— Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 6dnard otlmunn in Gieſen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „. cLeih und Seſebedingungen. 1. Otlens ein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Hen angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe S entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und etrit 2 für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— If. „„— 5„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, kaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.⸗ ſ . b . 6 Neues Leben. . Eine Erzählung von Berthold Auerbach. Erſter Band. —S—— Mannheim. Verlag von Friedrich Baſſermann. 1852. Erſtes Buch. — —— —— 1 Erſtes Rapitel. Waldesdunkel, kühle Schatten, Vogelſang und würziger Kräuterduft, ihr gedeihet ſtill und fraget nichts nach dem zwiefarbigen Täfelchen am Waldes⸗Saume da draußen, das uns ſelbſtgefällig belehrt, daß wir hier eine wiſſenſchaftliche Be⸗ forſtung, Waldkultur Nr. 72 Jahrgang 1830, vor uns haben. In ſolchen Gedanken ſchritt zu Ende des Monats Auguſt ein hochſchlanker junger Mann die ſchöne breite Straße des Bergwaldes dahin. Er war ſchwarzgekleidet, mit einer Brille behaftet und trug das faſt ſagenhaft gewordene grüne Ränzchen auf dem Rücken, ein ſchwarzgebeizter Stock mit großem Meſſinggriffe und vielen Lö⸗ chern diente ihm als Wanderſtab. Ein harzig ſchwefeliger Geruch, der aus der tieferen Halde von einem Meiler heraufdrang, ſchien den jungen Mann zu ſtören, denn er hüſtelte mehrmals und beſchleunigte ſeine Schritte. Jetzt nahm er das Ränzchen ab, ſtülpte den Hut darüber und lagerte ſich am Waldraine unter einem ſtattlichen Ahorn⸗ baume. Kaum einige Sekunden pflegte er ſo der Ruhe, als er ſich wieder erhob, das Ränzchen aufſchnallte und ein dickes Buch herausholte, er legte aber das Buch ſchnell wieder weg und ſagte vor ſich hin: „Ihr Vögel ſingt den lieben langen Tag und euch macht Niemand eine Freude. Hört mir zu. Ein Schelm giebt mehr als er hat.“ Er ſchraubte die ſpitze Zwinge von der Stock⸗ flöte und blies nun mit allerlei Trillern die Weiſung des Liedes: Vöglein im Tannenwald Pfeifen ſo ſüß, ſo ſüß, Pfeifen den Wald aus und ein: Wo mag mein Schätzele ſein? Dann ſetzte er einen ſo luſtigen Ländler drauf, daß alle Bäume zu tanzen ſchienen und die Vögel ſtill in ſich hineinkicherten. Dieſe Neſt⸗ linge der rationellen Beforſtung ſchienen nichts von den arkadiſchen Zeiten zu wiſſen, da ſolcher Flötenklang nichts Seltenes war. Eine Hummel, die ſich, wol in der Vorahnung der kommenden blüthenloſen Tage, ſeit Stunden in dem offenen Kelche einer Diſtel am Wegraine feſtgeſogen hatte, flog von den fremden Klängen erſchreckt murrend auf und ſummte dem Muſikanten an dem Geſicht herum, der nur immer durch Hin⸗ und Herwenden, Neigen und Heben ſie abwehrte. ( en Er ſchien jetzt des Muſizirens müde und nahm das Buch wieder zur Hand; er drückte die Deckel nochmals zwiſchen beiden Händen zu⸗ ſammen und öffnete das Buch auf Gerathewohl, ¹9 wie man die Bibel zu einem Wahlſpruche oder einem Wahrzeichen aufſchlägt; es war aber nicht das Weltenbuch, das unſer Reiſender vor ſich ck hatte, auch ſchien er nicht mehr in jenem glück⸗ die ſeligen Lebensalter, da man im Schatten eines Baumes gelagert Allesvergeſſend ſich in die Ge⸗ dankenwelt eines Dichters verſenkt— das Buch war nicht mehr und nicht minder als der erſte Band des Converſations⸗Lerikons und der Gegen⸗ ler ſtand, den der Zufall jetzt zum Leſen gegeben nd hatte, hieß: Amerika. Freilich ſchien dabei kaum ein Zufall zu walten, denn die Art wie ſich das Buch legte, erwies, daß dieſe Stelle ſchon oft aufgeſucht ward. Dennoch las unſer Reiſender ſo eifrig, als erführe er eine neue Botſchaft; nur manchmal ſchaute er auf, legte die Hand auf die offenen Blätter und ſeine Lippen ſchienen Zahlen und Namen zu ſprechen, die er ſich aus⸗ wendig lernte. „Guten Abend“ ſprach plötzlich eine klang⸗ volle mächtige Baßſtimme und aus dem Dickicht glänzenden Maßholders trat ein großer breit⸗ — 8 ſchultriger Mann, der ebenfalls eine große runde Brille trug; nur weniges dunkles Haar begrenzte ein jugendlich⸗ernſtes Angeſicht, das bartloſe Kinn war ſeltſam zerſchunden, überhaupt ſchien das ganze Antlitz wie aus einem andern gewaltſam herausgeſchnitten. Unter dem Arme trug der Mann einen Stock mit einem Gemshorngriff, die Rechte war mit einem weißen Tuche ver⸗ bunden.„Ich kann Ihnen wie Götz von Ber⸗ lichingen nur die linke Hand reichen“ ſagte dieſe ausſtreckend der Gewaltige zu dem ſeltſam Ver⸗ blüfften. Dieſe Erinnerung an die Bildungswelt ver⸗ ſcheuchte ſchnell den Schreck aus dem Antlitze des Leſers, denn obgleich er in dem wiſſenſchaftlich beforſteten Revier keinen„Räuber vermuthete, war er doch von der plötzlichen Erſcheinung ſo betroffen, daß ihm das Buch den Rain hinab⸗ gefallen war; er holte es indem er dabei einige unverſtändliche Worte murmelte, dann reichte er die Hand, packte ſeine Habſeligkeiten wieder und machte ſich marſchfertig. Der Ueberraſchende ſah alle dem lautlos zu, er blickte nur bald rechts bald links, offen⸗ bar, weil er nicht wußte, wohin es nun gehen würde. In ſeinem Blicke lag etwas Unſtetes, St wie lag lich 3 Fragendes, das eben ſowohl trotzige Raufluſt als ſcheue Furchtſamkeit ausdrücken konnte. Als ſich der Leſer den Weg waldeinwärts wendete, ſchloß ſich ihm der Gewaltige an und fragte indem er ſeine Stimme zum möglichſt ſanften Ausdrucke ermäßigte:„Wohin geht Ihr Weg?“ „Noch ſieben Stunden, jenſeits des Wald⸗ gebirges, Erlenmoos heißt das Dorf. Ich werde es erſt morgen Abend erreichen und im nächſten Orte übernachten.“ „Ich bleibe bei Ihnen.“ Wortlos gingen die Beiden eine geraume Strecke nebeneinander. Der Leſer überdachte, wie ſo eigen der Gefährte ſich ihm anſchloß, es lag etwas unerklärbar Barſches und Zudring⸗ liches in deſſen Weſen; bei der Frage war weder das gehörige:„wenn man fragen darf,“ noch bei dem Anſchluſſe das nöthige:„Wenn's erlaubt iſt“ beigefügt worden. Der Leſer fürchtete ſich keineswegs; wie ſollte er das auch am heitern Mittag auf offener Landſtraße. Dennoch nickte er beruhigter als er Peitſchenknallen vom Thale herauf hörte. Er war ſo plötzlich im Leſen ver⸗ ſunken geſtört worden, ein Auerochſe, von dem hier das Buch ſprach und der nun plötzlich aus 10 dem Blatte herausgeſprungen wäre, hätte ihn kaum mehr überraſchen können. Der Gewaltige dagegen lächelte ſchmerzlich vor ſich hin, indem er überdachte, wie ihm die Handhaben für ein leichtes harmloſes Vernehmen mit den Menſchen abgebrochen waren, dabei fuhr er ſich ſtets mit der Hand über Kinn und Wangen gls ſuche er dort etwas. „Ich bin viel in der Welt herumgekommen“ ſagte er endlich,„ich habe gefunden, es wäre am geſcheiteſten, wenn zwei Menſchen die in der Fremde einander treffen und eine Zeitlang auf einander angewieſen ſind, ſich bald nach der erſten Begegnung ſagten; das und das bin ich und da und da her. Das Incognitoſpielen unter unſrer merkmalverwiſchenden Kleidung, die keinen Stand und keinen Beruf mehr erkennen läßt, iſt alberne Wichtigthuerei oder verdammungswerthe Beſcheidenheit.“ „Sie erlauben, daß ich Ihnen nicht ganz bei⸗ ſtimmen kann,“ entgegnete der Schlanke.„Viele Menſchen würden minder frei und unbefangen ſich geben und ausſprechen, und Viele minder unbefangen den Worten des Andern zuhören, wenn ſie wüßten, von wem und zu wem ge⸗ ſprochen wird.“ m al 11 „Das iſt allerdings der Fall.“ „Und Sie werden auch nicht leugnen, daß man ungekannt einander reinmenſchlicher begeg⸗ net?“ „Und das Räthſeln und Herausholen hat ſo ſeinen eigenen Reiz, eine Art Jagdfreude? Ich habe aber ſchon oft gefunden, daß man bei der Trennung bedauerte, ſich gegenſeitig nicht ſchon früher entlarvt zu haben. Freilich, unſere geſellſchaftlichen Formen ſind ſo verkehrt, daß ein offenherziges Naturell mitten drin wie ein Menſch mit nacktem Geſichte auf einem Maskenballe ſich ausnimmt. Das iſt mißlich und keck und die Verlarpten halten ſich für ſuperklug, weil ſie ihn kennen und Anzüglichkeiten anzubringen vermögen. Ein naher Freund von mir war einſt in Civil... ich meine in gewöhnlichen Kleidern, auf einer * Rheinreiſe. In Rolandseck ſitzt er Abends auf dem Balkon mit noch zwei Männern ſeines Al⸗ ters. Es war die blumenfriſche Pfingſt- oder vielmehr Maibowlenzeit und die beiden Männer brauen das ſüßwürzige Getränk mit allerlei Heren⸗ d kram, den ſie dabei deklamiren. Der Freund ren, ſchließt ſich ihnen an und ſie zechen und plaudern mit einander bis tief in die Nacht hinein und ſie trinken mit einander Smollis und trinken im ⸗ 1 2 ₰ 2 F B—— 6.=er — 12 Uebermuth mit dem alten Vater Rhein Smollis und ſie machen mit einander aus, daß keiner ſeinen Namen u. ſ. w. nennen darf, einer ruft den andern nur mit dem Titel: Zeitgenoſſe! Und ſo wandern ſie drei Tage voll Luſt und tiefſter Erquickung durch das Siebengebirge und Zeitgenoſſe! ruft es von den Bergen und Zeit⸗ genoſſe! aus dem Echo, und Luſt und Freude war ohne Maaß. Als ſie ſich endlich die Hände zum Abſchied reichten, da löſten ſie den Bann und Jeder nannte ſeinen Namen. In frendigem Schreck erbebten drei Herzen, die ſich einander aufgeſchloſſen hatten; es hätte ein Freundſchafts⸗ bund für's Leben werden können.“ „Wie leicht könnte aber auch hier noch das Vertrauen getäuſcht werden,“ ſagte der Schlanke, „nicht immer hat man die Dokumente für ſeine Perſönlichkeit in der Taſche. Ich bin nun zu⸗ fällig in der Lage—“ Er holte mehrere Papiere aus der Bruſt⸗ taſche und gab das mit einem großen Siegel verſehene ſeinem Begleiter. Dieſer las nun das Beſtallungsdekret des bisherigen Sekundar⸗ Lehrers an der Hauptſtädtiſchen Freiſchule Nr. 3, Eugen Wilhelm Friedrich Baumann auf die er⸗ ledigte Schulſtelle in Erlenmoos. Br ſtüc nir 4 hah tra fah die dan * 13 „Gleiches mit Gleichem,“ erwiederte der Breitſchultrige, mit einer Verbeugung das Schrift⸗ ſtück zurückgebend,„hier leſen Sie nun auch von mir: Albert Freihaupt, Oekonom aus Birken⸗ hagen in Pommern, und hier mein Schiffsver⸗ trag mit dem Rheder in Antwerpen zur Ueber⸗ fahrt nach Amerika.“ Der Lehrer nahm die Schriften nicht in die Hand, ſondern ſchaute nur hinein und griff dann wie grüßend an den Hut. Bweites Rapitel. Solch eine Vorſtellung erheiſcht immer ein neues Zurechtſetzen. Entweder wird der Fluß der Rede unmittelbar lebhafter, oder er ſtockt eine Weile. Dieſes Letzte trat hier ein. Jeder der beiden Männer ſuchte ſich raſch das Leben des andern aufzuerbauen. „Mit unſeren Dokumenten“ ſagte Freihaupt nach langer Pauſe,„ſind wir doch Normäl⸗ geſtalten des wiedererſtandenen Polizeiſtaates.“ „Ich hätte Sie für einen ehemaligen Of⸗ fizier gehalten“. „Sehe ich ſo aus? trotz der Brille?“ „Nach Ihrer ganzen Haltung und— ver⸗ zeihen Sie, nach einem gewiſſen commandir⸗ gewohnten Tone... „Und ich hielt Sie für einen Geiſtlichen oder Verwaltungsbeamten. Was trägt Ihre neue Stelle?“ „Wenn man Alles zuſammenkratzt, drei⸗ hundert Gulden“. „Sie ſind unverheirathet?“ 6 un Fe un m qn ich me we L. 35 „Ja. Ich bin mit mir ſelber noch nicht eins.“ „Lieben Sie Ihren ſchönen Beruf nicht?“ „Allerdings, gewiß. Sie ſind Landwirth, Sie können nicht wiſſen was das heißt bei einem Menſchen wie ich, der jetzt dreißig Jahre alt iſt und ſein Leben lang nie mehr als vier Wochen Ferien hatte; von der Schule, vom Seminar, und jetzt vom Amte her vier Wochen, da iſt man doch an eine Kette gebunden, wenn auch an eine lange. Ich möchte nicht müßig gehen, ich geſtehe Ihnen nur, daß ich der Humanität mein Theil Opfer gebracht habe, ich möchte wenn's ginge, nun auch einmal frei und ſelbſt⸗ ſtändig für mich leben“. „Und was bedürften Sie dazu?“ „Wenn ich dreitauſend Gulden hätte, würde ich nach Amerika auswandern und dort einen andern Beruf wählen.“ „Warum in Amerika und nicht hier zu Lande?“ „Das eben iſt das Verknöcherte der alten und das eben das Biegſame der neuen Welt, daß man dort leichter geneigt und im Stande iſt einen neuen Lebensberuf zu wählen. Wir ſind hier von tauſend Rückſichten, Gewohnheiten 16 und äußeren Bedingungen abhängig, können nicht aus uns heraus und verkommen im Schlendrian.“ „Wahr und brav. Hätten Sie Luſt und Muth mit mir hinüber zu ziehen?“ „Wie könnte ich das?“ erwiederte der Lehrer erſchreckt. Sollte ſein Gefährte ein Freiwerber für die Urbarmachung eines ungeſunden Landes ſein? Was thut's? Er kann dich ja nicht zwingen mitzugehen— lächelte der Lehrer vor. ſich hin. Man war aus dem Walde herausgetreten, eine fruchtreiche abſchüſſige Thalebene breitete ſich vor den Blicken gus, an beiden Seiten des Weges ſtanden alte Obſtbäume und in den Feldern überall in gleichmäßig vertheilten Zwi⸗ ſchenräumen. Saftgrüne Wieſen mit hölzernen Stellfallen zur Wäſſerung breiteten ſich im Thale aus, hier war wie man das in den Waldgegenden findet der ſpäte Frühling, während draußen in den Ebenen ſchon der dürre Sommer ſein Ende erreichte. Das Heimchen grillte froh im Graſe, der Abendſtrahl zitterte über die Matten und Alles war wie ein bebender Klang. Aus den einzelnen ſtrohgedeckten Häuſern, die da und dort an den Halden zerſtreut lagen, ſtieg ſchon der abendliche Rauch auf. Gem noch Sehe Dort Virt eine lieb hund Nebe ſchen auf d nicht nie ei lettve plöbli Wald Jhr ind ſ utig lehre Korn = ko 17 „Vom nächſten Hauſe beginnt ſchon die Gemarkung,“ ſagte der Lehrer,„und wir haben noch ziemlich eine Stunde bis zur Herberge. Sehen Sie dort die Ruine auf dem Vorberge? Dort am Fuße liegt die Kirche, das Schul- und Wirthshaus und das eigentliche Dorf. Das iſt eine der beſten Schulſtellen im Lande, mir ſo lieb als eine geringe Pfarrei. Zwar nur drei⸗ hundert Gulden baar, aber mehr als zweihundert Nebeneinkünfte, Holz, Dürrobſt, Korn und Kir⸗ ſchengeiſt genug. Es kommen nur alte Leute auf die Stelle. Das iſt gut für die Lehrer, aber nicht gut für das Dorf, denn ſie bekommen hier nie eine jugendlich friſche Kraft. Ich habe den letztverſtorbenen Lehrer gekannt.“ „Das iſt eine Beſcheerung,“ rief Freihaupt plötzlich.„In dieſer rauhen Gegend ſind die Wald⸗Kirſchen jetzt erſt reif. Ich habe dies Jahr noch keine geſehen und gekoſtet.“ Flugs war er über den Wegrain hinweg und ſein Gemshorngriff bog ſchnell einen trauben⸗ artig behangenen Zweig hernieder. „Im Namen der Menſchheit,“ rief der Lehrer ihm nacheilend und mit dem Flötenſtock ſo raſch ſchwingend, daß die Einzeltheile in's Kornfeld flogen.„Im Namen der Menſchheit . — — 18 vrechen Sie die Kirſchen nicht ab, Sie zerſtören die ſittliche Weltordnung.“ 19 Freihaupt ließ lachend ab, und fragte:„Was d meinen Sie?“„n „Der Baum mit ſeinen Früchten hat ſeinen„ Eigenthümer. Sie haben kein Recht, ſich vom Diebſtahl zu emanzipiren. Jeder muß die Ord⸗ 6 nung der Dinge hochhalten. Das perſönliche Befreien von der Moral, das iſt die Schlange, N 16 die die verbotene Frucht pflücken heißt. Der un eine ſagt: ich thu's nur, es ſchadet nichts. Der au andere kommt und ſagt: da hat ſchon ein An⸗. derer ſich geletzt, ich darf's auch; und ſo wird diten der Baum geleert. Sie lächeln?“ fuhr der Die Lehrer eifrig fort„weiß wohl, kleine Moral! di ſe ſprechen Ihre lächelnden Lippen. Ja kleine haupt Moral, das iſt die ehrliche Scheidemünze, mit die e der man das tägliche Brod erwirbt. Die große horn Moral der Weltherren, freilich, da hat man mit und n Erlaubniß zu ſagen das Aftertheil daraus ge⸗ Stun macht und beſetzt damit ganze Länder und Reiche. ihres Laß dich durch die herrſchende Schlechtigkeit nicht it a verderben! Das muß Jeder ſich ſelbſt und das. ſorder muß man dem ganzen deutſchen Volke zurufen.“ „Ich kann dir die Rechte nicht reichen, niſes komm an meine Btuſt,“ rief Freihaupt ſeltſam geben * 48 bewegt.„Mein deutſches Vaterland! Du biſt noch nicht verloren. Wo ſolche Söhne gedeihen, da wird's weder communiſtiſch noch koſakiſch.“ Zwei Menſchen ſtanden hier an einem ent— legenen Wegraine, weitab lautloſe Stille, und wie die letzte Gluth des Abendrothes ſie in einen Glorienſchein hüllte, ſo erglühten auch ihre Seelen in heiligem Glanze. Zwei Menſchenſeelen hatten ich jung und kindlichrein erſchloſſen und wie ſie einander aufnahmen, rauſchte der ewige Geiſt aus ihnen auf und über ſie hin. Es war gut, daß es nach ſolchem Ent⸗ käußern des innerſten Lebens etwas zu thun gab. Die Beiden ſuchten die Theile der Stockflöte, die ſie erſt nach langen Mühen fanden und Frei⸗ haupt mußte über die Empfindſamkeit lächeln, die es ihm leid ſein ließ, daß er das fremde Korn zertreten mußte. Er verſchwieg dies aber, und nun ſchritten die Beiden, die ſich kaum zwei Stunden kannten, wie Brüder und Jugendfreunde ihres Weges fürbaß. Keiner redete ein Wort, jetzt aber nicht, weil ſie einander fremd waren, ſondern weil es keines Wortes mehr bedurfte. Freihaupt wollte im Zergliedern des Erleb⸗ niſſes ihm die entſprechende mindere Bedeutung geben, ja ſogar es komiſch finden; aber er ſchüttelte 2* 20 mehrmals den Kopf, als ob er zu ſeinen Ge⸗ danken Nein! ſagen wollte. Der Lehrer da⸗ gegen nahm ſeine Flöte auf und begann nun Ernſtes und Luſtiges in den Abend hinein er⸗ ſchallen zu laſſen, daß die Leute in den„ein⸗ ödigen“ Häuſern auf die Söller herauskamen und dem ſeltſamen Wanderer nachſchauten und nachhorchten. „Es thut mir leid,“ ſagte endlich Freihaupt, „daß ich dich nicht mitnehmen kann in die neue Welt.“ „Ich ginge auch gerne mit dir. Glaubteſt du mir ein freies Schickſal bereiten zu können?“ „Ich weiß nicht.“ „Wie kommt's, daß du in dieſem Jahre noch keine Kirſche geſehen oder gekoſtet?“ „Ich war. krank. Nein, ich kann dir nicht lügen und darf dir's doch nicht ſagen.“ „So liegt auf deiner Vergangenheit ein Geheimniß? Ich könnte nicht leben, wenn ich etwas zu verbergen hätte.“ „Für dich taugte das auch nicht.“ Die nahen Waldberge am Wege erſchienen noch grün, während die zurückſtehenden ſich ſchon ſchwarzblau gefärbt hatten, als die beiden Wan⸗ derer in das eigentliche Dorf eintraten. Allet druck ſe u rratel ſcheh als mal im 2 einma penbe Vund „Du und Yrittes Rapitel. In hochgeſpannter Stimmung gewinnt leicht Alles eine ungewöhnliche Bedeutung und Ein⸗ drucksfähigkeit. So äußerte der Oekonom als ſie unter dem Abendgeläute in das Dorf ein— traten: was ihm nur in jungen Jahren zu ge ſchehen pflegte, erneuere ſich ihm jetzt; ihm ſei, als ob Alles was jetzt begegnete, ihm ſchon ein⸗ mal vorgekommen wäre, er habe dieſes Dorf im Abendgeläute mit allen Einzelheiten ſchon einmal geträumt. „Vielleicht warſt du ſchon einmal in Ep⸗ penberg?“ ſagte der Lehrer. „Jetzt kenn' ich's, das iſt ja Eppenberg. Wunderbar, daß du mich gerade hierher führſt.“ „Hat der Ort für dich eine Bedeutung?“ „Laß das,“ fuhr der Oekonom plötzlich auf, „Du haſt mir eine honigfarbene Idylle vor die Seele gezaubert, das macht weichmüthig und krank. Ich bin ärgerlich auf dich—“ „Auf mich? Das thut mir tief weh.“ „Ich ſollte eigentlich auf mich ärgerlich ſein, und ſichſt du? du biſt ſchon ſo mein Freund, 22 daß ich dich kränken darf, kränken muß. Du ſagteſt mir, ich könnte dein Leben nicht faſſen, deſſen Komma und Punktums aus kleinen und großen Ferien beſteht. Sieh mich an, da liegt die Welt vor mir mit ihren tauſend und aber tauſend Thätigkeiten, welche ſoll mich faſſen? Das iſt mehr Pein. Wie meinſt du? hatte jener ſtolze Römer recht, der das Wort ſagte: Lieber in dieſem Dorfe der erſte als in Rom der zweite?“ „Ich verſtehe dich nicht.“ Der Eintritt in die Herberge unterbrach die unverſtändlichen Ausbrüche einer Menſchennatur, deren Urgrund noch ſo räthſelvoll war. Konnte der Oekonom vorhin in ſeinem Ge⸗ fährten das offenbar lüſterne Aufzählen der Dienſt⸗ einkünfte bei der ſonſtigen überſchwänglichen Art nicht begreifen, ſo überkam den Lehrer jetzt eine furchtſame Scheu vor dieſer Raufluſt, die ſich gegen das eigenſte Weſen kehrt. Der treffliche Landwein, bei dem die Ge⸗ noſſen jetzt erſt förmlich Brüderſchaft tranken, brachte indeß eine heitere Stimmung. Der Lehrer kam bald wieder aus eigenem Antriebe auf ſeine Auswanderungsluſt zu ſprechen; der Gefährte, der ſich die wunde Hand aufgebunden und nach der hatte Tuch verin lieb, ſah i ander den wide verhe Amer der 6 nach“ fäme dir b ehrlich Lerfq danke Blum jin g tiſche aus, fihre St „ * 23 der Verletzung in der inneren Fläche geſehen hatte, hielt eben das eine Ende des weißen Tuches zwiſchen den Zähnen, um es wieder zu verknüpfen, als der Lehrer ſagte:„Mir wär's lieb, wenn mich einer zwänge fortzugehen“. Da ſah ihn der Gefährte ſtumm die Zähne überein⸗ ander beißend, mit einem heftigen und frohlocken⸗ den Blicke an. Als er ſein Werk vollendet hatte widerſprach er:„Du biſt zu ſchwärmeriſch, zu verhockt, mit einem Worte zu gemüthlich für Amerika. Ich ſchaffe mir noch einen Hund an, der Gemüthlich heißen muß.“ „Dann läuft dir die Gemüthlichkeit überall nach“ erwiederte der Lehrer lächelnd.„Es käme noch auf die Probe an und ich möchte dir beweiſen, welche Kräfte noch in mir ruhen.“ „Laß ſie ruhen in Frieden. Nein, geſtehe ehrlich: Deine Wanderluſt hat nicht blos das Verfaulen Europa's, den reinen allgemeinen Ge⸗ danken zum Grunde, es wächſt keine lebendige Blume in den Schubladen des Apothekers und kein grüner ſaftfriſcher Baum aus dem Studier⸗ tiſche eines Profeſſors; du wanderſt auch nur aus, weil du noch einen perſönlichen Grund haſt.“ Der Lehrer, der eben das Glas zum Munde führen wollte, ſah über demſelben weg den Ge⸗ 24 fährten bedeutſam an, dann leerte er das Glas auf einen Zug, ſah ſich ſcheu um und ſagte endlich: „Siehſt du den ſanften Mondenſchein drau⸗ ßen auf Feld und Wald? Komm, wir gehen auf die Ruine.“ „Soll ich noch zu guter Letzt alle deutſchen Narrheiten mitmachen? Was Adler? Eine ro⸗ mantiſche Fledermaus müßt ihr in euer National⸗ wappen ſetzen.“ „Komm mit.“ 4 Sie gingen doch.* „Es iſt nicht gut von dir,“ ſagte der Leh⸗ rer,„daß du mit ſo bitterem Hohne von deiner Mutter ſcheideſt.“ „Von meiner Mutter?.. Warum ſagſt du von meiner Mutter? Ich habe mein Vater⸗ land zu ſehr geliebt, ſeine Stricke haben die Ab⸗ ſchiedshand zerfleiſcht.“ biſt aſo „Frage nichts, ich ſage dir die Wahrheit nicht. Ich will nicht von meinem Schickſal reden. Die Menſchen ſind ſo verderbt, daß ſie aus ihrem Schmerze eine Glorie machen und mit einem ge⸗ wiſſen Wohlgefühl um Mitleid betteln. Erzähle, was drängt denn dich fort?“ Vat mich um noch Hen Bru nir, lebe wirt nehr Vutt in d bis iſt gebl der ſizt nit Vil neſt ahrbeit 25 „Meine Geſchichte iſt ganz einfach. Mein Vater war fürſtlicher Stallknecht, ich erinnere mich ſeiner nur noch als ihm die graue Uniform um den Leib ſchlotterte, ſein Huſten höre ich noch immer; er hatte ſich mit einem arabiſchen Hengſte überſtürzt und das Pferd hatte ihm die Bruſt zerdrückt. Dein muthſicheres Weſen zeigt mir, daß du keine Ahnung haſt von dem Jugend⸗ leben eines Kindes, dem immerdar eingeſchärft wird, ſich demüthig zu beugen und von den vor⸗ nehmen Kindern Alles gefallen zu laſſen. Mein Vater wurde Thorwart am ſüdlichen Eingange in den Hofbau. Dort ſaß er nun vom Morgen bis zum Abend am Fenſter, und viel öfter als die Schwarzamſel im Bauer über ihm ſang, huſtete er. Eine Ohrfeige, die er mir einſt gab, iſt mir am lebendigſten von ihm in Erinnerung geblieben. Mein Kamerad Wilhelm Vogel, war der Sohn eines Kammerdieners. Mein Vater ſitzt eines Sommerabends vor der Thüre, ich mit dem Wilhelm nicht weit davon; da ſagt der Wilhelm: das Schloß iſt das große Storchen⸗ neſt und im Hofbau da ſind die Spatzenmenſchen, die ſich in den Wänden des großen Neſtes an⸗ ſiedeln... Unverſehens bekommen wir beide einen tüchtigen Schlag an den Kopf und vor 26 uns ſteht mein Vater und ſpricht weiter kein Wort. Das iſt die erſte Ohrfeige, die ich um den Freiheitsſinn Wilhelms bekommen, eine ſpätere ſpüre ich noch. Ich war acht Jahre alt, als ich mit meiner jüngeren Schweſter in's Waiſen⸗ haus kam, meine Mutter war bald nach dem Vater geſtorben. Ich war ſo albern, im Waiſen⸗ hauſe Talent zu zeigen. Während ich ſonſt einen guten Hofdienſt bekommen hätte, wurde ich nun zum Schullehrer beſtimmt. Ich weiß noch: mein einziger Troſt war, daß ich nun doch auch Klei⸗ der wie andere Menſchen bekam und nicht aus der Waiſenkleidung in die Uniform überging. Ich ward Lehrer an der Armenſchule, meine Schweſter Hausmädchen bei der Oberhofmeiſterin von Belgern.“ „Wie hieß deine Schweſter?“ „Clara, ſie wurde aber Chriſtel genannt weil ihre Vorgängerin ſo hieß. Sobald ich in der Lage war, nahm ich meine Schweſter zu mir und führte eigenen Haushalt. Ich legte ihren Lohn, den ſie anderswo verdient hätte, regelmäßig auf die Sparkaſſe. Wir lebten ſehr glücklich. Im Seminar hatte ich meinen Kame⸗ raden Vogel wieder bei mir gehabt, er war ein Met kecke Tur Mat nam und durc ob e ſolle. ſeliſc werk Era und ſeine um Geri grün die ihm ſeine hätt nich 27 Menſch, ſchön wie ein griechiſcher Gott, voll kecken Uebermuths, der uns Alle namentlich vom Turnplatze her beherrſchte; er war der beſte tere Mathematikus und ein vortrefflicher Sänger, man als nannte ihn nur den Singvogel.“ „Er ſang Tenor.“ „Kannteſt du ihn?“ „Erzähle weiter.“ „Wilhelm hatte nur Sinn für Melodie und keinen für Rhythmus; das geht vorbedeutend durch ſein ganzes Leben. Er war zweifelhaft, Klei⸗ ob er zum Theater oder unter das Militär gehen t s ſolle. Er trat in die Artillerie, brachte es aber ſeltſamerweiſe nicht weiter als zum Oberfeuer⸗ weine werker, obgleich er die Offizierszöglinge zum eiterin Eramen einpaukte. Wilhelm beſuchte uns oft und— da iſt nicht viel zu ſagen, Clara war ſeine Geliebte. Ich drang ſtets darauf, daß er enannt um eine Civilverſorgung nachſuche; er konnte ich in Gerichtsdiener werden, das war eher zur Be⸗ ſter zu gründung einer Familie geeignet. Er betrieb legte die Sache nur läſſig, worüber ich oft Hader mit tte, ihm hatte. Als Verſöhnung mußte ich dann ſehr ſeinen Geſang zum Klavier begleiten. Damit Kame⸗ hätte er noch andere Menſchen verſöhnt als r ein mich. Wieder tauchte die Theaterluſt in ihm 1 28 auf. Da kam der Frühling 48. Ein Baum im ſtillen Thalgrunde, wenn er reden könnte wie im Frühling die Säfte durch Stamm und Zweige rieſeln und rollen, wie in allen Knospen Pulſe klopfen, ſo freudeſelig war mir's; ich hätte gern die ganze Welt an mein jauchzendes Herz gedrückt. Ich rufe mir das oft zurück, ich will es nie vergeſſen, nie. Als erſte Begünſtigung des Volkswillens wurden zwanzig Unteroffiziere zu Offizieren befördert.“ „Ja ja, man kaufte dem großen Kinde, Volk genannt, ein Spielzeug aus ſeinen eigenen Steuern.“ „Wilhelm war der erſte unter den Avancir⸗ ten. Er kam jubelnd zu uns. Ich aber weigerte ihm die Hand und erklärte ihm unbedingt, daß er nie mehr unſere Schwelle betreten dürfe; als Offizier konnte er meine Schweſter nie heirathen, da an ein Aufbringen der nöthigen Cautions⸗ Gelder gar nicht zu denken war. Er betheuerte, daß auch das abgeſchafft würde. Ich blieb ſtandhaft und meine Clara mußte vor meinen Augen von ihm Abſchied nehmen. Ich ſah ihn nie mit den Epauletten. Seine Batterie mußte bald nach der Grenze. Mitten im Jubel der ganzen Welt war jetzt in meinem Hauſe ſil den der mei mei na Ver An daß 12 — ſtille Trauer.— Meine Clara duldete ſtill und demüthig, ſie lächelte mir zu wenn ich kam, aber der alte Friede war dahin. Ich pflegte unbeirrt meines Berufes, ich hielt mich nie wie ſo viele meiner Collegen für geeignet, ein großer Staats⸗ mann zu werden. Ich war nur Einmal in der Verſammlung des Volksvereins.“ „Warum?“ „Ich bin mit meinem einzigen öffentlichen Antrage glanzvoll durchgefallen. Ich beantragte, daß die Demokratie es ſich zur Pflicht mache, die öffentlichen Gärten und Anlagen zu ſchützen. Und noch heute iſt es meine Ueberzeugung, daß dieſe Kleinigkeit den Beweis führt, daß wir nicht zu Republikanern taugen; wem es beliebt beſchreitet den Raſen und Niemand will freiwilliger Wäch⸗ ter der Ordnung ſein. Die alten Griechen hatten gewiß keine Schildwachen und Warnungs⸗ tafeln bei ihren öffentlichen Bildſäulen.“ „Wie ging dir's in deiner Schule?“ „In meiner Schule ward mir's ſchwer, der Zuchtloſigkeit nur einigermaßen Meiſter zu werden, an regelmäßigen Beſuch war gar nicht mehr zu denken. Ich lehrte die Kinder das Lied: Was iſt des Deutſchen Vaterland? Ich hatte viel Mühe mit dieſem geſungenen Katechismus, 7 — 30 und gewiß hundertmal mußte ich erklären, daß in dem Verſe: So weit die deutſche Zunge klingt Und Gott im Himmel Lieder ſingt das Wort Gott hier im Dativ gebraucht iſt. Unter ſich aber ſangen die Knaben das Hecker⸗ lied und waren Alle eingefleiſchte Republikaner. Mehr als ein Dutzend meiner Schüler ließen ſich den ganzen Sommer über nicht mehr ſehen. Sie ſtanden im Dienſte der Propaganda als fliegende Buchhändler und dieſe Placate und der⸗ gleichen ſpukten immer unter den Schulbänken und drängten ihre Stichworte in die Schreib⸗ hefte, deren Decken revolutionäre Geſtalten und Worte trugen. Der glücklichſte heiligſte Tag meines Lebens war der 6. Auguſt.“ „Du hoffteſt alſo damals noch etwas von den traumhaften Staatsweiſen der Paulskirche, die zuerſt den Feind bewaffneten, und dann mit leerer Hand Geſetze geben und Geſchichte machen wollten?“ „Meine ganze Seele war Eine Freude. Ich erklärte den Kindern, daß es an dieſem Tage gerade zwei und vierzig Jahre ſeien, ſeit⸗ dem Deutſchland ſelbſt den Namen der Einheit aufgegeben habe. Und als ich mit meiner Schule hinauszog, wo das ganze Volk mit den Waffen in der Hand ſeinem ſelbſterwählten Reichsver⸗ weſer huldigte, als Tauſende und aber Tauſende riefen: Hoch das einige freie deutſche Vaterland! cht iſt. als ein Jeder die Hand ſeines Nachbars faßte und ihn an die Bruſt drückte wie einen endlich mer. wiedergefundenen Bruder, da mußte ich vor Freude weinen.“ „Und du möchteſt dennoch auswandern?“ „Ja,“ fuhr der Lehrer fort, nachdem er er ſich eine Weile beide Augen mit der Hand ge⸗ anken drückt hatte.„Ich will es kurz machen. Der chreib⸗ zweite Frühling kam, die Hoffnungen erſtarben und in ihm, die bewaffnete Erhebung brach aus. Tag Wilhelm trat als Oberſt bei uns ein. Ich war widerſtandslos, meine Clara glückſelig. Wilhelm s von war der letzte unter den Flüchtigen; ein Brief skirche, aus Straßburg rief meine Clara zu ihm, ſie mit war entſchloſſen ihm zu folgen. Ich geleitete machen ſie, und an meiner Hand ging ſie zum Traualtar. Die Beiden klammerten ſich an mich, ich ſolle Freude. mit ihnen in die neue Welt ziehen; ich riß mich dieſem gewaltſam los. Ich kehrte zurück in's Vaterland ſeit⸗ und wurde, weil ich mit Wilhelm zuſammen ge⸗ Finheit kommen war, ſuspendirt und zur Unterſuchung Schule gezogen. Ich ward freigeſprochen und es gelang 32 . den Bemühungen der Fräulein Theoroſa von . Schüttenhelm, einer Wohlthäterin, die die Ar⸗ „ menſchule oft beſuchte, in Gemeinſchaft mit der Frau des Conſiſtorial⸗Directors, bei deren El⸗ tern meine Mutter in Dienſt geſtanden hatte, mir die Stelle zu verſchaffen, der ich zuwandre. ſt Ich werde mir Mühe geben, meinen Beruf zu„duß erfüllen, aber meine Seele ſteht auf der Lauer . und blickt hinüber über das Meer. Hier komme 6 ich nie mehr, das weiß ich, zu einem erträglichen Lvoſe, ich ſtehe auf der ſchwarzen Tafel und drüben ſind die einzigen Menſchen, die mein ſind.“ Man war auf der Ruine angelangt. ein „Du würdeſt alſo“ ſagte der Oekonom, n „wenn du hier einen Schatz fändeſt, es iſt ja guſ in alten Ruinen möglich, ſchnurſtracks damit an's Meer eilen?“ bu „Foppe mich nicht.“ 6 „Komm hieher in's Licht, hier, kannſt du Wi leſen? Nimm und behalte es.“ Der Lehrer hielt in zitternden Händen ein Päckchen engliſcher Banknoten im Betrage von ie zweihundert Pfund Sterling. vin Kehret ih li ſt dy Piertes Rapitel. „Hat meine Offenherzigkeit das verdient?“ ſagte der Lehrer, das Päckchen zurückgebend, „daß du mich ſo verhöhnſt?“ „Du behältſt das Geld, ich ſchwör' es dir, ich thue den Schwur der Polen: So wahr ich meine Mutter liebe, es iſt mein Ernſt.“ Biſt du „Sieh mich an, ich habe keinen Pferdefuß. Sind wir Menſchen Kicht die armſeligſten Crea⸗ turen! Wir ſprechen mit heißem Herzen einen Wunſch, und vermöchte ein Zauber uns ſolchen zu gewähren, wir ſtünden mit offenem Munde und ſchlaffen Händen da. Friſch auf Bruder! Du ziehſt nach Amerika.“ „Und du?“ „Ich ziehe auf deine Stelle. Gieb her, hier haſt du alle meine Papiere, gieb die deinen. Du heißt Freihaupt und ich bin der Lehrer Eugen Baumann. Hokuspokus Peſtalozzi, ich bin wohlbeſtallter Meiſter Bakel.“ „Heißt du denn Freihaupt?“ 34 „Nein, aber du kannſt nicht leben, wenn du ein Geheimniß haſt und zu deiner Sicherheit darf ich dir nicht ſagen, wer ich bin, wenn ich auch wollte.“ „Wie kommſt du zu dieſem Reiſepaß mit den vielen Viſa's?“ „Das darf ich dir ſagen, dieſer Ablaßzettel iſt nicht älter als zwei Tage. Wir haben hilf⸗ reiche Beamten und eigene Amtsſiegel aus allen Provinzen Deutſchlands, ja ſelbſt an geſandtſchaft⸗ lichen fehlt es uns nicht... Jetzt frage aber hierüber nichts weiter, du erfährſt nichts mehr lieber Freihaupt.“ „Und warum fliehſt du nicht nach der nahen Grenze?“ „Weil ich in deine Stelle eintrete.“ „Das kann nicht dein Ernſt ſein.“ „Mein heiliger Ernſt. Du haſt es heute geſagt: Niemand hat das Recht, ſich perſönlich vom Gebot der Idee zu emanzipiren. Ich mache nur eine andere Anwendung. Das iſt die Jäm⸗ merlichkeit unſrer ganzen Zeitgenoſſenſchaft, daß Jeder auf die allgemeine Umwälzung wartet und nicht mit ſich anfängt. Es gibt Barone und Geldſäcke, die ſich theoretiſch zum Socialismus ja zum Communismus bekennen, das iſt leicht, weil wird, Genu Flam Menſ aber in de Drud ihr e ſollt. ich w armel noch zu ve geſugt gebrac langen Stelle welche licht aſche weihe könt geben ſ noch„ der es heute verſönlich Ich mache die Jäm⸗ haft, daß vartet und e und ocialismus iſt leicht, 35 weil ſie wiſſen und fühlen, daß nichts daraus wird, und einſtweilen fröhnen ſie der raffinirteſten Genußſüchtelei; es gibt Tauſende, die in Zornes⸗ Flammen lodern über die Zurückſetzung der Menſchen, Gleichheit! Gleichheit! rufen ſie, ſelber aber fühlen ſie ſich gelangweilt ja angeekelt in der Geſellſchaft von Schuſtern und Kattun⸗ Druckern und muthe ihnen nur einmal zu, daß ihr eigen Hausgeſinde mit an ihrem Tiſche eſſen ſollte. Ich aber habe mit Herz und Hand gelobt, ich will mich meiner Liebe zum Volke, zu dem armen, beſchmutzten, laſterhaften und doch allein noch heiligen opfern; ich bin entſchloſſen, es zu vollführen. Du haſt mit Recht von dir geſagt, du habeſt der Humanität dein Theil Opfer gebracht, mir aber erfüllſt du das heißeſte Ver⸗ langen, da du mich eintreten läſſeſt in deine Stelle.“ „Ich kenne dich nun ganz, dein Name ſei welcher er wolle. Bedenke aber, daß es hier leicht gehen kann, wie bei allen ſchwärmeriſchen, raſchen Bündniſſen. Es iſt leicht geſagt: Ich weihe dir den ganzen Inhalt meines Seins, könnte man die Summe der Liebe auf Einmal geben, einem zerſchmetternden Schickſalsſchlage ſich blosſtellen und vergehen, es wäre leicht; 37 36 aber die kleinen ſtets wiederkehrenden Opferungen, die werden dich erkälten.“ „Mein einziger Glaube iſt der an die ewige Göttlichkeit des Menſchengeiſtes. Dieſer Glaube ſteht in mir und iſt von keinen Erſcheinungen außer mir abhängig. Die Verderbtheit und Bos⸗ heit, ja die Gemeinheit kann manches Außenwerk zerſtören, in das Allerheiligſte hier dringt ſie nicht.“ „Und du ſagteſt doch, daß Niemand aus einer allgemeinen Idee ſich zu einer That bringe?“ „Ja und auch ich bin keine Ausnahme. Wer ohne perſönliche Anreizung und Abſicht die Thaten vollbrächte, der wäre der Heiland der Welt. Wer die ganze Welt liebte und voll⸗ kommen unſelbſtiſch immer nur für ſie arbeitete, den müßte die ganze Welt gegenlieben und ihm zu Dienſten ſein. Ich geſtehe dir, daß ich weit von dieſer Erhabenheit bin, mich hält noch ein beſonderes Etwas im Vaterland zurück.“ „Und das darfſt du mir nicht ſagen? Bedenke, ich bin wenn ich hinüberziehe, wie ein Sterbender, ich habe kein Wort mehr für das Diesſeits. Du ſchweigſt? Willſt du vielleicht an einem Menſchen Rache üben?“ „Nein, es iſt das Heiligſte und Reinſte, was mich zurückhält.“ und und todt, erſch mein dir! licher Spu gauer mirs meine meine heſchä Vort lebt, erzh er ne und ihm ich weit och ein ſagen? wie emn rfür das d Reinſte, 37 „So muß ich es wiſſen, daß es mich befeſtige und tröſte, wenn ich dir willfahren ſoll.“ Der Oekonom zog den Lehrer feſt an ſich und ſagte dann mit gepreßter Stimme: „Ich ſuche meine Mutter. Sie iſt nicht todt, ſie kann nicht todt ſein und doch ſpurlos verſchwunden... Ich kann dir jetzt die Geſchichte meines Lebens nicht erzählen. Damals, wie ich dir heute erwähnte, als ich am Rheine die fröh⸗ lichen Zeitgenoſſen fand, war ich auf der falſchen Spur, irregeleitet durch einen habſüchtigen Rhein⸗ gauer Schiffer. Ich kann dir nicht ſagen, wie mir's war, als ich vor die Frau hintrat, die meine Mutter ſein ſollte; mein Herz ſtand ſtill, meine Zunge war gelähmt, zerſchmettert und beſchämt zog ich von dannen ohne das rechte Wort ausgeſprochen zu haben. Und doch ſie lebt, ſie muß leben, o laß mich nicht weiter erzählen.“ Der Lehrer ſtand erſchüttert, dennoch hatte er noch mancherlei Bedenken, aber alle wurden in einem Tone vorgebracht, der den Wunſch einer Widerlegung heiſchte, die auch leicht ge⸗ geben ward. Er ſchien weſentlich beruhigt und einverſtanden, als er plötzlich wieder aufſchrie: „Nein nein, es geht nicht.“ Er deutete nach 38 der hell vom Monde beleuchteten Thurmwand hin.„Siehſt du,“ fuhr er bebend fort,„dort meinen Schatten? Ich komme mir vor wie Peter Schlemiehl, der ſeinen Schatten verkauft, ich kann nicht, ich kann dir meinen Namen nicht geben.“ Ein helles Gelächter wiederhallte in den Ruinen. Raſch aber ſuchte dann der Oekonom wieder die Stimmung des freudigen Ernſtes zu erregen, mit der ſie die„Wiedergeburt zweier Menſchen“ begehen wollten. Der Lehrer kam ihm dabei zu Hülfe, ſei es, daß er ſich ſeiner eben gethanen wunderlichen Aeußerung ſchämte und ihr eine höhere Bedeutung zu geben ſtrebte, oder daß dieſer Gedanke ſchon vorher in ihm lebte und nur aus ihm jener Ausruf wie ein ſturm⸗ gebrochener Zweig ſich ablöste, genug er äußerte: „Jetzt überkommt mich's ſo ſchwer, daß ich in Amerifa fortleben, einen andern Namen führen, ein neues Daſein gewinnen foll und nicht als Deutſcher fortleben, für Deutſchland da ſein. Das iſt wie die von den Philoſophen ausſpekulirte Unſterblichkeit, ohne perſönliches Bewußtſein als Atom des Weltganzen. Es iſt gleich, ob ich mich in Nichts auflöſe oder bewußtlos, abgetrennt von aller Erinnerung fortſchwimme im Weltbrei.“ hieni gur wenn Kart hen und ſchön haſtic weich in E laſſen thus der 2 fort, dem gunz nerke in T war zurte 1 zurüt Glil 39 mwand„Wie du nur ſo reden kannſt, du erbſt ja dort hienieden eine Unſterblichkeit. Du willſt vielleicht gar noch dann immer Eugen Baumann heißen, wenn einſt dieſe reputirliche Naſe eine wirkliche Kartoffel und dieſe blauen Augen lebendige Veil⸗ chen geworden ſind? Biſt du nicht ein Menſch in den und ſind nicht drüben über'm Meer all' deine Oekonom ſchönſten Erinnerungen?“ Ernſtes zu„Ja ja, das iſt's, ja ich komme,“ ſprach er zweier haſtig als rufe ihn Jemand, dann fuhr er wieder er kam weichmüthig fort:„Halte mir nur meinen Namen ſeiner in Ehren, ich habe keinen Makel darauf kommen ſchämte laſſen. Es iſt närriſch, daß ich daran denke, aber ſtrebte, thu's mir zu lieb und lach' mich nicht aus.“ in ihm Er überreichte zitternd ſeine Schriften aus ſturm⸗ der Bruſttaſche, dann ſagte er fröſtelnd:„komm außerte: fort, mich friert, als wäre mir ein Stück aus daß ich dem Herzen genommen; aber es iſt Alles gut, führen, ganz gut. Wie heiß ich? ruf mich, daß ich's t als merke. Freihaupt! Freihaupt!“ rief er über die Das im Mondſchein glänzende Landſchaft hin und es ſpekulirte war faſt geiſterhaft, da ein Echo den Namen ßtſein als zurückrief, wie aus einem Verſtecke heraus. b ich mich Die Beiden kehrten nach dem Wirthshaus rennt von zurück. Der Oekonom beſtellte eine Bowle brei.“ Glühwein. Fünftes Rapitel. Beim dritten Glaſe dés ſtarkgewürzten Trankes lebte der Lehrer wieder auf und machte ſich über den Neugebornen luſtig, der ſo tapfer zechen könne. „Noch ein Glas für den Freihaupt,“ rief er jetzt. Der Oekonom aber weigerte dies, da ſie nicht in das neue Leben hineintaumeln wollten und noch Ernſtes zu bereden hätten. Er ver⸗ langte vor Allem Nachrichten über die Familien⸗ beziehungen und perſönlichen Verhältniſſe des Lehrers und vernahm zu ſeiner Beruhigung, daß er jener faſt ganz ledig ſei und perſönlich ein⸗ ſiedleriſch gelebt habe. Nun wünſchte er einige feſte Handhaben für den Unterricht der Jugend, da die Verantwortung für das Geiſtesheil ſo vieler jungen Menſchenkinder keine geringe ſei und nicht leichtfertig übernommen werden könne. Der Lehrer ſah den Fragenden geraume Zeit ſtarr an, dann begann er lächelnd:„Die Kunſt in drei Stunden ein fertiger Pädagoge zu werden— das Buch fehlt uns noch. Merke S ſtill alle und heſt nkönne. geraume Die „—i 41 dir vor Allem: Wenn du in die Schule kommſt, da ſitzen die Kinder gekämmt und ungekämmt hinter den Bänken, da räuſpere dich und denke ſtill bei dir: Alles was du weißt iſt nichts nutz, alle deine Methoden von Adam bis auf Wurſt und Becker ſind nichts nutz und jetzt biſt du der beſte Lehrer. Frag deine Kinder aus, ſieh ihre Schreibhefte nach und geh weiter. Macht euch eure Methode mit einander und es geht Alles gut. Alle abſtraete Methodik iſt nichts als ſyſtem⸗ wüthige Spiegelfechterei, das Beſte was ein Lehrer in ſeiner Schule leiſtet, kommt aus ihm perſönlich, aus dem reinen Naturtriebe.“ Trotz dieſer ſcheinbär ſkeptiſchen Bekenntniſſe knüpfte der Lehrer dennoch eine Menge kleiner praktiſchen Kunſtgriffe an ſeine Erörterung. Er gerieth dabei ſo in Redefluß, daß er gar nicht enden zu wollen ſchien; er verbreitete ſich aus⸗ führlich über die endliche Erlöſung von der abſtracten Methode und lachte dabei ſelbſt über ſeinen eigenthümlichen Humor, da er bei Dar⸗ legung des Sprachunterrichtes ſagte:„Man iſt endlich wieder darauf gekommen, daß das lebendige Geſchöpf vor der gehackten und logiſch compo⸗ nirten Wurſt da iſt.“ Der Oekonom war von dem Gehörten ſo befriedigt, daß er dem Redner . mehrmals wieder einſchenkte und dieſer trank faſt ohne Pauſe zu machen immer wieder raſch aus. Als der Oekonom fragte, welche kirchlichen Verrichtungen ihm als„proteſtantiſchen Lehrer“ zukämen, da faßte ihn der Lehrer ſo heftig an der rechten Hand, daß er vor Schmerz aufſchreien mußte, der Lehrer aber überſchrie ihn mit den Worten: „Du biſt wol gar kein evangeliſcher Chriſt?“ „Ich bin als Chriſt geboren und erzogen.“ Der Lehrer ließ ſich in abſonderliche Schmä⸗ hungen auf die deutſchen Grundrechte aus, die es verſchulden, daß die Confeſſion nicht mehr aus dem Reiſepaſſe erſichtlich ſei. Der Oekonom verſtand es raſch die Erörterung auf den Kampf zwiſchen Kirche und Schule überzulenken und hier loderten nun die Zornesflammen des Lehrers über die Knechtung der Schule durch das Pfaffen⸗ thum gewaltig auf; es war weniger das kirch⸗ liche Prinzip, gegen das er eiferte, als daß nicht Lehrer und nur Lehrer zu den oberen Schul⸗ Behörden aufrücken und ſo in alten Tagen eine höhergeſtellte und minderangeſtrengte Wirkſamkeit finden ſollten. Plötzlich ſprang er auf, faßte den Oekonomen an beiden Armen, ein Gedanke, den er vorhin überhört, ſtieg jetzt drohend in ihm auf. „d we de wi mi ſch di I— ale un 43 „Die Verantwortung iſt zu groß,“ rief er, „die Seelen der Kinder ſchreien auf nach mir. Gieb mir meine Zeugniſſe wieder, du mußt, wer weiß, ob du nicht ein gemeiner Verbrecher, der auf meinen Namen weiter rauben und morden will. Hier nimm dein Geld, Alles, gieb mir mich ſelbſt wieder. Du mußt, du mußt, ich ſchreie Feuerjo! Hülfe! zum Fenſter hinaus.“ Schmerzlich lächelnd reichte der Oekonom die Schriften, indem er halb vor ſich hin ſagte: „O das Mißtrauen, das bindet und knechtet mehr als Ketten und Bajonette. Mißtraue dir ſelbſt und du gründeſt die Pfaffenherrſchaft, mißtraue deinen Mitbrüdern und du gründeſt die Fürſten⸗ Herrſchaft. Und glaubſt du das Mißtrauen getödtet zu haben, der Geiſt des erſchlagenen kämpft immer wieder und Schwerter ans der ungreifbaren Luft geſchwungen verwunden und ermorden dich. Ich könnte dir ſagen wer ich bin, ich bin... nein, ich kann dir's ja nicht beweiſen. Nimm Alles wieder, ich zürne dir nicht, denke, es war ein Traum.“ Der Lehrer war auf einen Stuhl geſunken und ſaß mit niederhängendem Kopfe da. Eine lange Pauſe trat ein nach der er vor ſich hin ſprach:„Jakob erhielt den Namen Iſrael erſt nachdem er mit Gott gerungen, Theſeus hieß erſt von da an ſo als er die Waffen ſeines Vaters unter dem Felſen hervorgeholt hatte; es iſt ſchön ſeinen Namen erſt zu gewinnen durch eigne That.“ Man wußte nicht, ſprach er mit ſich oder ſeinem Nachbar als er fortfuhr:„Eugen, ich wäre nicht mehr glücklich in meinem umgrenzten Sein, der Käfig war offen und ich hatte nicht den Muth hinauszufliegen. Ja ja, du biſt angeſtellt und die Beſoldung ſteckt dir hüben und drüben Futter und Trank an den Käfig. Nein, nein. O mein Vaterland!“ Laut weinend fuhr er fort:„Clara und du kecker Singvogel, ihr ſeid meine einzigen Menſchen auf der Welt. Sollen meine Augen euch nie wiederſehen? Lebt ihr auf einem Sterne, geſtorben? Nein, ich konnte zu euch und meine Füße waren feſt⸗ gewurzelt, der Boden will mich nicht laſſen. Gebt mir euren James auf meine Arme. Nein du ſollſt nicht James heißen. Ein Deutſcher mußt du werden.“ Er ſprang auf, umarmte und küßte den Oekonomen und rief voll wilder Freude:„Drüben in der neuen Welt will ich wirken für die Rettung des Deutſchthums. O! es iſt herrlich, es ſoll nicht untergehen in fremder irr des dun ihn Ju wa es Bildung, deutſcher Name und deutſcher Geiſt müſſen hochgeachtet bleiben. Jeder Deutſche muß auf ſein Vaterland zurückſchauen wie die Juden auf Kanaan, ohne Luſt zur Wiederkehr und doch treu gedenkend. Europa iſt der Orient Amerika's. Ja, ich ziehe hin. Verzeih mir lieber Herzens⸗ Bruder. Nun bitt' ich dich nur eins, zwinge mich, thu mir die einzige Liebe, zwinge mich, laß nicht ab, daß ich in dieſer Stunde noch abreiſe.“ Der Oekonom war mit Ruhe all den irrlichtelirenden Sprüngen in den Aeußerungen des Lehrers gefolgt, er glaubte anfangs weſentlich die Folgen des ſogenannten trunkenen Elends zu ſehen und ſchalt ſich ob ſeiner Nachgiebigkeit und Vergeſſenheit. Als er nun aber die neue Wen⸗ dung zur Rückkehr wahrnahm, ſtand es feſt in ihm, jetzt nicht darauf einzugehen; es erſchien ihm nun einerſeits wirklich vermeſſen, mit der Jugendbildung eines ganzen Dorfes einen ge⸗ wagten Verſuch zu machen, andrerſeits erſchien es als ein Frevel, dieſe weichmüthige Natur, die mit ſo geheimen zarten Banden an das Vaterland geknüpft war, loszureißen und einem wechſelvollen Schickſal zu überlaſſen. Er ſagte daher entſchieden und beſtimmt: 5 46 „Unſre Angelegenheit iſt erledigt. Ich ſehe wohl, man kann nicht in einer Stunde einen neuen Menſchen anziehen. Bleibe du ruhig in deinem Berufe, ich ziehe meinen Weg. Rede dir ja nicht ein, du hätteſt in der neuen Welt für das Deutſchthum wirken können. Wer nach Amerika auswandert und an einer Nationalität feſthalten will, iſt ein Narr oder ein Schwärmer. Die Freiheit dort hat den Beruf, den die Kirche erfüllen wollte und nie konnte, ſie hebt die Unterſchiede der Nativnalitäten auf und einigt die Menſchen zu Einer Familie. Da müſſen Sprache, Sitten und Gewohnheiten unterſchieds⸗ los verſchwinden.“ „Das iſt deine Anſicht und gewiß auch nicht ganz. Du willſt mich durch Widerſpruch nur abwendig machen oder gar...“ „Reizen und locken meinſt du wohl? Sieh doch, ich hielt dich für einen kindlich reinen Menſchen, aber du weißt auch von Hinterliſt. Ja ja, es gibt kein Verhältniß auf Erden, das nicht die falſche Klugheit beſchmutzte.“ Der Lehrer ſiel heftig erregt vor dem Oekonomen auf die Kniee und beſchwor ihn weinend, Alles zu verzeihen und ihm zu will— fahren. Der Oekonom aber blieb unnachgiebig. 1 Der chen er du Con beko vore vere Ner Cor Ma ob d Penſ dran Nöt Kloy mit drin und vor jetzt gen S ph + Der Lehrer ſtand auf, ſchnallte haſtig das Ränz⸗ chen auf, nahm ein Buch heraus und als wollte er ein Pfand geben, ſagte er:„Da, nimm das, du haſt ſonſt ein mangelhaftes Eremplar des Converſationslerikons wenn du meine Bücher bekommſt. Hier den Artikel Amerika las ich vorahnend grade ehe du aus dem Walde tratſt. Hör mich ab, ob ich gut gelernt habe. Die vereinigten Staaten Nordamerikas ſind: Maine, Neuhampſhire, Maſſachuſets, Rhode Ioland, Conecticut, Neu⸗York, Neu⸗Jerſey, Penſylvanien, Maryland, Virginien, Georgien, Alabama.. „Genug, genug,“ rief der Oekonom lächelnd ob dieſes nach Art eines Schulknaben hergeſagten Penſums. Mitternacht war längſt vorüber, der Oekonom drang darauf, daß ſie nun ſchlafen gehen müßten. Plötzlich wurden die beiden Männer durch ein Klopfen an die Thür erſchreckt; der Wirth kam mit Entſchuldigungen wegen ſeines ſpäten Ein⸗ dringens, er ſei eben erſt nach Hauſe gekommen und ſeine Frau habe vergeſſen, den beiden Herren vor Schlafengehen die Päſſe abzufordern, wie jetzt geſchehen müſſe, wenn er nicht in Strafe genommen werden ſolle. Eine kurze Weile hatte dieſer Zwiſchenfall 48 die beiden Männer erſchreckt; der Lehrer aber fand ſich am erſten wieder in die frühere Stim⸗ mung und ſprach noch aus dem Bette herüber, ihm ſei als ſchwimme er ſchon auf dem Meere, er möchte mit den Schwalben fliegen, die über das Schiff hinziehen. Dann fing er an wie er ſagte, ſein„Teſtament zu machen.“ Die großen Kiſten mit dem Hausrath, mit Kleidern, nachgeſchriebenen Heften und Büchern erbt der Kamerad, nur ein kleines Päckchen Briefe, das kreuzweis mit einem blauen Bande zuſammen gebunden war, ſollte ein Jahr lang uneröffnet bleiben, wenn er bis dahin nicht um deſſen Zuſendung bitte, und noch eins ſchloß er: „die ſilberne Tabaksdoſe meines ſeligen Vaters worin die beiden Trauringe der Eltern in ein rothes Papier eingewickelt ſind, die aufbewahrſt du mir, verkaufſt oder verpfändeſt ſie nie.“ Bei dieſer letzten Zumuthung und Verwahrung richtete ſich der Oekonom auf und konnte ein ſtolzes Lächeln nicht unterdrücken; aus der nach Trödelbude und Pfandhaus gerichteten Furcht und Hoffnung ſah er mehr als aus allem andern den engen Lebenskreis ſeines Gefährten. Dieſer aber fuhr wieder fort ihm zu berichten: Im „Wesgweiſer für deutſche Lehrer von Dieſterweg“ werde ſehr ni Levana überhau „ halb ſc ſamkeit Hobſeli Stücke Aſchie A zurückga ewige 2 hatte, Oekonon großen ſi Oekonon reichte e ſhrieb: Es ſhon A erörtert. De et dem Grenze an den um 49 werde er viele Bleiſtiftnotizen finden, die ihm ſehr nützlich ſein könnten, auch in Jean Paul's Levana, die ſein Liebling ſei wie Jean Paul überhaupt. „Das glaube ich,“ ſagte der Oekonom ſchon halb ſchlafend. Auf dieſes Zeichen der Aufmerk⸗ ſamkeit hin zählte der Lehrer noch all ſeine Habſeligkeiten auf und nahm von jedem einzelnen Stücke Abſchied, bis das Bewußtſein von ihm Abſchied nahm und er ſüß entſchlummerte. Als andern Morgens der Wirth die Päſſe zurückgab und das Fremdenbuch brachte, das der ewige Belagerungszuſtand auch hieher geführt hatte, nahm der Lehrer ſchnell den Paß des Oekonomen, ergriff das Buch und ſchrieb mit großen ſichern Buchſtaben hinein: Albert Freihaupt, Oekonom aus Birkenhagen in Pommern. Dann reichte er ſeinem Kameraden das Buch und dieſer ſchrieb: Eugen Baumann, Lehrer aus Erlenmoos. Es wurde wenig mehr geſprochen, war ja ſchon Alles bis zur Verwirrung hin und her erörtert. Der Dekonom ſchrieb noch einen Brief, den er dem Lehrer einhändigte, um ihn jenſeits der Grenze der erſten Poſt zu übergeben. Er war an den Kriegsminiſter in der Hauptſtadt adreſſirt. 4 Zwei Stunden darauf fuhr ein Berner⸗ wägelein raſch davon der Grenze zu, drinnen ſaß der Lehrer, er winkte mit ſeinem Tuche noch oft zurück und pflanzte es zuletzt als Fahne auf ſeine Stockflöte... Der Oekonom, den wir jetzt als Lehrer vor uns haben, ſaß hinter dem Tiſche in halb⸗ träumeriſches Sinnen verſunken, er war voll Müdigkeit wie nach einer Nachtwache bei einem Kranken, wo man fragend in den friſchen Tag hineinſchaut und nicht faſſen kann, wie alle Welt rüſtig das morgendliche Leben beginnt. Da kam ein mittelgroßer junger Mann mit jenem bräun⸗ lich ſchmalzigen Geſichte, wie man es ſo oft bei der oberdeutſchen Kleriſei findet, ſein hellfarbiger Anzug, von Kopf bis Fuß aus graugewürfeltem Sommerzeug beſtehend, widerſprach jedoch dieſer Annahme. Er trat auf den Wirth zu, wobei man ein Hinken an dem rechten Fuße bemerkte, und ſagte mit beiſpielloſer Schnelligkeit:„Der Korbmacher hat mich betrogen, die alte Benigna kann nichts als Bücherlieder. War Niemand hier über Nacht? War das nicht euer Fuhrwerk, das mir begegnete? Wen fahrt ihr? Wohin?“ „Was koſtet bei euch der Malter Frag⸗ ſamen?“ „Was meint ihr?“ „Ihr müſſet ihn billig haben, ihr könnt ja einem die Milz aus dem Leib herausfragen,“ erwiederte der Wirth das Fremdenbuch hinreichend. „Ich habe noch nirgends nach einem Aufent⸗ halt von fünf Tagen ſo wenig Volkslieder be⸗ kommen als hier,“ ſagte der Gewürfelte. „Ihr kommt auch zur ungeſchickteſten Zeit. Es iſt jetzt Niemand, bei uns wenigſtens, ſingerig zu Muth.“ „Warum?“ Beim Sturmwetter bleiben die Singvögel ſtumm und wenn's vorbei iſt, wagen ſie ſich auch nicht ſo bald heraus.“ Der Fremde gab das Buch weg und ſagte zu Eugen gewendet: „Sind Sie der Lehrer von Erlenmoos?“ „Mit wem habe ich die Ehre?“ erwiederte Eugen. Der Fragſamenhändler ſchien auf keinen Tauſchhandel eingehen zu wollen, er ſagte, daß wenn Eugen eine Stunde ab dem Wege mit ihm gehen oder auf ihn warten wolle, würde er ihn bis Röthhauſen begleiten. Eugen dankte und machte ſich raſch allein auf den Weg. 4* Sechstes Rapitel. „Es war einmal ein wunderſchöner junger Prinz, der hatte nichts beſſeres und ſchöneres zu thun als immerfort zu wachſen und zu ge⸗ deihen, bis er ein ſtreitbarer Recke geworden und als das geſchehen war, vernahm er, wie er noch viele Brüder und Schweſtern habe, die aber alle von einem böſen Zauberer in Stein ver⸗ wandelt worden und er zog aus um ſie zu er⸗ ſſ Das wäre ein mythiſch ſymboliſcher Anfang für meine neue Geſchichte, ich mag ihn nicht... Arm, hülflos und nackt wurde ein Schiff⸗ brüchiger an's Ufer geſchleudert und ſiehe da, er hatte gleich Ulyſſes das Vaterland wieder erlangt und er war noch beſſer dran, als der ſchlaue Vielgewanderte, denn er hatte ein Anſtellungs⸗ dekret gerettet.“ Noch zu pathetiſch, muß beſſer werden.. Alter Motz, edler Knochen, wo du auch mit aufgeſtreiften Hemdermeln ſitzeſt und das große Geſchäft der Bier- und Weinvertilgung über 7 53 dich nimmſt, du biſt der größte Philoſoph, du biſt jetzt der Pathe eines Neugebornen; mit deinem Wahlſpruche zieht er ein in die friſche Welt: Es giebt kein Geſtern! Alle Vögel ſingen in den blauen Himmel und alle Blumen ſchreiben auf die grüne Erde: Es giebt kein Geſtern. Mit dieſen Worten wanderte der Oekonom, oder wie er jetzt heißt, Eugen Baumann, rüſtig ſeines Weges. Es war ein heller Morgen und die begegnenden Menſchen grüßten in ſo frohem Tone, daß es war als ſpräche die feſte Zuver⸗ ſicht auf einen heitern Tag, die Freude des Mit⸗ genuſſes aus ihrem kurzen Gruße. Eugen kämpfte all die Beklommenheit und Befangenheit nieder, die ihn beim Eintritt in ein ſo fremdes Daſein überkommen wollte. Es giebt Worte, die uns wie eine angeflogene Melodie Stunden⸗ ja Tagelang umſchwirren und in die Ohren ſum⸗ men, man wird ſie nicht mehr los. So erging es auch unſerm Wanderer. Er ſuchte gewalt⸗ ſam einen Rhythmus in den Worten, da es ihn faſt zwang den Takt ſeiner Schritte darnach zu richten; es gelang nicht. Das aber war ihm geworden, er hatte ſeinen Humor wieder ge⸗ wonnen, der ihm die Macht gab, über das Schickſal der Welt und über ſein eigenes zu lächeln; der Humor iſt der Alles beſiegende Herrſcher. „Ich werde dem hohen Gewichte, das dieſe Dorfcultur in der europäiſchen Civiliſation ein⸗ nimmt, gebührend Rechnung tragen, im Uebrigen ein wenig Fangballſpiel ſchadet nichts.“ So ſprach er vor ſich hin und dennoch wollten ſeine Mienen nicht ſo heiter werden wie ſeine Worte und Gedanken.— Kein Menſch und käme er juſt von den ſtolzeſten unbetretenen Eishöhen der Spekulation und beſchattete der Hut eines Phi⸗ loſophiedoktors ſeine Denkerſtirne, kein Menſch iſt frei von einem gewiſſen Aberglauben und weigert die Handreichung einem Begegniſſe, das auf unerklärliche Weiſe in das innere Denkleben hineinreicht und es auszudeuten vermag. Ein Jäger, oder wer ſonſt mit geſpannter Erwartung auszieht in's Weite, um erſt von einer gefundenen Fährte ſich den Weg zeigen zu laſſen, iſt zwiefach geneigt in den Begegnungen eine Verheißung zu erkennen. Das erſte Menſchen⸗ bild, das im Thalgrunde dem hellblickenden Auge unſeres Wanderers ſich zeigte, ſchien ein Knabe und ein Mädchen zu ſein, die ſich ſtets bückend hin und her bewegten und wol Blumen — ⸗ — N pflückten. Eugen trat auf dieſelben zu und ſah grauenhafte Erſcheinungen, Knollen mit Augen, Füßen und Händen, die Eicheln ſammelten, und als Eugen auf ſeine Fragen nur ein grinſendes Lachen und einige thieriſche Töne als Antwort erhielt, faßte ihn ein Schauder, der ihn die Hände ballen und die Lippen zuſammen preſſen machte. Zum erſten Male waren ihm hier Trottl, ſogenannte Cretinen, begegnet. In ſeiner hoch— geſpannten Stimmung ſteigerte ſich ſein Schreck um ſo mehr— das Geſpenſt der verkommenen Menſchheit war ihm erſchienen. Als er des Weges weiter ging, durchzuckte es ihn noch oft wie eine Furcht und er mußte mehrmals zurück⸗ ſchauen. Je launenhaft kecker ſich der Weg durch das Thal wand, je großartiger nun die Landſchaft wurde, mächtige Felſenzacken an den Bergen aufſchoſſen und der rauſchende Wald⸗ bach über Felſentrümmer ſtürzte und maleriſche Buchten und Waſſerfälle bildete, um ſo mehr mußte unſer Wanderer des Elends gedenken, das die Menſchen hier bei dürftiger Nahrung heimſucht. Es giebt ſchwere Fragen und Sorgen, die man kaum anders los wird, als daß man ſie zur Seite ſchiebt und vergißt. S— 2. — Unſer Wanderer kam durch das Dorf, wo ihm noch viele ſolche Geſtalten begegneten wie er im Walde getroffen; er ſchritt raſch aber noch immer ohne jene eigenthümliche Geſpenſterfurcht überwinden zu können, vorüber. Jenſeits des Dorfes als er den Berg hinauf⸗ ſtieg, der nach einer andern Waſſerſcheide führt, ſagte er faſt laut zu ſich: „Wir wollten neues Gewand machen, wir wollten der Menſchheit durch die Revolution zu einem naturgemäßen Daſein verhelfen, wir ſind wieder Flickſchneider geworden. Was thut's? Fort mit der Empfindſamkeit! Es muß auch. luſtige Flickſchneider geben. Ich habe die Welt bisher nur hoch zu Roſſe und in überſchauendem raſchen Fluge geſehen, jetzt durchwandere ich ſie barfuß. Ich muß über manchen Stein ſpringen, wenn er mich nicht verletzen ſoll.“ Wohlgemuth langte er an dem Dorfe Röth⸗ hauſen auf der Hochebene an. Schon am erſten Hauſe feſſelte ihn ein liebliches Bild: Auf der überdachten Freitreppe ſaß ein rothwangiges Mädchen von etwa neun Jahren und hielt einen hellaugigen Säugling im Arm, ein Knabe von kaum ſechs Jahren ſtand neben den beiden, er hatte ein Buch auf das Geländer gelegt und „ — buchſtabirte mühſam, wobei ihm die ältere Schwe⸗ ſter oft freundlich zunickte; der Säugling ſchien das für ein Koſen und Spielen zu halten und griff nach den Augen ſeiner Wärterin. Jetzt veränderte ſich plötzlich die Scene, der Knabe ſprang mit ſeinem friſcheingebundenen Büchlein, in deſſen Beſitz er wol erſt ſeit kurzem gelangt war, raſch die Treppe herab einem Manne und einer Frau entgegen, die aus dem Dorfe kamen; zu der Vater nahm ihn an der Hand und ſchenkte ihm ein Backwerk, die Mutter aber eilte voraus, nahm ihren Säugling in beide Hände, ihn hoch 5 in die Luft haltend, dann herzte und küßte ſie ihn, ſetzte ſich ſchnell auf die Treppe und reichte ihm die Bruſt; ſie küßte dem gierig Trinkenden ſtets das Händchen, das er ihr an den Mund hielt. „Der Martin hat's gewußt, daß du bei der Kindtaufe im Lamm biſt,“ berichtete das älteſte Töchterchen,„er hat bis jetzt geſchlafen.“ Der Vater kam und der Säugling ſchien ſeinen Blick zu ſpüren; er ſchaute plötzlich nach ihm um, die Mutter aber winkte dem Manne mit der Hand, er möge fortgehen und das Kind nicht ſtören; ſie durfte nach altem Glauben d während des Säugens nicht ſprechen. Der Mann 58 gab Hut und Rock dem Töchterchen und ging nach dem Stalle, wo ihn ein Brummen der Kühe zu rufen ſchien. Eine Schwalbe flog ganz nahe am Kopfe der Säugenden vorüber nach ihrem Neſte unter der Dachfirſte, die Mutter und das Kind ſchauten mit ſeltſamen Blicken hinauf nach dem ſtillen Nachbar, der jetzt aus dem Neſte den Kopf herausſteckte und unverwandt ſie anſah. Alles das hatte Eugen mit tiefer Erquickung in die Seele aufgenommen, er war wie feſtge⸗ wurzelt ſtehen geblieben, und als ihn die Mutter jetzt gewahrte, grüßte er und ging nach dem Dorfe.„O eine Mutter! eine Mutter“! ſprach er mehrmals vor ſich hin. Es kam ihm wohl zu ſtatten, daß heute Kindtaufe im Lamm geweſen war, die kräftige Suppe und der Braten waren hier wol auch ſeltene Gäſte, zu denen der etwas herbe Land⸗ wein wol mundete. Wie traumhaft erſchien es jetzt dem ſinnend und müde Daſitzenden, als ob die ganze Wand⸗ lung, die ſein Leben ſeit geſtern gewonnen, nur Phantaſieſpiel ſei; er war auf einer vergnüg⸗ lichen Fußreiſe und ſah ſich das Leben und Trei⸗ ben der Menſchen da draußen eine Weile an 59 und kehrte von einer Landparthie wieder zurück... „Welch ein Sang! Wo wird geſungen?“ „Drüben in der Schule,“ erwiederte der Lammwirth. Eugen war erwacht. Während der Wirth erzählte, daß ſie mitten in der Revolution das neue Schulhaus gebaut hatten, das in der That ein ſtattlicher Bau war, zahlte Eugen ſeine Zeche und ging dann um ſeinen erſten Amtsbruder zu beſuchen. Siebentes Rapitel. „Ich ſtürze mich in's heiße Schlachtgetüm⸗ mel— dieſe tönende Abgangsrede eines ver⸗ zweifelten Helden hat nur noch den Werth einer Schaumünze; der kühne Degen muß ſich als Rekrut einexerziren und ernüchtern laſſen. Kann man nicht den Tod gewinnen ohne regelrechte Vorbereitung, wie viel weniger ein neues Leben. Da tönt die einſame Stimme aus der ver⸗ ſchloſſenen Thüre, ſo wird bald deine Stimme tönen, Eugen.“ Er ſtand eine Weile horchend, jetzt trat völlige Stille ein, nur von leiſem Summen und Zwitſchern unterbrochen. Als er angeklopft hatte, trat er ohne das„Herein“ ab⸗ zuwarten in die kindererfüllte Stube. kachdem ſich Eugen als Amtsbruder kund⸗ gegeben, wollte der Lehrer ſogleich die Kinder entlaſſen, um ihm den freien Nachmittag zu wid⸗ men. Eugen bat aber dringend, daß ihm ge⸗ ſtattet würde, beim Unterricht anweſend zu ſein. Nur nach langem Widerſtreben wurde ihm will⸗ fahrt.„Meine Schüler,“ ſagte der Lehrer, — 61 Deeger mit Namen,„ſind nicht für die Parade einexerzirt. Nach Pfingſten hielt der Schulin⸗ ſpector die letzte Revue. Freilich, ich kann mir's denken, daß ſie von der Stadt in unſere Ge⸗ gend verſetzt, ſich in einer fremden Welt fühlen. In Ihrer Schule wechſeln die Lehrer ſtunden— weiſe. Ja, Alleinherrſcher zu ſein iſt was an⸗ deres. Ein Pferd, das allein einen Pflug ziehen muß, liegt ganz anders im Geſchirr als in einem Zwiegeſpann oder gar in der polniſchen Wirth⸗ ſchaft eines Dreigeſpannes. Auch werden Sie einen großen Unterſchied finden. Die Dorfkinder ſind noch wirkliche Kinder, während ſie in der Stadt, wenn ſie in die Schule kommen, längſt keine Kinder mehr ſind, wenn ſie es überhaupt je geweſen.“ Eugen betrachtete ſich ſeinen Amtsbruder genauer. Er war ein Mann am Ende der drei⸗ ßiger Jahre von unterſetzter gedrungener Ge⸗ ſtalt, die weitaus gewölbte Stirne hatte offen⸗ bar ſchon etwas vom Grenzgebiete ſich erobert, denn die röthlichbraunen ſchlichten Haare bedeck⸗ ten nur mit einer dünnen Schichte das Vorder⸗ haupt, unter röthlichbraunen buſchigen Brauen ſchauten lichte blaue Augen hervor, in deren Blick ebenſoviel biedere Treuherzigkeit als welt⸗ 62 erfahrene Klugheit ſich kundgab, um die Mund⸗ winkel ſpielte jener Sarkasmus, der eine trotzige Ueberlegenheit über die Menſchen anzukünden ſchien. In ſeinen Bewegungen war bei Deeger der ausgebildete Turner unverkennbar, der breit⸗ ſpurige matroſenartige Gang, das ſeltſame gleich⸗ zeitige Heben und Senken beider Arme, als ob er ein Ruder regiere, und dazu noch in manchen Bewegungen ein Anſprung, als wollte er über Reck und Barren ſetzen. In der That ſprang er jetzt auch in raſcher Folge mit ſeinen Schülern durch verſchiedene Gegenſtände des Wiſſens. Anfangs übergab er Eugen die Bücher mit der Bitte, er möge fragen, da dies aber wohlweislich und beharrlich abge⸗ lehnt wurde, fragte Deeger ſelber und Alles ging auf Druck und Schlag, obgleich Deeger bemerkte, daß ſeine beſten Schüler bei der letzten Confir⸗ mation entlaſſen wurden. Eugen wollte dem raſchen Wechſel der Gegenſtände Einhalt thun, aber es gelang nicht, und er hatte ſo wenig Ausbeute von dem Ganzen als man etwa von einer Dampfreiſe in unbekannter Gegend hat. Eugen gerieth mehrmals in Verlegenheit, weil er die Bücher, die ihm in die Hand ge⸗ geben wurden, nach Titel und Inhalt ſo genau 8 betrachtete. Deeger, der ihn darüber befragte, ſchüttelte den Kopf zu den ſtotternden Entſchul⸗ digungen, die er vernehmen mußte. Sollte der Stadtlehrer wirklich ſo unwiſſend ſein oder wozu ſollte die heuchleriſche Maske? Das ganze Auftreten des Menſchen ſchien nicht geheuer. Deeger war aber der Mann, der ſich vor keiner Fährlichkeit fürchtete, vor Dünkel und Hochmuth am allerwenigſten. Er ließ ſich nicht leicht imponiren oder verblüffen, denn er hatte den Grundſatz: Mit all ihrer wiſſenſchaftlichen Großthuerei bringen die Men⸗ ſchen nicht mehr heraus als der einfache geſunde Verſtand und darin ſtelle ich meinen Mann. Eugen ſah ſich hier zum erſten Male in der zweideutigen Lage, in die er nun gerathen war; ſein Leben war trotz des edeln Zweckes doch eine Lüge, und jede Lüge will zehn andere zum Futter haben, wenn ſie nicht ſterben ſoll. Die Corruption, gegen die er ſich zeitlebens ge⸗ wehrt, war nun doch über ihn gekommen. Unſere Zeit hat nicht nur keine blanke That ohne hin⸗ und herzerrende Vorbereitungen, die entweihende Zweifelſucht dringt ſogar in die innerſte Geburtsſtätte des Gedankens. Eugen war froh, daß er auf die Frage was 64 er denn bisher unterrichtet habe, die Antwort geben konnte: Mathematik. Das war in ge⸗ wiſſem Sinne eine Wahrheit. Eugen ſah hier den kleinen Knaben, den er heut Vormittag am erſten Hauſe des Dorfes bemerkt hatte, er fragte nach ſeinen Fortſchritten und Deeger erwiederte: „Der Engelbert iſt für mich noch nicht ſchulpflichtig und hat noch wenig Unterricht, er ſoll nur erſt das Sitzen lernen!“ Die Kinder wurden entlaſſen, Eugen reichte dem kleinen Engelbert die Hand, indem er in ſich hineinlächelte, daß ſie gleiches Schickſal hät⸗ ten; auch Eugen mußte erſt ſitzen lernen. Achtes Rapitel. Während Eugen am Fenſter ſtand und nach der Straße ſchaute, zog Deeger ſeine Turnjacke aus und den„obſervanzmäßigen“ ſchwarzen Rock an, wobei er nicht umhin konnte zu bemerken, daß es ihm um die Verlorenſchaft der gleich⸗ machenden Turnerkleidung faſt am leideſten ſei; dieſe hatte die Menſchen mehr nahe gebracht als man glaube, und wir hätten die patriarcha⸗ liſche Zeit wieder erleben können, in der die Hausfrau die Gewänder ſelbſt wirkte. Eugen hörte nur wenig auf die ausführlich dargelegten Bemerkungen, denn er horchte raſchen Pferdetritten und ſchaute nach den Reitern, die durch die lange Dorfſtraße dahergeſprengt kamen; es war eine Dame ganz in Schwarz gekleidet und ein alter Herr in Militärrock ohne Epau⸗ letten, ein Livreebedienter, ein chokoladefarbener Windhund, ein ſchwarzer Hühnerhund und ein zierliches Reh an der Leine, das ein breites Sammtband um den Hals trug, folgte den Reitern. C 66 Vor dem Schulhauſe hielt die Reiterin ihren Rappen kunſtgerecht an und mit ihrem Begleiter ſprechend deutete ſie mit dem Bernſteinſtile ihrer Reitpeitſche hinauf nach Eugen, auch das Reh blickte ſtarr hinauf, nur der alte Herr ſchüttelte den Kopf und ließ ſich wie es ſchien nicht be⸗ wegen, hinaufzuſehen. Der ſchwarze Hühner⸗ hund blieb aber auf der Straße ſtehen und ſchaute winſelnd nach Eugen auf, als ſeine Herrin be⸗ reits fortgeritten war. Der Bediente kam zu⸗ rück und jagte das Thier davon. „Wer iſt die Reiterin?“ fragte Eugen in's Zimmer zurückkehrend. „Unſre Gutsherrin, die Baronin Hunold.“ Deeger führte ſeinen Gaſtfreund nicht in ſeine Wohnung, ſondern forderte ihn auf mit in das Wirthshaus zu gehen. Eugen bat einige Tage hier bleiben zu dürfen, um ſich die Unter⸗ richtsweiſe auf dem Lande näher anzuſehen, Deeger ſollte in ſeiner gewohnten Art fort⸗ fahren, ohne ſich um ſeine ſtete Anweſenheit zu kümmern. Mit verwundertem Blicke willigte Deeger ein. Eugen mußte lachen, da der Wirth ihn als Gaſt freundlich bewillkommte und dabei be⸗ merkte, daß er ihn ſchon über alle Berge geglaubt. ihn 67 Eugen hatte auch ſchon dem großen Vaterlande ſeine Zeche bezahlt und war zu ihm wiederge⸗ kehrt— wenn es ihn nur auch ſo willkommen hieß, wie der fröhliche Mann hier. Wohlgemuth ſaßen nun die beiden Ants⸗ brüder beim Glaſe. Ein rothwangiges Mädchen, das eben erſt in der Schule geweſen war, be⸗ viente die Gäſte mit bedachtſamem Ernſt, ſetzte ſich dann an das Fenſter, vor dem blühende Nelken ſtanden und las in einem Schulbuche; der Wirth ging leiſe ab und zu aus der Kam⸗ mer, wo die Wöchnerin lag. Es war eine friedſame Ruhe im Hauſe, die Eugen beſonders wohlthat; denn er dachte ſich oft die ganze Welt in all ihren Verhältniſſen ſo erſchüttert und beunruhigt wie ſein eignes Weſen. Eugen erkannte ein ganzes Charakter⸗ bild daraus als Deeger bei der zweiten Flaſche ſagte:„Ich werde Ihnen und mir keine Zer⸗ rereien machen mit Freihalten oder nicht. Sie bezahlen das Ihrige und ich das Meine. Dabei ſind und halten wir uns beide frei.“ Das ganze friſch entſchloſſene und ſtraffgehaltene Weſen Deegers offenbarte ſich ihm hieraus und aus anderen Aeußerungen immer mehr. Das Geſpräch kam bald auf die Marter und 5* 68 Zweifel, die jetzt jedes vaterlands⸗ und menſchen⸗ liebende Herz quälen und Deeger äußerte: „Ich kenne den Feldzugsplan nicht, der jetzt in der Weltgeſchichte ausgeführt wird, der große Feldherr, den die Einen Gott, die Anderen Welt⸗ geiſt nennen, hat mich in ſeine Strategie nicht eingeweiht; ich bin ein gemeiner Soldat und thue meine Schuldigkeit auf meinem Poſten, fall' ich oder helf ich noch zum Siege, ich behaupte meinen Poſten. Das muß genügen.“ „Wohl dem, der wie Sie ſich ſo frei von Wind und Wetter machen kann.“ „Sie haben Recht. Mit dem Einfluß der Zeitereigniſſe geht's gerade wie mit dem des Wetters. Wir haben jetzt noch oft heiße Tage, geben Sie ſich nach und ſetzen ſich müßig in eine Stube; je mehr Sie thun und denken die Hitze abzuwehren, um ſo mehr werden Sie davon beläſtigt. Wer aber draußen im Felde oder daheim unter Dach und Fach unverdroſſen ſeine Arbeit thut, wiſcht ſich wol einmal den Schweiß von der Stirne, weiß aber ſonſt nicht viel von der Unbill des Wetters. So geht's auch mit den Zeitverhältniſſen. Mir iſt nichts verhaßter, als die Verzweiflung aus Luſt am Müßiggang, der ſich jetzt ſo Viele hingeben.“ 69 Das Geſpräch wurde unterbrochen, denn es war plötzlich als ob ein Wirbelwind Bänke und Stühle und die Menſchen im Hauſe ergriffen hätte; der junge Weltbürger in der Kammer ſchrie, die Wöchnerin rief und der Wirth über⸗ tobte ſie Alle. Vor dem Hauſe hielt ein Reitknecht drei Pferde, die Baronin Hunold ſchlenderte, das lange Reitgewand über den linken Arm haltend, mit dem alten Herrn auf und ab, lachte und bog ſich auf und nieder und peitſchelte mit ihrer Reitgerte. Es gibt Menſchen, die ſich ſo mit Salben und Düften ſchmieren, daß ſie beſtändig eine eigene Atmosphäre um ſich her verbreiten, zu dieſen gehörte die Baronin und Deeger ſagte ſcherzend, er hätte ſie eigentlich ſchon wittern können; ſie verſtand es aber auch wo ſie eintrat, das ganze Haus zu allarmiren und mit der ſcheinbar größten Anſpruchloſigkeit Jeden ſich dienſtlich zu machen. Die Baronin hatte befohlen, daß man Tiſch und Stühle auf den Raſenplatz am Hauſe bringe und während der Wirth keuchend Alles auf Einmal nehmen wollte, rief er:„Dorle, gang' nein zur Mutter, die Baſe muß jetzt warm 70 Waſſer machen und ſoll ein friſch Tiſchtuch langen, Dorle, lauf ſchnell im Dorf'rum und frag, wer heut buttert hat, die Baronin will tägige Butter, halt Dorle, und ruf die Ammrei, ſie ſoll ſchnell melken.“ Das kleine Mädchen ſtand ganz verblüfft, denn es ſah wie die Baronin zwei der ſchönſten Nelken von dem Fenſterbrett pflückte und an jeder hingen noch zwei Knospen. Der ſchwarze Hühnerhund kam jetzt durch die offene Thüre, ſprang an Eugen hinauf und legte ſeinen Kopf ſtill auf deſſen Kniee. Eugen ſtreichelte das Thier ein wenig, dann hieß er es ſchnell hinausgehen. Der Hund folgte, ſich oft umſchauend. Der Lammwirth ſchalt über die Saum⸗ ſeligkeit des Kindes und während des Scheltens kam ihm der Hund vor die Füße, ein Stuhl, den er auf den wegzutragenden Tiſch geſtellt, fiel polternd zu Boden. Die Baronin rief nach einem Glas Waſſer, mit einem„Sehr wohl!“ ließ der Wirth Alles ſtehen und rannte davon. Draußen hatte indeß der Reitknecht ein Leder⸗ käſtchen vom Pferde abgeſchnallt und ſtellte es auf die Bank, er half nun Alles ordnen, lief im Hauſe umher, holte Bretter um ſie als * Schemel zu Füßen der Baronin auf den Raſen zu legen; die Baronin ſetzte ſich auf einen Stuhl, auf den der alte Herr einen Shawl ausgebreitet hatte, dann befahl ſie ihm noch einen Shawl zu holen und legte denſelben um ihre Kniee. Sie rief dann laut:„Troll! Fingal!“ der Ton der Stimme klang ſo anſprechend und hell, daß Eugen in der Stube ſich unwillkürlich dahin wenden mußte. Die Angerufenen kamen ſchnell, Fingal der Windhund legte ſich zu Füßen und Troll der Hühnerhund legte ſeinen Kopf auf die Kniee der Herrin, ſie ließ ſpielend ſeine Ohren durch die Hand laufen. Das Reh ſtand daneben und ſchaute ſich verwundert um. Kaum hatte der Diener das offene Theekäſtchen vor der Baronin aufgeſtellt als ſie dem Reh ein Zwie⸗ back reichte. Das Thier ſchnupperte mit ſeiner glänzenden Schnauze an der Gabe, ſpitzte ſeine im Sonnenſchein faſt durchſichtigen Ohren und wendete ſich verſchmähend ab, die Dame führte ohne Weiteres den Zwieback in den Mund und kaute und knarrte ihn mit Behagen. „Große Familiarität“ ſagte drinnen in der Stube Eugen, der allen Vorgängen lächelnd zugeſchaut hatte. 2 „Sie irren ſich in der Baronin“ erwiederte Deeger,„ſie iſt gewiß mit dem Vorſatze in das Dorf gekommen, recht gemüthlich unter den ge⸗ müthlichen Landbewohnern zu ſein. Sie hat ſo viel von dem Volksgemüth gehört und möchte es gar zu gerne auch koſten; ſie möchte gerne Walderdbeeren finden, aber gleich mit Zucker und Rothwein zubereitet. Die Baronin hätte zur Zeit der vornehmen ſeidenen Schäferſpiele leben ſollen.“ „Ich kenne dieſe Naturen“ erwiederte Eugen, „ſie ſprechen ſtets von ihrer Sehnſucht nach ruhigem Stillleben und vor dem vierſpännigen Geräuſch, das ſie ſelbſt verurſachen, gibt es gar keine Stille; ſie ſuchen die Vogelneſter der Gemüthlichkeit und ärgern ſich, daß die ſcheuen Waldſänger ihr Heimweſen ſo verbergen, daß es nur gefunden, nicht geſucht werden kann; ſie möchten gerne, daß man von den Kühen gleich Schlagrahm melken könnte.“ „Die Baronin iſt eine incommenſurable Größe“ lächelte Deeger. „Wer iſt der alte Herr?“ fragte Eugen. „Der Baronin Oheim und Oberpudel, ein gewöhnlicher penſionirter Sakramenter. Die Tante, die beſtändig oben auf dem Schloſſe ſitzt S — 65 und nur manchmal zur Kirche fährt, macht die Honneurs des Hauſes und zwar auf die würde⸗ vollſte Weiſe, ſie ſpricht nämlich faſt gar nichts. Die Tante iſt ein Original, ſie liest jahraus jahrein jeden Tag, den Gott gibt, ihren Band Roman, ſtrickt dabei einen Strumpf und ver⸗ ſchmatzt eine Düte Bonbons. Sie lieſt von jedem Roman zuerſt das Ende, um ſich das Herzgeſpann zu nehmen, dann ſtrickt ſie ihn ruhig ab. Es ließe ſich eine Charakteriſtik der Dichter daraus machen, wie ſchnell oder langſam dabei geſtrickt und wieviel Bonbons dabei ver⸗ zehrt werden. So ruhig und ſchweigſelig die Tante, ſo unruhig und redeluſtig iſt die Nichte hier; ſie iſt wie ein Kanarienvogel, der je lärmender das Geſpräch, je lauter ſingt.“ „Hübſch iſt ſie, ein ſtolzer Leib wie das Volkslied ſagt, aber etwas fremdländiſch.“ „Ihre Mutter war eine Polin.“ „Ich hätte ſie eher für eine Spanierin gehalten, ſie hat ſchwermüthig nichtsnutzige Augen, aber ſtatt Precioſa möchte man ſie Pretentioſa nennen. Sehen Sie, wie ſie ſich von dem alten Herrn bedienen läßt.“ „In dieſer Abneigung ſtimmen Sie mit Ihrem Vorgänger, der nennt die Baronin nur ſtets die lackirte Barbarin und behauptet, ſie fräße im Geheimen rohes Fleiſch; von ihm rührt auch das Wort her, daß die Baronin die Flitter⸗ wochen ihres Wittwenſtandes hier auf dem Lande verlebe und dem Herrenhauſe hier gab er den Spottnamen: Schloß Nervenruh.“ „Sie kennen meinen Vorgänger? Erzählen Sie mir von ihm.“ „Er iſt ein verſtürmter Geiſt und wäre wie ich glaube, in anderen Verhältniſſen geboren, eine Zierde der vornehmen Geſellſchaft geworden, denn Brilliren, mit Vollblutphraſen über Bar⸗ rieren ſetzen, iſt ſeine beſondere Luſt. Von Haus aus eine mächtige Natur, iſt er einer von jenen Menſchen, die durch die Niederträchtigkeit unſerer Zuſtände theils verkrüppelt, theils ausgerenkt ſind, ſo daß ſie auch im freieſten Staate keine geſunden Glieder desſelben werden könnten. Sie bekommen in Erlenmvos eine verwilderte Jugend, denn Kaidl hat die Kinder glauben gemacht, oder wenigſtens glauben laſſen, in der Republik brauche man auch nicht mehr in die Schule gehen, wie die Erwachſenen meinten das Steuernzahlen ſei dann vorbei. Sie bringen aber abgeſehen von allem andern einen großen Vorzug mit, der Ihnen viel helfen wird, Ordnung herzuſtellen.“ „Ich? Welchen?“ fragte Eugen ver⸗ wundert. „Ihre ſtattliche Geſtalt, die noch mächtiger iſt als die Kaidl's. Ja, lächeln Sie nur, wir Kleinen wiſſen, was das zu bedeuten hat, und Sie werden es auf dem Lande auch bald erfahren.“ Der Oheim kam und bat Deeger und ſeinen Freund zum Thee zu ſeiner Nichte, Eugen war Willens abzulehnen aber Deeger bedeutete ihn, daß das unſtatthaft ſei. „Alſo zur Tafel befohlen lächelnd über dieſe Miniatur und folgte dem Freunde. Die Baronin enpfing mit fte bewegung ihre beiden Gäſte rgeſtellt wurde, ſagte ſie mi iſcher Betonung: „Sie erinnerten mich als ich Sie en passant h an einen jungen Mann, den ich vor drei S ate Euen be der Hofſitte wlich er Hand⸗ 8 r Eigen etwas fremd⸗ Jahren am Hofe zu** geſehen, er war aber größer als Sie und jünger, er hatte braunes Haar.“ „Es iſt ſinniger Frauen Art, Aehnlichkeiten zu ſuchen und zu finden,“ entgegnete Eugen. „Warum nur der Frauen Art?“ 76 „Weil Frauen ſich gerne raſch das Fremde und Flüchtige heimiſch und wohnlich machen.“ „Geiſtreich! Aber ich ſage Ihnen auch Ihre Stimme klingt ähnlich.“ „Sie dehnen Ihre Freundlichkeit weit aus, da Sie durch handreichende Erinnerungen mir die erſten Schritte der Annäherung erleichtern wollen,“ entgegnete Eugen ſich ungezwungen und leicht verbeugend. Die Baronin ſah ihn betroffen an und fuhr dann zu Deeger gewendet fort: „Was ſagen die Bauern dazu, daß die Stellvertretung beim Militär wieder eingeführt wurde?“* „Man kümmert ſich gar nichts mehr um Staatseinrichtungen.“ „Gnädige Frau,“ nahm Eugen das „der Staat hat die Stellvertretung und die Wiedereinſetzung der Todesſtrafe gewiß nur aus Rückſichten für die Poeſie, rein äſthetiſch hervor⸗ gerufen. Was ſollte ein Poet mit einem tragiſchen Helden oder mit einem verzweifelten Liebhaber anfangen, wenn es keine Todesſtrafe und keine Anwerbung mehr gäbe? Die Reaction erkennt ihre Aufgabe als Erhalterin der Cultur und Poeſie.“ G S der hö zu ſich ver Er ſpie an m „Ließe ſich nicht noch ein anderer ernſter Grund finden?“ entgegnete die Baronin.„Sehen Sie hier den jungen Apfelbaum mit ſeiner dürren Stütze; zum Wachsthum eines veredelten jungen Stammes muß ein wilder Waldbaum ſterben—“ „Und man ſtiehlt dieſe Wildlinge aus frem⸗ den Forſte“ ſchaltete Deeger ein, nur für Eugen hörbar. Dieſer hatte kaum Zeit ſich über ſich ſelbſt zu ärgern und Vorwürfe zu machen, daß er ſich von dem Kitzel der Geiſtreichigkeit hatte verleiten laſſen, nach vornehmer Art Dinge von Ernſt und Bedeutung als geſprächſames Rede⸗ ſpiel zu verwenden— eine neue Erſcheinung, welche den Fingal auf die Beine ſtellte und den Troll knurren machte, ſo daß ihn die Baronin an ſich niederdrücken mußte, verſetzte den kleinen Kreis plötzlich in eine veränderte Bewegung. „Willkommen Herr Doktor Metzler,“ rief die Baronin dem Ankommenden zu, in dem wir den Fragſamenhändler von heute früh erkennen. „Ich bitte um meinen rechten Titel,“ erwie⸗ derte der Doktor,„das edle Volk, die hohe Akademie des naiven urzuſtändlichen Dreſchflegels hat mir den Titel Liedernarr gegeben, Lieder⸗ narr! Ich möchte das Wort auch aus Ihrem 78 Munde hören, gnädige Frau. Von Dorf zu Dorf fliegt mein Ruf voraus und überall heißt's: Der Liedernarr kommt, der Liedernarr iſt da, und alle breiten Mäuler— ſonſt Roſenmund genannt— werden noch breiter. So lohnt das Volk dem, der die Gebeine ſeiner Vorfahren in eine Urne ſammelt, um ſie neu zu beleben. O meine Gnädige! ich habe viele Ausbeute und wir können Alle beim ſouveränen Rüpel in die Schule gehen, um Verſchmitztheit und Ver⸗ ſchlagenheit zu lernen.“ „Sie haben ja heute auch einen neuen Namen bekommen,“ ſagte Eugen neckiſch. „Ja wohl, danke für die Erinnerung. Sie wiſſen gnädige Frau, daß man ſich mit dem Volke nicht anders unterhalten kann, als indem man es ausfragt; nun nannte mich heute der Wirth in Eppenberg Fragſamenhändler. Ich werde mich unter dieſem Titel künftig ſelbſt einführen.“ Die Baronin lächelte freundlich und der Fragſamenhändler erzählte nun mancherlei Ge⸗ ſchichten, wie er auf ſeinem Liederfange von Männern und Mädchen betrogen und gehänſelt wurde; die Baronin ſagte, ſie müſſe das Alles noch näher hören, der Doktor müſſe ſie auf dem — — — S K Schloſſe beſuchen und dieſer nahm das Anerbieten freudig an mit dem verbindlichen Zuſatze„Ich will auf der freien Höhe der Bildung wieder mich ſelbſt fühlen, ehe ich abermals in die primitive Urkraft hinabſteige.“ Deeger hatte ſich alsbald nach Ankunft des Doktors entfernt, auch Eugen empfahl ſich nun, und die Baronin lud ihn gleichfalls auf das Schloß ein, da ſie ihm Aufträge an den Baron Kronauer in Erlenmoos zu geben habe. Als Eugen wegging, lief ihm Troll nach und mußte gewaltſam zu ſeiner Herrin zurück⸗ geſcheucht werden. So anſprechend auch⸗ für Eugen das Be⸗ ſtreben des Doktors war, empfand er doch einen unüberwindlichen Widerwillen gegen deſſen Perſon und Auffaſſungsweiſe. Waren dieſe geſchraubten Ausdrücke wirkliche Empfindung oder nur Maske und Tändelei? Begegnete ihm hier auf der Schwelle ſeines neuen Lebens die Parodie des⸗ ſelben? Schon die Art wie der Doktor ſeine wohlconſervirte Hand hin und herwendete, und beim Sprechen ſeine Nägel betrachtete ohne den Menſchen in's Auge zu ſehen, war unleidlich. Der Doktor war für Eugen einer jener Menſchen geworden, von denen uns eine innere Stimme S. bei der erſten Begegnung ſagt, daß wir ihnen einmal feindſelig gegenüberſtehen können und wir wiſſen doch nicht warum. Eugen ſchalt ſich über ſeine Empfindſamkeit, aber das gab ihm noch nicht die Kraft ihrer Herr zu werden. Die Baronin und der Doktor blieben ihm unheimliche Begegnungen. Er fand endlich den glücklichen Ausweg aus ſeinem düſtern Sinnen und ging nach dem Hauſe, wo des kleinen Engelberts Eltern wohnten. Ueuntes Rapitel. Auf der reich mit Blumen geſchmückten Al⸗ tane unter der Hängelampe am Marmortiſche ſaß die Baronin und der Doktor. Dieſer hatte ſeine eroberten Lieder vorgeleſen und dazu dik Schilderung der beiſteuernden Perſonen gegeben. Mit dem Nachteſſen, das jetzt aufgetragen wurde, erſchien auch der Oheim Major. „Diesmal, guter Oheim,“ rief ihm die Baronin entgegen,„dürfen Sie mir meinen Plan nicht durchkreuzen.“ „Welchen?“ „O! er iſt herrlich. Ich habe mit Herrn Doktor Metzler ausgemacht, ich laſſe die Kunde in alle Dörfer und Hütten ergehen: wer ein Lied ſingen kann, möge auf's Schloß kommen und für ein noch ungekanntes erhält er gute Belohnung. So ſpanne ich meine Netze aus. Jeder Wanderburſche, der des Weges zieht, muß herauf zu mir und mir vorſingen. Ja, lächeln Sie nur, guter Oheim, die Zeiten unſeres Ahn⸗ herrn, des alten Raubritters Wolf von Hunold, 6 82 kehren wieder, wir wegelagern, aber nur um den Armen ihre klingenden Lieder abzunehmen. Ich freue mich kindiſch mit dem Plane. Ich durch⸗ ſchaue nun bequem das offene Herz des Volkes.“ „Und den leeren Magen. Narrenspoſſen.“ „Sie machen mich böſe, Oheim. Es iſt mein völliger Ernſt.“ „Gut, meinetwegen, du bindeſt dir damit eine Ruthe auf den Buckel, die du nicht ſo bald loswirſt. Glauben Sie mir Herr Doktor, meine Nichte, ſo ungläubig ſie iſt, hat große Luſt Herr⸗ gottchens zu ſpielen, aller Menſchen Wohlthäterin zu ſein. Wenn ich nicht Einſprache thäte, hätten wir ſchon längſt nichts mehr, und unſere Häuſer würden bis zum Taubenſchlage von Kindern und den Cretins aus dem Gebirge be⸗ wohnt.“ „Davon aber laſſe ich mich nicht abbringen, daß ich dem Lehrer Deeger unaufgefordert aus aller Noth helfe. Mit tauſend Gulden iſt der Menſch glücklich, ich laſſe mich dünken, ich hätte ſie an einen ſchlechten Schuldner verloren und ich bin nicht ärmer dadurch.“ „Wie du willſt. Du biſt unumſchränkte Herrin. Du willſt dem Deeger mit der Summe helfen? Gut, deine Grundſätze zwingen dich — dazu, du mußt conſequent ſein. Warte nur, es kommen Andere und wieder Andere, die eben ſo würdig und noch bedürftiger ſind, auf jeden Schritt kannſt du ſie holen. Du hältſt inne, du kannſt nicht weiter; warum haſt du begon⸗ nen? Laß dich nicht auf die Conſequenz ein und du brauchſt nicht davon abzulaſſen. Ich weiß was ich weiß: die Humanität iſt gut für die Theorie aber paßt nicht für die Praris.“ eine„Grundſätze werden für die Parade ein⸗ ererzirt und nie mobil gemacht,“ lachte Stephanie und fuhr zu dem Doktor fort:„Wiſſen Sie auch tten ſchon, mein Oheim läßt ſich von jedem Knecht, ſer den er dingt, einen Revers unterſchreiben, daß ſten er ihn vorkommenden Falls ohne Widerrede he prügeln dürfe.“ „Ein Blatt Papier zwiſchen ihm und ſeinem gen, Volke,“ lachte der Doktor. aus„Conſtitutioneller Onkel heißen Sie künftig.“ der„Ja lacht nur,“ erwiederte der Major,„ich ätte hab's ſchon bewieſen, daß ich kein Verfaſſungs⸗ und oder Kartenkönig bin.“ Es ſchien ihm indeß doch unlieb, daß ſich das Geſpräch hieher inkte wendete, er fuhr daher fort:„Du willſt die Schutzheilige der Volkslehrer ſein, ich will dich dich nicht hindern; wenn du wie gewiß, zur 6* ne n—— Heiligen geſprochen wirſt, bekommſt du als Patronin der Schullehrer den Namen der hei⸗ ligen Scholaſtica.“ „So? Onkelchen möchte noch gern“ ſcherste die Baronin,„daß der Dorflehrer mit ſteifen Bücklingen an der Spitze ſeiner Heerde bei ſo⸗ lennen Gelegenheiten ein gepudertes Carmen an die Gutsherrſchaft deklamirte, und beim Schmauſe wäre dann der Dorfmagiſter der unbezahlte Hof⸗ narr, den man mit einem gnädigen Haarbeutel fortſchickte.“ „Jene Zeiten waren beſſer und fröhlicher für uns, für das Volk und die Lehrer. Doch, ich will nur gleich morgen mit dem Gelde für Deeger auch das Gleiche deinem neuen Schütz⸗ ling aushändigen, damit er nicht zu ſpät kommt.“ „Wen meinen Sie?“ „Den frechen Menſchen, den Profeſſor von Erlenmoos.“ „Warum nennen Sie ihn frech?“ „War ſein Benehmen anders?“ „Allerdings, mehr als etwas ſicher, keck, er erlaubte ſich—“ „Ha ha! hab ich dich,“ rief der Major mit ſchallendem Gelächter,„da ſeht mir die de⸗* mokratiſche Gleichmacherin! Der Menſch that nichts mehr, als er behandelte dich als Seines⸗ gleichen. Das willſt du ja? Und doch verdrießt dich's wieder, wenn Niedergeſtellte ohne Stot⸗ tern und Zagen ſich als Pairs dir gegenüber⸗ ſtellen. Ich bin gewiß, dein Truthahn iſt nicht anders.“ „Damit meint der Oheim Proudhon,“ er⸗ gänzte die Baronin, mit den Zähnen die Lippen beißend.„Der Oheim ärgert ſich doch nur, weil er mir ſelber geſtehen mußte, daß im ganzen Benehmen und in der Geſtalt dieſes Lehrers etwas Imponirendes liegt, er hat mich ſelber darauf aufmerkſam gemacht, daß der räthſelhafte Mann eine ſo fein gebaute ſchlanke Hand hat, wie Chriſtus auf dem Titianiſchen Zinsgroſchen.“ Sie erklärte dann dem Doktor, wie ſie Eugen auffallend an einen jungen Mann ge⸗ mahne, den ſie vormals bei Hofe geſehen. Der Doktor erkundigte ſich auf's Genaueſte nach allen Einzelheiten der Muthmaßung, er legte dabei . die Hand auf ein Buch, das er in der Bruſt⸗ taſche hatte als wollte er ſich erinnern, das nicht ajor zu vergeſſen. Der Oheim ſchalt auf die neue de⸗ Zeit, die es den niederen Ständen geſtatte, that Umgangsformen anzunehmen, die ihnen nicht ———— 86 gebührten; ihm war die Familiarität des Doktors mit ſeiner Nichte ebenſo zuwider, und er ließ die Gelegenheit nicht entgehen, hier nach ſeiner Lieb⸗ haberei Schläge auszutheilen, die nicht parirt werden konnten. Er polterte dann dagegen, man ſolle den Menſchen in ſeine Schranken zu⸗ rückweiſen, ſtatt ihn auszuſpioniren. Die Ba⸗ ronin indeß hörte nichts von allem dem und verfolgte mit träumeriſchem Blicke die räthſel⸗ haften Irrgänge eines abentheuerlichen Menſchen⸗ lebens. Aus einer ihr ſelbſt nicht klaren Ur⸗ ſache weigerte ſie allem Drängen des Doktors ihm den Namen des Doppelgängers zu nennen. Vielleicht wollte ſie ſelbſt die Fäden in Händen behalten.* Verſtimmt begab ſie ſich plötzlich in ihr Schlafgemach, ſie war vielfach aufgeregt und noch ſtundenlang mußte ihr, wie das vft geſchah, ihr Kammermädchen das Haar kämmen, während ſie dabei las. Ein braves Sprüchwort ſagt: Der Weg nach der Hölle iſt mit guten Vorſätzen gepflaſtert; die brennendſte Hölle iſt die des Zerfalls und der Unzufriedenheit mit ſich ſelber. Die Ba⸗ ronin ſchien mißmuthig, ihre hochfliegenden Plane wurden ſtets ſo raſch zunichte. 3 87 rs Deeger hatte wol Unrecht, als er den die Major den Oberpudel der Baronin nannte; war es Zufall oder Abſicht, daß er ihr als irt Hemmſchuh angelegt war, von dem ſie ſich en, nicht befreite? och Behntes Rapitel. Während dieſes Abends ſaß Eugen in dem erſten Hauſe am Dorfe und fühlte ſich dort wohlig angeheimelt. Wie leicht und zwanglos iſt es, ſich in eine Dorffamilie einzuführen, man ſpricht mit einem Kinde und tritt an ſeiner Hand in die Stube und bleibt nach Gelüſten; die Menſchen wiſſen noch, daß wir ja eigentlich Alle in Liebe auf ein⸗ ander angewieſen ſind oder ſein ſollten. * Die„gardinenloſe Exiſtenz“ wie die Ba⸗ ronin ſagen würde, das Leben des Landmanns, liegt ſeinem Weſen nach offen da, wie ſeine Kraft draußen im Felde arbeitet und ſein Thun nicht in todte Wände eingeſchloſſen, ſondern unter freiem Himmel waltet. „Wohin noch einmal?“ rief die Frau mit dumpfer Stimme aus den Garben heraus dem Manne zu, der eben abgeladen hatte und ſich nochmals fuhrfertig machte,„es iſt gleich Eſſenszeit.“ „Der Krautſchneiderle will ſeine paar ———— Garben auf dem Buckel reintragen und da hab ich ihm geſagt, er ſoll warten, ich führ's ihm auf Einmal'rein.“ „Biſt müd genug, das hätt morgen Zeit; der Jedermanns Knecht iſt der Jedermanns Narr, und die Supp verprotzelt mir.“ „Will keine, richt' mir eine geſtandene Milch,“ und fort rollte der Wagen mit dem knallenden Fuhrmann an der Leiter. Dieſes Geſpräch hatte Eugen belauſcht, als er ſich dem Hauſe näherte und er dachte, wie friſch und frei dieſe Menſchen alles was ſie ſind und haben, ihre Arbeitskraft und Zeit, der Wohl⸗ thätigkeit widmen. Er ſpürte ſo zu ſagen dieſen nährenden Gedanken auf der Zunge, ſo wohl war's ihm und er ſagte nun in die Scheune eintretend: „Gebt Mir die Suppe Eures Mannes.“ „Das kann ſchon ſein, aber Ihr ſeht nicht darnach aus, daß Ihr ſie nöthig habt.“ „Da habt Ihr Recht, es iſt mir auch nicht ſo um die Suppe, als um den gutherzigen Blick zu thun, der ſie darreicht.“ „Vielleicht hab ich den nicht,“ erwiederte die Frau trotzig, griff raſch zu ihrer Arbeit und ſchien gar nicht Willens auf die Anmuthungen ——— 90 des ſonderbaren Gaſtes einzugehen; ſie beachtete ihn ferner nicht mehr. Da kamen die Kinder, der Knabe reichte Eugen die Hand und das Mädchen erzählte der Mutter, das ſei der Lehrer von Erlenmoos, der heute bei ihnen in der Schule war. „Warum habt Ihr nicht gleich geſagt, wer Ihr ſeid?“ rief die Frau mit freundlichem Unwillen. Eugen entſchuldigte ſich und wollte helfen die Garben ſchichten, die Frau aber ſagte, das habe keine Eile und ging mit ihm und den Kindern nach der Stube. Alle Bitten und Mahnungen Eugen's, ſeinethalb keinerlei Auf⸗ wand und Mühewaltung zu machen, waren ver⸗ gebens; denn die Frauen laſſen ſich's einmal nicht nehmen, die Ehre ihres Hausweſens darzuſtellen. Ein friſches, gewiß ſelten gebrauchtes Tiſchtuch wurde aufgelegt und ein Krug Obſt⸗Moſt aus dem Keller geholt. Eugen wollte mit den Kindern bei der Mut⸗ ter in der Küche bleiben, aber das wurde nicht geduldet und während er die Schul- und Schreibe⸗ bücher des Mädchens genau durchſah und manche Frage ſtellte, hörte er draußen in der Küche etwas im Schmalze brodeln, das endlich als eingeſchlagene Eier auf einem blumigen Teller — erſchien. Nur mit Mühe gelang es Eugen, die Mutter zu bewegen, daß ſie ſammt den Kindern ihre Suppe mit ihm verzehrte. Der kleine Engel⸗ bert hatte kaum das letzte Wort des Tiſchgebetes geſprochen, als die Frau an das Fenſter ſprang und ihrem Manne, der mit leerem Wagen heim⸗ kehrte, zurief, er ſolle tapfer heraufkommen, der Lehrer von Erlenmoos ſei da. „Der Büchſenranzen?“ hieß es von unten. „Nein, der neu' Lehrer,“ erwiederte die Frau. Eugen erfuhr nun, daß ſein Vorgänger in der ganzen Gegend den Unnamen Büchſenranzen hatte, weil er ſtets mit dieſer altmodiſchen Jagd⸗ taſche über Feld ging und einſt in einer Volks⸗ verſammlung geſagt hatte: die Welt ſei ſo lange nichts nutz bis jeder ſolch' einen voll Kronen⸗ thaler habe. Der Bauer bewillkommte Eugen nicht beſonders freundlich, er hob und ſenkte die Augenbrauen mehrmals raſch, vielleicht ſtörte ihn der ungewöhnliche Aufwand; denn als Eugen betheuerte, daß er ſeine Lippen nicht benetze, wenn der Hausvater nicht mit ihm eſſe und trinke, griff der Bauer wacker zu und ward ſichtbar freundlicher. 92 „Wenn ich's nur wieder wett machen fönnte,“ ſagte Eugen,„aber ich habe keine Frau.“ „So?“ ſcherzte die Bäuerin„das wird den Erlenmvoſer Mädle juſt recht ſein. Ihr habt gewiß ſchweren Familienanhang, Herr Lehrer, daß Ihr noch nicht geheirathet ſeid. Suchet euch eine vermögliche, des Schäufler⸗David's Marie iſt die reichſte.“ Die oberſten Lebenskreiſe wie die nieder⸗ geſtellten haben in gewiſſer Beziehung dieſelbe Geſprächsform; der Bauer wie der Fürſt, beide halten ſich in Fragen und Wiederfragen. Das dachte Eugen, als hier Mann und Frau ihn mit allerlei Forſchungen ſo raſch bedrängten, daß er anfangs gar nicht zu Wort kommen konnte, und es fiel ihm ſchwer auf's Herz, daß er auf dieſe unmittelbaren Fragen jetzt zum erſten Male Kunde über Perſon und Familie goben ſollte, die doch eine erlogene war. Den Leuten kann ja aber die ſich zeigende Figur gleichgiltig ſein, die Verhältniſſe ſind ja wahr. Trotz dieſes Troſtes, den er ſich einredete, brachte er die Schilderung dennoch ſtotternd hervor und der Bauer ſchnitt die Fragen ſeiner Frau raſch ab, indem er ſagte: — —————— 93 „Ihr habt's jedenfalls beſſer als unſer eher hisr.“ „Ich kenne ſeine Verhältniſſe nicht.“ „Der wohnt im Gotterbarms ſieben Klafter tief im Elend, es nimmt einen Gotteswunder, daß noch ein ganzer Faden an ihm iſt.“ Vor lauter Ausrufungen und Beileidsſprü⸗ chen erfuhr Eugen das Thatſächliche nicht, und als er es darauf brachte, mußte er erſt durch Vor⸗ und Rückwärtsfragen das Eigentliche er⸗ kunden, das ſich darin zuſammenfaſſen ließ: Der alte Deeger war Kameralbeamter in N. geweſen, ein wohllebiger ſtolzer Mann, der außer dem einen Sohne nur noch zwei Töchter hatte. Der Sohn war auf Univerſität, als der Vater we⸗ d gen Unterſchleif verhaftet und auf fünf Jahre in's Zuchthaus gebracht wurde; eine raſche Ver⸗ ſorgung that Noth, Deeger erhielt die Schulſtelle hier im Dorfe, wo er nun ſiebzehn Jahre lebt und noch nie wegen Kränklichkeit einen Tag Schule verſäumt hat. Der alte Kameralver⸗ walter,„dem man alles Eſſen doppelt ſchmalzen muß,“ wie die Bäuerin ſagte, lebt ſeit zwölf Jahren auch im Dorfe, raucht und faullenzt und zankt zur Abwechslung mit ſeiner ſtocktauben Frau, mit der er in beſtändigem Hader lebt, 94 weil ſie ſtets heiter iſt, rund ausſieht und dem Alten manchmal im Kartenſpiel ein paar Pfen⸗ nige abgewinnt. Die beiden Töchter ſind in Dienſt; die eine bei der Baronin Hunold als „Kammjungfer,“ die andere in der Hauptſtadt und der Lehrer muß nun noch eine Magd be⸗ zahlen. Wenn er ſich in der Schule die Lunge lahm geſpröchen, muß er noch Mittags und Abends mit ſeiner tauben Mutter ſchreien, mit der der Alte oft ganze Tage aus Bosheit kein Wort ſpricht und da iſt der Alte noch eiferſüch⸗ tig, weil der Sohn die Mutter lieb hat. Wäh⸗ rend der Revolution hatte Deeger ſeinem Vater mehrere Wochen lang alle Röcke eingeſchloſſen, denn der Alte wollte ſtets fort; jetzt ſei Gerech⸗ tigkeit in der Welt, jetzt müſſe Er regieren. Zwei Mal bat er vorübergehende Bauern, ihm einen Rock zu leihen; als er beide Mal ausge⸗ lacht wurde, verſteckte er ſich ſtets, wenn Jemand am Fenſter vorüberging. Großes Halloh und Lachen erregte es einſt im Dorfe, als eines Morgens zwei Soldaten mit einer wunderlich ausſehenden Frau in's Dorf kamen; es war der Kameralverwalter im großblumigen Sonntags⸗ rocke ſeiner Frau, in dem er als ſpionirens⸗ verdächtig auf den Schub gebracht worden war. 95 Die Bäuerin hatte während dieſer Berichte die Kinder zu Bette gebracht. Als ſie wieder kam ſagte ſie:„Unſer Lehrer muß einen beſon⸗ deren Stuhl im Himmel kriegen.“ Der Bauer erzählte noch, daß der Lehrer ſich's jetzt leichter mache im Amte als ehedem; mit einem Selbſtgefühle ſetzte er hinzu:„Er kann das wohl, er hat jetzt ſchon das zweite Geſchlecht hinter den Bänken. Mir giebt's allemal einen Herzſtoß, wenn ich ihn dabei ſehe, wenn eines ſeiner Schulkinder heirathet. Du armer Tropf! was haſt denn du verſchuldet, daß du zu keinem eigenen Hausſtand kommſt? Ich kann's keiner Söhnerin verdenken, daß ſie nicht zu den alten Amtleuten mag.“ Er zeigte nun Eugen die unter Glas und Rahmen aufgehängten Lobzeugniſſe, die er und ſeine Frau vormals bei der Entlaſſung aus der Schule von Deeger erhalten hatten und knüpfte daran eine ausführliche Darlegung von Deeger's Verfahren, der die ſeltene Kunſt verſtand, ohne Körperſtrafen feſte Schulzucht zu erhalten. Als Eugen dem Bauer eine Zigarre an⸗ bot, ſchob er dieſelbe in die Taſche.„Ich will mir ſie auf Sonntag aufheben,“ ſagte er und ſtopfte ſich ſeine Pfeife. Jetzt ſchilderte er 96 ſeine eignen Verhältniſſe und wie er zu ringen und zu kämpfen habe, damit ihn nicht ein Stoß „von Haus und Acker lupfe.“ Die Frau ſchalt über ſolche Rede, der Bauer aber ſagte:„ich mach' mich nicht größer als ich bin; ſie ſind auch ſchon an mir geweſen, ich ſoll auswandern, aber es kann doch auch bei uns wieder beſſer werden.“ Nun ging's an ein Erzählen aus der Revolutionszeit und was man da ausgeſtanden. Der Bauer war ſelber mit im zweiten Aufgebot geweſen, war aber nicht zum Kampfe gekommen, ſein Bruder, der bei der Artillerie ſtand, war als Flüchtling in der Schweiz. Wie Vieles war da zu beklagen und Eugen freute ſich, daß über dem vielen einzelnen Elend doch auch das Große erkannt iſt; erſchüttert wurde er aber, als er den Vorwurf der ſo gewiſſenloſen Reaction hier als aufrichtige Wahrheit hören mußte, indem er aus dem Munde des Bauern die Worte vernahm:„Wiſſet Ihr, warum die Revolution ſchief gangen iſt? Weil ſie eine Lüge war! Da haben ſie geſchrieen, die Reichsverfaſſung wollen ſie haben, und nichts als Republik und Theilen haben ſie gewollt.“ Eugen ſuchte auch die reinen Beweggründe darzuthun, die vielen edeln Menſchen die Waffen 97 in die Hand gegeben und erklärte, daß nachdem man einmal für die Reichsverfaſſung wider ihre Gegner kämpfen mußte, von der Beſiegung der Gegner die Republik eine nothwendige Folge war. Oder ſollte man da noch einen Fürſten zwingen, Kaiſer zu werden? Der Bauer nickte einverſtändlich und zeigte auf einen großen Tin⸗ tenfleck am Boden, den er die Karte von Schles⸗ wig⸗Holſtein nannte. Die Frau erklärte, daß ihr Mann an jenem Abende, als er das End⸗ ſchickſal Schleswig⸗Holſteins erfuhr, das Tinten⸗ faß der Kinder vom Tiſche nahm, fluchend auf den Boden ſchmetterte und ausrief: lern' nicht deutſch ſchreiben, deutſch ſein iſt jetzt eine ße Schande. Als ſie nun wie entſchuldigend hinzu⸗ er ſetzte, daß ſich der ſchwarze Fleck ſchwer austilgen er ließe, rief der Mann: em„Und der wahre Schandfleck iſt gar nicht rte mehr zu tilgen, laß den nur auch zum Ange⸗ B denken.“ al WMitten im kummervollen Geſpräche über mg das Geſchick der einſt ſo hell begrüßten nordiſchen 5 Brüder, empfand Eugen doch wiederum die Freude, daß es ruchloſe Thaten giebt, die tief K im Andenken des Volkes wurzeln. Es giebt . alte Bäume, die eine Wurzelbrut anſetzen, aus 7 98 dem weit im Boden hinausragenden Geäſte treibt ein Keimauge und erhebt ſich aus der alten Wurzel zu einem neuen Stamme. Als Eugen wegging, ſchüttelte ihm der Bauer mächtig die Hand und hieß ihn auch oft wiederkommen. Mit reicherfülltem Herzen ging Eugen durch das ſchlafende Dorf, und aus allen ſchweren Gedanken heraus pries er ſich glücklich, daß er ſo auf neuen Lebensboden gekommen und gelobte ſtill in ſich hinein, nie wankend zu werden. Wie frei und ganz hatten ſich ihm die Seelen dieſer Menſchen erſchloſſen! Die Kunſtgärten ſind mit Zäunen von Eiſen und Stein eingehegt, die Feldblume ſchaut frei hinauf zum Himmel und zum Auge des Wanderers, der ſie findet. Das war der Gedanke, in dem er heiter entſchlief. — *. een Elftes Rapitel. Mit einer faſt andächtigen Verehrung be⸗ grüßte er am andern Morgen ſeinen Amtsgenoſſen Deeger, er war nahe daran, ihm ſein ganzes Schickſal zu enthüllen und ſagte doch nur:„Es giebt in Mährchen gutmüthige aber wunderliche Weſen die man nichts fragen darf, nicht nach Herkommen u. ſ. w., man muß an ſie glauben, ihnen vertrauen. Ich bitte Sie lieber Freund, gewähren Sie mir das und laſſen Sie ſich durch nichts an mir irren oder ſtutzig machen.“ Deeger ſah ihn verwundert an und drückte ihm auch die lange gehaltene Hand, Während die Kinder ſich in der Schulſtube ſammelten, ſagte er dann zu Eugen: „Neun und neunzig Schulmeiſter Hundert Narren ſagen die Bauern hier zu Lande. Es reitet jeder von uns ſein Steckenpferd, das Ihrige iſt wahrſcheinlich noch ein ideales Flügelroß, das meinige, ich will's Ihnen nur unverhohlen vorreiten. Meine Liebhaberei iſt: Die Kinder ſprechen zu lehren.“ 77 0 „Wie denn?“ „Vor Allem lautgerechtes und ausdruck⸗ volles Sprechen, der entſchiedene Vollklang und der lückenloſe Einſatz der Worte, das führt noth⸗ wendig zu einer feſten geſchloſſenen Haltung der Seele und zu einer ebenmäßigen Bewegung der Gedankenglieder. Der Menſch weiß nur das wirklich was er ausſprechen und iſt nur das was er darſtellen und zur That bringen kann. Bedächten wir dieſes letzte als Einzelne und als Volk, wir würden uns weniger im Mitleids⸗ ſpiegel anſehen. Ich habe in meiner Schule, ohne daß ich's ahnte, unter meinen Bauern einen Volksredner ausgebildet, der nach kurzem Ruhme gräßlich unterging. Ich will Ihnen die Geſchichte ein andermal erzählen. Sprechenlehren iſt mir die Hauptſache, das holt den Geiſt aus ſich her⸗ aus und die Elementargegenſtände, die auf⸗ gepfropft werden müſſen, gedeihen fröhlich auf dem Urſtamme. Ich bin dadurch auch von dem grammatiſirenden Sprachunterricht faſt ganz be⸗ freit.“ „Wollen Sie damit die bräuchliche Mundart ganz auflöſen?“ „Zum Theil, aber wie jede Landſchaft, ſo bildet ſich jedes Kind beim Sprechenlernen ſeine ¹ 01 eigene Mundart, das erſtemal, daß es auf fremde Mahnung ein gewohntes Wort ſich ſelbſt be⸗ richtigt, hat es gelernt Meiſter und Lehrer ſeiner ſelbſt zu werden.“ „Geſtattet Ihnen die Oberbehörde freie Be⸗ wegung in ſolchen Dingen?“ fragte Eugen. Unſer früherer Schulinſpektor ſchenkte mir Vertrauen: Jetzt muß ich natürlich auf die Prüfung hin beſonders arbeiten und was mich beſonders erfreut, zu meinem Selbſtgenüge leiſten.“ Eugen erfreute ſich ſo ſehr an der gewandten und ſichern Lehrweiſe Deegers, daß er oft ſeinem hingebenden Wohlbehagen Einhalt thun und ſich beſinnen mußte, daß er Alles das nicht blos zu genießen, ſondern auch zu lernen habe. Die Kinder waren jetzt am Morgen viel friſcher als geſtern am Mittag und Eugen ſah hier zum erſtenmale wie beſchwerlich es iſt, er⸗ mattete Kinder nach der allgemeinen Schulord⸗ nung die beſtimmte Stundenzahl feſtzuhalten.“ Ein Mann kam und bat ſich ſeinen Knaben aus, weil er ihn zum Ackern brauche. Deeger hieß dem Knaben ſogleich ſeinem Vater folgen und als Eugen verwundert aufſchaute ſagte Deeger:„Ich habe die geringſten Schulver⸗ ſäumniſſe im ganzen Bezirke, weil ich den Leuten ihre Kinder überlaſſe, wenn ſie ſie nöthig haben. Dadurch hört die Schule auf, für Eltern und Kinder eine ungebührliche Laſt zu ſeyn.“ Eugen erzählte bei einer Pauſe wo er den geſtrigen Abend zugebracht und Deeger ſagte: Außer einem Verlornen ſei ihm der Lehnert ſein liebſter Schüler und treueſter Anhänger. Eugen fand auf dem Pulte Deegers zwei Worte mit großen lateiniſchen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben, ſie hießen: LIEBE, 6EDULD, und als er darnach fragend aufſchaute ſagte Deeger: „Es waren vergangene Oſtern ſiebzehn Jahre ſeitdem ich dieſe Worte hier angeſchrieben, ich ſtand damals noch in dem Alter, wo ſich der Geiſt wie ein Kind gern an äußere Handhaben hält. Die Stunde iſt mir unvergeßlich, als ich dieſe Worte hier ſchrieb, ich war damals ſo voll Liebe zu den Kindern und allen Weſen, daß ich gerne mein ganzes Herz hingegeben hätte und dieſe Worte, die mir täglich beim Eintritte in's Auge fielen und mir oſt in Unmuth und Gram ſich wieder vor die Augen rückten, haben mir viel geholfen. Ich habe das noch Niemanden geſagt als Ihnen, aber ich meine, ich darf es, Sie verſtehen mich.“ 2 we tro ein ſe geo auf erſte einkt Sie wen nun Sie mein fam aus 103 Eugen ſah dieſe metallene Natur weich werden, die Stimme Deegers, ſonſt ſo feſt und trocken, klang zitternd und lind. Als die Beiden die Schule verließen, kam ein Diener der Baronin mit der Nachricht, daß ſie Eugen heute gegen Abend erwarte. „Ich mag aber nicht hingehen,“ ſagte Eugen zu Deeger. „Sie müſſen, Sie ſind ſonſt unartig.“ „Unartig? höchſtens unhöflich.“ „Unhöflich ſind nur Gleichgeſtellte, ein Unter⸗ geordneter der eine Freundlichkeit nicht dankbar aufnimmt iſt unartig.“ Eugen preßte die Lippen, er empfand zum erſtenmale die Demüthigungen, die als Neben⸗ einkünfte ſeines Berufes ihm zufielen. „Und mir zu Liebe“ ſagte Deeger,“ müſſen Sie meinen Pfarrer beſuchen, er iſt mir gram, wenn ich ihm einen Beſuch nicht zuführe und nun gar einen Lehrer, deſſen Schuldigkeit es iſt. Sie müſſen ſich anders kleiden.“ „Ich habe nichts bei mir, der Bote bringt meine Sachen.“ „Wie gerufen kommt er.“ In der That kam der Stellwagen, der von der Eiſenbahn aus eine Verbindung mit dem Binnenlande 10 unterhielt, gerade daher. Eugen verlangte nun gleich beim Wirthshauſe nach ſeinen Kiſten, der Fuhrmann ſah ihn betroffen an und erſt auf die Verſicherung Deegers, daß das wirklich der Lehrer von Erlenmvos ſei, wurden ihm die Kiſten abgeladen. Als Eugen ſchwarz gekleidet in die Wirths⸗ ſtube kam, hieß ihn der Lammwirth willkommen und fragte freundlich, ob er einen Schoppen Alten oder Neuen wünſche, wobei er nach ſeiner Ge⸗ wohnheit ſechſer⸗achter⸗zehner⸗zwölfer mit großer Zungenfertigkeit ſprach. Eugen lachte laut, weil man ihn nicht erkannte und für einen Fremden hielt. Es war aber auch eine ſeltſame Verände⸗ rung mit ihm vorgegangen. Der lange ver⸗ knitterte Rock, aus dem die Arme weit über die Handknöchel hinauf herausſahen, die ſchwarze Weſte bis an die weiße Halsbinde zugeknöpft, ließ kaum die frühere Geſtalt mehr erkennen. Während die Reiſenden mit eiſenbahnge⸗ wohnter Eile das Eſſen verzehrten und der Ab⸗ fahrt harrten, erzählte der Fuhrmann gemächlich, daß ein Hauptvogel aus dem Käſig entkommen ſei, nahm die Zeitungen aus der Taſche und überlieferte ſie dem Lammwirth, um ſie an Schult⸗ heiß und Pfarrer abzugeben. Eugen durchlas haſtig die Blätter, er ſaß allein an einem Tiſche und als er einen Steck⸗ brief las, vergrub er ſein Antlitz in das Blatt, ſo daß Niemand ihn zu ſehen vermochte. So⸗ bald es ohne bemerkt zu werden, geſchehen konnte, löste er das Beiblatt ab und ſteckte es in die Taſche. Seine lächelnden Mienen ſchienen zu ſagen: Wenn ſie dich jetzt fangen, haben ſie gleich dein Signalement bei der Hand. Zwölftes Rapitel. Es giebt in der ſogenannten Geſellſchaft eine Schichte verlebter Menſchen, die das Tanz⸗ vergnügen, das ſie Fähnrichen und jungen Aſſeſ⸗ ſoren überlaſſen, doch noch einmal aufnehmen würden, wenn man damit einen beſondern Reiz verbände, etwa in einem allmälig brennenden Hauſe den Tanz anordnete; natürlich müßte die Rettungsmaſchine vorher geſichert und erprobt ſein. In ſolchen Gedanken ging Eugen nach dem Schloſſe, er wünſchte ſich des Wildſchmacks der Flüchtlingſchaft los zu ſein, für ihn bedurfte es zur thätigen Belebung keines pikanten Reizmit⸗ tels; und doch, war es Leichtſinn oder Treue gegen das einmal Vorgeſetzte? Er ſchwankte keinen Augenblick in ſeiner gefahrvollen Lage auszuharren. Auf der Landſtraße begegnete Eugen der Major zu Pferde, bei dem raſchen Gruße Eugens ſcheute das Pferd und der Alte bedurfte aller ſeiner Kraft um ſattelfeſt und der Zügel Herr zu bleiben, er ſprengte über den Graben in ein n der Fugens e aller err zu in eim 107 Stoppelfeld und ſprengte dann noch mehrmals an Eugen vorbei indem er ihn im Halbkreiſe in geſtrecktem Trab umritt, er grüßte Eugen jedes⸗ mal und dieſer dankte, verwundert, was das zu bedeuten habe, bis er lächelnd gewahrte, daß der Alte den Apfelſchimmel dreſſire und den ſchwar⸗ zen Fußgänger ſchnell als Scheupfahl verwende; auch kleine Kinder, die vom Aehrenleſen heim⸗ kehrten, und Weiber die Schubkarren führten, mußten ſich trotz Zittern und Zagen als feſte Wendungspunkte benutzen laſſen. Die Schnitter auf den Feldern riefen einander an und deuteten auf den Reiter. Wer mag es Eugen verdenken, daß er nicht in der beſten Stimmung von der Straße ab den Bergweg nach dem Schloſſe einſchlug? Das Schloß, oder vielmehr das Herrenhaus, war modiſch zugerichtet, nur der geſtaffelte Giebel, auf deſſen Spitze ſeltſam ein Wagenrad geheftet war, zeigte einen älteren Urſprung. Während aber das Schloß wenig Alterthümliches mehr hatte, war der Weg mittelalterlich ſteil. Die mächtige Lindenreihe hüben und drüben hatte ſchon vielen auf⸗ und abwandelnden Geſchlechtern willkommnen Schatten geboten. Das Schloß war im Viereck gebaut, eigentlich nur ein 108 anſehnlicher Meierhof, man ſah nur das einfache Wohnhaus, Stallungen, Scheunen, und in der Mitte des Gehöftes prangte der mächtige um⸗ zäunte Düngerhaufen, auf dem gerade die an Stallfütterung gehaltenen Kühe friſche Luft ſchöpften. Eugen wurde von einem Diener durch das weſtliche Thor in den dort hart an das Schloß grenzenden Wald eine Anhöhe hinan geführt, dort ſtand eine mit Tannenrinden bekleidete und von ſieben Tannenſäulen getragene Einſiedelei. Das Kammermädchen, unverkennbar Deegers Schweſter, das in der Vorhalle nähte, meldete Eugen und er trat in einen großen geſchmackvoll verzierten Saal, in dem eine Dame vor einer Staffelei ſaß ohne ſich umzuwenden, ſie war weißgekleidet und das ganze Haupt umfloſſen glänzend ſchwarze Locken, die ſich von dem weißen Nacken prächtig abhoben. Eine ältere Dame, die an einem kleinen mit Leſepult verſehenen Tiſchchen ſaß, ſtrickte und las, ſie ſah beim Ein⸗ treten Eugens nur flüchtig auf, dann fuhr ſie in ihrem Doppelgeſchäfte ungeſtört fort. Eugen ſtand betroffen. „Nur näher“ rief die Malerin„ich bin gleich zu Dienſten. Stellen Sie ſich nur hieher.“ — 109 fache Ihr Blick ward erſchreckt als Eugen ihr nder gegenüber ſtand, ſie ſchien ihn auch kaum mehr e m⸗ zu erkennen. Auch Eugens Auge war betroffen die an auf ſie gerichtet, ſie ſtand auf, groß und maje⸗ Luft ſtätiſch mit Palette und Malſtock in der einen und dem Pinſel in der andern Hand, wie be⸗ h das fehlend und doch zutraulich ſagte ſie: chloß„Sagen Sie mir aufrichtig, was denken geführt, Sie jetzt?“ te und„Ich wußte nicht, daß Sie ſo ſchön ſind,“ iedelei. erwiederte Eugen ſtotternd. Ntgers„Mehr galant als wahr, wenn auch wahr“ neldete lächelte die Baronin„Wie heißen Sie mit Ihren achvoll Vor⸗ und Zunamen?“ einer„Eugen Baumann.“ „wir„Darin liegt etwas. Mir ſind Namen wie loſſen Farben, ich habe darin ein gewiſſes Bild von einem Menſchen, es giebt Namen, die ſind grau, blau, blond, grün, es giebt Namen, die ſind wie — Falkenruf, andere wie Gezwitſcher und Gekrächze. Da waren drei alte Jungfern, die dieſen Som⸗ „ mer ſich in Erlenmoos zuſammengeniſtet hatten. 2 6 Die eine hieß Blanka, das paßt, Bertha geht auch noch, aber die dritte heißt Amanda, denken Sie ſich eine ſechzigjährige Amanda mit blauer „* Hornbrille. Solche Namen müßte man im Alter eher. — — 11⁰ ablegen. Es iſt ſehr ſchön, daß die Nonnen andre Namen annehmen. Ihr Baron Kronauer in Erlenmvos heißt Gidevn. Es iſt ſchade, daß er nicht ſein eigner Großvater war, bunt ge⸗ ſticter Atlasrock, gepudertes Haupt, tugendhaft und weiſe, da haben Sie ihn. In ſeinem Hauſe ſchließen alle Thüren geräuſchlos und eract und ſo iſt's auch in ſeinem ganzen innerſten Weſen. Wenn Sie wiſſen, daß er Gideon von Kronauer heißt, kennen Sie ihn ſchon halb.“ „Noch nicht. Darf ich indeß fragen, gnädige Frau, wie Ihre frühere Farbe war, wie Sie als Mädchen hießen?“ „Warum das? Kannten Sie mich? Ich heiße Stephanie Hunold und habe ſeit meiner Trennung meinen Familiennamen wieder ange⸗ nommen.“ Sie trat ganz nahe auf Eugen zu und ſagte faſt zornig gebieteriſch:„Wie hießen Sie ehedem?“ Sie faßte Eugen ſcharf in's Auge, dieſer aber entgegnete ohne eine Miene zu zucken, ſtar⸗ ren Blickes:„Ich verſtehe Sie nicht gnädige Frau.“ „Gut, gut, ſei's. Immerhin, täuſche ich mich oder bin ich auf der rechten Spur, ich ver⸗ ſpreche Ihnen“ ſie reichte die Hand, die Eugen 111 zagend ergriff, Sie ſollen jederzeit jedwede Hülfe von mir anſprechen können und ſei es mit Ge⸗ fahr meiner eignen Sicherheit. Sind Sie der, den ich meine, gut, wo nicht, ſoll es Ihnen ent⸗ golten werden, daß Sie mich an eine ſchöne Zeit erinnerten, wenn auch jetzt minder als ge⸗ ſtern. Hätten Sie nicht Luſt Förſter zu werden? Ich glaube, Sie würden ſich dafür mehr eignen.“ „Mir iſt mein Beruf heilig.“ „Ich geſtehe Ihnen, ich kann eigentlich die gnadige Schulen nicht leiden, man ſollte die Menſchen as eher wild machen als zahm. Und mir iſt über⸗ haupt nichts zuwiderer als das Kindergethue. ndhaf Ich Die ganze Welt will ſich jetzt zur Kinderſtube meiner machen. Ich möchte den Philiſtern immer die ange⸗ Perrücken zerzauſen, wenn ich ſie ſagen höre: en beſſere Volksbildung muß helfen. Unſere Bauern bießen und Handwerker ſind ſo gebildet als die fran⸗ zöſiſchen und engliſchen, ja die Bauern noch ge⸗ dieſer bildeter, aber immer heißt's: das kommende Ge⸗ n, ſtar⸗ ſchlecht muß die Erlöſung bringen. Das kom⸗ gnädige mende Geſchlecht iſt ja auch wieder ein heutiges; es iſt nichts als Feigheit, die ſich immer auf ſche ich morgen vertröſtet, da kann man ewig und noch ich ver⸗ drei Tage warten, wie das Volk hier zu Lande eEugen ſagt.“ ——— 112 „Denken Sie ſich gnädige Frau“ erwiederte Eugen,„daß Ihre Worte wirklich den Lebens⸗ tern eines Menſchen träfen, dem Sie damit die ideale Strebekraft zerbrächen. Warum ſagen Sie mir das?“ „Wer in einer Stunde zerbrochen werden fönnte iſt nichts Beſſeres werth,“ erwiederte Stephanie feſt, ihre Stimme klang eiſenhart. Kopfſchüttelnd entgegnete Eugen: „Sie wollen ſich abſichtlich härter darſtellen als Sie ſind. Erlauben Sie mir Ihre Worte als jene verzeihliche Fahrläſſigkeit zu betrachten, die weniger an den Angeredeten als an ſich denkt; es kann doch aber nicht als ritterliche Jagdluſt gelten, auf einen angebundenen Vogel geiſtreiche Bolzen zum Amuſement abzuſchießen.“ „Sie ſind keck, doch iſt mir das lieber als Kriecherei. Ich habe für meine Anſicht noch beſondere Gründe, denken Sie einmal darüber nach: Kein anderes Volk der Erde hat das Wort und die Sache Bildung. Was iſt Bildung? Es iſt nicht savoir faire nicht intellect, es iſt eben deutſche Gemüths- und Gedankenboſſelei.“ Sie ſchien keine Antwort zu erwarten, denn ſie rief nach dieſen Worten laut:„Jetti!“ Das Ke of ei da ir Ar jet M hab run den Tre Mi ihn dem dan Wert teben denn Das Kammermädchen kam, öffnete den großen Kachel⸗ ofen, der ſich in dem ſonſt gar nicht winterlich eingerichteten Saale ſeltſam ausnahm, und ſiehe da, der Ofen war in der That nur ein mas⸗ kirter Schrank, aus dem Erfriſchungen mancher Art entnommen wurden. Eugen wurde erſt jetzt der ſtrickenden Leſerin, der Tante, Frau Majorin von Sabelsberg vorgeſtellt, die Matrone neigte den Kopf, aber Eugen hörte kein Wort von ihr. Man ſprach über das Bild, einen theatra⸗ liſch koketten Räuber, von dem die Baronin Stephanie eine Skizze in Italien gemacht, die ſie nun ausführte, und als Eugen ſich zum Weg⸗ gehen anſchickte, ließ ſich Stephanie ihren Schäfer⸗ hut geben und geleitete ihn nach dem Gehöfte. „Sie müſſen etwas Zutrauen erweckendes haben, die Hunde haben dafür eine feine Witte⸗ rung. Sehen Sie,“ ſagte ſie auf den begleiten⸗ den Hühnerhund deutend,„ſehen Sie wie mein Troll ſich Ihnen anſchmiegt; er iſt ſonſt ein Miſanthrop und eiferſüchtig wie Othello, ich wollte ihn auch ſchon oft ſo nennen, er haßt Jeden, dem ich freundlich begegne.“ Eugen betrachtete den Hund und preßte dann kaum merklich die Lippen zuſammen. 8 114 „Ich will Ihnen hier einige Bücher für meinen Vetter Kronauer mitgeben,“ ſagte die Baronin wieder,„leſen Sie auch franzöſiſch?“ „Ein wenig.“ „So müſſen Sie auch Bastyat leſen. Sie werden viel daraus lernen, es liegt ein eigen⸗ thümlicher melancholiſcher Reiz in der Beſchäfti⸗ gung mit der ſocialen Frage und ſchon auf der franzöſiſchen Sprache liegt ein Parfum, den wir Deutſchen nie erreichen werden.“ „Dafür weht über unſrer Sprache ein fri⸗ ſcher Waldduft.“ „Darum ſollte man im Salon franzöſiſch und im Walde deutſch ſprechen.“ „Sie gebrauchen nur dieſe ſpielende Wen⸗ dung, ſie gefällt Ihnen, ohne daß Sie ſelbſt daran glauben. Witz geht über Wahrheit, iſt die Deviſe des bigh life.“ „Ich weiß nicht, ſind Sie mehr pedantiſch oder mehr keck.“ Eugen ſuchte ſich zu entſchuldigen. Stephanie ging ſchweigend neben ihm und begann nach langer Pauſe: „Was wollte ich Ihnen noch ſagen? Hei⸗ rathen Sie nicht! Nie, nie. Sie verſumpfen in der Familie. Oder minnen Sie ſchon eine 115 ſittige Maid mit weißem Gewand und roſarother Schleife, einziges Kind einer armen Wittwe, die ſie mit ihrer Hände Arbeit ernährt und dabei ein Blumenbeet vor ihrem Fenſter hegt?“ „Sie verſtehen es meiſterlich gnädige Frau, den Ertract aus Romanen auf Flaſchen zu ziehen.“ „Sie ärgern ſich und darum machen Sie mir ein ſchielendes Compliment. Nicht wahr ich verſtehe Sie? Solche Romane liebt meine Tante Bonboniere am meiſten.“— Eugen hatte nicht Zeit ſeinem Erſtaunen nachzuhängen, denn wildſchnaubend, Kopf und Schweif hochtragend kam im raſchen Galopp der reiterloſe Apfelſchimmel dahergeſprengt, Eugen warf ſich dem Pferde entgegen, erhaſchte es am Zügel, wurde aber noch einige Schritte geſchleift, ehe er das wilde Roß zum Stehen brachte. „Der Onkel, der Onkel!“ ſchrie die Baro⸗ nin in lautem Schmerze und ſchickte die herbei⸗ geeilten Knechte dem Vermißten entgegen. Dieſer kam bald darauf hinkend und an dem Kopfe blutend. „Sind Sie vom Pferde geſtürzt, lieber Onkel?“ rief die Baronin ihm entgegen eilend. „Wann bin ich geſtürzt?“ ſchrie der Alte heiſer ſich auf eine Bank niederlaſſend„Pfui! S von Bauerhänden vom Pferde geriſſen. Fluch den Grundrechten, die uns die Gerichtsbarkeit genommen, es ſind fremde Schnitter aber ſie müßten mir Alle im Thurme verdorren. Was gaffen Sie mich ſo an, Sie hochweiſer Volks⸗ profeſſor? Da habt ihr die Früchte eurer Bil⸗ dung, aber ſie ſollen mir's büßen, ſchwer büßen.“ Stephanie eilte hin und her dem Verletzten Hülfe bringend, deſſen Kopfwunde unbedeutend war, ſie entſchuldigte den heftigen Oheim bei Eugen und dieſer entfernte ſich bald. Dreizehntes Rapitel. Es ſchien faſt ein anderer Menſch, der jetzt den Schloßberg herabſtieg, er ging ſtolz und auf⸗ recht und blickte manchmal wie herrſchend über das weite Gefilde und doch war es unſer Eugen, in dem ſich aber Gedanken und Pläne bewegten, * wie man als Gutsherr hier leben und walten könne. Das war doch ein anderes als von unten heraufkommen, lenken ſtatt ſelbſt mühſam ziehen. „Wie finden Sie die Baronin?“ fragte Deeger, an dem Eugen eben ohne ihn geſehen zu haben vorübergehen wollte. „Sie iſt das neueſte pikante Gericht: in Honig und Syrup eingemachte Brennneſſeln,“ erwiederte Eugen und mit dieſem Spotte fand er ſich ſelbſt wieder und hörte kaum wie Deeger ſeine Bemerkung„boshaft“ fand. Man ſprach nun von dem Unfalle des Majors und Deeger erzählte, daß der Major einen kleinen Knaben umgeritten hatte und ſich eben davon machen wollte, als die Schnitter vom Felde herbeieilten, 118 ihn vom Pferde riſſen, wacker durchbläuten und ſtets dabei riefen:„Du haſt uns nichts ſchriftlich gegeben, daß wir dir Prügel geben dürfen, du kriegſt ſie aber doch auf dein ehrlich Geſicht hin.“ „Welches Kind wurde verletzt?“ „Sie kennen es, der kleine Engelbert, man ſagt die Liebe zu ſeinem Schulbuche trage die Schuld daran; der Knabe hatte ſeine bunte Fibel feſt an die Bruſt gedrückt mit auf's Feld ge⸗ nommen, er wich dem raſchen Pferde richtig aus, verlor aber dabei ſein Buch, eilte nochmals zurück um es zu haſchen und wird da von dem Hufe des Pferdes getroffen. Der barſche Major iſt ſo zum Theil unſchuldig aber es geſchieht ihm doch recht, der Engelbert ſoll am meiſten geſchrieen haben, als er ſein ſchönes Buch voll Blutflecken ſah.“ „Wo iſt er verwundet?“ „Es ſcheint ihm nur die Stirnhaut geritzt, man hat ſogleich einen reitenden Boten an den Wundarzt geſchickt.“ Wie durch eine ſympathetiſche Wirkung fühlte Eugen plötzlich einen ſtechenden Schmerz in ſeiner noch nicht geheilten Hand, er erinnerte ſich, daß er durch Anhalten des Pferdes wol das kaum Vernarbende wieder aufgeriſſen habe S 2 — — 119 und machte ſich mit doppelter Eile in das Haus des kleinen Engelbert. Frauen, Männer und Kinder, was nicht auf dem Felde war, war dort verſammelt, die Kinder hatten faſt alle Brod und Obſt in der Hand, das ſie von den Eltern erhalten, gleich⸗ ſam als Dank⸗ und Freudenopfer, daß ſie ihnen ſolch Herzeleid erſpart, wie drinnen im Hauſe herrſchte. Natürlich war hier viel die Rede davon, wie die Hirnſchale Engelberts ganz auf⸗ geſchlitzt ſei, ſo daß man das offene Hirn ſchlagen ſehe und wieder Andere wußten zu erzählen, wie gräßlich es war, als die Mutter das blut⸗ triefende Kind in die Arme ſchloß und mit ihm zu Boden ſank. Der Wundarzt kam und ſtatt durch ſeinen Anblick beruhigt zu ſein, brachen alle Weiber in lautes Wehklagen aus und trock⸗ neten ſich mit der Schürze die Thränen. Erſt jetzt als Eugen durch das Gedränge in's Haus wollte, bemerkte er, was die Dorfleute ſchon verwundert geſehen hatten, daß ihm Troll vom Schloſſe gefolgt war, er hieß den Hund hier außen warten und drang in das Haus. Wie war das friedſame Bild von geſtern Abend hier verſcheucht. Der Knabe lag leichen⸗ blaß auf blutigem Kiſſen, das Schweſterchen 120 weinte laut, der Säugling ſchrie und Alles über⸗ tönte der Schmerzensruf der Mutter, die ihr Söhnchen wach rufen wollte, plötzlich beſann ſie ſich, preßte die Lippen zuſammen und legte den Säugling an ihre Bruſt, aber eine andere junge Frau entriß ihr denſelben mit den Worten: „Das darfſt jetzt nicht“ und reichte ihm ſelbſt die Bruſt. Der Wundarzt ſorgte vor Allem dafür, daß die mit Menſchen vollgeſtopfte Stube leer wurde. Männer und Frauen wichen zurück, kamen aber wieder leiſe hereingeſchlichen und ſchauten mit angehaltenem Athem dem Thun des Wundarztes zu. Todtenſtille herrſchte, da ſchrie eine mächtige Stimme:„Der Mörder muß von meiner Hand ſterben!“ Es war der Vater, der vom Felde heimgekehrt war, er warf nur einen Blick auf ſein Kind und ſprang wieder fort und holte ſeine Holzart. Nur mit Mühe gelang es meh⸗ reren Männern, ihn zu halten, er ließ ſich die Art nicht nehmen, trat nochmals in die Stube, wo der Wundarzt den Knaben wieder in's Leben brachte und verſicherte, daß wenn nichts Unge⸗ wöhnliches eintrete, keine Hirnerſchütterung ſich vorfinde, die man nicht ſehen könne, die Wunde gefahrlos ſei. ſiz übe eine Do O — 121 d 6 Der Vater war ſtill auf die Bank geſunken, das kleine Mädchen hatte ſich an ſeine Kniee gedrängt und die Mutter reichte ihm mit einem dankbaren Blicke nach oben die Hand. Eugen ließ nun auch ſeine Wunde ver⸗ binden, die er, nicht ganz der Wahrheit zuwider, beim Einfangen des wilden Pferdes erhalten haben wollte. Je mehr es nun Abend wurde und die — Bauern heimkehrten und ihre heißen Senſen im 1 Dorfweiher abkühlten, um ſo unruhvoller wurde 1 es auf der Straße, bis ſich endlich vor dem arztes Wirthshauſe und in der Wirthsſtube wild⸗ achuge lärmende Haufen ſammelten. Hand„Unſere Senſen laſſen ſich wieder gradauf Felde ſchmieden.“ c auf„Auf! Nach dem Schloſſe.“ holte„Der Baron muß auch einmal im Thurm meh⸗ ſitzen.“ ch die„Wenn einer von uns ein Baronenkind Stube, übergeritten hätt', er ſäß' ſchon in ſieben Ketten.“ Leben„Der Schultheiß hält's mit dem Baron.“ Unge⸗ So riefen die Stimmen durcheinander. gſich„Was da!“ ertönte jetzt eine Stimme von zunde einem noch jungen behäbigen Manne, der mit Deeger daher kam:„Ich halt' es mit Niemanden 122 als mit der Gerechtigkeit. Haben wir nicht tauſend⸗ mal geklagt, daß wir für jede Lumperei gleich eingeſperrt worden ſind? Der Baron entlauft uns nicht, Draufgeld hat er.“ „Aber er gehört vor's Schultheißenamt.“ „Die Zeiten ſind vorbei, wo die Barone unſere Herren geweſen.“ „Das Standrecht iſt für die Standes⸗ herren,“ ſo ſcholl es entgegen und der Schultheiß erwiederte: „Weil der Baron jetzt nicht mehr Recht hat als wir, ſoll er aber auch eben ſo viel haben;z es ſoll ihm Gerechtigkeit werden, von uns, vom Gemeinderath. Wenn ihr rebelliren wollt, könnt' ihr Execution und Einquartierung haben, wenn's euch darnach gelüſtet.“ Das half. Weil man aber einmal im Wirthshauſe war, machte man ſich die Gelegen⸗ heit zu Nutzen, zechte nach Wohlgefallen und ergoß ſich weidlich in Klagen und Schimpfreden, wobei es aber an tapferen und mannhaften Gegenreden auch nicht fehlte. Eugen glaubte aus all dem Stimmgewirr heraus dennoch einen einheitlichen Charakter des Dorfes und in manchen Zügen ein offenbares Abbild von dem Weſen Deegers zu erkennen. ſtt 123 Als er ſolches gegen ſeinen Amtsbruder äußerte, ſagte dieſer:„Kann wohl ſein, die jungen Män⸗ ner hier alle ſind meine Schüler, ich bin ſchon Großvater der hieſigen Dorfbiloung. Unſer Dorf kann wenigſtens auf eins ſtolz ſein, während ringsum überall das Denunciantenweſen in höch⸗ ſter Blüthe ſteht, haben wir bei uns kein Beiſpiel davon. Unſere Einrichtungen mit dem Verſetzt⸗ und Abgelöstwerden ſind nicht gut, dadurch bildet ſich im Lehrer und ſeinen Schülern eine Unſtetig⸗ keit und Heimathloſigkeit; der Staat ſollte den auf ſeiner Stelle Verbleibenden mit der Zeit höher lohnen.“ Eugen, der einem andern Gedankengange gefolgt war, ſagte darauf:„Mag die Gewalt jetzt auch noch ſo ſehr raſen, die innere That⸗ ſache in den Gemüthern, das Bewußtſein, daß eine Revolution war, daß das Volk wollen kann, das vermögen ſie nicht mehr auszurotten, ſie wiſchen die drei Farben nicht mehr aus der Erinnerung.“ „Das Volk iſt müde und die einfache Auf⸗ gabe iſt zur verwirrten gemacht“ verſetzte Deeger, „ich kenne andere Länder nicht, ſo viel aber weiß ich, daß das„Nächſtmal,“ was Viele ohne dabei zu denken im Munde führen, bei uns ganz gewiß eintritt, wenn man dem Adel wieder ſeine Patrimonialgerichtsbarkeit herſtellen wollte. Das greift dem Bauer an's Leben und würde einen Kanpf herbeiführen, gegen den der Bauernkrieg Kinderſpiel war. An dem lärmenden Wirthshauſe vorüber ſchlich eine ſcheue Geſtalt, tief verhüllt, die Ka⸗ puze gleich einer Tarnkappe auf dem Haupte, faſt geiſterhaft anzuſchauen, ſie eilte nach dem letzten Hauſe des Dorfes. Troll hatte an der Thür gewinſelt, ein Burſche gab dem Schloßhund einen Tritt und machte ihm die Thüre auf, der Hund eilte der verhüllten Geſtalt nach. En die ebe an ſup Ge auf Vierzehntes Rapitel. rüber Als Eugen am Morgen ſeinen kleinen Freund die Ka⸗ Engelbert aufſuchte, war er nicht wenig erſtaunt die Baronin Stephanie hier zu finden. Sie ſaß ich dem eben mit den Bauersleuten und dem Töchterchen n der an dem Tiſche und aß mit ihnen die Morgen⸗ ßbund ſuppe aus einer Schüſſel. In ihrem weißen f, der Gewande mit den dunkeln Locken, die aufgelöst auf dem lichten Nacken ruhten, mit ihrem jetzt blaſſen Antlitze erſchien ſie faſt wie ein un⸗ irdiſcher Genius, der ſich dazu bequemte unter den Menſchenkindern zu weilen und ihre Sitten und Bedürfniſſe anzunehmen. Troll ſprang freudig an Eugen hinauf, den Stephanie lächelnd will⸗ kommen hieß, während der Bauer ohne aufzu⸗ ſtehen, ihn einlud, es„mitzuhalten.“ Eugen dankte und ging zu dem Knaben, der in dem großen Himmelbette aufrecht ſaß und ihm die ſchönen Bilder zeigte, die ihm„Baſe Stephanie gemacht“ habe. Es waren allerlei Gethiere, Menſchen, Bäume, die leicht und zierlich hin⸗ geworfen waren und der Knabe erzählte: Baſe 126 Stephanie habe ihm ein noch viel ſchönres Schul⸗ buch verſprochen als ſein blutiges geweſen war. Nachdem abgegeſſen und gebetet war, wobei Stephanie ihre feinen Hände feſt in einander faltete und ihre Lippen bewegte, aber ſo gleich⸗ mäßig, daß ſie offenbar keine Worte ſprach, ſagte der Vater: „Wenn nur mein Engelbert ſeinen Verſtand behält, wir haben noch nie einen Trottl in der Familie gehabt, ich mag nichts davon wiſſen, daß das einer Familie Glück bedeuten ſoll, wenn ſie ihn gut behandelt.“ „Voila la superstition de ce peuple“ ſagte Stephanie, Eugen winkte ihr raſch verneinend, denn er ſah die erſchreckten Mienen der Bauers⸗ leute bei dieſen fremden Klängen, Stephanie ließ ſich aber nicht abhalten, ſondern fuhr fort: Hier je suis devenue un miraclé, lorsque j'en- trais les gens croyaient voir un spectre, nommé Wichtele ou Waschweibl, qui devait laver et habiller les enfants. Ce petit gargon a vraiment un talent d'artiste, je ferai les dépenses pour son 6ducation. Vai reconnu pendant cette nuit le nonsens et le bonsens du peuple.“ „Ne continuez pas à parler frangais. Si vous voulez protéger cetie famille, payez les 4 delle terre mſt unter Hin⸗ unſä wem ſchri Hän hare fundi die S die hafte undt ſein ſprach und forde den theue geſpr noch — dettes de ce paysan, qui reposent sur sa petile terre. Je m'informerai exactément.“ „Bien, failes cela, je—“ Der kleine Engelbert fing plötzlich an laut zu ſchreien und zu klagen als läge er abermals unter der Hufe des Pferdes. Dieſes ſchnelle Hin⸗ und Herwerfen fremder Worte machte ihm unſägliche Angſt, daß er am ganzen Leibe zitterte; wenn ſich ihm Eugen oder Stephanie nahten, ſchrie er immer wieder lauter und ſchlug mit Händen und Füßen nach ihnen. In dem Ge⸗ baren des Knaben ausprägte ſich nur auf offen⸗ kundige faßliche Weiſe, was mit ſtillem Beben die Herzen der Seinen bewegte, ihm erſchienen die Menſchen, die ſo redeten als fremde ſchreck⸗ hafte Weſen, während die Eltern ſich verfremdet und tiefverletzt vorkamen, da man in ihrem Bei⸗ ſein und gewiß über ſie ſprach und doch nicht ſprach, ſie waren wie taube Menſchen, die ſtarr und fragend, halb mitleidig bittend halb zornig fordernd in das Antlitz der Redenden und Hören⸗ den ſchauen. Eugen, der das Alles bemerkt hatte, be⸗ theuerte, daß die Baronin nur zu ihrem Guten geſprochen habe, er glaubte ſeine Worte fänden noch unbezweifeltes Vertrauen während er durch 128 dieſen Vorfall einen großen Theil davon einge⸗ büßt hatte. „Kann ſein, kann ſein,“ entgegnete Lehnert und zerrte raſch mit beiden Händen an den Batten ſeiner Jacke als wollte er ſich dadurch abhalten, anderswo zuzugreifen, dann hielt er ſie feſt in der trampfhaften Hand und fuhr fort:„kann ſein, aber das iſt mein Haus, mein Stub, wer da vornehm ſein will— vor der Thür iſt draußen, verſtanden? Ich red deutſch, kann nicht welſchen,“ er riß gewaltig an ſich herum, die Zornesader ſchwoll ihm mächtig auf der Stirne, die Frau ſuchte ihn zu beruhigen, er aber ſchüttelte trotzig ihre Hand ab; da trat die Baronin auf ihn zu, reichte ihm die Hand und ſagte: „Das gefällt mir, es iſt ein ehrenwerther Stolz, daß er ſich das nicht gefallen läßt; es iſt nicht gerne geſchehen und ſoll auch nicht mehr vorkommen.“ Statt aller gegenſeitigen Entſchuldigung ſagte Lehnert:„Ich muß jetzt auf's Feld.“ Eugen hielt ihn zurück und wollte ihm das Verſprechen abnehmen, daß er keine Klage gegen den Baron anhängig machen wolle, dann werde auch dieſer die Mißhandlung durch die Schnitter auf ſich 3 her wu geg Vo wo klei bef bilt un 0 Eu kor Le wi Fr g ſagte prechen Baron h dieſer auf ſich 129 beruhen laſſen. Lehnert war ſich zu wol be⸗ wußt, in welch' günſtiger Lage er dem Baron gegenüber war und ſchien nicht gewillt, ſie ohne Vortheil aufzugeben, er gab ausweichende Ant⸗ wort und machte ſich davon. Stephanie hatte während deſſen für den kleinen Engelbert das Waſchweibl gezeichnet, eine beflügelte Fee die drei liebliche Kinder ſtrehlte und wuſch. Der Knabe freute ſich deſſen überaus und Stephanie ſagte triumphirend: „Wie einſt die Kirche Heiligenbilder ver— theilte, ſo muß jetzt die freie Kunſt Schönheit in allen Hütten erwecken und ausbreiten. Was ſagen Sie dazu, wenn ich mich zum Apoſtel der bildenden Kunſt machte?“ „Die bildende Kunſt iſt nur für die Satten, und es iſt überhaupt gefährlich, nur äſthetiſches Intereſſe am Volke zu nehmen.“ „Sie ſind ein Pedant“ ſchmollte Stephanie. Eugen erkundigte ſich bei der Mutter, wie es komme, daß hier, wo Deeger ſchon ſo lange Lehrer ſei, noch ſolcher Aberglaube herrſchen könne wie der vom Waſchweibl. „Das iſt kein Aberglaube erwiederte die Frau mit zuverſichtlicher gläubiger Miene:„Wir haben in der Gegend ein leibhaftiges Wichtel⸗ 9 weible oder Waſchweible wie man's heißt, ihr werdet ſie ſchon kennen lernen.“ „Ich? Wo denn?“ „Man darf nicht frei davon reden, ſie könnt' einem ſonſt verklagen. Es muß jetzt einige zwanzig Jahr her ſein, da hat mir meine Mutter erzählt, daß ein Mann ein Waſchweible aus dem Waſſer gefiſcht hat, es war ein kleines Kind wie ein Mädchen von fünf, ſechs Jahren und hat ein Flimmerkleid an wie von lauter Silber, der Mann trägt's heim legt's in's Bett und am Morgen iſt es ſchon viel größer geworden und es ſchlaft drei Tag und drei Nächt und thut kein Aug auf, und wie es endlich erwacht und aufſteht, iſt es ein erwachſenes Mädchen, aber ſo zierlich und fein wie eine Pupp und ſo weiß, und fein und zart, daß man ſieht auf die hat nie eine Sonne geſchienen und die hat kein rauh Lüftchen berührt. Der Mann hat das Waſch⸗ weible geheir athet und hat lauter Glück im Haus, aber die Frau geht nie aus dem Ort, zehn Gäul bringen ſie nicht davon weg, man ſagt, ſie ſei an den Ort gebannt, weil ſie unter den Menſchen blieben iſt.“ „Und ich werde die Frau kennen lernen?“ „Ja, ihr dürfet mich aber nicht verrathen, es iſt die Bachmüllerin von euerm Ort, wo ihr Schulmeiſter werdet.“ Eugen preßte die Hand an die heiße Stirne. Sollte er hier auf der Spur ſeiner Mutter ſein, die unter der ſchützenden Hülle des Wunderbaren ſich verborgen hielt? Sein Herz erbebte, er war wie in einen regelloſen Traum gehüllt. „Was träumen Sie?“ weckte ihn die Baro⸗ nin„laſſen Sie im Hypothekenbuche nachſehen, damit wir das Beſprochene in's Reine bringen. Verſchaffen Sie mir dann auch aus dem Dorfe einen gepolſterten Stuhl, hier im Hauſe ſind lauter magere knochendürre. Dem Himmel Dank, daß ich es dahin gebracht habe, daß dieſe Leute das ewige Feuer im Ofen ausgehen ließen und ein Fenſter öffneten.“ Eugen verſprach Alles zu beſorgen und ging, aber noch immer wie von einem Taumel erfaßt. Gewaltſam kämpfte er die Aufregung in ſich nieder als eine unberechtigte; die Sorgloſigkeit, mit der er bisher hier im Orte weilte, kam ihm jetzt unbegreiflich vor, er meinte, er müſſe fort, noch in dieſer Stunde unaufhaltſam nach ſeinem Beſtimmungsorte. Er bezwang ſich indeß und fand einen ruhigen Ableiter ſeiner brauſenden Stimmung in einem Beſuche bei dem Pfarrer- 482 Eugen wollte gemäß der überwundenen Umſtands⸗ macherei der freieren Weltſitte ſeine Verzögerung gar nicht entſchuldigen, er wurde aber nach dem Empfange anderen Sinnes und bat wegen ſeiner Fahrläſſigkeit„bei Hochwürden“ um Verzeihung, worauf ihm erſt jetzt ein Stuhl angewieſen wurde, auf dem er indeß nicht lange ausharrte, denn als er viel über die Reſidenz ausgefragt wurde, machte er ſich bald wieder auf, um den Raths⸗ ſchreiber aufzuſuchen. als zutr Ma riſch bere aufri alte Kind und in a witt alle Kind wirk hin Fünfzehntes Rapitel. Der Rathsſchreiber war Niemand anderes als Deeger. Eugen traf den ſonſt keineswegs zutraulichen, dabei aber gleichmäßig freundlichen Mann heute etwas gereizt, denn er ſagte: „Ich glaubte ſchon, Sie hätten das ſumma⸗ riſche Verfahren über meine Unterrichtsweiſe bereits geſchloſſen und ſeien mit mir fertig.“ Eugen ſuchte ſich zu entſchuldigen und ſeinen aufrichtigen Worten gelang es, bald wieder das alte Verhältniß herzuſtellen; er fand heute die Kinder ungewöhnlich plauderhaft und unruhig und als er dies äußerte verſetzte Deeger: „Die Geſchichte mit dem Engelbert ſpuckt in allen Köpfen. Wenn ſo ein unruhiges Ge⸗ witter in der Luft ſteht, will alle Disciplin und alle Sammlung aus Rand und Band gehen, die Kinder ſind dann gerade wie die Vögel vor einem wirklichen Gewitter, die ſcheu und oft ziellos hin und herflattern.“ „Sie hätten heute Vacanz geben ſollen.“ „Gerade das Gegentheil. Man muß die 134 Menſchen daran gewöhnen, mitten in allen Un⸗ ruhen und Tagesplackereien die Pflicht des Lebens ſtets im Auge zu behalten. Ich bin in ſolchen Tagen um ſo ſtrenger. Die meiſten Menſchen gehen daran zu Grunde, daß ſie, wenn Ungemach und Unruhe ſie heimſucht, lahm und läſſig alle ihre Obliegenheiten verabſcumen und ſo neues und verſchuldetes Mißgeſchick auf ſich häufen. Ich gewöhne meine Kinder daran, mitten in Allem was vorkommt, ſtramm und ſtraff zu ſein.“ „Das muß ſehr anſtrengen, Sie und die Kinder.“ „Ich heiſche von Anderen nicht mehr als ich mir ſelbſt auferlege. Wenn ich den Widrig⸗ keiten und Zerrereien des Lebens nachgäbe, hätte ich noch nie drei Tage ordentlich Schule gehalten. Ruhe Kinder!“ ſchloß er laut. Die letzten Worte Deegers trafen Eugen mitten in's Herz, er ſah wie leicht er ſich durch Begegniſſe von ſeinem geraden Wege ablenken und zerſtreuen ließ. Er hatte ſogleich wieder zur Baronin Stephanie zurückkehren und ſich dann baldmöglichſt nach ſeinem Beſtimmungsorte aufmachen wollen, jetzt blieb er nicht nur beim Unterrichte und feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit auf denſelben, ſondern er gelobte ſich auch noch meh⸗ be ſau 135 rere Tage zu verweilen, theils als Selbſtbe⸗ herrſchung gegen ſeine Unruhe, theils um noch feſtere Handhaben für ſeinen Beruf zu ge⸗ winnen. Erſt als die Schule zu Ende war, brachte Eugen ſein Anliegen wegen des Flurbuches vor. Deeger rief ſchnell noch einigen Kindern nach, ſie ſollten es verkünden, daß heute Nachmittag keine Schule ſei, dann fuhr er zu Eugen gewendet fort: „Das hätten Sie mir gleich ſagen müſſen, bei der Baronin darf man keine Minute ver⸗ ſäumen, ſonſt iſt ſie mit ihren guten Vorſätzen entſchlüpft. Wie vielmal hat ſie ſchon das und jenes thun wollen und nie iſt etwas daraus geworden. Aber dießmal halten wir ſie. Die Baronin weiß nicht, da ihr Oheim ihr Vermögen verwaltet, daß ſie ſelbſt die Gläubigerin iſt. Ich will ſogleich die Ceſſion machen und den Ge⸗ meinderath zuſammenrufen. Dieſe Freude macht mich doppelt glücklich,“ ſagte er die Schulſtube ſchließend,„denn ſie hebt mich über ſchweren Kummer hinweg.“ „Was iſt Ihnen?“ „Sie müſſen noch mehr als ich von der geſtrigen Zeitung getroffen ſein.“ „Von was?“ fragte Eugen erſchüttert, ein Schauder überkam ihn, daß ihm die Haare zu Berge ſtanden. „Sie haben es wol noch nicht geleſen; die Retter der Civiliſation wollen jetzt die Schul⸗ lehrerſeminarien reformiren d. h. verderben. Wir ſollen jetzt ſchuld an all den Umwälzungen ſein, darum nieder mit der Bildung, Drill-Maſchinen her und ausgediente Unteroffiziere. Dahin müſſen ſie noch. Es iſt mir nicht um meinetwillen, obgleich es mein höchſter Wunſch war, einſt Lehrer an einem Seminar zu werden. Laß ſie nur machen die rationellen Volkswirthe, die da möchten, daß der Baum nicht mehr Blüthen tragen ſoll als er Früchte haben muß, ſie ver⸗ rechnen ſich doch und ſie vergeſſen, daß die Pflanze eben ſo viel Nahrung aus der Luft wie aus dem Boden aufſaugt. Sie glauben jetzt Alle mit dem Oeſtreicher, die Donau in Wien bleibe aus, wenn ſie an der Scheune da drüben die kleine Quelle zuhalten; von allen Seiten quillen aber lebendige Ströme herzu. Halbe Menſchen ſollen ganze bilden! Sie wiſſen noch immer nicht, daß die größte Klar⸗ heit und umfaſſende Kenntniß dazu gehört ein Kind zu lehren.“ So ließ ſich Deeger in haſtigem Selbſt⸗ geſpräche vernehmen und Eugen ſagte lächelnd: Kö ma nen wil den des bo eig ſei rech borg die ſein ſigt lehr ſe wür reift Da ſe N (NM . — 137 „Jetzt iſt es doppelt vonnöthen, daß helle Köpfe aus den beſten Verhältniſſen heraus ſich zu Volkslehrern machen.“ „Der einzige Vorwurf, den ich mir zu machen habe,“ ſagte Deeger, die buſchigen Brau⸗ nen ſtark einziehend„iſt der, daß ich nicht frei⸗ willig Lehrer geworden bin. Zeigen Sie mir den Mann, der von der genußjägeriſchen Höhe des Lebens herabſtieg und Lehrer in einem ver⸗ borgenen Dorfe wurde und ich will ihn anbeten.“ Das Antlitz Eugens erſtrahlte von einem eigenen Glanze, er betrachtete unwillkürlich oder ſei es, daß er den Blick Deegers fürchtete, ſeine rechte Hand, hier war noch eine Wunde ver⸗ borgen und die Hand verbunden, wann wird er die geheilte und freie offen reichen dürfen, wie ſein wirkliches Sein? Er faßte ſich ſchnell und ſagte unbefangen: „Ich würde die völlige Aufhebung der Schul⸗ lehrer-Seminarien für kein Unglück anſehen, da ſie ſo viele unpraktiſche Menſchen erzeugen; es würden ſich dann wieder mehr Männer aus ge⸗ reiften Lebensſtellungen den Schulen widmen.“ Da rief Deeger heftig: „Viele von unſerer Partei wiſſen nicht, was ſie wünſchen und thun. Ihr wollt mit der Reaction die große Errungenſchaft Peſtalozzis verſchleudern, die Kette großer Erfahrungen und Einrichtungen zerſprengen. Kommen Sie,“ ſagte er abbrechend,„wir wollen zum Gemeinde⸗ Rath.“ Die Ceſſion wurde in aller Form Rechtens ausgefertigt und als Stephanie ſolche dem Lehnert überreichte, war nach dem erſten Schreck die Freude und der Jubel unermeßlich. Stephanie entzog ſich bald dem überſchwänglichen Danke, und da gar keine Gefahr für Engelbert mehr zu beſorgen war, kehrte ſie ermüdet wieder nach dem Schloſſe zurück. Eugen geleitete ſie durch das Dorf. Der Wagen folgte ihnen. „Sie ſcheinen doch ein Pſycholog zu ſein,“ begann Stephanie„ſagen Sie mir, warum iſt nach einer vollbrachten guten That meine Freude geringer als in der Stimmung, da ich ſie erſt thun wollte? Die Menſchen, die ich beſchenkt habe, ſind mir gleichgültiger, ich möchte ſie gern weit aus den Augen haben. Es geht mir, wie dem Baume hier, er hat den Apfel lieb und hält ihn feſt, ſo lang er ihm was mittheilen kann, iſt das vorbei, läßt er ihn fallen. Ich bin nach einer Wohlthat immer wie ein geſchüttelter Baum, kahl und leer.“ „ gefalle Sprich feine 2 jezige rerie?“ Nein, wenni eines können 5 haben! um une Erkennt erregt. als das feit, d Kräften Helden dat iſt dem T Selbſtg getriebe 6 b „Gut, wenn Sie ſich in dieſem Bilde gefallen, ſo denken Sie nun auch an das Sprüchwort: Der Baum trägt für ſich ſelbſt keine Aepfel. Aber fragen Sie ſich, iſt Ihre jetzige Stimmung nicht eine eingeredete Bizar⸗ rerie?“ „Sie ſind von einer erſchreckenden Naivetch. Nein, ich glaube mir hätte es wohler gethan, wenn ich dem Manne hätte das blanke Geld ſtatt eines beſchriebenen Papiers in die Hand geben können.“ „Man darf beim Wohlthun nichts für ſich haben wollen, das Gute nicht hauptſächlich thun, um uns von dem Schmerze zu befreien, den die Erkenntniß fremden Uebels und Mangels in uns erregt. Alles Edle iſt überhaupt nichts weiter, als das aufgeputzt Ehrliche, die einfache Ehrlich⸗ keit, die Pflichterfüllung mit ungewöhnlichen Kräften oder Hinderniſſen. Da giebt es kein Heldenthum mehr, der Feldherr und der Sol⸗ dat iſt gleich. Es wird heut zu Tage mit dem Wohlthun und dem Mitleid viel zu viel Selbſtgefälligkeit und empfindſame Genußſucht getrieben.“ „Ich bin keine Wohlthätigkeitsanſtalt. Aber ich habe Ihnen Unrecht gethan, Sie ſind kein ——— 140 Idealphiliſter, kein Pedant. Wiſſen Sie was mehr iſt als ein Pedant?“ „Ein Narr.“ „Nein, das wollte ich nicht ſagen. Ein Schulmeiſter.“ Sie ließ den Wagen halten, ſtieg verdroſſen ein und fuhr raſch nach dem Schloſſe.— Von dem letzten Hauſe des Dorfes aus ver⸗ breitete ſich die Kunde von dem glücklichen Ereig⸗ niß bald auf der Straße und in allen Häuſern. Eugen hatte die Genugthuung, viele beſonders jüngere Leute zu reiner Mitfreude geſtimmt zu ſehen. Manche aber auch waren griesgrämig und neidiſch, hatten allerlei zu mäkeln; gönnten dem Lehnert ſein Glück nicht und ſagten immer, es ſei keine Gerechtigkeit im Himmel, denn der Lehnert habe es gar nicht ſo nöthig und ſie ſchimpften auf ihn theils in halben Worten, theils offenkundig. Eugen erkannte hierin Linen trüben Grundzug in der Natur des Menſchen: wenn ſie einem andern nichts von ſeinem Glücke nehmen können, wollen ſie es wenigſtens an ſeinem Charakter abzwacken und ihn in den Augen der Welt unwerther machen. Als ein alter Prozeßkrämer im Wirthshauſe ſagte:„Wenn mir der Baron meine Schulden bezahlte, gäbe ich reite inde du mar heim Thi tran Bar vom zutr ſeine auch diene jüng zu Erle das ſi, Erle — 141 ich ihm ein Vierteldutzend Kinder zum Todt⸗ reiten,“ ſprach ihm der Wirth ſchnell ſein Urtheil, indem er erwiederte:„Schlecht genug biſt, aber du lügſt doch in deinen Hals hinein und jetzt marſchir' dich!“ Er nahm den Widerſtrebenden beim Arm und führte ihn nicht eben ſanft zur Thüre hinaus. Eugen ließ einen Schoppen bringen und trank ihn mit dem Wirthe auf das Wohl der Baronin und Aller, die ſo handeln wie ſie. Der Lammwirth beſtellte noch eine„Halbe vom Beſten“ und Eugen erfreute ſich an dem zutraulichen Weſen des Mannes, der ihn wegen ſeiner geſchickten Vermittelung lobte, dann aber auch ſagte, er könne einen„Kuppelpelz ver⸗ dienen,“ wenn er es zuwege bringe, daß ſein jüngſter Bruder, der gerade hier ſei, um Kälber zu kaufen, des Schäufler Davids Marie in Erlenmoos zur Frau bekäme, der Burſch und das Mädchen ſeien einverſtanden, aber der Alte ſei„überwendling genäht“ und doch könnte in Erlenmoos noch ein zweiter Metzger wohl aus⸗ kommen. Das Staunen Eugens, daß man ihm ſolche Unterhändlerſchaft zumuthete, verwandelte ſich bald in Nachdenken, wie geſchickt der Bauers⸗ — mann im Verwenden der Begegniſſe iſt, er kennt und will kein bloßes geiſtiges oder gemüthliches Verhältniß, Alles ſoll zum tragbaren Acker werden. Eugen war weit entfernt, dieſe aus⸗ nutzende Klugheit zu ſchelten, ſie erſchien ihm als die Einheit von That und Empfindung. Aus dieſer Betrachtung heraus lächelte er dem Lammwirth freundlich zu und als der rothwangige Metzgerburſch eintrat und dem„neuen Lehrer von Erlenmoos“ vorgeſtellt wurde, reichte ihm dieſer traulich die Hand. Der Lammwirth mochte darin ein Verſprechen ſehen. we vo la (n er Sechszehntes Rapitel. t den Man macht oft einem andern Vorwürfe,⸗ ngige weil er mit einer Stimmung oder einem Urtheil Lbrer vorausgeeilt iſt, wozu man ſchließlich ſelber ge— die ihm langt; man beſchönigt ſein Unrecht damit, daß man jetzt thatſächliche Gründe habe, wo der andere nur eigenwillige Vorausſetzungen hatte. Im großen Ganzen unſerer vaterländiſchen Zu⸗ ſtände haben wir das in dem vergangenen Jahre genugſam erfahren, Eugen erfuhr es jetzt im Kleinen der Dorfverhältniſſe; etwas von der müden Oedigkeit der Baronin Stephänie über⸗ kam auch ihn. Im Dorfe war nach der an ſich ergebnißloſen Aufregung eine verdroſſene Er⸗ nüchterung eingetreten, im Hauſe Lehnerts ſchien man wie nach einem jubelnden Hochzeitstage nicht friſch bereit das gewohnte Leben wieder aufzu⸗ nehmen, während noch die hellen Tanzweiſen im Ohre nachtönen. Dieſes letzte ſchien Eugen nur ſo, weil er ſelber erſt lernen ſollte, daß der Inhalt eines Lebens mit dem ſchnellen Athem 144 eines erreichten Hochpunktes nicht erfüllt iſt, ſondern, daß es gilt, die flache Ebene gleich⸗ mäßigen Schrittes zu durchſchreiten. Jetzt fühlte er auch eine Oedigkeit in dieſem Leben; das ſtets bebündelte und feſtgeſchnallte Behaben Deegers war ihm läſtig und unbequem und in der Beſprechung mit den Bauern fühlte er ſich wie einem Taubſtummen gegenüber, wo man ſich in fremden Zeichen buchſtabirend abmüht und doch zu keinem lebendigen Verkehre gelangt. Mit der Baronin dagegen redete er friſch und ungehindert die Sprache ſeines Lebens, mit leichten Ruderſchlägen wiegte ſich die Seele dahin in der friſchen Strömung. Ein tiefſchmerzliches Heimweh nach den ge⸗ wohnten Bildungshöhen ergriff ihn und wieder überflog ſein Antlitz ein Lächeln, da er des Ver⸗ langens der Baronin nach einem gepolſterten Stuhle gedachte. Zudem hatte er noch einen beſondern Grund, mit der Baronin eine ab⸗ ſchließende Erörterung zu heiſchen, ſie hatte ihn auf dem Punkte verkannt, wo ſein Weſen ſich von andern zu unterſcheiden begann, ſie hatte ihn gerade da einen Pedanten geſcholten, wo er ſich frei über die gewohnten Anſchauungen hinaushob. In dieſer Stimmung traf ihn Deeger, der ihn aufſuchte; er verſtand Eugen nicht als dieſer ſagte: „Jedem Heimſteuernden lauern verlockende Sirenen am Ufer. Und doch, ſchön und erquickend iſt der Naturſang des einſamen Bergbewohners, ſchöner, nachhaltig ſchöner aber wenn wir einer muſikaliſchen Fertigkeit begegnen, da verſteht ein Jedes dieſelben räthſelhaften Zeichen und nach einem flüchtigen Blicke ſtimmen ſie an den har⸗ moniſch geſetzten Wechſelgeſang. Das iſt die Bildung.“ Deeger, der in dieſen Worten nur eine Sehnſucht nach den verlaſſenen hauptſtädtiſchen Gewohnheiten und Umgebungen ſah, war nicht gewillt, darauf einzugehen; ſolche Ausrenkungen des Verlangens mußten nach ſeiner Anſicht nicht durch fremdes Zurechtlegen, ſondern durch eigenes ſtraffes Zuſammennehmen aufgehoben werden. Es war in jeder Beziehung wohlgethan, daß er den Freund aufforderte, mit ihm heute nach Letz⸗ weiler zu gehen, wo ſie ein Original von einem Amtsgenoſſen, den ſogenannten Kopfrechner, finden ſollten. Eugen wußte bald wieder wo er war und wer er ſein ſollte, es war ihm erwünſcht auch 10 146 nach dieſer Seite hin ſeine Stellung und ſeine Beziehungen immer näher kennen zu lernen. Als ſie das erſte Dorf anſichtig wurden, ſagte Deeger:„Hier dominirt das gerade Gegen⸗ theil von unſerm Manne, den wir heimſuchen; ich weiß den Lehrer Lutz nicht beſſer zu bezeichnen als mit ſeinem Spitznamen, man nennt ihn den Schnörkel; wenn er ſeinen Namen unterſchreibt, fenzt er ihn wie ein Urwäldler ſeine Felder in eine verſchlungene Hecke frei gezogener Arabesken ein; er war früher Schreiber bei einem Ad⸗ vokaten, kennt von da die Formalitäten der Ein⸗ gaben und dergleichen und iſt als Winkelconſulent viel beſchäftigt. Geld verdienen iſt ſein Lebens⸗ zweck, Schönſchreiben ſein Steckenpferd. Dabei iſt er ein nicht übler Zeichner. Vor ſeinen Bauern gebahrt er ſich ſtets wie ein den Wolken entſtiegener Zeus, wegen ſeiner hochtrabenden Worte behaupten ſie dagegen, er habe einen Sparren zu viel; er geht geiſtig immer auf Stelzen und glaubt dadurch den Schmutz des Lebens von ſich fern zu halten. Sein Pfarrer, ein gichtbrüchiger Invalid, kümmert ſich gar nicht um die Schule. Uebrigens iſt Schnörkel ein guter Kerl und den Behörden gegenüber windel⸗ weich. Schnörkel und ich waren Ihre Haupt⸗ 147 mitbewerber um Erlenmoos, Schnörkel hatte viel Anhang durch den Kirchbauer oder vielmehr durch die Kirchbäuerin, deren älteſte Tochter er heirathen wollte. Ich bin zwar ein Gegner aller Verſetzungen, ich hätte aber Ihre Stelle gerne gehabt, weil mir der Baron Kronauer Schreiberei⸗ beſchäftigung für meinen Vater verſprochen hatte; auch hat man in Erlenmoos gebildete Anſprache faſt wie in einem Städtchen. Gehen Sie mit durch das Gäßchen, ſo überraſchen wir den Schnörkel, ohne vorher geſehen zu ſein.“ Sie traten in das Schulhaus, ein Summen und Surren tönte ihnen dort entgegen wie von einem Lindenbaum im Juli. Schnörkel ſaß auf dem Katheder und zeichnete. Es war zum Lachen wie der lange ſpitznaſige Mann beim Eintritte der beiden wie angeſchoſſen auffuhr, er ſah faſt nicht auf die Ankommenden, ſondern auf ſeine Kleidung, die aus einem ausgedienten Schlafrock, ſogenannten Bummelhoſen, niedergetretenen Pan⸗ toffeln und quaſtiger Cerevismütze beſtand. k hatte kaum die beiden Ankömmlinge bemerkt, als er raſch den Kindern zurief, ſie könnten gehen, und mit großen Sätzen rannte er nach der Kammer, die er hinter ſich verſchloß. Die Kin⸗ der entfernten ſich mit Jubel und Geräuſch und 10* 148 Schnörkel rief aus der Kammer,„die Kameraden möchten ſich's einſtweilen„kommode machen,“ er werde ſich bald wieder ordonnanzmäßig zu ihnen in Reih und Glied ſtellen.“ Eugen fragte Deeger:„Iſt es Sitte bei Ihnen, ſich unter⸗ einander Kamerad zu nennen?“ „Herr College iſt gewöhnlicher. Der da drinnen führt noch gerne die Reden, die er als Leitmann der hieſigen Bürgerwehr ſich angewöhnt hat. Sie hätten ihn mit dem Schleppſäbel ſehen ſollen. Bei der Waffenauslieferung war gewiß nirgend mehr Trauer als hier.“ Sie ſprachen noch leiſe davon, welch ein ſeltſames tragikomiſches Verhältniß es ſei, einen in Ueberſchraubtheit und Unnatur ſich gefallenden Menſchen der Natureinfalt der Kinder gegenüber als Lehrer geſtellt zu wiſſen, da trat Schnörkel mit„Gruß und Heil“ ſonntäglich geſchmückt in die Schulſtube; er ſah ganz ſtattlich aus, eine goldene Kette mit vielen Bammeln zierte ſeine ſte, nur ſchien er noch mit ſeinem aufrecht ſtehenden ſteifen Hemdkragen etwas im Wider⸗ ſtreit. Er reichte Eugen, als er ihm vorgeſtellt wurde, zwei Finger, an deren einem ein großer goldner Siegelring prangte. Als man ſagte, wohin man gehen wollte, rief er: — 149 „Ich freue mich auf breiteſter Baſis, daß drei Burſche auszogen um den Kopfrechner in ultima Thule aufzuſuchen. Als ich das letztemal bei ihm einſprach, war ein Wetter, man ſoll keinen Hund vom Ofen locken.“ Eugen ſah erſtaunt auf und Deeger be⸗ merkte:„College Lutz liebt es, widerſpenſtige Sprüchwörter zuſammen zu jochen und damit ſeine Bauern zu foppen.“ Noch vor dem Hauſe kehrte Schnörkel aber⸗ mals um mit den Worten:„Halt! ich habe die letzte Waffe der Deutſchen vergeſſen.“ Er kam bald wieder mit ſeinem rothen Regenſchirme und rief:„Kinder und Narren haben kurze Beine.“ Schnörkel balancirte ſich hierauf beim Gehen noch ſtolzer, er wiegte ſtets ſeinen Kopf hin und her, wie eine Kugel. Eugen freute ſich an dem wunderlichen Menſchen, der wie er ſich dachte, theils aus Uebermuth, theils aus Verdruß und Stolz ſich aus dem Elend des Lebens heraushob. Als er ihn fragte, ob er noch ledig ſei, ar wortete er: „Der Krug geht ſo lange zum Brunnt, bis er ſeinen Deckel findet.“ Er gab dann mit mächtiger Stimme dem Walde allerlei Opern⸗ arien und Lieder zu hören, dann ſagte er:„Ich 150 hatte heute ohnedieß die Tendenz hieher und wäret ihr nicht gekommen, hätte mir faſt die Weltgeſchichte das meduſige Zu ſpät! entgegen⸗ gedonnert. Der Rattenfänger, der kühne Sänger, hat heute ſeine literariſche Mauſefalle dort auf⸗ geſtellt. Unkraut kommt durch's ganze Land, und wem Gott ein Amt giebt, der verdirbt nicht. Singe wem Geſang gegeben, laßt den Geſang vor unſerm Ohr im Saale wiederhallen.“ Erſt nach mühſamen Fragen erfuhr man, daß der Doktor, der ſogenannte Liedernarr, heute Alles nach Letzweiler eingeladen hatte. Eugen äußerte offen, wie zuwider ihm der Menſch ſei, Deeger ſtimmte ihm bei, Schnörkel dagegen ver⸗ theidigte ihn, indem er ſagte: „Sphärenharmonie! Wenn einſt, wo die großen Prachtgebäude in den breiten Straßen ſtehen, die Spülmagd am Waſſerſteine und das perlgeſchmeidige Fräulein am Flügel dieſelbe Zunge ſingen, dieſelben Lieder ſchallen: Das iſt ie 3Z n Wenn Schnörkel nicht redete und ſang, dann pfiff er unausgeſetzt Potpourris und wie ſich irten weiden und à la Nebukadnezar Alles frißt und die Nahrung als Stoffwechſel eit der Verheißung, wo die Lämmer mit und ſang, d wie ſich 151 nicht verkennen ließ, ebenſo zuſammengeſchweißt wie ſeine Sprüchwörter. Es war gut, daß man jetzt aus dem Walde tretend eine neue Begegnung hatte, wer weiß zu welcher Laune Schnörkel noch ſeine Manier getrieben hätte. Die Begegnung war eine dünne Mannesgeſtalt in ſchwarzem Gewande, die weißen Stoppeln eines Wochenbartes gaben dem abgehärmten Geſicht noch etwas beſonders herbſtlich Trübes. „Willkommen vieltheurer Kreuzfahrer!“ rief Schnörkel,„ihr ſeht ja aus Vielgetreuer als ob euer wohledles Geſpons zwei Junge geworfen. Was ſeh ich? Wolken lagern auf dem Libanon deiner Stirne, biſt du gar ein Leichenbitter?“ So fiel Schnörkel mit haſtigen Worten die Ge⸗ ſtalt an, dieſe rief endlich ſich losreißend: „Du haſt heute wieder einen zuchtloſen Tag. Herr verzeihe meine fündigen Worte!“ ſetzte er hinzu, die Spitzen der Finger auf einander legend, den Kopf beugend und den Blick nach oben gewendet. „Ich werde mir's merken,“ e Schnörkel,„wem Gott ein Amt giebt, krümmt ſich bei Zeiten.“ Der Salbungsvolle reichte, den tock in der Hand haltend, unſern beiden Freunden den * 152 kleinen Finger und hieß ſie„Willkommen in dem Oit Eugen bemerkte bald die ſeltſamen Abſtu⸗ fungen, die er in der Handreichung ſeiner Amts⸗ genoſſen erfuhr; der Fromme reichte nur den kleinen Finger, vielleicht wollte er nur möglichſt wenig mit den Weltkindern in Berührung kom⸗ men. Der Fromme, Weiland mit Namen, er⸗ zählte unter vielen ſalbungsvollen Phraſen und nach öfteren Unterbrechungen Schnörkels wie er zum Neuntenmale„vom Herrn mit einem Kinde geſegnet worden,“ und daß er nun den Bruder Lindner in Letzweiler zum Pathen bitten wolle.“ „Der Kopfrechner hat einen ſteifen Daumen, ſein Blut iſt magnetiſch für Geld und läßt's nicht los. Wo nichts iſt hat der Kaiſer ſeinen Bart verloren, vom Pathengeſchenk geh' heim und ſing an der Wiege: Mein Kind, mein Kind s'iſt Nebelrauch,“ rief Schnörkel lachend, worauf Weiland die Hand auf's Herz legend erwiederte: ſoll nur der Vater des Mädchens ſein Herrn, das iſt die beſte Mitgabe.“ in Mädchen!“ rief Schnörkel,„fürwahr! ſage dir, daferne dein Cerebralſyſtem Schuhnägeln beſohlt iſt, ſo wäre dir das beſte, du gingeſt hin und böteſt die Schul⸗ ihn ner der de ſp 153 conferenz zu Gevatter, dann hätten wir eine . Tochter der Conferenz.“ Die vier waren im Schulhauſe angekom⸗ men, ſie fanden die Schulthüre offen, eine Schaar ——— v. junger Hühner lief in der Schulſtube umher und die Kinder waren beſchäftigt Mücken zu fangen, ihnen die Flügel auszureißen und ſie den Hüh⸗ 3 6 nern vorzuwerfen, dabei hörte man mitunter aus i nd dem Lärm einen Vers aus dem Geſangbuche, den ſie auswendig zu lernen hatten; an dem Fmnde Pulte ſaß ſelig entſchlummert ein Graukopf mit Bruder ſpitzem Geſichte in einen Schafpelz gekleidet. vol Bruder Weiland weckte ihn raſch und mög⸗ umen, lichſt ſanft auf, der Erwachte aber griff unwill⸗ rs kürlich nach dem Stocke zu ſeiner Rechten, Bruder ſeinen Weiland hielt ihn feſt und jetzt erſt bemerkte der beim Alte wer da war. Vor Allem griff er dann n Kind nach ſeiner Doſe und nahm eine erkleckliche Priſe. worauf Mit Verwünſchungen über die Hitze und über ederte: das Schulhalten zur Sommerszeit, und mit K Klagen ns ſein über Kränklichkeit, die ſich durch ein pfeifendes trocknes Hüſteln von ſelber ankündigte, rwahr! Alle willkommen und als Weiland ſeine ſoſtem vorbrachte ſagte er mit verzogener Mienet ire vir ume, frag' Sie und ſag gleich, Sie ſoll Wein vüberſchicken.“ 154 Der Alte ſchicte vi Kinder nicht for, das that er nicht vor ſeinen Bauern, er hielt ſeine Stunden bis zum Schlage, er gab nur noch einen weiteren Vers zum Auswendiglernen auf und trank dann behaglich. Schnörkel neckte ihn mit allerlei Muthwille, wobei beſonders der auf⸗ fiel, daß er den Alten jedesmal in Harniſch brachte, wenn er ſtatt Kopfrechnen Denkrechnen ſagte und dabei bemerkte, daß die neuen Methoden mit Recht dieſen Ausdruck feſtgeſetzt hätten. Man tam nun von ſelbſt auf die neueſte Aufgabe, die bei der letzten Schulconferenz zur Ausar⸗ beitung gegeben wurde, zu ſprechen, ſie lautete: Welches iſt die beſte Methode bei den Denk⸗ übungen. Der Alte ſchimpfte weidlich über das ewige Eramen, aus dem die Lehrer gar nicht heraus kämen. „Ich wüßte die rechte Antwort, aber ich darf ſie nicht ſchreiben,“ ſagte der Kopfrechner, „die beſte Unterrichts⸗Methode lernt man im in Amt giebt, darf für den Spott nicht ſt auf vieles Bedrängen erklärte ſich der Kopfrechner dahin: e achte SSchnörkel rieft„Wem . Kunſt in die verdet das 1 freſen man die g auf halb und dieſe Brud unter „Ma ſelign nicht in je ſage keine „ Bod giebt Den heſt Denk⸗ rdas ze * „Gut füttern iſt ein ortheil und eine Kunſt, man muß darauf ſehen, daß man viel in die Thiere hineinbringt und daß ſie wenig verderben. Eine Hauptſache iſt: lange füttern, das heißt in kleinen Portionen geben, dann freſſen ſie immer rein auf. Und ſtreng muß man auf Ordnung halten. Es giebt Thiere, die gerne das Futter von der Raufe abreißen, auf den Boden werfen, von da auffreſſen und halb verderben. So geht's bei den Rindern und ſo bei den Kindern.“ Schnörkel ließ ſich's nicht nehmen, über dieſe„Weisheit von der Raufe“ zu ſpötteln und Bruder Weiland trat eben wieder ein, als Deeger unter eifrigem Zuhören der andern bemerkte: „Man will ſtets und jetzt am eifrigſten die allein⸗ ſeligmachende Methode finden, aber es giebt dieſe nicht und wäre ſie da, müßte ſie jeder Lehrer in jeder beſonderen Schule anders machen. Ich ſage mit unſerm alten Freunde hier: es giebt keinen beſten Pflug, der überall und jed Bodenbearbeitung der tauglichſte wär giebt es auch keine beſte Lehrmethod „Die Erziehung im Glauben gie Denkkraft“ entgegnete Weiland, wo heftig auffuhr: „Die Religion iſt die Spitze am Baue der Bildung, die man nicht zum Grundſtein machen fann. Ein Kind, das die Kenntniß des Lebens erſt beginnt, kann nicht ſchon an ſeinem Ende ſtehen, wo der Glaube ſich bietet; man will ein Aufgeben der Erkenntniß, bevor die Erkenntniß da geweſen oder kaum begonnen. Unſer Aller Meiſter hat den höchſten Grundſatz der Päda⸗ gogik in den ſchlichten Worten ausgeſprochen: Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.— Ja laßt ſie kommen, laßt ihren Drang nach höherer Erkenntniß gewähren, aber ſtoßt und drängt ſie nicht; laßt ſie kommen mit ihren natürlichen Fragen, aber gehet nicht zu ihnen, reißt ſie nicht an euch und katechiſirt eine fremde Welt in ſie hinein.“ Die Verhandlung wurde zu einem Zweige⸗ ſpräch zwiſchen Deeger und Weiland, Schnörkel hörte ruhig zu, er wollte vielleicht keine Anſicht ausſprechen: nur Einmal raunte er Eugen in's ie Rede Deegers iſt wie ein Tropfen einen groben Klotz. Narrenhände icht weiß waſchen.“ mahnte er zum Aufbruche und ſetzte Haſt recht Deeger. Wie man in den Wald hineinſchallt, ſieht man die Bäume nicht. heißt: heu we Et dem V zog hei I da ſaß auf ei trinken hier A ſere be Doltor Bauer der n brachte ſo ſcht geſagte At,* ſchetzt Deege 2 der K Uhrer Eid de fünf 157 nicht. Der Bannerſpruch auf meiner Standarte heißt: Grau iſt alle Theorie, doch Grünes muß Heu werden.“ Es war Abend geworden als man jetzt nach dem Wirthshauſe ging, Weiland trennte ſich und zog heimwärts. In der Wirthsſtube war großes Halloh, da ſaßen Männer, Frauen und Mädchen wie auf einem Jahrmarkte und hatten vollauf zu trinken. Schnörkel ward von dem Doktor, der hier Alles bewirthete, freundlich bewillkommt, un⸗ ſere beiden Freunde wurden kühler begrüßt. Der Doktor erregte gewaltiges Erſtaunen bei den Bauern, indem er ihre Lieder mit den Zeichen der neuen Schnellſchreibkunſt raſch zu Papier brachte, ſie wollten's nicht glauben, daß er das ſo ſchnell machen könne, bis er ihnen das Vor⸗ geſagte und Geſungene vom Blatte vorlas. Die Art, wie der Doktor mit Frauen und Männern ſcherzte, erſchien Eugen immer widerli Deeger gab ihm darin Recht. Da ſagte, als eben eine Pauſe eing der Kopfrechner zu Eugen:„Wären Lehrer von Erlenmoos, wollte ich einen ki Eid darauf ſchwören, Sie ſind der Offizier, or fünf Jahren bei mir in Eppenberg geweſen iſt. 158 „Lächerlich, lächerlich,“ unterbrach ihn Eugen. „Was wollte der Offizier?“ fragte der Doktor und noch ehe es Eugen verhindern konnte, antwortete der Alte:— „Er hat mir ein ſchwer Stück Geld ver⸗ ſprochen, wenn ich ihm Nachricht gebe über eine vornehme Frau, die ein vornehmes Kind in * Eppenberg geboren hat und beide ſind ver⸗ ſchwunden.“ 6„Laßt die Geſchichten, die nicht hierher ge⸗ hören,“ befahl Deeger. „Wie hieß der Officier?“ fragte der Doctor, ſich zu dem Alten drängend. „Fragſamenhändler,“ ſchrie Eugen und riß den Doctor ſo gewaltſam von dem Alten weg, daß er ihn taumelnd in die Stube zurückwarf. Die ganze Stube lachte und Alles wies auf den Doctor mit dem Rufe:„Fragſamenhändler!“ r trat mit geballten Fäuſten auf Eugen ſchte die Worte: oll meine Fäuſte in ſeinem Antlitze ugen hatte ſich raſch aufgerichtet und Abwehr bereit, da legten ſich Schnörkel er dazwiſchen und trennten die Streit⸗ ſüchtigen. Eugen mußte unwillkürlich lachen als Schni nicht. Kopft ihm Vort noch ſaß i allen gekon Lhre und Feld⸗ mehr von zumal ſrach ſagte: bieten Mien macht zuric lacht, los d nir Me 159 Schnörkel rief:„Jugend ſchützt vor Thorheit nicht.“ Er ließ ſich leicht beruhigen und der Kopfrechner gab ihm die Hand und verſprach ihm heilig, daß er nie, zu Niemand mehr ein Wort von der Geſchichte ſprechen wolle. Den⸗ noch war es Eugen nicht wohl zu Muthe, er ſaß in ſich verſunken ſtill, er hörte nichts von allen Reden um ihn her, er war mit Deeger gekommen, um die Weiſe des Alten, der ein Lehrer gewordener Bauer war, kennen zu lernen, und als dieſer nun mit Behagen von ſeinem Feld⸗ und Viehſtand erzählte, hörte Eugen nicht mehr davon, als man im innern Nachſinnen von dem Plätſchern eines Springbrunnens hört, zumal der Alte ſtets in gleichmäßigem Tone ſprach. Erſt als Deeger das Glas ergreifend ſagte:„Ich bin älter und darf das Du an⸗ bieten,“ leuchtete ſchnelle Heiterkeit aus den Mienen Eugens. Die beiden tranken aus und machten ſich auf den Heimweg, Schnörkel zurück und rief ihnen noch nach:„We lacht, löſcht's Licht aus.“ Bald eine Stunde gingen ſie mit einn los durch die ſtille Nacht, als Deeger endt „Dein Aufbrauſen gegen den Doctor iſt mir unbegreiflich.“ 7 160 Eugen reichte die Hand und ſagte:„Hier meine Hand, ſie iſt wieder geſund, ich will von morgen an bei dir Orgel ſpielen lernen.“ „Iſt das die Antwort, die ich verdiene?“ „Glaube an mich, vertraue mir.“ Nach einer großen Strecke Weges fragte Eugen wieder: „Die Art, wie du heute in eine einfache Converſation Chriſti ein Princip hineinpreßteſt, iſt ein theologiſches Verfahren, das uns ewig abhängig macht; ſtatt zu ſagen: mein Kleid ſitzt mir auf dem Leibe, ſagt ihr lieber: es hängt an einem hiſtoriſchen Nagel. Dein Gedanke iſt wahr und ſchön, warum ihm aus dem natürlichen Parallelismus der orientaliſchen Redeweiſe ge⸗ waltſam eine Autorität ſchaffen?“ „Der alte Jehovah,“ erwiederte Deeger, „hat nach dem bedeutſamen Worte dem Menſchen den Geiſt eingeblaſen, Alles war von außen es Geſetz, Chriſtus, der zweite Schöpfer, iſt aus dem Menſchen herausgeholt ferſtehen geheißen. Was du hier verſation Chriſti nennſt, das iſt Höchſte. Du wirſt es ſtets finden: nicht predigt und nicht lehrt, ſpricht ſich grade das natürlich Echte und Allgemeine aus ic fun an des uu — — luchen eeger, enſchen außen höpfer, geholt 1hier inden: ſpricht emeine 161 aus, das iſt der anſpruchlos einfältige Ausdruck der Lebenswahrheit, der mehr Ewigkeit in ſich ſchließt als alles Geiſtreiche.“ „Ich könnte faſt ſagen,“ erwiederte Eugen, „ich haſſe das Geiſtreiche, weil es ſich zum wir⸗ kungsloſen Spiele hergiebt. Wir ſind aber hier an einen Punkt gelangt, wo der letzte Verſchluß des Individuellen beginnt und da bricht jeder logiſche Dietrich. Sage mir nur: biſt du in der Religion wirklich ſo gläubig?“ „Ich bin vollkommen unkirchlich, aber ich glaube an die Gründe des Glaubens, daß dieſe gerechte, natürliche ſind, trotzdem ſie nicht logiſch, ſondern nur geſchichtlich bewieſen werden können.“ „Und dein Bibelglaube?“ „Ich glaube nicht an die Bibel. Ich weiß nur, daß ſie uns in vielen weſentlichen Lebens⸗ dingen den rechten Weg andeutet; die Bibel iſt das erhabenſte Volksbuch, weil beſonders in gebenheit Anderer ſich hervorthuende keiten, ſondern Menſchen aus dem Volk Helden ſind.— Die Bibel lehrt in der Erzi daß wir uns an die Natur des Kindes halten ſoll en; welches aber dieſe Natur ſei, wie ſie zu ergründen 11 S . 162 und zu lenken, das lehrt uns die Bibel nicht, das iſt hier wie in allen anderen Dingen Aufgabe der ſelbſtſtändigen ſtets ſich weiter erhel⸗ lenden Wiſſenſchaft.“ Das waren die letzten Worte, die zwiſchen den Freunden laut wurden, dann trennten ſie ſich mit ſtillem Händedruck. zuf Uel pi — 3— Siebzehntes Rapitel. Am frühen Morgen ſaß Deeger mit Eugen auf der Orgel und lehrte dieſen die erſten Uebungen. Eugen war ein fertiger Klavier⸗ ſpieler, aber das Orgelſpiel wurde ihm ſchwer, dieſes Arbeiten mit Händen und Füßen machte ihn ganz unanſtellig. Deeger gemahnte ſtets zur Ruhe. Eugen aber war innerlich verſtört, denn nach Ueberwindung aller äußeren Hinder⸗ niſſe glaubte er noch in ſeiner Seele einen un⸗ löslichen Widerſpruch gegen ſeine Befähigung zum Volkslehrer zu finden. Aus dieſen Gedanken heraus ſagte er pauſemachend: „Mir zittert das Herz im Leibe, da ich die Orgel berühre, meine Hände ſind profan, meine Gedanken ſind für alle die Unſichtbaren da unten gottlos. Und doch, Lüge und Gemeinhei r⸗ ſchen in der Welt, in der man Religion die Welt kann nicht ſchlimmer, ſie kann n werden, wenn man ſie entreligioniſrt“ „Und was ſollen die Menſchen dann Höhet wollen und thun?“ 164 „Sich der Geſammtheit hingeben, unſelbſtiſch ſein.“ „Das iſt Bürgertugend, die an ſich die Religion nicht erſetzen kann und das iſt auch kein ewiger beſtimmter Inhalt.“ „Es giebt nichts feſteres als die reine Humanität.“ „Was man ſo nennt iſt wandelbar. Du mußt einen Masßſtab im Innern des Menſchen ſuchen und zwar einen ewigen.“ „Der liegt im Gewiſſen, im Charakter, der ſeinen Schwerpunkt in ſich hat. Sieh dir die Menſchen an, ihre Handlungen ſind unabhängig von dem, was ſie über Gott u. ſ. w. glauben, ſie handeln nach inneren Eingebungen oder Ge⸗ wohnheiten.“ Nach dieſen Worten begann Eugen wieder rüſtig ſeine Arbeit, und ſie gelang ihm jetzt ſo ſehr, daß Deeger beifällig nickte. Eugen hörte 5 mit einer ſchrillen Diſſonanz auf und ſagte: ſt du nicht Jemand die Treppe herauf⸗ ehört?“ in, laß dich nicht ſtören. Der tolle lhat geſtern doch eine Wahrheit geſagt: es muß dahin kommen, daß Vornehm und Ge⸗ ring dieſelben Lieder ſingt. Der Riß, der durch unſ ſebe des Ju dur höt 165 unſer Nationalleben geht, daß das ganze Denk⸗ leben der Gebildeten ſo weit ab iſt von dem des Volkes, als wären ſie durch Meere oder Jahrhunderte geſchieden, der ließe ſich nur heilen * durch eine erneuerte Religion; da wäre der höchſte Geiſt wieder ein poſitiv gemeinſamer.“ .„Das iſt vorbei. Die Denkweiſe der Men⸗ ſchen wird ſtets individueller und ſo ſchwindet nothwendig die religionsbildende Kraft. Es giebt heute nicht zehn Menſchen, die daſſelbe glauben, aus denſelben Motiven und mit denſelben Mo⸗ difikationen. Im Staate kann der Menſch nicht unbedingt frei ſein, die nothwendige Rückſicht S. auf die freie Ausbreitung des andern iſt ſeine S Schranke. Im Gebiete des reinen Denkens aber muß man unbedingt frei ſein. Mache du die reinſte Erkenntniß zu einem dogmatiſch Ge⸗ — 6 meinſamen und das Verbindende wird ein Bin⸗ dendes, die unbedingte Freiheit, die nur eine ſige individuelle ſein kann, iſt verloren; ſie kann und beruf⸗ darf nur ihre Grenze in meinem tigenen Gr⸗ wiſſen haben.“ 1 t tolle„Giebt es denn aber nicht ein allgemei geſagt: Gewiſſen und muß es nicht ein ſolches geben d Ge⸗„Das allgemeine Gewiſſen ſoll Princip der r durch Sieheſeze werden, weiter nicht.“ Man hörte jetzt wirklich ein unterdrücktes Huſten, Eugen behauptete, es käme von der Treppe her, Deeger ſagte, das ſei von den balg⸗ tretenden Knaben und zwang Eugen weiter zu ſpielen, und als er trotz mehrmaligem Verſuche immer in Diſſonanzen gerieth, ſagte er ſich zu⸗ rücklehnend:„Dieſe Diſſonanz ſpürt jedes Ohr, und ſo glaube ich müßte ſich auch die menſchliche Seele rein erhalten und ausbilden laſſen, daß ſie jede Schlechtigkeit und Bosheit als Diſſonanz empfinde.“ „O nein!“ ſagte Deeger,„in der Muſik haſt du gerade ein übelgewähltes Beiſpiel. Ueber⸗ ſieh einmal das ganze Bereich des Geiſtes. Die Wiſſenſchaften ſind nichts als Erläuterungen der Natur im weiteſten Sinne, von der Mikroſkopie bis zur Sternkunde, die umgebende Natur bleibt ihr Maaß; bei den Künſten iſt der Menſch das Maaß, woran wir ihre Ergebniſſe und Hervor⸗ bringungen meſſen, ſo bei der Dichtkunſt, Malerei bei der Baukunſt iſt das Maaß as wir ſchön, d. h. frei natürlich finden kein ſo feſtes mehr, das Zweckentſprechende in Verwendung des Stoffes und der dadurch gebildeten Räume bedingt Verſchiedenheiten bei Einzelnen und ganzen Völkerſchaften, die Baukunſt 167 nts nähert ſich hier, wie man ſchon oft geſagt, der Muſik, die mathematiſchen Geſetze ſind in beiden n balg⸗ nur die Sproſſen, welche von den Ranken will⸗ urt ju fürlich überkleidet werden; die Muſik hat durchaus erſche teine zwingenden Bedingungen mehr, dem einen iſt c zi⸗ hier wahrer Ausdruck der Empfindung, wo der Ohr, Andere nur Unnatur, Gemachtes und Ziererei ſhliche findet.“ n, daß„Und in unſerm Berufe der Menſchen-Er⸗ iſonanz ziehung haſt du da ein unwandelbares Urmaaß?“ „Ich nenne ſie die höchſte Kunſt, von der Muſit alle anderen nur Einzelheiten, Glieder ſind, die Ueber⸗ ihr dienen; läßt es ſich denken, daß wir in ihr Die tein feſtes Urbild haben, ſo feſt wie der eben⸗ nder mäßig gegliederte menſchliche Körper?“ oſtopie„Das Ideal.“ bleibt„Nein, das Neal als ſolches iſt wandel⸗ h das bar, von den einander verdrängenden Syſtemen ervor⸗ der Philoſophie und dem ſogenannten Zeitgeiſte Nalerei abhängig. Der Maaßſtab in der höchſten Kunſt, Maaß der Menſchenerziehung und Bildung, iſt der inden menſchgewordene Gott, Jeſus Chriſtus.“„ hende„Das iſt nicht der wirkliche, der Sohn er durch Joſeph und der Maria, der bei all ſeinem Schönen auch die böſen Geiſter in die Säue getrieben hat; du meinſt doch nur das Ieal des n bei ukunſt reinen Menſchen, wie es die Menſchheit ſich ausgeträumt und ausgedichtet und mit jenem Namen benannt hat. Die reine Urform des in Vollkommenen, des vollendet Schönen in Geiſt und Leib, exiſtirt nirgends leibhaftig in einem Zit Einzelnen, das Vollkommene iſt vertheilt in Alle. n Ihr ſagt: wir Alle ſind verkrüppelte Darſtellungen des ewigen Vollkommnen, die Welt iſt unvoll⸗ pet kommen,— das iſt wahr; wir ſagen: in uns hol Allen iſt die erfüllte Erſcheinung des Voll⸗ E kommnen, die Welt iſt vollkommen— und das iſt auch wahr. Ich liebe und verehre auch n Chriſtus, aber ich ſehe in ihm wie in Sokrates, un in Ariſtides, in Luther, in Franklin und Was⸗. hington auch die Mängel, die die Bedingungen ihrer Zeit mit ſich bringen.“ Die Mienen Deegers verfinſterten ſich auf⸗ fallend indem er ſagte:„Du entbehrſt der ſchönſten Kraft und Freude, voll und ganz ver⸗ ehren zu können. Ich bemitleide dich.“ Laß dein Mitleid,“ entgegnete Eugen und timme hob ſich indem er hinzuſetzte:„und dich: waren denn die Griechen, die Chriſtum h keine ſchönen Menſchen?“ nicht k „Nein, ſie waren ſchöne Griechen, aber keine ſchönen Menſchen.“ 3„Glaubſt du, daß ein Jude heutigen Tages ein ſo vollkommener Menſch werden kann wie *. ein Chriſt?“ „Möglich, denn der Jude hat in der ganzen einem Zeitbildung Chriſtum, ohne ſich zu ihm zu be⸗ kennen.“ „Da hab ich dich alſo, es iſt nicht der 6 perſönliche Chriſtus, ſondern der ideale, den man haben muß. Du weißt, daß ſchon der Grieche Euklid darthut: es giebt keine Linie und keinen d das Punkt in der Wirklichkeit der Natur, und den⸗ auch noch ſind dieſe idealen Abſtractionen die feſten krutes, und richtigen, nach denen wir alle Dinge meſſen Was⸗ und beſtimmen. Du glaubſt an Chriſtum, ich ungen an das Ideal des reinen Menſchen und erſcheint es mir auch, wie ich wohl weiß, nie ſichtbar h auf⸗ vor den Augen; du glaubſt an das Jenſeits, ich ſt der glaube an das Dieſſeits, an die Vollendung der ver⸗ Menſchheit hienieden und an ihre unverwüſtliche 3 Güte; du glaubſt an Gott und verzweifelſt nicht en und an ihm, wenn dir auch ſeine Wege und Thaten „und unerklärlich und unerforſchlich ſind, ich glaube riſtum an die Menſchheit, an die Vollendung ihres Be⸗ rufes zur Heiligkeit und Schönheit, wenn auch „abet Knechtſinn und Knechtſchaft mich darin wankend machen wollen. Tauſende glauben an die Güte 170 Gottes, deſſen unmittelbare Thaten ſie nicht kennen; ich will ſie darob nicht tadeln, aber ſie ſollten ſich auch beſcheiden, wenn wir an die Güte der Menſchheit glauben, von der ſo manche hochherzige That lebendiges Zeugniß giebt. Ja der Glaube iſt das Unzerſtörbare, er bedarf keines Lichtes, das von außen kommt, er ſtrömt aus ſich das Licht wie jenes Wunderkind auf dem Bilde von Correggio. Du wirſt nicht meinen, meine Glaubenskraft ſei gebrechlich, weil der Gegenſtand, worauf ſie gerichtet iſt, ein ge⸗ brechlicher ſei; dieſe Kraft kann aber von keinem Einzelmenſchen, von keiner Nation getilgt werden. Die Aſtronomie lehrt uns, daß die Sterne nicht da ſtehen, wo wir ſie mit unſeren Wertzeugen ſehen, ſo auch iſt es mit den Menſchen, mit dem Lichtkern ihrer reinen Pſyche. Ich achte die Menſchen höher als ſie ſich ſelbſt achten, denn ich achte ihr höheres Selbſt in ihnen, das ſie ſo oft verleugnen. Ich erkenne keinen Menſchen über mir und keinen Menſchen unter mir. Da⸗ rum laß uns nicht ſtreiten über die Gegen⸗ ſtände unſeres Glaubens, ſondern die Kraft des Glaubens üben und darin einander beweiſen, wer der mächtigere iſt.“ Die Stimme Eugens dröhnte laut hinab in Ge de un A m di — — nr in die leere Kirche, er predigte einer unſichtbaren 6 Gemeinde, er ſelbſt war faſt erſchreckt als er tan die den Widerhall ſeiner Worte hörte; er ſtand auf ſo manche und fuhr ſich mit der Hand über das glühende lebf Antlitz. Die beiden Freunde ſprachen kein Wort bedar 3— — mehr. Da tönte von unten eine zarte Stimme, rſtrömt 6B die da rief:„Eugen Baumann, du biſt der erſte auf echte Menſch, den ich gefunden.“ Die Stimme klang wie die eines Engels weil ſo lieblich und warm, und die beiden Freunde ein ge⸗ zuckten vor Schreck zuſammen wie von einem on keinen elektriſchen Schlage berührt, Eugen hielt ſich die t werden. Hand feſt auf die Augen gedrückt, Deeger aber ne nicht bog ſich über das Emporgeländer hinab und rief: erkzeugen„Wer iſt da?“ mit dem Statt der Antwort hörte man Jemand einige achte die nahe Stufen der Treppe herauftommen und die bei⸗ t, denn den Freunde ſahen erſtaunt die ſchlanke Geſtalt der das ſe Baronin mit leuchtendem Antlitz ſich emporheben. Menſchen„Verzeihen Sie,“ ſagte ſie demüthig die Da⸗ Augen niederſchlagend und beide Hände auf die e Gegen⸗ Bruſt legend,„verzeihen Sie, daß ich mich in Kraft des Ihr Heiligthum eingeſchlichen, aber ich danke beweiſen, Ihnen, noch nie war ich in ſolchen Mauern ſo andächtig als heute. Herr Baumann, nochmals laut hinb meinen Dank für Ihre edle Empfindung, die Sie 172 ſo ſchön ausgeſprochen.“ Sie reichte mit dieſen Worten Eugen einen Strauß von Feldblumen, Eugen empfing ihn mit dreinſtarrendem Blicke; die letzte Bemerkung der Baronin,— daß er ſchön geſprochen— hatte bei allem warmen Ausdrucke doch für ihn noch etwas Erkältendes, alltäglich Geſprächſames, ſo daß er ſich plötzlich in jene Geſellſchaftsregion verſetzt ſah, wo man nur unterhalten hat, wenn man in heiligem Apoſtelamt zu ſtehen glaubte. Erſt als die Baronin ſich an die Orgel ſetzte und mit großer Fertigkeit eine Fuge ſpielte, und wie ſprudelnde Springquellen die Töne dahinſtrömten und braus⸗ ten, da leuchtete ſein Antlitz wieder. Die Töne grollten und kämpften, Stephanie nahm Thema und Mittelſtimmen in die rechte Hand und die Bäſſe in der Linken murrten dagegen und mußten ſich doch fügen und endlich mit einſtimmen als die Flötentöne immer herrſchender wie Seraph⸗ klänge wurden. Mit einem mächtigen Satze in unbeweglichen Bäſſen, wobei die höheren Töne wie Wellen ineinander ſpielten, ſchloß ſie endlich und ſtrich ſich mit beiden Händen die Locken aus der Stirne. Nach Frauenart hatte ſie trotz der Vollen⸗ dung ihr eigenes Spiel zu tadeln und klagte über der vß Org nicht ffe lich hei nů 173 über Deeger, der es verhindert habe, während dblumen, der Pfarrer gar keine Einwendung gemacht hatte, Blite; daß ſie öfter auf der Orgel ſpiele, ſie liebe die daß er Orgel ſo ſehr, das gebe volle umfangreiche Töne, warmen nicht ſo dünne wie das Klavier. Deeger bekannte endes, offen, daß er nicht zugeben dürfe, das gottesdienſt⸗ vlötlich liche Inſtrument, das dem Volke heilig ſein und ihm wo man beim Lautwerden ſtets eine Rührung erzeugen tiligem müſſe, zu künſtleriſchen Uebungen zu verwenden. „Zumal einer Ketzerin, die nie zur Kirche kommt,“ lächelte die Baronin. Deeger erwie⸗ derte nichts hierauf, ſondern ſagte Eugen, daß er auf dem Schloſſe der Baronin eine Phis⸗ harmonika finde, wo er ſich am beſten üben und die vollendetſte Lehrerin haben könne. Stephanie ging willig darauf ein und lud die beiden Freunde mußten zu Tiſche. Eugen nahm die Einladung an, während Deeger ſie ablehnte. Seraph⸗„Er kommt nie außer in Geſchäften,“ ſagte Sate in ſie zu Eugen gewendet und ſie hatte Recht, denn n Töne Deeger hatte ſich vorgeſetzt, ſich durchaus in kein endlich geſellſchaftliches Verhältniß zur Baronin ziehen en u zu laſſen und hielt ſtreng an ſeinen Vorſätzen. Die Thurmuhr ſchlug acht. Mit der Bemerkung Vollen⸗ Deegers, daß er nun nach der Schule müſſe, dklagte verließen die drei die Kirche. ——————— 174 Eugen mußte der Aufforderung willfahren, die Baronin nach dem Hauſe Lehnerts zu be⸗ gleiten, wohin ſie eben hatte gehen wollen, als ſie durch das Orgelſpiel in der Kirche aufge⸗ halten wurde. Lehnert und ſeine Frau waren im Felde, das älteſte Mädchen in der Schule, der kleine Engelbert, der wieder friſch und munter war, hütete und wartete ſein kleines Brüderchen. Eugen und Stephanie ſahen ſich verwundert an als ſie ſo abgeſchieden in der kleinen Behauſung mit den Kindern allein waren. „Ich errathe Ihre Gedanken,“ ſagte Ste⸗ phanie„Sie denken: könnten nicht zwei Menſchen wie wir auf ſolch einem kleinen Bauergütchen glücklich ſein?“ „Und wenn ich das dächte, iſt es unwahr?“ „Amour et Chaumiére! Sie ſind ein Schwär⸗ mer. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Sie dürfen nie heirathen, Sie würden ſich in die kleine Erxiſtenz verpuppen.“ Stephanie ſagte dem Engelbert, daß er ſie oft beſuchen müſſe. Erſt durch vieles Zu⸗ reden und die inſtändigen Bitten Eugens, daß ſie den Knaben ſich nicht zu einem Spielzeug machen und vielleicht verderben ſolle, gab ſie li Port ande Kind chen eine web wei kel 5 endlich nach, indem ſie ſagte:„Ich ſage mein Wort nicht, aber ein Monſtrum ſind Sie doch.“ Eugen erzählte unter Lachen von einem andern Monſtrum, von Schnörkel, und wie ein Kind in die Hände klatſchend rief Stephanie: „Der muß meine Jetti, das Kammermäd⸗ chen, das Sie geſehen haben, heirathen; ſie hatte eine unglückliche Liebe mit einem preußiſchen Feld⸗ webel, und gebrannte Kinder kann man nicht weiß waſchen,“ ſetzte ſie ſchnell im Geiſte Schnör⸗ kels hinzu. Ichtzehntes Rapitel. In den reichverzierten Gemächern des Schloſſes, mit der Ausſicht über den Wald und die weite Landſchaft, fühlte ſich Eugen plötzlich wie in anderer Atmoſphäre. Aus hohem, mit ſchönen Bildern und Statu⸗ etten geſchmückten Saale, durch blanke manns⸗ hohe geſchliffene Scheiben, ſieht ſich doch die Landſchaft und der Himmel ganz anders an als aus niederen dumpfen Stuben mit halbblinden Gläſern, die noch dazu durch die vielen Ein⸗ rahmungen den Ausblick durchſchneiden; beſchirmt vor jeder Unbill des Wetters, betrachtet man hier die Natur draußen doch wie aus freier Lufthöhe. Das dachte Eugen, als er allein vor dem Balkone ſtand, nachdem er ſich eine Weile auf der Phisharmonika geübt hatte. Er hatte ſich heute über alles kleine Sein hinausgeſchwungen und die Sternkundigen be⸗ haupten, über der Schichte unſerer Erdatmo⸗ ſphäre ſei eine ſo dünne Luft, daß wir nicht in ir leb gehalten ud vil ſczn ſe „ pretende gii de Eugen und ernſth etwat Geſpe ihre ſtagte neine durch Gen ſim hlif glei St ſi oblinden n Ein⸗ beſchirmt htet man s freier vor den Veile auf eine Sein digen be⸗ Erdatmo⸗ r nicht in 177 ihr leben könnten oder ewig ſchwebend darin gehalten blieben.„Ich lebe mitten in der Welt und will in ihr leben,“ ſagte er ſich faſſend und ſetzte ſich wieder an die Phisharmonika. „Stört Sie der Lori nicht?“ fragte die ein⸗ tretende Stephanie und reichte dem weißen Papa⸗ gei, der auf ſeiner Stange ſaß, ein Stück Zucker. Eugen verneinte und Stephanie fuhr fort: „Ich ſtudire den Lori, er ſitzt meiſt ſtumm und gedankenvoll und ſehen Sie was er für ein ernſthaftes Geſicht macht. Jedes Thier hat doch etwas Geſpenſterhaftes und gäbe es wirkliche Geſpenſter, ich würde ſie aufſuchen, wenn ich ihre Adreſſe wüßte.“ „Machen Sie ſich nicht gewaltſam bizarr?“ fragte Eugen, Stephanie ſchüttelte den Kopf ver⸗ neinend und lächelte. Sie führte dann Eugen durch die in geſchmackvoller Pracht eingerichteten Gemächer, in denen es aber auch an blos ſelt⸗ ſamen Spielereien nicht fehlte. Eugen zeigte ſich von alledem weder ver⸗ blüfft noch verwundert, und als ſtreife er mit gleichgültiger Hand die Nippſächelchen von Schränken und Glasgeſtellen, ſagte er: „Je unfreier und politiſch träger eine Nation iſt, um ſo mehr vergeuden die Arbeitenden ihre 12 178 Kraft an mühſame Spielereien, ſtatt ſchöne Nütz⸗ lichkeiten zu bilden, und die Genießenden haben auch nichts als privaten Müßiggang, alle dieſe Cauſeuſen, Sylphiden⸗ und Wiegenſtühle zeigen doch nur, wie mühſam man ein unthätiges Leben verbringt.“ „Sie haben recht,“ fiel Stephanie ſchnell ein„mein Oheim— er läßt Sie grüßen, er iſt ins Bad gereist— mein Oheim neckt mich noch oft über ein Wort von mir. Als ich mit unſäglicher Mühe all den Plunder hier herbei⸗ geſchafft und aufgeſtellt hatte, war ich einmal Abends davon ſo müde, daß ich ſagte: Ich wollt', ich wär ein friſcher Tyrolerbub und hätt' ein gut paar gemslederne Hoſen an und ſäß bei meinem Schatz auf der Ofenbank.“ Eugen mußte laut lachen über Ton und Art dieſes Wunſches. In dem einfenſtrigen mit grüner Seiden⸗ tapete überzogenen und durch die unſichtbaren Tapetenthüren ſchön abgeſchloſſenen Leſekabinet ſaß die Tante Bonbonniere, ſtrickte, ſchmatzte und las; ſie dankte dem Gruße der Eintretenden nur mit ſtummem Kopfnicken. Eugen fiel hier ein ſeltſamer Hausrath auf, es war dies ein offenbar gebrauchter Knieſtuhl mit ſchönem Schnitz⸗ * werke, de nre Bi desſelben „B Eugen. Spphat ſe ver biren G es gib ſchende in S halbe ftiſcha träum nſche und d ſt, ergui Stun hend inm Lehe tung dan ene Nüt⸗ en baben alle dieſe le zeigen es Leben Ton und Seiden⸗ ſichtbaren Leſekabinet ſchmatzte ntretenden fiel hiet dies ein mSchriz⸗ 169 werke, der wol aus einer Kirche ſtammte; meh⸗ rere Bücher lagen auf dem gepolſterten Simſe desſelben aufgeſchlagen. „Beten Sie hier oder was iſt das?“ fragte Eugen. „Ein ſehr geſcheites Machwerk,“ erwiederte Stephanie.„Die katholiſche Kirche iſt die klügſte, ſie verſteht Seele und Körper am beſten. Pro⸗ biren Sie's eine zeitlang und Sie werden ſehen, es gibt keine angenehmere, den Körper erfri⸗ ſchendere Stellung als das Knieen. Wenn ich im Sitzen und Liegen ermatte, kniee ich eine halbe Stunde oder länger und ich bin wieder friſchauf. Ludwig Feuerbach wird ſich's nicht träumen laſſen, daß er knieend ſtudirt wird.“ „Nun wird nichts mehr von Ihnen über⸗ raſchen, ich bin auf Alles gefaßt!“ ſagte Eugen, und die unwilligen Blicke Stephanie's erheiterten ſich, als er auseinanderſetzte, wie fruchtreich und erquickend unſer Daſein wäre, wenn zu jeder Stunde die in uns ruhende Kraft die entſpre⸗ chende Thätigkeit gewänne, während wir jetzt immer nur momentan und mit unſerm halben Leben arbeiten. Stephanie wollte die Befürch⸗ tung Eugens nicht gelten laſſen, daß wir uns dann wohl auch zu raſch aufreiben würden, 12* * 480 ſie dankte ihm mit aufrichtigen Worten, daß er manchen unklaren Gedanken ihr erhelle. Als ſie in die glasbedeckte und reich mit Blumen geſchmückte Veranda gekommen waren, hatte es Stephanie darauf angelegt, Eugen zu einer Wiederholung ſeiner Apoſtrophe in der Kirche zu bewegen. Eugen aber ſagte: daß man hier nicht da capo verlangen könne, wie bei einer Bravourarie mit einſtudirten Gurgeleien, es war ihm überhaupt zuwider, den momentanen Erguß jetzt weiter geführt zu ſehen, er ſuchte abzulenken, indem er ſagte: „Alles Echte iſt individuell, ja ſogar momen⸗ tan individuell. Die Litanei war in dem erſten Entſtehen ein natürlicher perſönlicher Ausdruck, ſie ward erſt durch Wiederholung zum Singſang, zur Formel, überhaupt zur Litanei. Sobald man über das Individuelle hinausgeht, beginnt das Mechaniſiren, deſſen Vollendung und reinſte Conſequenz die katholiſche Kirche iſt.“ „Das freut mich, daß Sie auch ein Feind der Conſequenz ſind“ rief Stephanie. „Wie denn?“ „Die Conſequenz iſt nichts als der lächer⸗ liche Ahnenſtolz der Gedanken oder Thaten. Da will kein Gedanke ſagen: ich bin da und es geht * euch nich weist un Degen t igend ſochten h „h conſnu „N Dos danfen letztenm Heuchel dieß zu glauben weil E jieht u gerheit Geſpen was it viduell 6 vor L doß d den Grſet grin chet⸗ Da geht euch nichts an, woher ich ſtamme, nein, er be⸗ weist uns, daß ſein Vorfahr ſchon ein tapferer Degen war und auf einem Conecil oder bei irgend einem akademiſchen Turnier ſiegreich ge⸗ fochten habe.“ „Und im Leben anerkennen Sie auch keine Conſequenz?“ „Nein. Ich bin kein Pferd im Mühlrad. Das Leben iſt eine Reiſe, ich ſehe einen Ge⸗ danken und einen Ort heute zum erſten und letztenmale. Die Conſequenz wird meiſt zur Heuchelei vor ſich ſelbſt, man zwingt ſich heute dieß zu ſein, weil man geſtern das war. Sie glauben z. B. Schullehrer bleiben zu müſſen, weil Sie es einmal ſind. Das ewig Geſtrige zieht uns hinab. Wenn ich mir meine Vergan⸗ genheit denke, komme ich mir wie mein eigenes Geſpenſt vor. Darum bin und denke ich immer was ich mag. Nicht wahr, das iſt doch indi⸗ viduell?“ Eugen hatte viel Mühe, ſeine Ausſprüche vor Mißverſtändniß zu bewahren und darzuthun, daß durch die Verlegung des Schwerpunktes in den individuellen Charakter die Haltung, das Geſetz nicht aufgehoben, vielmehr lebendig be⸗ gründet werde. 6 3 „ 182 Als er von Ebbe und Fluth in dem Ge⸗ müthe ſprach, wendete Stephanie das Bild zu ihren Gunſten, erſt als er den Ausſpruch des Sokrates bei Plato erwähnte, daß die wandel⸗ baren Empfindungen und Gefühle wie die Bild⸗ ſäulen des Dädalus davonlaufen und daher durch Erkenntniß gefeſtigt werden müſſen— erſt da gab Stephanie nach. Wie er geſagt hatte, es gab von Stephanie nichts Auffallendes mehr und immer mußte er mit getheilter Empfindung die ſeltſamen Energien dieſes Weſens beobachten. Sie war eine meiſterhafte Lehrerin und Eugen machte raſche Fortſchritte unter ihrer Leitung. Sie wollte ihn für ihren Plan gewinnen, auf den Dörfern umherzureiſen und den Bauern Orgelconcert zu geben. Eugen hatte aber ſchon gelernt, daß es ihr faſt mehr darum zu thun war, Plane zu haben und ausführlich darzulegen, als ſie in der That in's Werk zu ſetzen; ſie hatte an dem Gedanken daran ſchon zum größten Theil ihr Genüge. Als ſie ihm jetzt den Plan vorlegte, das ganze Land zu einem offenen ſinn⸗ reichen Buche zu machen, indem man jedem Dorfe einen Wahlſpruch, ein Wahrzeichen gebe in einer Aufſchrift, die man aus den Sinn⸗ ſprüchen unſerer Dichter wähle, betheuerte ſie, di Met und an wollen⸗ „V diſe bonbons £ gegnete Caprict mußz e Angeſic S — hei de Wahrſ Verfah ſah ih digend Ausfi nen lichen wir ſ inne. hei nicht 183 die Metallbuchſtaben auf eigene Koſten prägen und an Rathhäuſern und Schulen befeſtigen zu wollen. —„Wäre es nicht gerathener,⸗ ſoüte Eugen „dieſe Propaganda auf die Deviſen in den Knall⸗ bonbons anzuwenden?“ „Sie ſind doch ein häßlicher Menſch“ ent⸗ — gegnete Stephanie ernſthaft böſe,„Ihre eigenen Capricen ſind lauter Heilige, die man adoriren muß; aber fremde Plane gelten nichts vor dem Angeſichte des Herrn Baumann.“ Sie zürnte ernſtlich. Eugen fand indeß tung. bei der erbetenen Vorzeigung der geſammelten auf Wahrſprüche Veranlaſſung genug, ſein hartes veru Verfahren wieder auszugleichen und Stephanie ſchon ſah ihn wohlgefällig an, als er dann entſchul⸗ bun digend hinzuſetzte: egen,„Die Entſchlüſſe ſind wohlthuender, als die ſie Ausführung, weil wir bei Entſchlüſſen und Pla⸗ ößten nen uns im Vollgefühl unſerer ſcheinbar unend⸗ Man lichen Kraft empfinden; bei der That aber werden ſim⸗ wir ſehr unſerer Endlichkeit und unſeres Mangels jedem inne.“ gebe Das rückhaltloſe Weſen Stephanie's, das Sinn⸗ bei aller ſcheinbaren Koketterie doch wiederum te ſi, nichts davon hatte, und gar teine Rückſicht auf * k 184 Gefallen bei Anderen nahm, gab Eugen viel zu denken und zu grübeln. Stephanie lenkte wie natürlich noch oft das Geſpräch auf die Aeuße⸗ rungen, die ſie von Eugen in der Kirche ver⸗ nommen hatte, und wie ſie begierig ſei, deren Bethätigung im Leben zu ſehen. Trotz der ge⸗ machten Erfahrungen ließ ſich Eugen von ihrer lebhaften Theilnahme zu der Darlegung hinreißen: Wir müſſen dazu kommen, über die Oppo⸗ ſition und die Zerſtörung des Alten hinweg neue ſchöne Formen für unſer wirkliches Denken und Empfinden zu gewinnen. Wir müſſen wieder naiv genug werden für die neuen innerlichſt ge⸗ hobenen Stimmungen Feſtgewänder zu wirken und anzulegen. Die Religion hat ihre Sym⸗ bole auf die Hochpunkte des Daſeins geſtellt, wo der Menſch nach äußerlicher Kundgebung ſeines Innern ſich ſehnt; bei der Geburt eines Kindes, bei dem bewußten Eintritt in's Leben, bei der Einswerdung mit einem andern, bei der Hochzeit und bei dem Abſcheiden aus dem Wirken und Empfinden, beim Tode, da hält die Kirche ihre feſten Formen bereit; es gilt, daß die Humanität gleiche gewinnt, die der lebendige perſönliche Ausdruck des hocherregten Herzens ſind. Erſt dann wird die Freiheit eine wirkliche! Es git pehift heili von den 5 überſett,* wimen, ſo und Darl Cigen al Buronin nd endlic „Es jider verſ Speichel“ Stey und wußt ſtricen, d „J Morgen nomnene was er wire die ſüren“ Mi den Yla Wi und all ſ halten 185 Es gibt Menſchen, die eine ſo eigene tem⸗ pelhaft heilige Regung empfinden, daß ihre Worte von den Hörenden in ihre gewohnte Bedeutung überſetzt, unmittelbar einen andern Inhalt ge⸗ winnen, ſo daß keine noch ſo eifrige Erklärung und Darlegung ausreichen will. Das fühlte Eugen, als er auf die vielen Einwendungen der Baronin ſich den Mund ſchäumend geſprochen und endlich abbrechend hinzuſetzte: „Es läßt ſich Niemanden etwas ganz geben, jeder verſetzt Speiſe und Trank mit ſeinem eignen eder Speichel.“ 9e Stephanie ſchalt ihn über das unſchöne Bild rlen und wußte ihn ſo in neue Erklärungen zu ver⸗ m ſtricken, daß er einmal ſagte: elt,„Ich meine, es ſollte Niemand mehr guten Morgen und dergleichen ſagen, keine ange⸗ nommene Form, ſondern nur das ausdrücken, was er eben gerade empfindet. Dadurch allein der wäre die Lüge im Großen und Kleinen zu zer⸗ irken ſtören.“ irche Mit dieſem Kleinſpalten ſeiner ausgreifen⸗ die den Plane hatte er Stephanie eine handliche Nippfigur übergeben, die ſie poſſirlich umkleidete und allerlei Reden an ihren Vater Don Quirote halten ließ. — 66— „Sie haben Recht,“ ſagte ſie:„machen Sie Propaganda gegen das abgeſchmackte Deutſche: Wie geht's? Ich habe mir eine Sammlung von Grußformen angelegt. Der Franzoſe ſagt: wie tragen Sie ſich? Der Engländer: was thun Sie thun? Der Italiener: wie ſtebt's? In der Republik Argentina rufen die Nacht⸗ wächter den großen Gruß bei jeder Runde, der auch bei jedem Begegnen gebräuchlich iſt und im Knopfloch auf Band gedruckt getragen wird: viva la confederacion argenlina! Mueran los salvages unitarios; der Irokeſe ſagt: wir ſind gekommen, der Spanier: mit Gott, a Dios, der Ruſſe: wie führen Sie ſich? Der Deutſche ſagt: wie geht's? Er thut nichts und trägt nichts, er kommt nicht, ihm geht's blos.“ Eugen mußte lachen über die poſſirlichen Abſprünge der Baronin. Eine Minute darauf konnte man aber wieder Ausſprüche eines kindlich reinen und hohen Herzens von ihr hören und jetzt ſchien ſie das was Eugen wollte, plotzlich zu begreifen, denn ſie ſagte: „Ihr Verlangen nach neuen auf den Leib angemeſſenen Prieſtergewändern und neuen indi⸗ viduellen Weiheformen iſt doch weiter nichts als ein ſentimentales Heimweh nach Angewöh⸗ nungen vo nicht meht ſpize! 2 ſulen wir freien Aet So f ſoßen faſt Vem fam, war hann in und woll Tagewert und Kobo Deel den drin renen Gr ju ihmn übet die er nicht An großer 2 dienſte f ertegt, d tomnen und wol noch me 187 Sie nungen von der Kirche her. Die brauchen wir uſche: nicht mehr. Sehen Sie dort die Kirchthurm⸗ ſpitze? Das iſt die erſte unterſte Stufe, da ſagt: ſtellen wir uns hin und fliegen hinan in den was freien Aether.“ brs? So fühlte ſich Eugen angezogen und abge⸗ ſucht⸗ ſtoßen faſt zur ſelben Zeit. , der Wenn er vom Schloſſe herab in das Dorf ſt und kam, war es ihm, als ob er aus einem Zauber⸗ vird: bann in die wirkliche Welt träte. Was wußten an los und wollten alle die Menſchen, die hier ihrem r ſind Tagewerke nachgingen, von all den Hetzjagden der und Koboldsſpielen eines müßigen Denkens? eutſche Deeger war verſchloſſener als je, er geſtand trägt dem dringenden Eugen, daß er nach den erfah⸗ renen Grundverſchiedenheiten ſich das Verhältniß irlichen zu ihm neu auferbauen müſſe; von ſeinem Aerger darauf über die Hinneigung Eugens zur Baronin glaubte tinblich er nicht reden zu müſſen. ren und Am Sonntag Morgen ſpielte Eugen zu öblich großer Verwunderung Deegers beim Gottes⸗ dienſte faſt ohne Fehler. Es hatte Aufſehen e 2 erregt, daß die Baronin heute in die Kirche ge⸗ en indi⸗ kommen war, ſie lobte beim Ausgange Eugen nichts und wollte ihn mit zu Tiſche nehmen, ſie hatte ngrwöh⸗ noch mehrere Gäſte. Eugen hielt die beiden Kinder Lehnerts, die ſich ihm vertraulich ange⸗ 5 ſchloſſen, hüben und drüben an der Hand; er erklärte, daß er bei Lehnert zu Gaſte ſei und verabſchiedete ſich ſeltſam froſtig bei der Baronin. Troll, der vor der Kirchenthüre gewartet vie wohl und Spät Muthe iſ, daß oſt u hatte, war Eugen wiederum gefolgt, und als er uguße ihn nun der Baronin zurückbrachte, wollte dieſe vnpunch ihm den Hund ſchenken. Eugen dankte, da ſolche A Geleitſchaft für ihn nicht ſchicklich ſei. Durch huſt dieſe Umkehr und den herzlichen Dank für das ſo uft Anerbieten hatte der Abſchied noch einen gewiſſen die Han innigen Ausdruck gewonnen. Stephanie hatte G ihm etwas ſchenken wollen, was ihr täglich nicht g Vergnügen bereitete, das war mehr als eine Es gie gewöhnliche Gabe. thut, m Seinen Gaſtfreunden folgend überdachte Klang Eugen, daß Troll doch vielleicht ſein Schatzhauſer etwas ſein könne, den er vor einem Jahre noch beſeſſen boten! hatte; er hatte abſichtlich vermieden, darnach zu fährig fragen, weil ihn der kleinſte Umſtand verrathen das n konnte. Eugen mußte in ſich hineinlächeln bei gebiet dem Gedanken, daß der Hund, wenn er reden könnte, ihn bei ſeinem Namen rufen würde. der G Bei Lehnert ging's luſtig her, er hatte ſich hinau ſeine rechte Freude wie die von Eugen geſchenkte dieſe Cigarre auf Sonntag aufgehoben. Hir rrathen eln bei reden tte ſih ſchenkte 189 Nur ein eingeborner Magen kann ermeſſen, wie wohl es in Oberdeutſchland bei Sauerkraut und Spätzle und dem„ſüffigen“ Landwein zu Muthe iſt, und Eugen konnte es nicht verhindern, daß oft und oft auf das Wohl ſeiner Zukünftigen angeſtoßen wurde und Lehnert und ſeine Frau verſprachen ihm, zur Hochzeit zu kommen. Als er nach der Mittagskirche im Wirths⸗ hauſe Abſchied nahm, reichte ihm Alles mit eben ſo aufrichtigem Bedauern als Glückwünſchen die Hand. Eugen wußte es erſt jetzt, und das noch nicht ganz, wie heimiſch er hier geworden war. Es giebt Menſchen, denen man ſo gerne Alles thut, man weiß nicht recht warum, liegt es im Klang ihrer Stimme, oder in der Art, wie ſie etwas heiſchen. Die Wirthsleute und die Dienſt⸗ boten hatten Eugen lieb und waren ihm will⸗ fährig; er hatte für ſie etwas Anheimelndes, das noch erhöht wurde, da man es von ſeinem gebieteriſchen Anſehen nicht ſo erwartet hatte. Wie von den Grüßen und Segenswünſchen der Einwohner getragen ging Eugen das Dorf hinaus; Deeger geleitete ihn. Als er gegen dieſen äußerte, wie er in den acht Tagen ſeines Hierſeins hier ſich ſo zu Hauſe fühle, daß er . wünſche, ſtatt ſeiner hier bleiben zu dürfen, entgegnete Deeger: „Laß dich das nicht irren, es ſind gute 6. und ſchlechte Menſchen, du würdeſt gleich in einem ganz andern Verhältniß zu ihnen ſtehen, viel rauhere Seiten kennen lernen, wenn du hier Lehrer würdeſt. Vergiß das nicht, wenn du nach Erlenmoos kommſt und— du kommſt aus der Stadt, nimm meine Erfahrungen an: das Landvolk verträgt es nie auf die Dauer, daß man ſich als ſeinesgleichen hinſtellt; vermeide das ja und du bewahrſt dich vor den üblen Conſequenzen.“ So ſchwer es ihm auch wurde, Eugen durfte und konnte eine Wahrheit in dieſer Be⸗ merkung nicht anerkennen, es that ihm wehe, daß auch Deeger eine gewiſſe Ariſtokratie für nöthig hielt, dennoch dankte er dieſem für ſeine getreue Hingebung und ſagte nun: „Wir ſind eigentlich nahe Nachbarn, ich laſſe mich dünken, wir wohnten in einer meilen⸗ großen Stadt, ich werde dich oft beſuchen.“ „Glaube dir das ja nicht,“ erwiederte Deeger kopfſchüttelnd,„wir Gebildeten können oft nicht begreifen, daß man auf dem Lande die Entfernungen ſo hoch anſchlägt und ſich faſt nie us blofe zbet eine Roppen, er nicht le uch ſin! ſen Unft zu werden Eine ärderlich ſie aufn ſo daß fühlte al De 2 den Wel „N ſihr for C X Menſch aber d vor der Mealie intelle leines für ſeine „ich ilen⸗ derte nnen e die 191 aus bloßer Geſellſchaftsneigung aufſucht! Wer aber keine andere Equipage hat als Schuſters Rappen, macht bald an ſich die Erfahrung, daß er nicht leicht vom Flecke kommt, und das hat auch ſein Gutes, man muß ſich in ſeinem näch⸗ ſten Umkreiſe genügen, um wahrhaft heimiſch zu werden an die Scholle geklebt ſein.“ Eine vorweg genommene und als unab⸗ änderlich hingeſtellte Erfahrung hat für den, der ſie aufnehmen ſoll, immer etwas Abſtoßendes, ſo daß man ſie gern in Zweifel zieht. Das fühlte auch Eugen. Deeger ſtand jetzt ſtille und ſagte: „Ich möchte dir gern noch ſo viel mit auf den Weg geben.“ „Nur zu,“ ermunterte Eugen, und Deeger fuhr fort: „Ich klaſſifizire nicht gern und ſperre die Menſchen nicht in das Gehege einer Kategorie, aber du biſt offenbar ein Mealiſt und mußt dich vor den Nachtheilen dieſer Richtung hüten; der Mealismus hat wiſſenſchaftlich und moraliſch, intellectuell und thatſächlich in der Regel kein kleines Geld.“ „Wie meinſt du das?“ „Ihr könnt leicht Großes lehren und auch 1 92 ſelbſt vollbringen, aber nicht leicht zweckent⸗ ſprechend das unſcheinbar Einzelne; ihr habt kein klein Geld.“ Eugen fühlte ſich von dieſen Worten wie⸗ derum ſchmerzlich berührt. Das Auge zuckt zu⸗ ſammen, auch wenn eine Freundeshand ihm zu nahe kommt. Erſt nach einer Weile ſagte er: „Wir wollen ſehen. Die That iſt die beſte Beweisführung.“ „Darf ich dir noch etwas ſagen?“ fragte Deeger wieder. .„Du wirſt mich ſtets dankbar für alles Wohlgemeinte finden.“ „Ich frage nicht nach deinen Schickſalen, die ſind dein. Wie ich dich aber zu kennen glaube, merke dir für den Unterricht deiner Kinder: Man kann in fremdem Körper bereitetes Blut nicht einem andern als Lebensſaft einſtrö⸗ men, man kann ihm nur Speiſe geben, die er ſelbſt organiſch verarbeiten muß. Und nun leb' wohl und verzweifle nie.“ Sie ſchüttelten ſich die Hände und trennten ſich. Auf dem Berge am Saume des Waldes ſaß Eugen und ſchaute hinüber nach dem Schloſſe, wo jetzt die Baronin vor ebenbürtigen Standes⸗ genoſſen ihre geiſtigen Balletſprünge machte, vielleicht n nvos dar das kann hinab n fnwlih wie aufz Straße b nahrungb welch' e Häuſern ein hoch Dort w und dort den Vo ſich Men O Kraften an ſein erglühte ſollte e gerne begrif ögern das A von fe und j ennen deiner 193 vielleicht mußte der blöde Schulmeiſter von Erlen⸗ moos darin als komiſche Perſon auftreten. Nein, das kann ſie doch nicht— ſagte Eugen, ſchaute hinab nach Röthhauſen, da lagen die Häuſer ſo friedlich zuſammengedrängt hüben und drüben wie aufgereiht an der Schnur, die die halbe Straße bildet und rings umher dehnen ſich die nahrungbietenden Felder. Eugen überdachte, welch' ein reiches Leben zwiſchen und in den Häuſern ſich bewegt, und wie hier ſtill verborgen ein hochherziger Menſch ſein Daſein vollendet. Dort weiter hinaus liegt das Dorf Schnörkels und dort ſchaut der Kirchthurm von Letzweiler aus dem Vorberge hervor und immer weiter ſchaaren ſich Menſchenwohnungen bis an die blauen Berge. O weite ſchöne Welt, wer faßt deine ganze Kraft mit all den tauſend Leben! Er gedachte an ſeine eigene thätig ſtille Zukunft, und freudig erglühten ſeine Wangen, jenſeits dieſer Wälder ſollte er eine neue Heimath finden, er wäre ihr gerne entgegen geflogen wie einer Braut, er begriff jetzt nicht, wie er ſo lange auf dem Wege zögern und weilen konnte und vergaß, wie er das Alles wußte; ihm war's, als grüßten ihn von ferne liebe Menſchenſtimmen, Glockenklang und jubelnder Sang rief ihm willkommen. 13 u So hochgeſchwellt iſt ein Menſchenherz, in dem freudiges Bewußtſein der Kraft und Luſt zu rechtſchaffenem Thun lebt. Muthigen Schrittes zog Eugen ſeines Weges, die Schwalben über ihm in der blauen Luft zwitſcherten hell in ihrem kreiſenden Fluge; wenn alle Vögel verſtummt ſind und die Zeit des Wanderfluges naht, da iſt es, als ob die Schwalbe, die zur ſichern Sommerszeit faſt ſtille iſt, jetzt mit ſich ſelbſt ſpräche; ſeiner neuen Heimath zuſteuernd, redete Eugen mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken und leichtbeſchwingt erhob ſich die freudige Hoffnung in ſeiner Bruſt. Zweites Buch. eimath I ein kle drunte Nebel Blum auge, die f das Und ohne Zwei Wer Mor nach Er in rüſt Pe B Erſtes Rapitel. Im Morgenſchimmer am Felſenrand ſitzt ein kleiner Vogel, ſchaut hin und ſchaut her, drunten rauſcht der Bach, gehüllt in leichten Nebel, die Dörfer ſchlafen noch und Gras und Blume glitzert im Thau, gegrüßt vom Sonnen⸗ auge, der Vogel drückt die Füßchen an und hebt die feuchten Schwingen; er fliegt herüber über das Thal, wer weiß, wo wird er ſich ſetzen? Und wo er auch ſich niederläßt, ſei ruhig und ohne Sorgen, er faßt mit ſichrem Fuß den Zweig, bangt nicht ob ſeines Schwankens. O! Wer ſo frei ſich ſchwänge, ſo feſt ſich hielte! So ſtand Eugen betrachtend beim erſten Morgenſtrahl am Bergweg und ſchaute hinauf nach dem Felſen, wo der Vogel weggeflogen. Er hob die Hände hoch empor, als grüßte er in Andacht eine unfaßbare Welt, dann ſchritt er rüſtig und hellen Blickes in den Wald hinein. Er hatte nichts bei ſich als den unverſiegelten Pack Bücher, die ihm Stephanie nebſt einem Briefe an den Baron Kronauer mitgegeben, —— 198 das war hinderlich im Gange, er löste den Pack auf und ſteckte die Bücher ohne hineinzuſehen in die verſchiedenen Taſchen. Noch einmal kam der Zweifel über ihn und Stimmen riefen: laß ab, noch iſt es Zeit, was ſoll dein tollkühnes Verfangen? Wie willſt du unter immer drohenden ſchweren Gefahren einen Bexuf vollenden, zu dem dir noch alles Geſchick abgeht? Und iſt es nicht Schwärmerei und Ge⸗ fallen am Abentheuerlichen und opferſt du dich nicht ſchließlich der bloßen Phraſe: Ich will mich dem Volke hingeben? Darum flieh! Noch iſt es die höchſte Zeit... Eugen ſtand ſtill und horchte der andern Stimme, die da ſprach: Ge⸗ horſam dem feſten Vorſatze, dem eingeborenen Sohne der Erkenntniß, die Stirne, die in freu⸗ diger Zuverſicht glänzt, die ziert der Siegeskranz gewiß, und berührte er erſt die todten Schläfe: Dort iſt mein Beruf, der mich mir ſelbſt getreu macht, ich wandle in den Fußſtapfen meiner Mutter. und fände ich dich nicht, aus dem tiefſten Grunde guillt mir die Gewißheit: Ich kann nicht untergehen auf meinem jetzigen Wege, auf dem Wege zur Mutter... In dieſer Selbſtgewißheit, die ſich aus ge⸗ ſundem Jugendmuthe und aus jenem von Sokrates ſo genan uhig ſe wenigen ſo ſchr ihn diſe ſtz noch ſih ſge ſelbſt u wirkune zürnte Tage, die er zerfuſe ſonder zu.„ vor ſi neten, wihn einen die e Herz daß per beo we 109 ſo genannten Dämonion bildete, verfolgte Eugen den ruhig ſein Ziel. Er hatte nicht umſonſt vor wenigen Tagen den Schwerpunkt im Gewiſſen ſo ſehr betont, er hatte an ſich erfahren, daß 3* ihn dieſes noch nie getrogen, die Gefahren, die jetzt noch nicht von ihm gewichen ſind, hatte 8 * ſich zugezogen, da er im Widerſpruche mit ſich ſelbſt und weſentlich durch Zureden und Ein⸗ wirkung von außen gehandelt hatte. Dennoch ih zürnte er mit ſich über die nächſten vergangenen mh Tage, er hatte ſich in Gebiete hineinziehen laſſen, 9 ſi die er zur Seite laſſen wollte. Die grübelnde un zerfaſernde Reue wollte er aber nicht kennev, 3 Ge⸗ ſondern wendete ftſt ſeinen Blick der Zukunft. zu.„Es gibt kein Geſtern“ lächelte er wieder vor ſich hin und die Menſchen die ihm begeg⸗ neten, dankten ſeinem Gruße herzlicher als ge⸗ 3 wöhnlich, ſie mochten in dem Klang ſeiner Stimme 5 etren einen Inhalt herausfühlen, der mehr ſagte, als 1 einer die einfachen Worte. 4 dem Mitten aus aller Beklommenheit ſeines Ich Herzens gewann er den freien geiſtigen Ausblick, Lege, daß er bunten Sandſtein, Muſchelkalk und Keu⸗ 1 per, all die Mannigfaltigkeit und ſchöne Scenerie ge⸗ beobachten konnte, die ſich immer da aufthut, wo das Gebirge die Ebene berührt. 200 Es war Mittag, als Eugen auf der letzten Anhöhe unter einem geſtützten Apfelbaume ſtand, der Baum war ſchon ſeiner ſchweren Früchte beraubt, aber die Stützen ſtanden noch. Weit öffnete ſich die Landſchaft und dort an jener Ecke von Rebenhügeln waren die erſten Häuſer von Erlenmoos ſichtbar. Die weiße Kirche mit ihren ſchimmernden glaſirten Ziegeln ragte über dem Hügel frei heraus, ſie ruhte wohl auf einer andern Anhöhe, die man von hier aus nicht ſah und es war, als würde ſie von unſichtbarer Hand in die Luft gehalten, ſo frei hob ſie ſich am blauen Luftkreis ab. Zwei Pappeln, die am Fuße des Hügels ſtanden, von dem ein altmodi⸗ ſches großes Gebäude herniederſchaute, kündeten ſich wie ein Wahrzeichen unter dem ſonſt niedern Gehölze an. Kopfweiden ſtanden hüben und drüben am Bache, der ſich durch die Thalwieſen hinzog und da und dort blinkte das Waſſer vom Sonnenſtrahl getroffen. Eugen hatte ſich unter den Baum geſetzt und ſchaute lange hinaus. Es fliegt ein wilder Falke vom Walde über das Thal, er trägt ein winſelnd Küchlein hin⸗ über nach der Höh und klagend, bittend, flehend folgt des Jungen Mutter. Wer hört ihr Klage⸗ tönen? Sie kann nicht weiter fliegen, die Schwinge ſt ema in das ſoren iſt ghen? eine jun giſogen L Vogeld darf di von d Reden Einen ſagend Bride 2 ſich u Baue kutzen beſpa eben Erne ſch einn eine drei ſch 201 iſt ermattet und wie geworfen ſinkt ſie plötzlich in das Thal und weiter rauſcht der Falke, ver⸗ loren iſt das Junge, wie wird's der Mutter gehen? Hier im Apfelbaum hält ein Diſtelfinke eine junge Biene, die zum Honigſammeln aus⸗ „ geflogen, gefangen in dem Schnabel. „Was macht dich denn heute zum römiſchen Vogeldeuter?“ ſagte Eugen ſich aufraffend„das darf dir nichts bedeuten. Und daß die Worte von dem ſeligen Frieden in der Natur nur w Redensart ſind, wußteſt du ſchon lang. Des ſch Einen Tod, des Andern Brod, lehrt der ent⸗ an ſagende Volksmund... Die Menſchen ſind meine nodi⸗ Brüder, ihnen will ich helfen.“ ten 1 Das ward ihm ſogleich gegeben. Als er dern ſich umſchaute, ſah er im Stoppelfelde einen und Bauern im ſchmutzigen Hemde und grauleinenen ieſen kurzen Hoſen, der neben dem mit zwei Kühen vom beſpannten Garbenwagen ſtand, er nahm ſich unter eben den dreicckigen Hut ab, wiſchte ſich mit dem Ermel den Schweiß von der Stirne und kratzte ſich verzweifelt hinter dem Ohre:„Nur noch einmal tapfer!“ rief er jetzt einer Frau und hend einem barfußigen buckligen Mädchen zu. Die drei ſtemmten ſich an die Räder, ſchoben und ſchrieen, der Mann ſchob und peitſchte die Kühe zugleich, aber der Wagen gieng nicht von der Stelle. Mit dem Gedanken der Hülfe durchflog es auch zugleich wie ein Blitz Eugen: da haſt du deine perſönliche Weihehandlung für den Eintritt in das neue Leben. Er warf ſchnell Hut und Rock ab, und ſeiner mächtigen Kraft gelang es, das Fuhrwerk flott zu machen und den Rain herauf nach der Straße zu bringen. „Ich danke euch,“ ſagte er wol noch im Andenken an die ſchöndeutige Handlung, die ſich ihm hier zum Eintritte in das Dorf dargeboten hatte; er wußte ſelbſt nicht, wie das Wort ſeinen Lippen entfuhr. Der Bauer ward darob ſtutzig und ſagte verdroſſen: „Ho ho, laßt mich nur vorher ausſchnaufen, ich bin gebrechlich und kann mich nicht ſo ſchnell verſchnaufen, ich hätt' meinen Bedank nicht vergeſſen, brauchet mich nicht daran ge— mahnen.“ „Das wollte ich nicht.“ „Ja ja, die vornehmen Herren meinen, wenn ſie einem einmal ein bisle aufhelfen, man ſoll jetzt nur gleich ſchnell wieder zum Dank vor ihnen auf die Kniee fallen.“ — euch nic Dorf k und fu und R D wilffähr dachte Grußft ja nick det E zelnes Baue dieſen her e und Eug ſich hatt 203 „Ich bin kein vornehmer Herr, ich bin euer neuer Lehrer.“ „So?“ dehnte der Bauer und drückte den Hut, den er bei den letzten Worten aufgeſetzt, noch feſter in den Kopf,„So? Ihr ſeid wol von Wartenweiler gebürtig?“ „Ich bin aus der Hauptſtadt. Ich verſtehe euch nicht.“ „Werdet's ſchon verſtehen, wenn ihr in's Dorf kommet. Behüt's Gott“ ſchloß der Bauer und fuhr ab, während Eugen zurück nach Hut und Rock ging. Die erſte Begegnung ſchien bereits nicht ſo willfährig, wie in Röthhauſen, und Eugen ge⸗ dachte jetzt, daß die gewohnten Umgangs⸗ und Grußformen doch ihr Gutes hätten, man kann ja nicht immer den Menſchen die ganze Breite der Empfindung erklären, aus der ſich ein ein⸗ zelnes Wort ablöst. Darum hatte ihn der Bauer ſo grob mißverſtanden. Wenn aber Alle dieſem ähnelten, ſo herrſchte von der Revolution her ein aufrühriſcher Sinn, der ſich im Kleinen und ohnmächtig verbiſſen nach innen kehrte. Eugen hatte ein eigenes Urtheil gewinnen und ſich kein fremdes impfen laſſen wollen, darum hatte er ſich weder bei Deeger noch ſonſt auf unmittelbare Kundſchaft über die Zuſtände ſeines Dorfes gelegt. Jetzt wäre das doch von Nutzen geweſen. Wie war es ſo ſtill auf der Straße, die Menſchen ſaßen da und dort unter einem Baume und aßen oder ruhten eine Weile nach dem Eſſen. Auf dieſem Acker waren ſchon dunkle großſchol⸗ lige Furchen gezogen und die Sonnenſtrahlen durchdrangen den nährigen Boden, und während man auf dem benachbarten Acker erſt erntete, wurde auf dem andern ſchon Reps geſäet für den nächſten Frühling und zwar nicht breitwürfig, ſondern auf aufgepflügten Erdbalken. Die Natur⸗ bedingung eines gedeihlichen Feldbaues, wenn man als ſolche gelten läßt, daß es keinen Acker geben ſolle, auf dem nicht ein geladener Wagen umwenden kann, ohne des Nachbars Gebiet zu berühren— dieſes Erforderniß ſchien hier oft. überſchritten. Indeß fehlte es auch nicht an großen Ackerflächen. Die Aehrenlagen, wie die Stoppelreihen zeigten, daß man hier mit der Gabelſenſe die Aehren ſchnitt und ſich nicht mehr. mit der Sichel niederbeugend abmühte. Allem dem war die Aufmerkſamkeit Eugens zugewendet, denn es war nicht nur an ſich von Bedeutung, ſondern konnte auch ſchon die Ge⸗ ſchtszüge erkennen Es und eben lich ſo an Sor lerne, ſt tuſchen in halt Auſſcha 2 — noch e erreicht 205 ſichtszüge und den Charakter der Dorfbewohner erkennen und ausdeuten helfen. Es war nicht ſonntäglich in der Landſchaft und eben das freute Eugen, er hatte es abſicht⸗ lich ſo eingerichtet, daß er die Seinen nicht zuerſt am Sonntag geſchmückt und in Ruhe kennen lerne, ſondern am rauhen Werkeltage, ohne alle täuſchende Verſchönerung; er überraſchte ſie„mitten im halben Tag,“ wo es kein müßiges Sein und Aufſchauen giebt. Die Gemarkung ſchien groß, denn es dauerte noch eine gute Weile, bis Eugen das erſte Haus erreichte. Bweites Rapitel. Der kleine Bach, der wol hinter dem Hauſe aus dem Hügel quillt, ſpringt wie durchleuchtetes Kryſtall über das Mühlrad, die Mühle klappert. Da muß ja das Waſchweibl wohnen! Das Herz Eugens pochte ſchneller als dort die Mühle. Hinter dem Garten, der von einem leben⸗ digen friſch geputzten Zaune umhegt war und für einen Bauerngarten einen ungewöhnlichen Blumenreichthum zeigte, aus dem jetzt die Aſtern aller Farben hervorſtachen, dort an der offenen Scheune, deren tiefdunkler Hintergrund wie eine Höhle in den lichten Tag hinein ſich öffnete, dort ſaß eine ſtattliche wohlbeleibte Frau von einer Schaar Kinder umgeben, die allerdings nur einem phantaſtiſchen Auge wie Genien erſcheinen konnten, obgleich die hellgrünen Ranken, die ſie in wun⸗ derlichen Verſchlingungen umgaben, hierzu ge⸗ nugſam Anhalt boten. Große Körbe ſtanden vor ihnen, in die ſie von Zeit zu Zeit das Ab⸗ geleſene ſchütteten, ſie zupften Hopfen und ein ſhnadh hinüber, et eben ( D Die Fr Hoyfin die ob getrag lichen zurüc hinter ſch ſ aber vor i ſi an geban und glau N des dort einer einem ſchmackhaft harziger Geruch drang jetzt zu Eugen hinüber, der betrachtend am Zaune ſtand und da er eben bemerkt ward, unwillkürlich rief: „Grüß Gott Frauele. Iſt das Erlenmoos?“ „Grüß Gott! Jo freili!“ Die Stimme berührte Eugen im Innerſten. Die Frau ſtand raſch auf, ſchüttete behend den Hopfen in ihrem Schooße in den Korb, nahm die obere Schürze ab, die ſie über einer helleren getragen hatte, ſtrich mit einer eigenthümlich zier⸗ lichen Handbewegung die Haare aus der Stirne zurück, ging durch den Garten nach dem Zaun, hinter dem Eugen ſtand, ihre Lippen bewegten ſich, ſie hatte wie es ſchien etwas ſagen wollen, aber die Art wie Eugen mit gefalteten Händen vor ihr ſtand, blaß und ſchwimmenden Blickes ſie anſtarrte, mochte ihr das Wort von den Lippen gebannt haben. „Fehlt euch was?“ fragte ſie jetzt. „Nein, nichts.. Ihr habt wunderſchöne und ſeltene Blumen im Garten.“ „Das iſt brav, daß euch das freut und ich glaub's euch, daß ihr keine Redensarten machet. Da,“ ſie bückte ſich, brach eine feuerfarbene Nelke, einen Rosmarinzweig und eine Staude des feinen wohlriechenden Gartenheils ab,„da 208 nehmet das zum Angedenken. Ich möcht', wenn es nur möglich wär', gern jedem Wandersmann, der vorüberzieht und ſich vielleicht unnöthig das Leben ſchwer macht, ein freundlich Angedenken mitgeben.“ „Das iſt der guten Geiſter Art,“ platzte Eugen heraus; die Frau richtete ſich höher auf, ſie ſchien größer zu werden, ihre milden Züge gewannen eine verſteinerte Härte und ſchnell ſetzte Eugen hinzu:„Ich muß euch doppelt danken, denn ich weiß, wie ungern man auf dem Lande eine Blume im Garten abpflückt; ich bin aber kein Wandersmann, ich bin der neue Schullehrer von hier, ich werde euch aber dieſen Willkommen nie vergeſſen und es ſoll mir eine wahre Wohlthat ſein, wenn ich euch einmal einen Gefallen erweiſen kann.“ „Das kann ſchon ſein,“ erwiederte die Frau und faßte die dargebotene Hand.„Nochmals Willkommen. Kinder!“ rief ſie laut nach dem Hauſe zu und öffnete die Gartenthüre, daß Eugen eintreten konnte,„ihr Kinder, kommet Alle her, aber ordentlich und verſchüttet kein Hopfen.“ Nahezu ein Dutzend offenbar noch ſchul⸗ pflichtiger Kinder umſtand alsbald die beiden und ſteckte die Köpfe empor. Kinder mal, 7 Midch größer und n Knab dräng chiors er ſi 209 „Wer iſt das?“ fragte die Frau. Die Kinder ſahen noch ſtutziger drein.„Rathet ein⸗ mal, nur frei heraus.“ „Das iſt der Doktor,“ rief ein ganz kleines Mädchen und verſteckte ſich ſchnell hinter einem größeren. „Nein, das iſt ein Soldat,“ ſagte ein Knabe und warf trotzig die Lippen auf. „Warum? Nun ſag warum? ſag's doch.“ Erſt nach vielem Drängen erklärte der Knabe unter ſich ſchauend und von vem An⸗ drängen faſt zum Weinen gebracht: „Er geht grad ſo bockſteif wie des Mel⸗ chiors Medard.“ Alles lachte. „Sag du, wer ich bin,“ frug Eugen indem er ſeine Hand auf das runde Köpfchen eines Mädchens legte. „Der Förſter von Rödernberg, der ſeinen Bart abgemacht hat.“ „Nein, das iſt euer Willi, der erſchoſſen iſt,“ rief ein Knabe die Hand der Frau faſſend, und dieſe ſchloß endlich: „Schweig ſtill. Ihr errathet's nicht. Das iſt euer neuer Lehrer.“ Hui! Wie war auf einmal die Gruppe 14 210 ganz verändert. Die Kinder trippelten wie in einem Käfig gefangen wo ſie ſtanden hin und her. „Wie ſagt man? Schön willkommen, ſagt man, gebt die Hand,“ ermahnte die Müllerin, aber die Kinder folgten unwillig und brachten den Gruß kaum hörbar und mit niedergeſchlagenen Augen hervor. Der muthwilligſte Knabe, der auf den Soldaten vermuthet hatte, riß einen Gefährten an der Hand und ſprang in kecken Sätzen davon, die andern jagten alsbald nach und ſich duckend und in ſich hineinlachend folgten die Mädchen. Von der Scheune her vernahm man ein helles Gelächter, das bald von lautem Weinen eines Einzelnen unterbrochen wurde. Das kleine Mädchen, das auf den Willi gerathen hatte, war allein bei der Müllerin geblieben und hielt ſich an deren Schürze, ſie ſchickte es nun zu den Andern, indem ſie ihm nochmals einſchärfte: „Gieb acht, daß ſie die Dolden gut von den Reben abpflücken, nicht abſtreifen und zer⸗ reißen und keine großen Stile daran laſſen;“ dann bat ſie Eugen mit ihr in die Stube hinauf⸗ zukommen. „Ihr bekommt eine zuchtloſe verwilderte Schule,“ ſagte ſie zu Eugen und hieß ihn voraus⸗ gehen, ſie käme ſogleich nach. C hpr 2 Eugen trat in die Stube, ſie war ſauber und nett, wenngleich ohne allen Schmuck außer einem mittelgroßen Spiegel in ſchwarzem Rahmen und in gleichem Rahmen rechts das Bildniß Heinrich Gagerns und links das Friedrich Heckers. An der Wand nach der Kammer zu über dem mit einem weißen Tuche belegten und taſſenge⸗ ſchmückten Klaviere hingen die Grundrechte des deutſchen Volkes mit Schrödter's Verzierungen, eben nicht ſehr geſchmackvoll in dreifarbig zu⸗ ſammengeſetzte Leiſten ſchwarzrothgold eingerahmt. Auf einem kleinen an der Wand befeſtigten Simſe lag ein dickes Buch in ein weißes Tuch einge⸗ ſchlagen, es war die Bibel. Eugen ſchlug auf und las Ev. Math. 19, 16:„Und ſiehe, einer trat zu ihm und ſprach: Guter Meiſter, was ſoll ich Gutes thun, daß ich das ewige Leben haben möge? Er aber ſprach zu ihm: was heißeſt du mich gut? Niemand iſt gut, denn der einige Gott. Willſt du aber zum Leben eingehen, ſo halte die Gebote. Da ſprach er zu ihm: welche? Jeſus aber ſprach: du ſollſt nicht tödten, du ſollſt nicht ehebrechen, du ſollſt nicht falſch Zeug⸗ niß geben. Ehre Vater und Mutter, und du ſollſt deinen Nächſten lieben als dich ſelbſt. Da ſprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich Alles gethan 14* 8 — von meiner Jugend auf, was fehlet mir noch? Jeſus ſprach zu ihm: Willſt du vollkommen ſein, ſo gehe hin, verkaufe was du haſt und gieb es den Armen, ſo wirſt du einen Schatz im Himmel haben und komm und folge mir nach. Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von ihm, denn er hatte viel Güter... Eugen hatte kaum Zeit hiervon die ſo nahe— liegende Anwendung auf ſich zu machen, und ſein Blick ſtreifte nur die vorderen Blätter der Bibel, auf denen die Familienereigniſſe einge⸗ ſchrieben waren nnd zwei mit ſchwerer Hand geſchriebene Kreuze hervorſtachen, da hörte er in der Kammer die Weiſung des Liedes: Heute ſcheid' ich, heute wandr' ich ꝛc. pfeifen, er wollte eben das Klavier öffnen um die Weiſung zu begleiten, aber beſſer war's er pfiff ſelbſt die zweite Stimme. Nach einem kurzen Anhalten pfiff man drinnen weiter und Eugen hielt gleichen Takt bis zu Ende. Da öffnete ſich die Thüre, ein großes Mädchen mit dunklen Augen, die ge⸗ weint zu haben ſchienen, ſchaute heraus, und als es Eugen bemerkte, lachte es laut und hell auf, ſchlug ſchnell die Thüre wieder zu und verriegelte ſie von innen. Sie Eug Mur deu nich ſie, ſchn den Drittes Rapitel. Die Müllerin kam mit einem Kruge Moſt. Sie entſchuldigte ſich wegen ihrer Zögerung und ⁰ Eugen glaubte zu finden: daß ſie die hieländiſche 6 ſ Mundart mit jenem fremdelnden Tone ausſprach, d den ſelbſt die gebildeten Kreiſe der Eingebornen er der nicht ganz verleugnen können. „Ihr könnet mir's nicht verübeln,“ ſagte 1 Hand ſie, wenn ich euch ſage, daß ihr einen doppelt 1 t m ſchweren Stand im Dorfe krieget.“ Heute„Wie ſo?“ wollte„Ihr kommet um gut acht Tage zu ſpät, ng zu den Meiſten iſt das eigentlich einerlei und ſie 3 ſt die ſind nur froh, daß ihr ſchon was auf der Kreide balten habt; es giebt aber auch Brave, die nichts un⸗ leichen gerner haben, als daß die Kinder ſo verwildern. Wenn man ſo auf Jemand wartet, da geht's ie ge⸗ mit den guten Gedanken für ihn, wie mit der d als Speiſe, die für ihn auf dem Heerde kocht, ſie verbraten und verderben beide. Wer in der egelte Ferne zögert, der weiß nicht, wie es dem zu Muthe iſt, der auf ſeinen Platz wartet; da 214 horcht man hinaus, wird ungeduldig, ſchimpft, ſucht Entſchuldigungen und läßt ſie gleich wieder nicht gelten, bis ſich ein galliger Aerger feſtſetzt und der will nicht fort, auch wenn der Erwartete eintrifft, es iſt wie wenn der erſchlagene Geiſt in unmuthsvoll vergangenen Stunden ſich oben an den gedeckten Willkommenstiſch ſetzen thät!“ Eugen dankte nur zerſtreut, denn dieſe eigen⸗ thümliche Art einen Seelenzuſtand zu durchdringen und im Allgemeinen auszudehnen, gab ihm mancherlei zu denken. Die Müllerin aber ward durch dieſes ſtarre Anblicken verſcheucht. Der Vogel auf dem Baume weiß und will nichts davon, daß du ihn nur beſchauen und ſeine Art und Weiſe erkunden willſt, er fliegt davon, ſobald er dein betrachtendes Auge trifft. Eugen ſprach ſeine Verwunderung aus, die Bilder der beiden ſo gegneriſchen Männer hier zu finden, und die Müllerin erklärte, daß die preußiſche Einquartierung, die ſie gehabt hatten, die beiden habe zerſtören wollen, daß aber ihr Mann ſich ſcharf dagegen geſetzt habe„den Gagern hat er eine Zeit lang ſo hoch gehalten wie einen Apoſtel und der Hecker, da hat er den Preußen geſagt, iſt noch der aus der Zeit, wo er hätte Minif er oſ frih. Miniſter werden können; unter uns aber ſagt er oft: der Hecker hat Recht gehabt, nur zu früh.“ „Und wer zu früh Recht hat, wird allemal ekreuzigt.“ Die Frau chwieg bis Eugen wieder 9 5¹9 9 fragte: „Iſt das Mädchen in der Kammer eure Tochter?“ „Ja freilich.“ „Euer einziges Kind?“ „Ja unſer einziger Sohn iſt in Holſtein erſchoſſen worden, wir wiſſen nicht einmal wo er begraben iſt.“ „Wie alt iſt eure Tochte „Herr Lehrer, ihr ſeid faſt wie der Doktor, der ſich ſelbſt den Namen Fragſamenhändler giebt und der geſtern im Dorf geweſen iſt.“ „Verzeiht gute Frau, aber ihr müßt mir ſchon erlauben, daß mir's bei euch aufrichtig wohl iſt und daß ich's ſpür, wir werden gute Freunde und über gute Freunde ſpreche nie mit anderen Menſchen und frage nichts über ſie. Was ich zu wiſſen habe, fönnen ſie mir ſelber ſagen.“ „Das iſt nicht uneben: Nun meine Vittore wird juſt morgen fünfundzwanzig Jahr alt.“ „Da ſind wir ja an Einem Tage geboren.“ r2“ 4 1 1 „ 5. 4 216 „Aber ihr ſeid um ein paar Krautherbſt ſt uf äter?“ ſuber 6„Das ſieht man“ erwiederte Eugen, der ſich erinnerte, daß in ſeinem Beſtallungsdekret minen ſein Alter auf dreißig Jahre angegeben war. Rgien Er preßte die Lippen zuſammen, alle Ver⸗„ muthungen die er an die Erſcheinung der Bach⸗„ müllerin geknüpft hatte und die ein geheimer ud a Zug ſeiner Seele beſtätigen wollte, waren plötz⸗ weil e lich vernichtet; Vittore war auf den Tag hin das 9 gerade ſo alt wie er ſelbſt. ud „Wenn ihr morgen Mittag zu uns kommet,“ und ſagte die Frau nach längerer Pauſe„ſollt ihr einen auch ein gut Stück Geburtstagskuchen haben. Unter Da wird die Vittore ihr närriſches Einſperren dabei aufgeben haben und ihr treffet auch meinen Mann.“ geben. Eugen verſprach nur halb, er wußte ja ſchen, nicht, welche neue Beziehungen ihn feſthalten Recht fönnten. Die Müllerin erzählte, ihr Mann ſei ſcz mit dem Baron Kronauer auf das Repofeld ge⸗ nach gangen, wo ſie eine ſpaßige Geſchichte vorhätten; niß, ſchon zweimal hätten Schnecken die Repsſaat was aufgefreſſen und das ganze Feld glitzert; durch Ger Taglöhner die Schnecken einſammeln laſſen, koſte verb zu viel und ruinire das Feld. Jetzt habe Mo der Baron ein halb Hundert Enten gekauft und ale 8 utherh ſt 217 ſie auf das Feld gejagt, die freſſen die Schnecken ſauber weg und die Männer ſeien eben hinaus um das mitanzuſehen„der Baron iſt gegen meinen Mann wie ein Bruder, ſeitdem ihm die Regierung den Poſſen geſpielt hat.“ „Was iſt das?“ „Mein Mann iſt ehrlos wie ſie's nennen und aller Bürgerrechte verluſtig erklärt worden, weil er's mit der Revolution gehalten hat, und das geht ihm doch näher, als er's eingeſteht und haben will. Er iſt zehn Jahr Schultheiß und dreimal Landſtand geweſen. Wir haben einen Müllerknecht gehabt, der beim Nachmitzen Unterſchleif gemacht hat und wie ihn mein Mann dabei ertappt, will er ihn den Gerichten über⸗ geben. Ich bitte und bettle noch für den Men⸗ ſchen, daß er ihn freigiebt, aber die Vittore hat Recht gehabt, ſie hat gewollt, man ſoll dem Ge⸗ ſetz den Lauf laſſen. Mein Mann giebt mir nach und ſchreibt nur dem Franz in ſein Zeug⸗ niß, daß er nicht zufrieden mit ihm ſei. Und was thut der Franz? Er geht hin und zeigt bei Gericht an, daß mein Mann Flüchtlinge bei ſich verborgen gehabt hat und dafür hat er drei Monate Gefängniß bekommen. Ich möcht' gern alle Menſchen bitten, daß ſie ihm zeigen, daß 218 es doch keinen rechteren Ehrenmann giebt, als er iſt, und daß wir nicht nöthig haben nach Amerika zu ziehen und fortzugehen von einem Ort, wo man doch ſo zufrieden und ruhig gelebt hat und jeder Baum einem in die Seele gewachſen iſt. Wie nun ſieht's denn jetzt in der Haupt⸗ ſtadt aus, ihr kommet ja von daher?“ Eugen ſchilderte das Leben ſo traurig, wie er ſich's dachte. „Das iſt mir jetzt faſt lieb, ſo übel das auch iſt,“ ſagte die Bachmüllerin,„darum möcht' mein Mann auch gern nach der Hauptſtadt zieh en, wo er vom Landtag her viele rechtſchaffene Freunde hat.“ „Es wäre nicht gut“ ſagte Eugen,„wenn die Stadt alle tüchtigen Kräfte aufſaugte; tapfere Männer ſind auf dem Lande, wo ſie heim iſch ſind, viel beſſer an ihrem Platz.“ „Da habt ihr Recht“ rief die Frau freu dig, „ſaget das nur auch meinem Mann, das wird ihm viel helfen und ich will euch dafür erkennt⸗ lich ſein. Ihr dürfet's aber Niemand, keinem Menſchen ſagen,“ ſetzte ſie mit ſtockender Stimme hinzu,„daß ich euch das vertraut habe. Die Menſchen ſind gar ſchlecht und ſchlagen am liebſten auf den Fleck los, wo ſie wiſſen, daß s am euch un dus He Mann vn ſi n W der mi verwieſ Vielf Mihl e jede K Welt, vachſen Nupt⸗ , wie 2i9 es am weheſten thut; ich hab das Zutrauen zu euch und ſchäme mich nicht zu ſagen, daß es mir das Herz abdruckt, daß er nur noch der halbe Mann iſt und ſo oft ſtill da ſitzt und kein Wort von ſich giebt.“ Wie gerne verſprach Eugen, dem Manne, der mitten im Vaterlande in die Verbannung verwieſen war, alle Liebe und Ehre zu erweiſen. Vielfach innerlich bewegt verließ Eugen die Mühle. Er betrachtete ſich genau jedes Haus, jede Hecke, jeden Baum, das war ja fortan die. Welt, die die ſeine geworden war. Viertes Rapitel. Die Welt iſt ſo groß und weit und was iſt die große Welt? Eine Sammlung von zahl⸗ loſen Menſchen, Häuſern, Thieren und Bäumen. An dieſem ſtillen Fleck Erde will ich einwurzeln mit meinem ganzen Sein, und die ganze Welt iſt mein eigen worden. Was iſt es denn an dem Einfluſſe auf die Menſchen? Nicht die Zahl erhöht das Bewußtſein, ſondern die Art und Macht der Thätigkeit für ſie, und je kleiner die Zahl, um ſo inniger umfaſſender die Kraft. Wenn ich ehedem auf der Eiſenbahn dahin rollte und die Menſchen zur Seite beobachtete, dachte ich oft: wie iſt es möglich, daß man ſich auf ſo engem Raume einhegt und nicht fortfliegt über die weite Erde, bis man die Ruheſtatt findet im Grabe. Das Wandern und Ziehen iſt aber doch nur eine Flucht vor ſich ſelbſt. Lieber in dieſem Dorfe der erſte, als in Rom der zweite— ich nehme es an, aber nicht wie Cäſar meinte; unſte Herrſchaft über die Menſchen ſoll nur die des Denkens ſein, die Herrſchaft über die Eindrücke — neinged I Dorf 1 Häuſet der Ni ſunnel in den ſchötte er ge Mit e Stein weſen jahrei che ſi herzu in J ſoge Stli nich an wa 221 des Lebens und die Erhebung derſelben zu Allge⸗ meingedanken. In ſolchem Sinnen gieng Eugen durch das Dorf und ſpähte bald da bald dorthin. Die Häuſer lagen weit von einander und nur in der Nähe der Kirche hatten ſich mehrere ange⸗ ſammelt. Er ſah in manchen offenen Hofraum, in dem nur der Haushahn bei ſeinem Einblick ſchätterte, aber kein Menſch zu ſehen war, und er gewahrte oft Unordnung und Unſauberkeit. Mit einem einzigen Tagwerk, mit einer einzigen Steinfuhre wäre hier Nettigkeit herzurichten ge⸗ weſen, aber viele Leute ſteigen lieber jahraus, jahrein über eine Pfütze vor ihrer Hausſchwelle, ehe ſie ſich die Mühe nehmen, einmal Ordnung herzuſtellen. Wie wird es bei ſolcher Fahrläſſigkeit im Innern des Hauſes und des Herzens ausſehen? Eugen hatte nicht gehofft, ein honigfarbenes ſogenanntes Muſterdörfchen Friedenheim oder Seligenthal zu finden, aber ſolches hatte er doch nicht erwartet. Um ſo erfreulicher war wiederum an manchen Häuſern der behäbige Anblick. Da wo der Bach eine raſche Biegung machte, auf einem verſandeten Stückchen Wieſe, war ein offener Heerd für einen Keſſel einge⸗ mauert, und nicht weit davon ſtand eine junge 222 Linde von einem Gehege friſcher Balken beſchirmt. Eugen ſah es als ein gutes Zeichen an, daß man hier noch eine Dorflinde für die Zukunft pflanzte. An der Schmiede begegnete er dem gebrech⸗ lichen Bauern, den er beim ſteckengebliebenen Fuhrwerk kennen gelernt hatte und den man den Mäuerleswerner nannte, er trug eine ſchadhafte Pflugſchaar in die Schmiede. Eugen begleitete ihn. Sie trafen noch mehrere Männer in der Schmiede, und als der Mäuerleswerner ſagte, das ſei der neue Lehrer, zwinkerten einige mit den Augen und pafften noch ſchneller aus ihren kurzen Pfeifen, andere nickten nur kurz mit dem Kopfe und nur ein einziger hob die Mütze, ver⸗ beſſerte aber ſich umſchauend dieſe Höflichkeit ſchnell, indem er ſich hinter dem Ohre kratzte. Eugen ſetzte ſich zu den Verſammelten auf die umherliegenden Pflüge und Karren. „Ich bekomm' zu Michäle meinen neuen Knecht,“ ſagte ein hagerer Bauer und ſtrich ſich dabei das Kinn„wenn mir der Burſch zu ſpät kommt, nehm' ich die Geißel von der Wand und hau ihn durch, daß er meinen ſoll, ſein letztes Brod ſei gebacken.“ „Und ich“, ſagte ein andrer Bauer von unterſetzter Geſtalt, vergnüglich ſchmunzelnd, ich habe f der K achte ſ und f Veib: tränke Nitta gehob aber der Mor Eſſer hat er h ihn und zu geb „ic un ah n auf die en neuen 223 habe förnd*) einen neuen Knecht bekommen, iſt der Kerl ſo frech und kommt erſt Nachts um achte ſtatt Morgens früh, und ich muß tränken, und füttern und miſten. Ich ſag zu meinem Weib: laß mich nur machen, dem will ich's ein⸗ tränken. Ich ſtell' ihm das kalte Eſſen von Mittag hin und ſag: ſä, das hat man dir auf⸗ gehoben, warum kommſt ſo ſpät? Er frißt's nicht, aber hat doch gemerkt, wo der Gaul ſteht und der Zaum hängt. Ich geb ihm am andern Morgen und am andern Mittag das nämliche Eſſen wieder und weiter nichts. Mit dem Kerl hat man von da an fahren können ungeſalbet, er hat griffige Reden brauchen wollen, ich hab ihn aber heimgeigt und da iſt er ſo geſchmeidig und lind worden, wie wenn er Seife gefreſſen hätt.“ Alles lachte und der Mäuerleswerner ſagte zu Eugen:„Die Schlingel ſticheln auf euch, gebet nur nicht luck.“**) „Dank ſchön,“ erwiederte Eugen halblaut, „ich kann, wenn's nöthig iſt, den Stil umkehren und mit dem Peitſchenſtecken zuhauen. Es wird aber nicht nöthig ſein.“ *) voriges Jahr. **) weich. 224 Er ſah in dieſen Auslaſſungen nur eine ro he Art ſich über einen eigentlich gerechten Un⸗ muth Luft zu machen. Die Conſiſtorialvorſehung hatte den Leuten ihren Lehrer geſchickt und da ſie ſich deshalb an die Behörde nicht auslaſſen konnten, nahmen ſie den Aufgedrungenen vor. „Schmied“ ſagte jetzt der Unterſetzte wieder, indem er ſeine linke Hand in den breiten Hoſen⸗ träger ſteckte und mit der Rechten die ſilberbe⸗ ſchlagene Pfeife ab und zu aus dem Munde nahm,„Schmied, du haſt doch Pferdeverſtand, rath mir: Auf dem letzten Hirlinger Markt bin ich im Handel geſtanden um einen Droſchkengaul aus der Stadt, er iſt gar nicht übel, mißt gut ſechszehn Fauſt, aber die Vorderbeine ſind nichts nutz, die ſtellt er grad wie man die Finger hin⸗ legt, wenn man ſchreiben will, und am Gaul kauft man die Füße, ſagt man im Sprichwort. Da ſagt mir der Händler: Der Gaul kriegt wieder geſunde Beine, wenn er vier Wochen auf weichem Boden beim Bauer geht. Sag, iſt das möglich?“ „Gewiß“ entgegnete ſchelmiſch der Schmied: „Auf dem Fflaſter hält's nur einer aus, der leicht trabt und ſo obenhin tänzelt, greift er ein, kriegt er Platthufe und die Sprunggelenke werden lahm und wirder er Alles auf Euge Hochnaſig Männer, Anſehen des Her nicht ein fann. Eugen 1 den verd bauer ſi das But D — D — haspelt. — /8 ſagten E dem R ein roſ aber b mehren mit S lahm und die kann er ſich freilich beim Bauer wieder erholen.“ Alles ſchaute mit zuſammengezogener Naſe auf Eugen, der nur ruhig aufſtehend ſagte: „Er kann aber auch ausſchlagen und die Hochnaſigkeit bluten machen. Nicht wahr, ihr Männer, es iſt immer ſo? Wer an Ehre und Anſehen zum Bettelmann geworden iſt und unter des Herrn Fuchtel ſteht, der probirt's, ob er nicht einen findet, gegen den er den Herrn ſpielen kann. Guten Abend beiſammen.“ So ſchloß Eugen und verließ die Schmiede, gefolgt von den verdutzten Blicken der Bauern.„Der Rain⸗ bauer ſieht aus wie ein Bub, dem die Hühner das Butterbrod gefreſſen haben.“ „Der Lehrer iſt mit Hinterſtichen genäht.“ „Dem geht's vom Maul weg wie abge⸗ haspelt.“ „Der hat dem Kalb in's Aug geſchlagen,“ ſo ſagten ſie unter einander und machten ſich davon. Eugen ginn nach dem Pfarrhauſe. Unter dem Nußbaume im Garten vor dem Hauſe, ſtand ein roſagekleidetes Mädchen, mit bloſen Armen, aber behandſchuht, da ſie die Nüſſe auflas, die mehrere Knaben, die auf dem Baume waren, mit Stöcken herabſchlugen. 15 226 Als Eugen eben vorüberging, rief ſie den Knaben zu: „Nehmt euch in Acht, daß ihr keine nuß⸗ ſchwarze Hände bekommt, ſonſt klopft euch der neue Lehrer auf die Pratzen.“ „Der neue Lehrer bringt nicht gleich einen Sack voll Schläge mit,“ rief Eugen über den Zaun in den Garten, überließ die Verblüfften ihrem Schreck und ging nach dem Hauſe. Er traf den Pfarrer nicht, die kleine behende Pfar— rerin aber, die im Gemüſegarten arbeitete, ge⸗ leitete ihn nach der Wohnſtube und verſtand es, ihn in geſprächſamer Weiſe feſtzuhalten: ſie fragte über allerlei Zuſtände und Perſonen in der Haupt⸗ ſtadt und wußte geſchickt einzuflechten, daß ihr Vater Finanz⸗Miniſterialbeamter ſei, natürlich erfuhr man nicht, daß er nur Regiſtrator war, ſie ſchien von den Auskünften Eugens wenig befriedigt; ſie ſprach nie von ihrem Manne, ſondern ſagte ſtets„der Herr Pfarreré ſei un⸗ willig über das lange Ausbleiben Eugens und müſſe ſolches an die obere Behörde berichten, wobei ſie indeß tröſtlich hinzufügte, daß ſolches wol nichts zu bedeuten habe, da der„Herr Lehrer“ in der Conſiſtorial-Direktorin ja eine Gönnerin habe. Eugen erzählte, daß er durch * eine Ver eines w worden indem et in Dor Engel,d wung po von do Sonnen ihn ga ſih höf lette wußte, nen, d ſtädtiſc dem L Tritte gebrad C aufzuſ ſinlich trat; vor ſ Loger das mfe war, venig anne, tun⸗ — — eine Verwundung an der Hand beim Einfangen eines wilden Pferdes in Röthhauſen aufgehalten worden ſei und ſchnitt alle weiteren Fragen ab, indem er um die Angabe des beſten Wirthshauſes im Dorfe bat. Die Frau Pfarrerin ließ den Engel, die Sonne und das Waldhorn die Muſte⸗ rung paſſiren, wobei Eugen erfuhr, wie oft man von dort und da zur Communion kam. Die Sonnenwirthin wurde am meiſten gelobt, über ihn gab's nur ein Achſelzucken und Eugen ging ſich höflich verabſchiedend nach der Sonne. Seine letzte Verbeugung hatte ihm, ohne daß er es wußte, das Wohlwollen der Pfarrerin gewon⸗ nen, das war doch wieder einmal eine haupt⸗ ſtädtiſche Art, ſo etwas lernen die Menſchen auf dem Lande nie, dachte ſie, ihm von dem erhöhten Tritte am Fenſter, in dem vor dem Fenſter an⸗ gebrachten Straßenſpiegel nachſchauend. In Nachdenken verloren, ging Eugen ohne aufzuſchauen dahin, die Uebernahme all der per⸗ ſönlichen Beziehungen eines fremden Menſchen trat plötzlich mit all der verwirrenden Läſtigkeit vor ſein Bewußtſein. In wie unzählige ſchiefe Lagen konnte er durch ein Verhältniß kommen, das mit der eigentlichen Bedeutung ſeines Be⸗ rufes gar nichts zu thun hatte. 5 „Bon soir“ redete ihn jetzt ein Mann an mit trotzigem Geſichte und wildem Barte,„will⸗ kommen! Ich bin dein Vorgänger, Lehrer Kaidl von hier!“ Eugen faßte nur zögernd die dargereichte Hand des Mannes, der barhaupt und hemdermelig, ohne ein anderes Zeichen der Begrüßung, die Cigarre im Munde behielt und fortrauchte. Minder dieſe Unhöflichkeit, als der daraus ent⸗ ſtehende Ton der Sprechſtimme, der etwas ge⸗ dämpftes, wie die Stopftöne eines Fagotts be⸗ kam, war Eugen zuwider, wenn gleich auch ihm als an gehaltene Formen Gewöhnten, der Mangel derſelben auffiel. Die ganze Erſcheinung Kaidls machte einen gemiſchten Eindruck. Dieſe kernkräftige Geſtalt, wie für den Harniſch geboren, dieſes runde, wie in ſteter Aufregung geröthete Antlitz mit den vollen Wangen, den blauen blutdurchlaufenen Augen, das graue, in wildem Flacken aufſtarrende Haar, Alles das zeigte einen Menſchen, der in aufgeregtem Sprunge ſich befand! „Kommſt ſpät, aber noch immer zeitig genug, die jungen Hunde auf Suchverloren! einzupauken. Suchverloren! ruft jetzt zum Aſchermittwoch die Ge⸗ ſchichte dem ganzen deutſchen Volke zu“ ſagte Kaidl. Dat verblüfte habe ein er unter Eugen Virthöh Mitausn er müſſe ihn bald Gl Gedächt dingung auswan noch in De fuhr, hi hauſez ſtecten ohne 7 fort r S Kunde Das Du und die ganze Redeweiſe Kaidl's verblüffte Eugen, der aber ſchnell erwiederte, er habe eine ſchlimme Hand gehabt, wegen deren er unterwegs bleiben mußte. Kaidl wollte nun Eugen mit„in den Bierhimmel“ nach dem Wirthshauſe zum Engel nehmen, wo einige ſeiner Mitauswandernden auch hinkämen, Eugen ſagte, er müſſe nach der Sonne und Kaidl verſprach, ihn bald aufzuſuchen. Glücklicherweiſe fand jetzt Eugen in ſeinem Gedächtniſſe nachſtöbernd, daß Kaidl auf die Be⸗ dingung hin begnadigt war, daß er nach Amerika auswandere. Er hatte nicht gewußt, daß er ihn noch in Erlenmoos treffen würde. Der Poſtwagen, der eben durch das Dorf fuhr, hielt in demſelben nicht an. An dem Wirths⸗ hauſe zur Sonne ſtand ein Knabe mit ausge⸗ ſtreckten Armen harrend, der Schaffner warf ihm ohne Aufhalt einen geſchloſſenen Beutel zu und fort rollte der Wagen. So ſpendet die ferne Welt doch auch ihre Kunde unmittelbar hieher... Fünftes Rapitel. Von dem rundlichen hemdermeligen Sonnen⸗ wirthe, der die eigenthümlich aufgeſtülpte grün⸗ ſammtne Mütze der Braumeiſter auf dem Haupte trug, wurde Eugen freundlich bewillkommt, es war hier faſt wie in Röthhauſen; ſelbſt die Art, wie ſich der Wirth breitſpurig und die Hände in die Seite geſtemmt hinſtellte, und in gelegent⸗ licher Rede ſeinen Gaſt von Kopf bis Fuß muſterte, hatte etwas unbefangen Offenes und Treuherziges. Ein mehrmaliges Nicken mit dem Kopfe ſchien zu ſagen, daß er mit der Erſcheinung des neuen Lehrers nicht unzufrieden ſei. Er holte dann ſchnell eine Flaſche Rießling mit zwei Gläſern, ſchenkte ein, ſtieß mit Eugen„auf Wohlſein“ an und ſetzte ſich neben ihn indem er bemerkte: „Der Wein koſtet euch nichts, den geb ich euch zum Einſtand.“ „Danke ſchön,“ erwiederte Eugen, dem dieſe unbefangene Art, die Gaſtlichkeit zu be⸗ kennen, wohlthat und der ſie eben ſo unbefangen gufnehmer ein Ableht denn er Lippen un „Es ziger, es wenn die Wein nic und den wenig* Schnapt haben d waare „ einmal pnd ge Ei hen;! ſetze i bucklig 2 Liſhe un d Mitte des! aufnehmen wollte; der Sonnenwirth mochte wol ein Ablehnen und Nöthigenlaſſen erwartet haben, denn er bewegte mehrmals die feſtgeſchloſſenen Lippen und ſagte endlich: „Es iſt von meinem beſten ſechs und vier⸗ ziger, es hat mich immer gottſträflich geſchnellt, wenn die Preußen, die bei uns gelegen ſind, den Wein nicht anders als mit Zucker trunken haben.“ „Die Preußen haben eben unſern Landwein und den Charakter unſeres Landvolkes, eines ſo wenig wie das andere verſtanden. Sie ſind an Schnaps und Zuckerbäckerwaaren gewöhnt und haben den natürlichen Wein auch in Zuckerbäcker⸗ waare verwandelt.“ „Manierliche Leute ſind's doch, wenn ſie einmal wiſſen, daß nicht ein Jeder zum Lumpen⸗ pack gehört.“ Ein Handwerksburſche kam mit ſeinem Ränz⸗ chen; der Wirth eilte ihm ſchnell entgegen und ſetzte ihn an einen andern Tiſch, wo eine alte bucklige Frau Kornſäcke nähte. Die Stube war äußerſt geräumig, acht Tiſche ſtanden an den Seiten und ein runder um die Säule, die den Durchzugsbalken in der Mitte ſtützte. Eugen ſaß juſt unter dem Bilde des Landesfürſten Wnd der Fürſtin an dem Eck⸗ —̃ 3 23 tiſche, über welchem in laternenähnlichen Käſt⸗ chen die bänderverzierten Innungszeichen ver⸗ ſchiedener Gewerke hingen. Jetzt wurde auf dem Tiſche in der Nähe des großen Kachelofens ein Tuch ausgebreitet und zwei Schüſſeln geſtellt und bald darauf kam das Hausgeſinde und die Schnitter, aus elf Per⸗ ſonen beſtehend. Voraus ging der Geißelmaier (Dberknecht) mit dem großen rothen Wolfshund, ihm folgten die andern, Männer und Frauen verſchiedenen Alters. Der Geißelmaier wiſchte ſich mit dem rothen Sacktuche den Schweiß von der Stirne, dann preßte er das Tuch in die ge⸗ falteten Hände und betete vor mit lauter Stimme, die Männer begleiteten ſeine Worte leiſe mur⸗ melnd, die Frauen mit hellerem Tone, jedes hielt ſich im natürlichen Klang ſeiner Stimme und doch tönte es in einander, wie das Zu⸗ ſammenklingen von geſtimmten Glocken. Der Geißelmaier ſetzt ſich an das obere Ende des Tiſches, da wo in der Bretterwand in einem Riemen Löffel und Gabel ſteckt, er holt dann das Meſſer aus der Taſche, ſchneidet Brod, giebt den Laib weiter und jeder thut desgleichen. Jetzt holt ſich der Geißelmaier bedächtig einen Löffel voll aus der Sguſ und auf dieſes . zeichen be iſcht her Geſchtfar den Geße Schetze ſu zwiſchen d und her. Wirt Stimmen wie hier Selbſtben ander ful fuſſen leh dieſe ftol bar ſein Eugen h ſü aſt wendeter Denten ihn neu Di Gericht auf der verbrei neue A Zeichen beginnen Alle. Es ging ſchweigſam bei Tiſche her, nur ein dickes Mädchen mit heller Geſichtsfarbe, das am andern Ende des Tiſches dem Geißelmaier gegenüber ſaß, ſchien manchmal Scherze zu erregen. Der Wolfshund wandelte zwiſchen dem Mädchen und dem Geißelmaier hin und her. Wird eine neue Weltanſchauung dieſe harten Stimmen ſo ſchön binden und ſchmeidigen können, wie hier zum Gebete? Wie wird das freie Selbſtbewußtſein die ſchwieligen Hände in ein⸗ ander falten und das eigene Sein in Frohmuth faſſen lehren? Oder ſoll der Genuß der Speiſe, dieſe frohe Lebenserneuerung, einſt aller Weihe bar ſein?... In ſolchen Gedanken ſchaute Eugen hinüber nach dem Geſindetiſche und war faſt erſchreckt, da ſich jetzt alle Blicke nach ihm wendeten, als fühlten ſie, wie er mit ſeinem Denken den Urgrund ihrer Seele aufwühlte, um ihn neu zu bilden. Die vollwangige Magd hatte ein neues Gericht aus der Küche geholt und als ſie es auf den Tiſch ſtellte dabei die neue Nachricht verbreitet:„dort drüben am Gewerkstiſch ſitzt der neue Lehrer.“ Als jetzt der Geißelmaier die Gabel vor 234 dem offenen Munde haltend ſtarr und lange nach Eugen herüber ſchaute, war es dieſem als habe er die Geſtalt ſchon einmal geſehen, dieſe trägen dicken Lippen, dieſe ſchwammigen Züge, dieſe luſtigen Augen, die wie in weiten Säcken lagen und doch blinzelten, dieſe flache Stirne mit dem kleinen Schädel, dieſe ganze fette Geſtalt war ihm ſo bekannt, die Aehnlichkeit iſt ſo täuſchend, aber wie iſt das möglich? Und doch, iſt dein jetziges Sein minder wunderbar? „Bürger Sami, einen Schoppen“ rief der eintretende Kaidl dem Sonnenwirth und fuhr fort:„Ein gluͤcklicher Tag! heute ſteht in der Zeitung, daß der entflohene Graf Falkenberg in Havre angekommen iſt. Nun muß ich fort, ich ziehe mit ihm nach Amerika. „Sie kennen ihn wohl genau?“ fragte Eugen. „Mein beſter Freund. Etwas Schwärmer, aber kreuzbrav, der einzige Adlige, den ich nicht hätte hängen laſſen, wenn man mir gefolgt hätte und wir im Blute geſtanden hätten bis an die Zäume der Pferde.“ Er wollte eben noch viel von dem Grafen Falkenberg erzählen, der als Major bei dem Frei⸗ heitsheere gedient habe, ſeine Rede wurde aber dadurch u fand un ſprechen ſill verhol Zum ſcharf bet einen Pfe fihre, di fördern; Zimmer. 235 nach * dadurch unterbrochen, daß der Geißelmaier auf⸗ ſtand und von einem andern das Nachgebet „ ſprechen ließ, wobei ſich Alles in der Stube bieſe 5 ſtill verhalten mußte. Zum Wirthe gewendet und doch dabei Eugen ſcharf betrachtend, ſprach der Geißelmaier von war einem Pferde, das er leihen müſſe, um die Fracht⸗ fuhre, die heut Nacht ankommt, weiter zu be⸗ 3 fördern; faſt rückwärts gehend verließ er das Zimmer. Sechstes Rapitel. „Da wo du ſitzeſt, ſtand die Rednerbühne. Hier hatten wir unſern Volksverein, über drei⸗ hundert Mitglieder ſtark, ich war Obmann. Meine Alsfelder Holzbauern waren die äußerſte Linke. Das waren Zeiten! Sie kommen nie wieder.“ Mit dieſen Worten hatte ſich Kaidl zu Eugen geſetzt. Als dieſer ſchwieg, fuhr er fort: „Ich bin froh, daß ich fortkomme. Wir alten Demokraten ſind nutzlos verſchoſſener Flintenſpieß, es iſt ein alter Aberglaube, daß die Kugeln das nächſte Mal gut treffen, wenn man ſie ſammelt; nein, ſie ſind zerdrückt und paſſen nicht mehr in den Gewehrlauf der Zukunft. Die Welt braucht nicht nur friſch Pulver, auch friſch Blei. Pfui! ich gehe... Ich paſſe ſchon lange nicht daher, mit Felsblöcken kann man nicht Straßen pflaſtern, man muß ſie zerſchellen und da verdienen dann die Angeſtellten, die Straßenknechte, auch etwas.“ Eugen konnte nicht anders glauben, als Kaidl müſſe ſchon vom Weine erregt ſein, aber die ruhige nachgoß, Stube fül fommenden Erntezeit ſie Kaidl: fommen hi Command Kaidl als errathen. „Re Schmiede Rainbaue „Ih zu Vohle thut.“ Die melten u horchet, Kaidl fr machen / miſſär 237 die ruhige, behaglich ſchmeckende Art, wie er nachgoß, widerſprach dieſer Vermuthung. Die Stube füllte ſich nach und nach ganz von an⸗ kommenden Bauern, das mußte jetzt zur müden Erntezeit auffallend erſcheinen und die Art, wie ſie Kaidl mit Kopfnicken und Augenwinken will⸗ kommen hieß, mochte ahnen laſſen, daß ſie auf nan. Commando beſtellt waren. Die Wendung, die Ferſt Kaidl alsbald dem Geſpräche gab, ließ den Zweck n nie errathen. ſe e M zu Schmiede dem hungerleideriſchen Betbruder, dem fort: Rainbauer, eins in's Gefräß gegeben.“ alten„Ich bin bereit,“ erwiederte Eugen,„Jedem ſpieß, zu Wohlgefallen zu leben, der mir ein Gleiches ndas thut.“ Die Bauern nickten einander zu und mur⸗ melten unter einander, bis einige riefen:„ſtill, taucht horchet, jetzt nimmt er ihn am Grips,“ denn Pfui! Kaidl fragte: dahen,„Wie willſt du die Kinder erziehen?“ nern,„Wie meinſt du?“ dann„Willſt du die Kinder fromm, geſetzlich als„Wer hat dich zu meinem Prüfungscom⸗ miſſär beſtellt? Soll ich hier vor einem Ge⸗ 238 ſchwornengerichte ſtehen? Wie nun, wenn ich dir nicht antworte?“ „Dann weiß ich ſchon, wer du biſt.“ „Ich aber antworte dir, nicht aus Furcht oder Einſchüchterung, ſondern aus Achtung vor dieſen Männern hier, die mir ihr Beſtes an⸗ vertrauen. Sie haben mich nicht frei gewählt, ich aber unterwerfe mich einer freien Verſtändi⸗ gung mit ihnen. So ſage ich: Jo, ich will die Kinder fromm und geſetzlich machen.“ Ein allgemeines Trommeln, Pfeifen, Schreien und Gröhlen, das eine Uebung der Anweſenden in der freien Kunſt der Katzenmuſik bekundete, erfüllte die Stube. Der Fragſaamenhändler ſchlich ſich während deſſen ſtill herein und ſetzte ſich in den Schatten an der Ofenbank. Es wollte Eugen nicht gelingen zu Wort zu kommen, bis er den alten Pfiff fand und ſchrie, er wolle eine Geſchichte erzählen; man rief jetzt„die Geſchichte, die Geſchichte,“ und die das riefen, wurden wieder von anderen be⸗ deutet, ſie ſollten doch ſtille ſein, und die da Stille geboten, wurden wieder von anderen zu⸗ rechtgewieſen, da ſie ja dadurch noch größeren Lärm machten. Endlich ſchlug Kaidl auf den Tiſch und gebot Ru ſctte ſich nüßt mir merkt eu wie ich e das nicht „Au kratzt!“ ten und „Zu höfte wo bis tief ſpricht de Hof gele Kette un ſgt: Jc geht alle freund Fremde deinen klagt de losgela Wort t V Eugen ſchmett un ich e und deren be⸗ d die da deren zl⸗ größeren iſch und 239 gebot Ruhe. Es trat nun Ebbe ein. Alles ſetzte ſich wieder. Da begann Eugen:„Ihr müßt mir's aber nicht übel aufnehmen, und merkt euch wohl: Nur wer nicht hören mag, wie ich erklären will, was ich meine, nur wer das nicht mag, auf den paßt die Geſchichte.“ „Aufgeſpielt! Muſik! Es iſt genug ge⸗ kratzt!“ erſcholl es wieder aus den Verſammel⸗ ten und Eugen erzählte: „Zu einem Manne, der auf einſamem Ge⸗ höfte wohnte, kam ein Gaſt und blieb bei ihm bis tief in die Nacht. Als er endlich fortgeht, ſpricht der Gaſtfreund: Ich will dich über meinen Hof geleiten, denn meine Hunde ſind von der Kette und könnten dich zerreißen; der Gaſt aber ſagt: Ich weiß einen Spruch, der ſie bannt. Er geht allein. Nach einer Weile hört der Gaſt⸗ freund Jammergeſchrei, er eilt hinaus und der Fremde iſt faſt zerfleiſcht. Warum haſt du denn deinen Spruch nicht angewendet? fragte er. O! klagt der Fremde, das nützt hier nichts, dieſe losgelaſſenen Kerle laſſen ja einen nicht zu Wort kommen.“ Wie wildes Sturmesbrauſen wogte es auf Eugen heran, Fäuſte drohten ihn niederzu⸗ ſchmettern und eine Flaſche flog über ſeinem 240 Kopfe weg und prallte klirrend von der Wand zurück. Der Sonnenwirth aber deckte ſeinen Gaſt wie ein Schild und drohte jedem die Knochen zu zerbrechen, der nicht Ruhe gebe; auch der Geißelmaier ſtand plötzlich wie aus dem Boden gewachſen neben Eugen. Sei es, daß Kaidl ſich des derben Trumpfes erfreute, den er den Bauern doch gönnte, oder, daß er es nicht ſo weit führen wollte und einen Amts⸗ bruder vor rohen Fäuſten ſchützen mußte, er faßte die Hand Eugens und ſagte lächelnd: „Du ſchlägſt aus, wenn man dir nach dem Riemenzeug ſieht, du haſt mehr Muth, als ſonſt die Pietiſten.“ „Ich bin kein Pietiſt“ rief Eugen. Es trat Stille ein und er ſetzte hinzu:„Nur wer mich nicht hören wollte, auf den paßt die Geſchichte, ihr aber hört mich und ſo erkläre ich euch: unter fromm ſein verſtehe ich, daß jeder etwas Höheres verehren muß, ſtehe das nun im Kate⸗ chismus oder anderswo. Wer nichts Höheres mehr in ſich erkennt und verehrt, der ſoll ſich zu ſeinem Ochſen an den Pflug ſpannen, ihn nicht leiten wollen. Jeder Menſch, wer es auch ſei, es iſt keiner zu gering, hat Augenblicke, ja Stunden, in denen die Heiligkeit und Majteſtät in ihm au dieſe erhal gusbreitete uns vereht mit, was jun Theil gehorſun macht we lerne und wird. hämmer N „U D D „S und Eug Steinklo geglüht kuchtet geſchmei roth ar liche N werden dann g ð ſonſt Es trat er mich 8 241 in ihm aufleuchtet, und es giebt Menſchen, die dieſe erhabene Stimmung über ihr ganzes Leben ausbreiteten. Die Hoheit in uns und außer uns verehren, das nenne ich fromm ſein. Sage mir, was du achteſt, und ich ſage dir, was du zum Theil biſt und ganz ſein möchteſt. Geſetzlich gehorſam muß der Menſch von Jugend auf ge⸗ macht werden, damit er einſt ſich ſelbſt gehorchen lerne und den Staatsgeſetzen, die er ſelbſt geben wird. Habt ihr ſchon geſehen, wie man Stein⸗ hämmer ſchmiedet?“ „Nein.“ „Und wir brauchen's auch nicht.“ „Dummes Geſchwätz da.“ „Da wird man überhirnig.“ „Stille! Ruhe!“ ſo rief es von allen Seiten und Eugen fuhr fort: „Der gemeinſte Hammer, den man zum Steinklopfen braucht, muß aber und abermals geglüht und geſchmiedet werden und wie er durch⸗ leuchtet iſt, ſieht er ſchöner aus, als alles Edel⸗ geſchmeide der Welt und gleicht dem Morgen⸗ roth am Himmel. So muß auch das jugend⸗ liche Menſchenherz in einer Gluth durchleuchtet werden, die nichts an Pracht überſtrahlt und dann gehärtet werden, daß es feſt und tapfer ſei. 16 242 6 Es iſt leicht geſagt: die Welt muß beſſer werden. Das iſt gewiß. Vor Allem aber müſſen auch wir, wir Alle beſſer werden. Es muß eine Erziehung geben, die gewaltſame Revolutionen unnöthig macht, die keine Gefängniſſe und Zuchthäuſer mehr kennt, wo es keine Geſetze von außen mehr giebt, wo Jeder nicht anders kann, als das Geſetz aus ſich finden, wo Jeder ihm nach⸗ leben muß, ſo nothwendig, als er athmet.“ Ein ſeltſames Hin- und Herwenden der Köpfe unter den Verſammelten ward bemerklich, jäh und heiß überkam es Eugen, wie die reinſten Worte von Rednerbühnen und Kanzeln ſchon ſo verbraucht und mißbraucht ſind, daß man keiner gewiſſen Bedeutung mehr ſicher iſt, auch die Zu⸗ hörer hier konnten unter ſeinen Worten Anderes verſtehen, als er wollte. Er ſetzte daher athem⸗ holend hinzu: „Ich verſpreche euch heute, ihr Alle ſollt Zeuge ſein, wenn ihr in einem Jahre mit mir unzufrieden ſeid, der Wahrheit nach, ſo will ich ohne Widerrede die Stelle verlaſſen. Darauf gebe ich mein Manneswort.“ Eugen fühlte mit Unbehagen, daß er ſeine tieferen Gedanken hier nicht heraufſchöpfen konnte, er konnte den reinen Begriff der Obrigkeit gegen⸗ ibet dem zu Anſcho die leßte 2 iußerlich zu dem Do gber Euge und die nit Euge „Hal erkennſt t Jammerz Franifurt ausfegen legten, d nicht beſſ tommt n Denit g die Bur und blut nicht di werden die gan die Luft E wuhige thäuſer außen u nach⸗ le ſollt mit nir will ich Darauf er ſeine nkonnte, it gegen⸗ 243 über dem gewohnten Beamtenthum hier nicht zur Anſchaulichkeit bringen, er war daher froh, die letzte Wendung zu finden, die ihn mindeſtens äußerlich in ein durchſichtiges freies Verhältniß zu dem Dorfe ſetzte. Noch wollten einige rumoren, aber Eugen hatte bereits einen Anhang gewonnen und die Widerſpenſtigen wurden ſtill, als Kaidl mit Eugen anſtoßend ſagte: „Hab dir Unrecht gethan, verzeih mir. Du erkennſt die Schule als Gemeindeanſtalt. Die Jammerzunft der proviſoriſchen Kameeltreiber in Frankfurt, die mit dem Flederwiſch den Stall ausfegen wollten und dem Volke Kinnketten an⸗ legten, die haben Alles verfumfeit. Es wird nicht beſſer in Deutſchland, bis einmal die Zeit kommt, wo die Spatzen in der Ernt' verhungern. Denkt an meine Prophezeiung. Dann wird die Rache mit gewaffneter Fauſt anklopfen an die Burgen und mit Pechkränzen hineinleuchten, und blutlechzende Lippen werden aufſchreien und nicht die Schreienden, ſondern die Hörenden werden von den Worten Halsweh bekommen; die ganze Menagerie der Knaſterbärte wird in die Luft geſprengt.“ Eugen war eben daran, dieſem Toben eine ruhige Erörterung entgegenzuſetzen, als ihn der 16* 244 Geißelmaier plötzlich am Rocke zupfte, mit dem Bedeuten, es ſei Jemand draußen, der ihn ſpre⸗ chen wolle. Eugen folgte. Draußen in der ſternglizernden Nacht ſagte der Geißelmaier: „Es iſt Niemand da, ich bin's, ich hab euch nur warnen wollen, nichts weiter zu reden; laßt den Kaidl machen, der geht fort, aber der Frag⸗ ſamenhändler ſitzt drin auf der Ofenbank, der treibt vielleicht noch ein Nebengeſchäft. Der Kaidl iſt gut Freund mit dem Fragſamenhändler, weil er ein Demokrat geweſen, aber wer weiß, was er jetzt iſt. Gut Nacht.“ „Warum habt ihr mich heut ſo angeſehen? Kennt ihr mich?“ „Morgen, es hat Zeit, jetzt muß ich ſchlafen,“ ſchloß der Geißelmaier und ging davon. Erſtaunt über den ſeltſamen Freund, ging Eugen nach der Stube zurück, vor der Thüre hörte er noch drinnen über ſich ſprechen, die einen lobten ihn, die andern ſchalten ihn; einer rief laut:„Eine Stimme und ein Weſen hat er wie ein General,“ und allgemeines Lachen ent⸗ ſtand, als Kaidl ſagte: „Er iſt einer von denen, die das Feld der Politik mit Gemüthsjauche düngen, und wißt ihr, was daraus wächst? Gefühlspilze.“ Kaidl par heut! in der B gefulen un bei manche eine tüchti hun aufſ auf das d mähre“ſch er hielt j und entge „Es unſer Vn ſind jetzt Velt, ab lorene Eh 30 vil — „No Fſi. „W W „ Seiten. „E „Ihrk der au ſchauder Vaſſer Mann war heut Abend wieder im Zuge, er ſchien ſich in der Bewunderung ſeiner Kneipgenoſſen zu gefallen und zu genügen, und Eugen bedauerte bei manchen treffenden Bemerkungen, daß ſich eine tüchtige Kraft zu ungeheuerlichem Titanen⸗ thum aufſchraubte; die Art jedoch, wie Kaidl auf das deutſche Volk„die hartmäulige Schind⸗ mähre“ ſchimpfte, war Eugen im tiefſten zuwider, er hielt jedoch der Warnung eingedenk an ſich und entgegnete nur: „Es iſt ein wohlfeiler Bubentrumpf, auf unſer Vaterland zu ſchimpfen. Wahr iſt's, wir ſind jetzt ehrlos vor uns und vor der ganzen Welt, aber jetzt iſt nicht immer, und die ver⸗ lorene Ehre kann doppelt wieder erobert werden. Ich will ench wied erum eine Geſchichte erzählen.“ „Noch eine.“ „Wieder eine Hundegeſchichte.“ „Wir haben genug,“ lärmte es von allen Seiten. „Eine ganz fried liche,“ beſchwichtigte Eugen, „Ihr kennt die Geſchichte von jenem Manne, der ausging um das Gruſeln zu lernen, ihn ſchauderte erſt, als man todte Fiſche in friſchem Waſſer über ihn ſchüttete. So ging wieder ein Mann durch das Vaterland voll Vertrauen auf ſein Volk und wollte das Fürchten lernen. Er kam zu einem Stamme, der war gebunden und geknechtet und knirſchte in ſich hinein und er ſagte: Es gruſelt mir nicht, dieſe werden ſich retten. Er kam zu einem andern und da fand er einen unbegreiflichen Stolz mitten in aller Schmach und er ſagt: es gruſelt mir nicht, dieſe werden zur Erkenntniß kommen. Und er kam wieder zu einem, der war ſtumm und verzweifelte, und er ſagte: es gruſelt mir nicht, auch aus der Verzweiflung kann noch Rettung kommen. Endlich kam er zu einem Stamme, der ver⸗ höhnte und verſpottete ſich ſelbſt und ſeine Zu⸗ kunft, da rief er: Es gruſelt mir, dieſe ſind ver⸗ loren.“ Dieſe Erzählung brachte eine friedſame Stimmung über die Verſammelten und viele ſetzten ſich näher zu Eugen und thaten zutraulich mit ihm. Als endlich Kaidl mit Allen davon⸗ ging, war es Eugen, als ob das wilde Heer vorüber gebraust wäre. „Trinkt Kaidl viel?“ fragte Eugen den zu Bette leuchtenden Sonnenwirth. „Nicht viel, aber oft,“ lautete die Antwort aus lächelndem Munde. „Ich habe euch noch nicht gedankt, lieber Sonnenn Leuten?“ „P inger ir da ſie m „J unerfohr denen gehts hier me Gutes 247 Sonnenwirth. Hab ich's recht gemacht mit den Leuten?“ fragte Eugen. „Wäre nicht nöthig geweſen, ihnen den den ſch Finger in's Maul ſtecken, die beißen drauf.“ da fund„Ich meine im Gegentheil, ich habe gebiſſen, in aller da ſie mir auf den Zahn fühlen wollten.“ pt diſe„Iſt auch wahr, aber ihr ſeid doch noch zu t un unerfahren und zu gut; der größt' Theil von felte, denen die da geweſen, ſind Amerikaner, die uch aus geht's von Haut und Haar nichts an, was ihr kommen. hier machet. Nun gut Nacht. Laſſet euch was Gutes träumen.“ Siebentes Rapitel. Ja, wenn man nur immer beſtellen könnte, welche Gebilde uns im Traume erſcheinen ſollen. Das dachte Eugen, als er jetzt unruhvoll die Thüre verriegelte, kaum aber hatte er ſich niedergelegt, als er wieder aufſprang und den Riegel zurückſchob. Eugen hatte die Eigenheit, ſelbſt in der Fremde nicht bei verſchloſſener Thüre ſchlafen zu können, dieſe Abgeſchloſſenheit beklemmte ihn; das hatte ihn ja auch die erſten Nächte der Gefangenſchaft mit doppelter Qual erfüllt, ſo daß er ſich wie lebendig eingeſargt vorkam. Als er jetzt dieſe Eigenheit wieder ge⸗ wahrte, mußte er über deren ſinnbildliche Be⸗ deutung lächeln: er konnte ſelbſt ſein unbewußtes Leben nicht hinter verſchloſſenem Ein⸗ und Aus⸗ gang fortſetzen. Menſchen von der Doppelnatur des un⸗ mittelbaren Fühlens im dunklen Drange des Affekts und die wieder im Stande ſind, die un⸗ willkürlich entſtandene Empfindung in das Licht des Bewußtſeins zu ſtellen, ſolche Naturen hleiben ſ den And ſchenk zur Erf haupt, unwilltü glubt des be jener n bis er bringt, des be zeitig durchſch beider. ihre wieder ihr o feſtes Ande Dog fragt nit lehr iſt, pos 24⁰ bleiben ſich ſelbſt lange ein Räthſel und ſind es den Andern faſt immer, weil ſie die Gegenſätze ſolchen Lebens nicht vereinbaren können. Wer zur Erforſchung der menſchlichen Natur über⸗ haupt, wie ſeiner beſondern, ſeinen eigenen unwillkürlichen Athmungsprozeß beobachtet, der glaubt es leicht, ſich und anderen, daß während des bewußten Beobachtens eben dadurch ſich jener natürliche Rhytmus des Athmens verändere, bis er es durch Uebung und Gewohnheit dahin bringt, die Thätigkeit des reinen Seins und des beherrſchenden Beobachtens parallel gleich⸗ zeitig feſtzuhalten. Bei den meiſten Menſchen durchſchneiden und verwirren ſich die Linien beider. Rückſichtslos hingegeben an die Welt und ihre Begegniſſe konnte ſich Eugen doch raſch wieder auf einen freien Punkt außer und über ihr oder vielmehr in ſich ſammeln und ein einiges feſtes Ziel verfolgen; hierin fand er das, was Andere in dem unerſchütterlichen Felſen eines Dogmas finden. Hinwegſchauend über Alles fragte er ſich darum im Tieſſten: Kannſt du, mit der Ueberzeugung, daß das Beſte nicht zu lehren, ſondern nur aus ſich ſelbſt zu ſchöpfen iſt, kannſt du Lehrer ſein? Die Andern haben's 250 leicht, ſie haben ein feſtes Wiſſen weiterzugeben. Und doch, der letzte und einzige Zweck iſt Er⸗ ziehung, ein Handführen der unſteten Kraft, ein Handreichen den unbehülflichen Gedanken, ein Leiten des in ſich gehaltenen Ganges. Gut Nacht,“ ſchloß er laut ſich ſelbſt zurufend. Wer die Möglichkeit und Folgerichtigkeit dieſes an ihn ſelbſt gerichteten Rufes verſteht, der ver⸗ ſteht den Charakter Eugens. Im Halbſchlafe gedachte jetzt Eugen des Mannes, von dem der weiſe Spruch:„Es giebt kein Geſtern“ ſtammt. Der Geißelmaier im Hauſe hatte durch ſein ganzes Weſen heute wie⸗ der an ihn erinnert. Der zwölfſemeſtrige Stu⸗ dioſus Motz, genannt Knochen, hatte eine Scheu vor jeglichem Staatsexamen, die faſt ſeiner Liebe zum bairiſchen Bier gleichkam; endlich, da kein Geld mehr vom Vater kam, gelangte das alte Haus zu der Ueberzeugung, daß man dieſem nichtsnutzigen Staat überhaupt nicht dienen dürfe, und er ging zum Landtage, aber er thronte über ihm als ſtenographiſcher Berichterſtatter für die radicale Zeitung. Die Parteimänner grün⸗ deten ein beſonderes Landtagsblatt und da ſie ſelbſt viel zu erhaben waren, ihre europäiſchen Reden, die ſie indeß nachträglich aufputzten, durch den Druck Strol Regie heit d fir Reiſe werbl fuhrn war Schr werd hatte publi ſchwi das Lund noh bei wa Uh Bl we ha Druck zu verkünden, ward der fette Motz zum Strohmann, d. h. zum Redakteur erſehen. Der Regierung aufbrummen, ohne daß ſie die Frei⸗ heit der Kammerdebatte antaſten durfte, das war für Motz ein Gaudium. Auch auf patriotiſche Reiſen wurde Motz geſchickt, um Stimmen zu werben für eine Erſatzwahl. Im Lande herum⸗ fuhrwerken, in den Wirthshäuſern predigen, das war ein Leben für ihn; wenn ihn bisweilen Schmeichler gemahnten, ſelber Abgeordneter zu werden, lehnte er's beſcheiden ab, denn Motz hatte wol zu achtende Grundſätze, er war Re⸗ publikaner und wollte nicht der Verfaſſung ſchwören; übrigens vollzog er unbedingt, was das Parteioberhaupt ihm befahl. Solch ein Landtag dauert aber nicht ewig und Motz über⸗ nahm die Stelle eines Correctors und Expedienten bei einem mehr als gemäßigten Blatte, und hier war's, wo ihn Eugen kennen lernte. Gegen vier Uhr Nachmittags kam Motz mit dem noch naſſen Blatte in die gewohnte Bierſtube und that ſehr weiſe als wohlunterrichtete Quelle und er be⸗ hauptete ſeine Stellung bis Mitternacht vorüber und das auf morgen vorgedruckte Zukunftsblatt ſein berechtigtes Datum hatte. Natürlich, daß ein ſo wohlgeſchulter Mann eine Rolle in der 252 Revolution ſpielte und als Civilcommiſſär mit rother Schärpe regierte. Iſt's Wachen oder Träumen? Können innere Geſichte ſo lebendig werden? Da ſitzt beim Umwenden der luſtige Kamerad. Mit warmem Hauche fühlte ſich Eugen die Worte in das Ohr ſprechen:„Graf Falkenberg!“ „Alter Knochen,“ rief er ſich die Augen reibend,„biſt du's wirklich?“ Eine breite rauhe Hand verdeckte ihm den Mund. begar ſchno Kerl Kaid Achtes Rapitel. Die vom Monde hell beſchienene Geſtalt begann jetzt mit gedämpfter Stimme: „Laß uns leiſe thun, der Fragſamenhändler ſchnarcht im Nebenzimmer und ich glaub, der Kerl kann Schnarchen heucheln, ich glaub dem Kaidl nicht, ich will mein Lebtag meine Kehle trocken halten wie eine Scheune, wenn dem Kerl zu trauen iſt.“ „Ich kann's noch immer nicht faſſen, biſt du der alte Knochen und du der Geißelmaier hier im Hauſe?“ „Ja, und daß du's weißt, ich heiße Bartelmä Knochenhauer, ſchlechtweg Bartelmä und bin von Windenruthe gebürtig. Wenn's Gelegenheit giebt, ſpielen wir unſern Tarok aus, in dem wir auf dem Vorpoſten unterbrochen worden ſind. Ich habe gerade die beſte Karte, zehn Tarok und du haſt alle Farben wie ein Stieglitz, und hätteſt du nicht im vorigen Spiel renonce gemacht, ich hätt' dir und dem Mäuslebeiß, dem Knöpfle⸗ ſchwab, ein ſchwer Stück Geld abgewonnen.“ 254 „Ja, Lieber, das iſt jetzt unſere ganze Welt: während die Karten neu gemiſchelt werden, über das abgethane Spiel hin und herreden. Du biſt ein Philoſoph und ich hab in dieſen Tagen viel an dich gedacht.“ „Weißt vom Mäuslebeiß?“ „Er ſitzt im Penſylvanium. Erzähle mir von dir. Wo warſt du? wie kommſt du hieher?“ „Bin in der Schweiz geweſen in einer Haarölfabrik.“ „Du, der Feind aller Parfumerien?“ „Bin als höchſt gefährlich und weil man den Menſchen demokratiſches Oel in den Kopf ſchmiere, ausgewieſen worden. Du kannſt dir nicht denken, was das für ein Kummerleben iſt als Flüchtling; heute vor die Polizei citirt, morgen internirt, übermorgen escortirt und dann wieder anderswohin ſpedirt und jeder Ganshirt am Weg und jeder Hudelbub ſieht einen drauf an, daß er ein großer Mann iſt und einen ernährt. Und wenn man zu den Kameraden kommt, da möcht' man blutige Thränen weinen; da ſitzen die prächtigſten Menſchen, an denen der Herrgott ſelber ſeine Freude haben müßte; da ſitzen ſie und laſſen die Köpfe hängen und können nichts als fluchen und die Zähne auf einander knirſchen, nirgend nendem Vaterla Kehrau dann w die Luf allen g Heimw aus d Minut wußt, ich w Landj hab e heitön vorau hin ie der„ ſo b Glot Kett dra Gef no( ſie 255 nirgends daheim, zuſehends abſterben, von bren⸗ nendem Grimmzorn verzehrt, weil die Freunde im Vaterlande nicht losſchlagen, daß man den großen Kehraus tanzen und wieder heimkehren kann, und dann wieder dumme Hoffnungen, und dann wieder die Luſt, ſich ſelbſt zu Grunde zu richten. Von allen gemüthlichen deutſchen Dummheiten iſt das Heimweh die dümmſte. Ich muß mir das Alles aus dem Sinn ſchlagen, wenn ich nur eine Minute vergnügt ſein ſoll. Ich hab nicht ge⸗ wußt, was ich thu, ich hab mich unterſchrieben, ich will mich nach Amerika bringen laſſen. Ein Landjäger hat mir das Geleit gegeben und ich hab es deutlich an mir dargeſtellt, daß der Frei⸗ heitsmann der Regierung immer um drei Schritte vorausgehen muß. Im Lande der grande nation bin ich zum erſtenmale in Ketten gelegt worden, der König Gaminus, den ſie gewählt haben, hat ſo befohlen. Es war am Sonntagsmorgen, die Glocken haben geläutet und ich habe mit meinen Ketten den Takt dazu geſchlagen. In der Nacht drauf bin ich entſprungen. Wohin? in das große Gefängniß, in's Vaterland zurück; ich habe meine Strafe antreten wollen, aber vorher hätte ich noch gerne einen Mord auf mich geladen, damit ſie mich umbringen. Ich hab mich durchgeſchlichen — bis nach Röthhauſen zum Lehnert, dem habe ich von ſeinem Bruder Nachricht gebracht und da hat mir die Baronin Hunold, die ich von früher her kenne, Bauernkleider und einen Heimathſchein verſchafft, auf den bin ich hier, kennt mich Rie⸗ mand als der Kaidl, kennt er dich auch?“ „Nein, haſt ja ſelber beim Nachgebet gehört, wie er ſagte, er ſei mein beſter Freund und wolle mit mir in Havre auf's Schiff gehen.“ „Gut. Alſo du biſt der Lehrer—“ „Nein, erzähle mir wie du lebſt.“ „Hab ſeit Oſtern nichts Gedrucktes geſehen, weiß gar nicht mehr ob ich leſen kann, brauch's nicht wiſſen. Haſt recht mit dem Kartenſpiel, der Ruſſ hat die Haupttrümpfe in der Hand und ſpielt bald den Schellenkönig bald den Herz⸗ bub aus. Geht mich Alles nichts mehr an. Früher hab ich geſagt: es giebt kein Geſtern, jetzt hab ich einen noch beſſern Spruch: es giebt tein Morgen. So proviſoriſch, auf der Wurf⸗ ſchaufel leben, iſt doch was Prächtiges, man lebt wie ein Wilder, fragt nicht wohinaus und macht keine Plane. Guter Eugen, ja, wie heißt du denn eigentlich?“ „Ich habe wieder denſelben Vornamen, du thuſt mir eine Liebe, nenne mich, wenn wir allein ſind, wie fi Hunge acht( Angeſt ich fü Hand ſeiner leder Blaſ mein Voq iſt in thut, und Zeite Bril der ich ſ ſind, bei meinem Vornamen, aber erzähle mir: wie findeſt du dich denn in dein verändertes Sein?“ „Ich? Ich kann alle Strapazen entbehren, Hunger und Durſt, nur den Schlaf nicht; meine acht Stunden Schlaf muß ich haben wie ein Angeſtellter. Kannſt dir's hoch anrechnen, daß ich für dich jetzt den Schlaf breche.“ Er faßte die Hand Eugens, führte ſie über die innere Fläche ſeiner eigenen und fuhr fort:„Spürſt das Sohl⸗ leder? Thut nichts mehr weh, es giebt jetzt keine Blaſen mehr. Fuhrwerken war mein Lebtag mein Gaudium, ich hab vier Gäul und fahr all Woch zweimal den Frachtwagen. Der Menſch iſt innen hohl, aber es iſt eins, was man'nein thut, wenn's nur die gehörige Fracht iſt; Eſſen und Trinken ſchmeckt mir jetzt beſſer als in Olims Zeiten. Die Fenſter vor den Augen, meine Brille, hat mir am weheſten gethan, ich bin in der erſten Zeit wie taumelig herumgelaufen, weil ich ſie nicht mehr auf der Naſ' gehabt hab.“ „Und den Feldbau verſtehſt du?“ „Bin ja eines Bauern Sohn. Mein Vater hat ja als Schafkipperer all ſein Vermögen verloren. Was red' ich aber ſo lang von mir. Wie kommſt denn du zu deinem Amt?“ Eugen erzählte ſeinen Tauſch mit dem Lehrer 17 258 und wie er eben im Walde ſehr mühſam ſeinen langen Bart abgenommen hatte, als er den Leſer überraſchte, da regte ſich plötzlich etwas im Nebenzimmer und Bartelmä, ſelbſt die Lippen zuſammen beißend, verdeckte wieder ſchnell mit der Hand den Mund Eugens und noch leiſer als ſonſt ſagte er zu Eugen: „Wenn ich merke, daß der Kerl etwas erhorcht hat, dreh ich ihm den Kragen'rum.“ Eine geraume Weile ſaßen die Beiden ſtille und Eugen hielt die rauhe Hand des Gefährten, der ihm ſo wunderbar plötzlich geſchenkt war. „Du biſt für mich ein doppeltes Glück,“ ſagte er endlich,„Bauernknecht werden, das iſt noch mehr als ich thue.“ „Nein Bruder, nein, ich hab's leichter als du, hab mit Niemanden zu thun, als mit meinem Herrn. Ich hab gemeint, unſer Herrgott braucht mich, ich muß ihm regieren helfen, er hat mich summa cum laude durch's Examen und durch die Revolutionspraris fallen laſſen; thut nichts, jetzt bin ich ein Cincinatus.“ „Mir iſt ſo wohl, da ich mit dir von mir ſelber reden kann, als wäre ich jetzt erſt aus dem Gefängniſſe gekommen. Iſt dir der fremde Name nicht auch ein Gefängniß?“ das geſp Met frei kom wir in bei ſch bla Mit ds mn 6 dem Name „ — „Spüre nichts davon.“ „Mir iſt er wie eine innere Gefangenſchaft, das Bewußtſein iſt der Kerkermeiſter eines Ein⸗ geſperrten; mit dir kann ich meinen wirklichen Menſchen doch manchmal frei herauslaſſen und frei athmen. Und jetzt in dieſem Augenblick kommt mir unſer Leben vor wie Nachtwandlerei, wir wandeln auf gefährlicher Höhe und ſtürzen in den zerſchmetternden Abgrund, wenn man uns bei Namen ruft.“ „Wer ſich fürcht't, den fangt die Patrouille, ſagen die Sachſenhäuſer, und wer in's Feuer bläst, dem fliegen die Funken in die Augen, da ſag' Ich. Darfſt mich nicht zu viel kennen wär' nicht gut für uns beide. Wenn du über flüſſig Blech haſt, kannſt mir's geben, daß dir's die Mäuſ' nicht freſſen.“ „Hab' leider ſelber nichts,“ erwiederte Eugen mit den Zähnen die Lippend ſchärfend, als wollte das Wort nicht heraus und ein widriges Miß behagen, faſt wie ein Gefühl körperlicher Schwäche überkam ihn; er krampfte die Fäuſte auf und zu. Zum erſtenmale erfuhr er, was es heißt, eine bedürftig ausgeſtreckte Hand aus eigenem Mangel und nicht blos aus Bequemlichkeit ab⸗ weiſen zu müſſen; nicht ſchenken zu können, das 17* u 260 fiel ihm ſchwer in's Herz. Er gedachte kaum der Entbehrungen, die er ſelber in ſolcher Lage erfahren mußte, er ſetzte daher raſch hinzu:„Ich werde dir bald dienen können.“ „Brauch auch jetzt nichts,“ entgegnete Kno⸗ chenhauer,„und— mir iſt mein Leben gar nicht verleidet, aber wenn du einmal einen Kerl brauchſt, der ſich für dich todtſchlagen laſſen oder einen für dich todtſchlagen ſoll, pfeif nur dem Bartelmä. Jetzt behüt dich Gott. Morgen kennen wir uns nicht.“ „Du könnteſt mir viele Fingerzeige über die Menſchen hier geben,“ wollte Eugen den Aufſtehenden noch zurückhalten, dieſer aber ſagte: „Es iſt Alles nichts als Narrenſpiel. Aber ich muß jetzt ſchlafen. Das beſte auf der Welt iſt ein tüchtiger Schlaf. Gut Nacht.“ Er hörte nicht mehr, als Eugen ihn fragen wollte, wie denn die Baronin Stephanie zu ihrer Gönnerſchaft komme. um Meuntes Rapitel. Nicht lange Zeit war Eugen am andern Morgen vergönnt, daß er ſich wie ein von den Wellen an's Ufer Geworfener fragen konnte: wo biſt du? Kaidl überraſchte ihn und ſuchte ſeine Probeſtellung von geſtern Abend jetzt dahin zu erklären, daß er ſie zu Gunſten Eugens ge⸗ macht, er habe ihm damit Gelegenheit geben wollen, ſich mit Einemmale in ein entſchiedenes Verhältniß zu den Dorfbewohnern zu ſetzen. „An dir iſt ein Diplomat verloren ge⸗ gangen,“ verſetzte Eugen lächelnd,„der den verunglückten Schlag nachträglich für ein bloſes assaut ausgiebt. Halt, du könnteſt mir einen großen Gefallen thun.“ „Sag nur frei womit, ich bin in deiner Schuld.“ „Es erregte großes Aufſehen, als die ruſſiſche Prinzeſſin, die den Fürſten von*?* heirathete, gleich nach ihrer Ankunft alle Leute am Hofe und in den höchſten Stellen ſo behandelte, als ob ſie ſchon Jahre lang ſie kenne. Niemand errieth das Geheimniß, das darin beſtand, daß ein liberaler Advokat, durch dritte Hand erſucht, ihr nach alphabetiſcher Ordnung eine kurze Cha⸗ racteriſtik aller Perſönlichkeiten gemacht hatte; ein Aehnliches ſollteſt du mir hier von dem Dorfe anfertigen.“ „Nicht übel, du wirſt mein Erbe und kom⸗ mendes Geſchlecht! vergiß nicht unſere Er⸗ fahrungen. Ich kann aber deinen Wunſch nicht vollführen, und wenn ich's thäte, ich bin ſchon Amerikaner genug, daß ich nichts mehr für ger⸗ maniſch chriſtlichen Vergeltsgott thue. Kaufe mir mein Klavier und meine Bücher ab und ich ſchreibe dir das ſchwarze Buch. Es thut mir ohnedies wohl, noch wenn ich fort bin meine Hand an der Gurgel dieſer Kaffern zu halten.“ Er erklärte nun Eugen, daß er in der feſten Zuverſicht auf ihn gewartet habe, er werde ihm ſein Klavier, die Bücher und anderes ab⸗ kaufen und ließ nicht undeutlich merken, daß er ohne die rechte Verwerthung dieſer Sachen nicht gut reiſen könne. Eugen ward es wiederum ſchwer, das Wort auf die Zunge zu nehmen, daß er kein Geld habe, aber doch nicht ſo wie zu Bartelmä, der da w Eugel enyft hald ein f ein das Pil und tert zun Eu Ge wi Ko de da w 6 ſ ſ — % eb 263 da wußte, wer er war; dabei empfand auch Eugen, daß die einmal ausgeſprochene, heiß⸗ empfundene Mißlichkeit bei der Wiederholung bald zur kalten Thatſache wird, die man faſt als ein fremdes und äußerliches berichten kann. Kaidl nahm die ſtockende Erwiederung als ein gutes Zeichen. Da kam das kleine Mädchen, das unſern Freund geſtern für den erſchoſſenen Willi gehalten hatte, mit einer großen Bretzel und einem Blumenſtrauße; zaghaft und ſtot⸗ ternd drückte es den Glückwunſch der Müllerin zum Geburtstage aus. Die erſte Empfindung Eugens war Schreck, er hatte ſeinen wirklichen Geburtstag verrathen und glaubte, Kaidl könnte wiſſen, wann der des Eugen Baumann ſei; Kaidl aber ſcherzte über die Bekanntſchaft mit den Müllersleuten. Eugen ging raſch darauf ein, daß er über ſie nichts außzeichnen brauche, worauf Kaidl bedauerte, daß er über den einzigen rechtſchaffenen Mann im Orte nichts ſchreiben dürfe, ſie ſeien zwar Feinde,„Er hat eine harte Hand, aber eine weiches Herz,“ ſagte er.„Wie ſie für die Prozeßkoſten meine Sachen hier im Dorf zur Verſteigerung ausge⸗ ſchellt haben, hat der Bachmüller dem Schütz auf der Straße Einhalt gethan und für mich 264 bezahlt. Er gehört eigentlich zu uns, er iſt der Sohn des verſtorbenen Schulmeiſters.“ Die Beiden gingen nach dem Schulhauſe und Eugen nahm ein groß Stück Bretzel für die Frau Schulmeiſterin mit. Dieſe war eine kleine, etwas ältliche, in Bauerntracht gekleidete Frau, die ſich auffällig bemühte, hochdeutſch zu reden und die fünf Knaben, die wild in die Stube ſtürmten, zur Höflichkeit anzuhalten, indem ſie ſie auszankte, daß ſie ſich noch nicht ordentlich angekleidet hätten; ſie vertheilte die mitgebrachte Bretzel unter ſie und genoß ſelber keinen Biſſen, ſie blickte fragend nach ihrem Mann und dieſer ſagte: „Es iſt abgemacht, der Lehrer kauft mir das Klavier, die Bücher und die großen Schränke ab und nun können wir bis Sonntag'naus zum Loch.“ Eugen wußte nicht, was er ſagen ſollte als ihm die Frau mit erheitertem Blick berichtete, wie viele Kleinigkeiten, Beſen und dergleichen ſie ihm zurücklaſſe, wofür er nichts zu bezahlen brauche; er war noch nicht fertig mit der Ueberlegung, ob er Einſprache thun ſolle, als Kaidl die Frau fortdrängte, um etwas zum„Auf⸗ warten,“ einen Imbiß zu holen. Nun erklärte er mſerm v ibernehm hrauche, jet mög ſchon ma Bachwüll ſorgen! ſcten. zu laſſe nach 6 mäßige gewiſſe „Du m den leb Ke kraſſen und ſa von S ſodann Schlaf verkle die ſic chen ſe i unſerm verdutzten Freunde, er müſſe die Sachen übernehmen, er könne ſie auch, wenn er ſie nicht brauche, gelegentlich beſſer verwerthen als das jetzt möglich ſei; das Geld, das wolle Kaidl ſchon machen, müſſe der Sonnenwirth oder der Bachmüller vorſtrecken, er ſolle nur ihn dafür ſorgen laſſen, den Schuldſchein in Geld umzu⸗ ſetzen. Eugen war nicht geneigt, ſich überrumpeln zu laſſen; im Andenken an die bekümmerte Frau, nach Einſichtnahme der Gegenſtände und der mäßigen Summe, willfahrte er dennoch, da ein gewiſſer Uebermuth in ihm zuletzt noch ſprach: „Du mußt auch erfahren, wie ſich's mit Schul⸗ den lebt.“ Kaidl gerieth hierauf ſchnell wieder in ſeinen kraſſen Humor, er ſetzte ſich an das Klavier und ſang mit tapferer Bierſtimme das Afrikalied von Schubart, das er arg verketzerte. Er führte ſodann Eugen in den Zimmern umher. Die große Schlafſtube war über und über mit Druckpapier verklebt und als Eugen näher ſah, waren es die ſtenographiſchen Berichte aus der Paulskirche. „Das iſt des heiligen römiſchen Reichs Schlafſtube“ erklärte Kaidl,„was ich nicht brau⸗ chen konnte, hab ich den Bauern abgeliefert, daß ſie ihre Fenſter damit verkleben, ſo macht man 266 Propaganda mit unſerer makulaturgewordenen Erhebung; das Studentenparlament in der Paulskirche hat ſich nicht zehn Monate lang umſonſt heiſer geſprochen. Bei den verklebten Fenſtern des Sauhirts in Alsfeld kannſt du ſehen, was ich ihm zutheilte und die ſchwunghafteſten Reden der Staatsweiſen laſſen meine Jungen als Papierdrachen ſteigen. Von der Stunde an, wo ich amerikaniſchen Boden betrete, ſchwöre ich keinen deutſchen Buchſtaben mehr zu leſen. Mir ſollen die Augen erblinden, wenn ich das nicht halte. Ich weiß, was ſie daheim machen: die profeſſoriſchen Marodeurs kommen und rauben die gefallenen Ideen auf dem Schlachtfelde aus und erwerben damit Ruhm und Geld.“ Trotz mancher Uebereinſtimmung widerten die Auslaſſungen Kaidls Eugen doch im Tiefſten an und faſt zornig fragte er: „Und du warſt auch als Kämpfer für die Reichsverfaſſung verurtheilt?“ „Ich habe dieſe Lüge nie mitgemacht, ich will kein gekröntes Schickſal, ich will keinen Kaiſer und wenn ihn das ganze Volk auch wollte; ich war verurtheilt wegen einer hiſtori⸗ ſchen Thatſache, weil ich auf einer Volksver⸗ ſammlung geſagt hatte: Ein Volk, das noch an ſinem 5 noch kei dus ʒig begint t Eug ung ein Ml war es an, da ſich iht Reden men, hlieben Hundeg 267 keinem Fürſten ein Todesurtheil vollzogen, iſt noch kein Volk und hat noch keine Geſchichte, das zeigt England und Frankreich; erſt von da beginnt das bewußte Sein des Volkes.“ Eugen war nicht gewillt, auf dieſe Erörte⸗ rung einzugehen. Als ihn Kaidl durch das Dorf begleitete, war es ihm, als ſchaute ihn Jeder ganz anders an, da er geſtern das Verſprechen gegeben hatte, ſich ihrem Urtheile zu unterwerfen; hätte er die Reden hinter ihm gehört, ſo hätte er vernom⸗ 3 men, daß von Allem nichts im Gedächtniß ge⸗ blieben war, als daß er die Hänſelnden mit der Hundegeſchichte bewirthet habe. Behntes Rapitel. „Nimm's als gutes Zeichen,“ begann Kaidl unweit der Kirche,„daß uns die alte Frau dort, die jetzt hinter der Hecke verſchwindet, zuerſt begegnet. Die 81ãährige Sepperle ſtellt ſich als Titelbild vor dich hin und ſagt dir: ich kann nicht leſen und kann nicht ſchreiben und bin geſünder und geſcheidter als Alle im ganzen Dorf, eure Volksſchulen machen die Welt nur fieberkrank mit verkritzelten Nerven. Die Alte hat ſo lang ſie lebt noch nie bei hellem Tag geſchlafen und hat überhaupt keine Nerven. Sie geht mit uns nach Amerika.“ „Schildre mir nicht die Auswandernden, ſondern die Heimbleibenden,“ ſagte Eugen nicht ohne Aergerlichkeit. „Gut, paß auf. In dem Hauſe dort mit dem roth angeſtrichenen Gebälk, dort wohnt dein Rainbauer, ein capitelfeſter Bibelheld, hält ſich für geſcheidt und Alles, was Andre machen, für nichts nutz und Alle, denen es nicht ſo gut geht wie ihm, für Lumpen; er giebt gerne zu freſſen, ab ufin ind bringt ihne aus einen, er einen U Reih, ſch und trint ftißt; ſein habſüchtig nillers 1 tigam m Trenzling Forſtnech iſt aber ihr Geld Da Mäuerles der für e ſchwört, Frau jed ein; ſe einmal; und ſo ſchligt herausſ damals Fran d 269 freſſen, aber nur ſeinen Schweinen, geht unge⸗ rufen in die Häuſer und verſetzt die Bienen, bringt ihnen Königinnen, macht zwei Schwärme aus einem, oder wenn ſie arm ſind mediatiſirt er einen und ſchlägt die Unterthanen zum andern Reich, ſchneidet und putzt die Stöcke und ißt und trinkt dabei, weil er ſich daheim nicht ſatt frißt; ſein Sohn, das einzige Kind, iſt grad ſo habſüchtig wie der Alte, hätt gern des Bach⸗ müllers Vittore haben mögen, jetzt iſt er Bräu⸗ tigam mit eines reichen Flötzers Tochter von Trenzlingen; er weiß, daß das Mädchen einen Forſtknecht lieb hat und zu der Heirath gezwungen iſt, aber was liegt ihm daran? Wenn ſie nur ihr Geld mitbringt. Da in dem kleinen Haus wohnt der Mäuerleswerner, ein abgehauster luſtiger Kerl, der für einen Schoppen Wein drei falſche Eide ſchwört, hat nichts zu beißen und brockt ſeiner Frau jeden Tag, den Gott giebt, eine Prügelſuppe ein; ſie iſt eine Schnalle oben'raus, ſie kommt einmal zum Schultheiß und verklagt ihren Mann, und ſo hat er mich geſchlagen, ſchreit ſie und ſchlägt ſich dabei auf den Mund, daß Blut herausfließt; da ſagt der Bachmüller, der war damals Schultheiß: geh heim und waſch dich, du biſt auch dein Theil hitzig. Das einzige Kind, eine Tochter, die ſie haben, hat der Mäuerles⸗ werner krumm geprügelt.“ „Laß ab vom Erzählen, ich kenne den Mann, er war der erſte, dem ich geſtern begegnete,“ rief Eugen, dem es war, als würde ihm die Kehle zugeſchnürt; war er denn unter eine Horde von Unmenſchen gerathen? Kaidl war aber nicht Willens, darauf einzugehen, er hatte einmal im Volksvereine, da man ihn nicht ausreden laſſen wollte, ſich auf der Tribüne für permanent erklärt und ſtand in dem Tumult ruhig oben, ſo fuhr er auch jetzt fort: „Der Mäuerleswerner iſt wegen Meineid im Zuchthauſe geweſen und jetzt iſt ſeine Haupt⸗ freude, daß das ganze Dorf meineidig iſt, ſie haben ja Alle der proviſoriſchen Regierung ge⸗ ſchworen. Recht ſo, die ganze Welt muß in Grund hinein verdorben werden, ehe es beſſer werden kann.“ „Und du bedenkſt nicht, wie aller ſittliche Halt im Volke zerſtört wird?“ fragte Eugen. Kaidl aber erwiederte: „Schau, dort das wichtigſte Haus im Dorfe, dort aus den grünen Fenſterrahmen ſchauen ſechs feurige Augen auf dich herab, das ſind des Kirchbaue und ſin Der Kir Dorfe; 1 Leute vo verſanml das Vor Rebenge dicke Fa zwanzig vom Fl Menſche haftigkeit der Geb Friedens Kirchba dumm, ſagt er für ein daß er Der J weishe der ge ſie ſei ſie im Rainb — N n Mann, egegnete,“ eihm die ine Horde ader nicht einmal im den laſſen ent erflärt , ſo fuhr n Meineid ine Haupt⸗ dig iſt ſe ierung ge⸗ lt mß in e es beſſet ler ſittliche agte Eugen. ſchauen ſechs s ſind des 271 Kirchbauern Töchter, drei ſchöne ſtolze Mädchen und ſingen zuſammen wie die Orgelpfeifen. Der Kirchbauer hat den größten Einfluß im Dorfe; weil er ſo nah wohnt, halten ſich die Leute vor dem Gottesdienſte und vor Gemeinde⸗ verſammlungen bei ihm auf. Ich habe das Haus das Vorparlament getauft. Dort hinter dem Rebengeländer gückelt der Kreuzſchnabel, das dicke Faß, die Kirchbäuerin heraus; ſie hat ſchon zwanzig Jahre einen böſen Fuß und iſt nicht vom Fleck gekommen, aber ſie beobachtet die Menſchen durch und durch. Mit der Gewiſſen⸗ haftigkeit ein es Aſtronomen zählt ſie neun bei der Geburt eines erſten Kindes und iſt oberſter Friedensrichter in allen Eheſtreitigkeiten. Der Kirchb auer iſt ein Pietiſt, dabei aber rechtſchaffen, dumm, fleißig; er hat's gut, daß er ſtottert, da ſagt er ohne Mühe das Vaterunſer dreimal für einmal. Der Kaffer hat oft ſo müde Stiefel, daß er faſt nicht vom Felde heimkommen kann. Der Rainbauer hat ein Kunkellehen von Erb⸗ weisheit von der Kirchbäuerin, ſie ſagt: er ſei der geſcheidteſte Mann im Dorf, und er ſagt: ſie ſei die geſcheidteſte Frau in der Welt. Was ſie im Orte ausführen will, läßt ſie durch den Rainbauer in's Werk ſetzen.“ 27 Eugen bat nun Kaidl, ihm das verſprochene Buch nicht alphabetiſch, ſondern nach der Reihen⸗ folge der Häuſer, vom äußerſten angefangen, zu ſchreiben. Kaidl aber behauptete, nicht ſo gut ſchreiben als ſprechen zu können und bat nur noch den„Kaffer“ ſchildern zu dürfen, der ihnen eben grüßend begegnet war. „Das iſt der Speicherbauer, auch Schäufler⸗ David genannt, ein Kornkipperer, ſo dürr wie er ausſieht, ſo geizig iſt er; er kann nicht leſen und nicht ſchreiben und beſchummelt doch die ganze Welt, er hat eine Winkelwirthſchaft und macht die Kornbauern betrunken, daß ſie das Geldzählen nicht mehr verſtehen. Er iſt ſo geſchickt, daß er die Hälfte von einem Ei ſtehlen und den Teufel im freien Felde fangen kann; er kümmert ſich aber um gar nichts, als um ſein Geſchäft. Gegen jedes Bettelweib hat er ein freundlich Wort, aber nicht was man im Aug leiden kann, giebt er. Wo der Kerl auf eine Wieſe ſpeit, da wächst Sauerampfer. Er iſt eigentlich der einzige Freigeiſt im Ort, aber er ſagt: ich thu, was die Religion verlangt, dann bin ich die Religion los und brauch nicht dar⸗ über zu denken. Er hat noch eine ledige Tochter, wenn du die kriegſt, kannſt den Schulſack an den Nagl Kirchbaue wegen de und lande ſagen, du dir die den ſie Schnörke heirathen Vio Berichte benomm wuhiges ihn ſcho Vorſatz Kaidl's befangen zuſehen. 16 „du wi den Hu Haus Wenn lateiniſ gelehri und K iſt ſo Er ſtehlen en ann; 5 um m hat n in Aug e 1 lauf eme Er iſt t, aber er ngt, dann nich — — t dar⸗ . 8 ter n 273 den Nagel hängen; wenn du aber eine von des Kirchbauers heiratheſt, kannſt ſicher ſein, daß wegen dem Kreuzſchnabel fünf Stund landauf und landab Niemand wagt, etwas über dich zu ſagen, du magſt thun was du willſt. Du mußt dir die Kirchbäuerin ohnedem zahm machen, denn ſie iſt deine lauernde Feindin, ſie hat den Schnörkel im Ort haben wollen, der die Sabine heirathen ſoll.“ Wie eine Sturzwelle ſchlugen alle dieſe Berichte auf Eugen ein, er ſah ſich den Athem benommen; bald aber erkannte er wieder, daß ruhiges Abwarten und allmälige Erfahrung ihn ſchon wieder frei machen würde und der Vorſatz befeſtigte ſich in ihm, die Aufzeichnungen Kaidl's erſt nachdem er ſelbſt die Menſchen un⸗ befangen kennen gelernt, von Zeit zu Zeit nach⸗ zuſehen. „Ich ſehe dir's an,“ nahm Kaidl das Wort, „du willſt auch von Tugend hören. Gut, zieh den Hut ab, dort wo die zwei Schlüſſel an's Haus gemalt ſind, dort wohnt eine Römerin. Wenn ſie vor zweitauſend Jahren gelebt und lateiniſch geſprochen hätte, würden die Profeſſoren gelehrte Bücher über ſie ſchreiben. Die Kirchen⸗ und Kanzleiverwandten heulen immer: nur das 18 274 Geſindel, das nichts zu verlieren hat, habe mit gethan. Heißt denn ſein eigen Leben und das Glück von Frau und Kindern einſetzen, nichts zu verlieren haben? Der Schloſſer Vinzenz war der einzige, der ſich beim erſten Aufgebot frei geſtellt hat, und wie er vom Rathhaus heimkommt, ſagt ſeine Frau: Das haſt du brav gemacht, Vinzenz, und wenn du, was Gott ver⸗ hüte, ſterben mußt, ſtirbſt für deine Kinder und ich will dir ſie aufziehen ſo gut ich kann. Der Vinzenz iſt aber nicht geſtorben, iſt heil heim⸗ gekommen und hat wieder in ſeinem Handwerk und im Feld gearbeitet wie je. Da ſchickt er eine Magd aus dem Dienſt, weil ſie preu⸗ ßiſche Einquartierung hat, ſie geht, aber was thut dieſe lebendige deutſche Einheit in der Mannigfaltigkeit? Sie zeigt den Vinzenz an und er bekommt fünf Jahre Zuchthaus. Jetzt ſitzt er und es giebt keine rechtſchaffenere Haus⸗ haltung im Dorf als die von des Vinzenzen Margareth, und die Frau iſt hochſchwanger; ihr älteſter Bub, das wirſt du finden, iſt der beſte in der Schule. Denke dir die Zukunft vom Kinde der Angeberin und der Verrathenen und du haſt die einſtige Geſchichte Deutſchlands vor dir.“ p Si Rebenhü „D „und ha heißen: friher ſich die er imme iſt. Er treibt de lehrten? braucht t dafür zu zählen kö Metgeſen ſeiner 5 Fohnenw eine unb die Toch ſprochen Volksve ling, di denken, geſperrt und P die Re Vinzenzen mger; iht der beſte utſchlands 2765 Sie kamen jetzt bei der Biegung um einen Rebenhügel vor das Pfarrhaus: „Da warſt du ſchon geſtern,“ ſagte Kaidl, „und haſt ſie geſprochen, oder wie ſie die Kaffern heißen: die Frau geiſtlicher Herr. Er war früher Profeſſor an einem Gymnaſium, da hat er ſich die Gallenſucht angeärgert und jetzt kränkelt er immer, weil ſeine Galle nicht in Thätigkeit iſt. Er iſt kurzſichtig und vergeßlich und über⸗ treibt das noch gern, weil es ihm einen ge— lehrten Anſtrich giebt und auch bequem iſtz er braucht tauſend Sachen nicht zu ſehen und nichts dafür zu thun, er ſtellt ſich als ob er kein Geld zählen könnt und hat's wahrſcheinlich auch wieder vergeſſen; wenn er ausgeht, läßt er ſich von ſeiner Frau einige Groſchen geben. Bei der Fahnenweihe unſerer Bürgerwehr ſelig hat er eine unbezahlte dreibeinige Rede gehalten und die Tochter hat ein ſelbſtgeſtricktes Gedicht ge⸗ ſprochen. Manchmal iſt er auch in unſern Volksverein gekommen und hat für ſeinen Lieb⸗ ling, die deutſche Flotte, geredet. Kannſt dir denken, wie die Bauern Maul und Naſe auf⸗ geſperrt haben, wie er Themiſtokles aufſtellte und Plato zitirte, der in ſeinem Buche über die Republik für preiswürdig hielt,„ſtandhafte 276 Wehrmannen zu Schifffahrern und Seeleuten zu machen.“ Jetzt iſt die deutſche Flotte wieder nichts als der Federkiel, der in die Dintenſee ſticht. Der Lieblingsſpruch des Pfarrers iſt: Wir ſtehen im Zeitalter der Alexrandriner, es geht mit der europäiſchen und deutſchen Bildung zu Ende und es bleibt uns nichts, als ſchreiben was geweſen iſt, wir können nichts Neues machen. Und was thut der einſichtige Aleran⸗ driner? Er ſchreibt ſelber ein dickes Buch auf's andere. Das beſte am Pfarrer iſt ſein Pudel, der Hector iſt ein frommes Spielzeug für alle Kinder.“ „Und was denkſt du von der Pfarrerin?“ fragte Eugen, den nachgerade dieſes Verfahren, Menſchen zu ſchildern, ergötzte. „Wenn ſie nicht ſo herrſchſüchtig wäre, ließe ſich nichts an ihr ausſetzen. Sie hat auch jeden Sommer ihre gebildete Geſellſchaft. Siehſt du die bunten Vorhänge dort am Taubenſchlag? Dort wohnten dieſen Sommer drei alte Jungfern als hochäſthetiſche Seidenhaſen. Schade, daß du nicht vorgeſtern gekommen biſt, da wurde da drinnen ein heidniſches Feſt, der Geburtstag des großen Heiden und kleinlichen Lakaien gefeiert und die blauängige, d. h. blaubrillige, bekränzte ſine Biſ wurde be geſippt“ „De es muß e ſeliſt ink ſchlägt.“ 8 Zeitvertr eurem T Hauſe g der Nach wirklichen juß am 6 gehts au Taubenſch oder ſon vier Wo Pi plötzlich nicht un unter d ſeine mußte; er kenn ſeine Büſte mit friſchem Epheu und zum Kaffee — wurde beziehungsreiche Frankfurter Bränte ein⸗ geſtippt.“ „Dein Spott iſt hier am unrechten Orte, es muß erfreuen, daß der Cultus des Genius ſelbſt in verborgenen Dörfern einen Tempel auf⸗ ſchlägt.“ „O gewiß, rultuſeln iſt ein angenehmer Zeitvertreib, die Bildung iſt allverbreitet; in eurem Deutſchland ſpeiſt man in dem einen Hauſe gebildetes Eis mit Vanille bereitet und der Nachbar daneben ſchnattert und friert vor wirklichem Eis. In dem Dachſtübchen da oben, juſt am Giebel, das wir den Taubenſchlag nennen, geht's auch zu jahraus jahrein wie in einem Taubenſchlag, da wohnt immer eine alte Jungfer tig wäre, oder ſonſt ein ſchickſalsvolles Weibsbild, jede e hat auch vier Wochen ein anderes.“ t. Siehſt Wie eine leuchtende Offenbarung kam es benſchlag? plötzlich über Eugen, daß er gewiß hier, wenn Jungfern nicht unter den Einwohnerinnen ſelbſt, doch gewiß chade, daß unter den Zugvögeln mit gebrochener Schwinge wurde da ſeine Mutter oder ihre ſichere Spur finden tstag des mußte; er bat Kaidl ihm alle zu ſchildern, die n gefeier er kenne und dieſer fuhr mit Behagen fort: tettnt„Unter den diesjährigen ſtand die geiſtreiche 278 Pythia, eine leibarme Perſon, oben an. Sie liebt Jean Paul Friedrich Richtern und hier war wol noch die einzige Stätte, wo der Wunne⸗ ſiedler geleſen und angebetet wird. Die Blau⸗ brillige vergöttert Göthen und die dicke Blanka deſtillirt nicht Aeſthetik, ſondern wirklichen Magen⸗ Liqueur, bereitet jambenhaften Ziegenkäſe und klaſſiſches Einmachobſt und ſchwärmt wahrſchein⸗ lich für Schillern; dabei dilettirt ſie bisweilen im Artikel wohlthätige Fee und hilft den Leuten auf die Strümpfe, auf veritable wollene nämlich.“ Eugen verabſchiedete ſich raſch bei Kaidl. Er wollte heute die Markſteine aufſuchen, um dann friſch und froh auf ſeinem Acker zu arbeiten; er war bereits des ledigen Kennenlernens müde und ſein ganzes Weſen ſehnte ſich darnach, morgenden Tages ſein Werk zu beginnen. Dort in der Schule war er allein mit ſeinen Kindern und ſchon aus dem Gedanken an ſie grüßte ihn etwas wie das feſte Land den Seereiſenden, wie der nährige Brodem, der aus der friſchgepflügten Erde zum Ackersmann emporſteigt. Zwei alte hochſchlanke Pappeln, deren lang⸗ ſtilige Blätter eben im leiſen Windhauche rauſch⸗ ten, bezeichneten den Aufgang nach dem Schloſſe, eine Doppelreihe von breitäſtigen Nußbäumen führte bi paar ſol und hini hiet auf würden. Eug 20 führte bis an das Haus, ein graues Nußhäher⸗ paar flog mit ſchnarrendem Kreiſchen herüber und hinüber; die Vögel ſchienen ſicher, daß ſie hier auf dem gangbaren Wege nicht geſchoſſen würden. Eugen ging zu dem Baron von Kronauer. — — Elftes Rapitel. „Herr Kronauer iſt drüben in der Scheune“ berichtete eine Magd, die an dem großen Röhr⸗ brunnen Waſſer ſchöpfte. Eugen ſah ſie ver⸗ wundert an; er hatte nach dem Baron gefragt und hörte den einfachen bürgerlichen Namen. Als er abermals fragend durch einen offnen Thor⸗ weg ging, in dem ſich zahlloſe Schwalbenneſter wie die Waben eines Bienenſtockes zuſammen⸗ gefügt hatten, bedeutete ihn ein Knecht, der eben Ochſen ausſpannte, nach dem Pferdeſtall. Eugen nahte ſich leiſe, und als er hineinſchaute, bemerkte er einen breitſchulterigen unterſetzten Mann mit vollem grauen Barte und nur dünner Haarſchichte auf dem Oberhaupte, auf einem Futtertroge ſitzen und ein Buch leſen, ein Beſteck chirurgiſcher Werkzeuge in grünem Leder lag offen neben ihm. Das Antlitz des Mannes, der wol in der Mitte der vierziger Jahre ſtand, war wohlgebildet, die Naſe frei und kühn, die Stirne vornüber gewölbt. Er trug ein blaues Ueberhemd und einen ſchwarz⸗ glänzenden Gürtel um den Leib. Als Eugen — höſlich g Auge na raſch, do zuſchlug ſchen Le Eugen! daß er i er habe und mi heraufg an ſein Eugen die Beſ des Nt ſeine Se gedachte fahrun warm Menſc unwich pferde Sym ſelben Wee nach der eben merkte er itvollem ichte auf ſitzen und höflich grüßend herantrat, ſchaute ein tiefbraunes Auge nach ihm auf und Eugen bemerkte noch raſch, daß das Buch, das der Aufſtehende jetzt zuſchlug und in den Futterkaſten legte, mit lateini⸗ ſchen Lettern gedruckt war. Kronauer reichte Eugen die Hand und bat um Entſchuldigung, daß er ihn jetzt nicht in die Stube führen könne, er habe ſo eben einem Pferde zur Ader gelaſſen und müſſe noch warten; er dankte für die geſtern heraufgeſchickten Bücher und bemerkte, daß Eugen an ſeiner Cvuſine Stephanie eine Gönnerin habe. Eugen ging nicht darauf ein, ſondern ſprach über die Beſchaffenheit der Pferde und den Zuſtand des Patienten, daß Kronauer nicht umhin konnte, ſeine Sachkenntniß wohlgefällig zu beloben. Eugen gedachte lächelnd, wie ihm ſeine Kavalierser⸗ fahrungen nun auch eine Brücke ſchlügen; und warum ſollten vornehme Herren, denen der Menſch, ſeine Neigungen und Bedürfniſſe weit unwichtiger iſt als das Studium eines Racen⸗ pferdes, warum ſollten ſie nicht durch hippologiſche Sympathie ſich eben ſo gut als Brüder des⸗ ſelben Zeichens erkennen, wie die Männer der Idee? In dieſem Sinnen ſchaute Eugen hinauf nach der Decke des Stalles. 282 „Sie wundern ſich wol über die vielen Spinnweben da oben,“ ſagte Kronauer. „Ja, ſie widerſprechen der großen Sauber⸗ keit und Freundlichkeit hier.“ „Ich kann es meinen Knechten nicht nehmen, ſie halten den Aberglauben feſt, Rind und Roß gedeihen beſſer, wenn man die Kreuzſpinnen nicht vertreibt.“ „Ich kannte dieſen Aberglauben nicht, aber es liegt wol dieſem, wie ſehr vielem Aber⸗ glauben ein natürlicher geſunder Gedanke zu Grunde; die Kreuzſpinnen haſchen Mücken und Bremſen. Die Menſchen ſind ſo ſeltſam, daß ſie lieber einem geheimen Bangen, einem myſti⸗ ſchen Unbegriffenen gehorſamen, als einer hellen Erkenntniß.“ „Gradaus: die Furcht und nicht die Ein⸗ ſicht regiert die meiſten Menſchen,“ ſetzte Kro⸗ nauer hinzu,„aber es freut mich, daß Sie dieſe Gedanken haben, ich hätte das, offen geſtanden, aus Ihrer Freundſchaft mit dem Schwarmgeiſt, wie Luther dieſe Menſchen nannte, aus Ihrem Verhältniß zu dem Kaidl nicht vermuthet.“ Eugen fühlte ſich durch dieſe Rede unan⸗ genehm berührt. Er konnte ſich noch nicht daran gewöhnen, das beifällige Nicken, das gönneriſche Gelten Stellun ſchen da mit jen diſem die zuge nut, leicht a E es iſt uhr zu der K im Ta jum E pfahen Eugen bleib noch das Hauſ um wied unte er, Geltenlaſſen als eine nothwendige Zuthat ſeiner Stellung anzuerkennen. Woher haben dieſe Men⸗ ſchen das Recht, die Anſichten eines Volkslehrers mit jenem beleidigenden Lobe aufzunehmen? In neynt, dieſem Zorne vertheidigte er ſich auch nicht gegen Noß die zugemuthete Freundſchaft mit Kaidl und ſagte pinen nur:„Der Ausdruck der Ueberkraft erſcheint leicht als Renommage.“ t, ader Eine helle Glocke läutete vom Wohnhauſe— * Aber⸗ es iſt ja ein Baronenrecht, eine eigne Thurm⸗ danke zu uhr zu haben— drunten im Dorfe läutete es von der Kirche, es war elf Uhr, der große Einſchnitt am, daß im Tagesleben des Bauern, wo alle Lippen ſich m myſti⸗ zum Gebete regen, um dann die Speiſe zu em⸗ er hellen pfahen. „Sie eſſen mit uns,“ ſagte Kronauer zu die Ein⸗ Eugen und rief dann einem Knechte zu:„Peter, zte Kro⸗ bleib über Mittag im Stall und reib den Rappen Sie dieſe noch einmal ein.“ ſtunden, Mit großer Haſt nahm er das Etui, holte varmgeiſ, das Buch aus dem Trog und eilte nach dem Ihren Hauſe. Eugen hatte nicht die Faſſung gefunden, um auf die barſche Einladung gehörig zu er⸗ wiedern, er ging mit, und als ihn Kronauer unterwegs fragte, ob er auch Latein leſe, bejahte er, worauf ihm Kronauer anbot, Tacitus Ger⸗ ——— 6— P— 284 mania, die er eben vorgenommen habe, in Frei⸗ ſtunden mit ihm zu leſen. Als man durch den Thorweg mit den vielen Schwalbenneſtern ging, ſprach Eugen ſeine Ver⸗ wunderung aus, im Dorfe ſolche faſt gar nicht zu ſehen. Kronauer erzählte nun, daß Kaidl vor Zeiten — d. h. vor 48— mit Luſt die Leute dazu angereizt habe, die Schwalbenneſter an ihren Häuſern zu zerſtören; er freute ſich, ſolch alten Aberglauben ausrotten zu können und man habe auch entdeckt, daß die Schwalben Ungeziefer nach ſich ziehen. Des Rainbauern Karle, ein wilder Burſche und vormaliger Trabant Kaidl's, ſei eine Zeit lang als Schwalbenſchütze berühmt geweſen, er habe in der That mit wunderbarem Geſchick die Vögel in ihrem unberechenbaren Fluge, in dem ſie Haken machen können, zu treffen ver⸗ ſtanden. Die Bienenzüchter ſeien überhaupt den Schwalben feindſelig, nicht ganz mit Unrecht, aber man werde erſt nach ihrer Vertreibung finden, wie viel Ungeziefer ſie aus der Luft wegfräßen. Dieſe mit ſchöner Stimme und in gelaſſenem Tone vorgetragenen Mittheilungen gaben Eugen eine ruhige Empfindung, ſo daß er ohne Wider⸗ ſpruch dem gaſtlichen Manne in das Haus folgte. Bruder Vohnu ein lan waren von et einem Kronal D Alles den Pl als St wie ü Sonne zwei ohne ſ gegeſſ ſchwa Brief Wint der Eug Stu in Frei⸗ ne Ver⸗ ar nicht 285 In der geräumigen, aus einem ehemaligen Bruderhaus beſtehenden, im Jeſuitenſtil erbauten Wohnung war in der weiten getäfelten Hausflur ein langer Tiſch gedeckt, Knechte und Mägde waren verſammelt, ein Mädchen und ein Knabe von etwa acht und neun Jahren ſtanden bei einem alten Manne in Schweizertracht, den Kronauer beſonders grüßte. Das Mädchen betete vor und nun ſetzte ſich Alles gemeinſchaftlich zu Tiſche. Eugen erhielt den Platz zwiſchen Kronauer und dem Alten, der als Schwiegervater vorgeſtellt wurde. Es wurde wie üblich bei Tiſche wenig geſprochen. Des Sonnenwirths Knabe brachte während des Eſſens zwei Briefe, Kronauer legte ſie ruhig neben ſich ohne ſie anzuſehen und aß weiter. Erſt als ab⸗ gegeſſen und gebetet war und für ihn und Eugen ſchwarzer Kaffee gebracht wurde, öffnete er die Briefe und ſagte zu dem Knaben: „Richard, der Onkel Leo kommt nächſten Winter und bleibt bei uns. Bring den Brief der Mutter.“ Der Knabe und das Mädchen ſagten zuerſt Eugen Adje und eilten dann ſpringend nach der Stube. „Es wäre wol gut,“ ſagte Eugen,„wenn ich oft an den Tiſchen der Eltern ſäße, ich lernte dadurch das innerſte Leben der Kinder kennen. Wie meinen Sie, wenn ich mich manchmal bei den Bauern zu Tiſche lade?“ „Ich glaube, daß durch Ihre Anweſenheit die Art und Weiſe der Menſchen ſich veränderte und aufputzte; aber ich will nichts gegen Ihr Vorhaben ſagen, probiren Sie's.“ Der Oberknecht kam und fragte, ob man die Gerſte im Hohlfeld ſchneiden ſolle, es ſei noch Kronauer befahl, ſie ſolle noch ſtehen und die Schnitter ſollten einſtweilen dreſchen. Kronauer nannte den Oberknecht„Herr Rudolph“ und als dieſer fortgegangen war, drückte Eugen ſeine Freude darüber aus, worauf Kronauer ſcherzend entgegnete:„Mir ſchadet's nichts und ihm thut's wohl und nützt ihm bei ſeinen Untergebenen.“ Eugen ſah, daß er die Geſchäftigkeit des Mannes ſtörte und entfernte ſich, nachdem ihn Kronauer noch eingeladen hatte, ſo oft er wolle Eugen konnte mit ſich über den Eindruck, den er von Kronauer mitnahm, nicht einig werden und doch fühlte er, daß hier eine metallene Natur ſei, an der ſich die weicher organiſirte ſchleifen und ſchärfen miſſe. ſo viel grün. ihn zu beſuchen. „6 Träume war Vi „Jetzt e wie ich wiß ni anders ein At ihr ve Unſchi geben zeihun mahl beleid „ Ihr ich ſo gehen ich u it des or hdem chn er wolle mimahm, daß hier ie weichet Zwölftes Rapitel. „Guten Tag, Herr Lehrer!“ grüßte den Träumenden eine helle Stimme, er ſah auf, es war Vittore, die ihm die Hand reichend ſagte: „Jetzt erſt Willkommen, verzeihet mir das Lachen, wie ich euch zuerſt geſehen hab, es war mir ge⸗ wiß nicht luſtig zu Muth, aber ich hab nicht anders können; es iſt mir geweſen, wie wenn ein Anderes aus mir lachen thät. Nicht wahr, ihr verzeihet mir? Ihr dürfet auch einmal einen Unſchick machen, er ſoll euch im Voraus ver⸗ geben ſein.“ „Bittet ihr immer ſo gerne um Ver⸗ zeihung?“ „Ich gehe Sonntag zum heiligen Abend⸗ mahl und da möcht' ich nicht, daß ich Jemand beleidigt hätte, der mir's nicht verzeiht.“ Eugen ſah betroffen auf und entgegnete: „Ihr habt nichts um Entſchuldigung zu bitten, ich ſollt' im Gegentheil durch das ganze Dorf gehen und jedem ſagen: nimm's nicht übel, daß ich um acht Tage zu ſpät komme. Es giebt 288 eine falſche Stellung zu den Menſchen, wenn man ſich gleich von jedem muß einen Fehltritt ſchenken laſſen.“ „Das meine ich grad verkehrt. Wenn eines dem andern was vergiebt, das bringt die Menſchen gut zu einander, beſſer als Alles.“ „Aus euch ſpricht die Weisheit eurer Mutter.“ „Ja, warum ſeid ihr nicht zum Mittageſſen kommen? Sie hat euch ja eingeladen und wir haben auf euch gewartet.“ Eugen ſchlug ſich auf die Stirne, er hatte das rein vergeſſen. Er brachte allerlei Ent⸗ ſchuldigungen vor, aber er wußte ſelbſt kaum was er ſprach, denn ſein Blick war ſtarr auf Vittore gerichtet und ſchien ſich in einem Wohl⸗ gefühl zu ſättigen. Dieſe ungewöhnlich hohe Geſtalt mit den braunen Armen hatte etwas überaus Stattliches. Das gebräunte volle Antlitz mit dem ruhig glänzenden Auge ſchien nicht Sorge, nicht Kummer zu kennen und nur der in die Höhe gepreßte Mund ſchien eine ſchmerz⸗ liche Frage zu bergen. Vittore trug ihr licht⸗ braunes Haar in einer einzigen ungeflochtenen Welle auf dem Hinterhaupte und wie ſie ſo da⸗ ſtand, den allemaniſchen breiten Strohhut mit den ſchw der ande Rechen! Betracht auch unl nach den glücwün wurde t that; ſie wolle h der Sch der Fra ſchüttelte Eu loren b in Hint von ſelb hochſchl die Aeſt breiten mit der in maj der vor Bäume Noppel werde l, wenn Kbltritt 9 Wenn ringt die U eurer atte etwas volle Antliß ſchien nicht nd nur der ine ſchmerz⸗ a ihr licht⸗ eflochtenen e ſie ſo da⸗ robhut nit den ſchwarzen Bändern am Arme hängend, in der andern Hand über die Schulter gelegt den Rechen haltend, war ſie wohl einer genaueren Betrachtung würdig, die ſie ſich wie es ſchien, auch unbefangen gefallen ließ. Kronauer, der nach dem Felde ging, begrüßte Vittore und be⸗ glückwünſchte ſie zum Geburtstage, das Mädchen wurde brandroth als auch Eugen das Gleiche that; ſie ſagte aber ſchnell Kronauer, der Vater wolle heut Abend zu ihm kommen und wegen der Schultheißenwahl reden, fragte dann wie es der Frau gehe und als Kronauer den Kopf ſchüttelte, ging ſie raſch nach dem Hauſe. Eugen ſtand eine Weile in Sinnen ver⸗ loren bei den zwei Pappeln und während ſich im Hintergrunde ſeiner Seele etwas anderes von ſelbſt dachte, war es ihm als ſähe er dieſen hochſchlanken Baum zum erſtenmale: da ſtreben die Aeſte gleich Baumſtämmen in die Höhe und breiten ſich nicht wagrecht aus, ſo daß der Baum mit der Fülle ſeines Gezweiges in ſich geſchloſſen in majeſtätiſcher Ruhe ſich hält, und wie jetzt der von den Bergen kommende Wind die anderen Bäume hin und her ſchüttelt, wiegt ſich die Pappel in ſich und ſcheint kaum bewegt zu ren 19 290 Beſſer die früchtetragenden Aeſte dem Sturme preisgeben, als in ſelbſtiſcher Majeſtät ſich zu⸗ ſammenſchließen. Die Bachmüllerin hatte ihr Heimathgefühl damit ausgedrückt, daß ihr jeder Baum des Feldes in's Herz gewachſen ſei. Eugen glaubte ein lebendiges Wahrzeichen in der Pappel zu finden. Bei den alten Völkern ſuchte man im äußern feſten Naturleben Zurufe und Handhaben in dem verwirrenden Menſchengetriebe und fand ſie in Orakeln; uns iſt nur die Vernunft in der Natur zur forſchenden Erkenntniß geblieben. Daraus ſchneidet man ſich geiſtig abſtract oder hand⸗ greiflich einen ſtützenden Stob. Eugen mußte über ſich lächeln, daß er ſich einen ſo rieſigen ausgeſucht. Es war gewiß nicht wohlgethan, daß Eugen ſchnurſtracks nach dem Pfarrhauſe ging, aber längſt war er von dem Straßenſpiegel einge⸗ fangen und ſchon ſtand er auf der Treppe, wo er aus einem Nebenzimmer ein mühſames Ueben auf dem Klavier vernahm, als er ſeiner unge⸗ wöhnlichen Erregung inne ward und eine Weile anhielt. Haſt du nicht genug Wirrwar, daß nun auch noch zwei feurige Mädchenaugen mit dir itrlichte zufticht auf dem verbund Sonne war, d hier ve der in wenig wieder unter e „Geſeg Eichenk Ei zußerſt Küchenſ gemelde an, ſei ſcheu, aus de ſchelmi erhöht Eige et w ſeiner u Sturme t ſch zu⸗* nathgefübl gen mußte ſo rieſigen „daß Eugen ging, aber iegel einge⸗ eppe, wo nes Ueben ſeiner unge⸗ d eine Veile ar, daß mn irrlichtern dürfen? In dieſer Frage ſich ſelbſt aufrichtend und ſammelnd ſtand er eine Weile auf dem ſaubern Hausflur, wo eine große Reihe verbundener ſogenannter Einmachgläſer von der Sonne beglänzt und von Bienen umſchwärmt war, die zu wiſſen ſchienen, welche Süßigkeiten hier verſchloſſen waren. Ein ſchwarzer Pudel, der in der Sonne lag, richtete den Kopf ein wenig auf, ſchaute Eugen an und legte ſich dann wieder die Augen ſchließend nieder; er lag gerade unter einer Tafel auf der die Worte ſtanden: „Geſegnet ſei Dein Eingang.“ Ein dürrer Eichenkranz umrahmte die Tafel. Eine gaſtfreundlich ſchmunzelnde Magd, die äußerſt nett und behäbig ausſah, hatte ihre Küchenſchürze im Hausflur abgelegt und Eugen gemeldet. Sie hieß ihn nun eintreten. Er klopfte an, ſeine Verbeugung und Anrede war eckig und ſcheu, ſo daß der Pfarrer aus ſeinem Lehnſtuhle, aus dem er ſich nur ein wenig erhoben hatte, ſchelmiſch lächelnd zu der Pfarrerin auf dem erhöhten Sitz aufſchaute. „Nehmen Sie Platz,“ ſagte er dann zu Eugen, der ſich ſelber einen Stuhl holen konnte; er wurde nun bedeutet, daß er ſich wegen ſeiner Verwundung in Röthhauſen ein amtlich 19* 292 beglaubigtes Zeugniß vom Wundarzt verſchaffen müſſe, das dem Berichte an die obere Behörde beizulegen ſei. Eugen antwortete nur mit ſtum⸗ mem Kopfnicken, er ſah ſich mitten in den Ver⸗ ſchienungen und Verbandelungen eines niederen Bedienſteten.„Rauchen Sie auch?“ fragte der Pfarrer, indem er den Stumpf ſeiner Cigarre in ein bereitgehaltenes Röhrchen ſteckte. „Ja Hochwürden,“ antwortete Eugen, das letzte Wort ging ihm ſchwer von den Lippen. Er ſtellte ſeinen Hut auf den Boden neben ſich und erwartete nichts anderes, als eine Cigarre angeboten zu bekommen. Die Pfarrerin aber rief ihm, er möge den Hut nur auf die Kom⸗ mode ſtellen und der Pfarrer warnte ihn davor je in der Schule zu rauchen, es ſei das ſtreng verboten und er würde es nicht dulden. Eugen athmete tief in ſich hinein. Er wurde nun väter⸗ lich vor Kaidl gewarnt, der wie es ſcheine, durch zudringliche Vertraulichkeit ihm ſeine Stellung im Dorfe aufdrängen wolle, überhaupt, da ein⸗ mal die vorſchriftsmäßige Zeit nicht eingehalten ſei, möge mit dem Beginne der Schule bis näch⸗ ſten Montag gewartet werden, bis dahin habe Kaidl das Schulhaus verlaſſen und ſeien über⸗ haupt die Lärmmacher aus dem Dorfe, die noch, bevo burſc Erfal würd ſch noch franzi einen Hauſt Unter 7 letz. rerin, glaubte richten point vous pour monsie Lgargot quelqu ühn, 293 Bebörde bevor ſie wegzögen, ſich toll benähmen, doppelt tſum⸗ burſchikos, bevor ſie auf die hohe Schule harter n Prr⸗ Erfahrung kommen, die ſie wol in Amerika machen würden. Eugen hörte ruhig zu und verneigte ſich nur hin und wieder. Zuletzt wurde ihm Cume noch geſagt, daß man gehört habe, er verſtehe franzöſiſch, er könne, wenn er fertig ſpreche und einen guten„Accent“ habe, der Tochter des Hauſes in Gemeinſchaft mit Blanka Kronauer en ſch Unterricht geben. „Parlez donc un peu frangais“ hieß es zu⸗ letzt. „Das hat ja Zeit“ beſchwichtigte die Pfar⸗ rerin, die eine Verlegenheit Eugens zu bemerken glaubte. „Les Frangais,“ erwiederte Eugen ſich auf⸗ richtend, ont un manque de galanterie de n'avoir point d'expression pour Frau Pfarrerin. Je vous suis extrémement obligé ma chére madame pour votre affable arrangement. Permetlez monsieur le pasleur, cela m'est comme à un Largon ouvrier sans travail que je dois flaner quelque jours dans les rues et dans hauberge.“ Eugen fühlte ſich, da er franzöſich ſprach,“ ſeien über⸗ plötzlich als wäre er hoch zu Roſſe, frei und e, die ch, kühn, er ſetzte über alle Barrieren der Hoch⸗ 294 würden hinweg und Alles erſchien ihm wie ein luſtiger Scherz; ein ſpöttiſcher Uebermuth ſpannte ſein Antlitz, er ſprach kein Wort deutſch mehr und erklärte, obgleich er es nicht ganz ſagen konnte, wie es ihn mit Mißbehagen erfüllte, daß er noch warten ſolle: dieſes Schweben im Zwi⸗ ſchenreich, dieſe Stellung mit ausgeſtreckter Hand zur That ſei peinlich. Der Pfarrer verſtand nicht recht, was er mit der That meinte und glaubte, dieß käme von dem nicht ganz entſpre⸗ chenden franzöſiſchen Ausdruck her. Der Pfarrer ſprach ein Franzöſiſch, das ſich Eugen zuerſt in's Franzöſiſche überſetzen und dann deutſch denken mußte und dabei war Eugen ſchelmiſch genug, den Hochwürden im unſteten Suchen der Wörter zappeln zu laſſen. Endlich entließ ihn der Pfarrer mit einigen höflich gemurmelten Worten. Auf der Treppe mußte Eugen an ſich halten, um nicht laut aufzulachen, und raſch ſprang ſeine Stimmung dann in Wehmuth über. Das ſind die deutſchen gebildeten Stände, die lohnbedienten⸗ haft eine fremde Sprache üben, um einen Fremden in ſeiner Redeweiſe unterhalten zu können und die Töchter lernen franzöſiſch um franzöſiſche Bücher leſen zu können und leſen wieder die Bücher, um die Sprache nicht zu vergeſſen, da ftißt di Deine Kind d freilch in ihre Gebilde eigne faſſen, und a Menſc G den il ſetzten er die Reche vorw wendi tiefſte ſie er einzu 295 frißt die Urſache den Zweck auf und umgekehrt. Deine ſchönſten Jugendſtunden mußt du armes Kind dann noch am Klimperkaſten vertändeln— freilich auf dieſem Wege bleibt die Nation ewig in ihrer Bildung zerriſſen und die ſogenannten Gebildeten kehren ſchwer wieder zurück in ihre eigne Heimath und lernen da die Schönheit er⸗ faſſen, die ihr Blumenauge zu ihnen aufſchlägt und aus den eingeborenen Sangesweiſen der Menſchen ſie umtönt. Eugen vergaß indeß nicht des Vortheils, den ihm dieſe Sprachſtunde bei ſeinem Vorge⸗ ſetzten einräumte und mit friſcher Laune begrüßte er die Bachmüllerin, die ihm jetzt eben mit dem Rechen auf der Schulter begegnete. Als ſie ihn vorwurfsvoll anblickte und ſich raſch wieder ab⸗ wendete, traf ihn das, er wußte nicht wie, in's tiefſte Herz, er bat ſie begleiten zu dürfen und ſie erwieverte, ſie gehe auf's Feld um Grummet einzuthun. ——— Dreizehntes Rapitel. Eugen entſchuldigte ſich wegen ſeines Aus⸗ bleibens am Mittag und behauptete, nicht ſicher verſprochen zu haben. „Ich will euch was ſagen, ihr dürfet mir's aber nicht übel nehmen, ich könnt' ja euer' Mutter ſein,“ begann hierauf die Bachmüllerin. „O wie gerne würde mein Herz euch Mutter ſagen“ rief Eugen und ſtand wie feſtgebannt, ſeine Arme breiteten ſich aus, auch die Müllerin ſtand ſtille und ein ſtrahlender Blick drang aus ihrem Auge; ſie nahm ſchnell den Rechen auf die andere Schulter und ſagte im Weitergehen: „Drum weil ich's gut mit euch mein'“ ge⸗ wöhnet euch's an, friſchweg Ja oder Nein zu ſagen, wenn man euch was anbietet; nicht ſo halb das und halb das, weil ihr meinet, ihr dürfet eine Gutheit nicht abweiſen, weil ihr meinet, ihr kränket damit.“ „Das freut mich, daß ihr mich ſo er⸗ kennt.“ „Man muß auch die Courage haben, Nein ſu ſagen. der ich! heutigen beſonders Glockenſc um elf n und ſig, Geburts und pfe munter um nae aus der ein Vi nicht d ſchöpfer iſt der es ſchn müſſen nicht 1 Vittore ſeiet ih S Leben Gehenl ofen u dener 297 zu ſagen. Gucket, mit eurer halben Red, von der ich nichts gewußt hab, habt ihr uns den heutigen Mittag verdorben. Mein Mann iſt beſonders genau mit der Eſſenszeit, mit dem Glockenſchlage darf's nicht fehlen. Wie ihr nun um elf noch nicht da ſeid, lüg' ich euch zu lieb und ſag, ich ſei noch nicht fertig; weil heut der Geburtstag unſerer Vittore iſt, ſagt er nichts und pfeift nur ſo leiſe vor ſich hin, er geht 'nunter auf die Straß bis an unſer Krautland, um nach euch zu ſehen, mein' Vittore guckt ſich aus dem Fenſter ſchier die Augen aus, es wird ein Viertel, es wird Halb, ihr ſeid noch immer nicht da; wir ſetzen uns an den Tiſch, wir ſchöpfen euch raus, aber wer nicht kommt, das iſt der Lehrer. Mein Mann iſt ganz ſturm und es ſchmeckt ihm nicht und ich und die Vittore müſſen ihm die beſten Worte geben, daß er euch nicht unſer Haus auf immer verbietet und die Vittore ſagt, ſie hab euch beleidigt und deswegen ſeiet ihr nicht kommen.“ Schmerzvoll ſah Eugen hier in ein kleines Leben hinein, das er durch ſein ſelbſtvergeſſenes Gehenlaſſen geſtört hatte, er bekannte ſeinen Fehler offen und daß er bis jetzt zu ſehr nach ungebun⸗ dener Laune gelebt; er verſprach ſich zu beſſern 298 und bat, daß ihn die Bachmüllerin ſtets darauf aufmerkſam mache. Der aufrichtige warme Ton ſchien der Frau ſo zu Gemüthe zu gehen, daß ſie gerne auf anderes überlenkte. Eugen erzählte, wo er zu Mittag geweſen und indem er überlegte, daß dieſe Frau wol beſſere Kundſchaft geben könne, ſagte er, daß Kaidl ihm das Dorf zu ſchlecht ſchildere und fragte nach dem ſeltſamen Schwie⸗ gervater des Barons und deſſen Frau. „Da habt ihr recht,“ ſagte die Frau,„der Kaidl iſt, wie man im Sprüchwort ſagt, ein ge⸗ ſchicter Maler, gerathen ihm die Engel nicht, macht er Teufel draus.“ Eugen konnte nicht umhin, dieſe treffende Bemerkung zu loben, die Frau aber fuhr ruhig fort:„Was den Kronauer angeht, er will's nicht, daß man ihn Baron heißt, er hat im Freiheits⸗ jahr den Adel freiwillig abgelegt und das in die Zeitung ſetzen laſſen. Die Leute ſind's aber ein⸗ mal gewohnt Baron zu ſagen und ſo iſt das wieder da, und er mag auch nicht Jedem nach⸗ laufen und ſchreien: heiß mich nicht Baron. Der Kronauer iſt ein ſeltener Menſch, er kann auch hitzig und zornig werden, aber in der Regel hat er eine ſo ſchöne Ruhe und eine Herrſchaft iber ſi Vyr vie worden, zwei hi lernt er ſel ſoſ und ſta geſehen zuſamm yfarrw Jahr h Studire zu grau mal le worden, an der Kufut! nit der giebts von A ſind die war, h brauchte wie ihr liebe u Feuer 299 über ſich, daß man Reſpekt davor haben muß. Vor vier Jahren iſt der Kronauer Wittwer ge⸗ worden, von der verſtorbenen Frau ſind die zwei Kinder da. Auf einer Reiſe in der Schweiz lernt er ein armes Bauermädchen kennen, die ſoll ſo ſchön geweſen ſein, wie eine Apfelblüthe, und ſtark und kräftig; wie wir ſie als Frau geſehen haben, hat ſie ſchon gekränkelt und iſt zuſammengefallen. Er hat das Mädchen zu einer Pfarrwittwe in die Lehre gethan und nach einem Jahr holt er ſie und heirathet ſie; aber bei dem Studiren hat ſich die Anni verdorben, ſie hat ſich zu grauſam angeſtrengt und hat Alles auf Ein⸗ mal lernen wollen und davon“ iſt ſie krank worden, daß ſie jetzt nur noch iſt wie der Schatten an der Wand; ich fürcht', ich fürcht', die hört den Kukuk nicht mehr ſchreien, wenn ſie nicht ſchon mit dem dürren Laub abfällt. Eine beſſere Seele giebt's nicht auf der Welt als ſie iſt. Sie hat von Anfang einen ſchweren Stand gehabt. So ſind die Menſchen, weil ſie ein armes Mädchen war, haben Knechte und Mägde geglaubt, ſie brauchten ihr nicht zu gehorchen und dürften ſie wie ihresgleichen behandeln; ſie hat aber mit Liebe und Güte Alle gewonnen, daß ſie durch's Feuer für ſie laufen. Mein' Vittore iſt ihre beſte Freundin und es gutet ihr, wenn ſie bei ihr iſt, mehr als alle Doktor's, die ihr nicht helfen können. Der Kronauer hat ſeinen Schwie⸗ gervater zu ſich genommen und da haben ihm die Menſchen ſeine Gutheit wieder übel ausge⸗ legt. Das arme Bäuerlein will ſein Brod nicht umſonſt eſſen und verſteht doch nichts als den Feld⸗ bau, und da ſchafft es im Feld wie ein anderer Knecht. Darüber ſchimpfen die Leut und wie ſollt' es denn der Kronauer anders machen? Soll er den Vater von ſeinem einzigen Kinde weg⸗ thun, damit nur Niemand ſieht, wie er eben iſt was ein anderer, und hat er's nicht bei ihm am beßten? Wer's der ganzen Welt recht machen wollte, müßt' ſich zuletzt die Naſ' im Geſicht verſchnipfeln. Die Leut' ſagen, der Baron hätt' ſeine Frau nehmen ſollen wie ſie geweſen iſt und er macht ſich gewiß Vorwürfe genug, daß er das nicht gethan und ſie ſich mit dem vielen Studiren krank gemacht hat, aber wenn er das pure Bauermädchen genommen hätt, wär's auch nicht gut geweſen; mit einer Frau, die nichts gelernt hat, könnt' ſo ein Mann nicht glücklich leben und wer nicht ein Buch leſen mag und auch einmal was Fremdes denken, mit dem kann man nicht viel reden.“ Sommer Unt Vieſe Schwade geladen markige Nicken, und rech unter de hatt di bunden noch fri Rock ab auch den rief, er ſch zu runden, Bachmü und die frenpige müller Vittore Lachen Einmal auch chts cklich und kann „Ihr leſet wohl auch?“ „Ja wohl, manchmal, beſonders im Winter, Sommers will ſich's nicht geben.“ Unter dieſen Geſprächen war man auf der Wieſe angelangt, wo eben das Grummet in Schwaden zuſammengerecht und auf den Wagen geladen wurde. Der Bachmüller, eine hohe markige Geſtalt, begrüßte Eugen mit ſtummem Nicken, Vittore ſchaute nur einmal nach ihm um und rechte weiter, ihre volle große Geſtalt ſah unter dem breiten Hute noch mächtiger aus, ſie hatte die ſchwarzen Bänder um das Kinn ge⸗ bunden und dieſer dunkle Rahmen hob ihr Antlitz noch friſcher heraus. Eugen warf ſchnell ſeinen Rock ab und faßte einen Rechen, er wollte eben auch den Hut ablegen, als ihm der Bachmüller rief, er könne ſich Schaden thun; Eugen kam ſich gar zu lächerlich vor, hemdermelig mit dem runden Modehute bei der Feldarbeit; er bat den Bachmüller, der im Schatten des Wagens ſtand und die Pferde am Zügel hielt, ihm ſeinen breit⸗ krempigen zu leihen; lächelnd gab ihm der Bach⸗ müller denſelben und als ſich Eugen ſo der Vittore vorſtellte, hörte er wieder jenes herzliche Lachen von geſtern, das gar nicht aufhören wollte. Einmal ſtand ſie auf ihren Rechen gelehnt und aus dem ſtillen Ernſt ihres braunen Auges, das auf Eugen gerichtet war, ſprach jene Ruhe, jenes Gefühl des Heimiſchen, das uns beſinnen macht, ob denn das wirklich ein fremdes ſei, da das Geſicht immer bekannter und längſt gewohnt erſcheint. Auf ihrem eigenen Grund und Boden ſchien ſich Vittore den Lehrer erſt recht zu be⸗ trachten und wenn Eugen nach ihr aufſchaute, blickte ſie ihn ruhig an, ſie lenkte ſein Auge nicht auf ſich aber ſie verſcheuchte es auch nicht, er konnte ſie erſchauen wie eine Blume. Und warum ſoll ein ſchönes heitres Menſchenantlitz der herrſchenden Gefallſucht auszuweichen, ſich eine Befangenheit aufnöthigen? Plötzlich entſtand ein Kichern und Aufſchreien unter den Mähderinnen; ſie hatten eine Blind⸗ ſchleiche unter einem Heuſchober hervorgerecht und nach der ſeltſamen Mädchengewohnheit neckten und reizten ſie nun das Thier in kindiſcher Weiſe und ſchreckten einander damit. Vittore ging ruhig herzu und ſchleuderte das Thier mit ihrem Rechen⸗ ſtil in einen Graben.. Die Leute wunderten ſich, wie Eugen ſo an⸗ ſtellig bei der Arbeit war, wie er dann große Heu⸗ wellen auf die lange zweizinkige Gabel nahm, ſie frei und gerade trug und auf den Wagen ſchleuderte, und es Eugen Heu hin kleinen war es Heiterle Bauernk Knochen Al daſtand, gelleter ſchaute heimwät De ſeines 3i lehrer v noch är Eu Heues, und gri ſchwichti das ein Bewund müller gerne A von der 303 und es war ein eigenthümlicher Triumph, daß Eugen größer als alle Knechte war und noch Heu hinaufbringen konnte, wo die anderen ihres kleinen Maaßes wegen ablaſſen mußten. Eugen war es ſo wohl bei der Arbeit, er war ſo voll Heiterkeit und Laune, daß er ſich innerlich wünſchte, Bauernknecht ſtatt Schulmeiſter zu ſein. Der Knochenhauer hatte doch Recht gehabt. Als der letzte Wagen geladen und geſchichtet daſtand, war Vittore unverſehens auf denſelben geklettert und hatte ſich rücklings geſetzt, ſie ſchaute nach ihren Eltern, mit denen Eugen heimwärts ging. Der Bachmüller ſchien den größten Theil ſeines Zornes über den nicht wortgetreuen Schul⸗ lehrer vergeſſen zu wollen, wenn es ihn gleich noch ärgerte, daß dieſer nichts darüber ſprach. Eugen verſtand es, durch das Lob des Heues, das nicht ſo ausgebleicht, ſondern dürr und grün war, den Bachmüller vollends zu be⸗ ſchwichtigen und als er auf die Mittheilung, daß das eine„dreiſchürige“ Wieſe ſei, ſeine offene Bewunderung ausdrückte, hatte er den Bach⸗ müller zum Freunde gewonnen, der ihm nun gerne Auskunft über die Schultheißenwahl gab, von der er heute gehört hatte. Vierzehntes Rapitel. Die Schultheißenwahl, das war auch der Gegenſtand lebhafter Verhandlung der vielen an der Schmiede Verſammelten. Die meiſten Stim⸗ men neigten ſich dahin, daß man den Bachmüller wählen müſſe, man ſei ihm das ſchuldig und den Ausſchlag gab der Zuſatz, daß man der Regierung zeigen müſſe, was man von ihren Verurtheilungen halte. Der herzugetretene Eugen erklärte, was er ſo eben vom Bachmüller gehört, daß dieſer ſolch ein Verfahren höchlichſt mißbillige, die Gemeinde käme dadurch nur in Ungelegen⸗ heiten, die zuletzt zur Exekution führen könnten. Eugen mußte mancherlei Stichelreden hören, daß er dem Bachmüller heuen geholfen hatte; Andere bemerkten, er ſei noch keinem geringen Bauern über die Schwelle gekommen, blos zum Baron und zum Bachmüller, da ſehe man's, wer er ſei, er halte ſich an die reichſten. Eugen fühlte ſelbſt etwas Wahres an dieſem Vorwurfe, er ſah jetzt, wie er faſt unwillkürlich in dieſe ſeltſame Stellung gerathen war, das Vort e auch ni wußte, duß die Gemein geit da verdeckte Eugens Ernſt d vorbrach hin un ſeine b erkannte zucken u Eigen e die Ale nach de oder ſi Ales ül unnittel Veiſe, Charakt heit wi ſat, da dete, d armen ren, atte; ingen zum tan's, ieſem das 305 Wort erſtarb ihm daher auf der Zunge, das er auch nicht recht vor Mißverſtand zu wahren wußte, wie es leider noch ſo in der Welt ſei, daß die Beſitzenden ſich die meiſte Kenntniß der Gemeindeintereſſen aneignen und die meiſte freie Zeit dafür verwenden könnten. Ein Witzwort verdeckte ſchnell das ſonſt auffällige Schweigen Eugens, indem Einer halb im Scherz, halb im Ernſt die Meinung Kaidls über die neue Wahl vorbrachte. Alles lachte, ſpitze Reden flogen hin und her und ſogar einige, die Eugen als ſeine botmäßigen Anhänger von geſtern Abend erkannte, ließen es an Naſerümpfen und Achſel⸗ zucken und ſelbſt an derben Witzeleien nicht fehlen. Eugen erkannte in Kaidl einen jener Menſchen, die Alles für ſich erregen, wenn ſie zugegen ſind, nach denen aber eigentlich Niemand verlangt oder ſich nach ihnen ſehnt; wie ſeine Stimme Alles übertönte, ſo herrſchte er auch, aber nur unmittelbar, nicht auch in jener unſichtbar geiſtigen Weiſe, die einen ausgezeichneten und gehaltenen Charakter noch aus der Ferne und Abgeſchieden⸗ heit wirken läßt. Das zeigte ſich jetzt im Gegen⸗ ſatz, da ſich die Beſprechung auf Kronauer wen⸗ dete, der den Zuberfranz, einen wackern, aber armen Mann, der bisweilen ſogar taglöhnerte, 20 —————————, „—— zum Schultheiß vorgeſchlagen hatte. Man war eher geneigt, Kronauer ſeine bevorzugte Stellung zum Vorwurf, als zum Vortheil anzurechnen und dennoch war eine gewiſſe ehrfurchtsvolle Scheu vor ihm in allen Reden und Mienen nicht zu verkennen. Eugen ſtand— war es abſicht⸗ lich oder zufällig geſchehen— plötzlich ausge⸗ ſchloſſen aus dem Rädchen, das ſich zur Be⸗ rathung gebildet hatte. Ein Menſch, bei dem vorherrſchend das Ehr⸗ gefühl nach außen geweckt und gehegt wurde, der noch im Knabenalter einen Degen an die Seite be⸗ kam und ſtets bereit und geneigt war, für die kleinſte Verletzung und Rückſichtsloſigkeit den Degen zu zie⸗ hen; ſolch ein Menſch, und dieß war Eugen, trägt es unſäglich ſchwer, die Demüthigungen, die eine untergeordnete Stellung mit ſich bringt, auf ſich zu nehmen. Die Fäuſte Engens ballten ſich und er wäre gern unter die rohe Horde hineinge⸗ ſprengt, um ſie für die Beleidigung zu züchtigen, aber nicht das Gefühl der ihm gegenüberſtehen⸗ den leiblichen Uebermacht, ſondern eine höhere Macht entballte ſeine zornige Fauſt. Sie haben recht, ſagte er ſich wegſchleichend, ein Agitator, ein Wühler für allgemeine Intereſſen könnte hier Stimme gewinnen, in Gemeindeſachen iſt nur der Eing noch etwe chenthun Rn und die Kreiſe do daß eine ihr einſ Int ſchaftliche licher Ve ihm war gegeben, ausgeſpro als ſie ſi vor die meinen intereſen Boden, gewint; eine Gem ordnen u Gemeinſ Als nitdern ſeln, die 307 der Eingeſeſſene zum Worte berechtigt, hier iſt noch etwas von der alten Urkraft des Patriar⸗ chenthums und des ſelbſtändigen Volkstages. Iſt es auch nur das Bewußtſein der Rohheit und die Luſt an derſelben, die mich aus dem Kreiſe dort ausſchließt, ihr wißt es nur nicht, daß eine edlere Macht euch dazu berechtigt, deren ihr einſt inne werden ſollt. In dieſem Siege der Humanität über leiden⸗ ſchaftliche Aufwallung und den Eindruck menſch⸗ licher Verkehrtheit fühlte ſich Eugen frei gehoben, ihm war hier eine Bethätigung jenes Satzes gegeben, den er in ſeiner Allgemeinheit zu Deeger ausgeſprochen, er achtete die Menſchen höher, als ſie ſich ſelbſt achten, und lebendig trat ihm vor die Seele, wie er bisher ſtets nur allge⸗ meinen Ideen, den Menſchheits⸗ und National⸗ intereſſen gelebt; die Gemeinde, das iſt der feſte Boden, von dem alles lebendige Daſein Nahrung gewinnt; er fühlte ſich glücklich, ſich ganz in eine Gemeinde einleben zu müſſen, hier ſich ein⸗ ordnen und einfügen, das heißt in der faßbaren Gemeinſamkeit leben. Als er ſo dahinſchritt, hörte er aus einem niedern Hauſe jämmerliches Schreien und Win⸗ ſeln, die klagende Stimme einer Frau und das 20* 308 Weinen eines Kindes; die Leute gingen ſorglos vorüber und ſchauten kaum um. Eugen fand nun Gelegenheit, über die Schwelle eines Armen zu kommen. Als ey in die Stube trat, ſah er, wie der Mann Alles zertrümmert hatte, was in der Stube war, Bänke, Töpfe, Teller, er hob eben einen Stuhl nach der Frau auf, die mit dem Kinde weinte, als ihm Eugen in den Arm fiel; das Kind, es war dasſelbe, das ihm heute das Geſchenk der Müllerin gebracht, ſchmiegte ſich an den Retter, der Mann, offenbar betrunken, taumelte auf den Boden und lallte nur einige unverſtändliche Worte. Die Frau erzählte, wie ihr Mann ſtets raſe und wüthe, weil ſie abge⸗ wehrt hatte, daß man noch dieſen Herbſt mit den anderen auswandere, da ſie bis Lichtmeß ihre ſchwere Stunde erwarte; ihr Mann wüthe und raſe gegen Alles, er ſchlage das Kind bis auf den Tod, weil es ſo viel bei der Müllerin ſei, während er ihm doch weder Kleider noch Schuhe anſchaffe und ſie froh ſei, das Kind außer dem Hauſe zu wiſſen, damit es die ſteten Händel nicht ſehe. Eugen hatte die ſchwere Aufgabe, Ruhe und Frieden in der Familie herzuſtellen, und tief im Herzen trauernd, verließ er das Haus. Die Sterne a in weiter In Lärm, me die Stim um und 309 rlos Sterne am Himmel glitzerten und Alles rings fud im weiten Aether athmete Milde und Weichheit. lrnen Im Wirthshauſe zur Sonne war großer e er, Lärm, man hörte ſchon die ganze Straße herauf was die Stimme Kaidls. Eugen kehrte vor demſelben t, er um und ging hinaus vor das Dorf. f, die den ihm megte unken, emige e, wie ſt mit chtmeß wüthe üllerin r noch Kind ſteten Fünfzehntes Rapitel. Am Gartenhag, dort wo er am hellen Mittag die erſten Blumen empfangen, die aus dem Bo⸗ den ſeines Dorfes erwachſen waren, dort ſaß jetzt Eugen in der Nacht. Reſeda und Ros⸗ marin duftete ſo würzig, das Laub in den Bäumen wurde bisweilen von einem Windhauche wie zu leiſem Flüſtern bewegt, hie und da raſchelte ein welkes Blatt nieder und wieder ſchlief Alles in ſtiller Ruhe, nur der Mühlbach dort ſtrömte klingend über das geſtellte Mühlrad. Eugen ſchaute hinauf nach den waldbekränzten Höhen, wo jetzt ein dunkles Spätgewitter aufzog und wie ein Genoſſe des dort aufzuckenden Blitzes rauſchte ein raſcher Wind von den Bergen nieder in das Thal. Eugen ſtarrte hinauf, er wollte ſich zwingen, dem Blitze in's Auge zu ſchauen, aber immer ſchloß ſich zuckend ſeine Wimper und wie getroffen mußte er das Haupt ſenken. Mit der Hand das Antlitz verdeckend ſaß er da, jetzt hörte er hinter ſich lispelnde Stimmen, er horchte ſchärfer hin und vernahm die Stimme Vittores. Schönes der Wll muß wo nit dem Beichtſt ſanden reden u gränt, her, ic rechtſche aufs 6 alen G Spur d geſagt Du biſ dein mehr2 E Körper bar ur der R littag ( 0 „Mutter,“ ſagte ſie,„es iſt doch was Schönes, daß die Katholiſchen beichten können.“ „Wie meinſt? Was willſt?“ „So einem alten braven Mann, der mit der Welt fertig iſt, ſein Herz ausſchütten, das muß wohl thun. Ich hab's geſehen, wie ich mit dem Vater im Münſter war und einer im Beichtſtuhl gelegen und dann ſo erheitert aufge⸗ ſtanden iſt. Gott kann ja nicht ſelber zu einem reden und einem ſagen: Kind, du haſt dich genug grämt, laß jetzt gut ſein, gieb deinen Kopf her, ich will dich ſegnen; aber wenn ſo ein rechtſchaffener Mann ſeine guten Hände einem auf's Geſicht legt, das muß allen Kummer und allen Gram daraus wegziehen, daß auch keine Spur davon bleibt und man hat Alles hinaus⸗ geſagt und hat's nicht mehr ſo in ſich.“ „Maädle, du erſchreckſt mich, was haſt denn? Du biſt doch heut ſo heiter geweſen? Bin ich dein' Mutter nicht mehr? Darfſt mir nicht mehr Alles ſagen?“ Ein Schluchzen, das von einem an fremdem Körper verborgenen Munde kam, ward vernehm⸗ bar und darauf nach geraumer Pauſe die Stimme der Müllerin: „Es wird nichts ſo Arges ſein, erzähl' mir nur.“ „Es iſt ärger als ihr glaubet,“ antwortete es und jenes Schluchzen wurde vernehmbar, wie wenn ſich Jemand die Thränen trocknet, um frei aufzuſchauen und zu reden. Eugen biß die Lippen, um ſich durch keinen Laut zu verrathen; er wollte aufſtehen, denn es ſchien ihm ein Frevel, zum Diebe an dem innerſten Geheimniß einer Seele zu werden, aber theils die Furcht, daß er durch ſein Aufſtehen verrathen könnte, wie er die Kunde des vorhandenen Geheimniſſes erfahren, theils eine unbezwingliche Macht, die weit anderes als bloße Neugier war, hielt ihn feſt und Vittore berichtete: „Ihr habt Recht Mutter, ihr habt oft ge⸗ ſagt, ich ſei ſeit einem Jahr verändert, ich hab's euch und mir nicht eingeſtanden und es iſt doch ſo geweſen. Heut iſt's ein Jahr da hab ich's gemerkt und hab doch nicht gewußt, was es iſt. Damals hat der Kronauer anfangen wollen Sie zu mir ſagen und da hab ich geweint und hab geſagt ich leid's nicht und da hat er haben wollen, ich ſoll ihn auch dutzen und da iſt mir's wie Flammen zum Geſicht herausgeſchlagen, und wie mir da des Kronauers Anni ſagt: du biſt ja meine Schweſter! da hab ich gemeint, der Boden muß ſich aufthun und muß mich von der Sonne — F weguehmen weſen und glauben nir nit ſnihtlt wenn er! gwrſen, ſiegen w bin ſo ve nicht wiſſ reden gen bei der7 ich nichts wie die neint ha warten, eimnal ſt wie wen auf die vor mir Kranfe dips, we den Kro Höll ka geſtande ich hab 313 wegnehmen. O Mutter! Ich bin ſchlecht ge⸗ 8 weſen und hab's nicht wiſſen und hab's nicht 6 glauben wollen, daß ich's bin; und wenn er k mir mit der Hand manchmal die Backen ge⸗ llte ſtreichelt hat, iſt mir's ſiedigheiß worden und um wenn er mich manchmal gelobt hat, da iſt mir's tele geweſen, als müßt' ich in die Welt hinaus⸗ fliegen wie ein Vogel. O Mutter! Und ich bin ſo verdorben geweſen und hab's immer noch nicht wiſſen wollen und hab mir allerlei Aus⸗ als reden gemacht und bin auf's Schloß gangen und ore bei der Anni blieben, und im ganzen Haus hab ich nichts gehört als ſeinen Tritt. Nach Oſtern, wie die Anni kränker worden iſt und man ge— meint hat, man muß ihr bald auf ihr End och warten, da hab ich oben gewacht und wie ſie chs einmal ſo ſchwer huſtet, da iſt mir's geweſen, ſ. wie wenn mir einer mit einem Zentnerſtein Sie uuf die Bruſt ſchlägt und da hab ich's plötzlich hab vor mir geſehkn, wer ich bin. Da liegt die len, Kranke und du pflegſt ſie, du? Und wie wär wie dir's, wenn ſie ſterben thät? Du könnteſt dann wie den Kronauer.. Miutter, in der unterſten ju Höll' kann man nicht ausſtehen, was ich da aus⸗ den Sgeſtanden hab und ich hab nicht los können und nne ich hab nicht bleiben können und nicht fort, Tage rd⸗ kommen und Nächte und immer war ich ePor's Hirn geſtoßen. Jetzt wiſſet ihr, warum W. oft ſo vergeßlich geweſen bin und nicht ge⸗ hört hab, bis man mich dreimal ruft. Ich bin wieder auf's Schloß gangen und hab mir eingeredet, es ſei Alles nichts und hab's probirt mit dem Luſtigſein; aber je näher der Tag heran⸗ kommen iſt, wo er hat Sie zu mir ſagen wollen, je ärger iſt's wieder da, und ich bin mir ſchlechter vorkommen als alle Menſchen, die im Zuchthaus ſitzen. Da hab ich euch geſtern bittet, ihr ſollet mir den Tag ſchenken und mich um nichts fragen, was ich thun und wo ich bleiben will. Ich hab mich in die Kammer eingeſperrt und die Mutter droben bittet, ſie ſoll mir helfen und da hat's auf Einmal in mir geſprochen: geh nicht vom Platz, rühr dich nicht, bis du alle ſchlechten Gedanken aus deinem Herz heraus haſt. Und da iſt mir's geweſen, wie wenn mir Jemand den Schwur vorſagt und ich häb es heilig ge⸗ ſchworen: Wenn die Anni ſtirbt, nie, nie heirathſt du den Kronauer. Jetzt iſt mir's plötzlich ſo leicht worden wie neugeboren; aller Leidmuth iſt von mir weg. Das war am Morgen und da bin ich hinaufgeſprungen zur Anui, als müßt' ichs ihr ſagen, ich hab's aber ſtill in mich hinein verdruct, fomm, ſa Sonne, ur rcht und es NMein he ich weiß den gan himmelwl ſchichte Jetzt hal vergeben Ein aufgeſta der Vitt 8 Du haſt du haſt gefunde fannſt liclic E vict, Sieges gezoge reden verdruckt, und wie ich zur Anni in's Zimmer komm', ſagt ſie:„Vittore, du ſiehſt aus wie die Sonne, o wie thut mir das ſo viel wohl, ſieh mich nur recht an, ſo, das macht mir wohl warm, und es hat mich eben gefroren!“ Mutter! Mein heiliger Schwur macht die Anni geſund, ich weiß es gewiß und ich bin erlöst. Ich bin den ganzen Tag allein blieben, mir war ſo himmelwohl und Nachmittags iſt mir die Ge⸗ ſchichte mit dem Lehrer paſſirt. O Mutter! Jetzt hab ich Alles beichtet. Nicht wahr, mir iſt vergeben? Redet doch auch.“ Ein Blitzſtrahl erleuchtete die Mutter, die aufgeſtanden war, jetzt ihre Hände auf das Haupt der Vittore legte und ſagte: „Ich ſpreche im Namen der Mutter droben. Du haſt ſchwer gefehlt, du haſt ſchwer gerungen, du haſt in dir ſelbſt Erlöſung und Reinigung gefunden, auf dir ruht ein neuer Segen, du kannſt nimmer ſtraucheln und fallen, du wirſt glücklich ſein.“ Eugen hielt beide Hände auf die Bruſt ge⸗ drückt, ſein Herz bebte, die Schmerzen und die Siegesfreuden eines andern waren in ihm ein⸗ gezogen.... Es iſt erlogen, was man ſo oft ein⸗ reden will, daß die Herzen aus dem Volke ohne 16 Geſchichte in friedſamer Ruhe, wie die Blumen ihr Schickſal vollenden, auch hier bricht ſich ſchäu⸗ mend der Strom des Lebens ſeinen Weg und hat nicht, wie in regulirtem Bett oft nur leiſes Wellenkräuſeln, die Felſen ſind noch nicht zer⸗ ſchellt in kleine Kieſel. „Nun kann ich mir's denken,“ ſagte die Mutter„warum du von dem Bernhard von Trenzlingen nichts haſt wiſſen mögen; ſei nur getroſt, halt' dich jetzt nur ruhig, dann iſt Alles gut.“ Als jetzt das Gewitter näher heran kam und die Frauen in das Haus gingen, machte ſich auch Eugen von dannen. Als er über den Steg nach dem Fußwege ging, begegnete ihm der Bachmüller. „Seid ihr in meinem Haus geweſen?“ fragte er. „Nein, ich war im Felde.“ „Ich hab den Kronauer dahin gebracht, wenn's nicht anders geht, nimmt er die Wahl an, das wird der Schule auch zu gut kommen. Haltet euch nur an ihn.“ „Das will ich.“ Mit einem freunblichen„Gut Nacht!“ ſchie⸗ den die beiden. In Eugen toste es noch ge⸗ waltig, e ſrimende ſeines au Heinntß hihte he v wies Frevelnu neues le Bernhard das von hliebene un leiſes achte wege onn's enns altet Mn P — n n waltig, er entblöste ſein Haupt dem hernieder⸗ ſtrömenden Gewitterregen. Könnte es das Ziel ſeines ausgreifenden Strebens ſein, ſich ſtill eine Heimath zu gründen; das in heißem Kampfe er⸗ höhte Herz Vittorens wäre für ihn... Aber weit weg wies er ſolchen Gedanken. Wäre es nicht Frevelmuth, an ein ſo ſchwankendes Daſein ein neues Leben zu knüpfen? Und was iſt mit dem Bernhard von Trenzlingen? Und was war denn das von der Mutter droben?... war das über⸗ bliebene katholiſche Redeweiſe?... Sechzehntes Rapitel. Am andern Morgen erhielt Eugen einen Brief, er war von dem Ausgewanderten aus Antwerpen, er überſchickte das Verzeichniß ſeiner Habſeligkeiten, das er zu übergeben vergeſſen hatte und in dem Briefe hieß es: „Ich weiß jetzt ſicher, wer du biſt, aber ich werde das Geheimniß bewahren, ich wage es nicht, deinen Namen dieſem Briefe anzuvertrauen, ich heiße ſtets, wie ich hier unterzeichnet bin. Aus den Geſprächen der Flüchtlinge, die mit uns hier auf den Abgang des Schiffes warten, erfuhr ich deinen Namen. Wenn das Sprüchwort wahr iſt, muß es dir in den Ohren geklungen haben. Viele ſchimpften auch über dich und behaupteten, du verſtündeſt nichts von der ſozialen Frage; ich wurde erſt recht aufmerkſam, als der Advokat B. — der auch viel ausgelacht wird, weil er ſich tief im Herzen grämt, daß er ſein Ehrenwort gebrochen— von deinem Suchen der Mutter erzählte. B. iſt, wie du dich erinnern wirſt, mehrere Monate mit dir in derſelben Zelle ge⸗ ſiſen, Und rief er mit G. F. nich derfen Re ihren Char Krerzfahre heiige Gr um es ju Ich wißt es ni palten, a weiß jett gangenen Rhnten J einer Jeſ Von dieſe ich die e aber kenn Fihlens? Ma zur Ueber plöliches wiſſen, ei berſchloß Vetzeihe, verſchert nwort Kutter wirſt, le ge⸗ ſeſſen, und als einer dich einen Phantaſten nannte, rief er mit glühendem Antlitze: Ihr verſteht den G. F. nicht, er wäre zu jeder Zeit in der vor⸗ derſten Reihe derer geſtanden, die der Epoche ihren Charakter geben; im Mittelalter wäre er Kreuzfahrer geworden, jetzt kämpft er um das heilige Grab der Humanität in den Menſchen, um es zu ſchirmen. Ich dachte dabei in mich hinein: Und ihr wißt es nicht, wieviel leichter es iſt, Türkenſchädel ſpalten, als harte Köpfe bildſam machen. Ich weiß jetzt nur zwei Momente aus deinem ver⸗ gangenen Jugendleben, daß du bis zum vier⸗ zehnten Jahre Bettelknabe warſt und dann in einer Jeſuitenſchule vornehm erzogen wardſt. Von dieſen gegebenen zwei Punkten aus ſuche ich die entſprechende Linie auszudenken, wer aber kennt die Verſchlingungen des Denkens und Fühlens? Man erwartete dich mit Beſtimmtheit hier zur Ueberfahrt. Es gehen viel Sagen über dein plötzliches Verſchwinden. Ein luſtiger Kauz wollte wiſſen, eine verliebte Fee habe dich in ihr Zau⸗ berſchloß als Tannhäuſer entführt. Ich ſchweige. Verzeihe, daß ich dir Alles das ſchreibe. Sei verſichert, daß Alle dich verehren und die ſpotten 320 wollen, thun es nur, weil es ihnen läſtig iſt, etwas verehren zu müſſen. Die Armen!— Ich bin jetzt doppelt froh, daß ich ſo abgeſchieden von der Welt gelebt, du haſt wenig Beziehungen, die dich in Verlegenheit bringen können, nur das wiſſe noch: der Bruder meines verſtorbenen Vaters iſt Kanzleidiener in M.; ich glaube nicht, daß er dich beläſtigen wird, er hat ſich nie um uns Kinder bekümmert und ſeit ich in Ungnade bin, wird er nun gar thun, als ob ich nicht auf der Welt wäre. Meine Gönnerin, die Stifts⸗ dame Theoroſa von Schüttenhelm, die mir die Stelle verſchaffte, wird im Frühling nach Erlen⸗ moos kommen, ihr mußt du dich alsbald frei offen⸗ baren und wie ich ſie kenne, wird ſie dich in aller Weiſe zu fördern ſuchen, ihr übergiebſt du auch, wenn ich es bis Oſtern nicht verlange, das Packet Briefe mit dem blauen Bande. Ich ver⸗ traue dir, daß du es nicht öffneſt. Ihr werdet Freunde ſein.“ Nun kamen noch viele, theils überſchwängliche theils in Selbſtſpott eingehüllte Klagen um das verlaſſene Vaterland und die zurückgelaſſenen Habſeligkeiten. Zuletzt hieß es: „Der Gedanke an dich macht mich größer! Du vollführſt eine That, großer als alle geprieſenen Heldenthaten auf dem Schlachtfelde. Ich bin hier nit d und werde wie jamn ſhichte! T wider dich den Mord und Liſte andern me Seelenwan gezgen. wenn dul dir wiſen Glauben a that geben werden, er den ſchönſt an den H Vergiß ni über dein Flug dein⸗ — verzeil habe, ich ein Bild ich nicht und ich ſiegenden offen⸗ dich in ebſt du Ich ver⸗ werdet cheils gehüllte und die r! Du rieſenen Ich bin ween 321 hier mit den Friedensapoſteln zuſammen getroffen und werde mit ihnen die Seereiſe machen. O wie jämmerlich verkehrt iſt die ganze Weltge⸗ ſchichte! Das Blut deines Bruders Abel ſchreit wider dich zum Himmel. Und die Welt verklärt den Mord, weil er nach ſtrategiſchen Geſetzen und Liſten geſchieht. Darf ein Menſch den andern morden? Eugen! Ich fühle etwas von Seelenwanderung, deine Seele iſt in mich ein⸗ gezogen. Du vollführſt Heiliges, zage nie, und wenn du bange biſt, denke daß du Allen, die von dir wiſſen und einſt von dir hören werden, den Glauben an die Menſchheit, an die ſchönſte Opfer⸗ that geben wirſt; du darfſt, du kannſt nicht untreu werden, ermatten und abfallen, du zerſtörteſt damit den ſchönſten Glauben und würdeſt zum Verräther an den Herzen, die an dir ſich erbauen werden. Vergiß nie deinen heiligen Beruf, der weit, weit über dein enges Schulzimmer hinausragt. Der Flug deines Geiſtes erhebt ſich mit Adlerſchwingen — verzeihe, daß ich das letzte Wort durchſtrichen habe, ich habe mir feſt vorgenommen, nie mehr ein Bild zu gebrauchen von einem Dinge, das ich nicht mit meinen Sinnen wahrgenommen, und ich habe mit meinen Augen noch keinen fliegenden Adler geſehen, der zahme d. h. aus⸗ 21 322 geſtopfte, gilt nichts. Ich bitte dich, dieſes Ver⸗ fahren bei den Kindern feſtzuhalten. Es iſt ein großer Schritt zur Wahrhaftigkeit und zum Ab⸗ thun alles erborgten falſchen Flitters. Freund, wie nichtig iſt Alles, was ich dir zu ſagen habe. Du biſt ein Simſon und oft wird es heißen: Philiſter über dir, Simſon; aber die Haare de ines Hauptes ſind ſtrahlende Gedanken, nicht zu faſſen von Meſſer und Scheere. Ich preiſe mich glücklich, in dem Jahrhunderte zu leben, wo wiederum Erdengötter zu Menſchen werden. Gräme dich nicht ob der Lüge, mit der du dich deckeſt; wenn Götter unter Menſchenkindern wan⸗ delten, mußten ſie die Maske der gewohnten Erſcheinung annehmen, eine fremde Geſtalt borgen, um ſich zu offenbaren. O wie gerne möchte ich dir dienen und dir jeden Tag in anderem Sinne als jener Sklave dem Titus zurufen: Bedenke, wer du biſt! erhaben über allen Menſchen. O vergiß nicht, ſondern beherzige die Worte deines dich in Wahrheit anbetenden Albert Freihaupt. P. S. Vergiß nicht, mir die ſilberne Doſe meines ſeligen Vaters mit den Ringen zu be⸗ wahren.“ Dilſ ſih ei L doch uch duck zu vor ſch Schrifti ſondern! Erklärung hrauchen beſchäftigt tiefe nach würde ab derbar: in welche doß er j nit Deeg höchſen e der Blick Gedanke dem Me zucte er Auge, i Ferne, der Beſ ihn plö Doſe zu be⸗ 323 Dieſe überſchwängliche Anrufung, über die ſich ein Lächeln nicht unterdrücken ließ, verfehlte doch auch nicht auf Eugen einen erhebenden Ein⸗ druck zu machen; er hielt das Schreiben noch vor ſich und ſchaute es an ohne die einzelnen Schriftzüge zu leſen, und nicht die Anrufung, ſondern vor Allem der Gedanke, daß wir zur Erklärung unſeres Denkens kein Bild ge⸗ brauchen ſollen, das wir nicht ſelbſt geſchaut, beſchäftigte ihn noch lange. Ja, das brächte eine tiefe nachhaltige Wirkung hervor, alle Tradition würde abgeſtreift... Noch eines war faſt wun⸗ derbar: aus der genauen Angabe der Stunde, in welcher der Brief abgefaßt war, ergab ſich, daß er juſt damals geſchrieben wurde, als Eugen mit Deeger in der Kirche zur Darlegung ſeines höchſten Strebens ſich erhob. Weit hinaus folgte der Blick Eugens dem Fernwandelnden und ſeine Gedanken wohnten in der Bruſt, die jetzt auf dem Meere athmet. Da trat Kaidl ein. Eugen zuckte erſchreckt zuſammen. Es geht dem geiſtigen wie dem leiblichen Auge, iſt es geſpannt im Ausſchauen nach der Ferne, in die ungemeſſene Weite, ſo prallt der Beſchauer wie getroffen zurück, wenn ſich ihm plötzlich ein Gegenſtand ganz nahe rückt. 21* 324 „Was haſt du?“ fragte der eintretende Kaidl den heftig Zuſammenfahrenden. nehr H „Nichts, nichts, ich träumte.“ Prinp „Du haſt geſtern beim Baron gegeſſen“ rief fenner ei Kaidl„da kann ich alſo die Dinte für ihn ſparen, dehin kn du haſt's geſehen, der Geizkragen frißt mit ſeinen hutiſhen Dienſtboten am ſelben Tiſch, denſelben ſchlechten Mann iſ Fraß, er lebt überhaupt mit dem Volke nicht Vort tra wie Andere in einer von Tiſch und Bett ge⸗„D ſchiedenen Ehe. Mit zwei Worten iſt er ge⸗ nicht wer ſchildert: er ſchneuzt ſich wie ein Bauer und giebt. nimmt dann ein ſeidenes Sacktuch. Dazu iſt er leidet. 2 ein Weibermann.“ Haſt unſt „Was verſtehſt du darunter?“ fragte Eugen uffihren ſichtbar betroffen, indem er Vittore's gedachte. leren H „Das Frauenzimmer, gebildet und unge⸗ die ſich bildet, vergöttert ihn; er raucht nicht, er ſchnupft Yrnſcher nicht, er ſpielt nicht Karten, geht in kein Wirths⸗ in die h haus und ſchwatzt mit den Weibern die ernſteſten 9oe g Dinge. Das gefällt ihnen. Ich haſſe ihn aber 5 geh ſchon als Protektor der Religion.“ Zirebaſ „Vielleicht iſt er religiös?“ beſe M „Nichts da, er ſtiefelt als engliſirter Deut⸗ beden 5 ſcher des Sonntags mit der ſaffiangebundenen ſch z Andacht unterm Arm in die Kirche, um den di gub Kaffern ein gutes Beiſpiel zu geben.“ jett leh Deut⸗ ndenen n den 325 „Wenn du ſo frei denkſt, ſollteſt du gerade mehr Haltung bewahren; nichts verunehrt das Prinzip der Freiheit mehr, als wenn ſeine Be⸗ kenner ein ungebundenes Weſen zeigen. Es ſollte dahin kommen, daß man, wie jetzt von den herrn⸗ hutiſchen Brüdern, von uns ſagen müßte: der Mann iſt ungläubig, ah, dem darf man auf's Wort trauen.“ „Du biſt lächerlich. Pfui! Das Leben iſt nicht werth, daß man ſich ſo viele Mühe drum giebt. Mir iſt das Auswandern auch ſchon ver⸗ leidet. Warſt geſtern Abend beim Kloſemichel? Haſt unſre neueſte Oper, die unheimliche Ehe, aufführen ſehen? Glaub mir, Frieden ſtiften mit leeren Händen hilft von elf bis Mittag. Hunde, die ſich beißen, muß man ſchlagen, und den Menſchen, die Händel haben, muß man Geld in die Hand drücken können, dann iſt Alles gut. Der Kloſemichel iſt nur bös, weil's ihm ſchlimm geht. Juſt neben dem Kloſemichel wohnt der Birebaſche! Die Geſchichte des Hauſes iſt die beſte Rezenſion eurer Leihbibliothekenwelt: die beiden Leute ſind gerichtlich gezwungen worden ſich zu heirathen, ſie hat ihn verklagt, er hat die Kuh mitſammt dem Kalb bekommen, und jetzt leben ſie wie tauſend andere und ſieben ———— 326 Kinder ſegnen den Bund, der im Himmel geſchloſſen wurde. Pfui über die ganze Welt, ſie iſt aus lauter Lüge und Gewohnheit zuſammengeleimt und die ganze gebildete Menſchheit blendwerkt ihr Lebe⸗ lang und geht geſchminkt in's Bett und ſtreckt ſich mit tugendhaften Schönpfläſterchen in's Grab.“ Kaidl ging hievon auf die heftigſten Aus⸗ laſſungen über Kirchenthum und Glauben über und konnte nicht genug derbe Kraſtworte finden, um ſeinen Abſcheu auszudrücken. Eugen, dem nichts mehr zuwider war, als der renommirende Atheismus und die burſchikoſen Großſprechereien, ſuchte darzuthun, daß es gelte, für den freien Geiſt neue lebenfaſſende Formen zu gewinnen. Kaidl ſtand am offenen Fenſter und antwortete nicht, ja er pfiff ein Lied zum Fenſter hinaus, als ob er' gar nicht hörte, bis er plötzlich in ſo heftige Ausbrüche über alle unſere Zuſtände ge⸗ rieth und dabei die Fäuſte ballte und mit mächti⸗ ger Stimme ſo ſehr ſich in Aerger hineinredete, daß er zu weinen begann. Eugen ſah mitleidsvoll auf den Hocherregten und reichte ihm ſtill die Hand. „Lipp, komm vrauf,“ rief jetzt Kaidl auf die Straße hinaus und ſagte dann zu Eugen gewendet:„Ich will dir noch einen Menſchen vererben. und da m die retten haben ihn ſation hat Komm her Ein e Barte tra nilitäriſch entblöste „h Kaidl for ſorgen, et ſadt ſchrei für den Sie tanze Euge Unmuth i Verpflicht Reichskrü Inmer ſi ſeeren Hi nahm der ihm dort wirth, de ſtine Sch ortete maus, in ſo dl auf Eugen enſchen 327 vererben. Der Burſche will ſich nicht umbringen und da mußt du ihm verhelfen, weiter zu leben: die rettenden Thaten der frommen Spitzkugeln haben ihm den Arm zerſchoſſen, und die Civili⸗ ſation hat ihn amputirt und am Leben erhalten. Komm herein Reichsverfaſſungskrüppel.“ Ein einarmiger junger Mann mit röthlichem Barte trat in das Zimmer und grüßte Eugen militäriſch, indem er ſeine eine Hand an das entblöste Haupt legte. „Ich halt' mein Verſprechen Lipp,“ fuhr Kaidl fort,„der Herr Lehrer wird für dich ſorgen, er wird an ſeine Gönner in der Haupt⸗ ſtadt ſchreiben, daß ſie einen Wohlthätigkeitsball für den Reichskrüppel geben. Sei luſtig Lipp! Sie tanzen für dich.“ Eugen konnte nicht umhin, Kaidl ſeinen Unmuth über die Art auszuſprechen, wie er ihm Verpflichtungen aufhalſe, er verſprach indeß dem Reichskrüppel alle nur mögliche Unterſtützung. Immer ſchwerer empfand er, was es heißt, mit leeren Händen Menſchen helfen zu wollen. Er nahm den Lipp mit in die Wirthsſtube und ließ ihm dort etwas zu eſſen geben. Der Sonnen⸗ wirth, der ſich anheiſchig gemacht hatte, für Eugen ſeine Schuld an Kaidl zu bezahlen, ſchüttelte über 328 dieſe Freigebigkeit bedenklich den Kopf. Das ging Eugen wie ein ſcharfer Schnitt durch die Seele, er legte die Hand auf den Brief in der Bruſttaſche und dachte in ſich hinein: Du kannſt doch nicht ermeſſen, was zu ertragen iſt. Bart er kam m und der der vieler riumte K Eugen 5 Ales au wer er ſ eines fre weſen be Ankauf b und von ſagte er zunicken Bartel ganz en „ die gan ſchlafen — 8 6 . . — —— Siebzehntes Rapitel. Bartelmä brachte Heiterkeit über Eugen, er kam mit einer Fuhre von vier großen Kiſten und der Sonnenwirth ward freundlicher, als er der vielen Habe Eugens anſichtig wurde. Nun räumte Kaidl ein Zimmer im Schulhauſe und Eugen hatte den Tag über vollauf zu thun Alles auszupacken; er mußte ſich oft beſinnen, wer er ſei, da er hier auch äußerlich das Erbe eines fremden Menſchen antrat. Zu ſeinem Leid⸗ weſen bemerkte er, daß er durch den voreiligen Ankauf bei Kaidl jetzt zwei Klaviere und Betten und von vielen Büchern Dubletten beſaß. Bar⸗ telmä war bei der Hülfeleiſtung guter Laune. „In dem Bett darf ein Graf ſchlafen,“ ſagte er einmal und Eugen mußte ihm ſcharf zunicken, denn Kaidl ging muſternd aus und ein; Bartelmä blieb ſtumm, bis ſich Kaidl endlich ganz entfernte, dann brach er los: „Hab gemeint, ſo eine Revolution verändert die ganze Welt und noch drei Dörfer und jetzt ſchlafen die Leute wieder in ihren alten Betten, 330 war nichts als eine Paukerei, am andern Tag büffelt man wieder und trinkt ſein Quantum Stoff. War doch ein herrlich Leben! Das Bier gut und ſtets eine geſattelte Lokomotive im Stall, landauf, landab, iſt aber doch nicht ſo vergnüg⸗ lich, wie eine offene Kaleſche mit zwei Schimmeln, wo man nur mit der Zunge ſchnalzt und brr! rennt's auf der offenen Landſtraße dahin. Re⸗ quiſition iſt die ſchönſte Erfindung der Welt, koſtet wer's zahlt. Ich meine immer, es ſei Alles nur Spaß und der Kronenwirth drunten in der Hauptſtadt nimmt's nicht ſo ernſt, aber die Kameraden, die erſchoſſen ſind und die Flüch⸗ tigen gemahnen doch, daß es anders iſt. Bin noch immer wie eine Fliege, die aus der Butter⸗ milch kommt, ſchad't nichts. Hör einmal, Bruder, verſchreib mir deine Sachen da; wenn ſie dich fangen, nehmen ſie Alles für Prozeß⸗ koſten.“ Eugen hörte kaum den luſtigen Schelm, denn er hatte ſich in dieſes und jenes Buch vertieft, er blätterte in Dinter's Unterredungen über den Katechismus und in anderem und ſah, daß man immer mehr darauf hinarbeitet, einen Beruf, der weſentlich Naturgabe ſein muß, in erlernbare Fertigkeit umzuwandeln. Er wendete ſich zu gnderm un in ſeinen glö Bartel ſogte „Du jtt heirat Lraume, e das klirrer öfnete ſich heiden dor „Sie ſagte der Euge Hiſcher a erreichen? gewann o „Was g rechtigkei Auftrag. Ohr flüſt „Bartel Stelle u wiederko Eu liſſges Alles 9 331 — anderm und hörte eben jetzt die Stimme Fichte's Sier in ſeinen Reden an 3 deutſche Nation; erſt Sul als Bartelmä ihm auf die Schulter klopfte und 64½ ſagte: „Du haſt zwei gerichtete Betten, du mußt „„ jetzt heirathen,“ erwachte Eugen wie aus einem 6 Traume, er ſchaute ſich um, da hörte man plötzlich — das klirrende Anſtellen eines Gewehres, die Thüre öffnete ſich und in ſtarrem Schreck erblickten die 3 beiden dort einen Gendarmen. 5„Sie ſollen mit mir kommen, Herr Lehrer,“ ſagte der Gendarm. üch⸗ Eugen ſtand ſprachlos. Sollten ihn die Bin Häſcher auf der Schwelle des neuen Daſeins ſchon x. erreichen? Wer hatte ihn verrathen? Bartelmä nmal, gewann aus ſeinem Schreck bälder die Sprache. wenn„Was giebt's?“ fragte er. Der Arm der Ge⸗ zeß⸗ rechtigkeit wußte aber nichts weiter als ſeinen k Auftrag. Bartelmä wollte Eugen etwas in's denn Ohr flüſtern, aber dieſer ſagte mit ruhiger Faſſung: rtieft„Bartelmä, er bleibt hier, er geht nicht von der den Stelle und ſpricht mit keinem Menſchen, bis ich man wiederkomme.“ der Eugen fürchtete nicht mit Unrecht ein fahr⸗ bare läſſiges Wort Bartelmä's, der in ſeiner Angſt zu Alles verrathen konnte, wo vielleicht die Gefahr 332 noch abzuwenden war. Bartelmä ſchaute ver⸗ wundert durch das Fenſter Eugen nach, der ſichern Schrittes und in ſtolzer Haltung mit ſeinem Geleite das Dorf hinaufging. Eugen war ſich nur des Einen bewußt, daß er ſein Schickſal mit Würde vertreten wolle; jeder Nerv in ihm ſpannte ſich. Am Rathhauſe aber, von wo man großen Lärm hörte, verließ der Schar⸗ wächter plötzlich unſern Freund und dieſer ſchaute ſich und die Welt verwundert an; er hatte ſich von einer Einbildung peinigen laſſen. Als Kronauer auf ihn zukam und ihn fragte, ob er das Rathsſchreiberamt bei der Gemeinde über⸗ nehmen könne, antwortete er nicht, es ſtand jetzt lebendig vor ihm, wie er zwiſchen Schwertſpitzen ſich hindurch zu bewegen hätte. „Warum hat man mir einen Gendarmen geſchickt?“ fragte er. „Das hat unſer fauler Dorfſchütz gethan,“ erwiederte Kronauer,„der glaubt, nicht vom Flecke zu dürfen, wühlen zu müſſen, damit er einen Meiſter nach ſeinem Geſchmack bekomme.“ Er erklärte nun Eugen, daß falls er in dem Geſchäfts⸗ gang noch unerfahren ſei, er ihm Anleitung dazu geben wolle, es handle ſich nur noch um ſeine Einwilligung, dann bekäme der Zuberfranz das Mehr und geniß zift wie zu den ſhaft gehör Reicheren oben die man den Mehr den untern Dot Sieg, wen verſchaffe. Eugen wi in die Ra ſeine Einn verkündete wußte ſich und Eugen Bartelmä Rathsſtub der bethet Ablehnun traurigen mals i dieſer w zugleich amen 333 Mehr und Eugen werde mit ſeinem Schultheiß gewiß zufrieden ſein. Kronauer erklärte noch, wie zu den traurigſten Folgen der neuen Knecht⸗ ſchaft gehöre, daß keiner der Angeſeheneren und Reicheren aus Ekel an den Hudeleien von oben die Stelle annehmen wolle, und wenn man den Zuberfranz nicht bekäme, würde das Mehr dem übelberufenen Krämer Maier im untern Dorf zufallen; es ſei überdieß ein ſchöner Sieg, wenn man dem armen Manne die Stelle verſchaffe. Es hätte nicht ſo vieler Zureden bedurft, Eugen willigte mit Freuden ein. Er trat nun in die Rathsſtube, wo der Amtmann tagte, gab ſeine Einwilligung, eilte zu Bartelmä zurück und verkündete ihm was vorging. Die alte Haut wußte ſich vor Freude faſt gar nicht zu faſſen und Eugen hatte Noth, ſich von den Umarmungen Bartelmä's loszumachen. Als er wieder in die Rathsſtube kam, hörte er die Rede Kronauers, der betheuerte, daß kein anderer Grund ihn zur Ablehnung beſtimme, als ſeine Allen bekannten traurigen Familienverhältniſſe; er empfahl noch⸗ mals in warmen Worten den Zuberfranz und dieſer wurde nun auch gewählt und mit Eugen zugleich vom Amtmann feierlich beeidigt. 334 In der Narbe an der rechten Hand Eugens zuckten Pulſe, als er ſie zum Gelöbniß dar⸗ reichte. So war nun auch Eugen in die Regierung des Dorfes eingetreten, bälder als er geahnt hatte. In lebung a nohme v Amtes w von dem wußte. tore's ta ſchleierter der Aust nichts. ſolchen V Abend m die verſp ihnen de von Erl Vemich droß hebens Taſche andern ein St ierung geahnt Achtzehntes Rapitel. In der Einordnung ſeiner Habe, in der Uebung auf der Orgel, ſo wie in der Einſicht⸗ nahme von den Obliegenheiten ſeines neuen Amtes war Eugen ſo vollauf beſchäftigt, daß er von dem andern Leben im Dorfe gar nichts wußte. Die Erinnerung an die Erzählung Vit⸗ tore's tauchte nur manchmal auf wie ein ver⸗ ſchleierter Traum und von den Vorkehrungen der Auswanderer im Dorfe erfuhr er faſt gar nichts. Er hatte es vergeſſen, daß er einen ſolchen Wunſch geäußert, als Kaidl am Samstag Abend mit der Erfüllung deſſelben kam und ihm die verſprochenen Aufzeichnungen brachte, er hatte ihnen den Titel gegeben:„Der Straßenſpiegel von Erlenmoos, oder das Kaffernbuch. Ein Vermächtniß von Alerander Kaidl.“ Es ver⸗ droß Kaidl ſehr, daß Eugen nicht mehr Auf⸗ hebens davon machte, ſondern es ruhig in die Taſche ſteckte. Eugen mußte verſprechen, ihm andern Morgens, da er„abflattern“ wollte, noch ein Stück Weges das Geleit zu geben. 336 Als kaum der Tag anbrach, herrſchte ſchon lebendiges Treiben im Dorfe, Wagen waren mit neu angeſtrichenen Kiſten bepackt, in allen Häuſern war man wach, Männer und Frauen, Burſche und Mädchen gingen von einem zum andern und Thränen ſtanden überall in den Augen. Endlich waren die Wagen beſpannt und ein großer Zug bewegte ſich das Dorf hinaus, alte Leute wurden mit Zipfelmützen in den Fenſtern ſichtbar und riefen noch:„Gluck zu!“ Einige Burſchen wollten das Heckerlied anſtimmen, aber ſie wurden zur Stille verwieſen und lautes Schluch⸗ zen wurde hörbar. Vittore ſtand mit ihrer Mutter am Gartenzaun, ſie küßten die Schulmeiſterin, die vor Schmerz kaum mehr gehen konnte, und gaben den andern die Hand. Eugen ging mit Kaidl und Bartelmä, die Kinder gingen Hand in Hand hinter ihnen. Kaidl, der ſeinen berühmten Büchſenranzen umgehängt hatte, rauchte ſchnell, er ſprach faſt kein Wort, nur einmal ſagte er halb zu ſich:„Das Einzige, was mich ſchon jetzt an Amerika ärgert, iſt, daß ſie ſich auch dort ſo viel mit Pfaffen und Kirchen zu thun machen. Neun und neunzig Hundertſtel der Menſchen ſind nicht werth, daß ein ehrlicher Kerl ſie anſpeit.“ Der Zug glich faſt einem 5 2 5 Leichenb uf ew A dort an vot w die bre ger S ſulte ſprach eure Hört Seel deu Nutſ ausg Weh wer auf woll ſt eur Fr ve geſ we einem —— 887 Leichenbegängniſſe, denn dieſe Menſchen ſchieden auf ewig von einander. Als man auf der Höhe angekommen war, dort an jenem geſtützten Apfelbaume, wo Eugen vor wenigen Tagen geſeſſen hatte, warf Kaidl die brennende Cigarre weg und rief mit mächti⸗ ger Stimme:„Halt!“ Alles ſtand ſtill. Kaidl ſtellte ſich auf die Erhöhung an dem Baume und ſprach: „Hier, ihr Brüder und Freunde, hier iſt eure Gemarkung, hier laßt uns Abſchied nehmen. Hört noch einmal meine Worte, ſie ſollen euren Seelen die Hand reichen auf ewig. Deine Führer, o deutſches Volk, ſind vertrieben; du mauſerſt dich deutſcher Adler, deine Schwungfedern ſind dir ausgeriſſen. Laß ſtärkere nachwachſen. Fluch der Wehmuth! Vergeſſet nicht, was uns forttreibt, wer uns forttreibt. Fluch ihnen! Ich ſcheide auf ewig. Was kann ich euch anderes verkünden wollen als die Wahrheit? Darum was ich euch ſage, laſſet in euer Herz flammen und in das eurer Kinder. Geſchrieben ſteht: einſt im ewigen Frieden werden ſich die Schwerter in Pflugſcharen verwandeln— ich aber ſage euch: bevor das geſchieht, müſſen die Pflugſcharen zu Schwertern werden, dann wird der Feind vertilgt ſein! Geht 20 338 hinein zu eurem Pfarrer, dieſes Wort des Pro⸗ pheten Jeſaias wird er euch nicht verkünden, denn es heißt: Die, ſo das Getraide einſammeln, ſollen es auch eſſen, und die den Wein einbringen, ſollen ihn trinken, ſie ſollen nicht umſonſt arbeiten, noch unglückliche Geburt gebären. O Deutſchland! Deine Nachtwächter, deine rechnungtragenden Packeſel werden dir das Gegentheil vorleiern; ich aber ſage euch: Noch lange, bis Alles ge⸗ ſchlichtet iſt, gilt der Ruf: Unruhe iſt die erſte Bürgerpflicht Wenn wiederum die Würfel rollen, müßt ihr zweimal drei Hundstatzen werfen, dann iſt das Spiel gewonnen. Vertilgen, bis auf's letzte Glied ausrotten müßt ihr—“ „Ruhe! Du biſt unſer Gefangener,“ riefen plötzlich ſechs Gendarmen, die mit angelegten Gewehren aus dem Wald hervorbrachen. Ein Tumult entſtand, die Gendarmen waren unverſe⸗ hens von einer großen Menge umringt, die Weiber heulten, die Kinder ſchrieen, ſterben wollten die Burſchen alle, aber Kaidl nicht gefangen nehmen laſſen. Eugen beſchwor Alle Ruhe zu geben und es gelang ihm, die Gendarmen dahin zu bewegen, daß ſie Kaidl freigaben, wenn er nicht weiter rede. Mit den Worten:„Gut Nacht Deutſch⸗ land, ſchlaf wohl, das ſind deine Cherubim, die iber diq N rathen, hiet re per fan ihn dr Vager nit de nit S vor ſ Tage Bart ein e trau läch die zu dr die h —————— über dich wachen,“ ſtieg Kaidl auf den Wagen, er ſagte noch ſchnell zu Bartelmä: „Mich hat nur der Fragſamenhändler ver⸗ rathen, ich hab es Niemanden geſagt, daß ich hier reden will, als ihm. Nimm dich in Acht, der kann ein Spion ſein.“ „Und wenn er zwölf Leben hat, ſchlag ich ihn dreizehnmal todt,“ entgegnete Bartelmä. Der Wagen fuhr raſch davon, alle anderen folgten mit dem tumultariſch Aufgeſtiegenen. Eugen ging mit Bartelmä nach Hauſe, ihm brannte der Kopf vor ſolcher Aufregung am frühen Morgen nach Tagen voll ſchwerer innerer Arbeit. „Der Kaidl iſt doch ein ganzer Kerl,“ ſagte Bartelmä,„ex hätte groß werden können, er iſt ein echter Volksmann.“ „Was nennſt denn du Volk?“ „Alles was geſchmierte Stiefel trägt und traumlos ſchlaft.“ „Iſt auch eine Definition,“ entgegnete Eugen lächelnd.„Ich denke auch beſſer von Kaidl als die Anderen. Im gewöhnlichen Leben ſpricht er zu nachdrucksvoll und verfehlt darum den Ein⸗ druck, er überhaut ſich wie beim Fechten und trifft die Luft und fällt faſt ſelbſt um. Der Kaidl hätte Großes wirken können, aber weil er ſich 22* —= 62 3— 340 im Worte übernimmt, iſt er bös, daß er ganz abblitzt und die Halblinge ihm gegenüber als ge⸗ ſcheit daſtehen. Was ſagſt du aber zu Kaidl's Volksverachtung?“ „Iſt juſt nicht nöthig, ſchadet aber auch nicht. Iſt oft beſſer als zu viel Liebe, wie du ſie haſt.“ „Ich? wie meinſt du?“ „Du haſt beim Herausgehen die Vittore ſo angeſehen, daß ich faſt fürcht', du gehſt mir in's Gäu.“ „Dir? du haſt ja Bekanntſchaft mit dem Kätherle, das hab ich am erſten Tag geſehen, wie der Hund zwiſchen dir und ihr hin und her gelaufen iſt.“ „Ich will's nicht läugnen mit dem Kätherle, aber die Vittore möcht ich heirathen; ich wär ein ſchöner Müller und der Vittore gehört ein echter Freiheitsmann, ſie hat mehr gethan als wir Alle.“ „Wie das?“ „Ein Mädchen, das als die ſchönſte im ſchönſten Putz glänzen kann und nicht mag, thut mehr als alle Heldenthaten. Vor drei Jahren haben unſre Kümmelſpalter, die Landſtände, darauf angeſpielt, die Fürſtin ſoll nicht immer in fremde Bäder reiſen und das Geld außer Landes ver⸗ ſhleppen ßürfin gunfen, ordnet, Choral oder V xſinne hlößen einem ſeht: Louiſe Amtm ſonder ihrem Bäue anſta nihr heite Geſ und Bä Pi da üb — ſchleppen, und weil ſie Geld bewilligt haben zur neuen Quellenfaſſung im Hudelbad, jetzt Auroren⸗ bad genannt, zwei Stunden von hier, iſt die Fürſtin dahin gegangen und hat den Säuerling ge⸗ trunken, und hat zu ewigem Heil der Menſchheit ver⸗ ordnet, daß die Bademuſik alle Morgen mit einem Choral anfangen muß und nicht mit einem Hopſer oder Walzer. Wo eine von den ſittſamen Prin⸗ zeſſinnen zu ſitzen geruht hatte, ſind jetzt Wald⸗ blößen und da iſt ein landesfarbiger Pfahl mit einem Täfelchen aufgeblüht, darauf geſchrieben ſteht: das iſt die Feodorenhöhe und das die Louiſenruhe und das der Mathildenbuckel. Der Amtmann von St. hat der Fürſtin eine be⸗ ſondere Huldigung machen wollen und hat zu ihrem Namenstage einen Zug von Bauern und Bäuerinnen in den verſchiedenen Trachten ver⸗ anſtaltet, natürlich Alle fein ſauber und wohlge⸗ nährt, mit idylliſchen Zufriedenheitsbacken in den heiteren Sonntagsgeſichtern. Das war ein ſchönes Geſchäft für ihn, auf die Beſchau herumzureiſen und ſich die ſchönſten auszuſuchen und ihnen Bänder und allerlei Flitter zu ſchenken. Die Vittore hat er auf dem Rathhauſe auserwählt, daß ſie die Anführerin ſein und einen Kranz überreichen und ein Gedicht in Bauernkleidern, 342 ich meine im Dialekte, ſprechen ſoll. Meine Vittore ſagt aber friſchweg: Nein, ich will nicht. Sag ehrlich, iſt das nicht mehr als wir Alle ge⸗ than haben? Drum heirath ich ſie auch, auf Einer Seit iſt's ſchon richtig.“ „Kannſt du mir nicht angeben,“ fragte Eugen, „wer der Bernhard von Trenzlingen iſt?“ „So? Weißt auch ſchon von dem? Das iſt mit uns beiden der dritte Prinz, der um die Vittore freit; er iſt ein Prachtburſch, ein Doktor, verſteh mich recht, ein Mühlendoktor. Der Bern⸗ hard iſt ein echter Prinz, denn ſein Vater iſt der Waldkönig von Trenzlingen da drüben, der Flötzer trinkt dir ſeine zwölf Schoppen auf Einem Fleck und macht die Nagelprob ſo gut wie ein anderer König; er iſt der reichſte Walbbeſitzer und Holzhändler und hat ſechs dreigebiſſige Säge⸗ mühlen, die kauen ihm die Bäume zu Brettern. Der Bernhard war ein Jahr in der polhtech⸗ niſchen Schule und hat ſeines Vaters Mühlen neu hergerichtet, er kommt, wie ich höre, nächſten Winter auf länger hierher, um dem Bachmüller ein Turbinenrad in ſein Klapperwerk einzurichten. Der Bernhard verarbeitet zu ſeinen Rädern nur Kernholz. Und ein hübſcher Burſch iſt der Bern⸗ hard auch. Wir Alle, wenn wir einen ganzen Bart haben, ſ ſhn, de Meſſr mß die gräder Grfallen guhift Vyldba Littore wie ein Kopf kr mädle, an, da L ausſpa der L war. Empo Pfarr wand predi der Fürſ und der haben, ſehen doch nur aus wie unraſirte Men⸗ ſchen, der Bernhard hat wie Simſon nie ein Meſſer in's Geſicht gebracht. Einer von uns muß die Vittore holen, eh wir vom Bernhard gerädert werden. Ich bitt dich, thu mir den uhen Gefallen und laß' ſie mir. Der Mühlbach hat Prachtforellen, die ſchmecken wie fleiſchgewordener 6 Waldbach, aber die prächtigſte iſt doch meine Vittore und mit leerer Hand ſo ſchwer zu fangen wie eine Forelle, wenn man ſie nicht gleich beim Kopf kriegt. Meine Vittore, ja, die iſt ein Kern⸗ eriſ mädle, die hat ein paar Backen, denen ſieht man's der an, daß ſie ſchnalzen, wenn man ſie kneift.“ inem Dieſe Erzählung, die Bartelmä behaglich eein ausſpann, gab Eugen wieder ſo viel Ruhe, daß der Lärm des Morgens faſt ganz verklungen war. Er bedurfte dieſer Ruhe wohl auf dem Empor an der Orgel. Er hatte erwartet, der Pfarrer würde einen Nachruf an die Ausge⸗ wanderten ſprechen; dafür kam eine Huldigungs⸗ predigt für den wegen der Ernte in der Mitte . 3 —— üller der Woche hier nicht gefeierten Geburtstag des en Fürſten. Sprüch. Salom. Capitel 16 V. 8: „Fürchte Gott mein Sohn und den König Bern⸗ und laß dich nicht mit Aufrührern ein,“ war Bart der Tert, den nach herkömmlicher Weiſe für 344 dieſen Tag der Fürſt ſelber ausgewählt hatte, aus derſelben Bibel, aus welcher Kaidl auf offenem Felde einen andern Spruch verkündet hatte. Eugen hatte gehofft, daß er mindeſtens in der Nachmittagskirche der Gemeinde feierlich vorge⸗ ſtellt würde, er täuſchte ſich auch hierin. Nach dem Gottesdienſte ließ ihn der Pfarrer rufen und ſagte ihm, er ſolle morgen allein die Schule beginnen, er reiſe noch heute zu dem ausge⸗ ſchriebenen Kirchentage.— In dem Wirthshauſe zur Sonne lernte Eugen jetzt zum Erſtenmal in friedlicher Weiſe den Gemeinderath und die angeſehenſten Bauern des Dorfes kennen. Es ſchien ihm jetzt, daß er ehrerbietiger behandelt wurde als bei den erſten Begegnungen, er deutete ſolches dahin, daß man die entſprechende Achtung einem nun ſelbſt ver⸗ liehenen Amte zollte. Der neuerwählte Schult⸗ heiß ließ ſich nicht dazu bewegen, einen Freitrunk für ſeine Wahl zu ſetzen und ſchien vorerſt ſeine Würde darin zu behaupten, daß er faſt gar nicht ſprach und ſich ſtill das Kinn ſtreichelte. Man redete von den Ausgewanderten, aber von einer gemüthlichen Beziehung zu ihnen, die nun abge⸗ geriſſen war, ließ ſich nichts erſehen; die Aecker, die man ind vie in de ſund de zwiſchen zngen angelege b. ſchichter der von ugune ſdem us ſei nanch ſchiene aufge ſch hatte Men forſch dig gew deln derh ma ihr —— ————— 345 die man von den Abgeſchiedenen gekauft hatte, und wie dieſer und jener Dünger genug haben und die Zieler bezahlen wolle, war Hauptgegen⸗ ſtand des Geſprächs. Die Rede Kaidl's, die zwiſchen hinein erwähnt wurde, ward raſch über⸗ gangen und ſo oft das Geſpräch an Staats⸗ angelegenheiten ſtreifte, brach man plötzlich ab. Es hatte ſich hier offenbar eine Ver⸗ ſchüchterung und ein Mißmuth feſtgeſetzt. Eugen, der von dem Drange geleitet wurde, ſeine Ueber⸗ zeugungen überallhin auszuſpenden, ſich ſelber jedem klar zu machen und zugleich einen Jeden aus ſeinem innerſten Weſen zu erforſchen, warf manchmal einzelne Bemerkungen hin, aber ſie ſchienen wie Stimmen aus einer fremden Welt aufgenommen zu werden, und er ſelber erſchien ſich wie aus fremder Welt kommend. Er hatte ſich's leicht und lehrreich gedacht, die Menſchen aus freier Höhe, gleichſam natur⸗ forſchend zu betrachten und ihnen zugleich leben⸗ dig theilnehmend beizuſtehen; jetzt wurde er gewahr, daß nur ein flüchtig Reiſender die wan⸗ delnden Menſchenerſcheinungen und ihre Beſon⸗ derheiten als pſychologiſche Präparate anſehen mag. Wer die Welt ſein eigen nennen will, muß ihr ganz angehören und alle ſtolzen Hochburgen, 346 die den Rückzug decken können, abbrechen. Es gilt die That, die alle Lebenskraft aufbrennende, und nicht ein vom geborgenen Daſein ſich ab⸗ löſendes Wort... Mitten unter den Geſprächen über Alltäg⸗ liches hatte ſich Eugen hinausgeſchwungen in's Weite und ſtellte ſich in die Reihe aller Derer, die ihr Leben ihren Mitmenſchen opferten. Als er ſich jetzt zum Weggehen anſchickte, ſagte der Bachmüller:„Ihr ſehet aus, als ob ihr Heimweh habet.“ „Ja wohl Heimweh,“ erwiederte Eugen, er konnte nicht ſagen, welches er empfand. Ueber'm Schulhauſe und auf der Kirche ſammelten ſich die Schwalben in großen Schwär— men zum Wanderfluge. Eugen ſah ihnen eine Weile zu, dann ging er hinein in ſeine Siedelei, die er ſich mitten unter den Menſchen erobert hatte. Mannheim. Schnellpreſſen-Druck von Heinrich Hogrefe. — — 2. 2 ₰— = — ——— — 2 rey Control Chart Green Nellow Red Magenta Grey 2