— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und Zeſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wecheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „—„ 1—„—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und efahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ rene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Si Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — Neues Leben. Eine Erzählung Berthold Auerbach. Dritter Band. — Mannheim. Perlag von Friedrich Zaſſermann. 1852. Viertes Buch. — Behntes Rapitel. Ein Verſtorbener, der in die vergeſſene Welt zurückkehrte und ſie mit neuen Augen er⸗ ſchaute, ſo kam ſich Eugen vor als er das Stadtleben betrachtete. Im Nebel zigarren⸗ rauchend wie dampfende Geſpenſter eilen die Menſchen ſtumm und haſtig an einander vor⸗ über, ihr Gruß entbehrt meiſt des begleiten⸗ den Wortes. Nur Dienende haben ein äu⸗ ßeres Kennzeichen ihrer Thätigkeit, die anderen gehen ledig umher. Eugen fühlte, wie es leicht kommen mag, daß die Bauern alle Gebildeten für Müſſiggänger halten oder ihre Beſchäftigung als Kleinigkeit und bloſe Vergnügung anſehen können. Als erſchaute er das zum erſtenmale in ſeinem Leben, mußte Eugen viel darüber nachdenken, da ihm ein Offizier mit einer Frau am Arme und einem Kinde an der Hand be⸗ gegnete. Wie iſt es nur möglich, daß ein Mann, deſſen Lebensberuf die Kunſt zu tödten iſt, eine Familie haben ſoll? Eine mit Bravour und feiner Galanterie und wol auch allbeliebter Ge⸗ — ₰ müthlichkeit auswattirte Eriſtenz auf die mord⸗ fertige Säbelſchneide geſtellt! Die Welt iſt voll gräßlich lächerlicher Widerſprüche.... Die Häuſer ſtehen eng aneinandergepreßt und doch kennen die Nachbarn einander kaum, und wieder ſtand die räthſelvolle Frage vor dem Geiſte des Betrachtenden: was ſoll bei der immer mehr ſich ausbreitenden Anhäufung der Städte aus den Menſchen werden? Sie ermöglichen eine ungeahnte Culturhöhe, aber die Wurzel wird krank, die Herzen werden einander fremd und der Thauwuchs eines Kindeslebens in freier Natur, der über das ganze Daſein einen friſchen Feldhauch ausbreitet— den Tauſenden von Kin⸗ dern hier iſt das ein unbegriffenes Mährchen. Eugen kam in die neuen Stadttheile, wo die hohen Häuſer prangten, aber aus den Kel⸗ lerwohnungen ſtiegen da und dort kummervolle Geſtalten mit erdfahlen Geſichtern; Luft und Sonne iſt den Armen genommen und ein Fluch ſtieg in dem Herzen Eugens auf, ein Fluch über Alle die da oben über den langſam vermodern⸗ den Gliedern ihrer Mitmenſchen ſcherzen, muſi⸗ ziren und in gemüthlichen und geiſtreichen Con⸗ verſationen ſich ergehen, während Noth und Verderbniß unter ihren Füßen hauſt; wohl daß ſie zittern vor dem umſchleichenden Würgeengel — das ewige Geſetz erfüllt ſeine Rache: auf ihren Teppichen vergeſſen die Satten der Frie⸗ renden und Hungernden und in den Armenhöhlen ſteigt auf ein ungreifbarer Todesqualm, ſchleicht ungeahnt hinauf in die ſchimmernden Gemächer und holt ſich ſeine Opfer.... Eugen wäre gern hinein in die Häuſer und hätte die Menſchen ermahnt, ſich nicht Ruhe, nicht Labung zu gönnen, ſo lange ein Menſchen⸗ kind darbt; aber man hätte ihn als Schwärmer verlacht oder der Polizei ausgeliefert.... Vor dem Schloſſe angekommen mußte er ſich beſinnen, was er eigentlich wollte. In den weitläufigen Gebäuden die mit dem Schloſſe zu⸗ ſammenhingen, im ſogenannten Hofbau, wohnte der Direktor des geheimen Cabinets. Als Eugen nach langem Warten vorgelaſſen wurde und ſeine Bitte vorbrachte, erhielt er den Beſcheid, daß nach einer allerhöchſten Ordre keine Au⸗ dienz in ſolchen Angelegenheiten mehr ertheilt werde, Eugen ſollte ſich indeß an den Miniſter des Hauſes wenden. Dieſer verwies dem Bitt⸗ ſteller mit ſtrengen Worten, daß er ſich zu ſolcher Angelegenheit hergegeben, es ſei das nicht Sache der Lehrer; er verlangte eine ſchriftliche Eingabe. 8 Beim Ausgange aus dem Miniſterialgebäude ſah Eugen den Fragſamenhändler in dasſelbe ein⸗ treten; er ſchien ihn nicht erkannt zu haben. Eugen kehrte wieder in den Hofbau zurück und jetzt erinnerte er ſich, daß er hier ganz in den Fußtapfen ſeines Tauſchmannes wandelte. Hier wimmelte es von höheren und niederen Bedienſteten und ihren Familien; die Erinne⸗ rung an den Vergleich des Ausgewanderten, der dieſen Anbau des Schloſſes als die angebauten Sperlingsneſter am großen Storchenneſt bezeich⸗ net hatte, ſchwebte als Lächeln auf dem Antlitze Eugens. Die Bedienten der Bedienſteten lachten über den Bittſteller, der mehrmals in den langen Gängen ſtolperte, als er nach Frau von Schüt⸗ tenhelm fragte. Die Stiftsdame Theoroſa von Schütten⸗ helm wohnte ebenfalls im Hofbau, aber es dauerte lange bis ſie aufgefunden war. Gideon Kron⸗ auer, der ſtets ernſter Miene war, lächelte, ſo oft er von Theoroſa ſprach. Er nannte ſie ſtets die Reichstante oder auch die ewige Weihnachts⸗ kerze. Zu nicht geringer Verlegenheit Eugens war ſie oft Gegenſtand des Geſpräches zwiſchen Gideon und der Frau Pfarrerin; Eugen mußte — — 9 E ſich den Anſchein geben als ob er die Vielbe⸗ ſprochene kenne, und doch war ihm Alles was er hörte nur ein Rahmen ohne Bild und er mußte ſich manche Mißdeutung über ſeine Zurück⸗ haltung gefallen laſſen. Der Schluß aller Be⸗ ſprechungen, die nicht des Spottes ermangelten, lautete wie zur Sühne ſtets: ſie iſt eine gute Seele und ein Muſter von Selbſtaufopferung. Böſe Zungen behaupteten, Theoroſa ſei ſchon in der Schule geweſen, als man dort für den Verein der Philhellenen Charpie zupfte. Das iſt aber ſchnöde Verleumdung. Im Polen⸗ kampfe der dreißiger Jahre ward ſie zuerſt ihres Berufes inne und ſeitdem iſt ſie bei allem Der⸗ artigen. Mit einer wahren Virtuoſität zieht ſie mit ihren feinen Händen die Fäden aus den Linnen und ſchichtet ſie ordnungsgemäß. Für Schleswig⸗Holſtein hat ſie raſtlos gearbeitet und geſammelt. Sie iſt Mitglied des Vereins für entlaſſene Sträflinge, Mitgründerin mehrerer Kindergärten, Ehrenvorſteherin des Vereins zur Vertilgung des Cretinismus, der momentanen Suppenanſtalten und Wohlthätigkeitsbälle gar nicht zu gedenken. Bei Gelegenheit der Waſſernoth am See, die ein ganzes Dorf verheerte, hat Theoroſa eine Arche Noah gebaut, natürlich eine 10 literariſche, in die ſie Alles was poetiſch kriecht und fliegt, einſammelte. Auf dem See⸗Album prangte ihr Name als Herausgeberin. Von daher ſtammt auch ihre ſehr reichhaltige Hand⸗ ſchriftenſammlung, da ſie ſich zu Beiträgen an ſämmtliche Berühmtheiten Deutſchlands gewendet hatte und ſodann beim Vertriebe des Werkes Sendungen an alle Fürſtinnen und Prinzeſſinnen Europa's richtete, von denen ſie meiſt höchſt⸗ eigene Handſchreiben erhielt. Sie ſpricht oft davon, daß ſie ſich nicht berechtigt fühle, dieſe werthvolle Sammlung für ſich zu behalten, ſon⸗ dern ſie zu einem wohlthätigen Zwecke verwerthen wolle; dieß wird ihr ſchwerer, als ſie ſich be⸗ kennen mag, denn ſie ſagt immer: ſolch ein Autograph iſt ein Stück von dem lebendigen Menſchen, von dem wirklichen Leben, nicht blos in andere Form übertragenes. Bis die Samm⸗ lung zur entſprechenden Vervollſtändigung ge⸗ kommen iſt, ruht ſie daher in ſchöner Mappe. Der Brennpunkt ihres Lebens, wo ſie lauter Licht ausſtrahlt, iſt aber die Weihnachtszeit. Das ganze Jahr iſt ihr nur der vorangehende Tag des Weihnachtsabends. An dieſem Abend wird Tante Theoroſa in vielen Städten von dankenden Lippen genannt, denn ein eigener —— 6 3 Poſtbote kommt um dieſe Zeit zu ihr, um die vielen Päckchen zur Beförderung abzuholen. Alles das mußte ſich Eugen vergegenwär⸗ tigen, als er endlich in einen großen Saal ein⸗ trat, wo es jahrmarktähnlich ausſah; denn nicht nur lagen Kleider, Spielzeug und Speiſen aller Art in großen Maſſen umher, auch viele Männer und Frauen trieben ſich geſchäftig durcheinander. Als ein Mädchen, das an der Thüre ſtand, den eintretenden Fremden melvete, hörte Eugen aus vielen Päcken heraus: „Das kann nicht ſein, fragen Sie noch einmal.“ Eugen mußte nochmals ſeinen Namen nennen und nun kam raſch eine ſchlanke hohe Geſtalt mit einem um das Kinn gebundenen ſchwarzen Schleier auf ihn zu und blieb plötzlich wie er⸗ ſtarrt vor ihm ſtehen. Das aus der Ferne blaſſe Geſicht mit den feinen Zügen ward plötzlich von einer gleichmäßigen Gluth geröthet und die hellen waſſerblauen Augen ſtarrten den Betroffenen wie mit Grauſen an. „Sie wollen Herr Baumann ſein?“ fragte endlich Theoroſa. „Ich heiße ſo,“ erwiederte Eugen. „Kommen Sie,“ winkte Theoroſa. Eugen 12 folgte ihr in ein Nebenzimmer und im heftigſten Tone begann hier Theoroſa: „Sie haben Fürchterliches gethan. Wer ſind Sie? Welches Spiel treiben Sie? Warum haben Sie den guten Baumann zur Auswande⸗ rung verführt?“ Eugen ſtand betroffen. Er hatte eine em⸗ pfindſame Diakoniſſin erwartet und fand eine keifende Dame, die bei jedem Worte bis in die Schläfe hinauf roth wurde. „Ich will annehmen,“ ſagte er endlich,„daß es zu den Nebeneinkünften meines jetzigen Be⸗ rufes gehört, ſolche Beg egnungen wehrlos hinzu⸗ nehmen. Wollen Sie mir erſt ſagen, was Sie von mir wiſſen?“ Theoroſa ſetzte ſich ermüdet auf den nächſten Stuhl und berichtete, daß ſie vor wenigen Tagen zwei Briefe des Ausgewanderten auf Einmal erhalten habe und daß dieſer ſchreibe, ſein Einſteher werde ihr bereits Alles mitgetheilt haben und ſie möge ſich ſeiner gefahrvollen Lage annehmen. Eugen ſah ſich nun genöthigt, abermals ſein Leben zu berichten; er erwähnte dabei weder des Verhältniſſes zu ſeiner Mutter, noch ging er überhaupt auf eine tiefere Begründung ein. —— 4 8 13 Die wiederholte Legitimation des innern Menſchen hat für den ſeiner reinen Zwecke be— wußten Charakter etwas ſo peinlich Ueberflüſſiges, daß er im Vollgefühl ſeiner ſelbſt ſich leicht einer Verkennung ausſetzt, ja ſie herausfordert. Dies mußte hier der Fall ſein, denn Theoroſa ſagte aufſtehend: „Sie haben eine wunderliche Paſſion, wenn es nicht was Schlimmeres iſt. Gräßlich! Wie lange wollen Sie noch in dieſer Situation bleiben?“ „Für immer. Ich baue ein Neſt in die Mündung einer geladenen Kanone.“ „Ich hätte Sie nach dem Briefe unſeres Freundes für ernſter gehalten,“ ſagte Thevroſa bitter lächelnd,„Sie wiſſen nicht, wie Sie mich in die höchſte Pein verſetzen. Vor drei Tagen bekomme ich den Brief unſeres Freundes. Die Weihnachtslichter brennen ohnedies dunkel mitten in der Todesnoth, in der wir hier ſchweben. Und jetzt, da Sie vor mir ſtehen, ich faſſe Sie nicht, mich wird es nicht verlaſſen, daß ich ſtets einen Menſchen vor mir ſehe, der in Tod oder Kerker geführt wird. Ich bin ſchon bei manchem Todten geweſen, aber Sie, Sie erſchrecken mich wie ein Selbſtmörder. Was führt Sie hieher? 14 Was haben Sie hier zu thun? O Gott! Wenn man Sie jetzt von hier wegholte und zum Tode führte? Gräßlich!“ Eugen nahm ſeinen Hut und verbeugte ſich ſtumm, aber Theoroſa nahm ihm zitternd das Verſprechen ab, daß er etwa in einer Stunde, wenn die Geſchenke für die große Armenbeſcheerung geordnet ſeien, wiederkommen müſſe. Es liegt oft ein eigenthümliches Mißgeſchick darin, einem Menſchen perſönlich nahe zu treten, zu dem wir ohne unſer Zuthun durch unſer Ver⸗ hältniß zu Anderen in nahe Beziehung gekommen ſind; die erſte Begegnung erhält leicht etwas unnatürlich Geſpanntes, Bedrängendes. Eugen faßte dieſe ſeine Empfindung in die Worte zu⸗ ſammen: „Es iſt kein Lob für die Menſchennatur und ihre Geſchichte, daß ſie Wort und Begriff Erbfeindſchaft kennt, aber Erbfreundſchaft nicht.“ Dieſes Hinausſchwingen über perſönliche Unbill in die Allgemeinbetrachtung verfehlte hier ſeine Wirkung nicht. Theoroſa ſah den alſo Sprechenden betroffen an, ſie reichte ihm die Hand und ihr Blick hatte etwas eigenthümlich Glänzendes, als ſie ſagte: „Entſchuldigen Sie mich. Ich verlaſſe mich dart the mei ver Si keit we de au luſ ſein der ſich ihr die Ge ſim iel ſch get ein 15 darauf, Sie heute Mittag wiederzuſehen. Ur⸗ theilen Sie nicht zu raſch über mich. Um meinetwillen ſollen Sie nicht an den Menſchen verzweifeln. Sagen Sie mir noch offen, ſind Sie auch ſo ein Demokrat, der alle Wohlthätig⸗ keit und Tugend aufheben will? „Kennen Sie ſolche?“ „Ich kenne gar keine. Es ſoll mich freuen, wenn ich in Ihnen einen ſolchen kennen lerne, der die allgemeine Anſicht Lügen ſtraft. Alſo auf Wiederſehen.“ Auf der Straße wurde Eugen von einem luſtigen Parademarſch begrüßt und er folgte ſeines Weges unwillkürlich dem Menſchenknäuel, der der aufziehenden Schloßwacht im Takte ſich anreihte. Die Menſchen alle richten wieder ihre Schritte nach dem Takte der neuen Weiſen, die ſie umtönen; es gehört eine widerſpenſtige Gewalt dazu, ſich davon los zu trennen. Dem ſinnend im Gleichſchritte mitwandelnden Eugen fiel es ſchwer auf's Herz, daß er vielleicht allein ſich ausſchließe von dem in's alte Geleiſe zurück⸗ gekehrten Weltgange... Als auf dem Schloßplatze die Offiziere in einen Kreis zuſammentraten, um die Parole zu erhalten, ſtand Eugen im Geiſte mitten unter ihnen; er kannte ja all dieſe wichtigthueriſchen Förmlichkeiten, er kannte das Treiben dort in der Offizierswachſtube, wohin jetzt ein Diener eine Compagnie langer Pfeifen und volle Wein⸗ flaſchen trug. „Sie freuen ſich gewiß auch, ich ſehe es Ihnen an, daß wir wieder unſere ſchöne Ord⸗ nung haben? Wir bezahlen unſere Steuern, damit wir nicht ſelbſt regieren und Soldaten ſein müſſen. Hab' ich nicht recht?“ So redete ein zahnſtochernder behäbig aus⸗ ſehender Mann Eugen an. Dieſer entfernte ſich ohne Antwort. Im Stern traf er ſeine Gefährten in froher Weinlaune, ſie machten zwar verdrießliche Mienen als Eugen von einem ſchriftlichen Geſuche ſprach, unterzeichneten aber, als dieſes aufgeſetzt war, faſt ohne ein Wort davon zu leſen. „Da habt ihr auch eine Weihnachtsbe⸗ ſcheerung,“ rief der Sonnenwirth und reichte Eugen das neueſte Regierungsblatt; es enthielt in einer einfachen Verordnung die Aufhebung der in ſtrenger Geſetzesform verkündeten Grundrechte. Es giebt Schickſalsſchläge und Ereigniſſe, deren unabſehbare Wirkung ſich im erſten Augen⸗ blicke gar nicht will erkennen laſſen, ſie treffen ein Bew dieſe Rahn dann der G Uebe ließe und ihm ſo bit fämpf jett Ihren his ich nicht hab ic ſprech 7 meine —— — 17 ein ſtumpfes Gefühl, das erſt allmälig zum klaren Bewußtſein des Schmerzes erwacht. Eugen kam dieſe Verordnung faſt wie ein muthwilliger Hohn vor. „Ich laſſe das Blatt auch unter Glas und Rahmen machen und bringe es dem Bachmüller, dann kann er's neben das alte hängen,“ ſpottete der Sonnenwirth. Eugen wollte ſeine beiden Gefährten zur Uebergabe der Bittſchrift mitnehmen, aber ſie ließen ſich nicht dazu bewegen. Er ging allein und als er abermals zu Theoroſa kam, ſchritt ſie ihm entgegen und ſagte: „Ich will Ihnen ehrlich ſagen, warum ich ſo bitter war, ich weiß es jetzt und hab' es be⸗ kämpft. Es iſt mir eine ſchwere Laſt, daß ich jetzt Ihr Schickſal zu ſchlichten habe.“ „Geben Sie ſich keine Mühe.“ „Nein, nein, jetzt weiß ich einmal von Ihrem Geſchick und es läßt mich nicht ruhen, bis ich Sie in Sicherheit weiß. Ich kann noch nicht allen Egvismus in mir niederkämpfen, das hab ich heute wieder erfahren an Ihnen, darum ver⸗ ſpreche ich Ihnen auch doppelt, für Sie zu ſorgen.“ „Wie denn?“ „Die Prinzeſſin Adelaide wünſcht ſchon lange meine Autographenſammlung. Ich hielt die ge⸗ 2 18 botene Summe für zu klein. Jetzt muß mir die Prinzeſſin meinen Wunſch erfüllen und Gnade für Sie erwirken; es iſt ſo auch ein beſonderer Grund, Sie haben ja auch die Kunſtſchätze auf dem Sommerſchloſſe Falkenau vor den Frei⸗ ſchärlern geſchützt. Machen Sie keine Einſprache, ich will ſehen, ob es nicht Erbfreundſchaft giebt; ich habe ein Recht auf die Ihrige.“ Theoroſa erzählte nun aus den Briefen des Ausgewanderten, wie hochbeglückt ſich dieſer in ſeinem neuen Berufe fühle, er war jetzt Prediger und Lithograph und im Vorſtande des Vereins für den allgemeinen Frieden. „Würden Sie in Ihrem jetzigen Berufe ausharren, wenn Sie frei wären?“ fragte Theo⸗ roſa nach langer Beſprechung, in der ſie ſich wirklich freundlich gefunden hatten. „Ich könnte es um ſo leichter.“ „Können Sie ſich denn in Ihrer gefahr⸗ vollen Lage nur eine Stunde wohl fühlen?“ „Meine Lage iſt nicht dem Weſen nach, ſie iſt nur im Grade verſchieden von allen, die ihr deutſches Vaterland lieben. Wer ſich jetzt nur eine Stunde vollauf wohlfühlen kann, hat kein Vaterland.“ Theoroſa wurde über und über roth, ſie ſprach l daß er! glle ihre verſprac Es das Vit ſte e lange) hüben näher z In eigen ki verbreite Leben au Naq Vamms zuricktehr maligen begrüßen daß mar Der und als der Abfe wahrſchei erſten An 19 r die 3u ſprach lange nichts, dann verbürgte ſie ſich dafür, ade daß er vollkommen beruhigt ſein dürfe, ſie würde . lle ihre ausgebreitete Connexion dafür einſetzen und 6 verſprach ein fröhliches Wiederſehen im Frühling. 5 Es war Abend geworden als Eugen in rache, das Wirthshaus zurückkehrte, und ſtaunend, als ebt; ſähe er's zum erſten Male, betrachtete er die lange Reihe der Gasflammen in den Straßen hüben und drüben, die in der Ferne immer in näher zuſammenzurücken ſchienen. In den dunkeln Dorfſtraßen muß Jeder ſein wreit eigen Licht mit ſich tragen, hier aber iſt ein all⸗ verbreitetes, allgemeines. Iſt es mit dem innern Berufe Leben auch ſo? Theo⸗ Nachdem er noch ein ſchwarzes Mancheſter⸗ ie ſich Wamms für Lipp gekauft hatte und in den Stern zurückkehrte, vernahm er, daß mehrere ſeiner ehe⸗ maligen Schüler dageweſen ſeien, um ihn zu gefahr⸗ begrüßen; er drängte nun um ſo mehr darauf, daß man alsbald abreiſe. nach, Der Sonnenwirth hatte allerlei Einwände n, die und als er endlich nachgeben mußte, war er bei h jetzt der Abfahrt nirgends zu finden. Er wollte n, hat wahrſcheinlich nach dem mißlungenen Bittgange dem erſten Anſturme im Dorfe aus dem Wege gehen. h, ſie 2 Elftes Rapitel. Viele Menſchen vergeſſen nichts leichter, als daß man einſt gut und aufopfernd gegen ſie war; ſie halten nicht feſt an dem unwandelbaren Gemüthe, aus dem ſolches ſtammte, ihnen gilt nur die einzelne That, die ſich bald verbraucht. Wird dann ein Herz durch Mißtrauen und Un⸗ dank verhärtet, ſo rufen ſie: es war nie echte Tugend in ihm. Das erfuhr Eugen nach der Heimkehr in allerlei gröberen und feineren Sticheleien, die gegen ihn losgelaſſen wurden. Der Rainbauer, noch mehr aber der nachfolgende Sonnenwirth, hatte viel zu erzählen, daß ſich Eugen in der Hauptſtadt den ganzen Tag habe kaum bei ihnen ſehen laſſen und wahrſcheinlich allerlei Bekannt⸗ ſchaften nachgelaufen ſei. Eugen verſchmähte es, ſich zu rechtfertigen und als er einſt ſeinem Unmuth bei der Kirch⸗ bäuerin Luft machte und den Vorſatz aus ſprach, ſich nie mehr zu ſolchen Angelegenheiten herzu⸗ geben, erwiderte dieſe: N doß man Eug blice in Lipp gehi Verſpruch zu mache der Wal nach Tre Fachmil Ei Herz emp Es wollte gung zu daß es ein ſch zu ſch fragend in ſchaft Vit Das vier Tage Geſtlt ge vids Mari dem Bru geworden; Eugens, war geſo en ſie baren n gilt aucht. d Un⸗ echte r in „ die auer, virth, der ihnen annt⸗ tigen rach, erzu⸗ 21 „Man muß ſich nichts verſchwören, als daß man ſich nicht ſeine Naſ⸗ abbeißt.“ Eugen war nur Einmal auf wenige Augen⸗ blicke in der Bachmühle geweſen. Er hatte von Lipp gehört, daß der Waldkönig da ſei, um den Verſpruch zwiſchen Bernhard und Vittore fertig zu machen; es handle ſich nur noch darum, daß der Waldkönig verlange, das junge Paar ſolle nach Trenzlingen überſiedeln, was beſonders die Bachmüllerin nicht zugeben wolle. Eugen hatte einen Stich mitten durch's Herz empfunden, als er die Nachricht vernahm Es wollte nichts nützen, daß er ſeine Zunei⸗ gung zu Vittore ableugnete und ſich vorhielt, daß es ein Frevel wäre, ein neues Daſein an ſich zu ſchließen. Er ſah doch Jedem bitter fragend in's Geſicht, ob er ihm nicht die Braut⸗ ſchaft Vittore's verkünde. Das ganze Dorf ſchien überhaupt in den vier Tagen ſeiner Abweſenheit eine ganz andere Geſtalt gewonnen zu haben; des Schäufler⸗Da⸗ vids Marie war Braut mit dem Metzgerburſchen, dem Bruder des Lammwirths in Röthhauſen geworden; der Haſenſchartige, der beſte Schüler Eugens, der ſchon mehrere Wochen kränkelte, war geſtorben und begraben, und Eugen wollte es nicht faſſen, daß ſo plötzlich ein junges Leben in den Boden geſunken war. Was im eigenen allmäligen Anſchauen noch eine gewiſſe Beſänftigung in ſich ſchließt, verur⸗ ſacht durch plötzliches Innewerden eine ſchreck— hafte Erſchütterung. Im Hauſe des Kirchbauern war eine ge⸗ witterſchwüle Stimmung, die drei Mädchen gingen mit niedergeſchlagenen Augen umher und beſon⸗ ders der Huſchel ſah bleich und verſtört aus. Hier wurde nicht nur empfunden, daß wieder eine Geſpielin vor ihnen verlobt war, der Huſchel ſchien ſich auch auf den Bernhard Hoffnung ge⸗ macht zu haben. Dazu kam noch die Bewegung der Gemüther um die verlorene Zuverſicht auf Begnadigung. Wen mag es wundern, daß die Nachricht von Aufhebung der Grundrechte hier kaum beachtet wurde? Nur der Lehrer von Alsfeld, der jetzt zum Beſuche kam, drückte ſeine Freude darüber aus und er hielt Eugen für einen ſchadenfrohen Menſchen, der ihm nur ehr⸗ lich ſagte, daß damit die Patronatsſtellen noch nicht wieder errichtet ſeien. Die Weihnachtszeit war für Eugen trüb herangekommen. Er hatte die Geſchenke, die er von Theoroſa erhalten, der Pfarrerin zum Ver⸗ heilen n den beſchenke und ihre Am Bartelm voll Dat Abend ſ Bartelm Laune, krüppel D „D lung,“ hö Stephanie du haſt Und die Weißt we V „P ſehen, u dir nachſe lipp Knechte g zureden. „P Bartelni g * Leben en noch verur⸗ ſchreck⸗ eine ge⸗ gingen d beſon⸗ t aus. wieder Huſchel ung ge⸗ ewegung ſicht auf daß die hte hier rer von kte ſeine gen für nur ehr⸗ len noch en trüb e, die er um Ver⸗ Sa 23 theilen übergeben; er fürchtete ſein Verhältniß zu den Kindern zu gefährden, da er nur Wenige beſchenken konnte. Nur die Beſchenkung Ruſele's und ihres Chriſtoph hatte er ſich vorbehalten. Am Weihnachtsabend hatte er für Lipp und Bartelmä Lichter entzündet und während der erſte voll Dankes war und Eugen bat, daß er heute Abend ſchon die neue Jacke anziehen dürfe, war Bartelmä bei dem guten Grog voll burſchikoſer Laune, die er theils in Witzen auf den Reichs⸗ krüppel ausließ, theils gegen Eugen kehrte. „Du biſt gerade wie die Reichsverſamm⸗ lung,“ höhnte er,„die Vittore iſt Preußen, die Stephanie iſt Oeſtreich mit all ſeinen Nationen; du haſt beide im Sack und kriegſt gar keine. Und die Bachforelle iſt gar geſotten geweſen. Weißt wann eine Forelle richtig geſotten iſt?“ „Wann?“ „Wenn ihr die Augen zum Kopf heraus⸗ ſtehen, und ich hab die Vittore geſehen, wie ſie dir nachſchaut.“ Lipp ſah verwundert drein, daß es dem Knechte geſtattet war, ſeinen Herrn mit Du an⸗ zureden. „Wir ſind doch prächtige Kerle,“ rief dann Bartelmä wieder aus,„ich möcht' wiſſen wie es einem altbackenen Geheimrath zu Muthe wäre, wenn er einmal Morgens aufſtünde und man ſagt ihm: Guten Tag Herr Müller, oder Herr Stühle, oder Herr Knöpfle, Titel und Amt ſind mit dem Schnee vergangen und Beſoldung und Penſion auch, wie willſt du nun dein Brod ver⸗ dienen und dein Mittagsſchläfchen? Dem Kerl blieb michts übrig, als ſich an einer Aktenſchnur aufhängen.“ Eugen, der die Redſeligkeit Bartelmä's auch in anderer Beziehung fürchtete, ſchickte ihn nach Hauſe, indem er einen nothwendigen Beſuch vor⸗ ſchützte. Er ging in der That hinaus nach der Bachmühle. Droben war Alles erleuchtet, aber laute Stimmen lärmten durcheinander; der Bach⸗ müller ſchien in Streit mit einem Manne, der fluchend auf den Tiſch ſchlug. „Ich hab nachgeben, wenn ſchon ein Klecks in deiner Familie iſt,“ rief der Fremde mit mäch⸗ tiger Stimme,„aber das iſt eine Lumpenwirth⸗ ſchaft; meinen Buben in's Haus ziehen und ihn in's Geſchrei bringen. Gieb dein Mädle dem Schulmeiſter, ich wünſch' ihr Gluͤck und Segen dazu.“ „Davon iſt gar kein Red,“ beſchwichtigte der Bachmüller,„ſie haben nichts mit einander, und we geſagt meiſter, Baron ( Bachmi wen einen Jungen Frau u „ um wie daß alle nicht mel 3w Treppe Horchen ſteck in gewaltig ein zotti dem Do d De den Boh lieber ei als daß e wäre, id man Herr mt ſind ng und d ver⸗ n Kerl nſchnur s auch n nach ch vor⸗ ſch der „aber Bach⸗ e dir Klecks tmãch⸗ nwirth⸗ ind ihn le dem M egen ichtigte nander, und wenn's wär', ich hab' dir ſchon hundertmal geſagt, ich geb meine Tochter nie einem Schul⸗ meiſter, nie.“ „So bind' ſie an oder laß ſie auf deinen Baron— „Jetzt iſt genug, genug ſag ich,“ rief der Bachmüller, man hörte einen Stuhl fallen„und wenn du noch ein Wort ſagſt, ich fürcht' ſo einen Flötzerkerl wie du mit ſammt deinem Jungen nicht. Wenn du nicht der Bruder meiner Frau wärſt.... Gut Nacht.“ „Komm her,“ erwiederte es,„und du fallſt um wie ein Kegel und ich ſchlag dich zuſammen, daß alle Weiden an deinem Bach dir die Knochen nicht mehr zuſammenbügeln.“ Zwei Männer gingen ſchweren Trittes die Treppe herab. Eugen war unwillkürlich zum Horchen gekommen, er blieb jetzt in ſeinem Ver⸗ ſteck im Erlengebuſch und ſah Bernhard mit einem gewaltigen ſtarken Manne in breitem Hute, dem ein zottiger großer Hund folgte, den Weg nach dem Dorfe einſchlagen. Der Breithutige ſtand ſtill, ſtampfte auf den Boden und knirſchte ingrimmig:„Wär' mir lieber ein ſechsgleichiger Floß zum Teufel gangen, als daß man mir nachſagen ſollt': es giebt ein . . 26 Mädle das meinen Buben nicht gewollt hat. Und wenn mir das unſer Herrgott vom Himmel heruntergeſagt hätt', ich hätt's ihm nicht glaubt. Wenn mir einer das erzählt hätt', ich hätt' ihm die Zähne in den Rachen geſchlagen, daß er daran erſtickt wär. Himmelhöllendonner! Ich ſchäme mir die Augen aus dem Kopf heraus, aber du biſt an allem ſchuld; mit deinem über⸗ ſtudirten Weſen haſt du das Mädle verſcheucht. Geſchieht mir aber ſchon recht, warum hab ich deiner Mutter nachgeben und hab dich zu den ſtudirten Lichterziehern in die Stadt geſchick. Ich bin der Waldkönig, dich wird man nicht ſo heißen, das weiß ich.“ Wie Eugen aus dem Dunkel an den hellen Mondſchein hinaustrat, ſo ſtand auch ſeine Seele im Licht, er hörte auf keine innere Gegenrede mehr, ihn erfüllte nur der eine Gedanke: Vittore iſt frei! Und um deinetwillen! Woher wiſſen aber die Menſchen, was du ſelber kaum weißt? Wie von Geiſterhand abgeſtreift waren alle Hemmungen und Zügelungen, die Beſonnenheit und banges Zagen noch auferlegen wollten; Eugen war noch jung genug, um frohmuthig über alle Schranken hinwegzuſetzen und nicht der Winterfroſt, in dem er ſtand, überſchauerte ihn, ein n Veſn und fü In ſei O du Leben ſchen b füllung meine letzter bleiben find ich ſollen m all mein aus beg Es nicht an ſen He wölben in den Chorale wohnte zieht, aufgelöſ gehalte eingezog lt hat. immel glaubt. tt' ihm daß er Ich heraus, über⸗ cheucht. hab ich zu den eſchickt. nicht ſo nhellen e Seele genrede Vittore wiſſen weißt? en alle menheit vollten; hmuthig icht der rte ihn, ein namenloſes Gefühl durchzuckte ſein ganzes Weſen und er ſtand ſtill mit gefalteten Händen und fühlte eine Thräne in ſein Auge dringen. In ſeinem Herzen ſprach ſich's wie ein Gebet: O du allwaltende geheimnißvolle Macht! Das Leben der Pflanze wie das Schickſal des Men⸗ ſchen beſtimmſt du zu ſeiner nothwendigen Er⸗ füllung; ich bin ſtündlich bereit zu ſterben für meine Mitmenſchen und ein Freudenruf ſei mein letzter Hauch, wenn ich weiß, daß die Ueber⸗ bleibenden in Freiheit und Friede wohnen. Und find ich dieſe ſelbſt in meinem eignen Leben, ſie ſollen mich nur erkräftigen, der freudige Genoſſe all meiner Brüder zu ſein und ſie zu beglücken aus beglücktem Herzen.... Es giebt Erregungen, in denen der Menſch nicht anders kann, als das Heiligthum des inner⸗ ſten Herzens im Geiſte vor ſich aufſtellen; da wölben ſich von unſichtbarer Hand heilige Hallen, in denen die Andacht zitternd und jubelnd ihre Chorale erklingen läßt und was tief im Herzen wohnte und was tief verborgen das All durch⸗ zieht, es ſchlingt ſich in Eins zuſammen und aufgelöſt in die Unendlichkeit und doch wieder gehalten in der klopfenden Bruſt iſt die Erlöſung eingezogen in ein Menſchenherz. —— 28 Hier iſt der heilige Springquell aller Poeſie und Religion, es ſtrömen die Wellen hinaus und ſie kehren wieder, als Thau, als Regen aus ſegnender Wolke. Eugen hob eine eiſige Scholle auf und in ihm ſprach's: Wohl mir und nimmer müde ſei mein Arm und nimmer müde mein Geiſt, wenn mir gegeben iſt, ein Leben der fruchtgeſegneten That. O daß mein Geiſt ſo hell, meine Kraft ſo wach bliebe bis zu der Stunde, da man mich in den heimiſchen Boden einſenkt.... Und wie er jetzt aufblickte, leuchtete ein Stern über dem Hauſe Vittore's und ſein Glanz wurde immer freundlicher und es war wie ein Mutterauge, das auf dem Kinde ruht. Freudiger ſchauten jene Könige der Sage nicht auf nach dem Sterne in dieſer Nacht, als Eugens Blick erſtrahlte, und wie er jetzt ſein innerſtes Denken vor ſich hingeſtellt hatte, ſo war's, als ob ſein Augenſtrahl zum Sterne oben geworden, und Stern und Blick war eins. O du heilige ewige Allmacht der Liebe! Jetzt ſchauerte Eugen nicht mehr, er fühlte das Brennen ſeiner Wangen und wie die all⸗ ſtrömende Luft die Bruſt durchzieht und zum Leben in ihr wird, ſo fühlte ſich Eugen eins mit der nit den es war jett ge hochſchw Rienun der Ste höherer W hinaus durch ſe eigene, 1 ſppe geſ klungen, nicht Vei Poeſe hinaus Regen und in ude ſei wenn egneten e Kraft an mich ete ein Glanz wie ein eudiger f nach 29 mit der Welt, mit den Menſchen, mit der Erde, mit den Sternen, es gab kein Sehnen mehr, es war zur Liebe geworden.... Wäre Vittore jetzt gekommen, er hätte ſie ohne Zagen an ſein hochſchwellendes Herz gedrückt, aber es kam Niemand und die Lichter wurden verlöſcht, doch der Stern am Himmel glänzte fort in immer höherer Pracht. Wie ein muthwilliger Knabe ſprang Eugen hinaus in das Feld und tauſend Lieder zogen durch ſeine Seele, er wußte nicht, waren es eigene, waren's fremde; was je eine Menſchen⸗ lippe geſungen, was je einem Menſchenohr ge⸗ klungen, es war ſein; es waren nicht Worte, nicht Weiſen, aber ſie waren voll ſeligen Klanges. BZwölftes Rapitel. Am andern Morgen berichtete der allzeit dorfkundige Lipp: „Der halbſeidene Waldprinz Bernhard iſt doch noch Bräutigam geworden, das hätt' Nie⸗ mand mehr gedacht, daß die noch zuſammen⸗ kommen, ja, die Alte iſt geſcheit.“ Wenn es Lipp darauf angelegt hätte, Eugen mit der verkehrten Form ſeiner Berichte zu quälen, hätte er es nicht geſchickter machen können. „Mit wem denn?“ fragte Eugen erbleichend ſchon zum drittenmale. Lipp nickte ruhig, er war nun ſicher, daß das Gerede mit Vittore nicht grundlos war. „Rathet einmal,“ ſagte er pfiffig und erſt als Eugen unwillig wurde, ließ er ſich verneh⸗ men:„Mit dem Huſchel. Das iſt ein Jubel in des Kirchbauern Haus. Die Kirchbäuerin iſt ſeit geſtern um drei Zoll dicker worden und bringt ihren Kreuzſchnabel gar nicht mehr zu⸗ ſammen; die überhüpften Mädle thun freundlich und mö Man ſu lechrer,“ ofenbar, nahm, ſ geduldet wies Li Beichtſt fort.„ Fenſter heruuf einem Bi frchen 3 ſiß, wei und ſogt; daß die hat; wi wohl, il von ihm ſchaden, hat ihn und ſag: Ju das i uns recht verſtehſt allzeit ard iſt tt Nie⸗ ammen⸗ Eugen hte zu machen eichend r, daß war. und erſt verneh⸗ 1Jubel erin iſt en und ehr zu⸗ eundlich A und möchten einem doch die Augen auskratzen. Man ſagt, die Sabine heirathet einen Schul⸗ lehrer,“ ſchloß Lipp liſtig blinzelnd. Es war offenbar, daß er ſich gegen Eugen mehr heraus⸗ nahm, ſeitdem dieſer die Bruderſchaft Bartelmä's geduldet hatte. Eugen brach raſch ab und ver⸗ wies Lipp jede ſolche Rede vor ihm. „Höret nur noch, wie geſcheit die auf dem Beichtſtuhl ſein will,“ fuhr Lipp unterwürfiger fort.„Vor einer Stunde pöpperlet ſie an's Fenſter wie ich vorübergeh und winkt mir herauf. Da ſitzt ſie wie der Schlittengaul von einem Bierbrauer und ſie giebt mir ein Stück friſchen Zuckerfladen und macht mir das Maul ſüß, weil ſie weiß, daß ich viel herumkomm' und ſagt: Lipp, du darfſt auch frei erzählen, daß die Vittore unſern Bernhard nicht gemöcht hat; wir haben das ſo ausgemacht, du weißt wohl, ihm kann's ja eins ſein, daß man das von ihm ſagt, aber einem Mädle könnt' das ſchaden, drum bleibt's dabei, verſtanden? Sie hat ihn nicht gemöcht.— Ich ſtell' mich dumm und ſag: Ja, es ſoll ja auch wahr ſo ſein. Ja das iſt ganz recht, ſagt ſie wieder, es iſt uns rechtſchaffen lieb, wenn man das ſagt, du verſtehſt mich wohl. Sie macht dabei ihr Na⸗ ———————— —— — ———————— 32 poleonsgeſicht, wie der Kaidl immer geſagt hat, und blinzelt mit den Augen, wie wenn ſie ſo ein Gutedel wär' und das freiwillig auf ſich nähm', was ſie doch nicht anders kann. Der Vittore kann Alles eins ſein. Wenn ſie Keiner mehr will, nehm' ich ſie vom Fleck weg.“ Eugen ſchickte den läſtigen Zuträger fort. Es war ihm doch zuwider, daß ſo viel über Vittore geſprochen wurde; er mußte jetzt der ſeltſamen Dinge gedenken, die er geſtern Abend gehört: von einem Klecks in der Familie, von der Schwägerſchaft und von dem unerklärlichen Ausſpruche des Bachmüllers, daß er ſeine Tochter nie einem Schullehrer gebe. Eugen hatte Nie⸗ manden mehr, den er vertraulich befragen konnte und wenn er ſich jetzt nach den Familienbeziehun⸗ gen in der Bachmühle erkundigte, ſtellte er ſich und Vittore neuem Gerede preis. Aber was iſt dabei zu gefährden? Das Verſprechen Theoroſa's, daß ſie ſich für ſeine Sicherheit verbürge, das er Anfangs faſt gleichgültig angeſehen hatte, baute ſich vor ſeinem Geiſte immer mehr zur feſten Zuverſicht aus, daran kein Zweifel mehr zu rütteln ver⸗ mochte. Dagegen ſtiegen jetzt wieder andere Grübeleien auf und er fragte ſich, ob er dazu eine neu haue, u Rcheſtät ſein vor ihn zr! des Her du am dein He Und wi einem( du nur Auch de daß du ſuche ſe jſ du Eug Oſt und wie er plös Mag ſei rückwärt bildung, niſſ anſc aber iſt der Ged hinzieht. 33 eine neue Welt in ſich und um ſich her aufer⸗ 6 ſo baue, um in den Armen eines Mädchens die auf ſic Ruheſtätte zu finden. Er ſchalt ſich wieder, daß Der ſein vorherrſchendes Streben für das Allgemeine Keiner ihn zur Liebe unfähig mache, aber aus der Tiefe des Herzens ſprach eine Stimme: gedenke wie er fort. du am geſtrigen Abend in und mit dem All über dein Herz und das des Mädchens umſchloſſen. ſetzt der Und wieder ſprach eine Stimme: Du haſt dich n Abend einem Gebilde deiner Gedanken verlobt. Haſt ie, von du nur ein Wort von ihren Lippen gehört? ärlichen Auch deine Liebe iſt nur in dir. Freue dich, Tochter daß du die ſüßeſte Empfindung gekoſtet, aber te Nie⸗ ſuche ſie nicht außer dir.... Und warum ver⸗ konnte gißſt du ſo ganz deiner Mutter?.... eziehun⸗ Eugen ſaß in ſchwerer Betrübniß. er ſich Oft iſt es, daß man eines Menſchen gedenkt und wie durch ſolchen Geiſtesruf angezogen tritt er plötzlich vor das freudig erſchreckte Auge. ſie ſich Mag ſein, daß man oft aus dem Ergebniſſe ſich lufings rückwärts eine Ahnung ſchafft und ſo die Mythen⸗ ſich vor bildung, die ſich wunderſam an große Weltereig⸗ werſcht niſſe anſchließt, im kleinen Leben nachahmt; gewiß In ver⸗ aber iſt auch, daß ſich ein unerklärbares Weben andere der Gedanken mitten durch die offenbare Welt et dazu hinzieht. ———————— ————— 34 „Ich habe die Mutter gefunden,“ ſagte plötzlich eine fremde Stimme. Eugen ſchaute betroffen auf, das Ruſele ſtand vor ihm, es war unhörbar auf großen Filzſchuhen durch die angelehnte Kammerthüre eingetreten. „Was bringt ihr?“ fragte Eugen leiſe, nachdem er den Lipp aus der Kammer fortge⸗ ſchickt hatte. Ruſele erzählte nun, daß bei Letzweiler, wo der Kopfrechner wohnte, eine hinterſinnige Häus⸗ lerswittwe lebe, die von vornehmer Abkunft ſein müſſe, ſie ſei vom Rhein hergekommen und welſche immer und rede von einem„Scheranfang,“ er werde vielleicht wiſſen, was das heiße. Eugen ſchauderte, da er dieſes Wort als cher enfant deutete. Wäre nicht beſſer, die Mutter nie zu finden, als in ſolchem Zuſtande? Eugen athmete freier, als Ruſele berichtete, daß die Frau gut ſechszig Jahre alt und ſchon ſeit dreißig Jahren Wittwe ſei. Das war die Mutter nicht und das Geheimniß des Kopfrechners war auch zu nichte.— Ruſele ſtand noch in der Thüre, als Kron⸗ auer eintrat, ihm vorauf ſprang Troll liebkoſend an Eugen hinauf. Kronauer überlieferte den Hund ſeinerſe Lauf f den He Nejal Tage könne; bis na hares Johre 2 wiedert treuher Dank a raſcht f wolle d dem D die dah „aber Gutes gegen 1 Weiſ.“ fiſlihe 30 Hund als ein Geſchenk Stephanie's und übergab Ruſcle ſeinerſeits eine Doppelflinte mit einem gezogenen großen Lauf für die Kugel und einem Flintenlauf für erthüre den Hagel nebſt allem Zubehör als„ voreiliges Neujahrsgeſchenk,“ da Eugen wol dieſe freien Si bis zu Nejaht noch zum Jagen benutzen ſut⸗ tönne; er wies ihm dazu ſoin Revier an, das bis nach Alsfeld reiche, es ſei ehedem viel jagd⸗ bares Hochwild darin aber ſeit dem Jahre 48 ſei Alles gusgepürſcht Während Eugen die Zuthulichkeit Trolls er⸗ nft ſein wiederte, der den Kopf auf ſeinen Schooß gelegt,„„ treuherzig nach ihm aufſchaute, ſprach er ſeinen B. Dank aus und geſtand offen, daß er ſich über⸗ Eugen raſcht fühle, Geſchenke annehmen zu müſſen; er wolle dieſe hier zwar nicht ablehnen, aber aus dem Dorfe nehme er nichts weiter an. „Ich erkenne die ehrenhafte Empfindung, die dabei zu Grunde liegt,“ entgegnete Kronauer, r enfant nie zu o athmete rau gut Jahren„aber Sie handeln damit unrecht. Es heißt auch cht und Gutes thun, wenn man Anderen geſtattet, gut auch zu gegen uns zu ſein.“ „Das kann man gegen mich auf andere ls Kron⸗ Weiſe.“ iebkoſend„Allerdings, aber dieſe iſt eine entſchieden erte den, faßliche. Wenn die alten Religionen Opfer vor⸗ 3* 36 ſchrieben, ſo wußten die Weiſen wohl, daß dem höchſten Weſen nichts damit geleiſtet iſt, aber die Opfernden leiſten für ſich damit.“ „Sie machen mich alſo zum Opferaltar?“ ſagte Eugen lächelnd. „Wenn Sie es ſo nennen wollen,“ erwie⸗ derte Kronauer und Eugen ſchwieg. Sich be⸗ ſchenken laſſen und überall hin Dank aus ſprechen, ſein innerſtes Weſen empörte ſich dagegen. Er ſagte ſich, daß ſein Widerſtreben nicht auf einem ſtehen gebliebenen Stolze aus ſeiner Vergangen⸗ heit beruhe, er ſah in dieſem Verhältniſſe nur einen traurigen unberechtigten Ueberreſt aus der alten Abhängigkeit der Lehrer. „Ich habe noch nicht mit Ihnen davon ge⸗ ſprochen, daß die Grundrechte aufgehoben ſind,“ begann Kronauer wieder.„Der eine Punkt, der Sie beſonders betrifft, den hätte ich nie ver⸗ wirklicht gewünſcht. Dieſe Aufhebung des Schul⸗ geldes zerſtört eine ſittliche Bedingung. Ich kenne und ſchätze die Rückſicht für die Armen, aber verdienen machen iſt beſſer als ſchenken und ein natürlich gerechter Zug der Selbſtachtung läßt das Geſchenkte auch minder ſchätzen. Das Schul⸗ geld iſt geregelt, bei den Vermögenden ſogar Zwang. Laſſe man doch den Menſchen den Reſt der S übel ar T konnte ihrer Alles 1 putzn! ihm m dale E ſetzte: Luft det muß au Clement Clement Kr ihn beke Gegenſt ſo fried warf u nothwe heſeitgt als falſ ſie der gegenfte K dem ber die erwie⸗ ſch be⸗ wechen, n. Er f einem gangen⸗ ſſe nur mus der von ge⸗ ſind,“ Punkt, nie ver⸗ Schul⸗ ch kenne , aber und ein ng läßt Schul⸗ n ſogar den Reſt 37 der Selbſtbeſtimmung und zerſtöre ihn nicht durch übel angebrachten Zartſinn.“ Trotzdem Eugen dieſe Gründe einleuchteten, konnte er ſich doch noch nicht zur Uebernahme ihrer Folgen beſtimmen. Was läßt ſich nicht Alles nachträglich mit falſcher Gemüthlichkeit auf⸗ putzen! Dir Aeußerungen Kronauers erſchienen ihm nur als ein humaner Firniß für eine feu⸗ dale Starrheit, der er nur die Worte entgegen⸗ ſetzte: „Das beſte, was man lernt, muß in der Luft der Zeit liegen, aber der geregelte Unterricht muß auch frei ſein, unentgeltlich wie die freien Elemente, Luft, Waſſer und Licht; er iſt ſelbſt ein Element der neuen Welt.“ Kronauer berief ſich auf die Prarxis, die ihn bekehren werde und hier klaffte wieder der Gegenſatz der beiden Männer auf, die ſich gerade ſo friedlich begegnen wollten; denn Eugen ver⸗ warf unbeugſam die Annahme, daß ein in ſich nothwendiger Gedanke durch eine bloſe Thatſache beſeitigt werden dürfe, vielmehr müſſe die Praxis als falſch betrachtet werden, ſo weit und ſo lange ſie der Verwirklichung des reinen Gedankens ent⸗ gegenſtehe. Kronauer ſchwieg eine Weile, dann ſprach er mit ungewohnter Heftigkeit über das Vermor⸗ ſchen alles geſetzlichen Bodens durch Aufhebung der Grundrechte, er verfluchte jedes Wort der Mäßigung, das er einſt geſprochen hatte. „Die Gewalthaber haben jede Scham auf⸗ gegeben und das Volk wird jede Achtung vor ihnen aufgeben,“ rief er zornig,„und doch iſt Deutſchland nur durch eine ſtarke monarchiſche Gewalt zu retten. Der Held, der die zerſtreuten Kräfte ſeiner Zeit in ſich vereinigt, hat nicht nur das Recht, er hat auch die Pflicht, unbedingt zu herrſchen; denn ſeine Herrſchaft über die Welt iſt nur die Herrſchaft über das ihm offenbare, ihm eigen angehörige Weſen der Ge⸗ ſammtheit.“ „Die Zeit des Meſſias für Alle iſt vorbei,“ entgegnete Eugen,„jeder Einzelne muß Meſſias ſein.“ Kronauer erklärte ausführlich ſein Jeal der ſich allmälig ausbildenden demokratiſchen Monarchie. Eugen erwiederte nichts und brach dann ſchnell ab, indem er über Stephanie ſcherzte, die ihn nun doch zum Jäger mache; er fragte dann, ob er ohne Gefährdung ſeiner Stellung dieſes zeitweilig ſein dürfe. Kronauer beruhigte ihn darüber, indem er den bel reichte. hei alle eine inn daß er Jel eigenen dem al punkt in der den We eindring Ind erwecktn aus allet geriſen ſchnerige die er Gange Freude im Geſa auf vor des Wal Eugen g Schatha ſtand ein rmor⸗ ebung rt der auf⸗ 9 vor och iſt rchiſche treuten cht nur bedingt er die ihm er Ge⸗ orbei,“ Meſſias Neal atiſchen brach cherzte, fragte tellung dem er 39 den belagerungszuſtändlichen Gewehrpaß über⸗ reichte. Als er weggegangen war, fühlte Eugen bei aller Grundverſchiedenheit ihres Weſens doch eine innere Erquickung, die ihm dadurch ward, daß er dieſem Manne naheſtand. Jeder wahrhaft Denkende ſteht in einem eigenen Sonnenſyſtem von Ideen, und wird es dem andern auch ſchwer, ſich in den Mittel⸗ punkt desſelben zu verſetzen, er fühlt doch in der Einwirkung noch eines ſelbſtleuchten⸗ den Weſens alsbald Wärme und Licht auf ſich eindringen. Indem Eugen in ſeinem höheren Streben erweckt worden war, fühlte er ſich auch plötzlich aus allem Wirrwarr der Empfindungen heraus⸗ geriſſen und hellen Auges ging's hinaus in das ſchneeige Feld. Eugen erkannte die Fußtapfen, die er geſtern Nacht auf ſeinem herzbewegten Gange zurückgelaſſen; jetzt wandelte er in neuer Freude in ihnen und laut ertönte ſeine Stimme im Geſang. Der Hund ſprang immerdar hoch auf vor Freude, er ſchien die verkörperte Jagdluſt des Wandernden zu ſein. Erſt im Walde hielt Eugen an und rief dem vorausgeeilten Hunde: Schatzhauſer! Der Hund kam raſch herbei, ſtand eine Minute zitternd vor Eugen, legte ſich 40 dann vor ſeinen Füßen nieder und ſchaute nach ihm auf mit einem Blicke, in dem eine unaus⸗ ſprechliche Empfindung lag; es lag gewiß der Dank darin, daß er nun wieder von ſeinem alten Herrn ſeinen rechten Namen hörte. Eugen verſett gl mit ſeinen durch den bewegte ſi des Wildes Ein R ſutzend nac ſort. Euge und wendet unter ſeine fort, bis wirre von Eugen ſelb Gewehrpaß Legitimatio winterlichen Drei zum Abend trrfen. ute nach unaus⸗ wiß der ſeinem Preizehntes Rapitel. Eugen konnte ſich in vergangene Zeiten verſetzt glauben, er ſchweifte wieder bewehrt, mit ſeinem treuen Schatzhauſer an der Leine, durch den Forſt; aber eine neue Gedankenwelt bewegte ſich in ihm und ließ ihn die Fährte des Wildes im Schnee nicht bemerken. Ein Rehbock kam aus dem Buſche, ſchaute ſtutzend nach dem Jäger um und huſch war er fort. Eugen ſuchte ihm den Wind abzutödten und wendete ſich ſeitab, die Stauden knackten unter ſeinen Füßen, er rannte unaufhaltſam fort, bis er endlich abließ. Schatzhauſer ſchien wirre von der wieder ungewohnten Jagd und Eugen ſelbſt fühlte ſich davon abgezogen. Sein Gewehrpaß diente ihm jetzt nur zu einer innern Legitimation, um frei wohlgemuth durch den winterlichen Wald zu ſtreifen. Drei Tage ſchweifte er vom Morgen bis zum Abend ſo umher, ohne Feder oder Haar zu treffen. 42 Er konnte Alles wie neu betrachten und ſelbſtvergeſſen die bläulichen Schatten im Schnee beobachten; das ganze Winterleben des Waldes ging ihm auf als ſähe er's zum erſtenmale. Hätte ihn Deeger in dieſen Tagen beob⸗ achtet, er hätte ihn ob ſeines Idealismus weid⸗ lich ausgeſcholten, denn er wandelte ſtets im Gedanken an Vittore umher und freute ſich deſſen, ohne einen Schritt nach der Bachmühle zu lenken; ihm genügte das Frohgefühl der Liebe, das er ſich aus neuerwachten Zweifeln herauserobert hatte; ſtill in ſich verſchloſſen wollte er dieſe Empfindung halten, bis vielleicht eine glückliche Löſung ihre Offenbarung gewähre und bliebe dieſe verſagt, ſo ſollte ſeine Libe Niemanden Kummer bereiten, als ihm. Immer wonniger und von hellem Schimmer umfloſſen, erſchien ihm das Bild Vittore's, jede ihrer Be⸗ wegungen, jedes ihrer Worte von der erſten ſo ſeltſamen Begegnung an; es war nur zu fürch⸗ ten, daß in dieſem innern Ausmalen die wirk⸗ liche Erſcheinung leicht der Verkennung ausgeſetzt ſein mußte.. Am vorletzten Tage des Jahres ſchoß end⸗ lich Eugen in der Nähe von Alsfeld einen Haſen, er eilte damit in das Haus ſeines Amtsbruders ud ſhenlt zoſtun finigen 5 gber als( Balg in di Nihe, ihre und war i hagen von gerne ſie t fir die A erſt jett en ſchenke noch jett vor, die d er dieſe einen etwaig gat aufheber Die Fr der Joad un halten, ſe Nane zu fr ſchen lernen Eugen hier Ales „Frau Colle G „0, libe Brod chten und m Schnee MW 6 W Laldes male. gen beoh⸗ nus weid⸗ ſtets im freute ſich Bachmühle gefühl der Zweifeln erſchloſſen vielleicht gewähre eine Liebe Immer umfloſſen, ihrer Be⸗ r erſten ſo r zu fürch⸗ tdie wirk⸗ ausgeſetzt ſchoß end⸗ inen Haſen, mtsbruders 43 und ſchenkte ihm die Beute. Die Frau, die jetzt hochſchwanger war, bedankte ſich dafür unter be⸗ ſtändigem Kichern, ihre Mienen verzerrten ſich aber, als Eugen das Thier entbälgte und den Balg in die Jagdtaſche ſchob; ſie gab ſich alle Mühe, ihre Enttäuſchung nicht merken zu laſſen und war überaus freundlich, ſie ſprach mit Be⸗ hagen von dem nahen Neujahrstage und wie gerne ſie tauſchen und die Erlenmooſer Geſchenke für die Alsfelder nehmen würde. Eugen fiel erſt jetzt ein, daß er zur Verhinderung der Ge⸗ ſchenke noch nichts gethan habe; er nahm ſich jetzt vor, die Gewohnheit frei gewähren zu laſſen, da er dieſe beträchtlichen Nebeneinkünfte nicht für einen etwaigen Nachfolger in Frage ſtellen oder gar aufheben durfte. Die Frau ſcherzte noch über den Lehrer auf der Jagd und ſagte, ſie könne keinen Hund er⸗ halten, ſie könnte ihm nichts als Anſchläge und Plane zu freſſen geben, er werde das auch ein⸗ ſehen lernen, wenn er nicht eine Reiche heirathe. Eugen äußerte ſeine Freude, wie nett jetzt hier Alles ſei und wie wohl aufgeräumt die „Frau Collega“. „Ja,“ ſagte die Frau,„wenn man um's liebe Brod ſorgen muß, da ſteht man aufrecht 44 wie ein leerer Mehlſack, da iſt man oft unwirſcher als man verantworten kann.“ Die ausgeſprochene Freude Eugens über dieſe Bemerkung erſchien der Frau als Höflich⸗ keit, ſie wußte nicht wie wehmüthig und doch wieder wie freudvoll es ſein Herz bewegte, auf dem Grunde ihrer Seele eine Güte wahrzu⸗ nehmen, die leider nur durch ein rauhes Schick⸗ ſal verkehrt wurde. Eugen gab kein beſtimmtes Verſprechen auf die Frage, ob man ihn vorkommenden Falls zu Gevatter bitten dürfe, er entfernte ſich raſch, als die Lehrerin hinzufügte, er werde nicht weit ſuchen brauchen, um eine Gevatterin zu holen; er werde nicht heirathen, ſchloß Eugen. „Da werdet ihr euch in der Mühle vermeh⸗ len, das iſt vornehmer,“ rief noch witzig raſch die Lehrerin dem Weggehenden zum Fenſter hinaus. Es dämmerte ſchon als Eugen durch den Wald heimſchritt, die Abendglocke läutete in Als⸗ feld und wie angerufen antwortete ihr alsbald die von Erlenmoos; über dem ſchneebedeckten Felde klangen die Glocken ſo hell und weit, die Raben krächzten auf den ſchneebuſchigen Föhren und flogen auf und nieder. Eugen ging ſtill dahin und hielt die Flinte vor ſich in beiden Uunen, ei fam, war in dürren fte wer, Er fund ſ das iſt ein dumpf wie dürren La hinab und ein rieſiget ihn aus ke ein!“ ſchr höllſch dum Eugen den Fragſar nit dem ih hörte kaum „Ein etdroſſeln. „Scha Hund fand Dort rannt Thal hinab da drückte über den plätlich nie unwirſcher gens über ls Höflich 9 und doh ewegte, auf te wahrzu⸗ uhes Schic⸗ ſprechen auf en Falls zu raſch, als nicht weit zu holen; n. le vermeh⸗ zig raſch die ſter hinaus. n durch den utete in Als⸗ ihr alsbald hneebedeckten nd weit, die igen Föhren n ging ſill h in beiden 45 Armen, ein Wild, das ihm jetzt in den Schuß kam, war ſein. Da hörte er etwas raſcheln im dürren Laub und dort unten, wo die Meiler⸗ ſtätte war, ſchwankten die Stauden des Gebüſches. Er ſtand ſtill, horch, ein verhaltenes Stöhnen, das iſt eine Menſchenſtimme, und jetzt tönt es dumpf wie Fauſtſchläge; es wälzt ſich etwas im dürren Laub. Eugen ſprang raſch die Schlucht hinab und als er den Buſch zertheilte, ſah er ein rieſiges Weib auf einem Manne knieen und ihn aus Leibeskräften treten und ſchlagen.„Halt ein!“ ſchrie Eugen. Das Weib entfloh mit hölliſch dumpfem Gelächter. Eugen erkannte in dem Niedergeworfenen den Fragſamenhändler, er löste ſchnell das Tuch mit dem ihm der Mund zugebunden war und hörte kaum die Worte des Stöhnenden: „Ein Rieſenweib, ein Geiſt wollte mich erdroſſeln. Wehe!“ „Schatzhauſer ſuch!“ rief Eugen und der Hund fand ſchnell die Fährte der Davongeeilten. Dort rannte das Weib in gewaltigen Sätzen das Thal hinab, es hörte nicht auf Eugens Rufe, da drückte er raſch die Flinte ab, ſchoß den Hagel über den Kopf der Fliehenden hinweg, daß ſie plötzlich niederſank. ——— — 46 „Bon soir mon prince,“ grüßte das Weib in tiefem Tone, mit über einander geſchlagenen Armen am Boden ſitzend den herbeieilenden Eugen. „Sag wer du biſt,“ fragte Eugen beſtimmt, er zitterte aber doch, trotzdem er noch eine Kugel in der Doppelflinte hatte und ſich damit Zuver⸗ ſicht einredete. Die Geſtalt verharrte unbewegt und lautlos in ihrer früheren Stellung. Eugen knackte den Hahn zurück und wieder⸗ holte: „Gieb Antwort, du ſiehſt, ich kann auch noch reden.“ „Ich bin dein Schutzgeiſt,“ dröhnte wieder die Geſtalt,„tödte mich nicht, in Schulmeiſter verzauberter Graf.“ Das war doch des Spaſſes zu viel. „Soll ich den Hund auf dich hetzen? Wer biſt du?“ rief Eugen zornig. „Cogito ergo sum,“ erwiederte die Geſtalt und erhob ſich lachend, nahm die Haube und die Binde um das Kinn ab und ſchälte ſich als wohlbeſtallter Bartelmä heraus. „Machſt ſchlechte Jagd,“ höhnte er,„brich Hals und Bein iſt der Jägergruß; halt du dich an die For ſe hut die rzählte er daß er ſcho ſmenhindl der das n habe; erh mch der( er möge a Valde bei Frau auf il von Freiſche als Zuwage fommen ſei, abet mur ha nachzahlen. Barteln Eugen kehrt Fragſamenh fund; er ge Schicher ſei er jenes ſch ſelbſt verwor reich zu ſein. Der 5 ſeine Lebens das Weih ſchlagenen rbeieilenden nbeſtimmt, eine Kugel mit Zuver⸗ und lautlos und wieder⸗ kann auch nte wieder chulmeiſter die Geſtalt Haube und lte ſich als er,„brich alt du dich 47 an die Forelle, die gehört auch zum Hochwild, ſie hat die Hirſchfährte im Kopf.“ Und nun erzählte er dem verwundert drängenden Eugen, daß er ſchon lange die Meinung habe, der Frag⸗ ſamenhändler ſei ein Spion und der Angeber, der das neue Unglück über das Dorf gebracht habe; er habe ihm daher einen anonymen Brief nach der Stadt geſchrieben, mit der Weiſung, er möge am heutigen Abend nach dem Alsfelder Walde beim Meiler kommen, dort werde eine Frau auf ihn warten, die ihm ein ganzes Neſt von Freiſchärlern und eine geheime Verſchwörung als Zuwage angeben könne. Als er nun ge⸗ fommen ſei, habe er ihm Handgeld gegeben, aber nur halb, er werde es ihm bei der Löhnung nachzahlen. Bartelmä eilte ſchnell nach Hauſe und Eugen kehrte in den Wald zurück, wo er den Fragſamenhändler noch ächzend und ſtöhnend fand; er geleitete ihn in's Dorf und als er dem Schächer ſeinen Arm zur Stütze reichte, empfand er jenes ſchmerzliche Hochgefühl, das da gebietet, ſelbſt verworfenen Menſchen in ihrer Noth hülf⸗ reich zu ſein. Der Fragſamenhändler dankte Eugen für ſeine Lebensrettung und ſprach von der Mög⸗ lichkeit der Dämonen und wieder von ſeinem ſchweren Berufe, die verklingenden Lieder aus dem Munde des Volkes zu retten. Eugen war's auch, als ließe ein alplaſtender Dämon von ihm, da er den Fragſamenhändler im Wirthshaus zur Sonne ablieferte. 5 „Noch immer nichts geſchoſſen?“ fragte die begegnende Bachmüllerin am andern Morgen. Eugen ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Nicht Jeder der jagt, hat Weidmannsglück.“ „Freilich. Sehet nur, daß ihr heut was krieget. Ob die Leute ſpotten, das kann euch eins ſein; aber ich meine was man einmal thut, muß man ganz und recht thun oder davon bleiben.“ Die Lippen Eugens zuckten. „Die Pfarrerin hat ſich auch Hoffnung ge⸗ macht,“ fuhr die Frau fort,„daß ihr auf heut' Abend was in die Küche bringet. Ihr vergeſſet's doch nicht wieder wie dazumal und kommet auch?“ „Ja. Seid ihr auch dort?“ „Freilich. Nun ich wünſch Glück.“ Sie ging in das Haus des Mäuerleswerner und Eugen mit Lipp hinaus in den Wald. Die noch nachzitternde Erregung vom geſtrigen Abend und jetzt die Erwartung heute Vittore zum erſten⸗ nale wir Bedingu n gewah lip rathen, de vom„ſir und die 2 drangen nach dem Freude gli pöl den Schuß, Thier nur noch mehre Die volle Schatzhauſe das Thier Brandzeich wundt! Z und wo er und zeigte hauſer und ſlte zulet den Kopf von ſeinen Lieder aus alplaſtender menhändler fragte die Morgen. igte:„Nicht het was kann euch inmal thut, der davon offnung ge⸗ r auf heut r vergeſſers mnet auch?“ lück.“ uerleswerner Wald. Die ſtrigen Abend P zum erſten ⸗ 49 male wieder zu ſehen, das waren widerſtreitende Bedingungen, um ruhiges Blut und ſichern Blick zu gewähren. Lipp mochte die Gedanken ſeines Herrn er⸗ rathen, denn er ſang leiſe vor ſich hin das Lied vom„ſtrahlaugigen Mädchen und dem Jäger“ und die Worte: So lang die Welt zuſammenhält Sind wir zuſammen in der Welt.“ drangen Eugen tief in's Herz; er wagte es nicht nach dem ſchelmiſchen Sänger umzuſchauen und Freude glitzerte ihm aus Grund und Zweig. Plötzlich kam ihm wieder ein Rehbock in den Schuß, er brannte raſch ab, traf aber das Thier nur waidwund, das nun fortrannte und noch mehrere Tage kümmern mußte bis es ſtarb. Die volle Jagdluſt kam über Eugen, er führte Schatzhauſer auf den Anſchuß zu der Stelle, wo das Thier getroffen worden war, zeigte die Brandzeichen und rief: Schatzhauſer, ſuch ver⸗ wund't! Der Hund rannte ſchnuppernd davon und wo er Schweiß fand, blieb er ruhig ſtehen und zeigte es an; Eugen lobte darob den Schatz⸗ hauſer und dieſer wurde auch immer eifriger und ſiellte zuletzt das Thier, dem Eugen richtig auf den Kopf ſchoß. Allgemeines Staunen folgte 4 3 . 50 Eugen und Lipp, als ſie mit der ſeltenen Beute in's Dorf kamen. Es ward Eugen ſchwer, nach der Ermüdung dieſes Tages zu dem ungewöhnlichen Abend⸗ gottesdienſte die Orgel zu ſpielen und doch hatten ſolche nahe zuſammengerückten Gegenſätze etwas eigenthümlich Ergreifendes.— Als die Däm⸗ merung einbrach und die Gemeinde in Dunkel hüllte und nur dort über dem Altare, wo die Stimme des Vikars ertönte, die Ampel leuchtete, fühlte ſich Eugen plötzlich in ſeine Jugendzeit verſetzt, wo die nächtige Kirchenfeier ſein Herz mit geheimen Schauern erfaßte. Als die Kirche zu Ende war und die Menſchen ſich da und dorthin im Dunkel verloren, erſchienen ſie wie die Schattenbilder aller Tage des vergangenen Jahres, die noch einmal auftauchten und dann verſanken.. Freudig erglänzte das erleuchtete Pfarrhaus, als ſich Eugen mit ſeinem Knappen dahin be⸗ gab, und wie die Hausflur heute erleuchtet war und der alte welke Kranz mit ſeiner beredten Inſchrift in ungewohntem Lichte ſtand, ſo ſchien durch das ganze Haus eine helle Freude zu ziehen; Treppe, Hausflur und Küche, Alles war wie eine wohlgedeckte Tafel, die der Gäſte wartete⸗ 2 gle Räum war gef die Bildet Brautzeit unantnſba waren heu Stätte, w Taſſen in war eine ſelbſt die ſich gefale haumenen ſcheinlich d herbergte. wande ſelb ſcharfgeſchn erglinzte i ſeine Freut iht zu ſ gerade jetz ſchwierige laſen, un der Univer Bauen ſch oſt n en Beute midung Abend⸗ ch hatten ze etwas te Däm⸗ n Dunkel „wo die leuchtete, Jugendztit ſein Herz die Kirche da und ſie wie gangenen und dann farrhaus, dahin be⸗ uchtet war t beredten ſo ſchien Freude zu Alles war der Gäſte wartete. Der würzige Lavendel⸗Duft durchſtrömte alle Räume; das Allerheiligſte, die Putzſtube war geöffnet, darin über dem rothen Kanapee die Bilder der beiden Ehegatten aus ihrer Brautzeit mit ſchiefen Geſichtern prangten, die unantaſtbaren Wachslichter auf der Kommode waren heute entzündet und beleuchteten die öde Stätte, wo ſonſt ihre Gefährten, die geblumten Taſſen in Reih und Glied prangten; überall war eine Verſchwendung von Licht ſichtbar und ſelbſt die grüne Studirlampe des Pfarrers hatte ſich gefallen laſſen müſſen auf den hohen nuß⸗ baumenen Schrank auszuwandern, der wahr⸗ ſcheinlich die Ausſteuer der Adelheid in ſich be⸗ herbergte. Die Pfarrerin ging in weißem Ge⸗ wande ſelber wie eine Lichtgeſtalt umher, ihr ſcharfgeſchnittenes Antlitz mit den klugen Augen erglänzte in ſeltſamem Schimmer. Als Eugen ſeine Freude ausdrückte, wieder einmal ſo viel Licht zu ſehen, ſchalt ſie über den Rainbauer, der gerade jetzt käme, wie er oft thue, um ſich eine ſchwierige Bibelſtelle vom Pfarrer auslegen zu laſſen, und wie traurig es ſei, daß ein Mann, der Univerſitätsprofeſſor ſein könnte, einfältigen Bauern Auslegungen geben müſſe, über die ſie ſich oft nicht einmal ernſtlich befragten. Sie 6 ging geſchäftig ab und zu; Eugen überließ ſich mit dem Vikar ganz dem Behagen, das er heute nach ungewohnter Unruhe doppelt empfand. Der Vikar war ſchweigſam und ſpielte mit ſeinem Verlobungsringe, den er bald aus bald an ſteckte. Eugen war in der Stimmung, in der die Lichter heller glänzen, weil ein freudeſtrahlendes Auge ſchaut. Und war er nicht ein Bräutigam, der ſeiner Braut wartete? Er drückte bei dieſem Gedanken unwillkürlich die Hand auf's F Endlich kam der Pfarrer, aber ir mſeiner Vergeßlichkeit im S Schlafrock; die Pfarrerin nahm ihn ſanft verweiſend bei der Hand und führte ihn wieder zurück, damit er den bereit gehaltenen Rock für die Gäſte anziehe. Als er wieder er⸗ ſchien, kam auch Kronauer, der indeß nur auf eine Stunde zu bleiben verſprach und bald hörte man an der Thüre komplimentiren, da der Bach⸗ müller nicht vor der entgegen g gegangenen Pfar⸗ rerin eintreten wollte. „Wo iſt die Viktoria?“ fragte der Pfarrer. „Sie iſt in der Küche bei der Adelheid,“ entgegnete die Bachmüllerin. Eugen konnte nicht begreifen, wie ſie noch zögern könne, ihn wiederzuſehen, ſie mußte ja ahnen, wie alle ſeine Gedanken ſie umſchwebten. Der P ſicher Abler ſchen 3 hatte te wol mi „Es iſt nuth, ſich us Man lende Erſche heimiſchen 2 hereintonme Mzler— viele Vermu denfrohes La als die Pfa lobte, der k anhängig ma Jetzt e Schüſel, A nit anderem folge daherſe ſcheinung die ſe Eugen w die den Käm Iniß krede gend die Scht ſelle, ſigte nahm führte itenen er er⸗ ir auf hörte Bach⸗ Pfar⸗ farrer. heid,“ e noch ßte ja vebten. 53 Der Pfarrer ſprach wiederholt trotz mehr⸗ facher Ablenkungen ſeiner Frau von der ſo raſchen Verlobung Bernhards, und Kronauer hatte wol nicht Unrecht als er ſagte: „Es iſt mehr als kindiſcher Trotz, es iſt Frevel⸗ muth, ſich aus Rache mit einer andernzu vermählen.“ Man ſprach hin und her über die auffal⸗ lende Erſcheinung, daß ſeit geraumer Zeit die heimiſchen Mädchen hinausheirathen und fremde hereinkommen. Auch über den Unfall des Doktor Metzler— des Fragſamenhändlers— gab es viele Vermuthungen und ein befremdendes ſcha⸗ denfrohes Lächeln war an Kronauer bemerkbar, als die Pfarrerin den Edelmuth des Doktors lobte, der die Sache nicht bei den Gerichten anhängig machen wolle. Jetzt erſchien Vittore mit einer großen Schüſſel, Adelheid, Madlenle und Lipp folgten mit anderem. Wie Vittore ſo mit ihrem Ge⸗ folge daherſchritt und in der Fülle ihrer Er⸗ ſcheinung die anderen Frauen überragte, erſchien ſie Eugen wie eine Geſtalt aus alten Zeiten, die den Kämpen nach mannlichem Strauß den Imbiß kredenzte, und als ſie jetzt ſich überbeu⸗ gend die Schüſſel hochhebend dieſe auf den Tiſch ſtellte, ſagte der Vikar: — ————— 54 „Ganz wie das Bild von Titians Tochter.“ Der Pfarrer ſprach nur ein leiſes Gebet und Alle falteten die Hände. Der Pfarrer ſaß oben an, die jungen Leute am untern Ende des Tiſches, Eugen zwiſchen Adelheid und Vittore. „Lang nicht geſehen, Herr Lehrer,“ ſagte Vittore zu Eugen, der ſie befangen grüßte. Wie furchtbar erſchienen ihm dieſe Worte, ſo ohne Anrede, ſo fremd und kalt. Er erwie⸗ derte nichts. Man war heiter, aber die Freude hatte einen gedämpften Ton, denn der Pfarrer mit ſeiner ſalbungsvollen Würde blieb Mittelpunkt des Geſpräches, und er war einer jener Men⸗ ſchen, von denen man mit Beſtimmtheit ſagen kann, daß ſie in ihrem ganzen Leben gewiß nie unter einem Baume im Graſe gelegen, und wäre auch das, gewiß nie buchlos. Der Pfarrer mußte heute etwas über höhere und niedere Arbeit geleſen oder geſchrieben haben, denn er kam immer wieder auf dieſen Gegenſtand zurück und Kronauer gab dem Geſpräche eine neue Wendung, indem er fragte, warum die Feldarbeit als die ſchönſte gelte. „Das weiß ich,“ ſagte Vittore leiſe vor ſich hin. ₰ „Me Littore“ ſie hats( Alles thende zu Stimme ſ „3 ſchafft ma mitten im Spaß mat hin einma da brumm Böden, de auftreten, doß man . ein traurig zu leben a „Und hinzu. „Das Kronauer, Räder alle „In nete Vitton „Abe reizte Kror vie⸗ atte mit unkt den⸗ gen nie und öhere bben, ſtand eine n die vor 5 „Meine Nachbarin zur Rechten, Jungfer Vittore,“ rief der Vikar,„weiß die Antwort, ſie hat's eben geſagt.“ Alles lachte und bedrängte die Hocherrö⸗ thende zu ſprechen, die nun mit unbefangener Stimme ſagte: „Ich mein' nur ich weiß es. Im Feld ſchafft man deswegen am liebſten, weil man mitten im Schaffen bei Allem luſtig ſein, einen Spaß machen und reden oder denken kann. Ich bin einmal in R. in der Spinnfabrik geweſen, da brummt die Dampfmaſchine immer unterm Boden, daß man meint, man kann nicht feſt auftreten, da klappern und ſurren die Räder, daß man ſein eigen Wort nicht hört, das iſt ein traurig Schaffen dabei, da fängt man erſt zu leben an, wenn's Feierabend iſt.“ „Und den giebt's nicht mehr,“ ſetzte Eugen hinzu. „Das ſagt uns die Miüllerstochter?“ neckte Kronauer,„ſind denn in der Bachmühle die Räder alle von Baumwolle?“ „In der Mühle iſt's doch anders,“ entgeg⸗ nete Vittore,„da kann man doch noch reden.“ „Aber man muß Alles zweimal ſagen,“ reizte Kronauer weiter. 56 „Das ſchad't nichts. Ich wollt' ich hätt' jetzt auch in der Mühle geredet, ich hätt's dann zum zweitenmale bei mir behalten. Aber das weiß ich, man kann in der Mühle luſtig ſein und ganz für ſich; ich hab' als Kind nirgends lieber geſungen, als dort, wo mich Niemand gehört hat als ich.“ Wie trafen dieſe Worte Eugen, ſie waren ja ein Stück aus ſeinem Leben. Fern in der Mühle eines einſamen Dorfes hatte ein Kind dasſelbe aufgeſucht, was er im Geräuſche der Stadt ſich erobern mußte. Dem Pfarrer ſchienen die Worte Vittore's ſo wohl gefallen zu haben, daß er ſeine alte Neckerei aufnahm und ſagte: Vittore müſſe einen Pfarrer heirathen; dann fragte er den Bach⸗ müller nach ſeinem Bruder und Eugen erfuhr, daß dieſer auch Pfarrer ſei. Ihm waren die Worte Vittore's ſo zu Herzen gegangen, daß er ſie jetzt bat, ſie möge aus ſeinem Glaſe trinken. „Warum das? Ich hab ja ein eigenes. Wol⸗ len wir auf etwas anſtoßen?“ entgegnete Vittore. „Nein, trinket aus meinem Glas, nur einen Schluck, ich bitte.“ 4 „Nun meinetwegen. Ihr wollet's haben wie es hier zu Land bräuchlich iſt.“ — Sie t ihren Lipp Uuges. Weihehandl eine andere ihm noch di ſchehen ſei. warum der es war nic verrieth, ſohlener B Vortverdrel die innere kommen zu Als me Pelheid mö ſtreben ſang zähligen Lie Eugen ſtan in Vorte Ver das ke Die vf gen, das ſie „J, der Pfarrer. l — 57 — Sie trank und Eugens Blick ruhte auf ihren Lippen, als tränke ſie den Strahl ſeines Auges. Er hatte ſich dieſe That als eine eigene Weihehandlung erleſen, und wenn ihr auch Vittore eine andere Deutung gab, es genügte ihm und gab ihm noch die Beruhigung, daß nur er wiſſe was ge⸗ ſchehen ſei. Vom obern Tiſch wurde oft gefragt, warum der Jungentiſch da unten ſo viel lache, aber es war nicht Geheimthuerei, wenn man das nicht verrieth, es ließ ſich gar nicht ſagen; ein ge⸗ ſtohlener Biſſen von des Nachbars Teller, eine Wortverdrehung und dergleichen genügte, um die innere Heiterkeit zu ſchallendem Ausbruche kommen zu laſſen. Als man aufgeſtanden war, bat der Vikar, Adelheid möchte ſingen und nach langem Wider⸗ ſtreben ſang die Hochglühende eines jener un⸗ zähligen Lieder vom todten Liebchen. „Ich glaube,“ ſagte Kronauer, der neben Eugen ſtand,„daß keiner der Dichter, die ſolches in Worte faſſen, es wirklich erfahren haben. Wer das kennt, vergräbt es ſtill in ſich.“ Die Pfarrerin bat Adelheid das Lied zu ſin⸗ gen, das ſie von der Baronin Hunold erhalten habe. „Ja, ſinge ein franzöſiſches Lied“ befahl der Pfarrer. 58 Eugen berührte es eigen, jetzt an Stephanie erinnert zu werden, aber ſchon mußte er auf⸗ horchen, denn es erſchallte mit Donizettiſcher Verdauungsmuſik: Un voile blanc couvrait la terre, La neige en gros flocons tombait Et retenu dans sa carrière Captil le torrent s'arrétait; L'hiver partout désolait la nature: On dit qu'älors dans sa mansarde obscure Une meére pleurait, Et la mort dans le sein disait Du pain, du pain, oh! s'il vous plait du pain! Mon pauvre enfant se meurt de faim. Nun kam ein zweiter Vers, worin das wirkliche Hungerſterben des Kindes und das Jammergeſchrei der Mutter in Muſik geſetzt war. Wie innerlich vermodert muß eine Bildung ſein, in der man die grauſenvollſten Schrecken in eine amüſante Dudelei umſetzt. Geſegnet ſei die ſtarke Hand, die dieſe Mumienwelt in Staub zerfliegen macht. In dieſen Gedanken begegneten ſich Eugen und Kronauer, während der Pfarrer ſeine Tochter lobte und ihr bei einigen Worten einen beſſern Accent vorſprach. Kronauer entfernte ſich raſch. Eugen gab ſich alle Mühe, den in ihm erregten Trübſinn 3 weg it gan vert nie die un nic rie fün Gle kam mel ma un ſoll wa ſc er la nie her in! das das war. dung ecken et ſei taub ugen chter eſſern gab ibſinn zu bewältigen und gelangte über denſelben hin⸗ weg zu beſonderer Heiterkeit. Beim Punſch, der jetzt gebraut wurde, herrſchte voller Frohſinn im ganzen Kreiſe, den Eugen durch allerlei Schnurren vergnügte, ſo daß Vittore ſagte, ſie hätte es nie gedacht, daß er auch ſo luſtig ſein könne. Als Mitternacht vom Thurme erſchallte und die Glocken läuteten, rief Alles„proſt Neujahr!“ und reichte ſich die Hand; der Pfarrer wurde nicht gehört, da er mit der Uhr in der Hand rief, die Thurmuhr gehe falſch, es fehlen noch fünf Minuten; der Vikar ergriff nochmals das Glas und ſtieß mit Adelheid an, auch Eugen kam zu Vittore und ſie ſagte: „Wir wollen darauf anſtoßen, daß ihr im⸗ mer luſtig ſeid und euch nicht ſoviel Gedanken machet.“ Eugen trank bis auf den letzten Tropfen und als ob dieſen Freudetrunk nichts verdrängen ſolle, gab er keinen Bitten nach, den mit Kirſch⸗ waſſer aufgetragenen ſchwarzen Kaffee zum Ab⸗ ſchluß zu nehmen. Eugen geleitete die Müllersleute nach Hauſe, er bot Vittore den Arm, ſie dankte und ſagte laut: „Das iſt bei uns nicht der Brauch.“ — —— ——— ——— ——————— 60 Hätte ſie mehr als allgemeines Wohlwollen in der Seele gehegt, ſie hätte das nicht laut geſagt. Der Schluß dieſes freudvollen Abends ſchmeckte bitter. Im Nachſinnen hierüber kehrte Eugen heim, er ſtand mit ſeiner Liebe allein. Aber warum thut ihm das ſo wehe, da er's doch gewünſcht? „Gratulire!“ rief ihm Lipp entgegen. „Wozu?“ fragte Eugen. „Zum neuen Jahr.“ „Gut, danke.“ Lipp ſchüttelte den Kopf über ſeinen Herrn. 2 auf, hartna predig wendi zum von d niſſſe. muſter „ous Worte etweite blickte Antlit mußte ſtillen hören. eine 5 ſtahle ſoll un von ol Pierzehntes Rapitel. Am Neujahrsmorgen klärte ſich in der Kirche auf, warum der Pfarrer am geſtrigen Abend ſo hartnäckig ſein Geſpräch feſtgehalten hatte; er predigte mit offenbarer Wärme über die Noth⸗ wendigkeit der Arbeit, die den Menſchen erſt zum Menſchen mache, da er ſich im Unterſchiede von dem Thiere Nahrung und Kleidung bereiten müſſe. Als er die verſchiedenen Arbeiten durch⸗ muſterte, erwähute er eines Gedankens, den er „aus klugem Munde vernommen habe“ und die Worte Vittore's ertönten laut, verſchönert und erweitert vor der ganzen Gemeinde. Eugen blickte von der Orgel hinab zu Vittore, die ihr Antlitz in ihr Geſangbuch vergrub. Wie tief mußte es das Herz des Mädchens bewegen, ihre ſtillen Gedanken jetzt aller Welt verkündet zu hören. Wann wird die Zeit anbrechen, die eine Form findet, um die zerſtreuten Gedanken⸗ ſtrahlen in einen Lichtkern zu ſammeln? Es ſoll und muß dahin kommen, daß nicht immer von oben herab gepredigt und geoffenbart wird, 62 zumal über die dem wirklichen thätigen Leben innewohnenden Heilkräfte, die ſich nicht in Studir⸗ ſtuben einfahen und auspreſſen laſſen; über dem Ackersmann ſchwirrt die Lerche und hin durch die Luft ſchicken die Bäume und Blumen den funkelnden Samen, daß er ſeine Stätte finde; hinauf und hinab in der faßbaren wie in der Geiſterwelt ein ewiges Bringen und Empfangen. Wann wird der Menſchheit ſolch ewige ſichere Erneuerung wie der unwandelbaren Natur? Eugen hatte ſich weit hinaus in die Nebel einer Zukunftsahnung verloren und er hörte nur wenig von den Warnungen des Pfarrers gegen die falſchen Triebe der Zeit. Als Eugen nach Haus kam, brachte das Mareile das erſte Neujahrsgeſchenk, es war eine Schüſſel Dürrobſt. Eugen empfing die Gabe mit beſonderer Freude, er ſchien bereit, ſich zum Opferaltar machen zu laſſen; dennoch ſagte er Lipp, er möge Alles, was nun komme, in Empfang nehmen und ſich in ſeinem Namen bedanken. „Das geht nicht,“ widerſprach Lipp,„glaubet mir, ihr verfeindet euch dadurch mit dem ganzen Dorf und ich kann's auch wegen meiner nicht thun.“ Man wend Riem vertre mocht gar in ſe Euge Dolt hindl möge bewä Ne und gera wert gar fan ſogle hole als hald ere gen das ine mit zum in men ubet nzen 63 „Warum?“ „Die Leute könnten glauben, ich unterſchlage Man ches. Es geht nicht.“ Eugen ließ ſich auf keine weiteren Ein⸗ wendungen mehr ein und ſagte Lipp, daß ihm Niemand zu mißtrauen habe, ſo lange er ihm vertraue. Lipp ging kopfſchüttelnd davon, er mochte ſeinen Herrn nicht begreifen, der bald gar nichts von Stolz kannte, bald unverhofft in ſolchen verfiel. Ein willkommener Beſuch erheiterte noch Eugen und riß ihn aus der Einſamkeit; der Doktor Hahn, der zu dem fiebernden Fragſamen⸗ händler gerufen war, kam und bat Eugen, er möge den Bartelmä, der ſich als Krankenwärter bewährt habe, beſtimmen, daß er auch hier ſeine Pflege anwende. Eugen lehnte natürlich ab, und war es nicht eine ſeltſame Fügung, daß gerade Bartelmä dem Kranken nahe gebracht werden ſollte? Ruſele wußte ſich vor Freude gar nicht zu halten, als Eugen mit dem Arzte kam, um dem Chriſtoph zu helfen. Hahn ließ ſogleich von Kronauer eine Elektriſirmaſchine holen und man konnte nichts Poſſierlicheres ſehen, als wie der braune Burſch unter den Zuckungen bald lachte, bald wieder aufſchrie. Das Ruſele ſprach in unverſtändlichen Worten ſeinem Sohne Muth ein. Eugen fand zu Hauſe einen großen Vorrath von Geſchenken, es kränkte ihn faſt, daß der Bachmüller einen ganzen Sack Weißmehl geſchickt hatte; er wollte dieß zurückſchicken, da aus dieſem Hauſe ja keine Kinder in der Schule waren; Lipp berichtete aber, daß der Bachmüller als Schulmeiſtersſohn dies bedeutende Geſchenk regel⸗ mäßig entrichte und durch Zurückweiſung tief ver⸗ letzt würde. Es hatte für Eugen etwas ſchwer Pein⸗ liches, gerade aus dem Hauſe ſo beſchenkt zu werden, wohin er ſich als Angehöriger träumen mochte, er ſah ſich dadurch in einer mißlichen Unterordnung. Als wüßte Lipp, worüber Eugen nachdachte, ſagte er: „Man weiß nicht, wer am brävſten iſt in der Bachmühle. Der Müller verſchenkt nichts, aber er läßt andere Leute auch was verdienen; er iſt im Stande, wenn er weiß, daß das Korn aufſchlägt, und geht herum und ſagt: behaltet's noch, in ein paar Tagen geb' ich mehr dafür. Er ſagt oft: Ich hab genug, ich will nicht reicher ſein, es ſollen Andre auch was haben; aber Blei in der oder Vele aus i 2 Eugen Euger ſo m worde eige erkalte und d plößli Rithſe hreitet nüſſe. 7 Bewe ausge durch einen Aufga L reicht nicht i 65 in der Hand wird ihm zu Gold, er mag wollen oder nicht, er wird immer ſchwerer. Wenn's Viele ſolche Menſchen gäb', dann ſähet's anders aus in der Welt.“ Trotz dieſer erhebungsvollen Auskünfte ging Eugen doch viele Tage nicht nach der Bachmühle. Als die Schule wieder begann, gewahrte Eugen, was es heißt, eine geiſtige Arbeit, die ſo mit dem perſönlichen innern Sein eins ge⸗ worden, daß ſie die beſten Kräfte an ſich geſogen, eine Zeit lang verlaſſen zu haben; fremd und erkaltet erſchienen alle die warmen Beziehungen und der ganze Beruf, das ganze Thun ward plötzlich wieder eine Frage, die ſich zu dem Räthſel geſtaltete, ob nicht alles bisher Ver⸗ breitete und Gewonnene in Nichts zurückſinken müſſe. Andererſeits fühlte ſich Eugen in der tiefen Bewegung ſeines Herzens mit ſo neuer Macht ausgerüſtet, daß es ihm war, als könnte er durch ein einziges noch unfaßbares Wort, durch einen einzigen Zuruf die ganze Summe ſeiner Aufgabe auf Einmal vollenden. Wenn ein außergewöhnlicher Hochpunkt er⸗ reicht und zurückgelegt iſt, will ſich der Geiſt nicht in die Alltäglichkeit finden, das Feſtgewand 5 66 der Seele heiſcht ein erhöhtes Sein und es iſt als müßte man jetzt eine neue Sprache ſprechen, alles Gewohnte anders thun, höher, gewaltiger; und doch bleibt nichts als die ſtetige und getreue Fortſetzung des Geſtrigen. So mußte ſich auch Eugen wieder in ſeinen eng umzirkten Lebenskreis finden. Der leere Platz des Haſenſchartigen zeigte deutungsvoll an, welch eine Lücke zwiſchen der Vergangenheit und dem Jetzt ſich aufgethan. Eugen hielt dem Verſtorbenen ein ſelbſtgeſchaf⸗ fenes Todtenamt und indem er in eindringlichen Worten die Seelen der Kinder hinausführte zu dem ſchneeigen Grab, quoll ſein hochgeſchwelltes Herz über in Wehmuth, ſo daß ſeine Stimme oft zitterte und ſtockte. Das Mareile begann zuerſt zu weinen und bald hörte man das Schluch⸗ zen vieler Kinder. Nach einer kurzen Wendung in die Fröhlichkeit des Lebens ließ dann Eugen ein helles Lied ſingen; es war der friſche Marſch bei der Rückkehr von der Beſtattung eines Ka⸗ meraden. Eugen fühlte zu ſeiner Freude, daß er das Herz der Kinder in ſeiner Gewalt hatte und gelangte dadurch zur Herrſchaft über ſein eigenes. Die älteſten Schüler, darunter Mareile, des ing fim nur den des eint ſüg ein ſter Unte Euge ſie a Unte hiebe was liegt cipli gleic ſind s iſt chen, ger; reue einen eigte nder ethan. ſchaſ⸗ lichen te zu elltes imme gann hluch⸗ ndung Eugen arſch r das e und genes. areile, des Sonnenwirths Franz und der Sanscülotte, gingen fortan täglich in's Pfarrhaus zum Con⸗ firmanden⸗Unterricht; ſie waren in der Schule nur noch wie die Bräute und Bräutigams in den Familien, die noch in die gewohnte Ordnung des Hausſtandes gehören, aber in ihm bereits ein theilweiſe ſelbſtändiges Leben führen und bald flügge geworden ſich ganz dazu aufſchwingen. In den freien Fragſtunden zeigte ſich jetzt ein zuchtloſer Muthwille, der gar nicht zu mei⸗ ſtern war; dieſe Stunden ſchienen den geregelten Unterricht überfluthen zu wollen, aufheben konnte Eugen dieſe Einrichtung nicht mehr, er mußte ſie alſo gegen ſeine urſprüngliche Abſicht in den Unterricht überleiten, denn es zeigte ſich auch hiebei, daß die Menſchen nichts lieber thun, als was außerhalb oder vielmehr neben ihrer Pflicht liegt. Es mußte daher auch hier ſtrengere Dis⸗ ciplin geſchafft werden. Wie ſchwer iſt es, Ordnung und Freiheit gleich feſt zu wahren. Wie in einander verſetzt ſind die höchſten und niederſten Triebe. Hatte der Schullehrer ſeine Mühen vollauf, ſo häuften für den Rathsſchreiber ſich dieſelben faſt in gleicher Weiſe. Der Kloſemichel, der Vater des Mareile, wurde nun doch vergantet 5* 68 und es zeigte ſich, daß die Frau durch Unter⸗ ſchriften bei dem Sonnenwirth faſt all ihr Zu⸗ gebrachtes aufgeopfert hatte. Der Schultheiß hatte dieſen erſten ökonomiſchen Todesfall unter ſeiner Regierung durchaus verhindern wollen und nichts damit erreicht, als daß er Eugen viele Schreiberei aufbürdete, der nun doch die Tagfahrt feſtſtellen mußte. Noch mühſeliger war aber die Ordnung einer allgemeinen Angelegen⸗ heit. Die Grundrechte waren aufgehoben, aber das Schwurgericht wurde feſtgehalten und dabei eine Kunſt angewendet, die in unſrer Zeit be⸗ ſonders im Schwange iſt: man entſeelt ein an ſich lebendiges Geſetz und handthiert dann mit demſelben, wie mit dem alten Mechanismus. Die Liſte der Höchſtbeſteuerten mußte ausgefer⸗ tigt und dabei ein genauer Bericht über das Verhalten jedes Einzelnen während der Bewe⸗ gungsjahre an das Amt eingeſendet werden. Wenn es ſich Eugen auch nicht vorgeſetzt hätte, er wäre doch jetzt nicht dazu gekommen, Liebesempfindungen nachzuhängen und ihrer zu warten. In freien Lebensſtellungen, wo ſich der Unterhalt ſo ohne alles Zuthun darbietet wie die Luft, die man einathmet, da mag es ſein, duß Daſe Erfül Alge wo i erwo zarte ſtehe getro zu ke gönn ſänd ſchwe im von in de und 69 daß eine Neigung, eine Leidenſchaft das ganze Daſein einnimmt und mit ungetheilter Kraft der Erfüllung zuſtrebt; anders iſt es in einem dem Allgemeinen zugewendeten Herzen und noch mehr, wo in pflichtmäßiger Arbeit das tägliche Brod erworben werden muß; da müſſen ſelbſt die zarteſten Seelenregungen eine Weile zurück⸗ ſtehen und können nur ſtiill verborgen hindurch⸗ getragen werden. Eugen glaubte jetzt die Liebe zu kennen, die dem werkthätigen Menſchen ge⸗ gönnt iſt und ihm öffnete ſich ein neues Ver⸗ ſtändniß jener Sagen, die einen langen und ſchweren Dienſt als Preis der Liebe feſtſetzen. Eine flüchtig geſehene Geſtalt zeigte ſich jetzt im Dorfe. Herr voft Metzſch, genannt Herr von Traktätlein, kam mit einem Miſſionär, der in der Kirche und im Rathhauſe mehrmals Vor⸗ träge hielt über ſeine Bekehrungsreiſen in Afrika. Großes Aufſehen erregte es, als der Bachmüller den Miſſionär öffentlich fragte, ob es den„Heiden und Türken“ geſtattet wäre, Miſſionäre zu uns zu ſchicken, um uns zu lehren, politiſche Flücht⸗ linge menſchenfreundlich zu behandeln. Es wurde keine Antwort gegeben. Der Kirchbauer ſammelte von Haus zu Haus Beiträge zur Bibelvertheilung. Der Miſſionär wohnte im Pfarrhauſe und Kronauer, der einſt mit dem Vikar und Eugen von dort wegging, ſagte: „Ich gehöre nicht zu der Glaubensrichtung des Herrn von Metzſch, aber ich finde es ſchwer Unrecht, daß man ihn nicht Pfarrer werden läßt. Er iſt ein Mann von gereiften inneren Erfah⸗ rungen und das macht doch gewiß geeigneter für ſolchen Beruf, als ein regelmäßiges Studium. Unſre Staatsordnung frägt aber nur nach Eramen und Schulzeugniſſen.“ Eugen war hocherfreut von dieſer Aeuße⸗ rung und rief:„Das iſt ſicher, bei den meiſten Menſchen geſtaltet ſich ihre Individualität nach ihrem Beruf und ihren Verhältniſſen, während umgekehrt die Individualität Beruf und Ver⸗ hältniſſe ſchaffen ſollte. Wäre das, wir würden öfter vom Wechſel der Lebensſtellung hören; aber freilich, die wenigſten Menſchen werden eine wirkliche Individualität oder dulden ſie an ſich. Denken wir uns nun gar, daß heute ein Prophet erſtünde; bevor er zum zweitenmal ſeine Lehre verkündet, wäre er verhaftet, er darf nicht lehren, er hat ja kein Eramen gemacht.“ Der Vikar ſetzte mit vielem Nachdruck aus⸗ einander, wie der geiſtliche Beruf vor Allem eine er 9 ohne wore erwi Bibe Gele ſehe brach ſelbe Blbel überſ Stelle als d gelte digen nur baru Vika aber dos und gen ung wer äßt. ffah⸗ neter ium. men ſſten nach rend rden aber eine ſich. Phet ehre ren, aus⸗ lllem eine wiſſenſchaftliche Befähigung erfordere und er ging ſogar ſo weit zu behaupten, daß man ohne dieſe die Bibel nicht recht verſtehen könne, worauf Kronauer mit auffälligem ſpöttiſchem Tone erwiederte: „Das iſt neu. Unſer Pfarrer will auch die Bibel beſſer überſetzen als Luther, aber alle die Gelehrten, die beſſer griechiſch und hebräiſch ver— ſtehen mögen, hätten das nicht zu Stande ge⸗ bracht, was Luther; er war ſelber ein Erzvater, ſelber ein Mann wie die Geſtalten, die die Bibel gelebt haben und ein ſolcher mußte ſie überſetzen.“ Der Vikar erwähnte mehrere ſinnfalſche Stellen, worauf Eugen bemerkte: „Die Katholiken ſind einerſeits beſſer daran als die Lutheraner, ſie haben keine als Autorität geltende Ueberſetzung der Bibel in einer leben⸗ digen Sprache, die Bibel iſt überhaupt für ſie nur ſubſidiariſch neben der fortgeſetzten Offen⸗ barung.“ „Sind Sie geheimer Katholik?“ fragte der Vikar zornig. „Keineswegs, auch nicht Lutheraner. Ich finde aber darum doch ſchön, daß es ein Buch giebt, das unter allen Völkern verbreitet iſt; das giebt —— — 1 . 2 Anknüpfungen wie nichts anderes. Wäre es auch möglich, daß man eine ähnliche Poeſie dafür ſetzte und ihr gleiche Aufnahme bereitete; ich glaube nicht, daß ſich die typiſchen Zuſtände der Menſchheit beſſer erfinden ließen, als die Verfaſſer der Bibel ſie erfunden und in Sagen vorgefunden haben.“ Der Vikar wurde zornroth ob dieſer Rede und obwohl er ſich ſelbſt zu den abſolut Frei⸗ ſinnigen zählte, rief er doch mehrmals in ſeiner heftigen Entgegnung:„Sie ſind ein Schullehrer, Sie haben kein Recht zu ſolchen Aeußerungen.“ Eugen verwies ihm ſtrenge und höhniſch dieſen hochmüthigen Wiſſenſchaftsſtolz und nur die An⸗ weſenheit und Begütigung Kronauers bewirkte, daß ſich die beiden Männer nicht in offener Feindſchaft trennten, innerlich aber waren ſie geſchieden. Als Eugen nach Hauſe kam, hörte er zu ſeiner Freude, daß Vittore nach ihm geſchickt habe. Er eilte in die Bachmühle. Das er⸗ wartungsvolle Herz redet ſich allerlei ein und ſo unwahrſcheinlich es auch war, daß das Mädchen nach ihm ſchicke, um ihre Liebe zu geſtehen, er hoffte doch eine Entſcheidung. Er traf Vittore nicht in der Stube, die Mu auf Ge ſ no in Fr dur Du gen Stu guf hra Na W 2W 73 Mutter ſaß allein am Spinnrad, ſie ſtand nicht auf, ſondern hieß den Eintretenden Platz nehmen. War ihm am Neujahrsabend Vittore wie eine Geſtalt aus ſtarken, vergangenen Zeiten erſchienen, ſo drängte das Bild, das die Bachmüllerin bot, noch mehr zu ſolchem Vergleiche. Eugen ſaß im Dunkel hinter dem Tiſche und betrachtete die Frau, die vom Abendſtrahl der Winterſonne der durch die Scheiben drang wie von goldenem Duftſtrom umfloſſen, gleich einem auf Goldgrund gemalten Bilde erſchien. Sie ſaß auf einem Stuhle ohne Lehne und ihre Haltung war feſt aufrecht, das volle Antlitz mit ſeinen dunkeln braunen Augen und der kleinen feinflügeligen Naſe, die kleine Hand, die den Faden aus dem Wocken zog, der auffallend kleine Fuß, der ſich im Takte auf dem Rade bewegte, Alles das ließ die ehemals ſchlanke Geſtalt ahnen. Ein ſtiller Friede war über das ganze Weſen ausgegoſſen, ein Friede, der mehr in ſich hineinlebte als nach Außen darſtellen mochte. Vittore ſah ganz dem Vater ähnlich, nur das dunkelbraune Auge der Mutter hatte ſie geerbt. Auch die Bachmüllerin betrachtete eine kurze Weile den Eingetretenen, ihre Hand hielt unbewegt den Faden und ihr Fuß ruhte ſtill an dem Rade, dann beugte ſie 74 ſich ſchnell nieder, ſetzte das Rad mit der linken Hand in Bewegung und ſpann emſig weiter. Eugen konnte und wollte ſich keine Rechen⸗ ſchaft davon geben, was ihn plötzlich hier ſo wohlig anmuthete; trotz ſeines heißen Verlangens wünſchte er nur, daß dieſe ſanfte Ruhe, in der man nichts vernahm als das Schnurren des Rades und das Picken der Wanduhr, noch lange fortdauern möge. Jetzt hörte man den Schlag der Dreſcher aus der Scheune und die Bachmüllerin brach das Schweigen, indem ſie Eugen dankte, daß er ihrem Wunſche nachgekommen ſei; er müſſe zwei Menſchen helfen. So hatte alſo Lipp in ſeiner immer kecker werdenden Laune Eugen betrogen, nicht Vittore hatte nach ihm geſchickt, ſondern die Bachmüllerin, die jetzt fragte: „Ihr kennet die Geſchichte von meinem Willi und des Pfarrers Adelheid?“ „Nein, ich hab euch, wie wir uns zum erſten⸗ mal geſehen haben, geſagt: ich erkundige mich bei Niemanden nach eurem Hauſe als bei euch ſelbſt.“ „Nun, die Sache iſt kurz die: die Adelheid war immer bei uns und ſie hat meinen Willi gern reröl Mel ieb umſi ſe vi Kin ſchr Sc ein wer ma au her an gern bekommen und er ſie. Das war den Pfar⸗ rersleuten nicht recht und uns auch nicht. Die Adelheid iſt eine Schwärmerin, wie's ſo Viele giebt; weil ſie gern im Kuhſtall ſich einmal umſieht, meint ſie eine Bäuerin werden zu können; ſie wäre ſchwerlich glücklich geworden. Die Pfarrersleute waren noch mehr dagegen; ihr Kind an einen Bauern geben, das wär' ja ſchrecklich. Der Pfarrer iſt der Sohn eines Schreiners, aber wenn er Söhne hätt', da wär keine Red' davon, daß er einen davon Hand⸗ werker werden ließe oder ſeine Tochter einem„ ſolchen gebe. Wie ſie erzogen werden, können ſie auch nicht mehr herunter und das iſt der Punkt, warum wie ich mein', das Herrenweſen ſo überhand nimmt; iſt einmal eines herauf, ſo mag's nicht mehr herunter.“ Eugen ſtand hocherfreut auf. Das war ja aus dem Mittelpunkte ſeiner Weltbetrachtung heraus geſprochen. Die Bachmüllerin ſah ihn ſtarr an und nur um etwas zu ſagen, bemerkte er: „Es geht wol auch hierin, daß man aus Armuth Beſen brennt; zum Beamtenweſen braucht man kein wirkliches Beſitzthum.“ „Gut, daß mein Mann das nicht hört, der wird über nichts grimmzorniger, als wenn man 76 ſagt: Alles hat zwei Seiten. Er hat's im Sprüch⸗ wort: die Beamtenkinder müſſen wie es heißt Etwas werden und nur ein Angeſtellter iſt S was, jeder Andere iſt Nichts.“ „Die Adelheid,“ ſetzte Eugen hinzu,„iſt ein gutes Weſen und zutraulich.“ Natürlich, gegen den Lehrer kann ſie das wol ſein, da iſt ſie wie eine Prinzeſſin gegen den Kammerdiener, der kann nie nach ihr trach⸗ ten.“ Plötzlich hielt die Bachmüllerin inne und fuhr dann raſch fort: „Ich will's kurz machen. Die Adelheid iſt Knall und Fall zu der Schweſter der Pfarrerin nach der Stadt than worden. Unterdeſſen iſt die Revolution kommen und mein Willi iſt nach Holſtein und dort geſtorben. Jetzt ſagt die Adel⸗ heid zu meiner Vittore, ſie ſei feſt entſchloſſen mit dem Miſſionär, der um ſie angehalten hat, nach Afrika zu gehen; ſie habe einmal geliebt und ſei jetzt bereit eine Ehe ohne Liebe einzu⸗ gehen. Das iſt grundſchlecht mit allem Firlefanz, den man drum macht. Das darf man nie. Aber ich glaub auch, daß es bei der Adelheid nicht wahr iſt; ſie hat den Vikar gern und wär im Stand wie der Bernhard zum Tort ſich zu ver⸗ heirathen. Jetzt ſagt mir die Pfarrerin, daß der Pitt⸗ Vika hat, ſichu nüßt wen er ke kann jetzt Vika dopf und am b „und noch inm recht wen ja i euch, riech Krar Vikar den Verlobungsring, den er mitgebracht hat, um ſich vor allen Zumuthungen und Ver⸗ ſuchungen ſicher zu ſtellen, abgelegt hat und ich müßt' mich ſchlecht auf die Menſchen verſtehen, wenn er nicht auch die Adelheid gern hat, aber er kann nicht einig mit ſich werden. Von uns kann keines die Sache klar machen, das müſſet jetzt ihr, drum hab ich euch rufen laſſen.“ Die Mißhelligkeit, die zwiſchen ihm und dem Vikar ſich aufgethan hatte, war jetzt Eugen doppelt leid. Er verſprach indeß ſein Mögliches und fragte nach Vittore. „Weil's jetzt ſo kalt iſt driſcht man jetzt am beſten den Kleeſamen,“ ſagte die Bachmüllerin, „und die Vittore hat ſich's nicht nehmen laſſen, noch das letzte mit auszudreſchen. Sie ſagt immer, es ſei ihr nie wohler, als wenn ſie ſo recht müd ſei. Sie muß ſich dazu zwingen, wenn ſie ſpinnen ſoll.“ „Was? Da komm ich grad recht, da geht's ja über mich los,“ ſagte die plötzlich eintretende Vittore.„Henr Lehrer, da iſt ein Brief an euch, der Lipp hat ihn hergebracht. Der Brief riecht wie die Apothek, der muß aus einem Krankenzimmer kommen.“ Trotz ſeines Aergers über Lipp, der nun 78 den zweiten Schelmenſtreich vollführte, mußte Eugen lächeln über die Deutung, die Vittore den parfümirten Briefen Theoroſa's gab, deren er ſeit ſeiner Rückkehr faſt täglich erhielt. Er er⸗ brach das übermäßig große Adelsſiegel und fand ein dreibogiges wie immer mit blauer Dinte geſchriebenes Schreiben, das er ſchnell überflog und dann ruhig zu ſich ſteckte. Die Mutter hatte während deſſen Vittore von dem Eingeleiteten unterrichtet und als Eugen dieſe wegen ihrer Verlegenheit bei der Arbeitspredigt neckte, ging ſie nicht darauf ein, ſondern ſagte: „Machet jetzt nur ſchnell, daß der Miſſionär die Adelheid nicht kriegt. Wozu braucht er die Heiden bekehren? Wenn ſie brav ſind, wird's Gott eins ſein, ob ſie ihn Lulu oder Gott heißen. Wenn der Miſſionär eine Frau will, ſoll er ſich ein bekehrtes Heidenmädle nehmen.“ „Du biſt ein Heidenmädle,“ ſchalt die Mutter,„ſetz dich und ſpinn', nein, du ſollſt die Rechnungen dort ſchreiben, die der Vater dir hingelegt hat.“ „Ja, ſchreibet, ich will euch helfen,“ rief Eugen.. „So lang ihr da ſeid, wird kein' Feder an⸗ gerührt,“ entgegnete Vittore,„und mir zittern noch Str Syi ihl Lieb die er ſeit ſc rie ſol ſp 29 noch die Händ' vom Dreſchen. Komm du lieber Strohſack,“ ſchloß ſie ſingend und faßte das Spinnrad. Als Eugen von der Bachmühle wegging, fühlte er ſich wie neu belebt, trotzdem er kein Liebeswort von Vittore vernommen; er hatte heute die Bachmüllerin neu kennen gelernt und wie er ſich hineinträumte in dieſe Häuslichkeit und ſein ſchwankendes Sein ihn aufſchreckte, erhob er ſich über ſich ſelbſt und eine Stimme in ihm rief: Freue dich, einem Volke anzugehören, das ſolche Menſchen in ſtiller Verborgenheit in ſich ſchließt. Fünfzehntes Rapitel. Es hätte ſich vorausſagen laſſen, was wir jetzt aus Erfahrung wiſſen, daß Theoroſa eine immer bereite und ausführliche Briefſchreiberin war, ſie ſchrieb auch leichter und flüſſiger als ſie ſprach; denn bei der mündlichen Rede ſtockte und erröthete ſie oft ohne erſichtlichen Grund und half ſich mit einem ausdrucksvollen Aufblick, mit einem feſten Zuſammenpreſſen ihrer feinen läng⸗ lichen Hände. Sie berichtete Eugen ausführlich und oft täglich über alle Einleitungen, die ſie für ihn getroffen; alle Menſchen, die ſie ſprach, waren„lieb, niedlich oder herzig,“ ein Kind hieß immer ein„ſüßes Kind“. Dabei verfolgte ſie aber ihren Plan mit kluger Beſonnenheit, ſie wendete ſich ſelten an die einflußreichen Männer ſelbſt, ſondern an deren Frauen, Mütter und Töchter und bei ihren ſolennen Kaffee's wußte ſie manche Staatsgeſchäfte mit einzubrocken. War es Eugen zuwider, daß er die ruhige Fortſetzung ſeines Lebens nur einer Begnadigung verdanken ſollte, ſo war es ihm noch mehr ent⸗ gegen Er ft ſich n ausgl aus ei das gewo ietig gege diene Aber alten ſch nögl werb tigen erob ſelb Bem heit neue ließ den gegen, ſie auf ſolche Weiſe vermittelt zu ſehen. Er konnte Theoroſa nicht wehren und mußte ſich dabei noch ehrlich geſtehen, daß er ihr eigent⸗ lich nicht wehren wollte. Er hatte es einmal ausgeſprochen, daß ſich nicht leicht Jemand rein aus einem Allgemeingedanken zu einer That bringt, das war auf neue Weiſe an ihm zur Wahrheit geworden; die Liebe hielt ihn feſt in ſeinem jetzigen Sein und es erſchien ihm als Pflicht gegen Vittore, was zu ſeiner Lebensbefreiung dienen mochte, mindeſtens gewähren zu laſſen. Aber liebte ihn Vittore denn? Etwas von dem alten Stolze ſeiner bevorzugten Stellung regte ſich in ihm und es erſchien empörend, ja un⸗ möglich, daß ein Müllerstöchterlein ſeiner Be⸗ werbung abhold ſein könne; er kämpfte in gewal⸗ tigem Ringen dieſen Uebermuth nieder und eroberte dafür die helle Zuverſicht, nur durch ſich ſelbſt das„ſtrahlaugige Mädchen“ zu gewinnen. Dennoch ſchrieb er Theoroſa, ſie möge ihre Bemühung darauf wenden, daß ſeine Angelegen⸗ heit noch einmal aufgenommen und vor das neuerrichtete Schwurgericht gebracht werde. Lipp erhielt eine ſtrenge Zurechtweiſung, er ließ ſich aber den ſcharfen Zank gerne gefallen, denn er merkte daraus, daß die Sache mit Vit⸗ 6 82 tore noch nicht entſchieden ſein müſſe;„denn,“ ſagte er klug zu ſeinem Kameraden und Günſt⸗ linge Vigil, dem verrätheriſchen Knechte des Kirchbauern,„wer ſeines Schatzes froh und ge⸗ wiß iſt, der kann gar nicht ſo bös ſein, die Sache ſteht alſo noch im weiten Feld; aber heut hab ich's gemerkt, daß mein Herr die Hunde nicht mit Bratwürſten anbindet.“ Vigil rieth dem Lipp, er möge ſich einmal einen von den„wohlſchmeckenden Briefen“ ver⸗ ſchaffen, dann werde er Alles deutlich ſehen. Lipp gab dem Verſucher eine geſunde Maulſchelle und erklärte ihm, daß er ſeinen Herrn nie be⸗ trügen würde, ſo lang er ihm vertraue. Vigil ſchien dieſe Zurechtweiſung gar nicht übel zu nehmen und wie entſchuldigend ſetzte Lipp hinzu, ſein Herr verbrenne jedesmal die Briefe, wenn er ſie geleſen habe. „Dann verlier' einmal einen,“ rieth Vigil. Lipp hatte geſchwiegen und darum hatte er heute aus innerer Angſt den Brief ſo ſchnell nach der Bachmühle getragen. Es war ihm jetzt eigentlich lieb, durch die ſtrenge Zurecht⸗ weiſung die Strafe für ſeine böſen Gedanken erhalten zu haben. Eugen hatte den Vikar aufgeſucht. In der Innal ſo wi ſin a und b Vifar Druc heilu ſch d jede ſch ſppött WVort ſowo der2 erftel Graf unn ſhen jett nahn war: in 2 lung gil. nell ihm ken der Annahme, daß ein Kampf mit ſich ſelber dieſen ſo reizbar und heftig gemacht habe, erklärte er ſein aufrichtiges Bedauern über ihr Zerwürfniß und bot zuerſt die Hand zur Verſöhnung. Der Vikar faßte die dargereichte Hand, ohne den Druck zu erwiedern. Als Eugen offen die Mit⸗ theilung der Bachmüllerin vorbrachte, verzogen ſich die Mienen des Vikars verdrießlich, er lehnte jede fremde Einmiſchung ab, da er ſchon mit ſich allein einig werde, er dankte dann halb ſpöttiſch dem„Herrn Lehrer,“ wobei er dieſes Wort ſo betonte, daß Eugen wohl merkte, nicht ſowohl der Fremde wurde zurückgewieſen, ſondern der Mann der untergeordneten Stellung. Wäre der Vikar vielleicht geſchmeidig und erfreut geweſen, wenn er gewußt hätte, daß ein Graf für ihn freiwerbe? Die Menſchen wiſſen kaum mehr, wieviel unnatürliche Verkehrtheiten trotz aller philoſophi⸗ ſchen Syſteme ihnen in die Seele gewachſen ſind. Eugen wurde aber milder geſtimmt, da er jetzt aus einzelnen Aeußerungen des Vikars wahr⸗ nahm, in welchem Kampfe dieſer mit ſich ſelbſt war; ſeine wiſſenſchaftliche Ueberzeugung ſtand im Widerſpruche mit den Glaubensſatzungen; ſo lange er noch ledig und für ſich allein war, 6* 84 fühlte er ſich minder bewegt, weil ihm der Aus⸗ tritt aus ſeinem Amte offen ſtand; jetzt da er ein Familiendaſein darauf gründen wollte, war ihm dieſe geträumte Freiheit genommen. Er ſprach nun wiederholt davon, daß ſich die Frei⸗ geſinnten nicht aus der Kirche herausdrängen laſſen dürften. Eugen fühlte ſich nicht befugt, ihn aus dieſer Selbſtberuhigung aufzurütteln. Es giebt erlöſende Entſchlüſſe, die als eine geiſtige Erfüllung jener Sage von der unbefleckten Em⸗ pfängniß nur aus dem innerſten und eigenen Sein geboren werden können.... Der Vikar ſchien das Schweigen Eugens anders zu deuten und es bekundete ſich ein ſchöner Feuereifer in der Mahnung, die er an Eugen richtete, um ihn auf den„Weg des Herrn“ zu führen. Offenbar ſuchte er ſich auch damit die Ergebniſſe ſeines innern Kampfes klar vor Augen zu ſtellen. Ein Saatkorn, das erſtarrt unter leichter Erdenhülle ruht, wird vom Sturme, der die harrenden Segel ſchwellt, auf ſeinem Fluge plötz⸗ lich erweckt. Eugen fühlte eine Frage, die vom Vergeſſen überdeckt war, wieder erregt. Schon in Röthhauſen hatte Deeger darauf hingewieſen, daß eine höhere Einigung der verſchiedenen Cul⸗ ujuf ire der 2 walte ud i von Das aus mit! ſumm guenz wenn Menſ niren Denk ger Ire der opfer der glau den! Geb nicht ige on en, ul⸗ 6 85 turſtufen innerhalb der Völker in der Religion ihre Vollendung und Weihe finden müſſe. „Ich weiß,“ ſagte Eugen,„wir ſollten uns der Weltgeſchichte unterordnen, die Thatſache walten laſſen, daß nicht umſonſt auf allen Bergen und in allen Thalen hohe Häuſer ſtehen und von heiligen Namen und Empfindungen ertönen. Das Urewige hierin muß ſich herausſchälen laſſen aus den Verhüllungen und wir ſollten uns nicht mit wiſſenſchaftlicher Selbſtweisheit von der Ge⸗ ſammtheit iſoliren. Kann ich aber die Conſe⸗ quenzen meines Denkens zum Schweigen bringen wenn ich es auch möchte um der Einigung der Menſchheit willen? Kann ich innehalten, reſig⸗ niren vor jener Grenze, wo die Reſignation des Denkens eintritt?“ „Nein, ſo lange Sie glauben, dadurch weni⸗ ger als die Wahrheit zu haben. Sie müſſen Ihre Selbſtweisheit aber nicht der Einigung mit der Menſchheit, ſondern der Einigung mit Gott opfern. Sie müſſen erkennen, daß Sie erſt jetzt der Wahrheit theilhaftig werden, ſtatt wie Sie glauben, etwas davon abzugeben. So lange Sie den denkenden Geiſt für ſouverän halten, ſind die Gebildeten die Menſchheit, qualitativ wenn auch nicht quantitativ, und dürfen ſich der Allgemein⸗ 86 heit nicht fügen. Kommt aber die Wahrheit nicht aus uns, ſondern über uns, dann können wir uns nicht mehr iſoliren.“ Der Vikar erklärte nun noch ausführlich, wie Derjenige, der oben auf der Leiter ſtehe, der unteren Stufen nicht mehr bedarf, ſie aber zum Heraufkommen nöthig hatte; er forderte Eugen auf, vorerſt zu glauben, daß die„Bibel die geoffenbarte Natur“ ſei und er werde dann Alles in ihr finden; zuletzt ſchloß er, daß die reine Idee als ſolche nie werde erfaßt werden können, ſie müſſe ſich ſtets an das Geſchichtliche an⸗ knüpfen:„Keine Idee wird lebendig als Idee, Freundſchaft und Liebe ſind für uns nur da im Freunde und in der Geliebten und ſo auch die Idee Gottes nur in der perſönlichen Erſcheinung des Herrn.“ Die höhere Uneinheit, deren ſie jetzt ſo deutlich inne wurden, löste die niedere perſönliche zwiſchen den beiden Männern. Es giebt Regionen der Beſprechung, wo der Geiſt zum Geiſte ſpricht, alles Individuelle ſich ablöst und wenn man dann wieder der Beſonderheit gewahr wird, ſie fried⸗ lich aufnimmt. Eugen erklärte, daß er Niemanden aus der Beruhigung aufſcheuchen wolle, in der er mit dem einmal Unerkennbaren abgeſchloſſen habe. heiß Buh des 2 frudi ander allge wäre Lern trägli wei Kirch nehm das „Alte nach von durch häuer ſe n Ege Spöt Ven er d 87 Trotzdem die Wangen der beiden Männer heiß erglühten, trennten ſie ſich, wie man ein Buch fremden Inhaltes zur Seite legt.— Mit der nun raſch erfolgenden Verlobung des Vikars, die beſonders in der Bachmühle freudigen Widerhall erregte, wurde noch eine andere verkündet; es ſchien faſt, als ob eine allgemeine Heirathsluſt in das Dorf eingezogen wäre. Schnörkel hatte durch Begünſtigung und Verwendung des Waldkönigs die erledigte ein⸗ trägliche Schulſtelle in Trenzlingen erhalten und* zwei Tage darauf war er Bräutigam mit des Kirchbauern Sabine. Er verkündete Eugen vor⸗ nehmlich von dem beträchtlichen Heirathsgute, das er bekäme und ſetzte ſelbſtſpöttiſch hinzu: 6„Alte Liebe hat Gold im Munde.“ 3 Eugen wagte es nicht, zum Glückwunſche 6 nach des Kirchbauern Haus zu gehen. Er hatte e von vielen Seiten vernommen, daß beſonders 4 durch ſeine Hinneigung zur Bachmühle die Kirch⸗ t, bäuerin ſeine bitterſte Feindin geworden war; n ſie war es beſonders, die wegen der Jagdluſt d⸗. Eugens einen Lärm im Dorfe machte und allerlei en Spöttereien über den geſchenkten Hund verbreitete. et Wenn ſich auch Eugen nicht daran kehrte, gab be. er doch ſeine Hinneigung zu dem„Herrenver⸗ „ 88 gnügen“ fortan auf. Außerdem konnte ſich die Feindſchaft der Kirchbäuerin jetzt minder bemerk⸗ lich machen, denn ſeit der Verlobung Bernhards war ſie an das ſchmerzhafte Krankenlager gebannt. Die Leute, die ſich jetzt vor ihrer Allgewalt ſicher glaubten, ſpöttelten über ſie und behaupteten, ſie habe aus Freude, daß ihr Huſchel Wald⸗ königin würde, mit ihrem kranken Fuße in der Stube umhergetanzt und ſei dann halbtodt nieder⸗ gefallen. Jedenfalls war die minder glänzende Verlobung Sabinens ein Zeichen, daß ſie ihr Haus beſtellen wollte; der Chriſtine verbleibt das Stammgut und dazu findet ſich leicht ein Mann. Die loſen Reden, die ſich jetzt ſchon über die Kirchbäuerin laut machten, konnten vielleicht als Vorzeichen gelten, was einſt nach ihrem Tode geſchehen würde. Die Kirchbäuerin hat wohl gewußt, daß Viele, die ihr huldigten, dieß nicht in Wahrheit, noch viel weniger in Liebe thaten, aber ſie war wie alle Herrſcher: ſie begnügen ſich mit dem Machtbewußtſein, das die Menſchen beſtimmt, ihnen zu lieb zu heucheln; das iſt Anerkennung genug. Als Eugen dieß gegen die Bachmüllerin äußerte, ſchwieg ſie wie jedesmal, wenn von der gir die erk⸗ ds nnt. cher ten, ald⸗ der nde ihr s nn. die als ode daß eit, var em mt, ung rin Kirchbäuerin die Rede war. Hier ſchien ein Geheimniß zu walten. Wie die Freude und neu erblühendes Leben im Dorfe ſich aufthat, ſo blieb auch Trauer und Tod nicht aus. Kronauers Anni ſtarb. Hatte man dieß auch längſt erwartet, ſo war doch die allgemeine Betrübniß nicht minder ſcharf. Das Ruſele und die Mutter Mareile's, die noch den friſchen Kummer der Vergantung in der Seele hatte und ihn jetzt laut ausweinen konnte, jam⸗ merten ſo übermäßig hinter der Bahre und klagten ſo jammervoll, wie ihnen ihr Engel geſtorben ſei, daß man ſie zum Schweigen bringen mußte. Erſt jetzt erfuhr man, wie ſtill thatenreich die Verſtorbene gewaltet hatte. „Ihr müſſet den Kronauer jetzt getreulicher heimſuchen,“ ſagte Vittore, die auffallend raſch getröſtet ſchien zu Eugen am Abend,„ihr werdet immer mehr gewahr werden, was das für ein grundbraver Mann iſt. Er hat ſo herzlich lachen können, grad ſo wie ihr, jetzt iſt's bei ihm vor⸗ bei auf ewig; thuet's mir zu lieb und beſuchet ihn täglich.“ „Euch zu lieb?“ fragte Eugen. „Ich meim, glaubet was ich ſag, ich bin nichtſtu⸗ dirt, ihr dürfet meine Worte nicht ſo genau nehmen.“ 90 Eugen verſprach willig, er ſah klar in dieß nor wunderſam bewegte Herz, das frei und ohne Beben die ſchwer errungenen Ergebniſſe eines tiefen innern Kampfes feſthielt. Daß ſie gerade ſch ihn zum Tröſter Kro nauers beſtellte und nicht ſü den Vikar, mit dem ſie jetzt durch Adelheid mehr S befreundet war, galt ihm als ſichere Bürgſchaft ſi einer beſondern Zutraulichkeit, und daß ſie das he herzliche Lachen Kronauers für ewig verſtummt hielt, mußte als Gewährſchaft gelten, daß ſie He jeglichen Gedanken an den Beſitz des nunmehr 1 reigewordenen in ſich ausgemerzt hatte. de Es war eine eigenthümliche Aufgabe, in. d dieſer lichten Freudigkeit ſeiner Seele der trö⸗ ſtende Beiſtand eines zum Tode Betrübten zu ſein. Die ſtoiſche Kraft Kronauers bedurfte aber 1 keiner Stütze und Eugen ſchaute bewundernd 6 auf, als er fand, daß der Schwerbetroffene nicht nur bereit war auf allgemeine Betrachtungen 6 einzugehen, ſondern daß er ſolche ſelbſt anregte. t Die Zuſtände des Vaterlandes waren es vor Allem, die ihn zu bewegen ſchienen. Das bren⸗ nende Feuer auf dem Heerde ſoll den Blitzſtrahl aus den Wolken anziehen, ſo war es als ob die ſchmerzbrennende Seele neue Anziehungskraft für den allgemeinen Jammer habe.. 91 Eugen und Kronauer hatten ſich vorge⸗ nommen, nichts über die vaterländiſchen Zuſtände zu ſprechen, aber unwillkürlich geriethen ſie darein; denn es giebt keinen tiefern Auf⸗ ſchluß, der nicht alsbald vor der Trauerkammer ſtünde. Kronauer klagte über die furchtbaren Schmerzen, die das Vaterland noch zu be⸗ ſtehen habe, bis es nur zur einfachen Geſund⸗ heit gelange. „Ich glaube ohne einen gewaltkräftigen Herrſcher nicht an die deutſche Einheit“ ſagte er einmal,„Sie wiſſen, ich frage ſtets, was iſt der Menſch und nicht was ſollte er ſein. Die Deutſchen waren nie einig und ſind es nirgends. Ich erhielt dieſer Tage Briefe von einem Freunde aus Amerika, er ſchreibt mir, daß auch dort nichts uneiniger ſei als die Deutſchen, und aus England hören wir, daß nicht einmal die Emi⸗ gration einig iſt und keinen Führer und Ver⸗ treter anerkennt, wie die Emigrationen anderer Völker. Die Revolutionen werden bei uns im⸗ mer am Mangel an Disciplin ſcheitern. Nie⸗ mand will einen Führer gelten laſſen und ſich ihm unterordnen.“ Eugen glaubte, daß Kronauer ſich nur aus⸗ ſpreche um eine Widerlegung ſeiner Anſicht zu 92 erhalten. Wenn auch rückſichtsvoll für den Schwerbetroffenen ſetzte er doch mit aller Ent⸗ ſchiedenheit ſeinen Widerſpruch auseinander, wor⸗ auf Kronauer lächelnd erwiederte: „Die deutſche Einheit iſt ein Aberglaube und für jeden Aberglauben iſt auch Fanatismus da. Unſer Unglück iſt, daß wir zu poetiſch ſind. Die ganze Bewegung war lebendig gewordener Schiller mit hochedler rhetoriſcher Blumenpolitik, der Held der Paulskirche war eine Schiller'ſche Nachgeburt, ein Poſa der Zweite.“ Auf die Entgegnung Eugens, wie ein Grund⸗ fehler darin lag, daß ſich die Häupter der Alt⸗ liberalen zu ſchnell zu Miniſtern der Winkelſtaaten machen ließen und damit den Bewegungen die Führer genommen und durch Vertrauensdämme aufgehalten wurden, ſo daß man jetzt die ganze Revolution leugnen könne, erklärte Kronauer ausführlicher als es ſonſt ſeine Art war, daß der Deutſche überhaupt nichts weiter thun koͤnne, als ſich in ſich vervollkommnen und ſich mit allem Echten erfüllen. Jetzt gelangten Eugen und hroi zu dem Urſprunge ihrer Scheidung. Eugen erachtete ja gerade die Opferung, das ſtete Ausſtrömen der Lebenskraft für Andere als die Aufgabe des N au fü eb zu ſei —-————-——— ——„—— Menſchen und darum ſtand er ja ohne Zagen auf ſeinem ausgeſetzten Poſten. Kronauer dagegen behauptete, daß man für Andere nur inſoweit wirken dürfe, als eben die Hingebung, die Ausbreitung der Kraft zur Vervollkommnung unſerer ſelbſt nothwendig ſei. „Man muß den Muth haben,“ ſagte er, „ſich zum höhern Egoismus zu bekennen, der eigentlich das Echte iſt; der Einzelne iſt nicht der Menſchheit wegen, die Menſchheit iſt um des Einzelnen willen da. Wer ſich in ſich vol⸗ lendet, erfüllt den Zweck der Menſchheit. Der Einſame iſt die Welt.“ Eine endlich offen zu Tage liegende Ver⸗ ſchiedenheit der Grundanſichten erſchließt oft ähn⸗ liche Erquickung wie die Erkenntniß der harmoni⸗ ſchen Einigung. Feiert bei dieſer die Einheit des Menſchenthums ein Feſt, das als Accord die Seelen durchtönt, ſo liegt in der Wahrneh⸗ mung der Grundverſchiedenheiten ein gewiſſes Frohgefühl der Fülle alles Daſeins, die ein jedes Weſen ſeine Beſtimmung vollenden heißt. Die Verſöhnung ſchließt darum oft eine tiefere Freude auf, als der nie gebrochene Friede der Liebe, weil ſie zugleich ein Sieg über das wi⸗ derſtrebende Herz iſt, das die Liebe nur in ſich aufnimmt, ſich ſelbſt erfüllend. Eugen und Kronauer wurden von jetzt an erſt wahre Freunde und jede Begegnung in gleichen Beſtrebungen wurde zur neuen Freude; denn jeder erkannte die Wahrheit ſeines Strebens darin auf's Neue, daß der Andre, von fremdem Ausgangspunkte kommend, demſelben Ziele zu⸗ gewendet war. So ſelbſtgewiß ein Menſch auch ſei, ein gefundener Gleichklang mit Anderen erhöht ſeine Zuverſicht. Wo zwei Menſchen in gleichem zum Edeln gewendeten Geiſte beiſam⸗ men ſind, iſt die echte heilige Gemeinde. Ein alter Plan, der ſchon bei der erſten Handreichung beſprochen war, wurde jetzt aus⸗ geführt. Eugen las mit Kronauer in den Abend⸗ ſtunden Tacitus römiſche Hiſtorien. Die mar⸗ morkörnige Kraft und ebenmäßige Haltung des Römers übte einen beſchwichtigenden und klä⸗ renden Einfluß, ſo daß Eugen oft, wenn er ſpät in der Nacht vom Schloſſe heimkehrte, ſich nach des Tages Mühen neuerkräftigt fühlte. Leo hatte ſich ſeit dem Tode ſeiner Schwä⸗ gerin ganz bei ſeinem Bruder angeſiedelt und ſtudirte bei dieſem emſig die Landwirthſchaft. So oft er Eugen begegnete, hatte er ein zähne⸗ ſetſ Hüf Ger Rö ſoll mit er ſer, auc wol mit zu ein Vi pro hie fön Ge wa en der her nſih bt an ig in eude; ebens ndem e zu⸗ auch deren rſten aus⸗ bend⸗ mar⸗ des flä⸗ ſpät nach hwä⸗ und haft. ihne⸗ fletſchendes Lächeln und eine gewiſſe übertriebene Höflichkeit. Eugen ließ ihn ſeines Weges ziehen. Nur wenige Wochen hatte ſich Eugen dem Genuſſe hingegeben, der ihm aus dem Leſen des Römers entquollen war und ſchon begann er ſich Vorwürfe zu machen, daß er nun doch dem Egoismus verfalle. Das ſelbſtiſche Erfüllen mit fernab liegenden Erkenntniſſen erſchien ihm als ſolcher, er wollte ja nicht ſich angehören, ſondern mit aller Lebenskraft ſeinen Mitmenſchen. Als er ſolches gegen Kronauer äußerte, erklärte die⸗ ſer, daß er durch den Unterricht ſeines Bruders auch wieder auf einen alten Plan komme; er wolle eine Ackerbauſchule errichten, Söhne be⸗ mittelter Bauern und auch unbemittelte Knechte zu Landwirthen der neuen Zeit heranbilden, die ein Jahr lang bei ihm bleiben müßten, um im Winter theoretiſch und im Sommer weſentlich practiſch unterrichtet zu werden. So lange Kaidl hier war, habe er nicht an die Ausführung gehen können, im nächſten Sommer ſolle nun dieſe in Gemeinſchaft mit Eugen begonnen werden. Eugen war ganz glückſelig mit dieſem Gedanken und empfand eine hohe Ehrerbietung vor dem Manne, der offen geſtand, daß er aus ſeinem Schmerze heraus nach einer erlöſenden That griff um die 96 Selbſtverzehrung nicht aufkommen zu laſſen. Wäh⸗ rend die beiden Freunde nun den Lehrplan ent⸗ warfen, drängte Eugen ſtürmiſch, ſchon dieſen Winter zu beginnen und als Kronauer die Un⸗ thunlichkeit nachwies, beharrte Eugen mindeſtens auf ſeinem Vorſatze, daß noch jetzt, wenn ſchon der Winter zu Ende ging, abwechſelnd bald der eine, bald der andere Vorträge für die Erwach⸗ ſenen halten ſolle. Die Vorträge des Miſſiv⸗ närs hatten ſtets eine aufmerkſame Zuhörerſchaft gehabt, es galt den Verſuch ein Gleiches für nähere Anliegen zu gewinnen. Da jetzt gerade das Schwurgericht das Dorf beſchäftigte, wollte Eugen zum erſten Vortrage Geſchichte und Einrichtung desſelben nehmen. Kronauer war nicht abgeneigt, Ackerbauchemie vorzutragen, zumal er ſich in volksthümlicher Lehrweiſe üben und prüfen wolle. Hier zeigte ſich nun in offenkundiger Weiſe, daß die Freunde einig zur ſelben That die Hand ausſtrecken konnten, wenn ſie aber nach den Be⸗ weggründen forſchten, waren dieſelben verſchieden. Eugen freute ſich, einen Erſatz ſür das wieder entzogene Vereinsrecht zu haben, während Kronauer entgegenhielt:„Die Volksvereine wa⸗ ren doch nur eine bewußte oder unbewußte Täu⸗ ſhi den Fre leb die zul da ge abe un hin die ne de ſch löſ lie he ſchung. Es waren ſtets nur Wenige, die eigent⸗ lich die Beſchlüſſe beſtimmten und dem Volke den Spaß machten, darüber abſtimmen zu dürfen. Freilich liegt in dieſer Selbſtthätigkeit etwas Be⸗ lebendes, wie in den Reſponſorien der Kirche, die Menſchen hören ganz anders zu, wenn ſie zuletzt und ſei es nur durch Ja oder Nein ihre Meinung abgeben können. Es iſt aber gut, daß das Volk wiſſe, daß es noch von einigen Höher⸗ geſtellten zu lernen hat.“ Eugen hielt kurz ſeine Anſicht entgegen, aber als fürchtete er den ſo erwünſchten Plan zu zerſtören, hielt er ſich zunächſt an die That und ließ den Erfolg wie die Beweggründe da⸗ hingeſtellt. Bemerkenswerth waren die Widerſprüche, die ſich, wenn auch nur von außen, dieſem Unter⸗ nehmen entgegenſtellten. Kronauer forderte auch den Vikar zur Mitwirkung auf, aber dieſer, ſonſt zu Jeglichem bereitwillig und eifrig, lehnte ent⸗ ſchieden ab; er brachte wieder jenen ſchwer zu löſenden Widerſpruch zu Tag, ob ſich eine echte Volksbildung in unfreien Zuſtänden pflanzen ließe, oder ob ſie erſt in der errungenen Frei⸗ heit natürlich gedeihe. Eugen vertrat die erſtere, aber der Vikar ſprach ſich davon los, indem er 7 98 hinzuſetzte:„Es wird zuviel auf dem Volke herumgeturnt und wir brauchen überhaupt eher robuſte Gewaltmenſchen, deren Gefühle nicht auf der Drechſelbank geſchnitzelt ſind.“ Leo dagegen, der von der Sache hörte, be⸗ hauptete ernſtlich: „Es iſt vollkommen gleichgültig ob der Bauersmann glaubt, der Mond ſei ſo groß wie eine Suppenſchüſſel oder ob er ſeine wirkliche Geſtalt kennt, im nothwendigen Leben der Men⸗ ſchen ändert das nichts.“ Unerwartet dagegen war der Widerſpruch des Bachmüllers, der ganz zornig dreinfuhr: „Wenn ihr der ganzen Welt einen Pro⸗ feſſor in den Kopf ſetzt, dann fällt Alles aus⸗ einander wie eine ſchlechtgebundene Garbe.“ Kronauer ereiferte ſich hier wie ſonſt wenn der Bachmüller alles Dumme mit Profeſſor be⸗ titelte; er ſuchte ſeinem Freunde klar zu machen, wie traurig dieſe Verachtung aller Bildung ſei. Eugen ſtellte ſich jedoch auf Seite des Bach⸗ müllers und erklärte, daß in der Verachtung des Profeſſorenthums ein richtiges Gefühl läge; die Hochweiſen, die jedes Ding allſeitig, pris⸗ matiſch betrachten, haben die Nation an den Rand des Untergangs gebracht; wir brauchen ein die ſn tro etn mi he 99 einſeitige Menſchen, elementariſche Naturen die die Zukunft herbeiführen. Der Bachmüller hatte Eugen nur halb ver⸗ ſtanden, dennoch begriff er es nicht, daß er ihn trotzdem bekehren wollte, da es ſich hier um etwas ganz Anderes handle; die Menſchen müßten geeignet ſein, nicht nur die neue Welt heraufzuführen, ſondern auch zu geſtalten. e„Thu nicht mit. Werdet ſchon ſehen: aus gebratenen Eiern kommen keine Hühner; ſteh ruhig wie der Löffel im Brei,“ ſchloß der Bach⸗ . müller und blieb bei ſeinem Entſchluſſe. In der unaufhörlichen Arbeit, der ſich nun Eugen verpflichtet ſah, fühlte er ſich doch ſtets ⸗ wie von Schwingen getragen. War ja Alles über ihn gekommen, ein allſeitiger Beruf und n eine kernfriſche eichenduftige Liebe. Oft war's ⸗ ihm als könnte er nicht Alles faſſen und doch n fühlte er wieder ſeine Lebenskraft verdoppelt. 3 Bei Vittore war er heiterer als je, er 8 ſuchte ſie nicht mehr wie ſonſt zu ausführlichen g Reden zu reizen, er glaubte jetzt zu verſtehen, 8 warum ſie kein Bedürfniß dazu hatte; ſie führte ⸗ oft ab, wenn er im Sprechen über Bekannte n und ihre Gemüthsart Alles bis auf den letzten n Halt ausfaſern wollte, ſie nahm ſeine Reden 7* —— E nur ſpruchweiſe auf und ſagte einſt, er habe es getroffen, da er bemerkte, ſie nehme immer nur ein Korn und fliege damit davon. Das Un⸗ ausgeſprochene im Weſen Vittore's, das ſich nicht in Worten, ſondern nur in ihrer ſanften Freundlichkeit und ungezwungenen Ruhe kundgab, war wohlthuender als alle noch ſo ſchimmernden Seelenäußerungen. Der Bachmüller, der bei den öfteren Be⸗ ſuchen Eugens unwirſch und brummig war, ſchien ruhiger zu werden, es war ja ganz deut⸗ lich, daß die Beiden nichts miteinander hatten; man bemerkte in keinem eine Unruhe, und in der That, wer ſie ſo beiſammen ſah, mochte glauben, Bruder und Schweſter zu ſehen, ſo geruhig war ihr Verhalten. Vittore war hoch⸗ erfreut, daß Eugen und Kronauer nicht nur Freunde geworden, ſondern jetzt auch an Einem Werke arbeiteten; ſie bat Eugen, ob er nicht auch etwas von Schiller habe, das ſie leſen könne, wobei ſie bemerkte: „Seit der Bernhard das vorgeleſen hat, iſt mir's doch immer, als wenn ich auf einem hohen Berge bei größer gewachſenen Menſchen auf Beſuch geweſen wäre.“ Dennoch ging Eugen nicht auf das Ver⸗ lang ſollt ſein Litt gerl wa All ner gei troc die auc doq Na mir Ve den del Lel da langen Vittore's ein. Wollte er dieſe in ſich feſte Natur keiner Schwankung ausſetzen, oder ſollte ihr höherer Ausblick einſt nur ſein Werk ſein, er war ſich deſſen nicht klar und hatte mit Vittore manch heitern Streit über ſeine Wei⸗ gerung. Bei der erſten Vorleſung, die Eugen hielt, war das ganze Dorf ſeine Zuhörerſchaft und Alles war des Lobes voll, nur Kronauer be⸗ merkte auf dem Heimwege:„Sie ſind zu ſchön⸗ geiſtig, zu pvetiſch. Wir müſſen unſer Volk an trockenes, nüchternes Denken gewöhnen wie die Engländer. Sie werden mir wahrſcheinlich auch widerſprechen, aber meine Behauptung iſt doch wahr: man nennt uns die philoſophiſche Nation, aber unſer eigentliches Volk iſt das mindeſt denkkräftige von allen gebildeten Völkern, es faßt nur in der Bilderſprache.“ Noch in einer andern bemerkenswerthen Beziehung zeigte ſich die Verſchiedenheit der bei⸗ den Männer. Kronauer hielt einen Vortrag über die Be⸗ deutung des Salzes für das Gedeihen alles Lebens und begann mit Geſchick in der Einleitung darzuthun, daß die Aufhebung der Salzſteuer im Frühling 48 eine der erſten und tiefliegendſten Anforderungen war; zuletzt aber ging Alles auf ſein Lieblingsthema hinaus. Er ſah in der Kar⸗ toffelfäule nicht ein Strafgericht Gottes, ſondern ließ ſie als einen Fingerzeig der Natur gelten, daß wir den Anbau der Frucht, die von allen pflanzlichen Nahrungsmitteln am wenigſten ſtick⸗ ſtoffhaltig iſt, zuviel bevorzugt hätten.„Erbſen und Bohnen,“ rief Kronauer jetzt plötzlich und Alles lachte; er ſagte nun, daß er die Wirkung dieſer Worte gewußt habe und legte faßlich alle Gründe dar, die für vermehrten Anbau von Erbſen und Bohnen in die Brache einſtanden. Als Kronauer mit Eugen nach Hauſe ging, ſagte er: „Die Hauptſache ſind die praktiſchen Erfolge. Man muß überzeugen, wo man nicht befehlen kann. Man muß den Leuten die falſche Meinung von den lateiniſchen Bauern benehmen. Die Nichts gelernt haben, nennen ſich Praktiker und ſchelten diejenigen, welche etwas zu viel gelernt haben, hohle Theoretiker. Der Gedanke, das Volk zu bilden, hat etwas Anmuthendes, aber wenn man die Einzelnen kennt, erſcheint es komiſch unbedeutend, ſich Mühe zu geben, damit der Michel und der Peter über das und jenes richtig denke.“ Fre Er der zub liti hie ſch e ein Eugen fand gerade hierin ſeine beſondere Freude und ihm lag noch eine eigenthümliche Erquickung darin, in einem vergeſſenen Winkel der Welt die volle Kraft ſeines Denkens aus⸗ zubreiten. Wie es bei allen ſogenannten Coa⸗ litionen verſchiedener Parteien geht, zeigte ſich hier im Kleinen bei jedem Schritte die Ver⸗ ſchiedenheit, die indeß dem einmal Begonnenen keinen Eintrag that. Der Bachmüller neckte bei jedem Zuſammen⸗ treffen ſeinen Freund, der aus Erbſen und Bohnen ein neues ſtarkes Menſchengeſchlecht prophezeihe. Die Ernennung der Geſchworenen kam in's Dorf, nur der Kirchbauer und Schäufler⸗David waren erkoren worden; ſelbſt der monarchiſch geſinnte Kronauer wurde ausgeſchieden. Eugen erbat ſich's vom Schultheiß, dem Kirchbauer die Ehre verkünden zu dürfen. Als er eben nach langer Zeit wieder zum erſtenmale die Schwelle des Kirchbauern betrat, kam die Bachmüllerin aus der Thüre. „Sie hier?“ fragte Eugen erſtaunt. „Ja,“ erwiederte die Bachmüllerin,„die arme Frau kommt nicht mehr auf und da hat ſie mich noch um Verzeihung bitten wollen, weil ſie mich einmal ſchwer gekränkt hat. Ich hab 104 mich ungern dazu entſchloſſen, aber mein Mann hat mir auch dazu gerathen.“ „Und Vittore nicht?“ „Nein, ſie iſt ſtreng, aber ich kann ihr nicht ganz Unrecht geben, ſie ſagt: Auf dem Todtenbett um Verzeihung bitten, das iſt nichts, da thut man's nur ſich zu lieb; man muß ab⸗ bitten, wenn man noch geſund iſt, wo man's auch wieder gut machen kann. Nun wahr iſt's, aber mir iſt's doch jetzt auch leicht, daß die Kirch⸗ bäuerin in Frieden aus der Welt ſcheidet.“ In Gedanken über das herbe Weſen Vit⸗ tore's, das aber im Grunde doch nur ein gerechtes war, ging Eugen in die Stube. Der Kirchbauer ſaß in dem großen Lehnſtuhl und weinte, der Pfarrer ſtand neben ihm, mehrere Frauen gingen aus und ein nach der Kammer. „Was wollet ihr?“ fragte der Kirchbauer barſch den Eintretenden. „Ich hab' euch nur ſagen wollen, daß ihr zum Geſchworenen ernannt ſeid.“ Der Kirchbauer wiſchte ſich ſchnell die Thrä⸗ nen ab und ſein Antlitz erheiterte ſich. „Das wird meine Frau freuen,“ ſagte er und ging nach der Kammer. Von drinnen hörte man jetzt einen Ruf: * — un ſt in fa bů — 05 „Gottlob! Mein Huſchel iſt Waldkönigin und mein Mann iſt Geſchworener! Mein Mann iſt geſchworener Richter!“ Eine ſtumme Pauſe trat ein. Man hörte in der Kammer ein Rücken und nach einer Weile kamen die Frauen heraus und ſagten, die Kirch⸗ bäuerin ſei geſtorben.... Trotz des ſtürmiſchen Thauwetters, das alle Bergwege faſt grundlos machte, kamen die Men⸗ ſchen doch ſturmentgegen mit brennenden Wangen von allen Seiten herbei, um der Kirchbäuerin die letzte Ehre zu erweiſen. Solch einen unab— ſehbaren Leichenzug wollte man ſeit Menſchen⸗ gedenken im Dorfe nicht geſehen haben. Bei dem Heimgange vom Begräbniſſe hörte man nur Klagen über den Tod der Kirchbäuerin und eitel Rühmens von ihr. Es war Allen, als fehlte ein gewohntes Wahrzeichen, als fehlte der Thurm im Dorfe. Sie hatte die Menſchen in ihrem Leben viel tyranniſirt, aber in jeder bedeutenden Kraft liegt etwas ſo Bewältigendes, daß man ihre tyranniſche Erſcheinung, wenn ſie vorüber iſt, vergißt und nur die ideale Kraft von ihr in Erinnerung bleibt. — Sechzehntes Rapitel. „Ich bin frei! Ich bin frei!“ rief eines 5 Tages der eintretende Bartelmä und als Eugen 6 freudig erſtaunt Glück wünſchte, lachte der Dicke 8 ſo gezwungen lärmend, daß ihn Eugen mißmuthig in zur Ruhe verweiſen mußte, worauf Bartelmä berichtete, daß ihm ſein Herr gekündigt habe zu und ſchloß: le „Ich biete nun nach Oſtern die Kaiſerkrone über mich aus und ſuche mir einen neuen Herrn, V mein Theil Volksſouveränetät iſt zu haben.“ V Eugen fühlte ſich von ſolcher in Verwahr⸗ er loſung ſich wälzenden Luſtigkeit angewidert, er wollte mit Bartelmä überlegen, wie ihm ein neuer Dienſt zu verſchaffen ſei, aber dieſer wollte nichts davon wiſſen, er ſchalt ſich nur ſelbſt einen ge Philiſter, daß er die geſetzte Zeit noch ausharre E und ſprach verworren davon, daß er auch noch 5 einen Fuchs zu erjagen habe. fr Bartelmä hatte den wunderlichen Egoismus e vieler in der Selbſtzerſtörung begriffenen Men⸗ n ſchen, daß ſie einen andern zum Mitwiſſer ihres S 107 Unheils machen, ohne ſich von ihm helfen laſſen zu wollen; ſie wollen nichts als mittheilen, einen Theil ihrer Laſt ablegen, kümmern ſich wenig darum, wie ſehr das den andern bedrücke und rennen dann faſt noch muthwilliger in ihr Verderben. So traurig dieſer Gedanke war, Eugen ſuchte in ihm eine Tröſtung, daß er dem Bartelmä nicht nachgehen konnte in die Niederung, in die er ſich ſtürzte. Als jetzt der Lehrer von Alsfeld kam und zu Gevatter bat bei ſeinem neugebornen Sohne, lehnte Eugen mit den Worten ab: „Ich ſtehe ſchon mehr als genug zu Ge⸗ vatter.“ Indem er jetzt aufzählte, wie vielerlei Verpflichtungen er ſich auferlegt habe, ward er erſt inne, daß er ſich zu viel aufgebürdet hatte, zumal er noch täglich an der Befähigung zu ſeinem Berufe arbeiten mußte. Der Lehrer von Alsfeld äußerte ſein Gefühl getäuſchter Erwartung in ſpöttiſchem Zorne und Eugen gewahrte, daß er wieder in ſeinen alten Fehler verfallen war, indem er da, wo eine freundliche Bitte ihm nahte, nicht alsbald und entſchieden verweigern konnte. Er wollte fortan, wie ihm einſt die Bachmüllerin gerathen hatte, „den Muth haben, Nein zu ſagen.“ Noch ſeinen letzten Vortrag hielt er über. dies die geologiſche Beſchaffenheit der Landſchaft, wobei er die Entſtehungsgeſchichte der Erde einflocht, ſelb und von nun an ſollte wieder all ſein Denken jn und Thun vornehmlich der Schule gewidmet ſein. hei Die Erfahrungen, die Eugen und Kronauer tra bei ihren Vorträgen gemacht hatten, waren nicht die ſehr ermuthigend. Kronauer ſcherzte darüber, 6 daß ſich die Bauern jetzt als rationelle Land⸗ Eu wirthe betrachten, weil ſie von kohlenſaurem Ammoniak ſprechen können; überhaupt zeigte ſich, ſet beſonders bei den Jüngeren, Lernbegierigen, ein u losgeriſſenes Aufnehmen einzelner Worte und ver Sätze, mit denen ſie jetzt prunkend um ſich warfen a und Manche natürlich auch Spott trieben. Dieſes ibe konnte aber ſo wenig irre machen als jenes ſhi Haften an Einzelnem. Ein äußerliches Aufnehmen ſ und Wichtigthun mit Ungewohntem iſt ja ſo oft die erſte Entfaltung des Bildungstriebes; in ihr Verharren bringt Geziertheit und den lächerlich bunten Aufputz mit Fremdem. Lehrende und 3 Lernende mußten in Zukunft den Weg finden, um den Inhalt des Denkens und Beobachtens 4 in ſeiner flüſſigen, Jedem ſich aſſimilirenden 6 Wirklichkeit und nicht in der erſtarrten Form 5 einer Redeweiſe aufzunehmen. Eugen und Kronauer waren entſchloſſen, dies Ziel im Auge zu behalten. Im Gemeinderath war Eugen faſt wie von ſelbſt, nachdem er die Ortsverhältniſſe kannte, zum natürlichen Obmann geworden; der Schult⸗ heiß verſtand es, ihm in der Regel den Vor⸗ trag über die zu verhandelnden Gegenſtände und die Leitung derſelben zuzuſchieben, ſo daß die Gemeindeangehörigen mit ihren Anliegen zu Eugen kamen, bevor ſie zum Schultheiß gingen. In der Bachmühle ſuchte und fand Eugen ſeine Erholung von der anſtrengenden Schul⸗ arbeit und von dem Mißmuthe, den es ihm verurſachte, da er erkennen mußte, wie umge⸗ wandelt die Menſchen waren, wenn er jetzt die übergreifende Verfügung über ſeine Zeit ent⸗ ſchieden ablehnte. Als er dieſes letztere Vittore klagte, ſagte ſie: „So iſt es immer, zuerſt halten ſich die Leute für unwerth, wenn man ſich für ſie ab⸗ arbeitet und ſie ſagen das auch; gleich darauf aber verlangen ſie's als Schuldigkeit und ſind bös wenn man's nicht thut. Herr Lehrer, ich muß euch noch etwas ſagen.“ „Nur frei heraus,“ ermunterte Eugen, da Vittore plötzlich ſtockte, und nun fortfuhr: — 110 „Erſtlich dürfet ihr den Bartelmä nicht ſo bruderander mit euch ſein laſſen. Er hat ſich in eurer Krankheit wacker gezeigt, das bleibt, aber er richtet auch gern an aus anderer Leute Häfen, und jetzt iſt er in's Verlumpen gerathen, daß ihr ihn ein für allemal laufen laſſen müßt. Warum ſchmunzelt ihr jetzt? Saget's, was iſt?“ Eugen konnte nicht erklären, wie ihm dieſes leidenſchaftliche Wahren ſeiner Ehre als voll⸗ gültiger Beweis der Liebe Vittore's galt, er ſagte ablenkend: „Auf erſtlich folgt ein Zweites.“ „Das iſt der Lipp.“ „Gegen den dürft ihr nichts ſagen, der hat euch gern,“ ſcherzte Eugen. „Dummes Zeug,“ wehrte Vittore unwillig, „ihr müſſet dem Lipp verbieten, daß er mit dem Vigil Kameradſchaft hat.— Der Vigil hat uns beſtohlen, hat meinen Vater in's Ge⸗ fängniß bracht, der darf nicht in euer Haus kommen.“ „Ich hab dem Lipp nichts zu verbieten und zu befehlen, er iſt eigentlich nicht in meinem Dienſt, er iſt halb und halb mein Kamerad.“ „Halb und halb, das iſt nichts; ent⸗ weder ihr habt zu befehlen oder ihr habt nicht und I6 aus Dat och ſig dad Dit beid ln fom ma kein ihr ein Ge arh nf und es iſt Alles guter Wille was der Lipp mag. Ich ſeh' aber ſchon, ihr lachet mich heut nur 4 aus. Was habt ihr jetzt wieder zu lachen? Das muß ich wiſſen.“ 5„Man merkt an euch die vermögliche Bauern⸗ 5 tochter.“ „Das hat mir die Kirchbäuerin nicht nach⸗ 8 ſagen können, daß ich mir darauf was einbilde.“ „Ich meine das auch nicht. Ihr wollet 6 dadurch nur in Allem entſchiedene Verhältniſſe: Dienen oder nicht dienen.“ „Ja, das will ich auch und das iſt für beide Theile gut und währhaft. Mit dem Lipp at 1 könnet ihr ſehen, wie ihr auf die Weiſe fort⸗ kommet, aber der Vigil, der muß froh ſein, daß , man ihn frei herumlaufen läßt, der darf über it keine ehrliche Schwelle.“ 6 gil Eugen unterließ es nicht, Vittore wegen je⸗ ihrer Herbheit zur Rede zu ſtellen. Ohne irgend u5 einen Winkeladvokaten in einem beſchönigenden Gedanken zu Hülfe zu rufen, geſtand ſie ſchnell: nd„Ihr habt recht, ich hab zuviel geſagt, ſo n arg mein ich's nicht.“ Dieſe ſchnelle Bereitwilligkeit zum Wider⸗ nt⸗ rufe verblüffte Eugen, wenn er gleich nicht die cht Ehrlichkeit des Herzens verkannte, das keinen 142 Anſtand nahm, friſchweg einen Fehl zu bekennen. Als er nun aber weiter in Vittore drang und ſie überhaupt zu größerer Milde ſtimmen wollte, gewahrte er eine unbeugſame Strenge. Sie wußte und wollte nichts von dem feinfühligen Aufnehmen der Miſſethäter, zumal ſolcher, die in fortgeſetzter Boshaftigkeit ſich vergangen hatten. Gegen die Kirchbäuerin zumal blieb ſie, trotzdem ſie jetzt todt war, in ihrem alten Urtheile. Eugen ſuchte nicht mehr an dieſer Feſtigkeit zu rütteln, er fühlte ſelbſt einen Halt in dieſer ſäulenhaften Unerſchütterlichkeit der Begriffe, die Haß und Liebe noch nicht in einen Alles begütigenden humanen Brei verſchwimmen läßt. Nur auf feſten Sittlichkeits⸗Normen wird ſich eine neue geſunde Welt erheben. Das war es ja, was er ſo oft den parfümirten Laſtern der vornehmen Welt gegenüber empfunden hatte. Er fühlte, wie er im Weſen Vittore's die Ergänzung ſeiner ſelbſt finde. Eine Demuth, wie er ſie noch nie einer Frau gegenüber gekannt hatte, erfüllte ſein Herz, und wäre das nicht zu höfiſch und altfränkiſch und hier gewiß am unrechten Orte erſchienen, er wäre gern vor Vittore auf die Kniee geſunken. Vittore lachte über ihn, als er ſie ſo wie anbetend betrachtete, ſie ſagte, ſie hab wa bis fra lich au we in ein we ein ihr ſie 113 habe geglaubt, er wolle ſie bekehren und jetzt ſei er auf einmal ſo ſtill. Eugen konnte nicht antworten und Vittore war nicht der Art einen angeregten Gegenſtand bis in ſeinen letzten Verſchluß zu verfolgen; ſie fragte Eugen, ob er die Kinder jetzt ſchon ordent⸗ lich zur Prüfung herrichte und erhielt hierüber ausführlichen Beſcheid. Der Winter begann allmälig zu ſinken. Es war Eugen trotz alles bunten Treibens als wäre er vorübergegangen wie eine einzige ſtill⸗ helle Winternacht. Er ging jetzt wieder vor Beginn der Schule hinaus in's Feld, geleitet von Schatzhauſer, der wie des Pfarrers Hektor zum Spielzeug der Kinder geworden war. In der Schule ging es rührig her, Alles rüſtete ſich zur kommenden Heerſchau. Es war am letzten Februar, der Schnee war von den Feldern gewichen und lag nur noch in Graben und an den Rainen, da und dort rief eine Lerche wie freudigbang jene Doppeltöne, die ſie vernehmen laſſen, wenn ſie ſich aufſchwingen wollen. Eugen horchte auf und jetzt ſchwirrte eine Lerche über ihm hoch in die Luft und ſang ihr ſchmetternd Lied. Der Frühling iſt da! Der Frühling iſt da! rief es in Eugen und namen⸗ 8 loſes Entzücken hob ſeine Bruſt. Wenn er nur einen Menſchen hätte, dem er es jetzt ſagen könnte, wie glücklich er iſt; er begegnete wol Manchem, aber er wagte nicht, ihnen zu verkünden, daß die Lüfte ſingen: die Erde iſt wieder erſtanden!— Stille haltend ſprach er in ſich: Und die Liebe iſt eingezogen in dein Herz und jeder Sang eines Vogels iſt nur Wiederhall deines Jubels. Zum erſtenmale iſt's Frühling worden... „Ich weiß was du jetzt denkſt,“ ſagte plötz⸗ lich Bartelmä, der hinter ihm ſtand,„du biſt ein Poet und wünſcheſt dir jetzt Flügel und eine Lerchenkehle. Ich wüͤnſch' mir ganz anderes.“ „Was 2 „Wenn's Frühjahr wird, da hab ich doppelt den Wunſch, viel Geld, recht viel Geld zu haben, um frei mit permanenter Tabakspfeife in die Welt voll Wirthshäuſer hinein zu kutſchieren. Wo Geld iſt, iſt der Teufel, aber wo keins iſt, ſind zwei. Hörſt du dort den Fink auf dem Baum? Der hat ſeinen alten Schlag nicht verlernt, der Fink iſt der Student unter den Vögeln, morgen geht der März an und da kommen mir auch wieder meine alten Gedanken. Die früheren hellen Märztriebe an der deutſchen Eiche ſind verholzt, es müſſen friſchere kommen. Pi nut dae da der en an ei hr da A ur t, Was? Ein Huhn im Topfe für Jeden und n, nur Sonntags wie jener alte König gewollt hat, das iſt viel zu wenig; jeder majorenne Mann S im Staate muß künftig ſein Reitpferd haben, t das ihm der Staat putzt und füttert.“ n„Der Staat?“ lachte Eugen,„ja wohl, u der kann Alles.“ „Du verſtehſt nichts von der ſoeialen Frage,“ 3 entgegnete Bartelmä.„Aber ich hab von was anderm reden wollen. Ich bin dir nachgelaufen. 1 Du ſollſt mir dein Gewehr und deinen Hund ℳ leihen, ich will auch einmal auf die Jagd. Du 1 brauchſt nichts davon wiſſen. Meine Alsfelder 3 Holzmacher haben mich à la chasse eingeladen, 6 6 das ſind Staatskerle.“ 3 6„Wildern die jetzt?“ ¹ die„Per se. Das Volk hat einmal Wildpret 4 gefreſſen, die Bauergaumen wiſſen, wie hoch⸗ 3 it, adelige Haſen und monarchiſche Böcke auf der 7 em Zunge ſchmecken und das vergißt man nie. Du 3 icht weißt ja, mir hat das Gleichniß vom Kaidl den wohlgefallen, daß dieſer Geſchmack das beſte. da Erinnerungszeichen iſt, beſſer wie er geſagt hat, en. als alle hiſtoriſchen Ohrfeigen, die die Schul⸗ hen jugend Europa's— das iſt das deutſche Volk ten.— bei jedem großen Ereigniß bekommt, damit es 8* 116 das Datum nicht vergißt. Der Kaidl hat's prophezeit, daß das Volk das genoſſene Wild nicht vergeſſen wird.“ „Wildpret verdaut ſich am ſchnellſten,“ gab Eugen ſcherzend zurück. Als Bartelmä jetzt an der Bachmühle nochmals um die Waffe bat, ſchlug er ihm rundweg ſein Verlangen ab und da er jetzt Vittore am Fenſter bemerkte, eilte er raſch davon und ließ Bartelmä ſtehen.„Du wirſt das Nächſtemal auch gehenkt, du verdamm⸗ ter Ariſtokrat,“ brüllte noch Bartelmä dem Weggeeilten nach. Ueber'm Berge kam plötzlich in dunkler Wolke ein Schneeſturm herangebrauſt, ſo daß ſelbſt die Raben, die ſich jetzt den Menſchenwoh⸗ nungen zuwendeten, nur mühſam ſich hindurch⸗ arbeiteten. Verſtummt war jetzt der ſchüchterne Lerchenſang draußen und die Frühlingsluſt im Herzen unſeres Wanderers. Hat ſich die Daſeinsfreude zu früh heraus⸗ gewagt und müſſen noch erſtarrende Stürme die Erde heimſuchen, bevor ſie ſich eines erneuten Lebens freuen darf? Es erſterben Lerchen, die dem lockenden Blicke der Sonne zu früh ver⸗ traut, aber der Frühling bleibt nicht aus und iſt er da, heller Sang umzieht ihn und in —— Freude begraben ſind die verſunkenen zu früh vertrauenden Boten.— In dem Geiſte der Kinder war ein knos⸗ penquellendes Frühlingsſproſſen, das wie Eugen hoffte unabhängig ſein ſollte von Wind und Wetter, und wie er im Genügen ſeines Wirkens und Empfindens ſich fühlte, erkannte er, daß er den Kindern jetzt mehr war, als je; denn ein in ſich erfülltes Daſein ſtrömt wie von ſelbſt ſeine Kraft in andere über, der Zufriedene voll⸗ führt ſeine Pflicht am nachdrücklichſten; Eugen war zufrieden in der urſprünglichſten Bedeutung des Wortes. Der unverhofft wieder eingetretene Winter ſtörte ſeine innere Luſt nicht. Wenn er jetzt im Felde umherſtreifte, freute er ſich des Windſturmes, der die Knospen auf⸗ rüttelt, die Wurzeln weckt und tiefer einſenkt. In den Frageſtunden, die er jetzt ſo oft als thunlich im Freien abhielt, lenkte er die Forſchung der Kinder auf das Naturleben. Einſt, es hatte in der Nacht ſtill gerieſelt und an den blätterloſen Zweigen hingen glitzernde Regen⸗ tropfen, war Eugen mit den Kindern hinaus⸗ gezogen und freute ſich ihrer hellen Luſt, über die die Lerchen hinſchwirrten, die beim erſten warmen Sonnenſtrahl ſich wieder aufmachten; die Staare 118 waren ſchon in großen Flügen da, und der Rabe 6 ſaß krächzend auf dem ſchmelzenden Schneefelde. Ein ſonſt ſchweigſamer Knabe, des Krämer. Maier's Karl fragte:„Herr Lehrer, woher kennt 3 das Lerchenmännchen ſein Lerchenweibchen, es ſieht doch eins aus, wie das andere?“ Eugen ſö nahm den Knaben an der Hand und ſagte ihm: i „Das weiß man nicht.“ Er konnte und wollte it nicht, wie das gewöhnlich geſchieht, das Tauſch⸗ 7 wort Naturtrieb für das Geheimniß unterſchieben. Er ſcheute ſich überhaupt nicht zu bekennen: Das de weiß ich nicht, oder auch: Das muß ich in k Büchern nachſchlagen. Sein Anſehen bei den di Kindern litt dadurch keinesweges und er fand. ſo den Grundſatz ſo vieler Lehrer falſch, daß man den Kindern wie ein allwiſſender Gott erſcheinen la müſſe. Er hatte noch immer Kenntniſſe genug, e um keine heucheln zu brauchen. Unter freiwilli⸗ f ger Zuhörerſchaft Vieler erklärte er dem Kall, wie die Thiere die Welt ganz anders ſehen als b wir, wie den Inſekten mit ihren vielen Augen, dem Pferde mit der Tapetenhaut im Auge Alles b wol anders erſcheine.— Die ſich freiwillig um n den Fragenden geſchaart hatten, hörten mit ge⸗ K ſpannter Aufmerkſamkeit und Eugen bedauerte, daß dieſe erziehliche Maßregel ſich ſo ſelten an⸗ wenden ließe; denn die Menſchen nehmen viel leichter etwas in ſich auf, das nicht unmittelbar an ſie gerichtet iſt und das ihnen zufällig zufliegt. Das aber erkannte Eugen auch, wie es vielfach nur Redensart iſt, daß man die Naturwiſſen⸗ ſchaften zum Hauptgegenſtande des Unterrichtes in der Schule machen könne; die Fortpflanzung iſt die weſentliche Geſchichte von Pflanze und Thier, die dem Kinde nicht zu deuten iſt. „Herr Lehrer,“ fragte im Nachhauſegehen des Schmieds Chriſtian,„warum giebt's denn keine Kühe und Gäule oder Rehe und Schafe, die ſo grün ſind wie Ackerfeld und Baum, oder ſo blau wie der Himmel?“ „Die Heuſchrecken ſind ſo grün wie Gras,“ lachte der Sanscülotte und Eugen erklärte, daß es von den Blattkäfern an immer höhere und feinere Organiſationen gebe, die auch in den Farben ihre Mannichfaltigkeit und Selbſtändigkeit bekundeten. Natürlich fehlte es auch nicht an rein al⸗ bernen und ſinnloſen Fragen, aber dieſe dienten meiſt zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit. Wenn dann Eugen allein ging, war es ihm, als ob er thauige Luft tränke; er wandelte einſt im erſten ſproſſenreichen warmen Früh⸗ regen und fühlte mit Feld und Wieſe wie das zum Leben erwacht. Er mochte gerne ſo fort wandern, weit, weit, und wieder ſtill ſtehen wie ein Baum. „Ihr ſehet ja aus wie der Frühling,“ ſagte eines Morgens das Ruſele, das ihm faſt jedes⸗ mal begegnete mit einem Topfe voll Kaffeeſatz, den es aus dem Pfarrhauſe holte und dann vor Nachhauſegehen das erſte Grün für ſeine Ziege ſammelte. Jetzt hatte es das Ruſele beſonders auf Neſſeln abgeſehen, die es abkochte und als Frühlingskur ſeiner Ziege gab.„Die Neſſeln ſind doch auch zu was gut,“ ſagte das Ruſele dies erklärend unſerm Wanderer. Eugen hatte ein neues Mittel zur Befeſti⸗ gung der Ordnung in der Schule gefunden. Es galt als Lohn für Fleiß und Sittſamkeit, wer ihm beim Umarbeiten ſeines Gartens, der noch von Kaidl's Zeiten her verwahrloſt war, helfen durfte. Im ganzen Dorfe herrſchte Freude und Lob, daß die Kinder noch nie ſo gern in die Schule gegangen ſeien als jetzt. Eugen erfuhr das wieder durch Lipp und als auch Vittore ſolches beſtätigte, war er voll Jubel. „Habt ihr die Kinder ſchon ganz vorbereitet für die Prüfung?“ fragte Vittore. T un w ih 9 6 de di w 121 Wie draußen eben nochmals ein Schnee fiel, die Wieſen waren ſchon grün, Schoſſe und Triebe hatten ſich an allen Zweigen aufgethan und die Amſel hatte ſchon geſungen, ſo war es Eugen jetzt plötzlich, als ob all ſeine helle Freude wieder verſchneit wäre. Er geſtand Vittore, daß ihm vor der Prüfung bange, er habe darin noch gar keine Uebung. Vittore redete ihm ernſt zu Gewiſſen, wie weit gefehlt das ſei, ſich und den Kindern allerlei zu geſtatten und das Nöthigſte darüber zu verſäumen. Eugen entgegnete, daß die Kinder geiſtig geweckter ſeien als Viele, wenn ſie auch in der ordnungsmäßigen Prüfung ſchlecht beſtehen würden, wie er voraus wiſſe. Vittore ließ das gelten, forderte aber um ſo entſchiedener, daß man ſich ſo ſtelle, daß einem Niemand was anhaben könne. „Wiſſet ihr was?“ ſpottete Vittore zuletzt, „übermorgen iſt Hochzeit im Lamm in Röth⸗ hauſen, des Schäufler-Davids Marie heirathet ven Metzger Philipp. Es geht jetzt in einem hin, eure Schulprüfung fällt hin und her ſchlecht aus, wie ihr ſaget, ihr könntet euch noch einen freien Tag machen und zur Hochzeit nach Röth⸗ hauſen gehen.“ Zum erſtenmale kehrte Eugen mißmuthig 122 aus der Bachmühle heim, er glaubte in dem Weſen Vittore's eine Beſchränktheit zu finden; ſie hatte kein Gefühl für den Wonneduft einer freien in ſich befriedigten Thätigkeit, die nicht nach amtlichen Zeugniſſen und Anerkennungen von außen fragte; die Säulenreihe der feſten Begriffe, die er ihr einſt zugeſchrieben, verwan⸗ delte ſich jetzt in einen dürren Zaun, der einen dürftigen Nutzgarten umhegte. Er nahm ſich vor, Vittore anderes zu beweiſen als er ausge⸗ ſprochen hatte. Mit einer Haſt, die die Kinder ſtutzig machte, räumte er alles nicht ſtreng Plan⸗ mäßige weg und bald glaubte er den Triumph zu erreichen, bald ward er mit Kummer ſeines Mangels an den gewöhnlichen Handhaben inne. Bald erkannte er aber auch, daß nicht eine Be⸗ ſchränktheit, ſondern edles Pflichtgefühl aus Vittore geſprochen habe. Er ſuchte Vittore nach einer ganzen Woche angeſtrengter Arbeit auf und wollte ihr Abbitte thun für das Unrecht, das er innerlich gegen ſie begangen, aber ſie lachte ſo ſchelmiſch und wußte ſo viel von der Hochzeit in Röthhauſen zu erzählen, daß er gar nicht zu Worte kam. Eines Morgens wurde er ſeltſam überraſcht. Deeger kam und ſagte, daß er mehrere Tage i m hier bleibe, um die Kinder zur Prüfung einzu⸗ üben. Eugen war voll Freude und Dankes, aber er bemerkte auch an Deeger ein auffallendes necki⸗ ſches Lächeln. Endlich erklärte Deeger, daß er zwar ſelbſt daran gedacht habe, dem Freunde zu helfen, daß er aber eigentlich von Vittore, die zur Hochzeit in Röthhauſen war, dazu aufgefor⸗ dert worden ſei. Eugen fiel Deeger um den Hals. Vittore hatte nie ein Liebeswort zu ihm geſprochen, ſie ſprach in Thaten.„Ich habe Freundſchaft und Liebe,“ rief Eugen vollen Herzens,„die Freiheit muß mir werden!“ ——— — ——————————— ——— — —— Siebzehntes Rapitel. Mit dem Freunde jetzt gemeinſchaftlich arbei⸗ ten, war nicht minder erquickend, als mit ihm im Morgenthau in die ergrünende Flur hinaus⸗ wandern und am Abend im traulichen Kreiſe in der Bachmühle ſitzen. Eugen ſprach gegen Vittore kein Dankeswort aus, aber ſie mochte ſeine Em⸗ pfindung für ihre That verſtehen, da er ſagte, wie glücklich er ſich durch die Anweſenheit und Beihülfe des Freundes fühle; Vittore ſchlug bei dieſem Ausſpruche nur Einmal den Blick auf gegen Eugen. Sie war und blieb das ſtrahlaugige Mädchen. Deeger hatte ſeine volle Freude an der Liebe Eugens und Vittore's, aber er ſprach mit dieſer, die zum offenkundigen Zeugniß ihrer Liebe jetzt beſonders zutraulich gegen ihn war, nie von dem Freunde und enthielt ſich überhaupt jeder fördernden Vermittlung; denn ihm ſchien nicht nur die außergewöhnliche Lage Eugens ein tiefes Bangen einzuflößen, er war auch zart und be⸗ ſonnen genug, zu wiſſen, daß jeder Einblick eines 125 Dritten, ſo ſehr er auch gewünſcht werden mag, doch leicht etwas Anfremdendes zurückläßt. Er hörte den ſtürmiſchen Jubel Eugens ſtets gelaſſen und wortlos an und nur wenn es galt etwas in dem Weſen Vittore's aufzuklären, ließ er ſich zu Worten drängen. So ſagte er einmal: „Wundre dich nicht, daß Vittore jedes Liebeswort, jede Empfindungsäußerung vermeidet; ein Bauernmädchen ſpricht nicht gern von Liebe. Bei Vittore iſt noch ein Außergewöhnliches, ſie hat ſchon einmal geliebt, hat reife Lebenser⸗ fahrungen, da ſpricht man nicht gern von Ge⸗ fühlen.“ „Ich komme mir neben ihr oft kindiſch vor. Sie erſcheint mir überhaupt viel reifer als ich.“ „Das iſt ſie nicht, ſie iſt nur thatfeſter, heimiſcher in beſtimmtem Lebenskreis. Solche Menſchen ſcheinen gegenüber den in Gedanken Lebenden reifer, ſie ſind es aber nicht. Du wirſt ſtets finden, wie ſehr du über Vittore ſtehſt. Es iſt mir aber ein Zeugniß deiner innigen und wahrhaften Liebe, daß du dich geringer achteſt, als du berechtigt biſt.“ „Mich verlangt zu wiſſen,“ ſagte Eugen plötzlich abſpringend und in eine ſeltſame Ge⸗ —— — ——————— — — ————— —— 126 dankenverbindung übergehend,„wie ſie es auf⸗ nehmen wird, wenn ich ihr erklären werde, wer ich bin und das muß ich und bald.“ „Vittore hat ein korrektes Denken,“ ent⸗ gegnete Deeger. „Korrektes Denken,“ wiederholte Eugen, „du haſt's getroffen.“ Das Wort drang ihm wunderbar zu Sinne und Deeger fuhr fort: „Sie wird, wie ich glaube, deine Standes⸗ hoheit als ganz bedeutungslos anſehen. Du mußt aber dabei bleiben, ſo lange du nicht voll⸗ kommen frei biſt, ſie durch kein ausgeſprochenes Wort an dich zu binden. Es iſt ſchon mehr als genug an dem bereits Geſchehenen.“ Ein Menſch in flammender Begeiſterung begreift den nüchternen Kaltblütigen kaum. So ſehr es auch Eugen hätte beruhigen und zufrie⸗ denſtellen ſollen, daß Vittore ſeinem ehemaligen Stande gar keine Bedeutung beilegen würde, er fand dieſe Erwartung doch nicht willkommen; er hatte ſich's als einen Triumph ſeiner Liebe gedacht, einen hochgeſchätzten Lebensſchmuck ihr zu Füßen zu legen, er hatte ſich gewünſcht, noch viel mehr zu ſein, um Alles für ſie opfern zu können. Aus dieſen Gedanken⸗Widerſprüchen heraus, ſagte er jetzt nach langem Verſtummen: ſhe ma uf⸗ ver nt⸗ en, hm „Ich bin doch noch verdorben, es liegen ſcheinbar erſtorbene Wurzeln im Gemüthe, die man nicht ahnt.“ Deeger forſchte nie nach Räthſelworten, er betrachtete ſie als ungehört und erwiederte auch jetzt nichts. Eugen mußte für ſich allein den noch nicht völlig getilgten Hochmuth ſeines Stan⸗ des niederkämpfen. Auf den Feldgängen breitete Eugen ſein innerſtes Gedankentreiben aus, gleichwie die Bäume jetzt ihren vollen Blüthenſchmuck er⸗ ſchloſſen; der unmittelbare Beruf, die Wiſſen⸗ ſchaft, das Freiheitsſtreben und die Liebe, Alles ſchwirrte über die grünende Erde hin und holte ſich ſeine Nahrung. Eugen konnte ſich eines Veilchens freuen und gleich darauf die Betrach⸗ tung daran knüpfen, daß dieſes Blümchen darum ſo düftereich iſt, weil es früh und ſo verborgen blüht, daß keine Biene daran naſchen kann; er konnte ſich über„die Agenten in der Natur,“ die Käfer, luſtig machen und ſich mit den Staa⸗ ren freuen, denen der verhaßte friſche Maul⸗ wurfshügel Heerd und gedeckter Tiſch war; er konnte in der Kleeausſaat, die man jetzt unter Roggen und Frühgerſte miſchte, eine bedeutſame Schulmethode finden und gleich darauf wieder ſich ſelbſt verſpotten, daß Alles, was er ſchaue ſich in Peſtalozzi verwandle und die grünenden Stauden zu winkenden Schulbakeln würden. Mit traurigem Scherze rief er einmal: „Alles Naturleben baut ſich aus der Grund⸗ form der Zelle auf und daher haben gewiß die Herren der Welt gelernt, das junge Freiheits⸗ ſtreben in das Zellengefängniß zu ſperren.“ Gleich darauf ſagte er aber wieder:„Gvoethe als Demokrat wider Willen hat uns gelehrt: Die Blume iſt auch nur ein Blatt, wir aber ſagen doch jetzt: Die Blätter ſind auch Blumen.“ Vor einem Blüthenbaum ſtehend tieſe droben ſteht die neue Weltgeſchichte. Dort wo jetzt an den Zweigen die Blüthen ſind, kommen das nächſte Jahr keine, in den Achſeln der Blätter vorbilden ſich die Keime der nachjährigen. So iſt's auch in der Menſchheit, es kommen andere Geſchlechter daran. O Welt, wie biſt du ſo reich.“ Solches und noch viel tauſenderlei ſprach er hin in die frühlingshelle Luft und Deeger ſchien ſich deſſen ſtill zu freuen und drückte manch⸗ mal den Arm des Freundes feſter an ſich. Am letzten Tage vor ſeiner Abreiſe ver⸗ wandelte ſich Deeger in den Schulinſpector und ließ Eugen ganz genau die Prüfung abhalten. er⸗ und Es ging, wenn auch nicht ohne Hinderniſſe, doch ziemlich fertig von ſtatten, und Deeger nickte bejahend als Eugen beim Abſchiede ſagte: „Die Gefahr iſt noch nicht vorbei, aber ich fühle mich ihr gewaffnet. Danke dir ſelber.“ Auf den Samſtag vor dem weißen Sonntag, der diesmal erſt Ende Aprils war, hatte der Inſpektor die Prüfung anberaumt. Ein jammervolles Heulen am Prüfungs⸗ morgen weckte Eugen. Lipp hatte den Schatz⸗ hauſer eingeſperrt, damit ihn der Inſpektor nicht zu Geſichte bekäme und abſchaffe. Eugen wußte ein beſſeres Verſteck, er ſchickte den Hund nach der Bachmühle, wo er gern blieb. Auf acht Uhr war der Beginn der Prüfung angeſetzt. Eugen hatte die Kinder ſchon um ſieben ſich einfinden laſſen, wie Deeger angeordnet hatte und daran war wohlgethan; denn lange vor der anberaumten Zeit fand ſich der In⸗ ſpektor im Geleit des Pfarrers und Vikars und eines Theils des Gemeinderathes ein. Der Lehrer von Alsfeld folgte bald hinter ihnen. Auch Eltern und erwachſene Geſchwiſter ſammelten ſich und gingen ab und zu. Eugen war ſelber erſtaunt, wie leicht Vieles von ſtatten ging und ſprang über die Stockungen keck hinweg. Der 9 ——— — 130 Inſpektor aber ließ das nicht ſo leicht geſchehen und wußte die Lücken und Mängel kenntlich aufzuweiſen. Eugen ließ ſich dadurch nicht irre machen und begann jeden neuen Gegenſtand mit ungebrochenem Muth, der nun auch auf die Kinder überging, die wie eine geworfene Schwa⸗ dron ſchon völlig alle Zuverſicht verlieren wollten und ſelbſt das was ſie wirklich innehatten, nur mühſam hervorſtotterten. Am Mittag wieder⸗ holte ſich der officielle Schweiß und am Schluſſe, nachdem der Inſpektor zur Ehrfurcht vor Gott und dem Fürſten ermahnt und die Kinder ent⸗ laſſen hatte, wurde Eugen vor den Verſammelten bedeutet, daß die Prüfung nur eine mittelmäßige ſei und man ſich künftig eines beſſern von ihm erwarte. So ſchmerzhaft dieſe Aeußerung ſein mußte, ſie wurde raſch wieder gelindert, da der Gemeinderath auf die Frage, ob er etwas gegen den Lehrer und ſein Betragen vorzubringen habe, einſtimmig verneinte mit dem Zuſatze, es ſei Jedermann„rechtſchaffen zufrieden“ mit ihm. Ol! es iſt doch ſchwer, mehr als ſich vor⸗ ahnen läßt, in der Hingebung an die Welt ſtets in die Hand Anderer gegeben zu ſein, die innere Sicherheit und die Haltung nach außen ſtets von der Gerechtigkeit und dem Wohlwollen An⸗ hen lich irre nit die wa⸗ lten nut der⸗ uſſe, Fptt ent⸗ lten ige ihm ſein der egen abe, ſei . or⸗ tets nere ſets derer abhängig zu wiſſen. Wie ganz anders ſind die geſtellt, die egoiſtiſch in ſich leben.... Als es bereits dämmerte, ging Eugen nach der Bachmühle. In dem blühenden Flieder im Garten ſang die Nachtigall und dort vom Berge rauſchte hell der Waldbach und klopſte raſch die Mühle. Ja, hier wohnt die Liebe und die in ſich geſchloſſene Thätigkeit. Eugen ſtand wieder an der Stelle, wo er am erſten Abend geſeſſen und er ſah dankend hinauf nach dem Hauſe, denn hier fand er die Stütze zur Ausdauer in ſeinem Berufe; er zweifelte ſehr, ob er um des allgemeinen Gedankens willen hätte ausharren können. Wenn jetzt Vittore kam, er hätte alle Schranken zerriſſen und hätte von ihren Lippen Seligkeit und Friede getrunken. Die Nachtigall ſang immer wonniger, aber Vittore war nirgends zu finden. Er ging hinauf in die Stube, die Bachmüllerin war allein, ſie glückwünſchte ihm und als er dies ablehnte, ſagte ſie: „Sehet ihr, es lohnt ſich Alles auf der Welt. Daß ihr dem Vikar beigeſtanden ſeid, das trägt jetzt ſeine Frucht. Der Vikar hat überall heilig verſichert, daß eure Kinder das beſte Zeugniß verdienen; ſie ſeien nicht nach der Schnur abgerichtet, aber aufgehellter als die in 132 ————— ———— den meiſten Schulen. Des Mareile's Mutter hat's mir berichtet und ihr geltet jetzt im Dorfe mehr als der Inſpektor. Freuet euch nur recht⸗ ſchaffen.“ Die Bachmüllerin nickte wohlgefällig, da Eugen ſagte, daß ihm die Freude eine doppelte ſei, da er ſie von ihr bekäme. „Wo iſt die Vittore?“ fragte er jetzt. Sie ſollte die Genoſſin ſeiner Freude ſein, war ſie ja der Urſprung; wieviel mißlicher wäre es ergangen ohne ihre Beihülfe. „Die Vittore iſt im Stall, ſie hat ſich's nicht nehmen laſſen und iſt die ganze Nacht dort geweſen, ihre Lieblingskuh, die Anſel, hat heut Nacht gekalbt und jetzt giebt ſie ihr warme Tränke, ſie nimmt ſie ſonſt von Niemanden. Ich höre meine Vittore die Stiege heraufkommen.“ Von unſichtbarer Hand öffnete ſich die Thüre und ſchloß ſich wieder. Schatzhauſer ſprang herein, hüpfte an ſeinem Herrn empor und legte dann ſeinen Kopf auf deſſen Schooß und blickte ſo wehmüthig auf, als drückte er den Schmerz aus, daß er nicht Alles wiederſagen könne, was Vittore mit ihm geſprochen. Als jetzt dieſe ſelber eintrat, rannte er ihr entgegen. Es gab viel zu erzählen und Vittore ſchlug das Auge —— ——— 133 nicht nieder, ſondern ſchaute Eugen feſt an als er ſagte, er verdanke das Hauptſächliche einem guten Geiſte, der für ihn geſorgt habe. Draußen lag heller Mondenſchein und die Nachtigallentöne klangen immer lieblicher. Eugen ſehnte ſich darnach, Vittore allein zu ſprechen; er lächelte innerlich über den glücklichen Aus⸗ weg den er fand, indem er den Wunſch aus⸗ ſprach, das neugeborene ruhmreiche Kälbchen zu ſehen. Vittore ſtand auf, aber auch die Mutter ging mit; es durfte ſich jedoch der Amſel Nie⸗ mand nähern als Vittore. Vor dem Bienen⸗ hauſe ſtand dann Vittore ſtill und erzählte mit Freude, wie gut ſie ihre volkreichen Stöcke über⸗ wintert habe, ſie habe das letztemal im Auguſt gezeidelt*) und das ſei beſſer als im Herbſt, weil ſich da die Bienen noch ſammeln können was ſie brauchen, und ſo habe ſie dieſen Winter das Füttern erſpart; ſie zeigte dann mit beſon⸗ derer Freude das ſogenannte Katzenkraut, das ſie dort gepflanzt hatte, das im Frühling zuerſt blüht und für die Bienen ein wahrer Schmaus iſt. Als Eugen ſeine Unkenntniß in der Bienen⸗ zucht geſtand, erklärte ihm Vittore ſchnell die *) Honigernte gehalten. 134 Hauptthätigkeiten durch das ganze Jahr und verſprach ihm einen Vorſchwarm zu geben, wenn er ſich anlegen wolle,„freilich,“ ſetzte ſie hinzu, „iſt der Schulgarten nicht beſonders geſchickt dazu, hier iſt's beſſer, wo die Weiden ſind und das ganze Jahr allerlei Blumen aufkommen.“ Wie geſprächſam war jetzt Vittore, ſie, die ſonſt nur zu abgebrochener Rede zu bringen war; ſie ſprach noch immer kein Liebeswort, aber in dieſem Darlegen ihrer Lieblingsthätig⸗ keiten war mehr als jede Gefühlsäußerung. Wol auch aus dieſer innern Anwendung er⸗ wiederte Eugen: „Wie die Bienen aus blühendem Reps und Wicken reichen Honig ſaugen, wo die Beſitzer nur künftiges Oel und Futter darin ſehen, ſo geht es auch mit vielen Thaten und Reden der Menſchen; wer's verſteht kann ſich ſüße Gedanken daraus holen.“ „Mutter!“ rief Vittore,„das iſt eines von euren Gleichniſſen, das iſt, wie wenn ich euch hör.“ „Vor deinem vielen Reden hört man die Nachtigall gar nicht,“ ſchalt die Bachmüllerin und Vittore erzählte Eugen leiſe, wie ſehr be⸗ ſonders des Pfarrers Adelheid von der Nachti⸗ und itzer ſo der mken von die lerin be⸗ 135 gall ſo viel Aufhebens mache, die Adelheid ſei überhaupt eine beſondere, ſie lache ſie oft aus, weil ſie die engliſch⸗chineſiſchen Schweine pflege, die der Vater eingethan habe, die Adelheid habe nur die Schafe gern, ſonſt gar kein Thier. Als man die Gartenthüre öffnete, kam des Pfarrers Hektor heraus und bewillkommte ſeinen Freund Schatzhauſer und aus der Laube dort trat jetzt der Vikar mit ſeiner Braut an der Hand. Das gab jetzt des Scherzens und Lachens genug. Da die Laube nicht Raum genug hatte, ſetzte man ſich gemeinſam auf die Bank vor dem Hauſe. Der Vikar erzählte, daß in dem Dorfe allgemein die Rede ſei, der Doctor Metzler, der ſogenannte Fragſamenhändler, ſei der Spion und Angeber des Dorfes; er erſuchte Eugen, ihn vor der Rache der Menſchen zu warnen. Ueber die Herzen, die ſich hell der Frühlings- und Liebes⸗ luſt erſchloſſen, breitete ſich ein dunkler Schleier, da man ſich den Kummer ſo vieler Familien um ihre eingekerkerten Väter und Brüder ver⸗ gegenwärtigte. Adelheid wehrte ſich beſonders gegen ſolchen Trübſinn und als Eugen ſie bat, ein Lied zu ſingen und auch Vittore die gleiche Bitte ausſprach, betheuerte Adelheid in aufrich⸗ tigen Worten, daß ſie kein Lied ohne Klavier⸗ „ begleitung ſingen könne. „Das verſteh ich nicht,“ rief Vittore,„tril⸗ lerſt das ganze Jahr wie ein Kanarienvogel und jetzt kannſt du nichts, weil du den Klavierkaſten nicht bei dir haſt. Halt, du haſt ja erſt vor acht Tagen ein Lied vom Frühling geſungen, das mußt du können, fang nur an.“ „Glaubet mir, es geht nicht ohne Klavier⸗ begleitung.“ „Das iſt wunderlich, ſpricht das Lied vom Frühling im Wald und braucht ein Klavier.“ Eugen gab Vittore recht und erklärte, wie ſeltſam es ſei, daß man ein Lied nicht da ſingen könne, wo es empfunden werden muß; er war eben daran ſich mit dem Vikar in einen Streit über höhere und volksthümliche Muſik zu ver⸗ wickeln als Alles in ihn drang, etwas Allge⸗ meines anzuſtimmen; er ließ ſich nicht lange bitten und Alles, ſelbſt der Vikar, ſtimmte mit ein: Ein Jäger in dem grünen Wald Muß ſuchen ſeinen Aufenthalt. Er ging im Wald wol hin und her Ob auch nichts anzutreffen wär. Mein Hündelein iſt ſtets bei mir, In dieſem grünen Laubrevier. vom wie gen war treit itten 137 Mein Hündlein wacht, mein Herze lacht, Meine Augen leuchten hin und her. Da ruft mir eine Stimme zu: „Wo biſt denn du, wo biſt denn du?“ „Wie kommſt du in den Wald hinein, Du ſtrahlaugig Mägdelein?“ „Um dich zu ſuchen bin ich hier, In dieſem grünen Waldrevier; Ich ging im Wald wol hin und her, Ob auch kein Jäger drinnen wär.“ Ich küßte ſie ganz inniglich Und ſprach:„Fürwahr du biſt für mich; Bleib du bei mir als Jägerin So lang als ich auf Erden bin. Allein ſollſt du nicht wandeln hier In dieſem grünen Waldrevier. So lang die Welt zuſammenhält Sind wir zuſammen in der Welt.“ Bei den letzten Worten hatte Eugen die Hand Vittore's gefaßt und hielt ſie feſt, ſie riß ſich los, aber er glaubte doch den Druck ihrer Hand gefühlt zu haben. Jetzt kam der Bachmüller und ſagte, der Abend ſei noch zu kühl zum Draußenſitzen. Man verabſchiedete ſich bald und Eugen geleitete das Brautpaar in der duftigen Frühlingsnacht das Dorf hinein. Er ging ſtill neben den Ueberglück⸗ lichen und ſchwer im Herzen fühlte er, was ge⸗ 138 ſchehen war und wie unbedacht er ein Leben hineinzog in ſein dunkles Daſein.— Am weißen Sonntag ſchaute Alles auf nach der Kirche, Storch war angekommen, das kündete ein feſtes Frühjahr, und Bartelmä, der mitten unter den Verſammelten ſtand, zu denen ſich Eugen geſellt hatte, ſagte zu dieſem: „Ich hab' kein blutiges Kreuzerle im Ver⸗ mögen und wer kein Geld in der Taſche hat, wenn der Storch kommt, hat das ganze Jahr keines.“ Eugen hieß ihn mitgehen und ſchenkte ihm einiges Geld, worauf Bartelmä ſagte, er werde ihm das mit Zinſen heimgeben. Als aber Eugen im Weitergehen den Bar⸗ telmä zu ruhiger Stimmung und Fürſorge für ſeine Zukunft bewegen wollte, erwiederte dieſer: „Schweig mir nur von der Welt. Pfui! Jetzt iſt die Jungegänschenzeit, jetzt kriechen die gelbflaumigen, weichbeinigen Gemüthlichkeiten aus der Eierſchale, jetzt werden die Menſchen ver⸗ liebt wie die Maikäfer, und jetzt freut ſich der lederne Philiſter mit Kind und Kegel, daß die Lerchen wieder da ſind und die Schwalben auch, und daß er Spinat kriegt und wohlfeiles Kalb⸗ fleiſch. Pfui! Ich wollt' ich wär' im Penſyl⸗ ben s der ſen Ber⸗ hat, fahr ihm uch, alb⸗ vanium und könnte mir einreden, draußen iſt ein zorniges Geſchlecht das bald den Kehraus aufſpielt und nicht Philiſter, die den Fortſchritt der Zeit nur daran ſehen, daß ihre Meerſchaum⸗ köpfe brauner geraucht ſind. Ich für mich bin entſchloſſen. Ich lebe noch acht, höchſtens zehn Tage. Thue ich bis dahin meinen Fang, gut, dann komm ich nochmals auf Univerſität und das als Präparat⸗Froſch, wo nicht, geh ich nach Penſylvanium.“ Es gelang Eugen nicht, weder die räthſel⸗ haften Worte aufzuklären, noch den Verwilderten anderen Sinnes zu machen; ſelbſt das Verſpre⸗ chen, daß Kronauer ihm eine Stelle geben müſſe, wurde verlacht. Die Kirchenglocke mahnte Eugen an andere Pflichten. Am heutigen Tage wurden die Kinder con⸗ firmirt und aus der Schule entlaſſen. Eugen war ſelber tief bewegt, als nach der Kirche die Kinder noch zu ihm kamen und dankten, wobei des Sonnenwirths Franz im Namen der Knaben ſprach und das Mareile für die Mädchen ſpre⸗ chen wollte, vor Weinen aber faſt nicht konnte. In dieſer freiwilligen That der Kinder fand er Entſchädigung dafür, daß ſein Verhältniß zu ————— den Kindern in der Kirche ganz unbeachtet ge⸗ blieben war. Gründonnerſtag, Charfreitag, die Oſtertage kamen und Eugen erſchaute ſich wie neu, da er ſein Leben jetzt ganz an die Kalendertage ge⸗ knüpft fand. Er hatte frei für ſich gelebt in ſelbſtgeſchaffenen Hochpunkten; wie ganz anders war das jetzt. Wenn er in die Häuſer ſchaute, wie breitete ſich da ein höherer Feſtglanz aus. Die Kirchenordnung hatte ſich eingelebt in das Fami⸗ liendaſein. Dieſe Feſte waren doch wie beſtimmte Grußformen, die der Menſch dem Univerſum weiht und ſich in die reine Daſeinsfreude verſenkt. So lange man auf einſamer Gedankenhöhe ſteht, kann man deren vergeſſen. Sein ganzes Denk⸗ leben konnte Eugen den Menſchen leicht hin⸗ geben, ſchwerer ward es ihm, aus dem Wider⸗ ſpruche mit ſeinen höchſten Ueberzeugungen ſich den religiöſen Formen anzubequemen. Und doch, iſt man hiezu nicht verpflichtet bei einem vollen Gemeinleben? Wie weit aber iſt man berechtigt ſeine innerſten Bekenntniſſe zu verſchweigen oder gar zu verleugnen?.... Am Oſtermontag war Eugen bei Kronauer zu Gaſte und aus ſeiner tieferregten Stimmung heraus ſagte er: — ge⸗„Man müßte die Menſchen hochſittlich machen, um ſie dahin zu bringen, ohne äußere Weihe 4 tage echte ſchöne Feſte zu feiern.“ aer„Ich fürchte,“ entgegnete Kronauer,„Sie ge⸗— wollen in gerechtem Unmuthe über die nichts⸗ t in würdigen Zuſtände der Gegenwart den letzten ders Halt, die letzte poſitiv ideelle Autorität unter⸗ aute, graben und ſehen alles Heil im Unglauben. Die Ueberhaupt aber iſt es unpraktiſch, in Dingen, ami⸗ die ſich der Forſchung entziehen, die Menſchen 4 mte reformiren zu wollen.“ 1 veiht„Ich bin der Anſicht,“ ſuchte Eugen zu enft. ſchließen,„daß man Niemanden weder Glauben ieht,* noch Unglauben geben darf, beides darf nur Er⸗ ent⸗ gebniß der perſönlichen Charakterentwickelung ſein.“ hin⸗„Sie ſind gläubiger, als Sie ſich geſtehen t wollen,“ entgegnete Kronauer, und dieſer ſo oft ſih wahrgenommene Hochmuth der auf ihre Poſitivi⸗ doch, tät Stolzen empörte Anfangs Eugen, aber er oi ſetzte ruhig auseinander, daß die Männer des zig geſchichtlich Poſitiven in Glaubensſachen, die an r eine abſolute Wahrheit glauben, folgerecht be⸗ kehrungsſüchtig und fanatiſch ſein müßten, nur ihre Bildung d. h. geſchichtliche Warnungen und. auer S Rechnungtragereien halten ſie davon ab; die Un⸗ gläubigen dagegen wiſſen nur von individuellen 142 Anſchauungen und perſönlichen Wahrheiten in dem nicht Beweisbaren und ſind darum folgerecht weder bekehrungsſüchtig noch fanatiſch, ſondern entwickelnd. So oft die beiden Freunde in die Tiefen ihres beiderſeitigen Weſens drangen, that ſich eine Kluft zwiſchen ihnen auf, über welche hin⸗ weg ſie ſich aber dennoch friedfertig die Hand reichten. Nachmittags ging Eugen mit Kronauer und dem Bachmüller durch das Feld. Die Sonne ſtand ſo hell am blauen Himmel, als ſchaute ſie begnügt und ſelbſtzufrieden auf ihre ſchöne Erde und es war ſo ſtill über Feld und Wieſe, daß man den Kukuk vom Alsfelder Walde herüber rufen hörte. Der Bachmüller beglückwünſchte ſcherzend ſeinen Freund Kronauer, indem er auf die ver⸗ mehrte Ausſaat von Erbſen und Bohnen hin⸗ wies. Das junge Ehepaar, der Metzger Philipp und des Schäufler⸗Davids Marie, kam Hand in Hand daher, aus ihren Angeſichtern leuchtete die helle Freude. „Noch ſiebzig ſolche Oſtern wie dieſe,“ grüßte Kronauer. —— d 1 in recht dern iefen ſch hin⸗ Hand r und onne e ſie Erde daß über rzend ver⸗ hin⸗ ilipp nd in e die ieſe,“ 143 „Dank ſchön,“ erwiederte Philipp und fuhr lächelnd fort:„aber ich bin nicht ſo wie Sie, Herr Baron, ich laſſe mir vom erſten Anbot was abhandeln.“ Im Weitergehen ſprach Eugen ſeine Freude darüber aus, wie das Dorf nun ſo ſein eigen worden, daß er Luſt und Leid jedes Einzelnen kenne. Der Bachmüller ſchaute ihn drob ver⸗ wundert an. Jetzt begegneten ſie dem Sanscülotten, der ſeine confirmirte Freiheit damit nützte, keck eine Cigarre zu rauchen. Eugen redete ihn ernſt verweiſend an, der Bachmüller aber war raſcher bei der Hand, er riß dem Knaben die Cigarre aus dem Munde und gab ihm eine tüchtige Maulſchelle dafür, wobei er ihm die Verſicherung gab, daß er dieſe jedesmal einhandeln könne, wenn er ihn ſo treffe. Man ſprach viel über den Uebelſtand, daß die Burſchen auf dem Lande zu früh ſelbſtändig würden; das Freiheitsgefühl Eugens ſträubte ſich gegen äußere Eingriffe und doch mußte er zuletzt bekennen, daß eine Rückſichtsloſigkeit hier wohl am Platze ſei. Kronauer wies ausführlich auf das Muſter Englands hin, wo die Männer um ſo gediegen kräftiger ſeien, weil ſie bis zur — 144 Reife in ſtrenger Zucht gehalten werden und nicht wie bei uns ihre beſte Jugendkraft in burſchikoſen Aufbrauſungen vergeuden, um dann bequemere Bierphiliſter zu werden. Auf der Anhöhe vor einem Schwarzdorn⸗ ſtrauche ſaß der Kloſemichel, ſchälte ſich einen Stock und fluchte immer vor ſich hin. „Was giebt's?“ fragte Kronauer. „Ich hab' mir da meinen Bettelſtab ge⸗ ſchnitten, es wachſen noch viele da, wer weiß, für wen ſie ſtark werden. Ich geh hinüber in's Thal und will mit meiner Frau und meinen Kindern Arbeit in der Fabrik ſuchen.“ Kronauer verſprach ihm Taglohn zu geben, wenn er fleißiger ſein wolle als bisher und beim Mähen nicht mehr„Judenbärte“ ſtehen laſſe. Der Kloſemichel verneinte und„Vinzenz!“ riefen plötzlich Kronauer und der Bachmüller wie aus Einem Munde. Die Straße daher kam haſtigen Schrittes ein bleicher Mann mit vollem Barte, der Bach⸗ müller und Kronauer ſtreckten ihm die Hände entgegen, die er kaum faßte und weiter drängte. Der Bachmüller hielt ihn aber feſt und ſagte, er ſolle ruhiger gehen, er wolle voraus eilen und der Frau ankündigen, daß er käme, und und ſt in dann dorn⸗ einen b ge⸗ weiß, r in's neinen geben, beim laſſe. riefen ie aus hrittes Bach⸗ Hände rängte. ſagte, eilen , und 14⁵5 ſchneller als man es ihm ſonſt zugetraut hätte, eilte er davon. Eugen erfuhr, daß dies der Schloſſer Vin⸗ zenz, der Vater des verſtorbenen Haſenſchartigen ſei, der nun berichtete, daß er ſeine noch rück⸗ ſtändige Zuchthausſtrafe geſchenkt bekommen habe. So ſehr auch Kronauer ermahnte, dem Bach⸗ müller einen Vorſprung zu laſſen, Vinzenz war kaum zu halten. „Die Schwalben fliegen,“ ſagte der Vinzenz einmal ſich umſchauend und breitete die Arme aus; er konnte nicht ſagen, wie er auf raſchen Schwingen hineilen möchte zu den Seinen. Der Schweiß perlte ihm auf der Stirne und Alles was des Weges kam umdrängte ihn, drückte ihm die Hände und geleitete ihn wie im Triumphe hinein in das Dorf. Jetzt kam aus dem Dorfe ein Menſchenſchwarm, aber eine Geſtalt eilte voraus, ein Kind auf dem Arme; Vinzenz ſprang ihr entgegen und lag weinend am Halſe ſeiner Frau, nahm ihr hierauf das Kind ab, das er noch nie geſehen und eilte damit in's Hüus. Als er hier den Haſenſchartigen nicht fand und hörte, daß er geſtorben ſei, ſchrie er laut auf und drückte ſich die Hände vor das Geſicht und die Thränen quollen zwiſchen den Fingern hervor. 10 146 „Gott hat uns ein anderes Kind geſchenkt,“ tröſtete die Mutter. „Du haſt's Philipp taufen laſſen; Dago⸗ bert muß es heißen wie mein guter lieber Kerl, der mir ſo weggeſtorben iſt. Komm her Dagobert,“ rief er und nahm das Kind aber⸗ mals auf den Arm. Eugen, Kronauer und der Bachmüller mußten ſich aus der Stube entfernen, um auch die anderen zu bewegen, die Eheleute allein zu ſſn Am Abend als der erſte Feſttag ausgeläutet war, tönte heller Sang durch das Dorf, die Mädchen gingen Arm in Arm ſo breit die Straße war und die Burſchen, unter ihnen Lipp als wirklicher Hauptmann, gingen hinterdrein und begleiteten die hellen Stimmen in natürlichem Accorde. Eugen horchte ihnen lange nach und in ihm jubelte es: O du deutſches Herz! Ge⸗ prieſen ſei deine Unverwüſtlichkeit, kaum iſt die harte Bedrängniß vorüber und noch liegt Alles vor dir in ödem Dunkel; du faſſeſt dich und jauchzeſt froh empor.... Noch lange ſaß Eugen ſtill und allein in ſeinem Garten. Ein Eingekerkerter iſt frei und das Lied iſt wieder erwacht und klingt enkt,“ Dago⸗ lieber un her aber⸗ müller n auch llein zu eläutet f, die eit die n Lipp erdrein lichem ch und Ge⸗ iſt die gt Alles ich und allein iſt frei d klingt 147 hell aus dem Munde des Volkes, wann wirſt auch du deine Freiheit finden in dir und um dich her?. Immer ferner klangen die langtönigen Liederweiſen, bis ſie endlich ganz verhallten. 10* — Achtzehntes Rapitel. Am zweiten Feſttage empfand es Eugen wiederum ſchwer, wie in der erſten Zeit, daß er am Morgen und am Mittag in der Kirche mitwirken mußte. Als er am Abend in der äußerte, wie es ihm ſo ſeltſam vorkomme, daß die Men⸗ ſchen beſtimmte Tage feſtſetzen, an denen ſie die Andacht in ſich erwecken wollen, ſtatt daß dieſe von ſelbſt kommen ſolle und ſch nach keinem Kalender richte, da ſchwieg Alles auf dieſe Worte, endlich ſagte Vittore: „Daran hab ich noch nie gedacht, aber an was anderes. Mir iſt's früher ganz wunderlich vorkommen, daß man ſich ſchön anthut und ſagt: jetzt geh ich zum Tanz und will luſtig ſein. Die Luſtigkeit fragt nicht vorher an, wie man ange⸗ zogen iſt und man kann ſie ſich nicht anfremen'“), aber doch iſt's wieder gut und nöthig, daß es ſo iſt. Die Muſikanten müſſen am Platz ſein *) beſtellen. 149 und zum Tanzen braucht man auch noch andere Leut' und die Luſtigkeit kommt dann ſchon von. ſelber, wenn man geſund iſt.“— Das Antlitz Vittore's leuchtete als ginge Eugen ſie zum Tanze und hörte die helle Muſit. Eugen daſ empfand in ſich eine ſo jubelvolle Freude, daß. er unwillkürlich beide Hände auf die Bruſt legte; ihm war's, als müßte ihm das Herz zerſpringen. g.8. vor Wonneſeligkeit.— ſ. Am andern Morgen in der Frühe, als eben 1 die Menſchen ſich wieder rüſteten, um nach der 1 Feſtesruhe die Arbeit neu aufzunehmen, bewegte ſich ein wunderlicher Aufzug durch das Dorf. Auf einem kleinen vierrädrigen Handwagen, der mit Betten ausgeſtopft und mit allerlei Kochge⸗ ſchirr behängt war, ſaß des Ruſele's Chriſtoph; auf dem Schooße des braunen Burſchen ſtand der flügelgeſtutzte Storch. Das Ruſele zog den Wagen und die ſchwarze Ziege lief bedächtig hinterdrein. „Wohin geht's?“ fragte Eugen, als das nen*), Ruſele bei ihm Halt machte und viele Menſchen es ſich ſammelten. ß ſein„An's Meer,“ antwortete Ruſele und „In's Meer“ wiederholte Chriſtoph; der Storch öffnete ſeinen Schnabel weit und die Ziege 150 ſchmunzelte mit ihren Lefzen, während Ruſele er⸗ klärte, daß ſie gewiß erfahren habe, ihr Chriſtoph werde durch das Seebad geheilt; ſeitdem habe ſie faſt keine Ruhe mehr gehabt, im Schlaf habe ſie immer das Meer rauſchen gehört und es habe ihr gerufen und geſungen:„Mach dich auf.“ Sie war voll Vertrauen, daß ſie ſchon bis dahin käme; die Ziege fände überall Futter und ſie auch. Jedes gab dem Ruſele noch ein Geſchenk mit den beſten Wünſchen. Während Eugen noch dem Wanderzuge nachſtarrte, brachte ihm des Sonnenwirths Franz zwei Briefe; der eine war von Theoroſa, die die Fruchtloſigkeit ihrer Be⸗ mühungen ausführlich darlegte und beklagte, der andere war von dem ausgewanderten Lehrer aus Cincinnati. Der ſogenannte Singvogel war Capitän auf einem Dampfſchiffe und Baumann war Prediger einer unitariſchen Gemeinde und außerdem Lithograph. Eugen las den Brief des Letztern wieder⸗ holt, denn er ſuchte auch darin Tröſtung für den Inhalt des Schreibens von Theoroſa. Der Tauſchmann dankte Eugen, daß er ihn gewaltſam herausgeriſſen habe aus unbeſtimmter Sehnſucht und daß ſeine ehemals jugendliche Ueberſchwäng⸗ lichkeit nun ein feſtes ewiges Ziel gewonnen. 151 *„Anfangs,“ hieß es in dem Briefe,„war 5 ich wie ein Steckling auf dem Felde, der zuerſt 2 zu verwelken ſcheint, dann aber friſch ſich ein⸗. wurzelt. Die Seereiſe, dieſes Hinausgeſetztſein ℳ in das einförmige Element iſt geeignet zur Ein⸗ . kehr in ſich und bereit zu machen, eine neue Welt dabin aufzunehmen. Dennoch war mir dieſe Welt . lange fremd.... Ich habe auch unſern Vor⸗ Wenk gänger Kaidl hier kenner gelernt, er hat die f och Heiſerkeit verloren, die er wie er mir ſagte, ſich 5 des im Sturmjahr 48 zugezogen hatte; er lebt nach 5* vielen Fahrten in Buffalo und macht Stearin⸗ t Be⸗ lichter; er iſt ein ruhiger und zufriedener Menſch der und wie ich höre, allgemein geachtet. Anfangs ehrer hatte er ſich zu den Bierhelden geſellt, die auch. lwar in Amerika ſchreien, es ſei hier keine Freiheit mann und die, wenn ſie könnten, die Union ſprengen 3 de und würden. Jetzt iſt er beſonnener geworden. Wer hier zu Lande zur guten Geſellſchaft ge⸗ wieder⸗ hören will, darf nicht über die Staatseinrich⸗ ir den tungen losziehen wie in Deutſchland; natürlich Der iſt das nicht durch ein Geſetz verboten, aber die 1 Amerikaner, die keine Nationalität ſind, haben 3 den höchſten Patriotismus, er iſt ihnen Religion, 3 wie bei den alten Völkern. Hier gilt es zu 1 arbeiten und hier kann man ſich nicht für groß 152 halten, weil man Alles ſchlecht findet.... Auf unſern Frühling 48 paßt ein Sprüchwort der Amerikaner: Wenn der März kommt wie ein Löwe, geht er wie ein Lamm und kommt er wie ein Lamm, geht er wie ein Löwe.... Ich bin hier Vorſtand des Friedensvereins, mein höchſtes Streben iſt die Verwirklichung ſeiner Ideen. So lange noch eine Kanone gegoſſen wird, ſo lange noch ein Menſch einen andern tödtet, iſt keine Religion auf der Welt; ſo lange noch ein Geiſtlicher einen Menſchen ſchwören läßt, auf Commando ſeinen Bruder zu tödten, iſt alles Kirchenthum eitel Lüge. Aus der Sprache und Poeſie muß alle Phraſe entfernt, die Weltgeſchich muß neu geſchrieben werden. Es giebt keinen ehrenvollen, keinen ruhmvollen Tod auf dem Schlachtfelde. Ihr ſagt: es muß doch etwas geben, das ſich ſo als innerſte Ueberzeugung bewährte, daß man ſein Leben dafür einzuſetzen wagt. Wißt ihr nichts Beſſeres? Giebt es keine lebendige That? Die Völker und Zeiten, die an Gott glaubten, haben aus Menſchenmord einen Beruf, eine Ehre, ein gottgefälliges Werk gemacht; laß ſehen, ob die Ungläubigen ſchlechter ſein können. Ihr ſagt: das iſt für einſt, für das tauſendjährige Reich. Ich antworte: Wann 153 beginnt dies? Heute oder nie! Die kommen⸗ ſ den Geſchlechter können eben ſo gut ſagen wie „ ihr: es iſt nicht unſre Zeit, die das erfüllen ſoll. Nur eine Zeit, in der man im Manöverſtaub die Menſchen zur Verzweiflung an der Logik ge⸗ bracht, durfte den Satz ausſprechen: das Soldaten⸗ thum ſei der Hüter der Civiliſation. Wann war es das und nicht ſchnurſtracks das Gegen⸗ theil? Man kann allerdings, wie jetzt geſchehen, mit Bajonetten die beliebte Ruhe und Ordnung herſtellen, aber kein Gemeinleben geſtalten. Doch genug. Ich will dir nur anzeigen, daß ich und nächſten Sommer im Auftrage des Friedens⸗ congreſſes nach Europa komme. Du mußt mir keinen als ehemaliger Soldat auch Mittel und Wege angeben zur Zerſtörung dieſes Standes. Ich etwas möchte nur das noch finden, wie man dieſer 6 organiſchen Gemeinſamkeit, wo Tauſende auf ⸗ Einen Schlag wie Ein Menſch handeln, nicht t es verluſtig werde und wie man auf andere der Zeiten Menſchheit nützliche Weiſe dieſe Fertigkeit ſchaffe und erhalte. Ich fühle mich hoch hinausgetragen, wenn ich die Zukunft überſchaue. Die Union lechter rettet die Welt. Ich ſprach vor Kurzem einige 1 ſt, für vorurtheilsfreie Engländer, ſie ſchreckten ſchon 3 nicht mehr vor dem Gedanken zurück, ſich einſt † im amerikaniſchen Congreſſe oder wie man ihn nennen mag, vertreten zu ſehen. Der große Gedanke des Weltſtaates, den keine Herrſcher⸗ macht gründen konnte, wird durch die Union verwirklicht werden; ungebrochen beſtehen in ihr die Völker⸗Individualitäten und ſind doch feſt vereinigt. Die unberechenbaren Folgen der Ver⸗ kehrsmittel, daß man über Berge und durch Meere mit Blitzesſchnelle ſpricht, das bringt eine lebendige Einheit des Menſchengeſchlechtes, deren Ahnung mich mit heiligen Schauern erfüllt. Schon das, daß ich hinaufgehoben auf die Sinai⸗ höhen des Gedankens in die Welt der Verheißung hinein zu ſchauen vermag, ſchon das, daß ich ihren Gedanken zu denken vermag, macht mich glückſelig, wenn ich auch deſſen Verwirklichung nicht erlebe. Doch ich will abbrechen. Fürchte nichts von meiner Ankunft in Deutſchland, ich behalte den Namen, den du mir gegeben. Aber laß' mich jetzt ein ernſtes nüchternes Wort mit dir reden. Du weißt wie anbetungsvoll ich deine That betrachtete und ich kann noch jetzt eine gewiſſe Bewunderung dafür nicht unterdrücken. Das iſt aber nur ein Ueberreſt aus der alten Welt mit ihren verkehrten Begriffen, der mir noch T—Ü— 155 * an ihn goße anhaftet. Dein Ausharren in beſtändiger Gefahr rſche ſtammt von der krankhaften Sucht nach Aben⸗ 1 Unin theuern, die die beſten Kräfte aufehrt. Ich r verkenne deinen Edelſinn nicht, aber du haſt ſ vor Allem die Pflicht, ihn gegen dich anzuwen⸗ den. Du ſuchſt deine Mutter? Du magſt für * ſie in's Feuer ſpringen, um ſie zu retten, aber S. ſie ſelber würde es nicht dulden, daß du ſolche ½ Qualen wie jetzt auf dich nimmſt. Jede Minute — die man in unklarem Kummer verbringt, iſt 2 ill. Lebensverſchwendung. Bedenke das Alles und halte dich bereit, wenn du bis dahin nicht eine andere Löſung gefunden, mit mir hieher zu ziehen... . So ſehr auch Eugen dagegen ankämpfte, 3 er konnte ſich des tiefen Eindruckes den dieſer un Brief hervorbrachte, nicht erwehren. Er mochte ſich auch ſagen, daß das weiche Gemüth des ncht Ausgewanderten nun zu einem eigenartigen ameri⸗ halte kaniſchen Egoismus verhärtet ſei und nur noch et laß' einem Neale nachſtrebe, das zunächſt keine per⸗ mit dir ſönliche Opferung verlange, immer blieb noch deine die tiefe Erregung zurück. In ſich, das fühlte ewiſſe Eugen, hatte er den Kampf vollendet; gegen Das die Widerſacher von außen galt es ſich neu WVelt rüſten. War dieſer Brief der Herold, der einen 1 neuen Kampf verkündigte? 156 Eugen war's plötzlich, als ſähe er die ganze Welt im Widerſtreit, ja ſelbſt in dem Hohne gegen ſich aufſtehen. Doppelt fühlte er jetzt die Segnung, die ihm in der Liebe zu Vittore geworden, das war ein Zauberſchild, der ihn und ſein höchſtes Streben wunderbar ſchirmte. Straff richtete er ſich auf, holte ſeine Jagd⸗ flinte und faßte ſie ſo freudig, als könnte er damit die gegneriſchen Gedanken treffen und hinaus ging's mit Schatzhauſer in den luſtig grünen Wald. Zahlloſe Vogelſtimmen klangen hell in ein⸗ ander, ihr Tönen verwirrt das Menſchendenken nicht; könnten wir deuten, was ihr Sang aus⸗ ſpricht, es faßte verwirrend unſern Geiſt. Kein Vogel meiſtert den andern und will ihn zwingen gleich ihm zu ſingen.— In tauſenderlei Gedanken wandelte Eugen dahin. Am Bergesrande drun⸗ ten blinkte und rauſchte der Bach, ſtürzte bald lärmend über Felsgerölle bald gleitete er ſo ſtill dahin, als wär er weit in der Ferne ver⸗ ſchwunden, und alles Rauſchen und alles Murmeln der Wellen ſchien zu ſprechen: Wir eilen hinab zu Thal, dorthin wo dein Liebchen wohnt und ſchwingen das Rad und eilen von dannen.— Eugen konnte und mochte nicht wehren, daß Alles um ihn her von Liebe ſprach und er wanderte immer tiefer hinein in die wonnigliche Frühlingsluſt; in ſtillen Schauern erbrauſten die Wipfel der Bäume; ſie können nicht ſingen wie die Vögel die auf ihnen ruhen, ſie ſaugen ſtill den Lebensathem ein, der über die Erde zieht und die Luft erbrauſt in ihrem Gezweige. Unergründlich iſt die Wonne, die die frühlingsjunge Welt erfüllt. Eugen ſpürte keinem Wilde nach, er wollte zur Quelle des Waldbaches empordringen, ſie war aber ferner, als er ſich gedacht, und er ſaß ſtill im Dickicht des Waldes, wo es wieder ſo einſam war, daß der Kukuk ihm zu Häupten ſang und die wilden Tauben in ihrem Neſte gurrten. Schatzhauſer war auffallend unruhig, er lief mehrmals eine Schlucht hinab und drängte ſich dann winſelnd an Eugen; dieſer folgte ihm. Zitternd blieb er plötzlich ſtehen, an einer Eiche hing eine Men⸗ ſchengeſtalt. Iſt das nicht der Fragſamenhändler? Was flattert ihm dort ein weißes Blatt am Kinn? Von kaltem Schauer erfaßt, trat Eugen näher. Es iſt Alles Wahrheit. An der herausgeſtreckten Zunge des Erhenkten iſt ein Zettel geheftet, 158 darauf die Worte ſtehen:„Das iſt die Zunge des Verräthers.“ Erſtarrt ſtand Eugen eine Weile und wagte es nicht aufzuſchauen in das aufgedunſene Ant⸗ litz des Gehenkten. Der Kukuk flog tiefer wald⸗ einwärts mit ſeinem Rufe, die wilden Tauben gurrten und die Singvögel ſangen luſtig, ſie wiſſen und wollen nichts von dem peinigenden Ge⸗ triebe der Menſchen.— Jetzt faßte Eugen Muth und unterſuchte, ob noch Rettung möglich ſei. Er kletterte ſchnell den Baum hinauf und ſchnitt mit dem Jagdmeſſer raſch den Strick entzwei und ſo ſehr erbebte er, daß er faſt der Leiche nachfiel; es gelang ihm noch ſich an einem Aſte feſtzuhalten. Raſch ſprang er wieder auf den Boden, ſchlitzte den Rockärmel des Lebloſen auf und öffnete ihm eine Ader, es floß kein Blut. Faſt ſchneller als Schatzhauſer eilte Eugen nach dem Dorfe zu, aber vor demſelben wurde er von einem Manne angehalten, der ihm freundlich die Hand bot. Es war der Lehnert von Röthhauſen. „Ihr ſeht ja ſchrecklich aus,“ rief der Lehnert. „Laſſet mich,“ wehrte Eugen. „Nein, ich bin zu euch geſchickt, da iſt ein e Eugen der ihn Lehnert f der 159 Brief vom Bartelmä und da das Päckchen, ihr ſollet gleich leſen.“ Eugen riß raſch den Brief auf und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne als er las: „Ich reiche dir meine Hand aus dem Tode herüber. Wenn ich geſiegelt habe, trinke ich den Trank des Sokrates. Ich ſterbe ruhig, ich habe den Fragſamenhändler an einer deutſchen Eiche gerichtet. Lipp kann dir Alles erzählen. Ich habe einen Mock trial gehalten über den ſich unſere engliſirten Profeſſoren freuen werden. Jetzt wär's mir recht, wenn es einen ewigen Weltrichter gebe. Wenn ich mit morderfüllter Hand vor ihm ſtünde, müßte er mir Antwort geben, warum er dieſe Schauderwirthſchaft da unten gewähren laſſe. Und wüßte ich das, wollte ich gern ewig unter den hölliſchen Heerſchaaren leiden. Hier iſt das Notizbuch mit den Be⸗ weiſen der Schuld, ich kann ſtenographiſch leſen. Hier auch ein Brief, der dir geſtohlen wurde. Du biſt auch verrathen. Der Baronin Hunold hab ich geſagt wer du biſt. Rette dich und ſie. Ich ſterbe ruhig, ich habe genug gelebt. Leb wohl! Der Haufe Staub, einſt huunn Bartelmä.“ Das Notizbuch war dasſelbe, das Eugen bei dem Fragſamenhändler oft geſehen hatte, der Brief war einer, den er vor mehreren Tagen von Theoroſa erhalten. Eugen eilte in das Dorf und zeigte an, daß und wo er die Leiche gefunden; dann beſtieg er raſch ein Pferd und ritt im geſtreckten Galopp nach Röthhauſen. Er konnte nicht klar werden, ob zu wünſchen wäre, daß Bartelmä noch zu retten ſei oder nicht; er eilte zu ihm. Noch keine Stunde war Eugen geritten, da kam ein Wagen des Weges daher, die Pferde ſchienen über den Boden wegzufliegen. Bei Eugen hielt der Wagen an. Stephanie ſaß darin. „Falkenberg!“ rief ſie„Steigen Sie ab. Friedrich,“ gebot Sie dem Bedienten, der neben dem Kutſcher ſaß,„nimm dem Herrn das Pferd ab und reite uns nach.“ Der Wagen wurde raſch gewendet und Eugen ſah ſich wie im Traume neben Stephanie. „Ich wollte Sie holen,“ ſagte ſie. „Und wohin?“ „In die weite Welt. Ich ahnte es doch immer wer Sie ſind. Erinnern Sie ſich, daß ich bei der erſten Begegnung Ihnen ſagte, ich habe Sie flüchtig am Hofe zu** geſehen? Sie wollten doch jetzt zu mir?“ n ——— —— — — 161 Eugen geſtand, wie dieß auch ſeine Abſicht vahen war, daß er aber Bartelmä vor Allem aufſuchen müſſe. Stephanie äußerte ihren Unmuth über e un den garſtigen Selbſtmörder und ſchalt über die 1 ueg hochlöbliche Polizei, die den Menſchen wieder. valopp gewaltſam in's Leben zurückbringen wollte, der werden, doch das natürliche Recht habe, ſch ſelbſt zu tödten. och zu„Weiß noch Jemand außer Ihnen wer ich war?“ fragte Eugen nach ſchwerer Pauſe.. en, da„Niemand außer Gideon, der heute gerade ferde zugegen war. Aber werfen Sie alle Bangigkeit 1 Eugen hinter ſich. Sie ſind ein ungewöhnlicher Menſch. in Ich bewundere Sie aufrichtig. Ich kann nicht ie ab. begreifen, wie Sie die Gemüthsruhe finden konn⸗ neben ten, um ſolch ein ſtündlich in Frage geſtelltes Per ⸗ Daſein zu ertragen; das iſt ja fürchterlich.“ „Ich habe gleiches Schickſal mit den hohen Eugen Herren, und mein Hofſtaat von Gedanken beredet 1 mich, daß nichts zu fürchten ſei.“ Stephanie ſah betroffen auf und begann 3 dann lächelnd: es doch„Sie haben das intimſte Leben des Volkes 1 daß ich mit erlebt. Es wird für Sie eine ſchöne Erin⸗ nerung ſein, dieſes Schulmeiſterthum durchge⸗ macht zu haben, mehr als eine Campagne.“ „Ich bleibe darin.“ 11 162 „Soll ich Sie entführen?“ ſcherzte Ste⸗ phanie.„Denken Sie ſich, wie eigen die Men⸗ ſchen ſind, jeder ſieht die Welt nur durch ſeine Brille; weil Gideon ein Bauernmädchen zur Frau hatte, imputirt er Ihnen, Sie hätten ein penchant zu einer Naivetät mit rothen Händen und plumpen Füßen.“ Eugen biß die Lippen. „Ich beanſpruche das Recht,“ fuhr Stephanie fort,„da Sie zu unſerer Sippſchaft gehören, für Ihre Rettung bedacht zu ſein.“ „Ich werde Ihnen dafür dankbar ſein, aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Sie mir das Verſprechen geben, gegen Niemanden zu verrathen, wer ich bin.“ Jetzt kniff Stephanie die Lippen ein. Lange ſaßen die Beiden ſtill und wie aus dem Traume erwachte Eugen, als der Wagen raſſelnd durch das Thor in Schloß Röthhauſen einfuhr. 8 8 6. — 8 k= Erſtes Rapitel. Traurigen Blickes kam Eugen aus dem Dorfe auf das Schloß, er erzählte, daß er die entſeelte Leiche des Kameraden noch eben geſehen, als man ſie auf den Karren lud um ſie in die Univerſitätsſtadt nach der Anatomie zu bringen; er hatte ſchon oft den Tod vor Augen geſehen, aber der An⸗ blick des Gehenkten im Walde und des Selbſt⸗ mörders hier, das war des Gräßlichen zu viel. Dazu hatte er noch ein peinliches Verhör bei dem herbeigerufenen Amtmann über ſeine Ver⸗ bindung mit dem Selbſtmörder beſtehen müſſen; man ſchien geneigt, ſeine Angabe von der Auf⸗ findung des Gehenkten als eine Liſt zu betrachten, mit der er ſeine Mitthäterſchaft oder mindeſtens ſein Mitwiſſen des Verbrechens geſchickt ver⸗ bergen wollte; nicht ſeinem gegebenen Ehren⸗ worte, daß er nicht entfliehen wolle, ſondern der Bürgſchaft Deegers und zuletzt einer vom Lamm⸗ wirth geſtellten namhaften Caution verdankte es Eugen, daß er nicht alsbald verhaftet wurde. Stephanie hörte dieſe Berichte theilnahmvoll an und ſtreichelte dabei den Schatzhauſer, der ſich an ſie ſchmiegte; ſie ſeufzte ebenfalls tief, 3 als Eugen in Klagen ſich ergoß, welch ein ſchau⸗ dervoll dunkler Wirrwarr eigentlich des Men⸗ ſchen Daſein ſei. ih „Da man Ihrem Ehrenworte nicht traute,“ ſih ſagte ſie endlich,„ſind Sie eigentlich nicht ge⸗ ju bunden von der Flucht abzulaſſen.“ ſ. „Das iſt Ihr Ernſt nicht,“ entgegnete Eugen, „auch Deeger hat ſein Wort gegeben und der Lammwirth das Seinige durch Haftgeld beſtätigt. Das Einzige, was ich zunächſt wünſche, iſt, daß„ unt mein Prozeß wieder aufgenommen und ich vor bo ein Schwurgericht geſtellt würde.“ dos „Um vor Krämern und Bauern eine glän⸗ Si zende Rede zu halten und ſich von ihnen abur⸗ theilen zu laſſen? Nein, lieber Graf, etwas „ feudale Selbſtherrlichkeit wäre jetzt doch gut. Mein Oheim hat nur ausgediente Soldaten zu Knechten. Wir würden uns hier auf dem Schloſſe verſchanzen, kämpfen und ſiegen oder mit allen Reiſigen in freiem Abzuge von dannen ziehen. Alle Poeſie iſt doch verloren. Jetzt ſollte ich eigentlich einen Verwandten, der auf dem Schloſſe übernachtet, polizeilich beim Herrn Schultheiß anmelden. Das iſt die volksherrliche Zeit. Ich ue 167 werde die hohe Polizei avertiren, daß die Familie Schwalbe, Particüliers aus Aegypten, unter meinem Dache eingezogen ſind.“ Stephanie ſchien nach kurzer Unterbrechung wieder ganz dem Zuge ihrer unverwüſtlichen Laune zu folgen; offenbar ſuchte ſie aber auch mit ihren Scherzen Eugen zu erheitern, und als er ſagte, daß er dies Be⸗ ſtreben dankbar erkenne, ſah ſie ihn groß an und ſchlug dann die Augen nieder, indem ſie mit ehrlicher Offenherzigkeit geſtand: „Sie halten mich für beſſer als ich bin und— Sie machen mich wirklich dadurch beſſer. Von mir nun nehmen Sie ein Haftwort und das heißt: ich verbürge mich für Ihre Freiheit. Sie haben nie eigentlich am Hofe gelebt, ich aber kenne die Zuſtände genau, ich war drei Jahre Ehrendame Ihrer Majeſtät. Sollten Sie glauben, daß ich den hohen Herrſchaften zuwider war, weil ich nie etwas von ihnen zu erbitten hatte?“ „Das iſt ſeltſam.“ „Und iſt doch ſo. Anfangs war ich enfant galé. Die ſogenannten unabhängigen Menſchen, die nichts zu erbitten haben, ſind den hohen Herrſchaften eine Zeitlang angenehm, dann aber werden ſie ihnen läſtig. Die Majeſtäten ſind 168 gewohnt zu begnadigen und zu beglücken. Ich habe oft geſehen, daß Menſchen, die immer etwas zu erbitten hatten, ſtatt dadurch beſchwerlich zu werden, gerade die beliebteſten waren, und zwar um ſo beliebter, je weniger ſie ſolches als Ver⸗ dienſt in Anſpruch nehmen konnten und die Gunſt rein als Gnade erſchien. Seine Majeſtät ſagte mir einmal geradezu, ich ſei ſtolz, weil ich noch nie etwas erbeten habe. Sie haben mir alſo gar nicht zu danken, Herr Graf, ich erwerbe mir nur die allerhöchſte Gnade, indem ich um Ihre Begnadigung bitte. Ich reiſe noch heute zu Hof, der Fürſt muß Sie mitr ſchenken und — ich ſchenke Sie Ihnen ſelbſt wieder.“ Eugen erklärte feſt und beſtimmt, daß er für ſich als Ausnahme keine Begnadigung an⸗ nehme und nur wenn alle Mitverurtheilten ſeiner Kategorie gleiche Begünſtigung erhielten, wolle er ſich einſchließen laſſen. Stephanie machte Eugen den Vorwurf, er habe einen„unerklärlichen apoſtoliſchen Märtyrer⸗ ſtolz,“ wie ſie ihm ſchon einmal bei der häßlichen Geſchichte mit Leo vorgeworfen hatte; ſie be⸗ hauptete, wir Deutſchen könnten ein Patent dar⸗ auf nehmen, daß wir„die Spezies der ſchwer⸗ müthigen Atheiſten“ erfunden hätten, und jetzt ehrl pött einet und men und einel daß nur tria eng der von Bart phan ſe b net er ihm mut eine 169 ſpöttelte ſie darüber, daß Eugen ſich ſelbſt„zu einer Zahl, zu einem Prinzip und Begriffe mache und mit ſeinem eigenen Leben humanitäre Experi⸗ mente anſtelle.“ Während ſie noch hierüber hin 1 und herſtritten wurde Lipp gemeldet, dem Eugen einen Boten geſchickt hatte. Stephanie wünſchte, gte daß Lipp bei ihr eintrete, Bartelmä habe ihr nur oberflächlich berichtet, daß er einen Mock trial abgehalten habe, über den ſich die deutſch⸗ engliſchen Profeſſoren freuen würden und daß um der Reichskrüppel Alles wiſſe. Eugen wollte eute von Stephanie das Nähere erforſchen, warum Bartelmä ſich zu ihr geflüchtet habe, aber Ste⸗ phanie ſchien nicht darauf eingehen zu wollen; ß er ſie befahl, daß Lipp eintrete. an Dieſer ſank auf die Kniee und ſtreckte ſeine eine Hand zitternd empor, als die Thüre geöff⸗ net war. Eugen befahl ihm aufzuſtehen, aber er betheuerte, nicht gehorchen zu können, bis f, er ihm ſein Herr verzichen habe; er habe den An⸗ tyrer⸗ muthungen des Vigil widerſtanden, ſeinem Herrn lichen einen Brief zu ſtehlen und der Vigil habe ihn ½ be⸗ ſelber genommen. dar⸗„Steh auf,“ befahl Eugen nochmals,„ſag' 6 wer⸗ ehrlich, haſt du gewußt, was der Vigil thun jetzt will? Hätteſt du es verhindern können?“ 170 Lipp ſtand nicht auf und gab keine Ant⸗ wort. Zornig fragte Eugen wieder:„Haſt du meine Worte nicht verſtanden? Warum redeſt du nicht?“ „Ich hab's ja geſagt und ihr ſollet mir verzeihen. Ich hab' nicht gewußt, daß es ſo Ernſt wird mit dem Brief und mit dem Doktor. O Herr! Vor keinem Menſchen auf der Welt thät ich ſo daliegen, als vor Euch. Ihr habt mir nichts als Gutes than.“— Die Stimme Lipps wurde von Thränen erſtickt, dennoch war Eugen von einem Schauer erfaßt, der ſein ganzes Weſen wie im Fieber⸗ froſt durchſchüttelte; er wendete ſich unwillig ab. Stephanie verſprach dem Lipp ſeines Herrn volle Verzeihung und wenn Eugen ihn nicht mehr zu ſich nehme, könne er bei ihr in Dienſt treten. „Das dulde ich nicht,“ ſagte guh ſtrenge, „durch eine Schlechtigkeit darf man nicht zu einem beſſern Looſe gelangen. Sag Lipp, warſt du ehrlich oder ſchlecht?“ Lipp gab keine Antwort und trocknete ſich die Thränen. 6 „Laſſen Sie doch den armen Menſchen,. bat Stephanie,„muß er denn bekennen, daß er ſchlec dürf tritt lag was em beſt er wiſſ heko nur bew ma Ha da na ein rei ſu de ſtrenge, icht icht zu warſt ete ſich ſchlecht geweſen ſei, um nachher brav ſein zu dürfen?“ „Ich bin im Unglück, ich hab' einen Fehl⸗ tritt begangen, o wie ſchrecklich geht mir's,“ klagte Lipp. „Da haben Sie's,“ rief Eugen,„das erſte was dieſer Menſch über ſeine ſchlechte That empfindet, iſt Mitleid mit ſich, falſche Selbſt⸗ beſchönigung.“ Mit ſcharfeinſchneidenden Worten wendete er ſich nun an Lipp und redete ihm ſo zu Ge⸗ wiſſen, daß dieſer endlich in tiefſter Zerknirſchung bekannte, er ſehe ein, was er gethan und bäte nur, Eugen möge ihm Gelegenheit geben zu beweiſen, wie getreulich er Alles wieder gut machen wolle. Erſt jetzt reichte ihm Eugen die Hand und wehrte nicht, daß Lipp ſie an den Mund drückte. Stephanie ſagte in franzöſiſcher Sprache, daß ſie Eugen nicht begriffe; bald ſei er voll nachgiebiger Humanität und jetzt habe er ſich in einer Kapuzinade gefallen und ſei erſt durch ein reumüthiges Bekenntniß zufrieden geſtellt. Eugen ſuchte darzuthun, daß hierin nichts Widerſprechen⸗ des liege und ſo leichthin es auch nur berührt wurde, dieſer Zwiſchenfall deckte doch wiederum 172 eine tiefe Kluft in der ſittlichen Weltanſchauung Eugens und Stephanie's auf. Stephanie wollte in ihre gewohnte Scherz⸗ weiſe überlenken, aber ſie fühlte ſich offenbar beklommen und drang nun darauf, daß Lipp den Mock trial ausführlich berichte. „Herr,“ begann Lipp,„ich hab' euch zu ſagen vergeſſen, daß der Gerichtsaktuar und zwei Gendarmen bei uns Hausſuchung gehalten haben. Der Schloſſer Vinzenz hat die Schränke nicht aufmachen wollen, weil ſie nichts Schrift⸗ liches vom Gericht gehabt haben, da haben ſie die Schlöſſer mit Stemmeiſen aufgemacht; ſie haben aber nichts mitgenommen, als von euch ein geſchriebenes Buch und ein Briefpäckchen kreuzweis in einem blauen Band und mir haben ſie meinen Aufruf weggenommen; ſchadet nichts, ich kann ihn auswendig.“ „Können Sie auch die Briefe auswendig?“ fragte Stephanie und ſchüttelte den Kopf un⸗ gläubig, als Eugen betheuerte, die Briefe gehör⸗ ten ſeinem Tauſchmanne, von dem er ihr erzählt hatte und er wiſſe nicht, was darin ſtände. Nun verlangte Eugen, daß Lipp berichte, was er von dem Tode des Fragſamenhänd⸗ lers wiſſe. der 2 und d werne geben geht denn nehm ſchre Val Holz den ſch einen der ſchon wird Sch ſind zünt im höhl was träg den hint 3 uung„Vorgeſtern Abend,“ erzählte Lipp,„kommt der Bartelmä zu mir und der Schleiferhans öcher. und des Spitzhubers Konrad und der Mäuerles⸗ ſinbar werner ſind noch bei ihm und ſie ſagen, ſie p den geben dem Bartelmä das Geleit, weil er fort⸗ geht und ich ſoll auch mit. Ich frag, ob er u denn nicht auch bei meinem Herrn Abſchied nehmen will, da ſagt er: Nein, er wolle ihm . ſchreiben. Wir gehen alſo nach dem Alsfelder Wald zu und da treffen wir ein ganzes Rudel Holzknechte von Alsfeld, die warten ſchon auf den Bartelmä und haben Alle ihre Aexte bei 1 ſich und der Bartelmä ſagt jetzt, er wolle uns einen Fuchsbau zeigen, wo man die Jungen mit der Hand fangen kann. Mir gefällt die Sach ſchon nur halb, ich geh aber doch mit und es wird Nacht und der Bartelmä führt uns in die Schonung in der Hohlklinge, wo die jähen Felſen 5 ſind, daß kein' Katz hinauf kriechen kann; da. zündet der Bartelmä ein Feuer an, heißt uns Alle im Kringel herumſitzen, geht nach der Drachen⸗ höhle und kommt wieder und ſchnauft, und hat was auf dem Buckel wie einen Sack und er trägt es an's Feuer hin und plumpſt es auf den Boden und da ſehen wir, es iſt der Fragſamen⸗ händler, dem Händ' und Füß' verbunden ſind 174 7 und das Maul verſtopft. Ich ſteh auf und ſag: wenn's da was Unrechtes geben ſoll, da bin ich nicht dabei. Wie auf's Commando iſt auf ein⸗ mal ein ganzer Clubbert Alsfelder um mich herum und heben ihre Aerte und ſagen: wer davon gehen will, dem ſchlagen wir das Hirn aus. Lipp! ruft jetzt der Bartelmä, du ſollſt ſein Vertheidiger ſein, er ſoll in aller Form Rechtens gerichtet werden. Ich verſteh noch immer nicht, was das ſein ſoll und muß natür⸗ lich bleiben. Ich ſeh ſchon, die Alsfelder und der Bartelmä die haben's mit einander wie die Buben die Vogelneſter. Der Bartelmä nimmt dem Fragſamenhändler die Binde vom Maul und der ſitzt jetzt da wie ein Scheffel Unglück und kann nicht reden. Der Mäuerleswerner ſagt: Der macht ein Geſicht, wie wenn er die Cholera erfunden hätt und der Bartelmä heißt Alles ſtill ſein und ſagt zum Fragſamenhändler: So, jetzt können Sie reden, Angeklagter. Der Fragſamenhändler ſchreit und winſelt und flucht, da läßt ihm der Bartelmä wieder das Maul verbinden, bis er ſelber geredet hat und er ſagt uns jetzt, daß es in alten Zeiten Vehmgerichte gegeben hat und ein ſolches ſeien wir; es gäbe jetzt zwar Geſchworene, aber die ſeien nicht rcht nicht beric Spi viel ſu dara Sch Ang das weſ aber auf ieb fan dari 175 recht gewählt und die thäten einen Volksverräther nicht aburteln, drum müßten wir's thun. Er berichtet nun, wie der Fragſamenhändler als Spion in der Welt herumgelaufen ſei und wie⸗ viel Menſchen er in's Elend gebracht habe, und jetzt bringt er ein Buch vor und liest uns daraus, da ſteht Alles verzeichnet mit einer Schrift, die er allein kennt. Jetzt läßt er den Angeklagten reden, der kann nicht läugnen, daß das Buch ſein iſt und daß er eben daran ge⸗ weſen ſei, auch den Herrn Lehrer anzugeben, aber er ſchwört alle Flüche vom Himmel herunter auf Alle, die Hand an ihn legen. Bartelmä giebt mir als Vertheidiger das Wort und ich kann nichts ſagen als: wir haben kein Recht darüber abzuurtheilen. Was ich aber ſag iſt nicht mehr als ein Schlag in's Waſſer. Bar⸗ telmä giebt einem Jeden einen Stock in die Hand und ſagt, bei jeder Frage, die er ſtellen wird, ſoll man ein Stück abbrechen und auf den An⸗ geklagten werfen und dabei ausſprechen Schuldig! wer ihn dafür hält. Bei jeder der drei Fragen tnacken die Stöcke und Schuldig ſprechen Alle und werfen ein Stück auf den armen Sünder. Schauerlich, ſchauerlich iſt's geweſen! Wie er nun ganz abgeurtheilt iſt, hält der Bartelmä 176 noch eine Rede und ſagt: ſo müſſen die Volks⸗ feinde gerichtet werden und jetzt ſagt er:„Ich thu's allein, ihr Alle habt kein Theil, ihr könnt ſchwören, daß ihr nicht Hand an ihn gelegt.“ Und jetzt ſpringt er auf den Fragſamenhändler los und ich meine, er will ihn erdroſſeln, ich wehr' ab, da ſchleudert er mich zurück, und was thut er? Er macht den armen Sünder ganz frei, bindet ihm einen Strick um den Hals und —„Laß die Beine ſpielen,“ ruft er und läßt ihn ſpringen; im Hui iſt er davon, aber kaum hat er fünf Schritte Vorrang, da jagt der Bar⸗ telmä nach und wir hören's tiefer drin im Walde knacken und keuchen und ſchreien, und nach einer Weile iſt Alles ſtill. Wie ich heimkommen bin, ich weiß es nicht, aber wenn ich tauſend Jahr alt werde, die Nacht vergeſſe ich nie.“ Die drei ſaßen eine geraume Zeit ſtill, nachdem Lipp ſeine Erzählung beendet hatte, end⸗ lich ſagte Stephanie leiſe zu Eugen: „Dieſer Bartelmä hat Sie ſehr geliebt. Sie waren, ich weiß das aus ſeinem Munde, ſein letzter Gedanke in dem er ſich rein fühlte, und ſeine letzte gute That ſollte darin beſtehen, daß er Ihre Rettung in ſichere Hand legte. Wer noch etwas hat, das er verehren kann, iſt nicht der! fönne whm den ſtt geſtel ſelbe lich zeln entg einve Art, nit ſelbſ melt Inſ fühl abg ind drü b no nicht ganz verwahrloſt. Hätte dieſer Menſch der wehenden Fahne eines Zeithelden folgen können, er hätte glorreiche Thaten und einen ruhmvollen Tod errungen; unter einem zwingen⸗ den Commando hätte dieſer Menſch die ihm ge⸗ ſetzte Aufgabe tapfer vollführt, auf ſich allein geſtellt verfing er ſich in dem Kampf mit ſich ſelber und kleinen Widerſachern und ging gräß⸗ lich unter. Nicht nur die Völker⸗ auch die ein⸗ zelnen Menſchenſchickſale harren dem Helden entgegen, der Alles ſich unterordnet.“ Eugen war mit dieſem letzten Satze nicht einverſtanden, aber er bekannte offen, daß die Art, wie Stephanie das humane Urtheil übte, mit der ſeinigen vollkommen übereinſtimmte; er ſelbſt liebte ja auch das Transponiren der Lebens⸗ melodieen in andere Tonarten und auf andere Inſtrumente. Wieder wie in der erſten Zeit fühlte er ſich von Stephanie bald angezogen, bald abgeſtoßen, aber er hielt ſich mehr an das erſte und indem er beim Abſchiede ſeine Freude daran aus⸗ drückte, erglänzte ſein Auge wie das Stephanie's. Sie ging, um alsbald nach der Hauptſtadt abzureiſen und er kehrte mit Lipp nach Erlen⸗ moos zurück. ——————— Bweites Rapitel. Es ſingt in den Lüften, es glänzt die Far⸗ benpracht von Baum und Wieſe und balſamiſche Düfte wehen— Eugen ſah und empfand nichts von alledem; vor ſeinem innern Auge erſtand jenes furchtbare Nächſtemal, von dem die Men⸗ ſchen allüberall ſo leichthin und doch innerlich ſchaudernd ſprechen: zum Ungeheuer verwandelt erhebt ſich der zertretene, in ſich verwirrt und abtrünnig gemachte Menſchengeiſt und ein Jam⸗ mergeſchrei ſteigt auf zum Himmel und ein wildes Raſen, wie ſeit den Zeiten der Urſchöpfung die Welt nicht vernommen; zertreten ſind die Saa⸗ ten, ausgeriſſen alle Markſteine, die dem einen und dem andern geſetzt ſind und der Bruder mordet den Bruder und will ihn nicht kennen. Wehe denen, die ſolches erſchauen und wehe denen, die ſolches im Dämmer der Zukunft ahnen und nicht ablaſſen von Lüge und Gewalt und nicht hingehen und demüthig arbeiten, damit der Tag des Zornes und der Rache abgewendet würde. Hoch auf dem Berge im Abendſonnen⸗ ſte Aug ſter ſtrö au leb A en H ru hö Zukunft Gewalt n, damit ewendet dſonnen⸗ ſchein ſtand Eugen und eine Thräne trat in ſein Auge, er weinte um das Schickſal der Welt, um das Schickſal ſeines Vaterlandes. Wie leicht wäre es ihm jetzt geworden zu ſterben, alle Adern ſich öffnen zu laſſen, hin⸗ ſtrömen und verſiegen zu ſehen alle Lebenskraft, auf daß das überbleibende Geſchlecht in Frieden lebte; ſeine ganze Seele drängte ſich wie der Athem eines Gebetes dem Propheten⸗Geiſte entgegen, der da kommen müßte, um die falſchen Herzen zu zerbrechen und die feſten wach zu rufen und ihm war's als müßte er eine Stimme hören, die da rief: komm und folge mir. „Herr Lehrer, was iſt euch? Ihr ſehet ja ganz anders aus,“ rief Lipp zitternd. Eugen reichte ihm ſtill die Hand und ſchritt weiter. „Herr,“ begann Lipp wieder,„ihr habt mich ganz fromm gemacht, ich weiß nicht wie. Seitdem ich grundmäßig eingeſehen hab', wie ſchlecht ich doch geweſen bin, iſt mir's ſo wohl, faſt mehr, als wie wenn ich jetzt was Recht⸗ ſchaffenes than hätt'. Nicht wahr, ich kann Alles wieder gut machen? Ihr ſollet ſehen, ich geh für euch in den Tod, wenn ihr's wollet. Laſſet mich nur bei euch bleiben.“ In ſtiller Freude erglänzte das Antlitz 12* Eugens und er erklärte Lipp, daß im Gutesthun ein gewiſſes Gefühl der Sättigung ſei, während im Ueberwinden unſerer ſelbſt die Segnung der Arbeit uns erfülle, die alle Kräfte freudig ſtrö⸗ men mache. „Ich könnte ſingen, als wenn ich aus dem friſchen Wellenbade käme,“ erklärte Lipp ſeine Gehobenheit und Eugen erfreute ſich dieſes und ſeiner ferneren Zeichen des Verſtändniſſes. Es war nur ein verſtoßener einſamer Knecht, dem er ſeine Lehre, einen Theil ſeiner hochgehenden Gedanken in die Seele athmen konnte und doch fühlte er ſich davon erquickt. Jeder Einzelne iſt die ganze Menſchheit. Wenn wir das nur immer faſſen und feſthalten könnten, um allzeit bereit Jeglichen mit der ganzen Lebenskraft zu umfaſſen. Wieder in der Nacht und auf demſelben Wege, auf dem Eugen nach dem Streite mit Leo einen ſchweren Kampf mit ſich gekämpft hatte, war jetzt ein neuer und größerer zu beſtehen. Gemäß der Doppelnatur, die in ihm waltete, erſchaute er nun plötzlich die Seltſamkeit, daß er predige und lehre, während er allſtündlich Gefängniß oder gar den Tod gewärtigen mußte. Es erſchien ihm jetzt als frevleriſcher Uebermuth, wie er Leben und Frei⸗ 181 S. — heit ſtändiger Gefahr blosgeſtellt hatte und ihm war's als erwachte er aus einem fieberiſchen ig ſtrö⸗ Traum. Er ſchaute oft nach Lippum, der ſich's nicht nehmen ließ ehrerbietig hinter ihm drein — s dem zu gehen; es däuchte ihn, als hörte er vermehrte ſeine Schritte der Verfolger, die ihn faßten und in 1 s und Ketten ſchmiedeten. Eine tiefe Wehmuth kam 6s über ihn, daß er als Verbrecher gelten ſolle, 3 den während er ſein Herz ſo rein fühlte. Eine neue benden Verſuchung ſtellte ſich vor ſeinen Gedanken auf d doch und ſprach in ſchmeichelnden Worten: Was iſt die Menſchheit? Was iſt ein Volk? Eine. Summe von einzelnen Individuen. Jeder Menſch, ken haſt du geſagt, iſt die Menſchheit und wer ſich — ſelbſt rettet und erhält, rettet ſie Alle. Jede 3 — Opferung iſt Wahnwitz.... Sein Innerſtes 3 widerſtrebte dieſer Selbſtſucht und doch konnte er ihrer nicht ganz Herr werden. Er ſtand oft 3 ſtille, als müßte er plötzlich in die weite, freie 8 Welt hinausrennen. Noch iſt es Zeit. Aber ₰ unwillkürlich als triebe ihn eine geheime Gewalt ſchritt er wieder ſeines Weges dahin und neue 1 3 Freude lebte wieder in ihm auf je mehr er ſich 10 dem Dorfe näherte, als wäre er dort ſicher 5 vor jedem Angriffe. Eine unerklärbare Anziehungs⸗ Frei⸗ kraft hielt ihn feſt an dem neueroberten Heimaths⸗ 182 boden und wenn er ſich die Liebe Vittore's ver⸗ gegenwärtigte mit all ihrem wonneſeligen Zauber, es ſchien doch noch, als ob eine unnennbare Ge⸗ walt ihn feſthielte. Mit unerſchütterlicher Zu⸗ verſicht kehrte er in das Dorf zurück, um ſein Schickſal zu erfüllen, wie es ſich auch wende. Ein Bangen konnte er immer noch nicht unter⸗ drücken, es ſchreitet ja das Geheimniß ſeines Lebens noch mit verſchloſſener Lippe durch die Gaſſen, jeden Augenblick aber kann es ſich offenbaren. Als er an der Bachmühle vorüber⸗ kam, wo kein Licht zu ſehen war und Alles ſchlief und die Nachtigall ungehört in die linde Nacht hineinſang, da durchbebte es ihn mit won⸗ nigem Schauer und tief im Herzen ſprach es: Möchte es mir vergönnt ſein, nie eure friedſame Ruhe zu ſtören. Wäre Lipp nicht bei ihm ge⸗ weſen, dort an dem Giebel, wo die Nelkenſtöcke in langen Ranken über das Stockbrett hernieder⸗ ragen, dort iſt das Kämmerlein Vittore's; vom Hügel aus oder vom Nußbaum war ſie wach zu rufen und das tiefbekümmerte Herz, von eigenem Leid und dem der Welt erfüllt, fin⸗ det ſeine Erlöſung und Erhebung im Aus⸗ ruhen an einem liebend umfangenden Herzen. Eugen glaubte, er habe die Worte ſelber ge⸗ ſu Ge , von ſungen und doch hörte er ſie jetzt von ſeinem Gefährten: So lang die Welt zuſammenhält Sind wir zuſammen in der Welt. Es giebt ein träumeriſches Weben der Seele, das die Zeitfolge aufhebt und es läßt ſich nicht mehr beſtimmen, was vor- und was nachher war. Derſelbe Mann, der noch vor wenigen Stunden auf der Bergeshöhe in prophetiſcher Klage ſich in das Schickſal der Welt verſenkte und gerne ſein Leben zu ihrem Heile hingeopfert hätte, war jetzt nur ein liebender Jüngling voll haſtig heißer Sehnſucht und er fühlte wie ſchwer es ihm würde, dem perſönlichen höchſten Glücke der Liebe zu entſagen. Als Eugen jetzt wiederum den Wächterruf um Mitternacht hörte, ſtellte er ſich nicht mehr in die Reihe Derer, die Alles verließen, nichts für ſich wollten und nur dem Geiſte folgten, der ihnen rief. Es wollte nicht verfangen, daß er ſich einzureden ſuchte, die neue Welt ver⸗ lange nicht mehr vollkommene Opferung, es ſei gerade ihr Kennzeichen, nicht zu entſagen, ſon⸗ dern zu erobern, für ſich und Andere— er mußte bekennen, daß nicht umſonſt jetzt die Ge⸗ * 184 nußſucht die Herrſchergewalt übt, denn die ſie bekämpfen, ſind nur im Grade verſchieden, nicht dem Grundweſen nach ſich abſcheidende Gegen⸗ ſätze. Hätte Stephanie jetzt Eugen in ſeiner demüthigen Beſcheidenheit ſehen können, ſie hätte ihn nicht mehr„apoſtoliſchen Märtyrerſtolzes“ geziehen. Am Morgen ließ Eugen den Vigil zu ſich rufen, er mußte vor Allem Sicherheit haben, wie weit dieſer von ſeinen Verhältniſſen unter⸗ richtet war und die Kunde davon unter die Leute gebracht hatte. Vigil ließ aber ſagen, er müſſe jetzt Dünger hinaus fahren, habe keine Zeit, es werde überhaupt nicht ſo eilen; er wolle am Mittag oder am Abend kommen. Eugen wollte zu dem ſtörriſchen Menſchen in's Feld gehen, aber an der Bachmühle ſah er im Garten Vittore und die Mutter harken und pflanzen und geſellte ſich zu ihnen. Die beiden Frauen zeigten eine gewiſſe Befangenheit darin, daß ſie nicht wie ſonſt nach der erſten Begrüßung zu leichter Geſprächigkeit ſich anſchickten; ſie erwarteten offen⸗ bar von Eugen das erſte Wort und dieſer er⸗ zählte nun von dem Grauſen, das er bei Auf⸗ ſindung des Gehenkten empfunden habe und fragte, welchen Eindruck dieſe Geſchichte im Dorfe ge⸗ me 185 macht habe. Vittore und die Mutter ſahen ein⸗ ander an, als wolle jede warten, ob die andere nicht antworten möge, endlich ſagte die Mutter achſelzuckend: „Der Mord, den der verkommene Student begangen hat, hilft dem Dorfe nichts, es wird kein Menſch dadurch frei, im Gegentheil—“ „Hab' ich nun recht gehabt oder nicht?“ fragte Vittore hocherrothend. „Womit?“ entgegnete Eugen und noch höher erglühend, erklärte Vittore: „Freilich, ihr habt's vergeſſen. Ich hab' euch heilig gewarnt vor dem Bartelmä und vor dem Vigil. Jetzt könnet ihr in üble Ungelegen⸗ heiten kommen.“ Eugen beruhigte Vittore hierüber. Der Metzger Philipp kam an den Garten⸗ zaun und ſagte, er wolle das Kälbchen holen, das er geſtern gekauft. „Nimm's nur allein und bring' den Strick wieder,“ rief ihm Vittore zu und blieb bei ihrer Arbeit, die Mutter aber ging mit dem Philipp nach dem Stalle. Als nun die Beiden allein im Garten waren, ſagte Eugen raſch und leiſe: „Vittore, es iſt mir Alles daran gelegen, daß ihr gut von mir denket.“ 186 „Das thu' ich auch,“ ſagte ſie und bückte ſich tief nieder, ſo daß man ihr Antlitz nicht ſehen konnte und faſt vom Boden herauf ſagte ſie,„warum ſoll ich anders?“ „Vittore,“ fuhr Eugen mit bebender Stimme fort,„werdet nie irre an mir, was auch ge⸗ ſchehen möge; ich möchte um Alles in der Welt nicht die Sünde an euch begangen haben, daß ihr durch mich an der Güte der Menſchen ver⸗ zweifelt.“ „Was habt ihr denn gethan?“ „Es ruht ein gefährliches Geheimniß auf meinem Leben.“ „Iſt das recht? Iſt das recht?“ wieder⸗ holte Vittore und Eugen verſtand in dieſen Worten den tiefen Vorwurf, daß er ſich ihr angeſchloſſen, während ſein Leben noch ſo ſchwan⸗ kend und erſchüttert war, und er ſagte: „Denkt an mich, wie an euren verſtor⸗ benen Bruder Willi, laßt mich auch euer Bru⸗ der geweſen ſein.“ Vittore konnte ein tiefes Schluchzen nicht unterdrücken und Thränen floſſen aus ihren Augen auf den Reſedenſamen, den ſie mit Erde bedeckte. Plötzlich richtete ſie ſich ſtraff auf und ihr An „ ſi a Antlitz leuchtete wie verklärt, indem ſie ſagte: „Jetzt weiß ich warum heute, wie ich zum Morgenſegen die Bibel aufſchlage, der Vers mir vor den Augen ſteht: Die da mit Thränen ſäen, werden mit Geſang ernten. Ich vertrau' auf Gottes Wort. Es wird Alles noch gut.“ Eugen ſtand erſchüttert vor dieſer felſen⸗ haften Zuverſicht und ein namenloſes Frohgefühl erhob ſich auch in ihm. Er faßte nach der Hand Vittore's, aber ſie öffnete ſie nicht und er legte ſeine Rechte auf die ihre, die die Harke feſt umſchloſſen hielt und mit Blitzesſchnelle durchdrang ihn der Gedanke, daß zum erſtenmale in ausgeſprochener Liebe ihre Hände ſich auf dem Werkzeuge der Arbeit einigten. War das nicht wie eine von unſichtbarer Macht bereitete Weiheform für ihr eigenſtes Zukunftsleben? Der Metzgerhund bellte, die Kuh im Stalle brüllte jammervoll und das Kälbchen blöckte und wollte nicht vom Platze. Die Mutter kam und neckte Vittore, die ganz verweint ausſehe, weil man das Kälbchen der Amſel an den Metzger verkauft habe. Vit⸗ tore ſchüttelte den Kopf und ſchwieg. Die Mutter erzählte nun, der Metzger habe berichtet, wie er geſtern die Baronin Hunold und den Lehrer im ——— Wagen habe raſch fahren und eifrig ſprechen geſehen. „Der Lehrer hat ſchon lang viel an die Baronin gedacht,“ ſcherzte Vittore,„wie er krank geweſen iſt, hat er mich einmal Stephanie geheißen. Wiſſet ihr das noch?“ Eugen betheuerte keine Ahnung davon zu haben, und die Mutter ſah groß auf, als Vit⸗ tore ohne Scheu ſagte:„Ich glaub' an Euch.“ Dieſes unbedingte Vertrauen, wo doch der Schein ſo gegen ihn ſprach, entflammte Eugen mehr als die innigſten Liebesworte. Als ſei alle Gefahr verſchwunden, ſo freud⸗ voll kehrte Eugen in's Dorf zurück; er freute ſich, daß es ihm nicht hatte gelingen wollen, Vittore von ſich abzulöſen und als ihm Lipp auf der Treppe entgegenrief: „Herr Lehrer, die Kartoffeln ſpringen aus der Haut, weil ſie auf euch warten müſſen,“ mußte er laut lachen und heute mußte Lipp mit ihm Wein trinken und Alles was nicht auf⸗ geſpeiſt ward, der alten Brigitte, ſeiner Feindin bringen; er hätte gern die ganze Welt mit Freude geſättigt und getränkt. Mit neuen Augen las Eugen in ſeinem Garten jetzt ſtundenlang in der Bibel. Von Ju er thů inn die lag In tht de de de mi ta ur 189 Jugend auf an katholiſches Leben gewöhnt, wurde er jetzt immer mehr gewahr, welch eine eigen⸗ thümliche Kraft dem proteſtantiſchen Volksgeiſte innewohnt; dieſe unbedingte Selſtverantwortung, dieſe freie Einſichtnahme von den religiöſen Grund⸗ lagen bildet die Markzelle im feſten Stamme der Individualität, daran das fortſchreitende Wachs⸗ thum ſeine Jahresringe anlegt. Auf die leeren Blätter der Bibel, dieſer erſten Familiengeſchichte der Menſchheit, verzeichnet noch nach Jahrtauſen⸗ den und in den verborgenſten Ecken der Welt der Hausvater die Geſchichte ſeiner eigenen Fa⸗ milie, Leben und Tod, und alles nachfolgende tauſendfältig bewegte und verſchlungene Sein ſchließt ſich an die Einfalt des Urlebens, wie es die tiefdeutige Sage und die freie Dichtung feſt⸗ geſtellt. Dieſe Erzählungen und Sprüche ruhen unverwittert wie granitnes Urgeſtein, Baumge⸗ ſchlechter ſproſſen an ihnen auf und vergehen, der zündende Pulverblitz kann ſie ſprengen und der ſcharfe Hammer ſie zum Baue fügen, nicht neu geſchaffen, nur neugeſtaltet wird die Welt um uns her und die Welt in uns. Der vom ſpeculativen Hochmuth ſo arg verhöhnte Rationalismus erſtand in ſeiner Be⸗ rechtigung vor Eugen. Wer die wirkliche Welt neu geſtalten will, muß ſich an ihre feſtgeſetzten Bedingungen anſchließen, dem geſchichtlich Ge⸗ gebenen ſeine Vernunftberechtigung zuerkennen und ſolche weiter leiten. Zu all dieſer Betrachtung und innern Ent⸗ wickelung war Eugen gedrängt, indem er über die Thatſache nachdenken mußte, welch einen feſten Halt Vittore in dem Bibelſpruche gefun⸗ den, der ſich heute zufällig ihrem Auge darge⸗ boten hatte. Die beſoldeten Geiſtlichen auf ihren Sonn⸗ tagspreſſen haben die freien Lebenswahrheiten dieſes Buches zu einem Coder der Knechtſchaft verwandelt; ſie haben den Menſchengeiſt verun⸗ ehrt, da ſie aus dem zeitlichen Unſinn, der ſich nothwendig mit in das Buch einſchloß, ewige Wahrheiten herausquälten. Eugen ließ nicht von ſeiner innerſten Ueberzeugung, die ihn jede ſogenannte übernatürliche Offenbarung verwerfen machte— der Glaube muß ſich ſelbſt als über⸗ natürlich darſtellen, weil er das Uebernatürliche faſſen will— nur mit allen Lebenden geeinter aus der Weltvergeſſenheit entrückt wußte ſich jetzt Eugen, und als die Abendglocke läutete, fühlte er ihren ſchöndeutgen Ruf: ein äußeres Zeichen gemahnt die Menſchen, wo ſie auch jetzt ſein mögen, ſich innerlich zu ſammeln und das Be⸗ wußtſein der Gemeinſamkeit, daß jetzt alle Herzen ſich in ſich faſſen, erfüllte ihn mit einer ſtillen Andacht. „Der Vigil iſt da,“ verkündigte Lipp und ſich verdroſſen hin- und herwiegend trat der An⸗ gemeldete hinter ihm ein. Drittes Rapitel. Vigil ließ ſich auf der Bank nieder, ſchlug die Beine übereinander und hielt die gefalteten Hände darüber. So ſaß er eine Weile und ſchien die Anrede Eugens abzuwarten, der ihn aber nur ſcharf anblickte, ſo daß der Freche end⸗ lich ſelber beginnen mußte. „Ihr habt was von mir gewollt?“ ſagte er leichthin. „Ihr wiſſet wohl was ich will,“ erwiederte Eugen mit zornig bebender Lippe. Vigil ſchaute auf und zwirbelte ſeinen Backenbart. Eugen hielt ihm den Brief vor und fragte, ob er ein⸗ geſtehe, daß er dieſen dem Fragſamenhändler übergeben habe. „Wenn ich nein ſage was dann?“ ent⸗ gegnete Vigil höhniſch den Mund verziehend und das Kinn in die Hand nehmend. „Dann weiß ich, daß der Lügner und der Dieb nur Einen Hut aufhaben,“ erwiederte Eugen, den trotzigen Burſchen an der Schulter faſſend. Bi ſti m S — Vigil ſtand auch auf und indem er weithin aus⸗ ſpie, ſagte er: „Großen Herren, Fremden und Alten thut man das Lügen für gut halten; das iſt ein Sprüchwort, Herr Lehrer.“ Eugen ſtand tief betroffen von dieſen Wor⸗ ten; aus dem Munde eines verworfenen Menſchen hörte er ein Urtheil über ſein ganzes Sein und Thun, deſſen Schärfe er nicht geahnt hatte. Mußte er bei all ſeiner hingebenden Opferung ſich ſagen laſſen und eingeſtehen, daß er auf einer Lüge fuße und alles Edelſinnige damit zu⸗ ſammenſtürze? Nein, nein, er war jj bereit, wenn es ihm geſtattet wäre, offen mit dem Be⸗ kenntniß ſeines Namens herauszutreten und mit gedoppelter Freude ſeinen Beruf zu erfüllen. Wußte nun dieſer Menſch um das ganze Ge⸗ heimniß ſeines Lebens, und welch ein Verhalten war ihm gegenüber zu bewahren? Vielleicht weiß er noch nicht Alles, der Brief Thevroſa's nennt keinen Namen, und durch Kundgebung einer Furcht verräthſt du dich. Wenn aber dieſem Menſchen Alles offenbar iſt, muß er nicht beſchwichtigt und beſänftigt werden, um nicht qualvolle Fallſtricke zu bereiten? Eugen fühlte ſich um und um wie gebunden, ein Spielball 13 194 ruchloſer Hände. Indem er in dieſen Betrach⸗ tungen lange ſtill ſtand, ſagte Vigil ſich hinten überbeugend und mit dem linken Fuße auf dem Boden träppelnd: „Herr Baumann, nicht wahr, das iſt ja euer Name? Herr Baumann, ich will nur frei bekennen, ja, ich hab den Brief genommen, ge⸗ ſtohlen, wenn euch das lieber iſt; der Fragſamen⸗ händler ſelig hat mir eine Anſtellung bei der Eiſenbahn verſprochen, wenn ich ihm behülflich bin. Jetzt verklaget mich, ich leugne nicht. Könnet den Lipp zum Zeugen rufen, er kann ja mit der einen Hand noch ſchwören, ſein Zeugniß wird ja noch giltig ſein, nicht wahr? Es ſind halt böſe Zeiten jetzt, Herr Baumann, es geht knapp her und da thut eben ein Jedes, was zu ſeinem Fortkommen gut iſt; der eine hilft mit in der Revolution und bricht einen geſchworenen Eid, der andere nimmt mit weniger vorlieb, es iſt alles eins, es ſorgt halt ein Jedes für ſich.“ Eine perſönliche Beruhigung glaubte Eugen noch aus dieſen giftigen Worten zu ſchöpfen, der Vigil ſchien nicht das Wirkliche zu wiſſen; er kannte wol nur die That, wegen deren der Ausgewanderte eine Zeit lang aus ſeinem Amte abgeſtellt war. Immerhin blieb noch mehr zu 195 fürchten; er durfte den Vigil nicht zur offenbaren Gegnerſchaft reizen und mußte deſſen Miſſethat zu vergeſſen ſcheinen. Eugen kam ſich in dieſer Empfindung vor, als wäre er mit einem Ver⸗ brecher in denſelben Kerker eingeſperrt und müßte ſeine Zutraulichkeit dulden und alle ſeine niedrigen Auslaſſungen unerwidert anhören, nur um ſeinen Grimm nicht zu reizen. Eugen erſchien ſich tief entwürdigt und zum erſtenmale empfand er eine Freude in dem Gedanken, daß Stephanie viel⸗ leicht ſchon in dieſer Stunde alle Pein und alle Lüge von ihm abgenommen. Die Hoffnung ſtand vor ihm, ein lichtes Daſein zu beginnen und er ſagte jetzt endlich mit gepreßter Stimme: „Vigil, ich habe nichts mehr mit euch zu reden.“ „Aber ich noch mit euch Herr Baumann. Die ganze Welt ſagt ja, ihr ſeiet ſo gut. Das iſt recht. Ich brauch noch zwei hundert Gulden und noch ein Zeugniß vom Bachmüller, dann nimmt mich der Baron Kronauer mit nach Un⸗ garn. Das müſſet ihr mir zuwege bringen. Adje wohl.“ Er ging davon und Eugen ſah ihm tief traurig nach bis er ſich aufraffte, Schatzhauſer ſchlug den Weg nach der Bachmühle ein und 13* 196 Eugen folgte ihm. Er traf Vittore allein beim Rechnungſchreiben und heute geſtattete ſie ihm, daß er ihr helfe; die Rechnungen waren aus einem Buche auf große Blätter zu übertragen, die einen ſogenannten lithographirten Kopf hatten. „Werdet ihr in eurer Oſtervacanz nicht verreiſen?“ fragte Vittore eine Näharbeit zur Hand nehmend. Eugen verneinte und während er ſchrieb, erzählte er zwiſchen hinein, wie er durch ihren gefundenen Spruch veranlaßt worden ſei, heute den ganzen Mittag in der Bibel zu leſen; er erklärte ihr ſeinen Unglauben und hatte dabei abermals die ſchmerzliche Hoffnung ſie von ſich abwendig zu machen. Vittore hörte ihn ohne aufzuſchauen an und erſt als er ſie fragte, was ſie nun von ihm denke, ſtand ſie auf, wies mit dem Finger auf ein Rechnungsblatt, deſſen vorge⸗ zeichnete Linien noch unausgefüllt waren und ſagte: „Da drauf ſteht die Antwort.“ „Ich verſtehe euch nicht,“ erwiederte Eugen verwundert und Vittore wiederholte halb ſchel⸗ miſch halb ernſt: „Ja, da drauf ſteht's; ſich an die vorge⸗ ſchriebene Religion halten heißt liniirt ſchreiben.“ Sie ſetzte ſich nach dieſen Worten wieder ruhig zu ihrer Arbeit und überließ Eugen ſeinem —— 6 c— ſtillen Sinnen. Er konnte dieſem Vergleich keinen Widerſtand leiſten und führte jetzt nur aus, daß er ihn annehme, die Menſchen aber auch dahin zu bringen ſein müßten, aus freier Hand die gerade Linie des Rechten feſtzuhalten. Vittore gab keine Antwort. Jetzt trat der Bachmüller mit ſeiner Frau ein und als er den Lehrer ſchreiben ſah, ſchalt er unverhohlen Vittore, daß ſie das geſtattet habe. „Die Leute werden ſich allerlei wundern,“ ſagte er brummig,„wenn ſie die Rechnungen bekommen und ein für allemal, ich will das nicht. Ich dank' euch Herr Lehrer, laſſet's jetzt nur gut ſein.“ Er nahm das Buch auf und ſchloß es in den Schrank. Vittore biß dreimal einen Faden ab, den ſie eben einfädeln wollte und ihre Hand zitterte am Lichte. „Vater,“ ſagte ſie jetzt,„der Herr Lehrer iſt ein wahrer Ketzer und noch mehr gegen die Geiſtlichen als du.“ „So?“ ſagte der Bachmüller, wie es ſchien befriedigt,„ich bin auch früher dagegen geweſen, daß man mit der Freiheit auch die Pfaffen ab⸗ thun ſoll; es iſt mir zu viel auf Einmal ge⸗ weſen. Aber jetzt bin ich anders. Seitdem die Geiſtlichen zeigen, daß ſie gehorſame Diener der Regierung ſind und einen Strumpf zuſammen reden, immer nur auf uns ſchimpfen und gar nie den Gewalthabern ſagen, wo Gott wohnt und wo die Gerechtigkeit daheim iſt; ſeitdem geht mir, wenn ich einen Schwarzrock ſehe, die Galle über. Herr Gott! Wenn ich an das arme Land denke, wo ſie ihren Fürſten verfluchen und wo man jeden Sonntag in der Kirche Gott dankt für ſeine Erhaltung und ihn bittet, daß er ihm weiter Leben und Geſundheit ſchenken ſoll! Wenn ich denke, daß tauſend Geiſtliche, die ſelber das nicht mögen, den Menſchen und Gott ſelber in's Geſicht hinein ſolch' eine Schandlüge ſagen, da möcht' ich oft Alles zerſchlagen. Unſer Pfarrer hier der wär' auch Republikaner, wenn man ihm ſeine Beſoldung vorher garantirte.“ Eugen ſuchte hierauf von dem Perſönlichen auf die Idee der religiöſen Freiheit überzulenken und als er den Bachmüller fragte ob er auch meine, daß die unſtudirten Menſchen nie reif würden um religiös frei zu ſein, ſagte der Bach⸗ müller: „Das iſt Profeſſorengeſchwätz. Gewiß hat's auch dazumal ſchriftgelehrte Profeſſoren geben, die gut ma es no 199 die dem Heiland geſagt haben: es iſt recht und gut was du willſt, aber das Volk, das dumme Volk kann nicht leben ohne ſeine Judengeſetze; man muß ein Wildgatter haben. Nun? Nun, es iſt doch gangen. Und ſo kann man jetzt auch noch viel wegthun und die Menſchen werden nicht ſchlechter, ſie werden beſſer ſein.“ Wie oft hatte Eugen erfahren müſſen, daß ſein Denken ſo weit abgehe von der Heerſtraße der Welt; um ſo erquickender war jetzt die Ueberraſchung, ſolche Worte aus dem Munde eines ſchlichten Mannes zu hören. Der Bach⸗ müller hatte nur zu begütigen, da Eugen ſeine hohe Freude ausdrückte und ihn faſt umarmte. Mit erneuerter Sehnſucht ſah Eugen einer Zukunft entgegen, die ihn mit dieſem Menſchen einigen ſollte. Er konnte ſich's nur nicht er⸗ klären warum der Bachmüller ſeine Beihülfe ſo barſch abgewieſen hatte und überhaupt jede Zu⸗ traulichkeit ablehnte. Er wollte eben offen nach dem Grunde forſchen, als Lipp athemlos eintrat. „Was giebt's?“ fragte Eugen. „Haſt wieder einen wohlriechenden Brief?“ ſcherzte Vittore. „Nein, ihr ſollet gleich heimkommen,“ ent⸗ gegnete Lipp mit offenbarer Scheu. 0— „Sag' nur grad heraus, wer mich rufen läßt,“ befahl Eugen. „Ja, ich weiß es ja nicht,“ betheuerte Lipp, „des Pfarrers Madlenle ſoll euch holen, ihr ſollet gleich ins Pfarrhaus kommen.“ Eugen hatte ſich ſo ruhſam in dieſem abend⸗ lichen Familienkreiſe niedergelaſſen und wie er jetzt durch ein Abrufen herausgeriſſen wurde und den ſtill Geeinten ſo zu ſagen die Ruhe mit fortnahm, ſo fühlte er ſchmerzlich, wie es in erhöhtem Maße kommen könne, daß ſich an ſeinen flüchtigen Fuß die nimmer wiederkehrende Fried⸗ ſamkeit dieſes Hauſes hefte. Erſt auf der Straße erklärte Lipp, das Madlenle habe ihm berichtet, es ſei eine vor⸗ nehme Dame im Pfarrhaus, die Pfarrerin habe ſie bei der Ankunft geküßt und habe ſie Tante geheißen, ſie ſei aber noch viel zu jung, ſie könne nicht die rechte Tante der Pfarrerin ſein; ihr erſtes Wort 4 geweſen, daß ſie den Lehrer ſogleich ſprechen müſſe. Eugen eilte nach dem Pfarrhauſe. Schon vor der Thüre kam ihm eine verhüllte Geſtalt entgegen und reichte ihm die Hand, es war Fräulein Theoroſa von Schüttenhelm. Sie führte den Erſtaunten nach dem Garten. Viertes Rapitel. „Unſer Freund in Amerika,“ begann Theo⸗ 8 roſa,„deſſen Namen Sie tragen, hat mir die rechte Anſchauung Ihres Lebensmuthes erſchloſſen. Sie glauben mir, daß ich Alles aufgeboten, 1 manchen härteſten Gang gethan habe, um min⸗ deſtens die äußerlichen Fährlichkeiten von Ihnen 34 zu entfernen. Es iſt mir nicht gelungen. Es wird eine ziemlich umfaſſende Amneſtie vorbe⸗ reitet, der Fürſt will Sie zwar durchaus nicht 3 mit einſchließen, es iſt aber doch noch möglich, daß er andern Sinnes wird; die ganze An⸗ ſe regung der Sache geſchah nur, wie ich Sie ſein; verſichern kann, um Ihretwillen.“ chrer Eugen erklärte die Pein, ſtets einen bren⸗ 3 nenden Boden unter den Füßen zu fühlen, und daß er noch nicht einig mit ſich ſei, wie er eine Amneſtie mit Ehren ohne Verleugnung ſeines war eigentlichen Lebenszweckes annehmen dürfe. Theo⸗ Sie roſa berichtete ihm dagegen, wie ſie ſelber durch 1 ihn und den Ausgewanderten in eine Revolution 3 Erl mit ſich gerathen ſei. Sie hatte ſtets geglaubt, die reine Humanität ließe ſich abgelöst von aller politiſchen Parteiung in's Werk ſetzen und habe 6 nun viele Kämpfe gehabt, da man die Bedürf⸗ tigen aber politiſch Widerſpenſtigen von allem 5 Genuß der Wohlthaten ausſchließen wollte. Eugen gewahrte, wie aus der vermoderten Furcht eine zähe Hartherzigkeit der ſogenannten höheren ſ Stände gegen das Volk aufgewachſen war und Theoroſa erklärte ihm zuletzt geradezu, daß ſie ſ zu ihm gewallfahrtet ſei, um durch ſeine Auf⸗ klärungen die Verwirrung, in die ſie mit all 6 ihren bisherigen Beſtrebungen gerathen ſei, 4 ſchlichten zu laſſen. Eugen mußte ablehnend d bekennen, daß er ſich zu ſolchem Berufe jetzt nicht geeignet fühle und Theoroſa, die hierin auch noch eine Verletztheit gewahren mochte, ſagte in ſanft demüthigem Tone: „Es ging mir mit Ihnen, wie es einem Kinde ergeht, wenn ein fernwohnender Verwand⸗ ter plötzlich in's Haus kommt; dieſer fremde Menſch hat das Recht zu einer ungewöhnlich freundlichen Annäherung, aber das Kind begreift es nicht, wird blöde und trotzköpfig und— er⸗ lauben Sie mir auch noch zu ſagen— unlie⸗ benswürdiger als ſonſt. Verzeihen Sie lieber Erbfreund, daß ich mir nicht gleich erklären konnte, wer Sie ſind.“ Eugen mochte der kindlichen Anſchmiegung dieſer Natur nicht widerſtehen und zwang ſich auf ihren Denkkreis einzugehen, indem er ſagte: „Gut, unſere erſte Begegnung war auch nicht ſo unwirſch wie Sie ſich denken, und wäre ſie's auch, wir können darüber Herr werden.“ „Ich halte viel auf den erſten Eindruck,“ ſetzte Theoroſa fort. „Ich auch,“ beſtätigte Eugen,„der erſte Eindruck den uns Menſchen und Gegenſtände machen, iſt ein neuer Jugendeindruck; wir treten dem Neuen gegenüber in ſolchem Momente wieder in die Kindſchaft und die erſten Wahr⸗ nehmungen haften unverwüſtlich. Der Mann, und ſtiege er auch noch ſo hoch auf die Spitzen des Geiſtes, macht ſich doch nie frei von ſeinen Jugendeindrücken. Die ſchönſte Poeſie iſt oft nichts, als ein Aufgraben des verſchütteten Pompeji im eigenen klaſſiſchen d. h. hier im Jugendleben und dieſes Jugendleben erneuert ſich im erſten Eindruck von Dingen und Perſonen.“ „Tauſend, tauſend Dank,“ rief Theoroſa, beide Hände darreichend.„Wie begegnen ſich da unſere Gedanken. Ich ſage es immer: wir zehren das ganze Leben von unſeren Jugendein⸗ drücken; darum möchte ich gern allen jungen Seelen helle farbige Gedenkzeichen als präch⸗ tige Angebinde einlegen. Was ich jetzt einem Kinde thue, macht mir weit hinaus höchſte Freude; ich ſehe die Erinnerung davon unter einem grauen Haupte wieder erwachen, wenn ich längſt im Jenſeits bin. Mir iſt das Kin⸗ desleben ſo heilig und am meiſten das Kind vor der Schule; die Wenigſten bedenken, wie da das gewaltigſte Leben treibt, da lernt ein Kind die Sprache, lernt die Gegenſtände nennen, Empfindungen ausdrücken und bilden, die ganze umgebende Natur tritt zum erſtenmal in ſein Bewußtſein, die Bäume, Pflanzen und Thiere, der Himmel, Alles ſpiegelt ſein Bild in das helle Auge des Kindes und ſo wie es ſich ihm jetzt offenbart, ſo bleibt es für das ganze Leben, wir wiſſen es nur nicht mehr. Das Umblicken des Kindes, dieſes großaugige Aufnehmen neuer Lebenseindrücke, iſt eine Kette von morgendlichem Erwachen der Seele.“ Es ſchien das Schickſal Eugens, im Ange⸗ ſichte der gewaltigen Lebensentſcheidung in fern⸗ abliegende Betrachtungen gezogen zu werden; er fand darin eine neue Befreiung und folgte willig Lheor gleich Verzi nigfa er he Scht nng das durc liche gang drei ſich zu 20 5 Theoroſa in ihren Denkkreis, indem er ſie zu⸗ gleich in ihren pädagogiſchen Beſtrebungen vor Verzärtelungen warnte. Eugen fühlte bei der Heimkehr, welche man⸗ nigfache Gedankenwege verſchiedener Menſchen er heute durchſchritten und er empfand trotz dem Schwanken ſeines Lebensbodens doch die Seg⸗ nung eines reichbewegten Erfaſſens und Leitens, das den geſunden Geiſt mit einem Wohlgefühl durchſtrömt, ähnlich jenem der tapfern körper⸗ lichen Ermüdung, die nun zur Ruhe überge⸗ gangen iſt. In ſeltſamen Verſchlingungen umkreiſten ihn drei Frauengeſtalten: Stephanie, Theoroſa und — nein Vittore lebte ihn ihm. Theoroſa kam andern Morgens und erbat ſich im Auftrage des Ausgewanderten das mit einem blauen Bande zuſammengebundene Brief⸗ packet. Um die gewiß polizeifürchtige Seele nicht zu erſchrecken, ſagte Eugen, daß er die Briefe ſpäter einhändigen wolle. Theoroſa ließ ſich leicht beruhigen, denn ſie begrüßte jetzt die ein⸗ zeln ankommenden Schulkinder und lehrte die Mädchen ſogleich ihre Halstücher und Schürzen bequemer und zierlicher knüpfen. In ihrem knappen naturellfarbenen Seidenkleide und in 206 freier Bewegung erſchien Theoroſa jetzt anmuthiger als beim erſten Anblicke im Winter. Sie ſtand in dem Alter, wo man die„neunundzwanzig Jahre“ noch mit Fug feſthalten kann und ihre feinen Züge hoben ſich vortheilhaft hervor aus dem Rahmen des ſchwarzen Schleiers, den ſie beſtändig um das Kinn gebunden trug. Kaum zwei Tage war Theoroſa im Dorfe, als ſie bereits eine Schaar kleiner Kinder um ſich geſammelt hatte, mit denen ſie bei der jun⸗ gen Linde ſpielte und die ſie allerlei Liederchen lehrte. Anfangs lachten und ſpotteten Viele darüber, der nachhaltige Ernſt der Kinderfreundin beſiegte jedoch bald alle Widerſacher und„Baſe Theo“ war bald eine beliebte Figur des Dorfes. Eugen fand hierdurch eine erwünſchte Gelegen⸗ heit, einen lange gehegten Plan auszuführen; er wollte den erſten Eintritt der ſchulpflichtigen Kinder in die Lehre zu einem familienhaften Schulfeſte geſtalten, an dem die Eltern vor Allem Antheil nehmen ſollten. Theoroſa war vollkommen geeignet zur Anordnung dieſes Feſtes und gern überließ ihr Eugen das Ganze. Seit Menſchengedenken, behaupteten die älteſten Erlenmooſer, gab es nie ein ſchöneres Maienfeſt als das heurige. Die Muſik zog voran Mitte auf d Klein holte Luſt die nun heta vor, der der durft eit. die verl bar Kin Elt gefi auf mu neb lei N voran und als Eugen am Sonntag nach der Mittagskirche mit ſeinen Schulkindern hinauszog auf den Raſenplatz, wo Theoroſa ihn mit den Kleinen erwartete und ihn im Triumphe ein⸗ holte, ſtieg tief aus ſeiner Seele mitten in aller Luſt der traurige Gedanke, wie gräßlich es in die Herzen der Kinder ſchneiden müßte, wenn er nun plötzlich aus ihrer Mitte wie ein Verbrecher herausgeriſſen würde, aber er kam ſich wieder vor, als hätte er ſich an den heiligſten Altar der Menſchheit geflüchtet, wo ihn die Hand der rohen Gewalt nicht faſſen und verfolgen durfte. Jung und Alt war voll Luſt und Fröhlich⸗ keit. Eine große Schaar von Frauen umringte die Bachmüllerin, die zu dieſem Feſte ihr Haus verlaſſen hatte, ſie, die ſonſt nie bei einer Luſt⸗ barkeit geſehen wurde. Jedes neu ſchulpflichtige Kind wurde auf Anordnung Theoroſa's von Eltern und Geſchwiſtern dem Lehrer einzeln zu⸗ geführt und Alles horchte auf, wenn der Vater auf allgemeines Bedrängen einige Worte ſprechen mußte. Der Schloſſer Vinzenz ſtand immer neben Eugen an der jungen Linde, er trug ſein kleines Kind auf dem Arme und ſagte weinend: „Nicht wahr, Herr Lehrer, mein Dagobert war 208 doch der beſte? Wenn nur mein Dagobert das erlebt hätte.“ Eugen ſuchte ſo viel er vermochte den Mann zu tröſten, der allein mitten in der Freude ſeine Trauer nicht verwinden und doch vom Feſtplatze nicht wegbleiben konnte. Er verließ die erhöhte Stelle erſt, als er Eugen geſagt hatte:„Machet rechtſchaffene, ſtämmige Republikaner aus den Kindern.“ Auch an Scherz fehlte es nicht. Der Bach⸗ müller brachte den Sanscülotten und verlangte für ihn eine öffentliche Strafe, weil er wieder geraucht habe. Eugen verband dem unbändigen Burſchen ſchnell den Mund mit einem Tuche, ſtellte ihn auf die Erhöhung und verkündigte ſeine Strafe. Ein allgemeines Jauchzen ent⸗ ſtand und erſt als der Sanscülotte einwilligte, das was ihm vorgeſagt würde nachzuſprechen und zu halten, wurde er ſeiner Feſſel befreit; er gelobte nun vor Allen, bevor ſein achtzehnter Geburtstag vorüber ſei, nicht mehr zu rauchen. Es fehlte nicht an derben Scherzen zu dieſem Zwiſchenſpiel. Eugen wollte indeß die höhere Feſtesſtimmung bewahren und hielt nun eine Anrede an die Eltern, ſich der Schule und derer, die der Botmäßigkeit des Lehrers entwachſen ſind, unter leben und und und Beth müſſ habe der ſeien wurd ange Sch den wur die kun gele Thu geſa . S ſind, anzunehmen. Er ſchlug einen Ausſchuß unter dem Namen„Schulfreunde“ vor, der in lebendiger Verbindung mit der ſchulpflichtigen und der halbwüchſigen Jugend bliebe. Der Schloſſer Vinzenz ſprach mit Wärme und großer Gewandtheit gegen dieſe Einrichtung und ſetzte einerſeits auseinander, daß eine halbe Betheiligung an der Schule nichts ſei, man müſſe warten, bis man ſie ganz in der Hand habe; andererſeits hielt er das Bevormunden der halbwüchſigen Burſchen für Unfreiheit. Hier ſeien nur die Eltern berechtigt. Nachdem Eugen hierauf geantwortet hatte, wurde ſein Vorſchlag mit allgemeinem Zuruf angenommen und ſelbſt der Vinzenz unter die Schulfreunde gewählt. Dieſes dauernde Ergebniß, das nun unter den Einzelnen weiter berathen und beſprochen wurde, erhöhte noch die freudvolle Stimmung, die ſich in Geſang und Tanz bis in den Abend kundgab. Als Eugen Theoroſa nach dem Pfarrhauſe geleitete, ſagte ſie ihm, ſeine Ausdeutung ihres Thuns ſei ihr der beſte Dank, denn er hatte ihr geſagt: „Ich habe heute unſeres Freundes in Ame⸗ 14 rika und ſeiner hohen Miſſion gedenken müſſen. Die Welt iſt ſo verkehrt, daß Tauſende es kin⸗ diſch und eines Mannes unwürdig finden, der Anführer eines ſolchen Feſtes zu ſein; mit be⸗ waffneten Soldaten aber hinausziehen und ſie allerlei Schwenkungen machen laſſen, das wird von bärtigen und ewig bartloſen Lippen als männlich, ja ſogar als heldenhaft geprieſen. Solch ein Jugendfeſt mit ſchöner Oeffentlichkeit erbaut eine monumentale Kraft im innerſten Leben und wenn wir einſt eine Nation werden, muß ſich das immer höher heben für Alt und Jung. Der Katholizismus hat es verſtanden, dem Volke kirchliche Feſte zu geben, pomphafte Aufzüge, die zum Theil das öffentliche politiſche Leben erſetzen; das Volk fühlt, daß man ihm zu lieb dieſe geſchmückten Rundgänge macht und es freut ſich ſeiner Mitthätigkeit, wenn auch nur als Comparſe. Könnten wir nur die Zukunft erleben, wo freie Menſchen ſich zu ſchöner Feſt⸗ ordnung zuſammenſchaaren.“ ge m un pr we we er Al bl er in Fünftes Rapitel. In ſeinem Kriegsleben hatte Eugen oft geſehen, wie die Offiziere einander bei Anord⸗ nung der Schlacht beobachteten; da galt es unerſchütterten Gleichmuth zu zeigen und wenn das feindliche Geſchütz ſpielte und die Kugeln praſſelnd herniederfielen, beachtete man auch, wer raſcher aus ſeiner Eigarre dampfe, wer ſie wegwerfe oder unbeirrt ſich eine neue anſteckte. Eugen war jetzt von Niemanden beachtet, er ſtand jeden Augenblick einer feindlichen Kugel ausgeſetzt, aber er bewahrte ſeinen Gleichmuth in höherer Weiſe, in unbeirrter Erfüllung ſeines Berufes. Es war jetzt nicht gegeben, durch eine ausgreifende That ſich zu bewähren und Eugen erkannte in ſeinem Schickſale allerdings das der Märthrer; dulden und ſtille ausharren im Ge⸗ bote der heiligen Erkenntniß, das mußte auch er. Eine Friedſamkeit durchſtrömte ſein Weſen in dem Gedanken: Es gilt die Lebenspflicht zu erfüllen als ob man ewig lebe und wiederum als ob man ſtündlich ſterbe; noch in der letzten 14* Stunde gilt es die Ausbreitung der ganzen Vollkraft. So ſtand Eugen unter ſeinen Schülern, als wäre er ein Menſch, befreit von jeder Bangig⸗ keit und jeder Drohniß. Der Feſtklang hallte noch in den Gemüthern der Kinder nach, ſie ſchienen ſich ſchwer in die ernſte Arbeitspflicht finden zu können; denn es hat immer etwas Mißliches einen Abſchnitt oder einen Beginn der Thätigkeit in lauter Feier zu begehen. Eugen ließ nun gleichſam die nächſten Erinnerungsreſte von der Maifeier auskoſten, indem er den Kindern einige geſtern vernom⸗ mene Volkslieder einübte, die dem jugendlichen Sinne entſproſſen waren und ihm ſich aneigne⸗ ten. Nach dieſer Ueberleitung ging die noth⸗ wendige Arbeit beſſer von ſtatten. Die Erwach⸗ ſenen wurden zur Selbſtbeſchäftigung angehalten, denn die ganze Aufmerkſamkeit blieb heute den Neueingetretenen gewidmet, die Eugen nicht in abgeſonderter Bank, ſondern zu ihren Ge⸗ ſchwiſtern, oder wo dieſe nicht zugegen waren, zu Hausnachbarn oder ſelbſtgewählten Befreun⸗ deten hatte ſitzen laſſen. Jetzt ließ er ſie her⸗ austreten und fand im Einzelgeſpräche Alle blöde und zaghaft; nur den liebreichſten Worten S2 G w gelang es nach und nach die Blödigkeit aufzu⸗ thauen. Es ließ ſich nicht entſcheiden, was wohlgethaner ſei, dieſe Kleinen vorerſt wenig zu beſchäftigen und ſie noch die Freiheit genießen zu laſſen, oder ihnen alsbald die ernſte Aufgabe vor das Gemüth zu führen. Zunächſt ließ Eugen jedes einzelne Kind von einem ſeiner Geſchwiſter oder Befreundeten unterrichten. Wie jetzt in dieſen Tagen immer bei offe⸗ nen Fenſtern Schule gehalten wurde und ein freier Athem des Feldlebens hereindrang, ſo ſchien auch in Lehrer und Schülern eine unruhige Sehnſucht nach dem Treiben im Freien zu walten. Eugen erkannte die Mißlichkeit der Sommerſchulen und gelangte zu der Ueber⸗ zeugung, daß in der Sommerzeit nur ſo viel geleiſtet werden ſollte, um den Lerntrieb nicht zu unterbrechen. Dies würde dann den Kindern freie Mithülfe in der Feldarbeit geſtatten, die Lehrer könnten ſich auch entſchiedener ſolcher widmen und geiſtig und körperlich erſtarkt und gefördert ihren beſondern Beruf wieder er⸗ faſſen. Unſere ganze Bildungswelt leidet an dem krankhaften Zwieſpalt, daß ſie des Men⸗ ſchen Kraft immer und ausſchließlich nur nach Einer Seite hin beanſprucht; wie das per⸗ ſönliche Leben ſich aus Geiſt und Körper zuſammen⸗ ſetzt, ſo müßte auch die Thätigkeit nach außen die beiden Grundkräfte des Seins gleichmäßig zum Aufgebot bringen. Dadurch allein wäre es möglich, von der überſchraubten Höhe der Ver⸗ feinerung wieder in die geſunde Einheit eines handfeſten Thuns bei geiſtiger Schwungkraft zu gelangen und nur die wahrhaft Begabteſten wid⸗ meten ſich vornehmlich dem geiſtigen Berufe. Die Schulfreunde, die bei dem Maifeſte gewählt worden waren, ſchienen ihre Thätigkeit kaum beginnen und nur läſſig treiben zu wollen; man ſchien dies als eine jener Einrichtungen zu betrachten, die man wol anordnet, deren Aus⸗ führung aber im Schlendrian wieder einſchlafen ſoll. Die überall ſich aufdrängende Erfahrung, daß der Beamtenſtaat das Volk daran gewöhnt hat, der freien Erfaſſung ſeiner eigenſten Ange⸗ legenheiten ſich zu entziehen, gewahrte Eugen auch hier; aber er ließ nicht ab von dem aus eigener Erkenntniß wie von den einſichtigſten Pädagogen Geheiſchten. Gerade jetzt in ſeiner perſönlichen Gefährdung war Eugen um ſo eifriger, als gälte es die Garben einzuthun im Angeſicht des drohenden Gewitters. Er ging mahnend von Haus zu Haus und wußte Alles gel Na hef St täg leb ſo w Un St Er N zu erregen und was ſeinen Mahnungen nicht gelang, vollbrachte die Drohung, daß er die Namen der Säumigen an die Schulthüre an⸗ hefte und der öffentlichen Schande preisgebe. So brachte er es dahin, vorerſt mindeſtens ſonn⸗ täglich die Erwählten zu verſammeln und eine lebendige Beziehung der Eltern zu der Schule, ſowie eine Handreichung der häuslichen und 3 Schulerziehung in's Werk zu ſetzen. Die Art, wie Eugen die Einrichtuug aufrecht erhielt ſ. e und durchführte, erwarb ihm den Namen eines en; Strengen, wie er in manchen Scherzreden erfuhr. en zu Er nahm dies unbeſtritten hin, denn er ſah die us Menſchen jetzt willfähriger und eine Erfahrung, hlafen die nicht ſo leicht am Wege liegt, drängte ſich g ihm auf: Was der Sanftmuth nicht gelingt, das wöhnt vollführt die unnachſichtliche Strenge; die be⸗ ln wältigende Energie, die Stärke, macht die Herzen Eugen zur Liebe geneigt. 1 us Hatte die Kirchbäuerin wahr geſprochen, da„ ſie ihn einſt davor warnte, grobe Säcke mit ſeiner Seide zu nähen? m ſo Am Tage vor der Schulconferenz erhielt bun im Eugen eine Vorladung zu Amt. Er gab Lipp St ging den Auftrag, wenn heute ein Brief eintreffe, mit demſelben zu ihm zu kommen. Er hatte 216 nun noch ein ausführliches Verhör zu beſtehen über ſein Verhältniß zu Bartelmä und nachdem er eingeſtanden, daß er denſelben in ſeiner wahren Perſon gekannt, wurde ihm verkündet, daß das Straferkenntniß über die Nichtangeberſchaft ſpäter erfolgen werde, worauf die Akten geſchloſſen wur⸗ den. Er erhielt die weggenommenen Briefe und Kaidl's Straßenſpiegel wieder, den er ſogleich verbrannte. Aus der ganzen läſſigen Art, wie die Unterſuchung dieſer Gewaltthat geführt wurde, war erſichtlich, daß man nach höherer Ordre jedes Aufſehen zu vermeiden ſtrebte. Die Schulconferenz, die Tags darauf ſtatt⸗ fand, war weſentlich nur eine Abſchiedsfeier des Inſpektors, voll ſalbungsvoller Huldigungen und frommer Wünſche herauf und herab. Der In⸗ ſpektor war, wie Deeger prophezeit hatte, zum Seminardirektor ernannt worden. Schnörkel ſtrahlte heute in beſonderem Glanze, er hatte die Dankadreſſe, die mit dem Pokal dem Schei⸗ denden überreicht wurde, in ſchöner Fraktur ge⸗ ſchrieben und vergaß nicht den Bewundernden zu zeigen, daß er in Form einer Verzierung die Worte angebracht hatte: Sigmund Lutz seripsit; nebenbei erluſtigte er ſich, den Bruder Weiland zu necken, der ſich um die Stelle eines Zucht⸗ hau ßel nit zuſ Ti die ſh ga de in me wi ſott⸗ la⸗ à ub 217 hausinſpektors beworben hatte, die einem alten Feldwebel übertragen ward. Je öfter nun Eugen mit ſeinen Berufsgenoſſen in freiem Geſpräche zuſammentraf, um ſo mehr bemerkte er bei allem Tüchtigen in den Meiſten jene Eigenthümlichkeit, die der Sprachgebrach nur oberflächlich das Schul⸗ ſchmäcklein nennt, das aber in einem eigenen Paß⸗ gang des Denkens, in einer gewiſſen zerfließen⸗ den Breite bei der Begriffsbildung und wiederum in hochgeſtelzten Ausführungen beſtand, wobei man ſich nicht ſcheute, abgetragene Redensarten wie ein neues Gewand ſeinen Gedanken umzu⸗ legen. Als Eugen ſolches gegen Deeger äußerte, wies dieſer wiederholt auf die Verkrüppelung in allen unſeren Zuſtänden hin, wo man von Jugend auf für einen Beruf zubereitet, inmitten deſſelben nie mehr zu freier Lebensbewegung gelangt. Er prophezeite Eugen, daß er ohne die Ein⸗ ſeitigkeit ſeines Berufes nie zu der bräuchlichen Fertigkeit in demſelben gelangen könnte. Deeger, Eugen und Göritz hatten ſich wieder bei Tiſche zu einander geſellt; Deeger war wiederum in ſich gekehrt und ſtill, Göritz aber in voller Auf⸗ regung, ſo daß er bei jedem Trinkſpruche der ausgebracht wurde die Lippen ſchärfte, bald auf⸗ ſtand bald ſich niederſetzte und an dem Zwie⸗ 218 geſpräche in einer Weiſe Theil nahm, daß man wohl ſah, er ſprach ſich im Innern Worte vor, die er bald laut verkünden werde. Deeger hatte dies zuerſt bemerkt und warnte ihn vor Ueber⸗ eilung, indem er lächelnd hinzuſetzte: „Man muß nicht an jeden Zopf anfaſſen, es geht Mancher von ſelbſt aus,“ worauf Eugen verſetzte: „Wenn der galliſche Hahn wieder kräht, werden dieſe Lobhudelnden hier ihren Herrn und Meiſter verleugnen.“ Auf dieſes Wort hin ſchnellte Göritz raſch empor, ſchlug auf den Tiſch und bat um's Wort. Mit bewegter Stimme ſagte er dann, daß min⸗ deſtens die Hälfte der hier Anweſenden einſt zu Füßen eines Mannes geſeſſen, dem ſie ihr Beſtes verdanken, der rechtſchaffen und freiſinnig in der umfaſſendſten Bedeutung des Wortes gelebt und gewirkt habe; er weiche jetzt aus ſeinem Amte auf ein einſames Dorf als Pfarrer; nur ein ſchwacher Ausdruck des Dankes ſei es, wenn man ihm aus dieſer Verſammlung ein dreimaliges Hoch nachrufe, das jeder gewiß in ſich ſpreche. Der Inſpektor ſtand zuerſt auf und rief wohlweislich ein Hoch auf den abgeſtellten Se⸗ minardirektor und Alles ſtimmte mit ein. Den⸗ noch der geſp roll ihn And Eſ ind gls noch war hierdurch ein Felsblock in den Strom der Geſellſchaft geworfen, über den die Zwie⸗ geſpräche plötzlich wie ein wildrauſchender Bach rollten. Einige kamen zu Göritz und ſchalten ſe ihn über die Herbeiziehung des Ungehörigen, Andere beiſtimmten ihm mit leiſen Worten und Winken. Schnörkel rief:„Maul wie Salat ſagt der Eſel wenn er aufs Eis geht und ein Bein bricht.“ Deeger aber drückte ſeine Zufriedenheit aus, indem er ſagte, Göritz habe es gelinder gemacht als er gefürchtet hatte. Wieder auf dem Heimwege geleitete Deeger unſern Freund und ward ihm zu hohem Troſte. 45 ju Als Eugen in Klagen ausbrach, daß er ſich zu paſſivem Warten und Dulden verurtheilt 3 ſehe, wies ihn Deeger darauf hin, daß hierin t und oft mehr Kraft liege als in ſtreitbarem Umſich⸗ Amnte hauen. ein Schwerer ward es aber die innern Zweifel wenn Eugens zu beſchwichtigen. Bei einer wieder uliges eintretenden Verfolgung ſchrieben die Thatſachen teche. den Weg vor, es fragte ſich jetzt nur, ob er rief nicht die innerſte Kraft ſeines Strebens an⸗ n Se⸗ brüchig mache, wenn er Amneſtie annehme; die Den⸗ Flucht aus dem Vaterlande, ſonſt für ihn härter . 220 als der Tod, erſcheine jetzt oft minder er⸗ ſchreckend und er würde ſie vielleicht ergreifen, wenn er ſich nicht mit ſeinem innerſten Leben an Vittore gebunden fühlte. Deeger ließ Eugen die volle Breite ſeines innern Kampfes darlegen; er verrieth durch kein Zeichen, keine Miene ſeine Anſchauung, da Eugen auseinanderſetzte, wie aus dem Vater⸗ lande auswandern, ſich ihm verloren geben heißt, ſich begnadigen laſſen, heißt ſich dem Vaterlande und ſich ſelbſt verloren geben. In der Annahme der Amneſtie vernichte er all ſein künftiges Thun im Voraus und brandmarke es mit dem Makel des Undanks. In wildem Streite mit ſich rief er: „Die Lebensluſt in mir, die Liebe zu Vit⸗ tore und die Pflicht gegen ſie, iſt darin nicht noch immer heuchleriſche Selbſtbeſchönigung? Iſt es aber nicht falſche Opferſucht, den Untergang der Rettung vorzuziehen? Leben aber nicht alle nicht verurtheilten Rechtsliebenden mit mir in ſtillſchweigender Lüge? Und durch meine Rettung können viele Menſchen aus ihrer Qual erlöst werden.... Ach, es kann Niemand vollauf rein durch dieſe Welt gehen.“ So ſchloß Eugen und jetzt fühlte er, daß der ſchärfſte Dorn in der Iw der ſpr wi dei ſt die d —— — Wit Martyrkrone nicht die erduldete Schmach vor den Augen der Welt, ſondern das Bewußtſein der befleckten innern Ehre iſt. Nur auf das Be⸗ drängen Eugens antwortete Deeger endlich: „Es giebt Entſchlüſſe, die ſo ganz der eigenſten Perſönlichkeit angehören, daß kein Zweiter, und trüge er auch die Seele des An⸗ dern mit der beſten Liebe in ſich, darüber ſprechen, geſchweige entſcheiden darf.“ „So verſetze dich in meine Lage und frage wie du handeln würdeſt.“ „Das iſt nicht möglich. Der Urboden deiner Lebenswandlung iſt, je nach der An⸗ ſchauung ein abenteuerlicher, ercentriſcher, oder die Bethätigung eines hochſittlichen Entſchluſſes. Die Art, wie du die Conſequenzen auf dich nimmſt, giebt den Endbeſcheid.“ „Ich konnte eine That begehen, die im Widerſpruche mit der ganzen Welt ſteht, ich frage nun auch nicht ängſtlich nach ſchielenden Blicken und Naſerümpfen.“ „Gut, der Kampf iſt alſo nur in dir, die Philiſter, die gaffend und paffend am Wege ſtehen und die Hände in die Taſchen halten damit ihnen nichts abhanden komme, rufen dem ſtaubbedeckten Kämpfer zu, er ſolle ſterben für 222 ſeine Ehre, groß, tragiſch untergehen; ſie halten ſich dabei für hoch ideal. Du haſt aber an eben dieſer Stelle mir einmal geſagt: Der Muth feig zu erſcheinen iſt oft der höchſte. Halte das fſt. Jetzt ſage ich: du kannſt und mußt die Amneſtie annehmen, ſie wird dir zur Ehre aber nur unter einer Bedingung.“ „Und die iſt?“ „Daß du ausharreſt in deinem Berufe, in deiner ganzen Stellung und nicht einen perſön⸗ lichen Freibrief zum Wohlleben damit erringeſt. Ich weiß und du wirſt es erfahren, die Welt ſieht an dem vollendetſten Kunſtwerke immer nur den Makel, die Verletzung, die es erfahren; jeder drückt zuerſt ſein Bedauern darüber aus und dünkt ſich damit als klug zu erweiſen, ſtatt ſich des Erhabenen in ſich Vollendeten zu er⸗ freuen. Du mußt die Schmerzen dieſer Zeit über dich nehmen. Du wirſt dich an meine Mahnung in Röthhauſen erinnern; ich ſehe über dieſen Flecken hinweg wie über einen zeitlichen Aberglauben, der den beſten Geiſtern anhaftet. Kannſt du ausharren, ſo biſt du gerechtfertigt vor Gott, vor dem ewigen Geiſte, wenn auch nicht vor dem zeitlichen der Menſchen, die immerdar einen Vertreter des unabänderlichen in P H — 12* ſi — 223 Gedankens an das dürre Kreuz ihrer fertig ge⸗ zimmerten Begriffe ſchlagen.“ Aus den Worten Deegers ſprach eine ſo ungewohnte Wärme der Begeiſterung, daß es in der That ſchien als habe er ſich in das Weſen des Freundes verwandelt; er faßte die Hand des Freundes und hielt ſie ſtille feſt im Weiterſchreiten und das Wonnegefühl der Freund⸗ ſchaft erfüllte die Seele zweier Menſchen, die ſich ſo warm und treu hielten wie die leiblichen Hände einander faßten. Auferſteht die innerſte Erlöſung aus der eigenen Bruſt, ſo iſt ein Zuruf von außen doch ₰. noch mächtiger, Zuverſicht athmender.— Wie 8 Eugen jetzt dieſer beſeligenden Freundſchaft ge⸗ dachte, ſtellte ſich in Gedanken Vittore mit all ihrer ſüßkräftigen Liebe vor ſeinen Geiſt. So eins geworden waren die beiden Freunde, daß Deeger wußte, der Freund gedenke jetzt der Geliebten und er ſagte: „Du könnteſt Alles Vittore vorlegen und ich bin gewiß, ſie würde entſcheiden wie ich.“ „Ich glaube an dich, ſage ich mit ihrem u Worte,“ rief Eugen; ſein Herz war ſo voll, die daß er nichts weiter hervorbringen konnte. Er ließ nicht ab, bis Deeger ihm willfahrte und ihn wieder nach Erlenmoos begleitete; es konnte ein Brief von Stephanie oder ſie ſelbſt ange⸗ kommen ſein. Bei der Nennung dieſes Namens empfand Eugen ein unruhiges Bangen, er fühlte, daß er von dieſer Seite noch manchen Kampf zu beſtehen hatte. Sechstes Rapitel. Schatzhauſer ſprang ſeinem Herrn entgegen, Lipp war nicht zu Hauſe, die alte Brigitte, die ſich Lipp als Beihelferin verſöhnt hatte, über⸗ reichte die Schlüſſel zugleich mit einem eben an⸗ gekommenen Briefe und ſagte, Lipp ſei nach dem Walde, um Pfingſtmaien zu holen. Haſtig erbrach Eugen den Brief, er war in großen Federſtrichen geſchrieben, ohne Anrede und Unterſchrift und enthielt die Worte: „Ich bin dem Fürſten hieher in's Bad nach⸗ gereiſt. Noch in dieſer Woche leſen Sie in den Zeitungen die Abſolutivn. Eine Quadrupel⸗ Allianz von Gründen hat das große Werk zu Stande gebracht. Das Miniſterium hatte bereits die Sache im Staatsintereſſe beantragt, Sie ſtanden mit auf der Liſte, der Fürſt aber wollte Sie ausſchließen und nun hörte ich perſönlich das Gegentheil, daß man die anderen nun um Ihretwillen— ich mag das abſcheuliche Wort nicht. Die Sache wollte eben wieder einſchlafen, als ich ſie durch eine Intrigue weckte. Ich ließ 15 226 in die demokratiſche Zeitung des Nachbarſtaates — geſegnet ſei die Nichteinheit Deutſchlands— das Gerücht ſetzen, der Schellenkönig habe dem Fürſten verboten, Amneſtie zu ertheilen. Mein Vetter, der Kammerherr“s, der Sie auch kennt, mußte das dem Fürſten unterbreiten und nun ſtach der Souveränetätshafer, es wurde geſchrie⸗ ben, geſiegelt und geſandelt. Mein alter Oheim Hannibal, der Geſandter in London war, gab einſt die beſte Antwort auf die Frage: Was iſt Diplomatie? Man geht im Regen über die Straße und hat ſeinen Schirm aufgeſpannt, da kommt ein Freund und hängt ſich an die Seite, nun wird man mit ihm naß. Wie hilft man ſich? Man läßt noch einen zweiten Freund an der andern Seite untertreten und nun hält man den Schirm in der Mitte und geht trocken. Das iſt Diplomatie.— Die Geſellſchaft iſt äußerſt ägrirt, ſtrenge Mittel die beliebteſten. Geſtrenge Herren regieren nicht lang, wird ihr weiſer Volks⸗ mund ſagen? Ja, aber ſie regieren doch. Die Welt iſt eine Mélange von Egoismus und Dumm⸗ heit, von Furcht und Starrſinn. A propos die abſcheuliche Hyperkultur des Glace mundet mir hier wie einem Urwäldler. Sie werden mit der Reichstante Theoroſa viel geiſtige Charpie zupfen. Con Sta von hat Senl was 227 Converſirt ſie immer noch gerne in goldſchnittigen Stammbuchgedanken? Denkt an ein Epigramm 2 von Goethe.— Die ſüße niedliche Theoroſa hat immer einen Taſchenſpiegel für alle ihre Sentiments bei der Hand, Sie haben auch ſo was, zerſchlagen Sie's bis ich wieder komme. Ich ſagte, daß noch ein vierter Grund zur Abſolutivn mitgewirkt habe, den kann ich Ihnen „ nur mündlich mittheilen. Ich bleibe noch einige Vas Zeit hier. Mein faible für das Volksleben bringt * mich hier in viele Diskuſſionen. Wenn nur „ unſere Bauern noch etwas Primitives hätten! Als ich in Italien einen Mann mit einem räder⸗ loſen Pflug ackern ſah, es war ein Bild aus an einem antiken Fries heraus geſprungen; da ver⸗ „ ſtund ich die Geſchichte des Cincinnatus. Von das der höchſten Bildung kann man wieder zu der erſ einfachſten primitiven Thätigkeit zurückkehren. enge Was iſt aber jetzt die Landwirthſchaft? Mechanik ls und Chemie im freien Felde. Da fehlt alle Die Poeſie und bleibt nichts als der halbgebleichte un⸗ Zwillichkittel des Proteſtantismus. Ich vertheidige die alſo hier etwas, das eigentlich nicht mehr wahr mir in mir iſt. Da wird man um ſo hartnäckiger. det Ich glaube, Sie ſind mit Ihrer Marotte quand méme ein gemeinnütziger Menſch ſein zu wollen 228 in derſelben Lage. Sagte ich Ihnen nicht ſchon nach Ihrem apoſtoliſchen Anfluge in Röthhauſen, die Conſequenz macht uns zu Heuchlern vor uns ſelbſt?... Doch darüber mündlich. Vom Kur⸗ hauſe herüber höre ich eben die Bademuſik die Symphonie pastorale von Beethoven ſpielen. Sagen Sie's Niemanden, daß ich dieſe muſikaliſche Naturnachahmung für gemalte Statuen halte. Ich haſſe das Briefſchreiben. Haben Sie ſchon je in einem Gaſthofe praktikable Dinte und Feder gefunden? Habe ich keinen orthographiſchen Fehler gemacht Herr Lehrer? Mein alter Schulmeiſter hat mich gelehrt: wo du nicht weißt, welch' ein Unterſcheidungszeichen du ſetzen ſollſt, mach' immer ein Punktum. Lehren Sie das auch Ihre Kinder. Es iſt zu vielen Dingen gut. Adieu.“ Das war der Brief Stephanie's und als ihn Deeger geleſen hatte, ſchüttelte er die beiden Hände des Freundes in mächtiger Freude. Eugen wäre gern ſogleich zu Vittore geeilt, um ihr den Jubel ſeiner Seele zu verkünden, aber Dee⸗ ger widerſetzte ſich dieſem und behauptete, das unwirſche Gebahren des Bachmüllers habe darin ſeinen Grund, daß Eugen, ohne ſeiner Ein⸗ willigung gewiß zu ſein, ſich Vittore genähert habe. Selbſt als Eugen klagte, daß er die Pein nur Vitt aus noch gehe mir um ſie ſtan vöt blic fan So ge un da w 229 Pein, die in dieſer Art ſeiner Befreiung liege, nur überwinde, wenn er ſich ganz in die Liebe Vittore's verſenke, widerſprach Deeger gerade aus dieſem Grunde indem er noch hinzuſetzte: „Du weißt den vierten geheimen Artikel noch nicht. Du darfſt keinen Schritt weiter gehen, bis du die Baronin geſprochen. Wie mir eben jetzt erſt auffällt, haſt du ja gar nicht um Amneſtie nachgeſucht, da wäre es ja komiſch, ſie abzulehnen. Freue dich nur vollauf.“ Es giebt Ausſprüche des einfachen Ver⸗ ſtandes, die ſo überraſchend wirken, als ob man plötzlich eine Wand durchbreche und freien Aus⸗ blick und Ausgang gewährte, wo der in ſich be⸗ fangene Sinn verzweifelnd ſich eingemauert fühlte. So war es jetzt den Freunden, da ſie ſich die gegebenen Verhältniſſe klar vor Augen ſtellten und Deeger beſonders machte ſeiner Heiterkeit dadurch Luft, daß er über ſich ſelbſt ſpottete, weil er das Einfache nicht geſehen hatte. Als ſich Deeger jetzt auf den Heimweg machte, geleitete ihn Eugen; er konnte nicht in Ruhe ſich ſeines befreiten Daſeins freuen und mußte einen Menſchen haben, mit dem er Alles ausſprach. Er ſagte ſelbſt, er ſei wie ein von ſchwerem Krankenlager Auferſtandener, der ſich 230 des Lebens freue, nicht gedenkend der ſchweren Bürden, die es auch wieder auferlege und daß eigentlich nichts Neues errungen ſei. Deeger lenkte wiederholt das Geſpräch auf Stephanie, er ſchien gerechter gegen ſie zu ſein und warf Eugen vor, daß ſeine Anſichten von der Kernfäule und Gipfeldürre am Baume der höheren Cultur übertrieben ſeien; und wären ſie auch wahr, ſo beurtheile er Stephanie zu hart und laſſe ſie es entgelten, daß er ſich von den Widrigkeiten der ſpieleriſchen Ueberbildung an⸗ geekelt fühle. Deeger warnte wiederholt vor einer Ueberſchätzung der Naivetät, und ohne den Namen Vittore's zu nennen, gab er doch zu verſtehen, daß es eine Uebertragung der eigenſten Empfindungen auf Andere gebe, die zu gräßlichen Enttäuſchungen führen könne. Eugen wehrte ſich gegen dieſe Anmuthung im Allgemeinen wie in ihrer perſönlichen An⸗ wendung und gab Deeger zu verſtehen, daß er in ſeiner Achtung des Herkömmlichen das Weſen urthümlicher Quellengeiſter nicht gerecht erkenne. Eugen hatte gewünſcht, daß der Freund in das innerſte perſönliche Leben mit ihm eintrete; jetzt fühlte er, daß dies ſelbſt der höchſten Freund⸗ ſchaft nicht möglich iſt. Es giebt eine innerliche Ent und aller und mag loy fühl den in gni Nrſ Em wa den Ge Ge fül ſtel No hei etn tie 231 Entzündung, die kein Zweiter nachfühlen kann und Deeger in ſeiner Abgeſchloſſenheit ſchien am allerwenigſten dazu geeignet. Hier iſt die Grenzmarke der Freundſchaft, und nur die Liebe, das einsgewordene Sein ver— mag im Andern zu leben als wäre es das eigene klopfende Herz. Ohne Widerſtreit wenn auch im vollen Ge⸗ fühl des dennoch getrennten Seins verließ Eugen den Freund und ſchweifte noch die ganze Nacht in Feld und Wald umher, ſo ſtill, ſo in ſich be⸗ gnügt wie die Natur um ihn her. Was denkt und träumt ſich nicht Alles in verſchwiegener ſternglitzernder Nacht; die ſeligſte Empfindung aber bleibt jenes ſelbſtvergeſſene Hin⸗ wandeln, wo es iſt als ob nicht mehr ein Wille den Fuß heben mache und tauſend halbverſchleierte Gedanken die Seele umrauſchen und das reine Gefühl des Daſeins das ganze Weſen er⸗ füllt. Kein Blatt regt ſich im Walde und ſtille ſteht Alles und ſaugt den thauigen Athem der Nacht ein. Ein einſam nächtiger Gang im Walde hat bei aller Vertrautheit mit der Natur doch immer etwas eigenthümlich Banges, es iſt als ob das tief bewegte Menſchenleben ſich hier im Wider⸗ 2 32 ſpruche fände mit dem ſtillen unbelauſchten Walten in der Natur. Der Menſchengeiſt, der herrſch⸗ gewaltig über die Erde ſchreitet, ihre Kräfte ſich zu eigen macht, ihre Geſetze erlauſcht und ver⸗ bindet und ſich in freier Selbſtkraft ſeinen eignen Daſeinskreis beſtimmt und bildet— ein dunkles Räthſel ſteht vor ihm das abgeſchloſſene ſich ſelbſt erfüllende lautloſe Leben der Natur. Wieder⸗ holt ſich die Sage der Bibel, daß in der thau⸗ igen Feldnacht ein Gott leibhaftig mit dem Menſchen ringe? Da drunten rauſcht der Bach und blinkt bisweilen auf aus dem tiefſchwarzen Dickicht; Eugen ſog in freudigen Zügen den nächtigen Waldduft, ſah mit ſtillem Wohlgefallen die dunkeln Bäume, die ſich vom jetzt ſternloſen Himmel doch noch ſcharf abſchnitten. Dennoch wünſchte er ſich nur ſeine Flinte als Gefährten, der Hund ſchmiegte ſich näher an ihn als wüßte er, daß er jetzt ein willkommener Genoſſe ſei. Welch ein Kniſtern und Summen regt ſich jetzt plötzlich im Dickicht! Schatzhauſer ſchlägt an, Menſchenſtimmen werden laut und verlieren ſich waldeinwärts. Eugen eilte der verlaſſenen Stelle zu und fand hier mehrere umgehauene Birkenſtämme. Jetzt erinnerte er ſich, daß die alte Sitte des Maienſetzens ſich hier in das und zu; i verſ laſſe der Wa Aus die Jen Sta der Fiſ es der Vl St ein ein VW Men ſich 233 häusliche Pfingſtfeſt zurückgezogen und mit in⸗ nerm Jubel ergriff er einen mäßigen Stamm und trug ihn durch die Nacht dahin der Heimath zu; der Baum däuchte ihm ein entſprechender Frühlingsgruß für die Geliebte. Sah er ſich jetzt in die Ausführung eines Volksgebrauches verſetzt, konnte er doch das fremde Denken nicht laſſen: Iſt es nicht wunderſam, daß ſolche Bräuche ſo oft an ein Vergehen gebunden ſind und daß der frohe Sinn freudig über ſolches wegſchreitet? Warum biſt du minder widerſpenſtig gegen die Ausführung eines alten Lebensbrauches als gegen die Betheiligung an einem religiöſen Herkommen? Jene treiben aus der Wurzel des ſelbſtändigen Stammes und dieſe ſind gepfropft. Wie einſt der neue Geiſt die alten Göttertempel und die Feſtestage in die ſeinigen verwandelte, ſo wird es auch in Zukunft geſchehen müſſen.... Immer tiefer geeint fühlte ſich Eugen mit dem lebendig fortſproſſenden Beſtande ſeines Volkes und der ſchwere Baum auf ſeiner Schulter ward ihm jetzt ſo leicht als wäre es ein friſches Reis, das die Hand eines Kindes einem neuen Erlöſer auf ſeinen geprieſenen Weg ſtreut. Wann kommt der Genius, der die Men⸗ 24 ſchen in neuem Frieden eint, auf daß wir ihm huldigen? Wandelt er ſchon unter uns?... Als der Morgen zu dämmern begann, war Eugen auf der Anhöhe vor Erlenmoos; er eilte ſchnell hinab nach der Bachmühle, fand dort Werkzeuge und grub den Baum in den Boden unter dem Fenſter Vittore's. Ohne geſehen worden zu ſein eilte er nach Hauſe und hier war es als ob der Wald, aus dem er kam, zu ihm in's Haus gedrungen ſei. In der maienerfüllten Stube war Lipp wie es ſchien im Warten auf dem Stuhle eingeſchlafen; als ihn Eugen weckte, war ſeine erſte Frage: „Haben Sie den Vigil geſprochen?“ Noch nie hatte Lipp ſeinen Herrn mit Sie angeredet und dieſer fragte nun: „Warum? was giebt's?“ „Ach Herr, Herr, guter Herr, der Bar⸗ telmä ſelig hat's noch in der letzten Stunde zu mir geſagt: Sie ſind ein Heiliger. Ach lieber Herr—“ „Nun ſo rede doch, was iſt mit dem Vigil?“ „Himmliſcher Herr! Nun gut, ich will ruhig ſein, gut. Heut Nacht beim Maienholen ſagt mir der Vigil: dein Herr muß bei mir um gu 1 gn7 weißt daß i und e das ein den Vort Kund Stub beruh Vigil Lipp hebe hau hau der gut Wetter bitten, ich kann ihn jede Stunde an's Meſſer liefern. Ach Herr! Er weiß Alles.“ „Was denn? Sag es grad heraus, was weißt du?“ „Ich hab dem Bartelmä ſelig geſchworen, daß ich das Wort nicht auf die Zunge nehme und eher laß' ich mir ſie ausſchneiden, eh ich das thu; aber der Vigil, der Vigil, ich bin ein Lump, daß ich dem Seehund nicht gleich den Hirnkaſten eingeſchlagen hab', wie er das Wort geſagt hat.“ Eugen war doch betroffen, als er dieſe Kunde vernahm, er ging ſchweigend durch die Stube, Lipp ſchluchzte in ſich hinein. Eugen beruhigte ihn und ſagte, es ſei nichts mehr von Vigil zu befürchten. „Wenn ſie euch ein Leid anthun,“ rief Lipp zum Schwure ſeine eine Hand empor⸗ hebend,„da ſchwör' ich's, ich und der Schatz⸗ hauſer ſterben auf eurem Grab. Gelt, Schatz⸗ hauſer, du thuſt mit?“ rief er dem Hunde zu, der müde am Boden lag. Eugen theilte dem Jammervollen unter dem Gelöbniß der Verſchwiegenheit den Inhalt von Stephanie's Brief mit. „Ich werd' närriſch, ich werd' närriſch!“ 236 rief Lipp freudejauchzend im Zimmer umher⸗ ſpringend und den Hund umhalſend; plötzlich aber rief er wieder,„o Himmel, nein, ich glaub's nicht, es iſt nicht wahr, es kann nicht ſein, ſie thun's nicht, es iſt Kanzleitroſt, weiter nichts. O Himmel!“ Eugen kam es plotzlich vor, als könnte er doch zu leichtgläubig geweſen ſein, er ſtarrte gedankenvoll vor ſich nieder und Lipp dieß be⸗ merkend, rief wieder mit fröhlicher Miene ſich an die Stirne ſchlagend: „Ich bin ein einfältiger dummer Kerl, da, ſchlaget mir auf's Maul, das ſo blitzdumm ſchwätzen kann. O die gut lieb Baronin, der hab' ich's gleich angeſehen, das iſt ja ein Erz⸗ engel, ich könnt' ihr die Händ' unter die Füß' legen, weil die das zu Stande bracht hat. Wenn wir jetzt mit dem Vigil abrechnen, kriegen wir noch einen tüchtigen Trumpel'raus. Wart nur Vigil, dir wird man's zeigen, dich wird man klein dreſchen wie Bettſtroh.“ Eugen ließ die treue Seele gerne gewäh⸗ ren. Er überbrachte vor der Kirche Theoroſa die Briefe, ſie empfing ſie mit niedergeſchlagenen Augen und ahnte nicht, durch welche Hände dieſe duftigen Blätter gewandert waren. getro beige Pfin In Alsf eric mun Gloo eines Anor eine in frei reif leb ſie Ve ga —— Siebentes Kapitel. Der Vikar hatte ſchon lange Anſtalten dafür getroffen und Eugen und Lipp waren ihm darin beigeſtanden, daß der Gottesdienſt am erſten Pfingſttage im Freien gehalten werden konnte. Im Sonnenziel, ſo hieß die Gemarkung nach Alsfeld hin, war eine Kanzel aus Raſenſtücken errichtet und jetzt mit Blumen geſchmückt. Als nun die ganze Gemeinde unter dem Geläute der Glocken hinauszog, fehlte viel an dem Prunke eines katholiſchen Umzuges, aber wie die ganze Anordnung der Feier keine herkömmliche, ſondern eine ſelbſtbeſtimmte war, ſo ausprägte ſich auch in dem Weſen aller Betheiligten eine gewiſſe freie Zuverſicht. Der Vikar predigte mit hin⸗ reißender Kraft über die Heiligkeit des Erden⸗ lebens und die Leute hatten nicht Unrecht, da ſie ſeit einiger Zeit ſagten, man höre es jedem Worte und jedem Gedanken an, daß er Bräuti⸗ gam ſei. Als man unter Geſang wieder im Dorfe angekommen war und die Einzelſtimmen ſich — trennten, leuchtete aus jedem Angeſicht eine er⸗ höhte Feldfriſche und der Vikar drückte Eugen die Hand, da dieſer ſagte: „Es iſt nicht wahr, daß das hiſtoriſch Her⸗ gebrachte eine höhere Weihe hat, ja es wird oft zur gedankenloſen Phraſe; das Neugeſtaltete da⸗ gegen hat eine Sproſſenfriſche, der nichts gleich kommt.“ „Wir haben keine feſten Kapellen draußen in der freien Waldeinſamkeit,“ erwiederte der Vikar,„wir bauen nach unſerm Geiſte Kanzeln, auf denen wir nur einmal beten und ſo bleiben wir in der lebendigen Bewegung.“ Eugen empfing ſeine eigene Freude aus dieſer ſelbſtändigen Lebensbewegung. Die Keime einer Welterneuerung ſind doch ſchon mehr aus⸗ gebreitet, als das einſame Herz oft ahnt. Nach der Mittagskirche ging Eugen hinaus nach der Bachmühle, er ſpähte vergebens nach ſeinem Maien, der ſpurlos verſchwunden war. In der Stube traf er Theoroſa bei der Familie und kaum war er eingetreten, als der Bachmüller aufſtand und ſeinen Hut nahm, um fortzugehen; unter der Thüre rief er noch: „Frau, wenn du übermorgen Beſen bindeſt, ſieh, daß wir noch eine Ruthe'rauskriegen,“ und dem davol führt auf! dieſer ſie 9 alle ſchaf es Rede ſum dem möge ſagt ſitzt es roſo leut wei ſige gut „ — „* 239 dem Gruße Eugens kaum dankend, ging er davon. Es war gut, daß Theoroſa das Wort führte, denn Vittore und die Mutter ſahen kaum auf nach Eugen. Das ganze Behaben Theoroſa's hatte in dieſer Umgebung noch etwas Auffälligeres; wie ſie gerne im Superlativ ſprach, ſo hatten auch alle ihre Mienen, ihr Handdrücken, ihr freund⸗ ſchaftliches Anſchauen etwas Superlatives, aber es lag eine ſo bezwingende Herzensgüte in ihrem Reden und Thun, daß jeder Spott in ſich ver⸗ ſtummte. Theoroſa bat dringend, daß man doch an dem ſchönen Mittag in den Garten ſich ſetzen möge, aber ſie fand kein Gehör; die Mutter ſagte, es ſei ja gut da in der Stube und Vittore ſetzte hinzu:„der Vater hat's nicht gern und es iſt hier ja auch gut.“ „Sie werden immer ſehen,“ bemerkte Theo⸗ roſa gegen Eugen gewendet,„Kinder und Land⸗ leute haben eigentlich keine Freude an der Natur, weil ſie noch ſelber ein Stück Natur ſind.“ „Wenn man ſelber nichts Geſcheites zu ſagen weiß,“ entgegnete Vittore,„ſo iſt's doch gut, daß Andere geſcheit über einen reden.“ 240 Eugen war ſtill, ihm erſchien es, als ob hier ein hausväterliches Verbot obwalte, ſich mit ihm öffentlich zu zeigen; die Art, wie ihn Vittore vermied, diente ihm hiefür als Beweis und daß ſie trotz des warnenden Blickes der Mutter die Abneigung des Vaters ausſprach, durfte als vollgültiges Zeichen ihres ungebroche⸗ nen Willens gelten; nur Einmal konnte er ihr ihre eigenen Worte zuflüſtern:„Ich glaube an ench.“ Theoroſa fragte nun nach dem Eindrucke der Bücher, die ſie Vittore zum Leſen gegeben hatte. Vittore wurde über und über roth bei dieſen Worten und ſagte zu Eugen: Leute auch Bücher, wenn ihr einem keine gebet, weil ihr meinet, man liest euch was weg davon.“ Draußen ſchallten wiederum die Lieder durch die Straßen und Eugen fragte Vittore:„Geht ihr nie mit den ſingenden Mädchen?“ „Manchmal wol, aber ſelten; ich will jetzt hinüber zur Vinzenzin.“ „Darf ich euch begleiten?“ „Dank ſchön, ich geh allein. Mutter, ich bin vor Nacht wieder da.“ Sie ging weg und als Theoroſa ebenfalls das Dorf hineinging begleitete ſie Eugen. „Sehet ihr, Her Lehrer, es haben andere ſagte Held nicht entn entg dach Ein ſtan Gei Kön eſ in Ta dar dol Di 241 „Ich habe Vittore verſprechen müſſen,“ ſagte Theoroſa,„daß ich ihr Urtheil über die Heldengeſtalten unſerer größten Dichter Ihnen nicht mittheile; aber die Gedanken, die ich daraus entnahm, ſchmerzten mich ſehr.“ „Ich ahne die Empfindungen Vittore's,“ entgegnete Eugen,„und ich habe ſchon oft ge⸗ dacht: wir haben kein Reich, keine Geſetze; das Einzige was uns als unerſchütterlicher Hort da⸗ ſtand, ſind die Schöpfungen unſerer größten Geiſter. Und hier drängt ſich die Frage auf: Können auch ſie, geſchaffen in enger Klauſe, ab⸗ geſchieden von den Volksgenoſſen, nicht eingehen in die offene Welt, nur bei Lampenlicht und in geſchloſſenen Räumen und nicht in der Tageshelle und freien Luft aufgenommen und dargeſtellt werden? Wir dürfen uns aber doch getröſten. Die Worte der Weiſen und Dichter ſind der Prieſterſegen, der die ge⸗ trennten Herzen der Volksgenoſſen zu heiligem Gemeinleben eint; aber das Wort gibt nur die Weihe den Herzen, die in lebendiger Offen⸗ barung einander gefunden. Mit der Aenderung der Staatsformen iſt wenig gethan; wir müſſen erkennen lernen, wie viel traditionelle Schminke noch auf unſeren Empfindungen liegt.“ 16 242 Als müßte ſie ſich in ſich ſelbſt verbergen, die Augen niederſchlagend und die Arme in ihre Mantille hüllend fragte Theoroſa mit ſanftem Tone: „Glauben Sie, daß das Beiſpiel eines Einzelnen wirkt und er nicht blos ſich ſelbſt rettet? Unſer Freund ſchreibt wol richtig: Es müßte zuerſt eine verachtete verhöhnte Secte ſein, die ſich zur Vereinfachung des Lebens entſchließt und mit der Zeit würde ſie groß und gewaltig werden. In Amerika bringt die Nothwendigkeit der Verhältniſſe das mit, was bei uns freier Entſchluß ſein müßte. Dort ſind die höheren Stände zur Vereinfachung gezwungen und die niederen erheben ſich. Ich kann mir aber ein Leben ſo fern von unſeren Culturgewohnheiten nicht recht vorſtellen.“ Eugen ahnte die inneren Kämpfe dieſer Seele und doch konnte er ihr nicht helfen. Wer allzeit bereit ſein könnte um den hülfsbedürf⸗ tigen Herzen beizuſtehen, müßte alles ſelbſtiſche Daſein und Verlangen überwunden haben und Eugen war nie weniger hiezu geeignet als eben jetzt. Er ſah Vittore die Bergwieſe nach dem Hauſe des Schloſſer Vinzenz hinanſteigen, kehrte raſch rief laut ſchri Anr chu rag * — wat euch H raſch um und ohne ſelbſt zu wiſſen was er that, rief er laut: „Vittore!“ Sie ſchien ihn trotz ſeines lauten Rufens nicht gehört zu haben, denn ſie ſchritt ruhig weiter; Schatzhauſer eilte wie ein Anruf ſeines Herrn dieſem voraus zu der ſtill Wandelnden, die jetzt hinter einer Hecke ver⸗ ſchwand. Als Eugen athemlos bei ihr ankam, fragte ſie mit ſtrenger Miene: „Was rufet ihr denn in alle Welt hinein? was habt ihr denn?“ „Ich muß euch draußen anrufen, da ich euch daheim nicht mehr ſprechen kann.“ „Was habt ihr denn zu ſagen?“ „Ich halte dich,“ rief Eugen ſie wild um⸗ ſchließend,„du biſt mein, mein.“ Das ſtarke Mädchen zitterte und bebte in ſeinen Armen als müßte ſie niederſinken.„Um's Himmelswillen,“ ſchluchzte ſie jetzt,„was iſt? Herr Lehrer, iſt das rechtſchaffen? Laſſet mich.“ Sie wehrte ſich mit halber Kraft aus ſeinen Armen los, aber ihre Wange ruhte brennend heiß an der Wange Eugens und er drückte raſch einen Kuß auf ihre Lippen. Schatzhauſer war ein böſer Störer, er ſchlug an und ſich gewaltſam losreißend rief Vittore: 16* 244 „Ich möcht' in den Boden verſinken. Heiliger Gott! wenn uns Jemand ſo ſähe.“ „Dann wüßte er daß wir uns lieben und alle Welt ſoll's wiſſen. Ich laſſe dich nicht, ich halte deine Hand feſt, bis du mir ſagſt, wo ich dich heute wiederſehe.“ „Wenn ich nicht gleich wieder zurückkomme, kommet nach,“ preßte Vittore hervor und rannte ſchnell davon. Schatzhauſer ſchien nur einem Genoſſen im Thale geantwortet zu haben, denn es kam Nie⸗ mand und als Eugen nach dem langen Warten von vielleicht wenigen Minuten nach dem Hauſe des Vinzenz ging, fand er die Gartenthüre an dem Hauſe offen und auf der Bank an dem wilden Roſenhag, wo die Roſe blühte und der Hollunder in weißen Büſchen, dort ſaß Vittore und weinte bitterlich. „Betrübt dich meine Liebe zu dir?“ fragte Eugen. „Nein, es iſt ja Alles lauter Seligkeit, du kannſt aus mir machen was du willſt; ich geh' mit dir ſo weit die Welt iſt und wenn Vater und Mutter und Alles dagegen wär', dein bin ich.“ In allvergeſſender Seligkeit umſchlangen ſich die Beiden. „wi ich fält dir mir die wi ble ſei hal un 245 liger„Jetzt erſt weiß ich,“ rief Vittore wieder, „wie man einen Mann gern haben muß. Wenn und ich einmal was red und thu, was dir nicht ge⸗ ich fällt, denk nur ich verſteh's nicht beſſer, ich will ich dir ja gewiß nur zu Gefallen leben, ich könnt' 6 mir mein Herz für dich ausſchneiden laſſen.“ Tief ergriffen von der ſo mächtigen Licbe dieſes ſonſt ſo ſtarren Weſens jauchzte Eugen: „O ich kenne dich Geliebte, Liebe, du biſt wie die wilde Roſe über deinem Haupte, ein⸗ blättrig und offen bis in's Herz hinein.“ „Und will ganz offenherzig gegen dich ſein. Wie ich dich zuerſt geſehen und ſo gelacht hab', da bin ich in grauſamem Elend geweſen und hab' doch lachen müſſen. Das muß ich dir erzählen, es iſt vorjähriger Schnee, aber du 4 mußt davon wiſſen.“ Eugen war nur einen Augenblick in pein⸗ licher Verlegenheit zu bekennen, daß er unwill⸗ kürlich an jenem Abend gelauſcht habe, aber die. Wahrhaftigkeit gewann ſchnell die Oberhand und er berichtete Alles. „Es iſt mir immer geweſen,“ ſagte Vittore, „als müßteſt du mein ganzes Herz wiſſen, ich weiß nicht woher, und jetzt iſt Alles, Alles gut und himmelfroh. Vogel ſing!“ rief ſie einem 246 Diſtelfink zu, der auf dem Apfelbaum ſaß und als verſtünde der Vogel den Liebesruf, ſchmetterte er hell ſeinen fröhlichen Sang und flog nicht auf vor den Blicken, die nach ihm aufſchauten. Eugen berichtete nun, daß er ſich ſchon früher geoffenbart hätte, wenn nicht ein Bann auf ſeinem Weſen wäre, der noch nicht ganz gewichen ſei; er ſei ein anderer als er erſcheine. „Sei du wer du willſt und deine Eltern reich oder arm, du haſt gar nichts zu erzählen, ich bitt dich, laß mich reden. Wir können jede Minute fort müſſen. Mit meinem Vater red' ich ſelber, die Mutter, das weißt, hält das Leben auf dich, ſie hat noch keinen Menſchen ſo lieb gehabt und wir reden oft ſtundenlang von dir; aber gelt, du kannſt doch auch recht luſtig ſein? Wenn ich nur was Dummes wüßt', daß ich dich jetzt lachen hören könnt', du kannſt ja ſo grund⸗ gut lachen und da ſchüttelſt du dich dabei, geh' mach' das einmal wie damals, wie du mich Eva geheißen haſt und ich dich Adam.“ Eugen und Vittore lachten laut und wußten nicht warum. Das Scherzen und Koſen wurde raſch unterbrochen, denn die Vinzenzin trat in den Garten und berichtete, ihr Mann käme mit noch einigen anderen. Eugen riß ſich noch ſchnell ein ma ein de eine wilde Roſe ab, er wollte Vittore noch ein⸗ mal küſſen, aber ſie wehrte es vor den Augen eines Fremden und ſchnell ſprang Eugen über den Zaun. Mit dem Entſchluſſe dem Bachmüller Alles zu eröffnen, ging Eugen andern Mittags nach der Mühle. Er fand das Haus überall ver⸗ ſchloſſen, wie ſchlafend; der Nußbaum an der Wetterſeite ſtand unbewegt und die Reben, die die ganze Sonnenſeite bedeckten, ſchienen vereint die verlaſſene Menſchenwohnung in grüner Ruhe zu halten; keine Menſchenſtimme ließ ſich ver⸗ nehmen, nur der Mühlbach rauſchte über das geſtellte Rad. Eugen ſetzte ſich auf die Bank vor dem Hauſe, aber kaum ſaß er hier eine Weile als ſich die Thüre öffnete und die Bach⸗ müllerin ihn leiſe rief; er trat ein und ſie ver⸗ ſchloß die Thüre wieder hinter ihm. „Mein Mann,“ ſagte ſie in der Stube, „iſt heut Morgen mit unſerm Kind hinüber nach dem Aurorenbad, wie's jetzt heißt, gefahren. Da geht's heut luſtig her.“ „Und ihr ſeid allein zu Haus geblieben?“ fragte Eugen. „Ja, und rechtſchaffen gern, das iſt mir lieber als alle Luſtbarkeiten; ſo allein daheim ſchlüt ſein, das thut gar wohl, das Haus iſt ver⸗ ſtit ſchloſſen und man iſt von der Welt abgeſchieden, un da kann man ſo recht in ſich hineindenken, da gei lebt man wie in der Ewigkeit, mit keinem Men⸗ „ ſchen und doch mit Allen, tief drinnen im Herzen; d man ſpricht kein Wort und hört kein Wort und man braucht beides nicht, es iſt ja Alles geſagt, und man denkt hinaus, wo die Menſchen fahren ud und laufen und rennen, und man ſitzt ruhig wie ſ ein Vogel auf dem Baumgipfel und es iſt einem ſein als wär's Nacht und doch iſt's heller Tag, und 8 da ſteht aller Hausrath und wartet bis man zu i ihm kommt, und da kann man ſich denken wie die es iſt, wenn man einmal hinausgetragen wird, um einen in die Erde zu legen und das ganze u Leben zieht vorbei wie die Wolkenſchatten am ſo Berge vom Winde gejagt. Ihr werdet's auch ſ noch erfahren: je älter man wird um ſo ſchneller S vergehen die Jahre, man weiß nicht wohin ſie kommen; kaum hat man Garten und Feld be⸗ ſtellt, iſt der Herbſt wieder da und der Winter. Drum thut ein Stillhalten und in ſich Beſinnen ſo wohl und da kommt ein tiefer Seufzer und ich freu mich, daß ich noch da bin und meine getreuen Meinigen auch, ſie kommen bald und ich bereite ihnen Eſſen und Kleider und da c= 249 ſchlüpfen die Gedanken hinein, die ich für ſie habe, wenn ſie fort ſind—“ Starren Blickes, gleich einer Verzückten, Weiſſagenden, die mit ſich ſelber ſpricht, redete die Frau und als ſie jetzt inne hielt, ſagte Eugen: „Ich verſtehe Ihre heilige Einſamkeit.“ Die Frau ſchaute ſich verwundert rechts und links um als ſuche ſie etwas, oder müßte ſie ſich beſinnen, was geſchehen ſei. Eugen konnte ſein Erſtaunen nicht unterdrücken, daß ſie, eine Bauersfrau, ſo klar über ihre Empfindungen ſei und ihnen ſo tief nachgehe. Wie ablenkend ſagte die Frau indem ſie ſich erhob: „Ihr habt keinen Hausſtand, ihr möget euch Alles ausdenken können, ihr wiſſet doch noch nicht ganz, wie das iſt, wenn Menſchen fort ſind, die einem ſind, als wären ſie ein Stück von Leib und Leben, und es iſt einem oft, als müßt' man ſeine eigene Hand ſuchen. Jetzt genug. Ich hab's nicht über's Herz brin⸗ gen können, euch allein da unten auf der Bank zu laſſen. Jetzt wollen wir auch mit einander Kaffee trinken. Bleibet da, er iſt gleich fertig.“ Bald hörte Eugen in der Küche Aeſte knacken und ein Feuer praſſeln. Indem er jetzt aber⸗ mals über das ſeltſame Weſen der Bachmüllerin nachdachte und ſich hineinträumen wollte in die Zeit, da er hier im Hauſe ganz daheim ſein würde, drängte ſich aus dem Urgrunde ſeiner Seele herauf wiederum der Gedanke an ſeine Mutter und wie er ſich ſo mächtig zu dieſer Frau hingezogen fühle und ſie zu ihm; ſeine Wangen brannten und mit zitternden Händen griff er nach der Bibel, um aus den Vorblättern derſelben das Geſchlechtsregiſter dieſes Hauſes zu erforſchen; da rief ihm die Müllerin, er möge zu ihr in die Küche kommen, er eilte zu ihr. „Wenn man ſo ſein Herz ausgeſchüttet hat,“ ſagte ſie,„da hat man wie ein Heimweh, kann nicht ertragen, daß es aufhört und möcht weiter reden.“ „Ich verſtehe Ihr Heimweh nach den her⸗ ausgegebenen Gedanken,“ beiſtimmte Eugen und raſch ſagte die Bachmüllerin hierauf: „Erzählet mir was.“ „Die Leute ſagen,“ entgegnete Eugen,„daß ihr nie aus dem Dorfe gehet.“ Die Frau that, als ob ſie dieſe Worte nicht gehört habe. Eugen erkundigte ſich, was mit dem Mai⸗ baum geſchehen ſei und erhielt zur Antwort: ſhi käm Kaf ich beg jetz mi dat eue Wai⸗ „Mein Mann war grimmzornig. So etwas ſchickt ſich aber auch nicht, auf keiner Seite.“ „Eurem Manne wär's wol am liebſten, ich käme nicht mehr in euer Haus?“ fragte Eugen. Die Bachmüllerin ſchwieg und ſchüttete den Kaffee in das kochende Waſſer. „Ich hab' euren Mann ſprechen wollen, ich will endlich das Entſchiedene mit ihm reden,“ begann Eugen wieder. „Das iſt recht. Das gehört ſich. Drum jetzt, damit ich ehrlich ſagen kann, ihr habt mit mir nichts vorher davon geſprochen, wollen wir davon ſtill ſein.“ „Dürfet ihr mir auch nicht ſagen, was euer Mann gegen mich hat?“ „Das wohl. Ihr wiſſet, mein Schwieger⸗ vater iſt hier im Ort Schulmeiſter geweſen, er war ein ſonderbarer Mann, noch aus der alten Zeit; er hat noch acht Jahre bei uns gelebt und iſt 74 alt geweſen, wie er geſtorben iſt, und da hat er in ſeinem Teſtament verordnet, daß von ſeinen Kindern und Kindeskindern nie eines Schulmeiſter werden oder einen heirathen darf. Mein Mann hält ſeinen Vater in Ehren, ja er redet oft von ihm. Kommet'rein, der Kaffee iſt fertig. Jetzt haben wir zwei auch 252 unſere Pfingſten,“ ſagte die Bachmüllerin, als ſie mit ihrem Gaſte bei Tiſche ſaß, der ſchweig⸗ ſam über das wunderliche Teſtament des Alten nachdachte. Als er noch immer ſchwieg, ſagte die Bachmüllerin wieder:„Mir iſt heut' die Zung' gelöſt, nicht wahr? Jetzt redet auch ihr. Erzählet mir von den Eurigen.“ „Was denn?“ „Ehrlich und gradaus, wir haben ſchon oft davon geſprochen, daß ihr auch gar kein Sterbens⸗ wörtle von euren Eltern redet. Wir wiſſen wohl, eure Eltern ſind todt und eure Schweſter iſt in Amerika, aber unter guten Freunden gedenkt man doch auch einmal der Seinigen. Es wär' ja ſchrecklich, wenn man denken müßt', daß Kinder ihrer verſtorbenen Eltern gar nicht mehr ge⸗ dächten und kein Wort von ihnen behalten hätten. Es ſind keine Eltern ſo arm, daß ſie nicht wenig⸗ ſtens ein Kleinod von einem guten Worte einem Kinde hinterlaſſen. Ihr ſeid doch ſonſt ein guter Menſch, nur zu gut, das ſagt ein Jedes. Seid ihr denn kein guter Sohn?“ Eugen wurde flammroth bei dieſen Ermah⸗ nungen, er mußte die Hand auf's Herz legen, das ſich plötzlich zuſammenpreßte, dann aber ſtreckte er die Hand aus und rief: Bac Ma net del in die de ſir ——+— nn l bft 2 ch bin nicht, der ich bin Hört „Herr Gott! da iſt er ſchon,“ rief die Bachmüllerin. „Wer?“ „Hört ihr denn nicht? Da fährt ja mein Mann in den Hof. Da iſt was geſchehen, daß er ſo bald wiederkommt. Der wird lachen, daß ich mich mit euch eingeſchloſſen hab.“ Sie ſprang behende die Treppe hinab, öff⸗ nete das Haus und eilte ihrem Manne entgegen, der ſie nur abgewendet grüßte und das Pferd in den Stall führte. Die Mutter kam mit Vittore in die Stube, dieſe reichte Eugen die Hand, zum erſtenmale, denn ſie kam aus der Fremde und ihr Augen⸗ ſtrahl ſprach mehr als die einfachen Grußesworte. Mit ſcheuem Blick ſagte ſie dann zur Mutter: „Der Vater iſt ganz auseinander, der Bad⸗ kommiſſär hat ihm ſeinen Hut wegnehmen wollen, der ſei zu breitkrämpig, das ſei ein Freiheitshut; der Advokat Horn hat die Sache wieder in's Geleis bracht. Und bei der Tafel hat der Vater mit allen Leuten Händel bekommen und iſt vom Tiſch auf und davon. Herr Lehrer, nehmet ihm nur nichts übel, wenn er bös iſt; er meint's nicht ſo.“ Achtes Rapitel. Mit ſchwerem Schritte kam der Bachmüller in die Stube, ſtellte die Fuhrpeitſche in die Ecke, hing den breiten Hut an die Ofenſtange, wiſchte ſich ſeufzend mit einem Tuche den Schweiß aus dem ganzen Geſichte und jetzt, nachdem er tief geathmet und ſich geſtreckt hatte, rief er: „Weib, pack ein, um der tauſend Gottes⸗ willen pack ein, mach', daß wir fortkommen aus dem verfluchten Land. Morgen am Tag verkauf ich Alles, was niet- und nagelfeſt iſt. Lehrer, wollet ihr mit?“ „Wohin?“ fragte Eugen verwundert, dem es dünken wollte, als kümmerte ſich der Bach⸗ müller gar nicht um ſeine Anweſenheit. Vittore war über dieſe Wendung ſo muthig geworden, daß ſie den Vater am Rockärmel faßte, um ihm den Rock auszuziehen. „Wohin?“ ſagte der Bachmüller ſich um⸗ kehrend und aus dem Rock ſchlüpfend,„auf die andere Seit', wo der Apfel rothbackig iſt, in's Man ſchm das auf die gar iſte dohe gehe ſind get den ſhe ſin jed wi un ſ Amerika. Weib, ich bitt dich, ſag mir nichts mehr dagegen.“ „Setz dich nur ruhig hin, komm',“ erwie⸗ derte die Frau, die Hand auf die Schulter des Mannes legend. „Du weißt ſchon,“ ſagte der Bachmüller ſchmerzlich lächelnd,„du weißt, ſonſt macht mich das ruhig und geduldig, wenn du dein' Hand auf mich legſt; heut nutzt es nichts. Mir brennen die Eingeweide vor Zorn und Gift, ich weiß mir gar nicht zu helfen.“ „Was haſt denn gehabt? Red's aus, dann iſt es halb weg.“ „Nein, heut nicht, heut nicht. Man ſollt' daheim bleiben und nicht unter die Menſchen gehen, damit man nicht weiß, wie ſchlecht ſie ſind. Dieſelben Köpfe, die fauſtgroße Kokarden getragen haben, bücken ſich jetzt wieder bis auf den Boden vor jedem Schreibersknecht und Men⸗ ſchen für die man ſein' Seligkeit verpfändet hätt', ſind jetzt gehorſame Diener und ducken ſich vor jedem Gendarmen, und die nicht genug Hochs für die Freiheit gehabt haben, ſchwätzen jetzt wieder von Prinzen und wie gut und wie lieb und wie holdſelig die ſind. Der Prinz Moritz iſt vorgeſtern drüben über Nacht geweſen und 256 da war dir von gar nichts die Red als von ſeinem Bett; ſie haben ihm ein ſeiden Bett hin⸗ geſtellt und er ſoll geſagt haben: darin darf ich nicht ſchlafen, mein hochſeliger Vater hat das nicht zugeben, wir haben auf harten Feldbetten ſchlafen müſſen. Und jedes läuft jetzt hin und will das Bett ſehen, wo er gelegen iſt und du hörſt kein ander Wort, als Prinz da und Prinz hier und ohne daß man ſie zwingt, reden ſie das Laſterwort hochſelig den anderen nach. Hoch⸗ ſelig, haſt ſchon einmal ſo was gehört? Die Menſchen ſind nicht werth, daß man ihnen einen Fußtritt giebt; das hab ich ihnen bei Tiſch ge⸗ ſagt und ich bin noch froh, daß ich's gethan hab. Und jetzt mach' Weib, daß wir fortkommen; der Kaidl hat Recht ea Deutſchland geht zu Grunde, da iſt Alles welk und faul, da wird's nie beſſer.“ „Wird's dadurch beſſer wenn wir fort⸗ gehen?“ fragte Vittore. „Du haſt einen Advokatenkopf,“ lächelte der Bachmüller halb trotzig.„Sie lobſingen auch davon, daß eine Amneſtie in den Zeitungen kommen ſoll; ich nehm's nicht an, wenn ich drunter ſteh, ein rechtſchaffener Kerl kann das nicht.“ „Wenn ich einmal der Advokat bin,“ begann Vit ſig ſo du kan Vittore aufs Neue,„ſo muß ich dir auch wieder ſagen, was der Horn geſagt hat. Amneſtie heißt ſo viel als: ich hab nicht ganz recht gehabt und du auch nicht; d'rum laſſen wir's aus ſein. Das kann Jeder annehmen.“ 3 Eugen athmete hoch auf bei dieſen Worten, und als jetzt der Bachmüller immer mehr in ſeine Frau drang in die Auswanderung einzu⸗ willigen, ſah er mit geſpannter Erwartung der . Entſcheidung entgegen. Wenn Vittore auswan⸗ derte, dann mußte er mitziehen und alle Pein, die um ein begnadigtes Leben ihn beſchwerte, war plötzlich abgenommen; die Müllerin aber ſagte: „Ich bitt dich, verlange nichts von mir, 6 wo du weißt, daß ich dir nicht einwilligen kann ₰ uN ſu und ſchimpf nicht ſo auf die Heimath. Du haſt 6 ſelber einmal geſagt: Eheleute, die einander ₰ beſchimpft haben, ſollten gar nicht mehr mit ein⸗ 4 ander leben dürfen; mit der Heimath hat man auch eine Art Ehe. Man darf nicht ſo mir nichts dir nichts von einander laſſen.“ auch„Gut,“ ſagte der Bachmüller,“ ich hab noch bmmen was, das macht, daß du mitgehſt. Herr Lehrer ier ſte, nehmt's nicht vor übel, ich muß mit meiner Frau allein reden. Vittore, geh du in die Kammer.“ begann Bewegten Herzens ging Eugen davon.— 17 258 Am Morgen ſah ſich Eugen von einem fremden Manne überfallen und von gewaltigen Armen umfaßt. Eugen wand ſich erſtaunt aus der Umarmung los, er kannte den Mann nicht. „Haſt du meinen Brief aus S. nicht be⸗ kommen?“ fragte der Fremde. „Ich weiß von keinem Briefe.“ „Ich bin wieder im deutſchen Reiche, du bekommſt wahrſcheinlich morgen den Brief, worin ich dir melde, daß ich heute ankomme.“ Jetzt ward die Stimme für Eugen bekannt, aber er konnte ſich doch des Mannes nicht er⸗ innern, bis dieſer fragte: „Du haſt doch die Trauringe meiner Eltern noch?“ Nun war's deutlich, es war der Ausge⸗ wanderte und mit Jubel hieß ihn Eugen will⸗ kommen. Es war nicht zu verwundern, daß er ihn nicht mehr erkannte, denn die feingliedrige geſtreckte Geſtalt hatte ſich zu einer ſehnig mus⸗ kulöſen verwandelt, das kummerblaſſe demüthige Antlitz war rund und geröthet und ein heitepes Lächeln ſchien darin feſtſtehend geworden. Die Fragen über Vergangenheit und Gegen⸗ wart wollten ſich überſtürzen, da ſagte der Ameri⸗ kaner: 2 259 „Laß mich erzählen und dann berichte du.“ In raſchen Umriſſen legte er nun ſeine Ver⸗ gangenheit wie den Verlauf ſeiner jetzigen Reiſe dar; er hatte mit ſeiner Miſſion viel Spott erfahren, nahm dieſen als untrügliches Zeichen, daß einſt die Herzen bekehrt würden; die Hoffnung auf die Geiſtlichen gab er auf und wollte ſich nun an die Lehrer wenden, um den Kindern den greuelhaften Unſinn des Menſchenmordes deutlich zu machen. Er dankte Eugen mit einfachen aber tiefgefühlten Worten, als dem Schöpfer ſeines Lebens und als beſte Beweisführung ſeiner Er⸗ kenntlichkeit wie er ſagte, überlieferte er Eugen die Hälfte der ihm übergebenen Summe, indem er hinzuſetzte, daß er auch das Uebrige wieder erſtatten werde; er duldete keine Widerrede, denn er behauptete, jener Tauſchabend ſei ſo raſch über ſie gekommen, daß darin keine überlegten Verbindlichkeiten ſich feſtſtellen ließen. Eugen empfing das Geld. Alles ſchien ſich zu vereinigen, um ihn zur Auswanderung zu drängen. Jetzt berichtete der Amerikaner, daß er die Begnadigung Eugens in der Reſidenz geleſen habe und nun zu ihm geeilt ſei. Dieſe Nachricht, die ſonſt Eugen tief er⸗ 260 griffen hätte, hörte er jetzt faſt gleichgiltig, denn ſein Sinnen folgte ganz anderen Gedankenkreiſen. Aus dem ganzen Weſen des Amerikaners muthete eine ſtraffe Friſche, ein Athem der neuen Welt an, und als Eugen nun ſagte, daß er wunder⸗ ſam zu einer Zeit eintreffe, in der ihn mächtiger als je wieder die oft bekämpfte Neigung zur Auswanderung überkäme, erwiederte der Ameri⸗ kaner: „Haſt du denn deine Mutter gefunden oder eine Spur ihres Todes?“ „Nein, ich habe im Walde der tauſend In⸗ tereſſen, wo Alles mich lockte und feſſelte, faſt meines tiefen Heimweh's vergeſſen. Doch, du kannſt mir helfen.“ Er erklärte nun dem Amerikaner, daß er als über's Meer kommend zu dem Kopfrechner gehen und ihm nach erlangter Gewißheit die bedungene Summe von dem noch auf dem Tiſche liegenden Gelde gerichtlich oder beſſer bei Dee⸗ ger hinterlegen ſolle. Der Amerikaner beſtimmte mit einem ge⸗ wiſſen herriſchen Tone, daß nach dem mißlun⸗ genen Verſuche Eugen mit ihm ziehen müſſe und entwarf nun in kühnen Bogen die zukunft⸗ ſchwellenden weltbeherrſchenden Linien des Weſt⸗ — landes; er ſtand wie ein Prophet auf den Höhen der Thatſachen und wies mit feſtem Blicke auf die ungemeſſenen Weiten hin, die der entfeſſelte Menſchengeiſt mit der Pflugſchar erobert und mit der Dampfkraft verbindet. Wie klein erſchien da das Einzelleben der Menſchen und ſchrumpfte das Verſenken in die Wirkſamkeit auf ein einzelnes Dorf faſt in Nichts zuſammen. Weit hinausgetragen wurde der Geiſt, Ströme und Berge unter ihm ver⸗ wandelten ſich zu lichten und dunkeln Punkten, eine Weltſchrift war aufgeſchlagen, die nur das Geiſtesauge zu leſen vermag und alles Haften am Einzelnen erſchien als armſelige Gebundenheit. Während Eugen ſich ſo hinausgetrieben ſah in's uferloſe Unendliche, hatte der Amerikaner wieder den alten Menſchen in ſich erwecken müſſen, denn ihn grüßte ſeine gewohnte Habe, die Schränke, die Bücher, Alles um ihn her, als blickte daraus das Kinderauge, das einſt auf ihnen geruht. Mit ſichtlicher Selbſtbeherr⸗ ſchung ſeiner Empfindung, die er nicht laut werden ließ, taſtete er an Allem herum, als reichte er ihm die Hand und ſagte zuletzt ſich auf ſein Bett ſetzend: „Das kauf' ich dir ab und nehm' es mit, 262 meine Clara wird ſich doppelt damit freuen,“ ſetzte er raſch hinzu, als wollte er für ſich jede Empfindſamkeit ablehnen. Als die Schulzeit begann, war der Amerikaner voll Freude und nahm dem Freunde den Unter⸗ richt der Kinder ab, die eigentlich ihm gehörten. Er erzählte dann viel, wie die Kinder in Amerika oft die Lehrer tyranniſirten, da die Eltern alle ihre Angebereien gelten laſſen und verhehlte auch die Nachtheile der freien Gemeinde- oder Ver⸗ einsſchule nicht. Am Abend führte Eugen den Amerikaner in die Bachmühle, aber er fand hier eine ver⸗ änderte Stimmung. Der Bachmüller erklärte, daß ſie im Dorfe blieben, er reichte Eugen ein Zeitungsblatt hin, das er in der Hand gehalten hatte und Eugen las in der Reihe der Begnadigten ſeinen eigenen Namen und den des Bachmüllers. Das Antlitz Vittore's wie das der Mutter ſtrahlte vor heller Freude, nur der Bachmüller ging verdroſſen umher, bald ſetzte er ſich, bald ſtand er wieder auf und ſchien keine Ruhe zu haben. Eugen erſchrack als der Bachmüller plötzlich den Amerikaner fragte, ob er nicht einen Grafen Falkenberg in Amerika kennen gelernt habe. „Es giebt in Amerika keine Grafen,“ er⸗ klä tan det ho 263 klärte der Gefragte mit ruhiger Sicherheit und tam jetzt im weitern Verlaufe auf die Darlegung der Miſſion, die ihn nach der alten Welt geführt habe. Er verweilte aber nur kurz bei den ethi⸗ ſchen Grundzügen der neuen Heilslehre und legte einen beſondern Nachdruck darauf, daß die an⸗ geſehenſten Mitglieder aller Parlamente ſich dazu vereinigen müßten, kein Geld für eine Kriegfüh⸗ rung zu bewilligen und die Schlichtung der Strei⸗ tigkeiten dem aufgeſtellten Schiedsgerichte zu über⸗ tragen. Der Bachmüller ſtand wie gebannt vor un ihm und machte ſeine eigene Anwendung, indem er endlich ſagte: „Begnadigt hin begnadigt her, ich bin der en Alte und ich bleib dabei: wenn alle ehrenhaften Bürger für ihre Meinung einſtünden und ſich Ren zuſammen thäten, könnten wir die Soldaten alle„ mit Pelzkappen todtſchmeißen, aber freilich, die Meiſten laſſen Alles geſchehen was man will und wer nichts thut, der zählt auch nicht mit tand und eine kleine Minderzahl iſt im Obenauf.“ en. Der Amerikaner war Apoſtel genug, um zlich ſich daran zu erfreuen, daß ſeine zukunftsferne fen Lehre in einem einſamen Bauernhauſe im Herzen eines thatfeſten Menſchen Wurzel ſchlug. UMeuntes Rapitel. Ein Befreundeter aus der Fremde bringt Feſtgerichte auf den gewohnten Alltagstiſch und eine gewiſſe feiertägliche Stimmung in die Seele; leicht geſchieht es aber auch, daß er die ge⸗ wohnte heimiſche Ruhe und den Kreislauf der Wirkſamkeit unterbricht, die Anſäßigkeit in Thun und Empfinden mit der Unruhe der Wanderluſt erfüllt und durch Fragen in ihrem ganzen Be⸗ ſtande aufrüttelt oder gar lockert. Es gibt Beziehungen zu unſerm eigenſten Leben und zur Außenwelt, die nur als gewor⸗ dene oder in der Allmäligkeit der Entwicklung mit ihren kleinen Bedingungen und Fortſchritten begriffen werden können; jetzt in einer Formel, in einer bündigen Erklärung deren Berechtigung und Nothwendigkeit darthun, iſt kaum möglich und verſucht man es doch, ſo ſpringt die Mangel⸗ haftigkeit klar in die Augen und das ehedem Unbezweifelbare ſtellt ſich wie von ſelbſt in Frage. Dieſe Erfahrung machte jetzt Eugen, da ſich der Amerikaner bei ihm angeſiedelt hatte und er 265 ihm alle ſeine Begegniſſe darlegen und ausdeuten mußte. Der Amerikaner war ſchnell bereit, 7 Alles was ſich nicht in Ziffern oder evidenten Vernunftgründen einfangen ließ, eitle Sentimen⸗ talität zu nennen; er geſtand offen, daß er ſelbſt ehedem dieſe Untugend gehabt habe und ließ nun nichts gelten, was ſich als geheimnißvoller my⸗ 3 ſtiſcher Zug ankündigte; er behauptete, daß es 8 wahrhaft frei menſchlich ſei, ſich von keiner ge⸗ 4 müthlichen Gewöhnung feſſeln zu laſſen; der Farmer, der ein wildes Stück Land anbaut, es dann verkauft und weiter zieht um Neues zu ſchaffen, ſei erſt der wahrhaft freie Menſch; er verlaſſe den Boden, darin die Kraft ſeiner Arbeit ruht und wo ein Stück Leben verbraucht iſt mit 1 friſchem Muthe und beginne ein neues Leben, pi 3 die Welt ſei unſere Heimath, nicht eine Scholle. Es war Eugen leicht, ſolche Anmuthung als 64 ihm widerſprechend abzulehnen, eines ungelösten Widerſpruches wurde er aber gewahr, da er 6 über die Erfüllung ſeines Berufes erforſcht ſagen mußte: 1 dem„Du biſt ein Muſiker und weißt, die Po⸗ age. ſaune iſt das mindeſt anſtrengende Inſtrument, ſich weil man da den ganzen Athem einſtrömen kann, bei anderen Inſtrumenten kann man das nicht und das Ermüdende iſt, daß die Lunge ſtets ge⸗ ſpannt bleibt. Lache nur, ich möchte auch gerne die Poſaune blaſen und den Kindern gegenüber muß ich ſtets an mich halten.“ Eugen erſchrack faſt über ſich ſelbſt, als er dieſe Worte geſprochen, ſie waren noch ein Ueber⸗ reſt aus der Zeit, da er ſein Herz noch nicht vollends bezwungen hatte. Von ſeiner Liebe zu Vittore ſprach er nichts gegen den Amerikaner, denn dieſer hatte trotz mancher Zuthulichkeit etwas gewaltſam Zuge⸗ knöpftes und Starres; er hatte ſich im Hauſe Eugens angeſiedelt und dabei bemerkt, daß er die Gründe für ſein längeres Verweilen im Dorfe erſt ſpäter angeben könne. Trotz des nun heißer werdenden Sommers ging er vom Morgen bis zum Abend in geſellſchaftsmäßiger Kleidung umher und wie in ſeinem äußern Ge⸗ haben ſo gab er ſich auch in ſeinen Ausſprüchen, immer in gehaltener Verfaſſung. Er war aber doch nicht ſo vollſtändig amerikaniſirt, daß er nicht hiefür auch einen ideellen Grund aufſtellte, der darauf hinauslief, daß in einem Lande, wo keine allgemeine Autorität in Würden und Titeln gelte, man ſich durch gemeſſene Haltung als gentleman ein Anſehen bewahren müſſe. Lipp Nam z halt und Eut nit und auf ein ſein Ve hal au the die zu An demſelben Tage, an dem Eugen dem Lipp das Zeitungsblatt übergab, worin ſein Name zu leſen war, hörte man den Lipp immer pfeifen und ſingen und er trug ſein heilig ge⸗ haltenes Sonntagswamms mitten in der Woche und ſteckte ſich einen Nelkenſtrauß in das Knopfloch. Die Freundſchaftsbeſuche ſchienen ſich bei Eugen die Thüre in die Hand geben zu wollen; mit Regenſchirm und langer Pfeife kam Göritz und erzählte, daß er wegen ſeines Trinkſpruches auf den ehemaligen Seminardirektor und wegen einer nachträglichen Dankadreſſe, die er von ſeinen Mitſchülern unterſchreiben ließ, einen harten Verweis mit Androhung der Amtsentſetzung er⸗ halten habe. Er bat nun Eugen, ihm bei ſeinen ausgebreiteten Beziehungen zu einer andern Lebens⸗ thätigkeit zu verhelfen, da er ſich nun täglich vor die Thüre geſetzt ſehe. Eugen ermahnte ihn aus⸗ zuharren und eröffnete ihm im Vertrauen, daß vielleicht bald die Stelle in Erlenmoos leer wer⸗ den könnte, bei deren Wiederbeſetzung er für ihn werben wolle; aber Göritz bedeutete ihn, daß er keinen Anſpruch auf eine ſo gute Stelle machen könne und ſie auch ohnedem nicht erhielte, Deeger aber ſei dazu berechtigt. Wie an einem plötzlich aufgehenden Sterne erfreute ſich Eugen an dem Gedanken, einſt den tapfern Genoſſen zur Seite zu haben. S „Die Stelle in Röthhauſen könnte ich eher bekommen,“ erklärte Göritz ſichtbar erfreut,„ich f habe dort Verwandte; es iſt immer gut, wenn em einer austritt, andere rücken nach. Was werden Sie beginnen?“ L Eugen wollte ſich eben von Göritz das ihr Wort geben laſſen, daß er noch unverbrüchliches S Schweigen hierüber beobachte, als der Amerikaner G eintrat: ſi „Alter Flötenſpieler biſt du da?“ rief Göritz di und fiel dem Amerikaner um den Hals, daß der it runde Hut weithin kollerte.„Was ſtehſt du ſo uu da als wär der Himmel eingefallen und ſperrſt we das Maul auf wie ein abgeſtandener Fiſch? A Du haſt dich gut genährt, gehſt angezogen wie ti ein Biergraf.“ et Eugen und der Amerikaner wußten ſich vor Schreck und Erſtaunen gar nicht zu faſſen und G der luſtige Göritz ſchien all ſein Leid zu vergeſſen und lachte aus vollem Halſe über den Flöten⸗ d ſpieler. f Dieſer gewann zuerſt wieder die nothwen⸗ dige Faſſung und murmelte einige unverſtändliche engliſche Worte. 269 „Haſt engliſch gelernt? Du ſiehſt auch 6 very well aus,“ lachte Göritz. 3 Eugen erklärte, er ſei des Lügens müde, ich für ſich und den Freund, und weihte nun den erſtaunten Göritz in den ſeltſamen Tauſchhandel ein. Göritz lobpreiste nun im Uebermaaß die Maßregelung, die ihn hieher geführt habe und * ihn ſo Außerordentliches erleben laſſe. Der güches Amerikaner kam mit ſeiner Haltung ſehr in's Gedränge gegenüber dem halstuchloſen Göritz, — ſeine alte Treuherzigkeit gewann aber doch bald die Oberhand und das Wiederſehen wurde feſt⸗ . der lich begangen, wobei es Jugenderinnerungen ge⸗ idu ſo nug zu erwecken gab; der Singvogel vor Allem. ſperrſt war dann Gegenſtand des Geſpräches und der 1 Fiſcht Amerikaner konnte nicht genug erzählen, welch 1 gen wie ein ſonnenkräftiger und allgemein verehrter Menſch er geworden ſei. ſch vor Nun wußte wiederum ein Menſch um das Geheimniß und wenn auch ſeine Verſchwiegen⸗ heit ſicher war, immer mehr drängte doch Alles Flöten⸗ der letzten Entſcheidung zu. Frohgemuth ſaßen noch die Freunde othwen⸗ beiſammen als Lipp kam und ſeinen Herrn tändliche entbot, er möge ſogleich in die Bachmühle kommen.— 270 Eugen traf die Familie arbeitsledig in der Stube, es ſchien, daß eben Rath gehalten worden war. Die Frauen wollten ſich beim Eintritte Eugens entfernen, aber der Bachmüller gebot ihnen zu bleiben und ſetzte hinzu: „Vittore, du haſt oft geſagt, ich ſei dein beſter Freund, jetzt zeig's und ſei ſtandhaft. Herr Lehrer, ſetzt euch, da, ſo, nun, jetzt ſaget was ihr zu ſagen habt.“ Eugen konnte nur mühſam die Worte her⸗ vorbringen:„Ihr kennt das innigſte Verlangen meines Herzens;“ dann ſchaute er ſtarr auf Vittore, die ihn eine Weile eben ſo anblickte und ſchnell die Augen niederſchlug, die Mutter ſchluchzte in ſich hinein. „Herr Lehrer,“ begann der Bachmüller wieder und ſtemmte beide Arme auf den Tiſch, „habt ihr denn keinen Verwandten, den ihr kommen laſſet und der für euch redet? Es giebt da Mancherlei auszumachen und ich weiß, ihr ſeid ein bisle zimpfer. Es muß Alles we⸗ gen Leben und Sterben vorher in's Reine ge⸗ bracht ſein. Habt ihr keinen Bruder, keinen Ohm?“ Eugen verneinte und der Miüller ſtreckte ſich, daß ihm die Gelenke knackten als müßte er end un Ho yi ſtreckte er jetzt eine große Laſt aufheben und ſagte endlich: „Das müſſet ihr gleich wiſſen, wir laſſen uns nicht auspfründen, wir Alten bleiben im Haus wie wir's gewohnt ſind und nächſten Sommer bauen wir da am Garten noch eine Stube an, daß es mehr Platz iſt.“ „Mann,“ ſagte die Müllerin lächelnd,„du fangſt ja von hinten an, es iſt ja noch gar nichts im Reinen.“ „Haſt recht, du biſt halt immer mein Weg⸗ weiſer; alſo A. B. C., das heißt, daß ihr's nur gleich wiſſet, mit dem Schulmeiſter iſt's aus und vorbei.“ Und nun berichtete der Bachmüller abermals das Teſtament ſeines Vaters, das er heilig halten müſſe. In dieſem Momente fühlte Eugen, wie ſehr ihm ſein in Müh und Gefahr von innen und außen eroberter Beruf in die Seele gewachſen ſei, er erklärte dies und bemerkte, wie es wahr⸗ ſcheinlich ſei, daß er ſeinen Beruf bald aufgeben müſſe; dennoch fragte er Vittore geradezu ob ſie das wünſche. „Nein,“ erwiederte ſie mit feſter Stimme, „gerade im Gegentheil, ich hätt' nur noch den halben Reſpect vor euch, wenn ihr das thätet; ein Geſchäft, dem man mit Ehren vorgeſtanden hat, das darf man nicht ſo aufgeben, ſo mein' ich.“ „Und der letzte Wille von deinem Groß⸗ vater, der gilt gar nichts, nicht wahr?“ fragte der Müller halb zornig. „Der Großvater in Ehren und ſein Wort in Ehren,“ entgegnete Vittore,„aber ſo was kann man nicht in's Teſtament ſetzen und wenn's auch drin ſteht braucht man's nicht halten. Wir ſind evangeliſch, nicht wahr und von Herzen evangeliſch? Wenn nun unſer Urgroßvater in ſein Teſtament geſetzt hätte, Kinder und Kindes⸗ kinder von ihm müſſen katholiſch bleiben; hätten ſie das halten müſſen? Saget ja wenn ihr könnet.“ Eugen hatte ſich anfangs von der Form, in der die höchſte Erfüllung ſeines Lebens zum Abſchluſſe kommen ſollte abgeſtoßen gefühlt und tiefpeinlich vermißte er die ſeeliſche Weihe die einem ſolchen Augenblick gebührte, jetzt in der Offenbarung dieſes grundklaren Weſens fühlte er eine Heiligkeit, der kein Ausdruck einer Em⸗ pfindung gleichkam und aus ſeiner tiefſten Seele riefen ſich laut die Worte: „Ich bin eines ſolchen Weſens wie Vittore nicht werth.“ ſag etn ſpe un 2 „Iſt mir recht, wenn ihr das denket,“ ſagte der Bachmüller,„aber man muß ſo etwas einer Frau nie ſagen, es iſt nicht gut für ſpäter.“ „Alſo du willigſt ein?“ fragte die Mutter und der Bachmüller ſagte: „Nein, das nicht, aber ich kann's nicht wehren. Vittore, du biſt großjährig, das Sach⸗ ſpiel iſt Alles dein, was nicht Errungenſchaft iſt, und wenn ich todt bin, das auch, das weißt du; aber zur Hochzeit geh ich dir nicht, das darf ich meinem Vater unterm Boden nicht thun.“ Seine Stimme war tief bewegt, er ſtand auf, ſchritt haſtig die Stube auf und ab und rieb ſich die Hände, als ob ihn friere. Vittore hatte ſich an die Bruſt der Mutter geworfen und Eugen wollte eben zu ſprechen beginnen, als Vittore ſich wieder aufrichtete und ſagte: „Hört ihr die wunderſchöne Muſik?“ „Es iſt der Klang der Freude in dir,“ wollte Eugen erklären, aber ſchon hörte er ſelber den ſchmetternden Poſthornklang. Der Müller öffnete das Fenſter und ſchaute hinaus, der Klang wurde immer vernehmlicher und jetzt ſah man eine Kutſche vom Berge her⸗ 18 niederrollen; auch Eugen ſchaute unwillkürlich hinaus. Immer näher kamen die lieblichen Klänge und jetzt grüßte ein weißes Tuch aus dem Wagen. Eugen wendete ſich wie erſchreckt in die Stube, aber ſchon hielt der Wagen vor dem Hauſe und bald trat Gideon Kron⸗ auer in die Stube, an ſeinem Arme die Baronin Stephanie. M rief S rencol weible Bachn um d Vittor geſpro Bachn anzub mlle auf 1 gnad Behntes Rapitel. „Richtig, ich habe Sie am Fenſter geſehen,“ rief Stephanie auf Eugen zueilend,„Je vous rencontre au miracle, c'est la maison du Wasch- weible.“ Erſt als Kronauer ſeine Couſine dem Bachmüller vorſtellte, kümmerte ſich Stephanie um die übrigen Anweſenden und knüpfte mit Vittore, die ſie während der Krankheit Anni's geſprochen hatte, ein kurzes Geſpäch an; die Bachmüllerin hatte ſich unvermerkt entfernt. „Ich habe dir auch noch einen Glückwunſch anzubringen,“ ſagte Kronauar zu dem Bach⸗ müller. Eugen und Vittore ſchauten betroffen auf und der Bachmüller fragte verwundert: „Wozu?“ „Haſt ſchon vergeſſen? Du biſt ja be⸗ gnadigt.“ „Freilich, ja, ich will's wett machen, wenn ſich Gelegenheit giebt.“ Kronauer erzählte, daß er ſeine Kinder in guten Erziehungsanſtalten untergebracht, daß ihm aber die Regierung die Erlaubniß verweigert 18* 76 habe, öffentlich die Errichtung einer Ackerbauſchule anzukündigen, ſo daß er nun bekannt machen mußte, er nehme ſechs bis zwölf Knechte an, die ſich für den höhern Ackerbau ausbilden wollten. Stephanie ſchien in großer Unruhe und ſagte zu Eugen: „Kommen Sie, verzauberter Schulmeiſter, Sie fahren mit uns auf's Schloß, ich habe Ihnen viel zu ſagen. Sind Sie nicht begierig, le dernier argument des princes zu erfahren? Kommen Sie, Ihre ganze Lebensbeſtimmung hängt von dem ab, was ich Ihnen zu ſagen habe.“ Es war peinigend, gerade jetzt, mit dem Entſcheidungswort auf der Lippe, die Familie zu verlaſſen und trotz alles Widerſtrebens mußte ſich Eugen zu Gideon und Stephanie in den Wagen ſetzen. Als der Poſtillon durch das Dorf ſeine hellen Klänge wieder erſchallen ließ, deuchte es Eugen, es würde das Geheimniß ſeines Lebens wach gerufen und laut verkündet. Aus allen Fenſtern ſchauten die Menſchen ver⸗ wundert auf, die Kinder an der Straße ſtanden wie Wegweiſer und deuteten mit ausgeſtreckten Armen auf den Wagen, darin ihr Lehrer ſaß, und al rollte, nichti 6 den boſai heiml Gruf wollt fragt et fo michb Euge quer jetzt rief ge ver die ch Re „„ ſioß len Ueh, Hebeimniß W und als jetzt der Wagen am Schulhauſe vorbei⸗ rollte, war es Eugen, als trüge ihn eine über⸗ mächtige Gewalt an ſeinem eigenen Leben vorüber. Stephanie ſchien dieſe Gedanken zu errathen, denn ſie ſcherzte: „In hundert Jahren, wenn in dieſem Hauſe koſakiſch gelehrt wird, werden die Bauern ſich heimlich ein Mährchen erzählen, wie einſt ein Graf hier die erlauchte deutſche Bildung retten wollte und für ſie manche Haſellanze brach.“ „Weiß man im Dorfe wer Sie ſind?“ fragte Kronauer und als Eugen verneinte, fuhr er fort:„Wollen Sie warten, bis es von ſelbſt ruchbar wird?“ „Ich wartete Ihre Ankunft ab,“ erwiederte Eugen gegen Stephanie gewendet, die ſich be⸗ quem in die Ecke zurückgelehnt hatte und ſich jetzt raſch aufrichtete; mit faſt kindiſcher Freude rief ſie: „Ich muß aber bei dieſer Offenbarung zu⸗ gegen ſein. Arrangiren wir dazu eine Volks⸗ verſammlung, es wird ein ſüperber Anblick ſein, die verdutzten Mienen dieſer Menſchen zu beob⸗ achten. Sie ſtehen da wie ein neuer Harun al Raſchid.“ Man war auf dem Schloſſe angekommen, — 278 das Eugen ſeit der mehrwöchigen Abweſenheit Kronauers nicht betreten hatte. „Ich komme früher als Sie vermuthen konnten,“ ſagte die Baronin in der Stube,„es ennuyirte mich, die Leute über Sie reden zu hören.“ „Was ſagt man denn?“ „Es kann Ihnen ja gleichgiltig ſein.“ „Ich bitte, theilen Sie mir mit.“ „Sie brauchen das nicht wiſſen, Sie ſind ſchon ungerecht genug gegen die Bildungswelt. Nun aber ſetze ich Ihnen eine Bedingung: ver⸗ bannen Sie auf ewig das Wort Volk, ich will von Volk und Politik nichts mehr hören. Bringt mir Mährchen, ſingt mir Lieder,“ rezitirte ſie im Tone von Mozart's Ottavio und fuhr dann ſprechend fort:„Dieſes ewige Denken und Thun für der Menſchheit Wohl macht mir wehe und ich gehöre zuerſt zur Menſchheit. Mag euer Deutſchland meinetwegen ruſſiſch werden, die ruſſiſche Geſellſchaft ſpricht ein ſo gutes Fran⸗ zöſiſch wie irgend eine andere europäiſche. Alſo nichts mehr von Politik, das iſt mein Programm.“ „Wollen Sie mir nicht ſagen,“ entgegnete Eugen,„welches der vierte Grund iſt, den Sie in Ihrem Briefe andeuteten?“ „Noch nicht. Antworten Sie mir zuerſt: was wollen Sie jetzt thun?“ üube, e„Ich will hier im Dorfe bleiben.“ en zu„Dann hätten die Leute recht, die Sie einen elegiſchen Don Quixote nennen; nein, ich dulde das nicht. Sie müſſen reiſen, Leben iſt Bewegung, haben Sie mir einmal geſagt. Ueben Sie das an ſich. Sie werden dann wieder einſehen lernen, reiſen, frei in der Welt umherziehen, das iſt leben, da iſt der Menſch rein perſönlich für ſich und läßt die Welt regieren und bauen wie ſie mag. Jede feſte Anſiedlung iſt eigentlich Bornirung, frei iſt, wer ſich die ganze Erde 11 nur wie eine Herberge anſieht. Sie müſſen die Welt neu kennen lernen. Sie borniren ſich in Ihren 48er Ideen, während die ganze Welt in der Umwandlung iſt. Thun Sie es mir zu r dann jen und liebe und reißen Sie ſich heraus.“ „Gnädige Frau, ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, aber—.“ „Ich will keinen Dank. So finden wir uns nicht ab. Ich habe Ihnen ſchon einmal 1 geſagt, ehe ich wußte, wer Sie ſind, daß Sie die Feigheit der aßzetiſchen Beſchränkung lieben.“ „Darum darf ich mir das jetzt nicht mehr ſagen laſſen“ verſetzte Eugen in ſcharfem Tone. „Sie fatiguiren mich aber auch mit Ihrer Caprice“ lenkte Stephanie ſanft ein und fuhr ſcherzend fort:„Sie glauben vielleicht gar durch ihr Beiſpiel, das au fond doch nur eine ariſto⸗ tratiſche Grille iſt, auf Andere zu wirken? Ein Sperling in der Hand macht keinen Sommer würde Schnörkel ſagen.“ Eugen ſtand auf und wiederholte: „Wollen Sie mir den vierten Grund mit⸗ theilen? Ich muß ihn wiſſen. Ich bin nicht nur mit meinen Ideen an dieſes Dorf gebunden, ich bin mit der Tochter des Bachmüllers verlobt.“ Auch Stephanie erhob ſich wie emporge⸗ ſchnellt, hielt eine Weile die Hand auf den Tiſch geſtemmt, ſchritt dann raſch die Stube auf und ab und ſagte endlich: „Ich gratulire.“ Lange war lautloſe Stille in der Stube. Stephanie ſtand am Fenſter und ſchaute hinaus in die Landſchaft, wo eben von der Bachmühle der abendliche Rauch aufſtieg. „Sie bleiben ein ſeltſamer Menſch,“ ſagte endlich Stephanie ſich umwendend und Eugen die Hand reichend; er küßte dieſe feine Hand mit Inbrunſt und wie eine unerklärliche Empfin⸗ dung durchzuckte es ihn, daß dieſe Hand bebte, die woll Her die die ſich vielleicht auf ewig in die ſeine fügen wollte; er fühlte, daß er dieſes im Grunde edle Herz gekränkt habe und ſprach in innigen Worten die Erkenntniß ihres Edelſinns aus. „So mögen Sie nun auch Alles erfahren, ich will ehrlich gegen Sie ſein. Ich könnte ja vorgeben, mein vierter Grund wäre eine Erfin⸗ dung,“ ſagte Stephanie ſich wieder ſetzend.„Der Fürſt that beſonders ägrirt auf Sie, weil Sie. gewiſſermaßen ein Verwandter ſeines Hauſes ſind; und doch wollte er Sie eigentlich auch des⸗ wegen wieder begnadigen; er that, als ob er nicht wüßte, daß ich mit meinem Vetter Leo verlobt bin und ſo iſt die Hofkunſt, er ſagte: 5 da ich Sie in meine Obhut nehme, gebe er Sie vollkommen frei. Begleiten Sie mich nun zu Ihrer Braut, ich muß ſie näher kennen 6 lernen.“ Als ſie ſich erhob, trat Gideon Kronauer ein und Stephanie rief ihm zu: 1 „Wußteſt du, daß Falkenberg mit der Mül⸗ 5 lerstochter verlobt iſt?“ 1 „Ich ahnte es,“ ſagte Gideon ruhig und doch zuckte etwas wie ein Schreck über ſein Antlitz, aber als wollte er ſchnell auf ein anderes 4 Gebiet überlenken, ſagte er:„Wenn der Zuber⸗* 282 franz mit meinem Bruder nach Ungarn geht, müſſen Sie nun auch Schultheiß werden.“ „Wenn es möglich iſt,“ erwiederte Eugen. „Ah,“ rief Stephanie,„Sie ſind alſo doch kein echter Demokrat. Ein ſolcher darf nie regieren wollen, ja ihn muß es freuen, daß die allge⸗ meine Gleichheit keinerlei Verdienſt und Aus⸗ zeichnung anerkennt. Sie werden alſo nicht ein einfacher Bauer oder Taglöhner; Sie werden wahrſcheinlich auch vermögend und ſobald man einmal beſitzt iſt es gleich wie viel. Wenn es Ihnen mit Ihren Opferungen ſo ernſt wäre, gingen Sie nach einem hier iſt Gideon und hier ſind ſchon wackere Leute, da wird Ihr Apoſtelberuf überflüſſig. Aber freilich—“ Sie hielt inne. „Sie haben nicht vergebens,“ verſetzte Eugen, „wie Sie es nannten, den melancholiſchen Reiz empfunden, der in den Schriften über die ſoziale Frage liegt. Ich bin ein Bürger und heiße pourgeois und will la répuhlique honnéle. Hier haben Sie mein Glaubensbekenntniß. Ihre Sozialiſten ſperren mich nur in's Fegefeuer nicht in die Hölle.“ Stephanie ſchien von dieſem keck ſcherzenden Tone erwie nichts außer auf Ihne fürch geko Volk Aber nicht Tht weil⸗ iſt ſpöt pika lich kam fra ann 283 Tone betroffen, ſie faßte ſich aber raſch und erwiederte: „Im Ganzen genommen thun Sie eigentlich nichts Ungewöhnliches, Sie haben es nur um außerordentlichen Preis erkauft. Sie ziehen ſich auf das Land zurück, das iſt tauſendmal vor Ihnen und wird nach Ihnen geſchehen. Ich fürchte nur, Sie werden den Genuß bald auf⸗ gekoſtet haben, der in der Hingebung an das Volk liegen mag.“ „Sie haben das Wort Volk in Acht und Aberacht erklärt gnädige Frau, aber ſei es, wer nicht blos einen neuen Genuß ſucht, ſondern Thätigkeit—“ „Der findet die Blindſchleiche der Lange⸗ weile—“ „Und Langeweile haben oder verurſachen, iſt das höchſte Verbrechen,“ ergänzte Eugen ſpöttiſch. Eugen und Stephanie ſchienen in jenes pikante Pfeilwerfen zu gerathen, wie es inner⸗ lich feindliche Naturen innerhalb der Zwei⸗ kampfsſchranken der Geſellſchaftsformen ſo oft üben; Kronauer lenkte raſch ab, indem er Eugen fragte, ob er nun ſeinen eigenen Namen wieder annehme, worauf dieſer erwiederte: 284 „Wenn meine Braut nichts dagegen hat, allerdings.“ Zu beſonderm Glücke wurde jetzt auch Theo⸗ roſa gemeldet, Stephanie ging ihr entgegen und ward nicht mehr ſichtbar. „Iſt Ihre Couſine ſchon lange mit Ihrem Bruder Leo verlobt?“ fragte Eugen, worauf Kronauer entgegnete: „Iſt ſie das? Ich wußte nichts davon. Es iſt möglich, daß ſie im Geheimen ver⸗ lobt waren. Hat Ihnen Stephanie das ſelbſt geſagt?“ „So eben.“ „Wie geſagt, es iſt möglich, ich weiß nichts mehr von meinem Bruder Leo, ſeitdem er nach Ungarn abgereiſt iſt, um ſich dort anzukaufen.“ „Gutgedüngten Boden,“ ſchaltete Eugen ein und Kronauer fuhr fort: „Wir ſind ſeitdem entzweit, da ich ſein Unternehmen eine gottverlaſſene Sittenloſigkeit nannte; Stephanie fand die Sache auch antipa⸗ thiſch, obgleich ſie ſich wiederum von der ungari⸗ ſchen Romantik angezogen fühlte.“ Als Eugen den Schloßberg hinabging, be⸗ gegnete ihm der Huſchel und er mußte viel darüber nachdenken, daß, wie Vittore hier, ſo viellei Rach den wollt dem ſn aber dav trag Verl niß komn und vielleicht er bei Stephanie eine Heirath aus Dhec Rachſucht bewerkſtelligt habe. und Eugen kehrte in's Dorf zurück und als er den Amerikaner traf, der andern Tages verreiſen rem wollte, ließ er nicht ab, bis er für ihn zu erauf dem Kopfrechner reiſte; er mußte wiederum faſt gezwungen auf den Wagen geſetzt werden, aber diesmal ſah ihn Eugen frohen Herzens davonfahren, denn er gab ihm zugleich den Auf⸗ trag, Deeger mitzubringen, den er ſich zum Verlobungszeugen erſehen hatte; ihm war's als müßte jetzt Alles zur glücklichen Entſcheidung kommen, alle Geheimniſſe ihre Hüllen ſprengen und aufſprießen als helle Blüthen. Elftes Rapitel. Auf dem Wege nach der Bachmühle ſah Eugen Alles laufen und rennen und es gelang ihm kaum den Mäuerleswerner anzuhalten, um den Grund zu erforſchen. Athemlos berichtete der Mäuerleswerner: draußen an der jungen Linde werde jetzt Gericht gehalten, die Freigelaſſenen hätten durch den Lipp erfahren, daß der Vigil der Angeber geweſen ſei und des Rainbauern Karle, der ohnedem auf den Vigil eiferſüchtig ſei, habe ihn in einen Sack gebunden und jeder ſolle ihm einen Schlag geben, bis er todt iſt, dann könne keiner geſtraft werden, weil man nicht wiſſe, wer ihn umgebracht habe. Eugen rannte mit aller Macht nach dem Platze, wo es von Geſchrei erſcholl, aber ſein Ruf: Halt ein! übertönte alles Schreien und er ſprang ſchnell in den dichteſten Haufen, wo ſich ein zugebun⸗ dener Sack auf dem Boden wälzte. Der Schult⸗ heiß ſtand dabei und bat und beſchwor die Wüthenden, doch Ruhe zu geben, aber er wurde verlacht auf die erwürg brauche Karle erfaßte ihn in Wo d( und S Eugen legte. geweſen auf Eu gelang den S und en erhob Anzah Haltm denen endlich Stite ſch jel gehen 287 verlacht; da ſtieß Eugen den erſten an, daß er auf die anderen ſtürzte, und ſchwur Jeden zu erwürgen, der nicht Ruhe gebe. „Du haſt nichts zu befehlen und dich brauchen wir gar nicht,“ rief des Rainbauern Karle und rannte auf Eugen an; dieſer aber erfaßte ihn raſch in der Mitte des Leibes, hielt ihn in beiden Händen hoch über ſich und fragte: „Wo ſoll ich ihn hinwerfen? Wo?“ Stummes Staunen, das bald in Lachen und Schreien überging, hatte Alle ergriffen, da Eugen den Karle ruhig in die Weiden nieder⸗ legte. Schatzhauſer war auch nicht unthätig geweſen und hatte zwei Mann abgehalten, die auf Eugen los wollten. Dem Schultheiß aber gelang es indeß mit Hülfe einiger Gemäßigten den Sackbund aufzuſchneiden und den bleichen und entſtellten Vigil herauszuziehen. Der Tumult erhob ſich auf's Neue, aber ſchon hatte ſich die Anzahl der Abwehrenden vermehrt und die feſte Haltung Eugens und ſeine Ermahnungen, hinter denen man nun ſtarke Fäuſte kannte, beruhigte endlich Alles, ſo daß Vigil ungefährdet an der Seite Eugens und des Schultheißen, zu denen ſich jetzt auch Kronauer geſellte, durch das Dorf gehen konnte. Viele kamen auf Eugen zu, nick⸗ — ten zufrieden und Manche wollten ſeine Fauſt ſehen, die ſo ſtark war. Wie ein ſiegreicher Held ſah ſich Eugen begrüßt und die Freude, daß von dem Dorfe eine gräßliche Greuelthat abgewandt ſei, verwandelte ſich in Lobpreiſung Eugens. Dieſer ſagte zu Kronauer: „Ich ſehe es wieder auf's Neue, nicht die Liebe, nicht die Güte, das Populärſte allein iſt die Kraft.“ Kronauer freute ſich, daß Eugen zu dieſer Ueberzeugung gekommen ſei und unterließ nicht ſeine Hoffnungen auf einen Alles bezwingenden Helden wieder anzubringen, indem er ſchloß: „Hier haben Sie nun ein kleines Vorſpiel als Mahnung, daß es den Demokraten von Einſicht ſchwerlich gelingen wird, die wilde Wuth und Rachgier des Volkes zu zügeln.“ „Werden wir das wollen?“ gab Eugen zurück, er war nicht in der Stimmung weiter darauf zu erwiedern. Nur als Kronauer ſagte: „Ich glaubte immer, Sie könnten ſchon aus pſochologiſchen Bedingungen kein Volkstribun werden,“ fragte Eugen:„Warum?“ Worauf Kronauer erwiederte:„Sie haben viel zu feine Nerven und ein Volkstribun ſollte eigentlich gar keine Nerven haben.“ T ſtatt, Menſc zweife ( hier) der it gefäh Tum Euge litten gegen Eugen ten, ſchaff finde müh Eug ſeine ſeine bis Ged heit aus 289 reicher Der Schloſſer Vinzenz kam aus ſeiner Werk⸗ B. ſtatt, reichte auch Eugen die Hand und ſagte: u„Sehet ihr's jetzt? So wild werden die ing Menſchen wenn ſie an der Gerechtigkeit ver⸗ zweifeln.“ Eugen nahm den Vigil mit nach Hauſe und hier hielt er ein ſcharfes Verhör mit dem Lipp, der in dem Beſtreben ſeinen Herrn von einem S gefährlichen Angeber zu befreien, den wilden Tumult mit erregt hatte. Vigil gelobte vor — Eugen und Kronauer, daß er wegen ſeiner er⸗ littenen Unbill nicht klagbar werden wolle, wo⸗ gegen ihm verſprochen werden mußte, daß ſowohl Eugen als Kronauer ſich dafür verwenden woll— 4 ten, ihm ein gutes Leumundszeugniß zu ver⸗ 6 ſchaffen, damit er anderweit ein Unterkommen finde. Eugen In der vom Dorflärm entfernten Bach⸗ lter mühle war ſchon Alles zur Ruhe gegangen als Re Eugen ſich dahin begab und er mußte ſich mit n ſeiner eigenen höchſten Angelegenheit wie in ſeiner Verwendung für den Schächer gedulden bis zum andern Tage. Er getröſtete ſich in dem Gedanken, vielleicht noch vorher die Verborgen⸗ heit ſeiner Mutter erfahren zu haben und Alles ausgeglichen darlegen zu können. 19 290 An dieſem Morgen ward es Eugen doppelt ſchwer, Sommerſchule zu halten. Gegen Mittag kam der Amerikaner zurück und berichtete, daß der Kopfrechner vor wenigen Tagen geſtorben ſei und wahrſcheinlich das Geheimniß mit in den Tod genommen habe. So ſchwer dieſe Kunde Eugen traf, es fehlte nun doch nichts mehr, ſich ganz zu offenbaren. Auch Deeger konnte nicht kommen, da ſein Vater jetzt im Sterben lag. Feſtlich geſchmückt, von dem Ame⸗ rikaner und von Kronauer, der ſich dazu erboten hatte, geleitet, ging Eugen am Mittag den ſo oft abgeſchrittenen Weg zur Verlobung. Ein Menſch, der mit freudebebendem Jubel— ruf die Thüre ſeiner Elternſtube öffnet und dem die lange Erſehnten ſtatt ſeinen Ruf zu erwiedern, traurigen Antlitzes Ruhe gebieten und auf'ein ſchmerzvolles Krankenlager hindeuten— ſo ſtand Eugen als er in die Wohnung des Bachmüllers eintrat. Vittore war nicht in der Stube und der Bachmüller ſagte mit trauriger Miene, ſie ſei bei der Mutter, die ſchwer erkrankt ſei. Mit dem Feſtgewande angethan in der Seele mußte Eugen nun den Kummer auf ſich eindringen laſſen. Der Bachmüller ſprang die Treppe hinab eine den auch Vitt hall Lob ihr ſte da deu der die du un ſt Ae⸗ it 291 als jetzt der Arzt angeritten kam, er ließ ihn keine Minute damit verlieren, das Pferd an den Zaun zu binden und drängte ihn hinauf. Faſt zu gleicher Zeit mit dem Arzt kam auch die immer hülfbereite Pfarrerin, ſie brachte Vittore ſogleich in die Stube und befahl ihr halb ſtreng halb ſcherzend, die ſchönſte Zeit ihres Lebens jetzt nicht in Leid zu verbringen, ſie wolle ihre Stelle bei der Mutter vertreten. Vittore ſchaute erſt hell auf als auch der Arzt verſicherte, daß das Irrereden der Mutter ganz ohne Be⸗ deutung ſei. Der Bachmüller winkte Allen Ruhe zu als der Arzt das Recept ſchrieb, es ſollte Niemand die geheimnißvolle Aufzeichnung der Heilkräuter durch ein Wort ſtören. Lipp kam in die Stube und fragte leiſe, ob man ihm nichts zu thun geben könne; traurig ſah er auf ſeinen Arm⸗ ſtumpf, als der Bachmüller ſagte: „Du kannſt ja nicht reiten; ſag dem Peter, er ſoll gleich mit dem Schimmel in die Apothek und bleib bei der Hand, daß man dich ſchicken M er Arzt brachte auf die Mittheilung Kron⸗ auers den Brautleuten ſeinen Glückwunſch dar, obgleich dieſe ihn jetzt noch nicht annehmen wollten, 19* 292 da ſie erſt nach der Geneſung der Mutter ihre Verlobung feiern wollten. Eugen ſtand neben Vittore allein am Fenſter, die Uebrigen ſaßen um den Tiſch. „Vittore,“ ſagte er,„ich nehme das vorüber⸗ gehende Leid um die Mutter als ein Zeichen und eine Mahnung, daß ich nun aufhöre, für mich allein zu ſein; ich trete ein in die Familie und da wird das Leben der Angehörigen ganz unſer eigen, man lebt vervielfacht in Luſt und Leid; man muß dankbar und muthig beides hinnehmen.“ „Du biſt rechtſchaffen,“ ſagte Vittore frei⸗ willig die Hand Eugens faſſend,„wenn ich dich ſo hör' mein' ich du redeſt aus mir, aber Alles viel beſſer; aber luſtig wollen wir auch noch ſein. Du wirſt ſehen, wie wir noch ſingen und tanzen.“ Ungehört kam die Pfarrerin in die Stube und verkündete zu Aller Freude, daß die Bach⸗ müllerin ruhig ſchlafe, ſie habe mehrmals den Namen Eugens leiſe vor ſich hingeſagt, dann ſei ſie eingeſchlafen. Der Arzt verordnete, daß wenn eie noch zwei Stunden ſchlafe, man ihr die Medizin gar nicht geben ſolle, er reite nach Alsfeld und werde in der Dämmerung wiederkehren und nachſehen. beſpr Herz Dru und zu1 nun dem hatt die 293 Wie man nun mit gedämpftem Tone ſich beſprach, ſo erhob ſich auch die Freude in den Herzen Aller, wenn auch noch belaſtet von dem Drucke ſchwerer Beſorgniß. Kronauer war in ungewöhnlich heitrer Laune und ſuchte den Bachmüller in frohe Stimmung zu verſetzen, indem er ihn zugleich neckte, daß er nun doch einen Schullehrer zum Eidam bekäme; denn Eugen wollte zwar ſein Amt aufgeben, hatte ſich aber verbindlich gemacht, mindeſtens die Hälfte des Unterrichtes den Ackerbauſchülern zu ertheilen. „Da lern' ich auch mit,“ entgegnete der Bachmüller und es war ein wohl zu beachtender Zug des Mannes, daß er Eugen ſagte, es brauche ihn nicht verdrießen, daß er all ſein Vermögen durch die Frau bekäme, es ſei ihm auch ſo ergangen. Eugen überlegte, wie er die Kunde ſeines wirklichen Namens anbringen könne, als mitten in der aufkeimenden Freude der Vigil eintrat. Der Bachmüller hieß ihn ſogleich aus der Stube gehen, er habe nichts da zu thun, Kronauer aber bat für ihn und brachte den Wunſch um das Zeugniß vor; Eugen vereinigte ſich mit ihm und ſuchte auch Vittore zu beſtimmen, ein gut Wort 294 einzulegen. Vittore aber blieb ſtill und redete kein Wort. Es galt viel Ueberredens, bis der Bachmüller nachgiebiger wurde. Dinte und Feder ſtanden noch auf dem Tiſch und der Bachmüller ſchaute ſtarr drein, als der Amerikaner ſagte: „Hier, wo die Heilung für eure Frau ſo eben geſchrieben wurde, ſchreibt nun auch die Heilung für den armen Menſchen.“ Der Bachmüller ſpielte mit beiden Füßen raſch und leiſe auf dem Boden, endlich griff er nach der Feder und ſagte: „Nun in—“ aber er fuhr ſich mit der Hand in das Halstuch, als brächte er das Wort nicht heraus. „Saget's nur heraus,“ ergänzte Vittore, „ſaget in Gottes Namen und ſchreibet.“ Der Bachmüller ſchaute ſie groß an und murmelte die Feder eintauchend: „Die Welt iſt jetzt voll Lug und Trug, es ſcheint mir, ich kann nicht daraus'naus.“ Vittore ſtand an der Wand und hielt die Hand auf ein großes Buch. Jetzt ſchlug ſie es auf und ſagte: 1 „Vater, da habt ihr auch eine Unterlage zum Abſchreiben.“ Sie hielt den Finger auf das aufgeſchlagene Buch! nicht f Veile mülle ging ihm war in i Vitt als che Un 205 Buch und der Bachmüller las laut:„Du ſollſt nicht falſch Zeugniß geben.“ Wie von einem Blitz getroffen ſtanden eine Weile Alle da. 2„Ich kann nicht ſchreiben,“ ſagte der Bach⸗ 6 müller,„helf dir Gott Vigil, ich kann's nicht.“ Einen Fluch zwiſchen den Zähnen murmelnd ging Vigil davon. Vittore willfahrte Eugen, jetzt gleich mit Net ihm unter freien Himmel zu gehen; ſein Glück war zu groß für die enge Behauſung. Die Begegnung mit Vigil zitterte doch noch in ihm nach. „Fürchteſt du den Vigil nicht?“ fragte er Vittore auf der Treppe,„der Menſch ſieht aus, als ob er zu Mord und zu Allem fähig wäre.“ und„Ich fürchte ihn nicht, Niemand. Ich hab' than, was recht iſt und aus Recht kann nicht Unrecht werden.“ Eugen küßte den ſo wahrheitsvollen Mund. t die Auch im Garten war es Eugen noch zu eng und eingeſchloſſen. Er konnte nicht die Freude Vittore's theilen, die ihm andeutete, daß jetzt die Bienen bald ſchwärmen. Er bat ſie mit ihm hinauszugehen in das freie Feld; ſie kehrte wiederum in das Haus zurück, um nachzuſehen wie es der Mutter ergehe. Dieſe ſchlief noch ruhig, dennoch klagte Vittore der Pfarrerin: „Ich möcht' ſo gern daheim bleiben bei den Meinigen und er will mich immer fort haben, aus dem Haus hinaus.“ „Geh nur,“ beruhigte die Pfarrerin,„du bleibſt ja bei den Deinigen und du weißt ja wie 58 es in der Schrift heißt: man muß Vater und Litore Mutter verlaſſen und dem Mann folgen.“ ſonnta kam, und ich und he E diſſem von der trug. unwill fragte gewah ſch i er da faſſen zeigen Zwölftes Rapitel. „Wollen wir nach dem Sonnenziel?“ fragte Vittore, als ſie nach kurzer Trennung im Halb⸗ ſonntagsſtaat und mit einem Handkorb wieder⸗ kam,„da haben wir unſern neuen Weinberg und ich kann nachſehen, ob man jetzt anrainen und heften muß.“ Eugen willfahrte gern und erfreute ſich an dieſem allzeit einigen Weſen, das die reine Freude von der Arbeit nicht ablöste, ſondern in ſie hinein⸗ trug. „Heilig iſt der Arbeitstag,“ ſprach er faſt unwillkürlich vor ſich hin und als ihn Vittore fragte, was er geſagt habe, wurde er plötzlich gewahr, wie er mitten in der höchſten Lebensluſt ſich in Allgemeingedanken verlor; raſch ſprang er darüber weg und rief Vittore an der Hand faſſend: „Komm, ich möchte dich der ganzen Welt zeigen und ausrufen: das iſt mein Weib!“ „Mir iſt,“ entgegnete Vittore,„wie wenn 298 du mich in die weite Welt forttragen thäteſt, hinauffliegen über alle Berge, fort von Allem was mir lieb geweſen, und mir iſt doch ſo leicht zu Muth, als ging' mich Alles nichts mehr an, und als wär' ich gar nicht mehr auf dem Boden. Ich hab's der Mutter hundertmal geſagt: ich heiß noch Vittore und bin doch noch wer ich ge⸗ weſen bin, aber ſeit ich dich kenn' mein' ich immer, ich wachſe und ſei ein ganz anderes.“ „Du haſt auch bald einen andern Namen. Komm, ich muß dir viel erzählen.“ „Droben im Sonnenziel, da hat mein Vater ein Bänkle.“ Sie gingen den ſchmalen Fußweg, der durch das hochaufgeſchoſſene Roggenfeld ſich hinzog. Eugen ſchritt voran. „Du biſt noch größer als der Roggen,“ frohlockte Vittore,„das iſt unſer eigen Feld; mein Vater hat gerad denſelben Morgen hier geſäet, wo du uns Nachmittags Grummet ein⸗ thun geholfen haſt. Weißt noch? Halt nur den Vater in Ehren und laß dich von ihm im Feldgeſchäft unterweiſen, er verſteht's ſo gut wie der Kronauer. Siehſt wie ſchön gleichling und buſchig das Korn ſteht? Der Vater hat's im Sprüchwort: Die Roggenſaat will gern den hinnel über egt Eu gber un den hol hinmel unſerer Winter Alles ſ zurufen Noch n geweſen biſt ſo auf un gut.( „ den er den F als ob Bruſt wehen Gerſte funfel 299 Himmelkſehen, man darf nur wenig Boden dar⸗ über eggen.“ Eugen kehrte ſich um und küßte Vittore aber und abermals, eine Lerche ſchwirrte auf aus den hohen Halmen und ſchwang ſich jubelnd himmelan. „Dieſes Feld,“ rief er dann,„iſt ein Bild unſerer Liebe; im Herbſt noch erſproſſet, im Winter erſtarrt, jetzt in voller Reife. O Alles, Alles ſpricht mir von unſerer Glückſeligkeit.“ „Mir auch, ich möcht' jetzt allen Feldern zurufen: ſchauet, das wird jetzt auch euer Herr. Noch nie iſt Alles ſo voll Segen und ſo ſchön geweſen wie dies Jahr, wie jetzt. Ach und du biſt ſo.“ ſie ſchaute wie ein Wort ſuchend auf und rief dann:„Du biſt ſo blauhimmelig gut. Gelt, du kriegſt kein Heimweh nach der Stadt?“ „Nie, nie,“ betheuerte Eugen und wie er den erfriſchenden Abendthau einſog, der über den Feldern zu weben begann, ſo war's ihm, als ob er den Athem der ganzen Natur in ſeiner Bruſt fühlte. Wie ſchön war das leiſe Windes⸗ wehen im reifenden Roggen, im grünen geneigten Gerſtenfelde und im ſtolz gradaufſtehenden blüthen⸗ funkelnden Weizen. 300 Mitten in allen Liebesworten vergaß Vittore nie, Eugen die Felder zu zeigen. „Dort unten wo jetzt die Mähder ſchneiden,“ bedeutete ſie,„von der Brombeerhecke bis dort in die Höhe zu dem Holzbirnenbaum, das iſt unſere beſte Wieſe. Siehſt? Dort haben wir wieder Welſchkorn wie voriges Jahr, wo du uns geholfen haſt aufhefteln. Du mußt mir auch deine Leibſpeiſen ſagen, daß ich dir ſie kochen kann; was iß'ſt denn gern?“ Eugen ging willfährig auf die ganze Em⸗ pfindungsweiſe Vittore's ein, er erkannte, wie es ihr an Gefühlen nicht genügte und ſie gern leibhaftige Thaten dafür ſetzen mochte. Eben ſo leicht folgte ihm aber auch Vittore in ſeine Aus⸗ führungen, wie ſie ſich immer geiſtig wach erhalten wollten. „Nimm mich nur auch mit, wo du kannſt,“ bat ſie,„ich mein', laß mich auch in deine Ge⸗ danken'neingucken; du wirſt ſehen, ich lern' ſchon, ich hab' beim Kaidl zweimal den Preis bekommen, und die Stunden der Andacht, das iſt ein braves frommes Buch und da hab ich auch viel daraus ge⸗ lernt, von Allem was im Himmel und auf der Erde iſt. Was ſchmunzelſt jetzt? Sag's, gleich ſag's.“ Eugen erklärte, wie er nie geahnt hätte, daß dieſe gewinne babe, wo hab' ich bleiben Büchern einmal thät mic hauern Ehren h ſu ſche darüber ſchaffen nett dah gehalten. ſchrecklic kommen iſt von ſchmiert hat ihr den Fr fein bü Oidnur Mann drießen ſchen, „ . 301 daß dieſes Buch ſolche Bedeutſamkeit für ihn 3 gewinne und daß er noch viele andere Bücher habe, worauf Vittore fortfuhr:„Schau, deswegen hab' ich's ja auch noch gewollt, daß du Lehrer bleiben ſollſt; da hätteſt du mehr bei deinen — Büchern bleiben können. Der Kronauer hat —. einmal geſagt du könnteſt Profeſſor ſein. Ich — thät mich in Tod hinein grämen, wenn du ver⸗ 3 bauern thäteſt; nein, du mußt dich recht in Ehren halten und an mir ſoll's nicht fehlen, das En⸗ ſei ſicher und gewiß. Die anderen Leute haben e, wir darüber geſchimpft, mir aber hat's gerad recht⸗ gern ſchaffen gefallen, daß du immer ſo fein und vwen ſo nett daherkommen biſt und haſt was auf dich n Aus⸗ gehalten. Dabei mußt bleiben. Es iſt nichts alten ſchrecklicher als wenn die Menſchen ſo bald ver— kommen und Alles unordentlich laſſen, der Kaidl kannſt“ iſt von einem Sonntag zum andern in unge⸗ Gr⸗ ſchmierten Stiefeln herumgelaufen und ſeine Frau m' ſchon, hat ihn ganz verkommen laſſen. Ich hab' bei kommen, den Fräulein, die im Pfarrhaus geweſen ſind, braves fein bügeln gelernt und will dir ſchon Alles in Ordnung halten, wie ſich's gehört für einen Mann wie du biſt. Laß dich's nur nicht ver⸗ drießen, mich auch zu unterweiſen, du wirſt ſehen, ich bin nicht auf den Kopf gefallen.“ 302 Dieſe Redſeligkeit in der eigentlichſten Be⸗ deutung des Wortes erquickte Eugen im tieſſten Herzen und er konnte ſeiner überquellenden Em⸗ pfindung nicht anders Luft machen als indem er laut zu ſingen begann, und hell ſtimmte Vittore ein in die Worte: So lang die Welt zuſammenhält Sind wir zuſammen in der Welt. Die Mähder auf den Wieſen ſchauten auf bei dieſem Sange und aus dem würzigen Gras⸗ dufte heraus antworteten ſie bald da bald dort mit hellem Jauchzen. Am Wege dengelte des Rainbauern Karle ſeine Senſe, Vittore grüßte ihn freundlich und der Karle ſagte: „Wir bekommen bald Regen, ich merk's an meiner Senſe, ſie lauft an.“ „Jetzt iſt noch Sonnenſchein!“ rief Vittore in luſtigem Scherze und ſagte im Weitergehen, daß ſie dem Karle gern ein gutes Wort gönne, er ſei übel dran: mit ſeiner Frau fortleben oder ſie fortſchicken, man weiß nicht was trauriger iſt.„Die Leut' ſagen,“ fuhr ſie fort,„der Karle hab' den Unſegen in ſeinem Haus, weil er aus Muthwille und Großthuerei die unſchul⸗ digen frommen Thierle, die Schwalben geſchoſſen hat. J gunz no thuer, e von ihr Schis Lieb un et hat traurig zugucket E auf de ſagte g! daß ſie den Th pflücken E Bildes Menſch Syhmbt Natur 2 ihres Brod / ich re hab? uten auf en Gras⸗ bald dort rn Karle dlch ur —= t,„der 1, weil e unſchul⸗ geſchoſſen 303 hat. Ich kann das nicht glauben. Es iſt Alles ganz natürlich. Der Karle iſt halt ein Groß⸗ thuer, er hat die Schwalben geſchoſſen, daß man von ihm ſagen ſoll, was er für ein geſchickter Schütz ſei, und hat die Frau genommen ohne Lieb und ohne Reſpekt, nur daß man ſagen ſoll, er hat eine Reiche. Er ſoll aber jetzt viel traurig ſein und oft Stunden lang den Schwalben zugucken wie ſie bauen und fliegen.“ Eugen und Vittore waren im Sonnenziel auf dem Weinberge angekommen und Vittore ſagte gleich beim erſten Anblick der Rebenſcheine, daß ſie morgen heraus wolle um zu heften und den Thauwuchs, die überſchüſſigen Triebe, abzu⸗ pflücken, ſie ſeien jetzt lang genug frei gewachſen. Eugen unterdrückte die Anwendung dieſes Bildes auf ſein eigenes Leben und das aller Menſchen, denn er fühlte, daß bei ihm ſchon Symbol geworden, was im freien Leben noch Natur und Ereigniß iſt.⸗ Auf der Bank leerte Vittore den Inhalt ihres Hängkorbes, der in einem tüchtigen Stück Brod und einer Flaſche Wein beſtand. „Das iſt Wein von dieſem Berg da. Hab' ich recht gehabt, daß ich was mitgenommen hab'?“ fragte Vittore mit ſchelmiſcher Miene. 304 „Glückſelig recht. Komm her, ich trinke den Lebensſaft dieſes Bodens und vermähle mich dir Vittore auf ewig und vermähle mich dem Boden hier, deſſen Saft mich durchſtrömt und bin ihm blutsverwandt. Vittore und du mein Vaterland, ich bin euch ewig getreu.“ Er trank in raſchem Zuge und reichte dann das Glas Vittore, die aber nur wenig trank; ſie hielt das Brod in der Linken und er brach es mit ihr und rief aber⸗ mals:„Und nun bin ich dir vermählt meine Geliebte! vor der heiligen, allnährenden und ewig ſproſſenden Natur.“ „Die Mutter hat recht,“ ſagte Vittore,„ſie hat einmal geſagt: wenn du ſo aus Herzens⸗ grund redeſt, iſt es einem als hörte man die Orgel ſpielen. Du biſt doch gut, wenn du auch nicht fromm biſt.“ „Mein biſt du, Vittore!“ rief Eugen und hielt ihre beiden Hände auf ſeine Stirne ge⸗ drückt,„ich habe dich mir vermählt und alle Trauungsformel iſt nur noch ein Anſtandsbeſuch bei einer alten Tante.“ „Mein Oheim wird uns trauen und der hat keine Frau mehr,“ berichtigte Vittore. Eugen mußte zu ihrem Schreck laut auflachen. Er erklärte indeß raſch, was er gemeint habe; ſie beſtritt feſt an hievon „ wollen. E ſein 9 ſeiner ſchon! than u wär' d nir of ſo lan ſoll un ander rennen von m 2 wirklic Vittor ſich in ſugte wie v drunte beſtritt unnachgiebig ſeine Anſicht, denn ſie hielt feſt an den gegebenen Formen; um indeß raſch hievon abzulenken, ſagte ſie: „Du haſt mir ja heut von dir erzählen wollen. Jetzt fang' einmal an.“ Eugen erzählte nun in raſchen Umriſſen ſein ganzes Leben. Als er von der Armuth ſeiner Kindheit erzählte, rief Vittore: „Ach du armes Kind! Hätt' ich dich nur ſchon damals gekannt, ich hätt' dir gern Gutes than und dir in Allem beigeſtanden. Wie wenig wär' das geweſen in ſo einem Haus. Es will mir oft nicht in Kopf hinein, daß man vorher ſo lang leben und nichts von einander wiſſen ſoll und auf Einmal gehört man ſo ganz ein⸗ ander an. Das freut mich, daß du ſo gut haſt rennen können, ich kann's auch; mich hat keine von meinen Kamerädinnen fangen können.“ Als aber Eugen weiter erzählte und ſeinen wirklichen Namen nannte, zitterte die Hand Vittore's in der ſeinen; ſie ſtand auf und fuhr ſich immer mit der Hand an die Stirne. „Ich glaub' an dich, das halt ich feſt,“ ſagte ſie,„aber ich bin mit meinen Gedanken wie verirrt: iſt das noch unſer Weinberg, da drunten unſer Haus? Herr Gott, ich weiß nicht 20 1 306 wie mir iſt; es kann ſich ja auf Einmal Alles verwandeln.“ Eugen ſuchte Vittore zu beruhigen und es gelang ihm ſo ſehr, daß Vittore endlich ſagte: „Sei wer du wilſſt, ich hab dich lieb, recht⸗ ſchaffen lieb; aber ich muß mich an den andern Namen gewöhnen. Mein Bruder Willi hat bis zu ſeinem zweiten Jahr Konrad geheißen und da hat ihn unſere Mutter Willi gerufen. Ich hab mich lang nicht daran gewöhnen können, es iſt mir immer geweſen, wie wenn's ein ander Kind wär'; nach und nach hab ich mich doch drein gefunden und ſo wird mir's auch mit dir gehen. Nicht wahr und du heißſt beidemal Eugen?“ „Ja.“ Das Wagniß, daß Eugen mitten in allen Gefahren im Vaterlande geblieben war, ſchalt Vittore Anfangs einen unverzeihlichen Leichtſinn, ſetzte aber wieder ſchnell hinzu, daß es doch gut ſei, ſie hätten ſich ja nur dadurch gefunden. Zuletzt ſagte ſie: „Du dauerſt mich tief, daß du nicht weißt, was eine Mutter iſt; aber du kriegſt von mir die beſte von der Welt und ſie iſt deine Mutter grad wie die meine. Wie iſt's denn jetzt? Willſt du den Namen Baumann behalten?“ heißen aus, Leute liegt auch mach hatte Emp hald in ſi Weſe ſchön iſt uuft ma denr kom hiel ihr als 307 „Vittore, könnteſt du Gräfin Falkenberg heißen? Würde dich das nicht ſtören?“ „Gar nicht, ich mache mir gar nichts dar⸗ aus, ich heiße meinetwegen auch Gräfin. Die 3 Leute werden eine Zeitlang ſpötteln, aber da liegt mir gar nichts daran und ſie kriegen's auch bald genug. Wie du heißſt heiß ich, da i mach du nur ganz was du für recht hältſt.“ rſen. Das war doch mehr als Eugen erwartet wunen, hatte und mit einem Gemiſch widerſtreitender ander Empfindungen betrachtete er eine Weile Vittore; e bald aber gewann die Bewunderung für dieſes Rhen. in ſich ſtarke, alles Schwankens überhobene Weſen die Oberhand und er pries ſie laut ob ihres ſchönen Freimuthes. in allen„Da drüben am Wald,“ ſagte Vittore, ſchalt„iſt ein Widerhall, da wollen wir deinen Namen lichtſinn, rufen. Falkenberg iſt doch ſchöner, als Bau⸗ gut ſei, mann.“* Zulett Jetzt zeigte ſie, daß ſie gut rennen konnte; 4 denn Eugen hatte Mühe ihr bergauf nachzu⸗ tt weift, kommen. von mir Auf der von Raſen erbauten Pfingſtkanzel hielt ſie an und Eugen ſchaute aufathmend zu ihr empor, wie ſie die Arme ausgebreitet hielt, als wollte ſie ihn auf freier Höhe an geheiligter 20* Wntter Mutter Stätte in ihre Arme ſchließen. Als er nun bei ihr ſtand, ſagte ſie: „Da, da haſt all meine beiden Händ'.“ Eine Weile hielten ſie ſich ſo feſt und Eugen, der ſich Alles erklären zu können glaubte, konnte es nicht faſſen, warum ihm jetzt eine Thräne in's Auge drang. Vittore duldete kein ſolches Nachforſchen, denn ſie riß ſich raſch wieder los und hielt erſt am Saume des Buchenwaldes an und dort, wo die Bergwieſe und der Wald eine grüne Bucht bilden, rief ſie ſeinen Namen Falkenberg in die Thalſchlucht, daß es weithin widerhallte. Eugen war's als ob nun die letzte Feſſel von ihm genommen wäre, da er ſeinen freien Na⸗ men aus dem Munde der Geliebten und weit⸗ hin von Berg und Wald rufen hörte. Das war die laute Botſchaft ſeiner Frei⸗ heit und hoch hinauf trug ihn das höchſte Luſt⸗ gefühl, als er mit der Geliebten in die grüne Waldesdämmerung hineinwandelte und immer weiter hinauf am Bergesgipfel ſtanden die blan⸗ ken Buchenſtämme mit ihren lichten Kronen und verdeckten den Himmel und ſchloſſen alles Sein in eine grüne Unendlichkeit. Da gab's nur ſelige Ausrufe, nur Freuden jubel, dann aus drau chelt 309 jubel, kein Reden mehr. Wie von ſelbſt ſangen dann Beide wiederum: „So lang die Welt zuſammenhält Sind wir zuſammen in der Welt.“ Eugen pries ſich glücklich, daß dieſes Wort aus dem Liede ſeinen Bund ſegnete: Vittore aber ſetzte noch einen luſtigen Vers drauf und indem ſie die Wange Eugens ſtrei⸗ chelte, ſang ſie: berg„Es giebt falſche Haar' te Es giebt falſche Zähn', el von Aber ein gemacht's Grüble im Bäckle Hat Niemand noch geſeh'n.“ d weit⸗ Eugen wiederholte das oft und Vittore ſagte jetzt: rei⸗„Ich hör' den Fink klagen, der Karle hat ſe Luſt⸗ recht, wir bekommen heut' Nacht Regen, das grüne iſt gut. Wir ſollten jetzt aber heim, es däm⸗ mert ſchon ſtark.“ „Nicht wahr, jetzt vergeht die Zeit ſchnell?“ entgegnete Eugen. s Sein„Und ich möcht' ſie nicht vertreiben, ich öcht' ſie feſthalten. Es iſt doch ſchön, daß der Fruden Pyſuc der Sonne hat ſagen können: ſtehe wfiSo nücht ich auch.“ „Wir wollen ſie ſelber feſthalten,“ ſagte Eugen,„ich bin auch ein Jo ſua.“ Da wo der Bach rauſchend über Felſen ſpringt und ein Brunnen aus der Bergwand quillt, dort hatten ſich die Beiden niedergelaſſen und Vittore fragte: „Biſt du denn wirklich ſo ungläubig? Glaubſt du auch nicht an Gott?“ „Ich glaube an dich, ich glaube an mich.“ „Das iſt kein' Antwort, du mußt mich nicht ſo abſpeiſen.“ „Das will ich nicht. Ich glaube an mich ſelbſt, wie du das auch thuſt.“ „Ich zweifle oft an mir und bin nicht zufrieden— „Ich auch. Nicht Alles was ich wollen kann, iſt recht, aber da, wo gar kein Widerſpruch in meiner Seele iſt, da iſt das Rechte, da bin ich ſelbſt und die heilige Gewißheit der Natur.“ „Das verſteh ich nicht recht.“ „Schau, wenn die Menſchen ſagen, ſie vertrauen auf Gott und handeln nach ſeinem Willen, ſo iſt das am Ende doch nur, daß ſie auf ſich ſelbſt vertrauen, auf das Echte und Wahre, das in Jedem iſt und ihm ſagt, was er zu thun hat.“ Gott in jei nich allein Glar fann Die glau es h ſch unhe dur( Ba Qu abe läc Lei det ih „Warum willſt du denn das aber nicht Gott nennen? Das iſt Gott, der Heilige, der in jedem Herzen ſpricht.“ „Nenne es ſo, es bleibt daſſelbe, aber laß mich es Glanbe an uns ſelbſt nennen. Das 6 allein hilft. Alle echten Menſchen handelten im Glauben an ſich, an ihren innerſten Ruf. Du kannſt das nicht ſo wiſſen, dir fehlte es nie. Die Menſchen müſſen wieder lernen an ſich 5 glauben, an ſich Freude haben, dann iſt, wie du es heißeſt, Gott wieder in ihnen und ſie helfen ſich ſelbſt.“ 6 „Du biſt doch fromm,“ rief Vittore und umhalste Eugen. 1 Mit übergeſchlungenen Armen gingen ſie 4 durch den Wald dahin, drunten rauſchte der Bach und Eugen erzählte, daß er einſt die Quelle des Mühlbaches aufſuchen wollte, ſie⸗ aber bis jetzt nicht gefunden habe. „Das biſt du wieder ganz,“ ſagte Vittore lächelnd,„du gehſt Allem auf den Grund.“ Wie nahe beiſammen müſſen Jubel und Leid in der Seele wohnen, denn Vittore ſagte plötzlich:„Sieh, da iſt der Bärenborn, das iſt der Waldweg, von dem die Anni ſelig noch auf ihrem Todtenbette geſprochen hat... Aber horch, es läutet in Alsfeld, das dauert lang, das iſt nicht die Nachtglocke und daheim läutet's auch. Das iſt Sturmläuten. Herr im Himmel! Komm, Eugen, komm, es brennt irgendwo.“ Eugen ſuchte die Aufgeregte zu beruhigen, während er mit ihr Hand in Hand durch den Wald eilte. Als ſie auf die Fahrſtraße kamen, rollte gerade die Feuerſpritze von Alsfeld mit ſchwerem Dröhnen daher. „Wo brennt's?“ fragte Vittore. „In der Bachmühle.“ „In deinem Hauſe,“ rief ein Mann, hielt an, ſtieg raſch ab und half Vittore und Eugen auf das Gefährte, das nun mit mächtigem Rol⸗ len dahinfuhr. Mu und hinz wah nich und Preizehntes Rapitel. Vittore hielt ſich zitternd an Eugen.„Die . v Mutter! Herr im Himmel, die Mutter!“ rief ſie und ſetzte nach einer Weile zuſammenſchauernd 5 hinzu:„Wir hätten nicht fortgehen ſollen. Nicht wahr, Eugen, es kann aber nicht ſein, es iſt nicht Sündenſchuld, weil wir fortgangen ſind?“ 6. hült Eugen bekräftigte ſie in dieſer Zuverſicht Eugen und erinnerte ſie an ihr Wort:„aus Recht kann n Rol⸗ nicht Unrecht werden.“ „Du biſt mein Halt,“ rief ſie ſich weinend an ſeine Bruſt ſchmiegend. 6 Das Stilleſtehen und ſich Fortbewegenlaſſen, wo man gerne mit allen Leibeskräften arbeitend 3 dem Ziele zuſtrebte, wurde zur unſäglichen Pein. „Fahrt ſchärfer zu,“ gebot Eugen. „Wir können hier nicht,“ erhielt er zur Antwort. Vittore ſprang raſch ab. „Komm hier den Fußweg,“ rief ſie und Eugen folgte ihr. Die Nacht war dunkel, nur aus dem Thale 314 leuchtete der Brand, der Weg ging über Baum⸗ wurzeln. Plötzlich fühlte ſich Eugen ergriffen und niedergeworfen. „Ich will dich auch begnadigen,“ rief eine wilde Stimme, es war die des Vigil, er zuckte ein Meſſer, aber Schatzhauſer rannte auf ihn an und Vittore, die des Weges kundiger einige Schritte vorausgeeilt war, ſprang plötzlich wie eine Flammenerſcheinung von einem Felſen im Rücken, warf ſich auf den Vigil und ſtürzte ihn die Schlucht hinab. „Hülfe!“ ſchrie ſie,„der Vigil hat das Haus angezündet. Komm, Eugen, iſt dir nichts geſchehen?“ Er eilte mit ihr hinab, wo mitten im Lärm und Getöſe die helle Lohe aus dem Hauſe auf⸗ ſchlug. Noch dieſſeits des Steges ſtand Lipp bei dem bunt zuſammengewürfelten geretteten Haus⸗ rathe als Wache und rief den halb Ohnmächti⸗ gen zu: „Wir haben gemeint, ihr ſeiet mit ein⸗ ander verbrannt. Es iſt Alles gerettet, kein Menſchenleben verloren.“ „Wo ſind meine Eltern?“ ſtöhnte Vittore. „Im Pfarrhaus. Es iſt auch alles Vieh gerettet und der Schloſſer Vinzenz hat das Haupt⸗ buch die der Euge Ort, del, Mu auf wir rich ob Ret Rie Blk 315 buch vom Bachmüller noch aus dem Feuer geholt, die Stiege war ſchon abgebrannt.“ „Geh mit Vittore,“ befahl Eugen dem Lipp, der ſchnell andere Wächter aufſtellte; dann rief Eugen einige Männer und bezeichnete ihnen den Ort, wo der Vigil liege. „Das alte Holzwerk brennt wie eine Schin⸗ del,“ ſagte der Sonnenwirth mit der Pfeife im Munde zu Eugen, der ſich mitten im Gedränge auf den Boden hatte ſetzen müſſen. Der Sonnen⸗ wirth reichte einen Schluck Branntwein und Eugen richtete ſich raſch wieder auf. Er ſpähte umher, ob nirgends zu helfen ſei, aber da war keine Rettung mehr und die Spritzenſtrahlen ziſchten nur in den Brand, um dem Winde zu wehren, der ſich erhob und brennende Splitter weit hin trug. Zwei Spritzen ſtanden noch faſt müßig zur Seite an der Mühle, um jeden Brandflug davon abzuhalten. Ruhig ſtanden die Bäume im Garten, wie durchleuchtet von dem Brande, der Zaun war eingeriſſen, die Blumen zertreten und Lärm und Schreien überall. Der Schloſſer Vinzenz ſchrie ſich heiſer von der Spritze, die nicht regelmäßig gefüllt wurde. Es gelang dem Schultheiß nicht, eine ordnungsmäßige Kette nach dem nahen Bache herzuſtellen, wo einer dem andern die Eimer reichen ſollte. Alles lief wild durcheinander, ſo daß der Füllſchlauch, den man nach dem Bache gelegt hatte, zertreten war. Mit Gewalt die Menſchen packend und ſchüttelnd ſtellte Eugen endlich Ordnung her und eine Weile war Alles in ſo ruhigem Gange, daß man nur die Spritzen wie mit tiefem Aechzen arbeiten und das ängſt⸗ liche Zwitſchern der ſcheu umherfliegenden und heimathlos gewordenen Schwalben vernehmen konnte. Die Rebenranken, die ſich ſo ſicher am Hauſe feſtgeklammert hatten, waren verkohlt niedergeſunken, der Nußbaum mit ſeinem ſchatten⸗ breitenden Geäſte hatte ſchon manches von der Flamme verzehren laſſen müſſen, ein glühender Rauch durchzog ihn, er ſtand feſtgebannt und konnte nicht davonfliegen wie die Schwalben. Der Schloſſer Vinzenz richtete manchen Waſſer⸗ ſtrahl nach dem Baume, von dem die Tropfen wie glühendes Gold herniederträufelten. Jetzt erſcholl ein Geſchrei vom Berge: „Wir haben den Brandſtifter. Wir bringen den Vigil.“ „Er iſt todt,“ ſchrieen die Untenſtehenden, als der lebloſe Körper in der Beleuchtung der Flamme erſchien. U der V Vigil men dräng Hauf ſteher rache Erin habe Feue hatte niede auſſt ein die noc bau We gef um ein 317 Einer„Der ſtellt ſich nur todt,“ kreiſchte heiſer t, der Vinzenz,„leget ihn hin.“ Kaum war dies Jach geſchehen, als er den Strahl der Spritze auf i di Vigil richtete, der plötzlich um ſich ſchlug. 3 N„In's Feuer mit ihm,“ riefen wilde Stim⸗ 5 men und wieder ward er erhoben und Alles drängte zuſammen, aber Eugen trennte den Haufen auseinander und ſeinem in neuer Geltung ſtehenden Anſehen gelang es abermals, die Selbſt⸗ rache zu bannen. Der Kirchbauer ſagte bei der Erinnerung, daß man ja ein Geſchwornengericht N habe:„Und wir verurtheilen ihn, ſo gewiß das Feuer da brennt.“— So raſch es ſich erhoben hatte, faſt eben ſo ſchnell brannte das Feuer „ nieder und ließ nur noch mächtige Rauchwolken aufſteigen, denn der Wind hatte ſich gelegt und ein ausgiebiger Regen rieſelte hernieder, der in 3 die unerreichbarſten Brandfugen eindrang. „Hab ich's nicht prophezeiht, daß es heut' wpfen noch regnen wird?“ wendete ſich des Rain⸗. Jtt bauern Karle an Eugen; der Stolz ſeiner 6 Weiſſagung ſchien ihn jede Feindſeligkeit ver⸗ 1 tingen geſſen zu machen. Eugen geleitete von einer großen Schaar enden, umgeben den gebundenen Vigil das Dorf hin⸗ der ein. Vigil war ſtumm und knirſchte nur die+ Zähne übereinander, daß es knarrte; als er an dem Ortsgefängniß angekommen war, rief er: „Wißt ihr denn auch wer der Lehrer da iſt? Das iſt der Erzrevoluzer, der Graf Falken⸗ berg.“ „Iſt das wahr?“ fragte der Sonnenwirth. „Ja,“ entgegnete Eugen und eine Weile herrſchte Todtenſtille unter allen Verſammelten. „Das geht über's Bohnenlied,“ lachte der Schäufler⸗David. „Die Kirchbäuerin ſelig hat's immer ge⸗ ſagt, hinter dem Lehrer ſteckt was beſonderes,“ bemerkte der Rainbauer. Nur dieſe Betrachtungen hörte noch Eugen, denn er trat in das Rathhaus und verwahrte den Vigil hinter Schloß und Riegel. Als er wieder herauskam, begann des Rainbauern Karle: „Es iſt jetzt gar kein Schand' für mich, daß wir mit einander gerauft haben, im Gegen⸗ theil. Unſer Lehrer, der Herr Graf Falkenberg lebe hoch!“ „Hoch! und abermals hoch!“ riefen Alle und geleiteten Eugen mit ſolchem Rufe bis an das Pfarrhaus, wo er ſie bat, aus Rückſicht für ſeine kranke Schwiegermutter jetzt ruhig zu ſein. Im Pfarrhauſe hörte Eugen, daß die Mutter auffal bei R brenn Der ſagte Leber halt der Vika nach ſie i dem behi Hüt wäc tan Vi der da Ei zu ſein. 3¹9 auffallend wohlbehalten ſei; nur der Vikar war bei Rettung derſelben durch einen herabfallenden brennenden Balken am Arm beſchädigt worden. Der Ba chmüller reichte Eugen beide Hände und ſagte:„Gottlob, daß wir Alle geſund und am Leben ſind; es hat nichts zu bedeuten, ihr krieget halt ein neues Haus.“ Vittore kam und brachte einen Gruß von der Mutter. Der Amerikaner wachte bei dem Vikar und als Eugen nochmals mit dem Vater nach der nun erloſchenen Brandſtätte ging, trafen ſie überall noch wache Menſchengruppen, die von dem Grafen und ſeiner Verlobung redeten. Lipp behielt ſeinen Poſten auf der Brandſtätte als Hüter des Hausraths und Aufſeher der Feuer⸗ wächter, wobei ihm der Sanscülotte raſche Adju⸗ tantendienſte verſah. Jetzt ſtand der Schloſſer Vinzenz beim Lipp und hielt ein großes Bild in der Hand; es waren die Grundrechte, an denen das Glas geſprungen und die ſchwarzrothgoldene Einrahmung zum Theil vom Feuer gebräunt war. „Schenket mir das,“ bat der Schloſſer Vin⸗ zenz,„es wär' ja doch mit verbrannt, wenn ich's nicht ſchnell zum Fenſter hinaus geworfen hätt'.“ Der Bachmüller willfahrte gern und ſchwei⸗ 320 gend ſchritt er mit Eugen und Vinzenz das Dorf hinein; er ging mit Eugen in das Schulhaus. „Jetzt bin ich wieder da wo ich geboren bin,“ ſagte er,„und jetzt bin ich zuerſt bei euch ehe ihr zu mir kommet. Gott gebe nur, daß alles Unglück mit verbrannt ſei und keines mehr nachkommt.“ Eugen hatte keine Ruhe, er ging nochmals nach dem Pfarrhauſe und brachte gute Nach⸗ richten von der Mutter. Der Bachmüller reichte ihm die Hand und ſchüttelte ſie ihm tapfer als er beim Schlafengehen ſagte: „Nach dem ſchweren Tag bin ich doch ſo vollauf glücklich, weil ich zum erſtenmal in mei⸗ nem Leben ſagen kann: Gut Nacht lieber Vater.“ „Gut Nacht Sohn,“ erwiederte der Bach⸗ müller und wendete ſich raſch ab. Eugen hörte ihn noch lange leiſe murmelnd beten. Wie von einem hellen Lebensrufe erweckt ſchlug Eugen am Morgen die Augen auf, ihm war's als grüßte ihn die weite volle Welt mit herzinnigem Freundesgruß; an den glitzern⸗ den Blättern der Bäume hingen ſchimmernde Tropfen, und Gras und Blume ſchaute wie be⸗ gnügt auf und die Luft erſcholl vom Morgenſang der V die ga Eugen Den wirflic geneſ ſlor u Arme wäre Traut 2 ſeinen beſim ſoſi ſtorbe kaſt ſei er zu G dem ſeinet Labet liebe der ſ unbe kann 321 der Vögel. Selbſtvergeſſen und doch wiederum die ganze Daſeinsſeligkeit in ſich tragend ſchaute Eugen hinein in die wonnigliche Morgenwelt. Den träumeriſch Verſunkenen grüßte jetzt eine wirkliche Freundesſtimme; es war Deeger, der gemeſſenen Schrittes daherkam und einen Trauer⸗ flor um den Hut trug. „Du fehlteſt mir,“ rief Eugen, ihn in die Arme ſchließend,„hätt' ich die Mutter noch, ſo wäre Alles erfüllt. Aber warum trägſt du Trauer?“ Deeger berichtete, daß er am geſtrigen Tage ſeinen Vater begraben und wenn er auch nichts beſtimmtes wiſſe, das er ſich vorwerfen könne, ſo ſei es ihm doch oft, als habe der Ver⸗ ſtorbene zu ſehr gefühlt, daß ſein Leben eine Laſt geworden. Auf die Kunde von dem Brande ſei er nun hieher geeilt, ſowohl zu eigener als zu Eugens Tröſtung. Dieſem gelang es, von dem geiſtigen Feſtweine auf der reichen Tafel ſeines Lebens dem trauernden Freunde einen Labetrunk zu ſpenden; er reichte ihn mit doppelter Liebe, denn er fühlte, was es ſein mußte, daß der ſonſt ſo hellblickende ſtahlgediegene Freund ſich unberechtigter Schwermuth hingab. Deeger be⸗ kannte auch bald, daß ſeine Empfindung zu den⸗ 21 32 jenigen gehörte, die auf den zuverſichtlichen An⸗ ruf des Freundes gebaut würden; er gelobte ſich zuſammen zu raffen, um mindeſtens die helle Freude Eugens nicht zu ſtören. In Freud und Leid erfuhren die beiden Männer die Segnung der Freundſchaft. Als Eugen berichtete, daß Deeger in ſeine Stelle eintreten müſſe, erwähnte dieſer nur noch einmal, wie ſchön der Verſtorbene hier hätte aufleben können und wie ſeltſam die Verſchlingung des Lebens ſei, daß ihm vielleicht ein langgehegter Wunſch erfüllt würde, jetzt, wo er ſeiner kaum bedürfe. Das war das letzte, was Deeger dem Ausſpruche ſeiner Trauer zuließ; fortan verſchloß er ſie in ſich und gleichſam als äußeres Zeichen, daß er keine Kunde ſeines Schmerzes in die Freude dringen laſſen wolle, legte er ſeinen Florhut ab und ließ ſich von Eugen eine Mütze leihen. Auf dem Wege nach der Brandſtätte berich⸗ tete Eugen alles Geſchehene ausführlich. Er fühlte erſt jetzt die mächtigen Contraſte, mit denen ſich dieſe Tage überſtürzt hatten, aber durch das Erzählen ſchien ſich faſt Alles zu mildern. Deeger unterließ es nicht, wiederholt, wenn auch milder, Eugen zu warnen, daß er die Welt in bar Stt ſei nit ſelb ihn raſ lob ha Ar fan gen lein dar run in let V die ſie au ſi z h 323 in Handſchuhen zu ſehr geringſchätze und die barhändige zu hoch halte. Er erzählte, daß Stephanie ſo überaus liebreich gegen ſeine Mutter ſei und Alles aufbiete, damit ſeine Schweſter mit ihr nach Ungarn ziehe. Eugen verſchloß ſelbſt dem Freunde ſeine Empfindung, als dieſer ihm mittheilte, daß auf dem Schloſſe Alles über⸗ raſcht geweſen ſei von der ſo plötzlichen Ver⸗ lobung Stephanie's. Als die beiden Freunde nach dem Pfarr⸗ auſe gingen, wo am Gartenzaun das Pferd des gingen, 3 Arztes angebunden war, fanden ſie den Ameri⸗ kaner einſam im Garten. Mit offenbar gezwun⸗ gener Haltung verkündete er, daß er mit Fräu⸗ lein Theoroſa von Schüttenhelm verlobt ſei und dankte ſcherzhaft den landesväterlichen Regie⸗ rungen, die die Kindergärten verboten hatten, indem er ſeltſamerweiſe bekannte, daß dieß zur letzten Entſcheidung mit beigetragen habe. Als Vittore Eugen im Hausflur erblickte, faltete ſie die Hände in einander und rief: „Guten Morgen Himmel!“ Dann ſchloß ſie Eugen freudig in ihre Arme. Nun erfuhr er auch, daß die Mutter zwar heiterer aber noch ſehr ſchwach ſei; der Vikar aber leide viel Schmer⸗ zen an ſeiner Brandwunde, ſo daß die Adel⸗ 21* 324 heid immer in ihrer Kammer liege und weine und bete. Der Arzt gab die beruhigendſten Zuſicherun⸗ gen und Kronauer, der ſich auch bald einſtellte, übernahm es, die Erledigung in den Angelegen⸗ heiten Eugens bei dem bald eintreffenden Amt⸗ mann zu bewerkſtelligen. Jetzt, nachdem die Flamme längſt geloͤſcht war, erſchien der Amt⸗ mann in der neu eingerichteten Branduniform mit gelber Schärpe. Ohne Rückſicht auf die Abwehr Kronauers hatte Eugen noch heute wegen ſeines ſeltſamen Tauſches und ſeines höchſt poli⸗ zeiwidrigen Eindringens in das vom Staate ge⸗ regelte Lehramt ſtundenlange Verhöre zu beſtehen; es war nahe daran, daß er trotz der Amneſtie mit dem Vigil zugleich zur Haft nach der Amts⸗ ſtadt gebracht wurde. Nur der Bürgſchaft Kron⸗ auers, verbunden mit der bedrohlichen Beſorgniß, daß die Verhaftung Eugens einen neuen, Zer⸗ rüttung bringenden Tumult im Dorfe erregen würde, gelang es, die Sache dem friedlichen Austrage anheim zu geben. Eugen hatte nichts davon kundgegeben, daß ſein Tauſchmann jetzt im Dorfe ſich aufhalte. Als er dem Amerikaner mittheilte, daß nun auch für ihn Gefahr vorhanden ſei, pochte dieſer An⸗ fan ihn En im gez als zier dieſ wo daf auf dien ihm ihm Not ken wil we tra tha auf Vil Ku 325 fangs auf ſein amerikaniſches Bürgerrecht, das ihn vor jeder deutſchen Polizei ſicher ſtelle; die Entgegnung jedoch, daß er wegen eines früher im Lande verübten Vergehens zur Verantwortung gezogen werden könne, machte ihn ſtutzig und als er mit Theoroſa von einem einſamen Spa⸗ ziergange zurückkehrte, entſchloß er ſich, noch in dieſer Nacht nach der nahen Grenze abzureiſen, wobei er mit aufrichtigen Worten oft betheuerte, daß er weſentlich nur abreiſe, um keinen Makel auf die heilige Idee fallen zu laſſen, als deren dienender Vertreter er daſtehe. Theoroſa verſprach ihm einen Auswanderungsſchein zu erwirken, der ihm auch die Wiederannahme ſeines wirklichen Namens geſtatte. Wieder mit dem Tuche win⸗ kend fuhr er davon, aber dießmal nicht als frei⸗ williger Flüchtling. Der Bachmüller war faſt den ganzen Tag, wenn er nicht auf der Brandſtätte Anordnungen traf, krankenwartend bei dem Vikar geſeſſen; er that dieß um ſo lieber, da in der Kammer, die auf der andern Seite an der Studirſtube des Vikars war, die Bachmüllerin lag, ſo daß immer Kunde von ihrem Befinden ſich erlauſchen ließ. Am Abend löste Eugen den Bachmüller ab. Pierzehntes Rapitel. Nur mühſam hielt ſich Eugen wach. Aus der reichen Bibliothek des Vikars fand er kein Buch, das mächtig genug geweſen wäre, jetzt ſeine Gedanken zu feſſeln. Da hörte er die Bachmüllerin rufen: „Frau Pfarrerin, ich werde geſund wenn ich Ihnen gebeichtet habe, und ſterbe ich, ſo bin ich frei, von Allem erledigt was mich ſo lang, ſo lang bedrückt.“ „Redet nicht ſo viel, das thut euch nicht gut, ſuchet zu ſchlafen.“ „Nein, ich kann nicht. Ich bin katholiſch geboren und weiß was beichten iſt; aber Ihnen beichte ich lieber als einem geweihten Prieſter; ein Frauenherz verſteht mich beſſer. Laſſet mich etzählen.“ „Ihr redet irre, gute Frau, ihr ſeid nicht katholiſch; ich will euch das Kiſſen umwenden und ſchlaft.“ „Nein, Sie müſſen mich hören, jetzt nur kann ich Alles ſagen. Ich habe Alles aufge⸗ 8 zei in leb ma in ſto üb „ ſ da vo Ki do an le de Ur w w ——— 327 zeichnet gehabt, man ſollte es nach meinem Tode finden; nun iſt's im Hauſe verbrannt. Hören Sie mich, und mein Sohn, wenn er doch noch lebt, muß es von Ihnen hören.“ „Euer Sohn iſt todt, ich bitt' euch, ihr macht mir bang, ſeid ruhig.“ „Ich red' ja nicht irr, höret nur,“ rief die Kranke mit ſchmerzlichem Klagetone, der ſchneidend in die Seele des Lauſchenden fuhr. Alle Pulſe ſtockten in Eugen. Was ſollte er hören? Was überkam ihn jetzt wie heißer Fieberſchauer? „So,“ ſprach die Kranke mit ruhiger Stimme, „ſo ſitz ich gut. Geben Sie mir Ihre Hand, da kann ich beſſer erzählen. Ich will ganz von vorn anfangen. Ach! es ſoll ein helllockiges Kind geweſen ſein, das im Hofbau aufgewachſen iſt. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit nur, daß ich, als mein Vater ſich wieder verheirathete, am Vorabend der Hochzeit als Amor in einem lebenden Bilde ſtand; ich hatte blaue Flügel auf dem Rücken und auf dem Feſtſchmauſe trugen mich Männer und Frauen auf dem Arme umher und küßten mich. Als ich andern Morgens er⸗ wachte, wollte ich, ſie ſollen mir meine Flügel wieder anziehen, aber ſie ſagten mir, die Engel hätten mir ſie nur geliehen ünd hätten ſie ſchon 328 wieder geholt. Als mein Vater geſtorben war und wir die Amtswohnung über dem Marſtall verlaſſen mußten, fand ich beim Umzuge die Amorflügel und gewahrte, daß ſie von blauem Zindel waren. Ach! Ich habe von damals an erfahren, daß Vieles in der Welt anders iſt... Mein Vater war durch einen Sturz mit einem Pferde, das ſchon einen armen Stallknecht das Leben gekoſtet hatte, raſch geſtorben. Wir hätten in Dürftigkeit leben müſſen, wenn nicht ein Oheim, ein Bruder meiner ſeligen Mutter, uns die Mittel gegeben hätte, einen ſtandesgemäßen Haushalt zu führen. Als ich gefirmt war, wurde ich Geſpielin der Prinzeſſin Marie, die gleichen Alters mit mir war. Wir liebten uns wie Schweſtern. Man nannte mich die Hofdame der Prinzeſſin, aber wenn die alte Belgern, die Oberhofmei⸗ ſterin nicht zugegen war, tollten wir wie zwei wilde Knaben und küßten uns und gelobten uns ewig bei einander zu bleiben. Es waren glück⸗ ſelige Tage, ſie ſind mir noch wie ein Traum voll Licht und Glanz. Ich ſehe noch oft ein Mädchen im weißen Atlaskleide mit einer Roſe im dunkeln Haar vor dem großen Spiegel ſtehen und das Mädchen, das bin ich, das war ich. ſh die im daß um wol ein un mi nu mu ein ſi — 329 Es machte mich glücklich, wenn ich oft, über die Straße gehend, die Leute ſagen hörte: Wie hübſch! Wir träumten und phantaſirten oft von einem Prinz Wunderhold, der auf einem Schwane daherkommen müſſe, um die Prinzeſſin Marie zu freien und der kühne Ritter, der ihn geleitete, war mir beſchieden. Der Bruder der Prinzeſſin, Prinz Willibald tanzte gerne mit mir und wir ſcherzten viel über meine Liebe zu Phantaſtereien, die er aber doch mit mir theilte. Wir wohnten im Hofbaue. Eines Abends geleitete mich der Bediente nach Hauſe, ich konnte es nie leiden, daß er hinter mir ging und ſprach mit ihm, um ihn an meine Seite zu ziehen und— ich wollte in den Boden ſinken, der Prinz war in einen Bedienten verkleidet; wir lachten darüber und an einem ſchattigen Plätzchen umarmte er mich und wir küßten lange einander. Das ging nun mehrere Abende ſo. Als der Frühling kam, mußte die Prinzeſſin, die oft kränkelte, nach dem einſamen Jagdſchloſſe Falkenau und der Prinz war wiederum da als Jägerburſche verkleidet. Ich traf ihn immer, wenn ich einſam in den Wald ging. Als wir in die Reſidenz zurück⸗ kehrten, war ich oft krank. Ich war damals ſiebzehn Jahre alt. Eines Tages hatte meine —.— E— ————** 330 Mutter den Arzt beim Weggehen begleitet, ich vergeſſe nie wie ſie ausſah, als ſie wieder ein⸗ trat; ſie ſtürzte wüthend auf mich, riß mich an den Haaren aus dem Bette und wollte mich zertreten; als ſie ſich endlich faßte und mir meinen Zuſtand ſagte, ſchrie ſie laut auf, da ich mich freute, daß ich ein Kind gewinnen ſollte; ich liebte die Kinder ſo ſehr. Die Mut⸗ ter rückte ſelbſt einen Tiſch an die Wand, heftete die Klingel ab, das war nicht genug, ſie band mir die Hände feſt zuſammen und ſchloß mich in das Zimmer. Es war tiefe Nacht, als ich geweckt und in einen verſchloſſenen Wagen ge⸗ ſetzt wurde; mit meiner Mutter ſtieg die rund⸗ liche Frau Schröder ein, die ich noch von der Geburt meines jüngſten Schweſterchens her kannte. Ich durfte meine beiden Brüder und mein klei⸗ nes Schweſterchen nicht mehr ſehen, ich weinte unaufhörlich und die Mutter ſchlug mir in's Geſicht, als ich ſagte, wie ſich meine Ge⸗ ſchwiſter freuen würden, daß ſie noch ein klein Brüderchen bekämen, ſo ſchön wie der Prinz Willibald. In der zweiten Nacht hielten wir in einem Dorfe jenſeits der Berge, ich habe nie erfahren wie der Ort heißt. Wir wohnten bei einem Arzte, ich mußte ſtets im Zimmer bleiben. Ich genas eines Knaben. Sie ſagten mir, das Kind ſei todt, aber ich hörte es ſchreien und ſie mußten mir's an die Bruſt legen. O wie lieb war es. Ich wollte es gar nicht von mir laſſen, ich wollte nicht ſchlafen, ich fürchtete ſtets und wußte nicht was; ja, ich fürchtete, man würde mir mein Kind rauben. Man ließ es mir mehrere Wochen. Ich forſchte an ihm nach, ob ich kein Zeichen finde es einſt wieder zu erkennen; ich fand nichts. Als es einmal ſo neben mir lag erinnerte ich mich aus der Ge⸗ ſchichtsſtunde der Hohenſtaufiſchen Margarethe, die ihrem Sohne Friedrich in die Wange ge⸗ biſſen; ich preßte meinen Mund an die Wange meines Kindes, aber ich hatte nicht den Muth jener Herzogin. Ich habe ſpäter oft darüber nachgedacht, wie das viele Hin- und Herbeſinnen uns endlich dahin bringt, daß wir zufrieden ſind, wenn wir gar nichts thun. Eines Abends er⸗ wache ich und höre noch mich ſelbſt um Hülfe ſchreien, ich ſpüre es leibhaftig, wie wenn mir ein Stück aus dem Körper geriſſen würde. Ich rufe nach meinem Kinde, da ſagt mir die Mutter: Weine nur, ſo eben hat man es fortgetragen und begraben; ſie ſelbſt weinte bitterlich. Ich biß die Zähne in die Kiſſen, um nicht zu ſprechen —— 332 und that bald als ob ich ſchliefe. Man hatte mich allein gelaſſen, ich war raſch entſchloſſen, ich wollte ſterben und ſprang zum Fenſter hinaus; ich ſtand aufrecht, eilte nach dem Kirchhof, da war ein friſches Grab, ich grub es mit meinen Händen auf. Weh! Das war mein Kind nicht! Ich hörte Schritte, eilte fort durch den Wald, immer fort, da drunten rauſcht der Bach, er rief mir: Komm! komm! Die Bäume wichen vor mir zurück, über Felſen ſprang ich hinab... Ich erwachte wieder und fand mich von fremden Menſchen umgeben, die mir ſagten, daß ich ſeit vielen Tagen irre geredet und im Fieber gelegen. Der Bachmüller hatte mich aus dem Waſſer ge⸗ rettet in jener Nacht als ihm ſeine Frau in den Wochen geſtorben war. Wie pflegte ich nun das Kind, meine Vittore; mein Kind war mir ja in ihr an's Herz gelegt. Nach drei Jahren freite der Müller um mich. Ich konnte das Kind nicht verlaſſen und ehrte den Vater. Ich geſtand ihm mein Schickſal, er wollte meinen Namen nicht wiſſen und verdoppelte ſeine Liebe um mich und nannte mich eine Wittwe. Er hatte mich Anfangs, bei all ſeiner hellen Denkweiſe, doch auch für einen Geiſt gehalten, für das Waſchweible, von dem hier die Sage geht. 30 niſt wat Klo abe ſt Bet mel mei mei lüg ma lebe die mei Tol daß Of gen Da So g ſ, Unt mir An —— Ich hatte ihm ſein Haus ſo verſchönt und hei⸗ miſch gemacht und Segen über Alles gebracht, was er unternahm. Ich wäre lieber in ein Kloſter gegangen, wenn mir eines geöffnet wäre; aber der Mann hatte Recht, ein thätiges Leben iſt gottgefälliger und ſühnender, als einſames Beten. Ich lernte das ſtarke freie Herz immer mehr erkennen. Ich wurde durch meinen Schwager meinem Manne angetraut mit einem falſchen Na— men. Das that mir tief wehe, vor Gott zu lügen; aber ich lebte ja ein anderes Leben. Da⸗ mals ſchrieb ich meinem Oheim, daß ich noch lebe, aber in undurchdringlicher Verborgenheit, die Niemand löſen darf. Ich gebar einen Sohn, meinen Wilhelm, er hat fern am Meere den Tod gefunden; aber vor ſeinem Tode ſchrieb er, daß ſie bei ihrer Batterie einen kommandirenden Offizier gehabt hätten, der gar gut gegen ihn geweſen ſei und der ſich Graf Falkenberg nenne. Da erwachte zuerſt wieder der Gedanke, daß mein Sohn doch leben könne, und die Sünde ihn ver⸗ geſſen und mir eingeredet zu haben, daß er todt ſei, hat mich nicht mehr ruhig werden laſſen. Und als mein Mann auswandern wollte und mir ſagte, daß der Graf Falkenberg auch in Amerika ſei, da wollte ich mitziehen und jetzt 334 ſteht er auch in der Liſte der Begnadigten und jetzt heirathet meine Vittore einen Mann, der heißt Eugen wie mein Sohn... Hundertmal hatte der Lauſchende während dieſer oft und oft unterbrochenen Erzählung die Arme emporgeſtreckt, er konnte ſich nicht halten und doch konnte ein Wort aus ſeinem Munde die Erzählende tödten. Als jetzt dieſe weinend wie⸗ derholte: „Mein Sohn Eugen,“ rief dieſer laut: „Mutter! Meine Mutter!“ Ein Jammerſchrei ertönte aus der Kammer, dann war Alles plötzlich todtenſtill. Der Vikar ſchrie laut aus dem Halbſchlummer geweckt und die Pfarrerin rief um Hülfe. Eugen war auf die Kniee geſunken und bebte und weinte, jetzt ſprang er auf und eilte nach der Kammer ſeiner Mutter. In der Halbbeleuchtung ſah er die Pfarrerin über die Lebloſe gebeugt, die ſie in den Armen hielt. „Was haben Sie gethan!“ rief die Pfarrerin vorwurfsvoll und mit gepreßtem Laute brachte Eugen die Worte hervor: „Ich, ich bin ihr Sohn, ich heiße Eugen Falkenberg.“ Die Kranke richtete ſich empor, und mit ein Kiſ ſ hin ſpr un ni Ae wi einem lauten Aechzen ſank ſie zurück in die Kiſſen. 3„Rufen Sie die Magd und Vittore,“ be⸗ fahl die Pfarrerin. Eugen eilte hinab und wieder hinauf zu dem Vikar, der aus dem Bette ge⸗ ſprungen war; er brachte ihn gewaltſam zurück, und bald hörte man in der Kammer der Mutter nichts als ein leiſes Durcheinanderwispern, ein Aechzen und mühſames Heben, und Alles war wiederum ſtill. —— Fünfzehntes Rapitel. Eugen lag auf den Knieen, die gefalteten Hände auf einen Stuhl geſtemmt, da berührte eine Hand ſein Haupt, er fühlte ſich durchzuckt und ſchaute auf, Vittore ſtand vor ihm. „Die Mutter lebt und erholt ſich,“ ſagte ſie und er umfaßte lautweinend ihre Knie; ſie richtete ihn auf, trocknete ſeine Thränen und ſprach ihm Muth und Hoffnung ein. „Sei froh, daß du weinen kannſt,“ ſagte ſie,„der Vater kann's nie und Alles thut ihm doppelt weh. Du wirſt ſehen, es wird Alles wieder gut und froh. Jetzt ſag, was haſt du angeſtellt?“ Eugen erzählte raſch, daß er in ihrer Mutter ſeine Mutter gefunden. Vittore faßte nach langer Pauſe den Eindruck, den dieſe Mittheilung bei ihr machte, in den Ausſpruch zuſammen: „Ich bange vor gar nichts mehr. Wenn jetzt ein Engel vom Himmel herab käme, ich thät mich gar nicht mehr darüber wundern; ich vol j Na mit vo Ge fül ma als Va ab weſ erſi mu der die nih Eu Ho 33 thät' ihm ruhig die Hand geben und ließ' mir von ihm berichten.“ „O du ſtarkes heiliges Herz,“ rief Eugen, „ja, wenn es Engelerſcheinungen gäbe, nur ſolche Naturen wie du könnten ſie empfangen; wir mit unſeren verkritzelten Stadtnerven müßten vor ihnen verſinken. O meine Mutter! O meine Geliebte!“ „Man mag dich werfen wie man will, du fällſt auf deine Ketzerei,“ lächelte Vittore und ſuchte Eugen zu erheitern; ſie drang darauf, daß man den Vater aus dem Schulhauſe rufen laſſe; als aber Eugen dieß abwehrte, da man den Vater jetzt unnöthig erſchrecke, ſtand ſie leicht ab und der zweite Grund, warum ſie die An⸗ weſenheit des Vaters wünſchte, war daraus erſichtlich, daß ſie nun ſagte: 1„Ich kann aber nicht bei dir bleiben, ich muß zur Mutter.“ Eugen bat nur, daß ſie ihm von Zeit zu 6 Zeit mit wenigen Worten von dem Befinden der Mutter Nachricht gebe. Noch als Vittore die Thüre in der Hand hielt, mußte ſie ver⸗ nehmen, wie wunderbar es ſich gefügt, daß 6 Eugen auf dem Schlachtfelde ſich zu ſeinem . Halbbruder hingezogen gefühlt hatte ohne von 22 — —— .* 6* 338 ihm zu wiſſen und daß ſie ſelber geiſtig ſeine Schweſter geweſen und ſeine Braut geworden ſei. „Denk' über Alles ſtill, aber denk' nicht zu viel“ wollte Vittore ſchließen. „O daß die Mutter jetzt krank iſt,“ klagte Eugen. „Nimm's als eine Fügung Gottes, daß das Haus abgebrannt iſt,“ entgegnete Vittore.„Jetzt erfährt die Mutter Alles nach und nach, vielleicht hätt' es ſie getödtet, wenn es plötzlich über ſie kommen wäre.“ Eugen erwiederte nichts auf dieſen Einwand, der eine Vorausſetzung annahm, die er eben zur ſchmerzlichen Frage ſtellte. Das Leben in ſeinen letzten Gründen wie in ſeinen Verſchlingungen iſt den Gläubigen wie den Ungläubigen ein Räthſel. Man muß ſich fügen, nenne man nun die dunkle allwaltende Macht Nothwendigkeit oder Vorſehung. Inmitten der gewaltigſten Erregung ſeines perſönlichen Lebens bohrte ſich die Seele Eugens hinein in die dunkelſten Schachte des Denkens wo die böſen Wetter hauſen, das Grubenlicht erliſcht und der kühne Eindringling verſinken muß.. „Wenn deine Mutter jetzt ſtürbe,“ ſprach ge er oft in Gedanken und ſeine Lippen wieder⸗ holten die Worte. Vittore kam auf Augenblicke und brachte tröſtliche Nachricht. So oft ſie wiederkam, reichte ihr Eugen nicht Hand nicht Mund, es war nichts von bräutlichem Liebesbrauch; ſie ſprachen mit einander wie Bruder und Schweſter und als hätten ſie von Kindheit auf mit einander gelebt, all ihr Empfinden war jetzt dem erbeben⸗ den Mutterherzen zugewendet. Wie aus dem Traume hörte man einmal die Mutter ſingen: Es wohnt ein Pfalzgraf an dem Rhein, Der hatt' drei ſchöne Töchterlein— dann kehrte ſie ſich wieder laut ſchreiend um. Nachdem ſie lange einander ſtill angeſehen, ſagte Vittore zu Eugen: „Weißt noch den Abend wo ich mit der Mutter das Lied geſungen hab'?“ Wohl erinnerte ſich Eugen deſſen, es war damals als er zuerſt ſein Todesurtheil erfuhr; jetzt ſchwebte ein anderes härteres über ihm.... In dem ſtillen nußbaumbeſchatteten Pfarr⸗ hauſe ſchauten wachmüde Augen grüßend dem jungen Tage entgegen. Eugen ſtand mit Vittore 340 am Fenſter und ſah hinauf in die immer heller ſich ausbreitenden Gluthen. „Die Mutter hat einen ſchönen Spruch,“ ſagte Vittore,„ihre Red iſt: Das Schönſte in der Welt iſt die Sonne und das Angeſicht eines Menſchen in dem Augenblicke, wo er was Recht⸗ ſchaffenes than hat.“ Wie kühlender Morgenthau ſenkten ſich dieſe Worte in die ſchmerzbrennende Seele Eugens, ſie kamen von der Mutter und ergquickten ihn doppelt, da ſie in dem Herzen Vittore's wie in hellem Blumenkelche ruhten. Rechtſchaffenes thun, das hebt über alle Räthſelqualen des Lebens hinweg; aus Kummer und Schmerz ſich aufraffen und die Kraft be⸗ thätigen, das iſt Leben und ſeine Erfüllung in Pflicht. „Ich hab auf heut Leute hinausgeſchickt in's Sonnenziel,“ ſagte Vittore,„ſie müſſen die Reben anheften. So ein Feldgeſchäft fragt nichts darnach, was im Haus vorgeht, ob man Kummer oder Freude hat.“ Eugen nickte ihr froh verwundert zu, es ſchien ja faſt als ob ein magnetiſcher Rapport alle ſeine Gedanken in lebendiger Faßlichkeit aus ihr herausleitete. — (S) ec)—— Wie auf der Brandſtätte jetzt der Schutt weggeräumt wurde, um auf den alten und nur erweiterten Grundmauern ein neues Haus zu bauen, ſo hatte Eugen, dem es noch ſtrenge ver⸗ ſagt war, die Mutter zu ſehen, gar Manches auszugleichen, um auf dem Boden ſeines erober⸗ ten Lebens ſeine Thatkraft auszubreiten und zu befeſtigen. Eugen war wiederum zu Amte vorgeladen und ſo ſchwer es ihm ward, jetzt die Umgebung der kranken Mutter zu verlaſſen, das Frohgefühl, daß nun Alles erobert und erfüllt ſei und alle Täuſchung ihr Ende erreicht habe, kräftigte ſeine Schritte. Der Bachmüller gab ihm das Geleite bis auf das Schloß zu Kronauer, der ſich er⸗ boten hatte, mit Eugen nach der Stadt zu reiten. Der Bachmüller hatte auf den Wunſch Eugens von Vittore erfahren, wer er ſei und der Stolz dieſes Mannes wie ſeine Achtung vor Eugen ſchienen einen ſchweren Kampf zu kämpfen, der ſich aber nur in Mienen und Bewegungen nicht in Worten kundgab; bald betrachtete er Eugen mit liebevollem Blick, bald runzelte er wie zornig die Stirne; er legte die Hand auf die Schulter Eugens und zog ſie wieder ſo raſch zurück, als ob er Feuer angefaßt hätte. Endlich fand er 342 einen glücklichen Ausweg für ſeine getheilten Empfindungen und fragte bis in das Kleinſte hinein über das Zuſammentreffen Eugens mit ſeinem Wilhelm in Schleswig⸗Holſtein. Eugen be⸗ richtete Alles und mußte nur bedauern, daß die ge⸗ waltigen Ereigniſſe ihm nichts als halbverſchleierte Erinnerungen von dieſem wunderſamen Zwiſchen⸗ falle zurückgelaſſen hatten. Offenbar um wieder auf etwas anderes zu kommen ſagte der Bach⸗ müller, daß er Kronauer fragen wolle, ob er ihm baar Geld leihen könne zum Neubau des Hauſes. Als Eugen hierauf ſagte, daß er zwölf⸗ hundert Gulden bereit habe, ſchaute ihn der Bachmüller verwundert an und ſagte endlich: „Es iſt ja auch euer Haus. Wenn wir nur mit Gottes Hülfe ſchon wieder Alle geſund darin wären.“ Kronauer und Eugen ritten wortlos dahin. Im Dorfe grüßten Alle mit Abnehmen der Mütze und wiederholtem Kopfnicken, als wollten ſie damit recht deutlich den doppelten Gruß aus⸗ drücken. Als man jetzt am Alsfelder Wege bergan im Schritte ritt, warnte Kronauer ſeinen Gefährten den Adel durch eine öffentliche Er⸗ klärung abzulegen, da er an ſich erfahren habe wie unzuträglich das ſei; Stephanie habe recht en w lit d r 5 gehabt, da ſie ſolch ein vereinzeltes Losſagen damit verglichen habe, als ob man in großer Verſammlung ein Hoch ausbringe in das Nie⸗ mand einſtimmt. Eugen erklärte, daß er den Adel behalte und rief ſcherzend: „Ich will einmal einen Grafen unter die Handarbeiter bringen,“ mit ernſtem Tone fuhr er aber dann fort:„Ich wollte, ich könnte die Arbeit adeln und der Welt zeigen, daß Arbeit allein dem Menſchen ſein menſchliches Anſehen und ſeine höhere Bedeutung giebt.“ „Es bleibt wahr, was Deeger geſagt hat,“ entgegnete Kronauer.„Sie erleben nichts Ge⸗ wöhnliches, weil Sie in Allem das Ungewöhn⸗ liche ſehen.“ Unterwegs ritten die Beiden eine Strecke ab der Straße nach dem Haldenhof, einem großen Bauerngute, zu dem ſogenannten Gäu⸗ tönig, deſſen älteſter Sohn als erſter Schüler in der Ackerbau⸗Schule angemeldet war. Sie trafen die Familie gerade bei Tiſche. Eugen wurde als Schwiegerſohn des Bachmüllers vor⸗ geſtellt und es war für ihn eine beſondere Freude, daß der Gäukönig ſagte: „Da könnet ihr euch was drauf einbilden, da muß man allen Reſpekt haben.“ Nun ließ ſich der Bauer darüber aus, wie„ſündlich und verdammt lächerlich“ es ſei, daß die Regierun⸗ gen immer zu Lug und Trug zwingen; man ſollte ſich freuen, daß ſo ein Mann, wie der Kronauer, ſich zu einer Ackerbauſchule hergebe und jetzt müſſe er die, die er unterrichten wolle, als Knechte annehmen. Die Knechte am Tiſche nickten ihm zu, der Gäukönig aber ſchüttelte den Kopf, als Eugen ausführte wie es gut ſei, daß man einmal Knecht ſei und Knecht heiße, wenn man ſpäter Herr werden ſolle. „Macht nur keine Politiker aus den jungen Leuten, das bringt ja nur Unglück,“ in dieſe Worte drängte der Gäukönig ſeine Entgegnung zuſam⸗ men und ſchmunzelte zufrieden als Eugen die Bedeutſamkeit des höhern Ackerbaues darlegte und dabei den Spruch Friedrichs Il, anführte: „Wenn ich einen Mann hätte, der ſtatt einer zwei Aehren erzeugte, ich würde ihn dem ausgezeichnetſten Staatsmanne und größten Feld⸗ herrn vorziehen.“ Der junge Gäuprinz, ein hellaugiger ſtraffer Burſche, geleitete zu Fuße die beiden Reiter ein Stück Weges; er erzählte mit offenbar ſtolzem Behagen, daß ſein Vater ihn vom Militär los⸗ gekauft habe und zeigte mit beſonderm Nach⸗ 0u lat druck die weite Gemarkung, die ihm einſt ange⸗ hören ſollte. Eugen verſtand, wie er damit wiederholt kundgeben wollte, daß er gar nicht nöthig habe, Knecht zu ſein und eine hervor⸗ ragende Geltung bei ſeinen künftigen Lehrherren in Anſpruch nehmen dürfe. Eugen beſchwichtigte das bei alledem doch unverkennbare Bangen des Burſchen, das ſich hinter ſtolzes Prunken ver⸗ ſchanzte, indem er ihm das arbeitserfüllte und heitere Leben der Zukunft ausmalte. Kronauer war ſchweigſam, er ſchien nicht Willens, die Stimmungen und das individuelle Leben ſeiner Zöglinge mit in ſein Bereich zu ziehen. Beim Abſchiede reichte der Gäuprinz Kronauer die Hand und ſagte:„B'hüt's Gott, Herr Baron,“ die Hand Eugens hielt er länger feſt und ein Lächeln flog über das Antlitz Eugens, als der Burſch endlich:„B'hüt's Gott, Bachmüller,“ zu ihm ſagte, und dann luſtig über einen Graben querfeldein ſprang, wo man ihn thalwärts noch lange mit machtvoller Stimme jodeln hörte. Die berittene Akademie, wie Kronauer ſcherz⸗ weiſe ſich und Eugen nannte, gerieth alsbald in eine kleine Meinungsverſchiedenheit. Eugen ſcherzte über die Bezeichnungen Waldkönig und Gäukönig, die ſich hier aufthaten, während Kronauer ſeine 346 Freude an dem erbfeſten Stolze des Bauernthums ausdrückte; er betrachtete die großen Bauerngüter als die mächtigen Waldbäume, die das nationale Beſtehen davor ſicherten, daß nicht jeder Wind⸗ ſchlag es niederwerfe. Eugen beſtritt dies keines⸗ weges, er bekämpfte nur jeden Ariſtokratismus, fände ſich dieſer nun unter'm Bauernkittel oder in einer Galla-Uniform. Raſch gingen dann die beiden hievon ab und beſprachen ſich viel über die Einrichtung ihrer Schule. Eugen freute ſich ſeiner errungenen Lehrfertigkeiten und knüpfte das ganze Unter⸗ nehmen an das Beſtreben des Friedensapoſtels; neben allen materiellen Ergebniſſen fand er, daß in ſolchen Einrichtungen jener Abſchluß der Per⸗ ſönlichkeit und jene ſchlagfertige Gemeinſamkeit des Handelns erzeugt werden könne, die man bis⸗ her nur dem Soldatenthum zuſchrieb; Kronauer dagegen hielt ſich an die Bedeutſamkeit, daß man die Menſchen eine Zeitlang aus ihrem gewohnten Lebenskreiſe heraushebe, um ſie erhöht wieder in denſelben zu verſetzen. In ſolchen Ausblicken ſchauten die beiden Männer frei über alles Trübe hinweg, das die gewohnten Welteinrichtungen wie die Drohniſſe der Menſchennatur vor ihnen ausbreiteten. Ger wur der digt ein wer und wo fan noſ jetzt gew det erſt He ent Kr unt ſon der nan ten k in cen 1 ube gen nen 347 Es war wohlgethan, daß Kronauer mit vor Gericht gegangen war; das erneuerte Verhör wurde raſch abgeſchloſſen und der Stadtpfarrer, der zum neuen Schulinſpektor ernannt war, kün⸗ digte Eugen an, daß ſchon am morgenden Tage ein Schulamtsverweſer in Erlenmoos eintreffen werde. Auf der Straße ſchaute Alles auf Eugen und deutete nach ihm hin und im Wirthshauſe, wo er als Graf Falkenberg angeredet wurde, fand er mehrere ſeiner ehemaligen Berufsge⸗ noſſen. Der Muſterlehrer Rautenſtrauch that jetzt, als ob er früher mit Eugen innig vertraut geweſen wäre und empfahl den anweſenden Bru⸗ der Weiland als Nachfolger in Eugens Stelle. Bei der Heimkehr empfand Eugen zum erſtenmale, was es heißt, wenn ein liebendes Herz des Ankommenden harrt. Vittore eilte ihm entgegen und ihr erſtes Wort war: „Die Mutter iſt viel mehr wohlauf.“ Dennoch durfte Eugen noch nicht an ihr Krankenbette, der Arzt hatte dies ſtrenge verboten und die Pfarrerin war unnachgiebige Wächterin. Theoroſa hatte nur die Ankunft Eugens abgewartet, um auf ewig Abſchied zu nehmen; ſowohl Eugen als Kronauer empfahlen ihr, in der Hauptſtadt dafür zu ſorgen, daß Deeger die 348 Stelle in Erlenmoos erhalte, Eugen wollte auch noch die Verſetzung des muthvollen Göritz nach Röthhauſen beantragen, denn er wußte wie ſchwer Deeger ſeinen lange gepflegten Berufs⸗ ort verlaſſe, ohne ihn in die Hand eines Tüch⸗ tigen geben zu können. Kronauer widerſprach, daß man zu viel auf Einmal wolle und dadurch nichts erreiche. Theoroſa gelobte, in dieſer ihrer„letzten europäiſchen Thätigkeit,“ Alles aufzubieten um den Freunden ein friedlich har⸗ moniſches Sein zu geſtalten. Sie übergab noch zuletzt nicht ohne ſichtbaren Schmerz Gideon ihre Autographenſammlung mit dem Auftrage, ſolche für die beſprochene Summe Stephanie einzuhändigen; über die Verwendung des Er⸗ löſes wollte ſie ſpäter eine Beſtimmung treffen. Der Abſchied Theoroſa's ergriff alle Her⸗ zen. Man ließ den Wagen vorausfahren und gab ihr das Geleite durch das Dorf, ſie küßte noch jedes Kind, das ihr auf der Straße be⸗ gegnete und ſagte einmal zu Eugen: „Ich liebte meinen Bräutigam ſchon lange ohne mir's zu geſtehen, Ihre Zuverſicht, lieber Freund, hat mir den Muth gegeben in ein Da⸗ ſein einzutreten, von dem mich tauſend Gewohn⸗ heiten und Rückſichten abhalten wollten.“ tore N hat ente it, meh 349 Selbſt Vittore weinte laut, als Theoroſa ſie beim Abſchiede umarmte. Eugen war ſtille und nur Kronauer hatte noch Humor genug auszurufen: „Die Reichstante wird nun zur Welttante.“ Auf dem Heimwege ging Eugen mit Vit⸗ tore allein. „Ich hätte mir denken können,“ ſagte er, „daß die Theoroſa den Kronauer geheirathet hätte und ſie hätten für einander getaugt.“ „Das mußt nicht thun, das iſt nicht recht,“ entgegnete Vittore,„was einmal feſt beſtimmt iſt, da darf man auch mit keinem Gedanken mehr dran ſchütteln.“ Sechzehntes Rapitel. Es war Eugen durch ein ausdrückliches Verbot des Schulinſpektors verſagt, von den Kindern in der Schule Abſchied zu nehmen, ja er mußte das Schulhaus alsbald räumen und noch einmal unter einem fremden Dache wohnen, bevor er ſein eigenes Haus beziehen konnte; er ſiedelte ſich bei dem Schloſſer Vinzenz an, der dieſen Vorzug wohl zu ſchätzen wußte und den „Schwiegerſohn des Bachmüllers,“ wie er ihn immer nannte, mit allen Ehren behandelte, den Grafen ſchien er nicht beſonders hochzuhalten. Der junge Schulverweſer war ein ſchweig⸗ ſamer, ungelenker Jüngling, der eben aus dem Seminar kam und ſich wie es ſchien in ſeiner neuen Stellung damit aushalf, daß er allen Anreden ein beharrliches Schweigen entgegen⸗ ſetzte. Um ſo redſeliger waren die Amtsbewer⸗ ber, die nun tagtäglich in das Dorf kamen. Der Lehrer von Alsfeld, der ſich doch ent⸗ ſchloſſen hatte, das nöthige Erxamen noch einmal zu machen, erſchien nur Einmal, dann ſchickte er ſi Anhe ſchie zu) der ter ſeine Hau der Sch bew war Kro Reg unfe 351 er ſeine Frau, die ſich unter den Frauen viele Anhängerinnen erwarb; am meiſten Ausſichten ſchienen indeß Schnörkel und Bruder Weiland zu haben. Für letzteren warb der Rainbauer und der Schäufler⸗David, der ihn zu ſeinem Buchhal⸗ ter annehmen wollte; Schnörkel aber ging mit ſeinem Schwiegervater, dem Kirchbauer, von Haus zu Haus und die neun Kinder des Bru⸗ der Weiland fielen ſchwer in's Gewicht für Schnörkel, der dann ſo oft er ſeinem Mit⸗ bewerber begegnete, gar herablaſſend gegen ihn war. Es war für Eugen niederſchlagend, daß er Kronauer bekennen mußte, daß wenn nicht die Regierung die letzte Entſcheidung hätte, Schnörkel unfehlbar die Stelle erhielte. Dieſe Bewegungen im Dorfe ließen Eugen oft eine Zeitlang vergeſſen, wie er mit zittern⸗ dem Athem auf der Schwelle ſeiner heiligſten Lebenserfüllung ſtand; denn noch immer durfte er nicht die Hand ſeiner Mutter erfaſſen und oft überkam es ihn mit heißen Schauern, daß ſie vielleicht erkalte, bevor er ſie an die Lippen gedrückt. Die Mutter aber war äußerſt ſchreck⸗ haft und reizbar geworden, ſo daß die ihr Nahenden alle Behutſamkeit und Sorgfalt an⸗ 352 wenden mußten, um ihr die ſo nöthige Ruhe zu gewähren. Die Leute ſagten, Eugen verdiene doppelten Taglohn, ſo eifrig arbeitete er auf der Brand⸗ ſtätte und Vittore ſcherzte darüber indem ſie ſagte: „Du freuſt dich der Schwielen an deinen Händen, du haſt mir eine feine Hand verlobt und willſt nun, daß ſie zur Hochzeit auch rauh ſei wie die meine. Mitten in der handfeſten erkräftigenden Thätigkeit erkannte Eugen vermöge ſeiner ſelbſt⸗ beſchaulichen Natur, wie er auch hier im Kleinſten ſeine Lebensrichtung verfolgte. Die Schiebkärrner konnten tagelang mit quickſenden Karren hand⸗ thieren und ſich nicht die Mühe nehmen, die Axen zu ſalben; als dieß auf wiederholte Er⸗ mahnungen nicht geſchah, vollführte es Eugen ſelbſt; er konnte ſich dann an ſolchem wie an der Erleichterung, die er durch Anlegung eines Bretterweges den Arbeitenden verſchaffte, wie an einer ſchönen That erfreuen. Wer die Menſchen in ihrem Weſen wie in ihren Gewöhnungen innerlichſt erkennen will, muß ein Haus bauen und einrichten. Eugen ereiferte ſich oft bis zur Heftigkeit über das ſchlaffe Weſen ſo vieler Arbeiter, über die läſſige — in w w w er hi he 353 Art die Zeit zu vertrödeln; er muthete Allen zu, ſie ſollten das zu vollführende Werk wie eine eben betretene Beſiedelung in ſpannkräftigen Angriff nehmen, jene Thatfriſche, die den Aus⸗ wanderer auf ſeinem Neubruche erfüllt, wollte er auf das gewohnte Leben übertragen; aber er mußte bald davon ablaſſen; denn er gewann die Ueberzeugung, daß nur eine gewiſſe ruhige Gelaſſenheit ein immerdar angeſtrengtes Thun nicht zu einem aufreibenden werden laſſe und ſchwer fiel es ihm auf's Herz, wenn er zur Ruheſtunde die Arbeiter aus ihren mitgebrachten Tüchern ihre Koſt herauswickeln ſah oder wenn er die Nahrung koſtete, die Frauen und Kinder herbeitrugen. Die Sage geht, die Kittfeſtigkeit der alten Burgmauern ſei dadurch erzeugt, daß man Wein in den Mörtel geſchüttet habe; in unſeren Tagen wird ein feſter Bau nur dadurch aufgeführt werden, daß den Arbeitern ihr kräftigender Lohn werde. Lipp und ſeine Kochkunſt erhielten nun eine erhöhte Bedeutung, die Kinder und Frauen, die bisher oft ſtundenweit einen Topf mit Klößen herzugetragen hatten, blieben nun zu Hauſe und konnten anderer Arbeit nachgehen. Zu den Ein⸗ 23 354 zelbeiträgen aller Bauarbeiter gab Eugen einen gemeinſchaftlichen für die Küche, die nun im Freien errichtet ward und wo Lipp mit großer Schürze angethan, wöchentlich ſogar dreimal Fleiſch kochte. Der Mäuerleswerner, der mit beim Baue war, hatte Anfangs ſeine aufſätzige Stimmung den Anderen mitgetheilt, ſo daß ſie über die Strenge Eugens murrten und oft laut klagten. Jetzt gelang es ihm, die Herzen Aller zu gewinnen. Während ſonſt die Arbeiter bei ihrem kargen Topfe da und dort einſam gelegen und geſeſſen waren, ſchaarten ſie ſich nun um den Tiſch unter dem halbverbrannten aber doch noch grünenden Nußbaume und manches gemein— ſame Lied erſcholl, bevor man ſich eine Weile zur Ruhe legte. Noch nie wurde ein Bau luſtiger aufgeführt als die neue Bachmühle, zu der ſich Eugen von ſeinem Freunde, der ihm aus dem Gefängniß geholfen hatte, einen Bauplan hatte kommen laſſen. Die Arbeiter verſprachen, dieſe Einrich⸗ tung ſich fortan immer zu Nutzen zu machen und Eugen ermahnte die Verſammelten und jeden Einzelnen, ihre Hülfe nicht wie immer geſchehe vom Staate zu erwarten, ſondern in freier Ge⸗ ſellſchaftung ſich ſelber zu helfen. ſ 35 5 „Hilf dir ſelber und Gott hat nichts da⸗ gegen,“ ſagte ein junger Maurer, der lange in der Schweiz gearbeitet hatte. Eugen ſah mit Freuden das erſte Gelingen in der Hebung des materiellen Wohles, er gelobte ſich, dieß feſtzuhalten, ohne ſich um die welt⸗ errettenden theoretiſchen Flauſenmachereien zu kümmern. Und wie es ihm gelungen war, die zur Hand liegende Fähigkeit Lipps zu Allgemei⸗ nerem zu verwenden, ſo hoffte er, ſollten ſich ihm gen immer Kräfte bieten, die er zu gemeinnützigen erheben könnte. S So oft ſie nur eine Fuhre ledig hatten, — ſchafften Nachbarn Holz und Steine unentgeltlich jur zu dem Baue herbei und es war als ob die hülf⸗ reichen Kräfte der Mitmenſchen ſich wie ſchützende brt Hände über dem Baue hielten. on Der Bachmüller ſchaute manchmal mit fröh⸗ niß lichem Behagen dem Thun Eugens zu und ging dann ſeinem Feldgeſchäfte nach. Siebzehntes Rapitel. Eines Tages kam der Bachmüller voll Freude zu Eugen und ſagte: „Der Zuberfranz geht alſo richtig mit dem Baron Leo nach Ungarn, nun wird ein neuer Schultheiß gewählt und ihr müſſet's werden, ihr werdet's einſtimmig.“ „Nein, das müßt ihr werden, Schwäher.“ „Das haben Manche auch gemeint, ich hab' ihnen aber geſagt: ich bin der alt' Schultheiß und jetzt iſt eine andere Welt, jetzt brauchen ſie einen neuen.“ „Es iſt noch keine andere Welt,“ entgeg⸗ nete Eugen und die Zornesader des Schwähers ſchwoll hoch an, da Eugen mit entſchiedener Be⸗ ſtimmtheit jedes öffentliche Amt ablehnte, das den Eid der Treue gegen das Beſtehende von ihm verlange; wenn er für die Amneſtie undankbar erſcheine, ſo bleibe das eine perſönliche That, für die er Niemanden als ſich Rechenſchaft ſchul⸗ dig ſei, anders aber ſei es mit einem Eide. Es nützte nichts, daß er mit unverkennbarer Begei⸗ 357 ſterung darlegte, wie er nichts weiter wünſche als an der Spitze eines Dorfes zu ſtehen und auf einem bemeſſenen Fleck Erde ein friſches in ſich begnügtes Leben herbeizuführen. Eugen konnte ſagen was er wollte, der Schwäher ſchüt⸗ telte den Kopf und blieb voll Mißmuth. Nach⸗ dem er lange die Hände auf die Kniee haltend und vor ſich niederſchauend nach ſeiner Gewohn⸗ heit mit beiden Füßen auf den Boden geträppelt hatte, ſagte er endlich: „An dem Tag wo's wieder losgeht, könnet ihr ja aufhören Schultheiß ſein. Ich verſteh euch nicht, waget Leib und Leben für das Schul⸗ amt und jetzt wo ihr in Frieden und Ehren ein ſchönes Amt und ein gemeinnütziges kriegen könnet, ſtolpert ihr über einen Eid.“ Ein Wanderer, der vom ebenen Thale aus den unwegſamen Steig über Klippen und an Abgründen vorbei erſchaut über den er daher⸗ gekommen, faßt es kaum wie er all den Gefahren entronnen und es erſcheint ein Wandern dort oben kaum möglich; ſo erging es Eugen ſelbſt wenn er ſeine Vergangenheit überſchaute. Er blieb ſeinem Schwäher gegenüber bei ſeinem Entſchluſſe und dieſer ging zornig brummend davon. 358 Als Eugen zu Vittore kam, ſah ſie ihm gleich ſeine Betrübniß an und er geſtand auf ihre Frage, daß er fürchte, es ſei ein tiefer Riß zwiſchen ihm und dem Vater, wobei er den Her⸗ gang der Sache erzählte. „Setz dich gut daher,“ entgegnete Vittore, „ich hab dir was Gutes zu ſagen.“ „Was denn?“ „Nein hör zuerſt. Schau, du biſt der prächtigſte Menſch auf der Welt, ich hätt's nie, nie glaubt, daß es ſo einen giebt.“ „Und meine Fehler?“ fragte Eugen, aber ohne ſich irre machen zu laſſen fuhr Vittore fort: „Ich hab's tauſendmal mit der Mutter ausgeredet, wenn die Menſchen alle ſo wären, wie du biſt und wie du ſie machen willſt, wär' die ganze Welt eine heilige Bruderſchaft. Du findeſt in Allem etwas was kein anderer Menſch ſieht, ach ich kann dir's nicht ſagen, wie ich's mein' und doch verſteh. Du weißt gar nicht, wie lieb man dich dafür haben muß. Du haſt aber beim Bau eingeſehen, daß die Menſchen nicht immer all ihr Sach' bei einander haben und ſo hellauf ſind wie du. Jetzt, ja, das iſt's was ich ſagen will. Du haſt wie du ſagſt noch nie in einer Familie gelebt, jetzt da muß man nicht ein gleich meinen, wenn eins einmal was Unge⸗ ſchicktes thut oder ſagt, oder ein bisle brummig iſt, jetzt mit dem ſei gar nicht mehr auszukom⸗ men, da ſei Alles aus und vorbei; laß du nur einmal eine Zeitlang fünfe gerad ſein, es findet ein Jedes ſchon wieder nach und nach das rechte Einmaleins.“ g. Eugen war nicht in der Verfaſſung für ſolche Erörterungen, obgleich er die darin liegende Wahrheit nicht verkannte, er fragte Vittore ge⸗ radezu, ob ſie ihm anrathe, das Schultheißenamt anzunehmen. „Für mich,“ ſagte Vittore,„wär mir's lieber, du wirſt's nicht, ich hätte dich mehr für mich; aus der Ehre Frau Schultheißin zu heißen, mach' ich mir nicht ſonderlich viel, ſie iſt im Preis geſunken, ſeit der Zuberfranz Schultheiß geworden iſt. Daran will ich aber jetzt nicht denken, es iſt die Frag wie du dich am beſten befindeſt und da mein' ich, du wärſt doch zu⸗ friedener, wenn du viel Gutes in's Werk ſetzen kannſt; ich weiß von meinem Vater, wie oft ihm das doch auch Freud gemacht hat.“ „Aber der Eid?“ „Da weiß ich ſelber nimmer zu rathen; um Anderen Gutes zu thun, ſich ſelber ſchlecht 360 machen, es iſt ein Graus; aber freilich, du haſt ja eine rechtſchaffene Abſicht. Mir wird's ſelber ganz wirbelig im Kopf, ich weiß nicht—“ „Ich weiß genug,“ unterbrach Eugen,„du erinnerſt mich an einen Grundſatz, der den ewigen Feinden der Menſchheit als Werkzeug diente. Ich habe gezeigt, daß ich nicht für mich leben will und werde es noch mehr darthun. Meine bis⸗ herige Täuſchung war Nothwehr wie meine Be⸗ freiung aus dem Gefängniß. Ich wollte das Vaterland nicht verlaſſen, darf aber jetzt auch nicht aus der innern Heimath meiner Ueber⸗ zeugungen auswandern. O du liebe Vittore! So wollen wir immerdar uns einander aufklären und Hand in Hand unſern Lebensweg gehen.“ Wie ſich jetzt die Beiden umarmten, lag eine höhere Freude in ihrer Liebe. Die Pfarrerin trat ein und verkündete Eugen, daß er, wenn er ſich ruhig halten und das Letzte noch nicht ausſprechen wolle, bei der Mutter ein⸗ treten dürfe. Vittore fuhr mit der Hand Eugen über ſein zuckendes Antlitz und ſagte: „Halt dich nur recht ruhig, damit wir noch lang an der Mutter haben.“ „Biſt du da?“ rief die Kranke dem Ein⸗ tretenden entgegen und ſtreckte ihm in der dunkeln und kom geſt rief han blei Tro „w ſein ch ch 361 Kammer die Hand entgegen, die zu leuchten ſchien, wie er damals in ſeinem Fiebertraum ge⸗ ſehen. Eugen erfaßte ſtumm und zitternd die Hand. Nach einer Weile fuhr die Mutter fort: „Ich hab heut. Nacht von dir geträumt, ich habe dich geſehen an der Spitze von tauſend und aber tauſend Männern und alle hatten Eichen⸗ zweige auf den Hüten und haben wunderſchön geſungen, und da biſt du plötzlich verſchwunden und da war ein großer Lärm und du biſt wieder kommen, aber aus deiner Bruſt iſt Blut heraus⸗ gefloſſen. Das bedeutet langes Leben.“ „Redet nicht ſo viel,“ befahl die Pfarrerin. „Ich will Licht haben, ich muß ihn ſehen,“ rief die Kranke mit heftiger Stimme. Die Pfarrerin öffnete einen ſchweren Vor⸗ hang und in hellem Sonnenglanze erſchien die bleiche Kranke. „Mutter!“ rief Eugen. „Das iſt ſeine Stimme, ich habe ſie im Traume gehört,“ rief die Kranke ſich aufrichtend, „wer hat dir ſeine Stimme gegeben? Das iſt ſein Antlitz. Weh! wie iſt mir.“ „Ich bin dein verloren geglaubter Sohn, ich bin dein Eugen. Mutter! Meine Mutter!“ Die Kranke wehrte ihn zitternd von ſich ab und ihre Arme wurden plötzlich eiſenſtarr, ihr Auge ſtier und ihr Antlitz marmorfeſt. „Ich lebe,“ rief Eugen weinend,„und habe dich geſucht Mutter, erkenne mich.“ „Und wo iſt der Andere, wo iſt der Bräu⸗ tigam meiner Vittore?“ fragte die Kranke und ihr Mund blieb offen. „Das bin ich, beides, dein Sohn und der Gatte deiner Vittore.“ Mit wilder Freude erfaßte die Mutter das Haupt ihres Sohnes und ihre Thränen floſſen ineinander und ſtill hielten ſich Mutter und Sohn umſchlungen. Die Pfarrerin wehrte ab, aber hier war nichts mehr zu hindern und mit unbegreiflicher Macht rief die Kranke: „Ich will keine Stimme, Niemand hören, die ganze Welt, Himmel und Erde rufen Mut⸗ ter! Ich ſage mit dem Erzvater: ich will gerne ſterben, da mich Gott dein Antlitz wieder ſehen ließ. Ich bin glückſeliger als die Mutter des Gebenedeiten, mein Sohn lebt. O guter Gott! Laß mich jetzt nicht ſterben, ich will leben, jetzt leben.“ Und mit tauſend Küſſen bedeckte ſie Stirne, Augen, Mund und Wange ihres Sohnes. „Ich will aufſtehen, ich will meinen Sohn den Thräl erregt gewuf zu H dß ſi Mutte und n derge zuf ih Aufte dräng die 2 Som ten S mich tärke ſein, Sohn war cher n 363 dem Himmel zeigen,“ rief ſie dann wieder unter Thränen und Eugen hatte zu thun, die Hoch⸗ erregte auf ihrem Lager zu halten. Die Pfarrerin hatte ſich nicht zu helfen gewußt und hatte den Bachmüller und Vittore zu Hülfe gerufen. Als dieſe nun beſtätigten, daß ſie gewußt hätten, wer Eugen ſei, rief die Mutter klagend: „Und ihr konntet mir's einen Tag verhehlen und mich ſterben laſſen?“ Vittore war neben Eugen am Bette nie⸗ dergeſunken und die Mutter legte ſtill ihre Hände auf ihre Häupter. Vittore gelang es am erſten die erſchreckende Aufregung der Mutter zu beſchwichtigen, ſie drängte Alle aus dem Zimmer, aber ſie mußte die Mutter ankleiden und als ſie nun in der Sonne am Fenſter ſaß, ſagte ſie mit gefalte⸗ ten Händen: „Dank dir, du himmliſche Sonne, die du mich meinen Sohn ſehen ließeſt, erwärme mich, ſtärke mich, nur jetzt, und ich will ſtill ruhig ſein, wenn du mir auf ewig untergehſt.“ Achtzehntes Rapitel. Die Welt draußen war untergeſunken, und zwei Menſchen lebten allein auf der Erde. Eugen ſaß tagelang bei ſeiner Mutter, die ſich wunderſam raſch erholte und nur der ſchwimmende Glanz ihres Auges verrieth noch ein tiefes und zurückgehaltenes Leiden. Wenn er ihr Alles erzählt, Alles beſprochen hatte, ſagte ſie noch oft: „Sprich weiter, daß ich deine Stimme höre. Ich möchte alle Kinderſpiele mit dir ſpielen, daß ich deine ganze Jugend noch einmal mit dir lebe. Ach die harte Welt, die dich mir aus den Armen nahm. Sag, hatteſt du denn Spielzeug und was haſt du geſpielt?“ Und wenn Eugen Alles möglichſt genau erzählte, ſagte ſie dann wieder: „Ich kann es nicht faſſen, daß du auf Ein⸗ mal ſo groß biſt. Ich meine, ich bin auch noch ſo jung, ach, wenn ich nur noch lange leben könnte.“ Eugen ſuchte zu tröſten und aufzurichten was wiede fonnti du le neben ich ho Schor geſpi wo e habe, ſi, und e Lauſ ihren ſch i der lang mit Han umſo nit —— was er vermochte, aber immer kehrte die Klage wieder: „Ich bin es nicht werth, dich zu haben; ich konnte dich ſo lange vergeſſen und mir einreden, du lebſt nicht mehr. O dieſes Jahr, wo du neben mir warſt und ich dich nicht kannte; aber ich habe dir doch die erſten Blumen hier gegeben. Schon damals habe ich an deiner Stimme etwas geſpürt, daß ich hätte weinen mögen.“ Als Eugen berichtete, daß er in Eppenberg, wo er geboren war, den Lebenstauſch gemacht habe, ſagte die Mutter, daß nun der Bann gelöſt ſei, ſie gehe nun auch wieder aus dem Dorfe und er müſſe mit ihr nach Eppenberg wallfahren. Tauſend Plane entwarf die Mutter und wenn ſie ihren Sohn oft fortdrängte, um mit ſeiner Braut ſich im Freien zu ergehen, hielt ſie ihn noch an der Thüre mit allerlei Fragen feſt, um noch lange ſich ſeines Anblicks zu erfreuen. Am Sonntage als Eugen zum erſtenmale mit Vittore aufgeboten wurde, ging er an der Hand der Mutter in die Kirche und andächtigere Herzen wurden noch nie von Kirchenmauern umſchloſſen als an dieſem Tage. Hand in Hand ging nun immer die Mutter mit Eugen auf's Feld und ſie ſagte, daß ſie ihm jeden Acker mit ihrem Andenken bepflanzen wolle, damit er überall ihrer gedenken könne, wenn ſie einſt nicht mehr ſei. Dieſen trüben Gedanken ließ ſie ſich nicht ausreden und als ſie den fortſchreitenden Bau ſah, ſagte ſie: „Ich werde nicht darin wohnen, aber un⸗ ſichtbar ſpreche ich ſtets einen Segen an eure Hauspfoſten und über eure Schwelle, daß Friede und Güte darin wohne.“ Viel erzählte auch die Mutter von der Wandlung, die mit ihrem Leben vorgegangen ſei, und es war ihr eine hohe Genugthuung ihrem Sohne zu zeigen wie dieſe Umkehr zu dem Ur⸗ leben das Daſein wieder erneue. „Du mein Sohn,“ ſagte ſie einſt und man ſah es deutlich, daß ſie einen Vorgedanken unter⸗ drückte,„du übernimmſt es aus reiner Erkennt⸗ niß, und es giebt ein unſichtbares Weben der Geiſter, das die fernen Gedanken der Mutter im Herzen des Sohnes erweckt.“ Ein verklärtes Lächeln ſchwebte um ihre Lippen, wenn ſie erzählte: „Anfangs erſchien mir Alles faſt wie ein Maskenſpiel, dieſe fremden Kleider, dieſe fremde Sprache, ich ſah mich oft ſelbſt an und fragte mich, wer ich denn ſei. Ich wollte immer die kön Di als ſin un ſch ſanzen fönne trüben dal * uls man unter⸗ rkennt⸗ en der ter im n ihre vie ein frende fragte ter die ſchwerſte Arbeit thun aber mein guter Mann hat das nicht zugeben. O! das iſt ein Herz, das ergründet keines mehr wie ich. Im Traume hab ich immer franzöſiſch geſprochen und gewiß noch ein Jahr lang hab ich mich oft beim Er⸗ wachen beſinnen müſſen wo ich bin und ich war doch da ſo gern. Schon als Kind hat mich das Ackerbauleben, das in der Bibel herrſcht, am meiſten angeſprochen. Ich erinnere mich, wie wir einſt im Hofwagen zur Erntezeit durch das Feld fuhren und die Garben aufgerichtet waren, da rief ich: Ach! das iſt gerade wie in Joſephs Traum. Ich wußte nicht, daß ich eine Sehn⸗ ſucht nach dieſem Leben hatte, bis es mir vom Schickſal beſchieden ward. Wie viel hundertmal hab ich mir mit der Prinzeſſin Marie gewünſcht, in einer Taglöhner- oder Köhlerhütte leben zu können. Es iſt mir Alles jetzt wie ein Traum. Die Welt iſt ganz anders, aber auch viel ſchöner als man ſich träumt. O Eugen, die Menſchen ſind ſo gut, ſie wiſſen nur nicht wie ſie's ſein ſollen.“ Wie eine Verzückte ſprach die Mutter oft und ihr Auge ſchien in eine Welt hinein zu ſehen, wie ſie nur ein prophetiſch verklärtes Auge zu faſſen vermag. Sie pries nun jeden Gedanken, den ſie in's 368 Herz Vittore's gepflanzt, er lebte für ſie und für ihren Sohn und ſie ſagte oft: „Ich weiß du wirſt erkennen, was du an Vittore haſt. O guter Gott, laß mich in der Ewigkeit das Geſchlecht ſehen, das aus dieſen Kindern hervorgeht. Ihr müßt die Erlöſung bringen.“ Das ganze Leben der Mutter war faſt nur noch Ein Gebet, und doch konnte ſie dabei wiederum in das kleinſte Leben eingehen. Sie freute ſich, daß ein Stück Tuch, das auf der Bleiche gelegen, nicht mit im Hauſe verbrannt war; ſie hatte ſo manches Reiſtlein Flachs ſelbſt geſponnen und freute ſich ganz kindiſch damit, wenigſtens dieſes Eugen zu ſeiner Ausſtattung geben zu können.... Bei der Schultheißenwahl fiel trotz der Gegenwehr Eugens die Mehrheit der Stimmen auf ihn und Kronauer. Es war für Eugen eine eigenthümliche Genugthuung, daß die Regierung ihn nicht beſtätigte, ſondern Kronauer. „Jetzt iſt mir's erſt recht,“ ſagte Vittore, „daß du nicht gewollt haſt; führ nur immer deine Gedanken aus und kehr dich nichts an Einreden von mir und nicht von anderen, und laß die Welt ſchimpfen wie ſie mag.“ 6*8 369 6„Meine Vittore“ ſagte drauf die Mutter, un„ging einmal als Kind in ihrem weißen Kleide nach der Kirche, des Rainbauern Karle trappt Ki in die Goſſe und beſpritzt ſie, ſie geht aber nicht in heim und ſagt: Ich geh doch zur Kirche, du bringſt mich doch nicht davon. So gehſt auch z 5 du Eugen deinen heiligen Weg.—“ Dasſelbe Regierungsblatt, das die Beſtä⸗ — tigung Kronauers verkündigte, brachte auch die — Ernennung Deegers auf die Schulſtelle zu Erlen⸗ moos, Göritz erhielt die Stelle des Kopfrechners und daß auch das Traurig⸗komiſche nicht fehle, Wieland die Stelle in Röthhauſen. Die Erlenmooſer klagten, es ſei ſündlich, . daß mitten in der Ernte ſo viel Geigen auf⸗ ſpielten; denn Schnörkel und Sabine, Huſchel der und Bernhard, der Vikar und Adelheid wurden nmen raſch nach einander getraut. * Die Mutter drängte, daß Eugen und Vit⸗ tore noch vor der Vollendung des Hausbaues getraut würden; man willfahrte ihr und ſie⸗ ⸗ itore, delte ſich einſtweilen in dem vom Sonnenwirth mmer angekauften Hauſe des Kloſemichel an. tö an Am ſelben Tage, an dem Eugen zuerſt in und das Dorf gekommen, war ſeine Hochzeit. Der Bruder des Bachmüllers einſegnete das Paar, 24 rem Maßſtabe wahr, denn Eugen wurde von den mit Eichenzweigen geſchmückten jüngſt angekomme⸗ nen Ackerbauſchülern abgeholt, welchen Deeger einen vierſtimmigen Geſang eingeübt hatte. Der Gäuprinz von Haldenhof ſang einen mächtigen Tenor. Der Lehnert von Röthhauſen war mit ſeiner Frau, wie er prophezeiht hatte, zur Hoch⸗ zeit gekommen und der als Brautführer ge⸗ ſchmückte Engelbert brachte Eugen den Strauß. Die Mutter tanzte mit ihrem Sohne den erſten Hochzeitsreigen und die Freude war vollauf. Als Alles im beſten Jubel war, kamen plötzlich fremde Gäſte, es war das Ruſele mit ſeinem geheilten Chriſtoph, der jetzt ſo luſtig Clarinett ſpielte, daß Alles hell jauchzte. „Wo habt ihr euern Storch?“ fragte Lipp. „Er hat wieder Flügel bekommen und iſt davon geflogen,“ berichtete Ruſele und der Chri⸗ ſtoph nickte während er blies. Am Abend erſchien Lipp als Kindermagd verkleidet und empfahl ſich für die Zukunft. Eugen verſprach, daß die treue Seele immer bei ihm bleiben ſolle.— K Als wiederum die erſten Nebel im Thale ſtanden, konnte die Mutter das Bett nicht ver⸗ und der Traum der Mutter wurde in geringe⸗ 6 371 5 laſſen.„Ich habe genug gelebt,“ ſagte ſie oft und nach wenigen Tagen entſchlummerte ſie ſanft, als man geglaubt hatte, ſie ſchliefe.... „Du biſt ein ſtarker Menſch,“ ſagte Vittore Drr zu Eugen, als er die Mutter beſtattet hatte und ⁰ nun ſagte, daß er ſich dem Schmerze nicht hin⸗ 2 geben, ſondern rüſtig arbeiten wolle; dennoch 2. konnte er ſich nicht abhalten, als er auf derſelben 8 Wieſe wie voriges Jahr Grummet einthat, die uß. Thränen aus den Augen fließen zu laſſen. den Die Leute hatten viel über Eugen zu reden, auf daß er bald nach dem Tode ſeiner Mutter ſo 2 heiter war, ſie nannten ihn hartherzig, denn die mit Menſchen wollen immer, daß nur ſie das Recht ig hätten, ein gramgebeugtes Herz aufzurichten und ſie verargen es ihm, wenn es dieß ſelbſt vermag . und nicht mit florunterbundenem Arme und mit iſ dem Florhute um Mitleidspfennige bettelt. hri⸗ Als das Haus gerichtet wurde ſtand Lipp hoch ooben auf dem Giebel und enffaltete die deutſche agd* Fahne, Alles rief ihm zu, dies verbotene Zeichen hnft. ½* wegzuthun, er willfahrte erſt dem Befehle Eugens, mer der nun doch ſeine Freude ausſprach, daß dieſe Fahne ſcheu auf ſeinem Hauſe geweht und einſt hale frei davon flattern ſolle.„ ver⸗* Ueber dem obern Thürbalken des ſtattlichen Hauſes hing ein graues Tuch. Deeger erklärte nun Eugen, daß er im Auftrage der Baronin Hunold eine Inſchrift in Metallbuchſtaben hier habe ſetzen laſſenz das Tuch ward abgenommen und Eugen las: Dies Haus iſt meine Welt. Nach kurzem Beſinnen ließ er die Stifte wieder herausnehmen und aus den Buchſtaben die Worte bilden: Die Welt iſt mein Haus. 3 Zerichtigung: x5 Bd. u. S. 290 Z. 1 ſtatt Geſellſchaftſzene lies: Geſellſchgftszone, 85 Mannheim. Se ellpreſſen-Druck von Heinrich Hogrefe Llle —— rey Control Chart Sreen NVellow Hed Magenta 3