* Leihbibliothek 7 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit.. Nr. 256. Veih und edingungen. ßibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ₰ 1 Olensein der pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahkt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen⸗ 3 3. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3;. für wöcheutlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat 1W Pf. 1 Mt. 50 Pf. Mk.— Pf. ten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte⸗ zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz. des Ganzen verpflichtet. 7 Jusleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſtgeet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß. das Weiterverleihen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „„„ 5. Auswärtige Abonnen Neues Leben. Eine Erzählung von Berthold Auerbach. . Zweiter Band. — Mannheim.„ . Perlag von Friedrich Baſſermann. 1852. Drittes Buch. —————— Erſtes Rapitel. Am Abend vor der Schlacht Kriegskunſt und Kriegsgeſchichte nachleſen und ſich einprägen, das erſcheint lächerlich, und doch, wer nicht beten, nicht zu einem unbegriffenen Weſen außer ihm ſprechen kann, findet in feſtſtehenden Thatſachen am füglichſten die Sammlung in ſich und damit ein Hinausheben über die augenblickliche innere Bewegung, das ja auch als ein weſentlicher Zweck alles Gebetes gilt. Hier ſtehen die Ge⸗ ſetze, innerhalb deren Schranken du dich bewegen und halten mußt, hier ſtehen die vergangenen Thaten der Sieger und Beſiegten— und was du unternimmſt, wozu erſt die muthige Kraft die Hand ausſtreckt, wird vor deinem Auge zur abgethanen kalten Nothwendigkeit; du haſt im Heute das Morgen erobert und kommt der Morgen, friſch auf! dein Geiſt ſteht ſchon jen⸗ ſeits am Abend und auf der Zinne des Baues, zu dem du erſt den Grundſtein legeſt. So war Eugen am Sonntag Abend einſam in ſeiner Schulwohnung und durchwandelte die Stube, bis er ſich endlich ruhig ſetzte und ein Buch ergriff, es war das Leben Peſtalozzi's. ſch Mit Begierde durchlas er die Schickſale des ſe werkthätigen Jüngers Rouſſeau's und empfand* n dabei nichts von jener Wehmuth, die einſt Deeger um ihn ausgeſprochen, indem er Eugen bedauerte,. daß er nie ein Weſen finden werde, das er voll⸗ kommen und in allen Beziehungen verehre; er konnte das Hohe erkennen, rein empfinden, ohne ſu ſich die Gebrechen zu verleugnen, die Jeglichem i anhaften. Der Zuruf Peſtalozzi's an ſich ſelbſt: K „Ich will Schulmeiſter werden,“ ward für Eugen iu ein aus eigenem Herzen entſprungenes Wort. 1 k Die Selbſtanklagen, die der haſtig ergriffene 4 Meiſter der neuen Erziehungskunſt ausſprach, ſ mußten betrüben und Eugen erkannte mit Be⸗ be friedigung, wie die Grundſätze des Meiſters zu ſchon dermaßen Gemeingut und Lebensluft der di neuen Zeit geworden, daß ſelbſt er, der dieſem be Bereiche ſo fern geſtanden war, den entwickelnd⸗ 5 erziehenden Unterricht im Gegenſatze zu dem dog⸗ 1 d matiſchen blos lehrenden als unumſtößliche Wahr⸗ heit kannte. Freilich war mit der Erkenntniß des Grundſatzes die Methode noch nicht gewonnen, 6 die erſt mühſam erworben werden mußte. Das k aber ſtand auch feſt, daß hier wie in allem Echten, — 7 in aller Kunſt beſonders, das Beſte und Weſent⸗ liche nicht gelernt und gelehrt, ſondern nur aus ſich geübt werden konnte. Der Meiſter war ſich ſeines Widerſpruches mit allem Kirchenthume, mit allem Ueberkommenen, nicht vollauf inne geworden und Eugen ſah hinein in die Kämpfe, die bewußt und unbewußt gegen den natürlich entwickelnden Unterricht ſich aufthun müſſen; denn ſtatt Wahrheiten zu geben, Offenbarungen ver⸗ künden, lief ja Alles darauf hinaus, die Kinder die Wahrheiten finden zu machen und ſich ſelbſt zu offenbaren. Eugen war ſo froh erhellt, daß er, als Mitternacht vorüber war, nach einem neuen Buche griff; es waren Fichte's tapfere Reden an die deutſche Nation. Solcher Geiſter⸗ beſuch in ſtill einſamer Nacht erweckt das Leben zu friſcher Schnellkraft und wohl den Menſchen, die den Geiſtern, die da umgehen bei Dag und bei Nacht, Rede ſtehen, um ſie zu erlöſen durch Bethätigung ihrer noch ſchattenwandelnden Ge⸗ danken. Den Anforderungen Fichte's, daß man die Kinder den Eltern entnehme und in National— Erziehungshäuſern für die Gemeinſamkeit bilde, konnte Eugen— dem die Individualität über Alles galt— nicht ſich unterordnen, und doch 8 ſah er hierin und in der Vereinigung mit dem familienhaften Grundſatze Peſtalozzi's die Pfahl⸗ wurzel wie die ſich weithin ausäſtelnden am Baume des neuen Menſchenlebens. Was Fichte in der umfaſſendſten und reinſten Bedeutung des Wortes als letztes Ziel der Menſchenerziehung hingeſtellt: die„Mündigkeit,“ das iſt der Granitkern alles geſunden Staats⸗ und Völkerlebens. Ein froh⸗ muthiges Geſchlecht ſtieg vor dem nächtlichen Denker herauf, durchädert von den zarteſten Familienregungen und gefeſtigt von der ſtählernen Kraft des Gemeinſinns, Eugen ſah es lebendig wie eine glänzende Schaar heranziehen und ihm vorauf leuchtete das Zwiegeſtirn der Männer, die es gelehrt hatten, die Welt aus ſich ſelbſt zu ſchaffen. Endlich mußte ſich Eugen die ſo nöthige Ruhe gewähren. Draußen auf der Straße ſang eben der Nachtwächter: Hört ihr Herren, laßt euch ſagen, Unſre Glock hat Zwei geſchlagen, Zwei Wege hat der Menſch vor ſich: Herr den rechten führe mich! Menſchenwachen kann nichts nützen, Gott wird wachen, Gott wird ſchützen, Er durch ſeine große Macht Geb uns eine gute Nacht. drang kindli men et k ſchm ſchaf ihr Vol ſein inm heſte nicht Noc Eug „— „—————„———— Dieſer einſame Zuruf aus nächtiger Stille drang Eugen an's Herz, wie gerne hätte er ſich kindlich anſchmiegend in den ausgebreiteten war⸗ men Mantel gläubiger Ergebung gehüllt, aber er konnte nicht, durfte nicht laſſen von dem ſchmerzvollen Ringen, die Welt aus ſich zu ſchaffen und zu bilden. Tapfrer Fichte und ihr Philoſophen Alle, ihr habt Syſteme auf Syſteme gethürmt und der Volksgeiſt weiß nichts davon, er hält ſich an ſeine gewohnten Weiſen. Wird die Nation immerdar geſpalten bleiben und das Licht der beſten Geiſter nur die Höhen überglänzen und nicht auch die Niederungen durchleuchten?... Noch im Traume wiegten ſich die Gedanken Eugens auf den hochgehenden Wellen und mitten im ſelbſtvergeſſenden Schlafe war es ihm, als ob ein leuchtendes Wort wie ein Schildſpruch ſich ihm gegenüber ſtellte und ſich ſelbſt ſpräche. Als er erwachte, wollte er aus dem Grunde der Traumwellen das Wort herausgraben, er fand nichts als das einfache Wort:„Entwickeln,“ und doch war's ihm, als hätte er's bisher noch nicht gekannt. Es geſchieht erregten Gemüthern leicht, daß ſie dem in Dunkel Gehüllten quäleriſch nach⸗ ſpüren, und oſft iſt das, was im Finſtern ein glänzendes Meteor, eine ſchimmernde Empfindung ſchien, am hellen Tage nichts als ein Stück leuchtendes Holz, das man in der Hand hält. Es tagte. Eugen ging hinaus um die erſten Sonnenſtrahlen zu grüßen und noch höher als der Geiſtergruß in der Nacht ſeine Bruſt ſchwellte, hob ſie ſich jetzt im friſchen Hauche des jungen Tages. Der volle Mond ſtand noch im Weſten, man meinte unſerm Planeten näher, er war gelb⸗ lich angehaucht, wie ſich im Oſten ein breiter gelber Streif zwiſchen Wolken als Herannahen des Morgens kundgab; die Sperlinge auf den Bäumen in den Dorfgärten zwitſcherten in tollem Lärm, auf den ſchon roſtfarbenen Zweigen der Weide am Bach ließ ein Goldammer ſeine Töne erklingen, ſonſt war Alles ſtill als wollte es die beginnende Herbſtruhe der Erde nicht ſtören. Eugen gehörte gewiß nicht zu den baumver⸗ ehrenden Menſchenverächtern und dennoch konnte er ſich einer gewiſſen Wehmuth, die aus dem Herbſtesnahen ſprach, nicht erwehren; aber er richtete ſich bald wieder auf in dem Gedanken, daß er den Menſchen vor Allem angehören müſſe. Eine wonneſelige Luſt kam über den Wan⸗ dernden, der durch die Felder ſtreifte, in deren — ßurche lagen, das e hatte. neuer ſegen der A werd die d friedl luſtig ſich ſpeiſt fande als wolle Veſe der! bedüt das Stu viele diſe geda Dor Dee Furche da und dort umgelegte Pflüge wie ſchlafend lagen, und jetzt fand er plötzlich das Traumwort, das er in ſeiner Behauſung vergebens geſucht hatte.„Untergrundspflug, ja das iſt's, es muß neuer Grund an die nährende Oberfläche, der ſogenannte wilde Boden, der unter der Schichte der Ackerkrume liegt, muß bedachtſam aufgepflügt werden; dorthin ſchicken die Pflanzen und Bäume, die das Jahr überdauern, ihre Wurzeln.“ Still friedlich wanderte er dahin. Die Stieglitze pickten luſtig an den Diſtelköpfen und die Staare, die ſich jetzt ſchon in großen Flügen ſammelten, ver⸗ ſpeiſten ruhig, was ſie in den gelockerten Furchen „ fanden und flogen vor dem Wanderer kaum auf, als wüßten ſie, daß er nicht ihr Störer ſein wolle. Eugen war's als hätte ſich ſein ganzes Weſen in friſche Morgenluft aufgelöſt, und mit der Ruhe, die ihn durchſtrömte, ſagte er ſich, daß ſein Beruf keiner aufregenden Anſpannung bedürfe; war ja keine That zu vollbringen, die das Einſetzen der ganzen Daſeinskraft in Einer 3 Stunde erforderte, es galt keine That, ſondern viele Thätigkeiten. Gleichmuth war Alles und dieſen gelobte er ſich. Mit erheitertem Sinnen gedachte er des Ausdrucks„klein Geld,“ in dem Deeger den Mangel des Idealismus bezeichnet hatte. 12 Die Kirchenglocke grüßte jetzt den neuen Tag und mälig wurde es lebendig auf den Feldern, hier wurde zu ſchneiden begonnen, dort wurde Dünger ausgeführt und dort gepflügt, die Men⸗ ſchen arbeiteten für ihre Erde. Eugen ſah an einer Feldblume am Wege zwei weiße Schmetterlinge mit zuſammengeklappten Flügeln wie Blumenblätter hangen... es iſt nicht des Menſchen Geſchick, ſo ſtill vergeſſen am Leben zu haften, ſein Blick grüßte die weite Ferne. Ein Ackersmann kam eben mit ſeinem Pfluge und zog die erſte Furche mitten durch ein Feld, in welchem ſchimmernde Spinnfaden ſich von Stoppel zu Stoppel gezogen hatten; er begann nicht am Markſteine, wo ihm das Nachbarfeld hätte Richtung geben können, ſondern nach einem ſchnellen Blicke in der Mitte. Wer ſeiner feſten ſichern Hand am FPfluge und des ſtetigen Ganges der Pferde gewiß iſt, verfehlt die gerade Linie nicht. Der Reif auf den Gräſern am Wege ver⸗ wandelte ſich in Thau und glitzerte hell. Die Begegnenden dankten Eugen's Gruße freundlich, und als er ſich auf den Heimweg machte, traf er Vittore, die mit der Haue zum Kartoffelhacken in's Feld ging. anfang Allen! D hei der mäßig uns h ſen H noſſe 13 „Ich wünſch' viel Glück zum heutigen Schul anfang,“ ſagte ſie; ſie war die Einzige, die von Allen daran gedacht hatte. Der Goldammer auf der Bachweide ſang ⸗ bei der Heimkehr noch auf derſelben Stelle gleich⸗ mäßig wie beim Ausgange. Die Natur um uns her will und kennt nichts von unſeren inner— „ ſten Herzensbewegungen; der Menſch iſt der Ge⸗ noſſe des Menſchen und das Wort ſein Erlöſer. Bweites Rapitel. Als die Glocke zur erſten Schulſtunde läutete, bebten die Töne in Eugens Herzen nach. Er ſaß allein in ſeiner Stube. Er war zweifelhaft geweſen, ob er die Kinder im Schulzimmer er⸗ warten ſolle oder ſie erſt ſich ſammeln und ord⸗ nen ließe, er hatte letzteres gewählt und hörte nun neben ſich ſchnattern und lärmen, weinen und lachen. Endlich trat er ein. Eine feierliche Stille herrſchte. „Willkommen ihr lieben Kinder!“ rief er, ſie überſchauend, mit offenem Munde glotzten ihn Alle an und nur einige Mädchen blickten ſcheu auf die Bank vor ihnen. „Wie ſagt man, wenn man Jemanden grüßt? fragte Eugen. „Grüß Gott“ antwortete ein Knabe mit einer Haſenſcharte, ſogenannten Haſenmaul, der in der erſten Bank ſaß. „Und ihr Alle, wie ſagt ihr?“ fragte Eugen wieder. gen ein und hier 15⁵— „Grüß Gott! Grüß Gott!“ rief es nun von allen Seiten, ſie wollten gar nicht damit auf⸗ hören. Als Eugen ſie bedeutete, es ſei jetzt genug, folgte noch ein Kichern und Piſpern und ein Aufſchrei einzelner Geſtoßenen. Eugen faßte die Hand des erſten Knaben und des erſten Mädchens und ſagte dann: „Stehet Alle auf. Jedes reiche dem Nach⸗ bar hüben und drüben die Hand.“ Mancherlei Hin⸗ und Herfragen, mancherlei Unordnung und Unfug gab es noch bis das Befohlene bewerkſtelligt war; Eugen fing ſchon an dieſes Vorhaben zu bereuen, aber der erſte Schritt durfte nicht gleich wieder rückgängig ge⸗ macht werden. Hand in Hand ſtanden die Kinder und Eugen ſagte feierlich:„Kinder! Wie ich hier die Hand dieſer Beiden halte und eure Hand wiederum ſie faßt, ſo halte ich euch Alle. Sagt: Habt ihr den lieb, der euch lieb hat?“ „Ja!“ erſcholl es laut und lang. „Nun denn, ſo werden wir gut miteinander auskommen. Tüchtig lernen und luſtig ſein, ſo wollen wir's halten.“ Es iſt leichter, ſolch eine ungewöhnliche Szene anordnen, als ſie wieder auflöſen, das erfuhr Eugen; denn es zeigte ſich offenbar, daß die Kinder nicht wußten, was das ſein und wo das hinaus ſolle. Eugen ſagte daher ſchnell zu dem Knaben, den er an der Hand gehalten: „Bele oon „Welches Gebet?“ „Welches du willſt.“ Während die Kinder die gefalteten Hände auf die Tiſche vor ſich gelegt, dem Vorbeter leiſe nachſprachen oder ihm blos zuhörten, ſah Eugen die Worte auf Deeger's Pulte vor ſich: Liebe, Geduld. Endlich mußte nun doch der Unterricht be⸗ ginnen. Eugen ging mit gefalteten Händen in raſchen Schritten die Stube auf und ab; er fragte nach dem Stundenplane, Niemand hatte einen ſolchen, wie die Verwilderung überhaupt gewaltig ſchien; er gab nun den Kindern auf, jedes ſolle auf ein Zettelchen den Namen deſſen ſchreiben, den es von ſeinen Mitſchülern für den brävſten halte und von dem es ſich am liebſten etwas befehlen ließe. Er mußte noch lange erklären, daß er mit dieſen zwei Eigenſchaften nicht zwei Perſonen meine, und wie ſie bei ihrem Ausſpruche keine Rückſicht auf Reichthum u. ſ. w. nehmen ſollten, und nun mußte er nochmals erklären, daß ein Kind reicher Eltern nicht ausgeſchloſſen ſein dürfe, und jetzt ſchrieen Mehrere, es fehlen Viele ſchre mich heſti ob d dürf wirb als nach gelb — Viele und ob man auch die nicht da ſeien auf⸗ ſchreiben dürfe. Eugen verneinte. Des Kloſe⸗ michels Mareile, in deren Elternhauſe wir den heftigen Streit ſahen, fragte Eugen ſchüchtern, ob die Mädchen für ſich auch ein Mädchen wählen dürfen, Eugen bejahte; der Kopf war ihm ganz wirbelig von dem vielen Getoſe, es war ihm, als ob die Kinder leibhaftig an ihm zerrten; nachdem nun aber der Gleichſchritt einmal auf— gelöst war, mußte in ſolchem feſt an's Ziel ge⸗ führt werden. Als er endlich die Zettel einſammelte, fiel ihm ein, daß die Kinder ja auch ſingen könnten und lächelnd rief er:„Kinder ſingt, Mareile fang' ein Lied an,“ und luſtig brauste der Klang da⸗ hin. Die Kinder ſangen das Hölty'ſche Lied: „Ueb immer Treu und Redlichkeit.“ Was iſt das, den jungen Seelen zuzurufen:„Weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab?“ Wie weit liegt dieſe Welt von jenem natür⸗ lichen Wege, wo dem jungen Gemüthe das Recht⸗ ſchaffene als Natürliches und Nothwendiges er⸗ weckt iſt. Man ſtellt Preisfragen auf über die Verbannung der abſtracten Methode und die ganze Sittenlehre bewegt ſich in hohlen Allge⸗ meinheiten. Eugen befahl immer weiter zu ſingen, 2 18 bis er das Mehr in den Zetteln herausgebracht hatte. Die Zuverſicht Mareile's hatte ihr die Gunſt ihres Wahlkreiſes zugewendet, ſie war faſt einſtimmig gewählt worden; unter den Knaben ſchwankte die Wahl zwiſchen Franz Metzler und Dagobert Steinhäuſer, bis ſich endlich zuletzt für Dagobert das Mehr herausſtellte. Als Eugen ihn aufrief, erwies ſich der Haſenſchartige als der Inhaber dieſes Namens und Eugen erfuhr, daß dies der Sohn des im Zuchthauſe ſitzenden Schloſſers ſei. Eugen erklärte nun, daß er die beiden Gewählten vorerſt als ſeine Gehilfen an⸗ nehme, bis er ſelber die Kinder alle kenne; er berief noch den Franz, den er als Sohn des Sonnenwirths kannte und befahl, daß ein Ver⸗ zeichniß der fehlenden Kinder gemacht werde. Es waren nur zweiundneunzig Kinder zugegen und doch waren hundertzweiunddreißig als ſchul⸗ pflichtig bezeichnet. Eugen ließ hierauf die Kinder nacheinander jedes einzeln an ſein Pult herankommen und fragte nach dem Namen. Selbſt dieſe einfache Frage mußte er oft mehrmals wiederholen, bis ſie ihm beantwortet wurde. Die Gefragten wurden oft durch wiederholtes Drängen zum Weinen gebracht, ſo daß die Umſtehenden ihre 19 racht Namen angeben mußten. Eugen wußte ſich mit ihr die dieſer Blödigkeit, denn als ſolche mußte es doch ſe war gelten, nicht zu helfen. Viele waren nachläſſig n Knaben gekleidet, ungewaſchen und ungekämmt, ſolches r und wurde ſtreng gerügt mit der Drohung, daß t für künftig jedes Unordentliche ſogleich wieder heim⸗ s Eugen geſchickt werde. Die Kinder merkten bald wie durch einen Naturtrieb, daß die Strenge wie die Leutſeligkeit Eugens eine Wahrheit in ihm nden ſei und eine gewiſſe Bewegung in den Gemüthern die war unverkennbar; hier und dort wehrte eines en an⸗ das andere ſtill ab, das mit ihm plaudern wollte. ; Als Dagobert und Franz fragten, ob ſie Sohn des auch die ausgewanderten Kinder aufſchreiben Ver⸗ müßten, empfand Eugen plötzlich, welch ein erde. Riß auch hier in dem Kinderkreiſe und den gen Kinderherzen durch die Auswanderer entſtanden ſein müſſe; er ſprang ſchnell von dieſer Empfin⸗ dung ab und nachdem er über den Ort, wohin nd die Ausgewanderten gezogen waren, gefragt und und ungenügende Antworten erhalten hatte, erſchien fuche es ihm angemeſſen, jetzt bei den hiefür offenen pis Seelen einen geographiſchen und geſchichtlichen Unterricht daran zu knüpfen. Er ſchilderte genau ragten m an der Weltkarte die Reiſe der Auswanderer, tre ſodann die Entdeckung von Amerika, die Be⸗ 20 ſchaffenheit des Landes u. ſ. w. Sein Vortrag wurde voll Wärme und die Kinder hörten ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, worauf er zu⸗ letzt der erſten Klaſſe die Aufgabe ſtellte, das Gehörte aufzuſchreiben, während er ſich mit den Kleinen beſchäftigte, ſie leſen und buchſtabiren ließ. Es war bald Mittag, als endlich der Schultheiß kam; er räuſperte ſich lange, dann ſprach er:„Kinder! Jetzt höret, was ich ſag: Folget dem Herr Lehrer, ſonſt fahret ihr dem Teufel lebendig in den Rachen.“ Was ſollte Eugen gegen dieſe Rede thun? Er hatte ſchon viele Mühe, den Schultheiß von dem Vorſchlage abzubringen, daß man den Kindern als Feier des Schulanfangs heute Mittag frei geben ſolle Eugen fand nur ſchwer Eingang mit ſeiner Dar⸗ legung, daß eine Feſtesfeier nicht darin beſtehen fönne, ſich deſſen zu entledigen, was man eben feiere. Mit abermaligem Geſang endete der erſte Schulmorgen. Wie aus brauſenden Meeres⸗ wellen auftauchend athmete Eugen, als er in's Freie trat. Auf der Bank vor dem Schulhauſe harrte ſeiner der Reichskrüppel, er nahte ſich nun Eugen und fragte, ob er etwas für ihn ausfindig ge⸗ macht denn es Beruf ſenken; Verlaſſi einmalt verſpro ſein u Nachb dortige Eigen feiner? nachte den W Staatt ſolle v verſpre . 3 — lich ge vorgez horche wie d 21 macht habe. Eugen wünſchte nichts ſehnlicher, als daß ihn die ganze Welt jetzt ungeſtört ließe, denn es war ſein feſter Wille, ſich ganz in ſeinen Beruf und die Befähigung für denſelben zu ver⸗ ſenken; es ward ihm ſchwer, daß hier noch ein Verlaſſener ſeiner harrte, den er nicht durch einmalige Gabe von ſich abſchütteln durfte. Er verſprach dem Lipp, ſpäter ſeiner bedacht zu ſein und trug ihm auf, jetzt für ihn nach dem Nachbardorfe Alsfeld zu gehen und von dem dortigen Lehrer den Schulplan zu holen; denn Eugen erſah, daß er ohne dieſe Richtſchnur zu keiner Ordnungsmäßigkeit gelangen würde. Lipp machte ſich mit einem erbetenen Zehrpfennig auf den Weg zu dem Alsfelder Lehrer, der während Kaidl's Anweſenheit nicht in's Dorf gekommen war, weil er wie Kaidl ſagte,„ein Miethgaul ſei, der nichts mehr fürchte als die Schmitze der Staatskutſcher.“ Eugen rief Lipp noch nach, er ſolle vor zwei Uhr wieder zurück ſein und Lipp verſprach's. Der Sonnenwirth war ausnehmend freund⸗ lich gegen Eugen, hatte dieſer ja ſeinen Sohn vorgezogen; hätte aber Eugen im Dorfe umher horchen können, wo man in allen Häuſern fragte: wie der Lehrer ſei, hätte er raſche Antworten vernehmen können, ganz anders als in der Schule; die einen ſagten, der neue Lehrer ſei gut, während andere nicht genug von ſeiner Bosheit und Strenge erzählen konnten. Heute ſtellte Eugen keine Betrachtungen über den einſtigen Erſatz des Gebetes am Ge⸗ ſindetiſche an, er kämpfte den Neid um das Ge⸗ ſchick Bartelmä's durch den Gedanken nieder, daß ein Abwenden von den Menſchen doch nur eitle Flucht und Feigheit ſei. Eugen ging dem Lipp eine Strecke Weges entgegen, aber wie weit er auch ausſchaute, er ſah ihn nicht. Wie wär jetzt Feld und Wieſe und die weite Landſchaft ganz anders als heute am Morgen, da ſeine Seele noch ſo hell und klar war wie der Thautropfen am Halme, den der erſte Morgenſtrahl farbig erglänzen macht. Es giebt Stunden, in denen ein wirres Geräuſch die Seele erfüllt, daß man ſich ſelbſt und den Gedanken des eignen Seins kaum mehr zu er⸗ faſſen vermag. Es iſt gut, daß wie in ſolchen Zeiten der Körper ungeſtört ſeine Pflichten erfüllt, ſo auch eine Pflicht dem Geiſte gebietet, in ruhi⸗ gem faſt willenloſem Verlaufe ſein Werk zu voll⸗ führen. Eugen empfand, wie es kommen könne, daß das Mechaniſche als äußere Erfüllung die Oberhand nöglich, mung ſich Eugen ru n Lach Pieſenwe und mit Schwan und geſe von ihm picht ein ſchiken, dirfe. — D Vlt Priüfung lagen Morgen nahme Zu ſein Namen äußeres ganzen Ei vollend er ſlie 23 Oberhand gewinne; denn nicht immer iſt es möglich, aus zuſammengeraffter Selbſtbeſtim⸗ mung ſich alkſtündlich das Leben neu zu ſchaffen. Da die Schulzeit wieder herankam, kehrte Eugen ruhigen Schrittes in das Dorf zurück. Am Bachſtege traf er den Lipp, der den ſteilen Wieſenweg hinter der Bachmühle daher kam und mit Flüchen berichtete, wie ihn der„Alsfelder Schwanzwedler“ mit Schimpfworten empfangen und geſagt habe, wenn der Erlenmooſer etwas von ihm wolle, ſolle er ſelbſt kommen und ihm picht einen„gezeichneten verganteten Demokraten“ ſchicken, der ihm nicht übg die Schwelle kommen dürfe. Die Nachmittagsſchule ging mit allerlei Prüfungen vorüber, wobei Eugen nur zu be⸗ klagen hatte, daß noch mehr Kinder als am Morgen fehlten, ſo daß er mit der Kenntniß⸗ nahme Aller noch viel Zeit verlieren mußte. Zu ſeiner Freude merkte er, daß er ſchon vielg Namen der Kinder kannte; es galt ihm das als äußeres Kennzeichen, daß er bald mit ſeinem ganzen Berufskreiſe vertraut ſein würde.— Ein Vogel, der eben den Bau ſeines Neſtes vollendet hat, bleibt nicht darin in ſtiller Ruhe, er fliegt auf und kreiſend hin und her über dem — 24 Baume, drin ſein Heimweſen ruht. Iſt's die alte Gewohnheit, ſeinen Bauſtoff zu ſuchen, die ihn noch jetzt nicht raſten läßt, oder will er aus freier Höhe die Heimath überſchauen? Und wie er ſich niederläßt auf anderem Baume, wo An⸗ dere wohnen, kündet ſein Sang den nachbarlichen Gruß. Das Reſt iſt da und aus warmem Brüten fliegt bald ein neues Geſchlecht auf. Eugen ſaß in ſeinem Garten am Berge hinter dem Schulhauſe. Der Garten war wüſt, Kaidl hatte nicht gepflanzt und Unkraut wuchern laſſen, weil er doch bald dieſen Boden verlaſſen mußte. Das iſt deine Schule. Eugen war voll Unruhe, er konnte ſich noch nicht dreinfügen, daß die kommenden Tage ohne äußere Ereigniſſe und Wandlungen und Alles blos ein ſtilles Ent⸗ falten des Geſetzten ſein müßte. Wie oft hatte er ſich nach ſolch geſchloſſenem Sein geſehnt, und jetzt, da es ihm geworden, kam ihm das Dorf da unten ſo fremd vor, da war kein Menſch, der nach ihm fragen mußte; er war in eine fertige Welt eingekeilt, wo jeder ſeine feſten Beziehungen hat und was er dem Fremden bietet iſt ein freies Almoſen. Eugen gewahrte, wie ſeine Gedanken dem Gefährten über das Meer folgten; er ward inne, wie ſchwer es iſt, von einem Hinausſtreben * gen Neſte ſeine ſtille in's Uferloſe ein Fährmann zu werden, der im engen Flußthale die Menſchen von einem Ufer an's andre überſetzt. Sich ſelbſt bekämpfend wanderte Eugen nach Alsfeld. Der Vogel fliegt waldaus von ſeinem jun⸗ gen Neſte, wird er aus der Fremde dankbar in ſeine ſtille Behauſung zurückkehren? ————— —— Drittes Rapitel. Eugen war der Fahrſtraße gefolgt, obgleich er von Lipp den Fußweg erfahren hatte, der jetzt im Herbſte durch die abgemähten Wieſen gangbar war. Er traf ſeinen Collegen in Alsfeld nicht zu Hauſe, dafür aber berichtete deſſen Frau, die trotz ihrer vorgerückten Jahre noch ſchön zu nennen, deren Ton aber zänkiſch und laut war: „der Lehrer iſt auf ſeinem Kartoffelfelde. Wir haben eine Hungerſtelle, auf der man arbeiten muß, da kann man nicht wie ein Erlenmooſer mit dem Spazierſtöckle herumlaufen. Wenn noch Gerechtigkeit im Himmel wäre, müßten gediente Leute ſolche Stellen haben, aber freilich, wer in der Hauptſtadt bei den Conſiſtorialräthinnen her⸗ umlauft und wer auf dem Vetterles⸗ und Bäs⸗ lesweg von Station zu Station befördert wird, der bekommt es beſſer.“ Dabei knuffte ſie die Kinder, die während ihrer Rede die Kartoffeln aus dem Topfe geſtohlen hatten. 3 Eugen erfuhr hier zum erſtenmale, daß er auch Gegenſtand des Neides ſei und wir dürfen es ihm wol zur Ehre anrechnen, daß ſeine erſte Enyfndung b di dürfigen ſe zu Boshe ſahelun; er Gedanke, daß gfullen ſei. Die Be Pfug zu we iſt ein altes ſiger Bejiel Die Fr niederſegen ob er aus di auch den rei ihm ruht; fa Vorte aus: „Sie he ich ſo gut in dieſem wurde die L Lehrer kam, ſgte: an de ſpiel nehmen der Pelt fo dein Lbenla reif wird al Empfindung bei dieſen Auslaſſungen Schmerz über die dürftigen Zuſtände dieſer Menſchen war, die ſie zur Bosheit gegen ſich und die Welt auf⸗ ſtachelten; erſt in zweiter Reihe erheiterte ihn der Gedanke, daß ihm doch noch ein glückliches Loos gefallen ſei. Die Befugniß, auf des Nachbars Acker den Pflug zu wenden, das ſogenannte Anwandrecht, iſt ein altes Herkommen. Es gilt auch in gei⸗ ſtiger Beziehung. Die Frau hieß den Gaſt nicht einmal ſich niederſetzen und Eugen hatte Luſt zu erproben, ob er aus dieſem ſchrill gellenden Gemüthe nicht auch den reinen Ton hervorlocken könne, der in ihm ruht; faſt unwillkürlich brach er aber in die Worte aus: „Sie heißen mich wol nicht niederſetzen, weil ich ſo gut angeſtellt bin?“ Und je weiter er nun in dieſem Tone fortfuhr, um ſo geſchmeidiger wurde die Lehrerin, ſo daß ſie als endlich der Lehrer kam, dieſem nach den erſten Begrüßungen ſagte: an dem Erlenmooſer könne er ſich ein Bei⸗ ſpiel nehmen, der ſei manierlich, ſo käme man in der Welt fort„du aber“ ſetzte ſie hinzu„bleibſt dein Lebenlang in dem verfluchten Neſt, wo nichts reif wird als Vogelbeeren und verhuzelte Zwet⸗ 28 ſchen und wo der der vornehmſte iſt, wer im Winter ein paar Schuhe hat, um in den Wald hinausgehen und Holz ſtehlen zu können. Sö mach nur dein fromm Geſicht, dein Herrgott tümmert ſich ſo wenig um dein Plärren als dein Fürſt, daß du ihm immer das Wort geredet haſt. Was thun ſie für dich? Sie laſſen dich hier ſochen und verdorren. Verzeih mir's Gott, man wird noch ganz gottlos bei dem Mann.“ Der Ausgeſchimpfte erwiederte mit der Ruhe eines Sokrates: „Ich habe dir heute morgen ſchon geſagt: es geht vielen Leuten noch ſchlimmer als uns, dank' Gott für das was wir haben; man muß auch unter ſich und nicht immer über ſich ſehen. Nicht wahr, Herr College?“ Eugen beſtätigte und der Alsfelder erzählte, offenbar weil er Eugen als Wetterableiter betrachtete, daß die Kartoffeln faſt Alle krank ſeien und jetzt ſchimpfte die Frau von Neuem, daß ihr Mann ſo unordentlich daher käme, da ſolle er ſich den Erlenmooſer zum Muſter nehmen u. ſ. w. Es mußte ſchon weit mit dem ehelichen Zer⸗ fall dieſer Leute gekommen ſein, da ſie ſich nicht mehr ſcheuten, ſolchen vor den Kindern und ſelbſt vor einem Fremden darzulegen. Der dehr un ihm den hirnte Mun nicht auf und „Meine den und dat weiß wohl, eine beſſere S jetigen Lage verwenden, k üblichen neue Hoffung wa halten, aber! recht aufgeho meiner Frau, Eugen n heute ſchon n das was er bziehenden( plane und machte er ſi fider beglei wiederholt ſe hebung der nuſue Ein kur ſich nicht „ olhſ ind ſelbſt 29 Der Lehrer folgte Eugen gerne in die Schule, um ihm den Stundenplan zu geben; der abge⸗ härmte Mann mit grauen Haaren blickte faſt gar nicht auf und ſagte nur: „Meine Frau iſt wieder in anderen Umſtän⸗ den und da iſt ſie immer etwas jähzornig. Sie weiß wohl, daß ich darauf verzichtet habe, in eine beſſere Stelle aufzurücken; ich kann in meiner jetzigen Lage nicht ſo viel auf meine Fortbildung verwenden, daß ich mich bei der Concurrenz dem üblichen neuen Examen unterwerfen kann. Meine Hoffnung war, einſt eine Patronatsſtelle zu er⸗ halten, aber die Grundrechte haben ja das Adels⸗ recht aufgehoben. Denken Sie nicht bös von meiner Frau, ſie iſt in einer Stunde wieder gut.“ Eugen merkte wohl, daß es in dieſem Hauſe heute ſchon mächtig gewettert haben mußte und das was er vernahm nur noch das Grollen des abziehenden Gewitters war. Mit dem Stunden⸗ plane und noch einigen Tabellen ausgerüſtet machte er ſich wieder heimwärts. Der Als⸗ felder begleitete ihn eine Strecke und ſprach wiederholt ſeine Hoffnung aus, daß durch Auf⸗ hebung der Grundrechte ihm doch noch eine Pa⸗ tronatsſtelle werden könnte.— Ein kurzes Verlaſſen des Beſtimmungsortes ——————————— 30 wutzelt, bos und die Wiederkehr in denſelben macht ihn erſt neu zur Heimath; dort ſind die Menſchen, die viel mit dem Häuſer, die Bücher, alle die lebenden und leb⸗ vrenit hat . loſen Gegenſtände die unſrer zu warten ſcheinen, Zweig in V und grüßen ſie auch nicht, ſchon daß wir ſie kennen zu Boden. bildet ein geiſtiges Band zu ihnen. bein Aufblic Eugen ſtand in dieſen Gedanken plötzlich ſtill, in den Wal er ward eben inne, wie in dieſen Tagen eine ſammen, es Weichherzigkeit über ihn gekommen war, die er da, wars ſchwächlich ſchalt; mit kecker Laune wie er die geberdete ſi Schulmeiſterin zahm gemacht, ſo mußte das Leben durch den 2 gefaßt werden, der Ernſt wird ſich ſchon von Reiterin in ſelbſt geltend machen. Ein Sklave iſt, wer ſich das iſ die von Jedem eine Stimmung geben läßt und ſo nann Gideo die Summe des augenblicklichen Seins in fremde Stepha Hand legt. bund mgg Auf einem Baumſtumpfe im Walde überlas ſe thigte Eugen nochmals den Stundenplan und jetzt über⸗ mchreitene blickte er heitrer dieſe vorgezeichnete Zukunft, ob⸗ drei Pferde. gleich er noch nicht wußte, wie er die vielen„Vas Religionsſtunden ausfüllen würde. Lrol Sie Immerdar rauſchte der Wald, von fernher, fugt kam ein Brauſen, ſtrömte zu Häupten hin und dur hinab in das Thal; droben in den Zweigen brauſte der Wind, die Stämme aber ſtanden ruhig und* 5 „ unbewegt, nur eine Kiefer, die auf einem Felſen ſriht ot die vielen n fernher hin und ruhig und 31 wurzelte, bog ſich ächzend hin und her, ſie hatte viel mit dem Winde gerauft, der ihr die Aeſte verrenkt hatte; da und dort knackte ein dürrer Zweig im Windesrauſchen ab und fiel raſchelnd zu Boden. Ein grüngefiederter Specht huſchte beim Aufblicke Eugens vom Baume tiefer hinein in den Wald. Da ſchreckte Eugen plötzlich zu⸗ ſammen, es ſprang etwas an ihm herauf, ſieh da, war's Troll oder Schatzhauſer? Das Thier geberdete ſich voll Freude und bald ſah Eugen durch den Wald zwei Reiter daher kommen, die Reiterin im blauen Gewande auf dem Rappen das iſt die Baronin Stephanie und ihr Geleits⸗ mann Gideon von Kronauer. Stephanie ſtreckte Eugen vom Pferde die Hand entgegen und er mußte ihr helfen abſteigen, ſie nöthigte auch Kronauer ihr zu folgen, der nachreitende Diener faßte ſchnell die Zügel der drei Pferde. „Was dachten Sie gerade als Ihr Freund Troll Sie überraſchte? Bitte, ſagen Sie mir das,“ fragte Stephanie jetzt Eugen. „Darf ich mit einem Bibelſpruche antworten?“ „Mit welchem Herr Baumann?“ „Meine Gedanken ſind nicht eure Gedanken, ſpricht Gott durch den Propheten Jeſaias.“ 32 „Und ich möchte Ihre Waldgedanken wiſſen. Sehen Sie dieſe ſtattliche weiße Orchidea hier? ſie ließ ſich's nicht träumen, daß ein Menſchen⸗ tind, daß Ich ſie brechen würde; ſo möchte ich auch die ſtillblühenden Gedanken der Menſchen haſchen, plötzlich, unverſehens.“ „Die Blume und der Gedanke verwelkt ſchnell ohne die Wurzel.“ „Sagte ich's nicht Gideon, er iſt geiſtreich?“ wendete ſich Stephanie an Kronauer, dieſer nickte mit finſterem Geſichte. Stephanie pflückte Blu⸗ men und Zweige am Wege und band ſie in einen Strauß, ſie hatte die beunruhigende Ge⸗ wohnheit, faſt nie etwas allein zu treiben, ſon⸗ dern ſtets etwas noch beiläufig; während ſie ſich jetzt bald bückte bald höher ſtreckte und wieder Eugen eine Aſter vom Felſen holen ließ, be⸗ richtete ſie dabei, wie ſie Alsfeld liebe, hier ſei noch echte Waldrom ntik, mit maleriſch zerſtreuten Hütten und die Berge ſeien wie Verſetzſtücke im Theater in einander geſchoben. Eugen erwiederte, daß die Menſchen, die hier wohnen, nicht ſo denken, ihnen wäre eine fruchtreiche Ebene lieber; er erzählte von der Lehrerin und Kronauer ſagte: „Laſſen Sie ſich das zur Warnung dienen. Ein großer Theil der Lehrer verkommt durch füſſche Heir mädchen, de fir bedrucke ſch eine Ne flagt, daß Geſolſchaft z B. der er lieber d hätte, ehe e war urſpri kam beſond Naturfind! außer dem heißt ins 4 „Der! bilden,“ ſugt „Natu eines eurer Haſt du bei liebe Cuſu eurem Begr Alles guf t verbildet un die leſen un meiſen Ma ſthen verit 3 falſche Heirathen, ſie nehmen ein dralles Bauer⸗ mädchen, dem nichts mehr zuwider iſt als Geld für bedrucktes Papier ausgeben, oder ſie holen ſich eine Nähmamſell aus der Stadt, die ſtets klagt, daß man auf dem Lande ohne gebildete Geſellſchaft leben müſſe. Ihr Vorgänger Kaidl z. B. der ſich in letzter Zeit ſo verrannte, daß er lieber die ganze Welt zu Grunde gerichtet hätte, ehe er ſeinen politiſchen Waſchzettel änderte, war urſprünglich ein tüchtiger Menſch und ver⸗ kam beſonders dadurch, daß er ein ſogenanntes Naturkind heirathete. Er mußte alle Erholung außer dem Hauſe ſuchen, und außer dem Hauſe heißt in's Wirthshaus.“ „Der Lehrer könnte ja aber ſein Naturkind bilden,“ ſagte Stephanie. „Naturkind!“ verſetzte Kronauer,„das iſt eines eurer Worte aus den Mädcheninſtituten. Haſt du bei uns hier noch nicht ſo viel gelernt, liebe Couſine, daß es gar kein Naturkind nach eurem Begriffe von einfältiger Natur mehr giebt? Alles auf der Welt iſt entweder gebildet oder verbildet und in beiden Klaſſen giebt es ſolche, die leſen und ſolche die nicht leſen können. Die meiſten Männer, die zu hoch über ihren Frauen ſtehen, verkommen durch ſie, während umgekehrt 3 34. höherſtrebende Frauen in nicht homogener Ehe noch bisweilen ſteigen.“ „Das iſt einer Ihrer Denkzettel, Vetter Gideon, der etwas Wahres hat.“ „Ein Lehrer überhaupt,“ nahm Kronauer wieder das Wort,„dem ſein Amt eine Religion iſt, der ſollte, wenn er ſich ſtark fühlte, den Rath befolgen, den der Apoſtel den Korinthern giebt.“ „Sehen Sie,“ rief Stephanie,„ich hielt Sie ſchon in Röthhauſen für einen Korinther und rieth Ihnen, nie zu heirathen.“ „Ich dachte nie, daß ich ſo viel holde Für⸗ ſorge für meine Verheirathung habe,“ ſagte Eugen und ſetzte ſcherzend zu Gideon hinzu:„Sie fönnten ja auch eine heidniſche Autorität an⸗ führen. Epaminondas blieb unverheirathet aus Liebe zum Vaterlande.“ Eugen war der barſche patronatsmäßige Ton Kronauers im tieſſten zuwider, es kränkte ihn, wie dieſe vornehmen Menſchen mit zudring⸗ lichem Wohlwollen in die innerſten Angelegen⸗ heiten eines Niedergeſtellten hineinredeten, als verſtände ſich das Recht dazu von ſelbſt. Aber vielleicht hat dein Stellvertreter auf der See eine landkundige Liebſchaft und die Leute haben ein Recht dich zu warnen? Das wäre mehr als Spaß, Nein, ſagte heuerung d Brif des 1 die Jungfre Man Thale bei war, da ri „Dieſ Von innen daß es for ſchlägt, ſo ſchen Profeſ fönnen das weiches ode und das E jeſat,“ ſchl verbengend, nur Kohle ſch, Eugen Fferden gir ſigte noch, ſuchen wol Eugen ver ſchicen 2 als Spaß, wenn plötzlich eine Braut daherkäme. Nein, ſagte ſich Eugen und legte wie zur Be⸗ theuerung die Hand auf die Bruſttaſche, wo der Brief des Meerfahrers lag— nein, du haſt nur die Jungfrau Europa ſitzen laſſen, keine andere. Man ging ſchweigend dahin, bis man im Thale bei einem rauchenden Meiler angelangt war, da rief Stephanie: „Dieſer Meiler iſt ein Bild Deutſchlands. Von innen entzündet, läßt man ſo viel Luftlöcher, daß es fortbrennt und nie zur Flamme heraus⸗ ſchlägt, ſo verkohlt Alles innerlich und die deut⸗ ſchen Profeſſoren ſind glücklich, daß ſie beſtimmen können, das war im Leben hartes Holz und das weiches oder gar, das war Eiche, das Buche und das Erle. Ich empfehle mich Ihrer Ma⸗ jeſtät,“ ſchloß ſie, ſich dem Köhler in der Tiefe verbeugend,„unſere Regierungsmeiſter ſind alle nur Kohlenbrenner.“ Sie ſchaute nach dieſer Rede vergnügt um ſich, Eugen lächelte während Kronauer nach den Pferden ging, die hinter ihnen hielten. Stephanie ſagte noch, daß ſie Eugen in ſeiner Schule be⸗ ſuchen wolle, ſie möchte ſehen wie er lehre. Eugen verbat ſich das eben ſo höflich als ent⸗ ſchieden. Die Reiter trabten raſch davon, Troll 3* 36 war wieder bei Eugen verblieben, bis er ihn fortjagte. Sie iſt doch eine Stiefſchweſter Kaidl's— ſagte ſich Eugen— Er begnügte ſich wenn nicht anders mit dem Ruhme in der Kneipe und ſie mit dem Brilliren vor einem Landjunker und einem Schulmeiſter im einſamen Walde. Am( telnä unſe „Gre „Wo „Du Sie hat ſ und iſt d mich, ich! wrächtig. mußt du n Euger ihn verſor man im g eine ſo hi rathen de Gulden ſc trübt zugl eine gewiſ Erſ als ſege, die ſcheden la Piertes Rapitel. Am Eingange des Dorfes begegnete Bar⸗ telmä unſerm Freunde und rief ſchon von ferne: „Gratulire.“ „Wozu?“ „Du mußt die Baronin Hunold heirathen. Sie hat ſich im ganzen Dorfe nach dir erkundigt und iſt dir nach Alsfeld nachgeritten. Schick mich, ich will ihr ſagen, wer du biſt! Das wird prächtig. Als Erſatz, daß ich für dich werbe, mußt du mir die Vittore verſchaffen.“ Eugen mußte laut lachen, daß auch Bartelmä ihn verſorgen wollte, der noch hinzuſetzte, daß man im ganzen Dorfe ſtolz auf ihn ſei, weil er eine ſo hohe Gönnerin habe, die auf ſein An⸗ rathen dem Lehnert in Röthhauſen fünfhundert Gulden ſchenkte. Eugen war überraſcht und be⸗ trübt zugleich, daß er durch fremdes Anſehen eine gewiſſe Geltung im Dorfe gewinnen ſolle. Erſt als Bartelmä fortfuhr, daß man im Dorfe ſage, die Baronin habe ſich von ihrem Manne ſcheiden laſſen, um Eugen zu heirathen, da merkte Seele fühl maulih. N liche Lehre dieſer, daß er von dem dicken Schelm zum Beſten gehalten wurde. Eugen war auf ſogenannte Neckereien nie gefaßt, er vertraute den tollſten Zumuthungen und grübelte ernſthaft ihrem Ur⸗ ⸗ ſprunge nach; es half nichts, daß er ſich ſelbſt zeigten ſich über dieſe Leichtgläubigkeit oft ſchalt, ſeine ſtrenge die er gen Wayrhaftigkeit ließ ihn auch nie ein leichtes den gegebe Der Spiel mit derſelben in Anderen vermuthen. In dieſer Beziehung, mußte er ſich ſagen, hatte die ſaft mit, d Baronin Recht, wenn ſie ihn einen Pedanten das Veſel hieß. Er verbot nun Bartelmä ernſtlich, etwas ſelbſtarbeit von ſeinen Schelnkreien unter die Leute zu iber dos bringen, in ſich aber faßte er den Vorſatz, ſich erſt drauße von Stephanie nicht zu ihrem darnch le vaſallen machen zu laſſen. ſch getröſt Am andern Morgen ſchlug er eine Ein⸗ niſe nicht ladung auf das Schloß zum Mittag rundweg ab, der Gedan die wiederholte Aufforderung, nach der Mittags⸗ ſezungsloſ ſchule zu kommen, erhielt die gleiche Erwiederung. zu naturge Was ſoll all das Tändeln und Facettiren der die er Gedanken? Es iſt deſſen genug in der Welt; ſein ein einziger Lichtblitz in die Kindesſeele geworfen, cr eine Empfindung geweckt, bringt mehr Nutzen Befeinſ nach Außen und Erquickung im Innern. In außen un dieſem Zurufe an ſich widmete ſich Eugen den Schiler Kindern. Sie mochten den warmen Athem ſeiner eiſch daß dap Seele fühlen, denn ſie waren erweckt und zu traulich. Noch immer kam er nicht an das eigent— liche Lehren, er blieb mit dem Erforſchen der Kenntniſſe und Fähigkeiten beſchäftigt und ſchon zeigten ſich die erſten feſten Spuren der Methode, die er gewann; ſie bildete ſich von ſelbſt aus den gegebenen Verhältniſſen. Der Quackſalber bringt einen fertigen Heil— ſaft mit, der denkende Diener der Natur erforſcht das Weſen des Heilsbedürftigen und bietet der ſelbſtarbeitenden Geſundheit die Mittel zum Siege über das Störende— aber freilich, dieſe Mittel erſt draußen ſuchen, während der Hülfsbedürftige darnach lechzt, das iſt zu ſpät. Eugen konnte ſich getröſten, daß ihm die Mittel, die Kennt⸗ niſſe nicht fehlten, und erfriſchend muthete ihn der Gedanke an, daß er durch ſeinen voraus⸗ ſetzungsloſen Eintritt in das Lehramt Fingerzeige zu naturgemäßen Umgeſtaltungen gewinnen könne, die hier und in weiteren Kreiſen ſegenbringend ſein mögen. Erſchien er ſich als ein Robinſon auf ſeiner Berufsinſel, ſo hoffte er auch in ſich und nach außen ungekannte Mittel zu entdecken. Die Schüler waren heute faſt vollzählig und Eugen erſah, daß der geſtrige Tag für die Anweſenden 40 ein freudiger geweſen ſein mußte, denn er kannte die unbelauſchte Propaganda der Spielplätze. Die Schulzucht war ſchwer zu handhaben, ermahnendes Hinführen zur Erkenntniß wollte nicht haften; Eugen ging entſchloſſen von ſeinem Vorſatze ab, den Gehorſam auf Erkenntniß zu gründen, er forderte ihn unbedingt als Vertrauen und Nothwendigkeit. Auch die Reinlichkeit hatte ſich durch keine Ermahnungen herſtellen laſſen, Eugen fand bei ſeiner Einzelmuſterung dieſelbe Fahrläſſigkeit von geſtern, er ſchickte die Kinder nach Hauſe und einem Knaben, dem er geſtern ſchon gerügt hatte, daß ſeine Mutter zu träg Knöpfe anzunähen, ihm Hoſenträger und Beinkleider feſt zugenäht hatte, trennte der Lehrer mit dem Meſſer die Naht und fort mußte er; plärrend und ſchreiend lief der Knabe die Hoſen in der Hand auf⸗ haltend das Dorf hinauf. Alles das ſtörte Eugen nicht in ſeiner friſchen Begeiſterung, denn er war in der Stimmung, in der man mit innerer Schnellkraft über alle in den Weg ſich drängenden Hinderniſſe und Störungen hinwegſetzt. Als es Mittag ward, fühlte er ſich faſt körperlich ſatt, ſo wohlthätig erfüllend hatte heute ſein Beruf auf ihn gewirkt. Erſt als er in's Frie mat, dealen Hung Auf der der Reichstri Geführten er ladenden Be ſondern hier der Bant u fam. „Ich n Lipp und di ihn zu ſorge gehen aber e reden Bartel fönnten; er war, nach d Bach und g ſeine Kühe v Eugen des Schulth heute wollte bein Eſen hatte eigentli bitte; da da neben den 21 Freie trat, empfand er einen durchaus nicht idealen Hunger. Auf der Bank vor dem Hauſe ſaß wiederum der Reichskrüppel wartend, er hatte noch einen Gefährten erhalten, denn Troll war dem ein⸗ ladenden Bedienten nicht auf's Schloß gefolgt, ſondern hier geblieben, er lag neben Lipp auf der Bank und ſtand mit ihm auf, als Eugen kam. „Ich wollt' ich wär der Hund da,“ ſagte Lipp und dieſe einfältigen Worte ſchnitten Eugen in's Herz. Er verſprach dem Lipp gleich für ihn zu ſorgen, er wollte Stephanie für ihn an⸗ gehen, aber auf dem Wege fielen ihm die Scherz⸗ reden Bartelmä's ein, die dadurch wahr werden könnten; er jagte den Hund, der ihm gefolgt war, nach dem Schloſſe, bog ſeitab über den Bach und ging zu ſeinem Schultheiß, der eben ſeine Kühe vom Pfluge abſpannte. Eugen hatte geſtern dem erſten Wunſche des Schultheißen nicht willfahren können und heute wollte er ihm Zeit ſparen und trug ihm beim Eſſen die Angelegenheit Lipp's vor. Er hatte eigentlich gehofft, daß man ihn zu Gaſte bitte; da das nicht geſchah, ſaß Eugen ruhig neben dem Eſſenden und ſeiner Familie. Der ——— —— 42 Schultheiß war unwillig und ſagte ohne ſich auf weiteres einzulaſſen, Eugen möge die Sache Lipp's morgen Abend in der Gemeinderaths⸗ Sitzung vorbringen, es werde ihm aber nicht wohl bekommen, daß er ſobald den Advokaten mache und ſich für Andere an den Laden lege; es ſei überhaupt vorbei, daß die Lehrer Advokaten ſein könnten. Eugen hatte geglaubt, daß ihm ſeine uneigennützige Theilnahme mindeſtens kein Mißwollen zuziehen könne; hatte er ſich ja in der unordentlichen Schulwohnung eingerichtet ſo gut es ging, ohne Anſprüche auf Herſtellung und dergleichen zu machen. In dem Benehmen des Schultheißen und beſonders in ſeiner wiederholten Betonung des Wortes„Advokat“ glaubte er aber einen verhaltenen Grimm gegen die fruchtloſen Schmerzen der vergangenen Jahre zu erkennen, deren Erregung man jetzt gerne jenem Stande und denen zuſchrieb, die ſich ihm anſchloſſen. Vom Schultheißenhauſe weggehend, brach Eugen einen Buchenzweig von dem Gartenzaun und indem er die Blätter in zerſtreutem Un⸗ muthe zerpflückte, bemerkte er jetzt die kleinen Thürmchen an den Blättern, darein die Gall⸗ wespe ihre Larven legt, und innehaltend ſprach es in ihm; bevor die Blätter abfallen, werden vicle ju Gebu ins Stocken ge Geſchmeiß neu Baun läfßt ſich ftühlch zu kn Gegen ſeiner Wohnu Gutleut⸗Haus Todtengräber hatte einen! gelegt. Ver wä er die Grupp tritt in die S der Vank, vo Frau mit eine hielt die nackt auf einem vie lag ein tiefb und bläulich ihn weit übe ſund ein St hin ud her. „Sie w lezun Stüc tretenden Ste S 6 viele zu Geburtsſtätten der Gallwespen und jede in's Stocken gebrachte Weltbewegung erzeugt das Geſchmeiß neuer Vorurtheile. Was thut's? Der Baum läßt ſich nicht abhalten, im Frühling wieder fröhlich zu knoſpen. Gegen Abend ſuchte Eugen den Lipp in ſeiner Wohnung, dieſe war in dẽm ſogenannten Gutleut⸗Haus in der ehemaligen Behauſung des Todtengräbers auf dem alten Kirchhofe, man hatte einen neuen außerhalb des Dorfes an⸗ gelegt. Wer wäre nicht mit Eugen erſtaunt, als er die Gruppe betrachtete, die ſich ihm beim Ein⸗ tritt in die Stube darbot! Da ſaß Stephanie auf der Bank, vor ihr ſtand eine ſeltſam gekleidete Frau mit einem rothen Tuche um den Kopf und hielt die nackte Hand der Baronin in dex ihrigen; auf einem vielfach zerriſſenen Laubſack ain Boden lag ein tiefbrauner Burſche mit dunklen Augen und bläulich glänzenden ſchwarzen Haaren, die ihm weit über die Stirne hereinfielen, neben ihm ſtand ein Storch und bewegte ſeinen Schnabel hin und her. „Sie wußten, daß Sie mich hier bei dem letzten Stück Romantik finden,“ rief dem Ein⸗ tretenden Stephanie lachend entgegen„eure Welt ———— voll Chemie, Philanthropie und Mikroskopie iſt doch zu langweilig.“ Eugen betheuerte, daß er nichts von ihrer Anweſenheit gewußt und nach ihrer Gewohnheit ſchärfte ſich Stephanie die Lippen raſch mit den Zähnen, wobei ſie jedesmal ihr ſonſt ſo ſchönes Antlitz faſt frätzenhaft verzerrte, bald aber fuhr ſie wieder leichtſcherzend fort: „Sagen Sie mir, Sie Doktor der Welt⸗ grobheit: warum ſind wir Frauen ſo erpicht darauf, die Zukunft zu entſchleiern? Ich leugne es nicht, ich habe mir wahrſagen laſſen, glaube ich auch nicht daran, es reizt mich doch. Woher kommt dieſes Drängen in's Unbekannte?“ „Haben Sie in Ihrer Jugend, ich meine in Ihrer Kindheit, viel Märchen und wunder⸗ bare Geſchichten geleſen?“„ 3 iß. Wollen Sie mich eraminiren?“ „Nein, aber hierin liegt die Löſung. Ihr Mädchen gebildeter Stände werdet zu ſehr in eine eingebildete W verſetzt, und die wirkliche, der heutige Tag genügt euch nicht, ihr meint ſtets, es müſſe etwas Neues ganz Außerordent⸗ liches kommen; das ſchöne bunte Spielzeug, das ihr vornehmen Kinder bekommt, ehe ihr die Wirklichkeit kennt, eure ſchöngemalten Bauern⸗ 522 häuschen, Hirt iht in der V mch, aber ihr „6s it f hungrige Frag Sie haben au Schniege, eir ſub; aber S Ihre Viſſenſ putztes Spiel lauter blanke Velt auch ni Eigen n „Vir ha daß Sie die 2 nachen“ fuhr ſie in franzöſi hier noch ein dos ſei wie e proſaiſchen A doß eint hier war, mur ſeid den Ramen liſurin ſut her, weil ſie tine gun Cyri 45 häuschen, Hirten und Heerden, die findet ihr nicht in der Welt und ihr ſucht vergebens dar⸗ nach, aber ihr ſucht immer.“ „Es iſt faſt beleidigend, wie Sie auf jede hungrige Frage eine gargekochte Antwort haben. Sie haben auch ſtets wie die Zimmerleute eine Schmiege, einen aufzuklappenden Taſchenmaas⸗ ſtab; aber Sie vergeſſen Herr Philoſoph, daß Ihre Wiſſenſchaft Ihnen eben ſo buntes aufge— putztes Spielzeug giebt, wie unſere Kinderſtube, lauter blanke Ideen, die Sie in dieſer beſten Welt auch nie wirklich finden.“ Eugen war betroffen von dieſen Worten. „Wir haben geſtern viel über Sie gelacht, daß Sie die Bauernjungen hier zu Sanscülotten machen“ fuhr Stephanie fort und nun erzählte ſie in franzöſiſcher Sprache, wie ſie ſich freue, hier noch eine Zigeunerin gefunden zih haben, das ſei wie ein Waldbaum, der mitten in den proſaiſchen Ackerfeldern ſtünde, um zu zeigen, daß einſt hier tiefe Waldeinſamkeit und Wildniß war, nur ſei das Ruſele— ſo hatten die Bauern den Namen Roſalie verketzert— auch eine Phi⸗ liſterin; ſtatt frei zu wandern hocke ſie ſich hier⸗ her, weil ſie hier heimathsberechtigt ſei und ſei eine gute Chriſtin geworden. Das Ruſele klagte, 46 daß ihr einziger Sohn gelähmt ſei und kein Arzt ihm helfen könne, der braune Burſch auf dem Boden bettelte und ſprach ein Vaterunſer und der Storch klapperte dazu raſch mit ſeinem Schnabel. „Das Ruſele“ ſagte Stephanie„weiß nicht, welch' einen geheimen Zug es zu ſeinem öſtlichen Heimathsgenoſſen hat. Ich ſelber habe durch die Störche zum erſtenmale erfahren, daß ich ein Vaterland habe. Ich war zwei Jahre bei meiner Schweſter in Athen. Ich fuhr einſt nach Beirut und dort ſah ich die Störche in großen Trupps zur Auswandrung nach Europa, nach Deutſch⸗ land verſammelt, da überfiel mich ein unſägliches Heimweh. Ich wäre gerne mit ihnen geflogen, dorthin, wo die Luft deutſch athmet. Ich habe, wie Sie geſehen haben werden, in Röthhauſen ein Rad auf die Dachfirſte heften laſſen; aber die eigenſinnigen Störche wollen dort nicht niſten. Laſſen Sie ſich doch die Geſchichte von dieſem Storche erzählen,“ ſchloß ſie. In wenig eigenthümlicher Art und nur in jener gurgelnden Betonung der Kehllaute, wie ſie bei den deutſchredenden Slaven gewöhnlich iſt, erzählte nun Ruſele, daß des Rainbauern Karle dieſen Storch gefangen und ihm die Flügel geſutt den Hi ſhaute fährten nicht n „nd j ſchon den S er hie biſſenr ſchen „den Knabe einand den P hellet ließ. undz Ruſel beſte vom dieß mit Rüc 9 47 geſtutzt habe; der Vogel ging ganz traurig unter den Hühnern und Gänſen im Hofe umher und ſchaute auf nach dem Himmel, wo ſeine Ge⸗ fährten zogen, da ließ das Ruſele mit Betteln nicht nach, bis man ihm den Storch ſchenkte „und jetzt“ ſchloß ſie,„iſt er meinem Chriſtoph ſchon wie eine Hand. Sehen Sie.“ Sie gab dem Storch ein Stück Brod in den Schnabel und er hielt es dem Chriſtoph hin, daß dieſer es biſſe nweiſe aß, erſt auf ein Kopfnicken des Bur⸗ ſchen verſchluckte der Storch den Reſt. Ruſele befahl nun ihrem Sohne, daß er „den Herrſchaften“ ein Stückchen vorpfeife. Der Knabe pfiff ſo meiſterlich, daß Eugen und Stephanie einander verwundert anſahen und wieder auf den Pfeifer ſchauten, deſſen dunkles Auge immer heller glänzte, je kecker er ſeine Weiſen ertönen ließ. Der Storch machte ſeinen Schnabel auf und zu wie es ſchien vor Bewunderung, und Ruſele erklärte, der Vater des Chriſtoph ſei der beſte Clarinett- und Geigenſpieler. Stephanie wollte nun, daß ſich Eugen auch vom Ruſele wahrſagen laſſe, aber er weigerte dieß und gab nicht nach, als ihn Stephanie da⸗ mit neckte, daß er ſich hinter ſeine pädagogiſchen Rückſichten nur verſtecke, weil er ſich doch fürchte 48 eine Wahrheit zu fiſchen, die keinem logiſch ge⸗ knüpften Netze in's Garn käme; ſie ſagte dann, daß ſie dieſe Zigeunerfamilie gerne mit nach Röthhauſen nähme, wenn ſie nicht fürchte, daß ſie ihr bald langweilig würde. Eugen hatte faſt vergeſſen, warum er eigentlich hergekommen war, jetzt erinnerte er ſich deſſen und abermals kam ihm der Gedanke, Stephanie zur Patronin Lipp's zu machen, er verwarf dieß aber ſchnell wieder, denn er fürchtete das Gerede der Menſchen. Er ſtieg auf die Bodenkammer und traf dort Lipp ebenfalls auf einem Laubſack weiße Rüben verſpeiſend, die er ſich mit den Zähnen ſchälte, dabei hatte er ein militäriſches Ehrenzeichen und ein großes Blatt vor ſich liegen in dem er las. Er wollte das letzte beim Eintritte Eugens ſchnell verſtecken, aber dieſer hob es auf und fand einen jener Aufrufe mit dem Wahlſpruche:„Freiheit, Bildung und Wohlſtand für Alle.“ Lipp er⸗ zählte, daß er das Blatt von einem Kameraden geerbt habe, der neben ihm im Lazarethe geſtorben ſei, er bat Eugen dringend, es ihm zu laſſen und dieſer gab es zurück mit der Warnung, ſolches geheim zu halten. Lipp wickelte ſchnell wieder das Ehrenzeichen in das große Blatt und klagte über ſein ſchlechtes Lager, wobei ihm ſin7 ſprach Schul mehr Antlit er E Hund richte reicht Glan ſamn Euge gleitet nit g meine Beru Verh Stell Baro beide an u ſch ſein Armſtumpf ſo ſehr ſchmerze. Eugen ver⸗ ſprach ihm ein Stück Bett, das er Abends im Schulhauſe abholen könne, er habe dann noch mehr mit ihm zu reden. Das ſonſt trotzige Antlitz Lipp's war von Rührung erweicht, indem er Eugen dankte, daß er den„zerſchoſſenen Hund“ aufgeſucht habe, und als er ſich jetzt auf⸗ richten wollte und Eugen ihm die Hand dazu reichte, trat in die Augen Lipp's ein feuchter Glanz; er preßte ſchnell athmend die Lippen zu⸗ ſammen und ſprach kein Wort mehr. Beim Wiedereintritt in die Stube traf Eugen die Baronin eben im Weggehen, er be⸗ gleitete ſie durch das Dorf. Als er es ablehnte, mit auf das Schloß zu gehen, ſagte ſie: „Ich dachte mir, Sie würden ſich mit meinem Vetter Gideon ſchnell befreunden.“ „Ich muß mich vor Allem mit meinem Berufe, ich wollte ſagen mit meinen hieſigen Verhältniſſen befreunden. Ich darf in meiner Stellung nicht erwarten, daß mir der Herr Baron einen Gegenbeſuch mache; wir warten beide ein gelegentliches Zuſammentreffen ab.“ Stephanie ſah ihn bei dieſen Worten ſcharf an und ſchwieg. Eugen war verlegen, er glaubte ſich verrathen zu haben, indem er etwas ſagte, 4 50 was ſeiner Stellung nicht ziemte. Das Schweigen war peinlich. In ſolcher Stimmung ſpricht man leicht Dinge, die man eigentlich für ſich behalten wollte; Eugen berichtete nun die verlaſſene Lage Lipp's. „Mir gehts mit dem Elend des Volkes wie mit dem Trinkwaſſer,“ ſagte Stephanie. „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Als ich zum erſtenmale im Sonnenmikroskop ſah, welche Ungeheuer wir im kryſtallhellen Waſſer verſchlingen, konnte ich lange keins mehr genießen, und als ich das Elend des Volkes nahe kennen lernte, konnte ich keinen Spazierritt, keine Luſt⸗ fahrt mehr machen; ich mußte ſtets an die Noth in den Hütten denken. Ich habe wieder gelernt, ſorglos Waſſer trinken und ſpazieren reiten. Ich kann der Welt nicht helfen.“ Eugen ſah hierin trotz Allem auch wieder das edle und ehrliche Herz und ward erheitert. Am Schloßberge bei den zwei Pappeln verab⸗ ſchiedete er ſich von Stephanie. 2 nächtl zurief dichei ſchon ſchme itzel anſeh Hecke ſtellu ſolche hehle Gere Truꝝ mußt über droſſ Hier der grun Fünftes Rapitel. Bartelmä war wieder der erſte, der den nächtlich wandernden Eugen anhielt und ihm zurief: „Recht ſo, du haſt beim Ruſele ein Stell⸗ dichein mit der Baronin gehabt. Ich freue mich ſchon, auf deiner Hochzeit wieder einmal zu ſchmecken, wie Champagner auf der Zunge bitzelt.“ Eugen wollte wieder Alles nur für Scherz anſehen, aber Bartelmä ſchwur„beim Barte Heckers,“ daß im ganzen Dorfe von dieſer Be⸗ ſtellung die Rede ſei; glaubte nun auch Eugen ſolches nicht, ſo konnte er ſich doch nicht ver⸗ hehlen, daß hier ein Anſatzpunkt zum allgemeinen Gerede gegeben ſei und als er einem großen Trupp junger Burſche begegnete, die laut lachten, mußte er annehmen, ſie ſpotteten und lachten über ihn. Es hatte Eugen doch bisweilen ver⸗ droſſen, daß ſein Amtsantritt wie ſein ganzes Hierſein ſo unbeachtet geblieben war, der Abzug der Auswanderer hatte dieß wol in den Hinter⸗ grund gedrängt; denn dieſe Menſchen zumal, die 4* 52 von kleinen Einzelereigniſſen leben, werfen die begierig gehaſchten Blumen ſchnell wieder weg, wenn ſie neue finden. Jetzt merkte Eugen zu ſeinem Leidweſen, wie er doch noch als Gegen⸗ ſtand der Beachtung feſtgehalten wurde. In grämlicher Verſtimmung ging er dahin. Warum durchkreuzte ein vagabundirender Ausreißer aus der gelangweilten Oedigkeit der vornehmen Welt ſeinen Weg? Was will dieſe Stephanie? Neue Aufregungen, die ihr die Hetzjagden der Literatur nicht mehr bieten... Der Byronismus, das lüſterne Abenteuern, parfumirt und kokett auf⸗ geputzt mit Weltgedanken und Weltſchmerzen, auch er iſt nicht weggeſchwemmt durch die letzten Revolutionsjahre. Und doch, es iſt ein edlerer Trieb in dieſer Unruhe der Baronin. Mit dir aber, mit dem Schullehrer, ſpielt ſie nur wie mit einem Geſchöpfe niederer Gattung, wie mit einem ihrer Hunde; ich kenne dieſe vornehme Welt genug, um zu wiſſen, daß ſie kein poſitives Verhältniß zu einem Niedergeſtellten denkbar halten... Hat aber dieſer Baron Kronauer nicht ein Bauernmädchen geheirathet?... Ich will ihr ſchreiben, ſie ſoll meinen Berufskreis nicht ferner ſtören. Nein, das wäre lächerlich und anmaßend.. E nicht n zu find ſagte 5 zählige Dieb die S ( heimiſ ſich zu ( die S Einen und he thunk fand. ihm d hülfrei fam L nieder dablei Brod der G 1d ufskreis erlich che ach Erſt ſpät kehrte er nach Hauſe und war nicht wenig betroffen, auf der Bank den Lipp zu finden, der feſt ſchlief. Er weckte ihn und ſagte: „Komm mit, ich will dir von meinem über⸗ zähligen Bette geben.“ „Der Nachtwächter hält mich für einen Dieb an, wenn ich ſo ſpät mit dem Bett über die Straße gehe; laßt mich heut da bleiben.“ Eugen willfahrte lächelnd; es muthete ihn heimiſch an, nun doch noch einen Menſchen bei ſich zu haben. Lipp war ganz glückſelig, er wollte Eugen die Stiefeln ausziehen und vergaß, daß er nur Einen Arm hatte; er lief in den Zimmern hin und her und ſuchte, ob er nicht irgend Dienſte thun könne und war ganz betrübt, als er nichts fand. Eugen lobte innerlich ſein Geſchick, das ihm doch noch gönnte, einem andern Menſchen hülfreich zu ſein. Als er ſchon zu Bette lag, kam Lipp noch einmal, kniete vor ſeinem Bette nieder und beſchwor ihn, er möge für immer dableiben dürfen, er wolle nichts als das trockne Brod und im Winter ein warmes Eckchen in der Stube oder die Kammerthüre ein wenig „gekläfft,“ daß etwas Wärme hineinziehen könne; ſeine Kleider werde er ſich durch Botengehen verdienen und Eugen ſolle die alte Brigitte, die ihn jetzt bediene, abſchaffen, er könne ſchon Alles übernehmen. Eugen wollte den aus dem erſten Schlafe erweckten und darum ſeltſam erregten Menſchen zur Ruhe ſchicken.„Du mußt mir morgen deine Lebensgeſchichte erzählen,“ ſchloß er. „Die wiſſet ihr noch nicht?“ rief Lipp, „laſſet mich erzählen, dann ſchlaf ich doppelt wohl in meinem Bett, ich weiß, ihr nehmet mir's nicht wieder. Ich bin hier im Dorf geboren, hab keine Eltern und keine Geſchwiſter, der Mäuerleswerner iſt mein Ohm; bei ihm bin ich aufgewachſen mit mehr Schläg als Kartoffeln, und wenn man das Holz, das ich für ihn ge⸗ ſtohlen hab, verkauft hätt', wär' doch ein gutes Koſtgeld herausfommen. Thut nichts, das war doch meine luſtigſte Zeit und die Bachmüllerin hat mir jeden Herbſt ein Paar Schuhe geſchenkt und die Lene aus dem Pfarrhaus drei Paar Strümpf' und die Bachmüllerin hat mir ſonſt viel Gutes gethan, die müßt ihr recht kennen, wenn ich Wunder glauben könnt', ſo hielt' ich ſie auch wie viele Andere thun, für keinen Men⸗ ſchen. Ich bin Kühbub beim Kronauer geworden, der S Blut daß gelu fortg kernb Ven ganz Vor kann unte weſe Mu aus tenn und und habe beſo Leh viel Er ma ihn fon hal — te; der Schweizer neben mir hat mich aber ſo auf's Blut geplagt, bis ich ihn einmal geſchlagen hab, daß ihm das Blut zu Maul und Naſe heraus⸗ gelaufen iſt. Da hat uns der Kronauer beide fortgeſchickt. Der Kronauer iſt aber doch ein ten kernbiederer Mann, der bravſte, den es giebt. Wenn der ein Stückle Vieh verkauft, ſagt er ganz genau alle Fehler, die es hat und ein Wort von ihm iſt ein geſchworener Eid, da kann man ein Haus drauf bauen. Ich bin jetzt unter's Militär gangen. Da iſt mir's wohl ge⸗ weſen, da hat Niemand keinen Vater und keine Mutter und iſt Niemand vaheim und für Alles ausgeſorgt. Im Frühjahr 48 bin ich zum zwei⸗ tenmal eingeſtanden und bin Unteroffizier geworden und da bin ich mit acht Tagen Urlaub hierher und hab in der Sonne logirt und die Leute haben geſehen wer ich bin. Der Kaidl hat eine beſondere Freude an mir gehabt, er iſt mein Lehrer geweſen und hat mir Gutes gethan ſo viel er vermag, wie ich noch klein geweſen bin. Er hat jetzt ſchon probirt, ob was mit mir zu machen iſt und fragt mich einmal, ob ich auf ihn ſchießen thät, ich ſag: Nein, außer wenn's kommandirt wird. Wie ich nachmals vernommen hab, hat er das in die Zeitung ſetzen laſſen. 56 Ich hab, eh' mein Urlaub ausgeweſen iſt, wieder zum Regiment müſſen, weil's in Frankreich los⸗ gangen iſt. Von da an iſt der Kaidl oft in die Garniſon kommen und ich und meine Kame⸗ raden ſind luſtig mit ihm geweſen und was er ſagt, hat Händ und Füß gehabt, aber wir ſind Soldaten und haben nichts drein geredet. Jetzt haben wir auch Bücher und Schriften bekommen und auch geſcheite Rekruten, und da iſt's uns doch nach und nach aufgangen, wie's in der Welt ausſieht und eigentlich ausſehen ſollt'. Ich will euch da nicht weiter viel erzählen, ich bin in der Revolution Hauptmann geworden und hab's tauſendmal in Grund und Boden hinein verflucht; denn es hat Niemand kein Appell mehr haben wollen von den Gemeinen, und Lumpen⸗ pack, das nichts verſteht, hat immer drein reden wollen. Ich hab's nie recht glauben wollen, daß Tauſende von Ungarn und Franzoſen uns zu Hülfe kommen und, lieber Herr! ich hab ge⸗ meint, wenn einmal die Freiſinnigen am Ruder ſind, da wird Alles ſo friſchweg und ſo herzeinig gehen, daß es eine Freude iſt, aber jetzt, da hat keiner vom andern ein gut Wort geſagt. Verrä⸗ ther! Aufhenken! hat's immer geheißen. Wie ich geſehen hab, daß das mit der Freiheit ſo lang dauert draus ich e reiß die S er m der I den geleg ichr gewe bin ein! wie Noth feine und von gute geſch hei und Jieh Caſt und ſterb dauert, hab ich ſchon gemerkt, es wird nichts draus. Es geht da wie beim Fiſchfangen. Wenn ich einen ſtarken Barben an der Angel hab, reiß' ich ihn nicht gleich heraus, er zerreißt mir die Schnur; ich laſſ' ihn hin und hertreiben bis er matt iſt. Und ſo haben's die Fürſten mit der Freiheit gemacht. Die Preußen haben mir den Arm zerſchoſſen und ich bin in der Feſtung gelegen bis ſie übergeben worden iſt und weil ich nur einen Arm gehabt hab und ſonſt elend geweſen bin, haben ſie mich ſpringen laſſen. Da bin ich geſtanden, aber wohin jetzt? Ich war ein lediges Kind, da hab ich's aber doch gemerkt, wie ich heimgewachſen bin und bin hierher. Noth und Kummer überall und ich kann mir keinen Kreuzer verdienen. Ich hab's probirt und bin eine Zeit lang Hirt geweſen beim Herr von Thurn, drei Stunden von hier, er iſt ein guter Herr und hat mir noch einen Gulden geſchenkt, wie ich fort bin; ich hab's doch nicht bei ihm ausgehalten, ich wäre närriſch geworden und geſtorben vor langer Weile ſo allein beim Vieh im Feld. Ich bin ſieben Jahr in der Caſerne geweſen mit ſo viel hundert Menſchen und da jetzt ſo allein, und wenn ich Hunger ſterben muß, ich muß unter Menſchen ſein. Tauſendmal hab ich Gott gefragt, warum er mich nicht auch hat erſchießen laſſen; es kann mir keiner ſagen warum, und ſelber Hand an mich legen kann ich auch nicht. Ich bin jetzt wieder hier und verdiene mir meine Lebſucht mit Botengehen und Fiſchen. Ich bitt', nehmt mich zu euch.“ Eugen verſprach dem faſt Weinenden, ſein Möglichſtes zu thun. eine eine Br — Sechstes Rapitel. Am andern Morgen wurde Eugen durch einen Lärm auf dem Hausflur erweckt, er hörte einen heftigen Streit zwiſchen Lipp und der alten Brigitte, wobei es an ſaftigen Schimpfwörtern beiderſeits nicht fehlte. Lipp bewährte im Fluchen eine fertige Uebung vom Exerzierplatze her und pfiff dazwiſchen immer luſtige Parademärſche. Jetzt glaubte Eugen den Namen der Vittore zu hören mit dem Beiſatze:„ für die iſt ſo ein her⸗ gelaufener Krüppel zu ſchlecht, als daß ſie die Schuhe an ihm abputzt.“ Ein Schlag und ein Poltern folgte darauf, das bald durch ein Jam⸗ mergeſchrei übertönt wurde. Eugen ſprang raſch herzu und ſchlichtete den Streit, er verwies dem Lipp ſtrenge ſein Verfahren und ſagte der ſtets fortbelfernden Brigitte, er bedürfe ihrer nicht mehr und werde ihr morgen das Weitere ſagen laſſen. Nun ging's an ein neues Zetern. Mit Lärmen packte die Brigitte die Beſen und Bürſten zu⸗ ſammen, die ihr gehören ſollten; denn die alte Schulmeiſterin habe ſie ihr geſchenkt. Eugen war nicht gewillt, ſich von jedem, dem es beliebte, be⸗ 60 rauben und übertölpeln zu laſſen; mit Gewalt mußte er ſich ſein Eigenthum wieder erobern, und noch von der Gaſſe herauf hörte er die Brigitte, die bisher lauter gottſelige Worte im Munde geführt hatte, ſchimpfen und fluchen. Der ehedem willfährige und demüthige Dienſtbote ge⸗ räth nach der Entlaſſung leicht in eine kecke und gehäſſige Stimmung gegen den ehemaligen Dienſt⸗ herrn; es iſt als ob die willenloſe Abhängigkeit, die unterdrückte Selbſtbeſtimmung, jetzt aufſchnel— lend in ihr Gegentheil umſchlage.— In ſolchen Allgemeingedanken ſuchte ſich Eugen über die Miß⸗ ſtimmung zu erheben und es gelang ihm. Lipp war wunderbar anſtellig zu jeglichen Dienſtleiſtungen, ſeine ſchönen Zähne erſetzten ihm die faſſende Hand und als ihm Eugen lä⸗ chelnd zuſchaute, ſagte er:„Ein Vogel braucht ja auch ſeinen Schnabel wie eine Hand, warum nicht auch der Menſch?“ Wenn einem am frühen Morgen ein zän— tiſches Weib begegnet, giebts einen böſen Tag, vielleicht iſt doch etwas Wahres an dieſem Aber⸗ glauben. Als Eugen von ſeinem unabänderlichen mor⸗ gendlichen Spaziergange in die Schule kam, fand er von Lipp Alles wohlgeordnet. Ei ſol kö da 61 Der kleine Sanscülotte von geſtern trat während des Geſanges ein und blieb ſcheu zur Erde blickend, an der Thüre ſtehen. Eugen nickte ihm freundlich zu, denn die Knöpfe ſaßen wirklich an der rechten Stelle. Kaum war der Geſang beendet, als ein handfeſtes Weib in verwahrloſtem Anzuge hereinſtürzte und ehe noch Eugen zu Worte kommen konnte, ihn mit einer Fluth von Scheltworten übergoß. Erſt der äußerſten Strenge Eugens gelang es, dem Zetern und ausgiebigen Schelten Einhalt zu thun. Es ergab ſich nun, daß ſie die Mutter des Sanscülotten war, und dieſer hatte daheim berichtet, daß der Lehrer ge⸗ ſagt habe, ſeine Mutter müſſe ein„faules Schind⸗ luder“ ſein, da ſie ihm keine Knöpfe annähe. Ein unausſprechlicher Schmerz preßte die Lippen Eu⸗ gens zuſammen, als er dies hörte; er fragte den Knaben, ob er das wirklich von ihm gehört habe, aber keine Bitten, keine Drohungen halfen, man brachte keinen Laut aus dem Knaben heraus. Eugen betheuerte nun der Frau, daß ihm ein ſolches Wort nie in den Sinn gekommen ſei, er könnte die Kinder zu Zeugen anrufen, wenn er das nicht für unpaſſend hielte; für ihr Benehmen werde ſich aber die Mutter vor dem Schulcon⸗ vent verantworten müſſen. Die Frau wollte 5 62 nochmals aufbegehren, aber eine entſchiedene Handbewegung Eugens wies ſie aus der Thüre. Da ſtand nun der kleine Lügner und blieb trotz aller Mahnungen verſtockt und wortlos. Mit wehmüthigem Herzen erklärte Eugen allen Kin⸗ dern ſeinen Kummer, daß er heute ſchon ſtrafen müſſe und warnte und beſchwor ſie, ihm und ſich ſolch Leid nicht anzuthun. Er ſperrte daun den Sanscülotten in die leere Küche. Ein lügneriſcher Kindermund! Was giebt es ſchrecklicheres auf Erden? Und doch, wer kann ermeſſen, wie unſchuldig dieſes Kind an ſeiner Verſtoktheit iſt, wie es die Lüge thatſächlich vor ſich geſehen und preiſen hörte? Deine Betrübniß, daß du zum erſtenmale ſtrafen mußteſt, dürfen die anderen Kinder nicht fühlen— in dieſem Zurufe an ſich vermochte es Eugen ſich ſeiner Aufgabe mit erhöhtem Eifer zu weihen, und gerade weil ihm jetzt zum erſten⸗ male die Freude an ſeinem Berufe getrübt war, ſuchte er die Pflicht desſelben ſich um ſo gebie⸗ teriſcher zu vergegenwärtigen. Schon mehrmals hatte Eugen Lärm vor dem Hauſe gehört, er kehrte ſich nicht daran; jetzt hielt ein Wagen am Hauſe, der Lärm wurde lauter, Stephanie und Kronauer traten in die Schulſtube. Stephanie konnte vor Lachen nicht reden und Kronauer erzählte, droben auf dem Schornſteine ſtehe der Sanscülotte und ſchreie das Dorf hinab:„Der Lehrer hat mich in ſeine leere Küche geſperrt und will mich in Rauch hängen.“ Eugen eilte auf die Straße, aber kein Bitten und keine Drohungen halfen, der unbän⸗ dige Sanscülotte lachte ihn aus und kam nicht herab, bis ihn zwei Männer auf der von Lipp herbeigeholten Feuerleiter herabtrugen. Stephanie entſchuldigte ſich bei Eugen über ihr Lachen und es lag ein Herzton echten Wohlwollens in ihren Worten als ſie ſagte: „Folgen Sie mir und verlaſſen Sie dieſen Poſten, Sie ſind eher zum Forſtmann geboren und ich kann Ihnen eine ſolche Stelle geben.“ „Ich danke Ihnen. Sie haben eine Samm⸗ lung von Wahrſprüchen. Schreiben Sie auch das Wort dazu, das Demoſthenes den Athenern zuruft: Verlaßt den Poſten der Tugend nicht! Ich glaube, daß Tugend weſentlich nur gegen Menſchen geübt werden kann und nicht gegen Bäume und wilde Thiere.“ „Er iſt ein Athener und kein Corinther,“ ſagte Stephanie leiſe ſcherzend zu Kronauer und fuhr zu Eugen gewendet fort:„Sie ſind mehr 64 als tapfer. Bleiben Sie mir gut und wenden Sie ſich an mich, wenn ich Ihnen dienen kann.“ Mit dieſen Worten verließ ſie die Schule und ſchnell raſſelte der Wagen das Dorf hinaus. Kronauer blieb bei Eugen zurück und wieder wehte es Eugen kalt an, als er ihm ſtrenge Züchtigungen anrieth. Eugen wußte nicht, was er erwiedern ſollte und faſt unwillfürlich ſagte er, er wolle es durch Liebe verſuchen. Er ließ den Sanscülotten neben ſich an dem Pult ſitzen. Kronauer verließ ihn mit kurzem Gruße. des 6 Kaid Han ſich Bei war Ma fann Mil ſäuft hrich ſie n zwei ſtun Luſt eine er d wid als und hat Siebentes Rapitel. Am Mittage fand Eugen über die Familie des Sanscülotten nachſchlagend folgende Worte Kaidl's in dem Kaffernbuche:„Melchior Kölblin, Hanstaps, ſogenannter Gemüthsmenſch, trinkt ſich beim Sonnenwirth eine große Zeche an's Bein und muß ſich nun von ihm eine arme Ver⸗ wandte aufſchwätzen laſſen, die bei ihm Frau Magd war; das iſt eine Rippe, Pochel genannt, kann zehn Regimenter gegen einander hetzen, Münchhauſen ein Stümper im Lügen gegen ſie, ſäuft, der Mann nimmt die Kellerſchlüſſel, ſie bricht die Latten auf, er trifft ſie und prügelt ſie mit den Latten durch; gehen Sonntags ſtets zweimal in die Kirche, manchmal in die Bet⸗ ſtunden.“— Eugen ſchlug das Buch zu, er hatte Luſt, es dem Feuer zu übergeben; war er ja in einer Colonie der verruchteſten Menſchen, wenn er dieſen Worten glaubte, ja nur eine Beachtung widmete. Er verſteckte indeß das Buch ſchnell, als der Sonnenwirth zu ihm an den Tiſch trat und von der Sitzung heute Abend ſprach. Eugen bat um ſeine Unterſtützung in der Angelegenheit 5 Lipp's und erhielt Zuſage, aber die beharrliche Weigerung, ſelber einen Antrag darauf zu ſtellen; der Sonnenwirth behauptete, da Eugen einmal die Sache dem Schultheiß vorgetragen, dürfe ſie kein anderer vorbringen, er ſpielte noch darauf an, daß Eugen den Lipp hätte bei„ſeiner Ba— ronin“ verſorgen ſollen; die Ablehnungen Eugens wurden mit Lächeln erwiedert. Der herzliche Ton Stephanie's widerklang in den Ohren Eugen's. Giebt es eine Freiheit der Seele, die nur den freiherrlich Gebornen und Gebildeten möglich iſt?... Wer kann die dunkeln Wurzelverbindungen hell aufdecken, die Eugen jetzt plötzlich von dieſem Gedanken auf Vittore hinleiteten. Wie im Traume ein Bild erſteht, deſſen Erinnerung das wache Auge nur geſtreift, ſo tauchte jetzt die Geſtalt Vittore's vor ihm auf. Wie lange hatte er ſie nicht geſehen, und ſein ſchnelles Athmen mußte ihm ſagen, daß er ſich nach ihr ſehne. Sie lebte da draußen, weitab vom Dorfe, ſtill wie die Blumen des Gartens dort auf ihrem Grunde ſich ſelbſt ge⸗ nügend weiter blühen, allzeit bereit, das Auge des Kommenden zu erfreuen. Die alte Brigitte hatte dem Lipp vorgeworfen, daß er die Vittore liebe. Armer Lipp! ( Eugen füſt n dem er ge denke ſo ſt ſchon ſtill nur möc ein über Rech zu n Herz muß fam der abzo men Lor, beſt ver verk Im Hinausgehen nach der Mühle fühlte Eugen, daß er ſich nach der trefflichen Mutter faſt noch mehr ſehnte, als nach der Tochter; in dem Herzen, deſſen Wohlthun Alle prieſen, war er gewiß unvergeſſen. Was mußte ſie von ihm denken, daß er die treuherzige Zuvorkommenheit ſo ſchnöde vergaß? Als er die Mühle ſah und ſchon das Rauſchen des Baches hörte, ſtand er ſtill und ſagte ſich in Selbſtanklage, daß er doch nur zwiſchen Stephanie und Vittore vergleichen möchte, ja er glaubte zu entdecken, daß er durch ein Anſchließen an Vittore das alberne Gerede über Stephanie ablenken wolle. Du haſt kein Recht, ein ſchuldloſes Weſen zum deckenden Schilde zu machen; es iſt frevleriſches Spiel mit deinem Herzen und mit fremdem zund dein ganzes Herz muß deinem Berufe geweiht ſein. Langſamen Schrittes kehrte Eugen um. Lipp kam ihm entgegen mit einem andern Burſchen, der auffallenderweiſe ſchon von ferne die Mütze abzog und ſeine kräftige Geſtalt ſeltſam zuſam⸗ menkauerte. Lipp brachte nun deſſen Anliegen vor, das im Geſuch um das Ortsbürgerrecht beſtand, wofür ſich Eugen in der heutigen Sitzung verwenden ſolle. Der Burſche mit einem etwas verkniffenen Anlitze und liſtigen grauen Augen 5* ſprach faſt kein Wort, ſondern beſtätigte nur die Ausſagen Lipp's, und Eugen mußte lächeln, daß man Lipp ſchon als ſeinen befürwortenden Kammerherrn anſah. Die Mittagsſchule ging mit Schreiben der Erwachſenen hin, Eugen lehrte die Kleinſten buchſtabiren; er that dies mit einem beſonderen Behagen, denn nicht nur erfreute ihn das poſitiv ſichtbare Wachsthum, das hier deutlicher vor Augen lag als bei höheren Gegenſtänden, er fand noch einen beſonderen inneren Triumph darin, ſich an den mühſamen Aufbau von unten zu gewöhnen, wie er ſich überhaupt vorſetzte, das was erſt in entfernter Verbindung mit der freien Geiſtesentfaltung ſtand, um ſo unverdroſ⸗ ſener und hingebender zu behandeln. Die höheren Anregungen ſind der freie Duft der entfalteten Pflanze, das fröhliche Einführen der Ernte. Wie jetzt draußen in der herbſtlichen Natur, ſo iſt hier in der Schule Ernte und Ausſaat neben einander. In der Rathsſtube dauerte es lange bis die Gemeinderäthe ſich verſammelt hatten und als ſie endlich vollzählig waren, gab es noch viel Gerede darüber, wer eine Kuh, ein Schwein oder ein Pferd auf die große Viehausſtellung nach Sich ſagte Mir habe mun reiſe mit Ka die Jol zwe Am Ma Hät Der ſchn gen get auf wol ger ſie nich red ſie 69 nach der Reſidenz ſchicke; dann wurden andere Sachen vorgebracht, bis endlich der Schultheiß ſagte:„Wir wollen in Gottes Namen anfangen. Mir iſt's lieb, daß das erſte was wir zu thun haben für das Gotteshaus iſt.“ Er erklärte nun, daß der Pfarrer ihn noch vor ſeiner Ab⸗ reiſe daran gemahnt habe, daß das Kirchendach mit glaſirten Ziegeln neu gedeckt werden müſſe. Nach vielem Hin- und Herreden wurde beſchloſſen, die Arbeit im Abſtreich zu verſteigern und fünf Jahre Gewährſchaft aufzudingen. Nun kam die zweite Sache. Es war ein Anſchreiben vom Amt da. Der Kloſemichel— der Vater des Mareile, wo Eugen vor wenigen Tagen die Händel geſchlichtet hatte— ſollte vergantet werden. Der Schultheiß erklärte, daß er dazu nicht ſo ſchnell bereit ſei; man müſſe einen Vergleich zu gewinnen ſuchen. Der Kloſemichel wurde herein⸗ gerufen und ſagte, daß er nicht anders Geld aufbringen könne, als durch eine Hypothek, dieſe wolle aber ſeine Frau nicht; die Frau wurde gerufen und weinend klagte ſie, daß ſie, ſo gerne ſie möchte, ihr Zugebrachtes wegen der Kinder nicht auch noch auf's Spiel ſetzen könne; ſie redete kein Wort von den Mißhandlungen, die ſie ausſtehen müſſe, und Eugen ſah ſie darob mit leuchtenden Blicken an. Man gab dem Schultheiß Vollmacht, die Sache zu ordnen. Nun kam die Angelegenheit der Anſäſſigmachung, es nahm ſich Niemand des Burſchen an, als der Kirchbauer, bei dem er Knecht war; ſelbſt die Kirchbäuerin mußte ſich von einer Sache, deren Ausgang ſehr zweifelhaft war, losgeſagt haben, denn der Rainbauer ſchwieg trotz der wiederholten Aufforderung des Vetter Kirch⸗ bauers. Eugen erlaubte ſich zaghaft, dieſen zu unterſtützen, das Geſuch wurde aber verworfen; man habe Leute genug, die der Gemeinde auf dem Buckel liegen und jetzt erfuhr er, daß dies derſelbe Knecht ſei, der den Bachmüller bei den Gerichten angegeben hatte. Mit einſtimmigem Ja wurde dagegen des Rainbauern Karle die Heirathsbewilligung gegeben. Eugen ſaß zum erſtenmale in einem be⸗ rathenden Collegium und mit getheilter Empfin⸗ dung ward er inne, wie hier die Selbſtgewißheit der Ueberzeugung eine harte Probe zu beſtehen habe. Der Sonnenwirth winkte Eugen und dieſer brachte nun das Anliegen Lipp's vor, aber Alles ſchrie wider ihn, man habe dem faulen Burſchen die Stelle eines Gänſehirten geben wollen, warum mic vor bel habe er ſie nicht angenommen? Man dürfe den Leuten, die hier freiwillig ausgezogen und denen man's verſprochen habe, nichts geben, wie komme der Lipp dazu. Eugen erkannte an manchem Blick und Wort, wie übel er gethan, ſich dieſer Sache anzunchmen. Mit den Kindern in der Schule war es ihm leicht geworden, eine Methode zu gewinnen, hier ſchien es ſchwerer. Als die Sitzung geſchloſſen und Eugen als Rathsſchreiber die Abfaſſung mehrerer Schriften aufgegeben war, begleitete ihn der Sonnenwirth und ſagte: „Ich hab euch gewinkt.“ „Ich hab es ja auch vorgebracht, ihr habt mich aber nicht unterſtützt.“ „Ich hab euch ja gewinkt, ihr ſolltet's nicht vorbringen.“ „So? Da hab ich's falſch verſtanden. Ich behalte den Lipp nun doch.“ „Wie ihr wollt, ihr ſeid euer eigner Herp Achtes Rapitel. Kronauer hat zwar verſprochen, Unterwei⸗ ſung in der Rathsſchreiberei zu geben, aber der Bachmüller war ja zehn Jahre Schultheiß, er wird die praktiſche Anleitung mit minder gönne⸗ riſcher Anmaßung geben. In dieſem Vorſatze treffen wir Eugen Abends in der Mühle. Die Müllerin und Vittore ſaßen auf der Bank vor dem Hauſe und waren damit beſchäftigt, Welſch⸗ korn⸗Kolben(Mais) auf lange Bindfaden zu heften und Eugen ließ ſich's nicht nehmen, auf die Leiter zu ſteigen und mit Nagel und Hammer die ſchön aufgereihte gelbe Frucht ſo aufzuhängen, daß ſie faſt die ganze Vorderſeite des Hauſes bedeckte. Er brachte das Abwehren der Frauen erſt dadurch zum Schweigen, daß er ſagte: er wolle ſich ein Abendbrod bei ihnen verdienen. Es muthete ihn gar erquicklich an, daß er dieſen Menſchen wiederum bei der Arbeit hülfreiche Hand bieten konnte. Noch mehr als vereintes Wandern über Berg und Thal einigt gemein⸗ ſame Arbeit, es iſt, als ob in dem ſo Be⸗ ma hab ger thu not vo zw 12 wirkten die vertheilte Kraft des Daſeins ſich elektriſch begegnete und faßte... Du ſtehſt hoch auf der Leiter vom Boden der Alltäglichkeit weg, ſagte ſich Eugen in dieſem Sinnen. Als er nun fertig war und Vittore ihre Freude an den zier⸗ lichen Wellenlinien und Figuren ausdrückte, die er aus den Kolbenkränzen gebildet hatte und dankend hinzuſetzte:„Siehſt Mutter wie ſchön er's gemacht hat? Aber unſre Arbeit iſt doch auch dabei,“ da zuckte Eugen unwillkürlich zuſammen; war das nicht die Fortſetzung ſeiner Gedanken auf der Leiter? Die Mutter warnte Vittore, ſie ſolle Nie⸗ manden ſagen, wer die Kornkränze aufgehängt habe, indem ſie ſchloß:„und laß dich's nicht gereuen, wenn wir die ſchönen Figuren da ab⸗ thun und verbrauchen müſſen.“ „Kein bisle, ich eſſ' einen ſchönen Apfel noch viel lieber, weil er ſchön iſt, das iſt brav von ihm, daß er das Aug erfreut; aber er iſt doch zum Eſſen da,“ erwiederte Vittore, holte zwei Aepfel aus einem danebenſtehenden Korbe, reichte einen davon Eugen und verſpeiſte ſelber den ihrigen mit ſchmatzendem Behagen. Es ſprach Eugen wieder freundlich an, wie dieſes freie Weſen in geſunder Freude am Schönen 74 ſich weit über die Nipptiſchwelt erhob, die ſich neben dem rein Geſchmackloſen mit gebrauchloſer Schönheit umgiebt. Gewiß war hier auch die innere Welt der Gedanken und Empfindungen nicht blos Spielerei des Nipptiſches. Indem er den Apfel von Vittore empfing, ſagte er ſcherzend: „Ihr könntet Eva heißen und das der Apfel vom Baume der Erkenntniß.“ „Bei uns heißt man dieſe Aepfel Schaf⸗ naſen,“ entgegnete Vittore laut lachend,„heißet ihr mit dem Taufnamen Adam?“ „Nein, ich heiße Eugen,“ erwiederte dieſer ebenfalls herzhaft lachend. Die Müllerin, die den Korb mit Aepfeln aufgenommen hatte, ſtellte ihn plötzlich nieder und ſchaute nach den Lachenden um. Eugen konnte ſich nicht enthalten, nochmals über das Welſchkorn zu ſprechen und die Be⸗ trachtung daran zu knüpfen, daß dieſe fremd⸗ ländiſche Frucht hier ſo gedeihe und wie ſehr es zu wünſchen ſei, daß die Früchte fremden Geiſtes auch immer ſo willigen Boden fänden. „Man kann das Welſchkorn auch nicht überall pflanzen,“ entgegnete Vittore,„es braucht kräftigen Boden und genaue Arbeit und wird in man da ſ Ande Pet jede Vit riſſ Gr auf und ſch Eu ſch ve 75 manchen Gegenden gar nicht reif; aber was ihr da ſaget, iſt grad' wie aus den Stunden der Andacht.“ „Leſet ihr das Buch?“ fragte Eugen. „Ja, wir haben's eigen, und Winters am Abend und Sommers am Sonntag leſen wir jedesmal darin.“ Man hörte jetzt ein Poltern im Stall, Vittore eilte dahin, Eugen folgte ihr. „Ho ho!“ rief Vittore,„haſt dich losge⸗ riſſen? Ruhig!“ Sie faßte ſchnell einen kräftigen Grauſchimmel, der bei ihrem Rufe die Nüſtern aufblies, am Halfter, drängte ihn in ſeinen Stand zurück und band ihn wieder feſt. Aus dem Kuhſtall hörte man ein Brummen. „Sie haben mich gehört,“ ſagte Vittore und ging zu den Kühen. Alle fünf wendeten ſich nach ihr. „Verſeht ihr ſelber das Vieh?“ fragte Eugen. „Nein, aber ich habe die Aufſicht. Die ſchwarze da mit den hochſtehenden Hörnern, die verſteht jedes Wort. Nicht wahr, Amſel?“ „Haben die anderen auch Namen?“ „Freilich. Die Scheck heißt Fleckle, die da Stern und daß das ein Bleß iſt, ſeht ihr, die graue da heißt Muskate, des Kronauers Anni hat ſie ſo genannt, die verſteht, wie man die 5 Thiere behandeln muß.“ 6 Kn Vittore freute ſich ſehr, als Eugen ihre.. Fütterung lobte, indem er aus einem Faſſe eine iſ Handvoll mit Kleie angebrühten Häckſels nahm. ſe Sie führte dann Eugen auf ſeine Bitten durch fid das ganze Hausweſen bis hinauf zu dem Tau⸗ hein benſchlage. Ueberall herrſchte Sauberkeit und hu feſte Ordnung. Das Haus war noch eines jener altväteriſch behäbigen mit unbarmherzig jetz ſteilen Treppen und verſchwenderiſchem Flur, keh die Fußböden waren nur gebrettert, ſo daß und Schritt und Tritt jedes Einzelnen im ganzen bart Hauſe gehört wurde. wat Vittore war ganz glücklich, daß Eugen ſich dur am Einblicke ſolch eines ganzen vollen Lebens erfreute; ſie berichtete, daß der Vater trotz aller ged Mahnungen nicht neu bauen wolle und beant⸗ wortete dann alle Fragen Eugens bündig und ich beſtimmt; vieles Weitergehende war ihr unbe⸗ ger kannt, aber was ſie wußte, wußte ſie ganz; ma ſie nahm die Belehrungen Eugens ebenſo unbe⸗ fangen hin, als ſie die ihrigen mittheilte. Solch ein Hausweſen kennen lernen iſt, wie Bl ein mit Bedacht geſchaffenes harmoniſches Kunſt⸗ werk in wenigen Stunden in ſich aufnehmen, und iſt es nicht auch für ſich betrachtet ein Kunſtwerk? Dieſen Gedanken ſuchte Eugen mit mög⸗ lichſter Umſchreibung Vittore klar zu machen, ſie ſchien ihn nicht zu faſſen und nickte erſt zu⸗ frieden, als er hinzuſetzte, er fühle ſich jetzt hier heimiſch, da er das ganze Leben und Weben im Hauſe kenne. Als die Beiden in die Stube traten, die jetzt ſchon geheizt war, däuchte es Eugen, er tehre mit Vittore von einer großen Reiſe zurück und als habe ſie ihm ſtille Geheimniſſe geoffen⸗ bart, während ſie ihm doch nichts geſagt hatte, was man nicht Jedem und überall mittheilen durfte. Auch Vittore mußte noch weiter über Eugen gedacht haben, denn ſie ſagte: „Uebermorgen backen wir, kaufet Mehl und ich will euch euer Brod backen; ihr kommet billi⸗ ger dazu und krieget's beſſer als vom Bäcker, der macht es immer zu naß und ſchwer.“ Eugen bejahte. Die Müllerin ſprach faſt kein Wort, ihr Blick ruhte beſtändig auf Eugen und dieſen durch⸗ ſchauerte es mehrmals, als er dem Strahle ihres 78 Auges begegnete, eine Ahnung ſtieg wieder in ihm auf und überglühte ſeine Wangen; aber iſt nicht Vittore juſt auf den Tag in gleichem Alter mit ihm? Um ſeine Befangenheit los zu werden, öffnete Eugen das Klavier, er bat Vittore zu ſpielen, aber mit ſchmerzvoll niebergeſchlagenem Blicke ſagte ſie, das Klavier ſei ein Erbſtück des Großvaters, der auch Schulmeiſter geweſen ſei, ſie habe von ihm zwar ein wenig darauf ſpielen gelernt, aber ſeit fünf Jahren, ſeit ihrem Unglück habe ſie nie mehr geſpielt. Das letztemal habe es der Bernhard von Trenzlingen aufgemacht und ſie hätten dazu geſungen. Eugen war be⸗ troffen von dem, was er hörte: von einem Un⸗ glück, vom Bernhard, aber ſchnell gefaßt ſpielte er die Weiſung des Liedes, das ſie einander unſichtbar gepfiffen hatten und Vittore ſchaute verwundert drein, als er die Weiſung varitrte und ſie aus allerlei ſeltſamen Wendungen bald getheilt, bald ganz hervorſpringen ließ. Die Müllerin hatte während deſſen den Abendtiſch hergerichtet und kaum ſchlug die Schwarz⸗ wälder Uhr an der Wand und ſchrie es Kukuk in dem Gehäuſe, als der Bachmüller eintrat; ihm folgten zwei Mühlknappen und zwei Knechte ſo wi und reicht die Liſch Unſt hauſi ten hezei der auf 0 ſo wie die Magd, die eine große Schüſſel trug und auf den Tiſch ſtellte. Der Bachmüller reichte Eugen die Hand, dann faltete er ſchnell die Hände, betete vor und man ſetzte ſich zu Tiſche. Die Bachmüllerin hatte wegen Eugens keine Umſtände gemacht wie die Frau Lehnert in Röth⸗ hauſen, und doch mundeten Eugen die„gebrägel⸗ ten Spätzle*)“ faſt noch beſſer. Es konnte als bezeichnend für das Eheleben hier gelten, daß der Bachmüller ſich nichts herausſchöpfte. Als er aufgegeſſen hatte und die Bachmüllerin ihn fragte: „Willſt noch Anton?“ erwiederte er den Teller hinhaltend: „Ja, wenn ich noch was bekomme.“ Eugen brachte während des Eſſens ſein An⸗ liegen vor, daß ihm der Bachmüller Anleitung zur Abfaſſung der Schriften geben möge, er habe mehrere Schuldklagen zu beantworten und— der Bachmüller ſchnitt ihm das Wort ab und ſagte, er ſolle damit warten bis nach dem Eſſen; er habe ſchon gehört, daß er auch den Schultheiß beim Eſſen mit allerlei überlaufen habe, das gehe hier zu Lande nicht. *) Eine in Fett gebackene oberdeutſche Mehlſpeiſe. Eugen hatte ſich auf ſeine Menſchenkenntniß etwas zu Gute gethan, er wußte, daß nichts die Menſchen ſo freundlich ſtimmt als wenn man ſich von ihnen unterweiſen läßt, er wollte ſich dadurch den Bachmüller geneigt machen; jetzt ſah er zu ſeinem Leide, daß er durch unzeitiges Vorbringen dieß geſtört habe. Er lenkte auf einen andern Gegenſtand über und ſprach davon, daß man gar kein Lied mehr auf der Straße höre, da rief der Bachmüller den Löffel auf den Tiſch werfend: „Ja und wenn's weiter nichts geweſen wäre als das, ſchon darüber hätte das Volk, wie man's nennt, Mord und Todſchlag anrichten dürfen. Die Pfaffen und Beamten haben das Singen verboten und bald wird kein Menſch mehr ein Lied kennen; in Tyrol hab ich mir ſagen laſſen, haben die Pfaffen ſchon alle Lieder ſtumm gemacht. Wenn die Herren könnten, den Vögeln in der Luft thäten ſie das Singen ver⸗ bieten; die Unterthanen ſollen wie die Hühner und Gänſe ſtumm ſein und ſich rupfen und freſſen laſſen.“ „Mann, ſei ruhig“ rief die Müllerin dem Aergerlichen zu, dem alles Blut zu Kopfe ge⸗ ſchoſſen war, ſo daß ſeine Stirne glühte„ſei nhig dich hört, iſt?“ cülot bzu iſt, ver Vei den 81 ruhig, es thut dir doppelt nicht gut, wenn du dich beim Eſſen ärgerſt.“ „Haſt recht, ja. Habt ihr auch ſchon ge⸗ hört, daß die Pochel heut über'm Lehrer geweſen iſt?“ Er erzählte nun das Eindringen der Sans⸗ cülotten⸗Mutter. Die Bachmüllerin ermahnte Eugen nur nicht abzulaſſen, indem ſie ſagte: „Wenn die Diſtel im Ackerfelde noch klein iſt, kann man ſie ausjäten und es ſchadet dem Korn nichts, ſpäter geht's nicht mehr und ſie verdirbt das Korn.“ „Du gehſt nicht weit über Land nach deiner Weisheit,“ ſcherzte der Bachmüller. Man ſtand heiterer vom Tiſch auf, als es den Anſchein gewonnen hatte. Meuntes Rapitel. Nach dem abermaligen Gebete ſchickte der Bachmüller Frau und Tochter aus der Stube fort und ſagte nun Eugen, er möge ſeine Sache vortragen, indem er ihn noch ermahnte, nie vor irgend Jemand von ſolchen Angelegenheiten zu ſprechen; als Rathsſchreiber könne er die ganze Gemeinde in der Hand haben, beſonders die in Prozeſſen und Klagen ſtecken und die meiſt die loſeſten ſeien; wiſſe man nun ſeine Verſchwiegen⸗ heit, ſo werde ihm Jeder zu Gefallen zu leben ſuchen, damit er nichts über ihn verrathe. Eugen dankte aufrichtig für dieſe Erinnerung und bat um Entſchuldigung, daß er ihn mit Sachen be⸗ hellige, die ihm doch verleidet ſein müſſen. Der Bachmüller erklärte, daß er ſich durch die Regie⸗ rung ſein Leben nicht verbittern laſſe, ſie habe ihm weder Leben noch Ehre gegeben und könne ſie ihm auch nicht nehmen; er laſſe ſich über⸗ haupt von Nichts und von Niemanden zur Ver⸗ zweiflung bringen. Wie erfriſchenden Athem ſog Eugen dieſe 83 Worte ein: ja, auf der Volksſchichte, die nie verzweifelt, ruht unſre letzte Hoffnung. Das Phlegma, das wir in heißen Kampfestagen oft verwünſchen, iſt es doch wieder, was Einzel⸗ menſchen und ganzen Völkerſchaften die Kraft der Ausdauer verleiht. Eugen ſuchte nach den Worten, um dieſe Gedanken in„klein Geld“ zu verwechſeln, es kam nicht dazu. Aus der Küche vernahm man vierſtimmigen Geſang: „Das ſind meine Weibsleut und die Knechte,“ ſagte der Müller und gab, während es draußen immer heller klang, dem Lehrer die trefflichſten Anweiſungen. Als dieſe zu Ende waren, nahm der Bachmüller die Zeitungen auf, die während des Geſpräches ein Knecht mit einem Gruße von Kronauer gebracht hatte. Schon fernhin ſichtbar waren manche Stellen einfach und manche doppelt angeſtrichen. Mit Klagen über den engen und kleinen Druck holte ſich der Bachmüller ſeine Vergrößerungsbrille und ſagte, er würde den Lehrer bitten, ihm vorzuleſen, wenn er ſich nicht denken könnte, daß ſeine Zunge müd ſein müſſe. Eugen bejahte und nahm das dargereichte Bei⸗ blatt, er heftete den Blick auf die Zeilen, aber er las nicht, denn draußen wurde geſungen: 6* 84 Ein Ding liegt mir im Sinn, Für Elend möcht' ich weinen, Wenn ich'denke, was ich bin. Was batt mich ein neues Haus, Darinnen thut's köſtlich wohnen? Man trägt mich bald heraus. Was batt mich ein neuer Tiſch, Darauf iſt gut Eſſen und Trinken? Es währt aber nicht lange mit mir. Was batt mich ein neues Kleid, Mit Hoffarth thu ich's tragen? Nach Hoffarth kommt groß Leid. Was krieg ich mit auf meine Reiſ'? Nichts als vier harte Dielen, Dazu ein weißes Kleid. Was krieg ich unter meinen Kopf? Nichts als ein paar Hobelſpäne— Da liegſt du armer Tropf. Eugen gedachte ſtill, wie ſo ſeltſam die Menſchen mitten im Behagen des Seins ſich das Ende vorrufen, wol um dann befreit ſich des Lebens zu erquicken. Der Bach müller ſagte aufſchauend: „Sonſt lieſt mir meine Vittore oder die Mutter vor, aber es iſt gut, daß ſie heut ein⸗ mal ſingen. Seht, da ſteht was, worüber ich heut mit dem Kronauer geſtritten hab; er iſt bös auf den Advokat B., der auf ſein Ehrenwort aus dav rich Fei und der ich zu brr ab a i aus dem Unterſuchungsgefängniß entlaſſen, ſich davon gemacht hat, der Kronauer ſagt: das richtet die Welt zu Grund, man muß auch dem Feinde Wort halten. Ich aber ſag: Alles gut und ſchön, aber ich kenn' den B. vom Landtag, der giebt ſein Herzblut für die Menſchen hin, ich weiß, wie weh es ihm gethan hat, ſein Wort zu brechen, aber hat man's uns nicht auch ge⸗ brochen? Die Zeitung da ſpricht wie der Kronauer, aber noch viel ſchärfer und mit Schimpfworten auf die Liberalen.“ Eugen war eben daran, dem Kronauer recht zu geben und darzulegen, daß man ſich durch Schlechtigkeit Anderer nicht dürfe verderben laſſen, da hörte er draußen Vittore ſagen: „Mutter, heut ſinget mir zu lieb mit das Lied von des Pfalzgrafen Tochter.“ Sie ſtimmte mit ſchöner Diskantſtimme an und alle Anderen fielen ein: Es wohnt ein Pfalzgraf an dem Rhein, Der hatt' drei ſchöne Töchterlein. Zwei Töchter früh heirathen weg, Die dritte hat ihn in's Grab gelegt. Dann ging ſie ſingen vor Schweſter Thür: „Ach, braucht ihr keine Dienſtmagd hier?“ „Wer draußen, wer draußen vor meinem Thor?“ „Es iſt eine arme Dienſtmagd davor.“ ——— — „Eine arme Dienſtmagd, die wollen wir nicht, Die ißt unſer Brod, die brennt unſer Licht.“ „Eine arme Dienſtmagd bin ich zwar, Doch will ich nur trockne Rinden fürwahr.“ „Ei Mädchen, du biſt viel zu fein, Du gehſt gerne mit den Herrelein.“ „Ach nein, ach nein, das thu ich nicht, Meine Ehre mir viel lieber iſt.“ Sie dingt das Mädchen ein halbes Jahr, Sie dient bei ihr wol ſieben Jahr. Und als die ſieben Jahr ume war'n, Das Mädchen fing zu kränkeln an. „Ach, Mädchen, wenn du krank willſt ſein, So ſag, wer deine Eltern ſein.“ „Mein Vater war Pfalzgraf an dem Rhein, Meine Mutter iſt Königs Töchterlein.“ „Ach nein, ach nein, das kann nicht ſein, Sonſt wär'ſt du mein jüngſtes Schweſterlein.“ „Und wenn du mir's nicht glauben willſt, So geh nur an meine Kiſte hin. Und lug, was droben geſchrieben ſteht, Da kannſt du's mit den Augen ſehn.“ Und als die Kiſte aufgebrochen war, Da liefen ihr die Thränen die Backen'rab.. „Ach, Mädchen, hätt'ſt du's ſchon lang geſait, In Seid' und Sammt hätt' ich dich kleidtt. Ach bringt mir Weck, ach bringt mir Wein, Es iſt mein jüngſtes Schweſterlein.“ ri Weg, weg mit Wecken und weißem Wein, „W Will nur ein kleines Särgelein. Macht mir mein Todesgräbelein, Darin will ich begraben ſein.“ Träumeriſch verſunken hörte Eugen dem Liede zu. Ja, das alte Volkslied dichtet noch von irrenden Königskindern; der Gegenſatz iſt gar zu lockend: Menſchen, die ſtets ſorglich be⸗ hütet und willfährig bedient waren, nun auf ſich ſelbſt geſtellt und Anderen dienſtbar zu ſehen und dazu dieſe ſtille Selbſtverläugnung bis zum Tode... „Der Graf Falkenberg,“ rief plötzlich eine Stimme und eine Hand legte ſich auf die Schulter Eugens. „Ja. Was wollen Sie? Was ſoll's?“ rief Eugen haſtig aus dem Traum erweckt. „Was habt ihr? was zittert ihr ſo?“ fragte der Bachmüller ruhig, der neben ihm ſtand,„nichts will ich, ich hab' euch nur ſagen wollen, daß der Graf Falkenberg zum Tode verurtheilt iſt, da ſteht's, gebt mir euer Blatt, ich will die Zeitung wegthun.“ Eugen riß das Blatt an ſich und las— ſein eigenes Todesurtheil, ſeine Hände zitterten doch, er drückte ſich mit der Hand die Augen 3 zu, als er das Blatt zuruͤckgab. 88 „Jetzt iſt mir's lieb, daß ich die Zeitung allein geleſen hab',“ ſagte der Bachmüller,„meine Frau, ich will ſagen die Weibsleut, hätt's doch wieder grauſam erſchreckt. Das Todesurtheil iſt doch nur ein Schuß, den die Wache dem Entſprunge⸗ nen nachſchickt, der längſt aus der Schußweite iſt; aber ich kann's nicht leugnen, es hat mich doch auch geſchüttelt und euch auch, wie ich ſeh, ihr ſeid ja ganz kreideweiß. Habt ihr den Grafen Falkenberg gekannt?“ „Ja, ja wohl,“ ſagte Eugen ſtotternd. „Ihr müſſet mir ein andermal, wenn wir allein ſind, davon erzählen,“ ziſchelte der Bach⸗ müller noch ſchnell, während Mutter und Tochter in die Stube traten. Eugen hörte kaum, wie der Bachmüller ſeine Frau über ihr trauriges Ausſehen ſchmälte; ſie hätte der Vittore nicht nachgeben und nicht ſingen ſollen. Eugen verließ raſch das Haus. Vie ſch fich ſpro Wo Du odet Zehntes Rapitel. ite Im nächtlichen Streifen durch Feld und— . Wieſe war es Eugen immer, als hörte er hinter ſich dreinrufen: Zum Tode verurtheilt! Ent⸗ fliechen? Du haſt erſt heute das Wort ausge⸗ ſprochen: Verlaßt den Poſten der Tugend nicht. Was iſt denn jetzt mehr geſchehen als ehedem? Du kannteſt deine Verurtheilung, ob zu Tod oder tödtendem Kerker. Beſſer der Tod.. Der Herbſtwind brauſte über die Flur, pflückte welke Blätter von den Bäumen und riß ſie rauſchend fort und durch die Gedanken ht Eugens klang eine Strophe des Liedes: Was krieg ich mit auf meine Reiſ'? Nichts als vier harte Dielen, Dazn ein weißes Kleid. Die Welt iſt untergeſunken, Alles todt, aus jagenden Wolken blicken glitzernde Sterne auf und Sternſchnuppen fliegen hin und her und verſchwinden... Ich halte feſt, und freu⸗ diger als das Sterben auf dem Schlachtfelde grüß ich dich, o Tod, hier auf meinem Acker⸗ 90 felde, wo ich junge Menſchenherzen erwecke und bilde, und fällt das Beil, das über mir ſchwebt, mein Tod wirkt Leben in den Herzen hier und weiter hinaus. Ich halte mich nicht zu klein, als Martyrer in die Schranken zu treten mit allen Blutzeugen des Glaubens. Eugen kehrte gefaßt und froh in das Dorf zurück. Am erſten Hauſe vernahm er den Sang des Nachtwächters: Hört ihr Herren und laßt euch ſagen: Unſre Glock hat eilf geſchlagen. Eilf iſt der Apoſtel Zahl, Die da lehrten überall. Ja, ihr frommen Helden, unter ſtändigen Todesgefahren habt ihr eure Wahrheit verkündet; unſre Wahrheit weicht euch nicht am Muth ihrer Bekenner. Giebt es keine vollkommene Wahr⸗ heit, ſo iſt doch der freudige Tod einziges und höchſtes Zeugniß der innern Wahrhaftigkeit und die Wahrhaftigkeit macht uns frei⸗... Der Nachtwächter grüßte verwundert den ſpätwandelnden Eugen und dieſen ſtörte es nicht im geringſten, in dem Manne, deſſen Zuruf ihn nun ſchon zum zweitenmale in's Herz hinein ge⸗ troffen hatte, den Kloſemichel zu erkennen. Die Mahnung bleibt in ihrer Kraft und käme ſie aus oder Munt noch und lieb, ſchla Euz ihm er gede was deut hobe Uy auch frie kein mir liel daf wi nic 91 aus der Betrachtung von Pflanze und Thier oder aus einem ſeiner Menſchenwürde vergeſſenen Munde. „Ich hab' gemeint, ihr ſtudiert noch, es iſt noch Licht im Schulhaus,“ ſagte der Kloſemichel und Eugen eilte nach Hauſe. Es war ihm lieb, daß noch ein Menſch ſeiner harrte. Der ſchlaftrunkene Lipp war ganz glückſelig, daß Eugen ſtatt ſeine Eindringlichkeit zu ſchelten, ihm freundlich die Hand reichte und ſagte, daß er immer bei ihm wohnen könne. Durch Lipp gedachte Eugen jetzt der Vittore und fragte, was der Vorwurf der Brigitte gegen ihn be⸗ deute und welches Unglück denn Vittore gehabt habe. „Das kann ich Alles genau berichten,“ ſagte Lipp,„ich will's nicht leugnen und ich kann's auch nicht, daß ich die Vittore gern hab; von kriegen kann ja kein' Red ſein, daraus wird ja keinmal und nimmermehr etwas; deßwenen kann mir's aber doch Niemand wehren, daß ich ſie lieb hab. Ich hab mir's ſchon oft gewünſcht, daß ſie auch arm wär wie ich, aber das wär wieder letz; dann hätten wir ja beide nichts und nichts iſt gut für die Augen, ſagt das Sprich⸗ wort, und ſo geht mir's auch. Jetzt weiß ich, 92 was es heißt, er ſieht das Mädel gern; ich ſeh ſie nur gern, weiter will ich nichts von Gott und der Welt. Ich hab euch ſchon geſagt oder auch vergeſſen, daß ich ein Jahr lang, eh ich unter's Militär gangen, Müllerburſch auf der Bachmühle geweſen bin; der Oberknapp, Konrad von Efterdingen hat man ihn geheißen, der hat die ſchönſte Forelle aus dem Mühlbach wegge⸗ fiſcht, die Vittore hat ihn gern gehabt. Der Alte hat's nicht leiden wollen, aber die Müllerin, die Leut ſagen, ſie ſei eine Engländerin, engliſch iſt ſie gewiß, hat's zuweg bracht. Der Konrad, das war ein Menſch, ſo ſchön und groß wie eine Tanne und ſtark wie keiner, der hat ein Malter Gerſte drei Treppen hinaufgetragen und dabei geſungen und gepfiffen, auch gutherzig iſt er ge⸗ weſen, aber ſtolz, grauſam ſtolz und das iſt er noch mehr worden, wie er mit der Vittore verſprochen geweſen iſt. Ich hab einmal auf dem Theater Wilhelm Tell mitgeſpielt, ich und meine halbe Compagnie waren als alte Oeſtrei⸗ cher verkleidet, und wie ich da den Tell und ſeine Frau geſehen hab, war's gerade, wie wenn man den Konrad und die Vittore bei einander ſähe, ſo ſchön und groß—“ „Was war's denn mit dem Unglück?“ mnter ſeine Pfin Haus närri hat Spre WVel Leid In gehe haue hat. daß müll Sim rauſ wie ner körn able gan Ga ſch 93 unterbrach Eugen den Lipp, der ſich offenbar auf ſeine Theaterlaufbahn etwas zu gut that. „Ja, das war ſo. Dazumal hat der alte Pfarrer hier einen reichen Kaufmannsſohn im Haus gehabt, der hat Korn geheißen und war närriſch und wo er gangen und geſtanden iſt, hat er mit ſich ſelber gewelſcht in lauter fremden Sprachen und darum hat man ihn hier das Welſchkörnle geheißen. Er hat Niemand nichts zu Leid than und hat immer ſeine Nägel abgebiſſen. In der Bachmühle da hat er ſeinen Aufenthalt gehabt, da iſt er immer hingangen vom Pfarr⸗ haus und da bat er geſchafft was man ihn ge⸗ heißen hat, beſonders wenn's die Vittore geſagt hat. Der Bachmüller hat's nicht leiden wollen, daß er da ſeinen Aufenthalt hat, aber die Bach⸗ müllerin, die iſt gar geſcheit, die hat geſagt: dem Simpel iſt's wohl in der Mühle, wenn das ſo rauſcht und die Mühle geht, iſt ihm das immer wie ein ſchön Spielzeug. Die Simpel ſind im⸗ mer gern in den Mühlen und ſo iſt der Welſch⸗ körnle auch blieben. Er hilft jetzt einmal Heu abladen und da zankt ihn der Konrad, der Bräuti⸗ gam geweſen, und ſagt, er ſoll mehr auf die Gabel nehmen und nicht ſo faul ſein. Da ſchreit der Welſchkörnle: Du haſt mir nichts zu 94 befehlen und rennt dem Konrad die eiſerne Heu⸗ gabel durch den Leib, daß er noch am ſelben Tag geſtorben iſt. In der Heuet waren's fünf Jahre, daß das geſchehen iſt.“ Im Verſenken in ein fremdes ſo trauriges Geſchick fand Eugen die volle Ruhe in ſich wieder. Er verſtand jetzt die ſeltene Kraft Vittore's noch beſſer; einſt hatte ihr das Geſchick ein Verhältniß zerſtört, das zu Kronauer hatte ſie aus freier Selbſtbeſtimmung muthig in ſich überwunden. Welch eine Naturkraft gehört dazu, um nach allem dieſem ſo harmlos und unzerſtückt im Leben zu ſtehen. Hauſ fam die gehe Ba ſche ſhn Elftes Rapitel. In aller Frühe, als eben Eugen vor dem Hauſe war um ſeinen Morgengang anzutreten, kam der Bachmüller und brachte ihm die Schriften, die er geſtern Abend bei ſeinem haſtigen Weg⸗ gehen in der Mühle hatte liegen laſſen. Der Bachmüller war ſeltſam befangen. Sie waren ſchon eine gute Strecke mit einander dahinge⸗ ſchritten als er jetzt ſagte: „Ihr müßt mir's nicht übelnehmen, wenn ich euch gemahne, daß ihr euch mehr an den Kronauer halten ſolltet; er kann euch beſſere Un⸗ terweiſung geben und hat's euch ja auch ver⸗ ſprochen. Ihr kennet den Kronauer noch nicht, in dem iſt kein böſer Blutstropfen; ich bin ſonſt nicht ſo, aber dem thu ich ungefragt nach was er thut, und wenn ich ſeine Handſchrift ſehe, ſo unterſchreib ich ohne nachzuleſen was oben ſteht.“ Eugen nickte willfährig und doch konnte er es noch zu keiner freundlichen Gewärtigung mit Kronauer bringen. Es giebt Menſchen und Be⸗ ziehungen, wo Alles eine unberechenbar verkehrte Deutung gewinnt; ſo ſah Eugen in den hinge⸗ 96 benden Ausſprüchen des Bachmüllers eine ver⸗ werfliche Beugung unter eine Autorität und er mußte ſich noch ſagen, daß der Baron und reiche Gutsbeſitzer hierbei ungehörige Geltung habe, der Bachmüller hätte ſich von einem Nichtadeli⸗ gen und Armen nicht ſo geſchmeichelt und gefan⸗ gen gewußt. Auch zürnte Eugen noch dem Kronauer wegen Vittore, er hatte es doch nicht vergeſſen, daß Kaidl ihn einen„Weibermann“ genannt hatte und war überzeugt, daß er ſein gut Theil Schuld an dem ſchweren Kampfe Vittore's trug, die er durch onkelhafte Zutrau⸗ lichkeiten ſo elend gemacht hatte. „Ihr ſeid alſo ganz einig mit dem Kron⸗ auer?“ fragte Eugen. „Nicht ganz, er iſt noch immer conſtitutionell, es mag gehen wie es will, er will immer noch einen König für Deutſchland und ich bin offen geſtanden Republikaner. Wenn die Menſchen ſo ſchlecht ſind, wie der Kronauer und die mit ihm ſind meinen, ſo können ſie auch einmal auf eigene Hand ſchlecht ſein; ſchlimmer als es jetzt iſt, kann's nicht werden. Aber daß ich's nicht ver⸗ geſſe, ihr habt mir ja vom Graf Falkenberg er⸗ zählen wollen. Jetzt ſaget, was wiſſet ihr von ihm?“ ling mein lich geſug jede eine den und der über der ber ſpre er i ſoll Lebt dem thei lie „Wie kommt's, daß ihr nach dem Flücht⸗ ling ſo eifrig fragt?“ „Der Graf geht mich juſt nichts an, aber mein Sohn, der in Schleswig⸗Holſtein geblieben iſt, hat von ihm geſchrieben, daß er ſo abſonder⸗ lich gut gegen ihn geweſen ſei; der Kaidl hat geſagt, er kenne ihn auch, aber wenn dem für jede Lüge ein Haar ausging', müßt' er ſchon lang eine Perücke tragen.“ „Ihr habt euch von Kronauer auch gegen den Kaidl einnehmen laſſen,“ entgegnete Eugen und ſuchte möglichſt das Geſpräch abzulenken, „der Kaidl iſt, wenn er ſich auch manchmal übernimmt, doch ein Mann der Wahrheit, der die herrſchende Niederträchtigkeit tief im Herzen erkennt; ihr ſolltet auch gut von ihm ſprechen.“ „Ja, ja, ich hab nichts gegen den Kaidl, er iſt in Amerika, todt für uns und von Todten ſoll man nur Gutes reden und ich kann das auch in Wahrheit thun. Der Kaidl hat ſein Lebtag ein gutes Herz gehabt, den Biſſen aus dem Mund hat er hergeben; auf ſeinen Vor⸗ theil war er gar nie bedacht, und hat immer lieber geben als genommen. Es iſt aber jetzt gar nicht vom Kaidl die Red, wollet ihr mir 7 98 vom Graf Falkenberg berichten oder nicht? Sa⸗ uer get's nur frei heraus.“ ihm m Da war Eugen wieder die Piſtole auf die begign Bruſt geſetzt und die Zähne mit den Lippen der R ſchärfend ſagte er: Ruhn „Jo, ja, ich.. ich kannte ihn, ich will euch grüßer nur Einen Charakterzug von ihm erzählen, da ſegt, kennt ihr den ganzen Menſchen. Als er noch ſe ö auf der Schule war, las man einſt eine ſchauer⸗ ſchaf liche Reiſebeſchreibung, worin die Qualen des Verd Waſſermangels aufs Gräßlichſte geſchildert waren niſſe und der Knabe nahm ſich vor, ſich in Entbeh⸗ rungen zu erproben und genoß im hohen Som⸗ wand mer zwei Tage lang keinen Tropfen Flüſſiges, komm bis er in der Schule von einer Ohnmächt über⸗ etwas fallen wurde.“ herrn Der Bachmüller war überzeugt, daß der Lehrer den Grafen nur von der Schule her er ſi kannte; er fragte daher Eugen nicht weiter und der ſie ſchlenderten ſtumm mit einander. Eugen fomm empfand ſchon äußerlich in dieſem gemeinſamen Pr Wandern ein prickelndes Mißbehagen, er war an Voch einen feſten taktmäßigen Schritt gewöhnt und der uſt Bachmüller ſchlurkte ſo ungleichmäßig dahin und Heh hob die Füße kaum. Lita Vor dem Dorfe miſchte ſich der Bachmüller uch —) —4 99 unter mehrere ſonntäglich geputzte Bauern, die ihm mit Pferden, Kühen, Ochſen und Kälbern begegneten; ſie zogen zur Viehausſtellung nach der Reſidenz und der Bachmüller verkündete den Ruhm Kronauers, der nichts dahin ſchickte.„Die größeren Gutsbeſitzer,“ habe der Kronauer ge⸗ ſagt,„ſollten nicht mit um den Preis ringen, ſie können ſo viel Salz füttern und in An⸗ ſchaffungen ſo viel aufwenden, daß es gar kein Verdienſt iſt, wenn ſie den Preis gewinnen, d'rum müſſen ſie das den kleineren Bauern überlaſſen.“ Eugen fand kein Gehör mit ſeinem Ein⸗ wande, wie es auf dieſe Art aber auch leicht kommen könne, daß kein rechter Mann mehr etwas ſchicke, nur um auch für einen großen Guts⸗ herrn zu gelten. Als Eugen in das Dorf zurückkehrte, ward er ſchon am erſten Hauſe vom Straßenſpiegel der Pfarrerin aufgefangen, ſie ließ ihn herauf⸗ kommen und berichtete ihm, daß der„Herr Pfarrer“ geſchrieben habe, er bleibe noch vier Wochen in der Hauptſtadt, um dort die zweite Auflage ſeiner gelehrten Abhandlung über den Hebräer⸗Brief ſelber zu corrigiren; er ſchicke einen Vikar, den er überhaupt behalten wolle, und nachträglich berichtete ſie, daß das Conſiſtorium 75 die acht Tage, die Eugen mit ſeiner verſpäteten Ankunft verſäumt habe, ohne Rüge hingehen laſſe. Eugen dankte lächelnd, er hatte es längſt ver⸗ geſſen, daß er noch dieſen Schuß in der Luft fliegen hatte. In der Schule war es ihm leicht und frei, er hatte ja, wenn auch nur noch kurz, eine Schule wie ſie die Zukunft heiſcht, ſelbſtändig und ohne anmaßliche Ueberwachungen der Kirche. Die beiden Hauptpunkte, die Disciplin und die Lehr⸗ form, lernte er immer leichter handhaben. In der Schulzucht nicht zu viel thun, nicht die Zügel zu ſtraff halten und wenn ſich das un⸗ thunlich erweist, zu nachgiebig werden und die Zügel aus der Hand laſſen, das lernte er nun und ſeine Mitregenten halfen ihm getreulich. Der Sanscülotte ward milder behandelt, denn es zeigte ſich, daß das Lügen ein ſehr ver⸗ breitetes Laſter geworden war. Eugen verkündete allgemeine Amneſtie mit der Drohung ſchwerer Ahndung für die Zukunft. In der Lehrform gelangte er zu der Einſicht, daß man zu leicht glaubt, die Kinder verſtänden etwas noch nicht und man erklärt es ihnen ſo lang und ſo breit, daß man die Kinder langweilt, ja ſogar durch vieles Erklären verwirrt; denn haben ſie das Erklär das 6 nanch und d lehre tunget eine wie Sach Vor des die 2 dadu Kinde Der Amm wies über von hina zu fü Kind Vll ſho ſtau —l 101 Erklärte gefaßt, ſo macht ſie das Dreſchen auf das Stroh wieder irre, oder ſie glauben auf manche Worte nicht aufmerkſam ſein zu brauchen und das ſchadet für ſpäter. An zwei Worte, die heute in der Sprach⸗ lehre vorkamen, knüpfte er abgehende Betrach⸗ tungen, die viel Aufmerkſamkeit erregten; das eine Wort hieß:„rechtſchaffen“ und er erklärte, wie ſchön und herrlich der Ausdruck und die Sache ſei, daß man das Rechte ſchaffe; das andre Wort hieß„ausgemergelt“ und an die Erklärung des Mergels knüpfte er eine Hindeutung auf die Bodenkunde, zu deren näherer Kenntniß er dadurch reizte. Er wußte wohl, daß es den Kindern nichts nützt, wenn man ihnen ſagt: Der Mergel enthält ein Zehntheil kohlenſaures Ammoniak; das ſind Worte für ein Wort. Er wies auf die verſchiedenen Kräfte des Mergels überhaupt hin und ſeine entſprechende Miſchung von Thon, Kalk und Sand und wie Alles darauf hinauskomme, die Zerſetzungsthätigkeit des Bodens zu fördern und ſeine Bündigkeit zu löſen. Die Kinder waren erſtaunt, wie Eugen ihre gewohnte Welt mit neuer Erkenntniß durchdrang, und wie ſchon die Redeweiſe ausdrückt, daß der Er⸗ ſtaunende Mund und Auge aufſperrt, ſo öffnen 102 ſich auch die verborgenen Thore der Seele und hier liegt das Geheimniß, daß die ſogenannten Wunder den verſteckten Sinn der Menſchen auf⸗ ſprengen und die Offenbarungen in ihn eindringen machen. Von der Bodenkunde überleitete Eugen wieder auf das Sittliche und wenn er auch wohl fühlte, daß er das Bild hier nicht ganz ausführen könne, durfte er doch erklären, wie es auch hier gelte, die verſchiedene Naturkraft in jedem Boden zur Bewegung und Thätigkeit zu fördern, zu verbeſſern, den innern Acker ſo zu beſtellen, daß er ſtets das Entſprechende hervor⸗ bringe— rechtſchaffen ſei. So übte er von ſelbſt den großen Grund⸗ ſatz Jacotot's:„Alles iſt in Jedem. Lerne Et⸗ was und beziehe Alles Andere darauf.“ Es war ein friſcher regſamer Geiſt in der Schule. Eugen wußte wohl, daß nicht Alles was er geſprochen und gewollt, in den Seelen der Kinder haften blieb, er getröſtete ſich an dem Bilde der Natur draußen: wie jetzt ein Herbſt⸗ regen herniederrauſcht und Berg und Thal be⸗ feuchtet, nicht jeder Tropfen fördert ein Wachs⸗ thum, vieles verſickert fruchtlos und verflüchtigt ſich zu Gas, das in anderer Geſtalt wiederum das Keim Knos welke aufz ab, den Beſt und ein es erke gehi Vie Ge * Ve erg der An St dy bttbl⸗ 103 das Leben erhält; aber da und dort ſaugt ein Keimchen begierig die helle Fluth und eine Knospe zieht ſie in ſich und ſie vermag die welken Blätter abzuſtoßen, um im Frühling ſelber aufzugehen. Darum ging auch Eugen von dem Vorſatz ab, das was er ſo eben vorgetragen hatte, von den Größeren ſogleich aufſchreiben zu laſſen; das Beſte was im Menſchen waltet, hat er oft ſtill und unbewußt in ſich hineingeſogen und iſt zu einem Theil von ihm ſelber geworden, ſo daß es erſt nach geraumer Zeit in feſtem Bilde zu erkennen iſt. Die Vereinſamung mit dem Aufgenommenen gehört zu den wirkſamſten Triebkräften der Seele. Wie eine daguerreotypiſch zubereitete Platte die Gegenſtände in ſich einſpiegelt und dann eine Weile in's Dunkel gebracht werden muß, ſo ergeht es auch mit der lebendigen Einſpiegelung der Gedanken in die Seele. Als die Schule zu Ende war, leuchtete das Antlitz Eugens in hellem Glanze, als wären die Strahlenblicke der Kinder, die zu ihm aufſchauten, dran hangen blieben. Bwölftes Rapitel. Es war anſprechend, daß Eugen den Lipp um ſich hatte und doch brachte auch dieſer neue Qual. Eugen hatte ſchon oft Bediente gehabt und ſich um weiter nichts als um ihre Dienſt⸗ obliegenheiten und ihr Wohlergehen gekümmert, im Uebrigen aber nicht an ſie gedacht. Jetzt, da er dem Einzelleben der Menſchen ſo nahe getreten war und ſich in das innerſte Sein eines Jeden zu verſenken trachtete, war es ihm in ſeinem eigenen Hauſe als führte er ein Doppel⸗ leben; er lebte den Wechſel der Stunden auch in Lipp, der in der Kammer ſaß. Oft mitten in Studien zur Befähigung in ſeinem Amte mußte er hinausdenken: was treibt jetzt der Lipp? wie füllt er ſich die trägen Stunden aus? Lipp aber, wenn er nicht am Bache ſtand und mit der Angel fiſchte, lag oft ganze Tage auf ſeinem Bette, pfiff und ſummte vor ſich hin. Eugen gedachte, ihn in der Schule beim Unterrichte der kleinſten Kinder zu verwenden, aber er wagte aus Furcht vor der Schulbehörde nicht, dieß nuszfül Gerede zu ſch zu bere Soldate gang, das er und er mithig falſche zeugt, verfein übertre unſerer nen w iſt min minder hüutige nichts die dil Leben lichun das i Gedn wie e leben Im Amte Lipp d mit einem ugen e der wagte dieß 105 auszuführen. Er konnte ſich denken, welch ein Gerede es im Dorfe machte, daß er den Lipp zu ſich genommen hatte; er mußte jeden Anlaß zu berechtigten Eingriffen vermeiden. Durch das Soldatenthum war Lipp an einen bewegten Müßig⸗ gang, an Paraden und Pritſchenleben gewöhnt; das erkannte Eugen nach Urſache und Wirkung, und er ging weiter und ſagte ſich, daß eine weich⸗ müthige Verkehrung aller Lebensverhältniſſe, eine falſche thränenſüchtige Humanität ſich daraus er⸗ zeugt, wenn wir die Anforderungen unſeres verfeinerten Denklebens in werkthätige Menſchen übertragen und die ganze nervöſe Aufgeregtheit unſerer Bildung zum Geſammtcharakter ausdeh⸗ nen wollen. Der arbeitende Bauer im Felde iſt minder geplagt von den Mückenſtichen und minder empfindlich gegen dieſelben als der fein⸗ häutige Städter. Dieſer Lipp z. B. empfindet nichts von der öden Qual müßiger Stunden, die dich verzehren würde. Die Menſchen zum Leben erwecken und daß ſie doch ohne Verweich⸗ lichung im Kreiſe ihrer Thätigkeit verharren, das iſts! Und in's Unbegrenzte ſchweiften die Gedanken und es fiel Eugen ſchwer in's Herz, wie es ſich nicht will fügen laſſen, das Einzel⸗ leben ſo vieler Menſchen, die ihm jetzt nahe 106 gerückt ſind, thätig zu erfaſſen, zu Friede und Schönheit ausgleichen und doch wiederum den Blick auf das große Ganze gerichtet zu halten. Immer das Nächſte thun, rief er ſich zu, und aus den gemeißelten Steinen fügt ſich der Bau. Wie der Steinmetz ſich zu ſeinen Hammerſchlägen ein Liedlein pfeift zu eigenem Ergötzen, ſo um⸗ tönte Heiterkeit alles Thun Eugens; verſchwunden waren alle die Gefahren von außen und zur Ruhe eingeſungen alle quälenden Gedanken im Herzen. Die Menſchen wußten nicht, warum der Lehrer immer ſo wohlgemuth dreinſchaute und ſein Antlitz ſo froh geſpannt war, als ob er eben erſt gelacht hätte; die Kinder aber empfan⸗ den es, daß ein heiteres ganzes Herz ſie umfing. Es geſchieht oft, daß vorübergezogene trübe Stürme und innere Grübeleien eine heitere Durchleuchtung des ganzen Menſchen zur Folge haben, und daß äußere glückliche Ereigniſſe faſt wie ein in ſich nothwendiges Ergebniß im Gefolge erſcheinen. Die Welt ſcheint da den innerſten geheimen Wünſchen entgegen zu kom⸗ men, als kennte ſie den Ruf des frohen Herzens. Der Vikar, ein wiſſenſchaftlich wohlausge⸗ ſtatteter und rüſtiger junger Mann, etwas un⸗ behülflich in ſeinem äußeren Benehmen, dabei aber finlich ngſt ſinntl zu ert immer gegen doch ſprac er h ganz währ zeugu nur i oben, des T lich ſ iſt le gethi ſteher zuſetz ſc ſtand Sch prãg Kire aber von ſchönem Freimuth der Seele und faſt kindlicher Anſchmiegſamkeit, hatte ſich Eugen raſch angeſchloſſen und übernahm es auf deſſen Wunſch ſämmtlichen Religionsunterricht in der Schule zu ertheilen. Mit ſchwerem Bangen hatte Eugen immer hieran gedacht, er konnte ſich dieſem Lehr⸗ gegenſtande nicht entziehen, deſſen Feſtſtellungen doch ſo vielfach ſeinen Ueberzeugungen wider⸗ ſprachen; ihm graute vor der Corruption, die er hiebei an ſich üben müſſe und die ihm ſein ganzes Daſein und ſeinen Beruf verleiden konnte, während er wohl fühlte, daß er ſeinen Ueber⸗ zeugungen folgend, etwas lehren müſſe, das nicht nur im Widerſpruche mit den Anordnungen von oben, ſondern auch mit dem unmittelbaren Leben des Dorfes ſtand, in dem die Kirche wie äußer⸗ lich ſo auch innerlich der Mittelpunkt war. Es iſt leicht, fern von den Menſchen, in logiſch hoch⸗ gethürmter Denkerzelle ſich über die in Geltung ſtehenden Anſchauungen und Gewohnheiten hinweg⸗ zuſetzen; anders iſt es, wenn man der Menge ſich leibhaftig entgegengeſetzt fühlt. Eugen ge⸗ ſtand ſich nach ſchwerem Kampfe, daß es nicht Schwäche, ſondern Achtung vor einer ausge⸗ prägten Gemeinſamkeit war, die ihm in der Kirche, wenn er die Gemeinde überſchaute, ſeinen 108 Gegenſatz ſchwer empfinden ließ; er fühlte da faſt leibhaftig jene Empſindung, die den über⸗ kommt, der durch einen entgegengeſetzt rollenden Menſchenſtrom ſeinen Weg ſucht; er ließ nicht ab von ſeiner Richtung und doch ſchien jede Menſchenbruſt ein Wehr auf ſeinem Wege. Durch die Ankunft des Vikars war er jetzt all der äußeren und inneren Kämpfe mindeſtens für die Schule entledigt und er mußte ſich nur zurückhalten, die Freude hierüber laut werden zu laſſen. Er preßte ſie in den frohen Dank zu⸗ ſammen, den er dem Vikar nach dem Unterrichte ausdrückte, daß er die Kinder nicht mit meta⸗ phyſiſchen Räthſeln quäle, und bei manchem kernigen Bibelſpruche, den er jetzt vernahm, mußte er ſich ſagen, daß wenn er auch ſeine äußere Autorität als Offenbarung verwarf, doch eine ſchöne menſchliche ewige Bedeutung darin aus⸗ gedrückt bleibe. Am Sonntag predigte der Vikar für die Bauern wol etwas zu gelehrt, für Eugen aber gedankenerregend, daß keines der alten Völker die Liebe als Naturnothwendigkeit erkannt und zum Lebensgeſetz erhoben habe, wie das Chriſten⸗ thum. In der Sakriſtei ſagte dann Eugen zu dem Prediger: Liebe n und dr „ ohne S und W felde ſollen gegne der in let batun der r beiden her 6 daß er die fli mehr Gewo nit i natürl übern den gerte Rur „So ſollten ſich die Chriſten Menſchen der Liebe nennen und Alles was von Dogmen d'rum und d'ran iſt, über Bord werfen.“ „Es wächst und hält ſich nichts Organiſches ohne Schale und Rinde. Wenn einmal Mehl und Wein ungemahlen und ungekeltert vom Acker⸗ felde in Truhe und Faß ſich ergießen, dann ſollen Sie auch reinen Geiſt pflanzen,“ ſo ent⸗ gegnete der Vikar und Eugen fuhr fort: „Aber freilich, es nutzt nichts, ſich Menſch der Liebe zu nennen, die Handlungen erfolgen in letzter Inſtanz doch nicht aus einer Offen⸗ barung oder aus einem Geſetze, ſondern aus der reinen unmittelbaren Naturanlage.“ Die beiden Männer ſtritten ſich heiß und trotz man⸗ cher Gegenſätze erkannte Eugen doch mit Freude, daß er nun einen Kameraden habe, mit dem er die flüchtigen Gedanken tauſchen könne und nicht mehr zu Selbſtgeſprächen verdammt ſei. Dieſe Gewohnheit, die er aus einem vereinſamten Leben mit in das Gefängniß genommen und dort noch natürlich geſteigert hatte, hoffte er jetzt ganz zu überwinden. Auf dem Wege zum Mittagstiſche traf er den Lipp und wollte ihn mitnehmen, Lipp wei⸗ gerte dieß und Eugen ward faſt zornig über die 110 dorfmäßige Umſtandsmacherei, Lipp abet ent⸗ gegnete: „Ich gehe nicht mehr in die Sonne, um da für euer Geld zu eſſen; der Sonnenwirth ſchimpft darüber und thut als ob er euer Vor⸗ mund ſei. Gehet nur allein, ſeid verſichert, ich verhungere nicht.“ Eugen ward blaß vor Zorn und Wehmuth als er auf ſein weiteres Drängen hörte, was ſich der Sonnenwirth über ſeine Verſchwendung zu ſagen erlaubte; er fragte den Lipp, ob er nicht kochen könne, und als er verneinte, trug er ihm auf, es zu lernen. Lipp ſprang in die Höhe vor Freude, als er vernahm, daß er Eugen einen Haushalt führen ſolle; er ſagte, des Pfar⸗ rers Madlenle— hiemit war die Köchin ge⸗ meint— ſei Meiſterin und werde ihn Alles lehren und eilte in's Pfarrhaus. So war denn auch für eine entſprechende Beſchäftigung Lipp's geſorgt. Ei etwas ſteigert beſonde ſo viel dem d Wirth und„ gar wi ſch Eu arbeit meinen wollen heit, w nit ſe Mihle einem nohm. bauern und 6 ſie ha Dreizehntes Rapitel. Ein Regenſonntag hat ſchon im Worte etwas Widerſpenſtiges und dieſe Empfindung ſteigert ſich bei dem Dorfbewohner noch zu einer beſondern ärgerlichen Unruhe, denn hier fehlen ſo viele Mittel des ſinnreichen Zeitvertreibs, in dem die Menſchen ſo erfinderiſch ſind. In den Wirthshäuſern wurde tapfer geraucht, gekartelt und„geknöchelt,“ der lederne Würfelbecher rollte gar wunderlich. Trotz ſeiner Unkirchlichkeit fühlte ſich Eugen nicht geeignet zu einſamer Geiſtes⸗ arbeit— wir ſind abhängiger von der allge⸗ meinen Stimmung als wir uns oft bekennen wollen— er verlangte nach Freude und Frei⸗ heit, wie ſie der Tag verhieß. Eben wollte er mit ſeinem großen ererbten Schirme nach der Mühle gehen, als der Vikar kam und ihn zu einem Beſuche in des Kirchbauern Haus mit⸗ nahm. Die drei ſtattlichen Töchter des Kirch⸗ bauern hatten es verſtanden, mit lockenden Blicken und Grüßen den Vikar in's Haus zu„zeiſeln,“ ſie hatten ja auch ein Anrecht auf ihn als mit 112 die Fürnehmſten im Dorfe und beſonders als Nachbarinnen der Kirche. Kaidl hatte des Kirch⸗ bauern Haus ſpöttiſch das Vorparlament genannt und in der That zeigten die ungewöhnlich vielen Stühle und Bänke, daß hier Vorverſammlungen ſtattfanden. Man hatte dem Kirchbauer ſchon oft gerathen, er ſolle ſich die„Wirthſchafts⸗ gerechtigkeit“ erwerben, aber die Frau lehnte das beharrlich ab; ſie erhielt dadurch ihrem Hauſe den eigenen Charakter, daß es ſich als eine Frei⸗ ſtätte auszeichnete vor allen anderen geſchloſſenen Familienwohnungen, und daß die Beſuchenden doch nicht auf ihre Zehrung pochen konnten, ſon⸗ dern ſtets dankbar und willfährig ſein mußten. Man kam und ging hier frei aus und ein und wer ſich hier ausgeſchloſſen wußte, fühlte ſich im Dorfe wie in der Verbannung, ſo ſehr er auch dar⸗ über ſpotten mochte; Manche gingen mindeſtens allwöchentlich hin und thaten freundlich mit der Kirchbäuerin, nur um ſich ihr Wohlwollen und das ihres Hauſes zu ſichern. Den großen Lehn⸗ ſeſſel, in dem die allgemein Gehuldigte ſaß, nannte man ſpottweiſe den Beichtſtuhl, und doch drängte ſich Alles dorthin; es gab kein Liebes⸗ verhältniß im Dorfe, das nicht dort verkündet wurde und es gab faſt keinen Eheſtreit, wo nicht nindeſen richt ode Bachmül digung, beſraft, richten h häuerin und doc über de Chriſtin genannt erklärte einen ſe hoch hin Burſche Mitter. hatte E erfahren Vergehe doch au eines in die er kein ſeinen( Ale d tineng 41¹³ als mindeſtens der eine Theil dort ein Schiedsge⸗ richt oder Tröſtung ſuchte. Die Familie des Bachmüllers allein weigerte den Zoll der Hul⸗ digung, ſie war dafür mit voller Vergeſſenheit beſtraft, wenn man nicht Schadenfrohes zu be⸗ richten hatte. Auffälliger Weiſe hatte die Kirch⸗ hafts⸗ bäuerin noch keine ihrer drei Töchter verheirathet te das und doch war es ſchon ſo, daß„das Grummet über das Heu wachſen wollte,“ die jüngſte, Chriſtina mit Namen, im Hauſe„der Huſchel“ oſſenen genannt, war ſchon vollauf heirathsfähig. Man bend erklärte ſich das Unerklärliche verſchieden, die ſon⸗ einen ſagten, ſie wolle mit ihren Töchtern zu 1 hoch hinaus, während Andere meinten, die jungen und Burſchen fürchteten ſich vor der Herrſchaft der b im Mutter. Die ganze Bedeutung dieſes Hauſes hatte Eugen theils von Kaidl, theils von Lipp ens erfahren. War es nicht ein ſtreng zu ahndendes der Vergehen, daß der Lehrer, deſſen Abhängigkeit und doch außer Frage war, bis jetzt die Huldigung ehn⸗ eines Beſuches verweigert hatte? Als er jetzt ſiß, in die Stube trat, mußte er dafür büßen, daß doch er keine Autoritäten anerkannte; man erwiederte ſeinen Gruß mit ſtummem Kopfnicken und während alle drei Mädchen ſprangen, um dem Vikar einen gepolſterten Stuhl zu bringen, konnte Eugen o nicht 0 8 rkündet ſelber ſehen, wo er Platz finde. Als Töchter ein es vielbeſuchten Hauſes war die Unſchüchtern⸗ heit derſelben unverkennbar. Sabine, die älteſte, eine ſchlanke Geſtalt, mit braunen gekräuſelten Haaren, waſſerblauen Augen und länglich ſchönem Antlitze mit einem Anfluge eines Schnurrbärtchens auf der Oberlippe, hatte in ihren raſchen feſten Bewegungen eine ſichere Anmuth, während die ihr ähnliche Suſanne etwas Scheues in ihrer Haltung hatte, ſie trug den Kopf ſtets gebeugt, wol um das kleine Kröpfchen an ihrem Halſe zu verbergen; wie ein Kreiſel aber hüpfte ſtets die jüngſte, Chriſtine, ein helles kraftvolles Kind mit ſchelmiſchen nußbraunen Augen. Eugen glaubte in dem Gebaren der Mäd⸗ chen jenen züchtigen Anhauch zu vermiſſen, den er ſich bei Familientöchtern des Dorfes gedacht hatte. Dort ſaß die Mutter in dem großen Lehnſeſſel, eine unbändig breite Geſtalt mit auf⸗ geworfenen Lippen und ſchiefſitzender Naſe, die ihr von einem Geſichtsſchmerze verzogen war; ſie winkte Eugen mit der Hand zu ſich und hieß ihn auf einem Stuhle neben ihr Platz nehmen. Eugen gehorchte. Die Kirchbäuerin nickte mit dem Kopf und warf die wulſtigen Lippen noch höher auf, wie wenn Jemand ausdrücken will: „Gar bedenke als der nicht b daß er und ſi eſen,“ laſſun habe beſuch Vorw und n Liebſch von w ſei er ging des G er Fi Beihe ſagte liche immet ſid; unter bei, 115 „Gar nicht ſo übel.“ Sie mochte in der That bedenken, daß dieſer Eidam faſt noch beſſer ſei als der Schnörkel, der nun einmal die Stelle nicht bekommen habe. Sie ſagte zuerſt Eugen, daß er ſich wol bald ins Dorfleben eingewöhnen und finden werde:„es ſei überall gut Brod eſſen,“ dann bemerkte ſie mit huldvoller Herab⸗ laſſung, wie ſie viel Gutes von ihm gehört habe und daß ſie ihn, auch wenn er ſie nicht beſucht habe, immer vertheidigt hätte gegen den Vorwurf, daß er ſich nur an reiche Leute halte und mit der Baronin von der Stadt her eine Liebſchaft habe; ſie ſehe es den Menſchen ſchon von weitem an, wenn einer brav ſei, und das ſei er. Auf die dankende Erwiederung Eugens ging nun die Kirchbäuerin auf die Stempelung des Schulverfahrens über, ſie lobte ihn, daß er Kinder reicher und armer Leute zu ſeinen Beihelfern genommen habe. „Es iſt nicht mehr wie in der Revolution,“ ſagte ſie mit kluger Miene,„wo der vermög⸗ liche Mann am wenigſten golten hat, wo man immer auf die geſchimpft hat, die keine Lumpen ſind; aber jetzt muß man auch die Armen nicht unterdrücken, die Revolution iſt noch nicht vor⸗ bei, die Kirche iſt noch nicht aus. Freilich,“ ſetzte 8* 116 ſie lauernd hinzu,„die rechten Leute, die auch was haben, von denen hört man nie ſo viel Schlechtes als von dem Bettelpack, und unſer Herrgott hat's einmal ſo eingerichtet, daß die einen mehr gelten ſollen als die anderen, wir dürfen's nicht ändern.“ Eugen ging nicht auf Ablegung irgend eines Glaubensbekenntniſſes ein, er lenkte vielmehr auf ſeine Wahrnehmungen über die ſittlichen Eigen⸗ ſchaften der Kinder. Mit ſtolzem Selbſtgefühl erklärte die Kirchbäuerin: „Von meinem Stuhl aus ſeh ich mehr als Viele, die auf Eiſenbahnen reiſen. Glaubet mir, gut und bös und was man ſo heißt, ſind leib⸗ liche Geſchwiſter und werden in einem Hafen gekocht. Das einemal hat der Eigenwille recht, das andremal nicht. Der Spatz, der die Raupen frißt, frißt auch die Kirſchen.“ Sie erklärte auf die begierigen Fragen Eugens dieß näher und als er mit aufrichtigen Worten ihre Weisheit lobte, erwiederte ſie huld⸗ reich, daß auch er ein„geſcheiter Menſch“ ſei. Ein freundliches Verhältniß ſchien hier ge⸗ ſchloſſen und Eugen freute ſich noch innerlich, daß er nun auch lerne, Andere zu erforſchen, ſtatt wie er ſich oft anklagte, ſtets ſich zu geben. Er wa biueri daß ſi unrhi Geſcht Eugen beilag doch man nicht für ermal rathe haupt und i haben As 6 worin ſe ih Schul er iſt ſo für ihr e den! verlo chen, Er war aber noch nicht erlöst, denn die Kirch⸗ bäuerin bezeigte ihm jetzt ihre Zuneigung damit, daß ſie ihn recht viel über ſich ausfragte, ſo unruhig er auch dabei war. Sie legte ihr Geſicht in Mitleidsfalten, als ſie erfuhr, daß Eugen gar keinen„Familienanhang“ habe; ſie beklagte das gebührlich und ſetzte hinzu, daß das doch auch wieder ſein Gutes habe: bekomme man nichts zu erben, ſo brauche man ſich auch nicht von den Verwandten umreißen laſſen und für eine Frau ſei das beſonders gut. Sie ermahnte nun Eugen, er ſolle ſich mit dem Hei⸗ rathen nicht zu ſehr übereilen, er ſolle ſich über⸗ haupt an die rechten Leute halten, die im Dorfe und in der ganzen Gegend was zu bedeuten haben, dann könne er hier ein groß Glück machen. Als Eugen wiederholt darauf drang, zu erfahren, worin dies außer einer Frau beſtünde, vertraute ſie ihm endlich:„Der Zuberfranz kann ja nicht Schultheiß bleiben, das wär ja eine Schande; er iſt's nur ſo, wie jetzt Alles in der Welt, ſo für einſtweilen, ſo zu Faden geſchlagen. Wenn ihr euch recht haltet, könnet ihr Schultheiß wer⸗ den und ihr werdet's dann, ſo gewiß ich da ſitz, verlaßt euch auf mich.“ Ein helles Gelächter zog ſich von der Straße 118 herauf.„Huſchel was haſt?“ rief Sabine zum Fenſter hinaus. „Der Hauptmann will nicht hinauf,“ hieß es von unten. Ein Poltern und Quiken auf der Treppe wurde laut, die jüngſte Tochter ſchob den Lipp zur Thür herein und berichtete lachend:„der Hauptmann Lipp iſt Mundkoch beim Lehrer ge⸗ worden.“ Madlenle die Pfarrköchin, viele andere Mädchen und Burſchen, aus denen des Schäufler⸗ Davids Marie am beſten bewillkommt wurde, traten jetzt ein. Es iſt eine nicht genug beachtete Erfahrung, wie ein gemeinſames Lachen am ſchnellſten eint. um, ſetzten ihm eine Haube auf und gaben ihm einen Kochlöffel in die Hand. Lipp ließ ſich gerne zum beſten haben und lachte weidlich mit, eben ſo wie Eugen, der nun nach dem Vorgange der Mutter freundlicher behandelt wurde. Eugen freute ſich, daß der Lipp ohne Scheu vor ihm, der doch eigentlich ſein Herr war, an der Luſt⸗ barkeit Theil nahm und Lipp ſtaunte, daß er ihn aus dieſem Gedanken heraus einmal Kamerad nannte. Der Ton übermüthiger Heiterkeit war Die Mädchen banden dem Lipp eine Schürze angeſchl Sabine nach de den Ze Männe lattert ihres than u die 2 nicht an (è„) jeder für E Ausſeh ich in Alter dieſen die G Enyf an ih ohne ſie n und Kart 119 angeſchlagen und wollte nicht ſobald verklingen. Sa bine war mit des Schäufler-Davids Marie nach der Kammer gegangen und kam jetzt auf den Zehen tänzelnd wieder mit einem runden Männerhute, daran ein Taſchentuch als Schleier flatterte, ſchief auf dem Kopfe, den blauen Mantel ihres Vaters hatte ſie wie ein Reitkleid umge⸗ than und ſpielte nun ſo mit Kniren und Welſchen die Baronin Hunold. Die Kirchbäuerin hatte nicht gelogen als ſie rief:„Mein' Sabine kann's an Schönheit und Verſtand und Bravheit mit jeder Baronin aufnehmen.“ Leiſe ſetzte ſie noch für Eugen hinzu:„So wie meine Sabine, im Ausſehen und in allen Gedanken, ganz ſo bin ich in meiner Jugend geweſen.“ „Sie kann froh ſein, wenn ſie auch im Alter ſo iſt wie ihr,“ erwiederte Eugen, der dieſen Wink wohl verſtand. Eugen erwarb ſich die Gunſt der Sabine, daß er nicht nur keine Empfindlichkeit zeigte, ſondern ſein Wohlgefallen an ihrem Scherze äußerten Chriſtine, der Huſchel, kam jetzt auch, nicht ohne Koketterie als Zigeunerin Ruſele verkleidet; ſie wahrſagte allen Anweſenden aus der Hand und legte dann jedem, der es wünſchte, die Karten. Eugen war ganz betroffen, als ihm der 12⁰ Huſchel verkündete:„Ihr glaubet euer Schickſal ſei über dem Waſſer, es iſt aber nicht dort.“ Seine Gedanken ſchweiften weit hinaus über das Meer und er konnte nicht begreifen, woher dem Mädchen die Ahnung davon kam. Er ſann über das wunderſame Orakelſpiel nach und ver⸗ gaß, daß der Huſchel nur auf Vittore gezielt hatte, die jenſeits über dem Bache wohnte. Der Vikar erzählte— vom Schickſal Lipps ange⸗ regt— das Mährchen vom Rieſen Einarm und fand willige Zuhörer. Nach und nach fanden ſich noch mehr Mädchen und Burſchen in der Stube ein und es war Singen und Scherzen ohne Ende. Die drei Töchter des Kirchbauern ſtimmten zuſammen wie die Orgelpfeifen, der Huſchel ſang die erſte Stimme, Sabine und Su⸗ ſanne begleiteten ſie. Madlenle, die Pfarrköchin, nahm dann in den Geſprächen eine anerkannte Ehrenſtellung ein; ſie wendete ſich auch beſonders oft an Eugen und den Vikar, ſie gehörte ja mit zu den Vornehmen des Dorfes. Des Schäufler⸗ Davids Marie benahm ſich gegen Eugen auf⸗ fallend ſchämig und doch annähernd, ſo daß die Kirchbäuerin darob große Augen machte. Eugen hatte ſich vorgenommen, bald wieder von hier weg nach der Bachmühle zu gehen, wo mu war abe Pohlbel mulhauſ zu erke huldigt hierübe Gehör ſind ausfli Als müthig es ſei Midch Pilr zum D Auf „Alles auch ſ auf d Mann denken Leben man ſchloſ 121 wo man, wie er hoffte, ihn erwartete. Das war aber jetzt zu ſpät und er gab ſich ganz dem Wohlbehagen hin, das Alle in dem freien Sam⸗ melhauſe empfanden. Er glaubte jetzt gerechter zu erkennen, warum dieſem Hauſe ſo frei ge⸗ huldigt wurde und ſein tiefer Ausdruck der Freude hierüber gegen die Kirchbäuerin fand dankbares Gehör und erregte ſchöne Hoffnungen. „Ja,“ ſagte die Kirchbäuerin„meine Kinder ſind wie die Tauben; wenn ſie beim Regen nicht ausfliegen können, ſind ſie munter im Schlage.“ Als ſpäter der Kirchbauer kam, erhielt die über⸗ müthige Luſtigkeit einen Dämpfer, er ſagte laut, es ſei ſchon ſpät; die fremden Burſchen und Mädchen machten ſich fort, bis auch endlich der Vikar und Eugen, die man noch eine Weile zum Dableiben genöthigt hatte, ſich entfernten. Auf dem Heimwege ſagte Eugen zu dem Vikar: „Alles hier will mich verheirathen. Es hat das auch ſeinen allgemeinen Grund. Man kann ſich auf dem Lande keinen heirathsfähigen ledigen Mann ohne in eine Familie eingeſchloſſen zu ſein, denken. Hier iſt noch die Familie Wurzel alles Lebens. Sei man Hausſohn, Knecht oder Geſelle, man gehört an einen beſtimmten Tiſch, in eine ge⸗ ſchloſſene Hausordnung. In den großen Städten, da iſt das zahlloſe Heer der Beamten, der ſelbſt⸗ ſtändigen Herren, die Arbeiter in ihrer Canzlei oder Fabrik thun ihr Tagewerk und ſind dann für ſich. Ich habe nun noch einen weitern Grund für meinen Haß gegen die Vergrößerung der Städte mit ihrer geſchützten Unnatur und Laſter⸗ haftigkeit.“ Das war nun doch ein heller Regenſonntag geweſen. Wer weiß was für muntre Geſchichten ſich die Vögel im Neſte zuzwitſchern, wenn ſie vor dem Unwetter nicht in's Weite fliegen können! Wie ſein Schatten folgte Eugen ſtets der allzeit wohlgemuthe Bartelmä, er war wieder der erſte, der am Montag früh, als er in's Feld ging, unſern Freund über ſeine„Kirchbauerei“ zur Rede ſtellte und zwar, nach ſeiner Art nicht auf die gelindeſte Weiſe. „Da möcht' man ja die Excellenz kriegen. Du biſt profeſſorendumm und verdienſt den Titel Geheimrath,“ rief er zornig,„wenn du deine Baronin Hunold dir per läßſt. Ich fürcht, du biſt auch einer von denen, die die Natur vergöttern und in jedem Bruder Zwillich lauter Natur ſehen. Dieſe froſchkalten Kaffern haben nichts als bornirte Pfiffigkeit und ſouveränen Blödſinn. itl Ere wenns il iſen hi oben und mehr, die Lunpen daß die Hoftrach Du mu bauern Riechwe als die Eu dieſe Un indeß di dieſe Fr weltgeſch Bo ind ſi umfiel. dem ha „ſo hal betracht vunkte iebet —0 Blödſinn. Meinem Sonnenwirth fehlt nur der Titel Excellenz, er thut nichts Schlechtes, außer wenn's ihm Vortheil bringt; er hat ſein Ge⸗ wiſſen hinter die Geldkiſte geworfen. Es giebt oben und unten keine rechtſchaffenen Malefizkerle mehr, die Menſchen haben nur noch die Courage Lumpen zu ſein. Weißt du denn nicht mehr, daß die Bauerntrachten nichts als veraltete Hoftrachten ſind? Wo haſt du denn deine Naſ'? Du mußt doch gerochen haben, daß des Kirch⸗ bauern Töchter am Sonntag ſich gerade ſo mit Riechwaſſer einſchmieren, nur mit ſtinkenderem, als die Baronin alle Tag?“ Eugen bejahte lächelnd, daß er allerdings dieſe Unſitte auch hier gefunden habe; er lobte indeß die Kirchbäuerin und behauptete, daß wenn dieſe Frau auf einem Throne ſäße, ſie von großer weltgeſchichtlicher Bedeutung ſein würde. Bartelmä ſtellte ſeine Hacke auf den Boden und ſtützte ſich darauf, daß er vor Lachen nicht umfiel. „Danke dir“ ſagte er endlich nach donnern⸗ dem, halb wirklichem, halb gezwungenem Gelächter, „ſo hab ich ſchon lang nicht mehr gelacht. Du betrachteſt jede Pferdeſchwemme aus dem Geſichts⸗ punkte der Weltſchöpfung. Du ſiehſt in jedem 124 Menſchen ein Urweſen, ein Ideal, und kleideſt dir's um und putzeſt dir's auf, wie die Kinder ihre Puppen. Aber was geht uns die Alte an? In der Baronin iſt mehr Race, mehr Natur als man in ſieben Dutzend Dörfern findet. Sei geſcheit und nimm ſie friſchweg, eh' es zu ſpät iſt. Wenn es gegen deine Grundſätze iſt, ſo viel Vermögen zu haben, kannſt theilen, aber natürlich nur mit mir. Ich ſtell' dir ein Schrift⸗ liches aus, daß du ſchon einmal getheilt haſt und Niemand mehr beim Nächſtenmal was von dir fordern kann. Thu's mir zu lieb und hei⸗ rath' die Hunold.“ Er erzählte nun, daß die Baronin mit einem alten Oberſt verheirathet war, ſie gefiel ſich eine Zeitlang darin, erſte Garniſondame, Sonne der uniformirten Wandelſterne zu ſein, die viel kokettirte und Niemanden begünſtigte, ſie hatte darum auf der ungeſchriebenen Rangliſte den Titel: Mutter des Regiments. Nach der Revo⸗ lution ließ ſie ſich von ihrem Manne ſcheiden. Alles das erzählte Bartelmä, während er mit der Hacke auf der Schulter nach dem Kartoffelfelde ging und nach einer derben Ermah⸗ nung an Eugen begann er jetzt ſeine Arbeit und Eugen ging weiter. Das die Vieſe blihte un gls ſchie Ruhe am den Win endlich a peln der Lerche ir und do unruhig ruhige Goldam nennen nen wen Die Spe weiſe hi ſch zur! fihlen Neſtern In von den verhüllt haftete die er und fa Das falbe Laub flog von den Bäumen über die Wieſen hin, auf denen die einſame Zeitloſe blühte und immer flog das Laub wieder fort, als ſchiene es ſich gegen das Verfaulen in der Ruhe am Boden zu wehren; man merkte kaum den Wind, der die Blätter dahinjagte, die doch endlich an den Rainen und zwiſchen den Stop⸗ peln der Felder liegen bleiben mußten. Die Lerche in den Lüften war längſt verſtummt, hier und dort erhob ſich noch eine und zwitſcherte unruhig am kahlen Boden hin; ſie hatte das ruhige Verſteck noch nicht gefunden. Nur der Goldammer, den man das Heimchen des Baumes nennen kann, ließ ſeine melancholiſch langgezoge⸗ nen wenigen Töne vom kahlen Aſte vernehmen. Die Sperlinge ſchoſſen luſtig zwitſchernd ſchaaren⸗ weiſe hin und her; wenn Alles fortzieht oder ſich zur Ruhe legt, bis das Leben wieder erwacht, fühlen ſie ſich um ſo wohliger in den verlaſſenen Neſtern, die Fremde mühſam erbaut haben. In der Seele Eugens lagerte ſich etwas von dem Herbſtnebel, der draußen den Weitblick verhüllte. Von allem was Bartelmä geſprochen, haftete nichts in ihm als die Wahrnehmung, die er ſelbſt gemacht, daß auch hier Unnatur und falſcher Schein die Menſchen verkehrt und 16 ihm bangte um das Schickſal der Menſchen⸗ natur, die aller Selbſtehre baar nach glänzendem Flitter und Tand haſcht oder ſich ſelbſt genügend mit ihrer Rohheit ſtolzirt. Vom Berge her ſchallte Glockengeläute der weidenden Kühe und Geſang des Hirtenknaben. Iſt das nicht wie Grabgeläute und S des ſterbenden Sommers? Die höher ſteigende Sonne ſchickte niige Strahlen in den Nebel, er qualmte auf und zerriß in Wolken; auch im Geiſte Eugens leuch⸗ tete es auf: Und dennoch muß hier allein uns Rettung werden, hier kann noch eine erkannte Wahrheit die entſprechende That erzeugen. Die da drüben, die Vornehmen, wollen nur geiſtreich ſein, eine neue Habſucht, ſich verfeinern, um noch mehr genießen, noch mehr ſpielen zu können. Ein Heiland ſelber, wenn er unter ſie träte, ſie würden nur eine intereſſante Erſcheinung in ihm finden, aber den Schwärmer belächeln, der ihnen zumuthet, das Joch der Niederträchtigkeit und der falſchen Genußſucht abzuſchütteln. Sie wiſſen Alles und wollen Nichts. Die rauhe Hand folgt noch getreulich der Erkenntniß. Es gilt die wahre Selbſtehre zu gründen und Lüge und Un⸗ natur ſind beſiegt. — Fre ohne es ſingender da er m Engerlin Fiden e mand a erſten S ungeme ſeinet Fragen fühlte lichteit, ſprang ab und — von Zigeune ſellte ein und duß er iſt ſei Eugen alte L die Pe ſochte nicte Freudigen Schrittes ging Eugen dahin und ohne es gewollt zu haben, ſtand er jetzt bei dem ſingenden Hirtenknaben, der ihn nicht bemerkte, da er neben ſich liegende Hanfſtauden von den Engerlingen ſäuberte und ſich aus den gewonnenen Fäden eine Peitſchenſchnur flocht. Es war Nie⸗ mand anders als der Sanscülotte. Nach dem erſten Schreck ward der verſtockte tückiſche Burſch ungemein zutraulich und offenherzig. Hier bei ſeiner Heerde und in den Antworten auf die Fragen, die Eugen in Bezug auf dieſelbe ſtellte, fühlte ſich der Burſch ganz in ſeiner Selbſtherr⸗ lichkeit, eine Munterkeit und muthwillige Friſche ſprang aus allen ſeinen Reden hervor, er rannte ab und zu, um ſeine drei Kühe und zwei Ziegen — von denen er die eine Ruſele hieß, weil ſie der Zigeunerin gehörte— zuſammen zu halten, er ſellte ſich immer raſch wieder bei dem Lehrer ein und antwortete behend auf Alles. Er erzählte, daß er noch eine Kuhkalbin habe, die zum Volks⸗ feſt ſei, um den Preis zu gewinnen, und wenn Eugen ſich eine Ziege anſchaffen wolle, wie der alte Lehrer, wolle er ſie ihm hüten. Als Eugen die Peitſche mit dem aus ſechs Weidengerten ge⸗ flochtenen Stile aufnahm und damit tapfer knallte, nickte ihm der Burſche beifällig zu und wollte 128 ihm die Peitſche ſchenken. Eugen dankte und als er fragte, woher er den Hanf zu der zweiten Peitſche habe, ſagte der Burſche halb verlegen, ſo viel dürfe man ſich von jeder Spreite nehmen; er war ganz verwundert, daß der Lehrer ſtatt zu tadeln ihn lobte, daß er das offen geſtand. Als Eugen ſchon das Thal hinab war, rief ihm der Sanscülotte nach, er gebe die neue Peitſche des Rainbauern Karle, dann habe er ſeinen Hanf wieder. Eugen war ganz glücklich, daß er dieſen hartſchlägigen Burſchen ſo gewonnen hatte und er mußte viel darüber denken, wie ſchwer es iſt, in der Schule das innere Leben der Kinder zu faſſen; man müßte ihnen nachgehen können in all ihrem Thun und inmitten der Arbeit gelegent⸗ lich die Erkenntniß wecken. Weit, weit hinaus lag das Ideal, daß einſt die Schule ſich wieder auflöſe und weſentlich jeder Vater im Thun und Denken Lehrer ſeiner Kinder ſei. Von ſeinen Morgengängen brachte Eugen ſtets ein friſches helles Auge und einen Athem der Feldluft in die Schulſtube. Die Nebel ſtan⸗ den jetzt oft tagelang auf den bewaldeten An⸗ höhen und wenn ſie wichen, zeigte ſich wie ſie das Laub immer falber gemacht hatten. In Eugen o widmete die gan gleich ei Aerlan unſchlo praußen und D hereitu wurde kannte vor de ſichtigk Gideon auf be die dieſ Valdir der ka Landſch ängſtli ſtände als je 129 Eugen aber war's wie ſproſſender Frühling. Er widmete ſich freudig ſeinem Berufe, er vergaß die ganze Welt draußen und erſchien ſich oft gleich einem Einſiedler, der ein umhegtes kleines Ackerland bebaut, grabend, ſäend, erntend, eng umſchloſſen, nichts wollend von der weiten Welt draußen. Dazu kam jetzt eine Beſcheidenheit und Demuth über ihn, indem er bei den Vor⸗ bereitungen die Lücken ſeiner Kenntniſſe gewahr wurde und beim Ueberſchauen des Gelehrten er⸗ kannte, daß er manchen Gedanken in ſich und vor den Kindern noch nicht zur vollen Durch⸗ ſichtigkeit und Beſtimmtheit herausgearbeitet hatte. Gideon Kronauer war ganz erſtaunt, als er hier⸗ auf bezügliche Aeußerungen Eugens vernahm, die dieſer mit den Worten ſchloß:„Wer in der Waldirre taſtend den Weg zu ſeinen Füßen ſucht, der kann ſich nicht am freien Ausblick über die Landſchaft ergötzen; in ſolcher Erregtheit ſieht das ängſtlich forſchende Auge aber manche Gegen⸗ ſtände der Nähe deutlicher in ihren Merkmalen als je dem harmloſen Blicke gelingen will.“ Pierzehntes Rapitel. Zwei Stoffe, die ſich chemiſch nicht einen können, werden durch einen enſprechenden dritten gebunden. So gelangten Eugen und Kronauer erſt durch den Vikar in die rechte Beziehung und Alle drei ſchienen Freude an einer Unterhaltung zu finden, die ſich über das Bereich der Kinder und Bauern erhob, wo alles Geſpräch doch vor⸗ nehmlich in Beantwortung der geſtellten Fragen beſteht. Die drei gingen eines Tages nach einem Teiche Kronauers, den man eben abließ. Der Vikar klagte über die Engherzigkeit des Schult⸗ heißen und ſetzte hinzu: „Die Reaction ſcheint uns in die platoniſche Republik zu verſetzen, wo nach Plato die Regie⸗ renden gezwungen werden müſſen, ihr Amt voll ſchwerer Verantwortlichkeit anzunehmen. Es ſcheint aber, daß ſich nur die bornirteſten zwin⸗ gen laſſen. Das Volk will überhaupt ſeiner Idee nicht entſprechen.“ / Krong Fr Ih. ſe u was aber ſchen zufo die du nel „Aus euren Hörſälen kommend,“ entgegnete Kronauer,„denkt ihr nur: was ſoll das Volk? Ihr ſagt nicht wie Carteſius: Ich denke, alſo bin Ich. Ihr ſagt: lich denke die Welt, darum iſt ſie und gerade ſo. Ihr wollt nur das finden, was ihr mitbringt; der Naturforſcher nimmt men aber die Dinge wie ſie ſind. Ihr ſolltet erfor⸗ driten ſchen, was iſt das Volk und was kann es dem⸗ auer zufolge wollen. Dadurch würdet ihr nicht immer die Rechnung ohne den Wirth machen, und dieſer Wirth iſt der wirkliche Volksgeiſt. Die ſoge⸗ Kinder nannten ſchönen brillanten Ideen in der Wiſſen⸗ h vor ſchaft ſind dasſelbe was die eitlen Menſchen in ragen der Geſellſchaft, ſie wollen beide nur ſich geltend machen, ſich finden, ſich hören, ſtatt die Dinge zu erkennen wie ſie ſind und erſt daraus die Der Ideen erwachſen zu laſſen.“ „Es iſt etwas Wahres daran,“ verſetzte der Vikar und dieſe Redensart empörte Eugen in tiefſter Seele. Das iſt die hochnaſige Groß⸗ thuerei, die einen Gedanken oder eine Anwen⸗ dung desſelben, der überraſchen müßte, mit vor⸗ nehmer Handbewegung gleichgültig begrüßt. „Ich danke Ihnen herzlich,“ ſagte er des⸗ halb zu Kronauer,„ für dieſe Worte; ſie ſind mir die Offenbarung einer geſunden Lebens⸗ 6. zwiſ⸗ ſeiner 132 methode; es iſt nicht nur etwas Wahres daran, ſondern ſie ſind ganz wahr. Ja, man muß die Bodenbeſchaffenheit des Ackers unterſuchen, damit man weiß was man ihm zumuthen darf, in ihm liegt ſein Geſetz. Nur erlauben Sie mir noch hinzuzufügen, daß die ideale Wiſſenſchaft höhere Anforderungen ſtellen muß, und um ihnen ge⸗ recht zu werden, gilt es zu melioriren und neue Bedingungen zu ſchaffen. Erobern war der Feldruf der Römer, ſie wollten ſtets neues Land gewinnen; wir müſſen im nationalen Boden neue Urkräfte hervorrufen.“ Niemand iſt ſo unabhängig und ſelbſtherrlich, daß nicht die begeiſterte Aufnahme ſeines Aus⸗ ſpruches ein Wohlgefühl in ihm erzeugte, das ſich zum Wohlwollen für den Empfangenden ausdehnt. So erging es auch Kronauer. Nur als Eugen hinzuſetzte, daß er ſich ſtets bereit halte, die Wahrheit als Erlöſung in ſich einziehen zu laſſen, konnte er ſich eines Mißmuthes nicht er⸗ wehren. Alles Enthuſiaſtiſche, Ueberſchwängliche war ihm von Natur widerſprechend. Als ſie eben bei dem Teiche angekommen waren, ſagte daher Kronauer mit etwas ſpötti⸗ ſcher Miene: er wolle kommenden Winter beim Froſte aus dieſem Sumpfe Modererde, ein ſoge⸗ nannt damit obern der freut Eug eine Me kon gem bemm 133 nanntes Hu muslager, herausſchürfen laſſen, um damit neue Urkräfte für lettige Felder zu er⸗ obern.“ Eugen wollte nichts von dem Spott wiſſen, der auch in dieſen Worten lag, und Kronauer freute ſich ſehr, als er vernahm, wie unterrichtet Eugen in der Ackerbauchemie war; er hatte jetzt einen Gefährten für ſein kleines Laboratorium. Wie glücklich war nun Eugen, daß er zwei Menſchen hatte, an denen ſich ſein Weſen ergänzen konnte und dieſe freudige Spannung ging natur⸗ gemäß auf ſeine Schulthätigkeit über. Wer mit ſchmiedeneuer Pflugſchar den Ur⸗ boden umpflügt, der erquickt ſich der friſchen und mühſamen Arbeit und des nährigen Brodems, der aus den ſchöpfungsjungen Schollen aufſteigt; oft ſind es aber auch böſe Fieberdünſte, die den ſchweißtriefenden Arbeitſamen um ſo heftiger er⸗ greifen. Beides empfand Eugen bei ſeinem Un⸗ terrichte. Der Sanscülotte war nicht nur wieder rückfällig geworden, ſondern hatte auch eine große Zahl Gleichſtrebender. Noch weit mehr als früher von der wahrgenommenen Lüge ward Eugen jetzt erſchüttert, als er in mehreren Kindern das Laſter der Heuchelei entdeckte. Dieſes ſchlaue Verbergen des bewußten Unrechts, dieſer Miß⸗ 134 brauch der Unſchuldsmienen in einem Kinde— nun iſt das Herbſte erfahren. Das Tückiſche, jene unfaßbare Miſchung von Liſt und Dumm⸗ heit, zeigte ſich in ſeiner ganzen Fratzenhaftigkeit. Der Sanscülotte ſtand wieder voran; er hatte Eugen mit ſanften Formen zu täuſchen verſtanden und doch war er der Urheber eines mühſam entdeckten wahren Verbrechens. Eugen war ein Buch Schreibpapier und mehrere andere Kleinig⸗ keiten abhanden gekommen, nur mit der größten Mühe brachte er den Urheber heraus, der viele Mitwiſſer hatte. Eugen war über die Scheu vor rückhaltsloſer Angabe mehr erbittert, als über die That ſelber. Er erkannte, wie ſich ſchon von der Schule aus eine ſittliche Auflöſung, eine Auflehnung und Diebeshehlerei gegen die Uebertretung des Geſetzes in den Gemüthern feſtwurzelt; das Angeben,„Petzen“ genannt, galt für die höchſte Ehrloſigkeit. Wo ſoll da im größeren Leben jene Bürgertugend ſich aus⸗ bilden, die jeden Einzelnen zum freiwilligen Wächter der Geſetze macht? Eugen ſuchte die Achtung vor dem Geſetze zu erneuen, indem er keine Strafe verhängte, ohne ſie mit den Auserwählten berathen zu haben. Dennoch ging er in dieſen Tagen tief⸗ hetrübt ihn, do in der wird u heit ge Z laſſen, Schul und dabei um d in da gelege hatte hieß: er au in de lich e Gan Dieſ tete dieſe der und den betrübt umher, Zorn und Wehmuth erfüllten ihn, daß der größte Theil unſrer Lebensarbeit in der Abwehr des Widernatürlichen verbraucht wird und ſo wenig übrig bleibt, die freie Schön⸗ heit gedeihen zu machen. Die Strenge, die Eugen ſtets hatte ahnen laſſen, ſtellte er nun in den Vordergrund; die Schule ſollte den Kindern ein Vorbild des Lebens und ſeiner unerbittlichen Nothwendigkeiten ſein; dabei behielt er noch Freiheit der Seele genug, um die Lichtblicke mit Liebe aufzunehmen, ohne in das verweichlichende Koſen zu verfallen. Daneben widmete er ſich den Gemeindean⸗ gelegenheiten mit emſigem Eifer. Der Schultheiß hatte einen einzigen Gedanken in Garniſon, der hieß: Nar nicht verganten! Manchmal änderte er auch die Parole und dann hieß ſie: Nur nicht in den Donnerſtag. An dieſem Tage ſtand näm⸗ lich allwöchentlich das große Verzeichniß der in Gant gerathenen Familien in der Landeszeitung. Dieſe Sterbeliſte des ökonomiſchen Todes fürch⸗ tete er faſt mehr als die des wirklichen. Mit dieſem einzigen Gedanken ſuchte er den Haushalt der Gemeinde zu leiten und es gab viel Hin⸗ und Herſchreiben zwiſchen ihm und dem drängen⸗ den Amte. Der Einwand Eugens, den der Sonnenwirth unterſtützte, daß dadurch die Ge⸗ meinde in Creditloſigkeit verfalle, wußte er da⸗ mit zu beſeitigen, daß wer einmal vergantet ſei, nie mehr auftomme; man müſſe daher gelegenen freiwilligen Verkauf abwarten, dann bleibe ſtets Erkleckliches übrig, daß man ſich wieder aufkratteln tönne. Eugen lud ſich viele Schreibereien auf, indem er in die Häuſer der gerichtlich Anhängi⸗ gen ging und die Ordnung ihrer Angelegenheiten in die Hand nahm. J tiefer er in Alles hier Einſchlägige drang, um ſo mehr befeſtigte ſich in ihm die frohe Zuverſicht, daß es ihm einſt gelingen werde, mit überſchauender Kraft Er⸗ ſprießliches zu fördern. Während er im Laboratorium mit Kronauer den Humus aus dem Teiche chemiſch unterſuchte, ſprach er dieß gegen Kronauer aus und dieſer beklagte, daß ſein Plan zu einer Grundereditbank in den letzten Jahren nicht aufgekommen war. Er ſetzte Eugen weitläufig auseinander, daß der ehemalige feudale Grundverband ein Schutzmittel gegen Verarmung war und hiefür jetzt die Ge⸗ meinde eintreten müſſe, welcher doch am Ende der Arme zufällt; der Adel habe ſich durch ſeine Creditbanken vielfach den Beſitz geſichert und viel ehemals freies Bauerngut werde wiederum Wels⸗u aber ſin Wuchere daß ſie nothwer A dig an fonnte werde Toder er w und die A fand Vom ſtehen ſchäft adoo dazu Vorl leicht lang Abe e8 b Vhl 187 Adels⸗ und künftiges Lehngut; die kleinen Bauern aber ſind noch dermaßen in den Händen von Wucherern, daß Viele ſo überſchuldet werden, daß ſie immer mehr in's Abweſen kommen und nothwendig dem Untergange verfallen ſind. Alles ließ ſich darnach an, Eugen ein leben⸗ dig angeregtes Leben zu bereiten und dennoch konnte er eine gewiſſe Schwermuth nicht los werden. Es war nicht die Furcht vor dem Todesurtheile, das hatte er faſt ganz vergeſſen; er war ohne einen erſichtlichen Grund reizbar und ſchreckhaft. Er hatte ſich mit Begierde in die Wellen des hieſigen Lebens geſtürzt und jetzt fand er kaum mehr Ruhe zum freien Aufathmen. Vom frühen Morgen an immer auf dem Poſten ſtehen, den unruhigen Geiſt ſo vieler Kinder be⸗ ſchäftigen, lenken und bilden, dann als Armen⸗ advokat heimgeſucht von Bittſtellern aller Art, dazu noch die Unruhe und Zweifelſucht in den Vorbereitungen zu ſeinem Berufe— es iſt leichter auf dem Scheiterhaufen verbrennen, als langſam in kleinen unſcheinbaren Thätigkeiten ſeine Lebenskraft verbrauchen. So rief er ſich zu und es bedurfte des ganzen Aufgebots ſeines feſten Vorſatzes, um nicht wankend zu werden. Er ging öfters mit dem Vikar in des Kirch⸗ 138 bauern Haus. Die hier herrſchende Scherzhaftig⸗ keit that ihm wohl, und die Kirchbäuerin ſah ſeine Beſuche mit offenbarer Zufriedenheit. Was ſonſt als Anmaßlichkeit hätte abgelehnt werden müſſen, nahm das zagende Herz jetzt als fürſorgende Güte auf. Die Kirchbäuerin wußte Alles, was Eugen that und ſie ermahnte ihn beſonders rückſichtlich der Kinder:„Man muß nicht nach allen Mücken klatſchen, laſſet auch manche fliegen. Haltet euch mehr an die kleinen, die größeren ſind ſchon einmal nichts nutz; man kann über die Raupen nur Meiſter werden, ſo lang ſie noch nicht ausgekrochen ſind, ſpäter nimmer.“ Sodann ermahnte ſie ihn, den Bach⸗ müller nicht zu verabſäumen, den müſſe man an der Hand haben. In dem ganzen Weſen der Kirchbäuerin lag etwas natürlich herrſchen— des und ſie wußte nicht anders, als daß ſich Niemand ihrer Gunſt entziehen dürfe. In das Haus des Bachmüllers kam Eugen in der That jetzt nur ſelten. Dort fühlte er ſich ſtets in eine innere Regſamkeit verſetzt, hier aber wurde ein egoiſtiſches Ausruhen in ſich nicht nur gewährt, ſondern faſt gefordert. Eu en fand es in ſeiner jetzigen Gemüthsverfaſſung ſehr bequem, ſich nicht allzeit auf den Poſten gerufen zuſchen⸗ bin We beſer un Ein nun gen narit in dus Küc gleich z lichteit in ſche indem erklärte er brac ſagte, preis 1 Dieſer nicht b 2 beweg ſuchte er, e Brau einen Gege Kaid Kloſe 139 zu ſehen, obgleich er ſich ſagen mußte, daß er beim Weggange aus der Bachmühle ſich ſtets beſſer und innerlich erquickt vorgekommen ſei. Eines Morgens ſagte der Lipp, er habe nun genugſam kochen gelernt, heute ſei Jahr⸗ markt in R., Eugen möge ihm Geld geben, um das Küchengeräthe zu kaufen. Eugen ging ſo⸗ gleich zu dem Sonnenwirth und um die Miß⸗ lichkeit ſeines Verlangens zu verdecken, bat er in ſcherzhaftem Tone um ein kleines Darlehn, indem er den Zweck angab. Der Sonnenwirth erklärte, daß man dafür kein baar Geld brauchez er brachte ſchnell allerlei Geſchirr zuſammen und ſagte, daß er das übrig habe und für den„Spott⸗ preis von dreißig Gulden“ Eugen geben wolle. Dieſer lehnte entſchieden ab und ließ ſich auch nicht bewegen, irgend ein„Gebot zu thun.“ Der Sonnenwirth zog die Stirn zuſammen, bewegte mehrmals die geſchloſſenen Lippen als ſuchte er nach dem rechten Worte, endlich ſagte er, er habe wol Geld, es ſei aber nicht ſein Brauch, den Leuten Geld zu geben, damit ſie ſich einen Bedienten halten können; er verlange im Gegentheil die hundertfunfzig Gulden, die er dem Kaidl gegeben, zurück, er wolle dem verſchuldeten Kloſemichel einen Acker„aus freier Hand“ ab⸗ 140 kaufen, da ſei's beſſer angelegt.„Jucken und Borgen thut wohl, aber nicht lange,“ ſchloß er, rief ſeine Frau und ſagte ihr, daß der Lehrer ſich einen eignen Haushalt einrichte und daß ſie ſchon auf heut Mittag nicht mehr für ihn kochen brauche. Eugen ſtand ganz erſtarrt vor Zorn, er mußte an ſich halten, denn er überlegte wohl, daß er ſich nur einen ſchadenfrohen Feind mache. Das konnte heute ein ſchlimmes Schulhalten werden, aber Eugen hatte Kraft genug ſich über dieſe Armſeligkeit hinwegzuſchwingen; es erſchien ihm als ein heitrer Probeverſuch, wie ſich Schule halten läßt, wenn man nicht weiß, ob man zu Mittag zu eſſen haben wird. Er lud ſich bei Lipp zu Gaſt und verzehrte mit ihm die Kar⸗ toffeln, die Lipp als vollkommener Meiſter zu ſieden verſtand. Es giebt Verlegenheiten, die dem innern Bewufßtſein als ſo ungehörig erſcheinen, daß man mit übermüthiger Zuverſicht erwartet, ſie müßten ſich ohne unſer Zuthun durch ein bereitwilliges Ereigniß ſchlichten, das nicht einmal unſern Zuruf abwarte. In dieſer Jugendlaune war Eugen am erſten Tage. Als aber Tage kamen und gingen und nichts ſich zeigte und als der Son⸗ nenwirth durch ſeinen Franz ſagen ließ, der Lehrer 1 ſihlte E lichen kle ſicht wi Antlitze« fir Wet ſetzt ern als kin ſinn zu er jetz mußte Strafe D Trenzli zeit in als er Huſchel ſch ih fand nach zend daran einer ihr h unbe ſagte — Lehrer möge das Verſprochene ſchicken, da fühlte Eugen was es heißt unter einem erbärm⸗ lichen kleinen Geſchicke zu leiden. Eugen merkte nicht wie die Kinder jeden Morgen nach ſeinem Antlitze aufſchauten, als müßten ſie erkunden, was für Wetter heute ſei; es war ihm ſo ſchwer, jetzt erweckend auf ſie zu wirken. Was er ſonſt als kindliche Heiterkeit und jugendlichen Leicht⸗ ſinn zu beſchwichtigen geneigt war, darüber konnte er jetzt in Jähzorn gerathen, und gewaltſam mußte er ſich von Uebereilungen und harten Strafen zurückhalten. Des Rainbauern Karle, deſſen Trauung in Trenzlingen ſtattgefunden hatte, hielt Nachhoch⸗ zeit im Dorfe. Eugen wußte kaum davon, und als er auf dem Tanzboden war, neckte ihn der Huſchel über ſeine traurige Miene und Sabine ſah ihn verſtohlen und fragend an. Eugen em⸗ pfand nur die eine Freude, daß dieſe Menſchen nach all den Stürmen und Drangſalen ſo jauch⸗ zend luſtig ſein mochten; er ſelber konnte nicht daran Theil nehmen. Man muß mitten im Taumel einer Bewegung ſtehen, die erhitzten Pulſe in ihr hüpfen laſſen, um den krauſen Lärm nicht unbegreiflich, ja ſogar erſchreckend zu finden; das ſagte ſich Eugen und er lachte mit, als die tolle 142 Luſt vieler Burſchen und Mädchen die bucklige Tochter des Mäuerleswerner, mit der Niemand tanzte, in allerlei Weiſe neckte. Als er weggegangen war, gab ihm noch eine Betrachtung viel zu denken: draußen in Wald und Garten blühten noch Herbſtblumen, aber die Menſchen dort hatten ſich zu ihrer Luſt mit ſteifen, künſtlichen bekränzt, an denen die Flittern blinkten. Wann wird die Zeit kommen, da man ſich wieder mit den natürlichen Blüthen ſeines Bodens zur Freude ſchmückt? Wird das Gemachte ewig den Vorrang haben, weil es in drückender Hitze nicht welkt? Die Welt iſt nur ein Spiegelbild unſerer ſelbſt, unſerer Gemüthsverfaſſung. Wer kennt nicht die Stimmungen, in denen ſelbſt die an⸗ geſchaute Freude ſich in Trauer verwandelt. Eugen fühlte ſich ſtets ſchwer bedrückt. Um der Kinder willen ſchon mußte das ein Ende nehmen. Was Eugen ehedem belächelt hatte, geſchah jetzt, er ließ durch Lipp die ſilberne Doſe und die beiden Trauringe verpfänden; er mußte beſſere Nahrung haben, wenn er ſeinen Beruf erfüllen ſollte. Jetzt verſtand er die Klagen der Lehrer um auskömmliches Gehalt mehr als zur Genüge. D — liegt ni in der in dem drängn bei we ſagte ſ kümme keinem Das Traurigſte in gedrückten Verhältniſſen liegt nicht ſowohl in der unmittelbaren Noth, als in der daraus folgenden Abtödtung der Energie, in dem Hinſiechen an nie völlig gelöster Be⸗ drängniß. Eugen konnte ſich nicht entſchließen, bei wem er die neue Anleihe machen müſſe; er ſagte ſich, daß in ſolchem Zaudern nutzlos ver⸗ kümmerte Tage vergingen und doch kam er zu keinem Entſchluſſe. Fünfzehntes Rapitel. Es hätte zu manchen Betrachtungen Ver⸗ anlaſſung geben können, daß Eugen jetzt gemein⸗ ſchaftlich mit dem Reichskrüppel in des heiligen römiſchen Reichs Schlafſtube— wie ſie Kaidl genannt hatte— die mit den ſtenographiſchen Berichten der Paulskirche verklebten Wände mit grüner Farbe überpinſelte. Eugen dachte aber meiſt nur, wem er die Ehre einer Anleihe zu⸗ kommen laſſe. Die Baronin erbot ſich da zuerſt, aber er fühlte, daß er hier nicht anklopfen konnte. Kronauer? Kaum hatte ſich zu ihm ein feſtes Verhältniß zu bilden begonnen, das durfte nicht in ein anderes verkehrt werden. Der Kirchbauer? Der würde ein Handgeld für den Eidam darin ſehen. Es bleibt Niemand als der Bachmüller; hat ja ſogar Kaidl von ihm geſagt, er hat eine harte Hand und ein weiches Herz. Dennoch verſchob Eugen dieſen Gang, bis er abermals von dem Sonnenwirth gemahnt wurde. So ward es Samſtag Abend bis er nach der Bach⸗ mühle ging; er wurde nicht eben freundlich em⸗ pfangen gls wü Hausher dürfen, nehr ſo niederge Anliege Hände vernei Eugen gekau richtu von 2 gab ih zu ger wieder zeigen. Angeſi meine . die 1 145 pfangen und dem zagenden Herzen ſchien es faſt, als wüßte man ſein Begehr. Eugen bat, den Hausherrn einige Augenblicke allein ſprechen zu dürfen, die Frauen enfernten ſich raſch. Nicht mehr ſo heiter wie beim Sonnenwirth, ſondern niedergeſchlagenen Blickes brachte Eugen ſein Anliegen vor. Der Bachmüller rieb ſich die Hände, als pb ihn friere und ſchüttelte den Kopf verneinend; als er aber den traurigen Blick Eugens ſah, ſetzte er hinzu, daß er viel Gerſte gekauft habe und auch Geld zu der neuen Ein⸗ richtung der Mühle brauche, die der Bernhard von Trenzlingen dieſen Winter mache. Eugen gab ihm recht und ſuchte die unbefangenſte Miene zu gewinnen. Er blieb noch, als die Frauen wieder kamen, es galt ja, keine Verletztheit zu zeigen. Vittore mochte jedoch etwas in dem Angeſichte Eugens entdeckt haben, denn ſie ſagte: „Herr Lehrer, jetzt ſind wir wett, ihr habt meinen Unſchick bezahlt gemacht.“ „Wie ſo? Was hab ich gethan?“ „Schwätz nicht, ſei ſtill,“ rief der Vater. „Man kann dir's anders auslegen,“ wehrte die Mutter. „Davor fürcht' ich mich nicht,“ ſagte Vittore, „meinetwegen können des Kirchbauern ſagen was 10 ſie wollen. Ich hab's euch doch nicht vergeſſen, Herr Lehrer, daß ihr an dem Lipp ſo brav ſeid. Das bleibt, wenn ihr auch ſonſt einen Unſchick gem acht habt.“ „Was hab ich denn gethan?“ fragte Eugen wieder. „Laß doch ſein,“ rief Vater und Mutter wie aus einem Munde. „Ich glaub, daß man mit dem Lehrer glatt⸗ weg reden kann,“ beharrte Vittore,„und er iſt hier fremd und es muß ihm am liebſten ſein, zu wiſſen, wie er mit den Menſchen dran iſt. Drum hat er ſich ja auch anpoppeln laſſen und hat im Gemeinderath für den Vigil gut ge⸗ ſprochen, er weiß nicht was für ein grundver⸗ dorbener Menſch das iſt und daß ihn die Kirch⸗ bäuerin nur uns zum Poſſen in Dienſt genommen hat. Herr Lehrer, es iſt nicht recht, daß ihr Sonntags nicht zu uns kommen ſeid; wen man mitten in der Woche überlauft, den muß man auch in der Sonntagsruhe heimſuchen, und wir haben dieſen Sonntag gerade die erſten Ernte⸗ küchle geſſen, und meine Mutter hat ſo ge⸗ wiß auf euch gerechnet, daß ſie euch davon und auch ein Stückle Fleiſch vom Mittag aufgehoben hat.“ L und d und a „wah ohne lares ſchön Men Vitt Ne daß Mot echte man laſſe das gin mit den Va un lie v0 von und faehoben Die Mutter ſchalt über dieſe Redſeligkeit und der Vater ging brummend die Stube auf und ab; Eugen aber dankte Vittore über dieſe „wahre Gutherzigkeit,“ die ihm einen Verſtoß ohne Hinterhalt vorrückte und ihn ſo in ein klares Verhältniß ſetzte. Als er hinzufügte, wie ſchön und echt das Leben wäre, wenn alle Menſchen wahrheitsgetreu ſich begegneten, rief Vittore in die Hände klatſchend: „Seht ihr Mutter, wie ich recht hab? Meine Mutter hat mich oft darüber ausgelacht, daß ich nicht gerne zu einem Menſchen guten Morgen ſage, dem ich nicht von Herzen einen echten rechten guten Morgen wünſche. So voft man einem begegnet, ſollte man's ihm merken laſſen, wie man zu ihm iſt.“ Betroffen ſah Eugen auf Vittore. War das nicht, als ob er ſelbſt redete? Vittore aber ging raſch von den Allgemeinheiten ab, ſie bog mit der Hand ihre Naſe und ahmte täuſchend den„Falſchheitsgruß“ der Kirchbäuerin nach. Vater und Mutter verwieſen ihr das ſtrenge und als gerade die Zeitung vom Schloſſe kam, ließ ſich's Eugen nicht nehmen, dieſelbe heute vorzuleſen. Als Eugen ſpät in der Nacht heimging, 10* 148 hatte er faſt vergeſſen, wie er mit ſeinem An⸗ liegen abgewieſen war, ihn beſchäftigte nur der Gedanke an Vittore und wie das ſo offenbar ſeelengute Mädchen mit Luſt ſogleich ihr Wahr⸗ heiteſtreben zur Abwehr des Mißliebigen ver⸗ brauchte. Am Morgen überkam Eugen der Schmerz über ſeine kleinliche Hülfloſigkeit mit doppelter Schwere; er blieb daheim und horchte hinaus auf jedes Geräuſch, gewiß kommt der Bach⸗ müller und bietet jetzt von ſelbſt das Gewünſchte dar. Er kam aber nicht, ſondern immer ein Bittſteller nach dem andern, für den Eugen Ge⸗ vatterbriefe und Gerichtsſchreibereien fertigen ſollte und er mußte an ſich halten um ſeine Leut⸗ ſeligkeit zu bewahren; er ſollte Allen Alles ſein und ihm wollte Niemand hülfreiche Hand bieten. Der Vikar predigte über Tim. 9.„Und weiß ſolches, daß den Gerechten kein Geſetz gegeben iſt, ſondern den Ungerechten und Ungehorſamen, den Gottloſen und Sündern w.“ Die Worte, die der Vikar hieran knüpfte und die wol zu anderen Zeiten erhebend in Eugen eingedrungen wären, verhallten jetzt faſt ſpurlos und er ge⸗ wahrte, wie ſchwer es wird, ſich aus niederen Bedrückungen zu allgemeinen Gedanken aufzu⸗ tuffen lißt gl A ſeiner erreich ſopher Es v ſeiner bilder rufe Herz raffen und wie das Menſchenwort darin einſam läßt gleich der ſtummen Natur. fenbar. An dieſem hellen Sonntag blieb Eugen in ſeiner Studierſtube und doch konnte er es nicht erreichen, ſo oft er auch mit Dichtern und Philo⸗ ſophen abwechſelte, ſich in ein Buch zu verſenken. 3 Es will nicht gelingen, mitten unter Sorgen ſeinen Geiſt frei zu entfalten und weiter zu bilden. vah⸗ Als er ſpät in der Nacht von dem Wächter⸗ rufe erweckt wurde, ſprachen ſich aus Eugen's em Herzen die Worte: Um Mitternacht gen Bin ich erwacht, Und fragte mich ſtill und leiſe: ſein Du irrer Gaſt, ten. Wo fand'ſt du Raſt eiß Auf deiner wirren Reiſe? weiß ben In fremdem Haus, 7 In Nacht und Graus, e Lieg ich hier gebettet in Leiden. und ſtürb' ich jett, iu Keine Wange netzt rungen Eine Thräne um mein Verſcheiden. er R⸗ um Mitternacht iederen Bin ich erwacht, Und weinte ſtill und leiſe.„ Mit einem wehmüthigen Lächeln ſchrieb er dann dieſe Worte auf, hatte er ja dieſe Ge⸗ wöhnung aus vergangenen Zeiten längſt abgethan geglaubt im thätigen Leben. Er wollte nichts mehr von einer Verfeinerung der Empfindung in ſich, Alles ſollte in lebendigem Worte hin⸗ gegeben ſein den lebendigen Menſchen. Mit Anſpannung all ſeiner Willenskraft mußte er ſich zum Schulhalten beſtimmen. Jedes leine Geräuſch erſchreckte ihn, jede nicht raſche Folgſamkeit machte ihn unwillig. Eines Morgens mußte er ſich geſtehen, was er nicht bekennen wollte, er war krank; ein mächtiges Fieber hatte ihn erfaßt und hin und her wogten ſeine Ge⸗ danken und überſprangen alle Dämme, die der bewußte Wille ihnen geſetzt. Mit Schauder wurde er ſolches gewahr, daran hatte er nie gedacht, wie es werden ſolle, wenn er krank würde. In der Angſt, daß er im Fieber ſein ganzes ver⸗ borgenes Leben verrathen könne, ſteigerte ſich das⸗ ſelbe nur noch mehr und als der herbeigerufene Vikar kam, ſchickte er ſogleich nach dem Arzte, der täglich die Frau Kronauer beſuchte. Eugen wollte es nicht dulden, daß er krank ſei, aber er fonnte nicht mehr wehren und bald verſank er in willenloſes Hinbrüten. li Lunen hielt a Ales als ei ſteiger begon und i ſchrie Waf Adju ſchrie ſch getro Sche wach der gege ihm eine Kir Y ſell lie Eugen aber er rſank er it Lipp bewährte ſich als ſorglicher, allen Launen fügſamer Krankenwärter. Der Vikar hielt an Eugen's Stelle regelmäßig Schule und Alles ſchien einen ruhigen Verlauf zu nehmen, als ein neues Ungefähr Eugen auf's Höchſte ſteigerte. Draußen hatte die fröhliche Weinleſe begonnen; Piſtolenſchüſſe knallten von den Bergen und in den Gaſſen und von dieſen Tönen erweckt ſchrie Eugen nach ſeinem Pferde, nach ſeinen Waffen und commandirte die Schlacht, ſchickte Adjutanten ab und antwortete auf Rapporte und ſchrie wieder laut auf, da er Kameraden neben ſich ſinken ſah. Ein andermal rief er:„Schlecht getroffen! Warum verbindet ihr mir die Augen? Sehen will ich den Tod, Achtung! Feuer!“ Bartelmä löste den Lipp ab in den Nacht⸗ wachen. Man redete viel im Dorfe davon, daß der dicke Geißelmaier des Sonnenwirths ſo gut gegen den Lehrer ſei, und daß dieſer ſich von ihm beruhigen laſſe wie ein Kind von der Mutter. Die Krankheit Eugens hatte noch außerdem eine ſeltſame Bewegung im Dorfe erregt. Die Kirchbäuerin ſah ſich als erſte verpflichtet, die Pflege des kranken Lehrers zu überwachen; ſie ſelber konnte nicht vom Fleck und ihre Sabine ließ ſich durchaus nicht dazu bringen, in das 152 Schulhaus zu gehen; ſie ſchickte daher ihren Männ mit allerlei Anerbietungen, die aber Bar⸗ telmä, der ſich das Hoheitsrecht im Hauſe an⸗ geeignet hatte, barſch abwies, gelinder lehnte er die Anerbietungen der Bachmüllerin ab und nahm nur von der Pfarrerin das Gewünſchte an. Beim Wachen in der Nacht entſchloß ſich Bartelmä zum erſtenmale wieder, etwas Gedrucktes vorzu⸗ nehmen; aber ſei es, daß ſein Auge oder ſein Geiſt widerſpenſtig war, er las keine drei Seiten und kartelte dann ganze Nächte mit Lipp. Die Bachmüllerin und die Pfarrerin hielten ſich viel in der Nebenſtube bei Eugen, und dieſer rief einmal wie aus dem Traume aber mit ſo markerſchütterndem Tone, als wäre ihm das Herz geſprungen:„Mutter! Meine Mutter!“ Die Frauen kamen erſchreckt herein und ſahen wehmüthig auf den Kranken. Die Bach⸗ müllerin fühlte ſich ſelber unwohl und Vittore ſtellte ſich freiwillig als ihr Vikar ein. Als einſt Eugen mehrmals nach Lipp rief und dieſer ſchlaf⸗ trunken ihn nicht hörte, ging Vittore in das Krankenzimmer und reichte dem mit der Zunge lechzenden Kranken einen Trunk. „Du giebſt mir Thau,“ ſagte Eugen nach⸗ dem er getrunken und ſein Auge wurde größer. Erfüßt leg de horchte ſti wehm drinn nicht lang Den zu b gu verſ Fäde ſim dann wiſſ frä Vil ſell die ſu ſch K Er faßte die Hand Vittore's und ſagte:„Stephanie, leg deine Hand auf meine Stirn.“ Vittore ge⸗ horchte und als Eugen eingeſchlummert war, ſchlich ſie wieder weg. Die Krankheit brach ſich jetzt. In ſtillen Stunden ſchaute Eugen oft wehmüthig nach den aufgeſtellten Büchern; da drinnen ſind geſchloſſene Lichtreihen feſtgehalten, nicht zu faſſen von dem kranken Auge. Stunden⸗ lang konnte er ſich damit quälen, ſein ganzes Denkleben als eine ſpieleriſche Selbſtbetäubung zu betrachten und oft kam er ſich vor, wie von großer Reiſe zurückgekehrt, plötzlich wieder hinein⸗ verſetzt in ein faſt vergeſſenes Treiben, wo tauſend Fäden abgeriſſen ſind, die ſich nicht wollen weiter ſpinnen laſſen. In ſolcher Beklemmung rief er dann Lipp, daß er mit ihm ſpreche. Er mußte wiſſen, was er ſei. Der Zuſtand Eugens beſſerte ſich, ſeine träftige Natur erholte ſich bald wieder. Der Vikar und Kronauer leiſteten ihm abwechſelnd Ge⸗ ſellſchaft und als Eugen die Theilnahme erfuhr, die man ihm in ſeiner Krankheit gewidmet hatte, ſagte er ſchwerſeufzend:„Wenn nur die Men⸗ ſchen den Geſunden ſo liebreich wären wie den Kranken.“ Nicht nur die alten Befreundeten bewährten ſich in thatreicher Weiſe, auch einen neuen Men⸗ ſchen gewann Eugen durch ſeine Krankheit. Dieß war der Amtsarzt Doktor Hahn. Er gehörte der neueſten Schule der Nihilopathen an und half Eugen glücklich aus ſeinem Nervenfieber ohne einen Tropfen Medizin. Sei es dieſe Siegesfreude oder eine Anziehungskraft im Weſen Eugens, der Arzt ſchloß ſich ihm freundſchaftlich an und verbrachte manche Stunde bei ihm, wobei er oft darauf hinwies, daß die Krankheit Eugens nur ein vorübergehendes Welken bei der Ver⸗ pflanzung und geiſtigen Acclimatiſirung ſei; er wollte ſtets in das vergangene Leben Eugens dringen, und während dieſer ſolches ablehnte, fanden ſie beiderſeits viel Austauſch in dem Ge⸗ danken, daß die Menſchen individuell behandelt werden müßten, und wenn es möglich wäre, alle zuſammenwirkenden Kräfte in ihrem Kernpunkte zu packen, ſie geiſtig und körperlich zu erfriſchen wären. Eine ſtille Schwermuth, ein Gefühl der Hülfloſigkeit war trotz alledem Eugen von ſeiner Krankheit zurückgeblieben; er ging faſt immer ſchweigend umher, er, der ſonſt für Jeden eine freundliche Anſprache hatte. Von ſeinen Fieber⸗ hantnſ blieben, lag im ihre H ihn heißeſt L ſo ve gefah die G halte ange rrſt vorh der Wei aus meh hei ſein St ſu 155 phantaſien war ihm nur die in Erinnerung ge⸗ n blieben, daß ihm ſeine Mutter gerufen habe, ſie lag im Dunkeln, er konnte ſie nicht ſehen, aber ihre Hand leuchtete, ſie hatte die Arme nach ihm ausgeſtreckt. Die tiefe Trauer um den heißeſten Wunſch ſeiner Seele erneute ſich in ihm. eſe O wenn die Mutter wüßte, wie ihr Kind Veſen ſo verlaſſen war und noch immer iſt. aſtlch Sie zu finden, ſtand er in täglichen Todes⸗ obei gefahren, und doch was ließ ſich thun, um jetzt Eugens die Spur ihres Lebens zu entdecken? Ver⸗ Als Eugen wieder zum erſtenmale Schule halten konnte, führte ihn der Pfarrer, der indeß angekommen war, feierlich bei den Schülern ein; nte, er ſchien die ganzen vergangenen Wochen als nicht Ge vorhanden zu betrachten, die Schule, dieſe„Tochter der Kirche,“ erhielt erſt von ihrer Mutter die e, alle Weihe ihres Daſeins. Der Pfarrer war über⸗ kte aus freundlich gegen Eugen und wiederholte mehrmals, daß er in der Hauptſtadt viel„Vor⸗ theilhaftes“ von ihm gehört habe, beſonders von ſeiner Gönnerin, der Stiftsdame Theoroſa von Schüttenhelm, die nächſtes Frühjahr zum Be⸗ ſuche hieher kommen werde. Sechzehntes Rapitel. Es giebt Menſchen, deren Gedenken uns anmuthet, als faßten wir eine getreue biedre Hand. So war's Eugen, als er Deeger's ge⸗ dachte, er wußte zuverſichtlich, daß dieſer Rath ſchaffen würde. Der Sonnenwirth mahnte zwar nicht mehr, das durfte aber nicht abgewartet werden. Was Eugen damals beim Abſchiede von Deeger nicht hatte glauben wollen, hatte ſich nun doch bewahrheitet; die Entfernungen auf dem Lande ſcheinen ſich zu vergrößern. Die beiden Freunde hatten ſich jetzt ſeit Monaten nicht wieder geſehen. Bartelmä war voll fröhlicher Laune, als er von Eugen vernahm, daß er einen Beſuch in Röthhauſen machen wolle; er erzählte, daß er morgen Abend mit ſeiner Frachtfuhre auch durch Röthhauſen käme und Eugen ſolle ihm vom Verlobungstiſch eine Flaſche Champagner als Signalrakete in das Lamm ſchicken. Mit einem Urlaub von zwei Tagen, die ihn jet Eugeni hatte. wie der den mu Lollge Standt Monſc ſo dal dankte zu ei hauer und: Erlen huldig freun Sabi ſchwa doch viel Ih ſcher Mil hör gebe neu 157 ihm jetzt als eine endloſe Zeit erſchienen, beſtieg Eugen das Pferd, das ihm Bartelmä verſchafft hatte. Aller Augen ſchauten verwundert auf, wie der Lehrer ſo ſicher und keck davon ritt und den muthigen Hengſt tänzeln ließ. War es das Vollgefühl der Wiedergeneſung oder ſein erhöhter Standpunkt? Eugen erſchienen die Häuſer, die Menſchen viel hellfarbiger und heiterer, als er ſo dahin ritt und rechts und links grüßte, bald dankte, bald durch ſeinen zuvorkommenden Gruß zu einem ſolchen herausforderte. Vor des Kirch⸗ bauern Haus ließ er das Pferd mehrmals ſteigen und mußte in ſich hineinlächeln, daß er dem Erlenmooſer Salon die entſprechende Cavaliers⸗ huldigung brachte. Die Kirchbäuerin nickte ihm freundlich zu und der Huſchel, der hinter der Sabine zum Fenſter herausſah, ſagte:„Das ſchwarze Sturmband um das Kinn ſteht ihm doch prächtig und er iſt in der Krankheit noch viel ſchöner geworden, meinſt nicht auch Sabine? Ich lauf' ſchnell hinten durch die Gaſſ', ich muß ſehen, was er bei der Mühle macht.“ Bei der Mühle war aber Niemand zu ſehen und zu hören, die Müllersleute waren Alle im Neben⸗ gebäude, wo der Bernhard von Trenzlingen ein neues Werk ſchuf; beſonders Vittore war ganz 158 glücklich, ſich nun einmal den Mechanismus der Mühle genau erklären zu laſſen, ſie war von Jugend auf daran gewöhnt und kannte ihn doch nicht vollkommen. Der Mühlendoktor Bernhard war nicht karg mit ſeinen Erklärungen und die Eltern ſahen dieſe natürliche Beziehung als eine glückliche Verheißung an; ſie winkten ſich eben mit den Augen zu, als Vittore ſo nah bei Bern⸗ hard ſtand, der ihr gerade eine Zeichnung erklärte, da trat Eugen ein, der ſein Pferd an dem Hauſe angebunden hatte. Er ſprach ſeinen fröhlichen Dank aus für die Pflege, die man ihm hatte angedeihen laſſen. Als er berichtete, daß er im Begriffe ſei, nach Röthhauſen zu reiten, um dort einen Freund zu beſuchen, war das Auge Vittore's ſtreng auf ihn gerichtet, das dann den Blick zur Erde ſenkte. Der Mühlendoktor war ein ſtattlicher junger Mann von überaus kräftiger Geſtalt mit einem ſtraffen Antlitze, deſſen unterer Theil von den Augen an braun ausſah, während die Stirne blendend weiß war. Eugen be⸗ willkommte ihn in herzlicher Weiſe und bat um ſeinen öftern Umgang. Als er davon ritt, ſchaute ihm Niemand nach als der verborgene Huſchel. Es winterte bereits ſtark, eine dünne Schnee⸗ decke l hlicte glitzer breitet ſo ruh ſich u Tann ab v ſo ta Herr daß wo fräch das Gefi Bach nch über es ſih ihn bor gch Be Vo 159 decke lag auf der gefrornen Erde, aber die Sonne blickte ſo hell vom blauen Himmel und überall glitzerte und blinkte es; die Bäume am Wege breiteten die Zweige voll glänzenden Geſchmeides ſo ruhig und unbewegt, als hielten ſie ſtille an ſich und freuten ſich ihrer Pracht. Der ſchwarze Tannenwald auf der Berghöhe ſchnitt ſich ſcharf ab von dem weißen Grunde. Der Braune griff ſo tapfer aus, als wäre er ſtolz auf ſeinen ſichern Herrſcher. Eugen war es ſo wohl zu Muthe, daß er gerne in die Welt hineingeſungen hätte, wo Alles ſchwieg und nur bisweilen ein Rabe krächzte. Den ſchwarzen Geſellen ärgerte wol das weißglänzende Gewand der Erde. Ein Eisvogel mit ſeinem blauſchimmernden Gefieder ſtand auf einem Felſen am zugefrornen Bach und wendete den langſchnabeligen Kopf nach dem Reiter. Jetzt wechſelte ein Rehbock über den Weg, die Jagdluſt wachte wieder auf, es tönte lockender Waldhornklang und rief zur fröhlichen Jagd. Eugen ritt raſch dahin und ihm war's in der Seele, als ritte er einem ver⸗ borgenen Glücke entgegen. Er forſchte dieſer gehobenen Stimmung nach und fand zu ihrer Begründung nichts, als die Reiterluſt und das Vollgefühl der Geſundheit. Er lehnte es ſtill ab, daß das Wiederſehen Stephanie's mitwirke, ja er gelobte ſich, ihr auszuweichen. Wie er ſo dahinritt und die ſchnellfüßige Kraft des Pferdes ſein eigen machte, überkam ihn etwas von der Luſt nach ausgebreitetem Be⸗ ſitze; über ſolchen ſchalten und herrſchen, das heißt das eigene Selbſt mit neuen Mächten aus⸗ rüſten, tauſendfaches Leben gewinnen. Und jetzt, welch armſelige Noth bedrückt dein ganzes Weſen! Eugen jagte noch ſchneller dahin, als fliehe er vor den Einflüſterungen des Verſuchers. Auf der Anhöhe von Röthhauſen begegnete ihm der Metzgerburſche, der in einem Bernerwäglein ſaß; ſie hielten beide eine Weile die dampfenden Roſſe an und Eugen wußte nicht war's Spott oder Ernſt, als er den Dank für ſeine Verwen⸗ dung beim Schäufler-David vernahm. Er ritt raſch fürbaß. Der Lammwirth in Röthhauſen hieß den Gaſtfreund hoch willkom⸗ men, als dieſer aber nach Deeger fragte, erfuhr er, daß groß Leid in deſſen Hauſe ſei; die Mutter ſei gefährlich krank und es wäre doch geſcheiter, wenn der Alte in den Himmel käme, der hier unten nichts mehr zu thun habe. Dem plötzlich verſtörten Anblick Eugens begegnete der Lamm⸗ wirth mit dem Zuſatze, daß die Mutter wol noch davon geld hinau ( dunge Bruſt zu tr Kran hafte ſchw ſch Eug denn liches ganz gerül ber lichte ſein verg pfeg woll der wie ger ſcho th in 161 davon kommen werde, es koſte nur ein Heiden⸗ geld, das man an die 99 prozentigen Apotheker hinauswerfen müſſe. Es gehört zu den ſchmerzlichſten Empfin⸗ dungen, einen Freund, den man jubelnd an die Bruſt drücken wollte, unverſehens gramgebeugt zu treffen. Wie an dem aus freier Luft in die Krankenſtube Tretenden ein friſcher Feldathem haftet, ſo wird es dem freudig geſpannten Herzen ſchwer, plötzlich den Gram und das Mitleid in ſich aufzunehmen. Nur wenige Augenblicke war Eugen von dieſem peinlichen Gegenſatze beherrſcht, denn plötzlich überkam ihn wieder ſein tiefſchmerz⸗ liches Verlangen nach ſeiner Mutter, das ja ſein ganzes Leben unruhvoll beherrſchte. Deeger war gerührt von der innigen Theilnahme Eugens, aber er konnte doch nicht umhin die Ueberſchwäng⸗ lichkeit zu dämpfen, da Eugen äußerte: er würde ſein halbes Leben darum geben, wenn es ihm vergönnt wäre, auch nur ſeine kranke Mutter zu pflegen. Deeger war gefaßt und ruhig. Eugen wollte ſein Anliegen gar nicht vorbringen, aber der Freund zwang ihn dazu und Eugen erzählte, wie er in dieſe Verlegenheit gekommen ſei. Dee⸗ ger konnte ein gewiſſes Meiſtern nicht laſſen, er ſchalt Eugen über ſeinen Leichtſinn, der ihm un⸗ 1 162 nöthige Sorgen aufgebürdet habe. Eugen ward unwillig, er hatte ja ſchon genug gelitten, wozu noch dieſe Strafpredigt? Deeger nahm Papier und Bleiſtift indem er ſagte: „Berichte Alles, was du ſonſt ſchuldig biſt, kein Flickwerk, ganz geſund und frei mußt du dich machen.“ Als Eugen entgegnete, daß er ſonſt keine Schulden habe, wurde hin und her überlegt, wie zu helfen; Deeger war einverſtanden, daß nur im äußerſten Falle, wenn auch, was er nicht glaube, Kronauer verſage, man ſich an die Ba⸗ ronin wende. „Verſuch's beim Lehnert,“ ſchloß er,„der könnte dir helfen und dann muß dir Schnörkel dein zweites Klavier abkaufen, der hat baar Geld. Mach dich um jeden Preis frei. Nichts iſt jämmerlicher, als ſich mit einer drückenden Laſt wie mit einer Kränklichkeit hinſchleppen, das Meſſer her, Hungerkur her, nur heile dich ganz.“ In dieſer reſoluten Aufhebung aller ſchlaffen Hängerei war Deeger völlig in ſeinem Elemente und Eugen fühlte jetzt leibhaftig die kräftige Freundeshand, ja noch mehr, wie der lebendige Anblick eines ſich in feſter Haltung bewegenden Men ſch der ſchn Bytſ nom fan und Lan nah den der von er Ey die Bg⸗ —* r,„der at baar Nichts rückenden ſchleppen, ſchlaffen Elemente träftige lebendige wegenden 163 Menſchen den Nachläſſigen aufrichtet, ſo fühlte ſich Eugen erkräftigt. Im Hauſe Lehnerts war große Freude bei der Ankunft Eugens; der Engelbert hatte ihn ſchon beim Lamm geſehen und zu Hauſe die⸗ Botſchaft verkündet. Deeger hatte es über⸗ nommen, den Lehnert zu beſtimmen und dieſer fand ſich wider Erwarten willfährig, als„Bürge und Selbſtzähler“ zu unterſchreiben, wenn der Lammwirth das Geld gebe. Auch dieſen über⸗ nahm Deeger und kam bald mit dem überraſchen⸗ den Jawort. Er verkündete jedoch Eugen, daß der Lammwirth ſich nur aus der Rückſicht zu der Anleihe verſtanden habe, daß nun die Hei⸗ rath ſeines Bruders mit des Schäufler⸗Davids WMarie eifriger betrieben werde.„Ich glaube aber auch,“ ſetzte er dann hinzu,„daß der Lamm⸗ wirth dich für einen Nebenbuhler hält und dich dadurch beſeitigt glaubt.“ Eugen lächelte über die ſeltſamen Ver⸗ ſchlingungen, die das Leben knüpft. Voll Freude ritt er nun hinüber zu Schnörkel, von dem er auch das Verſprechen erhielt, daß er auf dem Wege zur nächſten Conferenz nach Erlenmoos kommen und ſich eines der Klaviere auswählen wolle. 11* 15 Von Schnörkel weg ritt er dann pfeilſchnell nach Letzweiler zu dem Kopfrechner. Vielleicht hatte der Alte doch die Spur der Mutter ent⸗ veckt. Der Braune flog dahin aber für den ſchnellathmenden Eugen noch immer nicht raſch genug. Er traf den Kopfrechner nicht zu Hauſe, und getröſtete ſich, daß es wol beſſer ſei, den Argwöhnenden unbefangen und leichthin bei der Conferenz auszufragen. Deeger war ganz glücklich, daß er dem Freunde ſo hatte beiſtehen können und dieſer konnte nicht umhin, ihn an's Herz drückend aus⸗ zurufen: „Das heißt gelebt! Solch eine Stunde, in der man ein thätiges Freundesherz an ſich ſchließt, macht das Leben wieder werth, man freut ſich des Daſeins. Könnte ich dir nur durch eine ſchöne That beweiſen, wie glücklich du mich machſt, mit dir ſelbſt und damit, daß ich dich habe.“ Deeger nickte ſtill ohne eine Hand zu reichen oder durch irgend ein anderes Zeichen zu er⸗ wiedern. „Man hört immer und immer, daß die Frauenliebe das höchſte Glück ſei,“ ſagte Eugen als er mit Deeger beim Weine beiſammen ſaß, „ich glaube, daß die Alten recht hatten, die Freu Mäl ein doch nin dum eine in un 00 165 Freundſchaft höher zu ſtellen; ſie iſt die reine Männertugend eines thätigen Volkes. Wir haben keine ſo ſchönen Thaten mehr wie die Alten und doch ſind die leitenden Gedanken bei uns nicht minder ſchön; unſere Furien ſind jetzt nichts als dumme Geldſchulden, unſer befreiender Tempel eine Discontobank. Stoß an Pilades. Nur in Glaubensdingen ſind wir verſchieden wie Oreſt und Pilades im Todeskampf. Cetera par con- cors et sine lite fuit ſagt Ovid.“ Die Gläſer klangen hell. Siebzehntes Rapitel. Mit einem eigenthümlichen Behagen der Un⸗ abhängigkeit ging Eugen andern Tages nach dem Schloß, um die Baronin Stephanie zu beſuchen; er hatte ſich von ihr ſchon abhängig geſehen und fühlte ſich jetzt um ſo freier. Er wurde in den Mittelſaal geführt und ſollte ſie hier erwarten. Schon dieſes Warten verſetzte Eugen in eine andere Welt, von der er ſich auch äußerlich um⸗ geben ſah: dieſe Hängeampeln mit Schlingge⸗ wächſen, dieſe Statuetten und Albums waren ihm jetzt ſo fremd; auffallend waren noch mehrere zierlich gearbeitete Staffeleien mit angefangenen und halbvollendeten Landſchaftsbildern; am Fenſter ſtand ein kunſtreich gearbeitetes Spinnrad vor einem einarmigen Stuhle. Stephanie trat ein und empfing Eugen mit vieler Herzlichkeit; die aufrichtige Theilnahme, die ſie über das abge⸗ härmte Ausſehen Eugen's äußerte, machte dieſen die Augen niederſchlagen, da ſie ihm beide Hände entgegenſtreckte und ihn fragte, was ihm fehle. Als Eugen jetzt den Blick erhob und zum erſten⸗ von! Euge fteis Ste anr 8 hie dig W 167 male in dem großen Spiegel ſeine ganze Geſtalt ſah, war er betroffen über ſeine eigene Erſcheinung. In dem ſüßduftenden teppichbelegten Zimmer, das von hellem Kaminfeuer durchwärmt wurde, ward Eugen raſch wieder in den zauberiſchen Bann⸗ kreis Stephanie's verſetzt. „Es iſt ſ ſchön,“ ſagte er, als er mit Stephanie an der freien Gluth ſaß,„es iſt ſo anmuthend, daß die Cultur das urſprünglich naiv Dageweſene verſchönert wieder aufnimmt.“ „Was meinen Sie?“ „Das freie Heerdfeuer des Anfangs iſt hier wieder da, und wie lieblich iſt's, die leben⸗ dige Flamme vor ſich zu ſehen, ſtatt die abſtracte Wärme aus dem verſchloſſenen Ofen zu haben.“ „Das Kamin würde mir aber nicht genug Wärme geben, der Ofen iſt auch geheizt, es geht nicht anders bei unſerm Klima.“ „Darum kann man unſerm Volke auch nicht das Doppelte zumuthen. Ich komme eben aus der dumpfen Stube Lehnerts. Sie waren dieſen Winter noch nicht dort?“ „Nein, das Volk iſt im Winter abſcheulich. Die Raupe iſt nur ſchön, wenn ſie Schmetter⸗ ling geworden. Ich wollte den Engelbert unter⸗ richten, ich ließ es aber wieder; ich kann mir's eigentlich nur denken, daß es eine Luſt iſt, geniale Kinder zu unterrichten.“ „Es fragt ſich nicht um Luſt, ſondern um Pflicht, es liegt gerade in der beſondern Auf⸗ gabe unſres Berufes—“ „Ihres Berufes?“ unterbrach Stephanie „Sie hahen einen ganz andern.* Sie ſollten mit dem elektromagnetiſchen Telegraphen über die Welt hinſprechen und mühen ſich ab, Taubſtum⸗ men Zeichen des Verſtändniſſes beizubringen. Das paßt nicht für Sie.“ Da Eugen ſtill vor ſich viederſah, fuhr Sie fort:„Das einzig Er⸗ hebungsvolle was unſre Zeit hervorgebracht hat, iſt doch der elektromagnetiſche Telegraph. Ich ſtudire jetzt dieſe lautloſe Nervenſprache und habe einen Apparat. Wenn heute ein Prophet, ein Erlöſer erſtünde, müßte er ſich in's Centrum ſtellen und dieſes Nervengeflechte über alle Hauptpunkte der Welt mit ſeinem Worte be⸗ herrſchen.“ „Und die kleinen Dörfer, an denen die Botſchaft ſtumm vorüberzieht?“ fragte Eugen. „Die erhalten die Kunde ſpäter oder auch gar nicht, die folgen ſtets den Hauptſtädten nach. Sie könnten mir einen großen Gefallen erweiſen,“ ſchloß ſie plötzlich aufſtehend, als richtete ſie eine hee frende nich beben Bart Rhei Sie ſtücke aber Brut gchtet und woll ſin 169 Botſchaft in die Höhe„Wollen Sie? Verſprechen Sie mir. Geben Sie mir charte blanche.“ „Was ſoll ich thun?“ „Sie bleiben heut Mittag bei mir zu Tiſche.“ „Und das iſt Alles?“ „Nein, Sie müſſen mir erlauben, Sie unter fremdem Namen vorzuſtellen. Was ſehen Sie mich ſo ſtarr an? Was iſt Ihnen?“ „Unter welchem Namen?“ fragte Eugen bebend. „Unter welchem Sie wollen. Sie ſind Baron. Meinetwegen Baron Baumann, vom Rhein, aus Weſtphalen, aus Thüringen, woher Sie wollen.“ „Und wozu ſoll dieſe Maskerade?“ „Zu nichts Schlimmem, au contraire. Ich habe heute mehrere Gäſte, es ſind einige Cabinets⸗ ſtücke darunter, die Sie amüſiren werden, Sie aber brauche ich für meinen Vetter Leo, einen Bruder unſres Erlenmooſer Kronauer. Leo ver⸗ achtet hautement alle Beſtrebungen für's Volk und Sie ſollen mir ihn bekehren helfen.“ „Danke für die Aufgabe, aber warum wollten Sie mich nicht zu dieſem Zwecke als ſinplen Lehrer vorſtellen?“ „O Einfalt der Weltweisheit,“ lachte Ste⸗ phanie,„Sie kennen die ſogenannte Geſellſchaft noch nicht, ich muß Sie daher als einen Sonder⸗ ling ſchildern. Wüßte Leo, daß Sie Dorfſchul⸗ lehrer ſind, würde er Sie kaum anhören; ſind Sie Baron, iſt das ganz anders.“ Eugen lächelte und Stephanie richtete ſich hoch auf, da ſie geſiegt zu haben glaubte, aber Eugen machte noch den Einwand: „So leid es mir thut, ich kann Ihnen nicht willfahren. Vielleicht kann Deeger, wenn auch ſeine Mutter ſchwer krank, ja, nehmen Sie doch Deeger, der iſt ſtahlfeſt und viel mehr geeignet und berechtigt.“ „Nein, der iſt ein Igel, er borſtelt und rollt ſich zuſammen, wenn ich ihn faſſen will und er iſt mir langweilig. Pudel, Turner und Fürchtegott Gellert das ſind drei Dinge, die ich nicht leiden kann. Deeger würde auch nichts nützen, er iſt zu dürr und rauh, er und Gideon ſind nicht geeignet, nein, gar nicht; ihre Reden ſind wie engliſche Wieſen, lauter grünes Futter⸗ gras, keine Blumen. Sie, Sie allein ſind ge⸗ eignet. Ich bitte, thun Sie mir den Gefallen. Ich übernehme jede Verantwortung.“ „Glauben Sie, daß Deeger, abgeſehen von alledem, Ihnen willfahren würde?“ Y we vie ſin Si 2 — — 12 „Nein, und darum ſollen Sie's. Was geht Sie Deeger an? Sind Sie an irgend eine Auto⸗ rität gebunden? Gerade weil er's nicht thut, iſt es Ihre Sache; oder haben Sie Ihren Grundſatz vergeſſen, daß der frei iſt, der aus ſich nach ſeiner Individualität handelt?“ „Die Frauen ſind in der Regel perſönliche Feinde der Logik, mit der Ausnahme, wenn ſie ihnen convenirt,“ entgegnete Eugen,„ſie gehen mit durch alle Schlußfolgerungen und bleiben am Ende doch an ihrem Ausgangspunkte ſtehen. Nun denn, glauben Sie, daß Mauern von Poſaunen⸗ ſtößen einſtürzen, und glauben Sie, daß ein Mann durch ein einziges Geſpräch bekehrt werden kann?“ „Nein, aber erſchüttert und das iſt ſchon viel, mein geehrter Herr von Katechismus. Sie ſind noch mehr Schulmeiſter geworden, ſeitdem Sie in Erlenmoos ſind.“ „Ich rathe dennoch zu Deeger, leider iſt er jetzt von Kummer und Noth heimgeſucht.“ „Und Sie wollen nicht für ihn bitten? Gut. Ich verſpreche Ihnen, wenn Sie mir willfahren, Deeger anonym eine beträchtliche Summe zu ſchicken, die ihm aus aller Noth hilft. Iſt es ritterlicher, für einen Freund auf der Menſur 12 ſich einer Klinge, einer Kugel blosſtellen, oder für ihn einen geiſtigen Wettſtreit ausfechten? Ich will Ihre Gefälligkeit damit nicht bezahlen, keineswegs, aber ich helfe Deeger doch nur, wenn Sie auch mir willfahren.“ Eugen ſaß eine Weile ſtill vor ſich nie⸗ derſchauend, dann ſagte er wie im Selbſtge⸗ ſpräch: „Darf ich mit meinen heiligſten Ueberzeu⸗ gungen eine Komödie machen, ein Maskenſpiel aufführen? Nein, nein, das wäre laſterhaft.“ „Sie überſchreiten alle Grenzen. Sie machen mich ernſtlich böſe. Was iſt das für ein Wort? Muthe Ich Ihnen etwas Derartiges zu?“ ſagte Stephanie, mit raſchen Schritten das Zimmer durchmeſſend.„Das iſt unerhört, unerhört,“ wiederholte ſie oft und biß die Lippen. „Gut,“ entgegnete Eugen,„ſo nennen Sie es frivol oder gar pikant. Nicht wahr, das iſt geſellſchaftsfähige Sprachtoilette? Ich verwerfe aber abſichtlich die kuppleriſche Sprachweiſe, in der man Schlechtes mit annehmlichen Worten beſchönigt und einſegnet. Sie ſelber verachten ja die ſogenannte Geſellſchaft, wo man einen Ehebruch eine liaison, einen Lüderjan einen roué oder blasé nennt, wo der betrügeriſche Heuchler ——— ein 3 oder S 173 ein intriganter diplomatiſcher Kopf getauft wird. Ich haſſe dieſe Art— ich weiß wohl, man darf in guter Geſellſchaft nicht ſprechen: ich haſſe, ſondern nur: das iſt mir odiös— ich haſſe die Manier, in der man über das Verwerfliche einen beſchönigenden lüſternen Reiz wirft und den Ge— ſtank der moraliſchen Fäulniß mit parfümirten Worten einbalſamirt. Darum iſt meine ganze Redeweiſe nicht geſellſchaftsfähig. Sie ſelber mit Ihrem Streben nach Wahrhaftigkeit und mit Ihrem verhaltenen Abſcheu ſind eben damit eine Einſiedlerin mitten in der Geſellſchaft, mich aber laſſen Sie weg aus einer Welt, der all mein Denken und Thun nur lächerlich wäre... Das iſt mein größter Triumph.“ „Sie brauchen keine Entſchuldigungen, Sie ſind ein edler Menſch!“ ſagte Stephanie zum großen Erſtaunen Eugens und legte ihre Hand auf ſeine Schulter,„Sie geben und ſind mir mehr als Sie nur ahnen können. Und jetzt willfahren Sie mir auch. Sie ſollen ja Ihre Ueberzeu⸗ gungen ausſprechen, ganz wie ſie ſind, nur ſich einen Talar oder eine wächſerne Naſe borgen, weiter nichts als einen Adelstitel. Oder ſind Sie auch einer der großartigen Freiſinnigen, die nur mit Gleichgeſtimmten verkehren wollen?“ 174 Da Eugen noch immer zögerte, fuhr ſie fort und ihre Wangen glühten: „Nicht wahr, um einen bornirten Bauern zu bekehren, maskirt ihr euern Geiſt und eure Denkweiſe in ſeine Sprache; vor einem Mann von Welt tretet ihr zurück, weil ihr euch, die Hand auf's Herz, doch fürchtet. Gehet hin und pre⸗ diget auf allen Gaſſen, ſteht geſchrieben; ja frei⸗ lich, auf den Gaſſen predigen, das iſt leicht, da ſeid ihr Meiſter. Ihr müßt hinein in den Sa⸗ lon, könnt ihr dort triumphiren, dann ſeid ihr Sieger.“ „Es ſei,“ ſagte Eugen,„aber nicht in Hoff⸗ nung auf Sieg; man engagirt auch einen Kampf, nur um dem Gegner Achtung vor dem Muth einzuflößen.“ „Sie haben echten Muth, das Lob können Sie im Voraus nehmen,“ entgegnete Stephanie freudig. Eugen lächelte, er konnte ja nicht ſagen, wie leicht es ihm ward, die äußere Aufgabe der Rolle anzunehmen, und eine gewiſſe übermüthige Kampfluſt reizte ihn mit geſchloſſenem Viſir in die Schranken zu treten. Stephanie machte ſich nun ſogleich daran, das Verſprochene für Deeger in eine Briefdecke 175 zu legen. Eugen ſchrieb mit verſtellter Hand⸗ ſchrift die Adreſſe darauf und übernahm es, auf Umwegen die Sendung zu beſorgen, indem er unverbrüchliches Schweigen gelobte. Er hatte wol falſch geſehen, da er zu bemerken glaubte, daß die Geberin dieß nicht ſo ſtrenge heiſchte? Als Eugen zu Deeger in die Schule kam, war er zerſtreut, ihn bewegte doch ein gewiſſes Bangen vor dem heutigen Mittag; wie war dort eine andre Welt, ein andrer Menſch als hier; dazu konnte er eine gewiſſe Unruhe nicht verbergen, weil er eine anonyme Sendung an den Freund in der Taſche hatte. Die eigen⸗ thümliche neue Lehrweiſe, in der Deeger die kleinen Kinder leſen und ſchreiben zugleich lehrte und ihnen Gegenſtand und Wort auf die Tafel zeichnete, dieſe wieder an die unmittelbare An⸗ ſchauung ſich anſchließende und alle Grundthä⸗ tigkeiten zu gleicher Zeit anregende Methode, hätte die Aufmerkſamkeit Eugens zu jeder andern Zeit vollauf beanſprucht, heute bemerkte er ſie nur oberflächlich und er hörte anfangs kaum als ihn Deeger fragte: „Haſt du nicht auch die ſchönſte Freude im Unterricht der jüngſten Kinder? Da offenbart ſich noch ihre eigene Welt, während die älteren 176 meiſt das vom Lehrer Gehörte reproduziren. Es gehört leider zu den Naturordonnanzen des grünen Tiſches, daß die Kinder im Frühling in die Schule eintreten müſſen ſtatt im Herbſt, wo Feld und Wald ſie in die Stube weiſt.“ „Das erſte Frühlingsgrün,“ beſtätigte Eugen, „iſt am hellſaftigſten und man freut ſich, daß es doch wieder grün iſt und denkt nicht daran, daß es auch Unkraut wird.“ Deeger bemerkte wohl, daß die Baronin den Freund in Unruhe verſetzt haben mußte, aber bei aller Hülfebereitſchaft miſchte er ſich nicht leicht ungerufen in fremde Händel. Eugen verabſchiedete ſich bei Deeger und beſtellte ſein Pferd nach dem Schloſſe. Als er dort angekommen war, hörte er be⸗ reits auf dem Hausflur das Durcheinanderreden und begrüßungspflichtige Lachen vieler Anweſen⸗ den. Die Baronin mußte angeordnet haben, daß ſeine Ankunft ihr gemeldet werde, denn der Bediente öffnete nicht, ſondern ſie kam raſch aus dem Saale, zog Eugen nach einem andern Zim⸗ mer und wollte ihm dort ein Ordensband in das Knopfloch heften. Eugen wehrte dies ent⸗ ſchieden ab, Stephanie reichte ihm den Arm, die Flügelthüren öffneten ſich und Eugen wurde 1 denn der ₰ 6 aſch aus gim⸗ dern Zim⸗ sband in den Arm, en wurde feuerroth, als ihn Stephanie der geſammten Geſellſchaft mit den Worten vorſtellte:„Mein Freund, Herr Baron Baumann aus Thüringen.“ Es konnte Eugen nicht entgehen, wie ſehr er ſchon Gegenſtand des Geſpräches geweſen ſein mußte. Welch ein Mährchen hatte die Ba⸗ ronin über ihn ausgedichtet? Er verwünſchte jetzt doch ſeine nachgiebige Vermeſſenheit. Stephanie ließ ihm keine Zeit zu Grübeleien, ſie winkte einem ſtattlich ausſehenden jungen Manne mit blondem Schnurrbart und einer breiten Narbe durch die Mitte der rechten Wange, die ſeinem Antlitze etwas Schiefes gab; der junge Mann näherte ſich mit offenbar militäriſcher Haltung und Stephanie ſagte: „Dieß, Herr Baron, iſt mein Vetter Leo, ausreißender Hauptmann der Küraſſiere, zukünf⸗ tiger Cineinnatus.“ Sie betrachtete mit offen⸗ barer Neugierde die beiden Männer. Eugen war breitſchulterig und doch ſchlank, ſein läng⸗ liches Antlitz mit den feingeſchnitzelten Zügen und dem auffallend kleinen Munde hatte etwas Elegiſches und doch wieder unvereinbar Küh⸗ nes, während das trotzige Angeſicht Leo's, die Art wie er den Kopf in den Nacken warf, die Augen wie zielend manchmal einkniff und 12 178 das robuſte Weſen überhaupt ſich raufluſtig und vornehm nachläſſig ausnahm. Er ſah aus als wäre er im Feldlager eben vom Pferde ge⸗ ſtiegen und bereit beim erſten Trompetenſchall wieder aufzuſitzen. Dazu knickte er beim Gehen wie es ſchien gefliſſentlich in die Kniee und ſchnellte ſich wieder empor, wodurch ſein ganzes Behaben etwas Selbſtbewußtes und ſich ſtets bereit Haltendes gewann. Schon die Art wie Leo bei der Verbeugung die ſporenklirrenden Ferſen aneinanderſchlug, hätte den Reiterhauptmann in ihm erkennen laſſen, während die Erwiederung Eugen's durch die Beklommenheit in ihm eine „ſublime Haltung“ verrieth, wie mehrere Be⸗ obachter aus der Geſellſchaft, des Grundes un⸗ kundig, bemerkten. Eugen faßte ſich ſchnell und begann zu Leo: „Es iſt eine Freundlichkeit der gnädigen Frau, die ſteife Ceremonie der Vorſtellung durch einen Scherz in heitere Bewegung zu verſetzen.“ Die verdroſſenen Mienen Leo's verwandelten ſich in Lächeln. Stephanie miſchte ſich in die Geſellſchaft, überall anregend und belebend. Leo begann: „Ich finde es auch, Sie ſehen auffallend dem Bilde ähnlich, das wir von Lord Byron haben.“ föm ſich Uet 0 „Ich danke für dieſe Freundlichkeit, aber ich möchte nicht Byron ähnlich ſein.“ „Warum?“ „Wenn er nicht ein ſo großer Dichter wäre, könnte ich ihn haſſen. Er iſt Ergebniß und Ur⸗ ſache der geiſtigen engliſchen Krankheit, eines Uebels, das Wundenmale den Händen einprägt, die zu ausdauerndem Thun ſich regen ſollten. In der Sucht nach Aufregungen, in dieſem Sehnen in ödem Ueberdruß, im Weltſchmerz überhaupt ſteckt viel Weltfaullenzerei.“ Leo ſetzte mit vieler Gewandtheit den Dichter⸗ werth Byrons auseinander, den Eugen gar nicht beſtritten hatte. „Aeſthetiſirender Junker, Schöngeiſt der Garniſon“ dachte Eugen vor ſich hin, als ihn Leo verließ.„Ihr verzeiht dem Lord ſeinen Frei⸗ heitsdrang, weil er abentheuerlich bunt und ſchließlich doch nur vornehmes Belieben, Emotions⸗ ſucht war, die keinerlei ausharrende Pflicht und Hingebung ſtatuirt. Wer ein echter Vertreter der höchſten Wahrheiten und ihrer Pflichten wäre, müßte von euch gehaßt ſein; das wäre ein Triumph, größer als der von eurer öden Vornehmigkeit goutirt zu werden.“ Der Oheim Major, der heute in voller 1 1⁸0 Galla war und zwei Orden auf der Bruſt trug, dankte dem Gruße Eugens nur mit ſtummer Verbeugungz er ſchien ihn offenbar zu vermeiden und dadurch ſeinen Unwillen und ſeine Nichtbe⸗ theiligung an dem loſen Streiche ſeiner Nichte zu bekunden. Tante Bonboniere wagte es gar nicht zu Eugen außzuſchauen, ſie ſchlug ſtets die Augen nieder, wenn ſein Blick ſie traf. Der Fragſamenhändler aber lächelte Eugen als ver⸗ traulich Eingeweihter zu, ohne jedoch weiter eine Bekanntſchaft mit ihm zu verrathen. Nur ein⸗ mal raunte er im Vorüberſtreifen:„Daniel in der Löwengrube.“ „Die Löwen der Geſellſchaft ſind auch manierlich,“ erwiederte Eugen in gleichem Tone, und wie er jetzt durch den Saal ſchritt, ſuchte er den Humor ſeiner Lage mit friſchem Muth⸗ willen zu erfaſſen. Der Speiſeſaal öffnete ſich. Eugen erhielt am obern Ende des ovalen Tiſches den Platz zur Rechten Stephanie's, zu deren Linken Leo ſaß. Sie ſuchte die beiden Männer in allerlei Geſpräche zu verwickeln, aber es wollte nichts verfangen; denn Eugen hatte ſich vorgeſetzt, ſeine Ueberzeugungen nicht zur Feuerwerkerei verpuffen zu laſſen. Als Stephanie fragte, wie man in au in allerlei tgeſetz, ſine rei verpufen wie man in 181 der Garniſon die Ablegung der deutſchen Farben aufgenommen habe, berichtete Leo lachend, wie die Soldaten jubelnd die„ſtudentenfarbigen“ Kokarden mit Füßen getreten hätten. Eugen ſchoß alles Blut zu Kopfe, der Biſſen im Munde wurde ihm zu Wermuth, aber er ſchwieg. Leo neckte die Baronin wegen ihrer„Deutſch⸗ thümelei.“ „Giebt es eine andre Nation, die für die nothwendige Liebe zu ſich ſelbſt einen ſolchen Spottnamen hat?“ fragte Eugen. Leo, der dieſe halbgemurmelten Worte nicht recht ver⸗ ſtanden hatte, bat um deren Wiederholung; Eugen erſuchte ihn, ſich nicht unterbrechen zu laſſen und Leo forderte Stephanie auf ihm einen„deutſch⸗ nationalen Namen“ für ſeinen Grauſchimmel, ſein neues Reitpferd zu geben. Er ſchilderte das Thier mit ſeinen blaßrothen Nüſtern, der weißen Stirne und den weißen gleichgezeichneten Füßen als eine wahrhaft ätheriſche Erſcheinung, dem er den proviſoriſchen Namen Titania gegeben. „Dieſe Menſchen alle“ mußte Eugen denken, „kennen die brennende Schmach des Vaterlandes und ſie converſiren, ſie ſcherzen und wohlleben, als wäre überall Friede und Ehre. O eine Sündfluth! um das ganze Geſchlecht zu vertilgen.“ 182 Alle wiederholte Bemühung Stephanie's Eugen zum Reden zu bringen, war vergebens, er fühlte, daß er jetzt nur Fluch und Wehe rufen könnte und die Baronin ſchien endlich ihr Vor⸗ haben aufzugeben. Der Champagner perlte im Glaſe, Eugen hätte gerne Vergeſſenheit getrunken. Die Geſellſchaft, die bisher in Zwiegeſpräche zerfallen war, erhielt plötzlich einen gemeinſamen Gegenſtand lebhafter Verhandlung. Man ſprach von einem jungen Manne, der das große Loos in der Lotterie gewonnen und ſich in der Nach⸗ barſchaft angekauft hatte. „Themiſtokles,“ ſagte der Fragſamenhändler zu einem ſtattlichen Manne gewendet,„ließ bei einem Gutsverkaufe ausrufen, er habe einen guten Nachbar.“ Der Angeredete dankte mit ſtillem freundli⸗ chem Lächeln. Vor Allem fragte es ſich um die politiſche Geſinnung des Neulings. Der Fragſamenhändler berichtete mit vielem Behagen, daß er die Ehre habe, Herrn von Bleſch als einen männlich ge⸗ reiften beſonnenen Mann zu kennen. Der Leu⸗ mund des Fragſamenhändlers ſchien in dieſem Kreiſe nicht ohne Geltung. Eine rundliche kleine Frau bemerkte mit obligatem Lächeln, zu dem g meiſamen große Loos menbandler ließ bei inen guten m freundli⸗ die volitiſche menbändler r die Ehre ännlich ge⸗ Der Leu⸗ in dieſem n zu dem gar kein Grund erſichtlich war, daß ſie auch ſchon ſehr Vortheilhaftes von dem neuen Nachbar gehört habe. Eine große wohlbeleibte aber noch ſchöne Frau ſagte: „Es hat für mich etwas Widriges, daß ein Menſch, weil er in der Lotterie gewonnen hat, nun ein Gutsherr iſt. Man ſollte eigentlich Boden und Bäume nicht für Geld kaufen können, ſo wenig man Menſchen kaufen kann. Es iſt ſchön, daß im bibliſchen Alterthume alles Erdreich Gott allein zum Eigenthümer hatte und nicht ver⸗ kauft werden konnte.“ Es gab viel Scherz und Neckerei über dieſe Betrachtung, bis ein ſtattlicher Mann mit faſt kahlem Haupte aber vollem braunen Barte ab⸗ lenkte, indem er unter aufmerkſamen Zuhören Aller ſagte: „Es iſt traurig, daß gerade ſo viele ma⸗ rode Gemüther oder ſchlaffe, ruheſüchtige, in die Landwirthſchaft flüchten, die doch die geſundeſte Spannkraft erfordert. Die Invaliden aller Be⸗ rufsarten glauben noch Landwirthe werden zu können.“ Auf dieſe Worte ſtrömten die Einzelbäche der Unterhaltung in ein rauſchendes Meer zu⸗ ſammen. Eugen wollte überall hinhorchen, aber 184 Stephanie fand dieſen Lärm gerade bequem, um ihm die Geſellſchaft zu ſchildern. „Der Invalidenfeind, der eben ſprach,“ ſagte ſie,„das iſt ein Mann, an dem Sie Ge⸗ fallen haben werden. Er hat nur den einen Fehler, daß er ſo horribel ſchnupft; ſehen Sie, wie er ſtets ſeinen Bart putzt wie eine Katze? Er und die ſchöne Blondine dort neben meinem Oheim, die theokratiſche Dame, die den Herrn von Sonne und Regen auf Zion und Himmels⸗ burg zum allgemeinen Gutsbeſitzer machen möchte, das ſind die einzigen Menſchen, die ich eigentlich lieb habe. Sie müſſen Herrn von Thurn näher kennen lernen. Er war vier Wochen Miniſter, zur Zeit als die Germania die galloppirende Excellenz hatte; er iſt ein liberaler Ariſtokrat, aber grundehrlich, ſie, eine geborne Sabelsberg, eine Nichte meiner Tante, iſt eigentlich eine Pietiſtin, aber wahrhaft gut, von unbegrenztem Wohlwollen. Die runde Frau, die vorhin den neuen Nachbar lobte, von dem ſie ſo wenig weiß als wir, iſt das Geſpons Ihres Gegenüber, ſehen Sie, des Mannes mit dem Orden, der ſtets de rigueur gekleidet iſt und Nachts mit aufgewickelten Locken ſchläft; er ſtand in hollän⸗ diſchen Dienſten und hat ſich ein fabelhaftes Ver⸗ mo vo ra 185 mögen erworben, ſie haben fünf tanzende Töchter, von denen erſt eine ſich während der Mobiliſirung raſch mit einem Hauptmann verheirathete; man nennt dies die mobile Ehe und böſe Zungen nennen den Vater den Sklavenhändler. Dort das ſtets tadellos raſirte Fiſchgeſicht mit permanenter weißer Halsbinde und ohrenklemmendem Hemdkragen, das iſt der engliſirende Graf Kaudling, er ſchreibt ſich mit ow, master humbug genannt; die dritte Dame auf Ihrer Seite, die mit dem torniſter⸗ blonden Haare iſt ſein wife. Das Ebenbild Gottes dort, der lange dürre Herr mit dem Stachelſchnurrbart, der eben ſo wohl gewichſt iſt wie ſeine borſtigen Augenbrauen, das iſt der Herr von Interim, denn er ſpricht ſchon ſeit zwanzig Jahren, daß er ſein Gut verkaufen wolle und thut es doch nie. Das decoltirte Gerippe dort iſt ſein Ehegemahl. Ich glaube, wenn ſie zu dem eiſernen Vieh auf ſeinem Gute eingerechnet würde, er hätte ſchon längſt ver⸗ kauft à tout prix. Sehen Sie ſie an, ſollten Sie glauben, daß das eine Jeanne d'Arc des Abſolutismus iſt? Sie hat ſich keinen geringen Gegenſtand des Haſſes auserkoren, noch vor einer Stunde ſagte ſie: man muß an der Ge⸗ rechtigkeit Gottes zweifeln, ſo lange er die Peſt⸗ * 186 beule der Welt, dieſes Amerika mit ſeinen Re⸗ publiken beſtehen läßt. Iſt das nicht koloſſal? Der Herr von Interim hatte im Jahre 48 ſtark roth aufgelegt und weil er ſich vor ſeinen Bauern fürchtete, ließ er ſich als Gemeiner bei ihnen in die Bürgerwehr einreihen und ging ſtets in Blouſe und rother Halsbinde; jetzt iſt er Hoch⸗ tory und behauptet, daß der Adel und nicht die Dummheit des deutſchen Volkes uns gerettet habe. Am amüſanteſten iſt der runde Herr dort neben meiner Tante, der mit dem ſatten Lächeln, ſieht der Herr von Traktätlein nicht aus wie gebackene Pommade, ſo glanzig ſchwammfettig? Er will mich ſtets bekehren, verſchenkt Miſſionsberichte unter das Volk und führt die Religionsvirtuoſen auf ihren religiöſen Kunſtreiſen in den Dörfern umher. Helfen Sie mir doch ihm einen beſſeren Namen geben.“ „Wer Sie ſo hörte,“ entgegnete jetzt Eugen, „könnte glauben, daß Sie die Mediſance lieben; Sie freuen ſich aber nur, pikant charakteriſiren zu können. Sie ſind beſſer als Sie ſich geben wollen.“ Stephanie lachte laut, dann ſcherzte ſie: „Bekennen Sie nur auch ehrlich: die Fehler der Menſchen dienen zum Amüſement, ihre Tugen⸗ den ſind meiſt langweilig.“ 6 gab Er fette und 6 vergeſ Saale Stuh hauſe 187 „Und langweilig ſein iſt das größte Laſter,“ gab Eugen zurück. Der Wein perlte, eine Sprüh⸗ kette von Scherzen wand ſich zwiſchen Eugen und Stephanie hin und her, ſie ſchienen zu . vergeſſen, daß noch außerdem Geſellſchaft im Saale ſei. Tante Bonboniere erhob ſich und ließ die Stuhlfüße brummen; man ging nach dem Glas⸗ hauſe, um dort den Kaffee einzunehmen. Achtzehntes Rapitel. Eugen erfuhr jetzt erſt im Geſpräche mit Thurn und dem Herrn von Interim, daß Ste⸗ phanie berichtet hatte, ſie ſei in Athen mit ihm zuſammengetroffen, wohin er eine wiſſenſchaftliche Reiſe gemacht habe. Er lenkte das Geſpräch raſch von den Erkundigungen nach den griechi⸗ ſchen Zuſtänden ab und ſchaute hin und her, ob nicht bald Jemand die Geſellſchaft verlaſſe, dem er folgen könne. Hatte Stephanie ihn auch durch ihre Spöttereien und Scherze zerſtreut, er konnte doch eine gewiſſe Schwermuth über die allge⸗ meinen Zuſtände und eine Befangenheit über ſeine perſönliche Stellung nicht los werden; er war jetzt froh, wie er ſicher glaubte, ſo leichten Kaufes aus der„Löwengrube“ fortzukommen. Es war anders beſchieden. Stephanie hatte ſich mit Leo in der Mitte des Glashauſes an dem Springbrunnen, der rings von Sitzen umgeben war, niedergelaſſen. Jetzt rief ſie Eugen und Herrn von Thurn mit lauter Stimme als Schiedsrichter zu ſich. Alles drängte ſchilt ich 1 Blun treib göm iel unſ leid Si min Fr leih he Sie noch der der unt dem urch Uber ſich um den Springbrunnen und Stephanie be⸗ gann: „Sie ſollen entſcheiden. Mein Vetter Leo ſchilt mich ſentimental, weil ich geſagt habe: ich möchte die Wärme, die dieſe ausländiſchen Blumen und Pflanzen hier zum Wachsthum treibt, lieber einheimiſchen frierenden Menſchen gönnen.“ „Sie vergeſſen noch den weitern Zuſatz,“ fiel Lev ein,„Sie haben behauptet, daß alle unſere Wintergärtnerei widernatürlich und be⸗ leidigend, und frevelhaft und verbrecheriſch ſei. Sie haben gegen dieſe Blumen den ganzen Cri⸗ minalcodex erſchöpft. Die Blumen ſind Ihre Freunde und Sie wiſſen, der Menſch kränkt am leichteſten ſeine Freunde.“ „Nichts von Galanterie jetzt,“ rief Ste⸗ phanie unwillig ihre Locken ſchüttelnd,„entſcheiden Sie, meine Herren.“ Eugen wollte eben antworten, aber er hielt noch raſch an ſich und ließ Thurn das Wort, der bedächtig entgegnete: „Es iſt Brennmaterial genug in und über der Erde, ſo daß Niemand zu frieren braucht, und wir ſind wohl berechtigt fremde Culturpflanzen zu erhalten.“ 190 „Couſine Stephanie mit ihren phyſikaliſchen Studien wird noch den Verſuch machen, im Winter die Atmosphäre zu heizen,“ rief Leo und Alles lachte. Stephanie ſah wie hülfeſuchend auf Eugen, der nun begann: „Wir wollen nicht die Luft heizen, ſondern einem Jeden zu ſo viel Nahrung und Kleidung verhelfen, geiſtig und leiblich, daß er perſönlich warm iſt in Wohlſtand und Bildung. Wir be⸗ trachten die Zierpflanzen—“ „Wir ſchweifen ab,“ unterbrach Leo, den das Wir in dem Eugen ſprach, zu ärgern ſchien, während Stephanie ihm freundlich dankend dafür zunickte. „Ich bin nur Ihrer Fährte gefolgt,“ er⸗ wiederte Eugen gelaſſen.„Wenn ich mir erlauben darf, den Gedankengrund der gnädigen Frau zu erklären, ſo wollten Sie wol ſagen, daß wir geiſtig und materiell zu viel Kunſtgärtnerei treiben, Kübelpflanzen hegen, während wir nur berechtigt und verpflichtet ſind, das zu fördern, was das natürliche Klima phyſiſch und geiſtig hervorbringt oder in ſich heimiſch machen kann. Auf dem andern Wege beleidigen wir allerdings die wahre Natur.“. Eugen hatte in ſo ruhigem, überzeugungsfeſtem — Tone g Stepha ſi i geben, und di daß ſi Erde Freie denn in bu nichts freier volfst glorie und werd tultu Bere Furl an guic Tone geſprochen, daß Aller Blicke an ihm hafteten; Stephanie reichte ihm dankend die Hand und hieß ihn ſich niederſetzen, indem ſie ſagte: „Sie haben mir ein brauchbares Wort ge⸗ geben, Kübelpflanzen, das werde ich mir merken, und die Welt iſt heutigen Tages ſo heuchleriſch, daß ſie nach Pankraz die Kübelpflanzen in die Erde eingräbt, daß man meint, ſie ſeien im Freien geboren und erzogen.“ Leo aber war nicht ſo ſchnell gewonnen, denn er begann wieder: „Verſtecken Sie nicht ein hölzernes Schwert in buntausgelegter Bilderſcheide? Sie wollen alſo nichts gelten laſſen, was nicht heimiſch iſt—“ „Oder ſich heimiſch machen, das heißt in freier Natur gedeihen kann,“ ergänzte Eugen. „Aha!“ lachte Leo,„jetzt verſteh' ich, alſo volksthümlich, allgemeine Blouſe, Dungerhaufen⸗ glorie—“ Stephanie verwies ihm dieſen Ton und er fuhr begütigend fort:„Ernſtlich, Sie werden doch nicht beſtreiten, daß in dieſer Blumen⸗ kultur eine höhere Kunſt liegt, etwas genial Berechtigtes. Wir erfreuen uns an Duft und Farbe der Blumen fremder Zone, wie wir uns an den Gebilden des klaſſiſchen Alterthums er⸗ quicken. Sie nennen wol auch die gelehrten Schulen Treibhäuſer und grollen dem Gelehrten, der wol auch Kübelpflanzen hegt?“ Eugen war betroffen, ſich in der Stellung eines Eraminirten zu ſehen, er war wider Willen mitten im Turnei, er durfte eine Entgegnung nicht mehr vermeiden, hoffte indeß eine Antwort zu geben, die Alles abſchloß, indem er ſagte: „Das klaſſiſche Alterthum hat für uns ſo viel Anſpruch auf Kraftverwendung, als es be⸗ fruchtend auf unſer heimiſches Leben wirken oder ſelbſt darin Wurzel faſſen kann. Wenn Sie die Erquickung als das nehmen, ſo laſſe ich ſie auch gelten.“ Leo ſchien nicht damit zufrieden, daß ſein Gegner ihm das Feld räumen wollte, er ſchien es auf einen Sieg abgeſehen zu haben, denn er fragte wieder: „Allen höhern Lurus, oder Alles Geniale, Unvolksthümliche wollen Sie alſo aufheben?“ „Wenn es erkluſiv iſt, allerdings. Die Welt iſt nicht der Genies wegen da, die Menſchen müſſen vor Allem geſund, ſatt und froh ſein.“ „Das iſt zu weit gegangen“ nahm Thurn das Wort,„ein Sophokles, ein Shakespeare, ein Goethe und Schiller iſt für die Menſchheit von größerer Bedeutung, als tauſend Schult⸗ heißen, Die L nen, d Geſchl ein Ze thtig liche nährt bratet ſamer nenn Abſtre zunach thut.“ ( Seite wickel bſeh daher wahr Men wir Thu hin woll daß ſein r ſchien denn er Heniale, ei. heißen, die tauſend Dörfer gut in Stand bringen. Die Offenbarungen des Genies ſind ewige Son⸗ nen, die nie verbraucht werden und die kommende Geſchlechter erleuchten und erwärmen; wer für ein Zeitbedürfniß wirkt, und ſei es noch ſo wohl⸗ thätig, vergeht mit ſeiner Epoche wie das zeit⸗ liche Feuer, das ſich von gegenwärtigem Holze nährt und woran die Bedürftigen kochen und braten.“ „Und erlauben Sie,“ drängte ſich der Frag⸗ ſamenhändler ein,„das was Sie Menſchheit nennen, iſt nur ein neuer Götze, ein Götze der Abſtraction, dem man ſich opfert. Jeder muß zunächſt für ſich leben, wie das wahre Genie thut.“ Eugen ſah ſich mit Widerwillen von allen Seiten angegriffen und in ein Geſpräch ver⸗ wickelt, deſſen Schlangenwindungen ſich gar nicht abſehen ließen. Nicht ohne Mißmuth ſagte er daher zuerſt zu dem Fragſamenhändler:„Wer wahrhaft für ſich ſelber leben will, muß für die Menſchheit leben; nur durch Andere empfinden wir ja uns ſelbſt.“ Dann wendete er ſich gegen Thurn und fuhr mit gepreßter Ruhe fort:„Ich bin nicht ſo vermeſſen, die Sonnen meiſtern zu wollen. Wir gingen von der Wärme und den 13 194 Blumen hier aus und auf das Geiſtige über, und da behaupte ich, Herr von Thurn, daß es erſprießlicher ſei, überallhin Schönheit zu ver⸗ breiten, heimiſche Blumen zu hegen, geiſtige Feuer zu entzünden, an denen der Arme ſich wärmt und Nahrung bereitet. Ich will nur, daß die geiſtigen Glashäuſer zertrümmert werden, daß die einſiedleriſche Abſonderung der Bildung aufhöre. Die Nation ſoll eine lebendige geiſtige Einheit ſein, es ſoll nicht eine Bildung für die einen und eine für die anderen geben.“ „Spartaniſche Schwarzbrodſuppe mit etwas communiſtiſchem Salz,“ ſchaltete Leo ein; Eugen ließ ſich nicht unterbrechen, ſondern wendete ſich mit Luſt und Feuer an Thurn:„ Es muß eine geiſtige Nahrung geben, in der ein feinerer Gaumen mehr Einzelnes koſtet, woran aber auch der derbere ſich befriedigt. Was wir von Schön⸗ heit und Kunſt beſitzen, iſt in der Stube und bei Lampenlicht geſchaffen und kann nur dort fort⸗ leben, es muß eine Schönheit erſtehen, die in freier Luft geboren und heimiſch iſt.“ „Der Prophet in der Wüſte verwandle zuerſt unſern Sandſtein in Marmor,“ ſpöttelte Leo. Eugen dankte heiter lächelnd für dieſe ſchöne Aufgabe und nur auf das Bedrängen Aller und beſon brech weite ſiden Deu noch vec der de au gen keh El m de ni n; Eugen muß eine feinerer aber auch n Schön⸗ e und bei dort fort n, die in verwandle ſpöttelte ieſe ſchöne Aler und 195 beſonders Stephanie's, die Leo jede fernere Unter⸗ brechung ſtrenge verbot, ließ ſich Eugen bewegen, weiter zu erklären: „Die Fürſten ſagen: durch ihre vielen Re⸗ ſidenzen ſei die Temperatur der Bildung in Deutſchland gleichmäßig verbreitet. Das mag noch bewieſen werden. Sicher aber iſt, daß viele rechtſchaffenen Gebildeten den Granithöhen hier in der Gegend gleichen, die in ſich alle Bedingungen der Fruchtbarkeit haben, die aber das Klima daran hindert, es iſt zu hoch; wohlan denn, wenn ſich Reſidenzen der Bildung in tapferen thätigen Menſchen überall anſiedeln, geht von da aus eine geſunde Erneuerung der Welt.“ „Bildungstitanen, die die Berge umſtürzen und den Olymp ſtürmen,“ ſcherzte Leo und Eugen fuhr noch immer ungeſtört fort: „Es muß der Anhäufung und ſtets ſich ausbreitenden Vergrößerung der Städte entgegen⸗ gearbeitet werden; durch ſie entſteht eine Ver⸗ kehrung alles Menſchendaſeins voll unabſehbaren Elends. Es geht ein herzdurchbohrender Hülfe⸗ ruf durch die ganze jetzige Welt. Der Gott, der in der Menſchheit lebt, ruft:„Wo iſt dein Bruder Abel?“ Der verbrecheriſche und der nichtsthueriſche Egoismus ſagt noch immer mit 13* „ 196 ſeinem Erzvater Kain:„Bin ich der Hüter mei⸗ nes Bruders?“ Ja, das biſt du, das mußt du ſein. Die Gebildeten müſſen ſich zerſtreuen, nicht mehr für ſich leben und an ihre Verfeinerung denken, ſondern ſich auf einen beſtimmten Men⸗ ſchenkreis beſchränken, den ſie kennen und grüßen und ihm jegliche Anſprache gewähren; ſo für Andere arbeitend, ſie durch Erkenntniß beherrſchend und lenkend, formiren ſie die friedlichen Cadres in dem großen Heere, das ſich ſelbſt ernährt und ſchützt und Lebendiges ſchafft. Wenn es möglich wäre, ſollte man hiezu einen förmlichen Bund ſtiften.“ „Das wäre ein Bettelorden für die geiſtige heilige Armuth,“ ſcherzte Lev. „Es bedarf hiezu keines ausdrücklichen Bun⸗ des,“ ſagte Thurn, Eugen die Hand reichend, „das freie Bewußtſein genügt.“ „Sehr gut,“ ſchnurrte Graf Kaudling,„ich hab's immer geſagt: in England hat die Ariſto⸗ kratie darum eine unangefochtene Poſition, weil ſie ſich auf dem Lande verbreitet, das macht ſie geiſtig und körperlich feſt und geſund. Man iſt nur in der Season in London und der Umgang mit dem Volke hat etwas Freies, Natürliches. Hab ich das nicht immer geſagt, Ellen?“ ſchloß er und die Frau nickte bejahend. Salz tätlei im E Zulu Zud ter wir wir un Ne un i an tu macht ſie Man iſt Ungang türliches. ſchloß Poeſie wird es nicht fehlen. — „Nur die wahrhaft Religiöſen können das Salz der Welt werden,“ keuchte Herr von Trak⸗ tätlein und der Fragſamenhändler, der Eugen im Siege ſah, bemerkte beiſtimmend: „Sie geben auch dem Volkslied eine große Zukunft.“ Die Wangen Eugens glühten, als er den Zudringlichen, der ihm vertraulich auf die Schul⸗ ter klopfte, entgegenhielt: „Es handelt ſich jetzt nicht mehr um die Lieder im Munde des Volkes, um ſeine Bräuche und Trachten, das ſind die Blumen am Weg⸗ raine; es handelt ſich um den Acker ſelbſt, um den Beſtand eines einigen geſunden National⸗ lebens oder um unſern Untergang.“ „Alſo encanailliren wir uns Alle, kleiden wir uns in rationellen Kattun und befleißigen wir uns Alle, dieſelbe Handſchrift zu ſchreiben, und wer ein Lied ſingen will, muß menſchliche Nachtigallenſteuer zahlen,“ ſchnellte Leo dazwiſchen und ſchüttelte unwillig den Kopf gegen die be⸗ gütigende Stephanie. Eugen wendete ſich nicht an ihn, ſondern abermals an Thurn: „Der Culturgeiſt und die empfangende Na⸗ tur müſſen ein geſundes Kind gewinnen. An Noch jede Mutter 08— hat gelernt, mit ihrem Kinde ſpielen und ihm ſingen. Nur muß die Bildung ihren ſelbſtge⸗ fälligen Tand, ihr ſündhaftes Flittergeſchmeide ablegen, bevor die rauhe Hand der Noth die tombakenen Geiſteskronen abreißt und ſelbſt das Schöne zerſtört.“ „Sie ſind deliciös,“ rief Leo,„wirklich delicibs ſehr ehrenwerther Herr Baron. Sie geben uns zur Digeſtion eine Volksrede comme il faut, thun wir unſere Pflicht als ſouveränes Volk und rufen hoch! hoch! und abermals hoch der edle Volksfreund.“ Eugen faßte krampfhaft nach ſeinem Her⸗ zen, ſeine Aufwallung verwandelte ſich aber in Schrecken, als jetzt unangemeldet Gideon von Kronauer eintrat. Gideon wußte nichts von der Mummerei und hätte ſich wol auch nicht darauf eingelaſſen. Eugen ſah betroffen auf die erbleichende Stephanie und dieſe wollte eben in der Furcht vor einer heftigen Scene zwiſchen Leo und Eugen, die beide gereizt waren, den Ankömmling in's Geheimniß ziehen und ihn be⸗ ſchwören, nichts zu verrathen, als Gideon: „Willkommen Herr Baumann“ ſagte. Das Ant⸗ lit Stephanie's erheiterte ſich, ſie war jetzt ſicher, daß Alle denken mußten, Gideon nannte den Nels hatte. pfindl Sie von Mal ftar ich Ve ſto ni da ge ent Br her hal au de 199 Adelstitel nicht, weil er ſelber ſolchen abgelegt hatte. Schnell raunte ſie noch Eugen zu: „Seien Sie um Gotteswillen nicht em⸗ pfindlich, der Freie iſt nicht empfindlich, echauffiren Sie ſich nicht, bewähren Sie ſich als Mann von Welt, der ſeine Verletztheit nur in gedeckten Malicen ausficht; qui se fache a tort, ſagt das franzöſiſche Sprüchwort. Und noch eins möcht' ich Sie bitten: Sie gebrauchen Worte wie Sünde, Verbrechen und dergleichen im Geſpräche, damit ſtoßen Sie an. Das gehört auf die Kanzel, nicht auf den ebenen Boden, oder höchſtens in das Criminalgericht. Wenn Sie ſich mehr mäßigen, gewinnen Sie noch mehr Combattanten.“ Eugen beruhigte ſie und wollte ſich eben entfernen, als Leo, der ſich nur kurz mit ſeinem Bruder beſprochen hatte, ihn anhielt mit den herausfordernden Worten: „Stand gehalten. Wir haben noch einen Strauß auszufechten. Hier in meinem Gideon haben Sie einen Sekundanten, er antichambrirt auch bisweilen bei dem Souverän, deſſen Zepter der Dreſchflegel iſt.“ „Was habt ihr?“ fragte Gideon. „Der Herr Baron— es klang in ſchneller Rede faſt wie Herr Baumann— behauptet, daß man alle Centifolien verbannen und die Gänſeblümchen der Naivetät adoriren ſoll. Ge⸗ hörſt du auch zu den Schönfärbern des ſoge⸗ nannten Volkes, die uns in der ſogenannten Naivetät einen Tugendſpiegel vorhalten wollen?“ Eugen ſah verwundert drein und wollte eben gegen die Octroyirung einer ganz andern Beſpre⸗ chung Einſprache erheben, als Gideon erwiederte: „Ich kenne euer Geſpräch nicht, ſo viel aber kann ich ſagen, daß es grundfalſch und ver⸗ kehrt iſt, wenn man, wie bisweilen geſchehen, die Bildung als das ſchlechthin Verwerfliche und die ſogenannte Naivetät als die allein ſelig⸗ machende pries. Dieſer Irrthum ſtammt in letzter Inſtanz noch von Jean Jaques Rouſſeau her. Bei uns hat man vor dem Jahre 48 dar⸗ auf hingewieſen, daß unter dem hausmachenen Bauernkittel auch alle Kraft und Schönheit des Menſchengemüthes lebt, das war gut und nöthig. Lächerlich aber iſt's, glauben zu machen, daß nur dort die wahre Menſchlichkeit ſei; frevleriſch war's, in der Revolution das Nichtwiſſen, die Rohheit oder meinetwegen die Naivetät als die Krone menſchlichen Daſeins zu preiſen.“ „Du haſt alſo auch deine Erfahrungen vom Jahre 48,“ frohlockte Leo. 39 innerli j et! bild lieg noch nich gän wilt hlü We ſit 2n „Ja, aber ſie werden dir nicht gefallen. Ich habe gefunden: unſer Adel iſt welk und innerlich verfault, unſer Bürgerthum iſt feig und unſer Volk roh und gemein.“ Dieſe feſt und beſtimmt ausgeſprochenen Worte brachten eine mächtige Erſchütterung in den Verſammelten hervor, man hörte nichts als das Plätſchern des Springbrunnens. „Du backſt derbes Landbrod,“ ſagte endlich Leo den Kopf zurückwerfend. Eugen aber fühlte einen Zuruf in den Worten Gideons, er dachte nicht mehr an ſeine gefährliche Stellung, er hatte ja in ſeinem ganzen jetzigen Leben keine andere, er drückte Gideon ſeine Beiſtimmung aus, indem er hinzufügte: „Und darum kann und muß das Rohe ge⸗ bildet, das Gemeine veredelt werden, in ihm liegt noch ſchöpferiſcher Muth. Hier dürfen wir noch hoffen, daß ein Wiſſen zur That wird und nicht als bloſer Kitzel angeſehen und als ver⸗ gänglicher Blüthenſchmuck geſucht wird. Die wilde Roſe wird noch zur Frucht, die gefüllte blüht nur. In unſerer gebildeten ſophalägerigen Welt ſtammt die Aufgeregtheit davon, daß die ſittliche Thatkraft im Mißverhältniß mit der in⸗ tellectuellen Macht ſteht. Das wird im Volke 202 nicht ſein. Die barhändigen Menſchen greifen noch feſt zu. Bildung und Kraft ſollen eins ſein, wie man im Alterthum dem Herkules und den Muſen auf Einem Altare opferte. Ich bin ganz mit Ihnen einverſtanden, Herr Kronauer, die meiſten Gebildeten geben um den Preis der Bildung ihr Naturell hin und die das behalten bleiben roh; es gilt das Gleichgewicht herzuſtellen, uns vereinfachen und das Volk gebildet und ſitt⸗ lich machen.“ „Das Volk ſittlich machen? Phraſe!“ lachte Leo.„Woher ſollen die beſſeren Stände ihre Ammen nehmen, wenn das Volk ſittlich iſt?“ „Ganz recht,“ erwiederte Eugen,„und man wird einer gebildeten Frau doch nicht zumuthen, daß ſie zuerſt ein Kind ncun Monate ſelber tra⸗ gen, dann ſelber gebären und endlich gar noch ſelber ſäugen ſoll.“ „Schon das,“ ſetzte Gideon hinzu,„daß die vornehmen Frauen ihre Kinder nicht mehr ſelber ſäugen können, zeigt, daß die nervöſe klavier⸗ klimpernde Welt regenerirt werden muß.“ In der Geſellſchaft bekundete ſich eine Bewegung, die es anzeigte, daß das Be⸗ ſprechen ſolcher natürlichen Zuſtände ungehörig erſchien. Manche ſtanden auf und wollten ſich jn 5 ober d zlom Raive bogen farbie der nur wöh tiſch Wo für drin Nit meit Und nicht ſhm Thu men Uhe kan ſen es 20 zum Fortgehen anſchicken; Stephanie verſtand aber durch eine raſche Wendung dieſem zuvor⸗ zukommen, indem ſie ſagte: „Mich freut es, lieber Gideon, daß du die Naivetät richtig tarirſt, ſie iſt doch nur ein Regen⸗ bogen, eine aus Contraſten entſtandene ſieben⸗ farbige Luftſpiegelung, eine Farbenſchachtel, ſtatt der Schöpfung eines Genies. Die Naivetät iſt nur eine Stunde, einen Tag oder höchſtens während einer Sommerfriſche anziehend; roman⸗ tiſches Hüttchen am Berghang, drunten brauſender Waſſerſturz, droben rauſchender Wald, das iſt für den Maler, für den Fußwanderer intereſſant, drinnen in der Hütte iſt Schmutz und Blödſinn. Mit ſolchen Exiſtenzen zeitlebens liirt ſein, wie mein Herr Nachbar hier will, iſt Degradation. Und ich finde in dem ſogenannten Volke häufig nichts als brutale Bornirtheit, Undank und ver⸗ ſchmitzte Bosheit. „Liebe Couſine,“ ließ ſich jetzt Frau von Thurn unter der Aufmerkſamkeit Aller verneh— men,„es giebt ein Leben der Vernunft und ein Leben der Liebe; jene kann recht haben, aber ſie kann dieſe nicht überwinden. Beweiſe mir tau⸗ ſendmal, daß die Menſchen ſchlecht ſind, ich glaube es nicht, ich liebe ſie und dieſe glaubende Liebe ſiegt. Ich bin oft betrogen und im Wohlthun mißbraucht worden, aber ich laſſe nicht ab von den Menſchen und die Liebe wird ſie beſiegen, gewiß, früher oder ſpäter. Mein Gott befiehlt mir: was du einem dieſer thuſt, das thuſt du mir— ich bleibe ſtark.“ „Sie haben recht,“ beſtätigte Gideon und wendete ſich dann zu Stephanie„ich kann dir in deine hieroglyphiſche Bilderſprache nicht folgen, das aber halte feſt: es iſt falſch, daß das Nai⸗ vetät ſei, wenn man nicht reflectirt; das thut man überall, nur mehr oder minder beſtimmt, von Beſtimmtem ausgehend, nur mehr oder min⸗ der zuſammenhängend.“ „Was nennt man denn Volk?“ fragte Graf Kaudling. „Sie haben die Definition in der Hand,“ erwiederte Stephanie,„Alles was den Kaffee aus den Untertaſſen trinkt heißt Volk.“ Man lachte. „Schon das,“ ſagte Thurn,„daß wir jetzt ſo viel über das Volk denken oder für dasſelbe denken iſt eine Errungenſchaft des Jahres 48.“ „Errungenſchaften?“ lachte Leo„das Wort habt ihr alſo auch noch auf dem Lande wie eine alte Mode? Es kräht kein Hahn mehr nach all den G Gemi Euger denne „Mao Ban „We von Eir den for Fr ſcht belt tun rü dun zu zu 205 den Grundrechten und all eurem enthuſiaſtiſchen Gemächte von 48.“ „Vielleicht aber einſt der rothe Hahn,“ ſagte Eugen leiſe zu Stephanie und Leo, der dieß dennoch gehört hatte, ſagte vorüberſtreifend: „Machiavelli und Nante lehren einſtimmig: Bange machen gilt nicht.“ Dann fuhr er fort: „Was iſt der Reſt von der ganzen Märzromantik, von all den Putſchen, Revolutionen genannt? Ein neues Coſtümbild für die Reiterbude. Zu dem polniſchen Senſenmann der dreißiger Jahre kommt jetzt der Honved, der Czikos, der deutſche Freiſchärler mit rother Blouſe. Ich ſehe ſie ſchon Hollahup unter Straußiſchen Walzern auf bekreidetem Sattel Attitüden machen.“ „Die deutſche Sprache hat die feſteſte Er⸗ rungenſchaft, ſie hat das Wort Bummler,“ be⸗ kräftigte der Fragſamenhändler. „Brav,“ rief Leo„und mit der Volksbil⸗ dung ſoll Alles zu cigarrenrauchenden Bummlern, zu politiſchen Dilettanten gemacht werden.“ „Das wollen wir nicht,“ erwiederte Eugen, „wir wollen den ſtreugen Ernſt, eine Erziehung in Tugend zu Ausdauer und Gewiſſenhaftigkeit, zur Selbſtregierung im Individuellen wie im großen Ganzen. Den Wahlſpruch Benjamin — Franklins: Tugend iſt der wahre Adel— den ſchreiben wir auf die Fahne der neuen Menſch⸗ heit.“ „Und die Excellenz wird zum allgemeinen Nationaleigenthum erklärt?“ ſpottete Leo, worauf Eugen entgegnete: „Ja, unter der Fahne des Tugendadels ſoll ſich ein Volk von ſchönem Stolze und friſcher Bildung, ein Volk von Excellenzen ſammeln.“ „Sie wiſſen alſo noch nicht, daß die National⸗ bank, auf die alle Idealiſten ihre Hoffnungs⸗ ſparpfenninge geſetzt haben, bankerutt gemacht hat?“ „Was meinen Sie?“ fragte Eugen und Leo frohlockte: „Die große deutſche Nationalbank iſt die Schul⸗ bank, und die iſt bankerutt, ſag ich Ihnen; Kapital und Zinſen ſind verloren und werden es ewig ſein. Was habt ihr nicht vor 48 von dieſem geſchulten Volke erwartet, und es iſt hirnlos ge⸗ blieben und wird es ewig bleiben; es wechſelt nur die Herren, Despoten oder Demagogen. Seit einem halben Jahrhundert arbeiteten die pädagogiſchen Alchymiſten daran, den echten und wahren homunculus zu machen und als dieſer Sohn der Zeit endlich in's Freie kam, war es nichts zerplo war Ploe Lung ein hat der — ——2 = —2 fün na ver Sc ma Eu d in hten und ls dieſer war es 207 nichts als eine Phraſenblaſe, die in der Luft zerplatzte. Euer Volk konnte leſen, ja wohl, es war debandirt, es konnte das Evangelium der Plakate aufnehmen und dem Beſitzer der ſtärkſten Lunge und des kräftigſten Bierbaſſes im Chor ein Hoch zurufen. Die Allmacht des Schulbakels hat der Welt nicht geholfen und wird es nie, der Corporalſtock des Gehorſams, der thut's.“ Eugen fühlte ſich von dieſen Worten im Innerſten ergriffen. Leo ſchien ſich mit einem ſtummen Siege nicht zu befriedigen, denn er fuhr fort: „Wer in der Armee ſtand und ſo ſeine fünfzehn Jahre die fleur de la nation im Com⸗ mando hatte, der weiß, wie zum Verzweifeln vernagelt unſer liebes Volk ſtets bleibt, trotz aller Schulen.“ „Und da man dieſe Erfahrung im Militär macht“ fuhr Eugen heraus. „Waren Sie denn Militär?“ fragte Leo, Eugen ſcharf ins Auge faſſend. S „Ich meine nur,“ entgegnete Eugen ſtockend, „die Garniſon ſollte die Bildung der Volksſchule in den Männern vollenden.“ „Sie ſprechen da eine Anſicht aus,“ ver⸗ ſetzte Leo,„die vor einigen Jahren ein Graf * Falkenberg in der militäriſchen Zeitſchrift dar⸗ legte; er wollte die Ererzirplätze zu peripatetiſchen Akademien machen.“ Eugen erbebte und hielt ſich an einen Stuhl, der Nachtwandler auf gefahrvollem Wege war angerufen... Frau von Thurn erlöste ihn, indem ſie bemerkte: „Ich habe ſchon oft darüber nachgedacht, ob ſich nicht etwas ausfindig machen ließe, das wie das Militärleben die jungen Männer, ent⸗ ſprechend auch die jungen Mädchen aus dem Volke pünktlich und degagirt machen könnte.“ Man ſcherzte hin und her über dieſen Vor⸗ ſchlag. Leo aber wendete ſich wieder in's Cen⸗ trum und ſchloß: „Der Unterricht bringt uns nie eine neue Welt, das iſt Sache des Charakters, den der Unterricht meiſtens verdirbt. Der Tiſch hier iſt noch aus alter Zeit und von ganzem Mahagoni; mit der Leimpfanne des Unterrichts macht man nur fournirte Möbel. Wir brauchen wieder Charaktere, die mit der Zimmeraxt zugehauen ſind.“ „Alſo auch du wrillſt eigentlich nur die Naivetät,“ nahm Gideon wieder auf,„der wahr⸗ haft 6 Rutn es he werde geler hrech das drar fahr nor ger ver du unſt Ana wirk dere Reg hielt ſind geh nun atetiſchen wieder gehauen haft Gebildete handelt aber wieder frei aus ſeiner Natur, die gewordene Harmonie iſt die höhere; es heißt nicht: ſeid und bleibt Kinder, ſondern werdet wie die Kinder.“ „Ich habe dieſe edle Kindernatur kennen gelernt als Richter im Kriegsgerichte. Die Ver⸗ brecher konnten Alle leſen und ſchreiben und in das edle, wohlgeſchulte, höchſt gemüthliche Volk draußen war eine wahre Denunciantenwuth ge⸗ fahren. Hätten wir alle Angebereien aufge⸗ nommen, wir ſäßen noch zehn Jahre im Kriegs⸗ gerichte. Ich habe einen wahren Ekel vor dieſem verbrodelten Volksbrei. Und du auch, Gideon, du haſt auch geſehen, welch eine kindliche Natur unſer deutſches Volk mit ſeiner gemüthlichen Anarchie und ſeinem Terrorismus hatte.“ „Hätte es dieſen nur mehr gehabt, aber wirklichen,“ rief Eugen,„jetzt herrſcht ein an⸗ derer Terrorismus, mit ſeiner ſchläfrig tödtenden Regelmäßigkeit, ſcheinbar milder, weil organiſirt.“ „Unſere Cultur wäre zu Grunde gegangen,“ hielt Leo entgegen. „Neun Zehntheil der ſogenannten Bildung ſind nicht mehr werth, als daß ſie zu Grunde gehen,“ trotzte Eugen.„Es iſt unſere letzte Hoff⸗ nung, ein wahrhaft gebildetes Volk herzuſtellen. 14 210 Das geht freilich nicht in Staaten, wo man weiß, wie unſittlich und eidbrüchig man iſt und um ſo kirchlicher wird. Kein noch ſo Hochgeſtellter wird ſich verhehlen können, daß der auf Bajonette geſtützte Angſt⸗ und Gewalt⸗Staat nur ein pro⸗ viſoriſcher iſt, ein Feldlager, deſſen Zelte der nächſte Sturm umreißt; die feſte Wohnſtätte hält ſich nur auf ſittlicher Grundlage. Im lebendigen Staate wird die Erziehung die be⸗ deutendſte Lebensfunction werden. Unſer jetziger Staat iſt nichts als eine Spieluhr, das Reſidenz⸗ ſchloß iſt das Zifferblatt und da treten allmittäg⸗ lich bunte Figuren heraus, ſchnurren im Gleich⸗ ſchritt ab und machen Parademuſik. Da kann man freilich nur Menſchen bilden zu der traurigen Aufgabe zu zertrümmern, einſt wird eine geſunde Pädagogik die Schönheit herausbilden.“ Leo zuckte die Achſeln ohne zu antworten und riß dabei dem Troll den Rachen auf und ſchaute nach ſeinem Gebiſſe. Der Fragſamen⸗ händler trat jetzt für Lev ein mit der Bemerkung: „Alle Pädagogik dreſſirt nur das Pferd und hält es durch Ritte im Gang, damit es nicht ſteif werde und wohlgeübt ſei, wenn einſt der rechte Herr kommt, dem die Kraft des Pferdes gehört, weil er ſie beherrſcht.“ Euge Livr das zohl hi Wi wr Ji de ſ )c—) venn einſt s Pferdes 24 „Nicht auch weil er ſie bezahlt?“ wehrte Eugen ab,„das wäre nun die Philoſophie in Livree und jeder epaulettenträchtige Fähnrich, der das Volk verachtet, das ihm ſeine Uniform be⸗ zahlt und ihn füttert, jeder fühlt ſich dadurch philoſophiſch dekorirt. Soll ich Sie an ein altes Wort von Voltaire erinnern, an das von den ſporengeborenen Herren? Wir ſagen nicht, daß Jeder das Recht hat zu herrſchen, ſondern nur das Recht, nicht beherrſcht zu werden; mindeſtens nur von dem, den er ſelber dazu auserkoren. Das Volk wird lernen, ſich ſelbſt regieren.“ „Jamais,“ ſchüttelte Leo das Haupt, das er tief in ſeinen Stuhl zurückgelehnt hatte,„die welt⸗ geſchichtlichen Wetterpropheten, die in ihren Rheumatismen einen Kalender oder Barometer haben, die ſollten nie vergeſſen, daß Wind und Wetter ſich in den höheren Regionen nicht in der Luftſchichte der Erdregion macht. Die Welt gehört ſtets nur einigen Auserleſenen. Das Volk muß gehorchen. Schon Dante ſagt: das Volk ruft gern: Es lebe unſer Ruin! Nur wer oben ſteht, kann ſich auf den Standpunkt eines in der Niederung Befindlichen denken. Glaubſt du nicht auch Gideon, daß ſtets einige Vor⸗ geſchrittene, und vor Allen diejenigen, denen die 14* 212 Tradition der Ehre gehört, das Volk leiten und beherrſchen müſſen?“ „Allerdings. Nur wird die Ariſtokratie als wirkliche Herrſchaft der beſten Männer eine wandelbare ſein müſſen. Eine Revolution von unten, Herr Baumann, wird den Staat nie neu geſtalten, Diejenigen, die wirklich beim Staats⸗ leben betheiligt ſind, müſſen es auch ändern.“ Eugen ſah ſich mit Kummer auch von Gideon verlaſſen, er kämpfte mit ſich, ob er ſeine Ueber⸗ zeugung noch einmal zuſammenraffen und preis⸗ geben ſolle, da ertönte eine kollernde Stimme: „Gebt Jedem einen Hausſklaven, den er plagen und quälen darf und er iſt ein Mann der Freiheit im Staate. Das verſtanden die Alten und das verſtehen die Amerikaner,“ ſo lehrte der Sklavenhändler und Alles lachte zu ſeiner großen Freude; es ſchien, daß er nicht wußte, welch einen Namen er hatte. Die Geſellſchaft, die ſchon längſt auf dem Sprunge war, benutzte dieſe glückliche Wendung des Geſprächs, um ſich mit heiter lächelnden Angeſichtern zu verabſchieden. Der Sklaven⸗ händler, ſelbſtzufrieden, daß er nun doch auch was Geſcheites geſagt, begann den Aufbruch zuerſt und alle anderen folgten, indem ſie ſich bei de angen ſoh hrauch zeſchl Siege ſonſt wieg mur zu laſſe ich der der rei ide erſi ſii n ei — 213 bei der Baronin bedankten, daß man ſtets ſo angenehme Unterhaltung bei ihr finde. Wie froh war jetzt Eugen, daß er zu ſolchem Ver⸗ brauch nicht nochmals ſeine Ueberzeugungen auf⸗ geſchloſſen hatte; er gönnte Leo neidlos das Siegesgefühl, mit dem er ſich jetzt ſtärker als ſonſt das Zimmer auf und ab auf den Knieen wiegte. Als ſich Eugen zum Abgehen wendete, murmelte Leo vor ſich hin: „Glückliche Reiſe nach Utopien.“ „Herr Lehrer,“ rief noch Gideon dem ſchon zu Pferd ſitzenden Eugen nach,„Herr Lehrer, laſſen Sie doch bei mir zu Hauſe wiſſen, daß ich vielleicht heute hier übernachte.—“ Trüb und gedankenſchwer ritt Eugen dahin, der Braune ſchaute jetzt nach dem Reiter um, der ihn ſo ſchlaff in den Zügeln hielt. Aus dem mild durchwärmten, von farben⸗ reichen Blumen durchdufteten Glashauſe in die öde Winternacht, das wehte Eugen wie mark⸗ erſchütterndes Fröſteln an. Am erſten Berge ſtieg er ab und führte ſein Pferd am Zügel nach. Es wandert ſich leicht zu Fuße, wenn eine ſchnelle Kraft zur Hand iſt, jeden Augenblick bereit, uns im raſchen Fluge dahinzutragen. Eugen fühlte, daß er ſich für ſein Daſein ſolchen 214 dienſtfertigen Beſitzes, der faſt als hebende Schwinge erſcheint, begeben hatte; eine Sehn⸗ ſucht, die ihn nach demſelben anwandeln wollte, kämpfte er mit Macht nieder. Er machte ſich und der Baronin Vorwürfe, daß die nutzloſe Mummerei unternommen wurde. Von allem Beſprochenen haftete nur das Wort von der bankerutten Nationalbank an ihm, wie man nach Anhörung einer vielverſchlungenen Muſik einen einzelnen Accord, eine abgeriſſene Melodie ſich ſingt; aber dieſe Worte legten ſich ſchwer auf ſeine Bruſt. Er hatte einen andern zu erſchüttern gedacht und war ſelbſt erſchüttert worden. Die Bäume am Wege ſtanden in der Nacht wie gebannte geſpenſterhafte Gerippe und neigten und bogen ſich in Winde, der den Schnee aufwirbelte. Ein einſames Menſchenkind behütete mühſam die Flamme auf dem Opferaltare ſeines Herzens. Iſt es denn möglich, daß du einem neuen Wahn dich opferſt und iſt das Menſchengeſchlecht ewig dazu verdammt, einzelnen Auserleſenen zu gehorſamen? Vergeudeſt du die Lebenstage, die dir beſchieden ſind und nimmer wiederkehren, verrinnt all dein Thun ſpurlos; dein Mühen und Hingeben für Andere, wo der frohe Genuß dir loc witzget ſichtb nit S ein G Cgois Venm und erret zerm laue ſtn nich ſchal — Gef dete riſ in rer fre un nee 215 dir lockt, iſt all dein unſelbſtiſches Streben wahn⸗ witziger Selbſtmord? Nein, dieſe ſtolze Genuß⸗ ſucht beſchwichtigt den Zornesruf des Gewiſſens mit Sophiſtereien und ſchilt zuletzt die Menſchheit ein Geſpenſt der Abſtraction und erhebt den Egoismus in den Adelſtand und nennt ihn Genie. Wenn wir uns nicht durch die Freiheit Aller und durch die vollſte Hingebung unſeres Seins erretten, ſind wir würdig, von den Barbaren zermalmt zu werden, die vor unſerer Schwelle lauern, während wir in geiſtreichen Fineſſen ſchwelgen. O die Gebildeten! Sie können ſich nicht entſchließen zu ſagen: hier in dieſer Wag⸗ ſchale iſt die Knechtſchaft und Niederträchtigkeit — ich ſpringe in die andere und ſei es auf die Gefahr zu Grunde zu gehen. Nein, der gebil⸗ dete Mann ſucht recht ſchwere logiſche und hiſto⸗ riſche Gewichte, objective Gründe, dieſe legt er in die andere Wagſchale und ſtellt ſich refleeti⸗ rend und betrachtend daneben.— Nur die that⸗ träftige, in Bildung geeinte Geſammtheit kann uns retten. Das iſt nicht Treppenverſtand. Hätte ich mit feurigen Zungen das Alles dort geſagt, es hätte nur unterhalten wie ein muſikaliſches Ca⸗ priccio. 216 Wohl mir, daß ich einen feſten ſichern Be⸗ rufskreis habe; das war die letzte Verſuchung, die mich heimſuchte.... Eugen ſah nach, ob er noch das Päkchen an Deeger habe; das war doch ein bleibendes Ergebniß dieſes tollen Tages. Freudig ſtieg er auf und wollte eben dem Pferde die Sporen geben, da hörte er plötzlich zwei Reiter in geſtrecktem Gallopp daher ſprengen, er hielt an, es konnte ja Gideon ſein, der ihn doch noch einholen wollte. „Aha, da iſt er,“ rief eine Stimme, es war die Leo's, ihm folgte ein Reitknecht. Leo ritt raſch auf Eugen zu und ihm die Reitpeitſche in's Geſicht haltend, rief er wüthend: „Merk er ſich Meiſter Bakel, wenn er noch⸗ mals die Frechheit hat, ſich in Kreiſe zu drängen, die ihm nicht zuſtehen, ſo werde ich ihn, nein, ich laſſe ihn durch meinen Reitknecht hier durch⸗ peitſchen.“ Ein in ſich verſunkener Beter in ſtiller Kapelle, der aufſchauend, nahe ſeinem Auge einen gezückten Dolch gewahrte, könnte nicht erſchreckter ſein als Eugen bei dieſen Worten. Er zitterte am ganzen Leibe, die Kehle war ihm zugeſchnürt, er konnte keinen Laut hervorbringen. ( rief Le T ſraf ſch b Schon daß e geſchi ſie L mit ab, in g müſſ chun riß daß Leo nod ſ vei ve ecter nurt, 217 „Jetzt weiß er, was er zu gewärtigen hat,“ rief Leo abermals. Da faßte Eugen die Zügel ſeines Pferdes ſtraff mit einem raſchen Ruck, daß der Braune ſich hoch aufbäumte und auf Leo einſprengte. Schon war er ihm mit den Vorderfüßen ſo nahe, daß er ihn faſt niederdrückte, da wich Leo noch geſchickt aus. „Die Peitſche her!“ rief Eugen und rang ſie Leo aus der Hand und ſchleuderte ſie ihm mit einem Pfui! in's Geſicht. Jetzt ſprang er ab, faßte die Zügel von Leo's Pferd und ſagte in gemeſſenem Tone: „Wenn Sie ein Mann von Ehre ſind, müſſen Sie mit den Waffen in der Hand Genug⸗ thuung geben.“ „Duellir er ſich mit Linealen“ lachte Leo, riß die Zügel los, gab dem Pferde die Sporen, daß es faſt Eugen überſtürzte und jagte davon. Der Reitknecht, der ruhig auf den Zuruf Leo's gewartet hatte, gab dem Braunen Eugens noch einen Hieb, daß er ausriß und heimwärts ſprang. Eugen hörte noch ein Lachen der Davon⸗ reitenden und ſtand einen Augenblick wie ſelbſt⸗ vergeſſen in dem Schneewirbel. Jetzt rannte er athemlos ſeinem Pferde nach, er war entſchloſſen vom nächſten Dorfe an, wo der Braune gewiß eingefangen wurde, umzukehren; er mußte um jeden Preis Genugthuung haben und ging es nicht anders, war er bereit, das Geheimniß ſeines Namens zu offenbaren. Wie er ſo dahin rannte, umſchwärmten ihn zahlloſe Gedanken in wildem Tanze: Da rennt jetzt der Schulmeiſter zu Fuß, der ſo freudig ſtolz dieſen Weg daherritt; du jagſt deinem fliehen⸗ den Cavaliersgelüſte nach, du haſt es zum letzten⸗ male gekoſtet, es iſt ewig dahin; aber Rache, Genugthuung muß ich gewinnen. Geſchlagen werden, das iſt das Furchtbarſte, Erniedrigendſte, es heißt die Seele verhöhnen und leugnen und uns zur bloſen Materie herabwürdigen. Tödten iſt noch Ehre, es ſtirbt Leib und Seele gemein⸗ ſam... Mit Märtyrern ſich vergleichen und keine Beleidigung dulden wollen... Soll und darf ich vergeben? Nein! Nein! Heiße Schweißtropfen floſſen dem Rennen⸗ den über Stirn und Wangen, während der Schnee ihn umwirbelte; da wurde er plötzlich mit ſtarker Fauſt angehalten und eine mächtige Stimme rief: „Im Namen des Geſetzes! Halten Sie ein Graf Falkenberg.“ „ S 6. — — — * — 5 T „ Ville nöchte niſſe Verla Bruſt als laut den 2 ninm gelaſ ließ tige mere ſein dae „ Erſtes Rapitel. Tauſendmal im Leben wünſcht man, daß Wille und That wie Blitz und Schlag ſich folgen möchten; oft aber iſt es auch gut, daß Hinder⸗ niſſe mannigfacher Art eine Verkühlung des heißen Verlangens zuwege bringen. Eugen faßte den Gefangennehmenden an der Bruſt und warf ſich mit aller Macht auf ihn als wollte er ihn erdroſſeln; dieſer aber lachte laut auf, und Eugen mußte ſelber lachen, da er den Bartelmä erkannte. „Du biſt heiß und es iſt knitterkalt; hier nimm meinen Schafpelz über,“ ſagte Bartelmä gelaſſen, zog das warme Gewand ab und Eugen ließ ſich faſt willenlos damit bekleiden; der heu⸗ tige Tag ſchien dazu auserkoren, allerlei Mum⸗ mereien mit ihm vorzunehmen. Bartelmä, der wie er früher geſagt, mit ſeiner Frachtfuhre des Weges daherkam, hatte das Pferd Eugens eingefangen und lachte den „Kathederreiter“ weidlich aus.„Haſt's erfahren,“ * höhnte er,„ſo ein unzugerittener Volksgaul iſt nicht viel mehr als ein Eſel? Da nutzt all' deine Reitkunſt nichts, er bockt, Kopf nieder hinten hoch und im Bogen wirft er dich auf vater⸗ ländiſchen Boden.“ Er fragte nun, ob der Champagner im Lamm auf ihn warte und ob man zu der Verlobung Eugens mit der Baronin Hunold gratuliren dürfe. Eugen erzählte raſch ſeine Erlebniſſe und verweilte nur ausführlicher bei der letzten Fährlichkeit. „Recht ſo,“ ſcherzte Bartelmä,„zuerſt reitet ihr mit philoſophiſchen Kleppern auf einander los und dann mit wirklichen Haferfreſſenden. Schade, die Baronin hat Fra Diavolo und Ri⸗ naldini mit dir aufgeführt; hat man keine Räuber tanzt man mit Schulmeiſtern; ſchade, daß ſie ihre Loge zu früh verlaſſen, ſie hat den letzten Akt mit ſeinen Knalleffekten verſäumt.“ „Es iſt nicht der letzte, ich muß Genug⸗ thuung haben, ich fordre den Leo und nenne meinen Namen.“ „Auch gut, dann demaskire ich mich auch und bin dein Sekundant, du kriegſt doch keinen andern. Der Caſus iſt nur ſchwierig, du haſt eigentlich ſchon Genugthuung.“ „Ich? Wie denn?“ —— ſchöne und Lebt ſe meit nen fan 223 a„Du haſt ihm die Reitpeitſche in's Geſicht kal 5—.— geworfen. Die Sache gehört vor den Semoren⸗ convent.“ „Laß das jetzt, ich werde ſchon einen andern Sekundanten finden.“ 0„Mir wäre auch nichts lieber als in einem ſchönen Duell weggeputzt zu werden.“ „Das will ich nicht,“ rief Eugen. .„Kommſt auch nicht dazu. Mach's geſcheit und heirath die Hunold. Man ſoll mich mein nt Lebtag Hofrath ſchelten, wenn der Leo nicht um det ſie freit; thu ihm den Poſſen und—“ nden.„Genug, ich raſte nicht, bis ich ihn vor Ri meiner Degenſpitze habe.“ uber„Und du willſt wirklich deinen Namen ß ſie nennen, dein Geheimniß, das dir nichts entlocken etten kann, für dieſe Sache preisgeben?“ „Ja.“ enug⸗„Es ſind nur zwei Fälle möglich: der knick⸗ nenne beinige Baron Leo iſt nobel und dann, weißt du was er dann thut? Er lacht dich aus. Der auch Graf Falkenberg iſt todt, im Armenſünder⸗ einen 5 Winkel der Zeitung begraben in Buchdrucker⸗ haſt ſchwärze; ein Geſpenſt das wiederkommen will, wird von keinem Ehrengericht mehr anerkannt. Der andere Fall, der wahrſcheinlichere iſt aber, Leo— zeigt dich an und thut dem Staat und ſich ſelbſt damit einen Gefallen. Eugen ballte die Fäuſte und weinte vor Zorn und Ingrimm, daß er erfahrene Unbill nicht ſühnen ſolle; ſeine Hand zitterte als ihn Bartelmä faßte, der ihn nicht zu tröſten ſuchte, ſondern nicht abließ, bis er einen Schluck Heidel⸗ beergeiſt nahm, den er in einer kleinen Flaſche mit ſich führte. Eugen ließ ſich nochmals das Wort geben, daß er ihn nicht verrathe und ritt heimwärts nach Erlenmoos. Wie er ſo leicht dahingetragen wurde, mußte er ſich fragen, ob der Graf, der Stolz einer bevorzugten Klaſſe noch nicht in ihm ertödtet ſei; aber die Unbill ſchwand nicht, wenn er ſich als einfachen Lehrer von gewöhnlicher Herkunft dachte, ja ſie vergrößerte ſich noch; ein faſt Wehrloſer wurde von dem höhnenden Uebermuthe ange⸗ griffen.... Jetzt fühlte er den ſchärfſten Dorn in der Martyrerkrone— die Ehrloſigkeit, und höher hinauf ſtieg ſein Geiſt und trat in die Reihe aller Derer, die für einen heiligen Beruf gelitten, beſchimpft und verhöhnt zu immer neuer Kraft ſich erhoben und mit lächelnder Dulder⸗ miene ihre Peiniger beſiegten. Fernab liegt die Ehre, alles Wohlgefallen und aller Glanz, den in der gusbre lte frei a freiun von die June ſpüt lich win eine gen Lip ſhie ſche wie ein kn N m nd 225 in der Menſchenachtung einer über den andern ausbreitet, und Eugen war's als löste ſich die letzte Erdenſchwere von ihm ab, als müſſe er frei aufſchweben in das All. In ſolcher Be⸗ freiung ſterben können, wäre ſchön, würdiger iſt's, von heiligen Gedanken gefeit fortzuwirken und die Pfeile der Bosheit und Verblendung im Innerſten unverſehrt von ſich abzuſchütteln.— Lipp war nicht wenig verwundert, ſeinen ſpätkommenden Herrn ſo heiter und doch ſo feier⸗ lich grüßend zu finden. Lipp hatte ſchon oft ge⸗ wünſcht, daß ſein Herr ihn Du nenne, wie das einem Bedienten zukäme. Eugen hatte es ſtets geweigert und heute that er's nun wie von ſelbſt. Lipp ahnte nicht, wie weit Eugen über alle Unter⸗ ſchiede der Anrede und der verſchiedenen Men⸗ ſchengeltung hinaus war. So ſehr ſich auch Eugen im wirklichen Leben wiederfand, war es ihm doch ſtets, als ob er eine ſchwere Laſt abgewälzt habe, von der er kaum mehr wußte, daß ſie ihn bedrückt hatte. Mit dem letzten Gelüſte nach vornehmer Gewöh⸗ nung war alle Weltpein von ihm abgethan. Wie es einem Sieger in der Schlacht zu Muthe ſei, wenn er ſich endlich zur Ruhe begiebt, das hatte Eugen einſt erfahren; er hatte 15 226 für die heilige Sache gefochten und konnte ſich llos n der Freude ob ihres Gelingens nicht erwehren; teus aber jener Siegesrauſch, jener Wonnejubel, von dem die Menſchen ſingen und ſagen, die die fiſche Gräuel des Krieges nicht mit angeſehen, konnte wie i 1 nie in ihm aufkommen; das Treiben des Lager⸗ ict lebens, der Tod von Kameraden ſtachelt und ein h ſteigert die Kampfesluſt; wenn aber der Schlach⸗ verhi tenlärm verklungen iſt, wandelt leiſe klagend der auf. trauerverhüllte Genius der Menſchheit um, denn Johr Menſchen mordeten Menſchen.— Heute hatte gew Eugen einen viel ſchwereren Sieg über ſich ſelbſt viel errungen und ſo frei er ſich auch mit aller Macht nehn erhob, er konnte ſich doch einer Wehmuth nicht 1 erwehren, da er eine langgehegte Lebensgewohn⸗ dafß heit aufgeben mußte; ihm war's doch, als wäre niht ihm leibhaftig die waffenſtarke Hand zerſchoſſen. Den NMitten in der Nacht erwachte Eugen plötzlich aus aus dem Traume und ſchrie laut um Rache. es i Noch einmal zog jetzt in lautloſer Stille die rech Ehre und die Kampfesluſt vor ſeinem Geiſte 1 vorüber und ſie ſchalten die Demuth den Stolz heu der Feigheit und heiſchten eine Sühnung. Aber Eugen hielt Stand, er durfte ſich bekennen, daß a er der Welt zur Genüge den Beweis ſeines wi makelloſen Muthes gegeben; er wollte nun nicht Geiſte Stolz Aber en, daß ſeines un nicht blos in dem Verſuche ſtehen bleiben, ſich in ein neues Daſein zu finden. In der Schule war Eugen wieder voll friſcher Regſamkeit, er kehrte in ſeinen Beruf, wie in eine faſt verloren geglaubte Heimath zurück. Jetzt verſtand er in eigenthümlicher Weiſe ein halbvergeſſenes Wort Deegers: Die Lehrer verhärten leicht im Schlendrian oder reiben ſich auf. Man ſollte jedem, je nach fünf oder zehn Jahren eine Brache, ein Jahr Reiſeurlaub gewähren können, dann würden ſie wiederum viel friſcher und lebenerfüllter ihre Arbeit auf⸗ nehmen.— Nur das empfand Eugen noch ſchmerzlich, daß er die ganze Macht ſeines Denkens hier nicht ausbreiten konnte; aber die Friedſamkeit und Demuth, die jetzt über ſeinem ganzen Weſen ausgeſtrömt war, gab ihm die Zuverſicht, daß es ihm gelingen werde, dieſes letzte in ſich ge⸗ rechte Verlangen des ſtolzen Ichs zu bewältigen. Eugen ertheilte keinen Religionsunterricht, heute hätte er ihn gerne gehabt, er fühlte zum erſten⸗ male den Mangel, der in dieſem Verhältniſſe lag; aber er hielt um ſeiner und der Kinder willen feſt an dem Stundenplan. Wer einen Acker gehörig umpflügen will, 15* 228 muß ordnungsmäßig Furche neben Furche legen enen und darf nicht beliebig querfeldein ſpringen. nmi — Die ſogenannten trockenſten Gegenſtände ſtie ¹ waren heute gerade an der Tagesordnung:. Deutſche Sprache und Rechnen.— Selbſt in den nan letztern Unterricht, der vorherrſchend verſtandesbil⸗ mn dend iſt, ging etwas von der Weiheſtimmung Eugens Bere 3 über. Er erklärte den Kindern der erſten Klaſſe niht 3 die Erfindung der Zahl, wie man hiebei von Ver jedem Gegenſtande abſehe und einen reinen Ge⸗ ſen danken in der Phantaſie dafür ſetze, wie ſchon Un 3 das ſpielende Kind zu zählen beginne und ſich Hi ₰ dann den Begriff„viele“ und„alle“ bilde.— bi 1 Als er nun an dieſe Erörterung den Triumph 5 des Menſchengeiſtes knüpfte, der mit dem Ge⸗ danken ſich eine Welt bildet und eine ferne her⸗ zaubert, da fühlte er an den geſpannten Blicken 6 und Mienen, daß wenn auch nicht Alles was 5 er ſagte, beſtimmt in den Kinderſeelen Wurzel faßte, doch der Keim des überſchauenden Geiſtes ſich regte und ſie in das Gewohnte einblickten, A wie in ein glänzendes Wunder. Von ſolchen Allgemeinheiten konnte er dann aber auch wieder eben ſo leicht auf das Einzelne und Nothwendige übergehen. Die ſeltſame Er⸗ fahrung, daß die Kinder Dividiren ſo ſchwer lernen und Geiſtesarme es faſt nie faſſen, ſuchte er mit allem Nachdruck zu überwinden und es ſchien ihm heute zu gelingen. In der ſinnlich wahrnehmbaren Natur kennt man das Geſetz der Schwere, das einen Stein um ſo ſchneller fallen macht, je mehr er dem Bereiche der Anziehungskraft der Erde ſich nähert; nicht ſo leicht in ein Geſetz zu faſſen iſt die Bewegung der Seele nach jenem Punkte hin, den man die Andacht des Denkens nennen könnte. Und doch ſind auch hier entſprechende Bedingungen. Hatte es Eugen unternommen, den Grundſatz der Selbſtbeſchränkung auf ſich anzuwenden, ſo fand er jetzt, daß noch immer ein ſelbſtſüchtiges Ge⸗ nießen darin liege, nur ſolchen Thuns ſich zu erfreuen, über dem ein Ideenduft ſich ausbreitet. Blicen Das iſt es ja, was den ſchneidenden Gegenſatz von niederer und höherer Arbeit aufgeſtellt hat. Wuril Jegliche Uebertragung einer innewohnenden Kraft eiſes auf einen Stoff außer uns, iſt die Erfüllung des lckten, Daſeinsberufes. In dieſer Erkenntniß ſtrebte er nun nicht et dann mehr nach der Darlegung von Allgemeingedanken, Einzelne er heftete ſich mit Emſigkeit an das Kleine, ame Er⸗ Nothwendige, worin zunächſt gar nichts Ideelles lag. Jetzt erſt wußte er, daß die Andacht, die 230 eigentlich der Unterricht erheiſcht und die nie tagelang anzudauern vermag, ihm niemals ganz verſchwinden könne, er ſuchte ſie nicht, ſondern widmete ſich ganz der Pflicht der Arbeit. Es giebt eine Andacht, die nicht die gefal⸗ teten Hände frei emporhebt, ſondern ſie zu leben⸗ digem Thun ausſtreckt. Gegen Abend überbrachte Eugen dem Sonnen⸗ wirth das Geld und dankte in aufrichtigen Worten für ſeine Freundlichkeit. Der Sonnenwirth ſah verlegen drein, lüpfte bald ſein grünſammtnes Käppchen und ſetzte es wieder auf, knöpfte ſein Wamms auf und wieder zu. Eugen konnte nicht anders glauben, als daß ſeine demuthvolle allverzeihende Stimmung den Menſchen unbe⸗ greiflich ſein müſſe; er wiederholte, daß er nicht die Spur eines Grolles in ſich hege und daher den Sonnenwirth um ein Gleiches bitte; dieſer aber grinſte ſeltſam auf das Geld und ſchnupperte daran und ſteckte ſchnell die Hand, die er darnach ausſtrecken wollte, in die Taſche, dann ging er mehrmals nach der Kammer und kam wieder, immer ohne noch ein Wort zu ſprechen, ſchüttelte oft mit dem Kopfe und machte die Hände auf und zu. Wie ein Hungergieriger, der heißes Brod vor ſich hat, bald es berührt und die Hand wiede fihrt und traur wirtl nahr lich Sq nic ſich hei wi wi bit ſih 23 wieder abzieht, dann einen Biſſen zum Munde führt und mit den Händen ſchlägelnd, hüpfend und weinend das Eroberte zu kauen ſucht, ſolch traurig lächerliche Grimaſſen machte der Sonnen⸗ wirth, da er das Geld bald ganz, bald halb nahm und bald wieder auf den Tiſch legte. End⸗ lich brachte er die Worte heraus, er habe den Schuldſchein jetzt nicht, er habe ihn überhaupt nicht mehr, und erſt nach vielfachen Fragen ergab ſich, daß der Baron Kronauer während der Krank⸗ heit Eugens die Schuld getilgt habe. Der Sonnen⸗ wirth begleitete Eugen bis vor das Haus und wiederholte oft, er ſei ein ehrlicher Mann und bitte ſich aus, daß Eugen vorkommenden Falls ſich wieder an ihn wende. Zu Hauſe berichtete Lipp, der Sonnen⸗ wirth habe während der Krankheit Eugens darauf gedrungen, daß alle ſeine Habſeligkeiten gericht⸗ lich verſiegelt würden und da habe ſich Kronauer in's Mittel gelegt. So war alſo die ganze Reiſe Eugens mit allem ſich daran knüpfenden Wirrwarr unnöthig geweſen. Er hatte in dieſem die letzte Ablöſung von der Welt der Vornehmigkeit erkennen wollen, wenn erſich gleich geſtehen mußte, daß es deſſen nicht mehr bedurft hätte. Jetzt war er durch das Verfah⸗ 232 ren Kronauer's in ein Verhältniß der Dankbarkeit geſetzt, das eine neue Feſſel um ihn ſchlingen konnte. „Gut, daß Sie kommen,“ ſagte Kronauer zu dem eintretenden Eugen,„ich verbürge mich dafür, daß Sie volle Genugthuung haben ſollen.“ „Wer hat ſolche gefordert? Woher wiſſen Si „Der Geißelmaier des Sonnenwirths, der Bartelmä, der Ihnen ſehr zugethan ſcheint, kam noch geſtern Nacht auf Schloß Röthhauſen. Er hatte eine tüchtige Rauferei mit dem Reitknechte meines Bruders, der ihm die Reitpeitſche ab⸗ nehmen wollte, die er auf dem Wege gefunden hatte; es iſt ein Ehrenſtück, ein Preis, den der Erbprinz beim letzten Wettrennen ausgeſetzt und den mein Bruder gewonnen. Der Bartelmä verlangte eine perſönliche Unterredung mit meiner Couſine und da erzählte er Alles. Ich wollte eben zu Ihnen um Ihnen zu ſagen, daß Sie jede erwünſchte Genugthuung haben ſollen.“ Eugen erblaßte. So hatte ihn alſo Bartel⸗ mã verrathen, in der Sucht, ihn an die Baronin zu verkuppeln; all' das Ringen um einen jetzt erſt liebgewordenen Beruf und eine ſtille Wirkungs⸗ ſtätte war vergebens; er mußte es dankbar hinneh⸗ men, daß man ihn nicht den Gerichten auslieferte. ſu, de war Steyh bei ſe nind Non kein ſpr ſch nat die ſoll ha zw K w i le Bartel⸗ garonin en jetzt rkungs⸗ hinneh⸗ lieferte⸗ 233 Kronauer ſetzte nun dem Schweigenden hin⸗ zu, daß das Maskenſpiel allerdings ungehörig war und wenn er ſich auf die„Phantaſtereien“ Stephanie's einlaſſen wollte, hätte er dennoch bei ſeinem wirklichen Namen bleiben müſſen. Eugen athmete freier. So hatte Stephanie mindeſtens den Anderen nicht ſeinen wahren Namen verrathen. Er erklärte nun, daß er keinerlei Genugthuung heiſche. Kronauer wider⸗ ſprach, er ſei das ſeinem Amte und ſeiner Stellung ſchuldig. Eugen ſchwieg hierauf und wollte nun Kro⸗ nauer das für ihn ausgelegte Geld erſtatten, aber dieſer beſtimmte, da Eugen keine Familie habe, ſolle er in monatlichen Abzügen von ſeinem Ge⸗ halte die Rückzahlung ſo machen, daß er in zwei Jahren frei ſei. Schnell wendete ſich dann Kronauer auf einen andern Gegenſtand und warnte Eugen vor ſeiner Couſine„mit ihrer äſthetiſch moraliſchen Naſchhaftigkeit, die wir leider aus der franzöſiſchen Bildung geerbt haben.“ Eugen fand es unſchicklich, daß Kronauer ſo von ſeiner Verwandten ſprach und vertheidigte zum Theil gegen ſeine innerſte Ueberzeugung das ruheloſe Weſen Stephanie's. Er mußte aber einſtimmen, daß„die encyklopädiſche Topf⸗ 234 guckerei“ nichts Kernkräftiges in Wiſſen und Thun aufkommen laſſe. Auch darin konnte er nicht widerſprechen, da Kronauer ſagte: „Für mich hat das Weſen meiner Couſine etwas beängſtigendes. Frauen dürfen nie leiden⸗ ſchaftlich, heftig ſein, überhaupt nicht paſſionirt, gelaſſene ſtille Milde iſt ihre Naturbeſtimmung.“ Eugen hatte einſt im Walde bei Alsfeld das mouſſirende Weſen Stephanie's mit dem Kaidl's verglichen. Jetzt zeigte ſich noch eine beſondere Aehnlichkeit: ſo einnehmend und oft bezaubernd Stephanie in der Gegenwart war, eben ſo kalt und kritiſch geſtimmt fühlte man ſich in der Entfernung, in der bloßen Erinnerung an ſie. Woher kommt das? Kronauer bemerkte, daß er doch in Einem Falle ſeiner Couſine recht geben müſſe; nach dem, wie er Eugen in Röthhauſen kennen ge⸗ lernt, wäre es deſſen Pflicht, einen andern höheren Beruf zu wählen; es ſei an ſich lobens⸗ werth, daß er Dorflehrer bleiben wolle, es ſei aber„nationalökonomiſch eine Verſchwendung, die Kraft, die zu Höherem ausreicht, zu Geringerem zu verwenden.“ Eugen fühlte ſich trotz aller Beklommenheit ſiegesfroh, da er dieſe Zumuthung ablehnte und dartha die V vringe Wald weil dos tete and den Be jet din Abſeld 235 B darthat, daß durch das Hochhalten unſerer ſelbſt die Welt im Argen liege. Dießmal verletzte ihn das gönneriſche Ein⸗ dringen in ſein Leben nicht ſo, wie im Alsfelder Walde; der Grund hievon lag aber nicht darin, weil er jetzt gelobt wurde... Mit widerſtrebenden Gefühlen verließ Eugen das Schloß. Voll zitterndem Verlangen erwar⸗ tete er die Rückkehr Bartelmä's, die erſt am andern Abend erfolgen konnte. Er kämpfte mit dem Entſchluſſe, den er zu faſſen habe, wenn die Baronin um ſein Geheimniß wiſſe; in ſeiner jetzigen Stellung konnte er dann nicht verharren, durfte er aber die burſchikoſe Anmuthung Baär⸗ telmä's zur Wahrheit machen und um die Hand Stephanie's werben? Das ganze Benehmen Stephanie's ſchien allerdings mehr als allge⸗ meines Wohlwollen auszuſprechen und ihr aben⸗ theuerlicher Sinn mußte von der Enthüllung Eugens mächtig ergriffen werden. Die Verſuchung breitete abermals ihre lockenden Bilder aus: fern lagen all' die Plackereien eines engen Lebens, ein junges Paar durchſtreifte ferne Länder und nach Jahren, da das Verbrechen vergeſſen und vergeben war, kehrte man zurück und begann eine großartige Wirkſamkeit; der Uebermuth Leo's konnte ſchwer gezüchtigt und das unruhig ſuchende Gemüth Stephanie's gerettet und gehoben werden durch feſten Halt und ſichere Leitung. Lipp konnte nicht faſſen, warum ſein Herr, der ſo lange in ſich gekehrt ruhig geſeſſen, plötz⸗ lich aufſtampfte und Nein! vor ſich hinrief. Eugen zürnte ſich ſelber, daß er nach den rein⸗ ſten Erhebungen immer wieder Rückfällen hin⸗ gegeben war, die ſelbſt das Heiligſte mit ſich niederriſſen. Er ſchickte noch in der Nacht den Lipp mit dem Gelde nach Röthhauſen zu Lehnert, dieſer ſollte mindeſtens keinen Verluſt erleiden, wenn er fliehen mußte. Kaum war Lipp fort, ſo bereute er das Gethane wieder, er hatte ja nichts mehr, wenn er zur Flucht genöthigt war; er wollte Lipp nach und ſich bei Stephanie ſelbſt Gewißheit verſchaffen— aber er harrte ruhig aus. Am folgenden Tage konnte ſich Eugen mit Deeger meſſen: mitten im Aufruhr ſeines ganzen Lebens vermochte er ſeine Pflicht in der Schule vollauf zu erfüllen. Dieſe ſtrenge Haltung und Hingebung übte auf die Kinder einen ſympatheti⸗ ſchen Einfluß, und Eugen erfreute ſich an der Zuverſicht, daß die weſentliche Befähigung zu ſeinem Berufe nicht in erworbenen Fertigkeiten, ſondet luß i gllein Pein, der wiſſe Gen Do 2 ſondern in der Perſönlichkeit beruhe. Dennoch ließ ihn nach der Schulzeit eine Unruhe nicht allein in ſeinem Hauſe. Er empfand die ganze Pein, die darin liegt, Leben und Schickſal in der Hand eines fernweilenden Menſchen zu wiſſen. In des Kirchbauern Haus erhielt er die Gewißheit, daß von ſeinem Streite mit Leo im Dorfe noch nichts bekannt war; an den Beicht⸗ ſtuhl wäre gewiß die Kunde davon gedrungen. Er traf hier den Mühlendoctor, den Bernhard von Trenzlingen, den der Huſchel auf allerlei Weiſe neckte und der flottweg jeden Scherz heim⸗ bezahlte. „Kinder, Kinder!“ ermahnte die Kirch⸗ bäuerin,„ſeid ordentlich. Du Bernhard biſt grad wie dein Vater, der hat auch gern Spöt⸗ tereien gehabt und hat immer geſagt: ich nehm' tein Mädle, das mich nicht auch ein bisle zum Narren haben und mir was aufzurathen geben kann. Er hat auch um mich angehalten, aber meine Eltern, Gott hab ſie ſelig, haben's nicht zugeben, er iſt damals noch nicht der Waldkönig 5 geweſen und wir ſind auch in Einem Alter und das iſt nie gut; die Frau muß um viel jünger ſein, ſie kommt ſchon nach, jedes Kind macht ſie 238 um zehn Jahre älter. Deine Mutter ſelig und ich wir waren wie zwei Schweſtern. Wenn ſie dich nur ſo da bei uns ſehen könnte. Deine Mutter ſelig hat grauſam viel auf eine recht⸗ ſchaffene Familie gehalten und hat von keiner nie hören wollen, wo nicht Alles glatt und eben iſt.“ „Mir iſt dieſe Rede zuwider,“ ſagte Bern⸗ hard leiſe zu Eugen,„wenn ich ſo reden höre, daß mein Vater eine andere hätte heirathen können, iſt mir's als wäre ich gar nicht da und die ganze Welt ſteht nicht feſt. Es giebt Dinge, woran man nicht mit einem Gedanken rühren darf.“ Die Kirchbäuerin ahnte nicht, daß Eugen die Taktik verſtand, mit der Bernhard von Vit⸗ tore, die faſt gleichen Alters mit ihm ſein mußte, abſpenſtig gemacht werden ſollte; tief wehe aber that ihm, daß, wie nicht anders anzunehmen war, man das Schickſal des Bachmüllers hier als einen Schandfleck ausdeuten wollte. Der Bernhard war nun die Hauptperſon in des Kirchbauern Haus, gegen den ſelbſt der Alte, der ſonſt äußerſt wortkarg war, ſich zuthulich benahm und nicht zuließ, daß er ihm ſeinen Stuhl einräumen wollte. Gern ließ Eugen dem Lernhe Beicht hauſen nomm die Ki vorne bemer Schu kann um eine eine ſei. verſ aus dadt Spl ſt na her un ha 239 Bernhard dieſe Bevorzugung und antwortete am Beichtſtuhle auf die Fragen, wie es ihm in Röth⸗ hauſen ergangen war; man hatte hier ſchon ver⸗ nommen, daß er im Schloſſe geſpeiſt habe und die Kirchbäuerin war nicht unzufrieden mit dieſen vornehmen Bekanntſchaften. Als Eugen ſpöttiſch bemerkte, daß ihn nächſtens der Lehrer Lutz— Schnörkel— beſuche, der ja hier auch gut be⸗ kannt ſei, geſtand die Kirchbäuerin offen, daß er um Sabine gefreit habe, daß man aber aus einem ſolchen Hauſe nicht leicht einem Lehrer eine Tochter gebe, wenn er nicht was beſonderes ſei. Sie gab dann in halben Worten Eugen zu verſtehen, daß er recht daran thue, jetzt nicht ausdrücklich um Sabine zu freien, er erhalte ſich dadurch alle Partheien im Dorfe geneigt und Sabine ſolle erſt Braut des Schultheißen werden. „Das iſt der Bartelmä, der ſchlaft gewiß ſchon wieder im Wagen,“ ſagte jetzt der Huſchel; man hörte ein ſchweres Fuhrwerk die Straße heraufkommen. Eugen verabſchiedete ſich ſchnell und holte den Schlaftrunkenen noch am Pfarr⸗ haus ein. Eine neue Ruhe kam über ihn, als ihm Bartelmä ſchwur, daß er Niemanden ſeinen Namen verrathen habe. Bweites Rapitel. Als beſtes Zeichen wie friedſam und friſch es in der Schule herging, konnte angeſehen wer⸗ den, daß Eugen wochenlang keine Schulverſäum⸗ niſſe einzutragen hatte. Er hatte für jeden Mittwoch eine Schulſtunde hinzugeſetzt und in das freie Belieben jedes Kindes geſtellt, zu kommen oder wegzubleiben. Dieſen Tag und dieſe Stunde verſäumte kein einziges Kind, denn da durfte jedes eine Frage ſtellen über was es wollte und an heller Luſtigkeit fehlte es da nie. Es hielt ſchwer, die Kinder zum Fragen überhaupt und dann zu ſolchem über räthſelhafte Anſchauungen und Lebensbeziehungen zu bringen; ſie glaubten trotz allen Ermahnungen, ſie müßten über ihre Schulgegenſtände fragen, bis es nach und nach gelang, ihnen die erwünſchte Richtung zu geben. Natürlich war mit der erſten Frage: Warum? der Zapfen weggenommen, dem unaufhörlich der Strom der Neugierde nachfolgte. Eugen ſuchte zuerſt die Antwort aus den Reihen der Schüler ſelbſt zu erobern und hier ergaben ſich oft über⸗ raſcher die in ſelbſt erbat richter hätig den t blieb ganz Sch die und der imm gem dies ſ e wo ſin eit a g 241 raſchende Erläuterung zur Beſchämung Derer, die in bloſer Faulheit Dinge fragten, die ſie ſich ſelbſt klar machen konnten. Bei manchen Fragen erbat ſich Eugen, theils um ſich ſelbſt zu unter⸗ richten, theils um die Spannung und Selbſt⸗ thätigkeit der Kinder zu erhöhen, Bedenkzeit auf den kommenden Mittwoch; fruchtbar erſcheinende blieben mit dem Namen des Fragſtellers eine ganze Woche auf einem großen Blatte in der Schule ausgehängt. In eigenthümlicher Weiſe lernte hier Eugen die Beſonderheiten der einzelnen Kinder kennen, und indem er die verſchiedenen Schmelzhärten der Metalle in Erfahrung brachte, dünkte es ihm immer ſchwerer, ſie durch eine gleiche Wärme gemeinſam in Fluß zu bringen. Er glaubte, daß dies in ſeinem Mangel an Methode liege und hielt ſich darum immer mehr an die Individualitäten. Der Sanscülotte und der Haſenſchartige gehörten zu den verfänglichſten Fragſtellern, jener wol aus Muthwillen und dieſer, weil er ein wirklich ſinniger Knabe ſchien.„Herr Lehrer,“ fragte einſt der Haſenſchartige, der Schillers Bürgſchaft auswendig lernte,„iſt der Möros wirklich ein guter Freund von dem Dionys geworden?“ „Wie meinſt du das?“ 16 242 „Es heißt da am End': Ich ſei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte. Jetzt der Möros hat den Dionys umbringen wollen und den Freund hat der Dionys wollen hängen laſſen; das giebt eine ſchlechte Freundſchaft.“ Eugen wußte in der That keine ſchlagende Antwort, er wich daher einer ſolchen aus ſo gut er konnte. Auch Mareile ließ ſich oft vernehmen, ſowohl aus eigenem Antriebe, als im Auftrag anderer, die zu zaghaft waren. „Herr Lehrer,“ fragte des Sonnenwirths Franz eines Mittwochs,„wozu nützt das, daß im Winter aller Boden gefriert?“ „Daß man ſchleifen,“„daß man Schlitten fahren kann,“ entgegneten einige. „Daß man die Steingrub ausgraben kann,“ rief Dagobert und meinte damit den Weiher aus dem eben Kronauer friſchen Humus heraus⸗ ſchlagen ließ. „Der Boden will auch ſchlafen,“ lispelte ein ſonſt furchtſames hochgeſtirntes Mädchen und wurde von Eugen ermuntert, der nun erklärte: die Fruchtbarkeit des Ackerbodens beſteht weſent⸗ lich in ſeiner Beweglichkeit und Zerſetzbarkeit; es iſt daher eine der ſchönſten und tiefſinnigſten Natureinrichtungen, daß der Boden gefriere. Alle —— euch Eisn in! zerſt des auf nenpp Schlitten kann,“ WVeiher pelte ein hen und erklärte: weſent⸗ zbmteit ſiigſten re. Alt Feuchtigkeit in ihm erſtarrt, es bilden ſich dünne Eiswände zwiſchen den feinſten Stäubchen die im Frühling zerſprengt werden und ſo den Boden zerſetzen und auflockern, wie das junge Leben des Pflänzchens es erfordert. Wir könnten das“ auf keinem andern Wege ſo bewerkſtelligen. Die Verſuchung lag nahe, die Unterſchiede des Klima's, geographiſche und dann weitere phyſikaliſche Erläuterungen daran zu knüpfen, aber— wer kann die geheimen Ideenverbin⸗ dungen ermeſſen?— Eugen erinnerte ſich der Füttermethode des Kopfrechners: langſam thun und wenig geben, dann wird rein aufge⸗ ſpeiſt. An dieſem Grundſatze hielt er feſt und ging nie über das nächſte Bereich der Antwort hinaus. Eugen hatte ſein volles Genüge in ſeiner Berufsthätigkeit und lebte faſt abgeſchieden von dem Dorfe; erſt durch Lipp erfuhr er, welch' eine ängſtliche Bewegung dort alle Herzen er⸗ griffen hatte. Der Vater des Sanscülotten war gefänglich eingezogen, er hatte im Wirthshauſe zur Sonne geſagt, es ſei gut, daß man noch Waffen verborgen habe, um„das Nächſtemal“ den Fürſten den Garaus zu machen; dann werde man ſelbſt einen Ausſchuß wählen, der den Preis 16* ——— 244 bei der Viehausſtellung vertheile. Jetzt waren auch noch zwei Gemeinderäthe, der Schmied Simme, des Rainbauern Karle und der Krämer Maier im untern Dorfe mit Gendarmen Nachts aus dem Bette geholt worden: das brachte einen Schreck über das ganze Dorf, der noch dadurch vermehrt wurde, daß man keinen Angeber wußte. Man ſchien der Gewalt eines unſichtbaren Ge⸗ ſpenſtes überliefert zu ſein und jene aus Bangeu und Reſignation zuſammengeſetzte Stimmung, die jeden Einzelnen bei einer graſſirenden Epidemie ergreift, lagerte ſich auf das Dorf. Wenn auch Eugen nicht mehr glaubte, Allen Alles ſein zu können, war er doch bemüht, Ermuthigung und Troſt in den zerſtörten Familien zu erwecken. Er erfuhr jetzt, daß die allgemeinen geſchichtlichen Tröſtungen von der Nothwendigkeit ſolcher Opfe⸗ rungen für eine beſſere Zukunft, eben ſo wenig verfangen wollen, als die allgemein religiöſen bei betroffenem ſchweren Herzeleid. Als er nun faſt von Haus zu Haus im Schmerz der Leid⸗ tragenden wie in der Zuthätigkeit der Hülfe⸗ leiſtenden, das innerſte Leben der Dorfbewohner kennen lernte, machte Eugen eine bedeutſame Erfahrung: Wie die feſte Eiche nur in einem mäßig tiefgrundigen Boden gedeiht, ſo iſt auch der Seel gen die Jur und zeit — „ 245 der in ſich ſelbſt haltungsvolle Freimuth der Seele in der Regel nur das Ergebniß einer gemäßigten Zone des Wohlſtandes. Menſchen, die um ſich oder einen Angehörigen in banger Furcht ſind, halten ſich leicht an Aberglauben und gegebene Wahrzeichen; die Armen ſchweben zeitlebens in dieſer Angſt und finden ihren ſtän⸗ digen Halt in ſolchen Handhaben. In den höchſten Schichten der Geſellſchaft, da wo der Ueberfluß ſich ergießt, iſt das gleiche Laſter wie da, wo die Oede des Mangels alles ausdörrt: Bigotterie und zu jeder Unthat entſchloſſene Genußſucht. Wer die Menſchen innerlich frei machen will, müßte hier die Angſt um das Daſein von ihnen nehmen können.... Allerlei abentheuerlicher Aberglaube wie ausſchweifendes Rachegelüſte be⸗ wegte die Gemüther. Am gefaßteſten war die Pochel, die Mutter des Sanscülotten, ſie ſagte, wenn nur ihr Mann ſeine paar Monate Strafe jetzt gleich im Winter bekäme, damit er das Sommergeſchäft im Felde nicht verſäume. Die Pfarrerin war überall hülfreich zur Hand. Sie nöthigte die Frauen, die nicht mehr regelmäßig kochen und in Mißmuth das ganze Hausweſen zerfallen laſſen wollten, muthig ihren Pflichten nachzu⸗ 3 ———— 246 kommen und wo ſie nicht mit guten Worten durchdrang, griff ſie und das Madlenle ſelber zu, und ſchon um das abzuwehren, mußten die müßig Jammernden Hand anlegen. Der Pfarrer ließ ſich faſt gar nicht ſehen, er war, wie Eugen vom Vikar erfuhr, damit beſchäftigt, Goethe's Iphigenie in's Griechiſche zu überſetzen. Eugen hatte ſeine beſondere Freude an dem reſoluten Weſen der Pfarrerin, und wie zwei hülfreiche Menſchen an einem Krankenbette ſchloſſen die beiden einen ſchönen Bund. Die Pfarrerin klagte über die Nachläſſigkeit dieſer Menſchen, die im Sommer zu träg ſeien, um ſich allerlei blühenden Thee einzuthun und ihn oft nachher aus der Apotheke holen müſſen. Die Pfarrerin wollte nichts davon wiſſen, da Eugen ſolches bildlich nahm und behauptete: die Leute holten ihre ſelbſtgewachſenen Gedanken auch wieder aus der Schul⸗ und Kirchenapotheke, ſtatt ſie friſch von Feld und Baum zu nehmen. Eugen konnte nicht umhin, bei den Hülfe⸗ leiſtungen ſo vieler Armen ſeine Freude an der wiederholten Wahrnehmung auszudrücken, daß dieſe Menſchen ſo gerne bereit ſind, ihr ganzes Beſitzthum, ihre Arbeitskraft, in der Wohlthätig⸗ keit für Andere preis zugeben. Die Pfarrerin dagege jannte das f nach mit k man das der die das Rät ver ſcht 247 dagegen folgte ganz anderen Gedanken. Sie kannte das herbe Ergebniß dieſes Ungemachs, das faſt noch ſchmerzlicher war als das Unge⸗ mach ſelber: das Mißtrauen, der böſe Blick, mit dem man ſich nun Jedem zuwendete, den man ſonſt unbefangen und vertrauensvoll anſah, das war ein Gift, in dem das beßte Herzblut der Menſchen verdarb. Die Argwöhnenden und die Beargwohnten werden gleich verderbt und das Uebel ſchwindet nicht damit, wenn einſt das Räthſel ſich löſt; das unrecht gekränkte Herz verſäuert und das argwöhnende hat ſeine Un⸗ ſchuld unwiederbringlich verloren. Man vermuthete zunächſt den Mäuerles⸗ werner, den Kloſemichel oder den Vigil als An⸗ geber, dieſen letztern argwöhnte man beſonders deswegen, weil des Rainbauern Karle, ſein ehe⸗ maliger Kamerad, verhaftet wurde und es gab viel Gerede, daß der Vigil ſich in dem jungen herrenloſen Anweſen des Karle umhertrieb, als wäre es ſein eigen und daß die junge Frau dieß keineswegs zu hindern ſchien. Sogar der Kirch⸗ pauer war verdächtig, da mehrere ſeiner Feinde verhaftet waren, und wieder behaupteten viele Stimmen, der Krämer Maier habe Alles ange⸗ zettelt und habe ſich nur verhaften laſſen, damit 248 er jeden Verdacht von ſich abwälze. Als Eugen auf dieſes letztere bemerkte: „Es iſt gräßlich, wie man die verkreuzte diplomatiſche Intrigue ſelbſt dem einfachen Sinn des Volkes geimpft hat,“ da entgegnete die Pfarrerin: „Das Volk iſt gar nicht ſo einfach, wie Sie glauben. Am ſchlimmſten iſt, daß Ihr Schützling Bartelmä am allgemeinſten in Ver⸗ dacht ſteht; er hat für die Leute hier etwas Fremdes und iſt ſeit geraumer Zeit menſchen⸗ ſcheu.“ Eugen erſchrak heftig. Was nützte es, daß er die Unſchuld Bartelmä's betheuerte und ſelbſt dafür einſtand? Er konnte den letzten Beweis ja nicht enthüllen. Jetzt hatte er noch einen perſönlichen Antrieb, der Sache ungetheilten Eifer zu widmen, es wollte ihm aber nicht gelingen, die Spur des Urhebers zu entdecken. Der Rainbauer, der ſonſt den Pfarrer mit Ausdeutung ſchwieriger Bibelſtellen heimzuſuchen pflegte, hatte jetzt ganz andere Anliegen; der Pfarrer ſollte Ordnung im Hausweſen ſeiner Söhnerin herſtellen, wo es ſeit der Verhaftung des Karle gar ausgelaſſen hergehe, ſo daß die Frau ihm auf ſein Einreden mit derben Schimpf⸗ worten hrachten fanrer auszuri er vern D — ſam a weſen und n dämm er tro nicht erkam drückt Eugen doß di und a die E Auf Euge lich e bald Stin wie an ſie mügeh 249 worten das Haus verbot, das von ihrem Zuge⸗ brachten erkauft ſei. Es gelang aber weder dem Pfarrer und ſeiner Frau, noch dem Vikar, etwas auszurichten. Nun ſollte Eugen verſuchen, was er vermöge. Das Haus des Rainbauern Karle lag ein⸗ ſam auf einer Wieſenanhöhe; das ganze An⸗ weſen war von einem Ausgewanderten erkauft und neu hergerichtet. Es war in der Abend⸗ dämmerung, als Eugen in die Stube eintrat, er traf die Frau allein am Spinnrad, ſie ſtand nicht auf bei ſeinem Eintritte und erſt als ſie erkannte, wer er ſei, erhob ſie ſich raſch und vrückte ihre Verwunderung aus über ſeinen Beſuch. Eugen erklärte, daß er hier fremd ſei wie ſie und daß die Fremden ſich beſonders zuſammennehmen und auch gegenſeitig zuſammenhalten müßten, damit die Einheimiſchen keinen Anlaß zu Gerede hätten. Auf dieſe Worte erfaßte die Frau die Hand Eugens mit ſolcher Heftigkeit, daß dieſer inner— lich erbebte; ſie hielt ſeine Hand feſt und ſagte bald mit weinerlich klagender, bald mit keifender Stimme, daß ſie hier in dem fremden Orte ſich wie verkauft vorkäme; Niemand nehme ſich ihrer an und ſie müſſe noch Gott danken, wenn einer ſie in ihrer Einſamkeit heimſuche; das ſei ihr nicht an der Wiege geſungen, daß es ihr ſo er⸗ gehen werde, ſie ſei aus rechtſchaffenem reichem Haus, man dürfe ihm überall nachfragen, ihr Mann aber habe ſchlecht an ihr gehandelt, galgen⸗ ſchlecht; ſei das erhört, daß man heirathe, eine junge Frau hinſetze, wenn man noch eine Zucht⸗ hausſtrafe zu erſtehen habe? Weinen und Schel⸗ ten, Klagen und Fluchen ging bei der Frau in einem Zuge und zuletzt beſchwor ſie noch den Lehrer,„dem ja Alles das größte Lob und dem man gewiß nichts Böſes nachſagen dürfe,“ ſich ihrer Verlaſſenheit anzunehmen. Ein Gemiſch von Reumüthigkeit, Lüſternheit und Bosheit ſprach aus Wort und Weiſe dieſer Frau und als Eugen innerlich ſchaudernd ſagte, daß ſie bis zur Frei⸗ laſſung ihres Mannes zu ihren Eltern zurück⸗ kehren ſollte, erklärte ſie mit einem Tone aus dem man Klage wie Zufriedenheit heraushören konnte, daß das ihr Schwäher nicht zugebe, weil der Forſtknecht in Trenzlingen ſie gern gehabt habe. Und nun gab es erneute Klagen über die Hartherzigkeit der Eltern, wobei die Thränen reichlich floſſen, ſo daß Eugen zwar eindringlich aber auch mild ſie auf die Bahn der Pflicht hinwies. Während Eugen noch ſprach, trat der Vigil ein, die Frau ſagte ihm ſogleich, er brauche niht me nhiß und ſuerzeug an, die g heſchlage ſe an „Gut R ſogleich Frau w als der Schelte austob Sache ſcheidu ſimmte vater i Manne geführ ſamm erfteu wol e bauer hand mit it ſprach sEugen zurück⸗ ushören de, weil 1 gehabt en über Thränen dringlich trat der 3 brauche 251 nicht mehr in's Haus kommen. Vigil nahm ruhig und ohne ein Wort zu reden ein Streich⸗ feuerzeug aus der Taſche, zündete die Hellampe an, die auf der Ofenbank ſtand, nahm eine ſilber⸗ beſchlagene Pfeife vom Nagel, ſtopfte und brannte ſie an und ging behaglich ſchmauchend mit einem „Gut Nacht“ zur Thüre hinaus. Eugen ſchickte ſogleich eine Magd nach dem Rainbauer, die Frau wehrte ab, aber Eugen beſtand darauf und als der Rainbauer keuchend kam, gab es wiederum Schelten hin und her. Eugen ließ das ruhig austoben und ſchließlich gelang es ihm, die Sache dahin zu erledigen, daß die Frau die Ent⸗ ſcheidung ihm anheimſtellte, worauf er dann be⸗ ſtimmte, daß ſie ſogleich mit ihrem Schwieger⸗ vater in deſſen Haus ziehe bis zur Rückkehr ihres Mannes. Nach vielen Quengeleien wurde dies aus⸗ geführt und nachdem ſie ihre Habſeligkeiten zu⸗ ſammengeſucht hatte, ſchien die Frau nun wirklich erfreut, die Zänkerei mit ihren Angehörigen und wol auch mit ſich ſelbſt los zu ſein. Der Rain⸗ bauer dagegen verſprach, ſie vorwurfslos zu be⸗ handeln. Es war ein wunderlicher Aufzug, als Eugen mit der Frau und dem Rainbauer in der ſtillen — — 252 Winternacht in das innere Dorf hineinging. Der Rainbauer ſagte:„Ihr ſammelt feurige Kohlen auf mein Haupt,“ Eugen aber fühlte ſich von dieſem ganzen Verhältniſſe angewidert. Es giebt Lebenszuſtände, deren Einblick das reine Gemüth wie mit einer Empfindung der Unſauberkeit er⸗ füllt. Eugen ſuchte freie reine Atmoſphäre und dieſe fand er im Hauſe des Bachmüllers, wo Alles voll Freude war, daß die junge Rain⸗ bäuerin zu ihrem Schwäher gezogen ſei und kein Wort des Tadels über ſie laut werden ließ. In den Wirthshäuſern wurde um ſo emſiger mit den Karten aufgetrumpft, da man ſich vor jedem Geſpräch, das über Feldbau und Haushalt hinausging, ſorgfältig in Acht nahm; die Karten waren der beſte Ableiter. Es hatte etwas Un⸗ heimliches, die Menſchen mit einander ſpielen zu ſehen, weil ſie ſich vor einander fürchteten. Beim Bachmüller ſchütteten die Geängſteten ihr Herz aus, dort war eine Freiſtätte; das Haus war wie die Stelle auf einem Kriegsſchiffe, wo eine feindliche Kugel bereits eingeſchlagen und wo man nun um ſo ſorgloſer weilen kann. Dennoch war es auch hier herzempörend zu be⸗ merken, wie man die Angſtrufe Mancher als Gewiſſensſchrei ihrer Urheberſchaft ausdeutete. Agemein des Schu Der Rai haben, n Begegu und lobte ihm frer daß er i in dieſe Dankba Stite d Eugen Rainba Irt ſi dieſem dos laſ urd tö einen demr der ſe jithe, Nrlaſſ von mülle heiß ig. Der Kohlen ſich von „g niol Es giebt Gemüth rkeit er⸗ 253 Allgemein war die Klage über die Unthätigkeit des Schultheißen, der den Kopf verloren habe. Der Rainbauer vor allen ſchien vergeſſen zu haben, wie hart er einſt Eugen bei der erſten Begegnung an der Schmiede angelaſſen hatte und lobte den Lehrer überaus, der ſich ſeinerſeits ihm freudig anſchloß, denn es that ihm wohl, daß er ihn bezwungen und nichts Nachträgeriſches in dieſen Gemüthern ſei. Dieſes Gefühl der Dankbarkeit, daß ihm der Rainbauer eine beſſere Seite des Menſchenherzens bewahrheitete, machte Eugen beſonders liebreich gegen ihn, ſo daß der Rainbauer faſt ſchwärmeriſch von ihm ſprach. Jetzt ſähe man, ſagte er überall, was man an dieſem Geisbäuerchen, dem Schultheißen, habe, das laſſe ſich von jedem Gendarmen unterduken und könne nicht feſt auftreten, dazu brauche man einen Gewichtigen oder einen, der das Herz auf dem rechten Flecke habe, das ſei der Schullehrer, der ſei der Sattelgaul, der allein den Wagen ziehe, der ſei überall bei der Hand; man ſei ja verlaſſen und verkauft. Der Kronauer könne von ſeiner kranken Frau nicht weg, der Bach⸗ müller dürfe da nicht mitthun und der Schult⸗ heiß ſei der Garnichts. Eugen wußte noch von Kaidl her: was der Rainbauer verkündete, war Offenbarung der Kirchbäuerin, und er mußte die Klugheit der Kirchbäuerin bewundern, die mitten im allge⸗ gemeinen Brande ihren Plan zu retten und das Kleinod in der hellen Flamme glitzern zu machen ſuchte. Er vertheidigte nach Kräften den Schult⸗ heiß und forderte die Anweſenden auf, die Winter⸗ arbeit der Eingekerkerten, dreſchen, holzführen u. ſ. w. gemeinſam zu verrichten. Man vereinigte ſich gerne zu dieſem Vorhaben, denn es ſchien Jedem erwünſcht, ſich durch ein Thun von ſeiner Angſt zu befreien. Vittore leuchtete dem ſpät Abends wegge⸗ henden Eugen bis zur Hausthüre und ſagte dieſe öffnend: „Das iſt brav. Wenn man ſo was angerichtet hat wie ihr heut, kann man gut ſchlafen.“ „Mich freut ſehr, daß ihr mich lobt,“ er⸗ wiederte Eugen,„ich bin wahrhaft lobhungrig.“ „So?“ „Nicht aus Eitelkeit, ſondern weil mir das wieder Vertrauen zu mir ſelbſt giebt, Freude an mir ſelbſt, und das macht beſſer als Alles.“ „Das iſt gut, ſo geht mir's auch. Der alt' Pfarrer hat von der Kanzel herunter immer ſo viel das thu ders he Ale ſeh nicht. da wir E den A würdi anſah Tuge ſchon rede. ergär aus treue hätt dure dar hn ch. Der tet immer ſo viel geſchändet und mit Schimpf überhagelt, das thut weh und man kann ſich doch nicht an⸗ ders helfen, als man ſagt ſich: freilich ſind wir Alle fehlige Menſchen, aber ſo arg biſt du doch nicht. Wenn man einem was Gutes nachſagt, da wird man immer viel beſſer. Nicht wahr?“ Eugen nickte bejahend, er erfreute ſich an den Ausſprüchen eines Gemüths, das die Liebens⸗ würdigkeit und Rechtſchaffenheit noch als eins anſah, laut ſagte er nur: „Wer ehrlich gegen ſich iſt, in dem kann kein Tugendſtolz aufkommen, und die Welt ſorgt auch ſchon dafür durch Verdrehung und üble Nach⸗ rede. „Ja, das könnte einen erſt ſchlecht machen,“ ergänzte Vittore, die wol an häſſige Nachreden aus des Kirchbauern Haus dachte.„Daß miß⸗ treue Menſchen einem Falſches nachreden, das hätt nichts auf ſich; aber man wird ſelber da⸗ durch giftig und das iſts ja was ſie wollen und darum muß man ihnen gerad den Gefallen nicht thnn. Nun gut Nacht,“ ſchloß ſie. Wunderlich! Mit der Thüre in der Hand ſprach Vittore oft Vortreffliches, da drängten ſich ihr in der Eile fertige Denkergebniſſe zu⸗ ſammen, während ſie in der Ruhe wortkarg oder 256 befangen ſchien und ſich nicht zu einem ausführ⸗ lichen Geſpräche bequemte... Eugen ſuchte noch den Bartelmä auf, fand ihn aber nicht zu Hauſe. Er wiederholte ſich die Worte Vittore's noch oft, als er allein war und wie eine liebliche Melodie klangen ſie hinein in ſeine Träume. von Kart Euge der berki nicht und ſtabe einſt nehn Wir ſin Zie in Kn un lu Drittes Rapitel. „Das Ruſele ſagt, der Angeber ſei nicht von hier, dreimal hat es die Probe mit den Karten gemacht,“ berichtete eines Tages der Lipp. Eugen wunderte ſich nicht mehr, daß man in der allgemeinen Rathloſigkeit ſich ſelbſt an Zau⸗ berkünſte wendete, an die man doch eigentlich nicht mehr glaubte. Er ging ſelbſt zum Ruſele und kam ſich jetzt in ſehr verkleinertem Maaß⸗ ſtabe wie Alerander von Macedonien vor, der einſt die delphiſche Pythia zwang, ihm ein ge⸗ nehmes Orakel zu geben. Der Haushalt des Ruſele ſah jetzt im Winter noch abentheuerlicher aus, denn zu dem flügelberaubten Storch hatte ſich noch die ſchwarze Ziege und ein Trupp Hühner in einem Gitter in der warmen Stube angeſiedelt. Der braune Knabe rutſchte bei den Thieren auf dem Boden umher als ihr Gefährte und wie er ihnen ſeine luſtigen Weiſen vorpfiff, kicherten die Hühner, gähnte der Storch und meckerte die Ziege. 1 Wäre Eugen kluger Berechnung gefolgt, er hätte nicht weiſer handeln können, als indem er jetzt, dem einfachen Zuge des Mitleids hin⸗ gegeben, ſagte, er werde darauf denken, wie dem Knaben geholfen werden müſſe. Ruſele kannte nichts als die Liebe zu ihrem Kinde, ſie faßte ſchnellathmend die Hand Eugens und erzählte, daß ihr zwei ſchöne liebe Kinder geſtorben ſeien, daß ſie vom ſechsten bis zum vierzehnten Jahre täglich ihren Chriſtoph auf dem Rücken in die Schule getragen habe und daß ſie für Eugen an's Ende der Welt gehen wolle, wenn er ihrem Sohn helfe. Eugen hörte zu ſeiner Befriedigung, daß man ihn im Dorfe faſt wie einen Retter anſah und ſeine Aufnahme Lipps, die man ſeltſamer⸗ weiſe ehedem als Trotz gegen den Gemeinderath anſah, jetzt als echte Gutherzigkeit auslegte. Er bewog nun leicht das Ruſele durch Zureden und durch ein nachhelfendes Geſchenk, ihre Aus⸗ ſagen dahin zu beſtimmen, daß der Verräther gar nicht im Orte ſelbſt ſei. Der Verdacht mußte vor Allem von Bartelmä abgelenkt wer⸗ den, und in der That war jetzt auch ein Karrenſalbenhändler von Trenzlingen, ein ver⸗ ſchmitztes altes Männchen, das mehrere Tage in ————— len& Puf 6 fhren ſal de Niſſe Such in ſo trau die haft lort weh neh Ru zwe un —= 259 allen Häuſern herumgeſchlichen war, in den erſten Wurf des Verdachtes gerathen. Eugen fand das Ruſele klug und welter⸗ fahren und mitten in der Sorge um die Drang⸗ ſal des ganzen Dorfes, die einem verborgenen Miſſethäter nachſpürte, mußte er ſeines eigenen Suchens gedenken, das ihn ja mitbeſtimmt hatte, in ſolch gefahrvoller Lage auszuharren. Er ver⸗ traute dem Ruſele ſeine eigene Angelegenheit als die eines Freundes und verſprach ihr ein nam⸗ haftes Geſchenk, wenn ſie eine Spur der ver⸗ lornen Mutter entdecke. Schmerzlich lächelnd wehrte er ab, als Ruſele die Karten zu Hülfe nehmen wollte. „Soll die Frau hier im Ort ſein?“ fragte Ruſele. „Nein, nicht hier. Sie hat vor fünf und zwanzig Jahren in Eppenberg ein Kind geboren und iſt verſchwunden.“ Es giebt Schmerzen, die ſo tief im Inner⸗ ſten der Seele wohnen, daß jedes ausgeſprochene Wort wie ein Leuchten des Blitzes in finſterer Nacht erſcheint, das dem geblendeten Auge erſt kund giebt, wie das ganze Weſen in Dunkel ge⸗ yülſt ſteht. Einmal angerufen will der Schmerz nicht mehr weichen. 17* Mit banger Empfindnng verließ Eugen das Ruſele, er hatte hier an ſeinem neuen Beſtim⸗ mungsorte ſein innerſtes Leben laut werden laſſen und es war, als ob die Luft um ihn her, die dieſe Worte getragen, nichts als den Athem der Bangigkeit für ihn hätte. Die Leute, die ihn nun tagelang tieftraurig und allen Menſchen hülfreich beiſpringen ſahen, lobten überaus ſein tiefes Mitgefühl für das Leiden des Dorfes und baten ihn, ſich das nicht zu ſehr zu Herzen gehen zu laſſen. Es half nichts, daß er ablehnend einen geheimen Grund für ſeine Trauer bezeichnete. Wenn Eugen die Kirchbäuerin beſuchte, nickte ſie ihm ſtets mütterlich zu und ſchluckte dabei, wie wenn ſie ſagen wollte: Du machſt's gut. Am Beichtſtuhl ſagte ſie ſodann:„Mein' Sabine hat's erſt geſtern noch geſagt: der Lehrer iſt zu gut, er läßt ſich von Jedem hin und her ſchicken und die Leute rkennen das oft nicht. Man muß den Nachbar lieben, aber den Zaun nicht einreißen. Wir Weiber wiſſen immer am beſten, den Reſpekt zu bewahren, den der Mann vor der Welt haben muß. Ihr müſſet nicht den groben Sack mit Seide nähen. Drum jetzt nur ein bisle langſam und ſachte gethan, das iſt er we ſchech häue kom ſilie noc An ner am Mann 261 geſcheiter und beſſer; der Lehrer iſt ja geſcheit, er weiß ja, wie man im Sprichwort ſagt: Eſel ſchlecht ſingen, weil ſie zu hoch anſtimmen.“ Eugen mußte laut lachen und die Kirch⸗ bäuerin fuhr fort: „Drum jetzt nicht zu gemein machen, ſonſt kommt Alles in den Garten und holt ſich Peter⸗ ſilie für ſeine Suppe. Die Leute müſſen auch noch hoffen können, wenn man erſt im rechten Amt iſt, dann geht's erſt recht an. Man muß die Morgenſuppe nicht zu groß machen, daß man Abends auch noch was hat. Man muß auch dem Weibergeflenne nicht Alles glauben. Wegen Einem Mann bleibt kein Pflug ſtehen. Die Welt geht ihren Gang fort, ob eines ſtirbt oder verdirbt, oder ein paar im Gefängniß ſtecken. Die Mannen ſagen's Alle, ihr wäret der beſte Schultheiß. Vergeſſet nicht, wo ihr'nauswollet. Gut zielen iſt gut, aber Treffen gilt.“ Man geſteht ungerne, daß man minder klug iſt, als man einem zumuthet. Das fühlte Eugen, als er bekennen mußte, daß er vorerſt nur an die tüchtige Erfüllung ſeines jetzigen Berufes denke. Er mußte die Kirchbäuerin gewähren laſſen, da ſie es übernahm, für ſein Beſtes bedacht zu ſein. Am Sonntag Morgen fand Eugen den Bartelmä endlich zu Hauſe. Als er ſich dem Stalle näherte, hörte er drinnen ſingen: Sankt Martin war ein milder Mann, Trank immer gern Cerevisiam, Und hatt' er nicht pecuniam, So ließ er ſeine Tunicam. „Du verräthſt dich durch das Lied,“ ſagte Eugen in den warmen Stall eintretend, wo Bar⸗ telmä auf dem Futtertroge ſaß und behaglich ſeine Pfeife ſchmauchte. „Setz dich her,“ ſagte Bartelmä an die Seite rückend,„da iſt noch Platz. Das Lied iſt das einzige Latein, das ich noch kann, es iſt ſchon der Mühe werth, daß ich ein Büffler ge⸗ weſen bin. Da ſitzt jetzt ein Stück Weltgeſchichte, Marius auf dem Futtertrog und raucht Eigenlob.“ „Wie lebſt du denn?“ fragte Eugen. „Hilf mir, du biſt doch ein Philoſoph. Ich denk jetzt viel. Was liegt daran, ob ich noch dreißigmal den Reps blühen ſehe und noch ſo und ſo vielmal ſchlaf? Iſt's Einmal aus kann's gleich aus ſein. Ich möcht' mir eine Kugel durch den Kopf ſchießen, mir iſt das Leben ver⸗ leidet und doch iſt mir's wieder ſchrecklich, daß ich ſterben ſoll. Ich möcht' tauſend Jahr leben. Peiß feit? tuſ heit dich All nei bu 2 n den Weißt du nichts Gewiſſes von der Unſterblich⸗ dem keit?“ „Denke dir, daß du tauſend Jahre und noch tauſend Jahre lebſt und immer deine Vergangen⸗ heit weißt. Nach fünfhundert Jahren mußt du dich noch deiner Studentenſtreiche erinnern und Alles was nachkommt auch, und immer neue und ſigt neue Laſten legen ſich auf deinen Erinnerungs⸗ do Bar⸗ buckel.“ chaglich„Halt ein, mir wird's eng um die Gurgel, es ſticht mich im Kopf, ich werde närriſch; ich an die 1 kann nicht ſoviel behalten. Die Tabakspfeife iſt s Lied doch die einzige gute Geſellſchaft. Verdirb mir es iſ jetzt meine Stunde nicht, wo ich ein Baron bin.“ ler ge⸗„Du? Wie denn?“ fragte Eugen ängſt⸗ ſchichte, lich, dem es in der That ſchien, daß Bartelmä einen Stich im Kopfe habe. n.„Jeden Morgen,“ erwiederte ruhig der Ge⸗ b. Ich fragte,„wenn ich aufſtehe, iſt mir's bodenwohl,. Ich 6 da bin ich ein großer Herr, da finde ich eine noch ſo geſtopfte Pfeife, die mir mein Bedienter, mein unns hochſeliger Adam von geſtern vor Schlafengehen Kugel hergerichtet hat und ich brauch' ſie heute nur en prn⸗ anzurauchen. Iſt das nicht prächtig? So lang d, deß mir die Pfeife ſchmeckt, können mich meinetwegen die Kaffern hier für einen Spion halten.“ 64 Eugen hatte nicht recht gewußt, wie er Bartelmä das umlaufende Gerücht mittheilen ſolle, jetzt ſuchte er ihn zu tröſten und ihm eine Erhebung darin zu geben, daß er zeigte, wie er gleich ihm jedes Märtyrerthum über ſich nehmen müſſe, er ſuchte eine Begeiſterung in ihm zu erwecken, da doch dieſe allein uns das Leben leicht macht. Bartelmä ſchüttelte den Kopf. „In meinen Adern fließt kein Märtyrer⸗ blut, da müßt' mein Herz ein Aff ſein. Ich geb' mein Antheil menſchheitlicher Bedeutung für ein klein Vermögele in der Schweiz, wo ich zwei Kühe darauf halten kann.“ Gleichgültig zog er dann ein Terzerol aus der Taſche und fuhr fort:„Jedes Thierle ſchreit, wenn man's ſchlachtet, nur der Deutſche und das Schaf iſt demüthig und giebt keinen Laut von ſich, wenn man ihm das Meſſer in den Hals ſteckt. Ein Schaf bin ich nicht und ein Deutſcher wahrſchein⸗ lich auch nicht. Wer mich hier anrührt, dem pflanze ich mit dem Sackpufferle da eine Blei⸗ bohne in's Hirn; dann werde ich todtgeſchlagen und das iſt mir auch recht. Du biſt zu beneiden. Du haſt's gut.“ „Ich?“ Holz a unſer eine g junge ſpän mal, nir Bar Feu auf Er Kir über auf ſchö ſen S R di be d 265 „Ja du, du biſt ein guter Narr und läßt Holz auf dir ſpalten. Die achte Bitt' im Vater⸗ unſer ſollte täglich ſein: Herr Gott ſchenk mir eine gutmüthige Narrheit. Plagſt dich mit den jungen Bauerntölpeln herum und könnteſt vier⸗ ſpännig heidi Galopp fahren. Bet' nur jedes⸗ mal, wenn du ſchlafen gehſt: Lieber Gott, laß mir meine Narrheit geſund.“ Bartelmä lachte ſo anhaltend, daß ihm ſeine Baronenpfeife ausging und er ſich von Neuem Feuer ſchlug. Eugen erwiederte nichts, er ſtand auf, da es eben zum erſtenmale zur Kirche läutete. Er wollte jetzt Bartelmä bewegen, auch mit zur Kirche zu gehen, aber dieſer ſchlug die Beine über einander und ſagte:„Ich wart' ſchon lang auf das Bimbam, das Glockengeläute klingt gar ſchön, wenn man dabei in der Ferne ſitzt und ſeine Pfeife raucht.“ Die Worte, in denen dann Bartelmä ſeinen Spott über die Friedensſtiftung Eugen's bei des Rainbauern Karle ausließ, und die Art wie er die Feindſeligkeit Vigil's ſchilderte, der ein wohl⸗ beſchlagener Spitzbub ſei, machten, daß Eugen den Bartelmä ohne Abſchiedswort verließ. Mit tiefem Mißbehagen ging er von dem Menſchen, der ihm ſo morſch erſchien, daß ihm als träges Behagen zu erobern. In der Kirche war eine ſeltſame Rührung, es wurde ein Kind des Schloſſers Vinzenz ge⸗ tauft und Alles weinte, als der Pfarrer mit ſtockender Stimme ſagte, daß der Vater ſeinen Sprößling noch nicht geſehen, da er gefangen ſitze; er forderte daher die Gemeinde auf, Vater⸗ ſtelle an dem Neugebornen zu vertreten. Dann predigte der Pfarrer die gleichen Gedanken und faſt mit denſelben Worten, die die Pfarrerin bei ihrem Zuſammentreffen mit Eugen in den zerrütteten Familien ausgeſprochen hatte, nur mit dem einzigen Unterſchiede, daß er die regel⸗ rechten drei Betrachtungen daraus machte. Be⸗ ſtätigte ſich die Sage, daß die Pfarrerin ſoufflire und wurde ſie nicht mit Unrecht Frau geiſtlicher Herr genannt? Der Prediger konnte keine rechte Ausgleichung finden zwiſchen der ſittlichen Noth⸗ wendigkeit einer loyalen Angeberei und den be⸗ ſtehenden Zuſtänden. Noch ſeltſamer aber nahm ſich aus, daß die in ſich erwachſenen Gedanken von der traurigen Verderbniß der Angeberei einem Bibelterte angequält wurden, wozu die Geſchichte der Kundſchafter im Lande Kanaan ausgewählt war. Eugen mußte viel darüber alle Spannkraft fehlte, um ſich etwas anderes Fr St da t de 9 267 nachdenken, wie es einſt werden ſolle, wenn man nihnn die Wahrheit rein auf ihre eigene Begründung — 9, geſtellt, verkünden werde; und doch, eine An⸗ k⸗ knüpfung an Anerkanntes, an Autoritäten, ſtellt die Seele gleich auf das Erbe fremder Errungen⸗ Sa ſchaften und nöthigt nicht immer zum Urbeginn zurückzukehren; will das kommende Geſchlecht v nicht dem vergangenen glauben, ſo giebt es keine Wirkung über das unmittelbare Daſein hinaus 3 und zuſammenhanglos zerfällt die Welt— Nein, die Blätter fallen ab, ſie haben für ihre Zeit gelebt, der Stamm bleibt und treibt den neuen ue, nut Frühling aus ſich. tegel⸗„Herr Lehrer das Nachſpiel,“ rief des Be⸗ Schloſſers Dagobert, Eugen hatte nicht gehört, ſoufflire daß die Predigt zu Ende war und rauſchend er⸗ geiſtlicher tönten nun die Orgelklänge, ſie rauſchen dahin techte und verhallen, aber immer werden friſche Hände nNoth⸗ das tonreiche Werk erklingen und neue Weiſen den be⸗ aus ihm erſchallen laſſen.... Im Pfarrhauſe— wo Eugen heute zu Gaſt war— herrſchte eine eigenthümlich feier⸗ liche Stimmung, es war, als ſäße man in der Kirche zu Tiſche. Das ſonſt ſchlaffe Antlitz des Pfarrers hatte etwas glänzend Geſpanntes, die Pfarrerin und Adelheid kamen mit glühenden vozu die Kanaan darüber Wangen aus der Küche und als das Madlenle die Suppe brachte, trat es ſo leiſe auf, daß man es kaum hörte und ſelbſt der Hector ſchien feſtlich geſtimmt, er ſchnupperte an dem weißen Linnen, das auf dem Tiſche ausgebreitet lag, das war wol ſein Geruchskalender; ſeine zu⸗ friedene Miene ſchien zu ſagen: jetzt weiß ich, daß heut Sonn⸗ und Kalbsbratentag iſt. Man ſprach von dem Schloſſer Vinzenz, dem man heute getauft hatte und wie ſchön es ſei, daß der Bachmüller ſich freiwillig erboten habe Pathe zu ſein. Der Vikar bemerkte, wie begriffsverwirrend es in anderen Beziehungen wirke, daß die Zuchthausſtrafe in der Meinung der Menſchen ihren entehrenden Charakter ver⸗ liere, und darum eine Amneſtie ſchon eine ſittliche Nothwendigkeit ſei. Eugen ſtimmte bei, während ſonſt Alles ſchwieg. Als man auf die Predigt überging ſagte Eugen, daß ihm bei den Kundſchaftern auch die Reichscommiſſäre in den Sinn gekommen ſeien, die eben ſo grauenvolle Berichte erſtatteten. Der Pfarrer ſchüttelte den Kopf und Niemand ſprach ein Wort, man hörte den Pendelſchlag der Wand⸗ uhr auf dem Corridor. Eugen bereute ſchnell, die gehobene Stimmung des Hauſes vielleicht verletzt uf de rrin erſchü vem Dyrf auch Tren Troſ Vitt dur kom dl Wdlenle luf. daß baß r ſchien 269 verletzt zu haben und ging dann beſcheidentlich auf den feierlichen Scherz ein, den jetzt die Pfar⸗ rerin anzuregen wußte; plötzlich aber wurde er erſchüttert als ſie ſagte: es wäre doch ſchade, wenn die Vittore mit dem Bernhard aus dem Dorfe wegzöge, es könne dann leicht ſein, daß auch die Eltern das Dorf verließen und nach Trenzlingen überſiedelten. Adelheid ſetzte zum Troſte Eugens hinzu, daß ſie nicht glaube, daß Vittore den Bernhard heirathe. Was ſollte ihm aber dieſe Hinneigung? durfte er nur einen Gedanken daran in ſich auf⸗ kommen laſſen? — Viertes Rapitel. „Der Herr Hauptmann ſind dageweſen und laſſen Sie ſchön grüßen,“ berichtete Lipp dem heimkehrenden Eugen. „Wer denn?“ „Der Herr Hauptmann von Kronauer.“ „Der hieſige?“ „Nein, der Herr Hauptmann.“ „Der Bruder alſo?“ „Sehr wohl,“ ſchloß Lipp zitternd. Eugen ſah ihn betroffen an, es lag etwas räthſelhaft Scheues in dem Gehaben Lipp's. Sollte er von dem Streite mit Leo wiſſen? Lipp hatte in ſeinen Darlegungen etwas Ungelenkes, er ließ ſich faſt nie aus der Haltung eines Ordonnanz⸗ Rapportes bringen und war dieſer verkehrt be⸗ gonnen, ſo ließ er ſich nur ſchwer wenden. Eugen mußte ihn daher gewähren laſſen, daß er in gerader Linie fortberichtete: „Der Herr von Kronauer ſind mein Haupt⸗ mann geweſen und ich war ein Jahr lang Burſche bei ihnen und ſie haben mich immer gern ge⸗ habt. wenn haben ſproche Taufn fragt und ſortge bei 1 woll iſt, d von nom verle auf liſte noch hab den auer.“ daß er Haupt⸗ Burſche ern ge⸗ x habt. Wie ich Unteroffizier geworden bin und wenn wir vom Ererzirplatz heimgeritten ſind, haben der Herr Hauptmann oft mit mir ge⸗ ſprochen und haben mich immer bei meinem Taufnamen genannt, und mich nach Allem be⸗ fragt und ſind gegen mich gar nicht ſtolz geweſen, und wie ſie in Frankreich drüben den König fortgejagt und Republik gemacht haben und auch bei uns Alles Freiheit gerufen und wer da ge⸗ wollt hat, mit Säbel und Gewehr herumgelaufen iſt, da haben der Hauptmann alle Unteroffiziere von der Schwadron zu ſich auf die Stube ge⸗ nommen und haben geſagt, daß ſie ſich feſt darauf verlaſſen, daß wir ehrliche Soldaten ſeien und auf unſere Ehre halten und uns mit den Civi⸗ liſten in nichts einlaſſen, und da haben ſie mir noch beſonders auf die Schulter geklopft und haben geſagt: Lipp, jetzt kannſt du Ofſizier wer⸗ den. Wie wir nach der Grenze ſind, wo man geſagt hat, daß die Franzoſen eindringen wollen, die Algierer, die die kleinen Kinder braten, da waren wir Alle luſtig und der Hauptmann haben mich gelobt, weil ich ſo gut vorſinge. Und wie nun die Freiſchärler uns anrufen, wir ſollen zu ihnen übergehen, da ſind wir ſtill geſtanden wie die Schilderhäuſer und wie ſie uns angreifen, da ſind wir auf ſie los und ſie ſind davon wie die Spatzen. Wie der Herr Hauptmann die Wunde im Geſicht von einer geſtreckten Senſe bekommen haben, da bin ich zu Hülfe geſprengt und habe ſie herausgehauen und bin zum Feldwebel avan⸗ eirt und habe das Ehrenzeichen bekommen. Das Jahr darauf, als ich ſelber Hauptmann war, hat mir ein Freiſchärler das Ehrenzeichen von der Bruſt geriſſen; hätte ihn nicht gleich darauf eine Spitzkugel niedergeworfen, ich hätte ihn ſelber zuſammengehauen. Wie wir uns alſo für die Freiheit und Reichsverfaſſung erklären, bin ich mit allen Unteroffizieren zum Herr Haupt⸗ mann und habe es ihnen im Namen Aller offen geſagt und habe ſie gebeten bei uns zu bleiben, wir wollen keinen andern Hauptmann; der Herr Hauptmann waren ſtreng und ſcharf, aber doch immer ein Vater an ſeinen Soldaten und der beſte Reiter im ganzen Regiment; da haben uns der Herr Hauptmann anders überreden wollen, wir haben aber nicht nachgegeben und mir iſt das Weinen in den Augen geſtanden, wie der Herr Haupt⸗ mann Abſchied genommen haben. Seitdem habe ich den Herrn Hauptmann gar nicht mehr geſehen als heut und— Herr Lehrer, ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Der Herr Hauptmann haben R gel Le ſir N 00 s ann wa an war, den von gethan als ob ſie mich nicht kennen, ſie haben mich aber wohl gekannt. Herr Lehrer, ſagen Sie dem Herr Hauptmann, ja— ich weiß nicht was Sie ihm ſagen ſollen.“ Lipp athmete tief und Eugen ſchaute nach⸗ denklich in ein Herz, worin eine ſo ſeltſame Con⸗ fuſion von Soldatenehre und Freiheitsliebe, und auf dem Grunde dieſer Seele ruhte die Sub⸗ ordination wie ein verſchütteter Felſen, der von den Wellen des Freiheitsſtromes nicht wegge⸗ ſchwemmt, ſondern nur grollend übertost wurde. Eugen ſelber war mitten in dem tiefen Rapport, der ſich zwiſchen ihm und ſeiner Um⸗ gebung zu bilden begann, durch die Ankunft Leo's ergriffen worden, faſt wie ein Magneti⸗ ſirter durch Zwiſchentreten eines Unerwarteten plötzlich nach anderer Seite geriſſen wird. Jetzt war er durch die Erzählungen Lipps wieder in. ruhiges Geleiſe gekommen. Um ferner keine Minute in Grübeleien über Abgethanes zu ver⸗ lieren, machte er ſich raſch auf um Leo aufzu⸗ ſuchen. Auf der Straße war Niemand zu ſehen, kaum die Fußtapfen eines Menſchen, die ſchnell von dem in ſchweren Flocken fallenden Schnee wieder zugedeckt wurden; ſo ſachte und geruhig 18 274 fielen die Flocken, daß ſich auf den kahlen Aeſten der Bäume ſtehende Schneewellen bildeten. Aus den verſchloſſenen Fenſtern ſchauten Manche Eugen nach und nickten mit zuvorkommendem Gruße; von des Kirchbauern Haus hörte man den dreiſtimmigen Geſang der Orgelpfeifen und als Eugen am Hauſe vorüber war, vernahm man Lachen und Scherzen, denn der Huſchel hatte drinnen gerufen:„Bernhard, du ſollteſt der Vittore eine Altweibermühle ſchnitzeln, in der man Alte wieder jung macht. Schau, da geht der Lehrer, der guckt auf den Boden, der findet den Weg wo ein Vogel gangen iſt. Weißt was für ein Vogel? Eine Schneegans, ſie iſt vorhin auf's Schloß getrabt.“ Am Schloßberge abſeits des Weges führen die Schulknaben und Mädchen in Bergſchlitten, ſie hielten inne und ſteckten wie die Hühner vor dem Habicht die Köpfe zuſammen als Eugen nahte, der ſchon von weitem rufen hörte:„der Lehrer kommt!“ Er trat zu den Kindern und ſagte ihnen, ſie möchten nur ungeſtört in ihrer Luſtbarkeit fortfahren, er ſah ihnen eine Weile zu und der Sanscülotte, der ſich ein Schellen⸗ halfter umgehängt hatte und hier zu regieren ſchien, fuhr ſtehend in ſeinem Schlitten und ſogar ſch den laut mn Sch übe aut 275 gen ſich eine geraume Zeit auf Einem Fuße haltend, — den abſchüſſigen Berg hinab. Die Kinder jubelten — laut als Eugen wegging; ihre Luſtbarkeit war mrnden nun eine unverbotene. man Bei den zwei Pappeln traf Eugen die vom n und Schloß kommende Vittore, die ein weißes Tuch über den Kopf gebreitet hatte und gar betrübt hulhel ausſah. ſollteſt„Warum ſo traurig?“ fragte er. „Ach, ich komm auch aus einem Trauerhaus.“ „Iſt die Frau Kronauer todt?“ den, det„Noch nicht, aber ſie iſt ſchon ganz ver⸗ Veißt ändert, ſie war die Gutheit ſelber und jetzt iſt ſte iſt ſie immer ärgerlich, und ſie hat ſo grauſam viel Langeweil und man macht ſie jähzornig, wenn führen man ihr von Büchern redet oder ihr was vor⸗ ſchlitten, leſen will, die Bücher ſind ja an ihrem Unglück huer vor ſchuld; und denket nur was ſie für ein Gelüſte Eugen hat: ſie möcht' gerne gebratene Aepfel haben, det aber nicht ſo vom Ofen, ſie will hinaus, an ern mb einer Berghalde ſich Feuer anmachen und ſie da darin braten und da iſt ſie ganz glückſelig, wie in ihrer e Weile ſie ſagt, wie das Feuer ſo gut riecht, wenn man Scheller⸗ grüne Brombeerſtauden hineinwirft. Heut hat ſie ttginmn ein Wort geſagt und dabei hab ich zum erſtenmal in meinem Leben den Kronauer weinen geſehen; er 3 nd ſogn 276 fragt, ob ſie Heimweh habe, da ſagt ſie: nein, bei dir iſt meine Heimath und mein Vater ja auch, ich hab kein Heimweh aber Waldweh, da möcht' ich barfuß ſpringen und ſingen, daß es widerhallt. Und iſt's nicht wunderlich, daß ſie jetzt im Winter ſich ſo ganz in's Frühjahr hinein⸗ denkt? Sie ſagt gerade zu ihrem Mann: Weißt den Waldweg im Thal am Bach, da iſt der Thau ſo kühl und die Luft ſo harzfriſch und die Vögel ſingen; dahin lockt's mich, wenn ich dahin könnt', wär' ich geſund. Wie ſie das ſagt, hat der Kronauer ſo laut ſchluchzen müſſen, daß er ohne ein Wort aus dem Zimmer gangen iſt. Die Anni hat Alles was ſie begehren kann und iſt doch ſo arm daran.“ „Ihr vergangenes Leben erwacht wieder,“ entgegnete Eugen, um doch etwas zu ſagen„mir iſt es ganz eigen, mein innigſtes Mitgefühl einem Menſchen zugekehrt zu ſehen, der mir ſo nahe iſt und den ich doch nie ſehen werde.“ „Sie will Niemand ſehen, der Leo hat gar nicht zu ihr hineingedurft. Warum der jetzt auch gerade hierher kommen muß? Sie hat ihn nie leiden können.“ Ein Rollengeklingel weckte plotzlich die beiden, im pelzbedeckten Schlitten kam Leo daher gefahren. Vittore nüſſe raſchen „ ſagte e unſer ein. mitn ſchlie gut, mein fahre gerin holen Sie vöge hrin auch keit Di S an ſil, Vittore ging ſchnell davon, indem ſie ſagte, ſie müſſe noch zur Vinzenzin. Leo hielt die beiden raſchen Pferde an, als er bei Eugen war. „Ihr Bedienter wird Ihnen gemeldet haben,“ ſagte er,„daß ich bei Ihnen warz; vergeſſen wir unſer rencontre. Ich geſtehe meine Uebereilung ein. Das wird Ihnen genügen. Wollen Sie mit nach Röthhauſen fahren? hier iſt noch Platz.“ Eugen dankte und Leo fuhr fort:„Seltſam ſchließt ſich unſer Geſpräch jetzt ab. Es iſt doch gut, daß wir den Lurus der Glashäuſer haben; mein Bruder hat keinen Wintergarten und ich fahre deswegen nach Röthhauſen. Meine Schwä⸗ gerin wünſcht Blumen zu haben, die ich jetzt holen will: Alpenroſen, und à propos, wiſſen Sie vielleicht, welch' eine Blume das Volk Wald⸗ vögelein nennt? Wir können das nicht heraus⸗ bringen.“ „Das iſt die weiße Orchidea.“ „Gut, gut, danke. Sie wiſſen vielleicht auch was meine Schwägerin mit ihren Ewig⸗ keitsblümli meint?“ „Das ſind Immortellen. Da Sie an unſern Disput erinnern, ſo hab' ich nun auch mein Theil Sieg. Die Dinge um uns her haben für uns andere Namen als für das Volk. Das iſt ein Splitter aus jener großen Trennungs⸗ mauer.“ „Sie haben geſiegt. Auf Wiederſehen,“ ſchloß Leo, ſchnalzte mit der Zunge und raſch flogen die Pferde dahin. Eugen war es erwünſcht, daß das erſte Zuſammentreffen mit Leo eine freie Unbefangen⸗ heit feſtgeſetzt hatte; er verzichtete darauf, daß irgend Jemand erkennen möge, welch ein Mar⸗ tyrerthum er ſich auferlegt, ja dies innere Be⸗ wußtſein verbreitete eine ſolche Heiterkeit über ſeine Seele, daß er vom Wege umkehrte, um in der Einſamkeit ſeiner ſtillen Behauſung, ohne Anſprache eines fremden Menſchen, das innere Frohgefühl auszukoſten. Es giebt Stimmungen, in denen unſichtbare Mächte uns kryſtallne Becher voll thaufriſchen Lebenstrankes an die Lippen reichen, es läßt ſich nicht ſagen von wannen es kommt und was wir einſchlürfen; das ganze Daſein ſchwimmt wohlig dahin und Alles ſpannt ſich in Frohmuth. So ging Eugen auf ſeiner Stube hin und her und eine Lebenskraft durchſtrömte ihn, die es nimmer glauben und zugeben wird, daß ſie im Sterben vergehen könne. Eugen wollte im Zergliedern erkennen, wo⸗ her die und Littore vor G er von an ſei Ruſeb deine die 1 Ruſe giebt verf bot ſagte mit dra hin vie na es 279 her dieſes Hochgefühl mitten in ſo viel Pein und Jammer, und als er in Gedanken vor Vittore ſtand und die verborgenſte Empfindung vor Gericht ſtellte, mußte er ſich bekennen, daß er von dem Frevel ferne ſei, ein anderes Leben an ſein wirbelndes anſchließen zu wollen. Das Ruſele kam dort die Straße herauf: Gewiß hat ſie deine Mutter gefunden und das iſt die Ahnung, die dich ſo mit Freude erfüllt— aber das Ruſele ging vorüber. Eugen griff nach einem Buche, aber es giebt keine gedruckte Poeſie für ſolche Gemüths⸗ verfaſſung und ein Werk der ernſten Wiſſenſchaft bot gar keinen individuellen Anhalt. Endlich raffte er ſich auf, indem er ſich ſagte: es iſt eitel Egoismus, uns ſtill und allein mit Geiſtesfreuden zu erfüllen; die Menſchen da draußen haben ein Recht auf mich. Er ging hinaus, aber wohin nun? zu der Vinzenzin. Aber vielleicht iſt Vittore noch dort. Sie iſt gewiß ſchon nach Hauſe. Eugen geſtand ſich nicht, wie leid es ihm that, daß er das Richtige vermuthet hatte. Fünftes Rapitel. Zwei Erfahrungen drängten ſich Eugen auf, die die verſchiedenartigſten Empfindungen in ſich ſchloſſen. Er hatte es nicht anerkennen wollen und noch viel weniger darnach geſtrebt, daß nicht durch gleichvertheilte Mitwirkung und unterſchieds⸗ loſe Geltung Aller, ſondern durch natürliches Herrſchen einer hervorragenden Kraft die echte Thätigkeit erzeugt werde; jetzt mußte er an ſich gewahr werden, daß er ohne ſein Zuthun zu einem dominirenden Anſehen, zu einer ariſtokra⸗ tiſchen Bedeutung gelangt war, von der die Anderen willfährig ihre Beſtimmung erwarteten. Die Menſchen ſind doch immer bereit, um der Bequemlichkeit willen ihre geprieſene Souveräne⸗ tät preiszugeben. Es ward Eugen leichter, den innern Widerſpruch mit dieſer Erkenntniß zu über⸗ winden als einen andern, der ihm eine Nacht⸗ ſeite des menſchlichen Gemüthes aufdeckte. Er gewahrte, daß er ſein ſtets gefährdetes traum⸗ wandleriſches Leben weit leichter ertrug, ſeitdem das ganze Dorf faſt in die gleiche Stimmung nit ihn der Luſt, Sonntag ſchen, ſt zu haben ſchengeiſ Grundſi ſtehend ſchen g machen ſirende und a lernen 8 leien umflor unwor den die einet ſich gobe M ine ten ter, den zu über⸗ Nacht⸗ Er traum⸗ ſeidem 281 mit ihm verſetzt war. Iſt es eine Erhöhung der Luſt, die innere Freude, den perſönlichen Sonntag von der Welt ringsum gefeiert zu ſehen, ſo iſt es ja ein alter Troſt Leidgenoſſen zu haben. Woher dieſe dunkle Wurzel im Men⸗ ſchengeiſte, deren Krone die Schadenfreude? Ein Grundſatz, den Eugen für ewige Zeiten feſt⸗ ſtehend geglaubt, wurde ſchwankend: jeden Men⸗ ſchen auf ſich allein ſtellen, ihn immer individueller machen, nein, wir haben bereits zu viel privati⸗ ſirende einſiedleriſche Gefühle, wir müſſen in und aus der Geſammtheit denken und empfinden lernen. Zu jeder andern Zeit hätten ſolche Grübe⸗ leien tagelang den freien Ausblick des Geiſtes umfloren können, jetzt war es eine Segnung der unwandelbaren äußern Pflicht, daß ſie Eugen auf den Poſten rief. In der Schule da warteten Kinderherzen, die nichts wollten von all den Splitterungen eines zwieſpältigen Menſchengeiſtes; hier mußte ſich ein geſchloſſenes Wiſſen und Denken kund⸗ geben. Und doch war auch hier ein tödtlicher Mehlthau auf die kaum ſich öffnenden Seelen⸗ knospen gefallen. Es gab viel Streit zu ſchlich⸗ ten, da die Kinder der Eingekerkerten klagten, daß ſie von anderen darob beſchimpft worden ſeien, und dann ward es Eugen ſchwer, den innern Widerſpruch zu ſchlichten, der zwiſchen der nothwendigen Achtung vor den Eltern und der vor der Obrigkeit ſich theilweiſe kundgab, ohne zur völligen Klarheit geworden zu ſein. Er war jetzt froh, was ſonſt pädagogiſch zu verwerfen war, daß die Kinder das Räthſel⸗ hafte nicht bis in ſeine äußerſten Conſequenzen verfolgen, ſondern an einem beliebigen Punkte Halt machen; behutſam achtete er darauf, dieſen Widerſpruch nicht ganz zu wecken. Jetzt mußte Eugen jenes erſten lärmenden Abends in der Sonne gedenken; das Schickſal hatte ihm eine harte Probe geſtellt, die Vermittlung zwiſchen Ge⸗ horſam und Freiheit zu bewerkſtelligen. Zu ſeiner Ueberraſchung hörte er aber, daß der Sanscülotte den Haſenſchartigen und des Schmieds Chriſtian dazu angeſpornt habe: ſie wollten ſich Meſſer anſchaffen und wenn ſie groß ſeien, alle Ariſto⸗ kraten niederſtechen. Da war die Schlange in dem jungen Paradieſe. Eugen ſuchte ſie mit aller Kraft zu bemeiſtern und jetzt ſah er ein trauriges Ergebniß davon, daß er im Beginne ſeiner Schulwirkſamkeit auf unbedingte Offenher⸗ zigkeit gedrungen hatte; eine graſſirende Angeberei war dara genonmer Berufes ſener Kr und es Unruhe flichter tagelan darin! Sittlic den ne zu bef 6 die V Natur doß verda nur kann wer eine Fre al m t worden den Zu ſeiner anscülotte Meſſer e Ariſto⸗ hlange in ſie mit uh er ein n Beginne Offenher⸗ Angeberei war daraus entſprungen. Alles dieß zuſammen⸗ genommen machte Eugen unter der Laſt ſeines Berufes erſeufzen, und mit dem Aufgebot aller ſeiner Kraft bewährte er das Verfahren Deegers und es gelang ihm, mitten in der allgemeinen Unruhe die Kinder in lebhafte Thätigkeit und Pflichterfüllung zu verſetzen. Dennoch konnte er tagelang den Kummer nicht überwinden, der darin liegt, in der Auflöſung aller Rechts- und Sittlichkeitsbegriffe feſte, ganze Menſchen zu bilden, den natürlichen Widerſtand gegen das Verkehrte zu befeſtigen, ohne ihn ausarten zu laſſen. Sie haben recht, die Leo's und Alle, die die Volksbildung verhöhnen; geſunde, vollkräftige Naturen ſchaffen, richtig denkende Geiſter wecken, daß ſie zum Verkommen oder zur Empörung verdammt ſeien.... die ſittliche Erziehung iſt nur möglich in einem ſittlichen Staate, und doch kann dieſer nur werden, wenn jene ihn gründet; wer hilft da heraus?... „Willkommen lieber Deeger,“ rief Eugen eines Morgens und umarmte den eintretenden Freund wie einen Retter. „Geht dir's auch wie mir?“ ſagte Deeger alsbald,„wenn ein Freund zu mir kommt, iſt meine erſte Frage: wie lange hab ich dich? Da 284 richtet man ſich darnach ein. Alſo ich bleibe zwei volle Tage bei dir, ich hab mir dieſe zwei Tage von der Conferenz Urlaub genommen, vielleicht kann ich dir was helfen; du wirſt deine Noth haben bei den politiſchen Brandlegungen, die jetzt hier Mode ſind.“ Wie glücklich war Eugen, daß der Freund ſo getreulich ſeiner gedacht hatte. Als Deeger jetzt erzählte, daß ſeine Mutter wohlauf ſei und daß er dieß zum Theil einer beſſern Pflege ver⸗ danke, die er ihr durch ein anonymes Geſchenk habe bereiten können, da jubelte Eugen innerlich; aus jener häßlichen Nacht in Röthhauſen war doch eine gute Frucht entſprungen. Eugen wurde erſt jetzt daran erinnert, daß in dieſer Woche die Schulconferenz ſtattfinde. Als er nun ſeine Klage über die geheimen Miß⸗ ſtände der Schule mit den Worten ſchloß: „Die Antwort auf die Frage nach Beſeiti⸗ gung der abſtracten Methode liegt einfach darin: verſittlicht und vernünftigt unſer Leben und die Schule wird nicht mehr abſtract ſein können oder beſſer, ſein müſſen,“ da erwiederte Deeger: „Wärſt du gläubig, würde ich dich an den Troſt in der Religion, an die höhere Führung des Menſchengeſchlechts verweiſen. Ihr Ungläu⸗ tigen, ich nißt es ſichen, i große gal Di Geſchicht Gottes,“ ſchweren der Din immer Maaß bald a Erörter keiten, reichun aber er heit, d uns di feſtet, friſche Dergi wot mant beme Beſe Kde jwei ſwei Tage vielleicht D Noth die jetz ch an den Führung r Unglal⸗ 285 bigen, ich weiß nicht, wie ihr das macht, ihr müßt es aber zu gleicher Erhebung zu bringen ſuchen, indem ihr vom Einzelnen ab auf die große ganze Geſchichte ſeht.“ „Die Unterbringung des Einzelnen in der Geſchichte iſt ſchwerer als gegenüber der Idee Gottes,“ erklärte Eugen und hatte dabei einen ſchweren Stand, weil derjenige, der das Maaß der Dinge aus ihnen ſelbſt nimmt, im Einzelnen immer dem nachſteht, der ein abgekerbtes äußeres Maaß mitbringt. Die Freunde brachen indeß bald ab. Es galt jetzt auch nicht allgemeine Erörterungen anzuſtellen. Es giebt Trübſinnig⸗ keiten, die kein innerer Gedanke und keine Hülfe⸗ reichung von außen beſiegen kann; der Freund aber erfriſchte Eugen ſchon durch ſeine Anweſen⸗ heit, durch den friſchen Athem ſeines Geiſtes wie uns die Natur draußen erquickt, die in ſich ge⸗ feſtet, den Kreislauf ihres Lebens vollendet. Das waren nun zwei ſonnige frühlings⸗ friſche Tage mitten im Winter, die Eugen mit Deeger verlebte. Dieſer half ihm in der Schule, wo trotz des ſtreng eingehaltenen Schulplanes manche Verwahrloſung eingeriſſen war; beſonders bemerkte jetzt Eugen, daß er das gleichzeitige Beſchäftigen der verſchiedenen Schulklaſſen zu wenig verſtanden hatte, und am Abend ſaßen die Freunde mit Bernhard, der ſich zu ihnen hielt, in traulichen Geſprächen in der Bachmühle. Eugen war ganz glücklich, den Freund hier als Ehrengaſt bewirthet und werthgeſchätzt zu ſehen. Er geſellte ſich am erſten Abend zu Vittore, die in der Küche das Eſſen herrichtete und hier verkündete er ſeine Freude, ein Haus zu haben, in dem er ſo daheim ſei, daß er ſeinen Freund dorthin zur Bewirthung bringe. „Der Prügele iſt bei uns wohl bekannt,“ entgegnete Vittore und Eugen erfuhr jetzt, daß Deeger dieſen Spottnamen hatte; als er ſeine Verwunderung darüber ausdrückte, erklärte Vittore: „Das iſt nicht ſo bös gemeint, gerad im Gegentheil, ſo glaub Ich wenigſtens; man ſagt zu einem Kind, das man gern freſſen möcht': o du wüſter Teufel und man will doch ſagen: o du herziger Engel! Der Prügele iſt aber juſt keiner, wenn er auch die Engel aus der Holz⸗ ecke nicht mag.“ „Deeger und der hieſige Kronauer haben viel Aehnlichkeit,“ fuhr Eugen fort. „Wie meinet ihr das?“ fragte Vittore, indem ſie einen Tannenaſt zweimal zerbrach und ihn ins Feuer legte. „De beſzer u nehmen; der eine „ hoberei, anderes man fr „ Menſch hältniſ anders nicht Baron nichts zu th wäre und Wen ſchaf deru alle wer Ho nd ſaßen zu chnen in Haus er ſeinen lbekannt,“ s er ſeine rte Vittore: gerad im 287 „Deeger würde ſich vortrefflich als Guts⸗ beſitzer und Kronauer eben ſo als Lehrer aus⸗ nehmen; es iſt nur Zufall des Schickſals, daß der eine da, der andere dort ſteht.“ „Ich hab' ſchon gemerkt, es iſt eure Lieb⸗ haberei, die Menſchen rauf und rrunter und in anderes'neinzuſtellen. Wozu iſt das gut, wenn man fragen darf?“ „Das giebt ein freies Urtheil über die Menſchen an ſich, unabhängig von ihren Ver⸗ hältniſſen; ich denke mir manchmal die Welt anders als ſie iſt. Verſteht ihr mich?“ „Freilich, aber die Welt wird dadurch doch nicht anders. Ich kenne den Kronauer als Baron und den Prügele als Lehrer und mach' nichts anderes aus ihnen. Da hätt' man viel zu thun, wenn man ausrechnen wollt': was wäre der Kloſemichel, wenn er Kaiſer wär und was wär der Sonnenwirth als General. Wenn ein Jedes nur auf ſeinem Platz recht⸗ ſchaffen iſt.“ Wie ſehr erfreute ſich Eugen doch wie⸗ derum an dieſer wurzelfeſten Standhaftigkeit, die alles Grübleriſche naturgemäß von ſich abſtieß, wenn er auch nicht verkannte, daß hier jener Hochmuth des Volkes ſich offenbarte, der alle 288 Gebildeten für dumm hält, weil ſie in den Din⸗ gen noch etwas anderes ſehen, als ſich dem gewöhnlichen Auge darbietet. In der Stube ſagte der Bachmüller:„Wir hätten den Herrn Deeger gern auf eurem Platz gehabt, Herr Lehrer, und ihr, die Kirchbäuerin hat doch recht, wäret ein wackerer Schultheiß, glaub' ich, heißt das, ihr ſeid gewiß auch ein guter Lehrer, gewiß, gewiß,“ ſeine ſchwere Rede ging ſtets in unartikulirtes Brummen aus. Als man dann über die Nichtanwendung der Körperſtrafen ſprach, behauptete der Bach⸗ müller: ganz kleine Kinder ſeien noch wie die Thiere, die müßten Schläge haben um geborchen zu lernen, die Vittore habe von ihrem vierten Jahre an keine„Schläpple“ mehr bekommen. Bernhard erzählte von Beobachtungen, die er an Thieren, beſonders an Vögeln gemacht, die ihre Jungen nie züchtigten. Es war ein traulicher wohlangeregter Abend und bis tief in die Nacht hinein ſpann ſich noch das Zwiegeſpräch der beiden Lehrer im Schul⸗ hauſe. Eugen lachte einmal laut, als er ver⸗ nahm, daß das Gerücht ihn mit des Kirchbauern Sabine, mit des Schäufler-Davids Marie, mit der Vittore aus der Bachmühle, mit der Baronin — Hunold Schütte „ Ver l Neſt“ Norge Eugen riſcher Sum Als zeigte Sum 8 289 Hunold und mit der Stiftsdame Theoroſa von Schüttenhelm verlobte. „Friſch auf Kameraden auf's Schuſters Rapp. Wer zu ſpät kommt, legt das Ei neben das Neſt,“ ſo ſang eine mächtige Stimme am frühen Morgen, es war die Schnörkels. Es war gut, daß Deeger da war, denn Eugen hätte es nicht verſtanden, bei dem knicke⸗ riſchen Feilſchen Schnörkels die entſprechende Summe für das überzählige Klavier zu erhalten. Als Schnörkel endlich den Beutel herauszog, zeigte ſich, daß er ſich noch auf eine höhere Summe gefaßt gemacht hatte. Sechstes Rapitel. In jeder Geſellſchaftſzene wächſt ihr eigener Lorbeer. Dieſe Wahrnehmung machte Eugen ſchon am frühen Morgen, und der ganze Tag ſchien ſie beſtätigen zu wollen. Schnörkel war heute beſonders aufgeräumt und doch lag wieder in ſeiner Heiterkeit etwas Erzwungenes, es war nicht recht erſichtlich warum. Der Weg ging über Alsfeld und man rief dort den Lehrer an, aber ſeine Frau berichtete, er ſei ſchon voraus gegangen, er habe Geſchäfte in der Stadt. „Weißt du was Geſchäfte haben bei einem Dorfſchullehrer bedeutet?“ fragte Deeger und als Eugen verneinte, fuhr er fort:„Für zwei Kreuzer Federn und ein Buch Papier oder bei einem Marktſchuhmacher ein paar Stiefelchen für den Knaben kaufen, das heißt in unſrer Sprache Geſchäfte haben.“ Schnörkel war ſtill geworden, nur Einmal ſagte er in die Hände puſtend:„Es iſt ſo kalt, daß di Vindel N Ernſt tion g poſt mit a unwe einm und Schi aus auft nac geſ der B B au al n eigener te Eugen ufgeräumt keit etwas h warum. rief dort htete, er Geſchäfte bei einem eeger und ſür zwei oder bei elchen für Sprache ur Einmal ſſt ſo kalt, 291 daß die Elſter auf dem Zaune bei Zeiten die Windeln trocknet.“ Man wußte nicht, war es Scherz oder Ernſt als er noch hinzufügte, wenn die Revolu⸗ tion geſiegt hätte, wären die Lehrer mit Extra⸗ poſt zur Conferenz gefahren und brauchten nicht mit aufgeſtreiften Beinkleidern in grimmer Kälte unwegſame Pfade ſtampfen. Deeger fand es gerade erſprießlich, daß man einmal in Wind und Wetter hinausgeſchickt ſei, und Eugen legte unwillkürlich die Hand auf die Schulter des Freundes als dieſer hinzuſetzte: „Wir ſollten uns öfter rauhen Beſchwerlichkeiten ausſetzen, dann würde auch die Verweichlichung aufhören, die zuletzt ein ſtubenhockeriſches Volk macht, das keinen Puff mehr aushalten kann.“ Deeger war gegen ſeine Gewohnheit heiter geſprächſam. Im Alsfelder Walde, durch den ſich jetzt der Weg hinzog, trafen ſie unverſehens auf Bartelmä, der mit zwei Pferden die gefällten Baumſtämme zu Thal ſchleifte. Eugen gab ihm auf ſeine Bitte einige Cigarren und mußte lächeln, als Schnörkel beim Weggehen bemerkte, der Holz⸗ knecht habe ein„mediatiſirtes Geſicht, das wol beſſere Tage geſehen habe.“ 292 Als ſie im nächſten Dorfe, wo Bruder Weiland wohnte, den Kopfrechner bei dieſem trafen, ward Eugen tief erſchüttert, da ihm der Alte entgegen rief: „Schade, daß Sie nicht der Graf Falken⸗ berg ſind; ich könnte ihm jetzt das ſagen, wofür er mir fünfhundert Gulden verſprochen hat.“ Eugen mußte eine gleichgültige Miene an⸗ nehmen und doch zitterten alle Pulſe in ihm, denn er ſtand vor der verſchloſſenen Thür ſeines Lebensgeheimniſſes. Er ließ die Kameraden vor⸗ ausgehen und hielt ſich an den Alten; aber trotz aller Liſten und wiederholten Verſuche blieb der Alte bei ſeinem Spruche: er thue kein„Schnau⸗ ferle,“ gegen Niemanden den Mund auf, bevor er nicht das Geld in Händen habe und der Graf vor ihm ſtünde. Es war unverzeihlich von Deeger, daß er dem Freunde nicht kundgegeben hatte, wie der Kopfrechner erſt vor wenigen Wochen das nach⸗ geſuchte Dienſtehrenzeugniß erhalten hatte. Ein Herz auf dem ein Orden ruht, ſoll das nicht anders ſchlagen als zuvor? Der Kopfrechner war heute ganz verändert, der ganze Stolz ſeiner zwei und vierzig Dienſt⸗ jahre ſprach aus ihm und mit großem Behagen ſch et ein groß uf ſein Du ſch nu ferenz„ Unruhe mit he manche nicht T So of haftete rechner niß au hiervon Ruhe Kopfre Freudi zu ha Bucke Derge ſamm du n iſ. 293 ſah er auf das fürſtliche Ehrenzeichen, das wie ein großer Thaler an dem bunten Ordensbande auf ſeiner linken Bruſt glänzte. n Durch die Andeutung des Kopfrechners ſah ſich nun Eugen dem ganzen Verlauf der Con⸗ ferenz gegenüber mit einer verborgenen innerſten Unruhe erfüllt, die ihn alle Vorkommniſſe nur mit halbem Sinne aufnehmen ließ; er hätte manchen groben Verſtoß gemacht, wenn ihm nicht Deeger getreulich zur Seite geſtanden hätte. So oft er aber wieder ſich ſelbſt überlaſſen war, haftete ſein Auge unwillkürlich an dem Kopf⸗ b rechner, als könnte er mit Blicken das Geheim⸗ niß aus ihm herauslocken. Deeger, der etwas hiervon bemerkte, brachte erſt dadurch einige Frf Ruhe über Eugen, daß er ihm mittheilte, der Kopfrechner ſei ein ſchlauer Spötter, deſſen größte er Freude darin beſtehe, Jemanden zum Beſten wie der zu haben, da lache er ſich noch acht Tage ſeinen nach⸗ Buckel voll. e. Ein Man war bei der Amtsſtadt angelangt, s nicht Deeger ermahnte den Freund, noch vor der Ver⸗ ſammlung den Schulinſpector zu beſuchen. rändert,„Du mußt nicht vergeſſen,“ ſagte er,„daß Dienſ⸗ du wegen deines Schwagers politiſch anrüchig biſt, laß dich alſo von dem Chef etwas abkanzeln 294 und höre ruhig zu. Er gehört zu den angriffs⸗ luſtigen Pietiſten und vergißt es uns nie, daß wir uns im Jahre 48 ſelbſtändig gegenüber der Kirche machen wollten; er iſt in beſtändiger aufſätziger Stimmung, als ob er bei der gewöhn⸗ lichſten Rede einem Widerſpruche zu antworten habe, ſtets mit fiebernden Pulſen als käme er aus einem Zanke, er kommt aus dem Zanke mit dem Jahr 48, ſchimpft ſtets auf den Egoismus der Menſchen überhaupt und den der Lehrer insbeſondere, verlangt Buße. Auf ſein kirchliches Anſehen iſt er beſonders eiferſüchtig, er heiſcht die Ehre nicht für ſich, ſondern für ſeine geiſt⸗ liche Würde. Wir werden ihn nicht lange mehr behalten, er will Seminardirektor werden und unter den jetzigen Verhältniſſen wird er es auch. Alſo ſchweig, leid und ertrag.“ Mit dieſen Ermahnungen trat Eugen in das Wirhshaus. Er traf in dem Inſpektor einen robuſten Mann von etwa fünfzig Jahren, der zuerſt den Eintretenden lange firirte und dann die Rede hielt, die Deeger geweiſſagt hatte; der landesherrliche Commiſſar, ein ſchmächtiges Männchen mit blonder Perrücke und einer weißen Halsbinde, die auf der Bruſt mit einem brillan⸗ ten Rheinkieſel zuſammengehalten war, ſpielte wihrend hatte fau einet Ha In halten n lehrer ir die Ano einanden jun S Tyroler ſehenen N meiſt bl Brilen wies l hin, a Bezirfe wünſch das der K geſhe Priſen zuvor einige fomn 295 während deſſen mit einer goldnen Doſe. Eugen hatte kaum ein Wort geſprochen, als er mit einer Handbewegung verabſchiedet wurde. In der Stadtſchule, wo die Conferenz ge⸗ halten wurde, ging es luſtig her; die Stadt⸗ lehrer in ausgedienten ſchwarzen Fracks machten die Anordnungen. Die Schulbänke waren aus⸗ einander gerückt, um für die Erwachſenen Raum zum Sitzen zu gewähren; an dem mit einer Tyrolerdecke bekleideten und mit Schreibzeug ver⸗ ſehenen Tiſche ſtanden drei Stühle. Nach und nach ſammelte ſich die Mannſchaft, meiſt bleiche, magere Geſtalten mit eingedrückten Brillen vor den tiefliegenden Augen⸗ Schnörkel wies lachend auf die Füße der Ankömmlinge hin, an denen man die Bodenkunde des ganzen Bezirks ſtudiren könne. Männiglich beglück⸗ wünſchte den Kopfrechner und wendete behutſam das Ehrenzeichen auf ſeiner Bruſt hin und her; der Kopfrechner ließ ſteif vor Seligkeit ſolches geſchehen und nahm nur hin und wieder doppelte Priſen. Eugen ſah ſich von Allen begafft und ſeinen zuvorkommenden Gruß flüchtig erwiedert, nur einige jüngere Lehrer hießen ihn freundlich Will⸗ fommen. Auf ſeine befremdete Frage an Deeger erinnerte ihn dieſer daran, daß er darin keine perſönliche Beleidigung zu finden habe, die meiſten ſeien feig und knechtiſch, Brod! ſei ihr einziges Dichten und Trachten, die jüngeren ſeien noch etwas ſorgloſer, die älteren aber fürchteten durch Vertraulichkeit mit Eugen bös angeſchrieben zu werden. Das war ein harter Troſt. Der Kopfrechner forderte zwei Collegen auf, mit ihm zu gehen um die Herren abzuholen. Man rief allgemein den Namen Deegers, aber auf die Bitte Eugens blieb er bei ihm, Bruder Weiland und der Muſterlehrer Rautenſtrauch, ein ſtarkgliederiger großer Mann mit boshaftem Geſicht, das noch einen ſeltſamen Ausdruck da⸗ durch erhielt, daß er beſtändig mit beiden Händen ſeinen labmen Hemdkragen aufrecht hielt und ſo das Geſicht noch zuſammenpreßte, wurden als Deputation auserſehen, zu welcher, wie es ſchien, der Kopfrechner ein altes Recht hatte. Nun ging's an ein Durcheinander der Rede, das Schnörkel damit bezeichnete:„Wenn man dem Teufel den Finger giebt, tanzen die Mäuſe auf dem Tiſch herum.“ Die ſich bei der Conferenz hervorthun wollten, ſetzten ſich auf die erſten Bänke, die mit ſtillen unien auf die l Euger ſchaute un uf der S Mit weſenden, von viele waren, tr Choral:, ſungen. Gebet un Unterlehr mit Bick berichtete, Fragen e Namen z erklärte ihre Sp „auf der Regel v Darlegu Nur ein Antlize tete, da ſehe un 29 Vorſätzen weiter zurück. Schnörkel poſtirte ſich auf die letzte Vank hinter Eugen und Deeger. Eugen glaubte zu träumen als er ſich um⸗ ₰ ſchaute und ſich mitten in einer fremden Welt— 4 en durc auf der Schulbank ſah. 4 nzu Mit Geräuſch erhoben ſich plötzlich alle An⸗ 6 weſenden, der Inſpektor und der Commiſſar geleitet von vielen Geiſtlichen, für die Stühle geſtellt zen auf waren, traten ein. Nun wurde der vierſtimmige Choral:„Mit dem Herrn fang' Alles an“ ge⸗ abet ſungen. Der Inſpektor ſprach noch ein kurzes Bruder Gebet und ernannte hierauf zwei der jüngeren Unterlehrer zu Protokollführern, ſie ſetzten ſich mit Bücklingen an den Tiſch. Der Inſpektor berichtete, wie viele Antworten auf jede ſeiner Fragen eingegangen ſeien und ohne irgend einen Namen zu nennen, ſondern nur nach der Nummer erklärte er den Inhalt und gab eine Kritik, die ihre Spitzen beſonders ſcharf gegen jede nicht „auf der Schrift ruhende“ Anſicht kehrte. In der Rede, 3 Regel vertheidigten nicht die Verfaſſer ſelbſt ihre 2 Darlegungen, ſondern ermahnten andere dazu. n man gungen, 5 Mäuſe Nur einer, ein kräftiger junger Mann mit freiem. Antlitze— Deeger nannte ihn Göritz und berich⸗ tete, daß er in der Strafcompagnie der Lehrer ſtehe und wegen ſeiner Freiſinnigkeit auf eine 298 ſchlechte Stelle in ein elendes Dorf verſetzt ſei Port wi — erhob Einſprache gegen die Entſtellung ſeiner dus Pul dargelegten Anſichten. Die Geiſtlichen miſchten uſige G ſich in die Verhandlung, der junge Mann wagte„Do nicht, ihnen entgegenzutreten, erſt als der Muſter⸗ in der S lehrer Rautenſtrauch ſich auch zu den Gegnern luch geſellte, ſagte er heftig:„Sie verſtehen gar nicht, und vert was ich meine.“ antwortu „Das laſſe ich mir nicht von einem Unter⸗ theiligun lehrer ſagen,“ rief Rautenſtrauch und der In⸗ werden ſpektor verwies beide zur Ruhe. Jetzt lobte er freie Se eine andere Abhandlung als beſonders erbaulich könne; und gediegen und las einige Stellen vor, da vorerſt nannte Göritz das Buch und die Seitenzahl, eintreten aus dem das abgeſchrieben war. Schnorkel Cltern v raunte zu Eugen hinüber:„Noth macht Diebe aufgeruf 3 und Gelegenheit bricht Eiſen.“ tönnen. Die hinteren Bänke lachten und zu allge⸗„ſogeno meiner Erheiterung wurde die Bemerkung Schnör⸗ ſich De kels laut verkündet; der Lehrer von Alsfeld, der Kirche! 4 Eugen zur Linken ſaß, bückte ſich und hob die z über Stiefelchen auf, die er für ſeinen älteſten Jungen nannte, ep gekauft hatte. ur Gi Die Debatten wurden lebendiger. Bruder ſn, Weiland war ſehr ſalbungsvoll und ein hagerer 6 Mann mit einer heiſern Stimme, in der jedes ſernun 299 Wort wie in Baumwolle gewickelt klang, kramte das Ideal der Erziehung aus, wogegen der rauf⸗ luſtige Göritz ihm vorhielt: „Das iſt leicht geſagt, aber mach's einmal in der Schule.“ Auch Deeger miſchte ſich in die Verhandlung und vertheidigte die Einwürfe gegen ſeine Be⸗ antwortung der Frage: wie eine lebendigere Be⸗ theiligung der Eltern an der Schule bewerkſtelligt werden könne. Er beharrte dabei, daß nur die freie Schulgemeinde das Erſprießliche erzeugen könne; er verhehlte die Mißſtände nicht, die vorerſt in der Schule als reine Gemeindeſache eintreten würden, man könne aber nicht von den Eltern verlangen, daß ſie Einmal zur Theilnahme aufgerufen, Einmal daraus verwieſen werden fönnen. Als der Inſpektor ſpöttiſch auf die „ſogenannten Grundrechte“ hinwies, verwahrte ſich Deeger dagegen, daß er die Schule von der Kirche befreien wolle, um ſie der Bureaukratie zu übergeben. Als er die Lehrer Gemeindediener nannte, erhob ſich allgemeiner Widerſpruch und nur Göritz ſtand ihm bei. Eugen blieb ſchweig⸗ ſam, er hatte keine Arbeit geliefert. Es wurde eine Pauſe gemacht, Viele ent⸗ fernten ſich und der Inſpektor diktirte das Pro⸗ 300 tokoll. Auch Eugen durchwandelte die Straßen, aber er fühlte ſich nicht frei, die gedrückte Atmoſphäre des Conferenzzimmers verließ ihn nicht. Bei dem Buchbinder Gerhard, der neben ſeinem Handwerk eine kleine Zapfwirthſchaft trieb, fanden ſich Viele zuſammen, um ſich an einem Trunke zu letzen. Schnörkel ſtellte unſern Freund dem naktarmigen Herbergsvater Gerhard vor und empfahl, ihn zuſammenzubringen, wenn er aus dem Leime gegangen ſei und ihn je nach Erforderniß ſteif zu broſchiren oder Ruck und Eck in Leder zu binden. Schnörkel hatte es darauf angelegt, unſerm Freunde einen Eintritts⸗ ſchmaus in die Gilde aufzubürden, aber Deeger und Göritz ſchnitten ihm dieſe Luſtbarkeit ab. Eugen fühlte ſich zu dem warmen Vertheidiger» des Freundes hingezogen und er genoß jene wohlthuende Empfindung, die daraus entſpringt, aus der Liebe zu Einem Menſchen Alle die zu gewinnen, die ihm anhangen. Man verſammelte ſich bald wieder, die Verhandlungen begannen von neuem über die noch rückſtändigen Fragen. Der Mittag iſt weit vorgerückt, aber keiner der Lehrer hat den Muth an ihren Hunger und ihre Müdigkeit zu ge⸗ nehnen, d uhr und z Scharren ſpeltor ve eine zuküt nun das geld. Di ſchrieb u Niemand Schaafe jetzt dem Eug neben di von Ung der Alte beflſſener geſucht, mehreren ſagte Eu im Sem den Jug auch zuft De und we man ke Hardth i db. 301 mahnen, da zieht der Commiſſar ſeine Cylinder⸗ uhr und zeigt ſie dem Inſpektor, ein allgemeines Scharren und Gemurmel entſteht und der In⸗ ſpektor vertagt nun lächelnd das Unerledigte auf eine zukünftige Conferenz. Man unterzeichnet nun das Protokoll und erhält den Gulden Tag⸗ geld. Die Hand Eugens zitterte als er unter⸗ ſchrieb und noch mehr als er das Geld erhielt; Niemand bemerkte es, denn ſchneller eilen die Schaafe am Abend nicht zur Salzlecke als es jetzt dem Wirthshauſe zugeht. Eugen hatte gehofft, bei Tiſch einen Platz neben dem Kopfrechner zu gewinnen und ihm von Ungefähr ſein Geheimniß zu entlocken, aber der Alte hatte mit einer großen Anzahl Gunſt⸗ befliſſener in die Nähe des Inſpektors zu kommen geſucht, während Eugen mit Deeger, Göritz und mehreren Anderen ſich zuſammen geſellte. Göritz ſagte Eugen, er ſei mit einem Namens Baumann im Seminar geweſen; er habe geglaubt in ihm den Jugendkameraden zu treffen, ſei nun aber auch zufrieden einen neuen Menſchen zu bekommen. Der Inſpektor ſprach nochmals ein Gebet und während der erſten beiden Gerichte hörte man keine Menſchenſtimme und nichts als das Handthieren von Löffeln, Meſſern und Gabeln 302 und die Betrachtung der komiſchen Art wie Viele eine ungewohnte Speiſe verzehrten, erheiterte Eugen. Jetzt erſt begann ein allgemeines Spre⸗ chen. Ein ſonnverbrannter Mann mit weißblon⸗ dem Haare, der ſich Eugen gegenüber geſetzt hatte, fragte nun Eugen, ob er keine neuen Nachrichten von ſeinem Schwager Singvogel aus Amerika habe. Eugen verneinte indem er über und über erröthete, denn ihm bangte jetzt vor allerlei Nachfragen nach den Familienbe⸗ ziehungen ſeines Tauſchmannes. Der Sonnver⸗ brannte ging aber ſogleich auf Anderes über, indem er Göritz Vorwürfe machte, daß er den Alsfelder an den Pranger geſtellt habe; Göritz erklärte, daß er den Bruder Weiland für den Dieb gehalten hätte und Deeger leitete das Ge⸗ ſpräch in's Allgemeine, indem er darauf hinwies, daß die ſchlechtbeſoldeten Lehrer auch die ſeien, die am meiſten in ihrer Ausbildung zurückkämen, und hin und her ergab ſich nun eine lebhafte Erörterung, wie es zu ändern wäre, daß die Bildung überhaupt nicht mehr vorzugsweiſe von einer gewiſſen Wohlhabenheit abhängig ſei. Deeger erregte heftige Einſprache als er darthat, daß beſſere Lehrergehalte gewiß noth⸗ wendig, daß aber dadurch die Lehrer noch nicht * —— beſer ſeien den Ernſt Afeld, d bertit geh gehunſtert wieder he nem Loch Mit man fil dammt die unte Quelle auf den Dri zerbrach „G Ruhe ei dem M den Ga folgen! mals.“ Un Muſterl ſalbung indem blieb u ne lebhafte daß die sweiſe von wiß wih⸗ noch nicht 303 beſſer ſeien. Eine allgemeine Heiterkeit unterbrach den Ernſt. Schnörkel hatte dem Lehrer von Alsfeld, der die nicht flüſſigen Speiſen in einen bereit gehaltenen Beutel geſteckt hatte, alles Ein⸗ gehamſterte geſtohlen und die Art wie er das wieder herausgeben mußte, wurde von allgemei⸗ nem Lachen begleitet. Mitten im Scherze erhebt ſich der Inſpektor, man füllt die Gläſer und in hohem Tone ver⸗ dammt der Inſpektor zuerſt die Revolution in die unterſte Hölle, lobpreiſt den Glauben als Quelle alles Heils und ſchließt mit einem Hoch auf den Fürſten. Dreimaliges Hoch und Gläſerklingen. Eugen zerbrach ſein Glas als er anſtieß. „Geben Sie acht“ ſagte Göritz als wieder Ruhe eingetreten war zu Eugen,„jetzt rumort dem Muſterlehrer ſeine zukünftige freie Rede in den Ganglien; er geht hinaus, wo ihm Niemand folgen kann und memorirt ſich ſeine Rede noch⸗ mals.“ Und ſo geſchah es auch. Bald kam der Muſterlehrer wieder und brachte ſeinen höchſt ſalbungsvollen Toaſt auf den Inſpektor vor, indem er trotz alles wiederholten Einübens ſtecken blieb und während die Blicke Aller verlegen ſich 304 auf die Teller hefteten, holte er nach langem Stottern den beſchriebenen Zettel aus der Seiten⸗ taſche und las den Schluß ab. Der Kopfrechner knüpfte ſogleich ein Hoch auf den landesherrlichen Commiſſar daran und nun aß und trank ſich viel behaglicher. Jetzt kam Schnörkel und forderte den Sonnenbraunen, den er Amerikaner nannte, auf, ſeinen Bierbaß zu Ehren des Inſpektors zu einem Quartett zu ſtimmen. Der Angerufene folgte etwas unwillig und Eugen erfuhr nun von Göritz, daß der Freund des Singvogels in einem Streit mit ſeinem Oberlehrer ſeine Stelle aufgab, nach Amerika ging, den Feldzug nach Canada mitmachte, nach drei Jahren von dort wieder zurückkehrte und einer der tüchtigſten Lehrer des ganzen Bezirks ſei. Göritz ſchien in der Stimmung, Eugen ähnlich wie die Baronin die Geſellſchaft zu ſchil⸗ dern, aber Eugen hatte heute dafür kein Ohr; nur als ihm ein wohlgenährter Mann an der Seite des Commiſſars gezeigt wurde, der als Denunziant bekannt ſei, fühlte er plötzlich einen ſo heftigen Schmerz, als ob man ihm eine glühende Dolchſpitze in's Herz ſtoße. Alſo auch hier die empörende Verderbniß! Und derſel den liederr Nach beiden Vor eben wie nete Schl wieder eir größetes doß et g gene, i vorlege dem Inſſ Dienſtjub Alles ſch Kopfrechn und mehr Ji „wir ſoll die ganz uns nich Vie hielt ein Ylaz ni abzulaſe voll Zo Und derſelbe Mann ſang jetzt den erſten Tenor in den Liedern, die von deutſcher Biederkeit ſprachen! Nach dem Schlußgebete entfernten ſich die beiden Vorgeſetzten und eine helle Luſtigkeit wollte eben wie ein geſpannter Strom über die geöff⸗ nete Schleuße rauſchen, als der Muſterlehrer wieder einen neuen Damm aufwarf; er zog ein größeres Papier aus der Taſche und erklärte, daß er gewiß einem allgemeinen Wunſche be⸗ ge ne, indem er die Liſte zu freiwilligen Gaben vorlege— einen Gulden die Perſon— um dem Inſpektor zu ſeinem baldigen 25jährigen Dienſtjubiläum einen Pokal damit zu„verehren.“ Alles ſchwieg. Er gab die Liſte weiter. Der Kopfrechner, Bruder Weiland, der Denunziant und mehrere andere unterſchrieben ſogleich. „Ich meine,“ rief Göritz ſich erhebend, „wir ſollten zuerſt einen Ausſchuß ernennen, der die ganze Sache in Berathung ziehe; wir dürfen uns nicht eine Huldigung octroyiren laſſen.“ Vielfaches Murren wurde hörbar, Göritz hielt ein, der Amerikaner ſuchte ihn auf ſeinen Platz niederzudrücken, auch Deeger winkte ihm abzulaſſen, aber Göritz blieb ſtandhaft und rief voll Zorn: „Ich habe nichts gegen unſern Herrn In⸗ 20 ſpektor, er gehört zu den Beſſeren, iſt auf das Wohl der Lehrer bedacht; aber wir haben im Jahre 48 Vorgeſetzte aus unſerer Mitte ver⸗ langt, einſtimmig. Wie nun, waren wir damals unmündig, oder ſind wir's jetzt? Verlangten wir mit Recht oder Unrecht, daß wenn die Geiſt⸗ lichen die Schule beaufſichtigen wollen, ſie auch Lehrer ſein müßten und wir nicht blos die Hand⸗ langer ſein wollen? Iſt das vom Herrn Muſter⸗ lehrer Verlangte wirklich eine freie Gabe?“ „Ja,“ riefen viele Stimmen und„keine Rede!“ Abſtimmen!“ „Nein, es iſt feſt beſchloſſen,“ rief Alles durcheinander. Der Muſterlehrer gebot Ruhe und ſagte nur: „College Göritz hat noch eine abgelagerte Volksrede, die er im Ausverkauf unter dem Fabrikpreis losſchlagen will. Ich bitte, ihn aus⸗ reden zu laſſen.“ Es gelang Deeger, den ſtürmiſchen Göritz zu bewegen, daß er nichts erwiederte. Die Liſte wurde allgemein unterzeichnet, Viele ſchauten auf, als ſie die Feder in der Hand hatten, als müßten ſie ſich auf ihren Namen beſinnen; ſo klein die Gabe war, ſie war ihnen doch nicht ohne Bedeutung; oder war's noch etwas anderes „ was ſi ausſpra D Einrahr Allen e Eugen lehter krat zwing verach und 2 laut, deten handel der N merve fernt anſtir Schn demi jett Me ſein. hatt Gör ſchen Görit . Die Liſte le ſchauten batten, als beſinen; ſo n doch nicht was anderes was ſich in dieſen trübe aufblickenden Mienen ausſprach? Der Name Schnörkels mit ſeinen kecken Einrahmungen nahm den größten Raum unter Allen ein. Als Göritz unterſchrieben hatte und Eugen die Feder reichte, ſagte er: „Das Ganze iſt doch nur, damit der Muſter⸗ lehrer ſich gut Kind macht, weil er früher Demo⸗ krat war und die Schlechtigkeit der Anderen zwingt uns zu Thaten, über die wir uns ſelbſt verachten müſſen.“ Als Eugen unterzeichnet hatte und Deeger die Feder reichte, verkündete dieſer laut, daß er ſich ausſchließe. Auch die Befreun⸗ deten ſchalten über dieſen Tell, der ſtets allein handelte, aber Deeger ſchwieg, und als ſich nun der Muſterlehrer, der Denunziant und der kum⸗ mervolle Lehrer von Alsfeld mit mehreren ent⸗ fernten, war Deeger der erſte, der ein Trinklied anſtimmte. Jetzt gab's luſtigen Sang und Schnörkel, der ſich vor dem Inſpektor ſehr demüthig und geſchlacht benommen hatte, war jetzt ausgelaſſen und ſchien eine Freude daran zu empfinden, der Hofnarr der Geſellſchaft zu ſein. Plötzlich, man wußte nicht, wer angefangen hatte, ertönte das Lied vom deutſchen Vaterlande; Göritz brachte ein Hoch„den Slaven, den Thron⸗ 20* ————— — erben der deutſchen Civiliſation,“ und der Ameri⸗ kaner ſetzte neue Verſe zu dem alten Liede: „Was iſt des Deutſchen Vaterland? Slavonien? Croatien? Iſt's wo der Raſtelbinder hauſt? Iſt's wo man Unverlornes mauſt? O nein, o nein, o nein, Sein Vaterland muß größer ſein.“ Noch viele Verſe wurden aus dem Stegreif gemacht und mit lautem Halloh begrüßt, auch Eugen ſtellte ſein Contingent. Ein ſeltner Ueber⸗ muth war über alle gekommen und mitten in aller Luſt ſaß der Kopfrechner wie auf einem Throne, freute ſich ſeiner Ehren und ließ ſich den Wein wohl munden. Eugen fühlte ſich trotz ſeiner innern Bangigkeit vom Strudel der Freude ergriffen, heiter zechend ſaß er bei dem Kopf⸗ rechner, und was keiner Ueberliſtung gelingen wollte, geſchah jetzt der frohen Laune, der Kopf⸗ rechner hielt die Hand auf das Ehrenzeichen und ſagte:„man ſoll mir das morgen auf die Bahre legen, wenn ich dem Grafen Falkenberg nicht ſagen kann, wo ſeine Mutter lebt,“ er erzählte ſodann, daß er in die amerikaniſchen Zeitungen einen Aufruf an den Flüchtling ſetzen wolle. Eugen mußte an ſich halten, um dem Kopf⸗ rechner nicht um den Hals zu fallen. D Wande ſich ne Dörfer dem g ſprüche würder tröſten, ſammer Deeger die Si Aufleh Die und g Ich w oder mich Stag aber Siebentes Rapitel. Der Vollmond ſchaute auf viele nächtliche Wanderer, die in ſtiller und lauter Weinlaune ſich nach allen Wegen zerſtreuten und in ihre Dörfer zurückkehrten. Jeder ſprach noch vor dem Scheiden zu dem andern, daß die letzten Lieder und Trink⸗ ſprüche wol keine Maßregelung zur Folge haben würden. Man ſuchte ſich und den andern zu tröſten, daß man ſich vollauf des fröhlichen Zu⸗ ſammenſeins freuen dürfe. Eugen ging mit Deeger. „Wie traurig iſt's“ ſagte Deeger, als ſie die Stadt hinter ſich hatten,„ſich in ſteter innerer Auflehnung gegen die Vorgeſetzten zu befinden. Die Philoſophen haben viel darüber geforſcht und geſchrieben, welches das höchſte Uebel ſei. Ich weiß es. Das höchſte Uebel iſt ein dummer oder bornirt boshafter Vorgeſetzter. Ich halte mich darum noch nicht wie ſo Viele für einen Staatsmann, weil ich Oppoſition machen kann; aber erleben möcht' ich's, daß ich mit den Ein⸗ 310 richtungen der Welt zufrieden wäre. Ich will nicht zu lebenslänglicher Oppoſition verdammt ſein.“ Eugen antwortete nichts. Nach geraumer Weile begann Deeger wieder:„Im Jahre 48 ſollten die Lehrer auch in's Staatsdiener⸗Paradies mit dem Jenſeits der ſeligen Penſion. Alles will Staatsverſorgung und vergißt das echte Leben. Sie ſchreien immer: das Volk iſt noch nicht reif und ſie binden die reifen Früchte gewaltſam an den Baum. Es wird eine Verwirrung ent⸗ ſtehen, wenn die Schule Gemeindeſache wird, wie bei allen Reformen; aber es wird Höheres, wahrhaft Lebendiges daraus hervorgehen. Ich habe dir's aber ſchon einmal geſagt und du haſt's nun heute auf's Neue geſehen: es wird mit unſerm Stande und mit der Volkobildung überhaupt nicht beſſer, als bis Menſchen aus unabhängigen Verhältniſſen, denen nicht ſchon in der Jugend alles Selbſtgefühl abgetödtet wurde, ſich dem Lehrfache widmen; die werden dann dem pfäffiſchen Hochmuth etwas anderes zu bieten haben als elende Kriecherei. Die Hierarchie verſteht in ihrem Sinne das Richtige, indem ſie den Orden der Schulbrüder erneuert, die freien Menſchen ſollten dasſelbe thun auf ihrem Boden.“ Euge und ſugte „Jt bin.“ „Kei ſih ſelber „D athmend das was Nothwer mit me einſt als willig z du mir iſt ein 2 deren ic Hi J ſogenar Wittwe Eugen ſch, d auf Te kenwär Knabe gutes erks, — Eugen ſtand ſtille, faßte den Arm Deegers und ſagte: „Jetzt will ich dir offen erzählen wer ich bin.“ „Kein Menſch hat die rechte Diſtanz zu ſich ſelber,“ entgegnete Deeger. „Das iſt es nicht,“ fuhr Eugen haſtig athmend fort.„Es ſcheint mein Geſchick, daß das was ich ſo gerne freiwillig thäte, mir als Nothwendigkeit auferlegt wird, ſo geht mir's mit meinem jetzigen Leben und was ich mir einſt als Triumph gedacht hatte, dir Alles frei⸗ willig zu erzählen, das muß ich jetzt thun, weil du mir helfen kannſt. In meinem ganzen Leben iſt ein Doppellicht, eine unruhige Beleuchtung, deren ich nicht Herr werden kann. Höre: In Mainz, draußen in den Vorwerken, im ſogenannten Gartenfeld, lebte bei einer Taglöhners⸗ Wittwe mit Namen Haberkorn ein ſchlanker Knabe Eugen Wilibald genannt, er lebte faſt ganz für ſich, denn die Frau ging wenn ſie wohl war auf Tagelohn oder in das Hospital als Kran⸗ tenwärterin. Wenn ſie dort war, ging es dem Knaben glücklich, denn er beſuchte ſie und erhielt gutes Eſſen, ſonſt wurde er oft geſcholten, weil er immerwährenden Appetit hatte. Die Mutter war dabei doch eine gutmüthige Frau, als ſie aber kränkelte und Noth litt, ſchlug ſie den Knaben oft, weil er nicht zu betteln verſtand; dann kam der Knabe oft zwei, drei Tage nicht nach Haus und ſchlief Nachts in einem leeren Regenfaſſe neben dem Palais des Commandanten. Manchmal erhielt er auch einige Kreuzer, wenn er den Herrſchaften die in's Theater fuhren, den Wagentritt ſchnell herabſchlug, oft aber ging er auch leer aus, wenn es den Leuten zu mühſam war, in die Taſche zu greifen. Im Frühling ging's in den Wald um Maikräuter zu holen und da ſang der Knabe luſtig, ſo daß es ihm wohlthat, mit heller Stimme ſeinen Fund in den Straßen auszurufen; er jodelte dabei ſo unaufhörlich, daß er einmal von einem Polizei⸗ diener gefahndet und in's Gefängniß geſetzt wurde. Um dieſer Gefahr zu entgehen, wartete nun der Knabe oft die ſchnellfahrenden Wagen ab und wenn die Wagen an ihm vorbeiraſſelten, jodelte er aus voller Bruſt; das hatte Niemand gehört als er und ſein Herz war frei. In der Armen⸗ ſchule lernte der Knabe faſt gar nichts und er begnügte ſich mit dem Ruhme, unter allen ſeinen Kameraden der beſte Renner zu ſein. Weil die Nuter 9 ann gut die kindiſc — Der S denn et benachbar Sommer einet an Knaben erſt nach gab er nun vi legten( Ismael Bild, Rettung nahm d ihn in wilde und h Mitſch war, gleich Vrrſue fügte Regun Mutter Haberkorn hieß, ſagten die Knaben: der kann gut laufen, der hat Hafer gefreſſen. Ach! die kindiſchen Erinnerungen haften am tiefſten. — Der Knabe gelangte in eine glücklichere Zeit, denn er erhielt einen Blumenkredit von einem benachbarten Handelsgärtner, und in jenem Sommer wurde er abermals gefahndet, aber zu einer andern Marter. Ein Mann verfolgte den Knaben in den Straßen bis in ſein Haus und erſt nach vielen Verſprechungen und Scheltworten gab er nach und folgte dem Manne und lag nun viele Tage entkleidet auf einer teppichbe⸗ legten Erhöhung, er war Modell zu einem Ismael mit der Hagar geworden. Und dieſes Bild, wie ſich ſpäter ergab, wurde zu ſeiner Rettung. Im Frühling kam ein Geiſtlicher, nahm den zwölfjährigen Knaben mit und brachte ihn in die Jeſuitenſchule nach Luzern. Der wilde Knabe kam ſich ganz verzaubert vor und hatte wegen ſeiner Unwiſſenheit von den Mitſchülern viel zu leiden; ſein einziger Stolz war, daß es ihm auf dem Turnplatze keiner gleich thun konnte. Er machte die waghalſigſten Verſuche, bis ihm ſolche unterſagt wurden. Er fügte ſich willig der ſtrengſten Disciplin, die jede Regung beherrſchte und bald ward er trotz vieler 6 Unbändigkeiten ein Liebling der Lehrer, weil er mancherlei Anlagen zeigte. Er war fromm und glücklich. Nur eines grämte ihn tief. Wenn die Mitſchüler von ihren Eltern ſprachen, Briefe, Beſuche erhielten und in den Ferien manchmal heimwärts zogen, ward Eugen Wilibald immer traurig; ihn beſuchte, ihm ſchrieb Niemand und der Direktor ſagte, er habe weder Eltern noch Verwandte. Das machte ihn traurig, aber was vergißt die Jugend nicht? Der Knabe ward gefirmt. Da kam wenige Tage nachher ein ſtattlicher Greis mit weißen Haaren und vielen Orden auf der Bruſt, er küßte den Knaben und ſagte ihm, daß er Eugen Wilibald Graf Falken⸗ berg heiße, der Alte war ſein Oheim, der ihn adoptirte, der Knabe der bin ich.“ „Du?“ fragte Deeger betroffen. „Höre nur weiter. Jetzt kann ich ruhiger erzählen. Ich war ein religiöſer Fanatiker, ich wollte Mönch werden und legte mir ſchon jetzt allerlei kindiſche Kaſteiungen auf. Mein Oheim beſtimmte mir einen andern Beruf. Ich wurde Soldat, ſtand zwei Jahre in Mailand, ich war entwickelter als mein Alter mit ſich brachte. Ich diente von der Pike auf, was man ſo nennt, du weißt ja, daß die vornehme Welt Alles zur lignerſchen Soldatenwal nacht in v durh. 3)! ir denken, zu ſin, w verlebt. meine Kar Almälig! lich Ohei der Brude das Rät Mutter, ſ mutter m bald verf In Eype habe ich ich gebo den. T meiner worin ſ lebe, a ſtiller dringen aller erwehr kUR, lügneriſchen Phraſe abnutzt, ich bezog einmal die Soldatenwache, ſchilderte einmal aufdem Poſten und machte in vier Wochen die ganze niedere Carriere durch. Ich ward nach Mainz verſetzt. Du magſt dir denken, wie mir's war, wieder an dem Orte zu ſein, wo ich als Bettelknabe meine Kindheit verlebt. Die alte Haberkorn war geſtorben, meine Kameraden durfte ich nicht mehr kennen. Allmälig brachte ich meinen Oheim, der eigent⸗ lich Oheim meiner Mutter war, denn er war der Bruder ihrer Mutter, dahin, daß er mir das Räthſel meines Daſeins löste. Meine Mutter, ſchon früh verwaiſt und von einer Stief⸗ mutter mißhandelt, war von dem Prinzen Wili⸗ bald verführt worden, der bald darauf ſtarb. In Eppenberg hier, jenſeits des Waldes, das habe ich nach vieler Mühe herausgebracht, wurde ich geboren; meine Mutter iſt ſpurlos verſchwun⸗ den. Mein Oheim aber hat drei Jahre nach meiner Geburt einen Brief von ihr bekommen, worin ſie ihm mein Schickſal, wenn ich noch lebe, an's Herz legt und angiebt, daß ſie in ſtiller Verborgenheit, die nie mehr zu durch⸗ dringen ſei, ihr Leben beſchließen wolle. Bei aller heitern Jugendluſt, deren ich mich nicht erwehren konnte, bewegte mich ſtets die mährchen⸗ hafte Unruhe meines eigenen Lebens. In meinen Träumen erſtand oft meine Kinderzeit und ich erlitt wieder in ihr Hunger und Kälte. Wenn ich im Wagen dahinfuhr, erhielten die Knaben, die den Kutſchenſchlag herabließen, ſtets reichliche Geſchenke, ich ward gewiß ihr Liebling. Droben in den glänzend erleuchteten ſchimmernden Ge⸗ ſellſchaften mußte ich oft hinabdenken auf die Straße, wo die armen Leute harren, um die Prachtgewänder anzugaffen und dann in ihre dunkeln Behauſungen hineinzuſchleichen. Ich galt für einen Sonderling. Vor Allem und immer mußte ich meiner Mutter gedenken. Wo weilt ſie? Wie iſt ihr Leben? Weiß ſie von meinem Daſein? Ich ſuchte meine Mutter vergebens, ich war's, der vor vier Jahren bei dem Kopf⸗ rechner in Eppenberg nachfragte.“ „Alſo hatte der Schlaukopf doch recht? laß dich nicht unterbrechen, erzähle weiter.“ „Das Soldatenleben ward mir zuwider. Ich will dir das glänzende Elend nicht ſchildern. Mit zwei Kameraden, die ich mir herausgeſtöbert hatte, trieb ich allerlei wiſſenſchaftlichen und äſthe⸗ tiſchen Krimskrams; wir meldeten uns oft krank und verließen wochenlang die Stube nicht, um unſre Studien zu verfolgen und nicht durch un⸗ nitze Pradet zu werden, d und Durllen prei, der ein lezten Revo Baumeiſter ſattete mir Schule beſu Güter zu i und bezog Wiſenſchaf den Knecht heute im A verborgener lan, mein bewieſen, 7 herausgetr nein Lebe Paterland in Schles Malnöer und im F ſchen. J riſchen Erſtaſe, In meinen zeit und ich Vem die Knaben, is reichliche ig. Droben nernden Ge⸗ ien auf die ten, um die ann in ihre Ih galt und immer WVo weilt ir zuwider. t ſchildern. ausgeſtöbert nd äſthe⸗ ns vſt krank nicht, um tduch u⸗ . 317 nütze Paraden und Exercitien phyſiſch abgehetzt zu werden, daß eine geiſtige Arbeit faſt unmöglich iſt. Nach manchen Quengeleien mit den Oberen und Duellen mit den Kameraden guittirten wir drei, der eine iſt an meiner Seite gefallen im letzten Revolutionskriege, der andere lebt als Baumeiſter hier im Lande. Mein Oheim ge⸗ ſtattete mir, daß ich eine landwirthſchaftliche Schule beſuchte, er verſprach mir eines ſeiner Güter zu übergeben; ich verließ Hohenheim bald und bezog die Univerſität, wo ich mich in allen Wiſſenſchaften umhertrieb; dort lernte ich auch den Knecht des Sonnenwirths kennen, dem wir heute im Alsfelder Walde begegneten, er iſt ein verborgener Flüchtling wie ich. Die Revolution kam, mein Jubel war endlos, jetzt hatte ſich's bewieſen, warum es mich aus der morſchen Welt hatte. Ich hätte nur gern gleich mein Leben hingegeben für die Auferſtehung des Ich ſuchte eine That. Ich kämpfte in Schleswig⸗Holſtein und verließ es nach dem Malmoer Waffenſtillſtande. Ich kehrte zurück und im Frühling war ich mit unter den Aufſtändi⸗ ſchen. Ich kämpfte ſtandhaft und doch mit zweifle⸗ riſchem Herzen. Es fehlte an der ſprühenden Erſtaſe, ich glaubte nicht an die Sage von einer 318 allgemeinen Erhebung und doch, es ſollte gezeigt werden, daß man zu ſterben bereit iſt für das ſelbſtgegebene Volksgeſetz; die Thatſache, daß Tau⸗ ſende dies bewieſen haben, iſt die beſte aller Er⸗ rungenſchaften, die nicht mehr wie die anderen vertilgt werden kann. Das iſt jetzt doch auch mein Troſt. Damals ſtand ich im Widerſtreite mit dieſen Anſichten, auf deren Vertreter eine Bezeichnung paßt, die die Baronin Stephanie mir geben wollte. Es ſind Idealphiliſter. Der echte Kampf darf nur dem Siege gelten. Um eine Phraſe in das Handbuch eines objectiven Geſchichtsprofeſſors zu bringen, darf man nicht ſchöne friſche Menſchenleben dem Tod, dem Elende, der Verbannung opfern. Man muß den Muth haben, ſo lange als feig zu gelten, bis man ing Siegeshoffnung kämpfen kann. Es gehört zu den ½ fürchterlichſten Aufgaben eines Geſchicks, einen Kampf zu vollführen, von dem man ſicher weiß, daß man in ihm beſiegt wird, ſich und ſein Untergebenen aufregen, anſpornen, Alles nur, daß die engagirte Schlacht mit Ehren geſchlagen werde.— In ſolchen Gedanken lag ich eines Abends am Biwachtfeuer, friſche Turner, roth⸗ wangige Burſche beſprachen ſich mit Soldaten über Unſterblichkeit, Alle waren bereit zu ſterben . L. ſir ds L Wa hin. mögen, d Kreußige rothen H renden w niederini am ande und noo bin unſt feuer e bens. ben wol reit we land zu in jeder keiner mir, ſcheinb Vaterl meinen Z — drickte „Ih vieler t iß für das ſie aller Er⸗ die anderen i doch auch Widerſtreite rtreter eine Stephanie liſer. Der gelten. Um s objectiven uf man nicht „dem Elende, ß den Muth bis man in gehort zu 6 ſcids, einen n ſchet weiß, Ales mur, n gſtlger lag ich eines urner, toih⸗ mit Soldaten eit zu ſterben 5 * 8 * 610 für das Vaterland und ſänken ſie in Nichts da⸗ hin. Was auch die Diener der Schrift ſagen mögen, das iſt mehr als alle Heldenthaten der Kreuzzüge. Nur ein einziger Burſch mit einer rothen Halsbinde ſchlich ſich von den Disputi⸗ renden weg und ich ſah ihn hinter einem Baume niederknieen und die Hände falten. Ich ſah ihn am andern Tage von einer Spitzkugel getroffen und noch mit dem letzten Hauche rief er: Ich bin unſterblich! In jener Stunde am Biwacht⸗ feuer errang ich die Wiedergeburt meines Le⸗ bens. Wenn alle dieſe, die jetzt ſo freudig ſter⸗ ben wollen, mußte ich denken, wenn alle ſo be⸗ reit wären, für ihre Nächſten, für das Vater⸗ land zu leben, dann beſtünde eine Reichsverfaſſung in jedem Herzen, die nicht berathen werden und feiner Anerkennung brauchte.... Ich gelobte mir, wenn mein Daſein gerettet wird, in un⸗ ſcheinbarem Wirkungskreiſe zu leben für meine Vaterlandsgenoſſen. Ich bin, wie du ſiehſt, meinem Entſchluſſe getreu.“ Deeger faßte die Hand des Freundes und vrückte ſie ſtumm zwiſchen ſeine beiden Hände. „Du kennſt den Ausgang,“ fuhr Eugen fort. „Ich will dir nichts von den Treuloſigkeiten vieler Maulhelden und den Tugenden anderer erzählen, es iſt Alles zerſtampft. Ich habe ge⸗ lernt, daß alle Völkergeſchichte nur ein deſtillirter Abzug des Geſchehenen iſt. Ich wurde gefangen, ich war täglich bereit, den ſtandrechtlichen Tod zu erleiden. In der ungebrochenen Vollkraft der Jugend und nicht in geſpanntem Kampfe, ſon⸗ dern in lautloſem ruhigem Warten Tag und Nacht den Tod vor Augen ſehen, das gräbt die verborgenſten Wurzeln des Daſeins auf, das lehrt die Bedeutung und die Richtigkeit des Lebens erkennen und Allem mit Gleichmuth ent⸗ gegenſchauen. Dennoch konnt ich mich eines Schauders nicht erwehren, als ich einſt am frühen Morgen im Gefängnißhofe einen Wagen raſſeln, ein Piquet Soldaten aufmarſchiren und jenen Trommelwirbel hörte, der da ankündigt, daß bald ein Menſchenleben verhaucht. Ich gewann meine Faſſung bald wieder und hielt ſie unerſchütterlich feſt. Es war anders beſchieden, ich ſollte ſie zum Leben anwenden. Mein Oheim war während der Revolution ge⸗ ſtorben. Mein Freund, der Baumeiſter, verhalf mir zur Flucht, aus ſeiner Hand erhielt ich eine Summe, die ich ihm ehedem geborgt. Du er⸗ innerſt dich, daß ich in Röthhauſen eine verwun⸗ dete Hand hatte, das war von dem Gurt, an den ich hutt. J Palde de ab, du ſchtes, u den Lehr Eu bar wat fünf un ward, ſuß „E weißt j geſchwie du ſelbſ trauter mir wi Aufent locken. du kei höchſe etſten „h drein Rich dem ich mich aus dem Gefängniß herabgelaſſen hatte. Ich entfloh nicht aus dem Lande. Im Walde da drüben nahm ich mir den langen Bart ab, du erinnerſt dich meines zerſchundenen Ge⸗ ſichtes, und als ich auf die Straße trat, traf ich den Lehrer Baumann.“ Eugen erzählte nun den Tauſch und wunder⸗ bar war's, daß in demſelben Orte, wo er vor fünf und zwanzig Jahren verborgen geboren ward, er ein neues Leben annahm. Dann ſchloß er: „Sprich nichts von meinen Gefahren. Du weißt jetzt Alles und ich hätte vielleicht noch lange geſchwiegen, wenn du mir nicht helfen müßteſt; du ſelbſt oder dein Vater oder irgend ein Ver⸗ trauter, vielleicht Lehnert, der aber nichts von mir wiſſen darf, muß das Geheimniß von dem Aufenthalte meiner Mutter dem Kopfrechner ent⸗ locken. Ich brauche dich nicht zu ermahnen, daß du keine Mühe ſcheueſt, mir meinen einzigen und höchſten Wunſch zu erfüllen.“ Deeger verſprach's und es konnte nur im erſten Augenblicke befremden, daß er hinzuſetzte: „Ich will dir nichts über deine gefahrvolle Lage dreinreden; es giebt Dinge, die nur vor den Richterſpruch des eignen Herzens gehören. Tau⸗ 2 32 2 ſende werden dich einen Schwärmer ſchelten; der iſt es ja immer, der ſeine vollen Ueberzeugungen zur That macht. Die meiſten Menſchen wollen nichts mehr von einer logiſchen Verpflichtung, geſchweige von einer moraliſchen. Ich will dir auch nicht durch Bewunderung einen Lohn geben, es giebt keinen dafür. Nur das gelobe mir: wenn Gefahr ſich naht, meine Hülfe anzu⸗ ſprechen.“ Eugen willfahrte und als jetzt ihre Wege ſich ſchieden, entſchloß ſich Deeger, mit Eugen nochmals nach Erlenmvos zurückzukehren, er ſpöt⸗ telte über ſich, daß er dadurch ſeine Bangigkeit um den Freund leichter ertrage, wenn er bei ihm ſei; er verſchwieg dabei den Gedanken, daß es Eugen wohlthuend ſein müſſe, einen Mann, dem er ſein ganzes Leben geoffenbart, noch ferner um ſich zu wiſſen und ſich nicht plötzlich wie abge⸗ ſchnitten zu erſcheinen. Deeger berichtete noch viele Beiſpiele, wie ihm ſtets das begegne, was er durchaus nicht wünſche und wie ihm dieß faſt immer zum Guten ſich kehre; ſo ergehe es ihm auch jetzt, da ihm das Abenteuerliche, das er ſonſt eigentlich haſſe, in dem Leben Eugens nahe trete; eine innere Stimme gebe ihm die Zuverſicht, daß daraus cn heilſmes einen We von Vero hihere Fi liche Vor Wer heit aus die Geg frend, r Eugen, Doppel Freunde miſch n gewonn den eri Thatſa erging des A heiten greifli Eugen in de „Da piſt ein; un, dem ner um Heilſames erwachſe. Eugen wagte nicht, mit einem Worte zu widerſprechen, als Deeger hie⸗ von Veranlaſſung nahm, ſeinen Glauben an eine höhere Fügung ſeines Schickſals, an eine perſön⸗ liche Vorſehung darzulegen. Wenn man eine untergeſunkene Vergangen⸗ heit aus der Erinnerung ausgegraben, erſcheint die Gegenwart und alle Umgebung traumhaft fremd, man kann ſie nicht faſſen. So erging es Eugen, als er wieder nach Erlenmoos kam. Doppelt erquicklich war nun die Anweſenheit des Freundes, in deſſen Zurufe wieder Alles ſo hei⸗ miſch wurde, als ob die Wände traute Anſprache gewonnen hätten. Deeger ſprach kein Wort von den criminalen Beſorgniſſen— das war eine Thatſache, für die ſich nichts thun ließ— er erging ſich vielmehr in den Lebensbeziehungen des Ausgewanderten, woraus allerlei Verlegen⸗ heiten entſpringen konnten; es erſchien kaum be⸗ greiflich, daß dies noch nicht der Fall war. Eugen blieb aber auch hierin ſorglos und als ſie in dem ſelbſtgemalten Zimmer waren, ſagte er: „Da unter der grünen Farbe ſind die euro⸗ päiſchen Reden begraben, mein Leben iſt auch ein Palimpſeſt.“ Beim Abſchiede trifft es ſich leicht, daß min⸗ S 324 der Weſentliches ſich auf die bebende Lippe drängt. Die Kinder kamen am Morgen eben zur Schule heran und als Eugen durch das Fenſter den Sans⸗ cülotten ſah, fragte er: „Wie behandelt man einen lügneriſchen Kna⸗ ben?“ „Gewöhnlich ſind ſie geweckten Geiſtes“ erwiederte Deeger,„ſieh zu, ob er nicht zu Hauſe hart behandelt und ſo zum Lügen genöthigt wird.“ In dieſer freien Erhebung bekämpften die Freunde das Peinliche der jetzigen Trennung und reichten ſich wohlgemuth die Abſchiedshand. Es Muth; tröſten, in Trül Freunde füllt un V der em neu,„ hingege täglich dungen 2 kein i eigene die Fi das d ruſt; ſcheu an e URb v Achtes Rapitel. Es iſt kein Mann ſo gut, er hat wol zweierlei Muth; mit dieſem Sprüchworte mußte ſich Eugen tröſten, als er nach der Abreiſe Deegers wiederum in Trübſinn verfallen war. Die Anweſenheit des Freundes hatte das Haus ſo heimathlich durch⸗ füllt und jetzt war Alles wieder öde und leer. Wer ſich in der Einſamkeit angeſiedelt hat, der empfindet die wellenloſe ſtehende Stille erſt neu, wenn er ſich einem traulichen Anſchluſſe hingegeben. Dazu kam noch, daß ſich Eugen täglich bereit halten ſollte, die Sohnesempfin⸗ dungen zur lebendigen Wahrheit werden zu laſſen. Die erweckenden Berufspflichten duldeten aber kein in ſich verſunkenes Brüten und über ſeine eigene Wahrnehmung hinausgehend erkannte Eugen die Förderungen und Hinderniſſe eines Daſeins, das die ganze Kraft auf's Feld der äußern Arbeit ruft; da wird das ſelbſtverzehrende Sinnen ver⸗ ſcheucht, kann aber auch eine ungetheilte Hingebung an einen Gedanken nicht auffommen. Das ſollte eine Mahnung zur duldſamen 3²6 Erkenntniß bei ſcheinbar trägem oder hartnäcki⸗ gem Widerſtreben des Volkes gegen neue Lehren ſein. Nach der Schule trug Eugen den Erlös des Klaviers zu Kronauer. Er wurde in das Schreibzimmer Kronauers gewieſen, da dieſer bei der Kranken ſei. Ohne daß er es wollte, be⸗ lauſchte er hier ein Geſpräch, das in der Neben⸗ ſtube geführt wurde. Eine wohlbekannte Stimme, es war die Stephanie's, fragte in offenbar ärger⸗ lichem Tone: „Sie will alſo durchaus nicht? Haben Sie ihr denn geſagt, daß ich nur eine Stunde bei ihr ſitzen will? ſtill oder ſprechend, wie ſie es wünſcht?“ „Ja, Alles, und ſie will nicht, ſie will keinen Menſchen ſehen als mich, ihren Vater und ihren Mann,“ erwiederte Vittore. Der Lauſchende ward ſeltſam bewegt. „Ich weiß nicht,“ fuhr Stephanie wieder auf,„ob ich ſie je widerſehe, Sie, liebes Kind, vermögen ja Alles über die Anni, bereden Sie ſich nochmals mit ihr. Ich könnte nicht ruhig von hier abreiſen, ohne ihr die Hand gegeben zu haben. Thun Sie mir den Gefallen.“ „Darf ich frei reden?“ fragte Vittore. „Ju hr ſ fra anzubring 8 die Kran damit.“ 7 5. ſicher, aber l Siechb Baron damit, Spett nure Anni in ſi In iſt 0 7 „Ja doch, ja, nur keine Umſtände; wenn ihr ſo fragt, habt ihr gewöhnlich ein Compliment anzubringen. Nun was denn?“ „Sehen Sie, Frau Baronin, Sie wollen die Kranke beſuchen; helfen können Sie ihr nichts damit.“ Aber auch nichts ſchaden.“ „Das weiß man nicht. So viel iſt doch ſicher, daß damit der Anni kein Gefallen geſchieht, aber blos Ihnen. So auf eine Stunde an's Siechbett gehen, das kann zur Beruhigung der Baronin ſein, aber der Kranken thut man nichts damit, da muß man immer oder gar nicht da ſein.“ „Sie verſtehen Moral zu predigen.“ „Ich bin mir zu gut für den gnädigen Spott,“ entgegnete Vittore raſch,„ich muß es nur ehrlich ſagen, ich kann deswegen auch der Anni nicht beſonders zureden.“ Eine Pauſe entſtand. Man hörte Jemand in ſeidenem Gewande raſch aufſtehen. „Kommt der Lehrer Baumann oft zu Ihnen?“ fragte Stephanie. „Freilich, hie und da Abends. Mein Vater iſt auch ein Schulmeiſtersſohn.“ Hat der Lehrer oft—“ Eugen durfte nicht dulden, noch länger über 328 ſich ſprechen zu hören; er klopfte an und trat 36 raſch in die Nebenſtube. Vittore entfernte ſich ſihte 23 gleich bei ſeinem Eintritte; Stephanie ging ihm ien eine entgegen und reichte ihm die Hand. Dieſe zarte Onnge weiße Hand, die aus wolkigen Flormanſchetten ſoh Er herausragte, berührte Eugen wie elektriſch, ſo inen W daß er ſtumm die Erſcheinung betrachtete, die ader wie immer in neuer Schöne ſich zeigte. Man konnte betet mat in ihrer Abweſenheit nicht leicht ein Erinnerungs⸗ Scmetzt bild von ihr feſthalten; und doch, wenn man ſie„e ſo ſah, wie ſie in der knapp anliegenden mit Gunſt. 2 weißem Pelz verbrämten blauen Sammtmantille„S daſtand, wie ihre feinen Züge ſo hell leuchteten, nehr bl hätte man glauben müſſen, daß Alles das un⸗ habe ein auslöſchlich im Gedächtniß haften müſſe. Sie Stephanie erklärte ſodann Eugen, daß ſie Thurn ſich ſchwer in ſeiner Schuld fühle, daß ſie aber ſeine Be nichts mehr haſſe als Briefſchreiben und darum heit ent ſeit geſtern auf ihn warte; wie ihr Leo ſage, Recht ſei zwar das„Rencontre“ vollſtändig ausge⸗„Was glichen, ſie fühle ſich aber dadurch noch nicht tnrift“ befreit und Leo wünſche mit ihr, auch eine äußere Sprich That als Ausgleichung ſetzen zu können. Eugen Ich da geſtand offen, daß er die Sache nicht nur ver⸗ E ziehen, ſondern auch vergeſſen habe und ſich jetzt ſie ſeg erſt daran erinnern müſſe. 329 6—— . — Spien Sie nur nicht den Märtyrer,“ 6 ſagte Stephanie haſtig,„ich weiß wohl, es 4 üiegt ein eigener melancholiſcher Reiz in dieſen . Opferungen, eine Art ſüßer Schwärmerei; in ſolcher Eraltation glaubt man, man kniee vor o einem Ideal, vor der Menſchheit, vor Gott, oder wie man's nennen will, im Grunde aber betet man ſich ſelber an und gefällt ſich als Schmerzenreich—.“ nan ſe„Ich opfere ja nichts als Ihre unverdiente den mit Gunſt. Was ſoll Ihnen ein Dorfſchulmeiſter—?“ „Sie ſollen, Sie dürfen das aber nicht mehr bleiben,“ ſagte Stephanie beſtimmt, i habe ein Recht auf Sie.“ Sie erklärte nun, daß ſie mit Herrn von Thurn geſprochen, der Eugen als Verwalter auf ſeine Beſitzung nehmen wolle. Mit Beſtimmt⸗ heit entgegnete Eugen, daß er Niemanden ein Recht einräume, in ſein Leben einzugreifen. „Was Ihre Höherſchätzung meiner Kraft be⸗ trifft,“ ſchloß er ſcherzend,„muß ich mit einem Sprüchworte der hieſigen Bauern antworten: Ich darf zu meinem Heu Stroh ſagen.“ Eugen ver Stephanie wendete ſich unwillig ab, indem ſetzt ſie ſagte: „Gut, ich hätte es wiſſen können, die Sage „ von edeln Menſchen iſt ein albernes Ammen⸗ mährchen.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ rief Eugen be⸗ troffen. Stephanie wendete ſich um, ihr Auge ſchwamm in feuchtem Glanze, als ſie ſagte: „Sie wollen mir die ganze Laſt der Schuld laſſen, Sie in ſolche mißliche Verlegenheit ge⸗ bracht zu haben.“ „Die Schuld iſt auch mein,“ ſagte Eugen, „ich habe die Mummerei angenommen und konnte auch wiſſen, daß bei uns in Deutſchland die ver⸗ ſchiedenen Parteien ſich nicht ſocial unbefangen unter einander miſchen können.“ „Darüber dachte ich auch viel, warum denn bei uns nicht ſo gut, wie bei den Franzoſen und Engländern?“ „Weil es bei uns ſich um das Beſtehen der Nation handelt, nur wer für die Freiheit iſt, iſt auch für deutſche Nationalität; andere Völker ſind wirkliche Völker und ſie ſtreiten ſich nur um das Wie ihres Beſtehens.“ „Darf ein Geiſt, der ſolcher Ideen fähig iſt wie Sie blos A B Clehren? Begehen Sie nicht damit einen Verrath an der Nation? Ich wieder⸗ hole, Sie müſſen einen andern Beruf wählen.“ „Gnädige Frau,“ erklärte Eugen, ich ſpreche ngt Mn — zun letzte ich mich e mil in k danke In „Es dendem kleinen 2 ſchönigen als ſein muß M Sie ſich können. vermöch iſt ein liſch ſei tracht.“ i ſagte C und f blick t verwu Gideo herau richt ſehen zum letztenmal über ſolche Allgemeinheiten, wie — ich mich auch in Ihrer Geſellſchaft zum letzten⸗ — mal in die vornehme Welt eindrängte. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre unverdiente Güte.“ „Es iſt Feigheit,“ ſagte Stephanie in ſchnei⸗ dendem Tone,„es iſt Feigheit, ſich in einem 1K⸗ kleinen Berufe zu gefallen und ſich damit zu be⸗ ſchönigen, daß man ſagen kann, man ſei größer K Eugen, als ſein Beruf. Entbehren iſt ein Laſter. Man dkonnt muß Macht und Genuß erkämpfen. Und reden Sie ſich ja nicht ein, daß Sie das Volk bilden fangen können. Es wäre auch nicht gut, wenn Sie es vermöchten. Schon der Proteſtantismus im Volke nn iſt ein Widerſinn, das Volk ſollte immer katho⸗ nd liſch ſein, das iſt entſprechende innere Volks⸗ ee as Beſtehen 8„Unſere Wege gehen weit auseinander,“ Freihei ſe ſagte Eugen abwehrend. andere„Und ich laſſe Sie nicht,“ rief Stephanie ten ſch e und faßte Eugen am Arm. In dieſem Augen⸗ blick trat Kronauer mit Vittore ein. Sie ſahen verwundert auf die beiden nicht minder Erſchreckten. 3 Gideon berichtete, daß ſo eben Leo den Berg heraufgeritten käme, während Vittore die Nach⸗ 1* richt gab, daß Anni doch nachgebe und Stephanie ſehen wolle. 332 „Gut,“ ſagte dieſe ſchnell gefaßt,„ich komme ſpäter. Ich muß ſehen, wie die beiden Turnier⸗ kämpfer jetzt Freunde geworden ſind.“ Als Vittore eben wegging, trat Leo raſch ein, die Art, wie er Stephanie begrüßte, hatte etwas von einer unterbrochenen Bewegung, als hätte er ſie umarmen wollen.— Eugen glaubte in der raſchen erſten Anrede ein Du gehört zu haben, Leo ſprach aber ſo ſchnell, daß die minder weſent⸗ lichen Worte immer undeutlich waren. Stephanie zeigte auf Eugen und dieſer reichte Leo zuvorkommend die Hand. Er wollte ſich dann ſchnell mit Gideon entfernen, um dieſem das Geld einzuhändigen. Stephanie nahm ihn aber nochmals bei Seite und ſagte ihm ganz leiſe: „Von Ihrem Verhalten zu mir hängt mein Glaube an die Menſchheit ab. Das merken Sie ſich. Nun leben Sie wohl.“ Gideon begriff nicht, warum die Hand Eugens ſo zitterte, als er einen Theil ſeiner Schuld abtrug. Eugen hielt ſich die heiße Stirne; er fühlte ſich wie taumelnd, als er den Berg hinabging. So war's alſo offenbar, Stephanie liebte ihn? Wenn er ihr ſeinen Namen nannte, ward ſie mit Jubel die Seine? Vor ihm her = ſchwebte d ſch und Blumengi an ihn! worden. der Liebe Ge erſcheine wer am auf ihn Geleiſe. den zw derbar. 5 D Abend laſſen herzig gab i die Zi ſchlag ſet, und er ih hand AtRikr⸗ haltk 1 * ſchwebte die reizende Geſtalt und neigte und bog ſich und ſpielte kindhaft mit ihm; wie duftiger Blumengruß erblühte ihr Antlitz. Der Glaube an ihn war ihr Glaube an die Menſchheit ge⸗ worden. Giebt es ein größeres heiligeres Zeugniß der Liebe? Gewaltig erregte und erregende Menſchen erſcheinen oft wie ein heranbrauſender Bahnzug; wer am Wege ſteht, glaubt immer Alles ſtürze auf ihn ein, aber der Bahnzug bleibt in ſeinem Geleiſe. Iſt es jetzt auch bei Stephanie ſo? „Guten Abend Herr Lehrer,“ grüßte bei den zwei Pappeln eine Stimme. Alles iſt wun⸗ derbar. Das iſt ja der Vater des Sanscülotten. „Woher kommt ihr?“ fragte Eugen. Der Mann erzählte, daß er ſchon geſtern Abend aus dem Unterſuchungsgefängniſſe ent⸗ laſſen worden ſei; er dankte Eugen für die Gut⸗ herzigkeit, die er ſeiner Familie bewieſen und gab ihm Vollmacht, den meiſterloſen Buben in die Zucht zu nehmen. Wie mit einem Zauber⸗ ſchlage war Eugen wieder in ſeine Welt ver⸗ ſetzt, er erinnerte ſich an die Mahnung Deegers und da er den Mann jetzt weichherzig fand, ſagte er ihm geradezu, daß er den Knaben zu hart be⸗ handle und ihn zum Lügen zwinge. Eugen ſprach das ſo heftig, daß der Mann ſagte:„Nur keine Strafpredigt, ich hab jetzt genug bekommen; ihr habt Recht und es ſoll anders werden. Da habt ihr meine Hand darauf.“ Eugen geleitete den Mann nach Hauſe und ließ ſich von ihm erzählen; es war ihm erwünſcht, gewaltſam aus ſeinen Gedanken herausgeriſſen zu werden. Die Pochel bewies Eugen ihre Dankbarkeit damit, daß ſie ihm ſagte: da er die Kinder nicht ſchlage, ſolle er's nur ihr ſagen, wenn der Michele was thäte, ſie wolle ihn dann ſchon abkarbatſchen. Eugen lehnte dieſen Dienſt ab und aß mit den Leuten zu Nacht. So war er alſo auf natürliche Weiſe zur Ausführung deſſen gekommen, was er bei ſeinem erſten Beſuche bei Gideon als allgemeine Regel ſich gewünſcht hatte.* Die Pochel fragte Eugen, woher es käme, daß die Kinder ſchon frühzeitig ſo„ſchleckig“ ſeien, daß ſie lieber hungern, als gewiſſe Speiſen zu ſich nehmen. Eugen ſchien williges Gehör mit ſeinen Erklärungen zu finden, daß man einer⸗ ſeits die Leckerhaftigkeit unterdrücken, andrerſeits aber auch wieder den Naturtrieb achten müſſe, der doch oftmals dem Kinde ſagt, was ihm nicht zuträglich ſei. n Als e holt fir t beſr zut man einen Das Mannes keit gereir Gewittet Um mühle. ein ſtille beiden( und Vit V ſich vor dus W Steyhe genann ihre I und o auch nur e iſt, d dröh volle iſſe Speiſen „ ** * Als er wegging, dankte man ihm wieder⸗ holt für den Beſuch und verſprach ihn künftig beſſer zu bewirthen, da es viel werth ſei, wenn man einen Abend ſo ſchön ruhig verbringe. Das Leidweſen um die Gefangenſchaft des Mannes ſchien die Atmoſphäre dieſer Häuslich⸗ keit gereinigt zu haben, wie ein vorübergezogenes Gewitter. Unwillkürlich ging Eugen nach der Bach⸗ mühle. Ein erhöhtes reicherfülltes Leben und ein ſtilles Begnügen kämpfte in ihm und dieſe beiden Geiſter nahmen die Geſtalt Stephanie's und Vittore's an. Warum fühlte er in ſich eine Verpflichtung ſich vor Vittore zu rechtfertigen? Jetzt fiel ihm das Wort Vittore's ein, daß ſie das Drängen Stephanie's die Kranke zu beſuchen, egoiſtiſch genannt hatte; Stephanie dachte nur an ſich, ihre Pein los zu werden, nicht an die Kranke und ob es ihrer Wohlfahrt diene. Iſt es wol auch ſo mit dir? Iſt ihr der Dorfſchullehrer nur ein Räthſel das ſie martert, bis es gelöſt iſt, dann aber gleichgültig wird? Bei dem Bachmüller war noch Licht, eine dröhnende Stimme deklamirte laut, es war der volle Bruſtton Bernhards, der die ſtattlichen Verſe aus Schiller's Jungfrau von Orleans vorlas. Eugen mußte noch Vittore ſprechen, er ging hinauf. Bernhard wollte ihm das Vor⸗ leſeramt abtreten, aber Eugen ſetzte ſich ſtill unter die Zuhörer. Wie ein Vogel, der im Sturmwinde kämpfend ſeiner Heimath zufliegt, immerdar ringend und doch unabläſſig, ſo ſtrebte Eugen der Ruhe zu. Wo aber findet er ſie? Ihm däuchte, jede Minute, in der Vittore falſch über ihn denke, ſei eine Verſündigung, und plötzlich, als ob er's jetzt erſt erführe, kam es über ihn, daß ſie ja die beſtimmte Braut Bernhards ſei. Er wollte ja auch nur vor ihr gerecht daſtehen und ſo in Gedanken ſich ſchwingend und wendend, hörte er kaum die ſchwunghaften Worte des Dichters, denen Vittore mit gefalteten Händen und ge⸗ ſpanntem Antlitze lauſchte, während der Bach⸗ müller oft verneinend den Kopf ſchüttelte, in den Mienen der Müllerin war aber gar nichts zu bemerken. Jetzt im fünften Akte, da Vittore die Kunkel weggeſtellt hatte, ſpann die Frau ruhig weiter. Als die Fahnen über die Jungfrau geſenkt waren und Bernhard das Buch zuſchlug, holte der Bachmüller langen Athem und erklärte, das ——— ſei A der( libu wem und zoh Alb = S— 337 ſei Alles ſehr ſchön, aber der König, der doch der Garnichts ſei, ſei das nicht werth. Vittore ſagte, ſie glaube nicht an die Ver⸗ liebung der Johanna, das könne nicht ſein und wenn's auch wäre, das ſei ja nichts Unrechtes und dann ſagte ſie, der Hirte ſpreche viel zu hoch. Bernhard ereiferte ſich ſehr und rief Eugen zu ſeinem Beiſtande, den dieſer in Einzelnem leiſtete. Als er mit Bernhard nach Hauſe ging, ſagte Eugen, er thue Unrecht ſeine Braut zum Leſen zu zwingen. „Von Braut iſt noch keine Rede“ ſagte Bernhard,„ich wollt' auch ich hätt's nicht an⸗ gefangen mit Schiller, aber wer den nicht mag, den mag ich auch nicht. Sie wird ſchon noch nicht höher ſchwören als bei ihm, ſie iſt ja geſcheit.“ Eugen ſuchte darzuthun, daß eben weil Vittore geſcheit ſei, ſie wenig leſen brauche, und daß es überhaupt unangemeſſen ſei, eine ſolche Probe mit einer Erwählten zu machen. Bernhard blieb aber, bei ſeinem Vorſatze, obgleich ihm Eugen entgegenhielt: „Wer die heilkräftigen Gedanken in eigenem 2² —— Herzensgrunde pflanzt, oder wer die friſchen Blü⸗ then von Baum und Wieſe pflückt, der braucht ſich das nicht aus der geiſtigen oder materiellen Apotheke holen und von Fremden verſchreiben laſſen. Wenn wir naturgetreu bleiben könnten, fänden wir mit hellem Auge ſtets das Rechte in unſerer nächſten Umgebung. Die Natur weiß Alles aus ſich...“ Bernhard ſchien ſich hoch erhaben zu dünken und den Lehrer keiner Antwort zu würdigen. NMenntes Rapitel. Die lichtfreudige Weihnachtszeit blinkte in Bälde entgegen. Das merkte man vor Allem in der Schule, wo die Kinder immer allerlei zu geheimniſſen hatten und ihre Aufmerſamkeit nur ſchwer dem Unterrichte widmen konnten. Eugen empfand jetzt wiederum die Mißlichkeit, daß er feinen Religionsunterricht ertheilte, denn dieſem allein, der buntſchillernden Geſchichte von den heiligen drei Königen folgten die geſpannten Blicke der Kinder als ſähen ſie ſelbſt den glän⸗ zenden Stern am Himmel. Eugen hatte ſich vorgenommen, für Lipp und Bartelmä eine Beſcheerung zu machen. Dieſer Letztere war während des Winters ganz in ſich verkommen, er klagte vornehmlich über die ſchlechte Koſt die ihn ganz herunterbringe; er ſei an Fleiſch und Bier, und zwar an viel Fleiſch und viel Bier gewöhnt. Als ihm Eugen einiges Geld gab, klagte er wieder, daß er ſich davon nur verſtohlen etwas einhamſtern könne, da ihm die Leute ſeinen Lohn nachzählten und bei 22* größerem Aufwande wieder neuen Verdacht auf ihn werfen würden. „Es wäre ſchon Alles gut,“ ſagte er jetzt, als ihn Eugen aufſuchte, um ihn zum Weihnachts⸗ abend einzuladen,„Alles wäre gut, wenn es nur nie Winter würde. Im Feld draußen, da geht's noch, wenn man auch beim Ackerfahren nichts vom Lerchengeſang hört, wie ihr Spaziergänger meint; aber jetzt vor Tag aufſtehen und dreſchen, oder mit den Gäulen hinaus und acht Stunden⸗ lang Baumſtämme im Walde ſchleifen, wenn's Abend iſt Mittag machen, wie die Engländer, und dann Langeweile wie ein Mops in der Hut⸗ ſchachtel. Ich wollt', ich ſäß im Penſylvanium.“ „Ich will dir Bücher geben, lies.“ „Was?“ lachte Bartelmä und ſchaute Eugen mit hervorgequollenen Augen gläſernen Blickes an,„jetzt büffeln, was ich mein Lebtag nicht gemocht hab? Was gehen mich alle Ge⸗ ſchichten, Gedanken und Gefühle in der Welt an: es iſt Alles Flauſe, Pegaſusequipage für reiche Leute, um die Verdauung zu befördern.“ „Man ſollte dir zu Weihnachten eine Frau beſcheeren,“ ſcherzte Eugen. „Ich eine Frau? Nie. Und wenn ich dreißig Millionen hätte und die ſchönſten Schwa⸗ nenl mir ich und man hin unt zim ſer U — nenlilien⸗Prinzeſſinnen mir nachliefen— thut mir leid thät ich ihnen ſagen, aber ich kann nicht, ich mag mich nicht ſchleppen mit einer Frau, und dem Gewuſel hintendrein. Und wenn man fortgeht heißt's: lieber Mann, wo gehſt hin? Und wenn man heimkommt; lieber Mann, wo biſt geweſen? Ich geh und komm und trink und ſchweig, Alles wie ich's mag. Das Frauen⸗ zimmer iſt das Hauptunglück in der Welt, un⸗ ſere ganze Welt iſt nichts nutz und alle Männer Sklaven, weil das Frauenzimmer zu viel gilt. Heirathen, hat mein Onkel Steuerrath geſagt, heirathen iſt ein Plaiſir, aber das theuerſte Plaiſir. Nun du Herkules, weißt du bald, ob du die Vittore oder die Baronin heirathen ſollſt? Sind beide recht liebe Trutſchele.“ Eugen wurde feuerroth, aber Bartelmä fuhr ruhig fort: „Ich weiß was ich ſein ſollt, ich wär' der prächtigſte Kerl von der Welt, wenn ich eine Million hätt'; eigentlich hätte ich ſollen als Prinz geboren werden, dazu hab' ich entſchiedenes Talent; aus den Windeln aufſtehend General und ſo fort. Ich hab meine Carriere verfehlt. Meine Grundſätze würden mich hindern meinſt du? Was Grundſätze! Das iſt eigentlich dummes Zeug.“ Eugen fühlte ſich angeekelt von ſolchem moraliſchen Selbſtmorde, von der ſpottſüchtigen Auflöſung aller Sittlichkeitsbegriffe, aber Bartelmä hielt ihn feſt, als er weggehen wollte. „Du mußt mir's abnehmen, ich hab ja Niemand mit dem ich mich ausreden kann,“ rief er,„ſag' ehrlich: bin ich denn nicht eigentlich auch ein Narr, daß ich mir mein einziges Leben abplage für die Freiheit? Für wen? Für dieſe Kerle da. Sieh du ſie einmal an, ob ſie werth ſind, daß man ſich für ſie den Finger ritzt. Ich genieße das Leben wie ein Spatz, dem man einen Brocken zuwirft, ich ſeh mich immer furcht⸗ ſam um, wenn ich was zu mir nehme. Es wäre geſcheiter, ich diente dem, der es haben will und lebte gut. Ich kenne Erxcellenzen und Stallknechte, die eſſen gut und ſchlafen gut und thun was man ſie heißt; ich wollt' ich wäre auch ſo. Wär' ich auf der Staatsbahn geblieben, wär' ich jetzt Regierungsrath, ein gemachter Mann und brächte meinen Sohn auf Univerſität. Jetzt kauft mich aber Niemand mehr, früher, ja, da wär' ich gut bezahlt worden.“ Voll Unwillen entgegnete endlich Eugen: „Es liegt mehr Ernſt in deinen Worten, als du eingeſtehen willſt.“ „ Venn nich in ich bin meinen krates gut ſi Philo Solr Askle ihm brau Gefa ſchön ſchen den dieſ wan telm but rie — 343 „Mehr? Was iſt denn mehr als ganz? Wenn du ein ſchönes Verbrechen weißt, das mich in zwei Tagen um einen Kopf kleiner macht, ich bin dabei. Siehſt du, ich hab' nicht umſonſt meinen Plato geleſen, wie er den Tod des So⸗ krates, das ruhige Abſterben von unten auf ſo gut ſchildert. Da drinnen iſt Sokrates und alle Philoſophen. Und wenn ich ſterbe, will ich mit Sokrates ausrufen: O Kriton, wir ſind dem Asklepios einen rothen Hahn ſchuldig, entrichtet ihm den und verſäumt es ja nicht.“ „Du ſprichſt irre.“ „Gar nicht. Wenn du Schierlingsſaft brauchſt, hier hab' ich, ich hab' mir's für alle Gefahren im Wald geſammelt. Es iſt doch ſchön, daß das frei wächſt. Sagen die Deut⸗ ſchen, ſie ſeien nicht frei und wächſt doch Hanf auf den Feldern und im Walde echtes geſundes Gift.“ Er zeigte Eugen ein Fläſchchen, das ihm dieſer entreißen wollte, aber Bartelmä war ge⸗ wandter und im Raufen klirrte etwas und Bar⸗ telmã ſchrie, daß ihm ſeine Lethe, ſeine Schnaps⸗ buttel„zum Reichsverweſer gegangen ſei.“ Auf die eindringlichen Ermahnungen Eugens rief Bartelmä lachend: „Haſt auch noch das Vorurtheil der flanell⸗ überzogenen Fleiſchfreſſer? Sie gönnen's dem armen Manne nicht, daß er ſich mit einem Trunke Schnaps ſechſerlei Gerichte in den Magen und einen Pelz auf den Leib ſchafft. Es iſt Gift, willſt du ſagen? Es ſtirbt ſich aber gut d'ran.“ Wiederum mit tiefer Trauer verließ Eugen den Gefährten, der ſich geiſtig und körperlich dem Fuſel ergeben hatte, ſo daß nicht abzuſehen war, wohin er noch unterſinke. Des Pfarrers Mad⸗ lenle rief Eugen, er ſolle ſogleich in's Pfarrhaus kommen, es ſei ein Päckchen für ihn da. Die Pfarrerin übergab ihm einen Brief von der Stiftsdame Theoroſa von Schüttenhelm, die ihm Vorwürfe machte, daß er ſie ſo ganz ohne Nach⸗ richt laſſe; ſie ſchickte allerlei Geſchenke, die er zu Weihnachten an arme Kinder vertheilen ſollte. So war alſo auch die Muthmaßung Dee⸗ gers eingetroffen, die Verlegenheiten aus der Annahme eines fremden Lebens ſtellten ſich ein. Eugen erſchrak heftig, als jetzt der Dorfſchütze kam und keuchend berichtete, er ſuche ihn überall; erſt nach langer Pauſe ſagte er, daß die Mannen beim Bachmüller verſammelt auf ihn warteten, wo ſie eine neue Berathung halten wollten. Eugen eilte in die Bachmühle. Alles ſchwieg bei ſeinem Eintritte bis der Rainbauer das Wort egrif an Eu s ſei Firſter anhänt det unter 72) und Bitth mal erha ſelbſ in1 Auc allg rief un — ———— 345 ergriff und nach vielen Lobeserhebungen, die er an Eugen richtete, endlich damit herausrückte, es ſei beſchloſſen worden, drei Männer an den Fürſten abzuſenden, die um Niederſchlagung aller anhängigen Unterſuchungen bitten ſollten; er und der Sonnenwirth ſeien bereit dazu, aber nur unter der Bedingung, daß der Lehrer mitgehe und ſpreche. Eugen gab ſich alle Mühe, den Bittgang in eine Bittſchrift zu verwandeln, zu⸗ mal es ſehr ungewiß ſei, daß man eine Audienz erhalte; aber kein Einwand wollte verhelfen, ſelbſt der nicht, daß Eugen ſagte, er ſei ja ſelber in Ungnade und darum kein willkommener Bote. Auch der Schultheiß bat ihn einzuwilligen, und allgemeine Heiterkeit entſtand, als der Rainbauer rief: „Unſer Schultheiß iſt der König Saul und unſer Kinderhirte, der Lehrer, iſt der David.“ „Und ich heiße Samuel und ſetze ihm die deutſche Bürgerkrone auf,“ rief der Sonnen⸗ wirth, nahm ſchnell dem Kirchbauer die weiße Zipfelkappe ab und ſetzte ſie Eugen auf's Haupt, „da erfriert ihr eure Ohren nicht,“ ſetzte der Schelm hinzu. Die Berathſchlagung, die einem ſo traurigen Zwecke galt, hatte ſich in Scherz⸗ haftigkeit verwandelt, wobei keine ernſte Dar⸗ 346 legung mehr aufkommen konnte; ſelbſt der allzeit 1 ih ernſte Bachmüller hing Eugen ſeinen grauen 1 6 Müllermantel um und gab ihm die pelzgefütterten 5 Staucherle*), wobei er bemerkte, daß ſich damit n ſein Vater, der auch Schulmeiſter war, ſein Leben lang gewärmt habe. Die Leute konnten tiß nicht ahnen, wie nöthig Eugen dieſe Mummerei hatte und wie ihm eben dieſe einen Theil ſeiner Thatt Beſorgniſſe verſcheuchte; dazu kam noch, daß er uh durch die Reiſe die Verlegenheiten, die von Thevroſa von Schüttenhelm kommen mochten, beſchwichtigen konnte. Als er nun einwilligte, iche erſcholl ein allgemeines Hoch. heriſ Egen bat um ruhiges Gehör und wieder⸗ Sor holte, daß, wenn der Bittgang fehlſchlage, man Han nicht vergeſſen möge, daß er davon abgerathen und ir ſich nur dem allgemeinen Wunſche gefügt habe.— „Das nutzt nichts, Herr Lehrer,“ ſagte die ſagt Bachmüllerin, als die Auserwählten ſchnell mit 1 den Anderen weggegangen waren,„wenn ihr. hin wirklich glaubet, daß es ein Metzgergang ſei, 1 hättet ihr nicht nachgeben ſollen. Bei einer ½ de Sache mitthun, wo man keine Hoffnung hat, f ſchlägt nie gut aus, und die Menſchen haben S *) Doppelte Muffs. 3 1 Lilk, S 347 nicht Unrecht, wenn ſie das Abrathen vergeſſen, wo einer doch mit Hand angelegt hat.“ Der Müller verwies dieſe Worte ſeiner Frau, aber Eugen ſah ſie groß an. Er mußte ſeiner Betheiligung an der Revolutivn gedenken, wo dieſe Ausſprüche ihre bündige Anwendung fanden. In der Bachmühle ſaß nun Eugen in der That wie zu Hauſe. Die Müllerin fragte ihn noch mit inniger Aengſtlichkeit, ob er denn auch ſchon wieder ganz wohl ſei, daß er ſich mit ſolch einer Nachtreiſe nicht eine neue Krankheit zu⸗ ziche, zumal, da jetzt in der Stadt die Cholera herrſche. Eugen dankte für dieſe„mütterliche Sorgfalt“. Die Müllerin fuhr ſich mit der Hand über das Geſicht, und verließ die Stube, ihr Mann folgte ihr. „Gut, ich muß noch ſchnell mit euch reden,“ ſagte Eugen zu Vittore, die Garn haspelte. „Was denn?“ fragte ſie,„ſetzet euch da hinter den Tiſch⸗ da hör' ich's gut.“ „Was denket ihr von mir?“ fragte Eugen, der die rechte Wendung nicht finden konnte. „Das kann man nicht ſo abhaspeln wie die Spindeln da,“ lachte Vittore,„und ich mein' auch, Menſchen, die noch länger bei einander bleiben und ſich noch beſſer kennen lernen, brauchen kein Teſtament machen. Saget was ſoll ich und was giebt's?“ „Was haltet von der Baronin Hu⸗ nold?“ Vittore nahm gelaſſen den Garnſtrang vom Haspel, drehte ihn in einen Zopf und begannendlich: „Ja, ich ſag's frei. Mir kommt ſie vor wie eine Schwalbe im Zimmer, das ſchwirrt und flattert hin und her an die Decke und an die Wänd'; dabei iſt ſie aber ſeelengut, ſo lang man ihr was ſie will. Wen ſie ihr Leben lang lieb haben könnte, der hätt' es gut bei ihr.“ Eugen anerkannte den Vergleich Stephanie's mit einer Schwalbe, indem er weiter ausführte, daß Stephanie wie eine Schwalbe nur fliegen nicht gehen könne. Er erklärte nun ſein Verhältniß zu Stephanie, wobei er unwillkül⸗ rich grellere Farben auftrug, als er Anfangs beabſichtigte. Vittore hielt das Garn in beiden Händen und ſchaute Eugen groß an; ſie mochte wol fühlen, was Eugen ſich nicht geſtehen wollte, daß ſein Beſtreben ſich zu rechtfertigen ein Be⸗ kenntniß in ſich ſchloß, dem ſie den Namen nicht zu geben wagte. Jetzt erkannte auch Eugen, was er gethan hatte und ſchnell, um ſeinen Fehler wieder gut zu machen, erzählte er, daß er geſtern 3 Pbend n ein wace Lit füſen ußerlich pihlich nachden A raſch. wohl um zu 2 geſchle vrüb bemer halte den lich ger mi 349 Abend noch lange mit Bernhard geſprochen, der ein wackerer Menſch ſei, der beſten Frau würdig. Vittore ſchien dieſe Wendung nicht recht faſſen zu können und als wollte ſie ſich auch äußerlich zum Schweigen beſtimmen, legte ſie plötzlich die Hand auf den Mund und ſchaute nachdenklich vor ſich nieder. Als die Mutter eintrat, entfernte ſie ſich raſch. Eugen reiſte ab, ohne daß ſie ihm Lebe⸗ wohl geſagt hatte. Man reiſte die Nacht durch, um zum Beſcherungsabend wieder daheim zu ſein. Auf der Straße nach Röthhauſen fuhr ein geſchloſſener Glaswagen an dem Gefährte Eugens vorüber; er glaubte Stephanie und Leo darin bemerkt zu haben. In Röthhauſen ließ Eugen bei Deeger an⸗ halten, der Freund hatte aber noch nichts von dem Kopfrechter erforſchen können. „Mein Leben iſt ein Kaleidoscop, das ſtünd⸗ lich neue Wendungen annimmt,“ ſagte er zu Dee⸗ ger, der ihn wieder zu ſeinem Gefährte geleitete. Eugen kam durch viele Orte, in die er einſt mit den Waffen in der Hand eingezogen war; trübe Erinnerungen wollten in ihm aufſteigen, aber er konnte ſich dem Reiſehumor, der ſeine Gefährten ergriffen hatte, nicht entziehen. Der — „ Sonnenwirth wollte tapfer zechen, da man ja auf Gemeindekoſten reiſte. Eugen widerſetzte ſich dieſem und der fromme Rainbauer mußte mit ſüßſaurer Miene ihm beiſtimmen. Seit der erſten Gemeinderathsſitzung hatte Eugen dem Sonnenwirthe gegenüber eine ge⸗ meſſene Haltung bewahrt und ſich durch keine Zuthätigkeit daraus bringen laſſen. Jetzt auf der Reiſe ergab ſich wie von ſelbſt ein vertraulicher Anſchluß in Scherzen und Reckereien, den Eugen gerne gewähren ließ und ſich an dem freien Uebermuthe ergötzte, der keinen Hausknecht und keinen Nachtwächter am Wege ohne luſtigen Spaß vorüberließ. Bald aber durchbrach der Sonnenwirth zu eigenem Ergötzen, wie nach ſeinem Dafürhalten zu dem der Mitreiſenden, die bisher bewahrten Schranken der Wohlanſtin⸗ digkeit und erging ſich in unfläthigen Neckereien und Erzählungen; das ſchien es doch eigentlich, was ihn vergnügte und es war Eugen leichter geweſen, ihn in gewiſſen Schranken zu erhalten, als ihn jetzt wieder in dieſelben zurückzuweiſen. Am andern Morgen erreichte man die Eiſen⸗ bahn und nun ging's im raſchen Zuge der Haupt⸗ ſtadt zu. Merkwürdig war es, wie auf der Eiſenbahn der Rainbauer allen Umſitzenden ſeine Firſpr von( wird Vahl wiede gefül doß kitli Sch Aus ſon muf wi euc Ait 351 Loyalität und Fürſtenliebe auskramte; es ſchien, als ob er Jeden der zur Stadt fuhr für einen Fürſprecher im Vorgemache des Regenten anſah. „Ich bin ein treuer Unterthan meines mir von Gott gegebenen Königs und für uns Bauern — wird ja jetzt überaus geſorgt,“ das war ſein Wahlſpruch, den er mit großer Salbung oft wiederholte, während er ſeine auf Gemeindekoſten gefüllte Doſe umherreichte,„Sie nießen darauf, daß es wahr iſt,“ betheuerte er dann bei den kitzlichen Folgen ſeiner Freigebigkeit. Ein dichter Nebel, der bald von einem Schneegeſtöber abgelöſt wurde, verſperrte jeden Ausblick. Eugen hieß dieſe Verhüllung will⸗ ommen, denn trotz ſeiner fremden Kleidung mußte er doch fürchten, entdeckt zu werden. „Jetzt Herr Lehrer,“ ſagte der Sonnen⸗ wirth, als man angelangt war,„jetzt könnt ihr euch zeigen.“ Eugen erſchrack, zumal der Sonnenwirth plötzlich inne hielt. Der Schlaukopf hatte die menſchenfreundliche Gewohnheit, auch wenn er etwas Angenehmes zu ſagen hatte, ſtets ſo zu beginnen, daß der Hörer verblüfft werden mußte; dann machte er eine Pauſe und ließ den Neu⸗ gierigen einſtweilen in der Schwebe zappeln. 352 Erſt nach mehrmaliger Frage erklärte der Son⸗ nenwirth:„Jetzt wollen wir ſehen, was ihr mit euren vornehmen Bekanntſchaften vermöget.“ Es war für Eugen niederſchlagend, daß er nun ſah, wie er nicht um ſeines perſönlichen Eifers willen, ſondern wegen ſeiner muthmaß⸗ lichen Verbindungen zu einer Reiſe gezwungen wurde, die eben ſo peinlich als gefahrvoll war Mit übernächtig ſchwerem Auge, wie at beginnendem Schlafe geweckt und in allen Glie dern wie zerſchlagen, ſo gings nun in die Stad“ hinein, wo der Weihnachtsmarkt größere Leb haftigkeit erregte. Die Menſchen gingen hi alle ſo ſtraff und friſch, ſie begannen erſt de neuen Tag. Der Sonnenwirth hatte den Stern, eines jener leiterwagenumſtellten Wirthshäuſer aus⸗ geſucht, wo man keine Servietten, aber um ſo größere Portionen bekommt und in wohlhabenden Federbetten ſchläft. Nachdem er ſich ſattſam er⸗ labt, legte er ſich mit ſeinem Kameraden ſchlafen und überließ Eugen die Sorge für alles Weitere. — Mannheim. Schnellpreſſen-Druck von Heinrich Hogrefe. rey Controſ Shart Sreen Nellow eq Magenta ————— 6 Oem 1