o.— ¹ ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 6 . eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe. 3 6 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zürückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: et „ 3.„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte B' her(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenprei erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . e Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſF ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ ſ ——— —— — E. Das Lundhaus am Rhein. ½ Roman von Berthold Auerbach. In drei Bänden. Dritter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1869. Ueberſetzungsrecht vorbehalten. Elftes Buch. Erſtes Capitel. Im Gleichſchritt wanderten Roland und Erich über die Berge landeinwärts. Zu keiner Zeit wandelt ſich's beſſer, als am friſchen Herbſt⸗ tage; auf den Wieſen weiden die Kühe, auf den Feldern werden die letzten Früchte eingeheimſt, das Laub der Bäume ſpielt in allen Farben und in der Luft liegt etwas wie thauige Abend⸗ kühle, es iſt der Abend des Sommers, der nun eintritt; die ganze Natur erſcheint wie geſättigt nach Vollendung der Arbeit. Erich und Roland wanderten dahin, als müßten ſie immer ſo fortwandern und nirgends Raſt halten, ziellos, immer im gleichen Schritt. s erzählte Erich von ſeinem eigenen Lebensgange, Unterweg aber in ganz anderer Weiſe, als damals Clodwig und nachher 3 Sonnenkamp. te freie Wanderung mit Er hatte das Gefühl, daß er die letz Roland machte, und dieſer beſtätigte ſein Gefühl, indem er Erich mittheilte, daß Prancken bereits eine Uniform für ihn beſtellt habe; 3 er werde noch im Spätherbſt in das Cadettenhaus eintreten. Netzt auch ſprach Roland zum erſten Mal von Knopf, der er ſagte offen, daß es ihm wohl⸗ Leben eintrete, den Magiſter noch u verſöhnen. Erich erfuhr, wie ſchwer Roland ſeinen ehemoligen Lehrer verletzt hatte. Er hatte ihm, während er ſchlief, in Gemein⸗ ſchaft mit einem früheren Kammerdiener Sonnenkamps, und von Auerba. Landhaus am Rhein. IMI. auf Mattenheim Lehrer war; thue, bevor er in ein anderes —— — dieſem dazu angereizt, die Hälfte ſeines Bartes abgeſchnitten; er bereute das aufrichtig und wollte es Herrn Knopf bekennen. Immer mehr entfernten ſie ſich vom Rhein und kamen in dürftigere Landſchaft. Da begegneten ihnen Menſchen, d Schweine und Schafe führten; auch erle wohlgeordnet getragen. Die Wanderer erfuhren, daß bei Mattenheim ein großes Gau⸗ feſt abgehalten werde. Sie kamen in das unweit des Weidmann'ſchen Gutes gelegene Dorf; es war mit Fahnen geſchmückt, und auf Wagen mit Guir⸗ landen verziert ſtanden Bauern und Bäuerinnen und ahmten ſpielend ihre Handthierungen nach. Da war ein Wagen mit Dreſchern, andere mit Schnittern, Winzern, Webern, Schindelmachern, Holzfällern; alle ſchwere Arbeit war zum Spiel geworden. Die Pferde und Ochſen, die vor die Wagen geſpannt waren, trugen Blumenkränze und Bänder; die Menſchen jauchzten und jubelten und hießen die Ankömmlinge will⸗ kommen. Am Rathhaus des Dorfes hingen Fahnen; dort oben, hieß es, hält Weidmann einen Vortrag. Roland und Erich gingen hinauf. In großen Saal ſtand Weidmann hinter einem Tiſch und gab den Leuten eine wiſſenſchaftliche und dabei durchaus faßliche und auf das Nächſte abzielende Anweiſung, wie man am beſten Fleiſch mache; ſo nannte er die Fütterung.„Fleiſch machen“ war ſein Hauptwort und dabei bezeichnete er die Futtermengen, wie Rüben und Helkuchen ſich ergänzen und aushelfen müſſen. Er legte beſondern Nochdruck darauf, daß Alles nur durch Sorgfalt den gehörigen Vortheil bringe. Er ſetzte den Leuten auseinander, wie ſie es mit einem kleinen Gute beſſer hätten als er ſelbſt; ſie könnten Alles unter Augen haben, während er ſich auf Knechte verlaſſen müſſe; und da ſei beſonders der Montag kenntlich, denn am Sonntag werde immer ſchlecht gefüttert. Er wiederholte mehrmals, wie im Umkreis von wenigen Stun⸗ den mehr als eine Million hinausgeworfen werde dadurch, daß das Gras zu ſpät zu Heu wird, indem man es erſt todtreif einheimſt. Das Alles wußte er mit gutem Humor vorzutragen. e herausgeputzte Kühe, i ſene Feldfrüchte wurden — Er eiferte gegen die Gemeindeweiden, und zielte immer darauf hinaus, daß die Menſchen unverſtändig und Verſchwender ſeien, da ſie nicht verſtehen wollen, ſich gute Nahrung zu bereiten. Roland hörte ſtaunend, wie da ein Mann ſich ſo warm er— eiferte, daß ſeine Mitmenſchen den Verſtand gewinnen, um ſich gut zu nähren. Nachdem Weidmann ſeinen Vortrag geendet, begrüßte er Erich und Roland herzlich, und als Erich ſeine Freude über den Vortrag ausſprach, ſagte er:. „Ich ſollte auch einmal Pfarrer werden, der Sohn des Pfarrers ſteckt noch in mir.“ „Es wird ſo viel Geiſt gepredigt,“ entgegnete Erich;„es iſt gut, daß Sie einmal Fleiſch predigen.“ Sehr ernſt erwiderte Weidmann: „Ich läugne aber den Geiſt durchaus nicht, ja es wird mir immer unbegreiflicher, wie es Menſchen fertig bringen, nicht an Gott zu glauben; ich ſpüre ihn überall.“ Man ging auf die Straße, wo der feſtliche Zug vorüberzog. Voraus ſchritt die Feuerwehr des Orts und der angrenzenden Dörfer, ſchöne friſche Burſchen in grauleinenen Gewändern mit dem gelben blinkenden Helm auf dem Kopf. „Das iſt eine neue Ordnung unſeres Lebens,“ ſagte Erich zu Weidmann, und dieſer erwiderte: „Ja, das hatte keine Zeit vor uns, und wer weiß, welche weiteren, in Reih und Glied ſtellenden Organiſationen ſich daraus entwickeln.“ 3 Die Wagen mit den luſtigen Inſaſſen fuhren vorüber; von den Hanfbrecherinnen wurde manchmal im Scherz Häckerling auf die Gaffenden geſtreut; von einem Wagen wurde neuer Wein ge⸗ reicht und fröhliches Leben entwickelte ſich. Die Luſtigkeit des Weinlandes wie des Ackerlandes vereinigte ſich hier. Man ging auf den Feſtplatz, wo jetzt die Preiſe vertheilt wurden; dann führte Weidmann ſeine Gäſte in der Ausſtellung landwirthſchaftlicher Werkzeuge umher und lobte die Einrichtung, daß die beſſeren neuen Werkzeuge durch Verloſung unter das Volk kommen. „Es iſt ſchwer,“ betonte er,„den Bauer zu etwas N 1 bringen; der Bauer muß das conſervative Element verbleiben, doch ſoll er zugleich die Fortſchritte der neuen Zeit ſich aneign — Er ſprach von einem längſt gehegten Plan, landwirthſchaft⸗ liche Miſſionäre auszuſchicken, oder vielmehr einzelne angeſeſſene Bauern zu Miſſionären zu machen, denn gegen einen Mann mit gelehrter Sprechweiſe hätte der Bauer immer ein Mißtrauen. Roland ging in der Ausſtellung und unter dem verſammelten Volke umher, wie wenn er plötzlich in eine andere Welt verſetzt wäre. Nur wenige Stunden von Villa Eden lebte ein Mann, der mit ſolchem Eifer arbeitete, um ſeinen Mitmenſchen zu guter Nah⸗ rung zu verhelfen. Und was wollen denn wir? Erich ſah eine glückliche Fügung darin, daß Roland die An⸗ ſchauung eines thätigen Lebens gewann. Er durfte nicht ein— greifen, ihn nicht geradezu vom Soldatenſtande abwendig machen. Eine Darſtellung des Widerſtreits, in den er ſelbſt mit ſeinem früheren Beruf gekommen war, half dem Jüngling nichts, der jetzt nur das Schimmernde und Lockende des Soldatenſtandes ſehen konnte. Vielleicht gewinnt Roland nun den rechten Beruf in der Land⸗ wirthſchaft, wo ſich unmittelbar für Viele wirken läßt. „Sie müſſen meine Schweine ſehen,“ drängte Weidmann, „ſechs Wochen alte Yorkſhire⸗Schweine.. prächtige Geſchöpfe!... Finden Sie auch die Schweine widerwärtig? Kann mir's denken. Aber, junger Freund, von der Fleiſchnahrung unſeres Landes beſteht ſiebzig Procent aus Schweinefleiſch, zwanzig aus Rind— und nur zehn aus Schaffleiſch, Geflügel, Wild u. ſ. w., während in Frankreich ſechzig Procent Hammelfleiſch gegeſſen wird.“ Die Yorkſhire⸗Schweine waren in der That ſehr ſaubere Er⸗ ſcheinungen.. Die Preiſe waren vertheilt, der Volksjubel tummelte durch einander und Erich ſuchte ſeinem Zögling zu zeigen, daß das ein Feſt ſei, das ſich das Volk ſelber macht, von keiner Staats⸗, von keiner Kirchengewalt angeordnet. Weidmann, der etwas da⸗ von hörte, ſetzte lächelnd hinzu: „Ja, das iſt unſere neue Selbſtverwaltung in allen höheren und in allen niedern Dingen. Wir haben keine Verwalter un— ſeres Lebens mehr, ſeien ſie in Talaren oder Uniformen.“ Es war Zeit, daß man zum Tanze ging; Muſik tönte hell. Sie traten in das Wirthshaus zum Raben, an welchem ein grüner bebänderter Strauß ausgehängt war; Bauern und Bäuerinnen tanzten im luſtigen Reigen. Auf einer kleinen Erhöhung bei den 0 Muſikanten ſtand Knopf, der die Flöte blies; er nickte den Ein⸗ tretenden zu. Roland faßte zitternd die Hand Erichs und deutete auf mehrere wohlgekleidete Menſchen, die um den mit einer rothen Decke bedeckten Tiſch ſaßen. „Da iſt ſie! Da iſt ſie!“ Ein ſchlank erwachſenes Kind, roſig erblüht, mit langen auf⸗ gelöſten Haaren ſaß neben einem hochgewachſenen Manne. Es war der Neffe Weidmanns, Doctor Fritz aus Amerika. Knopf gab dem Trompeter neben ihm einen Wink, der Tanz hörte auf und nun kam er herab und reichte Erich und Roland die Hand. Unter ſeiner großen Brille traten ihm Thränen in die Augen, die auf die Gläſer fielen, ſo daß er die Brille abthun und die Ankömmlinge blinzelnd anſchauen mußte. „Sie kommen zur guten Stunde, zur beſten. Wir feiern das Gaufeſt.“ „Verzeihen Sie mir...“ rief Roland. „Iſt ſchon lange geſchehen. Du biſt— Sie ſind ja ein ſtatt⸗ licher Jüngling geworden. Kommen Sie.“ Er führte die Beiden nach dem großen Tiſch und ſtellte Erich der Frau Weidmann vor. Noch ein Anderer, der hinter dem Tiſche ſaß, reichte Erich und Roland die Hand; es war Fürſt Valerian, der als Zögling bei Weidmann lebte. Zwei Söhne Weidmanns, Doctor Fritz aus Amerika und ſein Kind wurden ebenfalls vorgeſtellt. Roland und das Mädchen ſchauten einander wie träumend an. „Vater, das iſt der Waldprinz, den ich geſehen habe,“ ſagte das Mädchen. Roland ſchaute betroffen um beim Toné dieſer Stimme; wenn die Glocken der Maienblume Stimme gewinnen, gerade ſo müßten ſie tönen. Wie ſchnell erwachſen war aber Lilian ſeitdem! Nun wurde die Begegnung im Walde erzählt und als der Ruf„Lilian komm!“ erwähnt wurde, ſagte Knopf:„Lilian komm! Lilian komm! Das geht im Dreiviertelstakt.“ Seine Flöte wie einen Zauberſtab ſchwingend, rief er laut:„Es geſchehen noch Wunder! Es geſchehen noch Wunder! Nun aber, folgt mir; redet nichts, kein Wort. Roland kann tanzen, Du kannſt auch tanzen, Lilian. Ich bitte um Ruhe!“ rief er zu den Verſammelten.„Die Beiden hier tanzen jetzt ganz allein.“ Er ſtellte ſich wieder auf die Erhöhung und ſpielte einen ——,— —.—— Walzer auf der Flöte; Roland und Lilian tanzten und Alles ſchaute ihnen zu. Noch hatten Roland und Lilian kein Wort geſprochen und hatten ſich doch ſo viel zu ſagen, aber ſie tanzten mit einander. Wer weiß, wie lange Knopf noch fortgeſpielt, wenn nicht Doctor Fritz gerufen hätte: „Nun iſt's genug, Herr Candidat!“ 2 Knopf fuhr zuſammen, das Wort Candidat mitten in dieſem Märchen ſchien ihn zu verletzen; es iſt doch gar ſo grauſam proſaiſch. Roland und Lilian ſetzten ſich zu den Uebrigen an den Tiſch. Knopf ermahnte Lilian, ſie ſolle nun auch ihrem Tänzer zu trinken geben, aber Frau Weidmann wehrte ab, die Beiden dürften jetzt noch nicht trinken. Sie ſaßen ſtill und ſchauten einander an und redeten kein Wort. Erich bat, daß durch ſein Eintreffen keine Störung bewirkt ſein ſolle, aber Weidmann erklärte, daß er ohnedies habe auf⸗ brechen wollen; er habe heut ſchon hundert und hundert Menſchen Antwort geben müſſen. d Frau Weidmann bedauerte, daß die beſten Zimmer im Hauſe beſetzt ſeien. „Beruhigen Sie ſich,“ tröſtete Weidmann;„alle Frauen, auch die beſſeren, entſchuldigen ihre Bewirthung, wenn ſie auch noch ſo gut beſtellt iſt.“ Die Geſellſchaft ging mit Roland und Erich nach dem Hofe; Doctor Fritz führte ſein Töchterchen an der Hand und jetzt er⸗ fuhr man auch, daß er andern Tages wieder nach Amerika zurückreiſe. Knopf legte ſeinen Arm in den Rolands, Erich ging zwiſchen Weidmann und deſſen Frau; Fürſt Valerian war mit einem Sohne Weidmanns feldeinwärts gegangen, während der zweite Sohn ſich zu Doctor Fritz geſellte. Weidmann erinnerte Erich an ſeinen Verſuch in der Leitung der Züchtlinge und bemerkte, daß der Trompeter, der beim Tanze das Klappenhorn blies, auch ein ehemaliger Sträfling ſei, ſich aber ſeit Jahren gut benehme. Frau Weidmann fragte Erich, ob es bereits entſchieden ſei, daß der Baron Prancken die Tochter des reichen Sonnenkamp heirate. — ————————— Erich konnte nicht umhin, zu bejahen, und Frau Weidmann wurde ſehr ärgerlich. „Mich kränkt es ſtets,“ ſagte ſie,„wenn ein geſundes, reiches, bürgerliches Mädchen einen Adligen heiratet; unſer gutes bürgerliches Erwerbniß wird entfremdet. Ich will nicht ſagen, daß der Adel unſer Feind iſt, aber er iſt nicht unſer, er hält ſich für etwas anderes, und die Frucht unſerer Arbeit gehört ihm nicht. Ein bürgerliches Kind, das ſich in den Adel einkauft, übt Verrath an ſeinen Vorfahren und verräth uns durch ſeine Nach⸗ kommen.“ Frau Weidmann redete ſich in Hitze und Aerger hinein; ihr Gatte bemühte ſich vergebens, ſie zu beruhigen. Freilich wählte er dazu ein ungeſchicktes Beruhigungsmittel, denn er berichtete, daß Herr Sonnenkamp ſelbſt ſich adeln laſſen wolle. Erich war betroffen, das Geheimniß hier ſo rückhaltlos aus⸗ ſprechen zu hören. Frau Weidmann äußerte einen beſondern Widerwillen gegen Prancken, weil er viele Menſchen verleite, die ſogenannte Liebens⸗ würdigkeit über die Bravheit zu ſtellen; man könne trotz ſeines Laſterlebens Männer und Frauen gut von ihm reden hören, weil er, was man ſo nennt, liebenswürdig ſei. Weidmann wendete ſich zu Erich mit der Erklärung, daß ſeine Frau aufgebracht gegen Prancken ſei, denn dieſer habe in den wenigen Tagen, wo er einmal auf Mattenheim geweſen, eine Zuchtloſigkeit veranlaßt, deren Nachwirkung man noch heute merke. Zweites Capitel. Knopf ſprach indeß viel mit Roland, er pries ihn glücklich, daß er einen Mann wie Erich zum Erzieher erhalten. Roland war unaufmerkſamer als je, zuletzt fragte er nur: „Was iſt der Vater Lilians?“ „Ein angeſehener Advocat, ein Hauptkämpfer gegen die Sklaverei.“ Knopf hätte ſich gern einen Schlag auf den Mund gegeben, als er das geſagt, aber es war heraus. Er ſah Roland ſcharf ins Geſicht; zu ſeiner Beruhigung gewahrte er, daß die Mittheilung gar keine Wirkung auf den Jüngling geübt hatte. Auf dem Wege hatte man noch dig Melodie des Walzers im Gedächtniß und jetzt, da man ſich dem Hofe näherte, wurde ſie verdeckt, denn man vernahm das Wallen und Rauſchen eines Mühlbachs und das Klappern der Mühle. Der Bach floß unter einem guten Theil des Hauſes hinweg und trieb die dort angebaute Mühle. „Sie werden heut Nacht nicht gut ſchlafen,“ ſagte Knopf zu Roland. „Warum nicht?“ „Weil Sie ſich an das Rauſchen der Mühle gewöhnen müſſen; wenn man ſich aber daran gewöhnt hat, ſchläft man weit beſſer, als ſonſt irgendwo. Meiner kleinen Schülerin iſt es auch ſo er⸗ gangen.“ Nicht weit vom Hofe trat die Gruppe am Zaun einer Ein⸗ hegung wieder zuſammen; Roland war voll Freude über die ſchönen Fohlen, die luſtig umherſprangen und herbeikamen, da ſie Herrn Weidmann witterten. Dieſer erklärte, dies ſei ſeine Kleinkinderſchule; er habe einen Fohlengarten angelegt, wo alle Züchter aus dem Gau ihre jungen Thiere hinſchicken; da ſei gutes Weideland, ſie könnten ſich aus⸗ turnen, ſeien gegen mäßige Vergütung in guter Hut und alle verſichert. Das nütze der Pferdezucht der ganzen Landſchaft. „Haben Sie ſich bereits entſchloſſen, was Sie werden wollen?“ wendete ſich Weidmann an Roland. Zum erſten Mal zögerte Roland, eine beſtimmte Antwort zu geben. Weidmann drängte nicht weiter. Lilian machte ſich von der Hand des Vaters los, ging zu Knopf und ſagte ihm leiſe, er habe ihr immer nicht geglaubt, daß ſie eine Begegnung im Walde gehabt; nun müſſe er doch überzeugt ſein, daß Alles Wahrheit geweſen. Roland erzählte, wie auch Erich ihm das Begegniß nie habe glauben wollen. Knopf ſtrich immer mit der Hand über die Bruſt und ſeine Augen glänzten unter der Brille. Ja, mitten unter Chemie und rationeller Fütterung, Locomotivenpfiff und Dividenden⸗Speculation — mitten unter alledem gibt es noch Romantik in der Welt. Freilich, — ——=— Fieberträumen auch Maienblumen verlangt und dies die erſten das begegnet nur Sonntagskindern und Lilian war ein Sonntags⸗ kind. Er wünſchte, daß er etwas thun könnte, um den Kindern dieſe ſchimmernde Romantik einer wunderſamen Begegnung zu be— wahren und zu erhöhen. Aber zum Romantiſchen kann man gar nichts thun, es kommt immer von ſelbſt, unerwartet und über⸗ raſchend, läßt ſich nicht reguliren und rationell anbauen; nur ſtill halten kann man, den Athem anhalten, nichts rufen, ſonſt ver— ſchwindet der Zauber. Knopf that nun doch das Beſte. Er ging davon und ließ die Beiden allein. Sie ſchauten einander an und ſprachen noch immer nicht. Eine ſchöne rothe Kuh, die eine Schelle um den Hals hatte und einen Kranz zwiſchen den Hörnern, wurde in den Hof geführt. Das Mädchen ging der Kuh entgegen uhd rief, ſie ſtreichelnd: „Guten Abend, Rothtraut! Biſt Du nun ſtolz, weil Du den Preis gewonnen? Wirſt Du es Deinen Nachbarinnen erzählen? Wird Dir es noch gut daheim ſchmecken oder weißt Du gar nicht, daß Du ſo viel Ehre bekommen haſt?“ Die Kuh wurde nach dem Stall geführt und Lilian ſagte zu Roland: „Möchteſt Du nicht auch wiſſen, ob die Kuh eine Ahnung davon hat, daß etwas mit ihr vorgegangen iſt?“ Da Roland noch immer nichts erwiderte, fuhr Lilian ernſt werdend fort: „Willſt Du auch Landwirth werden und beim Oheim in die Lehre eintreten? Wenn ich fort bin, kannſt Du in meinem Zimmer wohnen. Da iſt's ſchön! Warum biſt Du denn nicht früher zu uns gekommen?“ „Ich habe nicht gewußt, wo Du biſt und wer Du biſt,“ konnte Roland endlich hervorbringen.. „Ach ja!“ Und nun erneuerten ſie nochmals die Erinnerung, wie damals Lilian vom Oheim Weidmann fortgeführt wurde und wie Roland weiter wanderte zu Erich. Damals war Frühling, jetzt iſt Herbſt. Roland erzählte, wie er ſich auf der Reiſe bald ſo einſam und verlaſſen, bald ſo überſelig gefühlt hatte; Lilian hörte ihm mit geſpannten Mienen zu. Seine Stimme wurde immer bewegter. Er berichtete von ſeiner Krankheit, wie ſich ihm da immer die Worte geſprochen hätten: das iſt der deutſche Wald— wie er in ſeinen — ——— Pflanzen waren, die vor ſeinem Krankenbette geſtanden, als er zur Beſinnung gekommen. Lilian weinte, große Thränen rannen ihr über die Wangen. „Haſt Du die Blume aufbewahrt, die ich Dir geſchenkt habe,“ fragte Roland. „Nein. Ich mag keine vertrockneten Blumen. Schenk mir etwas— ſchenk mir etwas, das nicht verwelkt.“ „Ich habe nichts,“ erwiderte Roland.„Aber ich will Dir meine Photographie ſchicken, wo ich als Page— Nein, das iſt nichts. Ach, wenn ich nur meine Ringe noch hätte! Ich möchte Dir einen Ring geben, aber Erich hat ſie mir alle von der Hand genommen.“ „Ich will keinen Ring. Gib mir das— gib mir den Kieſel⸗ ſtein, auf dem Dein Fuß jetzt ſteht.“ Roland bückte ſich und gab ihr den Kieſel, dann bat er, daß ſie ihm auch einen Kieſel gebe. Sie that es und rief: „Jetzt nehm' ich ein Stück Deutſchland mit übers Meer.“ Roland ſchwieg, das Herz zuckte ihm. Das Mädchen fuhr fort: „Alſo das iſt der Wildfang Roland, von dem der gute Herr Knopf immer ſpricht? Du glaubſt gar nicht, wie lieb er Dich hat.“ „Vielleicht ſo lieb wie Dich?“ „Ja, mich hat er auch lieb, und er hat mir verſprochen, er kommt zu uns nach Amerika.“ „Ich bin auch aus Amerika.“ „Ach ja! Willkommen, lieber Landsmann. Geh mit mir in den Garten und hilf mir einen Blumenſtrauß ſuchen, den ich morgen mitnehme.“ „Wohin gehſt Du denn morgen?“ „In aller Früh reiſen wir heim.“ „Wir ſehen uns nur zu Willkomm und Abſchied,“ ſagte Roland. „Komm mit mir in den Garten,“ erwiderte Lilian. — Prittes Capitel. Wie im Märchen gingen ſie im Garten hin und her und pflückten Blumen. Sie gingen zuerſt durch den Gemüſegarten, wo in regelmäßiger Entfernung kleine Zwergbäume ſtanden; Lilian erklärte in hausmütterlicher Weiſe dem Gaſte Alles und ſchloß: „Da iſt kein Roſenſtock, kein Baum, den die Tante nicht ſelbſt oculirt hat, und ſie hat einen ſchrecklichen Haß auf alles Ungeziefer. Denk Dir nur, was die Tante Alles zum Ungeziefer rechnet! Aber Du mußt ſie nicht darüber auslachen.“ „Was denn?“ „Die Vögel hält ſie auch für Ungeziefer.— Ach, Du lachſt gerad ſo wie mein Bruder Hermann. Lach noch einmal! Ja, gerad ſo lacht er. Mein Bruder iſt aber ſchon drei Jahre im Geſchäft. Komm, jetzt wollen wir Blumen ſuchen.“ Sie gingen nach dem Blumengarten und pflückten Blumen mancher Art, aber Lilian warf einen ganzen Strauß in den Bach und vergnügte ſich im Ausdenken, wie die Blumen in den Rhein fließen und vom Rhein ins Meer und wer weiß, ob ſie nicht nach New⸗York kommen, noch bevor ſie ſelbſt da iſt. „Ich komme auch zu Dir nach Amerika,“ ſagte Roland. „Gib mir die Hand darauf.“ Zum erſten Mal reichten ſie einander die Hand. Da knallte ein Schuß hinter ihnen. Roland erzitterte. „Sei nur ruhig. Biſt Du denn ſo furchtſam?“ beſchwichtigte Lilian.„Es iſt die Tante, ſie verſcheucht nur die Sperlinge, ſie ſchießt jedesmal, wenn ſie in den Obſtgarten kommt. Dort auf dem Tiſch liegt immer ein Piſtol.“ Roland ſah jetzt Frau Weidmann, wie ſie das abgeſchoſſene Piſtol auf den Tiſch legte. Sie ſetzten ſich miteinander am Bachesrande nieder und leiſe ſagte Lilian: „Die Reſeda will ich behalten, die riechen ſo gut, auch wenn ſie vertrocknet ſind.“ „Ja,“ fügte Roland hinzu,„gib mir auch eine Reſeda und ſo oft wir daran riechen, wollen wir an einander denken. Der Kriſcher hat mir geſagt, daß die Reſeda am meiſten Honig gibt.“ Sonne aufgeht. Jetzt ſag', was willſt Du denn werden 12 „Du biſt aber geſcheidt!“ jauchzte das Kind.„Sag, meinſt Du auch, daß die Bienen die Blumen ſo riechen wie wir, und daß ſich die Blumen ſo buntfarbig aufputzen, damit die Bienen und die Fliegen zu ihnen kommen und freundlich mit ihnen ſind? Denk nur! Das behauptet Herr Knopf. Ach, was für ganz klein winzige Naſen müſſen die Bienen haben! Und daß die Hummel nicht geſcheidt iſt, das hab' ich ſchon oft geſehen; zwei⸗, dreimal fliegt ſie auf eine Blume, wo ſie doch weiß, daß da gar nichts zu finden iſt. Die Hummel iſt dumm, aber die Bienen— Haſt Du die Bienen auch am liebſten?“ „Nein, ich habe Pferde und Hunde lieber.“ „Und denk nur,“ fuhr Lilian fort,„mir thun die Bienen gar nichts und dem Onkel auch nicht, aber die Tante muß ſich in Acht nehmen. Haſt Du auch ſchon einmal einen Schwarm eingefangen?“ „Nein.“ „Wenn Du einmal ein großer Gutsherr biſt, mußt Du Dir auch Bienen anſchaffen. Die Bienen gedeihen nur in einem Hauſe, wo Frieden iſt, hat mir Herr Knopf geſagt. Und wenn wir morgen abreiſen, nimmt der Vater einen Bienenſtock mit. Wir ſetzen ihn auf unſere Farm. Ach, wenn wir ihn nur ge⸗ ſund in die neue Welt bringen; es wäre doch ſchrecklich, wenn all die guten Bienen unterwegs ſterben müßten. Aber ſchön wird's ſein, wenn ſie in Amerika aufwachen und hinausfliegen und ſehen da ganz andere Bäume.“ „Iſt es denn wahr, daß Ihr ſchon morgen fortgeht?“ „Ja, der Vater hat's geſagt, und wenn der etwas geſagt hat, kannſt Du Dich drauf verlaſſen, ſo ſicher, als morgen die 2 „Soldat.“ „Ach, das iſt ſchön, dann kommſt Du zu uns und hilfſt Alle todtſchlagen, die Sklaven haben. Der Vater und der Onkel ſagen, es geht bald los. Ach, wenn es nur noch wäre wie in aiten Zeiten, dann würden wir mit einander fortziehen in den wilden Wald, weit in die Welt hinein, und da kommen wir auf ein Schloß und da ſind lauter winzig kleine Zwerge und da iſt ein Einſiedler, ein gar guter Mann mit ſchneeweißem Bart, den haben alle Thiere im Walde gern... und der Herr Knopf könnte ſo ein Einſiedler ſein... ja, er ſoll unſer Einſiedler ſein und er heißt ja Emil Martin. Von heut an wollen wir ihn immer Bruder Martin heißen.“ Roland fragte: „Warum mußt Du denn morgen ſchon fort?“ „Warum mußt Du denn hier bleiben?“ entgegnete Lilian. „Ich muß bei meinen Eltern bleiben.“ „Und ich bei den meinen.— Ach, Du haſt ja ſchon einen Bart,“ rief Lilian plötzlich und zupfte Roland am Flaum. „Das thut weh; Du reißeſt mir ja die paar Haare aus, auf die ich ſtolz bin.“ „So, Du biſt ſtolz darauf?“ Und ſie ſtreichelte ihn und ſprach einen ſogenannten Heil⸗ ſegen dabei, den ſie von Knopf gelernt hatte zum Heilen einer Wunde. „Wo iſt denn Dein Hund?“ fragte Lilian. „Er muß mit Erich gegangen ſein. Wo er nur ſein mag?“ Er pfiff laut; Greif kam herbei. Lilian liebkoſte den Hund, küßte ihn und gab ihm alle guten Worte. „Ich ſchenke Dir den Hund,“ ſagte Roland. „Siehſt Du?“ rief Lilian,„er ſchaut Dich und mich ver⸗ wundert an, er merkt, daß er einem Andern übergeben werden ſoll wie ein Sklave. Aber, Roland, ich darf den Hund nicht mit⸗ nehmen, ich darf dem Vater gar nichts davon ſagen. Denk nur die viele Mühe, die wir mit dem Hunde hätten bis nach New⸗ York; behalte Du ihn nur.“ Roland hatte nachdenklich dreingeſtarrt; jetzt fragte er: 5 „Haſt Du ſchon Sklaven geſehen?“ „Nein, ſobald ſie zu uns kommen, ſind ſie es ja nicht mehr. Aber ich habe ſchon Viele geſehen, die es geweſen ſind; Einer iſt ein Freund vom Vater, und der Vater geht Arm in Arm mit ihm über die Straße. Komm her, Greif,“ unterbrach ſie ſich plötzlich,„da haſt Du etwas.“ Sie gab Greif Zuckerbrod zu eſſen, das ſie in der Taſche hatte, der Hund leckte noch lange mit der Zunge ſeine Lefzen und ſtand da, in die Landſchaft hinausſchauend. Geraume Zeit ſprach Keines ein Wort; dann fragte Lilian wieder: „Haſt Du auch eine kleine Schweſter?“ „Nein, ſie iſt ein Jahr älter als ich.“ „Und iſt ſie auch ſchön?“ Lilian wartete die Antwort nicht ab, ſie winkte Roland, denn eben lief ein Marienkäferchen an ihrer Hand empor. „Gib Acht,“ ſagte ſie,„jetzt arbeitet es ſeine Flügelchen unter dem Rückendeckel vor und rüſtet ſich mit den verborgenen Flügeln. Hui! fort iſt es. Das wird viel zu erzählen haben, wenn es heimkommt. Ach, wird es ſagen, da iſt ein großes Thier ge⸗ weſen und das hat fünf Bäume an der Hand— meine Finger müſſen ihm doch wie Bäume vorkommen, und wenn es dann mit den Seinen zu Nacht ißt— Sag', Roland, biſt Du nicht auch hungrig? Ich bin hungrig.“ „Was macht Ihr da?“ rief plötzlich eine ſtarke Frauenſtimme. „Kommt ins Haus.“ Lilian ſagte leiſe zu Roland: „Wir kriegen etwas Gutes zur Nacht, Pfannkuchen mit Schnittlauch. Siehſt Du nicht den Schnittlauch, den die Tante abgeſchnitten in der Hand hält? Der iſt zu den Pfannkuchen.“ Sie gingen mit Frau Weidmann ins Haus. Piertes Capitel. Während Roland und Lilian im Garten träumend und räthſelnd beiſammen geſeſſen hatten, waren die Männer nach dem Hauſe gegangen. Sie traten in den großen getäfelten Hausflur, wo viele getrocknete Erntekränze hingen. Weidmann zeigte Erich, daß zwei⸗ unddreißig von dieſen Kränzen ihm gehören, denn ſo viel Mal hatte er hier ſchon geerntet. Der einzeln hängende Kranz ſei der fünfzigſte Erntekranz ſeines Schwiegervaters geweſen. Man ging in die Wohnſtube im Erdgeſchoß. Der Raum war groß und wohnlich, mit behaglichen Sitzplätzen in Fenſterver⸗ tiefungen und da und dort aufgeſtellten Tiſchen und Stühlen. „Im Sommer wohnen wir hier im Erdgeſchoß,“ ſagte Weid⸗ mann zu Erich,„da läßt ſich Alles beſſer überſchauen. Wenn die Blätter von den Bäumen abgefallen ſind, beziehen auch wir unſere Winterreſidenz im obern Stock.“ Aus dem großen Wohnzimmer ſah man in andere, wo die ſchweren damaſtenen Thür⸗Vorhänge zurückgeſchoben waren. Der Banquier, den Erich in Karlsbad kennen gelernt hatte, kam aus einem innern Zimmer; er hielt ein Actenbündel in der Hand und grüßte freundlich. Er freute ſich, hier den Freund Clodwigs wiederzufinden. Sofort wurde man in ein neues Thema eingeführt. Der Banquier ſagte, daß er die Papiere genau durchſtudirt habe, die Staatsdomäne ſcheine nicht zu hoch geſchätzt und die Art, wie ſie zertheilt werden ſolle, müſſe Weidmann verſtehen; nur glaube er, daß es ſchwer thunlich ſei, die Sicherung, die Weidmann für ſeine Arbeiter aufgeſtellt, auch auf das neue Unternehmen aus⸗ zudehnen; denn es ſei ſehr fraglich, ob in Jahren das Erträgniß ein ſolches ſein werde, daß man den Betrag für die Lebensver⸗ ſicherung erübrigen könne. Erich erfuhr, daß Weidmann ſeine ſämmtlichen Arbeiter ver⸗ anlaſſe, einen Verband zu bilden, der ſich in eine Lebensverſiche⸗ rung einkaufe, und wer ſieben Jahre treu bei ihm ausgehalten, für den trat er im Unvermögens⸗Falle ſelbſt ein. In großen Umriſſen erklärte Weidmann, wie ihm die ſoge⸗ nannte ſociale Frage beſtändig unter der Form erſcheine, in der ſie bei den Römern ſich zeigte; immer wieder handle es ſich darum, freie und ſelbſtändige Grundbeſitzer zu ſchaffen. Die ſociale Frage werde ſich indeß nicht als bloßes Rechenexempel löſen laſſen, ein ſittlicher Eifer müſſe hinzutreten, und wenn auch Manche darüber die Achſeln zucken, er bekenne offen, daß das vielfach zur hohlen Phraſe gewordene humane Princip der Freimaurerei hier neue Be⸗ lebung und Bethätigung finden müſſe. Ueberall iſt in unſeren Tagen ein Dichten und Trachten, ein Sorgen für die Nächſten, für die im Daſein Verkümmerten. Das iſt unſere Religion, die keine Tempel und keine geordneten Feſt⸗ tage hat, aber überall und allzeit zum Guten ringt. Fürſt Valerian fragte, was Roland werden wolle. Noch che Erich antworten konnte, trat im Geleite des Doctor Fritz ein anderer Mann ein, der Erich ſofort ſreundlich begrüßte; es war der Schwiegerſohn Weidmanns, ein Infanterie⸗Ofſicier höheren Ranges. Die beiden Männer baten, daß man das Geſpräch nicht unter⸗ breche, und Fürſt Valerian wiederholte ſeine Frage. Erich erwiderte, daß Roland ſich dem Soldatenſtande widmen BGehorchen. Roland müſſe nur immer in der Ueberzeugung ſtehen, daß das Soldatenleben ein Durchgangspunkt ſein ſolle, nichts, das ſein ganzes Leben durchaus einnehmen und ausfüllen dürfe. vorübergehenden, ſondern einen bleibenden Beruf zu finden Ge⸗ rade Sie, Herr Weidmann, bei dem mächtigen Eindruck, den Sie und Ihre Thätigkeit auf Roland unfehlbar machen— gerade Sie wären geeignet, ihm die entſcheidende Richtung zu geben.“ an Erich.„Hat Ihr Zögling nicht auch, wie leider die meiſten Söhne der Reichen, das Verlangen, ein Cavalier, ein Junker zu ſein und nicht Selbſtgetung aus ſich gewinnen wollen.“ 2 3—„„ wolle; es wäre aber zu wünſchen, daß er ſich dem Feldbau widmen 3 könnte. Lächelnd entgegnete Weidmann, daß Erich, weil ſelbſt Soldat geweſen, zu ſcharf gegen dieſen Stand ſei; er für ſich ſei der Ueberzeugung, daß es zur Fertigſtellung eines Mannes von großer Bedeutung ſei, dem Soldatenſtande angehört zu haben. Da bilde ſich Gewecktheit, Entſchloſſenheit und Selbſtvertrauen und zugleich ein Einreihen in die Geſammtheit. Nirgends lerne man ſo gut Pünktlichkeit und nirgends übe man ſich beſſer im Befehlen wie im „Dann wird er kein rechter Soldat,“ fiel der Schwiegerſohn Weidmanns ein.„Wer etwas unternimmt, das er nicht für eine Thätigkeit hält, der die volle Lebenskraft gehört, wer dabei immer nach einem beruflichen Jenſeits ſchaut, ſteht nicht voll im Gegen⸗ wärtigen.“ „Es wäre wichtig für Roland,“ ſagte Knopf,„nicht einen an ſetzte ſich und der Banquier begann: „Ich glaube, es iſt Jean Paul, der einmal ſagte: Kommſt u in eine fremde Wohnung und es iſt Dir unheimiſch, ſo ar— beite ſofort etwas und es wird Dir heimiſch. Ich möchte das er⸗ weitern. Heimiſch in der Welt wird man nur durch Arbeit; wer nicht arbeitet, iſt heimatlos. Noch eine Frage,“ wendete er ſich werden?“ Da Erich nicht antwortete, fuhr er fort: „Unſer Unglück iſt, daß die Söhne der Reichen blos Erben 5 „Wie wir ſchon gehört,“ nahm der Schwiegerſohn Weidmanns das Wort,„will der junge Mann Soldat werden, und ich glaube, daß man ihn darin beſtärken müßte. Ich hoffe, daß man mir nicht ein Vorurtheil für meinen Beruf zutraut, aber ich muß die Betrach⸗ tungsweiſe unſeres Herrn Vaters wiederholen: das Soldatenthum —— gibt eine Geſchloſſenheit, die nichts Anderes ſo bewirken kann. An jedem Tage gerüſtet mit Sack und Pack dem Leben gegenüber⸗ ſtehen, das macht fertig; das ſtehende Heer wird gewiſſermaßen in jedem Einzelnen zur Thatſache.“ „Einverſtanden,“ ergänzte Weidmann.„Aber muß man nicht doch wieder fürchten, daß ein Mann, der ſeine beſten Jahre Soldat geweſen, nur ſchwer in eine andere bleibende Thätigkeit kommt? Er betrachtet ſich ſtets als auf Urlaub, und ein Hauptunglück zeigt ſich vornehmlich in den Reichen, daß ſie ſich immer auf Urlaub, immer in Ferien befinden.“ „Das Beſte iſt, Roland bringt das Geld durch, dann kommt es unter die Leute,“ ſcherzte der Sohn Weidmanns und zeigte die von Prancken ſo ſehr geſcholtenen impertinent weißen Zähne. „Ich möchte auch ein Wort ſagen,“ wendete ſich der Fürſt Valerian an Weidmann.„Ich glaube, daß wir in Rußland ein Beiſpiel ſein können. Wir müſſen aus Gutsbeſitzern zu Land⸗ wirthen werden, ob das Erbe nun in Geld vder in großen Gütern beſteht. Warum ſoll der junge Mann nicht einfach Landwirth werden?“ „Die Landwirthſchaft hat fünf Zweige,“ erwiderte Weidmann, „und dieſen ſollen ſünf gleiche Wurzeln in der Neigung entſprechen. Die Landwirthſchaft beſteht aus Phyſik, Chemie, Mineralogie, Botanik und Zoologie; Eines davon, ich meine die Neigung zu einer dieſer Wiſſenſchaften, muß ſo zu ſagen den Boden im Ge⸗ müthe bilden, ſonſt erwächſt kein Berufsglück daraus. Und wiſſen Sie,“ wendete er ſich lächelnd an den Jürſten,„wiſſen Sie, was das erſte Erforderniß für einen Landwirth iſt?“ „Geld.“ „Nein, das iſt das zweite. Das erſte iſt: geſunder Menſchen⸗ verſtand, und es gibt weit mehr geiſtreiche Menſchen, als Menſchen von einfach geſundem Verſtand.“ Mit einem Eifer, der gegen ſein ſonſt ruhiges Weſen ſehr abſtach, erging ſich Weidmann in Widerlegung der allgemeinen lnſicht, daß die Landwirthſchaft eine allgemeine Zuflucht ſei, in ver man Jegliches unterbringen könne; dennoch blieb man end⸗ lich dabei, daß es am angemeſſenſten wäre, wenn Roland ſich zur Landwirthſchaft in Verbindung mit der Groß⸗Induſtrie be⸗ ſtimmen ließe. Das Geſpräch zertheilte ſich. Weidmann fügte hinzu, das Auerbach. Landhaus am Rhein. 1l. 6 E —— Schwierigſte bleibe, daß Roland nichts zu wünſchen habe, wozu er ſeine Kräfte anſpanne, und dann glücklich ſei, wenn er das Erſtrebte erreiche, und ſofort wieder ein Neues ſich anſetze; denn das iſt ja das Treiben und Wachſen im Leben, daß alles Erreichte ſofort wieder den Keim eines zu Erſtrebenden anſetzt. „Man kann keinen Menſchen zum Glücklichmacher erziehen,“ ſchloß er endlich.„Der Jüngling muß etwas bekommen, das in ihm das Bedürfniß nach der Aſſociation mit Menſchen erweckt; er ſoll Alles auf Andere und zugleich auf ſich beziehen; er muß etwas ſchaffen wollen. Aus dem Geſchaffenen allein fließt Glück.“ Doctor Fritz hatte keinen Antheil an der Berathung genommen; er ſaß nachdenklich da und hatte die Brauen zuſammengezogen. „Warum ſprichſt Du kein Wort?“ ſagte Weidmann leiſe zu ihm, während ſich verſchiedene Zwiegeſpräche entwickelt hatten. Ebenſo leiſe erwiderte Doctor Fritz: „Es iſt ſchon ſchwer, ein ſo übermäßiges, rechtlich erworbenes Erbe anzutreten, wie viel ſchwerer noch eines, an dem eine Schuld haftet.“ Weidmann winkte ſeinem Neffen und legte den Finger, wie Schweigen gebietend, an die Lippen. Nun trat Frau Weidmann ein und bat, daß man zu Tiſche käme. Man ging nach dem Speiſezimmer. Erich ſaß neben Knopf und ſagte: „Herr College, ich habe eine Frage, die Sie mir aber nicht ſofort, ſondern morgen beantworten.“ „Welche Frage?“ „Was würden Sie thun, wenn Sie plötzlich in den Beſitz von vielen Millionen kämen?“ Knopf, der eben das Glas an den Mund geſetzt hatte, fing plötzlich ſo heftig zu huſten und zu pruſten an, daß er ſich vom Tiſch entfernen mußte. Er kam nach einer Weile wieder, aß aber keinen Biſſen und trank keinen Tropfen mehr an dieſem Abend.. Als Alle ſich zur Ruhe begaben, ſagte Weidmann leiſe zu Erich, er möge noch bei ihm bleiben, er habe mit ihm zu reden. Roland ging mit Knopf in der ſternhellen Nacht umher un Knopf mußte verſprechen, ihn zur Abreiſe des Doctor Fritz u ſeines Kindes zu wecken. Erſt dann begab Roland ſich zur Ru' kamp, Herr Banfield, iſt, kurz geſagt, der berüchtigtſte Sklaben⸗ händler, den die Südſtaaten kannten; ja noch mehr. Mein Neffe, Doctor Fritz, könnte Ihnen erzählen, was er noch gethan; er ging ſo weit, in öffentlichen Schriften die Sklaverei zu verthei⸗ digen, und war ſo frech, ſich als Beiſpiel aufzuſtellen, daß nicht alle Deutſche von der ſentimentalen Humanität verweichlicht ſeien, ſondern daß er, ein Vertreter des Deutſchthums, die Sklaverei als zu Recht beſtehend vertheidige. Er hat einen Ring am Dau⸗ men, wenn er den Ring abthut, können Sie die Zähne eines Sklaven ſehen, den er erdroſſelte und der ihn in den Daumen biß.“ Ein Schrei des Entſetzens rang ſich aus der Bruſt Erichs, er konnte nichts ausrufen als die Worte: „O Roland! O Mutter! O Manna!“ „Es thut mir leid, daß ich es Ihnen ſagen mußte, aber es iſt beſſer, daß Sie es durch mich erfahren. Sie faſſen nicht, daß der Mann mit ſolcher Vergangenheit manchmal ſo ſchön thun und in Erörterungen über Ideen ſich einlaſſen kann? Ja, dieſer Mann iſt ein von Blumen umkränzter Sumpf! Der Sklavenhandel iſt der trockene Mord, das Vernichten freier Exiſtenzen zu eigenem Vortheil. Ein Mörder aus Leidenſchaft, ein Mörder aus Raub⸗ ſucht ſchreitet über Leichen hinweg nach ſeinen Genüſſen, zur Bethätigung ſeiner vermeintlichen Berechtigung. Die Welt iſt ihm Krieg und Kampf, ein Vernichten des Andern, um ſelber Raum zu finden. Aber ein Sklavenhändler... ein Sklaven— mörder!“ Erich hielt die Hände in einander gepreßt. Wer kann ermeſſen, warum aus dem Gewirre von Gedanken ſich der eine heraus⸗ arbeitet? Er erinnerte ſich des erſten Sonntags, wo der Arzt ihn gefragt: können Sie mit einem Menſchen leben, den Sie nicht achten? Alſo Alle wußten, Alle, und nur er nicht? Der Dünkel, das herrſchſüchtige, gewaltſame Gebahren Sonnen⸗ kamps war ihm oft auffällig geweſen und ſeine Freundlichkeit hatte etwas Eſchreckendes, aber er hatte immer geglaubt, daß ein Mann, ein Eroberer war— einen Eroberer hatte Bella ihn genannt ₰ weiß auch Bella?... Weiß auch Clodwig?.. Ein Mann, der ſo viel von der Welt ſich angeeignet, erſchien in ſeiner Weiſe folgerichtig, wenn er auch ſtets fremd blieb. Aber nun ein Sklavenhändler! Alle wußten es und er allein nicht. Wie mochte er ihnen erſcheinen? S— —— Prich hatte mit dem Namen Rolands und ſeiner Mutter auch den Manna's ausgerufen, jetzt zum erſten Mal im höchſten Schmerz ging es ihm ganz und voll auf, daß er Manna liebte. Wie wird ſie es tragen? Wußte ſie es ſchon? War das der Grund ihres verſchloſſenen Weſens, ihres Drängens, ſich zu opfern und den Schleier zu nehmen? Aufblickend war ſein erſtes Wort:„Es iſt ſchwer, aber es iſt gut, daß ich hierher auf dieſen Punkt geſtellt wurde, um einen Jüngling mit einem ſolchen Schickſalserbe zu erziehen und...“ Er wollte von Manna ſprechen, aber er unterdrückte jedes Wort über ſie; er ſchaute wirr um ſich. Weidmann legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: „Ja, Sie haben den großen und ſchweren Beruf, einen Jüng⸗ ling wie Roland zu ſtützen.“ Crich ſagte, wie entſetzlich es ihm ſei, daß er ſeine Mutter in dieſe Beziehung gebracht. Weidmann erklärte, wie er wohl erkenne, welch Entſetzen darin liege, das Brod dieſes Mannes zu eſſen, von dieſem Manne ſich Wohlthaten erweiſen zu laſſen. Er ſchärfte aber Erich ein, ſeine Mutter ſo lange als möglich zu ſchonen, denn er bedürfe ihrer noch ſehr zur Stütze für Frau Ceres und Manna. Weidmann nannte es ein Glück, daß eine mit allem Edlen ausgerüſtete und im Leben erprobte Frau hier ſtützend und helfend zur Seite ſtehe. Mitternacht war längſt vorüber, als Erich ſeinen Gaſtfreund verließ. Er ging nach ſeinem Zimmer, er ſah Roland ſchlafen, und ein ſtilles Gelöbniß lag auf ſeinen Lippen, da er den ſchönen ſchlafenden Jüngling ſah. Raſtlos wanderte dann Erich durch den Garten und die Felder; Sternſchnuppen flogen hin und her, in der Ferne glitzerten die Wellen des Rheins, ein thauiger Duft lag über der ganzen Erde, Erich fand keine Ruhe, ja er fand kaum eine Beſinnung. Was ſollte, was Konnte er thun? Der Morgen begann zu dämmern, er kehrt zurück. Hier war lebendiges Treiben. Er traf zuerſt auf Knopf, der ihm ſagte: „Ihretwegen habe ich die ganze Nacht nicht geſchlafen. Ach, Ihre Frage! Ich glaube, daß ich viel vergeuden würde in 7 ch dem Hofe Experimenten, in Verſuchen, die leidenden Menſchen zu Vor Allem fragte ich mich, was iſt denn eine Million, oder mehrere Millionen? Was bedeuten ſie? Ich habe mir vorerſt Folgendes klar gemacht. Um zu wiſſen, was derartige Summen in ſich begreifen, habe ich mich gefragt, wie viel Brode könnte man wol für eine Million haben, und durch dieſe etwas kindiſch klingende Frage kam ich, wie ich glaube, auf den rechten Weg. Ich ſuchte mir klar zu machen, wie viel Familien-Exiſtenzen eine Million repräſentirt. Aber ich glaube, theoretiſch läßt ſich Ihre Frage gar nicht löſen, da alle wirklichen Lebensverhältniſſe nicht aus ganzen Zahlen, ſondern aus Brüchen beſtehen und ſich nur da⸗ mit ausdrücken laſſen. So läßt ſich auch das Facit nicht in einer ganzen Zahl ausdrücken. Ich bringe es nicht heraus und es ver⸗ wirrt mir den Kopf, was ich anfangen ſollte, wenn ich viele Millionen beſäße. Wohlthätigkeits⸗Anſtalten gründen? Das iſt noch nicht genug. Die ganze Welt ſoll nicht eine barmherzige Anſtalt, eine fromm ausſtaffirte Herberge ſein. Ich will Fröhlichkeit, Schönheit, die Menſchen ſollen nicht nur geſättigt und gekleidet, ſie ſollen auch erfreut ſein. Zunächſt würde ich in jedem Dorf eine gute Beſoldung für den Lehrer gründen, der die Geſang⸗ vereine leitet, und einen Schoppen Wein für jedes Mitglied am Sonntag, und ein Liederhaus baute ich in jedem Dorfe mit hohen Sommerhallen und gut geheizten Gemächern im Winter, geſchmückt mit ſchönen Bildern, und da würden die Preiſe auf⸗ gehangen, die der Verein errungen.“ Erich nickte ſtill, und da Knopf glaubte, er ſtimme ihm bei, fuhr er fort: „Ich würde auch ein Inſtitut für arme Kinder errichten und mich zum Director des Inſtituts machen, und dann würde ich ein Pfründnerhaus für verdiente Hauslehrer gründen. Ich habe ſchon den Namen für das Haus.„Das Haus zum Feierabend.“ O, das muß prächtig ſein, wie da die alten Schullehrer ſich mit einander zanken und Jeder hat die beſte Methode gehabt. Ich habe mir auch noch überlegt: Die Hauptſumme würde ich ruhig hinlegen und eine Million davon nehmen, um ſie zu verreiſen. Ich würde ein Dutzend oder mehr Kameraden mit auf die Reiſe nehmen, rechtſchaffene, tüchtige Menſchen, Naturforſcher, Maler, Bildhauer, Kaufleute, Politiker, Lehrer— kurz, tüchtige Männer aus allen Gebieten. Die würde ich ausſtatten mit Allem, was ——— ————— und wir halten uns auf, wo wir wollen, und ſo lange als wir wollen. Und da lerne ich kennen, welches die beſten Einrichtungen in der Welt ſind, und wenn ich heimkomme, mache ich auch ſolche. Ich traue mir nicht zu, das jetzt ſchon zu können. Denken Sie ſich, wie ſchön ſo eine Reiſe wäre mit einem Dutzend oder mehr tüchtiger Menſchen, und wir haben ein eigenes Schiff und nehmen Maulthiere, wo es gebirgig iſt. Kurz, es könnte prächtig werden, nützlich auch. Und wenn Roland heimkommt, muß er Landwirth werden, das iſt doch immer das Beſte, das heißt, man hat den natürlichen Boden. Aber, wie geſagt, ich krieg' es doch nicht ganz heraus.“ Frich hörte kaum, was Knopf ſagte, er erwachte erſt aus ſeinen Träumen, da Knopf fragte: „Wo iſt Roland? Ich habe verſprochen, ihn zur Abreiſe des Doctor Fritz und ſeines Kindes zu wecken.“ „Laſſen Sie ihn nur ſchlafen.“ „Auf Ihre Verantwortung?“ „Auf meine Verantwortung.“ „Gut,“ ſtimmte Knopf bei.„Eigentlich iſt es mir lieber, ich brauche ihn nicht zu wecken. Roland bekommt dadurch einen ſchönen romantiſchen Schmerz. Er hat in der Nacht Abſchied ge⸗ nommen oder auch nicht Abſchied genommen, und während er ſchlief, iſt ſie verſchwunden. Morgens ſchauernd und fröſtelnd an der Dampfſchiffslände oder an der Eiſenbahn Abſchied nehmen, das Schiff oder der Zug geht weg und dann ſteht man da wie ausgeraubt und man muß wieder zurück... Ach, das iſt ſo widerwärtig! Mich friert immer den ganzen Tag nach einem Ab⸗ ſchiede. Nun aber, wenn Roland erwacht und das Kind iſt fort⸗ geflogen, das läßt eine ſchöne, von Fernen-Duft umzogene Er⸗ Linnerung in der Seele zurück.“ Nun kamen Herr und Frau Weidmann, kamen die Söhne, der Fürſt, der Banquier und alle Hausgenoſſen. Alle reichten Doctor Fritz und ſeinem Kinde nochmals die Hand und Lilian rief: „Herr Knopf, grüßen Sie mir Roland, den Longſchläfer.“ Fort rollte der Wagen, die Hausgenoſſen begaben ſich wieder zu Bett, nur Erich und Knopf wandelten noch in der Morgenfrühe umher, und Knopf freute ſich, wieder einmal das Erwachen der Natur ſo genau zu ſehen. Er ſagte, man verſäume das immer, wenn nicht ein Zwang eintrete, und vielleicht ſeien viele Lyriker, die von thauiger 5 genfrühe ſingen, auch entſetzliche Langſchläfer. Erich hörte dem guten Knopf zu und faßte es nicht, daß noch ein Menſch da draußen in ſolcherlei Anliegen lebt; ihm war alles Denken und Schaffen, die Vorſtellung, daß es noch manches Glück gebe, wie ein ſchattenhafter Traum. Knopf dagegen glaubte, daß Erich ſehr aufmerke, und klagte, daß das Kind fort ſei; er habe zwar noch dem Fürſten Unterricht zu ertheilen, aber das Kind habe das ganze Haus glücklich ge⸗ macht, es ſei, wie eine lebendige redende Blume geweſen, der neuen Welt entſproſſen. Das waren offenbar Wendungen, die einem bereits angefangenen oder ſofort zu entwerfenden Gedichte zur Zierde dienen ſollten. Erich hörte Alles geduldig an. Endlich fragte er Knopf, ob ihm Doctor Fritz nicht Mancherlei über Herrn Sonnenkamp mitgetheilt habe. Knopf beſtätigte einen Theil deſſen, was Weidmann kundge⸗ geben, das Ganze ſchien er nicht zu wiſſen. „Und den heiligen Morgen nehme ich zum Zeugen,“ rief⸗ Knopf,„Sie, Herr Dournay, ſind ein ſtarker Mann. Wenn ich damals die Vergangenheit des Herrn Sonnenkamp gewußt, ich hätte Roland nicht ſo ſorglos unterrichten können, ich hätte immer das Gefühl gehabt, ich trüge ein geladenes Piſtol bei mir, das unverſehens losgehen kann.“ Knopf hatte die Hand Erichs gefaßt und in ſeiner über⸗ ſchwänglichen Empfindung küßte er ſie, bevor Erich es abwehren konnte. Erich ward ruhiger und Knopf pries ſich ſelbſt und Erich glücklich, daß ſie mitarbeiten in den ſchwerſten und erhabenſten Aufgaben des Jahrhunderts; denn Erich habe Roland zu unter⸗ richten, der, wenn er zur Selbſtändigkeit komme, etwas für die Negerſtlaven thun müſſe, und er habe den Ruſſen zu unterrichten, der nun die befreiten Leibeigenen zu führen habe. Er erzählte, daß der Fürſt wünſche, er möge mit ihm in die Heimat ziehen und eine Schule für die freigelaſſenen Bauern gründen;-Doctor Fritz dagegen wünſche, daß er nach Amerika käme und eine Schule für die Kinder der freien Neger halte. Wenn er ehrlich ſein wolle, müſſe er bekennen, er ginge liebe nach Amerika, nur um Lilian wieder zu ſehen und zu erlebe ₰ wie ſie ſich entwickle und welches Schickſal ſie haben werde; er glaube, daß ſie ſeine Schülerin ſei, die zu harmoniſchem Leben kommen müſſe. Als Erich wieder nach dem Hofe zurückkehrte, ſah er Weid⸗ mann und den Banquier in den Wagen ſteigen; ſie fuhren nach der Reſidenz, um wegen der Domäne zu verhandeln. Erich nahm Abſchied, denn er ſprach ſeinen Entſchluß aus, ſofort wieder nach Villa Eden zurückzukehren. Wie er Villa Eden nannte, erſchrak er. Weidmann ſtieg nochmals aus, nahm ihn bei Seite und ſagte: „Lieber Dournay, auch für Ihre Mutter und Ihre Tante iſt mein Haus ſtets das Ihrige.“ Erich ging, um Roland zu wecken. „Schon Tag? Sie ſind noch da?“ rief Roland. „Wer denn?“ „Lilian und ihr Vater.“ „Nein, die ſind längſt abgereiſt.“ „Warum habt Ihr mich nicht geweckt?“ „Weil Du ſchlafen ſollteſt. In einer Stunde reiſen auch wir wieder heim.“ Trotzig wendete ſich Roland ab. Erich ſprach ihm mit Innig⸗ keit zu, da kehrte er endlich das Antlitz nach ihm; in ſeinen langen Wimpern ſtanden große Thränen. Welche Thränen werden dieſe Augen noch vergießen? ſprach's in Erich. Der Wagen, in dem Doctor Fritz mit ſeinem Kinde davon gefahren, kam zurück. Der Kutſcher brachte noch einen Gruß von Lilian an Roland. Die Pferde wurden nicht ausgeſpannt, ſon⸗ dern an der fliegenden Krippe gefüttert, und bald fuhren Erich und Roland wieder heimwärts. Fechstes Capitel. Roland ſaß neben Erich im Wagen und ſchloß die Augen, um nichts zu ſehen, als was in ſeiner Erinnerung ſich bewegte; er preßte die Lippen zuſammen, um kein Wort zu reden. Warum hat Erich keinen Grund angegeben, daß er ſofort —— wieder abreiſt? Warum hat Knopf mit einem triumphirenden Lächeln berichtet, daß er mich abſichtlich nicht geweckt habe? Denn als es darauf ankam, hatte Knopf die Verantwortlichkeit auf ſich ſelbſt gewälzt; es erſchien ihm beſſer, wenn Roland auf den Abweſenden ärgerlich war, als auf den, in deſſen Händen er bleiben muß. Bisweilen blinzelte Roland zu Erich herüber, ob er nicht be⸗ ginne, ihm Alles zu erklären, aber Erich ſchwieg; auch er hatte die Augen geſchloſſen. Am hellen Tage in einer Landſchaft voll erquickenden Aus⸗ blickes fuhren die Beiden dahin und träumten nur in ſich hinein. Von Müdigkeit übermannt, ſaß Erich wie im Halbſchlaf ver⸗ ſunken, in welchen das Geräuſch des Wagens wie dämoniſches Rollen hineinſchwirrte. Manchmal, wenn es bergab ging und die gehemmten Räder knirſchten, blinzelte er auf, er ſah nach dem Rhein in der Ferne, er ſchloß die Augen und in ſeinen Halbtraum hinein drang der Anblick des Waſſers, der Berge. Ihm träumte, es wäre Alles überfluthet und mitten auf den Fluthen ſtehen zwei Männer auf Felſen fern von einander und doch einander zuwinkend. Auf dem einen ſteht Clodwig und ſpricht von einem Römerfund, den er in der Hand hält, auf dem andern ſteht Weidmann und ſpricht von der Lebensverſicherung, und dazwiſchen reden ſie von Geretteten. Und wie er jetzt auf⸗ wacht, iſt es, als hörte er noch laut, wie ſie Beide einander zu⸗ gerufen hätten: Erich und Roland ſind ſicher angekommen. Die Pferde hielten an; am Gartenzaun ſtand Fräulein Milch, man war an der Wohnung des Majors. Erich grüßte, und als verſtände ſich von ſelbſt, daß man nicht nach ihr frage, rief Fräu⸗ lein Milch: „Der Herr Major iſt vor einer Stunde nach der Villa geholt worden und hat mir ſagen laſſen, er käme nicht zu Mittag.“ Erich ſtieg aus; Fräulein Milch ſagte ihm, auf der Villa ſei Alles in freudigſter Aufregung. Erich ließ Roland allein heimfahren, er mußte ſich faſſen. „Die ganze Welt iſt ein Narrenſpiel,“ ſagte Fräulein Milch. Erich, der die gute alte Dame ſehr ehrte, fand ſich doch nicht in der Verfaſſung, auf allgemeine Menſchenbetrachtung einzugehen. Er hatte hier im Hauſe wie in einem Vorhof ſich ſammeln und Alles zurecht legen wollen, jetzt ging er wie verſcheucht * 6— davon. Er ſah die ſchöne, im hellen Sonnenſchein glänzende Villa, die blitzenden Scheiben des Glashauſes und der Kuppel, er ſah den Park, das grüne Haus, wo ſeine Mutter wohnte— und Alles das iſt aus dem Erlöſe für verkaufte Menſchen gebaut und gepflanzt... Ein körperlicher Schmerz, ein Stich durchs Herz ließ ihn kaum aufathmen. Leuchtend und umnachtend ſtand es vor ihm, er liebte Manna... Als Roland auf der Villa ankam, wurde er ſofort zu ſeinem Vater gerufen. „Mein Sohn! Mein Sohn! Da biſt Du! Alles für Dich, Du biſt auf immer geſichert, erhoben. Mein geliebter Sohn! Alles für Dich! Vergiß dieſen Augenblick nie, er iſt das Höchſte, das All meines Lebens voll Irrfahrten und Gefahren. Mein Sohn, von heute an heißeſt Du Roland von Lichtenburg.“ So rief Sonnenkamp. Roland ſtand bebend, ſo hatte er den Vater noch nie geſehen. „Ja,“ fuhr der Vater fort,„es erſchüttert Dich auch. Ach Kind, Du wirſt erſt ſpäter wiſſen, was Dir geworden. Vor ver Welt darf ich nicht zeigen, auch Du ſollſt es nicht, daß mich die Sache ſo angreift. Ich werde gleichgültig thun, das müſſen wir. Ihr ſeid ſchnell gekommen? Wo hat Euch mein Bote getroffen?“ Roland ſagte, daß er nichts von einem Boten wiſſe. Er hörte jetzt, daß der Voter in der Nacht einen Boten nach Mat⸗ tenheim geſchickt; auch ſei der Sohn des Cabinetsraths, der Fähnrich geworden, zum Beſuch auf dem Landhauſe mit mehreren Kameraden, die noch zum Mittag zu Roland kommen werden. „Wo iſt denn Herr Dournay?“ fragte Sonnenkamp wieder. Roland erzählte, daß er bei Fräulein Milch geblieben. Sonnen⸗ kamp lächelte und ſchärfte ſeinem Sohne ein, er ſolle ein freund⸗ liches Benehmen gegen Erich beibehalten; er müſſe ihm doch immer dankbar bleiben und ſolle ſich überhaupt vornehmen, recht beſcheiden zu ſein. „Auch Du mußt lernen, vor der Welt unſere Standeserhöhung als unerheblich erſcheinen zu laſſen. Nun geh zur Mutter. Nein — halt! Du ſollſt noch etwas haben, das wird Dich ſtark, das wird Dich ſtolz und ſicher machen. Hier, bleib ſtehen, ich will Dir zeigen, wie ich Dich hochhalte.“ Er ſuchte haſtig in ſeinen Taſchen, er brachte den Schlüſſel⸗ „ —— — ring ging nach dem in die Wand eingemauerten fenerſi Schrank, klappte die Roſetten an demſelben zurück und öffnete beide ui „Hier ſieh,“ ſagte er,„das Alles wird einſt Dein— Dein und Deiner Schweſter. Wirbelt Dir's vor den Augen? Das ſoll es nicht, Du ſollſt nur wiſſen, hier ſind Millionen; damit biſt Du Herr der Welt, über Alles. Sieh, hier unten iſt Gold, viel gemünztes Gold, ich liebe gemünztes Gold, auch ungemünztes, das liegt hier. Ich bin ſterblich, ich fühle jetzt oft, als ob ein Schwindel mich plötzlich faſſen und dahin raffen könnte. Hier oben, ſieh hier— hier liegt mein Teſtament. Jetzt geh, mein Sohn, ſei in Dir ſtolz und gegen die Welt beſcheiden, Du biſt mehr, Du haſt mehr als alle Adlige dieſes Landes, vielleicht mehr als der Fürſt ſelbſt. So, mein Kind, ſo— dieſe Minute macht mich glücklich— ſehr glücklich. Wenn ich ſterbe, Du weißt ſchon— Du weißt jetzt Alles. So, jetzt geh. Komm, laß Dich noch einmal küſſen. So, jetzt geh.“ Roland konnte kein Wort vorbringen, er ging. Er kam zur Mutter. Frau Ceres wandelte ſchön gekleidet im großen Saale auf und ab, ſie nickte Roland vornehm zu und ſah ihn lange ſtill an; endlich ſagte ſie: „Wie grüßt man mich? Sagt man bloß guten Morgen, Mama? Man ſagt: guten Morgen Frau Mama; guten Morgen, Frau Baronin, Sie ſind ſehr gnädig, Frau Baronin— ich em— pfehle mich Ihnen zu Gnaden, Frau Baronin— Sie ſehen vor⸗ trefflich aus, Frau Baronin.“ Roland überrieſelte ein Angſtſchauer, es war ihm, als wäre ſeine Mutter irrſinnig geworden. Aber jetzt ſtand ſie vor einem Spiegel und ſagte: „Dein Vater hat Recht— ſehr Recht, wir ſind Alle heute erſt geboren, neu in die Welt gelommen, und wir ſind Alle ſchön. Küſſe Deine Mutter, Deine gnädige Frau Mutter.“ Sie küßte Roland heftig. „Vo iſt denn Manna?“ fragte Roland. „Sie iſt närriſch, ſie iſt im Kloſter verdorben und will von Allem nichts wiſſen; ſie pe ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen und läßt Niemand vor ſich. Verſuche Du, ob Du mit ihr reden kannſt, und mache, daß ſie auch geſcheidt wird. Wir müſſen jetzt Alle ſehr geſcheidt ſein. Die Profeſſorin hat mir immer geſagt, ich ſei geſcheidt, ja, jetzt will ich geſcheidt ſein; ich will es zeigen. Die dicke Frau von Endlich und die ſtolze Gräfin Wolfsgarten. wir werden auch noch Graf.. ſie ſollen berſten vor Zorn! Geh, liebes Kind, geh zu Deiner Schweſter, hol ſie her, wir wollen uns dann zuſammen freuen und uns ſchön ankleiden, und morgen reiſeſt Du mit Deinem Vater und Herrn von Prancken nach der Reſidenz.“ Roland ging nach dem Zimmer Manna's, er klopfte und rief; ſie antwortete endlich, in einer Stunde werde ſie ihn ſehen, jetzt müſſe man ſie noch allein laſſen. Als Roland nach ſeinem Zimmer ging, begegnete ihm Prancken; er umarmte ihn innig, er nannte ihn Bruder und begleitete ihn unter Glückwünſchen auf ſein Zimmer. Hier lag die Uniform, die für Roland beſtellt war. Prancken beredete ihn, dieſelbe ſofort anzuziehen; Roland wollte es nicht thun, da er ſein Examen noch nicht beſtanden habe. „Pah!“ lachte Prancken.„Eramen! Das iſt ein Schreckſchuß für bürgerliche arme Teufel. Junger Freund! Jetzt ſind Sie Baron und haben damit den beſten Theil des Exramens beſtanden; was noch kommt, iſt nur Form.“ Es bedurfte keiner großen Ueberredung, um Roland zum An⸗ legen der Uniform zu beſtimmen; Prancken half ihm. Die Uniform ſtand Roland vortrefflich, er erſchien geſchmeidig und kräftig zu⸗ gleich, er hatte breite Schultern und die Biegſamkeit ſeiner Geſtalt entbehrte nicht der Muskelkraft des Mannes. „Eigentlich wäre ich lieber in die Marine eingetreten,“ ſagte er,„aber die iſt nicht da.“ Von Prancken begleitet, ging er nochmals nach dem Zimmer Manna's und rief, ſie ſolle ihn doch in ſeiner Uniform ſehen, Manna gab gar keine Antwort. Prancken begleitete ihn nun zum Vater und Beide führten ihn zur Mutter; ſie war entzückt bei ſeinem Anblick. Roland zeigte ſich den Dienern und Alle glückwünſchten ihm. Eben als er beim Caſtellan ſtand, der als alter Soldat militäriſch begrüßte, kam Erich daher. Er erkannte Roland erſt als dieſer ihn anredete. Die Wange Rolands glühte und er rief laut: „Ach, wenn ich Dir nur Alles ſagen könnte, Erich! Ich bin wie berauſcht, wie verwandelt.“ Er ging mit Erich nach ſeinem Zimmer und wollte immer wiſſen, ob dieſer auch ſo glücklich geweſen, als er das erſte Mal die Uniform angezogen. Erich konnte nichts erwidern; er gedachte, wie es ihm war, da er zum erſten Mal die Uniform anzog, noch mehr aber, als er ſie zum letzten Mal auszog. Der Doctor hatte einmal geſagt, Roland habe ſich noch nie mit einem neuen Kleide gefreut; jetzt war er voll Wonne über den bunten Soldatenrock; alle Ideale ſchienen verſchwunden oder doch in dieſem Rock ſich zu concentriren. Erich betrachtete ihn mit ſchweren Blicken. Wie wird Dein armes Herz unter dieſem bunten Gewande erzittern, wenn... Erich wurde abgerufen, er ſolle ſofort zu Herrn Sonnenkamp kommen. Fiebentes Capitel. Als ſchwankte der Boden unter ihm, als bewegte ſich Alles hin und her, wie im Traum ging Erich über den Hof, die Frei⸗ treppe hinan; im Vorzimmer faßte er ſich. Jetzt iſt der entſchei— dende Augenblick. Er trat ein; er wagte kaum, Sonnenkamp anzuſehen, er empfand einen Abſcheu gegen jedes Wort, das der Mann zu ihm ſprechen würde, denn jeder Gedanke, den ihm Sonnenkamp ausſprach, ja, was er ehedem mit ſeinen Gedanken berührt hatte, erſchien ihm verunreinigt. Als er aber jetzt den Blick aufſchlug, ſchien ſich Sonnenkamp verwandelt zu haben, als hätte er ſeine mächtige Geſtalt durch einen Zauber verkleinert. Er ſah ſo beſcheiden, ſo demüthig, ſo kindlich lächelnd drein. In gleichgültigem Tone be⸗ richtete er, daß die fürſtliche Gnade ihm den Adel verliehen habe und das Diplom deſſelben höchſt eigenhändig übergeben wolle. Erich athmete noch immer ſchwer und konnte kein Wort her⸗ vorbringen. „Sie ſind erſtaunt?“ fragte Sonnenkamp.„Ich weiß, der jüdiſche Banquier iſt abgewieſen worden und ich glaube ſogar— die Herren ſind ſehr pfiffig— ich glaube ſogar— doch das ja iſt jetzt gleichgültig... Jeder handelt nach ſeiner Weiſe. Ich weiß auch, daß ein gewiſſer Doctor Fritz bei dem Menſchenfreunde, Herrn 3 Weidmann, war, der über einen Mann, dem ich unglücklicher Weiſe ähnlich ſehe, mancherlei Ehrenrühriges geſagt hat— nicht wahr? Ich ſehe das Ihren Mienen an. Ich hoffe, daß Sie doch nicht— nein, ſeien Sie ruhig. Mein lieber, werther Freund, freuen Sie ſich mit mir und für unſern Roland.“ Erich ſchaute freier auf. Gewiß iſt hier ein Irrthum, denn ſo zuverſichtlich könnte der Mann nicht ſein, wenn er etwas zu fürchten hätte. Sonnenkamp fuhr fort: „Sie und die Ihrigen bleiben uns Freund.“ Er reichte ihm die Hand; jetzt durchzuckte es Erich wieder. Der Ring am Daumen— iſt das auch eine Verwechslung, eine Täuſchung? Sonnenkamp mochte etwas fühlen; er zog die dar⸗ gereichte Hand ſchnell zuruck, wie wenn ein wildes Thier die Tatze danach ausgeſtreckt hatte. Mit großer Faſſung ſagte er: „Ich weiß, Sie ſind ein Gegner der Adelserhebung.“ „Nein, mehr— ich wollte noch mehr und Anderes ſagen,“ warf Erich ein; aber mit Heftigkeit unterbrach ihn Sonnenkamp: „Wenn ich aber jetzt nicht mehr und nichts Anderes wiſſen will—“ Schnell wechſelnd fuhr er dann mit innigem Tone fort, daß Erich nur noch das Letzte thun ſolle, indem er Roland zur wür⸗ digen Erfaſſung ſeiner neuen Stellung und ſeines Namens anleite und befeſtige. „Sehr ſchön wäre es, wenn Sie die Profeſſur annähmen; ich würde dann Roland, bis wir ſelbſt in die Stadt ziehen, und vielleicht dann noch, mit Ihnen eine gemeinſchaftliche Wohnung beziehen laſſen, Sie blieben ſcin Freund und Führer.“ Erich blieb ſchweigſam, er war mit Mahnungen, mit ſchweren Beſorgniſſen gekommen, nun war die Sache vollendet, nun ließ ſich nichts mehr thun, ja durch das Bekenntniß Sonnenkamps, daß er mit Herrn Banfield verwechſelt werde, ſchien jeder Ein⸗ wurf beſeitigt. „Haben Sie Ihre Frau Mutter ſchon geſptochen?“ fragte Sonnenkamp. „Nein.“ „Sie hat mir leider ſagen laſſen, daß ſie etwas unwohl ſei und an unſerer Freude nicht theilnehmen lönne.“ Erich eilte zu ſeiner Mutter. Noch nie hatte er ſie kränkelnd 3 ————— — — geſehen, jetzt lag ſie matt auf dem Sopha. Sie richtete ſich auf und ſprach ihre Freude aus, daß er ſo ſchnell auf ihren Brief zurückgekommen ſei. Erich wußte nichts von einem Brief und auch er hörte jetzt, daß Sonnenkamp einen Boten geſchickt und die Mutter ebenfalls einen Brief mitgegeben hatte. Die Mutter fieberte und ſagte, ſie fürchte eine ſchwere Krank⸗ heit, es ſei ihr immer, als ob das Haus, in dem ſie wohne, auf Wellen ſchwimme, immer weiter und weiter dem Meere zu; ſie müſſe ſich gewaltſam wach halten, denn ſo wie ſie die Augen ſe käme dieſe Vorſtellung immer beängſtigender wieder. „Wenn Du da biſt, wird ſchon wieder Alles gut. Es war mir ſo bang, da ich hier auf dieſer verkehrten Welt ſo allein war.“ Erich ſah, daß es unmöglich war, ſeiner Mutter etwas von dem anzudeuten, was er bei Weidmann erfahren. Die Mutter klagte: „Ach, ich wünſche, daß es Dir nicht ſo gehe wie mir. Je älter ich werde, deſto räthſelhafter und verwirrter ſind mir manche Dinge. Ihr Männer ſeid glücklicher, Euch plagt das Einzelne nicht ſo ſehr, weil Ihr das Ganze ſeht. 2 Sie betrachtete ihren Sohn mit trübem Blick, ſie hätte ihm gern das Entſetzliche mitgetheilt Aber wozu ihn belaſten, da er doch nichts leiſten kann? Erich berichtete von dem Leben auf Mattenheim und wie ihm das Glück geworden, auch da einen Freund zu gewinnen. In der Art, wie er das thätige Getriebe des Hauſes darſtellte, war etwas, als ob er eine friſche Luftſtrömung in die Stube bringe, und die Mutter ſagte: „Ja, man vergißt in Wirrniſſen, daß es noch ſchöne har⸗ moniſche Exiſtenzen gibt.“ Sie kehrte aber wieder zur K lage zurück und bejammerte die Lebenskämpfe, die einem Mädchen wie Manna beſchieden ſeien. Und eben als ſie ihren Namen nannte, kam ein Bote von Manna mit der Bitte, daß die Profeſſorin zu ihr kommen möge. Erich wollte dem Boten erwidern, daß ſeine Mutter unwohl ſei, Fräulein Manna möge doch die Güte haben, hierher zu kommen; aber die Mutter richtete ſich raſch auf und ſagte: „Nein, ſie braucht meine Hülfe, ich muß geſund ſein und ich bin geſund. Es iſt gut, daß mich meine Pflicht von dieſe rär lichen Nachgiebigkeit erlöſt.“ Auerbach. Landhaus am Rhein. III. 3 „Ich komme,“ rief ſie dem Boten zu: Sie kleidete ſich ſchnell um und ging mit ihrem Sohn nach der Villa. Achtes Capitel. An der Thüre Manna's nannte die Profeſſorin ihren Namen. Manna öffnete; blutloſen Antlitzes und matt reichte ſie die Hand. „Ich habe mit mir allein gerungen,“ ſagte ſie;„ich kann den Ausweg nicht finden; Ihnen ſage ich Alles.“ Nun erzählte ſie, wie ſie in anbetender Verehrung gegen ihren Vater aufgewachſen, oft ſchmerzlich beklagt habe, daß die Mutter ſo herb und gehäſſig gegen ihn ſei; aber einmal— ſie habe nie erfahren, was vorausgegangen— habe die Mutter im Beiſein des Vaters geſagt... Mit thränenerſtickter Stimme ſprach nun auch Manna das Wort. Die Profeſſorin ſaß da und hielt die Hände im Schooß und ſchloß die Augen. Manna erzählte weiter, wie ſie zuerſt nicht be⸗ griffen, was das ſei, aber allmälig ſei es ihr aufgegangen; Alles habe ſie angeekelt, jede Speiſe, jedes Gewand... Von ſolchem Erwerbniß ſich Bequemlichkeit, Luſt und Glanz des Lebens ver⸗ ſchaffen? Ein Grauſen verfolgte ſie überall, das Daſein ward ihr zur unerträglichen Laſt. Eine einzige Rettung that ſich auf. Sie ging ins Kloſter. Auf dem Wege dahin ſei ihr immer der Ge⸗ danke nachgegangen: wie einſt Iphigenie geopfert worden zur Sühne, ſo wollte ſie ſich frei und heilig opfern und alle Schuld der Ihrigen tilgen. „Mir war es damals, als ob ſich etwas in mir geſpalten, als ob eine Ader in meinem Herzen geriſſen wäre,“ ſchloß Manna. Nach einer längeren Pauſe fuhr ſie fort, wie ſie nicht be⸗ greife, was ihr Vater thue, und ſie— ſie ſelbſt ſolle eine Adlige werden; die ebenbürtige Braut Pranckens. Sie habe Prancken geehrt und geachtet; er ſei ein Weltmann, aber dabei von tief edlem, religiöſem Gefühl. Laut ſchluchzend warf ſie ſich an den Hals der Profeſſorin und rief: „Ich kann nicht! Ich kann nicht ſein Weib werden! Ach, ich bin zu ſchwach. Man hat es mir geſagt, ich werde ſchwere Kämpfe durchmachen müſſen; aber das habe ich doch nie geglaubt, nie geahnt. Nein, gewiß nicht.“ „Was denn noch?“ fragte die Mutter. Manna bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen, dann warf ſie ſich der Mutter an den Hals und weinte. Dieſe drängte, daß ſie das Weitere bekenne, aber Manna blieb ſtumm; endlich ſagte ſie die Worte: „Nein, das nehme ich mit mir ins Grab, das iſt mein allein.“ Die Profeſſorin ſprach ihr Troſt und Ruhe ein und fragte, ob ſie das, was ſie jetzt bekenne, nie in der Beichte bekannt habe. Manna warf ſich vor der Profeſſorin auf die Kniee und beſchwor ſie, Niemand zu ſagen, was ſie von ihrem Vater erzählt. Sie ſchnellte aber wie von einer Schlange gebiſſen empor, als die Profeſſorin er⸗ klärte, daß ſie Alles längſt wiſſe; ſie habe es ſchwer getragen, aber es ſei die Pflicht derer, die ſich ſchuldlos fühlen, ſich demjenigen nicht zu entziehen, der eine traurige Vergangenheit tilgen wolle. Ein Zucken ging durch die Mienen Manna's. „Wer weiß es noch? Wer? Sagen Sie es mir!“ „Wozu das, mein Kind? Was quälſt Du Deine Seele, daß ſie zerknirſcht, bettelnd, Verzeihung erflehend von Haus zu Haus, von Menſch zu Menſch wandert?“ „Mein Gebet, mein Opfer iſt verworfen, verworfen ich, ver⸗ worfen wir Alle. Es ſollte in mir allein leben, in mir, in mei⸗ nem zerknirſchten, zerſchlagenen Herzen. Ich bin frei... frei!“ „Die Art, wie Du lächelſt, macht mich bang,“ ſagte die Pro⸗ feſſorin, die das Mienenſpiel Manna's ſcharf beobachtete. „Ach, ich habe mit meinem Bruder nur Einmal über Sklaverei geſprochen,“ klagte Manna,„und es ergriff mich, als wenn ich plötzlich in den Abgrund geſchleudert würde, da er ſagte: Geſchöpfe, die man in die Kirche aufgenommen hat, ſind uns gleich. Er hat Recht. Wer in die Halle der Gotteserkenntniß eintritt, iſt ein freies Kind Gottes. Mich ſchauderte, da ich dachte: wie iſt es möglich, daß man in der Kirche betet und hat neben ſich, abgeſchieden durch einen Zaun, Menſchen, die Sklaven ſind? Iſt da nicht jedes Wort des Gebetes, die Andacht, das Opfer eine Lüge? Wie kann ein Geiſtlicher das Kind eines Mannes, wie konnte er uns in die Kirche aufnehmen, da unſer Vater doch—“ Manna deutetete mit der Hand auf das Herz; es preßte ſie, 8 ſie konnte nicht weiter ſprechen. ————— —2 — Die Profeſſorin beruhigte ſie. „Mein Kind,“ ſagte ſie,„wirf keinen Stein auf diejenigen, die nicht Alles leiſten und ausgleichen, was von Sünde in der Welt iſt. Das Heiligthum iſt groß, wenn auch Verkehrtheit, Läſſigkeit und Nachgiebigkeit ſich darin eingeniſtet.“ Aus tiefſtem Herzen ſuchte die Profeſſorin dahin zu wirken, daß Manna ihren Halt in der Religion nicht verliere; ſie ſprach mit Begeiſterung von denen, die ihr Daſein dem Höchſten widmen, raſtlos wirken und ſchaffen, wenn es ihnen auch nicht gegeben iſt, die Erde zu einer Wohnſtätte der Liebe und Tugend umzugeſtalten. Staunend ſah Manna auf die Frau, die ihr ſo zuredete; ſie wollte fragen: Sind Sie denn nicht eine Proteſtantin? Aber ſie hielt die Worte zurück, denn hier, jetzt, erſchienen ihr alle Unter⸗ ſchiede der Glaubensform verwiſcht; ſie ſah nichts als ein mildes, ein tragendes und zum Guten auslegendes Herz. Jetzt fühlte ſie ſich ganz und voll der edlen Frau hingegeben; ſie warf ſich in ihre Arme, mit Thränen in den Augen küßte ſie ihr die Wangen, die Stirn und die Hände und bat, ihr die Hände aufs Haupt zu legen und ſie zu halten, daß ſie nicht vor Jammer vergehe. Still an einander geſchmiegt ſaßen die beiden Frauen, da klopfte es an die Thür. Sonnenkamp rief, daß er ſeine Tochter ſprechen müſſe. „Du mußt ihn ſprechen,“ ſagte die Profeſſorin. Manna erhob ſich und ſchob den Riegel an der Thür zurück. Sonnenkamp trat ein. „Es freut mich, daß Sie wieder wohl ſind,“ ſagte er mit heller Stimme zur Profeſſorin. Er ahnte nicht, mit welchem Blicke ihn die Profeſſorin und ſein Kind anſahen. „Ich danke Ihnen,“ fuhr er fort und ſagte, daß er mit Manna allein ſprechen wolle. Manna bat, der Vater möge erlauben, daß die Profeſſorin bei der Beſprechung anweſend ſei; ſie habe keinerlei Hehl vor der edlen Frau.* Sonnenkamp war betroffen. Wäre es möglich? Nein, das kann nicht ſein, ſein eigenes Kind kann ihn nicht verrathen haben. Oder will ſie einen Zeugen, einen Schutz?... Das Kind vor dem Vater? Die Profeſſorin erhob ſich, um zu gehen, und Sonnenkamp — 8 ſagte ihr nur noch in herzlichem Ton, er bitte ſie, ſeiner? Geſellſchaft zu leiſten und ihr während ſeiner Abweſenheit Anleitung und Rückſicht zuzuwenden. Die Profeſſorin ging. Manna ſah den Vater ſtarren, unflorten Blickes an. Sonnenkamp ſchien nach dem Worte zu ringen. Er wartete, daß Manna zuerſt ſpreche; da ſie aber ſchwieg, ſagte er, daß ſie gewiß das giftige Wort, das ihre Mutter gegen ihn erfunden, längſt vergeſſen habe; ſie möge nun zur Mutter gehen, die ihr be— ſtätigen werde, daß ſie jenes Wort nur aus Bosheit hervorgeſtoßen. Manna nickte ſchweigend, und nun ſprach Sonnenkamp von der Verlobung mit Prancken, wobei er ſich rühmte, daß er ſeinem Kinde nie einen Zwang auferlegt. Manna beſchwor ihn, jetzt keine Entſcheidung von ihr zu verlangen. „Gut, ſo ſollſt Du erſt bei unſerer Rückkehr Dich entſcheiden, aber verſprich mir, freundlich gegen ihn zu ſein.“ Das konnte Manna verſprechen, und Sonnenkamp lächelte vor ſich hin; er hält Prancken noch in der Schwebe, bis Alles abgethan iſt; tritt ein Unvermeidliches ein, ſo iſt's nicht zu ändern. „Du biſt nun ein Freifräulein,“ ſagte er gewaltſam lächelnd zu ſeinem Kinde;„Du ſollſt in Allem frei ſein, nur heute noch laß Alles in der Schwebe. Ich kann nicht unehrlich ſein.“ Er hatte eigentlich ſagen wollen, daß er ſich nichts daraus mache, Prancken zu betrügen, aber er ſetzte hinzu, daß es viel ſchicklicher ſei, Einwilligung oder Verſagung zu geben, wenn man geraume Zeit im Beſitze der Standeswürde ſei. Und ſo ſchied er mit freundlichen Worten von ſeinem Kinde. Sonnenkamp wußte, daß ſein Wagniß noch nicht gelungen iſt, aber jetzt iſt nicht mehr Zeit zum Innehalten. Er war über⸗ zeugt, daß Prancken Alles von ihm wußte, und wenn es zu Tage kam, vor der Welt den Getäuſchten ſpielen wird; aber er hat gute Art genug, von Manna nicht zu laſſen, die vornehme Sipp— ſchaft wird ſchon Alles vertuſchen, und Geld wirkt überall, und Roland iſt geſichert. Wenn aber doch Alles zuſammenbricht, dann läßt er Frau und Kinder zurück und zieht wieder allein nach Amerika. Sonnenkamp war in der Verfaſſung, in der er Alles zu be⸗ herrſchen und zu klären glaubte und doch wie von einer dämo⸗ niſchen Gewalt fortgetrieben wurde. Am Mittag war große Heit t auf der Villa, denn der — den reiſte man noch am Abend nach der Reſidenz ab. Reuntes Capitel. Am Geſindetiſch im Erdgeſchoß war eine große Lücke. Der obere Platz, den Bertram einnahm, war leer, auch Joſeph und Lutz fehlten, denn ſie waren mit nach der Reſidenz gereiſt. Die Männer und Frauen am Tiſche flüſterten leiſe, endlich ſagte der Obergärtner, die Sache ſei kein Geheimniß mehr; er behauptete, ſchon damals, als die Fürſtlichkeiten zum Beſuche geweſen, es ge⸗ ſehen zu haben. Mit einer Art Herablaſſung, die deutlich erkennen ließ, wie er bedauere, ſeine Bildung vor dieſen Menſchen bekunden zu müſſen, gab er ſeine Worte, denn dieſe Leute konnten doch nicht würdigen, was er zu ſagen hat: Joſeph allein, wenn er da hätte ihm das entſprechende Lob dafür ertheilen können. Die übrige Dienerſchaft aber hatte einen Widerwillen gegen den vor⸗ nehm und gelehrt thuenden Obergärtner. Niemand antwortete ihm. Die dicke Köchin, die ſich ſelten zu Tiſche ſetzte, denn ſie behauptete, ſie eſſe eigentlich gar nichts, wagte es nun, den Platz Bertrams ſo einzunehmen, daß ſie jeden Augenblick aufſtehen konnte. Sie ſagte, ſie habe ihr Lebenlang nur bei adligen Herrſchaften gedient und jetzt ſei es wieder ſo. Nun war das Wort heraus, Allen ſchien eine Laſt von der Seele genommen, da man frei davon ſprechen durfte. Der zweite Kutſcher ſtülpte die Batten an ſeiner langen Weſte etwas auf und betrachtete ſie mit forſchendem Blick. „Da kommen nun auch Wappenknöpfe hin,“ ſagte er endlich; „und unſere Wagen werden neu lackirt, auf dem Kutſchenſchlag wird ein feines Wappen angebracht.“ Ein Reitknecht freute ſich, daß 4 den Pferdedecken über dem Namen eine Fegigtigt 6 Krone allen Menſchen in die Augen ſtechen würde. Die Weißzeugſchließerin merte über die große Mühe, die man haben werde, alle W e nen zu ſticken; die Silbermamſell ——— *— dagegen freute ſich, daß ſie neue Löffel und Gabeln bekäme, denn jetzt werde Alles umgeſchmolzen, um neu gravirt zu werden. „Und die Hundehalsbänder werden auch neu gemacht,“ rief eine Hreiſchende Stimme. Alle lachten über den Hundejungen, der blöde grinſend drein ſchaute, weil er etwas ſo Luſtiges geſagt hatte. Die alte Urſel, die beharrlich auf ihrem Schemel ſaß und ihren Teller auf dem Schooß hielt, rief der zweiten Köchin zu: „Nun gibt's auch bald eine Frau Lutz. Jetzt wird der Herr das Heiraten erlauben.“ „Hat er es denn Dir erlaubt?“ „Gottlob, daß ich's nicht mehr nöthig habe. Aber jetzt bleibt er für ewige Zeiten da und geht nicht mehr fort. Jetzt könnt Ihr alle heiraten.“ Der zweite Gärtner, das ſogenannte Eichhörnchen, erklärte 4 mit Salbung: „Ich will nichts geſagt haben, aber wenn ich ein ſo reicher Mann wäre, ich hätte mich nicht adeln laſſen; nein, ich wäre lieber der reichſte Bürger rheinauf und rheinab, als der neueſte Adlige. Ich thät's den Adligen nicht zu Gefallen. Wenn man Geld hat, iſt man adlig genug. Alle höhnten den Vorwitzige de Obergärtner ſah ihn gönneriſch nickend an; ſeine Mienen ſagte ich hätte dem Ein⸗ fältigen ſolch einen Gedanken nie zugetraut. 8 Man ſprach nun hin und her, welche Livreen der Herr an⸗ ſchaffen werde und ob er vor ſeinem alten Namen ein von be⸗ kommen oder einen ganz neuen Namen erhalten werde. Endlich ging das Geſpräch auf die Verlobung Pranckens über. Die Weißzeugſchließerin vertraute auch der dicken Köchin, daß der Kammerdiener Joſeph— ſie habe es während des ganzen Winters bemerkt— eine Liebſchaft mit der Tochter des Victoria⸗ wirths habe. Die Unterredung im Erdgeſchoß wurde unterbrochen, als eine Stimme von oben kam mit der Botſ ſchaft, es ſolle noch einmal angeſpannt werden, denn die w Frau wolle ausfahren.. „Ja— er hat's gut, er reiſt, er zerſtreut ſich und mich läßt er hier allein! Was ſoll ich nun anfangen?“ So klagte Frau gegen Fräulein Perini, als Sonnen⸗ kamp, Prancken und Roland abg iſt waren. Mit der Haſt und — Unruhe einer Fieberkranken ging ſie im Zimmer auf und ab und fragte Fräulein Perini, was ſie thun ſolle. Dieſe ermahnte ſie, ſich ruhig zu verhalten, ſich zu ihr zu ſetzen und am andern Ende ihrer Stickerei den Grund auszufüllen. „Ja,“ rief Frau Ceres plötzlich,„jetzt hab' ich's. Ich will ihm auch eine Freude machen, ich ſticke ein Sophakiſſen mit unſerm Wappen. Und noch etwas! Ich habe auch geſehen, daß man mit Wappen geſtickte Betſchemel in der Kirche hat; das wollen wir auch haben.“ Fräulein Perini ſtimmte bei. „Noch eins!“ ſagte ſie. „So? Sie wiſſen noch etwas?“ rief Frau Ceres. „Ja, es wird Ihrem frommen Sinne gut anſtehen, Sie haben es gewiß ſchon gedacht, nur wieder vergeſſen.“ „Was? Was habe ich vergeſſen?“ „Sie wollten, wenn die Ehre erreicht iſt, ſofort eine Altar⸗ decke ſticken.“ „Ja, das wollen wir. Hab' ich das einmal geſagt? Ach, ich vergeſſe Alles. Ach, liebe Madame, bleiben Sie nur immer bei mir, mahnen Sie mich nur immer an Alles. Haben Sie großen Stramin? Wir wollen jetzt gleich anfangen.“ Fräulein Perini hatte immer Alles bereit, Seide, Wolle, Goldfäden und Silberfä Stramin und Muſter. Frau Ceres machte in der That einige Stiche, dann aber ſagte ſie: „Ich zittere heute, aber angefangen habe ich doch die Decke und nun arbeiten wir immer daran. Nicht wahr, Sie helfen mir?“ Fräulein Perini bejahte, ſie wußte, daß ſie die ganze Altar— decke fertig machen mußte, aber Frau Ceres war nun doch etwas ruhiger geworden. „Wollen Sie mir nicht den Pfarrer rufen laſſen, oder wollen wir ihn nicht beſuchen?“ „Wie Sie befehlen.“ „Nein, es iſt beſſer, wir bleiben allein. Wo nur Manna iſt? Sie ſoll kommen, ſie ſoll bei ihrer Mutter ſein.“ Sie klingelte und ſchickte nach Manna; ſie erhielt die Antwort, daß ſie ſich bereits zur Ruhe begeben, ſie bäte die Mutter um Entſchuldigung, aber ſie ſei ſo müde. „Wo nur die Profeſſorin bleibt? Wäre es nicht ihre Schuldig⸗ keit, zu mir zu kommen und mir zu gratuliren?“ ———— 4 — Ueeeeeee e ee———————————— „Sie ſcheint wieder geſund, ſie war bei Fräulein Manna und ging wieder heim,“ entgegnete Fräulein Perini. „Sie war im Hauſe und iſt nicht zu mir gekommen?“ rief Frau Ceres.„Sie ſoll ſogleich kommen— augenblicklich. Schicken Sie nach ihr. Ich bin die Mutter, mir gebührt zuerſt die Ehre, dann erſt dem Kinde. Schicken Sie nach ihr, ſie ſoll ſogleich kommen!“ Fräulein Perini mußte willfahren. „Seien Sie recht ruhig, Frau Baronin,“ ermahnte ſie. „Frau Baronin! Die Profeſſorin wird mich hoffentlich doch auch ſo nennen?“ „Gewiß, ſie hat ſehr viel Anſtand.“ Wieder ging Frau Ceres unruhevoll im Zimmer auf und ab. Vor dem großen Spiegel ſtand ſie manchmal ſtill und machte eine Verbeugung; ſie legte die Linke aufs Herz, die Rechte hing ſchlaff herab, und ſie verbeugte ſich tief.* An dem Spiegel waren zu beiden Seiten Leuchter angezündet und manchmal griff ſich Frau Ceres an ihren Oberkopf. „Er hat mir ein ſiebenzintiges Diadem verſprochen; es wird mir gut ſtehen, nicht wahr?“ Sie verbeugte ſich nochmals vor dem Spiegel und hatte ein überaus holdſeliges Lächeln. Fräulein Perini hörte draußen die Ankunft der Profeſſorin, ſie ging ihr entgegen und bat, Frau Ceres recht ſchonend und nachſichtig zu behandeln und ſie ja nur immer Frau Baronin zu nennen. „Warum haben Sie mir ſagen laſſen, daß ſie krank iſt, und mich darum noch in der Nacht rufen laſſen?“ „Entſchuldigen Sie, Sie wiſſen, es gibt Kranke, die nicht zu Bett liegen.“ Die Profeſſorin verſtand. Als ſie eintrat, rief Frau Ceres, immer noch i dem Geſicht zum Spiegel gewendet: „Ah, ſchön! Schön, daß Sie kommen, liebe Profeſſorin— ſehr freundlich— ſehr dankenswerth— ich bin Ihnen auch gut.“ Jetzt erſt wendete ſie ſich um und reichte der Angekommenen die Hand. Die Profeſſorin glückwünſchte E und nannte ſie nicht Frau Baronin. — Frau Ceres wollte nun wiſſen, was ihr Mann— ſie corri— girte ſich aber ſchnell und ſagte:„Nicht wahr, man ſagt immer Gemal?“— alſo, was ihr Gemal in der Stadt zu thun habe, ob er Ritterprobe beſtehen müſſe und ob er vor dem verſammelten Volke den Ritterſchlag erhalte. Die Profeſſorin entgegnete, daß Derartiges nicht mehr geſchehe; es werde ihm einfach ein pergamentenes Diplom überreicht. „Pergament— Pergament?“ wiederholte Frau Ceres vor ſich hin.„Was iſt Pergament?“ „Das iſt eine gegerbte Haut,“ erklärte die Profeſſorin. „Ah, ein Skalp— ein Skalp. Ich verſtehe. Da drauf... Wird das Diplom auch mit Dinte geſchrieben, wie Anderes, was man ſchreibt?“ Sie ſtarrte lange vor ſich hin; dann zuerſt die Augen ſchließend und wieder öffnend, bat ſie die Profeſſorin, ſich eines ihrer ſchön— ſten auszuwählen; ſtolz und erſchreckt erhob ſich dieſe, aber ſie ſetzte ſich raſch wieder und ſagte, ſie erkenne die Freund⸗ lichkeit der Frau Sonnenkamp, ſie trage aber keine ſo ſchönen Kleider mehr. „Frau Sonnenkamp trägt auch keine mehr. Frau Sonnenkamp — Frau Sonnenkamp!“ wiederholte Frau Ceres. Sie wollte der Profeſſorin zu Gemüthe führen, daß ſie ſie nicht Frau Baronin genannt habe. „Haben Sie ſchon einmal die Adelserhebung eines Ameri⸗ kaners erlebt?“ fragte ſie plötzlich. Die Profeſſorin verneinte. Als nun erwähnt wurde, daß Herr Sonnenkamp den Namen Baron von Lichtenburg, nach der Burg, die man neu erbaue, erhalten werde, rief Frau Ceres: „Ah, das iſt's! Das iſt's! Jetzt weiß ich's. Noch heut Abend, jetzt gleich will ich die Burg beſuchen— unſere Burg! Dann werde ich gut ſchlafen. Sie Beide begleiten mich.“ Sie klingelte, daß man ſofort anſpanne; die beiden Frauen ſahen einander erſchreckt an. Was ſoll daraus werden? Wer weiß, ob nicht unterwegs in dieſer Aufregung eine plötzliche Verwirrung, ein Wahnwitz ausbricht. Die Profeſſorin ſagte Frau Ceres, es wäre viel ſchöner, morgen am Tage die Burg zu beſuchen; wenn man es noch heut in der Nacht thäte, würde das in der ganzen Gegend Aufſehen erregen. wa. — — „Warum? Gibt es vielleicht eine Sage von unſerer Burg?“ Es gab wohl eine ſolche, aber die Profeſſorin hütete ſich, ſie jetzt zu erzählen; ſie war indeß bereit, mit Frau Ceres eine Stunde in der milden Nacht auf der Landſtraße ſpazieren zu fahren; ſie hoffte, daß ſie das beruhigen werde. Und ſo fuhren die drei Frauen durch die linde Nacht mit einander dahin. Die Profeſſorin hatte angeordnet, daß nicht nur neben dem Kutſcher ein Bedienter, ſondern auch ein anderer auf dem Rückſitz ſaß; ſie wollte für alle Vorkommniſſe Hülfe haben. Eine ſolche aber war nicht nöthig, denn als Frau Ceres im Wagen ſaß, war ſie ruhig, ja, ſie begann von ihrer Kindheit zu erzählen. Sie war früh verwaiſt, die Tochter eines Capitäns auf einem der Schiffe Sonnenkamps, das weite, ſehr gefährliche Fahrten gemacht habe. Nach dem Tode der Eltern habe Herr Sonnen⸗ kamp ſie ganz in ſeine Obhut genommen und ſie einſam, nur von einer alten Dienerin und einem Diener bewacht, aufwachſen laſſen. „Er hat mich nichts lernen laſſen, gar nichts,“ klagte ſie wieder;„er hat mir geſagt: ſo wie Du biſt, iſt es am beſten. Ich war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er mich heiratete.“ Sie weinte; dann aber wieder in die Hände ſchlagend, rief ſie: „Nun iſt Alles gut— nicht wahr, es iſt Alles gut?“ Sie reichte der Profeſſorin und Fräulein Perini die Hände. „Glauben Sie,“ wendete ſie ſich zur Profeſſorin geheimniß⸗ voll,„glauben Sie, daß unſer Adelſtand nun ganz ſicher und gewiß iſt?“ „Nachdem das Decret ausgefertigt, ſcheint Alles feſt, aber Niemand kann ſagen, daß etwas feſt ſei, bevor es geſchehen; es können im letzten Momente noch Zufälle eintreten.“ „Welche Zufälle? Was meinen Sie? Welche? Was wiſſen Sie? Sagen Sie mir Alles!“ Die Profeſſorin war in tiefer Verlegenheit, aber Fräulein Perini half ihr, indem ſie die„Frau Baronin“ bat, ſich nicht gewaltſam in Aufregung zu bringen; ſie erzählte von dem Palais, das Herr Sonnenkamp in der Reſidenz baue, und Frau Ceres ließ ſich ablenken, zumal da Fräulein Perini zwiſchen jeden Satz die Anrede„Frau Baronin“ einſchob. eeee Frau Ceres legte ſich in die Ecke zurück; ſie ſchlief ein wie ein Kind, das ſich ausgetobt und ausgeweint. Fräulein Perini bat dringend, die Profeſſorin möge Frau Ceres doch Baronin nennen, wenn ſie wieder aufwache. Sie ließ den Wagen wenden, man fuhr zurück nach der Villa. Frau Ceres war kaum zu erwecken; man brachte ſie zu Bett. Sie dankte den Frauen innig, und glückſelig lächelte ſie, als die Profeſſorin ſagte: „Nun ſchlafen Sie gut, Frau Baronin.“ Zehntes Capitel. Erich wanderte hinaus in die Landſchaft; er glaubte, er müſſe zu einem Freund, zu einem Menſchen, an deſſen Bruſt er ſein ſchweres Haupt legen könnte. Er wollte zu Clodwig, zum Doctor, aber ſie konnten das Unabwendbare nicht ändern, und er darf ſeine Mutter, das Haus nicht verlaſſen, er darf nicht an ſich ſelbſt denken. So wandelte er wie ein irrender Schatten durch die Nacht. Er ſah den Wagen, darin die Frauen ſaßen, des Weges daher kommen, er verbarg ſich ſchnell hinter einer Hecke, er begriff nicht, was das ſein ſoll; er hatte ſeine Mutter, Frau Ceres und Fräu⸗ lein Perini erkannt. Wohin eilen ſie? Er ſtand lange; da kehrte der Wagen wieder um und auch er kehrte heim. Lange ſaß er am Wieſenweg auf einer Bank vor dem grünen Hauſe; er ſah das Licht löſchen; endlich ging er nach der Villa. Am Fenſter Manna's, wo kein Licht brannte, ſchien es ihm, daß Manna herausſchaute und eine weiße Hand ſich aus dem Fenſter ſtreckte; er ging ſchnell vorüber. Mit ſtummer Lippe wandelte er in ſeinem Zimmer auf und ab; es war ihm ſo ungewohnt, daß er nicht noch mit Roland ſprechen ſollte, wie allabendlich bis jetzt. Er wollte in einem Buche Befreiung vom eigenen Denken ſuchen, aber die Hand, die nach dem Buche greifen wollte, machte eine abwehrende Bewegung. Hin und her dachte Erich, was aus ihm werden ſolle; er fand — ——. es nicht und tröſtete ſich, daß der morgende Tag ſchon ſeine Auf⸗ gabe ſtellen würde. Als er erwachte, war ſein erſter Gedanke: wie iſt Roland erwacht. Ob er wol jetzt ſich zu mir ſehnt, wie ich zu ihm? Jetzt nicht, jetzt faßt ihn der Strudel des Lebens; aber es werden Zeiten kommen, wo er ſich nach mir wendet, und ich will bereit ſein.. Er hörte die Kirchenglocken läuten und verließ das Haus; er wollte zu ſeiner Mutter, aber er fühlte ſich nicht gefaßt genug, ſie jetzt ſchon zu begrüßen; die Erinnerung an das, was Weidmann ihm mitgetheilt, lebte in ihm auf, als hörte er es zum erſten Mal. Seine Wangen glühten, denn er dachte: Manna, Du ſollſt nie wiſſen, was in mir.— Er wonderte durch die Weinberge und mitten in aller Ver— laſſenheit, allem Schmerz war es ihm plötzlich, als ſtünde er auf der Schwelle des Glücks, eines unnennbaren, von dem Niemand weiß, woher es kommen ſoll. Zurück in jene erſten Tage, da er von Wolfsgarten kommend hier eingetreten war, gingen ſeine Gedanken. Wie iſt es möglich, daß man Alles wieder verläßt? Er ſaß am Wege auf einem Mark⸗ ſteine, da redete ihn eine Frauenſtimme an. Er ſchaute verwundert auf; Fräulein Milch ſtand vor ihm, ſie trug ein Gebetbuch in der Hand. Er grüßte ſie und ſagte, er habe nicht gewußt, daß ſie Katholikin ſei. „Ich bin es auch nicht, aber es gibt Zeiten, wo ich nicht allein beten kann, ich muß in ein anderes Haus, in eines, das dem Höchſten erbaut iſt, ich muß mit Menſchen da ſein, die gleich mir Troſt und Ruhe im Ewigen ſuchen, wenn ſie den Ewigen auch anders anrufen, als ich. Ich bete nicht daſſelbe wie die Anderen, aber ich bete doch mit ihnen.“ Sie fragte nach der Mutter und bat, ihr zu ſagen, daß ſie jetzt nicht zu Beſuch käme, weil ſie zu ſtören fürchte; ſie ſelber aber ſei immer zu Hauſe zu finden. „Auch Sie, Herr Hauptmann, ſollten zu uns kommen, wann es Ihnen genehm; wir haben nicht viel zu bieten, aber etwas iſt bei uns immer zu haben, und das iſt Ruhe.“ Sie fragte, wie es Erich zu Muthe ſei, da ihn Roland ver⸗ laſſen, und ſie war die Erſte, welcher Erich die ganze Sehnſucht nach dem Jüngling ausſprach. 46 „Roland iſt mir mehr geworden, als mir mein verſtorbener Bruder war,“ rief er aus. Eben als er dieſe Worte mit bewegter Stimme ausſprach, ging Manna mit Fräulein Perini vorüber. Sie grüßte die Beiden ſtill und drückte ihr Gebetbuch feſt gegen das Herz. „Ich möchte es ihr gönnen, daß ſie eine glückliche Nonne wird, aber ſie wird es nie,“ ſagte Fräulein Milch. „Natürlich, ſie wird Frau von Prancken.“ „Frau von Prancken? Das glaube ich nie.“ „Ich begreife nicht.“ „Denken Sie daran, Herr Hauptmann, daß ich Ihnen das heute geſagt. Ich verſtehe mich ein wenig auf die Menſchen. Ich habe von Baron Prancken kein anderes Wort gehört, als: Wo iſt der Herr Major? Mich ſelber ſprach er nie an, ich nehme es ihm auch nicht übel, aber ich kenne ihn doch.“ Erich hatte keinen Grund, an die Vermuthung, die Fräulein Milch ausgeſprochen, zu glauben, und doch glaubte er ihr. Er begleitete Fräulein Milch nach Hauſe. Der Major war nicht da, er war nach der Burg gegangen, denn da gab es noch viel zu thun, um in den nächſten Tagen die feſtliche Einweihung des Burgfrieds vornehmen zu können. Erich kehrte um und ging zu ſeiner Mutter. Elftes Capitel. „Sind Sie auch ſchwermüthig und gedankenvoll?“ rief der Doctor dem Eintretenden entgegen.„Ich treffe hier eine Colonie von Bangenden. Was iſt denn an dieſer Geſchichte ſo Schwer— müthiges? Herr Sonnenkamp ſchafft ſich ein neues Gewand, eine neue Equipage an. In alten Zeiten, ich erinnere mich ihrer noch, durfte ein Bürgerlicher nicht vierſpännig fahren, und wenn er es wollte, mußten die Pferde hänfene Stränge haben. Herr Sonnen⸗ kamp ſchafft ſich lederne Stränge an. Frau Ceres iſt krank, Manna iſt krank, die Profeſſorin iſt krank, der Herr Hauptmann ſieht krank aus; nur Fräulein Perini und die Tante ſind noch geſund in dieſem Lazareth. Brauſepulver! Brauſepulver wird heut als Haus⸗ und Feldgeſchrei ausgegeben.“ Der Doctor brachte einen friſchen Ton, der wie ein über den Bergwäldern gewürzter Luftſtrom die Dünſte wegblies. Die Profeſſorin konnte nicht ſagen, warum ſie ſo bang ſei, Erich konnte es nicht ſagen. Der Doctor nahm Erich mit nach der Villa, und eben als ſie in den Hof eintraten, kam ein Telegramm an Erich. Es war von Sonnenkamp und enthielt den Auftrag, er möge Frau Ceres mit— theilen, daß er in dieſer Minute ſeine Auffahrt bei Hof halte. Der Doctor übernahm die Verantwortung, Frau Ceres dieſen Bericht vorzuenthalten; ſie ſei ohnedies bis zum Wahnwitz auf— geregt, er habe ihr deßhalb ein Schlafmittel verordnet. Bei Tiſche erſchien Fräulein Perini, Manna und Erich. Nach dem erſten Gericht wurde Fräulein Perini zu Frau Ceres gerufen; ſie ging und kam nicht wieder. Manna und Erich ſaßen allein. „Sie waren heut auch in der Kirche?“ fragte Manna. „Nein. Für mich klingt kein Glockenton durch die Luft. Ich erkenne aber vollkommen die Empfindung derer, denen dieſer Klang ein Beſonderes in der Seele wach ruft.“ Manna ſchwieg und legte den Biſſen, den ſie eben zum Munde führen wollte, wieder auf den Teller. Ahnte ſie, daß Erich mit Gewaltſamkeit den Zwieſpalt zwiſchen ihnen offen legte und dadurch jede Annäherung unmöglich machen wollte? Lange ſaßen die Beiden ſtumm einander gegenüber. Erich glaubte, daß er zu ſcharf hervorgetreten ſei, er hätte gern ein friedliches, beſchwichtigendes Wort gegeben, er fand es nicht. Da begann Manna: „Sie wollen ſich gottloſer darſtellen als Sie ſind. Wer ſo mit lauterer Hingebung wie Sie einem Menſchen ſich gewidmet...“ Sie brach plötzlich ab und fuhr hocherröthend fort: „Ach, mir fällt ein, wie ich Sie am erſten Tage verletzte...“ Sie wollte hinzufügen: und jetzt verſenke ich mich in Dein Denken und wollte Dir doch wehren, in das meinige einzu⸗ dringen. Erich wollte erwidern, wie er deſſen kaum mehr gedenke, wie er gar kein Zeitmaß habe für die Dauer ihres Zuſammenſeins, aber er brachte lein Wort hervor; er fühlte, daß es ihm nicht möglich — iſt, etwas zu ſagen, ohne die ganze Uebermacht ſeiner Liebe her⸗ vorbrechen zu laſſen. Und wieder begann Manna: „Sie hatten einen jüngeren Bruder, den Sie verloren haben? Ich habe Sie heut davon ſprechen hören.“ „Ja, er war im Alter Rolands, und eben heute mußte ich darüber denken, warum ich meinem leiblichen Bruder nicht ſo viel ſein konnte, wie ich es unſerm Roland geweſen.“ „Geweſen? Sie ſind es noch und werden es ihm bleiben.“ „Gewiß. Aber was hilft das beſte Denken, wenn man nicht mehr das tägliche Brod des Lebens mit einander bricht? Ich habe gewußt, daß dieſe Trennung eintreten wird, habe ſie als noth⸗ wendig erkannt, und doch fühle ich erſt jetzt lebhaft, wie lange Zeit, einzelne Abirrungen ungerechnet, ich nichts dachte, nichts empfand, nichts erlebte, was ich nicht ſofort zu Roland in Beziehung brachte, ja nur für ihn erlebte. Jetzt iſt dieſe ganze Seelenrichtung zer⸗ ſchnitten, abgelöſt, der Halt⸗ und Zielpunkt verändert. Ich fühle mich ſo heimatlos, ſo leer.“ „Ich verſtehe das vollkommen,“ ſagte Manna, da Erich eine Pauſe machte. Sie nippte von dem Wein, der vor ihr ſtand. Frich fuhr fort: „Ich habe einen dichteriſchen Freund, der Alles überaus ernſt und ſchwer nimmt; er lebt mit ganzer Seele, rückhaltlos und ausſchließlich, ſeinem Berufe. Er klagte mir einſt, wie ausgehöhlt, wie abgelöſt und verlaſſen er ſich erſcheine, wenn er ein Wert vollendet, das nun von ihm ausgeht in alle Welt, aber nicht mehr bei ihm bleiben will. Er hat ſein Denken und Empfinden Tag und Nacht den Geſtalten ſeiner Phantaſie gewidmet, und nun ſind ſie ausgewandert übers Meer in eine andere Welt, nicht mehr für ihn da; er kann ſeine Gedanken nicht von ihnen zurück⸗ ziehen und doch nichts mehr für ſie, für ihre Reingeſtaltung, ihre Vervollkommnung thun. Ja, Fräulein Manna, und das ſind nur Gebilde der Phantaſie, die den Mann verließen und ihn einſam ſtellten. Wie ganz anders, wenn ein lebendiger, uns in die Seele eingewurzelter Menſch uns verlaſſen.“ Manna ſchaute ihn groß an; Thränen hingen an ihren langen Wimpern, und ſie ſah auch das Auge Erichs in feuchtem Glanze; ſie faltete die Hände auf dem Tiſche und ſah ruhig in ſein Antlitz. Er fühlte dieſen Blick und verwirrt ſagte er: ——— — „Entſchuldigen Sie den Egoismus, daß ich nur von mir ſpreche. Ich will die Schweſter nicht noch mehr belaſten, und kann Ihnen auch ſofort den Troſt geben, den ich für mich gefunden. Aus dem Allgemeinen heraus ſchließt man ſich dem Einzelnen an, das eine Erſcheinung des Allgemeinen iſt, und nun tritt dieſes Einzelne wieder zurück, verläßt uns. Wir müſſen die Kraft haben, uns dem Allgemeinen, Cwigen wieder zu Gebote zu ſtellen, und uns nur freuen und getröſten, daß es uns erſchienen iſt in einem lebendigen Menſchenkinde, von deſſen Daſein wir keine Ahnung hatten. Ach, ich ſpreche verwirrt. Ich wollte nur ſagen, man kann in ſolcher Stunde nichts thun, als ſtill warten, ſich ſammeln in Gedanken an die Fülle der Weltkräfte und die Fülle der Pflichten und Freuden, die in unſern Fähigkeiten liegen. Ach,“ unterbrach er ſich lächelnd,„meine Mutter erzählt von einem alten Pfarrer, der ſeiner Gemeinde zurief: Kinder, ich predige nicht nur für Euch, ich predige auch für mich, ich hab's auch nöthig.“ Ein Lächeln ging über das Antlitz Manna's und ſie ſagte: „Ich glaube, ich verſtehe Sie. Sie meinen, der einzelne Menſch iſt ein Bote des ewigen Geiſtes, und iſt der Bote nun auch wieder zurückgekehrt, wir wiſſen doch, wer ihn geſendet hat, und wiſſen, wo er daheim iſt.“ „Ich würde es nicht ſo faſſen, aber immerhin. Indem wir dem Einzelnen, Zerſtreuten, Vergänglichen dienen, dienen wir dem Ewigen, dem im Geſammten ruhenden Geiſte, bis er uns auf einen anderen Poſten beruft.“ „Glauben Sie an Beſtimmung?“ „Ich glaube, es iſt eine Fügung und Richtung, eine Ver⸗ knüpfung in unfrem Leben, die wir erſt erkennen, wenn ſie ge⸗ ſchloſſen, leider meiſt erſt, wenn ſie abgeſchloſſen iſt. Mir wird jetzt jene Stunde wieder lebendig, da ich drüben auf dem Wege nach Wolfsgarten zum erſten Mal hier herab ſah. Da lebt eine Wenſchenſeele und ahnt nicht, daß ſich eine andere zu ihr drängt, — — 4 eine Vorbereitung, die den Einen fähig macht, einen Menſchen, deſſen Namen er nicht gekannt, von deſſen Daſein er keine Ahnung hat, in ſich aufzunehmen, als wäre man Ein Leben mit ihm geweſen. Hierin liegt die Erlöſung von der Urſünde des Egois⸗ mus; wir ſagen: Du biſt der Hüter Deines Bruders.“ Auerbach. Landhaus am Rhein. Il. 4 und daß ſie Beide einander zu einem Schickſale werden. Es gibt — — „Sie ſind nicht gottlos... nein, Sie dürfen das nicht von ſich ſagen. Sie ſind nicht gottlos,“ rief Manna. Ihre Wangen glühten, ſie that die gefalteten Hände ausein⸗ ander, ſie ſtreckte die eine Hand aus, als wollte ſie ſie Erich reichen, aber unterwegs erfaßte ſie die Flaſche und ſagte: „Nicht wahr, ich bin eine ſchlechte Wirthin?“ Sie ſchenkte ihm ein, er trank, und während er trank, ruhte ſein Blick auf Manna. Sie wußte, daß er ſie anſchaute, ſie ſchlug die Augen nieder. „Ich muß Ihnen noch ein Bekenntniß machen,“ ſagte ſie. Sie hielt an, Athem ſchöpfend, dann fuhr ſie fort: „Wie Sie davon ſprachen, daß Sie nun ſo traurig ſind, weil Sie nichts mehr für Roland thun können, wurde mir aufs 3 Neue klar, welch ein Glück, welch einen Glauben auch ich ver⸗ loren habe.“ Sie ſchloß die Augen, ſie athmete tief, dann öffnete ſie die Augen wieder und ſagte: „Ich hatte einſt geglaubt, man könnte für einen Andern beten, für einen Abweſenden, Fernen, wo und was er auch ſei; ich hatte geglaubt, man könne ſich für einen Andern opfern und Alles wäre geſühnt, und nun... ach, nun glaube ich das nicht mehr.“ —— Erich erwiderte nichts, er wußte, wie ſchwer dies Bekenntniß ſich von den Lippen Manna's losrang; ihn überſchauerte es. Zetzt wußte er, Manna liebte ihn, denn nur dem Manne, den ſie liebt, konnte ſie das anvertrauen. Ein Diener trat ein und ſagte Erich, ſeine Mutter erwarte ihn, er ſolle zu ihr kommen. „Ich begleite Sie,“ ſagte Manna aufſtehend. Sie ging, um ihren Hut zu holen. Zwölftes Capitel. Frich ſtand im Speiſeſaal, die Teller und Gläſer und Schüſ⸗ ſeln tanzten vor ſeinen Augen. Manna kam raſch zurück, ihr Antlitz war heiter wie noch nie, ſie war wieder das junge Mädchen, ſie hatte den hellen Ton und die friſche Bewegung der Jugend,„ 5 indem ſie eine leichte Verbeugung machte und Erich zum Mitgehen einlud. Auf dem Flur wurden ſie aufgehalten, es war eben ein Paket angekommen. „Ah, das Seidenkleid von dem Herrnhuter?“ ſagte Manna. „Sehen Sie, Herr Hauptmann, dieſe Leute ſind nicht von unſerer Kirche, aber die Zuverläſſigkeit haben ſie nur von der Kirche. Oder ſind Sie auch ein Verächter der Herrnhuter?“ „Verächter iſt das Wort nicht, das Sie mir geben wollten. Aber ich finde das Thun dieſer Sekte widerſprechend. Beſtändig verkünden ſie Einfachheit, Entſagung, Verachtung des Prunks und der Weltgenüſſe und treiben Handel mit Seidenwaaren, mit Havanna⸗Cigarren; ſie verlaſſen ſich auf die Sündhaftigkeit der anderen Menſchen gerade wie der Bettelmönch, der ſagt: Ich will nicht arbeiten und Brod verdienen, aber natürlich ſollen Andere arbeiten, damit ich betteln kann.“ „Bringen Sie das Paket nur fort,“ ſagte Manna zu dem Diener. Still ging ſie mit Erich davon. Unterwegs ſagte ſie: „Wiſſen Sie, daß ich.. einen Widerwillen... einen Abſcheu vor Ihnen hatte, als ich hieher kam?“ „Ja wohl, das wußte ich.“ „Und warum thaten Sie nach jener erſten häßlichen Erwide⸗ rung von mir nichts mehr, um mich zu bekehren?“ Erich ſchwieg und Manna fragte nochmals: „Iſt es Ihnen denn ſo gleichgültig, wie man von Ihnen denkt?“ „Nein, aber ich war ein Diener Ihres Hauſes und war ſtolz Feuug „Aber Stolz iſt doch eine Untugend?“ „Gewiß; wenn man Anſprüche macht, die die Geltung An⸗ derer herabſetzen wollen.“ „Sie ſind mir zu geſcheidt,“ neckte Manna. „Das höre ich nicht gern von Ihnen, denn das iſt eine Re⸗ densart. Kein Menſch iſt dem andern zu geſcheidt, wenn jeder ſich ſagt: ich habe nach meiner Weiſe auch etwas. Eine ſolche Redensart ſollten Sie nicht gebrauchen. Ich habe nie eine hohle Phraſe von Ihnen gehört. Was Sie ſagten, war nicht immer logiſche Wahrheit, aber Wahrheit für Sie.“ — ——— —————— „Ich danke Ihnen,“ ſagte Manna raſch und berührte mit der Fingerſpitze ſeine Hand; wie ſich beſinnend, ſetzte ſie ſchnell hinzu: „Ich weiß nicht, ich... ich bin von meiner Schwermuth befreit, und mir iſt, als wäre es ſchon ein Jahr, ſeitdem ich ſo ſchwermüthig geweſen.“ „Wir haben das Glück,“ erwiderte Erich,„uns im beſten Denken zu verſtehen, und da gibt es kein Zeitmaß.“ „Ach ja,“ nahm Manna wieder auf,„mitten durch alle Schwer⸗ muth ging mir heute immer der Gedanke: es kommt etwas, was Dir Freude macht... Jetzt iſt es gekommen. Sie waren der Freund und Lehrer Rolands, nehmen Sie mich dafür, ſeien Sie mein Freund und Lehrer.“ Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen und die Beiden ſahen einander glückſelig an. „Ach, da ſitzt Ihre Mutter,“ rief Manna plötzlich. Mit eiligen Schritten ging ſie zur Profeſſorin und küßte ſie heſtig. Die Profeſſorin ſah ſie erſtaunt an. Iſt dies daſſelbe Mäd⸗ chen, dem ſie geſtern die fieberiſch kalten Hände erwärmt und Lebensmuth zugeſprochen? Die Jugend iſt doch ein ewiges Räthſel. Und ſo war's. Es war etwas von Kindſchaft in Manna unterbrochen, das lebte nun auf und blühte mitten unter Jammer und Elend, unter Gefahr und Kampf. Manna hielt ſich geraume Zeit mit der Hand die Augen zu, und als ſie ſie wieder aufſchlug, ſagte ſie: „Mir iſt, als ſehe ich das Alles heut zum erſten Male; der Rhein, die Berge, die Häuſer, die Menſchen.“ Eine Schaar junger Schwalben flog durch die Luft, wie jauch⸗ zend im freien Aether, und Manna rief: „Die Schwalben ſchwirren! Ach! Wer auch fliegen könnte! Ich bin eigentlich ſo traurig, ſo ſchwer, und daneben ſingt etwas in mir, iſt luſtig und ſingt immer fort: Du biſt luſtig, wehre Dich nicht dagegen. Ach, es iſt entſetzlich ſündhaft, wie ich bin.“ „Nein, Kind, Sie ſind nür noch ein Kind, und das hat, wie man ſagt, Lachen und Weinen in Einem Sack. Mir iſt viel leichter zu Muthe, ſeitdem der Doctor da war. Man kann ſich daran gewöhnen, Alles ſchwarz zu ſehen, da iſt es gut, wenn Einer kommt und ſagt: Die Welt iſt nicht ſo ſchlecht und nicht ſo gut, wie wir uns einreden, und die Dinge gehen im Guten und im Böſen nicht ihren logiſchen Gang.“ — —— — Die Profeſſorin ſprach Manna noch Beruhigung zu, aber dieſe ſchien nicht gehört zu haben, was die Profeſſorin ſagte; mit neckiſchem Ton rief ſie: „In dieſer Stunde ſind wir alſo geadelt? Ich ſpüre gar nichts davon an mir, ſo etwas ſollte man doch auch ſpüren.“ Es war ein ungewöhnlich heller Ton in Allem, was ſie ſagte, und ſie fuhr fort: „Sagen Sie mir, wie war es Ihnen an dem Tage, als Sie den Adel ablegten?“ „Von Leid keine Spur, es ſchmerzte mich nur, daß meine Freundinnen mir immer betheuerten, ſie verblieben mir dieſelben, denn in dieſer Betheuerung lag ja das Bekenntniß, daß es anders geworden; und da wiederholten ſie mir immer, wie lieb ſie mich gehabt, als ob ich gar nicht mehr lebte. In der That war ich für Manche geſtorben, denn für ſie iſt ein Menſchenkind, das den Adel verliert, wie ins Schattenreich verſunken.“ „O wie beglückt und geſegnet waren Sie,“ rief Manna,„all den Tand von ſich zu werfen und frei und ſtark Alles zu finden in dem Manne Ihrer Liebe allein.“ Die Profeſſorin erzitterte. Iſt das dieſelbe Manna, die Nonne werden wollte? Sie ſprach von der Seelenkraft, die es erheiſche, im Ringen mit den Bedürfniſſen des Lebens ſich die Gedankenwelt zu er⸗ halten. Manna ſchaute ſie aber bei allem dem mit ſtrahlenden Augen an. Erich hatte die Mutter und Manna allein gelaſſen; er ſtand an einem Roſenſtrauch und ſah, wie die Blätter der Roſe ab⸗ fielen, ſo leiſe, ſo ſtill wie von Geiſterhand gepflückt. Er ſtarrte auf die Blätter am Boden: Roland, Manna, die Mutter, die entſetzliche Vergangenheit Sonnenkamps— Alles wirrte ſich ihm durcheinander, er glaubte, er ſehe die Welt nicht mehr, wie ſie iſt. Wenn er nur Jemand hätte, der ihn anruft! Er fühlte, wie ſeine Wangen glühten, wie es ihn durchſchauerte. Du liebſt und wirſt geliebt von dieſem Mädchen, von der Tochter... Was iſt Tochter? Jedes iſt für ſich allein da. Im Erdgeſchoß war die Bibliothek ſeines Vaters, die Fenſter ſtanden offen, er ging hinein. Es lag ihm im Sinn, als müſſe unter den hinterlaſſenen Handſchriften des Vaters etwas ſein, das ihm heute Troſt und ——— Manna neuen Halt gebe; vielleicht kann der Geiſt des Vaters in dieſe jubelvolle und trauervolle Wirrniß hineinſprechen. Er ſuchte unter den Papieren, allerlei kam ihm in die Hand, doch war es nicht, was er wollte. Er löſte ein Convolut von Heften, das die Ueberſchrift trug:„Sibylliniſche Bücher,“ und faßte ein Blatt. „Das iſt's!“ rief er. Er ſtand mit dem Rücken gegen das offene Fenſter gelehnt; er hörte, wie die Mutter Manna ermahnte, ja recht feſt und treu an ihrer religiöſen Ueberzeugung zu halten; ſeien da auch Formen und Faſſungen, die ſie ſelbſt nicht als die ihrigen er— kenne, ſo ſei doch auch hierin die Wahrung des heiligen Geiſtes, die uns allein die Kraft gibt, Leid zu tragen und Freude zu empfangen. „Mutter!“ rief Erich, ſich plötzlich umwendend.„Mutter, ich bringe etwas, was Deine Gedanken fortſetzt.“ Er ging hinaus, er zeigte die Handſchrift ſeines Vaters und ſagte, daß er ſie vorleſen wolle. „Ach ja,“ rief Manna,„das iſt echt, das iſt gut von Ihnen, daß Sie uns Ihren Vater hierher bringen.“ „Das Blatt hat einen ſeltſamen Titel,“ ſagte Erich;„es lautet: Von drei Dingen, die ich nicht ganz ſagen kann und viel— leicht Niemand ganz ſagen kann.“ „Bitte, leſen Sie,“ ermahnte Manna. Erich las: „Zwei Dinge beharren, derweil des Menſchen Herz trotzig und verzagt, übermüthig und feige hin und her ſchwankt; ſie ſind: die Natur und die in uns lebenden Ideale. Die Kirche war auch eine Burg des Ideals, eine ſichere und feſte; ſie iſt es für mich und viele meines Gleichen nicht mehr. Du ſagſt, die Natur hilft uns ja nichts. Was hilft ſie mir, wenn der Gedanke der Halbheit, des Verderbens, der Schuld über mich kommt, mich gefangen nimmt? Die Natur ſpricht nicht, ſie läßt ſich nur verſtehen, deuten; ſie tönt das Echo zurück, das wir in ſie hineinrufen. Die Kirche dagegen ſpricht zu uns in perſönlichem Leid, ſie nimmt uns auf ins Allgemeine. Ich ſage: Ein Drittes iſt, das Natur und Ideal vereint dar⸗ ſtellt und uns aufnimmt. Wir nennen es die Kunſt, die bildende, die Lebenskunſt, die ſittliche, die ſchöne That. In meinen Betracht gehört alle Wiſſen⸗ ſchaft zur Kunſt. Was ein Menſchengeiſt rein aus ſich gebildet und dargeſtellt, als Zeugniß ſeines Seins, Schauens und Wollens, das erſcheint in der Kunſt als ſichtbares Gebilde, ſchaut uns an, in Marmor und Farben, tönt uns zu in Wort und Klang, läßt uns ahnen und erkennen, daß unſer gebrochenes, halb zum Aus⸗ druck kommendes Daſein Fülle und Vollendung hat. Die Kunſt hilft dem Leide nicht, ſie heilt nicht geradezu, aber ſie bringt vor Augen, ſie tönt ins Ohr: Merk auf! Es gibt ein Leben, rein und vollendet, das wir in uns tragen. Die Kunſt iſt ein Gebilde der Kraft, der Freude, des Wohl⸗ gefühls, des Lebensmuthes; ſie reicht nicht die Hand, ſie macht nur, daß wir uns ſammeln in der Erkenntniß, in der An⸗ ſchauung, in der Durchdringung eines in ſich beruhenden Daſeins außer uns, das wir begreifen.“ Erich unterbrach ſich und ſagte: „Hier ſteht als Anmerkung: Ich kannte eine Frau, die wäh⸗ rend der Trauerzeit keine Muſik machte und keine hören wollte; da zeigte ſich, was ihr die Kunſt iſt.“ Es trat eine Pauſe ein. Erich fuhr fort zu leſen: „Im ſchwerſten Schmerz meines Lebens habe ich Troſt, Ruhe, freies Aufathmen gefunden, als ich unter den antiken Gebilden umher wandelte; Andere mögen Aehnliches in der Muſik finden, mir gab es ſich im Anſchauen der antiken Geſtalten. Nicht der Gedanke an die große Welt, die hier zu Erz und Stein geworden, nicht die Erinnerung an den Geiſt, der daraus ſpricht, faßte mich an; ein Anderes war es. Sieh her, da iſt eine zur Ruhe ge⸗ kommene Seligkeit, die nichts mit Dir gemein hat und doch bei Dir iſt. Ein Hauch der Unendlichkeit hauchte mich an, goß ſanfte Ruhe in mein aufgewühltes Herz, ſättigte meinen Blick, beſchwich⸗ tigte mein Empfinden. Im Anhören der Muſik konnte ich noch immer mein eigen Leben und Denken fortträumen, hier nicht mehr. Wenn ich es nur zu ſagen vermöchte, wohin mich das Alles führte, wie ich wandelte in der Unendlichkeit und, hinausgetreten in das Lebensgewühl, immer von feſten, ruhigen Göttergeſtalten begleitet war; mir war—“ Erich brach plötzlich ab. Manna bat, daß er weiter leſe; Erich erwiderte, es ſei nur ein Bruchſtück. „Es iſt kein Bruchſtück, es iſt ganz und voll. Da könnte kein 56 Menſch weiter ſprechen, weiter ſchreiben,“ rief Manna,„da iſt nur noch ein in ſich ſelbſt Verſinken. Ich habe eine Bitte.. ſchenken Sie mir das Blatt.“ Erich ſah auf die Mutter und dieſe erklärte, daß ſie noch nie einen Federſtrich ihres Mannes in fremde Hand gegeben. „Aber Sie, mein Kind,“ ſagte ſie,„Sie ſollen es haben. Erich wird für uns es abſchreiben, damit nichts fehlt.“ Sie gab Manna die Handſchrift und dieſe drückte ſie an ihre auf und nieder wallende Bruſt. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Geſichte verſchwunden; ſie bat die Profeſſorin, daß ſie in das Haus gehen dürfte, ſie möchte gern allein ſein, ſie ſei ſo müde. Die Mutter geleitete ſie. Manna legte ſich auf das Sopha; die Vorhänge wurden herabgelaſſen, ſie hielt die Schrift in der Hand und las wiederholt; bald aber ſchloß ſie die Augen und dachte in ſich hinein, halb wachend, halb träumend, und ſchlief endlich ein. Die Mutter und Erich ſaßen beiſammen und Erich gelobte ſich, daß es ſein Erſtes ſein ſolle, jetzt, da keine nächſte Pflicht ihn bindet, das Unfertige und Halbe, das der Vater hinterlaſſen, in die Heffentlichkeit zu geben; es würde doch viele Seelen finden, die das Mangelhafte aus ſich ergänzen. Nun fühlte er ſich friſch und frei; jetzt war etwas da, was er zu thun hatte, eine fromme Kindesthat und eine Mannesthat zugleich; denn er konnte aus eigenem Wiſſen und aus münd⸗ lichen Mittheilungen des Vaters Vieles hinzufügen. Er kehrte nach der Bibliothek zurück; er ſaß in Schriften ver⸗ tieft, da trat Manna ein. „Sie hier?“ ſagte ſie.„Ich wollte mir nur all die Bücher von Außen anſehen, auf denen der Blick Ihres Vaters geruht. Ich muß nun heimkehren, aber heute habe ich viel, unendlich viel bekommen.“ „Darf ich Sie begleiten?“ Manna nickte. 57 Preizehntes Capitel. Zögernden Schrittes gingen die Beiden neben einander durch die Wieſe nach der Villa. „Sie ſind ein glücklicher Mann, ſo die Gedanken Ihres Vaters zu haben,“ ſagte Manna ernſt. Erich konnte nicht antworten, ihm preßte das Gefühl die Bruſt: wie wird das arme reiche Kind zuſammenbrechen, wenn ſie erfährt von ihrem Vater. Er ahnte nicht, daß die Worte Manna's eben aus dieſem Schmerz hervorgingen. „Ich kann die Gedanken meines Vaters nicht erben,“ ſagte er endlich.„Jedes Kind muß Alles wieder aus ſich ſelbſt erleben.“ Weiter gingen ſie, und es war ihnen doch, als müßten ſie bei jedem Schritt inne halten und einander erfaſſen. „Nun iſt Roland und der Vater bereits auf dem Rückwege,“ ſagte Manna. „Und Herr von Prancken,“ wollte Erich hinzuſetzen, aber er 4 hielt ſich zurück. Manna mochte fühlen, daß er ihr Verſchweigen von Pranckens Namen merkte, und ſie fragte: „Waren Sie ehedem nicht ein naher Freund des Baron von Prancken?“ „Wir waren Kameraden, Freunde nie.“ Wieder waren die Beiden ſtill; es lag ſo viel Unausge⸗ ſprochenes in ihnen, was ſich jetzt herzudrängte, daß ſie nicht zu wiſſen ſchienen, von was ſie zuerſt reden ſollten. Die Abendglocke läutete. Manna ſchaute auf Erich, er zog den Hut nicht ab. Sie zitterte; Alles ſtand zwiſchen ihnen, auch die Kirche trennte ſie. 4 Manna trug verborgen unter ihrem Gewande eine dünne . hänfene Schnur um die Hüfte gebunden; eine Nonne hatte ihr dieſen verborgenen Bußgürtel gegeben, damit ſie immer eingedenk bleibe, daß ſie gelobt habe, offen den hänfenen Strick zu tragen. Jetzt war es ihr, als ob die dünne Schnur feſter angezogen würde, und dann wieder, als ob ſie ſich löſe. Mit der linken Hand hielt ſie ſich an einen Baum am Wege und athmete ſchwer. „Was iſt Ihnen?“ fragte Erich. „Ach.. Ich danke Ihnen, daß Sie bei uns bleiben. Sehen —————————— 58— Sie, dort oben... über dem Thurm der Burg fliegt ein Falken⸗ paar... Ach, wer auch ſo ſchweben könnte hoch oben, und Alles, was drunten, iſt vergeſſen und verſunken. Ach, was war mir das Leben? Nichts als ein Arbeiten an unſerem Sterbekleide. Ich wollte über der Welt leben, wollte büßen, vom Himmel herab beten für einen Andern! Ich kann es nicht mehr. ich kann es nicht.“ Sie fuhr ſich mit der Hand über die Stirn; ſie ſprach, ſie wußte nicht was. Sie ging weiter und wollte doch immer ſtehen bleiben. Eine Mähderin, die auf der Wieſe das dritte Gras abmähte, rief Manna an und ſagte, ihre Schweſter ſei wieder geſund und werde ſchon morgen helfen, das Heu einbringen. „Ich wünſchte, ich wäre die Mähderin,“ ſagte Manna. „Entſchuldigen Sie,“ entgegnete Erich,„wenn ich mein Stau⸗ nen nicht zurückhalten kann, daß auch Sie einen ſolchen Wunſch ausdrücken.“ „Auch ich? Warum denn ich nicht?“ „Sie ſind ſo klar denkend, daß ich eine ſolche Redensart, die man tauſendfältig hört, von Ihnen nicht begreife. Was heißt denn das: ich wollte, ich wäre eine Andere? Behielten Sie das Bewußtſein, was Sie geweſen, ſo wären Sie nicht eine Andere. Solch eine Redeweiſe iſt nicht nur widervernünftig, ſondern von meinem Standpunkte aus auch unreligiös.“ Manna blieb ſtehen und Erich fuhr fort: „Wir ſind, was wir ſind, nicht durch uns, ſondern durch eine ewige Ordnung, die wir Gott nennen dürfen; wir müſſen in dem, was wir ſind, uns zu finden und glücklich zu machen ſuchen, ob arm, ob reich, ob ſchön, ob häßlich.“ „Ich werde nie mehr ſolch einen unklaren Gedanken hegen und ausſprechen,“ entgegnete Manna und reichte Erich die Hand. Sie zitterte. Leiſe, kaum hinhauchend, ſprach ſie davon, welch ein Glück es ſein müſſe, nicht nur den Reichthum, ſondern auch allen Tand des Lebens von ſich zu werfen, in Arbeit, in Friede mit ſich und den Seinigen und der Welt die Lebenstage zu erfüllen. Frich durchſchauerte es; durfte auch er ihr ſagen, daß er in ſich entſchieden war, nie einen Reichthum ſein zu nennen und nun einen ſolchen? S 4 — —— 55 Er fand kein Wort. Eine Weile gingen ſie ſtumm weiter; dunkel war es in den ſchattigen Gängen, nur da und dort fielen gelbe Lichter durch das Gezweige und lagen wie Flämmchen auf den ſchwarzen Haaren Manna's; Beide ſprachen kein Wort. Tief aufathmend blieb Manna ſtehen. Wollte ſie nicht ge⸗ meinſchaftlich mit Erich bei der Villa ankommen? Sie war doch ſo oft mit ihm gegangen; es war kein Arg dabei, mit ihm allein zu ſein. „Ich ſage Ihnen hier Lebewohl,“ begann ſie leiſe.„Das war heut ein Tag. War's nur Ein Tag?“ „Und wie die Sonne hier untergeht,“ fiel Erich ein,„und immer wiederkehrt und treu bleibt in guten und in böſen Tagen, ſo haben Sie in mir einen treuen Freund, deſſen Auge über Ihnen wacht, ſo lange dies Auge offen ſteht.“ „Ich weiß!“ rief Manna.„O Gott, ich weiß!“ Sie zitterte am ganzen Leibe. „Ich bitte, verlaſſen Sie mich jetzt,“ ſetzte ſie hinzu. Erich kehrte um, aber als er zurückſchaute, ſah er, wie Manna unter einer großen Tanne auf den Knieen lag; ihr Antlitz war von der untergehenden Sonne überſtrahlt, ſie ſtreckte die gefal— teten Hände zum Himmel empor; dann richtete ſie ſich auf. Er eilte zu ihr, ſie zu ihm; es war eins. „Manna! Manna!“ rief er. „Erich! Erich!“ antwortete ſie. Sie lagen einander in den Armen, „Ich liebe Dich,“ flüſterte er.. „Du! Du!“ rief ſie.„Himmel und Erde, Alles!“ Sie hielten ſich feſt umſchlungen und hielten die Lippen in einem Kuſſe gefeſſelt, als ſollte ewig nür noch ein einziger Athem in ihnen ſein. „Du biſt mein! mein! meine Hoffnung, meine Welt! Ach, Erich, verlaß mich nie mehr— nie mehr!“ „Ich Dich verlaſſen? Dich, meine Manna?“ „Nein, Du kannſt es nicht. Der Himmel wird's verzeihen, nein, ſegnen. Ich konnte nicht anders, Du nicht, ich nicht. Erich, ſieh, Alles brennt, die Bäume brennen, das Gras brennt, der Rhein brennt, die Berge, der Himmel— Alles in Flammen! Ach, Erich, und wenn die ganze Erde in Flammen aufgeht, ich — halte Dich in meinen Armen und ſterbe gern in Deinen Armen. Nimm mich, ich kann nicht mehr anders.“ „Laß Dich anſchauen. So biſt Du?“ erwiderte Erich.„Du weißt nicht, wie ich gerungen habe um Dich. Nun hab' ich Dich, nun biſt Du mein! O, ſag es noch einmal.“ Stammelnd, ſich unterbrechend und wieder fortſetzend, erzählte Eines dem Andern, wie Jedes mit ſich gerungen, mit Allem, was die Welt hat; aufs Neue erkannte ein Jedes die Wahrhaf⸗ tigkeit und Lauterkeit in der Seele des Andern, und wie Manna ſich ehedem herb vor Erich verſchloſſen, ſo quoll und überſtrömte nun die ganze Fülle ihres Herzens. Sie ſtanden und hielten einander an den Händen und ſchauten ſich an und Erich ſagte: „O Manna, mein einziger Wunſch iſt jetzt, Du möchteſt das Glück haben, Deinen Blick zu ſehen.“ „Und Du den Deinen. Ach, Jeder, der Dich ſieht, Dich erkennt, muß Dich lieben. Was bleibt denn mir, die ich Dich ſehe und erkenne, wie Dich doch Niemand ſieht und erkennt, außer mir?“ Sie küßten einander und hielten die Augen geſchloſſen, und über ihnen rauſchten die Bäume im leiſen Abendhauch. Auf der Bank, auf der Erich damals neben Bella geſeſſen, ſaß er jetzt mit Manna und ein Zittern durchfuhr ihn im Ge⸗ danken an damals; er verſcheuchte die Erinnerung. Mit dem Scharfblick der Liebe hatte Manna die vorüberhuſchende Gemüths⸗ bewegung in Erich entdeckt und ſie fragte ihn: „Haſt Du auch ſo ſchwer ringen müſſen und kämpfen, bis Du Dir es eingeſtanden und bekannt haſt und endlich geſagt: es muß ſein?“ „Ach, laß uns ſchweigen! Sorgen und Mühen und Kämpfen Sund Ringen wird ſchon kommen. Jetzt iſt Hochzeit, Hochzeit unſerer Seelen; nichts Anderes ſoll drein tönen, nichts Anderes drein denken. Selig, glückſelig ſind wir. Ich weiß, Du biſt mein, wie ich Dein. Es kann nicht anders ſein.“ Und ſie umarmten ſich. Und wie ſie nun rief:„O! könnte ich Dich auf den Arm ℳ nehmen wie auf Flügel, und Dich hinaustragen über alle Berge. D, Erich!“ da nit daß in ihr eine Naturmacht war, wie ſie die Tochter Sonnenkamps haben mußte, wild, unbändig, mächtig. . 1 1R. 5—— . Wer das beſcheidene, ſtille, ſanfte, demüthige Kind noch heute am Morgen geſehen, hätte nicht ahnen können, daß es am Abend ſo leidenſchaftlich werden könnte. Erich ſelbſt fühlte ſich wie von ſtärkerer Kraft gefaßt. „Ach ja,“ rief ſie, als leſe ſie in ſeiner Seele,„nicht wahr, ich bin ein ſchrecklich wildes Kind? Du glaubſt gar nicht, wie wild ich bin. Aber das kommt nie mehr, gewiß nicht, verlaß Dich darauf.“ Sie ſaß neben ihm, ſie ſtreichelte ihm die Hand, und es war ein tief demuthvoller Blick, mit dem ſie ihn nun anſah und ſagte: „Du weißt ſo viel, biſt des Wiſſens ſo voll, und ich. Lächelnd erwiderte Erich: „Mein ganzes Wiſſen, mein beſtes Wiſſen iſt, daß ich weiß, ich liebe Dich; was ich ſonſt noch weiß, das kann ein Anderer auch wiſſen, dies Eine aber nur ich allein.“ „Und ich will recht viel bei Dir lernen,“ ſagte Manna und ſtreichelte und küßte ihm die Hände.„Ach, ſprich nur immer⸗ fort, ſprich was Du willſt; mir iſt es Muſik, wenn ich Dich höre. Und weißt Du, daß ich Dich auch ſchon habe ſingen hören? Zweimal. Einmal in großer Verſammlung und ein andermal hier auf dem Rhein.“ „Und weißt Du,“ entgegnete er,„wie ich Dich in der Abend⸗ dämmerung im Kloſter ſah?“ „Ja. So haſt Du mich angeſehen.“ Sie verſuchte ſeinen Blick nachzuahmen.„Und damals, als wir von dem Geſangfeſte kamen, waren ein itent Penſionärinnen in Dich verliebt; aber ich habe mich vor Dir gefürchtet und noch jetzt kann ich es nicht begreifen. Ach, was werden ſie im Kloſter ſagen? Sie werden N für eine Heuchlerin halten wegen Deiner und— Ach, Erich Und wie wird ſich Roland freuen!“ „Aber Deine Eltern?“ „Ja, meine Eltern!“ ſagte ſie.„Meine Eltern!“ Ihre Stimme verſank; ihr Antlitz wurde plötzlich blaß und wie frierend ſchmiegte ſie ſich an Erich. Er hielt ſeine Hand auf ihrem Haupte, er ſpielte mit ihren Locken und ſie hielt ſeine andere Hand an ihre Lippen gedrückt. Es war nicht nöthig, daß ſie Worte ſprachen, ſie konnten es auch nicht, denn Eines wollte dem Andern jagen Weißt Du auch ſchon? „Warum biſt Du plötzlich etziteri⸗ fragte Manna. ———*.—— —————————— „Ach, ich wünſche, Du wäreſt nicht reich.“ „Das wünſchte ich auch,“ ſagte ſie, die Augen ſchließend, wrie einſchlafend.„Laß uns aber ſtill ſein... Nur eine halbe WMinute lang laß mich da ſchlafen. Ach, Dein erä pocht ſo ſchön.“, Sie hielt den Kopf an ſein Herz gedrückt; näch einigen Se⸗ cunden richtete ſie ſich auf und ſagte: „Jetzt iſt ein Jahrhundert vorüber, ein glückſeliges Jahrhun⸗ dert. Jetzt bin ich wieder ſtark und friſch und wach und jetzt vergiß Alles, was ich gethan und geſagt, nur das Eine nicht, daß ich Dein bin und Dich liebe, ſo lange ich athme, und Du mein.“ „Du wollteſt Nonne werden und ich... ich wollte auch der Welt entſagen.“ „Biſt Du denn nicht Proteſtant?“ 1„So meinte ich es nicht, meine Manna. Ich wollte dem, was man die Welt nennt, entſagen und ganz dem reinen Ge— danken leben.“ 3„Und kannſt Du das nicht, wenn ich Dein?“ „Nein. Doch was ſoll das jetzt? Ich bin nicht mehr allein, 3— ich bin ich und Du.“ „Und ich bin Du und ich,“ wiederholte Manna..„Jetzt muß ich zu meiner Mutter,“ ſagte ſie, ſich erhebend;„noch ſoll Niemand von uns wiſſen, nicht Deine Mutter, nicht meine Mutter, 3 Niemand.“ „Sehe ich Dich noch heut Abend im Garten?“ 1*„Nein, es iſt beſſer morgen; ich kann nicht, ich muß mich erſt 15 faſſen. Ach, ich verſage es ja mir ſelbſt. Morgen in der Frühe.“— Sie knüpfte ein blauſeidenes Tuch, das ſie um den Hals trug, los und legte es ihm um den Hals. Sie küßte ihn und ging davon. Sie ſchaute nicht mehr um. — Pierzehntes Capitel. Noch lange ſaß Erich auf der Bank; die Nacht brach herein, er ſah Licht im Hauſe ſeiner Mutter, er wußte, wie ſie jetzt da ſitzt und die Tante bei ihr, ja er glaubte ſogar Harfentöne in der Luft zu hören, und doch, ſo weit drangen die Töne nicht. —— Aber in ihm klang und ſang es und dazwiſchen ſchwirrte die Frage: Wie wird es Manna tragen, wenn ſie das Entſetzliche erfährt? und darfſt Du Theil haben an ſo erworbenem Gut? Wie wird Sonnenkamp raſen? Was wird Prancken beginnen? Die Welt wird ſagen, es war fein angelegt; derweil Vater und Bräutigam, abweſend, hat er mit Hülfe ſeiner Mutter die Tochter des Hauſes geraubt. Laß die Welt herankommen! Die Liebe beſiegt Alles! Er ſah Licht im Zimmer Manna's, er hörte das Fenſter ſchließen, er ſah lange hinauf; dann ging er nach dem Hof und befahl dem Reitknecht, ihm ein Pferd zu ſatteln. Das Pferd wurde vorgeführt, es ſah Erich mit großen Augen⸗ an, blies die Nüſtern auf, wieherte und warf die Mähne zurück. Er ſtieg auf und ritt in wildem Trabe davon, die Straße dahin. Er fühlte ſich ſo ſicher auf dem Pferde, das ſich ſeines frohen Reiters zu freuen ſchiéen. Er fühlte ſich ſo frei, als wäre alle Körperlaſt von ihm genommen und er könnte in die weite Welt hineinfliegen. Er ritt den Berg hinan zum Dorf, wo der Kriſcher wohnte. Alles, was er auf dieſem Wege erlebt und gedacht, drängte ſich in einen Augenblick zuſammen. Er ritt ins Dorf. Hier war Alles ſtill; am Hauſe des Kriſchers hielt er an, er wußte nicht warum. In die ſtille Nacht hinein ſang die Schwarzamſel: Freut Euch des Lebens. Weiter kam ſie nie in der Melodie, und dieſe Melodie, ſo altväteriſch und ſo gut, be⸗ gleitete nun Erich und tönte mitten aus dem Hufſchlag ſeines raſchen Pferdes. Still ritt er bergab, er ſah bereits die Villa und das Glas⸗ dach der Treibhäuſer, aber nochmals wendete er das Pferd. Er muß es einem Menſchen ſagen, einem Einzigen. Er ritt nach dem Hauſe des Majors. Wie ein Verirrter, der ein Licht in der Ferne ſieht, freute er ſich im Herzen, da er in dem kleinen Hauſe Licht blinken ſah. Der Major, der den Hufſchlag des Pferdes gehört hatte, rief zum Fenſter hinaus: „Herr Baron von Lichtenburg, ſind Sie ſchon da?“ „Bis jetzt heiße ich noch Erich Dournay,“ erwiderte Erich. Er ſtieg ab, band das Pferd an den Gartenzaun und ging zu den Beiden hinauf, die ihn herzlich willkommen hießen. „Was iſt? Es iſt doch Alles wohl?“ fragte der Major. —— —————— — (1 d v Erich beruhigte ihn und der Major ſagte: „Sehen Sie doch, Fräulein Milch.. ſetzen Sie nur ohne Scheu Ihre Brille auf... ſehen Sie doch, unſer Herr Erich ſieht ganz anders aus. Sie haben ein Fieber, Sie haben ſo rothe Lippen.“ Erich konnte nicht ſagen, daß ſeine Lippen noch von den Küſſen brannten. Der Major ging nach einem Schrank, miſchte ein Pulver in ein halbes Glas Waſſer, kehrte zu Erich zurück, befühlte ihm die Stirn und ſagte; „Sie dürfen jetzt ſchon trinken.“. Dann ſchüttete er ein zweites Pulver hinein, daß es auf⸗ brauſte, und Erich mußte, bevor er ein Wort weiter ſprach, das ziſchende Getränk zu ſich nehmen. Der Major lehrte ſehr be⸗ dächtig, daß es nichts auf der Welt gebe, was gegen alle Auf⸗ regung beſſer wirke, als ein Brauſepulver. Fräulein Milch, die wohl merkte, daß Erich etwas mitzu⸗ theilen hatte, wollte ſich entfernen, aber dieſer rief: „Sie ſollen es auch hören, Sie und mein Freund hier. In Ihre treuen Herzen gebe ich es. Ich bin verlobt.“ „Mit Manna,“ ſagte Fräulein Milch. Erich ſah ſtarr drein und der Major rief: „Gottlob, daß ſie in unſeren Zeiten lebt! In vergangenen, finſtern Zeiten hätte man ſie als Here verbrannt; ſie weiß Alles und ſieht in die Ferne, es glaubt's kein Menſch. Wie wir da beiſammen ſitzen, hat ſie geſagt: Heut Abend haben ſich Erich und Manna ihre Liebe bekannt. Und wie ich lache, ſagt ſie: Lachen Sie nicht, ich hole eine Flaſche Wein. Sehen Sie, Ka⸗ merad, da ſteht ſie, und dann ſagte ſie: Heut Abend kommen ſie mit einander. Nun, ganz prophezeien kann ſie doch nicht;denn Sie ſind allein gekommen, Kamerad. Komm her, laß Dich küſſen, Bruderherz!“ Er küßte ihn und fuhr fort: „Du haſt keinen Vater mehr, ich.. ich führe Dich zum Traualtar. Gib mir die Hand. Und da ſagen ſie, es geſchähen keine Wunder! Jeden Tag geſchehen Wunder, gerade ſo gut wie in uralten Zeiten, wir verſtehen ſie nur heutigen Tages zu er⸗ klären; in alten Zeiten hat man das nicht verſtanden.“ Fräulein Milch hatte die Flaſche entkorkt und die Gläſer ein⸗ geſchenkt. — 5 „Stoß an, mein Sohn!“ rief der Major.„Stoß an! den Johannistrunk!“ Sie ſtießen an, der Major trank aus und küßte Erich noch⸗ mals, dann rief er: „Gib auch Fräulein Milch einen Kuß, ich erlaub's. Fräulein Milch, wehren Sie ſich nicht. Komm her. da gib ihr einen Kuß; ſie iſt eine Freundin, Du haſt keine beſſere auf der Welt außer Deiner Mutter, und ſie iſt mehr als die Welt weiß; Du ſollſt es erfahren, Du verdienſt es.“ „Herr Major,“ unterbrach Fräulein Milch zitternd. „Gut,“ beruhigte der Major.„Ich ſage ja nichts. Aber jetzt gebt Euch einen Kuß.“ Erich und Fräulein Milch küßten einander und Fräulein Milch wurde flammroth im Geſicht. Nun ſaß man traulich beiſammen und der Major hatte ſeine Freude, daß Prancken das prächtige Mädchen und die vielen Millionen nicht bekomme; daß das Kloſter angeführt war, war ihm noch eine beſondere Luſt. Erſt ſpät in der Nacht kehrte Erich heim und er hörte noch immer die Schwarzamſel ſingen: Freut Euch des Lebens! Im Zimmer Manna's war kein Licht mehr, aber Manna ſtand am Fenſter. Fünßzehntes Capitel. Manna ſtand am Fenſter und ſchaute hinaus in die Nacht, ſie legte die heiße Stirne an die kalte ſteinerne Fenſterſäule und ſprach laut vor ſich hin kurze Ausrufe, Hoffen, Bangen, Jauchzen, Klagen, Alles durcheinander. Nur die Sterne ſahen das Antlitz, das ſo ſchmerzlich und ſo wonnig bewegt war, und in die leere Luft hinaus gingen die Küſſe von Manna's Lippen. Sie ſchaute hinauf zu den Sternen, ſie kannte ſie, und doch dünkte ihr aller Sternenſtrahl nur der Blick von Erichs leuchtendem Auge, das auf ihr ruhte. Warum nun wieder allein? Warum noch eine Lebensſecunde allein? fragte ſie in die Nacht hinein. Auerbach. Landhaus am Rhein. IMI. 5 ———— 2*————— ———— — Eine tiefe Verlaſſenheit kam über ſie, als wäre ſie einſam in der Welt. Und wieder war es ihr, als ſtünde ſie ſchwindelnd an einem 3 Abgrund und würde bald hinweggeriſſen, bald zurückgetragen; ſie ſchaute um, als fühlte ſie leibhaftig den Arm Erichs, der ſie vom Boden hob. Sie fuhr ſich mit der Hand über das Geſicht und es kam ihr vor, als wäre es nicht ihre eigene Hand; ſie wendete ſich zurück ins Zimmer und warf ſich auf die Kniee. „Weh! ich liebe!“ rief ſie.„Nein, ich danke Dir, o Gott, daß Du mir dieſe Probe auferlegt. Dieſe Probe? Nein, ich kann nicht mehr anders! Du, der Du die Liebe biſt, den tauſend Zungen nennen und doch nicht ganz zu nennen vermögen, vergib und hilf mir, hilf ihm und uns Allen. Laß mich leben in ihm und in Allem, was heilig und groß, ſchön und rein. Heimchen, Du meine Schweſter, ein Stück von meiner Seele, Du biſt dahin geſchwebt 8 über die Welt wie eine Blüthe, die vom Baum gefallen... ich, ich muß unter Sturm und Wetter am Baum des Lebens haften. Du, den ich anbete, Du, den er verehrt, wenn er auch nicht betet; ſein ſ Denken iſt Gebet, ſein Thun iſt Gebet, ſein Leben iſt Gebet...“ 3 Sie ſtand auf, ſie ging wieder ans Fenſter und ſtarrte lange † 73 ohne feſten Gedanken in den ſternglänzenden Himmel. In die 5 3/ Mitternacht hinein ſchwebte etwas vom Fenſter Manna's hinab in den Garten und blieb auf einem Baum hängen; es war der Buß⸗ ſö gürtel, den ſie gelöſt hatte... 6 Am Morgen, als Manna erwachte, rief ſie: 13„Ich bin ſein, ſein! Ob er wol auch ſchon wacht?“ Sie öffnete das Fenſter. Ein junger Staar, der jetzt noch im Herbſt ein Neſt baute, fand auf dem Baume vor dem Fenſter 6 Manna's die dünne hänfene Schnur, er faßte ſie in ſeinen Schnabel, flog auf und baute ſein Neſt damit. 3 6 Drunten im Garten ſtand Erich; ſich verhüllend rief Manna ——— 5 hinab: 3„Ich komme gleich.“ Und in der erſten Morgenfrühe ſtanden ſie beiſammen und 6 umhalſten und küßten ſich. Dann ſprachen ſie einander Muth * zu, denn heute war Schweres zu ertragen, heute kam der Vater und Prancken. „Ach Erich! ich bin ſo glückſelig und ſo entſetzlich gepeinigt. Mein Vater—“ ee e — „Ich weiß Alles.“ „Du weißt und liebſt mich?“ Sie fiel auf die Kniee und umfaßte ſeine Füße. Er erhob ſie, ſetzte ſich zu ihr und nun ſprachen ſie von dem Entſetzlichen. „Erzähle mir,“ ſagte ſie,„wie haſt Du es ertragen?“ „Frage lieber, wie wird es Roland ertragen?“ „Glaubſt Du, daß er es erfahren wird?“ „Gewiß. Wer weiß, wie bald die Welt.. „Die Welt! Die Welt!“ rief Manna.„Nein, nein! Die Welt iſt gut, die Welt iſt ſchön. O Dank, Dank dem Uner⸗ forſchlichen, daß er mir meinen Erich gegeben, meine Welt, meine ganze Welt!“ Ruhig und klar, wunderbar durchſichtig erkannte Manna Alles; aber mitten in der Darlegung warf ſie ſich an die Bruſt Erichs, ſchluchzte und rief: „Ach, warum muß ich in meinen jungen Jahren Alles das wiſſen, Alles das erleben, beſiegen?“ Hand in Hand gingen ſie nach dem grünen Hauſe und ſetzten ſich nieder, wo ſie am Tage vorher mit der Mutter geſeſſen. Sie warteten, bis ſie erwachte. In aller Luſt und allem Leid einer heimlichen, von Gefahren umringten Liebe wollten ſie aus⸗ denken, wie es in der Hauptſtadt ergangen war. Sie konnten es nicht ahnen. Erich ließ Manna allein zurück. Er hatte ihr erzählt, daß er geſtern in der Nacht beim Major geweſen, er wollte nochmals zu ihm, um ihn und Fräulein Milch zu bitten, das Geheimniß der Liebe ja recht ſtreng zu bewahren. Erich ging die Straße dahin, ein Wagen kam des Weges;: ſein Name wurde gerufen. Bella ſtieg aus. „Es freut mich, daß ich Sie noch treffe. Doch ich komme heute nicht zu Ihnen und den Ihrigen. Clodwig läßt Sie grüßen und bitten, zu ihm nach Wolfsgarten zu kommen; er iſt einſam und Sie ſind einſam und es wird Ihnen wol angenehm ſein, die erſten Tage des Durcheinander hier im Hauſe und bis Sie ſich in die Entfernung Ihres Zöglings gefunden, bei uns zu ver⸗ leben. Sie können mit unſerm Wagen nach Wolfsgarten fahren, ich will hier bei meiner Schwägerin ſein, bis Alles geordnet iſt. Wo iſt denn das liebe Kind?“ Erich geleitete Bella nach der Villa, er konnte kein Wort ——— ——— ———— 5 reden. Glücklicherweiſe kam Fräulein Perini und er konnte Bella ihr überlaſſen; er eilte zu Manna. Haſtig athmend berichtete er, daß Bella angekommen ſei; halb ſchelmiſch, halb mitleidig ſah ihn Manna an. „Iſt es denn wahr, daß Du ſie einmal geliebt haſt?“ „Ja und nein. Biſt Du eiferſüchtig?“ „Nein, denn ich weiß, Du haſt nie geliebt, nie! Du kannſt Niemand geliebt haben, Niemand als mich. Erich, komm! Hand in Hand laß uns vor ſie hintreten und bekennen, was wir uns ſind, und ſo vor aller Welt. Laß uns nur keine Minute heu⸗ cheln, nichts verbergen. Ich habe den Muth, Alles zu bekennen und bin glücklich, Alles bekennen zu dürfen. Die Weltrückſicht ſoll uns keine Minute rauben, keine Minute, in der wir uns nicht ins Auge ſehen, uns frei die Hand reichen und uns als Eins der Welt darſtellen, wie wir es ſind.“ Erich hatte Mühe, Manna zur Klugheit und Vorſicht zu be⸗ ſtimmen; er verlangte es als erſtes Zeichen ſeines Rechts an ſie, daß ſie ſich ſeinem Willen füge. „Gut, ich gehorche Dir, aber ich laſſe mich vor Niemand ſehen.“ Er verſuchte Manna zu beſtimmen, daß ſie Bella begrüße; doch ſie widerſtand und ſagte: „Kannſt Du, der Reine, Gute, mich nur auf eine Stunde ſo verderben laſſen? Wie ſoll ich daſtehen, wie ſoll ich mich beneh⸗ men, wenn ſie mich als Schwägerin begrüßt?“ Erich erzählte, daß Bella ihn veranlaſſen wollte, ſofort nach Wolfsgarten zu fahren, um über die nächſten unruhigen Tage dort bei Clodwig zu ſein. Und als er darauf hinwies, in welch ſeltſamer Lage ein Dienender ſei, fuhr ihm Manna mit ihrer zarten Hand über das Geſicht. „Du guter Menſch, Du haſt dienen müſſen; ich weiß jetzt, was das iſt für Dich, die große, reine Seele, der Alles unter⸗ than ſein ſollte. Ach, Du Guter, das haſt Du Alles auf Dich nehmen müſſen. Aber es iſt gut, denn ſonſt wären wir nicht einander zu eigen geworden. Nun denn, ich werde es können, ich muß es können.“ Sie ging, Bella zu begrüßen, und hatte Haltung genug, dies in beſter Form zu thun. Erich entfernte ſich bald und Bella ſah mit Staunen den Blick, 5 den Manna ihm nachſandte. Manna ſprach ſehr viel und un⸗ gewöhnlich lebhaft, ſo daß Bella aufs Neue ſtutzig wurde. Jetzt kam auch der Major, um Manna zu gratuliren; als er Bella ſah, ſchwieg er erſchreckt. Manna wendete ſich ab. Bella hatte genug geſehen. Plötzlich ſtand es vor ihr: Manna liebt Erich. Aber nein, das kann nicht ſein! Sie wollte Manna umarmen und küſſen, aber dieſe bat, ihr heute recht viel Ruhe zu gönnen. Bella richtete ſich hoch auf, ſie warf einen Blick auf Manna, es war der Meduſenblick, aber Manna hielt ihn ruhig aus. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſchritt Bella aus dem Hauſe und ver⸗ ließ die Villa. Als Bella fort war, ſtand Manna ſtarr der Major trat auf ſie zu und ſagte: 9 „Kind, haſt Dich tapfer gehalten, brav.. haſt ruhig ge⸗ ſtanden im Feuer.. Recht ſo! Sollſt an mir eine Hülfe haben und an Fräulein Milch auch, und wenn ſie Dich hier im Haus plagen, kommſt Du zu uns... Sei ruhig, Du biſt nie verlaſſen auf der Welt. Wirſt ſchon noch erfahren... Red' nur nicht an mir haſt Du eine Hülfe... und ſie hat mir geſagt, ich ſoll hierher gehen, ſie wolle zur Profeſſorin gehen, ſie weiß immer das Rechte. Ich wünſchte nur, wenn Ihr ſo lange bei einander ſeid, daß Ihr auch noch ſo zu einander ſeid wie wir... Wirſt ſchon noch erfahren, wirſt die Augen aufreißen. Man kann auch im Gegentheil ſtark ſein, ſie iſt's im Gegentheil. Schon Jut Ich habe nichts ausgeplaudert?.. Manna lächelte unter Thränen über die ſeltſame, unverſtänd⸗ liche und doch ſo innige Zuſprache des guten Majors. Während Manna und der Major beiſammen ſtanden, ging Bella durch den Park. Haß, tiefer Haß bewegte ſich in ihr, ihr Auge ſchien etwas zu ſuchen, woran ſie ihre Wuth auslaſſen konnte. Was kann man hier zerſtören? Was thun, womit man die Menſchen ärgert? Sie dachte an Erich, an die Profeſſorin, an Claudine, ſie ſuchte einen Angriffspunkt, wo man ſie faſſen und zerſchmettern könnte. Sie haßte vor Allem dieſe Dournay's, denn durch ſie war eine Tonart in die Umgebung gekommen, die nicht ſie beſtimmte; dieſe Menſchen hatten ſie gegeben. Wer ſind ſie? ——————— ————— . —————— — ——————— —— — Predigerhafte Schulmeiſter, die Trödel treiben mit ſublimen Ge⸗ danken! Und ſie, Bella, die glänzende, die bewunderte, die ehe⸗ dem mit einem Blick, einem Wort beglücken konnte, ſtand da⸗ neben! Aber ſie müſſen fort, dieſe Schmarotzer, ſie ſollen fühlen, wer ſie ſind, und ſollen wiſſen, wer ſie kennt und zerbricht! Sie ging unruhig hin und her zwiſchen der Villa und dem grünen Hauſe, endlich trat ſie bei der Profeſſorin ein. Hier traf ſie Fräulein Milch. Die iſt's! Die packt man als Hammer, um die Anderen zu treffen. Als Bella eintrat, erhob ſich Fräulein Milch, verbeugte ſich und wollte gehen. „Bleiben Sie nur,“ bat die Profeſſorin.„Sie kennen doch die Frau Gräfin Wolfsgarten?“ „Ich habe die Ehre.“ Bella ſah die Beſcheidene an, die ſie zerſchmettern wollte, dann ſagte ſie: „Ach ja, ich erinnere mich; ſie iſt die Haushälterin des Majors, wenn ich nicht irre?“ „Fräulein Milch iſt meine Freundin,“ fiel die Profeſſorin ein. „Ihre Freundin? Das wußte ich nicht. Sie ſind ſehr gütig.“ „Fräulein Milch iſt meine Freundin und Helferin im Werke der Wohlthätigkeit.“ „Ach ja, Sie colportiren das Geld des Herrn Sonnenkamp.“ Es war unentſchieden, ob dieſes Sie auf beide anweſende Frauen ſich beziehen ließ, oder ob es nur eine Anrede gegen Fräulein Milch war. Bella ſah, wie das Antlitz der Profeſſorin zitterte. Jetzt iſt's gefunden. Dieſe Profeſſorin hat ihr durch ihren Sohn eine Kränkung angethan— nein, das nicht, aber ſie hat ſie per⸗ ſönlich gekränkt, ſie hat ſich in eine erſte Rolle hineingeſetzt, die ihr nicht zuſteht. Und Bella fuhr fort: „Dieſe Gabenſpendung an Verwahrloſte, an notoriſche Trunken⸗ bolde wird nun wol aufhören...“ Die Profeſſorin bat Fräulein Milch, ſie zu verlaſſen; ſie hatte ſie noch nie geküßt, heut umarmte ſie ſie innig und gab ihr einen Kuß. Sie wollte der Gekränkten eine Beruhigung, eine Ent⸗ ſchädigung geben und der Gräfin zeigen, wie ſie die ſo hart 5 7 * —— Angegriffene, die wehrlos ſchien oder ſich doch nicht wehren hoch ehrte. Als Fräulein Milch weggegangen war, ſagte ella: „Ich begreife nicht, wie Sie mit dieſer Perſon ſo vertraulich ſein können; Sie entwerthen dadurch die freundſchaftlichen Be⸗ ziehungen zu Ihnen.“ „Ich glaube, wen ich ehre und freundſchaftlich an mich ſchließe, der iſt dadurch in einer Ehrenſtellung, und ich dürfte erwarten, daß das von Jedem gewürdigt würde.“ „Gewiß, gewiß, ſo lange Sie hier ſind. Wenn Sie nun aber die Gegend bald verlaſſen?“ „Die Gegend verlaſſen?“ „Die Aufgaben ſind ja hier erfüllt und...“ Die Profeſſorin mußte ſich ſetzen; die Augen Bella's glühten, ſie hatte erreicht, was ſie wollte. Sie hatte dieſen immerdar mit Hoheit aufgeputzten Menſchen allen Flitter abgeriſſen. In ſehr höflichem Tone ſagte ſie: „Ach, ich bitte, es ſollte mir in der That leid thun, wenn ich voreilig die von Herrn Sonnenkamp beabſichtigte Entlaſſung...“ Die Widerſtandskraft, welche die Profeſſorin ſonſt in allen Schreckniſſen bewahrt hatte, wich zum erſten Mal von ihr. Sie hatte viel im Leben kennen gelernt, das noch nicht; die reine Bos⸗ heit, die nichts will, als Bosheit ſein, ſich zur Luſt und Andern zum Leid, hatte ſie nicht für möglich gehalten. Und in der Em⸗ pfindung, daß ſie das nun auch erleben, in ihrem Gedanken feſt⸗ ſetzen, für wahr halten muß, verlor ſie alle Kraft der unmittel⸗ baren Gegenwehr. Sie ſah Bella an mit einem Auge, das dieſe zur Weichheit hätte ſtimmen müſſen, aber Bella wollte nicht weich ſein; ſie mußte wieder einmal etwas zum Zerreißen haben, und da ſie Erich nicht beikommen konnte, mußte es ſeine Mutter entgelten. Sie ſprach noch ſehr höflich und ſehr viel; die Profeſſorin hörte ſie kaum und wußte kaum, daß ſie endlich fortgegangen war. Triumphirend rauſchte Bella den Wieſengang dahin nach der Villa, ſie beſtieg den Wagen, der noch beſpannt auf dem Hofe ſtand, und fuhr nach Wolfsgarten zurück. Ihre Zerſtörungsluſt war geſättigt, ſie war frei und froh. Zwölftes Buch. ———— Erſtes Capitel. Auf der Fahrt nach der Reſidenz ſtaunten Sonnenkamp und Prancken über die Redſeligkeit und geiſtige Gewecktheit Rolands; er allein war frei im Worte, denn Sonnenkamp und Prancken konnten eine gewiſſe Bangigkeit nicht überwinden. Sie thaten ich weiß? Aber ſie ſprachen es nicht aus. Wie ſollten ſie auch? Prancken wollte, wenn es zu Tage kommt, als der Unſchuldige, Getäuſchte erſcheinen; er war der Betrogene, er und die ganze Welt, der Fürſt vor Allem; der Fürſt hatte ihn ja geadelt— wie ſollte da Prancken dem Manne nicht vertrauen? Sonnenkamp dagegen war unſchlüſſig und deshalb erleichtert, daß Prancken Alles beſtimmte; er handelte nicht mehr mit Willen; was geſchieht, ſoll und muß nun ſein. Er ſchaute oft zum Wagenſchlag hinaus und ſeine Hand zuckte, als müßte er plötzlich den Griff erfaſſen, hinausſpringen und entfliehen. Welch ein kühnes Spiel verſucht er! Er zürnte auf ſich, daß er auf der Schwelle der letzten Entſcheidung ein Bangen über ſich kommen ließ. Er konnte nicht umhin, Prancken zu er⸗ klären, er fühle ſich ſehr bewegt; Prancken fand dies ganz in der Ordnung, denn die Adelserhebung iſt keine geringe Sache. Und jetzt im Beſprechen fand Sonnenkamp den Grund ſeiner Zaghaftigkeit. Dieſe immerwährend Geiſt deſtillirende Familie, Mutter, Tante und Sohn, hatte ein weichliches Element in ſeine — ——— — Umgebung gebracht; es iſt gut, daß man ſie los wird, natürlich in höflicher Weiſe, aber fort müſſen ſie, abgethane Wertzeuge, abgelohnte Arbeiter. In der Empfindung, etwas wegzuſtoßen, fand er ſich ſelbſt wieder. Er hat nicht blos etwas mit ſich geſchehen zu laſſen, er iſt ſelbſt wirkend; er läßt die Puppen tanzen, denn Puppen ſind alle Menſchen für den, der ſie zu regieren weiß. Lächelnd ſah er auf Prancken, auch dieſer war jetzt ſeine Puppe. Unhörbar pfiff er vor ſich hin. Es war ſpät am Abend, als man in der Reſidenz ankam. Roland ging bald zur Ruhe, auch Prancken verabſchiedete ſich, da er noch einen nöthigen Beſuch machen müſſe. „Vergeſſen Sie nicht, daß Sie Bräutigam ſind,“ rief ihm Sonnenkamp lachend nach. Zum erſten Mal in ſeinem Leben that Prancken ein ſolcher Scherz weh, er that ihm weh, weil er vom Vater Manna's kam und weil Prancken in der That einen ſehr ernſten, ſittlich er⸗ greifenden Gang zu machen hatte, denn er ging nach dem Hauſe des Domdechanten. Das Haus lag im Garten hinter dem Dom, verborgen vor aller Welt, in einer Stille, die nichts ahnen ließ vom lärmenden Getriebe der Reſidenz. Prancken klingelte, ein Diener öffnete und Prancken war er⸗ ſtaunt, ſofort bei ſeinem Namen genannt zu werden. Der Diener war ein Soldat, den er kurze Zeit als Burſche gehabt. Er erhielt den Auftrag, am nächſten Morgen im Hotel Victoria Prancken perſönlich die Meldung zu bringen, ob der Domdechant ihn um elf Uhr ganz allein empfangen könne. Prancken kehrte um und lächelte, da er, der Mahnung ſeines Schwiegervaters gedenkend, vor einem Hauſe ſtill ſtand. Er kannte es wohl, das zierliche, verſchwiegene Haus, das er einſt ſelbſt möblirt hatte; die Treppe teppichbelegt, das Geländer mit Sammet gepolſtert und Alles ſo warm und droben die Klingel nur ein einziger Ton, das kühle Vorzimmer voll grüner Pflanzen, der Salon ſo wohlig, die Tapeten und die Möbel von gleichem Seidenſtoff, grüner Grund, gelbe Guirlande— Prancken liebte die Landesfarben auch hier. In der Ecke ſteht ein alabaſterner Engel, der hält täglich einen friſchen Blumenſtrauß in der Hand, manchmal muß der Engel aber auch einen zierlichen Frauenhut ——— tragen, manchmal auch einen Männerhut. Und dann die Por⸗ tieren... was lacht dahinter? Nein, er geht vorüber. An einem Laden mit großen Scheiben ſtand er. er hatte immer, wenn er nach jenem behaglichen Häuschen ging, einen Scherz, eine überraſchende Nippfigur mitgebracht... es ſind viel neue Dinge da, er tritt ein, er kauft das Neueſte. Der junge Verkäufer ſieht ihn ſcharf an, Prancken nickt und ſagt: „Sie können mir Alles zeigen.“ Nun werden ihm Geheimniſſe gezeigt, er nimmt nichts mit, er ſagt, das wolle er ein andermal kaufen, er geht mit der Nippfigur davon. Es iſt nur zum Scherz, nur ein Abſchiednehmen! Er will nur Erkundigungen bei der kleinen Nelly einziehen, was man von ihm ſpricht; es ärgert ihn, daß er ſich noch darum kümmert, aber es reizt ihn doch, es zu erfahren. Er weiß nicht, daß er geklingelt hat, er geht die Treppe hinan, er ſucht nach dem Schlüſſel in ſeiner Taſche und hat ganz vergeſſen, daß er ihn nicht mehr hat. Es wird geöffnet, das Kammermädchen ſieht ihn verwundert an. Man iſt nicht zu Hauſe. Eine Ampel von blaßrothem Kry⸗ ſtallglas brennt im Erkerzimmer, die kleine Alabaſterfigur lächelt; Prancken läßt eine Lampe bringen, er will warten. Er ſieht ſich in den Gemächern um, er kennt die Stühle, die Satffſe Alles iſt noch wie er es hergeſtellt. In den Zimmern herrſcht ein ihm fremder Parfüm, er muß jetzt Mode ſein... man verbauert doch ganz auf dem Lande! Es ſchlägt vom Dom, das Theater muß bald zu Ende ſein. Auf dem Tiſch liegen Photographie⸗Albums; Prancken muſtert ſie, er ſucht nach ſeinem Bilde, es iſt nicht mehr da, aber Andere, die er nicht kennt. Auch ein Buch liegt auf dem Tiſch, eine Blumenleſe aus deutſchen Dichtern„von Frauenhand für Frauen“ ausgewählt. Prancken lieſt darin. Sind doch ſeltſame Menſchen, die Poeten! Er ſtand am Kamin, darin glühende Kohlen ſchimmerten, aber es war kein Kamin und es waren keine Kohlen, denn ſie ver⸗ brannten nicht und lagen immer ſo geſchichtet; Kamin und Kohlen waren nur zierlicher Zimmerſchmuck. Es ſchlägt wieder auf dem Domthurm; man kommt noch immer nicht. Prancken nimmt endlich ſeine Karte und legt ſie auf den Blumenſtrauß, den die Alabaſterfigur hält; er geht da⸗ von. Es iſt beſſer ſo, Du biſt brav, Du wollteſt es ſein... gewiß. Er lachte über ſeine Tugend. Pah! Man ſollte auch einmal wieder übermüthig ſcherzen und lachen, dieſes ewig Moraliſche fängt an langweilig zu werden. Aber Manna.. Prancken fühlte einen Stich durchs Herz, als hätte er jetzt eben Manna verwundet. Er ſchüttelte den Kopf über die Zimperlichkeit, in die er ver⸗ fallen war. Und doch wurde er die Empfindung nicht los, daß in dieſer Stunde etwas mit Manna vorgeht; er weiß nicht was, aber er meint es zu ſpüren. Er ging raſch weiter. Im Militär⸗Caſino war Alles noch hell erleuchtet; Prancken ging vorüber. Er kehrte in den Gaſthof zurück. Mit Selbſt⸗ zufriedenheit begab er ſich zur Ruhe, ohne bei Sonnenkamp vor⸗ geſprochen zu haben. Er wollte noch eine Weile in dem kleinen Büchlein leſen, das durch den darin liegenden Zweig ganz von Tannenduft erfüllt war der Zweig war kahl, aber die abge⸗ fallenen Nadeln waren wie ein Heiligthum aufbewahrt worden. Er vermochte nicht, die Zeilen dieſes Buches zu ertragen; er hatte heute eine Scheu davor... Während Prancken in der Stadt umher gegangen war, wurde es Sonnenkamp zuwider, allein zu ſein. Er wollte fremde Men⸗ ſchen ſehen, belebte, die ihm etwas Neues brächten. Er ſchickte nach dem Cabinetsrath. Glücklicherweiſe begegnete ihm der Bote bereits auf der Treppe. Sonnenkamp ſaß wohlgemuth bei dem Manne, den er fragte, was es zu bedeuten habe, daß der Fürſt ihm nicht ſein Diplom ſchicke, ſondern perſönlich übergeben wolle. Mit einer Doppelzüngigkeit, in der er ſeinen gnädigen Herrn lobte, ja bewunderte und dabei ironiſch charakteriſirte, erklärte der Cabinetsrath, daß Niemand die Maßnahmen eines Regenten voll⸗ ſtändig beurtheilen könne, der ſchließlich allein regieren wolle, vor Allem in dem, was ihm noch ohne Dreinreden der Landſtände ver⸗ blieben war: in Ordens⸗ und Adelsertheilungen. Mit Verwunderung hörte Sonnenkamp, wie der Fürſt Alles mit„Mein“ bezeichne: —— ————————-— m— — * — meine Fabrikanten, meine Univerſität, meine Freimaurerloge, meine Landwirthe, meine Landſtände.— Der Cabinetsrath er⸗ klärte weiter: Der Fürſt wolle das Gute, lebe aber in beſtändiger Angſt vor den Demokraten, Communiſten und Liberalen— alle dieſe Begriffe zerfließen ihm in Eins— er halte Jeden, der nicht mit der Regierung ſtimmt, für eine wandelnde Barricade, auf der es in der nächſten Stunde losgehen kann. Er möchte gern, daß es allen Menſchen gut gehe, und habe ſich dafür einen ſchönen Satz angewöhnt, den ihm einmal ein Kammerherr zugeritten hat. Zwei Liebhabereien habe er, das Theater und den Wohlſtand der Reſidenz. Er will, daß viel reiche Leute nach der Reſidenz ziehen, damit recht viel Verdienſt ſei. Er hat dafür ein Großes gethan, die ſtrengen Geſetze des Ceremoniells modificirt; Fremde, die ihrem Stande nach nicht hoffähig ſind, haben, wenn ſie großen Auf⸗ wand in der Stadt machen und durch ihren Geſandten vorgeſtellt ſind, Zutritt bei Hofe. Der Fürſt thue das aus reiner Gutmüthig⸗ keit für den Wohlſtand ſeiner Leute, denn„meine Leute“ nenne er alle Reſidenzbewohner, die unbeugſamen Demokraten mit einbegriffen, ſie haben zwar Unarten, aber es ſind doch„meine Leute.“ Der Fürſt hatte ein geſteigertes Intereſſe für Sonnenkamp, da man ihm ſagte, daß dieſer einen großen Palaſt für ſeinen Winteraufenthalt in der Reſidenz pauen wolle, den er ſo lege, daß er eine Zierde des Schloßparks ſein wird, da die Fronte nach einer bis jetzt ins Oede führenden Allee ſich ſtellen ſoll. Der Fürſt freute ſich, daß dadurch wieder viel Verdienſt unter ſeine Leute kommen ſollte. Eine entſchiedene Wendung, erzählte der Cabinetsrath, habe die Sache Sonnenkamps dadurch genommen, daß Graf Wolfsgarten in ſeinem Gutachten ausgeſprochen: abgeſehen von der Zweckmäßig⸗ keit, neuen Adel zu ſchaffen, erſcheine es ihm zweifelhaft, ob die einzelnen deutſchen Souveräne noch in ſo ausgedehnter Weiſe das Recht dazu hätten. Der Fürſt ſei außer ſich geweſen über dieſe Bemerkung des alten Diplomaten, den er immer für einen heim⸗ lichen Demokraten gehalten, und theilweiſe Clodwig zum Trotz ſei die Sache Sonnenkamps raſch entſchieden worden; denn der Fürſt ſei ſonſt ſehr ſparſam und zögernd in der Adelsertheilung. Das Alles vernahm Sonnenkamp mit Behagen und der Ca⸗ binetsrath ſchärfte ihm ausdrücklich ein, daß der Fürſt ſehr be⸗ ſcheiden ſei und nicht blos beſcheiden ſpreche; er ſage gern, er ———— ſei kein bevorzugter Geiſt, und da ſei es ſchwer, das Rechte zu finden. Der Fürſt fühle ſich beleidigt, wenn man ihm widerſpreche und ihn erhebe, und doch dürfe man ihm wieder in dieſer Be⸗ ſcheidenheit nicht beiſtimmen. Er empfahl Sonnenkamp, möglichſt wenig zu ſprechen; er könne die Ergriffenheit, die er in der That habe, noch ein wenig übertreiben; Zaghaftigkeit werde von dem gnädigen Herrn ſehr wohl bemerkt und er freue ſich im Stillen, daß er imponire. Sonnenkamp war wieder ganz ruhig. Als der Cabinetsrath wegging, klingelte er und ließ ſich die Zeitung bringen. Er las ſie ganz durch, ſelbſt die Anzeigen; das ſollte ihn auf andere Gedanken lenken. Wiederholt las er die am Kopfe der Zeitung ſtehenden amtlichen Nachrichten, Amtsernennungen, Militärbe⸗ förderungen, Gnadenertheilungen; das tröpfelte ſo das ganze Jahr fort, wenn die große Ordensvertheilung vorüber war. Er dachte ſich ſchon, wie morgen an dieſer Stelle ſteht: Se. Hoheit haben in Gnaden geruht, den Herrn James Heinrich Sonnenkamp und ſeine Familie unter dem Namen Freiherr von Lichtenburg in den erblichen Freiherrnſtand zu erheben. Stolz und aufrecht ging er lange in ſeinem Zimmer auf und ab. Unverſehens aber wurde er wieder zaghaft, er wußte, er begab ſich auf ein Gebiet, wo er ſich nicht ſicher fühlte. Hier hilft weder Geldmacht noch Gewalt. Es ſiel ihm ein, daß der Cabinetsrath erzählt, der Fürſt liebe gewiſſe Ceremonien und er werde mit entblößter Hand ſchwören müſſen. Er betrachtete ſeine Hand. Wie, wenn der Fürſt nach dem Ring am Daumen fragt? „Hoheit, da iſt der Biß eines Affen... nein, beſſer das iſt ein Rheumatismusring, den trage ich ſeit meinem dreißigſten Jahre,“ ſagte Sonnenkamp laut, als ob er vor dem Fürſten ſtehe. Aber wieder fragte er ſich, warum er ſich denn der Frage ausſetzen ſolle. Es muß doch möglich ſein, den Ring abzulöſen, die Wunde kann nicht mehr ſichtbar ſein. Während ihm die Wangen glühten, hielt er die Hand im Waſſer, aber der Ring ging nicht ab. Er klingelte und befahl Lutz, daß man ihm Eis hole. Er hielt die Hand auf das Eis, der Ring löſte ſich endlich vom Daumen; er ging ſchwer über den Knöchel, aber es gelang. Sonnenkamp betrachtete die bisher unter dem Ring verborgene Narbe. Sieht man noch, daß es eine Bißwunde war? Er war grimmig auf ſich ſelbſt, daß er ſich heute dieſe Er⸗ innerung erweckte. Wozu ſoll das? Er klingelte abermals, er wollte Lutz fragen, für was er die Stelle an ſeinem Daumen anſehe. Als aber Lutz da war, unterließ er es, denn das konnte Aufmerkſamkeit erregen; er gab ihm einen Auftrag für den andern Morgen und begab ſich endlich zur Ruhe. Er fand ſie lange nicht, denn immer war es ihm, als ob rings um den entblößten Finger ſich ein kalter Luftſtrom bewegte. Wenn er die Fauſt ballte, war es vorüber, und ſo ſchlief er endlich mit geballter Fauſt ein. Zweites Capitel. Die Sperlinge auf dem Dach zwitſcherten durch einander, die Droſchkenkutſcher vor dem Hotel Victoria plauderten, als am Mor⸗ gen das ſchöne Geſpann Sonnenkamps mit dem zweiſitzigen Glas⸗ wagen vor der Säulenhalle des Gaſthofes hielt. Der kleine verwachſene Kutſcher, der das große Wort führte, hatte eben die vorderſte Stelle, ihm gebührte natürlich das Wort. Er berichtete, daß heute Sonnenkamp zum Grafen ernannt werde, er könnte Prinz ſein, denn er habe mehr Geld als ein Prinz. Unglücklicherweiſe wurde die vorderſte Droſchke von einem Fremden genommen und der kleine verwachſene Kutſcher bedauerte ſehr, nicht dabei ſein zu können, wenn Herr Sonnenkamp heraus kommt. Er empfahl den Anderen, dem Grafen ein Hoch auszubringen, wenn er in den Wagen ſteige. Es dauerte aber lange, bis Herr Sonnenkamp vom Gaſthofe herunterkam, denn droben ging er im großen Saale auf und ab, ſchwarz gekleidet, mit weißer Halsbinde, den Orden auf der Bruſt. Neben ihm ging der Cabinetsrath und ſagte, er verſtehe wohl, daß Herr Sonnenkamp ſehr aufgeregt ſei, um ſo ruhiger werde er am Mittag ſein. Sonnenkamp biß auf die Lippen und wechſelte die Farbe. „Sie ſind doch wohl?“ fragte der Cabinetsrath. Sonnenkamp bejahte; er konnte nicht ſagen, daß ihn der ent⸗ blößte Daumen ſchmerze. Wenn er die Hand nicht ſah, hatte er immer das Gefühl, als ob der Daumen zu einem Ungeheuer aufſchwelle und Pulsſchläge waren darin, wie glühende Hämmer. Er betrachtete ſeine Hand und erkannte zu ſeiner Beruhigung, daß er ſich täuſche. Lutz kam. Sonnenkamp nahm ihn bei Seite und Lutz be⸗ richtete, Herr Profeſſor Crutius bedaure ſehr, Herrn Sonnenkamp nicht beſuchen zu können, er müſſe das Abendblatt redigiren. „Haſt Du das Morgenblatt gebracht?“ „Nein, es wird erſt um elf Uhr ausgegeben.“ „Warum haſt Du nicht gewartet, es iſt ja gleich Elf?“ „Ich dachte, der Herr könnten noch etwas wünſchen vor der Auffahrt ins Schloß.“ „Gut, gib mir meinen Ueberzieher.“ Joſeph ſtand mit demſelben ſchon bereit; Sonnenkamp ver⸗ abſchiedete ſich bei Roland und Prancken, ſie erinnernd, genau um zwölf Uhr wieder im Gaſthof zu ſein. Zum letzten Mal ſtieg der Bürger Sonnenkamp die Treppe hinab, um ſie als Baron wieder hinaufzuſteigen. Der Cabinets⸗ rath ging neben ihm. Als er am Wagen anlangte, wollten die Droſchkenkutſcher, wie ihnen eingeſchärft war, ein Hoch ausbringen, aber ſie konnten es nicht ausführen, es fehlte der Knirps, der den Ton angab; ſie ſtarrten nur in einer Gruppe nach Sonnenkamp und zogen den Hut ab. Sonnenkamp dankte höflich. Der Cabinetsrath bedauerte, nicht mitfahren zu können; er befahl nur dem Kutſcher, vor dem großen Schloßportal zu halten. Prancken ließ Roland allein, da dieſen der Fähnrich, wenn er vom Cxercierplatz zurückgekehrt ſei, abzuholen verſprochen hatte. Mit ungewöhnlich ſtillem Ton und beſcheidener Miene ſagte Prancken Lebewohl, auf gutes Wiederſehen zu Tiſche, denn Sonnenkamp hatte ein kleines gewähltes Mittagsmahl zu vier Gedecken, für ſich, ſeinen Sohn und Schwiegerſohn und für den Cabinetsrath beſtellt. Fort fuhr Sonnenkamp durch die Straßen der Stadt; die Fußgänger ſtanden ſtill; manche, die ihn kannten, grüßten, aber auch manche, die ihn nicht kannten, denn in einem ſolchen Wagen konnte ein fremder Fürſt ſitzen, dem man ſich ehrerbietig zu er⸗ weiſen hatte. eteb.ee Die Pferde trabten ſo luſtig, als wüßten ſie, zu welcher Ehre ſie ihren Herrn führen; Sonnenkamp legte ſich im Wagen zurück und ſpielte mit dem Ordenskreuz auf ſeiner Bruſt. Dies Zeichen gab ihm Ruhe. Warum fürchtete er ſich denn bei der zweiten Stufe, da er bei der erſten ſich nicht gefürchtet hatte und ſich 1 keinerlei Gefahr zeigte? Der Wagen fuhr an einem großen vielfenſtrigen Hauſe vor⸗. über; Sonnenkamp kannte es. Es war die Redaction und Druckerei des Profeſſor Crutius. Vor dem Hauſe ſtanden Gruppen, Einzelne laſen ein Blatt; ſie ſchauten auf, da der ſchöne Wagen vorüber⸗ fuhr. Sonnenkamp hätte gern angehalten, um ſich ein Blatt mit⸗ zunehmen, er hatte ſchon die Schnur in der Hand, womit er das Zeichen zum Anhalten geben wollte, aber er ließ ſie wieder los. Warum das? Warum will er denn gerade heute dieſe Zeitung? Ach, am beſten iſt es doch in der einſamen Wildniß, wo man keine Menſchen ſieht und wo es keine Zeitung gibt. Das dachte Sonnenkamp vor ſich hin, während er durch die belebte Reſidenz nach dem Schloſſe des Fürſten fuhr. Ein Ruck erſchütterte plötzlich Sonnenkamp; der Wagen hielt an. Um die Ecke kam ein Bataillon Soldaten mit klingendem Spiel. Der Wagen mußte warten, bis die Soldaten vorüber⸗ gezogen, und es koſtete Mühe, die Pferde bei dem Geräuſch im Zügel zu halten. Jetzt war es vorüber; Sonnenkamp ſah nach ſeiner Uhr, es wäre peinlich, wenn er gleich bei der erſten Auffahrt die ge⸗ meſſene Minute verſäumt und ſich bei dem Fürſten zu entſchul⸗ digen hätte. Biſt Du denn ſo gefangen? Biſt Du ein von der Minute bedrängter Diener? Er hatte Luſt, dem Kutſcher zuzurufen, er ſolle umkehren. Er ſchalt ſich, daß er ſich ohne Noth ſo gewaltſam aufrege. Er ließ die Wagenfenſter herab, that den Hut vom Kopf und freute ſich, daß die friſche Luft ihn kühlend beruhigte. Miit Stolz parirte Bertram das Gefährt vor dem großen Portal. 4 Die beiden Wachen ſtanden ſtill und warteten, ob ſie Gewehr in Arm oder präſentiren ſollten. Der Wagenſchlag wurde aufgeriſſen, die Wachen blieben ruhig, da nur ein Mann in ſchwarzem Kleide mit einem einzigen Orden ausſtieg. Joſeph geleitete Sonnenkamp in die große, reich mit Stuccatur verſehene Vorhalle. Am. Aufgang der Treppe ſtanden zwei ſchön gemeißelte marmorne Wölfe; ſie ſchauten Sonnenkamp faſt freund⸗ lich an. Er winkte Joſeph, er möge den hier wartenden Hof⸗ lakaien Angemeſſenes geben; er hatte ihn zu dieſem Zweck mit einer ungezählten Hand voll Gold verſehen; er konnte Joſeph vertrauen. Der Portier in der großen Uniform mit dem breiten Hut und dem goldknaufigen Stock fragte, wen er melden ſolle. Sonnenkamp und Joſeph ſahen einander verlegen an. Joſeph war zurückhaltend genug, dem Herrn das Wort zu überlaſſen, und Sonnenkamp wußte nicht, ſollte er ſagen Baron von Lichten⸗ burg oder Herr Sonnenkamp. Pah! Warum dieſem Lakaien den alten Namen nennen? Dieſer Name däuchte ihm ſo widerwärtig, ſo abgetragen wie ein aus⸗ getretener Schuh; man begreift nicht, daß man ihn ſo lange ge⸗ tragen und ſich nicht vor aller Welt geſchämt hat. Endlich er⸗ widerte Sonnenkamp mit ſichtbarer Herablaſſung: „Ich bin zu Seiner Hoheit befohlen.“ Es that ihm leid, daß er vor Joſeph das Wort„befohlen“ ſagen mußte— er, Sonnenkamp, iſt befohlen!— aber er wollte dem Lakaien zeigen, daß er die höfiſche Redensart kenne. Der Lakai drückte auf eine telegraphiſche Klingel; auf der Freitreppe erſchien ein ſchwarzgekleideter Kammerdiener und ſagte, der Herr Baron werde ſchon zwei Minuten erwartet, es ſei größte Eile nöthig. Es klang faſt, wie wenn ein ſtrafender Bote vom Himmel herunter ein Verſäumniß und Vergehen verkündete. Mit zitternden Knieen ſtolperte Sonnenkamp die teppichbelegte Treppe hinauf; er mußte noch unterwegs die Handſchuhe anziehen, dabei aber ſagte er ſich immer im Stillen: „Halte Dich doch ruhig!“ Oben auf der Treppe erſchien ein zweiter weißhaariger Kammer⸗ diener in kurzen ſchwarzen Beinkleidern und ſchwarzen hohen Ga⸗ maſchen und ſagte: „Gehen Sie nur ganz ruhig, Herr Sonnenkamp. Se. Hoheit ſind noch nicht zurück vom Exercierplatz.“ Sonnenkamp hätte den erſten Kammerdiener gern zu Boden geſchlagen, weil er ihn ſo in Angſt verſetzt hatte. Der weißhaarige Kammerdiener unterhielt ſich zutraulich mit Sonnenkamp und erzählte, er ſei mit Prinz Leonhard in Amerika geweſen; es ſei ein häßliches Land, ohne Orden und Anſtand; er habe Gott gedankt, wie er wieder daheim geweſen. Auerbach. Landhaus am Rhein. II. 6 ——— —— ———— ———— „ Sonnenkamp wußte nicht, wie er ſich gegen dieſe Zutraulich⸗ keit verhalten ſollte; das Beſte war, er ließ ſich dieſelbe ſtill⸗ ſchweigend gefallen. Mit beiſtimmender Herablaſſung hörte er zu und dachte bei ſich: welch ein ſeltſames Gethue das hier im Schloſſe iſt. Da iſt's ja, als ob die Menſchen gar nicht mehr auf den Füßen gehen; Alles ſo geheimnißvoll, als käme jeden Augenblick etwas, was mit dem Leben der andern Menſchen nichts gemein hat. Der weißhaarige Kammerdiener ſagte Sonnenkamp, er möge ſich einſtweilen ſetzen. Sonnenkamp that es, zog den Handſchuh an der rechten Hand aus; er wollte es ohne Hinderniß thun können, wenn er die Hand zum Schwure entblößen muß, und nun ſchenkte er dem weißhaarigen Kammerdiener auch einige Goldſtücke. Der erfahrene Kammerdiener zog ſich verbeugend zurück; er kannte das Kanonenfieber derer, die nicht an den Hof gewöhnt ſind; er wollte dem Manne Ruhe geben. Sonnenkamp ſaß ſtill, wieder klopften wilde Pulſe in ſeinem Daumen; er bat um ein Glas Waſſer. Der Weißhaarige rief einen Andern an, dieſer einen Dritten, und der Ruf um ein Glas Waſſer ging weit hin. Auf einer altväteriſchen Uhr, die auf dem Kaminſims ſtand, ſchlug es ein Viertel. Sonnenkamp verglich ſeine Uhr mit der hier, die ſeinige ging beiſpiellos nach; er nahm ſich vor, künftig ſeine Uhr nach der im Schloſſe zu richten. Er war allein und ahnte nicht, daß hinter einer Glasthür durch die glatten Einfaſſungen des mattgeſchliffenen Glaſes zwei Augen auf ihn gerichtet waren, und dieſe Augen rollten wild hin und her. Eben als das Glas Waſſer kam, wurde gemeldet, daß Herr Sonnenkamp eintreten ſolle; er konnte ſeine Lippen kaum noch benetzen. Er trat in den großen Saal. Er hatte nicht Zeit, ſich zu beſinnen, denn raſch, unhörbar auf den dicken Teppichen, trat durch den Thürvorhang der Fürſt ein. Er war in großer Uniform, mit einem breiten Bande über der rechten Schulter und der Bruſt. Er hielt ſich ſtramm aufrecht, nickte nur leicht mit dem Kopfe und hieß Sonnenkamp willkommen, ſich entſchuldigend, daß er ihn habe warten laſſen. Sonnenkamp verbeugte ſich tief, ohne ein Wort hervorzubringen. — Drittes Capitel. „Haben Sie Ihren Sohn bei ſich?“ „Ja, Hoheit.“ „Iſt er noch entſchloſſen, ins Militär einzutreten?“ „Mit Begierde.“ „Ich freue mich des ſchönen Jünglings und werde dafür ſor⸗ gen, daß die Damen ihn nicht verderben; ſie wollen Cherubim mit ihm ſpielen. Hat er ſich bereits gemeldet?“ „Noch nicht, Hoheit. Ich wollte ihn erſt mit dem Namen melden, den Ew. Hoheit mir gnädig verleiht.“ „Ganz recht,“ erwiderte der Fürſt. Auf ſeinem Schreibtiſche waren zwei telegraphiſche Knöpfe angebracht, ein weißer und ein ſchwarzer; er drückte auf den weißen; der alte Kammerdiener trat ein. Der Fürſt ſagte: „Ich wünſche, daß Niemand im Vorzimmer ſei.“ Der Diener entfernte ſich. Sonnenkamp ſah fragend drein und der Fürſt ſagte: „Ihre Standeserhöhung wurde mir ſchwer gemacht. Sie haben viele Feinde.“ Die Augen Sonnenkamps zuckten, als ob man ihm mit einem Dolche vor den Augen ſpiele. „Sie ſind ein Mann von Edelſinn,“ begann der Fürſt aufs Neue;„Sie haben ſich ſelbſt Ihr Leben geſchaffen. Ich würdige das. Solche Männer verdienen die höchſten Ehren. Ich freue mich, daß ich ſie Ihnen verleihen kann.“ Der Fürſt wiederholte noch einmal all das Schöne und Gute, das Sonnenkamp gethan. Beſcheiden niederblickend hörte dieſer zu; er fand es nur peinlich, das gerade in der jetzigen Lage zu hören; der Fürſt konnte es ihm ja ſpäter bei einer ſchicklichen Gelegenheit ſagen. Sonnenkamp war der Anſicht, daß auch der Hof dieſe Adelsgeſchichten nur für einen nothwendigen Humbug hielte; er war erſtaunt, den Fürſten unter vier Augen ſo feierlich und ernſt zu finden. Oder gehört das mit zum Humbug? Der Fürſt aber ordnete Alles gern gehörig als Mann der Pflicht; er hielt es offenbar für angemeſſen, die Beweggründe darzulegen, um den Mann zu immer Schönerem zu ermahnen. Er erſchien ſich in dieſem Momente als ein Prieſter, der im —— ————— — 84— abgeſchiedenen Heiligthume des Tempels einem Novizen die Weihe ertheilt; er war ſelber ſehr bewegt. Der erſte Kammerdiener hatte nicht Unrecht gehabt, der Fürſt war ſchon vor der angeſetzten Zeit ins Schloß zurückgekehrt, aber er hatte ſich ſtill auf dieſe Weihehandlung vorbereitet. Von der Adelserhebung des Herrn von Endlich her hatte der Fürſt eine ſtändige Redeweiſe, er ſagte oftmals wie ein auswendig Gelerntes:„Ja, ja, es iſt ein ſchönes Geſetz, das Monumentale verträgt den Scherz nicht. Man ſoll einen Witz, eine Laune nicht in Stein und Erz meißeln, das wird mit der Zeit ſteif und un⸗ paſſend; es ſoll ja nur momentan und decorativ wirken. Das Momentane ſoll nicht das Monumentale werden.“ Er bezeichnete das nicht beſtimmter, aber Jeder ſollte merken, was er damit meinte. Er hatte nicht wohlgethan, mit der Namengebung des Herrn von Endlich einen Scherz zu machen, denn was gibt es Monumentaleres als Adelserhebung? Darum wollte er jetzt recht feierlich ſein. Geduldig ſich neigend, beugte Sonnenkamp das Haupt. Der Fürſt ſtreckte manchmal die eine, manchmal die andere, ja manch⸗ mal ſogar beide Hände aus, während er von dem Segen ſprach, den mächtig ausgerüſtete, die höhere Pflicht erkennende Menſchen verbreiten. Sonnenkamp erwartete, daß der Fürſt ihm beide Hände auf das Haupt lege und ihn ſegne, und obgleich der Fürſt jünger war als er, wollte er das doch beſcheiden und demüthig aufnehmen, denn dieſer Mann war ja von Urzeit her dazu geweiht, Ehre auszutheilen. Mitten in ſeiner Rede nahm der Fürſt eine mit blauem Sammt überzogene Rolle auf, die auf ſeinem Tiſche lag, er hob den Deckel und zog eine pergamentne Rolle heraus, die knitterte und rauſchte und ein großes Siegel blinkte darauf. Sonnenkamp machte ſich bereit, den rechten Handſchuh aus⸗ zuziehen; jetzt kommt der Moment, wo er ſchwören muß und das Pergament empfängt, das ihn zu einem neuen Menſchen macht. Er zwang ſich, recht innig ergriffen zu ſein, und ſuchte nach dem Einzigen in der Welt, das ihn erſchüttern konnte. Und im Ca⸗ binet des Fürſten ſah er vor ſich einen verſchneiten Kirchhof in einem polniſchen Dorf, wo das Grab ſeiner Mutter war; er hörte nicht, was der Fürſt geſagt, aber es waren gewiß ſehr ergreifende Worte geweſen. — Nun aber— was ſoll das?— nun legte der Fürſt das Per⸗ gament wieder auf den Tiſch und ſich ſetzend ſagte er: „Ich freue mich, aus Ihren Augen zu ſehen, wie tief Sie dieſen Moment empfinden. Setzen Sie ſich.“ Sonnenkamp ſetzte ſich und der Fürſt fuhr fort: „Laſſen Sie uns noch Einiges ruhig erörtern. Sie haben viele Sklaven gehabt. Haben Sie noch ſolche?“ „Nein, Hoheit.“ „War es die Sehnſucht nach Deutſchland allein, die Sie nach der alten Welt zurückkehren ließ, oder war es auch, weil Sie die Zuſtände der geprieſenen Republik unerträglich fanden?“ „Das Letzte, Hoheit, wenn auch das Erſte mitwirkte. Ich ſehe eine Verwirrung hereinbrechen über die Vereinigten Staaten, die— ich ſpreche es zu Ew. Hoheit— nur durch Errichtung der Monarchie in der neuen Welt wieder geſchlichtet werden kann.“ „Das müſſen Sie mir ein andermal näher auseinanderſetzen. Ich lerne gern, ſehr gern. Es iſt unſere Pflicht, uns von denen unterrichten zu laſſen, die eine Sache gründlich verſtehen. Wie denken Sie über Sklaverei überhaupt?“ „Hoheit, das iſt ein ſehr weites Thema, ich werde die Ehre haben „Nein, ſagen Sie mir nur kurz den Kernpunkt, das Princip.“ „Hoheit, die Neger ſind eine niedere Raſſe, das ſteht phyſio⸗ logiſch feſt. Es iſt Phantaſterei— ich will annehmen von Manchen wohlgemeinte— aber es führt entſchieden zum Untergange der Neger, wenn man ſie als gleichberechtigte Menſchen hinſtellt.“ „Und würden Sie...“ fragte der Fürſt.„Nein, ich wollte anders fragen. Wie betrachten Sie einen Mann, der mit dieſen Weſen niederer Raſſe Handel treibt?“ Sonnenkamp ſtand unwillkürlich von ſeinem Stuhle auf, aber er ſetzte ſich ſchnell wieder und ſagte: „Hoheit! Geſchöpfe, die ſich nicht ſelbſt helfen können, ſind geſchützt, wenn ſie als Gegenſtand des Beſitzes betrachtet werden; der ſogenannte Edelſinn ohne Vortheil, ohne materielle Rückſicht⸗ nahme, ſei es für den Beſitz, ſei es für die Ehre, wäre eine Seele ohne Körper: man kann ſie ſich denken, aber ſie iſt nicht da, wenigſtens nicht in der Welt, die wir vor Augen haben.“ „Sehr ſchön ſehr gut. Ich glaube auch, daß es den Negern beſſer ergeht bei einem Herrn. Aber wie iſt es denn, —— 3 wenn man vor Augen ſieht, wie das Kind von der Mutter weg verkauft und ſo jedes Familienband gewaltſam zerriſſen wird?“ „Hoheit,“ erwiderte Sonnenkamp mit großer Faſſung,„vor 3 Allem geſchieht das nur ſelten, ja faſt nie, denn es wäre ein materieller Nachtheil und machte die Sklaven arbeitsunfähiger; geſchähe es aber, ſo wäre eine Sentimentalität hier nur ein Transponiren aus der gebildeten Empfindungsſphäre in eine ge⸗ 3 ringere. Ein Thier, der Pflege der Eltern entwachſen, kennt die Eltern nicht mehr, Männchen und Weibchen kennen einander nicht mehr, wenn die Brutzeit vorüber. Ich will nicht ſagen...“ „Was iſt?“ unterbrach der Fürſt plötzlich. Der weißhaarige Kammerdiener trat ein. „Warum unterbricht man mich?“ „Der Herr Miniſter Ercellenz bitten Ew. Hoheit, das ſofort zu öffnen.“ Der Fürſt öffnete das Schreiben, er nahm ein gedrucktes Blatt heraus; wie eine blutige Ader lief an der Seite ein rother Strich. Der Fürſt las, ſah vom Blatt auf nach Sonnenkamp, er las weiter, das Papier knitterte und zitterte in ſeiner Hand, er legte 8 es auf den Tiſch und ſagte: „Verdammt! Dieſe Frechheit!“ Sonnenkamp ſtarrte auf den Tiſch und es war ihm, als würden die beiden telegraphiſchen Knöpfe plötzlich zu Augen, und aus dem grünen Tiſch bildete ſich ein Ungeheuer mit fabelhaften 3 Formen, ein grünes Ungeheuer mit einem weißen und einem ſchwarzen Auge, und das tauchte auf aus der Fluth, bewegte ſich träge und ſchwankte hin und her. Wie in Fieberphantaſie ſaß er da, er faßte ſich mit aller Macht. Der Fürſt ſah bald auf das Blatt, bald nach Sonnenkamp, er trat auf ihn zu, reichte ihm das Blatt und ſagte: „Da leſen Sie.. leſen Sie!“ Mit großer Schrift ſtand hier roth angeſtrichen: „Unmaßgeblicher Vorſchlag zu Wappen und Schild für den geadelten Sklavenhändler und Stlavenmörder James Heinrich Sonnenkamp, vormals Banfield, aus Louiſiana...“ „Verweilen Sie hier, ich werde ſofort wiederkommen,“ ſagte der Fürſt und zog ſich zurück. — Sonnenkamp war allein. Was wird nun? — —— Da erſchien plötzlich ihm gegenüber ein großer gewaltiger Neger, der die Augen rollte und die Zähne fletſchte. Mit einem Schrei, der mehr der Schrei eines wilden Thieres als der eines Menſchen, ſtürzte Sonnenkamp zurück auf ſeinen Stuhl. Die Geſtalt ihm gegenüber ſchrie und hinter ihm ſchrie ein Anderer— es war Adams, der hereingeſtürzt war und Sonnen⸗ kamp umklammerte. Der Fürſt erſchien wieder unter der Thüre und der Neger rief: „Fürſt! Herr! Der iſt's, der mich betrogen, als Sklaven weggeführt und ins Waſſer geworfen hat. Laß ſeinen Finger zeigen, dort iſt noch der Biß von meinen Zähnen. Gib mir ihn, Fürſt, gib mir ihn! Auf eine Minute. gib mir ihn! dann tödte mich...“ Von rückwärts hatte Adams die Hände Sonnenkamps gefaßt und hielt ſie, als müßte er ſie zerknicken. Mit all ſeiner Macht rang Sonnenkamp gegen dieſe Gewalt, und hin und her riß er ſich mit dem ihn haltenden Neger; er rang nicht nur, er ſah auch, wie er rang, in dem Spiegel gegen⸗ über. Da waren zwei Menſchen, der eine war er— iſt er es? — der andere ein Dämon... Der Finger des Fürſten lag fortwährend zitternd auf der telegraphiſchen Klingel an ſeinem Schreibtiſch, Diener in großer Zahl kamen herbei. Der Fürſt rief: „Bringt Adams fort! Ihr ſteht mir dafür, daß er ruhig bleibt, und Ihr Andern geleitet den Mann da aus dem Schloß.“ Adams wurde von Sonnenkamp losgeriſſen; er ſtöhnte wie ein getroffener Stier und Schaum ſtand ihm vor dem Munde. „Laßt mich los! Ich geh' allein,“ rief er. Die Diener ließen ab. Der Fürſt nahm das Pergament mit dem rothen Siegel vom Tiſch auf und wendete ſich. Da erhob ſich Sonnenkamp, er ſah den Fürſten an mit Augen, die aus ihrer Höhlung zu treten ſchienen, und ſchrie: „Was willſt Du? Was biſt denn Du? Deine Vorfahren oder Vettern oder wer ſonſt haben ihre Unterthanen nach Amerika ver⸗ kauft und ſich feſte Preiſe zahlen laſſen für einen weggeſchoſſenen ———— ——————— — k— — — — Arm, für einen glücklich Getödteten. Pah! Ich habe meine Stlaven von einem Fürſten gekauft und ehrlich bezahlt, aber Ihr... was habt Ihr? Ihr habt Eure Unterthanen verkauft und die Zurückgebliebenen mußten noch am Sonntag in der Kirche Amen ſagen, wenn der Herr der Herren von der Kanzel herab für Euer Wohl angerufen wurde...“ Er war nicht ſicher, ob der Fürſt das noch gehört; die Diener packten Sonnenkamp, er ſtürzte nieder. Die Wuth, die er ſchon lange in ſich zurückgehalten, raſte in ihm. Er wurde aufgerichtet und die Treppe hinabgeführt. Eine Erinnerung, wie ein entronnener Sklave wieder einge⸗ fangen wurde, tauchte in ihm auf. Drunten harrte der Wagen. Sonnenkamp ſtützte ſich auf Joſeph und ſagte: „Joſeph, ſetz' Dich zu mir in den Wagen.“ Unterwegs ſprach er kein Wort. Als er am Gaſthof ankam und ausſtieg, war das kleine Kerlchen unter den Droſchkenkutſchern jetzt hatten ſie Alle Muth und Alle riefen:— „Hoch lebe der Baron! Hoch! und abermals hoch!“ Sonnenkamp konnte kein Wort hervorbringen. Spottet die. 2 Welt über ihn? 3 3 Er wußte nicht, wie er die Treppe ingſtenne ſaß er im großen Stuhle wie gelähmt, er ſtarrte nach dem Spiegel, als mü ch hier das Bild des Negers ihm ent unee So er ſtumm dreinſtarrend.. Piertes Capitel.„ Im Lehnſtuhl lag Sonnenp, er betrachtete den Stuhl und faßte die Armlehnen, als wollte er fragen: Hält denn der tuhl noch, auf dem ich ſitze? Als er die Hand auf die Bruſt legte, zuckte er zuſammen, er wurde den Orden gewahr; er riß ihn mit Heftigkeit ab und rief: „Ja! Ich bin ein Kämpfer zweier Welten. Wohlauf! die neue Jagd beginnt! Ich laſſe mich nicht niederdrücken. Entweder —————— 7 — 50— muß ich mich verachten oder Euch! Wir wollen ſehen, wer ſtärker iſt, wer es mehr verdient.“ Es muthete ihn faſt wie eine Belebung an, daß ihn die Welt ſo verabſcheut. „Recht ſo! Ich thue es ja auch; ich verabſcheue Euch Alle.“ Aber die Kinder! die Kinder! ſprach es in ihm. Damals, als er in Amerika den Kampf wagte, wußten die Kinder noch nichts. Er klingelte und fragte: „Wo iſt Roland?“ „Der junge Herr iſt noch nicht zurückgekommen; er war um zwölf Uhr da und fragte nach, iſt aber dann mit Kameraden wieder weggeritten.“ „Er hätte warten ſollen,“ rief Sonnenkamp.... Beſſer ſo, beruhigte er ſich. Wieder ſaß er in ſich gekehrt allein und jetzt war es ihm deutlich. Das war es, was die Menſchen bei der Druckerei ge⸗ leſen hatten; zum Hohne hatten ihm dann die armen Teufel vor dem Hauſe ein Hoch zugerufen. Er ſtand auf und ſchaute zum Fenſter hinaus. In einer 6 Gruppe ſtanden die Droſchkenkutſcher und der Knirps las ihnen eine Zeitung vor. Sie mochten ſpüren, daß Sonnenkamp nach ihnen ſchaute, denn ihre Blicke wendeten ſich plötzlich hinauf, und wie von Kugeln getroffen ſtürzte Sonnenkamp in die Mitte des Zimmers zurück; dann ſetzte er ſich nieder und hielt die Hände flach an einander zwiſchen den Knieen. Es ſchwindelte ihm, aber er faßte ſich muthig und entſchloſſen. Er weiß, wie ſie jetzt in der ganzen Stadt von ihm reden, in teppichbelegter Stube wie im gepflaſterten Stall; da heißt es: Ich nähme nicht ſeine Mil⸗ lionen, wenn ich der Mann ſein müßte— und was wird morgen in der Zeitung ſtehen? Geraume Zeit ſaß er ſtumm in ſich verſunken, da wurde ihm ein großer beſchwerter Brief gebracht. Sonnenkamp öffnete, es war ein Brief der Zeitungs⸗Redaction und enthielt mehrere Gold⸗ ſtücke. Crutius ſchickte mit vielem Dank das, was er bei ſeinem Beſuche in der Villa erhalten, zurück und erklärte, daß er es ſchon früher geſendet hätte, wenn er es nicht mit Zinſen hätte zurückerſtatten wollen. Sonnenkamp lächelte; es ſchien ihn faſt zu freuen, daß Cru⸗ tius ſich unſchön benommen. —— ——————————————— 5 — 56 Lange wiegte er das Gold, das ihm wie verſchmäht zurück⸗ gekehrt war, in der Hand hin und her. So iſt's alſo! Jeder darf Dich höhnen und Du mußt ſtill ſein. Er hatte einen Revolver bei ſich, er ſprang empor, nahm den Revolver, hob ihn in die Höhe und wendete ihn. Nach der Druckerei und dieſen Profeſſor Erutius niederſchießen wie einen tollen Hund... Aber das geht hier zu Lande nicht ungeſühnt. Und 3 ſollte er dann gleich ſich ſelbſt erſchießen, oder im Kerker ſitzen und endlich enthauptet werden? „Nichts da! Wir müſſen die Sache anders machen,“ erholte er ſich. Er legte den Revolver in das Etui und klingelte. Joſeph Wer weiß, was der Menſchenfreſſer jetzt mit ihm macht! Drunten hatte der Kutſcher Bertram bereits einen andern Dienſt angenommen, Joſeph wollte bleiben, er wollte das ſeinem Herrn ſagen; er kam nicht dazu, denn Sonnenkamp fragte in gutmüthigem Tone: „Joſeph, wer war Dein Vater? Lebt er noch?“ „Ja wohl; mein Vater iſt Anatomiediener.“ „So? Und auf die Anatomie kommen die Leichen der Selbſt⸗ mörder und die Studenten ſtudiren dran? Nicht wahr?“ Joſeph wußte nicht, was er ſagen ſollte. Sonnenkamp ſchien auch keine Antwort zu verlangen; abſpringend ſagte er, man ſolle Boten nach Roland ausſchicken, auch Baron Prancken ſolle geſucht werden. Roland war ſchwer zu ſuchen, Prancken aber gar nicht zu finden, denn er war an einem Orte, wo man den lebemänniſchen Baron niemals vermuthet hätte. Der Oberkellner trat ein und ſagte, daß das Mittagsmahl bereit ſei, und fragte, wann aufgetragen werden ſolle. Sonnenkamp ſtarrte den Fragenden an. Der Menſch weiß doch ſicher, daß jetzt nicht geſpeiſt wird, er war offenbar nur gekommen, um zu 6 kundſchaften; vielleicht warteten drunten Viele, die Beſcheid haben ⁰ wollten, wie Herr Sonnenkamp ſich jetzt benimmt. Sonnenkamp ſah den Oberkellner mit einem wegwerfenden Blicke an und erklärte, er werde Beſcheid geben, wann er das Befohlene wünſche, und ferner ſolle Niemand unangemeldet bei ihm eintreten. 5 2 ——— mn—*—— — 56 Fünftes Capitel. Zur ſelben Zeit, als Sonnenkamp im Schloſſe ankam, trat Prancken in die Domdechanei; er war von dem vorbeiziehenden Militär einige Minuten aufgehalten worden, er hatte manchen von Staub bedeckten Kameraden zu Fuß und zu Pferd zu be⸗ grüßen. Er ging nach dem Stadtviertel, wohin keine Militär⸗ muſik dringt, hier war's ſo ſtll, als hielte Alles den Athem an; nur in der Kirche dröhnte noch die Orgel. Er trat ein und ſah den Domdechanten, eine große mäch iige Geſtalt, eben in die Sacriſtei zurücktehren. Eine Weile ſaß Prancken in einem Kirchen⸗ ſtuhl, bis er wiſſen konnte, daß der Domdechant in ſeiner Be⸗ hauſung angekommen; dann verleß er die Kirche. Der Diener ſtand in der offenen Thüre und ſagte, der geiſtliche Herr laſſe ihn bitten, einſtweilen hier einzutreten. Er wurde die ſchöne große Treppe des alten Stiftshauſes hinaufgeführt, droben ſchloß ein junger Geiſtlicher, der eben aus der Thüre kam, dieſelbe ganz leiſe, faſt andächtig; der junge Geiſtliche ſtieg die linke Treppe hinab, während Prancken die rechte hinanging. Prancken mußte im großen Zimmer wieder eine Weile warten; ein offenes Buch lag auf dem Tiſch, er ſah hinein, es war der Schematismus; Prancken lächelte. Die Geiſtlichen haben wie das Militär eine gedruckte Rangliſte? Der Domdechant trat ein, er hielt ein Buch in der Hand, zwiſchen deſſen Blätter er den Zeigefinger gelegt hatte. Er be⸗ grüßte mit dem Buche winkend Prancken und bat ihn, ſich zu ſetzen; er ließ ihn das Sopha einnehmen und ſetzte ſich in einen Rollſtuhl ihm gegenüber. „Was bringen Sie, Herr Baron?“ Mit demuthsvollen Mienen erwiderte Prancken, daß er nichts bringe, vielmehr etwas holen wolle. Der geiſtliche Herr ſah noch einmal in das Buch, legte es weg und ſagte: „Ich bin bereit.“ Prancken begann zu erklären, daß er den Domdechanten vor Allem zu ſeiner Beichte erwählt habe in einer Sache, die nur ein Mann von adliger Geburt maßgebend beurtheilen und berathen könne. Der Domdechant hielt das Kinn in der linken Hand feſt und erwiderte, daß es nach der Weihe und Wiedergeburt keinen 92 Adel mehr gebe; er habe teine andere Kraft als der Sohn des ärmſten Taglöhners. Prancken glaubte einen unrichtigen Ton angeſchlagen zu haben, er erklärte daher, wie er allerdings die geiſtliche Würde als die höchſte anſehe, wie es aber doch von Bedeutung ſei, daß der hochwürdige Herr die Lebensverhältniſſe kenne, die er ihm vor⸗ legen wolle. Nun berichtete er kurz von ſeiner Vergangenheit bis dahin, wo er in Beziehung zu Sonnenkamp getreten war. Hier wurde er etwas ausführlicher und bekannte, daß es zuerſt ein Scherz, ein Zeitvertreib geweſen ſei, Manna, die Tochter des Millionärs, ſich als ſeine Frau zu denken. Er erzählte, wie Manna unverſehens ins Kloſter eingetreten, und mit großer Wärme bezeugte er, daß ſie es war, die ihn zum höheren Leben erweckt habe. Ausführlich verweilte er bei einem momentanen Vorſatze, Geiſtlicher zu werden; er fügte hinzu, daß er davon abgekommen, denn er halte ſich nicht für würdig, er hoffe jedoch, im Verein mit Manna ein den höchſten Intereſſen gewidmetes Leben zu führen. Mit ruhiger Aufmerkſamkeit hörte der Domdechant die Er⸗ zählung. Jetzt machte Prancken eine Pauſe und der geiſtliche Herr ſagte: „Das war wol die Einleitung. Ich muß Ihnen nun ſagen, daß ich Herrn Sonnenkamp und ſeine Tochter kenne. Ich war vor Kurzem bei einem Amtsbruder im Dorf, zu welchem Villa Eden— nicht wahr, ſo heißt es doch?— eingepfarrt iſt; ich habe das Mädchen geſehen, es hieß damals, ſie wollte Nonne werden. Ich habe auch den Park geſehen und das Haus, Alles ſehr ſtattlich, ſehr verlockend. Und nun, bitte, fahren Sie fort, ſagen Sie ohne weitere Umſchweife, was Sie von mir wünſchen.“ Prancken erzählte, daß er in Gemeinſchaft mit dem Cabinets⸗ 3 es dahin gebracht habe, daß Sonnenkamp das Adelsdiplom erhalte. Wieder machte er eine Pauſe, aber der geiſtliche Herr fragte nicht mehr, ſondern ſah ihn nur fragend an⸗ Den Blick auf die Tiſchdecke geheftet, ſagte nun Prancken, was er von der Vergangenheit Sonnenkamps wiſſe, er habe bis⸗ her immer geglaubt, daß er es gleichgültig betrachten dürfe, aber eben jetzt— ſeit geſtern, da Sonnenkamp ihm und ſeiner Familie ebenbürtig würde, laſſe es ihm keine Ruhe mehr. — b— „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte der Domdechant.„Finden Sie ſich in Ihrem Gewiſſen belaſtet, weil Sie, obgleich Sie wußten, wer der Mann iſt, doch dahin wirkten, daß er in den Adelſtand erhoben wird?“ „Ja und nein,“ erwiderte Prancken,„ich bin mir darüber nicht klar. Ich könnte ſagen, ich bin unſchuldig, denn ich bin zu keinem Gutachten aufgefordert, und doch—“ „Sprechen Sie nur weiter, ich glaube, Sie ſind auf dem richtigen Wege. Alſo, und doch—?“ Prancken erklärte, daß es ihm ſchwer werde, aber ſich zu⸗ ſammennehmend ſagte er: „Dank dem Himmel, daß er uns lebendige Weſen in die Welt geſetzt, denen wir ſagen können und müſſen, was wir uns ſelbſt nicht bekennen. Ich geſtehe, daß mein offen dargelegtes Ver⸗ hältniß zu Herrn Sonnenkamp vielleicht mehr als ein Gutachten in Worten war.“ „Ganz richtig. Sie ſind nun zu mir gekommen, um in der letzten Stunde zu hören, was Sie thun ſollen?“ „Ehrlich geſtanden, nein. Ich möchte nur, daß Sie mir etwas auferlegten, wodurch ich dieſe Pein und Furcht vor Ent⸗ deckung los werden könnte.“ „Wunderliche Welt!“ entgegnete der Geiſtliche.„Die Welt⸗ kinder möchten gern genießen und ſündigen und dabei einen ſühnenden Segensſpruch empfangen.“ Die Gedanken Pranckens wanderten unwillkürlich nach dem nahen Hauſe Nelly's. Er zwang ſeine Gedanken gewaltſam zurück. Eine Weile waren beide Männer ſtill, dann fragte der Dom⸗ dechant: „Weiß Herr Sonnenkamp, daß Sie ſeine Vergangenheit kennen?“ „O nein, und er darf es nie wiſſen.“ Wieder trat eine längere Pauſe ein. Vom nahen Dome ſchlug es Mittag, die Glocken läuteten, der Geiſtliche erhob ſich und ſprach ein leiſes Gebet; auch Prancken erhob ſich und faltete die Hände. Dann ſetzten ſich Beide wieder. Noch immer ſprach Keines ein Wort. Ein Unwille erhob ſich in Prancken, er bereute faſt, daß er — — —— — eee Ueet. hieher gegangen; es kann ihm doch nicht geholfen werden. Mit unterdrücktem Unmuthe ſagte er endlich: „Hochwürdiger Herr, ich habe Ihnen Alles gebeichtet, nun, bitte, rathen Sie mir.“ „Soll ich Ihnen rathen, daß Sie Herrn Sonnenkamp und Ihre Braut verlaſſen?“ Prancken ſchaute vor ſich hin. „So ſind ſie!“ fuhr der geiſtliche Herr fort;„ſie wollen einen Rath haben, die Kinder des Weltgenuſſes, aber nur einen ſolchen, der ihnen keine Entziehung auferlegt; ſie wollen einen Rath haben, wie ſie das, was ſie ausführen wollen, auch noch mit einer Beſchwichtigung des Gewiſſens thun dürfen. Sie wollen Senf zur Verdauung ſchwerer Speiſen...“ „Ehrwürdiger Herr,“ ſagte Prancken zitternd,„befehlen Sie, daß ich Herrn Sonnenkamp und Manna verlaſſe, und ich gelobe Ihnen, daß ich es ſoſort thue. Nur bedenken Sie, was ſoll aus dem Mädchen werden und ſoll das ſo Erworbene nicht zu Höherem—“ „Halten Sie ein!“ unterbrach der Domdechant; ſeine Brauen zogen ſich zuſammen, ſeine Lippen preßten ſich auf einander. „Sie glauben uns wol mit dieſen Millionen zu kirren? Sie ſind auch ein ſolcher, der bei aller ſcheinbaren Verehrung für uns doch dentt: die geiſtlichen Herren wollen nichts als Geld, nichts als Macht. Nein, wir wollen nichts von Eurem Gelde, von ſo er⸗ worbenem, von ſo erheiratetem und ſo ererbtem.“ Der geiſtliche Herr ſtand am Fenſter und ſchaute in den Himmel, wo dunkle Wolken dahin zogen; er ſchien ganz ver— geſſen zu haben, daß Pra cken da ſei, bis dieſer endlich ſagte: „Wünſchen Sie, hochwürdiger Herr, daß ich mich entferne?“ Raſch wendete ſich der Geiſtliche und ſagte, mit der linken Hand befehlend: 8 „Setzen Sie ſich— ſetzen Sie ſich.“ Prancken gehorchte. „Ich will Ihnen etwas ſagen. Was Sie dem Adel angethan denn Sie haben nicht blos geſchehen laſſen... das iſt Ihre und des Adels Sache; für uns ſind Ihre Chrengrade gleichgültig. Aber das ſage ich Ibnen“— der Geiſtliche hielt inne, ſtützte den Ellenbogen in die Fläche der rechten Hand und hielt ſich mit der Linken das Kinn—„nun müſſen Sie treu ſein, Sie dürfen dieſen Mann und ſeine Tochter nicht verlaſſen. Sie müſſen Alles mit ihnen theilen, Sie müſſen ſich als angeſchmiedet betrachten und in Demuth danken, daß Sie ſich und Ihre neue Familie noch zu reinen Opfern lenken können.“ Prancken ſtand auf, küßte dem Domdechanten die Hand und rief: „Das will ich, das gelobe ich. Halten Sie Ihr Auge auf mich, Sie ſollen ſehen, daß ich vollführe, was Sie mir auferlegt.“ „So gehen Sie mit Gott, Sie haben Schwereres zu tragen, als Sie jetzt vermeinen. Gehen Sie mit Gott.“ Prancken ging. Er ging voll Demuth die Treppe hinab und drückte drunten dem Soldaten brüderlich die Hand. Als Prancken weggegangen war, betrachtete der Soldat noch, ſeine Hand und ſuchte dann auf dem Boden herum; er konnte immer nicht begreifen, daß der flotte Herr von Prancken ihm nicht ein Goldſtück gegeben. Nein, das hätte geklirrt— er hat ihm gewiß Papiergeld gegeben, aber es war nichts zu finden auf dem ſaubern Eſtrich. Als hätte Prancken die Gedanken des Soldaten geahnt, kam er wieder und händigte ihm in der That ein Goldſtück ein, dann ging er weiter. Er kam an dem Hauſe Relly's vorüber, wo er geſtern— war es denn in der That?— eine Stunde gewartet. Er blinzelte hinauf, er glaubte, daß im offenen Fenſter Jemand liege, deſſen Auge nach ihm ſchaute; er hielt den Blick zur Erde geheftet und ging weiter. Er kam auf den Paradeplatz, hörte die Parademuſik, ſah die Officiere im Kreis ſtehen; er ging vorüber und ein Lächeln zog über ſeine Mienen. „Du haſt gut geſpielt, aber Du haſt auch nur geſpielt,“ ſagte er, indem er an den Domdechanten zurückdachte.„Du ſollſt ſehen, ich werde gut ſpielen, ich kenne meine Rolle und werde Euch ſchon etwas vorgaukeln.“ Der Stolz that ſich wieder in ihm auf, er konnte es nicht faſſen, daß er, Otto von Prancken, die verſchämte Demuth geweſen. Halb demüthig, halb ſelbſtbewußt kam er vor dem Hotel Vie⸗ toria an und jetzt ſpürte er einen wahren Manöverhunger. Das Gute haben ſolche Gemüthsbewegungen, ſie machen Hunger. Prancken freute ſich auf das feine Mittagsmahl mit dem Schwiegervater Baron. 1 4 — —— ——— 96— Als er vor der Thür Sonnenkamps ſtand, faßte er ſich aufs Neue. Er trat ein. Das Ordenszeichen Sonnenkamps lag vor den Füßen des ein⸗ tretenden Prancken; das Erſte war, daß er ſich nach demſelben bückte und es aufhob. Joſeph verließ das Zimmer. Sonnenkamp ſchien zu warten, daß Prancken zu ſprechen beginne, und als dieſer ſagte:„Ich gratulire,“ fiel er ein: „Nein, nein— nicht. Ich danke Ihnen, daß Sie noch ein⸗ mal zu mir gekommen ſind. Ich danke Ihnen ſehr. Sie haben es gut mit mir gemeint.“ „Noch einmal? Gut gemeint? Ich begreife nicht.“ Sonnenkamp ſah ihn ſtarr an; die ganze Stadt, die Kutſcher auf den Straßen wiſſen es, und dieſer Mann nicht? Will er ihn täuſchen? „Haben Sie die Zeitung geleſen?“ fragte Sonnenkamp. „Die Zeitung? Nein. Was ſoll's denn?“ Sonnenkamp reichte ihm das Blatt. „Hier— mein Adelsdiplom,“ ſagte er und wendete ſich ab, während Prancken las. Er wollte nicht umſchauen, die Mienen dieſes Mannes nicht ſehen. Lange war lautloſe Stille in der Stube, da fühlte Sonnen⸗ kamp eine Hand auf ſeiner Schulter. „Herr Sonnenkamp,“ ſagte Prancken,„ich bin ein Edelmann...“ „Ich weiß— ich weiß.“ „Und ich bin Ihr Freund,“ fuhr Prancken ruhig fort.„Ich kann nicht billigen, was Sie gethan, um eine ſolche Kundgebung herauszufordern.“ „Machen Sie es kurz, ich habe heut ſchon genug predigen gehört.“ „Ich trete der ganzen öffentlichen Meinung entgegen, ich bin Ihr Freund und liebe Ihre Tochter. Es freut mich faſt, daß ich Ihnen durch ein Opfer beweiſen kann, wie meine Geſinnung—“ „Herr von Prancken, Sie wiſſen nicht, was Sie thun. Ihre Freunde, Ihre Familie—“ „Ich weiß Alles. Pah! Die Tugendmenſchen ſollen die Steine liegen laſſen, die ſie gegen uns aufheben wollen. Wer mit den Augen zuckt, den fordere ich vor meine Klinge.“ „Sie haben Muth... Opfermuth... Aber ich kann das nicht annehmen.“ „Nicht annehmen? Sie haben kein Recht, mich abzulehnen. Ich bin Ihr Sohn wie Roland, ich ſtehe zu Ihnen... Iſt Roland noch nicht zurück?“ Nein „So iſt er mit dem Fähnrich zu dem Schmauſe. Ich hole ihn.“ Sonnenkamp ſah ſtaunend dem Davonfahrenden nach. Fechstes Capitel. Roland war, wie Prancken mit Recht vermuthet hatte, mit dem Sohn des Cabinetsraths nach dem Militär⸗Caſino gegangen, wo ein Theil der Garniſons-Officiere nach dem anſtrengenden Manöver des heutigen Morgens einen Schmaus beſtellt hatten. Es wurde viel geſcherzt und getrunken, man ſtieß an auf das Wohl des jungen Amerikaners und Roland war einer der munterſten von Allen. Da kam ein Nachzügler und rief in den Lärm hinein: „Wißt Ihr ſchon? Der Sklavenhändler iſt in einem papiernen Laſſo gefangen worden.“ „Was iſt?“ hieß es. Der Neuangekommene las aus der Zeitung vor: „Unmaßgeblicher Vorſchlag zu Wappen und Schild für einen Neugeadelten. Es könnte uns eine Genugthuung ſein, die Einheit des Junker⸗ thums in beiden Welten zu conſtatiren; leben von der Arbeit Anderer, iſt ihr Wappenſpruch; Du biſt zum Nichtsthun geboren, ſagen die Junker in der alten, wie in der neuen Welt. Es kann nur Junker geben, wo es Sklaven gibt, wenn ſie auch nicht immer Sklaven heißen. Wir haben nach Amerika geſchrieben, um Erkundigungen über einen ſichern Herrn Banfield einzuziehen. Wir haben bisher geſchwiegen, wir hätten länger und immer ge⸗ ſchwiegen aus Rückſicht und Schonung für die Kinder dieſes Aus⸗ würflings, die es nicht verdienen, dieſe ſchwere Schuld zu tragen. Wir ſind keine Freunde des Adels, wir halten dieſe Inſtitution für eine abſterbende; aber auch die Adligen ſind unſere Mitbürger, ſind ein Theil unſeres Volkes; wir Bürgerlichen haben nichts, um einen Mann aus unſerer Mitte auszuſtoßen, wir hätten ihn ruhig Auerbach. Landhaus am Rhein. II. 7 ————— . ———— ———— — — — —— * gewähren laſſen müſſen, dieſen Mann, dieſen unbarmherzigen Sklavenhändler. So gehe denn hin, deutſche vornehme Welt, und adle ihn, gib ihm deine Ebenbürtigkeit. Die Heraldiker unſerer Redaction ſchlagen als Wappen vor für dieſen Herrn Sonnen⸗ kamp auf Villa Eden... „Halt ein!“ ſchrie der Fähnrich, denn Roland fiel leblos vom Stuhl zu Boden. Er wurde aus dem Zimmer getragen, er wurde zum Leben erweckt. Glücklicherweiſe kam jetzt ein Wagen, Prancken ſtieg aus. Roland wurde in den Wagen gehoben. Vom Fieber geſchüttelt, in einen Soldatenmantel gehüllt, ſaß Roland in der Ecke, manchmal öffnete er die Augen, ſchloß ſie aber bald wieder. Prancken redete ihm zu, er ſolle die ganze Welt verachten; Roland ſchwieg. Man kam im Gaſthof an. Vor der Thür wartete Joſeph. Das erſte Wort, das Roland ſprach, war, daß er bat, ihn allein zu laſſen. Er ging mit Joſeph die Treppe hinan. „Sie ſollen zu Ihrem Vater kommen,“ ſagte Joſeph. Roland nickte, aber als er oben war, eilte er in ſein Zimmer und verſchloß die Thür. Joſeph ging zu Sonnenkamp und ſagte, daß Roland zurück⸗ gekehrt ſei. „Er ſoll zu mir kommen,“ rief dieſer. „Er hat ſich eingeſchloſſen.“ „Hat er ſeine Piſtolen bei ſich?“ „Nein, ich habe ſie noch.“ Sonnenkamp ging nach dem Zimmer Rolands. Er klopfte. Keine Antwort. Er bat und beſchwor Roland, ihm zu antworten; Roland gab keinen Laut von ſich. Sonnenkamp ſtand zitternd vor der Thür. „Roland,“ rief Prancken,„wollen Sie Ihren Vater noch aufs Aeußerſte kränken? Wollen Sie ihn auch verlaſſen?“ Es kam keine Antwort. „Mein Sohn!“ ſtöhnte Sonnenkamp.„Mein Sohn! Dein Vater ruft! Gib Antwort! Soll ich mit einem Schlag die Thüre einbrechen? Gib Antwort... Iſt das die Lehre, die Dir Herr Dournay eingepflanzt?“ Der Riegel ging zurück, Roland ſtand unbewegt, die Lippen — 3 zuſammengepreßt, und ſchaute auf ſeinen Vater, der ihm die Arme entgegenſtreckte. „Mein Sohn!“ rief Sonnenkamp.„Mein einziger Sohn! Mein geliebter Sohn! Mein Kind!“ Roland ſtürzte auf ſeinen Vater los, faßte ſeine Hand und weinte darauf. „O, mein Kind, Deine Thränen auf meiner Hand! Hier, dieſe Wunde, dieſe Narbe, die Thränen meines Kindes heilen ſie, die Thränen meines Kindes allein!“ Er warf ſich an die Bruſt Rolands und rief: „Du, mein Sohn, Du wirſt Deinen Vater nicht verachten. Ich werde Dir Alles erklären... Wenn Unrecht an meinem Gute haftet... Es iſt nicht, iſt keines... Dieſe Ehre wollte ich um Deinetwillen... Du ſollteſt es beſſer haben, als ich... Ich habe gefehlt, daß ich es wollte... Um Deinetwillen und Deiner Schweſter willen...“ Es gab ihm Herzſtöße, während er ſprach, und zum erſten Mal im Leben ſah Roland ſeinen Vater weinen. Er umſchlang ihn und weinte mit ihm. Stumm und ſtarr ſaßen Vater und Sohn dann einander gegen⸗ über, endlich ſagte Roland: „Es gibt eine Rettung.. eine einzige Rettung „Ich bin bereit, ſprich, mein Sohn.“ „Ich weiß es— ich weiß es! Wirf Alles von Dir, laß uns arm ſein— arm! Willſt Du?“ Sonnenkamp war erleichtert, da er ſah, wie Roland ſein Ge⸗ müth erleichterte. „Du biſt ſtarken Herzens, muthigen Geiſtes; Herr Erich hat Dich gut gelehrt... groß.. tapfer... Das iſt ſchön... das iſt das Rechte... das Beſte!“ „Alſo Du ſtimmſt bei?“ „Mein Sohn! Ich verſpreche Dir, Du ſollſt einig ſein mit dem, was ich thue. Nur in dieſem Augenblick darf man nichts beſtimmen.“ „Nein, jetzt.. in dieſem Augenblick... es iſt der höchſte, Es iſt dehe Moment! Jetzt muß es geſchehen! Nach ihm iſt Tod, Zerfall... Glend! Ich will für Dich arbeiten, für Dich, füs Sle Mutter, für Manna. Und Erich wird bei uns ſein! Ich weiſit, was werden ſoll, aber es wird Nur wirf Alles vo . 6 . 3 6 3 6 ———— —— — — — ———— ———————5 100 „Mein Sohn— Alles, Alles mit Dir, durch Dich, aus Deinem reinen Herzen, aus Deinem ungebrochenen... Ja, Dein Freund Erich— unſer Freund Erich ſoll auch beſtimmen, nur in dieſem Augenblicke laß uns nichts entſcheiden.“ „Laß uns heute noch heimkehren,“ bat Roland. Sonnenkamp ſchien nicht zu hören, was Roland ſagte; er ſaß da, hatte die Augen geſchloſſen und die Fäuſte geballt. „Hörſt Du mich, Vater?“ rief Roland. Bei dem Worte Vater durchſchauerte es ihn, er empfand jetzt, was es heißt, hier Vater ſagen zu müſſen. „Was willſt Du?“ fragte Sonnenkamp wie erwachend. „Laß uns heut noch heimkehren,“ wiederholte Roland. „Nein, heute nicht. Wir müſſen Beide zuerſt Kraft haben.“ Prancken hatte ſich ins Nebenzimmer zurückgezogen; er ſchickte nun Joſeph und ließ ſagen, daß es Zeit zum Speiſen ſei. Roland war entſetzt, daß er eſſen ſolle; er willfahrte um des Vaters willen. Der Platz des Cabinetsraths war leer; es zeigte, was künftig allen Tafelfreuden fehlen würde. Prancken winkte Joſeph, dieſer verſtand und nahm das Gedeck ſchnell weg. Jetzt erfuhr auch Roland, wie die Beſtechung eingeleitet und wie verderbt und eigenſüchtig die Menſchen waren. Sonnenkamp bemerkte, welch einen Eindruck das auf Roland machte, ein Triumphiren ging über ſeine Mienen. So iſt's gut! Roland ſoll die ganze Verruchtheit der Menſchen kennen, ſoll ein⸗ ſehen lernen, daß alle Menſchen mehr oder minder niederträchtig ſind, dann wird auch, was ſein Vater gethan, ihm allmälig milder und in matteren Farben erſcheinen. Ein ausgeſuchtes Mahl wurde aufgetiſcht, die Drei aber aßen, als ob ſie bei einem Todtenmahle ſäßen; die Ehre vor der Welt war zur Leiche geworden. Jeder von den Dreien fühlte das, keiner ſprach es aus; ſie aßen und tranken, denn der Leib bedarf der Nahrung, um Herzeleid zu tragen. Vater und Sohn ſchliefen in Einem Zimmer, ſie ſprachen kein Wort, Keines wollte den erlöſenden Schlaf des Andern ver⸗ ſcheuchen. Nach einer Stunde erwachte Roland, er warf ſich ruhelos umher. Wie eine ſchwarze Wand ſtand die Nacht vor ihm; er richtete ſich auf wie irr. Den Verſtand, die Beſinnung verlieren... ja verlieren! Es — iſt Dir plötzlich abhanden gekommen, Du weißt nicht wo, Du weißt nicht wann, Du weißt nur, es iſt nicht da, nicht in Deiner Gewalt. Aber wenn man es nur finden könnte! Du haſt keine Gewalt mehr über Deine Vorſtellungen, ſie kommen und gehen, ſie verbinden und trennen ſich nach Willkür, und innen fühlſt Du, das wird nicht ſo bleiben, das kann nicht ſo bleiben; es muß eine Zeit kommen, wo Du wieder Alles bewältigſt. Wenn nur nicht Nacht wäre! Wenn nur nicht Nacht wäre! ſtöhnte Roland vor ſich hin. Zum erſten Mal im Leben erwachte er in ſeeliſchem Schmerz und traurig, dunkel, undurchdringlich ſtand die Welt vor ihm. Er dachte an die Mutter, an Manna, an Erich. Wie werden ſie Alle das tragen? Er weinte. Und jetzt in der einſamen Nacht war's ihm, als käme Benjamin Franklin zu ihm und ſagte: Sei frei, ſei nicht Sklave Deiner ſelbſt; ſei Herr über Schmerz und Elend.— Er ward ruhiger. „Wenn nur nicht Nacht wäre!“ ſagte er wieder, und es ſiel ihm ein, wie einſt die Profeſſorin geſagt: In der Nacht iſt Alles viel entſetzlicher, am Tage ſind alle Schmerzen, körperliche und ſeeliſche, nicht mehr ſo grauſam; das Auge ſieht doch die Dinge der Welt, das Sonnenlicht gibt Leben und beleuchtet die Dinge. Aus dumpfem Brüten verſank er endlich wieder in den Schlaf. Früh am Morgen fuhr man nach der Villa. Ficbentes Capitel. Der Morgen war friſch und fröſtelnd. Auf dem Bock des Wagens ſaß nicht mehr Bertram; ein Lohnkutſcher, den man ſchnell angenommen, ſetzte ſich neben Lutz; Roland, der die Pferde kannte, wollte die Stelle des Fremden einnehmen, aber Sonnen⸗ kamp ſagte mit heiſerer Stimme: „Nein, mein Kind! Setze Dich zu mir. Bleib bei mir.“ Roland gehorchte, er ſetzte ſich zum Vater und zu Prancken in den geſchloſſenen Wagen. Man fuhr ſchweigend durch die Stadt; ein Jedes dachte: Wirſt Du je wieder hierher zurückkehren —— 1 . 5 * 8 — 102— und wie? Man kam an dem Luſtorte vorüber, wo man im vorigen Sommer ſo viel Auszeichnung empfangen. Roland ſchaute hin⸗ aus; auf den Tiſchen des Wirthsgartens lagen vergilbte Blätter, Alles war leer und öde. Seufzend, mit geſchloſſenen Augen, legte ſich Roland in die Ecke des Wagens zurück, die Jugendfriſche war über Nacht aus dem Geſichte verſchwunden, da war Alles welk wie eine Blume, die erfroren. Geraume Zeit fuhr man ſtumm dahin. Bald aber hörte Roland, wie ſein Vater ſich erluſtigte, darzulegen, daß alle Men⸗ ſchen eitel Gauner ſeien; der und jener, von dem man mit Ver⸗ ehrung geſprochen, vor dem man ſich tief gebeugt, wäre werth, auf die Galeere zu kommen. Bei dem Cabinetsrath fing es an, wie der ſo geſchickt ſich beſtechen läßt und doch thun kann, als ob nichts geſchehen wäre, und ſo ging's weiter. In Fetzen zer⸗ riſſen wurde der gute Name aller Menſchen. Prancken ließ Sonnenkamp wüthen und raſen, er ließ ihn ſogar an Clodwig ſtreifen. Was thut's? Es iſt die Luſt eines Gekränkten, vor Allem aber eines von wirklicher Schuld Belaſteten, alle Anderen mit ſich herabzuzerren. Eine Ahnung ging in Ro⸗ land auf und es fröſtelte ihn tief ins Herz hinein, daß er nun darauf denken, ſuchen und forſchen müſſe, die Schattenſeiten aller Menſchen zu erkennen und ſich vor Augen zu halten. Muß man das, um noch in ſich beſtehen zu können? Wie verändert war heute die Welt! Eines vor Allem wälzte ſich ruhelos in ihm: Geſtern war Ehre Alles, heute iſt ſie nichts mehr. Was iſt denn Ehre? Sie iſt das Salz in der Speiſe des Lebens, ohne ſie iſt das Daſein ſchal. Leiſe und behutſam begann Prancken hervorzuheben, wie nur ein feſter religiöſer Glaube aufrecht erhalte, und offen zog er gegen diejenigen los, die dem Nebenmenſchen den höchſten und einzigen Halt entziehen. Roland wußte, daß Erich damit gemeint war, aber er hielt an ſich. Prancken ging weiter. Er erzählte, daß der Vater Erichs, den Mutter und Sohn zu einem Halbgott auf⸗ putzen, ein Mann war, der an der Univerſität keine Zuhörer bekommen konnte und über den alle Gelehrten die Achſel gezuckt hätten. Sonnenkamp rauchte unaufhörlich und ſchnell, und aus den Wolken heraus rief er in luſtigem Ton: die Menſchen in der ganzen Gegend ſollten ihm eigentlich danken, ſie ſeien ja jetzt — 103— lauter ſchneeweiße Engel, es fehle ihnen weiter nichts als ein Flügelpaar; Männlein und Weiblein könnten ſagen: Herr, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie dieſer Sonnenkamp. Prancken ſchien dieſer Humor zu gefallen und er ſagte: übers Jahr, wenn man ſich daran gewöhnt habe, denke kein Menſch mehr an das Aufſehen von heute. Roland empfand aufs Neue das Gefühl der Heimatloſigkeit, denn der ſpöttiſche Ausruf des Vaters, daß die ganze Welt ihm danken müſſe, wirkte tief auf ſeine Seele. In ſeinem Gemüthe waren Elemente des Denkens und Empfindens gelöſt und Nie⸗ mand konnte ahnen, welche Wandlung in dieſen gelöſten Elementen durch neu hinzutretende Stoffe bewirkt wurde. Das Bewußtſein erwachte in ihm, daß er eine Schmach trägt, die nie mehr ge⸗ tilgt werden kann. Die Nebel verzogen, der Tag ward hell, die Sonne ſchien warm, Sonnenkamp hüllte ſich in ſeinen Mantel, ihn fror. Ro⸗ land ſaß im Wagen und ſtarrte auf die Straße, er ſah nichts als den Schatten des Pferdes von der einen Seite, und dieſer Schatten bewegte ſich, ſetzte die Beine vor⸗ und rückwärts. Iſt Alles nur ein Schatten?... Er ſah die Hirten die Schafe weiden auf den Stoppelfeldern und fragte ſich: Iſt das ein beſſeres Leben? Er ſchloß die Augen. Da war es ihm, als ob der Wagen bergab rollte. Er öffnete die Augen, der Wagen war auf gerader Straße. Stumm blickte er hinaus in den hell ſchimmernden Tag. Ach, der Ausblick in die Natur hilft nur dem Freudigen oder dem, der vom Schmerz zu geneſen beginnt; dem ſchwer Betroffenen, Schmerz⸗ vollen iſt ſie nichts, ſie beleidigt ihn faſt in ihrer Stetigkeit, in ihrem theilnahmloſen Fortleben. Roland hatte bis jetzt im Dämmerreich zweier Lebensalter ge⸗ ſtanden, er war auf einmal von der Jugend geſchieden; ſein Stolz war in Schande verwandelt, aber er war gereift genug, bald ſein Selbſt zu vergeſſen und auf den Vater zu ſchauen, der iſt doppelt unglücklich, für ſich ſelbſt und daß er das Unheil über Andere, über ſeine Nächſten gebracht... Sonnenkamp ſchlummerte, aber in ſeinen halbwachen Traum hinein hörte er im Rollen des Wagens die klirrenden Ketten ge⸗ bundener Sklaven. Er erwachte plötzlich und ſah wie irrſinnig drein. Wo w — 104— er? Was war geſchehen? Er hüllte ſich feſter in den Mantel und verbarg ſein Antlitz. Prancken bog ſich zu Roland vor und ſagte leiſe: „Ich weiß, wie Sie in ſich zerriſſen ſind, aber es gibt für Sie eine Heilung, eine große That.“ „Welche iſt das?“ „Sprechen Sie nicht ſo laut, wecken Sie den Vater nicht. Das einzige Mittel für Sie... die große erhabene That iſt, Sie treten ein in das päpſtliche Heer. Dort iſt die letzte, die höchſte Burg, die es noch zu vertheidigen gilt; ſinkt ſie, ſo haben die Atheiſten und Communiſten gewonnen. Ich ſelber wäre bereit, wenn. „Ja,“ unterbrach Roland,„das wär's! Wir geben all unſer Beſitzthum in die Hand des Heiligen Vaters und er verkündet mit einer Bannbulle die Aufhebung der Sklaverei.“ Sonnenkamp konnte ſich nicht mehr ſchlafend halten. „Recht ſo, mein Junge!“ rief er.„Recht ſo! Der Papſt ſoll das thun. Aber glaubſt Du, daß er jetzt für Geld thun wird— und wäre es zehnmal ſo viel— was er nicht von ſelbſt gethan hat? Der Gedanke iſt groß, Herr von Prancken, ſehr groß und ſehr— ſehr klug.“ Es lag eine bittere Schelmerei in dieſem Lobe, denn er dachte: willſt das ganze Erbe haben und meinen Sohn ans Meſſer iefern. „Aber lieber, edler, junger Freund,“ ſagte er laut,„ſagen Sie ehrlich, glauben Sie, daß der Papſt thut, was unſer Roland erwartet?“ „Nein.“ Man fuhr wieder ſtill dahin. In der Ferne ſah man die 3 Villa, auf dem Thurme prangte die Unionsflagge neben der grün⸗ 3 gelben Landesfahne. 5 Man kam bei dem grünen Hauſe an, Roland bat, daß er ausſteigen dürfe; es wurde ihm willfahrt. Er ging in den Garten, da rief ihm eine helle Stimme zu: „Glückwunſch hin, Glückwunſch her! Wir wünſchen Ihnen Glück, wünſchen Sie auch uns Glück, wir ſind verlobt.“ Lina und der Architekt kamen Hand in Hand durch die Wieſe daher. Lina ließ ihren Bräutigam los, ging auf Roland zu und — 105— „Wir haben nicht warten wollen bis zur Einweihung der Burg, wir haben unſer Feſt für uns. O Roland, wie ſchön und wie glücklich iſt doch Alles auf der Welt! Aber warum reden Sie nicht? Warum machen Sie ein ſo traurig Geſicht?“ Roland konnte nur mit der Hand abwehren und ging raſch in das grüne Haus. Verblüfft ſtanden die Brautleute im Garten und Lina ſagte: „Ach, Albert, hier iſt nicht gut ſein. Auf der Villa hat uns Niemand begrüßt, Manna läßt ſich nicht ſehen, Herr Dournay iſt nicht da und Roland läuft davon. Komm, laſſen wir das ganze Haus. Verzeihe mir, daß ich Dich hierher gebracht; ich habe gemeint, das ſind die Menſchen, denen ich zuerſt mein Glück bringen muß. Komm, wir gehen auf Deine Burg und da ſind wir einmal einen ganzen Tag, Du ein einſamer Ritter und ich ein Burgfräulein. Ich habe geglaubt, daß heute hier auch Ver⸗ lobung ſein wird; das ſieht nicht danach aus.“ Lina und ihr Bräutigam gingen die Weinberge hinan, aber am Hauſe des Majors wurden ſie feſtgehalten, denn am Garten⸗ zaun ſtand der Major rathlos. Was heut geſchehen, war noch nie vorgekommen. Fräulein Milch hatte ſich eingeſchloſſen, ſie mußte etwas ganz Beſonderes vorhaben. Der Major war glückſelig, die Verlobung zu vernehmen; er ließ nicht ab, die Brautleute mußten ſich in ſeine Laube ſetzen; er ſagte, Fräulein Milch werde bald kommen. Fräulein Milch aber ſaß zum erſten Mal in ſchwerem Kampfe einſam in ihrer Stube. Die ganze Welt war ihr gleichgültig ge⸗ weſen und nur inſofern von Bedeutung, als man darin etwas holen konnte, was dem Major angenehm war. Sie fand die Gegend ſehr freundlich, ſie war dankbar gegen den Boden, der ſo gute Speiſe wachſen ließ; auch dem Rhein war ſie dankbar, er brachte bisweilen einen guten Fiſch, und den Bergen nickte ſie zu, als wollte ſie ſagen: Laßt nur guten Wein wachſen; der Major trinkt gern neuen, nur darf er nicht zu viel davon trinken. So war Fräulein Milch wohlgeſinnt gegen Menſch und Thier, gegen Waſſer und Fflanze; es war ihr gleichgültig, daß ſich Nie⸗ mand um ſie kümmerte; ſie hatte jede nähere Beziehung ſtreng abgelehnt. Nun war ſie durch die Profeſſorin in die Gemeinſchaft eingetreten und war heute ſo tief gekränkt worden. Sie kannte — 106— Bella ſchon lange, wenn auch nur aus der Ferne, ſie haßte Bella ſchon lange, wenn auch nur aus der Ferne; aber was ſie heute erfahren, das war ihr neu und ſchmerzte ſie tief. O, ſagte ſie vor ſich hin, o, Frau Gräfin, Sie ſind ſehr tugendhaft... höchſt tugendhaft... und ſchön ſind Sie auch, ich bin aber auch einmal ſchön und jung geweſen, und Niemand hat es gewagt, mir mit einem unguten Wort zu nahen; ich bin über die Straße gegangen ohne Bedienten hinter mir, war mein eigener Bedienter. O, Frau Gräfin, Sie ſtehen in der Rang⸗ liſte ſehr hoch, Sie werden gar Ercellenz genannt! Aber geben Sie Acht, es gibt noch eine andere Rangliſte, der Major ſoll es Ihnen zeigen. Rein, er nicht, es würde ihn zu Tode kränken, aber Herr Dournay, der muß es. Nein... Niemand.. ich allein... Eben als ſie ſich wieder in ſich aufgerichtet hatte, klopfte der Major wieder und rief: „Fräulein Milch! Liebe gute Roſa,“ ſetzte er leiſe hinzu, „Röschen... Roſalie!“ „Was ſoll's?“ hörte der Major. „Es ſind zwei gute Menſchen da, der Architekt und Lina, ſie ſind verlobt und ſind zu uns gekommen, daß wir uns mit ihnen freuen. Kommen Sie doch... kommen Sie in den Garten und bringen Sie gleich eine Flaſche mit und vier Gläſer.“ Fräulein Milch öffnete. Der Major fragte: „Darf ich nicht wiſſen, was mit Ihnen vorgegangen iſt?“ „Sie werden es erfahren, ganz ſicher. Nun aber fragen Sie mich nicht mehr. Alſo die jungen Leute ſind verlobt und ſind bei uns? Ich muß mich nur ein wenig umkleiden, ich komme gleich.“ Fräulein Milch wurde ihren Kummer los, indem ſich ihr die Pflicht darbot, Glückliche zu erfreuen, und das Brautpaar vergaß die Burg und blieb ſtundenlang bei Fräulein Milch und dem Major in der Laube ſitzen.“ Da kam die Zeitung. Der Major bat um Entſchuldigung, daß er vor ſeinen Gäſten leſe; es müſſe was Beſonderes darin ſein, denn ſonſt bekäme er die Zeitung immer erſt, wenn der Bürger⸗ meiſter, der Schulmeiſter und der Barbier ſie geleſen; dafür dürfe er ſie aber auch behalten, und da er nichts mehr in der Welt dazu thun könnte, ſei es gleich, ob er ein paar Stunden früher oder ſpäter erfahre, was vorgehe. —— „Ach, da iſt ja ein großer ſchwarzer Strich,“ rief Lina. „Das iſt der Strich des Bürgermeiſters,“ ſagte der Major. „Fräulein Milch, wollen Sie mir vorleſen? Es muß etwas Be⸗ ſonderes ſein.“ Fräulein Milch nahm das Blatt, aber ſie fuhr erſchreckt zurück, da ſie hineingeſehen. „Was iſt denn? Leſen Sie, liebe Lina.“ Lina las den bitteren Vorſchlag des Profeſſor Crutius; ſie wollte nach den erſten Zeilen abbrechen, aber der Major bat: „Leſen Sie weiter! Nur weiter!“ Und ſie las bis zu Ende. Nach langem ſchwerem Kopfſchütteln ſagte der Major: „O Du grundgütiger Weltenmeiſter! Was haſt Du für Sachen im Weltenbau! Ach, lieber Himmel, es iſt doch etwas Schreck⸗ liches um ſolch eine Zeitung; jetzt wiſſen das alle Menſchen.“ Fräulein Milch wollte ſagen, daß das, was hier ſteht, ihr keine Neuigkeit mehr ſei; aber ſie hatte die Selbſtbeherrſchung, dies zu unterdrücken. Sie that es, um nicht eine lange Erörterung mit dem Major zu führen, warum ſie ihm das nicht längſt ge⸗ ſagt. Erſt als er ſie bat, zur Profeſſorin zu gehen, die tief er⸗ ſchüttert ſein werde von dieſer Nachricht, ſagte ſie: „Die Profeſſorin weiß Alles ſchon lange und ich auch.“ In ſeiner Verwirrung fragte der Major gar nicht, wie das geſchehen; er ſah ſie nur groß an und ſagte dann zu Lina und dem Architekten: „Seht, Kinder, da drunten iſt die wunderbar ſchöne Villa mit dem Park, den Gärten, und im Haus die Millionen... Ach! und Roland und Manna! Fräulein Milch, ich bitte, halten Sie mich nicht zurück, ich muß hinunter; kein Menſch kann wiſſen, was vorgeht, ich muß da helfen. Bitte, Fräulein Milch, thun Sie keine Einſprache.“ „Ich habe ja keine gethan, im Gegentheil, auch ich meine, Sie müſſen gehen.“ Noch bevor ſie ausgeſprochen, kam ein Bote von der Villa, der Major ſolle hinabkommen. Eina wollte ſich ihm anſchließen, aber der Major ſagte, daß die Profeſſorin und Tante Claudine Beiſtand genug ſeien. Als der Major fortgehen wollte, rief eine Stimme: „Herr Major, bleiben Sie noch.“ —— —— 3 8* 5— S ———— — 108— Mit geröthetem Geſicht, ſchwer athmend kam Knopf. „Wiſſen Sie auch ſchon?“ fragte der Major. hef„Ja freilich, deßwegen komme ich. Vielleicht kann ich etwas helfen.“ „Gut, ich gehe, kommen Sie mit. Nein, bleiben Sie hier, bleiben Sie bei ihr. Ich laſſe Sie rufen, ſobald Sie nöthig ſind.“ Und ſo wanderte der Major den Berg hinab, und die Vier ſahen ihm mit ſchwerem und innigem Blicke nach. Achtes Capitel. Manna, Erich und die Mutter ſaßen ernſt beiſammen; ſie hatten das ſchwere Geheimniß einander mitgetheilt, auch vor ihnen lag die Zeitung auf dem Tiſche. Jetzt trat Roland ein und rief: „Manna, wir ſind Kinder der Schande!“ Drei Menſchen liefen auf ihn zu, umhalſten und küßten ihn und hielten ihn feſt und warm. „Sei ſtark, Bruder!“ ſagte Erich, ihn umfaſſend. „Stark kann ich Dich hauchen, Bruder!“ Das Wort des Hiawatha umtönte Roland, und irren Blickes ſchaute er hin und her. Stumm ſaß er auf einem Stuhl und um ihn her ſaßen die Menſchen, alle ihm ſo innig nah, Niemand ſprach ein Wort... Sonnenkamp war unterdeß am Eingang in den Park abge⸗ ſtiegen. Ein Telegramm wurde ihm übergeben. Der Cabinetsrath zeigte an, daß der Fürſt geneigt ſein werde, das ſtrafwürdige Be⸗ nehmen im Schloſſe nicht weiter zu verfolgen. Sonnenkamp lachte. Alſo begnadigt? Und ich ſoll vielleicht noch danken? Ein Kampfesmuth war in ihm, als wäre er von einer feind⸗ lichen Welt belagert und wehrte mit Heldenkraft die andringenden Feinde zurück; ſie ſollten ihn nicht aushungern können, nicht die Quelle von Selbſtvertrauen und Macht abgraben; er fühlte ſich ausgerüſtet genug. Prancken hat Recht, man läßt ſich nicht fort⸗ drängen, man muß der Welt Trotz bieten, dann beugt ſie ſich in Demuth, und übers Jahr— nein, viel früher, werden ſie Alle kommen und ihm ſchmeicheln. Hoch aufgerichtet ſtieg er die Treppe hinan. Er legte den Arm in den Pranckens und bat den Sohn— ſo nannte er jetzt Prancken — den Sohn, auf den er ſtolz ſei, mit ſeiner ruhigen Sicherheit vor Allem Frau Ceres das Vorgefallene mitzutheilen, und zwar in der ihm eigenen leichten, Alles beſiegenden Weiſe. „Entgegnen Sie ihr nichts, wenn ſie raſt. Das Raſen iſt nicht mehr zu fürchten.“ In dieſer Aeußerung lag eine Beruhigung, die Sonnenkamp fühlte. Es iſt doch beſſer, daß die ganze Welt ihm entgegenſteht, als daß er immer und immer in der Gewalt dieſer tückiſchen, ihn bedrohenden und niederdrückenden Frau iſt. Nun hat ſie keine Waffe mehr; der Dolch, den ſie verborgen gehalten, iſt vor aller Welt abgeſtumpft. Prancken ging zu Frau Ceres; er mußte lange im Vorzimmer warten, endlich kam Fräulein Perini heraus. Mit kurzen Worten ſagte ihr Prancken, daß das Geheimniß, das ſie ihm anvertraut und das er bisher ſo treu bewahrt, offen⸗ bar geworden. „So bald?“ ſagte Fräulein Perini und ging mit Prancken nach dem innern Zimmer. Frau Ceres reichte die linke Hand zum Kuſſe dar und fragte, ob Prancken die Zeichnung des Wappens mitgebracht habe; ſie wies auf einen Stickrahmen, auf welchem ſie ſofort das Wappen ſticken wolle; auch auf die Altardecke wies ſie, deren Einfaſſung bereits vollendet war. Mit großer Behutſamkeit brachte Prancken die Darſtellung der Ereigniſſe vor. „Und er ſagte immer, ich ſei dumm! Ich bin geſcheidter als er,“ ſtieß Frau Ceres heraus;„habe ihm immer geſagt, in Eu⸗ ropa iſt nichts für uns. Dort hätten wir bleiben ſollen. Nicht wahr, jetzt hat er es? Er ſchämt ſich und hat deßhalb Sie ge⸗ ſchickt. Er ſchämt ſich, weil ich, die Alberne, die nichts gelernt hat, die Sache beſſer wußte als er.“ In dieſem erſten Augenblicke ſchien die Schadenfreude alle anderen Empfindungen in Frau Ceres zu beherrſchen; der Mann, der ſie beſtändig wie ein gebrechliches Spielzeug behandelte, mußte jetzt ſehen, daß ſie weiter zu denken vermochte als er. Lange ſaß ſie ſchweigend da. Sie hatte dabei einen höhniſch triumphirenden Ausdruck, als ob ſie alle Gedanken, die ſie hegte, ihrem Manne zurief. Prancken glaubte hinzufügen zu müſſen, —— ——— ———. J — 110— daß binnen Kurzem das Haus wieder in altem Anſehen ſtehen würde. „Glauben Sie, daß wir dann geadelt werden?“ Prancken war in Verlegenheit, was er erwidern ſolle; es ſchien, als ob die Frau doch nicht begreife, was vorgegangen. Er wich einer geraden Antwort aus und ſagte nur, daß er dem Hauſe Treue halte und ſich als Sohn des Hauſes betrachte. „Ja, morgen ſoll die Hochzeit ſein. Sie machen in Europa ſo lange Umſtände. Ich fahre mit Euch zur Kirche. Wo iſt denn Manna? Sie hat mich entſetzlich vernachläſſigt. Dies Zuſammen⸗ ſtecken mit den Dournay's wird nun auch aufhören. Dulden Sie es nicht, lieber Baron.“ Sie bat Fräulein Perini, Manna herbeizurufen. Prancken erſuchte die Mutter— ſo nannte er jetzt Frau Ceres — Fräulein Manna noch einige Tage gewähren zu laſſen; er werde allein mit ihr ſprechen und dann würden ſie gemeinſam zur Mutter kommen, um ihren Segen zu erbitten. „Ich ſegne Sie ſchon jetzt,“ ſagte Frau Ceres. Sie erzählte, daß Bella da geweſen, ſich aber kaum bei ihr gezeigt habe und in ganz unbegreiflicher Weiſe wieder davon ge⸗ fahren ſei. Da tönte ein Schuß... „Er hat ſich erſchoſſen! Er hat es gethan... jetzt!“ rief Frau Ceres und ſtieß einen eigenthümlichen Ton aus; es war nicht Jammer, nicht Lachen, es war ein ſeltſamer, unfaßlicher Laut. Prancken eilte davon. Reuntes Capitel. In ſeinem Zimmer hatte Sonnenkamp geſeſſen; vor ihm lag der Briefbeutel, er öffnete ihn nicht. Was liegt daran, was die Welt draußen will? In ihm raſte der Gedanke, daß er etwas thun müſſe, etwas Empörendes, alle Welt Niederſchmetterndes. Was? Er weiß es noch nicht. Stumm ſaß er mitten in der ſchön⸗ ſten Landſchaft bei verhängtem Fenſter, wie in einem Keller. Nur nicht weich werden! rief er ſich zu. Was haſt Du gethan? 111— Ernſt haſt Du gemacht und Du bleibſt dabei. Es iſt gut, daß nichts mehr zu verbergen, daß Alles bekannt iſt. Er ging in den Park nach dem Treibhauſe. Er ſtand bei ſeiner unvergleichlichen Sammlung von Eriken aller Art, und wie im Fluge wandelten ſeine Gedanken nach all den Orten, wo dieſe Eriken heimiſch, denn es war nicht Täuſchung geweſen, als er Erich bei deſſen Eintritt geſagt hatte: ich bin an den meiſten Orten geweſen, wo dieſe Pflanzen wild wachſen. Muß man denn hier an dieſem Orte haften? Er ging nach dem Obſtgarten und ſah, wie hier die großen Früchte prangten; bei einzelnen Früchten waren an Drähten mit Waſſer gefüllte Glasglocken untergeſetzt, damit immer Waſſer ver⸗ dampfe und die Frucht nähre. Das Alles kann man machen. Man kann der Natur den Weg weiſen. Warum den Menſchen nicht? Warum dem Schickſal nicht? Er ſah die großen Früchte an, als könnten ſie ihm Antwort geben. Lange ſtand er vor einem Baume, den er in Form einer Grafenkrone gezogen, und ſtarrte auf die Zweige. Er kehrte in ſein Zimmer zurück und verſchloß es. Er nahm einen Revolver von der Wand... da klopfte es. „Was gibt's? Was iſt?“ Ein Reitknecht nannte ſeinen Namen; Sonnenkamp öffnete. Der Reitknecht berichtete, daß der Rappe des Herrn röchele und Schaum vor dem Maul habe, er ſei krank und man wiſſe nicht woher. „So?“ rief Sonnenkamp.„Habt Ihr den Rappen nicht, wie befohlen, als Handpferd ſpazieren geführt?“ „Ja. Soll ich den Thierarzt holen?“ „Nein! Komm, ich will ihn ſchnell curiren.“ Er ging hinab in den Stall, er ſchaute den Rappen grimmig an, dann ſtellte er ſich an deſſen Kopf und ſchoß ihn ins Hirn; das Pferd röchelte tief auf und ſtürzte nieder. Als er eben den Stall verließ, kam ihm Prancken entgegen. „Was haben Sie gethan?“ „Pah! Ich habe ein Pferd erſchoſſen, und Jeder, der nicht unterduckt,“ rief er laut, ſo daß alle Diener es hörten,„ſoll wiſſen, was ihm bevorſteht!“ Er befahl dem Reitknecht, ihm ein anderes Pferd zu ſatteln. Joſeph kam mit der Anfrage von Frau Ceres, was geſchehen ſei. Sonnenkamp ließ ihr melden, daß er den Rappen erſchoſſen. — Kh.— —— — Er lächelte, als er den Bericht Pranckens von der Stimmung ſeiner Frau hörte, vermied indeß, zu ihr zu gehen. Das große Haus bot die Möglichkeit, daß Jedes für ſich lebte. Er ging zur Profeſſorin, es war ihm ſchwer, vor ſie und Frich zu treten, aber es mußte ſein; er mußte ſich waffnen, allen Menſchen keck ins Antlitz zu ſchauen. War er denn ein Feigling? Hatte er nicht der Welt Trotz geboten, und ſollte er nun dieſe Lehrersfamilie fürchten? Er trat in das grüne Haus. Er reichte weder der Profeſſorin, noch Erich die Hand, er fragte nur, wo die Kinder ſeien. Er erhielt die Antwort, ſie hätten ſich in die Bibliothek eingeſchloſſen. Mit leichtem Tone ſagte Sonnenkamp, es ſei ihm erwünſcht, daß er nun offen über ſeine Verhältniſſe mit ihnen ſprechen könne; er werde zur Zeit ſchon Alles erklären. Er ging ruhig wieder davon; er ſtand eine Weile am Bibliothek⸗ zimmer und hörte drinnen Roland und Manna ſprechen, aber er verſtand nichts. Er klopfte zweimal an, kein Laut wurde vernehmbar. Er ging davon. Er kehrte nach der Villa zurück und ſtieg zu Pferde; er ritt nach der Villa des Cabinetsraths, und wollte der Frau ſeine Meinung ſagen. Wie er ſo dahin ritt, war es ihm, als ob der Reitknecht hinter ihm plötzlich anhielte, und dann wieder, als ob zwei hinter ihm drein ritten. Wer iſt das fremde Geleite? Er zwang ſich, nicht umzuſchauen. Das Pferd zitterte unter dem Druck ſeiner Schenkel. Er kam beim Landhauſe des Cabinets⸗ raths an, er hielt am Thor und fragte nach der Frau. Der Gärtner ſagte, daß ſie nicht da ſei und daß ſie über⸗ haupt nie mehr käme. Hell auflachend hörte Sonnenkamp die Nachricht, daß ſeit geſtern die Villa an den amerikaniſchen Conſul in der Reſidenz verkauft ſei mit Allem, was darin. Er iſt überliſtet, die Leute ſind nicht mehr ſeine Nachbarn, und vom Zurückfordern des eigentlich nur mit einer Scheinſumme Bezahlten kann nicht mehr die Rede ſein. Aber fürchtet denn der Cabinetsrath nicht, daß ſeine Beſtechlichkeit offenbar gemacht werde? Der Schlaukopf weiß dadurch Schweigſamkeit zu erkaufen, daß er die gerichtliche Unterſuchung wegen Beleidigung des Fürſten niederſchlägt. * —————————— — 113— Nach dem erſten Aerger hatte Sonnenkamp wieder ſeine ge⸗ wohnte beſondere Freude daran, daß ſo viel kluge Menſchen auf der Welt ſind; es iſt doch eine Luſt, was für Füchſe und Luchſe überall ſtecken und ihre beſonderen Masken haben. Ein Hoflakai kam des Weges daher geritten. Sonnenkamp hielt ihn an. „Wohin wollen Sie?“ fragte er den Hoflakai im Anhalten. „Nach Villa Eden.“ „Zu wem?“ „Zur Profeſſorin Dournay.“ „Darf man wiſſen, wer Sie ſchickt und was Sie wollen?“ „Warum nicht?“ „Nun, was gibt's?“ „Die Profeſſorin iſt ehemals Hofdame bei der gnädigen Fürſtin Mutter geweſen und die gnädige Fürſtin hat ſie ſehr gern gehabt.“ „Gut, gut. Und nun?“ „Ja, nun ſoll die Profeſſorin bei einem entſetzlichen Mann wohnen, der die ganze Welt betrogen hat und Sklavenhändler iſt; da iſt man ja keine Minute ſeines Lebens ſicher, und da ſchickt mich nun die gnädige Fürſtin, ich ſoll die Profeſſorin, wenn ſie will, gleich mitnehmen, damit ſie von dieſem Ungeheuer fortkommen kann.“ Der Lakai ſah ſtaunend auf, wie der Mann, der ihn aus⸗ gefragt hatte, ohne ein Wort zu erwidern, davon ritt. In Sonnenkamp kochte die Wuth; aber bald lachte er hell auf. So iſt's recht! Furcht... Furcht hat die ganze Welt vor ihm! Das gibt Kraft, das iſt noch beſſer als die einfältige Ehre, wobei man noch ſchön thun muß. Er ritt nach der Burg. Hier waren die Arbeiter, die an einem Seitengebäude bauten; ſie grüßten offenbar widerwillig. Sonnenkamp lächelte; ſie müſſen ihn doch grüßen. Er hätte gern die ganze Welt verſammelt, um ihr auf Einmal trotzig ins Antlitz zu ſchauen. Er ritt nach dem Hauſe des Majors. Fräulein Milch ſtand am Fenſter und bevor er fragte, rief ſie hinab: „Der Herr Major iſt nicht zu Hauſe.“ So ritt er heimwärts. Als er an die Gartenmauer kam, bemerkte er, daß hier etwas Auerbach. Landhaus am Rhein. III. 8 ——— — 114— mit großen Buchſtaben angeſchrieben war; er ritt näher und ſah, daß durch einander vielfach angeſchrieben war: Sklavenhändler! Sklavenmörder! Ein Künſtler von etwas ungeübtem Talent hatte ſogar einen Galgen abgebildet, daran hing eine Figur, die die Zunge herausſtreckte, und auf der Zunge ſtand: Sklavenhändler! Er befahl dem Caſtellan, beſſer Acht zu geben und die frechen Menſchen, die ſolches thun, niederzuſchießen. Der Caſtellan erklärte: „Ich ſchieße nicht, zu Martini verlaſſe ich ja ohnedies den Dienſt.“ Sonnenkamp ritt nach dem grünen Hauſe zurück, er wollte ſeine Kinder herausholen und der Profeſſorin ſagen, daß ſie keine Gaben mehr dem Geſindel geben dürfe, das es gewagt, ſolche Worte an die Wand ſeines Gartens zu ſchreiben. Aber er kehrte wieder um. Das Beſte iſt, man läßt nichts merken. Schnaubend vor Wuth kam er in ſeinem Zimmer an, und es däuchte ihm, daß dies Haus nicht mehr ſein eigen ſei; alle Menſchen der Umgegend dringen ein, verhöhnend, bemitleidend; er lebt wie auf der Straße, Jeder ſpricht über ihn und er kann ihm nicht wehren. Er ſtampfte mit dem Fuße auf. Du haſt gewollt, daß Jeder von Dir ſpreche, nun thun ſie es— aber wie!. „Ich verachte Euch Alle!“ rief er. Zehntes Capitel. Roland und Manna ſaßen in der Bibliothek neben einander und hielten ſich an der Hand, ſie waren wie Kinder, die, vom Sturm verſchlagen, ſich in fremder Hütte geborgen finden. Lange konnten ſie kein Wort ſprechen. Manna faßte ſich, und mit der Hand das Antlitz ihres Bruders ſtreichelnd, ſuchte ſie ihn in ge⸗ waltſam aufgewecktem Tone zu beruhigen. „Ach, ſprich nicht,“ erwiderte Roland,„mir ſticht jedes Wort ins Hirn, auch die Worte von Deiner Stimme. O Schweſter! Da ſtehen die Bücher, hunderte und hunderte, glaubſt Du, daß — 115— in all den Büchern ein Schickſal verzeichnet iſt, das dem unſern gleich? Nein, gewiß nicht.“ Nach einer längeren Pauſe begann Manna: „Nun kann ich Dir auch ſagen, was ich damals meinte, daß ich die Iphigenie ſein wollte; ich wollte mich opfern für Euch Alle, um die Sühne von Euch zu nehmen.“ „Ach, Oreſt... Iphigenia. Oreſt war glücklich, er konnte die Götter zu Delphi befragen, damals konnte man Götter ver⸗ ſöhnen; ſie mußten Antwort geben. Und jetzt? Wir? Wo iſt noch ein Mund, der Antwort gibt im Namen der Götter? Die Griechen hatten auch Sklaven, und wir? Sie ſagen, die Liebe ſei in die Welt gekommen, alle Menſchen ſeien Gottes Kinder!... Kinder Gottes als Sklaven! Die Prieſter tauften dieſe Kinder und ließen ſie Sklaven bleiben! Weh, ich werde wahnſinnig!... Ach, ich muß noch ein langes Leben tragen... muß das tragen, Alles! Ich habe einen ſchwarzen Fleck vor dem Auge, er liegt auf Allem, was ich ſehe... Alles iſt ſchwarz... ſchwarz! Als der Kriſcher verhaftet wurde... Kinder theilen nicht das Vergehen des Vaters. Wo iſt die Gerechtigkeit?... Hilf mir, Schweſter!.. hilf mir doch!“ „Ich kann nicht, ich faſſe es nicht!“ Wieder ſaßen die Geſchwiſter ſtill, da plötzlich warf ſich Roland an Manna's Wruſt und ſprach, ſein Geſicht verbergend: „Manna, ich habe mich tödten wollen, ich konnte es nicht ertragen. Geſtern noch Alles ſo ſchön... Aber hier in Dein Herz hinein rufe ich es: ich will leben; ich weiß nicht, was ich noch thun ſoll und muß, aber ich muß leben! Ich will den Jammer der Eltern nicht noch vermehren. Helfen, helfen.. aber wie? wo?“ Wieder legte Roland ſein Haupt auf die Lehne des Sopha's zurück und dumpf vor ſich hin murmelte er: „Er hat es nicht ſofort ausgeführt und nun geſchieht es nie.“ „Was denn?“ fragte Manna. Roland ſah ſie ſtarren Blickes an, aber er drückte es in ſich zurück, daß er den Vater ermahnt hatte, all das Beſitzthum von ſich zu werfen, und daß der Vater ihn vertröſtet. Er ſchloß die Augen und öffnete ſie wieder, ſtumpf wie in grauſenhafte Leere hineinſchauend; zertrümmert, zermalmt war Alles in ihm. Manna erkannte das, ſie kniete an dem Sopha nieder und rief: — 116— „Roland, ich habe Dir etwas zu ſagen, Erich und ich...“ „Was?“ rief Roland, ſich aufrichtend. „Erich und ich, wir ſind verlobt.“ „Du? Ihr?“ Er ſprang auf, preßte ſie in ſeine Arme und nochmals rief er: „Du? Ihr?“ „Ja, Roland. Und er wußte Alles.“ „Er wußte Alles? Und er hat Dich nicht verſchmäht... und mich ſo treun! 1 Lange hielten ſich Roland und Manna feſt umſchlungen. Es klopfte an die Thür, die Geſchwiſter ließen einander los und ſchauten ſich zitternd an. Ein Jedes wußte, daß es der Vater iſt, der klopft, und Keines ſagte es dem Andern. Es klopfte nochmals, noch immer ſchwiegen die Beiden. Schritte entfernten ſich von der Thür, ſie kannten den Schritt des Vaters; ſie wußten, was es iſt, daß der Vater klopft, und die Kinder öffneten ihm nicht, und Beide hielten ſich zurück, das einander kund zu geben. Die Gedanken Rolands mußten von Haus zu Haus gegangen ſein, denn er ſagte jetzt: „Herr von Prancken hat mir gerathen, ins päpſtliche Heer einzutreten. O, wüßte ich ein Kampfesfeld für das, was alle Menſchen zu Brüdern macht.. o, wüßte ich es, wie gern wollte ich ſterben. Aber das wird nicht auf dem Shlachlen gewonnen. Ach, Schweſter! Ich weiß nicht mehr, was ich denke, was ich rede „Laß uns heimkehren!“ ſagte Manna endlich. „Heim! Heim! Was iſt denn noch unſer? Was darf denn noch unſer ſein?“ Dennoch richtete ſich Roland auf und Hand in Hand ging er mit Manna durch die Wieſe nach der Villa. Die Sonne ſchien ſo hell, das Heu duftete ſo würzig, auf dem Strome rauſchten die Schiffe auf und ab, und eben bewegte ſich ein luſtiger Zug die Straße dahin; es war ein ſogenannter Herbſtmuck. Auf einem Faſſe ſaß der zweite Sohn des Kriſchers als Bacchus mit Weinlaub bekränzt; um ihn auf dem Wagen ſtanden Mädchen, weiß gekleidet, mit aufgelöſten Haaren; ſie ſchwangen Krüge, jauchzten und jubelten. Auf den Pferden aßeh mit Moos vermummte Geſtalten. Alles jauchzte und ſchrie und Piſtolenſchüſſe knallten. . 3 ——— — 117— Die Geſchwiſter ſtanden und ſahen dem fröhlichen Zuge nach, der hinter den Bäumen verſchwand. Einſam iſt der Trauernde, wie in einen Kerker eingeſchloſſen der von einer Seelenpein Belaſtete... da draußen leben die Freudigen und Freien. Still gingen die Geſchwiſter weiter und Roland ſagte endlich: „Ich weiß nicht, wie mir iſt, ich meine, ich träume nur und ſähe Alles wie ein abgeſchiedener Geiſt. Es iſt Alles ſo fern, ſo unerreichbar, ſo trüb, ſo ſchattenhaft. Wenn ich Dich ſehe, ſo meine ich immer, es läge eine entſetzliche Weite zwiſchen uns. Und der Vater!... die Mutter!“ Wirr ſah er um ſich her, als ſähe er überall Geſpenſter. Manna faßte ſeine Hand feſter, er ward ruhiger, ja er lächelte ſogar. Greif kam jetzt herangeſprungen, er zeigte die Freude, ſeinen jungen Herrn wiederzuſehen, und ſprang immer an ihm empor. Roland ſtreichelte ihn und ſagte:. „Ja, lieber Greif, damals, als ich dich verlor und vergeſſen hatte, da fandeſt du den Heimweg. Ach, lieber Greif, könnte ich jetzt nur auch einen Heimweg finden!... Ich bin nicht dein Herr, ich bin gar nichts.“ Der Hund ſchien die traurigen Mienen und Worte Rolands zu verſtehen, er ſah ihn ſo treuherzig an, ſenkte den Kopf, dann bellte er. Wer weiß, was er ſagen wollte? Die beiden Geſchwiſter ſtanden am Ufer des Rheines. Ro⸗ land rief: „Ich ſehe mein Bild im Waſſer, o Schweſter, es iſt kein Brandmal auf meiner Stirn... kein Brandmal... und doch...“ Er weinte bitterlich. „Komm, laß uns weiter gehen,“ beruhigte Manna. „Weiter.. weiter! Ja, unſer Weg iſt weit, unendlich weit,“ wiederholte Roland und ließ ſich von der Schweſter geleiten. Sie kamen in den Hof der Villa. Da wurden die Pferde mit den Decken langſam vorübergeführt. Roland ſagte dumpf vor ſich hin: Nehmt die Decken ab und deckt die Schande damit zu! Laßt die Pferde alle ins Freie ſpringen, wir haben keine Macht mehr über ſie, ſie ſind nicht unſer!. Er bat Manna, mit in den Stall zu gehen. — — Wie um Ehre bettelnd ſchaute er den Dienern ins Antlitz, und war dankbar, daß ſie ihn grüßten, ihn fragten, was er be⸗ fehle. Die Menſchen begrüßten ihn noch, gehorchten ihm noch! Er ſtreichelte ſein Pony und weinte an ſeinem Halſe. „O Puck! Wann wirſt du mich je wieder in Luſt tragen?“ Die Hunde ſprangen um ihn her, er nickte ihnen zu und ſchmerzlich ſagte er zu Manna: „Die Thiere ſind doch die glücklichſten Geſchöpfe auf der Welt. Ach, mein guter Puck, was haſt du eine ſchöne lange Mähne!“ Es lag etwas wie zum Wahnwitz Verſchärftes im Denken Rolands, und die lange Mähne des Thieres zerrend, rief er: „Wenn die Sklaven nicht reden könnten, nicht beten, wären ſie auch glücklich wie du und wie ihr da, getreuen Hunde!“ Manna ängſtigte ſich vor dieſem Alles verkehrenden Denken Rolands. Sie ſagte: „Du ſollteſt Dich jetzt immer an Erich halten, ihn keine Mi⸗ nute verlaſſen.“ „Nein, bin kein Knabe mehr, die Pfeile Apollo's laſſen ſich nicht abhalten.“ Manna begriff nicht, was Roland ſagte, ſein Geiſt ſchien ihr verwirrt und er erklärte nicht, wie ihm plötzlich die Niobiden⸗ Gruppe vor Augen ſtand. Erſt nach einer Weile ſagte er: „Das Mädchen verbirgt ſich im Schvoß der Mutter, der Knabe aber hält die Hand empor, ſchützt ſich ſelbſt vor dem tödtlichen Pfeil. In der Nacht, als ich zu Erich wanderte, habe ich die Geſchichte vom Lachgeiſt gehört. Es dauert lang, bis aus der Eichel ein Baum erwächſt und aus dem Baum eine Wiege gezimmert wird, und das Kind, das in der Wiege liegt, macht die Thür auf. Hörſt Du nicht auch? Er lacht, er muß umwandeln.“ Manna bat ihn, ruhig zu ſein, und ſagte: „Ich muß zum Vater.“ „Und ich zur Mutter.“ Auf der Treppe begegnete ihnen Prancken, er ſtreckte Manna die Hand entgegen und ſie ſagte: „Ich bin Ihnen unſäglich dankbar für die große Treue, die Sie meinem Vater beweiſen.“ — 9 „Bitte, verweilen Sie noch.“ „Nein, ich kann jetzt nicht... mehr nicht.“ Die Geſchwiſter ließen von einander los und als Roland bei der Mutter eintrat, ſagte dieſe: „Kümmere Dich nicht um dieſe ganze alte Welt, wir ziehen wieder in die neue, nach Deiner wirklichen Heimat.“ Roland hörte dieſe Worte, als kämen ſie aus der Ferne. Aus dem Chaos tauchte etwas auf, aber es verſank ſchnell wieder. „Warte einen Augenblick, es iſt Zeit, zur Tafel zu gehen,“ ſagte die Mutter. Sie nahm einen Shawl über und ging mit Roland nach dem Speiſeſaal. Hier war auch Proncken und Fräulein Perini; Beide ſtanden in leiſem Geſpräch. Erich kam, Roland ſtellte ſich zu ihm. Man mußte lange warten, bis Sonnenkamp kam, und erſt geraume Zeit nach ihm kam auch Manna. Ihre Wangen glühten. Man ſaß bei Tiſche hier ſo nahe beiſammen und weit— weit entfernt waren Viele von einander. Nur einmal ſahen Erich und Manna einander an; es lag ein verſtändnißvoller Ausdruck in ihrem Blicke. Leiſe ſagte Roland zu Erich: „Als der Kriſcher vom Gericht heimkam, ſtanden Kartoffeln auf ſeinem Tiſch.“ Erich legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, er wußte, was Alles bei dieſer Erinnerung in der Seele des Jüng⸗ lings vorging. Der Kriſcher war unſchuldig geweſen, und hier?.. Roland verſuchte keinen Biſſen. Prancken zeigte ſeine ganze Gewandtheit, indem er allerlei Unverfängliches vorzubringen wußte; der Bau der Burg bot ihm reichlichen Stoff. Man ſtand vom Tiſche auf und wieder zerſtreute ſich Alles. Roland bat Erich, ihn heute allein zu laſſen. ————— 2 ———— —————* ——————— —. — 120— Elftes Capitel. Es war Abend. Roland ging durch das Dorf. In den Gaſſen ſchwebte ein Duft des jungen Weines, alle Menſchen waren fröhlich und geſchäftig; die Weinkeltern knarrten und troffen, auf den Straßen gingen Männer langſam, ſie trugen ſchwere volle Bütten auf dem Rücken. Er ſah Väter und Söhne mit einander arbeiten. Wer nur auch ſo leben könnte... Roland ſah die Menſchen alle fragend an; er ſtand ihnen gegenüber wie ein Bettler, der um ein Almoſen Liebe, Güte, Mitleid für ſich und ſeinen Vater bittet. Er ſah die Häuſer, wohin er an ſeinem Geburtstag beglückende Geſchenke gebracht; die Menſchen dankten ſeinem zuvorkommenden Gruße, aber ſie waren nicht erfreut und geehrt wie ſonſt. Er verließ das Dorf. Draußen am Ufer hinter einer Hecke ſaß er wie damals, bevor er zu Erich gewandert. Das war eine andere Trauer wie damals, und damals gab's ein Ziel zur Befreiung. Eine Waſſeramſel flog neben ihm auf. In kindiſchem Selbſt⸗ vergeſſen bog er die Zweige auseinander und ſah ein Neſt mit fünf Jungen, die die Schnäbel aufſperrten. Wie glücklich wäre er vor Zeiten mit ſolch einem Fund geweſen! Jetzt ſtand er da und in ihm klagte es: Ach, ihr ſeid daheim! Er hörte einen Wagen die Straße daher knarren und es fiel ihm jener arme Knecht ein in der Nacht, der lieber hungern und betteln als unrecht Gut beſitzen wollte. Nicht weit von ihm am Ufer wurde ein Kahn von der Kette gelöſt, er hörte die Kette raſſeln und es ging ihm durch das Herz: er hörte die Sklaven, wie ſie in eine lange Kette eingereiht dahin wandelten... Dazwiſchen tauchte in ſeiner Vorſtellung auf, wie das Erdmännchen und der Reitknecht gefeſſelt die Straße dahin gingen, und hinter ihnen der Landjäger mit geladenem Gewehr, das blinkte in der Sonne. Er ſchaute auf. Dort ging in der That ein Landjäger. Wenn er kam, um ſeinen Vater zu verhaften? ——— — 41 O nein, dafür gibt es kein Gericht. Sein Blick war auf den Buſch geheftet, hinter dem der Land⸗ jäger verſchwand. Er dachte ſich hin zu Clodwig, zum Doctor, zum Major, zum Kriſcher. Was ſagen ſie alles Hier unter den Weiden am Ufer ging es in dem belaſteten zerriſſenen jungen Herzen auf: der Menſch lebt nicht für ſich allein. Es gibt eine unſichtbare und unzerreißbare Gemeinſamkeit: das Band der Achtung, der Ehre, ein treues Gedenken, eine thätige Liebe. Roland erhob ſich, er ging zum Kriſcher. Behenden Schrittes, mit Herzklopfen, als erwarte er dort etwas, was er nicht ahnen könne, wanderte er den Berg hinauf. Vor dem Dorfe begegnete ihm der zweite Sohn des Kriſchers, auch er ging langſam, er trug eine ſchwere Bütte mit jungem Wein. Der Burſche war von gleichem Alter mit Roland und ſchon von ferne rief er Roland zu: „Der Vater hat's geſagt, daß Sie kommen. Gehen Sie nur hinein, er wartet auf Sie.“ Als Roland in das Haus des Kriſchers eintrat, rief ihm dieſer entgegen: „Hab's gewußt, daß Sie kommen! Brauchen nichts erzählen, weiß Alles, ſchon lang. Kann Ihnen etwas geben.“ „Was denn?“ „Es gibt zwei Dinge auf der Welt, die helfen: Beten und Trinken. Kannſt Du nicht beten, ſo kaufe Dir einen Rauſch, trinke, trinke bis genug, das iſt das Beſte, was man kaufen kann.“ „Schäme Dich,“ entgegnete Roland,„ſchäme Dich! Es muß etwas Beſſeres geben.“ „Was denn? Was?“ „Man muß einander helfen auf der Welt, da iſt Keiner zu gering, und Keiner zu hoch.“ „Juchhe!“ rief der Kriſcher.„Ein Prachtburſch! Mögen Recht haben. Sie haben's gewonnen. Jetzt aber, hellauf! Grämen Sie ſich Ihr junges Leben nicht ab. Ihr Vater iſt zu bemit⸗ leiden, iſt ein armer Mann mit ſeinen Millionen. Jetzt zeigen Sie, daß Sie ein Burſch ſind, der es werth iſt, daß ihn die Sonne beſcheint. Horch! gib Acht!“ unterbrach er ſich plötzlich. Die Schwarzamſel ſang die Melodie: Freut Euch des Lebens. Roland und der Kriſcher ſahen einander an und Roland lächelte. F——— „So recht!“ rief der Kriſcher.„Lernen Sie das auch ein! Freut Euch des Lebens— alles Andere iſt dummes Zeug. Das Thier iſt geſcheidt. Haſt Deine Sache gut gemacht,“ nickte er der Schwarzamſel zu, die den Mann und den Jüngling mit klugen Augen anſah, als wüßte ſie, was ſie gethan, und ſei des Beifalls ſicher. Und zu Roland gewendet, fuhr der Kriſcher fröh⸗ lich fort: „So... ſo iſt's recht!... Kopf in die Höh'! Und wenn Sie einen Menſchen brauchen, rufen Sie mich. Sie haben mich aus dem Gefängniß heimgeführt, das vergeſſe ich nicht. Jetzt ſeien Sie luſtig, Ihre Hunde ſind es auch.“ Er nahm einen Laib Brod, den Roland den Hunden zum Verſpeiſen geben ſollte, aber kaum hatte Roland den Hunden einige Stücke gegeben, als er ſelbſt aß und mit wahrem Heißhunger. „Gewonnen! gewonnen!“ ſchrie der Kriſcher.„Du haſt Hunger. Jetzt laß nur ruhig das Waſſer den Rhein hinunter laufen, morgen iſt auch ein Tag, und mit dem Sterben wollen wir warten bis zuletzt.“ Erich hatte geahnt, daß Roland beim Kriſcher ſein werde, und war ihm nachgegangen und auf den erſten Blick ſah er, daß ein Umſchlag in der Stimmung Rolands eingetreten war. Sie gingen mit einander heim und Roland ſagte: „Beim Kriſcher iſt es über mich gekommen: was würde jetzt Benjamin Franklin zu mir ſagen? Weißt Du es?“ „Nicht ganz, aber ich glaube, er würde ſagen: ein Menſch, der nur leidet, ſteht auf der Stufe des Thieres, das aus einem Unfall nichts ſchaffen kann. Die Menſchenkraft beginnt da, wo Du erfaſſeſt, begreifſt und beherrſcheſt, was Du leideſt, und aus Dir ſelbſt etwas machſt. Wenn Du ſchlaff Dich im Leide verſinken läſſeſt, ſo biſt Du ſelbſt an Deinem Unheil ſchuld. Raffe Dic auf. Haſt Du etwas und biſt Du etwas, um deſſentwillen D Dich ſelbſt lieben darfſt, ſo kannſt Du auch Liebe von Deine Nächſten erwarten.“ Roland erwiderte:„Auch ich habe mir gedacht, was Benjamf Franklin ſagen würde. Ich ſah ihn vor mir mit ſeinem mi'de Geſicht, ſeinen langen, ſchneeweißen Haaren, und er ſagte: Mer Dir, das Aergſte iſt nicht das, was Schande vor der Welt bring ſondern, daß Schande Dich zwingen will, verkehrt zu denken un alle Menſchen ſchlecht anzuſehen.“ ₰ V— — 123— Sonnenkamp und Prancken hatten ihn zur Menſchenverachtung anleiten wollen, aber gerade dadurch hatte ſich ihm eine Gedanken⸗ bildung erweckt, die ſicheren Halt gab. Der Jüngling war zu einem männlichen Entſchluſſe gekommen. Erich ſprach kein Wort; er hütete ſich, das anzurufen, was ſich in der Seele des Jünglings ſo ſicher und feſt geſtaltete. Mit einer aus tiefſtem Schmerz gewonnenen Beruhigung kehrten Beide in die Villa zurück. Sie kamen an die Gartenmauer, wo der Caſtellan etwas von den Wänden kratzte. „Dort ſteht's! dort ſteht's!“ rief Roland.„Ich habe es ge⸗ leſen!“ Der Caſtellan kratzte mit einem ſcharfen Eiſen den Mörtel ab und dieſes Kratzen ging Roland an das Herz, als ob etwas un⸗ mittelbar daran nage. Alle Beſinnung und Faſſung, die er ge⸗ wonnen hatte, ſchien verſchwunden. „Da ſteht's!“ rief er.„Morgen wird man es wieder abkratzen müſſen, und übermorgen wieder und alle Zeit. Ach, Erich, warum ſind die Menſchen ſo böſe? Was hilft es ihnen, daß ſie uns be⸗ ſchimpfen?“ Erich tröſtete, daß die Menſchen nicht eigentlich böſe ſeien, ſie neckten und ſpotteten nur gern. Er geleitete Roland auf ſein Zimmer und hier ſaß der Jüng⸗ ling ſtill, die Fauſt an die Lippe gepreßt. Er trat ans Fenſter und ſchaute hinab in den Park, hinauf zum Himmel, wo ſich die Schwalben in großen Rotten verſam⸗ melten, um übers Meer nach warmen Ländern zu ziehen... Alles hat ſeine Heimat; die Pflanze, die ſich nicht bewegen kann, wird yſichere Obhut gebracht, und die Schwalbe zieht dahin, wo es t wohlig iſt. Wer uns nur ſagen könnte, wo es uns wohlig Er zuckte plötzlich vom Fenſter zurück, denn er ſah den Fürſten ßalerian in den Hof einreiten; hinter dem Fürſten drein kam der Doctor in ſeinem Wagen. Roland bat Erich, ihn allein zu laſſen nd Niemand zu ihm zu bringen. Erich ging und Roland verſchloß ſeine Stube. — 124— Zwölftes Capitel. Ineſeinem großen Zimmer ſaß Sonnenkamp allein; er ſchaute hinauf nach der Burg, die faſt fertig ausgebaut war. Wer wird darin wohnen? Er wendete den Blick ab. Lange ſtand er vor dem Bilde Rolands. „Man ſollte kein Kind haben, nichts von ihnen wiſſen,“ rief er. Er erſchrak vor ſeiner eigenen Stimme. Er öffnete den Geldſchrank, er ſuchte etwas; er ſtarrte auf die wohlgeordneten Papiere, auf die Schiebladen, die das ge⸗ münzte und ungemünzte Gold enthielten. „Was könnt ihr mir helfen? Und doch...“ Es klopfte an die Thür. Joſeph meldete den Fürſten Valerian. Sonnenkamp öffnete. Fürſt Valerian ſagte mit freundlichen Worten, daß er gekommen ſei, da er vielleicht in irgend etwas Beiſtand leiſten könne, auch Herr Weidmann... „Brauche keinen Beiſtand! Brauche Niemand!“ unterbrach Sonnenkamp, ſchlug die Thür zu und verriegelte ſie wieder. „Ich habe kein Mitleid und will kein Mitleid,“ ſagte er vor ſich hin. Da klopfte es wieder. „Was iſt? Warum läßt man mich nicht in Ruh?“ Durch das Schlüſſelloch rief eine Frauenſtimme: „Ich, Gräfin Bella, bin's.“ Sonnenkamp zitterte. Iſt das eine Intrigue? Will ihn Jemand ſprechen, der dieſen Namen annimmt und dieſe Stimme? Gut. Wenigſtens iſt die Perſon ſehr klug, die dieſe Maske vornimmt. Wollen doch ſehen. Er öffnete. Bella ſtand vor ihm. H „Geben Sie mir Ihre Hand!“ rief ſie. Sie überreichte„ ein Papier.„Hier, leſen Sie. Das iſt ſein Gutachten, da ſteh er iſt voll Geringſchätzung des Adels und doch—“ Sonnenkamp überflog die Schrift, die Clodwig als Gutacht an den Fürſten abgegeben hatte. Er wollte Bella ſagen, daß ihn das jetzt gleichgültig ſei, denn die Vereitelung ſeines Planes war nicht durch Clodwig, ſondern durch Crutius herbeigeführt; aber er erkannte, was Bella damit gethan, daß ſie ihm die Schrift über⸗ brachte, und er ſprach ſeine Dankbarkeit und Erkenntlichkeit aus. —— — 125— —5 Die Schrift in ſeiner Hand, von ihr übergeben, bildete eine Grundlage... wozu? Es wird ſich finden. Er kannte Bella genug, um zu wiſſen, daß ſie dies nur that, um in ein großes Aben⸗ teuer einzugreifen. Er ſah ihre Aufregung; ſie will bewegen, herrſchen, beſtimmen... wozu? Vielleicht weiß ſie es ſelbſt nicht. Mit großer Ruhe ſagte er, er erkenne es als einen falſchen Verſuch, ja faſt als eine Abtrünnigkeit, daß er um ſeiner Kinder willen ſich hier habe feſt anſiedeln und den Adel erlangen wollen. Das ſei nun vorbei; er ſtehe wieder ganz und allein auf ſeinem Poſten. Nun legte er Bella dar, welch ein großer Kampf ſich in der neuen Welt vorbereite und wie er in der alten mitwirke zur Erforſchung der europäiſchen Höfe, zur Erwerbung von Hülfs⸗ mitteln zu jenem großen Kampfe, der entſcheiden ſolle, ob es noch freie, herrſchende Menſchen geben ſolle. „Es iſt beſſer ſo,“ ſagte er;„mein Schickſal iſt verbunden mit dem großen, mein Sieg iſt eingeſchloſſen in den großen Sieg, wie mein Untergang.“ Bella hörte ihn mit geſpannten Mienen an, dann ſagte ſie: „Puppen ſind die Menſchen um Sie herum! Füllſel für Uniformen! Feige Profeſſoren- und Journaliſtenknechte! Sie haben den Popanz Humanität, vor dem fürchten ſie ſich, verkriechen ſich wie die Kinder vor dem Wolf. Sie allein ſind ein Mann, Sie haben gethan, was die andern Alle möchten— nein, nicht Alle, aber doch die Einzigen, die Mark in ſich haben. Aber ſie be⸗ tennen ſich nicht offen zu dem, der ausführte, wozu ſie die Kraft nicht haben und den Muth nicht. Dieſe Herrchen haben Schwerter, tragen Galanteriedegen und fürchten ſich vor dem ſpaniſchen Röhrchen des Schulmeiſters, der ihnen auf die Finger klopft und ſagt: Wißt ihr denn nicht, daß wir in der Epoche— oder nennt man es Zeitalter oder Säculum— der heiligen Humanität leben? Wie viele von dieſen Puppen beſäßen denn den Adel, wenn ſie ihn ſelbſt erwerben müßten wie Sie? Die Excellenzen graben nach Reſten aus der Römerwelt; die Römer waren ſtark und verhöhnten den, der von einem Recht der Sklaven geſprochen hätte. Wären Sie in meiner Jugend gekommen, ich wäre mit Ihnen in die weite Welt gezogen; Sie haben eine napoleoniſche Ader in ſich. Geben Sie mir Ihre Hand!“ Sie reichte ihm beide Hände und drückte die ſeinen warm. 6 3 ₰ ————— 2 5* „————— — 126— „Damals,“ fuhr ſie fort,„als Sie mit dem Fürſten Valerian bei uns ſpeiſten, ſagten Sie: es gibt ein Pfaffenthum der Hu⸗ manität. So iſt's. Vor der Humanitätsfaſelei des Jean Jacques Rouſſeau fürchten ſie ſich, die ſogenannten ſtarken Geiſter, ſie träumen von einem Paradies der Gleichheit, wo ſchwarz und weiß, vornehm und gering, Genie und Tölpel ein einziger Gleich⸗ heitsbrei ſein ſoll; der contrat social iſt ihre Bibel.“ Mit glücklicher Miene fiel Sonnenkamp ein: „Eine Sache iſt ſiegreich, wenn großgeſinnte Frauen für ſie begeiſtert ſind.“ Bella erwiderte: „Seien Sie ſtolz. Nur jetzt nicht nachgiebig; freuen Sie ſich, Sie haben nichts mehr zu verleugnen, nun behaupten Sie ſich und zeigen, daß Sie der Einzige ſind, der ſich vor der Schul⸗ meiſterei nicht fürchtet. Der Kühne bekennt und bethätigt, was in der Welt ſein muß.“ Bella war aufgeſtanden; ihr Auge funkelte, ihre Wangen glühten, ein unheimlich feſſelnder und beſtrickender Ausdruck lag auf ihrem Geſicht. So muß Meduſa dreingeſchaut, ſo muß ſie geathmet, ſo muß ſie gezittert haben. Und mitten in dieſer hohen Erregtheit empfand Bella, daß das eine ſchöne Scene ſei; das ſind die großen Töne, die ihr zu Gebote ſtehen, das iſt die Majeſtät, die Leidenſchaft. Sie ſtand plötzlich ſtill, wie in einem lebenden Bilde, da ſie deſſen inne wurde, und ihr Auge ſuchte nach einem Spiegel, in dem ſie ſich ſelbſt ſehen konnte. Sie ſchüttelte das Haupt und kehrte in die Scene zurück, als träte ſie aus einer Couliſſe. 1 müſſen mir erzählen, wie Sie ſo kühn geworden.. dſre. Sonnenkamp, der ſo ſtarke, erbebte im Innern. Er hatte ein Bekenntniß auf den Lippen, aber er wagte es nicht; er hatte ein dämoniſches Lachen, als Bella ihm ſagte: „Nur das Eine thun Sie nicht, ſprechen Sie mir nicht von Liebe; nur nicht die fable convenue, das iſt nichts für Sie, nichts für mich. Und noch Eins. Sie werden es jetzt auch erfähren, wenn Sie es nicht ſchon kennen: die größte Tyrannei der Welt iſt die Familie. Kümmern Sie ſich nicht um die Familie. Ein —————— ———— — Held hat keine Familie, und es iſt nur eine ſentimentale Tra⸗ dition, daß die Helden mit ihren Kindern ſpielen. Sie müſſen allein an ſich denken, dann ſind Sie ſtark. Sie haben nur einen Fehler begangen.“ „Nur einen?“ „Ja, Sie durften keine Familie haben, keine haben wollen. Halten Sie feſt, laſſen Sie ſich nicht zwieſpältig machen und zer⸗ bröckeln.“ Sonnenkamp ſagte, er ſei entſchloſſen, den Kampf fortzuführen; er wolle den tugendhaften Menſchen hier zu Lande eine andere Anſchauung beibringen; das ſei zunächſt ſeine Aufgabe. Er habe einen Plan, der nur noch nicht ganz klar ſei, aber er werde klar werden. Bella ſagte, daß ſie Niemand im Hauſe außer ihm ſprechen wolle; ſie kehre ſofort wieder zurück, aber ſie verlaſſe ſich darauf, daß er ſtark bleibe und ſich behaupte. Sonnenkamp öffnete das Sämereienzimmer, geleitete Bella hindurch und öffnete dann die Thür, die zu der beſonderen, von Glycinen überrankten Treppe führte. Hier küßte er ihr die Hand zum Abſchied. Aber noch auf der Treppe rief Bella ihm nach: „Und noch Eins! Ihr Erſtes muß ſein, daß Sie ſich ſelbſt von der Sklaverei befreien; Sie müſſen dieſe Lehrersfamilie fort⸗ ſchicken.“ Sie machte eine wegwerfende Bewegung und ſetzte hinzu: „Dieſe Lehrersfamilie ſoll ihre Spritbrennerei wieder in der kleinen Univerſitätsſtadt etabliren.“ Bella ging davon. Als Sonnenkamp in das Zimmer zurückkehrte, war es ihm, wie wenn Alles nur ein Traum geweſen, aber noch fühlte er den Duft der feinen Eſſenzen, den Bella in ſeinem Zimmer zu⸗ rückgelaſſen; noch ſtand hier der Stuhl, auf dem ſie geſeſſen, und hier auf dem Tiſche lag das Gutachten Clodwigs. Er öffnete den eiſernen Schrank und legte das Schriftſtück in das oberſte Fach. Bella kam indeß nicht ungeſehen aus der Villa heim. Im Park traf ſie ihren Bruder. Sie bekannte ihm offen, daß ſie bei Sonnenkamp geweſen, um ihm Muth zuzuſprechen; ſie lobte Otto, daß er ausharre und die ganze ſchwächliche Welt verachte. Sie ermahnte ihn nun, die Lehrersfamilie bald abzulohnen, — K ———————— — 128— zumal da Herr Dournay,„dieſe Weltſeele,“ nicht ohne Abſicht auf Manna zu ſein ſcheine. Prancken beſtritt das entſchieden. Er ſah ſeiner Schweſter ſtaunend nach. Dreizehntes Capitel. Fürſt Volerian, der von Sonnenkamp ſo ſchroff abgewieſen war, ließ ſich bei Erich anmelden. Roland hörte im Nebengemach, wie er eintrat und fragte: „Wo iſt Roland?“ „Er will allein ſein,“ entgegnete Erich, und der Fürſt er⸗ klärte, daß Erich am beſten zu ermeſſen verſtehe, was jetzt für Roland zuträglich ſei; er ſeinerſeits möchte glauben, daß eine Gemeinſchaft mit Menſchen, von deren Augen er die Liebe zu ihm abſehe, ihm in dieſem namenloſen Jammer helfen müſſe. Roland richtete ſich im Rebenzimmer auf. Wäre das wirklich beſſer, als allein in ſich denken? Durch ſeine Seele zog der Gedanke: O, die Welt iſt nicht ſo ſchlecht, wie Ihr auf der Fahrt mir einflößen wolltet. Da iſt ein Mann, der trägt mein Schickſal in der Seele.. Der Fürſt berichtete, Herr Weidmann ſei empört von der Art, wie Profeſſor Erutius dieſe Sache in die Oeffentlichkeit gebracht; die Andeutung, daß Doctor Fritz an dieſer boshaften Publication einen Antheil habe, ſei ohne Zweifel eine Täuſchung. Doetor Fritz habe, als er ſein Kind abgeholt, immer geſagt, er wünſche, daß die Sache verborgen bleibe um der Kinder Sonnenkamps willen. Und weiter ſprach der Fürſt im Nebengemach, Herr Weid⸗ mann habe überlegt, ob er nicht ſelbſt nach Villa Eden reiſen und dort ſeinen Beiſtand bringen ſollte, aber er habe eingeſehen, daß dies unthunlich ſei, und daher ihm zugerathen, ſeinen Vor⸗ ſatz auszuführen. „Ach,“ rief er,„ſeit lange zum erſten Mal hat mir die be⸗ vorzugte geſellſchaftliche Stellung, die ich einnehme, Freude ge⸗ macht, aber Freude iſt nicht das rechte Wort. Ich habe mir gedacht, daß ich dadurch hier im Hauſe etwas mehr als ein — 9 Anderer ſein kann, und vor Allem Ihrem Zögling Roland, den ich ſo ſehr liebe und deſſen Qualen mich keine Minute ruhen laſſen. Ach, Herr Hauptmann, auf dem Wege hierher wurde ich ein Ketzer. Ich fragte mich, was haben denn die gethan, die in die Welt geſetzt ſind, um Liebe und Brüderlichkeit zu predigen und nicht abzulaſſen? Sie haben es ruhig mit angeſehen, wie Tauſende und Tauſende Sklaven, Tauſende und Tauſende Leibeigene ſind. Und da ging es mir auf: wer befreit die Leib⸗ eigenen und die Sklaven? Die reine Humanität erlöſt ſie.“ Der Doctor trat ein. „Wo iſt Roland?“ fragte er nach der erſten Begrüßung. Auch er erhielt die Antwort, daß Roland allein bleiben wolle, und der Doctor ſagte: „Ich billige das. Er iſt wol jetzt ſehr aufgeregt? Geben Sie Acht, es werden Tage kommen, wo er in Apathie verſinkt; laſſen Sie das gewähren. Die edelſte Gabe der Natur iſt Stumpfſinn, das iſt ein Theil Schlafes der Seele; der einfältige Menſch und das Thier haben das beſtändig, und kommen dadurch nicht zur geſteigerten, alles Daſein in Frage ſtellenden Aufregung, und auch über den belebten Menſchen erbarmt ſich die Natur und gibt ihm den Stumpfſinn. Erſt wenn dieſer zu weichen beginnt, dann machen Sie Roland klar. Wiſſen Sie, was mich an der Offenbarwerdung dieſer Geſchichte am meiſten ärgert?“ „Wie kann ich das?“ „Es empört mich, daß die ſatte, ſelbſtgefällige, mit Anſtand geſchminkte Geſellſchaft ſich ein Bene anthut. Jedes beſchaut ſich ſtreichelnd: Ach, ich bin ein prächtiges Weſen im Vergleich mit dieſem Ungeheuer. Und doch iſt die Gemeinheit des Sklaven⸗ handels nur offenkundiger als die von Tauſenden da draußen. Im Jockeyclub randalirt die Jeunesse dorée über das Unge⸗ heuer Sonnenkamp, und was ſind ſie ſelbſt? Hunderte von Ge⸗ ſchäften wandeln am Rande des Verbrechens.“ Roland trat ein, der Fürſt und der Doctor umarmten ihn und ſprachen kein Wort. Erich und Roland ließen die Pferde ſatteln und begleiteten den Fürſten ein Stück Weges. Als ſie dahin ritten, rief plötzlich Roland: „Dort wandelt— ich irre mich nicht— das iſt ja unſer Freund Knopf!“ Auerbach. Landhaus am Rhein. lI. 9 Und dieſer war es in der That. Er ging in der Nacht dahin und räthſelte ſchwer darüber, warum er die Welt nicht verſtehe; eigentlich wäre ſie ihm doch ſchuldig, ſich zu erklären, er hat ſie ja ſo lieb. Warum iſt ſie ſo ſpröde und geheimnißvoll? Was ſoll aus Roland werden? Und zwiſchen hinein kam ein leiſer, aber ganz kleiner Aerger: daß der Major ihn vollkommen ver— geſſen. Knopf nimmt es ihm gar nicht übel, nicht im geringſten, denn, in ſolchem Wirrwarr hat man den Kopf voll genug, wer fann da an Alles denken? Beſcheiden ſagte er vor ſich hin, daß er ja auch nichts hätte helfen können; er iſt ja ſo ungeſchickt, da iſt der Herr Dournay und Prancken... vom Fürſten Valerian wußte er noch nichts. So ging er nun durch die Nacht dahin und fragte ſich allerlei und ſah dann wieder zu den Sternen auf. „Herr Knopf! Herr Knopf!“ wurde gerufen von verſchiedenen Stimmen. Knopf hielt ſtill. Roland ſprang raſch vom Pferde und umarmte ihn. Knopf hielt die Hand auf die Schulter Rolands gelegt, als könnte er ihm von ſeiner Kraft verleihen, und preßte die Brille ſehr nah an die Augen, da er hörte und ſah, wie der Jüngling das ſchwere Ereigniß mannhaft zu tragen begann. Er drückte Erich ſtill die Hand. Als man endlich Abſchied nahm, bat Roland, daß Knopf auf dem Pony heimreite. Knopf konnte wiederholt verſichern, es ſei ihm ein wahres Vergnügen, zu Fuß durch die Nacht zu wandern; Roland betheuerte, daß Puck ein frommes Thier ſei, folgſam, ſanft und verſtändig. Knopf wiverſtrebte noch immer und zuletzt brachte er in weiner⸗ lichem Tone hervor, daß er keine Stege an den Beinkleidern habe. Alles lachte und mitten in ſeinem Jammer lachte auch Roland. Knopf war überaus glücklich, daß Roland lachen konnte, und jetzt willfahrte er. Roland half ihm aufs Pferd, er treichelte noch den Arm des vormaligen Lehrers und ſtreichelte das Pferd⸗ chen; Knopf ritt mit dem Fürſten Volerian davon. Auch Frich ſtieg nicht mehr auf, er führte das Pferd am Zügel und ging mit Roland Hand in Hand nach der Villa. Als die Beiden an der Villa ankamen, ſagte Roland tief aufſeufzend: „Ach, Erich, jetzt iſt das Haus noch ganz anders ausgeraubt wie damals, als wir von Wolfsgarten zurückkehrten.“ Vierzehntes Capitel. Am großen Tiſche der Dienſtboten Sonnenkamps war der Stuhl Bertrams unbeſetzt. Man erzählte, daß der Caſtellan die Schrift an der Mauer abkratzen müſſe, er habe aber dem Herrn bereits gekündigt. Der Küchen⸗Chef, der, wenn er zornig wurde, ziemlich geläufig deutſch ſprach, wetterte gegen die Frechheit, daß Dienſtboten, die ſich doch um nichts weiter zu bekümmern hätten, als daß ſie ihren ordentlichen Lohn bekommen, ihren Herrn ver⸗ laſſen. Der zweite Kutſcher, der nun Hoffnung hatte, in die Stelle Bertrams aufzurücken, ſtimmte dem bei. Das Eichhörnchen ſprach die Beſorgniß aus, daß Feuer an⸗ gelegt würde, denn die ganze Gegend ſei in Aufruhr und dazu ſei jetzt die wilde Zeit, in der die Leute ſich am neuen Wein gütlich thun. Lutz war nicht da, Niemand wußte, wohin ihn der Herr geſchickt. Die alte Urſel bejammerte die unſchuldigen Kinder, dabei aß ſie aber mit großem Appetit und mit vollem Munde brachte ſie immer das Kläglichſte hervor.* Der ſtotternde Gärtner machte den Vorſchlag, man ſolle bleiben, aber gemeinſam größeren Lohn verlangen. Mit Aus⸗ nahme Joſephs wurde das beſchloſſen; man wußte nur noch nicht, wie man es vorbringen wollte. Alles Lobes voll waren indeß die Unterirdiſchen über Prancken. Das iſt ein Edelmann, wie es keinen zweiten gibt. Hier unter der Erde war auch bekannt, daß Sonnenkamp dem Cabinetsrath die Villa geſchenkt. Nun hatte der Gärtner des Cabinetsraths erzählt, daß das Landhaus juſt Sonnenkamp zum Poſſen an den amerikaniſchen Conſul verkauft worden ſei und die Familie des Cabinetsraths keine Gemeinſchaft mehr mit Villa Eden haben wolle. Ganz ähnlich wurde die Lage Sonnenkamps im Militär⸗Caſino wie in den Bierhäuſern der Reſidenz verhandelt. Hier war vor⸗ erſt Adams, der Mohr des Fürſten, Mittelpunkt des Geſprächs. Es wurde erzählt, wie fünf Mann kaum vermocht hätten, den Raſenden zu bändigen; er habe Sonnenkamp erdroſſeln wollen, und man habe ihn nur mit Mühe aus der Reſidenz entfernt und nach einem Jagdſchloß gebracht. Man fragte, was Sonnenkamp nun thun werde; man begriff nicht, daß Prancken noch bei ihm 1 * blieb und die Familie deſſelben das zugab. Im Militär⸗Caſino fehlte auch die Küchen-Urſel nicht, ſie erſchien hier nur als ein hoher penſionirter Beamter, der ebenfalls ſtark aß und während des Eſſens mit größtem Mitleid über die armen Kinder des Millionärs ſprach. Eine ſeltſame Wendung aber nahm die Unterhaltung im Hauſe des Doctor Richard, wo man heute zu Ehren der Frau Weid⸗ mann, die zu Beſuch gekommen war, einen großen Kaffee gab; er war ſchon ſeit mehreren Tagen angeordnet, auch die Profeſſorin, Claudine, Frau Ceres und Manna waren eingeladen, ſie kamen nun natürlich nicht. Es wurde viel hin und her erörtert, wie man ſich gegen das Haus Sonnenkamp zu benehmen habe, wenn Sonnenkamp ſo trotzig ſein ſollte, im Lande zu bleiben. Lina, die vom Ausfluge mit ihrem Bräutigam zurückgekehrt war, ſagte, ſie werde wie früher im Hauſe Sonnenkamps ſein und die Freundin Manna's bleiben. Die ganze Stimmung ſchlug in Wohlwollen um, als Frau Weidmann Lina vollkommen Recht gab; ſie erzählte von dem prächtigen Weſen Rolands, der bei ihnen zum Beſuch geweſen, und von der gediegenen Kraft Erichs, den ihr Mann ſehr hoch halte. So ſchien Alles im Hauſe ſowohl, wie in der umgegend, in eine mäßige, milde Stimmung überzugehen. Nur im grünen Hauſe zeigten ſich am Sonntag Morgen die bitteren gehäſſigen Folgen des Ereigniſſes. In der Stunde vor der Meſſe kamen die bedürftigen Um— wohnenden, um ihre regelmäßige Wochengabe zu empfangen, heute kam nur eine einzige Frau in verwahrloſtem Aufzuge; es war die Frau eines Trunkenbolds, ſie trug ein Kind auf dem Arme und eines hielt ſich an der Schürze. Die Profeſſorin hatte ſich nur ſchwer dazu verſtanden, dieſer Frau Hülfe zu leiſten, aber ſie wollte die Verlaſſene und ihre Kinder nicht darben laſſen. Die Beſchenkte betheuerte heute, daß ſie nichts vom Gelde des Menſchenhändlers nehmen würde, wenn ſie es anders zu machen wüßte. Und von dieſem Gelde ſoll mein Sohn reich werden? ſprach die Profeſſorin klagend in ſich hinein. Sie ſaß lange ſtill, da tam Erich und berichtete: — 165 „Ach, Mutter, er war in der Kirche mit Prancken!“ „Und nun?“ „Als er aus der Kirche kam, ſtand alles Volk in langen Reihen und ſchaute ihn an. Er ging auf einen armen Mann zu und reichte ihm ein Geldſtück; der Arme ſtreckte die Hand aus, ſchlug das Geld weg und rief: Ich will nichts von Dir! Und Alle ſchrien: Wir wollen nichts mehr von Dir! Mach' Dich hin⸗ aus aus dem Land! Sonnenkamp war davon gegangen, das Geldſtück liegt noch vor der Kirche und Niemand will es auf⸗ heben.“ „Warſt Du denn auch in der Kirche?“ „Nein, Manna und Joland haben es mir erzählt; drunten im Garten ſitzen ſie und weinen. Ich bin zu Dir geeilt, Du allein kannſt uns helfen. Tröſte ſie, richte ſie auf.“ „Ich kann nicht mehr,“ ſagte die Mutter,„ich bin zu ſchwach und fürchte, ich werde krank.“ Erich rief die Tante, daß ſie bei der Mutter bleibe, und kehrte zu Roland und Manna zurück. Schon am Nachmittag mußte der Doctor gerufen werden. Die Profeſſorin war krank. Die Verwirrung und Erſchütterung hatten die Einen in Jugend⸗ kraft, die Anderen in Trotz oder in Gleichgültigkeit zu überwinden begonnen; die Profeſſorin allein fühlte ſtändig einen Seelenſchmerz, Tag und Nacht. Erich war es ſchon vor Tagen aufgefallen, aber er erklärte es durch die Erſchütterung, daß ſeine Mutter, als er Hand in Hand mit Manna vor ſie trat, das wol innig und gut, aber ſo ſtumpf und gedrückt aufgenommen. Die Mutter war gewohnt, keines Andern Hülfe zu beanſpruchen, ſie hatte immer die Kraft, Anderen zu leiſten, und in dieſem Leiſten für Andere fand ſie ſelbſt ſich immer wieder geſtärkt. Seit dem Tage, als Fräulein Milch ihr die Eröffnung gemacht, war das anders; nur wie mechaniſch vollführte ſie ihre ehedem ſo frei belebte Thätigkeit. Von jenem Tage an hatte ſie ſich vorgeſetzt, jeden Luxus, den der prunkſüchtige Mann auch gern auf ſie ausdehnte, abzu⸗ lehnen; von jenem Tage an war ihr die Wohnlichkeit genommen, ſie ſah ſich in der Fremde. Stündlich war ſie gerüſtet, und Alles, was ſie beſaß und ſo ruhig um ſich her aufgeſtellt, erſchien ihr * bereit, eingepackt zu werden und ſich mit ihr an einen anderen Ort verſetzen zu laſſen. Nie in ihrem Leben hatte ſie ſich mit Reue gequält, ſie hatte nichts gethan, das ſie wie einen Vorwurf, wie ein zu Tilgendes abwenden und auslöſchen mußte; jett konnte ſie eine beſtändige Reue nicht los werden. Warum hat ſie ſich ſo unüberlegt an eine räthſelhafte, in ſich zerfallene Familie angeſchloſſen? Freude und Schmerz trafen ſie wie ein in Fieberphantaſien Verſunkenes. Mitten in dieſer Wirrniß, wo ihr alles vergangene Leben wie ein Traum erſchienen, war plötzlich die Nachricht der ver⸗ wittweten Fürſtin gekommen, die ihr ein Aſyl anbot und jetzt in ihrer Verlaſſenheit ſich ihrer erinnerte. Sie empfand die Güte, die darin lag, und doch ſchmerzte ſie es faſt; ſie hatte ſich in das abhängige Leben hier gefunden, ſie hatte den Widerſpruch beſchwichtigt, daß ſie Gutes thun ſollte von dem, was aus dem Böſen ſtammte; nun tam auf einmal das vergangene Leben wieder herauf, und ſtatt der Empfindung, daß ſie ſich freuen ſollte, wie dort am Hofe die Menſchen beſſer waren, als ſie ſich vor⸗ dem gezeigt hatten, und wie doch noch ſo viel Reinheit ſich finde, verwandelte ſich Alles in ihr zu Schmerz und Bitterkeit. Sie hatte das Anerbieten der verwittweten Fürſtin abgelehnt und doch kam es ihr jetzt oft vor, als ob das Rettung geweſen wäre. Am meiſten quälte ſie, daß ſie deutlich ſah, wie ſich Alles in ihr verkehrte und ſie das doch nicht ändern konnte. Daß Erich und Manna einander ſo innig liebten, hörte und ſah ſie mit einer faſt erzwungenen Theilnahme. So lebte ſie wie ſich ſelbſt entfremdet; ſie hoffte, Alles in ſich ſelbſt überwinden zu fönnen. Jetzt, da die Hülfsbedürftigen die Gaben aus ihrer Hand ablehnten, jetzt brach hervor, was ſie ſo lange in ſich verſchloſſen hatte: eine namenloſe Trauer. Es erſchien ihr unfaßlich, daß ihr Kind in dieſe Familie eingewachſen ſein ſollte. Der Doctor hatte die Mutter fieberiſch aufgeregt gefunden; er gab ihr beruhigende Mittel. Die Mutter klagte, daß ſie nie gewußt, wie zerfallen die Menſchen in ſich ſelbſt und mit Anderen ſein könnten; lächelnd erwiderte ihr der Doctor, daß nicht alle Men⸗ ſchen einen ſo feinen inneren Haushalt beſitzen wie ſie, und auf —— 5 Sonnenkamp hinweiſend, ſagte er, daß es ein Klima des Geiſtes“ gebe, das uns ganz fremde Organiſationen erzeuge, die aber nicht minder ihre Naturbedingung hätten, wie unſere alltäglich gewohnten. Erich, Manna und Roland umgaben die Profeſſorin mit be⸗ ſtändiger Sorgfalt, und in dieſem Sorgen für ein Anderes lag eine große Befreiung. Fräulein Milch duldete es nicht, daß Manna ſich ganz der Profeſſorin widmete, ſie war die beſte Pflegerin. Der Major ging wie verwaiſt umher. Von allen Menſchen vielleicht, die Kinder nicht ausgenommen, war er am ſchwerſten betroffen von der Kunde über das vergangene Leben Sonnenkamps. „Die Welt hat Recht, heißt das, Fräulein Milch hat Recht,“ ſagte er immer,„ſie hat mir beſtändig geſagt, ich ſei kein Men⸗ ſchenkenner.“ Er fand indeß eine gute Zuflucht, er ging auf einige Tage zu Weidmann nach Mattenheim. Fünßehntes Capitel. Eine Woche war vorüber; die Profeſſorin hatte ſich wieder erholt, ſie war nur noch matt und ruhebedürftig. Es war am Sonntag Abend, da ſtrömte ein Menſchengewühl auf der weißen Straße, ſtromab, ſtromauf und zwiſchen den Weinbergen hin und her; Alles ſchien nur Ein Ziel zu haben. In ſeinen Mantel gehüllt ſaß Sonnenkamp auf dem flachen Dache ſeines Hauſes und ſchaute ringsum in die Landſchaft. Soll er ſich von hier vertreiben laſſen? Nein, Trotz bieten der Welt; vor dem Muthe beugt ſie ſich... Es wurde Nacht; da tönte ein Geheul, ein Gejohle, ein Pfeifen, Raſſeln und Klirren, wie wenn die Hölle losgelaſſen wäre. Sonnenkamp richtete ſich auf. Bei Fackelſchein ſah er wunderliche Geſtalten mit ſchwarzen Geſichtern. Was iſt das? Iſt das Einbildung? Kamen ſie heran, die Geſchöpfe mit Menſchen⸗ geſtalt, aus der fernen Welt? „Hinaus aus dem Land muß er!“ rief es von unten. „Zu ſeinen Schwarzen ſoll er!“ „Wir wollen ihn holen und ſchwarz anſtreichen!“ „Und auf ſeinen Gaul binden, durchs Land führen und rufen: Das iſt er!“ Wieder Pfeifen, Johlen, Schmettern, Raſſeln und ſchrilles mißtönendes Aneinanderſchlagen von Töpfen und Keſſeln... es war ein Höllenlärm. Vor der Erinnerung Sonnenkamps ſtieg das Bild auf, wie ein Mann, angeſchuldigt, die Sklaven leſen gelehrt zu haben, nackt, getheert, mit Federn beklebt, durch die Straßen getragen und mit faulen Aepfeln und Kohlſtrunken beworfen wurde. Jetzt knallte ein Schuß; die Stimme Pranckens tönte:„Auf meine Verantwortung, ſchießt die Hunde nieder!“ Es knallte noch ein Schuß, dann rollte und raſte es, das Thor krachte und herein drang eine wilde Rotte, Alle mit ſchwarzen Geſichtern, und Geſchrei wurde laut: „Wo iſt er?“ „Gebt ihn heraus, oder wir zerſchlagen Alles!“ Sonnenkamp eilte vom Dache herab durch das Haus; er ſtand auf dem offenen Balcon; da hörte er die Stimme Erichs, der mit gewaltigem Ruf die Menge ermahnte. „Seid Ihr Menſchen? Seid Ihr Deutſche? Wer hat Euch zu Richtern gemacht? Sprecht! Ich will Euch antworten. Ihr bringt Euch ſelbſt ins Elend. Ihr habt Eure Geſichter geſchwärzt, aber Ihr werdet doch erkannt. Morgen kommt der eingeſetzte Richter, wir ſind in geordnetem Staate und Ihr verfallt Alle der Strafe.“ „Dem Hauptmann geſchieht nichts!“ rief eine Stimme aus der Menge. Frich fuhr fort: „Iſt Einer unter Euch, der ſagen kann, was Ihr wollt, der trete vor.“ Ein Mann mit geſchwärztem Antlitz, den Erich nicht ſofort erkannte, trat vor und ſagte: „Herr Hauptmann, ich bin's, der Kriſcher; laſſen Sie mich reden. Der junge Wein iſt mit unter den Leuten da drunten. Ich bin katzennüchtern,“ ſetzte er mit lallender Zunge hinzu. „Was wollen denn die Menſchen?“ „Sie wollen, daß Herr Sonnenkamp, oder wie er heißt, unſere Gegend verlaſſe und wieder dahin gehe, von wo er gekommen iſt.“ „Hinaus ſoll er!“ „Und meine Wieſe ſoll er mir wiedergeben!“ „Und mir meinen Weinberg!“ „Und mir mein Haus!“ So rief es da und dort aus dem Haufen. Der Kriſcher ſtellte ſich ſchnell zu Erich auf die Freitreppe und rief den Verſammelten zu: „Wenn Ihr ſo wahnſinnige Sachen ruft und ſo dumm durch einander, ſo bin ich der Erſte, der einen Eindringenden erwürgt.“ „Fort ſoll er!“ „Hinaus! Hinaus!“ riefen Alle. Eben als dies gerufen wurde, trat Sonnenkamp auf die Frei⸗ treppe. Geheul, Geſchrei, Beckenſ hlagen ging von Neuem los; Steine flogen durch die großen Scheiben, daß ſie klirrten. Der Kriſcher eilte die Treppe hinan, ſtellte ſich vor Sonnen— kamp und ſagte: „Seien Sie ruhig, ich decke Sie.“ Dann ſchrie er mit heiſerer Stimme: „Wenn noch ein Wort gerufen wird, wenn nicht ein Jeder ſeinen Nachbar hält, daß er keinen Arm rühren kann, dann bin ich der Erſte, der unter Euch ſchießt, treffe es dann Schuldige oder Unſchuldige.“ „Ihr Männer, was habe ich Euch denn gethan?“ rief Son⸗ nenkamp. „Menſchenfreſſer!“ „Menſ chenverkäufer!“ „Menſchenhändler!“ ſchrie es aus der Verſammlung.„Hinaus ſollſt Du!“ „Hinaus! Hinaus!“ „Herr Sonnenkamp und Herr Hauptmann,“ ſagte der Kriſcher haſtig zu den Beiden,„ich habe mich der wilden Rotte nur an⸗ geſchloſſen, weil ſie nicht mehr zurückzuhalten war; aber ich krieg' ſie am Halfter, überlaſſen Sie nur Alles mir und wir machen eine Faſtnachtspoſſe aus der ganzen Geſchichte. Reden Sie zuerſt, Herr Hauptmann, ich bitte, Herr Sonnenkamp, reden Sie nicht.“ „Ihr Männer,“ begann Erich,„hat nicht Jedes von Euch etwas gethan, das „Wir haben keinen Menſchen verkauft!... Menſchenfreſſer!“ rief es von unten. zu Wort. In dieſem Augenblick erſchien Manna; ſie hielt einen Armleuchter mit zwei brennenden Lichtern in der Hand. Ein Ausruf des Erſtaunens ging durch die Rotte, Alles war eine Secunde ſtill, denn Aller Blicke waren auf das Mädchen gerichtet, das daſtand, blaſſen Antlitzes, funkelnden Auges. Roland ſtellte ſich neben Erich und mit einer Stimme, die weithin tönte, rief er: „Kommt her, wir ſind wehrlos!“ „Den Kindern ſoll nichts geſchehen!“ „Aber der Menſchenverkäufer muß fort!“ „Ja, fort muß er!“ „Hinaus!“ Und wieder ſchien der Tumult zu wachſen; die Gruppe drunten wogte hin und her und Einer ſchien den Andern anzuſtoßen, vor⸗ wärts zu gehen; ſelbſt die auf der Freitreppe ſtanden, wichen zurück. Die Profeſſorin erſchien unter der Die Lärmenden im Hof verſtummten und ſchauten ſtaunend auf, die auf der Freitreppe Verſammelten wendeten ſich um und ſahen die Profeſſorin. Sie ſchritt ruhig vor bis an das Geländer. Kein Laut wurde vernehmbar. Und ſie ſprach; ihre Stimme wurde weithin gehört: „Verderbt Euch nicht ſelbſt: haltet ein, damit Ihr nicht mor⸗ gen weinet über heute.“ Ihre Stimme wurde mächtiger, und ſie rief: „Beſiegt Euch ſelbſt!“ Sie legte die Hand au gewaltiger Stimme rief ſie: der Euch Gutes gethan, wird ein ſo Dieſer Mann hier, Ihr Alle verſöhnt ſeid; ich verſpreche es Euch. Erich kam nicht weiter Thüre über der Freitreppe. f die Schulter Sonnenkamps und mit Großes thun, daß Glaubt Ihr mir?“ der Profeſſorin glauben wir!“ „Die Profeſſorin ſoll leben... hoch! hoch!“ „Kommt fort, heim... es iſt genu 14 fing an, einen Ein Mann, der eine Trommel bei ſich hatte, Marſch zu trommeln, un gehen ſich anſchickte, kam etwas daher geraſſelt; es war die Feuerwehr, u Alle herab. Auch von der ar d eben als die wilde Rotte zum Fort⸗ Helme blinkten, nd plötzlich ziſchte ein Waſſerſtrahl über dern Seite kam ein Regen, denn Joſeph war zum Obergärtner geeilt und die Berieſelung des Gar⸗ tens wurde nun auch benutzt. Hoch ſpritzten von beiden Seiten die Ströme, und grölend, lachend und fluchend zogen Alle davon. „Mutter, Du da? Du von Deinem Krankenlager?“ ſagte Erich. „Ich bin nicht mehr krank.“ „Sie federn ihn! Sie federn ihn!“ rief Frau Ceres plötzlich aus dem Fenſter. Manna eilte zu ihr und beruhigte ſie. Auf der Freitreppe that Sonnenkamp ſeinen Mantel ab und legte ihn über die Profeſſorin; man führte die alte Frau nach dem großen Saal; dort ſetzte ſie ſich nieder, ihre Augen glänzten wunderſam und Alle bemühten ſich in Sorgfalt um ſie. Roland kniete vor ihr nieder, faßte ihre Hände und weinte ſchwere Thränen darauf. „Jetzt nur Ruhe,“ ſagte die Profeſſorin,„ich bitte Euch. Ich bin ruhig, regt mich nicht weiter auf... Herr Sonnenkamp, geben Sie mir Ihre Hand. Sie müſſen etwas thun, um die empörten Gemüther zu beſchwichtigen. Ich weiß noch nicht, was.“ „Ich werde etwas thun. Ich werde ein Gericht aufrichten, wie hier zu Lande noch keines war. Sie ſelber, verehrte Frau, ſollen mitwirken.“ Erſt ſpät gingen die in der Villa Verſammelten auseinander. Sonnenkamp that es nicht anders, die Profeſſorin mußte auf der Villa ſich zur Ruhe begeben, und Erich ſaß am Bett ſeiner Mutter, bis ſie einſchlief. Draußen aber am Rhein ſtanden viele Menſchen und wuſchen ſich die ſchwarzen Geſichter wieder ab, und der Rauſch vom jungen Wein verflog. Eine ſchwarze Welle zog in der Nacht an der Villa vorüber, den Strom hinab ins Meer.. Wenn nur auch die ſchwarze That ſo abzuwiſchen wäre! Dreizehntes Buch. ——— Erſtes Cupitrl. Fußwege auf, banden entfernten die geknickten Die Gärtner harkten den Boden der niedergetretene Sträucher in die Höhe, ganz; ſelbſt die Stallknechte halfen heute im Garten arbeiten, und im Hauſe waren die Glaſer beſchäftigt, neue Spiegelſcheiben ein⸗ zuziehen. Wenn die Herrſchaft erwacht, ſoll möglichſt wenig von dem nächtlichen Tumult bemerkt werden. Seit der Rückkehr aus der Reſidenz empfand Prancken eine Auf⸗ reizung, die ſich immer mehr gegen Frich kehrte. Schon bei der Ankunft des Fürſten Valerian war er tief empört, daß ſich Alles wie wenn Erich der Mittel⸗ ſofort nach dem Zimmer Erichs zog, Das darf nicht ſo bleiben, ſagte er ſich; punkt des Hauſes wäre. der Lehrer muß wiſſen, wer er iſt. Nun hatte ſich aber durch den Tumult dieſe Lehrersfamilie wieder neu in Anſehen geſetzt; die erbärmliche Canaille hatte ſich ja von einem alten Weibe beſchwich⸗ tigen laſſen. Prancken war ingrimmig durch den Park gegangen; er hoffte Manna zu begegnen; er wollte Entſcheidung. Manna kam nicht. Er ſah Fräulein Perini, ſie war allein, er begrüßte ſie; ſie ſprachen von dem Tumult. Fräulein Perini ſagte nun, ſie ſei zum erſten Mal irre an der Art, wie ſich Baron Prancken ver⸗ halte, ſie begriffe nicht, warum er noch zögere und ſich hinhalten laſſe; Manna werde von dieſen Dournay's umgarnt und er müſſe ſie befreien. Sie lobte ihn indeß, daß er unerſchü tterlich zu ) — 141— Sonnenkamp halte, er ſolle ſeine Macht benützen, um dieſen jetzt dazu zu bringen, daß er all das Beſitzthum aus der Hand gebe. Es war ein ſchelmiſcher Blick, wie ſie Prancken betrachtete, und ſie fragte ihn nun geradezu, ob er ſich verbindlich mache, wenn er in den Beſitz Manna's und all ihres Gutes käme, die Villa zum Kloſter zu weihen. Prancken zuckte die Achſeln. Sie ſtachelte und reizte Prancken, denn ſie ſah, daß er ſie nur noch gering achtete, und ſie wollte auch ihn verderben. Er ſollte ihr das Verſprechen geben, daß, wenn die Sache unwiderleglich ſei, er dieſen Herrn Dournay fordere und niederſchieße. Fräulein Perini hatte einen ſichern und feſtern Plan, den ſie nach den veränderten Umſtänden in aller Stille ausgearbeitet. Herr von Prancken war doch der Mann nicht, den ſie und ihre Genoſſenſchaft ſich wünſchen mußte, und dabei erſchien es un⸗ zweifelhaft, daß Manna ſich Erich zuneigte. Fräulein Perini war nicht ſo täppiſch, das durch Einreden verhindern zu wollen, ſie war zu klug, um nicht zu wiſſen, daß ſie dadurch vielleicht eher die Neigung förderte. Manna ſollte nur in Sünde verfallen, ſollte abtrünnig werden, dann kommt es viel beſſer. Prancken ſchießt dieſen Dournay nieder oder dieſer Dournay erſchießt Prancken; Beides gleich gut, denn in jedem Falle iſt Manna dann verlaſſen, ihre einzige Zufluchtsſtätte das Kloſter und zuletzt iſt Alles ge⸗ wonnen. Fräulein Perini heuchelte große Freundlichkeit gegen Prancken, während ſie ihn innerlich verhöhnte. Dieſer ſah betroffen drein. Und wieder tauchte eine alte Erinnerung auf; damals, als er mit Erich nach Wolfsgarten gefahren, damals hatte er das voraus geſehen. Sollte es wirklich eintreffen müſſen? Er wich aus, er lehnte ab, ja er ſagte, daß er dann ja gewiß Manna verloren habe. Fiele er ſelbſt, ſo wäre es natürlich vorbei, tödtete er Erich, ſo würde Manna nie die Frau des Mannes werden, der einen andern um ihretwillen getödtet. Fräulein Perini ſah zur Erde, ſie mußte ihr ſchelmiſches Lächeln verbergen. Das war es ja, was ſie wollte. Die Beiden hatten ſo lange geſprochen, daß die Kirche zu Ende war und der Pfarrer aus der Kirche kam. Fräulein Perini ging mit ihm, Prancken kehrte nach der Villa zurück. Er begeg⸗ nete dem Doctor und Erich, die in eifrigem Geſpräche mit ein— ander wanderten. — 142— Der Doctor war nach ſeiner alten Weiſe wohlgemuth, er ſetzte Erich auseinander, daß der friſche Moſt, der ſo fröhlich eingeht und ſo vortrefflich mundet, nach der Behauptung der alten Leute eine wahre Cur ſei, die den ganzen Körper neu aufbaue, und ſo trinken denn die Leute in Luſt und Bedacht auf Geſund⸗ heit zugleich, und die Kriſis, die der Rauſch des jungen Weines verurſacht, ſei in der That gut. So ſei es jetzt auch mit dieſem Tumulte; er habe gut gethan nach vielen Seiten hin. Der Zorn der Menſchen in der Umgegend ſei über die Linie hinaus gegangen und habe nun allen Rechtsboden verloren. Von dieſer Seite ſei nichts mehr zu fürchten. Bald begegneten ſie auch einer Gruppe von Männern; es waren Abgeſandte aus verſchiedenen Gemeinden, die Herrn Son⸗ nenkamp verſichern wollten, daß ſie zu jedem Schutze für ihn bereit ſeien, er möge nur keine Klage über das Vorgefallene bei Gericht anhängig machen. Der Doctor bat die Männer, wieder umzukehren, er werde vorläufig heute Herrn Sonnenkamp berichten. Er ging mit Erich nach der Villa und ſie waren nicht wenig erſtaunt, die Profeſſorin mit Manna bereits auf der Terraſſe zu finden. Sehr heiter ſcherzte der Doctor über das Genie des Zufalls, das mehr vermöge als alle Wiſſenſchaft; er erklärte die Proſeſſorin für vollkommen geheilt. Er fragte, ob Gräfin Bella noch nicht da geweſen; er hörte, daß ſie nur Herrn Sonnenkamp geſprochen und Niemand anders auf der Villa. „Ich müßte mich ſehr irren,“ erklärte der Doctor,„wenn nicht Gräfin Bella von nun an eine beſondere Sympathie für den kühnen Herrn Sonnenkamp hätte; das entſpricht ganz ihrem der Welt trotzenden und dem Bizarren ſich zudrängenden Weſen.“ Die Profeſſorin, die doch von Bella tief gekränkt war, ſuchte die Meinung des Arztes über Bella zu berichtigen. Erich ſchwieg, er ſtaunte nur über die Beharrlichkeit, mit welcher der Arzt das eigenthümliche Naturell der Gräfin verfolgte und ausdeutete. Der Doctor ließ Sonnenkamp fragen, ob er ihn ſprechen wolle. Sonnenkamp ließ erwidern, er möge zuerſt Frau Ceres beſuchen.* „Wie ſche ich aus?“ hatte Sonnenkamp am Morgen ſofort — ——— — 143— beim Erwachen, noch ehe er ſich erhob, den Kammerdiener Joſeph gefragt.„Wie ſehe ich aus?“ hatte er wiederholt. „Wie immer, Herr.“ Sonnenkamp ließ ſich einen Handſpiegel reichen, gab ihn zurück, legte ſich wieder in die Kiſſen und ſchloß die Augen. Er verließ lange ſein Zimmer nicht. Er hatte Joſeph geſagt, daß er allein bleiben wolle. Draußen hörte er, wie die Wege geharkt wurden, wie Männer hin und her gingen; er wollte warten, bis die Spuren der Verwüſtung draußen möglichſt beſeitigt waren. Und die Hand auf den Kopf ſeines Jagdhundes legend, dachte er: zwei Popanze ſind unſere ärgſten Feinde auf der Welt: die Furcht vor der That und die Reue nach der That. Mit dieſen Quackſalbereien vergeudet man ſein Daſein. Wer keine Zukunft fürchtet und keine Vergangenheit bereut, der allein iſt frei. Ich will frei ſein! rief er ſich zu. In mir bin ich es, aber wo läßt man mich frei ſein? Ich muß wieder nach Amerika zurück. Nein, nach Italien, nach Paris, in neue Umgebungen. Aber die Kinder, die Kinder! Die ſind mit Gedanken erfüllt, die ſie heimatlos und elternlos machen. Das Beſte iſt doch, Du bleibſt, verachteſt die Menſchen, deren Haß ſich allmälig abſtumpfen wird, und vielleicht gibt es auch etwas, um die Gemüther zu beſchwich⸗ tigen, das wie Reue ausſehen wird. Hat die Profeſſorin geſtern oder haſt Du ſelbſt von einem Ehrengericht geſprochen? Ja, das iſt's! Wohlan, Welt, ich bin wieder ich ſelbſt und weiter nichts... Ueber Alles hinüber, was nun geſchehen, erhob ſich wieder in ihm die Erbitterung gegen Crutius. Wie reibt der ſich dort im Redactionszimmer, wo das kleine Gasflämmchen brennt, nun die Hände! Wie wird er ſich freuen, daß die Signalrakete ſo alles Volk aufrief, wie wird der Tumult in den Zeitungen ſtehen... Er klingelte und ließ Erich kommen; er erinnerte ihn, wie er damals die Dankbarkeit des Volkes und ſeine edle Art öffent⸗ lich verkündet, jetzt— er lachte über das Wort— ſolle er auch die Unart gehörig darſtellen und jedem andern Bericht zuvor— kommen und natürlich die ganze Sache als einen Uebermuth des brauſenden neuen Weines bezeichnen; am Schluſſe aber ſolle er hinzufügen, daß Herr Sonnenkamp— denn das war ſein recht⸗ mäßiger Name von Mutterſeite her— etwas thun werde, was die öffentliche Meinung berichtigen und zufrieden ſtellen werde. — 144— Erich wünſchte zu wiſſen, was denn geſchehen werde. Sonnenkamp erſuchte ihn, nun die Sache ruhen zu laſſen. Wozu das? Man ſtellt der öffentlichen Meinung etwas in Ausſicht; es iſt aber nicht nöthig, daß es in der That geſchehe; die Menſchen vergeſſen ja, was ihnen verſprochen wird. Als Erich eben davon gegangen war, kam der Hundewärter und rief: „O Herr, ſie iſt vergiftet!“ „Wer iſt vergiftet?“ „Das gute Thier, die Mara; in der Nacht, wie der Lärm da geweſen, haben ihr die ſchändlichen Menſchen etwas gegeben, wahrſcheinlich einen in Schmalz gebratenen Schwamm; ſie wird jetzt ſterben.“ „Wo liegt ſie?“ „Vor der Hundehütte.“ Sonnenkamp ging mit dem Wärter nach der Umzäunung, wo die Hunde waren; dort lag Mara, neben ihr die gelöſte Kette. „Mara!“ rief Sonnenkamp. Der Hund wedelte noch einmal, verſuchte den Kopf zu heben, dann ließ er den Kopf ſinken und verendete. Es war ein kläglicher Blick aus dem Auge des Thieres. „Begrabe den Hund, ehe Roland etwas davon merkt,“ ſagte Sonnenkamp. „Wo ſollen wir ihn begraben?“ „Dort bei der Eſche. Zieh dem Hund aber die Haut ab, die Haut iſt Geld werth.“ „Nein, Herr, das kann ich nicht. Ich hab' das Thier zu lieb gehabt, ich kann ihm die Haut nicht abziehen.“ „Gut, ſo grabe es mit der Haut ein.“ Er ging davon. Er wandelte lange im Garten umher und konnte ſich doch nicht enthalten, endlich zu der Stelle zu gehen, wo der Hund eingeſcharrt wurde. Er kehrte ins Haus zurück. Die andern Hunde heulten, als wüßten ſie, daß einer ihrer Kameraden verſchieden ſei. — 145— Zweites Capitel. Prancken, der ſich treu zu Sonnenkamp hielt, war oft voll Unruhe; aber er ſprach nicht aus, was mit ihm vorging. Sonnenkamp wußte durch Lutz, daß Prancken mehrmals Briefe mit großen Siegeln bekommen hatte, einen mit dem Siegel des Hofmarſchallamts, einen andern mit dem Siegel des Kriegs⸗ miniſteriums. Er ſah Prancken fragend an, aber dieſer blieb zurückhaltend, ja Sonnenkamp drängte ihn einmal geradezu, ſeinen Beiſtand nicht zu verſchmähen, er ſei doch in manchen Dingen klug, wenn er auch jetzt unklug gehandelt habe. Prancken erwiderte, das ſeien Dinge, die er mit ſich allein ausmachen müſſe; er hoffe, ſie zu gutem Ziele durchzuführen. Er deutete an, daß auch die Welt der kleinen Reſidenz aus ver⸗ ſchiedenen Parteien beſtehe; er bat aber dringend, ihm jede nähere Angabe zu erlaſſen. Sonnenkamp nahm ihm das Verſprechen ab, daß er ſich in kein Duell einlaſſe, ohne ihm vorher davon Mittheilung gemacht zu haben. Mit Widerſtreben gab Prancken das Verſprechen und reiſte Während Erich noch bei ſeiner Mutter war, kam Sonnenkamp und ſagte, er habe ſehr Gewichtiges mit ihnen zu beſprechen. Erich und die Mutter erbebten. Weiß Sonnenkamp bereits? Er ſetzte ſich indeß ruhig und begann: „Edle Frau, Sie haben mir Großes geleiſtet, und nun lege ich in Ihre Hand, in Ihren Geiſt mein Schickſal und das der Meinen.“ Er machte eine Pauſe und fuhr dann fort: „Schon am Sonntag, als ich nach der Kirche ging, wo der Bettler mir die Schmach anthat, hatte ich trotz meines Un⸗ glaubens den Vorſatz, einem Geiſtlichen zu beichten. Ich geſtehe, Herr von Prancken war nicht ohne Einfluß bei dieſem Vorſatze, aber er ſtammte doch auch aus mir. Groß iſt die Einrichtung der Beichte: Vergehen, die kein weltlicher Richter ſühnen kann, löſt und tilgt ein mit der Weihe begnadeter, empfindender, er⸗ wägender Mann, der den Beichtenden nicht kennt, nicht ſieht und doch den zitternden Hauch ſeines Bekenntniſſes vernimmt, ihm fern iſt und doch ſo nahe.“ Auerbach. Landhaus am Rhein. 11l. 10 —— — 146—. Die Mutter ſah zu Boden. Der Mann ſolcher Thaten vermag ſo zu ſprechen! Sonnenkamp empfand, was die Frau von ihm dachte, und er rief: „Sie, edle Frau, Sie hinderten meinen Vorſatz.“ „Ich?“ Ja, Sie, denn ich dachte mir es beſſer: In Ihr offnes 8 7 Antlitz wollte ich Alles ſprechen und Sie hatten die Macht zu löſen und zu tilgen... aber, Sie haben ſie auch nicht.“ Die Profeſſorin athmete freier auf. Sonnenkamp fuhr fort: „Da haben Sie das Wort hingeworfen... da fand ich, was zu thun iſt. In der neuen Welt, draußen in den Anſiedlungen, beruft man ein Schwurgericht von Nachbarn. Ich will nun ein Ehrengericht von freien Männern berufen, ihnen offen gegenüber ſtehen, ſie ſollen mich frei richten, ich will Schwurgericht und Beichte verbinden. Ich bin der europäiſchen Welt eine Sühne ſchuldig. Verſtehen Sie, was ich meine?“ „Sie wollen einer Verſammlung von freien Männern den„ Wahrſpruch anheim geben?“ „Das iſt's. Ich ſehe, Sie begreifen mich vollkommen,“ ſagte Sonnenkamp mit Ruhe,„und nun rathen Sie. Wen ſchlagen Sie vor zu dieſem, wenn Sie es ſo nennen wollen, ſittlichen Sühnegericht? Im Voraus muß ich Herrn von Prancken ablehnen, er iſt mein Sohn und kann nicht mein Richter ſein.“ „Ich wüßte Niemand ſofort und— ich bin noch zu ſchwach, dieſes Beſinnen, dieſes Suchen und im Gedanken in der Welt Umhergehen thut mir körperlich weh.“ „So beruhigen Sie ſich. Herr Dournay, Sie haben Alles gehört, Sie haben doch?“ wiederholte er, da er den zerſtreuten Blick Erichs ſah. „Wohl, wohl.. Alles.“. „Und nun, wen würden Sie vorſchlagen?“ „Zunächſt Herrn Weidmann.“ „Weidmann? Er iſt der Oheim meines ärgſten Feindes.“ „Aber er wird deshalb doch gerecht ſein.“ „Er iſt nicht ohne Urheberſchaft an dem Zeitungsartikel des Herrn Crutius.“ Davon iſt er vollkommen frei, er hat den Fürſten Valerian 77 — — ausdrücklich beauftragt, Ihnen zu ſagen, daß er das Verfahren des Herrn Crutius mißbillige.“ „Und wäre Herr Weidmann auch Ihr Feind,“ fügte die Profeſſorin ein,„ſo müſſen Sie gerade auch ſuchen, Ihre Feinde Die Profeſſorin ſuchte nach einem Worte, aber Sonnenkamp fiel ein: „Sie ſollen Recht haben, Sie ſollen ſehen, wie ernſt es mir iſt. Alſo Herr Weidmann. Und nun, wen weiter?“ „Den Grafen Wolfsgarten.“ „Ohne Widerrede, angenommen. Weiter!“ „Den Landrichter.“ „Auch angenommen, und den Doctor gebe ich Ihnen gleich drein; dieſe Herren ſollen die weiteren Männer ſelbſt wählen. Das iſt wol das Beſte. Jetzt aber, Herr Dournay, machen Sie ſich bald auf den Weg, die Sache muß raſch bekannt ich meine, ins Werk geſetzt werden.“ Als Sonnenkamp wegging, ſahen Erich und die Mutter ein⸗ ander fragend an. Was will der Mann mit dieſem Gericht? Sie konnten es nicht finden. Hätte man Sonnenkamp ſelbſt gefragt, er hätte es nicht ge⸗ nau ſagen können. Zunächſt wollte er die Menſchen durch etwas Neues in Athem halten, Zeit gewinnen, die öffentliche Meinung beſchäftigen, vielleicht beruhigen. Er war ſelbſt begierig, was ſie für ein Urtheil fällen. Ob er ſich ihm unterwirft, das wird ſich finden. Er will nur etwas thun wegen ſeiner Kinder, zu⸗ nächſt wegen Rolands; er hat ihm verſprochen, daß er etwas unter⸗ nehme, damals, als der ſchwärmeriſche Jüngling von ihm ver⸗ langt hatte, daß er all ſein Beſitzthum weggebe. Und wer weiß, ob bis zur Zeit, wenn das Ehrengericht zuſammenkommt, nicht große geſchichtliche Ereigniſſe eintreten... Er will die öffentliche Meinung gewinnen, ſie muß ſich beruhigen und betrügen laſſen. Er war nach Europa gekommen, um ſich, ſeiner Frau und ſeinen Kindern eine Ehrenſtellung zu verſchaffen; vielleicht iſt das doch noch möglich. Er will eine Zeit lang den Reuigen ſpielen, warum nicht? Iſt eine neue Art, während man bis jetzt Alles verhehlt hatte. Und dann ſollten dieſe ehrbaren verhockten Menſchen ſehen, daß ſie nicht beſſer ſind als er; ſie haben nur nicht den Muth wie er. Jetzt iſt offener Krieg zwiſchen ihm und der Geſellſchaft, er ——————— 2 ——— —— — will Rache nehmen an dieſen Tugendſtolzen, deren Tugend doch nur in der Schwäche beſteht. Vielfältiges bewegte ſich in ſeiner Seele, noch ließ ſich nicht ein Einzelnes feſtſetzen, aber der Kampf lockte ihn. Er will wieder ſelbſt inne werden, wer er iſt. Sonnenkamp nahm wiederholt das Gutachten zur Hand, das Bella ihm übergeben hatte. War dieſe Aushändigung nur ein Zeichen des Zerfalles mit ihrem Manne, oder iſt es noch ein Weiteres für ihn ſelbſt? Er las in der zierlichen Schrift; manche darin enthaltene Schärfen erluſtigten ihn. Alſo auch dieſer ſo feine Mann kann ſolche Keulenſchläge führen! Ohne gerade auf Sonnenkamp unmittelbar angewendet zu ſein, kam das Wort „Brutalität“ mehrfach in dem Gutachten vor. Der Herr Graf, dachte er vor ſich hin, ſoll auch ein Gutachten erhalten, mit Keulen⸗ ſchlägen ganz anderer Art. Auch dazu ſollte das ſogenannte Ehren⸗ gericht dienen. Die Frage, ob er bis zu dem Ehrengerichte ſich vor der Welt verbergen oder gerade kühn herausfordernd ſich zeigen ſolle, quälte ihn und dazwiſchen verdroß ihn dieſe weichliche Rückſichtsnahme, die man in Europa nehmen muß, ſobald man einmal in die Ehren⸗ ſtraße eingelenkt hat. Er wollte Lutz nach Wolfsgarten ſchicken und überlegte lange, welchen Auftrag dieſer zum Vorwand nehmen ſolle. Am beſten iſt es zuletzt, Lutz macht ſich eine beliebige Ausrede, nur muß er ſich der Gräfin zeigen, ſie wird ihm dann ſchon einen ſchriftlichen oder mündlichen Auftrag geben. Er gab ihm Geld für die Kammer⸗ frau der Gräfin, wenn dies nöthig ſei. Zuletzt aber entſchloß er ſich, ſelbſt nach Wolfsgarten zu reiten. Soll er ſich dem ausſetzen, daß Graf Clodwig ihn nicht empfängt? Gut, um ſo beſſer, er wird dann Bella allein ſprechen. Er ritt nach Wolfsgarten, und wie er erwartet, geſchah. Clodwig ließ ſich entſchuldigen, daß er ihn jetzt nicht ſprechen könne. Er ging zu Bella, ſie ſchien erſtaunt, daß er kam; er gab ihr zunächſt das Gutachten wieder zurück, ſie dankte für ſeine Vorſorge, aber ſie war ſeltſam befangen; ſie wurde aufgeregt, da Sonnenkamp ihr den Plan mit dem Ehrengerichte darlegte. Wohlgemuth ritt Sonnenkamp wieder nach Villa Eden zurück. wohlgemuth ins Weite, drunten aber in der Kajüte lag — 149— Prittes Capitel. Manna übergab Erich einen Brief des Profeſſor Einſiedel. Der gute Mann hatte ihr in Karlsbad geſagt, daß er im nächſten Winter nicht leſe; nun hatte ſie ihn gebeten, da Erich ſo vielfach in Anſpruch genommen ſei, zu Roland nach Villa Eden zu kom⸗ men; es werde Allen dort ein willkommener Halt ſein. Der »Profeſſor hatte geantwortet, daß er komme. Manna erklärte, daß ſie zunächſt wieder ins Kloſter müſſe; ſie halte es für ihre Pflicht, dort vor Allem ihre Umwandlung zu bekennen, ſie wollte ein ſo Schweres nicht verſchieben, ſondern ſofort auf ſich nehmen. „Bedenke nur,“ ſagte Erich,„daß Du nicht mehr berechtigt biſt, Dir Kaſteiungen und Martern aufzuerlegen oder auferlegen zu laſſen; Du darfſt meine Manna nicht quälen oder quälen laſſen.“ Manna ſah ihn ſtrahlenden Auges an, indem ſie ſagte: „Ich will nur, daß die Seelen derer dort im Kloſter durch meinen Austritt, den ſie einen Abfall nennen müſſen, nicht be⸗ laſtet ſein ſollen.“ Sie wünſchte, daß Tante Claudine ſie begleite, Erich aber fand es angemeſſener, daß ſie mit Roland reiſe. Manna ging zu ihrem Vater und ſagte, daß ſie nach dem Kloſter wolle. Sonnenkamp erſchrak, er ward aber ſchnell beruhigt, da Manna hinzufügte, daß ſie nur dorthin reiſe, um auf ewig Ab⸗ ſchied zu nehmen, denn ſie ſei entſchloſſen, nie ins Kloſter zu gehen. Aus all ſeiner Verzerrung leuchtete eine triumphirende Heiterkeit in den Mienen Sonnenkamps. Manna hätte gern dem Vater ſofort Alles bekannt, aber ſie wagte es noch nicht... Der Tag war nebelig und kalt, an dem die Geſchwiſter un Fräulein Perini ſtromab fuhren. Gegen Mittag drang die Sonne durch, die Nebel zer und es hellte ſich auf. Das Schiff ſchwamm zu Thal und ſchnell dahin auf der hellen Fluth zwiſchen den ſonnenbeſchi Bergen, auf denen hier und dort noch geherbſtet wurd Reiſenden ſtanden und wandelten auf dem Verdeck und möglich. Sie hoffte, die Halbſchlaf verſunken. der Lenkung des Schiffes Fräulein Perini war geblieben, denn unter den Wagen brachten. war entſchieden. haben, das dieſer Mann im Schmerzensſchlummer nicht, wo ſie war. Roland ſtand beim Ste über Sonnenkamp. Die Sage ging, Sonnenkamp mit beiden Händen in die Luft gehoben und die Treppe hinabgetragen, bis die Diener ihn befreiten und in den ein. Fräulein Perini kannte die zöſin, die immer ſo ſcheu war. Kajüte, wo Manna ſchlief. ihre Gebetbücher heraus und beteten für r Sprache willkommen und iden müſſe, geduldig ü — 150— mit geſchloſſenen Augen. Vergeblich mahnte Fräulein Perini, oben am Ausblicke und der freien Luft ſich zu erfriſchen; Manna bat, man möge ſie allein laſſen. Und ſo lag mend, was Alles geſchehen war mi ſie und dachte halb träu⸗ t den Ihrigen und mit ihr ſelbſt. Der Confeſſionsunterſchied zwiſchen ihr und Erich ging ihr wieder auf. Aber was blieb ihr? Untreu Schweſtern oder hier gegen Erich.. nein, das iſt nicht mehr zu werden den frommen große Seele der Oberin ſolle ihr Be⸗ unterrichten. nun doch froh, ruhigung geben. Und ſo lag ſie während der ganzen Reiſe im uermann und ließ ſich von ihm in daß Manna verborgen Reiſenden wurde hin und her geſprochen Ein Agent, den Fräulein Perini kan wol das Landhaus kaufen werde; denn daß der Mann nicht bleibe, gezogen. lag. der Mohr des Fürſten habe nte, ſprach davon, wer Lutz, der ſich auf der Vorkajüte niedergelaſſen, mußte dort hören, wie die Händler, die das Sonnenkamps gekauft und nach de ander erzählten, ſie möchten keinen Mund voll von dem Obſt Obſt von dem Obergärtner m Niederrhein brachten, ein⸗ An der letzten Station vor dem Inſelkloſter ſtiegen zwei Nonnen Eine derſelben, es war die Fran— Sie ging mit den Nonnen in die Sie ſetzten ſich ihr gegenüber, nahmen die arme Seele, die hier Manna ſchlug die Augen auf, ſie ſah verwundert drein, ſie Schweſter Seraphine hieß ſie in fran⸗ ſagte ihr tröſtend, ſie ſolle, was ber ſich nehmen. So war die Kunde auch ſchon ins 5 hell und glänzend. Manna hatte die Empfindung, als käme ſie plötzlich wieder auf die Erde, und Alles ſähe ſie fragend an: Wo warſt Du denn ſo lange? Man ſtieg in den Kahn und fuhr nach der Inſel. Wehmüthig ſah Manna auf den ſchönen runden Sitz am Landungsplatz, das ſogenannte Vogelneſt, da hatte ſie ſo oft mit Heimchen geſeſſen; jetzt lagen naſſe welke Blätter auf der Bank. Sie ließ ſich ſofort bei der Oberin melden; ſie erhielt die Antwort, ſie möge vorher eine Stunde in der Kirche bleiben, und dann zu ihr kommen. Manna verſtand, was das ſein ſollte. Wußte denn die Oberin bereits ihre Abtrünnigkeit? Sie ging nach der Kirche, an der Thüre blieb ſie ſtehen, ſie ging nicht hinein, ſie ſcheute ſich wegen des Bildes darin; ſie wußte, daß ſie nicht anders kann, als zu dem⸗ ſelben aufſchauen, und doch darf das nicht ſein. Sie kehrte um und ging hinaus nach dem Park. Sie hörte droben die Kinder ſcherzen, ſie hörte ſingen, ſie wußte, wie ſie alle ſitzen, ſie kannte jeden Raum, jede Bank. Sie kam nach der Tanne, wo ſie ſo oft geſeſſen, die Bank unter der Tanne war nicht mehr da, auf dem Kniebänkchen, wo Heimchen geſeſſen, lagen welke Blätter. Zum Grabe Heimchens! ſprach es in ihr. Sie kehrte um und ging am Kloſter vorüber, es erſchien ihr wie Empörung und Frevelthat, daß ſie dem Befehle der Oberin nicht gehorcht. Sie kam in den Kirchhof. Auf dem Grabe Heimchens ſtand ein Kreuz mit der Inſchrift in goldenen Buchſtaben: Das Kind iſt nicht geſtorben, ſondern es ſchläft. Marcus 5, 39. Wie? dachte Manna. Warum dieſe Worte hier? Sie ſind ja in der Schrift von jenem Kinde geſagt, das auf dem Todten⸗ bette wieder zum Leben erweckt wurde, nicht aber von einem Begrabenen. Sie ſank auf das Grab nieder und wirr gingen ihre Gedanken durcheinander; ſie wußte nicht, wie lange ſie hier gelegen, endlich faßte ſie ſich und kehrte nach dem Kloſter zurück. Sie wurde in das Anſprachzimmer eingelaſſen; noch mußte ſie hier allein warten, die Bilder an der Wand ſchienen ſich in die Ferne zurückzudrängen, wenn ſie die Augen auf ſie richtete. Endlich kam die Oberin. Manna eilte ihr entgegen und wollte ſich ihr an den Hals werfen, aber die Oberin ſtand ſtarr und wickelte die beiden Enden des hänfenen Gürtels um den Zeigefinger der rechten und linken Hand, ſo daß der Strick einſchnitt. Manna ſank zu ihren Füßen nieder. „Steh auf,“ ſagte die Oberin ſtreng.„Wir dulden hier keine Leidenſchaftlichteit. Das haſt Du hoffentlich noch behalten... Warſt Du in der Kirche?“ „Nein,“ ſagte Manna ſich aufrichtend. Lange ſprach die Oberin kein Wort, ſie erwartete, daß Manna den Frevel erkläre; dieſe aber konnte nur ſchwer einen Ton her⸗ vorbringen. „Ich bin hierhergekommen,“ begann ſie endlich,„damit Sie, ehrwürdige Mutter, keinen Gram über meine Undankbarkeit in der Seele hegen. Sie haben groß an mir gehandelt, Sie haben „Nichts von mir. Sprich von Pit. „Mein Andenken ſoll Ihnen keine Kränkung ſein. Ich bin gekommen, um Sie zu bitten...“ „Was zögerſt Du ſo lange? Sprich aus, was willſt Du?“ „Sie bitten, daß Sie an mein ehrliches Ringen glauben. Ich konnte nicht anders. Ich bin in die Welt zurückgekehrt, um mich zu prüfen. ich habe die Prüfung nicht beſtanden.. Ich kann nicht dem Leben entſagen... mein Leben iſt nicht mehr mein „Ich mache Dir keinen Vorwurf. Es iſt beſſer, Du biſt die Gattin des Herrn von Prancken.“ Manna bedeckte ſich mit beiden Händen das Geſicht. „Was thuſt Du? Was iſt das?“ fragte die Oberin.„Du biſt doch nicht doppelt abtrünnig? Sprich! Habe ich noch ein Recht, Dich zu fragen? Haſt Du noch eine Pflicht, mir zu antworten? Was ſoll das?“ In Manna kämpfte es. Darf ſie Erich verleugnen? Nein. Und wenn alle Qualen über ſie herabgerufen werden, ſie bekannte ſich zu ihm. „Erich Dournay,“ ſagte ſie leiſe. „Wie? Hoabe ich recht verſtanden? Iſt Herr von Prancken todt?“ Treu und offen berichtete Manna Alles, was geſchehen; ſie ſtand aufrecht und ihre Stimme war feſt. Als ſie geendet, fragte die Oberin: „Du biſt alſo nicht gekommen, um Buße zu thun?“ S ————— E 2——— — 153— „Nein.“ „Wozu denn?“ Manna griff ſich an die Stirn und ſagte: „Habe ich denn nicht deutlich bekannt, daß ich mich nicht ſündhaft fühle? Ich bin gekommen, um Ihnen Dank, innigen Dank zu ſagen für das Gute, das Sie mir gethan, und damit mein Andenken Ihnen nicht ein Kummer ſei. Sie ſelbſt haben mir einſt geſagt, es komme ein ſchwerer Kampf, den ich mit dem Leben kämpfen muß; ich habe ihn nicht beſtanden, oder doch... Ich bitte nur, bewahren Sie mir eine friedliche Heimſtätte in ihrem Denken.“ „Das willſt Du und jetzt noch? Ja, ſo ſind ſie, die Welt⸗ kinder! Die Selbſtmörder verlangen noch ein geweihtes Grab. Du haſt Dich ſelbſt ermordet und erhältſt bei uns kein Grab in heiligem Boden. Du ſtreckſt Deine Hand aus zur Verſöhnung... Deine Hand wird nicht gefaßt.“ Eine dienende Schweſter trat ein und brachte die Bitte von Fräulein Perini, daß ſie zur Oberin und Manna eintreten dürfe. „Haben Sie noch etwas?“ wendete die Oberin ſich an Fräu⸗ lein Perini. „Ja. Hier ſteht Fräulein Manna, ich erinnere ſie vor Ihnen, würdige Mutter, an ein heiliges Verſprechen, das mir Fräulein Manna abgenommen.“ „Ein Verſprechen?... Ihnen?“ „Ja. Sie, Fräulein Manna, haben mir das Verſprechen ab⸗ genommen, daß ich Sie mit allen Strafen und Banden feſthalten ſolle, wenn je eine Abtrünnigkeit in Ihrer Seele Platz greife. Manna! ich habe es vermieden, Sie anzurufen dort im Hauſe der Wirrniß. Hier muß ich es. Ich kenne Ihre Seele, die, ohne Falſch, nicht an die Fallſtricke glaubt, die man ihr geſtellt. Der Augenblick iſt entſcheidend, rufen Sie Ihre reine Seele in ſich zurück. Sie ſollen nicht Nonne werden, aber Sie werden es nie ertragen, daß Sie der Kirche abtrünnig werden, und das jetzt, wo Alles Sie zurückführen müßte in das Eine, das ewig feſtſteht. Manna, hier liege ich auf den Knieen vor Ihnen. Ich habe Sie geleitet, ge⸗ lehrt, ich habe Sie im Herzen getragen— Manna! Sie tödten mich, Sie tödten ſich, Sie tödten das Heiligſte!“ „Ich bitte,“ ſagte Manna,„beſtürmen Sie mich nicht. Sie können kaum ermeſſen, wie weh es mir thut, auch Sie zu kränken. ———— Ich wollte mich der Kirche widmen, ich glaubte, dort Troſt zu finden, ich kann nicht mehr. Ich ſehe ein— ich ſpreche es nicht gern aus— das Opfer iſt nicht möglich... Ich will nicht durch Heuchelei entweihen, was Ihnen heilig iſt, mir heilig war. Nicht Leidenſchaft, nicht Leichtfertigkeit...“ „Genug, genug!“ unterbrach die Oberin.„Haſt Du dem Pfarrer gebeichtet?“. „Nein.“ Die Oberin hatte ſich abgewendet und ſprach gegen die Wand gekehrt: „Wir zwingen, wir binden Dich nicht; wir könnten es, aber wir wollen nicht. Geh!... Geh! Ich will Dein Antlitz nicht mehr ſehen. Geh! Wehe, welch eine Hölle trägſt Du in Dir! Die Spur Deiner Schritte hier ſoll verwehen... Nein, ich will nichts weiter ſagen. Geh!... Iſt ſie fort? Du ſollſt mir nicht antworten. Liebe Perini, antworten Sie mir. Iſt ſie fort?“ „Sie geht,“ antwortete Fräulein Perini. „Wo iſt meine Schweſter?“ hörte man plötzlich die laute Stimme Rolands. Die Thür wurde gewaltſam aufgeriſſen; Roland überſah ſchnell,§ was geſchehen, und rief: Du haſt Dich genug gedemüthigt, komm mit mir!“ Fr faßte Manna an der Hand und verließ mit ihr das Kloſter. Draußen ſagte Roland, daß er es vor Angſt nicht mehr aus⸗ gehalten; er habe gefürchtet, Manna wolle ſich mißhandeln laſſen und dies als Buße tragen. „Und das darfſt Du nicht, auch wenn Du es könnteſt, um Erichs willen nicht.“ Wie leuchtete das Auge Manna's, als ſie in das glühende Angeſicht Rolands ſah! „Es iſt vorbei,“ ſagte ſie.„Eine Welt verſinkt hinter mir. Es iſt vorbei.“ Fräulein Perini blieb noch eine Weile bei der Oberin, dann folgte ſie Manna nach. Sie ſaß mit ihr im Kahn; mit einem ⸗ eigenthümlichen, heimlich flüſternden Ton ſagte ſie: „Ich mußte das noch ſagen, ich konnte nicht anders.“ Manna ſtreckte ihr die Hand entgegen und ſagte: „Sie thaten nach Ihrer Pflicht, ich zürne Ihnen nicht. Ver⸗ zeihen Sie mir.“ Manna wußte nicht, wie ſie aus dem Kloſter gekommen, erſt als Roland ſie umarmte, konnte ſie weinen. Bei der Rückfahrt auf dem Schiff ging ſie nicht mehr in die Kajüte, ſie ſaß neben Roland und ihr großes dunkles Auge ſchaute weit offen in die Landſchaft hinein. Piertes Capitel. Auf dem Wege nach Wolfsgarten begegnete Erich dem Major. Erich erklärte ihm, daß auch er zum Ehrengerichte gehören müſſe. Der Major war ohne Zureden ſofort bereit. „Der arme Mann! der arme Mann!“ ſagte er immer;„er war nicht offen gegen mich... ſie war es aber auch nicht. Ich nehme es ihm nicht übel, ſie war es ja auch nicht; es war das erſte Mal in ihrem Leben. Sie“— das war natürlich Fräulein Milch—„hat gewußt, daß ich es nicht ertragen könnte. Ich kann Vieles, ja, Kamerad, Sie glauben gar nicht, was ich Alles kann; aber Eines kann ich nicht; heucheln, mit einem Menſchen verkehren, den ich nicht achte und liebe, das kann ich nicht. Daß der Mann Sklaven gehalten, habe ich ja gewußt und habe immer geſagt, wer mit Pudeln umgeht, kann ſich der Flöhe nicht erwehren. Sollte man es wol glauben, daß der Mann ſo viel gutherzige Worte haben kann? Mit Ihnen, Kamerad, hat er ja geſprochen wie ein Weiſer, wie ein Heiliger. Ich mit meinem dummen Verſtand bringe es nicht heraus, und der Herr Weid⸗ mann hat mir auch nicht helfen können, warum die guten Kinder das Alles leiden müſſen. Jetzt aber, nehmen Sie es mir ab, jetzt verſtehe ich es; auf dem Wege iſt mir's gekommen. Ich habe nicht viel gelernt, ich bin Tambour geweſen— ich erzähle die Geſchichte ſchon noch einmal...“ „Ja, was haben Sie denn gefunden?“ „Recht ſo, ſie erinnert mich auch immer, wenn ich durchein⸗ ander rede. Alſo ſehen Sie, das Menſchenkind wird, wie es in der Schrift heißt, in Schmerzen geboren, und der Menſchen— geiſt wird auch in Schmerzen geboren, in Noth und Elend. Das wiſſen wir Armen, und darum ſind die Reichen und Vor⸗ —— nehmen nicht recht auf der Welt. Ich meine.. Sie wiſſen ja .. Nun iſt unſer Roland auch neu geboren, wird erſt recht ein Adliger. Der Fürſt kann den Namen adeln, aber nicht die Seele. Verſtehen Sie? So iſt's. Unſer Roland iſt jetzt der wahre Adlige. Böſes erdulden und Gutes thun, das iſt der Wappenſpruch, den er jetzt bekommen hat; der Wappenſpruch ſteht auf keinem Ritter⸗ ſchild, aber ſehen Sie, da drin im Herzen ſteht er, da wird er ſtehen. Er ſoll brav ſein und er wird es, und jetzt erſt recht, aller Welt und dem Adel beſonders zum Trotz. Jetzt wird der Wirbel geſchlagen. Jetzt drauf und dran! Er iſt exercirt, jetzt muß er aus ſich ſelbſt etwas machen und er wird's.“ Der Major“ deutete auf ſein Herz, und ſeine Hand zitterte. Der zaghafte, im Worte ſo ungelenke Mann brachte zwar das Alles mit großen Unterbrechungen, aber mit Kraft vor. Als Erich ſich endlich vom Major trennen wollte, hielt ihn dieſer noch feſt und ſagte: „Nur das Eine nehmen Sie mir noch ab. Ich bin Tambour geweſen— ich erzähle Ihnen die Geſchichte ſchon noch einmal— ich bin Officier geworden, und die Kameraden haben nicht geahnt, wie ſie mich ehren, wenn ſie heimlich— ſie haben geglaubt, ich höre es nicht— mich den Hauptmann Trommelſchlegel, oder auch turzweg Schlegel nannten; ja, ſie haben mich mit dem Haupt— mann Schlegek geehrt, denn von damals an iſt es mir klar ge⸗ worden, ich ſelber habe mir es nicht ſo ſagen können, aber ſie hat mir es deutlich gemacht, ſie kann Alles. Ja, ſo iſt's. Wen das Glück zu etwas gemacht, der iſt nur halb lebend; das Un⸗ gemach, das iſt der heilige Geiſt, der ſpricht zu dem Menſchen: ſtehe auf und wandle. Verſtehen Sie mich?“ „Ja,“ betheuerte Erich, drückte dem Alten die tapfere Hand und ritt davon gen Wolfsgarten. Aus dem offenen Fenſter ſchrie der Papagei, als wollte er dem ganzen Herrenhaus verkünden, welch ein ſeltener Gaſt jetzt wieder einreite, denn Erich war lange nicht hier geweſen. Er glaubte, in dem Zimmer neben dem, wo der Papagei im offenen Fenſter hing, die Geſtalt Bella's geſehen zu haben, aber ſie zeigte ſich nicht mehr. Er trat bei Clodwig ein. Er fand ihn zum erſten Mal nieder⸗ geſchlagen; er mußte auch körperlich angegriffen ſein, da er nicht, wie ſonſt immer, aufſtand und den jungen Freund in ſeiner ſo formvollen als herzlichen Weiſe begrüßte. — 157— „Ich wußte, daß Sie zu mir kommen,“ ſagte Clodwig, ſchwer athmend, mit milder Stimme.„Wenn es eine geiſtige Wirkung in die Ferne gäbe, hätten Sie und Ihre Mutter vor Allem, in dieſen Tagen fühlen müſſen, daß ich bei Ihnen war. Herr Son⸗ nenkamp war hier. Ich konnte ihn nicht annehmen. Hat er Ihnen davon geſagt?“ Erich verneinte und es war ihm auffällig, daß Sonnenkamp ihn zu den Nachbarn ſendete, während er ſelbſt eine Beſprechung ſuchte. „Und nun bitte,“ fuhr Clodwig fort,„ich bin etwas ange⸗ griffen, laſſen Sie uns recht ruhig ſprechen. Wir ſind befleckt durch den Umgang mit dieſem Mann; aber wir dürfen nicht an uns, wir müſſen an ihn denken. Sehen Sie“— er nahm ein Fläſchchen auf—„ſehen Sie, ich habe eine kindiſche Freude an dieſem neuen chemiſchen Stoff; er ſieht aus wie helles Waſſer, und dient doch dazu, ein geſchriebenes Wort ohne Radirung von einem Papier auszulöſchen. Nun denke ich: ſollten wir nicht auch ſittlich ſo etwas finden können? Der Scheidepunkt der antiken und modernen Welt liegt doch darin, daß es in unſerer Anſchauung eine Vergebung der Sünden, oder nennen wir es eine Aus⸗ gleichung, geben muß.“ Das war der Punkt, auf welchen ſich Erich ſofort hingewieſen ſah; er legte den Plan des Sühnegerichts dar und forderte Clod⸗ wig zur Theilnahme auf. Clodwig lehnte ab, da Herr Sonnenkamp, oder wie er heiße, ein Gericht von Pairs, Männer von gleichem Stande, oder viel⸗ mehr von gleichem Beruf haben müſſe; er ſelber ſei kein Pair des Herrn Sonnenkamp. Er erzählte, wie er in dieſen Tagen ſich ſehr für den Ame⸗ rikaner bemüht habe, denn einige Hitzköpfe bei Hofe hätten ihn wegen Majeſtätsbeleidigung vor Gericht ſtellen wollen. Dem Fürſten ſei das zuwider; er habe einen eigenhändigen Brief an Clodwig geſchrieben, worin er ihm dankte, daß er von der Adelserhebung abgerathen. Clodwig hatte darauf dem Fürſten erwidert, er möge jede weitere Verfolgung gegen den Mann unterlaſſen, den man gereizt und zu Dingen verführt hatte, die ihm nicht zuſtehen. Nochmals brachte Erich ſeinen Wunſch vor, daß Clodwig ſich bei dem Gerichte betheiligen möge. Clodwig erwiderte: ———————— 8 7 „Ich werde nach Hof berichten, daß der Mann freiwillig ein Gericht herausfordert; es wird dort gut wirken, und Ihnen zu lieb“— ſeine ſchlaffen Mienen ſpannten ſich, er fuhr mit der Hand über das ganze Geſicht, als müßte er den kummervollen Ausdruck daraus wegwiſchen—„ja, Ihnen zu lieb, weil vielleicht dadurch eine Löſung oder Klärung in Ihr Verhältniß zu dieſem Hauſe kommen kann, möchte ich mich dem Anruf nicht entziehen.“ Man hörte Schritte ſich dem Zimmer nahen. Clodwig richtete ſich raſch auf, und eilig die Hand Erichs faſſend, ſagte er leiſe und beſtimmt: „Gut, ich willfahre. Der Mann will ein Ehrengericht— es ſoll ihm werden.“ Clodwig hatte das eilig, wie auf der Flucht, hervorgeſtoßen, denn jetzt trat Bella ein. In ihrem Geſicht war etwas Ueberwachtes und dabei gewalt⸗ ſam Aufgereiztes. Sie begrüßte Erich mit lateiniſchen Worten, und es war eine ſeltſame Empfindung, jetzt einen Uebermuth zu vernehmen, der gar nicht mit der gegebenen Lage und vor Allem nicht mit der offenbar bedrückten Stimmung Clodwigs zu vereinbaren war. „Sagen Sie einmal,“ fragte Bella,„hatten Sie eine Zeit, wo Sie einen Gewaltmenſchen wie Ezzelin von Romano bewun⸗ derten? Es liegt etwas Großes in ſolchen Gewaltnaturen, zumal gegenüber der Topfguckerei und kleinlichen Schönthuerei...“ Erich verſtand nicht, was das ſein ſollte; er konnte nicht ahnen, daß Bella, gedeckt durch die Anweſenheit eines Fremden, Pfeile ſchoß, die ihr Ziel nicht verfehlten. Clodwig ſchloß die Augen und nickte mit dem Kopf, dann öffnete er die Augen wieder. „Ach ja,“ fuhr Bella in heiterem Ton fort,„gut, daß ich daran denke; ich wollte Ihnen eine Frage vorlegen. Sagen Sie mir: was würde Cicero, was würde Sokrates ſagen, wenn er den Kain von Lord Byron läſe?“ Erich ſah verwirrt drein. Dieſe Frage war ſo über alle Maßen bizarr, daß er nicht wußte, war das Hohn oder Wahnwitz; aber Bella fuhr fort;— „Hat Roland ſchon Byrons Kain geleſen?“ „Ich glaube nicht.“ „Geben Sie ihm jetzt das Buch. Das müßte wirken. Er iſt auch ein Sohn, der das Recht hat, ſich dagegen zu empören, daß ſein Vater ſich aus Eden vertreiben ließ. Wie das ſtimmt! Sind wir nicht eigentlich Alle Kinder Kains? Abel war ja kinder⸗ los, folglich ſtammen wir Alle von Kain. Ein großartiger Stamm⸗ baum!... Und noch Eins, Herr Doctor. Haben die Gelehrten nie herausgebracht, welche Form und Farbe das Zeichen hatte, das Gott der Vater dem Majoratsherrn Kain auf die Stirne ſchrieb?“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete Erich. „Ich verſtehe mich auch nicht,“ lachte Bella. Es war ein unheimliches Lachen. Dann fuhr ſie fort: „Ich habe, allerdings mit Hülfe einer Ueberſetzung, Cicero über Freundſchaſt zu leſen begonnen; ich kam nicht weit, ich habe Byrons Kain vorgenommen; das iſt doch das Schönſte, was die moderne Welt hat.“ Noch immer fand Erich kein Wort der Erwiderung; er ſah in das Antlitz Bella's, in das Clodwigs. Was geht hier vor? Und wieder begann Bella: „Nicht wahr, die Sklavinnen, die die Römerinnen bedienten, mußten Pausbacken machen, wenn eine edle Matrone ihnen einen Schlag ins Geſicht geben wollte? Die Römerinnen waren keine ſentimentalen Penſionspflänzchen, wie heute unſere Männer und Frauen. Wie geht es Fräulein Sonnenkamp?“ „Sie iſt nach dem Kloſter gereiſt,“ antwortete Erich mit ge⸗ ſenktem Blick. Es ward ihm ſchwül, da er Bella auf die Frage nach Manna antworten mußte. „Ich finde das ſehr praktiſch,“ ſetzte Bella wieder fort,„ich hatte eine andere Vermuthung, habe mich alſo geirrt. Ja, ſolch ein Kloſter iſt ein Schirmdach; das empfindſame Kind wird dort am beſten ruhen, bis der Sturm vorüber. Was wird nun Roland anfangen? Was werden Sie beginnen und Ihre Frau Mutter?“ fragte Bella ſo äußerlich, ſo fremd, ſo geſprächſam, daß Erich mit einer gewiſſen Art von Munterkeit erwidern konnte: „Einſtweilen behelfen wir uns mit der großen That, die ſo allgemein iſt.“ „Mit einer großen That?“ „Ja; wir thun einſtweilen nichts.“ — ——————— S — — — 160— Während des Sprechens mit Bella waren die Gedanken Erichs bei Manna im Kloſter. Manna ſtand in dieſer Stunde auch Menſchen gegenüber, die ihr ehedem nahe befreundet geweſen; wie ſtellten ſie ſich nun als Feinde und Widerſacher? Gewiß nehmen ſie nicht den kalten, gleichgültigen Ton an wie Bella. Es war ihm, als müſſe er ſchützend ſeine Hand ausbreiten über Manna, die jetzt niederſchmetternde Worte hören, vielleicht gar eine Buße ſich auferlegen mußte. So nahm er in Verwirrung Abſchied, indem er ſagte, daß er zu Weidmann reiten wolle. Wieder ritt er durch den Wald, durch den er damals zuerſt auf dem Pferde Clodwigs nach Villa Eden geritten war. Wie ganz anders war das heute! Und auf Wolfsgarten— fühlte er — ging etwas vor, das er ſich nicht enträthſeln konnte. Wie waren ihm damals Bella und Clodwig glückſelig erſchienen, und was waren ſie nun? Dieſes bizarre Hin⸗ und Herwenden Bella's, dieſes Durcheinanderſchütteln des Verſchiedenſten— ſie muß Stun⸗ den verbringen, in denen ſie ruhelos in Allem herumzerrt, und Clodwig iſt dabei von einer Schwermuth und Bedrücktheit, die ihm ſeine freie Seelenkraft zu entziehen ſcheint. Fünftes Capitel. Es war bereits Nacht, als Erich auf Mattenheim anlangte. Die Fanile Weidmann hatte, wi ſie es nannte, ihre Vinter⸗ reſidenz bezogen, ſchöne helle Räu ne im obern Stock des Hauſes, mit gewählten Bildern an den Wänden und mit geſchmackvollen Kaminen, in denen offene Feuer brannten. Frau Weidmann ſaß mit ihrer Schwiegertochter hinter dem Tiſch bei der Lampe, während ihr Sohn vorlas; Herr Weidmann war in ſeiner Arbeitsſtube. Erich ging zu ihm; er fand ihn unter Kolben und Retorten in ſeinem chemiſchen Laboratorium. „Ich kann Ihnen keine Hand gebe ief ihm Weidmann mit heiterem Ton zu.„Wir ſuchen eine neue Entdeckung aus⸗ zubeuten. Man hat gefunden, daß ſich aus den ausgepreßten . — Trauben, aus den Treſtern, eine Buchdruckerſchwärze bereiten läßt. Die Sache ſcheint gut, und unſer Freund Knopf macht wahr⸗ ſcheinlich bereits ein Gedicht auf dieſen Artikel; er will, daß künftig alle lyriſchen Gedichte, vornehmlich aber die Trinklieder, nur mit der ſo bereiteten Schwärze gedruckt werden dürfen. Sehen Sie, hier kocht der neue Stoff. Aber es iſt beſſer, Sie warten im Nebenzimmer; Sie finden dort Zeitungen, die Sie ſehr inter⸗ eſſiren werden. Ich komme bald.“ Erich ging nach dem Zimmer. Auf dem Tiſche lagen ameri⸗ kaniſche Zeitungen. Auf jedem Blatte zeigten ſich die gewaltigen, hocherregten Werbungen und Kämpfe zwiſchen den Republikanern und Demo⸗ kraten; den letzten Namen hatten diejenigen angenommen, die das Selbſtbeſtimmungsrecht der Einzelſtaaten in die äußerſten Folge⸗ rungen treiben wollten, vor denen die Staatseinheit nicht mehr be⸗ ſtehen konnte; das eigenkliche Ziel war zunächſt die Erhaltung der Sklaverei. Auf Seite der Republikaner dagegen vereinigte ſich Alles auf den Geiſt und den Namen Abraham Lincolns. Während der Tage, die man jetzt lebte, entſchied ſich die große Sache in der neuen Welt. Wie wartet nun Sonnenkamp auf die Entſcheidung dieſes Kampfes, dachte Erich vor ſich hin. Weidmann trat ein. Als Erich den Plan des Ehrengerichts darlegte, erklärte ſich Weidmann ſofort bereit; er ſehe zwar kein eigentlich feſtes Ergebniß voraus, aber es könnte ſich doch finden, jedenfalls würde man nähere Einſicht gewinnen und vielleicht die Stellung der Kinder beſtimmen. Kaum hatten Erich und Weidmann in Ruhe zu überlegen begonnen, als auch der Doctor erſchien. Er war bei einem Kranken in der Nähe geweſen. Als er von dem Ehrengerichte hörte und daß man ſeine Theil⸗ nahme vorausſetze, rief er: „Glaubt Ihr in der That, daß er ſich unſerm Urtheilsſpruch fügen wird? Er will nur andere Menſchen compromittiren. Er ſpielt mit Euch Allen und Sie, lieber Dournay, haben ſich genug für dieſen Mann eingeſetzt; ich rathe Ihnen, laſſen Sie es dabei bewenden. Sie wollen einen Mohren— nein, Sie wollen einen Mohrenhändler ſich weiß waſchen laſſen.“ Der Doctor hatte ſein weinfröhliches Lachen, als er dies Auerbach. Landhaus am Rhein. III. 11 ———— ausrief, und wenn man ihn lachen hörte, konnte man ſich nicht erwehren, auch mit zu lachen. „Der Burſche gefiele mir ganz gut,“ fuhr er fort,„er wäre ein geſunder Böſewicht wie in der alten Zeit. Die heutigen Böſe⸗ wichter genügen ſich aber nicht, wie eine elementare Naturmacht zu handeln, ſie wollen auch ein Attentat auf die Logik vollziehen. Wenn dieſer Herr Sonnenkamp ſich wirklich bekehren wollte, ſo wäre das die verächtlichſte Feigheit.“ „Feigheit?“ entgegnete Weidmann.„Wer kein gutes Gewiſſen hat, läßt ſich leicht werfen und hat keinen ausdauernden Muth; er kann tollkühn ſein, aber das iſt nicht Muth.“ „Hoho!“ warf der Doctor ein.„Habe ich Ihnen denn nicht ſchon geſagt, daß mir die ganze Aufgeregtheit zum Beſten der Neger zuwider iſt? Ich habe eine natürliche Abneigung gegen die Neger. Ich ſehe nicht ein, warum meine Vernunft eine ſolche phyſiologiſche Averſion als Voruttheil brandmarken ſoll. Ich wünſchte, wir hätten mehr natürliche Averſionen, die wir uns von der ſogenannten Bildung nicht rauben ließen. Wenn ich Fürſt wäre, ich hätte den Mann geadelt. Ich würde ihm ſagen: Guter Freund, nimm ein Bad, dann aber ſei luſtig! Am meiſten ärgert mich, daß Profeſſor Crutius dem Adel den Gefallen that, vorher ſeinen Artikel loszulaſſen. Konnte er nicht noch einen Tag warten? Sie mußten ihn bei ſich haben, die Adeligen, und dann dran würgen. Wäre das nicht luſtig?“ Der Doctor ſchien es darauf angelegt zu haben, der ganzen Sache ihre Schwerfälligkeit zu nehmen. Als er indeß abreiſte und Erich ſich zu ihm in den Wagen ſetzte und ſein Pferd hinten anbinden ließ, ſagte er: „Uebrigens bin ich bereit, und zwar um Ihres Glaubens willen. Sie glauben, daß durch eine einzige Willensanſtrengung eine Vergangenheit geſühnt werden kann; und Sie glauben ernſt⸗ lich, daß der Mann ſich bekehren will? Gut, Ihr Glaube ſoll mich, den Berg des Unglaubens, verſetzen. Wir wollen ſehen.“ Erich erzählte, daß er auf Wolfsgarten geweſen. Er ſah nur ſein eigenes Gefühl beſtätigt, wie der Doctor ihm ſagte, daß der Widerſpruch und das Unharmoniſche im Weſen Clodwigs und Bella's an einer Kriſis angekommen ſei. „Bella,“ ſagte er,„ſucht Betäubung, und während niedere Naturen ſich in Branntwein berauſchen, ſucht ſie ſich in Byron'ſcher —— Poeſie zu betäuben. Ich darf über Byron nicht ſprechen, ich war einmal zu ſehr begeiſtert von ihm, finde nun, daß dieſe Poeſie nicht Wein iſt, ſondern... Doch, wie geſagt, ich bin ein Ketzer, und zwar ein abtrünniger.“ Der Doctor wollte in alter Weiſe gegen Bella losziehen. Un⸗ willkürlich ſagte Erich, wie es ihm auffällig ſei, daß der Doctor ſo gehäſſig gegen Bella ſei, der er doch einmal eine Neigung zugewendet habe. „Bravo!“ rief der Doctor laut.„Allen Reſpect! Ich bewun⸗ dere dieſe Frau. Alſo ſie hat Ihnen geſagt, daß ich ihr einmal den Hof gemacht? Vortrefflich! Genial! Das ſollte bei Ihnen jede Bedeutung meines Urtheils vernichten. Wir Männer ſind doch Stümper! Soll ich Ihnen etwas betheuern? Nein. Glauben Sie, daß ich von einer Frau, die ich auch nur eine Minute ge⸗ liebt, oder an der ich auch nut eine Secunde Gefallen gefunden, je ſo ſprechen würde? Ich ſage Ihnen, dieſe Frau wird noch in der Welt von ſich reden machen. Wie— was? kann ich nicht ſagen, aber ſolch ein Erfindungsreichthum bringt es zu etwas.“ Erich war ſehr'mißgeſtimmt. Er hörte kaum, wie der Dyctor erzählte, daß Prancken mit ſeiner Hofſtellung, mit der Adelsſippe viel zu kämpfen habe, weil er ſich nicht von Sonnenkamp losſage. Als man im Thal angekommen war, nahm er von dem Doctor Abſchied, band ſein Pferd los und ritt nach der Villa zurück. Im Zimmer Sonnenkamps war noch Licht. Erich wurde heraufgerufen und berichtete, daß Alles bereitet werde. Sonnenkamp fragte angelegentlich nach dem Befinden Clod⸗ wigs, Bella erwähnte er gar nicht. Erich ging nach ſeinem Zimmer. Er ſtand lange am Fenſter und ſchaute hinaus in die Landſchaft. Das Naturwalten dauert fort in aller Menſchenwirrniß, und wohl dem Auge, das im Anſchauen deſſelben ſein Selbſt ver⸗ geſſen kann. Es war eine düſtere Nacht, über den Bergen ſtand eine ſchwarze Wolke weithin gebreitet, da zog ein heller Lichtſtreif am Bergesſaum herauf und ſtand zwiſchen den Bergen und der dunklen Wolke. Die Wolke wurde heller, der Mond kam herauf, die ſchwarze Wolke verſchlang ihn und nun glänzte das Licht zi beiden Seiten der Wolke, oben und unten, aber die Wolke B ———————————— W ——————.————— —— — 164— war noch dunkler als früher, rechts und links flatterten zerriſſene Wolken, bleigrau. Erich drückte die Augen zu und dachte in ſich hinein. In welche Wirrniſſe iſt er gerathen! Wie wird er Manna und ſich herausretten? Treibt Sonnenkamp nur ein neues Spiel? Als er wieder hinausſah, ſtand der Mond über der dunklen Wolke, die Landſchaft glänzte im Mondenlicht, das auf dem Strome zitterte. Und wieder nach einer Weile war der Mond von einer ſchwarzen Wolke ganz bedeckt. Erich ſtarrte lange vor ſich hin, und als er aufſchaute, war die Wolke verſchwunden; glatt wie kaum angehauchter Stahl war der Himmel und ruhig glänzte hoch oben die mildweiße Kugel. In ſich gefeſtigt wirkt die Natur fort nach ewigen Geſetzen. Muß ſich das nicht auch im Menſchenleben ſo geſtalten? Erich dachte zu Manna, und das Gedenken an ſie breitete ſanftes Licht über Alles, wie jetzt der Mond poch oben am Himmel die Erde mit Glanz füllte, Bechstes Capitel. Prancken kam zurück, er ſah angegriffen aus; Sonnenkamp drängte, er möge ihm ſagen, was vorgehe. Prancken legte zu⸗ erſt einen Brief vor, worin ihn das Hofmarſchallamt in vertrau⸗ licher Weiſe aufmerkſam machte, wie es unthunlich ſei, daß er als Kammerherr des Fürſten einem Mann angeſchloſſen bleibe, der nicht nur der Ehre verluſtig ſei, ſondern ſich auch gegen den Fürſten vergangen habe, ſo daß noch Verhandlungen darüber. ſtattfänden, ob man ihn nicht der Majeſtätsbeleidigung anklage. Sonnenkamp ſtieß ein eigenthümliches Lachen aus. „Der Herr Cabinetsrath wird das wol nicht zugeben,“ mur⸗ melte er. Er gab den Brief zurück und fragte, was denn der andere Brief enthalte. Der ſei noch entſchiedener, ſagte Prancken und überreichte ein Schreiben des militäriſchen Ehrengerichts, in welchem er unter Androhung des Ausſchluſſes aufgefordert wurde, jede Gemeinſchaft mit Sonnenkamp aufzugeben. . —————.—— S „Was wollen Sie thun?“ fragte Sonnenkamp.„Ich erkläre Sie frei.“ „Ich halte zu Ihnen,“ entgegnete Prancken. Sonnenkamp umarmte ihn. „Ich trotze Allen,“ rief Prancken.„Hier aber iſt noch ein Brief an Sie. Entſchuldigen Sie, daß ich ihn nicht zuerſt über⸗ eben.“ Es war ein Brief des Cabinetsraths. Das Schreiben, in ſehr höflichen Ausdrücken abgefaßt, enthielt den Rath, daß Herr Sonnenkamp auf einige Zeit verreiſen möge, bis man Gelegenheit gefunden habe, die Partei zu beſiegen, die darauf dringe, ihn als Majeſtätsbeleidiger vor Gericht zu ſtellen. „Wiſſen Sie, was der Brief enthält?“ fragte Sonnenkamp. „Allerdings. Der Herr Cabinetsrath wollte ihn mir offen geben.“ „Was rathen Sie mir?“ „Ich ſtimme ſeinem Wunſche bei.“ Ueber die Mienen Sonnenkamps zuckte ein Schreck, aber er wehrte ihn ab. „Alſo Sie ſind auch der Meinung?“ „Ja. Aber bevor Sie auf einige Zeit verreiſen, erlauben Sie mir, Ihnen ein Mittel anzugeben, wodurch Sie ſich ſelbſt und mir neue Ehre gewinnen.“ „Gibt es ſolch ein Mittel?“ „Ja. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, es gibt noch eine mächtige Partei, die wird unſer, und wir, oder vielmehr Sie, haben die Mittel, ſie zu gewinnen.“ Nun erklärte Prancken, daß er verſprochen, in den nächſten Tagen zu einer Verſammlung zu kommen, die der Adel der Kirchen⸗ provinz— die ſich ja weiter als die Grenzen des Landes erſtreckt— im Palais des Kirchenfürſten abhalte. Die Verſammlung ſei eine vertrauliche, man wolle Mittel und Wege berathen, durch Militär⸗ macht dem Papſte zu Hülfe zu kommen. „Sie wollen doch nicht in das päpſtliche Heer eintreten?“ fragte Sonnenkamp. „Ich würde es,“ entgegnete Prancken,„wenn ich nicht hier auf dem Poſten ſtehen müßte, wo mich die Pflicht der Ehre und die Pflicht der Liebe feſthält.“ „Schön... ſchön. Warum aber theilen Sie mir das mit? ——— ů 6 Ich bin ja nicht von Adel, ich gehöre nicht zu dieſer Verſamm— lung.“ „Sie gehören dazu und werden eine bevorzugte Stellung ein⸗ nehmen.“ „Ich gehöre dazu? Ich werde eine bevorzugte Stellung ein⸗ nehmen 2 „Ja. Ohne weitere Einleitung. Sie geben das Geld, um ein Regiment zu bilden; ich habe Bürgſchaft dafür, daß Sie nicht nur unangegriffen, ſondern mit Ehren daſtehen ſollen.“ Sonnenkamp rauchte langſam und blies Nullen in die Luft, die leicht zerfloſſen, dann ſagte er: „Alſo wenn ich das Geld gebe, kann ich hier in allen Ehren bleiben?“ „Es wäre beſſer, wenn Sie auf einige Zeit verreiſten.“ Durch die Mienen Sonnenkamps ging ein Frohlocken. Jetzt iſt's noch beſſer. Man will ihm einen Theil ſeines Beſitzthums nehmen und ihn noch dazu fortſchicken. Er ſah ſehr freundlich auf Prancken und rief: „Vortrefflich!“ „Alſo Sie ſtimmen bei?“ fragte Prancken. „Ganz vortrefflich!“ entgegnete Sonnenkamp.„Meiſterlich! Man verkauft Schwarze, kauft Weiße dafür, die Weißen werden Schneeweiße, werden ſogar Heilige!“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Kann wohl ſein. Ich freue mich nur, daß die Welt ſo vor⸗ trefflich eingerichtet iſt. Junger Freund! ſehen Sie denn nicht, daß Alles nur auf Schein und Trug hinausgeht? Sie glauben, Sie ſeien dort ins Intimſte eingeweiht, nicht wahr? Und man ſpielt auch mit Ihnen.“ „Vielleicht wo ich es am wenigſten erwarten dürfte,“ ſchaltete Prancken ein. Sonnenkamp legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: „Das hat nicht mein Freund Prancken geſprochen. Aber ich verzeihe ihm. Man iſt empfindlich, wenn man ſich täuſchen ließ. O, dieſe Geſellſchaft hat die Meiſter! Mein junger Freund! Ich glaube, man lehrt auf Univerſitäten das, was man Tugend nennt, in einem Syſtem, man hat ein Moralſyſtem; man ſollte doch auch einmal zeigen, wie Alles im Grunde geſtellt iſt. Wir wollen ein Laſterſyſtem ausarbeiten und dafür einen Lehrſtuhl an der Univerſität ————— —— — — 167— errichten. Tauſende von Zuhörern werden uns zuſtrömen, und wir allein können ihnen die Wahrheit ſagen, was wirklich Wahr⸗ heit iſt. Die Welt iſt prächtig! Man muß mich zum Profeſſor der Weltweisheit ernennen. Es wäre Zeit, daß die Moralſchminke einmal herunter geriſſen würde. Aber was hätten Ihre Freunde noch, lieber Herr von Prancken, wenn wir das Geheimniß öffent⸗ lich machten? Ich kenne bis jetzt nur noch Einen Menſchen, den ich mit in die Facultät aufnehme, leider iſt es eine Frau, aber wir müſſen auch über dieſes Vorurtheil hinaus.“ „Sie haben mir noch immer nicht geſagt, ob Sie auf den Plan eingehen...“ „Habe ich das noch nicht? Junger Vertrauensmann! Sie lönnen noch nicht Profeſſor werden. Ich möchte ein neues Rom gründen, wie einſt das alte gegründet wurde, aus lauter Vagabunden, aus einem Volk von Zuchthäuslern; das iſt das beſte Volk, ſind die eigentlich tüchtigen Menſchen.“ „Ich begreife nicht.“ „Sie haben Recht. Wir wollen recht brav, recht beſcheiden ſein, recht ſittlich und recht zärtlich. Junger Freund, ich werde mir auf andere Weiſe zu helfen ſuchen; die Mauſefalle da von Ihrem Domdechanten iſt in unſerm Zeitalter der complicirten Maſchinen viel zu primitiv. So wiſſen Sie denn ein für alle Mal, auf den in kirchlicher Salbe gebackenen Köder beiße ich nicht an. Iſt meine Eigenheit. Ich habe auch meine Eigenheit. Nicht wahr, Sie erlauben mir auch einige Eigenheit?“ Prancken wußte nicht, was das ſein ſollte; nur das fühlte er, daß dieſer Mann ſich hochmüthig gegen ihn benahm. Er richtete ſich ſtolz auf und ſagte: „Verehrter Herr Vater, ich bitte, jetzt nicht zu ſcherzen.“ „Scherzen?“ „Ja. Ich habe mich Ihnen angeſchloſſen in einer Treue... Doch, das wollte ich jetzt nicht ſagen. Ich muß nur bitten, daß Sie ſich dem Plane nicht entziehen. Wir haben Verpflichtungen, große Verpflichtungen...“ „Schön... ſehr ſchön,“ erwiderte Sonnenkamp.„Haben Sie ſchon überlegt, welche Uniform wir wählen? Werden wir ein Cavalleric⸗Regiment errichten oder Infanterie? Natürlich, Roland machen wir ſoſort zum Officier... Beſſer Cavallerie, er ſitzt gut zu Pferde. Sehen Sie... verehrter Schwärmer, ich habe auch — 168— Phantaſie. Wir reiten durch die Campagne, hei! das iſt luſtig! Und wir haben die beſten neuen Waffen... ich verſtehe etwas davon, habe viel nach Amerika geliefert, mehr als Ihr Alle wißt. Wie meinen Sie, wenn ich das ganze Regiment in Amerika anwerben würde?“ „Das wäre um ſo ſchöner.“ „Hahaha!“ lachte Sonnenkamp.„Morgentraum! Junger Freund! Man ſagt, Morgenträume ſeien die ſüßeſten... Vor⸗ bei! verflogen!“ Prancken begriff nicht, warum Sonnenkamp den Vorſchlag mit ſolchem Hohn zurückwies. Sonnenkamp mochte ahnen, was in Prancken vorging; er ging auf ihn zu und ſagte: „Ich habe nichts dagegen, daß Sie fromm ſind, oder auch fromm thun, das iſt mir gleich; aber, junger Freund, von meinem Gelde wird den Kutten nichts nachgeworfen. Manna möchte ein Kloſter errichten, Sie wollen ein Regiment werben, und dafür ſoll ich... Laſſen Sie uns nicht mehr davon reden. Seien Sie geſcheidt, betrügen Sie die ganze vornehme fromme Sippſchaft, die da glaubt, ſie ſei die geſcheidteſte. Junger Freund, Sie werden noch andrer Meinung werden.“ Sonnenkamp und Prancken ſaßen noch lange beiſammen; ſie waren ſo zutraulich und hatten doch Beide das Gefühl, daß ſie einander fremd waren. Denn das iſt und bleibt: es gibt nur eine Einheit im reinen Streben; das iſt die Liebe, die Alles bindet, die den geheimnißvollen Zuſammenhang der Kräfte her⸗ ſtellt. Wo das nicht iſt, iſt jeden Augenblick Zerfall und Auf⸗ löſung da; und die Auflöſung aller Verhältniſſe ſollte bald in dies Haus einbrechen. Noch ſtand Alles feſt, wie die Bäume in ihrem Grund, wie das Haus in ſeiner Fügung; aber Auf⸗ löſung, Zerfall und Zerbröckelung nahte ſtill. Siebentes Capitel. Dem Gebote der Wahrhaftigkeit folgend, hatte Manna ihre Liebe zu Erich im Kloſter bekannt, ſie war heimgekehrt ins elter⸗ liche Haus mit dem Entſchluſſe, nun auch dem Vater Alles offen * — 169— zu ſagen. Sie fragte nach Erich, er war nicht da. Raſch ent⸗ ſchloſſen ließ ſie ſich beim Vater melden. Bei ihrem Eintritt kam ihr Prancken freundlich entgegen; ihr Herz pochte, ſie war nicht darauf gefaßt, vor ihm und dem Vater zugleich ihre Liebe zu bekennen. „Die Reiſe hat Dir gut gethan, mein Kind, Du ſiehſt belebt aus,“ redete Sonnenkamp ſie an. Manna athmete freier, aber ſie konnte noch kein Wort her⸗ vorbringen. „Wie war es im Kloſter?“ fragte Sonnenkamp weiter. „Ich habe dort auf ewig Lebewohl geſagt.“ „Dank Dir, mein Kind, Dank! Du thuſt mir Gutes; das thut mir jetzt doppelt gut.“ „Herr von Prancken,“ begann Manna,„ich wollte meinem Vater eine Mittheilung machen...“ „Und da wünſchen Sie allein zu ſein?“ „Nein, nein... nun iſt es beſſer, daß Sie da ſind.“ „Gewiß,“ beſtätigte Sonnenkamp.„Du kannſt mir nichts zu ſagen haben, was nicht unſer Freund mit anhören darf. Setze Dich.“ Manna ſetzte ſich nicht, ſie hielt die Stuhllehne krampfhaft in der Hand und ſagte: „Herr von Prancken, ich wünſchte Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen, daß Sie ſo treu...“ „Das wirſt Du, das kannſt Du,“ unterbrach Sonnenkamp. „Gut, wir brauchen Freude, Heiterkeit; jetzt iſt Labung doppelt gut. Du biſt mein ſtarkes Mädchen... Reiche nun unſerem Freunde die Hand.“ „Ich reiche ſie ihm zum Abſchied.“ „Zum Abſchied?“ rief Sonnenkamp. „Ich bitte,“ fiel Manna ein.„Herr von Prancken, Sie ſind ein Mann, den ich ehre und hoch halte; Sie haben ſich meinem Vater treu erwieſen. So lange ich lebe, werde ich Sie ſchätzen und Ihnen Dankbarkeit weihen, aber...“ „Nun, aber?“ fragte Sonnenkamp. Manna antwortete nicht ihm, ſondern fuhr zu Prancken ge— wendet fort: „Ich bin Ihnen Wahrheit ſchuldig. Ihre Gattin kann ich nicht werden. Ich liebe Erich Dournay und er liebt mich. Wir ſind vereint und keine Macht der Erde und des Himmels kann uns trennen,“ b* „Du, mit dem Lehrer, mit dem Proteſtanten, dem Sentenzen⸗ krämer, dem Betrüger?“ „Vater,“ erwiderte Manna, ſich hoch aufrichtend, ein Helden⸗ muth leuchtete aus ihren Augen, der ſie größer und mächtiger erſcheinen ließ,„Vater, ein Lehrer und ein Proteſtant iſt Erich, das Andere ſpricht nur Dein Zorn.“ „Mein Zorn wird nicht mehr ſprechen, Du kennſt mich noch nicht. Ich ſetze mein Leben an dieſen „Das wirſt Du nicht, Vater.“ Sonnenkamp wendete ſich zu Prancken und ſagte: „Verlaſſen Sie uns, Herr von Prancken; laſſen Sie mich mit meiner Tochter allein!“ „Nein,“ erwiderte Prancken,„ich laſſe Sie nicht allein; ich habe ſie geliebt... ich habe ein Rcht „ „Hörſt Du, Manna, hörſt Du?“ unterbrach Sonnenkamp.„Und ſolch einen Edelmann willſt Du verſtoßen? Sieh, wie verkehrt Dein Sinn iſt. Sieh dieſen Mann... dieſen Mann verſtoßen! Manna, Du biſt ein kluges, ein gutes Kind, Du haſt eine große Seele, ich weiß... Reich' ihm die Hand, ich will gerne ſterben, will Alles thun, was die Welt will, nur erfülle dieſen meinen einzigen Wunſch.“ „Ich kann nicht, Vater.“ „Du kannſt und wirſt.“ „Glaube mir, Vater...“ „Dir glauben? Wer noch vor Kurzem ſo feſt ſagte: ich will Nonne werden, dem kann man nicht glauben, wenn er einen Vorſatz ändert. Du darſſt Dir nicht mehr vertrauen, Du mußt Dich lenken laſſen zu Deinem Beſten, zu dem Beſten hier, zu dieſem unſerm Freunde.“ „Vater, es ſchmerzt mich unſagbar, daß ich Dich und Herrn von Prancken ſo kränken muß.“ „Und dafür ſoll ich all dieſe Mühe und Noth, ſoll die alte Welt und die neue Welt durchkämpft haben... und aus beiden Welten ausgeſtoßen... Ich dulde es nicht!“ Prancken legte ihm die Hand auf die Schulter; die Drei ſtan⸗ den einander gegenüber, Keines redete ein Wort. Manna hielt ruhig den Blick ihres Vaters aus, und doch ahnte ſie nicht, was wieder in dieſem Blicke lag. ſtit großer Selbſtbeherrſchung ſagte Sonnenkamp: „Manna, ich zwinge Dich nicht; das aber verlange ich, daß Du dieſem Lehrer entſagſt.“ Manna horchte auf; es nahten ſich Schritte, es klopfte an; ohne eine Antwort abzuwarten, trat Erich ein. „Gut, daß Sie kommen,“ rief ihm Sonnenkamp entgegen. „Sie wiſſen, was Sie gethan an dieſem Kinde, an mir, an dieſem Manne... Nein, ich will ruhig ſein... Sie ſind in mein Haus eingetreten... Sie werden das Haus verlaſſen.“ „Ich werde das Haus verlaſſen.“ „Ich gehe mit!“ rief Manna. „Nein, Manna, bleibe Du bei Deinem Vater.“ „Du Monna ſchrie Sonnenkamp und wollte auf Crich los, aber Prancken fiel ihm in den Arm und ſagte: „Herr Sonnenkamp, wenn Jemand mit Herrn Dournay hier einen Ausgleich zu verlangen hat, ſo bin ich es zuerſt. Herr Dournay,“ fuhr er fort, gegen Erich gewendet,„ich habe Sie in dieſes Haus gebracht, Ihnen ausdrücklich geſagt, in welchem Verhältniſſe ich zur Tochter dieſes Hauſes ſtehe. Bisher hatte ich noch einen Grad von Achtung füt Sie„ Erich fuhr in die Höhe. „Sie beleidigen mich unter einem Schutze, den ich, wie Sie wiſſen, nicht verletze.“ Nicht ſo,“ entgegnete Prancken;„Sie wollen mir die Waffen entwinden. Ein Götterſchild deckt Sie, Ihr Leben ruht im Schutze von Fräulein Manna und macht Sie unverletzlich. Dies mein letztes Wort an Sie, ſo lange dieſe Lippen ſich noch be⸗ wegen.“ Mit zitternden Händen taſtete Prancken an ſich umher, dann zog er ein kleines Buch aus der Taſche und reichte es Manna; ſeine Stimme war bewegt, als er ſagte: „Fräulein Manna, das gaben Sie mir einſt, nehmen Sie es wieder; der Zweig liegt noch darin, er iſt kahl. Wie dieſer Zweig, vom Baume abgeriſſen, nie mehr ihm anwächſt, ſo bin ich ab⸗ geriſſen von Allem hier.“ Er übergab das Buch und ſchloß: „So, nun ſind wir auf ewig geſchieden.“ Er zog ruhig ſeine Handſchuhe an und knöpfte ſie zu, dann nahm er ſeinen Hut, machte eine Verbeugung und ging davon. —— ——— — 172 Manna faßte die Hand Eri nenkamp, der ſie gläſernen Blickes „Wartet Ihr noch au „Herr Sonnenkamp,“ ſchwer gerungen, bevor ich Ihnen hiermit, i Eigen nennen werde „Gut, gut; ich hatte ich geglaubt, Es iſt gut, es war „Ich bitte den Vater „Sie haben nichts zu verlaſſen das Haus. Noch iſt d „Vater!“ rief Manna. „Nenne mich nicht ſo!“ will von Dir das Wort nich „Vater! Vater!“ „Geh!... geh!“ Hand in Hand ve Sonnenkamp ſaß Neues hatte, was begann bitten allein, er ihn quälte ſo muthig; das war ſeine Tochter, ſein Und weiter gingen ſeine Gedanken. ſeinem eigenen Willen nach. Gut, Tage kommt, was er im Sinne hegt. nicht ſein Soh wie Erich doch geborgen. Vorbei! zurückbleiben. Iber Frau Ceres?. Kleidern ab, mit S man ſie einlullt. Er ging in den Garten Erde aufgehäuft war. Er an, er wühlte in der Erde er ihn nicht zu empfinden. „Nie mehr!“ rief er. Er ging na die Früchte abn „„ chmuck und ſchenkt ch dem Obſtgarten und ehmen. f meinen Se — geht! Oder gelte ich nichts mehr dieſer Liebe mich hin daß ich nie etwas von ich habe Kraft für kenne die Predigten Sie hielt ich keines meine letzte Täuſchung.“ Rolands und den Vater Manna's „ich nichts zu gewähren. Sie ies mein Haus!“ rief Sonnenkamp. t mehr hören.. freute ſich faſt, daß er etwas und mitten erhob ſich ein gewiſſer Stolz, wie da das Kin Das Kind verläß mag ſein.. . n werden konnte, iſt ſie i Aber Roland? Au „in das Treibhaus, zog wieder das ſackarti und roch an i Er riß das Gewand vom Leibe. „Kinderei! vorbei!“ Er gedachte der Tage, ——————————— —— — gen? Segen von mir? Geht daß Ihr ſo ſtarr bleibt?“ Erich,„ich habe lang und gab. Ich erkläre Ihrem Beſitzthum mein mich und Manna.“ Genug. An Sie Vertrauensbruches fähig. 7 „ „Geh! geh! Ich Geh!“ herrſchte Sonnenkamp. rließen Erich und Manna das Zimmer. N A aus ſeiner Qual d vor ihm ſtand unbeugſames Kind. t Dich, geht Wenn das zu Mag ſein. Da Prancken m Schutze eines Mannes ch er mag Pah! die ſpeiſt man mit hr ein Märchen, mit dem kühnes, i wo die ſchwarze ge graue Gewand hrem Duft, heute ſchien * großer Sorgfalt die dieſe Früchte half mit — 173— zeitigten; vom Frühling an, da Roland geneſen, der Fürſt ge⸗ kommen, die Badereiſe, die ſonnigen Tage bis jetzt, die thauigen Nächte... Still fragte er: Wenn wieder neue Früchte kommen, wo wirſt Du zu jener Zeit ſein? Wo? Vielleicht unter der Erde. Dann wühlſt Du nicht mehr in der ſchwarzen Gartenerde.. dann— Es iſt ein Hohn, daß wir ſterben müſſen, und ein doppelter, daß wir vom Sterben wiſſen. Wie verloren ſtarrte er drein; auf dieſer Stelle, wo ihm das jetzt durch den Sinn fuhr, hatte er ein Gleiches damals beim erſten Eintritte Erichs ausgeſprochen. Was ſoll das jetzt? Während er ſo dreinſtarrte, kam Roland daher. „Vater!“ rief er.„Wenn Erich das Haus verläßt, ſo gehe auch ich.“ „Gut, ſo gehe auch Du,“ ſagte Sonnenkamp, ohne aufzu⸗ ſchauen.„Warum bleibſt Du noch ſtehen? Geh! Ich halte Dich nicht.“ „Vater,“ ſagte Roland mit zitternder Stimme,„Du biſt jetzt...“ „Was bin ich? Willſt auch Du mich beſchützen, mich lenken? Ach, ich habe gute Kinder.. prächtige Kinder! Sie ſorgen für mich, ſie ſtützen mich, helfen mir.. Sieh her, Roland, ich kann noch allein gehen, ohne Stütze... Geh! geh mit Erich! geh mit Manna! Verlaßt mich Alle!“ „Vater! das willſt Du nicht, das wollen wir nicht! Ich habe nur eine einzige Bitte.“ „So.. Du haſt noch eine Bitte?“ „Ich bitte, Vater, Du haſt mir verſprochen, ein Großes zu thun. Ich höre, daß Du ein Gericht zuſammenrufſt, ich danke Dir. Aber Vater, verſtoße Erich nicht... Komm mit.. geh mit zu ihm.. Sage ihm, daß er bleibe, daß Du ihn gerne Sohn nennſt!“ Sonnenkamp lächelte. „Siehſt Du, Vater, ich weiß, Du nennſt ihn gerne Sohn, er muß Dir ja viel lieber ſein als Prancken. Wer kann ſich denn mit Erich vergleichen? Komm BVater! Er kann Dich ja nicht bitten, daß er bleiben darf... Komm Du zu ihm. Sei groß, Du kannſt groß ſein!“ Durch die Mienen Sonnenkamps gingen Strömungen ver⸗ ſchiedenſter Art. Mitten in dieſer Verwirrung hat ſich ihm das Herz ſeines Sohnes aufgethan, der Sohn wird dieſen Augenblick nie vergeſſen und das gewaltſame Spiel, das er noch zu ſielen hat, erſcheint als Nachgiebigkeit, als Güte. Ringt dieſer Idealiſt mit ihm um den Beſitz des Hauſes und der Kinder und wird zum Sieger? Iſt die Macht des Geiſtes, der Sittlichkeit doch noch größer die des Goldes und der Gewalt, ja der natürlichen Bande? Er triumphirte über ſein Schickſal, das ihm mitten in aller Verzweiflung und Verwirrung die Heuchelei zur Pflicht macht. Er gewährt ſeinem Sohne als Bitte, was eigentlich ſtill ſein eigener Wunſch iſt. Er kann und will jetzt Erich nicht fortſchicken, um ſeines Hauſes und der ganzen Uneung willen nicht. Und wenn etwas in ihm reift, was er ſich noch nicht voll eingeſteht, würde ja ſein Haus ganz ſtützenlos. Er faßte die Hand Rolands und ging mit ihm nach dem Hauſe. Erich begegnete ihnen; Sonnen⸗ kamp ſagte kurz, daß Alles vergeſſen und ausgelöſcht ſein ſolle. Als er noch bei Erich ſtand, meldete Joſeph den Notar; Sonnenkamp zog ſich mit demſelben zurück. Roland eilte zu Manna und zur Profeſſorin ins grüne Haus und war voll Glückſeligkeit, daß Alles wieder geſchlichtet und geebnet war. Achtes Capitel. Die Tage auf Villa Eden waren dumpf und ſchwül, man lebte noch mit einander, aber aller Zuſammenhang ſchien bereits gelöſt. Frau Ceres klagte, daß Prancken ſich nicht mehr ſehen laſſe. Als man ihr mittheilte, daß Manna die Braut Erichs ſei, ſagte ſie nur:„Er iſt ſchöner als Herr von Prancken.“ Sie ließ große Kiſten packen, aber im Geheimen, denn Sonnen— kamp hatte ihr geſagt, daß ſie bald abreiſen, zunächſt nach Italien, dann vielleicht wieder nach Amerika. Zwiſchen Sonnenkamp und Frich fand ein gemeſſenes Ver⸗ halten ſtatt; ſie ſprachen faſt nur von der Einrichtung des Ehren⸗ gei zu dem zwölf angeſehene Männer— darunter auch Fürſt Valerian, der Schwiegerſohn Weidmanns und der emu— bereit erklärt hatten. —————————,————— ——— it Eine neue Erquickung wurde Manna und Roland, da Profeſſor Einſiedel ankam und im grünen Hauſe wohnte. Einſiedel und die Mutter Erichs waren nun diejenigen, an denen ſich Alle erholten. Sonnenkamp hatte mit dem Notar ſein Teſtament aufgeſetzt und daſſelbe von den beiden Gehülfen des Notars als Zeugen unterzeichnen laſſen. Er ſchickte viele Briefe ab und las Tage lang in den Zeitungen. Der Tag des Ehrengerichts kam. Einer Einladung Weidmanns zufolge fuhr die Profeſſorin nach Mattenheim, Roland und Manna begleiteten ſie. Die zwölf Männer trafen ein. Zuerſt kam Weidmann mit dem Fürſten Valerian und Knopf, dann Clodwig mit dem Banquier, der Doctor mit dem Landrichter. Profeſſor Einſiedel ſtand beim Hundeſtall und unterhielt ſich an⸗ gelegentlich mit dem Kriſcher; er freute ſich ſehr an den guten Beobachtungen, die der Mann in der Hundezucht gemacht. Der Major kam in voller Uniform mit allen ſeinen Orden geſchmückt, und als er ſah, daß Clodwig im ſchlichten Bürger⸗ gewande ohne irgend eine Auszeichnung gekommen war, dachte er ärgerlich vor ſich hin: Sie hat doch wieder Recht gehabt, ich habe aber gemeint, zum Ehrengericht— nun, es ſchadet in keinem Fall. Sonnenkamp ließ ſagen, daß er Niemand vorher begrüßen wolle, er werde ſie erſt ſehen, wenn er zu Gericht vor ihnen erſcheine. Er ſah aber doch einen der Ankömmlinge; Lutz war der Vertraute, er führte Bella über die Glyeinen bewachſene Treppe durch das Sämereienzimmer bei Sonnenkamp ein. „Nur wenige Worte,“ rief Sonnenkamp ihr entgegen.„Weil ein Weſen wie Sie mit mir auf Erden lebt, darum will ich noch leben, darum will ich zeigen, was ein Mann iſt. Hier in dieſem Zimmer werde ich ſprechen.“ Er geleitete ſie durch das Sämereienzimmer wieder zurück; ſie wußte, daß die Thüre offen blieb. Bella ging voll Unruhe in der Villa umher, ſie ſah Lina, die mit ihrem Vater gekommen war, um Manna in dieſen ſchrecklichen Tagen Geſellſchaft zu leiſten, aber ſich nun gar nicht zu helfen wußte, da ſie hörte, wie Alles in dieſem Hauſe auseinander ge⸗ fahren ſei. Sie bat Bella, daß ſie mit ihr nach dem grünen — ˙ ůũů——————— — 176— Hauſe gehe, wo Claudine allein zurückgeblieben war. Bella aber lehnte ab. Lina ging zu Claudine und ward dieſer zum wirklichen Troſt, ja ſogar zur Freude. „Ach, ſagen Sie,“ fragte Lina,„ſind Neger und Mohren daſſelbe?“ „Allerdings.“ „Ach, ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie böſe ich auf die Mohren und Neger bin. Ich habe ja nichts dagegen, daß ſie frei werden, warum nicht? Aber ſie hätten das früher oder ſpäter werden können; warum denn jetzt? Warum müſſen ſie mir meine ſchöne Brautzeit wegnehmen? Niemand iſt zur Luſtbarkeit aufgelegt, Niemand ſpricht von etwas Anderem wegen der Neger. Man trägt jetzt auch Ketten und nennt ſie Chaines d'esclaves... Ach, ich habe Sie doch etwas fragen wollen— was war es doch nur— ja, jetzt weiß ich's. Sagen Sie mir, was macht man denn nun mit dem Teufel?“ „Warum denn mit dem Teufel?“ „Ja, wie ſoll man denn den Teufel abmalen, wenn er nicht mehr ſchwarz ſein ſoll?“ Claudine mußte von Herzen lachen; in dieſem eintönig düſteren Leben wurde man wieder daran erinnert, daß es noch Harm⸗ loſigkeit auf der Welt gibt. Sie willfahrte der Bitte Lina's, mit ihr nach der Burg zu gehen, auf der ſie bis zum Nachmittage verweilten und oft hinunterſchauten nach der Villa, wo„die Männer gar Abſonderliches vorhatten,“ wie Lina ſagte. Sonnenkamp ging zu ſeiner Frau; er glaubte, ihr ſagen zu müſſen, was vorgehe. Sie erinnerte ihn höhnend an ſein Ver⸗ ſprechen, wieder nach Amerika zurückzukehren; ſie wollte die Ent⸗ ſcheidung nicht von Fremden abhängig ſein laſſen. Er ließ Frau Ceres reden, denn Alles, was ſie ſprach, war ihm vollkommen gleichgültig. Er begab ſich in ſein Zimmer zurück, wo bereits die Stühle geſtellt waren, er ſtellte ſich ſeinen Stuhl mit einem Tiſche davor an die Thür, die nach dem Sämereienzimmer führte, dann zog er ſich zurück. Neuntes Capitel. Die Männer waren verſammelt; Erich klopfte nach Verab⸗ redung an die Thür, ſie ſchob ſich zurück und wieder vor, Son⸗ nenkamp trat ein, eine bläuliche Bläſſe lag auf ſeinem Antlitz. Er trat an den kleinen Tiſch, wo zwei Hölzer zum Schnitzeln und das Schnitzelmeſſer lagen; er ſtemmte die Hand auf den Tiſch und begann: „Geehrte Nachbarn!“ Er machte eine Pauſe, dann fuhr er fort: „Sie ſind auf meinen Anruf gekommen und ſchenken mir ein Stück aus Ihrem Leben, dieſe Stunden Ihr Denken und Em— pfinden. Ich erkenne dieſe Gabe. In der Prairie, im einſamen Blockhaus, rufen wir, um einen Menſchen abzuurtheilen, von dem wir Unbill erfahren, die Nachbarn meilenweit von den ein⸗ ſamen Gehöften herbei, den Wahrſpruch zu ſchöpfen und das Urtheil zu vollziehen... ſo habe auch ich hier gethan und ſo thun Sie hier. Sie ſollen Urtheil fällen, Sühne beſtimmen für ein Thun, das nicht in die Wagſchale eines Geſetzesparagraphen geworfen werden kann. Ich werde Ihnen unverhohlen meine Ver⸗ gangenheit darlegen. Es iſt mir eine Befreiung, da Sie das Aergſte bereits von mir wiſſen. Sie ſollen ſehen, wie ich von Kindheit an geworden, und dann urtheilen und beſtimmen Sie. Ich habe in meinem Leben nie Mitleid gefühlt, ſo bitte auch ich nicht um Mitleid, ich bitte um Gerechtigkeit.“ Mit müdem Ton hatte Sonnenkamp begonnen, ſein Blick war verfallen, bald aber wurde ſein Ton lebendiger, ſeine Mienen geſpannt, ſein Auge glänzend. „Ich erkläre alſo, daß ich mich der Sühne unterwerfe, die Sie beſtimmen. Nur Eines bitte ich. Ein Jeder von Ihnen ſchreibt ſein Gutachten, oder wie man es nennen mag, binnen ſieben Tagen nieder und übergibt es zu Handen des Herrn Haupt⸗ mann Doctor Dournay, der unter Beiziehung zweier Anderen das Siegel löſen wird. Ich trete nun einen Augenblick zurück, damit Sie unter ſich erklären, ob Sie in ſolcher Weiſe das Amt vollziehen und ſich einen Obmann wählen wollen.“ Er machte eine Verbeugung, es war etwas Theatraliſches Anerbach. Landhaus am Rhein. III. 12 —————— und doch dabei ernſt Gefaßtes in der Art, wie er ſprach und ſich nun ins Nebengemach wieder zurück begab. Die Verſammelten ſahen einander an, Niemand ſprach ein Wort, Aller Augen waren auf Clodwig gerichtet, von dem man zuerſt einen Ausſpruch erwartete. Ruhig und leiſe ſagte er: „Herr Weidmann wird wol die Güte haben, das Amt des Obmanns zu übernehmen. Wir bedürfen deſſen vor Allem zu⸗ nächſt zu unſerer Vorbereitung.“ Ohne Weiteres nahm Weibmann das Amt an und erklärte, daß er mit Abfaſſung eines ſchriftlichen Urtheils einverſtanden ſei. Auch die Anderen waren bereit, nur ſagte Profeſſor Einſiedel, ſchüchtern beginnend, aber dann immer zuverſichtlicher werdend, daß damit eine gemeinſame Beſprechung zur Klärung und Feſt⸗ ſtellung des eigenen Urtheils nicht ausgeſchloſſen ſein dürfte; denn wäre das, ſo würde die Gemeinſamkeit des Urtheils aufgelöſt und es wäre überflüſſig, daß man zuſammen hier ſitze; der Eine würde dies, der Andere jenes beſtimmen und Niemand könne bezeichnen, was vollzogen werden ſolle. Auch dieſe Beſtimmung wurde angenommen. Der Landrichter erklärte, daß er nur gekommen ſei, um viel⸗ leicht eine moraliſche Klärung bewirken zu helfen, denn eine andere könne es nicht geben. Herr Sonnenkamp ſei Ankläger, Angeklagter und Vertheidiger in einer Perſon, er werde Ver⸗ hältniſſe darſtellen, die in entfernten Landen vorgegangen und die man ihm glauben müſſe, denn man habe Niemand ihm ent⸗ gegenzuſtellen. Der Neger des Fürſten ſei vielleicht der Einzige, den man ihm hier gegenüberſtellen könne, ſchließlich aber habe man doch keinerlei Macht, um einen Urtheilsſpruch vollziehen zu laſſen. Man mußte die Bedenken des Landrichters anerkennen und einigte ſich dahin, daß nur eine moraliſche Klärung ſtattfinden könne. Der amerikaniſche Conſul legte dar, daß er allerdings die Verhältniſſe kenne, aber ebenfalls nur zur Abgabe eines ſittlichen Wahrſpruchs gekommen ſei. Erich wurde beauftragt, Sonnenkamp wieder in den Saal zu rufen. Als Erich in das Sämereienzimmer eintrat, glaubte er ein Kniſtern wie von einem ſeidenen Gewande vernommen zu haben. Weidman theilte Sonnenkamp den Beſchluß mit dem Zuſatze des Profeſſor Einſiedel mit. Sonnenkamp nickte einverſtändlich. ——————— — 179— „Bevor ich nun beginne,“ ſagte Sonnenkamp und faßte lächelnd einen der Pflöcke,„muß ich bitten, mir eine Gewohnheit zu gute zu halten, die ich leider nicht laſſen kann. Ich bin gewohnt, wenn ich allein in mir arbeite— und ich werde zu Ihnen ſprechen, als wäre ich mit mir allein zu rauchen oder zu ſchnitzeln, oftmals Beides zugleich. Ich kann mich beſſer in mir faſſen, wenn ich das auch jetzt thue.“ Er ſetzte ſich, machte an den vier Ecken des Pflockes einen tiefen Einſchnitt und begann: „Wenn ich Ihnen meine Jugend erzähle, ſo will ich damit nicht, was ich gethan, auf die Verhältniſſe, auf ein Verhängniß abwälzen. Ich bitte Sie, daß Jeder von Ihnen mich mit Fragen unterbreche, wo etwas unklar oder gegen meinen Willen verhüllt erſcheinen ſollte. Alſo: Ich bin der Sohn eines der reichſten Männer in Warſchau. Mein Vater hatte das größte continentale Geſchäft in Holz und Getreide. Er zog, als ich ſechs Jahr alt war, nach der großen deutſchen Stadt, denn einſtmals, als er einen Wald ausſtocken ließ, wurde mein älterer Bruder von einem Baum erſchlagen. Meine Mutter ſtarb bald darauf, ſie liegt neben meinem Bruder in dem Dorfe, das dem Wald am nächſten iſt, begraben. Ich hörte, daß ich eine Stiefmutter bekommen werde, es geſchah nicht. Mein Vater— ich ſpreche offen von ihm, wie von mir ſelbſt— mein Vater war der beliebteſte Mann, er aber liebte Niemand und nichts. Wer zu ihm kam, dem gab er beide Hände, war zuvorkommend, innig, ſchwärmeriſch; kaum aber hatte der Mann den Rücken gewendet, ſo ſprach er verächtlich von ihm und Jedermann. Er war Heuchler aus Liebhaberei; er war es ſogar gegen Bettler. An meines Vaters Tiſche ſaßen die höchſten Staatsbeamten, Künſtler und Gelehrte, ſie wollten gut eſſen und mußten dafür unſern Tiſch mit ihren Orden und Titeln decoriren. Wir gaben Geſellſchaften und hatten keinen Umgang. Bei großen Gaſtmahlen im Hauſe, wo die beſternten Männer und die Frauen mit ent⸗ blößtem Nacken ſaßen, wurde ich zum Deſſert hereingeführt, von Schooß zu Schooß gegeben, geherzt, geſchmeichelt; ich bekam Eis und Confitüren. In irgend einer Trödelbude muß ein Bild von mir ſein; ich bin da lebensgroß abgebildet mit gebrannten Locken und im Sammethabit. Der Hofmaler malte das Bild, aber es iſt ſpäter mit unſerem geſammten Hausrath verkauft worden. — 180— Verwandte hatte ich nicht. Ich erhielt einen Privatlehrer, mein Vater wollte mich nicht in eine öffentliche Schule ſchicken. Ich wuchs heran und war der Abgott meines Vaters; er küßte mich immer heftig, wenn er mich zu ſich kommen ließ. Mein Erzieher gab mir die Lehre, mich als Mittelpunkt aller Dinge zu betrachten und nichts nach den lieben Mitmenſchen zu fragen. Das half mir mehr als er ahnen konnte.“ „Ich möchte fragen,“ erhob ſich Fürſt Valerian,„war Ihr Vater ein Pole?“ „Nein, ein Deutſcher, wie meine Mutter eine Deutſche.“ Sonnenkamp hielt einen Augenblick inne, betrachtete die Ge⸗ ſellſchaft, ſeine Schnitzerei und fuhr in neuem Tone fort: „Das Beſte iſt, das ſogenannte Gewiſſen abſtumpfen; alle Menſchen thun es, nur die Einen ſtümperhafter als die Anderen. Die Welt iſt nichts als ein Zuſammenhang von Egoismen. Mit ſechzehn Jahren war ich bereits in den Händen von Wucherern. Ich war Erbe einer Million, das war damals mehr als heutigen Tages ſieben. Der Anwalt meines Vaters machte mit ihnen ab, und war das geſchehen, ſo erneuerte ich ihnen ihre Wechſel; es freute mich, ſo viel Credit zu haben. Ich war leichtfinnig und blieb es. Ich hatte keine Liebe, ja, ich hatte keine Achtung für meinen Vater, der— es muß mit Einem Wort geſagt ſein— der perfekteſte Heuchler war, der je die weiße Halsbinde des Anſtandes getragen hat. Mein Vater war aber ein ehrlicher Heuchler; Andere beheucheln ſich ſelbſt, ſchminken ſich mit Idealität und reden ſich ein, daß ihnen irgend etwas, was nicht Geld und Genuß iſt, wirklich ernſt und wahr wäre. Mein Vater war auch Philoſoph, er ſagte ſtets: Mein Sohn! Die Welt gehört dem, der ſie erobert, durch Kraft, durch Liſt; wer ſentimental zuſchaut, behält eben das Zuſehen. Die beiden Großmächte der Welt ſind Dummheit und Schlechtigkeit. Rechne ſtets auf dieſe und Du wirſt nie fehl gehen. Manchmal ſind Dummheit und Schlechtigkeit bei⸗ ſammen; dann verfallen ſie den Gerichten. Willſt Du gut durch die Welt kommen, ſo zeige bei den Dummen nie, daß Du geſcheidt, bei den Schlechten nie, daß Du gut ſein möchteſt oder zu ſein glaubſt.“ Sonnenkamp kratzte haſtig an dem Pflocke, den er in der Hand hielt; man hörte nichts als das Schaben des Meſſers, das jetzt die Spitze des Pflocks rundete. it „Nun ich das geſagt,“ begann er wieder,„kann ich ruhig fortfahren. Mit ſiebzehn Jahren war ich ein in alle vornehme Laſter eingeweihter Wüſtling. Ich war ein Taugenichts, aber vor⸗ nehm und reich und darum höchſt beliebt; dazu hatten mich Natur und Schickſal mit grauſamer Verſchwendung ausgeſtattet. Mein Vater bezahlte meine Spielſchulden und auch andere. Er ging mit mir ins Ballet und dort lieh er mir ſeinen ſchärferen Opern⸗ gucker, um die ſylphidenhafte Cortini zu echattn die, wie er wußte, mir nicht fremd war. Ja, wir waren luſtige Leute! Mein Vater wiederholte mir nur immer die Lehre: halte Dich nicht an Eine. Jeden Sonntag mußte ich heucheln und ſagen, daß ich in die Kirche gehe; aber mein Vater wußte und hatte ſeine geheime Luſt daran, daß ich ganz wo anders hinging. Unſere Equipage hielt allſonntäglich vor der Kirche, wo der frommſte und vor⸗ nehmſte Geiſtliche celebrirte, und je am zweiten Sonntag fuhren wir nicht, ſondern gingen; dann mußte auch unſer Kutſcher zur Kirche gehen. Unſere Livree mußte ſich fromm zeigen. Mein Vater war Proteſtant und ich war meiner Mutter zu liebe Katholik. Ich kenne alle Confeſſionen. Ich überlaſſe es Anderen, zu beurtheilen, in welcher Confeſſion die Heuchelei am beſten ausgebildet iſt. Nun fragte es ſich, was ich werden ſollte? Auf dem Comptoir zu arbeiten hatte ich keine Luſt. Ich hatte das Verlangen, Soldat zu werden, aber ich war nicht von Adel und wollte im Jockeyclub nicht blos geduldet und begnadigt werden. Ich ging nach Paris. Was die Welt an tollen Genüſſen bietet, habe ich zum Ueber⸗ maß genoſſen. Die Menſchen rühmen ſich ihrer Tugend, die meiſt nichts iſt als Schwäche ihrer Conſtitution; ſie machen aus der Noth eine Tugend. Als ich genug gebrauſt, holte mich mein Vater ab. Ich lebte daheim, und was ich von ſogenannter Tugend vor mir ſah, war nichts als Feigheit und die Furcht, daß man gering angeſehen werde. Tugendhaft ſein, iſt langweilig, tugendhaft ſcheinen, unterhaltend und nützlich zugleich. Alles, was man voll⸗ führen kann, ohne daß es geſehen und entdeckt wird, iſt erlaubt; Hauptſache iſt, daß man zur Geſellſchaft gehört... Ich ging oft aus glänzenden Geſellſchaften in elende Spelunken; das niedrige Laſter ſchien mir verehrungswürdig. Wir waren ſtolz darauf, recht verruchte Geſellen zu ſein. Das hatte einen poetiſchen Anſtrich. Man muß nur einen Dichter wie Byron finden, der außerordentlich, glänzend ſchildert, und Alles, was in niederen Sphären Laſter — — 182— iſt, wird vornehmes Abenteuer. Ich ſah es, die ganze Welt iſt in Anſtand maskirtes Laſter, und in Wahrheit iſt es gar kein Laſter, man nennt es nur ſo, man ſchreibt Gift auf die Flaſche, damit das gemeine Volk ſie nicht austrinke. Ich weiß nicht, war es Zufall, oder hatte man das geſchickt ſo angeordnet, ich wurde mit einem ſchönen Mädchen bekannt ge⸗ macht, friſch wie eine Roſe. Einundzwanzig Jahre alt ſollte ich ein ſolider Ehemann werden. Alles glückwünſchte mir, da ich, wie man es nennt, ausgerast hatte und ein reſpectabler Hausvater und Ehe⸗ mann ſein ſollte. Meine Braut ſchien ein ſchwärmeriſches Kind, und noch heute verſtehe ich nicht, wie ſie, wahrſcheinlich von ihrer Mutter dazu angeleitet, über meine Vergangenheit mit mir ſcherzte. Warum ich das Kind heiratete, weiß ich nicht. Wie ich zur Kirche fuhr, wie ich zurückkehrte, wie ich eine Hochzeitsreiſe machte, Alles das war mir geſchehen, als hätte es ein Anderer erlebt. Wir kehrten zurück und— die Sache iſt ſchon ſo lang, ich weiß nur noch, daß ich eine frühere Liebe des holden Kindes entdeckte. Mich kränkte nur, daß ich verlacht wurde. Ich verließ ſie, und noch während der anhängigen Scheidung ſtarb ſie und mit ihr ein zweites Leben. Nun war ich wieder frei... Frei! das heißt doch nur, in Paris ſein. Ich wollte mich im Genuß zu Grunde richten. Ich wollte mein Leben verſchwenden, und jeden Morgen wuchs mir ein neues. Ich verachtete das Leben und warf es doch nicht von mir. Was bietet das Leben? Ruhm oder Reichthum! Das Erſte konnte ich nicht verlangen, das Zweite ſtand mir frei. Mein Vater wollte mich knapp halten; ich ſpielte an der Börſe, gewann bedeutende Summen und verlor ſie wieder; ich hatte aber noch genug, um mich durch Hozardſpiel flott zu erhalten. Ich war in Marſeille in luſtiger Geſellſchaft, als ich den Tod meines Vaters erfuhr. Der größte Theil meines Erbes wurde von meinen Gläubigern an ſich geriſſen, und weil ich keine Heimats⸗ Erinnerungen haben wollte, ſchrieb ich dem Advocaten, daß er Alles verkaufen möge. Ein böſes Wort ging um nach dem Tode meines Vaters. Es hieß: Ein Gutes kann man ihm nachſagen, er war beſſer als ſein Sohn. Man ſagt, Gott und der Teufel ringen mit einander um die Herrſchaft der Welt. Ich habe von dieſen beiden Großmächten immer nur gehört, ſie haben ſich mir nie vorſtellen laſſen; aber ich wußte, zwei Dinge kämpfen mit einander: Arbeit und Lange⸗ — * 63 weile. Man betäubt ſich wie im Genuſſe, ſo in der Arbeit, im Faſtnachtsſpuke der ſogenannten Moral. Alles iſt eitel, hat jener weiſe König geſagt; es muß heißen: Alles iſt langweilig, öde, nichtig, ein endloſes Gähnen, das nur im Todesröcheln aufhört. Ich habe die ganze Sandwüſte der Langeweile durchlaufen; nichts hilft darüber hinaus, als Opium, Haſchiſch, Hazardſpiel und Abenteuer.“ Wieder hielt Sonnenkamp inne und, jetzt ſehr fein bohrend, ſagte er: „Sie ſehen mich wol ſtaunend an, daß ich Weisheit gebe? Sie iſt ebenſo unſchmackhaft, wie Ehre, Muſik, Freundſchaft, Ruhm— Alles ſchal. Die heutigen Götter, die kirchlichen, wie die weltlichen, ſagen: wir wiſſen, daß ihr uns nur heuchelt; aber daß ihr uns heucheln müßt, iſt doch noch ein Zeichen unſerer Herrſchaft. Und die ſogenannte Freude an der Natur, an Berg und Thal, an Waſſer und Wald, Sonnenglanz, Mondenſchein und Sternenblinken— was iſt's? Lauter Illuſion, ein Vorhang, um den Grabesmoder zu verhüllen. Was ſoll denn ein Menſch auf der Welt? Wiſſen, daß Millionen vor ihm gelebt, und nach den Sternen ſchauen? Stolz darauf ſein, daß das Alles ſich ab⸗ ſpielt, wie der Leiermann ſeine auf die Walze geſetzte Melodie, ſo heute, ſo geſtern, ſo morgen? Sie ſehen, ich hatte mich gut in meinen Byron eingeleht. Zum Unglück war ich weder ein Dichter, noch ein intereſſanter Seeräuber. Die Welt war mir zum Ekel. Mich tödten wollte ich nicht, ich wollte leben und Alles verachten. Mit Wahnwitz, wie um mich ſelbſt zu verhöhnen, ver⸗ ſpielte ich Alles, und jetzt kam das Luſtigſte. Es war eine naßkalte Nacht, aber es that mir wohl, ſo voll⸗ ſtändig gerupft über die Straße zu gehen. Da ging ich nun hin in dem Ameiſenhaufen der großen Stadt; mein Geld hatte ich verſpielt, meine Geliebte war mir untreu, und es war ein kluges, feines Männchen, das mir damals bei einer Flaſche Sect bewies, daß ich ein Capital beſäße, das ich nicht zu discontiren verſtände; ich ſei der geborne Diplomat. Ich verſtand die Weiſe des Lockvogels beim erſten Pfiff. Sollte ich Diplomat ſein, ſo ſpielte ich auch da. Neue Pferde, neue Diener, neue Geliebte, neue große Wohnung waren wieder mein; ich war attachirt, zu deutſch, ich war ein Spion. Ich hänge dem Worte kein moraliſches Mäntelchen um, und luſtig war das Leben. Endlich war es gefunden, jetzt hatte das Heucheln doch — 184— einen Zweck. Das Lob, das mir der Geſandte ſpendete, verdiente ich mehr als er wußte. Sie kennen das Inſtitut der Rückver⸗ ſicherung. Ich hinterbrachte dem Geſandten die ergiebigſten Nach⸗ richten und hatte dabei ein Nebengeſchäft mit dem Polizeiminiſter, dem ich hinterbrachte, was ich von den Machinationen des Ge⸗ ſandten erfuhr. Der Geſandte gab mir falſche Nachrichten, wir wußten das, aber aus den falſchen Nachrichten konnten wir her⸗ ausnehmen, was er in Wirklichkeit that. Und dieſer Geſandte— er konnte ſehr gut ſtiliſirte Gutachten und Denkſchriften abfaſſen— gab ſich als Weiſer, als höhere Natur, und ließ ſich die Bruſt mit Orden ſchmücken aus meinen Kundſchaftereien, aus meinen Beſtechungen, aus meinen Depeſchen⸗Diebſtählen. Dürfte man das vielleicht nicht etwa— ich weiß nicht, ob ich mich diplomatiſch ausdrücke— in annähernder Weiſe Brutalität nennen?“ Er hielt an, feſſelte ſeinen Blick auf Clodwig und wartete bis dieſer aufſchaute, dann fuhr er fort: „Pfui! über einen Mann, der ſich einen Menſchen zum Sklaven hält, der einen Menſchen zum Sklaven macht! Aber Ehre, Excellenz, Ehre auf Sie, der Sie einen Menſchen zum Spion, zum Dieb, zum Verräther machen! O die Welt iſt gar ſchön!“ Sonnenkamp machte eine Pauſe; er ſah frei über die Ver⸗ ſammelten hin und ſchien einen Anruf zu erwarten. Da keiner ſich kundgab, fuhr er mit ruhigem Tone fort: „Es kam ein Tag, wo ich entfliehen mußte.“ Der Landrichter erhob ſich und fragte: „Wollen Sie uns nicht ſagen, warum Sie entfliehen mußten?“ „Einfach wegen eines Duells. Ich hatte die Wahl, auf fünf Päſſe mit verſchiedenen Namen zu reiſen. Ich wollte vorerſt ver⸗ borgen leben, und man verbirgt ſich am Beſten, wenn man unter die ſogenannten ehrlichen Leute geht. In Nizza wurde ich Gärtner. Alle meine Sinne waren ſtumpf; ich erſchien mir wie todt, als wäre ich mit meinen Gedanken nur noch der Begleiter meiner Leiche; da kam ich zu dem Gärtner. Der Geruch der feuchten Erde war das ſeit langer Zeit Erſte, was mir wohl that, mich fühlen ließ, daß ich lebe. Es kräftigte mich. Die Maskerade gefiel mir; ich hatte guten Schlaf, guten Appetit. Die Tochter des Gärtners wollte mich heiraten. Ich hatte wiederum Grund, zu entfliehen. Ich hatte mir ein gut Stück Geld bei Seite gelegt, jetzt grub ich es aus. In Neapel begann ich ein neues luſtiges — ——— Leben. Ich geſtehe, ich war ſtolz darauf, allerlei Wandlung mit mir vorzunehmen; ich war wieder flott, bei Geſundheit und guter Laune. Ich habe leichtes Blut und geſelliges Talent; die Welt war mein. Wohin ich kam, hatte ich Freunde— wie lange ſie meine Freunde waren? So lange ich Geld hatte. Das war mir gleichgültig. Ich verlangte keine Treue, ich gab keine. Ich hatte einen Körper von Stahl, ein Herz von Marmor und un⸗ erſchütterliche Nerven, ich kannte keine Krankheit und kein Mitleid. Ich habe manchen Reiz des Lebens empfunden...“ Er machte eine Pauſe; es war das einzige Mal, doß er während ſeiner ganzen Rede lächelte. Dann fuhr er fort:. „Ein ſeltſamer Zug von Sentimentalität verließ mich aber doch nicht. Es war in Neapel. Wir fuhren in luſtiger bunter Geſellſchaft ins Meer hinaus und ich war der Luſtigſte von Allen. Wer kann ſagen, was in einem Menſchen vorgeht? Dort unter dem heiteren Himmel Italiens, mit lachenden, ſingenden, ſcher⸗ zenden Männern und Frauen, zog mir wieder durch den Sinn: Was haſt Du auf dem Feſtlande? Nichts. Doch ja... Eines; das Grab Deiner Mutter. Und aus dem lachenden, übermüthigen Italien reiſte ich ohne Aufenthalt durch die Länder, ſah nichts, immer weiter und weiter ging's nach dem traurigen, ſchmutzigen Polen. Ich kam in dem Dorfe an, das ich ſeit meinem ſechsten Jahre nicht geſehen. Und ſo iſt der Menſch— nein, ſo bin ich. Ich wollte mir den Schmerz nicht auferlegen, das Grab meiner Mutter zu ſehen; ich ſchaute über den Zaun des Kirchhofs, aber ich ging nicht hinein und reiſte zurück, ohne das Grab geſehen zu haben. So bin ich, ſo gut, oder ſo ſchlecht; ich glaube, es iſt Beides daſſelbe. Ich reiſte durch Griechenland, durch Egypten, ich war in Algier, ich that Alles, um meine Lebenskraft zu zer⸗ ſtören; es gelang nicht. Ich habe eine eiſerne, unzerſtörbare Natur. Ich war in England, im Lande der Reſpectabilität. Mag ſein, daß ich einen beſonderen Blick habe, ich ſah überall nichts als Maske, Heuchelei, Convenienz. Von dort ſchiffte ich mich nach Amerika ein. S Sie werden lachen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich mich den Mormonen anſchließen wollte, und doch iſt's ſo. Dieſe Leute haben den Muth und die Ehrlichkeit, die Vielweiberei zum Geſetz zu machen, während ſie in der ganzen übrigen Welt unter der — 186— Maske der Lüge beſteht. Aber ich taugte nicht unter die Ge⸗ ſellſchaft. So war ich bald wieder in Newyork, und da fand ich die Hochſchule und den Olymp der Spieler; Stümper ſind die Lebemänner von Paris und London gegen die Yankees. Es war ſchon damals Mode, daß man über die ſüdlichen Junker loszog, aber ich habe unter ihnen wahrhaft herviſche Naturen ge⸗ funden, von dem Stoff, aus dem ſich das erobernde Rom aufbaute. Nur wer in Amerika war, kennt das, was ſich Menſch nennt, in Wirklichkeit; da iſt Alles rückſichtslos, ungebunden— nur in der Religion heucheln ſie, das gehört zur Reſpectabilität.“ Profeſſor Einſiedel erhob ſich; Sonnenkamp wendete ſich an ihn, ob er eine Frage zu ſtellen habe. Der Profeſſor verneinte, und Sonnenkamp fuhr fort: „Meine fünf Päſſe waren noch immer gut; ich hieß hier Graf Gronau. Die Amerikaner lieben es, mit Adligen zu verkehren. Nach einer tollen Nacht erſchoß ich einen Mann, der mich belei⸗ digt hatte, auf offener Straße; ich entfloh und lebte eine Zeit lang mit den Pferdedieben in Arkanſas. Es war ein luſtiges Leben, abenteuerlich wie kein anderes. Der Menſch wird da zum Raubthier, und mein Körper hielt das Ungeheuerlichſte aus. Ich verließ auch dieſe Genoſſenſchaft und wurde Matroſe auf einem Schiff, das auf den Wallfiſchfang auszog. Ich hatte in Algier Löwen und Leoparden geſchoſſen, jetzt war ich auf der Jagd nach dem König des Meeres. Die ganze Welt iſt doch nur dazu da, daß man ſie einfange und niederwerfe. Ich gewann bald Gewandtheit genug, um die Stelle als Steuer⸗ mann zu erlangen, und da war es, daß ich geworben wurde. Das Letzte fehlte mir noch: Jagd auf Menſchen. Es war zuerſt ein Jagdabenteuer, neu aufregend, anziehend. Wir haben Menſchen eingefangen und Menſchen eingehandelt; Muth und Liſt waren in. Thätigkeit und das Handwerk behagte mir. Viel Gefahr, viel Geld. Auf Cuba war der Hauptſtapelplatz für unſere ſchwarze Waare. Wir legten dem Generalſecretair Säcke mit Dublonen vor die Thür; das war das Zeichen, daß eine Ladung Neger an der Küſte beim Landen war. Wir hatten unſre Buchten, wo wir landeten, wir mußten die Neger meilenweit ins Land hineintreiben, um ſie dann wieder herauszuholen. Wir führten meiſt Knaben ein, keine älteren Männer. Ja, ich bin Sklavenhändler geweſen; man nannte mich den Seeadler, denn der Seeadler hat die feinſte Witterung. Es ——— Ri — 181— war ein kühner und ſchöner Spaß. Ich habe auch den Häuptling geraubt, der mir ſeine Unterthanen verkaufte. Dieſe ſchwarzen ſprechenden Thiere haben von den ſogenannten Mitmenſchen das, was ſie vielleicht— ich ſage vielleicht— gleichſtellt; ſie können heucheln, wie die weißhäutigen Menſchen. RNach der erſten Raſerei that der Häuptling ſehr ergeben; aber eines Tages war ich mit meiner Ladung von einem engliſchen Schiff verfolgt. Ich hatte geglaubt, daß wir gefangen werden. Es geſchah nicht. Aber in der Beſorgniß, gefangen zu werden, hatte ich unſere ganze Ladung über Bord geworfen. Das gab Futter für die Haifiſche. Sie er⸗ warten vielleicht eine Beſchönigung, eine Rechtfertigung meiner Handlungsweiſe? Es war einfach mein Recht.“ Eine Bewegung entſtand unter den Zuhörern; Sonnenkamp achtete nicht darauf und fuhr mit gewaltiger Stimme fort: „Hier iſt der Finger, den der Häuptling mir abbeißen wollte; Sie wiſſen, wie er in dieſen Tagen erſchien. Von damals an ging ich nicht mehr zur See, ich ließ das Geſchäft durch Andere aus⸗ führen, endlich gab ich es ganz auf. Ich hatte große Pflanzungen, und das Kind des Steuermanns, der auf dem Wallfiſchfang ge⸗ ſtorben war, hatte ich mir erzogen und heiratete es. Mir behagte ſolch ein halbſchlafendes, in allem Denken kindiſch lallendes, oder eigentlich gedankenloſes Weſen. Ich wußte damals noch nicht, daß es große, herviſche, welterobernde Frauenſeelen gibt.“ Dieſe letzten Worte ſprach Sonnenkamp ſehr laut. Er machte eine kurze Pauſe, dann fuhr er fort: „Ich lebte ſtill und ruhig, als vom Norden her die wahn⸗ witzige Partei ſich breit machte, die die Sklaverei aufheben will. Vor Allem drängten ſich meine deutſchen Landsleute als groß⸗ müthige Menſchenfreunde vor. Da trat ich heraus in öffentlicher Schrift und bekannte mich als Deutſchen, um zu ſagen, daß nicht Alle den Humanitätsſchreiern gleichen. Ich zeigte, daß es Wahnwitz iſt, die Sklaven befreien zu wollen. Die humanen Menſchen wollen mit Wohlthätigkeit helfen, aber mit Wohlthätig⸗ keit heilt man nicht das Elend der Welt. Die Werke der Barm⸗ herzigkeit, wie ſie da ſind, ſind eitel Quackſalbereien; die einzig dauernde, wirkliche Wohlthat für die niederen Menſchen iſt die Sklaverei. Nichts Anderes ſein wollen, als was ſie ſind, vom Herrn verſorgt werden, das iſt das Beſte... für die Schwarzen gewiß, für die Weißen vielleicht nicht minder. Herr Weidmann .— — F— — —— — —.————— ——————— — 188— weiß, daß es vor Allem ſein Neffe iſt, der mein erbittertſter Feind war. In den Südſtaaten war ich und die mit mir der Adel; wir ſind die Privilegirten; es gibt privilegirte Stämme und in den Stämmen privilegirte Naturen. Die einzigen nach meiner Art ehrlichen Menſchen, die ich kennen lernte, ſind mir die Barone der Südſtaaten, ſonſt war überall nur Heuchelei; es mißfiel mir zwar, daß auch ſie ihre Sache mit Religion zudecken wollten, aber es war doch ein luſtiger Spaß, daß die Geiſtlichen ſich bereitwillig zum Zu⸗ decken hergaben. Bald lernte ich aber auch dieſe ſüdlichen Junker gering achten, ſie halten Sklaven und ſehen doch den, der Sklaven einführt und damit handelt, geringſchätzig an. Das iſt noch ein Reſt aus der alten Heuchelei der Tugendherrſchaft. Warum die natürliche, offene, unbarmherzige Herrſchaft verleugnen? Warum bekennt man ſich nicht offen zu dem, was man doch im Stillen thut? Weil die engliſchen Lordsanbeter die Sklavenhändler unter die Kategorie der Seeräuber ſtellen? Die freien Männer des Südens ſind ſelbſt Sklaven eines Her⸗ kommens. Nun kam es auch über mich. Da ich einen Sohn hatte, er⸗ wachte in mir eine Sehnſucht, die ich nicht beſiegen konnte. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß mir in früher Jugend oft durch den Sinn ging: wäre ich ein Adliger, wäre ich mit meinem Muth und meiner Kraft ins Militär eingetreten, ich wäre vielleicht ein ſogenannter ehrbarer Menſch geworden, eine Zeit lang leichtſinnig, dann aber mein Gut bewirthſchaftend, den Ehrenſtamm meiner Familie fortpflanzend. Es iſt ein Widerſpruch, ich weiß es, daß ich die Welt verachte und doch nach Ehre ſtrebte. Das ſtammte aus einem Jugendeindruck. Die einzige Sicherheit, daß Einem die Welt zulächelt, gibt Adel und Genie, ſonſt kommt man nicht über Mittelmäßigkeit und Duldung hinaus. Ich ſehe in der neuen Welt den Kampf kommen; Muth und Kraft iſt auf unſerer Seite; ein Gemetzel ohne Gleichen wird kommen, aber wir werden ſiegen. Die Südſtaaten wollen Uyab⸗ hängigkeit, und ich habe in Europa für unſere Sache gewirkt. Wir lebten in England, in Italien, in der Schweiz. Eine Weile dachte ich daran, ein ſogenannter freier Bürger der Schweiz zu werden. Aber ich haßte die Schweiz; ſie duldet, daß der Fremde frei ſei; will er aber ein Bürger des Staates werden, darf er kein freier Mann mehr ſein, er muß ſich betheiligen an all dem kleinen Getriebe. Wer nicht Geld verdienen und nicht fromm ſein will— Beides läßt ſich aber ſehr gut vereinen— der taugt nicht in die Schweiz; da iſt kein Hof, kein Adel, keine freie Ge⸗ ſellſchaft, ſie haben nur drei Dinge: Kirche, Schule und Hoſpital — alle drei ſind mir gleichgültig. Ich wollte auch nicht ſtündlich unerreichbare Höhen vor Augen haben, das drückt nieder; darum iſt es hier am Rhein ſo traulich und heimiſch. Für den freien Menſchen iſt und bleibt Deutſchland das ein⸗ zige Land. Da zahlt man ſeine Steuer und iſt fertig. Ich kehrte nach Deutſchland zurück, weil ich ein Leben geſellſchaftlichen Glanzes für mich und meinen Sohn erobern wollte. Die Achtung der Umgebung, der Mitmenſchen, iſt ein ſchöner Luxus, vielleicht der ſchönſte; ich wollte ihn haben. Dazu klang es in mir beſtändig wie eine Melodie: ein Landhaus am Rhein... Das zog durch meine Kindheit, durch mein Mannesleben, das iſt der ſentimentale Zug meines Lebens, und der richtet mich zu Grunde. Wenn ich mir die ganze Welt beſchaut und mich fragte, wo lebt es ſich am glücklichſten, dann mußte ich mir geſtehen: das größte Vergnügen iſt ein reicher Baron eines kleinen deutſchen Landes zu ſein, da hat man ein Leben voll Genuß ohne Fflicht, alle Ehren im kleinſten Kreiſe und alle Freude dazu. Ich habe mit Rothhäuten gezecht und gerauft und meine Kopfhaut war mehr als Einmal in Gefahr, zum Schmuck eines Indianers zu werden; ich wollte es nun auch mit den Rothkragen und ihrem Häuptling verſuchen. Ich wollte nicht von der Welt gehen, bis auch das Hofleben mein geworden. Ich hatte mir eine Idylle ge⸗ träumt, und nicht umſonſt nannte ich mein Haus Villa Eden. Hier wollte ich ſtill, mir ſelbſt genügend leben, mit meinen Pflan⸗ zen, wie meine Pflanzen ſelbſt; aber es riß mich doch wieder hinaus in die Welt durch den Gedanken an meine Kinder. Sie wiſſen ja, daß ich mich adeln laſſen wollte. So. Nun bin ich eigentlich zu Ende. Aber—“ Er machte eine Pauſe, und betrachtete das, was er geſchnitzt hatte, es war ein Negerkopf, der die Zunge aus dem Munde ſtreckte. Mit einem ſcharfen Schnitt löſte Sonnenkamp plötzlich Zunge und Mund ab, daß ſie ihm auf den Schooß fielen, dann fuhr er, die verſtümmelte Figur in der Hand haltend, fort: „Ich habe mich und die Meinigen in die Obhut der Civiliſation — 190— geſtellt, habe mich nicht in die Wildniß, ich habe mich in die ſogenannte Bildung geflüchtet. Ehrlich geſtanden, ich bereue nicht. Ich bin kein Schwächling. Meine Seele iſt im Feuer ge⸗ ſtählt. Ich verbarg meine Vergangenheit nicht, weil ich ſie für ſchlecht hielt. Was iſt denn ſchlecht in dieſer Welt? Ich verbarg mich vor dem Unverſtand und der Weichlichkeit. Tauſende bereuen, ohne ſich zu beſſern; ich bereute nicht und wollte mich auch nicht beſſern. Wäre ich Soldat in einem glücklichen Kriege geweſen, vielleicht wäre ich ein Held. Ich bin ein Mann ohne Aberglaube, ich habe auch nicht den Aberglauben der ſogenannten Humanität. Ich lebe und ſterbe der Ueberzeugung, daß die ſogenannte Rechts⸗ gleichheit ein Märchen iſt; die Neger befreien, das thut nimmer und nimmer gut, ſie werden ausgerottet, wenn es je dahin käme, daß ein Neger im Weißen Hauſe zu Waſhington ſäße. Die Welt iſt voll Heuchelei, mein einziger Stolz iſt jetzt, kein Heuchler mehr Nun aber, hat Einer von Ihnen mich noch etwas zu fragen, was ihm unklar? Ich bin bereit, zu antworten.“ Er machte eine Pauſe. Niemand antwortete. „Nun denn,“ ſo ſchloß er,„ich bin zu Ende, ich habe meine Lebensanſichten nicht geändert, ich ändere ſie nicht; ich habe vffen erklärt, wie ich denke. Ich bin nicht anders als Viele, ich be⸗ kenne nur offen, was ich bin. Um meiner Kinder willen bin ich bereit, das, was man öffentliche Meinung, was man Humanität nennt, zu beruhigen. Ich will ein ehrbares Leben führen, an Ihnen iſt es, zu finden, wie es ſein ſoll. Man hat mir den Adel verweigert, ich hätte bewieſen, wie ich mich füge— ich ſage, füge, denn ändern will ich mich nicht. Nur noch Eins. Ich kann beweiſen, daß nicht die Hälfte meines Gutes vom ſogenannten Mitmenſchen, vom Neger, ſtammt. Und nun, meine Nachbarn, befinden Sie, entſcheiden Sie. Sie erfreuen ſich eines makelloſen, geordneten Lebenswandels, erfüllen Sie Ihre Pflicht, Ihre Liebe an einem ungeordneten, mit einem Makel behafteten Manne. Ich warte die beſtimmten Tage auf Ihren Wahrſpruch.“ Er zog ſich zurück und ließ die Männer allein. ———————— 1— Zehntes Capitel. Wer die Mienen der Richter und den Wechſel des Ausdrucks hätte faſſen können, während Sonnenkamp i Jetzt, als er ſich zurückgezogen, ſaßen Alle ſtumm beiſammen. Was wollte der Mann? Iſt das Alles Spott und Hohn, oder erwartet er in der That ein Mittel der Sühne? Klar und feſt ſchaute Weidmann drein, ſein helles blaues Auge war ruhig, er ſchien von nichts überraſcht. Der Major kämpfte mit ſich, er gedachte ſeiner verlaſſenen Jugend und ſchlug ſich oft mit der geballten Fauſt ans Herz, indem er in ſich hineindachte: Ja, wer weiß, ob Du nicht auch ſo hätteſt werden können. Und in der Rührung über ſich und dem Schmerz über den Mann der ſo keck ſprach, überwältigte es ihn. Er wollte die Thränen zurückhalten, aber es gelang ihm nicht. Er wiſchte ſich mit einem Tuche den Schweiß vom Geſicht und ward dabei auch der Thränen habhaft. Hätte er ſeinem Verlangen folgen dürfen, er wäre dem Manne nachgeeilt, hätte ihn umarmt und ihm zugerufen: Bruder, Bruder, Du warſt ein ſehr ſchlechter Bruder. Nein, nein, Du biſt ein Prahler, ein Großthuer mit Schlechtigkeit; Du biſt aber nicht ſchlecht, und warſt Du es auch, Du haſt doch ein gutes Herz und wirſt brav, ich... ich bürge für Dich. Er wagte es nicht, feinem Herzensdrange nachzugeben. Er ſchaute um, ob Niemand zu ſprechen beginne; Profeſſor Einſiedel ſah ihn treuherzig an und der Major nickte, wie wenn er ſagen wollte: Ja, in all Deinen Büchern haſt Du doch nichts ſo ge⸗ funden. Es iſt ein Grauſen, was der Menſch Alles denken und thun kann; aber glaub' mir, er iſt gar nicht ſo ſchlecht, wie er ſich machen will... Der Doctor wagte zuerſt laut zu Clodwig zu ſagen: „Wir haben uns zu einer Komödie mißbrauchen laſſen. Einen leidenſchaftlichen Verbrecher kann man vielleicht bekehren, einen Se und abgehärteten nie.“ „Und bei allem Verabſcheuungswürdigen,“ erwiderte Clodwig, „dieſe Kraft, die Heuchelei der Welt ſo bloßzulegen.“ Der Gaumen ſchien ihm vertrocknet. „Wir Deutſche,“ rief der Doctor luſtig,„bleiben doch immer —— 192 und ewig Schulmeiſter. Will dieſer hart geſottene Böſewicht noch „ lehren, daß ſeine Bosheit eitel Weisheit und Logik ſei, und putzt ſeinen Cynismus höhniſch mit Ideen auf!“ „Das Eril,“ begann Profeſſor Einſiedel,„wäre das Einzige, das wir, wie die Alten, über den ausſprechen könnten, der alle Güter der Bildungswelt entweihte und beleidigte; aber es gibt kein Land mehr, wohin wir den Verbannten ſchicken, damit er, aller Cultureroberung entkleidet, ſein Daſein verbüße.“ „Jede Strafe, die wir über ihn verhängen,“ ſagte Fürſt Volerian,„iſt eine Beſtrafung ſeiner Kinder.“ „Dieſer Herr Sonnenkamp,“ ſagte Clodwig mit bebender Lippe,„iſt in all ſeiner Verruchtheit doch leider eine Ausgeburt unſerer Zeit. Die ganze heutige Menſchheit hat ein böſes Ge⸗ wiſſen, ſie iſt uneinig mit ſich, bekennt ſich nicht in Wahrheit zu ihren Ueberzeugungen.“ Wieder trat eine längere Pauſe ein. „Ich bitte,“ rief Weidmann,„daß wir von heut in ſieben Tagen uns zur Eröffnung der abgegebenen Urtheile hier wieder verſammeln, dann werden wir offen beſchließen.“ Mit ſtockender Stimme bat der Major die Freunde, noch nicht auseinander zu gehen, man habe ja noch nichts Rechtes ausgemacht und er wiſſe ſich nicht zu helfen. Er hätte eigentlich gern gefragt, ob er Fräulein Milch zu Rathe ziehen dürfe, denn das wußte er, ſie würde ihm helfen; aber bei einem Ehrengerichte darf man ja nur für ſich allein urtheilen. Der ſchwere Kopf des Majors wankte hin und her. Die Verſammelten ſchienen der Pein entfliehen zu wollen, und Weidmann rief: „Ich erkläre die Verſammlung für geſchloſſen.“ Alle erhoben ſich, wie wenn ſie aus einer Gefangenſchaft, aus einer verpeſteten Luft befreit werden müßten; ſie wären ger ins Freie gegangen, aber es regnete beſtändig und in den Garten⸗ wegen bildeten ſich kleine Bäche und Pfützen. Man ging nach einem großen Saal. Clodwig bat den Doctor, daß er mit ihm nach Wolfsgarten reiſe, er fühle ſich unwohl; aber eben als der Doctor mit ihm in den Wagen ſteigen wollte, wurde er zu Frau Ceres gerufen. Joſeph kam bald wieder und brachte die Nachricht, daß der Doctor die Kranke nicht verlaſſen könne; er müſſe bei Frau Ceres * ———————— bleiben, die in einem Anfall von Raſerei den Papagei erwürgt und Alles, was im Zimmer war, zerſchmettert hatte. Es wurde ihr zur Ader gelaſſen, das Blut floß dunkel, aber ſie ward ruhiger. Obgleich man Sonnenkamp von dem Unwohlſein ſeiner Frau benachrichtigte, verließ er dennoch das Zimmer nicht. Der Doctor ließ Clodwig nochmals ſagen, er möge hier bleiben, da es fort und fort in ſchweren Güſſen regnete; aber Clodwig beſtand darauf, heim zu kehren. Er bat den Banquier mit nach Wolfsgarten zu reiſen, dieſer war ſofort bereit, er wollte nur voraus nach dem Städtchen fahren, um dort ein Telegramm an ſein Haus aufzugeben, daß man ihn bis auf weitere Nachricht nicht erwarten ſolle. Bella hatte ſich inzwiſchen nach dem grünen Hauſe begeben und war dort ſehr liebreich gegen Claudine und Lina, ließ es aber nicht an ſcharfen Worten fehlen, daß die Profeſſorin und Manna ſich egoiſtiſch zurückgezogen hätten, während im Hauſe der ſchwere Austrag ſtattfinden ſollte. Als ein Diener kam und meldete, Clodwig wolle ſofort zu⸗ rückreiſen, rief ſie, heftig mit dem Fuße aufſtampfend: „Ich will nicht!“ Dann aber ſetzte ſie hinzu: „Er ſoll mit dem Wagen hieher kommen.“ Der Wagen fuhr vor, Clodwig ſtieg nicht aus und Bella ſetzte ſich zu ihm; er ſaß fröſtelnd in einer Ecke. „Warum fragſt Du nicht, wie es mir geht?“ ſagte er mit leiſer, bebender Stimme. 1 Bella antwortete nicht; es kämpfte etwas in ihr, plötzlich aber rief ſie: „Schmach über Euch Alle! Was ſeid Ihr dieſem Manne gegen⸗ über? Da iſt einmal etwas Gewaltiges in dieſer Charpie zupfen⸗ den humanitären Genoſſenſchaft. Ihr ſeid alle Schwachköpfe, Feiglinge!“ „Frau, Du treibſt ein ſchlimmes Spiel mit dem Böſen. Ver⸗ dirb Dich nicht noch mehr.“ „Mich verderben? Ich fahre ja mit Dir heim heim.. Du haſt ja zu befehlen... Was willſt Du denn noch mehr? Sprich kein Wort... kein Wort, oder ich kümmere mich nichts um den ſtrömenden Regen. Ich ſpringe aus dem Wagen, ich laufe in die Welt, ich weiß nicht wohin; nur nicht mehr gefangen Auerbach. Landhaus am Rhein. IlIl. 13 —————— — — — — 194— will ich ſein, nicht mehr gebannt in Eure erbärmliche, topfaus⸗ grabende, ſchönredneriſche, humanitätsgeſchminkte Welt!“ „Frau, was ſprichſt Du? Iſt denn gut und ſchlecht...“ „Pah! ſchlecht und gut, das ſind die Krücken, auf die Ihr Euch ſtützt, weil Ihr keinen Halt in Euch ſelbſt habt. Stark und feſt muß ein Mann ſein! Nur nicht weich, nur nicht ſentimental, nur nicht hinter Eure thränenſelige Humanität verſteckt. Und ein Jude und ein Atheiſt wie dieſer Herr Dournay ſitzt über einen ſolchen Mann zu Gericht.“ „Ich begreife Dich nicht,“ ſchaltete Clodwig ein, aber ohne darauf zu antworten, fuhr Bella fort:„Er hat Euch zu viel Ehre angethan, als er zu Euch gehören wollte. Ihr fürchtet Euch Alle vor Jean Jacques Rouſſeau, vor dem Gleichheitsnarren. Euer ganzes Daſein iſt eine Trivialität! Noch einmal wird ſich zeigen, ob die Welt im Gleichheitsbrei erſaufen, voder ob es noch Höhen geben ſoll. Ueber's Meer müßtet Ihr ziehen, jetzt kommt die letzte Ent⸗ ſcheidungsſchlacht; aber Ihr ſeid nichts als aufgeputzter Parade⸗Adel. Die Südſtaaten ſtehen auf und wenn ſie fallen, dann gibt es keine Ariſtokratie mehr, dann laßt Euch Alle nur unter der Gleichheitsſcheere ſcheeren. Warum zieht ihr Humanitätsheilige nicht übers Meer und befreit Euren ſchwarzen Bruder? Ruf' doch den Kutſcher herein, Deinen Menſchenbruder! Laß ihn nicht im Regen draußen, er ſoll ſich zu uns in den Wagen ſetzen. Oder ſoll ich ihn für Dich rufen?“ Sie faßte die Schnur; der Kutſcher hielt an; ſie ließ Clodwig peinoll harren, dann rief ſie: ahr nur zu, es iſt nichts.“ Sie wendete den Kopf unruhevoll hin und her, ihr Auge rollte wild, und knirſchend rief ſie laut: „Ich weiß nicht mehr, was ich thue.. Verflucht ſei... Sie hielt plötzlich inne. In dieſem Augenblicke klirrte etwas in ihrem Munde, ſie legte die Hand an den Mund. Was iſt das? Sie nimmt es heraus. In ihrer knirſchenden Wuth hatte ſie ſich einen Vorderzahn ausgebiſſen, der ſchon lange ſehr dünn und behutſam zu behandeln war. Sie krampfte die Hand, in der ſie den Zahn hielt und preßte den Mund zuſammen. Daß ihr das geſchehen mußte! Schnell ſchoß es ihr durch den Sinn: ſie kann nun nicht mehr auf die Leute losziehen, die falſche Zähne haben.. Indeſſen... Niemand wird glauben, daß ſie, Bella, einen falſchen Zahn hat. — 195— Im Städtchen traf man den Banquier wartend. Bella ſtieg aus, ſie hielt ein Tuch vor den Mund und dumpf tönte durch daſſelbe, wie ſie den Banquier bat, ihren Mann zu begleiten, und wie ſie einem Diener ſagte, daß er bei ihr bleibe. Sie eilte nach der Eiſenbahn. Auf dem Bahnhof war ſie ver⸗ legen und that das Tuch nicht vom Munde ab, ſie ſagte dem Diener, daß er Billets nach der Feſtungsſtadt nehme. Dann ſaß ſie ſtill in einer Ecke des Warteſaals und hatte den Schleier doppelt über das Geſicht gebreitet. Sie fuhr nach der Feſtungsſtadt. Niemand ſoll wiſſen, daß ſie ſich einen falſchen Zahn einſetzen läßt, Niemand ſoll ſie je mit einer Zahnlücke geſehen haben.— Clodwig fuhr heimwärts, er wiſchte ſich oft die Augen ab, als müßte er einen ſich immer wieder ausbreitenden Schleier weg⸗ wiſchen. Er war vor Allem in ſeinem Stolz beleidigt; er, Clodwig, wurde verhöhnt, und von wem? Von ſeiner Frau.— Sie hat mich. nicht eine Minute geliebt, das empfand er als einen Stich in ſeinem Herzen, und dieſer Stich wich nie mehr, denn was er in der Seele empfand, äußerte ſich zugleich körperlich. Wer mißt hier die Wechſelwirkung aus? Der Regen hatte aufgehört, aber Clodwig erſchien Alles im Nebel, trüb. Er kam auf Wolfsgarten an, alle Zimmer erſchienen ihm voll Rauch, voll Nebel. Er ſetzte ſich in ſeinen Stuhl. „Ich bin einſam.. einſam,“ ſagte er vor ſich hin. Der Banquier redete ihm mit milden Worten zu, aber Clod⸗ wig ſchüttelte den Kopf. Die Worte Bella's hatten ihn ins Herz getroffen, tödtlich verwundet. Man zog Clodwig den Rock aus, er ſah lange auf den Rock und nickte wehmüthig lächelnd. Ahnte er, daß er ihn nie mehr anziehen wird?... Als Bella am frühen Morgen heimkehrte und an das Bett Clodwigs trat, ſah er ſie mit geiſterhaften Mienen an. „Meduſa! Meduſa!“ ſchrie er. Er wußte nicht, daß er es gerufen, er fiel zurück in die Kiſſen. Man brachte ihn wieder zum Leben. Stunden der höchſten Pein waren es, bis der Doctor kam. Er ſagte, Clodwig ſei ſchwer krank, die Verhandlung habe ihn übermäßig angegriffen, die Heimfahrt durch den Regen—„und vielleicht noch etwas Anderes,“ ſetzte er gegen Bella hinzu, die ihn ſtarr mit unbe⸗ wegten Mienen anſchaute. Clodwig hatte, ſobald er wieder zum Bewußtſein gekommen, nach Erich verlangt. Man ſandte ihm einen Boten. Bella ſchickte nach ihrem Bruder; Niemand wußte genau, wo er war. „Ich bin allein,“ ſagte auch ſie. Sie erſchrak, da ſie das geſagt hatte, denn ſie fühlte, daß ſie in der That bald allein ſein würde. Elftes Capitel. Es war ſchwer geweſen, Prancken zu finden. Nie ging ein Mann äußerlich feſter und innerlich gebrochener dahin als Prancken, da er Villa Eden verließ. Es war mehr als gute Form, es war eine ſichere Gewöhnung, die ihn aufrecht erhielt. Prancken hätte es ſchwer getragen, aber er hätte ſich doch darein gefunden, wenn Manna ihn um des Kloſters willen ver⸗ ſtoßen. Aber ihn um eines Andern willen verſtoßen, ihn, Otto von Prancken!... Er war tief empört. Er war verſchmäht, wo er wirklich liebte. Kann Otto von Prancken Liebe widmen und ſie wird nicht erwidert? Wenn das Mädchen den Schleier nahm und die Welt verwarf, ſo verwarf ſie ihn damit, denn er war ja auch in der Welt; aber verſchmäht, abgewieſen um eines Andern willen— Er fühlte vorerſt nur ſeine beleidigte Würde, ſeine verſchmähte Liebe, denn er liebte Manna; mit ihr vereint, natürlich auch mit ihrem Gelde, wollte er brav ſein und ſich nur noch an ſchönen Pferden freuen. Alſo das iſt der Tugend Lohn? So lohnen die Himmliſchen die guten Vorſätze? Prancken fürchtete ſich vor ſeinen rebelliſchen Gedanken und bereute ſie ſofort. Hin und her, bald demüthig, bald empört ſchwankten ſeine Gedanken. Zum erſten Mol in ſeinem Leben erſchien er ſich als verkannte, mißhandelte Tugend, vor Allem aber als der beleidigte, edle Anſtand, als die mit Undank belohnte Treue. Was hatte er ———— nicht Alles dieſem Hauſe geopfert! Und nun? Vor ſeinen Ge⸗ danken war es wie ein ſchwarzer gedrängter Leichenzug; was am Wege ſteht, darf ſich nicht durchdrängen, muß warten, bis Alles vorüber iſt. Er ritt dahin wie ausgeſtoßen aus der Welt. Wohin ſoll er ſich wenden? Soll Otto von Prancken einem Menſchen klagen, vor einem Andern hülflos erſcheinen? Er lachte laut auf, da er ſich erinnerte, daß er, in Voraus⸗ ſicht der Millionen, die ihm werden mußten, bedeutende Schulden gemacht. Was nun? Unwillkürlich wendete er ſich noch einmal und ſah nach Villa Eden zurück. Es bedurfte nur einer Zeile, nur einer kurzen Zuſammenkunft, ja, wenn er zurückritt, wenn er dies Eine Sonnenkamp darlegte, er reitet dann mit Hunderttauſenden den Weg dahin. Aber nein, das darf er nicht. Er ritt des Weges weiter, er kam am Landhauſe des Herrn von Endlich vorüber. Da droben wohnte die junge Wittwe— ſollte er hinaufgehen? Er wußte, ſein Liebesantrag wird nicht verſchmäht. Nein, jetzt noch nicht. Und doch hielt er an und ſtieg ab. Er fragte nach der gnädigen Frau; es hieß, ſie ſei mit ihrem Bruder nach Italien gereiſt. Er wollte zu Bella und Clodwig— nein, auch das nicht. Er hatte ſie nicht zu Rathe gezogen, da er im Widerſpruch mit der ganzen Welt ſich Sonnenkamp angeſchloſſen; ſollte er jetzt ſich von Clodwig bemitleiden und mit Weisheit abſpeiſen laſſen? Er drehte das Pferd und ritt ſtromauf, er kam wieder an Villa Eden vorüber; ſein Pferd wollte in das Thor einbiegen, er ſpornte und peitſchte es, daß es vorüberging. Er ritt nach dem Pfarrhauſe und ließ Fräulein Perini rufen. Zuerſt fragte er, ob ſie noch ferner im Hauſe bleiben wolle. Fräulein Perini ſah ihn groß an und erklärte, daß ſie ſich hoffentlich nicht in ihm geirrt habe, er werde doch nicht den Dournay's Alles überlaſſen; ihr Vater ſei um weit Geringeres im Duell gefallen. Der Pfarrer fiel ein: „Edler junger Freund! Nein, nicht das. Was ſoll dies kleine Duell in einem Waldwinkel, und daß Sie einen Menſchen nach —. — 198— den Geſetzen des Zweikämpfes tödten? Ihr Söhne des Adels müßt unter dem Banner des Papſtes das große Duell mit der Revolution wagen. Auch um Euretwillen. Dort wird der große Kampf zwiſchen ewigem Geſetz und tagesflüchtiger Selbſtvergötterung ausgekämpft und der Sieg iſt Euer wie unſer.“ Prancken lächelte in ſich hinein, aber er ſprach nicht aus, wie ſeltſam es ihm vorkam, da der Pfarrer nun erklärte: bevor man gewußt, woher das Geld ſtammt, hätte man von demſelben für heilige Zwecke annehmen können, jetzt aber nicht mehr. Prancken ſah dem Pfarrer lächelnd ins Antlitz. Wußte der Pfarrer die Herkunft des Geldes nicht früher auch? Er hatte auf den Lippen, ihm zu ſagen: Es iſt ſehr freundlich und klug, nun man nichts mehr bekommen kann, zu thun, als ob man es ab⸗ gelehnt hätte. Aber warum ſoll er ſich die einzige Partei verbittern, die noch feſt an ihm hielt? Er wollte nicht minder klug ſein, und ſagte, er habe ſich von Sonnenkamp getrennt, weil dieſer ſich geweigert, ſeiner Forderung gemäß den Haupttheil des Vermögens einer frommen Stiftung zu widmen. Er konnte das mit Fug und Recht ſagen, denn er hatte es gewollt. Das war es, was er feſthalten wollte; die Ablehnung Manna's verſchwand dadurch und ſein un⸗ nachgiebiges Feſthalten an Sonnenkamp erhielt eine gewiſſe Weihe. Der Pfarrer erinnerte Prancken, daß heute die Verſammlung ſei; er werde dort erwartet. Prancken verabſchiedete ſich. Fräulein Perini kehrte ſtolz lächelnd in die Villa zurück. Selt⸗ ſame Menſchen, dieſe Deutſchen! Sie ihrerſeits wollte ſich nicht mit leerer Hand verdrängen laſſen. Prancken ritt dahin. Er kam an der Villa vorüber, die dem Cabinetsrath gehört hatte. Ah, die waren klug, ſprach es in ihm, die haben ſich den Beute⸗Antheil geſichert vor der Entſchei⸗ dung. Warum warſt Du ſo einfältig, zart und vertrauend? Auf dem Bahnhofe ſtellte er ſein Pferd ab und fuhr nach der Biſchofsſtadt; er wird ja erwartet. Aber wie ſoll er unter die Genoſſen treten? Er kam glücklicherweiſe, als die Verſamm⸗ lung bereits zu Ende war. Im Palais des Kirchenfürſten wurde er ehrenvoll bewillkommt, und im raſchen Entſchluſſe traf er hier eine Entſcheidung. Hier auch traf ihn die Botſchaft von Bella. — 199— Er kam nach Wolfsgarten. Der Erſte, der ihm begegnete, war der Banquier. Prancken ſah den Mann hochmüthig an, hatte aber gute Form genug, ein freundliches Wort an ihn zu wenden. Er kam zu Bella, die ihm kurz von der Krankheit Clodwigs berichtete.. Prancken verhielt ſich ſchweigſam. Es war jetzt nicht Zeit, das, was vorgefallen war, und ſeinen Entſchluß kund zu geben. Auch als Bella ihn fragte, warum er ſo verſtört ausſehe, mochte er nicht antworten. „Warum warſt Du nicht bei der Verſammlung? Kommſt Du von Villa Eden? Wie ſieht es dort aus?“ fragte Bella. „Ich weiß nichts,“ entgegnete Prancken endlich.— Ja, wie ſah es aus auf Villa Eden? Zwölftes Capitel. Sonnenkamp ſaß allein. Er hatte die verſammelten Männer nicht mehr geſprochen, wie er ihnen vor der Verhandlung hatte ſagen laſſen. Anfangs ſaß er mit einem gewiſſen Selbſtgefühl, ja mit einem Siegesmuthe in ſeiner Stube, als wäre er ein Held, der nach einer glorreichen Schlacht die Waffen abgelegt und in ſeinem Zelte ausruht. Jetzt überkam ihn eine andere Empfindung. Wie ein Kniſtern, ein leiſes, kaum hörbares Nagen, wie das Züngeln einer Flamme im Gebälke, die immer weiter frißt und im Stoffe, den ſie findet, ſich vergrößert, ſolch ein leiſes Kniſtern und Züngeln glaubte er in ſeiner Einſamkeit zu hören. Er hatte ch getäuſcht und doch wußte er, es brennt ein Funke geräuſchios fort, er faßt den Boden des Zimmers, er leckt hinan zu den Wänden, die Stühle brennen, die Schränke, die Bilder, fratzenhaft verzerren ſich die gemalten Geſichter auf der Leinwand und werden zur Flamme, und die Flamme ſtrebt weiter, dringt in alle Gemächer, faßt endlich das Dach und das ganze Haus und ſchlägt zum Himmel auf. Da klopft es an. Gewiß kommt Bella und erklärt, warum ————— ſie geflohen war, als er in das Sämereienzimmer kam. Er öffnete raſch, aber nicht Bella, ſondern Weidmann trat ein. „Haben Sie mich noch etwas im Geheimen zu fragen?“ herrſchte ihn Sonnenkamp an. „Ich habe nur eine Bitte an Sie.“ „Eine Bitte? Sie?“ „Ja. Laſſen Sie mir Ihren Sohn.. „Meinen Sohn?“ „Wollen Sie mich gefälligſt meinen Satz endigen laſſen.— Geben Sie mir Ihren Sohn in mein Haus auf Tage, Wochen, Monate, ſo lange es Ihnen beliebt; nur laſſen Sie den Jüng⸗ ling für einige Zeit in eine andere Sphäre verſetzen, worin er wieder gedeihen kann. Er bedarf jetzt einer energiſchen und be⸗ freienden Thätigkeit. Er hat Luſt und Trieb, auf Andere zu ſchauen und nicht auf ſich. Das wird ihm helfen und ich möchte ihm darin weiter helfen. Da Ihr Sohn nicht Soldat werden ſoll, iſt es ihm vielleicht gut, die Landwirthſchaft kennen zu lernen.“ „Iſt das ein Plan, den Sie mit Herrn Dournay verabredet haben?“ „Ja, es iſt ſein Wunſch und ich finde ihn angemeſſen.“ „So?“ ſagte Sonnenkamp.„Wußte auch vielleicht ſchon Ro⸗ land ſelbſt von dieſem Wunſche und von ſeiner Angemeſſenheit, als er heute mit der Profeſſorin abreiſte?“ „Nein. Wenn Sie ablehnen, weiß Niemand davon, als Sie, Herr Dournay und ich.“ „Habe ich denn geſagt, daß ich ablehne? Sie werden noch einen Beweis bekommen, wie ſehr ich Ihnen vertraue; ich habe Sie zu einem Vollſtrecker meines Teſtaments gemacht.“ „Ich bin viel älter als Sie.“ Sonnenkamp antwortete nicht auf dieſen Einwand und Weid⸗ mann fuhr fort: „Was beſchließen Sie auf meine Bitte wegen Ihres Sohnes?“ „Wenn er bei Ihnen bleiben will, ſo hat er meine Ein⸗ willigung.“ Der Wagen, der Roland, die Profeſſorin und Manna zurückbrachte fuhr bald in den Hof ein. Weidmann begrüßte die Profeſſorin herzlich; er hatte ſie vor Zeiten gekannt, die einſt ſo blühende Schönheit ſah er jetzt zum erſten Mal als Matrone. — Als man noch im grünen Hauſe beiſammen ſaß, kam ein reitender Bote von Clodwig, der Erich zu ihm rief. Weidmann erneuerte nun den Vorſchlag, daß Roland nach Mattenheim überſiedle; es wurde Roland von allen Seiten zuge⸗ ſprochen und er erklärte, daß es t keines Zuſpruches bedürfe. Er willigte ein und ſo fuhr er uinnann Fürſt Valerian und Knopf davon.— Ein Wirbelwind ſtürmte durch den Park; er riß die letzten Blätter ab, hob die abgefallenen vom Boden, trieb ſie durch ein⸗ ander, und umſtürmte das Haus, und ein Wirbelwind ſchien alle die Einwohner von Villa Eden auseinander zu reißen. Roland war fort, Prancken zeigte ſich nicht mehr, Manna wohnte bei der Profeſſorin im grünen Hauſe, Erich war davon geritten. Sonnen⸗ kamp und Frau Ceres waren allein in der Villa. Da kam Fräu⸗ lein Perini und meldete Sonnenkamp, daß ſeine Frau ihn augen⸗ blicklich zu ſprechen wünſche; es ſei ein Zuſtand eingetreten, den ſie nicht mehr zu bewältigen verſtehe. Sonnenkamp eilte nach dem Zimmer der Frau Ceres; ſie war nicht da. Die Kammerfrau ſagte, ſie ſei, ſobald Fräulein Perini weggegangen war, durch das Haus in den Park geeilt. Man ſuchte, man rief ſie, man fand ſie endlich am Ufer ſitzend, im Wetter⸗Sturm, mit ihrem Diadem auf dem Haupte, dicke Perlen⸗ reihen auf dem nackten Halſe, am Arme große Spangen und ein Gürtel von grünen Steinen um den Leib; das glitzerte und ſchimmerte. Sie ſah Sonnenkamp mit einem fremden Lächeln an, dann ſagte ſie: „Du haſt mich ſchön geſchmückt, reich beſchenkt.“ Sie ſchien größer zu werden, ſie ſtand auf und warf die ſchwarzen Locken zurück. „Sieh, hier iſt der Dolch, ich wollte mich mit ihm tödten, aber ich ſchleudre ihn von mir.“ Der Griff von Edelſteinen und Perlen blinkte durch die Luft, ſtürzte in den Strom und verſank. „Was thuſt Du? Was iſt das?“ „Du kehrſt mit mir zurück,“ rief ſie,„oder ich ſtürze mich hier in den Strom und nehme ein Stück Deines Reichthums mit, dieſen Schmuck.“ „Du biſt ein betrogenes Kind,“ höhnte Sonnenkamp.„Du glaubſt, daß das der echte Schmuck ſei? Ich habe Dir, dem einfältigen Kinde, immer nur den nachgeahmten gegeben; den echten, ganz genau mit demſelben Kaſten, in derſelben Faſſung, habe ich bei mir im diebesſichern Schrank.“ „So? Du biſt klug,“ erwiderte Frau Ceres. in wildes Kind, biſt nicht wahnſinnig.“ „Nein, ich bin's ni enn es nicht kommt. Ich bleibe bei Dir, ich verlaſſe Dich keine Minute mehr. O, ich kenne Dich— o, ich kenne Dich, Du willſt mich verlaſſen.“ Sonnenkamp ſchauderte. Was iſt das? Wie kommt das einfältige Weſen dazu, ihm einen noch ſchlummernden Gedanken wach zu rufen und aus der Seele zu nehmen? Er ſprach die begütigendſten Worte zu Frau Ceres, er brachte ſie in das Haus zurück und küßte ſie, ſie wurde ruhiger. Feſt ſtand es in ihm, er macht ſich frei. Es gab nur noch Eines zu gewinnen, dann fort in die weite Welt. Vorerſt wollte er nach der Reſidenz und Profeſſor Crutius niederſchießen. Er kämpfte und rang mit dem Gedanken, und endlich mußte er ihn doch aufgeben. Aber das Andere, das muß. Und wie eine Beſtätigung deſſen, was er in der Seele barg, kam jetzt ein Bote von Erich mit der Meldung, daß er länger auf Wolfsgarten bleiben müſſe, denn Graf Clodwig ſei dem Sterben nahe. Dreizehntes Capitel. Erich ritt nach Wolfsgarten. Was iſt aus ihm, was iſt aus den Anderen geworden, ſeit er von Wolfsgarten aus nach Villa Eden ritt? Alles zog ihm durch die Seele und in ſtiller Befriedigung athmete er tief auf, indem er dachte, was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht mit aller Macht das Verhältniß zu Bella zum Rechten gelenkt hätte. Wie wäre es, wenn er jetzt dahin ritte mit einer die Seele zerreißenden Empfindung? Am Bette des Sterbenden müßte er als der niedrigſte Heuchler ſtehen! Wie muß es zweien Menſchen zu Muthe ſein, die mit der Todesnachricht eines Andern ſich ihr Glück gründen, und die keine Verbrecher, ſondern ſehr gebildete, ſehr verſtändige Menſchen ſind?.. e.————— Er ſchaute ſich um wie ein Erretteter. Er ritt durch den Bergwald. Stille war es hier ringsum. Die Hagebuche, die ſich zuerſt belaubt, ließ jetzt auch zuerſt die gelben Blätter fallen; es rieſelte undkniſterte in dieſem Blätter⸗ falle leiſe im Walde, und nur der Hobicht kreiſchte vben in der Höhe. Erich kam vor das Herrenhaus und trat in den Hof. Er ging zu Bella, die blaß und ſchwer leidend ausſah. Erich war erſchreckt, Prancken hier zu treffen. Die beiden Männer bedurften der äußerſten Haltung, um jetzt hier einander gegenüber zu ſtehen. „Er ſchläft jetzt,“ ſagte Bella;„er ſpricht beſtändig von Ihnen. Seien Sie gefaßt, Sie werden ihn kaum kennen; geben Sie ihm in Allem nach, er iſt ſehr gereizt.“ Die Stimme Bella's war heiſer; ſie verhüllte die Augen mit einem weißen Tuch, dann fragte ſie: „Sie waren beim Tode Ihres Vaters?“ Erich bejahte. Bella ging, um Clodwig die Ankunft Erichs zu melden. Prancken und Erich waren allein. Lange ſprachen ſie kein Wort, endlich begann Erich: „Es thut mir weh, daß ich den Schein eines Unrechts gegen Sie auf mich laden mußte. Ich mußte es, weil ich das höhere Recht der Liebe Manna's...“ „Genug!“ unterbrach Prancken.„Ich hatte nie geglaubt, noch ein Wort mit Herrn Dournay zu ſprechen; aber wir ſind jetzt an ein Krankenbett geſtellt, und um des Kranken willen.. Bella kam zurück und ſagte: „Er ſchläft noch. Ach, Herr Dournay, Clodwig liebt Sie weit mehr, als irgend einen andern Menſchen auf der Welt.“ Sie reichte Erich ihre Hand, die eiskalt war. Lange waren die Drei ſtumm, endlich fragte Erich: „Iſt es denn entſchieden?“ „Der Doctor ſagt, ſein Leben ſei nur noch nach Stunden zu zählen. Hören Sie nichts? Der Doctor hat verſprochen, zu kom⸗ men.. ſofort wiederzukommen. Ach, wenn ich nur Clodwig dazu bringen könnte, daß er noch einen anderen Arzt zu Rathe zieht. Bitte, bewegen Sie ihn dazu. Ich habe kein Vertrauen zu Doctor Richard.“ Frich antwortete nichts. „Ach, mein Gott,“ klagte Bella,„wie verlaſſen ſind wir doch in der Noth. Nicht wahr, Sie bleiben bei uns? Sie verlaſſen uns nicht?“ K Crich verſprachs. 1 Es war ein ſeltſantet Ton, eine Erinnerung aus höflicher Vergangenheit, als Bella ſich nun entſchuldigte, daß ſie noch nicht nach der Mutter Erichs, nach Frau Ceres und Manna gefragt habe, und mit einem eigenthümlichen Herausſtoßen der Worte fragte ſie: „Wie lebt denn Herr Sonnenkamp?“ Ein Diener kam und meldete, der Herr Graf ſei erwacht und habe ſofort nach Herrn Hauptmann Dournay gefragt. „Gehen Sie zu ihm,“ ſagte Bella und legte die Hand auf die Schulter Erichs.„Bitte, ſprechen Sie es als Ihre und nicht als meine Anſicht aus, daß man noch einen anderen Arzt zuziehe.“ Erich ging, und Bella ſagte ſchnell hinter ihm drein zu Prancken: „Otto, ſchaff mir mit guter Manier den Juden fort. Was will er da?“ Prancken ging zu dem Banquier. Bella war allein, ſie war von einer Unruhe, die ſie nicht bemeiſtern konnte; ſie ſetzte in Gedanken die Todesanzeige auf, ja ſie ſchrieb ſchon die Worte: Verwandten und Freunden die ſchmerzliche Nachricht, daß mein geliebter Mann Clodwig, Graf von Wolfsgarten auf Wolfsgarten, vormals*ſcher Geſandter in Rom, Ritter hoher Orden, fünf⸗ undſechzig Jahre alt, nach kurzem Krankenlager geſtorben iſt. Ich bitte um ſtille Theilnahme. Bella Gräfin von Wolfsgarten, geb. von Prancken. Ein Dämon ſagte ihr immer dieſe Todesanzeige vor, ſie ſäh ſie ſchwarz gerändert vor ſich, während Clodwig noch lebte. Warum iſt das? Was zwingt ſie, das jetzt ſchon in Worte zu faſſen und vor ſich zu ſehen? Sie konnte nicht davon los kommen. Sie nahm das Blatt, zerriß es in Stücke und ſtreute die Stück zum Fenſter hinaus in den Regenſturm. Bierzehntes Capitel. Erich war unterdeß in das Krankenzimmer getreten. „Biſt Du endlich da?“ rief Clodwig; ſeine Stimme war matt und die Kinderhand, die der Kranke dem Eintretenden entgegen⸗ ſtreckte, ſchien noch feiner. „Setze Dich,“ ſagte er,„ſei nicht ſo erſchüttert, Du biſt jung und ſtark, haſt ruhiges Bewußtſein. Laß mir nur Deine Hand. Es iſt ein Glück, daß ich mit voller Beſinnung ſterbe; ich habe oft gewünſcht, an einem plötzlichen Schlag zu ſterben. Es iſt beſſer ſo. Erzähle, wie geht es Deiner Mutter?“ Erich konnte kaum ein Wort hervorbringen, und Clodwig fuhr fort: „Nun ſage, wie geht es Roland? Wollte er nicht mit Dir kommen? Ich ſehe ihn, den ſchönen Jüngling, immer vor mir . Du haſt es gut gemacht, Erich.“ Bevor dieſer antworten konnte, legte ſich der Kranke wieder in die Kiſſen zurück. Er ſchien eingeſchlummert. Man hörte nichts als das Ticken der Uhr. Ein Wagen fuhr in den Hof, die Räder knirſchten in den Sand einſchneidend. Clodwig erwachte. „Das iſt der Doctor,“ ſagte er laut. Er bat die Krankenwärterin, eine barmherzige Schweſter, dem Arzte zu ſagen, er möge ihn noch eine Weile mit Erich allein laſſen. Sich raſch aufrichtend, ſagte Clodwig: „Schließe die Thür, ich habe mit Dir allein zu ſprechen.“ Erich ſaß vor dem Bette und Clodwig begann: „Du fragſt um mein Urtheil über Sonnenkamp? Ich habe ihn freigeſprochen. Sein Weg wirr, ſein Ziel grauſam. Wer richtet? Die Heuchelei iſt groß in der Welt. Ein Wirrwarr von Fratzen, Masken. Er haite den Muth, die Frechheit, ſich ſelbſt, auch die Heuchelei zu bekennen. Wenn ich mein Leben überſchaue, was iſt es? Ich habe eine Uniform ausgefüllt. Was ſind wir?... Dede, mit der Landesfarbe angeſtrichene Schilderhäuſer. Wenn eine Ablöſung kommt, thun wir geheimnißvoll, flüſtern.. eitel Poſſenſpiel. Heuchelei iſt das Leben der meiſten Menſchen, auch das meine, ſo lang, ſo ehrenvoll. Wir haben keinen Muth, bekennen nicht, was wir ſind; wir ſchleppen uns mit Formen und Nach⸗ giebigkeiten, mit Höflichkeiten und Fügſamkeiten, und wo iſt unſer 3 3 2 — 206— wahres Innere? Nie ſagen wir einander, was wir ſind, wozu wir uns bekennen. Ich habe kein Verbrechen, Vergehen, das ich jetzt zu geſtehen hätte, ich war mein Lebenlang wie Tauſende, wie Millionen neben mir. Ich habe nur nicht gethan, was ich thun mußte, bin nicht von Stunde zu Stunde hingetreten vor die Mächtigen und habe geſagt: ſo bin ich und ſo müßt ihr ſein. Ich habe mich eingelullt mit falſcher Philoſophie, habe mir ein⸗ geredet, es wird Alles von ſelbſt, wir ſtehen im Geſetz der Ent⸗ wicklung, wir haben nichts dazu zu thun. Ja wohl! Es entwickelt ſich Alles von ſelbſt... der Tod kommt von ſelbſt und nimmt das Leben, das kein Leben war, keine Offenheit, kein eigen Selbſt. Ich kannte große Schauſpieler. Einem Schauſpieler wird der Tod immer am ſchwerſten, nicht nur weil er den Tod ſo oft geſpielt; er weiß, was von ihm bleibt, Maske, Schminke, welke Kränze. Wir Diplomaten ſterben den Tod des Schauſpielers. Ich habe ein unnützes Leben geführt.“ „Sie ſind zu hart gegen ſich,“ konnte endlich Erich entgegnen. „Es iſt viel, das Schöne und Gute in ſich ausgebildet und dar⸗ geſtellt zu haben. Nur wenige Menſchen ſind zu Anderem, zu dem, was als äußere That ſich darſtellt, berufen.“ Clodwig legte ſchnell ſeine Hand auf die Frichs, er ſah ihn mit innigem Blicke an und ſagte lächelnd: „Ganz ſo ſprach auch einmal Dein Vater und es mag ein Troſt ſein. Ich hatte kein Vaterland, das mir mehr als diplo⸗ matiſche Narrenspoſſen zu thun geben konnte. Mein Leben war eine thatloſe Geſchäftigkeit. Ich habe den größten Theil deſſelben in der Livree zugebracht für eine Sache, die ich nicht achtete, kaum ſchätzte. Da iſt dieſer Sklavenhändler. Wie verächtlich betrachtet ihn die vornehme Welt— und es hat Unterhändler in dieſen Kreiſen gegeben, die höchſt geehrt und ſchlimmer als Sklavenhändler waren, und Andere ſitzen nur deshalb nicht im Zuchthauſe, weil ſie nicht nöthig hatten zu ſtehlen und weil ihnen ihre Unſittlichkeit mit Geld abgekauft wurde. Bitte, gib mir zu trinken, der Gaumen vertrocknet mir.“ Erich gab Clodwig zu trinken, ſie waren aber Beide ſo un⸗ geſchickt, daß ſie das Getränk faſt ganz verſchütteten. Lchelnd ſagte Clodwig, daß es in der Welt ſo ſei, das Wenigſte werde wirklich getrunken, das Meiſte werde verſchüttet und vergeudet. — 207— Clodwig bat nun, daß man den Arzt eintreten laſſe. Erich ging in den Garten. Draußen raste der Novemberſturm und peitſchte den Regen. Erich hüllte ſich in ſeinen Mantel, ging durch Park und Wald denſelben Weg, den er am Morgen gegangen, als er am Abend vorher dem neu gewonnenen Freunde Clodwig ſein eigenes Leben dargelegt. Jetzt ſchritt er nicht im Frohgefühl, nicht als ob eine fremde Macht ihn trüge; er mußte mit dem Sturm kämpfen und über ihm brauſten die Kronen der Bäume. Wie damals ſtand er an der vffenen Halle, aber in der weiten Landſchaft ſah man nichts als Regenwolken, die dahinjagten. Am Gemäuer der Halle ſtand noch eine ſchöne blaue Glockenblume; Erich brach ſie ab. Er ging zurück und jetzt erſt fiel ihm ein, daß er dem Kranken die Blume bringen wolle. Er trat in das Krankenzimmer und Clodwig rief: „Ach, die blaue Blume! Du brichſt ſie, Du bringſt ſie mir. Wir haben viel davon geträumt in meiner Jugendzeit. Jugend⸗ zeit! Jugendzeit!“ wiederholte der Kranke oft. Clodwig beugte ſich weit vor aus dem Bett, roch an den Kleidern Erichs und ſagte: „Warum fallen mir jetzt die Bilder aus der Bibel ein? Der Erzvater Iſaak ſagt zu ſeinem Sohne, der zu ihm in die Kranken⸗ ſtube kam: Mein Sohn, Dein Athem iſt wie der Athem des Feldes. Ja, Erich, Du bringſt die freie Feldluft in meine Krankenſtube. Wenn ich nicht mehr bin, denke, Du haſt mir Gutes gethan.“ Erich weinte. „Weine nur, das iſt gut, es ſchadet Dir nichts, daß ich Dir das Herz ſchwer mache; Du wirſt froh, frei thätig auf der Erde ſein, deren Schollen bald auf mir ruhen. Nur bitte ich, bleib Du bei mir, wenn ich ſterbe. Bleib bei mir, Frich. Ich will nicht an Kleines, an Einzelnes denken, will nicht in Haß und Zorn aus der Welt ſcheiden; nein, nicht in Haß, in Zorn, auf Riemand. Hilf mir ins Weite, ins Große, da lebe ich, da ſterbe ich.“ Er legte ſich in die Kiſſen zurück. Erich beugte ſich über ihn, der Athem des Kranken ging ruhig und auf ſeinem Geſichte war der Ausdruck eines milden Lächelns. Welche Gedanken mochten jetzt dieſe Seele bewegen? —— Fünfzehntes Capitel. Clodwig ſchlief mehrere Stunden. Erich ſaß bei dem Banquier und erquickte ſich an dem theilnahmvollen ſelbſtloſen Weſen des⸗ ſelben; dem Banquier fehlten manche bräuchliche Lebensformen, aber er bewährte eine tactvolle Haltung, und mitten in aller Herzensbewegung dachte Erich: nur die Selbſtloſigkeit hat den wahren Tact, Tactloſigkeit iſt Egoismus, denn dieſer denkt nur an ſich oder handelt nur für ſich. Erich lernte den Banquier jetzt erſt kennen. In Karlsbad hatte der Mann ſein vielbewegtes Denken mit gewaltſamer Befliſſenheit auszulegen geſucht, jetzt gab ſich ſein mildes und verſtändnißvolles Naturell wie von ſelbſt. Bella behandelte ihn mit offenbarer Zurückſetzung, er ließ ſich das ſtill gefallen, er ſagte nichts, aber er zeigte, daß er ihr nicht grolle. Sie handelte ihrer Natur gemäß und ſie war ja auch nicht ſeine Freundin, Clodwig war ſein Freund, und für ihn ſich etwas gefallen zu laſſen, erſchien als Pflicht. Er ſaß im Bibliothek⸗ zimmer, er war bereit, ſo oft man ihn rief, und hielt ſich zurück, ſo oft er ſtörend zu ſein glaubte. Gegen Mitternacht wurde Erich abgerufen, Clodwig ſei erwacht und verlange nach ihm. Auch Bella kam. Sie freute ſich, daß Clodwig ſo lebhaft dreinſchaute, und noch jetzt bewahrte Clodwig eine formvolle Höflichkeit gegen ſeine Frau; ſie wollte ihm Medicin reichen und er ſagte: „Ja wohl, gib ſie mir, aber ſprich nicht dabei gegen Doctor Richard. Bitte, thu es nicht.“ Bella ſaß eine Weile ſtill am Bette. Clodwig bat, daß ſie ſich zur Ruhe begebe; ſie willfahrte ihm. Und als er mit Erich wieder allein war, ſagte er: „Ach, ich habe ſo gut geſchlafen, und wunderlich! Ich träume jetzt immer von einer Couſine Lottchen, die ſoll ich heiraten, ſie gefällt mir auch und ich ihr, aber ſie hat ſo gar nichts gelernt und will nichts lernen und hat ein Lachen, ſo ſpitz, und da ſagt ſie: komm, Clodwig, Du biſt ſo traurig, komm, heirate mich, wir wollen luſtig ſein. Und da ſag ich: Kind, ich bin ja ſchon ſo alt; ſieh, ich hab' ja keine Zähne mehr, und was wird Bella —————— — 200— dazu ſagen? Ach was, ſagt ſie, Albernheiten. Komm, wir wollen tanzen. Und wir tanzen hinunter zur Capelle und da ſteht der Pfarrer und er winkt uns und wir tanzen fort, an dem Pfarrer vorbei, und ſie iſt ein prächtiges Kind und hat gar ſchöne Augen und hat mich ſo gern, und ſo tanzen wir und tanzen und ich kann es ganz gut.“ „Lebt Ihre Couſine Lottchen noch?“ „O nein, ſie iſt ſchon lange todt, vorige Woche war ein Enkel von ihr bei mir. Aber iſt es nicht ſeltſam, daß meine erſte Jugend⸗ liebe— ich war damals kaum zehn Jahr alt— in mir erwacht? Damals hatte ſie einen Apfel in der Hand und da biß ſie her⸗ unter und ſagte: Beiß auch. Ich will den Apfel nehmen, aber ſie gibt ihn mir nicht und ſagt: beiße nicht zu tief. Und ſieh, als ich erwachte, war mir's im Munde, als ob ich wirklich einen feinen Apfel gegeſſen hätte. Ja, und jetzt fällt mir's eigentlich erſt ein. Wir ſind einmal mit einander gemalt worden, der Maler behauptete, es würde uns ſpäter ſehr freuen; er that es heimlich, man hat ihm natürlich das Bild abgekauft; ich glaube, es iſt erhalten, ich weiß nur nicht wo. Findeſt Du es nicht auch ſchön, daß ſie Lottchen heißt? Es iſt ein halbwüchſiges Kind in blaßrothem Cattunkleid mit weißer Schürze, und ſo ging ſie auch immer, und hatte einen breiten Florentiner Hut, deſſen Rand bis über die Schultern hinausreichte.“ So erzählte Clodwig und mit einem unterdrückten Seufzer ſagte er: „Bella hat nie von meiner Jugend wiſſen wollen.“ Schnell aber, als ob er nicht von ihr ſprechen wolle, ſagte er zitternd, beide Hände bewegend: „Mein Vater war Miniſter, ich bin im Miniſterpalais geboren, Sohn einer ſpäten Che, einziger Sohn. Mein Vater wurde Bundestagsgeſandter. Die Geſellſchaft der Bundestagsgeſandten — wer weiß, ob ſie nicht dahin geht und Niemand hat ſie recht geſchildert— Ich hätte es gekonnt; ſchon als ich Student war, ging es mir auf, das iſt eine Geſellſchaft, die nur dazu da iſt, um alles Gute zu verhindern. Der Bundestag iſt das böſe Gewiſſen der Fürſten. Sieh, das dachte ich ſchon früh und das wußte ich ſchon früh und ſteckte doch mitten drin und je weiter ich kam, je mehr ſah ich es. Alles Gute, was geſchieht, hat ſich neben dem Bundestage aufgebaut, und darin hat die Kirche etwas vom Auerbach. Landhaus am Rhein. III. 14 — — 210— Bundestag; das Gute geſchieht auch außerhalb ihr, neben ihr; nicht einmal die Todesſtrafe, nicht die Folter, die Kettenſtrafe, nichts hat ſie abgeſchafft. Jetzt kommen die zwei großen Be⸗ freiungen, die Befreiung der Sklaven und der Leibeigenen, und wer vollzieht ſie? Allein die freie Humanität. Sieh, dieſer Herr Sonnenkamp lebt in einer ganz andern Welt als ich und doch war mein Leben... Ach, warte einen Augenblick, warte, ich kann jetzt nicht weiter ſprechen.“ Nach einer Weile begann Clodwig wieder: „Kindererinnerung! Höre!.. Ich ſehe, wie ein kleines Kind, ganz klein, nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf einem Polſter auf dem Tiſche ſitzt und meine Mutter hält mich und ſie erzählt ich meine, ich ſpüre noch den warmen Athem ihrer Worte, ſie hat ihr Haupt an meine Bruſt gelegt und da ſagt ſie: Es war einmal ein Kind und das ging in den Wald, um Blumen zu ſuchen, und fand ſchöne rothe Blumen und ſammelte ſie, und dann fand es ſchöne blaue Blumen und da warf es die rothen weg und ſammelte die blauen, und da fand es ſchöne gelbe und warf die blauen Blumen weg und ſammelte die gelben, und es fand ſchöne weiße und da warf es die gelben weg und ſammelte die weißen; es kam vor den Wald und da war ein Bach und es warf die ſchönen weißen Blumen in den Bach und da hatte es gar nichts mehr in der Hand... Iſt unſer Leben nur ein Spiel mit Blumen?“ Er ſchien einzuſchlummern; nach einer Weile richtete er ſich wieder auf und ſagte: „Geh hinauf in das Zimmer, wo Du zuerſt bei mir gewohnt; nimm Robert mit, bring mir die Büſte der Victoria her.“ Frich ging mit dem Diener nach dem Erkerzimmer, er ließ die Büſte der Victoria aufnehmen, die der Meduſa, die ihr gegen⸗ über geſtanden, lag in Stücken auf dem Boden. Er fragte Robert, wer ſie zerbrochen. Robert wußte nichts davon. Als Erich die Büſte vor das Bett des Kranken in entſprechende Beleuchtung geſtellt hatte, ſagte Clodwig: „Ja, ſo ſah die Verſtorbene aus.. auch ſie in beſſeren Stunden... Deine Mutter hat ſie gekannt.“ Weiter ſagte er nichts. Nachdem er lange ſtumm auf die Büſte geſchaut, ſagte er — Erich, er möge auch den Banquier hereinrufen. Dieſer kam; Clodwig ſtreckte ihm die Hand entgegen und ſagte: „Es gehört auch Ihnen.“ Nachdem er mehrmals vor ſich hingenickt, fuhr er fort:„Ich ſehe in die Welt hinaus. Der Imperialismus will ſich feſtſetzen in Amerika... Und in der alten Welt.. Um Rom ſammeln ſich die Einen, aber um ein Anderes, es iſt kein Mann, nur ein Gedanke, die Freiheit, da ſammeln ſich die Anderen. Zwei große Fahnen ſind aufgepflanzt und um dieſe Fahnen ſammeln ſich zwei Heere, unabſehbar. Auf der einen Fahne ſteht: Wir können nicht! Auf der andern: Wir wollen! Ein neuer Glaube, eine neue Erkenntniß wird kommen und die Welt wieder auffriſchen. Die neue Religion wird die Menſchen nicht loben, ihnen nicht ſchmeicheln; ſie wird ihnen etwas zumuthen, von ihnen fordern, ſtreng, ſcharf und hart gegen ſie ſein. Das allein hilft. Wir wandeln beſtändig auf einem Kirchhof, unſer Leben iſt todt. Nur eine Erneuerung durch eine große Idee, durch eine neue Religion... Kopf an Kopf ſammeln ſich die Menſchen in zahlloſen Haufen, ſie wallen hin zu einem hohen Berge, um die Fahne aufzupflanzen. Ich ſehe Dich, wie Du da⸗ mals unter dem blühenden Apfelbaum ſtandeſt.. ein Bote. Du trägſt die Fahne und darauf ſteht: Freie Arbeit!... Und nun ſchlaft wohl... gute Nacht...“ Er brach ab. Ein glanzvolles Licht lag auf ſeinem Antlitz und blickte aus ſeinem Auge, er ſtarrte in die Luft hinein, dann legte er den Kopf zurück und ſchloß die Augen, aber er taſtete nach der Hand Erichs und hielt ſie feſt. Nach einer Weile ließ er ſie los. Der Banquier zog ſich zurück. Erich ſaß vor dem Bette Clodwigs, der eingeſchlafen war. Bella kam noch einmal und mit ihr Prancken; er betete mit der barmherzigen Schweſter für den Sterbenden, er that das ohne Scheu und Schauſtellung, mit offenem Anſtand. Erich winkte Bella, recht ruhig zu ſein; ſie ſaß eine Weile ſtill, dann ging ſie mit Prancken davon. Erich kämpfte mit Schlaf und Müdigkeit. Der Morgen brach herein und übergoß die Stube mit flammrothem Lichte. Erich beugte ſich über Clodwig, er hörte keinen Athem mehr. Clodwig war in den Tod hinübergeſchlummert... Erich ließ Prancken rufen und übertrug es ihm, ſeine Schweſter zu benachrichtigen; Prancken beſtand darauf, daß man Bella ſchlafen laſſe, bis ſie von ſelbſt erwache, ſie bedürfe der Kraft. So ſtieg der Morgen immer höher; die barmherzige Schweſter ſaß betend an dem Bette des Entſchlummerten. Ein Wagen fuhr in den Hof; der Leibarzt des Fürſten kam. Doctor Richard, der Leibarzt, Erich und der Banquier gingen nochmals zur Leiche. Erich warf noch einen Blick auf die Leiche des Freundes. Die Victoria, der Leiche gegenüber, ſchien ſchmerz⸗ lich drein zu ſchauen. Doctor Richard berichtete kurz, an welchen Leiden Clodwig geſtorben ſei, eine Erkältung und eine Gemüthsbewegung hätten zuſammen gewirkt. Die Männer traten in den Gartenſaal, wohin Doctor Richard Wein bringen ließ. „Trinken Sie,“ ermuthigte er Erich,„es geht nicht anders; Sie verbrauchen jetzt viel, die Maſchine muß mit Wein gefüttert werden.“ Erich trank, aber er trank eine Thräne mit dem Wein hinab. Der Leibarzt ſagte, daß nun wieder ein Ehrenmann dahin gerafft ſei, in deſſen Gedenken Jeder eine Erquickung gefunden habe; ſein maßvolles und ſtetig ſich vervollkommnendes Weſen, ſeine Ruhe und Milde, das ſeien Eigenſchaften, wie ſie nur einer dahinſchwindenden Zeit angehören. Doctor Richard ſaß in einem Lehnſtuhl und rief: „Er hatte das Glück oder das Unglück, alles Einzelne im Zuſammenhang der Menſchheit anzuſehen, und da iſt es freilich gleichgültig, vb dies Einzelne heute oder morgen geſchehe, ob Du es thuſt oder ein Anderer. Er hätte Größeres bewirken, hätte umwälzend eingreifen können; aber das ſchien ihm zu herb und er ſprach ſich davon frei. Jedes Ereigniß, jede Erfahrung ſollte ihm nur dazu dienen, ſein ſchönes Naturell aufzubauen. Das iſt ein kinderloſes, thatenloſes Daſein, deſſen Mutter eine Philo⸗ ſophie war, die Alles begriff, Alles geſchehen ließ, nur um es nachher in ein Syſtem zu bringen. Ich habe ihm das ſelbſt ſo oft in ſeinem Leben vorgehalten, daß ich es nun auch nach ſeinem Tode darf. Ich glaube nicht, daß ich ein Tadler des Mannes war; von Allen in der weiten Welt, die von ſeinem Tode hören und darum trauern, hat ihn Niemand mehr verehrt als ich.“ Der Doctor fuhr mit dem Leibarzt davon, bald darauf auch Erich mit dem Banquier, denn Bella hatte gewünſcht, daß man ſie allein laſſe. S S S X———— —— Man ſchaute wehmüthig zurück nach dem Herrenhauſe, wo jetzt eine ſchwarze Fahne aufgezogen wurde. Zwei Tage lang wurde Clodwigs Leiche im großen Saal ausgeſtellt; er lag auf weißen Atlaskiſſen, ſein Antlitz war fried⸗ lich. An ſeinem Sarge brannten Lichter und er war rings um— geben von Palmen und Blumen. Aus der ganzen Gegend ſtrömte Alles herzu. Am dritten Tage geleiteten Erich, der Landrichter, der Banquier, der Major, viele angeſehene Bürger aus der Stadt, dazu auch ein Abgeſandter des Fürſten, und mehrere höhere Staatsbeamte die Leiche Clodwigs nach der Gruft auf Wolfsgarten. Die Glocken klangen von Berg zu Thal, der letzte Wolfs⸗ garten wurde beigeſetzt. Sonnenkamp hatte ebenfalls zum Leichenbegängniß kommen wollen, er war auf dem Weg nach Wolfsgarten geritten, aber man ſah ihn nicht unter den Leidtragenden. Durch die offenen Fenſter im Sterbezimmer Clodwigs drang feuchter Herbſtnebel, auf der Stirne der Victoria ſammelte er ſich in Tropfen. Lautlos, öde war es auf Wolfsgarten, auch Prancken war abgereiſt. echzehntes Capitel. Bella ſaß in tief ſchwarzen Trauerkleidern in ihrem Zimmer. Sie hatte ſchwarze Bracelets an den Handgelenken, ſie hatte ſveben ſchwarze Handſchuhe anprobirt und wieder abgezogen; jetzt legte ſie die feinen Hände zuſammen, und ihr Auge ſtarrte ins Leere, ins Weite, ins große Nichts, und in ihr ſprach es: Du biſt allein, Du warſt ſtets allein, in Dir, in der Welt, eine ein⸗ ſame Jatur, einſam als Frau... In Gedanken ging ſie in der Reſidenz von Haus zu Haus, ſie wußte, wie man von ihr, von Clodwig ſpricht. Man hatte ihr viel gehuldigt, wo aber war jetzt eine Men⸗ ſchenſeele die es zu ihr drängte? Ich bin allein und will allein ſein, wiederholte ſie ſich. 8 —— Sie hörte den Pendelſchlag der Uhr und gedachte eines Wortes von Clodwig, er hatte einmal geſagt: Erinnern an die Vergangen⸗ heit und Wünſchen für die Zukunft, das iſt der Pendelſchlag unſeres Lebens... Das galt für ihn, für mich nicht! Ich ſtehe nicht zwiſchen Erinnern und Wünſchen, ich will Gegenwart— Leben, brennendes Leben. Sie ſtand auf, ſie trat vor den Spiegel, ein Schmerz zuckte durch ihre Mienen, ſie ſah, daß ſie nicht mehr ſo ſchlank war, wie früher, und ſchwarz macht doch ſchlank; ſie erſchien ſich ſo klein. Weiter gingen ihre Gedanken: da er doch vor ihr ſterben mußte, hätte er nicht Jahre früher ſterben können, als Du noch ſchön warſt? Und kühn das Haupt erhebend, ſprach ſie faſt laut vor ſich hin: Ich frage nichts nach der Convenienz. Ich erlaube mir zu denken, was Andere erſt nach einem Jahre denken. Ja, Du biſt eine Wittwe, der man nur noch aus Gnade einen Beſuch macht, eine allein ſtehende Wittwe. Ich kann nach der Reſidenz ziehen, ein Haus ausmachen... O göttergleiches Schickſal! Ich bin ein Haus und werde Präſidentin der Suppenanſtalt und ein auserwähltes Dutzend Waiſenmädchen in blauen Schürzen folgt meiner Leiche. Dafür kann man ſchon gelebt haben. Nein! Ich will nicht. Soll ich wieder durch die Länder reiſen, an Landſchafts⸗ blicken, an Volksgetümmel, an Kunſtwerken Selbſtvergeſſen und eingeredete Freude haben, und dann in Geſellſchaft converſiren, ſcherzen, muſiciren?... Fürſt Valerian ließe ſich gewinnen. Aber in eine fremde Welt, und da wieder heucheln, menſchenfreundlich ſich freuen, daß ruſſiſche Bauern innerlich friſirt werden?... Der Weincavalier wäre ſehr bequem, duckt unter, jede Minute an⸗ betend, zwar nur Manier, aber die Manier iſt gut, gefällig und — gelogen iſt doch Alles! Nein! Nein! Fort möchte ich, in Kampf, in Krieg, in Gefahr, in Noth; aber Leben, gewaltiges, Alles ein⸗ ſetzendes, das muß mir noch werden. Ich höhne die ganze Welt, ich ſchleudere ihr ins Antlitz, was ſie von Ehre, was ſe von humanitären Caprizzios will. Ein Reiter ſprengte in den Hof. Es war Sru Was will er?. Sonnenkamp wurde gemeldet. „Iſt willkommen.“ Er trat ein. ,——— — 215— „Frau Gräfin, was Sie mir neu erweckt, bringe ich Ihnen zurück— Heldenmuth.“ „Heldenmuth! Was ſoll er mir? Ich bin in Verlaſſenheit, ſchwach.“ „Sie verlaſſen? Schwach? Sie haben in mir die Kraft an⸗ gefacht, der ganzen Welt zu trotzen; ich bin wieder jung, ich bin wieder friſch. Jetzt in dieſer bedeutſamen Stunde komme ich zu Ihnen, zu Ihnen allein; Sie allein ſind mir noch die Welt, Sie allein machen mir die Welt noch werth, und ich möchte Ihnen etwas ſein, daß auch Ihnen die Welt wieder werth wäre.“ Bella ſtand ſtarr und er fuhr fort: „Schwingen Sie ſich auf über dieſe Stunde, über dies Jahr, über dies Land, über alle Verhältniſſe hinweg. Wenn es ein menſchliches Weſen gibt, das das vermag, Sie ſind es...“ Bella that die ſchwarzen Armſpangen ab, ſie ſchienen ſie zu preſſen, und Sonnenkamp fuhr fort: „Bella, ich könnte ſagen, ich entfliehe in die weite Welt, ich opfere, ich vernichte rückſichtslos Alles, ich ſtoße von mir Frau, Kinder, nur wenn Du mir folgſt, wenn Du es wagſt, Alles * hinter Dich zu werfen, eine freie Natur zu ſein. Das könnte ich ſagen und es wäre wahr. Aber das darf Dich nicht beſtim⸗ men. Nicht mir ſollſt Du leben, Dir ſollſt Du leben. Bella! Ich ſehe Deine Seele vor mir, in mir, ich ſpreche aus Dir, Du ſagſt wie ich: Ich ſtehe im Kampf mit der Welt, ſie will Ge⸗ neinnützigkeit und ich— ich bin kein gemeinnütziges Weſen, bin keine Wohlthätigkeitsanſtalt. Andere würden Dich mit ſüßen Phraſen kirren, betäuben, überreden; ich achte Dich zu hoch, Du hat den Muth, Du ſelbſt zu ſein.“ „Ich verſtehe nicht. Was wollen Sie? Was wollen Sie für ſich, was wollen Sie für mich?“ Für mich? Was habe ich noch zu wollen? Eine Kugel durchs Hirn Nur ein Einziges gibt es, was mich retten kann.“ „Was iſt das?“ „Du biſt es. Um Dir das Große zu zeigen, um Dich groß zu ſehen, möchte ich noch leben, kämpfen. Wenn es eine Be⸗ wunderung gibt, ein Beugen vor dem Erhabenen, vor dem die Welt beſiegenden Genie, ich...“ Er nachte eine Bewegung, einen Schritt vorwärts, Bella gewann das ruhige Wort und ſagte: — — —+ 1 . — „Setzen Sie ſich.“ Er ſchien betroffen von dieſem Wort, aber er ſetzte ſich und fuhr fort: „Ich weiß nicht, was Sie jetzt beginnen wollen.. Doch nein, ich weiß, was Sie beginnen ſollen. Sprechen Sie nicht, laſſen Sie mich reden. Wenn ich mich in Ihnen geirrt habe, dann iſt mein ganzes Leben, all mein Denken, mein Ringen, mein Kämpfen Wahnwitz und die ſalbungsvollen Verkünder hoher Phraſen haben Recht. Bella, Sie haben mir das große Wort geſagt: ein Menſch der entſchloſſenen That hat keine Familie, darf keine Familie haben. Das iſt mein Leitſtern. Ich habe keine Familie mehr, ich bin nichts auf der Welt, als ich ſelbſt, und Sie... Sie ſollen auch nichts auf der Welt ſein, als Sie ſelbſt, Sie waren nie Sie ſelbſt, bis jetzt nicht, Sie können, Sie müſſen es werden.“ „Ja, ich will! Sie ſchleudern all das Gerümpel weg, was mein Weſen verſchüttet. Sprechen Sie weiter... was bringen Sie?“ „Ich habe hinter mich geworfen Alles, was in der Welt noch bindet, Ihnen allein ſage ich es... Dir allein; noch heut ziehe ich fort in die neue Welt. Dort gibt es eine neue Welt!“ Sonnenkamp ſtand raſch auf und faßte ihre Hand. „Bella, Sie ſind ein großes Weib, eine zum Herrſchen ge⸗ borne Natur; ziehen Sie mit mir, Sie haben Muth.“ Bella durchzuckte es, ihr Auge wurde größer, ſie öffnete den Mund, aber ſie ſprach nicht und Sonnenkamp fuhr fort: „Ich weiß, daß Ihre Unabhängigkeit Ihnen über Alles geht, ich bin bereit, Ihnen jede Bürgſchaft dieſer Unabhängigkeit zu geben. Ziehen Sie mit mir, es gilt einen Thron aufzurichten. Dieſe Stirn iſt geſchaffen für eine Krone. Komm mit mir.“ Es war ein Gewaltiges in dem Tone Sonnenkamps, ein Hin⸗ reißendes und Beſtrickendes. Er faßte ihre Hand, ſie entzog ſich ihm nicht. Hatte ſie ſo lange mit Allen geſpielt, daß ſie nun überwiltigt wurde? Eine Secunde zog es ihr wiederum durch den Sinn: es wird eine große Erinnerung ſein, auch das erlebt, in der Hand gehabt und von ſich gewieſen zu haben... Du darfſt Dich nicht binden, nie, nirgends mehr. Aber unwillkürlich ſagte ſie: „Sie denken groß und Sie denken groß von mir. Ich danke — 217— Ihnen. O Freund, wir ſind erbärmliche ſchwache Geſchöpfe. Zu ſpät! Zu ſpät! Warum kommt ſolcher Ruf zu ſpät? Vor zehn Jahren hatte ich noch die Kraft, da hätte es mich gelockt, da hätte ich Alles eingeſetzt. Nur nicht dieſes lahme, müßige, nich⸗ tige, Antiquitäten grabende und kramende, ſchönſelige... Nein, das wollte ich nicht ſagen... Und doch.. Sie erkennen mich. Aber es kann nicht ſein. Zu ſpät!“ „Zu ſpät?“ rief Sonnenkamp und faßte ihre beiden Hände. „Bella, Du haſt mir geſagt, wäre ich in Deiner Jugend gekom⸗ men, Du wäreſt mit mir in die weite Welt gezogen. Bella.. Wir ſind jung, ſo lange wir es ſein wollen; Du biſt jung und ich will es ſein. Sei muthig, ſei Du ſelbſt, ſei Dein eigen. Was ſind ſiebzig müßige, lahme Jahre? Ein einziges Jahr, voll ge⸗ lebt, iſt mehr als Alles.“ Es trat eine längere Pauſe ein; man hörte nichts als das Ticken der Uhr und aus dem Nebengemach das Schreien des Papageis. „Wann reiſen Sie?“ fragte Bella. „Heut Nacht mit dem Eilzuge.“ „Nein, zu Schiff. Geht kein Schiff mehr?“ „Doch; auch noch heute Nacht.“ „Ich komme mit. Aber jetzt geh... geh! Hier meine Hand, ich komme mit.“ Sie ſaß ſtill, ſie legte die Hände zuſammen, ſie ſchloß die Augen. Sonnenkamp faßte ihre Hand, er hielt ſie feſt, er fühlte den Trauring an ihrem Finger und leiſe zog er ihn ab. „Was thun Sie?“ fuhr Bella plötzlich auf. Sie ſah Sonnen⸗ kamp ſtarr an, ſie ſah den Ring in ſeiner Hand. „Laſſen Sie mir das als Zeichen,“ bat er. „Was ſoll's? Wir ſind keine Menſchen, die Scenen machen. Geben Sie.“ Er gab den Ring zurick; ſie ſteckte ihn nicht mehr an den Finger.. In der Nacht hielt das Dampfſchiff beim Städtchen; es reg⸗ nete und ſtürmte und die Maſchine ziſchte und brummte; da ſtand ein Mann an der Schiffslände, tief in ſeinen Mantel gehüllt, und an ihm vorüber ging eine verhüllte große Geſtalt. „Laß mich allein,“ ſagte die Frau zu dem Manne, an ihm vorüberſchreitend. — Das Landungsbrett wurde angelegt, die Frau ging hinüber der Mann hinter ihr drein. Das Brett wurde aufgezogen, das Schiff wendete und ſchwamm in Nacht und Unwetter hinein. Niemand war auf dem Verdeck, als die Beiden; die Matroſen eilten, wieder in die Cajüte zu kommen. Der Steuermann im Regenmantel und mit dem Drei⸗ maſter auf dem Kopf drehte das Rad und pfiff leiſe dazu. Die große ſchwarze verhüllte Frauengeſtalt ſtand auf dem Deck des Dampfſchiffes, das ſtromabwärts ſchoß; die Geſtalt ſtarrte lange in die Wellen und auf die Dörfer und Städte am Ufer, wo da und dort noch ein Licht durch die Scheiben blinkte und einen ſchnell verſchlungenen Lichtſtreif auf das Waſſer warf. Ein Feuerregen aus dem Schlot, ein Strom von hellen Funken zog über die Geſtalt hin... Vierzehntes Buch. Erſtes Capitel. Die Blätter an den Bäumen fielen ab, die Zweige waren kahl, Villa Eden ſtand da, ſo weiß, ſo glänzend, wie emporge⸗ hoben, da kein belaubtes Gezweige mehr das hellfarbige Mauer⸗ werk verdeckte. Das Haus war verlaſſen; der es gebaut, der den Garten gepflanzt, war verſchwunden. Nach Europa war Sonnenkamp zurückgekehrt, er hatte ſich Ruhe und Ehrenhaltung geben, ſeinen Kindern eine freie Stellung ſichern wollen. Es war mißlungen. Nun trieb es ihn wieder zurück in die neue Welt, und er hatte eine ruheloſe, abenteuer⸗ ſüchtige Seele mit ſich in den Strudel geriſſen. Ein Novemberſturm wehte durch das Rheinthal, ſchüttelte die Bäume, blies in die aufgeſpannten Segel und trieb die Schiffe vor ſich her. Als Erich erwachte, empfand er aufs Neue den Schmerz um den Tod Clodwigs; er trauerte doppelt um ihn, denn er fühlte, daß Niemand, dem man von dem Dahingegangenen erzählte, ganz die Reinheit und Hoheit ſeines Weſens begreifen würde. Clodwig hatte keine Spur ſeines Wirkens hinterlaſſen, und nur diejenigen, die in ſein Auge geſchaut und ſeine Stimme gehört, konnten wiſſen und in ſich erneuern, wer er war. Nicht lange durfte Erich dem dahingegangenen Freunde am ſtillen Morgen nachtrauern. Der Notar des Städtchens wurde ge⸗ meldet. Er trat ein und überbrachte ein Schreiben Sonnenkamps, worin dieſer auseinander ſetzte, daß er mit ſich genommen habe, ——— was vom Sklavenhandel ſtammte. Er ertheilte Weidmann und Erich Vollmacht, über alles Zurückgelaſſene bis zur Großjährigkeit ſeiner Kinder zu verfügen und für Frau Ceres zu ſorgen. Erich las wiederholt das Schreiben; er ſchien nicht zu be⸗ greifen, was das ſein ſollte, aber da ſtand es, und der Notar erklärte ihm, daß Sonnenkamp noch geſtern bei ihm geweſen und die Vollmacht ausgefertigt habe; er habe auch einen Brief an Weidmann geſchrieben. Erich ließ den Notar allein, er ging nachdenklich im Parke hin und her. Er begegnete Tante Claudine, und ihr zuerſt theilte er die Nachricht mit. „Er hat ſich ſelbſt ſein Urtheil vollzogen,“ ſagte Claudine in der ihr eigenen ruhig bedachtſamen Weiſe und erzählte, daß Sonnenkamp noch am Tage vorher im grünen Hauſe geweſen und ihnen ans Herz gelegt habe, ihre Sorgfalt für Frau Ceres und die Kinder zu bewahren. In alle Seelen hinein mußte man ſich denken, wie ſie es erfaſſen, wie es ſie bewegen werde, wenn ſie die Nachricht er⸗ halten. Wie wird man es der Frau, den Kindern mittheilen? Erich ging mit Claudine zu ſeiner Mutter; ſie trafen Manna bei ihr. In leiſen Uebergängen ſuchte er die ſchnelle Abreiſe Sonnen⸗ kamps zu verkünden, aber Manna rief: „Er hat uns verlaſſen!“ Frich bejahte. Die Profeſſorin faßte die Hand Manna's; Manna ſtarrte un⸗ bewegt drein, endlich ſagte ſie: „O, meine Mutter! Ich will zu ihr.“ Man überlegte, ob nicht durch Fräulein Perini die Kunde an Frau Ceres gegeben werden ſolle, aber Manna beſtand darauf, daß ſie und die Mutter Erichs es ihr ſagen. Vom grünen Hauſe gingen ſie nach der Villa. Sie kamen zu Frau Ceres; kaum hatten ſie angedeutet, daß Sonnenkamp verreiſt ſei, als Frau Ceres rief: „Ich weiß, ich weiß. Darf' nicht ſagen. O, ich kann ver⸗ ſchwiegen ſein. Wir haben's gelernt.“ Sie gab indeß doch zu verſtehen, daß Sonnenkamp nach Italien gereiſt ſei, vielleicht aber auch nach Paris, und er werde ſie Alle bald nachkommen laſſen. — 221— Wie ſich jetzt Manna eifrig um ihre Mutter bemühte, lächelte dieſe: „Ja, Kind, Du hatteſt nicht nöthig, ins Kloſter zu gehen. Das habe ich nie gewollt. Wenn wir zum Vater kommen, mußt Du ihm ſagen, daß ich das nie gewollt habe. Es iſt ſo kalt im Kloſter und lauter ſchwarze Kleider— ſchwarz kleidet Dich gar nicht gut.“ Erich wurde abgerufen, Roland war angekommen, ſeine Wangen glühten und er rief: „Erich, Herr Weidmann läßt Dir ſagen, daß er heut zu Dir kommen werde. Und weißt Du auch ſchon? Lincoln iſt gewählt! Herr Weidmann hat die Nachricht erhalten.“ Jetzt verknüpfte ſich's Erich. Sonnenkamp hatte die Nachricht gewiß auch bereits, und das hatte ſeinen Entſchluß beſchleunigt. Er hatte ja oft davon geſprochen, daß der Kampf unabwendbar eintreten werde, wenn Lincoln gewählt wird. Er war entflohen, um in den Kampf einzutreten. „Wo iſt mein Vater?“ fragte Roland, da Erich kein Wort hervorbringen konnte. „Dein Vater?“ „Ja, wo iſt er?“ „Nach Amerika.“ „Ohne Abſchied von uns Allen? Und meine Mutter— wo iſt unſre Mutter?“ „Manna iſt bei ihr.“ Erich mußte Roland Alles ſagen. Roland hörte ihn an und ſchaute lange nicht auf; endlich ſagte er: „Ich gehe zu meiner Mutter.“ Erich ſchärfte ihm ein, recht behutſam zu ſein; er verſprach es. Als Roland bei ſeiner Mutter eintrat, rief dieſe: „Er hat Euch mir gelaſſen, er kann nicht fortbleiben, er kommt wieder.“ Sie umarmte Roland mit Heftigkeit und rief: „Du haſt mich nie verlaſſen, Du biſt nie in ein Kloſter ge⸗ gangen. Ja, Manna, nimm Dir Deinen Bruder zum Beiſpiel. Jetzt bleibſt Du bei mir.“ Die Profeſſorin hatte einen Boten nach dem Major geſchickt; er kam, und als er die Nachricht hörte, ſagte er: „Und wir haben ihm ja ſein Urtheil noch nicht geſprochen.“ * — 222— Der Sturmwind jagte die Blätter durcheinander, er ſchien auch die Menſchen hin und her zu jagen. Noch ſtanden Erich und der Major beiſammen, als ein Reiter bei ihnen erſchien. Er war tief in den Mantel gehüllt; er hielt an. Wenn Sonnenkamp ſelber wieder gekommen wäre, ſie hätten nicht mehr erſtaunt ſein können, als jetzt dieſen zu ſehen. Es war Prancken. Er ſah verſtört aus. „Wo iſt Herr Sonnenkamp?“ fragte er. Man gab ihm die Nachricht. „Und iſt er allein? Wiſſen Sie nicht... wer bei ihm?“ MNein“ „Iſt Niemand von den Meinigen hier auf der Villa? Haben Sie. meine Schweſter nicht geſehen?“ Man konnte ihm keinen Beſcheid geben. Ohne ein Wort zu ſagen, wendete Prancken ſein Pferd und ritt davon. Der Doctor kam, und von ihm hörte man, daß Bella von Schloß Wolfsgarten verſchwunden ſei. Als er jetzt vernahm, daß auch Sonnenkamp entflohen ſei, rief er: „Sie iſt mit ihm entflohen! Ein Meiſterſtück! Wenn Sonnen⸗ kamp die feinſte Taktik angelegt hätte, er hätte es nicht klüger machen können. Durch dieſe Entführung Bella's lenkt er die Nach⸗ rede von ſich ab und von Allem, was er gethan. Daß er Bella Prancken mit ſich fortreißen konnte, das iſt gewaltiger als Alles.“ Zweites Capitel. „Heinrich, komm! Heinrich, komm zurück! Das ſind Deine äume, Dein Haus! Komm zurück! Ich tanze Dir! Heinrich! Heinrich!“ So rief Frau Ceres. Sie wollte auch gar nicht mehr eſſen, ſie wollte warten, bis ihr Mann ſagte: Liebes Kind, ſo genieße doch etwas. Nur auf eindringliches Zureden des Fräulein Perini nahm ſie Speiſe zu ſich. Klagend ging ſie durch die Gärten, durch die Treibhäuſer. Fräulein Perini hatte unſägliche Mühe, ſie zu beruhigen. —— —— — 223— Frau Ceres ſchalt auf den Gärtner, weil er die Wege reche, da ſeien Fußſpuren von ihrem Manne, die dürfe man nicht ver⸗ wiſchen, ſonſt müſſe er ſterben. Am Fenſter ſaß ſie wieder ſtundenlang und ſchaute hinaus über den Strom, wo die Schiffe auf- und abgingen, zu den Bergen und Wolken und leiſe klagte ſie vor ſich hin. „Heinrich, ich habe Dich ſchwer gekränkt, Du darſſt mich peitſchen, wie Deine Sklaven; nur nimm mich zu Dir, verzeih mir. Ach, weißt Du noch, wie es war, als Du zu mir herauskamſt? Cäſar ſpielte die Harfe, und ich tanzte in meinem blauen Kleidchen und meinen goldgelben Schuhen... Weißt Du noch?... Manna!“ rief ſie dann heftig.„Manna! bring Deine Harfe, ſpiel mir vor, ich will tanzen, ich bin noch ſchön. Komm, Heinrich!“ Sie ver⸗ ſuchte eine Tanzweiſe zu ſingen. Plötzlich fragte ſie dann Fräulein Perini:„Nicht wahr, er kommt wieder?“ Und das fragte ſie ſo ruhig, in ſo klarem Ton, daß man wieder von der Angſt befreit wurde. „Wenn ich ſterbe, ſoll er Frau Bella heiraten, ſagen Sie ihm das,“ flüſterte ſie vertraulich, mit großen Augen dreinſtarrend. „Frau Bella iſt eine ſchöne Wittwe, ſehr ſchön, und er ſoll ihr meinen Schmuck geben, er wird ihr gut ſtehen. Laſſen Sie an⸗ ſpannen, ich will zur Gräfin Bella, ſie hat Briefe von ihm, ich weiß das.“ Fräulein Perini ſuchte ſie zu beruhigen, aber Frau Ceres be⸗ ſtand darauf, ſie wolle zur Gräfin Bella. In ihrer Angſt ſchickte Fräulein Perini zur Profeſſorin und zu Erich; ſie hoffte, daß man Frau Ceres zerſtreuen und von ihrem Gedanken abbringen könne, aber es gelang nicht; Frau Ceres blieb bei ihrer Forderung. Man ſagte ihr, die Gräfin ſei verreiſt. „Dann iſt ſie mit ihm... mit ihm. Ich weiß, er hat ihr meinen Schmuck gegeben, ich habe den falſchen. Ruft mir meine Kinder!“ Manna und Roland kamen, und mit einer erſtarrenden Luſtig⸗ keit rief Frau Ceres: „Euer Vater hat Frau Bella geheiratet, Ihr habt jetzt noch eine Mutter, ſie iſt ſchön... ſehr ſchön. Da ſtehen ſie Alle und ſehen mich an! Fragt ſie... fragt ſie nur, ob es nicht wahr iſt? Ich bin nicht dumm, er hat ſelber geſagt, ich ſei geſcheidt... O, ich bin geſcheidt!“ 224 Manna wendete ſich an Claudine, und dieſe beſtätigte, es ſei allerdings wahr, daß Sonnenkamp mit Gräfin Bella ent⸗ flohen ſei. Roland ſah auf Frich. Erich ſenkte die Augen. Die Kinder warfen ſich an den Hals der Mutter und weinten und ſchluchzten. „Sie hat keine Kinder, ſie iſt doch Eure Mutter nicht! Ihr bleibt bei mir, Ihr geht nicht zu ihr... Er wird Euch ſtehlen wollen. Laßt Euch nicht ſtehlen.“ Man legte Frau Ceres auf ein Ruhebett, ſie hielt die Hände ihrer Kinder, bis ſie einſchlief. Manna und Roland ſaßen ſtill. Wer kann ermeſſen, was durch ihre Seelen zog? Welches Erbe von Schmach häufte der Vater auf ſie! Weidmann ließ melden, daß er angekommen ſei. Der Notar übergab ihm und Erich die Vollmachten, er hatte zugleich auch von Sonnenkamp Anweiſung erhalten, wie man Nachrichten an ihn gelangen laſſen könne. In einer ſüdſtaatlichen Zeitung ſollte man unter der Chiffre S. B. Mittheilung machen von dem, was auf Villa Eden vorging. Ein Schauder überrieſelte die Männer, daß in dieſen Inſtruktionen offen bezeichnet war, die Nachricht vom Tode der Frau Ceres ſolle man auch in genau bezeichnete engliſche und franzöſiſche Zeitungen ſetzen. Es ſchien, daß Sonnenkamp einen Selbſtmord ſeiner Frau erwartete. Als Weidmann, der Notar und Erich wieder in den Hof kamen, trafen ſie Roland. Er reichte Weidmann die Hand und fragte, ob er jetzt wiſſen dürfe, was ſein Vater an ihn geſchrieben habe. Weidmann übergab den Brief, worin Sonnenkamp ihm das Schickſal ſeines Sohnes ans Herz legte und das Vertrauen aus⸗ ſprach, daß ſein Sohn in Allem ſich der Leitung Weidmanns überlaſſen werde. „Nun kann nichts mehr kommen, nun iſt Alles erſchöpft,“ ſagte Roland mit ruhiger Stimme. Während die Männer noch beiſammen ſtanden, kam Knopf und mit ihm der Neger Adams. Adams trug einen grauen Schnurenrock, ganz ähnlich wie Sonnenkamp einen ſolchen, wenn er im Garten hin und her ging, zu tragen pflegte. Roland bot dem Neger die Hand und ſagte: „Du haſt meinem Vater Böſes thun wollen„ich verzeihe Dir, es iſt Dir auch Böſes geſchehen.“ Jetzt erſt erfuhr Erich, daß Roland nicht nachgelaſſen habe, bis man Adams holte. Weidmann wünſchte, daß Adams die Villa verlaſſe, er wollte ihn mit nach Mattenheim nehmen; Roland aber bat, Adams möge bleiben, bis er ſelber wieder nach Mattenheim zurücktehre. Der Major war gerne bereit, den Neger vorläufig in ſein Haus zu nehmen. Knopf berichtete mit einer Art von Triumph, welch ein Muſter von Gaunerei dieſer Neger ſei; er habe die Abſicht gehabt, zu Sonnenkamp zu gehen, offen ſeine That zu bereuen und ihm falſch Zeugniß anzubieten, natürlich für viel Geld; er ſei daher außer ſich geweſen, als er hörte, daß Sonnenkamp entflohen und ſein falſches Zeugniß nun werthlos ſei. Knopf, ein ſo gutmüthiger, ja ein ſo weichmüthiger Menſch, hatte eine wahre Luſt daran, nun vollkommene Gauner zu kennen, wie Sonnenkamp und Adams; wo er einmal Schlechtigkeit gefunden, führte er dieſelbe wie alle Idealiſten zur äußerſten Conſequenz. Der Major ging nun mit Adams nach ſeinem Hauſe, er hatte eigentlich innerlich einen Widerwillen gegen dieſen Menſchen, aber er bezwang ſich und war beſonders freundlich. Roland ging zu Manna und erzählte ihr, daß er den Neger habe kommen laſſen; er halte es für ſeine Pflicht, dieſem Manne zu zeigen, wie er ihm das Ueble, das er über das Haus ge⸗ bracht, nicht nachtrage, es vielmehr ſein Wille ſei, ihm Gutes zu erweiſen. Manna wollte von dem Neger nichts wiſſen. Sie war ſcheu in ſich zurückgezogen, ſie hatte nicht die Faſſung gewonnen, zu der Roland ſo raſch gelangt war, ſie kam faſt nie mehr nach dem grünen Hauſe. Sie blieb bei ihrer Mutter, war zutraulich und dankbar gegen Fräulein Perini und bat ſie wiederholt um Entſchuldigung, wenn ſie jemals ſie gekränkt. Die Stimme Manna's hatte wieder jenen umflorten Ton, über ihr ganzes Weſen ſchien ſich wieder die Verſchleierung zu breiten, die von ihr gewichen war. Dieſe Gemüthsverfaſſung erſchien Fräulein Perini als eine wohl zu benutzende. Sie ging zum Pfarrer und ſagte, jetzt ſei die Dit, vielleicht die letzte, wo wiederum Alles zu gewinnen onnenkamp habe ſeine Kinder ſelbſtändig geſtellt, Frau ere ſichtbar ab und bei ihren Heftigkeiten ließe ſich nicht ie ſie plötzlich dahingerafft würde. Jetzt wäre es noch ch. Landhaus am Rhein. III. möglich, Manna aus der Umgarnung, in der die Dournay's ſie gefangen hielten, zu befreien. Der Pfarrer erachtete es ohnedies als Pflicht, ſich dem Kinde, das ſich ihm ehemals ſo vertraulich nahe geſtellt, nicht zu ent— ziehen; er lehnte aber auch vor Fräulein Perini jede andere Abſicht ab. Er ging nach der Villa und ließ Manna ſagen, daß er ſie zu ſprechen wünſche. Manna erbebte, ſie ließ erwidern, daß ſie ſehr dankbar für ſeinen Beſuch ſei, ſie ſei jedoch die Verlobte Erichs und könne den Pfarrer nur im Beiſein Erichs ſprechen. Fräulein Perini lehnte es ab, dem Pfarrer dieſe Antwort zu überbringen. „So gehe ich ſelbſt,“ ſagte Manna. Sie ging hinab in den Balkonſaal und ſagte, ſie bitte dringend, daß der Pfarrer keinerlei Verletzung darin ſehen möge, aber als die Braut Erichs müſſe ſie fortan auf jeden geiſtlichen Zuſpruch verzichten. Der Pfarrer ſah ſie nicht zornig, er ſah ſie mitleidig an und entgegnete: „Gut, es geſchehe nach Ihrem Willen.“ Er wendete ſich ab und ging. Prittes Capitel. Von allen Menſchen, deren Sinnen nach Villa Eden gerichtet war, wurde keiner von den ſo ſcharfen Ereigniſſen ſchwerer be— troffen, als der Major. Er hatte keine Ruhe mehr im Hauſe und ſchon ſeit der Erzählung Sonnenkamps hatte er auch ſein Beſtes verloren,„die Ablöſung“, wie er es nannte, nämlich ſeinen geſunden Schlaf. Er ging unruhig hin und her und ſprach oft mit der Laadi. In der Nacht war ihm das unruhige Denken ſo beängſtigend, daß er leiſe mit ſich ſelber ſprach, manchmal aber auch Fräulein Milch weckte, daß ſie ihm darüber weghelfe; die Flucht Sonnenkamps und die Nachricht, daß Bella mit ihm entflohen wäre, verwirrte ihn noch mehr.„ Als er nun mit Knopf und dem Neger kam, bat lein Milch Herrn Knopf, dazubleiben; ſie geſtand ihm offen, eine Furcht, die ſie nicht bemeiſtern könne. Knopf bedauerte, daß er nicht bleiben könne, er habe Pflichten gegen den Fürſten Valerian. Er beſchwichtigte keineswegs die Angſt der Fräulein Milch, ſteigerte ſie vielmehr noch, da er mit großem Behagen darlegte, welch ein prächtiger Gauner dieſer Adams ſei. Wenige Tage, nachdem Adams ins Haus genommen worden, wurde der Major krank und mußte ſich zu Bette legen. Der Doctor gab beruhigende Mittel, ſie halfen dem Major, aber für Fräulein Milch konnte er keine beruhigenden Mittel verordnen. Dieſe gab ihr ein Mann, der nichts von Medicin verſtand. Es war Profeſſor Einſiedel. Ihm klagte ſie über die Anweſenheit des Negers und ſie ſagte: „Ich muß mich hüten, durch dieſen einen Neger nicht ein Vorurtheil gegen alle Neger anzunehmen.“ „Wie meinen Sie das?“ Fräulein Milch erröthete und erwiderte: „Wenn man ein fremdes Volk oder einen fremden Stamm nicht kennt und eine nicht günſtige Vormeinung von denſelben hat, kommt man leicht dazu, den Einzelnen, den man kennen lernt, als den Vertreter der Geſammtheit anzuſehen, ſeine Eigen⸗ heiten und Fehler der Geſammtheit aufzubürden. Dieſer Neger nun iſt ein Mann, der nichts lernen und arbeiten will, er iſt als Sklave und dann als Lakai gewöhnt worden, daß Andere für ihn ſorgen. Nun könnte man leicht auf das Vorurtheil kommen, daß alle Neger ſo ſind, und das wäre doch ungerecht.“ „Wohl bedacht,“ gab der Profeſſor ſeine Cenſur ab.„Ich möchte nur wiſſen, wie Sie dazu kommen, ſich gegen Vorurtheile zu wehren? Ich kenne freilich das weibliche Geſchlecht nur wenig, aber ich meine, daß dies Behüten vor Vorurtheilen ſelten bei Frauen iſt.“ Fräulein Milch preßte die Lippen zuſammen, ſie hätte wohl ſagen können, woher in ihr die Forderung ſtammte, doß jeder Einzelne für ſich betrachtet werden müſſe. Nach einer Weile fuhr ſie fort: „Glauben Sie nicht auch, daß die Neger nie vollkommen frei werden, wenn ſie ſich nicht ſelbſt befreien, wenn nicht ein Moſes aus ihrer Mitte erſteht und ſie aus ihrer Sklaverei führt? Glauben Sie nicht, daß auch dies Geſchlecht, das in der Skla⸗ verei war, verkommen und abſterben muß und erſt das neue, * — S — — — in Freiheit erwachſene Geſchlecht ins gelobte Land der Freiheit kommt?“ „Da haben Sie es,“ fiel Profeſſor Einſiedel ein,„ich hoffe, Sie verſtehen mich. Die ſchwarze Raſſe hat keine ſelbſtändige Culturentwickelung, ſie bringt, ſo weit wir bis jetzt ſehen, nichts mit in das geiſtige Familiengut der Menſchheit. Allerdings ſollten nicht Fremde ſie befreien, aber der Erlöſer, den wir allein kennen, heißt Bildung, und die wird übertragen und ſie allein erlöſt. Sie kennen wol die neueren Forſchungen über die Japhetiden?“ „Ach nein.“ Der Profeſſor war eben daran, Fräulein Milch zu erklären, wie man in egyptiſchen Papyrosrollen überraſchende Aufſchlüſſe gefunden; es zeige ſich, daß der Verfaſſer oder Redacteur der Bibel nicht vollkommen Egyptiſch verſtanden, ja es finde ſich das Weſentliche, was die Bibel enthalte, bereits in egyptiſchen Schriften, nur die Befreiung der Sklaven bleibe die große That des mythi⸗ ſchen Moſes und ſtehe einzig da in der ganzen alten Welt. In ſeiner Freude, eine ſo gute Zuhörerin zu haben, wollte der Profeſſor eben weitläufig werden, als der Kriſcher mit ſeinem Sohne, dem Küfer, und der Tochter des Siebenpfeifers kam. Zum Hauſe des Majors gingen ſie zuerſt, um hier zu verkünden, daß Alles wieder gütlich ausgeglichen ſei; der Siebenpfeifer hatte die Einwilligung gegeben. Noch mehr. Man hatte das„nahrhafte Wirthshaus,“ wie der Kriſcher es nannte, das Wirthshaus zum Karpfen im Städtchen angekauft und der Kriſcher wußte ſchön auszumalen, wie glücklich er ſei, daß er nun Vater eines Wirths⸗ hauſes ſei. Der Major, der in der Kammer von den Ankömmlingen ge— hört hatte, ließ nicht ab, bis ſie zu ihm hereinkamen, denn ſolch eine Freude mache ihn halb geſund; er ermahnte nur den Kriſcher, ſich nicht dem Trinken zu überlaſſen. Der Kriſcher gab ihm die Hand und ſagte: „Da haben Sie meine Hand drauf. Von heute an trinke ich keinen Tropfen mehr über den Durſt. Aber meinen Durſt löſchen darf ich doch? Ich habe Gottlob einen geſunden Durſt, aber an der Hochzeit— Sie müſſen auch dabei ſein— da trink ich mir einen Allerweltsrauſch! Unſer Herrgott ſoll vom Himmel herunter lachen: ja, ſo kann's doch Keiner, wie mein Kriſcher.“ v ——— —— *—— 2 Dieſes einfache freudige Ereigniß brachte in die dumpfe Schwüle, in die alle Menſchen im Umkreiſe von Villa Eden verſetzt waren, eine Erfriſchung und Belebung; Profeſſor Einſiedel hatte einen guten Gedanken, er ſagte dem Kriſcher, daß er als Dank für ſeine Freude auch ein Gutes thun und den Neger ins Haus nehmen möge. Der Kriſcher war ſofort bereit. Leiſe ſagte ihm Fräulein Milch, es werde ſchwer halten, Adams zur Arbeit zu bringen, und ſie bat, er möge ja recht gut gegen den Neger ſein. Der Kriſcher verſprach's und nahm Adams mit. Die Hunde bellten laut, als der Neger in das Haus des Kriſchers kam, und die Frauen ſchrien in Angſt; das Angſtgeſchrei verſtummte bald, das Bellen der Hunde aber hörte nicht auf, ſo⸗ bald Adams aus dem Hauſe trat, pellten alle Hunde aufs Neue... Als der Doctor mit der Profeſſorin zum Hauſe des Majors kam, war er ſehr befriedigt, daß Adams bereits das Haus ver⸗ laſſen hatte, und noch mehr, daß der Major wieder aufrecht im Bette ſaß und ſeine lange Pfeife rauchte. Er bat nur, daß der Major ſich noch ruhig verhalte, dann ging er mit den beiden Frauen in die Wohnſtube. Hier theilte er ihnen mit, daß er ſtolz ſein könne; Bella habe an ihn aus Antwerpen geſchrieben. Der Brief lautete: Sie allein haben mir nie Freundlichkeit geheuchelt, darum ſollen Sie auch ein Andenken von mir haben. Ich ſchenke Ihnen meinen Papagei. Der Papagei iſt das Meiſterſtück der Schöpfung, er ſpricht nur, was man ihm lern e ella. Die beiden Frauen ſahen einander erſchreckt an und der Doctor war nicht wenig erſtaunt, als Fräulein Milch ſagte, ſie habe gewiß nie etwas Freundliches von Herrn von Prancken er⸗ fahren, aber es ſei doch hart, daß ihn ein ſolch ſchweres Schick⸗ ſal betroffen. Nachdem er die Braut verloren, habe auch die Schweſter ihn verlaſſen, bereite ihm ſo viel Kummer und bringe Schande über ihn. Hätte Prancken geahnt, daß Fräulein Milch ihm jetzt Mitleid widmete, es wäre vielleicht das Härteſte geweſen, was er in ſeiner jetzigen Lage empfunden. Der Doctor erzählte von der Verwirrung, die nach der Flucht Bella's auf Wolfsgarten geherrſcht; es ſei nicht recht klar, ob ſie die bedeutenden Erſparniſſe mitgenommen oder zurückgelaſſen habe. ——— W* ———— — 230— „Mir fehlt etwas,“ ſagte er,„ſeitdem Bella verſchwunden iſt, ein Barometer für das rechte Denken und eine Quelle von Be⸗ trachtungen. Jetzt da dieſe Frau fort iſt, merkt man erſt, wie breit ihre Wirkung war, vielleicht ausgedehnter, als ihr zuſtand. Uebrigens freut mich dieſe Geſchichte, ſie iſt wieder einmal ein Beweis, daß es noch kühne, gewaltige Menſchen gibt.“ „Sie lieben die Bizarrerie,“ warf die Profeſſorin ein. „O nein. Was Andern als Bizarrerie erſcheint, ſehe ich als folgerichtige Handlungsweiſe; ſo und nicht anders mußte Bella handeln, das gehört zu ihrem Heroismus. Herr Erich kann mir bezeugen, daß ich geraume Zeit vor dem Ereigniſſe etwas der Art ahnte. Bella und Sonnenkamp haben Aehnlichkeit, ſie ſind Beide geiſtreich, ſcharf denkend in allem Unperſönlichen, aber tyranniſch, boshaft, ſelbſtiſch in allem Perſönlichen. Jetzt, da ſie fort iſt, kann ich es ſagen, ſie iſt auch als Mörderin geflohen; nicht mit Gift und Dolch, aber mit tödtenden Worten hat ſie Clodwig ins Herz getroffen, er hat es mir geſtanden.“ „Wie iſt bei ſo viel Bildung Alles das möglich?“ ſagte die Profeſſorin. „Ja, eben darin liegt's,“ warf der Doctor ein.„Alles Geiſtes⸗ leben ging Frau Bella nie etwas an, ſie kam hinein und wußte nicht wozu; ſie mußte verwüſten, denn was ſollte ſie mit all dieſer Bildung? Bisher gab es nur Religionsheuchelei, jetzt gibt es auch Bildungsheuchelei. Aber nein, Frau Bella war keine Heuchlerin und eigentlich nicht bös, ſie war einfach roh.“ „Roh?“ „Ja. Denken an ein Anderes iſt Bildung des Geiſtes und des Herzens, Frau Bella dachte ſtets nur an ſich, an das, was ſie zu ſagen, zu empfinden hatte. Ich habe lange nach einer Grund⸗ lage in dieſer Natur geforſcht, bis ich es, wie ich glaube, gefunden habe. Es iſt das Beauté⸗Bewußtſein. Ich bin eine Beauté, iſt das Princip, auf das ſich ein ganzes Syſtem ſtellt; die anderen Menſchen ſind nur dazu da, die Beauté zu ſehen und zu be⸗ wundern. Es war ein Verrath an ſich ſelbſt, als Bella den Grafen Clodwig heiratete, es konnte nur in einem Momente ſein, wo ſie ihr Beauté⸗Bewußtſein verlor. Wie können wir ſolche Menſchen gerecht beurtheilen?“ Der Major rief laut aus der Kammer, man ſolle ihm doch mittheilen, was der Doctor ſo laut und heftig ſpreche. Fräulein ———— ———————— 26 Milch peruhigte ihn und ſagte, es ſei keine Unterhaltung für einen Kranken; ſie geſtand indeß, daß von Bella die Rede ſei. Als Fräulein Milch wieder in die Wohnſtube eintrat, kam ein Bote von Villa Eden, der den Doctor und die Profeſſorin heim⸗ rief; Frau Ceres ſei in Lebensgefahr. Der Doctor und die Profeſſorin eilten nach der Villa. — Piertes Capitel. „Heinrich, komm! komm zurück! Das ſind Deine Bäume, Dein Haus! Komm zu mir! Ich tanze Dir! Heinrich! Heinrich 1 So rief Frau Ceres. „Kommen Sie,“ ſagte ſie zu Fräulein Perini.„Seine Eriken müſſen gut gepflegt werden, ich ve i ihn elernt. Gute Moorerde, die laſſ 3 und ſieben. Wenn er kommt, wird er ſagen: da gemacht, Ceres; Du biſt ganz geſcheidt.⸗ ie gi it Fröwlein Perini nach dem Treibhauſe und ſagte m Obergärtner, wie er ſorgſam darauf halten ſolle, da die Luft bei den Eriken in mittlerer Temperatur un feucht gehalten werde. Fröulein Perini ſchickte einen Gartenburſchen noch Erich, ſie mit Frau Ceres ollein nicht aushalten. Frau Ceres war ganz ruhig; ſie ob die Erikentöpfe etwas in die Höhe, um nachzuſehen, ob d ſeien; endlich wendete ſie ſich um und ſagte: „Es wäre Zeit, daß der Herr Hauptmann lernte, wie man die Pflanzen behandelt. Die Herre i i 2. — G — —— — S 5 3 S S. 2 —— 2 cg S — S 5 — ſie können von uns nichts lernen; ſie ſehr viel lernen. Mehr als zweihundert Sorten Eriken ſind am Cap. Ja, Sie können es glauben. Er hat's geſagt. wollen wir wieder ins Haus zurückgehen.“ Sie gingen und kamen auf den groß mit dem Springbrunnen war. Plötzlich that Frau Ceres ein Monn im grauen Schnurenrock, mit ihm der Kriſcher. — — n. ———————— —* F rſtehe es, ich hab's von ihm en wir trocknen und zerſchlagen ie Unterſetzer gehörig feucht n Gelehrten meinen immer, von meinem Mann können en Platz, wo der See einen gellenden Schrei. Dort ging ———————— 2 „Heinrich! Heinrich! Da biſt Du! Ich bin da. Komm. arum wendeſt du dich ab.“ Der Mann wendete ſich um, es war Adams. Frau Ceres ſchrie: „Du biſt in einen Neger verwandelt! Heinrich, wer hat Dir das gethan? Heinrich! Pfui! Thu die ſchwarze Haut ab, Heinrich!“ ſchrie ſie und ſprang mit aller Kraft auf Adams zu und riß ihm die Kleider vom Leibe. Sie ſank vor ihm nieder, ſie wurde in Zuckungen von Adams und dem Kriſcher ins Haus getragen, als eben der Doctor und die Profeſſorin ankamen. Frau Ceres wurde nicht mehr zum Leben erweckt. Manna und Roland knieten lautlos an der Leiche ihrer Mutter. Die ſchönen Blumen, die Sonnenkamp ſo ſorgſam gepflegt, ſtanden um die Leiche ſeiner Frau im Muſikſaale. Die Freunde kamen ſie umarmten und küßten Roland, auch Lina kam und umarmte Manna ſtill mit einem Händedruck, mit einer Umarmung ſagte ein Jedes dem Leidtragenden: Ich bin bei Dir, ich möchte Dir helfen, ich lebe. Auch Prancken erſchien unter den Leidtragenden; er kniete an der Leiche nieder, neben ihm Fräulein Perini. Die Leiche wurde in der Kirche eingeſegnet, und von da wan⸗ delte das Gefolge nach dem Kirchhofe. Knopf und der Lehrer Faßbender hatten den Geſangverein zu⸗ ſammen gebracht, ſie ſangen vor dem offenen Grabe. Roland ſtand an Erich gelehnt, Manna war von der Profeſſorin und Claudine gehalten. Der Geſang war zu Ende, der Pfarrer trat vor. Er ließ eine Weile ſtill ſeinen Blick auf der Verſammlung ruhen; kein Laut war vernehmbar, vom Walde hörte man nur die Elſter ſchnattern und den Nußhäher kreiſchen. Der Pfarrer ſprach das Gebet um Sündenvergebung in das offene Grab hinein, dann weihte er das Grab mit den üblichen Worten, ließ Weihrauch darüber wehen und ſpritzte dreimal Weih⸗ waſſer hinab. Jetzt bückte er ſich, nahm die Schaufel und warf drei Schaufeln Erde hinab, indem er ſprach:„Von Staub biſt Du, zu Staub wirſt Du.“ Er erhob ſich, ſah die Verſammlung ruhig an, ſah ſtill in das Antlitz der Leidtragenden, drückte das Gebetbuch an die Bruſt, und nachdem er einige allgemeine Be— trachtungen ausgeſprochen, rief er: 6————— „Du armes reiches Kind aus der neuen Welt! Jetzt biſt Du in der wahren neuen Welt. Du, Verewigte, biſt jetzt geadelt, denn der Tod adelt und Du trägſt einen Schmuck, ſchöner als alle Deine Diamanten, denn Du warſt bei aller Welltlichkeit ein gläubig Gemüth; Du haſt die Dornenkrone des Schmerzes getragen. Ihr aber, die Ihr lebendig hier ſteht, Euch rufe ich zu: Ihr könnt Landhäuſer bauen, Ihr könnt ſie ſchön ausſtatten, aber es kommt der Fürſt alles Lebens, der Tod. Ein Bretterhaus, das iſt die Heimat, das iſt das Landhaus, Jedem beſchieden tief im Erden⸗ grund. An jenen reichen Jüngling ging das Wort: Laß Alles hinter Dir und folge mir nach. Wollt Ihr auch weinend von vannen gehen, da Ihr von dem Beſitzthum der Welt nicht laſſen konntet? O⸗ ich rufe Euch— nein, der dieſen Tag über uns heraufgeführt und der in dieſes Grab hinunterſchaut, hoch oben über Allem, er ruft Euch zu: Zerreißt die Bande der Sklaverei, Ihr ſelbſt ſeid Stlaven! Seid frei! Du, edle Jungfrau, die Du das Beſte in Dir gehegt, ſchau hinab in dieſes Grab und hinaus über die Spanne Zeit, wo Dir ſolch eine Grube ſich öffnet. Ver⸗ ſchmähe die Hand nicht, die Dich retten will. Tage des Jammers, Nöchte der Verlaſſenheit werden über Dich kommen. Du wirſt am Tage fragen: wo bin ich und was ſoll ich auf der Welt? Und in die dunkle Nacht hinein wirſt Du klagen und ſchaudern vor der Nacht des Todes. Du kannteſt das Heil, Du trugſt es in Dir. Und nun? Treulos.. dreifach treulos!... Treulos an Dir, an Deinen Freunden und an Deinem Gott!“ Sich auf die Bruſt ſchlagend, mit thränengepreßter Stimme fuhr er fort: „Wie gerne, wie freudig will ich ſterben, ich, der hier zu Euch ſpricht, wenn ich ſagen tann, ich habe Euch gerettet. Nein, nicht ich, der Geiſt hat Euch gerettet durch den Hauch meines Mundes. Kommt her, laßt Alles, was Euch hält, worauf Ihr Euch ſtützt— kommt her zu mir, Ihr Kinder des Schmerzes, zu mir, Ihr Kinder des Elends, des Leids, des Reichthums und der hülfloſen Armuth!“ Er machte eine Pauſe, und als ſich Niemaud bewegte, fuhr er fort: „Ich habe geſprochen, habe gemahnt, wie ich mußte und weil ich mußte. Ich rufe Dich an, deren Hülle wir jetzt der Erde übergeben, rufe Du Deinen Kindern zu die drei Schollen ſollt ————————— — Ihr auf mein Grab werfen, wenn Eure Hand hingibt, was man das Beſitzthum der Welt nennt, und was nichts iſt als der Kauf⸗ preis um die verlorne Seele. Thut Ihr es nicht, ſo beten wir für Euch, die Ihr todt ſeid im lebendigen Leibe, wie wir für Dich beten, die wir nun todten Leibes in die Grube ſenken, aber deren Seele aufgegangen iſt in die Cwigkeit. Gib, daß Deine Kinder die Cwigkeit empfahen, die Ewigkeit allein“ 1 Der Pfarrer zitterte am ganzen Leibe und Roland bebte an der Seite Erichs. Jetzt trat Weidmann an die andere Seite Rolands und legte ihm die Hand auf die Schulter. Das Grab wurde zugeſchüttet. Der Pfarrer ging raſch von dannen; Prancken ging mit ihm; die Leidtragenden kehrten nach der Villa zurück.— Roland war es zuerſt, der ſich ermannte und rief: „Ich laſſe mich nicht zerbrechen und knicken. Der ſchwarze Schrecken ſoll mich nicht verſcheuchen.“ Auch Manna richtete ſich auf. Der Tod und die Erſchütterung am Grabe der Mutter ward zur neuen Befeſtigung im Weſen der Kinder... Am Tage nach dem Begräbniß bat Fräulein Perini um ihre Entlaſſung; ſie erhielt noch die geſammte Garderobe der Frau Ceres. Sie ließ dieſelbe in großen Kiſten nach dem Pfarrhauſe bringen und reiſte bald nach Italien zu der jungen Wittwe, der Tochter des Herrn von Endlich. ünftes Capitel. Auf Villa Eden herrſchte Stille und Trauer; draußen aber ſetzten die leichtblütigen Rheinländer ihr Leben in gewohnter Weiſe fort. Die Schoppengäſte ſaßen beiſammen. Da war die Rede von Paris, von London, von Amerika, der geht hin, der iſt dort, der kommt heim; das ganze bewegliche Weſen der Rhein⸗ länder wurde laut; das lebt beſtändig wie auf die Welle geſetzt. 6 Der grüne Strauß war im Nachbarſtädtchen ausgeſteckt, die treuen Verehrer des Heurigen, der noch auf der Zunge tanzt, — 335 verſammelten ſich. Zuerſt kam der Holzhändler, man kann eigent⸗ lich nicht ſagen, er kam, denn er war immer da; er ging nur bisweilen nach ſeinem Hauſe, um nach dem Geſchäfte zu ſehen, dann war er wieder in der guten getäferten Wirthshausſtube, wo es im Sommer ſo kühl und im Winter ſo behaglich warm und ſo früh dunkel iſt, daß man bald bei Licht trinken kann. Nun kamen ſie nach und nach alle heran mit jenen zufriedenen Mienen, die die Zuverſicht eines guten Trunkes und einer be⸗ haglichen Unterhaltung verleiht. Sie ſaßen endlich beiſammen. Zuerſt ging's an ein Beſprechen über das Benehmen des Pfarrers beim Begräbniß der Frau Ceres. Man ſtritt hin und her, ob der Kirchenfürſt den Auftrag hiezu gegeben oder mindeſtens einverſtanden ſei. Weiter wagte man ſich nicht, denn der Holzhändler, oder vielmehr die Frau des Holzhändlers hielt ſtreng zur Geiſtlichkeit. Das Geſpräch wendete ſich bald vom Pfarrer weg und haftete um ſo ergiebiger bei Sonnenkamp. Man hatte eigentlich doch Reſpect vor ihm; die Kraft imponirt, und ein Kraftſtreich war es, wenn auch ein verwerflicher, nicht nur Sklaven zu verkaufen, ſolch ein Haus zu bauen, den ganzen Hof an der Naſe herum⸗ zuführen, ſondern auch noch zuletzt die Gräfin mitzunehmen. Der Agent, der mit Manna und Fräulein Perini rheinabwärts gefahren war, wollte wiſſen, daß Prinz Leonhard in Unterhandlung ſtehe, die Villa zu kaufen; er ſuchte dadurch eigentlich nur vor⸗ zubeugen, daß Niemand ſich mit der Sache einlaſſe, da er ſelber einen Käufer ausfindig machen wollte. Der Holzhändler, der in Permanenz beim Schoppen war, ſagte, das Beſte wäre eigentlich, es machte ſich eine Geſellſchaft zuſam⸗ men und kaufte die Villa mit aller fahrenden Habe. Das war nun guter Stoff. Ein Weinhändler, der jedes Jahr verkündete, daß er ſein Geſchäft aufgebe, und die letzte Verſteigerung hielt, dann aber auch jedes Jahr ſein Geſchäft erneuerte, ſagte, daß ihm einige Weinberge Sonnenkamps gut anſtänden, auch die Kellereien zu miethen und den geſammten Vorrath anzukaufen, wäre er nicht abgeneigt; die Pferde, die Hunde wurden vorläufig zur Verſteige⸗ rung ausgeſetzt. Es fragte ſich nur, was man aus dem Hauſe machen ſolle. Wer nicht eine Million hat, fann das Haus nicht bewohnen, und ſchade wäre es doch für das ſchöne Haus und den gewählten Punkt, wenn man eine Fabrik daraus machte. — 236— „Hellauf! da kommt der Sputzenmacher!“ hieß es plötzlich. Es war der Mann, mit dem Erich damals, als er beim Doctor übernachtet hatte, eine Strecke heimwärts fuhr; er hatte eines jener weinſeligen gerötheten Geſichter, die kein Alter er⸗ kennen laſſen jenſeits der Vierziger⸗Jahre; dabei war ſein Antlitz ſo beweglich, als ob es von Guttapercha wäre. Der Sputzenmacher winkte dem Wirthsmädchen, es wußte, von welchem er trank; er ſetzte ſich behaglich nieder, die Cigarren⸗ ſpitze aus der Taſche nehmend und das Futteral öffnend. „Was gibt's Neues?“ wurde gefragt. Der Sputzenmacher gab die gewöhnliche Antwort:„Schön Wetter und nichts darauf.“ „Wo biſt Du denn ſeit drei Tagen geweſen, daß man Dich nicht geſehen?“ „Da, wo man ſein Leben verlängert.“ „Was iſt denn das wieder?“ „Ich bin in der Hauptſtadt Uniformingen geweſen; da kann man ſein Leben verlängern, denn da wird einem die Zeit doppelt lang.“ „Alt! alt!“ ſchrieen die Schoppengäſte.„Mußt was Neues geben!“ „Ja wohl, was Neues! Ich ſage Euch, manche Lügen ſind nicht wahr, und das ſind oft gerade die ſchönſten. Geht aber hinaus auf das Schiff; ſie ſitzen in der großen Cajüte, das iſt ein Leben! Jedes bringt ſein eigenes Kochbuch in die Ehe und dann verheiraten ſie die Braten mit einander.“ Von allen Seiten wurde der Sputzenmacher gehänſelt, weil er ſo Albernes vorbringe. „Wenn Ihr ruhig ſein wollt, erzähle ich Euch die Geſchichte, aber erſt muß Eins hinausgehen an den Rhein, damit ich her⸗ nach einen Zeugen habe, daß meine Geſchichte eine wirklich wahre iſt, wie der alte Oberförſter ſagt.“ Ein Küfer wurde nach dem am Rhein vor Anker liegenden Schiffe abgeſchickt; der Sputzenmacher gab Anweiſung, was er erkunden ſollte, dann ſagte er:— „Ja, ich hab' einmal das Glück, daß ich die beſten Geſchichten erlebe; ſie laufen mir in die Hände.“ „Erzähl'! erzähl'! Iſt's was vom ſtarken Sonnenkamp, ode von der ſchönen Gräfin?“ * „Ah bah! Das wäre altbacken. Ich habe eine neue, friſch von der Pfanne, und meine Geſchichte heißt: Die Liebe von der„Lore⸗ lei“ und dem„Beethoven“, oder ein Spanferkel als Eheſtifter. Ja, lacht nur, werdet ſehen, daß es eine wirklich wahre Geſchichte iſt. Alſo, Ihr kennt doch den Wirth auf der„Lorelei“? Sie heißen ihn das große Einmaleins, ein beſtandener Mann und ein ehr⸗ licher dazu, denn er geſteht ehrlich, daß er durch geſchickte Addi⸗ tion bei den Rechnungen ſich ein hübſches Vermögen zuſammen⸗ addirt hat. Nun iſt er ledig... ſchrecklich ledig; Eſſen und Trinken ſchmeckt ihm, aber...“ „Ja, ja, wir kennen ihn. Weiter.“ „Unterbrecht mich nicht! Meine Geſchichte muß nicht erzählt ſein, mir iſt's genug, wenn ich ſie allein weiß. Alſo die Sache iſt ſo: Der Capitän von der„Lorelei“, Ihr kennt ihn ja, der große Baumlange, er iſt mehrere Jahre Steuermann auf dem „Adolph“ geweſen... Alſo, der Capitän weiß ſeinem Reſtaurateur den Mund wäſſerig zu machen nach der Wirthin auf dem„Beet⸗ hoven“, die ſeit zwei Jahren Wittwe iſt, eine runde, appetitliche Frau. Es werden Grüße gewechſelt von der weißen Mütze hüben und der weißen Haube drüben; zu einander gekommen ſind ſie aber nicht, bis vor vierzehn Tagen in Köln auf einige Minuten; da legten die„Lorelei“ und der„Beethoven“ an einander an, und dann war's wieder vorbei. Seitdem ſchmunzelt das große Einmaleins auf der„Lorelei“ gar munter, aber vom Heiraten will er nichts wiſſen. Sich ein gutes Eſſen bereiten, wo Nie⸗ mand etwas dreinreden kann, iſt ſein Hauptſpaß; und da hat er nun ein ſäuberliches Spanferkel zurecht gemacht, das er ſich auf morgen braten wollte. Sein Capitän weiß, daß die beiden Schiffe auf morgen, das heißt auf heute, hier übernachten. Er ſtiehlt nun das Spanferkel, gibt es dem Nachbar⸗Capitän und dieſer der Wittwe vom„Beethoven“, daß ſie es gut bereite und noch etwas dazu; ſie thut das mit allem Willen. Nun ladet der Capitän ſeinen Wirth zum Abendeſſen auf dem„Beethoven“ ein, und da die Wirthin das Eſſen ſtellt, iſt es nicht mehr als billig, daß der Einmaleins von der„Lorelei“ den Wein dazu gibt. Sie ſetzen ſich auf dem„Beethoven“ zum Schmaus, die Wirthin iſt natürlich auch dabei, und es geht überaus luſtig her. Der Einmaleins ſagt, beſſer könne man ein Spanferkel nicht herrichten, und es ſei faſt gar ſo fein, wie das ſeinige. Nun kommt die Schelmerei — 238 bald heraus, aber luſtig ſind ſie, und kurz und gut— beim Spanferkel iſt die Verlobung gefeiert worden.“ Kaum hatte der Sputzenmacher ſo weit erzählt, als der Küfer mit dem Capitän der„Lorelei“ kam und Alles der Wahrheit ge⸗ mäß beſtätigte. Die Luſtigkeit war lärmend und übermüthig, und der Capitän erzählte, daß die Neuverlobten die gleiche Liebhaberei hätten; ſie ſammelten während des Sommers möglichſt viel Gold, und jetzt ſitzen ſie beiſammen und putzen mit Seifenwaſſer das Gold blank und lachen dazu. Da trat der Steuermann ein er mußte noch einmal die Ge⸗ ſchichte erzählen, wie bei ſtürmiſchem Wetter die Gräfin Wolfs⸗ garten mit Sonnenkamp rheinab gefahren ſei; er hatte ſie deut— lich erkannt. Jetzt wendete ſich das Geſpräch wieder, und es ſchien eine Vereinigung zu Stande zu kommen, daß eine Geſellſchaft das Landhaus mit allem Zubehör kaufe und dann den Gewinn aus dem Wiederverkauf theile. Der Agent, der dieſe Geſellſchaft nicht zu Stande kommen laſſen wollte, lachte über das Vorhaben und ſagte jetzt, es ſei eigentlich nur Scherz geweſen, daß er erzählt habe, Prinz Leon⸗ hard wolle das Landhaus kaufen; es ſei ſo viel als ſicher, daß die Kinder das Landhaus gar nicht veräußern. Und warum ſollten ſie nicht in der Gegend bleiben? Jedermann habe ſie lieb, hier ſei nun einmal bekannt, wer ſie ſeien; man habe ſie trotzdem lieb. Auch Andere ſtimmten bei, daß man den Kindern nur rathen könne, im Lande zu bleiben, zumal da ein ſo tüchtiger Mann, wie der Hauptmann Dournay das Ganze in Beſitz nehmen werde. Man ſprach lebhaft und der Wein mundete gut dazu; Schoppen auf Schoppen wurde getrunken. Als man endlich davon ging, hielt der Holzhändler in einem Seitengäßchen zwei Kameraden feſt und ſagte, es wäre nicht gut, ſolch ein Geſchäft in großer Ge⸗ ſellſchaft abzumachen, ſie drei mit einander wollten ſuchen, es in die Hand zu bekommen; er habe erfahren, daß Herr Weidmann auf Mattenheim eine Art Vormund und Bevollmächtigter ſei; er ſei ein Mann, mit dem ſich gut verkehren laſſe, und ſo müſſe es das Erſte ſein, daß man mit ihm in Verbindung trete. Andern Tages erſchien der Agent bei Weidmann und bat, daß man ihm die Vermittlung beim Verkauf des Landhauſes über⸗ geben möge, er werde das Beſte herausbringen. Kaum hatte Weid⸗ — 23— mann ihn abgewieſen, als die drei Männer vom Heurigen kamen; auch dieſe lehnte Weidmann ab, da vorerſt keine Rede davon ſei, das Landhaus zu verkaufen. Fechstes Capitel. Während die Menſchen draußen bereits über Haus und Hof verfügten und deſſen Bewohner in die Fremde ſchickten, ſaßen Roland und Manna in ſtiller Trauer. Nach gewaltiger Erſchütterung, nach der anſpannenden Kraft, ſolche zu ertragen, tritt eine Müdigkeit, eine Ruhebedürftigkeit ein, die nichts möchte, als nur die erſte Zeit im Schlafe ver⸗ bringen, bis ſich die Lebenskräfte wieder erneuert haben. Der Vater war entflohen, die Mutter todt, und draußen tobten die einbrechenden Winterſtürme. Sonnenkamp hatte ſeinen Kindern den größten Theil ſeines Reichthums zurückgelaſſen; er hatte erklärt, daß auf dieſem Be⸗ ſitzthum kein Flecken hafte, aber es ruhte dennoch kein Segen für die Kinder auf dieſem väterlichen Erbe. Sollten ſie Alles von ſich geben? Sie waren im Reichthum erzogen, daran gewöhnt, hier in dieſem Hauſe, wo Alles in ſolcher Fülle, hier im Garten, wo man luſtwandeln konnte; aber weit weg drängten ſie die Ver⸗ ſuchung des Reichthums, ja ſie waren kaum davon berührt. Erich und Manna wollten ſich ein neues Leben ſchaffen. In Roland erwachte nun ganz allein der Gedanke, zu welchem Berufe er ſich beſtimmen ſollte. Er ſagte Manna, daß er entſchloſſen ſei, Land⸗ wirth zu werden und mit ſeiner Hände Arbeit ſich ſein Brod zu verdienen. „Ach,“ ſagte er ihr,„wenn Du nur auch eine Thätigkeit gewinnen könnteſt.“ Und es war ein aus Schmerzen hervor⸗ brechendes Lächeln, wie ein aus dunkler Wolke dringender heller Strahl, da er hinzuſetzte: „Ich vergeſſe ja ganz, daß Du die Gattin Erichs wirſt.“ Manna ſchwieg. „Was lieſeſt Du denn ſo eifrig?“ fragte Manna, da er ſtundenlang ſtill ſitzend von einem Buche nicht aufſah. — — 0 Er zeigte es ihr, es war ein Lehrbuch der Forſtwiſſenſchaft. Die Erkenntniß des ſtetigen Wachſens, dieſe Pflege deſſelben durch den Menſchen erquickte ihm die Seele. Es war mit einem eigenen Herzſtoß, da er ſagte: „Ich konnte nicht, wie der Vater, Gartenpflanzen pflegen, aber es iſt doch von ihm, daß mich der Forſtbetrieb am meiſten anzieht. Die Kraft des Bodens, die Geſetze des Wachsthums ſind in der alten und neuen— ich wollte ſagen— auf der ganzen Erde die gleichen.“ Roland wagte noch nicht, Manna zu ſagen, daß er ſich vor⸗ bereite, nach Amerika zu ziehen. Selbſt die Geſchwiſter ſcheuten ſich, mit einander davon zu ſprechen, wie ſie ein Leben fortſetzen wollten, dem alles Aeußerliche geboten war, dem aber ein Etwas fehlte, das nie zu erſetzen ſchien: die Ehre. Weidmann kam nach Villa Eden, und jetzt übernahmen er und Erich im Beiſein des Notars die Werthpapiere. Im Pulte des Schreibtiſches lagen die Schlüſſel und das geheimnißvolle Wort, zu dem die Buchſtaben an den Drehroſetten gefügt werden mußten, damit der Schlüſſel öffne. Das Wort hieß Manna. Das Beſitzthum war wohlgeordnet; in verſchiedenen Fächern lagen Staatspapiere von allen europäiſchen Staaten, in der größten Anzahl von amerikaniſchen, Actien von Bergwerken und den mannigfaltigſten Bank⸗Inſtituten; da lagen die Papiere von verſchiedener Art und Farbe, alle Schattirungen des Regenbogens waren da. Auf den Wunſch Weidmanns mußte Erich mit Roland und Joſeph nach der Handelsſtadt reiſen, um die Staatspapiere in ſichere Obhut zu bringen. Dort angekommen, war ihr erſter Weg nach dem Hauſe des Banquiers, das, in einem Garten vor dem Thore, ländliche Ruhe mit ſtädtiſcher Bewegtheit vereinigte; das Gewerbs⸗ und Geſchäfts⸗ leben hielt ſich im Innern der Stadt, hier draußen war ein be⸗ freites Sein. Freundlich anmuthend herrſchten Schönheit und Bildungsſinn in dem reich ausgeſtatteten Hauſe. Erich traf den Banquier in dem großen, mit ſchönen Statuen geſchmückten Bibliothekſaale; er ſchaute verwundert auf den Mann, der ſich ſo beſcheiden auf Wolfsgarten beim Tode Clodwigs ver⸗ halten, während er in ſeinem Heimweſen über eine gediegene Fülle gebot. — L— Das Geſpräch ging bald auf Clodwig und Bella über. Der Banquier urtheilte mild; er hatte Mitleid mit Bella, deren zurück⸗ gedrängte Abenteurerluſt zu einem ſolchen Ertrem gekommen war. Er machte es Clodwig zum Vorwurf, noch einmal geheiratet zu haben; Clodwig habe ſich getäuſcht und einer Täuſchung Bella's nachgegeben, die da geglaubt, daß ſie ſich an einem ſtillen Leben genügen könnte. Man fuhr nach dem Comptoir in der innern Stadt. Inmitten ſeiner Thätigkeit erſchien der Banquier als ein ganz anderer; er hatte ſo zu ſagen eine Comptvirſeele und eine Hausſeele. In ſeinem Hauſe freundlich, liebenswürdig, leicht ſpendend und redſelig, auf dem Comptvir karg im Wort, kurzab, entſchieden und genau be⸗ rechnend. Zunächſt erklärte er, daß er das reiche Beſitzthum nicht ſelbſt in Verwahrung nehme; man müſſe es vielmehr der ſtädtiſchen Bank übergeben. In Begleitung des Caſſiers, der ein Sohn Faßbenders war, brachten Erich und Roland die Papiere nach dem Gewölbe der Bank. Als man das Bankgebäude verließ, athmete Roland frei auf, da nun das Alles von ihm und den Seinen genommen war. Wie von einer Laſt befreit, kehrte er mit Erich nach Villa Eden zurück. Er ſehnte ſich nach Mattenheim, und jetzt erklärte auch Erich, daß er mit nach Mattenheim ziehe; er wolle ausſchauen und ſich vorbereiten, eine Thätigkeit zu finden, die ihm geſtatte, aus eigener Kraft einen Hausſtand zu gründen. Als Erich ſeinen Plan dem Major mittheilte, klagte dieſer, daß er ſich in alten Tagen noch ein neues Neſt bauen müſſe, denn der Bruder Altmeiſter, deſſen Frau geſtorben war, hatte ſich wieder verlobt und wollte zum Frühling heiraten. Fräulein Milch hatte nicht Luſt, neben einer jungen Frau geduldet zu leben, und als der Bruder Altmeiſter ſagte, daß er eines der Zimmer, welche der Major bisher inne gehabt, zum Fremdenzimmer für Verwandte herrichten wolle, übte ſie eine große Eigenmächtigkeit, indem ſie mit eben ſo viel Dank als Entſchiedenheit erklärte, daß ſie das Haus verlaſſe. Das war vielleicht das einzige Mal, daß ein Zwieſpalt zwiſchen ihr und dem Major ſtattfand. Auerbach. Landhaus am Rhein. II. 16 — 242— Als aber der Major ſah, wie ſchmerzlich Fräulein Milch den Fehler der Eigenmächtigkeit empfand, ſchalt er über ſich ſelbſt, daß er zu demüthig und nachgiebig ſei; ja, er dankte Fräulein Milch, daß ſie den Stolz wahre, den er eigentlich haben müſſe und ſo leicht vergeſſe. Er beſprach mit ihr den Plan, nach der Burg zu ziehen, da ſeien bereits ausgebaute Zimmer, und es müſſe ſich da oben gar luſtig leben; aber Fräulein Milch wollte vom Wohnen auf der Ritterburg nichts wiſſen. Sie ſchilderte dem Major die Plackerei, die man haben werde; den Fleiſcher, den Bäcker, den Krämer, die Milchfrau, alle Handwerke und Geſchäfte jagte ſie ihm auf den Hals, daß ihm ganz Angſt wurde. „Es iſt keine Rede mehr davon,“ rief er,„aber bitte, laſſen Sie mich nicht vergeſſen, ich muß den Hauptmann Dournay fragen, wie denn die alten Ritter lebten.“ Als nun Erich kam, war das auch das Erſte, was der Major ihm vorlegte; erſt dann beſprach er ſeine Wohnungsnoth. Als Erich am andern Tage nach Mattenheim abreiſte, küßte er zum erſten Mal vor dem Auge der Mutter ſeine Braut. Erich und Roland ritten davon. Auch Adams ritt mit ihnen; er ſollte auf Mattenheim zur Thätigkeit angeleitet werden. Die Frauen waren allein mit Profeſſor Einſiedel und dem Major, der mehr als je ſich bei ihnen aufhielt. Die Villa war ſtill und leer, viele Diener waren entlaſſen, nur die Gärtner hatte man behalten. Manna wohnte im grünen Hauſe, ſie trug ſchwarze Trauer— kleider, ihr dunkles Auge erſchien noch größer; ſie wollte von der Gemeinſchaft der Menſchen draußen nichts mehr wiſſen; ſie lebte wie eine jüngere Schweſter in ſtändiger Geſellſchaft Claudinens, mit der ſie las, muſicirte und nach den Sternen ſah. Sie ſchrieb einſt an Erich nach Mattenheim: jene Anmerkung ſeines Vaters über eine Frau, die in der Trauerzeit die Muſik von ſich gewieſen, paſſe nicht auf ſie; ſie fühle eine Art Erlöſung im Reich der Töne, noch mehr als im Aufblick zu den Sternen. — 243— Siebentes Capitel. Ein friſches Leben war auf Mattenheim; der Tag begann früh und endete früh. Alles war voll Arbeitſamkeit, Erich arbeitete in der Pulverfabrik, die ein Sohn Weidmanns eingerichtet hatte, ſelbſt Adams, der ſah, wie Jedes ſich bethätigte, konnte ſich der Arbeit nicht entziehen. Er ſchämte ſich ſeines Müßiggangs. Der Knecht, der ehemals Sträfling geweſen, mußte ihn pflügen und ſäen lehren; auch zum Dreſchen drängte er ſich, aber er konnte nicht Tact halten. Am liebſten arbeitete er in der Mühle, und es war ein ſeltſamer Anblick, den ſtarken Neger mit Mehlſtaub bedeckt auf und ab wandeln zu ſehen. Daneben war er am Abend eifrig beim Unterricht, den ihm Knopf ertheilte. Von allen Menſchen auf Mattenheim war Knopf der Glück⸗ lichſte. Was hatte er auch nicht Alles? Weidmann, den er ver⸗ ehrte, Erich, den er hoch hielt, Roland, den er ſchwärmeriſch liebte, und einen Fürſten und einen Sklaven, die er unterrich⸗ tete. Ja, Fürſt Valerian mußte es ſich gefallen laſſen, neben Adams unterrichtet zu werden; denn während dieſer Schönſchriften machte, ſetzte der Fürſt ſeine Studien in Geſchichte und Mathepe matik fort. Den Tag über war man in jeglichem Wetter auf freiem Felde beſchäftigt; es wurden Vermeſſungen vorgenommen, vor Allem in der nun angekauften Domäne; die Wälder wurden durch⸗ forſtet und es gab gute Jagden, bei denen ſich Roland mit großem Geſchicke hervorthat. Weidmann war beſonders glücklich, daß er den Plan aus⸗ führen konnte, ein neues Dorf auf der vom Staate angekauften Domäne anzulegen. Er belehrte die jüngeren Männer, daß Wein⸗ bau ohne Ackerland einen unſichern Hausſtand gebe, nicht nur durch Fehljahre, ſondern auch dadurch, daß der kleinere Wein⸗ bauer, der im Herbſte verkaufen muß, für ſein geringes Wachs⸗ thum weniger erhält; ein Bauer, der Weizen oder Kartoffeln zu verkaufen hat, bekommt für das kleine Erträgniß denſelben all⸗ gemeinen Preis, den Andere für ein großes bekommen; nicht ſo aber iſt es beim Weinverkauf. Knopf bat beſtändig, man möge ja nicht eines jener lang⸗ weiligen Coloniſten⸗Dörfer bauen in gerader Linie; der Architekt —————— — 244— tröſtete ihn, indem er zeigte, daß der Bach durch ſeine Krüm⸗ mungen und die anzulegende Kirche auf einer Anhöhe eine künſt⸗ leriſche Gruppirung gebe. Roland ging ſo zu ſagen von Hand zu Hand, denn Jeder der Söhne Weidmanns nahm ihn auf Stunden und Tage mit und Jeder hatte ſeine Luſt, ihm das Beſte mitzutheilen, was er wußte. Weidmann hatte ein beſtändiges, zuverläſſiges Gleichgewicht, ſo daß jede ſtürmiſche Bewegtheit eines Andern davor zurückwich; er hatte Würde ohne Schwerfälligkeit, er hatte ein ruhiges feſtes Maß für alle Dinge. Er regiſtrirte einen Fehler, ein Mißgeſchick, in allgemein politiſchen wie in Privat⸗Angelegenheiten, mit mann⸗ hafter Ruhe, ohne ſich beirren und entmuthigen zu laſſen. Ein Strom, der ſo klar iſt, daß man deſſen Grund ſehen kann, erſcheint weniger tief als er iſt, und ſo war es auch bei Weidmann. Er hatte weniger Geiſtreiches, er war einfach ſachlich. Der Abend jedes Tages hatte ſeine feierliche Weihe; der Feierabend, der leider aus unſerer Welt verſchwindet, ſtand hier noch in voller Geltung. Hier war das friſche Leben des pro— ductiven Reichthums. Frau Weidmann, die Tages über wohl ſauber und nett, erſchien am Abend geſellſchaftsmäßig gekleidet. Man betete auf Mattenheim nicht, aber Weidmann hatte eine eigene Andacht des Geiſtes, die ſich bei vielen Lebensereigniſſen kundgab. Viel Heiterkeit erregte Fürſt Valerian; er hatte die Wiß⸗ begierde, die er ſchon am erſten Tage auf Wolfsgarten bekundete, noch immer behalten, und ſo unermüdlich der Fürſt im Fragen, ſo unermüdlich war Weidmann im Antworten. Jetzt ſtand Roland in einer Gemeinſchaft, er hörte Antworten auf Fragen, die er nicht ſelbſt geſtellt; und wie er zuerſt dieſe Fragen ſich innerlich erneuern mußte, ſo drangen auch die Ant⸗ worten erwecklicher in ſeine Seele als diejenigen, die er ehedem ſelbſt gefordert hatte. Wenn man aus dem Felde, von den Fabriken, den Berg⸗ werken und der Domäne heimkam, konnte man im Antlitz der Frau Weidmann ſehen, ob ein Brief aus Amerika da war. Von Doctor Fritz kamen oft Briefe und die höchſte Freude war es, wenn auch Lilian dazu ſchrieb. Knopf hatte ſeine heimliche Dichterluſt, der Stillvertraute einer romantiſchen Liebe zu ſein. —— — 245— Weidmann ſprach es geradezu aus, daß jetzt ein Gewitter über der Welt heraufziehe, und er hoffe, daß das in Amerika losbrechende auch die Luft in Europa reinige. Knopf, hierdurch ermuntert, erzählte, wie man Ludwig XII. vorgeſtellt, daß man die wilden Völker nicht bekehren könne, man müſſe ſie vorher zu Sklaven machen, dann könne man ſie zur Kirche bekehren; man bekehrte ſie nun zur Kirche und vergaß nur die Kleinigkeit, ſie dann aus der Sklaverei zu befreien. Frau Weidmann war ſehr unwillig, daß man Derartiges vor Roland erörterte, aber ſie tröſtete ſich, daß ihr Mann gewiß ſeinen wohlbedachten Zweck habe. Und in der That war es die Abſicht Weidmanns, Roland voll und ganz in dieſe Frage zu führen. Er kannte die Sophiſtik der Welt und wußte, wie leicht ein bedrücktes Gemüth derſelben zugänglich iſt; hatte er ja auch in der Handelsſtadt vernommen, daß ſelbſt menſchenfreundlich Geſinnte die Sache des Sklaven⸗ handels mit allerlei Beſchönigung betrachteten. Roland ſollte den ganzen Schmerz haben, um nach ſeinen Kräften die ganze Ver⸗ ſöhnung zu bewirken. Mit einer ihm ſonſt fremden Heftigkeit ſprach er ſeinen Unmuth aus, daß man eine Berechtigung dafür finden konnte, einen mit Sprache und Vernunft begabten Menſchen als Sache zu behandeln. So lebte man auf Mattenheim geraume Zeit in allſeitiger Bewegung... Die rheiniſche Gaſtfreundſchaft war auf Mattenheim noch volle Wahrheit. Der Banquier kam und war erfreut, Roland ſo friſch thätig zu finden. Auch Profeſſor Crutius kam. Er näherte ſich Roland freundlich, dieſer aber hielt ſich entſchieden von ihm fern. Knopf, der ein Studiengenoſſe des Profeſſor Crutius war und ihn nach Villa Eden empfohlen hatte, kündigte Crutius förmlich ſeine Freundſchaft auf; er hätte Sonnenkamp um der Kinder willen ſchonen müſſen. Weidmann dagegen, der die Art, wie Crutius verfahren, ebenfalls mißbilligte, aber die ſtreng poli⸗ tiſche Haltung des Mannes hoch achtete, behielt ein freundliches Verhältniß zu ihm. Durch Crutius und ſeine Mittheilungen über die Zuſtände der neuen Welt wurde nun ſehr eifrig beſprochen, wie ein großer, langer und entſcheidender Kampf zwiſchen Freiheit und Knechtſchaft bevorſteht. Crutius konnte aufs Neue und aus eigener Wahrnehmung beſtätigen, daß die Südſtaaten reichlich mit wohlgeſchulten Offi⸗ cieren verſehen ſeien, denn an der Kriegsſchule zu Weſtpoint, wo er ehedem Lehrer geweſen, waren weit mehr Zöglinge aus den ſüdlichen, als aus den nördlichen Staaten. Wird die Union zerſprengt, ſiegen die Sklavenhalter, dann iſt die Sache der Frei⸗ heit ins Mark getroffen. Nach der Abreiſe des Profeſſor Crutius bemerkte man an Roland eine ſtille Schwermuth. Er that, was man von ihm wünſchte, aber ſtundenlang konnte er ſtarr dreinſchauen. Weder zu Weidmann, noch zu Erich gab er kund, was in ihm vorging; nur gegen Knopf äußerte er ſeine Beklommenheit, aber Knopf mußte ihm geloben, ſonſt Niemand Mittheilung zu machen. Roland hatte vernommen, daß Doctor Fritz der erbittertſte Feind ſeines Vaters ſei. Wie eine verſchüttete Flamme, die plötzlich vielzackig aufzün⸗ gelt, ſo ging aufs Neue aller Schmerz in Roland auf. Der Schmerz um die That des Vaters, um ſeine Flucht und die Ent⸗ führung Bella's, während die Mutter noch lebte; der Tod der Mutter und das traurige Erbe— das Alles wirrte ſich durch ein⸗ ander und die einzige freie Erlöſung war vernichtet. Lilian iſt die Tochter eines der erbittertſten Feinde ſeines Vaters und er ſelber, wenn es zur Entſcheidung kam, ſollte er im feindlichen Heere ſeinem Vater gegenüber ſtehen? Achtes Capitel. Das große Geſetz unſerer Zeit, daß alles Leben als einheit⸗ liches empfunden wird, machte ſich nirgends ſtärker und nach⸗ haltiger geltend, als in dem thätigen Hauſe auf Mattenheim. Weidmann hielt ſein Denken auf die Bewegung in der neuen Welt gerichtet, und der Jüngling war durch ſein Schickſal damit verbunden. Mit Begierde las Roland die Schriften und Zeitungen, in denen die ſogenannte Sklavenfrage erörtert wurde. Doctor Fritz ſchrieb in unzufriedenem Tone über Lincoln; er fürchtete, daß der — 247— Monn ſo lauteren Charakters und ſo grundmäßigen Glaubens an die Güte der Menſchen nicht entſchieden genug gegen die Junker der Südſtaaten vorgehen werde. Roland hörte hier die Sklavenhalter immer Junker nennen, und Weidmann erklärte ihm, daß dies der vollkommen deckende Aus⸗ druck ſei. Die Sklavenbeſitzer wollten nur den ſogenannten noblen Paſſionen leben; für den Lebensunterhalt, ja für den Lurus ſollten andere Menſchen arbeiten. Das iſt das correcte Junkerthum. Denn es ſieht die Arbeit als etwas Erniedrigendes und Ent⸗ würdigendes an, während Arbeit allein der Adel des Menſchen iſt. Roland las jetzt zum erſten Mal„Onkel Tom's Hütte“; er weinte Thränen darüber, aber bald richtete er ſich auf und fragte: Was iſt das? Den Gepeitſchten und Mißhandelten an Ver⸗ geltung im Jenſeits weiſen, wo der Herr des Sklaven gezüchtigt und der mißhandelte Sklave erhöht wird? Wer gibt die erlittene Qual zurück? Iſt das nicht wie damals beim Kriſcher? Wer ent⸗ ſchädigt ihn für die Gefangenſchaft, die er erleiden mußte, um dann als unſchuldig erkannt zu werden? Ganz anders war die Wirkung des aus gediegener Vorberei⸗ tung entſtandenen Buches von Friedrich Kapp,„Geſchichte der Sklaverei in Amerika“, deſſen Erſcheinen eben jetzt wunderbar mit den Ereigniſſen zuſammen traf. Anfangs konnte der Jüngling nicht faſſen, wie man ſachlich und rein geſchichtlich eine ſo empörende Thatſache darſtellen könne; bei einer Stelle aber ſchrie er unwillkürlich laut auf, denn es ieß: „Die Rheder der Sklavenſchiffe ſind faſt ſämmtlich Ausländer, Spanier und Portugieſen, leider auch“.. hier folgte ein Ge⸗ dankenſtrich, und dieſer Gedankenſtrich war wie ein Dolch... „leider auch— Deutſche!“ Zum erſten Mal wurde Roland auch an Benjamin Franklin zweifelhaft. Er las, daß Franklin zwar den Vorſitz in der abolitioniſti⸗ ſchen Geſellſchaft zu Philadelphia geführt, aber auch er wie die anderen Helden des amerikaniſchen Befreiungskampfes hatten ſich in der Bemühung, die Einheit zu ſchaffen, bei Gründung der Union mit dem Gedanken getröſtet, daß in einem Menſchenalter durch Zunahme der freien Arbeit die Sklaverei aufhören und erlöſchen werde. Ihre Hoffnung hatte ſich nicht erfüllt und jenes Wort Theodor Parkers erneuerte ſich ſchmerzlich: „Alle großen Urkunden der Menſchheit ſind mit Blut geſchrieben worden.“ Vor einem Bild von Ary Scheffer, das in der Wohnſtube hing, ſtand Roland oft nachdenklich, es war die Anbetung des Jeſuskindes. Darauf iſt ein Neger, eine tiefrührende Geſtalt, der die gefeſſelten Arme dem tröſtenden und befreienden Erlöſer entgegenſtreckt. Zwei Jahrtauſende ſtreckt dieſer Stamm dem er⸗ löſenden Menſchheitsgedanken die gefeſſelten Arme entgegen.— Warum iſt das bis jetzt ſo geblieben? Roland fielen die Verſe von Goethe ein, er wiederholte ſie zu Weidmann und dieſer ſagte: „Das Erbtheil des freien Menſchen iſt, daß er Niemand ganz und in Allem als vollkommen vor ſich ſehen kann. Aehnlich wie Goethe es thut, rühmen ſich die Amerikaner ſelber, daß ſie keine mittelalterlichen Zuſtände zu überwinden hätten, und ſie haben doch das Erbe der Sklaverei, das Manche ſogar als den natürlichen Zuſtand der arbeitenden Claſſe erklären.“ Weidmann gab Roland die Rede zu leſen, die Abraham Lincoln im Cooper⸗Inſtitute zu Newyork gehalten. Roland mußte ſie laut vorleſen, ſeine Stimme ſtockte, ſein Ton war ſchmerzlich bewegt, als er las: „Und würden wir auch unſere Stimmen aufopfern, Repub⸗ likaner, Ihr könnt ſicher ſein, die Demokraten werden es hierbei nicht bewenden laſſen. Wir dürfen nicht einmal ſtille ſein. Wir müßten aufhören, die Sklaverei ein Uebel zu nennen, wir müßten ihre Berechtigung laut und unbedingt zugeben. Die Conſtitutionen aller unſerer freien Staaten müßten abgeändert, und was immer in ihnen der Sklaverei widerſpricht, ausgeſtrichen werden. Da die Südlichen vorgeben, die Sklaverei ſei eine moraliſche Einrichtung, welche die Menſchheit erhebe, ſo müſſen ſie folge— richtig darauf ausgehen, daß ſie allgemein als ein ſittliches Recht, als ein ſocialer Segen anerkannt und auch allenthalben eingeführt werde. Unſer Pflichtgefühl fordert uns auf, ſolch einem Verlangen entgegen zu treten. Wir müſſen an unſerer Pflicht feſthalten und jede ſchlechte Zumuthung mit ganzer Kraft und ohne alle Rückſicht zurückweiſen. Weg mit dem ſophiſtiſchen Gerede von einer Ver⸗ mittlung, von einem Halbweg zwiſchen Gutem und Böſem! Hieße das nicht eben ſo viel als nach einem Mann forſchen, der weder todt iſt noch lebendig? Fort mit der Staatsweisheit„was gehts Euch an,“ über eine Frage, die alle Menſchen angeht. Kerker dürfen uns nicht erſchrecken. Halten wir feſt an dem Glauben: Recht gibt Macht. In dieſem Glauben laßt uns handeln wie die Pflicht es gebietet bis zum Ende unſerer Tage.“ Thränen traten Roland in die Augen, er ſah zu dem Bilde auf, wo der gefeſſelte Neger ſeine Hände emporſtreckt, und in ihm ſprach es: Du wirſt erlöſt. Reuntes Capitel. Die Bienen, die wir aus Europa mitgebracht, fliegen jetzt in den Frühling hinaus... ſchrieb Lilian aus Newyork. Auch auf Mattenheim nahte der Frühling mit Macht. Die Arbeit in Feld und Wald drängte ſich, Sonnenſchein und Hagel⸗ ſchauer wechſelten in raſcher Folge, aber die grüne Saat erquickte das Auge. Von Mattenheim aus gingen Einladungen an die Freunde zu einem Abſchiedsfeſte für Fürſt Valerian, der in ſeine Heimat zurückkehren wollte. Zuerſt kamen von Villa Eden die Profeſſorin, Claudine und Manna, mit ihnen der Major und Profeſſor Einſiedel. Manna und die Profeſſorin fanden freundlichen Anſchluß an Frau Weidmann und deren Schwiegertöchtern. Es war ein Leben im Hauſe ſo voll und reich durch alle Altersſtufen, daß es einem Jeden das Herz erquickte. Die Frauen von Villa Eden wurden zu vielen Betrachtungen und Selbſtprüfungen erregt, da ſie hier ein immer thätiges Weſen ſahen; denn im Hauſe war bei aller Geſchäftigkeit ein gelaſſener feſtgeordneter Gang und ohne ſich mit Gedanken abzuplagen, er⸗ füllte Frau Weidmann den Kreis ihrer Pflichten. Sie war ſtolz darauf, das ganze Haus und beſonders die großen Einmachgläſer zu zeigen, wo nicht nur Vorrath für ihre eigene weitverzweigte Familie war, ſondern auch für die Armen, die für nichts vor⸗ ſorgen konnten. Freilich klagte ſie auch, daß ſie nicht Zeit genug — 250— auf ihre Fortbildung verwenden könne, aber lächelnd ſetzte ſie hinzu, es gehe ihr da, wie in ihrem Pflanzengarten; ſie vertreibe dort die Vögel, denn entweder müſſe man auf Salat und Strauch⸗ beeren oder auf Vogelſang verzichten. Alle waren erſtaunt, als ſie hier von der großen Bewegung hörten, die in der neuen Welt vorging, denn mit einem Briefe Lilians waren auch Zeitungen angekommen und Weidmann ſagte, daß in dieſem herankommenden Sommer die größte Entſcheidung unſeres Jahrhunderts, ja vielleicht die der ganzen modernen Ge⸗ ſchichte vor ſich gehe. Wenn es möglich iſt, die Union zu zer⸗ ſprengen, dann wäre die Freiheit und Humanität, an der wir Alle arbeiten, in ſo großem Maße geſchädigt und zurückgeworfen, daß die kleine Arbeit des Einzelnen davor verſchwindet. Lina kam mit ihren Eltern und ihrem Bräutigam, auch der Doctor mit ſeiner Frau kam, er brachte die alle Anweſenden bewegende Nachricht, daß Prancken in das päpſtliche Heer ein⸗ getreten ſei. Man verſammelte ſich endlich zu dem großen Mahle, das ein Abſchiedsfeſt für den Fürſten Valerian ſein ſollte. eidmann, der obenan ſaß, brachte den Trinkſpruch auf den ſcheidenden Freund aus. Nachdem er deſſen Wißbegierde und Eifer für die Mitmenſchen betont, führte er aus: „Zwei Dinge kämpfen in der Welt mit einander: Egoismus und Humanität. Je mehr Du Anderen in Liebe dienſt, um ſo freier biſt Du; je mehr Du Dich hingibſt, um ſo reicher biſt Du in Dir. Wir arbeiten an der Befreiung unſrer Mitmenſchen. Auf Berechnung allein ſtellt ſich keine Befreiung. Wo die Liebe nicht mitwirkt, die Selbſtloſigkeit, wird kein Dauerndes geſchaffen. Erwerbsſucht und Genußſucht drängen ſich vor, als wären ſie allein der Charakter unſerer Zeit. Wir aber rufen: groß iſt unſer Jahrhundert! Europa mit ſeiner alten Cultur, ſeinem unter⸗ gehenden Adel, ſtrebt danach, alle Menſchen zur Arbeit zu ver⸗ pflichten, das ruſſiſche Reich und Amerika die Menſchen zur freien Arbeit zu erlöſen. Seit ich die große Jahrtauſendwelle auf mich eindringen ſehe, ſeitdem lebe ich froh und in heiliger Zuverſicht. Den Glaubensſatz verſteht Jeder nach ſeinem eigenen Sinn, wie ihn Jeder in ſeiner ihm allein angehörenden, im letzten Ton un⸗ nachahmlichen Stimme ſpricht. Die That, die gerechte, die ſchöne, die freie That allein kann nicht gedeutet, nicht mißverſtanden, — 6— ———— 6—— — 251— vom Einzelnen nicht verändert werden; wir können keinen Bund der freien That ſtiften, denn die freie That gehört Jedem allein.“ So ziehe nun Fürſt Valerian in fremde Lande als Genoſſe der freien ſchönen That. Noch während man bei Tiſche ſaß, kam ein Brief des Pro⸗ feſſor Erutius, worin dieſer Herrn Weidmann mittheilte, daß nach ſoeben bei der Redaction eingetroffenen überſeeiſchen Correſpon⸗ denzen der Krieg in Amerika ausgebrochen ſei. Tief bewegt verkündete Weidmann dieſe Nachricht der Geſell⸗ ſchaft. „Ich ziehe in den Krieg!“ erhob ſich Roland. Sein Angeſicht leuchtete, ſein Auge glühte. Alles ſchaute auf ihn, Niemand ſchien ein Wort zu wagen; endlich ſagte Weidmann: „Es iſt Ihr Schickſal, Ihre Pflicht.“ „Könnte ich mit Dir ziehen!“ ſagte Erich. „Du kannſt, Du ſollſt!“ fiel Manna ein. „Ich? Und Du, Manna?“ „Ich ziehe mit Dir; ich ziehe mit Euch.“ Roland fiel ſeiner Schweſter um den Hals und rief: „Manna, Du biſt eine Heldenfrau. O meine Schweſter! O Erich! Wir Alle ſetzen uns ein! Jetzt iſt die Befreiung da.“ „Ich habe das kommen ſehen,“ ſagte die Profeſſorin.„Wer darf es wagen, Euch zurückzuhalten?“ Knopf hatte Adams herbeigerufen, der laut aufjauchzte, die Fäuſte ballte und rief: „Ziehen wir alle... alle!“ Man umarmte einander, wie wenn eine Erlöſung über die Welt gekommen wäre. Als man ſich wieder ruhig niedergeſetzt hatte, ſagte Manna leiſe zu Erich: „O Erich! Und der Vater im feindlichen Lager, und ſein Sohn ihm gegenüber...“ Erich beruhigte ſie, indem er erklärte, daß er in die von Son⸗ nenkamp bezeichnete ſüdſtaatliche Zeitung mit Worten, die nur Sonnenkamp verſtehe, die Anzeige gebe, daß Roland in das amerikaniſche Landheer eintrete, in der Zuverſicht, daß er dann nicht ſeinem in der Marine kämpfenden Vater gegenüber ſtehe. Es ſchien ganz vergeſſen, daß man zu einer Abſchiedsfeier des Fürſten Valerian zuſammengekommen war. Dieſer erhob ſich und ſagte, daß er die hochgehende Stimmung der Freunde, die er zurücklaſſe, nicht unterbrechen wolle; er werde es in der Seele mitnehmen, welche dem Reinen lebende Menſchen in einem Hauſe auf der rheiniſchen Hochebene athmen, und das Gedenken als ein Heiligthum für ſein ganzes Leben auch in weiter Ferne bewahren. Er wußte darauf hinzudeuten, daß es Momente im Leben gibt, die wie ein Aufbrechen der Blüthe ſeien, die ſich lange und ſtil in der Knoſpe vorbereitet. Und wie jetzt draußen in der Natur Alles aufbreche, ſo ſei es ihm ein Glück, Erich und Manna nun als Ehegatten zu wiſſen, die ſich entſchließen, vereint dem Kampfe um die reine Menſchlichkeit ſich zu Gebote zu ſtellen. Der Fürſt ſprach mit bewegter Stimme, und Alles war bewegt, da er zuerſt laut ausgeſprochen hatte, daß Erich und Manna nun ihre Hochzeit feiern. In die aufs Höchſte geſpannte Gemüthsſpannung Aller kam eine gewiſſe Beruhigung und Ablenkung, als Knopf nun ein Ab⸗ ſchiedsgedicht vorlas; es war viel Luſtiges darin, die ganze Tiſch⸗ genoſſenſchaft lachte, während einem Jeden das Herz erbebte. Man ſtand auf. Lina mußte noch ein Abſchiedslied ſingen, und fröhlich fuhr Fürſt Valerian dahin, von Knopf bis zur Eiſen⸗ bahn begleitet. Die Männer umſtanden Erich, die Frauen waren bei Manna, die in ſich erſchauernd, die Augen niederſchlagend, mit in einander gelegten Händen da ſtand; Roland ging von einer Gruppe zur andern, bald ſprach er zu Manna, bald zu Erich. Es wurde be⸗ ſchloſſen, daß die Profeſſorin, Claudine, Lina und Manna im Geleite Rolands und des Profeſſor Einſiedel nach der Villa zurück⸗ kehren und andern Tages auch Erich mit den Männern dahin kommen ſollte, wo alsdann Weidmann die bürgerliche Trauung, die ſeines Amtes war„vollziehen werde. Behntes Capitel. Ein heller Frühlingstag war aufgegangen. Manna ſtand in bräutlichem Schleier in ihrem Zimmer bei der Profeſſorin und Claudine; ſie ſprach kaum ein Wort. Lina brachte den friſchen ————— — 253 ₰ Myrtenkranz; ſie war voll Jubel und mußte ſich zurückhalten, ihre übermüthige Stimmung zu beherrſchen. Der Major und Profeſſor Einſiedel traten ein und holten Manna zur Trauung ab. Im Muſikſaale, den die Gärtner nach der An⸗ ordnung Lina's reich geſchmückt hatten, harrten ihrer Erich, der Doctor, der Landrichter und Weidmann, der heut zum Zeichen ſeines Bürgermeiſter-Amtes die goldene Kette auf der Bruſt trug. Erich ging Manna entgegen, ſie reichte ihm die Hand, er führte ſie an den mit Blumen beſtellten Tiſch, hinter welchem Weidmann wartend ſtand. Als Manna ihren Namen ſchrieb, ſank ſie faſt zuſammen; ſie ſchrieb„Manna“ und ſah ſich um und fragte leiſe: „Wie ſoll ich ſchreiben? Sonnenkamp oder Banfield?“ Sie legte ihr Haupt mit dem Myrtenkranz an die Bruſt Erichs, der ganze Schmerz ihres Lebens drängte ſich in dieſen einen Augenblick zuſammen. „Schreibe beide Namen,“ ſagte Frich leiſe.„Künftig haſt Du den meinen.“ Sie ſchrieb, dann erhob ſie ſich und ſagte: „Nun iſt das Letzte geſchehen. Hier verſpreche ich Dir, Erich, nie mehr ſoll Derartiges mich überwältigen. Mit Dir, mit Deinem Namen beginnt mein neues Leben.“ Weidmann ſegnete das Paar ein. Er begann mit ſeinem Satze: „Ich verſtehe nicht, wie die Menſchen es fertig bringen, nicht an Gott zu glauben. Ihr ſeid durch den Allgeiſt, den wir erkennen, ſo wunderſam zuſammengefügt.“ Er legte in kurzen Worten dar, was es heißt, jetzt auf der Schwelle einer großen weltgeſchichtlichen Entſcheidung, mit dem Entſchluſſe, ſein Leben dafür einzuſetzen, ſich zu vereinen. Erich legte den Trauring an die Hand Manna's. Dann ging er mit ihr in den Garten, und ſie ſaßen dort an jener Stelle, wo ſie ſich den erſten Kuß gegeben; um ſie her duftete der Frühling und die Nachtigall ſang. Am Mittag fuhren Erich und Manna rheinabwärts. Es war Abend, als ſie mit einander auf der Burgruine ſaßen und hinab ſchauten auf das Kloſter. Erich erzählte, wie er an jenem Abend, da er Manna zuerſt geſehen, hier einſam in einer geſeſſen, die er nicht bemeiſtern konnte. Leiſe ſagte kanna: — 254— „Dort— dort wollte ich bleiben mein Lebenlang, mich opfern zur Sühne für die ſchwere That. Jetzt bringe ich mehr, unſäglich mehr als Opfergabe. Ich nehme auf mich das ſchwerſte Frauenloos, zu harren und zu warten, ob die Kämpfer lebend heimkehren, oder ob wir ſie todt unter erſchlagenen Feinden ſuchen müſſen. O Erich, daß ich Dich von dieſer Stunde an mein nennen darf, macht mich glückſelig, wie es mehr nie ein Menſchenkind auf Erden war.“ Sie hatte heute keine Thräne vergoſſen; jetzt weinte ſie. Es gelang Erich, ſie zu beruhigen. Still gingen ſie Hand in Hand den Berg hinab. Der Mond ſtand über dem Rheinthale und glitzerte auf dem Strom und ſchimmerte auf Baum und Buſch, wo die Knoſpen leiſe ſprangen und die Nachtigall unermüdlich ſchlug; in Wonne lebte die Welt. Elftes Capitel. Zur Hochzeit von Lina und dem Architekten waren Manna und Erich noch einmal fröhlich mit den Fröhlichen. Als ſie nach Villa Eden zurückkehrten, war ein Beſuch eingetroffen. Der Banquier war mit ſeiner Schwiegertochter gekommen, die die Schweſter Rolands und die Schwiegermutter kennen lernen wollte. Die drei Frauen ſchloſſen ſchnell jene Freundſchaft, die ſich auf Grundlage ſchöner und freier Bildung aufbaut. Sie gingen nach dem Treibhaus, ein würziger Duftſtrom wallte ihnen entgegen und hielt ſie um⸗ floſſen, und das Auge ward erquickt von den vielfarbigen neu entfalteten Blüthen. Da kam der Major mit Fräulein Milch und ſein erſtes Wort war, zu Manna gewendet: „Frau Hauptmann, ich ſtelle Ihnen hier die Frau Majorin vor.“ Er ließ die erſtaunten Frauen ſtehen und holte die Männer herbei, dann ſagte er, daß er bereit ſei, dem Andringen der Freunde nachzugeben, die Villa zu bewohnen und Alles in Stand zu halten, und daß Fräulein Milch ſich bereit erklärt habe, nun ihre Verhüllung zu löſen; der freie und ſchöne Entſchluß Manna's habe auch den Bann von Fräulein Milch genommen, er bitte die Freunde, die Geſchichte anzuhören, die ſie erzählen werde. — — 255— Man ſetzte ſich und Fräulein Milch erzählte: „Sie, Herr Profeſſor, ſind ganz wie mein Vater; er war auch ein Gelehrter, aber in anderem Gebiet. Sie haben viel von ſeinen Gewohnheiten. Sie, Frau Profeſſorin, die mich ge⸗ ehrt, bevor Sie mein Leben kannten, und Sie, Frau Haupt⸗ mann, die mir, nach Beſiegung ſchweren Vorurtheils, reiche Liebe zugewendet, ſollen mich nun kennen. Sie aber,“ wendete ſie ſich an den Banquier,„Sie werden meine Lebensgeſchichte noch am beſten verſtehen, denn Sie ſind ein Jude, wie ich eine Jüdin.“ Sie hielt inne. Alle ſchwiegen. Fräulein Milch fuhr fort: „Ich bin die Tochter eines jüdiſchen Gelehrten. Mein Vater war ein Mann, edel und fromm, er galt als ſcharfſinniger Gelehrter, aber im Leben war er kindlich unbefangen und ſogar unbeholfen. Er las in den heiligen Büchern vom Morgen bis zum Abend. Meine Mutter, die aus einem vermögenden Hauſe ſtammte, hatte nach dem Willen ihrer Eltern meinen Vater um ſeiner Frömmigkeit und Gelehrſamkeit willen geheiratet; ſie war voll An⸗ betung für meinen Vater. Die Stille und Gleichmäßigkeit, die ruhige Sättigung, die in meinem elterlichen Hauſe herrſchte, wie die Armen geſpeiſt wurden, wie das ganze Leben nichts war als die Pauſe von einem Gottes⸗ dienſt, von einem Feſt zum andern, das kennen nur Sie“— ſie wendete ſich wieder zum Banquier—„nur Sie allein er⸗ meſſen. Ich ſelber muß mich oft darauf beſinnen, wie auf einen Traum. Im Winter, wenn die Gemeinde zu meinem Vater in ſein Studirzimmer kam zum gemeinſamen Gebete, da er nicht aus⸗ gehen durfte, hörte ich nach Vollendung des Gebets auch von Weltbegebenheiten ſprechen. Was wußten wir von der Welt? Die Beamten, die Soldaten da draußen, denen gehörte die Welt, ſie erſchienen mir als Weſen, die in einem Märchenreich ſich bewegten, in das man nicht kommen kann. Mein einziger Bruder war ein ſchöner Menſch, er hatte Aehn⸗ lichkeit mit dem Herrn Hauptmann Dournay und er ward der Freund des bei uns einquartierten jungen Tambours Graßler. Er ehrte den Vater, wir gewannen ihn bald lieb. Der Tambour — 256— mußte weiter ziehen. Ich weiß noch als wäre es heute, ich ſtand an der Treppe, ich hielt eine Kugel des Geländers, die ſich drehen ließ, in der Hand und ſpielte damit, da ſagte der Tambour zu mir: Ja, Roſalie, wenn Du groß biſt und ich Officier geworden, da komme ich wieder und hole Dich. Er ging davon und trommelte, und ich hörte aus dem Trom⸗ meln heraus immer die ſeltſamen Worte und ſtand an der Treppe und drehte die Kugel und die ganze Welt drehte ſich mit mir. Aber ich bitte, ich werde zu weitläufig.“ „Nein, erzählen Sie nur ſo ausführlich, als Sie wollen.“ „Nun alſo, ſie zogen in den Krieg, mein Bruder fiel; Conrad kam zurück, er war Fähnrich geworden, er brachte dem Vater das kleine Gebetbuch meines Bruders, durch deſſen Decke und Blätter eine Kugel gegangen war. Mein Vater, meine Mutter und ich, wir ſaßen ſieben Tage trauernd auf der Erde; Conrad kam und ſetzte ſich zu uns. Dann ſaß mein Vater wieder unter ſeinen heiligen Büchern, aber während er ſonſt nur leiſe vor ſich hinſummte, ſprach er jetzt die Worte laut und heftig; er ſchien die Gedanken bezwingen zu müſſen, die ſich nach dem Sohne hindrängten. Die Zeit heilte allmälig den Schmerz. Der Bruder ruhte längſt, wer weiß wo, im Grabe, Conrad war nach der Heimat zurückgekehrt. Ich war ſiebzehn Jahre alt, wir hatten das Oſterfeſt gefeiert und mein Vater ſprach über die wunderbare Befreiung aus der Sklaverei, deren Gedächtniß wir zu Oſtern feiern, und klagte über den Druck, unter dem wir jetzt noch ſeufzen. Erſt ſpät hatten wir uns zur Ruhe begeben. Ich ſchlief in der Kammer neben meinen Eltern. Da hörte ich, wie mein Vater zur Mutter ſagte: Was ſind wir Juden doch ſo armſelig dran! Da iſt der präch⸗ tige Menſch, der getreue, herzgute Conrad Graßler wiedergekom⸗ men. Er hat es bis zum Hauptmann gebracht und ſie haben ihn als Major penſionirt, und da kommt er nun und hält um unſere Roſalie an. Wenn der gute Menſch von unſerm Glauben wäre, wie gern gäbe ich ihm mein Kind! Ich könnte mir keinen beſſeren Mann für ſie wünſchen. So aber kann es doch nicht ſein, und Gott ſoll mir die Sünde verzeihen über Alles, was ich gedacht habe. Das hörte ich in der Kammer im elterlichen Hauſe; im Geiſte — war ich ſchon auf und davon, in der Welt draußen, wo die Beamten lebten, die Soldaten und alle die, denen die weite Welt gehört. Mein Vater hätte nichts gegen Conrad, wenn das Eine nicht geweſen wäre... ſo ſprach es in mir die ganze Nacht. Und am Morgen, als Voter und Mutter in der Synagoge waren, ſaß ich mit meinem Gebetbuch allein.. hier iſt es, es iſt ein Andachtsbuch für Frauen, von meinem Vater verfaßt.. aber meine Gedanken waren nicht dabei. Ich war allein im Hauſe, auf der Gaſſe ſah man Niemand, die ganze Gemeinde war in der Synagoge. Ich ſetzte mich in die Mitte des Zimmers, ich wollte nicht durchs Fenſter ſehen, denn gewiß geht Conrad vorüber. Wie wunderbar, daß er gehalten, was er mir als Kind ver⸗ ſprochen. Wie iſt er geworden? Wie wird er mich finden? Da, ich weiß nicht, wie es kam, ſtand ich doch am Fenſter und ſchaute hinaus; ich ſehe Conrad, ich ziehe mich vom Fenſter zurück, aber es kommen Schritte die Treppe herauf... mein Herz klopft zum Zerſpringen. Ich erzählte Conrad, was mein Vater in der Nacht zur Mutter geſagt. Mein Vater kam aus der Synagoge zurück und nie habe ich ſchwereres Leid empfunden, als da er mir ſegnend die Hand aufs Haupt legte, wie das Brauch bei uns iſt. Ich wollte die Feſtes⸗ freude nicht ſtören, erſt nach dem Feſte— ach, ich habe ihm die ganze Freude des Lebens zerſtört, es gab kein Feſt mehr für ihn — entfloh ich mit Conrad. Ich redete mir ein, mein Vater würde uns ſeinen Segen geben, wenn er ſähe, daß es nicht mehr anders möglich ſei. Wir ſchrieben an ihn, er antwortete nicht; durch einen Freund ließ er uns ſagen, er habe zwei Kinder ge⸗ habt, die ſeien geſtorben; er bitte und bete, daß es ihnen in der andern Welt gut gehen möge. Dann ließ er mir weiter ſagen: Du ſuchſt Ehre vor der Welt und um dieſer Ehre willen haſt Du Deinen Vater verlaſſen. Ich ſchrieb ihm zurück und gelobte heilig, daß ich keine Ehre vor der Welt wolle; ich verſprach, die Geringſchätzung, die Schande der Welt auf mich zu nehmen, und — das habe ich gehalten bis auf den heutigen Tag. Wir ließen uns bürgerlich trauen, vor der Welt aber verzichtete ich auf alle Ehre. Conrad bekam bald die Nachricht, daß meine Mutter geſtorben Auerbach. Landhaus am Rhein. Il. 17 war, auch der Vater folgte ihr nach wenigen Monaten. Ich er— hielt ein kleines Erbe; ich habe lange Zeit in Schmerz um meine Handlungsweiſe gegen meine Eltern gelebt. Conrad, der ſelber darunter litt, tröſtete mich mit der ganzen Güte ſeines Herzens. Ich war einmal auf dem Grabe meiner Eltern, unerkannt, in der Nacht. Wenn es eine ſchwere Buße giebt, ich ertrug ſie, daß ich bei Nacht, mich vor dem Blicke der Menſchen fürchtend, auf dem Grabe meiner Eltern ſein mußte. Und doch gewann ich von dort eine Erleichterung. Ich hatte wenigſtens die Kraft, vor Conrad meinen Schmerz zu unterdrücken. Conrad und ich zogen nach dem Rhein. In einem Dorfe am Niederrhein lebten wir zwölf Jahre, verborgen vor aller Welt, in uns glücklich. Wir bedurften nichts von der Welt als uns ſelbſt. Niemand kannte uns. Ich beſuchte die Kirche, ich hatte das Verlangen, gemeinſam mit Menſchen zu beten. Während die Orgel brauſte und ein mir fremder Gottesdienſt gefeiert wurde, ſaß ich allein und betete in dem Gebetbuch, das mein Vater verfaßt, und in dem andern, das mein Bruder im Felde gehabt und das an ſeinem Herzen geruht hatte, bis es nicht mehr ſchlug. Ich war keine Fremde mehr, denn da waren Menſchen neben mir, die zu demſelben Geiſt beten, den auch ich anrufe, und dieſer Geiſt wird wiſſen und zurecht legen, warum die Menſchen in ſo verſchiedener Weiſe ſich zu ihm wenden. Wir zogen hieher. Wie ich hier lebte, wiſſen Sie. Auch beim Umzuge wollte Conrad, daß ich meine Ehrenſtellung ein⸗ nehme, aber mir war es lieber, nicht Frau Majorin zu heißen; es war mir eine Buße und Kaſteiung, weil ich doch meine Eltern und die Meinen verlaſſen hatte; wir lebten in der Treue, in Einigkeit. So haben wir gelebt und nun glaube ich, meine Schmerzen haben mich entſühnt, ich bin frei.“ „Sie ſind es,“ riefen der Banquier und Profeſſor Einſiedel wie aus Einem Munde. Manna umarmte die Majorin. —— BZwölftes Capitel. Im Wirthshaus zum Karpfen war lautes Getümmel. Der Küfer, als junger Wirth, ſchenkte fröhlich ein, der Kriſcher und der Siebenpfeifer ſchauten vergnüglich zu und ſtießen manchmal mit den gerippten Gläſern an. Man wußte in der ganzen Gegend, daß der Küfer ein Ver⸗ trauter Rolands und Erichs war, und nun kamen junge Männer von allen Orten, die ſich für den amerikaniſchen Krieg anwerben laſſen wollten, ja, eine Deputation aus der Cementfabrik Weid⸗ manns bat um Ueberfahrtsgeld für zweiunddreißig Mann. Der Küfer hatte Roland berichtet, was vorging. Roland kam in das Wirthshaus zum Karpfen und legte den Männern dar, daß er nur drei junge Aerzte— für einen derſelben war der Banquier eingetreten— mitnehme, daß er aber ſonſt Niemand veranlaſſe, mit ihnen zu gehen. Vom Kriſcher geleitet, kehrte er wieder nach Villa Eden zu⸗ rück, wo jetzt der Major lebte. Der Major machte mit der Frau Majorin auch ſeine Hoch⸗ zeitsreiſe; ſie verweilten eine Zeit lang in dem Theile des Gar⸗ tens, der Nizza genannt wurde, dann gingen ſie durch den Park und auf den Hügel, wo man rheinabwärts ſchaute. Sehr ver⸗ gnüglich ſagte er: „Nun, Frau Majorin, hier ſind wir auf dem höchſten Berge der Schweiz.“ Und beim kleinen See ſagte er: „Frau Majorin, wollen Sie gefälligſt den Lago maggiore bewundern.“ Durch die Treibhäuſer gingen ſie und der Major rief lachend, daß die Welt hier ihren ſchönſten Pflanzenſchmuck zuſammengeſtellt, um ihnen nicht die Mühe der Wanderung zu machen. Er bat ſeine Frau, ſie möge ihn entſchuldigen, wenn er in den nächſten Tagen ſich ihr nicht widme; es ſei noch ſo Vieles zur Abreiſe zu beſorgen. Es gab in der That der Erledigungen noch viele und zuletzt mußte Erich doch manches Weſentliche Weidmann und dem Land⸗ richter überlaſſen. Bevor er abreiſen konnte, mußte er ſeinen Abſchied nehmen; 260 er ſtand in der Reſerve. Er erhielt auf ſeine Eingabe die Ant⸗ wort, daß der Fürſt ihn perſönlich ſprechen wolle. Er reiſte nach der Reſidenz und war nicht wenig erſtaunt, wie huldreich und ehrend der Fürſt ſich ausſprach, indem er äußerte, daß er einem Manne wie Erich nicht den Abſchied, ſondern Urlaub auf unbeſtimmte Zeit geben möchte. Erichs Stolz wurde indeß alsbald gebeugt, da der Fürſt darauf hinwies, daß Erich, der nun ſolche Reichthümer beſitze, im Lande bleiben möge. Der Tag der Abreiſe, lange vorbereitet, kam doch über⸗ raſchend. Der Kammerdiener Joſeph kam mit ſeiner Braut; man hatte ihm die Mittel gegeben, daß er ein eigenes Wirthshaus in der Reſidenz erwerbe. Er benahm ſich indeß hier noch als der Diener des Hauſes. Der Sohn Faßbenders, der im Comptoir des Banquiers ge⸗ arbeitet hatte, zog mit in die neue Welt; er wollte in das Ge— ſchäft ſeines Bruders eintreten, der ein bedeutender Bauunter⸗ nehmer war. Der Stumme aus der Cementfabrik, dem Roland ein Meſſer geſchenkt hatte, kam am Abend vor der Abfahrt, er brachte Ro— land einen Topf, worauf in ſehr unbeholfener Schrift einge⸗ graben war: Komm wieder. Roland bat den Sohn Weidmanns, für den Verlaſſenen zu ſorgen. Der Stumme zog mit nach Mattenheim. Sehr ſchwer ward Roland der Abſchied von den Pferden und Hunden. Er hatte gewünſcht, Greif mitzunehmen, aber man hatte ihm die Beſchwerlichkeiten vorgehalten und er ſtand davon ab. Und ſo hielt er die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt und ſagte: „Ja, alter Freund, kann Dich nicht mitnehmen, muß noch viel mehr hier laſſen als Dich, weiß ſelbſt nicht, wohin es geht.“ Der Hund ſah traurig zu ſeinem Herrn auf. Am Morgen war große Wallfahrt von der Villa nach der Anlände des Dampfſchiffes. Man ließ die Wagen vorausfahren, Weidmann hielt Erich, der Major Roland, und Knopf hielt den Neger an der Hand; Manna ging zwiſchen der Profeſſorin und der Majorin, Claudine und Profeſſor Einſiedel waren auf der Villa zurückgeblieben. So 26— wandelte man dahin. Manna weinte und ſtützte ſich auf den Arm ihrer Führerin. Nach dem Kirchhof aufſchauend ſagte ſie: „Am Ufer dieſes Stromes ſind wir zu Hauſe, hier ruht unſere Mutter in der Erde. Ich erinnere mich einer alten Sage: die nomadiſchen Stämme wandern und wandern, aber wo ſie ein Grab der Ihren gegraben, da müſſen ſie endlich bleiben und aufhören, Wanderer zu ſein.“ Die Stimme Manna's ſtockte; nach einer Weile fuhr ſie fort: „Da ſtehen die Bäume, die der Vater gepflanzt...“ Sie konnte vor Weinen nicht weiter ſprechen. Als man an der Anlände ankam, fand man eine große Ver— ſammlung. Der nunmehrige Karpfenwirth und der Siebenpfeifer übergaben im Namen Vieler ein Fäßchen Jungfernwein mit friſchem Grün bekränzt. Jetzt wurde der Kriſcher lebendig, er rechnete aus, wie viel auf jeden Mann von der Reiſegeſellſchaft täglich komme, bis man in Newyork ſei. Erich und Manna ſaßen bei der Mutter und hielten ihre Hand, die Mutter ſprach ihnen Troſt ein und ſagte: „Erich, ſchone Dein Leben... Sollteſt Du fallen um der großen Sache willen, ſo werde ich um Dich trauern, Dich nicht beklagen.“ „Mutter, ich habe die Zuverſicht, daß ich lebend aus dieſem Kampf heimkehre; und ſollte ich halte feſt, ich habe das höchſte Leben gelebt, durch Dich, durch den Vater und durch die Liebe meiner Manna.“ Die Mutter drückte ihm ſtill die Hand. Dann übergab ſie ihm noch das Bild von Oheim Alphons und empfahl, nach ihm und ſeinen etwaigen Nachkommen zu forſchen. Jetzt zeigte ſich wieder die Luſtigkeit des rheiniſchen Lebens. Der Geſangverein hatte ſich mit einer Muſikbande eingefunden, helle Lieder wurden in den jungen Tag hinein geſungen, vom Schiffe, das jetzt ſtromab kam, ſo zierlich und ſchlank, tönten Böllerſchüſſe, das Schiff hielt an, der Abſchied war bedrängt. Frich, Manna und Roland küßten die Mutter und die Mutter rief: „Haltet treu aus.“ Das Schiff ſtieß ab, da tönte ein Schrei; der Hund Greif, den der Küfer am Halsbande gehalten, hatte ſich losgeriſſen und war in den Rhein geſprungen, dem Schiffe nach. Das Schiff hielt nochmals an, der Hund wurde herausgezogen und nun mit⸗ genommen. Die am Ufer Zurückbleibenden winkten, die auf dem Schiff antworteten, bis ſie einander nicht mehr ſahen, aber noch lange ruhte ihr Blick auf der Villa. Was wird aus dem Hauſe? Welche Menſchen werden dahin zurückkehren? Welch ein Leben wird ſich dort aufbauen? Jetzt aber hatten ſie noch eine Ueberraſchung. Es war Nie⸗ mand aufgefallen, daß man den Major beim Abſchiede nicht ge— ſehen, nun kam er mit ſeiner Gattin aus der Cajüte. Sie be⸗ gleiteten die Davonziehenden bis nach dem Niederrhein. Ein gutes Stück Heimat zog mit ihnen. „Ja,“ ſagte der Major zu Erich,„Sie wiſſen, ich bin Tam⸗ bour geweſen... ich erzähl' Ihnen die Geſchichte ſchon noch ein⸗ mal... Wenn Sie wiederkommen, ſollen Sie ſie haben.“ An der Station vor der Inſel ſtiegen der Major und ſeine Frau aus, hier hatten ſie in der erſten Zeit ihrer Vereinigung gewohnt, hier wollten ſie nun wieder einen Tag ſein und den freundlichen Menſchen von damals ſich als Eheleute zeigen. Noch vom Kahn aus winkte der Major, er wollte ein fröhliches Geſicht machen, aber die Thränen rannen ihm über die Wangen, er beugte ſich über den Kahn und ſeine Thränen floſſen in den Rhein. Man fuhr ſtill dahin. Als man an der Kloſterinſel vorüber kam, wiegte ſich ein Flug weißer Tauben über der Inſel, die Nachtigallen ſchlugen ſo laut, daß man ſie durch das Geklapper der Dampfſchiffräder hindurch hörte, die Kinder auf der Inſel gingen Paar und Paar am Uferweg und ſangen. Manna grüßte hinüber. Niemand ahnte, wer da vorüberfuhr, fort.. fort dem Meere zu, in die neue Welt. Erich erinnerte ſich eines Blattes, das ihm Weidmann beim Abſchied gegeben, er las es; es waren Worte aus dem Schluſſe des Kosmos von Humboldt: „Es gibt bildſamere, höher gebildete, durch geiſtige Cultur veredelte, aber keine edleren Volksſtämme. Alle ſind gleichmäßig zur Freiheit beſtimmt.“ Aus Briefen — — — — 2 ℳ — — — — = — — — — Fünfzehntes Buch. Erich an ſeine Mutter. An Bord des Benjamin Franklin. .. Unſer Schiff trägt den Namen, den der Vater immer mit beſonderer Innigkeit nannte. Meine Mutter! Ich lebe jetzt auf dem Meere und mir iſt, als ſchriebe ich Dir aus einer andern Welt. Wir hatten noch ein freundliches Begegniß, ehe wir das Vaterland verließen. Als wir am erſten Abend anlandeten, ſah aus dem Fenſter des Eckhauſes am Landungsplatz eine breite, wohlwollend behagliche Geſtalt; der Mann grüßte, ich dankte, ich kannte ihn nicht. Beim Eintritte in die Stadt, kam er uns entgegen; es war Meiſter Ferdinand, dem ich beim Muſikfeſte ausgeholfen hatte. Er hatte von unſerm Leben gehört. Wir mußten bei ihm eintreten und mit einer Behendigkeit, die nur die ſelbſtloſe volle Güte verleiht, brachte er Kunſtgenoſſen und gutgeſchulte Dilettanten aus der Stadt zuſammen; es wurde geſungen und muſicirt bis tief in die Nacht hinein. Mit Muſik in der Seele verließen wir den Rhein, verließen wir Deutſchland.— Manna und Roland werden Dir ſelbſt ſchreiben, ſie ſind jetzt oben auf Deck und leſen die Odyſſee; es iſt das Einzige, was man hier leſen mag. Was ſich auf dem Feſtlande bewegt, was in geſchloſſenen Räumen unter allerlei Hausrath vorgeht, das Alles liegt weit ab. Solch ein Schiff iſt eine Welt für ſich. Unſer Freund Knopf hatte ein wunderbares Begegniß. Er ſchreibt an den Major, laß Dir ſeinen Brief zeigen. Wir kamen in Liverpvol am Abend an, wir wollten hier einen Tag ausruhen. Am Morgen war ich allein am Hafen. Das iſt der erſte engliſche Hafen, in welchem Sklavenſchiffe ausgerüſtet wurden. Ich wurde aus meinen Träumereien über die Wand⸗ lungen der Geſchichte geweckt; ein Schiff, das in See ging, lichtete die Anker. Auf dem Verdeck ſtand ein Mann, ich zweifle nicht, daß es Sonnenkamp war; er hat einen Vollbart, aber ich erkannte ihn doch. Entweder iſt er bis jetzt in Europa geweſen oder wiedergekommen. Er ſchien mich zu erkennen, er lüpfte ſeinen breiträndrigen Hut, winkte Jemand herbei, eine Geſtalt kam, ich konnte ſie nicht deutlich erkennen, aber ich meine, es ſei Bella geweſen. Von Freunden, an die mich Herr Weidmann empfohlen, erfuhr ich, daß ein Mann ganz vom Behaben Sonnenkamps eine Schiffsladung Waffen und Munition nach einem ſüdſtaatlichen Hafen expedirte. Ich darf nicht ausdenken, welches Entſetzen ein Zuſammen⸗ treffen hier gebracht hätte. Tief ergriff mich, daß Manna, als ich Nachmittags mit ihr durch die Stadt ging, ſagte: Mir iſt, als müßte ich hier dem Vater begegnen, als müßte er jetzt dort um die Ecke biegen. Ich glaube, ich that nicht Unrecht, daß ich ihr verſchwieg, was ich geſehen. Tief marternd iſt der Gedanke, daß Vater und Sohn vielleicht doch in feindlichen Heeren gegen einander kämpfen. Meine Hoffnung iſt, daß Sonnenkamp als alter Seemann zur See kämpfen wird. Roland iſt der Liebling des ganzen Schiffes. Mit unermüd⸗ lichem Eifer ſucht er die Schiffs⸗Einrichtung und alle Thätigkeiten der Mannſchaft kennen zu lernen. Er iſt bald da, bald dort mit thätig und ich freue mich, daß er ſich alles ſchweren Sinnens und Grübelns entſchlägt. Am zweiten Abend. Es iſt jetzt Nacht. Manna iſt allein auf dem Verdeck und ſchaut nach den Sternen. Oben das Uebermaß der Sterne und rings um uns das unermeßliche Meer. Mir iſt, als müßte ich auf dieſer Seefahrt alles ſchwere Denken, Sinnen und Grübeln ins Weite verflattern laſſen, um auf dem Boden der neuen Welt ein Menſch der geſchloſſenen That zu ſein. Es war ein aben⸗ teuerlicher Zug in meinem Lebensgange und meinem Weſen... Was iſt's, das mich nun dahin führt, mein ganzes Sein in einer großen Wendung der Menſchheitsgeſchichte einzuſetzen? Nicht mehr blos Zuſchauer zu ſein, ſondern zu handeln, zu leben und vielleicht— Nein, Mutter, ich habe die Zuverſicht, ich werde lebend aus dieſem Kampf heimkehren. Heim! Heim! O Mutter, meine Seele ſchwingt ſich über das unabſehbare Wogen des Lebens, wir ſind bei Dir. Und wenn das Schickſal doch anders beſchloſſen, ſo halte feſt: Dein Sohn war glücklich, er beſaß das Leben in ſeiner Fülle. Ich hatte Dich, den Vater, Manna, die Wiſſenſchaft, das reine Streben, die That, Alles iſt mein geweſen. Da ſitze ich und die Welle trägt mich dahin. Wohl dem, der es empfindet wie ich jetzt, daß er einem hohen Ziele zuſtrebt. Es ſind viel junge Männer an Bord, ſie haben verſucht, Roland in ihre Geſellſchaft zu ziehen, er weiß ſich mit gutem Tact fern zu halten. Die jungen Männer, Kaufmannsſöhne verſchiedener Confeſſionen, vertreiben ſich die Zeit mit Hazard⸗ ſpielen; die Kellner auf dem Schiffe verſtehen Inſtrumente zu ſpielen und haben ein leidliches Orcheſter zuſammengebracht. Auch eine Drehorgel haben wir, die vier Schiffsjungen drehen ſie zu beſtimmten Zeiten abwechſelnd, dann wird für ſie geſammelt. Wir— Knopf und ſeine Braut gehören mit zu uns, und auch unſre Aerzte halten ſich in der Regel zu unſrem Kreiſe— bilden eine abgeſchloſſene Genoſſenſchaft. Am ſiebenten Tage. Ich habe ſeit fünf Tagen nicht geſchrieben, ſeitdem war ich mit den Meinen am Rande des Todes. Wir haben einen Sturm erlebt, wie der Capitän, der nun ſchon dreiundzwanzig Jahre auf dem Meere fährt, noch nie einen durchgemacht. Die Stärkſten inmitten des Sturmes waren Roland und Knopf. Knopf war aber nicht bei uns, er war auf dem Vorderdeck bei ſeiner Braut. Manna hielt mich umſchlungen, wir wollten mit einander ſterben. ————————— — 268— Ach, was ſoll ich von den Gefahren erzählen? Es iſt vorbei. Am Morgen als der Himmel klar, das Meer ruhig war, da feierten wir auf dem Schiff eine Verlobung. Freund Knopf wird Alles näher ſchreiben. Das Faß Jungfernwein, das uns mitgegeben wurde, iſt an dieſem Tage von der Schiffsgeſellſchaft ausgetrunken worden. Der Rhein hat uns Allen Frohmuth in die Adern gegoſſen. Es wurde geſungen, getanzt, gejubelt, alle Flaggen wurden aufgezogen und bei Tiſch hielt Freund Knopf eine Rede, ſo luſtig als ergreifend. Ich glaube, er wird dem Major die Rede ſchicken. Eigene Muſik hatten wir auch. Knopf blies die Flöte und brachte es dahin, daß Manna ihre Harfe auf Deck bringen ließ und ſpielte; die ganze Schiffsgeſellſchaft ſtand umher und hielt den Athem an; als ſie geendet, jauchzte und jubelte Alles. Uebermorgen ſollen wir ans Land ſteigen. Mein erſter Gang auf dem Boden der neuen Welt wird ſein, Dir dieſen Brief zu ſenden, wenn wir nicht noch unterwegs ein Schiff treffen, das ihn nach Europa nimmt. Nach Europa! Sei froh im Gedanken an Deinen glücklichen Sohn Erich. Knopf an den Major und die Frau Majorin. Auf dem Rhein. Sofort in der Stunde, da Ihr uns verlaſſen, ſchreibe ich Euch. Was war die Nibelungenfahrt auf dem Rhein? Was war der Argonautenzug? In unſrer Zeit iſt Alles neu, ſchön und klar. Da drüben ſitzt Erich mit ſeiner jungen Frau. Die alte Sage, die hier am Rhein beſonders oft verbreitet iſt, erneuert ſich, die Sage von der erlöſten Jungfrau. Nur ein reiner Jüngling wie Dournay konnte die reine Jungfrau erlöſen. Und ich, was bin ich? Ich bin ſelbſt begierig, was das Schickſal aus mir macht. Liverpool. Morgen früh ſchiffen wir uns ein in die neue Welt. Wie oft habe ich vom Meere geſungen, jetzt ſoll ich auf ihm leben. Ich habe gar kein Bangen und keine Wehmuth, daß ich Europa verlaſſen muß. Ich habe eine Ahnung in der Seele, daß mir etwas Großes begegnet. Auf dem Meere. Lieber Bruder und liebe Schweſter! O, wie gut, daß ich, der nie zu einem Menſchen ſo ſagen konnte, jetzt Bruder und Schweſter ſagen kann! In dem rothen Buch, das Du, liebe Schweſter, mir geſchenkt, ſind viele Reiſenotizen; ich hoffe, ſie einmal ausführen zu können, jetzt kann ich nicht. Schnell das Beſte: ich bin verlobt!!! Indem ich die drei Ausrufungszeichen mache, fällt mir ein, daß die Form dieſer Zeichen eine Bedeutung habe; ſie erſcheinen mir als Bild eines Kometen. Fragt einmal Profeſſor Einſiedel, ob ich da nicht eine große wiſſenſchaftliche Entdeckung gemacht habe. Erinnerſt Du Dich, liebe Schweſter, wie ich Dir erzählte, daß mir damals, als ich unſern Freund Dournay aufſuchte, ein Mädchen mit zwei Knaben im Walde begegnete? Dieſes Mädchen iſt jetzt meine Braut, ſie heißt auch Roſalie wie Du, ſie könnte Deine Schweſter ſein... ja ſie iſt es. Sie hat auch braune Augen wie Du. Ja, wer iſt ſie denn? höre ich Dich fragen, und Du legſt Dein Nähzeug weg und ſchauſt mich ſo getreu an. Laß mich nur ruhig berichten. Alſo das Mädchen von damals, mein Waldmädchen, iſt die Tochter eines Lehrers und— ich bitte um Reſpect— ſie hat ihr Lehrerin-Examen gemacht. Ich wagte es nicht, mich ihr zu nähern, obgleich ich ſie beim erſten Anblick auf dem Schiffe er⸗ kannte; ich ſuchte mir die Brüder anzuwerben und ſagte dem Kleineren— der ſogleich an mir hing—„ſag Deiner Schweſter, daß ich ihr im Mai im Walde begegnete, wie ſie mit Euch nach der Capelle ging, ſie hatte ein braunes Kleid an.“ „Warum ſagſt Du ihr das nicht ſelber?“ fragt der Kleine. Ich hatte nicht Zeit, ihm zu erwidern, denn eben kam mein Waldmädchen daher und ſchalt die Brüder, daß ſie den fremden Herrn beläſtigen. Da rief der Kleine: „Das iſt ja der Herr, dem Du nachahmſt, wie er Dich über die Brille weg angeblinzelt hat.“ Nun war es heraus. Alſo ſie hat über mich geſpottet? ſie auch? Ich that meine Brille ab, ehrlich geſtanden, ich hätte die Brille gern ins Meer geworfen. Wir ſtanden verlegen, da ſagte ſie— ach, was hat ſie für —— eine Stimme! Sie ſingt auch, ganz ähnlich wie Landrichters Lina, ſie hat aber mehr Höhe, bis zum zweigeſtrichenen a. Was ſie ſagte? fragſt Du. Gutes, Inniges; ſie habe nicht über mich geſpottet.... Ach, ich weiß nicht mehr... ſie reichte mir die Hand und... Ich kann es nicht ſchreiben, Ihr werdet Alles ſpäter erfahren, und wenn ich es auch nicht ſchreibe, wißt Ihr es doch: ich, Emil Knopf, Mädchenlehrer von ſo und ſo viel Generationen, bin verlobt mit einem Engel. Das iſt eine abgebrauchte Phraſe. Wer weiß, ob die Engel das Examen als Lehrerinnen beſtehen könnten. Kann das ein Menſchenverſtand ausdenken, daß das Mädchen ſchon damals Wohlgefallen an mir findet, daß ich keine Ahnung habe, woher ſie iſt, wer ſie iſt; und nun wird ſie mir aufs Schiff geſetzt, oder ich werde aufs Schiff geſetzt und ſie hat einen Onkel in Amerika, zu dem ſie reiſt.— Es iſt doch eine ſchöne Sache, daß es Onkel in Amerika gibt. Ich glaube, ich habe meinen Schwiegervater gekannt. Wir haben einen Sturm erlebt. Mitten im Sturm— und es war kein gewöhnlicher— habe ich gedacht: wie wäre es, wenn Du hätteſt ins Meer verſinken müſſen und hätteſt nie gewußt, wie eine Mädchenlippe küßt und wie es thut, wenn eine zarte Hand Einem über das Geſicht ſtreichelt und ſogar ſagt: Du biſt hübſch... Denkt nur! Ich, Emil Knopf, berühmt als der ungefährlichſte Menſch, ich bin hübſch! O wie verblendet waren die Mütter und Töchter im ge⸗ lobten Lande Uniformingen! Roſalie hat einen kleinen Spiegel, und wie ich da hineinſehe, bin ich wirklich hübſch; ich gefalle mir. Glaubt aber nicht, daß ich närriſch geworden, ich habe meinen vollen Verſtand. Herr Major, ich mache mich anheiſchig, das Geſetz von Schwerpunkt und Schwerlinie zu erklären. Ich bin bei vollem Verſtand. Eins aber iſt mir hart. Ich erkenne, daß ich kein Dichter bin. Wenn ich es wäre, jetzt müßte ich Gedichte machen, daß die ganze Welt von nichts Anderem mehr wüßte; die Matroſen müßten ſie ſingen und die Soldaten, und das weißhändige Fräulein am Cla— vier und der Handwerksburſch am Wegrain, wenn er den Wachs⸗ tuchhut abthut und ſein Haupt auf das Ränzel legt. Ach, ich meine, ich müßte etwas finden, um die ganze Welt zu beglücken, und möchte allen Menſchen zurufen: Seht Ihr denn nicht, wie ſchön die Welt iſt? Nun bitte ich mir aber ein Hochzeitsgeſchenk aus; Du und die Majorin, Ihr müßt Euch photographiren laſſen, mir zu lieb. In der neuen Welt ſchreibe ich wieder, jetzt kein Wort mehr; ich habe genug geſchrieben mein Lebenlang, jetzt will ich nichts als ſcherzen und küſſen. Ach! Die ſchöne Melodie aus Don Juan fällt mir dabei ein. Nur das will ich noch ſagen: Manna benimmt ſich lieb und gut gegen meine Roſalie und auch unſere drei Doctoren und der junge Faßbender. Alles freut ſich mit unſerm Glück und hat ſo auch ſein Theil Glück. Meine jungen Schwäger ſind friſche Burſche. Dir, lieber Major, muß ich nur noch beſonders ſagen: Dein Glaube iſt der rechte. Du glaubſt an das unzerſtörbare Gute in jedem Menſchen, und es bewährt ſich. Adams iſt ein ganz ver⸗ wandelter Menſch. Der Gedanke, daß er für die Befreiung ſeiner Stammesbrüder kämpfen ſoll, hat die beſſere Seele in ihm er— weckt. Ich könnte Dir da viel ſagen, aber es iſt genug. Du weißt ſchon. Wir üben uns Alle im Engliſchen, aber wir wollen Deutſche bleiben. Vor Land. In drei Tagen ſind wir in Newyork. Ich weiß nicht, was da Alles auf mich einſtürmen wird. Roſalie ſagt, ich ſoll jetzt ſchreiben; ſie ſitzt neben mir. Ich kann eigentlich nicht Brief ſchreiben, wenn Jemand bei mir im Zimmer iſt, und nun gar, wenn ſo liebe Augen auf mich ſehen. Ich will es aber doch ver⸗ ſuchen; Roſalie meint, ich hätte ſo ſchön geſprochen, daß das nicht verloren gehen darf. Sie macht mich noch eitel; ſie hält große Stücke auf Alles, was ich ſage. Ihr wißt, daß wir einen fürchterlichen Sturm gehabt und daß wir qm Tage darauf unſere Verlobung gefeiert haben. Im Geiſte haben wir dazu vom Feſtlande die beſten Menſchen geladen und ich habe ſie Alle citirt und angeſprochen. Zuerſt Sie, lieber Major— oder, verzeihe, Dich, und dann Dich, liebe Schweſter; Deine Haube mit dem blauen Band iſt für mich ein gutes An⸗ knüpfband geworden. Meine Roſalie trug auch ein blaues Band. Ich habe Dir nämlich geſagt... Ach, Ihr guten Menſchen, ich kann nicht. Sie ſagen alle, ich hätte geſprochen wie ein Pfingſtgeiſt. Kann wohl ſein, aber ſchrei⸗ ben kann ich es nicht. So, nun iſt's genug. (Nachſchrift.) Ich habe, was ich geſchrieben, meiner Roſalie zu leſen gegeben; ſie notirt mir eine ſchlechte Cenſur. Ja, ſo ſind die examinirten Lehrerinnen! Newyork. In einen Brief zu faſſen, was man in drei Tagen, ja nur in Einem Tage in Newyork erlebt, das hieße Wellenwogen und wechſelnde Wolkengebilde ſchildern. In mein Tagebuch ſchreibe ich gar nichts mehr, es iſt zu viel. Als wir anlandeten, wartete der Onkel auf uns; er hat mich aber nicht gern zum Neffen angenommen. Ich wollte, ich hätte Dich da, lieber Major, daß Du ihm erklärteſt, wer ich bin und wie ich bin. Jetzt muß ich warten, bis er es ſelber einſieht; viel— leicht geſchieht das nie. Ich nehme es dem Onkel gar nicht übel, er hatte für Roſalie bereits einen Bräutigam beſtimmt, und als ich ihm den Hauptmann Dournay vorſteltte, ſagte er: „Dournay... Dournay?“ Weiter nichts. Er muß einmal mit Einem aus der Familie zu thun gehabt haben. Der Onkel iſt ſehr verſchloſſen, aber ſo verſchloſſen als er, ſo offen iſt Alles im Hauſe des Doctor Fritz. Jetzt weiß ich, wie Herr Weidmann und ſein Haus in der Jugendzeit geweſen ſein muß; aber Herr Weidmann hat mehr Söhne und hier ſind Töchter. Und was für prächtige Geſchöpfe! Und eine Frau! Ich kann nur ſagen, wenn ſie Einen mit ihren großen Augen anſieht, iſt man wie durchleuchtet. O, was ſind wir Deutſche für herrliche Menſchen! Wo man uns hinverſetzt, und nun gar in den Boden und in die Luft der Freiheit, da gehen wir auf, da zeigt ſich, was wir ſind. Ich war dabei, wie Roland und Lilian einander begrüßten; ſie müſſen ein geheimes Erkennungszeichen haben, denn ihr erſtes Wort war„Kieſel“. Ja, in einem Liebesverhältniß bildet ſich immer ein geheimes Einverſtändniß. Roland und Lilian hielten ſich nur an der Hand, dann gingen ſie mit einander aus. Die Kinder leben hier in großer Selbſtändigkeit. 4 Kein Menſch hat hier Zeit. Ich verſtehe jetzt erſt, warum ſie in Amerika ſagen: Zeit iſt Geld. Das iſt eine Raſtloſigkeit ohne Gleichen. So viel ſehe ich ſchon jetzt, man wird es hier für Schwär⸗ merei halten, daß Erich, Roland und Manna auf das große Ver⸗ mögen verzichten. Hier fragt kein Menſch, wovon man reich iſt. Fortſetzung. Hier iſt Krieg— Krieg! Die meiſten Menſchen glauben, er ſei bald vorüber; Doctor Fritz ſagt aber jetzt auch, die Hartnäckigkeit der Südſtaaten ſei groß, und ſie ſeien viel beſſer gerüſtet als wir. Was aus mir wird? Doctor Fritz findet es nun ſonderbar, daß ich Negerlehrer werden will, ich bin noch nicht fertig genug in der Sprache. Er läßt mir aber die Hoffnung, daß ſich die Sache ſpäter ausführen ließe. Und ich denke ſogar weiter. Es muß ein Lehrer⸗Seminar für Neger-Jünglinge gegründet werden; ich laſſe nicht ab. Einſtweilen gebe ich Muſikſtunden, und es iſt gar ſelt⸗ ſam, wenn ich, aus einem Haus kommend, wo wir Muſik geübt haben, auf der Straße die Trommel raſſeln und lärmen höre. Adams iſt voll Verzweiflung, daß der Präſident noch keine Schwarzen ins Heer eintreten laſſen will; Adams ſoll mit an Feſtungswerken bauen, und das will er nicht. Aber er wird ſich ſchon anders beſinnen. Es iſt Eins, was man für die Freiheit thut, wenn man nur dafür arbeitet. Der junge Faßbender übernimmt mit ſeinem Bruder Lieferungen für die Armee. Ich hoffe, daß er ſich ehrlich benimmt, denn wie ich höre, gibt es auch in der Republik ſehr viel Betrügerei und Unterſchleif. Das iſt traurig! Knopf an Faßbender. . und ſag mir, habe ich nicht einmal einen Lehrer mit Namen Runzler bei Dir getroffen? Es liegt mir viel daran, dies zu wiſſen, denn dieſer Lehrer Runzler iſt der Vater meiner Braut geweſen. Ich meine, er war bei Dir und hat aus einer großen Doſe geſchnupft. Ich habe eben meine Roſalie gefragt. Ihr Vater hat aus einer großen Buchsbaumdoſe geſchnupft. Es iſt alſo richtig. Das Auerbach. Landhaus am Rhein. lI. 18 Gedächtniß iſt doch ein wunderliches Ding, wir ſollten pädagogiſch weit mehr darauf Bedacht nehmen. Ich erinnere mich eigentlich nur noch der Doſe und bitte Dich, mir zu ſagen, was wir geſprochen haben. Erinnere Dich, ich war damals ſehr traurig wegen des Kinderſtreichs, den mir Roland geſpielt, und ich hatte noch dazu meine Brille verloren. Ich war ſo ſehr bedrückt, daß ich gar kein Gedenken aus jener Zeit mehr habe. Alſo ſchreib mir Alles, Du thuſt mir einen großen Gefallen damit. Du be⸗ kommſt auch bald eine Karte, worauf ſteht: Emil Knopf, Roſalie Knopf, geb. Runzler, Vermählte. Ich ſage Dir, das ganze Leben iſt ein Märchen. Dein Sohn iſt ein äußerſt praktiſcher Menſch; Du wirſt Freude an ihm haben. Wenn Dein Unterlehrer hierher kommen will, ſo kann ich ihm viel Clavierſtunden verſchaffen. Wir haben in Deutſchland Lehrer genug zum Export. Roland an die Profeſſorin. Verzeihen Sie, wenn ich Sie nicht mehr Mutter nenne; es iſt mir wie ein Unrecht an meiner verſtorbenen Mutter, daß ich es je that. Ich bitte, das Grab meiner Mutter ſorgſam pflegen zu laſſen und ihre Lieblingsblumen, Eriken und Nelken, darauf zu halten. Nun ich das vom Herzen habe, will ich weiter ſchreiben. Wenn ich an das grüne Haus denke, iſt mir immer, als ſchwämme es auf dem Meere und müßte zu uns herankommen. Ueber unſere Fahrt werden Ihnen Erich und Manna geſchrie⸗ ben haben. Ich habe auf See ziemlich die ganze Schiffsbehandlung gelernt und möchte am liebſten mich zur See anwerben laſſen, aber Erich iſt entſchieden dagegen. Es iſt wahrſcheinlich, daß mein Vater zur See gegen uns kämpft, und da iſt es beſſer, ich bin im Landheer. Ich habe Lilian hier getroffen. Sagen Sie nicht, daß wir noch ſo jung ſeien; wir ſind älter durch die Ereigniſſe. Benjamin Franklin wollte ja Miß Read auch heiraten, als er 18 Jahr alt war. Wir haben uns gelobt, erſt wenn der Krieg zu Ende, ein⸗ ander anzugehören. Ich bitte, dieſe Zeilen von keinem andern Auge ſehen zu laſſen, als von dem Ihrigen. Wir waren in Waſhington; ich habe die Akropolis der neuen Welt geſehen. Ich wollte zum Grabe Franklins wallfahrten, aber es iſt gut, daß ich zuerſt zu einem ſeiner größten Nachfolger, zu Abraham Lincoln, wallfahrten konnte. Ich habe zum erſten Mal einen Mann unſterblichen Ruhmes geſehen, habe ihm ins Angeſicht den Namen geſprochen, den die Nachwelt bewahren wird. Die Lippen, deren Worte zur jetzt lebenden Welt und zur künftigen dringen, haben meinen Namen genannt. Ich ſah die Größe, ſie iſt ſo einfach. Es war in Carlsbad in jenem merkwürdigen Geſpräch, ich habe nicht viel davon behalten, das aber traf mich, als der General ſagte: Wer je durch eine Galerie ſeiner Ahnen ge— ſchritten, der wandelt durch das ganze Leben wie begleitet von ihren Augen. O, aus den Augen Lincolns ſah auf mich der Geiſt des Sokrates und des Ariſtides, der Geiſt des Moſes, des Waſhington und Franklin. Und da habe ich es gefühlt: das ſind die Ahnen, die Jeder ſich erwerben kann durch redliche Arbeit, durch Treue und Aufopferung. Ich habe die höchſten Ahnen und will ihrer würdig ſein. Ich lege Ihnen hier eine Photographie Lincolns bei; er hat mich an Herrn Weidmann gemahnt, nicht in der Erſcheinung, aber in der ganzen Art. Ich erzählte ihm von Adams und wie unglücklich der Neger ſei, daß er nicht ins Heer eintreten und nur zum Feſtungsbau verwendet werden könne. Lincoln ermahnte mich, der reifen Beſonnenheit zu vertrauen und nicht in jugend⸗ lichem Uebermuthe zu vergeſſen, daß man alle Mittel der Ver⸗ ſtändigung zuerſt einſetzen müſſe, um vor ſeinem eigenen Gewiſſen und vor Gott gerechtfertigt zu ſein, wenn man weiter geht; denn es ſei ein Bruderkampf, man führe den Krieg nicht zur Vernich— tung, ſondern zur Verſöhnung. Ich möchte gern in ein Regiment von Negern eintreten; ich ſagte ihm das. Er ſchwieg und legte nur ſeine breite gewaltige Hand auf mein Haupt. Manna bleibt im Hauſe des Doctor Fritz. Erich hat Ihnen wol ſchon geſagt, daß er mit dem Range eines Majors eintritt. —— ind ich habe einen Kameraden, Hermann, den Bruder Lilians, er hat viel Aehnlichkeit mit Rudolf Weidmann, er iſt in gleichem Alter mit ihm, aber hier iſt man mit achtzehn Jahren ſchon viel weiter. Er ſpricht wenig, aber was er ſpricht, iſt gediegen und feſt. Ach, er hat eine ſchöne Jugend gehabt!... Nein, ich will nicht mehr davon ſprechen. Ich habe Lilian den Greif zurückge⸗ laſſen. Wir ſind bei der Cavallerie. Hätten wir nur unſere Pferde von Villa Eden hier. Man hat hier ſchlechte Karrengäule zur Cavallerie nehmen müſſen und Fuhrleute wurden Cavalleriſten. Laſſen Sie mir vom Major ſchreiben, wer unſere Pferde gekauft hat. Das Herz thut mir weh, wenn ich an Villa Eden denke... Ich höre hier, daß Viele vom Gleichen in Ehren und Freuden leben. Das darf uns aber nicht in Verſuchung führen und nicht abwendig machen, nie.. Ich mußte aufhören. Haben Sie Geduld mit mir, Sie ſollen ſehen, daß Sie mir nicht vergebens ſo viel Gutes gethan; Sie ſollen ſehen, daß ſich als Mann benimmt Ihr Franklin Roland. So heiße ich nun allein. Manna an die Profeſſorin. . An Deine Bruſt möchte ich mich werfen und ſagen: Mutter! Weiter nichts. Die Feder in der Hand zittert mir, aber ich höre, wie Du ſagſt: ſei ſtark. Ich will es ſein. Ich darf nicht daran denken, wie es ſein wird, wenn wir wieder bei Dir leben; Du biſt unſere Heimat. Wir müſſen ausharren, wer weiß wie lange, wer weiß zu welchen Opfern. Ich darf nicht daran denken, daß mir Erich entriſſen würde, mir— uns. Wie ein Traum war es mir, als wir das Feſtland betraten, das Land meiner Geburt; ich hätte ewig auf dem Schiffe ſo fortſchwimmen mögen. Ich lebe im Hauſe des Doctor Fritz, Erich und Roland ſind heute nach Waſhington gereiſt; ich faſſe es nicht, daß Erich nicht bei mir iſt, und doch werde ich ihn ganz anders noch entlaſſen müſſen. Nicht wahr, Mutter, wir bangen nicht? Ein wunderbares Schickſal hat uns zuſammengeführt und erhalten, es wird uns treu bleiben. Von dem Hauſe, in dem ich wohne, von den guten, geiſtig erweckten Menſchen möchte ich gern viel berichten, und oft, wenn ich die Frau und die Kinder ſprechen höre, handeln ſehe, möchte ich ſagen: das habt ihr von der Mutter Erichs, von meiner tutter. Es iſt eine Gemeinſchaft der Edeln durch die ganze Welt, und wer etwas davon in ſich hat, findet ſie. Das bedeutet für mich jenes Wort: Suchet, ſo werdet ihr finden; klopfet an, ſo wird euch aufgethan. Ich habe von Dir die Kraft des Suchens, des Anklopfens, und ich finde, es wird mir aufgethan. O Mutter! warum müſſen es ſo gewaltige, auf der Spitze von Leben und Tod ſich bewegende Ereigniſſe ſein, vor denen die Größe und Güte, die Opferwilligkeit des Menſchenherzens ſich aufthut? Warum nicht in Frieden, in Liebe, in ſtiller Sorgfalt? Es iſt gut, daß ich unterbrochen worden bin. Lilian hat eine friſche Singſtimme, und auch die Braut unſeres Freundes Knopf ſingt ſchön. Wir haben uns hier Stücke eingeübt, und ich begleite Lilians Geſang mit der Harfe. Wenn wir nur dieſe Töne hinüberſenden könnten zu Euch. Mitten im Aufruhr alles Lebens ſitzen wir hier ſtundenlang und ſingen. Ich verſtehe aufs Neue jenes Wort, daß die Kunſt eine Erlöſerin iſt, jenes Wort, das der Vater geſagt. Warum zerreißt das Wort Vater mir ſo die Seele? Wenn ich auf dieſen Weg des Denkens komme, iſt mir immer, als ſchritte ich in eine Wüſte, weit— weit hinaus, nirgends etwas, das das Auge erquickt, die Seele erfriſcht. Ich muß es tragen. Ich ſehe mit Kummer, daß ich ſo verwirrt ſchreibe, Du weißt aber und glaubſt mir, ich bin es nicht, und vor Allem ſollſt Du wiſſen, daß ich unſern Erich nie mit ſolch ſchwerem Denken belaſte. Es iſt nicht Vorſatz, nein, ſobald er da iſt, ſchwindet Bangen und Trauern, Alles iſt Licht, Sonne, Tag. Drei Tage ſpäter. Erich iſt mit Roland von Waſhington zurückgekehrt, ſie er⸗ zählen viel, und Roland iſt von einer Begeiſterung, die Du Dir denken kannſt. Lilian iſt weit reifer, als man ihren Jahren nach erwarten dürfte. Ihres Bekehrungseifers wegen wurde ſie nach Deutſchland geſchickt und unſer Freund Knopf hat da gute Arbeit vollendet. Lilian iſt mir eine Schweſter geworden und wir ſprechen viel da⸗ von, wie ſie mit uns an den Rhein ziehen wird; ſie meint aber, — 25 daß Erich und ich hier bleiben, und das wird doch nimmer ſein. Dort iſt unſere Heimat, Du biſt unſere Heimat. Ich küſſe Dir die Augen, die Wangen, den Mund, die Hände. Ich bin glück— lich, daß ich bin Deine Tochter Manna Dournay. (Nachſchrift.. Liebe Tante Claudine, Profeſſor Einſiedel hat mir verſprochen, aſtronomiſche Bücher zu beſorgen. Erinnere ihn daran mit meinem innigſten Gruße. Ich finde hier viel Be— freiung im Betrachten der Sterne. Ich ſpiele auch fleißig Harfe. Erich an Weidmann. Weil ich in meinem kurzen Leben erfahren habe, welche reine und edle Menſchen mit mir athmen, darum war ich frei und unbefangen, als ich vor Lincoln ſtand. Mir iſt ein hohes Loos beſchieden, ich darf den Beſten meines Zeitalters ins Antlitz ſchauen. Und wenn mir die Klüglinge wieder herablaſ⸗ ſend ſagen ſollten, ich ſei ein Idealiſt, ſo kann ich ihnen erwi⸗ dern: das muß ich ſein, denn mir ſind von den Beſten auf meinem Lebenswege begegnet. In der Umgebung Lincolns hörten wir den Ausſpruch, man dürfe die Neger nicht frei geben, denn ſie würden nichts arbeiten, wenn ſie nicht gezwungen würden. Da ſagte Roland leiſe zu mir: „Arbeiten denn die Negerbeſitzer, die nicht müſſen?“ Lincoln ſah, daß der Jüngling etwas zu mir ſagte; er er⸗ mahnte, es offen zu bekennen, und mit ruhiger Herzhaftigkeit wiederholte Roland, was er mir geſagt. Sie, der Sie mit mir an der Erweckung dieſer Jünglingsſeele gearbeitet, empfinden das gleiche Glück wie ich. Und nun will ich Ihnen von Ihrem Neffen erzählen. O, unſer geſegnetes deutſches Leben! In alten Zeiten trugen Auswanderer ihre Götterbilder mit in die Fremde, wir Deutſche tragen unſere Dichter, unſere Philoſophen und Muſiker durch die ganze Welt; und ſo iſt im Hauſe Ihres Neffen eine Bildungs⸗ ſtätte, heimiſch, wohlig und frei. Mitten im Aufruhr des Staats⸗ weſens und des Privatlebens walten unſterbliche Geiſter und bewirken eine Andacht, eine Ruhe, eine Tempelſtille eigener Art. ————————— ——— — — 279— Mitten im Wachſen und Walten der geſchichtlichen Bewegung fühle ich: der Einzelne iſt wie die Zelle am Baum, oder anders: wir ſind wie die Schüler auf der Schulbank, wir kennen den Lehrplan nicht, wir wiſſen die Ziele nicht, zu denen dies Alles führt; heute müſſen wir unſere Aufgabe lernen und es wächſt Zelle an Zelle, reiht ſich Wiſſen an Wiſſen, bis— ja, wer weiß das Ende. Beim erſten großen Kampf, beim Unabhängigkeitskriege der neuen Welt waren von deutſchen Fürſten verkaufte Deutſche, die für die Engländer gegen die Amerikaner kämpften, und wenige freie Deutſche— unter ihnen Steuben und Kalb— kämpften für die Republik. Damals ſtanden die Franzoſen— der Name Lafayette klingt hell hervor— unter den Freiheitskämpfern der neuen Welt voran, heute ſtehen Tauſende von Deutſchen im Unionsheere, ausgewan⸗ derte und ausgeſendete Zeugen. Eingewanderte Franzoſen haben Zuavenregimenter gebildet, ſie werden franzöſiſch commandirt. Als die beſten Truppen gelten aber Irländer und Deutſche. Ich ſehe den Dichter der Zukunft kommen, ihm ſtellt ſich das große Drama unſerer Zeit— der Kampf zwiſchen Cäſarismus und Selbſtbeſtimmung— in einer Ausdehnung dar, wie keine Vergangenheit ſie kennen konnte; er drängt den Kampf in dich⸗ teriſchen Bildern zuſammen, Geſtalten, durch Meere getrennt, werden zu Trägern kämpfender Mächte und ringen mit einander. Es ſind noch nicht hundert Jahre, ſeitdem die Republik der Vereinigten Staaten beſteht. O, wie anders ſieht es hier aus, als wir uns dachten. Ich habe Viele gefunden, die an dem Fortbeſtand der Union zweifeln, ja ein gebildeter Geiſtlicher ſagte mir, es ſei doch wol in der monarchiſchen Verfaſſung mehr Kraft der Dauer. Das iſt das Empfinden der Muthloſigkeit und Ver⸗ zweiflung, die aber, wie ich glaube, nur vereinzelt iſt. Wie oft muß ich mich hier einen philanthropiſchen Idealiſten nennen laſſen; ſie ſagen mir, ich würde auch bald bekehrt wer⸗ den. Ihr Neffe, der mit großem Blick Alles überſchaut, hat mir das Räthſel gelöſt. Die Menſchen hier haben lange blos für Erwerb und Wohlbefinden gelebt und die Staatspflicht nur zeit⸗ weiſe als Wähler empfunden; ſie müſſen die Schule der Militär⸗ pflichtigkeit durchmachen, jenes Einſetzen des Lebens für den Staats⸗ beſtand, natürlich nur als Schule, um dann wieder frei zu ſein. Die Sklavenfrage iſt hier noch nicht ſo entſchieden, als wir glaubten. Ihr Reffe meint, daß die gänzliche Aufhebung der Sklaverei eine nothwendige Kriegsmaßregel werden müſſe, der Kampf um den Beſtand des Staates. Der Patriotismus muß ſich mit der Humanität verbinden, die reine Idee mit Nutzen und Nothwendigkeit verſetzt werden; die Logik der Thatſachen bringe eine Entſcheidung, die die Logik der Gedanken nicht ver⸗ mochte. Es gibt auch hier im Norden eine ſtarke Partei, die nicht zu dem einzigen, wie ſie es nennt, extremen Mittel, zur abſoluten Aufhebung der Sklaverei, fortſchreiten will; ſie hofft, nicht durch Aufhebung der Sklaverei, ſondern durch den Krieg den Süden zu unterwerfen. Wir hoffen, es gelingt nicht. Der Kampf muß ganz durch⸗ gefochten werden. Das Wort Staatsnothwendigkeit, das von den Tyrannen ſo oft mißbraucht wurde, wird hoffentlich auch einmal zur Freiheit führen. Was muß man hier nicht alles gegen die Neger hören. Daß die vier Millionen Sklaven nahezu zweitauſend Millionen Dollars Gold repräſentiren, ſteht natürlich obenan; daß die Neger viele Laſter haben— als ob die Unterdrückten lauter Tugendmuſter ſein könnten. Jedes Volk, ſo lange in Sklaverei gehalten, ge⸗ peinigt, gemartert und zur Unwiſſenheit verdammt, hätte ſo werden müſſen. Immer hat die Tyrannei die Unterdrückten für niedrige Weſen ausgegeben, natürlich indem ſie verleugnete, daß, was ſie etwa von Niedrigkeit haben, ihnen durch die Unter⸗ drückung aufgeprägt und eingepflanzt wurde. Ich habe hier einen hock Jabten Neger kennen gelernt und hörte von ihm eine Rede uver Stellung und Zukunft ſeiner Stammesgenoſſen; es war etwas Demoſtheniſches darin, der Mann iſt 22 Jahr lang Sklave geweſen und hat ſich jetzt eine voll⸗ kommene wiſſenſchaftliche Bildung angeeignet. Manchmal iſt in ſeinem Ton eine zitternde Klage, wie von einem Verſchmachtenden, und ich bewundere, daß er allen knir⸗ ſchenden Zorn niederhält. Wenn ein Einzelner je noch Befreier ſeines Volkes werden könnte, dieſer Mann oder ein Anderer ihm gleicher könnte ein befreiender Held werden. Aber das Herventhum iſt vorbei, immer und überall. Wir haben nur noch die Solidarität Aller. Wohl ſehe ich, ſeitdem ich hier bin, nicht nur eingeroſtete ——————.— — Vorurtheile, die ſich mit humanen Redensarten zudecken, es zeigt ſich mir auch die große Umwälzung, die die Aufhebung der Sklaverei mit ſich bringt. Aber Amerika muß jetzt ſühnen für die Unterlaſſungsſünde der Vorfahren. Da ſind die Straßen, die Häuſer, die Felder, ſie ſind auch aus Mark und Knochen der Reger aufgebaut, das muß bezahlt werden, getilgt. Daß das jetzige Geſchlecht es muß, iſt hart, aber es muß. Ganz Amerika trägt eine Schuld des Vaters auf ſich. Ro⸗ land iſt nur ein hervorſtechendes Beiſpiel von jener Schuld der Väter, die die Kinder zu ſühnen haben. Wir ſind mitten in einen hiſtoriſchen Proceß verſetzt, der ſeine eigene Logik erweiſt. Die Mittel friedlichen Ausgleichs haben nichts geholfen. Gegen den Ruf: Nur keine Unterjochung! Nur keinen Eingriff in die Unabhängigkeit der Einzelnſtaaten! mußte doch ein Heer aufgeſtellt werden, und nun heißt der Ruf: Nur keine Confiscation des Eigenthums! Das heißt, keine Auf⸗ hebung der Sklaverei, und dieſe wird doch die zweite Conſequenz ſein müſſen, da ſie nicht die erſte ſein konnte. Die moraliſche Schuld, die nie an der Börſe notirt, nicht verzinſt, nicht amortiſirt wurde, wird jetzt zu einer großen Staats⸗ ſchuld der Union, und jene moraliſche Schuld wird mit Geld und Blut abgetragen werden müſſen. Da ſagen ſie hier, der Krieg koſtet drei tauſend Millionen Dollars, mit der Hälfte dieſer Summe hätte man die Sklaven freikaufen können. Aber eine Idee läßt ſich nicht mit Geld kaufen, die muß doch mit dem Einſetzen des Lebens errungen werden. Die Freiheit läßt ſich nicht kaufen, nicht ſchenken, ſie muß erkämpft werden... Manna an die Profeſſorin. ... Was war dagegen jener nächtliche Spuk der ge⸗ ſchwärzten Männer! Ich habe hier einen Sklavenaufruhr erlebt. Doctor Fritz ſagt, es ſei die Erbitterung gegen die angeordnete Conſcription, die ihn veranlaßt. Viele Neger ſind ermordet, un⸗ ſerm Freund Knopf wurde ſeine Schule zerſtört, die Waiſen⸗ häuſer der Neger ſind niedergebrannt worden und die armen — ſchwarzen Kinder wälzen ſich wimmernd auf der Straße. Wir haben viel zu thun und gut zu machen. Ich war beim Begräbniß einer Negerfrau. ——————————— Die Neger haben ihre getrennten Begräbnißplätze. Noch im Tode die Ausſcheidung.... Wie oft höre ich im Geiſte die Melodie und die Worte: Denn alle Schuld rächt ſich auf Erden. Es war ein Sommertag, da ich das Lied zuerſt hörte von Frich, der es auf dem Rheine ſang. Wie namenlos weh war mir damals. Und jetzt iſt es, als ob über den ganzen Welttheil das Wort Gvethe's hintönte: Denn alle Schuld rächt ſich auf Erden. Erich an den Banquier. Vollkommen erkenne ich Ihren Schmerz darüber, daß Juden bei den Sonderbündlern ſtehen. Der General Twiggs, der in Teras befehligte und Armee, Feſtung und Kriegsgeräthe den Rebellen übergab, iſt ein Jude. Daß auch Börſenſpeculanten den Vertheidigern der Sklaverei Vorſchub leiſten— warum ſollen ſie's minder als die kirchen⸗ frommen Engländer? Warum verlangen Sie, daß alle Juden auf Seite des ſitt⸗ lichen Princips ſtehen? Es ſoll ſich zeigen und es zeigt ſich, daß keine Religion auserwählt zur Sittlichkeit iſt. Je mehr ich über Ihren Brief denke, um ſo mehr gelange ich zu der Betrachtung: Die Juden, die ſo lange und ſo grauſam ausgeſtoßen aus ſtaatlicher Gemeinſchaft und zu einem traurigen Kosmopolitismus verdammt waren, bewähren ſich in der Be⸗ freiung als Eingeborne der verſchiedenen ſtaatlichen Gemeinſchaften und halten ſich zunächſt an den Patriotismus. Mir ſtellt ſich nun wieder eine Parallele, die ich ſchon oft im Auge hatte; die Juden und die Hugenotten haben eine eigenthümliche Miſſion. Unter fremde Völker vertrieben, mit ihnen Eins geworden, ſtellen ſie gewiſſermaßen eine Bindung dar, ſo daß ſich das Volksthum nicht auf die Blutabſtammung allein gründet; ja noch mehr, ſie repräſentiren die Einheit des Menſchenthums. Uebrigens ſind ſehr viele Juden hier bei uns und kämpfen tapfer und aufopfernd. Der junge Arzt, den Sie ausgerüſtet, iſt ſehr tüchtig. Die Summe, die Sie überſendet haben, wird gewiſſenhaft verwendet... — Die Profeſſorin an Erich und Manna. So viel Blüthen trägt kein Baum, als Segenswünſche aus meinem Herzen zu Euch hin ſich wenden. Wir ſitzen hier ſtill, und Ihr draußen ſeid im Kampf. Wir können nichts für Euch thun, nur ſagen will ich Dir, mein Sohn, und Dir, meine Tochter: was auch kommt, ſeid beruhigt in der Zuverſicht, daß wir dem Geiſte gefolgt. Wir müſſen nun unſer Theil ſtill er⸗ kennend tragen. Ich war auch im neuen Dorf. So muß es in Amerika in einer neuen Anſiedlung ſein. Ein großes Glück iſt es, ſo vielen Menſchen ein heiteres und arbeitſames Daſein bereiten zu können. Mein Sohn! Warum ſchreibſt Du nicht, ob Du nach dem Onkel Alphons geforſcht? Verſäume das nicht. Wenn er noch lebt, ſage ihm, daß ich ihn nie verkannt habe, trotzdem er ſo hart gegen uns verfahren, und ſage ihm, daß Dein Vater ſeiner immer brüderlich gedachte. Ach, ich weiß ja nicht, ob er noch lebt. Verſuche, Dir Gewißheit zu verſchaffen. Unſer Freund Einſiedel ordnet jetzt die Papiere Deines Vaters. Unſer guter Major will ſich ein Zimmer im Warmhauſe ein⸗ richten und da will er im nächſten Winter den ganzen Tag unter den Pflanzen leben und ihren Athem einſaugen. Er be⸗ hauptet, daß er dann hundert Jahre alt werde. Claudine an Manna. Es iſt gut, daß Du vom Schweren, das Du erleben mußt, in der Pflege der Sternkunde Dich befreiſt. Das hilft über alles Kleine hinweg. Lina an Manna. Morgen iſt der Jahrestag meiner Hochzeit und da gebe ich meinen erſten großen Kaffee. Habe Reſpect vor mir. Ich lege ſchöne damaſtne Decken auf und habe eigene goldgeränderte Taſſen. Ach, warum kannſt Du nicht da ſein! Die Leute ſagen, meine Stimme wäre jetzt, ſeit ich Mutter bin, viel ſtärker. O Manna, der beglückendſte Geſang iſt doch der, den man ſeinem Kinde ſingt. Schreib es mir nur gleich. 3 —————— Prancken und ſeine Frau ſind zurückgekehrt, ſie bleiben aber nicht bei uns. Er wird Geſandter da drunten an der Donau bei der Türkei, ich weiß nicht, wie das Land heißt. Ich habe mir etwas Schönes für Dich ausgedacht. Wenn Du wiederkommſt, mußt Du einen Geſangverein ſtiften für alle Frauen und Mädchen der Gegend, und da ſingen wir in Eurem Garten und im Muſikſaal, auf dem flachen Dach und in Kähnen auf dem Waſſer, überall. Ach, das ſoll ein Leben ſein! Wenn es nur ſchon morgen wäre! Einſiedel an Erich. Erhebende Gedanken ſind in den hinterlaſſenen Pa⸗ pieren Ihres Vaters. Es iſt zu bedauern, daß nicht Einiges davon früher herausgegeben wurde. Er hat dieſen Krieg in Amerika vorausgeſehen, ganz deutlich. Die Conſequenz des Denkens iſt eine Art Prophetie. Ich werde die Blätter veröffent⸗ lichen und darauf hinweiſen, daß ſie viele Jahre vor dieſen Er⸗ eigniſſen von einem einſamen Geiſte niedergeſchrieben ſind. Weidmann an Erich. Mein Reffe ſchickt mir regelmäßig die Zeitungen. Laſſen Sie ſich nicht vom Denken an Europa und an die ver⸗ ſchiedenen Verhältniſſe beunruhigen, Sie ſind jetzt auf einen Poſten geſtellt, wo Sie nur das Nächſte im Auge haben dürfen. Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Sie zu ermahnen. Es war höchſte Zeit, daß dieſe Schmach aus dem Bewußtſein unſerer Zeit getilgt wurde, denn es zeigt ſich, daß ſie durch lange Gewohnheit gar nicht mehr ſo bitter und ſcharf als Sünde und Schmach empfunden wurde. Ich mache nach dieſer Seite hin überraſchende Erfahrungen. Herr Sonnenkamp war mehr als er wußte ein Verderber unſerer Landſchaft; man ſpricht jetzt gut von ihm. Ach, nur ein Sklavenhändler? kann man aller Orten hören. Der Heroismus hat immer etwas Bewältigendes, der kühne Böſewicht wird anziehender als der einfach tugendhafte Menſch. Ganz ernſte Männer finden es übertrieben, daß der Fürſt Herrn Sonnenkamp nicht geadelt hat. m——— Es hat ſich nach Europa eine Pflanze verbreitet, die das Volk die Waſſerpeſt nennt, Sie werden davon geleſen haben, ſie kam aus Canada und hat die Themſe durch ihr Wurzel- und Stengelgewirre faſt verſtopft, hat ſich tief in den Continent hinein geſchlungen und iſt nun ſchon bei uns. Solch eine Art Waſſerpeſt verbreitet ſich auch in geiſtigen Dingen. Es iſt gut, daß Sie und Roland die Angelegenheit mit dem in der Bank niedergelegten Gelde meinem Neffen und mir nun anheim geben. Mein Neffe iſt der Anſicht, daß jetzt ein Theil und der andere nach Beendigung des Krieges verwendet werden ſolle. Er ſchreibt mir ſehr befriedigt darüber, wie Sie und Roland jeder Verſuchung widerſtehen, die ſich, wie ich vermuthete, in Amerika wieder erneuern wird. Doctor Richard an Erich. Seien Sie froh, daß Sie nicht mehr zu grübeln, ſondern etwas zu thun haben. Und jetzt eine ſchöne Geſchichte. Otto von Prancken, für den ich immer wie alle profanen Menſchen eine Sympathie hatte— er iſt kein Tugendheld, aber eine volle Natur— hat die Schwarzröcke im Wettrennen an Klugheit überrannt; er ließ ſich von ihnen nach Rom empfehlen und hat dort einen luſtigen Streich vollführt. Er war mit Majorsrang in das päpſtliche Heer eingetreten, hat aber Streit bekommen; wie ich glaube, hat er ihn geſucht. Er ſchrieb einen Brief voll Unzufriedenheit über die Organiſation des Heeres. Das ſollte ihn entſchuldigen, da er wieder aus⸗ treten wollte, um die junge Wittwe, die Tochter des Herrn von Endlich, heimzuführen. Wenn Sie wiederkommen, haben Sie neue Nachbarſchaft. Man ſagt indeß, daß Prancken in die diplomatiſche Carriere eintreten würde, und ich glaube, er hat Talent dazu. Haben Sie nichts von Frau Bella gehört oder geſehen? Die Majorin Graßler, weiland Fräulein Milch, an Knopf. Du kannſt Dir denken, welche Freude uns Dein Brief gemacht. Mein guter Mann war ſeit geraumer Zeit zum erſten Mal wieder heiter; er iſt, ſeitdem Ihr Alle abgereiſt ſeid, voll 6 Unruhe. Monate lang hat er den Gedanken nicht los werden können, warum er nicht jünger ſei, daß er auch hätte mitziehen können. Wir haben ein wahres Hauskreuz, denn unſere Laadi iſt erblindet, es kann ihr kein Arzt helfen. Die Menſchen lachen uns aus, weil wir den Hund ſo treu pflegen; ſie wollen, daß wir ihn erſchießen laſſen, das aber können wir nicht. Mein Mann ſitzt ſtundenlang bei der Laadi und ſpricht mit ihr, ja er führt ſie an einem Strick täglich ſpazieren. Warum mußte der Hund blind werden? Man muß ſich hüten, nicht ſentimental zu werden, Mutter Natur iſt eine ſehr harte Mutter. Ach, lieber Freund, ich ſchäme mich, daß ich Dir ſo Klein⸗ liches ſchreibe, Du ſtehſt jetzt inmitten eines großen Weltereig⸗ niſſes, was mag Dir da dies Alles ſein? Mein Mann hat mir erzählt, daß einmal beim Grafen Wolfsgarten viel über das amerikaniſche Sprüchwort geſprochen wurde: Hilf Dir ſelbſt. Iſt das nicht jetzt das große Wort, das in Amerika zur That wird? Amerika hilft einem lange geknechteten Stamm zu ſeiner Freiheit und es hilft ſich ſelbſt damit zu ſeiner Freiheit und Sittlichkeit. (Nachſchrift.) Ich habe den Vater Ihrer Roſalie gekannt, er war einmal mit dem Lehrer Faßbender bei uns. Erich an Weidmann. Adams iſt zum Schanzenbau beordert und mit ihm eine große Zahl von Negern. Er wollte nicht die Hacke zur Hand nehmen, 6 ſchloß ſich Roland den Negern an und führte mit ihnen die acke. Es iſt ſehr viel Unzufriedenheit im Heere, man verargt es Lincoln, daß er eine Politik des Schwankens, der Unſicherheit, gelindeſtens geſagt, des äußerſten Zögerns inne hält. Ich muß es Doctor Fritz ſelbſt oder vielmehr der Zeit über⸗ laſſen, ſeinen Ausſpruch zu rechtfertigen, denn er ſagt: Lincoln iſt nicht eine geniale, um Haupteslänge über die Maſſen hervorragende Perſönlichkeit, er iſt das Durchſchnitts⸗ maß, der exacte Ausdruck deſſen, wozu der Volksgeiſt hier bis jetzt gediehen. Er iſt kein Mann der Auszeichnung, ſondern nur der richtigen Bezeichnung. Mag ſein, aber das iſt viel. Es iſt nicht Größe im alten Sinne, aber ſind wir nicht bereits in die Zeit eingetreten, die das Herventhum, den Träger der Heldenrolle, um den ſich alles Andere nur als Nebenfigur gruppirt, überwunden hat? Dem Monarchiſchen, dem Ariſtokratiſchen und Monotheiſtiſchen gegenüber ſteht das Republikaniſche, das Demokratiſche, das Pan⸗ theiſtiſche; es ſind drei verſchiedene Namen für drei Regionen deſſelben Princips. Roland an die Profeſſorin. Meine erſten Zeilen aus dem Felde ſind an Sie, liebe Frau Profeſſorin. Warum kennen Sie Lilian nicht? Sie iſt es würdig, von Ihnen gekannt zu ſein. O, was iſt Doctor Fritz für ein Mann! Er ſagte mir, er ſei ein Schüler Ihres Mannes und es muß Sie beglücken, daß ſein Geiſt nun fortlebt in einem ſolchen Manne in der neuen Welt. Ich muß mir Mühe geben, nicht zu viel an Sie und an die Vergangenheit zu denken; ich darf jetzt nichts denken, als was wir vorhaben, und ich bin müde, ich habe ſcharf exerciren müſſen. Erich genießt hier großes Anſehen. Es iſt jetzt ſtill im Lager, es heißt, daß wir morgen zum erſten Mal ins Feuer kommen. Am Morgen. Die Schlacht beginnt. Ich hoffe meine Schuldigkeit zu thun. Am Abend. Ich bin zum Officier ernannt. Erich an Weidmann. Aus dem Lager. Wir haben eine Schlacht geſchlagen. Wir ſind beſiegt. Roland hat ſich hervorgethan, er iſt zum Officier ernannt; ich muß allen meinen Einfluß anwenden, ſeine Kühnheit zu zügeln. Es iſt mir eine wirkſame Hülfe, daß Ihr Großneffe Hermann ſo beſonnen iſt. Das Härteſte an dieſem Kriege iſt, daß Tauſende geopfert —————— — A — 288— werden müſſen, damit die Führer die Kriegskunſt lernen; es fehlt an bewährten und mit Vertrauen geſchmückten Führern. Es iſt kein Geringes, daß das Heer, ohne die Zuverſicht in die Kriegskunſt ſeiner Führer, ſich ſo tapfer hält; ſie müſſen erſt den Krieg im Kriege lernen. Die Südſtaaten ſind dadurch im Vorſprung. Viel zu denken gibt es mir, ob unſere Gegner mit Hoffnung auf Sieg kämpfen; ich meine, ob ſie ehrlich hoffen, daß, wenn ſie ſiegen, ihr Princip ein dauernd geltendes ſein kann. Gerade die über alle Grenzen der Menſchlichkeit gehende Er⸗ bitterung, gerade die Rachſucht, mit der ſie kämpfen und die Gefangenen behandeln, ſind mir Zeichen, daß ſie wohl an den Sieg im Kriege glauben, aber nicht an einen Sieg im Frieden. Und da ſtellt ſich mir wieder die Frage: warum muß ein ideell Anerkanntes immer und immer noch mit Blut erkämpft werden? Es iſt das große Räthſel der Geſchichte. Es iſt wie im Kleinen und Einzelnen. Der Menſch iſt ein vernünftiges aber noch vorherrſchend leidenſchaftliches Weſen, und immer iſt es die Leidenſchaft, der Affect, der das Einzelleben wie das der Menſchheit gewaltig treibt und erneuert. Amerika hat nicht, wie Goethe ſagte, kein Mittelalter zu beſiegen, wie er auch darin irrte, daß es keine Baſaltlager habe; es bekämpft ſeinen beſonderen Feudalismus. Seine Geſchichte drängt ſich nur wie in einem dramatiſchen Gedicht näher und in kürzeren Zeit⸗ räumen zuſammen. Amerika hat keine dynaſtiſchen und keine Religionskriege mit⸗ gemacht. Unabhängigkeit war das erſte Moment, aber das kann auch egviſtiſch ſein. Befreiung Anderer iſt das zweite und rein ideale Moment. Aus dem Streben nach Beſitz und Geld, wo materielle Wohlfahrt das Einzige, Letzte und Höchſte war, nun in eine Geſchichtsperiode verſetzt zu ſein, wo man das Leben für eine Idee einſetzen muß, das gibt die Idealität. Jetzt erſt bringt Amerika ſeine Opfergabe in das Pantheon der Menſch— heit. Bisher konnte man ſagen, daß die Geſchichtsgröße Ame⸗ rika's in keinem Vergleiche ſtehe mit ſeiner Naturgröße. Jetzt erlebt Amerika ins Eins zuſammengedrängt ſeine Völker⸗ wanderung, ſeine Kreuzzüge und ſeinen dreißigjährigen Krieg; es iſt eine Zuſammendrängung der Zeit; ſeine Geſchichte entwickelt ſich im Zeitalter des eleltriſchen Telegraphen. Da ſitze ich im Lager und ſchulmeiſtere. Aber es hat mir doch wohlgethan, ich fühle mich geſammelt, erlabt und geſättigt, indem ich mich zu Ihnen wenden konnte. Erich an Weidmann. 5 Aus dem Lager. Das Echte, das Nothwendige iſt geſchehen; die Neger ſind zum Hecresdienſt berufen; wir ſind in ein Neger⸗Regiment eingetreten, Roland, Hermann und ich. Jetzt erſt iſt der Kampf ein voller. Die Neger benehmen ſich willig und gut und ſind immer luſtig. Dieſe Disciplinirung im Heere iſt eine große Vor⸗ ſchule für das Leben. Von einem Spione, den wir ausgeſendet, haben wir erfah⸗ ren, daß ein Mann, der Beſchreibung nach halte ich ihn für Sonnenkamp, im Heere uns gegenüberſtehe und bei ihm eine Frau in Männerkleidung, eine gewaltige Schönheit, ſei, der Alles huldigt. Ich hatte gehofft, daß er in der Marine ſtehen würde, und mir iſt es entſetzlich, daß er und ſein Sohn ſo un⸗ mittelbar gegen einander kämpfen. Wenn nur Roland nichts da⸗ von erfährt. Eine Freude iſt es, die ſchöne Cameradſchaft zwiſchen Roland und Ihrem Großneffen Hermann zu ſehen, die beiden Jünglinge ſind unzertrennlich. Roland an die Profeſſorin. . Endlich iſt das Volle eingetreten. Erich, Hermann und ich, wir dienen in einem ſchwarzen Regimente. Das iſt's, was ich wollte. Ihnen darf ich's ſagen, ſie Keben mich, dieſe Geknech— teten, die jetzt um ihr Menſchenthum kämpßen, das man ihnen nicht im Frieden geben wollte. Ich denke an das Wort Parkers. Ach, was war das für ein Tag, als ich zum erſten Mal ſeinen Namen von Ihnen hörte, dort beim Ausgang aus der Kirche, und dann— Vorwärts! heißt jetzt unſere Loſung, wir dürfen nicht mehr zurückſchauen. Ich habe einen Freund gefunden, einen Freund, den Sie mir nach Ihrem vollen Herzen nicht beſſer hätten ſchaffen können, und mein Hermann iſt der Bruder Lilians. Ich darf nicht daran Auerbach. Landhaus am Rhein. IM. 19 denken, daß er aus freiem Entſchluß kämpft und ich— Nein, ich ſetze auch frei Alles ein... Wir ſind geſchlagen! Mutter, wir ſind geſchlagen! CErich tröſtet mich und tröſtet Alle, er ſagt, daß es gut ſei, wir müſſen lernen aushalten. Gut, ich will es lernen. (Nachſchrift Erich's.. Mutter! Dieſe Zeilen Rolands fand ich in ſeinen zurückgelaſſenen Sachen, ich ſchicke ſie Dir. Wir haben ſeitdem nochmals gekämpft und einen Sieg errungen. Roland iſt verſchwunden, er iſt gefallen oder gefangen, aber er hat ſich tapfer gehalten. O mein Roland! Erich an Weidmann. Aus dem Lager. O Freund! Wir haben einen Sieg erfochten, aber Roland iſt verloren. Ich habe mit unſerm Arzte, mit Adams und Hermann das Schlachtfeld durchſucht. Welch ein Anblick! Wir haben Roland nicht gefunden. Unſere Hoffnung iſt, daß er gefangen iſt. Welch eine Hoffnung! Ich muß mich tröſten, indem ich Hermann tröſte. Die volle Seelenkraft dieſes gediegenen Jünglings tritt im Schmerz um den Verlornen heraus, er iſt aber fern von aller Weichlich⸗ keit; es zeigt ſich die gute Schule des Freiſtaates und des deut⸗ ſchen elterlichen Hauſes. Hermann iſt nun mein Zeltgenoſſe; er iſt ganz anders als Roland. Hier in Amerika hat Jedes Raum und alles Gezweige lebt und geſtaltet ſich aus am Baum; dazu hat Hermann kein Schmerzensſchickſal in der Seele, wie mein armer Roland es hatte. Ich bitte Sie, wenn vielleicht eine Nachricht von Sonnenkamp an mich eintrifft, ihm zu ſchreiben, daß ſein Sohn gefangen ſei. Ich bin bis zum Tode ermattet. Die Bilder der Verwun⸗ deten, der Todten, der Zerſtampften, werden niemals aus meinem Gedächtniß ſchwinden. Ich weiß nicht, wann ich Ihnen wieder ſchreibe, nur bitte ich das wegen Rolands an Sonnenkamp ja auszuführen; viel⸗ leicht könnten Sie es auch in eine engliſche Zeitung ſetzen laſſen, die nach den Südſtaaten kommt. Beſprechen Sie Alles mit Profeſſor Einſiedel. Roland war geſtern ganz übermäßig bewegt. Er hatte von den Negern ein Lied gehört und plötzlich ging ihm die Erinnerung auf, daß dies das Lied war, welches ihm ſeine Amme geſungen. S hatte einen traurigen Inhalt und eine faſt noch traurigere Weiſe. Eine Negermutter ſingt ihrem Kinde, es ſolle wachſen und ſchöne Zähne bekommen, denn der Herr will das. Den ganzen Tag ging Roland das Lied nach, er ſprach da⸗ von und ſummte es vor ſich hin, es ſchien ihm die Seele einzu⸗ nehmen. Sein Wiegenlied lag ihm in Gedanken, während er vielleicht doch in den Tod ging... Lilian an die Profeſſorin. „Schreibe es ſofort an die Mutter Erichs,“ ſagt mir Roland. So wiſſen Sie denn, verehrte Frau, ich habe ihn gefunden. Die Schreckensnachricht kam zu uns, daß Roland gefallen oder gefangen ſei, ich hielt es nicht mehr aus. Ich wanderte ins feindliche Land. Im Geleite von Bruder Martin— ich meine nämlich Herrn Knopf— wagte ich es, über die Linie zu kommen. Wir waren als Südländer verkleidet, ich trug einen Arm in der Binde, als wäre ich verwundet. Ach! was ſoll ich von den Gefahren erzählen, die wir beſtanden? Herr Knopf kam doch nicht über die Linie, ich kam allein hin⸗ über, Greif war bei mir. O was habe ich Alles erlebt! Ich bin auf den Schlachtfeldern geweſen, habe Hunderten von Verſtümmelten und Todten ins Antlitz geſchaut. Ich war in Lazarethen, habe das Aechzen, das Wimmern gehört, und nirgends war Roland, nirgends eine Spur. Weiter und weiter wanderte ich, und ſie haben Mitleid mit mir gehabt, die Entſetzlichen. Ich habe ihn endlich gefunden. Nein, nicht ich— Greif hat ihn gefunden. In einer Scheune lag er verwundet; er ſah ſo abgemagert und verändert aus, ich hätte ihn kaum mehr erkannt. Roland ſpricht davon, daß eine Frau in Männerkleidern ihn habe in die Scheune tragen laſſen, er behauptet, es ſei Gräfin Bella geweſen. Ich habe ſie einmal geſehen, als ich noch auf Mattenheim war, ich ſah ſie jetzt— ich glaube, ſie war es— in Männerkleidern auf einem Pferde vorüberſauſen; ſie ſah mich an, ſie mußte mich erkannt haben. Ich habe Roland einen Kieſel geſchenkt, als wir uns auf „——————— 2 3. Mattenheim trennten; dieſen Kieſel, wohl eingenäht, trug er auf dem Herzen, und durch ihn wurde er vom Tode gerettet. Ich habe Alles nach Newyork berichtet, weiß aber nicht, ob der Brief ankommt. Nach Europa werden Briefe durchkommen, ich bitte Sie, die Nachricht an meinen Vater und an Erich ge⸗ langen zu laſſen. Sagen Sie noch, daß Roland außer aller Gefahr iſt; ein deutſcher Arzt, der hier im Heere dient, gibt mir die Verſicherung. Geben Sie dieſe Nachrichten an Onkel und Tante und alle Angehörigen. Roland iſt eben erwacht. Er läßt Sie bitten, den Taubſtummen auf die Villa zu neh— men und ihm im Garten Beſchäftigung zu geben, er ſpricht viel von ihm. Doctor Fritz an Doctor Richard. Wir erhalten nur ſchwer Nachrichten aus den Südſtaaten. Ein Gefangener, der glücklich entkommen iſt— Sie kennen wol die Unmenſchlichkeiten, mit denen die Südſtaatlichen die Gefangenen behandeln— erzählte mir zufällig, daß Sonnenkamp⸗Banfield dort im Heere kämpfe und bei ihm eine ſchöne Dame ſei. Sonnenkamp iſt in den Südſtaaten nicht zu der Geltung gelangt, die ſein Ehr⸗ geiz erwartete. Er iſt den ſüdſtaatlichen Junkern zu radikal, er macht aus dem, was ſie wollen, ein logiſches Prinzip, wie er das ja auch früher im Kampfe gegen mich that. Ganz vernichtet aber hat er ſeinen Einfluß, da er mit dem Plane heraustrat, aus den Südſtaaten eine Monarchie zu machen. Das wollten die Junker des Südens doch nicht; der Republikanismus ſitzt ihnen noch in den Gliedern, und wenn auch Sonnenkamp von ſeinem Plane zurücktrat, er hat das Anſehen verſcherzt, das er bei ſeiner un⸗ beſtreitbaren Kraft und ſeiner Rückſichtsloſigkeit hätte erlangen müſſen. Ich glaube, er und Gräfin Bella kämpfen nur noch aus Verzweiflung und Abenteuerſucht. Erich an Weidmann. So iſt nun das Aeußerſte erlebt! Es war ein heißer Tag, auf beiden Seiten wurde mit Hart⸗ näckigkeit gekämpft. Wir haben geſiegt, aber unſer Verluſt iſt —— groß. Da kam Adams zu mir, er blutete und Schaum ſtand ihm vor dem Munde. Ich wolite ſeine Wunde verbinden laſſen, er wehrte ab und rief: „Kommen Sie! Kommen Sie! Ich habe ihn nicht getödtet... draußen liegt er.“ „Wer denn?“ „Der Vater Roland's!“ Ich nahm einen Arzt mit, wir eilten an Verſtümmelten, Hülferufenden vorüber. Wir kamen zu einem Hügel, dort lag er. Als ich vor ihm ſtand konnte ich kaum athmen, endlich rief ich: „Vater!“ „Vater!“ ſchrie er.„Weg von mir! Laßt mich!“ Gläſernen Blickes ſtarrte er mich an. Er raufte das Gras aus und wühlte tief hinein, dann ſteckte er das Geſicht in die aufgewühlte Erde, er mochte den einzigen Duft ſuchen, der ihn erquickt hatte, aber er ſchüttelte den Kopf, er ſchien nichts mehr vom Brodem der Erde zu riechen. Jetzt wendete er ſich und ſtarrte mich an. Der Arzt unterſuchte ihn, er blutete. Mit Kraft ſtieß er ihn von ſich. „Ich will nicht verbunden ſein! Fort mit Euch Allen!“ Ich kniete zu ihm nieder und ſagte, er habe nicht ſeinem Sohn im Kampf gegenüber geſtanden, Roland ſei ſeit drei Mo⸗ naten verſchwunden, wahrſcheinlich gefangen. „Gefangen!... Wehe! dreimal wehe!“ ſchrie er.„Gefangen! . O, ſie iſt ſchuld... ſi!.. Ich wollte nicht ich mußte .. ſie wollte zu Pferde ſitzen... Amazone ſpielen...“ Er lachte höhniſch. „Auf dem Meere... zur See...“ fuhr er dann fort,„da wollte ich ſein... ich mußte ihr folgen... ich ſah ſie fallen... ſie war ſchön noch im Tode.. eine Zauberin...“ Der Arzt winkte mir, ich verſtand. Ich fragte, ob er keinen Wunſch mehr habe. Er ſah mich ſtarr an. „Dort das gib mir. gib!“ Er deutete nach einer Erika, die nicht weit von ihm ſtand. Adams war unſerm Blicke und den Worten gefrlzt, er raufte 8 — einen ganzen Büſchel Eriken aus und gab ſie dem Sterbenden in die Hand, der den Neger mit heraustretenden Augen anſah. Dann trat ein Lächeln in ſein Angeſicht, er bäumte ſich noch einmal hoch auf mit gewaltiger Kraft, that einen entſetzlichen Schrei, und ſank zurück, der Tod ſtreckte ihm die Glieder. Mit der Erika in der krampfhaften Hand ſtarb er. O, was habe ich erlebt, was mußte ich erleben! Als wir ihn in die Erde eingruben und ihn ganz mit Eriken zudeckten, da weinte ich um den Mann von ſo gewaltiger Kraft. Was wäre aus ihm geworden, wenn... Mitten im Schreiben werde ich unterbrochen. Seit dieſe Zeilen hier ſtehen, habe ich noch einen Todten be⸗ graben. Ich wurde zu Adams gerufen, er hatte es verabſäumt, ſich verbinden zu laſſen, und nun war es zu ſpät. Er verlangte nach mir. Ich ſtand an ſeinem Lager. „Herr Major, werden meine Brüder frei?“ „Ja, ja,“ rief ich ihm zu, da hob er ſeine Hände in die Höhe und ſchrie und tobte wie raſend. Seine wilde Natur, die nur gebändigt und zurückgehalten war, trat in ſeinem Todes⸗ kampfe heraus. Ach, ich kann nicht weiter ſchreiben; ich habe mich in mir ſelbſt geirrt. Ich glaubte gefeſtigt zu ſein gegen Alles, ich bin es nicht. Ich bitte Sie nur, lieber Herr Weidmann, meiner Mutter den Tod vom Vater Manna's und Rolands mitzutheilen. Könnte ich nur ſchlafen, Ruhe finden Machſchrift von der Hand Manna's.) Dieſer Brief, bis hier⸗ her geſchrieben, fand ſich in der Taſche meines Erich, als er unter dem Pferde hervorgezogen wurde. In der bis zur Bewußt⸗ loſigkeit geſteigerten Aufregung iſt er zu Pferde geſtiegen und wollte in die Schlacht, er iſt geſtürzt. Ich ſchicke den Brief. Noch erkennt er Niemand, noch ſpricht er verwirrt, aber der Arzt gibt mir Hoffnung. Ich ſchicke den Brief erſt fort, wenn ich Beſſeres berichten kann. Drei Tage ſpäter. Mein Mann ſagt, daß er im Gedenken an Sie eine Labung finde. Ich habe heut auch an die Mutter geſchrieben. Muuna an die Profeſſorin. Mutter, er iſt gerettet! Verflogen alle Qual! Er iſt gerettet! Tage lang, Nächte lang lag er im Fieber und erkannte mich nicht. Einmal aber rief er: „Ach, die Harfentöne!“ Ich telegraphirte ſofort nach Newyork, daß man mir meine Harfe ſchicke, da ſagte mir der Telegraphiſt, daß eine Frau, die hier einſam lebe, eine Harfe beſitze. Ich ging zu der Frau... Und dieſe Frau iſt die Mutter meines Heimchen. Die Oberin hatte ihr von der Liebe des Kindes zu mir geſchrieben und ich mußte nun der Mutter viel erzählen. Und jetzt... Ja, wir leben im Wunder! Von Heimchen kam mir die Harfe, die meinem Manne Ruhe zutönen ſollte. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen je von einer verſchleierten Spa⸗ nierin, die wir in Carlsbad geſehen und der ich manchmal in der Kirche begegnete, geſagt habe; das war die Mutter Heim⸗ chens. Sie trägt ein ſchweres Schickſal; ſie hatte ſich vermählt und dann erfahren, daß ihr Mann bereits verheiratet war; ſie will aber Namen ihres Mannes nie nennen. Sie erzählte mir jetzt, daß ſie mich ſchon damals kannte, ſich mir aber nicht genähert ein Cavalier aus der Umgebung der Gräfin Bella habe ſie ſchwer beleidigt, ſo daß ſie abgereiſt ſei. Ich verſtehe vieles nicht, was die Frau ſpricht; ich darf ſie nicht bedrängen, denn ſie ſpricht nicht gern. Ich kehrte zu Erich zurück. Der Arzt war einverſtanden, ich ſpielte im Nebenzimmer. Erich ſchlief, und als er erwachte, ſagte er: „Warum kommt denn Manna nicht?“ Der Arzt verbot mir, bei ihm einzutreten, man dürfe keine Erſchütterung über ihn bringen. Und ſo durfte ich ihn nur ſehen, wenn er die Augen geſchloſſen hatte, bis der Arzt es mir endlich erlaubte. In ſeinen Fieber-Phantaſien hat er mich immer im Kloſter geſehen, wie ich damals das Flügelpaar trug, und dann ſprach er franzöſiſch und lachte über Schweſter Seraphine. Die Erſchüt⸗ terung, die Erich durch den Tod des Vaters erfahren, hatte ihm ſo alle Faſſung genommen, daß er, wie der Arzt mir ſagte, ge⸗ raume Zeit keine Stunde mehr geſchlafen. Es wurden ihm Schlafmittel gegeben, aber ſie erſchienen 6 gefährlich; man mußte ablaſſen. Da kam es wieder zur Schlacht. Alle baten ihn, ſich Ruhe zu gönnen, er hatte ſich ja ſo ruhmvoll bewieſen, aber er ſtieg zu Pferde und ritt hinaus. Das Pferd ſtürzte mit ihm und für todt wurde er ins Lazareth getragen. Ich erhielt die Nachricht und eilte hieher. Jetzt iſt bereits Alles wieder gut, nur iſt er noch ſehr ſchwach. Aber wie das ſeine Art iſt, er bat mich, auch den anderen Verwundeten die Freude zu gönnen, und ſo muß ich oft ſtunden— lang in den Krankenſälen Harfe ſpielen. Es erquickt die Kranken unſäglich und die Aerzte behaupten ſogar, daß durch die ſeitdem erheiterte Gemüthsſtimmung die Wunden beſſer heilen. Wenn ich dann zu Erich komme und der Arzt ihm erzählt, wie wohl⸗ thuend die Muſik für die Kranken ſei, da leuchtet ſein Antlitz; er ſpricht wenig, er hält nur ſtill meine Hand. Aber, Mutter, Du kannſt ruhig ſein. Erich verlangt, daß ihm erlaubt werde, auch ein Wort an Dich zu ſchreiben. (Mit zitternden Zügen ſtanden hier:) Dein lebender, liebender, geliebter Sohn Erich. (Dann von der Hand Manna's:) Erſchrick nicht über dieſe unſteten Schriftzüge. Der Arzt wieder⸗ holt, daß jede Gefahr vorüber ſei, nur iſt große Ruhe nöthig. O Mutter! Wie ſoll ich Gott danken, daß mein Erich lebt, ich nicht verwittwet und ein Leben verwaiſt vor der Geburt. Sei ruhig, ich halte mich ſtark, ich habe dreifältig zu leben die Pflicht. Mannn an Profeſſor Einſiedel. Im Hoſpitale wurde ich zu einem Schwerverwundeten gerufen, es war ein Gefangener aus dem Heere der Südſtaaten, er hatte mein Harfenſpiel gehört, nach mir gefragt und erfahren, daß ich eine Deutſche ſei. Der Mann erzählte mir, er habe einen Oheim in Deutſchland, der Buchhalter in einem großen Bank⸗ geſchäft geweſen. Eines Abends, als der Oheim im Theater, beſtahl er ihn und entfloh. Ich ſagte ihm, daß ich einen ſolchen Mann durch Sie in Carlsbad kennen gelernt, das heißt nur ge— ſehen habe; ich ſchilderte ihn ſo gut ich konnte. Der Kranke behauptete, das ſei ſein Oheim. Und nun bat er mich, dieſem zu ſchreiben, daß er ſeine That bereue. Er habe immer gehofft, — 297— er werde zu großem Reichthum kommen, um zurückzukehren und Alles gut zu machen. Das ſei nun nicht eingetroffen, er müſſe arm ſterben, aber er wünſche, daß der Oheim von ſeiner Um⸗ kehr wiſſe. Wollen Sie dem Manne das Alles mittheilen. Erich an ſeine Mutter. . In meinen Fieberträumen ſagte ich mir immer: Du haſt ja Deiner Mutter verſprochen, geſund wieder heimzukehren; Du darſſt nicht krank ſein, nicht ſterben, Du mußt Dein Ver⸗ ſprechen erfüllen. Und das begleitete mich fort und fort, machte mich bald ruhig, bald unruhig. Ich meinte immer, ich müſſe etwas thun können, um die Natur zu zwingen, daß ſie die Schatten wegnehme, die Beſchwerniß, die Unfähigkeit, die auf mir laſtete. Es waren zwei Seelen in mir. Und einmal hörte ich Dich ganz deutlich zu mir ſagen: Halte Dich nur ruhig; mit Deinem Denken zerſtörſt Du Dein Leben; lerne einmal gar nichts denken. Und dann ſtand ich oben auf der Tribüne beim Muſikfeſt und ſollte ſingen und konnte keinen Ton aus der Kehle bringen. Ich habe entſetzliche Qualen durchgemacht. Nun aber bin ich vollkommen friſchauf... Dortor Fritz an Weidmann. Durch die Verwundung Erichs und das Harfen ſpiel Manna's, wie es in den Zeitungen ſtand, hat ſich ein ſeltſames Räthſel gelöſt. Zu mir kam ein altes Männchen von feinem Aeußeren, er ſprach deutſch, aber offenbar mit jener Mühſamkeit, die zeigte, daß er vielleicht Jahrzehnte lang ſich nicht in dieſer Sprache ausgedrückt. Er fragte mich nun, ob ich in der That mit einem Major Dournay bekannt ſei. Ich bejahte das, und nur mühſam brachte ich endlich heraus, daß dies der Oheim Erichs, ein Mann von großem Reichthum. Er wollte Näheres über die Familie wiſſen, vor Allem ob ſeine Schweſter Claudine noch lebe. Glücklicherweiſe wußte Knopf alles Nähere. Erich an ſeine Mutter. Mutter! Der Oheim iſt gefunden. Mein Sturz vom Pferde, mehr aber noch das Harfenſpiel Manna's, wurde wie eine Wundermähr in den Zeitungen erzählt. Der Oheim Alphons las das und meldete ſich bei Doctor Fritz. Der Oheim kam ſelbſt zu mir, als ich noch ſchwer krank war. Ich glaubte den Vater geſehen zu haben. Man erzählte mir ich ſei ſo aufgeregt geweſen, daß man aufs Neue für mein Leben fürchtete. Nun mußten ſie mir die Nachricht vorenthalten, bis ich wieder ganz geſund war. Ich habe dem Oheim Deinen Brief gezeigt. Der alte Mann, der Jahrzehnte lang nichts mehr von Europa, nichts von Blutsverwandten wiſſen wollte, weinte bitterlich. Er will mit uns nach Europa zurückkehren. Knopf an Faßbender. .. Das claſſiſche Alterthum hatte ſchöne, große, herviſche Geſtalten, aber es hatte keinen Onkel in Amerika. Und wie wurde nur die Welt vor Columbus fertig ohne den Onkel in Amerika? Ich glaube, daß unſer Herrgott, als er am ſiebenten Tage ruhte, in ſeinem Mittagsſchläfchen den reichen Onkel von Amerika träumte, dichtete und ſchuf. Mein Freund, der Major Dournay, hat nun auch ſeinen Onkel gefunden mit einer Mitgift, ich weiß nicht wie viel, aber viel iſts, und Alles ehrlich erworben. Jetzt iſt er ſelber auf den Punkt geſtellt, das Räthſel zu löſen, was man mit ſo vielem Geld anfängt. Meine Sängerhallen will er nicht bauen, aber er wird anderes Großes thun... Doctor Fritz an Weidmann. Zwei Kinder ſind uns geboren. Manna iſt von einem Sohn geneſen und die Frau Knopfs eines Mädchens. Ich war gerade bei Knopf, als ihm die Tochter geboren wurde, und als er ſie zum erſten Mal ſah, rief er laut: „Rein kaukaſiſ che Raſſe!“ Er geſtand mir dann, er habe trotz ſeiner Liebe zu den Negern doch immer gefürchtet, daß ſeine Roſalie ein ſchwarzes Kind ge⸗ bäre, denn ſie ſah immer Negerkinder vor ſich, da ſie Lehrerin derſelben wie er auch. Und nun freute er ſich, daß ſeine Tochter, die er Manna Crika nennen läßt, rein kaukaſiſche Raſſe, und gar luſtig preiſt er das Schickſal, das ihm, dem Mädchenlehrer, als Erſtgebornes ein Mädchen gab. Das Kind Manna's hat die Namen Benjamin Alphons er⸗ halten. Onkel Alphons iſt Pathe; er hat teſtamentariſch ſein ganzes Vermögen zu gleichen Theilen ſeiner Schweſter Claudine und dem Sohne ſeines Bruders verſchrieben und jetzt bereits die Hälfte davon übergeben. Er will mit nach Europa ziehen, ich glaube aber, daß der gute Mann nicht lange mehr lebt. Ich habe Ihnen früher mitgetheilt, daß meine Tochter Lilian den Heldenjüngling Roland in Feindesland aufgeſucht und gerettet hat. Roland iſt noch ſehr ſchwach, er iſt mit einem deutſchen Arzte auf unſerer Farm Lilianhouſe, ſeine Jugendkraft wird ihn wieder herſtellen. Er will ſpäter in die Marine eintreten. Der große Kampf geht zu Ende und mit der Siegesfeier werden wir die Hochzeit Rolands und Lilians feiern können. Sie bleiben hier bei uns. Roland hat ſich tapfer bewährt. Wir verwenden den größten Theil ſeines väterlichen Beſitzthums, um den Negern freies Land zu ſchaffen, ſie mit allem Nöthigen auszurüſten und Erziehungs⸗ Inſtitute für dieſelben einzurichten... Roland au Weidmann. Lilian⸗Houſe. Hier in der Stule des Landlebens, während ich mich von den Mühen des Krieges erhole, habe ich auf einſamen Gängen einen Gedanken in der Seele gehegt, der ſich ſchließlich in Worte fügte, die mich Tage lang wie eine Melodie begleiteten. Ein Haus des Friedens und der Ruhe für die Kämpfer des freien Gedankens ſei Villa Eden. Wie dem, was ich will, eine beſtimmte Faſſung zu geben wäre, weiß ich noch nicht; aber ich meine doch, daß etwas der Art wie ein Kloſter für einſam ſtehende, ruhebedürftige freie Seelen ins Werk geſetzt werden ſollte. Was wir hier von dem Erwerbniß während des Krieges an⸗ wendet und wie wir es nun für die befreiten Neger verwenden, das geſchieht unter Mitwirkung von Doctor Fritz, den ich nun Vater nenne; denn erſt jetzt beginnt die große und mühſame Arbeit. In Europa iſt noch unſer Haus; meine Schweſter wünſcht mit mir, daß es nicht verkauft werde und nicht verödet bleibe, und ich frage, ob ſich nicht etwas gründen und aufrichten ließe, das — 6 den Männern, die ihr Lebenlang für die höheren Anliegen des Geiſtes gearbeitet, eine freie und friedliche Ruheſtätte biete. Erich hat viele Bedenken; er wird mitberathen. Sollten Sie und die Freunde dort anders beſtimmen, ſo erklären wir uns im Voraus einverſtanden. (Nachſchrift Erichs.) Ich ſchicke Ihnen dieſen Brief Rolands; ich lege ihn in Ihre Hand als Zeugniß ſeiner Geſinnung, denn dem Plane, den er mit Villa Eden hat, ſtehen unzählige Bedenken entgegen, die Alle aus dem Einen fließen, daß der Gedanke der Freiheit ſich keine Form aus einem andern Gebiete aneignen kann. Erich an die Mutter. ... Mutter! Großmutter! Alles iſt wohlauf. Ach, was iſt da mehr zu ſagen. Aus allem Elend heraus ſind wir glück⸗ lich. Und Mutter, ich komme— ich komme heim mit meiner Frau und meinem Kinde und dem Oheim Alphons. Die Wellen werden tragen, das Schiff wird halten, das Land wird feſtſtehen, und Mutter, ich werde Dich wieder in meine Arme ſchließen, ich werde mein Kind in Deine Arme legen, wir werden leben, wirken... Erich an Weidmann. Wir ſind mit unſerm ſchwarzen Regiment in Richmond eingezogen. Ich habe das Höchſte gelebt, ich durfte mitwirken in dem größten Kampf unſeres Jahrhunderts. Es gibt keine Sklaverei mehr. Nun ſollen ſie herankommen die Herren mit Talaren und Bäffchen und uns ſogenannten Ketzern eine That von ſolcher Tragweite zeigen gleich dieſer. Später. Da leſen Sie. Ein Mord, ein Meuchelmord! Warum ſoll es nicht ſein? Warum ſoll nichts rein und ſchön ſich voll⸗ führen? Lincoln ermordet! Iſt es nicht oft, als ob ein ſchadenfroher Dämon die Welt regierte? Nein, dieſe That ſteht da als Zeichen, bis zu welcher Barbarei die Bekenner der Ariſtokratie, die Vertheidiger privilegirter Claſſen, die Menſchenleugner ſich fähig gemacht. In künftigen Tagen würde man nicht mehr an die Ruchloſigkeit glauben, jetzt ſteht ſie da als Meuchelmord und nicht als Meuchelmord eines Einzelnen; eine Bande hatte ſich verſchworen. Sie hatten in den Südſtaaten den Fanatismus losgelaſſen im Kriege, nun hat er ſein blutiges Siegel. Doctor Fritz an Weidmann. Die klare Geſchichte wird es nicht dulden, daß aus Lincoln nun durch ſeinen Märtyrertod ein Heros gedichtet wird. Er war ein rechtſchaffener, gediegener Mann, er lebte für eine gute Sache, er wurde ermordet um ihretwillen; das iſt viel und genug. Der Steuermann iſt über Bord geſtürzt. Mir fällt ein Ereigniß aus meinem Leben ein, das ſich jetzt in der weiteſten Ausdehnung erneuert. Als ich zum erſten Mal, nachdem unſere Hoffnungen für das deutſche Vaterland geſcheitert waren, über das Meer in die neue Welt fuhr, war ein plötzlicher Schreck auf dem Schiffe, das im raſchen Lauf unverſehens anhielt. Alles war erſchüttert; Alles fragte: was iſt geſchehen? Und da hieß es: der Steuermann iſt über Bord geſtürzt. Der Steuermann der amerikaniſchen Union iſt über Bord ge⸗ ſtürzt und die tauſendfältige unermeßliche Bewegung der neuen Welt hält plötzlich ſtill, wie damals unſer Schiff auf dem Meere. Aber das Schiff iſt feſt gefugt, im Sturm erprobt; es wird dem Steuermann nachgetrauert, aber Andere treten an ſeine Stelle. Es iſt kein Wortſpiel, wenn ich Ihnen ſage, daß jetzt zum erſten Mal die amerikaniſche Union eine wunderbare Einheit der Empfindung gewonnen hat. Es iſt ſo ſchwer, daß ſich in unſerer modernen Welt eine ge⸗ meinſame Empfindung in allen Seelen feſtſetze; jetzt iſt ſie da und wird eine Wirkung üben, unabſehbar. Wann hatte der neue Continent je eine Stunde, einen Tag, in dem eine einzige Empfindung die Herzen aller Menſchen durch⸗ e wie jebt beim Tode Lincolns? Das iſt eine Wirtung, wie ſie größer nicht erdacht werden kann. —————— 8* 8 ₰. ————— — 302— Nicht der Aufruhr, ſondern die Ruhe, die nach dem Tode Lincolns eintrat, iſt das Große. Da war ein ſtill trauerndes Volk, eine ganze große Volksſeele trauerte. Wenn es noch etwas geben konnte, um auf ewig auch die letzte Spur von einer Berechtigung der Sklaverei aus der Seele der Menſchen zu tilgen, der Tod dieſes einfach tüchtigen Mannes und die Todesart hat das bewirkt. Iſt es vielleicht doch ein Geſetz der Geſchichte, daß eine große Idee zu ihrer Beſiegelung den Opfertod eines Märtyrers erheiſcht? Knopf an den Major. Der Oheim unſeres Freundes Dournay iſt todt, er war krank, die Nachricht von der Ermordung des Präſidenten Lincoln hat ihn getödtet. Erich und Manna kehren heim mit ihrem Sohne. Erich an Weidmann. Denn das iſt ſo geworden, die Geſchichte hat über das ſo erworbene Beſitzthum verfügt. Roland bleibt hier, er findet hier die rechte Bethätigung für ſein Streben im Anſchluß an die Familie unſeres Freundes Doctor Fritz. Ich kehre mit Manna heim. Wir haben uns entſchloſſen, vorerſt Villa Eden zu bewohnen. Dieſer Brief geht uns nur um drei Tage voraus nach Europa, an den Rhein... Ich habe Roland verſprochen, zum Jahre 1876, zur Jahr⸗ hundertfeier der amerikaniſchen Republik hierher zu kommen. In dem großen Erinnerungsfeſte der modernen freien Welt wollen wir Beide dann auch ſtill vergleichen, was Jeder in ſeinem Vater⸗ lande gewirkt. „— —„ —————