S 8 8 6 6 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ** 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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D⸗ Roman, der hier in der Ueberſetzung erſcheint, war das letzte Werk der Verfaſſerin, und wurde nach ihrem Tode unter dem Titel: Persuasion, zugleich mit einer andern Er⸗ zäͤhlung, ihrem fruͤheſten Verſuche: Nopt⸗ hanger Abbey zu London(bey Murray) gig in 4 Baͤnden herausgegeben. Nach der Vorrede, womit eine ungenannte Hand dieſen Nachlaß der Freundinn begleitet, wurde Jo⸗ hanna Auſten im Jahre 17765 zu Steventon in der Grafſchaft Hants geboren, wo ihr Vater gegen vierzig Jahre als Pfarrer lebte; ein Mann, der ſich durch gruͤndliche Gelehrſamkeit und einen ſehr gebildeten Geſchmack auszeichne⸗ te, und auf die Ausbildung ſeiner Tochter wohlthaͤtigen Einflutz hatte. Nach ſeinem Tode zog Johanna mit ihrer Mutter und ihrer einzi⸗ gen Schweſter in die Grafſchaft Southampton, wo ſie ſeit 1809 in dem anmuthigen Dorfe Chawton lebte. Von hier ſchickte ſie ihre Ro⸗ mane in die Welt, von welchen einige die Ar⸗ beit fruͤherer Lebensjahre waren, da ſie, miß⸗ trauiſch gegen ihr eigenes Urtheil, ihre Erzeug⸗ * 2 1LV niſſe zuruͤck zu halten gewohnt war, bis die Zeit und andre zerſtrenende Geiſtesbeſchäftigun⸗ gen ihre Vorliebe geſchwächt hatten. Der erſte Roman, den ſie ſeit 809 herausgab, war Sen- se and Sensibility. Darauf folgte bald Pri- de and Prejudice; dann 1314. Mansfield Park und zuletzt 1816 Emma. Beſcheiden und anſpruchlos zog ſie vor den Stimmen des auf⸗ munternden Beifalles, die zuweilen in ihre laͤnd⸗ liche Einſamkeit drangen, ſich zuruͤck, und nie machte ſie ihre Arbeiten unter ihrem Nahmen be⸗ kannt. Im Kreiſe der Ihrigen ſprach ſie offen davon, dankbar fuͤr Lob, empfaͤnglich fuͤr Ta⸗ del, im Verkehr mit der Welt aber mied ſie je⸗ de Anſpielung auf ihre ſchriftſtelleriſche Thaͤtig⸗ keit. Um das Jahr 1816 zeigten ſich zuerſt die Spuren einer unheilbaren Krankheit. Im Fruͤh⸗ linge des folgenden Jahres ging ſie, um aͤrztli⸗ cher Hilfe immer nahe zu ſein, nach Winche⸗ ſter, wo ſie, im Julius 1317, unverheirathet ſtarb, von ihren Freunden eben ſo ſehr wegen ihres frommen, ſanften und heitern Gemuͤthes, als wegen ihres gebildeten Geiſtes geliebt und geachtet. . 5 —————————— ₰ 1 g. 1 Srſter Theil. —— +— ——— —— . Str Walter Elliot, auf Kellynch⸗Hall in der Grafſchaft Somerſet, war ein Mann, der zu ſei⸗ ner Unterhaltung nie ein anderes Buch in die Hand nahm, als das Adelsverzeichniß. Hier fand er Beſchaͤftigung für eine müͤßige Stunde und Troſt in einer traurigen; hier wurde ſein Geiſt zur Bewunderung und Ehrfurcht geſtimmt, wenn er erwog, wie wenig von den älteſten Adelsverleihungen noch uͤbrig war, und hier lern⸗ te er auf alle haͤusliche Angelegenheiten, die un⸗ angenehme Empfindungen erregten, mit Verach⸗ tung herab ſehen. ueberblickte er die zahlloſen Adelsverleihungen des letten Jahrhunderts, ſo konnte er, wenn jede andre Seite des Buches nichts vermochte, hier ſeine eigene Geſchichte A 2 e mit einer immer regen Theilnahme leſen, und auf dieſer Seite oͤffente ſich ſtets das Lieblingsbuch. Da ſtand:„Elliot von Kellynch⸗Hall. „Walter Elliot, geboren am 1 Maͤrz 1760; ver⸗ „maͤhlt am 15 Julius 1784 mit Eliſabeth, „Tochter des Hrn. Jakob Stevenſon, auf South⸗ „Park in der Graſſchaft Glonceſter; mit wel⸗ „cher— 1800 verſtorbenen— Gemahlinn er „erzeugte: Eliſabeth, geboren am 1 Junius „1785; Anna, geboren am 9 Auguſt 1787; ei⸗ „nen todtgebornen Sohn, am 5 November 1789; „Marie, geboren am 20 November 1791. So war die Stelle urſpruͤnglich aus des Setzers Schriſtkaſten gekommen; aber unſer Ba⸗ ronet hatte ſie, zu ſeiner und der Seinigen Be⸗ lehrung, verbeſſert durch den Zuſatz zu dem Nahmen ſeiner juͤngſten Tochter:„Vermaͤhlt am „16 December 1810 mit Karl, Sohn und Er⸗ „ben des Herrn Karl Musgrove, auf Uppercroß „in der Grafſchaft Somerſet““— und durch ge⸗ naue Angabe des Tages und Monates, wo er ſeine Frau verloren. Darauf folgte die Geſchichte b das Aufß⸗ kommen des alten und achtbaren Hauſes in den Gkt.————————— 5 gewoͤhnlichen Ausdruͤcken; wie naͤhmlich dieſes Geſchlecht ſich zuerſt in Cheſhire angeſiedelt, wie es hohe Aemter verwaltet, zu verſchiedenen Par⸗ liamentſitzungen Volksvertreter geliefert, durch Unterthanentreue ſich ausgezeichnet, unter Karls II. Regierung die Baronetwuͤrde erhalten und mit verſchiedenen Marien und Eliſabethen ſich ver⸗ maäͤhlt hatte. Alles dies fuͤllte zwei Duodezſei⸗ ten, und ſchloß mit der Angabe des Wappens, des Wahlſpruches und des Hauptſitzes Kellynch⸗ Hall; worauf dann wieder des Baronets eigen⸗ haͤndiger Zuſatz folgte:„Vermuthlicher Erbe: „William Walter Elliot, Urenkel des zweiten „Baronets, Sir Walter.“ Eitelkeit war der Anfang und das Ende von unſers Baronets Sinnesart; Eitelkeit auf⸗ ſeine Geſtalt und ſeine Lage. Er war in ſeiner Jugend ungemein huͤbſch geweſen, und trotz ſei⸗ ner vier und funfzig Jahre, noch immer ein ſehr ſchoͤner Mann. Wenige Frauen konnten mehr auf ihr Aeußeres bedacht ſein, als er, und der Diener eines neu geſchaffenen Lords war nicht entzuͤckter uͤber die Stelle, die man ihm in der Geſellſchaft einraͤumte. Der Segen — — der Schönheit ſtand in ſeinen Augen nur allein unter dem Segen der Baronetwuͤrde, und Sir Walter Elliot, der beide Gaben vereint beſaß, war der ſtete Gegenſtand ſeiner waͤrmſten Ach⸗ tung und Ergebenheit. Er hatte freilich Urſach, auf ſein gutes Aus⸗ ſehen und ſeinen Rang etwas zu halten, da er dieſen Auszeichnungen eine Frau verdankt haben mußte, die hoͤhere Vorzuͤge beſaß, als er durch irgend eine Eigenſchaft ſeines Gemuthes verdient haͤtte. Wollte man dieſer trefflichen, verſtaͤn⸗ digen und liebenswuͤrdigen Frau die jugendliche Verblendung verzeihen, die ſie zu Frau Elliot gemacht hatte, ſo war ſie ſpaͤterhin nicht in dem Falle, einer nachſichtigen Beurtheilung zu beduͤrfen. Sie hatte ſiebzehn Jahre lang ſeine Fehler erduldet, gemildert, oder verhehlt, ſeinen achtbaren Eigenſchaften aber Anerkennung ver⸗ ſchafft, und wenn ſie auch nicht gerade ſelber dic Gluͤcklichſte war, ſo hatte ſie doch in ihren Pflichten, in der Freundſchaft und in ihren Kin⸗ dern ſo viele Bande gefunden, die ihr das Leben werth machten, daß es nicht gleichgiltig fur ſie ſein konnte, als ſie ſcheiden ſollte. Drei Toͤch⸗ ——————————— —————————— —— — — ———— 7 ter, von welchen die beiden älteſten ſechzehn und vierzehn Jahre alt waren, konnte eine Mutter nicht ohne Sorgen zuruͤck laſſen, und mur mit banger Bekuͤmmerniß ſie der Gewalt und Lei⸗ tung eines eingebildeten unklugen Vaters anver⸗ trauen. Sie beſaß indeß eine ſehr vertraute Freundinn, eine verſtändige, wuͤrdige Frau, wel⸗ che ſich durch ihre Zuneigung zu Frau Elliot hatte bewegen laſſen, in dem nahen Dorfe Kel⸗ tynch ihren Wohnſitz zu nehmen, und von der Guͤte und dem klugen Rathe dieſer Freundinn erwartete die ſterbende Mutter den beßten Bei⸗ ſtand fuͤr die Erhaltung der guten Grundſaͤtze und Lehren, die ſie ihren Töchtern zu geben be⸗ muͤht geweſen war. Dieſe Freundinn und der Baronet vermaͤhl⸗ ten ſich nicht, trotz aller Vermuthungen, die man auf ihre Bekanntſchaft gebaut hatte. Dreizehn Jahre waren ſeit dem Tode der Frau Elliot verfloſſen, und noch immer waren Beide Nach⸗ barn und durch vertraute Freundſchaft verbun⸗ den, aber er blieb Witwer und ſie Witwe. Daß Frau Ruſſel, die ſchon in reifern Jahren, von beſonnenem Gemuͤthe und ſehr wohlhabend war, . 3 * . 1 3 —————— 4 —— —— ——————— nicht an eine zweite Ehe dachte, bedarf keiner Entſchuldigung vor der Welt, die eher, wenn eine Frau wieder heirathet, als wenn ſie es nicht thut, ein unbilliges Mißfallen zu aͤußern pflegt; aber es bedarf einiger Erlaͤuterung, daß der Ba— ronet ledig blieb. Man wiſſe alſo, daß er, als er bei einigen ſehr unbedachtſamen Bewerbungen in aller Stille ein Paar Korbchen erhalten hat⸗ te, ſich ruͤhmte, um ſeiner lieben Tochter willen nicht wieder zu heirathen. Fuͤr ſeine äaͤlteſte Tochter wuͤrde er in der That gern alles hinge⸗ geben haben, wozu er jedoch nicht ſehr in Ver⸗ ſuchung gefuͤhrt wurde. Eliſabeth war in ihrem ſechzehnten Jahre, ſo viel es moͤglicher Weiſe geſchehen konnte, in die Rechte und das Anſehen ihrer Mutter getreten, und da ſie ſehr huͤbſch und ihm ſehr aͤhnlich war, ſo hatte ſie ſtets viel Einfluß auf ihn gehabt, und Beide waren ſehr gut mit einander ausgekommen. Seine beiden andern Kinder ſtanden weit tiefer in ſeiner Gunſt. Marie hatte zwar, als ſie den jungen Musgrove heirathete, ein bischen kuͤnſtliches An⸗ ſehen gewonnen; Anna aber, die ihr gebildeter Geiſt und ihr ſanſtes Gemuͤth in der Meinung —————————— N 9 verſtaͤndiger Menſchen ſehr hoch geſtellt haben wuͤrden, galt weder bei ihrem Vater, noch bei ihrer Schweſter etwas; ihr Wort hatte kein Ge⸗ wicht, ihre Bequemlichkeit mußte immer nach⸗ ſtehen, ſie war nichts— als Anna. Frau Ruſſel aber liebte und ſchaͤtte das Mädchen, ihr Pathchen, ſehr innig, und wenn ſie auch Allen gewogen war, ſo konnte ſie doch nur in Anna die Mutter wieder aufleben zu ſehen glauben. Einige Jahre fruͤher war Anna Elliot ein ſehr huͤbſches Maͤdchen geweſen, ihre Bluͤte jedoch fruͤh gewelkt; aber ſelbſt als ſie noch den vollen Schmuck ihrer Reize beſaß, hat⸗ te ihr Vater wenig an ihr zu bewundern gefun⸗ den, da ihre zarten Zuͤge und ihre ſanften ſchwar⸗ zen Augen ſo ganz verſchieden von den ſeinigen waren, und wie haͤtte nun die Hingewelkte noch ſeine Achtung erwecken koͤnnen? Er hatte nie viel Hoffnung gehabt, und nun gar keine mehr, je ihren Namen auf einer andern Seite ſeines Lieblingsbuches zu leſen. Nur fuͤr Eliſabeth ließ ſich noch eine ebenbuͤrtige Verbindung er⸗ warten; denn Marie hatte nur in eine alte achtbare und wohlhabende Landadel⸗Familie ge— 10 heirathet, und daher alte Ehre gegeben, aber keine erhalten. Eliſabeth mußte ſich rh oder ſwaͤt anſtaͤndig vermaͤhlen. Es geſchieht zuweilen, daß eine Frau in ei⸗ nem Alter von neun und zwanzig Jahren huͤb⸗ ſcher iſt, als zehn Jahre fruͤher, und im Allge⸗ meinen, wenn weder Krankheit, noch Kummer geſtoͤrt haben, iſt in jener Lebenszeit wohl ſchwer⸗ lich ein Reiz verloren. So war es bei Eliſa⸗ beth; noch immer das huͤbſche Fraͤulein Elliot, wie ſie dreizehn Jahre fruͤher aufzublühen be⸗ gann, und man konnte deshalb ihren Vater ent— ſchuldigen, wenn er ihr Alter vergaß, oder ihn doch nur fuͤr einen halben Thoren halten, wenn er ſich und Eliſabeth fur ſo bluͤhend hielt, als je, ungeachtet ſonſt Jedermann nicht mehr ſo gut ausſah, als ſonſt. Er ſah ja vor Augen, wie alt alle ſeine Angehoͤrigen und Bekannten wurden; Anna wurde hager, Marie wurde zu wohlbeleibt, jedes Geſicht in der ganzen Umge⸗ gend ſchlechter, und die ſchnelle Vermehrung der Runzeln an den Schlaͤfen der Frau Ruſſel wa⸗ ren ihm ſchon lange ein Herzleid geweſen. Eliſabeth aber hatte nicht ganz ſo viel Selbſt⸗ ———.——————————— 11 zufriedenheit, als ihr Vater. Dreizehn Jahre lang war ſie die Herrinn in Kellynch⸗Hall gewe⸗ ſen; und hatte alles mit ſo viel Beſonnenheit und entſcheidendem Anſehen geleitet, daß man ſie nie fuͤr juͤnger halten konnte, als ſie war. Sie hatte dreizehn Jahre lang dem Hausweſen vor⸗ geſtanden, war immer voran gegangen zu der Kutſche mit vier Pferden und immer zunaͤchſt hin⸗ ter Frau Ruſſel aus allen Beſuchzimmern und Speiſezimmern in der Umgegend. Dreizehn Win⸗ ter hindurch hatte ſie jeden anſehnlichen Ball er— oͤffnet, den die nicht zahlreich bewohnte Nachbar⸗ ſchaft darbot, und dreizehn Fruͤhlinge waren im Blumenſchmuck erſchienen, ſeit ſie mit ihrem Va⸗ ter nach London reiſete, um jährlich ein Paar Wochen die Freuden der groſſen Welt zu genie⸗ ßen. Sie erinnerte ſich an alles dieß, und dach⸗ te genug an ihre neun und zwanzig Jahre, um einigen Ruͤckwuͤnſchen und Beſorgniſſen Raum zu geben. Daß ſie noch ſo huͤbſch war, als im⸗ mer, wußte ſie ſehr gut; aber ſie fuͤhlte, daß ſie den gefaͤhrlichen Jahren nahe ruͤckte, und wuͤrde ſich hoͤchlich gefreut haben uͤber die Gewißheit, in den naͤchſten zwoͤlf, oder vier und zwanzig Monaten von altadelichem Blute gebuͤhrend zum Chebunde eingeladen zu werden. Dann haͤtte ſie noch einmahl das Buch der Buͤcher mit ſo gro⸗ ßer Freude in die Hand nehmen koͤnnen, als in ihrer fruͤhen Jugend, aber jetzt konnte ſie es nicht ausſtehen. Das haͤßliche Buch zeigte ihr nichts als den Tag ihrer Geburt, aber nirgend eine Vermaͤhlung, als bei ihrer juͤngſten Schweſter, und mehr als einmahl, wenn ihr Vater es nicht weit von ihr offen auf dem Tiſche liegen ließ, hatte ſie es mit abgewendeten Blicken zugemacht, und weggeſchoben. Es war ihr uͤberdieß eine Erwartung ver⸗ eitelt worden, woran dieſes Buch, und beſonders die Geſchichte ihres eigenen Hauſes, ſie ſtets erinnern mußte. Der muthmaßliche Erbe, eben jener William Walter Elliot, deſſen Rechte ihr Vater ſo großmuͤthig anerkannte, hatte ſie ge⸗ täuſcht. Als ihr in ihrer fruͤhen Jugend be⸗ kannt geworden war, daß er, wenn ſie keinen Bruder erhielte, ihres Vaters Adelswuͤrde erben ſollte, hatte ſie ihn heirathen wollen, und ihr Vater immer gemeint, ſie ſollte es. Man hatte ihn als Knaben nicht gekannt, aber bald nach —————————————————— — 15 dem Tode der Frau Elliot war von dem Bara⸗ net ſelber Anlaß zur Anknuͤpfung einer Bekannt⸗ ſchaft gegeben worden, und wiewohl der junge Mann ihm keineswegs mit Waͤrme entgegen ge⸗ kommen war, ſo hatte Eliſabeths Vater doch be⸗ harrlich ihn aufgeſucht, und die beſcheidene Zu⸗ ruͤckhaltung ſeines jungen Vetters entſchuldigk, der denn auch endlich, als Eliſabeth in den er⸗ ſten Bluͤte ihrer Reize einſt in den Fruͤhlings⸗ monaten mit ihrem Vater in London war, ge⸗ zwungen wurde, ſich vorſtellen zu laſſen. Er war zu jener Zeit, wo er ſich der Rechts⸗ wiſſenſchaft befließ, noch ſehr jung und Eliſabeth fand ihn ſo ungemein angenehm, daß alle zu ſeinen Gunſten gemachten Entwuͤrfe beſtaͤtigt wur⸗ den. Man lnd ihn ein, den Landſitz Kellynch⸗ Hall zu beſuchen; man ſprach waͤhrend des gan⸗ zen uͤbrigen Jahres von ihm und erwartete ihn, aber er ließ ſich nicht ſehen. Im naͤchſten Fruͤh⸗ linge ſah man ihn wieder in der Hauptſtadt, fand ihn eben ſo liebenswuͤrdig, ermunterte, lud und erwartete ihn wieder, aber er kam wieder nicht, und die naͤchſte Botſchaft war die Nach⸗ richt von ſeiner Vermaͤhlung. Statt ſein Gluͤck 6 ¹ * 14 auf dem Wege zu ſuchen, der dem Erben des Hauſes Elliot vorgezeichnet war, hatte er durch die Verbindung mit einer reichen Frau von ge⸗ ringer Herkunft ein unabhaͤngiges Loos geſucht. Der Baronet war empfindlich daruͤber. Als Haupt der Familie haͤtte man ihn, meinte er, um Rath fragen ſollen, zumahl da er den jun⸗ gen Mann bei zwei oder drei Gelegenheiten oͤffentlich bei der Hand genommen, wo man ſie nothwendig hatte bemerken muͤſſen. Er verhehl⸗ te auch ſeine Mißbilligung nicht, aber man ſchien ſich wenig darum zu bekuͤmmern. Der junge Elliot ſuchte ſich gar nicht zu entſchuldigen und waͤhrend es ihm, wie alles verrieth, gleichgiltig war, ob ſeine Verwandten ihn laͤnger beachteten, hielt ihn der Baronet ſeiner Aufmerkſamkeit unwuͤrdig. Alle Verbindung ward abgebrochen. Eliſabeth. konnte, auch nach Verlauf von meh⸗ ren Jahren, nicht ohne Unmuth an des Vetters unartiges Benehmen denken; ſie war dem Man⸗ ne gewogen geweſen, weil er ihr gefiel, und noch mehr weil er der Erbe ihres Vaters war, deſſen Ahnenſtolz nur in ihm einem ebenbuͤrti⸗ gen Gemahl fuͤr des Baronets, Sir Walter —————————————— 15 Elliot, aͤlteſte Tochter finden konnte. Es gab auch keinen Baronet von A bis 3, den ihre Ge⸗ fuͤhle ſo gern als ebenbuͤrtig haͤtten— anerken⸗ nen koͤnnen; aber er hatte ſich ſo erbaͤrmlich be⸗ nommen, daß ſie, ungeachtet ſie zu jener Zeit, im Sommer des Jahres 1314, ein ſchwarzes Band fuͤr ſeine Frau trug, doch nicht annehmen konnte, er waͤre es werth, daß ſie noch einmahl an ihn daͤchte. Die Schmach ſeiner erſten Ehe haͤtte ſich vielleicht, da ſie kinderlos geblieben war, noch vergeſſen laſſen, wenn ihm nicht noch etwas Schlimmeres zur Laſt gefallen waͤre: denn er hatte, wie ihnen durch die Dienſtfertigkeit guͤtiger Freunde zu Ohren gekommen war, ſehr unehrerbietig von ihnen allen, ſehr geringſchaͤtzig und verachtend von dem Blute geſprochen, wozu er gehoͤrte, und von der Ehrenſtufe, die er kuͤnf⸗ tig ſelber einnehmen ſollte. Wie hätte dieß ver⸗ ziehen werden koͤnnen! Das waren Eliſabeths Seſinnungen und Ge⸗ fuhle; das die Sorgen, die ſie lindern, die un⸗ ruhe, die ſie zerſtrenen mußte, das war die Ein⸗ foͤrmigkeit und die Annehmlichkeit, das Gute und das Richts, das waren die Gefuͤhle, womit ſie den le angen Aufenthalt in dem ewigen Einer⸗ lei eines laͤndlichen Kreiſes anziehend machen, womit ſie ſich in leeren Augenblicken beſchaͤfti⸗ gen ſollte, zu deren Ausfullung ſie weder durch die Gewohnheit, außer dem Hauſe nuͤtzlich zu wirken, noch durch Gaben und Vorzuͤge zur Verſchoͤnerung des haͤuslichen Lebens, in Stand geſebt ward. Andre Sorgen, andre Seihintine kamen bald dazu. Ihr Vater gerieth in Geldverlegen⸗ heiten. Sie wußte es, er nahm das Adelsbuch nur in der Abſicht zur Hand, um die leidigen Rechnungen der Kaufleute und die unwillkomme⸗ nen Winke ſeines Geſchaͤftfuͤhrers, Shepherd, ſich aus den Gedanken zu ſchlagen. Der Land⸗ ſitz Kellynch war anſehnlich, aber doch nicht ein⸗ traͤglich genug zur Beſtreitung des Aufwandes, den der Beſitzer deſſelben, nach des Baronets Meinung, machen mußte. So lange ſeine Frau lebte, herrſchte ſo viel Ordnung, Maͤßigkeit und Sparſamkeit in ſeinem Hausweſen, daß ſeine Einkuͤnfte nicht uͤberſchritten wurden; mit ihrem Tode aber hatte dieſe Rechtlichkeit ein Ende ge⸗ nommen und von der Zeit an war er immer 17 uͤber ſeine Einnahme hinaus gegangen. Es war ihm nicht moͤglich geweſen, weniger auszugeben; er hatte ja nichts gethan, als was er, der Ba⸗ ronet, nothwendig thun mußte; aber ſo unta⸗ delig er war, er hatte ſich tief in Schulden ge⸗ ſteckt, und mußte ſo oft davon hoͤren, daß es ein vergeblicher Verſuch geweſen ſeyn wuͤrde, ſei— ne Lage auch nur theilweiſe vor ſeiner Tochter zu verbergen. Er hatte ihr im letzten Fruͤhlinge in der Stadt einige Winke daruͤber gegeben; ja er war ſo weit gegangen, ſie zu fragen:„Koͤn⸗ nen wir uns einſchraͤnken? Weißt Du irgend et⸗ was, worin wir uns einſchranken koͤnnten?“ Man muß es Fraͤulein Eliſabeth nachruͤhmen, daß ſie in der erſten Aufwallung ihrer Unruhe ernſtlich nachdachte, was gethan werden koͤnnte, und endlich ſchlug ſie als Einſchraͤnkungen vor, einige unnoͤthige Almoſen einzuziehen, und die neue Einrichtung des Beſuchzimmers aufzugeben, wozu ſie ſpaͤterhin noch den Vorſchlag fuͤgte, ih⸗ rer Schweſter Anna das Geſchenk zu entziehen, das man ihr gewoͤhnlich in jedem Jahre gege⸗ ben hatte. Dieſe Maßregeln aber waren unzu⸗ känglich gegen das Uebel, und der Baronet ſah B ———— ch bald genöthigt, ihr den ganzen Umfans deſelben zu entdecken: Eliſabeth wußte kein wirk⸗ ſameres Mittel vorzuſchlagen. Sie hielt ſich für gemißhandelt und unglucklich, wie ihr Vater, und ſie wußte ſo wenig als er, wie die Ausgaben ver⸗ mindert werden koͤnnten, ohne der Wuͤrde des Hauſes etwas zu vergeben, oder ihre Bequemlich⸗ keit auf eine unertraͤgliche Weiſe einzubuͤßen. Nur ein kleiner Theil ſeines Landgutes war des Baronets freier Verfuͤgung uͤberlaſſen; aber wenn auch jeder Morgen Landes veraͤußerlich ge⸗ weſen waͤre, er wuͤrde ſich nie dazu verſtanben haben, es zu verkaufen. Rein, nie haͤtte er ſeinem Nahmen ſolche Schmach aufladen moͤgen; das Gut Kellynch ſollte ganz und unzerſtuͤckt, wie er es echaite⸗ auf die Nachkommen ge⸗ langen. Die beiden Hausfreunde, Herr Shepherd, der im nahen Marktflecken wohnte, und Frau Ruſſel, wurden um Rath gefragt; aber Vater und Tochter ſchienen zu erwarten, daß der Eine, oder die Andre etwas ausſinnen würde, wo⸗ durch der augenblicklichen Verlegenheit abgehol⸗ fen, und Aufuenengeſränt werden koͤnn⸗ 99 te, ohne daß man irgend einen Genuß aufgeben duͤrfte, den Neigung, oder Stolz foderte. * Herr Shepherd war ein hoͤflicher, behutſamer Rechtsmann, und wieviel er auch uͤber den Ba— ronet vermochte, oder welche Abſichten er auf ihn hatte, zu dem Unangenehmen wollte er lie⸗ ber jeden Andern rathen laſſen. Er lehnte es mit vielen Entſchuldigungen ab, auch nur den leiſeſten Wint zu geben, und bat bloß um Er⸗ lanbniß, ein unbedingtes Vertrauen auf die treff⸗ liche Beurtheilung der Frau Ruſſel zu empfehlen, in der veſten Zuverſicht, daß der Verſtand, wo⸗ burch ſie ſich, wie bekannt, auszeichnete, gerade die durchgreifenden Maßregeln anrathen werde, die er am Ende angenommen zu ſchen erwarten muͤßte. Frau Ruſſel erwog die Angelegenheit ſehr eifrig und ernſtlich. Sie beſaß mehr geſun⸗ den, als ſchnell faſſenden Verſtand, und es ward B 2 1* 1 * 6 3 —— ————— 2 5—— *. 3 —— ⸗ — S— ₰ ———— =— — —„ chr ungemein ſchwer, hier zu einer Entſcheidung zu kommen, wo zwei widerſtreitende Grundſaͤtze ſich entgegen ſtanden. Sie hatte ſelbſt ſtrenge Rechtlichkeit und zartes Ehrgefuͤhl; aber ſie wuͤnſch⸗ te ſo ſehr, des Baronets Gefuͤhl zu ſchonen, ſie war ſo eifrig bedacht, das Anſehen der Familie zu erhalten, und ſo adelſtolz in ihren Anſichten uͤber dasjenige, was ihren Freunden gebuͤhrte, als es eine verſtaͤndige und redliche Frau nur immer ſein konnte. Eine wohlwollende, mildthaͤtige, gute Fran, und warmer Zuneigung fahig; durchaus unbeſcholten in ihrem Wandel, ſtrenge in ihren Anſichten vom Anſtande, und von muſterhaft fei⸗ ner Lebensart; ſie hatte einen gebildeten Geiſt und war im allgemeinen verſtändig und einig in ihren Anſichten; aber der Ahnenſtolz hatte Vor⸗ urtheile in ihr genaͤhrt, und ſie achtete Rang und buͤrgerliches Anſchen ſo hoch, daß ſie ein wenig blind gegen die Fehler derjenigen wurde, welche jene Vorzuͤge beſaßen. Als die Witwe eines Edelmannes von geringerm Range, weihte ſie der Wuͤrde eines Baronets alle gebuͤhrende Achtung, und auch abgeſehen von den Anſpruͤ⸗ chen, die Sir Walter als alter Bekannter, als 21 aufmerkſamer Nachbar, als gefaͤlliger Gutsherr, als der Gemahl ihrer theuren Freundinn, als Anna's und deren Schweſtern Vater, machen konnte, war er ſchon als Baronet, nach ihrer Meinung, bei ſeinen Bedraͤngniſſen eines innigen Mitleids und beſonderer Ruͤckſicht wuͤrdig. Einſchraͤnkungen mußten gemacht werden; das war nicht zu bezweifeln; aber Frau Ruſſel wollte dabei ihm und Eliſabeth ſo wenig als moͤg⸗ lich ein ſchmerzliches Gefuͤhl erwecken. Sie mach⸗ te Entwuͤrfe zu Erſparungen, ſie ließ ſich in ge⸗ naue Berechnungen ein, und, woran ſonſt Nie⸗ mand dachte, ſie zog auch Anna zu Rathe, wel⸗ che von den Andern behandelt wurde, als ob die ganze Sache ihr voͤllig fremd waͤre. Anna's Meinung war nicht ohne Einfluß auf den Ent⸗ wurf zu Erſparungen, den ſie endlich dem Ba⸗ ronet vorlegte. Jede Veraͤnderung, die Anna darin gemacht hatte, war von dem Grundſatze ausgegangen, daß Redlichkeit mehr als Wichtig⸗ thun gelten muͤßte: ſie wuͤnſchte noch kraͤftigere Maßregeln; eine noch vollſtaͤndigere Umwandlung des Hausweſens, eine ſchnellere Befreiung von Schulden, und eine lauter ausgeſprochene Gleich⸗ giltigkeit gegen alles, nur nicht gegen* keit und Billigkeit. Koͤnnen wir ihren Vater zu allen dieſen Vor⸗ ſchlaͤgen bereden, ſprach Frau Ruſſel, ihre Schrift ͤberblickend: ſo kann viel gethan werden. In ſieben Jahren iſt er ſchuldenfrei, wenn er dieſe Einrichtungen ſich gefallen laͤßt, und ich hoffe, wir werden ihn und Eliſabeth uͤberzeugen kön⸗ nen, daß Kellynch⸗Hall, trotz aller dieſer Ein⸗ ſchraͤnkungen, dennoch ein achtbarer Wohnſitz bleiben wird, und daß Sir Walter Elliot's wah⸗ re Wuͤrde in den Augen verſtaͤndiger Menſchen keineswegs vermindert werden kann, wenn er als Mann von Grundſaͤtzen handelt. Was wird er denn auch anders thun, als was ſehr viele unſerer erſten Haͤuſer gethan haben, oder thun ſollten? Es iſt gar nichts Sonderbares in dieſem Falle, und ſolche Sonderbarkeit macht eben oft das Schlimmſte in unſern Leiden, wie immer in unſerm Benehmen. Ich habe große Hoffnung, es ſoll uns gelingen. Wir muͤſſen ernſthaft und entſchloſſen ſein; denn am Ende muß doch be⸗ zahlen, wer Schulden gemacht hat, und wie viel Schonung auch dem Gefuͤhle eines Edelmanns und eines Familienhauptes gebuͤhrt, ſo kommt doch noch weit mehr auf den Ruf eines reblichen Mannes an. Dieß war der Grundſatz, welchem, nach An— na's Wunſche, ihr Vater folgen ſollte; und den ſeine Freunde, wie ſie meinte, ihm dringend em⸗ pfehlen muͤßten. Sie hielt es fuͤr unumgaͤngliche Pflicht, die Anſpruͤche der Glaͤubiger ſo ſchnell zu befriedigen, als es bei der durchgreifendſten Einſchraͤnkung im Hausweſen nur irgend moög— lich war, und ſah nur in dieſer Maßregel allein etwas Wuͤrdiges. Sie wollte dieſen Schritt vor⸗ geſchrieben wiſſen, weil ſie ihn fuͤr Pflicht hielt. Sie rechnete viel auf den Einfluß der Frau Ruſe ſel, und da ſie ſelber zu einem hohen Grade von Selbſtverlaͤugnung ſich faͤhig fuͤhlte, ſo glaubte ſie, es werde nicht viel ſchwieriger ſein, ihre An⸗ gehoͤrigen zu einer vollſtändigen, als zu einer halben Umwandlung zu bewegen. Wie ſie ihren Vater und Eliſabeth kannte, mußte ſie glauben, daß man es kaum fuͤr weniger ſchmerzlicher hal⸗ ten werde, ein Paar Kutſchpferde, als beide Paare, aufzuopfern, und ſo ging ſie durch das ganze Verzeichniß der ſchonenden Einſchraͤnkun⸗ gen, die Frau Ruſſel vorſchlug. ——— 24 Es iſt uͤberfluͤſſig, zu fragen, welche Aufnah⸗ me Anna's ſtrengere Foderungen gefunden haben wuͤrden; denn was Frau Ruſſel verlangte, wur⸗ de fuͤr unausfuͤhrbar und unertraͤglich erklaͤrt. Wie! jede Bequemlichkeit des Lebens ſich entzie⸗ hen? Reiſen, Aufenthalt in London, Diener⸗ ſchaft, Pferde, Tafel— uͤberall Verminderungen und Beſchraͤnkungen! Wie, er ſollte nicht laͤnger mit dem Anſtande leben, der einem gebildeten Mann gebuͤhrte? Nein, lieber wollte er Kellynch⸗ Hall ganz verlaſſen, als laͤnger unter ſo ſchmaͤh⸗ lichen Bedingungen da bleiben. Kellynch⸗Hall verlaſſen! Dieſer Wink ward alsbald von Shepherd ergriffen, deſſen Vortheil es verlangte, daß ſich der Baronet zu Einſchran⸗ kungen bequemte, und der vollkommen uͤberzeugt war, daß ohne Veraͤnderung des Aufenthalts nichts geſchehen wuͤrde. Da ein ſolcher Gedan⸗ ke, aͤußerte er, von Demjenigen ausgegangen waͤre, der ihn vorſchreiben muͤßte, ſo wollte er unbedenklich geſtehen, er waͤre ganz derſelben Meinung. Es ſchien ihm nicht moͤglich zu ſein, daß der Baronet eine weſentliche Aenderung ſei⸗ ner Lebensweiſe in einem Hauſe einfuͤhren koͤnnte, 25 das den Ruf der Gaſtfreundſchaft und alter Wuͤr⸗ de erhalten muͤßte. An jedem andern Orte koͤnnte ſein Goͤnner allein der eigenen Anſicht folgen, und glauben, Niemand wuͤrde es ihm verdenken, wenn er ſein Hausweſen nach Belieben einrichtete. Der Baronet wollte ſein Landgut verlaſſen, und als er noch einige Tage in Zweifel und Un⸗ ſchlͤſſigkeit geſchwankt hatte, war auch die große Frage, wohin er ſich begeben wollte, entſchieden, und der erſte Umriß der wichtigen Lebensveraͤn⸗ derung im Reinen. Man hatte unter drei Vorſchlaͤgen gewaͤhlt: London, Bath, oder ein anderes Landhaus. An⸗ na war ganz fuͤr den letzten Vorſchlag. Ein kleines Haus in der Umgegend, wo ſie den um⸗ gang der Frau Ruſſel genießen, in Mariens Naͤhe leben, und zuweilen das Vergnuͤgen haben koͤnnten, die Raſenplaͤtze und Luſtwaͤldchen von Kellynch⸗Hall zu ſehen— darauf waren ihre Wuͤnſche gerichtet. Es war jedoch Anna's ge⸗ woͤhnliches Schickſal, gerade dasjenige gewaͤhlt zu ſehen, was ihrer Neigung entgegen war, und Bath, das ſie nicht leiden konnte, ſollte ihr kuͤnſ⸗ tiger Wohnort ſein. Der Baronet war anfangs mehr fuͤr London geweſen; Herr Shepherd aber, der wohl einſah, daß er ſeinem Goͤnner bei dem Aufenthalte in London nicht trauen koͤnnte, wußte geſchickt da⸗ von abzurathen; und Bath den Vorzug zu ver⸗ ſchaffen. Es waͤre ein angemeſſenerer Wohnſitz fuͤr einen Mann wie der Baronet, ſagte er, und dieſer koͤnnte dort eine bedeutende Rolle mit ei⸗ nem verhaͤltnißmaͤßig geringen Aufwande ſpielen. Bath beſaß zwei weſentliche Vorzuͤge vor London, die wahrſcheinlich entſchieden hatten; es war nur ungefaͤhr eine Tagereiſe von Kellynch entfernt, und Frau Ruſſel brachte jaͤhrlich einen Theil des Winters daſelbſt zu. Sie hatte gleich an⸗ fangs für Bath geſtimmt, und es war ihr ſehr angenehm, daß der Baronet und Eliſabeth glaub⸗ ten, ſie wuͤrden weder von ihrem Anſehen, noch von ihren Genuͤſſen etwas verlieren, wenn ſie ſich dort niederließen. Frau Ruſſel mußte ſich den bekannten Wän⸗ ſchen ihrer lieben Anna entgegen ſetzen. Es hieße, meinte ſie, zu viel von dem Baronet ver⸗ langen, wenn man ihm anſinnen wollte, ein klei⸗ nes Haus in der Umgegend zu bewohnen. Fuͤr 27 Anna ſelber wuͤrde es, ſetzte die Freundin hinzu, demuͤthigender geweſen ſein, als ſie vorausſah, und fuͤr ihres Vaters Gefuͤhle waͤre die Demuͤthi⸗ gung ſchrecklich geweſen. Anna's Abneigung gegen Bath nannte Frau Ruſſel Vorurtheil und⸗Miß⸗ verſtaͤndniß, woran der Umſtand Schuld ſein ſollte, daß Anna dort nach ihrer Mutter Tode drei Jahre in der Schule geweſen war, und ſpaterhin, als ſie einen Winter mit ihrer Freundin daſelbſt zubrachte, ſich nicht ganz wohl befunden hatte. Frau Ruſſel liebte Bath, und meinte, es muͤß⸗ te Allen angenehm ſein, und auch fuͤr Anna's Geſundheit konnte alle Gefahr vermieden werden, wenn ſie die warme Jahrzeit bei ihrer Freun⸗ dinn in Kellynch zubrachte. Anna hatte, wie Frau Ruſſel glaubte, zu wenig außer dem Hauſe gelebt, zu wenig geſehen. Sie war nicht Kben⸗ dig genug, und in groͤßerer Geſellſchaft ſollte ſich dieſe Bloͤdigkeit verlieren. In der Umgegend eine Wohnung zu waͤhlen, war auch darum hoͤchſt unangenehm fuͤr den Ba⸗ ronet, weil es gluͤcklicher Weiſe, gleich von An⸗ fange an, zu dem entworfenen Plane gehoͤrte, daß er ſein Haus nicht nur verlaſſen, ſondern 28 auch in audern Haͤnden ſehen ſollte; eine Probe der Standhaftigkeit, die ſelbſt ſtärkere Seelen, als er, zu ſchwer gefunden haben wuͤrden. Kel⸗ lynch⸗Hall ſollte verpachtet werden! Aber das war ein tiefes Geheimniß, das fuͤr's Erſte nicht ůber den haͤuslichen Kreis hinaus kommen durfte. Der Baronet hätte die Herabwuͤrdigung nicht ertragen koͤnnen, wenn man gewußt haͤtte, daß er ſein Landgut zu verpachten geſonnen waͤre. Herr Shepherd hatte einmal das Wert Bekannt⸗ machung fallen laſſen, wagte es aber nie wie⸗ der, darauf zuruͤck zu kommen. Der Baronet verwarf den Gedanken, das Gut auf irgend eine Weiſe auszubieten; er verbot, auch nur den leiſeſten Wink zu geben, daß er eine ſolche Ab⸗ ſicht hätte, und nur wenn er freiwillig von ei⸗ nem ganz unbeſcholtenen Manne, als um eine große Gunſt und auf ſelbſt zu beſtimmende Be⸗ dingungen, darum erſucht wuͤrde, wollte er das Gut uͤberhaupt verpachten. Wie ſchnell kommen die Gruͤnde, etwas zu billigen, das wir lieben! Frau Ruſſel erhielt hald einen andern trefflichen Grund, ſich ſehr zu freuen, daß der Baronet und ſeine Angehoͤ⸗ 29 rigen die Gegend verließen. Eliſabeth hatte in der letzten Zeit eine Freundſchaft angeknuͤpft, die Frau Ruſſel zerriſſen zu ſehen wuͤnſchte. Es war eine vertraute Verbindung mit Shepherd's Tochter, die nach einer ungluͤcklichen Ehe mit zwei Kindern in ihres Vaters Haus zuruͤck ge⸗ kehrt war. Sie hatte viel Gewandtheit, und wußte zu gefallen, wenigſtens in Kellynch⸗Hall zu gefallen, und hatte ſich bei Fraͤulein Eliſa⸗ beth ſo ſehr eingeſchmeichelt, daß ſie ſchon mehr als einmahl im Schloſſe geblieben war, wie ſehr auch Frau Ruſſel, die eine ſolche Freund⸗ ſchaft fuͤr ganz unangemeſſen hielt, zu Behut⸗ ſamkeit und Zuruͤckhaltung ermahnen mochte. Frau Ruſſel vermochte nicht viel uͤber Eli⸗ ſabeth, und ſchien ſie faſt nur darum zu lieben, weil ſie es wollte, weniger weil Eliſabeth Liebe verdiente. Sie hatte nie mehr, als außere Be⸗ weiſe von Aufmerkſamkeit erhalten, nichts mehr als die Beobachtung hoͤflicher Umgangſitte, und es war ihr nie gelungen, irgend etwas gegen des Fraͤuleins vorgefaßte Neigung durchzuſeten. Mehr als einmahl hatte ſie ſehr ernſtlich den Wunſch ansgeſprochen, daß auch Anns ihren — 50 Vater und ihre Schweſter nach London begleiten noͤchte, da ſie lebhaft fuͤhlte, wie ungerecht und wie nachtheilig fuͤr den Ruf der Familie die ſelbſtiſche Einrichtung war, wodurch Anna aus⸗ geſchloſſen wurde, und bei vielen unbedeutendern Anläſſen hatte ſie ſich bemuͤht, Eliſabeth in den Vortheil zu ſetzen, ihr beſſeres Urtheil und ihre Erfahrung geltend zu machen; aber immer ver⸗ gebens. Eliſabeth wollte ihren eigenen Weg gehen, und nie hatte ſie ihn in entſchiedenerm Widerſpru⸗ che gegen Frau Ruſſel verfolgt, als bei der Wahl der Frau Clay. Sie entzog ſich dem Umgange ihrer trefflichen Schweſter, um ihre Zuneigung und ihr Vertrauen einer Frau zu ſchenken, der ſie nie nch als kalte Höftichkeit haͤtte beweiſen ſollen. Shepherd's Tochter war, wie Frau Ruſſel nle ihren Verhaltniſſ ſe nach, eine ſehr un⸗ gleiche nach ihrer Gemuͤthsart eine ſehr ge⸗ föhrliche Geſellſchafterinn, und daher war eine Entfernung, die eine Trennung von Frau Clay zur Folge haben, und Fraͤulein Eliſabeth Gele⸗ genheit geben mußte, ſich paſſendere Freundinnen Ju waͤhlen, ein Umſtand von hoher Wichtigkeit. 4 1„— 7 3 4 III. Erſauben Sie mir zu bemerken, ſprach eines Morgens Herr Shepherd zu dem Baronet, als er eine Zeitung ihm vorlegte: daß die gegenwaͤr⸗ tigen Umſtaͤnde uns ſehr guͤnſtig ſind. Der Friede wird alle unſre reichen See/Offiziere an's Land bringen. Jeder braucht eine Heimath. Es könn⸗ te keine beſſere Zeit geben, ſich Miethleute zu waͤhlen, ſehr zahlungfaͤhige Miethleute. Man: cher hat im Kriege ein ſchöͤnes Gluck gemacht. Wenn uns ſo ein reicher Abmiral in den Weg kaͤme— 8 Nun, er wuͤrde ein ſehr gluͤcklicher Mann ſein, erwiederte der Baronet, das iſt alles, was ich dazu ſagen kann. Kellynch⸗Hall wuͤrde eine Priſe fͤr ihn ſein, die köſtlichſte Priſe von allen, und wenn er vorher auch noch ſo viele ge macht hätte. Nicht wahr, Shepherd? Shepherd lachte uͤber dieſen Witz, wie er wußte, daß es erwartet wurde, und fuͤgte hinzu: „Ich wage die Bemerkung, daß mit den Herrn See⸗Offizieren ſich in Geſchaͤften gut auskom⸗ men laͤßt. Ich habe ein bischen Gelegenheit gehabt, ihre Art kennen zu lernen, und ich muß geſtehen, daß ſie ſehr edle Geſinnungen haben, und wohl ſo gute Miethleute ſein moͤgen, als ſonſt irgend Jemand. Ich wollte mir daher die Freiheit nehmen, die Bemerkung zu machen, wenn etwa das Geruͤcht von ihrem Vorhaben ſich verbreiten ſollte— was doch ſehr moͤglich ſein koͤnnte, da wir ja wiſſen, wie ſchwer es iſt, die Handlungen und Abſichten eines Theiles der Menſchen gegen die Aufmerkſamkeit und Neugier Anderer zu bewahren— wer in Anſehen ſteht, muß nun einmahl dafuͤr etwas tragen— ich zum Beiſpiel koͤnnte meine Familienangelegen⸗ heiten verbergen, wie's mir beliebt, weil es Nie⸗ mand der Muhe werth hält, mich zu beobachten; aber auf Sir Walter Elliot ſind Augen gerich⸗ tet, welchen ſich nicht leicht ausweichen laͤßt. Es ſollte mich daher gar nicht Wunder nehmen, wenn bei aller unſerer Vorſicht das Geruͤcht die 335 Wahrheit ausbreitete, und da nun in einem ſolchen Falle ohne allen Zweifel Anfragen Statt finden wuͤrden, ſo ſollte ich meinen, es möchte einer von unſern reichen See⸗Offizieren beſon⸗ derer Aufmerkſamkeit wuͤrdig ſein, und ich er⸗ laube mir, hinzu zu ſetzen, daß ich zu jeder Zeit in zwei Stunden hier ſein kann, um Ih⸗ nen die Muͤhe einer Antwort zu erſparen.“ Der Baronet antwortete nur mit einem Kopfnicken. Bald nachher aber erhob er ſich, und auf und nieder gehend, bemerkte er ſpot⸗ tiſch:„Es ſind wohl wenige unter dieſen Herrn See⸗Offizieren, ſollt' ich denken, die ſich nicht mit Verwunderung in einem Hauſe wie ds finden wuͤrden.“ Ei ja, ſie wuͤrden ſih wohl S0 und ihr Gluͤck ſegnen, ſprach Frau Clay, die auch zugegen war; denn ihr Vater hatte ſie mitfah⸗ ren laſſen, weil füͤr ihre Geſundheit nichts ſo wohlthaͤtig war, als eine Fahrt nach Kellynch⸗ Hall. Aber ich bin ganz meines Vaters Mei⸗ nung, ein Seemann wuͤrde ein ſehr erwuͤnſchter Miethmann ſein. Ich habe Gelegenheit gehabt, viel von ihrem Thun und Treihen kennen zu C 34 lernen, und von ihrer Freigebigkeit abgeſehen, ſind ſie auch in allen Dingen ſo reinlich und ſorg⸗ ſam. Dieſe koſtbaren Gemaͤhlde wuͤrden ganz ſicher ſein, wenn Sie die Bilder etwa hier laſſen wollten. Es wuͤrde fuͤr alles in und außer dem Hauſe auf's Beſte geſorgt werden, und die Gaͤr⸗ ten und Geſtraͤuche wuͤrde man in der guten Ordnung erhalten, worin ſie jetzt ſind. Sie duͤrf⸗ ten nicht beſorgt ſein, Fräulein Elliot, daß ihr alerlicbſies Blumengaͤrtchen vurnchllbig wuͤrde. Ich kann daruͤber nichts ſagen, erwiederte der Baronet kalt: denn wofern ich mich auch bewegen ließe, mein Haus Jemanden zu uͤber⸗ laſſen, ſo bin ich doch noch gar nicht mit mir einig, welche Vorrechte ich damit verbinden wuͤrde. Ich habe nicht ſonderlich viel Luſt, einen Mieth⸗ mann zu beguͤnſtigen. Der Park wuͤrde ihm frei⸗ lich offen ſtehen, und wohl nur wentge See⸗Offi⸗ ziere, oder auch ſonſt Leute von irgend einer Art, wuͤrden je einen ſolchen Spaziergang gehabt ha⸗ ben; aber mit welchen Einſchraͤnkungen ich die Benutzung der Luſtanlagen geſtatten wuͤrde, das iſt eine andre Frage. Ich wuͤrde es wohl nicht *X* — — 36 gern haben, daß meine Gebuͤſche immer zugaͤng⸗ lich waͤren, und ich moͤchte meiner Tochter ra— then, fuͤr ihren Blumengarten auch beſorgt zu ſein. In der That, ich habe wenig Luſt, einem Miethmanne beſondre Gunſt zu beweiſen, mag er Seemann oder Soldat ſein. Nach einer kurzen Pauſe wagte Shepherd die Bemerkung:„In allen dieſen Faͤllen beſte⸗ hen gewiſſe herkömmliche Gebraͤuche, die alle Verhältniſſe zwiſchen Gutsherrn und Pachter klar und unſchwierig machen. Ihe Vortheil, gnaͤdiger Herr, iſt in ſichern Haͤnden. Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich Sorge tragen werde, keinem Miethmanne mehr zu geben, als was ihm nach ſtrengem Rechte zukommt. Ich erlau⸗ be mir die Bemerkung, daß Sie, gnaͤdiger Herr, nicht halb ſo beſorgt für ihr Eigenthum ſein koͤnnen, als ich es ſein werde.“ Die Seeleute, hob Anna an, haben ſo viel fuͤr uns gethan, daß ſie wohl eben ſo großen Anſpruch, als ſonſt irgend Jemand, auf alle Bequemlichkeiten und alle Vorrechte haben, die eine Heimath geben kann. Wir muͤſſen wohl alle zugeben, daß die Sceleute ſich die Bequem⸗ C 2 36 lichkeiten des Lebens mit ſchwerer Arbeit ver⸗ dienen. Sehr wahr! ſehr wahr! Fräulein Anna hat ganz recht, erwiederte Shepherd. O gewiß! ſetzte ſeine Tochter hinzu. Der Stand hat ſeinen Nutzen, bemerkte darauf der Baronet, aber ich mochte doch nicht gern, daß Einer von meinen Freunden dazu ge⸗ hörte. Wirklich? antwortete man mit einem Blicke der Ueberraſchung. Ja, zwei Dinge ſind mir anſtößig dabei, zwei wichtige Einwendungen hab ich dagegen. Fuͤr's Erſte gibt dieſes Gewerbe Anlaß, Leute von geringer Herkunft zu ungebuͤhrlicher Aus⸗ zeichnung zu bringen, und Leuten Ehrenbezei⸗ gungen zu verſchaffen, wovon ſich ihre Voraͤltern nichts träumen ließen, und fuͤr's Andre reibt dieſes Gewerbe die Jugendkraft der Menſchen auf eine furchtbare Weiſe auf. Ein Seemann wird ſchneller alt, als ſonſt Jemand; ich habe das mein Lebelang bemerkt. Im Serdienſt iſt ein Mann in größerer Gefahr, durch das Em⸗ porkommen von Jemand beleidigt zu werden, 37 mit deſſen Vater ſein Vater zu ſprechen ver⸗ ſchmaͤht haben wuͤrde, und auch fruͤhzeitiger ſel⸗ ber ein Gegenſtand des Widerwillens zu wer⸗ den, als in jedem andern Stande. Im vori⸗ gen Fruͤhjahr war ich in London mit zwei Maͤn⸗ nern in Geſellſchaft, die auffallende Beweiſe fuͤr meine Behauptung abgeben konnten. Der Eine war Lord St. Jves, deſſen Vater, wie wir Alle wiſſen, ein hungriger Dorfpfarrer war; ich mußte ihm den Vorrang laſſen, und einem gewiſſen Admiral Baldwin— ich kann nicht beſchreiben, wie klaͤglich der ausſah, ein Geſicht wie Mahogany, rauh und wild, lauter Linien und Runzeln— neun graue Haͤrchen auf einer Seite und nichts als einen Klecks Puder auf dem Scheitel. Um's Himmels wil⸗ len, wer iſt der alte Mann? fragte ich einen Freund, der neben mir ſtand.„Alter Mann! erwiederte er. Es iſt Admiral Baldwin? Und wie alt ſchaͤtzen Sie ihn?“ Sechzig, ſagte ich, oder vielleicht zwei und ſechzig.„Vierzig, ant⸗ wortete mein Freund, vierzig und nicht mehr.““ Denken Sie ſich mein Erſtaunen! Nein, den Admiral Baldwin vergeſſe ich nicht ſo leicht. 38 Ich habe nie in einem ſo ungluͤcklichen Beiſpie⸗ le geſchen, was das Sceleben thun kann. Aber ſo gehts mehr oder weniger Allen; ſie werden hinausgeſtoßen, jeder Luft und jeder Witterung ausgeſetzt, bis man ſie nicht mehr anſehen kann. Schade, daß man ſie nicht lieber gleich auf den Kopf ſchlägt, ehe ſie ſo alt wer⸗ den, als Admiral Baldwin. Ei, das iſt doch ſehr ſtrenge geſagt! ſprach Frau Clay. Haben Sie doch ein Bischen Mit⸗ leid mit den armen Leuten! Wir ſind ja nicht alle hubſch geboren. Die See verſchoͤnert frei— lich nicht; Seeleute werden alt vor der Zeit, das hab' ich oft bemerkt, und verlieren fruͤh das jugendliche Anſehen. Aber iſt's denn nicht eben ſo bei vielen andern Gewerben, oder gar bei den meiſten? Soldaten im Landkriege geht's nicht beſſer, und ſelbſt in ruhigern Berufsarten muß ſich der Geiſt plagen und abmuͤhen, wenn nicht der Leib, und dabei behaͤlt der Menſch ſelten das Anſehn, das er nach dem naturlichen Laufe der Zeit haben ſollte. Der Rechtsgelehrte plackt ſich und wird durch Sorgen aufgerieben; der Arzt iſt zu allen Stunden auf und reiſet bei —— 39 jedem Wetter, und ſelbſt der Geiſtliche— ſie ſchwieg einen Augenblick, erwaͤgend, was fuͤr den Geiſtlichen paßte— ja ſelbſt der Geiſtliche muß, wie Sie wiſſen, anſteckende Kranke be⸗ ſuchen, ſeine Geſundheit und ſein gutes Aus⸗ ſehen in einer vergiſteten Atmoſphaͤre daran wagen. Kurz, wie ich ſchon laͤngſt uͤberzeugt geweſen bin, jeder Stand iſt zwar an ſeinem Platze noͤthig und ehrenvoll, aber nur denjeni⸗ gen, die nicht genoͤthiget ſind, einem Berufe zu folgen, die auf dem Lande eine regelmaͤßige Lebensordnung beobachten können, die Herren ihrer Zeit ſind, nach ihrem Belieben ſich be⸗ ſchaͤftigen und auf ihrem Eigenthum leben, nur ihnen allein faͤllt das Loos, meine ich, den Se⸗ gen der Geſundheit und eines guten Ausſehens auf's Laͤngſte zu bewahren. Ich kenne ſonſt keine Art von Leuten, die nicht etwas von ihrer angenehmen Bildung verloͤren, wenn ſie nicht mehr ganz jung ſind. Es hatte das Anſehen, als ob Herr Shepherd, bei ſeiner eifrigen Bemuͤhung, dem Baronet ei⸗ nen See⸗Offizier zum Miethmann zu empfehlen, mit Sehergabe ausgeruͤſtet geweſen waͤre; denn 40 die erſte Nachfrage nach dem Landhauſe kam vom Abmiral Croft, den er bald nachher bei der Gerichtſitzung in Taunton traf, und er hatte allerdings auch aus London von einem Geſchaͤft⸗ fuͤhrer des Admirals einen Wink erhaltén. Nach dem Berichte, den er in Kellynch⸗Hall abzulegen ſich beeilte, war Admiral Croft aus der Graf⸗ ſchaft Somerſet, hatte ſich ein huͤbſches Vermoͤ⸗ gen erworben, wuͤnſchte ſich in ſeiner Heimath niederzulaſſen und war nach Taunton gekommen, um einige zu veraͤußernde Landguͤter in jener Gegend anzuſehen, die ihm aber nicht gefallen hatten. Bei der Gelegenheit war ihm denn zu⸗ fällig zu Ohren gekommen,— Herr Shepherd hatte es ja voraus geſagt, des Baronet's Ange⸗ legenheiten ließen ſich nicht geheim halten— daß Kellynch⸗Hall vielleicht zu haben waͤre, und da ihm Shepherd's Verbindung mit dem Eigenthuͤ⸗ mer bekannt geworden war, ſo hatte er ſich an ihn gewendet, um das Naͤhere zu erfahren, und bei einer ziemlich langen Unterredung ein ſo leb⸗ haftes Verlangen nach dem Gute verrathen, als Jemand hegen konnte, der nur Beſchreibungen davon erhalten hatte. Shepherd wollte nach Al⸗ —— 41 lem, was er bei der Gelegenheit gehort, ſich uber⸗ zeugt haben, daß der Admiral ein ſehr zuver⸗ läſſiger und aller Empfehlung wuͤrdiger Mieth⸗ mann waͤr. Und wer iſt Admiral Croft? war des Ba⸗ ronet's kalte, argwoͤhniſche Frage. Shepherd antwortete, der Admiral waͤre von guter Herkunft, und nannte ſein Stamm⸗ haus. Er iſt Contre⸗Admiral von der weißen Flag⸗ ge, ſetzte Anna nach einer Pauſe hinzu. Er war in der Schlacht bei Trafalgar, und ſeitdem in Indien, wo er, wie ich glaube, mehre Jahre geweſen iſt. Nun, dann iſt ſein Geſicht ohne Zweifel ſo pomeranzengelb, als Kragen und Aufſchlaͤge an meiner Liverei, ſprach der Baronet. Shepherd verſicherte ſchnell, Admiral Croſt ſahe ſehr geſund, friſch und angenehm aus, zwar ein wenig gebraͤunt, doch gar nicht viel, waͤre uͤbrigens in ſeinen Geſinnungen und ſei⸗ nem Benehmen ein ſehr gebildeter Mann, wuͤr⸗ de keine Schwierigkeiten uͤber die Bedingungen machen; wuͤnſchte nur eine angenehme Wohnnng, 42 die er ſo bald als möglich beziehen könnte, wuͤßte recht gut, daß er fuͤr ſeine Begquemlichkeit zu bezahlen hätte, wuͤßte auch, wie viel ein voͤllig eingerichtetes Haus von ſolcher Bedeutung koſten koͤnnte, wuͤrde ſich auch nicht wundern, wenn der Baronet mehr fordern wollte, haͤtte zwar — wohl gewuͤnſcht, die grundherrlichen Rechte auch uͤbernehmen zu koͤnnen, machte ſich aber nicht viel daraus; ginge zwar zu Zeiten mit einer Flinte auf's Feld, ſchöſſe aber nie— kurz ein recht fei⸗ ner Mann. Herr Shepherd war beredſam uͤber den Ge genſtand, und ſetzte alle die haͤuslichen Umſtan⸗ de aus einander, die den Admiral zu einem ſehr willkommenen Miethmann machten. Der Seemann war zwar verheirathet, aber ohne Kinder, und gerade einen ſolchen Mann mußte man haben. Ein Haus wuͤrde nie gut beſorgt, wo keine Frau waͤre, meinte Shepherd, und er wuͤßte nicht, ſagte er, ob nicht das Hausgeraͤthe in eben ſo große Gefahr kaͤme, wo keine Frau waͤre, als wo es zu viele Kinder gaͤbe. Eine Hausfrau ohne Kinder war, nach ſeiner Verſi— cherung, die beßte Bewahrerin des Hausrathes. 43 Der Rechtsmann hatte auch des Admirals Ge⸗ mahlinn ſelber geſehen, die bei der ganzen Ver⸗ handlung zugegen geweſen war,„Eine recht beredſame, artige, kluge Frau ſchien ſie zu ſein, ſetzte er hinzu. Sie that mehr Fragen uͤber das Haus, die Bedingungen und die Ab⸗ gaben, als der Admiral ſelbſt, und ſchien ſich gut auf Geſchaͤfte zu verſtehen. Auch fand ich, gnadiger Herr, daß ſie nicht ganz unbekannt hier in unſrer Gegend iſt; ſie iſt naͤhmlich die Schweſter eines Herrn, der einmahl in unſter Nachbarſchaft wohnte, die Schweſter des Herrn, der vor einigen Jahren in Monkford ſich auf⸗ hielt. Ei wie hieß er denn gleich? Ich kann mich nicht ſogleich auf ſeinen Nahmen beſinnen, und habe ihn doch erſt vor Kurzem gehoͤrt. Liebe Pene⸗ lope! kannſt Du mich denn nicht auf den Nahmen von dem Herrn helfen, der in Monkford wohnte — der Bruder der Gemahlinn des Admirals. Frau Penelope Clay ſprach ſo eifrig mit Fraͤulein Eliſabeth, daß ſie den Aufruf nicht vernahm. Ich begreiſe nicht, wen ſie meinen koͤnnen, Shepherd, hob der Baronet an. Ich wuͤßte 44 nicht, was fuͤr ein Herr in Monkford gewohnt haͤtte, ſeit dem alten Gouverneur Trent. Ei das iſt doch ſeltſam! Ich vergeſſe am Ende gar meinen eigenen Nahmen. Ich habe den Nahmen ſo gut gekannt; den Herrn ſelber ſo gut von Anſehn gekannt, wohl hundertmahl ihn geſehen, habe ihm auch einmahl meinen Rath gegeben— Es war eine Streitigkeit mit den Nachbarn— Die Bauern hatten ſich an ſeinem Obſtgarten vergriffen, Aepfel geſtohlen, aber hinterher machte er alles in der Guͤte ab, gegen meinen Rath. Wunderlich, daß ich ihn vergeſſen kann! Sie meinen wohl Herrn Wentworth? ſprach Anna nach einer Pauſe. Wentworth, ja das iſt der Nahme! antwor⸗ tete Shepherd dankbar. Herr Wentworth, der war's. Er hatte die Pfarre von Monkford auf zwei bis drei Jahre, wie Sie ſich erinnern, gnaͤdiger Herr; etwa um das Jahr 1805 kam er, glaub' ich. Sie muͤſſen ſich ſeiner erinnern. Wentworth? O ja! Der Pfarrer in Monk⸗ ford. Ich wurde nur irre, weil Sie von einem Herrn ſprachen. Ich glaubte, Sie haͤtten ei⸗ 45 nen Gutsbeſitzer gemeint. Dieſer Herr Went— worth war nicht von Familie, ſo viel ich mich erinnere, hatte nichts zu thun mit dem Hauſe Strafford. Es iſt zu verwundern, wie die Nah⸗ men von vielen adeligen Geſchlechtern ſo gemein werden.*) Als Shepherd merkte, daß dieſe Verbindung die Familie Croft bei dem Baronet nicht em⸗ pfehlen konnte, ſprach er nicht weiter davon, und hob deſto eifriger die Umſtaͤnde hervor, wel⸗ che unbeſtreitbar zu ihrem Vortheile waren; ihr Alter, ihre zahlreichen Glieder, ihren Reichthum, die hohe Meinung, die ſie von Kellynch⸗Hall hatten, und ihren lebhaften Wunſch, das Lande gut in Pacht zu nehmen; und nach Shepherd's Aeußerungen hielten ſie es fuͤr das groͤßte Gluͤck, des Baronet's Miethleute zu ſein; gewiß eine ſelt⸗ ſame Neigung, wenn ſich haͤtte vorausſetzen laſſen, daß ſie mit des Baronet's Anſichten von den Pflich⸗ ten eines Miethmannes bekannt geweſen waͤren. *) Bekanntlich iſt der Geſchlechts⸗ oder Stammnahme des engliſchen Adels häufig verſchieden von dem Nahmen der adeligen Würde, oder des Lordstitels; wie z. B⸗ Wentworth der Stammnahme des Lords Strafford iſ 46 Die Sache hatte indeß guten Fortgang, und wiewohl der Baronet immer mit unguͤnſtigem Auge auf Jeden blicken mußte, der dieſes Haus zu bewohnen ſich vorſetzte, und ſelbſt wenn er die hoͤchſten Bedingungen haͤtte machen wollen, noch immer der Meinung war, daß ſein Mieth⸗ mann noch viel zu gut davon käme, wenn ihm auch die hoͤchſten Bedingungen aufgelegt werden ſollten, ſo ließ er ſich doch am Ende bewegen, ſeinem Rechtsfreunde den Abſchluß des Vertra⸗ ges zu uͤberlaſſen, und ihn zu ermächtigen, den Admiral in Taunton zu beſuchen, und den Tag zur Beſichtigung des Landgutes zu verabreden. Der Baronet war nicht allzuweiſe, aber er beſaß doch Weltkenntniß genug, um einzuſehen, daß er nicht leicht einen untadelhafteren Mieth⸗ mann, als Admiral Croft in jeder Hinſicht zu ſein ſchien, ſinden koͤnne. So viel ſagte ihm ſein Verſtand, und ſeine Eitelkeit fand auch noch eine kleine Milderung in des Admirals Rang, der gerade hoch genug, aber doch nicht zu hoch war.„Ich habe mein Landhaus an den Ad⸗ miral Croft vermiethet“ wuͤrde ſehr gut lauten, weit beſſer, als: an den Herrn N. R.— denn 47 der Herr, weil es ihrer vielleicht ein halbes Dutzend andre gleiches Nahmens gibt, muß im⸗ mer noch durch einen Zuſatz erlaͤutert werden. Ein Admiral verkuͤndigt durch ſeinen Nahmen ſchon ſeine Wichtigkeit, und konnte doch einen Baronet nicht verkleinern. In allen ihren Ver⸗ handlungen mußte Sir Walter Elliot ſtets den Vorrang haben. Ohne Beſprechung mit Eliſaboth konnte in⸗ deß nichts gethan werden; aber ihre Neigung zu einer Ortsveraͤnderung war ſo lebhaft gewor⸗ den, daß ſie ſich freute, als die Abreiſe beſtimmt und ein Miethmann gefunden war. Sie ſagte nicht ein Wort, um die Entſcheidung aufzuhalten. Shepherd erhielt unbeſchraͤnkte Vollmacht zum Abſchluſſe, und ſo bald es ſo weit gekom⸗ men war, erhob ſich Anna, die ſehr aufmerk⸗ ſam zugehoͤrt hatte, und ging hinaus, um im Freien ihre gluͤhende Wange zu kuͤhlen. Sie wandelte durch ihr liebes Waldchen, und ſprach mit einem leiſen Seußzer:„Noch einige Mo⸗ nate, und er wandelt vielleicht hier!“ 1V. Dieſer Er war nicht der ehemalige Pfarrer von Monkſord, wie leicht man es auch argwoͤh⸗ nen koͤnnte, ſondern ein Kapitain Friedrich Went⸗ worth, ſein Bruder, der durch ſeine Tapferkeit auf San Domingo ſich aufgeſchwungen hatte, aber weil er nicht ſogleich eine Anſtellung gefun⸗ den, im Sommer 1806 nach der Grafſchaft Somerſet gekommen war, wo er auf ein halbes Jahr eine Heimath in Monkford fand. Er war zu jener Zeit ein junger Mann von ausgezeich⸗ neter Schoͤnheit, verſtäͤndig, lebendig, und Anna ein ſehr huͤbſches Maͤdchen, voll Anmuth, Be⸗ ſcheidenheit, Geſchmack und Gefuhl. Halb ſo viel Anziehendes auf beiden Seiten wuͤrde ſchon genug geweſen ſein; denn er hatte nichts zu thun, und ſie kaum Jemand, den ſie haͤtte lieben koͤn⸗ nen; aber wo die Natur ſo verſchwenderiſch ihre 49 Vorzuͤge ausgetheilt hatte, konnte der Eindruck nicht ausbleiben. Sie wurden allmaͤhlig mit einander bekannt, und als ſie einmahl ſich kann⸗ ten, ſchnell und feurig verliebt. Es wuͤrde ſich ſchwer ſagen laſſen, wer von Beiden die hoͤchſte Vollkommenheit in dem Andern geſehen haͤtte, oder wer am Gluͤcklichſten geweſen waͤre, ſie, als ſie ſeine Erklaͤrungen und Antraͤge empfing, oder er, als er dieſelben angenommen ſah. Es folgte eine Zeit des ſchoͤnſten Gluͤckes, aber nur eine kurze. Bald gab es Stoͤrungen. Der Baronet, dem die Wuͤnſche der Liebenden eroͤffnet wurden, verweigerte zwar ſeine Einwil— ligung nicht ausdruͤcklich, und ſagte eben ſo we⸗ nig, daß er nie einwilligen werde; aber ſeine auffallende Ueberraſchung, ſeine auffallende Kälte, ſein auffallendes Stillſchweigen, und ſeine Erklaͤ⸗ rung, nichts fuͤr ſeine Tochter thun zu wollen, alles dieß war ſo gut als eine abſchlaͤgige Ant⸗ wort. Er hielt die Verbindung fuͤr ſehr herab⸗ wuͤrdigend, und Frau Ruſſel, wiewohl mit ge⸗ maͤßigterem und verzeihlicherm Stolze, fuͤr eine ſehr ungluͤckliche. Es war ihr ein ſchmerzlicher Gedanke, daß ſich Anna bei allen Vorzuͤgen, D 50 welche Herkunft, Schoͤnheit und Geiſtesbilduns ihr gaben, im neunzehnten Jahre wegwerfen, im neunzehnten Jahre mit einem jungen Mann ſich einlaſſen wollte, der keine Empfehlungen, keine Hoffnung hatte, ſich Einfluß zu verſchaffen, als in den Glucksfaͤllen eines ſehr ungewiſſen Berufes, und auch keine Verbindungen, um ſelbſt in dieſem Berufe ſich empor zu ſchwingen. Anna, ihre noch ſo junge, ſo wenig in der Welt be— kannte Freundinn, ſollte ein Fremdling ohne Fa⸗ milienverbindungen, ohne Vermseh weghohlen, oder mit ſich in einen Zuſtand abmuͤdender, kum⸗ mervoller, die Jugendkraft ertoͤdtender Abhaͤngig⸗ keit ziehen! Es durfte nicht ſein, wenn es durch redliche Einmiſchung der Freundſchaft, durch die WVorſtellungen einer Freundinn, die faſt mutterliche Liebe und můtterliche Rechte beſaß, werden konnte. Wentworth war ohne Vermoͤgen. Er hatte Gluͤck in ſeinem Berufe gehabt, aber freigebig ſpendend, was ſein guͤnſtiger Stern ihm freigebig zutheilte, nichts vor ſich gebracht. Er hegte jedoch die veſte Zuverſicht, daß er bald reich ſein werde, und voll Muth und Leben, wußte er, daß er 51 bald ein Schiff haben, und auf einem Platze ſein werde, wo er alles gewinnen konnte, was ihm fehlte. Solche Zuverſicht auf fortdauerndes Gluͤck, die ſchon durch ihre eigene Lebendigkeit ſo maͤch⸗ tig wirkte, und in dem Witze, womit ſie oft ausgeſprochen wurde, ſo bezaubernd war, mußte ſüͤr Anna genug ſein, aber Frau Ruſſel ſah die Sache ganz anders an, und ſeine froͤhliche Hoff⸗ nung, ſeine Unbekuͤmmerniß, machten auf ſie einen ganz andern Eindruck. Sie ſah darin nur eine Vermehrung des Uebels, und in ihren Au⸗ gen war eine ſolche Gemuͤthſtimmung gefaͤhrlich. Sie ſah in ihm einen unbeſonnenen Juͤngling, der durch blendende Eigenſchaften verfuͤhren konn⸗ te. Frau Ruſſel hatte wenig Geſchmack an Witz, und gegen alles, was an Unbedachtſamkeit graͤnz⸗ te, einen Abſchen. Sie war durchaus gegen die Verbindung. Dieſe Geſinnungen erregten einen Wider⸗ ſtand, wogegen Anna nicht anzukaͤmpfen ver⸗ mochte. Dem jungen, holden Maͤdchen waͤre es vielleicht doch moͤglich geworden, ihres Vaters Abneigung zu uͤberwinden, die ihre Schweſter ſreilich nie durch ein freundliches Wort, oder 60 —. einen ſanften Blick zu mildern ſuchte; aber Frau Ruſſel, der Anna ſtets ihre Liebe und ihr Ver⸗ trauen geweiht hatte, konnte bei einem ſolchen Beharren auf ihrer Meinung und bei ihrem freundlichen Benehmen, nicht immer vergebens abrathen. Anna ließ ſich uͤberreden, die ange⸗ knuͤpfte Verbindung waͤre tadelnswerth, unbe⸗ dachtſam, unſchicklich, und koͤnnte eben ſo wenig glucklich ſein, als ſie es zu ſein verdiente. Es war jedoch nicht bloß eine eigennuͤtzige Vorſicht, was ſie bewog, die Verbindung zu zerreiſſen. Haͤtte ſie ſich nicht eingebildet, ſein Wohl mehr als das ihrige zu bedenken, ſo wuͤrde ſie ihn kaum aufgegeben haben. Der Glaube, daß ſie hauptſaͤchlich um ſeines Vortheils willen klug und entſagend waͤre, gab ihr den beßten Troſt bei dem Schmerze des Abſchieds; und gewiß bedurfte ſie Troſt, da ſie zugleich gegen ſeine nnuͤberzeugte und unbiegſame Meinung, und gegen ſein Gefuͤhl, durch eine ſo gewaltſame Trennung Unrecht zu leiden, kaͤmpfen mußte. Bald nachher hatte er die Gegend verlaſſen. Wenige Monate nur verfloſſen vom Anfange bis zum Ende ihrer Bekanntſchaft, aber nicht 53 in wenigen Monaten endigten die Leiden, die Anna's Herz bei der Trennung empfand. Ihre ungluͤckliche Reigung und ihre Sehnſucht ſtörten lange jeden Genuß der Jugend, und ein fruͤher Verluſt der Bluͤte ihrer Reize und ihrer Leben⸗ digkoie war die bleibende Wirkung ihrer Leiden. WMehr als ſieben Jahre waren verfloſſen, ſeit die Geſchichte der ungluͤcklichen Liebe ihr Ende erreicht hatte. Durch die Zeit war frei⸗ lich viel gemildert worden, ja vielleicht faſt ihre ganze Zuneigung gegen ihn gemindert; aber ſie hatte zu ſehr allein von dem heilenden Einfluſſe der Zeit abgehangen, und es war ihr weder eine Veraͤnderung des Aufenthaltes,— außer einer Reiſe nach Bath, bald nach der Trennung — noch irgend ein neuer Gegenſtand, oder eine Erweiterung ihres geſelligen Kreiſes zu Hilfe gekommen. Nie war irgend Jemand in ihrem Hauſe erſchienen, der die Vergleichung mit Wentworth, wie er in ihrer Seele lebte, hätte aushalten koͤnnen. Eine zweite Neigung, die einzige natuͤrliche, gluͤckliche und gruͤndliche Hei⸗ lung in ihrer Lebenszeit, war bei ihrem Zart⸗ gefuͤhle, ihrem eigenſinnigen Geſchmacke, und in 54 den engen Gränzen ihres geſelligen Umganges nicht moglich. Als ſie zwei und zwanzig Jahre alt war, hatte der junge Mann um ſie gewor⸗ ben, der bald nachher geneigteres Gehör bei ihrer juͤngern Schweſter fand, und Frau Ruſſel hatte Anna's Weigerung ungern geſehen; denn Karl Musgrove war der aͤlteſte Sohn eines Mannes, der naͤchſt dem Baronet fuͤr den ange⸗ ſehenſten Mann in der Umgegend galt, und ein wohl gebildeter, unbeſcholtener Juͤngling. Fran Ruſſel haͤtte vielleicht noch groͤßere Anſpruͤche gemacht, als Anna neunzehn Jahre alt war, aber drei Jahre ſpaͤter wuͤrde ſie ſich ſehr ge⸗ freut haben, wenn ihre junge Freundinn auf eine ſo anſtaͤndige Weiſe von der parteilichen und unbilligen Behandlung in ihres Vaters Haus befreit worden wäre, und fuͤr immer in ihrer Naͤhe eine Heimath erhalten haͤtte. Anna konnte jedoch dem Rathe ihrer Freundinn nicht wieder folgen, und Frau Ruſſel gab faſt die Hoffnung auf, daß ſich das Maͤdchen je durch einen Mann von Geiſt und unabhaͤngiger Lage bewegen laſſen werde, in einen Stand zu tre⸗ ten, fuͤr welchen ſie durch ihr anhaͤngliches Ge⸗ 55 muͤth und ihren haͤuslichen Sinn ganz beſonders zu paſſen ſchien. Die beiden Freundinnen wußten nicht, was jede von ihnen uͤber den Hauptpunkt in Anna's Betragen dachte, da nie auf dieſen Gegenſtand angeſpielt wurde; aber Anna dachte in einem Alter von ſieben und zwanzig Jahren ganz an⸗ ders, als ſie im neunzehnten zu denken war verleitet worden. Sie tadelte ihre Freundinn nicht, und eben ſo wenig ſich ſelber, daß ſie ſich von Frau Ruſſel hatte leiten laſſen; aber ſie fuͤhlte, daß, wenn junge Leute in aͤhnlichen Um⸗ ſtaͤnden von ihr einen Rath verlangen ſollten, ſie nie etwas rathen wuͤrde, das zu gewiſſem Ungluͤcke fuͤhren muͤßte und nur ein ungewiſſes Gluͤck in der Zukunft verſpoechen könnte, Sie war uͤberzeugt, daß ſie ſelbſt bei der Mißbilli⸗ gung ihrer Angehoͤrigen, bei jeder Bekuͤmmer⸗ niß, welche der Stand ihres Geliobten erwecken konnte, bei allen ihren Beſorgnißen und Fehl⸗ ſchlagungen, doch gluͤcklicher geweſen waͤre, wenn ſie die Verbindung unterhalten haͤtte, als ſie es durch das gebrachte Opfer geworden wal. Hat⸗ te er doch ſeine kuͤhnſte Erwartung, und ſeine — 56 ganze Zuverſicht gerechtfertigt geſehen! Sein Geiſt und ſein feuriger Sinn ſchienen das Gluͤck, das ihn nun belohnte, vorausgeſehen und gebie⸗ teriſch herbei gerufen zu haben. Er hatte, bald nach der Trennung ſeiner Verbindung mit ihr, eine Anſtellung erhalten, und alles, was er ihr verkuͤndigt hatte, war ihm begegnet. Durch ausgezeichnete Tapferkeit war er bald empor gekommen, und mußte ſich nun durch gluͤckliche Priſen ein anſehnliches Vermoͤgen erworben haben. Sie baute freilich nur auf Zeitungen und andre oͤffentliche Blaͤtter, aber ſie zweifelte nicht, daß er xeich war, und hatte keine Gruͤnde, ihn fuͤr verheirathet zu halten. Wie beredſam war Anna, wenn ihre Wuͤn⸗ ſche eine fruͤhere innige Zuneigung und ein freu⸗ diges Vertrauen auf die Zukunft gegen jene zu ängſtliche Vorſicht vertheidigten, welche eigene An⸗ ſtrengung zu verſchmaͤhen und der Vorſehung zu mißtrauen ſcheint! Man hatte ſie in ihrer Jugend gezwungen, der Klugheit ihre Neigung zu opfern; ſie wurde romanhaft, als ſie aͤlter ward; eine na⸗ tuͤrliche Folge eines unnatuͤrlichen Anfanges. Bei allen dieſen Umſtaͤnden, dieſen Ruͤck⸗ 57 erinnerungen und Gefuͤhlen mußte der alte Schmerz wieder aufwachen, als ſie hörte, daß Wentworth's Schweſter in Kellynch wohnen ſoll⸗ te, und erſt nach einer langen Wanderung, erſt nach vielen Seufzern, konnte ſie ihre Bewegung bemeiſtern. Sie ſagte ſich vft, es waͤre Thor⸗ heit, ehe ſie ſich genug abhäͤrten konnte, die ſteten Geſpraͤche uͤber die Familie Croft und deren Angelegenheiten ohne Verletzung ihres Gefuͤhles anzuhoͤren. Es half ihr jedoch dabei die gaͤnzliche Gleichgiltigkeit und anſcheinende Unkunde unter den drei einzigen Freunden, die das Geheimniß der Vergangenheit kannten, aber jede Erinnerung daran feſt zu verlaͤugnen ſchie— nen. Sie fuͤhlte, daß Frau Ruſſel dabei durch edlere Bewesgruͤnde geleitet ward, als ihr Vater und ihre Schweſter, und ſie ehrte dieſelben; aber aus welcher Quelle auch dieſe allgemeine Vergeſſenheit entſpringen mochte, ſie ſah darin einen ſehr wichtigen Vortheil, und auf den Fall, daß der Admiral das Landgut miethete, freute ſie ſich noch einmahl der ihr immer ſo angenehm geweſenen Ueberzeugung, daß um ihre Vergan⸗ genheit nur drei ihrer Bekannten wußten, von 5³ welchen, wie ſie glaubte, nie eine Silbe ver⸗ rathen werden durfte, und ſie naͤhrte die Hoff⸗ nung, daß von ſeiner Seite nur ſein Bruder, bei welchem er gewohnt hatte, mit ihrer kurzen Verbindung bekannt geweſen war. Dieſer Bru⸗ der hatte die Gegend ſchon laͤngſt verlaſſen, und da er ein verſtaͤndiger Mann, und zu jener Zeit uͤberdieß ledig war, ſo hegte ſie die angenehme Zuverſicht, daß nie Jemand das Geheimniß von ihm erfahren haͤtte. Seine Schweſter, Frau Croft, war zu jener Zeit nicht in England, ſondern bei ihrem Manne im Auslande geweſen, und ihre Schweſter Marie war in einer Koſt⸗ ſchule, als die Geſchichte ſich zutrug, und erhielt in ſpäterer Zeit, weil Einige durch Stolz, Andre durch Zartgefuͤhl von jeder Mittheilung abgehal⸗ ten wurden, nicht die mindeſte Kenntniß davon. Von dieſen Umſtaͤnden beguͤnſtigt, hoffte ſie, daß die Bekanntſchaft zwiſchen ihr und der Familie Croft, welche kaum vermieden werden konnte, da ihre Freundinn, Frau Ruſſel, in demſelben Dor⸗ fe, und ihre Schweſter nur eine Stunde entfernt wohnte, ſie nicht in Verlegenheit bringen werde. V. An dem Morgen, wo der Admiral und ſeine Gemahlinn das Landgut anſehen wollten, fand es Anna ſehr natuͤrlich, ihren gewoͤhnlichen Spa⸗ ziergang zu Frau Ruſſel zu machen, und aus dem Wege zu gehen, bis alles vorbei waͤre, und als nun alles vorbei war, fand ſie es auch'fehr natuͤrlich, zu bedauern, daß ihr die Gelegen⸗ heit entgangen war, die Fremden zu ſehen. Dieſe Zuſammenkunft war fuͤr beide Theile hoͤchſt befriedigend, und brachte die Angelegen⸗ heit zum voͤlligen Abſchluſſe. Beide Frauen waren vorher zu einer Uebereinkunft geneigt, und jede fand daher das Benehmen der Andern gut. Eben ſo ging es zwiſchen den beiden Maͤnnern. Der Admiral zeigte eine ſo herzliche Gutmuͤthig⸗ keit und ein ſo offenes, edles Vertrauen, daß der Baronet nur guͤnſtig geſtimmt werden konnte, 60 da uͤberdieß Shepherd's Verſicherungen, daß der Admiral ihn durch den Ruf als ein Muſter gu⸗ ter Lebensart kenne, in das hoͤflichſte Benehmen ihn hinein geſchmeichelt hatten. Haus, Hausgeraͤthe und Zubehörungen ge⸗ ſielen, die Miethleute gefielen, Bedingungen, Pachtzeit und Alles war recht, und Shepherds Schreiber wurden alsbald in Thaͤtigkeit geſetzt, ohne daß durch irgend eine vorlaͤufige Schwie⸗ rigkeit alles, was der Vertrag kund und zu wiſ⸗ ſen that, waͤre geaͤndert worden. Der Baronet erklaͤrte ohne Bedenken, er haͤt⸗ te nie einen ſo wohl ausſehenden Seemann ge⸗ funden, als den Admiral, und er ging ſo weit, zu verſichern, wenn nur ſein Kammerdiener dem Seemanne das Haar in Ordnung braͤchte, ſo wuͤrde er ſich nicht ſchaͤmen, ſich uͤberall an der Seite des Mannes zu zeigen. Der Admiral ſagte dagegen ſeiner Frau, als ſie durch den Park zuruͤck fuhren:„Ich dachte wohl, daß wir bald einig ſein wuͤrden, trotz allem, was man uns auch in Taunton geſagt hatte. Der Baronet hat das Pulver nicht erfunden, aber er ſcheint ſonſt ohne Falſch zu ſein.“ 61 Der Admiral wollte zu Michael Beſis von dem Landgut nehmen; und da der Baronet ſich vornahm, einen Monat vorher nach Bath abzu⸗ reiſen, ſo war keine Zeit zu verlieren, die nöthigen Vorbereitungen zu machen. Frau Ruſſel, die uͤberzeugt war, daß man Anna nicht geſtatten wuͤrde, bei der Wahl eines Wohnhauſes in Bath ſich nuͤtzlich zu zeigen, und ſich nicht gern ſo ſchnell von ihrer Freun⸗ dinn trennen wollte, wuͤnſchte, das Maͤdchen bei ſich zu behalten, bis ſie zu Weihnachten ſelber mit ihr nach Bath kommen koͤnnte; aber genoͤthigt, ſich auf mehre Wochen zu entfernen, konnte ſie keine beſtimmte Einladung machen, und ſo ſehr Anna es bedauerte, den Genuß der Herbſtmonate auf dem Lande entbehren zu muͤſſen, glaubte ſie doch, alles erwogen, keines⸗ wegs, daß ſie wuͤnſchen koͤnnte zu bleiben. Es ſchien am beßten und am Kluͤgſten zu ſein, und die wenigſten Leiden zu drohen, wenn ſie mit den uͤbrigen abreiſete. Ein neues Ereigniß aber ſchrieb ihr eine andre Pflicht vor. Marie, die oft unpaͤßlich war, und immer viel an ihre Leiden dachte, 69 immer nach Schweſter Anna verlangte, wenn ihr etwas fehlte, war nicht wohl, und beſorgt, ſie koͤnnte den ganzen Herbſt hindurch nicht ei⸗ nen geſunden Tag haben, bat oder verlangte ſie vielmehr, Anna ſollte zu ihr nach Uppereroß kommen, und ihr Geſellſchaft leiſten, ſo lange es nöthig wäre, ſtatt nach Bath zu gehen. Ich kann's ohne Anna nicht aushalten, mein⸗ te Marie, und Eliſabeth antwortete:„Nun, dann bleibt Anna lieber da, denn in Bath wird Niemand ſie brauchen.“ Als etwas Gutes, wenn auch auf unpaſſende Weiſe, in Anſpruch genommen zu werden, iſt wenigſtens beſſer, als wie etwas Unnuͤtzes ver⸗ worfen zu werden, und Anna freute ſich, daß ſie doch zu etwas nuͤtlich geachtet, daß irgend etwas als eine Pflicht ihr aufgelegt wurde, und da es ihr gewiß nicht leid war, dieſe Pflicht in ihrer lieben Heimath erfuͤllen zu ſollen, ſo willigte ſie gern ein, zu bleiben. Dieſe Einladung von der Schweſter beſeitig⸗ te alle Schwierigkeiten, und es wurde verabre⸗ det, Anna ſollte nicht eher nach Bath reiſen, his Frau Ruſſel ſie abholte, und die Zwiſchen⸗ — — ——— — — ** 63 zeit bald in Uppercroß, bald in Kellynch zu⸗ bringen. So weit war alles in Ordnung, aber Frau Ruſſel war faſt beſtuͤrzt, als ſie vernahm, daß Frau Clay mit dem Baronet und Eliſabeth nach Bath reiſen wollte, um dem Fräulein ihren wichtigen und ſchaͤtzbaren Beiſtand zu leiſten. Frau Ruſſel war ſehr bekuͤmmert, daß man uͤber⸗ haupt dieſen Gedanken gefaßt hatte; ſie war uͤberraſcht und beſorgt, und die Beleidigung, welche fuͤr Anna darin lag, daß Frau Clay ſo nuͤtzlich gefunden wurde, waͤhrend Anna gar nichts nuͤtzen konnte, machte den Umſtand noch empfindlicher. Anna ſelber war an ſolche Kraͤnkungen ge⸗ woͤhnt; aber ſie fuͤhlte eben ſo ſehr, als ihre Freundinn, wie unvorſichtig die getroffene Ver— abredung war. Ruhige Bebbachtung und eine Kenntniß von ihres Vaters Gemuͤthsart, die genauer war, als ſie es wuͤnſchte, hatten die Be— ſorgniß in ihr erweckt, daß der Umgang mit je— ner Fran leicht ſehr nachtheilige Folgen haben koͤnnte. Sie glaubte nicht, daß ihr Vater in jenem Angenblicke einen Gedanken der Art heg⸗ 64 —— te. Fran Clay hatte Leberflecke, einen vorſtehen⸗ den Zahn und eine plumpe Hand; woruͤber er in ihrer Abweſenheit immer ſtrenge Bemerkun⸗ gen machte; aber ſie war jung, hatte ein ge⸗ ſundes Ausſehen, und beſaß in einem ſcharf⸗ ſinnigen Geiſte und gefaͤlligen Benehmen weit gefaͤhrlichere Reize, als blos eine anziehende Außenſeite hätte geben können. Anna war ſo beſorgt vor der Gefahr, daß ſie ſich's nicht ver⸗ ſagen konnte, auch ihre Schweſter aufmerkſam darauf zu machen. Sie rechnete freilich nicht viel auf guten Erfolg; aber Eliſabeth, welche, wenn das gefuͤrchtete Ereigniß einträte, noch weit mehr als ſie zu beklagen ſein mußte, ſollte nie den Vorwurf ausſprechen koͤnnen, daß Anna ſie nicht gewarnt haͤtte. Sie ſprach und ſchien nur zu beleidigen. Eliſabeth konnte nicht begreifen, wie ihre Schwe⸗ ſter auf einen ſo abgeſchmackten Verdacht kaͤme, und aͤußerte mit Unwillen, daß beide Theile ſehr wohl fuͤhlten, welche Stellung ſie einnaͤh⸗ men.„Frau Clay, ſprach ſie lebhaft, vergißt nie, wer ſie iſt, und da ich beſſer mit ihren Geſinnungen bekannt bin, als Du es ſein N ** —— . 65 kannſt, ſo kann ich Dir verſichern, daß ſie uͤber den Punkt der Ehe ſehr zart denkt, und jede Ungleichheit des Standes und Ranges ſtrenger tadelt, als die meiſten andern Leute. Und daß der Vater jetzt in Verdacht kommen muß, haͤtte ich nicht gedacht, da er um unſertwillen ſo lange ledig geblieben iſt. Waͤre Frau Clay ſehr ſchoͤn, ſo koͤnnte es unrecht ſein, daß ich ſie ſo viel um mich habe; nicht als ob ſich der Vater je durch irgend etwas verleiten laſſen konnte, eine un— wuͤrdige Verbindung einzugehen; aber er koͤnnte ungluͤcklich werden. Doch wer wird die gute Frau Clay, bei allen ihren Vorzuͤgen, denn auch nur fuͤr leidlich huͤbſch halten! Ich glaube wirk⸗ lich, die gute Frau kann ohne alle Gefahr hier bleiben. Du haſt doch, wer weiß wie oſt, den Vater von ihren ungluͤcklichen Maͤngeln ſpre⸗ chen hoͤren. Dieſer Zahn— dieſe Leberflecke! Leberflecke ſind mir nicht ſo zuwider, als ihms ich habe ein Geſicht geſehen, das durch ei⸗ nige ſolche Fleckchen nicht ſehr entſtellt wurde. Du haſt ja doch gehoͤrt, wie er von den Flecken ſpricht? 1 Es gibt ſchwerlich einen aͤußern Mangel, E 66 erwiederte Anna, womit ein angenehmes Be⸗ tragen nicht allmaͤhlig verſoͤhnen koͤnnte. Ich bin ganz anderer Meinung, ſprach Eli⸗ fabeth, kurz abbrechend. Ein angenehmes Be⸗ tragen kann huͤbſche Zuͤge hervorheben, nie aber unbedeutende veraͤndern. Doch— auf alle Faͤlle ſteht bei dieſer Sache fuͤr mich mehr auf dem Spiele, als fuͤr ſonſt Jemand, und halte es da⸗ her fuͤr unnöthig, mich von Dir berathen zu laſſen. Anna war fertig; erfreut, daruͤber hinweg zu ſein, und nicht ganz ohne Hoffnung, daß es fruchten werde. War Eliſabeth auch empfindlich uͤber den erweckten Verdacht, ſo konnte ſie doch dadurch zur Beobachtung gereizt werden. Es war der letzte Dienſt der vier Wagen⸗ pferde, den Baronet, Fraͤulein Eliſabeth und Frau Clay nach Bath zu bringen. Sie traten die Reiſe mit frohem Muth an. Der Baronet gruͤßte mit Herablaſſung die betruͤbten Guts⸗ unterthanen und Haͤusler, die einen Wink er⸗ halten haben mochten, ſich ſehen zu laſſen. An⸗ na ging zu derſelben Zeit in ſtiller Schwermuth zu der Wohnung ihrer Freundinn, wo ſie eine Woche zubringen wollte. v XN X — 67 ———— Frau Ruſſel war auch trautig. Die Tren⸗ nung von ihren Nachbarn gins ihr ſehr nahe. Der gute Ruf ihrer Freunde war ihr ſo werth, als der eigene, und ein taͤglicher Umgang war durch Gewohnheit ſchaͤtzbar geworden. Es that ihr wehe, auf das verlaſſene Landgut zu ſehen, und noch ſchmerzlicher war der Gedanke, daß es in fremde Hände kommen ſollte. Sie faßte den Entſchluß, dem traurigen Eindruck, den das einſam gewordene Dorf machte, zu entfliehen, und um bei der Ankunft des Admirals nicht in der Nahe zu ſein, wollte ſie ſelber abreiſen, ſo bald Anna ſich von ihr trennen mußte⸗ Beide brachen zugleich auf, und Frau Ruſſel begleitete Anna bis Uppercroß, wo ſie Abſchied nahm, um ohne Aufenthalt ihre Reiſe fortzu⸗ ſetzen. Uppereroß war ein Dorf von maͤßiger Groͤ⸗ ße, das wenige Jahre fruͤher ein ganz alt eng⸗ liſches Anſehen, und nur zwei Haͤuſer von beſſe⸗ rer Bauart, als die Wohnungen der Landleute, gehabt hatte; das Haus des Gutsherrn, mit ſeinen hohen Mauern, großen Thorwegen und alten Baͤnmen, alles ſtark, alles ohne neue Zu⸗ E2 68 — that, und dann das kleine nette Pfarrhaus, von einem freundlichen Garten umſchloſſen, mit einem Weinſtock und einem Birnbaume, die um die Fenſter gezogen waren. Bei der Vermäh⸗ lung des älteſten Sohnes aber war eine Pach⸗ terwohnung fur ihn zu einem Herrenhauſe er⸗ hoben und ausgeſchmuͤckt worden, die eben ſo gut des Reiſenden Blicke auf ſich ziehen konnte, als das anſehnlichere ſogenannte große Haus, das einige hundert Schritte weiter lag. Anna hatte hier oft gewohnt, und war in der Gegend von Uppercroß ſo gut bekannt, als in Kellynch. Die beiden Familien in Uppercroß waren ſo gewohnt. einander zu allen Stunden zu beſuchen, daß Anna ſich wunderte, ihre Schweſter Marie allein zu finden; aber weil ſie allein war, verſtand es ſich faſt von ſelbſt, daß ſie ſich unpaͤßlich und uͤbel aufgelegt fuͤhlte. Ma⸗ rie war zwar beſſer begabt, als ihre aͤltere Schweſter, hatte aber doch nicht Anna's Ver⸗ ſtand und Gemuͤth. Wenn ſie wohl, gluͤcklich und gut bedient war, zeigte ſie die angenehmſie aber ſank ihr Muth gaͤnzlich; ſie hatte keine ch ſte it ne 69 Hilfmittel fuͤr die Einſamkeit, und da ſie von dem, im Hauſe Elliot einheimiſchen Duͤnkel viel geerbt hatte, war ſie ſehr geneist, ihre Leiden zu erhoͤhen durch die Einbildung, daß ſie ver— nachlaͤßigt und ſchlecht behandelt werde. Im Aeußern ſtand ſie unter ihren beiden Schweſtern, und hatte ſelbſt in der Zeit ihrer Bluͤte nur den Ruhm erlangt, ein huͤbſches Maͤdchen zu ſein. Sie lag nun auf dem abgenutzten Sofa in dem niedlichen kleinen Wohnzimmer, deſſen einſt zierliches Geraͤthe ſeit vier Sommern und bei zwei Kindern allmaͤhlig etwas ſchaͤbig ge⸗ worden war. Nun, kommſt du denn endlich? redete ſie ih⸗ re Schweſter an. Ich bin ſo krank, daß ich⸗ kaum reden kann. Ich habe den ganzen Morgen keine Seele geſehen. Es thut mir leid, dich unwohl zu finden, er⸗ wiederte Anna. Du ſchickteſt mir am Donnerſtage ſo gute Nachrichten. Ja, ich machte ſie ſo gut als möglich, wie ich immer thue; aber ich war nichts weniger als wohl, und ich glaube, nie in meinem Leben bin ich ſo krank geweſen, als dieſen Morgen; ge⸗ 70 wiß, ich ſollte gar nicht allein gelaſſen werden. Denke nur, wenn mir plotzlich etwas zuſtieße, ich könnte ja nicht einmahl klingeln... Nun, Frau Ruſſel wollte alſo nicht ausſteigen? Ich glaube, ſie iſt dieſen Sommer nicht dreimahl hier geweſen. Anna gab eine paſſende Antwort und fragte nach dem Befinden ihres Schwagers. Er iſt auf die Jagd gegangen, antwortete Marie. Seit ſieben Uhr fruͤh habe ich ihn nicht geſehen. Er wollte nicht bleiben, und ich ſagte ihm doch, wie uͤbel ich mich befaͤnde. Er ver⸗ ſprach, bald wieder zu kommen, aber er iſt noch nicht da, und es geht ſchon auf eins. Du kannſt mir glauben, ich habe den ganzen Morgen nicht eine Seele geſehen. Du haſt doch die Kinder bei Dir gehabt? Ja, ſo lange ich ihren Laͤrm aushalten konn⸗ te, aber es iſt ſo ſchwer, mit ihnen auszukom⸗ men, daß ſie mir mehr Plage, als Freude ma⸗ chen. Karlchen achtet nie auf ein Wort von mir, und Walter wird faſt eben ſo unartg. Nun, es wird bald ſchon beſſer mit Dir wer— den, ſprach Anna fröhlich. Du weißt ja, ich — *— *— NX 71 mache Dich immer geſund, ſo bald ich komme. Wie geht's im großen Hauſe? Ich kann Dir nichts davon ſagen. Ich habe heute Niemand von daher geſehen, ausgenom⸗ men meinen Schwiegervater. Er hielt eben an, und ſprach durch's Fenſter, aber ohne vom Pfer— de zu ſteigen. Ich ſagte ihm, wie ſchlecht mir waͤre, und doch iſt noch Niemand gekommen. Es mag wohl meinen Schwaͤgerinnen nicht an⸗ geſtanden haben; ſie gehen nie gern von ihrem Wege ab. Vielleicht ſiehſt Du ſie noch, es iſt ja noch nicht ſpaͤt. Ich ſage Dir, es liegt mir nicht viel an ih⸗ nen. Sie ſchwatzen und lachen mir zu viel... O Anna, ich leide ſo ſehr. Es war recht un⸗ freundlich von Dir, daß Du am Donnerſtage nicht kameſt. Aber, liebe Marie, erinnere Dich doch, wel⸗ che gute Nachrichten ich von Dir erhielt. Du ſchriebeſt ſo munter, und ſagteſt, Du waͤreſt ganz wohl, und ich brauchte nicht zu eilen. Du kannſt leicht denken, daß ich auf die Nachricht wuͤnſchte, bis zum letzten Augenblicke bei Frau ——— 72 Ruſſel zu bleiben. Ich habe in der That auch ſo viel zu thun gehabt, daß ich Kellynch nicht eher verlaſſen konnte. Aber lieber Himmel, was kannſt Du denn zu thun haben? Ich ſage dir, ſehr viel, und huz a mir in dieſem Augenblicke einfallen will. Ich will dir nur etwas ſagen. Ich habe eine Abſchrift von den Verzeichniſſen der Buͤcher und Gemaͤhl⸗ de des Vaters gemacht. Ich bin mehrmahl mit dem Gaͤrtner im Garten geweſen, um zu ſehen, welche von den Pflanzen unſerer Schweſter fuͤr Frau Ruſſel beſtimmt ſind. Ich hatte viel da⸗ mit zu thun, Buͤcher und Muſik in Ordnung zu bringen und zu theilen, und mußte meine Kof⸗ fer wieder auspacken, weil ich nicht fruͤh genug wußte, was mit den Wagen fortgehen ſollte. Und noch etwas hatte ich zu thun, Marie, das mir ſehr nahe ging; ich mußte faſt in jedes Haus im Kirchſpiel gehen, um Abſchied zu neh⸗ men. Ich hoͤrte, daß man's gern ſahe. Alles dieß koſtete mir viel Zeit. Nun freilich! Aber— fuhr ſie nach einer Panſe fort— Du haſt mich ja noch gar nicht 73 gefragt, wie's geſtern mit dem Mittageſſen bei Pooles geweſen iſt. Du wareſt da? Ich habe nicht gefragt, weil ich glaubte, Du haͤtteſt abſagen laſſen muſſen. O ja, ich war da. Geſtern war mir ganz wohl. Erſt hente morgen ward ich unpaͤßlich. Es waͤre ſonderbar geweſen, wenn ich nicht ge⸗ gangen waͤre. Nun, es freut mich, daß Du wohl geweſen biſt, Du haſt wohl viel Vergnuͤgen gehabt? Nicht ſonderlich. Man weiß ja immer vor— aus, wie's mit einem Mittageſſen iſt, und wen man da findet. Und es iſt ſo ſehr unangenehm, wenn man nicht ſeinen eigenen Wagen hat. Meine Schwiegeraͤltern hohlten mich ab, und wir ſaßen ſo gedraͤngt; ſie ſind beide ſo breit und brauchen ſo viel Plaß. Mein Schwieger⸗ vater ſitzt immer vorne, und da mußte ich mich mit Henriette und Luiſe auf dem Ruͤckſitze zu⸗ ſammendraͤngen. Ich glaube wohl, meine heu⸗ tige Krankheit kommt bloß daher. Anna kam durch etwas mehr Geduld und er⸗ zwungener Munterkeit beinahe dahin, ihre Schwe⸗ ſter zu heilen. Marie konnte bald aufrecht auf dem Sofa ſitzen, und hoffte ſchon, ſie werde zur Eſſenszeit es ganz verlaſſen köͤnnen. Nach ei⸗ nigen Augenblicken vetgaß ſie, daran zu denken, und war am andern Ende des Zimmers, um einen Blumenſtrauß zu verſchoönern; bald ging ſie zu ihrem kalten Fruͤhſtuͤck und endlich be⸗ fand ſie ſich ſo wohl, daß ſie einen Spaziergang vorſchlug. Und wohin denn? fragte ſie, als Beide fertig waren. Im großen Hauſe wirſt Du doch nicht einſprechen wollen, ehe man zu Dir ge⸗ kommen iſt? Ich habe gar nichts dagegen einzuwenden, erwiederte Anna. Es wird mir nie einfallen, bei ſo guten Bekannten ſo viele Umſtaͤnde zu machen. Aber ſie ſollten ſo bald als moͤglich zu Dir kommen; ſie ſollten fuͤhlen, was Dir gebuͤhrt als meiner Schweſter. Indeß, wir koͤnnen auch immer hingehen, und ein Weilchen bei ihnen bleiben, und wenn das vorbei iſt, koͤnnen wir unſern Spaziergang ruhig genießen. Anna hatt eine ſolche Umgangsweiſe immer fuͤr hoͤchſt unklug gehalten, aber laͤngſt es auß⸗ 25 gegeben, der Unart Einhalt zu thun, weil ſie glaubte, daß keine der beiden Familien, obgleich es immer auf beiden Seiten Gelegenheit zu Zwiſten gab, doch ohne die andre leben könnte. Die beiden Schweſtern gingen in's große Haus, um eine ganze halbe Stunde in dem altfraͤnki⸗ ſchen Beſuchzimmer zu ſitzen, das einen kleinen Teppich und einen glaͤnzenden Fußboden hatte, wo die jetzigen Töchter vom Hauſe allmaͤhlig durch ein großes Pianoforte, eine Harfe, Blu⸗ mengefaͤße und uͤberall umher ſtehende kleine Tiſche Aine gehoͤrige Verwirrung anzubringen gewußt hatten. O wenn doch die Urbilder der Bildniſſe an der getaͤfelten Wand, wenn die Herren in braunen Sammetkleidern, die Frauen in blauem Atlas geſehen haͤtten, was vorging, und eine ſolche Umkehrung aller Ordnung und Nettigkeit gewahr geworden waͤren! Die Bilder ſelbſt ſchienen ſtaunend hinab zu blicken. Die beiden Familien waren, wie ihre Haͤu⸗ ſer, in einer Veraͤnderung begriffen, die vielleicht eine Verbeſſerung war. Vater und Mutter lebten nach alt engliſcher, die jungen Leute nach neu engliſcher Weiſe, Der alte Musgrove und 76 ſeine Frau waren ſehr gute Leute; gefaͤllig, gaſt⸗ freundlich, nicht allzu gebildet, und nichts we⸗ niger als von feinem Tone. Ihrer Kinder Ge⸗ muͤther und Benehmen waren mehr im Geiſte der neuen Zeit. Die Familie war zahlreich, aber nur erſt zwei Kinder, außer Karl, waren erwachſen; Henriette und Luiſe, neunzehn und zwanzig Jahre alt, die aus ihrer Koſtſchule die gewohnlichen Vorraͤthe von Kenntniſſen und Kunſt⸗ fertigkeiten mitgebracht hatten, und nun, wie tauſend andre Maädchen, ihr Leben zubrachten, modiſch, glücklich und frohlich zu ſein. Ihr An⸗ zug konnte nicht beſſer ſein, ihre Geſichter wa⸗ ren ziemlich huͤbſch; ſie zeigten ſich immer ſehr aufgeräumt; ihr Benehmen war ungezwungen und gefällig, und ſo galten ſie viel im Hauſe und waren auswaͤrts beliebt. Anna hatte ſie immer als die gluͤcklichſten Weſen im Kreiſe ihrer Bekanntſchaft betrachtet; aber wie uns Alle ein gewiſſes behagliches Gefuͤhl unſrer Ueberlegenheit abhaͤlt, die Moͤglichkeit eines Tauſches zu wuͤnſchen, ſo haͤtte auch ſie ih⸗ ren feiner gebildeten Geiſt nicht fuͤr alle Ge— nüſſe ihrer Freundinnen aufgeben moͤgen, und 77 ſie beneidete dieſelben um nichts anderes, als um jenes anſcheinend gute Einverſtaͤndniß unter einander, und jene herzliche gegenſeitige Zunei⸗ gung, wovon ſie im Umgange mit ihren Schwe⸗ ſtern ſo wenig gekannt hatte. tan empfing Anna und Marie ſehr freund⸗ lich. Die Familie im großen Hauſe ſchien gar keinen Anlaß zu Beſchwerden zu geben, und war auch, wie Anna wohl wußte, am wenigſten im Falle, Vorwuͤrfe zu verdienen. Die halbe Stunde ward angenehm genug verſchwatzt, und Anna war nicht verwundert, als ſich endlich die beiden Fraulein, auf Mariens ausdruͤckliche Einladung, an ſie ſchloſſen, um ſie auf dem Spa⸗ ziergange zu begleiten. —— ————————— in der Kunſt, unſre Richtigkeit außer unſerem Ahnna hätte nicht noͤthig gehabt, nach Upper⸗ croß zu gehen, um zu lernen, daß man oft, wenn man zu andern Menſchen kommt, und waͤre es auch nur in einer ei⸗ ner Stunde, eine gänzliche Veraͤnderung des Uumgangstones, der Meinungen und Anſichten findet. So oft ſie fruher ſich in Uppereroß auf⸗ gehalten hatte, war ihr dieß aufgefallen, und der Wunſch in ihr erwacht, es moͤchten Andre aus dem Hauſe Elliot auch den Vortheil haben, zu erfahren, wie unbekannt, oder unbeachtet hier die Angelegenheiten waren, die man in Kellynch⸗Hall als ſo allkundige und durchaus anziehende Dinge behandelte; aber bei aller dieſer Erfahrung glaubte ſie, jetzt das Gefuͤhl ertragen zu muͤſſen, daß noch eine andre Lehre 79 gewoͤhnlichen Kreiſe zu erkennen, fuͤr ſie noth⸗ wendig geworden waͤre. Mit einem Herzen, voll von dem Gegenſtand, der die beiden be⸗ freundeten Haͤuſer in Kellynch Wochenlang be⸗ ſchaͤftigt hatte, war ſie gekommen, und hatte freilich mehr Reugier, mehr Theilnahme erwar⸗ tet, als ſie in der Frage fand, welche Herr Musgrove und ſeine Frau in ziemlich gleichen Ausdruͤcken an ſie richteten:„Ihr Herr Vater und Fraͤulein Eliſabeth ſind alſo abgereiſet? und in welchem Theile von Bath werden ſie wohnen?“ eine Frage, worauf man kaum die Antwort erwartete— oder in dem Zuſatze der beiden Maͤdchen:„Ich hoffe, wir werden naͤch⸗ ſten Winter auch nach Bath gehen; aber, lieber Vater, wenn wir hingehen, laſſen Sie uns doch ja in eine huͤbſche Gegend ziehen“— oder in Maria's bekuͤmmerter Aeußerung:„Nun wahr⸗ haftig, da wird's mir gut gehen, wenn Ihr alle fort ſeid, um in Bath gluͤcklich zu leben.“ Anna konnte ſich nur in dem Entſchluſſe beſtaͤrken, kuͤnftig ſolchen Selbſttaͤuſchungen aus⸗ zuweichen, und mit erhoͤhter Dankbarkeit an das Gluͤck zu denken, eine ſo wahrhaft theil⸗ 30 nehmenbe Freundinn, als Frau Ruſſel war, zu beſitzen. ie Herr Musgrove und ſein Sohn hatten ihr Wild zu pflegen und zu ſchießen, ihre Pferde, Hunde und Zeitungen, und die Frauen waren vollauf beſchäͤftigt mit allen andern gewoͤhnlichen Gegenſtaͤnden des Hausweſens, mit ihren Nach⸗ barn, ihrem Anzuge, mit Tanz und Muſik. Anna fuͤhlte, es waͤre ganz paſſend, daß ſich je⸗ der kleine geſellige Kreis ſeinen Stoff zur Un⸗ terhaltung ſelber vorſchriebe, und hoffte, ſich bald zu einem nicht unwuͤrdigen Gliede des Kreiſes zu machen, in welchen ſie ſich jetzt verpflanzt ſah. Es mußte ihr, da ſie wenigſtens zwei Monate hier zubringen ſollte, eine Angelegenheit ſein, alle ihre geiſtigen Aeußerungen ſo viel als moͤglich in die Tracht von Uppercroß zu kleiden. Es war ihr uͤbrigens gar nicht bange vor dieſen zwei Monaten. Marie zeigte ſich nicht ſo abſtoßend und unſchweſterlich, als Eliſabeth, noch ſo verſchloſſen gegen allen fremden Einfluß, und auch ſonſt war im neuen Herrenhauſe nichts, das einem angenehmen Leben hinderlich geweſen waͤre. Anna ſtand mit ihrem Schwager immer 81 in freundlichem Vernehmen, und in den Kindern, welche die Tante faſt ſo ſehr liebten, und weit mehr achteten, als ihre Mutter, fand ſie Gegen⸗ ſtaͤnde der Theilnahme, der Unterhaltung und heil⸗ ſamen Beſchaͤftigung. Karl Musgrove war hoflich und angenehm, und hatte ohne Frage mehr Verſtand und eine beſſere Gemuͤthſtimmung, als ſeine Frau, aber doch nicht ſo viel Geiſt, nicht ſo viel ausgezeich⸗ nete Gaben zur Unterhaltung, nicht ſo viel An⸗ nehmlichkeiten, daß der Gedanke an ihr fruͤheres Verhaͤltniß zu ihm fuͤr Anna im Mindeſten haͤt⸗ te gefährlich werden koͤnnen, wiewohl ſie aller⸗ dings mit Frau Ruſſel glauben konnte, daß ei⸗ ne gleichere Verbindung ihn ſehr veredelt, und eine Frau von wahrem Verſtande ſeiner Gemuͤths⸗ art mehr Selbſtaͤndigkeit, und ſeinen Gewohn⸗ heiten und Beſchaͤftigungen mehr Nuͤtzlichkeit, Vernuͤnftigkeit und Annehmlichkeit gegeben haben wuͤrde. Er trieb nichts mit viel Eifer, als die Jagd und aͤhnliche Vergn“gungen, und vertaͤn⸗ delte ſonſt ſeine Zeit, ohne mit Buͤchern, oder auf andere Weiſe, ſich nuͤtzlich zu unterhalten. Er hatte ein ſehr anfgeraͤumtes Gemuͤth, das 3 32 der Truͤbſinn, dem ſeine Frau ſich zuweilen hin⸗ gab, wenig anzugreifen ſchien; er zeigte bei ihrem unverſtaͤndigen Benehmen zuweilen eine Geduld, die Anna bewunderte, und im Ganzen konnten Beide fuͤr ein gluͤckliches Paar gelten, wenn es auch ſehr oft eine kleine Zwiſtigkeit gab, woran die Schweſter, von beiden Parteien zur Schiedsrichterinn berufen, mehr Antheil nehmen mußte, als ihr lieb war. Beide wa⸗ ren immer darin einſtimmig, daß ſie mehr Geld brauchten und gern ein huͤbſches Geſchenk von ſeinem Vater annahmen; aber auch in dieſem Punkte, wie in den meiſten Faͤllen, zeigte er ſeine Ueberlegenheit, und wenn Marie es fuͤr ſchaͤndlich hielt, daß kein Geſchenk kam, ſo er⸗ wiederte er immer, ſein Vater haͤtte noch zu andern Dingen Geld fnoͤthig, und ein Recht, es auszugeben, wie es ihm beliebte. Bei der Erziehung der Kinder hatte er richtigere Anſichten, als ſeine Frau, und in der Ausuͤbung machte er es nicht ſo ſchlimm, als ſie.„Ich wuͤrde ſie ſehr gut leiten koͤnnen, wenn ſich Marie nicht darein mengte““ hoͤrte Anna ihn oft ſagen, und alaubte auch, daß er —— —„ G 33 nicht ganz unrecht hatte. Hoͤrte ſie aber dage⸗ gen Mariens Vorwurf:„Mein Mann verhaͤt⸗ ſchelt die Kinder ſo ſehr, daß ich ſie nicht in Ordnung halten kann“ ſo kam ſie nie in die mindeſte Verſuchung zu ſagen: Sehr wahr! Einer der unangenehmſten Umſtaͤnde bei ih⸗ rem Aufenthalte in Uppercroß war das zu große Vertrauen, womit alle Parteien ſie behandelten und ſie zu ſehr in das Geheimniß der Be⸗ ſchwerden beider Haͤuſer zogen. Man wußte, daß ſie etwas uͤber ihre Schweſter vermochte, und immer mußte ſie die Bitte, oder wenigſtens den Wink hoͤren, ihren Einfluß weiter, als thun⸗ lich war, auszuuͤben.„Ich wollte, Sie könn⸗ ten Marie dahin bringen, ſich nicht immer fuͤr krank zu halten, bat der junge Mann, und in truͤbſinnigen Augenblicken ſprach Marie:„Ich glaube, wenn mein Mann mich ſterben ſähe, er daͤchte, es haͤtte nichts mit mir zu bedeuten. Gewiß, liebe Anna, wenn Du wollteſt, ſo könn⸗ teſt Du ihn wohl uͤberzeugen, daß ich wirklich ſehr krank bin, und viel ſchlimmer, als ich's je ſage.“ 6 Marie aͤußerte:„Ich ſchicke die Kinder g 1 2 84⁴ nicht gern in's große Haus, wenn auch die Großmutter ſie immer ſehen will; ſie laͤßt ihnen zu viel Willen, verzärtelt ſie, und gibt ihnen ſo viel Zuckerwerk, daß ſie immer fuͤr den gan⸗ zen Tag krank und verdruͤßlich ſind, wenn ſie wieder kommen.“ Frau Musgvove, die Groß⸗ mutter, aber ſagte bei der erſten Gelegenheit, wo ſie mit Anng allein war:„D Fraulein Anna, wenn doch meine Schwiegertochter ein bischen von der Art haͤtte, wie Sie mit den Kindern umgehen! Sie ſind ganz anders bei Ihnen. Aber freilich im Ganzen ſind ſie ver⸗ zogen Es iſt Jammerſchade, daß Sie ihre Schweſter nicht dahin bringen konnen, die Kin⸗ der gut zu leiten. Es ſind ſo hubſche, geſunde Kinder, als man nur ſehen kann, das muß man ſagen, aber meine Schwiegertochter weiß ſie nicht zu behandeln. Wie laͤſtig ſie oft ſind! Glauben Sie mir, liebe Anna, bloß darnm mag ich ſie nicht ſo oft hier haben, als ich ſonſt wohl wollte. Meiner Schwiegertochter mag es freilich nicht ganz gefallen, daß ich die Kinder nicht oͤfter einlade; aber Sie wiſſen ja, wie unangenehm es iſt, Kinder um ſich zu haben, 36 welchen man immer ſagen muß:„Thut dieß nicht und thut jenes nicht“ oder die man nicht anders in Ordnung halten kann, als wenn man ihnen mehr Kuchen gibt, als ihnen gut iſt.“ Zu einer andern Zeit klagte Marie, daß ih⸗ re Swiegermutter ihr oft nicht den gebuͤhrenden Vorrang gebe, wenn man ſie mit andern Gaͤſten zum Eſſen geladen haͤtte. Als aber Anna ei⸗ nes Tages allein mit Henriette und Luiſe ſpa⸗ zieren ging, ſprach Eine von ihnen, nach einem langen Geſpraͤche uͤber Rangſucht:„Ich trage kein Bedenken, gegen Sie zu aͤußern, daß man⸗ che Menſchen recht widerſinnig uͤber ihren Rang denken, weil Jedermann weiß, wie nachgiebig und gleichgiltig Sie dagegen ſind. Wenn doch nur Jemand meiner Schwaͤgerinn einen Wink geben wollte, daß es weit beſſer ſein wuͤrde, wenn ſie nicht ſo hartnaͤckig darauf hielte, beſonders wenn ſie nicht immer ſich vordraͤngen wollte, um den Rang vor meiner Mutter zu haben. Niemand beſtreitet's, ja daß ſie vor meiner Mut⸗ ter den Rang hat, aber es wuͤrde ſchicklicher ſein, wenn ſie nicht immer darauf beſtaͤnde. Meine Mutter kuͤmmert es freilich nicht im 36 Mindeſten, aber ich weiß, vielen Perſonen iſt es aufgefallen.“ Wie haͤtte Anna allen dieſen Dingen abhelfen koͤnnen! Sie konnte nicht viel mehr thun, als geduldig zuhoͤren, jede Beſchwerde mildern, und den Einen bei dem Andern entſchuldigen; Allen aber Winke geben, die zwiſchen ſo nahen Nach⸗ barn noͤthige Nachſicht zu uͤben, und am Deut— lichſten diejenigen Winke auszuſprechen, die auf das Wohl ihrer Schweſter berechnet waren. In jeder andern Hinſicht ging es mit ihrem Beſuche ſehr gut. Die Veraͤnderung des Aufent⸗ halts und der Umgebungen erheiterte ihre Stim⸗ mung; Mariens Leiden minderten ſich, als ſie immer Geſellſchaft hatte, und der taͤgliche Ver⸗ kehr der beiden Schweſtern mit der Familie im großen Hauſe war auch ein Vortheil, da weder eine hoöhere Zuneigung, oder eine vertrautere Freundſchaft, noch auch ein haͤusliches Geſchaͤft dadurch geſtört wurde. Dieſer freundſchaftliche Umgang wurde freilich ſo weit als moglich aus⸗ gedehnt, da ſie ſich jeden Morgen ſahen und ſel⸗ ten einen Abend getrennt waren; aber Anna meinte, man wuͤrde ſich nicht ſo angenehm un⸗ 57 terhalten haben, wenn man nicht immer das geehrte Aelternpaar auf dem gewoͤhnlichen Platze geſehen, und nicht an den Geſpraͤchen, der Mun⸗ terkeit und dem Geſange der Toͤchter ſich er⸗ freut haͤtte. Anna ſpielte viel beſſer, als die beiden Fraͤulein Musgrove, aber da ſie keine Stimme hatte, die Harfe nicht ſpielte, und zaͤrtliche Ael⸗ tern ihr nie zuhoͤrten und ſich fuͤr vergnuͤgt hielten, ſo achtete man wenig auf ihre Leiſtun⸗ gen, als bloß aus Hoͤflichkeit, oder wenn ſie die Andern unterhalten ſollte. Sie wußte wohl, daß Sie nur ſich ſelber Vergnuͤgen machte, wenn Sie ſpielte; aber dieß war keine neue Empfin⸗ dung, und eine kurze Zeit ihres Lebens ausge⸗ nommen, hatte ſie nie, ſeit ihrem vierzehnten Jahre, nie ſeit dem Tode ihrer geliebten Mut⸗ ter, das Gluͤck gekannt, daß man ihr zuhoͤrte, oder durch gerechte Wuͤrdigung, oder wahren Geſchmack, ſie aufmunterte. In der Muſik war ſie immer gewohnt geweſen, fuͤr ſich allein zu fuͤhlen, und wenn ſie bemerkte, wie parteilich Herr Musgrove und ſeine Gemahlinn gegen die Leiſtungen ihrer Töchter, wie gleichgiltig aber —— 33 gegen die Kunſtfertigkeiten aller Andern waren, ſo freute ſie ſich daruͤber mehr um der beiden Maͤdchen willen, als ſie die Demuͤthigung fuͤhl⸗ te, die fuͤr ſie darin lag. Die Geſellſchaft im großen Hauſe erhielt zuweilen Zuwachs. Die Nachbarſchaft war nicht zahlreich, aber die Familie Musgrove wurde von Allen beſucht, und war haͤufiger von gela⸗ denen, oder ungeladenen Gaͤſten umgeben, als iede andere, und keine andre war ſo beliebt. Die Maͤdchen waren ganz auf's Tanzen ver⸗ ſeſſen, und die Abendgeſellſchaften endigten oft mit einem unvorbereiteten kleinen Ball. In der Nachbarſchaft wohnte eine verwandte Fa⸗ milie, die nicht ſehr wohlhabend war, und alle ihre Unterhaltungen nur von den Vettern und Baſen in Uppercroß erwarten konnte. Sie kamen zu jeder Zeit, halfen bei jedem Spiele, oder tanzten uͤberall, und Anna, die lieber am Pianoforte ſaß, als thätigern Antheil an der Unterhaltung nahm, ſpielte ihnen Stundenlang Täͤnze; eine Gefaälligkeit, welche ihre Kunſtfer⸗ tigkeit immer der Aufmerkſamkeit des Herrn und der Frau Musgrove mehr, als ſonſt etwas 39 empfahl.„Recht gut, Fraͤulein Anna! hieß es dannz in der That ſehr huͤbſch! Wie die lieben Fingerchen fliegen!“ So vergingen die drei erſten Wochen. Das Ende des Septembers kam, und nun mußte An⸗ na's Herz wieder in Kellynch ſein. Eine ge⸗ liebte Heimath ſollte an Andre uͤbergehen; alle die ſchoͤnen Zimmer und Geraͤthe, Waͤldchen und Ausſichten, ſollten andern Augen gehoͤren, ſollten Andern Bequemlichkeit geben! Anna konnte kaum an ſonſt Etwas denken, als an den 29ſten Sep⸗ tember, und auch in ihrer Schweſter ward am Abend dieſes Tages eine theilnehmende Regung erweckt, als ſie den Monatstag aufzeichnen muß⸗ te.„Ach Himmel! rief ſie, heute kommt ja der Admiral nach Kellynch! Es iſt mir lieb, daß ich nicht eher daran gedacht habe. Wie traurig mich das macht!“ Der Admiral nahm mit ſeemaͤnniſcher Mun⸗ terkeit Beſitz, und mußte nun beſucht werden. Marie meinte, es waͤre nicht zu ſagen, was ſie dabei leiden muͤßte, und ſie wollte es aufſchie⸗ ben, ſo lange ſie nur immer koͤnnte; aber ſie hatte keine Ruhe, bis ſie ihren Mann bewogen 90 hatte, an einem der naͤchſten Tage mit ihr hin⸗ uͤber zu fahren, und war bei ihrer Ruͤckkehr in einem ſehr belebten und behaglichen Zuſtande eingebildeter Ruͤhrung. Anna war herzlich froh geweſen, daß ſie nicht hatte mitgehen koͤnnen, wuͤnſchte jedoch den Admiral und ſeine Gemah⸗ linn kennen zu lernen, und freute ſich, daß ſie zu Hauſe war, als der Beſuch erwiedert wurde. Karl Musgrove war ausgegangen, aber die bei⸗ den Schweſtern beiſammen. Waͤhrend der Ad⸗ miral bei Marien ſaß, der er ſich durch ſeine gutmuͤthige Aufmerkſamkeit auf ihre Kleinen ſehr empfahl, unterhielt ſich Frau Croft mit Anna, die Gelegenheit genug hatte, nach einer Aehnlichkeit zu ſpaͤhen, und als ſie dieſelbe nicht in den Zuͤgen fand, in der Stimme, oder in Geſinnungen und Ausdruck ſie zu ſuchen. Frau Croft war weder groß, noch wohlbeleibt, zeigte aber ſo viel Ruͤſtigkeit und friſche Lebens— kraft in ihrer Geſtalt, daß ſie ſich ſtattlich ge⸗ ung ausnahm. Sie hatte feurige ſchwarze Au⸗ gen, und angenehme Zuͤge, wiewohl ihre etwas gebraͤunte Geſichtsfarbe, die Folge ihres vieljäh⸗ rigen Seelebens in ihres Mannes Geſellſchaft, —ð—— —— 9¹ ihr ein aͤltlicheres Anſehen gab, als ihre acht und dreißig Jahre ſonſt gezeigt haben wuͤrden. Ihr Benehmen war offen, leicht, zuverſichtlich, Selbſtvertrauen und Entſchiedenheit verkuͤndend; aber ohne daß ſich dabei Unfeinheit, oder Man⸗ gel an freundlicher Laune verrathen haͤtte. An⸗ na freute ſich uͤber die Achtung, welche Frau Croft ihr bewies, und gegen alles zeigte, was mit Kellynch in Verbindung ſtand, zumahl da ſie ſich gleich in dem erſten Augenblicke uͤber⸗ redete, daß Frau Croft nicht das geringſte Zei⸗ chen einer Bekanntſchaft mit fruͤhern Verhaͤlt⸗ niſſen, oder eines Verdachtes verrieth. Sie war uͤber dieſen Punkt ganz ruhig und daher voll Staͤrke und Muth, bis endlich Frau Croft ſie ploͤtzlich durch die Frage erſchuͤtterte:„Nicht mit ihrer Schweſter, ſondern mit Ihnen hatte mein Bruder das Vergnuͤgen bekannt zu ſein, als er ſich in dieſer Gegend aufhielt?“ Anna hoffte, ſie haͤtte das Alter des Er⸗ roͤthens uͤberlebt; aber gewiß war ſie nicht uͤber das Alter der Gemuͤthsbewegung hinaus. Sie haben vielleicht nicht gehoͤrt, daß er jetzt verheirathet iſt, ſetzte Fran Croft hinzu. 92 Anna konnte jetzt antworten, wie ſich's ziem⸗ te, und als Frau Croft durch ihre nächſten Worte verrieth, daß ſie von dem Pfarrer ſprach war unſere Freundinn froh, nichts geſagt zu ha⸗ ben, was nicht auf beide Bruͤder gepaßt haͤtte. Sie fuͤhlte alsbald, wie natuͤrlich es war, daß Frau Croft an den aͤltern Bruder, und nicht an Friedrich dachte, und ihrer Vergeßlichkeit ſich ſchaͤmend, hoͤrte ſie nun mit Theilnahme, was ſie von ihres ehemaligen Nachbars jetziger Lage erfuhr. Sonſt ging alles ruhig ab, bis im Augen⸗ blicke des Abſchiedes der Admiral zu Marien ſagte:„Wir erwarten bald einen Bruder mei— ner Frau, den ſie wohl dem Nahmen nach ken⸗ nen werden.“ Die beiden Knaben fielen ihm in die Rede, indem ſie ſich, als ob er ein alter Bekannter geweſen waͤre, an ihn draͤngten, und ihn nicht fortlaſſen wollten. Er ſelber aber vergaß uͤber der Drohung, ſie in ſeiner Rocktaſche mitneh⸗ men zu wollen und andern aͤhnlichen Scherzen, was er vorher geſagt hatte, und Anna ſuchte ſich ſo gut, als ſie konnte, zu uͤberreden, daß 93 immer von demſelben Bruder die Rede waͤre. Sie konnte jedoch nicht zu ſolcher Gewißheit kommen, daß ſie nicht den lebhaften Wunſch ge⸗ hegt haͤtte, zu erfahren, ob im andern Hauſe, wo der Admiral vorher geweſen war, irgend etwas uͤber denſelben Gegenſtand waͤre geſagt worden. Herr Musgrove wollte init Frau und Toͤch⸗ tern den Abend bei dem jungen Paare zubrin⸗ gen, und als man ſchon den Wagen zu hoͤren erwartete, kam das juͤngſte Fraͤulein herein. Der erſte arge Gedanke war, Luiſe waͤre ge⸗ kommen, den Beſuch abzuſagen, und Marie wollte es ſchon uͤbel nehmen, als das Fräulein alles gut machte durch die Aeußerung, ſie waͤre zu Fuße gekommen, um fuͤr die Harfe Plaß zu laſſen, die man im Wagen mitbringen wollte. „Ich will Euch auch ſagen, warum, fuhr ſie fort. Der Vater und die Mutter waren heute Abend ſehr niedergeſchlagen, beſonders die Mut⸗ ter; ſie denkt ſo viel an den armen Richard. Wir meinten Alle, es waͤre beſſer, wir naͤhmen die Harſe mit, die ſcheint ihr mehr Vergnuͤgen zu machen, als das Pianoforte. Ich will Euch 94 x ſagen, warum ſie ſo niedergeſchlagen iſt. Als der Admiral und ſeine Frau heute fruͤh da waren— ſie waren nachher erſt hier, nicht wahr?— ſagten ſie, daß ihr Bruder, Kapitaͤn Wentworth, eben nach England zuruͤck gekehrt iſt, und in Kurzem bei ihnen ſein wird. Zum Ungluͤck fiel's der Mutter ein, der arme Richard haͤtte einmahl einen Kapitaͤn gehabt, der Went— worth, oder ſo, geheißen, ich weiß nicht wann oder wo, aber lange vorher, ehe er ſtarb, der arme Junge. Sie ſah in ſeinen Briefen nach, und es war wirklich ſo; es muß derſelbe Mann ſein; und davon hat ſie nun den Kopf voll, und vom armen Richard. Wir muͤſſen Alle ſo froͤhlich ſein, als wir nur koͤnnen, daß wir ihr die finſtern Gedanken vertreiben.““ Die naͤhern Umſtaͤnde von dieſem ruͤhrenden Abſchnitte der Hausgeſchichte waren, daß die Familie Musgrove ſo ungluͤcklich geweſen war, einen verwahrloſeten Sohn zu haben, und ſo gluͤcklich, ihn vor ſeinem zwanzigſten Jahre zu verlieren; daß man ihn auf die See geſchickt hatte, weil er auf dem Lande dumm und un⸗ lenkſam war; daß ſich ſeine Angehorigen nie viel, * 95 wiewohl gerade ſo viel, als er verdiente, um ihn bekuͤmmert, ſelten etwas von ihm gehoͤrt und ihn kaum beklagt hatten, als vor zwei Jah⸗ ren die Nachricht von ſeinem Tode im Auslan⸗ de nach Uppercroß gekommen war. Seine Schweſtern thaten jetzt zwar alles Moͤgliche fuͤr ihn, als ſie ihn den armen Richard nannten, aber im Grunde war er nie viel mehr, als ein einfältiger gefuͤhlloſer Taugenichts. Er war mehre Jahre auf der See geweſen, und hatte bei den ſteten Verſetzungen, welche die See⸗Kadetten, beſonders ſolche, die jeder Kapitain gern los ſein will, auch ein hal⸗ bes Jahr lang auf Wentworths Fregatte Laconia gedient, und von dieſem Schiffe, auf Veran⸗ laſſung ſeines Obern, die beiden einzigen Briefe geſchrieben, die ſeine Aeltern waͤhrend ſeiner gan⸗ zen Abweſenheit je von ihm erhielten, das heißt die beiden einzigen uneigennuͤtzigen Briefe, da alle uͤbrigen nichts als Geldbitten geweſen waren. In jedem Briefe ſprach er gut von ſeinem Ka⸗ pitain; aber die Aeltern waren ſo wenig ge⸗ wohnt, auf ſolche Dinge zu achten, ſie merkten ſo wenig auf Nahmen von Leuten und Schif⸗ 96 ſen, daß der Umſtand zu jener Zeit kaum Ein⸗ druck machte und es mochte eine von den zuwei⸗ len vorkommenden, ploͤtzlichen Erweckungen des Gemuͤthes ſein, daß ſich Frau Musgrove eben an jenem Tage des Nahmens Wentworth er⸗ innerte. Als ſie jene Briefe ſo lange nach dem Tode ihres armen Sohnes wiederlas, wo die Zeit die Erinnerung an ſeine Fehler geſchwaͤcht hatte, wur⸗ de ſie lebhaft ergriffen, und graͤmte ſich mehr um ihn, als bei der erſten Nachricht von ſeinem Tode. Ihr Mann war gleichfalls, wiewohl we⸗ niger, bewegt, und als ſie zu den jungen Leuten kamen, verrieth es ſich deutlich, daß ſie zuerſt wuͤnſchten, noch einmahl uͤber dieſen Gegenſtand zu ſprechen, und dann, die Linderung zu erhal⸗ ten, die eine froͤhliche Geſellſchaft geben konnte. Es war eine neue Pruͤfung fuͤr Anna's Ge⸗ fuͤhle, als ſie ſo viel von Wentworth ſprechen hoͤrte, als man ſeinen Nahmen ſo oft wieder⸗ holte, und nach einigen Zweifeln es endlich fuͤr ge⸗ wiß annahm, daß es derſelbe Kapitain Wentworth ſein muͤßte, den man ein Paarmahl geſehen zu haben ſich erinnerte, etwa vor ſieben, oder acht 97 Jahren, ein ſehr ſchoͤner junger Mann. An⸗ na fuͤhlte, daß ſie ſich daran gewoͤhnen, und, da man ihn erwartete, ſich dagegen abhaͤrten ler⸗ nen muͤßte. Die Familie Musgrove war ſehr dankbar fuͤr die Guͤte, die er dem armen Rich⸗ ard bewieſen hatte, und hegte gegen den Mann, den ſelbſt der arme Richard einen huͤbſchen, nur zu ſchulmeiſterlichen Mann nannte, ſo viel Achtung, daß man ihm gleich nach ſeiner An— kunft einen Beſuch machen wollte. Dieſer Ent⸗ ſchluß trug denn auch nicht wenig bei, die Leute wieder in eine ruhige Stimmung zu ſetzen. VII. Einige Tage vergingen und Kapitaͤn Went⸗ worth war in Kellynch; Herr Musgrove, der Vater, hatte ihn beſucht, ſehr anziehend gefun⸗ den und ihn eingeladen, mit dem Admiral und deſſen Frau am Ende der nächſten Woche in Uypereroß zu Mittag zu eſſen. Der Mann war ſo ungeduldig, unter ſeinem Dach den See⸗ mann zu bewillkommen und auf's Behte zu be⸗ wirthen, daß es ihm ſehr unangenehm war, nicht einen fruͤhern Tag dazu beſtimmen zu können. Eine Woche mußte man warten; nur noch eine Woche, dachte Anna, und dann muͤßte ſie ihn ſehen; aber bald wuͤnſchte ſie, daß ſie auch nur eine Woche lang davor geſichert ſein moͤchte.. Wentworth erwiederte ſeht bald Musgrove's hoͤflichen Beſuch, und ſie war im Begriff, in 99 derſelben halben Stunde auch einen Beſuch im großen Hauſe zu machen. Schon hatte ſie ſich mit ihrer Schweſter auf den Weg gemacht, als man Mariens aͤlteſten Knaben, der einen un⸗ gluͤcklichen Fall gethan hatte, ihnen entgegen brachte. Bei dieſem Ungluͤcke mußte der Be⸗ ſuch aufgegeben werden; Anna aber konnte, ſelbſt mitten unter den aͤngſtlichen Beſorgniſſen, die der Knabe erweckt, nicht mit Gleichmuth hoͤren, welcher Gefahr ſie entgangen war. Niemand war mehr als Anna mit dem armen Knaben beſchaͤftigt, der das Schluſſelbein verrenkt und ſich ſo ſehr beſchaͤdigt hatte, daß man in der groͤßten Unruhe war. Sie mußte nach aͤrztlicher Hilfe ſchicken, den Vater rufen laſſen, die Mutter troͤſten und beruhigen, den juͤngſten Knaben entfernen, den leidenden pfle⸗ gen, und den Großaͤltern Nachricht mittheilen, worauf denn bald erſchrockene Geſellſchafterin⸗ nen kamen, die mehr mit Fragen belaͤſtigten, als nuͤtzlichen Beiſtand leiſteten. Die erſte Er⸗ leichterung gab ihr die Ruͤckkehr ihres Schwa⸗ gers, der am beßten fuͤr ſeine untroͤſtliche Frau ſorgen konnte, und bald kam auch der aͤrztliche G 2 100 Beiſtand. Ehe das Kind war unterſucht wor⸗ den, hatte man bei unbeſtimmten Beſorgniſſen das Aergſte vermuthet, als aber die Hand des kundigen Mannes das verrenkte Glied wieder eingerichtet hatte, hoffte man, trotz ſeines ernſt haften Geſichts, das Beßte, und alle gingen ziemlich ruhig zu Tiſche. Ehe die Gäſte auf⸗ prachen, konnten die beiden jungen Tanten, die fuͤnf Minuten laͤnger als ihre Aeltern blieben, auf einen Augenblick den Zuſtand des Kindes vergeſſen, um von Wentworth's Beſuche zu er⸗ zählen. Sie wußten nicht auszudruͤcken, wie ſehr der Seemann ihnen gefallen hatte, wie viel- huͤbſcher, wie unendlich viel angenehmer ſie ihn faͤnden, als irgend Jemanden unter ihren maͤnnlichen Bekannten, der etwa ſonſt ihre Gunſt beſeſſen, wie froh ſie geweſen waͤ— ren, als ihr Vater ihn zum Eſſen gelaben haͤtte, wie betruͤbt, als es ihm unmoͤglich geweſen waͤre, zu bleiben, und wie froh wieder, als er auf ihrer Aeltern dringende Einladung verſpro⸗ chen, am folgenden Tage bei ihnen zu ſpeiſen, ja am naͤchſt folgenden Tage! Und er hatte es ſo freundlich verſprochen, als ob er alle Be⸗ „—————— —— 101 weggründe ihrer Aufmerkſamkeit gefuͤhlt haͤtte, wie er ſollte. Kurz, es waͤre ſo viel Anmuth in ſeinem Benehmen und in ſeiner Rede ge⸗ weſen, verſicherten die Maͤdchen, daß er ihnen Beiden die Köpfe verdreht hätte. Endlich eil⸗ ten ſie fort, ſo entzuͤckt als verliebt, wie es ſchien, und mehr mit Wentworth beſchaͤftigt, als mit dem armen Knaben. Dieſelbe Geſchichte wurde wiederholt, als die beiden Maͤdchen gegen Abend mit ihrem Vater kamen, um ſich nach dem Kranken zu erkundigen. Der Großvater, von ſeiner unru⸗ higen Beſorgniß frei, hoffte nun, es werde keine Veranlaſſung da ſein, Wentworths Beßuch zu verbitten, und bedauerte nur, daß die jungen Leute wahrſcheinlich das Kind nicht wuͤrden ver⸗ laſſen köͤnnen, um den Gaſt kennen zu ler⸗ nen. Das Kind verlaſſen? Nein, Vater und Mut⸗ ter waren noch zu ſehr ergriffen von der kaum gemilderten Unruhe, als daß ſie daran haͤtten den⸗ ken moͤgen, und Anna, in ihrer Freude, noch einmahl der Zuſammenkunft auszuweichen, konnte nicht umhin, es eben ſo lebhaft zu betheuern. 102 Der junge Musgrove zeigte nachher freilich mehr Luſt, dem Gaſtmahle beizuwohnen. Das Kind befand ſich ja ſo wohl, und er wuͤnſchte ſo ſchr, den Capitain Wentworth kennen zu lernen, daß er wohl gegen Abend zu ſeinen Aeltern gehen könnte, aber er wollte zu Hauſe ſpeiſen. Seine Frau war eifrig dagegen.„O nein, ich kann Dich gar nicht gehen laſſen! Denke nur, wenn was zuſtoßen ſollte.“ Das Kind hatte eine gute Nacht, und war am nächſten Tage wohl. Es ließ ſich freilich noch nicht beſtimmen, ob es ſich im Ruͤcken Scha⸗ den gethan, aber der Wundarzt fand keine Veran⸗ laſſung, unruhigere Beſorgniſſe zu erwecken, und der Vater glaubte, er haͤtte nicht noͤthig, laͤnger zu Hauſe zu bleiben. Das Kind ſollte das Bett huͤten, und ſo ruhig als moͤglich unterhalten wer⸗ den, aber ein Vater hatte dabei nichts zu thun. Es war ja ganz das Geſchaͤft der Frauen, und es wuͤrde ganz abgeſchmackt ſein, wenn er ſich zu Hauſe einſchließen wollte, wo er nichts nuͤtzen konnte. Sein Vater wuͤnſchte ſo ſehr, ihn mit Wentworth bekannt zu machen, und warum ſollte er nicht gehen, da kein zurcichender Grund dage⸗ 103 gen war. Als er von einer kurzen Morgenjagd mit ſeinem Huͤhnerhunde heim kam, gab er die dreiſte Erklaͤrung, er wollte ſich ſogleich umkleiden, um bei ſeinem Vater zu ſpeiſen.„Das Kind kann ſich ja nicht beſſer befinden, ſprach er. Ich habe meinem Vater eben geſagt, daß ich komme, und er fand es ganz recht. Deine Schweſter iſt ja bei Dir, liebe Marie, und ich bin ganz un⸗ beſorgt. Du wirſt das Kind nicht gern verlaſſen wollen, aber Du ſiehſt, ich kann hier nichts nuͤtzen. Anna wird mich ſchon rufen laſſen, wenns nöthig iſt.“ Eheleute wiſſen gewoͤhnlich, wo Widerſtand vergeblich iſt. Marie ſah aus ihres Mannes Benehmen, daß er durchaus entſchloſſen war, zu gehen, und daß es nichts helfen wuͤrde, ihn zu quälen. Sie ſchwieg, aber kaum war ſie mit ihrer Schweſter allein, als ſie anhob:„So! wir Beide ſollen hier bleiben, uns allein mit dem ar⸗ men kranken Kinde zu plagen? Und keine Seele ſoll uns zu nahe kommen den ganzen Abend! Das wußt' ich ſchon, daß es ſo kommen wuͤrde! So geht's mir immer. Wenn's was Unangenehmes gibt, da gehen die Maͤnner gewiß immer aus dem 10% Wege, und Karl iſt ſo haͤhlich, als irgend Einer unter ihnen. Recht gefuͤhllos— ja recht ge⸗ fuͤhllos iſt es von ihm, ſo von ſeinem armen Kinde wegzulaufen! Es ſoll ſo wohl ſein! Wie weiß er denn, daß es wohl iſt, und ob nicht in einer halben Stunde wieder eine plotzliche Veraͤnderung eintreten kann? Nein, ich haͤtte es nicht gedacht, daß er ſo wenig Gefuͤhl hat. Da geht er fort und will ſich Vergnuͤgen ma— chen, und weil ich die arme Mutter bin, darf ich nicht von der Stelle. Aber ich tauge am allerwenigſten dazu, bei dem Kinde zu ſein. Eben weil ich die Mutter bin, ſollten meine Gefuͤhle eher geſchont werden. Ich kann das gar nicht ertragen. Du weißt ja, wie es mich geſtern ſo ſchrecklich angegriffen hat.“ Aber das war nur die Wirkung der ploͤtzli⸗ chen Beſtuͤrzung und des Schreckens, erwiederte Anna. Du wirſt keinen Anfall mehr bekom⸗ men. Glanbe mir, wir koͤnnen ganz ohne Sorgen ſein. Ich habe alles vollkommen gefaßt, was der Wundarzt geſagt und vorgeſchrieben hat, und fuͤrchte nichts. Ueber Deinen Mann aber kann ich mich gar nicht wundern, Marie. 105 Kinderwarten will einem Manne nicht anſtehen. Ein krankes Kind gehoͤrt immer fuͤr die Mut⸗ ter, und ihr eigenes Gefuͤhl muß ihr das vor⸗ ſchreiben. Ich habe mein Kind ſo lieb, als irgend eine Mutter, will ich hoffen; aber ich ſehe nicht ein, daß ich in einer Krankenſtube mehr nutzen koͤnnte, als mein Mann. Ich kann ja ein ar⸗ mes krankes Kind nicht immer ſchelten und quaͤlen, und Du haſt ja heute morgen geſehen, als ich ihm ſagte, er ſollte ruhig ſein, wie der Junge da um ſich ſchlug. Meine Nerven koͤn⸗ nen das nicht aushalten. Aber koͤnnteſt Du denn froh ſein, wenn Du den ganzen Abend von dem armen Jungen wegbleiben wollteſt? Du ſiehſt ja, ſein Vater kann's, und warum ſollte ich's denn nicht? Jemina iſt ſo ſorgſam und wuͤrde uns jede Stunde ſagen laſſen, wie's ſtaͤnde. Ich denke, mein Mann haͤtte ſeinem Vater ſagen koͤnnen, wir wollten Alle kommen. Ich bin nun des Kindes wegen gar nicht mehr unruhig. Geſtern war ich entſetzlich in Angſt, aber heute iſt alles ganz anders. 106 Nun, ſo uͤberlaſſe mir das Kind. Deine Schwiegeraͤltern können ſeinetwegen nicht be⸗ ſorgt ſein, wenn ich bei ihm bleibe. Im Ernſt? ſprach Marie, und Freude glaͤnzte in ihren Blicken. O, das iſt ein guter, ein ſehr guter Gedanke! Gewiß, ich kann eben ſo gut gehen, als bleiben. Kann ich denn hier was nuͤtzen? Kann ich? Es quaͤlt mich nur. Du haſt kein Muttergefuͤhl und taugſt darum weit beſſer dazu. Du kannſt Karl⸗ chen ja zu allem bringen, und er folgt Dir auf's Wort. Es iſt viel beſſer, als wenn ich Jemina allein bei ihm ließe. Ja, ja ich will gehen. Gewiß, ich muß es, ſo gut als mein Mann; man wuͤnſcht ja ſo ſehr, mich auch mit Kapitain Wentworth bekannt zu ma⸗ chen, und ich weiß, Du machſt Dir nichts dar⸗ aus, allein zu bleiben. Ja, Anna, das war ein herrlicher Gedanke von Dir! Ich gehe und ſage es meinem Manne; ich bin ſogleich fertig. Du kannſt uns ja in einem Augenblick Nach⸗ richt ſchicken, wenn's noͤthig iſt; aber gewiß, Du wirſt gar keinen Anlaß haben, Dich zu be⸗ unruhigen. Glaube mir, ich wuͤrde nicht gehen, 107 wenn ich nicht meines lieben Kindes wegen ganz unbeſorgt wäre. Im nächſten Augenblicke pochte ſie an ihres Mannes Thuͤre, und Anna, die ihr folgte, kam zu rechter Zeit, das Geſpraͤch zu hoͤren, das Marie mit freudigem Tone anhob:„Ich will mit Dir gehen, Karl. Ich kann hier ſo wenig nuͤtzen, als Du. Und wenn ich mich fuͤr immer mit dem Jungen einſchloͤſſe, ich könnte ihn doch nicht dahin bringen, zu thun, was er nicht will. Anna will hier bleiben und ihn warten. Sie hat es mir ſelber vorgeſchlagen, und darum will ich mit Dir gehen. So iſt's viel beſſer, ich habe ja ſeit Dienſtag nicht bei Deinen Ael⸗ tern gegeſſen.“ Das iſt ſehr guͤtig von Anna, erwiederte der Mann, und ich wuͤrde Dich gern mitneh⸗ men; aber mich duͤnkt, es iſt hart, daß wir ſie zu Hauſe laſſen, um unſer krankes Kind zu pflegen. Anna war in dieſem Augenblicke bei der Hand, ihre Sache ſelber zu fuͤhren, und da ihr aufrichtiges Benehmen den Mann leicht uͤberzeugte, dem Ueberzeugung weniaſtens ſehr 108 angenehm war, ſo hatte er keine Bedenklich⸗ keiten mehr, ſie allein zu Hauſe ſpeiſen zu laſſen. Er wuͤnſchte indeß, ſie möchte gegen Abend, wenn das Kind eingeſchlafen waͤre, ihnen fol⸗ gen, und bat freundlich dringend, ſie abhohlen zu dürfen; aber ſie war durchaus nicht zu uͤberreden, und hatte nun bald das Vergnuͤgen, Beide ſehr aufgeraͤumt aufbrechen zu ſehen. Sic gingen, um ſich zu freuen, hoffte Anna, wie ſeltſam auch eine ſolche Freude ſcheinen moͤchte. Ihr ſelber blieben ſo viele Troſtun⸗ gen, als ſie vielleicht je hoffen konnte, zu be— ſitzen. Sie wußte, Niemand konnte dem Kinde nuͤßlicher ſein, als ſie, und was half es ihr, daß Wentworth nur eine Viertelſtunde weit von ihr entfernt war, wenn er Andern zu gefallen ſuchte! Freilich haͤtte ſie gern gewußt, was er bei einer Zuſammenkunft gefuͤhlt haben wuͤrde. Viel— leicht Gleichgiltigkeit, wenn man unter ſolchen Umſtaͤnden gleichgiltig ſein konnte. Er mußte gleichgiltig, oder abgeneigt ſein. Hätte er je gewuͤnſcht, ſie wieder zu ſehen, ſo waͤre es nicht 109 noͤthig geweſen, ſo lange zu warten; er wuͤrde gethan haben, was ſie, nach ihrem Gefuͤhle, ſchon laͤngſt gethan haben wuͤrde, wenn ihm gluͤckliche Ereigniſſe die unabhaͤngige Lage gege⸗ ben hatten, die das einzige Hinderniß geweſen war. 5 Ihr Schwager und ihre Schweſter waren bei ihrer Ruͤckkehr entzuͤckt uͤber die neue Be⸗ kanntſchaft und den Beſuch uͤberhaupt. Man hatte Muſik gemacht, geſungen, geſchwatzt, ge⸗ lacht, und war ſehr froͤhlich geweſen; Went⸗ worth hatte ein ſehr gefaͤlliges Benehmen und nicht die mindeſte Bloͤdigkeit, oder Zuruͤckhaltung gezeigt; man hatte ſich, wie es ſchien, ſchon voͤllig kennen gelernt, und am naͤchſten Morgen wollte der Kapitain mit dem jungen Musgrove auf die Jagd gehen. Wentworth ſollte zum Fruͤhſtuͤcke kommen, doch nicht zu den jungen Leuten; zwar war dieß anſangs gewuͤnſcht wor⸗ den, aber man hatte ihn gebeten, lieber in's große Haus zu kommen, und er war, wie es ſchien, beſorgt geweſen, der jungen Frau, des kranken Kindes wegen, laͤſtig zu fallen, und ſo war es denn, man wußte nicht wie, zu der „ 110 Abrede gekommen, Karl Musgrove ſollte beim Fruͤhſtuͤcke in ſeines Vaters Hauſe ihn treffen. Anna verſtand alles. Er wollte ſie meiden. Er hatte ſich, ſo ſagte man ihr, leichthin nach ihr erkundigt, wie es ſich nach einer fruͤhern leichten Bekanntſchaft geziemte, vielleicht auch nur in der Abſicht, nur ihr nicht erſt vorgeſtellt werden zu muͤſſen, wenn ſie ſich etwa treffen ſollten. Bei den jungen Leuten wurde es immer ſpäter Morgen, als im großen Hauſe, und der Zeitunterſchied war ſo bedeutend, daß Marie und ihre Schweſter noch beim Fruͤhſtuͤcke waren, äls der junge Musgrove hereintrat mit der Nachricht, daß es ſogleich auf die Jagd gehen ſollte. Er wollte ſeine Hunde abholen; ſeine Schweſtern folgten ihm mit Wentworth, um Marie und den kleinen Kranken zu beſuchen, und der Kapitain hatte auch gewuͤnſcht, Marien auf einen Augenblick zu begruͤßen, wenn er nicht beſchwerlich fiele; aber obgleich der junge Musgrove der Meinung geweſen war, daß der Beſuch bei dem guten Zuſtande des Kindes nicht beſchwerlich fallen koͤnnte, ſo war doch 111 Wentworth darauf beſtanden, ſich erſt ankuͤndi⸗ gen zu laſſen. Marie, ſehr geſchmeichelt durch dieſe Auf⸗ merkſamkeit, wollte ſeinen Beſuch gern anneh⸗ men, waͤhrend Anna von tauſend Gefuͤhlen be⸗ ſtͤrmt wurde, wobei ſie nur den Troſt hatte, daß es bald voruͤber gehen muͤßte. Und es ging bald voruͤber! Zwei Minuten nach Karl's Ankunft traten die Uebrigen in's Beſuchzim⸗ mer. Anna's Auge begegnete fluͤchtig Went⸗ worth's Blicke; ſeine Verbeugung ward erwie⸗ dert; ſie hoͤrte ſeine Stimme; er ſagte einige Worte zu Marien, die ſich auf die Umſtaͤnde des Beſuches bezogen, und auch zu den beiden Fraͤulein etwas, das freundliche Bekanntſchaft verrieth; das Zimmer ſchien voll, ganz voll von Menſchen und Stimmen zu ſein, und in weni⸗ gen Minuten war alles vorbei. Karl erſchien am Fenſter mit der Meldung, es waͤre alles bereit; Wentworth verbeugte ſich und ging; die beiden Maͤdchen ginzen mit, nach dem ſchnellen Ent⸗ ſchluſſe, die Jaͤger bis an's Ende des Dorfes zu degleiten. Das Zimmer war leer, und Anna konn⸗ te ihr Fruͤhſtuͤck endigen, ſo gut es gehen wollte, 112 Es iſt voruͤber, es iſt voruͤber! ſprach ſie zu ſich ſelber, und noch einmahl mit innigem Dan⸗ ke: Das Schlimmſte iſt voruͤber! Marie ſchwatzte, Anna aber konnte nicht zu⸗ hoͤren. Sie hatte ihn geſehen, noch einmahl geſehen: noch einmahl waren ſie in einem Zim⸗ mer beiſammen geweſen. Nach einigen Augen⸗ blicken rief ſie ihre Faſſung zuruͤck, und ſuchte ihre Gefuͤhle durch ruhige Erwaͤgung zu beſaͤnf⸗ tigen. Acht Jahre waren beinahe verfloſſen, ſeit ſie ihn ganz aufgegeben hatte. Wite unge⸗ reimt, Regungen wieder aufzurufen, die nach einer ſolchen Zwiſchenzeit ſich ganz in den Hin⸗ tergrund ihrer Seele zuruͤckgezogen haben muß⸗ ten. Was konnten nicht acht Jahre gewirkt haben! Ereigniſſe aller Art, Veraͤnderungen, Entfremdung— alles mußte in dieſem weiten Zwiſchenraume liegen, und wie natuͤrlich, ja wie unvermeidlich, daß alle Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit erloſchen war. Ach! trotz aller ihrer Gruͤnde, fand ſie, daß fuͤr ein tief gewurzeltes Gefuͤhl acht Jahre kaum mehr als gar nichts ſind. Aber wie ſollte ſie ſeine Geſinnungen deuten? Sah dieß aus, wie 113 der Wunſch, ihr auszuweichen? Im nachſten Angenblicke machte ſie ſich ſelber Vorwuͤrfe uͤber die thoͤrige Frage. Nach einer andern Frage, die ſie vielleicht bei aller Klugheit nicht haͤtte vermeiden koͤnnen, ſchien aller Ungewißheit ein Ende gemacht zu ſein. Als die beiden Fraͤulein Musgrove heim gekehrt waren, gab Marie ihr unaufgefodert Nachricht.„Kapitain Wentworth, ſprach ſie, iſt nicht ſehr artig gegen Dich, wiewohl er mir viel Aufmerkſamkeit bewieſen hat. Henriette fragte ihn, als ſie weggingen, was er von Dir daͤchte, und er ſagte, Du haͤtteſt Dich ſo ver— aͤndert, daß er Dich kaum wieder erkannt haͤtte. Marie hatte nicht ſo viel Gefuͤhl, ihre Schweſtern beſonders zu achten, aber ſie ahnete durchaus nicht, daß ſie hier verwundete. So veraͤndert, daß er ſie nicht wieder er⸗ kannt hatte! Anna ertrug ſchweigend die tiefe Demüthigung. Ja, es mußte freilich ſo ſein, und ſie konnte nicht Vergeltung uͤben; denn er hatte ſich nicht veraͤndert, oder doch nicht zu ſeinem Nachtheile. Sie hatte es ſich ſchon ſelber geſtanden, und konnte nicht anders den— 5 11% ken, mochte er von ihr denken, wie er wollte. Nein, die Jahre, worin ihre Jugendbluͤte unter⸗ gegangen war, hatten ihm nur ein feurigeres, maͤnnlicheres, offeneres Weſen gegeben, und kei⸗ nen ſeiner Vorzuͤge gemindert. Er war der⸗ ſelbe geblieben. So veraͤndert, daß er ſie nicht wieder er⸗ kennen konnte! Dieſe Worte konnte ſie nicht vergeſſen. Aber ſie freute ſich bald, daß ſie darum wußte. Dieſe Worte mußten ihre Be⸗ wegung lindern, ſie beruhigen und ſie daher gluͤcklicher machen. Wentworth hatte dieſe, oder aͤhnliche“Worte gebraucht, aber ohne daran zu denken, daß ſie etwas davon erfahren wuͤrde. Er hatte ſie nachth. lig veraͤndert gefunden, und aufgefodert, ſeine Meinung zu ſagen, im erſten Augenblicke ſein Gefuͤhl ausgeſprochen. Er hatte ihr nicht verziehen. Sie hatte ihn nicht gut behandelt, ihn verlaſſen und getaͤuſcht, und was noch ſchlimmer war, eine Schwäche des Gemuͤthes dabei gezeigt, die ſeinem entſchiedenen, veſten Sinn unertraͤglich ſein mußte. Sie hatte ihn aufgegeben, um Andern gefaͤllig zu ſein; ſie 115 hatte ſich durch Ueberredung hinreiſſen ſich, und furchtſam gezeigt. r hatte eine innige Zuneigung gegen ſie und ſeitdem nie eine Frau geſehen, die er ihr gleich achtete; aber eine ſehr natuͤrliche Regung der Neugier abgerechnet, hegte er gar kein Verlangen, ſie wieder zu ſehen. Ihre Gewalt uͤber ihn war fuͤr immer dahin. Er hatte jetzt die Abſicht, ſich zu verheira⸗ then. Er war reich, betrat das Land mit dem veſten Entſchluſſe, ſich ſobald, als er die um⸗ ſtaͤnde einladend faͤnde, anzuſiedeln, und ſah ſich um, in der Stimmung, ſich ſo ſchnell zu ver⸗ lieben, als es bei einem verſtaͤndigen Sinne und feinem Geſchmacke moͤglich war. Er hatte ein Herz fuͤr Henriette, wie fuͤr Luiſe, wenn ſie es fangen konnten; ein Herz fuͤr jedes holde Mädchen, das ihm in den Weg kam, nur nicht fuͤr Anna Elliot. Dieſe allein nahm er aus, als er zu ſeiner Schweſter, ihre Vorausſetzungen beantwortend, ſagte:„Ja, liebe Sophie, ich bin ganz in der Stimmung, mich thörig zu ver⸗ plempern. Jedes Maͤdchen zwiſchen funfzehn und dreißig Jahren kann mich haben. Ein ₰ 2 116 bischen Schoͤnheit, ein freundliches Lächeln, und ein Paar Schmeicheleien auf das Seeleben, und ich bin verloren. Sollte das nicht genug ſein fuͤr einen Seemann, der zu wenig Umgang mit Frauen gehabt hat, um eigenſinnig zu ſein.“ Er ſagte es, um Widerſpruch zu erfahren, wie ſie wohl wußte. Sein glaͤnzendes ſtolzes Auge ſprach die gluͤckliche Ueberzeugung aus, daß er eigenſinnig in der Wahl war, und Anng Elliot war ſeinen Gedanken nicht fremd, als er in ernſterer Stimmung die Frau beſchrieb, die er zu ſfinden wuͤnſchte. Ein ſtarkes Gemuͤth bei ſanftem Benehmen— das war der Anfang und das Ende ſeiner Schilderung. Eine ſolche Frau muß ich haben, ſprach er. Ein bischen weniger wird mich nicht abhalten, aber viel darf es nicht ſein. Bin ich ein Thor, ſo will ich ein ganzer Thor ſein; denn ich habe mehr als die meiſten Maͤnner uͤber die Sache gedacht. * . vIII. Wentworth und Anna waren ſeitdem mehr⸗ mahl zuſammen in Geſellſchaft. Beide ſpei⸗ ſten bald bei Herrn Musgrove, da Anna nicht laͤnger in dem Zuſtande des Knaben einen Vor⸗ wand finden konnte, ſich zuruͤck zu ziehen, und bald folgten andre Gelegenheiten, ſich in Ge⸗ ſellſchaft zu ſehen. Ob ehemalige Gefuͤhle erneuert werden muß⸗ ten, ließ ſich noch nicht entſcheiden; an ehe— malige Zeiten aber mußten Beide ſich erinnern. Beide wurden unvermeidlich darauf zuruͤck ge⸗ fuͤhrt; das Jahr ihres zärtlichen Verſtäͤndniſſes mußte in den kleinen Erzaͤhlungen, oder Be⸗ ſchreibungen, worauf das Geſpraͤch leitete, noth⸗ wendig von ihm erwaͤhnt werden. Hindeutun⸗ gen, wie:„es war im Jahre 1800,“ oder:„dieß geſchah im Jahr vorher, ehe ich zur See ging“ 118 kamen gleich an dem erſten Abende vor, den Beide mit einander zubrachten, und obgleich ſeine Stimme ſich nicht verwandelte, und Anna keinen Grund hatte, zu glauben, daß kein Auge bei dieſen Aeußerungen ſich zu ihr verirret haͤt⸗ te, ſo fuͤhlte ſie doch, daß er, wie ſie ſein Ge⸗ muͤth kannte, ſo wenig, als ſie ſelber, von ſol— chen Erinnerungen frei ſein konnte. Auch in ſeiner Seele mußten ſich dieſelben Gedanken verketten, wiewohl ſie keineswegs glaubte, daß er ſo viel Schmerz dabei empfunden haͤtte, als ſie. Beide kamen nie anders in eine Unterre⸗ dung, als wo es die gemeinſte Hoͤflichkeit foder⸗ te. Sie— einſt einander ſo Viel, waren ſich jetzt nichts! Es war eine Zeit, wo Beide, ſelbſt in der zahlreichſten Geſellſchaft, es ſehr ſchwer gefunden haben wuͤrden, wenn ſie hätten auf⸗ hoͤren ſollen, ſich mit einander zu unterhalten. Nur allein vielleicht mit Ausnahme des Admi⸗ rals und ſeiner Frau, die bei inniger Zunei⸗ gung gläcklich zu ſein ſchienen, konnte es nicht zwei ſo offene Herzen, zwei durch gleiche Nei⸗ gungen ſo veſt verbundene Scelen, ſo gleich ge⸗ —— — 119 ſtimmte Gefuͤhle gegeben haben. Zetzt ſind ſie ſich fremd, ja ſchlimmer noch als fremd, da ſie nie mit einander bekannt werden koͤnnen. Eine ewige Entfremdung! Wenn er ſprach, hoͤrte ſie dieſelbe Stimme und erkannte daſſelbe Gemuͤth. Alle Anweſen⸗ den waren im Seeweſen ſehr unwiſſend, und alle, zumahl die beiden Fraͤulein Musgrove, thaten haͤufige Fragen uͤber die Lebensweiſe, die Tagesordnung, die Nahrung, die Zeiteintheilung auf dem Schiffe. Die Ueberraſchung, welche ſie bei ſeiner Erzäͤhlung von der, auch an Bord moͤglichen bequemen Einrichtung verriethen, ent⸗ lockte ihm einige Scherze, wobei Anna ſich an jene Zeit erinnerte, wo auch ſie unwiſſend ge⸗ weſen war, und auch ſie beſchuldigt wurde, ſie waͤre in der Meinung geſtanden, daß man an Bord nichts zu eſſen, keinen Koch, keinen Auf⸗ waͤrter, nicht einmahl Meſſer und Gabeln haͤtte. Als ſie ſo zuhoͤrte und ihren Gedanken nachhing, ward ſie durch die leiſe Stimme der Frau Musgrove aufgeſtort, welche, von zartli⸗ chen Erinnerungen bewegt, in dic Worte aus⸗ brach:„O liebe Anna, wenn's Gott gefallen 220 — haͤtte, meinen armen Sohn zu erhalten, ſo duͤrfte ich wohl glauben, er waͤre nun auch ſo ein Mann.“ Anna unterdruckte ein Laͤcheln, hoͤrte guͤtig zu, als Fran Musgrove ihr Herz noch mehr erleichterte, und konnte daher einige Minuten lang der Unterredung der uebrigen nicht folgen. Endlich war ihre Aufmerkſamkeit wieder unge— hindert, und ſie ſah, daß die beiden Fraͤulein eben das Verzeichniß der Seemacht ſuchten, und ſich dann niederſetzten, um alle die Schiffe zu finden, die Wentworth befehligt hatte.„Ihr erſtes Schiff war die Natter, nicht wahr?“ Die werden Sie hier nicht finden, ſprach er. Ein morſches Ding, kaum zum Dienſte brauch⸗ bar. Es ſollte zum Gebrauche im Lande noch ein Paar Jahre taugen, und ich mußte damit nach Weſtindien. Die Madchen ſahen ihn erſtaunt an. Die Abmiralitäͤt macht ſich zuweilen den Spaß, fuhr er fort, ein Paar hundert Mann in einem unbrauchbaren Schiffe in die See zu ſchicken. Man hat faͤr ſo viele zu ſorgen, und unter den Tauſenden, an deren Untergange nichts 121 liegt, kann man unmoͤglich die Leute ausſchei⸗ den, die am wenigſten zu miſſen ſind.* Was fuͤr Zeug das junge Volk ſchwatzt! rief der Admiral. Nie gab's eine beſſere Schalup⸗ pe, als die Natter zu ihrer Zeit. Fuͤr eine Schaluppe von alter Bauart hatte ſie ihres Gleichen nicht. Die zu bekommen, das war ein Gluͤck. Er weiß es ſehr gut, zwanzig Beſ⸗ ſere als er bewarben ſich zu gleicher Zeit dar⸗ um. Ei wohl ein Gluͤck, ſo etwas davon zu tragen, wenn man ſo wenig Unterſtuͤtzung hatte, als er zu jener Zeit. Ich fuͤhlte gewiß auch mein Gluͤck, lieber Admiral, erwiederte Wentworth ernſt. Ich war ſehr zufrieden uͤber meine Anſtellung. Es war gerade zu jener Zeit wichtig fuͤr mich, auf die See zu gehen, ſehr wichtig. Ich fuhlte, daß ich etwas zu thun haben mußte. 3 Freilich war's ſo, erwiederte der Admiral. Was ſollte ein junger Kerl wie Sie ein halbes Jahr lang auf dem Lande thun? Wer kein Weib hat, der will gern bald wieder an Bord ſein. Aber, Herr Capitain, ſprach Luiſe, wie aͤr⸗ 122 gerlich mußte es Ihnen ſein, als Sie ſahen, was die Natter fur ein altes Ding war. Ich wußte es ſchon vorher, was ſie war, antwortete er laͤchelnd. Ich hatte keine Entdek⸗ kungen mehr zu machen, ſo wenig als Sie uͤber einen alten Pelz, der einem halben Dutzend Freundinnen geliehen wurde, bis er endlich an einem naßkalten Tage auch an Sie kam. O es war mir eine liebe alte Natter! Sie gab mir alles, was ich brauchte. Ich wußte das. Ich wußte, daß ich entweder mit ihr unterge⸗ hen mußte, oder daß ich gluͤcklich mit ihr ſein wuͤrde. Ich hatte nie zwei Tage hindurch un⸗ klar Wetter, ſo lange ich mit ihr in der See war und als ich Kaper genug genommen hatte, war ich ſo gluͤcklich, auf dem Heimwege im naͤch— ſten Herbſte gerade auf die franzoͤſiſche Fregatte zu ſtoßen, die ich brauchte. Ich brachte ſie nach Plymvuth auf, wo ſich das Gluͤck mir wieder guͤnſtig zeigte; denn nicht ſechs Stunden waren wir im Sunde, als ein Sturm kam, der vier Tage und Naͤchte währte, worin meine arme al— te Natter nicht halb ſo lange ausgehalten haͤtte. Vier und zwanzig Stunden ſpaͤter, und es waͤre 123 des tapfern Capitain's Wentworth nur in einer kurzen Zeitungnachricht gedacht worden, und Nie⸗ mand wuͤrde um den Seemann, der nur in ei⸗ ner Schaluppe untergegangen waͤre, ſich viel be⸗ kuͤmmert haben. Anna mußte ihre Schauder fuͤr ſich be⸗ halten, aber die beiden Fraͤulein Musgrove durſten bei den Aeußerungen ihrer Theilnah⸗ me und ihres S ſo offen als aufrichtig ſein. Und ſo wird er denn wohl, ſprach Frau Musgrove, die Mutter, leiſe fuͤr ſich ſelber; mit der Laconia abgeſegelt ſein, wo er unſern armen Jungen fand. Lieber Karl! fuhr ſie fort, ihren Sohn zu ſich winkend: frage doch den Capitain, wo er zuerſt deinen armen Bruder fand. Ich vergeſſe es immer. In Gibraltar, Mutter, ich weiß es ja. Ri⸗ chard blieb krank in Gibraltar zuruͤck, und ſein vorheriger Capitain hatte ihn an Wentworth em⸗ pfohlen. Aber ſage doch nur dem Capitain, er brau⸗ che ſich nicht zu ſcheuen, von dem armen Richard vor mir zu ſprechen, es wuͤrde mir eher Ver⸗ 124 gnuͤgen machen, wenn ein ſo guter Freund von ihm ſpraͤche. Karl, der die wahre Lage der Sachen rich⸗ tiger vermuthete, antwortete bloß mit obfnicken und entfernte ſich. Die Maͤdchen machten nun Jagd ge die La⸗ conia, und Wentworth konnte ſich das Vergnu⸗ gen nicht verſagen, das koͤſtliche Buch ſelbſt in die Hand zu nehmen, und ihnen die Muͤhe zu erſparen. Er las ihnen vor, was das Buch da⸗ von erzaͤhlte, und ſetzte hinzu, auch dieſes Schiff gehoͤrte zu ſeinen beſten Freunden.„O das wa— ren frohe Tage, als ich die Laconia hatte! Wie ſchnell ich da Geld machte! Da machte ich ei⸗ nen herrlichen Kreuzzug mit einem Freunde bei den weſtlichen Inſeln. Du weißt ja Schweſter, der arme Harville. Er brauchte das Geld ſo ſehr, mehr als ich. Er hatte eine Frau. Ein herrlicher Kerl! Sch vergeſſe es nie, wie er ſich freute uͤber ſein Gluͤck. Er fuͤhlte es ſo in⸗ nig, beſonders ſeines Weibes wegen. Ich haͤtte ihn gern im naͤchſten Sommer bei mir gehabt, als ich eben ſo gluͤcklich im mittellaͤndiſchen Meere war.“⸗ „„ 125 Und es war gewiß ein gluͤcklicher Tag fuͤr uns, Herr Capitain, als Sie jenes Schiff er⸗ hielten, ſprach Frau Musgrove. Wir werden nie vergeſſen, was Sie gethan haben. Sie ſprach, von ihrem Gefuͤhle bewegt, nur leiſe, und Wentworth, der nicht alles verſtand, und an Richard Musgrove ſich wahrſcheinlich gar nicht erinnerte, ſchien zweifelnd eine weitere Mittheilung zu erwarten. Von meinem Bruder, ſprach eines der bei⸗ den Fraͤulein, von dem armen Richard ſpricht meine Mutter. c Der arme liebe Junge, fuhr die Mutter fort. Er war ſo geſetzt geworden und ſchrieb ſo treffliche Brieſe, als er unter ihrer Auf⸗ ſicht ſtand, Herr Capitain. O wie gluͤcklich waͤre es geweſen, wenn er Sie nie verlaſſen haͤtte! Gewiß, Herr Capitain, es thut uns ſehr leid, daß er nicht bei Ihnen geblie⸗ ben iſt. Es zeigte ſich bei dieſen Worten auf einen Augenblick ein gewiſſer Ausdruck in Went⸗ worths Geſichte, ein gewiſſer Blick in ſeinem glaͤnzenden Ange und ein Zug um ſeinen ſchoͤ⸗ 126 nen Mund, woraus Anna erkannte, daß er, ſtatt die freundlichen Wuͤnſche der Mutter für ihren Sohn zu theilen, wahrſcheinlich einige unangenehme Muͤhe gehabt hatte, ihn los zu werden. Zu füͤchtig war jedoch die Regung ſeiner Selbſtzufriedenheit, als daß irgend Je⸗ mand dieſelbe haͤtte bemerken können, der ihn nicht ſo genau kannte, als Anna; im naͤchſten Augenblicke war er wieder ganz gefaßt und ernſthaft, und kam gleich darauf zu dem Sofa, wo ſie mit Frau Musgrove ſaß. Er ſetzte ſich neben die Hausfrau, und ſprach mit ihr leiſe uͤber ihren Sohn, wobei er eine Theilnahme und natuͤrliche Unbefangenheit zeigte, welche alles, was in den Gefuͤhlen der Mutter wahr und verſtaͤndig war, freundlich beachteten. Anna war ihm ſo nahe! Nur Frau Mus— grove ſaß zwiſchen ihnen, die aber freilich keine unbedeutende Verſchanzung abgab. Sie war von ganz anſehnlichem Umfange, und von der Natur mehr dazu geſchaffen, Froͤhlichkeit und gute Laune auszudrüͤcken, als Zaͤrtlichkeit und Gefuͤhl, und da die Bewegung, welche ſich in Anna's zarter Geſtalt und ſchwermuͤthigen Zu⸗ 127 gen verrieth, vollkommen verborgen war, ſo konnte Wentworth allerdings mit großer Selbſt⸗ beherrſchung die derben Seufzer der Mutter uͤber das Schickſal eines Sohnes hoͤren, den im Leben Niemand beachtet hatte. Der Admiral, der mit den Haͤnden auf dem Ruͤcken ein Paar mahl auf und nieder gegangen war, wurde von ſeiner Frau zur Ordnung ge⸗ rufen, und kam zu ſeinem Schwager. Ohne zu erwaͤgen, ob er eine Unterredung ſtoͤrte, ſetzte er nur ſeine Gedanken fort, als er anhob:„Wä⸗ ren Sie im vorigen Fruͤhjahr nur eine Woche ſpaͤter in Liſſabon geweſen, lieber Friedrich, ſo hätten Sie Frau Grierſon mit ihren nach England bringen koͤnnen.“ Wirklich? Nun, dann iſt's mir lieb, daß ich nicht eine Woche ſpaͤter kam. Der Admiral ſchalt ihn wegen ſeiner Un⸗ feinheit gegen die Frauen. Er vertheidigte ſich, wiewohl er geſtand, daß er nie mit ſeinem Willen Frauen in ſein Schiff aufnehmen möch⸗ te, es waͤre denn zu einem Balle oder einem Beſuche auf ein Paar Stunden.„Aber, wenn ich mich recht kenne, ſetzte er hinzu, thue ich's 128 S keineswegs aus Mangel an Artigkeit gegen die Frauen. Es iſt blos, weil ich fuͤhle, wie un⸗ moͤglich es bei aller Bemuͤhung und allen Aufß⸗ opferungen iſt, es den Frauen an Bord ſo be⸗ quem zu machen, als ſie es haben muͤſſen. Es kann nicht Mangel an Artigkeit ſein, lieber Admiral, wenn man den Frauen hohe An⸗ ſpruͤche auf jede Annehmlichkeit des Lebens ein⸗ raͤumt, und das iſt es ja, was ich thue. Es iſt mir zuwider, wenn ich von Frauen an Bord hoͤre, oder ſie da ſehe, und nie ſoll ein Schiff unter meinem Befehl Frauen irgend wo⸗ hin bringen, wenn ich's ändern kann. Friedrich! fiel ſeine Schweſter ein, das kann unmoͤglich Dein Ernſt ſein. Uebertriebene Verzaͤrtelung! Weiber konnen es ſo bequem an Bord haben, als in dem beßten Hauſe in Eng⸗ land. Ich habe wohl ſo viel auf der See ge— lebt, als irgend eine Frau, und ich wuͤßte nicht, wo ſich's angenehmer lebte, als auf ei— nem Kriegſchiffe. Ich ſage es offen, nie habe ich eine Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit ge⸗ noſſen, ſelbſt nicht in Kellynch⸗Hall,(ſetzte ſie mit freundlicher Verbengung gegen Anna hinzu) 129 die ich nicht auch auf den meiſten Schiffen ge⸗ funden haͤtte, worauf ich gelebt habe, und es ſind ihrer doch fuͤnf. Das gehoört gar nicht hierher, erwiederte Wentworth. Du wareſt bei Deinem Manne, und die einzige Frau an Bord. Aber Du ſelber haſt ja Frau Harville, ihre Schweſter, ihre Nichte und drei Kinder von Portsmouth nach Plymouth gebracht. Wo war denn da deine uͤberfeine Artigkeit? Ganz in meiner Freundſchaft untergegangen, Sophie. Ich wärde der Frau jedes Waffenbru⸗ ders beiſtehen, ſo viel ich könnte, und Harville's Angehoͤrigen braͤchte ich gern von einem Ende der Welt zum andern, wenn's ſein muͤßte; aber glaube darum nicht, daß ich's weniger fuͤr ein Uebel hielte. Glaube mir, ſie hatten es alle ganz bequem. Nun, darum gefallen ſie mir mun eben nicht mehr. So viele Weiber und Kinder haben gar kein Recht, es an Bord bequem zu haben. Lieber Friedrich, was das fuͤr tolles Ge ſchwaͤt iſt. Was wuͤrde aus uns armen See⸗ mannsfrauen werden, die wir oſt aus einem 3 130 ———— Hafen in den andern nach unſern Maͤnnern rei— ſen muͤſſen, wenn Jedermann fuͤhlte, wie Du. Meine Gefuͤhle hielten mich ja nicht ab, Frau Harville mit allen Ihrigen nach Plymouth zu bringen. Aber ich kann's nicht ausſtehen, daß Du wie ein Zierling ſprichſt, und als ob alle Wei⸗ ber Zierpuppen, nicht aber vernuͤnftige Weſen waͤren. Niemand von uns erwartet, immer in ſtillem Fahrwaſſer zu bleiben. O liebes Kind! ſprach der Admiral, wenn er erſt eine Frau hat, wird er ſchon aus einem andern Tone pfeifen. Iſt er verheirathet, und ſind wir ſo gluͤcklich, wieder einen Krieg zu er— leben, ſo macht er's gewiß wie wir beide, und wie viele Andere es gemacht haben. Er wird ſehr dankbar gegen Jedermann ſein, der ihm ſeine Frau bringt. O ja ich denke es auch, antwortete ſie. Nun hoͤr' ich auf, ſprach Wentworth, wenn Cheleute mich angreifen mit ihrem: O er wird ganz anders denken, wenn er nur erſt verheira⸗ chet iſt! Ich kann bloß ſagen: Nein, ich werde es nicht, und wenn's dann wieder heißt: Ja, 131 Du wirſt es doch— ſo iſt der Streit am Ende. Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Welche weite Reiſen muͤſſen ſie gemacht ha⸗ ben! ſprach Frau Musgrove zu Frau Croft. Ziemlich weite, in den funfzehn Jahren mei⸗ ner Ehe, und doch ſind viele Frauen noch wei⸗ ter gekommen. Ich bin viermahl uͤber das at— lantiſche Meer gefahren, einmahl in Oſtindien geweſen, und in verſchiedenen naͤhern Seeplaͤtzen, Cork, Liſſabon, Gibraltar. Nie aber kam ich nach Weſtindien, denn die Bermudas- oder Ba⸗ hama⸗Inſeln rechnet man nicht zu Weſtindien, wie Sie wiſſen. Frau Musgrove hatte nicht ein Wort dage⸗ gen einzuwenden, und konnte ſich nicht anklagen, daß ſie jene Inſeln je weder ſo noch anders ge— nannt hätte. Ja, glauben Sie mir, fuhr Fran Croft fort, nirgend lebt ſich's bequemer als in einem Kriegſchiffe; in einem großen, verſteht ſich. In einer Fregatte iſt es freilich ein wenig be⸗ ſchraͤnkt, aber eine vernuͤnſtige Frau kann ſich auch hier ganz gluͤcklich fühlen, und ich kann C 3 2 132 wohl ſagen, ich habe die glucklichſte Zeit meines Lebens auf Schiffen zugebracht. So lange wir beiſammen waren, fuͤrchteten wir nichts. Ich bin Gott ſei Dank immer ſehr geſund geweſen, und uberall bekommt mir die Luft. In den erſten vier und zwanzig Stunden immer ein bischen un⸗ paͤßlich, aber dann von Krankheit nicht mehr die Rede. Die einzige Zeit, wo ich an Koͤr⸗ per oder Seele litt, die einzige Zeit, wo ich mich für unwohl hielt, oder Gefahren beſorgte, war der Winter, wo ich in Deal blieb, waͤh⸗ rend mein Mann, damahl noch Capitain, in der Nordſee war. Ich lebte in ſteter Furcht, fuͤhlte alle mögliche Leiden, weil ich nicht wuß⸗ te, was ich anfangen ſollte, oder nichts von ihm hoͤrte; aber ſo lange wir beiſammen wa⸗ ren, fehlte mir nie etwas. O ja, ich bin ganz ihrer Meinung, eiwie⸗ derte Frau Musgrove. Es iſt nichts ſo ſchlimm, als eine Trennung. Ich weiß, was das iſt. Mein Mann wohnt immer der vier⸗ teljaͤhrigen Gerichtſitzung bei, und ich bin nie froher, als wenn ich ihn geſund wiederſehe. Der Abend endigte mit einem Tanze. Als 133 man den Vorſchlag dazu that, bot Anna ihre Dienſte an, und obgleich ſich ihre Augen zu⸗ weilen mit Thraͤnen fuͤllten, waͤhrend ſie am Pianoforte ſaß, ſo war ſie doch ſehr froh, auf dieſe Art beſchäftigt zu ſein, und wuͤnſch⸗ te dagegen nichts, als unbeobachtet zu blei⸗ ben. Alle waren ftoͤhlich und Niemand ſchien aufgeraͤumter zu ſein, als Wentworth. Anna fuͤhlte, daß alles dazu beitrug, ſeine Stim⸗ mung aufzuregen, und nichts mehr als die Aufmerkſamkeit der jungen Frauen. Die bei⸗ den Fraäͤulein Hayter, von der bereits erwaͤhn⸗ ten verwandten Familie, waren, wie es ſchien, gleichfalls eingeladen worden, um die Ehre, ſich in ihn zu verlieben, mit den Andern zu thei⸗ len. Henriette und Luiſe ſchienen beide ſo ganz mit ihm beſchaͤftigt zu ſein, daß man ſie fuͤr entſchiedene Nebenbuhlerinnen gehalten haben wuͤrde, wenn ſich nicht fortdauernd das freund— lichſte Einverſtaͤndniß zwiſchen ihnen gezeigt haͤtte. Wer haͤtte ſich wundern koͤnnen, wenn eine ſo allgemeine, ſo lebhafte Bewunderung ihn ein wenig verhaͤtſchelt hätte2 134 63 Dieß waren die Gedanken, welche Anna's Seele beſchaͤftigten, als ihre Finger uͤber die Taſten flogen, zwar ohne zu fehlen, aber auch ohne daß ſie mit ihrer Seele dabei geweſen waͤre. Einmal merkte ſie, daß er auf ſie blickte, vielleicht um ihre veraͤnderten Zuͤge zu bemer⸗ ken, oder die Ueberreſte jener Reize darin auf— zufinden, die ihn einſt bezaubert hatten— ein⸗ mahl erfuhr ſie, daß er von ihr geſprochen hatte, aber ſie ward es kaum gewahr, bis ſie aus der Antwort ſchloß, daß er gefragt hatte, ob Fraͤu⸗ lein Elliot nie tanzte.„Nie, nie, war die Ant⸗ wort, ſie hat das Tanzen ganz aufgegeben; ſie ſpielt lieber, und wird nie muͤde dabei.“ Ein⸗ mahl ſprach er auch mit ihr. Sie hatte das Pianoforte verlaſſen, als der Tanz vorbei war, und er ſetzte ſich nieder, und machte den Ver— ſuch, die beiden Fraͤulein Musgrove mit einer Geſangweiſe bekannt zu machen. Anna ging abſichtslos wieder in jene Gegend des Zimmers, und ſie erblickend, ſtand er ſogleich auf und ſprach mit geftiſſentlicher Hoͤflichkeit:„Verzeihen Sie, Fraͤulein, dieß iſt Ihr Platz.“ Sie zog ſich mit einer ausdrucklichen Weigerung zuruͤck, 135 er aber war nicht zu bewegen, ſich wieder zu ſetzen.„ Anna wuͤnſchte nicht noch mehr ſolche Blicke und ſolche Reden. Seine kalte Hoͤflichkeit, ſein feierlicher Anſtand waren ſchlimmer, als ſonſt irgend etwas. IX. Wentworth war nach Kellynch gekommen, um zu bleiben, ſo lange es ihm beliebte, da der Admiral ihn eben ſo bruͤderlich liebte, als ſeine Schweſter Sophie. Er hatte anfangs den Vorſatz gehabt, ſehr bald nach Shropſhire ab⸗ zureiſen, um ſeinen dort lebenden Bruder zu beſuchen, aber die Reize, die ihn nach Upper⸗ eroß zogen, waren ſo ſtark, daß er dieſen Ge⸗ danken immer aufſchob. Die Aufnahme, welche er hier fand, war ſo freundlich, ſo ſchmeichel⸗ haft, ſo bezaubernd, die alten Leute waren ſo gaſtfret, die jungen ſo angenehm, daß er nur S — 136 den Entſchjuß faſſen konnte, zu bleiben, wo er war, und es einige Zeit laͤnger auf Tren und Glauben anzunehmen, daß ſeines Bruders Frau reizend und vollkommen war. Bald verging kein Tag, wo er nicht nach Uppercroß kam. Die Familie Musgrove konnte kaum bereitwilliger ſein, ihn einzuladen, als er, zu kommen, zumahl in den Morgenſtunden, wo der Admiral mit ſeiner Frau gewoͤhnlich das Haus verließ, um ſeine Felder und ſeine Scha⸗ fe zu beſuchen, oder in dem neu angeſchafften Wagen ſpaziren zu fahren. Bis jetzt war unter der Familie Musgrove und ihren Angehoͤrigen nur eine Meinung uͤber Wentworth geweſen. Alle weihten ihm ei⸗ ne warme Bewunderung. Kaum aber hatte ſich dieſes freundliche Einverſtaͤndniß gebildet, als ein gewiſſer Karl Hayter zuruͤcktehrte, der nicht wenig uͤberraſcht war, und den Seemann ſich ſehr im Wege fand. Karl war der aͤlteſte Sohn der bewußten Nachbarfamilie, und ein ſehr angenehmer junger Mann, der mit Henrietten, vor Wentworth's Ankunft, in einem ſehr freundlichen Verhält⸗ 137 niſſe zu ſtehen ſchien. Er war ein Geiſtlicher und beſaß eine Pfruͤnde in der Umgegend, wo er der eigenen Verwaltung ſeines Amtes ſich uͤberheben durfte, und wohnte im vaͤterlichen Hauſe, ungefaͤhr eine Stunde von Uppercroß. Waͤhrend einer kurzen Abweſenheit war ſei⸗ ne Schoͤne von ſeinen zaͤrtlichen Blicken unbe⸗ wacht geweſen, und bei ſeiner Ruͤckkehr fand er nicht ohne Kummer ein ſehr veraͤndertes Benehmen. Frau Musgrove und Karl's Mutter waren Schweſtern. Beide waren nicht ohne Vermoͤ— gen geweſen, aber durch ihre Verheirathung in ganz verſchiedene Verhaͤltniſſe gekommen. Hay— ter war in Vergleichung mit Musgrove nicht reich, und waͤhrend die Familie Musgrove ſich zu den angeſehenſten Bewohnern der Umgegend rechnen durfte, wuͤrden die jungen Vettern und Baſen bei der abgeſchiedenen und unfeinen Le— bensweiſe ihrer Aeltern und ihrer eigenen man⸗ gelhaften Erziehung, uͤberhaupt gar kein Anſehn gehabt haben, wenn ſie nicht mit der Familie Musgrove in Verbindung geweſen waͤren; der aͤlteſte Sohn ausgenommen, der ſehr keuntniß⸗ 133 ———— voll, gebildet und von feinern Sitten war, als alle uͤbrigen. Die beiden Familien waren immer im beß⸗ ten Vernehmen geweſen, da auf der einen Sei— te nicht Stolz, auf der andern nicht Neid war, und die Fraͤulein Musgrove nur in ſo fern das Bewußtſein ihrer Ueberlegenheit zeig⸗ ten, als ſie fuͤhlten, daß es ihnen Freude machte, ihre Baſen hoͤher zu heben. Henriet⸗ tens Aeltern hatten Karls Bewerbungen um das Fraͤulein gar nicht gemißbilligt. Es waͤre freilich, meinte man, fuͤr Henriette keine glaͤnzen⸗ de Heirath, doch nichts dagegen zu ſagen, wenn ſie ihn nur liebte, und ſie ſchien ihn ja zu lieben. Henriette glaubte es ſelber, ehe ſie Went⸗ worth geſehen hatte; ſeitdem aber war Vetter Karl ziemlich vergeſſen. Welcher von den beiden Schweſtern Went⸗ worth den Vorzug gab, war noch ganz zweifel⸗ haft, ſo weit Anna's Beobachtung ging. Hen⸗ riette war vielleicht die huͤbſcheſte, Luiſe aber war munterer, und Anna wußte nicht, ob zu dieſer Zeit die Angenehmſte oder die Munter— ſte ihn mehr anziehen könnte. Die Aeltern der beiden Fraͤulein, die ent⸗ weder wenig beobachteten, oder auf die Beſon⸗ nenheit ihrer Toͤchter und aller jungen Maͤnner, die ihnen nahe kamen, ein unbedingtes Vertrau⸗ en ſetzten, ſchienen alles der Fuͤgung des Zu⸗ falles uͤberlaſſen zu wollen. Im aͤlterlichen Hauſe ſchien man nicht im Mindeſten um die Maͤdchen bekuͤmmert zu ſein, das junge Ehe— paar hingegen war mehr dazu geſtimmt, allerlei Betrachtungen anzuſtellen und ſich zu verwun⸗ dern, und kaum war Wentworth fuͤnfmahl mit den beiden Fraͤulein Musgrove in Geſellſchaft geweſen und Karl Hayter eben zuruͤckgekehrt, als Anna anhoͤren mußte, wie ihr Schwager und ihre Schweſter erwogen, was am beßten ſein wuͤrde. Karl war fuͤr Luiſe, Marie fuͤr Henriette, beide aber meinten, es wuͤrde ſehr erfreulich ſein, er moͤchte die Eine oder die Andre hehmen. Karl wollte nie einen angenehmern Mann geſehen haben, und nach Wentworths eigener Aeußerung hatte er nicht weniger als zwanzig tauſend Pfund im Kriege gewonnen. So war der Grund zum Wohlſtande gelegt: in einem 140 rönſtigen Kriege mußte es auch wohl glucklich gehen, und Karl war uͤberzeugt, daß ſich Wentworth ſo gut auszeichnen werde, als ir— gend ein anderer See⸗Offizier. O es war eine herrliche Heirath fuͤr die eine, wie fuͤr die andre Schweſter! Ja wahrlich, das waͤr' es! erwiederte Ma⸗ rie. Ei und wenn er vollends zu hohen Ehren kame— wenn er ein Baronet wuͤrde! Das waͤre ganz herrlich fuͤr Henriette. Sie wuͤrde dann den Rang vor mir haben, und das moͤch⸗ te ihr wohl gefallen. Aber es waͤre freilich nur eine neue Baronetwuͤrde, und ich halte nicht viel von euren neuen Wuͤrden. Marie mochte lieber Henrietten fuͤr die Er⸗ waͤhlte halten, weil ſie wuͤnſchte, daß es mit Hayters Bewerbungen ein Ende haͤtte. Sie blickte ſehr ſtolz auf die Familie Hayté erab, und glaubte, es wuͤrde ungluͤcklich genhg ſrin, die ſchon beſtehende Verbindung zwiſchen den beiden Haͤuſern zu erneuern; ſehr traurig fuͤr ſie und fuͤr ihre Kinder. Du weißt, ſprach ſie zu ihrem Manne, ich kann nicht glauben, daß er fuͤr Henriette paßt, 141 und in Betracht der Verbindung, welche Deine Familie geſchloſſen hat, darf ſie ſich nicht ſo wegwerfen. Ich glaube nicht, daß einem jun⸗ gen Maͤdchen das Recht zuſteht, eine Wahl zu treffen, die dem vornehmſten Theil ihrer Fa⸗ milie mißfaͤllig und unangenehm ſein kann, und diejenigen in ſchlechte Verwandſchaften zu bringen, die an ſo etwas nicht gewoͤhnt ſind. Und wer iſt denn Karl Hayter? Nichts als ein Landpfarrer. Eine ſehr unpaſſende Verbindung fuͤr Fraͤulein Musgrove von Up⸗ percroß! Ihr Mann aber wollte ihr nicht beiſtimmen; denn abgerechnet, daß er ſeinen Vetter achtete, war Karl Hayter der aͤltere Sohn, und er ſel⸗ ber urtheilte als ein aͤlterer Sohn. Was das fuͤr ein Geſchwaͤtz iſt, Marie! ant⸗ wortete er. Freilich waͤre es keine glänzende Verbindung fuͤr Henriette, aber Vetter Karl hat auch als Geiſtlicher gute Ausſichten, und ich bitte Dich zu bedenken, daß er, als der äl⸗ teſte Sohn, nach meines Oheims Tode ein ziem⸗ lich anſehnliches Vermoͤgen erbt. Winthrop iſt doch ein huͤbſches Gut, und die Meierei bei Taun⸗ 142 ton iſt auch etwas werth. Ich gebe es zu, je⸗ den Andern von den Vettern, außer Karl, mei— ne Schweſter zum Manne zu geben, waͤre em⸗ poͤrend, und koͤnnte nicht ſtatt finden; aber er iſt ein ſehr gutmuͤthiger, wackerer Mann, und wenn einmahl Winthrop in ſeine Haͤnde kommt, wird er es ſchon ganz anders einrichten, als es jetzt iſt, ganz anders leben, und der Beſitzer eines ſolchen Gutes iſt wahrlich nicht zu verachten. Nein, Nein! Henriette koͤnnte eine viel ſchlimmere Wahl treffen, als Karl Hayter, und wenn ſie ihn hat, und Luiſe den Capitain bekommen kann, werde ich ſehr zufrieden ſein. Mein Mann mag ſagen was er will, ſprach Marie, als ſie mit Anna allein war: es waͤre unausſtehlich, wenn Henriette den Hayter neh⸗ men wollte; ſehr ſchlimm fuͤr ſie, und noch ſchlimmer fuͤr mich. Es waͤre darum ſehr gut, wenn Wentworth ihr ihn bald ganz aus dem Kopfe bringen koͤnnte, und ich glaube wirklich, er hat's gethan. Sie ſah geſtern Hayter kaum an. Ich wollte, Du haͤtteſt ſehen koͤnnen, wie ſie ſich benahm. Daß Wentworth Auiſen ſo gern hätte, als Henrietten, das iſt albernes 143 Geſchwaͤtz; gewiß hat er Henrietten lieber, Aber Karl ſpricht immer ſo entſcheidend. Wa⸗ reſt Du doch geſtern bei uns geweſen, ſo haͤtteſt Du entſcheiden koͤnnen, und Du wuͤrdeſt gewiß meiner Meinung geweſen ſein, es waͤre denn, Du haͤtteſt gegen mich ſein wollen. Ein Gaſtmahl bei ihres Mannes Aettern war die Gelegenheit geweſen, wo Anna alles dieß hatte ſehen ſollen; aber ſie war zu Hauſe geblieben, weil ſie Kopfſchmerz vorſchuͤtzte, und der kleine Karl auch wieder unpaͤßlich geworden war. Sie hatte nur die Abſicht gehabt, Went⸗ worth auszuweichen; aber der Abend wurde nun noch ruhiger fuͤr ſie, da ſie auch der Un⸗ annehmlichkeit entgangen war, eine Schiedsrich⸗ terinn abgeben zu muͤſſen. Fuͤr Wentworth hielt ſie es fuͤr wichtiger, daß er den Zuſtand ſeines Herzens fruͤh genug erkennen moͤchte, um nicht das Gluͤck einer der beiden Schweſtern zu ge⸗ faͤhrden oder etwas gegen ſeine Ehre zu thun, aß er die eine Schweſter der andern vor⸗ zoͤge. Jede von ihnen ſchien eine liebevolle, gut geſinnte Gattin fuͤr ihn werden zu koͤnnen. Aber was ſollte ſie von Hayters Bewerbungen 144 ſagen? Sie beſaß ein Zartgefuͤhl, das ein leicht⸗ ſinniges Benehmen bei einem wohl geſinnten Maͤdchen mit Schmerz bemerkte, und ein Herz, das die dadurch verurſachten Leiden theilen konnte; haͤtte aber Henriette, meinte Anna, ͤber ihre Empfindungen ſich getaͤuſcht, ſo koͤnnte ſie daruͤber nicht fruͤhe genug in's Klare kommen. Karl Hayter hatte in Henriettens Beneh⸗ men vieles gefunden, das ihn beunruhigen und kraͤnken mußte. Sie hatte jedoch zu lange ihre Achtung ihm geweiht, um ſo ganz von ihm entfremdet werden zu koͤnnen, daß in zwei Zu⸗ ſammenkuͤnften jede fruͤhere Hoffnung erloſchen, und nichts fuͤr ihn uͤbrig geblieben waͤre, als Uppercroß auf immer zu verlaſſen; aber er fand doch eine Veränderung, die ſehr beunruhigend war, wenn ein Mann, wie Wentworth, fuͤr die wahrſcheinliche Urſach der Umwandlung ge— halten werden mußte. Er war nur zwei Sonntage abweſend geweſen, und beim Abſchic⸗ de hatte er ihre Frende uͤber die wahrſcheinhhe Hoffnung geſehen, ſeine jetzige Stelle bald mit der Pfarre von Uppercroß vertauſchen zu koͤn⸗ nen, wo der gute, durch Alterſchwaͤche gebeugte 146 Prediger des Ortes ihm die Verwaltung ſeiner Stelle abzutreten geneigt war. Beide Schwe⸗ ſtern waren ſehr froh geweſen, ihren Vetter in Up⸗ percroß im Pfarrhauſe des lieben alten Mannes zu haben. Bei ſeiner Ruͤckkehr war leider! der ganze Eifer verraucht. Luiſe mochte nichts hoͤ⸗ ren, als er von ſeiner Unterredung mit dem Pfarrer ſprechen wollte, und ſah aus dem Fen⸗ ſter, ob Wentworth kaͤme, und ſelbſt Henriette zeigte nur eine getheilte Aufmerkſamkeit, und ſchien alle fruͤhern Zweifel und Beſorgniſſe ver⸗ geſſen zu haben. Nun, das freut mich, ſprach ſie. Aber ich dacht' es immer, daß es Ihnen nicht ſehlen koͤnnte. Es ſchien mir, daß— Kurz, unſer Pfarrer mußte einen Stellvertreter haben, und Sie hatten einmal ſeine Zuſage... Nun Lui⸗ ſe, kommt er noch nicht? Eines Morgens, nicht lange nach dem Gaſtmahle bei Herrn Musgrove, dem Anna nicht beigewohnt hatte, trat Wentworth in das Be⸗ ſuchzimmer, als eben Niemand da war, außer Anna und dem Knaben, der auf dem Sofa lag. K 146 In der Ueberraſchung, ſich faſt ganz allein mit Anna Elliot zu ſehen, verlor er ſeine ge⸗ woͤhnliche Faſſung. Er ward beſtuͤrzt und konnte blos ſagen:„Ich glaubte, Fraͤulein Henriette und Luiſe wären hier; ich ſollte ſie hier finden, wie Frau Musgrove mir ſagte.“ Er ging nach dieſen Worten an's Fenſter, um ſich zu ſammeln und zu erwaͤgen, wie er ſich benehmen muͤßte. Sie ſind oben bei meiner Schweſter, und werden gewiß ſogleich wieder hier ſein, erwie⸗ derte Anna. Man kann leicht denken, in wel⸗ cher Verwirrung ſie war, und haͤtte der Knabe ſie nicht zu ſich gerufen und etwas verlangt, ſo wuͤrde ſie im naͤchſten Augenblick aus dem Zim⸗ mer geweſen ſein, um Wentworth und ſich ſelber zu erloͤſen. Er blieb am Fenſter ſtehen, und als er ru⸗ hig und hoͤflich gefragt hatte:„Ich hoffe, der Kleine iſt beſſer?““ ſchwieg er wieder. Anna mußte vor dem Sofa knien und da bleiben, um den Kranken zu beruhigen, und ſo waren beide einige Minuten allein im Zimmer, als ſie zu ihrer großen Freude hörte, daß Je⸗ 147 mand durch den Vorſaal kam. Sie hoffte, ſich umſehend, den jungen Hausherrn zu erblicken, aber es war Jemand, der am wenigſten dazu taugte, der Verlegenheit abzuhelfen, und Karl Hayter konnte uͤber Wentworths Anblick wahr⸗ ſcheinlich nicht froher ſein, als Wentworth es bei Anna's Anblicke geweſen war.— Sie konnte ihm auch nur wenige Worte ſagen; Wentworth aber, der vom Fenſter kam, ſchien ziemlich geneigt zur Anknuͤpfung einer Unterredung mit ihm zu ſein; Hayter wich ihm jedoch aus, und als er ſich an den Tiſch ſette, wo eine Zeitung lag, ging Wentworth wieder an's Fenſter. In der nächſten Minute kam der juͤngſte Knabe, ein derber, vorlauter zweijaͤhriger Bu— be, durch die offen gebliebene Thuͤre, ging ge⸗ rade auf das Sofa zu, und forderte alles, was ihm anſtand. Anna wollte es nicht leiden, daß er ſeinen kranken Bruder neckte, er aber klam⸗ merte ſich ſo veſt an ſie, als ſie kniete, daß ſie ihn nicht abſchuͤtteln konnte. Sie ſprach, be— fahl, drohte vergebens, und verſuchte es endlich, ihn wegzuſchieben; aber dem Knaben machte es K 2 „ 148 deſto mehr Freude, ſich ſogleich wieder auf ih⸗ ren Ruͤcken zu haͤngen. Walter, ſprach ſie, Du gehſt ſogleich! Du biſt ſehr unruhig. Ich bin Dir ſehr boͤſe. Walter, ſprach Hayter, warum thuſt Du nicht, was Dir geheißen wird? Hoͤrſt Du nicht, was Deine Tante ſagt? Komm zu mir, Walter. Wer nicht kam, war Walter. Im naͤchſten Augenblicke aber ward Anna von dem Knaben erloͤſet, den Jemand von ihr nahm; aber er hatte ſie mit ſeinen kleinen derben Haͤnden ſo veſt umfaßt und ihren Kopf ſo tief nieder ge⸗ druckt, daß man ihn ſchon entſchloſſen von ihr geriſſen hatte, ehe ſie ſah, Wentworth haͤtte es gethan. Sie konnte kein Wort hervorbringen, als ſie dieß entdeckte, und vermochte kaum, ihm zu danken. Sie beugte ſich mit unruhiger Bewe⸗ gung uͤber den kranken Knaben. Die Guͤte, womit Wentworth zu ihrem Beiſtande geeilt war, die Art und das Stillſchweigen, womit er es gethan, alle kleinen Umſtände der Handlung, und die ihr bald ſich aufdringende Ueberzeugung, 149* daß er ſich gefliſſentlich ſehr laut mit dem Kinde beſchaͤftigte, um ihren Dank nicht zu hoͤ⸗ ren, und daß er faſt nur zeigen wollte, wie wenig er eine Unterredung mit ihr wuͤnſchte— alles dieß erregte eine ſolche Verwirrung von Wnechüe Feunng in ibe⸗ und den beiden Fraͤulein, die endlich erſchienen, den Kranken uͤberlaſſen konnte. Es war ihr nicht moͤglich, zu bleiben, wiewohl ſie eine gute Gelegenheit gehabt haͤtte, die Regun⸗ gen der Liebe und Eiferſucht bei allen vier Par⸗ theien zu beobachten, wenn ſie es haͤtte uͤber ſich bringen koͤnnen. Es war unverkennbar, daß Hayter den Seemann nicht leiden konnte. Sie erinnerte ſich, daß er, nach Wentworths Zwi⸗ ſchenkunft, aͤrgerlich zu dem Kinde geſagt hatte:„Du hätteſt auf mich hoͤren ſollen, Walter, als ich Dir ſagte, Du ſollteſt Deine Tante nicht quaͤlen,“ und ſie begriff leicht, wie unangenehm es ihm war, daß Wentworth ge⸗ than hatte, was er ſelber haͤtte thun ſollen. Es konnte aber, weder was Hayter, noch was ſonſt Jemand fuͤhlte, anziehend fuͤr ſie ſein, 150 ehe ihre Gefuͤhle wieder beſſer in Ordnung wa⸗ ren. Sie ſchaͤmte ſich nun uber ſich ſelber, ſchaͤmte ſich, daß ſie ſo reizbar geweſen war, und von einer ſolchen Kleinigkeit ſich hatte aus der Faſſung bringen laſſen; aber es war ſo, und erß als ſie lange in der Einſamkeit ihre Ge⸗ nken geſammelt, konnte ſie ſich erhohlen. X. E⸗ konnte ihr nicht an andern Gelegenheiten fehlen, ihre Beobachtungen zu machen. Sie war bald mit allen vier betheiligten Perſonen ſo oft in Geſelſchaft geweſen, daß ſie eine be⸗ ſtimmte Meinung faſſen konnte, wiewohl ſie zu klug war, zu Hauſe ihre Bemerkungen mitzu⸗ theilen, weil ſie wohl wußte, daß ſie damit we⸗ der ihrem Schwager, noch ihrer Schweſter will⸗ kommen ſein wuͤrde. Sie bemerkte wohl, daß Wentworth Luiſen den Vorzug gab; konnte aber, wenn ſie ihre Erinnerungen und Erfah⸗ 161 rungen zu Rathe zog, doch nicht glauben, daß er in eine der beiden Schweſtern verliebt wäre. Es war ein kleines Bewunderungfieber, das aber mit Liebe zu der Einen, oder der Andern endigen konnte, oder wohl gar mußte. Hayter ſchien zu bemerken, daß er uͤberſehen wurde, and doch ſchien es auch zuweilen, als ob Henri⸗ ette zwiſchen Beide ihre Aufmerkſamkeit gecheilt hätte. Anna wuͤnſchte, es moͤchte in ihrer Macht ſtehen, ihnen vorzuſtellen, auf welchem Wege ſie waͤren, und einige der Gefahren vot ihnen aufzudecken, welchen ſie ſich ausſetzten. Sie ſchrieb Niemanden unredliche Abſichten zu. Es war ihr ein ſehr wohlthaͤtiges Gefuͤhl, zu glau⸗ ben, daß Wentworth die Leiden im Geringſten nicht ahnete, wozu er Anlaß gab. Keine Sie⸗ gesfrende, keine mitleidige Siegesfreude war in ſeinem Benehmen. Er hatte wahrſcheinlich nie etwas von Hayters Anſpruͤchen gehoͤrt, nie daran gedacht. Unrecht war es nur, daß er die Aufmerkſamkeit der beiden Maͤdchen zu gleicher Zeit annahm, denn nur von Anneh⸗ men war hier die Rede. Nach kurzem Kampfe aber ſchien Hayter — 152 — das Feld zu raͤumen. Drei Tage waren ver⸗ gangen, ohne daß er ſich auch nur einmahl in Uppercroß haͤtte ſehen laſſen. Dieß deutete of— fenbar auf eine Umwandlung. Er hatte ſogar eine regelmaͤßige Einladung zum Eſſen abgelehnt, und als Herr Musgrove ihn bei der Gelegen⸗ heit vor einigen Foliobaͤnden gefunden hatte, meinte er mit ſeiner Frau, es ſtaͤnde nicht gut mit dem jungen Manne, und Beide aͤußerten ernſthaft die Beſorgniß, er koͤnnte ſich bei ſei— nem Lernfleiße den Tod hohlen. Marie hoffte und glaubte, Henriette haͤtte dem jungen Manne vollig den Abſchied gegeben, und ihr Mann rech⸗ nete voͤllig darauf, ihn am nachſten Tage zu ſehen. Anna glaubte ſo viel zu erkennen, daß Hayter klug war. Als eines Tages um dieſe Zeit Karl Mus⸗ grove und Wentworth auf die Jagd gegangen waren, und die beiden Schweſtern ruhig bei ihrer Arbeit ſaßen, traten Henriette und Luiſe an's Fenſter. Es war ein ſchoͤner Novembermorgen. Die beiden Fraͤulein ſagten, ſie hätten die Abſicht, einen langen Spaziergang zu machen, und 1 „ . 0 O meinten, Marie wuͤrde eben darum wohl nicht mitgehen wollen; ihre Schwägerinn aber, wel⸗ che die Vermuthung, daß ſie nicht gut zu Fuße waͤre, ein wenig eiferſuͤchtig machte, antwortete ſogleich:„O ja, ich ginge ſehr gern mit Euch; ein langer Spaziergang iſt mir ſehr lieb.“ Anna ſah es den beiden Maͤdchen an, daß ſie dieß gerade nicht wuͤnſchten, und wunderte ſich wieder, wie haͤusliche Gewohnheiten eine Art von Nothwendigkeit herbei zu fuͤhren ſchienen, ſich gegenſeitig alles mitzutheilen und alles ge⸗ meinſchaſtlich zu thun, wie unwillkommen und unangenehm es auch waͤre. Sie bat ihre Schwe⸗ ſter, nicht mitzugehen, und als es vergebens war, hielt ſie es fuͤr das Beſte, die deſto drin⸗ gendere Bitte der beiden Fraulein zu gewaͤhren. Sie glaubte ihnen nuͤtzlich werden zu koͤnnenn, wenn ſie mit Marien zuruͤckkehrte, und hoffte jede Stoͤrung eines eigenen Entwurfes ihrer jungen Freundinn zu mindern. Ich begreife nicht, warum ſie glauben, daß ich nicht gern einenz langen Spaziergang mache, ſprach Marie, als ſie mit ihrer Schweſter hin⸗ aus ging. Jedermann glaubt immer, ich waͤre 154 nicht gut zu Fuße. Und doch waͤre es ihnen nicht lieb geweſen, wenn wir nicht haͤtten mit⸗ gehen wollen. Kommt man auf dieſe Art zu Jemanden, und bittet, ſo laͤßt ſich doch nicht Nein ſagen. In dem Augenblicke, als ſie aufbrechen wollten, kamen die beiden Jaͤger zuruͤck, da ein junger Hund, den ſie mitgenommen, ihnen die Jagdfreude zerſtoͤrt und ſie fruͤher nach Hauſe gebracht hatte. Sie waren munter und aufge⸗ legt genug, weiter zu gehen, und wollten gern die Frauen begleiten. Haͤtte Anna ein ſolches Zuſenmmentreffen vorausſehen koͤnnen, ſo wuͤrde ſie zu Hauſe geblieben ſein; aber da Theilnah⸗ me und Neugier ſich in ihr regten, meinte ſie, es waͤre nun zu ſpaͤt, ihr Wort zuruͤck zu neh⸗ men, und alle ſechs folgten dem Wege den die beiden Fraͤulein Musgrove angaben. Anna war bedacht, Niemanden in den Weg zu kommen, und wo ſchmale Pfade, die uͤber das Feld liefen, viele Trennungen nothwendig machten, ſuchte ſie ſich zu ihrem Schwager und ihrer Schweſter zu halten. Ihr Vergnuͤgen auf dem Spaziergange mußte ſie in der Bewegung — G und in dem ſchoͤnen Tage, in der Betrachtung des letzten Laͤchelns, womit der Herbſt auf die vergelb⸗ ten Blaͤtter und die verwelkten Hecken herabblick⸗ te, in der Wiederhohlung einiger von den unzaͤhli⸗ chen dichteriſchen Beſchreibungen des Herbſtes fin⸗ den, jener Jahreszeit die einen ſo eigenen und un⸗ vergaͤnglichen Einfluß auf ein fuͤhlendes und zartes Gemuͤth ausuͤbt, und auch jeden ausgezeichneten Dichter zu dem Verſuche einer Beſchreibung, oder zu gefuͤhlvollen Zeilen geſtimmt hat. Sie beſchäf⸗ tigte ihre Seele ſo viel als moͤglich mit ſolchen Betrachtungen und mit ſolchen dichteriſchen Stel⸗ len; unmoͤglich konnte ſie ſich jedoch verſagen, etwas von Wentworths Unterhaltung mit den beiden Fräulein zu erhorchen, wenn ſie ihnen nahe war; aber ſie hoͤrte nicht viel Wichtiges. Es war nichts als ein munteres Geſchwaͤtz worein junge Leute, die auf freundſchaftlichem Fuße leben, leicht fallen. Er unterhielt ſich haͤufiger mit Luiſe, als mit Henriette, und Lui⸗ ſe machte ſich ihm freilich auch mehr bemerk⸗ lich, als ihre Schweſter. Dieſe Auszeichnung ſchien immer zuzuneh⸗ men, und Luiſe that eine Aeußerung, die fuͤr 56 Anna auffallend war. Nach einem von den im⸗ mer hervorbrechenden Lobſpruͤchen auf den ſchoͤ⸗ nen Tag, ſette Wentworth hinzu:„Was fur ein herrliches Wetter fur den Admiral und mei⸗ ne Schweſter! Sie wollten heute morgen weit fahren. Vielleicht köͤnnen wir ihnen irgendwo von dieſen Hoͤhen zurufen. Sie wollten in dieſe Gegend kommen, wie ſie ſagten. Wo mogen ſie ſich heute herumtreiben! Ich! ver⸗ ſichre Ihnen, es geht nicht immer gluͤcklich ab; aber meiner Schweſter liegt nichts daran, wenn ſie auch einmahl umgeworfen wird.! O gewiß, Sie uͤbertreiben, erwiederte Luiſe, aber wenn es auch waͤre, ich machte es eben ſo an ihrer Stelle. Wenn ich einen Mann lieb⸗ te, wie ſie den Admiral liebt, ich wuͤrde immer bei ihm ſein; nichts ſollte uns je trennen, und ich moͤchte mich lieber mit ihm umwerfen laſ⸗ ſen, als mit ſonſt Jemanden in aller Sicherheit fahren. Sie ſprach dieſe Worte mit Feuer. Wirklich? erwiederte Wentworth eben ſo leb⸗ haft. Ich ehre Sie. Beide ſchwiegen darauf einige Augenblicke. N 157 — Anna konnte nicht ſogleich wieder eine dich⸗ teriſche Stelle wiederhohlen. Die lieblichen Er⸗ ſcheinungen des Herbſtes wurden fuͤr eine Weile uͤberſehen, wenn nicht etwa ein zaͤrtliches Sonett ihr einfiel, worin etwas von der Aehnlichkeit ei⸗ nes ſinkenden Gluͤckes mit dem ſinkenden Jahre, und Bilder von verſchwundener Jugend und Hoffnung, von verſchwundener Fruͤhlingszeit vorkamen. Endlich, als man auf einen andern Pfad kam, ermunterte ſie ſich zu den Worten:„Fuͤhrt nicht dieſer Weg auch nach Winthrop?“ Niemand hoͤrte ſie, wenigſtens antwortete Niemand. Winthrop, oder die Umgegend— denn jun⸗ gen Maͤnnern pflegt man zuweilen in der Ge⸗ gend ihrer Heimath zu begegnen— war aber doch das Ziel der Wanderung der beiden Maͤd⸗ chen, und als ſie noch eine Viertelſtunde auf⸗ waͤrts uber weit gedehnte Felder gekommen wa⸗ ren, wo der Pflug in Thaͤtigkeit war, und friſch gemachte Pfade den Landbauer ankuͤndig⸗ ten, aber die ſuͤße dichteriſche Wehmuth, und den Wahn, wieder im Fruͤhlinge zu leben, zer⸗ 158 ſtoͤrten, kamen ſie endlich auf den Gipfel des anſehnlichſten Huͤgels, der Uppereroß und Win⸗ throp ſchied, und bald erblickten ſie dieſes Landgut jenſeit, am Fuße des Huͤgels. Win⸗ throp war weder ſchoͤn, noch anſehnlich, ein ſchlechtes, niedriges Haus, von Scheunen und Wirthſchaftsgebaͤnden umgeben. Lieber Himmel, das iſt Winthrop? rief Marie. Das haͤtte ich nicht gedacht— Nun, ich daͤchte, wir kehrten um, ich bin ſehr muͤde. 4 Henriette, die bei dem Bewußtſein, das ſie heimlich mahnte, beſchaͤmt war, ſah nirgend ci— nen Vetter Karl umher wandeln, oder an ein Thor ſich lehnen, und war bereit, Mariens Wunſch zu erfuͤllen.„Nein!“ ſprach der junge Musgrove.„Nein! nein!“ rief Luiſe lebhafter, und ſchien mit ihrer Schweſter, die ſie bei Seite fuͤhrte, eifrig uͤber die Sache zu ſprechen. Musgrove erklaͤrte beſtimmt den Entſchluß, ſeine Tante zu beſuchen, da er einmahl in der Nähe waͤre, und zeigte, wenn auch ſchuͤch⸗ tern, die Abſicht, ſeine Frau zum Mitgehen zu 159 bewegen. Dieß war jedoch einer von den Punkten, worin Marie ihre Staͤrke zeigte, und als er meinte, es wuͤrde ihr, da ſie ſo muͤde waͤre, recht wohl bekommen, eine halbe Stunde in Winthrop auszuruhen, antwortete ſie entſchloſ⸗ ſen:„O nein, wahrlich, den Huͤgel wieder hinauf zu gehen, wuͤrde mir ſchlimmer be⸗ kommen, als das Ausruhen mir wohlthätig waͤre.“ Blick und Benehmen verriethen, daß ſie nicht gehen wollte. Nach einigen Verhandlungen und Berathungen ward es endlich zwiſchen Musgrove und ſeinen Schweſtern ausgemacht, daß er und Henriette auf ein Paar Minuten hinab gehen ſollten, um die Tante zu beſuchen, waͤhrend die Uebrigen ſie auf dem Gipfel des Huͤgels erwarteten. Luiſe ſchien die Hauptan⸗ ſtifterinn zu ſein, und als ſie, noch immer mit Henriette ſprechend, ſie und ihren Bruder begleitete, ſah Marie unmuthig ſich um, und ſprach zu Wentworth:„Es iſt ſehr unange⸗ nehm, ſolche Verwandte zu haben, aber ich ver⸗ ſichere Ihnen, nicht mehr als zweimahl in mei⸗ nem Leben bin ich bei ihnen geweſen.“ 160 Sie erhielt keine andere Antwort, als ein erzwungenes beiſtimmendes Laͤcheln, welchem, als er ſich umwendete, ein verachtender Blick folgte, deſſen Bedeutung Anna ſehr gut kannte. Der Gipfel des Huͤgels, wo ſie blieben, war ein ſehr angenchmer Platz. Luiſe kam zuruͤck, und Marie, die einen bequemen Platz fuͤr ſich ſelber auf einen Zaunbrete gefunden hatte, war ganz vergnuͤgt, ſo lange alle Uebrigen um ſie ſtanden. Endlich aber zog Luiſe den Seemann mit ſich fort, um zu ſehen, ob ſich in einer nahen Baumpflanzung noch Nuͤſſe finden ließen, und als Beide nach und nach aus dem Geſichte verſchwunden waren, und ſelbſt ihre Stimme nicht mehr gehoͤrt wurde, war Marie nicht mehr zufrieden, war boͤſe auf ihren Sit, mein⸗ te, Luiſe haͤtte irgendwo einen beſſern gefunden und nichts konnte ſie abhalten, ſich auch einen andern zu ſuchen. Sie nahm denſelben Weg, den Luiſe und Wenthwort gewaͤhlt hatten, ſah ſie aber nirgend. Anna fand einen huͤbſchen Sitz fuͤr ſie auf einer trocknen, ſonnigen Bank unter der Baumreihe, wo jene Beiden noch irgend wo ſein mußten. Marie ſetzte ſich einen 161 Augenblick; aber es ging nicht; ſie war uͤber⸗ zeugt, Luiſe haͤtte einen beſſern Platz gefunden, und wollte weiter gehen, bis ſie ihre Schwaͤ⸗ gerin gefunden hätte. Anna, die ſelber muͤde war, ſetzte ſich nie⸗ der, und ſehr bald hoͤrte ſie Wentworth und Luiſe in der Baumpflanzung, hinter ihrem Sitze, wo ſie durch einen pfadloſen Hohlweg hinauf kamen. Sie waren im Geſpraͤch be⸗ griffen. Luiſens Stimme ließ ſich zuerſt horen, und ſie ſchien mitten in einer lebhaften Unter— redung zu ſein. Anna hoͤrte zuerſt folgende Worte:„So machte ich, daß ſie ging. Ich konnte es nicht ausſtehen, daß ſie ſich durch ſol⸗ che Albernheiten von dem Beſuche abſchrecken ließ. Wie, ich ſollte eine Sache aufgeben, die ich beſchloſſen haͤtte und fuͤr Recht hielt, bloß weil eine ſolche Frau, oder ſonſt irgend Jemand, ſich ein Anſehn giebt und ſich einmengt. Nein ich begreife nicht, wie man ſich ſo leicht uͤber⸗ reden laſſen kann. Habe ich einmal meinen Sinn worauf geſetzt, ſo bleibt's dabei. Hen⸗ riette ſchien es ſich feſt vorgenommen zu haben, heute nach Winthrop zu wandern, . 9 * 169 und doch war ſie ſo nahe daran, aus einfältigen Nachgiebigkeit von ihrem Entſchluſſe wieder ab⸗ zugehen.“ Sie wuͤrde alſo zuruͤckgekehrt ſein, n Sie es nicht verhindert hätten? hob Went⸗ worth an. Ja freilich wuͤrde ſie's, ich mich faſt, es zu ſagen. Ein Gluͤck fuͤr ſie, daß ein ſolce Gemuͤth, wie das Ihrige, ihr zur Seite ſteht. Darch die Winke, die Sie mir jetzt geben, werdeh Keine eigenen Beobachtungen beſtaͤtigt, die ich neulich machte, als ich mit ihm in Geſellſchaft war, und es iſt unnöthig, mich zu ſtellen, als ob ich nicht ſähe, was im Werke iſt. Ich ſehe wohl, es war nicht bloß von einem ehrerbieti⸗ gen Morgenbeſuche bei Ihrer Tante die Rede— und wehe ihm und ihr auch, ſollte es einmahl zu wichtigen Ereigniſſen kommen, ſollten ſie in Lagen verſetzt werden, wo Standhaftigkeit und Seelenſtaͤrke erfodert wird, wenn ſie nicht Ent⸗ ſchloſſenheit genug haben, bei einer ſolchen Kleinigkeit als dieſe, einer unnuͤtzen Einmi⸗ ſchung ſich zu widerſetzen. Ihre Schweſter iſt 163 ein liebenswürdiges Maͤdchen, aber Sie beſiz⸗ zen Entſchloſſenheit und Standhaftigkeit, wie ich ſehe. Wenn das Betragen und das Gluck Ihter Schweſter Ihnen etwas werth iſt, ſo flö⸗ ßen Sie ihr ſo viel von Ihrem Muthe ein, als Sie koͤnnen. Doch— das haben Sie ge⸗ wiß immer gethan. Es iſt das ſchlimmſte Ue⸗ bel eines zu nachgiebigen und unentſchloſſenen Gemuͤthes, daß allcr Einfluß darauf unſicher iſt. Man kann ie verſichert ſein, daß ein guter Eindruck fortdauert. Jeder kann es be⸗ herrſchen. Wer glucklich ſein will, ſei veſt. Sehen Sie hier dieſe Nuß, ſetzte er hinzu, in⸗ dem er eine von einem hoͤhern Zweige riß: ei⸗ ne ſchoͤne, glatte Nuß, die alle herbſtlichen Stuͤrme uͤberdauert hat, weil ſie mit urſpruͤng⸗ licher Stärke begabt war. Rirgend ein Puͤnkt⸗ chen, nirgend eine weiche Stelle. Dieſe Nuß, fuhr er mit ſcherzhafter Feierlichkeit fort: iſt zu einer Zeit, wo ſo viele ihrer Schweſtern herabgefallen und zertreten ſind, noch immer im Beſitze aller Gluͤckſeligkeit, deren eine Ha⸗ ſelnuß fuͤr faͤhig gehalten werden kann. Fuͤr Alle, die mir Theilnahme einflößen, fuhr er 82 16 4 bann wieder mit ernſtem Tone fort: iſt mein erſter Wunſch, daß ſie veſt ſein möͤgen. Wenn Luiſe Musgrove im November ihres Lebens reizend und gluͤcklich ſein will, ſo muß ſie ihre ganze jetzige Seelenſtaͤrke bewahren. Er ſchwieg und erhielt keine Antwort. An⸗ na wuͤrde ſich gewundert haben, wenn Luiſe auf eine ſolche Rede, auf ſo wichtige, mit ſo ernſtlicher Waͤrme geſprochnen Worte ſogleich hätte antworten koͤnnen. Sie ahnete aber, was Luiſe fuͤhlen mußte. Kaum wagte ſie es, ſich zu regen, um ſich nicht zu verrathen. Ein niedriger Stechpalmenſtrauch ſchirmte ſie, als Beide voruͤbergingen, und ſie hoͤrte Luiſens Worte;„Marie iſt ſonſt gutmuͤthig, aber zu⸗ weilen ärgert ſie mich ſehr durch ihre Verkehrt⸗ heit und ihren Stolz, den Elliot⸗Stolz. Sie hat allzuviel von dieſem Ahnenſtolze. Es waͤre uns lieber geweſen, wenn Karl ihre Schweſter Anna geheirathet haͤtte. Sie werden es wohl wiſſen, er wuͤnſchte Anna zu haben?“ Sie ſchlug ihn aus, wollen Sie ſagen? ſprach Wentworth nach einer Pauſe. Ei allerdings! „— t 165 ————— Und um welche Zeit geſchah das? Ich weiß es nicht genau, entwortete Luiſe. Henriette und ich waren zu jener Zeit in der Koſiſchule, aber ich glaube, ungefaͤhr ein Jahr vor ſeiner Verbindung mit Marie. Ich wuͤn⸗ ſche, Anna hatte ihn genommen. Wir Alle haͤtten ſie weit lieber gehabt, und meine Ael⸗ tern glauben, Frau Ruſſel, ihre vertraute Freun⸗ dinn, haͤtte Anna davon abgehalten. Sie mei⸗ nen, Karl waͤre nicht gelehrt und beleſen ge⸗ nug, um Frau Ruſſel zu gefallen, und darum haͤtte ſie Anna beredet, ihn auszuſchlagen. Die Sprechenden entfernten ſich nun, und Anna konnte nichts mehr hoͤren. Sie wat ſo bewegt, daß ſie nicht ſogleich aufſtehen konnte, und erſt nach einigen Augenblicken hatte ſie wieder Faſſung gewonnen. Des Horchers ſpruͤchwoͤrtliches Schickſal war nicht ganz das ihrige; fle hatte nichts Schlimmes von ſich ſel— ber gehoͤrt, aber doch etwas von ſchmerzlicher Bedeutung erfahren. Sie ſah, in welchem Lichte Wentworth ihre Gemuͤthsart betrach⸗ tete, und doch hatte ſein Benchmen ſo viel warme Theilnahme und Neugier in Beziehung 166 auf ſie verrathen, daß ſie lebhaft bewegt ſein mußte. Sie ging, ſobald ſie konnte, ihrer Schwe⸗ ſter h, und als ſie Marien gefunden hatte, kehrten Beide wieder zu dem erſten Sitze an der Hecke zuruͤck. Anna war froh, als nach einigen Augenblicken auch die Uebrigen wieder zu ihnen kamen, und Alle ſich wieder in Bewe⸗ gung ſetzten. Ihrer Stimmung war jene Ein⸗ ſamkeit und jenes Schweigen Beduͤrfniß, wo⸗ zu man nur in zahlreicher Geſellſchaft kommen kann. Karl Musgrove und Henriette brachten den jungen Hayter mit, wie man vermuthet haben wird. Anna konnte es nicht verſuchen, die naͤhern Umſtaͤnde dieſer Angelegenheit zu er⸗ forſchen; ſelbſt Wentworth wurde hier, wie es ſchien, nicht ganz zum Vertrauten gemacht; daß aber der junge Mann ſich zuruͤckgezogen, und das Fräulein nachgegeben hatte, und Beide ſich nicht wenig uͤber ihre Wiedervereinigung freuten, war nicht zu bezweifeln. Henriette ſah ein wenig beſchämt aus, war aber ſehr vergnügt, Hayter hoͤchſt gluͤcklich, und Beide 167 waren faſt unzertrennlich ſeit dem erſten Angen⸗ blicke, wo ſie nach Uppercroß aufbrachen. Es zeigte ſich nun ganz klar, daß Luiſe und Wentworth auch Luſt hatten, ein Paarz den. Wo man ſich auf dem Wege kennen mußte, oder auch wenn es eben nicht nöthig war, gingen Beide neben einander, faſt in ſo traulicher Naͤhe, als das andere Paͤrchen. Auf einem breiten Wieſenſtreif, wo Platz genug fuͤr Alle war, ſondexte ſich die Geſellſchaft in drei Gruppen, und zu derjenigen, die am wenig⸗ ſten der Munterkeit und Artigkeit ſich ruͤhmen konnte, mußte Anna gehören. Sie geſellte ſich zu ihrem Schwager und ihrer Schweſter, und hatte ſich wirklich ſo muͤde gegangen, daß ſie ſehr gern den freien Arm ihres Begleiters an⸗ nahm, der zwar gegen ſie ſehr freundlich war, aber mit ſeiner Frau ein wenig ſchmollte. Ma⸗ rie war unfreundlich gegen ihn geweſen, und fuͤhlte nun die Folgen davon, als er faſt jeden Augenblick ihren Arm los ließ, um mit ſeiner Gerte Neſſeln in der Hecke abzuhauen. Sie beſchwerte daruͤber, und klagte, daß ſie, wie gewoͤhnlich, uͤbel behandelt werde, weil ſie * wer⸗ 168 „ auf der Heckenſeite gehe, wogegen Anna auf der andern ungeſtoͤrt bleibe; ihr Mann aber ließ nun beide Arme los, um einem Wieſel nachzu⸗ laufen, das ſich eben ſehen ließ, und kaum konn⸗ ten ſie ihn wieder bekommen. Die Wieſe gränzte an eine Gaſſe, welche der Fußpfad durchſchnitt, und als znſere Wan⸗ derer an den Ausgang kamen, ſahen ſie, daß das Fuhrwerk, deſſen Rollen ſie ſchon vorher gehört hatten, des Admirals Wagen war. Er ſuhr mit ſeiner Frau nach Hauſe. Als ſie hoͤr⸗ ten, daß die jungen Leute von einem langen Spaziergange zuruͤck kamen, boten ſie freundlich der Muͤdeſten unter den Frauen einen Sitz an, da ſie durch Uppereroß fahren wollten. Die all⸗ gemeine Einladung wurde von Allen abgelehnt. Die beiden Fraͤulein Musgrove waren gar nicht mude, und Marie war entweder empfindlich, daß man ſie nicht vor allen Andern eingeladen hatte, e i Familienſtolz, wie's Luiſe nann⸗ te, konnte es nicht ertragen, in einem einſpan— nigen Wagen einen dritten Platz einzunehmen. Die Spaziergaͤnger gingen durch die Gaſſe und uͤber den jenſeitigen Heckenſteig, und der 169 Admiral wollte ſein Pferd wieder in Trapp ſetzen, als Wentworth zu dem Wagen ſprang und ſeiner Schweſter etwas ſagte. Waser ihr mitgetheilt hatte, ließ ſich aus den Worten errathen, die Frau Croſt an Anna richtete: — „Fraͤulein Elliot, ich weiß gewiß, Sie ſind muͤde. Goͤnnen Sie uns das Vergnuͤgen, Sie nach Hauſe zu bringen. Es iſt hier Platz ge⸗ nug fuͤr drei, und waͤren wir Alle, wie Sie, wohl gar fuͤr vier. Sie muͤſſen, ja Sie muſ⸗ ſen!“ Anna war noch in der Gaſſe, und ſie woll⸗ te, durch ein dunkles Gefuͤhl getriben die Ein— ladung ablehnen; aber es ſollte nicht ſein. Der Admiral bat ſo dringend, als ſeine Frau, beide draͤngten ſich zuſammen, um ihr Platz in der Ecke zu laſſen, und ohne ein Wort zu ſagen, kam Wentworth auf ſie zu, und vermochte ſie mit ruhigem Benehmen, ſich ſeinen Beiſtand beim Einſteigen gefallen zu laſſen. Ja— er hatte es gethan. Sie war im Wagen, und fuͤhlte, daß ſein Wille und ſeine Hand ihr den Plat verſchafft hatten, und daß ſie dieſe Bequemlichkeit genoß, weil er, ihre 3 3 5 5 * ————————— — 170 Mädigkeit erkennend, entſchloſſen geweſen war, ihr Ruhe zu geben. Anna erkannte aus dieſen und andern Zuͤgen, mit tiefer Bewegung, wie er gegen ſie geſinnt war, und dieſer kleine Umſtand ſchien zu vollenden, was er vorher ſchon gethan hatte. Sie verſtand ihn. Er konnte ihr nicht verzeihen, aber auch nicht gefuͤhllos ſein. Er verurtheilte ſie des Vergangenen wegen, und dachte mit lebhafter und ungerechter Empfind⸗ lichkeit daran; er war zwar ganz gleichgil⸗ tig gegen ſie, und weihte ſchon einer Andern ſeine Zuneigung, konnte ſie aber doch nicht lei— den ſehen, ohne den Wunſch, ihr Beiſtand zu leiſten. Es war ein Ueberreſt alter Neigung, ein Antrieb einer reinen, wenn auch unbewuß⸗ ten freundſchaftlichen Geſinnung, ein Beweis ſeines warmen, edlen Herzens, den ſie nicht ohne Regungen betrachten konnte, worin Freude und Schmerz ſo verſchmolzen waren, daß ſie nicht wußte, welches Gefuͤhl vorherrſchte. . Anfangs antwortete ſie auf die freundſchaft⸗ lichen Aeußerungen und die Bemerkungen ihrer Begleiter, ohne daran zu denken, und ſie hat⸗ ten den rauhen Weg durch die Feldgaſſe ſchon 171 zur Haͤlfte zuruͤck gelegt, ehe ſie völlig gew wurde, wovon jene ſprachen. Es war v drich Wentworth die Rede. Er will gewiß eins von den beid n Mad⸗ chen, Sophie, ſprach der Admiral, aber wer weiß welche. Und er iſt ihnen doch ſo lange nachgelaufen, daß er wohl einen Entſchluß ge⸗ P faßt haben konnte, ſollte man denken. Ja, das kommt vom Frieden! Waͤr' es jetzt Krieg, er haͤtte laͤngſt Alles abgemacht. Wir Seeleute, Fraulein Elliot, können uns in Kriegszeiten nicht mit langer Freierei abgeben. Wie viele Tage waren's denn, liebes Kind, von dem Ta⸗ ge, wo ich Dich zum Erſtenmahl ſah, bis zu der Zeit, wo wir beiſammen in unſrer Woh⸗ nung zu North⸗Yarmouth ſaßen? Laß uns lieber nicht davon ſprechen, erwie⸗ derte ſeine Frau, ſcherzend. Wenn Fraulein Elliot hoͤrte, wie ſchnell wir zum Einverſtänd⸗ niſſe kamen, ſo wuͤrde ſie ſich nie uͤberreden laſſen, daß wir gluͤcklich mit einander ſein könnten. Ich hatte Dich aber lange vorher dem Rufe nach gekannt. Nun, und ich wußte von Dir, daß Du — 172 ————— ein ſehr huͤbſches Madchen warſt— wozu haͤtten wir da noch lange warten ſollen. Ich hab' es nicht gern, ſolche Dinge ſo lange unab⸗ gemacht zu laſſen. Ich wollte, Dein Bruder ſpannte ein Segel mehr auf, und braͤchte uns eines der beiden Maͤdchen nach Kellynch. Da waͤre immer Geſellſchaft fuͤr ſie. Recht huͤbſche Maͤdchen ſind ſie alle Beide; ich kann ſie kaum unterſcheiden. Ja, recht liebe Mädchen, ohne alle Ziererei; erwiederte Frau Croft, mit einem ruhigern Lobrednertone, welcher verrieth, daß ihr ſchaͤr⸗ ferer Blick keine von Beiben ihres Bruders ganz wuͤrdig gefunden hatte: und eine ſehr achtbate Familie. Eine beſſere Verwandtſchaſt laͤßt ſich wirklich nicht ſinden... Aber— liec⸗ ber Mann, ſiehſt Du den Pfahl nicht? Gewiß, wir fahren dagegen. Sie faßte ruhig ſelber die Zuͤgel, wodurch die Gefahr glucklich vermieden ward, und als ſie nachher noch einmahl kluͤglich ihre Hand aus⸗ ſtreckte, ging Alles auf's Beßte, und Anna, die in dieſer etwas beluſtigenden Art zu fahren, kein ganz unpaſſendes Bild der allgemeinen Leitung der Angelegenheiten des guten pohith fand, ward endlich ſicher in Uppereroß aus geſetzt. 6 K. Di Zeit, wo Frau Ruſſel zurůckkehren woll⸗ te, nahte nun heran; der Tag war ſogar ſchon beſtimmt, und Anna, die gleich nach der Heim⸗ kehr ihrer Freundinn wieder zu ihr zu ziehen verſprochen hatte, ſah der baldigen Abreiſe nach Kellynch entgegen, und fing an, zu beſorgen, daß ihre Ruhe leicht dabei leiden koͤnnte. Sie ſollte mit Wentworth in demſelben Dorfe wohnen, kaum eine Viertelſtunde von ihm entfernt, dieſelbe Kirche mit ihm beſuchen, und es mußte ein Verkehr zwiſchen beiden Fa⸗ milien entſtehen. Dieß war gegen ſie; aber auf der andern Seite war Wentworth ſo haͤuſig in Uppercroß, daß ſie, wenn ſie ſich wegbegab, ihn eher zuruckließ, als ihm entgegen ging, 174 und im Ganzen glaubte ſie in dieſer wichtigen Angelegenheit eben ſo gewiß zu gewinnen, als bei der Veraͤnderung ihres haͤuslichen Umganges, wenn ſie von ihrer Schweſter zu Frau Ruſſel kam. Sie wuͤnſchte, es moͤchte ihr moͤglich ſein, nie mit Wentworth im vaͤterlichen Hauſe zu⸗ ſammen zu treffen, da ſie in jenen Zimmern an fruͤhere Zuſammenkuͤnfte ſich zu ſchmerzlich erinnert haben wuͤrde, aber noch mehr fuͤrchtete ſie die Moͤglichkeit, daß Frau Ruſſel und Wentworth nirgend ſich ſehen moͤchten. Beide hatten eine Abneigung gegen einander, und ei⸗ ne Erneuerung der Bekanntſchaft konnte nun nicht zu etwas Gutem fuͤhren. Haͤtte Frau Ruſſel ſie und Wentworth beiſammen geſehen, ſo haͤtte ſie glauben koͤnnen, daß er zu viel Selbſtbeherrſchung beſäße und Anna zu we⸗ nig. Dieß war's, was ſie hauptſaͤchlich bekuͤm⸗ mert machte, wenn ſie an ihre Entfernung von uppercroß dachte, wo ſie freilich, wie ſie fuͤhlte, lange genug geweſen war. Der Gedanke an die Pflege, die ſie dem kleinen Karl hatte wid⸗ men können, mußte ihr die Erinnerung an den zweimonatlichen Aufenthalt bei ihrer Schweſter immer ſuͤß machen, aber er ward allmählig wieder ſtark, und es war ſonſt nichts, das ſie zuruͤckgehalten haͤtte. In der letten Zeit ihres Aufenthalts gab es indeß eine ganz unerwartete Abwechſelung. Wentworth, der zwei Tage lang nichts von ſich hatte hoͤren und ſehen laſſen, kam endlich wieder und meldete, wodurch er war abgehal⸗ ten worden. Ein Brief von ſeinem Freunde Harville, der ihm endlich zugekommen war, hatte ihm die Nachricht gebracht, daß jener mit den Seinigen den Winter in Lyme*) zu⸗ bringen wollte, und daß Beide, ohne es zu wiſſen, nur zehn Stunden Weges von einander entfernt waren. Harville kraͤnkelte ſeit einer ge— faͤhrlichen Wunde, die er zwei Jahre fruher er⸗ halten hatte. Wentworth war, bei dem lebhaften Verlangen, ſeinen Freund zu ſehen, ſogleich nach Lyme aufgebrochen, wo er ſich vier und zwanzig Stunden aufhielt. Man ſprach ihn „ *) Küſtenſtadt in Dorſetſhire. 176 von aller Schuld los, ruͤhmte ſeine freundſchaft— lichen Geſinnungen mit Waͤrme, nahm lebhaf⸗ ten Antheil an ſeinem Freunde, und ſeine Be⸗ ſchreibung von der ſchoͤnen Gegend um Lyme wurde von Allen ſo theilnehmend angehoͤrt, daß der lebhafte Wunſch erwachte, den Ort zu ſe⸗ hen, und der Plan zu einer Reiſe dahin ge⸗ macht wurde. Die jungen Leute waren Alle ganz erpicht darauf. Wentworth wollte auch wieder hinrei⸗ ſen; die Entfernung von Uppercroß betrug nur acht Stunden; das Novemberwetter war nicht ſchlecht, und Luiſe, die Eifrigſte unter den Eifri⸗ gen, die den Entſchluß zur Reiſe einmahl ge⸗ faßt hatte, und wie ſie uͤberhaupt gern ihrem⸗ Willen folgte, nun auch noch etwas Verdienſtli⸗ ches darin ſah, ihr Vorhaben durchzuſetzen, wußte die Wuͤnſche ihrer Aeltern, welche die Reiſe bis zum Sommer aufſchieben wollten, zum Schweigen zu bringen. Nach Lyme alſo woll⸗ ten ſie reiſen; der junge Musgrove, ſeine Frau, Anna, Henriette, Luiſe und Went⸗ worth. Der erſte nnuͤberlegte Gedanke war, fruͤh 177 am Tage abzureiſen, und Abends heim zu keh⸗ ren; Vater Musgrove aber wollte, ſeiner Pfer⸗ de wegen, davon nichts wiſſen, und bei ruhiger Erwägung ſah man ein, daß man an einem Novembertage, die Stunden zur Reiſe abge⸗ rechnet, nicht viel Zeit uͤbrig behalten wuͤrde, ſich in der Stadt umzuſehen. Es wurde nun beſchloſſen, die Nacht daſelbſt zuzubringen und erſt am folgenden Tage zuruͤck zu kehren. Man verſammelte ſich zwar ziemlich fruͤh im großen Hauſe zum Fruͤhſtuͤcke, aber die beiden Wagen, der eine mit Marien und den drei Fraͤulein, der andre mit Karl Musgrove und Wentworth, fuhren doch erſt am Nachmittage den hohen Huͤgel hinab, üͤber welchen der Weg in die noch ſteilere Straße von Lyme führte, und man ſah, daß kaum Zeit ubrig blieb, Al⸗ les zu ſehen, ehe die angenehmen Stunden des Tages voruͤber waren. Als man das Eſſen im Wirthshauſe beſtellt hatte, ging man ſogleich an's Seegeſtade. Es war ſo ſpaͤt im Jahre, daß man von den An⸗ nehmlichkeiten, die Lyme, als ein ſo viel beſuchter Badeort, darbietet, nichts mehr genießen konn⸗ M 178 te, nichts uͤbrig, als die merkwuͤrdige Lage der Stadt ſelbſt, deren Hauptſtraße ſich faſt in die See hinabſtuͤrzt; der angenehme Spaziergang am Geſtade der kleinen Bai, die zur Badezeit von Bademaſchinen und Fremden belebt iſt; die ſchoͤne Felſenreihe gegen Morgen von der Stadt; die anmuthige Umgegend des nahen Charmouth mit einer einſamen, von dunkeln Klippen umſchirmten Bucht; das liebliche Pin⸗ ny mit ſeinen gruͤnen Schluchten zwiſchen mah⸗ leriſchen Felſen, wo zerſtreute Waldbaͤume und Obſtbaͤume uͤppig gedeihen. Als unſre Reiſenden an's Geſtade hinab gekommen waren, entfernte ſich Wentworth, um ſeinen Freund Harville, der ein kleines Haus am Strande bewohnte, zu beſuchen, waͤhrend die Uebrigen zu dem Spaziergange voran gin⸗ gen, wo Wentworth ſie wieder treffen wollte. Sie wurden nicht muͤde, die Kuͤſtenlandſchaft zu bewundern, und ſelbſt Luiſe hatte Went⸗ worths Abweſenheit nicht lang gefunden, als ſie ihn mit drei Andern zuruͤckkommen ſahen, worin man bald Capitain Harville, deſſen Frau und es blieb fuͤr neugierige Beſchauer — 479 und einen Capitain Benwick fand, der bei Harville wohnte. Benwick war fruͤher erſter Lientenant auf der Laconia geweſen, und was Wentworth nach ſeiner Ruͤckkehr von Lyme uͤber ihn, als einen trefflichen jungen Manne und wackern Seeoffi⸗ zier, mit warmen Lobſpruͤchen geaͤußert hatte, mußte ihm ſchon Achtung gewinnen, wozu noch ein Zug aus ſeiner Lebensgeſchichte kam, der ihm die Theilnahme aller Frauen ſicherte. Er war mit Harvilles Schweſter verlobt geweſen, deren Verluſt er nun betrauerte. Faſt zwei Jahre hatten ſie auf Vermoͤgen und Befoͤrder⸗ ung gewartet; anſehnliche Priſengelder gaben Vermögen, Beförderung kam auch enblich; aber Francisca Harville ſollte es nicht erleben. Sie war im vorigen Sommer geſtorben, als Ben⸗ wick noch auf der See war. Wentworth hielt es fuͤr unmoͤglich, eine innigere Zuneigung gegen eine Frau zu hegen, als der arme Benwick ſeiner Geliebten bewieſen hatte, oder nach einem furchtbaren Wechſel einen tieferen Kummer zu zeigen. Benwick's Stimmung war, nach Wentworths Anſicht, von der Art, M 3 160 daß öv ſchmerzlich leiden mußte, da er ein leb⸗ haftes Gefuͤhl mit einem ſtillen Ernſt, mit Neigung zur Abgeſchiedenheit und einem vor⸗ herrſchenden Hange zu Buͤcherleſen und ſitzender Lebensart verband. Es machte die Geſchichte noch anziehender, daß die Freundſchaft zwiſchen ihm und der Familie Harville, nach dem Er⸗ eigniſſe, womit alle Ausſichten auf eine Verbind⸗ ung verſchwanden, nur noch inniger zu werden ſchien, und Benwick ganz bei ihr angeſiedelt war. Harville hatte ſeine Wohnung auf ein halbes Jahr gemiethet, da ſeine Neigung, der Zuſtand ſeiner Geſundheit, und ſeine Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde ihm einen nicht zu theuren Auf⸗ enthalt an der See annehmlich machten, und die Reize der Umgegend, die Einſamkeit des Ortes im Winter, ſchienen ihn fuͤr Benwick's Seelenſtimmung beſonders zu empfehlen. Alle waren im Voraus zu Theilnahme und Wohlwollen gegen Benwick geſtimmt.„Und doch, ſprach Anna zu ſich ſelber, als ſie mit den Uebrigen voran ging: iſt ſein Herz viel⸗ leicht nicht kummervoller, als das meinige. Ich kann nicht glauben, daß ſeine Ausſichten 134 fuͤr immer verſchwunden ſein ſollten. Er iſt juͤnger als ich, in ſeinen Gefuͤhlen juͤnger, wenn nicht den Jahren nach, er iſt juͤnger als Mann. Er wird ſich wieder ſaſſen und mit ei⸗ ner Andern gluͤcklich ſein. 1 nn Unſre Reiſenden wurden von Ventwpeth vorgeſtellt. Marville war ein langer Mann, in deſſen ernſten Zůgen Verſtand und Wohlwollen ſich ausdruͤckten; ein wenig lahm, und bei ſei⸗ nen kraͤftigern Geſichtszuͤgen und ſeiner Kraͤnk⸗ lichkeit von weit aͤlterem Ausſehen, als Went⸗ worth. Benwick, nach ſeinem Ausſehen und in der That der juͤngſte unter ihnen, war von klei⸗ nem Wuchſe; aber er hatte ein einnehmendes Geſicht mit ſchwermuͤthigem Ausdrucke gerade wie er nach dem Bilde, das man ſich von ihm gemacht hatte, haben mußte, und zog ſich von der allgemeinen Unterhaltung zuruͤck. Harville, wenn auch in ſeinem Benehmen nicht ſo gebildet, als Wentworth, war ein ſehr feiner, ungezwungener, herzlicher und freundlicher Mann. Seine Frau, nicht ganz ſo gebildet als er, ſchien doch eben ſo gut geſinnt zu ſein, und nichts war freundlicher, als ihr Wunſch, die — ganze Geſellſchaft als Freunde aufzunehmen, weil ſie aus Wentworths Freunden beſtand, nichts freundlicher, als ihre Bitte, daß Alke bei ihnen zu Mittage bleiben moͤchten. Ungern ließ man die, bereits im Wirthshauſe gemachten Beſtellungen als Entſchuldigung gelten. Es zeigte ſich dabei ſo viel Zuneigung gegen Wentworth, es war ein ſo bezaubernder Reiz in einer Gaſtfreundſchaft, die den gewöhnlichen Einlabungen zu feierlichen Gaſtgeboten ganz un⸗ aͤhnlich war, daß Anna glaubte, es koͤnnte eine genauere Bekanntſchaft mit Wentworth's Kriegs⸗ gefaͤhrten fuͤr ihre Stimmung ſchwerlich wohl⸗ thaͤtig werden.„Alle dieſe Menſchen wuͤrden auch meine Freunde geworden ſein“ dachte ſie, und es koſtete ihr Muͤhe, eine Anwandlung von Niedergeſchlagenheit abzuwehren. Als die Geſellſchaft den Spaziergang am Strande verließ, gingen Alle in die Wohnung ihrer neuen Freunde, und fanden ſo kleine Zim⸗ mer, daß Niemand, als wer recht von Herzen eine Einladung macht, haͤtte glauben koͤnnen, ſo vielen Gäſten ihre Bequemlichkeit zu verſchaffen. Anna ſelbſt war einen Augenblick daruͤber er⸗ . 3 90 ſtaunt, aber dieſe Regung verlor ſich bald in angenehmeren Gefuͤhlen, als ſie ſah, wie Har⸗ ville durch ſinnreiche Mittel und artige Einrich⸗ tungen den Raum ſo gut als moͤglich benutzt, die Mangelhaftigkeit des Hausgerathes erſetzt, Fenſter und Thuͤren gegen die befuͤrchteten Win⸗ terſtͤrme geſichert hatte. Die Mannigfaltigkeit in der Einrichtung der Zimmer, wo die gewoͤhn⸗ lichen Geraͤthe von ganz gewoͤhnlicher Art gegen einige trefflich gearbeitete Stuͤcke von ſeltenen Holzarten, oder einige Merkwuͤrdigkeiten aus entfernten, von Harville beſuchten Erdgegenden, einen Abſtich machten, war fuͤr Anna mehr als unterhaltend, und da alles den Beruf des See⸗ mannes, die Fruͤchte ſeiner Arbeit, den Einfluß derſelben auf ſeine Gewohnheiten verrieth und ein Bild der Ruhe und haͤuslichen Gluͤckſeligkeit zeigte, ſo machte es auf ſie einen Eindruck, der nicht bloß angenehm war. Harville war kein Buͤcherleſer, er hatte fuͤr eine leidliche Sammlung ſchoͤn gebundner Buͤcher, die ſeinem Freunde Benwick gehörten, ganz artige Einrichtungen gemacht. Seine Läh⸗ mung hinderte ihn zwar, ſich viel Bewegung 184 zu machen, ſeine Neigung zu nuͤtzlichen Be⸗ ſchaͤftigungen und ſeine Erfindſamkeit ſchienen ihm jedoch immer Beſchäftigung im Hauſe zu geben. Er zeichnete, ſirnißte, zimmerte, leimte; er machte Spielſachen fuͤr die Kinder, verbeſ⸗ ſerte Netz⸗Stricknadeln und Stecknadeln, und war ſonſt alles gethan, ſo ſetzte er ſich in eine Ecke des Zimmers zu ſeinem großen Fiſchernetze. Anna glaubte ein gluͤckliches Haus zu ver⸗ laſſen, als ſie ſchied, und Luiſe, an deren Sei⸗ te ſie ging, ergoß ſich in Bewunderung und Entzuͤcken uͤber das eigene Weſen der Seeleute, ihre Freundſchaftlichkeit, ihren Bruderſinn, ihre Offenheit und Aufrichtigkeit, und betheuerte, ſie waͤre uͤberzeugt, es faͤnde ſich mehr Achtbarkeit und warmes Gefuͤhl unter den Seeleuten, als ſonſt unter irgend einer Menſchenklaſſe in Eng⸗ land; nur die Seeleute wuͤßten das Leben zu genießen, und nur ſie allein verdienten Achtung und Liebe. dan ging endlich in's Wirthshaus, um ſich umzukleiden und zu ſpeiſen, und Niemand fand etwas zu tadeln, wiewohl der Wirth es fuͤr noͤthig hielt, ſich mit der Jahreszeit, wo man 136 keine Fremden etwartete, zu entſchuldigen. Anna war nun ſchon ſo viel mehr, als ſie es je ſich hatte denken koͤnden, daran gewoͤhnt, mit Wentworth in Geſellſchaft zu ſein, daß es nichts fuͤr ſie war, mit ihm an demſelben Ti⸗ ſche zu ſitzen, und die gewoͤhnlichen Hoflichtei⸗ ten, woruͤber Beide nih hn einander zu erweiſen. npnn Die Abende waren ſo ſnſter; 6 tie Frauen erſt am folgenden Morgen wieder aus⸗ gehen wollten, aber Harville hatte ihnen ver⸗ ſprochen, ſie zu beſuchen. Er kam, und brachte auch ſeinen Freund mit, was ſehr unerwartet war, da man bemerkt haben wollte, daß Ben⸗ wick in der Geſellſchaft ſo vieler Fremden ängſt⸗ lich geweſen waͤre. Er wagte ſich nun doch wieder unter ſie, obgleich ſeine Gemuͤthſtimm⸗ ung zu der Froͤhlichkeit der Meiſten nicht zu paſſen ſchien. Wentworth und Harville leiteten das Ge⸗ ſpraͤch an dem einen Ende des Zimmers, und in fruͤhere Zeiten zuruͤckblickend, gaben ſie Ge⸗ ſchichtchen in Menge zum Beßten, zur Unter⸗ haltung der Uebrigen. Anna's Loos aber war 186 es, mit Benwick faſt allein zu ſitzen, und ihre Gut⸗ muͤthigkeit bewog ſie, Bekanntſchaft mit ihm anzu⸗ knuͤpfen. Er war ſchuͤchtern und ſiel leicht in Zer⸗ ſtreuung; aber die einnkhmende Sanftmuth, die aus Anna's Zuͤgen ſprach, und ihr freundliches Benehmen, hatten bald ihre Wirkung, und es wurde die Verlegenheit, worein die erſten Ver⸗ ſuche ſie brachten, ihr gut vergolten. Er war oſſenbar ein geſchmackvoller Kenner der Litera— tur, beſonders dichteriſcher Werke, und Anna hegte nicht nur die Ueberzeugung, ſie hätte ihm wenigſtens für einen Abend die Freude gemacht, von Gegenſtaͤnden zu ſprechen, woruͤber er ſich mit ſeinen gewoͤhnlichen Geſellſchaftern wahr— ſcheinlich nicht unterhalten konnte; ſie durfte auch hoffen, ihm nuͤtzlich zu werden, als ſie, bei ihrer Unterredung, ungeſuchte Gelegenheit fand, ihm einige Winke uͤber die Pflichtmaͤßigkeit und Heilſamkeit des Kampfes gegen Betruͤb⸗ niß zu geben. So ſchuͤchtern er auch war, er ſchien doch gar nicht zuruͤckhaltend zu ſein, ſondern vielmehr ſeine Gefuͤhle gern von dem Zwange zu loͤſen, den er ihnen gewoͤhnlich auf⸗ legte. Als er von dem dichteriſchen Reichthu⸗ 187 me des gegenwärtigen Zeitalters geſprochen, die Anſichten uͤber die Dichter vom erſten Range verglichen, und zu beſtimmen verſucht hatte, ob Marmion, oder das Fräulein vom See*) den Vorzug verdiene, und ob der Giaour, oder die Braut von Abydos“*) die hoͤchſte Stelle einnehme, zeigte er ſich ſo vertraut mit den zarteſten Geſaͤngen des einen Dichters, und den feurigen Beſchreibungen hoff⸗ nungsloſer Qual bei dem Andern, und er wie⸗ derhohlte mit ſo bangem Gefuͤhle die Zeilen, welche ein gebrochenes Herz, oder ein von Lei⸗ den zerſtoͤrtes Gemuͤth ſchilderten, und ſein Blick ſchien den Wunſch, verſtanden zu werden, ſo ganz auszudrüͤcken, daß Anna zu aͤußern wagte, es koͤnnten ſelten Diejenigen, welche die Gaben der Dichtkunſt ganz genießen, ſie gefahr⸗ los genießen, und das lebhafte Gefuͤhl, das die⸗ ſelben allein wahrhaft ſchaͤtzen könnte, waͤre eben das Gefuͤhl, das ſie nur ſparſam genießen ſollte. 5 *) Beide von Walter Scott. **) Zwei erzählende Gedichte von Lord Byron 133 Als ſie ſah, daß dieſe Anſpielung auf ſeine Lage ihn nicht ſchmerzte, ſondern ihm angenehm war, faßte ſie den Muth, weiter zu gehen, und in dem Gefuͤhle, daß ihr das Vorrecht des hoͤhern Gemuͤthsalters zuſtehe, wagte ſie, ihm mehr Beſchaͤftigung mit proſaiſchen Werken zu empfehlen. Auf ſeine Bitte, ihm nähere An⸗ weiſungen zu geben, nannte ſie diejenigen Wer⸗ ke der beßten morgliſchen Schriftſteller Eng⸗ lands, dicjenigen Briefſammlungen, diejenigen Denkwuͤrdigkeiten wackerer und durch Leiden ge⸗ prufter Maͤnner, die ihr geeignet zu ſein ſchie⸗ nen, das Gemuͤth durch die trefflichſten Lehren und durch die maͤchtigſten Beiſpiele frommer Standhaftigkeit aufzurichten und zu ſtaͤrken. Benwick hoͤrte ihr aufmerkſam zu, und ſchien fuͤr die Theilnahme, welche Anna's Aeu— ßerungen zeigten, dankbar zu ſein. Er verrieth zwar durch Kopfſchuͤtteln und Seufzen den Zwei⸗ fel, ob gegen einen Kummer, wie der ſeinige, irgend ein Buch etwas vermoͤgen werde, ſchrieb aber doch die Titel der empfohlenen Werke auf, und verſprach, ſich damit bekannt zu machen. Als Anna ſich allein ſah, beluſtigte ſie der 169 — Gedanke, daß ſie nach Lyme gekommen war, um einem jungen Manne, den ſie nie vorher geſehen, Geduld und Entſagung zu predigen, aber bei ernſtlicherem Nachdenken konnte ſie ſich der Beſorgniß nicht erwehren, daß ſie, wie ande große Sittenlehrer und Prediger, ihre Bered⸗ ſamkeit einem Umſtande gewidmet haͤtte, worin ihr eigenes Betragen die nicht gut be⸗ ſtehen koͤnnte. * XII. Zinnn und Henriette, die am nh Morgen zuerſt munter waren, beſchloſſen, vor dem Fruͤh⸗ ſtuͤck einen Spaziergang an das Seeufer zu machen. Sie gingen an das ſandige Geſtade, um die anſchwellende Flut zu beobachten, wel⸗ che ein guͤnſtiger Suͤdoſtwind in aller Pracht, die auf einer ſo flachen Kuͤſte möglich war, her⸗ an trieb. Sie freuten ſich laut des ſchoͤnen Morgens, des herrlichen Anblickes der See, 3 190 des friſchen ſtaͤrkenden Morgenwindes, und ſchwiegen einige Augenblicke, bis Henriette ploͤtz⸗ lich wieder anhob:„O ja, ich bin voͤllig uͤber⸗ zeugt, daß die Seeluft, mit ſehr wenigen Aus⸗ nahmen, immer wohlthaͤtig iſt. Man kann gar nicht bezweifeln, daß ſie unſerm Pfarrer in Up⸗ percroß nach ſeiner Krankheit im vorigen Jahre die beſten Dienſte gethan hat. Er ſagt ſelbſi, ein Monat in Lyme haͤtte ihm mehr geholfen, als alle Arznei, und die Seeluft machte ihn immer wieder jung. Es iſt doch Jammerſchade, daß er nicht immer an der Kuͤſte lebt. Ich glaube, es waͤre beſſer, wenn er ganz von Up⸗ pereroß weszoͤge, und in Lyme ſich niederließe. Nicht wahr, Anna? Glauben Sie nicht auch, er koͤnnte nichts beſſeres thun, fuͤr ſich und ſei⸗ ne Frau? Sie hat Verwandte hier, wie Ihnen bekannt iſt, und viele Bekannte, die ihr den Aufenthalt angenehm machen wuͤrden. Und dann— welcher Vortheil, an einem Orte zu wohnen, wo ärztliche Huͤlfe nahe waͤre, im Falle der Pfarrer wieder einen Anfall bekaͤme. Ge⸗ wiß, es iſt ſehr traurig, daß ſo treffliche Men⸗ ſchen, die ihr ganzes Leben hindurch nur Gutes 191 ———— gethan haben, ihre letzten Lebenstage an einem. Orte, wie Uppercroß, zubringen ſollen, wo ſie, unſer Haus abgerechnet, wie abgeſchnitten von der ganzen Welt ſind. Wenn es doch ſeine wiß thun. Es könnte ihm bei ſeinem Alteß und ſeinen Verdienſten gar nicht ſchwer werden, die noͤthige Erlaubniß zu erhalten. Ich zweifle nur, ob er ſich bewegen laſſen wuͤrde, ſeine Pfarre aufzugeben. Er iſt ſo ſtrenge und ge⸗ wiſſenhaft in ſeinen Anſichten; zu gewiſſenhaft, muß ich ſagen. Meinen Sie das nicht auch, Anna? Glauben Sie nicht auch, es ſei eine ganz mißverſtandene Gewiſſenhaſtigkeit, wenn ein Geiſtlicher ſeine Geſundheit ſeinen Pflichten aufopfert, die doch ein Anderer eben ſo gut er⸗ fuͤllen kann? Und vollends in Lyme— Es ſind ja nur acht Stunden Weges, und die Leute koͤnnten zu ihm gehen, wenn ſie Urſache zu Be⸗ ſchwerden zu haben glaubten.“ Anna laͤchelte waͤhrend dieſer Rede mehr als einmahl fuͤr ſich, und ließ ſich uͤber den Gegenſtand aus, da ſie eben ſo bereitwillig in die Gefuͤhle eines jungen Maͤdchens, als eines Freunde ihm vorſchluͤgen! Und das ſollten ſie* *. 8 6 — — jungen Mannes einging, wenn ſie etivas Gutes thun konnte. Freilich war es hier etwas Gu⸗ tes geringrer Art; denn was konnte ſie geben, als allgemeine Zuſtimmung! Sie ſagte alles, was ſich vernuͤnftiger Weiſe uͤber die Sache ſagen ließ; erkannte des alten Pfarrers gerech⸗ ten Anſpruch auf Ruheſtand, ſah ein, wie ſehr es zu wuͤnſchen war, daß er einen thaͤtigen und achtbaren jungen Mann als Stellvertreter er⸗ hielte, und war ſogar hoͤflich genug, den Wink zu geben, wie vortheilhaft es ſein wuͤrde, wenn ein ſolcher Stellvertreter verheirathet ware. Henriette war ſehr zufrieden mit Anna, und erwiederte:„Ich wuͤnſche, Frau Ruſſel wohnte in Uppercroß und waͤre mit unſerm Pfarrer befreundet. Ich habe immer gehölt, daß ſie großen Einfluß auf alle ihre Bekannte hat, und ich glaube, ſie iſt fähig, Jemand zu allem zu uͤberreden. Ich fuͤrchte Frau Ruſſel, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, weil ſie ſo klug iſt, aber ich achte ſie erſtaunlich hoch, und ich wollte, wir hätten eine ſolche Nachbarin in Uppereroß.“ Die Art, wie Henriette ſich dankbar erwies, war 193 seluſtigend ſuͤr Anna, und nicht weniger belnſtig⸗ te es ſie, daß Frau Ruſſel, durch den Wechſel der Ereigniſſe und Henriettens veraͤnderte Abſich⸗ en, bei einem Gliede der Familie Musgrove auf einmal in Gunſt gekommen war. Sie hatte noch ſo viel Zeit, im Allgemeinen zu antworten, und zu wuͤnſchen, daß eine andere Frau von gleichen Vorzuͤgen in Uppercroß wohnen möͤchte; denn im naͤchſten Augenblicke ward die Unterre⸗ dung geſtoͤrt, als Luiſe und Wentworth ihnen entgegen kamen. Beide wollten auch einen Gang vor dem Fruͤhſtuͤcke machen, aber Luiſe beſann ſich alsbald, daß ſie etwas in einem La⸗ den zu ſuchen hatte, und lud Alle ein, mit ihr in die Stadt zuruͤck zu kehren. Alle folgten ihr. Als ſie zu den Stufen kamen, die zum Strande hinan fuͤhrten, ſahen ſie einen Mann, der im Begriff war, hinab zu ſteigen, und ſich hoͤflich zuruͤck zog, um ihnen Platz zu machen. Sie ſtiegen hinan und waͤhrend ſie an ihm vor⸗ uͤber gingen, ſiel ſein Blick auf Anna's Geſicht, und er ſch ſie mit einer Regung von Bewun⸗ derung an, wofuͤr ſie nicht unempfindlich ſein konnte. Anna ſah ungemein wohl aus, und der Morgenwind hatte ihren regelmaͤßigen, ſehr huͤb⸗ ſchen Zuͤgen die Bluͤte und Friſche der Jugend wieder gegeben und ihr Auge neu belebt. Es war nicht zu verkennen, daß der Fremde, deſ⸗ ſen Benehmen den gebildeten Mann verrieth, ſie ſehr bewunderte. Wentworth ſah ſich in demſelben Angenblicke nach ihr um, und ver⸗ rieth, daß auch er den Eindruck bemerkte, den ſie auf den Fremden gemacht hatte. Er warf ihr einen fluͤchtigen, einen lebhaften Blick zu, der zu ſagen ſchien:„Dieſen Mann uͤberraſcht ihr Anblick, und auch ich glaube in dieſem Au⸗ genblicke wieder etwas zu ſehen, das Anna El⸗ l gleicht.“ 6 Nan ging mit Luiſe in den Laden, ſchlen⸗ derte noch ein wenig umher, und kehrte ins Wirthshaus zuruͤck. Als Anna bald nachher ſchnell aus ihrem Zimmer trat, um in's Speiſe⸗ zimnier zu gehn, waͤre ſie beinahe gegen den Fremden gerannt, der aus einer anſtoßenden Stube kam. Sie hatte ſchon vorher die Ver⸗ muthung gefaßt, daß er, wie ſie, auf der Rei⸗ ſe war, und einen Reitkecht, der bei ihrer Ruͤck⸗ kehr vom Geſtade in der Naͤhe der beiden —————— Wirthshaͤuſer umherging, fuͤr den Diener des Fremden gehalten; zumahl da Herr und Diener in Trauer waren. Es zeigte ſich nun, daß der Fremde in demſelben Wirthshauſe wohnte, und bei dieſem zweiten Zuſammentreffen verrieth er durch ſeine Blicke, daß er ſie für ſehr ſiebens⸗ wuͤrdig hielt, und durch ſeine ſchnellen und an— gemeſſenen Entſchuldigungen, daß er ein Mann von der feinſten Lebensart war. Er ſchien ge⸗ gen dreißig Jahr alt zu ſein, und war, wenn auch nicht huͤbſch, doch von einem ſehr angench⸗ men Aeußeren. Anna hätte wohl wiſſen wer er war. Sie ſaßen noch beim Fruͤhſtuͤck, als das ollen eines Wagens, der erſte, den ſie im Staͤdtchen gehoͤrt hatten, die Meiſten ans Fen⸗ ſter zog. Es war ein huͤbſcher Wagen, der aus dem Hofe vor die Hausthuͤre ſuhr und 1 Kut⸗ ſcher in Trauer. Als er von einem ſchoͤnen Wagen hoͤrte, ſprang auch Karl Musgrove an's Fenſter, und der Kutſcher in Trauer reizte Anna's Aufmerk⸗ ſamkeit. Die ganze Geſellſchaft tand am Fen⸗ ſter, als der Eigenthuͤmer des Wagens, von N 2 —— 196 den Wirthsleuten hoͤflich gegruͤßt, aus dem Hau⸗ ſe trat, einſtieg und davon fuhr. O, ſprach Wentworth ſogleich, mit einem halben Blicke auf Anna: es iſt weſe Mann, dem wir begegneten. Die beiden Fraͤulein Musgrove beſtaͤtigten es, und als Alle ihm nachgeſehen hatten, ſo weit ſie konnten, gingen ſie zum Fruͤhſtuͤcktiſche zu⸗ ruͤck. Bald nachher erſchien der Kellner, und Wentworth fragte ihn alsbald:„Wie heißt denn der Herr, der eben abgereiſet iſt?“ Herr Elliot, ein ſehr reicher Mann, war die Antwort. Er kam geſtern Nachmittag an, und reiſet nach Bath und London. Elliot? wiederholten Alle, und ſahen ſich ͤberraſcht an. O es muß unſer Vetter ſein, ſprach Marie. Nicht wahr, Karl? Nicht wahr, Anna? Er trauert ja, das paßt ganz auf unſern Vetter. Wie ſonderbar! In demſelben Wirthshauſe mit uns! Ja, Schweſter, es muß Elliot, unſers Vaters naͤchſter Erbe ſein.. Hat man nicht gehoͤrt— wendete ſie ſich zu dem Kellner— ——————— hat ſein Kutſcher nicht geſagt, ob der Herr mit der Familie in Kellynch verwandt iſt? Nein, gnädige Frau, von einer beſondern Familie ſagte er nichts, aber er ſagte, ſein Herr waͤre ſehr reich, und wuͤrde S ein Baronet werden. Nun, da haben wir's! ſprach Marie ent⸗ zuͤckt. Wie ich ſagte, des Baronets, Sir Wal⸗ ter Elliot Erbe. Ich wußte gewiß! daß es her⸗ aus kommen muͤßte, wenn dem ſo waͤre. Ich wette, das iſt ein Umſtand, den ſeine Leute uͤberall bekannt werden laſſen, wohin ſie mit ihm kommen. Aber, liebe Anna, wie ſonder⸗ bar das iſt! Haͤtte ich ihn doch nur genauer angeſehen! Wie ſchade, daß wir nicht bekannt mit ihm geworden ſind! Was meinſt Du, hatte er etwas Familienaͤhnlichkeit in ſeinen Zuͤgen! Ich habe ihn kaum angeſehen, ich ſah nach den Pferden: aber ich glaube er hatte etwas Fami⸗ lienaͤhnlichkeit. Mich wundert, daß mir das Wappen nicht aufgefallen iſt. Aber der Oberrock hing uͤber den Kutſchenſchlag und verdeckte das Wap⸗ pen; ſonſt häͤtte ich's bemerkt, und auch die Livrei, wenn der Kutſcher nicht in Trauer geweſen ware. 193 ——— Wenn wir alle dieſe außerordentlichen Um— ſtaͤnde zuſammen faſſen, ſprach Wentworth, ſo muͤſſen wir es als eine Fuͤgung der Vorſehung betrachten, daß Sie nicht mit ihrem Vetter be⸗ kannt geworden ſind. Als Anna die Aufmerkſamkeit ihrer Schwe⸗ ſter gewinnen konnte, ſuchte ſie mit aller Ruhe ihr die Ueberzeugung zu geben, daß ihr Vater und Herr Elliot ſeit vielen Jahren in einem ſo geſpannten Verhaͤltniſſe geweſen waͤren, welches den Wunſch gar nicht erlaube, daß es haͤtte möglich ſein moͤgen, eine Bekanntſchaft anzu⸗ knuͤpfen. Sie aber freute ſich doch heimlich, ih⸗ ren Vetter geſehen und die Gewißheit erlangt zu haben, daß der kuͤnftige Beſitzer von Kellynch ein gebildeter Mann war, und Verſtand zu ha⸗ ben ſchien. Um keinen Preis aber haͤtte ſie ihr zweites Zuſammentreffen mit dem Vetter entdecken mögen. Marie beſann ſich zum Glucke nicht ſehr darauf, daß ſie auf dem Morgenſpa⸗ ziergange nahe an ihm voruͤber gekommen wa⸗ ren, aber ſie wuͤrde ſich fuͤr zuruͤckgeſetzt gehal⸗ ten haben, wenn ſie gewußt haͤtte, daß Anna gegen ihn gerannt war, und ſeine hoͤflichen Ent⸗ v N—— 199 ſchuldigungen erhalten hatte, waͤhrend ſie ſelber ihm nie nahe gekommen. Nein, daß mußte ein Geheimniß bleiben. Wenn Du wieder nach Bath ſchreibſi, ſprach Marie, wirſt Du gewiß nicht vergeſſen, zu erwaͤhnen, daß wir Herrn Elliot geſehen ha ben. Ich glaube, der Vater muß es erfahren; ſage ihm doch ja Alles. Anna vermied eine beſtimmte Antwort, aber ſie hielt dieß fuͤr einen Umſtand, deſſen Erwaͤh⸗ nung nicht nur unnoͤthig, ſondern ſogar zu ver⸗ meiden waͤre. Sie wußte, welche Beleidigung ihr Vater viele Jahre fruͤher erhalten hatte; ſie vermuthete, daß auch ihrer Schweſter Eliſabeth eine Kraͤnkung widerfahren war, und es konnte nicht bezweifelt werden, daß der Gedanke an Elliot Beide immer reizen muͤßte. Marie ſchrieb nie ſelber nach Bath, und die Muͤhe, einen nachlaͤſſigen und wenig befriedigenden Briefwechſel mit Eliſabeth zu unterhalten, muß⸗ te Anna uͤbernehmen. Nach dem Fruhſtuͤcke kam Harville mit ſei— ner Frau und Benwick, und unſre Reiſenden wollten mit ihnen ihren letzten Gang durch und u macht, ſie wieder aufzuſuchen, und ſie gingen 200 um die Stadt machen, da ſie um ein Uhr ab⸗ zureiſen gedachten. Benwick geſellte ſich zu Anna, ſobald man auf der Straße war. Ihre Unterhaltung am vorigen Abende hatte ihn nicht abgeneigt ge⸗ eine Zeitlang neben einander, in einem Geſpraͤ⸗ che uͤber Walter Scott und Lord Byron begrif⸗ ſen, ohne daß ſie ſich zu einem gleichen Ur⸗ theile uͤber die Verdienſte beider Dichter haͤtten vereinigen koͤnnen, bis zufaͤllig die Geſellſchaft ſich anders ordnete, und ſtatt des Capitains Benwick, Harville an ihre Seite kam. Fraͤulein Elliot, ſprach er ziemlich leiſe, Sie haben ein gutes Werk gethan, daß ſie den ar⸗ men Mann dahin gebracht haben, ſo viel zu reden. Ich wollte, er könnte oͤfter in ſolcher Geſellſchaft ſein. Ich weiß wohl, es taugt nicht fuͤr ihn, daß er ſo einſam lebt. Aber was iſt zu thun? Wir koͤnnen uns nicht trennen. Ja, ich glaube gern, das iſt nicht moͤglich, erwiederte Anna. Aber mit der Zeit viel⸗ leicht— Man weiß ja, was die Zeit vermag 202 gegen jeden Kummer, und Sie muͤſſen nicht vergeſſen, daß ihr Freund noch nicht lange trau⸗ ert— Erſt im vorigen Sommer, hoͤre ich— Ja freilich, antwortete Harville ſeufzend, erſt im Junius. Und es ward ihm vielleicht nicht 6 be: kannt? Nein, erſt im Anfange des Auguſts, als er vom Vorgebirge der guten Hoffnung heim kam. Er durfte Portsmouth, wo ſein Schiff lag, nicht ſogleich verlaſſen, und die Nachricht mußte da⸗ hin gehen. Aber wer ſollte ſie ihm bringen? Ich nicht. Lieber waͤr' ich die Nocken einer Raa hinauf geklettert. Niemand konnte es, als der gute Mann da, fuhr Harville fort, auf Wentworth deutend. Die Laconia war acht Ta⸗ ge vorher in Plymouth eingelaufen, wo ich auch war. Er nahm Urlanb, reiſete Tag und Racht bis Portsmouth, fuhr ſogleich zu Benwick's Schiffe und verließ den armen Mann unter acht Tagen nicht. Das that er, und wer weiß, wie es ſonſt mit dem guten Benwick geworden waͤre. Sie koͤnnen denken, Fraͤulein Elliot, ob er uns theuer iſt. ——— 202 ——————— Anna war uͤber dieſe Frage voͤllig mit ſich einig, und erwiederte ſo viel, als ihre eigene Bewegung ihr erlaubte, oder Harville's Gefuͤhl ertragen zu koͤnnen ſchien; denn er war zu ge⸗ ruͤhrt, als daß er das Geſpraͤch wieder haͤtte anknuͤpfen können, und ſprach nachher auch von ganz andern Dingen. Frau Harville meinte, ihr Mann wuͤrde ge— rade genug Bewegung gehabt haben, wenn er wieder nach Hauſe ginge, und dieß brachte die Geſellſchaft zu dem Entſchluſſe, die Familie bis an ihre Thuͤre zu begleiten und dann ſelbſt auf—⸗ zubrechen. Sie glaubten dazu Zeit genug zu haben, als ſie aber dem reizenden Spaziergange am Strande nahe waren, wuͤnſchten Alle, ihn noch einmahl zu beſuchen, und beſonders wurde Luiſens Wunſch ſo lebhaft, daß man den Unter⸗ ſchied von einer Viertelſtunde unbedeutend fand, und als Alle von Harville und ſeiner Frau vor ihrer Thuͤre herzlichen Abſchied genommen hat⸗ ten, und freundliche Einladungen und Verſpre⸗ chungen waren ausgetauſcht worden, ging unſre Reiſegeſellſchaft, von Benwick begleitet, der ſie bis zum letzten Augenblick nicht verlaſſen zu 203 wollen ſchien, an das Geſtade, um auch dem anmuthigen Spaziergange Lebewohl zu ſagen. Benwick geſellte ſich wieder zu Anna. Die Ausſicht mußte ſie an Byron's dunkelblaues Meer erinnern, und Anna widmete ihrem Be— gleiter gern ſo lange ihre Aufmerkſamkeit, als Anfmerkſamkeit moͤglich war. Bald aber wur⸗ de dieſe anders wohin gezogen. Es war ſo windig auf dem obern Strandwege, daß es fuͤr die Frauen unangenehm wurde, und man be⸗ ſchloß, zu dem untern hinab zu ſteigen. Alle gingen ruhig und bedaͤchtig die Stufen hinab, nur Luiſe nicht, die an Wentworth's Hand hin⸗ ab huͤpfen wollte. Auf allen Spaziergaͤngen hatte er ſie uͤber Heckenſteige ſpringen laſſen muͤſſen, und es geſiel ihr gar zu wohl. Das Pfla⸗ ſter war ſo hart auf dem Strandwege, daß er es nicht gern zugab, aber er ließ ſich bewegen, und kaum war ſie hinab, als ſie ſogleich, um zu zeigen wieviel Freude es ihr machte, noch einmahl die Stufen hinanflog, um wieder hin⸗ ab zu huͤpfen. Wentworth mahnte ſie ab; er warnte und ſprach jedoch vergebens, und als ſie lchelnd ſagte:„Ich will aber durchaus““ ſtreckte ———— 20% ———————— er ſeine Hand ihr entgegen; ſie war um einen Augenblick zu voreilig, ſtuͤrzte auf das Stein⸗ pflaſter des untern Strandwegs und wurde leb⸗ los aufgehoben. Man ſah keine Wunde, kein Blut, keine ſichtbare Quetſchung; aber ihre Augen waren geſchloſſen; ſie athmete nicht; ihr Geſicht war todtenblaß. Es war ein Augenblick des Ent⸗ ſetzens fuͤr alle Umſtehende. Wentworth der ſie aufgehoben hatte, kniete neben ihr, ſie in ſeinen Armen haltend, und blickte auf ſie hinab, mit einem Geſichte, ſo bleich, als das ihrige, mit angſtvollem Schwei⸗ gen.„Sie iſt todt! ſie iſt todt!“ rief Marie, ihren Mann umfaſſend, den ſchon das eigene Entſetzen faſt unbeweglich machte. Im naͤchſten Angenblicke verlor auch Henriette, von der ſchmerzlichen Ueberzeugung niedergedruͤckt, ihre Beſinnung, und wuͤrde auf die Stufen niederge⸗ ſtuͤrzt ſein, wenn nicht Benwick und Anna ſie aufgefangen und unterſtutzt haͤtten. Kann denn Niemand mir helfen? rief end⸗ lich Wentworth mit dem Tone der Verzweiflung, als ob ſeine eigne Kraft ihn ganz verlaſſen hatte. 206 ——— Gehn Sie zu ihm! zu ihm! um Goottteswillen zu ihm! ſprach Anna zu Benwick. Ich kann ſie allein halten. Gehn ſie zu ihm! Reiben Sie ihr Haͤnde und Schlaͤfe— hier iſt finchtiges Salz— Nehmen Sie! nehmen Sie! Benwick gehorchte, und der junge Musgrove machte ſich von ſeiner Frau los, und eilte gleich⸗ falls zu Wentworth. Luiſe wurde aufgerichtet, und von Allen mit vereinten Kraͤften unterſtutzt; aber vergebens verſuchte man alle Mittel, die Anna angegeben hatte. Wentworth lehnte ſich an die Sttandmauer und rief im biterſten Schmerz:„O Gott, ihre Aeltern!“ 6 Einen Wundarzt! rief Anna. Er faßte das Wort auf, das ihm auf ein⸗ mahl alle Beſinnung zu geben ſchien.„Ja Fi einen Wundarzt! Sogleich! Er wollte forteilen, als Anna mit den Wor— ten ihn aufhielt:„Waͤre es nicht beſſer„wenn Herr Captain Benwick ginge? Er weiß, wo ein Wundarzt zu finden iſt.“ 3 Jeder, der noch zur Ueberlegung faͤhig war, ſah ein, daß dieß am beſten ſein wuͤrde, und im naͤchſten Augenblicke, wie alles raſc in 206 Augenblicken geſchah, hatte Benwick die lebloſe Geſtalt ganz der Sorgfalt ihres Bruders uber⸗ laſſen, und flog in die Stadt. Es ließ ſich ſchwer ſagen, wer unter den drei Zuruͤckbleibenden, die noch ihre Beſonnen⸗ heit hatten, am Meiſten litt, Wentworth, Anna, oder Karl Musgrove, der ein ſehr liebreicher Bruder war, und ſchluchzend auf Luiſe ſich hin⸗ ab beugte. Wenn er ſeine Blicke von ihr wen⸗ dete ſah er ſeine andre Schweſter gleichfalls oh⸗ ne Beſinnung, oder ſeine Frau, von Kraͤmpfen bedroht, die ihn um Beiſtand anrief, den er nicht geben konnte. Anna, die mit aller Anſtrengung, allem Ci⸗ fer und aller Hilfe, welche eine innere Stimme ihr eingab, die arme Henriette pflegte, ſuchte in Zwiſchenaugenblicken auch den Andern Troſt. zu geben, bald ihre Schweſter zu beruhigen, bald ihren Schwager zu neuen Anſtrengungen. aufzumuntern, und Wentworth's Gefuͤhle zu lin⸗ dern. Beide ſchienen von ihr Weiſungen zu er⸗ warten. Anna! rief Karl, was ſolen wir nun thun? um Gotteswillen, was ſollen wir thun? k 07 Wentworth's Sie waren auch 3½ ſie ge⸗ richtet. Waͤre es nicht beſſer, ſ e in's— zu bringen? hob Anna an. Ja gewiß, wir muͤſſen ſie fanft in's Wirthshaus ſchaffen. Ja, ja in's Wirthshaus! wiederhohlte Went⸗ worth, der gefaßter war, und lebhaft wuͤnſchte, etwas zu thun. Ich ſelbſt will ſie hintragen. Musgrove ſorgen Sie fuͤr die Andern!— Das Seruͤcht von dem Ungluͤcke hatte ſich indeß unter den benachbarten Handwerkern und Schiffern verbreitet, und viele kamen herbei, um Beiſtand zu leiſten, und auf alle Faͤlle ein todtes Fräulein, ja gar ihrer zwei zu ſehen, da es ſchlimmer war, als das erſte Geruͤcht er⸗ zůhit hatte. Einigen von dieſen guten Leuten ward Henriette anvertraut, die zwar wieder etwas zu ſich gekommen, aber noch ganz hilflos war. Anna ging ihr zur Seite; Musgrove fuͤhrte ſeine Frau, und Alle gingen mit unausſprechli⸗ chen Gefuͤhlen auf dem Wege zuruͤck, den ſie erſt vor wenigen Minuten mit ſo leichtem er⸗ zen gewandelt waren. Sie hatten den ennn au dem St tram de noch nicht hinter ſich, als Harville und ſei— ne Frau ihnen entgegen kamen. Benwick war vor ihrem Hauſe voruͤber geſtogen, und hatte in ſeinen Zuͤgen vetrathen, daß ein Ungluͤck vor⸗ gefallen war, worauf ſie ſogleich ſich auf den Weg gemacht hatten, und durch Erkundigungen und Nachweiſungen an den Strand gekommen waten. Harville war zwar nicht wenig beſturzt, aber ſeine Beſonnenheit und ſein Gleichmuth konnten ſogleich ſich nuͤtzlich zeigen, und ein Blick, den er mit ſeiner Frau wechſelte, ent⸗ ſchied was zu thun war. In ihr Haus mußten ſie Luiſen bringen laſſen, in ihr Haus mußten Alle kommen, und des Wundarztes Ankunft er⸗ warten. Man wollte auf keine Bedenklichkeiten hoͤren. Harville's Verlangen ward erfuͤllt; Alle waren unter ſeinem Dache, und waͤhrend Luiſe, unter der Anordnung ſeiner Frau, in ein Zimmer im obern Stockwerke gebracht wurde, gab er Allen Herzſtäͤrkungen, die ſolcher Hilfe bedurften. Luiſe hatte ſchon einmahl die Augen geöff⸗ net, aber alsbald wieder geſchloſſen, ohne einen Schein von Bewußtſein. Dieſes Lebenszeichen war jedoch fuͤr ihre Schweſter erſprießlich, und 6 209 obgleich Henriette nicht im Stande war, mit Luiſe in demſelben Zimmer zu bleiben, ſo wur⸗ de ſie doch, durch die wechſelnden Regungen von Hoffnung und Furcht, gegen einen Ruͤckfall in die Ohnmacht geſichert. Auch Marie war ruhi⸗ ger geworden. Der Wundarzt kam ſehr ſchnell. Alle waren außer ſich vor Entſetzen, waͤhrend er unterſuchte, aber er gab noch Hoffnung. Der Kopf allein hatte eine ſtarke Quetſchung erlitten, aber dem kundigen Manne waren ja gefährlichere Fälle vorgekommen, wo Heilung erfolgt war, und er zeigte guten Muth. Daß er den Fall nicht fuͤt rettungslos hielt, daß er nicht ſagte, in weni⸗ gen Stunden muͤßte Alles vorbei ſein, war ja mehr, als die Meiſten gehofft hatten; und man kann denken, welches Entzucken ein ſolcher Auf⸗ ſchub erweckte, und wie man, nach einigen dem Himmel geweihten Ausbruͤchen des Dankes, ſich einer innigen ſtillen Freude uͤberließ. Den Ton, den Blick, womit Wentworth ſein:„Gott ſei Dank!“ ausſprach, meinte An⸗ na nie vergeſſen zu können, nicht weniger die Stellung, worin ſie ihn nachher erblickte, als er O 210 an einem Tiſche mit aufgeſtuͤtzten Armen ſaß, und das Geſicht mit ſeinen Haͤnden verbarg, wie wenn die Gefuͤhle ſeines Innern ihn uͤber⸗ wältigt haͤtten, und er bemuͤht geweſen waͤre, ſie durch Gebet und Nachdenken zu beruhigen. Es wurde nun noͤthig zu bedenken, was aus der Reiſegeſellſchaft werden ſollte. Man war im Stande zu ſprechen und ſich zu berathen. Daß Luiſe bleiben mußte, wo ſie war, wie ſehr es ihre Freunde auch bedauerten, der Familie Harville ſo viel Beſchwerde zu machen, litt kei⸗ nen Zweifel. Sie konnte nicht fortgeſchafft wer⸗ den. Harville und ſeine Frau brachten alle Be⸗ denklichkeiten zum Schweigen, und ſo viel ſie vermochten, auch alle Aeußerungen der Dankbar⸗ keit. Sie hatten ſchon fuͤr alles geſorgt, alles angeordnet, ehe die Uebrigen zu uͤberlegen an⸗ fingen. Benwick mußte ſein Zimmer raͤumen und anderswo ein Unterkommen ſuchen. Man bedauerte nur, daß das Haus nicht fuͤr mehr Gäſte Platz haͤtte, und dennoch glaubte man, wenn die Kinder in der Stube der Magd ſchla⸗ fen koͤnnten, oder eine Haͤngmatte angebracht wuͤrde, ließe ſich wohl noch faͤr zwei bis drei 911 ————————— Gaͤſte Raum finden, wenn ſie wuͤnſchen ſollten, zu bleiben. Man verſicherte jedoch, die Kranke könnte, ohne alle Bekuͤmmerniß, gaͤnzlich der Sorgfalt der Frau Harville uͤberlaſſen werden, die ſich auf Krankenpflege verſtand, und ihre Kinderwaͤrterinn, die lange bei ihr geweſen war, hatte eben ſo viel Erfahrung. Unter ſolcher Ob⸗ hut konnte es ihr weder bei Tage, noch bei Nacht, an Pflege fehlen. Man ſagte alles dieß mit einer unwiderſtehlichen Wahrheit und Auf⸗ richtigkeit des Gefuͤhles. Karl Musgrove, Henriette und Wentworth uͤberlegten, und in den erſten Augenblicken war nur ein Austauſch von Regungen der Beſtuͤr⸗ zung und des Schreckens. Jemand mußte nach Uppereroß gehen, um die Ungluͤcksbotſchaft zu melden. Aber wie ſollte man es den Aeltern beibringen? Es war ſchon hoch am Tage, eine Stunde ſchon uͤber die Zeit verfloſſen, wo ſie hatten abreiſen wollen, und noch zu gehoͤriger Zeit anzukommen, hielt man fuͤr unmoͤglich. Anfangs konnte man zu nichts kommen, als die⸗ ſe Zweifel und Bedenklichkeiten in Ausrufungen hoͤren zu laſſen, endlich aber hob Wentworth D 2 2 12 an:„Wir muͤſſen einen Entſchluß faſſen, ohne eine Minute zu verlieren. Jede Minute iſt koſtbar. Es muß Jemand nach Uppercroß. Musgrove, Sie oder ich.“ Musgrove ſtimmte bei; erklaͤrte aber ſeinen Entſchluß, nicht weggehen zu wollen. Er wollte der Familie Harville ſo wenig als moͤglich zur Laſt fallen, ſeine Schweſter aber in dieſem Zu⸗ ſtande zu verlaſſen, durfte und wollte er nicht. Henriette war Anfangs gleicher Meinung, kam aber bald auf andre Gedanken. Wozu ſollte ſie bleiben? War ſie doch nicht im Stande geweſen, in ihrer Schweſter Zimmer zu verweilen, oder die Kranke nur anzuſehen, ohne dem Schmerze zu erliegen! Sie mußte geſtehen, daß ſie nichts nuͤtzen koͤnnte; wollte aber doch auch nicht gern abreiſen, bis ſie, von dem Gedanken an ihre Aeltern bewegt, einwilligte, und nun unruhig ſich nach Hauſe ſehnte. So weit war man, als Anna, die vuhig aus Luiſens Zimmer kam, der offenen Thuͤre des Wohnzimmers ſich naͤherte, und folgende Worte horte, die Wentworth ſprach:„Es iſt alſo ausgemacht, Musgrove, Sie bleiben hier, 213 und ich bringe ihre Schweſter nach Hauſe. Aber wie wirds mit den Andern? Behielte Frau Har⸗ ville noch eine Gehilfin, ſo wuͤrde es voͤllig ge⸗ nug ſein. Ihre Gemahlin wuͤnſcht ohne Zwei⸗ fel zu ihren Kindern zuruͤck zu kehren, aber wollte Fraͤulein Anna bleiben— Niemand paß⸗ te dazu mehr, Niemand waͤre beſſer, als ſie.“ Anna blieb einen Augenblick ſtehen, um ſich von der Bewegung zu erhohlen, welche jene Worte in ihr erweckten. Die beiden Andern gaben mit Waͤrme ihre Zuſtimmung. Sie trat herein, und Wentworth redete ſie an:„Sie wollen bleiben und die Kranke pfle⸗ gen, nicht wahr?“ Er ſagte dieſe Worte mit einer Waͤrme und doch auch mit einer Freundlichkeit, die faſt die Vergangenheit zuruͤckriefen. Ihre Wangen er⸗ gluͤhten. Wentworth faßte ſich und wendete ſich weg. Anna aͤußerte, ſie waͤre bereit, und wuͤnſchte zu bleiben, und ein Bett auf der Erde in Luiſens Zimmer wuͤrde hinlaͤnglich fuͤr ſie ſein, wenn es Fran Harville gefile. o ſchien alles in Ordnung zu kommen. C konnte zwar gut ſein, wenn Luiſens Aeltern 214 durch einige Beſorgniſſe uber bie verſpaͤtete Ruͤckkehr ihrer Kinder auf die Ungluͤcksbotſchaft vorbereitet wurden; aber die unruhige Erwar⸗ tung wuͤrde zu ſchmerzlich verlaͤngert worden ſein, wenn man mit den Pferden aus Uppercroß haͤt⸗ te zuruͤckfahren wollen. Wentworth meinte, es wuͤrde weit beſſer ſein, einen Wagen im Wirths⸗ hauſe zu nehmen, und erſt am folgenden Tage Musgrove's Wagen nachkommen zu laſſen, wo⸗ mit dann zugleich Botſchaft von Luiſens Befin⸗ den in der Nacht geſchickt werden konnte. Farl Musgrove war es zufrieden. Wentworth ging, um alles zu beſorgen, und bald mit Marien und Henrietten abreiſen zu können. Als Marie die getroffene Abrede erfuhr, gab es neuen Un— frieden. Sie fuͤhlte ſich ungluͤcklich, ſie nannte es ungerecht, daß man von ihr glauben könnte, ſie wollte, ſtatt ihrer Schweſter Anna, ſich ent⸗ fernen. Anna war ja Luiſen fremd, ſie aber die Schweſter der Kranken, ſie hatte das naͤch⸗ ſte Recht, an Hentiettens Stelle zu bleiben. Warum ſollte ſie nicht ſo nuͤtzlich ſein konnen, als Anna? Und ohne ihren Mann nach Hauſe gehen? Rein, es war zu arg, ihr ſo etwas an⸗ 215 zuſinnen! Kurz, ſie ſagte ſo viel, daß ihr Mann nichts dagegen aufbringen konnte, und gab er nach, ſo konnten die Uebrigen vollends nichts ausrichten. Anng mußte ſtatt ihrer Schweſter abreiſen, es war nicht zu aͤndern. Nie hatte Anna ſo ungern den eiſerſuchtigen und unverſtaͤndigen Anſpruͤchen ihrer Schweſter⸗ nachgegeben; aber es mußte ſo ſein. Man ging in die Stadt zuruͤck, Henriette von ihrem Bru⸗ der gefuͤhrt, Anna an Benwicks Arm. Als ſie ſchnell voran gingen, dachte Anna einen Augen⸗ blick an alles, was ſie in den Morgenſtunden auf eben dieſer Stelle erlebt hatte. Hier war es, wo Henriette mit ihr uͤber des alten Pfar⸗ rers Ortsveraͤnderung ſprach; dort hatte ſie El⸗ liot zum Erſtenmahl geſehen; und nun glaubte ſie, nicht mehr als einen fluͤchtigen Augenblick jedem Andern weihen zu duͤrfen, und nur an Luiſen und diejenigen, die an dem Wohl der⸗ ſelben Antheil nahmen, denken zu muͤſſen. Benwick war ſehr aufmerkſam gegen ſie, und wie der Unfall dieſes Tages zwiſchen ihnen allen ein Band zu knuͤpfen ſchien, ſo fuͤhlte auch ſie ein erhoͤhtes Wohlwollen gegen ihn, und dachte 216 gern daran, daß ſich Gelegenheit finden konnte, ihre Bekanntſchaft fortzuſetzen. Wentworth erwartete ſie, und ein Wagen mit vier Pferden ſtand bereit. Seine auffallende Ueberraſchung aber, ſein Unmuth, als die eine Schweſter ſtatt der andern kam; das Erſtaunen, das ſich in ſeinen Zugen verrieth, die abgebro⸗ chenen und unterdruͤckten Aeußerungen, womit er den jungen Musgrove anhoͤrte— alles dieß war ein kraͤnkender Empfang fuͤr Anna, oder mußte ſie wenigſtens uͤberzeugen, daß ſie nur in ſo fern von ihm geſchaͤtzt wurde, als ſie Luiſen nuͤtzlich ſein konnte. Sie ſuchte gefaßt und gerecht zu ſein. um ſeinetwillen wuͤrde ſie Luiſen mit ungewöhnlichem Eifer gepflegt haben, und ſie hoffte, er könnte nicht lange ſo ungerecht ſein, zu glauben, ſie wuͤrde ſich ohne Noth einer Freundſchaftspflicht entziehen. Sie ſaß nun im Wagen. Wentworth hatte ſie, wie Henrietten, hinein gehoben und ſich zwi⸗ ſchen ſie geſetzt. Auf dieſe Weiſe, und unter Umſtaͤnden, die ganz geeignet waren, Erſtaunen und Bewegung in ihr aufzuregen, verließ ſie — — 217 Lyme. Wie der ziemlich lange Weg hingebracht werden ſollte, wie ſie ſich gegen einander beneh⸗ men, wie ſie ſich unterhalten wuͤrden, konnte Anna nicht vorausſehen. Und doch war nichts natuͤrlicher! Wentworth unterhielt ſich nur mit Henrietten, wendete ſich immer zu ihr, und wenn er ſprach, verrieth ſich immer die Abſicht, ihre Hoffnungen zu naͤhren und ihr Gemuͤth aufzu⸗ richten. Im Allgemeinen war ſeine Stimme und ſein Benehmen gefliſſentlich ruhig, und Henriet⸗ ten eine Gemuͤthsbewegung zu erſparen, ſchien ſein Hauptbeſtreben zu ſein. Einmal nur, als ſie uͤber die ungluͤckſelige Wanderung zum Stran⸗ de jammerte und bitter beklagte, daß man je daran gedacht hatte, brach er, wie uͤberwaͤltigt von ſeinen Gefuͤhlen, in die Worte aus:„Reden Sie nicht davon, ich bitte Sie! O Gott, wenn ich ihr doch nicht nachgegeben haͤtte, in dem un⸗ gluͤcklichen Augenblicke! Ich haͤtte es nicht thun ſollen. Aber— ſo lebhaft, ſo entſchloſſen iſt ſie! Die liebe, ſuͤße Luiſe!“ Anna fragte ſich uͤberraſcht, ob es ihm nun nicht einfallen moͤchte, gegen die Richtigkeit ſeiner fruͤhern Meinung uͤber die unbedingten Vorzuge X 218 und Vortheile der Gemuthſtarke Zweifel zu er⸗ heben, und ob es ihm nicht auffiele, daß auch dieſe Veſtigkeit, wie jede Eigenſchaft des Gemü⸗ ches, ihr gehöriges Ebenmaaß und ihre Graͤn⸗ zen haben muͤßte. Sie glaubte, er muͤßte es fühlen, daß ein lenkſames Gemuͤth zuweilen eben ſo ſehr zur Beförderung des Gluͤckes beitragen könnte, als ein ſehr entſchloſſener Sinn. Die Fahrt ging ſchnell, und Anna war er— ſtaunt, als ſie die Hügel wiederſah, die ſie auf dem Hinwege begruͤßt hatten. Die Schnelligkeit, womit es vorwaͤrts ging, und die Beſorgniſſe, welche der Gedanke an das Ziel der Reiſe er⸗ wecken mußte, machten den Weg nur halb ſo lang, als ſie ihn am vorigen Tage gefunden hatten. Die Daͤmmerung war aber ſchon ange⸗ brochen, als ſie in die Nahe von Uppercroß kä⸗ men, und es herrſchte einige Augenblicke ein gaͤnzliches Stillſchweigen, da ſich Henriette in die Ecke des Wagens gedruͤckt und das Geſicht mit ihrem Umſchlagetuch verhuͤllt hatte, als ob ſie vor allem Jammern eingeſchlafen wäre. Eben fuhr der Wagen den letzten Huͤgel hinan, als Wentworth auf einmahl leiſe und behutſam ——————— 219 — zu Anna ſprach:„Ich habe uͤberlegt, wie wit es am beßten machen. Sie darf ſich nicht zu⸗ erſt ſehen laſſen. Es wäre zu angreifend fuͤr ſic. Ich dächte, es wire beſſer, Sie blieben mit ihr im Wagen, und ich ginge indeß, um es den Aeltern beizubringen. S füͤr gut?“ Sie billigte es. Er war geuhhee und ſagte nichts mehr; aber die Erinnerung an ſei⸗ ne Worte war ihr angenehm; als ein Beweis von Freundſchaft, von Vertrauen auf ihr Ur⸗ theil, ſehr angenehm, und daß er ihr ſcheidend dieſen Beweis gab, verminderte nicht deſen Werth. Die traurige Mittheilung war de die Aeltern hatten ſo viel Faſſung gewonnen, als ſich nur hoffen ließ, und Henriette ward auch ruhiger, ſobald ſie bei ihnen war; da er⸗ klärte Wentworth, es wäre ſeine Abſicht, in demſelben Wagen nach Lyme zuruͤckzukehren, und als die Pferde 5. ch l— fuhr er davon. Ende des erſten Lheiles. ———— Bei dem Verleger die erſchienen: Walter Scot B Nach den Engliſchen 6 ev r 9 e o 2 Thle. 18a3. und Velinp. g erſchien: Duͤſter und Munter. Ein Sträußchen 3 lins on Voß Adolph von Schaden, Va Frott Der ſchwarze Zwerg. Eine ſchottiſche Wunderſage. Nach Engliſchen 5 W. A. g n da n. Mit Kupfer. 1819. Die Vermahlung. Ein Rachtſtuͤck vo £ 6G ſab Ihrdens. Mit 2 B 1892. Fahreszeiren der Ehe. Eine Srzählung Gunſt av Ihrdens. Schreibpapier. 1823.. ſer Schrift iſt ſo eben —— ——————————