehen, wurden ſie plötz⸗ lich geſtoͤrt. Man hoͤrte wieder Beſuch kommen, und als die Thuͤre gesffnet wurde, und der Ba⸗ ronet mit ſeiner Tochter hereintrat, ſchienen al⸗ le froſtig zu werden. Anna fuͤhlte ſich einen Augenblick gedruͤckt, und wohin ſie nur ſah, zeigte ſich dieſelbe Regung. Man ließ die be⸗ hagliche, unbefangene, heitere Stimmung der Ge⸗ ſellſchaft in kalte Faſſung, entſchloſſenes Schwei⸗ gen oder ſchales Geſchwatz uͤbergehen, um der herzloſen Feinheit ihres Vaters und ihrer Schwe⸗ ſter zu begegnen. Sie fuhne mit i daß es ſo war. Ein Umſtand aber war erfreulich. Wentworth ward von Beiden wieder als Bekannter begruͤßt, und von ihrer Schweſter Eliſabeth freundli— cher, als im Konzertſaale. Eliſabeth erwog aller⸗ dings eine große Maßregel, wie die Folge zeigte. Als man ein Paar Minuten in herköͤmmlichem Geſchwaͤtze uͤber Nichtigkeiten verloren hatte, machte Eliſabeth ihre Einladung auf den Abend des nachſten Tages, wo ſie einen Kreis von we⸗ nigen Freunden zu verſammeln wuͤnſchte. Sie ſagte alles ungemein artig, und legte die Ein⸗ 3 203 ladekarten, womit ſie ſich verſehen hatte, auf den Tiſch, indem ſie Alle mit einem hoͤflichen Lächeln anſah, und auch Wentworth wurde durch einen laͤchelnden Blick begruͤßt, als ſie ihm ſeine Karte gab. Eliſabeth war lange ge⸗ nug in Bath geweſen, um zu wiſſen, daß ein Mann, wie er, etwas zu bedeuten hatte. Das Vergangene wurde nicht mehr beachtet, und jetzt wußte man, daß Capitain Wentworth ſich in ih⸗ rem Beſuchzimmer ſehr gut ausnehmen wuͤrde. Als die Karten abgegeben waren, entfernte ſich der Baronet mit ſeiner Tochter. Nach der kurzen, aber unangenehmen Störung wurden die Meiſten wieder unbefangen und munter, nur nicht Anna. Sie konnte nur an die Einladung denken, die ſie zu ihrem Erſtaunen geſehen, und an die Art, womit Wentworth, eher zweifelnd und uͤberraſcht, als erfreut, eher mit hoͤflicher Anerkennung, als mit beifaͤlliger Zuſage, ſie an⸗ genommen hatte. Anna kannte ihn; ſie ſah Verachtung in ſeinem Auge, und wagte es nicht, zu glauben, daß er einen ſolchen Antrag als Vergutung für die fruͤher erfahréne unartige Be⸗ handlung annehmen wollte. Ihr Muth ſank. 204 Wentworth hielt die Karte noch immer in der Hand und ſchien ſie ernſtlich zu betrachten. Denke doch nur, Alle hat Eliſabeth mit eingeſchloſſen! fliſterte Marie ſehr vernehmlich. Ich wundere mich nicht, daß Capitain Wentworth ſo erfreut iſt. Du ſiehſt ja, er kann die Karte gar nicht aus der Hand legen. Anna traf ſein Auge. Sie ſah ſeine Wengen gluͤhen, um ſeinen Mund einen fluͤchtigen Aus⸗ druck der Verachtung, und ſie wendete ſich weg, um nicht noch mehr zu ſehen, oder zu— das ihr wehe thun mußte. Die Geſellſchaft trennte ſich. Die Maͤnner hatten ihre eigenen Wege, und die Frauen gingen auch zu ihren Geſchaͤften. Anna wurde eingela⸗ den, zum Mittageſſen wieder zu kommen und ih⸗ nen den ganzen Tag zu ſchenken; aber nach der lebhaften Gemuͤthsbewegung, die ſie erfahren hatte, paßte nichts fuͤr ſie, als zu Hauſe zu ſein, wo ſie ſo ſtill ſein konnte, als ſie wollte. Sie ſchied mit dem Verſprechen, ihren Freun⸗ den den ganzen folgenden Morgen zu widmen, und ging nach Hauſe. Bis zu Ende des Tages hörte ſie faſt von nichts anderm, als von den ge⸗ — 205 ſchaͤftigen Anordnungen ihrer Schweſter und der Haus freundinn fur den folgenden Tag, nichts als die häufige Auſzaͤhlung der Eingeladenen, nichts als die ſtets verbeſſerten Mittheilungen von allen Verſchönerungen, wodurch man die Abendgeſell⸗ ſchaft zur feinſten in Bath machen wollte. Im⸗ mer aber quaͤlte ſie ſich dabei mit der ſtets wieder⸗ kehrenden Frage, ob Wentworth kommen werde, oder nicht. Man erwartete es zuverſichtlich, aber Anna war daruͤber in einer aͤngſtlichen Be⸗ kuͤmmerniß, welche ſie nie, auch nur auf wenige tinuten, zu beſchwichtigen vermochte. Sie glaubte zwar, er werde kommen, weil ſie glaubte, er ſollte es thun; aber der Fall war von der Art, daß ſich nicht geradezu beſtimmen ließ, er wäre durch die Geſetze der Pflicht, oder der Weltklug⸗ heit ſo ſehr dazu verbunden, daß die Regungen ganz entgegengeſetzter Gefuͤhle nicht dagegen auf⸗ kommen koͤnnten. Sie erhob ſich nur aus dem Traume dieſer unruhigen Bewegung, um Frau Clay zu erken⸗ nen zu geben, daß man ſie mit Clliot drei Stun⸗ den ſpaͤter, als ſeine Abreiſe beſtimmt geweſen war, geſehen hatte. Sie wartete eine Zeitlang 206 vergebens, von der Hausfreundinn etwas über jene Zuſammenkunft zu hoͤren, und ale ſie ſich endlich entſchloß, des Umſtandes zu erwaͤhnen, glaubte ſie das Bewußtſein der Schuld in den Zůgen der Frau Clay zu ſehen. Es war jedoch nur eine fluͤchtige, augenblickliche Regung, aber es ſchien ſich darin das Geſtandniß zu verrathen, ſie habe ſich, entweder durch ein Gewebe gegen⸗ ſeitiger Ränke, oder durch die ſiegende Gewalt ſeiner Liſt, gezwungen geſehen, ſeine Strafpre⸗ digten und beſchraͤnkenden Weiſungen in Bezieh⸗ ung auf ihre Abſichten auf den an⸗ 45 lich naggeehe Nentlicheeit:„Liebetr Him⸗ mel, ja freilich! Denken Sie nur, Fraͤulein El⸗ fiot, wie es mich uͤberraſchte, Herrn Elliot auf der Straße zu begegnen! Ich bin nie ſo erſtaunt geweſen. Er ging mit mir bis zum Brunnen⸗ hauſe. Er iſt abgehalten worden, nach Thorn⸗ berry zu reiſen, aber ich habe in der Thut ver⸗ geſſen, wodurch. Ich war ſo eilig, daß ich nicht genau auf ihn hoͤren konnte, und ich weiß nnr, daß er entſchloſſen iſt, ſeine Ruͤckkehr nicht zu ——— verzögern. Er wunſchte nur zu wiſſen, wie fruͤh er morgen ſeinen Beſuch machen koͤnnte. Er war ganz voll von morgen, und ich bin es ge⸗ wiß auch geweſen, ſeit ich wieder zu Hauſe bin, und von der Ausdehnung ihres Planes hoͤrte, ſonſt haͤtte ich ja nicht ſo ganz vergeſſen daß ich i„ habe.“ XI. Erſt ein Tag war verfloſſen, ſeit Anna mit Frau Smith geſprochen hatte, aber die nachfolgen⸗ den Ereigniſſe hatten ihre Theilna me ſo lebhaft angeſprochen, und Elliots Betragen— ausge⸗ nommen in ſo fern es nach einer gewiſſen Sei⸗ te hin gewirkt hatte— kuͤmmerte ſie jetzt ſo wenig, daß ſich's am andern Morgen von ſelbſt verſtand, den Beſuch bei Frau Ruſſel noch ein⸗ mahl aufzuſchieben. Sie hatte verſprochen, vom Fruhſtuͤck bis zum Mittageſſen bei Frau Musgrove zu bleiben. Ihr Wort war gegeben, 206 und Elliot's Ruf ſollte, wie der Kopf der Sul⸗ taninn Scheherezade, einen S leben.„ Der Regen piet ſe, zu— Prbangun lange ab, und als ſie im Gaſthofe ankam, fand ſie, daß ſchon Beſuch da war. Frau Croſt ſaß neben Frau Musgrove, und Harville war mit Wentworth im Geſpraͤche. Marie und Henriette waren ausgegangen, ſobald der Himmel heller geworden war, hatten aber Frau Musgrove den Auftrag gegeben, Anna aufzuhalten, bis ſie zu⸗ ruck gekehrt waͤren. Anna ſetzte ſich, ſuchte ru⸗ hige Faſſung zu zeigen, und ſah ſich noch ein⸗ mahl in alle jene lebhaften Gemuͤthsbewegungen verſetzt, die ſie nur etwa in der lebten Morgen⸗ ſtunde ſihlen zu muͤſſen geglaubt hatte. Unvor⸗ bereitet war ſie wieder in dem Gluͤcke ſolches Jammers, oder im Jammer ſolcher Gluͤckſeligkeit. Bwei Minuten nach ihrer Ankunſt hob Went⸗ worth an:„Wir wollen den Brief ſchreiben, Harville, wovon wir ſprachen, wenn Sie mir das Noͤthige dazu geben wollen.“ Schreibezeug und Papier waren bei der Hand, auf einem beſondern Tiſche. Wentworth 209„* ſetzte ſich, und den Uebrigen faſt den Ruͤcken zu⸗ kehrend, war er eifrig mit Schreiben beſchaͤftigt. Frau Musgrove erzahlte der Gemahlin des Admirals, wie ſich die Verbindung ihrer aͤlteſten Tochter geknuͤpft hatte, und zwar in einem To⸗ ne, der ganz vernehmlich war, ungeachtet es nur ein Fluͤſtern ſein ſollte. Anna fuͤhlte, daß ſie an die⸗ ſem Geſpraͤche nicht Antheil nehmen ſollte, und doch konnte ſie, da Harville in Gedanken verſunken und zum Sprechen nicht aufgelegt zu ſein ſchien, es gar nicht vermeiden, manche gar nicht anziehende Um⸗ ſtaͤnde zu hoͤren. Frau Musgrove erzahlte, wie erſt zwiſchen ihrem Mann und ihrem Bruder Hay⸗ ter die Sache waͤre beſprochen worden, was ihre Schweſter gemeint, was das junge Paͤrchen ge⸗ wuͤnſcht und wozu ſie ſelber im Anfange ihre Einwilligung nicht gegeben hätte, bis ſie endlich waͤre uͤberredet worden, daß alles recht gut ge⸗ hen wuͤrde. Dieſe Kleinigkeiten konnten, ſelbſt wenn ſie mit Geſchmack und Feinheit waͤren mit⸗ getheilt worden, was Frau Musgrove nicht ver— mochte, nur fuͤr die Betheiligten anziehend ſein, 4 aber Fran Croft hoͤrte ſehr freundlich zu, und ſo bſt ſie etwas ſagte, ſprach ſie ſehr verſtändig. n. Zbeit. O ₰ 210 Anna hoffte, die beiden Männer waͤren zu ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt, um etwas hoͤren zu koͤnnen. Wenn wir alles dieß bedachten, fuhr Frau Musgrove in ihrem lauten Fluͤſtern fort, ſchien es uns doch nicht recht zu ſein, laͤnger zu zö⸗ gern, wiewohl nicht alles nach unſern Wuͤnſchen war. Karl Hayter war einmahl ganz verſeſſen auf das Maͤdchen, und Henriette faſt eben ſo arg. Moͤgen ſie ſich denn lieber heirathen, dach⸗ ten wir und mit einander leben, ſo gut es ge⸗ hen will, wie viele Andre vor ihnen. Auf alle Faͤlle, ſagte ich, iſt es doch beſſer, als eine lange Bewerbung. Das wollte ich eben ſagen, erwiederte Frau Croft. Ich habe es lieber, wenn ein Paar junge Leute ſich gleich, ſelbſt bei geringen Einkuͤnften, mit einander verbinden, ſollten ſie auch mit Schwierigkeiten zu kaͤmpfen haben; beſſer, als wenn ſie zu einer langen Bewerbung verurtheilt ſind. Ich glaube immer, daß keine gegenſeitige— O meine Liebe, fiel Frau Musgrove ein, es iſt nichts ſo abſcheulich fuͤr junge Leute, als eine lange Bewerbung. Ich habe immer geſagt, bei meinen Kindern ſollte das nie ſtatt finden. Es 211 geht alles recht gut fuͤr junge Leute, pflegte ich zu ſagen, wenn ſie bei ihrer Verbindung nur die Ausſicht haben, ſich in ſechs, oder in zwoͤlf Monaten zu heirathen; aber eine e Bewer⸗ bung— Oder eine ungewiſſe Setbni ſette Frau Croft hinzu, eine Bewerbung, die ſich in die Länge ziehen kann Ich halte es fuͤr ſehr be⸗ denklich und unklug, eine Verbindung anzuknuͤ⸗ pfen, ohne zu wiſſen, daß man zu einer beſtimm⸗ ten Zeit im Stande ſein werde, ſich zu heira⸗ then, und alle Aeltern ſollten das, glaube ich, ſo viel moͤglich vermeiden. Anna fand hier unerwartet etwas Anziehendes. Sie fuͤhlte, welche Anwendung ſie von dieſen Aeu⸗ ßerungen auf ſich ſelber machen konnte, ſie fuͤhlte es mit innerem Erbeben, und in demſelben Au⸗ genblicke, wo ſie unwillkuͤhrlich nach dem entfern⸗ ten Tiſche ſah, hoͤrte Wentworth mit Schreiben auf, horchte aufmerkſam, und ſich alsbald um⸗ wendend, warf er ihr einen ſchnellen Blick zu, der ihr ſagte, daß er ihre Gedanken errieth. Die beiden Frauen ſetzten ihr Geſpraͤch uͤber denſelben Gegenſtand fort, und hatten ſelbſt in O 2 219 dem Kreiſe ihrer Beobachtung Beiſpiele von den nachtheiligen Wirkungen des Gegentheils gefun⸗ den:; Anna aber hoͤrte nun nichts mehr deutlich, es war nur ein Geſumme von Worten vor ih⸗ ren Ohren, aber ihre Seele war in Verwirr⸗ Harville, der nichts von dem Geſpräche ge⸗ hoͤrt hatte, ſtand nun auf und trat ants Fenſter. Anna, die ihn blos aus Zerſtreuung beobachtete, bemerkte nach und nach, daß er ſie einlud, zu ihm zu kommen. Er blickte ſie lächelnd und nickend an, als haͤtte er ihr zu verſtehen geben wollen, daß er ihr etwas mitzutheilen wuͤnſchte. Die unbefangene Freundlichkeit ſeines Beneh⸗ mens, welche die Geſinnungen eines aͤltern Be⸗ kannten verrieth, als er doch eigentlich war, noͤ⸗ thigte ſie, ſeiner Einladung zu folgen. Sie ging zu ihm. Das Fenſter, wo er ſtand, war am entgegengeſetten Ende des Zimmers, dem Plabe der beiden Frauen gegenuͤber, und Wentworths Stuhle zwar näher, doch nicht ganz nahe. Als ſie zu Harville trath wurde der Ausdruck ſeines Geſichtes wieder; ſo ernſt und gedankenvoll, als ihm natuͤrlich in ſein 213 Sehen Sie, ſprach er, ihr ein kleines Ge⸗ maählde zeigend, das er in der Hand hielt: wiſ⸗ ſen Sie, wer das iſt? Nun, Capitain Benwick. a und können Sie errathen, fuͤr wen es iſt? Aber— ſetzte er ſeufzend hinzu, es ward fuͤr eine Andre gemacht. Erinnern Sie ſich, Fraͤulein Elliot, wie wir in Lyme auf un⸗ ſerm Spaziergange ihn bedauerten? Ich dachte zu jenor Zeit nicht— Doch ſtill davon? Dieſes Bildchen wurde auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung gemahlt. Benwick fand da einen ge⸗ ſchickten jungen Kuͤnſtler aus Teutſchland, und um ſein Verſprechen gegen meine arme Schwe⸗ ſter zu erfuͤllen, ließ er ſich von ihm mahlen und brachte das Bild fuͤr ſie mit. Nun ſoll ich's fuͤr eine Andre einfaſſen laſſen. Das war ein Auftrag fuͤr mich! Aber wen konnte er wonſt 3 darum angehen? Ich nehme es ihm nicht uͤbel, 3 aber gernuͤberlaſſe ich die Sache einem Andern. Er bernimmts ſetzte er hinzu, mit einem Blik⸗ ke auf Wentworth— und ſchreibt jett deßhalb.— Mit bebender Lippe ſprach er dann:„Die arme Fanny! ſie hatte ihn nicht ſo ſchnell vergeſſen.“ 214 Nein, erwiederte Anna mit W das glaube ich gern. Es lag nicht in ihrer muu. e zu ſehr an ihm. Piet ien en Es wuͤrde in der Natur keines eeuithen Weſens liegen, das aufrichtig liebte. arville laͤchelte, als hůtte er ſagen wollen: „Machen Sie darauf Anſyruch, Ge⸗ ſchlecht? 66 Anna laͤchelte auch, als ſie. n. antwortend, fortſuhr:„Ja, wir vergeſſen ge⸗ wiß nicht ſo ſchnell, als die Maͤnner uns. Es iſt vielleicht eher unſer Schickſal, Ver⸗ dienſt. Wir koͤnnen nicht anders. Wir leben ruhig und abgeſchieden in unſter Heimath, und unſre Gefuͤhle verzehren uns. Die Maͤnner ſe— hen ſich zur Anſtrengung ihrer Kraͤſte gezwun⸗ gen. Sie haben immer einen Beruf, Beſtreb⸗ ungen, Geſchaͤfte irgend einer Art, die ſie ſo⸗ gleich wieder in die Welt züruͤck fuͤhren, und ſtete Beſchäftigungen und u chen bald die Eindruͤcke. Zugegeben, daß die Welt alles dieß ſo en ſuͤr uns Männer thue— was ich jedoch wohl — 215 nicht zugeben will— ſo paßt es doch nicht auf Benwick. Er iſt gar nicht zu irgend einer An⸗ ſtrengung ſeiner Kraͤfte gezwungen worden. Der Friede brachte ihn augenblicklich an's Land, und er hat ſeitdem immer in unſerm kleinen Fami⸗ lienkreiſe gelebt. Allerdings ſehr wahr, daran habe ich nicht gedacht. Aber was ſollen wir nun ſagen? Iſt die Veraͤnderung nicht durch ußere Umſtaͤnde bewirkt worden, ſo muß ſie aus dem Inneren kommen; es muß Natur, des Mannes Natur ſein, was Benwick dahin gebracht hat. Nein, nein, es iſt nicht des Mannes Natur. Ich gebe es nicht zu, daß es mehr des Man⸗ nes, als des Weibes Natur ſei, unbeſtändig zu ſein, und Diejenigen zu vergeſſen, die man liebt, oder geliebt hat. Ich glaube an das Gegentheil; ich glaube an eine wahre Aehnlichkeit zwiſchen unſerer koͤrperlichen und geiſtigen Beſchaffenheit, und ſo wie unſre Koͤrper ſtaͤrker ſind, ſo ſind's, meines Beduͤnkens, auch unſere Gefuhle, ſie können die rauheſte Beruͤhrung vertragen und dem böſeſten Wetter trotzen. Sre Gefuhle koͤnnen ſtärker ſein, aber auf 216 den Grund derſelben Aehnlichkeit darf ich die Behauptung bauen, daß die unſrigen die zaͤrtlich⸗ ſten ſind. Der Mann iſt ruͤſtiger, als die Fran, aber er lebt nicht laͤnger, und dieß erklaͤrt mei— ene Anſicht von dem Weſen ihrer beiderſeitigen Zuneigungen. Es wuͤrde zu hart fuͤr die Maͤn⸗ ner ſein, wenn's anders waͤre. Sie haben mit Schwierigkeiten, Entbehrungen und Gefahren genug zu kaͤmpfen; immer ſind ſie Muͤhen und Beſchwerden ausgeſetzt, muͤſſen Heimath und Freunde verlaſſen, und weder Zeit, noch Geſund⸗ heit, noch Leben gehoͤrt ihnen eigen. Es wuͤrde in der That zu hart ſein, ſetzte ſie mit unſi⸗ herer Stimme hinzu, wenn zu all dieſem noch weibliche Gefuͤhle kommen ſollten. Wir werden uͤber dieſe Frage nie einig wer⸗ den, hob Harville an, als ein leiſes Geraͤuſch die Aufmerkſamkeit der beiden Sprechenden auf den zeither ſo ſtillen Platz zog, wo Wentworth ſaß. Er hatte ſeine Feder fallen laſſen; aber Anna ward betroffen, da ſie ihn naher fand, als ſie gedacht hatte, und ſie argwohnte beinahe, er hätte die Feder nur fallen laſſen, weil er mit ihnen beſchaͤftigt und bemuͤht geweſen waͤre, et⸗ S 217 was von ihrem Geſpraͤche zu erhorchen, was ihm aber, wie ſie glaubte, nicht gelungen ſein könnte. Sind Sie mit ihrem Briefe fertig? fragte Harville. In fuͤnf Minuten bin ich fertig. Nun, ich habe keine Eile. Ich bin fertig, ſo bald Sie es ſind. Ich liege hier auf ſehr gutem Ankergrunde, ſetzte er mit laͤchelndem Blicke auf Anna hinzu, wohl verſehen und leide keinen Mangel. Ganz und gar nicht ungeduldig auf ein Signal... Wie geſagt, Fraͤulein El⸗ liot, fuhr er mit leiſrer Stimme fort: uͤber dieſen Punkt werden wir wohl nicht einig wer⸗ den. Ich glaube, daruͤber vereinigen ſich Maͤn⸗ ner und Frauen uͤberhaupt nicht. Aber ich muß Ihnen bemerken, alle Erfahrung iſt gegen Sie; alle Geſchichten in Proſa und in Verſen. Hätte ich ein ſo gutes Gedaͤchtniß, als Benwick, ſo könnte ich funfzig Stellen auf einmahl fuͤr mei⸗ ne Meinung anfuͤhren, und ich daͤchte, jedes Buch, das ich in meinem Leben offnete, haͤt⸗ te etwas von weiblicher Unbeſtaͤndigkeit geſagt. Lieder und Sprichwoͤrter, alles ſpricht von dem Noch nicht ganz. Nur noch wenige Zeilen. 215 ——— Wankelmuthe der Weiber. Aber vielleicht wer⸗ den Sie ſagen, alles dieß haͤtten Maͤnner ge⸗ ſchrieben. eriitnc Vielleicht ſage ich's. Ja, ja, keine Hin⸗ weiſung auf Beiſpiele in Buͤchern, wenn ich bit⸗ ten darf! Die Maͤnner haben alle Vortheile uͤber uns, wenn ſie ihre Geſchichten erzählen. Die Erziehung hat ſo viel mehr fuͤr ſie, als fur uns gethan, und ſie haben immer die Feder in der Hand gehabt. Nein, ich kann keinen Beweis aus Buchern gelten laſſen. Aber wie ſollen wir denn beweiſen? Gar nicht. Wir können uͤber einen ſolchen Punkt nie einen Beweis fuͤhren. Es iſt eine Verſchiedenheit der Anſichten, die keinen Beweis zulaͤßt. Wir gehen wahrſcheinlich Beide von einer kleinen Parteilichteit gegen unſer eigenes Geſchlecht aus, und auf dieſe Parteilichkeit gruͤn⸗ den wir jeden Umſtand zu Gunſten unſrer Mei⸗ nung, den wir im Kreiſe unſrer Beobachtung gefunden haben. Viele von dieſen Umſtänden, vielleicht gerade die Faͤlle, die uns am Meiſten auffallen— konnen gerade ſolche ſein, die nicht entdeckt werden duͤrfen, ohne ein Vertrauen zu 219 verrathen, vder etwas zu ſagen, das nicht ge⸗ ſagt werden ſollte. Harville erwiederte mit dem Tone des leb⸗ hafteſten Gefuͤhles: O koͤnnte ich Ihnen doch zei⸗ gen, was ein Mann leidet, wenn er den letzten Blick auf ſeine Frau und ſeine Kinder wirft, und dem Boote nachſieht, worin er ſie wegge⸗ ſchickt hat, ſo lange es im Geſichte bleibt, und dann ſich wegwendet und ſpricht: Gott weiß, ob wir uns je wieder ſehen! Und könnte ich Ihnen ſagen, wie ſeine Seele gluͤht, wenn er ſie wie⸗ derſieht, und wie er dann, wenn er bei der Heim⸗ kehr, vielleicht nach einer Trennung von einem Jahre, in einen andern Hafen einlaufen muß— wie er dann berechnet, in welcher Zeit er ſie bei ſich haben kann, wie er ſich ſelber zu hinterge⸗ hen ſucht, wenn er ſagt: Sie koͤnnen erſt an dem oder dem Tage da ſein— aber er hofft dabei immer, ſie zwoͤlf Stunden eher kommen zu ſehen, und ſieht ſie dann endlich, als ob der Himmel ihnen Flugel gegeben haͤtte, viele Stunden fruͤher. Koͤnnte ich Ihnen alles dieß erklaͤren, und alles, was ein Mann tragen und thun kann, und mit freudigem Stolze thut füͤr 220 —— dieſe Schaͤtze ſeines Lebens! Verſteht ſich, daß ich nur von ſolchen Maͤnnern ſpreche, die ein Herz haben, ſetzte er hinzu, ſeine Hand— auf die Bruſt druͤckend. O ich bim, hoffe ich, gerecht gegen Sie und gegen Alle, die Ihnen gleichen, ſprach Anna lebhaft. Gott verhuͤte es, daß ich die warmen und aufrichtigen Gefuͤhle eines Mitmenſchen her⸗ abſetzen ſollte! Ich wuͤrde die hoͤchſte Verachtung verdienen, wenn ich vorauszuſetzen wagte, daß ſich wahre Anhaͤnglichkeit und Beſtändigkeit nur allein bei den Frauen fände. Ja, ich glaube, daß die Maͤnner zu allem Großen und Guten faͤhig ſind im ehelichen Leben. Ich glaube, ſie ſind zu jeder bedeutenden Anſtrengung, zu jeder Erduldung im haͤuslichen Leben fähig, ſo lange als— wenn ich ſo ſagen darf,— ſo lange als ſie einen Gegenſtand haben. Ich meine, ſo lan⸗ ge die Frau, welche ſie lieben, lebt, und für ſie kebt. Das einzige Lorreche, das ich fuͤr mein Geſchlecht anſpreche— kein ſehr benei⸗ denswerthes, und Sie brauchen nicht danach zu trachten— iſt, daß wir am Langſten lieben, wenn das Leben oder die Hoffnung dahin iſt. —— Anna hätte nicht ſogleich noch mehr ſagen können; ihr Herz war zu voll, und der Athem verſagte ihr. Sie ſind eine gute Seele garvie, ſeine Hand freundlich auf ihren Arm legend. Man kann nicht mit Ihnen ſtreiten, und wenn ich an Benwick denke, meine Zunge ge⸗ bunden. Ihre Aufmerkſamkeit wurde nun auf d Uebrigen gezogen. Frau Croft wolle gehen. Friedrich, ſprach ſie zu ihrem Bruder, ich vermuthe, wir trennen uns hier; denn ich gehe nach Hauſe und Du haſt etwas mit Deinem Freunde abzumachen. Heute Abend haben wir aber das Vergnuͤgen, uns Alle bei Ihnen— ſie wendete ſich zu Anna— wieder zu ſehen. Ihre Schweſter hat uns geſtern eingeladen, und ich hoͤre, mein Bruder hat auch eine Karte er⸗ halten. Du biſt doch i Friedrich? Nicht wahr, wie wir? Wentworth faltete ſehr eilig einen Briof und konnte, oder wollte die Frage nicht genau beantworten.„Ja, allerdings trennen wir uns hier, ſprach er, aber Harville und ich folgen 229 ich zu ihren Dienſten.“ oͤffnete ſich; er war es ſelber. Dir in wenigen Minuten. Ich meine, Harville, wenn Sie fertig ſind, ich bin es ſogleich. Es wird Ihnen ja nicht unlieb ſein, wenn Sie los ſind, ich weiß es. In einer halben Minute bin Frau Croft ging, und als Wentworth ſeinen Brief haſtig geſiegelt hatte, war er fertig, und ſein eilig bewegtes Weſen ſchien zu verrathen, daß er ungeduldig war, ſich zu entfernen. An na wußte nicht, was ſie daraus machen ſollte. Harville ſchied von ihr mit dem freundlichſten: Gottt ſei bei ihnen!— aber von Wentworth nicht ein Wort, nicht einen Blick. Er war hin⸗ aus gegangen, ohne ſie auch nur anzuſehen. Sie hatte gerade ſo viel Zeit, ſich dem Ti⸗ ſche zu naͤhern, wo er geſchrieben hatte, als ſie Jemanden zuruͤck kommen hoͤrte. Die Thuͤre „ . Er hatte ſeine Handſchuhe vergeſſen, ging ſchnell durch das Zimmer zu dem Schreibetiſche, Ruͤcken gegen Frau Musgrove ſich wendend, zog er einen Brief unter den zerſtreuten Papieren hervor, den er vor Anna legte, indem er ſie einen Augenblick feurig flehend anſah. Haſtig und mit dem 293 nahm er dann ſeine Handſchuhe, und war wie⸗ der aus dem Zimmer, faſt ehe Frau Musgrove bemerkt hatte, daß er da geweſen war. Das Werk eines Augenblicks! unbeſchreiblich war die Umwandlung, die ein einziger Augenblick in Anna's Seele hervorge— bracht hatte. Der Brief, mit der kaum leſerli⸗ chen Aufſchrift:„An Fraͤulein A. E.“ war offenbar derjenige, den er ſo haſtig zuſammen leg⸗ te. Auch an ſie hatte er geſchrieben, waͤhrend man ihn bloß mit dem Briefe an Benwick beſchaͤftigt glaubte. Von dem Inhalte dieſes Briefes hing al⸗ les ab, was ſie noch von dieſer Welt zu hoffen hatte. Eher alles, als Aufſchub hätte ſie ertra— gen können. Frau Musgrove hatte an ihrem Tiſche etwas zu thun, und Anna glaubte einige ungeſtoͤrte Augenblicke erwarten zu köͤnnen. Sie ſetzte ſich auf den Stuhl, wo er geſeſſen, an den Tiſch, wo er geſchrieben hatte, und ihre Blicke verſchlangen folgende Wore: „Ich kann nicht laͤnger ſchweigend zuhoͤren. „Ich muß mit Ihnen ſprechen, auf die Weiſe, „die mir zu Gebote ſteht. Sie durchbohren mir „die Seele. Angſt und Hoffnung kaͤmpfen in mir. 24 „Sagen Sie mir nicht, daß ich zu ſpaͤt komme, „daß ſo ſelige Gefuͤhle fuͤr immer verſchwunden „ſind. Ich weihe mich Ihnen wieder, mit einem „Herzen, das noch mehr Ihnen eigen iſt, als „vor neuntehalb Jahren, wo Sie es mir beinahe „brachen. Sie duͤrfen nicht ſagen, daß der Mann „eher vergeſſe, als das Weib und ſeine Liebe fruͤ⸗ „her ſterbe. Ich habe nur Sie geliebt. Unge⸗ „recht kann ich geweſen ſein, ſchwach und em⸗ „pfindlich bin ich geweſen, aber nie unbeſtaͤndig. „Sie allein haben mich nach Bath gebracht. An „Sie denke ich, fuͤr Sie allein mache ich Ent⸗ „würfe. Haben Sie das nicht geſehen? Haͤtten „meine Wuͤnſche Ihnen unbekannt bleiben koͤn⸗ „nen? Ich wuͤrde ſelbſt dieſe zehn Tage hindurch „nicht gezoͤgert haben, wenn ich Ihre Gefuͤhle „haͤtte leſen koͤnnen, wie Sie die Meinigen, glau⸗ „be ich, ergruͤndet haben muſſen. Ich vermag „kaum zu ſchreiben. Ich hoͤre jeden Augenbliek „etwas, das mich uͤberwältigt. Ihre Stimme „wird leiſer, aber ich kann die Toͤne dieſer Stim⸗ „me unterſcheiden, wo ſie fuͤr Andere verloren „ſein wuͤrden. Gutes, treffliches Mädchen! Ja, „Sie laſſen uns Gerechtigkeit widerfahren.. Sie 2a „glauben, daß es wahre Anhänglichteit und Be⸗ „ſtndigkeit unter Männern giebt. Glauben Sie, „dieſe Gefuͤhle ſind gluͤhend und unwandelbar in „Ich muß gehen, ungewiß uͤber mein Schick⸗ „ſal; aber ich komme hieher zuruͤck, oder folge „Ihrer Geſellſchaft, ſo bald als möglich. Ein „Wort, ein Blick wird genug ſein, zu entſcheiden, „ob ich heute Abend Ihres Vaters Haus be— „trete, oder nie.“ Nach einem ſolchen Briefe konnte man ſich — nicht ſogleich erhohlen. Eine halbe Stunde ein⸗ ſamer Betrachtung hätte ſie vielleicht beruhigen koͤnnen; aber die zehn Minuten, die ihr ver— goͤnnt waren, ehe ſie geſtort wurde, konnten, bei allem Zwange, den ihre Lage herbei fuͤhrte, nichts zu ihrer Beruhigung thun. Jeder Augenblick regte neue Bewegungen in ihrer Secele auf. Es war eine erdruͤckende Gluͤckſeligkeit, und ſie hatte nur erſt angefangen, ſich zu erhohlen, als Karl Musgrove, Marie und Henriette herein kamen. Es entſtand ein Kampf in ihrem Innern, als ſie ſah, daß ſie ſich faſſen mußte, aber bald erlag ſie der heſtigen Anſtrengung. Sie ver⸗ (I. Theit. P 226 ſtand nicht ein Wort mehr von allem, was man ſagte, und mußte Uebelbefinden vorſchuͤtzen und ſich entſchuldigen. Man fand, daß ſie ſehr uͤbel ausſah, und wollte um keinen Preis ohne ſie ausgehen. Das war entſetzlich! Haͤtte man ſich nur entfernt und ſie im ruhigen Beſitze des Zimmers gelaſſen, ſo wuͤrde ſie ſich ſchon er⸗ hohlt haben; aber Alle um ſich ſtehen und warten zu ſehen, das haͤtte ſie von Sinnen bringen koͤnnen, und in der Verzweiflung ſagte ſie, daß ſie nach Hauſe gehen wollte. O meine Liebe, rief Frau Musgrove: ge⸗ hen Sie gleich nach Hauſe, und nehmen Sie etwas ein, daß Sie heute Abend wieder beſſer ſein moͤgen. Karl, klingle und beſtelle eine Saͤnfte. Sie darf nicht zu Fuße gehen. Eine Saͤnfte— nimmermehr! Schlimmer als alles. Die Moͤglichkeit zu verlieren, ein Paar Worte mit Wentworth auf ihrem ruhigen und einſamen Wege nach Hauſe zu ſprechen— und ſie war beinahe uͤberzeugt, ihm zu begegnen bas war unertraglich! Anna verbat ſehr ernſtlich die Sänfte, und als Frau Musgrove, die nur an eine Art von Krankheit dachte, ſich uberzengt 227 hatte, daß von keinem unglůcklichen Falle die Rede war, und Anna in der letzten Zeit weder ausgeglitten war, noch einen Schlag auf den Kopf erhalten hatte, ſchied ſie guten Muthes von ihr, mit der zuverſichtlichen Hoffnung, ſie am Abende beſſer zu finden. Anna ſprach, um jede moͤgliche Vorſicht zu gebrauchen, nach einem innern Kampfe zu Frau Musgrove:„Ich fuͤrchte, es iſt nicht alles ge— nau verſtanden worden. Sein Sie doch ſo gu⸗ tig, den andern Herren zu ſagen, daß wir heute Abend ihre ganze Geſellſchaft bei uns zu ſehen hoffen. Ich beſorge, es herrſcht ein Mißver⸗ ſtaͤndniß, und ich wuͤnſche, daß Sie beſonders auch Capitain Harville und Capitain Wentworth die Verſicherung geben wollen, daß wir Beide zu ſehen hoffen.“ D meine Liebe, man hat alles vollig ver— ſtanden, ich gebe Ihnen mein Wort. Harville kommt ganz gewiß. Glauben Sie? Aber mir iſt doch bange, und es wuͤrde mir ſehr leid thun. Wollen Sie mir verſprechen„der Sache zu erwaͤhnen, wenn Sie mit ihnen wieder zuſammen kom⸗ men? Ich glaube, das wird wohl heute Vor⸗ mittag geſchehen. Verſprechen Sie's mit. Recht gern, wenn Sie's wuͤnſchen. Karl, wenn Du Harville irgendwo ſiehſt, ſo richte den Auftrag des Fraͤuleins aus. Aber ſein Sie unbeſorgt, meine Liebe. Ich ſtehe dafuͤr, daß Harville kommt, und Wentworth gewiß auch. i Anna konnte nicht mehr thun: aber ihr Herz weiſſagte einen Unfall, der ihr Gluͤck truͤ⸗ ben ſollte. Es konnte jedoch kein dauerndes Ungluͤck ſein, und ſelbſt wenn er nicht ſelber in ihres Vaters Haus gekommen waͤre, ſtand es ja in ihrer Macht, ihm ein verſtaͤndliches Wort durch Harville zu ſenden. 3 Eine neue augenblickliche Plage 6 Karl Musgrove, der Gutmuͤthige, war ſo auf⸗ richtig beſorgt um ihretwillen, daß er ſie beglei⸗ ten wollte. Er ließ ſich nicht abhalten. Sie fand es faſt grauſam, aber ſie konnte nicht lange un⸗ dankbar ſein; er gab ja einen Gang zu einem Buͤchſenſchmidt auf, um ihr gefällig zu werden. Sie machte ſich mit ihm auf den Weg und ien nur Dankbarkeit zu fuͤhlen. 229 ——— Sie waren noch nicht weit gegangen, als ſie ſchnelle Schritte, bekannte Toͤne, hinter ſich hör⸗ ten, und Anna hatte nur wenige Augenblicke Zeit, ſich auf Wentworth's Anblick vorzubereiten. Er war an ihrer Seite; aber als waͤre er un⸗ ſchluͤſſig geweſen, ob er bleiben, oder voruͤber gehen ſollte, ſagte er nichts, und nur ſein Blick redete. Anna beſaß Selbſtbeherrſchung genug, dieſem Blicke zu begegnen, aber keineswegs zu⸗ ruͤckſchreckend. Ihre Wangen, die kurz vorher noch blaß geweſen waren, gluͤhten, und ihre un⸗ ſchluͤſſigen Bewegungen wurden entſchieden. Er ging an ihrer Seite. Weütworth, ſprach Karl Musgrove, von ei⸗ nem ploͤtzlichen Gedanken ergriffen: welchen Weg gehen Sie? Nur bis in die naͤchſte Straße, oder weiter? Ich weiß es kaum, erwiederte Wentworth uͤberraſcht. Gehen Sie etwa bis in die Gegend, wo mein Schwiegervater wohnt? Wenn das waͤre, ſo will ich Sie unbedenklich bitten, an meine Stelle zu treten, und Anna nach Hauſe zu begleiten. Sie iſt zu ſehr angegriffen fuͤr heute, ſie darf nicht 230 ſo weit gehen ohne Beiſtand. Und ich möch⸗ te nicht gern um den Beſuch beim Buͤch⸗ ſenſchmidt kommen. Er hat ein Gewehr fertig, das er eben abſenden muß, und ſo lange als moͤglich uneingepackt laſſen will, um es mir zu zeigen. Gehe ich jetzt nicht zuruͤck, ſo iſt's da⸗ mit vorbei. Es iſt nach ſeiner Beſchreibung ein Gewehr, wie meine Doppelflinte, womit Sie einmahl geſchoſſen haben. Es ließ ſich nichts dagegen ent. Wentworth verrieth aͤußerlich die hoͤflichſte Be⸗ reitwilligkeit, waͤhrend heimlich ſeine Seele vor Entzuͤcken huͤpfte. In einer halben Minute war Karl wieder am Ende der Strese, die beiden Andern aber gingen voran, und bald hatten ſie ſo viele Worte gewechſelt, daß ſie ſich entſchloſſen, auf einem einſamern Pfade weiter zu gehen, wo freundliche Unterhaltung den gegenwaͤrtigen Augenblick zu den gluͤcklich⸗ ſten machen, und ihr Gemuͤth fuͤr die unver⸗ gängliche Seeligkeit vorbereiten konnte, die ſie erwartete. Noch einmahl tauſchten ſie nun jene Gefuͤhle und jene Verſprechungen aus, wodurch ſchon in fruhern Tagen alles geſichert geweſen 231 zu ſein ſchien, worauf aber ſo viele, viele Jah⸗ re der Trennung und Entfremdung gefolgt waren. Noch einmahl gingen ſie nun in die Vergangenheit zuruͤck, glucklicher vielleicht in ihrer Wiedervereinigung, als in der Zeit, wo ſie ſich zum Erſtenmahl gefunden hatten; zaͤrt⸗ licher, gepruͤſter, ſicherer in der Kenntniß der gegenſeitigen Gemuͤthsart, Treue und Zuneig⸗ ung, beide in gleicherer Stimmung zum Han— deln, und gerechtfertigter in ihren Handlungen. — Als ſie langſam hinangingen, ohne auf die nachbarlichen Gruppen zu achten, ohne auf herum ſchlendernde Politiker, geſchaͤftige Haus⸗ haͤlterinnen, flatternde Maͤdchen, oder Waͤrterin⸗ nen und Kinder zu ſehen, konnten ſie ſich ganz den Empfindungen überlaſſen, welche der Ruck⸗ * blick auf fruͤhere Ereigniſſe, und beſonders die Erlaͤuterung der Umſtaͤnde, die dem gegenwaͤrti⸗ gen Augenblicke zunaͤchſt vorher gegangen wa⸗ * ren, in ihrem bewegten Gemuͤthe erweckten. Alle wechſelvolle Begebenheiten der letzten Wo⸗ che wurden zuruͤck gerufen, und ſie konnten gar nicht fertig werden, von geſtern und heute zu prechen. 232 auf Elliot war es geweſen, was ihn zuruͤckgehalten, was ihn in Zweifel und Qualen geworfen hatte. Dieſe Regung war erwacht in der erſten Stunde ihres Zuſammentreffens in Bath, hatte, nach kurzer Unterbrechung, ſeine Frende am Konzert⸗ Abend geſtört, und in den tetzten vier und zwanzig Stunden Einfluß auf alles gehabt, was er geſagt und gethan, oder zu ſagen und zu thun unterlaſſen hatte. Zuweilen war ſie den beſſern Hoffnungen gewichen, die Anna's Blicke, Worte, oder Handlungen erweckten, und endlich war ſie durch die Geſinnungen und die Tone beſiegt worden, die er vernahm, als ſie mit Kapitain Harville ſprach, worauf er, von einem unwiderſtehlichen Gefuͤhle hingeriſſen, ein Blatt ergriffen hatte, um ſeine Empfindungen zu er⸗ gießen. Von den Worten, die er geſchrieben, ſollte nichts zuruͤck genommen, nichts eingeſchraͤnkt werden. Rur ſie, behauptete er, je geliebt zu haben; nie hätte eine Andre, ſagte er, ſie ver⸗ draͤngt, nie haͤtte er, ſeiner Meinung nach, auch nur ihres Gleichen geſehen. Er mußte freilich Anna hatte ſich nicht in ihm geirret. Eiferſucht 3 6 255 ſo viel bekennen, daß er unbewußt, ja unabſicht⸗ lich treu geweſen, daß er ſie hatte vergeſſen wollen, und geglaubt, es wäre geſchehen. Er hatte ſich fuͤr gleichgiltig gehalten, wo er nur unmuthvoll war, und er war ungerecht gegen ihre Vorzuͤge geweſen, weil er durch dieſelben gelitten hatte. Ihre Gemuͤthsart erſchien ihm nun als die vollkommenſte, zwiſchen Kraft und Sanftheit freundlich in der Mitte; aber er mußte geſtehen, daß er nur erſt in Uppercroß gelernt hatte, ihr Gerechtigkeit zu erzeigen, und erſt in Lyme hatte er ugon ſich ſelber zu begreifen. In Lyme hatte er Lehren mehr als einer Art erhalten. Die Bewunderung, welche Elliot ihr im Vorbeigehen zollte, hatte ihn wenigſtens aufgeregt, und alles, wovon er auf dem Spa⸗ ziergange Zeuge geweſen war, 68 Ueberlegen⸗ heit entſchieden. Bei ſeinen fruͤhern Verſuchen, ſich an Luiſe Musgrove zu feſſeln— die Verſuche des un⸗ muthigen Stolzes— wollte er immer gefuͤhlt haben, daß er etwas Unmögliches erſtrebte; Luiſe, behauptete er, waͤre ihm gleichgiltig ge⸗ weſen, und hätte ihm nur gleichgiltig ſein kön⸗ nen, aber bis zu jenem Tage, bis zu der ruhi⸗ gen Ueberlegung, die ihm folgte, hatte er die hohen Vorzuͤge eines Gemuͤthes nicht begriffen, mit welchem Luiſe die Vergleichung ſo wenig aushalten konnte, die vollkommene Gewalt nicht begriffen, die es allein uͤber ſeine Seele aus— uͤbte. Hier hatte er gelernt, zwiſchen Veſtig⸗ keit in Grundſaͤtzen und der Hartnaͤckigkeit des Eigenwillens, zwiſchen der Kuͤhnheit einer Un— beſonnenen und der Entſchloſſenheit eines ge⸗ faßten Gemuͤthes zu unterſcheiden. Hier hatte er alles geſehen, was das Maͤdchen, welches er verloren, in ſeiner Meinung erheben konnte, und hier angefangen, den Stolz, die Thorheit, den Wahnſinn einer Empfindlichkeit zu bekla⸗ gen, die ihn von dem Verſuche abgehalten hat⸗ te, ſie wieder zu gewinnen, als ſie ihm noch einmahl in den Weg kam. Von dieſer Zeit an war ſeine Buße hart ge⸗ weſen. Kaum hatte er das Schrecken und die Gewiſſensunruhe uͤberwunden, die in den erſten Tagen nach Luiſens Unfall ihn gequaͤlt hatten; b kaum fuͤhlte er wieder, daß er wieder lebte, ſo — S 2 — 0 fuͤhlte er auch, daß er ʒwar lebendig, aber nicht frei war.„Ich ſah, ſprach er, daß Harville mich fuͤr gebunden hielt, daß weder er, noch ſei⸗ ne Frau an unſrer wechſelſeitigen Zuneigung 3 3 zweifelte. Dieß machte mich beſtuͤrzt und war. mir aͤrgerlich. Ich haͤtte es bis auf einen ge⸗ wiſſen Grad auf der Stelle widerlegen könnenz 6 als ich aber erwog, daß auch Andre, daß Lui⸗. ſens Angehoͤrigen und vielleicht ſie ſelber auf gleiche Meinung gekommen ſein könnten, fuͤhlte ich, daß ich nicht laͤnger mir ſelber gehörte, und die Ehre mich auffoderte, der Ihrige zu ſein, wenn ſie es wuͤnſchte. Ich war unvorſichtig ge— weſen; ich hatte vorher nicht ernſtlich an die Sache gedacht, nicht erwogen, daß mein ſo ver⸗ trauliches Verhaͤltniß zu ihr bei Vielen die Be⸗ ſorgniß vor nachtheiligen Folgen hatte erwecken muͤſſen, und daß ich mir nicht erlauben durfte, den Verſuch zu machen, ob ich mich an die Ei⸗ ne oder die Andre der beiden Schweſtern feſſeln koͤnnte. Ich hatte mich groͤblich geirrt, und muß⸗ te die Folgen tragen.“ Kurz, er ſah zu ſpaͤt, daß er ſich verwickelt hatte, und daß er gerade in dem Angenblicke, 3 wo es ihm ganz klar wurde, wie wenig Luiſe ihm war, ſich an ſie gebunden halten mußte, wenn ſie fuͤr ihn fuͤhlte, was Harville vermus thete. Dieß bewog ihn zu dem Entſchluſſe, Lyme zu verlaſſen, und ihre voͤllige Geneſung anders⸗ wo abzuwarten. Gern wollte er, durch freund— liche Mittel, die Gefuͤhle, oder die Hoffnungen ſchwaͤchen, die man etwa in Beziehung auf ihn hegen mochte, und er ging zu ſeinem Bruder, mit der Abſicht, in einiger Zeit nach Kellynch zuruͤckzukehren, und zu handeln, wie es die Um⸗ ſtaͤnde erfordern moͤchten.„Ich war ſechs Wo⸗ chen bei Eduard, ſetzte er hinzu, und fand ihn gluͤcklich. Ich konnte kein anderes Vergnuͤgen haben, und verdiente kein anderes. Er fragte ſehr angelegentlich nach Ihnen, und erkundigte ſich, ob Sie ſich in ihrem Aeußern veraͤndert hätten; aber er ahnete nicht, daß Sie ſich in meinen Augen nie veraͤndern konnten.“ Anna lächelte und ließ es hingehen.. Es war ein zu luſtiges Verſehen, als daß ſich ein Vorwurf daruͤber haͤtte machen laſſen. Es iſt etwas fuͤr eine Frau, wenn ſie in ihrem acht und zwanzigſten Jahre die Verſicherung hoͤrt, — 37 daß ſie keinen ihrer Jugendreize verloren hat; aber fuͤr Anna wurde der Werth dieſer Huldig⸗ ung unausſprechlich erhoͤht, als ſie ſich dabei an fruͤhere Aeußerungen erinnerte, und fuͤhlte, daß dieſe Huldigung die Wirkung, und nicht die Ur⸗ ſache ſeiner wieder erwachten warmen Zuneigung war. 23% Er blieb bei ſeinem Bruder, die Verblend⸗ ung ſeines Stolzes und die Verſehen beklagend, wozu ihn ſeine Berechungen verleitet hatten, bis er ploͤtzlich durch die uͤberraſchende und gluck⸗ liche Nachricht von Luiſens Verbindung mit Ben⸗ wick ſich frei ſah.„Hier endigte das Schlimm⸗ ſte in meiner Lage, fuhr er fort. Ich konnte nun wenigſtens meinem Gluͤcke nachgehen, und meine Kraͤfte frei gebrauchen und etwas thun. Aber ſo lange in Unthaͤtigkeit zu warten, und nur auf Ungluͤck zu warten, war ſchrecklich ge⸗ weſen. In den erſten fuͤnf Minuten ſagte ich: Ich will Mittwoche in Bath ſein— und ich war da. Und wenn ich's der Muͤhe werth hielt, zu kommen, war es unverzeihlich? Und wenn ich nicht ohne Hoffnung kam! Sie waren ledig. Es war moͤßlich, daß Sie noch etwas von den 238 3 fruͤhern Empfindungen hegten, und eine Er⸗ munterung hatte ich. Sie wurden von Andern geliebt und geſucht, daran konnte ich nicht zwei⸗ feln, aber ich wußte gewiß, daß Sie wenigſtens einen Mann ausgeſchlagen hatten, und ich mußte mich oft fragen: War es meinetwegen?“ Ueber ihr erſtes Zuſammentreffen im Laden war viel zu ſagen, und noch mehr äber das Konzert. Wie viele merkwuͤrdige Augenblicke an dieſem Abende! von dem Augenblicke, als ſie ſich im Vorzimmer ihm näherte, um mit ihm zu ſprechen, als Elliot erſchien und ſie wegzog, und von zwei oder drei der naͤchſten Augenblicke, wo die Hoffnung wiederkehrte, oder der Klein⸗ muth zunahm, wurde mit Nachdrucke geſpro⸗ chen.„Sie zu ſehen, ſprach er, mitten unter Denjenigen zu ſehen, die mir nicht wohlwollen konnten, ihren Vetter an ihrer Seite, in ange⸗ legentlichem Geſpraͤche und freudiger Stimmung zu ſehen, und dabei zu fuͤhlen, wie viel fuͤr die Verbindung ſprach und wie paſſend ſie war! Ich konnte es mir ja nicht verhehlen, daß Alle, di Einfluß auf Sie hatten, dieſe Verbindung wuͤnſch⸗ ten. Sah ich doch ein, daß es ihm nicht an maͤchtiger Unterſtuͤtzung fehlen konnte, ſelbſt wenn Sie gleichgiltig, oder abgeneigt waren? War dieß nicht genug, mich zu dem Thoren zu machen, der ich zu ſein ſchien? Wie konnte ich meinen Schmerz unterdruͤcken? War nicht der Anblick der Freundinn, die hinter Ihnen ſaß, war nicht die Er innerung an dasjenige, was ſie geweſen war, an ihren Einfluß auf Sie, die unvergaͤngliche Erinnerung, was einſt Ueberred⸗ ung gethan hatte— war nicht alles gegen mich?“ Sie hätten unterſcheiden ſollen, erwiederte Anna. Sie haͤtten mich jetzt nicht in Verdacht haben ſollen, da die Lage der Dinge ſo ganz anders und mein Alter ſo ganz verſchieden war. Habe ich einſt unrecht gehabt, als ich der Ue⸗ berredung nachgab, ſo muͤſſen Sie bedenken, daß ich zu etwas uͤberredet wurde, was zur Sicherheit, nicht in Gefahr fuͤhrte. Ich glaub⸗ te nur der Pflicht nachzugeben, aber hier konn⸗ te keine Pflicht gegen mich aufgeboten werden, um mich zu leiten. Wenn ich einen Mann geheirathet haͤtte, der mir gleichgiltig war, wuͤr⸗ de ich allen Gefahren entgegen gegangen hun und jede Pflicht verletzt haben. — Ja, ich haͤtte dieß vielleicht zu mir ſagen ſollen, erwiederte Wentworth, aber ich konnte es nicht. Nein, ich konnte die Kenntniß wonih⸗ rer Gemuͤthsart, die ich neulich erlangt hatte, nicht benutzen; ich konnte ſie nicht in's Leben bringen, ſie ward unterdruͤckt, begraben, ver⸗ nichtet von jenen fruͤhern Gefuhlen, worunter ich ſo viele Jahre gelitten hatte. Ich ſah in Ihnen nur diejenige, die nachgegeben, die mir entſagt hatte, und eher fremdem Einfluſſe, als dem meinigen gefolgt war. Ich ſah ſie an der Seite eben jener Fran, von welcher Sie ſich in jenem unſeligen Jahre hatten leiten laſſen. Konnte ich glauben, daß dieſe Frau jetzt weniger Gewalt über Sie haben werde? Es kam nun die Macht der Gewohnheit dazu. Ich haͤtte gedacht, antwortete Anna, mein Benehmen muͤßte Ihnen viele von dieſen Ge⸗ danken, oder alle erſpart haben. Nein, nein, ihr Benehmen konnte ja auch nur die unbefangenheit ſein, die ihre Verbind⸗ ung mit einem andern Manne Ihnen geben mußte. Ich verließ Sie in dieſem Glauben, und dennoch war ich entſchloſſen, Sie noch ein⸗ 241 mahl zu ſehen. Mit dem Morgen erhielt mei⸗ ne Seele neue Faſſung, und ich fuͤhlte, daß ich noch einen Beweggrund hatte, hier zu bleiben. Endlich war Anna wieder zu Hauſe, und war gluͤcklicher, als hier Jemand haͤtte vermu⸗ then koͤnnen. Alle Beſtuͤrzung, alle Zweifel und jedes peinliche Gefuͤhl, wovon ſie in den erſten Stunden dieſes Tages war bewegt wor⸗ den, hatte jene Unterredung zerſtreut, und ſie betrat das Haus ſo gluͤcklich, daß ſie auf einen Augenblick der Beſorgniß ſich uͤberließ, es koͤnn⸗ te am Ende doch unmoglich ſein. Eine Pauſe ruhiger, dankbarer Betrachtung war das beßte Mittel, alles zu entfernen, was in dieſem Rauſche des Gluͤckes haͤtte gefährlich ſein kon⸗ nen. Sie ging in ihr Zimmer und als ſie ihrer Freude ſich dankbar uͤberließ, wurde ſie ſtandhaft und furchtlos. Der Abend kam. Die Lichter im Beſuch⸗ zimmer wurden angezuͤndet und die Geſellſchaft verſammelte ſich. Sie war bloß zum Spiele geladen; eine Verſammlung von Perſonen, wel⸗ che ſich theils nie, theils zu oft geſehen hatten; ein unbedeutender Verein, zu zahlreich fuͤr ver⸗ ei. Q 242 trauliche Anſchließung, zu klein fuͤr mannigfalti⸗ ge Abwechſelung; Anna aber hatte nie einen Abend ſo kurz geſunden. Aufgeregt und lie⸗ benswuͤrdig im Gefuͤhle ihres Gluͤckes, und mehr bewundert, als ſie dachte, oder beachtete, hegte ſie froͤhliche, oder nachſichtige Empfindun⸗ gen gegen Alle um ſie her. Auch Elliot war da. Sie mied ihn, aber ſie konnte ihn doch bemitleiden. Es gab ihr Unterhaltung, die Ab⸗ ſichten der Familie Wallis zu verſtehen. Lady Dalrymple und Fräulein Carteret mußten bald unſchadliche Verwandte fuͤr ſie ſein. Sie be⸗ rummerte ſich nicht um Frau Clay, und hatte teine urſache, uͤber das Benehmen, das ihr Vater und ihre Schweſter oͤffentlich gegen ſie zeigten, beſchaͤnt zu ſein. Mit der Familie Musgrove unterhielt ſie ſich in froher Unbe⸗ fangenheit, mit Harville freundlich, wie Bru⸗ der und Schweſter; mit Frau Ruſſel ſuchte ſie oft eine unterredung anzuknuͤpfen, die aber ein ſeliges Bewußtſein ſchnell abbrach; gegen den Admiral und ſeiner Gemahlinn zeigte ſie eine Herzlichkeit und warme Theilnahme, die eben jenes Bewußtſein zu verhehlen ſuchte, und ſtets —— 243 gab es Augenblicke, wo ſie mit Wentworth ſprechen konnte, und immer hatte ſie die Hoff⸗ nung, noch mehre zu finden, und immer wußte ſie, daß er da war. 4 In einem jener fluͤchtigen Augenblicke des Zuſammentreffens, als Jedermann beſchaͤftigt zu ſein ſchien, einige ſchöne Treibhauspflanzen zu betrachten, ſprach ſie zu ihm:„Ich habe uͤber das Vergangene nachgedacht, und unparteilich zu erwägen geſucht, was recht und unecht war— ich meine, in ſo fern es mich angeht— und ich muß glauben, daß ich recht gethan habe, ſo viel ich auch dabei litt, daß ich voͤllig recht gethan habe, mich von der Freundinn leiten zu laſſen, die Ihnen einſt werther ſein wird, als jetzt. Bei mir hat ſie Aelternſtelle vertreten. Miß verſtehen Sie mich nicht! Ich will nicht ſagen, daß meine Frenndinn ſich nicht geirrt haͤtte in ihrem Rathe. Es war vielleicht einer von den Faͤllen, wo es nur vom Erfolge abhaͤngt, ob ein Rath gut, oder boͤſe geweſen iſt, und ich wuͤrde unter einigermaßen aͤhnlichen Umſtaͤnden gewiß nie einen ſolchen Rath geben. Ich will nur ſagen, es war recht von mir, daß ich ihr 2441 folgte, und wenn ich anders gehandelt haͤtte, ſo wuͤrde ich durch die Fortdauer der Verbindung mehr gelitten haben, als wenn ich ſie aufgege⸗ ben haͤtte, weil ich in meinem Gewiſſen gelitten haben wuͤrde. Ich habe mir jetzt nichts vorzu⸗ werfen, in ſo fern der menſchlichen Natur ein ſolches Gefühl erlaubt iſt, und irre ich nicht, ſo iſt ein lebhaftes Pflichtgefuͤhl kein geringer, der Mitgift einer Frau.“ Wentworth ſah ſie an, ſah Frau Auſel und ſah wieder ſie an, indem er, als ob er ruhig erwogen haͤtte, zur Antwort gab:„Noch nicht! Doch— ich hoffe, ihr kuͤnftig verzeihen zu können. Ich werde bald gut mit ihr ſtehen, glaube ich. Auch ich aber habe uͤber die Ver⸗ gangenheit nachgedacht, und es hat ſich die Fra⸗ ge mir aufgedraͤngt, ob nicht noch ſonſt Jemand als Frau Ruſſel mein Feind geweſen ſein moͤch⸗ te. Ja, mein eigenes Selbſt! Sagen Sie mir, wenn ich im Jahre Acht, wo ich einige tauſend Pfund beſaß, und auf der Laconia wab, an Sie geſchrieben haͤtte, wuͤrden Sie mir geant⸗ wortet— kurz, wuͤrden Sie unſte wieder haben? 246 Wuͤrde ich? antwortete ſie, aber der Ton dieſer Worte war entſcheidend genug. O Gott, ſprach er lebhaft, Sie wuͤrden es? Ich will nicht ſagen, daß ich nicht daran ge⸗ dacht, daß ich es nicht gewuͤnſcht haͤtte, als das Einzige, was alle meine andern gluͤcklichen Erfolge haͤtte kroͤnen koͤnnen; aber ich war ſtolz, zu ſtolz, noch einmahl zu fragen. Ich verſtand Sie nicht; ich ſchloß meine Augen, wollte Sie nicht verſtehen, wollte nicht gerecht gegen Sie ſein. Dieß iſt eine Erinnerung, die mich bewegen muß, jedem An⸗ dern eher zu verzeihen, als mir ſelber. Ich haͤtte mir ſechs Jahre der Trennung und des Kum⸗ mers erſparen koͤnnen. Es iſt eine Art von Pein, die mir nen iſt. Ich habe mich daran gewoͤhnt, zu glauben, daß ich jedes Gluͤck, wel⸗ o, geerntet hͤtte, ich bin ſtolz auf it und gerechte Belohnung gewe⸗ grße Maͤne im Mißgeſchicke, ſebte er muß es ertragen lernen, gluͤcklicher zu ſein⸗ als ich es verdiene. chend hinzu: muß ich mein Gemuͤth meinem Schiſule zu unterwerfen ſuchen. Ich wechſelſeitigen Glucke nothwendig ſind. Mag * na Elliot, bei dein Vortheile eihes: Alters,. bei dem Bewußtſein des 2 5 ünd im Beſite eines unabhaͤngigen 2 ens, nicht endlich jeden Widerſtand beſiege ſſen? Sie RI. Wer erraͤth nicht, was erfolgte? Wenn zwei junge Leute ſich's in den Kopf geſetzt haben, ſich zu heirathen, ſo ſind ſie ziemlich ſicher, es mit Bcharrung durchzuſetzen, mögen ſie noch ſo arm, noch ſo unbeſonnen ſein, noch ſo wenig Wahr⸗ ſcheinlichkeit vor ſich ſehen, daß ſie zu ihrem — eine ſchlechte Lehre zum r ſein, aber ich halte ſie fuͤr wahr, und es ſolchen Parteien gelingt, wie haͤtten We tw— hätten alletdings wohl noch mehr Widerſtand uͤberwinden können, als ſie wirklich fanden; denn ſie fanden nicht viel mehr, was ſie bekuͤm⸗ 247 mert haͤtte, als Mangel an Freundlichkeit und Waͤrme. Der Baronet machte keine Einwendung, und Eliſabeth that nichts Schlimmeres, als daß ſie kalt und gleichgiltig ausſah. Wentworth mit fuͤnf und zwanzig tauſend Pfund und mit ſo ho⸗ hen Ausſichten in ſeinem Berufe, als Verdienſt und Thaͤtigkeit geben konnten, war nicht mehr ein unbedeutender Mann. Man hielt ihn jetzt fuͤr ganz wuͤrdig, um die Tochter eines thoͤrigen, verſchwenderiſchen Baronets zu werben, der nicht Grundſätze, oder nicht Vetſtand genug gehabt hatte, ſich in der Lage zu behaupten, worein er von der Vorſehung war geſetzt worden, und der ſeiner Tochter fuͤr jetzt nur einen kleinen Theil ihrer Mitgiſt von zehntauſend Pfund geben konnte. Der Baronet hatte zwar keine Zuneigung gegen Annn, und fand ſeine Eitelkeit nicht ſo ſehr geſchmeichelt, daß er ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit wahrhaft glücklich haͤtte fuͤhlen koͤnnen; aber er hielt die Verbindung keineswegs fuͤr eine 6 ſchlechte. Nein, als er Wentworth oͤfter ſah, als er ihn mehrmahl bei hellem Tage ſah und 245 ihn genau betrachtete, erkannte er mit Ueberraſch⸗ ung die perſoͤnlichen Anſpruͤche des Mannes und fuͤhlte, daß die Vorzuͤge, die ihm ſein Aeu⸗ ßeres gaben, ſich gegen ihren Rangvorzug wohl in die Wagſchale legen ließen. Dazu kam ein ſehr wohllautender Nahme, und ſo nahm denn der Baronet endlich ſehr freundlich ſeine Feder, um dieſe Vermahlung in das Ehrenbuch einzutragen. Es war Niemand als Frau Ruſſel, deren wi⸗ derſtrebendes Gefuͤhl ernſtliche Bekuͤmmerniſſe haͤtte erwecken koͤnnen. Anna wußte, daß es ihrer Freun⸗ dinn empfindlich ſein mußte, Elliot in ſeiner wah⸗ ren Geſtalt erkennen und ihn aufgeben zu muͤſſen, und Frau Ruſſel nicht ohne Kampf gegen ſich ſelber im Stande ſein wuͤrde, ſich mit Wentworth genau bekannt zu machen und gerecht gegen ihn zu ſein. Dahin aber mußte Frau Ruſſel nun kommen; ſie mußte fuͤhlen lernen, daß ſie ſich in Beiden geirrt hatte, daß ſie in Beziehung auf Beide durch den Schein war getauſcht worden, daß ſie, weil Went⸗ worth's Benehmen nicht nach ihren Anſichten gewe⸗ ſen war, zu raſch einen gefaͤhrlichen Ungeſtuͤm in ſeinem Gemüthe zu erblicken geglaubt hatte, und daß ſie auf der andern Seite, weil ſie in Elliot's Be⸗ 249 nehmen Schicklichkeit und Regelmaͤßigkeit, Höflich⸗ keit und Milde zu ſehen glaubte, ebenfalls zu raſch geweſen war, dieſe Erſcheinungen fuͤr das ſichre Er⸗ gebniß der geſundeſten Anſichten und eines wohl ge⸗ ordneten Gemuͤthes zu halten. Frau Ruſſel hatte⸗ nicht weniger zu thun, als einzugeſtehen, daß ſie ſich faſt ganz geirret hatte, und neue Anſichten, neue Hoffnungen zu faſſen. Es iſt manchen Menſchen ein ſchnellen Slic, ein feiner Sinn in der Beurtheilung der Ge⸗ muͤther, kurz ein natuͤrlicher Scharſſinn eigen, dem keine Erfahrung gleich kommen kann, und Fran Ruſſel hatte in dieſem Punkte minder reich begabte Verſtandeskraͤfte, als ihre junge Freundinn. Sie war aber eine ſehr gute Fran, und wenn ihr zweiter Zweck war, vernuͤnſtig zu ſein und richtig zu urtheilen, ſo war ihr erſter, Anna gluͤcklich zu ſehen. Sie liebte Anna mehr, als ihre eigenen Geiſtesfaͤhigkeiten, und als die anfaͤngliche Verlegenheit beſiegt war, fand ſie es nicht ſehr ſchwer, dem Man⸗ der das Gluͤck ihrer mütterlich geliebten — ſichern ſollte, ein muͤtterliches Wohl⸗ wollen zu ſchenken.* — 260 Unter allen Angehoͤrigen war vermuthlich Niemand, der unmittelbar ſo viel Freüde uͤber den Umſtand empfunden haͤtte, als Marie. Es gab ein Anſehen, eine verheirathete Schweſter zu haben, und ſie konnte ſich ſchmeicheln, daß ſie nicht wenig beigetragen hatte, die Verbind⸗ ung zu knuͤpfen, da Anna im Herbſte bei ihr geweſen war. Ihre Schweſter mußte beſſer ſein, als ihre Schwaͤgerinnen, und es war ihr daher angenehm, daß Wentworth ein reicherer Mann war als Benwick, oder Karl Hayter. Es war vielleicht etwas empfindlich fuͤr ſie, Anna bei der Wiedervereinigung mit ihr im Beſitze der Rech⸗ te der ältern Schweſter und in einem ſehr huͤb⸗ ſchen Wagen zu ſehen; aber dagegen fand ſie in der Zukunft einen kraͤftigen Troſt. Anna hatte kein Schloß uppereroß, kein Landgut zu erwar⸗ ten, und ihr Mann war eben ſo wenig das Haupt eines Geſchlechtes; und wenn man nur Wentworth nicht zum Baronet werden ließ, ſo haͤtte Marie doch nicht mit Anna tauſchen mögen. Es wuͤrde fuͤr die älteſte Schweſter gut ſein, wenn ſie eben ſo viel Zufriedenheit mit ihrer La⸗ ge haͤtte, da hier eine Veraͤnderung wenig wahr⸗ * 261 ſcheinlich iſt. Sie ſah bald zu ihrer Kraͤnkung, daß Elliot ſich zuruckzog, und es iſt ſeitdem Nie⸗ mand erſchienen, der auch nur die ungegruͤnde⸗ ten Hoffnungen wieder aufgerichtet die mit ihm geſunken waren. 5*%0 Fuͤr Elliot war die Nachricht von Anna's Verbindung im hoͤchſten Grade unerwartet. Sie ſtrte ſeinen ſchoͤnſten Entwurf auf haͤusliches Gluͤck, ſeine beſte Hoffnung, den Baronet durch die Wachſamkeit, welche die Rechte eines Schwie⸗ gerſohnes erlaubt haben wuͤrden, von einer Wie⸗ dervermaͤhlung abzuhalten; aber ungeachtet er ſich beſiegt und getaͤuſcht ſah, ſo konnte er doch et⸗ was zu ſeinem Vortheil und zu ſeiner Befrie⸗ digung thun. Er verließ Bath alsbald, und da auch Frau Clay nicht lange nachher abreiſete, und dann in London unter ſeinem Schutze lebte, ſo war es offenbar, wie falſch er geſpielt hatte, und wie entſchloſſen er verhuͤten wollte, wenigſtens von einer ſchlauen Frau ausgeſtochen zu werden. Frau Clay hatte ihren Vortheil ihrer Reigung nachgeſetzt, und um des jungen Mannes willen, die Wöglichteit geopfert, laͤnger einen Anſchlag auf den Baronet zu machen. Sie hat aber eben „ ————————— ſo viel Verſtand, als Zuneigung, und es iſt zwei⸗ felhaft, ob ſeine, oder ihre Liſt am Ende ſiegen werde, und ob er, nachdem es ihm gelungen iſt, eine Verbindung zwiſchen ihr und dem Baronet zu verhuͤten, ſich nicht endlich durch Schmeichelei und Liebkoſung dahin bringen laſſe, ſie zu ſeiner Frau zu machen. Es laͤßt ſich denken, wie empſinblich und kraͤn⸗ kend fuͤr den Baronet und Eliſabeth der Verluſt ihrer Gefaͤhrtinn und die Entdeckung des geſpielten Betruges war. Sie konnten zwar bei Lady Dal⸗ rymple und Fraͤulein Carteret Troſt ſuchen, muß⸗ ten aber bald fuͤhlen, daß Andern ſchmeicheln und folgen, ohne etwas Aehnliches zu he nur Genuß iſt. Anna ward bei ihren glůͤcklichen nusſ ᷣihn nur 5 das Bewußtſein geſtoͤrt, daß ſic ihrem Ge⸗ liebten keine Verwandten geben konnte, die ein verſtaͤndiger Mann haͤtte achten können. Sie fuͤhlte lebhaft, daß ſie in dieſem Punkte unter ihm ſtand. Das ungleiche Verhaͤltniß in ihren Vermoͤ⸗ gensumſtänden war nichts, und Anna fand darin nicht einen Augenblick Anlaß zu Bekummerniß; aber daß ſie keine Angehoͤrigen hatte, die ihn, 6 07 wie ſich's gebuͤhrte, aufgenommen und geſchätzt haͤtten, daß ſie keine Achtbarkeit, keine Ein⸗ tracht, kein Wohlwollen von Seiten ihrer Ange⸗ hoͤrigen, gegen die Wuͤrdihkeit und die herzli⸗ che Bewillkommung, welche ſie bei ſeinen Bruͤ⸗ dern und Schweſtern fand, anzubieten hatte, war die Quelle eines ſo lebhaften Schmerzes, als ihr Gemuͤth bei einem ſonſt ſo hohen Gluͤcke fühlen konnte. Sie hatte nur zwei Freundinnen in der Welt, die ſie zu den Seinigen geſellen konnte, Frau Ruſſel und Frau Smith. Er war ſehr geneigt, dieſen mit Wohlwollen entgegen zu kommen. Et konnte Frau Ruſſel, ungeachtet ihrer fruͤhern Ver⸗ gehungen, nun aufrichtig achten. Sollte er nur nicht den Glauben ausſprechen, daß ſie recht ge⸗ than haͤtte, ihn in fruͤherer Zeit von Anna zu trennen, ſo war er gern bereit, ſonſt alles Gute von ihr zu ſagen. Frau Smith aber hatte mehr als einen Anſpruch, ſchnell und fuͤr immer ſein Wohlwollen zu gewinnen. Was ſie neuerlich für Anna gethan, war an ſich ſchon genug, und die Heirath gewann ihr zwei wohlwollende Men⸗ ſchen, ſtatt ihr eine Freundinn zu rauben. Sie beſuchte das neu verbundene Paar ſogleich, und Wentworth, der ſie in Stand ſetzte, ihres Mannes Vermoͤgen in Weſtindien wieder zu er⸗ langen, und ſich ihrer Angelegenheit mit der Thaͤtigkeit und dem Eifer eines furchtloſen Man⸗ nes und eines entſchloſſenen Feindes annahm, vergalt die Dienſte, welche ſie ſeiner Fran er— i oder je zu erweiſen gemeint hatte. Frau Smith ward durch dieſe Verbeſſerung ihrer Ein⸗ kuͤnfte, durch Beſſerung ihrer Geſundheit, und durch die Erwerbung von Freunden, mit welchen ſie oft zuſammen ſein konnte, nur wahrhaft gluͤck⸗ licher, da ihre Munterkeit und Seelenfreudig⸗ keit ſie nie verließen, und ſelbſt wenn ſie ganz reich und vollkommen geſund geweſen waͤre, wuͤr⸗ de ſie doch ungeſtörtes Gluͤck genoſſen haben. Die Quelle ihres Gluͤckes war in ihrem lebhaften Gei⸗ ſte, wie Anna's Gluͤck aus ihrem warmen— Anna war die Zirnichei ſeliſt, m ſ e S reichlichen Lohn dafuͤr in Wentworth's Zuneig⸗ ung. Nur der Gedanke an ſeinen Beruf konn⸗ te bei ihren Freunden den Wunſch erwecken, daß ſie mit minderer Zaͤrtlichkeit an ihm hangen mochte, und nichts als die Beſorgni — 15 55 kuͤnftigen Kriege konnte ihren Sonnenſchein trü⸗ ben. Sie war ſtolz darauf, eines Seeman⸗ nes Frau zu ſein, aber ſie mußte mit leicht er— regbarer Beſorgniß dafuͤr buͤßen, daß ſie dieſem Stande angehoͤrte, welcher, wo moͤglich, durch haͤusliche Tugenden noch mehr, als durch ſei⸗ ne Wichtigkeit fuͤr das Vaterland, ausgezeich⸗ net iſt. — 5 Bei dei Verleger dieſer Schrift iſt erſchienen und in jeder guten Buchhandlung in ha⸗ ben: Die dettung Griechenland' 6dei e Sache des dankbaren Europa. R e, i. f e Poſen durch Kintrich Polen einen Theil— Mußland, bis an das Meer 86 Aßow. Neb ft Bemerkungen uͤber den Ankauf und die Be⸗ Ferdinand on Baczko, Premiet⸗Lieutenant im erſten koͤniglich preußiſchen Leib⸗Huſaren⸗Regimente. Herausgegeben von ſeinem Vater, Ludwig von Vaczko. B rrhlr. Lebenserfah rungen,⸗ Reiſen und getdz uͤ ge eines Weltbuͤrgers. Herausgegeben von Fr. Chr. v. Perrin⸗Parnajon, vormaligem Hauptmann. 2 2hle⸗ 6. 3 thlr. 16 gr. — — nrr — c 5