— N S— — —— 5„ Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein ſcharfer Blick Sonnenkamps fiel auf Bella, er hatte den Zeigefinger der linken Hand erhoben, er wollte Bella mit lächelndem Drohen ſagen: Ich verſtehe Dich— aber er legte den Finger an den Mund und ſagte; „Es freut mich, daß unſer Herr Erich ſo hoch in Gnade und Gunſt ſteht.“ Frich war von der eigenthümlichen Betonung des Wortes „unſer“ ſeltſam betroffen; und jetzt ſtreckte ihm Sonnenkamp die Hand entgegen und ſagte: „Nicht wahr, Sie bleiben bei uns?“ Erich bejahte. Mit großer Befliſſenheit erzählte nun Clodwig vom Beſuche bei der Mutter Erichs. Er wollte offenbar Herrn Sonnenkamp zeigen, daß ein Mann vom Stande und Range Erichs ſich nicht wegen einer Fahrläſſigkeit unterjochen laſſen dürfe. Sonnenkamp pfiff unhörbar vor ſich hin, es ſchien ein Plan in ihm zu reifen. Auch Clodwig alſo hielt die Profeſſorin hoch? Gut, der Mann ſoll überraſcht werden. Die Profeſſorin ſoll Villa Eden beſuchen und was weiter folgt, wird ſich zeigen; Clodwig und die Profeſſorin ſollen, ohne daß ſie es wiſſen, ihm verhelfen, auf immer in die vornehme Geſellſchaft einzutreten. Ein Plan, den er längſt gehegt und mit ruhiger Ausdauer verfolgt, war auf der Sommerreiſe neu gefördert worden. Die Cabinetsräthin, deren Bekanntſchaft man im Bade gemacht, hatte ihn geradezu gefragt, warum er ſich nicht in die vornehme Ge⸗ ſellſchaft aufnehmen laſſe; ſie hatte die Adelserhebung als leicht zu erringen dargeſtellt, zumal wenn man ihren Mann, der der Vertraute des Fürſten war, dazu gewinne. Sonnenkamp wollte nicht um die Standeserhöhung nachſuchen, ſondern wünſchte, daß ſie ihm angeboten würde. Dazu ſollte nun die neue Beziehung angewendet werden. Wieder gelang es Bella, eine Weile mit Erich allein zu ſein und ſie ſagte, wie ſie ſich freue, daß ihr auch einmal eine Intrigue ——— —..—————.— gelungen; ſie habe gewußt, daß Herr Sonnenkamp Erich nicht entlaſſe, aber ſie habe auch gewußt, daß er ihn wegen der Fahr⸗ läſſigkeit demüthigen werde, darum habe ſie Clodwig veranlaßt, ſofort hierher zu kommen. „Haben Sie einen Blick des Herrn Sonnenkamp bemerkt?“ fragte ſie leiſe.„Dieſer Mann glaubt, unſere Freundſchaft wäre etwas mehr als Freundſchaft; Sie mißverſtehen mich alſo nicht, wenn ich Sie manchmal vor den Augen dieſes Mannes abſichtlich vernachläſſige?“— Es traf die Nachricht ein, daß der Reitknecht, den Sonnen⸗ kamp kurz vor ſeiner Abreiſe entlaſſen hatte, weil er ihn für einen Spion Pranckens hielt, in der Hauptſtadt verhaftet worden ſei, als er eben einem Trödler eine große ſilberne Schale zum Kauf anbot. Roland brachte Erich dieſe Nachricht, und ſo mußte man jede Stunde gewärtig ſein, von der ſchwebenden Unterſuchung in allem Denken und Sein unterbrochen zu werden. Was ſollte inmitten dieſer Gemüthsbelaſtung aller Unterricht? Was konnte jetzt haften? Erich dachte daran, mit Roland fleißiger auf die Jagd zu gehen, er ſollte ſich zerſtreuen, neuen Lebens⸗ muth und friſchen Blick durch Aufmerkſamkeit auf andere Dinge gewinnen. Aber er wendete ſich gerade nach der entgegengeſetzten Seite, nicht Zerſtreuung, ſondern Vertiefung ſollte Roland helfen. Wie glücklich war er daher, als Roland ſagte: „Wir wollen alles Andere vergeſſen, wir wollen ruhig fort⸗ arbeiten.“ Der Jüngling hatte einen Lerntrieb gewonnen, der ihn die beſten Freuden im Studium gewinnen ließ, auch in Erich war eine neue Belebung, es war die eines Geretteten, eines ſich ſelbſt Rettenden. Wenn er an die Tage auf Wolfsgarten dachte, an das Spielen und Tändeln mit Allem, was das Menſchenherz erfüllt, erſchrak er. Er hatte mit ſeinem ganzen Beſitzthum, das er in emſiger Arbeit ſich erworben, eine leichtfertige Vergeudung gemacht; er hatte mit Bella, mit der Gattin Clodwigs, eine unter dem Aus⸗ ſpruche großer Gedanken verhüllte Tändelei ſich geſtattet, er nannte es geradezu Liebelei; er erſchien ſich ſelbſt wie ein Tempelräuber, und klein, unendlich klein war dagegen, was arme Menſchen ge⸗ than hatten. Was er für ſich ſelber nur ſchwer errungen, vielleicht gar nicht vermocht hätte, das gelang ihm jetzt aus Pflicht für einen Andern; er verſenkte ſich in die Erkenntniß und Alles erſchien durchſichtiger und klarer. Wie ein geübter Schwimmer ſich der heranſtürmenden hohen Wellen freut, untertaucht, wieder ans Licht dringt und mit kräftigem Arme die Fluthen theilt, ſo verſenlte ſich Erich in die Wiſſenſchaft, und freudig hob es ihm das Herz, wenn die großen Wellen heranbrauſten; da verſchwindet alles tleinliche Bangen und Zagen und alles Kämpfen mit ſich ſelbſt. Roland bat Erich, mit ihm in das Haus des Kriſchers zu gehen, um zu ſehen, wie es der Frau und den Kindern erginge. Er erzählte, daß er dem Sohne des Kriſchers begegnet ſei, der als Küfer im Dienſte des Weingrafen ſtand; er habe ihm die Hand reichen und ſagen wollen, daß der Sohn ja nichts dafür könne, wenn der Vater etwas gethan, und er habe es ja gewiß nicht gethan. Der Küfer aber habe ihm die Hand verweigert, ihn nur ſtarr angeſehen, ſeinen Hammer aus dem Schurzfell genom⸗ men, habe damit hin und her geſpielt und ſei endlich davon ge⸗ gangen. Erich ging mit Roland nach dem Hauſe des Kriſchers; die Vögel in den Käfigen ſangen, und vor Allem die Schwarzamſel hörte nicht auf mit ihrem„Freut Euch des Lebens.“ Die Hunde ſprangen luſtig umher. Die Frau war abgehärmt und verwahr⸗ loſt, ſie jammerte und erzählte, ſie habe ſofort nach der Ver⸗ haftung ihres Mannes alle Vögel hinausftiegen laſſen wollen, aber ihr Sohn, der Küfer, beſtehe darauf, daß Alles bleibe, bis der Vater wieder käme, denn er würde ſicher bald frei; der Siebenpfeifer habe das Amt des Kriſchers einſtweilen theilweiſe übernommen, den Nachtdienſt habe oftmals der Küfer, der doch am Tage ſo ſcharf arbeiten müſſe. Es ſolle Alles in Ordnung bleiben, damit ihr Mann wieder in ſeinen Dienſt treten tönne. Erich wollte der Frau eine Summe einhändigen, aber ſie er⸗ klärte, ſie nehme nichts; ihr Sohn, der Küfer, habe verboten, daß etwas aus dem Hauſe Sonnenkamps angenommen werde. Als man nach der Villa zurückkehrte, ſagte Roland: „Wenn nun der Kriſcher unſchuldig iſt, wie ich glaube, ſo iſt doch entſetzlich, daß ihn für die Qual und die Schande, die er tragen mußte, Niemand entſchädigen kann.“ Zweites Capitel. Kaum zwei Wochen waren vorüber, als die Stetigkeit des Unterrichts wieder unterbrochen wurde. Frau Ceres, die ſonſt immer theilnahmlos und ſtill war, erwähnte oft, daß ſie der Frau Cabinetsräthin verſprochen habe, ihr bald Roland zu bringen. Es wurde nun eine Ausfahrt nach der Reſidenz beſchloſſen. Crich wurde nicht aufgefordert, mitzureiſen. Man fuhr in zwei Wagen; in dem einen ſaßen Frau Ceres, Fräulein Perini und Roland, in dem andern Sonnenkamp und Prancken. Die Reit⸗ pferde waren vorausgeſchickt. Prancken gab zuerſt ſeine Freude kund, daß Sonnenkamp ſich der Kirche freundlich exwieſen; er hatte ſeinerſeits bereits vorge⸗ arbeitet, daß die am Hofe viel geltende höhere Geiſtlichkeit in der Ausführung des Planes mitarbeite. Eine kleine Gewiſſensregung fühlte Prancken, daß erzſeine innere Umwandlung und ſeinen häufigen Verkehr mit dem Kirchenfürſten als ein Stück Diplomatie ausnützte, aber er war doch weltlich eitel genug, die innere Er— leuchtung, deren er ſich im Geheimen rühmte, vor der Welt als einen Schmuck der Klugheit gelten zu laſſen und zunächſt vor Sonnenkamp. Er freute ſich, daß man auf ſo leichte Weiſe mit der Geheimen Cabinetsräthin in Beziehung getreten ſei; bei der Frau ließ ſich mit äußern Mitteln wirken, mit welchen man bei dem Gatten behutſam, wenn nicht gar unmöglich ankommen konnte. Man fuhr an einer ſchönen Villa vorüber, wo alle Fenſter⸗ laden geſchloſſen waren, und Prancken deutete darauf hin, daß Herr Sonnenkamp dieſe Villa kaufen müſſe, um ſie für eine ge⸗ ringfügige Summe an die Cabinetsräthin zu verkaufen, die, wie er wußte, ein lang gehegtes Verlangen nach einem ſolchen Beſitz⸗ thum hatte. Sonnenkamp war einverſtanden in der Vorausſetzung, daß das Ziel erreicht würde. Prancken fügte hinzu, daß dies einer der Hebel ſei, aber freilich noch nicht alle. Die Beiden waren allein, aber ſeltſamerweiſe nannten ſie das Vorhaben nicht bei Namen, bis endlich Sonnenkamp ſagte, die Cabinetsräthin habe ihm mitgetheilt, daß der Weinhändler geadelt würde; er möchte wünſchen, daß dieſe Erhebung ihm vorher zu Theil würde, er glaube eher ein Recht darauf zu haben, obgleich er ſeine Tochter nicht einem dem Tode verfallenen, ſondern dem friſcheſten Leben angehörenden Edelmanne zur Gattin geben wolle. Prancken lächelte ſehr geſchmeichelt, entgegnete aber, daß der Vorgang mit dem Weinhändler— man könne dies durchaus nicht Vorrang nennen— eher förderlich ſei; die Adelserhebung ſtehe alsdann nicht ſo vereinzelt da. „Sie haben es ſchwerer als der Weinhändler,“ ſetzte er hinzu, „denn im Hauſe des Weinhändlers wohnte der Kirchenfürſt bei ſeiner letzten Rundreiſe. Der Weinhändler hat die mächtige Kirchen⸗ partei für ſich, während Sie, ich wollte ſagen Wir, eigentlich keine Partei haben. Um ſo beſſer, der Sieg iſt unſer allein.“ Man kam in der Reſidenz an. Die Cabinetsräthin war hocherfreut und ſagte zu Prancken, den ſie beſtändig als Haupt der Geſellſchaft anredete, wie glück⸗ lich ſie ſei, in einer Bade-Bekanntſchaft eine neue Freundſchaft gewonnen zu haben. Nicht ohne Geſchick wußte Prancken anzubringen, daß Sonnen— kamp ein nachbarliches Landhaus ankaufe, um es zu einer mäßigen Summe abzugeben, wenn er damit edle Freunde als Nachbarn anſiedeln könne. Die Cabinetsräthin kannte das Haus; es hatte ehedem Be⸗ freundeten angehört und ſie war zuweilen dort zum Beſuche ge⸗ weſen. Sie pries die Menſchen glücklich, die in einem folchen Beſitzthum ſich heimlich anſiedeln und liebe Nachbarn haben; ſie erzählte, daß ſie ihrem Manne geſagt habe, es ſei eine Schande für den Staat, daß ein Mann wie Herr Sonnenkamp noch keinen Orden beſitze. So vorbereitet ging nun Prancken mit ſeinem Plane heraus und die Cabinetsräthin fügte hinzu, daß es der Geſellſchaft nur erwünſcht ſein könne, einen Mann von ſolcher Bedeutung wie Herr Sonnenkamp in den höheren Stand aufzunehmen. Sonnen⸗ kamp that ſehr beſcheiden und ſchüchtern; ein Mädchen, das einen Liebesantrag erhält, den es erwartet hatte, konnte nicht ener zu Boden ſehen. Man rückte die Rollſtühle näher zuſammen, als ob man ſich jetzt erſt ſagen dürfe, daß man im vollſten Vertrauen zu einander ſtehe; die Cabinetsräthin bat, man möge ihrem Manne zunächſt noch nichts mittheilen, ſie werde Alles ſchon entſprechend einleiten; es wäre indeß gut, wenn auch von anderer Seite mitgewirkt würde, beſonders wenn Graf Wolfsgarten die Sache bei Hofe anrege, dann ſei es ein Leichtes, ihm in die Hand zu arbeiten. Prancken hob nachdrücklich hervor, wie überaus befreundet Clodwig mit Herrn Sonnenkamp ſei, aber man müſſe die Sache ſehr zart und fein betreiben, und das könne nur eine Frau von der bekannten Umſicht wie die Cabinetsräthin. Sonnenkamp beſtand darauf, daß er nicht um den Adel bitte, er müſſe ihm geboten werden; erbitten oder eigentlich erkaufen könnte er den Adel bei einem auswärtigen Fürſten, er lege aber weſentlich Bedeutung darauf, daß der Fürſt ſeines neuen Vater⸗ landes und die Geſellſchaft dieſes Landes ihn ehre; die Freunde ſollten für ihn das veranlaſſen. Er freute ſich an der Delicateſſe, mit der die Cabinetsräthin die Sache behandelte; ſeine Mienen ſagten: das iſt doch einmal eine neue Art. Er ſtreichelte durch die Luft hin, als ſtreichelte er ein zartes Katzenfell. „Sind auch Weinberge bei dem Landhaus?“ fragte plötzlich die Cabinetsräthin. „Ja, ſo viel ich weiß, drei Morgen und von der beſten Lage,“ erwiderte Prancken. Er gab Sonnenkamp zu verſtehen, daß man das natürlich dazu kaufe. Sonnenkamp verlor auf einmal den Charakter der Beſcheiden⸗ heit und Verſchämtheit; jetzt ging's an ſein Geld, jetzt war er der Herr. Er wollte der Frau ſagen, daß er nur Zug um Zug zu handeln ſich einlaſſe; erſt nachdem er das Adelsdiplom erhalten, ſolle ſie das Landhaus erhalten mit den Weinbergen dazu, aber er bezwang ſich, vor Prancken das kundzugeben, und es ſchien auch nicht nöthig, ſchon jetzt damit hervorzutreten. Die Leute ſollten nur einſtweilen die Sache betreiben und ſich dadurch binden. Wenn es darauf ankommt, iſt er Manns genug, ſich nicht übertölpeln zu laſſen. Es war ein ſiegesſicheres Lächeln in ſeinen Mienen. Der Cabinetsrath trat ein. Er begrüßte Sonnenkamp mit formvoller Höflichkeit und dankte für die Aufmerkſamkeiten, die man ſeiner Frau in Vichy erwieſen hatte. Man ging in den Saal, wo Roland mit einem Sohne des Cabinetsraths, der Cadett war, ſich aufhielt, und bald war Roland, deſſen Schönheit jedes Auge erglänzen machte, der Mittel⸗ punkt der Gruppe. Der Cabinetsrath ſagte, wie es allgemein — belobt wurde, daß man einen kenntnißreichen, allerdings etwas ercentriſchen Mann wie Herrn Dournay, zum Erzieher genommen. Als Roland auf die an ihn geſtellte Frage ſagte, daß er Officier werden wolle, ermahnte der Cabinetsrath, daß er möglichſt bald in die Cadettenſchule eintrete. Leiſe ſagte Prancken zur Cabinetsräthin, er billige durchaus die Maßnahme des Herrn Sonnenkamp, Roland erſt als Adeligen eintreten zu laſſen; denn es würde ſich überaus ſeltſam machen, wenn der Jüngling in der Cadettenſchule ein Adeliger würde; er habe dann viel Neckereien der Kameraden zu ertragen. Der Cabinetsrath ſprach vom Aufbau der Ruine und von der Gartenkunſt Sonnenkamps und wie höchſten Orts ſchon mehr⸗ fach in rühmlicher Weiſe davon die Rede geweſen. Sonnenkamp bat um die Erlaubniß, zuweilen etwas von ſeinen Producten an die fürſtliche Tafel ſchicken zu dürfen, beſonders ſchöne Bananen, die gerade jetzt ſehr gut gediehen wären; Prancken hob die Geſchicklichkeit hervor, wie Herr Sonnenkamp neun Monate des Jahres friſche Trauben auf die Tafel bringen könne. Der Cabinetsrath erwiderte, daß dieſe Freundlichkeit ſicherlich willkommen ſei; er ſelbſt aber könne darin nichts beſtimmen, der Hofmarſchall, der ja ein Vetter des Herrn von Prancken wäre, werde das Anerbieten des Herrn Sonnenkamp gewiß annehmen. Prancken nahm Herrn Sonnenkamp mit zum Hofmarſchall. Roland ritt mit dem Cadetten aus. Frau Ceres blieb bei der Cabinetsräthin und dieſe that ſehr betroffen, da Frau Ceres in ſie drang, das Korallenband, das ſie trug und das die Cabinets⸗ räthin ſehr bewundert hatte, von ihr anzunehmen. Die Cabinetsräthin mußte willfahren, aber ſie bat Frau Ceres, dies als Zeichen geheimer und inniger Freundſchaft gelten zu laſſen, von dem Niemand etwas erfahre. Sie betheuerte wieder⸗ holt, daß ſie ohne Eigennutz für ihre Freunde wirke; ſie war überzeugt, daß Frau Ceres mit im Plane war, ſie durch Geſchenke zu gewinnen. Frau Ceres ſah ſie verwundert an, ſie kam ſich wieder ent⸗ ſetzlich einfältig vor; dieſe Frau ſprach von Dingen, die ſie gar nicht begriff. Als die Cabinetsräthin eine Ausfahrt nach einem Vergnügungs⸗ orte vorſchlug, ſtimmte Prancken nachdrücklich bei; denn es war von Bedeutung, daß Frau Ceres mit der Cabinetsräthin, Sonnenkamp und Prancken mit dem Cabinetsrath im offenen Wagen durch die Reſidenz nach dem Vergnügungsorte fuhren, wo ſich heute die aus⸗ erleſenſte Geſellſchaft befand; dieſe ſollte die Verbindung Sonnen⸗ kamps mit ihm und dem Cabinetsrath ſofort als Thatſache erkennen. Auf dieſer Fahrt hatte die Cabinetsräthin einen Gedanken, der ſo gutmüthig als geſcheidt war; ſie gewann eine Adjutantin und half einer armen Frau. Mit erbarmungsvollem Tone ſprach ſie von der Mutter Erichs, die in überſchwenglicher Weiſe ihre Stellung einer ſogenannten idealen Liebe geopfert habe. Das Einverſtändniß zwiſchen der Frau Cabinetsräthin und Prancken war bereits ſo weit gediehen, daß ſie nichts ohne ſeine Zuſtim⸗ mung that; ein leiſes Nicken Pranckens bezeigte ihr, daß ſie weiter gehen dürfe. Sie forderte nun Herrn Sonnenkamp auf, etwas für die Mutter Erichs zu thun, ja ſie wo möglich ins Haus zu nehmen. Auch Tante Claudine wurde im höchſten Grade belobt. Die Cabinetsräthin war ſich klar, daß die nahe Beziehung zum Hauſe Sonnenkamps ſich viel leichter pflegen ließ, wenn die Profeſſorin und die Tante da wären; man näherte ſich dann ge⸗ wiſſermaßen ihnen und nicht dieſem Manne, man war ſogar ver⸗ pflichtet, ſich den hochangeſehenen Frauen nahe zu halten, um ihnen ihre abhängige Stellung zu erleichtern; das fügte ſich dann Alles ſo leicht, wenn man das Landhaus— natürlich waren mehrere Morgen Weinberge dabei— bewohnte. So miſchten ſich die Beweggründe, und die Miſchung war gut und belebend. Sonnenkamp lächelte wohlgefällig, aber innerlich ſagte er ſich: dieſe Adelskette hängt noch feſter zuſammen, als eine Diebesbande, und ſie ſind jetzt auch eine Diebesbande, denn der arme Adel will ſich von mir aufſteifen laſſen. Er ſtimmte der Cabinetsräthin ſehr freundlich bei, innerlich aber dachte er: Du haſt das Landgut noch nicht. Man fuhr an dem Landſitze des Prinzen vorüber, der vor Kurzem aus Amerika zurückgekehrt war. Hier war Alles wohlbe⸗ ſtellt und geordnet. In dem kleinen Pavillon, der in einem Ge⸗ hölz am Wege angebaut war, ſtand ein gedeckter Tiſch; Lakaien warteten in der Nähe. Aus einem öffentlichen Garten auf der Anhöhe, wo die Garde⸗ Officiere ein Sommerfeſt veranſtaltet hatten, tönte Militärmuſik, —— und kaum hatte das eine Muſikchor ein Stück geſpielt, als ein zweites von der andern Seite begann. In der Mitte des Gartens unter einem großen Zelte ſaßen die Officiere an einem langen Tiſche; daneben an kleinen Tiſchen unter den Bäumen, an denen bunte Lampen hingen, die Honoratioren der Reſidenz mit ihren Frauen und Töchtern in hellen ſommerlichen Kleidern. Es erregte Aufſehen, als die beiden Wagen Sonnenkamps mit den ſchönen Pferden vorfuhren. Prancken ordnete ſchnell Alles und ſeine Geſellſchaft nahm an einem der beſten Tiſche Platz; viele Augengläſer richteten ſich nach ihnen; Prancken war bald bei den Kameraden und ſchüttelte da und dort die Hand, er geſellte ſich aber ſchnell wieder zu Sonnenkamp und ſeiner Ge⸗ ſellſchaft. Die Cabinetsräthin hing ſich an den Arm Sonnenkamps und war überaus freundlich; Prancken hatte Frau Ceres am Arm. Roland war mit dem Cadetten am Scheibenſtand, wo man mit Bolzen ſchoß; er traf immer ins Schwarze. Herr Sonnenkamp wurde dem General vorgeſtellt, der auf 7 die Einladung Sonnenkamps verſprach, ihn bald zu beſuchen. Prancken ſagte, er bringe einen Rekruten und zeigte auf Roland. Der Abend brach herein, die bunten Lampen wurden ange⸗ zündet. Da knallten Böllerſchüſſe, Fanfaren tönten, Hoch wurde gerufen: der Prinz war von ſeinem Landſitze zum Gaſtmahle der Garde⸗Officiere gekommen. Beide Muſikchöre ſpielten nun„Heil Dir im Siegerkranz“ und Alles war voll Leben; am glücklichſten aber war vielleicht Sonnenkamp, denn er wurde dem Prinzen vorgeſtellt, der freilich nur einige nichtsſagende Worte an ihn richtete. Aber alle Welt hatte doch geſehen, daß er mit ihm ſprach und eine ſehr freundliche Verbeugung machte. Höchſt befriedigt fuhr man wieder nach der Reſidenz zurück. Die bunten Lampen leuchteten und die Muſik tönte noch in der Erinnerung. 8 Am nächſten Morgen ſtand in der Zeitung, daß geſtern Abend die Garde⸗Cüraſſiere ein Jahresfeſt auf der Rudolphshöhe feierten. Sle. Hoheit der Prinz Leonhard habe das Feſt mit Seiner Gegen⸗ wart beehrt; unter den anweſenden Gäſten ſei Herr Sonnenkamp von Villa Eden mit ſeiner Familie beſonders bemerkt worden. Drittes Capitel. Während die Familie Sonnenkamp in der Reſidenz war, ritt Erich nach Wolfsgarten. Er hatte jeden verrätheriſchen Gedanken in ſich niedergekämpft, er dachte einzig daran, daß er verpflichtet ſei, die Freundſchaft, die Bella ihm zugewendet, dahin zu lenken, daß er ihr die Hoheit ihres Gatten klar mache. Das wollte er. Friſch und muthig ritt er dahin. Er traf Clodwig allein. Bella war mit einem fremden Beſuch ausgeritten. Clodwig freute ſich, mit Erich einmal ganz allein zu ſein, der ihn bei früheren Beſuchen ſo oft dem Knaben überlaſſen hatte und mit Bella gegangen war. Er berichtete, daß der Sohn eines Freundes, der als ruſſiſcher Geſandter in Neapel gelebt, zu ihm gekommen ſei, um ernſte Studien in der Landwirthſchaft zu machen. Der junge Fürſt habe ſich, wie Alle ſeines Gleichen, im Pariſer Strudel umhergetrieben, aber es ſei ein edler Kern in ihm und eine Willenskraft, die das Beſte hoffen laſſe. Die große That⸗ ſache, daß der Kaiſer von Rußland die Leibeigenſchaft aufgehoben, bewirke zugleich eine noch größere moraliſche und ökonomiſche; die Herren müßten nun aus Gutsbeſitzern einſichtige und ſelbſtthätige Landwirthe werden. Es ſei bei den Ruſſen ein Eifer der Auf⸗ opferung und Hingebung für das niedere Volk, und das ergreife oft Weltlinge ſo mächtig, daß es erſcheine, wie die Umkehr jener heilig Geſprochenen, die, aus tollen Gelagen kommend, plötzlich ihrer ſittlichen Aufgabe inne wurden. „Es gibt keine ſo bildungsbegierige Ariſtokratie, als die ruſſiſche,“ ſagte Clodwig,„leider aber ſind die Männer eifrig und ideell begeiſtert ein Jahr lang oder zwei, dann werden ſie leicht läſſig; ſie haben viel Nachahmungstalent, ſie haben noch zu er⸗ proben, wie lange es vorhält und ob ſie etwas Neues hervor⸗ bringen. Vielleicht iſt die Aufhebung der Leibeigenſchaft ein großer ſittlicher Wendepunkt.“ Erich hob hervor, wie es ein glorreiches Zeichen des neuen freien Geiſtes ſei, daß nicht die Kirche, deren Beruf es hätte ſein ſollen, das bewirkt habe, ſondern die reine Humanität, die kein tirchliches Gepräge hat. Die beiden Männer waren noch in weitgehenden Erörterungen über die Macht des Geiſtes und Clodwig eben in der Darlegung, — wie es ihm oft die Seele peinige, daß die rohe Gewalt mehr über den Geiſt vermöge, als man ſich geſtehen wolle, da trat Bella ein. Ihr Antlitz glühte, als Erich ſie grüßte, und der junge Mann von eleganter, aber etwas ermüdeter Erſcheinung, begrüßte Erich ſehr zuvorkommend; er freute ſich, daß Erich ſo geläufig franzöſiſch ſpreche, da er im Deutſchen ſich nur unbe⸗ hülflich ausdrücke; er ſetzte ſofort hinzu, daß man Erich die fran⸗ zöſiſche Abſtammung anmerke, in ſeiner Ausſprache läge etwas, was nur das franzöſiſche Organ vermöge. Nachdem man ſich auf kurze Zeit zurückgezogen, verſammelte man ſich wieder im Gartenſaal. Clodwig mußte dem Ruſſen dringend ans Herz gelegt haben, daß er ſich Erich anſchließe, denn der junge Mann ſagte alsbald zu demſelben: „Ich würde mich ſehr freuen, wenn Sie mich etwas von Ihnen lernen laſſen wollten.“ Er ſagte das mit einer gewiſſen kindlichen Unterwürfigkeit und ſo vertrauensvoll, daß Erich ihm die Hand darreichte, indem er erwiderte: „Ich werde gewiß auch von Ihnen lernen können.“ „Außer Whiſt, das ich ſehr gut ſpiele, wie man mir allge⸗ mein ſagt, glaube ich nicht, daß etwas von mir zu lernen iſt,“ antwortete der Ruſſe lachend. Als ein Mann, der ſich alsbald zur Kenntniß der Landes⸗ producte an die Producenten wendet, fügte er hinzu: „Wie ich höre, iſt die Philoſophie in Deutſchland aus der Mode gekommen; können Sie mir vielleicht einen Grund dafür ſagen?“ Erich, der es ablehnen mußte, hierüber genaue Auskunft geben zu können, meinte, daß vielleicht die Philoſophie als Wiſſenſchaft minder hervortrete, daß ſie aber Methode aller Wiſſenſchaften ge— worden ſei. Bella legte den Kopf zurück und ſchaute in den blauen Himmel. Die Männer werden jetzt Dinge verhandeln, die ſie eigentlich in Rückſicht auf die Frau auf eine andere Zeit verſchieben ſollten, aber ſie will geduldig ſein und zuhören. Der Fürſt war in Fragen unermüdlich; er wollte wiſſen, welches jetzt die beſtimmenden Geiſter in Deutſchland ſeien, und da Erich erwiderte, daß ſich unſere Epoche an keine einzelnen — Namen knüpft, fragte er weiter, woher es käme, daß es an her⸗ vorragenden Häuptern fehle. Erich ſuchte darzuthun, daß in der Zuſammenfaſſung des Geiſteslebens unſere Zeit keiner vergangenen an Größe nachſtehe, daß aber das Auszeichnende heute und viel— leicht für immer keinem einzelnen Ausgezeichneten zukäme. Bella hörte noch immer ſtill zu, ſie wiegte den zuſammenge⸗ legten Fächer in der Hand, als wäre es ein Pfeilbündel, ſie legte den Fächer aus einander und zupfte an den einzelnen Stäben, als wären es Pfeile, die ſie lockern und losſchnellen müßte. Endlich hielt ſie es an der Zeit, nicht mehr ſtill zuzuhören. „Herr Hauptmann,“ fragte ſie,„warum ſcheeren Sie alle Zeitgenoſſen über einen Kamm?“ Da nicht geantwortet wurde, fuhr ſie fort: „Ich möchte weiter fragen: Schaffen bevorzugte Naturen nicht neue Geſetze in der moraliſchen, der intellectuellen, der politiſchen, wie in der äſthetiſchen Welt?“ Erich erwiderte ſehr ernſt: „Das iſt das Elend, das der Jeſuitismus in der Kirche wie die Frivolität der Weltlinge gleichmäßig zu verantworten hat. Man erkennt beſtimmten Naturen und beſtimmte Naturen erkennen ſich ſelbſt eine Berechtigung und Ausnahmsſtellung zu, bei denen die Menſchen⸗Geſellſchaft nicht beſtehen könnte. Was man bevor⸗ zugte Natur neunt, das gibt mehr Verpflichtungen, aber keine über das Maß des Allgemeinen hinausgehende Berechtigung. Vor Gott und der ewigen Sittlichkeit ſind wir Alle gleich, das hat das Chriſtenthum erſchöpfend ausgedrückt im Worte, daß wir Alle Kinder Gottes ſind. Nun aber hat die Kirche Indulgenzen, hat der Staat Majorate, und möchte eine Sophiſtik moraliſche Aus⸗ nahmsberechtigungen ſchaffen. „Sie ſprechen ſehr gut,“ ſagte der Fürſt zu Erich. Erich ſuchte den Blick Bella's, aber ſie ſah nicht auf, ſie hatte die Lippen zuſammengepreßt, denn ſie dachte: Will er mir die Lehre geben, daß Niemand ſich eine Ausnahms⸗Moral zuer⸗ kennen darf? Alſo darum der weltgeſchichtliche Packzug? Sie wollte gleichgiltig ſein über den Ausſpruch Erichs, aber ſie vermochte es nicht; ſie ſah auf, ihr Auge ruhte ſchmerzlich auf ihm. Als man im Garten ſpazieren ging, fragte der Fürſt, Lor ſeinen Arm in den Erichs gelegt hatte, ob er Herrn Weidmann kenne, in deſſen Haus ihn Graf Clodwig ſenden wolle, ——+———— — —————— — S— vr lie ab M 15— Erich ſagte, daß er ihn nur flüchtig geſehen habe, daß aber der Mann allgemein verehrt ſei. „Wenn Sie einen Freund Ihnen gleich wüßten,“ ſagte der Fürſt und drückte den Arm Erichs an ſich,„wenn Sie einen Mann wüßten, der mein Begleiter, mein Lehrer ſein wollte, ich könnte ihm eine Sicherung für ſein ganzes Leben verſchaffen, oder.. Sie entſchuldigen die Frage.. würden Sie vielleicht ſehbſt“ Erich dankte, er empfahl indeß nachdrücklich den Candidaten Knopf, der bereits Lehrer auf Mattenheim war. Bella trat zu ihnen und Erich ging mit gemiſchten Empfin⸗ dungen neben den Beiden. Er hatte ſo viel darüber nachgeſonnen, wie er mit Bella von jener Grenzlinie der Freundſchaft, die alle Gefahren in ſich ſchloß, zurücklenken konnte; nun war ſein Grü⸗ beln unnöthig, ſein Platz war bereits beſetzt. Innerlich ereiferte er ſich doch über das zutrauliche Benehmen Bella's gegen den Ruſſen, und ein ſeltſames Gewirre von Gefühlen entſtand in ſeiner Seele. Sollte es ihn freuen, daß er hier nur eine Kokette vor ſich habe, die bald mit dieſem, bald mit jenem tändle? Oder that Bella nur ſo, damit ihr zutrauliches Benehmen gegen ihn nicht auffällig erſcheine, indem ſie das Gleiche auch gegen Andere aufrecht erhielt? Der Doctor kam; er brachte immer eine ganz neue Tonart. Er faßte Bella, Erich und den Ruſſen raſch und ſcharf ins Auge, ihm ſchien Alles klar. Piertes Capitel. Der Doctor bat Erich, ſein Reitpferd an den Wagen anzu⸗ binden und mit ihm bis in die Nähe der Villa zu fahren. Als die beiden Männer im Wagen ſaßen, blies der Doctor vor ſich hin und ſagte dann: „Eine ſchöne Frau die Gräfin Bella und eine geiſtreiche, ſie lieb' den Papagei, der frei in den Wald fliegen darf, ihr dann aber wieder gehorſam auf die Schulter zurückkehren muß.“ „Ich finde,“ fiel Erich ein,„daß man hier zu Lande und im engen Lebenskreiſe viel über Dritte ſpricht. Erſcheint Ihnen das nicht als eine Beſchränkung oder wie man es ſonſt nennen mag?“ Der Doctor merkte wohl, daß Erich nicht auf das Thema ein⸗ gehen wollte, aber er erwiderte: „Der ergiebigſte Stoff iſt die Gattung Menſch, und der un⸗ ſ erſchöpfliche in dieſer Gattung iſt die Spielart Weib. Ich rede j indeß mehr von mir, ich habe an dieſer Frau eine neue Spielart kennen gelernt. Sie kannten Frau Bella früher nicht?“ 5 „Nur flüchtig,“ ließ ſich Erich widerwillig vernehmen. 2 „Aber ich kannte ſie. Sie hat eine Nothehe geſchloſſen wie viele Andere und ich nehme ihr das gar nicht übel. Ich bin auch 2 anderer Meinung als die meiſten Menſchen. Die Gräfin iſt in der That beſcheiden auf ihre Talente, denn ſie iſt ſtolz auf ihren He⸗ roismus; ſie hat, ich weiß das, dem Grafen vor der Verlobung geſagt, ſie ſei nicht bedeutend genug für ihn, ſeiner nicht würdig. Intellectuell war das aufrichtige, nur im Ausdruck übertriebene ſ Beſcheidenheit. Sie hat Talente, aber keine Seele, ſie hat lauter Zuſpeiſe, keine feſte Koſt. Sittlich war dieſes Bekenntniß volle Wahrheit, für ſie iſt die Sittlichkeit nur Convenienz.“ Erich ſchaute betroffen auf und der Doctor fuhr fort: i „Ich meine die Sittlichkeit der großen Welt, die nur die äußere d Ehre als weſentlich betrachtet und nur dieſe bei einer Abweichung im Auge hat. Dem Grafen Clodwig aber iſt alles Unreine und Unſchöne von Natur zuwider, er würde es nicht üben, auch wenn d nie ein Menſch davon wüßte.“ Der Doctor machte eine Pauſe; das Herz Erichs erbebte. Will ihm der Mann die Reinheit Clodwigs vor Augen halten, um ihm 2 zu zeigen, wie unwürdig die leiſeſte Regung wäre, einen ſolchen Mann zu kränken und zu hintergehen? Der Doctor fuhr fort: d „Es kann keine ſchönere Ehre geben, als der Freund Clodwigs 6 zu ſein. Ich liebe die Ariſtokratie nicht, ja ich haſſe ſie, aber in Graf Clodwig iſt eine edle Weiſe, die ſich vielleicht nur ausbilden kann, wenn ſie von Geſchlecht zu Geſchlecht gehegt wird und nicht wie bei uns Bürgerlichen erobert werden muß. Bei Clodwig iſt eine beſtändige gleichmäßige Art von Luftheizung, nirgends eine„ lodernde Flamme, aber immer wohlige Wärme.— Sie ſehen, ich„ ſ habe von Ihnen gelernt, Bilder zu machen,“ warf er ſcherzen 4 8 n n ht ſt 1e —— dazwiſchen und nahm wieder neu auf:„Graf Clodwig und Herr Sonnenkamp betrachten ganz das Gleiche als das höchſte Gut.“ „Und das iſt?“ „Ruhe. Freilich, die Ruhe, die Herr Sonnenkamp will, iſt eine ganz andere als die des Grafen. Gräfin Bella aber braucht Unruhe, ſie kann ohne ſie nicht leben. Sie iſt ein wahrer Tugenddrache; ſie muß jede Woche oder mindeſtens jeden Monat einen reinen Ruf verſchlingen, oder noch beſſer ein Schuldbeladenes katzenartig zer⸗ reißen; ſie beißt wie wohl dreſſirte Jagdhunde am liebſten nach den Augen eines armen Häsleins, dann iſt ſie geſättigt und äußerſt zuvorkommend und thut Niemand etwas. Sie ſpricht ſehr gut von Dieſem und Jenem, ſo lange es ihnen ſchlecht geht; wenn die Menſchen gedemüthigt ſind, begnadigt ſie dieſelben gern; ſobald ein Menſch krank iſt, wird ſie menſchenfreundlich gegen ihn, ſo lange er aber geſund iſt, hat er nur Härte von ihr zu erwarten. Daß ſie ſchönes volles Haar hat, freut ſie nicht ſo ſehr, als daß ſie ſagen kann: dieſe oder jene hat ſo und ſo viel Pfund falſches Haar. Sie iſt glücklich, ſagen zu können, dieſe oder jene Frau iſt ſerophulös, denn die Pranckens allein ſind geſunde Menſchen. Und wenn ſie etwas behauptet, ſo geht ſie nie davon ab; es iſt ihr lieber, daß ihr Mann, daß die ganze Welt unlogiſch iſt, als daß ſie Unrecht hat; Unrecht darf Bella von Wolfsgarten nie gehabt haben. Sie hat nie ein unpaſſendes Kleid getragen, nie ein Wort geſagt, das nicht in Stein gegraben werden durfte. Und das nennt ſie Charakter! nennt ſie Stärke! Mag die Logik der ganzen Welt darüber zum Teufel gehen. Sie kann den geſpräch⸗ lichen Eiertanz ſehr gut ausführen. Haben Sie ſchon ein zierliches Brieflein von ihr bekommen? Sie verſteht auch auf dem Papiere voll biegſamer Anmuth zu tanzen.“ Erich fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, er begriff nicht, daß er das Alles hörte. Der Doctor warf eine halb angerauchte Cigarre weg und fuhr fort: „Die böſe Welt wünſcht, und leider könnte es nicht geſchehen, ohne Clodwig ins Herz zu treffen, daß dieſer Tugenddrache einmal ſeinen unheiligen Georg finde; aber das müßte ein Mann ſein, der, wie man's nennt, Glück bei den Frauen machen will, nicht einer, dem die Worte Liebe, Seelengröße, höheres Streben ernſt „ſind, und der ſie nicht zum Deckmantel für andere Zwecke miß⸗ Praucht.“ Auerbach. Landhaus am Rhein. Il. 2 Erich wußte nicht, was er ſagen ſollte, er fühlte, daß er zitterte. Der Doctor zog an einer Schnur, der Radſchuh legte ſich unter das Rad am Wagen, man fuhr den Berg herab, der Wagen knirſchte und ziſchte und man ſchaute hinein in die Tiefe, wo unten über Felſen ein kleiner Bach dahinrauſchte. Als man wieder im Thal dahinfuhr, begann der Doctor: „Wenn ich ſage, die böſe Welt, ſo war das nicht blos eine Redensart; ich muß Ihnen nur noch erklären, welches die neue Spielart iſt, die ich an Frau Bella kennen gelernt habe. Es gab und gibt viele Frauen, die, in Wahrheit oder eingebildet, höchſt unglücklich ſind oder ſich höchſt unglücklich fühlen, weil ſie gar ſo unbedeutende Männer haben— und ſie ſelber ſind doch ſo große, unverſtandene, ätheriſche Seelen— und ihre Gatten lieben die Pferde, die Hunde und was ſonſt noch. Die neue Spielart aber, die Frau Bella repräſentirt, iſt die: ſie iſt unglücklich, weil ihr Mann ſo bedeutend iſt. Hätte ſie eine jener wohlexercirten Glieder⸗ puppen, die dazu da ſind, eine Hofuniform auszufüllen, ſie könnte unglücklich ſein, könnte ſich als ſchönes blüthengeſchmücktes Opfer betrachten, geduldſam entſagen und ſich beweinen, aber immer wachſen der höchſten Empfindung zu. Nun aber wird ſie neben einem ſolchen Manne immer gehäſſiger und geringer; er beleidigt ſie, weil er ſie in Schatten ſtellt, ja ſogar oſt ihr halbes Denken tadelt, wenn auch nur durch Emporziehen der Brauen. Und eigent⸗ lich ich glaube, ſie geſteht es ſich ſelber nicht... haßt ſie ihren Manh, denn er macht aus ihrem bloßen Spielen mit dem Geiſt ſtrengen Ernſt; er zwingt ſie, Unklarheiten und Albernheiten zu erkennen. Daſür wird er aber auch genugſam geſtraft. Mir iſt die Sage von den Harpyen klar geworden. Die neuen Harpyen be⸗ ſchmutzen jeden höheren Gedanken, daß er ungenießbar und ekel⸗ haft ſei, und ſo muß nun Clodwig um das einfache tägliche Brod des Geiſtes kämpfen und ringen. Wiſſen Sie, was aber nun das Gefährlichſte iſt bei Frau Bella?“ „Ich weiß gar nichts mehr, ich kann mir nicht denken, welche Steigerung Sie noch vorhaben.“ „Eine ganz einfache. In der Kirche nennt man es Teufel, was aber jetzt als ein ſehr geſchmeidiger, edler und aufopfernder Dämon erſcheint, er kommt und ſagt: Sieh, Du biſt der Freund dieſer Frau, ſie hat ſo viel Vertrauen, ſo viel Güte zu Dir, be⸗ nütze das nun, ihr die rechte Stimmung zu geben; Du mußt ſie —„ n — ð W— W — — lehren, ihren Mann gerecht zu würdigen und wie er verdient, verehrt zu werden. Dieſer ſophiſtiſche Dämon ſcheint nur ſo fein, iſt aber in der That der plumpſte von allen, denn noch nie wür⸗ digte ein Eheweib ihren Gatten durch fremde Einſprache. Es gibt eine letzte Lebenskraft und eine letzte Liebeskraft, die nur aus dem Menſchen ſelbſt kommen kann, und wo die nicht iſt, da hilft nichts und redete man mit Engelszungen. Die Alten haben es als die größte Heldenthat des Theſeus geprieſen, daß er die Meduſa be⸗ ſiegte, ſie iſt die giftige Schönheit. In der alten Zeit verſteinerte ſie, in der neuen⸗verweichlicht ſie die Männer. Ich habe einen beſondern Haß auf Frau Bella, und wiſſen Sie warum? Sie macht mich zum Heuchler ſo oft ich nach Wolfsgarten komme; ich ſollte nicht ſo höflich gegen ſie ſein und es entſchuldigt mich nicht, daß ich es bin, weil ich Graf Clodwig liebe. Kein Menſch hat mich ſo ſchlecht gemacht als ſie, bei ihr heuchle ich und empfinde ſolche Zerſtörungswuth, wie ich ſie gar nicht geglaubt hätte. Sie iſt eine Quackſalberin. Wenn ich eine Mediein verordne, ſo hat ſie immer voraus gewußt, was ich verordnen werde; mediciniſch hab' ich es ihr nun ziemlich abgewöhnt, aber ſie iſt es noch mehr geiſtig. Da hat ſie Hausmittelchen und Redensarten aufgeſchnappt, daß man meint, ſie wäre in Alles eingedrungen, aber der Kern ihres Weſens iſt Reſpectloſigkeit, keckes Dreinreden, denn Alles iſt für ſie Schwindel, und ſie hat auch keinen Reſpect vor ſich ſelbſt, denn ſie weiß, ſie iſt auch Schwindel; ſie will an allem Wiſſen theilnehmen und iſt doch gleichgiltig gegen alles Wiſſen, ſie unter⸗ hält Andere und langweilt ſich dabei. Ein tiefer Zug in ihrer Seele iſt Undankbarkeit. Mag ihr werden, was da wolle, ſie bleibt undankbar. Wollen Sie den geraden Gegenſatz zu Bella, ſo nenne ich Ihnen den Major, der iſt dankbar für Alles, ſelbſt ſür die Luft, die er athmet. Der Major, das alte Kind, glaubt noch nicht an die Gemeinheit der Menſchen; wenn der leibhaftige Teufel zu ihm käme, er fände das Gute an ihm heraus. Bella iſt grundlos. Ein Mann böſen Gemüthes hat immer noch Kräfte und Thätigkeiten für die Welt; wenn eine Frau böſen Gemüthes iſt, iſt ſie ganz böſ' und nur böſ'. Wiſſen Sie, wer zu Frau Bella paßte?“ „Ich weiß gar nichts mehr,“ rief Erich verzweifelt, es war ihm, als wäre er gefeſſelt. „Der einzige Menſch, der zu ihr paßt, der dieſe ganze Menagerie, —— die ſich Bella nennt, demüthigen und beherrſchen könnte, das wäre Herr Sonnenkamp, und im Geheimen haben ſie auch eine tiefe Sympathie für einander.“ Erich fühlte ſich erleichtert, da er lachen konnte; aber der Doctor nahm wieder auf: „Junger Freund, ich bin ein Ketzer, ich glaube, ſo böſe als eine Frau kann ein Mann nie ſein und auch ſo heuchleriſch nicht. Für das Letzte ſind ſie aber nicht verantwortlich, denn es wird ihnen von Kindheit an ja immer geſagt: thut nur ſo, die Welt will den Schein. Die Hauptſache aber iſt, ſie haben keine Humanität, ſie gehen nicht den Gründen nach, aus denen die Dinge geworden ſind, Alles iſt für ſie fertig geſteckt und genäht wie ein Hut oder eine Mantille bei der Putzmacherin; und andererſeits ſtehen ſie noch unter dem Bann des Thieriſchen, ſie kennen die volle Mitfreude nicht und Mediſance iſt die verfeinerte Mordgier; in der ganzen Thierwelt iſt das Weibchen immer das grauſamſte.“ Erich ſaß ſtill und ließ Alles an ſich hinreden, und als man jetzt am Ziele angekommen war, ſtieg der Doctor aus, er blies wieder vor ſich; er glühte im ganzen Geſichte. „Ich habe miv's einmal leicht gemacht,“ ſagte er,„ich würge ſchon lange daran. Ich danke Ihnen, daß Sie mich ſo geduldig angehört. Junger Freund,“— und er legte zutraulich die Hand auf die Schulter Erichs—„ich bin auch grimmig auf die Poeten, die uns aus Furcht, den Weibern zu mißfallen, die geiſtreiche Paradefrau aufgeputzt haben. Wenn ich über Frau Bella zu viel geſagt habe— es iſt möglich— bitte, behalten Sie, was ohne Uebertreibung wahr iſt und bleibt und was ich zu jeder Stunde vertrete.“ Erich nahm ſein Pferd am Zügel, aber er ſtieg nicht auf, er ging ſtill und gedankenvoll dahin; es that ihm weh, daß über Bella ſo geſprochen wurde und daß er ſie nicht beſſer vertheidigt hatte. Zu Roland wendete ſich ſeine Seele und in ihm ſprach es: Ich war doch auch eitel, ich freute mich, zu glänzen, von einer ſchönen Frau gelobt zu werden, mit ihrem warmen Handſchuh einen leichten Schlag auf die Finger zu bekommen. Das war kein Mann, der ſagen durfte, ich will in Reinheit einen Menſchen erziehen. Mit befreiter Seele ſchritt er des Weges weiter und kam auf der Villa an. — — — S W W———— 1— 21— Ein Telegramm war da, daß die Familie heute in der Reſidenz übernachte. Frich war allein. Fünftes Capitel. Frau Ceres ſagte am Morgen, daß ſie nicht gern ſchon jetzt wieder nach der Villa zurückkehre; das Feſt auf Rudolphshöhe lag ihr im Sinn und ſie wünſchte heute wieder ein ſolches zu haben und nicht abzureiſen. Man konnte ihr nicht willfahren. Sie bat die Cabinetsräthin dringend, doch mit nach der Villa zu reiſen und bei ihr zu bleiben. Es wurde abgelehnt, aber ein baldiger Beſuch verſprochen. Frau Ceres war verſtimmt; um ſie aufzuheitern, ließ nun Sonnenkamp Prancken zu ihr in den Wagen ſitzen und nahm Roland zu ſich. Jetzt, da er ſeinen Sohn allein hatte, fragte er ihn über mancherlei aus; namentlich ſcheute er ſich nicht, zu er⸗ forſchen, wie Erich mit der Gräfin Bella geweſen und ob ſie oft allein ſpazieren gegangen. Unterwegs begegneten ihnen die Reitpferde, die vvraus heim⸗ wärts geſchickt waren. Sonnenkamp ließ einen Augenblick an⸗ halten, die Pferde ſchauten unter den Decken heraus mit ihren großen Augen gar ſeltſam auf ihren Herrn. Er gab dem Reit⸗ inecht einen ſtrengen Verweis, denn er hatte von ferne bemerkt, daß dieſer ſtatt ruhig nebenher zu gehen, auf einem der Pferde geſeſſen hatte; er drohte kurz, daß bei nächſtem Zuwiderhandeln der Reitknecht entlaſſen würde. Man fuhr weiter und Roland ſagte: „Unſere Pferde ſind beſſer bekleidet als arme Menſchen.“ Sonnenkamp antwortete nichts, er ſah nur ſeitwärts und dann auf ſeinen Sohn. Plötzlich rief Roland dem Kutſcher, er möge anhalten. Er ſah am Wege den Fuhrmann, mit dem er in jener NRacht gewandert war. Er ſtieg aus, reichte dem Manne die Hand und ſagte, wenn er den Hausknecht treffe, möge er ihm ſagen, daß er ihn beſuchen ſolle. Roland ſtieg wieder ein, der Fuhrmann ſtarrte ihm nach und der Vater fragte nach dieſem ſeltſamen Begegniß. ——————— 22 Roland erzählte Alles; auch die Sage vom Lachgeiſt erzählte er, aber der Lachgeiſt ſchien auf Sonnenkamp keine Wirkung zu üben, und wie Roland erkennen ließ, daß er ſich gern in das Leben armer, mit der Noth ringender Menſchen verſetze, pfiff Sonnenkamp unhörbar vor ſich hin. Je mehr aber Roland ſprach, um ſo mehr ſtaunte der Vater über die geiſtige Regſam— keit deſſelben; jenes Geſpräch auf der Burg, nachdem der Kriſcher die Frage geſtellt, kam in ſeltſamen Verſchlingungen und Ver⸗ mengungen hervor. Sonnenkamp kämpfte mit ſich, was er thun ſollte. Erich ſofort entlaſſen, das geht nicht wegen Roland; er würde dann dieſe verkehrten Anſchauungen um ſo hartnäckiger feſthalten. Auch wegen der Cabinetsräthin durfte man einen Bruch mit Erich nicht herbeiführen, zumal da dieſelbe großen Nachdruck darauf legte, Erichs Mutter zur Beihülfe zu erlangen; vor Allem aber war auf Clodwig Rückſicht zu nehmen, denn die Verbindung mit dieſem hatte nicht Prancken, ſondern Erich zu Stande gebracht, und Clod⸗ wig war der mächtigſte Hebel zur Ausführung des Planes. Bald nach der erſten Begrüßung fragte Sonnenkamp Erich, wo er geſtern geweſen ſei; er fragte das wie ein Herr, der über die Zeit ſeines Dieners zu verfügen hat und Rechenſchaft ver⸗ langen kann. Frich berichtete von ſeinem Beſuche auf Wolfsgarten, er ver⸗ weilte beſonders bei der Schilderung des jungen ruſſiſchen Fürſten. Sonnenkamp lächelte, es war ihm lieb, daß dieſe ſtolze Idea⸗ lität ihre Abwege ſo gut verbergen konnte.— Roland war jetzt geneigt, die feſtgeſetzte Ordnung willkürlich zu durchbrechen, und blieb er beim Unterrichte, ſo ſah er ver⸗ droſſen drein; aus der Ferne tönte noch immer die Trompeten⸗ muſik und ſaßen Officiere frei und heiter beiſammen. Erich erkannte die Umwandlung in ſeinem Zögling und war tief traurig; mochte er Roland die ganze geſammelte Kraft wid⸗ men, dieſer nahm Alles nur widerwillig hin. Ein unſcheinbares Ereigniß brachte den Zwieſpalt zum Aus⸗ bruch. Sonnenkamp übergab Erich im Beiſein Rolands das erſte fällige Gehalt; er ſchaute triumphirend auf ſeinen Sohn, während er die Goldſtücke in eine Rolle that. Erich nahm das Gold in die Hand, trat einen Schritt vor gegen das Fenſter, wo Roland ſtand und ſagte: — F3 —„—„—— mich vor den Augen meines Zöglings ſo ablohnen. Ich kann „Hier, Roland, nimm meinen Lohn und trage ihn auf mein Zimmer. Warte dort auf mich.“ Roland empfing das Gold; er ſah verwirrten Blickes auf den Vater und Erich. „Thu mir den kleinen Dienſt und trage das Gold auf mein Zimmer,“ wiederholte Erich. Roland ging. Er trug das Gold in der Hand, als wäre es eine ſchwere Feſſel; er ging auf das Zimmer Erichs, dort legte er das Gold auf den Tiſch. Er wollte weggehen, aber er dachte, daß er es doch bewachen müſſe; er wollte das Zimmer ſchließen, aber er erinnerte ſich, daß Erich ihm geſagt, er ſolle auf ihn warten. Da kam Prancken, um ihm Lebewohl zu ſagen; er beglück⸗ wünſchte Roland, daß er bald von Erich befreit ſein würde. Jetzt erſt wurde Roland klar, was geſchehen war und noch geſchehen ſollte. Prancken ſagte Roland heiter Lebewohl. Als er wegge⸗ gangen, fühlte Roland, daß er Prancken nie mehr lieben könne; er empfand das als einen Verluſt und ſtill ſtand er neben dem Tiſche und ſchaute immer auf das Gold. In kindiſcher Weiſe zählte er dann, wieviel Erich bekommen habe. Aber für welche Zeit hatte er das bekommen? Er brachte es nicht heraus, er wendete ſich wie unwillig ab und ſchaute zum Fenſter hinaus. Hinter ihm lag das Gold auf dem Tiſche, und es war, wie wenn Jemand bei ihm wäre, der ihm zuraunte: Vergiß mich nicht! Unterdeß ſtand Erich bei Sonnenkamp und ſchaute ihn ſtill an. Wollte der Mann ihn entlaſſen oder nur demüthigen? Er war entſchloſſen, ihm Beides zu vereiteln. Da Erich noch immer nicht ſprach, ſondern ruhig den Blick auf Sonnenkamp geheftet hielt, ſagte dieſer endlich: „Ich habe Sie doch nicht verletzt?“ „Ich bin nicht empfindſam, ich achte das Geld, ſoweit es Achtung verdient, und freue mich meines ehrlichen Lohnes. Ich liebe Ihren Sohn vielleicht mehr als... doch für die Liebe gibt es kein Maß, ſie mißt ſich nicht an Anderem. Weil ich Ihren Sohn liebe, will ich, daß eher auf mich als auf ſeinen Vater ein Makel falle.“ „Auf mich?“ „Ja; ich hätte Ihnen wohl etwas herauszahlen können, da Sie nicht glauben, daß Sie das ohne Abſicht gethan. Ich erkläre Ihnen aber, daß ich mich durch Derartiges nicht gedemüthigt fühle.“ Sonnenkamp machte eine abwehrende Bewegung und Erich fuhr fort: „Ich hätte Ihnen in Gegenwart Rolands ſagen können, daß die freie Arbeit— ich ſpreche nicht von Liebe— wie ſie der Menſch dem Menſchen leiſtet, nie bezahlt werden kann. Ich unter⸗ drückte es, weil ich will, daß Ihr Sohn Sie mehr liebe und ehre, als andere Menſchen, auch mehr als mich. Ich bin in Ihrem Dienſte, dies iſt Ihr Haus, Sie können mich in dieſer Stunde daraus entfernen.“ „Das wollte ich nicht... das will ich nicht! Habe ich das geſagt? Ich muß mich Ihnen nur erklären und Sie müſſen ſich mir erklären. Haben Sie nicht Roland geſagt, daß die Zeit kom⸗ men wird oder da iſt, wo es keinen Privatbeſitz mehr gibt?“ Erich entgegnete, daß ihm das nicht im Entfernteſten in den Sinn gekommen ſei; er habe nur ein Beiſpiel von der Umwand⸗ lung der Geſinnungen gewählt; er bereue, gerade dieſes gewählt zu haben, und werde dafür ſorgen, die mißverſtändliche Auffaſſung Rolands zu berichtigen. Aber er hätte wohl vorausſetzen dürfen, der Voter würde eher einen Mißverſtand Rolands, als einen Widerſinn des Lehrers annehmen. Sonnenkamp pfiff wieder leiſe vor ſich hin. „Setzen wir uns,“ ſagte er endlich;„ſprechen wir ruhig als verſtändige Männer, als Freunde, wenn ich ſo ſagen darf.“ Er machte eine Pauſe; mit ganz veränderter Stimme fuhr er dann fort: „Ich muß Ihnen bemerken, daß, auch von dem Irrthum abge⸗ ſehen, Ihre Denkweiſe mir für meinen Sohn gefährlich ſcheint. Sie ſcheinen mir in der That ein Menſchenfreund. Ich reſpectire das. Sie gehören zu den Menſchen, die jedem Straßenknecht am Wege den Dank für ſeine Mühe ausdrücken möchten, auch mate— riell. Sie ſehen, ich glaube an Ihre wirkliche Menſchenfreundlich⸗ keit. Aber dieſe Menſchenfreundlichkeit— ich ſpreche— taugt für meinen Sohn nicht. Es wird auch viel Schmußge del mit Gefühlen getrieben; man redet ſich ein, daß die niederen Menſchen unſere Empfindung haben. Mein Sohn hat dereinſt ein fürſtliches Einkommen; wenn nun ein Reicher ſo durch das Leben gehen müßte, immer ausſchauen, wo Noth, wo nicht entſprechender Arbeitslohn, er wäre zu größerem Elend verdammt, als ein Bett⸗ ler am Weggraben. Das Härteſte, was meinem Sohn geſchehen könnte, wäre, wenn man ihn ſentimental, wenn man ihn weiner⸗ lich machte. Ich gehöre nicht zu dieſen Menſchen und möchte, daß auch mein Sohn nicht zu denen gehöre, die eine ewige Sehn⸗ ſucht nach dem Unnennbaren und, wie ich glaube, Unerreichbaren haben; ich will für mich und meinen Sohn erreichbaren Lebens⸗ genuß.“ „Auch ich,“ erwiderte Erich,„möchte Roland gutherzig erhal⸗ ten, aber nicht weichherzig machen. Er ſoll die ſchöne Gunſt ſeines Lebens erkennen, ſoll das Schönſte und Höchſte empfangen und aus ſich machen.“ Erich ſetzte das näher auseinander, Sonnenkamp reichte ihm die Hand dar und ſagte: „Sie ſind... Sie ſind... ein edler Menſch. Sie haben auch noch an mir zu erziehen. Vergeſſen Sie, was geſchehen; ich vertraue Ihnen unbedingt. Ich vertraue Ihnen, daß Sie mir nicht das Herz meines Sohnes entziehen, daß Sie ihn nicht weich⸗ müthig machen, nicht zu einem Allerweltshelfer.“ Sonnenkamp ſtieß dieſe Worte heftig hervor, denn innerlich tnirſchte er, daß der Mann, den er hatte demüthigen wollen, ſich ſo kühn herausgewunden hatte. Als Erich zu Roland kam, ging ihm dieſer entgegen, ſtreckte ihm beide Hände zu und rief: „Ich bitte Dich, verzeih meinem Vater, daß er Dich wie einen Knecht abgelohnt.“ Erich hatte viel Mühe, Roland das Geſchehene zu erklären, ohne ſeinen natürlichen Sinn zu verwirren oder zu zerſtören. Der Sohn ſollte Liebe und Verehrung für den Vater haben. „Wir wollen zum Major gehen,“ ſagte Roland endlich; er wollte offenbar zu einem Menſchen, der von all dieſem Wirrwarr nichts wußte. Sie gingen zum Hauſe des Majors; ſie trafen ihn nicht. Sie wanderten teinander bis in die Nacht hinein und ſprachen kaum Au ukamp wanderte in der ſtillen Nacht durch den Park. Ein Wetk, das Erich heut wieder genannt, hatte in ihm einen großen Kampf hervorgerufen. Das Wort hieß: freie Arbeit. Und wieder kehrten ſeine Gedanken zum nächſten zurück, er begriff nicht, wie er dazu gekommen, Erich zu verletzen, während es doch in ſeiner Abſicht lag, deſſen Mutter kommen zu laſſen. Wie gütig werden das die Menſchen finden. Alles kommt nur darauf hinaus, daß die Welt glaubt. Die Geſchminkte weiß auch, daß ſie keine rothen Wangen hat, aber ſie freut ſich, daß die Welt es glaubt, iſt fröhlich und thut jung. Sonnenkamp hatte gewünſcht, daß Prancken den Ankauf der benachbarten Villa, die man der Cabinetsräthin überlaſſen wollte, betreiben ſollte. Prancken hatte es ebenſo freundlich als mit guten Gründen abgelehnt, denn er fand, daß Herr Sonnenkamp ſich den Anſchein geben müſſe, als wolle er ſich nur gute Nachbarſchaft ſichern. Sonnenkamp wußte nicht, ſollte er hoffen oder fürchten, daß Prancken die Sache bereits von langer Hand angeregt und ſich einen Vortheil dabei geſichert habe. Sollte er der Betrogene ſein? Aber es war ſchön, wenn ſein künſtiger Schwiegerſohn ſo viel Klugheit hatte, ſich einen Vortheil zu ſichern. In den nächſten Tagen bekümmerte ſich Sonnenkamp wenig um Haus und Garten, um Roland und Erich, er beſichtigte das Land⸗ haus, ſuchte die entſprechenden Weinberge zu erwerben und ward vollkommen überzeugt, daß Prancken noch gar nichts in der Sache gethan. Der Weingraf hatte auch die Abſicht, das Landhaus zu kaufen; es hieß, er wolle es für ſeinen Eidam, den Sohn des Hofmarſchalls, erwerben. Sonnenkamp ſchloß raſch den Kauf ab. Sechstes Capitel. Wenn der Kriſcher im Gefängniß gehört hätte, daß Sonnen⸗ kamp noch ein Landhaus gekauft, hätte er ſicher wieder ausgerufen: „Ja, der kauft noch den ganzen Rheingau!“ Aber er vernahm nichts davon. Die Unterſuchung zog ſich in die Länge. Der Largighter war zwar ſo freundlich, neue Protokolle, für welche Erich Roland zu verhören waren, auf der Villa aufzunehmen; immerhin aber unterbrach dieſe ſchwebende traurige Angelegenheit mehrmals den Unterricht. — in Auch die Gaſtgebereien blieben nicht aus. Roland verkündete 19 eines Tages: 8,„Es gibt ein großes Feſt bei Graf Wolfsgarten, Vater und ne Mutter ſind ganz glücklich; Du und ich, wir ſind auch eingeladen.“ bt, Sonnenkamp war ſehr zufrieden mit Prancken, daß dies erreicht worden war; der Mitwirkung Erichs wurde gar nicht mehr gedacht. er Es war mit Prancken ausgemacht, daß Clodwig, das gewichtigſte te, Mitglied der Ordenscommiſſion, für die Sache, die man jetzt allein en im Auge hatte, gewonnen werden müſſe und zwar zur lebhafteſten en Initiative. aft Am Tage der Einladung hatte Sonnenkamp einen ſchweren en, Kampf mit Frau Ceres; ſie wollte ihren geſammten Schmuck zu ich dieſer Mittagstafel anlegen. Fräulein Perini war es nicht ge⸗ n7 lungen, ſie abwendig zu machen, obgleich ſie wiederholt als un⸗ iel umſtößliches Geſetz aufſtellte, man trage im Tageslicht keine Bril⸗ lanten. Frau Ceres war unwillig wie ein kleines Kind, ſie wollte um lieber zurückbleiben, wenn man ihr dieſe Freude nicht gönnte. nd⸗ Sonnenkamp bat, ſie möge doch„aus Mitleid“ mit der Gräfin, ard die man nicht beleidigen dürfe, den Schmuck nicht anlegen, der das che Zwanzigfache vom Schmucke der Gräfin betrage; ſie möge ſich ein⸗ fach kleiden; dagegen wurde ihr verſprochen, ſie ſolle beim nächſten en; Feſte, das man im Hauſe gebe, Alles anlegen dürfen. lls, Frau Ceres aber beharrte dabei, daß ſie nicht mitgehe, wenn ſie nicht ihren Schmuck tragen dürfe. „Gut,“ ſagte Sonnenkamp,„ſo ſchicke ich ſofort einen Boten nach Wolfsgarten, daß wir ohne Dich kommen.“ Er ließ einen Reitknecht ins Zimmer beſcheiden und gab ihm den Auftrag, zu ſatteln, da er unverzüglich nach Wolfsgarten reiten müſſe. Als Sonnenkamp ſich dann entfernte, ſah ihm Frau Ceres mit einem bitterböſen Blicke nach; ſie war alſo das arme Kind, en⸗ das allein zu Hauſe bleiben mußte, wenn Alles zum Feſte geht. en: Nach einer Weile rannte ſie durch das Haus in das Zimmer Sonnenkamps und erklärte, ſie gehe mit wie man wolle. Sonnenkamp bedauerte, daß er den Boten bereits abgeſchickt, war und jetzt bat Frau Ceres dringend, er möge einen zweiten nach⸗ and ſchicken, der ihre Ankunft melde. ber Sonnenkamp behauptete, daß dies nicht mehr möglich ſei; end⸗ den lich gab er nach. Er ging ſelbſt in das Stallgebäude und hatte weiter nichts als dem Reitknecht zu ſagen:„Sattle wieder ab!“ denn er hatte ihn noch nicht fortgeſchickt, er wußte im Voraus, daß Frau Ceres, das verzogene Kind, ihn bitten werde. Man fuhr nach Wolfsgarten. Bella war äußerſt erfreut, auch die Cabinetsräthin begrüßen zu dürfen; ſie ſah heute ſchöner aus als je. Sie wußte Jedem eine Freundlichkeit zu bieten und war beſonders gütig gegen Erich. Sie glaubte bei ſeinem letzten Beſuche eine Mißſtimmung an ihm wahrgenommen zu haben, die ſie nun durch eine Bevorzugung zerſtreuen wollte. Dem Blicke der klugen Frau entging aber nicht, daß Erich dieſe Freundlichkeiten zwar dankbar, aber kalt aufnahm. Sonnenkamp, der ein ſcharfes Auge hatte, hielt den Athem an wie ein Jäger, dem ein Wild ſchußgerecht kommt. Bravo! Sie wiſſen gut zu ſpielen! dachte er. Der Tugendruhm dieſes Hauſes hatte etwas Drückendes für ihn gehabt; nun bewegte er ſich hier mit einer gewiſſen Heimatlichkeit. Es war ein kleiner Hof, der ſich zuſammengethan, die Form war ländlich freier, aber dabei nicht minder wohlbemeſſen. Viele ſchickſalsvolle Eriſtenzen waren hier verſammelt, die vielleicht darum auffälliger erſchienen, weil ſie ſich aus der Zerſtreuung des Land⸗ lebens geſammelt hatten. Penſionirte und freiwillig ausgetretene Militärs bildeten das Hauptcontingent, die Orden zeigten ſich be⸗ ſcheiden als rothe, gelbe, blaue Zünglein im Knopfloch; die alten Herren waren ſorgfältig friſirt, die Bärte friſch gewichst; die Damen zeigten, daß man nicht umſonſt einige Wochen des Jahres in Paris zubrachte. Einer einzigen Franzöſin zu lieb wurde die Converſation fran⸗ zöſiſch geführt. Auch ein berühmter Muſiker, der ſich in der Nähe aufhielt, war eingeladen. Er erholte ſich von ſeinen Concertreiſen im Land⸗ hauſe eines Collegen, der ſeine Muſikſchülerin, eine reiche Erbin, ge⸗ heiratet und ſich in der Gegend ein ſchönes Anweſen erworben hatte. Nächſt Erich waren Herr Sonnenkamp und der Muſiker die ein⸗ zigen Bürgerlichen in der heutigen Geſellſchaft; den Künſtler hob ſein Genie, den reichen Mann ſeine Millionen in die neue Atmo⸗ ſphäre. Der Weincavalier konnte bereits als geadelt angeſehen werden, denn es war bekannt, daß in den nächſten Tagen die ganze Familie geadelt werde. Das Brautpaar war ebenfalls geladen, aber am Tage des Gaſtmahls kam ein Brief, der mit höflichem —„— — Bedauern anzeigte, daß der Bräutigam, von einem kleinen Un⸗ wohlſein betroffen, nicht kommen könne. Auch die Braut war nun zurückgeblieben. Der Weincavalier brachte einen berühmten Portraitmaler mit; er wohnte ſeit Wochen im Landhauſe des Weingrafen, denn er malte die Braut und den Bräutigam in Lebensgröße. Der Maler war ſehr in der Mode, Perlen und Spitzen und grauer Atlas gelangen ihm am beſten, auch die Geſichter waren ähnlich, nur alle etwas ſtark blau; er war indeß bei Hofe ſehr beliebt und es tonnte keine Frage ſein, daß er allein die vornehme Braut malen durfte. Sonnenkamp erhielt den Ehrenplatz neben Bella, zur andern Seite ſaß der Fürſt. Clodwig hatte Frau Ceres neben ſich, und der Major war natürlich auch da und hatte, wie er es wünſchte, einen Platz am Ende des Tiſches, damit er bequem mit Nachbar hüben und drüben ſprechen konnte. Clodwig unterhielt ſich ſehr freundlich mit Frau Ceres, die heut aus Verlegenheit ſehr viel aß, ohne daß Sonnenkamp ihr zugeredet hätte. Sonnenkamp hatte ſeine alten Waffen der Galanterie hervor⸗ geſucht, mit denen er nie fehlte; heute aber ſchien es ihm nicht zu gelingen, denn Bella hörte nur mit halber Auſmerkſamkeit zu, ſie horchte ſtets hinüber nach dem Geſpräche Erichs mit dem Ruſſen. Plötzlich waren alle Zwiegeſpräche verſtummt, denn der Fürſt fragte Herrn Sonnenkamp: „Bezeichnet man die Sklaven in Amerika auch als Seelen?“ „Ich verſtehe nicht.“ „Wir in Rußland bezeichneten die Leibeigenen als Seelen; man ſagte, ein Mann hat ſo und ſo viel hundert oder tauſend Seelen; nennt man das auch in Amerika ſo?“ „Nein.“ „Man hält es ja noch dort für eine Frage,“ fiel Clodwig ein, „ob die Neger wirkliche menſchliche Seelen ſind. Humboldt erzählt, die Wilden hätten die Anſicht, die Affen könnten auch ſprechen, ſie unterließen es aber gefliſſentlich, weil ſie fürchten, ſie müßten ſonſt auch arbeiten.“ Ein allgemeines Lachen wurde vernehmbar und Clodwig ſetzte hinzu: „Wenn wir das geringſte Gefäß aus der Griechen⸗ und Römer⸗ zeit ausgraben, finden wir immer eine Schönheit daran. So viel ich weiß, haben die Neger nicht eine einzige neue ſchöne Form gebildet.“ „Sie haben alſo,“ fiel der Fürſt ein,„wie man ſagt, nicht einmal eine neue Mauſefalle erfunden?“ „Es fragt ſich,“ fuhr Clodwig fort,„ob die Neger Erben der Bildung ſein können; da ſie nicht Erben der ſchönen Menſchen⸗ erſcheinung ſind, wie ſie von Aegypten, Griechenland und Rom auf uns überging, ſo können ſie auch nicht Fortbildner der Kunſt ſein, und die Kunſt allein iſt der Adel der Menſchheit; ſie können die Schönheit nicht ſchaffen nach ihrem Ebenbild. Der Menſch ſchafft ſich ſeine Götter nur nach ſich, und das iſt den Negern nicht möglich. Sie ſchaffen vielleicht in Zukunft etwas für ſich, aber nicht für Andere und darum ſind ſie erblos, ſie ſtehen nicht im großen, unzerreißbaren Zuſammenhang der Menſchheit.“ Sonnenkamp ſchaute auf, ſein ganzes Angeſicht wurde größer. So ſpricht ein Mann der unbeſtreitbarſten Humanität! „So iſt's!“ fiel er ein.„Man iſt in Amerika nicht ſenti⸗ mental. Unſere klaren und feſten Anſchauungen werden freilich von der Schullehrerweisheit verketzert und mit dem großen Bann der Unmenſchlichkeit belegt, aber es gibt auch ein Pfaffenthum der ſogenannten Humanität und das hat ſeine Ketzergerichte ſo gut wie andere.“ Sonnenkamp ſprach mit einer Wegwerfung, die deutlich er⸗ kennen ließ, wie ungehörig er das in aller guten Form vom Fürſten aufgeworfene Thema fand. Clodwig glaubte, dieſem bei⸗ ſtehen zu müſſen, er begann mit leiſer Stimme, aber im Laufe der Rede wurde ſein Ton immer lebhafter: „Wer die geſchichtlichen Thatſachen kühl und vom ruhigen Standpunkte aus betrachtet, der ſieht, wie die Idee ſich ſtetig ent⸗ wickelt, ſie arbeitet lange ſtill, aber unſtörbar, und dieſe Wirkung zieht ſich fort, bis eine ungeahnte Thatſache, die ſcheinbar nichts mit der Idee gemein hat, die Ausführung und die offen am Tage erſcheinende Entfaltung bietet. Die Idee iſt immer nur ſtimmungs⸗ haft vorbereitend, die Thatſache iſt entſcheidend und dramatiſch.“ Bella ſagte leiſe etwas zum Fürſten, der zu ihrer Rechten ſaß. Clodwig merkte wohl, daß es eine Entſchuldigung dieſer etwas ſchwerfälligen und allgemeinen Betrachtung war; flüchtig zuckte es in ſeinem Antlitze, ſeine feinen Lippen zogen ſich etwas ſpitz zu⸗ ſammen und er fuhr fort: ——„„— — —————— n r r e — „Ich bin der Ueberzeugung, ohne Sebaſtopol wäre die Bauern⸗ Emancipation nicht jetzt und nicht in dieſer Weiſe ausgeführt worden. Der Krimkrieg wurde unternommen, um Rußland zu demüthigen, und er brachte Rußland dazu, ſich einen freien Bauernſtand zu ſchaffen, ſich innerlich zu erhöhen.“ Der Fürſt fügte einige zuſtimmende Worte bei und Clodwig erklärte weiter: „Mir hat der ruſſiſche Geſandte erzählt, während des Krim⸗ krieges verbreitete ſich plötzlich die Sage... Niemand wußte, wo⸗ her ſie kam, aber ſie war auf allen Lippen und lautete: Jeder, der bei Sebaſtopol kämpfen muß oder freiwillig dahinzieht, um den Kaiſer von den Alliirten zu befreien, erhält nach dem Kriege freies Land und wird unabhängiger Bauer. Das ſteckte überall in den Köpfen. Woher kam's? Die Idee der Bauern⸗Eman⸗ cipation, die lange in Büchern und Zeitſchriften und in den höheren Geſellſchaftskreiſen verhandelt wurde, gewann Geſtalt im Volksbewußtſein und wurde zu einer Thatſache, die das kaiſerliche Decret nur noch zu beſiegeln hatte.“ Clodwig hielt inne, wie wenn er müde wäre, dann aber raffte er ſich auf und rief: „Es iſt nur das alte ſchöne Wort: die Schwerter werden zu Pflugſcharen.“ Man wußte nicht, warum und auf welchem Wege Clodwig zu ſolcher Darlegung kam, nur Erich ſah ſtrahlenden Antlitzes auf ihn, und jetzt berührte eine Hand Erichs Schulter, er ſchaute erſchreckt um. Roland ſtand hinter ihm und ſagte: „Ganz Aehnliches haſt Du auch einmal geſagt.“ „Setz' Dich und halte Dich ruhig,“ ſagte Erich. Roland ging auf ſeinen Platz, aber er wartete, bis der Blick Erichs ihn wieder traf, dann trank er ihm zu. Bella ſah wie hülfeſuchend um, das war ja gar kein Tiſch⸗ geſpräch; ſie ſah auf Erich, wie wenn ſie ihn bitte, er möge doch das Geſpräch von dieſen häßlichen Dingen abwenden. Eben ſchenkten die Diener Johannisberger in feine, zierliche Gläſer, und Erich, das Glas vor ſich hinhaltend, ſagte: „Herr Graf, ſolchen Wein haben die alten Völker in den Steinkrügen, die wir jetzt aus der Erde graben, doch nie gekoſtet.“ Bella nickte ihm ermunternd zu und da er inne hielt, ſagte ſie: „Wiſſen wir Genaues vom Weinbau der Alten?“ ——————— 3-. ——————— „Höchſt wahrſcheinlich,“ erwiderte Erich,„hatten die Alten gar keine Ahnung von dieſer Würze, von dieſem Feuer des Weines, denn ſie tranken nur ungegohrenen.“ „Ich bin weit entfernt,“ fiel Sonnenkamp ein,„mir eine Gelehrſamkeit anmaßen zu wollen, das aber iſt doch leicht erſichtlich, ohne Abkappung der Reben kann man keine ausgezeitigte und in ſich concentrirte Traube und ohne Faß keinen entwickekten und voll ausgelebten Wein gewinnen.“ „Ohne Faß? Warum das Faß?“ fragte der Ruſſe.„Hilft vielleicht die Holzfaſer den Wein abklären?“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete Sonnenkamp,„aber das Faß läßt Luft eindringen, läßt in den Kellern den Wein ausreifen, läßt ihn abfüllen, überhaupt ſeine Cultur vollenden. In Thon⸗ gefäßen erſtickt der Wein oder hält ſich höchſten Falles ſo wie er iſt.“ Mit großer Freundlichkeit ſetzte Bella hinzu: „Das freut mich, nun ſehe ich wieder, daß eine fortſchreitende Bildung auch die Naturproducte zu höherem Genuſſe macht.“ Sonnenkamp fühlte ſich ſehr gehoben; er erſchien in der vor⸗ theilhafteſten Weiſe. Das Tiſchgeſpräch vertheilte ſich nun in viele Einzelunterhaltungen. Man war heiter und wohlgemuth, alles Peinliche ſchien ver⸗ geſſen, die Wangen glühten, die Augen glänzten, als man ſich von der Tafel erhob. Fiebentes Capitel. Im Garten ſaßen die Männer beim Kaffee allein, die Frauen hatten ſich zurückgezogen. Der Fürſt, der ſich freundlich gegen Sonnenkamp erweiſen wollte, ſprach den Vorſatz aus, Amerika zu bereiſen, und Clodwig beſtärkte ihn darin. Er bedauerte, daß er ſeinerſeits dies in der Jugend unterlaſſen, und ſetzte hinzu: „Ich glaube, wer nicht in Amerika war, kennt den Menſchen nicht, wie er iſt, wenn er ſich gehen läßt; das Leben dort erweckt ganz neue Energien in der Seele. Mitten im Kampfe um den Beſitz der Welt wird Jeder zu einer Art Robinſon, der neue Quellen —————„—— n in ſich entdecken muß. Amerika hat etwas, wodurch es in Ver⸗ 8, gleich mit Griechenland tritt. Griechenland ſah den körperlich nackten Menſchen, Amerika ſieht den ſeeliſch nackten, das iſt viel⸗ ne fach kein ſchöner Anblick, aber eine Erneuerung des Menſchenthums h, kann daraus hervorgehen.“ in Der Muſiker, der eben im Begriff ſtand, eine Kunſtreiſe in l Amerika zu machen, verſetzte: „Ich weiß nicht, wie man in einem Lande lebt, in deſſen Luft ft keine Lerche ſingt.“ „Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Graf,“ nahm jetzt Frich ß das Wort.„Es iſt auffällig, daß man in Amerika keine neuen n, Namen erfinden konnte; man hat nur die von den Ureinwohnern n⸗ überkommenen für Flüſſe, Berge, Städte und Menſchen, und dazu nur die aus der alten Welt herübergekommenen Namen. Ich möchte nun fragen: Hat die neue Welt bisher vermocht, zu den de bisherigen ethiſchen Geſetzen ein neues hinzuzufügen oder heraus zu bilden?“ r⸗„Gewiß,“ fiel Sonnenkamp ein,„das beſte, das es gibt.“ le„Das beſte? Welches?“ „Es iſt: Hilf Dir ſelbſt.“ r⸗ Mit Kopfſchütteln ſagte Clodwig: ch„Hilf Dir ſelbſt iſt ſtreng genommen kein eigentliches Princip, ſondern ein thieriſcher Trieb. Jedes Thier hilft ſich ſelbſt aus allen Kräften. Dieſes Dogma war nur gerecht und am Orte gegen eine lügneriſch verfeinerte Lebensmoral, gegen eine Verkommenheit, die Alles vom Staate verlangt. Hilf Dir ſelbſt! iſt ein guter Reiſeſpruch für einen Auswandernden; ſobald aber der Auswan⸗ dernde zum Angeſeſſenen wird, tritt Recht auf Andere und Pflicht gegen Andere ein. Hilf Dir ſelbſt kann äußerſten Falles bei Ein⸗ en zelnen gelten, im Geſammten nicht; die Leibeigenen konnten ſich nicht ſelbſt helfen und die Sklaven werden ſich nicht ſelbſt helfen en können, die moraliſche Solidarität heißt: Hilf Deinem Nächſten, ig wie Dein Nächſter Dir helfe, und wenn Du Dir hilfſt, hilfſt Du er auch einem Andern.“ Da ſtand man wieder in dem bei Tiſche angeregten und ſo en glücklich abgelenkten Thema; Niemand ſchien es aufnehmen zu ckt wollen, Clodwig fuhr jedoch fort: itz„Es iſt, als ob ſich jedes Volk im großen Reiche der Geſchichte en durch eine Idee einbürgern müſſe; ich glaube, daß Amerika zu Auerbach. Landhaus am Rhein. ll. 3 —————. Vollendung einer großen That berufen iſt: zur Tilgung der Skla⸗ verei von der Erde. Doch dies iſt, wie geſagt, die Bethä⸗ tigung einer längſt vorbereiteten Idee; ja, es fragt ſich: Hat Amerika ein neues Moralprincip?“ „Vielleicht iſt die Nähmaſchine ein neues Moralprincip,“ warf Prancken mit kecker Laune ein. Man lachte. „Es liegt doch auch ein Moralprincip in Hilf Dir ſelbſt,“ ſchaltete Erich ein.„Bei uns in Europa wird der Menſch zu etwas gemacht durch ein Erbe oder durch die Gunſt eines Fürſten; der Amerikaner will nichts werden durch Andere, ſondern nur das, wozu er ſich ſelbſt ohne Hülfe eines Andern machen kann. Und gegenüber jenem Glauben, der die Menſchen wie ein Speditions⸗ ſtück durch einen Mittler an den himmliſchen Beſtimmungsort be— fördern läßt, iſt help your self wichtig. Du, Menſch, biſt kein Koffer mit Geſetzen wohl verſchnürt und von der geiſtigen Zoll⸗ behörde plombirt und verſichert, Du biſt ein lebendiger Paſſagier auf dieſer Erde und mußt auf Dich ſelbſt Acht haben. Help your self! Es ſpedirt Dich Niemand. Wir Deutſchen haben ſchon ein annähernd ähnliches Sprüchwort, das heißt: Jeder muß ſeine Haut ſelbſt zu Markte tragen.“ „Darf ich auch etwas fragen?“ ließ ſich Roland vernehmen. „Frage nur,“ ermunterte Erich. „Als ich den Herrn Grafen vom Erbe der Bildung ſprechen hörte, wollte ich fragen: woher wiſſen denn wir, daß wir in der Bildung ſtehen?“ Der Jüngling ſprach mit Bangen, Erich ermuthigte ihn und Roland fuhr fort: „Vielleicht halten die Chineſen oder die Türken uns für Bar⸗ baren.“ „Du wünſcheſt alſo,“ half Erich weiter,„ein untrügliches Zeichen, woran ein Volk, eine Zeit, eine Religion, ein Menſch erkennen kann, ob ſie in der Strömung der großen weltgeſchicht⸗ lichen Bildung ſich befinden?“ „Ja, das meine ich.“ „Das iſt freilich ſchwer zu beſtimmen. Ich glaube aber, man darf ſagen: Wir wiſſen, daß wir im Mittelpunkt oder vielmehr im Fortſetzungspunkt der Bildung ſtehen, weil wir Erbe der Ver⸗ gangenheit, weil wir von Perſern, Juden, Aegyptern, Griechen 5) 2 0 er 8, nd 8⸗ e⸗ in l⸗ ur in ut er id e8 t⸗ n hr — und Römern aufnehmen und weiter führen; Türken und Chineſen, die das nicht thun vder nicht thun können, ſind ausgeſchieden und ſterben in ſich ab. Es iſt kein Stolz, wenn wir Deutſchen uns in die erſte Reihe der Bildung ſtellen, denn es gibt kein Volk, das mehr die Arbeit der Menſchheit in ſich aufnimmt und weiter⸗ führt als das deutſche oder ſagen wir das germaniſche, denn auch Dein Geburtsland ſchließt ſich an.“ Das Auge Clodwigs und das Rolands ruhte auf Erich, jetzt ſahen ſie einander an und Clodwig faßte die Hand Rolands und hielt ſie feſt. Eine Zeitlang herrſchte Stille. Die Damen ließen bitten, man möge ſich in den Saal begeben. Dort ſang ein jovialer öſterreichiſcher Officier, der eine Kaufmanns⸗ tochter aus der nahen Handelsſtadt in den Adelsſtand erhoben hatte, ſcherzhafte Lieder; Prancken, der bei einem Taſchenſpieler viele Kunſtſtücke erlernt hatte, ließ ſich erbitten und gab dieſelben zum Beſten, und endlich ſpielte auch noch der Muſiker auf der alten Geige Clodwigs. Sonnenkamp erfaßte die günſtige Gelegenheit, da er allein mit Clodwig in einer geſchützten Ecke des großen Saales ſaß; er fing zunächſt an, von der freundlichen Theilnahme zu reden, die Clodwig für Roland habe. Behutſam ging er weiter, und es lag ein rührend altväteriſcher Ton in der Art, wie er ſagte, daß er für ſich ſelber im Leben nichts mehr zu wünſchen habe, es ſei nur ſein einziger Wunſch, Roland für alle Zeiten in eine ſichere Ehrenhaltung zu bringen. Clodwig zweifelte nicht, daß er im Umgang und im Unter⸗ richte Erichs eine Weltanſchauung und Führung gewonnen habe und noch weiter gewinnen werde, die ihm in ſich Haltung gebe und ihm einſt die Gemeinſchaft der Edlen ſichere. An dieſes Wort„die Gemeinſchaft der Edlen“ knüpfte nun Sonnenkamp an. Er hatte nicht umſonſt die Naturgeſchichte der Beſtechung ſtudirt, Clodwig mußte damit beſtochen werden, daß man ihn ins Gründungscomité nahm und ihm ideale Dividende gab. Aber Clodwig that beſtändig, als ob er nicht verſtehe, wohin Sonnenkamp ziele, und dieſer wurde dadurch ſo verwirrt, er ſtatt Clodwig geradezu um Mitwirkung zu bitten, ihn um fragte. Clodwig rieth ihm entſchieden ab, ſogar mit den Worten, daß es nicht wohlgethan ſei, in eine abſterbez ꝙ tution einzutreten, in der man doch nie heimiſch werde. Sonnen⸗ kamp mußte verbindlich danken. Clodwig ergriff ſchickliche Gelegen⸗ heit, ſich unter die andern Gäſte zu miſchen. Man fuhr bei hellem Tage heimwärts, die Gaſtfreunde gaben noch ein Stück Weges das Geleite. Sonnenkamp ließ Roland ſich zur Mutter und Fräulein Perini ſetzen, er wollte den Mißmuth ſeiner Frau, die oft auf das große Perlencollier Bella's geſtarrt hatte, nicht noch einmal über ſich ergehen laſſen; er nahm Erich zu ſich in den Wagen. ſteckt ein alter Profeſſor,“ ſagte Sonnenkamp. Nach einer Weile lobte er den Takt Erichs, daß er vor Ro⸗ land, der noch ſo jung ſei, ſeine Freundſchaft zu Clodwig und deſſen ſchöner Gattin in ſo zurückhaltender Form erſcheinen laſſe. Die Hand auf die Schulter Erichs legend, fügte er hinzu: „Junger Mann, ich könnte Sie beneiden; ich weiß wohl, Sie werden Alles verneinen, aber ich gratulire Ihnen. Der alte Herr hat Recht: hilf Dir ſelbſt iſt kein Moralprincip.“ Erich konnte nichts als entſchieden ablehnen; er fühlte ſich dabei innerlich ſchwer beſtraft für einen flüchtigen, wenn auch nur im leiſeſten Gedanken begangenen Fehl. Sonnenkamp war verdrießlich. Jetzt iſt er in das Streben nach einer Sache gerathen, wo Selbſthülfe nicht ausreicht; er mußte ſich von Anderen helfen laſſen. Er wollte eine auszeichnende Ehren⸗ ſtellung. Das iſt nicht wie Erringen eines Beſitzes, Erwerben von Geld und Gut; die Ehre geht nur aus einer Gemeinſamkeit her⸗ vor, hier mußten Andere helfen, und der Erſte und Vorzüglichſte, der mitwirken ſollte, war ſpröde und ablehnend. Achtes Capitel. Und wieder und wieder kamen Zerſtreuungen, die den Unter⸗ richtsgang durchbrachen. Frau Ceres aber war glücklich, denn jetzt die Gelegenheit, ihren ganzen Schmuck zu zeigen, und Fräu⸗ erini ſtrahlte, als ſie die Kiſte öffnen konnte, die von Paris nur zwei ſolcher Kleider ſollte es auf Erden geben, das die Kaiſerin, das andere Frau Ceres. „Das alſo iſt die deutſche Geſellſchaft! In unſerm Herrn Wirth en ſich uth rrt rich rth Ro⸗ und ſſe. Sie err ſich nur ben ßte en⸗ von her⸗ ſte, ter⸗ jetzt äu⸗ aris das — 35— Nach dem Gaſtmahle auf Wolfsgarten war Sonnenkamp an⸗ erkannt und nun erging auch an ihn eine Einladung des Wein⸗ grafen zur Hochzeitsfeier ſeiner Tochter mit dem Sohne des Hof⸗ marſchalls. Erich hatte viele Mühe, ſeinen Zögling vom beſtändigen Re⸗ den über das große Feſt zurückzuhalten, denn Roland wußte von dem Feuerwerk zu erzählen, das auf dem Rhein und auf den waldigen Bergeshöhen abgebrannt werden ſollte. Jeden Morgen ſagte er:„Wenn nur das Wetter ſchön bleibt.“ Oftmals fuhr er auch mit Prancken aus und kam erſt nach mehreren Stunden auf⸗ geregt wieder; er verhehlte offenbar etwas vor Erich, und dieſer vermied es, ihn auszuforſchen. Am Tage des Feſtes war auch der General eingetroffen, den man beim Beſuch in der Reſidenz kennen gelernt. Es war noch heller Mittag, als man in drei Wagen nach dem Hauſe des Weingrafen fuhr. In einem Wagen ſaß Frau Ceres mit dem General, ſo aufgebauſcht und umfangreich, daß der General in einem Strom von Kleidern ſchwamm; im zweiten offenen Wagen ſaß Sonnenkamp mit Fräulein Perini und Prancken, der heute in voller Uniform mit zwei Orden ankam, denn er wollte mit der Familie Sonnenkamps als deren Zugehöriger ein⸗ treten. Sonnenkamp ſprach nicht davon, aber man ſah ihm an den Augen an, wie dankbar er dem jungen Mann war, der nicht nur den General zu ſeinem Gaſte gemacht, ſondern ihn eigentlich auch in die Geſellſchaft einführte. Im dritten Wagen ſaß Roland mit Erich. Eine große Wagenreihe hielt vor der Villa des Weingrafen, die breit und ſtattlich an der Landſtraße lag, rechts und links waren wohl angelegte ſchattige Gärten. Der General führte Frau Ceres am Arme. Man wurde von reich gallonirten Bedienten nach dem Garten gewieſen; auf den Gängen waren hüben und drüben ſchön geordnete wohl duftende Blumenwände. Als man die Stufen zum Garten hinunterſtieg, ſtand der Weingraf da und bat den General, ihm den Arm der Frau Ceres zu überlaſſen. Im Garten wandelten verſchiedene Gruppen oder ſaßen an ſchönen Plätzen. Die Gattin des Weingrafen, eine große wohlbeleibte Frau, hatte nicht umſonſt gehört, daß man ſie der Kaiſerin Maria The⸗ reſia ähnlich fand; ſie war heut ganz gekleidet wie Maria Thereſia und trug ein ſchönes Diadem von Brillanten. ——— Sonnenkamp wurde dem Brautpaare vorgeſtellt; der Bräuti⸗ gam ſah ſehr ermüdet aus, die Braut dagegen, mit einem Roſen⸗ kranz im Haar, erſchien äußerſt belebt; man bedauerte, daß Manna nicht auch bei dem Feſte war. Der Hofmarſchall⸗Vater freute ſich, Herrn Sonnenkamp hier wieder zu treffen und auch die Bekanntſchaft ſeiner Gattin und ſeines Sohnes zu machen, von dem er ſo viel gehört habe. Es war eine Decoration für den ganzen Abend, da der Hof⸗ marſchall offenbar abſichtlich etwas laut ſagte, wie noch geſtern an der fürſtlichen Tafel ſehr ehrenvoll von Herrn Sonnenkamp die Rede geweſen ſei. Frau Ceres erhielt den Platz neben dem Hofmarſchall; noch trug ſie den weißen Mantel über ihrem ſchmuck⸗ reichen Gewande. Der Weingraf, heute mit mehreren Orden geſchmückt, ging hin und her. Er war ein Mann von guten Manieren, der in beſtändigem Verkehr mit der Ariſtokratie aller europäiſchen Länder geſtanden hatte. Zur Napoleoniſchen Zeit, damals als luſtiger Wein⸗ reiſender für das elterliche Haus, war er von dem unmſichtigen Metternich zu mancherlei Miſſionen benutzt worden, die er mit großem Geſchick ausführte. Es gab kaum einen franzöſiſchen Heer⸗ führer, den er nicht gekannt, ja mit Napoleon ſelbſt hatte er zwei Mal Unterredungen gehabt. Der Weingraf hatte drei Söhne und drei Töchter; die älteſte war bereits an einen adeligen Officier verheiratet. Von den drei Söhnen war einer in Amerika verſchollen; er hatte dem Vater viel Geld durchgebracht; ein zweiter war Mitglied des Theater⸗ Orcheſters in einer mitteldeutſchen Hauptſtadt, und man ſagte, er habe ſeinem Vater geſchrieben, daß er ſeinerſeits den Adel nicht annehme. Der dritte Sohn, der Weincavalier, hatte die Adelsſache mit großem Eifer betrieben und war glücklich darüber. Der Weingraf benahm ſich heute mit der größten Liebenswür⸗ digkeit, und im ganzen Behaben des ſchlanken, noch leicht ſich bewegenden Greiſes mit dem ſchneeweißen Haare war eine unge⸗ wöhnliche Spannkraft; er ging von Gaſt zu Gaſt und hatte zu Jedem ein ſchickliches Wort; er empfing überall Glückwünſche und zwar doppelte, denn am heutigen Tage hatte ihn der Fürſt geadelt. Er dankte beſcheiden, er konnte ſich ſagen, daß er dieſe Würde ſchon vor Jahrzehnten hätte erlangen können, aber damals war in der Welt ein gewiſſer patriotiſcher Schwindel, daß ſelbſt ———— —— ———+„—— — 8— — ein Weinreiſender davon ergriffen war. Er erwiderte beſtändig, daß ihn die hohe Gnade ſeines Fürſten überaus glücklich mache. Sonnenkamp lächelte immer ſtill vor ſich hin, er ſah es vor⸗ aus, wie man bald auch ihm ſo huldigen werde, und er machte ſich bereit, die Huldigungen mit beſcheidener Dankbarkeit entgegen⸗ zunehmen. Frau Ceres war in peinlicher Verlegenheit, ſie ſaß neben dem Hofmarſchall, der, als er fand, daß tein Geſpräch bei ihr haften wollte, ſie ſtill neben ſich ſitzen ließ. Auch für ſie kam endlich das Glück, denn die Cabinetsräthin trat ein; ſie war überaus erfreut, ihre Freundin hier zu treffen, und der Hofmarſchall überließ ihr den Platz neben Frau Ceres. Bald kam auch Bella. Selbſt in dieſem Kreiſe, wo Viele ihres Gleichen waren, erſchien ſie in einer gewiſſen Bevorzugung. Sie war ſehr huldvoll gegen Frau Ceres und bat ſie ſogar, ihr den Arm zu geben und mit ihr nach dem Gartenſalon zu gehen, wo die überaus reiche Ausſtattung der Braut ausgeſtellt war. Man hörte von den Zurückkehrenden Ausrufe der Bewunderung, man ſah auch Blicke des Neides. Frau Ceres trug mit großem Ungeſchick ihr langes Schlepp⸗ kleid, während Bella es in beiden Händen zierlich hielt und an⸗ muthig dahinſchritt, als ob ſie durch leichte Wolkenwellen dahin⸗ ſchwebte. Sonnenkamp wurde von dem ruſſiſchen Fürſten Valerian zu⸗ traulich begrüßt, er reichte ihm die Hand; Sonnenkamp war ſehr erfreut; aber Alles war plötzlich wie mit Aſche beſtreut, da der ruſſiſche Fürſt ſagte: „Ich habe es vergeſſen, Sie müſſen mir noch Genaueres über die Art der Sklavenbehandlung erzählen; ich fürchte, ich treffe keine mehr, wenn ich mich zu meiner amerikaniſchen Reiſe entſchließe.“ Er wendete ſich bald ab, da ihm der General vorgeſtellt wurde. Sonnenkamp fühlte ſich doch etwas neu und verlaſſen in dieſem Kreiſe; ſeine Mienen erheiterten ſich wieder, als er Bella und Frau Ceres ſo zutraulich mit einander gehen ſah. „Sie haben ja die Gräfin kaum begrüßt,“ ſagte er zu Erich. „Ach, ich denke ganz Anderes,“ erwiderte Erich.„Ich möchte wiſſen, wie unſer neuer Baron hier ſeinen Dienern ſagt: Johann, Peter, Michel, von heut an nennt Ihr mich gnädiger Herr oder Herr Baron! Er muß ſich doch höchſt lächerlich vorkommen.“ —— — — 40 „Vielleicht iſt Doctor ein ſchönerer Titel. Wird man vielleicht mit ihm geboren?“ erwiderte Sonnenkamp ſcharf. Er wurde aber plötzlich freundlich, denn Bella kam näher und ſagte zu ihm: „Wiſſen Sie, Herr Sonnenkamp, wozu wir eigentlich hier ſind und was dieſe ganze Feſtlichkeit bedeutet? Es iſt einfach ein Taufſchmaus und es iſt ein ſchöner Scherz von unſerm gnädigen Fürſten. Der Weinhändler hat ſich ſo lange um den Adel bemüht und bringt jetzt ſogar ſeine Tochter als Opferlamm dar, ſo daß der Fürſt nicht umhin konnte, ihn zu gewähren. Iſt es nicht prächtig, daß er ihm endlich den Namen gab: Herr von Endlich?“ Es war luſtig, wie ſie ausmalte, daß es ſchön wäre, wenn ſo ein alter Täufling plötzlich rufen würde: Ich will nicht dieſen Namen, ich will einen andern! Zu Erich gewendet, ſchilderte ſie ihm die ganze Geſellſchaft mit zutreffenden, wenn auch boshaften Kennzeichen. Sie zeigte auf einen älteren Mann mit großem Schnurrbart und ſchilderte überaus heiter, daß der Mann, der ein penſionirter proteſtantiſcher Pfarrer war, ſeine Freiheit damit bekunde, daß er ſich einen Schnurrbart wachſen ließ und ſich nur noch hellfarbig kleide. Am übermüthigſten ſpottete ſie über eine Gruppe junger Mädchen, denen man anſah, daß ſie die ſchwere Friſur auf ihrem Kopfe fühlten; die Friſeure aus dem Badeorte und der Feſtung waren ſeit dem früheſten Morgen von Landhaus zu Landhaus geeilt, um die Köpfe der jungen Mädchen geſellſchaftsmäßig aufzuzäumen. Bella wußte den Mädchen nachzuahmen, wie Eines dem Andern zuflüſterte: „Bitte, habe ich mein Chignon noch?...“ Beſonders poſſierlich wies ſie auf einen großen langen Eng— länder, der mit einer dicken Frau und drei ſchlanken, mit langen Locken verſehenen, überaus bunt gekleideten Töchtern erſchienen war. Er lebte im Winter in der Reſidenz, im Sommer in einem Landhauſe; er verbrachte ſeine Tage mit Angeln, die Töchter mit Zeichnen; er galt für ſehr reich und ſein Reichthum hatte eine ſeltſame Quelle. Vor Jahren war ein Bruder der Frau nach Botany Bay deportirt worden; als geſchickter Kaufmann wußte er von dort aus ein großes Exportgeſchäft zu etabliren, und daher ſtammte der große Reichthum der Familie. Bella war von einer Munterkeit und Friſche, die ihren Zauber — 16 nicht verfehlte. Sie et Erich mit offenbarer Abſichtlichkeit vor der ganzen Geſellſchaft aus. Erich e das Gefühl nicht unterdrücken, daß er ein Unrecht an ihr begangen. Er hatte das ſcharfrichterliche Urtheil, den ſeeliſchen Sectionsbefund des Doctors über Bella angehört und es wäre doch ſeine Pflicht geweſen, entſchieden dagegen anzukämpfen. Wie wenn er etwas abzubitten hätte, blickte er ſie an. Graf Clodwig, der ſich zu dem Kreiſe geſellte, konnte nicht um⸗ hin, zu bemerken, daß er immer wieder ſtaunend ſehe, wie viele Exiſtenzen ſich hier am Ufer des Rheins anſiedeln. Der Major ſtand bei Seite und blickte Herrn Sonnenkamp an, als wolli er ſagen: Ich bitte Dich, thu's doch nicht auch; bleib bei uns. Lieber als die Whonſten die ich mit bringe, wär' mir's, wenn ich Fräulein Milch ſagen könnte: Es iſt nicht wahr, was man Herrn Sonnenkamp iüchſegt. Denn wieder hatte Fräulein Milch das ſtreng bewahrte Geheimniß ſofort erfahren. Erich erbarmte ſich des Majors, der heute ungewöhnlich ver⸗ düſtert ausſah, und es gelang ihm, den Grund der Verſtimmung zu erfahren, denn der Major ſagte: „Es iſt, wie wenn ein Chriſt ein Türke würde!, lachen Sie nur, Fräulein Milch hat Recht: Das ſchöne Geld, das viele Geld, das mit ſo viel Mühe erworben wurde, wird nun dem Adel nachgeworfen, und da laſſen ſie uns Bürgerliche ſtehen und wollen nichts mehr von uns wiſſen.“ Erich drückte dem Major ſtill die Hand und dieſer fragte: „Aber wo iſt denn Roland?“ Ja, wo iſt Roland? Roland war bald nach dem Eintritt verſchwunden und nirgends zu ſehen. Der Abend brach allmälig herein und im dichten Gebüſch er— tönte wunderſam ſchöne Hornmuſik; eine Weile waren alle im Garten Verſammelten ſtill, dann aber ſchien es, als ob gerade die Muſik um ſo geſprächſamer machte. Erich ſuchte Roland, aber Niemand konnte ihm Auskunft geben, wo er ſei. Die Muſik verſtummte im Garten; die Nacht brach herein. Auf dem Balcon des Hauſes erſchien ein mittelalterlich gekleideter Trompeter und ſchmetterte Signale in die Luft; die Geſellſchaft begab ſich in das Haus, die Treppen hinan in den großen Saal und in die anſtoßenden Gemächer. — Hier waren ganz vorn zwei große Lehnſtühle mit Blumen be⸗ tränzt, dort mußte ſich das Brautpaar niederſetzen; hinter ihm war eine Reihe von Stühlen für die Aelteſten und Vornehmſten aus der Geſellſchaft. Frau Ceres erhielt einen Platz neben Bella; ſehr geſchickt hatte ſich Fräulein Perini zu ihr gedrängt und zupfte ſie jetzt am Man⸗ tel. Frau Ceres verſtand, und alle Blicke, die ſich auf das Braut⸗ paar gewendet hatten, kehrten ſich nun ihr zu. Solch einen Schmuck— einen Kranz von Kornähren, deren Körner große Diamanten— ſolch ein Kleid, über und über mit Perlen und Brillanten beſetzt, hatte man noch nie geſehen; ein Wispern ging durch die Verſammlung, das ſich lange nicht beruhigen wollte. Frau Ceres ſtand an ihrem Stuhle wie feſtgezaubert, bis Bella ſie bat, ſich niederzulaſſen. Lächelnd ſah dieſe auf den reichen Schmuck der Frau Ceres: Mag ſein! Das kann die Amerikanerin anlegen, aber einen ſolchen Hals und einen ſolchen Nacken, wie ſie, kann ſie nicht anlegen! Nun zeigte ſich, daß die eine Wand nur ein Vorhang war; er ging in die Höhe, Winzer und Winzerinnen erſchienen, ver⸗ kündeten ſingend und ſprechend das Lob des Hauſes und über⸗ reichten zuletzt den Myrthenkranz. Der Vorhang fiel; Alles war voll Entzücken. Man wollte ſich erheben, aber eine Stimme hinter dem Vorhange rief: „Bitte noch um einige Geduld!“ Bald ging der Vorhang wieder auf, nur ein feiner Flor blieb und hinter ihm ſah man Apollo unter Hirten und Winzern, und Apollo war Roland. Zweimal mußte der niederge S —— 3 laſſene Vorhang wieder erhoben werden, denn Alles war in Entzücken über das Bild, beſonders über die Erſcheinung Rolands. Bella nickte Erich, der an der Seite ſtand, frohlockend zu, aber Erich ſah ſie nicht, denn er fragte ſich: wie wird das auf Roland wirken? Es dauerte nicht lange, ſo kam Roland in ſeiner gewöhn⸗ lichen Kleidung in die Geſellſchaft, er wurde allſeitig geprieſen und faſt auf Händen getragen. Frau Ceres wurde beglückwünſcht, einen ſolchen Sohn zu haben, der eine wahre Göttererſcheinung ſei; man bedauerte wiederholt, daß nicht auch ihre Tochter bei dem Feſte ſei. Frau Ceres nahm Alles ſehr freundlich hin und ſagte beſtändig:„Ich danke ergebenſt, Sie ſind ſehr gütig.“ Das hatte ſie Fräulein Perini gelehrt. — O——— — — — — Neue Säle öffneten ſich, die Tiſche waren gedeckt, man ſetzte ſich nieder. Roland ſuchte Erich. „Und Du allein ſagſt mir nichts?“ fragte er. „Du haſt gut ausgeſehen und Dich ruhig gehalten.“ „Ach,“ fuhr Roland fort,„es hat mir ſchwere Mühe gekoſtet, Dir etwas zu verbergen, und noch mehr Anſtrengung, in dieſen Tagen aufmerkſam zu ſein; aber ich wollte Dich überraſchen.“ Erich ermahnte Roland nur, ſich im Weine mäßig zu halten, und Roland war ſo voll Glückſeligkeit, daß er, dem man einen Platz am Brauttiſche vorbehalten hatte, es vorzog, neben Erich zu ſizen, um ihm zu zeigen, daß er ſich mäßige. Prancken, der in Gemeinſchaft mit dem Portraitmaler die leben⸗ den Bilder angeordnet hatte, war an dieſem Abend eigenthümlich bewegt, denn es ſchwirrte ihm durch den Kopf, daß er die ſchöne Tochter des Weingrafen hätte heiraten können; hier war zwar auch friſchlackirter Adel, aber Alles war hier durchſichtiger; das gibt nun eine anmuthige Wittwe, oder noch beſſer, eine angenehme, unglückliche Frau. Er verſcheuchte indeß den Gedanken und ſagte ſich, daß er Manna liebe. Als vormaliger Kamerad des Bräutigams und als Freund des Hauſes brachte Prancken den Toaſt auf das Brautpaar aus, er ſprach gut und was das Beſte war, in humoriſtiſchem Tone. Ein Böllerſchuß verkündete, daß das Feuerwerk beginne. Man vegab ſich nach der Veranda und in den Garten. Ueuntes Capitel. Ohne daß es Erich mertte, ſtand Bella neben ihm. „Sie ſind heut ungewöhnlich ernſt,“ ſagte ſie leiſe. „Ich bin nicht an rauſchende Feſte gewöhnt.“ „Ich meine immer, Sie hätten mir etwas zu ſagen,“ lispelte ſie noch leiſer. Erich ſchwieg und Bella fuhr ſort: „Geht es Ihnen auch ſo, daß, wenn Sie Nächſtbefreundete in großer Geſellſchaft ſehen, Sie ſich wie in der Fremde vor⸗ vorkommen, ja wie mit einem Strome kämpfend, in den man verſunken iſt?“ Ein Ausruf allgemeinen Staunens ertönte plötzlich. Eine Raketengarbe wurde abgebrannt, dazu tönte Muſik und vom jenſeitigen Berge antwortete eine Trompete im Widerhall. Weit hinaus ſah man die Menſchen aus den Dörfern und Städten am Ufer ſtehen und ihre Geſichter erglänzten. „Ach,“ rief Bella, als es wieder dunkel geworden,„wir ſind doch Alle Sklaven! So ſollte man leben können, das wäre Leben, wie eine Feuerrakete in die Luft! Dann komme Nacht und Tod, du biſt willkommen!“ Erich zitterte; er wußte nicht, wie es geſchehen war, er hielt die Hand Bella's feſt. Jetzt ſtiegen helle Feuer vom Strome und von den Bergen auf, es war, wie wenn alle Menſchen, die weit hinaus am Strome dreinſchauten, die Hand Erichs in der Bella's ſehen mußten. Erich zuckte zurück. Da trat der Fürſt hinzu, Bella gab ihm ſofort den Arm. Erich ſtand allein, er ſah Bella am Arme des Fürſten auf der Landſtraße vor dem Hauſe auf- und abwandeln, er beſann ſich, ob er nicht zu Bella geſagt: Ich liebe Dich. Es war ihm, als hätte er laut geſprochen, und doch konnte es nicht ſein. Feuer⸗ räder, der Namenszug des Brautpaares, Leuchtkugeln ſtiegen auf, und zuletzt ſtieg aus einem Kahn vom Rhein eine große goldene Weinflaſche in die Höhe, zerplatzte in der Luft und ſtreute Leucht⸗ kugeln wie einen Sonnenregen aus. Muſik erſcholl und vom Ufer tönte ein Jubel, als ob die Wellen plötzlich Stimme gewonnen. In Erich wirbelte es, er wußte nicht mehr, wo er war. Da fühlte er plötzlich einen Arm, der ſich in den ſeinigen legte. Es war Clodwig. Erich fühlte ſich unwürdig, ein Wort zu ſprechen, und nur innerlich gelobte er ſich: Eher ſchieße ich mir eine Kugel in das Herz, ehe es noch ein einzigmal in ſolcher Regung er⸗ beben ſollte! Clodwig ſprach von Roland und wie er durchaus nicht billigen könne, daß man Roland in eine fremde Exiſtenz dränge. Erich antwortete zerſtreut. Clodwig glaubte, daß Erich von dem Vor⸗ haben wiſſe, dieſer aber deutete es nach dem militäriſchen Beruf und dabei war er zerſtreut und innerlich bebend. Erich vermied es, bei Bella ſich zu verabſchieden. Es war ſpät, als man wieder nach der Villa zurückkehrte. Der — Cabinetsrath und deſſen Gattin fuhren mit und übernachteten auf der Villa Eden. Die Cabinetsräthin ſaß mit Sonnenkamp und Prancken im Wagen; es war natürlich von dem glänzenden Feſt die Rede und daß die alte, berühmte Weinfirma nun erlöſchen würde, der Wein⸗ graf wollte ſeinen geſammten Vorrath verſteigern laſſen. Die Cabinetsräthin berichtete, daß Bella ihr vertraut habe, ſie lade in den nächſten Tagen die Mutter EFrichs und die Tante zu Gaſte; Prancken that, als ob er dies ſchon wiſſe; in der That aber war er überraſcht. Jetzt, da man nun allein war und ſich nicht zu ſcheuen hatte, betonte die Cabinetsräthin, daß Niemand leichter und unbefangener die Ertheilung der neuen Würde an Herrn Sonnenkamp anregen könne als die Profeſſorin. Es wurde nicht gerade beſchloſſen, aber es wurde doch Herrn Sonnenkamp das Vorrecht der Gaſtfreundſchaft zugeſprochen; er ſollte Mutter und Tante nach Villa Eden einladen. Sonnenkamp lächelte in ſich hinein, denn er hatte noch einen weiteren Plan, zu dem er die Profeſſorin verwenden konnte. Der General hatte wiederholt betont, daß die Mutter Erichs eine ver⸗ traute Freundin ſeiner Schweſter ſei, die als Oberin auf der Kloſterinſel lebte. Es war ein Doppelgriff, der nun zu thun war. Im dritten Wagen ſaß Erich wieder bei Roland, ſie waren ſtill und der Wagen fuhr langſam. Da rief eine Stimme am Wege: „Guten Abend, Herr Hauptmann!“ Erich ließ anhalten, es war der Küfer, der Sohn des Kriſchers, der des Weges kam; er brachte Erich einen Gruß von Herrn Knopf aus Mattenheim und erzählte, daß er heute dort geweſen, denn ſein Vater habe Knopf als Entlaſtungszeugen gebeten zu der auf morgen anberaumten Schwurgerichts⸗Verhandlung. Roland rieb ſich die Augen und ſchaute hin und her, als blickte er in eine fremde Welt. Er bat den Küfer, er ſolle zu ihnen in den Wagen ſitzen; der Küfer dankte und erzählte, wie es ihm ge— weſen ſei, als er, über die Höhe von Mattenheim kommend, aus dem Walde tretend, plötzlich drunten am Rhein die wunderlichen Feuer am Himmel aufſteigen ſah und er eben dort ſtand, wo das Echo von den Böllerſchüſſen widertönte. Er reichte Erich die Hand, Roland gab er ſie nicht. Als nun die Beiden weiterfuhren, ſagte Roland: „Alſo der Kriſcher hat in ſeinem Gefängniß die Böllerſchüſſe auch gehört und vielleicht auch das Feuerwerk geſehen? Ach, er hat nicht einmal einen Hund bei ſich, mit dem er ſprechen kann. Wie oft habe ich ihn früher bedauert, daß er ſo Tag und Racht durch die Felder wandern muß. Jetzt wird er ſich nach dieſer Ermüdung ſehnen. Und derweil er im Gefängniß ſitzt, wächſt Alles fort da draußen und die Diebe, die Haſen und die Füchſe merken, daß Niemand ihre Löcher ſo gut weiß wie der Kriſcher, und ich glaube doch, er iſt unſchuldig. Ach, warum muß es denn arme und unglückliche Menſchen geben, warum iſt nicht die ganze Welt glücklich?“ Zum erſten Male ſah ſich Erich genöthigt, Roland zu er⸗ mahnen, ſeinem Vater nichts davon mitzutheilen, daß er heute ſo an den Kriſcher und an die Armen und Unglücklichen gedacht. Erich war ſicher und beruhigt; die ſo viel belobte Erſcheinung als Apollo hatte dem Gemüthe Rolands nichts geſchadet. —— — —— —— ——— — ſ 3 3 3 6 3 Zehntes Capitel. „Was wären wir, wenn wir vor Gericht ſtehen müßten mit unſeren innerſten Gedanken?“ Das hatte Erich geſchrieben in der Beantwortung eines zier⸗ lichen Briefes, den ihm Bella geſchickt hatte. Und jetzt, als ſie vor dem Bilde ſtand, das ſie nun vollenden wollte, war's, als ſpräche das Bild dieſe Worte. In dieſer Secunde that ſich ihr ganzes Leben vor ihr auf. Die Tage der Kindheit— es iſt kein feſtes Bild von ihnen da. Die Lehrer lobten ſie wegen ihrer ſchnellen Faſſungskraft, eine franzöſiſche Bonne wurde entlaſſen, eine ſtrenge Engländerin ins Haus genommen; Bella lernte Sprachen geläufig und gute Manieren ſchienen ihr angeboren. Schon früh bewunderte man ihre witzigen Einfälle, ſie hörte ſie oft wiedererzählen; das ſchmei⸗ chelte ihrer Eitelkeit und tödtete ihr frühe ſchon die Unbefangenheit. Frauen und Männer, die ins Haus kamen oder denen man da und dort begegnete, lobten vor ihren Augen und Ohren ihre Schönheit. Sie wurde gefirmt, aber die heilige Handlung erſchien — — ihr nur als das Zeugniß, daß ſie nun aus der Kinderſtube ent⸗ laſſen werde, die kurzen Kleider ablegen und lange tragen dürfe. Als ſie zum Altare ging, beherrſchte ſie vor Allem der Gedanke: Du biſt die Schönſte. Der Vater gab nach und ſchon im nächſten Winter, erſt vier⸗ zehn Jahre alt, wurde Bella in die Geſellſchaft eingeführt. Sie war eine glänzende, viel umworbene Erſcheinung; Alles rühmte, daß ein Fuft der Jugendlichkeit auf ihr liege, der Entzücken ver⸗ breite. Aber ſchon früh zeigte ſich eine gewiſſe Kälte, man nannte ſie ſpöttiſch das Meerfräulein, und in ihrem Auge war, wenn man ſo ſagen darf, ein kaltes Feuer. Selbſt der regierende Fürſt zeichnete ſie aus. Von dem erſten Hofball bewahrte ſie noch ein Tanzkärtchen wie ein Heiligthum, auch das Bougquet lag vertrocknet dabei. Es bildete ſich eine ununterbrochene Kette von Huldigungen. Bella, immer mit treffenden Antworten bereit, war eine Belebung der Geſellſchaftskreiſe. Als ſie noch Kind war, lobte man ihr ins Antlitz ihre Schönheit, nun, da ſie erwachſen war, rühmte man offen oder hinter ihrem Rücken, aber ſo, daß ſie es erfuhr, ihren ungewöhnlichen Geiſt. Man forderte ſie zu ſcharfen Bemerkungen und Urtheilen heraus, man trug ſich ihre Witzworte zu. Dazu kam ihr Ruf, daß ſie viel gelernt habe, und ihr friſches lebhaftes Clavierſpiel, vor Allem aber ihre Zeichnenkunſt machte ſie zum Wunder der Geſellſchaft. Manchem jungen Mädchen, das nach ihr in die Geſellſchaft eingeführt wurde, wurde ſie zum Muſter vorgeſtellt. Noch nicht ſechzehn Jahre alt, hatte ſie ſchon manchen Bewerber um ihre Hand abgelehnt. Sie hörte lächelnd von der Verlobung des Einen und des Andern, denn ſie konnte ſich ſagen, Den hätteſt Du beſitzen können, wenn Du gewollt. An ihrem ſiebzehnten Geburtstage, der durch ein Morgen⸗ ſtändchen von der Gardemuſik gefeiert wurde, hätte man den Blick der großen Augen Bella's verändert ſehen können; denn als ſie von den Tönen der Muſik erwachte, erhob ſich in ihr ein Gedanke, der nie mehr wich. Und dieſer Gedanke war: ich glaube nicht an Liebe, all das Singen und Sagen von der Macht der Liebe iſt eitel Tradition! Nicht wenig hatte zu dieſer Kenntniß die Lehre der Mutter beigetragen, die ihr ſchon früh die Liebeskraft entwurzelte, indem —1;n — — —— — ſie ihr beſtändig vorhielt: was man Liebe nennt, ſei nichts als gemachte Empfindung. Die Mutter ſelber ſpielte noch gern mit den Huldigungen der Männerwelt. Wenn man von einem Balle aus einer großen Ge⸗ ſellſchaft heimkam, konnte die Mutter ihrer Tochter während des Auskleidens in eigenthümlich naiver Weiſe erzählen, wie der und jener ihr heute gehuldigt. Das war gewiß höchſt lehrreich für das Kind; und Bella hatte in der That nie Jemand geliebt, ſie konnte es nur nicht ertragen, daß ſich der nicht unterwerfe, dem ſie ſich zuneigte. Seltſam ſtand daneben die Einflüſterung einer Couſine der Mutter, die oft halb bitter, halb ernſt Bella zuflüſterte: Die rechte Liebe iſt nur die, die ſich einem Manne geringen Standes zuwendet. Wenn Du den Profeſſor, in deſſen Atelier Du arbeiteſt, wenn Du Deinen Muſiklehrer oder Deinen Sprachlehrer lieben würdeſt, das wäre wirkliche Liebe. Bella aber erſchien eine Zuneigung zu einem Lehrer, als ob man einen Livreebedienten, ja als ob man ein Weſen anderer Art lieben und zum Gatten wählen ſollte. Bella hatte viele Talente, nur nicht das der Liebe. An jenem ſiebzehnten Geburtstage hatte ſie zum erſten Male jenen kalten, gläſernen Blick, der über die Menſchen hinwegſieht, als wären ſie nur Schatten. Seit jenem Tage war's, als ob etwas in ihr erſtarrt wäre, was nie mehr zum Leben erwachen ſollte. Noch nicht zwanzig Jahre alt, zog ſie ſich, nachdem das Trauerjahr um ihre verſtorbene Mutter vorüber war, erkältet und abgeſtumpft von der Geſellſchaft zurück; ſie ließ ſich dazu nur noch bisweilen wie zu einer läſtigen Pflicht beſtimmen. Sie ſtudirte, zeichnete, muſicirte, ſie unterhielt ſich mit Künſtlern, Gelehrten und Staatsmännern, und dabei war etwas Starres in ihren Mienen und ihrem Augenſtrahl, wenn ſie nicht Witzworte umher— ſchleuderte, die immer einen um ſo auffälligeren Eindruck machten, da Bella eine mit ihrer Erſcheinung in Widerſpruch ſtehende tiefe Männerſtimme hatte. Es erregte großes Aufſehen, als man vernahm, daß Bella den Widerſpruch des Vaters gebrochen hatte, der es nicht zugeben wollte, daß ihre jüngere Schweſter vor ihr heirate. Vor dem Altare ſtand Bella neben ihrer Schweſter und durch deren Braut⸗ ſchleier hindurch ſah ſie das feurige braune Auge des vor Kurzem verwittweten General⸗Adjutanten auf ſich gerichtet. Sie zuckte mit 3 den Lippen. Du wirbſt vergebens um mich, dachte ſie und freute ſich dieſes Stolzes. Zerbrechen, zerſtören, Seelen peinigen, an⸗ locken und wegwerfen, das war ihre Luſt. Sie hatte zum Vater ⸗ geſagt: Ich möchte wohl heiraten, wenn man etwas mögen kann, 8 was man doch nicht will. Aber vor den Altar hintreten und auf d Leben und Tod Ja ſagen!... Ich erſchrak, als ich die Schweſter r das ſagen hörte, ich meinte, ich müßte dagegen rufen:„Nein! e nein! nein!“ Und ich ſtehe nicht für mich, daß ich nicht vor dem n Altar unwillkürlich Nein ſagen würde. Sie erbot ſich ſelbſt zur Begleitung einer kranken Prinzeſſin, die nach Madeira reiſen mußte. Die Prinzeſſin ſtarb und Bella e kehrte zurück. Sie lächelte, als man ihr erzählte, daß der General⸗ . Adjutant bereits verheiratet ſei. Sie konnte es nur gerecht finden, u daß die Bewerbungen um ſie allmälig nachließen, aber es ärgerte 8 ſie doch. n Wiederum reiſte ſie frei und ſelbſtändig mit zwei Engländerinnen n durch Italien und Griechenland. Lutz, der jetzige Cvurier Sonnen⸗ kamps, war ihr Courier geweſen. Sie verweilte einen ganzen Winter in Konſtantinopel. Die böſen Zungen der Reſivenz ſagten le damals, ſie ſuche einen Mann von Stellung, was er ſonſt ſei, t, wäre gleichgültig; ſie werde einen graubärtigen Paſcha heiraten. 8 Bella kehrte zurück und erſchien nun in der Geſellſchaft meiſt in Sammetklleidern. 8 Da trat die Bewerbung Clodwigs ein, und Verlobung und d Hochzeit war im Zeitraum von vier Wochen. Bella zog ſich mit ch ihrem Gatten nach Wolſsgarten zurück; ſie war durch die Ehe e, nicht anders geworden, die Vollendung, die die Che dem weib⸗ n lichen Weſen gibt, war ihr verſagt. Clodwig hatte ſich eine mübe en Seele genannt, ſo nannte ſie ſich auch. r⸗ Hier im hochgelegenen Landhauſe mit dem Ausblick in die reiche n, Landſchaft wollten ſie ausruhen. fe In der erſten Zeit fühlte Bella ſich demüthig und beſcheiden; in ſich befriedigt und abgeſchloſſen war nun das Leben. Gleich⸗ en mäßig floſſen die Tage dahin. Clodwig war auſmerlſam, mit⸗ en theilend und voll Huldigung; Ruhe und Beſtänvigkeit waltete in m ſeinem Geiſte. Bei jedem perſönlichen Begegnen war er überaus t⸗ rückſichtsvoll und zart, einzelne Heftigkeiten, die oſt in leiden⸗ m ſchaſtlich geſteigerten Worten ſich lundgaben, zeigten ſich nur da, it wenn er über allgemeine Zuſtände, beſonders über die Führung Auerbach. Lanvhaus am Rhein. U. 4 des Staatslebens ſich ausſprach. Bella ſah darin nur eine ge⸗ rechte Aufregung, denn Clodwig hatte ein ganzes Leben in einer lahmen Zeit und in den kleinlichen Verhältniſſen eines Zwergſtaats aufbrauchen müſſen, während er doch zu Größerem, Weltbewegen⸗ dem geſchaffen ſchien. Clodwig klagte ſich oft an, weil er beſtändig das Vertrauen aufrecht erhalten habe, daß ſich die Idee ſelbſt vollende; nun erſt zu ſpät ſehe er ein, wie man rückſichtslos eingreifend wirken müſſe. Sobald er aber ſich den Menſchen näherte und namentlich wenn er in den Hofkreis eintrat, war er wieder mild und vergebend. Elodwig war voll Bewunderung ſür die Talente ſeiner Frau, wenn er aber manchmal beſcheiden tadelte und ihr einzelne Ober⸗ flächlichteiten und Halbheiten zur Erkenntniß zu bringen ſuchte, konnte ſie ſich innerlich empören; ſie hatte nie die Wahrheit, ſondern immer nur Huldigungen vernommen. Dieſe pedantiſchen Zurecht⸗ weiſungen, wie ſie es nannte, verletzten ſie, aber ſie unterdrückte das in ſich. Die Welt ſollte ſie nicht eine Secunde unglücklich ſehen; die Spötter ſollten den Triumph nicht haben. Nun war in ihren Lebenskreis ein Mann getreten, der ſie empörte, und ſie ſprach das auch offen gegen Clodwig aus. Sie hatte mit Eifer gegen ſeine Anſiedlung in der Nachbarſchaft ge⸗ wirkt, da nun aber Clodwig beſtändig mit ſchwärmeriſcher Güte das Weſen dieſes Mannes hervorhob, ja gegen ihren Willen ihn an ſich zog, gab ſie ſich dem Wohlgefühl des belebenden Umganges hin. Ihr Lebenlang war Bella noch keine Stunde mit ſich ſelbſt unzufrieden geweſen, ſie bereute nie, was ſie gethan, denn ſie ſagte immer: Du warſt in dem Moment, als Du es thateſt, gewiß dazu berechtigt. Bella erſchien gerne glänzend, ein Grundtrieb in der Regſam⸗ keit ihres Geiſtes war Neugierde, ſie wollte in alle Wiſſensge⸗ biete eindringen, aber nichts drang ihr umbildend in die Seele; es ging ſie eigentlich nichts an. Man muß nur Alles kennen. So hatte ſie ſich auch in eine nähere Beziehung zu Erich einge⸗ laſſen, ſie wollte nur wiſſen, was da empfunden wird. Zu ihrem Schrecken gewahrte ſie, daß ſie gefangen und feſtgehalten war... So ſtand nun Bella vor dem noch immer nicht vollendeten Bilde; ſie war tief ärgerlich auf ſich. Sie war fertig mit der Welt geweſen, und nun noch einmal ſolch eine unreife und wahnwitzige Bewegung, denn unreif und wahnwitzig mußte ſie die Regung n t 5 nennen— und konnte doch nicht davon loskommen. War's, weil es ihr Selbſtgefühl verletzte, daß ſie zum erſten Mal die Hand ausſtreckte, die nicht empfangen wurde? Ihr großes Auge funkelte. Sie verließ raſch das Atelier; ſie ging nach ihrem Ankleide⸗ zimmer. Dort ſtand ſie vor dem großen Spiegel und löſte ihr reiches Haar auf, ſie ſtarrte in den Spiegel und auf ihren ge⸗ preßten Lippen lag die Frage: Biſt Du denn ſchon ſo alt?— Sie öffnete die Lippen wie ein Fieberkrankes, wie ein Verſchmach⸗ tendes, das trinken will. Ihre Augen ſtrahlten in unheimlichem Glanze, und ſie ſagte ſich: Du biſt ſchön, Du biſt frei genug, Dich ſelbſt zu betrachten wie ein Fremdes. Aber was ſoll dieſe unreife, dieſe wahnwitzige Bewegung? Sie nahm die langen Strähnen ihres Haares in beide Hände und hielt ſie unter dem Kinn über einander; zum erſten Male gewahrte ſie, daß ſie der Büſte der Meduſa droben im Erkerzimmer ähnlich ſah. Wild frohlockend wendete ſie den Kopf hin und her. „Ja, ich will Meduſa ſein! Er ſoll verſteinert, zerbrochen, zer⸗ malmt werden! Er ſoll vor mir knieen und dann will ich ihn mit Füßen treten!“ Sie erhob den Fuß, aber ſchnell ſchlug ſie ſich beide Hände vor das Geſicht und Thränen quollen ihr aus den Augen. Zerknirſchung und leidenſchaftliche Aufregung, Stolz und Demuth tämpften in ihr und es war, als ob das, was damals unter jener Morgenmuſik erſtarrt war, plötzlich ſich auflöſte und entfaltete wie ein lang verſchloſſener Blumenkelch. Eine Sehnſucht erwachte in ihr— eine Sehnſucht nach der Heimat wie in einem böſen Kinde, das von den Eltern in den Wald entlaufen iſt; ſie hatte ein Ver⸗ langen nach einem Ort, wo ſie ſtill geborgen und gehegt, nach einer Heimat. Wo iſt ſie? wo? Sie verlangte nach einer Seele, vor der ſie ihre ganze Seele ausſchütten konnte. Es ſchauderte ſie, allein zu ſein; ſie klingelte nach der Kammer⸗ frau und ließ ſich ſchön ankleiden. „Sag' mir, wie alt ich bin. Weißt Du's noch?“ fragte ſie plötzlich. Die Kammerfrau erſchrak über dieſe Frage; ſie fand nicht ſchnell die Antwort, da fuhr Bella fort: „Ich war nie jung.“ ———7 1„—— „O, gnädige Frau, Sie ſind es noch und haben nie beſſer ausgeſehen als jetzt.“ „Glaubſt Du?“ ſagte Bella und warf den Kopf zurück. Sie erſchien ſich wie gefangen; ſie verließ das Haus und ging durch den Garten. Ohne daß ſie es gewollt, ſtand ſie im Erd— geſchoß bei den ausgegrabenen Alterthümern und in ihr ſprach's: Wos iſt dies Alles? Was ſind dieſe Krüge? Vulcaniſirte Aſche! Alles Aſche! Was ſoll dieſe antiquariſche Topfguckerei; vieſes Sammeln vergrabener Alterthümer, dieſes beſtändige Denken und Reden von Menſchheit und Fortſchritt? Alles fremd, todt, eine Unterhaltung auf dem Todtenlager, kein Leben, keine Hoffnung, keine Zukunft, nie in den Tag hinein, immer in die Nacht hinein, in die Nacht der Vergangenheit und in die märchenhafte Menſch⸗ heits⸗Idee! Aber ich bin nicht Vergangenheit, nicht Menſchheits⸗ Idee! Ich bin der heutige Tag, ich will der heutige Tag ſein! Sie ſah zweien Schmetterlingen zu, die auf den Blumen hin und her flogen und dann in die Luft hinein, ſich neckend, zu einander fliegend, ſich trennend, ſich wieder ſuchend. Das iſt Leben! rief es in ihr. Das iſt Leben! Sie graben keine Alterthümer aus, ſie leben nicht mit Alterthümern. Da kam eine Schwalbe daher geſauſt, haſchte einen Schmetter⸗ ling und verſchwand. Was haſt du nun, armer Schmetterling, von deinem Leben? Drunten über dem Rhein verflogen die Rauchwolken der Dampf⸗ ſchiffe und Bella dachte: Wer auch ſo verfliegen könnte! Unſer Lebensathem iſt nichts als eine Flocke Rauch mit den Tauſenden von Flocken des Athems, und das nennt man Leben und es verweht wie die Tauſende... Die Kinder der Arbeiter auf dem Gute kamen aus der Schule, ſie grüßten die gnädige Frau. Bella ſtarrte ſie an. Was wird aus dieſen Kindern? Wie ſich vor ſich ſelbſt verbergend, begrub ſie ihr Antlitz in einem Blüthenbuſch. Sie verließ den Garten. Draußen ſah ſie im Hof den Tauben zu. Die ſchöne Schwalbentaube war ſo ſpröde, fraß ſo ruhig und achtete nicht auf das verliebte Gegurgel; dann flog ſie auf die Dachfirſte und putzte ſich die Federn. Der Täuberich flog ihr nach, aber ſie ſchüttelte den Kopf und ſtog davon. Bella ſah, wie ein Knecht Ochſen ins Joch ſpannte. Er legte ——— ——— er — zuerſt ein Polſter auf das Haupt des Thieres und dann das hölzerne Joch darauf. Das iſt die Welt! Das iſt die Welt! ſprach's in ihr. Ein Polſter zwiſchen Joch und Haupt, ein Polſter von ſublimen Ge⸗ danken, von gemachten Empfindungen! Der Knecht ſtaunte, da die gnädige Frau ſo dreinſtarrte und ihn jetzt fragte: „Thut's ihnen nun auch nicht weh?“ Er verſtand die Frage nicht, ſie mußte ſie wiederholen und erhielt die Antwort: „Dazu iſt der Ochs da und weiß nichts anders. Seitdem der gnädige Herr das Doppeljoch hat abſchaffen laſſen und Jeder ſein beſonderes Joch hat, ſind ſie freilich ſchwerer zu regieren, aber ſie ziehen auch leichter als im Doppeljoch.“ Bella zuckte. „Doppeljoch— beſonderes Joch,“ tönte es vor ihr und plötzlich war es ihr, als wäre es Nacht, ſie ſelber nur ein Geſpenſt, das hier umher wandle. Dieſes Haus, dieſer Garten, dieſe Welt, Alles iſt Schattenreich... Es war beklemmend ſchwül, Bella glaubte, ſie könne kaum athmen. Da zog ein friſcher Luftſtrom über die Höhe, ein Ge⸗ witter ſtieg unverſehens herauf und kaum war Bella im Hauſe, als es losbrach mit Blitz und Donner und vom Winde gejagtem Regen. Sie ſtand am Fenſter und ſah hinaus ins Weite und dann wieder auf einen hohen Eſchenbaum, dem der Wind die Zweige auseinander zerrte und den Stamm hin und her bog. Der Baum neigte ſich nach dem Hauſe, als müſſe er hier Hülfe ſuchen. Bella dachte in ſich hinein: Jahre um Jahre wurzelt der Baum hier und gedeiht, kein Sturm kann ihn ausreißen und ihm die Aeſte knicken. Weiß er, daß dieſer Sturm vorübergehen und ihn nur neu beleben wird? „Erich!“ ſagte ſie plötzlich laut vor ſich hin. Da trat Clod⸗ wig ein und ſagte: „Liebe Frau, ich ſuche Dich.“ Bella fuhr es tief in die Seele, als ſie ſich„liebe Frau“ nennen hörte. Clodwig zeigte ihr einen Brief an die Profeſſorin, durch den er ſie nach dem Wunſche Bella's zu einem mehrwöchent⸗ lichen Beſuche auf Wolfsgarten einlud. „Schicke den Brief nicht ab,“ ſagte ſie, den Blick Clodwigs ——— ——— —— vermeidend,„laß uns wieder allein ſein; ich wünſchte jetzt keine Unruhe durch die Familie Dournay.“ Clodwig erklärte, daß eine ſolche Frau nicht Unruhe, ſondern ſchöne Gemeinſamkeit bringen und daß man auf angenehme Weiſe oft Erich bei ſich ſehen werde. Bella ſchwieg. Das Wetter hatte nachgelaſſen; Bella öffnete das Fenſter, ein erfriſchender Luftſtrom zog ein. Sie hielt den Brief in der Hand; das war das Gewitter, Blitz, Sturm, Regen und Donner, die heut durch ihre Seele gezogen und jetzt lauter Erquickung wurden. Sie ſagte ſich, daß der Umgang mit der edlen Frau ihr wie⸗ der das eigene Selbſt geben werde, ja einen Augenblick ging es ihr durch die Seele, daß ſie der Mutter Alles bekennen und ſich von ihr halten laſſen wolle. Nebenher aber ging wie eine zweite Melodie der Gedanke, daß das nicht nöthig ſei; es würde ſich leicht fügen, daß Erich nach Wolfsgarten käme, und der Verkehr mit ihm lenkt ſich dann wol in ruhige Bahn zurück. Haſtig ſchrieb Bella einige Zeilen unter den Brief ihres Gatten. Eben, als man den Brief ſchließen wollte, kam der Doctor; auf den Wunſch Clodwigs fügte er gleichfalls einige Worte hinzu. Elftes Capitel. Noch brauſte der Kopf von dem Knattern und Praſſeln des Feuerwerks, noch flimmerten die wunderbaren Lichtgarben, tönte Hörnerklang in der Erinnerung, als man am Morgen ſich rüſten um Zeugniß vor Gericht in Sachen des Diebſtahls abzu⸗ egen. Prancken blieb mit den Gäſten auf der Villa zurück; er hatte den Auftrag übernommen, ihnen das neu angekaufte Landhaus zu zeigen. Sonnenkamp, Roland' und Erich, dazu der Caſtellan, der Kutſcher Bertram, der Obergärtner, das Eichhörnchen und zwei Gartenknechte machten ſich auf nach der Feſtungsſtadt zum Schwur⸗ gerichte. Man kam am Hauſe des Weingrafen vorüber, der nun Baron von Endlich hieß. Hier ſah man noch die Pflöcke und da umd dort die Hülſen eines abgebrannten Feuerkörpers; das ganze — Haus war verſchloſſen, die Familie ſchlief zum erſten Male den Schlaf des Adels. Man kam zeitig in der Feſtungsſtadt an. Sonnenkamp ging nach dem Telegraphenamt, um von dort aus Depeſchen abzuſenden, darunter auch eine an die Profeſſorin nach der Univerſitätsſtadt. Roland und Erich ſpazierten noch eine Weile vor die Stadt hinaus rheinaufwärts; Alles war voll Friſche und bewegten Le⸗ bens, aber die Beiden ſprachen kein Wort. Sie kehrten in die Stadt zurück, ſie kamen an der Fruchthalle vorüber; da war jetzt lebhaftes Marktgewühl und über Rolands Antlitz ging ein ſchmerz⸗ liches Zucken, als er ſagte: „Damals... damals war es ganz anders wie heute. Glaubſt Du nicht, daß unter den Sängern auch Schelme geweſen ſind, vielleicht ärger als die dort im Gefängniſſe?“ Es ſchmerzte Erich tief, daß Roland ſo früh die Bitterniß und den Zwieſpalt des Lebens erkennen mußte. Sie gingen mit einander nach dem Gerichtsgebäude. Der Präſident und die Richter traten ein, ſie ſetzten ſich auf eine Erhöhung, rechts ſaßen die Geſchwornen, links die Verthei⸗ diger und die Angeklagten; die Tribüne war voll Zuhörer, denn man war begierig, den geheimnißvollen Herrn Sonnenkamp öffent⸗ lich ſprechen zu hören, und wer weiß, was man ſonſt noch er⸗ fährt. Auf der Bank der Angeklagten ſaßen das Erdmännchen Nico⸗ las, der Reitknecht und der Kriſcher. Das Erdmännchen ſchnupfte ſehr eifrig, der Reitknecht ſchaute keck um, der Kriſcher hielt ſich die Hand vor die Augen. Nicolas ſah wohlgenährt aus, die Gefängnißzeit ſchien ihm gut gethan zu haben; er ſchaute im Saale faſt vergnüglich um, wie wenn er ſich geſchmeichelt fühle, daß ſo viele Menſchen ſich um ihn bemühen. Der Reitknecht, der ſich ſehr gut friſirt hatte, betrachtete die Verſammlung mit verächtlichem Blicke. Der Kriſcher war tief abgehärmt, er rückte von ſeinen Mit⸗ angeklagten weg, und wenn ihm das Erdmännchen etwas zuflüſtern wollte, wehrte er unwillig ab. Er ſchaute hinauf nach dem Zu⸗ hörerraum, dort ſah er ſeine Frau, zwei ſeiner Söhne und ſeine Töchter, der Küfer war nicht dabei. Die Kinder ſchienen gewachſen in der Zeit, da er ſie nicht geſehen, und ſie hatten ihre Sonntags⸗ — — —— ————— ——————— —— ———— — 2— ꝛ 2—— —— kleider an, um die Schande— nein, gewiß die Ehre ihres Vaters mit anzuſehen. Unruhig rückte der Kriſcher auf der Bank hin und her und ſagte mit den Lippen, ohne einen Laut von ſich zu geben, etwas hinauf zu ſeiner Frau. Er ſagte ihr in Gedanken: ſei ruhig, es dauert nur noch ein paar Stunden, dann gehen wir mit ein⸗ ander heim. Auf der Bank der vorgeladenen Zeugen ſaßen Sonnenkamp, Erich und Roland. Roland hatte den Platz zwiſchen dem Vater und Erich und ſchmiegte ſich an dieſen wie furchtſam. Der Anklageact wurde verleſen. Sonnenkamp wurde zuerſt vernommen, um die entwendeten Gegenſtände als ſein Eigenthum zu erkennen. Roland richtete ſich auf, da er ſeinen Vater ſo gut und ſo mild ſprechen hörte. Sonnenkamp bedauerte, daß Menſchen ins Unglück kämen, aber Gerechtigkeit müſſe walten. Er wurde entlaſſen, er verließ den Saal. Der Obergärtner mußte als Zeuge vortreten, man hörte ſeine Ausſage kaum. Erſt als Erich aufgerufen wurde, trat wieder Stille und Aufmerkſamkeit ein. Frich erzählte den Hergang. In ſeiner Stimme war ein nur von ihm empfundenes Zittern, da er hier vor dem öffentlichen Gerichte ſeinen Aufenthalt auf Wolfsgarten erwähnte. Er faßte ſich und erklärte, daß der Kriſcher allerdings mit Bitterkeit über den Unterſchied von Reich und Arm geſprochen habe; er betheuerte indeß, daß er den Mann keines gemeinen Verbrechens fähig halte. In der ganzen Verſammlung erregte es ein ſeltſames Flüſtern, als Erich erzählte, wie der Kriſcher ihm die Frage vorgelegt habe: Was würden Sie thun, wenn Sie Millionen beſäßen? Die Frage war nun hinausgegeben in alle Welt. Knopf wurde vorgerufen. Er legte zuerſt ein ſchriftliches Zeugniß des alten Herrn Weid⸗ mann vor; der Kriſcher hatte mehrere Jahre bei ihm als Knecht gedient und er gab ihm das Zeugniß eines Mannes, der keines Betruges, viel weniger eines Verbrechens fähig ſei. Dann ſetzte Knopf aus Eigenem hinzu, wie der Kriſcher über manche Dinge grübele, die er nicht bewältigen könne. — ——— — Roland wurde vorgerufen; hochaufgerichtet trat er vor die Stufen des Gerichts; der Kriſcher nickte ihm zu. Da Roland noch nicht eidesmündig war, durfte er nicht ſchwö⸗ ren; es machte aber einen guten Eindruck, als er mit freier Stimme ſagte, ſein Wort gelte ihm wie ein Eid. Er erkannte die geſtohlenen Sachen als die ſeinen; er glaube, daß die Zimmer des Vaters verſchloſſen geweſen ſeien, doch würde er ſich nicht erlauben, das zu beſchwören, weil er mehrere Tage vor dem Diebſtahl nicht in die Nähe jener Räume gekommen ſei. Und jetzt, ohne darum gefragt worden zu ſein, ſprach er ſeine Ueberzeugung aus, daß der Kriſcher keinen Theil an dem Ver⸗ brechen haben könne. Der Kriſcher ſtand bei dieſen Worten auf; der hinter ihm ſitzende Landjäger mußte ihm die Hand auf die Schulter legen, daß er ſich wieder ſetze. Nochmals wurde Erich vorgerufen, um Näheres darüber an⸗ zugeben, daß ſich der Kriſcher wenige Tage vor dem Einbruchs⸗ diebſtahl das ganze Haus hatte zeigen laſſen. Als Erich ſich wieder ſetzte, erhob ſich Roland und fragte: „Herr Präſident, darf ich noch ein Wort ſprechen?“ „Sprechen Sie,“ erwiderte der Präſident aufmunternd,„ſpre⸗ chen Sie ganz wie Sie wollen.“ Mit feſtem Schritt trat Roland vor; er hatte die volle Man⸗ nesſtimme, da er jetzt ausrief: „Ja, er hat oft geklagt, daß Ein Menſch darbe und der andere praſſe. Aber noch öfter hat er geſagt: die Hand müſſe verdorren, die unrecht Gut feſthält. Kann das ein Menſch und dann ſelber nächtlicher Weile in ein fremdes Haus eindringen und ſtehlen? Ich bitte, ich beſchwöre Sie inſtändig, ſprechen Sie es aus: dieſer Mann iſt ſo unſchuldig wie Sie Alle, wie ich!“ Er hielt inne und ſtand noch wie feſtgebannt, eine Weile war es ſtill, athemlos in der ganzen Verſammlung. „Haben Sie noch etwas zu ſagen?“ fragte der Präſident. Roland ſchien jetzt zu erwachen; er erwiderte: „Nein, weiter nichts. Ich danke.“. Er kehrte zu Erich zurück, der ihm ſtill die Hand feſthielt; die Hand Rolands war eiskalt, ſie erwarmte in der ſeinen. Auf der andern Seite faßte auch Knopf nach der Hand ſeines ehemgligen —— Zöglings, aber er konnte ſie nicht faſſen, denn er mußte die Brille abthun; die Brille war naß geworden, große Thränen waren ihm aus den Augen geronnen. Die Verhandlungen waren kurz. Es ergab ſich, daß der Kriſcher nichts davon wußte, daß man in der Hundehütte Werth⸗ gegenſtände vergraben hatte. Er hatte dem Kutſcher nur aus Gut⸗ müthigkeit ein Nachtquartier gegeben. Der Kutſcher und das Erd⸗ männchen konnten nicht mehr läugnen, der Eine ſuchte nur die Schuld des Einbruchs auf den Andern abzuwälzen. Die Geſchwornen zogen ſich in ihr Berathungszimmer zurück; bald traten ſie wieder in den Saal und der Altmeiſter, der unter den Geſchwornen war und den man zum Obmann erwählt hatte, verkündete, die Hand aufs Herz gelegt, den einſtimmigen Wahr⸗ ſpruch: Unſchuldig gegen den Flurſchützen Claus, genannt Kriſcher; ſchuldig auf alle Fragen gegen Nicolas und den Reitknecht. Der Kriſcher wurde ſofort in Freiheit geſetzt. Draußen vor dem Gerichtsſaal, als Frau und Kinder ihn um⸗ ringten— jetzt war auch der Küfer da— drängte ſich Roland durch, faßte die Hand des Kriſchers und drückte ſie feſt. Der Kriſcher wehrte Alle ab; er ſagte, er müſſe zum Sohne Weidmanns, der unter den Geſchwornen geweſen. Dieſer kam gerade; der Kriſcher rief, der junge Weidmann möge ſeinem Vater ſagen, daß Alles weggewiſcht ſei, weil die ganze Welt vernom— men habe, wie der Herr Weidmann von ihm denke. Erich bat den jungen Weidmann, den Vater von ihm zu grüßen; er werde bald den verſprochenen Beſuch auf Mattenheim machen. Knopf ſtand unter einer Gruppe Menſchen und bat, ſie möch⸗ ten doch Roland nicht loben, das werde ihn verderben. Und vor lauter Abwehren, daß Andere ſich nicht zu Roland drängen, kam er nicht dazu, ihm die Hand zu reichen. Nun erſchien auch Sonnenkamp. Er grüßte nach allen Seiten, dann ging er auf den Kriſcher zu und glückwünſchte ihm. Er rief Roland beiſeite und ſagte ihm, er möge mit Erich allein zurückfahren; er müſſe noch in der Stadt bleiben und auf ein Telegramm warten. Roland bat und drängte, der Kriſcher und ſeine Familie ſoll— ten ſich in ſeinen Wagen ſetzen. —— — Der Kriſcher verneinte. Er ging mit Frau und Kindern hinaus vor die Feſtung und als er am Rheines-Ufer ſtand und die weite Landſchaft ſich wieder vor ihm aufthat, rief er, die Hände erhebend: „O lieber Gott, wie ſchön iſt Dein Himmel, Dein Waſſer, Deine Weinberge und Deine Felder! Wenn ich nur wüßte, warum Du vas verteufelte Geld in die Welt haſt kommen laſſen.“ „Daß man einen guten Schoppen trinken kann,“ rief der Aichmeiſter, der hinzugetreten war.„Komm mit in die Schippe.“ Aus ſeiner Rührung heraus ließ ſich's der Kriſcher gern ge⸗ fallen, mit in das Wirthshaus„zur goldenen Schippe“ zu gehen. Man ſaß behaglich beiſammen, als Erich und Roland im Wagen vorüberfuhren; der Kriſcher hielt ihnen zum Fenſter hin⸗ aus das Glas entgegen, ſie hielten an. Roland bat nochmals, daß der Kriſcher ſich zu ihm in den Wagen ſetze. Jetzt will⸗ fahrte er und ſtieg mit ſeiner Frau ein; die Kinder waren voraus heimwärts gegangen. Im Triumph führte Roland den. Befreiten durch die Stadt, durch die Dörfer. Die Frau ſchaute immer verſchämt vor ſich nieder, weil ſie ſo in einer Kutſche fahre; der Kriſcher aber ſchaute frei drein und ſagte nur manchmal: „Es iſt Alles gut gewachſen vhne mich.“ Zwölftes Capitel. Dieſelbe Sonne, die auf Wolfsgarten ſchien, wo Bella heftig mit ſich kämpfte, dieſelbe Sonne, die durch die herabgelaſſenen grünen Rollvorhänge im Gerichtszimmer auf die Bank der An⸗ geklagten ſchien, ſchimmerte auch durch die Jalouſien in die ſtille Wohnſtube der Profeſſorin in der Univerſitätsſtadt. In der Cla⸗ vierecke beim Blumenfenſter ſaß die Mutter Erichs bei ſtiller Ar⸗ beit und dachte ihres Sohnes. Er hatte ihr getreulich Bericht erſtattet, dann aber um Entſchuldigung gebeten, wenn ſeine Briefe unregelmäßig und haſtig ſeien; er müſſe eine Zeit lang ſich ſelbſt vergeſſen und Alles, was ihm gehöre. Anfangs war mehrmals von Clodwig und Bella die Rede geweſen und wie er ſich bei ————— — den Freunden ſo heimiſch fühle; dann wurde Bella gar nicht mehr erwähnt. Seit dem Beſuche, den Clodwig und Bella in der Univerſitäts⸗ ſtadt gemacht, gewannen die Briefe Frichs für die Mutter eine neue Betrachtnahme. Tante Claudine, die nur ſelten ſprach, hatte die Mutter daran erinnert, wie Bella ein Jugendbild Erichs mit ungewöhnlichem Intereſſe betrachtet habe; die Mutter, die das auch gefunden, hatte darin nur das Intereſſe der Künſtlerin ge⸗ ſehen, da das Bild von einem berühmten Künſtler gemalt und Bella als Portraitmalerin von nicht gewöhnlicher Bedeutung be⸗ kannt war. Nun aber, wenn Erich von Wolfsgarten ſchrieb, hatte ſie immer ſeltſame Wendungen gefunden, und wenn er Wolfs⸗ garten gar nicht erwähnte, war ihr dies noch auffälliger. Die beiden Frauen lebten in den Wohnräumen faſt ſo ſtill und lautlos, wie die Blumen, die unter ihren Augen wohlgediehen; ſeit dem Beſuche von Clodwig und Bella war es, als wäre von der alten Ruhe etwas genommen. Hatte Bella ſolch einen Einfluß gehabt und etwas von der ſtillen Ruhe mitgenommen? Es war am Mittag, da brachte der Briefbote einen Brief von Clodwig. Die Buchſtaben waren fein und geordnet, kein Strich mit Haſt, aber auch keiner mit beſonderer Befliſſenheit ge⸗ führt, Alles floß gleichmäßig und die Zeilen waren ſo gut aus⸗ einander gehalten und doch ohne Raumverſchwendung. Schon das Anſchauen des Briefes erweckte Wohlgefallen und ebenſo beſtimmt und ruhig war Inhalt und Form des Ausdrucks. Er ſagte, daß. die Profeſſorin ihn zu Dank verpflichten würde, wenn ſie der Ein⸗ ladung zu einem mehrwöchentlichen Beſuche Folge leiſten wollte. Er berief ſich auf die freundliche Beziehung zu ihrem verewigten Gatten und die ſchöne Erneuerung derſelben in dem Verhältniß zu Erich. Zuletzt wies er auf ihre beiderſeitige perſönliche Be⸗ kanntſchaft hin, indem er hinzufügte, er habe in ſeinem langen Leben noch nie eine herzliche Anmuthung empfunden, die nicht auch erwidert wurde; er bitte daher, ihn nicht noch in ſeinen alten Tagen zu beſchämen.. Darunter hatte Bella mit großen Zügen und in haſtiger Schrift die Bitte geſchrieben, daß die Profeſſorin und Claudine ihr die Ehre eines Beſuches gönnen ſollten; ſie ſagte, ſie ſchreibe nur wenige Worte, in der feſten Zuverſicht, daß es ihr vergönnt ſei, in traulichem Geſpräche ſich zu ergehen. 6— Der Doctor erbot ſeinen ärztlichen Beiſtand und fügte hinzu, daß es ſeinem jungen Freunde Erich Wahrung und Richtung ſein werde, wieder dem Blicke ſeiner Mutter zu begegnen. Dieſes Wort gab der Profeſſorin viel zu denken; ſie war entſchloſſen, der Einladung Folge zu leiſten. Da klopfte es wieder, die Depeſche Sonnenkamps wurde gebracht. Noch hatte die Profeſſorin ſie kaum geleſen, als ein ſchwerer Schritt die Treppe herauf kam. Der Major trat ein. Die Profeſſorin erſchrak, ſie erkannte ihn nicht, ſie ſah nur den gerötheten Kopf mit dem kurzen ſchneeweißen Haar und das Ordensband auf ſeiner Bruſt. Im erſten Augenblick war's ihr, 6 als ob ein Gerichtsbote käme, der irgend etwas Erich Gefährdendes auszuſühren hätte. Der Major machte es auch nicht beſonders geſchickt, indem er ſofort ſagte. „Frau Profeſſorin, ich komme als Execution. Aber ich ſoll Sie nicht aus dem Paradies treiben, ſondern im Garten Eden einſperren.“ Er hatte ſich das ſo ausgedacht während der Fahrt und mit ſtummer Lippe vor ſich hin geſagt; jetzt kam es ſo ungeſchickt heraus, daß die gute Frau ſich vor Zittern kaum aufrichten konnte. Der Major rief: „Bleiben Sie nur ſitzen, mit mir macht man keine Umſtände, das wiſſen alle Menſchen. Ich ſtöre keinen Menſchen in ſeiner Ruhe; mir iſt's am liebſten, man bleibt ſitzen, wenn ich komme. Geht's Ihnen nicht auch ſo? Da hat man die Sicherheit, daß man nicht ſtört.“ „Kommen Sie von meinem Sohn?“ „Ja, auch von ihm. Sehen Sie, ich bin gerade Keiner von den Beſten, aber auch Keiner von den Schlechteſten; Eines kann ich mich rühmen, nie in meinem Leben habe ich einen Menſchen beneidet, aber wie Sie da geſagt haben: mein Sohn— darum hab' ich Sie beneidet. Und nun gar, wenn ich einen ſolchen Sohn hätte wie Sie!“ Der Major übergab Briefe von Sonnenkamp und der Cabinets⸗ räthin; er wünſchte, daß ſie ſoſort geleſen würden, denn ſie er⸗ ſparten ihm das Reden. Die Profeſſorin las, hieß ihn nochmals willkommen und rief die Schwägerin. 62 Die Jalouſien nach der Straße wurden geöffnet, der volle Lichtſtrom drang herein und beſchien heitere Geſichter. „Was wollen wir thun?“ fragte Tante Claudine. „Da iſt von Wille keine Rede mehr; wir folgen der Einladung.“ „Zu wem?“ „Natürlich zu Herrn Sonnenkamp.“ „Recht ſo,“ ſchmunzelte der Major. Es war noch Mancherlei vorzubereiten, ehe man abreiſen konnte. Der Major verſprach, daß Joſeph nachkommen und Alles bringen ſollte; kein Zwirnsfaden ſolle vergeſſen werden. Er zog ſich zurück, um in einigen Stunden wiederzukommen, er hatte ja hier Bundesbrüder zu begrüßen. Am Mittag fuhr der Major mit den beiden Frauen dem Rheine zu, und er war ſo ſtolz und glückſelig, als hätte er die Kriegskaſſe des Feindes erobert. Dreizehntes Capitel. Erich und Roland fuhren mit dem Kriſcher und ſeiner Frau. Als man an der Gemarkung des Kriſchers ankam, ließ er an⸗ halten und ſtieg aus. „Nein, hier fahre ich nicht,“ ſagte er. Es ſchien Mancherlei in der Seele des Kriſcher zu wirken: die Gerichtsverhandlung, die Gemüthserregung beim Anblick der freien Natur nach wochenlanger Gefangenſchaft, die Fahrt im Triumph.. Still ging er dahin, er nahm eine Scholle von einem friſch⸗ gepflügten Felde, trug ſie eine Zeitlang in der Hand, dann warf er ſie weg. „Alſo ich bin unſchuldig?“ murmelte er vor ſich hin.„Wenn ein Armer krank geweſen iſt und geſund wird, iſt er wieder ein geſunder Armer, weiter nichts...“ Auch Erich und Roland waren ausgeſtiegen und gingen mit den Beiden zu ihrem Hauſe. Da rief es plötzlich aus dem Wein⸗ berge; der Siebenpfeifer kam daher mit der Hellebarde, die der Kriſcher als Zeichen ſeines Feldhüteramtes geführt hatte. Er übergab ſie dem Kriſcher und geleitete die Heimkehrenden. D— e Die Hunde im Hofe bellten und die Vögel in der Stube ſprangen hin und her und zwitſcherten durcheinander, da ihr Herr wiedergekommen war. Die Schwarzamſel übertönte Alles, denn ſie ſang: Freut Euch des Lebens— bei der zweiten Zeile aber blieb ſie ſtecken. Der Kriſcher ſchaute Alles an, als wenn er eben erſt erwache. Endlich ſaß die ganze Familie um den Tiſch und aß die erſten neuen Kartoffeln, die eine Nachbarin vorſorglich geſotten hatte. Noch nie hatte Roland eine Speiſe ſo geſchmeckt. Er führte faſt allein das Wort; er erzählte, wie er auf ſeiner Reiſe zu Erich bei den arbeitenden Frauen am Weinberge Kaffee getrunken habe; mit großem Geſchick wußte er den Frauen nachzuahmen und auch dem Winzer, der Amerika kein Geld für Zucker geben wollte. Roland, der die ihm geſtohlene Uhr zurückerhalten hatte, bot ſie dem Kriſcher zum ewigen Angedenken. Dieſer aber wollte ſie nicht annehmen, ſelbſt nicht, als Erich und der Siebenpfeifer zu⸗ ſprachen. „Vater, nehmt ſie nur,“ ſagte der eintretende Küfer; er kam vom Hauſe des Siebenpfeifer, wo er der älteſten Tochter deſſelben, die er liebte, die Freiſprechung ſeines Vaters verkündet hatte. Der Siebenpfeifer hänſelte den Kriſcher, daß er ſich zu viel Gedanken mache und beſtändig daran denke, daß man reich ſein könne; das ſei gar nicht nöthig. Der Menſch ſei freilich innen hohl, aber mehr als ſich ſatt eſſen und ſeinen Durſt löſchen, und mehr als gut ſchlafen könne der Reiche auch nicht, und es käme gar nicht aufs Bett an, in dem man ſchläft, ſondern daß man eben gut ſchläft, und in der Kutſche fahren, ſei reiner Unſinn, auf ſeinen geſunden Spazierſtöcken umhergehen, ſei viel beſſer. Es war auch vom Erdmännchen die Rede, und der Sieben⸗ pfeifer ſagte: „Wenn man einmal das Grab des Nicolas beſuchen will, muß man eine Leiter mitnehmen.“ „Warum?“ fragte Roland. „Weil er noch gehängt wird.“ Der Kriſcher hatte es nicht gern, daß man von böſen Men⸗ ſchen ſprach. Der Siebenpfeifer war wieder die fröhliche Armuth. Er hatte ein Kind nach ſeinem Hauſe geſchickt und eben, als einige Flaſchen Wein kamen, die Fräulein Milch ſendete, ertönte Geſang auf dem —— Hausflur. Die ganze Orgelpfeife kam und bald ſangen der Sieben⸗ pfeifer und Erich mit. Erich drängte, daß man ſich auf den Heimweg mache. Als man vom Dorfe auf die Hauptſtraße ablenkte, kam ein Wagen daher, daraus gewinkt wurde, und die mächtige Stimme des Majors rief: „Bataillon halt!“ Sie hielten an; im Wagen ſaß der Major mit der Mutter und Tante. „Das iſt das Einzige, was ich mir jetzt hätte wünſchen mögen,“ rief Roland.„Herr Major, der Kriſcher iſt freigeſprochen, er iſt unſchuldig!“ Sie ſtiegen aus, die Mutter umarmte Roland und ihren Sohn, und Frich ging mit ſeiner Mutter am Arme, die an der andern Seite Roland an der Hand führte, nach der Villa, während die Wagen hinterdrein folgten. Der Major bot der Tante den Arm, aber ſie lehnte ihn ab; ſie entſchuldigte ſich, es ſei eine Eigenheit von ihr, daß ſie ſich nie führen laſſe. „Iſt eigentlich auch beſſer... Fräulein Milch hält's auch ſv. Sie werden ſie kennen lernen... werden gute Freundinnen wer⸗ den, verlaſſen Sie ſich darauf. Unbegreiflich, woher ſie Alles erfährt! Sie hat gewußt, daß Graf Clodwig Sie eingeladen hat. Aber wir haben auch Kriegsliſt, wir ſind ihm zuvor gekommen. Wer das Glück hat, führt die Braut heim, heißt das, man ſagt nur ſo.“ Die Mutter konnte nicht ſprechen, das Herz war ihr zu voll. Auf der Villa war freundlicher Willkomm. Die Cabinetsräthin umarmte und küßte die Profeſſorin; Frau Ceres ließ ſich ent⸗ ſchuldigen. Als es Nacht wurde, kam auch Sonnenkamp. Der helle Mond ſchien, als Erich und Roland die Mutter und Tante nach dem rebenumrankten Häuschen geleiteten. Und hier auf dem Balcon faßte die Mutter nochmals ſtill die Hand Erichs und ſagte: „Wenn Dein Vater Dich ſähe, er würde ſich mit Dir freuen. Du haſt noch Deinen guten und reinen Blick.“ t. n. gt in er id d Siebentes Buch. Erſtes Capitel. Das Beſte, womit ein Menſchenherz ſich erfüllt und erquickt, iſt Mutterliebe. Alle Liebe der Menſchen muß erworben, erobert und verdient, über Hinderniſſe hinweg erkämpft und bewahrt werden; die Mutterliebe allein hat man immer, unerworben, un⸗ verdient und allzeit bereit. Warum hat Roland ſolch eine Mutterliebe nicht vollauf? Erich ſtand früh am Bette Rolands; es war nie nöthig, daß er ihn weckte, ſobald er ihn mit vollem Blicke betrachtete, wachte Roland auf. Jetzt öffnete er die großen Augen und ſein erſtes Wort war: „Deine Mutter iſt da!“ Der Tag wurde neu geweiht, denn Erich und Roland gingen zuerſt, um die Mutter zu begrüßen. Ihr milder ruhiger Geiſt hatte etwas Segnendes in jedem Worte, in jeder Handbewegung, in jedem Augenſtrahl und ſie ſelbſt war es, die die Ordnung und ſtetig ſich fortſetzende Pflicht anrief, indem ſie den Beiden ſagte, ſie würde es als Beweis der Liebe und Herzensfeſtigkeit betrachten, wenn ſie ihre Arbeit fortſetzten heute, wie geſtern. So ſaßen die Beiden bald wieder bei ihrer Arbeit. Wie eines neuen Geſchenkes wurde man ſich am Mittage be⸗ wußt, daß die Mutter da war. Man fand ſich im Garten zu⸗ ſammen; Frau Ceres war nicht ſichtbar, ſie ließ ſich durch Fräu⸗ lein Perini entſchuldigen. Sonnenkamp lächelte, denn er wußte, wach. Landhaus am Rhein. ll. 5 66 daß Frau Ceres nicht daran dachte, ſich entſchuldigen zu laſſen. Fräulein Perini that dies aus eigener Machtvollkommenheit, und ſie that wohl daran, denn das ſtörrige Weſen der Frau Ceres wehrte ſich gegen die ihr aufgedrungene Geſellſchaft. Fräulein Perini bemühte ſich offenbar mit großer Befliſſenheit, der Frau Profeſſorin ſich ſo angenehm als möglich zu machen. Die ehrende Auszeichnung, die die Cabinetsräthin der Pro⸗ feſſorin widmete, gab dieſer eine Ehrenſtellung, die ſie vielleicht allmälig errungen, die ihr nun aber ſofort wie durch einen aller⸗ höchſten Erlaß zuerkannt wurde; denn die Cabinetsräthin wieder⸗ holte ſtets, die Profeſſorin ſei ihrer Zeit die angeſehenſte Dame am Hofe geweſen, die man noch heute ſchmerzlich vermiſſe. Die Profeſſorin fand ſich durch ſolche ſtark aufgetragene Hervorhebung etwas beengt, aber ſie war der angeſehenen Frau dankbar; ſie erkannte das Beſtreben, ihr die abhängige Stellung und offenbare Armuth in Herrſchaft und Huldigung zu verwandeln. Selbſt Fräulein Perini wurde von dem Weſen der Profeſſorin bezwungen, denn dieſe Frau hatte eine ſanfte Würde, einen freundlichen Glanz in ihrem Weſen, daß das Unwürdige und nun gar das Unreine keine Stätte in ihrer Nähe hatte; dabei war ſie voll Begeiſterung, die, durch das idealiſtiſche Leben ihres Mannes genährt, nun im Zuſammenſein mit dem Sohne neu auflebte. Noch am Mittag kam ein Brief von Bella. Sie hieß die Profeſſorin willkommen und kündigte für den nächſten Tag einen Beſuch an. Die Profeſſorin gab Sonnenkamp in einſacher Weiſe zu er⸗ kennen, daß ſie einen ihr gemeldeten Beſuch als dem Hauſe ihres Gaſtfreundes geltend annehme. Durch die Anweſenheit der Mutter und Tante gewann auch Erich eine neue Stellung; es ſchien ein Gleichgewicht zwiſchen ihm und ſeinen Angehörigen und denen Sonnenkamps ſich wie von ſelbſt feſtzuſetzen. — 6— Zwrites Capitel. Sonnenkamp ging nach dem Zimmer ſeiner Frau; ſie ließ ihm durch eine im Vorzimmer wartende Kammerfrau ſagen, daß ſie Niemand zu ſprechen wünſche. Er hörte nicht darauf und ging weiter; er traf Frau Ceres auf dem Sopha liegend, die Fenſter waren verhangen. Frau Ceres ſah ihn mit den großen dunklen Augen an, ſie ſprach kein Wort, ſie reichte ihm nur die feine ſchmale Hand. Er küßte die Hand, dann begann er zu erklären, daß man durch den Gaſt, den man im Hauſe habe, dem Plane näher rücke, denn durch ihr Anſehen öffneten ſich die Flügelthüren zu den Gemächern des fürſtlichen Schloſſes. Bei der Erwähnung des Schloſſes richtete ſich Frau Ceres etwas auf; ſie ſprach noch immer kein Wort, aber ihr unruhiger Blick zeigte, wie die Hoffnung ſie bewegte. Wie ein ſchimmerndes Märchen hatte Sonnenkamp jenſeits des Meeres und auf ſeinen Zickzackwanderungen es ſeiner Frau ſtets als höchſtes Ziel dar⸗ geſtellt, daß ſie in die Hofgeſellſchaften eintreten könne, und für Frau Ceres war das, als käme ſie in einen überirdiſchen Kreis, wo immer Alles glitzert und ſchimmert, und eine göttergleiche Exiſtenz ſich beſtändig fortſetzt. Ueberall, wohin ſie kam, hörte ſie von dieſem Glück und ſah, wie Alles nach dem Hofkreiſe ſtrebte, und ſie zürnte ihrem Mann, daß er ihr das ſchon ſo lange und ſo oft verſprochen und noch nicht erfüllt hatte. Sie waren in Eurvpa, ſie hatten ſich in die Einſamkeit zurückgezogen, wo die Menſchen ſagen, daß es ſo ſchön ſei; ſie aber wartete beſtändig, daß ſie zu Hofe gerufen werde. Warum dauert vas ſo lang? Was ſind die Menſchen ſo fremd? Sogar Bella, die Einzige, die ſich freundlich bewies, behandelte ſie wie einen Papagei, wie einen fremden Vogel, an deſſen ſchillernden Farben man ſich ergötzt, mit dem man aber ſonſt keine Gemeinſchaft hat, als daß man ihm bisweilen ein Stückchen Zucker, ein Compliment zukommen läßt. Die Erinne⸗ rung, wie ſie Alles beim Feſte des Herrn von Endlich überſtrahlt hatte, erſchien jetzt Frau Ceres ungenügend und halb. Bei aller ſcheinbar äußern Trägheit und Theilnahmloſigkeit arbeitete Frau Ceres ſtets an einem Gedanken, und dieſen hatte —— Sonnenkamp in ſie gepflanzt; er war ſtärker geworden, als er gewollt, er beherrſchte das ganze Weſen ſeiner Frau. Nun wußte er mit großem Geſchick darzuſtellen, daß die Pro⸗ feſſorin— der ſich ſelbſt die Cabinetsräthin untergeordnet, weil ſie die beliebteſte und mächtigſte Hofdame, ja die Freundin und nächſte Vertraute der verwittweten Fürſtin geweſen— dem ganzen Hauſe neuen Glanz gebe und ſicher ans Ziel führe. Sonnenkamp wußte ſeine Klugheit ſo ſehr hervorzuheben, daß Frau Ceres ſich endlich zu dem Worte verſtand: „Sie ſind in der That ſehr klug. Ich will die Mutter des Hofmeiſters ſprechen.“ Er gab ihr nun Lehren, wie ſie ſich verhalten ſolle, aber wie ein verzogenes Kind ſchrie Frau Ceres auf, ſchlug mit den Hän⸗ den, ſtampfte mit den Füßen und rief: „Ich will keine Lehren! Sprechen Sie kein Wort mehr! Brin⸗ gen Sie mir die Frau!“ Sonnenkamp ging zur Profeſſorin; er wollte ihr Verhaltungs⸗ regeln gegen ſeine Frau geben, aber er fürchtete jeden Hinweis und ſagte: „Meine liebe kleine Frau iſt etwas verwöhnt und ſehr nervös.“ Die Profeſſorin kam zu Frau Ceres, die ruhig auf ihrem Sopha liegen blieb. Als die Profeſſorin ſich mit Zierlichkeit verbeugte, rief Frau Ceres: „Das müſſen Sie mich lehren! So will ich mich auch ver⸗ beugen. Nicht wahr, ſo verbeugt man ſich bei Hofe?“ Die Profeſſorin wußte nicht, was ſie antworten ſollte. Iſt das mehr als eine Nervöſe? Iſt das eine Irrſinnige? Sie gewann indeß bald Faſſung genug, um ſagen zu können: „Ich kann mir recht gut vorſtellen, daß Ihnen in der freien Republik unſere Formen etwas fremd erſcheinen; ich finde auch, i es beſſer iſt, wenn man ſich bei erſter Begegnung die Hand reicht.“ Sie ſtreckte die Hand aus und Frau Ceres reichte die ihrige; wie ſich ſelbſt vergeſſend richtete ſie ſich dabei auf. „Sie ſind krank, ich will Sie nicht lange ſtören,“ ſagte die Profeſſorin. Frau Ceres fand es beſſer, wenn ſie noch für krank gelte, und ſagte: „ — „Ach ja, ich bin immer krank. Aber bleiben Sie, ich bitte.“ Und wie nun die Mutter ſprach, machte der Klang ihrer Stimme, der tiefe Herzton einen ſolchen Eindruck auf Frau Ceres, daß ſie die Augen ſchloß, und als ſie dieſelben öffnete, ſtanden große Thränen in ihren langen Wimpern. Die Profeſſorin bedauerte, ſie ſo ſehr aufzuregen, aber Frau Ceres ſchüttelte heftig mit dem Kopf. „Nein, nein, ich danke Ihnen. Dieſe Thränen lagen mir hier... hier!“ Sie ſchlug ſich heftig auf die Bruſt.„Ich danke Ihnen!“ Die Mutter wollte ſich entfernen, aber Frau Ceres ſtand raſch auf, warf ſich vor ihr auf die Knie, küßte ihre Hand und rief: „Beſchützen Sie mich! Seien Sie meine Mutter! ich habe nie zu Jemand Mutter geſagt.“ Die Profeſſorin war in ſich zuſammengeſchrocken, als würde ſie von einer Raſenden erfaßt. Sie richtete Frau Ceres auf und ſagte: „Mein Kind, gern wollte ich Ihnen Mutter ſein. Ich bin glücklich, wenn ich hier etwas leiſten kann, und will es mit Herz⸗ lichkeit thun. Nun aber, ich bitte, beruhigen Sie ſich.“ Sie führte Frau Ceres wieder nach dem Sopha, legte ſie be— hutſam nieder und deckte ſie mit einem großen Shawl zu; es war ein ſeltſames Gewirre von weichen Kiſſen, in denen Frau Ceres immer eingemummt und wie vergraben lag. Frau Ceres hielt die Hand der Mutter feſt und ſchluchzte fortwährend. Die Profeſſorin pries das Glück der Frau Ceres, daß ſie einen ſolchen Sohn wie Roland habe. Als ſie erzählte, wie ſie Roland getroffen, wendete ſich Frau Ceres und küßte ihr die Hand. Mit ruhigem Bedacht fuhr die Profeſſorin fort, daß ſie ſelber eine Frau von vielen Eigenthümlichkeiten ſei, mit der ſich nicht ſo leicht leben laſſe; ſie habe ſich zu ſehr an Einſamkeit gewöhnt und fürchte, ſie ſei nicht jung und lebensluſtig genug, um Geſellſchafterin einer Frau zu ſein, die Anſprüche an Glanz und Freude eines rauſchenden Lebens habe. Frau Ceres bat die Profeſſorin, daß ſie den Vorhang etwas zurückziehe, und als ſie die Fremde deutlicher ſah, lächelte ſie; dann aber nahm ihr Geſicht mit dem ſeinen, halb geöffneten Munde wieder den Zug der Verdroſſenheit an, der darauf 70 ſtändig geworden war; ſie faßte den Fächer und fächelte ſich Kühlung zu. Endlich ſagte ſie: „Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin, und ich wäre doch ſo gerne geſcheidt und hätte viel gelernt; aber er hat's nicht haben wollen und hat mich nichts lernen laſſen und hat immer geſagt: ſo biſt Du mir am ſchönſten und liebſten. Ja, kann ſein für ihn, aber nicht für mich. Wäre nicht Madame Perini ſo gut, ich wüßte gar nicht, was ich anfangen ſollte. Spielen Sie auch Whiſt? Lieben Sie die Natur? Nicht wahr, ich bin ſehr einfältig?“ Frau Ceres hatte vielleicht erwartet, daß die Profeſſorin ihr widerſpreche, aber ſie that es nicht; ſie ſagte vielmehr: „Ich habe ſchon ähnliche Frauen kennen gelernt wie Sie, und ich könnte Ihnen ſagen, warum Sie ſtets unwohl ſind.“ „Warum? Wiſſen Sie das?“ „Ja, aber es iſt nicht ſchmeichelhaft.“ „Ach, ſagen Sie es nur.“ „Mein liebes Kind! Sie ſind ſtets unwohl, weil Sie ſtets müßig ſind. Hat der Menſch nichts zu thun, ſo gibt ihm ſein Befinden zu thun.“ „O, Sie ſind klug,“ rief Frau Ceres,„aber ich bin ſchwach.“ Sie hatte in der That etwas Wehrloſes und Hülfsbedürftiges. Wie Sonnenkamp ſie als zerbrechliches Spielzeug betrachtete, ſo war ſie auch mit ſich ſelber immer ängſtlich; dabei war ſie voll⸗ kommen träge, die geringſte Mühe war ihr eine Laſt. Sie wußte nicht, ob Hören oder Sehen mehr anſtrenge, doch fand ſie das Letztere noch mühſamer, denn beim Leſen muß man das Buch faſſen und eine beſtimmte Haltung annehmen. Sie ließ ſich daher von Fräulein Perini immer vorleſen; da kann man, ſo oft man will, einſchlafen. So war es auch jetzt. Während die Profeſſorin noch ſprach, ließ Frau Ceres plötzlich die Hand los, ſie war eingeſchlafen. Die Profeſſorin ſaß in dem Gemache, in dem es ſo reich und glänzend ausſah, wie in ein Märchen verſetzt; ſie hielt den Athem an und wußte nicht, was ſie beginnen ſollte. Hier ſind Räthſel die Fülle. Sie wagte nicht, ihre Stellung zu verändern, denn ſie fürchtete, die Schlafende zu wecken. Dieſe wendete ſich jetzt und ſagte: — „Ach, gehen Sie nun... gehen Sie nun, ich komme bald ſelbſt.“ Die Profeſſorin ging. Sonnenkamp erwartete ſie vor der Thüre. „Wie iſt ſie gegen Sie?“ fragte er. „Wie ein gutes Kind,“ erwiderte die Mutter.„Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Aufgeregtheit Ihrer Frau Gemalin zu beruhigen. Aber ich habe eine Bitte: fragen Sie mich nie, 3 was wir beſprochen. Soll ich das Vertrauen Ihrer Frau Ge⸗ malin gewinnen, ſo muß ich mit vollem Gewiſſen ſagen können: ſie ſpricht nur mit mir allein; was ſie mittheilt, kommt nicht 1 über meine Lippen. Wollen Sie mir verſprechen, uns Frauen allein gewähren zu laſſen?“ „Ja,“ erwiderte Sonnenkamp. Es ſchien ihm ſchwer zu werden, das zu mußte er es thun. bewilligen, doch Prittes Capitel. Am andern Tage kam Prancken und mit dem ganzen Auf⸗ gebote ſeiner weltmänniſchen Manieren begrüßte er die Profeſſorin. Sie ließ ihn ſofort erkennen, daß ſie ihn als Sohn des Hauſes betrachte, und that dies mit ſo viel Zurückhaltung und anmuth— 1 voller Beſtimmtheit, daß er überaus beglückt war. Als ſie ihm dankte, daß er Erich ſolche Stellung vermittelt ½ habe, lehnte er jeden Dank ab; es ſei nur eine Abtragung der Dankesſchuld gegen den verewigten Profeſſor. Das war ein Ton, der ſofort das Herz der Wittwe gewann; ſie wußte recht wohl, was die Höflichkeit übertreibe, aber ſie war ſich auch bewußt, daß der Kern Wahrheit war. Wer je andauernd in den Umkreis von Stimme und Blick ihres Gatten getreten, mußte, wenn er nicht ganz verwahrloſt war, eine edle Regung für das Leben davon bewahren. Prancken erzählte von ſeinem Schwager und ſeiner Schteſter und wie geehrt Erich auf Wolfsgarten ſei; mit einer geſchickten Wendung wußte er dann zu ſagen, daß er ſich von der An⸗ ————— weſenheit der Profeſſorin viel Begütigung und Beruhigung in dem ſeit Kurzem wieder ſtürmiſch bewegten Weſen ſeiner Schweſter verſpreche. Er deutete das behutſam an und gab nur zu ver⸗ ſtehen, wie es eine ſchwere Aufgabe ſei, mit einem, wenn auch hochedlen, doch viel älteren Manne zu leben, und wie unver⸗ ſehens eine ſcheinbar zur Ruhe geſetzte Bewegung das Gemüth ergreife. Die Profeſſorin verſtand mehr, als Prancken ahnte. Prancken konnte ſich nicht enthalten, etwas von ſeiner reli⸗ giöſen Wandlung kund zu geben. Er that dies wie einen Act des Vertrauens und mit Verwahr, aber doch mit einem gewiſſen Nachdruck. Wie durch eine Viſion ſah er plötzlich dieſe Frau neben Manna, die ihre ganze Seele offenbarte; darum ſollte ſie Manna beſtätigen, daß er ſeine innere Wandlung vor aller Welt bekannte; ja, es fiel ihm jetzt ein, daß die Oberin dieſe Frau im Beiſein Manna's belobt hatte. Ein Lächeln überflog ſeine Lippen, denn er dachte, dieſe Frau könnte am beſten dazu verwendet werden, Manna von dem Vor— ſatze, den Schleier zu nehmen, abzubringen. Im Auftrage Sonnenkamps bat er dann die Profeſſorin, mit nach dem Landhauſe zu fahren, das die Cabinetsräthin— er corrigirte ſich ſchnell und ſagte, der Cabinetsrath— ankauſen wolle; ſie werde gewiß das Ihrige thun, um Herrn Sonnenkamp eine ſo angenehme Nachbarſchaft verſchaffen zu helfen. Der Ein⸗ wand der Profeſſorin, daß ſie ja hier kaum zur Ruhe gekommen, wurde ſchmeichelhaft abgelehnt. Der Wagen fuhr vor. Die Cabinetsräthin und Sonnenkamp ſaßen im Wagen, die Profeſſorin mußte mit nach der Villa fahren. Man war unter⸗ wegs äußerſt wohlgemuth, aber unverſehens überflog die Pro⸗ feſſorin der Gedanke, daß ſie inmitten von Intriguen ſtehe und man ihre Harmloſigkeit zu etwas benutze; ſie wußte nicht, zu was. Sie hatte ein Bangen, da beim Eintritt in das Landhaus Sonnenkamp ſagte, es gehöre ihm und er freue ſich, es ſeiner edlen Nachbarin übergeben zu können. Die Profeſſorin fühlte, ſie war Zeuge bei einer Sache, die ſie nicht verſtand. Die Cabinetsräthin theilte ſofort die Zimmer ein, für ſich, für ihren Gatten, für ihre Kinder. Sie hatte zwei Söhne beim Militär, eine Tochter war bereits verheiratet; auch für ihre Enkel wurden Zimmer beſtimmt, und als ſie ſich ihren Lieblingsplatz im Garten ausſuchte, verſprach Sonnenkamp, neue Anlagen machen zu laſſen; ſie würde ſtaunen, was ſich aus dieſem Terrain ſchaffen ließe. Sonnenkamp hatte zwar gewünſcht, daß er das Landhaus erſt als Preis für die errungene Standeserhöhung gebe— denn die Summe, die der Cabinetsrath dafür bezahlte, war ja nur Schein — aber er hatte der Verſicherung Pranckens nachgeben müſſen, daß dies geradezu unthunlich ſei; dazu war es auch klüger, mit einem ſo mächtigen Mann in nachbarlicher Verbindung zu ſtehen, wodurch ſich Alles viel natürlicher fügte. Die Cabinetsräthin ſaß im Garten mit der Profeſſorin und ermahnte ſie eindringlich, durch ihren großen Einfluß der Fa⸗ milie Sonnenkamp die gebührende Stellung zu verſchaffen. Sie ging vorerſt noch nicht weiter. Es war ihr entſchiedener Plan, daß nicht ſie und ihr Mann, ſondern die Profeſſorin den Haupt⸗ hebel anſetzen ſollte. Mißlang es, ſo blieb man gedeckt und konnte die gelehrte Wittwe, die ohnedies als überſchwenglich bekannt war, bloßſtellen. Unter lauter Redensarten von erhabenem Weſen und groß⸗ artigem Geiſte verbargen ſich Schliche, die nicht leicht zu durch— ſchauen waren. Prancken kannte einen Notar von geſchmeidigen Formen, der noch am Abend erſchien. Es wurde eine luſtige Komövie aufgeführt, Sonnenkamp übergab der Cabinetsräthin eine namhafte Summe, die ſie ihm eine Viertelſtunde ſpäter als Kauſpreis für das Landhaus ein⸗ händigte. Der Cabinetsrath war der Nachbar des Herrn Son⸗ nenkamp. Als Sonnenkamp mit Prancken in der milden Nacht luſtwan⸗ delte, hörte er freundlich zu, wie Prancken darlegte, es ſei gut, daß der Cabinetsrath ſofort das Landhaus erworben, denn wäre es ſpäter geſchehen, kurz vor oder nach dem erwünſchten Ereigniſſe, ſo hätte das üble Nachrede verurſacht. Sonnenkamp gratulirte ſeinem jungen Freunde zu der diplo⸗ matiſchen Laufbahn, er ſei entſchieden dazu geeignet; Prancken lehnte nicht ab, daß er künftig, ſtatt auf dem Lande zu leben, in eine ſolche Stellung eintrete, natürlich nur im Einverſtändniſſe v 8 74 mit ſeinen Angehörigen und ſeinem väterlichen Freunde, wie er Sonnenkamp nannte. „Mein lieber junger Freund,“ ſagte dieſer und legte ver⸗ traulich die Hand auf die Schulter Pranckens,„Sie haben gewiß ſchon mit Wucherern zu thun gehabt; ich kenne dieſe ſanftherzigen Brüder, ſie hängen zuſammen wie eine geheime Prieſterſchaft. Die ergötzlichſten Einblicke in die ſogenannte Menſchenſeele böte eine Geſchichte der Beſtechung. Ich kenne die verſchiedenen Na⸗ tionen und die verſchiedenen Stände, habe es überall verſucht und es iſt mir faſt nie mißlungen.“ Prancken erſchrak zum erſten Male vor ſeinem zukünftigen Schwiegervater, er traute ihm viel zu, aber daß er ſo unbe⸗ fangen von der allgemeinen Beſtechlichkeit ſprach, empörte ihn doch etwas, und er fand es höchſt peinlich, ihm ſo nahe ſein zu ſollen. Sonnenkamp fuhr fort: „Sie ſind wahrſcheinlich auch noch im alten Vorurtheil be— fangen, daß Beſtechung eine ſchlechte Sache ſei, wie man bis vor Kurzem den Wucher noch für eine ſolche hielt. Es iſt eine Albern⸗ heit der Regierungen, wenn ſie von den Beamten einen Eid verlangen, daß ſie keine ihrer Handlungen durch Annahme von Geld beſtimmen laſſen. Mag es meinetwegen bei den Rich⸗ tern ſein, und auch da iſt es gewöhnlich nur Form, denn wenn es drauf und dran kommt, weiß ein Reicher ſich freiſprechen zu laſſen, falls er es nicht gar zu toll gemacht hat. Merkwürdig iſt mir: bei Romanen und Slaven nehmen die Männer das ange⸗ botene Geld, ja unter irgend einer Form ſteigern ſie es ganz von ſelbſt; bei der zimperlichen germaniſchen Nation werden die Frauen dazu verwendet. Natürlich! Bei keinem Volk der Welt ſehen Sie beim Ackerbau ſo viel Kühe eingeſpannt als bei den Deutſchen, und ſo ſpannen ſie auch da die Kühe ein. Da muß nun die Frau galant umworben werden, und ich geſtehe, ich habe am liebſten mit den Frauen zu thun, ſie halten Wort; denn nichts kommt häufiger vor, als man gibt Beſtechung und der Beſtochene hält nicht Wort, wenn man nicht wenigſtens das Doppelte hinzufügt. Mein Vater—“ Prancken ſtutzte; zum erſten Male hörte er Sonnenkamp ſeines Vaters erwähnen. „Mein Vater war ein Virtuos in der Beſtechungskunſt. In Polen hat er nie anders beſtochen, als er gab einen Hundert⸗ mit der Frau Cabinetsräthin ſo den Schein zu theilen?“ Prancken fühlte ſich beleidigt, da er eine Dame von Adel ſo bezeichnet und geſtellt ſah. Er gab Sonnenkamp die bündigſten Verſicherungen, und dieſer erklärte: „Ich finde Alles ganz in der Ordnung. Sobald ein Volk in complicirtere Verhältniſſe eintritt, iſt die Beſtechung da, muß da ſein, bald offen, bald verdeckt, und nichts iſt formenreicher als die Beſtechung; ich kenne das.“ Da Prancken ſtaunend ſtehen blieb, fuhr Sonnenkamp, immer zutraulicher werdend, fort: „Junger Freund, ob ich mir einen Agenten oder eine Stimme zu meiner Wahl als Parlaments⸗ oder Congreßmitglied kaufe oder ob ich mir einen Agenten oder eine Stimme kaufe, um geadelt zu werden, bleibt ſich gleich. Wir in Amerika thun das nur offener. Warum ſoll dieſer Cabinetsrath und ſeine Gattin nicht die Poſition ausbeuten? Ihre Poſition iſt ja ihr ganzes Hab und Gut. Ganz in der Ordnung. Müßt Ihr in Deutſchland ein vornehmes Mäntelchen umlegen... mag ſein. Wenn Sie, wie ich hoffe, in die diplomatiſche Carriére eintreten, werde ich Ihnen noch manche nützliche Erfahrung überliefern können.“ Prancken erklärte ſich bereit, noch recht viel zu lernen, aber innerlich hatte er eine unnennbare Furcht vor dem Manne, und dieſe Furcht verwandelte ſich in Geringſchätzung. Er nahm ſich ſchon jetzt vor, wenn er Manna beſäße, ſich möglichſt fern von. ihm zu halten. Sonnenkamp aber war ſo glücklich, wieder neue Beſtätigung ſeiner Menſchenkenntniß gefunden zu haben, daß er dieſe auch ſeinem eigenen Sohn zu geben trachtete. Am Morgen nahm er Roland mit ſich in den Park und ſagte ihm: „Sieh, dieſe vornehmen Leute... Alles Betrug! Dieſer Ca⸗ binetsrath und ſeine Familie— ich mache ſie aus Bettlern zu ver⸗ mögenden Menſchen. Laß ſie nichts davon merken, aber wiſſen ſollſt Du es. Alles iſt nur Geſindel, Vornehm wie Gering; Alle oder Tauſendguldenſchein, aber er zerriß den Schein in zwei 3 Stücke, die eine Hälfte behielt er, die andere der Beſtochene, und ß erſt wenn das, was er wollte, geſchehen, wurde die andere Hälfte ausgeliefert. Nicht wahr, Sie glauben, daß es nicht nöthig war, — warten nur auf den Preis für ihre ſogenannte Seele. Alles auf der Welt iſt mit Geld zu haben.“ Er freute ſich, dies ausführlich darzulegen, und hatte keine Ahnung, welch tiefe Umwälzung, ja welche Empörung das in der Seele des Jünglings hervorbrachte. Roland war ſtumm und Sonnenkamp überlegte, ob er recht gethan; bald aber beruhigte er ſeine Zweifel. Religion, Tugend, Alles iſt nur Illuſion! Die Einen— dieſer Herr Dournay gehört auch zu ihnen— glauben noch an ihre Illuſionen, die Anderen wiſſen, daß es Illuſionen ſind, und machen ſich und der Welt nur etwas vor. Es iſt beſſer, beruhigte er ſich ſchließlich, Roland weiß das. Piertes Capitel. Die Profeſſorin, die im grünen Hauſe wohnte, fühlte bald, wie ſchwer es Erich werden mußte, für ſich und Roland eine feſte Stimmung, eine dauernde Richtung des Denkens zu be⸗ wahren, da er beſtändig mit einer zerſtreuenden Reiſeſtimmung zu kämpfen habe. In einem Hauſe mit weitreichendem Beſitzthum und vielen Verpflichtungen nach verſchiedenen Seiten unterbricht ſich die Andacht des Geiſtes, die zur Durchdringung einer Er— kenntniß ſo nothwendig; es iſt ſchwer, in ſolchen Verhältniſſen ſich ſelbſt nicht zu verlieren. Ohne ſich darüber auszuſprechen, war es ihr Vorſatz, Haltung für ſich zu bewahren; da man erſt, wenn man in ſich geſammelt iſt, auch Anderen etwas zu leiſten vermag. Wie von ſelbſt bildete ſich ein geweihter Bezirk um die Pro⸗ feſſorin; wer ihr nahte, nahm unwillkürlich eine edlere Haltung an, ſtimmte ſeine Rede in eine gemäßigte und geordnete Tonart. Sie glich einer Prieſterin„die unausgeſetzt die Flamme auf einem Altar zu pflegen hat. auberkeit in der höchſten Bedeutung des Wortes war der Eindruck, den ihre Erſcheinung und ihr Weſen machte, ſie war eine reinliche Natur in Allem, was ſie dachte und empfand; ſie war dreizehn Jahre Hofdame geweſen, ſie kannte die wirkliche Welt, aber ein Hauch der Idealität war ihr verblieben. — Verglich man die Profeſſorin äußerlich und oberflächlich mit Bella, ſo ſtand die ältere Frau im Nachtheil; bei näherem Be⸗ trachten aber fand ſich, daß die Profeſſorin in ihrem Umgange ein Stetiges hatte, das, man könnte ſagen, wahrhaft ſättigend war, während Bella nur zu flüchtigen Erörterungen wie zu einem Kampf⸗ ſpiel anregte. Die Profeſſorin war ſtolz, Bella war hochmüthig; jene war ablehnend gegen das, was ihr innerlich widerſprach, dieſe ſuchte es niederzudrücken und unter den Fuß zu treten. Bella verlangte nicht nur Aufmerkſamkeit für ihre Erſcheinung, für ihr Empfinden, ſie liebte es auch, ſchwierige Fragen zu ſtellen; ſie wollte immer etwas bewegen. Sie gab auf Alles, was man ihr ſagte, äußerſt geläufig überraſchende Antwort und wußte das Gehörte gut umzuſetzen. Das war anreizend bei der erſten Be⸗ kanntſchaft, bei längerem Umgang aber zeigte ſich, daß Alles äußere Geſprächſamkeit war. Die Profeſſorin dagegen heiſchte nichts, ſie nahm dankbar und willig auf, was man ihr brachte, und zu Allem hatte ſie ein vor⸗ bereitetes ſtilles Denken. Sie war nie das geweſen, was man eine auffallende Erſcheinung nennt; ſie war etwas wohlbeleibt, aſchblond und von jener kühlen Sauberkeit, wie man ſie in Bil⸗ dern behäbiger Holländerinnen dargeſtellt ſieht. Sie konnte ruhig jegliche Mittheilung anhören und blieb aufmerkſam, bis ſie er— widerte. Bei Fragen, die ſie nicht gern beantwortete, ließ ſie ſich nie über eine einzuhaltende Grenzlinie hinausdrängen. Sie ſagte kein Wort, um damit zu glänzen, lächelte nicht, wo nichts zu lächeln war, gab jedem Ausſpruch den natürlichen Ton und jedem, was ſie hörte, die entſprechende Aufmerkſamkeit. Mutter und Tante lebten in friedſamer Eintracht und waren doch im Charakter ſehr verſchieden, wie ſie auch verſchiedene Ge— biete des Wiſſens hatten, worin ſie ihre Erquickung fanden. Ihre Liebhabereien waren die beiden ſchönſten Dinge der Welt. Tante Claudine war eine Sternkundige; ſie brachte manche ſtille Abendſtunde auf dem Thurm zu, meiſt mit einem kleinen Tubus, Beobachtungen anſtellend, ſuchte aber mit großer Befliſſen⸗ heit jeden Schein von Gelehrſamkeit abzuwenden. Die Profeſſorin war eine Pflanzenkundige und erfreute ſich viele Stunden des Tages in den Treibhäuſern und bei den Pflanzen des Freilandes. Als Sonnenkamp ihr ſeine Obſtzucht zeigte, ſprach ſie nicht —— Bewunderung und Staunen aus, ſie zeigte vielmehr Sachkenntniß in der neuen franzöſiſchen Gartenkunſt und äußerte, wie eigen⸗ thümlich es ſei, daß die unruhigen Franzoſen, wenn ſie ſich aus dem Strudel des Lebens zurückgezogen, mit ſolcher zarten und anhaltenden Sorgfalt die Obſtkultur treiben. Sonnenkamps Antlitz glänzte, da ſie darlegte, es gehöre zu der Obſtzucht, wie er ſie übe, eine Art Feldherrntalent, denn er müſſe genau zu be⸗ urtheilen wiſſen, welche Frucht zu großem Gedeihen gelangen könne; dieſer zu lieb müßten die anderen geopfert und unreif abgepflückt werden. Sehr verbindlich dankte Sonnenkamp, aber innerlich lächelte er, da er die feine höfiſche Sitte zu durchſchauen glaubte. Von Frau Ceres ließ ſich die Profeſſorin nur auf kurze Zeit in Anſpruch nehmen, und was noch nie geſchehen war, ereignete ſich jetzt: Frau Ceres kam in andere Gemächer als die von ihr bewohnten. Wenn Frau Ceres immer aufs Neue wiſſen wollte, wie man da und da bei Hofe gelebt, wußte die Profeſſorin unverſehens ein allgemeines Intereſſe in ihr zu wecken. Obgleich die Tante ſich äußerſt zurückhaltend benahm, brachte ſie doch eine ungeahnte Belebung ins Haus. Der große Flügel im Muſikſaale, der ſeit langer Zeit ſtumm daſtand, tönte hell und ſeierlich, und Roland, der die Uebungen in der Muſik gänzlich vernachläſſigt hatte, gewann neue Luſt und wurde der Schüler der Tante. Sonnenkamps Antlitz zeigte einen Ausdruck der Be⸗ friedigung, wie man ſolchen noch nie an ihm bemerkt. Eines Tages, als Tante Claudine ſchön geſpielt und nach der Liebhaberei Erichs ein Stück zweimal wiederholt hatte, ſagte Frau Ceres zur Mutter: „Ich beneide Sie darum, daß Sie Alles dies ſo tief verſtehen und genießen.“ Sie that ſich offenbar etwas zu Gute darauf, dieſe eingelernte Redensart zu wiederholen, aber die Profeſſorin zerriß ihr dieſen aufgelegten Putz, denn ſie erwiderte: „Jeder hat ſeine eigene Freude, ſei es an der Natur, ſei es an der Kunſt, wenn er nur wahr vor ſich iſt. Man braucht nicht Alles zu verſtehen und genau zu wiſſen, um ſich daran zu er⸗ freuen. Ich freue mich an dieſen Bergen, ohne zu wiſſen, wie hoch ſie ſind und welche Steinſchichten ſie bilden und was ſonſt — — die Gelehrten wiſſen. So auch können Sie ſich an der Muſik freuen.“ Frau Ceres wußte nicht, aber ſie empfand es: man kann durch das, was man allein von der Natur mitbringt, die höheren Freuden empfangen... Fünftes Capitel. Das ruhige Leben des Hauſes wurde wieder plötzlich unter— brochen; ein Wagen fuhr auf dem knirſchenden Sande des Hofes vor, ein ſeidenes Schleppkleid rauſchte: Bella war mit ihrem Gatten erſchienen. Ein Stück Heimat in der Fremde iſt die Begrüßung von Ver⸗ trauten in neuen Verhältniſſen. So auch war der Beſuch Clod⸗ wigs und Bella's eine freundliche Anmuthung für die Profeſſorin. Bella umarmte ſie etwas ſtürmiſch, Clodwig dagegen faßte ihre Hand in ſeine beiden Hände. „Wo iſt Ihr Neffe?“ fragte Bella alsbald und hielt die Hand der Tante feſt; ſie ſchien etwas faſſen zu müſſen. Mit unruhigem Blick, bald auf Clodwig, bald auf Bella ſchauend, erklärte die Mutter, daß der Unterricht auch durch ein freudiges Hausereigniß, wie ſolch ein Beſuch ſei, nicht unter⸗ brochen werden möge. Sie betonte das Wort Hausereigniß. Bella ſtand mit geſenktem Blicke da. Die Profeſſorin beobachtete ſie ſcharf. Bella ſah friſch belebt aus, ſie war vollkommen geſellſchafts⸗ mäßig gekleidet, ſie trug ein himmelblaues, ſeidenes großes Tuch, unter dem ſich, wenn ſie die Hand reichte, der nackte Arm in ſeiner Fülle heraushob. Man ging in den Garten, Sonnenkamp verabſchiedete ſich, um ſeiner Frau den Beſuch zu melden. Er wollte Alles auf⸗ bieten, daß Frau Ceres heut nicht krank ſein ſollte. Clodwig ging mit Tante Claudine, Bella mit der Mutter. Bella fragte viel. Ihre Wangen glühten; ſie ließ das Tuch etwas herabfallen, ein ſchöner Racken, voll und üppig, zeigte ſich. „Schade, daß Clodwig Ihre Schwägerin nicht früher gekannt,“ ſagte ſie plötzlich. „Er kannte ſie wohl, und ſie war, wie Sie wiſſen, nicht zu ihrem Glücke, vordem eine bevorzugte Erſcheinung am Hofe. Das war allerdings vor Ihrer Zeit.“ Bella ſchwieg; die Mutter warf einen kurzen forſchenden Blick auf ſie. Was geht mit dieſer Frau vor? Was iſt dieſe Unruhe, dieſes Flaktern von einem Geſpräche zum andern? Erich und Roland kamen. Bella zog ſchnell ihr Tuch über Nacken und Arme; ſie reichte Erich kaum die Fingerſpitzen. Roland war überaus munter, Erich tief ernſt; ſo oft er Bella anſah, zog er den Blick raſch zurück. Sie gratulirte ihm zur An⸗ kunft ſeiner Mutter und ſagte: „Ich glaube, wenn man Ihnen auf der Reiſe begegnete, müßte man Ihnen anſehen, daß Sie noch das Glück haben, eine Mutter zu beſitzen.“ Sie ſagte das mit Innigkeit und hatte doch dabei ein ſelt⸗ ſames Lächeln, ihr Blick ſchaute um, als wollte ſie die Ehre für dieſen Gedanken einſammeln. Sonnenkamp kam zurück, er ſtreichelte ſich behaglich das Kinn, indem er die Damen bat, zu ſeiner Frau zu kommen, die die Ankunft ſolcher Gäſte ganz geſund gemacht habe. Er ſchlug vor, daß die Männer nach der Burg fahren ſollten, um den Fort⸗ ſchritt des Baues und den Fundort der römiſchen Alterthümer in Augenſchein zu nehmen. Bella hatte nur noch ein kurzes, neckiſches Geſpräch mit Sonnenkamp, weil er ihr die lieben Gäſte weggeraubt habe, dann ging ſie mit den Frauen nach dem Gar— tenſaal, wo Frau Ceres ſie erwartete; die Männer fuhren nach der Burg. Frau Ceres war bald bereit, mit in den Muſikſaal zu gehen, und ohne lange Aufforderung ſpielte die Tante; Bella ſaß zwiſchen der Mutter und Frau Ceres, Fräulein Perini ſtand am Clavier. Als die Tante das erſte Stück geendet hatte, fragte Bella: „Fräulein Dournay, begleiten Sie bisweilen Ihren Neffen zum Geſange?“ Die Tante verneinte. Wieder warf die Profeſſorin einen raſchen Blick auf Bella, die beſtändig an Erich zu denken und es nicht verbergen zu können, ja nicht einmal verbergen zu wollen ſchien. Während die Tante ein neues Stück ſpielte, ſagte Bella zur Profeſſorin: —,—— „Ich habe eine Bitte an Sie; geben Sie mir Ihre Schwä⸗ gerin mit nach Wolfsgarten.“ „Ich habe kein Verfügungsrecht über meine Schwägerin. Aber bitte, ſie iſt ſonſt durchaus anſpruchslos, doch wenn ſie ſpielt, beleivigt ſie jedes Wort, das geſprochen wird.“ Bella ſchwieg. Aber während ſie einem erquickenden Muſik⸗ ſtücke Mozarts zuhörten, gingen die Gedanken der beiden Frauen ganz verſchiedene Wege. Was Bella dachte, wäre kaum zu ſagen, ihr Weſe zitterte hin und her in Freude und Trauer, in Entſagung und Trotz. Die Profeſſorin aber fand eine Wahr⸗ nehmung beſtätigt und fühlte ſich ſchon von dieſer Wahrnehmung befleckt. Als das Stück geendet war, ſagte Bella: „Ach, Mozart iſt glücklich; ſo ſchwer auch ſein Leben war, er war doch immer glücklich und macht immer glücklich, ſo oft man ihn hört; auch ſeine Trauer und Klage hat gemeſſene Haltung.“ Die Profeſſorin fühlte, daß Bella das nur wie eine Wieder⸗ holung ausſprach, um ihre augenblickliche Erregtheit zu verbergen. Man ging nach der Veranda, wo die Papageien auf ſchönen Geſtellen ſaßen. Bella erzählte dem einen Papagei eine wunder⸗ ſame Geſchichte von einem Vetter auf Wolfsgarten, der wohne in einem wunderſchönen Käfig; bisweilen deſertire er in den Wald, aber er ſei zu vornehm und habe nicht gelernt, ſich im Walde ſeine Nahrung zu holen; er kehre wieder zurück in ſein goldenes Gefängniß. Immer glühender wurden die Wangen Bella's, ihre Lippen bebten, und plötzlich fiel ihr ein, daß ſie jetzt die Sache abmachen müſſe. Sie redete der Tante und der Mutter ſo heftig und wieder ſo kindlich bittend zu, daß ſie endlich die Einwilligung erhielt, Tante Claudine werde in den nächſten Tagen zu ihr auf Beſuch kommen und bei ihr bleiben. „Sie werden ſehen,“ warf ſie halb triumphirend zur Mutter hin,„Fräulein Dournay wird die beſte Freundin Clodwigs, ſie ſind ganz für einander geſchaffen.“ Die Profeſſorin ſah ſie ſtarr an. Iſt es ſchon ſo weit, daß dieſe Frau ihrem Gatten Erſatz geben will? Auerbach. Landhaus am Rhein. ll. 6 v — Geſicht ſchien ergraut. Bechstes Capitel. Bevor man zur Tafel ging, zogen ſich die Frauen zurück, um neu Toilette zu machen. Die Profeſſorin war in ihrem Ankleidezimmer; ſie hatte ihre langen ergrauenden Haare aufgelöſt und ſaß geraume Zeit ſtumm, die gefalteten Hände im Schooß. Es war ihr, als hätte ſie ein Schlag auf den Kopf getroffen durch das, was ſie in unwider⸗ leglichen Zeichen beobachtet hatte. Das Herz preßte ſich ihr zu⸗ ſammen und in die Augen drangen Thränen, die ſich aber nicht löſen wollten. Dafür alſo, dafür ein Kind gepflegt, behütet, mit allem Beſten erfüllt, daß es ſo ende? Nein, nicht ende, anfange in einer unabſehbaren Wirrniß und Verwüſtung? Dafür den Geiſt mit allen Wiſſenswürdigkeiten ausgeſtattet, um Spiel, Maske, Deckmantel der Niedrigkeit daraus zu machen? „O, mein Gott! mein Gott!“ klagte ſie und bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen. Vor ihrem inneren Auge erſchien, was Alles verwüſtet wird; vor Allem das reine, freie Weſen ihres Sohnes. Sie konnte keine Freude mehr an dem Blick, an dem Wort, an der Erſcheinung dieſes Sohnes haben; hatte er ja Alles verbraucht zu Lug und Trug. Wenn das der Vater erlebt hätte!... Clodwig, der eine Freundſchaft ohne Gleichen hegt, ſie müſſen ihn anſehen, ihn grüßen, ihm zuſprechen und wünſchen doch ſeinen Tod. O, dieſe unglücklichen Frauen, die ſich ſo nennenden unglück— lichen Frauen! Es geht eine große Lüge von der unglücklichen Frau durch unſere Zeit. Die Mädchen wollen Männer von Reich⸗ thum und Anſehen und daneben einen Kebsmann von Geiſt und Jugend haben. Warum heiraten ſie keinen armen Ma Weil er ihnen keine Equipage geben kann. Und dieſe Männer, die ſich zu Kebsmännern hergeben— Nein, es kann nicht ſein. Sie ſagte ſich, daß ſie vielleicht zu weit gehe; ſie wollte noch prüfen, abwarten, beobachten. Da hörte ſie Erich, der nach ihr fragte und eben weggehen wollte; ſie rief ihm, er möge nur eintreten. Erich kam zu ihr und blickte ſtaunend. Noch nie hatte er ſie ſo geſehen, mit den aufgelöſten langen Haaren, und auch ihr n „Du ſcheinſt ſehr aufgeregt; darf ich wiſſen?“ fragte Frich. „Setz Dich,“ bat ſie. Erich ſetzte ſich. Die Mutter hielt ſich die Hand an die Stirn. Darf ſie ihren Sohn gradaus warnen? „Lieber Sohn,“ begann ſie mit gepreßtem Ton,„halte es mir zu gut, daß ich, aus meiner Einſamkeit und Ruhe aufge⸗ ſtört, mich in dieſes raſtloſe Leben noch nicht finden kann. Was wollte ich Dir aber jetzt ſagen? Ja, ſo iſt's. Die Gräfin Wolfs⸗ garten, die Frau unſeres rnde...“ ſie betonte dieſes Wort ruhig und beſtimmt und machte eine turze Pauſe; dann fuhr ſie fort:„wünſcht, daß Tante Claudine zu ihr ziehe und bei ihr bleibe.“ „Das wäre ja ſehr ſchön!“ „So? und warum? Denkſt Du denn nicht, daß ich dann plötzlich allein und in Hauſe bin?“ „Ach, liebe Mutter, Du biſt nicht allein, nie.. Und die Tante würde Gräfin Bella eine Begütigung un Schl ichtung geben, deren ſie vielleicht bedarf.“ Das Auge der Mutter wurde ruhiger; wie elektriſch berührt, ſpannten ſich ihre Mienen; lächelnd ſagte ſie: „Zuletzt haben wir noch Jeder ſeine Miſſion. Darf ich fragen, wie Fräfin Bella, die Frau unſeres Freundes, Dir erſcheint?“ Durch das Herz Erichs ging ein ſchmerz liches Zucken. Er ahnte, daß er die Seele der Mutter belaſtet. Und vielleicht hat Bella durch ein leidenſchaftliches Wort verrathen, was doch nicht ſein ſoll und darf. Eine Pauſe trat ein, und die Mutter fragte wieder, ihre Mienen veränderten ſich: „Warum antworteſt Du mir nicht?“ „N Mutter, ich bin viel unfertiger, als ich mich hielt; ich vertraue meinem Urtheil über Menſchen nicht mehr ſo ſicher.“ „Du darfſt mir auch etwas Unfertiges ſagen,“ entgegnete Mutter und hielt noch immer den Blick geſenkt. „Ich meine, in dieſer iſt noch ein Kampf zwiſchen Welt⸗ ſinn und Weltentſagung... Es iſt mir, als wäre in ihrer Lebens⸗ entwicklung etwas uterbrcht; gehemmt, und ſie wäre eines Mannes wie Clodwig noch nicht vollkommen „Ja, er iſt ein edler Menſch, und ihn kränken, wäre Tempel⸗ ſchändung,“ betonte die Mutter. die — 84— Das Wort kam ſehr ſcharf heraus und ſie fuhr fort: „Du haſt richtig gerathen, die Pranckens ſind ein kühnes und unternehmendes Geſchlecht. Man hatte geglaubt, daß Bella ihren Muſiklehrer heirathen würde, denn ſie ſpielte viel mit ihm; in der That, ſie ſpielte mit ihm. Doch, das iſt ein Anderes. Nun hat Bella ein ſcheinbar Unbedeutendes erfahreu, das aber doch eine Verſchiebung... ich weiß nicht, wie ich es nennen ſol eine Verkehrung in ihre Natur brachte. Als ſie ſo viele Jahre hatte, um noch für jung zu gelten, mußte ſie erleben, daß ihre jüngere Schweſter ſich vor ihr verheiratete; ſie ließ das mit großer Reſignation geſchehen, aber ich glaube, von jener Zeit an trat eine Wendung in ihrer Natur ein, die ſchwer auszugleichen iſt; ſie war plötzlich alt geworden, älter als ſie ſich geſtehen wollte. 1 Die Schweſter ſtarb nach wenigen Jahren, ſie hinterließ keine Kinder. Dies ganze Verhältniß gab Bella etwas Verſchobenes 1 ſie hatte eigentlich keine Liebe zu dieſer Schweſter gehabt, ja ſich kaum mit ihr vertragen, nun that ſie immer, als ob ſie vor Sehnſucht nach ihr ſich verzehrte. Bella hatte eine Mutter, deren höchſter Triumph es war, wenn man ihr ſagte: Ihre Tochter iſt„ ſchön, aber ſo ſchön wie Sie als Mädchen waren, iſt ſie doch nicht. Und ſchön ſein, iſt der Hauptſtolz derer von Prancken! Bella iſt leider ein Kind jener unglücklichen Geſellſchaftsſchicht, in der man nur ins Theater geht, um darüber zu ſpötteln und zu witzeln, . in der man nur in die Kirche geht, um ſeine Reverenz gemacht zu haben vor Gottes Gnaden, in der das weibliche Weſen voll⸗ kommen unnütz iſt, wenn es nicht ſchön iſt und bei herannahendem * Alter zu intriguiren und wol auch zu frömmeln verſteht. Solch ein Geſchöpf kann ſich ſagen: ich habe mein Lebenlang achthundert bis tauſend Ellen Stramin mit Blumen oder dergleichen bekleidet zu höchſt überflüſſigen Sophakiſſen. Iſt das ein Leben, das des Lebens werth? Nun hat ſie keine Kinder, nächſt der gegen ihren Gatten keine natürliche feſte Pflicht...“ „Urtheilſt Du nicht zu ſtreng?“ fiel Erich ein.„Jedenfalls würde es gut ſein, wenn Tante Claudine der Einladung folgte; ſie könnte eine beſänftigende und begütigende Wirkung ausüben; gerade ihre ruhige Natur, die nie zu entſagen hat, weil ſie nie etwas für ſich will, wäre wie dazu erleſen.“ „Gut, Claudine wird mit nach Wolfsgarten gehen. Nun aber iſt genug geplaudert, nun geh, ich muß mich zu Tiſche ankleiden.“ —— —— —— nd in in ch ——— M — 55 Sie küßte ihn auf die Stirn; er ging. Draußen vor der Thür aber ſtand er ſtill und athmete frei auf im Gedanken, daß er der Mahnung nicht mehr bedurft hatte. Wie aber war es Bella? Ficbentes Capitel. Es war entſchieden, daß Claudine mit nach Wolfsgarten ziehe. Um ihr Zeit zur Vorbereitung zu laſſen, wollte man hier über Nacht bleiben, damit man ſie gleich andern Tages mit heimführen könne. Bella ließ ſich von Sonnenkamp einen Papagei ſchenken und gerade den wildeſten wollte ſie haben; ſie verſprach, ihn zu zähmen. Es ward Abend und man mußte Roland willfahren, mit ihm eine Fahrt auf dem Rhein zu machen. nach dem Kahn, Fräulein Perini zog ſich mit Frau Ceres zurück, die Profeſſorin blieb bei Clodwig, und Sonnenkamp bat um Ent⸗ ſchuldigung, da er noch Briefe zu befördern habe. Auf dem Kahn lachte und ſcherzte Bella, manchmal tauchte ſie ihre Hand in die Wellen und ſpielte dann mit ihrem Trauring am Finger, der ſich auf und ab ſchieben ließ; immer wieder tauchte ſie die Hand in den Rhein. „Mich kränkt dieſer Beſuch Ihrer Mutter,“ ſagte Bella un⸗ verſehens leiſe zu Erich. „Wie? es kränkt Sie?“ „Ja, es iſt beleidigend, daß dieſer Mann mit ſeinem Gelde . daß man mit Geld ſolche Umſtellungen der Menſchen ſoll be⸗ wirken können.“ Claudine ging mit Bella Frich ſah ſie groß an, dann faßte er das Ruder und wühlte hohe Wellen auf. Bella war von einer Unruhe, die ſie nicht bewältigen konnte, ſie ſtand auf, ſie ſetzte ſich, ſie wühlte mit der Hand im Waſſer, ſie beugte ſich vor, als wolle ſie ſich in den Strom ſtürzen, dann den Kopf zurückwerfend, ſtellte ſie ſich ans Steuer, ihre Gewänder flatterten und knitterten im leichten Luftſtrom und ſie ſah wild umher, ſie ſetzte ſich und leiſe ſagte ſie wieder zu Erich: * —— — — S—— N ————„—— ————— ——— ————————— ———————— ————————— — 5 5 „Ihre Mutter...“ Erich ſah ſie fragend an und ſie fuhr fort: „O, wie oft hörte ich Ihre Mutter beklagen, beſpötteln, be⸗ mitleiden, weil ſie dem Drange ihres Herzens und dem Manne ihrer Liebe gefolgt. Achthundert Thaler Gehalt und lauter Liebe dazu, war noch lange das Sprichwort. Und was ſind die An⸗ deren? Puppen, Zierpuppen, parlirende, muſicirende, tanzende, mediſirende Zierpuppen! Sie rümpfen die Naſe über den Mann, der von Sklavenarbeit ſo reich, und unſere vornehmen Väter verkaufen ihre Kinder und die Kinder verkaufen ſich ſelbſt um hohen Geſellſchaftsrang, um Pferd und Wagen, um Schmuck und Landhäuſer. Eine Bäuerin, die barfuß in den Stoppeln die Aehren ſammelt, iſt glücklicher und freier als die Dame, die in dem Wagen zurückgelehnt, ſich Kühlung zufächelnd, die Straße dahinfährt. O, wer die Kraft hätte, dieſe hohle lügneriſche Welt zu zertrümmern! Wer hat ein Leben, ein wirkliches Leben?“ Erich ſah den gewaltigen Kampf in der Seele dieſer Frau. Wie ungerecht waren die Menſchen gegen ſie, der Doctor, ja ſelbſt die Mutter mit ihren kleinen Maßſtäben. Er bewunderte ſie, ſein Herz bebte, er glaubte zu fühlen, daß etwas wie Liebe ſich in ihm regte... Nein, das durfte nicht mehr ſein! Die Kühnheit ihres Weſens wollte er anrufen, ſie zurückrufen, aber wie ſollte er das?... Unterdeß ſaß die Profeſſorin bei Clodwig, ſie ſprach ihre Freude aus, daß Erich in den Verkehr mit ſolchen im Leben erprobten Männern gekommen ſei; es möge in früheren Zeiten geweſen ſein, daß ein Mann im Umgange mit Frauen ſeine Bildung vollendete, jetzt könne das nur durch den Umgang mit edlen Männern ſich vollziehen. Die Beiden waren bald in jenen gegenſeitigen Kundgebungen, die wie ſtetes Begrüßen ſind, wie Zeichen, daß man dieſelben Wege des Geiſtes gewandelt, fern von einander in ganz anderen Lebensverhältniſſen. Die Profeſſorin hatte die erſte Frau Clodwigs gut gekannt und gedachte ihrer in herzlichen Worten; Clodwig ſchaute um, wie um ſicher zu ſein, daß Bella nicht in der Nähe, denn vor ihr hatte er noch nie von der Verewigten geſprochen. Es war Verleumdung, daß man ihm nachſagte, er habe Bella gelobt, nie von ſeiner verſtorbenen Frau zu ſprechen; ſo ſchwach war Clodwig nicht, und ſo hart iſt Bella nicht, aber er unterließ es a— Zartheit. In ſanften Halbtönen ging das Geſpräch weiter, Clodwig un die Profeſſorin ſtimmten überein und ſie fanden denſelben Grun zug in ſich, daß es ein Glück ſei, alles Schwere leicht zu vergeſſ. und nur das Beglückende lebendig in der Erinnerung zu halte Es war eine Stunde innigen Verſtändniſſes und reiner Geiſtes erfaſſung, wie Clodwig und die Mutter beiſammen ſaßen. Si waren wie zwei Geiſter im Jenſeits, die ruhig und klar das be wegte Daſein überſchauten. Es war nichts eigentlich Schmerzliches in der beiderſeitigen Aufweckung der Erinnerung, vielmehr ein Innewerden von der unerſchöpflichen Fülle des Daſeins; Wunſch und Klage waren auf dieſer Höhe verklungen, das eigene Leben und das der Angehörigen aufgegangen in das allgemeine Sein. Aber nun wendete ſich's, und Clodwig beklagte, daß er früher! zu ſehr als Zuſchauer gelebt, ohne Eingreifen und ohne Einſatz ſeiner ſelbſt ſich der Zuverſicht hingegeben habe, daß die in der Welt ſich bewegende Idee von ſelbſt ihrer Erfüllung entgegenreife. Er bekannte ſeine Freude, daß die Jugend anders ſei, beſonnen und tapfer, maßhaltend und thätig... Ichtes Capitel. Es war Abend geworden, als man vom Kahn ausſtieg und nach der Villa ging. Roland ging mit Claudine, Bella mit Erich hinter ihnen, ſie hatte ihren Arm in den ſeinen gelegt, ſie hielten an. Ich möchte Ihnen etwas ſein,“ begann Erich in ruhigem Tone. Sie ſtarrte ihn an mit jenen Augen, über welchen die Brauen immer mehr anzuſchwellen ſchienen, ihre Mundwinkel neigten ſich verdroſſen; es war etwas fieberhaft Geſpanntes in den Lippen; nichts als das Flügelpaar auf ihrem Haupte und die unter dem Kinn zuſammengebundenen Schlangenköpfe fehlten— es war de— Anblick der Meduſa. Es durchfröſtelte Erich, er faßte ſich gewaltſam und fuhr for „Sie ſind eine freie Seele, ich möchte es auch ſein— —————— s*. 5 —— —,— —————— — die Hand reichen und ſagen, oder auch nicht ſagen, aber fühlen will es ſein. Es gab eine Zeit, wo Sie mir die Nachtruhe, das Denken raubten, es gab eine Stunde, wo ich Sie hätte umfaſſen und küſſen und Ihnen zurufen mögen: Ich liebe Dich! Dann aber“— er preßte die Hand aufs Herz—„dann nach jener Stunde hätte ich mir eine Kugel durch das Hirn gejagt. Sehen Sie den Abgrund, vor dem ich ſtand?“ Bella ſah ihn ſiarr an und er fuhr fort: „Ich ſah, was Alles durch dieſe Liebe verwüſtet wird und da ſagte ich mir: wir ſind in die Welt geſetzt, um zu leben, uns iſt Erkenntniß und Bildung geworden, damit wir uns aus ihnen das Leben geben und nicht den Tod. Wie könnte ich noch zu einem edlen Manne, zur Sonne am Himmel aufblicken, einen Menſchen erziehen, das Wort Mutter auf die Lippen nehmen...“ 3 hielt inne, er legte die Hand an die Stirn, ſeine Stimme ſtockte. Ich glaubte, Du wäreſt ein Mann, und nun ſehe ich, Du biſt ein Mutterkindchen, ſprach es in Bella, aber ſie ließ es nicht laut werden. Sie griff nach einem Zweige am Wege, ſie riß ihn ab. Erich fuhr fort: „Es iſt nicht Liebe, es darf nicht Liebe ſein; Liebe kann nicht aus Verrath erwachſen. Ich fragte mich: hat das Leben, das Studium, das Denken über Allgemeines mir die Kraft der Liebe geraubt? Nein. Ich weiß nicht... ich ſpreche zu Ihnen, als wäre ich Meilen weit entfernt, ein Geſtorbener... Es muß entfernt, geſtorben ſein, bevor es Gegenwart, bevor es lebte.“ Bella knickte den Zweig mehrmals, ſchleuderte ihn weg; dann fragte ſie: „Warum verweilen wir noch hier?“ „Meine Freundin,“ nahm Erich tief athmend wieder auf, „nur noch eine Minute. Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Sie ſind glücklich, wenn Sie Ihr Leben verſtehen; Sie können, müſſen es verſtehen, und ich, ſo zerſtückt auch mein Herz, ich werde meine Pflicht thun und mein Glück verſtehen lernen. Ich war ſtolz, ich glaubte, ich hätte die Welt durchdrungen und bezwun⸗ gen, auch Ihnen ging es ſo; daß wir uns begegneten, ſoll uns nicht zum Verderben, es ſoll zur reinen Lebensweckung werden. Ich ſehe voraus, es werden Tage kommen, wo wir uns gelaſſen — und wiſſen, es war eine reine Stunde, eine ſchwer ausgekämpft in der wir uns ſelbſt erhoben, uns nicht erniedrigten, nicht ent adelten.. Wir wollen einander hoch halten, uns das Lebensrecht nicht zerſtören.“ Bella lachte laut auf; ſie hätte es gern zurückgehalten, aber ſie konnte nicht anders, denn ſie dachte in ſich: Ich bleibe bei meinem alten Glauben, ich glaube nicht an Liebe. Erich wurde tief erſchreckt, er hielt ſich mit aller Kraft feſt und ſagte: „Laſſen Sie mich Ihnen jetzt Lebewohl ſagen. Wenn wir uns wiederſehen...“ „Nein, bleiben Sie!“ rief Bella und faßte ihn am Arm, ſchnell aber, als wenn ſie eine Schlange berührt hätte, ließ ſie den Arm wieder los. Sie ſtand zwei Schritte vor ihm, warf den Kopf zurück und ſagte: „Ich danke Ihnen, ich glaube Ihnen. Ich könnte ſagen, Sie haben ſich getäuſcht... ich... ich will nicht.“ Sie ſchaute wirr umher, bewegte den Kopf nach rechts und links, und als ſie ſich wieder ruhig hielt, ſagte ſie: „Sie haben Recht. Gut. Vorbei. Auch das.“ Sie ſchien etwas zu ſuchen, was ſie Erich geben konnte, ſie mochte es nicht gefunden haben, und ein vergangener und verdeckten Gedanke machte ſich jetzt wie eine Sorglichkeit kund, indem ſie ausrief: „Laſſen Sie ſich warnen. Nehmen Sie ſich vor meinem Bruder in Acht; er kann entſetzlich ſein.“ Erich ging davon; er ging ruhig und ſtill. Bei der Hänge⸗ Eſche hielt er an und kehrte nach der Villa zurück. Er ſah den Wagen im Hofe ſtehen; Clodwig ſtieg ein, er rief Erich heran und erklärte ihm, daß man am andern Tage den Wagen ſchicke, um Tante Claudine abzuholen. Die Mutter ſtand bei Bella, die ſehr lebhaft ſprach; jetzt wendete ſie ſich, reichte Erich die behandſchuhte Rechte und ſagte: „Gute Nacht, Herr Hauptmann.“ Erich ging mit ſeiner Mutter; ſie führte ihn an der Hand, ſie fühlte das Beben ſeiner Hand, aber ſie ſprach kein Wort. Als ſie am grünen Hauſe angekommen waren, küßte er die Mutter; ſie wußte, daß er ſie mit reinen Lippen küßte. es geweſen ſein. Ueuntes Capitel. Bella ſaß ſtill im Wagen neben ihrem Gatten, als ſie heim⸗ wärts fuhren. Clodwig ſagte: „Es iſt eine Wonne, eine Frau zu ſehen, die bald ſechzig Jahre alt und der nie ein Gedanke durch die Seele gezogen, den ſie zu bereuen hat.“ Haſtig ſchaute Bella um ſich. Was iſt das? Ahnte er, was mit ihr vorgegangen? Es kann nicht ſein, er hätte ſonſt das nicht geſagt. Vielleicht aber iſt es doch ſeine Weiſe, durch Hindeutung auf ein unbe⸗ flecktes Leben Richtung zu geben. „Dieſe Frau iſt ſehr glücklich durch ihren Sohn,“ erwiderte ſie. Jetzt ſchaute Clodwig um, wie wenn an ihm geriſſen worden wäre. Konnte Bella eine Ahnung haben, daß ihm flüchtig der Gedanke durch die Seele gezogen: wie wäre es, wenn dieſe Deine Frau.. und dann Erich Dein Sohn. So fuhren die Beiden ſtill dahin; Jedes hatte ſchwere Ge⸗ danken für ſich. Der Wagen klirrte ſo ſeltſam, die Räder knirſch⸗ ten und die Kammerfrau und der Kutſcher da droben erſchienen Bella wie ungeheuerliche Geſtalten, die vorüberfliegenden Schatten im Mond, die der Wagen mit ſeinen Inſaſſen bildete, erſchienen wie Traumgebilde. Zorn, Beſchämung, Stolz, Verwerfung, Alles durcheinander beſtürmte das Herz Bella's. Sie war tief ärgerlich auf ſich, ſie war fertig mit dem Leben geweſen, nun war noch einmal ſolche unreife, wahnſinnige Bewegung über ſie gekommen; denn unreif und wahnſinnig nannte ſie es jetzt wieder. Und war nicht ihr Selbſtgefühl verletzt? Sie hatte die Hand ausgeſtreckt und dieſe Hand wurde nicht gefaßt. Es wurde ihr klar, Erich hatte ſeine Liebe zu ihr übertrieben, um ihr die Beſchämung zu erleichtern, ja, ſie glaubte jetzt in der Erinnerung, daß in ſeinem Ton etwas Gezwungenes, ge⸗ waltſam Geſchraubtes war. Sie faßte ſich. Gut, Du haſt nun auch das kennen gelernt, Du, die Starke, haſt ein kühnes Spiel getrieben, haſt verſucht, einen jungen Mann vor Dir auf die Kniee zu werfen, und hätte er ſich dazu bringen laſſen, Du hätteſt ihn von Dir geſtoßen. Ja, ſo iſt's, ſo muß es ſein, ſo muß ——————— Sie ſchaute um nach Clodwig. Er lag in der Ecke des Wa⸗ gens, er ſchlummerte. Der Mond ſchien in ſein Antlitz, es ſah ſo leichenhaft aus, wie das eines Todten. Wie? Wenn ſie mit einer Leiche dahinfuhr... Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie aus dem Wagen ſpringen, hinaus in die weite Welt, in den Strom. Clodwig ſchlug die Augen auf. Als man den Berg nach Wolfsgarten hinanfuhr, überfiel ſie wieder eine Empfindung der Gefangenſchaft; ſie meinte, ihre Hände wären gefeſſelt, ſie that ſie unter dem Mantel hervor. Clodwig glaubte, daß ſie ſeine Hand ſuche, er faßte die ihre und drückte ſie ſtill. So waren ſie ſchweigend auf Wolfsgarten angekommen. Es war Bella, als müßte ſie vor Clodwig niederknieen, ſeine Hand faſſen, Alles bekennen und um Verzeihung bitten, aber ſie blieb ſtill. Als ſie auf ihr Zimmer ging, küßte ſie Clodwig auf die Stirn und ſagte: „Deine Stirn iſt heiß.“ Ein Jedes ging zur Ruhe... Unterdeß wanderte Erich noch lange in der ſtillen Nacht umher. Es gibt ein ſeeliſches Wundfieber, das nicht minder heftig und ſchonungsbedürftig iſt, wie das des Körpers. Aber wie ſich der Thau auf Baum und Gras legte und auf das Angeſicht Erichs, ſo legte ſich auch ein Thau auf ſeine Seele. Er fragte ſich nur noch: wie wird es Bella tragen? Hat er ihr ſeine Liebe zu heftig geſchildert? Es war doch frei ſchön von ihr, daß ſie nicht ſagte: Du täuſcheſt dich... Genug! Es iſt vorbei. Erſt ſpät kam er heim und in der Nacht im Traume war es ihm, als kämpfe er mit den Fluthen des Rheins und könne die Wellen nicht bewältigen. Er ſchrie, aber ein Schleppdampfer über⸗ tönte ſein Schreien und vom Steuer eines Schiffes ſchaute die Steuermännin ſpöttiſch auf ihn nieder— und plötzlich war es nicht die Steuermännin, ſondern eine Mädchengeſtalt mit einem Flügelpaar und zwei leuchtenden flammenden Augen. ——— S lieben Leidenden. Welches aber war das Leiden der Frau Ceres? ———————— Zehntes Capitel. Früh am Morgen kam ein Wagen von Wolfsgarten, um Claudine abzuholen. Seit bald dreißig Jahren, ſeit ihrer Verheiratung mit dem Profeſſor hatte die Mutter keinen Tag ohne deſſen Schweſter ge⸗ lebt. Es ſchien Beiden kaum denkbar, daß Eines fern vom An⸗ dern lebte, und doch hatte man es beſchloſſen und es mußte ſein. Sonnenkamp war von großer Zuvorkommenheit; er verpflichtete Claudine, daß ſie ſein Haus als ihre Heimat betrachten und nur wenige Tage Gaſt auf Wolfsgarten bleiben ſolle. Er gab dem Kutſcher einen Korb voll behutſam eingehüllter Trauben und Bananen mit; der Käfig mit dem Papagei ſtand neben Claudine. Der Papagei ſchrie und zankte, als man davon fuhr, und ſchrie und zankte den ganzen Weg; er ſchien Villa Eden nicht gern zu verlaſſen. Der Beſuch Bella's hatte eine Unruhe im Hauſe verurſacht, die noch auf Jeglichem lag, und dieſer Unruhe wurde man immer aufs Neue inne, da man Claudine vermißte; Bella hatte etwas mitgenommen, was wie nothwendig zum Leben gehörte. Das Haus war wieder tonlos. Während Erich durch ſtrenge Pflichterfüllung jede Nachwirkung von der heftigen Gemüthserſchütterung durch Bella bannen konnte, war die Mutter voll Unruhe. Sie hatte erreicht, was ſie ihr Lebenlang ſich als Ideal gewünſcht: ein tägliches Leben und Walten in einem großen Pflanzengarten; nun, da es ihr geworden, gab es ihr nicht die volle Befriedigung. Ein Mann wie Sonnenkamp mochte ſich in der Ruhe ſeines Landhauſes, in der Pflege der Pflanzen genügen, die Profeſſorin hatte das Verlangen, auf Menſchen zu wirken. Die Einwirkung auf Frau Ceres genügte nicht, denn hier war ein Naturell, ſo räthſelhaft und unfaßlich, daß ſie ſich ganz hülflos erſchien; ſie wollte ihrem Sohn nicht bekennen, daß das Haus für ſie etwas Beklemmendes habe, weil die Familie ihren Glanz und Stolz im äußeren Beſitzthum hatte, und alle aus ſich ſelbſt erblühende Kraft zu mangeln ſchien. Fräulein Perini ſprach von Frau Ceres ſtets als von der ———— Die Profeſſorin hatte einmal leichthin davon geſprochen, wie ſehr Frau Ceres ihre Tochter vermiſſen möge; da erhob ſich Frau Ceres und ihre Augen funkelten wie die einer Schlange, die ſich plötzlich aufrichtet; ſie ſchickte Fräulein Perini, die zu⸗ gegen war, in den Garten und ſagte zur Profeſſorin, ſich ſcheu umblickend: „Sie iſt nicht ſchuld, ich, nur ich. Ich habe ihn ſtrafen wollen, da ich es dem Kinde ſagte, aber das habe ich nicht gewollt.“ Die Profeſſorin bat um Vertrauen, aber Frau Ceres lachte. „Nein, nein, ich ſag' es nicht noch einmal, und Ihnen ge⸗ wiß nicht.“ Jene Angſt, die die Profeſſorin bei der erſten Begegnun, mit Frau Ceres empfunden hatte, erneuerte ſich; ſie glaubte jetzt das Leiden der ſchwarzäugigen, bald trägen, bald eidechsartig unruhigen Frau zu kennen; ſie mußte an einem Gedanken leiden, den ſie nicht offenbaren und doch nicht ganz zurückhalten konnte. Wie man einem Kinde ein Märchen erzählt, ließ ſie ſich auf Bedrängen der Frau Ceres bisweilen herbei, das Einzige, was dieſe zu beleben ſchien, zu berichten, nämlich von Hoffeſten. Sie konnte ihr mehrmals dieſelben Sachen erzählen und Frau Ceres war erfreut davon. Die Profeſſorin wußte hervorzuheben, daß eine Fürſtin zu jeder Stunde eine beſtimmte Pflicht zu erfüllen habe, und was gemeſſene Haltung in jeder Lebenslage bedeute; ſie ſprach ein⸗ dringlich und kam oft darauf zurück, daß eine Frau wie Ceres, die in einer Republik geboren, von alledem keinen Begriff habe, es müſſe ihr ſein, wie wenn wir uns plötzlich in ein anderes Jahrhundert verſetzt ſähen. „Sie und Ihren Sohn verſtehe ich,“ erklärte Frau Ceres. „Die anderen Menſchen, den Major ausgenommen, höre ich wohl, aber ich weiß nicht, wo ich bin. Denken Sie, ich habe mich an⸗ fangs vor Ihnen gefürchtet!“ „Vor mir? Vor mir hat ſich nie Jemand gefürchtet.“ „Ich werde es Ihnen ein andermal ſagen. Ach, ich bin krank, ich bin immer krank.“ Es gelang der Mutter nicht, Frau Ceres aus ihrem Leben, das immer nur Schlafen und Aufſtehen war, herauszubringen. Sonnenkamp erwähnte mit großer Beſcheidenheit, wie er das Geſetz inne gehalten und nie über das gefragt habe, was ſeine —————— ——— ———— — Frau ſpreche und wünſche, nur bitte er das Eine fragen zu dür⸗ fen, ob Frau Ceres nie von Manna geſprochen. „Allerdings, aber nur kurz.“ „Und darf ich das Kurze nicht wiſſen?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, es blieb räthſelhaft. Aber bitte, verleiten Sie mich nicht zu einem Vertrauensbruch.“ „Vertrauensbruch?“ rief Sonnenkamp mit zitternder Lippe. „Ach, es war nicht das rechte Wort. Ihre Frau Gemalin hat mir nichts vertraut; aber ich glaube, ſie hat eine geheime Furcht, oder einen Zorn, oder einen Aerger über Fräulein Perini. Ih bin weit entfernt, Fräulein Perini dadurch ſchaden zu wollen, ich bereue faſt, daß ich nur das geſagt.“ „Sie können darüber ruhig ſein; meine Frau möchte Fräulein Perini täglich zehnmal aus dem Hauſe entfernen und täglich zehnmal zurückrufen. Es gibt keine Perſon, ich kann Sie ſelbſt nicht ausnehmen, die ihr nöthiger und nützlicher iſt, als Fräulein Perini.“ Sonnenkamp klagte, daß ſeine Frau ſich nicht dazu eigne, die Familien der Umgebung zu begrüßen und eine Nachbarlichkeit zu pflegen. Die Profeſſorin hatte ſelbſt das Verlangen, in das hierländiſche Leben einen Einblick zu gewinnen. Zunächſt wollte ſie das Haus des Doctors beſuchen. Frau Ceres hatte mitzufahren verſprochen; als es aber am Morgen eines hellen Herbſtſonntages zur Ausfahrt ging, erklärte ſie, es ſei ihr unmöglich, und jetzt zum erſten Mal bemerkte die Profeſſorin etwas Tückiſches an ihr; ſie hatte offenbar nur nach— gegeben, um das Zureden zu vermeiden; nun machte ſie unver— ſehens ihren eigenen Willen geltend und ſchützte nicht einmal Unwohlſein vor. Auch Fräulein Perini blieb zurück. Man fuhr zuerſt zu Herrn von Endlich; die Familie war verreiſt. Vom Hauſe des Herrn von Endlich kehrte Sonnenkamp nach der Villa zurück und ließ Roland, Erich und die Mutter nach dem Städtchen fahren; er rief ihnen nur noch zu, ſie möchten ſich in Acht nehmen und nicht überall von dem Wein trinken, der ihnen aufgetiſcht würde. Als die Mutter mit Erich und Roland dahinfuhr, kam ihr der Gedanke, daß ſie dieſe Beſuche nicht für ſich mache, aber ſie 3 — — war beſcheiden und willfährig, ſich dem Gaſtfreunde zu Gebote zu ſtellen. Unterwegs begegnete man dem Kriſcher. Roland ließ anhalten und ſtellte ihn der Profeſſorin r ſie reichte ihm die Hand und agte, ſie werde ihn auch bald einmal beſuchen. Als man am Städtchen ankam, läutete es eben von der neu aauten proteſtantiſchen Kirche, die, auf einem Hügel ſtehend, lins Land hineinſchaut. Die Mutter ließ anhalten; ſie wollte in die Kirche gehen. Roland hatte nie eine proteſtantiſche Kirche während des Gottes⸗ nſtes betreten, er ſagte das und die Profeſſorin bat, er möge zu⸗ ſckbleiben und mit Erich einſtweilen nach der Stadt gehen, aber r drang darauf, daß er ſie begleiten dürfe. Sie traten in die einfache und ſchmuckloſe Kirche, als eben der Geſang der Gemeinde austönte. Zu ihrem Schmerz hörte die Mutter eine in hochgezwängtem Tone vorgetragene Straſpredigt. Als man wieder draußen den erfriſchenden Ausblick in die ſchöne Landſchaft empfing, nahm die Mutter Roland an die Hand und ſagte: „Wenn Du einmal reif genug biſt, werde ich Dich mit einem Manne aus Deiner Heimat bekannt machen, von dem Du freiere und höhere Anſchauungen gewinnen kannſt.“ Sie erzählte von dem amerikaniſchen Geiſtlichen Theodor Parker, der eine ſittliche Erneuerung der Religion anſtrebte; ſie hatte ihn ſelbſt noch gekannt, denn er war auf ſeiner europäiſchen Reiſe einen Tag in der Univerſitätsſtadt geblieben, wo er ſich mit ihrem verſtorbenen Gatten ſchnell und innig befreundete. Erich und Roland wurden von Vielen begrüßt, die aus der Kirche kamen. Erich ſtellte ſeine Mutter dem Schuldirector, dem Förſter und deſſen Frau und Schwägerin vor und ſie ge leiteten die Freunde in die Stadt hinein. Es war ein heiterer Zug in Gemeinſchaft mit neuen Menſchen in jener in ſich begnügten Stimmung, mit der eine Gruppe verſchieden gearteter Menſchen aus der Kirche heimkehrt. Die Frau Doctorin war nicht in der Kirche geweſen, ſie ging Sonntag Morgens nie zur Kirche, ſie blieb zu Hauſe, tröſtete die Leute vom Lande, die namentlich des Sonntags früh kamen, über dieſe und jene Krankheit, verordnete manchmal lindernde Haus⸗ mittel und gab der Reihe nach an, wie die Leute bei dem ⸗ — „-— 6 9 4 —— S——— ——,———— 96 rückkehrenden Doctor vorgelaſſen werden ſollten. Sie wurde daher ſcherzweiſe Frau Petra genannt, denn ſie habe gewiſſermaßen die Stellung des heiligen Petrus, ſie müſſe die Leute ausforſchen, ehe ſie ins Himmelreich der Heilung eingelaſſen werden. Man trat ins Haus des Doctors. Wohnliche Sauberkeit glänzte auf den Fließen des Flures und auf der Treppe, überall hingen gute Bilder an den Wänden, keines ſchien blos dem Zufall ſein Hierſein zu verdanken, und auf Conſolen ſtanden grünende Schlingpflanzen, die ihre Ranken weithin ſchickten. Im Wohn⸗ zimmer war Alles ſonntäglich aufgeräumt, auf dem Nähtiſch am Fenſter, vor dem ſich ein Straßenſpiegel befand, ſtand ein blü⸗ hender Roſenſtock. Im Nebenzimmer hörte man die Doctorin laut ſagen: „Ja, Nannchen, das ganze Jahr ſprecht Ihr von Religion und von Fügſamkeit in den Willen Gottes und jetzt thut Ihr ſo verzweifelt und habt keine Geduld und ſeid nicht tauglich zu nach— giebiger Pflege. Mein Mann kann Medicin geben, aber Liebe und Geduld müßt Ihr Euch ſelbſt geben. Und Ihr, Anna, ver⸗ ſüttert Euer Kind und da ſoll man allemal wieder nachhelfen; den Verſtand kann man nicht in der Apotheke holen. Und Ihr, Peter, geht nur heim und macht den Umſchlag mit warmem Eſſig.“ Die Thüre öffnete ſich und die Doctorin trat ein. Sie be⸗ grüßte die Profeſſorin herzlich und es ergab ſich ſchnell eine gute Beziehung, da die Doctorin mit Luſtigkeit erzählte, ſie habe es ſchwer annehmen wollen, aber es ſei doch das Beſte, wenn man den Leuten, die immer nur klagen, mit Grobheit begegne. Man ſaß wohlgemuth beiſammen und die Doctorin gab der Mutter eine Liſte Derer, die ſie nothwendig beſuchen mußte, dann fragte ſie: „Verzeihen Sie meine Unbeſcheidenheit, iſt es wahr, daß Manna aus dem Kloſter kommt und Sie deren Erziehung voll⸗ enden?“ Die Profeſſorin ſtaunte. Was kaum wie ein dämmernder Ge⸗ danke in ihr aufgeſtiegen war, ging ſchon in der Gegend umher; ſie konnte nicht faſſen, woher dieſe Sage kam; die Doctorin wußte auch nicht mehr, von wem ſie es gehört. Als nun die Profeſſorin Näheres um Manna fragte, erklärte die Doctorin, daß ſie aus dem Hauſe Sonnenkamps Niemand als Roland kenne, von der Tochter wiſſe ſie eigentlich nichts, aber — Landrichters Lina ſei ihre Freundin geweſen, dort werde man Näheres erfahren. Der Arzt kam, blieb aber nicht lange; er hörte nur ſchnell den Bericht ſeiner Frau. Die Profeſſorin verabſchiedete ſich, Frau Petra hielt ſie nicht zurück, ſondern ſagte geradezu, ſie müſſe noch mit dem und jenem ſprechen, das jetzt davon ginge. Erfriſcht und belebt verließ man das Haus. Beim Landrichter mußte man längere Zeit warten, da Frau und Tochter erſt Toilette zu machen hatten. Als ſie endlich er⸗ ſchienen, wurden viele Entſchuldigungen vorgebracht, man habe ſich beeilt und es ſehe noch Alles ſo unordentlich aus, während doch Kleidung und Zimmer äußerſt ſäuberlich und nett waren. Der Amtsbote wurde nach dem Landrichter geſchickt der ſeinen Sonntags⸗Frühſchoppen trank. Als endlich die Profeſſorin den Platz in der Sophaecke eingenommen hatte, wo man vor lauter geſtickten Kiſſen kaum ſitzen konnte, ergab ſich ein anmuthiges Geſpräch. Die Profeſſorin wußte Lina ins Geſpräch zu ziehen und ließ ſich von ihr das Kloſterleben ſchildern. Lina, hiedurch aufgemuntert, wurde immer mittheilſamer und redegewandter. Der Landrichter erſchien; er hatte offenbar ſeinen Schoppen zu raſch hinuntergeſtürzt, denn ſtehen laſſen kann man doch nichts. Er drückte der Profeſſorin etwas ſtärker und länger als nöthig war die Hand. Mit gutem Humor— dem ernſten Geſichte des Männleins ſtand der Humor ganz ſeltſam— verſicherte er ſie ſeines obrigkeitlichen Schutzes. Er erzählte, daß der Pole aus dem Zuchthauſe ausgebrochen ſei, man habe zwar einen Steckbrief hinter ihm erlaſſen, werde aber froh ſein, wenn man ihn nicht wieder einfange. Die Frau Landrichter und Lina holten ihre Hüte herbei und begleiteten die Gäſte auf einem Umwege den Rhein entlang nach dem Hauſe des Schuldirectors. Von ſelbſt fing Lina an von Manna zu erzählen, wie ſie gar ſo traurig ſei und doch ehedem die Uebermüthigſte geweſen; ſie habe ihren Vater ſchwärmeriſch geliebt, ſo daß man glauben mußte, ſie könne ihn nie auf einen Tag verlaſſen. Die Profeſſorin hielt ſich behntſam zurück, nach etwas zu forſchen, ſie hatte nur aus Höflichkeit dieſe Beſuche machen wollen und nun ſtellte ſich ihr dadurch eine neue Pflicht heraus. Hätte ſie Autrbach. Landhaus am Rhein. ll. 5 — ahnen können, daß ſie ſelbſt nur von Sonnenkamp verwendet wurde, ſie hätte noch mehr geſtaunt über die verſchiedenen Wen⸗ dungen, die ein einfacher Vorgang nimmt. Man kehrte nach der Villa zurück. Der Erſte, dem man im Hofe begegnete, war der Major; er ſah etwas mißmuthig drein, aber ſein ganzes Geſicht erglänzte, als die Profeſſorin ſagte, ſie habe ſich vorgeſetzt, ihn und Fräu⸗ lein Milch heute Mittag zu beſuchen, und zwar, da ſie leider nicht nach hieſigem Brauch zu jeder Tageszeit Wein trinken könne, zu einer einfachen Taſſe Kaffee. Der Major wußte ſich bald zu entfernen, er ſchickte ein Kind des Caſtellans zu Fräulein Milch mit der Botſchaft. Die Profeſſorin war äußerſt belebt und Erich ſprach ſeine Freude aus, daß auch ſie etwas von der Berauſchung empfände, die das Menſchenleben und das Naturleben am Rhein über Jeden bringe. Als Roland zu Tiſche kam, ſagte er der Profeſſorin leiſe: „Ich habe im Converſationslexikon nachgeſchlagen, heut iſt der Geburtstag Theodor Parkers, heut iſt ja der vierundzwanzigſte Auguſt.“ Die Profeſſorin erwiderte ihm flüſternd, er möge nur mit ihr davon ſprechen. Elftes Capitel. Noch nie war der Major am Sonntagstiſch heiterer geweſen als heut, er vergaß ſogar, Joſeph zuzunicken, daß er ihm von ſeinem Burgunder nochmals einſchenke. Frau Ceres lächelte verlegen, als die Profeſſorin ſagte, wie ſchön es ſei, ſich am Ausblick über den Strom und die Berge zu erquicken, viel ſchöner aber noch, einen Einblick zu haben in gediegene Häuslichkeit. Sie kenne zwar von fremden Ländern nur wenig, aber es gebe wol kein Land, das Deutſchland über⸗ treffe an gediegener Fülle des Gemüths und weit verbreiteter Bil⸗ dung; Städte und Dörfer, die nur ein klingender Name für vor⸗ beiſauſende Reiſende ſeien, bärgen in ſich das Schönſte und Beſte, was das Menſchenthum ziert. „So weit die Glocken klingen, iſt heut keine beſſere Predigt — 56 gehalten worden,“ ſagte der Major zu Erich. Dann erhob er ſich.„Ja, die Mutter.. ſtoßen Sie Alle mit an. ja, die Mutter ſoll leben und ſie lebt nicht nur, ſie macht, daß man das Leben ſchön und rechtſchaffen ſieht, uſd der Baumeiſter aller Welten wird ſie dafür ſegnen. Meine Brüder!.. Ich wollte ſagen, meine. meine.. alſo die Profeſſorin ſoll leben!“ Noch nie hatte der Major einen ſo langen Trinkſpruch aus⸗ gebracht und noch nie war er zufriedener wie heute. Er ging bald nach der Tafel heimwärts und unterwegs ſagte er ſich immer die Worte des Trinkſpruchs vor, denn es war ſein Hauptſtolz, Fräulein Milch ſeine ſchöne Rede wörtlich berichten zu können. Aller Ruhm der Welt iſt nichts, wenn nicht ſie ihn lobt; ſie ver⸗ ſteht doch Alles am beſten. Als er zu Hauſe ankam und Fräulein Milch klagte, daß heute ihr ſüßer Rahm ſauer geworden ſei und mon im ganzen Dorfe keinen friſchen bekomme, winkte er ihr mit der Hand, ſie ſolle nichts reden, damit er ſeinen Toaſt nicht vergeſſe; er ſtellte ſich frei vor ſie hin und ſagte: „So habe ich bei Tiſch geſprochen.“ Die Laadi ſchaute ihren Herrn an, als er eine ſo gewaltige Rede hielt und da er fertig war, bellte ſie zum Zeichen des Ver⸗ ſtändniſſes. Der Major wollte gewiß nicht lügen, aber die Rede war noch ſchöner, wenigſtens länger, als er ſie Fräulein Milch vortrug. Nachdem er geendet hatte, ſagte ſie: „Ich freue mich nur, daß auch gute Menſchen Ihre Worte gehört haben.“ Denn Fräulein Milch war Herrn und Frau Son⸗ nenkamp, vor Allem aber Fräulein Perini nicht hold. „Warum haben Sie nicht unſer ſchönes weißes Tiſchzeug auf⸗ gelegt?“ fragte der Major, als er den ſauber hergerichteten Kaffee⸗ tiſch im Garten ſah. „Weil das Weiße in der Sonne zu ſehr blendet.“ „Iſt wahr. iſt gut. Soll ich nicht die Laadi einſperren? Sie iſt ſo zudringlich.“ Zien laſſen Sie den Hund nur frei.“ Der Major ſann hin und her, ob er nicht auch etwas könne, um die Gäſte würdig zu empfangen. Er fand es. Er entlehnte und borgte ſonſt nie etwas, aber heute durfte man eine Ausnahme machen. Er erſuchte die Köchin des Alt⸗ meiſters, ihm ein Töpfchen friſchen Rahms zu geben. — ——— ——————— —— — 100— Es gelang ihm, den Topf auf den Tiſch zu ſtellen, ohne daß Fräulein Milch es merkte. Er hielt ſich die Hand vor den Mund, daß er nicht laut auflache, wie ſie ſtaunen würde, wenn plötzlich ſüßer Rahm auf dem Tiſch ſtehe. Er ging in die Stube und trug ſeinen großen lederüberzogenen, gepolſterten Lehnſeſſel in den Garten, da ſollte die Profeſſorin ſitzen; aber Fräulein Milch, die dazu kam, zeigte zu ſeinem Schrecken, daß der Lehnſtuhl das helle Tageslicht im Freien nicht vertrage; er wurde nun von Beiden wieder zurückgebracht. Fräulein Milch bat den Major, recht ruhig zu ſein, und jetzt nahm ſein Antlitz eine Miene an, als ob er weinen müſſe. Er legte die Hand auf die Schulter des Fräulein Milch und ſagte: „Es iſt hart... ſehr hart... grauſam.. ſchlimm... ſehr ſchlimm... ſehr grauſam, daß ich nicht ſagen darf: hier, Frau Profeſſorin, dies iſt die Frau Majorin.“ Fräulein Milch wendete ſich raſch, ihre Mienen hatten plötzlich etwas Erſtarrendes. „Um Gottes Willen, was machen Sie?“ Der Hund bellte, wie wenn er ſagen wollte: was iſt denn das? was ſeht ihr euch denn ſo böſe an? „Bin ſchon ruhig. bin ſchon ruhig! Sei ſtill, Laadi,“ beſchwichtigte der Major, und er war ſo müde, daß er ſich ſetzen mußte; er verſuchte es, ſeine lange Pfeife anzuzünden, aber ſie ging ihm wieder aus. Am Gartenzaun ſtand der Major und trommelte mit den Fingern auf eine Latte; er ſtarrte ſo verloren drein, daß die Gäſte vor ihm ſtanden und er ſie nicht hatte kommen ſehen. Die Begrüßung zwiſchen der Profeſſorin und Fräulein Milch war keineswegs ſo zutraulich, wie der Major gehofft hatte. Beide Frauen muſterten einander offenbar ſtreng. Der Major lachte bald in ſich hinein, Fräulein Milch merkte gar nicht, daß ſüßer Rahm da ſei; ſie ſchenkte ein, als ob das etwas ganz Gewöhnliches wäre. Bald aber ſchlug er mit ſeinem Stumpffinger an die Stirn und ſagte in ſich hinein: „Sie iſt viel geſcheidter, ſie macht vor Fremden kein Auf⸗ ſehen. O, die iſt ſo klug, die lernt man nicht aus.“ Wie gern hätte er das der Profeſſorin geſagt, aber er nahm ſich vor, heute wo möglich gar nichts zu reden; Fräulein Milch allein ſollte reden. —— — 101— Es ſchien indeß kein rechtes Geſpräch zu Stande zu kommen. Die Profeſſorin fragte Fräulein Milch, ob ſie eine Eingeborne des Landes ſei. Sie verneinte kurz. Der Major fand den guten Ausweg. Zwei fremde Pferde im Stall muß man allein laſſen; ſie ſchlagen ſich vielleicht ein wenig, zuletzt aber vertragen ſie ſich. Er wußte Roland und Erich viel zu erzählen von dem Weinberge, von dem man heuer den erſten Wein gewinnen ſollte; ſie mußten ihn dahin begleiten. Nun waren die beiden Frauen allein. Die Profeſſorin gab ihre Freude kund an dem vollen Leben hier und an der Landſchaft, wie man hier nicht nur verborgene Plätze voll erquicklicher Schön⸗ heit finde, ſondern auch Menſchennaturen, die einſam für ſich ein feines Verſtändniß und einen hohen Sinn in ſich pflanzen und pflegen. Fräulein Milch, die ſich mit ihrer Taſſe etwas abſeits vom Tiſche geſetzt hatte, rückte näher und ſagte, ſie traue ſich nicht den rechten Blick für das heitere Leben der Menſchen zu; ſie ſähe ſie wohl an Sonn- und Feſttagen ſcherzend, ſingend und mit Kränzen auf dem Haupte bergan, bergab ziehen, wer aber nicht mitten in dieſem luſtigen Treiben ſtehe, wer das nur vom Fenſter aus, oder hinter dem Gartenzaun ſtehend betrachte, der habe kein gerechtes Urtheil; das ganze Treiben käme Einem manchmal vor, wie wenn man ſich die Ohren zuhalte, nichts von der Muſik höre und doch die Menſchen tanzen ſehe. Die Profeſſorin fragte nach den Armen der Gegend, ob da vielleicht Fräulein Milch nähere Einſicht habe. Lächelnd ſagte Fräulein Milch: „Ja, die Armen! Die Weinbauern kommen mir vor wie die Muſikanten; ſie mühen ſich ab im Muſik machen, nach der die Andern tanzen; übrigens ſind ſie auch ſelbſt luſtig dabei.“ Die Art, wie Fräulein Milch ſich weiter ausdrückte, überraſchte die Profeſſorin; ſie hatte eine kleinliche, redſelige Wirthſchafterin erwartet und fand ein geläutertes Denken, einen Zartſinn, die von reifer Bedachtſamkeit ſtammen mußten. Sie erwähnte die umfaſſende Thätigkeit Sonnenkamps; Fräulein Milch ging nicht näher ein, ſie ſagte nur, Herr Sonnenkamp ſei nicht unmilden 8 Herzens, aber er habe keine geordnete Wohlthätigkeit. Sie be⸗ 4 dauerte, daß Manna nicht da ſei; wenn die Tochter des Hauſ⸗ ℳ —.*— 3——— — — 3 ———————————— — 102— die Wohlthätigkeit des Vaters ordnete und in der Hand hielte, ſo wäre das beſſer als ein Kloſterleben. Ihrer ſonſtigen Zurückhal⸗ tung vergeſſend, erklärte Fräulein Milch, daß Manna eine unbe⸗ greifliche Verletzung erfahren haben müſſe, denn aus Uebermuth plötzlich zu ſolcher Demuth überzuſpringen, das ſei nicht natürlich. „Ich will Ihnen nur einen kleinen Zug von Manna erzählen und Sie kennen ſie. Eine Stechfliege, eine ſogenannte Rhein⸗ ſchnake, ſaß auf ihrer Hand und ſaugte an ihrem Blute; ſie ließ ſie ruhig ſaugen und ſagte dann nur: die garſtige Fliege! Ich habe ſie trinken laſſen und nicht geſtört, und ſie hat mich dann doch dafür geſtochen.. Gegen mich,“ ſetzte Fräulein Milch erröthend hinzu,„hat das Kind eine Abneigung, die ihm von Fräulein Perini eingeflößt wurde.“ Die Profeſſorin erklärte, daß Herr Sonnenkamp es ihr anheim⸗ geben wolle, eine ausgebreitete Mildthätigkeit anzuordnen; ſie fragte, ob Fräulein Milch ihr darin beiſtehen wolle. Dieſe ver⸗ ſprach es; ſie kam aber wieder darauf zurück, daß es ſchicklicher wäre, die Tochter des Hauſes in Mitwirkung zu ſetzen. In guter Anſprache lernten die beiden Frauen einander kennen. Die Profeſſorin hatte die ererbte und leichte Bildung, ſie gab viel, ohne daß es ſo ſchien; Fräulein Milch hatte die eroberte Bildung, in der ſich die Mühſeligkeit erkennen ließ, mit welcher ſie ſich ein tieferes Denken ſelbſtändig angeeignet hatte. Der Major ſah von ferne, wie die beiden Frauen ſich die Hände reichten, und er ſprach die liebkoſenden Worte, die er gern zu Fräulein Milch geſagt hätte, zur Laadi: „Biſt ein prächtiges Geſchöpf, geſcheidter wie alle Menſchen... klar wie der Tag... ruhig und ſolid... Du nicht, Laadi.. was guckſt Du mich ſo an?“... Er kam glücklich wieder im Garten an, Roland und Erich folgten nach. Als der Major der Profeſſorin auf dem Heimwege ein Stück Weges das Geleite gegeben hatte, ſtand er noch lange ſtill und ſchaute den Weggehenden nach, und zum Himmel aufblickend, ſprach er: „Dank Dir, Du Baumeiſter aller Welten... Du weißt ſchon, was ich ſagen will... Remdem!“ Achtes Buch. . Erſtes Capitel. Von Biegung zu Biegung iſt es, als ob der mächtig dahin⸗ wallende Rheinſtrom ſich in einen See verwandle, bis er wieder, um die ſich vorſchiebenden Berge ſtrömend, ſeinen Lauf fortſetzt. Faſt iſt es in der Geſchichte, die wir zu erzählen haben, auch ſo. Zur Feier von Goethe's Geburtstag hatte Clodwig die Nach⸗ barn von Villa Eden nach Wolfsgarten geladen. Frau Ceres und Fräulein Perini blieben zurück. Erich konnte ein Bangen nicht unterdrücken, wie er Bella zum erſten Mal begegnen würde. Sie kam mit Claudine den Be⸗ ſuchenden im Walde entgegen, ſie umarmte die Profeſſorin und dankte ihr nochmals, daß ſie ſich die Entbehrung auferlegt, Clau⸗ dine bei ihr zu laſſen; Erich reichte ſie die Hand und ſagte mit etwas ſtarrem Blick: „Sie, Herr Hauptmann, waren heute ſein erſter Gedanke.“ Weiter ſagte ſie nichts, ſie nannte ihren Mann auch nicht geradezu. Eben als man auf Wolfsgarten ankam, fing es zu regnen an, ſo daß man das Haus nicht verlaſſen konnte. Prancken war nicht zugegen; er hielt ſich am Niederrhein bei einem kirchlich geſinnten Landwirthe, dem ſogenannten Kloſter⸗ bauer auf; denn es gibt heute nichts mehr, dem man nicht ein, kirchliche Färbung und Unterſcheidung gibt. Prancken hatte dah' das Glück, in der Nähe des Kloſters zu ſein, denn der La wirth hatte die Felder der Inſel gepachtet, die er bebaute.„ ½ — — 164 Man verſammelte ſich im großen Saale, deſſen drei offene Balconthüren nach dem von Blumen und Schlingpflanzen beſtell⸗ ten und mit ſchönen Ruheſitzen verſehenen Balcon führten. Als man ruhig beiſammen ſaß und durch einander plauderte, erhob Clodwig plötzlich die Hand, wie wenn er Stille gebiete; Alle verſtanden. Er zog die Uhr heraus und ſagte: „Jetzt iſt die Minute, in der Gvethe vor mehr als hundert Jahren geboren. Ich bitte,“ ſetzte er freundlich winkend hinzu, „Bella und Fräulein Dournay...“ Die Beiden verſtanden, ſetzten ſich zum Clavier und ſpielten vierhändig Beethovens Ouverture zu Egmont. Bella ſpielte mit weit offenen Augen dreinſchauend, Claudine hatte den Blick geſenkt und bewegte während des Spielens den Kopf beſtändig wie in einer Wogenlinie; Alles war geſchwungen, nichts eckig. Als das Muſikſtück geendet hatte, erzählte Clodwig von ſeinem Glücke, Goethe noch perſönlich gekannt zu haben. Die Profeſſorin beklagte, daß es ihr nicht zu Theil geworden, die Stimme des Dichters zu vernehmen und in ſein Auge zu ſchauen, und doch ſei ſie, als er ſtarb, ſchon alt genug geweſen, um zu wiſſen, wer er war, wenn ſie ihn auch noch nicht vollauf be⸗ griffen. Sie erzählte, wie in ihrem elterlichen Hauſe, als man ſich eben zu Tiſche ſetzen wollte, ein Mann kam mit der Nachricht: Svpeben iſt die Kunde vom Tode Goethe's eingetroffen. Eine ältere Dame war ſo ergriffen, daß ſie ſich nicht mit zu Tiſche ſetzen konnte. Damals zum erſten Male habe ſie ihren Gatten, der mit an der Tafel ſaß, im Widerſpruch kennen gelernt; denn er habe bei aller Verehrung für Goethe behauptet: der Meiſter habe es nicht nur als Hauptaufgabe des Mannes geſtellt, die beſte Frau zu finden, er habe auch die Dichtkunſt ſelbſt zu ſehr verweiblicht, er habe die Frauen zu ſehr in den Mittelpunkt des wirrenden Lebens geſtellt und die Welt in dem Glauben gelaſſen, daß die Poeſie und ihre Kenntnißnahme mehr eine Sache der Frauen ſei. Clodwig widerſprach dieſer Auffaſſung. Er betonte zuerſt, daß unſer modernes Leben den ſogenannten Cultus des Genius nicht aufkommen laſſe, denn der Cultus könne nur da entſtehen, vo die Erſcheinung des Vollkommenen, des Göttlichen angenommen erde; ſobald man Einſchränkungen ſetze, ſei er nicht mehr möglich. —— ₰ 105 Bella, die ſich nicht weit von Erich auf den Balcon geſetzt hatte, ſagte zu ihm: 4 „Ich will nichts Vergangenes. Wollte ich Reliquien verehren, hätte ich in meiner Kirche genug. Mit der Verehrung für Ver⸗. gangenes machen ſich die Menſchen zu etwas. Es lebe, wer da lebt, iſt mein Wahlſpruch.“ Mit Schrecken ſah Erich, daß in dieſer Frau ein Widerſpruch gegen die ganze Tonart ihres Mannes war, der ihn das ehedem ſo harmoniſch erſchienene Zuſammenſein als ein durchaus pein⸗. liches erkennen ließ. Das Auge Sonnenkamps dagegen, der die Worte Bella's gehört hatte, ruhte groß auf Bella; ſie wendete ſich nun an ihn und bat, ihr bei der neuen Einrichtung ihres Treibhauſes Rath zu ertheilen. Sie legte ihren Arm in den Claudinens, Beide gingen mit Sonnenkamp davon. Clodwig und die Profeſſorin ſaßen nun allein im Saale, wäh⸗ rend Erich und Roland auf dem Balcon ſtill hielten und ver⸗ nahmen, wie Clodwig hinzuſetzte, daß die Zukunft, wenn dem thätigen Leben die Weihe des Geiſtes geworden, vielleicht die Form des Cultus nicht mehr bedürfe. 2 Mit angehaltenem Athem hörten Erich und Roland zu, wie Clodwig und die Mutter einander bekannten, was ihnen der Meiſter an Lebenskraft und durchdringender Erkenntniß geleiſtet, und wie ſie jenes nicht genug erkannte Werk:„Gvoethe's Geſpräche mit Eckermann,“ erörterten, das uns den Meiſter zu lebendigem, perſönlichem Umgange erneuert. An dem Verhältniß zu Gvethe läßt ſich der Bildungsgrad eines Menſchen ermeſſen. Clodwig meinte, daß die heutige Jugend eine bedingte Ver⸗ ehrung für den Meiſter habe, da ſie vorherrſchend die bürgerliche Pflicht fühle und ein eigentlich politiſches Wirken Goethe nicht aufgegangen ſei und ſeine Aufgabe nicht war. Vieder ſtimmten die Beiden in einen Wechſelgeſang zum Lob⸗ preiſe der Bereicherung und Vertiefung des Lebens ein, das ihnen durch Goethe geworden. Erich und Roland ſaßen ſtill und hörten zu; nur einmal ſagte Erich leiſe: „Sieh, Roland, das iſt Ruhm, das iſt Ehre; das iſt das höchſte Glück, daß ein Mann ſo fortwirkt, daß ſein Geiſt ſtets neu belebt,„ daß hier oben nach Jahren zwei Menſchen einander erbauen in Auf⸗ erweckung deſſen, was ein aus dem Leben Verſchwundener feſtgeſtellt.“ 5 — — — 106— Weiter ſprachen die Beiden drinnen im Saal und jetzt hörte Erich ſeinen Namen nennen, denn die Mutter ſagte: Erich ver⸗ ſtünde ſehr gut, Goethe'ſche Gedichte vorzuleſen. Bella, Claudine und Sonnenkamp wurden herbeigerufen. Erich las, aber heute weniger gut als ſonſt, denn es kamen viele An⸗ klänge vor, die auf die Bewegtheit ſeines Herzens und Bella's ſich übertragen ließen. Der Regen hörte immer noch nicht auf. Bella gab verborgene Künſte zum Beſten. Sie erſchien in einer rothſammetnen Dra⸗ perie, die ſie als griechiſches Gewand handhabte, und ahmte einer berühmten italieniſchen Schauſpielerin mit bewundernswerther Kunſt nach. Sie verſchwand wieder und erſchien als Pariſer Griſette; dann verſchwand ſie abermals und trat als Tiroler Handſchuh— verkäuferin auf, immer neu, kaum zu erkennen. Am meiſten Heiterkeit erregte es, als ſie raſch nach einander drei Bettlerinnen nachahmte, eine katholiſche, eine evangeliſche und eine jüdiſche Frau. Ohne in Caricatur zu verfallen, ver⸗ ſtand ſie es, auch Bekannte wiederzugeben, und das Alles mit vollendeter Grazie und Beſtimmtheit. Clodwig mußte an ſich halten, eine Bitterkeit nicht merken zu laſſen, daß durch ſolche Dinge ſein Goethe⸗Tag ausgefüllt würde. Er fühlte ſich wieder in ſeinem eigenen Hauſe heimatlos und fremd zu Bella. Erich indeß ſah dieſe Schauſtellungen, denen er eine Be⸗ wunderung nicht verſagen konnte, mit getheilter Empfindung an. Welch eine reiche Natur war Bella, und wie ſchwer mußte es ihr ſein, ihre vielfältige Kraft im engen Bezirke eines Pflicht⸗ kreiſes zu halten. Bella aber hatte ſich heute gewaltſam zum Aufgebot ihrer Künſte gebracht; ſie wollte jede Empfindlichkeit, jede Erinnerung vor ſich und Erich vernichtet ſehen. Sie erzählte Erich, daß der ruſſiſche Fürſt, der zu Weidmann nach Matten⸗ heim gezogen war, oft ſeiner gedenke; er ſchreibe aber auch mit großer Anerkennung von dem früheren Lehrer Roland's, dem Magiſter Knopf. In der Betonung des Wortes„Lehrer“ ſchien Bella eine ver⸗ ſchwundene Grenzſcheide zwiſchen ihr und Erich wieder aufrichten zu wollen. Gegen Abend hörte endlich der Regen auf und die Sonne ging mit jener unſagbaren Farbenpracht unter, die beim Durch⸗ — 3 leuchten der Reg ſtellt. Man machte ſich raſch a daß ſeine Schweſter Manna nicht einen ſol — 107— enluft über den wie durchglühten Bergen ſich dar⸗ uf den Heimweg. Roland beklagte, chen Tag miterlebt. Clodwig fragte noch beim Abſchied Sonnenkamp, ob er nicht nunmehr, da die Profeſſorin in ſeinem Hauſe, die Tochter heim⸗ kommen laſſen wolle. Sonnenkamp war ſehr dankbar für die Sorgfalt, die Clodwig ſeinem Hauſe widmete; er bot der Profeſſorin die Hand dar und ſagte: „Wenn es Ihnen genehm i zu meiner Tochter.“ Die Profeſſorin nickte beiſtimmend. Sonnenkamp glaubte an die edlen Motive der Profeſſorin und eine Weile fühlte er ſich angenehm davon berührt. Bald aber erhob ſich wieder das Bewußtſein ſeiner triumphiren⸗ den Kraft; die Welt dient ſeinen Plänen und es iſt eine Luſt, die Menſchen zu verwenden, mit ihnen zu ſpielen, auf ihren Schul⸗ tern ſich zu wiegen. Clodwig und die Profeſſorin machten ſeinen eheimen Wunſch für Manna zu ihrem eigenen, ſie mußten nun dankbar ſein, daß er ihren Willen ausführte, und doch mußten ſie ihm dienen, denn gerade durch ſie ſollte ſein Hauptplan zur Ausführung kommen, erſt dann hatte er das beſtätigte Recht, ein Weſen höherer Gattung ſein zu dürfen, das über Andere verfügt und ſie mit Freundlichkeit begnadigt. Noch am Abend der Heimkunft beſtimmte Sonnenkamp, daß der Gärtner die Lieblingsblumen Manna's, und das waren be⸗ ſonders Reſeden, am andern Tage überall in ihrem Zimmer an⸗ bringe. ſt, reiſen wir morgen mit einander Zweites Capitel. Dienſtfertigkeit und Ehrerbietung zeigten ſich in der Art, wie Sonnenkamp der Profeſſorin die Hand reichte, als ſie aus dem Wagen ſtieg, wie er ſie nach dem Dampfſchiff führte, ihr einen Ausblick gewährenden Platz vor Zugluft geſchützten und freien egte und nach ihren Wünſchen ſuchte, wie er ihr alles zur Hand l fragte. * — — ——— —— — 108— Die Profeſſorin ſah zu ihrem Schrecken, daß ſie ein Buch vergeſſen hatte, das ſie mitnehmen wollte. Sie wich den Fragen Sonnenkamps aus, welches Buch es ſei, denn ſie konnte wohl vorausſetzen, daß die Schriften des Mannes, den ſie ſo ſehr ver— ehrte, Sonnenkamp nicht genehm ſeien; ſie ſcherzte über ſich ſelbſt, daß ſie noch bei einer Rheinfahrt am ſonnenhellen Tage gerne ein Buch bei ſich habe. Nun mußte ſie ganz dem Ausblick und ihren Gedanken leben. Sonnenkamp ſetzte ſich neben ſie und ſeine Stimme war in der That bewegt, als er ſagte, daß er ſeine Kinder glücklich preiſe, ja faſt beneide, daß eine ſolche Frau ſich in ihren Jugend⸗ geiſt einlebe. Je mehr er ſprach, je weicher wurde er; es lag ein Glanz in ſeinen Augen, als ob eine Thräne darin zerfloſſen wäre. Er wiederholte, er möge nicht von ſeiner Jugend ſprechen, die ſei öde und wüſt, keine zarte Frauenhand habe je die Mienen ſeines Antlitzes geglättet. Endlich kam er, ſich gewaltſam faſſend, auf den Hauptpunkt. „Man hat meinem Kinde eine Thatſache berichtet, die zu widerlegen ich unter meiner Würde halte. Sollten Sie, geehrte Frau, eine ſolche erfahren, ſo ſeien Sie im Voraus überzeugt, daß es eine von niedrigſter Feindſeligkeit ausgeheckte Lüge iſt.“ Er ſagte, er könne es nicht nennen, ſonſt müßte er hier auf dem Schiffe raſend werden. Seine zur Milde geſchmeidigten Mienen wurden plötzlich wild, Furcht erregend. Die Profeſſorin ſagte nun, daß ſie zunächſt ihrer Jugendfreundin, der Oberin, einen Beſuch mache, und bat, daß Herr Sonnenkamp Alles vermeiden möge, was ſeiner Tochter eine Beziehung zu ihr aufdrängen könne. Sonnenkamp verabredete mit ihr, nicht mit auf die Inſel zu gehen; er wollte im Gaſthof am andern Ufer warten, bis die Profeſſorin ihn rufen laſſe... Während das Schiff den Rhein hinabfuhr, pflügte ein ſtatt— licher Landwirth in kleidſamer Tracht einen Acker auf der Kloſter⸗ inſel. Die Kinder ſtanden von Ferne und ſahen dem Pflügen zu, als ob es ein Wunder wäre; ſie wollten näher treten und ſchauten auf Manna, als ob dieſe es erlaube, Manna nickte und ſie gingen auf dem Kiesweg an der Seite des Ackers dahin. Da grüßte der Pflügende, indem er den Hut abnahm; Manna erſchrak. Iſt das nicht Herr von Prancken? — 16 Er pflügte ruhig weiter. Als er jetzt den Pflug wendete, ſchaute er zu ihr hin und lächelte; er war es. „Das iſt ein wunderſchöner Bauernknecht,“ ſagte eines der Mädchen. „Und er ſieht ſo fein aus,“ rief ein anderes. „Und er hat einen Siegelring an der Hand,“ rief ein drittes. „Wer weiß, ob das nicht ein verkleideter Ritter iſt.“ Manna rief die Kinder, daß ſie wieder mit ihr umkehrten. Sie ging in ihre Zelle, von der man den Acker überſchauen konnte, vermied aber das Fenſter. Es ſchmeichelte ihr, daß Prancken ſich in ihrer Nähe hielt und ſo beſcheiden und rück⸗ ſichtsvoll war, ſie nicht anzuſprechen. Sie überlegte, ob ſie das nicht der Oberin mittheilen müſſe, aber ſie fand, daß ſie kein Recht habe, das Geheimniß des Herrn von Prancken zu löſen. Sie ging nach dem Fenſter und ſah, wie er ruhig ſeine Arbeit vollführte, er erſchien ſo rein und edel in dieſer einfachen Thätigkeit. Ein Roſenſtock ſtand auf ihrem Fenſterſims, eine Spätroſe war aufgeblüht; jetzt ſchaute Prancken auf, ſie faßte die Roſe, wollte ſie abbrechen und als Zeichen der Erkennung ihm hinabwerfen, aber eben, als ſie den Stiel faßte, trat eine dienende Schweſter ein und meldete, daß ein Beſuch gekommen ſei, der Manna zu ſprechen wünſche. Die Roſe blieb am Stock. Manna wendete ſich und fühlte, wie verwirrt ſie war. Dort iſt ja Prancken, dort führt er den Pflug. Wie konnte er ſich melden laſſen? Oder iſt Gräfin Bella angekommen? Schwankenden Schrittes ging ſie hinab nach dem Sprechzimmer. Die Oberin ſtellte ihr eine Dame vor und ſagte: „Dies iſt meine Freundin, Profeſſorin Dournay, die Mutter vom Lehrer Deines Bruders.“ Prittes Capitel. Der erſte Blick, mit dem die Profeſſorin und Manna einander ins Auge faßten, war Ueberraſchung; Jedes hatte ſich vom Andern eine nicht zutreffende Vorſtellung gemacht. Manna erinnerte ſich der hohen Geſtalt Erichs, ſeiner Aehn⸗ ——— —— — 110— lichkeit mit dem Bilde des heiligen Antonius und nun ſtand vor ihr eine kleine ergraute Blondine. Die Mutter dagegen hatte ſich eine ſchöne Schweſter Rolands vorgeſtellt und ſah nun eine zierlich feine, aber beim erſten Anblick durchaus nicht den Eindruck von Schönheit gebende Erſcheinung. Die Farbe des Antlitzes war etwas dunkel, die braunen Augen glänzten in breitem, ruhigen, jeden Hineinblickenden erwärmenden Feuer. Manna verbeugte ſich ſehr förmlich vor der Profeſſorin und dieſe reichte ihr mit einer mütterlichen Zutraulichkeit die Hand, indem ſie ſagte, daß es ihr eine Freude ſei, bei dem Beſuche, den ſie ihrer Jugendfreundin, der Oberin, mache, auch die Tochter ihrer Gaſtfreunde kennen zu lernen. Sie betonte beſonders, daß ſie in einem traulichen Verhältniß zur Mutter Manna's ſtehe. „Iſt meine Mutter wohl?“ fragte Manna; ihre verſchleierte Stimme tönte warm und anmuthvoll. Die Profeſſorin gab guten Bericht und konnte hinzufügen, daß der Doktor ſage, Frau Ceres ſei noch nie ſo anhaltend belebt geweſen wie jetzt. „Wenn Sie an Manna einen beſonderen Auftrag haben,“ ſagte die Oberin,„ſo will ich Sie allein laſſen.“ „Ich habe durchaus keinen beſonderen Auftrag.“ Manna verabſchiedete ſich, ſie reichte der Profeſſorin die Hand und ging davon. Sie wußte nicht, wie ihr geſchehen war. Wo—⸗ zu hat man ſie denn rufen laſſen, wenn man ihr kaum etwas mitzutheilen hat? Daß dieſe Fremde ſie ſo hin und her ſchickte— denn eine Fremde iſt doch dieſe Frau— erſchien ihr unwürdig. Aber während ſie über den langen Gang dahinwandelte, ſah ſie beſtändig das treuherzig milde Antlitz der Fremden vor ſich und jetzt lächelte es ihr zu, als wollte es ſagen: Biſt ein ſeltſames Kind! Nachdenklich kehrte Manna in ihre Zelle zurück; ſie ſah zum Fenſter hinaus, Prancken ſtieg mit dem Pferde in einen Kahn und dann landete er drüben.— Er eilte raſch das Ufer hinan und verſchwand hinter den Weiden. Manna ſehnte ſich nach der Zeit, wo die Welt ihr entrückt ſein und keine Unruhe mehr über ſie kommen würde, denn jetzt war ſie tief beunruhigt. Da iſt Prancken, da iſt die Mutter des Erziehers— was ſollte das Alles? Sie nahm ihr Andachtsbuch vor, aber es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von den hier feſt⸗ ſtehenden feſſeln zu laſſen. ——— ———— 0— — — 1 Indeß ſaß die Profeſſorin bei der Oberin. Erſcheinung wie Haltung dieſer beiden Frauen war ein ſcharfes Widerſpiel. Die Geſtalt der Profeſſorin war behaglich und in ihrem Antlitz eine aufmerkſame Belebung, ihre Hände waren rund und vvll. Die Oberin war hager, groß, geſtreckt, der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts ſtreng und ernſt, wie wenn ſie eine Sekunde vorher einen gemeſſenen Befehl ertheilt hätte oder im Begriff wäre, einen ſolchen zu ertheilen; ihre Hände waren lang und ausgearbeitet. Beide Frauen hatten eine ſchwer geprüfte Vergangenheit; die Profeſſorin hatte eine milde, ja eine lächelnde Zufriedenheit daraus gewonnen, die Oberin dagegen eine beſtändige Rüſtung, um allen Begeg⸗ nungen feſt gegenüberzuſtehen. Bei der erſten Begrüßung der beiden Jugendfreundinnen nach einer bald dreißigjährigen Trennung ſchien die Oberin es nicht gehört zu haben oder nicht hören zu wollen, daß die Profeſſorin ſie Du genannt hatte. „Ich hätte nicht geglaubt, daß ich Sie dieſſeits noch einmal ſehe,“ ſagte ſie alsbald, und als die Profeſſorin Jugenderinne⸗ rungen erwecken wollte, entgegnete die Oberin, ſie kenne keine Vergangenheit, ſie kenne nur eine Zukunft, die einzige, die das Recht habe, daß wir all unſer Denken darauf richten. Die Oberin bemerkte, daß die fremde Anrede die ehemalige Freundin ſtutzig mache, und ſagte mit gleicher Ruhe, daß ſie keinerlei Unterſchied mit Verwandten und Bekannten aus der früheren Welt mache; es ſei ihr Niemand näher und Niemand ferner geſtellt; wer nicht ſo zu handeln vermöchte, der dürfe ſich nicht dem geiſtlichen Berufe widmen. Die Profeſſorin war gefaßt genug, um zu ſagen: „Sie hatten immer eine Strenge des Geiſtes, die mich früher manchmal erſchreckte, die ich jetzt aber bewundere.“ Die Oberin lächelte; aber wie im Zorn, daß ſie von dieſer Hoflichkeit ſich geſchmeichelt fühlte, ſetzte ſie hinzu: „Ich bitte mich nicht zur Eitelkeit verleiten zu wollen. Ich ſtehe auf meinem Poſten und habe ſtrengen Wachtdienſt, bis der Herr mich abruft. Damals, ich muß es doch ſagen, wußte ich nicht, daß Sie und ich in zwei verſchiedenen Welten lebten; in — Welt hat man die Pflicht, keine Kraft für ſich ſelbſt zu aben.“ — 112— Bei aller Selbſtverleugnung erſchien es der Profeſſorin, als ob die Oberin von der Macht und Größe des Kreiſes, in dem ſie ſtand, mit jenem Stolze oder wenigſtens mit jenem gehobenen Selbſtgefühle ſprach, das Jeden leicht überkommt, der einem ge⸗ ſchloſſenen, machtvollen Gemeinweſen angehört. Bald aber fanden die Beiden einen friedlichen Berührungs⸗ punkt, indem ſie über die ſchwere Aufgabe der Erziehung junger Seelen ſich beſprachen. Die Oberin hatte reiche eigene Erfahrung, während die Pro⸗ feſſorin faſt nur auf Lehre und Anſchauung ihres Gatten ſich berufen konnte; und jetzt, da ſie als Schülerin erſchien und dank⸗ bar zuhörte, wurde ſie auch milder betrachtet. Die Oberin fühlte, daß ſie doch etwas zu ſchroff ſich verhalten, und wie man in ſolcher Empfindung leicht Dinge mittheilt, die man eigentlich ver⸗ ſchließen wollte, ſo geſchah es auch hier. Sie erzählte, welch ein wunderſames Weſen Manna ſei; es ſeien zwei Naturen in ihr, eine demüthig fügſame, faſt willenloſe, und eine kämpfende, trotzige und eigenwillige. Sie habe einen ernſten Charakter, vielleicht etwas zu ernſt für ein ſiebzehnjähriges Mädchen; nur könne ſie in ihren Empfindungen oft nicht Maß halten, aber wer könnte das in dieſem Alter. Auf ihrem Gemüthe laſte ein Schmerz, der unerklärlich ſei; es ſei zu vermuthen, daß er darin ſeinen Grund habe, daß das Kind den Zwieſpalt der Eltern tief empfinde. Sie fragte die Profeſſorin um Näheres über die Charakterbeſonderheit der Eltern, aber die Profeſſorin antwortete ausweichend. Die Oberin erzählte weiter, daß Manna Anfangs einen ſchweren Stand im Kloſter gehabt, ja ihr Eintritt faſt eine Revolution bewirkt habe. Zwei Amerikanerinnen aus den beſten Familien waren ebenfalls hier und wollten nicht mit der Qua⸗ 2 drone— denn für eine ſolche hielten ſie Manna— an Einem Tiſche ſitzen; ſie erzählten den Mitſchülerinnen, daß Neger und Miſchlinge in ihrem Vaterlande immer in abgeſonderten Waggons der Eiſenbahn ſitzen, wie auch in der Kirche beſondere Plätze haben müßten. Durch ſchnelle Faſſungsgabe und großen Eifer habe Manna es bald dahin gebracht, daß ſie ſogar das blaue Band erhielt. Die Profeſſorin hätte der Oberin gern geſagt, daß es ihre Pflicht geweſen wäre, den Kindern durch Lehre und That zu zeigen, wie es vor Gott keinen Unterſchied des Blutes gebe und dieſe Ausſchließung eine Gottloſigkeit und Barbarei ſei. 5 —*——— 8 S— 8— . .———— 1 — — = * 3 —— — — —„„————„——— —, — 3— Sie unterdrückte es. Eine Röthe aber durchzog das Antlitz der Profeſſorin, da die Oberin ſagte, ſie möge die Güte haben beim Tiſchgebet die Hände zu falten. Sie erwiverte: „An unſerm Tiſch wurde kein übliches Gebet geſprochen, aber ich glaube, daß an demſelben ein reines und gutes Denken herrſchte.“ „Gut, gut, ich wollte Sie nicht verletzen,“ ſagte die Oberin. „Ich habe mit Theilnahme erfähren, daß Sie den Mann ver— loren, um deſſentwillen Sie ſich aufopferten.“ „Ich war glücklich mit meinem Mann,“ erwiderte die Pro⸗ feſſorin,„unſere Liebe erneuerte ſich täglich. Dieſes Glück habe ich verloren, aber ich beſitze noch eine hohe und ſchöne Liebe: die zu einem Sohn, der ſich gut und tüchtig entwickelt hat.“ „Es freut mich, daß Sie ſo glücklich ſind, aber ſagen Sie mir aufrichtig: haben Sie nicht auch gefunden, daß unter zehn verheiratheten Frauen mindeſtens neun unglücklich ſind?“ Die Profeſſorin ſchwieg und die Oberin ſuhr fort: „Ihr Schweigen iſt Bejahung, und nun ſehen Sie den großen Unterſchied: unter hundert Nonnen finden Sie kaum eine un⸗ glückliche.“ Die Profrſſorin ſchwieg noch immer, ſie wollte auf dieſe kühne Behauptüng keine Erörterung weiterfühten, ſie war Gaſt, ſie wollte hier nicht bekehren und verbeſſern. Die Oberin aber wurde her⸗ ausfordernd, denn ſie fragte: „Kennen Sie etwas Unglücklicheres als ein Mädchen, das weiß und von dem Andere wiſſen, daß es in den Beſitz von Millionen kommt? Soll es an die Liebe von vergänglichen Menſchen glauben? Soll es glauben, daß es um ſeinetwillen umworben werde? Da bleibt nichts, als ſich und ſeine Habe in die Hand des Cwigen geben. Wir werben nicht um Manna und ihren einſtigen größen Beſitz, wir beſtehen darauf, daß ſie in die Welt zurückkehre untd erſt aus freiem Entſchluß wieder zu uns komme. Von unſerer Seite geſchieht weder Zwang noch Einflüſterung, aber wir haben auch die Pflicht, Die⸗ jenigen, die das Unvergängliche dem Vergänglichen vorziehen, wo ſie auch ſein mögen, zu ſchützen; und nun reden wir darüber nicht mehr.“ Die Oberin ging davon. Die Profeſſorin wandelte allein auf der Inſel und es erſchien ihr als ein Wagniß, ja als unberechtigte Kühnheit, das Kind, das hier in Frieden lebte und in dieſem Kreiſe ſein Leben be⸗ ſchließen wollte, herausreißen zu wollen. Auerbach. Landhaus am Rhein. ll. 8 Sie ſtand am Ufer und faſt ohne zu wiſſen warum, ließ ſie ſich überſetzen und war nicht wenig erſtaunt, unter den ſchattigen Linden des Gaſthofes Herrn Sonnenkamp und Herrn von Prancken beim Weine ſitzen zu ſehen. Prancken hatte ein ſeltſames Gewand an, ſo daß ſie glaubte, ſie irre ſich; ſie wollte umkehren, wurde aber angerufen und trat zu den beiden Männern in den Garten. Sonnenkamp war ſehr aufgeheitert, er pries den Zufall, der ihn hier ſeinen Freund Prancken treffen ließ, er fand es gar prächtig, daß ſich der Baron eine Weile zum Feldbauer machte, er deutete an, daß er auch einmal ſo etwas geweſen, und ſagte: „Vor unſerm Freunde haben wir kein Hehl. Frau Profeſſorin, will Manna nun mit Ihnen heimkehren?“ Die Profeſſorin erzählte, daß davon noch kein Wort geſprochen ſei, und man könne es auch kaum wünſchen; man ſolle Manna ihre Zeit vollenden laſſen und überhaupt ſich vor jedem gewalt⸗ ſamen Eingriff hüten. Prancken ſtimmte bei, Sonnenkamp war indeß ſehr unwirſch, er fand es empörend, daß ſein Kind hier wie in einer Heerde leben ſollte, während ihm ein freies Daſein bereitet war. Die Mittagsglocke läutete auf dem Kloſter, die Profeſſorin ſagte, daß ſie zurückkehren müſſe. Sonnenkamp begleitete ſie bis ans Ufer und dort ſagte er leiſe: „Kümmern Sie ſich nicht um Prancken. Wir wollen meinem Kinde die Freiheit geben in jeder Beziehung.“ Die Profeſſorin fuhr wieder nach der Inſel; die Kinder ſaßen ſchon bei Tiſche, als ſie in den Speiſeſaal kam. Als geſpeiſt und gebetet war, ſagte die Oberin zu Manna: „Nun geh mit der Freundin Eures Hauſes.“ Die Profeſſorin ging mit Manna nach dem ſchattigen Wäld⸗ chen am obern Ende der Inſel. Auch Heimchen ging mit und war zutraulich gegen die Mutter; das Kind ließ ſich ruhig mit einem Buche unter einen Baum ſetzen und wollte hier warten, bis man es wieder abhole. „Du darfſt aber Manna nicht mit fortnehmen,“ rief das Kind noch von ſeinem niedern Bänkchen nach; die Beiden erſchraken, denn das Kind ſprach wie durch einen Naturtrieb aus, was die Eine beſorgte, die Andere hoffte. Piertes Capitel. „Sie ſcheinen mir zu höherem Leben berufen,“ ſagte die Profeſſorin,„da Sie ſchon in früher Jugend etwas ſo Schweres und den ganzen Zwieſpalt der Menſchen erfahren mußten.“ „Ich? Wie?“ fragte Manna. Sie zitterte. „Sie haben ja unter jenem Entſetzlichen gelitten, das Ihr großes und ſchönes Vaterland befleckt.“ „Mein Vaterland? Ich? Sprechen Sie deutlicher.“ „Es ſchmerzt mich ſehr, wenn ich eine Wunde berühre, aber dieſe Wunde iſt ein Ehrenſchmuck für Sie und Sie ſind ja un⸗ ſchuldig in dieſen Zwieſpalt des Lebens geſetzt.“ „Ich? Sagen Sie mir Alles, was wiſſen Sie?“ „Ich meine, es muß Ihr Empfinden erhöhen, daß Sie gerade, dieſe Niedrigkeit der Geſinnung an ſich ſelbſt erdulden mußten.“ „So ſagen Sie endlich deutlich, was wiſſen Sie?“ Es lag ein harter Ton in der Art, wie Manna ſcharf und zornig das ausrief, ihr mildes Auge funkelte unheimlich. „Ich weiß nichts, als daß Sie bei Ihrem Eintritt ins Kloſter Schweres erleiden mußten, da zwei Amerikanerinnen Sie für Halbblut hielten und nicht mit Ihnen ſein wollten.“ „Ja, ja, das iſt's! Jetzt weiß ich, warum Anna Sotway oftmals ſagte, ſie vermöge in den Augen und an den Nägeln zu erkennen, wer Negerblut in ſeinen Adern habe. Ich danke Dir, heiliger Gott, daß Du mich das erleben ließeſt. Nun ver⸗ ſtehe ich erſt recht, wofür ich das Opfer bin. Ich ſelbſt. ich ſelbſt ſollte die Schmach erleben, wie ein Sklave ausgeforſcht zu ſein! Aber warum duldeſt Du Gott, daß ſie Dich anbeten, und Dich in Deinen Geſchöpfen verhöhnen? Alſo nicht weil ich gottes⸗ fürchtig und gehorſam ſein wollte, nein, weil ich von reinem Blute bin, duldeten ſie mich hier?“ Es ſchien ein fremdes Weſen, das hier ſprach, und in den Wald hinein rief: „Ihr Bäume, warum ſeid ihr ein Jeder nach ſeiner Art, und blüht und grünt und wachſet und Eine Sonne erwärmt euch und die Vögel ſingen. Wehe! wo bin ich?“ „Auf gutem Wege,“ ſagte die Profeſſorin. Manna ſtarrte ſie an, als wäre ſie ein Geſpenſt, die Profeſſorin aber fuhr fort: ——— ——— — — 116— „Ein reiner Geiſt erneuert ſich in Dir, mein Kind. Leſſing ahnte nicht, da er das Wort ausſprach: Ich will nicht, daß allen Bäumen eine Rinde wachſe— daß ſich ſein Geiſt hier im Kloſter, in einem erwachenden Kinde neu offenbaren würde. Sein Geiſt iſt jetzt zwiſchen uns, und ich glaube, er würde Dir ſagen: Vergieb ihnen, ſie werden lernen, daß Gott allein beharrt und die Menſchengeſchlechter nur wandelnde, ewig ſich erneuernde Er⸗ ſcheinungsformen ſind.“ Manna ſchien ſie kaum gehört zu haben, denn ſie faßte jetzt die Profeſſorin an und fragte: „Sagten Sie mir nicht, daß Sie das beſondere Verttauen meiner Mutter hätten?“ „Ja.“* „Und hat ſie Ihnen auch das. vds Andere mitgetheilt?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Sprechen Sie offen mit mir. Ich weiß Alles.“ „Ihre Mutter hat mir kein Geheimniß mitgetheilt.“ Krampfhaft faßte Manna das Kreuz auf ihrer Bruſt und ſtarrte lange lautlos vor ſich hin. Mit eindringlicher Herzlichkeit ſprach die Profeſſorin, wie ſehr ſie bedaure, Manna ſo erſchüttert zu haben. Dieſe gab noch immer keine Antwort. Sie ſetzte ſich auf eine Bank, die unter einer Tanne ange⸗ bracht war, lehnte ſich an die Tanne, ſchaute in den Himmel hinein und ſagte vor ſich hin: „Warum kommt nicht mehr eine Stimme aus der Luft zu uns? Ach, ich möchte ſo gern, ich würde ihr folgen über Berg und Thal, in Nacht und Tod.“ Sie weinte. Die Profeſſorin bat ſie, recht ruhig zu ſein, aber Manna erklärte, ſie könne nicht, es thäte ihr ſo weh, daß man ſie hier fortriſſe, und fort müſſe ſie, ſie könne hier nicht mehr wahr ſein, denn die Menſchen ſeien nicht währ gegen ſie geweſen. Jetzt erſt erfuhr die Profeſſorin zu ihrem Schreck, daß Manna das Vorkommniß nicht gekannt habe. Sie klagte, daß ſie es ſich nie verzeihen könne, die junge Seele Männa's ſo verſtört zu haben. Und nun wendete ſich Manna und ſuchte ſie zu beruhigen und zu tröſten. „Glauben Sie mir,“ rief ſie und hob die gefalteten Hände zu ihr empor,„ach ich weiß, daß die Wahrheit allein befreit, und das iſt ja das Entſetzliche, daß der Park und das Haus und der Glanz gelogen ſind.. Nein, das wollte ich nicht.— Nur Eins bitte ich, bedauern Sie nicht, daß Sie mir das geſagt; es ſchadet nichts, es hilſt mir.— Gewiß, es hilſt mir. Ich mußte auch das noch kennen und es iſt gut.“ Die Profeſſorin fühlte, wie ſchwer ſie es dem Mädchen ge⸗ macht, und ſie erklärte, daß die Oberin wie ein Arzt geheilt habe, ohne dem Kranken ſein ganzes Leid zu ſagen. Die Pro⸗ feſſorin berichtete ihr dann, daß der Vater drüben am Ufer auf ſie warte und hoffe, ſein Kind werde mit ihm heimkehren. „Kommen Sie mit mir zur Oberin,“ rief Manna plötzlich. Sie faßte die Profeſſorin an der Hand und ging mit ihr nach dem Kloſter. Jetzt aber kam Heimchen und rief: „Nein, Manna, Du darfſt nicht fort, Du darfſt mich nicht allein hier laſſen.“ „Komm mit,“ entgegnete Manna und nahm das Kind an der Hand. Sie ging zur Oberin und bat um die Erlaubniß, im Geleite der Profeſſorin zu ihrem Vater zu gehen, der drüben am Ufer auf ſie warte. „So laß ihn doch hieher kommen.“ „Nein, ich möchte zu ihm.“ Es wurde geſtattet. Nur ſchwer ward es, Heimchen zu be⸗ ſchwichtigen und abzulöſen. Manna kam mit der Profeſſorin in den Garten am Gaſthofe; dort im Schatten der Laube ſaß noch Sonnenkamp mit Prancken. „Du gehſt mit uns heim?“ rief Sonnenkamp ſeiner Tochter entgegen.. Sie duldete ſeine Umarmung, aber ſie erwiderte ſie nicht. Prancken war erfreut, Manna zu begrüßen, und als ſie ihm die Hand reichte, ſagte er lächelnd: „Ich habe eine harte Hand bekommen, aber mein Herz iſt noch weich, vielleicht zu weich.“ Manna ſchlug die Augen nieder. Es gab bald heitern Scherz über die Art, wie ſich Prancken hier in der Nähe angeſiedelt hatte. Er wußte mit Luſtigkeit zu erzählen, wie er ſich in das neue Leben finde; es war eine friſche Kraft in ſeiner Erſcheinung 118 und ein heller Ton in ſeinen Worten; er ſah nicht ohne Be⸗ friedigung, welchen Eindruck ſein Verhalten auf Manna machte. Dieſe ſagte endlich: ſie glaube offen ſprechen zu dürfen, ſie habe eigentlich ein Verlangen, ſofort das Kloſter zu verlaſſen, oder noch beſſer, gar nicht mehr in daſſelbe zurückzukehren; der Vater oder die Profeſſorin ſollten hinüber fahren und an ihrer Statt Lebewohl ſagen und, wenn es möglich ſei, Heimchen mitnehmen. „Iſt einem Freunde erlaubt, ein Wort drein zu reden?“ fragte Prancken, als Sonnenkamp ſeine Freude kundgab. Manna bat, daß er ſpreche, und er erklärte nun, wie er als Freund darauf halten müſſe, daß ſie correct handle. Was auch vorgekommen ſei, es bleibe die Pflicht Manna's, ein ſo inniges und reines Verhältniß, wie ſie es zum Kloſter und namentlich zur Oberin gehabt, nicht ſchroff zu löſen; Härte und Undankbarkeit, die man gegen Andere übe, laſſe eine Schwere und Bitterniß in der Seele zurück. Er glaube daher, daß, wie Manna aus freiem Entſchluß ins Kloſter gegangen, ſie nun das⸗ ſelbe eben ſo in Güte und Verträglichkeit verlaſſen müſſe. Zurück⸗ kehren und noch einige Zeit verweilen, von den Genoſſinnen und den frommen Schweſtern mit ruhigem Bedacht ſich ablöſen, das erſcheine ihm angemeſſen. Er wiederholte, daß auch ihm nichts erwünſchter ſein könne, als wenn Manna ſo bald als möglich und ſo voll als möglich ins bewegte Leben zurückkehre, aber es ſei die Pflicht des Freundes, Demjenigen, dem man nahe ſtehe, jede nachfolgende Reue und innere Unruhe zu erſparen. Es war mehr als eine vorn me, es war eine edle Haltung in der Art, wie Prancken das Alles ſagte. „Sie haben recht,“ rief Manna, reichte Prancken die Hand und hielt ſie eine Weile feſt.„Ich danke Ihnen und folge Ihnen.“ Sonnenkamp war außer ſich, daß ſein liebſter Wunſch wieder vereitelt wurde; aber auch die Profeſſorin ſtimmte bei. Die beiden Frauen gingen, von den Männern begleitet, nach dem Ufer und fuhren nach der Inſel. Heimchen, das immer geweint hatte, war bereits zu Bette gebracht und klagte, daß Manna fort ſei; ſie mußte noch zu dem Kinde, ſie traf es weinend, das Kiſſen war naß; ſie trocknete ihm die Augen und redete ihm zu, bis es einſchlief. —— — — Fünftes Capitel. Noch ſpät am Abend ging Manna zwiſchen der Oberin und der Profeſſorin, von Beiden an der Hand geführt, den breiten Gang auf der Inſel auf und ab. Es war, als ob zwei Welt⸗ mächte ſich liebend um ſie ſtritten. Die beiden Frauen ſprachen— es ließ ſich kaum mehr zu⸗ rückleiten, wie man dazu gekommen war— über Rechthaberei. Die Profeſſorin behauptete, daß die Erlöſungsfähigkeit in der Bereitwilligkeit beſtehe, eine Uebereilung, ein Unrecht, einen Irr⸗ thum frei zu erkennen und zu bekennen. Die Oberin ſtimmte dem bei, aber ſie behauptete, daß man zum Irrthum, zu falſcher Anſicht in den höchſten Dingen immer wieder zurückkehren könne, wenn nicht feſte, unerſchütterlich ge⸗ offenbarte und durch ein unfehlbares Organ immer neu verkündete Lehre den Irrthum heile; ſonſt wiſſe man ja nie, ob man nicht wieder im Irrthum ſei. Die Oberin hatte jenes ſichere Bewußtſein des Poſitiven, während die Profeſſorin für jedes Vorkommniß neue Erkenntniß und Beſtimmung ſuchen mußte, ſo daß ſie gewiſſermaßen unſtet und unſicher erſchien. Dies Gefühl wurde noch vermehrt, da ſie ſich nicht für berechtigt hielt, gegen einen ſo feſten und ſegensreich wirkenden Glauben anzukämpfen. Eine Unruhe, wie ein Spion ſie empfinden muß, der in heſter patriotiſcher Abſicht im Feindes⸗ lager ſich umſchaut, beherrſchte das Weſen der Profeſſorin; ſie bedauerte, daß ſie einen ſolchen Auftrag übernommen. Aber jetzt war ſie auf dem Poſten, jetzt mußte ſie ihre Anſchauung ver— cheidigen; ſie ſuchte den Punkt, wo ſie ganz wahr ſein durfte, indem ſie Manna erzählte, daß ihr Vater eine ausgebreitete Wohl⸗ thätigkeit organiſiren wolle, und welch ein ſchöner Beruf es ſei, da mitwirken zu dürfen. Die Oberin ließ Manna erwidern, die nun ſagte: „Frauen können nicht im Großen wirken und die Gaben, die mein Vater ſpendet, kommen doch nicht in die rechten Hände; wir können das Beſitzthum nur wieder zurückgeben in die Hand deſſen, der allein zu beſtimmen hat, wohin es wirken ſoll.“ Die Oberin wiederholte, daß ſie Manna entſchieden abrathe, den Schleier zu nehmen; es ſei zu fürchten, daß ihr Naturell ſich ————— ————— — 120— nicht dazu eigne. Zur Profeſſorin gewendet ſetzte ſie in ſcharfem Tone hinzu: „Wir ſind gleichgültig gegen den Vorwurf, daß man uns nachſagen könnte, wir hätten nach dem Beſitzthum des Kindes geſtrebt; wir verſchmähen das Beſitzthum nicht, wir können Großes damit wirken, aber die Seele des Kindes allein iſt es, worauf. wir Werth legen, und fragen nichts darnach, ob die Weltlinge uns das glauben oder nicht.“ Die Profeſſorin war froh, als ſie endlich gllein in der Zelle war, wo ſie ſchlafen ſollte. Man war im Kloſter ſehr früh wach, aber lange bevor das Mettenglöcklein läutete, ſtand die Profeſſorin angekleidet in ihrer Zelle und ſchaute hinaus in den anbrechenden Tag, wo die Rebel auf dem Strom mit dem Morgendämmern kämpften. Sie dachte ſich in die Hunderte von jungen Seelen, die jetzt noch im Schlafe liegen, einer fraglichen Zukunft entgegenwachſend; ſie dachte ſich in die Seelen der Nonnen, die dem Leben entſagt hatten, denen der Tag kein perſönliches Ereigniß mehr brachte, nur noch die ſtetige Pflicht. Darf man es wagen, in ſolch ein Leben einzugreifen, es zu ſtören? Mag auch viel Ungehöriges hier geſchehen, es herrſcht ein heiliger Wille über die Gemüther. Man kann einer beſtehenden poſitipen Religion ſich nur entgegenſtellen durch mehr Religion. In der Welt iſt die Idee des Reinen verfolgt, gehetzt, verdunkelt; die Hand muß ſicher und höher geweiht ſein, die es wagen kann, ein Aſyl der Idee anzugreifen. Das Morgenlicht war Herr geworden über die Nebel und er⸗ glänzte über den Bergen und auf dem Strom; die Kloſterglocke läutete; es ward lebendig in dem großen Hauſe. Die Profeſſorin blieb, bis der Morgengottesdienſt zu Ende war, dann ging ſie in den Speiſeſaal, um von Manna und der Oberin Abſchied zu nehmen. Sie wurde bis ans Ufer geleitet. Mit befreiter Seele fuhr ſie hinüber. Als ſie mit Sonnenkamp nach der Villa zurückfuhr, entwarf ſie guf dem Schiffe den Plan, wie man eine ausgebreitete Wohl⸗ thätigkeit organiſire; es müſſe etwas Umfaſſendes geſchaffen wer⸗ den, ſo daß Manna von dem einen Heiligthum in das andere eintrete.. — 121— Sonnenkamp hörte ſtill, aber unwillig zu; die ganze Welt hatte ſich verſchworen, ihn zum Tugendheuchler zu machen. Ganz Aehnliches hatte Prancken geſtern von ihm gefordert; er hatte die religiöſe Verpflichtung hervorgehoben. Sonnenkamp hatte die Achſeln gezuckt, da der Mann auch vor ihm ſich eine Maske vorhielt. Erſt als Prancken hinzufügte, daß der Hof dadurch nicht nur berechtigt, ſondern auch verpflichtet ſei, ihm die Standeserhöhung zu verleihen, willigte er ein. Nun kam die Profeſſorin mit dem Gleichen, und das war gut, ſie meinte es wahrſcheinlich ehrlich. Die Heimfahrt war wenig belebt, denn man kam leer zurück, ja, Sonnenkamp war empört, daß er wieder nur leiſten ſollte, ohne etwas erreicht zu haben. Fechstes Capitel. Ein fremder Geiſt war indeß auf Villa Eden erſchienen. Am Morgen nach der Abreiſe der Profeſſorin war Roland nach dem Rebenhäuschen gegangen, um für Erich ein Buch aus der Bibliothek zu holen. Als müßte er ſehen, wie es ohne die Mutter iſt, trat er in das offene Zimmer derſelben; da lag auf dem Tiſche ein aufgeſchlagenes Buch und auf dem weißen Blatte ſtand in engliſcher Sprache: Meinem Freunde Dournay— Theodor Parker. Roland erſchrak. Das iſt der Mann, von dem die Mutter vor wenigen Tagen geſprochen. Er ſahht das Buch, brachte es Erich und bat, daß er es leſen dürfe. G rich war betroffen; aber nach einigem Beſinnen überließ er Roland das Buch. Unter den hohen Weiden am Ufer ſaß Roland und las und las, ſchaute bisweilen in den Strom und las weiter. Da iſt ein Kämpfer, ein begeiſterter, Gott verehrender Kämpfer für die freie Sittlichkeit und gegen die Sklaverei. Er prophezeite einen großen Kampf und die Worte:„Alle großen Urkunden der Menſchheit ſind mit Blut geſchrieben,“ fielen in die Seele des Jünglings wie ein Feuerfunke. Weiter und weiter las er, bis er merkte, daß das Licht ſich verdunkelte und es Nacht wurde. Seine Wangen glühten, als er zu Erich kam und ihm das Buch zurückgab. Roland hatte eine verbotene Frucht vom Baume der Erkennt⸗ niß genoſſen und Erich war ergriffen, wie tief Alles in die Seele des Jünglings gedrungen war. Eine neue ſchwere Aufgabe ſtellte ſich ihm: der Jüngling mußte zurückgehalten werden von jeder Mittheilung an ſeinen Vater. Bis tief in die Nacht ſaß Erich bei Roland; er mußte den geraden Sinn deſſelben ablenken und das war faſt das Härteſte, was er in dieſer Stellung auf ſich genommen. Der Jüngling ſollte erkennen, daß es eine Betrachtungsweiſe gibt, die die Sklaverei als berechtigt und nothwendig aufrecht erhält; er ſollte nie ſeinem Vater Kunde davon geben, daß er im Gegenſatze ſtehe und durch die Profeſſorin mit einem Geiſte bekannt geworden, der in dieſem Hauſe nicht angerufen werden durfte. Erich gedachte der Mutter, die ihn ermahnt, in den Lehrgang Rolands das zu bringen, was nothwendig ſei, und nicht was der Jüngling beliebig wünſche; jetzt war etwas gekommen, wo er der Fährte nachgehen mußte, die der ſuchende Geiſt des Jünglings eingeſchlagen hatte. Freuen mußte man ſich, daß er ſelber den Weg fand, das war ja, was alle Erziehung wollte, und nun ſollte Erich ihn von dieſem Wege ablenken und die feſte Grundſätzlichkeit: Du ſollſt und Du ſollſt nicht, auflöſen und zer⸗ ſplittern? „Mich hat ein großer Neger auf dem Arm gehabt,“ erzählte der Jüngling,„deſſen erinnere ich mich ganz deutlich; ich erinnere mich auch ſeines wolligen Haares, in dem ich ihn zauſte; er hatte ein ganz glattes Geſicht, gar keinen Bart.“ Wie träumeriſch fuhr er fort: „Ich bin von Negern getragen worden... von Negern.“ Leiſer und leiſer wiederholte er das Wort, dann ſchwieg er. Plötzlich fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn und fragte: „Haben Menſchen, die Sklaven ſind, wol auch ihre Kinder lieb? Weißt Du keinen Geſang, den ſie ſingen?“ Erich wußte nicht viel zu antworten; Roland wollte wiſſen, wie die vergangenen Völker die Sklaverei betrachteten. Erich wußte nur Oberflächliches darüber. Bis tief in die Nacht hinein ſchrieb Erich einen Brief an Pro⸗ feſſor Einſiedel; er legte dem väterlichen Freunde dar, wie es ihm —— neu aufgegangen, daß zwei Gewalten in der Menſchheit ringen, wie Herrſchen und Dienen zu einem geſchichtlichen und zu einem Naturgeſetze gemacht werden ſollte; er ſprach ſeinen Vorſatz aus, in wiſſenſchaftlicher Weiſe eine Geſchichte der Sklaverei durch alle Zeiten hindurch außzuſtellen, und bat ſeinen Lehrer um Angabe betreffender Schriften. Als Erich von Roland geleitet am andern Tage den Brief an Profeſſor Einſiedel nach dem Bahnhof trug, ſahen ſie das Schiff herankommen, auf welchem Sonnenkamp und die Profeſſorin zu Berg fuhren; ſie winkten und gingen nach der Anlände. Sonnenkamp ging mit Erich voraus, er ſchien mißgeſtimmt. Roland hielt die Profeſſorin zurück, ſo daß eine große Strecke zwiſchen ihnen und den Vorausgehenden war, dann fragte er: „Hat Ihnen Manna auch geſagt, daß ſie Iphigenie ſei?“ „Nein.“ Die Profeſſorin preßte die Lippen zuſammen, ſie ahnte etwas, ſie verſtand nun die Klage Manna's, daß ſie an ſich ſelbſt das Entſetzliche habe erfahren müſſen. Roland erzählte, daß er das Buch geleſen, das ſie vergeſſen hatte. Die Profeſſorin erſchrak, wurde aber wieder ruhiger, da Roland erklärte, wie Erich ihm Alles zurechtgelegt habe und wie er das Geheimniß bewahren wolle. Dennoch war ihr tief bange, als ſie in die Villa zurückkehrte; ſie hatte einen Geiſt hierher gebracht, der nicht hier hauſen ſollte. Was ſie verborgen gehalten, war in eine Wirkung ausgebrochen, über die ſie nicht mehr Herr war und die plötzlich Schrecken und Verwirrung bringen konnte. Frau Ceres war wieder krank, Fräulein Perini durfte nicht von ihrer Seite. Als die Profeſſorin und Sonnenkamp ſie be⸗ ſuchen wollten, ließ ſie danken. Wie ein Kind, das heiter in ſich, nur dem nächſten Augen⸗ blick lebend, von keinem Wirrwarr, keiner Grübelei weiß, erſchien der Major und Jegliches freute ſich an ſeiner naturfeſten Gleich⸗ mäßigkeit. Er fand es beſſer, daß Manna jetzt nicht käme, ſie ſolle erſt kommen, wenn die Burg fertig ſei. Er freute ſich auf die Zeit, wo wieder Alle beiſammen ſeien, er konnte das Reiſen und Auseinanderfahren nicht leiden; man habe es ja nirgends beſſer und ſchöner als hier zu Lande und mehr als Himmel und Waſſer und Berge und Bäume gebe es doch nirgends. Die Profeſſorin begleitete den Major nach ſeinem Hauſe. Bis ſpät in die Nacht hinein ſaß ſie bei Fräulein Milch und dieſe wurde zur erſten Gehülfin in der Organiſation der Wohlthätigkeit beſtimmt. Sie kannte alle Menſchen und Verhältniſſe, verlangte vor Allem, daß man ein Dutzend Nähmaſchinen in die umlie⸗ genden Dörfer ſchenke, ſie ſelbſt wolle die Frauen und Mädchen in deren Handhabung unterrichten. Vom Major und Fräulein Milch geleitet, kehrte die Profeſſorin in die Villa zurück. Sie war ruhig, und als ob er geſungen wäre, tönte ein Spruch Goethe's ihr in der Seele: Nicht durch Nachdenken erkennſt Du, was Du biſt, ſondern indem Du verſuchſt, Deine Pflicht zu thun. Fiebentes Capitel. Die Profeſſorin fuhr mehrere Tage mit dem Doctor auf die Landpraxis, ſie gewann dadurch ſelbſtändige Einſicht in das länd⸗ liche Leben. Dann legte ſie den in Gemeinſchaft mit Fräulein Milch ent⸗ worfenen Plan Herrn Sonnenkamp vor; er genehmigte ihn mit Bereitwilligkeit und an der Anſchaffung der Nähmaſchinen hatte er ſein beſonderes Wohlgefallen. Das iſt nicht nur etwas Amerika⸗ niſches, es bringt auch Gerede in die Welt. Er reiſte ſelbſt nach der Reſidenz und kaufte die Maſchinen. Die Zeitungen brachten ruhmreiche Kunde, wie Herr Sonnen⸗ kamp den Wohlſtand des Volkes fördere. Die Cabinetsräthin kam und glückwünſchte zu dem ſchönen Erfolge, indem ſie hinzufügte, daß nach einer Nachricht ihres Mannes dieſe Thätigkeit des Herrn Sonnenkamp höchſten Ortes wohl vermerkt ſei. Nun war in Sonnenkamp ein großer Eifer, er wollte die öffentliche Stimme nicht ruhen laſſen, ſie ſollte jeden Tag von ihm reden; aber Prancken, der zu Beſuch gekommen war, ſagte, daß es beſſer ſei, etwas inne zu halten, um dann wieder aufs Neue zu überraſchen. Eein Weg am Ufer entlang wurde durch ſchöne Wieſen von der Villa aus nach dem rebenumrankten Häuschen angelegt, und — —— *— eines Tages bat Sonnenkamp die Profeſſorin, mit ihm nach dem Garten zu gehen, und die Hausbewohner mußten mitgehen. In die Mauer, die den Park umgab, war eine neue Thür eingebrochen. Sonnenkamp ſagte, die Profeſſorin ſolle die Erſte ſein, die dieſen Eingang betrete. Er überreichte ihr den Schlüſſel; ſie öffnete und ging durch das Thor den Weg entlang, die ganze Familie, auch Prancken folgte ihr. Man ging nach dem reben⸗ umrankten Häuschen und die Profeſſorin war erſtaunt, hier ihren ganzen Hausrath und die Bibliothek ihres Mannes wohlgeordnet aufgeſtellt zu finden. Auch Tante Claudine war wieder da. Mit einem gewiſſen Stolze ſtellte Sonnenkamp ſeinen Kammer⸗ diener Joſeph vor, der Alles ſo ſchön geordnet hatte. Erich erhielt ein großes Paket Bücher, dabei einen Brief des Profeſſor Einſiedel und einen Bogen Notizen. Er lobte Erich, daß er eine Abhandlung über Begriff und Weſen der Sklaverei ſchreiben wolle, es ſei ein ergiebiges Thema. Erich verſchloß die Bücher, denn es war ihm lieb, daß Roland vorerſt weder an Sklaverei noch an freie Arbeit dachte, er ſtrebte jetzt nach ganz Anderem. Der Sohn der Cabinetsräthin, der Cadett, befand ſich auf Urlaub in dem neu erworbenen Landhauſe und eiferte Roland an, er ſolle bald eintreten. Roland war nun nur darauf bedacht, ſo bald als möglich in die oberſte Claſſe eintreten zu können; er ſprach davon mit dem Vater und Prancken. Der Vater aber nahm ihn einſt bei Seite und ſagte: „Mein Kind! Es iſt gut und es freut mich, daß Du Dich ſo eifrig vorbereiteſt, aber Du ſollſt erſt eintreten ich ehre Dich, indem ich Dir das mittheile. Ich halte Dich für reif genug.“ Er hielt inne und Roland fragte: „Wann ſoll ich denn eintteten?“ „Du ſollſt erſt eintreten, wenn Du adlig biſt.“ „Ich adlig? Du auch?“ „Ja, wir alle, um Deinetwillen muß ich den Adel erwerben, Du wirſt das ſpäter einſehen. Freuſt Du Dich, adlig zu werden?“ „Weißt Du, Vater, wann ich vor dem Adel Reſpect bekommen habe?“ Sonnenkamp ſah ihn fragend an und Roland fuhr fort: „Auf dem Bahnhofe, wo ich einen wahnſinnigen Betrunkenen —*————. — 126— ſah; Alles hatte Reſpect vor ihm, weil es ein Baron war. F8 iſt doch eine große Sache, ein Adliger zu ſein.“ Er erzählte die Begegnung am Morgen ſeiner Flucht, und Sonnenkamp war erſtaunt über die Wirkung auf Roland und was Alles in ihm lebte. Dann ſagte er: „Nun gib mir die Hand, daß Du Herrn Erich nichts davon mittheilſt, bis ich es ihm ſelbſt ſage.“ Zögernd gab Roland die Hand. Der Vater erklärte ihm weiter, wie mißlich es wäre, wenn er, mit bürgerlichem Namen eingetreten, erſt im Cadettenhauſe den Adel erhielte. Roland fragte, warum er Erich nichts davon mittheilen ſolle. Der Vater verweigerte den Grund und verlangte unbedingten Gehorſam. So hatte Roland ein doppeltes Geheimniß zu bewahren, eines vor dem Vater und eines vor Erich; das beſchwerte die Seele des Jünglings, und es kam zu ſeltſamem Ausdruck, als er Erich einſt fragte: „Haben die Neger in ihrer Heimat auch Adlige?“ „Es gibt an ſich keine Adlige,“ erwiderte Erich,„einzelne Menſchen ſind nur von Adel, wenn und ſo lange Andere ſie dafür halten.“ Erich hatte geglaubt, daß das ausſchließliche Hinſtreben Rolands nach dem Cadettenhauſe alles frühere Grübeln und Denken zu⸗ gedeckt habe, jetzt ſah er, daß es dennoch lebte und eine ſeltſame Gedankenverbindung angenommen hatte, die er nicht zu deuten wußte. Während des Urlaubs war der Sohn der Cabinetsräthin ſehr eifrig beim Unterricht zugegen; in Uebereinſtimmung mit der Cabinetsräthin trat Sonnenkamp mit dem Vorſchlage heraus, daß der junge Cadett auf einige Zeit austreten ſolle, um in Gemein⸗ ſchaft mit Roland unterrichtet zu werden. Roland war beglückt über dieſen Plan, aber Erich wider⸗ ſtrebte; und als Sonnenkamp ihm entgegenhielt, daß er ja vor⸗ dem gewünſcht habe, Roland mit einem Kameraden zu unterrichten, ward es Erich ſchwer, ihm zu erklären, daß dies nunmehr un⸗ thunlich ſei. Der Lehrgang, den er mit Roland eingehalten, ſei ein durchaus perſönlicher, ſo daß jetzt eine Kameradſchaft und ein Rückſichtnehmen auf fremdes Wiſſen nur ſtörend ſei. ——— —„— ——,——„——„—— +,——„— — — ð — 127— Erich entfremdete ſich damit nicht nur Sonnenkamp und die Cabinetsräthin, ſondern auch auf geraume Zeit ſeinen Zögling ſelbſt, der unwillig und widerſpenſtig war, als der Cadett in die Reſidenz zurückkehrte. Achtes Capitel. Seitdem man zur Erzielung eines ſtarken Weines die Traube am Stock„edelfaul“ werden läßt, gibt es keine Herbſtluſt mehr. Sonnenkamp war ſtolz darauf, die beſten Trauben gezogen zu haben, aber mit dem Herbſtjubel war es trotzdem nichts. Die Nebel ſtanden am Morgen lange über dem Thale und verhüllten früh am Abend die ganze Landſchaft; die Blätter waren von den Bäumen gefallen, der Reif glitzerte auf den kahlen Zweigen, als man endlich die Trauben einſammelte und kelterte. Der Major ließ es ſich nicht nehmen, Freudenſchüſſe loszuknallen, und hatte großes Vergnügen an ſeinen beiden Kameraden, Erich und Roland, die vortrefflich mit ihm auf Commando ſchoſſen, ſo daß der drei⸗ fache Schuß nur ein einfacher Knall war; das war aber auch Alles. Auf der Villa wurde bereits geheizt, und die Einrichtung Sonnenkamps, daß jeder Ofen ſein beſonderes Kamin hatte, be⸗ währte ſich. Ein Feſt aber war es, als bei der Profeſſorin zum erſten Male ein Stubenfeuer brannte; Erich und Roland, auch Fräulein Milch waren gekommen und ſo ſaß man beiſammen um den offenen Kamin; es ließ ſich nicht eigentlich ſagen, was Alle erquickte, ſie waren im Innerſten heimiſch und befriedigt. Die Mutter ermunterte Erich, wieder einmal am behaglichen Winterabend eine ihrer Lieblingsdichtungen vorzuleſen. Erich er⸗ klärte ſich bereit, weil er fühlte, daß er die Verfremdung, welche durch ſeine Weigerung, den Sohn der Cabinetsräthin mit zu unter⸗ richten, eingetreten war, auf jede Weiſe zu beſeitigen ſuchen mußte. Sonnenkamp, der ein großes Jagdrevier hatte, ließ ſchöne Karten drucken, mit denen er die beſſere Geſellſchaft zu ſeinen Jagden einlud. Es kamen Gegeneinladungen der Nachbarn und auch Erich fand ſich mit Roland wenigſtens einmal wöchentlich bei einer großen Jagd ein. Roland war ſtolz auf die Jagdkunſt ſeines Vaters, der von Allen als der Erſte angeſehen würde; die Geſellſchaft hörte ihm immer gern zu, wenn er von großen Jagden erzählte. Auf einem kurzen Ausfluge in Algier hatte er ſogar einen Löwen geſchoſſen, deſſen Fell noch unter ſeinem Schreibtiſch lag. Das heiterſte Jagdeſſen wurde auf der Burg abgehalten, wo vorläufig ein großes Zimmer dazu eingerichtet war. Hier war der Major der eigentliche Burgherr, er erzählte auch von den belebten Abenden, die Erich durch Vorleſen antiker und moderner Dramen auf Villa Eden bereite; er habe nicht gewußt, daß es ſo viel Schönes gebe und daß ein einzelner Menſch mit ſeiner Stimme Alles ſo deutlich mächen könne. In faſt ununterbrochener Regelmäßigkeit hatte Erich wöchentlich einen Abend vorgeleſen. Das Verhalten der Zuhörer war ein verſchiedenes. Der Major ſaß immer andächtig und hatte die Hände gefaltet, Frau Ceres lag in ihrem Stuhl und ſchlug nur manchmal die Augen auf, um kund zu geben, daß ſie nicht ſchlafe. Fräulein Perini hatte eine Handarbeit, die ſie, ohne irgend eine Erſchütterung zu zeigen, regelmäßig fortführte. Die Profeſſorin und Claudine ſaßen ruhig da. Sonnenkamp bat ein⸗ für allemal um Entſchuldigung, daß man ihm ſeine Unart verzeihe. Und ſo ſaß er und ſchnitzelte an einem Holzpflock. Nur manch— mal ſchaute er auf, hielt das Schnitzelmeſſer in der Rechten und das Holz in der Linken und ſtarrte drein; ſchnell aber kehrte er wieder zu ſeiner Arbeit zurück. Roland ſetzte ſich Erich immer ſo gegenüber, daß dieſer ihm in die Augen leſen mußte, und bis tief in die Nacht hinein ſprach er oft von dem, was er gehört. Erich hatte Macbeth geleſen und war erfreut, da Roland ihm ſagte: „Lady Macbeth kann einmol in ſolch eine Hexe verwandelt werden, wie ſie da gleich am Anfang auftreten.“ Ein anbermal, als Erich den Hamlet vorgeleſen, war er nicht wenig erſtaunt, da Roland ihm vor dem Schlafengehen ſagte: „Wunderlich! Hamlet ſpricht in ſeinem Monolog davon, daß noch Niemand aus der andern Welt wiedvet erſchienen ſei, und kurz vorher war ja der Geiſt ſeines Vaters da und kommt nach⸗ her wieder.“ — 29— Wieder ein andermal, als Erich die Goethe'ſche Iphigenia ge⸗ leſen hatte, ſagte Roland: „Ich verſtehe noch immer nicht, warum Manna mir damals geſagt hat, ſie ſei Iphigenie; dann wäre ich ja Oreſt. Ich, Oreſt? Warum? Was nur Manna damit gemeint hat?“ Eines Abends, als der Pfarrer und der Arzt zugegen ſein konnten, bat dieſer, daß Erich den Othello von Shakeſpeare vorleſe. Sonnenkamp ſah den Arzt betroffen an, aber ſchnell lächelte er gezwungen und ſtimmte bei. Erich ſah auf Roland. Wird nicht dadurch das eingeſchlummerte Grübeln Rolands über die Neger eine neue Erweckung erhalten? Er wußte nicht ab⸗ zulehnen und auch keinen Grund vorzubringen, um Roland zu entfernen. Erich las. Die Fülle und Biegſamkeit ſeiner Stimme brachte jeden Charakter zur vollen Geltung, er hielt die Grenzlinie inne, die das Vorleſen fern von allem Theatraliſchen hält; es war nicht Nachahmung des Lebens, vielmehr eine Plaſtik, die nicht die Farbe hervorhebt, ſondern die reine Form erſcheinen läßt. Der Doctor nickte der Profeſſorin zu, die Vortragsweiſe Erichs ſchien ihm zuzuſagen. Zum erſten Mal hörte Frau Ceres mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zu, ſie lehnte ſich den ganzen Abend nicht zurück, ſie hielt ſich vorgebeugt und ihr Antlitz hatte einen neuen, ungekannten Ausdruck. Erich las in Einem Zuge fort, und als er am Schluſſe jenes weinende Schuldbekenntniß Othello's in einer mit Thränen kämpfen⸗ den Stimme vortrug, rannen große Thränen über das feine blaſſe Antlitz der Frau Ceres. Das Stück war zu Ende. Frau Ceres erhob ſich raſch und bat die Profeſſorin, ſie in ihr Zimmer zu geleiten. Fräulein Perini und Claudine entfernten ſich mit ihnen. Die Männer waren aufgeſtanden, nur Roland blieb wie ge⸗ bannt auf ſeinem Stuhle ſitzen. Sonnenkamp betrachtete ſein Schnitzwerk und legte die ab— geſchnitzten Stücke in ein Häufchen zuſammen, wie wenn es lauter Goldſplitter wären, ja er bückte ſich, um einige auf den Boden gefallene aufzuheben. Jetzt richtete er ſich auf und fragte Erich: „Was denken Sie von der Schuld der Desdemona?“ Auerbach. Landhaus am Rhein. lI. 9 ———— 2— ————— — 130— „Schuld und Unſchuld,“ erwiderte Erich,„ſind keine Natur⸗ begriffe, ſie ſind menſchliche, ſociale Moralgeſetze; die Natur kennt nur das freie Spiel der Kräfte und eine ſolche zweite Natur ſind die Dichtungen Shakeſpeare's, ſie ſtellen das freie Spiel der Natur⸗ kräfte im Menſchen dar.“ „So iſt's,“ ſchaltete der Pfarrer ein.„In dieſem Werke iſt nie von Religion die Rede, die Religion müßte die wilden, nur wie Naturkräfte ſich geberdenden Menſchen mildern, ſchmeidigen ndze Beherrſchung bringen oder vielmehr zur Unterwerfung er geoffenbarten höheren Geſetze.“ S n, ſehr ſchön,“ ſagte Sonnenkamp, der blaß geworden we öer erlauben Sie, daß ich den Herrn Hauptmann noch um ntwortt*g meiner Frage bitte.“ kann Ihre Frage,“ ergänzte Erich,„nur mit den Worten unſe Ften Aeſthetikers beantworten, der einmal ſcherzweiſe geger en moraliſirenden Auslegungen ſagte: Der Dichter wollte en Löwen charakteriſiren, und um einen Löwen zu charalte⸗ riſiren, mußte dargeſtellt werden, wie er ein Lamm zerreißt. Von der Schuld des Lammes iſt keine Rede, der Löwe muß ſeiner Natur gemäß handeln. Ich glaube aber, daß die tiefſte Tragik dieſes Dramas unausgeſprochen und verhüllt bleibt.“ „Und was wäre das?“ „Nur die mutterloſe, geſchwiſterloſe, unter Männern erwachſene Desdemona konnte einen Helden lieben, deſſen elegiſches, kind⸗ liches, Liebe bedürftiges und anſchmiegendes Naturell ſich wie ein gezähmter Löwe zu ihren Füßen niederkauert. Der Tact des Dichters iſt ein wunderbar prophetiſcher. Es iſt wider die Natur! ruft Desdemona's Vater und das iſt die Löſung des Problems. In dieſem Worte lebt ſich Alles gut aus und ſtimmt in ſich überein wie ein Naturprodukt.“ „Alſo gerade Sie, der Idealiſt, faſſen den hier aufgeſtellten Conflict durchaus phyſiologiſch?“ warf der Doctor ein und Erich erwiderte: „Die Raſſen ſind verſchieden, aber ſie ſind ethiſch gleich. Läge der Accent auf einer Raſſenverſchiedenheit, die auch eine moraliſche Verſchiedenheit wäre, ſo wäre es keine Tragödie; denn nur zwiſchen moraliſch Gleichen gibt es eine Tragik, nicht zwiſchen Weſen höherer und niederer Gattung. Die fügſame, ihre Wild⸗ heit nicht verleugnende, aber wie erlöſte Kraft bildet die Quelle 6 3 3 3 16 5 53 7 16 3 4 7 7 5 5 ——————— — 131— einer Liebe, die Alles vergeſſen macht, ſogar die Raſſenverſchieden⸗ heit überwindet und die ſchwarze Farbe tilgt. Als Othello ſie zum erſten Mal küßte, hielt Desdemona wol die Augen geſchloſſen; dieſe Geſchloſſenheit des Auges iſt nicht nur ein Moment, ſie hält lange an. Aber ein Entſetzen ohne Gleichen, eine wahnſinnige Verwirrung müßte aus dieſem Augenſchließen werden, wenn Des⸗ demona ein Kind in den Armen halten ſollte, das ihr ſeiner ganzen äußeren Bildung nach fremd und abſtoßend erſcheinen mußte. Aufſchreien müßte ſie aus zerwühltem Herzen. Ein and an ihrer Bruſt, das ihr ſo fremd! Der erſte Blick einer tter auf ihr Kind, den ein Philoſoph als den höchſten bezeichnet, eſer Mutterblick müßte Desdemona tödten oder wahnſinnig mache““ Sonnenkamp, der mit raſch ſich bewegenden Finhern an n Splittern geſpielt hatte, warf jetzt das Angeſammelte auf den N ging auf Erich zu, ſtreckte ihm beide Hände entgegen un! „Sie ſind ein freier Mann, ein frei Denkender, vv. in Hokuspokus betäubt. Sie ſind der Einzige, der mir die UnzMig⸗ lichkeit aus dem Grund erklärt. Ja, ſo iſt's. Es iſt wider die Natur! Das Connubium... das Connubium! Die Römer wußten, was darin liegt. Wo das Connubium im Widerſpruch mit der Natur iſt, da kann von Menſchenrecht, von Rechtsgleichheit keine Rede ſein. Affen ihrer eigenen Vernunft, ſelbſt zum Affen herunter⸗ geſunken ſind die Humanitätsfaſeler, die fern von den Dingen, allgemeine Vorſtellungen und Anforderungen bilden und die nie zu vermenſchlichenden, ewig tückiſchen, nur mit Sprache begabten Thiere nicht kennen. Hoho! Du edler Menſchenfreund!“ rief er und ging in der Stube auf und ab.„Gib Deine Tochter einem Neger, thu' das! thu' das! Fürchte jede Stunde, daß er Dein Kind zerfleiſche! herze einen ſchwarzen Enkel! thu' das! edler Menſchenfreund! Dann komme wieder und ſprich von Gleichheit der weißen und der ſchwarzen Raſſe!“ Noch nie hatten die Männer Sonnenkamp ſo ſprechen hören. Er hatte die Fäuſte geballt, als hielte er einen Gegner, den er würge. Jetzt wiederholte er mit gezwungenem Lächeln nur noch⸗ mals, daß Erich den Kernpunkt getroffen. Ein weißes Mädchen könne nicht das Weib eines Negers werden; das ſei nicht Vorurtheil, ſondern Naturgeſetz. Die Männer ſahen einander ſtaunend an und mit einer Schüchternheit, die ſonſt gar nicht ſein eigen war, ſagte der Doctor: ————————— — 132— vom phyſiologiſchen Standpunkte aus könne er Manchem nur bei⸗ ſtimmen, denn es ſei bekannt, daß die Miſchlinge ſchon in der dritten Generation ausſterben. Und an den Pfarrer gerichtet, ſetzte er hinzu: eine Selbſtändigkeit der Raſſen ſchließe die Menſchenrechte nicht aus, da ſie auch nicht die Menſchenpflichten ausſchließe, wie auch die Religion gleiche auferlege. Freilich, die Religion ſollte Freiheit ſein und ſie wurde— zur Kirche. Der Pfarrer fand ſich genöthigt zu erklären, daß die Neger alle religiöſe Ueberzeugung und Bekenntniſſe verſtehen, und das gäbe ihnen die vollen Menſchenrechte. „So?“ rief Sonnenkamp,„in der That? Warum hat denn die Kirche nicht die Aufhebung der Sklaverei verordnet?“ „Weil die Kirche,“ erwiderte der Pfarrer ruhig,„nichts Der⸗ artiges zu verordnen hat. Die Kirche wendet ſich an die ewige Seele und lehrt ſie, ſich zum Himmelreich bereiten. In welcher ſocialen Stellung die Hülle dieſer Seele iſt, können wir nicht ordnen und nicht beſtimmen; weder die Knechtſchaft noch die Frei⸗ heit iſt Hinderniß zum gottſeligen Leben. Unſer Herr und Meiſter rief die Seelen der Juden auf zum Himmelreich, derweil ſie unter römiſcher Knechtſchaft waren. Er rief die Völker alle durch ſeine Apoſtel und hatte nicht zu fragen, welches ihre politiſche Verfaſſung und ſociale Stellung. Das mögen Andere ordnen. Unſer Reich iſt das Reich der Seelen, die gleich ſind, ob ſie in ſchwarzen oder weißen Leibern, in der Republik oder in der Tyrannei leben. Wir können es mit Freuden begrüßen, wenn auch der Leib frei iſt, aber das zu ſchaffen, iſt nicht unſeres Amtes.“ „Theodor Parker hat das anders aufgefaßt,“ erhob ſich Roland plötzlich. Als wäre ein Schuß an ſeinem Kopfe vorbeigefahren, rief Sonnenkamp: „Woher kennſt Du den Mann? Wer hat Dir von ihm geſagt?“ oland erbebte ſichtlich, da ſein Vater ihn an beiden Schultern faßte. „Vater!“ rief er mit männlichem Tone,„auch ich habe eine freie Seele! Ich bin Dein Sohn, aber meine Seele iſt frei!“ Sonnenkamp athmete mit hochbewegter Bruſt, aber plötzlich ſagte er: „Es freut mich, mein Sohn; das iſt ſchön, das iſt gut; Du biſt ein echter amerikaniſcher Junge. Recht ſo! Gut — 133— Dieſes plötzliche Auf⸗ und Ab⸗, dieſes Hin⸗ und Herwenden Sonnenkamps benahm allen Anweſenden die Faſſung. Aber Son— nenkamp fuhr in mildem Tone fort: „Es freut mich, daß Du Dich nicht erſchrecken ließeſt, Du haſt Muth... Nun ſag', wie biſt Du mit den Schriften Parkers bekannt geworden?“ Roland erzählte getreulich, wie es ihm ergangen, nur daß die Profeſſorin beim Beſuche im Städtchen den Ramen Parkers genannt hatte, verſchwieg er. „Warum haſt Du mir nie davon erzählt?“ fragte der Vater. „Ich kann auch etwas in mir bewahren,“ erwiderte Roland; „Du haſt mir ja deßhalb etwas vertraut.“ „Recht ſo, mein Sohn, Du rechtfertigſt mein Vertrauen.“ „Es iſt ſchon ſpät, wir müſſen heim,“ erlöſte endlich der Major die ganze Geſellſchaft. Auf keinem gefährlichen Vorpoſten, in keiner Schlacht hatte der Major ſolch Herzpochen gefühlt, wie während der Vorleſung, noch mehr aber, als das Geſpräch eine ſo gefährliche Wendung nahm. Er ſchüttelte immer den ſchweren Kopf und ſtreckte oft wie hülfeſuchend und abwehrend die Hände in die Luft, als wollte er Allen ſagen: So laßt doch nur um Gottes Willen von dieſem Geſpräch ab! Das iſt nicht gut, das führt zu Böſem! Dann be⸗ trachtete er wieder Sonnenkamp und zog die Achſeln weit herauf. Was hat denn nur der Mann, daß er uns herausfordert? Wir legen ihm ja nichts in den Weg, an dieſe Dinge hätte er nicht rühren ſollen! O wie ſehr hatte Fräulein Milch recht, die ihn gebeten hatte, heute zu Hauſe zu bleiben. Wie gut wär's im Lehnſtuhl, in dem jetzt die Laadi liegt; man hätte ſchon ein paar Stunden geſchlafen, und nun wird es Mitternacht, ehe man heim kommt, und die gute Fräulein Milch wartet immer, bis er heim kommt. Es war ihm wie eine Erlöſung, als er die Uhr heraus⸗ nahm und zeigen konnte, wie ſpät es ſei. Die Profeſſorin trat eben wieder ein und ſagte Roland, er ſolle zu ſeiner Mutter kommen. Die Männer machten ſich auf den Heimweg und Erich geleitete ſeine Mutter und Tante durch die ſchneeige Nacht nach Hauſe. — 134— Ueuntes Capitel. Erich ging ſtill dahin; die Mutter nahm zuerſt das Wort, indem ſie ſagte: „Ein Wort Deines Vaters bietet mir wieder Halt. Nichts iſt verwerflicher und ermattender als Reue, ſagte er oft; die Er⸗ kenntniß, daß man einen Fehler gemacht, muß ſchnell und ſcharf ſein, dann aber muß man ſich mit den Thatſachen zurechtfinden. Ich habe es bereut, mich dieſem Hauſe ſo verbunden zu haben, daß Rückkehr und Ablöſung äu erſt ſchwierig iſt. Nun, da es geſchehen, müſſen wir danach trachten, daß Alles ſich zum Beſten lenke.“ Claudine, die ſonſt ſelten ſprach, fügte hinzu, wie marter⸗ voll es ſei, daß Menſchen, auf deren Schickſal eine dunkle That ruhe, wie verbannt ſeien aus dem Reiche des Geiſtes und überall verletzende Beziehungen fänden. Wieder ging man geraume Weile ſtill dahin. Hoch oben vom Bergeskamm hörte man den Verkünder großer Kälte; der Uhu wimmerte in jenen ſchauerlichen Tönen, die aufſteigend und nie⸗ derfallend etwas Klagendes und wiederum ſchadenfroh Triumphiren⸗ des haben. Die Drei ſtanden ſtill. Erich ſagte, daß Sonnenkamp ſich viele Mühe gegeben, die Eulen aus der Umgegend zu vertilgen; es ſei ihm aber nicht ge⸗ lungen. In erregter Stimmung wird Alles zum Zeichen und Bild. Kaum die Worte hinhauchend, ſagte die Mutter, daß ihr die Aufregung der Frau Ceres unfaßlich ſei; ſie habe ſich an ihren Hals geworfen und geſchluchzt und geweint. Die Drei fühlten, daß im Leben auf Villa Eden ein Wende⸗ punkt eingetreten war. Erich kehrte nach der Villa zurück. Der Uhu war vom Berges⸗ tamm herabgeflogen; er ſaß in einem Baumgipfel des Parks und ſendete von hier aus keck ſein Geſchrei in die Luft. Das hörte Erich und das hörte Sonnenkamp, der im Vor⸗ gemach zum Schlafzimmer ſeiner Frau wartete, bis ſein Sohn herauskam. Es war ihm verſagt, dabei zu ſein, während ſeine Frau mit Roland ſprach. Endlich kam Roland, und der Vater fragte, was die Mutter geſprochen; er hatte das noch nie gethan, jetzt mußte es ſein. — 135— Roland erwiderte, daß die Mutter ihn nur immer geküßt und dann gebeten habe, ihre Hand zu halten, bis ſie eingeſchlafen ſei; ſie ſchlafe jetzt ruhig. Sonnenkamp verlangte, daß Roland ihm das Buch von Parker zurückgebe, Roland ſagte, es ſei nicht mehr in ſeiner Hand und die Profeſſorin habe es ihm ſehr verwieſen, daß er es eigenmächtig an ſich genommen. Roland ging in das Zimmer Erichs; dieſer war noch nicht da. Die Eule wimmerte noch immer auf dem Baumwipfel im Park. Roland löſchte das Licht und öffnete das Fenſter; er nahm die Büchſe von der Wand, ein Schuß knallte, der Uhn ſtürzte vom Baum. Schnell eilte Roland hinab, er traf auf Erich und ſagte ihm, daß er den Vogel getroffen; er eilte nach dem Park und holte das Thier herbei. Das ganze Haus kam in Allarm, Frau Ceres war erwacht und ihr erſter Ruf war: „Hat er ſich ermordet?“ Sonnenkamp und Roland mußten nochmals ins Zimmer, um ſich ihr zu zeigen. Roland nahm die todte Eule mit, aber die Mutter wollte ſie nicht ſehen und jammerte nur, daß man ihr den Schlaf geraubt habe. Vater und Sohn gingen wieder davon und Sonnenkamp be⸗ lobte Roland, daß er ſo friſch und keck das Thier erlegt habe. Erich ging nochmals zu ſeiner Mutter, die ebenfalls vom Schuß erweckt ſein mußte; er fand ſie noch wach, auch ſie hatte gefürchtet, daß der Schuß der eines Selbſtmörders geweſen ſei. Die Aufregung, die im ganzen Hauſe herrſchte, beruhigte ſich erſt allmälig. Im Stolze, die Eule erlegt zu haben, vergaß Roland Alles; er ging glückſelig zu Bett und ſchlief bald ein. Droben aber auf dem Thurmzimmer, drunten im Arbeits⸗ zimmer Sonnenkamps brannte noch lange ein Licht, und Erich ſtarrte in die Flamme und wunderbare Gedankengebilde bewegten ſich durcheinander. In die Dichtung Shakeſpeare's, in die Menſchen alle, die zugehört hatten, und vor Allem in die Seele Rolands dachte er ſich und es erſchien ihm gut, daß die Jagdluſt alles Grüdeln und alles Schwere des Nachdenkens in dem Jüngling verſcheucht. Eine That, eine That allein befreit. Wo iſt ſie, die großt, Alles löſende? Sie läßt ſich nicht ergründen. Es gibt ein von allem Willen und von aller Ueberlegung un⸗ abhängiges großes Walten der Geſchichte und des in ihr wirken⸗ den Gottes. Die That iſt nicht unſer, aber gerüſtet ſein, das iſt unſer. Endlich fand Erich Ruhe. Wie ein Gefangener ging Sonnenkamp in ſeinem großen Ge⸗ mache auf und ab. Das Löwenfell, deſſen Kopf ausgeſtopft mit glühenden Augen auf dem Boden lag, ſtarrte ihn an; er ſchob das untere Ende des Felles über den Kopf. Hin und her dachte er, was er thun ſollte. Erich erzieht ihm in ſeinem Sohn einen Wiverſacher, und die Mutter, die immer, wie Prancken ſagt, den umwandelnden Geiſt ihres Mannes, den verſtorbenen Profeſſor Hamlet citirt— nein, ſie iſt eine edle Frau. Aber warum hat er dieſe gelehrte, mit ihren Ideen aufge⸗ bauſchte Bettlerfamilie ſich auf den Hals geladen? Ohne Aufſehen zu erregen, kann er ſie nicht mehr abſchütteln. Nein, er will ſie ausnützen und dann von ſich werfen. Ein glücklicher Entſchluß beruhigte ihn endlich. Wir müſſen in andere Verhältniſſe, in Zerſtreuungen und gradaus jetzt zum Ziel. Uebermorgen iſt der Neujahrstag, wir ziehen alle nach der Reſidenz. Mit dieſem Gedanken fand auch Sonnenkamp endlich Ruhe. Zehntes Capitel. Der Kriſcher verſtand auch, Vögel auszuſtopfen. Roland wollte ihm ſofort am Morgen den erlegten Uhn bringen, der vor dem Fenſter lag und gefroren war. Alle Eindrücke des vergangenen Tages ſchienen ſpurlos ver⸗ ſchwunden vor der Freude des glücklichen Schuſſes. Während er die Flügel des Uhus auseinanderzerrte, ſagte er: „Jetzt fällt mir das Wort ein, das mir im Traum ein Mann ſagte; er ſah wie Benjamin Franklin aus, war aber hagerer. Mir träumte, ich zog in die Schlacht, die Muſik machte einen Lärm, grauſenhaftes Geſchrei ertönte, und dazwiſchen ſagte der Mann:„Menſchenpflichten... Menſchenehre“— da tauchten auf .—„ — 137— einmal Tauſende von ſchwarzen Köpfen auf, nichts als ſchwarze Köpfe, ein Meer von ſchwarzen Köpfen und alle fletſchten die Zähne, da fiel der Uhu mir auf's Geſicht, ich erwachte in ent⸗ ſetzlicher Angſt.“ Roland wurde gerufen, da ſeine Mutter nach ihm verlangte. Er ging und Erich ſchaute ihm gedankenvoll nach. Er lauſchte nach der Thür, denn er erwartete, daß Sonnenkamp ihn rufen laſſe. Dieſer Mann hat geſtern ſo Verſchiedenartiges kundgegeben, daß heut eine Zurechtſetzung nothwendig war. Er hörte Schritte ſeinem Zimmer nahen, es waren Doppelſchritte; Roland kam an der Hand ſeines Vaters und ſagte, daß beſchloſſen worden ſei, man gehe mit einander nach der Reſidenz und bleibe den Winter dort. Sonnenkamp fügte hinzu, daß Erich nun ſich der Gemeinſchaft der Familie nicht entziehen werde, und er hatte einen lauernden Blick, als er leichthin bemerkte, man werde in der Reſidenz auch den Grafen Clodwig und ſeine liebenswürdige Frau treffen. Erich antwortete nur kurz, daß er ſich nunmehr für ver⸗ pflichtet halte, Roland und ſeine Angehörigen zu begleiten. Als Sonnenkamp indeß die Erwartung ausſprach, daß auch die Pro⸗ feſſorin mit nach der Reſidenz ziehe, erwiderte Erich, wie er nicht glaube, daß ſich ſeine Mutter zu einer Ueberſiedelung be⸗ ſtimmen laſſe. Sonnenkamp benahm ſich überaus höflich, denn er war innerlich glücklich, wenn er heucheln konnte; ſo oft er die Welt zum Narren hielt, fühlte er eine hebende und tragende Luſt. Er war ſo guter Laune, daß er zu Erich ſagte: „Ich hoffe, Sie auch zu bekehren. Sie werden einſehen lernen, daß man am beſten in der Welt lebt, wenn man ſich als Fremder in ihr aufhält und ſich um die Einrichtung der Staaten nicht kümmert.“ „Gewiſſermaßen,“ entgegnete Erich in ſcherzendem Tone, „ſtimmte damit Ariſtoteles überein; er lebte meiſt in Athen, wo er ſozuſagen auf Aufenthaltskarte lebte, nicht Ortsbürger war, vom activen und paſſiven Wahlrecht ledig, nur ſeinen Ideen leben konnte.“ „Das freut mich. Man hört von den alten Philoſophen doch immer Neues und Geſcheidtes. Alſo Ariſtoteles war auch ein Rei⸗ ſender? Schön!“ Sonnenkamp machte ein ſehr heiteres Geſicht. Die Herren Gelehrten ſind doch unendlich bequem, ſie wiſſen für das, was man egviſtiſch oder gedankenlos thut, große hiſtoriſche Begründungen zu finden. Er lächelte freundlich, und ſein Lächeln blieb, obgleich Erich erklärte, daß das, was einem Philoſophen wie Ariſtoteles zuſtand, nicht Jeder auf ſich anwenden dürfe, denn wenn Jeder ſo lebte, könnte die Welt nicht beſtehen; wer würde Gemeinde⸗ oder Staatsämter übernehmen? Iſt doch ein ſeltſamer Kauz, der deutſche Schulmeiſter— dachte Sonnenkamp vor ſich hin— noch in der Ueberraſchung einer Reiſe iſt er zu Gelehrſamkeit bereit. Er erſuchte Erich und Roland, ſich zur Reiſe bereit zu machen, und als ein Diener die Meldung brachte, daß die gnädige Frau den Herrn ſprechen wolle, verließ er das Zimmer. Er trat bei Frau Ceres ein, die ihn müden Blickes anſchaute; er ſprach ſeine Freude aus, daß ſie wieder wohl ſei und andern Tages die Reiſe nach der Reſidenz antreten könne. Mit lockenden Farben breitete er vor ihr das ſchöne Leben in der Reſidenz aus, wo man glückliche Beziehungen habe an der Familie der Cabinets⸗ räthin, an Graf Wolfsgarten und ſeiner Frau und auch an der Familie des Herrn von Endlich. Mit ermunternder Zuverſicht fügte er hinzu: „Seien Sie ſtark und liebenswürdig, ſchöne Frau Ceres; als Varonin kehren Sie in dieſe Gemächer wieder zurück.“ Frau Ceres richtete ſich auf und bedauerte nur, daß die in Paris beſtellten Kleider noch nicht angekommen ſeien. Sonnen⸗ kamp verſprach, ſofort zu telegraphiren, er verſprach auch, daß die Profeſſorin ſie begleite und man unter ihrer Anleitung dort auftrete. „Du darfſt mir einen Kuß geben,“ ſagte Frau Ceres und fügte hinzu:„Ich glaube, daß wir noch Alle ſehr glücklich werden. Ach, wenn ich Dir nur meinen Traum erzählen dürfte, aber Du willſt ja nie einen Traum wiſſen. Iſt auch beſſer, ich erzähle ihn nicht. Aber es war ein Vogel mit großen Flügeln, unendlich groß, und auf dem Vogel ſaß ich und wurde in die Luft ge⸗ tragen und ich ſchämte mich, denn ich war gar nicht angekleidet und alle Menſchen drunten ſchauten mir nach und ſchrien und jubelten und lachten, und da wendete der Vogel ſeinen Kopf und da war es die Profeſſorin, die ſagte: Du biſt ja wunderſchön angezogen, und da hatte ich allen meinen Schmuck an und mein — 139— ſpitzenbeſetztes Atlaskleid... Aber ich weiß ja, Du willſt keinen Traum hören.“ Sonnenkamp ging fröhlich davon. Der Tag war hell, ein friſch kalter leuchtender Wintertag, an dem ſich die Landſchaſft, jeder Fels, jeder Baum am Berge ſcharf abhob von dem blauen Himmel; das Eis auf dem Rhein hatte ſich geſtellt und eine wunderſame Stille wie ein angehaltener Athem lag auf der ganzen Landſchaft. Sonnenkamp war glücklich, daß der helle Tag alle Geſpenſter der Nacht verſcheucht hatte und man nun ein friſches Leben ge⸗ wann. Er gab ſofort Befehle nach dem Stall, daß ein Doppel⸗ geſpann und ein zweiter Wagen nach der Reſidenz gebracht werde. Als er eine Stunde darauf mit Roland und Frich nach dem grünen Hauſe ging, ſahen ſie ſchon die Pferde, in warme Decken eingehüllt, auf dem Wege nach der Reſidenz. Roland bat, daß man auch ſeinen Pony mitnehme, es wurde ihm willfahrt. Er fragte, welche Hunde er mitnehmen dürfe, es wurde ihm nur einer gewährt; er konnte ſich noch nicht ent⸗ ſchließen, welchen er auswählen ſollte... In der großen Stube der Profeſſorin ſah es aus wie auf einem Jahrmarkt; auf Tiſchen und Stühlen lagen große Pakete geſtrickter und gewobener wollener Bekleidungsſtücke für Männer und Frauen; Fräulein Milch las einen großen Zettel ab, worauf die Namen der Bedürftigen ſtanden mit der Bezeichnung deſſen, was ſie erhielten. Die Mutter und Tante verglichen die wohl⸗ geordneten Pakete. Als dies gethan war, rief Fräulein Milch den Kriſcher, ſeine Frau und Tochter und den Siebenpfeifer mit ſeinen ſämmtlichen Kindern herein. Sie wurden angewieſen, die betreffenden Pakete an die darauf Bezeichneten abzuliefern. „Recht ſo, daß Sie kein Geld ſchenken,“ ſagte der Kriſcher, „aber es fehlt noch etwas.“ „Was denn?“ Er konnte nicht antworten, denn Sonnenkamp und Roland traten ein. Sonnenkamp freute ſich über die bedachtſame Art, mit der das Geld verwendet wurde, er ſprach auch einige freundliche Worte zu Fräulein Milch. Seit jenem Morgen, an dem Roland entflohen, hatte er ſie nicht wieder geſehen. Er fragte nach dem Major und hörte mit Bedauern, daß — 140— dieſer in der Nacht unwohl geweſen, erſt gegen Morgen ein⸗ geſchlafen ſei und wahrſcheinlich noch ſchlafe; er habe eine glück⸗ liche Natur, die ſich immer durch Schlaf helfe. Die Profeſſorin bat um Entſchuldigung, ſie wollte zuerſt die Sachen abfertigen und ſich dann dem frühen Beſuche widmen; ſie fragte daher den Kriſcher, was er damit meine, daß eine Hauptſache fehle. „Ja,“ ſagte der Kriſcher,„da wäre der Herr Sonnenkamp der rechte Mann dazu.“ „Wozu?“ „Ich meine, es iſt ſchön und gut, daß man den Menſchen gut einwickelt und gegen Kälte ſchützt, aber Luſtigkeit und Freude fehlt noch, und da meine ich, man ſollte etwas dazu thun, was von innen wärmt und es wäre nicht uneben, wenn man Jedem eine Flaſche Wein dazu ſchickte. Die Leute ſehen das ganze Jahr die Weinberge vor ſich und arbeiten drin und die meiſten kommen nicht dazu, ſelber auch einen Tropfen Wein zu trinken.“ „Gut, gut,“ ſagte Sonnenkamp,„gehen Sie zum Keller⸗ meiſter, er ſoll je auf ein Paket eine Flaſche guten Wein geben vom vorigen Jahre.“ Sonnenkamp war heute in verſchwenderiſcher Geberlaune, denn er legte noch zu jedem Paket ein Geldſtück. Faſt aber hätte er das Ganze zerſtört, da er ſagte: „Da ſeht, welch ein Vertrauen ich zu Euch habe. Ich zweifle nicht, daß Ihr Alles richtig abliefert.“ Weggewiſcht ſchien alle frohe Laune des Kriſchers, aber er unterdrückte ſeinen Zorn und preßte nur ſtill die Lippen zuſammen. Roland half die Pakete auf einen Karren tragen, der vor dem Hauſe ſtand; Sonnenkamp wollte ihn davon abhalten, aber die Profeſſorin winkte, ihn gewähren zu laſſen. Mit dem letzten Pakete verſchwand auch Fräulein Milch. In der nun ausgeleerten Stube theilte Sonnenkamp der Pro⸗ feſſorin den Plan der Ueberſiedlung nach der Reſidenz mit und bat, daß auch ſie die Familie begleite. Ebenſo dankbar als entſchieden lehnte die Profeſſorin ab und Sonnenkamp hatte Mühe, ſeine Mißlaune zu beherrſchen, da keinerlei Vorſtellung ihren Entſchluß wankend machen konnte. Höflich, aber verſtimmt, verließ er das Haus und Roland ver⸗ ſprach, der Profeſſorin den Greif als Wächter hier zu laſſen. — ——— —— — — 141— Die Profeſſorin fühlte, wie der Jüngling ihr gern etwas in der Ferne leiſten und ein Liebes zum Opfer bringen wollte. „Dir wird es gut gehen im Leben,“ ſagte ſie, indem ſie ihn an der Hand erfaßte. Die Profeſſorin hatte verſprochen, heut Abend nach der Villa zu kommen, wo man die Mitternachtsſtunde des Sylveſter ge⸗ meinſam erwarten wollte. Als ſie kam, traf ſie auf dem Flur große ſchwarze Kiſten; im Empfangszimmer der Frau Ceres lagen Kleider auf allen Stühlen und Frau Ceres, glücklich wie ein Kind, ordnete Alles mit einer Behendigkeit, die man ſonſt gar nicht an ihr bemerkte. Als man ſich endlich in den Speiſeſaal begab, wo man ſich zum Thee ſetzte, fühlten Alle, daß ein großer Abſchnitt gekommen war. Während ſonſt das Geſpräch leicht und flüſſig ſich bewegte und man nicht der Stunde gedachte, ſchien man heute nur mit Anſtrengung Mitternacht heranwachen zu können. Die Profeſſorin fühlte die Spannung; man war ſchon jetzt eigentlich nicht mehr hier, nicht mehr beiſammen, ſie ſprach daher mehr als ſie eigentlich gewollt und erzählte von ihrem Eintritt in die große Welt. Als es zwölf Uhr ſchlug, rief Roland: „Vater, jetzt wird von Allen, denen Du Wein geſchickt, auf Dein Wohl getrunken.“ Sonnenkamp küßte ſeinen Sohn, Frau Ceres küßte die Pro⸗ feſſorin, dann neigte ſie das Haupt und erwartete ruhig einen Kuß auf die Stirn von ihrem Gatten. Draußen läuteten die Glocken, krachten Schüſſe. „Wohlauf zum neuen Jahr! zu friſchem Leben!“ rief Erich und faßte die Hand ſeines Zöglings. Auch in der Nähe der Villa wurde geſchoſſen und gelärmt und Sonnenkamp war höchſt ärgerlich, daß die gute deutſche Polizei das dulde; es ſei nichts als niedrige Rohheit. Erich dagegen ſagte: „Man kann, pſychologiſch genommen, einen Ausdruck der Freude in dieſem an ſich allerdings unſchönen Schießen finden. Ohne daß er es weiß, hat der unſcheinbare Menſch, der ein Piſtol abknallt, die Freude der Ueberraſchung, daß er etwas weithin Wirkendes bewirken kann, daß viele Menſchen ſein Thun bemerken müſſen. So erklärt ſich dieſe rohe Sitte; es iſt eine Verſtärkung des Menſchentones, des Aufjauchzens.“ ———— — 142— Sonnenkamp lächelte und ſagte Erich und Roland heiter gute Nacht. In Pelze gehüllt, von zwei Dienern begleitet, kehrten die Profeſſorin und Claudine nach dem grünen Hauſe zurück. Bald war Alles ſtill und träumte dem neuen Jahr entgegen. Elftes Capitel. Am Morgen, als Frich und Roland im grünen Häuschen Abſchied nahmen, kam eine Botſchaft von Fräulein Milch, die ſich und den Major zu Gaſte bei der Profeſſorin einlud. Die Profeſſorin rühmte gegen Claudine den feinen Tact dieſer Wirthſchafterin, die es wohl fühlen mußte, wie einſam es ihnen heute zu Muthe ſei. Es ſchneite unaufhörlich und hinter den Scheiben grüßte die Mutter ihren Sohn und Roland, die im erſten Wagen vorüber⸗ fuhren, und dann auch Herrn Sonnenkamp und Fräulein Perini, die zum Wagen herausnickten; Frau Ceres lag tief eingehüllt in einer Ecke, ſie bewegte ſich nicht. Bald kam der Major und mit ihm Fräulein Milch. Der Major hielt ſich ſtets ſtreng militäriſch und ließ ſich von keinem Leiden ſeine ſtramme Haltung nehmen; er war heut nur etwas heiſer und konnte daher noch weniger ſprechen als ſonſt; er gra⸗ tulirte indeß der Profeſſorin und der Tante ſo förmlich als herzlich. „In dieſem Jahre,“ ſagte er,„werden es fünfzig Jahre, daß wir uns kennen.“ Er deutete auf Fräulein Milch und ſeine Miene ſagte: ein beſſeres Menſchenkind als ſie iſt, trägt die Erde nicht. Man war wohlgemtth bei Tiſche und Fräulein Milch erzählte, welche Freude die Geſchenke in allen Häuſern gemacht. Der Major zwang ſich, ſeiner Unpäßlichkeit Herr zu werden, er wollte die drei Frauen gehörig unterhalten, er rühmte die Profeſſorin, daß ſie nicht nur gelehrt ſei, ſondern auch ſo vor⸗ treffliche Suppe kochen könne. „Ja, ja,“ lächelte er,„ich habe Herrn Sonnenkamp eigentlich zwingen müſſen, daß man Suppe an ſeinem Tiſche bekommt. Sehen Sie, wenn ich einen Tag ohne Suppe leben muß, iſt mir's, — 143— wie wenn ich ohne Strümpfe mit nackten Füßen in den Stiefeln gehen müßte; die Grundlage im Magen iſt kalt.“ Man lachte über dieſen Vergleich und der Major, hierdurch angeregt, fuhr fort: „Ja, Frau Profeſſorin, der heutige Tag iſt ein Tag wie geſtern und weil er Neujahrstag heißt, meint man immer, es wäre etwas Beſonderes. Mir iſt, als hätte ich an dieſem Tage weiße Wäſche für ein ganzes Jahr angezogen.“ Wieder entſtand beifälliges Lachen und der Major ſchluckte zufrieden; er hatte heute das Seinige geleiſtet, er konnte nun die Anderen gewähren laſſen. Nach Tiſch that es die Profeſſorin nicht anders, der Major mußte ſein Schläfchen halten; ſie hatte zu dieſem Zweck das Bibliothekzimmer heizen laſſen und der Major war nicht wenig ſtolz, daß er im Lehnſtuhl des Profeſſors ſchlafen ſollte. „Ja,“ ſagte er,„ſchlafen kann ich ſo gut wie der beſte Pro⸗ feſſor. Aber die vielen Bücher— die vielen Bücher! Es iſt doch ſchrecklich, daß ein Menſch ſo viele Bücher leſen muß! Ich weiß nicht, wie man das kann.“ Der Major ſchlief den Schlaf der Gerechten; er hätte keine Ruhe gefunden, wenn er eine Ahnung davon gehabt, was jetzt unter den Frauen vorging. Fräulein Milch ſaß am Fenſter bei der Profeſſorin und dieſté ſtaunte, als die einfache Wirthſchafterin äußerte, wie unbegreiflich es ſei, daß Erich das markerſchütternde Drama Othello vorgeleſen, da doch darin ſo viele Punkte ſeien, die man in dieſem Hauſe nicht berühren ſollte. „Kennen Sie das Stück?“ fragte die Profeſſorin. „O doch,“ erwiderte Fräulein Milch und ihr ganzes Geſicht erröthete bis zur Einrandung ihrer Haube hin. „Sie glauben alſo, daß es unpaſſend war, das Stück zu leſen, weil Herr Sonnenkamp Sklavenhalter war?“ „Bitte, ich wollte nichts weiter ſagen,“ lenkte Fräulein Milch ab,„ich ſpreche nicht gern über Herrn Sonnenkamp, es freut mich... nein, das iſt nicht das richtige Wort, es beruhigt mich, daß er mich kaum beachtet und ſich geringſchätzig gegen mich he⸗ nimmt. Ich bin ihm darüber nicht bös, eher dankbar, denn ich habe nicht nöthig, Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln.“ „Nein, Sie weichen mir nicht aus. Können Sie mir nicht — 144— ſagen, warum Sie es unpaſſend fanden? Mein Sohn und ich wir ſollten doch wiſſen, in welche Verhältniſſe wir geſtellt ſind.“ „Ich kann nicht,“ entgegnete Fräulen Milch mit klagendem Tone. Claudine, die zu bemerken ſchien, daß Fräulein Milch etwas mittheilen wollte, was ſie vielleicht nicht hören ſollte, ſchlich leiſe davon. „Jetzt,“ ſagte die Profeſſorin,„ſind wir ganz allein, Sie können mir Alles ſagen. Soll ich Ihnen eine Betheuerung geben, daß ich verſchwiegen bin?“ „Ach, ich kann mich nur anklagen, daß ich ſo weit ging,“ ſtotterte Fräulein Milch und zog ihre Haubenbänder durch beide Hände.„Seit der Major und ich beiſammen ſind, iſt es das erſte Mal, daß ich einen Beſuch mache und an einem fremden Tiſch eſſe; ich hätte es nicht thun ſollen.“ Ihr Angeſicht zuckte und ihr braunes Auge glühte. „Ich glaubte, daß Sie mich als Freundin betrachten,“ ſagte die Profeſſorin und ſtreckte ihr die Hand entgegen. „Ja, das ſind Sie,“ rief Fräulein Milch und faßte die dar⸗ gereichte Hand in beide Hände und hielt ſie mit Inbrunſt feſt. „Sie können nicht wiſſen, wie ich Gott danke, daß er mir das noch vor meinem Tode beſchieden. Seit ich mich ihm widmete, habe ich allen Menſchen entſagt, Sie ſind die Erſte, mit der ich leben möchte. Ach, ich meine, Sie müßten Alles wiſſen, man hat Ihnen nichts zu ſagen.“ „Ich weiß nicht Alles. Was wiſſen Sie von Herrn Sonnen⸗ kamp?“ Traurig ſenkte Fräulein Milch den Kopf, dann ſchlug ſie beide Hände vors Geſicht und rief: „Warum muß ich es denn ſagen?“ Sie rückte näher und leiſe, kaum hörbar, theilte ſie der Pro⸗ feſſorin einige Thatſachen aus dem Leben Sonnenkamps mit. Die Profeſſorin hielt ſich mit beiden Händen an der Nähmaſchine, die vor ihr ſtand. Es wurde kein Wort geſprochen. Draußen war es ſo ſtill und nur der Schrei von einem Flug Raben, die über den zugefrorenen Rhein ſchwebten, war vernehmbar. „Ich glaube,“ ſagte die Profeſſorin endlich,„Sie würden ſo etwas nicht auf bloßes Gerede mittheilen. Gehen Sie weiter, ſagen Sie offen, woher wiſſen Sie das?“ Scheu blickte Fräulein Milch um und ſagte: „Ich habe es von dem glaubwürdigſten Mann, deſſen Neffe ein Kind hier im Lande zur Erziehung hat; er kennt den Namen, den Herr Sonnenkamp früher trug, er kennt ſeine ganze Ver⸗ gangenheit. Aber liebe, edle Frau, Wi ſoll ein Menſch, was er auch gethan, nicht ein anderes Leben, ein neues Leſein be⸗ ginnen können?“ „Davon ein andermal,“ drängte die Profeſſorin.„Nennen Sie mir den Namen des Mannes, der Ihnen das mitgetheilt hat.“ „So ſei es denn. Es iſt Herr Weidmann.“ Die Profeſſorin bedeckte ſich mit beiden Händen das Geſicht. „Was haben Sie von Herrn Weidmann?“ ſagte der plötzlich eintretende Major.„Ich ſage Ihnen, liebe Frau Profeſſorin, wer den Mann nicht kennt, kennt das Echteſte auf der Welt nicht. Der iſt ein Meiſterſtück Gottes, an dem muß Gott ſelber ſeinen Gefallen haben; tagtäglich, wenn er vom Himmel herunterſieht, muß er ſich ſagen: die Welt iſt doch nicht ſo übel, dort drunten habe ich meinen Weidmann, das iſt ein Menſch, ein... wirklicher Menſch. Damit iſt Alles geſagt, da geht nichts drüber.“ Die beiden Frauen waren wie erlöſt durch den Hinzutritt des Majors. Der Major machte ſich nun mit Fräulein Milch auf den Heimweg. Als ſie ſchon einige Schritte gegangen waren, rief die Profeſſorin Fräulein Milch noch einmal zurück und fragte leiſe „Weiß der Herr Major auch...?“ „O nein, er könnte das nicht ertragen. Ach bitte, verzeihen Sie mir, daß ich Sie ſo belaſtet habe. Glauben Sie mir, es iſt mir nicht leichter dadurch; nein, nur noch ſchwerer.“ Die Gäſte gingen davon. Bald darauf brachte der Brief⸗ bote einen Brief aus der Univerſitätsſtadt. Profeſſor Einſiedel, der ſeit bald drei Jahrzehnten der Profeſſorin ſeinen Glückwunſch dargebracht hatte, wollte auch heute nicht fehlen; es waren herz— liche und bedeutſame Worte, die er ſchrieb, ſie kamen wie aus einer ganz fremden Welt. Zweimal las ſie die Nachſchrift, denn da war ein Gruß an Erich mit der Nachricht, daß der Profeſſor bald eine angekündigte, vor Kurzem erſchienene Schrift über die Sklaverei ſchicken werde; er fügte die Mahnung hinzu, Erich ſolle im neuen Jahre ſein Werk vollenden. Die Profeſſorin ſah nachdenklich drein. Was iſt denn das? Erich hatte ihr nie von ſolcher Arbeit geſagt. Sie fuhr mit der Auerbach. Landhaus am Rhein. Jl. 10 — 146— Hand durch die Luft an der Stirn vorüber. Eine Erinnerung tauchte auf. Noch heute in der Morgenfrühe hatte ſie zu Claudine den Gram kund gegeben, daß ſie keine Wohlthätigkeit aus dem Eigenen mehr üben könne. Wos ſie leiſtete, erſchien ihr als nichtig, nur die Gabe als bedeutend. Faſt unwillkürlich öffnete ſie die Kaſſe, in der das ihr von Sonnenkamp anvertraute Geld lag. Wie ſoll ſie künftig den Beſchenkten ſagen: Wendet eure Dankbarkeit Herrn Sonnenkamp zu? Sie raffte ſich auf und ging nach dem Bibliothekzimmer, dort ſtand ſie und ſchaute hinaus. Es war als nagte etwas körperlich in ihr. Trotz innern Widerſpruchs hatte ſie ſich in dies Verhältniß eingelaſſen und ihr klarer verſtändiger Blick ſchien eine Weile ver⸗ dunkelt. Stromabwärts ertönte ein Dröhnen und Brauſen, Ziſchen und Krachen, wie wenn eine neue Welt ſich aufthun müßte; die Eis⸗ decke hatte ſich gebrochen. Auf dem Strome ſchwammen große Eisſchollen dahin, ſtießen einander an, überſtürzten ſich, knirſchten, zerſchellten, bildeten neue und ſchwammen weiter. Jede große und jede kleine Scholle war mit einem Kranze umgeben, das waren die bei der Auflöſung zerriebenen und in die Höhe geſchobenen Eis⸗ ſplitter; die Schollen rannten ſchnell den Strom hinab, jetzt erſt ſah man, wie raſch und ſtark die Strömung allzeit iſt. Die Sonne ſank glühend hinab über dem Rhein und halblaut ſagte die Profeſſorin vor ſich hin: „Dieſer erſte Tag des Jahres hat mir Entſetzliches gebracht. Es muß getragen und zum Guten geführt werden.“ Neuntes Buch. Erſtes Capitel. Vor dem Hotel Victoria in der Reſidenz ſtand eine Reihe von Droſchken, Sperlinge umſchwärmten die Fuhrwerke, und die Kutſcher ſtanden in Gruppen beiſammen, trippelten vor Kälte hin und her, ſchlugen die Arme über der Bruſt auf und nieder und neckten ſich gegenſeitig. Die Sperlinge zankten, ſie fanden kein Futter mehr und flogen davon. Die Droſchkenkutſcher ſchwiegen, der Stoff war ihnen aus⸗ gegangen. Was auch ſoll man unternehmen und ſagen am Winter⸗ nachmittag in der ſchneebedeckten menſchenleeren Straße der Reſidenz. Alles iſt ſo ſtumm wie der hochſelige Fürſt, der in Stein gemeißelt auf der großen Säule ſteht, eine Mütze von Schnee auf dem Kopf und Epauletten von Schnee auf den Schultern. Drüben im Caſino werden die Laden geſchloſſen, da man bei Licht beſſer Karten ſpielen kann. Die Ablöſung kommt vom Palais des Prinzen Leonhard, die Soldaten haben große Mäntel an und Fäuſtlinge an den Händen. Der Abgelöſte hat dem Eintretenden etwas ins Ohr geſagt, es muß nicht ſehr wichtig geweſen ſein. Ein Kanzleidiener mit einem Pack Acten kommt daher, er begegnet einem Hoflakai, der in einen langen, faſt an den Boden reichenden Rock gekleidet iſt; ſie tauſchen eine Priſe aus und gehen vorüber. Nun aber aufgeſchaut! Es gibt etwas. Unter den Kutſchern war Bewegung; der Courier Lutz kam mit dem großen Packwagen Sorgefahren. — Jetzt hatte das Geſpräch ein gutes Ziel. Richtig iſt's, der „Goldklumpen, der König von Californien,“ kommt in die Reſidenz. „Renn hinauf zu Deinem Vater, dem Glöckner, er ſoll mit allen Glocken läuten,“ rief der Eine. „Du, laß mich einmal trinken, daß ich recht Hoch ſchreien kann,“ ſagte ein Anderer.„Jetzt fängt der luſtige Winter an. Der Goldklumpen läßt mehr draufgehen als drei Prinzen und ſiebzehn Grafen, ſieben Barone gebe ich drein.“ „Wißt Ihr was?“ verſetzte ein Dritter.„Wenn er ankommt, ſchicken wir eine Deputation zu ihm, der thut's, ſo etwas iſt nach ſeiner Art. Ich habe einen Plan.“ „Heraus mit Deinem Plan.“ Der ſo Angeredete— es war ein kleines buckliges Männchen mit klugen verſchmitzten Augen— ließ die Kameraden ein wenig warten, dann ſagte er: „Wir bitten Herrn Sonnenkamp, er ſoll jedem Droſchken⸗ kutſcher täglich einen Schoppen Wein ſchenken; werdet ſehen, er thut's. Wenn Ich ſiebzig Millionen im Vermögen hätte, ich thäte es auch.“ Ein etwas verkommener, breiter Kutſcher ſagte: „Bin Wirth geweſen, weiß, was das iſt. Der Victoriawirth kriegt einen Wintergaſt, der hält warm.“ Drin im Gaſthof aber begegnete man lauter fröhlichen Geſich— tern. Die ſchöne Wirthin war heut noch ſchöner, ſie muſterte nochmals die prächtige Zimmerreihe im erſten Stock und fand, daß Alles gut war; da und dort wurde noch eine Decke ausgebreitet, aber man hörte auf den Doppelteppichen keinen Schritt von den auf⸗ und abwandelnden Kellnern, Knechten und Mägden; die prachtvollen ſeidenen Möbel, die die graue Hülle abgelegt hatten, glänzten und ſchimmerten wie dankbar, daß ſie nun im Lichte er⸗ ſcheinen ſollten. Lutz war in voller Thätigkeit; bald von dieſem, bald von jenem Seſſel, bald von einem Sopha, bald von einer Cauſeuſe— er ſchien alle Sitzgelegenheiten durchzuprobiren— beſtimmte er noch, daß dies oder jenes anders geſtellt würde; er ſchien geneigt, die Doppelbetten zu probiren, er begnügte ſich indeß, die Sprung⸗ federn ein wenig niederzudrücken. Ein Boudoir mit blauſeidenen Tapeten und anmuthigem Erker wußte er mit Geſchick beſſer zu ordnen. — 149 Der Abend brach herein, das Treppenhaus war mit Blumen garnirt, die ganze lange Zimmerreihe beleuchtet, ſämmtliche Lichter an den Kronleuchtern, auf Tiſchen und Schränken angezündet: nun konnten ſie kommen. Eine Cigarrette im Munde trat der Oberkellner vor das Haus und betrachtete ſich vergnügt die erleuchteten Fenſter der Zimmer— reihe; doppelt vergnügt ſchaute er hinüber zum„Erbprinzen,“ da war Alles dunkel und öde; die werden ſich ärgern. Ein Wagen kam mit den Dienern männlichen und weiblichen Geſchlechts, bald darauf der Wagen mit Erich und Roland und zuletzt trabte ein Viergeſpann heran. Bertram parirte die Pferde, Herr Sonnenkamp, nach ihm Fräulein Perini und endlich, mit den koſtbarſten Pelzen angethan, Frau Ceres, ſtiegen aus. Die Droſchkenkutſcher vor dem Hauſe vergaßen die Verabredung, ſie brachten kein Hoch auf Sonnenkamp; klanglos trat er mit den Seinen in die Vorhalle, wo der große bärtige Portier in einem Treſſenkleide und breitem Hute den ſilberknöpfigen Stock präſen⸗ tirte; feſt, als wäre er gegoſſen, ſtand der Mann da, nur ſeine Augen funkelten. Man ging die durchwärmten und erleuchteten und mit Blumen beſtellten Treppen hinan. Sonnenkamp zeigte einen zufriedenen Blick. Frau Ceres war nicht wohlgelaunt, denn ſie hatte faſt den ganzen Weg geſchlafen; vor dem offenen Kamine ſizend, ließ ſie ſich erſt nach und nach aus den Pelzen ent⸗ hülſen. Sonnenkamp beſichtigte alle Zimmer, und als er in das Boudoir ſeiner Frau zurückkam, ſaß Frau Ceres noch immer regungslos auf einem bequemen niedrigen Stuhl vor dem Kamin. „Was fangen wir heut an?“ fragte ſie gähnend. „Es wäre noch Zeit, ins Theater zu gehen.“ „Mich umkleiden? Ich will nicht.“ Zu gutem Glück wurde die Cabinetsräthin gemeldet, die Herr Sonnenkamp von ſeiner Ankunft voraus benachrichtigt hatte. „Sehr willkommen,“ hieß es und ſie war es in der That. Sie entſchuldigte ſich, daß ſie, durch einen Beſuch der Gräfin Graben aufgehalten, die lieben Freunde und Nachbarn nicht be⸗ reits in ihren Zimmern erwartet habe, wie ihre Abſicht geweſen. Man dankte und war entzückt über die große Zuvorkommenheit. Erich und Roland wurden in den Salon gerufen, da auch der Cadett mitgekommen war. — 150— „Wo iſt Ihre Frau Mutter?“ fragte die Cabinetsräthin.„Sie kommt wol nach?“ Frich antwortete nicht und Sonnenkamp ſetzte ſchnell hinzu, die Profeſſorin wolle das Stillleben auf dem Lande nicht aufgeben. „Das wird allgemeines Bedauern erregen,“ lächelte die Ca⸗ binetsräthin ſo heiter, als ob ſie etwas beſonders Luſtiges geſagt hätte.„Die Geſellſchaft hat ſich darauf gefreut, die liebenswürdige, geiſtreiche und allgemein verehrte Dame wieder eine Saiſon in ihrer Mitte zu ſehen.“ „Sie muß nachkommen,“ ſagte Frau Ceres. Sonnenkamp ward mißgeſtimmt. Beſteht denn der Glanz ſeines Hauſes nur in dieſer Frau? Seine Verſtimmung wurde noch geſteigert, als die Cabinets⸗ räthin in leiſem Zwiegeſpräche ſagte: Der Plan werde ſich viel langſamer und ſchwerer verwirklichen ohne die Profeſſorin. Sie ſelbſt werde es an eigenen Bemühungen nicht fehlen laſſen, aber ſie vermöchte nicht entfernt das Gleiche, was die Geborne von Burgholz zu Wege bringe. Sonnenkamp war es, als ob die vielen Lichter im Empfangs⸗ ſalon dunkler brennen; er war indeß genug Herr ſeiner Laune, um die Mißſtimmung nicht kundzugeben. Der Cadett machte den Vorſchlag, daß Roland bei einer Qua⸗ drille, die zu Ende dieſes Monats von den erſten Cavalieren des Hofes im großen fürſtlichen Reithauſe geritten würde, mit reiten ſolle; es würde ſich noch eine Stelle finden, wo er mit den an⸗ deren bürgerlichen Cadetten als Knappe ſich aufſtellen und einige Evolutionen mitmachen könne. Roland war ganz glücklich darüber, aber Herr Sonnenkamp ſchnitt das kurz ab, indem er ſagte: „Nein, Du thuſt nicht mit.“ Er gab keinen Grund an; er hatte nicht nöthig, zu ſagen, daß er ſeinen Sohn nicht unter dem vornehm geduldeten bürger⸗ lichen Troß zum erſten Mal erſcheinen laſſen wolle. Die Cabinetsräthin wußte viel zu erzählen, wer bereits Ge⸗ ſellſchaft gegeben und bei wem ſolche noch ausſtehe; auch mancherlei vor den Kindern nur halb angedeutete pikante Geſchichten aus der Läſterchronik wurden berichtet. Der älteſte Sohn des Herrn von Endlich, deſſen glänzendes Haus gerühmt wurde, ſolle ſich auch nächſtens verloben; man ſei nur bange, daß nächſtens eine — 151— Todesnachricht aus Madeira komme, wohin ſich das junge Ehepaar begeben habe, deſſen Hochzeit man im Sommer gefeiert. Der Cadeit bat Roland, mit ihm nach dem Theater zu gehen, wo heute ein großes Ballet gegeben würde. Frich ſah verlegen auf Sonnenkamp, dieſer aber ſagte: „Ja, gehe nur, Roland.“ Zum erſten Mal ſah Erich ſeinen Zögling von ſich weg zu einer Vergnügung und in einen Kreis gehen, wohin er ihn nicht begleitete. Roland hatte gebeten, daß auch Erich mitgehe, aber der Ca⸗ dett erklärte, daß kein Platz mehr zu haben ſei; er habe ſeinem Freunde nur mit großer Mühe einen vorbehalten. Und ſo ging Roland davon, indem er zu Erich ſagte: „Sobald es zu Ende iſt, komme ich zu Dir.“ Erich ward ruhiger; er konnte ja nicht verhüten, daß Roland Anſchauungen gewann und in Geſellſchaften gerieth, welche die ſchöne Richtung ſeines Weſens abzulenken drohten. Er mußte ver⸗ trauen, daß Roland Kraft und Gewiſſen genug in ſich habe, um Gefahren zu beſtehen. Halb ſtolz, halb bedauernd erzählte die Cabinetsräthin, wie durchtrieben und frühzeitig auf Abenteuer begierig ihr Söhnchen ſei; in demſelben Athem bedauerte ſie, daß Manna dieſe Saiſon, die ſo glänzend werde, in der Einſamkeit des Kloſters verbringe; ſie habe es ſich ſo ſchön ausgedacht, in Gemeinſchaft mit der Mutter die liebliche Tochter in die Geſellſchaft einzuführen. Sonnenkamp erwiderte, daß es dazu im nächſten Winter noch Zeit habe. Zweites Capitel. Erich hatte ſich beurlaubt. In dieſer Stadt, wo er geboren war und die größte Zeit ſeiner Jugend verbracht hatte, war er nun als Fremder in einem Gaſthof und Diener eines Fremden. Er kämpfte alle Grübelei nieder und ſchrieb einen Brief an ſeine Mutter, worin er die Ankunft meldete und ſie dringend bat, durch keinerlei Zureden ſich verleiten zu laſſen, mit nach der Re⸗ ſidenz zu ziehen. Er brachte den Brief ſelbſt auf die Poſt und wanderte dann lange in der ſtillen, menſchenleeren, kleinen Re⸗ ſidenz umher. Er kannte jede Straße, jedes Haus, da und dort wohnten Jugendgenoſſen, befreundete Familien; er wußte nicht, wie er zu ihnen ſtehen werde. Er kam an dem großen Gebäude vorüber, in dem die An⸗ tiken aufgeſtellt waren; eine Minute ſtreifte ihn der Gedanke, wie es wäre, wenn er die Stelle des Directors hier erhalten. Ruhelos ging er hin und her und begab ſich endlich in ein Bierhaus. Dort ſetzte er ſich in eine Ecke und hörte Bürgersleuten zu, die mit langen Pfeifen im Munde ſich über einen halben Witz erluſtigten und von Allerlei redeten. Er horchte auf, da er den Namen Sonnenkamps hörte, denn ein breiter rothbäckiger Mann ſagte: „Von heute an muß ich beſonderes Fleiſch nach dem Victoria— Hotel liefern, Herr Sonnenkamp hat einen ganz beſondern Ge⸗ ſchmack.“ Ein Buchdrucker, den Erich kannte, ſagte: „Unſer Redacteur, Profeſſor Crutius, behauptet, er kenne Herrn Sonnenkamp, aber er will nicht mit der Sprache heraus.“ Bei dieſer Erwähnung ſpannte Erich ſeine Aufmerkſamkeit, und weiter wurde erzählt, wie groß die Summe ſei, die der Victoriawirth täglich erhalte; dann hieß es, daß Sonnenkamp das Rabeneck'ſche Palais kaufe, und es ſei ſo viel als ſicher, daß er auch den Adel erhalte. Es wurden Bemerkungen gemacht, die Erich nicht hörte; er vernahm nur allgemeines Gelächter. „Und ich ſage,“ rief ein dicker Mann, den Erich als Getreide⸗ händler und Bäcker kannte,„erinnert mich daran, daß ich es heut geſagt habe: dieſer Herr Sonnenkamp iſt ein Emiſſär. Die Junker in den Südſtaaten wollen einen Kaiſer haben, und er hat Unterhandlungen, vielleicht höher hinauf, als wir Alle ahnen.“ „Dann ziehſt Du mit ihm und wirſt Hofbäcker,“ hieß es. Ein gewaltiges Gelächter begleitete dieſe Antwort. „Was geht das uns an? Der Mann bringt viel Geld ins Land; wenn nur noch hundert kämen, ſie mögen geweſen ſein, was ſie wollen, wenn ſie nur viel Geld ins Land bringen.“ So rief ein kleines, rundliches Männchen, das aus einer großen Meerſchaumpfeife rauchte. Er leerte auf dieſe Rede ſein Deckelglas und nickte der Kellnerin zu, wie wenn er ſagen wollte: — 153— Bring mir noch ein friſches, ich hab's verdient, bin doch der Geſcheidteſte. Erich ſchlich leiſe davon; er war froh, nicht erkannt worden zu ſein. Als er heraustrat, begegnete ihm ein junger Mann und be⸗ grüßte ihn ſehr freundlich. Erich erinnerte ſich ſeiner Bekanntſchaft nicht, aber der junge Mann kannte ihn als Sänger vom Muſikfeſt her; er war Lehrer an der Realſchule in der Reſidenz und verkündete Erich, daß man ihn zum Ehrenmitglied des Schullehrer⸗Vereins ernennen werde. Erich dankte und machte ſich davon. Er kam auf der Straße in einen großen Menſchenſtrom, Wagen fuhren raſſelnd dahin, das Theater war zu Ende. Er eilte nach dem Gaſthof, Roland ſollte ihn zu Hauſe finden. Er wartete auf ſeinem Zimmer, aber Roland kam nicht; er ging nach dem Geſellſchaftsſaal, aber er war nicht dort. Die Cabinetsräthin bemerkte lächelnd, man könne unbeſorgt ſein; Roland ſei in Geſellſchaft Cuno's und da unterhalte er ſich gewiß gut. Sie entſchuldigte ſich nun, daß auch ſie die Geſellſchaft verlaſſen müſſe. Sie nahm Sonnenkamp noch in eine Fenſterniſche und überreichte ihm den Gothaiſchen Almanach des neuen Jahres mit der Bemerkung, daß künftig keiner mehr erſcheinen ſolle, in dem nicht auch der Name Sonnenkamp wäre; ſie erklärte ſich von heute an als ſeine Steuerpflichtige; ſie werde lebenslang jedes Jahr dies canoniſche Buch der Ehre überſenden. Sonnenkamp war ſehr dankbar und geleitete die Dame bis zum Wagen. Ins Zimmer zurückgekehrt, ſagte er zu Erich: „Ich hatte erwartet, daß Roland mehr Zuverläſſigkeit beige⸗ bracht wäre; er iſt nun trotz ſeines Verſprechens noch nicht va.“ Erich wollte erwidern, daß ja nicht er, ſondern der Vater ihm die Erlaubniß gegeben, ſchon am erſten Abend, kaum aus dem Wagen geſtiegen, ſeine eigenen Wege zu gehen. Er hielt es indeß zurück, eine Erörterung war fruchtlos. „Ich kann nicht zu Bette gehen, bis er da iſt,“ jammerte Frau Ceres. „Wiſſen Sie vielleicht, wo wir ihn ſuchen ſollen?“ wendete ſich Sonnenkamp zu Erich. . 6 6 . — 154— „Es iſt nicht nöthig, er iſt da,“ erwiderte Erich. Roland trat ein. Die Mutter klagte, der Vater ſchalt, daß er nicht ſein Wort gehalten, aber Roland ſagte: „Ich verdiene weder Klage, noch Scheltworte; es hat mich viel Mühe gekoſtet, mich von der Geſellſchaft loszumachen, die ich bis zu dem Reſtaurant begleitete, aber dort umkehrte.“ Nun war Alles gut und man ging zur Ruhe. „Warum fragſt Du mich nicht, wie es mir im Theater ge⸗ fallen?“ fragte Roland in ſeinem Zimmer. „Ich wollte warten, bis Du es mir von ſelbſt ſagſt.“ „Ach, es war ſehr ſchön; wunderſchöne Mädchen tanzten, und Cuno kannte alle bei Namen, er wußte von Jeder etwas zu erzählen; aber langweilig war die Geſchichte doch. Stundenlang nichts als Sprünge und Bewegungen hin und her und kein Wort dabei. Mir fiel ein, was Benjamin Franklin ſagen würde, wenn er das ſähe, und da war der ganze Spaß verdorben. Cuno ſagt, ich ſei ein Philiſter, ich habe das ruhig hingehen laſſen; als er aber noch etwas hinzufügte, hätte ich faſt ein Duell mit ihm bekommen.“ „Darf ich wiſſen, was er noch ſagte?“ „Es betrifft Dich, aber— es kann Dir ja gleichgültig ſein.“ „Ich bitte, nichts weiter. Ich brauche nicht zu wiſſen, was die Menſchen über mich ſagen; das belaſtet die Seele und hilft nicht beſſer werden. Aber Du haſt Dich brav gehalten, Du kannſt gut ſchlafen, Du haſt zum erſten Male im Feuer exercirt. Halte Dich nur immer treu in Dir und zu mir.“ Mit glücklichen Gedanken legte ſich Erich nieder und mit glück⸗ lichen Gedanken ſchlief Roland ein. Drittes Capitel. Während am Morgen Sonnenkamp den Staatskalender durch⸗ muſterte und ein Verzeichniß der zu erledigenden Beſuche anfer— tigte, machte auch Erich ſein Programm. Er wollte frei ſein von perſönlicher Beunruhigung, denn nur dadurch konnte er ſich der erneuten ſchwierigen Aufgabe widmen. — 155— Im großen geſchloſſenen Glaswagen, wo zwei in mächtige Pelze gehüllte Bediente auf dem Bock und der Jäger hintenauf ſaß, fuhr Sonnenkamp mit Frau Ceres in der Stadt umher. Es hatte große Ueberlegung gekoſtet, ob auch Roland Karten abgeben ſollte; endlich entſchloß man ſich dazu. Erich hatte für den heutigen Tag Urlaub genommen. Er traf mehrere Kameraden und ging mit ihnen auf das Militär⸗ Cafino; er wurde freundlicher begrüßt, als er erwartet hatte; er traf auch mehr tüchtige Naturen, als er eigentlich in Erinnerung hatte. Natürlich war von einer geſtern Abend aufgelegten Bank, von Pferden, von Tänzerinnen die Rede, aber es herrſchte auch ein großer Ernſt unter manchen Kameraden. Die mächtige Be⸗ wegung in den Gemüthern der Zeitgenoſſen war am Militär⸗ Caſino nicht ſpurlos vorübergegangen; ja, ein Kamerad, der ſich mit Erich in eine Fenſterniſche ſetzte, beneidete ihn, daß er ſich ein ſelbſtändiges Leben geſchaffen. Bei der Heimkehr traf Erich die Familie Sonnenkamp in guter Stimmung. Für dieſen erſten Tag waren der Cabinetsrath, ſeine Frau und die beiden Töchter zu Tiſche geladen. Die Pariſer Kleider waren angekommen. Bei der Kleinheit der Reſidenz war dies ſchon allgemeines Stadtgeſpräch, denn die Zollbeamten hatten ihren Frauen und dieſe ihren Verwandten erzählt, es ſeien Kleider an⸗ gekommen, wie ſelbſt die Fürſtin keine habe; die Kleider wurden von den Damen bewundert, und Alles war im beſten Gange. Sonnenkamp hatte ſeine Whiſtpartie im vornehmen Clubhauſe, wo ihn der Cabinetsrath eingeführt, und als man von der Tafel aufſtand, erſchien als erſter Beſuch Bella mit ihrem Gatten. Bella war äußerſt belebt und bedauerte nur gegen Erich, daß ſeine Mutter auf dem Lande bleibe. Sie verkündete Herrn Son⸗ nenkamp, daß Otto in den nächſten Tagen eintreffen werde, auch der Fürſt Valerian käme; den Beiden ſeien Rollen zugetheilt in einem franzöſiſchen Luſtſpiel, das die Geſellſchaft bei Hofe auf⸗ führen wolle und wohei auch ſie mitſpiele. Sie ließ ſich von Sonnenkamp eine namhafte Summe einhändigen zum Ankaufe von Gegenſtänden, die in dem Bazar zum Beſten der Armen mit Be⸗ ginn des nächſten Monats von den erſten Damen der Geſellſchaft verkauft werden ſollten. Sonnenkamp fügte hinzu, daß er auch Pflanzen aus ſeinen Treibhäuſern zur Verfügung ſtelle. — Clodwig war etwas ermüdet, er bat im Voraus, ihn geſell⸗ ſchaftlich wenig in Anſpruch zu nehmen. Die Landesvertretung war in beiden Häuſern verſammelt. Der Bruder des Fürſten, Prinz Leonhard, war zum Präſidenten der Kammer der Standes⸗ herren ernannt; Clodwig war Vicepräſident, hatte aber faſt immer das Amt eines wirklichen Präſidenten zu übernehmen. Während man beiſammen war, kam eine Einladung des Herrn von Endlich zu einer großen Geſellſchaft, und Bella konnte nicht umhin zu berichten, daß die Läſterchronik behaupte, Herr von Endlich gebe ſo ſchnell ſein großes Feſt, damit er nicht durch die Todesnachricht ſeines Schwiegerſohnes verhindert würde. Die Familie war gerade noch zeitig genug gekommen, man war mitten im Strom der Saiſon. Es hieß, daß der Hof ſelbſt bei Herrn von Endlich erſcheine, jedenfalls konnte man den Bruder des Fürſten erwarten, der eine Verbindung mit der Geſellſchaft außer⸗ halb des Schloſſes unterhielt. Auch Bella bewunderte im Neben⸗ gemache die Pariſer Kleider, gab indeß Frau Ceres die Weiſung, das Glänzendſte erſt bei der Geſellſchaft zu verwenden, die Herr Sonnenkamp ſelber geben werde. Der Abend bei Herrn von Endlich war genußreich. Der hohe Adel, obgleich tief verletzt über den Scherz, den ſich der Fürſt bei der Adelserhebung des reichen Weinhändlers gemacht hatte, beſuchte die Geſellſchaft in großer Anzahl. Der Fürſt erkannte ſeinen Mißgriff, der ganz gegen ſeine ſonſtige Art war, da er die Hofverhältniſſe ſtets mit einer gewiſſen prieſterlichen Weihe behandelte; er ſah es nun gern, wenn man ihn ſeinen Mißgriff vergeſſen machte. Man konnte ſich ſeine beſondere Gunſt erwer⸗ ben, indem man ſich Herrn von Endlich freundlich erwies. So kam es, daß die Geſellſchaft des Neugeadelten vorausſichtlich wol die glänzendſte der Saiſon war. Herr von Endlich war auch klug genug, namhafte Mitglieder des Abgeordnetenhauſes und ſogar zwei von der ſchärfſten Oppoſition einzuladen, natürlich nicht ohne vorher bei Hofe angefragt zu haben, ob man dies nicht mißfällig aufnehmen werde. Der Hof ſelbſt kam nicht, aber Prinz Leonhard erſchien. Er hatte zwar von ſeinem Widerſpruche gegen die Adels⸗Ernennung kein Hehl gemacht; als Untergebener ſeines Bruders jedoch beſuchte er die Geſellſchaft und unterhielt ſich lange mit den Oppoſitions⸗Mitgliedern, am meiſten mit Herrn Weidmann, der Präſident des Abgeordnetenhauſes war. Der Prinz repräſentirte ſeinen Bruder, von dem er ſtets mit großer Unterwürfigkeit ſprach, es war ihm aber nicht unlieb, wenn man ihm merken ließ: Ja, wenn Sie regierten, wie ganz anders ſtünde es da, unſer Land wäre ein Muſterland. In Hofkreiſen hatte man ſtets ein ſtilles Mitleid mit Prinz Leonhard, daß er ſich der Mode wegen liberal zeigen durfte oder auch mußte.. encanailliren nannte man es dort. Der Prinz beförderte Künſte und Wiſſenſchaften, ja in einer gewiſſen Weiſe auch die politiſche Bewegung; eine Zeitung galt als die heimlich von ihm unter⸗ ſtützte, und dieſe Zeitung machte leiſe Oppoſition. Arm in Arm mit Clodwig ging Prinz Leonhard durch die Säle. Clodwig mußte von Erich geſprochen haben, denn dieſer, der nicht in erſter Reihe der ſich zur Begrüßung Darſtellenden ſtand, wurde von dem Prinzen angerufen, der laut ſagte: „Lieber Dournay, es freut mich, Sie wiederzuſehen. Sie ſollen ja ein großer Gelehrter ſein? Sie hatten immer beſonderes Talent dazu, ſchon in der Kindheit zeigte ſich das. Wie geht es Ihrer verehrungswürdigen Mutter?“ Erich dankte verbindlich, es lag im Ausdruck ſeiner Worte ein Ton der Befreiung, daß die erſte Begegnung mit Prinz Leon⸗ hard ſich ſo freundlich geſtaltete. Es war keine Kleinigkeit, da der Prinz ſagte: „Führen Sie doch auch Herrn Sonnenkamp zu mir. Wo iſt er?“ Sonnenkamp war leider nicht zu finden, er war im Rauch⸗ zimmer. Er wurde gerufen; nun war es zu ſpät, der Prinz er⸗ öffnete mit Bella den Ball. Herr von Endlich ſtrahlte von Glück, Sonnenkamp aber machte eine ſeltſame Miene, da man ihm mittheilte, der Prinz habe den Hauptmann Dournay erſucht, ihn vorzuſtellen. Herr von Endlich war von großer Rührigkeit. Er war ein Mann von äußerſt ſicherem und ſelbſtgefälligem Weſen, ohne damit Jemand zu ver⸗ letzen. Wie er ſprach und ſich benahm, ſagte ſein Weſen immer: Ich kenne Alles. Mit Männern des verſchiedenſten Berufes knüpfte er ein Geſpräch an und wußte überall ſich geltend zu machen; daß er Finanzmann, National⸗Oekonom, Landwirth, Kaufmann und Schiffsrheder war und alles Einſchlägige genau kannte, ließ er als ſelbſtverſtändlich erkennen, aber er wußte auch von der ſtrengen Wiſſenſchaft mitzuſprechen, wie nicht minder von allen — 158— Staatsmännern Europas. Er hatte überall gut gehört und wußte es gut zu verwenden. Sonnenkamp kam ſich zum erſten Mal im Leben ſchülerhaft vor. Er ſtand bei einer Gruppe, in welcher Herr von Endlich die Bereitung des Gußſtahls erklärte, da trat der Prinz hinzu, das Geſpräch brach plötzlich ab, aber der Prinz ſagte: „Bitte, ich will nicht ſtören.“ Er hörte dankbar zu, wie Herr von Endlich die Gußſtahl-Fabrikation darlegte, als wäre er ſein Lebenlang Werkführer in einer Fabrik geweſen. Sonnenkamp wurde vorgeſtellt, und der Prinz fragte, ob er auch ſchon in Amerita Weinbau getrieben habe. Sonnenkamp verneinte. Ohne irgend eine Vermittlung fragte dann der Prinz wieder, ob er Theodor Parker gekannt habe, den er mit großem Vergnügen habe predigen hören. Auch dies mußte Sonnenkamp leider verneinen. Der Prinz ſuchte ihn auf ein Thema zu bringen, wo er gewiß gut reden könne; er fragte, ob er an einen friedlichen Ausgang in der Sklavenfrage glaube. Die Umſtehenden hörten aufmerkſam zu, wie Sonnenkamp berichtete, daß die Ungeheuerlichkeiten, die man ſich vorſtelle, in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden ſeien und daß die Aboli⸗ tioniſten es vielleicht gut meinten, aber ſicherlich ihre Pläne ſchlecht ausführten. „Sie müſſen mir das einmal ausführlich darlegen, Sie müſſen mich einmal beſuchen.“ „Hoheit haben nur zu befehlen,“ erwiderte Sonnenkamp; er war ſehr glücklich, als hiermit das Geſpräch endete. Crich ſtand faſt den ganzen Abend bei Weidmann, aber ſo gern er ſich dem allgemein verehrten Mann widmen wollte, es gelang ihm nicht; er ſah unwillkürlich beſtändig auf Bella. Sie hatte in ihrer Erſcheinung etwas Junoniſches, es war die Fülle, wie ſie bei den Niederländern ſich zeigt, ſie hatte eine gewiſſe gemeſſene Ungezwungenheit, ſah ſtolz und ſicher aus, für den Einen hatte ſie ein tiefes, für den Andern ein leichteres Wort; ſie belebte die Alten und erheiterte die Jugend und Alles in der edelſten, unantaſtbarſten Weiſe. Sie ſchwebte von Einem zum Andern, auf ihren Lippen lag oft ein gewaltſamer Ausdruck, aber ſie ſpendete beſtändig ein belebendes Lächeln und ihre Freundlichkeit war bezaubernd; ſie blieb räthſelhaft, ſogar in ihrer Erſcheinung, denn Niemand wußte genau zu ſagen, welche Farbe ihre Augen hatten, obgleich Jeder von deren Strahl entzückt war. Während ſie zuhörte, machte ſie immer den Fächer auf und zu und ſprach dann mit vollendeter Leichtigkeit. Ganz unvermittelt nahmen aber oft ihre Mienen einen düſtern und wilden Ausdruck an; es war etwas Räthſelhaftes in ihr. Bella war eine Erſcheinung, die man haſſen, aber nicht ver⸗ geſſen konnte. Auch Doctor Richard hatte das erfahren müſſen, und Erich fand, daß er ungerecht gegen ſie war, denn die Haupttriebfeder im Weſen Bellas war Ehrgeiz, und dieſer Ehrgeiz auf Großes gelenkt, wäre als Größe erſchienen. Im Gedanken, daß auch er Bella ein Unrecht angethan, war er freundlicher und ehrerbietiger gegen ſie. Bella ſchien zu fühlen, was in Erich vorging; ſie nickte ihm bei jeder Begegnung huldreich und verſtändnißvoll zu. Die Haltung Erichs beruhigte ſie vollkommen, denn innerlich hatte ſie doch manchmal gedacht: wenn ſolch ein Erzieher ſich rühmen ſollte Pah! Niemand würde ihm glauben. Er iſt aber auch zu edel, um ſich zu rühmen. Was war denn auch geſchehen? Aus der anfänglichen Zerknirſchung hatte ſie ſich bereits einen Stolz gebildet; ſie hatte ſich zuerſt eingeredet, daß die ganze Sache ein momentaner Uebermuth, ja nur ein leichtes Spiel geweſen. Wer konnte ihr widerſprechen? Jetzt war die Beſchönigung bereits ſo weit gediehen, daß ſie ihr als Thatſache galt, der ganze Vorgang erſchien ihr wie ein Roman, den ſie einmal geleſen; er hatte ſehr aufgeregt, der Schluß iſt anders, als man erwartete, aber nun iſt er ausgeleſen, fertig, aus der Hand gelegt, vergangen, ſteht beſtaubt in der Bibliothek. Bella lächelte darüber, daß ſie noch ſo bewegt ſein konnte; ſie war faſt ſtolz, daß ſie noch ſo naiv empfinden, ſo hin⸗ geriſſen ſein könne. Nun war Alles abgethan und es geht zu Neuem. Sie ſprach mit Erich und Weidmann einmal kurz, ſie freute ſich, daß die Beiden einander gefunden, und hoffte, daß Erich oft zu ihr und Clodwig kommen würde, damit man ſich geiſtig e *— 160— erfriſche und in dieſem Strudel der Geſellſchaft zum Bewußtſein ſeiner ſelbſt komme; auch bat ſie Erich, ſie einmal in den Antiken⸗ ſaal zu bringen und ſie dort etwas lernen zu laſſen. Mit einer gewiſſen ſchweſterlichen Mahnung erinnerte ſie ihn, daß er die entſprechenden Beſuche machen müſſe, um nicht außerhalb der Geſellſchaft zu ſtehen. Sie war erfreut, daß er dies theilweiſe bereits ausgeführt. Er berichtete, er habe ſogar den Neger des Fürſten beſuchen wollen, derſelbe ſei aber mit der kranken Prinzeſſin des fürſtlichen Hauſes während des Winters in Neapel. „So?“ fragte Bella,„hat Sie Herr Sonnenkamp in einem beſonderen Auftrage zu dem Reger geſchickt?“ Erich erwiderte, daß er dieſe Frage nicht verſtehe, Bella lenkte raſch ab, ſie bezeichnete ihre Frage als einen unzeitigen Scherz. Sie ging raſch davon, ſprach mit Sonnenkamp und lachte viel, indem ſie auf einen Mann in der Geſellſchaft deutete, es war der Bruder des Herrn von Endlich, der das erſte Modegeſchäft in der Reſidenz hatte. Herr von Endlich hatte es nicht ümgehen können, ſeinen Bruder, der ein angeſehener Bürger der Reſidenz war, in Ge⸗ ſellſchaft zu laden. Man ſpöttelte darüber und ſagte, daß der Mann, bei dem man geſtern die Kleider gekauft, nun auch ſehen wolle, wie dieſe heute ſeinen Kunden ſtehen. Sonnenkamp war froh, daß, wenn er in den Adelſtand ein⸗ trete, er wenigſtens keine ſolchen Unzuträglichkeiten von einem Familienanhang zu befürchten habe. Piertes Capitel. Allabendlich war man nun im Theater, in großen Geſell⸗ ſchaften; der Morgen brach erſt am Mittag an. Erich hatte, der Mahnung Bella's gemäß, die rückſtändigen Beſuche gemacht und wurde in der Regel auch eingeladen. Er ſah das Geſellſchaftsleben, wie aus einer fremden Welt kommend, mit neuen Augen an. Was verhüllt ſich Alles in dieſen lächelnden, ſich gegenſeitig ſo freundlich begrüßenden, geputzten — 161— Menſchen! Er ſchauderte oft über die Gemeinheit in weißer Cravatte. Im Rauchzimmer wurden unzüchtige Geſchichten er⸗ zählt, Einer überbot den Andern, und dann ging man wieder in den Tanzſaal zu Frauen und Töchtern und war manierlich und fein. Erich verhielt ſich in beſcheidener Zurückhaltung, Bella neckte ihn, daß er ſich nicht auch in den Strudel begebe; ſie ſchwamm luſtig im Strom rauſchender Freuden und es vergnügte ſie, eine der Erſten, wenn nicht die Herrſchende zu ſein. Fürſt Volerian war ſehr zuvorkommend gegen Erich und er⸗ zählte ihm viel von Knopf und einem wunderbaren amerikaniſchen Kinde, das auf Mattenheim ſei. Prancken grüßte in der Regel ſtumm, und ſprach kaum mit Erich. Von den erſten Würdenträgern des Staats und des Hofes hörte Erich bald da, bald dort, wie lobreich die Gräfin von Wolfs⸗ garten und ihr Gatte von ihm geſprochen. Mit Weidmann gerieth er in jene Beziehung, in der man immer beiderſeits bedauert, einander ſo wenig habhaft zu werden, und bei allem guten Vorſatze doch nie zu Weiterem kommt. Nur Einmal gelang den Beiden eine nähere Verſtändigung; ſie ſprachen von Clodwig, und Beide in gleichmäßiger Hochachtung; dennoch konnte Weidmann nicht umhin, zu ſagen: „Ich bewundere dieſe Kraft, aber ich könnte ſie nicht bethä⸗ tigen. Unſer Freund vermag es, ganz in die Sphäre einzugehen, in der er lebt; er kann gewiſſermaßen ſeine Seelenſtimmung aus⸗ und anziehen wie einen Geſellſchaftsfrack; für ſich lebt er in ganz anderen Intereſſen, ja in einer Verwerfung dieſes Getriebes; ſobald er aber in dieſe Sphäre eintritt, merkt man in ſeinem Behaben nicht die Spur eines Widerſpruchs, man glaubt ihn voll⸗ kommen in Uebereinſtimmung.“ Erich verſtand, und das Auge Weidmanns ruhte mit Nach⸗ denken auf ihm, da er erklärte, daß er ſeinerſeits nicht in die Geſellſchaft tauge. „Die Menſchen ſagen das eine Mal: Recht ſo, daß Sie auf⸗ flammen über Schlechtes, und das andere Mal verlangen ſie, daß man gleichgültig daran vorübergehe, es ohne Verwerfung beſtehen laſſe. Das kann ich nicht und ſo tauge ich nicht in die Geſellſchaft.“ Weidmann ſchien das, was Erich beunruhigte, anders zu faſſen, denn er ſagte ihm, er könne vollkommen zufrieden ſein, Auerbach. Landhaus am Rhein. U. 1 1 — 162— da er in ſolcher Umgebung einen Jüngling wie Roland zu edlen Gedanken erziehe. Ganze Abende wurde aber Erich ſeines Zöglings kaum an⸗ ſichtig, denn die tanzende Jugend, Männer und Mädchen, um⸗ gaben ihn ſtets und hätſchelten und bevorzugten ihn. Die Bruſt voll Cotillonorden, kam Roland ſpät heim und Tages darauf war er müde und zerſtreut; ja, Erich bemerkte, daß der Portier ihm bisweilen duftige Brieſchen zuſteckte. Von regelmäßigem Unterrichte konnte nicht mehr die Rede ſein, Roland trällerte meiſt am Tage die am Abend vorher gehörten Tanzweiſen. In ſeinem Schreib⸗ pulte verwahrte er mit Heimlichkeit die Tanzkarten und auch manche andere Gedenkzeichen. In ſeinem Blick war etwas Scheues. Prancken war erfreut, die Seinigen— denn ſo nannte er die Familie Sonnenkamp— inmitten der Geſellſchaft zu finden, und nun ergab ſich, daß auch Roland in dem franzöſiſchen Luſt⸗ ſpiel eine Rolle zufiel. Er ſollte einen Pagen am Hofe Lud⸗ wigs XIV. ſpielen, da die junge Gräfin Ottersweier, der die Rolle zugetheilt, an den Maſern erkrankt war. Ein ſchönes Gewand wurde Roland beſtellt, all ſein Denken war nun auf das Schauſpiel und die Proben gerichtet. Als die erſte Coſtümprobe abgehalten wurde und Roland in dem kleidſamen Gewande, in eng anliegenden weißſeidenen Tri⸗ cots, vor den Seinigen erſchien, waren Alle voll Bewunderung; die Mutter zumal konnte ſich in ihrem Entzücken gar nicht faſſen. Roland ſah auf Erich, der ſeit geraumer Zeit finſter dreinſchaute; er wollte ihn fragen, warum er ſo pedantiſch ſei— denn ſo hatten ihn die Mitſpielenden genannt— aber er unterdrückte es und ſagte nur: „Verlaß Dich darauf, ich werde ſpäter wieder Alles, was Du mir aufgibſt, lernen; nur jetzt laß uns luſtig ſein.“ Erich lächelte traurig; er fühlte, daß etwas verwüſtet wurde in ſeinem Zögling; aber was konnte er thun? Wohl war ihm der Gedanke durch die Seele gezogen, daß er, da Alles, was er ſo mühſam gepflanzt und gepflegt, zertreten werden ſollte, ſich nun auch zurückziehen müſſe; nur die Betrachtung, daß dann Roland ganz dem Verderben anheimfiele, hielt ihn noch auf ſeinem Poſten. Er hielt es für Pflicht, Herrn Sonnenkamp ſeine Be⸗ ſorgniß mitzutheilen; dieſer tröſtete ihn, die amerikaniſche Jugend ſei in den Jahren reif und bewältige das Leben, wo die deutſche — 163— noch auf der Schulbank ſitze und ſich über eine geringe Cenſur abhärme. Während Roland in den Proben des franzöſiſchen Schauſpiels war, hielt ſich Erich oft im Lehrerverein auf. Leider fand er auch hier eine Ariſtokratie; die Lehrer der höheren Schulen ſind getrennt von denen der Elementarſchulen. Erich wurde von Vielen als Bekannter begrüßt und immer wieder erſchien ſein Ruhm vom Sängerfeſt, denn die Lehrer ſind die eigentlichen Stützen des Chor⸗ geſanges; ſie hatten hier einen beſondern Geſangverein und Erich ſang mit ſeinen Genoſſen ſchöner als je. Aus rauſchenden Geſellſchaften ſtahl er ſich oft weg und ging in den Lehrer⸗Verein, wo es ihm war, wie wenn er plötzlich auf einen andern Planeten verſetzt wäre. Hier ſaßen ernſte Männer und beſprachen ſich darüber, wie man eine Kindesſeele leite und führe, und da drüben verbrauſte und verpraßte die mit beſter Kraft geleitete Seele alle Arbeit des Lehrers an einem einzigen Abend. Wenn man wüßte, was aus dem eigenen Thun wird, man könnte nicht weiter leben. Der beſte Theil unſerer Idealität iſt das Nichtwiſſen unſerer Zukunft und der Glaube an volle Erfüllung. Erich konnte nicht umhin, Herrn Sonnenkamp von den Abenden im pädagogiſchen Verein zu erzählen, und Sonnenkamp nahm viel Antheil; er fand es ſehr ſchön, wenn andere Menſchen die Idealität pflegten. „Sie ſind glücklicher als wir,“ſagte er und trank dabei ſeinen ſchweren Burgunder. Am Vorabende vor der Aufführung des franzöſiſchen Luſt⸗ ſpiels hatte Roland auf Geheiß ſeines Vaters und Pranckens alle Mitſpielenden zu einer Abendgeſellſchaft im Gaſthofe eingeladen. Nur die Männer erſchienen, von den Frauen Bella allein. Bella nahm Sonnenkamp bei Seite und ſagte ihm vertraulich, er bringe die Frauen nur dann in ſeine Geſellſchaft, wenn er die Profeſſorin bei ſich habe. Sie geſtand es ſich nur halb, daß ſie bei der Rückkehr auf das Land eine gewiſſe Beſchämung vor der Profeſſorin empfinden werde, mit der ſie oft die Nichtigkeit und Hohlheit der geſellſchaftlichen Zerſtreuungen beſprochen hatte; darum ſollte Alles in den Strudel, damit Keines ſich vor dem vorwurfs⸗ vollen Blicke des Andern zu fürchten habe. Ueberdies war es volle Wahrheit, daß Sonnenkamp nur dann, aber dann auch mit Sicher⸗ — „. —— S — heit eine geſellſchaftliche Stellung gewinne, wenn die Profeſſorin ſein Haus repräſentirte. Bella war boshaft genug, Sonnenkamp zu ſagen, daß die Cabinetsräthin ihn ausbeute, aber in Geſellſchaft verleugne und ihre Verbindung nur als eine nothgedrungene, nachbarſchaftliche bezeichne. Sonnenkamp war ingrimmig, aber er mußte die freundlichſte Miene bewahren. Das Schauſpiel wurde aufgeführt. Alles war voll Bewun⸗ derung über die Schönheit und gewandte Grazie Rolands; ſelbſt Bella, die ihre Vielſeitigkeit heute zur Schau ſtellen konnte— denn ſie hatte eine ſogenannte Schubladenrolle mit dreifacher Ver— kleidung— wurde von dem Eindrucke, den Roland machte, faſt in den Schatten geſtellt. Die Fürſtin ließ Roland zu ſich rufen und unterhielt ſich lange mit ihm; man ſah Roland und ſie lächeln. Der Fürſt kam ſelbſt auf Sonnenkamp und deſſen Frau zu und glückwünſchte ihnen zu dieſem prächtigen Sohn, indem er fragte, wann Roland in die Cadettenanſtalt eintrete. „Wenn er den gnädig verliehenen Namen haben wird,“ ant— wortete Sonnenkamp gefaßt. Der Fürſt machte eine finſtere Miene und ging weiter. Sonnenkamp athmete ſchwer, er hatte offenbar einen Fehler gemacht, die Sache hier und in dieſer Weiſe vorzubringen; aber es ließ ſich nicht mehr ändern⸗und— vorwärts hieß die Loſung. Mit ingrimmigem Blicke ſchaute er umher, als woilte er die ganze Geſellſchaft mit all ihrem Flitter zuſammenballen und kneten und daraus machen, was ihm beliebt. Seine Mißlaune wurde nicht verſcheucht, denn Prancken kam und fragte, was er zum Fürſten geſagt habe, der Fürſt ſcheine verſtimmt. Sonnenkamp fand es nicht nöthig, ſeinen Fehl zu be⸗ kennen. Mit ſchwerem Blicke ſchaute Erich alledem zu. Er ſtand an eine Säule gelehnt, neben ihm ließ eine ſchöne Palme ihre ge⸗ fächerten Blätter matt herabfallen. Er ſtarrte auf die Pflanze, ſie verkommt in dieſer ſchwülen Luft, in dieſer Ausſtrömung des hellen Gaslichtes; man bringt ſie wieder zurück, da wo ſie wieder gedeihen ſoll, aber ſie kränkelt und verkommt vielleicht ganz. Wird es auch mit Roland ſo ſein? Wie ſoll er nach Idealen, — — — 165— nach höherer Bethätigung ſtreben, wenn ihm ſo aller Glanz, alle Huldigung geworden? Unwillkürlich dachte er ſich den Profeſſor Einſiedel hier herein. Er lächelte, denn er ſelber erſchien ſich als ſolch ein Profeſſor Einſiedel. Was ſind denn wir, die wir nur dem Gedanken leben? Zuſchauer, nichts als Zuſchauer. Da iſt die Welt und ein Jagen und Raffen nach Genuß, Jeder raubt und eignet ſich zu, was er haſchen kann. Warum willſt Du daneben ſtehen? Warum nicht mitten drin Dich tummeln?— Sein Herz preßte ſich zuſammen, ſeine Wange glühte. Da kam Roland auf ihn zu und ſagte: „Wenn ich es Dir nicht recht gemacht habe, liegt mir an allen Anderen nichts.“ Erich reichte ihm die Hand und Roland fuhr fort: „Die Fürſtin wünſcht, daß ich mich in dieſem Gewande photo⸗ graphiren laſſe; alle Damen wünſchen es und die ganze Schau⸗ ſpielgeſellſchaft wird das Gleiche thun. Iſt das nicht ſchön?“ „Gewiß, es wird Dir ſpäter eine anmuthige Erinnerung ſein.“ „Ach, ſpäter!.. Später— Heute iſt's ſchön, ich will von ſpäter gar nichts wiſſen. Ach, wenn man nur nicht ſchlafen müßte, ſich ausziehen und morgen wieder anders ſein! Man ſollte ununterbrochen ſo fortleben können.“ Erich erkannte, wie berauſcht von Lob und Ehre Roland war; jetzt war nicht die Zeit, ſich dem entgegenzuſtellen. Aber auch er wurde an dieſem Abend in eine ungewohnte Be⸗ wegung verſetzt. Er hatte wohl bemerkt, wie eifrig Bella mit dem Kriegs⸗ miniſter geſprochen, der ehedem der Oberſt ſeines Regiments ge⸗ weſen; jetzt kam der Miniſter in ſeine Nähe. Erich verbeugte ſich, der Miniſter knüpfte ein leichtes Geſpräch mit ihm an und fragte endlich, ob er nicht Willens ſei, wenn ſein Zögling in die Cadetten⸗ ſchule eintrete, eine Profeſſur an der Cadettenſchule anzunehmen. Frich ſprach ſeinen Dank für dieſe große Freundlichkeit aus, aber er konnte nichts beſtimmen, und als ihn der Kriegsminiſter fragte, ob er ſich ein Feſtes ausgemacht habe bei Vollendung der Erziehung des jungen Amerikaners, erwiderte er, daß Doctor Richard Alles geordnet habe. Er erſchrak aber, als ihn der Kriegs⸗ miniſter fragte, ob er durch dieſe Stellung nicht in ſeiner Wiſſen⸗ ſchaft zurückkäme, denn Bekannte aus der Univerſität hätten mit großen Hoffnungen von ihm geſprochen. 166 Als der Miniſter ſich entfernt hatte, bemerkte er Bella's feu⸗ riges Auge, das auf ihn gerichtet war, und ſobald er Gelegen⸗ heit fand, ſprach er Bella ſeinen Dank aus, daß ſie ihn dem Kriegsminiſter ſo freundlich empfohlen habe. „Nichts als Eiferſucht— nichts als Eiferſucht. Ich will Sie aus dem Hauſe dort haben, ehe die bezaubernde Manna zurück⸗ kehrt,“ erwiderte Bella, ſie war ſehr aufgeräumt. Am andern Tage, während Roland mit den Genoſſen beim Photographen war und die Einladungskarten zum großen Sonnen— kamp'ſchen Feſte umhergetragen wurden, fuhr Sonnenkamp, von Lutz allein begleitet, nach Villa Eden. Fünftes Capitel. Die Profeſſorin ſaß in der behaglich durchwärmten Stube am Fenſter, deſſen Sims mit Decken und Kiſſen und das auswärts mit Moos bekleidet, vor jeder Lufteinſtrömung geſchützt war; es war wieder ſtarker Froſt eingetreten. Sie ſaß an ihrer Nähmaſchine, die ſo ſanft ging, daß man kaum ein Geräuſch vernahm. Vom Strom herauf hörte man das Knirſchen und Schieben der an ein⸗ ander ſtoßenden Eisſchollen, die dann verändert und neu gebildet weiter ſchwammen. Oft blickte ſie hinaus über den Strom und in die Landſchaft; ſie ſah in den Dörfern den Rauch über den Häuſern aufſteigen, ſie kannte jetzt das Leben dort. Manchmal von Fräulein Milch, manchmal vom Kriſcher, am meiſten aber vom Siebenpfeifer begleitet, an deſſen Heiterkeit ſie beſondere Freude fand, war ſie überall eingetreten, hatte mit Wort und That geordnet und geholfen. Im grünen Hauſe ging es ab und zu von Solchen, die theils dankten, theils neue Anliegen hatten, und ſie fand Befriedigung darin, daß ihr eine ſo reiche und in den Wirkungen ſo ſchnell erkennbare Thätigkeit gegeben war. Wenn ſie allein und ungeſtört war, nahm ſie die Lieblings⸗ bücher ihres Mannes zur Hand, überdachte die Bemerkungen, die faſt auf jeder Seite ſtanden, und erquickte ſich, in ſtiller Ab⸗ geſchiedenheit mit dem Verewigten fortleben zu können. Was ihr — 167— Mann geſchrieben, las ſie meiſt laut; es that ihr wohl, die Lippen zu bewegen und die Worte in jener Betonung zu hören, die er liebte. Sie mußte aber auch laut leſen, um Gedanken zu verſcheuchen, die nebenher in Alles ſich hineindrängten. Dieſe Gedanken gingen immer nach dem Leben und Weſen Sonnen⸗ kamps und ſeiner Vergangenheit, vor Allem aber in den Ge⸗ müthsgrund Manna's. Sie glaubte zu verſtehen, was Manna damit gemeint, als ſie beim Abſchied vom elterlichen Hauſe zu Roland geſagt hatte:„Ich bin auch eine Iphigenie.“ Den Ge⸗ ſang der Parzen in Gvethe's Drama ſprach ſie jetzt, während ſie arbeitete, vor ſich hin und ſchwer lag das Räthſel in ihrer Seele, warum Kinder um die Schuld ihrer Eltern leiden müſſen. Mitten in den erſchütternd wohlklingenden Verſen hörte ſie das Geräuſch eines vor dem Hauſe ſtillhaltenden Wagens. Viel⸗ leicht iſt es der Doctor, der ihr bisweilen auf eine gute Stunde Geſellſchaft leiſtete; ſie wußte, er liebte es, wenn ſie in ihrer Ruhe verblieb. Der nahende Schritt war indeß ein anderer, auch das Anklopfen war ein anderes und herein trat Herr Sonnenkamp. Die Profeſſorin hatte Sonnenkamp nicht geſehen, ſeitdem ſie gehört hatte, was ſie ihm nie ſagen konnte; ſie bedurfte aller Faſſung, um ihm die Hand zu reichen. Er that ſeine Pelzhand⸗ ſchuhe ab und faßte ihre Hand. Zum erſten Male fühlte ſie den Stahlring an ſeinem Daumen, als wäre es eine kalte Schlange. Erſchreckt ſah ſie ihre Hand in der ſeinen. Die Hand Sonnen⸗ kamps, ſo breit, fleiſchig, mit zurückgebogenen Fingern, an denen das Fleiſch ſich über die Spitzen der Nägel legte, war wie die Hand des Phariſäers auf dem Titianiſchen Bilde vom Zins⸗ groſchen. Zwiſchen Daumen und Zeigefinger hält der Phariſäer das Geldſtück und dieſe Haltung und Bewegung hat, wenn man ſo ſagen darf, etwas Grinſendes, Gewaltthätiges, Heuchleriſches. In der Erinnerung der Profeſſorin tauchte auf, wie ſie auf ihrer Hochzeitsreiſe in der Gallerie zu Dresden ſtand. Ihr Mann ver⸗ deckte damals eine Secunde das Geſicht Chriſti und das des Phariſäers und ließ ſeine Frau nur die Bildung der beiden Hände ſehen, aus denen ſich Geſtalt und Charakter der beiden gegenſätz⸗ lichen Träger herausbilden ließen. Mit Blitzesſchnelle zogen dieſe Gedanken und Vorſtellungen durch ihre Seele. Sonnenkamp bemerkte, daß die haltungsvolle Frau ungewöhn⸗ lich bewegt war; mit Gewandtheit ſagte er: —— „Ich habe immer gefunden, daß ſinnige, viel in ſich lebende Menſchen, vor Allem edle Frauen, keine Ueberraſchungen lieben. Ich muß daher um Entſchuldigung bitten.“ Die Profeſſorin ſah ihn an. Wie iſt es nur möglich, daß ein Mann mit ſolcher Vergangenheit zarte Seelenbewegungen er⸗ faßt und ſo ſanft kundgibt? Sie geſtand, daß er das Richtige bei ihr getroffen, und fragte, ob der Beſuch ihr oder der Be⸗ ſichtigung ſeines Heimweſens gelte. Sie fühlte, daß dies eine ungeſchickte Frage war, aber ſie konnte nichts Anderes vor⸗ bringen. „Ihnen allein gilt mein Beſuch,“ ſagte Sonnenkamp,„und ich bedaure faſt, daß ich dieſe ſchöne Ruhe ſtöre. Ach, ich komme aus einem Treiben, wo man gar nicht mehr glaubt, daß ſolche Ruhe auf demſelben Planeten iſt. Wir leben in einem beſtän⸗ digen Wirbel und es iſt nur gut, daß man noch ſchlafen kann.“ „Ich kenne die Unruhe der Carnevalszeit,“ ſagte die Pro⸗ feſſorin lächelnd;„man lechzt nach Stille und trägt doch beſtändig die am Abend vorher gehörte Muſik, Scherz und Lachen mit ſich herum.“ Sonnenkamp ging nun geraden Weges auf ſein Ziel los. Er bat mit großer Unterwürfigkeit die Profeſſorin, ſeinem Hauſe die Würde zu verleihen, die ſie allein geben könne. Die Profeſſorin bedauerte, ablehnen zu müſſen; ſie ſei nicht mehr für die Geſellſchaft geſchaffen. „Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie eine finſtere, ich hätte eher vermuthet, daß Sie die freiere Anſchauung vom Leben haben.“ „Ich glaube auch ſie zu haben. Ich betrachte unſer Leben nicht als eine düſtere Wohlthätigkeitsanſtalt, aus der alle Heiter⸗ keit verbannt ſein ſoll; die Jugend ſoll tanzen und nicht daran denken, daß in derſelben Minute Menſchen ſich vor Froſt ſchütteln und Kummer und Elend überall. Ich liebe die Heiterkeit, ſie allein gibt Kraft.“ „Nun, ſo ſtehen Sie uns bei; wir wollen uns dann ſp⁴äter um ſo mehr den armen Geſchwiſtern der großen Menſchenfamilie widmen.“ Die Profeſſorin mußte eine Empörung niederkämpfen, daß der Mann mit dieſen Worten ein Spiel trieb; ſie ſtarrte auf ſeine Hände, als wären ſie blutbefleckt„und dieſe blutbefleckten Hände boten ihr fröhlichen Wein dar. — 169— Sie konnte kaum ſprechen, ſie ſchüttelte mit dem Kopf und wiederholte nur: „Ich kann nicht, glauben Sie mir, ich kann nicht.“ „Nun denn,“ begann Sonnenkamp,„ich ſtehe nicht an, Ihnen ein Geheimniß kundzugeben.“ Die Profeſſorin hielt ſich mit beiden Händen an ihrem Näh⸗ tiſche. Was wird der Mann ſagen? Sonnenkamp erklärte, wie es ſein unabläſſiger Wunſch und wie nothwendig es für ſeine Frau, für Roland und Manna ſei, daß er in den Adelſtand erhoben würde. Die Profeſſorin zuckte. Wie? Dieſer Mann wagt es? Die geborne Adlige empörte ſich in ihr. Dieſer Mann mit ſolcher Vergangenheit wagt es? Sonnenkamp betrachtete ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Im Innern dieſer Frau ging etwas vor, was er ſich nicht er⸗ klären konnte; dieſe Frau ſchwieg und ſprach kein Wort nach ſolcher Vertrauensbeehrung. „Warum erwidern Sie nichts?“ fragte er endlich.. Die Profeſſorin faßte ſich und ſagte: „Würde es Ihnen nicht ſchwer, einen andern Namen zu tragen?“ Sonnenkamp ſah ſie ſcharf an; ſie fuhr fort: „War es mir doch als Frau fremd, einen andern Namen zu tragen.“ „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ entgegnete Sonnenkamp ver⸗ bindlich,„Sie mußten einen bürgerlichen tragen; einen adligen nimmt man wol leichter an.“ Er bat immer dringlicher, und fügte den beſondern Wunſch der Gräfin Bella hinzu. Die Profeſſorin blieb dabei, es könne Niemand, auch die äußerſte Freundlichkeit nicht, über ihr Leben beſtimmen; ſie ſei entſchloſſen, nie mehr in die Geſellſchaft einzutreten. Sonnenkamp glaubte, daß die Profeſſorin nicht als Anhängſel erſcheinen wolle; würde man ſie aber frei und ſelbſtändig ſtellen, ſo würde ſie ſich nicht mehr weigern. In ſo beſcheidener als nachdrücklicher Weiſe ſagte er daher, er lege hiermit eine Summe, mit der die Profeſſorin ihr ganzes Leben ein ſelbſtändiges Haus machen könne, in ihre Hände; er griff in die Bruſttaſche und nahm ein Portefeuille heraus. ————— — 16— „Bitte, laſſen Sie,“ entgegnete die Profeſſorin hocherröthend; ſie ſtarrte auf ſeine Finger... gerade ſo hielt der Phariſäer das Geldſtück...„Bitte! Das iſt es nicht. Ich ſchäme mich keiner Poſition, da ich meine Ehre in mir habe; ich fürchte mich auch nicht vor der Gemüthsbewegung, die mich beim Anblick dieſer oder jener Verhältniſſe belaſten könnte. Ich habe in freiem Ent— ſchluß für alle Zeit auf dieſe Beziehungen reſignirt. Ich bedaure tief, Sie bitten zu müſſen, keinerlei Beweggrund mehr vorzu⸗ bringen, denn ich bliebe doch unbewegt.“ Sonnenkamp war in Verlegenheit, wie er das Portefeuille wieder in die Taſche zurückbringen und die heftige Empörung in ſich niederkämpfen ſollte. Er ſtand auf und ging ans Fenſter. Eine Weile ſtarrte er hinaus, dann wendete er ſich lächelnd um und ſagte: „Dort ſchwimmen die Eisſchollen, ein milder Hauch ſprengt die Eisdecke, warum ſollte nicht auch, verehrte Freundin— Sie geſtatten mir, Sie ſo zu nennen— Ihre That, Ihr Vorſatz... Sie verſtehen ſchon, wie ich es meine.. man darf nicht alles Werdende binden.“ „Für mich,“ entgegnete die Profeſſorin,„würde dies ein Brechen der Treue ſein und ich habe nichts mehr auf der Welt als die Treue gegen mich ſelbſt.“ „Ich bewundere Sie,“ erwiderte Sonnenkamp, und glaubte nun durch Kundgebung einer bewundernden Verehrung noch zu gewinnen. Die Profeſſorin fühlte, daß ſie dem armen reichen Manne ein Gutes thun, ihm etwas geben müſſe, was ihm Muth und Luſt zum Leben mache, und es kam aus ihrer Seele, als ſie ſagte: „Laſſen Sie ſich den Dank der Hunderte ausſprechen, die Sie geſättigt und genährt haben. Der Bote Ihrer Wohlthätigkeit zu ſein, macht mich glücklich, und ich wünſche nur, daß Sie ſich als die Quelle des Glückes empfinden.“ Mit Lebhaftigkeit ſchilderte ſie, wie Alles wohlgeordnet ſei und wie ſie nicht erſt die Krankheit, das heißt die Verkommenheit abwarte, ſondern den Geſunden aufhelfe. Sie erzählte ſo viel Schönes und Rührendes, daß Sonnenkamp ſie anſtarrte und die Worte hervorſtieß: „Iſt Alles gut— gut— ich danke Ihnen.“ — — 171— Er reichte ihr nochmals die Hand und ging davon. An der Hausthür begegnete ihm Fräulein Milch, er ſah ſie kaum an und ging weiter. Fräulein Milch traf die Profeſſorin, die mit großem Eifer ihre Hände wuſch, als könnte ſie dieſelben gar nicht reinigen von der Berührung. Fräulein Milch fragte: „Hat er Ihnen geſagt, daß er geadelt wird?“ Die Profeſſorin ſah ſie ſtaunend an. Woher wußte denn dieſe einfache Wirthſchafterin in ihrer Abgeſchiedenheit Alles? Fräulein Milch erklärte, daß der Fleiſcher aus der Reſidenz, der von ihrem Nachbarn ein Paar fette Ochſen gekauft, die Nach⸗ richt verbreitet habe. Bechstes Capitel. Ein fremder Mann kommt, beſichtigt das Haus, den Garten, den Park, die Treibhäuſer, die Ställe. Wem gehörte das Alles? Einem Amerikaner von räthſelhafter Vergangenheit... Das ſtellte ſich Sonnenkamp dar, als er in ſein Heimweſen eintrat; er ſah in eine zukünftige Zeit, ein Fremder war es, der Alles in Augenſchein nimmt, und er ſelbſt, der Alles gebaut, gepflanzt, war verſchollen. Sonnenkamp ſchlug ſich auf die Stirn, da er inne ward, welch ein traumhaftes Geſicht ihn beherrſchte. Was iſt das für eine Macht, die ihn verzaubert und ihm ſein eigen Selbſt ent⸗ führt? Nichts als der Tugendſtolz dieſer armen Frau treibt ſolche Gedanken in ſeiner Seele auf. „Noch bin ich! noch will ich! noch nie iſt mir entgangen, was ich wollte, und ſie Alle ſollen mir dienen!“ ſagte er laut vor ſich hin. Er betrachtete die Bäume im Garten, ein dünner Schneereif lag auf den Zweigen, es war ein Anblick, ſo rein und fein, Alles ſo unbewegt, daß man unwillkürlich den Athem anhielt, denn Alles war ſo ſtill, verklärt und leuchtend zugleich. Hier und dort ſah er Bäume und Sträucher ſeiner Anordnung gemäß gefällt. Das muß immer ſein, wenn die Parkanlage in ihrer — 172— Fortentwicklung ihre künſtleriſche Geſtaltung bewahren ſoll; Sonnen⸗ kamp ließ ſich die Bäume nicht über den Kopf wachſen, ſie durften nicht über die Idee hinausgehen, mit der er die Anlage feſt⸗ geſtellt hatte. Zwei ſchöne Neufundländer, die treu an ihm hingen, ließ er aus dem Gehege bringen; die Hunde ſprangen an ihm empor, ſie waren voll Luſt und Glück, ihren Herrn zu begrüßen. Er lächelte. Da iſt doch etwas, das ihn treulich begrüßt, ſich ſeiner freut; die Hunde ſind die beſten Geſchöpfe auf Erden. Er ging mit den Hunden überall umher und im Obſtgarten ſchaute er ſreundlich lächelnd um; die künſtlich gezogenen Zweige, mit ſchneeigem Reif bekleidet, waren wie Kunſtgebilde der feinſten Art; er wünſchte nur, daß er ſie in der großen Geſellſchaft vor den erſtaunten Blicken ſeiner Gäſte aufſtellen könnte. Ja, die Gäſte! Werden ſie kommen? Wird dieſes pomphaft angekündigte Feſt nicht eine Beſchämung für ihn werden? Die Zweige der Obſtbäume kann man ziehen und biegen nach Wohl⸗ gefallen, warum ſind die Menſchen ſo widerſpenſtig? Plötzlich lächelte er vor ſich hin. Es war viel davon geſprochen, daß eine große Sängerin in Paris alle Welt entzückte; dieſe mußte herbei, koſte, was es wolle, und ſie mußte ſich verpflichten, kein öffent⸗ liches Concert zu geben, ſondern nur in ſeinem Salon und äußerſten Falles noch bei Hofe zu ſingen. Er will der armſeligen Reſidenzgeſellſchaft etwas bieten, was Niemand außer ihm vermag. Er ließ die Hunde wieder in ihr Gehege ſperren, ſie winſelten und bellten. Mögen ſie winſeln! Man ſollte immer nur Geſchöpfe haben, die man zu ſeiner Luſt holt und wieder wegſchickt, wenn man ihrer überdrüſſig. Sofort ließ Sonnenkamp wieder anſpannen, fuhr nach der Telegraphen⸗Station und ſendete eine Nachricht an einen Agenten in Paris mit genauer Angabe deſſen, was er wünſchte. Die Antwort ſollte ihm nach der Reſidenz geſchickt werden. Friſchen Muthes, die ganze Welt verachtend und ſtolz auf ſeinen Erfindungs⸗ reichthum, fuhr er nach der Reſidenz zurück. Prancken war zu⸗ gegen, als er am Abend die Nachricht erhielt, daß die Sängerin eintreffen werde. Sonnenkamp wünſchte, daß das Außergewöhnliche, was er zu bieten vermochte, ſchnell bekannt würde; die Hofzeitung ſollte es verkünden. Prancken war nicht für dieſe Art der Kundgebung, man ſolle vielmehr vertraulich Dieſem und Jenem mittheilen, was zu erwarten ſei, und Jeder würde ſich beeilen, das Anvertraute weiter zu verbreiten. Er ſelbſt übernahm es, einigen beliebten auf dem Militär-Caſino das Ueberraſchende mitzu⸗ theilen. Die Sängerin kam und übte eine größere Anziehungskraft als die Profeſſorin bewirkt hätte. Am Vorabend des Feſtes erſchien Bella und brachte ihre Wünſche für das Gelingen deſſelben. Es fehlte in der That nichts. Der populäre Prinz erſchien mit ſeiner Gattin, die auserleſenſte Geſellſchaft füllte die Salons des Herrn Sonnenkamp, auch der amerikaniſche Generalconſul mit ſeiner Frau und zwei Töchtern war zugegen und Alles war voll Bewunderung und Dank für den Gaſtgeber. Die Sängerin ſang mit großer Bravour und unter dem lebhafteſten Beifall viel Mo⸗ dernes; beſonders ergriffen aber war Erich, als ſie auch eine Arie aus der Oper Meduſa von Lulli ſang. Das Wagniß, eine das menſchliche Maß überſchreitende Leidenſchaft in Tönen auszudrücken, ſtellte ſich ihm dar, es war eine ähnliche Coloſſalität wie in der Büſte, die auf Wolfsgarten ſtand, und er erzitterte als Bella um⸗ ſchaute und ihr Blick ſich nach ihm richtete, als ahnte ſie durch einen magiſchen Zauber, daß die Strömung ſeines Denkens nach ihr hin ging. Sie ſah ſtolz und groß aus und nach dieſer Arie ging ſie auf die Sängerin zu und ſprach ſehr eifrig mit ihr. Frau Ceres war mißgelaunt und verſtimmt, denn ihre große Pracht verſchwand vor der wunderbaren Kunſt der Sängerin, zu der ſich Alles drängte. Der Prinz unterhielt ſich mit ihr wol eine halbe Stunde, mit Frau Ceres nur einige Minuten. Mit triumphirendem Siegesgefühle ging Sonnenkamp durch die Geſellſchaft, er that ſehr beſcheiden, aber innerlich verachtete er ſie, denn er dachte: Mit einer Hand voll Gold läßt ſich Alles machen; mit Gold iſt Ehre und geſellſchaftlicher Glanz und Alles zu haben. Am andern Tage war eine zwiefache Geſprächsſtrömung in der Reſidenz. Man ſprach vom Feſte des Herrn Sonnenkamp, des⸗ gleichen man hier noch nie geſehen; eine Gegenſtrömung war die Nachricht vom Tode des Gatten der Baroneſſe von Endlich, die Nachricht ſei bereits geſtern Abend angekommen, man habe ſie aber zurückbehalten, um den Angehörigen und den weit verzweigten ————— Verwandten des Hofmarſchalls die Freuden des Sonnenkamp'ſchen Feſtes nicht zu entziehen. Am Abend brachte die Zeitung, deren Redaction Profeſſor Crutius vorſtand, einen pikanten Bericht, worin die Todesnachricht und das Sonnenkamp'ſche Feſt künſtlich durcheinander gemengt war. Ein Theil des Glanzes wurde dadurch verwiſcht und Sonnenkamp überlegte mit Prancken, ob nicht der arme Teufel von Redacteur mit einer Hand voll Gold zu gewinnen wäre. Prancken widerſprach; man dürfe mit dieſen Communiſten— ſo hießen bei ihm Alle, die nicht mit der Regierung überein⸗ ſtimmten— auch nicht die entfernteſte Verbindung haben, und er, der zum Adelsbetrieb kein Mittel verſchmähte, fand, daß man einer ſolchen Beſtechung ſich ſchämen müßte. Sonnenkamp ſchien bekehrt, aber er wendete ſich an Erich, der damals dem Manne die Unterſtützung übermittelt hatte; er bat, dieſe Beziehung zu erneuen, und wenn Doctor Crutius in Noth wäre, ſo ſei er bereit, ihm beizuſtehen. Erich lehnte entſchieden ab. Die Sängerin ward nicht zu Hofe berufen, denn man fand es ungehörig, daß ſie zuerſt bei einem Privatmanne geſungen; ſie reiſte ab und Sonnenkamp und Feſt und Geſang waren bald ver⸗ geſſen. Ja, Sonnenkamp mußte die Zurückſetzung erfahren, daß er bei einer Einladung zu Hofe übergangen wurde; er hörte jetzt, daß der Fürſt ihm abgeneigt war, weil er nach der Aufführung des franzöſiſchen Luſtſpiels eine mit größter Behutſamkeit zu be⸗ handelnde Sache ungeſchickt bloßgeſtellt hatte. Prancken berichtete das mit einer gewiſſen bedauernden Schadenfreude; Sonnenkamp ſollte ſtets wiſſen, daß er ihm vor Allem ſeine Standeserhöhung würde danken müſſen. Der Abend, an dem das Hoffeſt ſtattfand, zu welchem zwei Adelsfamilien vom Lande, die eigens dazu nach dem Hotel Victoria gekommen waren, nach dem Schloſſe abfuhren, war für Sonnen⸗ kamp einer der peinlichſten. Er mußte noch überdies ſeinen Grimm zurückhalten und Frau Ceres tröſten, die wollte, daß man ſofort abreiſe; denn das, worauf ſie all ihr Sinnen gerichtet, war nun zu nichte. Auch die Cabinetsräthin kam nicht, ſie mußte zu ihrem Be⸗ dauern, wie ſie ſagte, bei Hofe erſcheinen. Und ſo ſaß die Familie gllein und an dieſem Abend zum erſten Mal fand Erich wieder — 175— einen tieferen Anhalt in der Seele Rolands, denn auch Roland war höchſt ärgerlich. Der Cadett, der zugleich Page war, hatte ihm erzählt, wie luſtig es bei ſolchen Feſten ſei. Erich nahm gerade von dieſem Fall Veranlaſſung, Roland ans Herz zu legen, daß man die Ehre zunächſt in ſich ſuchen müſſe und nie in der Welt draußen. Wer ohne Selbſtbewußtſein ſeine Ehre und ſein Glück von Andern abhängig mache, der ſei durch ſolche Abhängigkeit in der tiefſten Sklaverei. Roland hörte ſtumm zu, aber ſein Auge wurde größer. Sonnenkamp hatte große Mühe, in der Geſellſchaft ſeine Ver⸗ letztheit zu verbergen, und doch durfte man nichts davon merken laſſen, denn dadurch erhöhte man die erfahrene Zurückſetzung. Er lächelte ſtill, wenn man von dem glänzenden Hoffeſte erzählte. In beſonderer Befliſſenheit überhäufte er die Familie des Cabinets⸗ raths mit Freundlichkeiten, ſie mußte Stand halten, ſie hatte ihren Lohn, er wollte nicht der Betrogene ſein. Er wollte auch ſeinen Sohn früh in den Strudel des Lebens werfen, er wollte wiſſen, welche Haltung er dabei annehme, welche Leidenſchaften in ihm walteten. Er machte nun den jungen Cadetten zum Spion ſeines Sohnes, er gab ihm Gold, er ſollte Roland in Spielgeſellſchaften bringen, ihn zu hohem Spiel verleiten und dann berichten, wie ſich Roland benahm. Sonnenkamp war nicht wenig erſtaunt, als ihm der Cadett berichtete, daß Roland unbedingt das Spiel ablehnte; er habe Erich das Wort gegeben, daß er ſich nie, auch nicht bei ſcheinbar geringem Einſatze, dazu bringen laſſe. Sonnenkamp hätte Erich gern für dieſe große Macht ſeinen Dank ausgeſprochen, aber er fand es beſſer, zu thun, als ob er es nicht wiſſe. Als Bella kam, um Erich abzuholen, da er ſie verſprochener⸗ maßen in das Cabinet der antiken Gipsabgüſſe führen ſolle, bat Sonnenkamp, gegen ſeine Frau nichts von dem Hoffeſte zu äußern, ſie ſei jetzt beruhigt und man ſolle ſie nicht darin ſtören. Erich nahm Roland mit in das Muſeum. Bella verſtand, warum er es that. Als man nach dem Muſeum fuhr, ſah man den Fürſten Valerian am Wege. Bella ließ anhalten und nahm auch ihn mit; es konnten ſich dadurch zwei Gruppen bilden, Fürſt Valerian konnte manchmal mit Roland gehen und ſie mit Erich. Es kam nicht dazu; Erich *ß Roland nicht von der Hand. „——— en—————— — 176— Vor der Niobidengruppe ſtanden ſie lange und Bella ſcherzte darüber, daß der Pädagog, der den Knaben vor dem Pfeil des Gottes zu ſchützen ſucht, den ruſſiſchen Typus habe. Erich mochte wiederholt erklären, daß der Kopf erneuert ſei und einen Scythen darſtelle, daß der Pädagog ein Sklave ſei, der den Knaben nur wie eine Art Lakai in die Schule und ſonſt auf Gängen begleite, ſie blieb dabei, es ſei ein Ruſſe. Als Erich darauf aufmerkſam machte, daß das Mädchen in der Mitte ſich an die Mutter an⸗ ſchmiege und hülflos ſich verhülle, während der Knabe bei dem Pädagogen noch ſelbſt die Hand ausſtreckt, der Gefahr entgegen⸗ ſchaut und ſie abzuwehren ſucht, blickte ihn Roland groß an und ſein Antlitz wurde blaß, faſt ſo blaß wie die Gipsabgüſſe, unter denen man ſich bewegte; nur ſein Auge leuchtete und die dunklen feinen Haare, die ſich auf der Oberlippe zeigten, ſchienen zu zittern. Auf dem Heimwege vom Antikenſaale ſagte Roland, wie vor Froſt bebend, ſich an Erich ſchmiegend: „Erinnerſt Du Dich noch, wie in Deinem elterlichen Hauſe damals der Brief mit dem großen Siegel kam?“ „Gewiß... gewiß.“ „Da alſo ſollteſt Du Director werden. Dieſe Geſtalten ſtehen da Tag und Nacht, Sommers und Winters... warten auf uns und halten ſtill, derweil wir tanzen und ſterben.“ „Was ſprichſt Du?“ fragte Erich, erſchüttert von Ton und Betrachtung Rolands. „Ach, nichts— nichts. Ich weiß nicht, was ich ſage... ich meine, ich hörte die Worte, ſagte ſie aber nicht ſelbſt... ich weiß nicht, wie mir iſt.“ Erich eilte mit dem Fiebernden heimwärts. ———— —— S—„— 2— Fiebentes Capitel. So oft Frau Ceres Roland ſah, ſagte ſie beſtändig: „Aber Roland, Du ſiehſt ſo blaß aus!.. Sieht er nicht ſehr blaß aus?“ wendete ſie ſich dann regelmäßig zu Erich, und wenn dieſer verneinte, war ſie ruhig. —— Heute konnte Erich nicht verneinen, da die Mutter mit Schrecken ausrief: „Aber Roland, Du ſiehſt ja ſo blaß aus!“ Erich ging mit ihm auf ſein Zimmer und Roland klagte: „Ich weiß nicht, wie mir iſt.“ Er ſchaute rings im Zimmer um und ſagte:„Mir iſt, als drehte ſich Alles mit mir. Was iſt denn das? Ach! Ach!“ Er ſetzte ſich auf einen Stuhl und fing plötzlich heftig an zu weinen. Erich ſtand rathlos. Roland ſank in Ohnmacht. Er ſchlug die Augen auf und ſtarrte Frich an, wie wenn er ihn gar nicht ſehe. „Roland was iſt Dir?“ fragte Erich. Der Jüngling antwortete nicht, ſeine Stirne war eiskalt. Erich riß an der Klingel, dann beugte er ſich über den Jüngling. Sonnenkamp trat ein und fragte, warum ſie nicht zur Tafel kämen. Erich wies auf Roland. Der Vater ſtürzte auf dieſen zu und ſtöhnte wie zu Tode ge⸗ troffen. Joſeph kam, er wurde ſchnell nach einem Arzte geſchickt und durch Eſſenzen gelang es, Roland wieder zum Bewußtſein zu bringen. Der Vater und Erich trugen ihn auf das Bett und entkleideten ihn. Fieberfroſt ſchüttelte den Jüngling, daß er die Zähne zuſammenſchlug und wimmernde Töne von ſich gab. Der Arzt kam, er machte eine bedenkliche Miene. Sonnen⸗ kamp ſchaute ihn erſtarrt an. „Es iſt ein Anfall, ich weiß nicht, was daraus wird. Hat er öfter ſolche?“ fragte der Arzt. „Noch nie! Noch nie!“ rief Sonnenkamp. Belebende Mittel wurden angewendet und das Erſte, was Roland ſprach, war: „Ich danke Dir, Erich!“ Der Arzt befahl, daß man ihn in Ruhe laſſe, damit er ſchlafen könne; er ging weg, kam aber nach einer Stunde wieder, nach einer Stunde voll Bangens, in der Erich und Sonnenkamp kaum mit einander zu reden wagten. Als der Arzt jetzt den Kranken neu betrachtete, ſagte er: Auerbach. Landhaus am Rhein. ll. 12 — 13 „Das Nervenſyſtem des jungen Mannes iſt übermäßig an⸗ geſpannt, es kann ein Nervenfieber bevorſtehen.“ „Es kommt kein Unglück allein,“ ſagte Sonnenkamp; das waren die einzigen Worte, die er während der ganzen Nacht ſprach. Er ſaß im Nebenzimmer auf einem Stuhle wachend und kam manchmal auf den Zehen ſchleichend an das Bett des Kranken, ji um ſeinen Athem zu hören.* Frau Ceres hatte fragen laſſen, warum Roland nicht komme. 3 Man gab einen Vorwand und bat ſie, zu Bett zu gehen. Sie kam indeß in der Nacht dahergeſchlichen, ſie hörte, daß Roland 3 leicht unwohl ſei, ſie ging an ſein Bett, ſah, daß er ruhig ſchlief, 3 und kehrte wieder in ihr Gemach zurück. 3„Es kommt kein Unglück allein,“ wiederholte Sonnenkamp, als in der erſten Morgendämmerung der Arzt erklärte, das Nerven⸗ fieber ſei ausgebrochen. Er befahl die behutſamſte Pflege, er wollte eine barmherzige Schweſter ſchicken, aber Erich ſagte, daß Niemand Roland beſſer pflegen würde als ſeine Mutter. „Glauben Sie, daß ſie kommt?“ „Gewiß.“ d Sofort wurde ein Telegramm nach dem grünen Hauſe geſchickt. Schon nach einer Stunde war die Antwort da, daß die Profeſſorin und Claudine abreiſen. In der Stadt hatte ſich ſchnell die Nachricht von der ſchweren Erkrankung des ſchönen Jünglings verbreitet; Diener in allen Livreen und ſelbſt Männer und Frauen der erſten Geſellſchaft kamen, um nach ihm zu fragen. Am Mittag, als die Parade mit klingendem Spiele vorüber⸗ zog, ſchrie Roland laut auf: „Die Wilden kommen! Die Wilden kommen! Die Rothhäute! Hiawatha! Lachendwaſſer! Dem Hausknecht gehört das Geld! Richt geſtohlen! Hut ab vor dem Baron, willſt Du? Pfui! Die Schwar⸗ zen! Ah! Franklin!“ Erich erbot ſich, beim Commandanten die Weiſung nachzuſuchen, daß die Parademuſik durch eine andere Straße ziehe oder min⸗ deſtens vor dem Hotel die Muſik unterbreche. Der Schnee war plötzlich geſchmolzen und vor der ganzen Fronte des Victoria⸗Hotels wurde auf der Straße Stroh gelegt, ſo daß man kein Wagengeraſſel vernahm. Die Profeſſorin kam. Sonnenkamp bewillkommnete ſie herzlich und Frau Ceres klagte, wie entſetzlich es ſei, daß Roland krank geworden; womit ſie denn das verſchuldet habe, ſie ſei ja ſelbſt krank. Die Mutter hatte viel Mühe, ſie zu beſchwichtigen; ſie wünſchte indeß, daß man auch Doctor Richard kommen laſſe, der Roland von früher her genau kenne. Sofort wurde an Doctor Richard telegraphirt und ſpät in der Nacht kam er an. Er fand, daß Roland vollkommen ent⸗ ſprechend behandelt ſei, und ſeine Hauptmahnung ging nun an Erich und die Mutter, daß ſie bei ihrem ohnedies geſteigerten Geiſtesleben die Krankenpflege mit Gleichmuth aufnehmen, ſich viel Ruhe und Zerſtreuung gönnen, oft ausgehen möchten, um ſich an neuen Eindrücken zu erfriſchen. Er ließ nicht ab, bis ihm die Beiden das Verſprechen gegeben hatten. Nachdem er eine Berathung mit dem behandelnden Arzte gehalten, reiſte er wieder ab. Aber als er ſchon die Hand zum Abſchiede gereicht hatte, ſagte er noch: „Ich muß Sie vor der Gräfin Wolfsgarten warnen.“ Erich erſchrak und die Mutter fragte, wie er das meine. Er erklärte, daß man ebenſo höflich als entſchieden ihre herrſchſüchtige Weiſe ablehnen ſolle, in der ſie allerlei Mittel wiſſe, um jede Krankheit zu heilen. „Nicht wahr, er ſtirbt nicht?“ fragte Sonnenkamp den Arzt auf der Treppe. Der Arzt erwiderte, daß man in allen äußerſten Fällen ſich auf nichts als auf die innewohnende Kraft der Natur verlaſſen könne. Sonnenkamp ſuchte eine ergebene Miene zu machen, und doch war er voll Empörung. Er mit allem Reichthum ſollte nichts leiſten, nichts beibringen können und es ſollte nichts übrig bleiben als die Naturkraft, in der Roland nicht mehr war, als der Sohn eines Bettlers! Frau Ceres lag auf dem Sopha im großen Balconzimmer bei den Blumen und Vögeln und ſtierte mit offenen Augen drein. Sie ſprach kaum ein Wort und genoß nur wenig Speiſe und Trank. Stündlich mußte man ihr berichten, wie es Roland er⸗ ging, ſie wagte es nicht, an das Bett zu kommen. Die ganze Unzuſammengehörigkeit dieſer Familie brach jest hervor. Jedes lebte nur für ſich, Jedes dachte, daß das Andere nur da ſei, damit es nicht unglücklich werde und keinen Verluſt empfinde. 180 Am Mittag ſchickte die Fürſtin den Leibarzt. Sonnenkamp war voll Dank über dieſe Ehre, die er leider unter ſo traurigen Verhältniſſen empfangen mußte. Tag und Nacht ſaßen Erich, die Mutter und die Tante bald gemeinſam, bald abwechſelnd bei dem kranken Jüngling, er kannte Niemand; die meiſte Zeit dämmerte er im Halbſchlafe vor ſich hin; manchmal aber loderte eine Flamme auf und er bäumte ſich glühenden Antlitzes und rief: „Papa tanzt auf ſchwarzen Köpfen! Gebt mir meine blaue Schleife wieder! Ah! Ah!“ rief er dann wie entzückt ſich labend, „das iſt der deutſche Wald... Ruhig, Satan! Da nimm die Maienblume... Blaue Schleife... Der Knecht hat den Ring geſtohlen.. Der Lachgeiſt... Gebt Acht auf den jungen Baron Zurück, Greif!“ Wenn Erich ihm die Hand auf die Stirn legte, ward er ruhiger, und einmal, als der Vater zugegen war, ſang Roland ein Negerlied, er ſang es ſo unverſtändlich, daß man die Worte nicht herausbrachte, ſchnell aber rief er wieder: „Die großen Bücher weg! Weg mit den großen Büchern! ſie ſind mit Blut geſchrieben!“ Sonnenkamp fragte, ob Roland auch in geſunden Tagen das Lied geſungen habe und ob Erich nicht wiſſe, von wem er es gelernt. Erich hatte es nie gehört. Sonnenkamp ſagte der Pro⸗ feſſorin, wie er erkenne, ſie ſei nicht zur Luſtbarkeit gekommen, zu Nachtwachen und ſchwerer Geduld ſei ſie aber ſofort bereit; er werde das nie vergeſſen. Die Profeſſorin ſah, daß hier noch ein anderer Kranker zu heilen war, als der mit geſchloſſenen Augen Fiebernde. Sie ward zutraulicher gegen Sonnenkamp, und dieſer klagte ihr ſeinen ruhe⸗ loſen Schmerz, und zwiſchen hinein kam der Gedanke: Was ich will, will ich ja nur für dieſen Sohn. Wenn er ſtirbt, tödte ich mich. Ich bin weit mehr als getödtet und Niemand darf es wiſſen. Ich habe keine Vergangenheit, darf keine haben, und nun ſoll ich auch keine Zukunft haben!... Die Profeſſorin bat ihn dringend, ſich zu beruhigen, denn ſie ſei der Ueberzeugung, daß ein aufregendes Gemüthsleben der Umgebung auch auf den Kranken wirke; es gebe Einflüſſe und Wirkungen, die Niemand ermeſſen und beſtimmen könne. In der ſtillen Nacht ſaß die Profeſſorin am Krankenbette, ſie — 181— hörte die Uhren vom Thurme ſchlagen, eine Spieluhr iſt dabei, und bei dieſen Glockentönen in der Nacht am Krankenbette des armen reichen Jünglings ging ihr eigenes Leben vorüber. Erich klagte oft, daß er ſich Vorwürfe mache, nachgiebig ge⸗ weſen zu ſein und Roland dem Strudel des Lebens überlaſſen zu haben, der ihn nun vielleicht tödte; im kalten Antikenſaal beim Anblick der Niobidengruppe ſei die Krankheit zum Ausbruch gekommen. Auch ihn hatte die Mutter zu beruhigen. Sie war die Einzige, die feſten Halt bewahrte und an der ein Jegliches ſich anlehnend Halt gewinnen wollte. Die Mutter fragte Erich, wie es mit der wiſſenſchaftlichen Arbeit ſei, zu der ihm auch Profeſſor Einſiedel Notizen geſchickt. Sie wollte wiſſen, ob Frich etwas von der Vergangenheit Sonnenkamps kenne, das er ihr vielleicht aus Schonung verberge; aber Erich antwortete durchaus harmlos, ſein ganzes Denken war nur mit Roland beſchäftigt. Die Mutter erkannte, daß er von der eigentlichen Vergangenheit Sonnenkamps nichts wußte; ſie hielt jede nähere Mittheilung zu⸗ rück, denn ſie glaubte ihn in der ſchweren Sorge um den Kranken nicht noch durch das Denken an eine ſolche Vergangenheit belaſten zu dürfen. Dem gemeſſenen Befehle Doctor Richards gemäß ging die Profeſſorin aus und beſuchte alte Freundinnen, auch die Frau des Kriegsminiſters gehörte zu denſelben. Sie vernahm zu ihrer Beruhigung, daß Erich eine Profeſſur an der Cadettenſchule erhalten könne, wenn Roland in den Dienſt eintrete. Neu belebt kehrte ſie von dieſen Beſuchen zurück. Auch Erich machte Beſuche und verbrachte manche Stunde bei Clodwig. Bella ließ ſich nur ſelten und auf kurze Zeit ſehen; ſie hielt ſich offenbar jetzt von jedem Zuſammentreffen mit Erich allein zurück. Prancken hatte oft nach dem Kranken geſehen und die An⸗ gehörigen beſucht, hatte gefragt, gerathen, ohne etwas thun zu können; er hatte die ſchwere Aufgabe, Frau Ceres zu zerſtreuen. Nun war er verletzt, daß man die Profeſſorin hatte kommen laſſen, ohne ihn vorher zu fragen; er fand, daß dieſe Dournay's die Familie Sonnenkamp umgarnten. Er kam, fragte nach Roland, hielt ſich aber viel im Hauſe des Herrn von Endlich auf, wo er bei der jungen Wittwe ſaß, die aus Madeira zurückgekehrt war. In zitterndem Schweben zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwanden — —————————— Wochen dahin; die Vorſtellungen des Kranken ſchienen ſich zu ver⸗ ändern. Er ſprach beſtändig mit Manna; er liebkoſte ſie, ſcherzte mit ihr, neckte ſie mit dem heiligen Antonius. Man hatte Manna nichts von der Krankheit ihres Bruders mitgetheilt; warum ſollte man ſie auch belaſten, da ſie ja doch nichts helfen konnte. Da Roland beſtändig mit ſeiner Schweſter ſprach, fragte Sonnenkamp den Doctor Richard, ob man ſie nicht kommen laſſen ſolle; der Arzt bejahte. Mitten durch ſeinen Kummer ging es wie ein Gedanke der Befreiung, daß er nun das Kind aus dem Kloſter reißen und nicht mehr von ſich laſſen könne; es erleichterte ihm das Herz, daß, wenn Roland geneſen wäre, er beide Kinder um ſich habe. Sonnenkamp wollte, daß der Arzt an Manna ſchreibe, wie nöthig ſie zur Geneſung Rolands ſei, aber Doctor Richard lehnte entſchieden ab, da er nur zugegeben habe, daß die Anweſenheit Manna's unſchädlich ſei, aber geholfen werde Roland dadurch nicht. Mit einem dringenden Briefe ſchickte Sonnenkamp den um— ſichtigen Lutz nach dem Kloſter; er hatte auch die Profeſſorin ge⸗ beten, daß ſie dem Briefe einige Worte hinzufüge, aber ſie hatte abgelehnt; ſie wollte in keinerlei Weiſe, auch in der dringendſten Noth nicht, in das Leben Manna's eingreifen. Achtes Capitel. Schneebedeckt war das Dach des Kloſters, ſchneebedeckt die! Bäume, Wieſen und Wege auf der Inſel, aber im großen Hauſe war bewegtes Doppelleben, denn die heilige Geſchichte lebte hier in den Kindern und vor ihren Augen neu auf. Jeder Tag hatte eine Erweckung der in Glorienſchein getauchten Ereigniſſe, die vor bald zwei Jahrtauſenden in Canaan geſchehen waren. Manna lebte ſo ganz in dieſen Vorſtellungen, daß ſie ſich oft beſinnen mußte, wo ſie war; ſie hatte eine Sehnſucht, nach Jeruſalem zu wallfahrten, den heiligen Boden zu küſſen und Alles zu ſühnen, was je Uebles geſchehen war von denen, die ihr nahe, und denen, die ihr fern. Ihr Entſchluß, den Schleier zu nehmen, befeſtigte ſich aufs Neue. 1 — 183— Mit wunderbarer Kraft erzählte ſie dem kleinen Heimchen, das krank zu Bette lag, die heilige Geſchichte; und ihr Auge ſtrahlte dabei wie von einem höheren Feuer. Heute aber lächelte ſie, denn Heimchen fragte: „Iſt in Jeruſalem auch Schnee?“ Manna hatte kaum beachtet, welche Jahreszeit draußen, ſie lebte in einer ganz andern Welt, und eben als ſie hinaus⸗ ſchaute, wo der Schnee ſchmolz, kam eine dienende Schweſter und brachte ihr einen Brief. „Wo iſt der Bote?“ fragte ſie. „Er wartet im Sprechzimmer.“ „Ich werde ihm Antwort geben,“ erwiderte Manna und las den Brief noch einmal. Sie ging in der Zelle auf und ab; ſie wollte zur Oberin, ſie fragen, was ſie thun ſolle, aber ſie fühlte, wie ſich ihr Herz zuſammenzog. Warum einen andern Menſchen fragen? Sie hielt die Hand vor die Augen, dann betrachtete ſie ihre Hand. Du kannſt nicht weinen, ſprach es in ihr; Du ſollſt nicht weinen, um nichts in der Welt... „Was iſt Dir?“ rief Heimchen aus ſeinem Bette.„Warum ſiehſt Du ſo bös aus?“ „Ich bin nicht bös. Oder meinſt Du, daß ich es bin?“ „Nein, jetzt ſiehſt Du wieder ganz gut aus. Bleib bei mir, Manna... bleib bei mir, geh nicht fort... bleib bei mir. Manna, ich muß ſterben.“ Manna beugte ſich über das Kind und beruhigte es, und jetzt erkannte ſie: Die erſte Probe kommt. Du ſollſt beweiſen, ob die Liebe zum Heiligen größer in Dir iſt als die Familienliebe. Du ſollſt und Du mußt! Sie überließ Heimchen einer dienenden Schweſter, verſprach bald wiederzukommen und ging hinab in die Kirche. Zerknirſcht warf ſie ſich nieder und betete inbrünſtig. Lange lag ſie verhüllten Antlitzes, bis ſie ſich endlich in dem Entſchluſſe erhob: Ich muß es können! Ich will nichts als dem Dienſt des Ewigen leben. Roland hat gute Pflege, er kennt Niemand; wenn ich zu ihm gehe, leiſte ich nicht ihm, ſondern mir, um die Angſt von mir zu nehmen; hier aber iſt Heimchen krank und bedarf meiner. Es iſt keine Frage mehr, was ich zu thun habe; ich bleibe auf der Stelle, wohin nicht ich, ſondern der Höchſte mich geſtellt. ————— — 184— Sie gedachte der Oberin, die erzählt hatte, wie ihr Vater und Mutter geſtorben und ſie ihre Clauſur nicht löſen durfte. Frei⸗ willig, ohne Gelübde, wollte Manna das Gleiche vollziehen. Sie kehrte in ihre Zelle zurück; ſie wollte ſchreiben, wollte Alles ſagen, was ihr die Seele erfüllte, aber ſie konnte nicht. Sie ging hinab in das Sprechzimmer und ſagte Lutz, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, ſie könne nicht mit ihm zurückreiſen. Dann ging ſie wieder in ihre Zelle und ſchaute in die Land⸗ ſchaft hinaus, ſtarr, leblos. Der geſchmolzene Schnee tropfte von dem Dach und jetzt brachen auch die Thränen hervor, Manna weinte heftig; ſie ließ die Thränen fließen, aber ihr Entſchluß blieb feſt. Die ganze Nacht wachte und betete ſie und erſt am andern Morgen ſagte ſie der Oberin, was ſie gethan. Die Oberin erwiderte kein Wort. Auf ihrer Zelle las Manna nochmals den Brief und jetzt erſt ſah ſie, daß auch die Mutter Erichs Roland pflegte. Das Papier zitterte in ihrer Hand, da ihr deutlich wurde, wie Roland in ſeinen Fieberphantaſien mit ihr verkehrte. Warum ſchreibt der Vater nichts von Prancken? Wo iſt er? fragte ſie ſich. Sie war empört, daß ſie ihr Denken nicht von der Welt wegbannen konnte. Mit raſchem Entſchluß warf ſie den Brief in den offenen Kamin und ſtarrte drauf, wie er aufflammte und dann in leichten Flocken durch den Kamin davonflog. So war es in ihr geweſen, ſo ſollte es in ihr ſein; nichts von der Außenwelt ſollte mehr zu ihr dringen. Reuntes Capitel. Die Kriſis war vorüber, die Geneſung trat ein. „Er iſt gerettet!“ ſagte der Arzt, und:„Er iſt gerettet!“ ging's von Mund zu Mund durch die Stadt. Der Arzt befahl, in der Behutſamkeit nicht nachzulaſſen und die geringſte Aufregung von Roland abzuhalten. Dieſer klagte, daß er ſo entſetzliche Langweile habe, aber lächelnd entgegnete der Arzt und wiederholte Erich, daß er die Vergnügungen voraus — 185— genoſſen habe, und Langweile die erſte ſichere Stufe der Geneſung ſei. Auch darüber, daß man ihn Hunger leiden laſſe, klagte Ro⸗ land, aber ſein Angeſicht wurde ſchön und groß, da er ſagte: „Hiawatha hat freiwillig gehungert.“ Gegen die Profeſſorin war Roland am liebreichſten; er be⸗ hauptete, daß er ſie allein in ſeinen Fieberträumen erkannt habe, und es ſei eine entſetzliche Pein geweſen, daß er das nicht habe ſagen können; es hätten ſich ihm beſtändig ganz andere Worte auf die Lippen gedrängt, als er eigentlich ſagen wollte. Er freute ſich, daß Maienblumen vor ihm ſtanden; er erinnerte ſich jetzt, daß er ſie verlangt hatte. „War nicht auch Manna bei mir? Ich habe immer ihre ſchwarzen Augen geſehen.“ Man erzählte ihm, daß ſie das Kloſter nicht verlaſſen durfte, da Heimchen ſchwer krank ſei. Er bat um die Photographie, auf welcher er als Page ab⸗ gebildet war, und ſagte zu Erich: „Du hatteſt Recht, es wird mir ſpäter eine Erinnerung ſein. Ach, ich meine, es wären zehn Jahre vorbei. Gib mir einen Spiegel, ich will wiſſen, wie ich ausſehe.“ „Das darf jetzt nicht ſein,“ erwiderte Erich,„erſt in acht Tagen.“ Roland war folgſam wie ein kleines Kind und dankbar wie ein erkenntnißvoller Mann. Am zweiten Tage bat er Erich, er vöge ihm erlauben, ſich ausſprechen zu dürfen, denn es drücke n im Kopf. „Wenn Du ruhig ſprechen willſt, will ich Dich anhören.“ „Ich bin auf dem Meere geweſen und Delphine tanzten um das Schiff. Plötzlich waren es lauter Negerköpfe, und da ſchwamm eine Kanzel und drauf ſtand Theodor Parker; er predigte mit mächtiger Stimme, lauter als das Meeresbrauſen, und die Kanzel ſchwamm immer weiter und weiter mit dem Schiff...“ „Du ſprichſt ſchon unruhig,“ unterbrach Erich. Ganz leiſe, aber jedes Wort betonend, erzählte Roland ruhig. „Aber jetzt kommt das Schönſte. Ich habe Dir erzählt, wie damals, als ich zu Dir reiſte— es wird jetzt bald ein Jahr— ich im Walde lag, da kam ein Kind mit langen, gewellten, blonden Haaren und ſagte: Das iſt der deutſche Wald! und ich gab ihm die Maienblume, und das Kind wurde im Wagen fortgeführt und verſchwand. Nicht wahr, Du erinnerſt Dich an das Alles? —.———— — 16 Aber im Träumen war es noch viel ſchöner und glänzender. Das iſt der deutſche Wald! das wurde immer geſungen wie beim großen Muſikfeſte von hundert und hundert Stimmen, ach, ſo ſchön... ſo ſchön!“ „Jetzt iſt's gut,“ brach Erich ab.„Du haſt genug erzählt und nun bleib wieder allein.“.. Als Roland zum erſten Mal aufſtehen konnte, ſtaunten Alle, wie er in dieſer Krankheit gewachſen war, und er ſelber war ſtolz, daß ſich der Flaum auf ſeiner Oberlippe färbte. Als er das Stroh vor dem Hauſe ſah, ſagte er: „So hat alſo die ganze Stadt von meiner Krankheit gewußt und ich habe allen Menſchen zu danken? Hat Ihnen Erich ge⸗ ſagt, daß ich auch Parker geſehen habe?“ fragte Roland die Profeſſorin. „Ja. Jetzt aber gib Dich wieder zur Ruhe.“ „Nein,“ rief er,„nur noch das Eine!“ Er ließ ſich ſein Taſchenbuch geben, in dem der Name des Hausknechts aufgeſchrieben war, den er damals nach ſeiner Nacht⸗ wanderung im Verdachte des Diebſtahls gehabt hatte; er ſchalt ſich, daß er bisher immer vergeſſen, nach ihm zu forſchen; er war ja hier als Soldat im Regimente. Nun mußte Erich dafür ſorgen, daß er gefunden und herge⸗ bracht wurde. Der Soldat kam und Roland händigte ihm ungefähr ſo viel Geld ein, als damals in ſeinem Geldtäſchchen geweſen war. Der Soldat hätte nicht der ſcharfen Inſtruction Erichs bedurft, daß er Roland nicht durch vieles Reden und heftige Dankbezeugungen aufregen ſolle; er konnte ohnedies kein Wort hervorbringen, denn er ſtand wie in ein Märchen verſetzt: In den großen Gaſthof ge⸗ rufen werden zu einem ſchönen kranken Jüngling, mit viel Geld beſchenkt werden— das iſt doch Alles wie in einer andern Welt. „Iſt es kalt draußen?“ fragte Roland den Soldaten. „Ja, es wird wieder grimmig kalt und ich muß heim.“ Der Soldat erzählte, daß er Urlaub erhalte. „Haben Sie warme Kleider?“ fragte Roland. Der Soldat verneinte; Roland ließ bitten, daß ſein Vater zu ihm käme, und Sonnenkamp mußte dem Soldaten einen warm— haltenden Rock ſchenken. Glückſelig lag Roland wieder im Bett und er bat den Vater, — 187— ſeine eigenen Kleider wegzuſchenken, er wolle keines mehr von den früheren tragen. „Und wünſcheſt Du gleich die Uniform?“ fragte Sonnenkamp. „Nein, jetzt nicht; nur bald, recht bald wieder heim, nach der Villa, heim, heim!“ Sonnenkamp verſprach Alles. Die Profeſſorin hatte bald junge Leute ausfindig gemacht, denen die Kleider Rolands paßten. Als man ihm dies andern Tages erzählte, rief er jauchzend: „Jetzt iſt's ſchön, jetzt gehen meine Kleider einſtweilen durch die Straßen, bis ich ſelbſt wiederkomme.“ Er hörte, wie alle Menſchen ſo theilnahmsvoll geweſen, und bat den Vater, ihnen zu danken. Das hatte Sonnenkamp ohnedies beabſichtigt. Es war die beſte Art, beſſer als die glänzendſte Geſellſchaft, den angeſehenſten Männern und Frauen nahe zu kommen. Mit dem beſten Wagen und Geſchirr wollte Sonnenkamp in der Stadt umher fahren. Er bat die Profeſſorin, ihn zu begleiten; ſie wollte ablehnen, aber Roland bat ebenfalls und ſo dringlich, er ſagte, es ſei die erſte Bitte, die er nach ſeiner Wiederkehr ins Leben an ſie richte, daß ſie endlich willfahrte. So ſchwer es der Profeſſorin wurde, in dieſem Geleite wieder vor die Menſchen zu treten, um ſo leichter, wie auf ein Zauber⸗ wort, öffneten ſich überall die Thüren, wo Lutz die Profeſſorin und Sonnenkamp meldete. Die Profeſſorin begriff oft ſelbſt nicht, daß ſie dies that; ſie trat damit in eine Verbindung, die ſie doch von ſich ablöſen wollte, und ſo oft ſie in den Wagen zurückkam, mußte ſie Herrn Sonnen⸗ kamp bitten, nicht immer ihre mütterliche Sorgfalt für Roland hervorzuheben. Sonnenkamp aber drängte ſich bei den Beſuchen mit großer Gewandtheit in den Mittelpunkt des Geſprächs, indem er den Hochſinn der Profeſſorin rühmte und beſcheiden hinzufügte, wie glücklich er ſei, daß er ſich einer ſolchen Familie anſchließen dürfe. Immer aufs Neue freute er ſich des Bewußtſeins, daß alle Menſchen wie Puppen zu gebrauchen ſind; die Einen ſind mit klingendem Golde, die Andern mit klingendem Lobe über ihren Edelſinn zu gewinnen. Auf dieſen Fahrten durch die Stadt genoß er ſeine beſte Freude, — ————— — 188— denn dieſe war und blieb die Heuchelei, und in ſolcher Empfindung überwand er den Aerger über den Stolz der eingeſeſſenen Familien; ſie mußten ihn nun, wenn auch widerwillig, als Gleichen auf⸗ nehmen. Wo er ſonſt nur zu flüchtiger und nichtsſagender An⸗ ſprache gekommen, gelangte er jetzt zu behaglicher Schauſtellung ſeines viel erfahrenen Lebens, und Alles hatte dabei eine milde Abklärung, indem es mit dem wahren Gefühle verſetzt war, mit dem Vatergefühl. Er lächelte immer vor ſich hin, wenn er die Treppe hinabging, denn er wußte, die Menſchen ſagen jetzt: Wir haben den Mann gar nicht gekannt, er iſt ein höchſt bedeutender und tief fühlender Mann. Die Mitglieder der Ordens⸗Commiſſion, die, wie Prancken ihm beſonders eingeſchärft hatte, noch zu ſeinem Plane gewonnen werden mußten, behandelte er mit beſonderer Aufmerkſamkeit. So hatte die Krankheit Rolands dem Plan der Standeserhöhung eine neue Triebkraft gegeben und die Profeſſorin hatte widerwillig dazu mitwirken müſſen. Behntes Capitel. Bei der Fürſtin hatte man um Audienz gebeten, um ihr danken zu dürfen. Sie ließ erwidern, daß ihr die Profeſſorin willkommen ſei; Sonnenkamp war damit abgelehnt. Die Profeſſorin fuhr nach dem Schloſſe. Von Allem, was ſie in der letzten Zeit hatte erleben müſſen, erfuhr ſie nun das Pein⸗ lichſte; ſie mußte beiſtimmen, wie die Fürſtin von dem groß⸗ artigen Weſen Sonnenkamps, von ſeiner ausgebreiteten Wohl⸗ thätigkeit und ſeinem Hochſinn ſprach. Die Cabinetsräthin, die Palaſtdame der Fürſtin war, hatte das richtig unterlegt und die Profeſſorin durfte nicht widerſprechen. Wieder ſah ſie, in welche falſche Lage ſie gebracht war und wie ſie ſich zu unredlichem Spiel gebrauchen laſſen mußte. Und wenn die Menſchen erfahren, was ſie von Sonnenkamp bereits wußte, wie würde ſie ihnen erſcheinen? Prancken brachte die vorläufig vertrauliche Nachricht, daß Herrn Sonnenkamp ein Orden zuertheilt ſei. W— W— — 189— Das iſt der erſte Schritt, die erſte Stufe.“ Frau Ceres aber klagte: „So, das iſt für Dich; was bekomme denn ich?“ Sonnenkamp ſprach ſeine Zuverſicht aus, daß die Adelserhebung gewiß und bald käme. „Ach, das dauert ſo lang,“ klagte Frau Ceres. Er bekannte, daß es ihm ſelber ärgerlich ſei, wie formenſteif die Dinge in der alten Welt gehen, aber man müſſe ſich gedulden. „Freilich,“ erwiderte Frau Ceres,„es iſt doch ſchön, daß Du einen Orden haſt; nun ſieht man Dir in Geſellſchaft gleich an, daß Du kein Bedienter biſt.“ Wenige Tage darauf hielt Wagen um Wagen vor dem Hotel, Alles glückwünſchte zur Ordensverleihung. Sonnenkamp war ſehr beſcheiden. Ein bitterer Tropfen fiel in den Freudenkelch, da die Zeitung des Profeſſor Crutius unter der Ueberſchrift„Courszettel der Ehre“ die Nachricht brachte: Herr Sonnenkamp auf Villa Eden, ver⸗ pflanzt aus der Havanna, habe allerhöchſten Ortes das Verdienſt⸗ kreuz erhalten, man ſage, wegen ſeiner Verdienſte um Veredlung der Obſtzucht, die auch die Veredlung des Obſtzüchters in ſich ſchließe. Unter den ſchönen Bäumen im Garten Eden fehle nur noch der in unſerem geſegneten Vaterlande vornehmlich gedeihende Stammbaum. Es gab Schadenfrohe genug, die ihre Empörung über ſolche Biſſigkeit gegen Sonnenkamp ausſprachen; ſie lauerten dabei, welche Miene er dazu machte. Sonnenkamp that gleichgültig, heimlich aber ſetzte er ſich vor, die tugendſtolzeſte aller moraliſchen Perſonen, die ſogenannte öffentliche Meinung, ebenfalls zu beſtechen. Er ging auf die Redaction. Er wurde in ein Zimmer gewieſen, wo er Profeſſor Crutius traf, der ihn mit ausnehmender Höflich⸗ keit empfing. Sonnenkamp ſagte, daß er Scherz verſtehe; er ſei von Amerika her an Oeffentlichkeit gewöhnt. Erutius fand nicht nöthig, etwas darauf zu erwidern. Sonnenkamp äußerte, wie er ſich freue, Profeſſor Crutius in ſo bedeutſamer Stellung zu finden; dieſer machte eine dankende Verbeugung. Im Redactionszimmer brannte eine kleine Gasflamme; Sonnenkamp bat um die Er⸗ laubniß, ſeine Cigarre rauchen zu dürfen, und bot Crutius eine ſolche an. Mit verbindlichem Dank willfahrte Crutius. „Ich erinnere mich recht wohl,“ begann Sonnenkamp,„daß . 6—. ——— 2———————* — Sie damals, als ich die Ehre Ihres Beſuches hatte, ein kühnes, aber treffendes Wort ſagten; Sie hatten den Muth, zu ſagen, Amerika ginge der Monarchie entgegen.“ „Ja wohl,“ entgegnete Crutius halb ſcherzend, halb ernſt, „und ich habe das nicht blos als Thema zu beliebter Anſprache hingeworfen; ich war der Anſicht, daß es als ein Vorzeichen der Monarchie angeſehen werden konnte, wie ſich damals in Amerika* die Beſſeren von der Politik zurückzogen.“ 1 Crutius machte eine Pauſe und Sonnenkamp fragte: „Und dieſer Anſicht ſind Sie nun nicht mehr?“ Sonnenkamp hatte ſelbſt das Gerücht verbreitet, er ſtehe in Verbindung mit der Gründung des mexikaniſchen Kaiſerthums und ſi daß von dort aus die monarchiſche Regierungsform in der neuen Welt ſich weiter ausdehnen ſollte; er fand einen unſchädlichen, nach gewiſſer Seite mit Ehren begrüßten Ruf darin, als Agent für eine in den Südſtaaten der Union zu gründende Monarchie zu gelten. Crutius antwortete lange nicht, er ſah mit lächelndem Blick auf den vor ihm Sitzenden und ſagte endlich: 3„Ich bin der Anſicht nicht mehr. Die Läſſigkeit der Beſſeren hat in Amerika aufgehört. Das zeigt ſich in den öffentlichen Blättern wie in Verſammlungen, und Herr Weidmann hat mir auch Briefe ſeines Neffen, des Doctor Fritz, mitgetheilt, aus denen deutlich hervorgeht, daß eine Wendung zum Beſſern eingetreten; Alles iſt 5 wieder politiſcher Kampf und Partei.“ „Ah, Herr Weidmann,“ nahm Sonnenkamp auf.„Wie ich 3 höre, iſt er bei Ihrer Zeitung betheiligt.“ 3„Ich kenne keinen Mann, ich kenne nur die Partei.“ „Echt amerikaniſch. Recht ſo!“ rief Sonnenkamp und fuhr fort, in behaglichem Tone zu erklären, wie man nur bedauern könne, daß die hieländiſche Preſſe noch weit entfernt ſei von dem großen Maßſtabe anderer Völker und Länder; er wäre daher nicht abgeneigt, wenn ein Mann von der bewährten Welterfahrung des Profeſſors eine neue Zeitung gründen wolle, mit genügenden 3 Mitteln ſich zu Gebote zu ſtellen, er ſelbſt könne aus ſeiner Corre⸗ 3 ſpondenz auch wol manches Bedeutſame mittheilen. z„Die Sache iſt zu überlegen,“ führte Crutius weiter. Er ging an die Kaſſe und öffnete ſie; er hatte die Abſicht, Herrn Sonnen⸗ kamp das früher Geſpendete wieder zurückzuerſtatten, aber er ſagte faſt mit Worten vor ſich hin:„Nein, noch nicht; Du ſollſt eine — 191— öffentliche Quittung zu gleicher Zeit haben.“ Er verſchloß die Kaſſe, ſetzte ſich wieder Sonnenkamp gegenüber und begann: „Ich muß noch um Entſchuldigung bitten. Als ich die Ehre hatte, Sie auf Ihrer Villa zu beſuchen, hielt ich Sie für einen gewiſſen Banfield.“ Lauernd ſah er dabei in die Mienen Sonnenkamps, der mit großer Ruhe erwiderte: „Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir das ſagen; es iſt immer gut, ein Mißverſtändniß geradezu von Mann zu Mann aufzuklären. Ich bin leider vielfach mit dem Manne verwechſelt worden und eigens einmal nach Virginien gereiſt, um meinen Doppelgänger kennen zu lernen, aber gerade, als ich ankam, war er geſtorben.“ „So? Ich habe nichts von ſeinem Tode gehört und wundere mich, daß der Neffe des Herrn Weidmann, der mit dieſem Herrn Banfield in offenem Kriege ſtand, uns noch nichts davon berichtet hat. Es iſt in der That auffallend, wie Sie in der ganzen äußern Erſcheinung ihm ähnlich ſehen. Ich werde nun natürlich, wenn ich den Nekrolog Banfields ſchreibe, dies nicht erwähnen.“ „Mich ſelbſt,“ lächelte Sonnenkamp,„würde das nicht ſtören, aber meiner Frau und meinen Kindern wäre ſolch eine Ver⸗ gleichung wahrſcheinlich höchſt unangenehm.“ Crutius betheuerte, daß ihm alle Perſönlichkeiten gleichgiltig ſeien; er habe es nur mit den Principien zu thun. Sonnenkamp lobte dies Verfahren, er nannte das einen Vorzug der euro⸗ päiſchen Bildung. Sehr höflich geleitete Crutius Herrn Sonnenkamp durch das Expeditionszimmer bis an die Treppe. Als er aber wieder in die Redaction zurückkam, öffnete er das Fenſter, es ſchien ihm dumpfig. „Und er iſt es doch,“ ſagte er vor ſich hin.„Gib Acht, Ritter des Verdienſtordens, ich halte Dich auch an einem Bande; noch eine Weile ſollſt Du mir flattern.“ Er ſuchte das Blatt, worin die Notiz geſtanden, machte einen rothen Strich und drei Ausrufungszeichen an den Rand und ver⸗ ſchloß das Blatt in einem beſondern Fache, in welchem„Künftig zu Benutzendes“ aufbewahrt war. — 102 Elftes Capitel. Der Prinz mußte vergeſſen haben, daß er Sonnenkamp hatte rufen laſſen wollen; auch dem Fürſten konnte Sonnenkamp nicht perſönlich den Dank abſtatten, denn er wie der Prinz und mehrere Cavaliere des Hofes, unter ihnen Prancken, hatten ſich nach einem Jagdſchloſſe begeben, wo große Frühjahrsjagden abgehalten werden ſollten. Prancken war verſtimmt abgereiſt, denn er fand es ungehörig, daß Sonnenkamp ſich in eine Beziehung mit dem Zeitungsſchreiber eingelaſſen habe. Im Hotel Victoria war es ſtill; die Profeſſorin und Claudine waren nach dem grünen Häuschen zurückgekehrt. Roland bat und drängte jeden Tag, daß man die Reſidenz verlaſſe. Endlich wurde ihm willfahrt, und Sonnenkamp ließ ſein Haus, ſeine Diener, den Park und die Treibhäuſer den hellen Schmuck ſeines Knopf⸗ loches ſchauen. Dieſes war und blieb ein gutes Gedentzeichen, das man von dem in Freud und Leid ſo bewegten Winter mit⸗ gebracht hatte. Roland konnte nicht aufhören, Alles mit neuer Freude zu begrüßen; zum erſten Mal und in der ganzen Fülle ſeiner Macht ſchien das Gefühl der Heimatlichkeit in ihm zu erwachen. „In den Wirthshäuſern,“ ſagte er zu Erich,„und da, wo man nicht in ſeinem Eigenen iſt, lebt man immer wie auf der Eiſenbahn; ich habe geſchlafen, aber das Klappern der Wagen in den Schlaf hinein gehört. Jetzt ſind wir wieder daheim und jetzt habe ich in der Nachbarſchaft ſo viel gute feſte Menſchen. Und die Hunde ſind auch glückſelig, daß ich wieder da bin, die Mara hat mich zuerſt fremd angeblinzelt, dann aber hat ſie mich erkannt und die Jungen ſind prächtig; jetzt wollen wir recht fleißig und luſtig ſein. Ach, ich möchte einen Baum pflanzen zum Andenken an dieſen Tag und Du ſollteſt einen daneben pflanzen. Meinſt Du nicht auch, Du ſeieſt jetzt erſt auf die Welt gekommen und Alles, was früher geweſen, habeſt Du ein⸗ mal geträumt? Ach, wenn man nur etwas herſtellen könnte, das Einem immer ſagt: Erinnere Dich, ſo glücklich warſt Du und ſo glücklich biſt Du. O, wie ſchön iſt es hier! Der Rhein iſt viel breiter, als ich gewußt habe, und wie ſchauen mich die Berge an, ich meine, ich habe ſie geſehen in meiner Krankheit, aber ſo ſchön nicht, wie ſie ſind.“ „— Er ging mit Erich am Ufer entlqſg öblich hielt er ſtill gine 9 und ſagte: „Horch, die Wellen klatſchen ans Ufer! Das hat ſich ſo fort bewegt und ſo getönt Tag und Nacht, derweil ich nicht da war. Ach, wie ſchön wird es ſein— lockt Dich das Rauſchen nicht auch?— Ach, wenn wir wieder in den Wellen ſchwimmen; ich meine, es wär' vor Jahrhunderten geweſen, als wir es zuletzt gethan... Und ſieh das Gras, wie ſchön grün, und die Hecken dort! Die grünen Blätter und Knospen möchten auf Einmal heraus und rufen: wir ſind da!“ Unaufhörlich, wie aus einem ſprudelnden Quell, kamen Ge⸗ danken und Gefühle aus der Seele des Jünglings. Er freute ſich, daß alle Begegnenden ihm ſagten, er ſei viel größer geworden und ſehe ganz männlich aus. Er empfand das ganze Glück des Frühlingwerdens und der Geneſung zugleich. Nur allmälig konnte man wieder in den Unterricht übergehen. Roland und Erich betheiligten ſich vorerſt eifeig an der Baum⸗ zucht und Sonnenkamp unterwies ſie. Im Garten, den man Nizza nannte, ſchwellten ſich die Knospen, ein würziger Frühlingshauch ſchwebte über dem Strom und über der Landſchaft, es war ein Duft, wie wenn die Luft über weithin ſich erſtreckende Veilchenfelder geſtrichen wäre. Im Hauſe war Heiterkeit wie noch nie, ſelbſt Frau Ceres konnte ſich ihr nicht entziehen, denn Rolands Weſen ſtrömte ſo viel Wonne aus, daß Jegliches davon erfüllt wurde; dazu hatte Roland etwas im Herzen, was er nur gegen die Profeſſorin kundgab, aber auch ihr nur andeutete. Zu ſeinem Geburtstage, der auch der Tag war, an welchem Erich eingetreten, wollte er Allen eine Freude bereiten, an die ſie gar nicht denken. Es grünte und blühte, die Vögel ſangen, auf dem Strom ſchwammen Schiffe fröhlich auf und ab. Da fand man am Tage vor ſeinem Geburtstage einen Brief Rolands auf ſeinem Zimmer, worin er ankündigte, man ſolle ruhig ſein, er käme andern Tages wieder und bringe das Schönſte mit. Es wurde nachgeforſcht und bald ergab ſich's, daß Roland mit Lutz nach dem Kloſter abgereiſt ſei. Anerbach. Landhaus am Rhein. II. —— —— — Zwölftes Capitel. Unweit der Inſel hielten zwei Dampfſchiffe, das eine ging zu Berg, das andere zu Thal. Auf dem zu Thal gehenden war Roland. Er fragte, warum man nicht anlege; der Capitän deutete ſtill nach der Kloſterinſel. Auf der Inſel gingen die Nonnen und ein Prieſter mit den Chorknaben hinter einer Bahre, die weißgekleidete Mädchen trugen; die Bahre war überdeckt von Blumen und die Kinder ſangen in die helle Frühlingsluft hinaus. Roland erzitterte ins Herz. Er war ans Land geſtiegen und ſtand am Ufer beim Fergen, der ihn nach der Inſel überfahren ſollte. Der Ferge ſchüttelte den Kopf und ſagte leiſe: „Jetzt nicht! Jetzt nicht! Oder ſind Sie vielleicht ein Ver⸗ wandter von dem Kind?“ „Welches Kind?“ „Drüben im Kloſter iſt ein Kind geſtorben, ach, ein wunder⸗ ſchönes Kind; wer es geſehen, dem hat das Herz im Leibe gelacht. Da hat unſer Herrgott nicht viel zu ändern, wenn er daraus ein Engelchen macht.“ „Wie alt war das Kind?“ „Sieben, höchſtens acht Jahr. Still, jetzt kommen ſie.“ Die Glocken läuteten in die Frühlingsluft hinein, die Weih⸗ rauchwölkchen ſtiegen auf und der Zug bewegte ſich am Ufer hin. Der Ferge hatte ſeinen Hut abgezogen und betete mit gefal⸗ teten Händen; auch Roland entblößte ſein Haupt und ſtarrte nach der Inſel; der Zug ging weiter, dann verſchwand er und es war ſtill. Jetzt ſenken ſie die jugendliche Leiche in die Erde, die Vögel ſingen, kein Lüftchen regt ſich, ein Dampfſchiff kommt ſtromauf. Der Zug kommt wieder zum Vorſchein, ſingend, er verſchwindet in den offenen Pforten des Kloſters. „So,“ ſagte der Ferge,„Jjetzt will ich Sie hinüberfahren.“ Roland wünſchte nun, noch am Lande zu bleiben; er wollte in dieſer Stunde ſeine Schweſter nicht überraſchen, ſie ſollte erſt zur Ruhe kommen. Er that wohl daran, denn von Allen im Kloſter war Nie⸗ mand ſo tief traurig als Manna. Heimchen, das holde Kind, hatte es ein Jahr lang ausgehalten, es und machte gute Fortſchritte im Lernen, kam, welkte es dahin wie eine Blume, zu früh in die Kälte hinausgeſetzt war. Wie hatte Manna das Kind gepflegt, Tag und Nacht, und wie glücklich war es mit ihr! Eine viſionäre Weisheit wat über das Kind gekommen, es ſagte Manna oft, daß es Gott und allen Engeln im Himmel von Manna erzählen wolle; es freute ſich auf den Himmel wie auf eine Weihnachtsbeſcherung. Mitten aus Allem heraus bat es dann Manna wieder: „Erzähle mir von Roland. Ich ſeh' ihn wie er rennt mit Bogen und Pfeil, und ach, er iſt ſo ſchön!“ Manna erzählte und ſie konnte Heimchen immer lachen machen, wenn ſie nachahmte, wie Rolands junge Hunde durch einander torkelten. Wenn Manna dem Kinde bisweilen mit großen Augen an und ſagte: ſchien heiter zu werden aber als der Frühling die, in der Stube erzogen, Harfe ſpielte, ſah es ſie „Mama ſpielt auch Harfe... So ſchön,.. Der Arzt und die Hoſpitalnonne, die die ärztliche Kunſt ver⸗ ſtand, bedrängten Manna, ſich mehr Ruhe zu gönnen, aber Manna war ſtark und ließ nicht ab; in ihren Armen ſtarb das Kind und ſein letztes Wort war: „Guten Morgen, Manna, jetzt iſt nicht mehr Nacht.“ Alles hatte Manna erlebt. Sie hatte mit angeſehen, wie eine Novize eingekleidet wurde und wie eine Mitſchülerin in das No⸗ viziat eintrat, das aber war nur ſtarke, frohmuthige, freie Ent— ſagung. Nun hatte ſie den Tod eines Kindes erlebt, das ab⸗ gefallen war leiſe und ſtill vom Baume des Lebens wie eine Blüthe, die vom Zweige fällt. Manna hatte am untern Ende der Bahre das Kind mit zu Grabe getragen, ſie hatte drei Schollen Erde auf den Sarg ge— worfen, ſie hatte keine Thräne vergoſſen. Erſt als der Geiſtliche ausführte, daß das Kind von dieſer Erde abgerufen wurde, gleich einem Kinde, das der Vater von dieſem Spielplatz, den man Erde nennt, in das Haus zurückruft, damit es nicht Schaden leide, erſt da weinte ſie bitterlich. Zurückgekehrt vom Friedhof ging ſie nochmals an das leere Bettchen Heimchens und betete, daß Gott ihr gewähren möge, ſo rein in die Ewigkeit einzugehen wie das Kind. Und nun war und weint.“ 165— ſie gefaßt, die Zeit konnte nicht mehr fern ſein, wo ſie noch auf eine kurze Weile in das Getümmel des Lebens zurückkehrt, bis der Vater aller Menſchen ſie von dieſem Spielplatz in ſein ſchützendes Haus zurückruft. Es war ihr, als hörte ſie jetzt ſchon Stimmen aus der lärmenden Welt, die ſie noch einmal hinauslockten; ſie mußte ihnen gehorchen, aber ſie war feſt und ſicher, daß ſie treu wieder zurückkehrte in die einzige Heimat hier. Sie ging hinab auf die Inſel, ſie ging nach ihrem Platz unter der Tanne, wo ſie ſo oft gearbeitet; dort war noch das kleine Bänkchen, wo Heimchen in ihrer Nähe, faſt zu ihren Füßen, geſeſſen hatte. Hier ſaß Manna lange. Welche Wirrniſſe konnte das Leben noch in dieſem einzigen Jahr über ſie bringen... Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu Heimchen und ſie drängte ſich der jungen Seele nach in die himmliſche Cwigkeit. Da hörte ſie Schritte; ſie ſchaute auf, ſie ſah einen Jüngling, er glich Roland, aber er war viel größer, viel mannhafter. „Manna, Manna!“ rief Roland auf ſie zueilend. Sie erhob ſich und mit einem lauten Schrei lagen ſich Bruder und Schweſter in den Armen. „Setz Dich zu mir,“ ſagte Manna endlich. Sie ſetzten ſich auf die Bank unter der Tanne, und Manna erzählte, auf das Bänkchen deutend, von Heimchen, und wie ſie dem ſeligen Kinde oft von Roland habe erzählen müſſen. Roland erinnerte an jenen ſonnigen Tag, da Heimchen ſich an ihn ge⸗ ſchmiegt und gerufen hatte: Ich mag Dich. Manna ſagte, daß das Kind am Heimweh geſtorben ſei. „Ja, Roland, Du verſtehſt es noch nicht, aber Du wirſt es lernen; unſer ganzes Leben iſt nichts als Heimweh nach der himm⸗ liſchen Heimat, und wohl dem, der daran ſtirbt.“ Roland war von der bis zur Verzückung geſpannten Aufregung ſeiner Schweſter betroffen. Er umarmte Manna nochmals, küßte ſie und Beide weinten und wußten nicht recht warum. Mit Ruhe und Beſtimmtheit ſagte er dann, daß ſie zunächſt mit ihm in ihre irdiſche Heimat zurückkehren ſolle. Er wollte ſie auf Anderes lenken und erzählte, wie er Theater geſpielt und als Page in ſeidenen Gewändern photographirt ſei und wie der Vater einen Orden erhalten und ihm ein Geheimniß anvertraut habe. „Der Vater... Dir ein Geheimniß?“ fragte Manna ſtarren Blickes. — 197— „Ja, und ein ſchönes, auch darüber freuen.“ Die Mienen Manna's wurden wieder ruhig. Roland berichtete nun, wie er in ſeinen Fieberphantaſien immer mit ihr verkehrt habe und wie ſie ſich freuen ſolle, daß er noch lebe. „Du lebſt,“ rief Manna,„Du ſollſt leben.“ Roland erinnerte, daß morgen ſein Ge burtstag und nun ſein einziger Wunſch ſei, ſie möge an dieſem Tage mit ihm zu den Eltern zurückkehren. „Ja, ich gehe mit Dir,“ rief Manna,„und am beſten iſt es, gleich.“ Hand in Hand gingen Bruder und Schweſter nach dem Kloſter. Manna erklärte der Oberin, daß ſie mit ihrem Bruder heimkehre; die Oberin billigte das und ſegnete ſie. Nun eilte Manna in fieberiſcher Aufgeregtheit zu den Ronnen und Mitſchülerinnen und ſagte Allen Lebewohl; dann ging ſie in die Kirche und betete ſtill und zuletzt mußte noch Roland mit ihr nach dem Grabe Heimchens gehen. Roland betrachtete eine Reihe ordnungsmäßig ohne jegliches Gedentzeichen neben einander liegender Gräber. Manna erklärte a uf ſeine Frage, daß hier Nonnen begraben ſeien. „Das iſt doch hart,“ ſagte er, namenlos.“ „Es iſt nur natürlich,“ entgegnete Manna nimmt, legt ſeinen elterlichen Namen ab unden an, der gehört ihm nur bis zum Tode, Anderes über.“ „Das iſt viel, ich verſtehe wohl: nicht aufs Grab ſchreiben und de liegen da auch Adelige begraben.“ „Ja wohl, die. meiſten waren Adelige.“ „Was würdeſt Du ſagen, wenn wir auch adelig würden?“ „Roland, wie magſt Du ſo reden?“ fuhr Manna auf.„Hier das? Komm fort! Solche Gedanken entweihen die Gräber.“ Sie zog Roland fort aus dem kleinen Begräbnißplatze, ſie ging mit ihm den Kiesweg, aber plötzlich ließ ſie ihn ſtehen, großes, ehrenvolles, Du wirſt Dich „auch nach dem Tode noch „„wer den Schleier immt einen heiligen dann geht er auf ein den Nonnennamen kann man n wirklichen auch nicht; gewiß 8* ——— — 198— kehrte nochmals zurück und kniete am Grabe nieder, dann erſt kam ſie zu Roland. Lutz ſtand mit dem Gepäck bereit. Manna ſtieg in den Kahn; ſtromauf der Heimat zu fuhren Bruder und Schweſter. Alles auf dem Schiff betrachtete mit neugierigem Wohlgefallen das Geſchwiſter⸗ paar, dieſes aber ſaß ſtill Hand in Hand und ſchaute hinaus in die Landſchaft. „Sag mir,“ bat Roland,„warum haſt Du damals, als Du ins Kloſter gingſt, geſagt, Du ſeieſt auch eine Iphigenia?“ „Ich kann es nicht ſagen.“ „Wohl kannſt Du, ich verſtehe es. Ich habe allein und mit Erich die Iphigenia von Euripides und die von Gvoethe geleſen, Du gleichſt aber doch keiner.“ Es war nur... Ach, laß es vergeſſen ſein.“ 77*+* D*—*„„. „Weißt Du auch,“ rief Roland,„daß Iphigenia die Gattin des großen Helden Achilles wurde und mit ihm auf der Inſel Leuke in der ſeligen Gwigkeit lebte?“ Manna verneinte und Roland erzählte von der Abbildung des pompejaniſchen Wandgemäldes, die ihm die Profeſſorin ge⸗ zeigt: Der Prieſter Kalchas hält das Opfermeſſer, Diomedes und Odyſſeus tragen Iphigenia zum Altar, Agamemnon verhüllt das Antlitz und Artemis läßt durch eine ihrer Nymphen die Hirſchkuh herbeiführen, damit ſie ſtatt Iphigenia geopfert würde. „Du haſt ja allerlei gelernt,“ lächelte Manna. „Erich ſagte mir,“ fuhr Roland fort,„daß das Opfer der Iphigenia ganz aus demſelben Grunde ſtammt, wie die Erzählung vom Opfer des Iſaak. In alten Zeiten glaubten die Menſchen, daß man die Gottheit durch Opfer verſöhne.“ Die Mienen Manna's verfinſterten ſich; da iſt ja die in den Grund verderbende Ketzerei. Sie konnte nicht zu Worte kommen, denn Roland rief: „Jetzt weiß ich es! O, wie ſchön! Hreſt mußte die Schweſter aus dem Tempel von Tauris holen, wo ſie Prieſterin war... Das iſt's! Ja, das haſt Du geahnt! Ach, das wird Erich freuen! Aber als Iphigenia mit ihrem Bruder zu Schiffe war, hat er ihr gewiß viele Dummheiten vorgemacht und ſie hat gewiß auch gelacht. Kannſt Du denn gar nicht mehr lachen? Du haſt immer gelacht wie eine Waldtaube. Lach doch einmal!“ Er lachte von ganzer Seele, aber die Mienen Manna's — 190— erheiterten ſich nicht, und während der ganzen Fahrt blieb ſie ſtill in ſich gekehrt. Nur Einmal, als das Schiff auf ſeiner Fahrt mitten in der Strömung plötzlich anhielt, fragte ſie: „Was iſt das?“ „Wenn ich ungeduldig werde, erinnert mich Erich daran. Sich da drüben fährt ein ſchwer beladenes Frachtſchiff und da muß das Dampfſchiff ſeine Kraft mäßigen, damit das Frachtſchiff nicht, von den Sturzwellen überſtürzt, unterſinkt. Sieh, Roland, ſagt er dann, ſo müſſen wir es auch im Leben halten; wir dürfen nicht rückſichtslos dahin ſtürmen, wir müſſen an die Beladenen auf demſelben Lebensſtrom denken und Acht haben, daß ſie von den Wellen, die wir aufwühlen, nicht untergehen.“ Manna ſah ihren Bruder nachdenklich an, ſie ahnte, wie er in Geſellſchaft eines Mannes war, der alles Gegenwärtige ins Bild⸗ liche umſetzte; etwas von jener Kraft, die in allem Erſcheinungs⸗ leben den Gedanken ſucht und findet, ſchien ihr außzugehen. Sie ſchüttelte den Kopf, nahm ihr Brevier vor ſich und las eifrig darin. Es war Abend geworden. „Sieh dort den Sonnenglanz auf der Glaskuppel,“ ſagte Roland,„bald ſind wir daheim. Sie denken wol dort, daß Du mit mir kommſt.“ „Daheim, daheim!“ hauchte Manna leiſe vor ſich hin. Der Viderſchein auf der Glaskuppel ſchien ſie zu blenden, ſie drückte die Augen zu. Preizehntes Capitel. An der Landungsbrücke hielten zwei Geſpanne. Sonnenkamp umarmte und küßte ſeine Tochter; ſie ließ es geſchehen, aber ſie erwiderte es nicht. Wie erſchreckt wendete Manna den Blick nach dem Dampfſchiff, das, nachdem es raſch abgeladen was nicht bleiben wollte, wieder davonfuhr. „Die Mutter iſt dort im Wagen,“ ſagte Sonnenkamp und bot Manna den Arm; ſie legte ſchüchtern ihre Hand in ſeinen Arm und ging nach dem Glaswagen, wo Frau Ceres mit Fräulein Perini ſaß; ſie umarmte die Mutter heftig. — — 3 4 ——— — 200— Sonnenkamp ſtieg mit Roland in den andern Wagen und man fuhr nach der Villa. Er murmelte etwas vor ſich hin, er hatte die Stimme Manna's noch gar nicht gehört. „Wo iſt Erich?“ fragte Roland. „Bei ſeiner Mutter im grünen Hauſe. Es iſt rückſichtsvoll von dem Fremden, daß er ſich mit den Seinen zurückgezogen, um die Familie ſich allein zu überlaſſen.“ Roland ſtaunte bei dieſen Worten. Sind Erich und die Seinen denn Fremde? Man kam auf der Villa an, auch Fräulein Perini zog ſich ſchnell zurück; ſie ging nach dem Pfarrhaus und von dort wan⸗ derte bald ein Bote nach der Telegraphenſtation. Die Eltern waren allein mit den Kindern, aber es war, wie wenn im Zimmer ein Luftzug wäre, der die Ruhe und geſchützte Behaglichkeit verſcheucht. Sonnenkamp und Roland begleiteten Manna nach ihrem Zimmer, ſie war erfreut, Alles in der alten Ordnung zu finden, und als ſie den offenen Kamin mit ſchönen lebendigen Blumen ausgefüllt ſah, wendete ſie ſich um und ſagte: „Ich danke Dir, Vater.“ Jetzt reichte ſie dem Vater freiwillig die Hand, aber es durch⸗ ſchauerte ſie, als ſie den Ring am Daumen gewahrte. Der Vater ließ die Geſchwiſter allein. Roland drang in Manna, daß ſie noch heute die Mutter und Tante Erichs beſuche. „Ach, Du mußt ſie auch lieb haben,“ drängte er. „Ich muß? Man kann zu keiner Liebe zwingen. Laß Dir ſofort ſagen, Roland.. doch nein, es iſt nicht nöthig.“ Sie willfahrte endlich und ging mit Roland durch die neue Thür über die Wieſe am Ufer entlang. „Dort geht Erich.— Erich! Erich!“ rief Roland laut. Der Wandelnde kehrte ſich nicht daran, ging weiter und ver⸗ ſchwand im Weidengebüſch. Roland und Manna kamen zur Profeſſorin, die ſie an der Treppe erwarlete und Manna herzlich willkommen hieß. „Er ließ mir keine Ruhe, ich mußte ſogleich zu Ihnen,“ ſagte Manna. „So? Alſo auch mit Ihnen macht er, was er will?“ ſchalt die Mutter.„Er hat Ihnen gewiß viel von mir erzählt und wird Sie zwingen wollen, mich lieb zu haben. So ſehr es mich freuen wird, wenn wir gute Freunde werden, ſo wenig wollen wir uns einander aufdrängen laſſen.“ Manna erzählte vom Tode Heimchens, das die Profeſſorin auch gekannt, und die Art, wie die Profeſſorin den Schmerz der Jungfrau, die ein Kind bis zum Tode gepflegt, zu mildern ſuchte, bildete einen beruhigenden Uebergang. Manna fühlte ſich wohlig angeſprochen von dieſer ruhig ge⸗ faßten in ſich harmoniſchen Natur. Sie ſchaute ſich um in der Stube, es fehlte jedes Heiligenbild. Als ſie die Nähmaſchine ſah, bat ſie die Profeſſorin, ihr deren Handhabung zu zeigen; ſie war ſofort bereit. Nun kam auch Tante Claudine und be⸗ grüßte Manna freundlich. „Du und die Tante,“ drängte Roland wieder,„Ihr habt zwei Dinge mit einander gemein, ſie iſt eine Sternguckerin wie Du und ſpielt auch Harfe wie Du.“ Claudine ließ nicht lange bitten und ſpielte Manna etwas auf der Harfe vor. „Ich werde Ihnen ſehr dankbar ſein, wenn Sie mich zur Schülerin annehmen,“ ſagte Manna und reichte Claudine die Hand. Der Abend brach herein. Die Profeſſorin und Claudine ge— leiteten die Geſchwiſter auf den Heimweg, da begegnete ihnen Erich. „Ach, endlich!“ rief Roland.„Nun, Manna, das iſt er!“ Erich zog den Hut ab, Manna verbeugte ſich höflich. „Warum ſprecht Ihr denn nicht? Habt Ihr denn Beide das Sprechen verlernt? Erich, das iſt ja meine Schweſter Manna... Manna, das iſt ja mein Freund, mein Erich.“ „Beruhige Dich, Roland,“ ſagte Erich. Manna ſchaute auf beim Tone ſeiner klangvollen Stimme.„Ja, Fräulein,“ fuhr er fort,„zum zweiten Male nun ſehe ich Sie in der Dämmerung...“ Manna wollte ihm ſagen, daß ſie ihn auch am Tage geſehen, damals als ſie ihn nicht ſprechen, aber ſo erhabene Töne ſingen hörte; ſie unterdrückte jedoch dieſe Kundgebung. Es trat eine Pauſe ein. Erich bemerkte ſcherzend, daß Roland nun zum zweiten Mal eigenmächtig davon gereiſt ſei. „Ja,“ rief dieſer.„Jetzt iſt gerade die Stunde, da ich vor einem Jahr davon gelaufen bin, und ich bin ſo alt wie der Lach⸗ geiſt, von dem mir der Fuhrknecht erzählt.“ —— deReMe — Er berichtete nun die Geſchichte, man hörte ihm willig zu. Als er geendet, ſagte Erich, er wolle heut bei ſeiner Mutter bleiben und die Familie allein laſſen. Roland wollte das nicht zugeben, aber Manna's Auge, das in der Dunkelheit glänzte, ſchien größer zu werden. An der neuen Thür nahm Erich mit den Seinen Abſchied. Roland ging mit ſeiner Schweſter nach der Villa, Erich mit den Seinen nach dem grünen Hauſe. Zum zweiten Mal hatte er Manna geſehen und zum zweiten Mal faſt nur ihr leuchtendes Auge. Als Manna allein in ihrer Stube war, dachte ſie: Wie wunderlich, daß dieſer Mann Aehnlichkeit mit dem Bilde des heiligen Antonius haben ſoll! Es ſchien durchaus kein Vergleich möglich; es mochte ein Blick ſein, der einmal Roland daran er⸗ innert hatte, ein Ausdruck der Augen, denn auch ſie hatte von Erich nur die hohe Geſtalt und das Auge inne. Sie kniete lange im Gebet auf ihrer Stube. Als ſie ſich niederlegte, zog ſie eine kleine Schnur, die ihr eine Nonne als Bußgürtel übergeben hatte, feſter um die Hüfte, ſo daß es ihr ins Fleiſch ſchnitt. hierzehntes Capitel. Von jenem Morgen her, da Roland zum erſten Male einſam hatte die Sonne aufgehen ſehen, ſtand der Vorſatz in ihm, jedes Jahr einmal und wo möglich am gleichen Tage ſich den Anblick zu erneuen. So weckte er nun Erich am Morgen, bevor es tagte. Sie gingen mit einander nach einer Anhöhe, ſie ſprachen kaum ein Wort und ſahen allmälig das Licht aufgehen, dann wanderten ſie weiter und weiter, und Roland erinnerte Erich an das Vorhaben, das er ihm einmal geäußert, wie er den Empfindungen beim Sonnenaufgang auf dem Rigi einen gemein⸗ ſamen feierlichen Ausdruck hatte geben wollen. Jetzt verſtand er, was Erich gewollt und warum es unmöglich war. An ſeinem Geburtstage war Roland mit Erich zuerſt allein draußen in der freien Welt, dann kehrten ſie heim nach der Villa. *„ ————— Als ſie im Thale ankamen, läuteten die Glocken und ſie ſahen Manna nach der Kirche gehen. Auch Sonnenkamp war ſchon früh auf, er ging zur Profeſſorin und ſagte, wie er ganz in ihren Plan eingegangen; er finde es ſehr ſchön, daß fürſtliche Kinder ihren Geburtstag damit feiern, daß ſie nichts erhalten, ſondern geben. Er dankte der Profeſſorin noch beſonders, daß ſie ihren Plan als ſeinen wollte gelten laſſen, er übernehme nur ungern etwas, das an Unwahrheit ſtreife, aber dem Kinde zu lieb dürfe er es. Die Profeſſorin preßte die Lippen zuſammen. Dieſer Mann, deſſen ganzes Leben eine Lüge iſt, ſpielt ihr gegenüber den Wahr⸗ haftigen; ſie hatte ſich aber bereits an den Gedanken gewöhnt, daß man beim Guten, das geſchieht, nicht immer nach den Quellen und Beweggründen fragen darf. Sie ging mit Sonnenkamp nach der Villa. Als man dort ankam, fuhr ein Wagen vor; Prancken ſtieg aus. Er ſagte, daß er zum Geburtstage Rolands gekommen, und war hoch erfreut, als er hörte, daß auch Manna da ſei; er hatte nicht nöthig, Kunde von dem Telegramm zu geben, das Fräulein Perini an ihn gerichtet. Als er auf der Terraſſe nach der Rhein— ſeite ſtand, ſah er Manna, wie ſie mit einem kleinen Buche in der Hand auf und ab wandelte und leiſe die Lippen bewegte. Fräulein Perini kam bald und flüſterte mit Prancken, ſie war ſtolz, das feine Netz der mit Edelmuth ſich ſchmückenden Profeſſor⸗ Familie durchgeriſſen zu haben, denn es war ihr offenbar, daß Erich den Plan zur Abholung Manna's ſeinem Zögling eingeimpft habe; die Umgarnung habe ſchon geſtern Abend begonnen, Manna ſei nach dem grünen Hauſe geführt worden und ſehr befriedigt von dort zurückgekehrt, vor Allem ſei ſie entzückt von der Tante. Manna kam endlich nach der Terraſſe und wieder reichte ſie Prancken die linte Hand, denn in der rechten hielt ſie ihr Gebet⸗ buch. Prancken äußerte ſich ſehr erfreut darüber, daß keine Blüthe am ſchönen Frühlingsbaume der Familie fehle; und da er fort⸗ fuhr, ſich in die Seele Manna's zu verſetzen und ihr nach— zuempfinden, wie es ſein müſſe bei der Rücktehr ins elterliche Haus, ſagte ſie ruhig: „Unſer Haus iſt ein Zelt, das aufgeſchlagen und wieder ab⸗ gebrochen wird.“ Prancken faßte dieſen hingeworfenen Gedanken raſch; er hatte * 5 4 % —— . 5 5 6 . — ————— 5 — — 204— ſich genugſam in die geiſtliche Redeweiſe eingelebt, um die Reihe von Betrachtungen und Anſchauungen zu ermeſſen, aus welchen dieſer einzelne Ausſpruch hervorgetreten war. Eine gewiſſe converſationelle Verſchliffenheit, in welcher Prancken einige allgemeine Betrachtungen vorbrachte, befremdete Manna zuerſt, aber ſie ſchien doch erfreut, den gewandten Mann in dieſem Gebiete heimiſch zu ſehen. Sie fand ſich ihm näher, da er, zu ihrer Kirche gehörig, mit ihr im ſelben Reiche lebte, und ſie ſchlug die Augen nieder, da Prancken, den von ihr geſchenkten Thomas a Kempis aus der Taſche ziehend, ſagte, wie er ihr durch dieſe Gabe das Beſte verdanke, was er ſei. „Bitte, ſtecken Sie das Buch wieder zu ſich,“ ſagte Manna ſchnell, denn ſie hörte die Stimme der Profeſſorin und des Ma⸗ jors, die näher kamen. Prancken that, wie ihm geheißen, er hielt die Hand auf das Buch, das an ſeinem Herzen ruhte, und ſah Manna mit einem vollen Blicke an; er war glücklich und befriedigt, ein Geheimniß und ſicheres Einverſtändniß war zwiſchen ihnen. Der Major muſterte Manna wie einen Rekruten; ſie mußte ſich um und um drehen, mußte einige Schritte gehen, damit er ihre Gangart beurtheilen könne, und Manna war heiteren Sinnes bereit, die Evolutionen auszuführen, die der Major wünſchte. „Ja, ja,“ ſagte er endlich und ſtreckte den Zeigefinger ſeiner linken Hand in die Höhe— wenn das geſchah, hatte er immer eine Weisheit vorzubringen—„ja, ja, wenn's gut geht, iſt's gut. Ja, ja, Herr Sonnenkamp, ein Junge unter die Soldaten, ein Mädchen eine Weile ins Kloſter... wenn's gut geht, iſt's gut.“ Der Major ſchalt, wo der Junge bleibe, er verdiene ſein Glück gar nicht; heute ſei der ſchönſte Frühlingstag, wie man ſich ihn nicht beſſer beſtellen könnte, und es ſei auch ein Jahrestag. Er war eben daran, jenes grauſige Abenteuer des Ertrazuges zu er⸗ zählen, da trat Roland mit Erich ein. Manna umarmte ihren Bruder herzlich, Roland reichte Prancken die Hand, der ihn ebenfalls umarmte, aber ſchnell wand ſich Ro⸗ land aus dieſer Umarmung und ſagte: „Manna, gib auch Herrn Erich die Hand, heut iſt ſein Geburts⸗ tag bei uns; heut vor einem Jahr iſt er mein geworden, oder ich ſein. Nicht wahr, Erich? Gib ihm nur die Hand.“ Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen. Zum erſten Male ſahen ſich Erich und Manna voll und ganz beim Tageslicht und ſie ſagte: „Ich danke Ihnen für alles Gute, das Sie meinem Bruder erzeigen.“ Erich war betroffen von der Erſcheinung Manna's; es war zweifelhaft, ob der Ausdruck ihres Geſichtes ſanfte Trauer oder kalte Gleichgültigkeit war; ihre Stimme war zauberiſch mild, aber aus dem Ton ſprach eine gekränkte Seele. Man ging endlich nach dem großen Saal, wo die Profeſſorin und Claudine, Fräulein Perini und Frau Ceres waren. Alle Fenſter waren ſtreng verſchloſſen, denn Frau Ceres ſcheute die Morgenluft; ſie gähnte, als Roland eintrat, dann aber um⸗ armte und küßte ſie ihn. Die Profeſſorin umarmte Roland und glückwünſchte ihm herzlich. Auf einem großen Tiſche waren viele Pakete, mit Namen be⸗ zeichnet, ausgelegt. Die Profeſſorin hatte in Gemeinſchaft mit Fräulein Milch eine Liſte der Altersgenoſſen Rolands gefertigt, die man heute beſchenken wollte. Es waren Handwerkslehrlinge, die auf Wanderſchaft ziehen ſollten, Schiffer und Weinbergs⸗ arbeiter; für Jeden war bereitet, was ſich ihm eignete. In der Mitte des Tiſches lag ein großes Briefcouvert. Das hatte Sonnenkamp bei ſeinem Eintritt ſchnell hingelegt und darauf war geſchrieben: Für Herrn Hauptmann Doctor Erich Dournay. Nach einem raſchen Ueberblick hatte Roland das ſofort bemerkt und brachte es Erich. Frich öffnete es; er fand darin ein Paket Banknoten von nam⸗ hafter Summe. Erbleichend ſchaute er einen Augenblick um, dann ſteckte er das Paket wieder in das Couvert. Sonnenkamp, der bei Manna und Prancken geſtanden, hatte leiſe zu dieſem etwas geſprochen; jetzt trat Erich auf ihn zu und ſagte, das Paket darreichend, mit bebender Stimme, er bitte, Herr Sonnenkamp möge... „Nein, nein, danken Sie mir nicht; ich habe Ihnen zu danken,“ fiel Sonnenkamp ein. Erich erhob frei den Blick und ſagte: „Zürnen Sie mir nicht, daß ich dies Geſchenk ablehne. Er⸗ laſſen Sie mir, die Gründe für meine Weigerung zu ſagen. Glauben Sie mir, ich kann das Geld nicht nehmen.“ „Ein freier Mann wie Sie,“ fiel Prancken ein,„ſollte kein Wort darüber verlieren. Behalten Sie nur.“ Er ſprach als Zugehöriger, faſt als hätte er ſelbſt die Gabe geſpendet. Erich ſah ihm feſt ins Auge und blickte dann auf Manna. Er fühlte, daß es Pranckens Abſicht war, ihn am erſten Morgen vor ihr als Bedürftigen, Beſchenkten erſcheinen zu laſſen. Wie bittend ſchaute er ſie an, daß ſie ihm zu Hülfe kommen möge, aber ſie ſchwieg. Er legte ſchweigend das Paket aus der Hand und verließ das Zimmer. Sonnenkamp und Prancken ſahen ihm achſelzuckend nach und Prancken ſagte: „Da haben wir wieder ein Beiſpiel von erhabenem Bettelſtolz.“ Fünfzehntes Capitel. Der Major und Roland fuhren zum Kriſcher, mit dem in dieſem Winter eine große Veränderung vorgegangen war. Nach— dem er ſich zuerſt von den Menſchen hatte bemitleiden laſſen und er mit einem guten Trunk ſich alle Sorgen und alle Gedanken verſcheucht hatte, übte er nun die Beſchwichtigung der Klagen durch den Alles vergeſſen machenden Wein. Der Aichmeiſter und der Altbürgermeiſter erluſtigten ſich an ſeinen Klagen und tollen Ausbrüchen, an ſeinen Scherzen und Klugreden und gaben ihm zu trinken. Als jetzt Roland und der Major zu ihm kamen, begrüßte er ſie ſchon am Morgen mit ſchwerer Zunge. Roland war tief erſchreckt davon, aber der Major ſagte: 3 „Mach' Dir nichts daraus. Es iſt wahr, der Mann trinkt zu viel, aber nur für ſeinen Magen zu viel. Was thut's? Iſt der Mann glücklich mit einem Glas Wein zu viel, laß ihn glücklich damit ſein.“ Es gelang dem Zureden des Majors und dem innern Froh— muth Rolands, dieſe erſte Begegnung an dem ſo glücklichen Tage zu verwinden. Vom Kriſcher ging es zum Siebenpfeifer, da war Fröhlichkeit über alle Maßen. Der Major verſtand, Roland ans Herz zu legen, daß er das Gute, das er thue, nicht ſo in die leere Luft hineinwerfe; Jeder ſolle die Segenswünſche Derer annehmen, die er befreie und beglücke. „Und,“ ſetzte er hinzu,„Fräulein Milch hat ein Wort, das ſollte man in die Tempel ſchreiben: Die glücklichſte Stunde iſt die nach einer vollbrachten guten That. Schreib' Dir das ins Herz, Junge.“ Die Hunde ſprangen um den Wagen und Roland rief ihnen zu: „Ihr guten Thiere, euch kann ich nichts geben als Freſſen, ihr braucht keine Kleider und Geld nun gar nicht.“ Aus einem Hauſe kam Roland wie auf der Flucht, leichenblaß. „Was iſt Dir geſchehen?“ fragte der Major. „O fort, nur fort!“ drängte der Jüngling ängſtlich.„Der alte Mann, dem ich die Kleider und das Geld brachte, wollte mir die Hand küſſen, der alte Mann— mir! Ich bin ſo erſchrocken... Ja, und Sie lachen noch?“ „Ich lache nicht, Du haſt Recht.“ Der Major erkannte in dieſer Reizbarkeit noch die Nach— wirkung der Nervenkrankheit. Er beruhigte Roland... Während der Umfahrt Rolands ſaß Erich bei der Mutter, er klagte ihr, daß, obgleich er aus voller Ueberzeugung gehandelt, er nun doch unſicher ſei, ob er nicht um der Mutter willen die Gabe Sonnenkamps hätte annehmen müſſen. Dieſe hörte ihm ruhig zu, dann ſagte ſie: „Du haſt Recht gethan. Die Freundſchaft gibt anders und es iſt kaum ein Geben; von einem Freunde wie Clodwig kann man Alles annehmen. Hier ſollte, wie es ſcheint, die Gabe Dich erniedrigen. Wie würde ich ſolchem Gelde meine Freiheit danken wollen! Beruhige Dich, vergiß alles Andere, ſieh auf das Jahr zurück und freue Dich, daß aus Deinem Zögling etwas geworden, das nicht mehr zu Grunde gehen kann.“ In dieſem Gedanken erhob ſich Erich über jede Bedrückung und als er das grüne Haus verließ und Roland und den Major von ihrer Umfahrt zurückkehren ſah, ſchloß er ſich ihnen heiter an... Roland ſaß an der reich beſetzten Tafel und genoß kaum einen Biſſen. Man ſtritt leiſe hin und her, wer den üblichen Trinkſpruch auf ihn ausbringen ſolle. Kam es Erich, kam es Prancken zu? Beide bedrängten endlich den Major und dieſer erhob ſich: 1 „Meine Herren und Damen!“ „Bravo!“ rief Prancken. „Danke Ihnen,“ ſagte der Major.„Unterbrechen Sie mich nur immer, ich habe voltigiren gelernt und jedes Hinderniß wird mir zum Abſprung. Alſo, meine Damen und Herren! Das menſch⸗ liche Geſchlecht theilt ſich ein in männliches und weibliches. Allgemeines Gelächter. Der Major war ganz froh darüber. „Nun ſehen Sie ein Pärlein in dieſem Garten Eden. Prancken reichte dem Major einen Apfel und rief: „Brauchen Sie dieſen vielleicht zur Weiterführung Ihres Bildes?“ Roland war ärgerlich, daß Prancken den guten Major ſo oft unterbrach; er redete ihm daher zu, ſich nicht irre machen zu laſſen. Ganz leiſe, wie wenn er mit ſeiner Laadi ſpreche, nur brum— mend, ſagte der Major: „Sei ruhig, Junge, ſei ruhig; ich ſtehe feſt im Feuer.“ Und laut fuhr er fort: „Alſo wir haben hier zwei Kinder, die Tochter des Hauſes und den Sohn des Hauſes, und die Kinder haben uns; ſie haben die Eltern, ſie haben eine angeworbene Großmutter und Tante, und ſie haben da“— er ſchlug ſich auf die Bruſt, daß es dröhnte— „einen Onkel. Wir haben ſie ſo lieb wie leibhaftige Verwandte und ſie haben uns auch lieb, nch wahr?“ „Ja!“ rief Roland und Manna nickte. Der Major fuhr fort: „Alſo, wenn ich einen Sohn hätte... nein, das wollte ich nicht ſagen.. wenn ich für meinen, dieſen Sohn einen Lehrer hätte... nein, auch das wollte ich nicht ſ ſagen. Alſo ſo: Unſer Wildfang da... ſehen Sie, er hat ſchon eine Anpf im Geſicht... alſo, der Baumeiſter aller Welten ſegne ihn und laſſe ihn ein Mann werden, der ſein Glück verſteht, für ſich, für Andere, für alle Menſchenbrüder alles Glaubens, aller Ab⸗ ſtammung auf Erden.“ Amen wollte er ſagen, aber er berichtigte ſich und rief: „Hoch! und zum zweiten⸗ und dritten Male Hoch!“ Der Major ſetzte ſich nieder und machte ſich unter der Serviette einige Knöpfe auf. — 209— Nicht ohne gewandte Redegabe brachte dann Sonnenkamp einen Toaſt auf Frich, ſeine Mutter und Tante aus. „Sie müſſen auch reden... Sie müſſen auch reden,“ drängte der Major beſtändig Erich. Erich erhob ſich endlich, er hielt das Glas empor; die Sonne funkelte im Wein, und darauf deutend, ſagte er: „Die Sonne von heute begrüßt die Sonne eines vergangenen Jahres. Was wir trinken, iſt das Erzeugniß verrauſchter Tage, und was wir in die Seele aufnehmen, gezeitigt an der Sonne der Ewigkeit. Mein Roland! der heutige, lachende, ſonnige Tag wird zum Feuer des Weines, das in kühler Erde ruht in feſtem Gefäß und zieht in die Lande zu fernen Menſchen, ſie erquickend und mit Sonne durchglühend. So werde die Sonne von heute Feuer in unſerer Seele, die aufflamme, wenn einſt kommen öde, kalte Tage. Möge zeitigen in Dir, mein Roland, was Dich er⸗ quickt und die Menſchen erfreut und alles Leben ſchafft zum ſchönen, freien Tempel Gottes.“ Als er ſich niederſetzte, begegnete er einem Blick aus den Augen Manna's; ſie ſah ihn erſt jetzt. In ſeinem Antlitze war ein Gepräge des Geiſtes, das alle Affecte zu beherrſchen ſchien, und eine männliche Entſchloſſenheit, ſo daß man ſich ſagen konnte? wenn Du in Gefahr dieſen Mann zur Seite haſt, biſt Du mit Hülfe ausgerüſtet. Sie aber bedurfte keiner Hülfe. Sonnenkamp und Prancken zuckten die Achſeln nach der Rede Erichs. Sie unterdrückten ein Lachen, und Sonnenkamp flüſterte Prancken zu: „Es ſcheint faſt, der Mann glaubt, was er ſagt.“ Es kam neue Zufuhr, denn der Doctor fand ſich ein und mit ihm Lina, die ihre Freundin bei der Rücktehr ins Leben— wie ſie es nannte— begrüßen wollte. Manna war dankbar für dieſe Zuvorkommenheit, bewahrte indeß eine gewiſſe Unnahbarkeit. Sonnenkamp lud Lina ein, die Frühlingswochen bei ſeiner Tochter zuzubringen, und Manna konnte nicht umhin, ihre Bei— ſtimmung auszuſprechen. Unter Vorbehalt der elterlichen Erlaubniß ſagte Lina zu; ſie fuhr mit dem Doctor zurück, um andern Tages abgeholt zu werden. Auerbach. Landhaus am Rhein. 1 14 i 1 13 5 Bechzehntes Capitel. Prancken blieb, er ging mit Manna in den Garten und ſie klagte ihm, ſie fühle bereits ſchmerzlich, wie das Weltleben zur Unwahrhaftigkeit verleite, denn ſie wünſche, aufrichtig geſtanden, keineswegs, daß Lina zum Beſuch käme, und habe doch einſtimmen müſſen. Sie unterdrückte ſchnell die Worte, die ſie noch auf den Lippen hatte, denn ſie wollte bekennen, wie ihr von dem Gewirre des Hauſes bereits wirbele und ſie die geregelte reine Stille des Kloſterlebens ſchwer vermiſſe; ſie ſagte nur, daß ſie ſich ſo fremd in der Welt vorkäme. Als Prancken ihr für dies Vertrauen dankte, ſchrak ſie in ſich zuſammen und ſagte kaum hinhauchend: die Welt mache redſelig, auch wenn man zurückhaltend ſein wolle. „Es freut mich,“ nahm Prancken auf,„daß Sie der Zurück— haltung erwähnen, die ganz mit denſelben Worten der Kirchenfürſt in dieſen Tagen mir eingeſchärft hat, denn er ſagte: Bleiben Sie zurückhaltend! Die viel und leicht ſprechenden Menſchen ſind im Grunde eigentlich Dilettanten.“ Er glaubte, daß Manna merke, wie er auf Erich ziele, aber dieſe gab kein Zeichen, daß ſie den Vorwurf des Dilettantismus auf Erich beziehe. Prancken fragte nun geradezu: „Finden Sie nicht auch ein Dilettantiſches in dem viel ſprechen⸗ den Herrn Dournay?“ Manna erwiderte: „Der Mann ſpricht viel, aber...“ Sie machte eine Pauſe; Prancken war geſpannt, was ſie hin— zufügen würde. „. er ſpricht viel, aber er denkt auch viel,“ vollendete Manna. tun wählte Prancken behutſam eine Richtung, die bei ſchar— fem Viſir das Ziel nicht verfehlen konnte. Es war dies kaum nöthig, denn ein Mann, der die Linie ſeiner Bethätigungen ſo weit ausdehnte, wie Erich, bot Angriffs⸗ punkte genug. Prancken fand es zunächſt anmaßend, daß Erich eine Tempel— weihe für ſeine Gottloſigkeiten in Anſpruch nehme, er ſagte: es ſei eine Falſchmünzerei, mit der vielleicht ein kindlich vertrauendes W W NW — 211— Gemüth getäuſcht werden ſollte. Er blickte dabei innig auf Manna, dieſe aber ſchwieg. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ fügte er hinzu,„er biedert ſich an bei allen Menſchen.“ Das Wort ſchien ihm zu gefallen, er wiederholte es: „Dieſes Sichanbiedern iſt eine geſchickte Methode, aber ſie läßt ſich durchſchauen. Geben Sie Acht, wie oft er das Wort Menſchheit gebraucht; ich hab' ihm einmal nachgezählt, in einer einzigen Stunde hat es er vierzehnmal geſagt. Er thut ſehr be⸗ ſcheiden, aber ſein Dünkel geht über die Grenzen des Unerlaubten.“ Prancken lachte, er wußte, wie leicht es iſt, einen hochge⸗ ſtimmten, in ſtarker Action ſtehenden Menſchen lächerlich erſcheinen zu laſſen, und nicht ohne Befriedigung gewahrte er, daß ſeine Worte bei Manna Eindruck fanden. Hat man einen Menſchen in den Geſichtswinkel geſtellt, wo er lächerlich erſcheint, ſo rettet ihn nichts mehr; das wußte und das hoffte Prancken. Er ſetzte indeß hinzu: „Unſer Roland hat Mancherlei bei dem Biedermanne gelernt, nun aber iſt es genug und Zeit, daß er bald in die höheren Sphären eintritt.“ Manna kehrte nach dem Hauſe zurück. Auf der Freitreppe begegnete ihr Erich; Beide hielten an. Erich glaubte etwas ſagen zu müſſen und er begann: „Ich kann mir denken, daß es Ihnen peinlich ſein mag, Ihr Daheimſein mit einem Feſte zu beginnen; der kommende Tag erſcheint dann leicht leer.“ „Weßhalb wollen Sie meine Gedanken wiſſen?“ entgegnete Manna und ging weiter. Sie ging die Treppe hinan, ſie preßte wie im Zorn die Lippen, die ſo Hartes geſagt hatten. Wie kam dies auf P Lippen? War es geheime Furcht vor Annäherung? War es Stölz? Hatten die Einflüſterungen Pranckens ſie dazu verleitet oder wirkte Alles zuſammen? Sie bereute, daß ſie am erſten Tage ihrer Rückkehr ins Eltern⸗ haus einen Menſchen verletzt hatte Den ganzen Abend blieb ſie auf ihrem Zimmer. Noch ſpät klopfte Roland an ihre Thüre und ließ nicht ab, bis ſie ihm öffnete. Er ſetzte ſich zu ihr und ſagte: „Ach, Manna, von Allem, was ich heut erlebt, will mir das Eine nicht aus dem Sinn. Jeder, dem ich eine Gabe brachte, ſagte mir: Ich will auch für Sie beten. Kann man denn das, und was nützt es? Was nützt es, wenn ein Anderes für mich betet und zu Gott Alles Gute und Schöne von mir ſagt und für mich wünſcht? Was ſoll das helfen, wenn ich nicht ſelber brav in meiner Seele bin?“ „Roland, was ſprichſt Du? Was haſt Du für Gedanken?“ rief Manna und faßte ihn an beiden Armen; dann ließ ſie den Erſtaunten ſtill ſtehen, eilte in ihre Kammer und warf ſich dort auf die Kniee. Heute ſchon ſah ſie den Zerfall im Hauſe. Sie betete für Roland, daß ſein Geiſt erleuchtet und befreit werden möge, aber in ihr Gebet hinein zuckte etwas Fremdes. Sie rang die Hände, ſie klagte, ſie weinte. Iſt es wahr, daß Niemand für einen Andern einſtehen und für ihn ſich opfern kann? Nein, es iſt nicht wahr, es darf nicht ſein! Wie von einer faßbaren Laſt niedergedrückt, die vom Himmel fiel, fühlte ſie ſich, da dieſe Frage und Klage ſich in ihrem Denken bewegte. Was iſt das? Ein Menſch kann einem Andern mehr Böſes als Gutes thun? Iſt das ſo? Muß das ſo ſein? Heftig rang ihre Seele, aber endlich lächelte ſie, denn es ging ihr auf: ihr iſt ein großer Kampf beſchieden; er beginnt bereits. Sie ſoll die Seele ihres Bruders retten und ſie ſagte ſich, daß dies nicht in Heftigkeit, ſondern nur in Milde und Sanftmuth geſchehen könne. Sie richtete ſich auf und kehrte in das Zimmer zu Roland zurück; ſie reichte ihm die Hand und ſagte: „Wir wollen einander helfen, immer beſſer zu werden. Ich habe Dir viel zu geben und viel zu nehmen. Doch das wird ſich finden.“ Sie ſetzte ſich ruhig zu ihm und hielt ſeine Hand. „Ach,“ rief Roland,„wie wohl muß Dir's ſein, jetzt wieder daheim; das Kloſter iſt doch keine Heimat, für Niemand.“ „Darum iſt es das Höchſte,“ erwiderte Manna.„Jeden Tag, jede Stunde zeigt es uns, daß wir heimatlos ſind auf dieſer Welt. Wenn dieſe Welt unſere Heimat wäre, ſo hätten wir Beide, Du und ich— nein... Was bringſt auch Du mich zu ſo unpaſſenden Reden!“ „Erich hat Recht,“ nahm Roland auf;„er ſagt, Du ſeieſt in Wahrheit eine fromme Seele; was Millionen nur mit dem Munde reden, das komme Dir aus dem Herzen.“ „Das hat Erich geſagt?“ „Ja, und noch viel mehr.“ „Aber Roland,“ fiel Manna ein,„man muß nie erzählen, was Andere über einen Menſchen geſagt.“ „Auch nicht, wenn es Gutes iſt?“ „Auch dann nicht. Man kann nicht wiſſen— nein,“ unter⸗ brach ſie ſich,„Du biſt wol recht glücklich, daß Du einen ſo zuverläſſigen Freund an Erich haſt?“ „Gewiß! Und gefällt er Dir nicht auch beſſer als Prancken?“ Manna wollte lächeln, aber ſie unterdrückte es und ſagte: „Laß Dir von Deinem Lehrer die Lehre geben, daß man nie vergleichen ſoll. Nun aber bedenke, daß ich im Kloſter war und viel allein ſein muß. Gute Nacht.“ Sie küßte den Bruder. „Vergiß nicht,“ rief er ihr im Fortgehen noch zu,„daß Du Deine beiden Hunde mitnimmſt, wenn Du ſpazieren gehſt. Der Kriſcher wird ſie Dir bringen.“ Manna durfte noch nicht allein ſein. Sie hatte im Kloſter keinerlei Bedienung gehabt, nun aber mußte ſie ſich— denn der Vater hatte es befohlen— von einer Kammerfrau entkleiden laſſen. Als die Kammerfrau die ſchönen ſchwarzen Flechten auflöſte, rühmte ſie das geſunde volle Haar. Und doch— dachte Manna— wird dieſes Haar fallen. Es durchzuckte Manna ein Schreck, ſie glaubte die Scheere zu hören, die das Haar durchſchneidet. Endlich war ſie allein und nachdem ſie lange in ſtillen Be⸗ trachtungen und Gebeten verharrt, ſchrieb ſie an die Oberin: „Wir feierten heute den Geburtstag meines Bruders und meine Rückkehr ins elterliche Haus, ich aber ſehne mich nach meinem Geburtstag, der die Heimkehr ins ewige Vaterhaus ſein wird.“ 1 ————— Zehntes Buch. Erſtes Capitel. Die Sage erzählt von einem Rieſenkinde, das den pflügenden Bauer ſammt Pflug und Pferd für Spielzeug hielt, in die Schürze nahm und davon trug. Aehnlich erging es Manna. Weit hinausgetragen, weltvergeſſend und weltüberwindend war all die Tage und Nächte ihr Denken geweſen, daß ihr das Trei⸗ ben der Menſchen wie Kinderſpiel vorkam. Das Leben iſt eitel Spiel, nur der Tod iſt ernſt. So denkend ſtand Manna früh am Morgen nach dem Ge— burtstage Rolands am Fenſter; ſie ſah in die Landſchaft, ſie dachte an die Menſchen, aber Alles erſchien ihr weit, weit entfernt. Die Kloſterglocke, die beim erſten Morgenſtrahl die Zöglinge geweckt hatte, lag ihr noch ſo in der Erinnerung, daß ſie im Schlafe ihren Schall zu hören vermeinte und davon erweckt wurde. Sie hatte ſich erſt beſinnen müſſen, wo ſie denn ſei. Du biſt daheim.— Wo iſt daheim? Alles war noch ruhig in der Villa, Manna allein wachte und mit ihr das zahlloſe Heer der Vögel im Garten. Sie ging in den Park, ſie empfand eine Unruhe, ſie ſchaute um, als fühlte ſie den Blick, der auf ihr ruhte. Auch Erich war am frühen Morgen erwacht und ſtand am Fenſter. Aber er hütete ſich wohl, durch ein Zeichen kund zu geben, wen er geſehen. Er hatte das Fenſter geöffnet und Manna gewahrt. Leiſe zog er ſich zurück und dachte ſich, die erfahrene Herbheit vergeſſend, ————————— in die Seele des Mädchens, das aus klöſterlicher Abgeſchiedenheit in das ſo reich ausgeſtattete elterliche Haus zurückgekehrt war. Es läutete im nahen Dorfe und es läutete von allen Enden, dieſſeits und jenſeits am Ufer, ſtromauf, ſtromab. Manna verließ den Park und kehrte in das Haus zurück, um ihr Gebetbuch zu holen. Auf dem Flur hörte ſie, wie Fräulein Perini den Dienern Auftrag gab, die Zimmer für die Tochter des Landrichters bereit zu halten. Manna hatte es auf den Lippen, der vormaligen Erzieherin zu klagen, wie ſie ſich eine unwahre Beziehung auferlegt, denn ſie fürchtete Lina's Ankunft, deren flatterhaftes Weſen ihr am geſtrigen Tage ſo ſtörend geweſen; aber ſie hatte ſich vorgeſetzt, Alles in ſich allein zu überwinden, und es war ihr Entſchluß, Lina gradaus zu bitten, ſie jetzt nicht zu beſuchen; ſie war es ſich ſchuldig, jetzt allein zu bleiben. Da kam ein Bote mit einem Briefe von Lina, die bedauerte, daß ihr nicht möglich ſei, die längere Gaſtfreundſchaft auf Villa Eden anzunehmen. Sie bat Manna um ein Wort der Beruhigung, daß ſie ihr deshalb nicht zürne. Manna war froh, nun ohne Verletzung frei ſein zu können. Die Glocke läutete wieder und Manna ging zur Kirche. Fräulein Perini war ſtolz und glücklich; die Anderen mochten Manna mit Allerlei zu gewinnen ſuchen, ſie allein konnte mit ihr zur Kirche gehen. „Haben Sie noch immer die Gewohnheit, Morgens nicht gern zu ſprechen?“ fragte Fräulein Perini. Manna nickte ſtill. Als die Meſſe zu Ende war und die Beiden mit einander die Kirche verließen, ſagte Fräulein Perini, daß ſie Manna bei dem Pfarrer einführen wolle, der erſt während ihrer Abweſenheit hieher verſetzt war. Manna bat, ſie allein gehen zu laſſen. Sie ging nach dem Pfarrhauſe. Sie ſchien erwartet worden zu ſein, denn der Pfarrer kam ihr auf der Treppe entgegen und begrüßte ſie mit einem Segensſpruche. Er führte ſie an der Hand in ſein Zimmer. Manna mußte ſich auf das Sopha ſetzen. Sie begann: „Fräulein Perini wollte mich bei Ihnen, hochwürdiger Herr, einführen. Das muß man bei einem fremden Manne, aber Sie ſind kein fremder Mann, Sie ſind ein Diener unſerer heiligen Kirche.“ Der Pfarrer legte die Spitzen der feinen Hände auf einander und ſagte mit ruhigem Tone: „Sie ſind auf dem rechten Weg, halten Sie ihn inne. Die Weltlinge kommen in einen Ort, ſind fremd, wildfremd, ſie wiſſen nicht, ob hier ein Menſch iſt, der gleiche Gedanken hegt wie ſie, und unter ihnen ſind auch nicht zwei Menſchen, die das Gleiche denken bei denſelben Worten; ſie haben kein Band der Einigung, ſie flattern in der Schwebe wie das Sonnenſtäubchen. Sie aber, treten Sie in das entlegenſte Dorf, Sie ſind daheim, da iſt ein Haus und darin ein Mann, der Ihres Geiſtes, der Sie als Bruder, als Vater begrüßt; denn er iſt hingeſetzt von einem Höhern, und Sie ſind hergeführt von einem Höhern. Seien Sie mir doppelt willkommen, da Sie dieſes ſogleich wußten. Klopfe an meine Thür, es wird Dir aufgethan zu jeder Zeit; klopfe an mein Herz, es iſt Dir aufgethan. Ich habe kein eigen Haus, kein eigen Herz, mein Haus iſt dem, der mir nachfolgt, und mein Herz dem, der es bewegt.“ Der Pfarrer hielt eine Weile inne, er betrachtete Manna, die die Augen geſchloſſen hatte, wie wenn ſie nicht in die Sonne ſchauen könne, nicht in das Antlitz, auf welches der Geiſt ſich niederläßt. Der Pfarrer mochte ahnen, wie ſie bewegt war, er verweilte abſichtlich auf der allgemeinen Betrachtung, ohne ins Perſönliche überzugehen, er wollte den Zwieſpalt zwiſchen der Tochter und dem Vater nicht erweitern; Manna dagegen war zurückhaltend, denn ſie hatte nur dem Kloſtergeiſtlichen den erſten Grund ihrer Opferbereitſchaft gebeichtet und hatte die Erlaubniß erhalten, es fortan zu verſchweigen. Beide waren zurückhaltend und Beide wußten nicht, daß ſie nichts vor einander zu verheimlichen hatten. Der Pfarrer legte ihr freundlich die Hand aufs Haupt und ſagte: „Ja, daß Sie allein gekommen und wiſſen, warum Sie allein gekommen, das überhebt uns jeder Verſtändigung, wie es die Welt⸗ linge nennen. Verſtändigung!“ wiederholte er lachend.„Und ſie verſtehen einander doch nie, die Gebildeten, wie ſie ſich nennen, oder die Selbſtgebildeten, wie ſie ſich nennen ſollten, denn ſie glauben, daß ſie ſich ſelbſt zu etwas machen. Freilich ſie bedürfen der Empfehlung von einem Andern, der muß ſagen, das iſt der und der und er iſt ſo und ſo; wir aber, wir bedürfen keiner Empfehlung, keiner Einführung. Sprechen Sie mit mir von Allem, von Heiligem ——————————— und Verkehrtem, von allem Großen und allem Kleinen. Wenn man Sie in der Welt beunruhigt und heimatlos macht, wiſſen Sie, hier iſt Ruhe und Heimat. Da drüben hat Ihr Vater ein Warmhaus für Pflanzen, die nicht heimiſch ſind in unſerm Klima; dieſe Stube iſt ein Warmhaus für die Pflanze des heiligen Glaubens, die nicht heimiſch dort iſt. Ich hebe keinen Stein auf, gegen Niemand, aber ich ſage und Sie wiſſen es, dieſe Pflanze iſt vom Himmel in uns gebracht und iſt in dieſer Welt in fremdem Klima.“ Der Pfarrer blieb am Fenſter ſtehen und ſchaute hinaus; Manna ſaß auf dem Sopha. Geraume Zeit wurde kein Wort geſprochen. Manna war ergriffen von dieſer edlen Bereitwilligkeit. Schüchtern fragte ſie, wie ſie ſich zu all den Menſchen ver⸗ halten ſolle, die ſich in freundlicher Weiſe ihrem Elternhauſe an⸗ geſchloſſen und ſich der Bildung rühmen dürften. „Sie fragen gut und beſtimmt, das iſt Zeichen der Reife,“ er⸗ widerte der Pfarrer.„Was Sie thun ſollen? Lächeln ſollen Sie zu all den Großthuereien! Dieſe Weltweiſen thun groß und ſind ſo klein in ihrem Dünkel, daß die Welt nicht mehr Verſtand beſitze und von nicht mehr Weisheit regiert werde, als ihr Verſtand aus⸗ mißt; ſie wiegen Gott nach dem Gewichte ihres Gehirns.“ Es war plötzlich ein anderer Ton, in dem der Pfarrer ſprach, ein heftiger, anſtürmender, ſo daß Manna erſchrocken zuſammen⸗ fuhr. Der Pfarrer, der das wohl merkte, faßte ſich wieder und ſagte: „Sie ſehen, ich bin noch ſchwach und laſſe mich zu Heftigkeit hinreißen. Sie werden Sie nun auch kennen lernen, die ſogenannten Vernunfthelden, oder eigentlich die Vernunftſchwächlinge, die nie bekehrt werden können, denn ihnen fehlt der Muth, der zur Demuth werden kann.“ Der Pfarrer glaubte, daß Manna verſtehe, wie er damit auf Erich ziele; er wollte vorerſt nicht näher eingehen, aber ſie ſollte vorbereitet ſein. Jetzt wendete er ſich lächelnd, ſetzte ſich und ſagte: „Doch verlieren wir uns nicht ſo weit. Sprechen Sie.“ Manna klagte, wie ſchwer es ihr werde, noch ein Jahr der Prüfung durchmachen zu ſollen, ſich in der Welt zu bewegen, um ſich von ihr abzulöſen. Der Pfarrer beruhigte ſie, indem er ſagte: — 218— „Sie wollen den Schleier nehmen, er iſt bereits über Sie ge⸗ breitet und über die Welt, unſichtbar für Andere. Alles in der Welt berührt nicht Sie ſelbſt, es iſt ein Schleier zwiſchen Ihnen und der Welt; und dieſer Schleier fällt erſt, wenn der Tod uns erlöſt.“ Er ging behutſamer als Prancken zu Werke, er wollte nicht gegen Erich kämpfen, und dadurch vielleicht erſt ein Intereſſe in Manna wecken, er lobte ihn, aber in jener mitleidigen Weiſe, die der auf Poſitivem Stehende ſo leicht einnimmt. Als Manna fragte, warum der Pfarrer nicht ſeinen Einfluß darauf gewendet, daß Erich nicht ins Haus gekommen, entgegnete er, wie er ſich dieſes Eifers freue, aber man müſſe Vieles ge⸗ währen laſſen in der Welt, und gegen den Vater wäre jeder Kampf im Voraus vergebens; dazu habe Roland ſeinen eigenen Willen eingeſetzt. Uebrigens ſei Erich, wenn auch ein vollendeter Ketzer, doch von einer gewiſſen Anerkennung des Heiligen, ob⸗ gleich viel Hochmuth in dieſer Anerkennung läge. — Ohne Ueberleitung ſagte der Pfarrer, Manna möge heimkehren, man werde ſie zu Hauſe erwarten. Sie ſolle nie verhehlen, daß ſie bei ihm geweſen, aber er verzeihe ihr im Voraus, wenn ſie ihn oft geraume Zeit vernachläſſige; er verbleibe unverbrüchlich der Ueberzeugung, daß ihre innerſte Seele dem heiligen Glauben zugewendet bleibe. „Nun gehen Sie,“ ſchloß er,„und wiſſen Sie, daß ich für Sie bete.“ Manna ſah ihn groß an.„Ich werde für Dich beten“— wie oft hatte ſie dies Wort gehört, ohne einen Zweifel daran zu hegen; jetzt kam es ihr ganz neu vor, die Frage zuckte durch ihre Seele: Kann man denn für einen andern Menſchen beten? Das Räthſel, das Roland in ihre Seele geworfen, ging neu auf, und wuchs zum Räthſel ihres Lebens. Sie wollte fragen, ob Kinder für die Sünden der Eltern büßen müſſen, ob nicht vielmehr das Kind für die Eltern ſühnen kann. Sie wollte dem Pfarrer das Alles ſagen, er ſollte ihr helfen, aber da er jetzt wiederholte:„Nun gehen Sie mein Kind!“ wendete ſie ihr fragendes Auge von ihm ab und ging. —— — 2129— Zweites Capitel. Träumend ging Manna des Weges, ſie wurde geweckt, denn die beiden Hunde, Roſe und Diſtel, ſprangen an ihr empor, ſie waren froh, ihre Herrin wieder zu haben. „So, unſer Wildfang iſt wieder daheim?“ rief eine Stimme aus der Ferne; es war die des Kriſchers, er hatte die Hunde gebracht. Sie hörte kaum, wie der Kriſcher, näher tretend, von ſeiner letzten Vergangenheit erzählte; erſt als er ſagte:„Ja, Fräulein, ich bin ein einfältiger Geſell geweſen und habe tiefe Reue,“ fragte ſie: „Was habt Ihr denn gethan?“ „Hoho! Daß ich nichts gethan habe, bereue ich; daß ich mein Lebenlang ein einfältiger, ehrlicher Kerl geweſen. Iſt's denn wahr, daß Sie Nonne werden wollen?“ Bevor Manna antworten konnte, fuhr der Kriſcher fort: „Ich habe auch manchmal das Verlangen, ich möchte ins Kloſter gehen. Mit dem ſechzigſten Jahr ſollte Jeder ins Kloſter gehen können; nichts thun als trinken und trinken, bis der Tod die Polizeiſtunde anruft. Aber ich will vom Tod noch nichts wiſſen, ich ſag' wie der Vogt von Mattenheim: Herr, wie Du willſt— Ich habe noch keine Eile.“ Der Kriſcher hatte bereits am Morgen etwas Aufgeregtes und Lallendes, Manna fürchtete ſich vor ihm, dennoch reichte ſie ihm die Hand und ging mit den Hunden davon. „Ich hab' noch eine Bitte!“ rief der Kriſcher Manna nach. Sie blieb ſtehen. Er kam zu ihr und ſagte, daß ihm der Aichmeiſter ein Lvos zur Dombau⸗Lotterie geſchenkt habe, er aber habe das Loos dem Siebenpfeifer verkauft, und wenn nun auf die Nummer das große Loos herauskäme, würde er ſich alle Haare aus dem Kopfe reißen und hätte auch bei ſeinen Kindern keine ruhige Stunde mehr; Manna möge ihm alſo einen Thaler ſchenken, damit er das Lvos zurückkaufen könne. Schelmiſch ſetzte er hinzu: „Und es iſt eigentlich auch eine fromme Sache und paßt für Sie.“ Manna verſtand nicht, was er damit meinte; ſie ließ ſich — 220— jetzt erſt erklären, daß man zum Ausbau eines Domes eine Lotterie errichtet habe. Sie ſchenkte dem Kriſcher das verlangte Geld und ging eilig davon. Sie ging am Rhein entlang, der Strom floß ſo ruhig, die Weiden am Ufer zitterten in der Morgenluft und ſpiegelten ſich im Strom; in kleinen Kreiſen, die ſich auf dem Spiegel bildeten, zeigte ſich das Spielen der Fiſche. Manna trat in den Park. In die ruhige Luft ſtrömte der Duft der Blumen, und ſie waren hell und friſch; die Farbe der einen hob und verklärte die der andern, das Weiß war noch heller durch die blaue, die rothe Nachbarin; die brennende Farbe wurde gemildert von der ſanften; es war wie eine heilige, ſtille Harmonie... Warum können die Menſchen nicht im Friedensreiche leben? Welch eine Ruheſtätte könnte das Landhaus hier ſein! Manna ließ ſich auf ihren einſamen Stuhl unter der Hänge⸗ eſche nieder und jett dachte ſie, warum ſie geſtern gegen Erich ſo ſchroff geweſen. Sie wollte ihm bei der erſten Begegnung ſagen: Glauben Sie ja nicht, daß ich, weil Sie abhängig ſind, mir ſolches heraus⸗ nahm. Zur ſelben Stunde wandelte Erich allein durch den Park und nahm ſich vor, bei der erſten Begegnung zu Manna zu ſagen: Ich möchte nicht, daß unſere Beziehung mit Verſtimmung oder Mißverſtändniß anfange. Jetzt hörte Manna Schritte nahen und ſchaute auf; Erich kam des Weges. Sie blieb ruhig ſitzen. Er kam näher, er grüßte und Keines von Beiden ſagte die Worte, die ſie ſich ſtill vor⸗ genommen hatten. Erich brachte ſtotternd etwas hervor, daß ein Erzieher ſich leicht verleiten ließe, ſich in das Denken Anderer zu verſetzen, auch da, wo es ihm nicht zuſtehe. Es war ein bedrückter Ton in ſeiner Rede, Manna wußte nichts zu erwidern. Beide ſchwiegen, man hörte nichts als den Vogelſang. Endlich ſagte Manna: „Erzählen Sie mir von Roland. Wie iſt er?“ „Roland hat Fleiß, Beharrlichkeit und Wahrhaftigkeit; das iſt der ſittliche Felſengrund, auf dem ſich gut baut.“ Unwillkürlich hob Manna mit beiden Händen ihr Gebetbuch in die Höhe, als wäre es ein Schild. — 221— Erich glaubte eine Andeutung in dieſer Bewegung zu finden und er ſagte: „Mich freut an Roland beſonders, daß er einen eigenen Blick hat und ſeinen eigenen Augen vertraut.“ Durch ihre Seele zuckte etwas wie Schmerz, denn das Wort Pranckens ging ihr nach. Iſt dies Benehmen Erichs das, was Prancken„ſich anbiedern“ genannt hatte? Roland, Prancken und Sonnenkamp kamen daher, Manna ſtand raſch auf und ging mit Roland an der Hand nach der Villa. Prancken ſagte ſofort, daß er auch in der Kirche geweſen, es aber für Pflicht gehalten habe, Manna nicht durch einen Mor⸗ gengruß zu zerſtreuen. Prancken erzählte viel vom Leben auf dem Jagdſchloſſe und von den Beziehungen zum Hofe des Fürſten, wie zu dem des Fürſtbiſchofs. „Liebes Kind,“ unterbrach Sonnenkamp,„Du haſt Herrn von Prancken noch nicht gratulirt, er iſt Kammerherr geworden.“ Manna glückwünſchte und Prancken erzählte in heiterer Wen⸗ dung, welch ein Contraſt es ſei, daß er im Sommer ein Bauern⸗ knecht geweſen und im Winter Kammerherr ſei. Er berichtete weiter, daß der Fürſt dieſen Sommer in Karlsbad den Brunnen trinken werde. Sonnenkamp ſetzte hinzu, daß der Leibarzt auch ihm dieſen Brunnen verordnet habe, der ihm zuträglicher ſein ſolle als Vichy. Wie eine Kette ſchloß es ſich an, als Prancken weiter erzählte, daß auch ſein Schwager Clodwig und ſeine Schweſter Bella dieſen Sommer Karlsbad beſuchen würden. Kaum ins elterliche Haus verſetzt, ſah ſich Manna ſofort wieder in Gedanken davongeführt in den Strudel eines Bave⸗ lebens. Prancken berichtete dann, daß er das ſchneeweiße Pferd mit nach Wolfsgarten nehme, um es vollſtändig für Manna zu dreſſiren. Ihre Einſprache, daß ſie keine Luſt mehr habe, zu Pferde zu ſitzen, wurde vom Vater gebieteriſch abgewieſen. Prancken verſtand es, den gebieteriſch heftigen Ton Sonnenenkamps als Scherz auszulegen.. Mit Innigkeit nahm er nun Abſchied und ritt im ſcharfen Trabe die Straße dahin, die Funken ſprühten unter den Hufen ſeines Pferdes; der Reitknecht hinter ihm führte das ſchneeweiße Pferdchen am Halfter. — Es erſchien Manna wie ein Sinnbild, daß ſie noch einmal zu Pferde ſitzen ſollte, bevor ſie, allen Tand der Welt ablegend, nur im Gedanken der Cwigkeit lebe. Sie geleitete den Vater durch Park und Garten, durch die Treibhäuſer. Sonnenkamp hatte es auf den Lippen, ihr die mit Zuverſicht erwartete Standeserhöhung mitzutheilen, aber das Kind ſollte nicht ſo plötzlich in das vielfältige Getriebe hinein verſetzt werden. Mit Behagen betrachtete er die großen ſüdländiſchen Bäume und Pflanzen, die nun bald ins Freie gebracht werden. Zuerſt öffnet man die Thüren, um friſche Luft eindringen zu laſſen, dann erſt bringt man ſie unter freien Himmel an geſchützte Stellen. So auch wollte er es mit ſeinem Kinde halten. Er war zufrieden, daß ſie ſo fügſam war, er hoffte die Schwer⸗ muth ganz von ihr zu verſcheuchen. Manna hatte ſich eine Tagesordnung feſtgeſetzt, die ſie wie eine Ordensregel inne hielt, und dieſe Strenge ihres Weſens übte eine Einwirkung auf das ganze Haus. Mit der Mutter hatte ſie einen ſchweren Stand, zunächſt wegen der Kleidung, denn Frau Ceres, die ſich jeden Tag mehrmals umkleidete, wünſchte das Gleiche von Manna; dieſe indeß war es gewohnt, ſich am Morgen für den ganzen Tag anzukleiden, ja ſie ließ ſich nur widerwillig Bedienung durch die Kammerfrau gefallen. Sie blieb in dem am Morgen angelegten Kleide, und es erſchien ihr dem höheren Menſchenleben entſprechend, daß die Nonnen unveränderliche Kleider tragen; damit fällt alles Vergeuden des Denkens für die äußere Er⸗ ſcheinung weg. An der vielgeſchäftigen Wohlthätigkeit der Profeſſorin nahm ſie keinen Antheil; ſie hatte kurz erklärt, daß ſie noch zu ſehr mit ſich ſelber zu thun habe und nicht bereits auf Andere wirken könne. Dazu hatte ſie eine entſchiedene Abneigung gegen die Helferin, Fräulein Milch; ſie vermied jedes Geſpräch mit Fräulein Milch und reichte ihr nie die Hand. Gegen die Profeſſorin blieb ſie ehrerbietig, aber ablehnend; den Lehrer ihres Bruders behandelte ſie wie ein zum Hauſe Gehöriges, zu dem man indeß nur eine Beziehung hat, wenn man ſeiner bedarf. Es gab Stunden und Tage, wo ſie über ihn hinwegſah, als wäre er ein Stuhl, ein Tiſch. Oftmals fragte ſie ihn geradezu, wenn ihr ein Gegenſtand des Wiſſens unklar war; ſobald aber Erich eine Erörterung anknüpfte, die — über die Grenze des von ihr Gewünſchten hinausging, ſagte ſie mit großer Beſtimmtheit: „Das wollte ich nicht fragen. Ich danke Ihnen für das, was Sie mir mitgetheilt.“ Nie empfing ſie eine Belehrung von ihm, für die ſie nicht ſofort dankte, wie ſie auch jedem Dienſtboten für jede Handreichung dankte. Regelmäßigen Unterricht nahm ſie bei der Tante Claudine im Harfenſpiel, und dieſe war die Einzige, die ihr Zutrauen zu beſitzen ſchien; ihr zeigte ſie auch ihre Schulhefte, namentlich das über Aſtronomie mit eingelegten blauen Blättern und den goldenen Sternbildern. Trotz einer gewiſſen majeſtätiſchen Haltung hatte Claudine etwas Anſchmiegſames; ſie ſchien auch etwas im Leben verloren oder aufgegeben zu haben, und ſo war ſie in ihrem Weſen weicher und anziehender für Manna. In hellen Nächten waren ſie oft ſtundenlang auf dem flachen Dach der Villa und ſchauten nach den Sternen. Es zeigte ſich, daß Manna gründlich unterrichtet war, denn die Kloſterſchule, in der ſie gelebt hatte, legte beſondern Nachdruck darauf, die weltlichen Schulen an wiſſenſchaftlicher Tüchtigkeit wo möglich zu überragen; natürlich war alle Wiſſenſchaft mit jener Grenze umzogen, die der Glaube ſetzte. Mehr als über ihre Kenntniſſe mußte man oft über die Denk⸗ kraft Manna's ſtaunen; ihr Empfindungsleben war nach allen Seiten hin durchgearbeitet. Das Bewußtſein religiöſen Ernſtes und religiöſer Reife gab ihr eine Sicherheit, die als Stolz er⸗ ſcheinen konnte. Sie fühlte ſich ſtets wie auf einer unſichtbaren Erhöhung über die Andern hervorragen, die nicht im Glauben lebten. Dennoch war das nicht Ueberhebung, ſondern Getragen⸗ heit, die ſie in jedem Augenblick mit den großen Mächten und Ausblicken ausrüſtete, in denen ſo viele heilige Männer und Frauen das Leben überwunden hatten. Manna fragte Tante Claudine, ob ihr dies Alleinſtehen in der Welt nicht oft ſchwer geworden ſei. „Gewiß, liebes Fräulein. Man weiß oft in der Jugend nicht, was es heißt, einen Entſchluß für das ganze Leben zu faſſen.“ Manna faßte nach dem Kreuz auf ihrer Bruſt; die Tante fuhr fort: „Ja, es gehört Muth und Tapferkeit dazu, eine alte Jungfer zu ſein; zur Zeit, wenn man ſich dazu entſchließt, iſt man ſich deſſen nicht voll bewußt. In der Einſamkeit bin ich ruhig und wünſchelos, aber in Geſellſchaft und in der Welt erſcheine ich mir oft ſo überflüſſig, nur aus Barmherzigkeit geduldet. Da muß man ſich hüten, nicht in Mitleid mit ſich ſelbſt ſentimental zu werden.“ „Hatten Sie nie das Verlangen, in ein Kloſter gehen zu können?“ „Ich möchte Sie nicht beirren und ſtören.“ „Nein, ſprechen Sie nur, ich kann Alles hören.“ „Nun denn, es gibt Formen, die ſo viel Unheil anſtifteten, daß ſie das Recht des Beſtehens verwirkt haben. Und, ich für mich könnte nicht leben ohne die Kunſt, ohne freie Muſik, ohne Anblick deſſen, was die bildende Kunſt hervorgebracht und noch hervorbringt.“ Manna ſah nachdenklich auf Claudine. Drittes Capitel. Manna machte keine Beſuche in der Nachbarſchaft, ſie beharrte dabei, daß ſie nur zu ihren Eltern und ihrem Bruder gekommen ſei, ſonſt zu Niemand. Bisweilen beſuchte ſie die Burg; ſie ging allein mit ihren beiden Hunden. Sie ließ ſich vom Baumeiſter Art und Weiſe des Baues und wie er in der Vergangenheit geweſen, erklären; ſie willfahrte dem Vater, für Ausſchmückung des erſten fertigen Saales, des ſogenannten Ritterſaales, mit bedacht zu ſein. Sonnenkamp kaufte alte Waffen, die an den Wänden auf⸗ gehängt, Rüſtungen, die auf Säulen aufgeſtellt werden ſollten; er konnte ſich nicht enthalten, Manna im Voraus zu ſagen, daß er zu ihrem Geburtstage im Herbſt die Burg einweihen wolle ſie aber wünſchte, daß dies unterbliebe. Das fortwährende Feſtefeiern und Schmauſen ſagte ihr nicht zu. Seit ihrer Rückkehr vom Kloſter hatte Manna, wenn ſie es ehrlich ſich geſtehen wollte— und ſie wagte, ſich Alles zu geſtehen — am meiſten Freude, daß ſie ihre Hunde wieder hatte. Ja, ſie ———.——— —— ſchrieb einen Brief an die Oberin, worin ſie fragte, ob man einen Hund mit ins Kloſter nehmen dürfe; ſie verbrannte aber den Brief wieder, denn ſie ſtellte ſich vor, wie lächerlich es ſein müßte, wenn eine Nonne mit einem Hunde hinter drein durch den Garten geht, und nun gar, wenn jede Nonne ihren eigenen Hund hätte. Zum erſten Mal lächelte ſie vor ſich hin, dann aber ſtellte ſie ſich die Frage: Warum haben wir keine Thiere im Kloſter? traf ſie, als ſie auf der Bank ſaß und mit den Hunden prach. „Finden Sie auch,“ fragte ſie,„daß ſolch ein Hund einen unſäglich traurigen Ausdruck in den Mienen hat?“ „Wer ihn ſucht, wird ihn finden. Die Myſtiker ſagen, daß das vom Sündenfall käme; ſeitdem habe alle Creatur einen ele⸗ giſchen Ausdruck.“ Manna dankte, aber nicht mit Worten, nur mit einem Blick. Ein Wagen kam des Weges daher; ſchon von Ferne wehte ein weißes Tuch und Lina rief:„Manna!“ Erich entfernte ſich. Manna ging Lina entgegen, die ausſtieg und den Wagen voraus⸗ fahren ließ. Sie erzählte, daß ſie die Erlaubniß erhalten habe, bei Manna zu bleiben; die Eltern hätten Albert das Jawort ge⸗ geben, aber es müſſe noch geheim gehalten werden. Lina war immer in heiterer Stimmung, wenn ſie nicht unter dem zurechtweiſenden Blicke ihrer Mutter ſtand; jetzt gar ſprudelte ihr Herz über und ſie rief: „Denke Dir nur, Manna, wie einfältig ich geweſen bin; ich habe mir einmal eingeredet, der Baron von Prancken habe mich lieb— nein, das habe ich eigentlich nicht geglaubt, aber ich habe mir eingeredet, ich hätte ihn lieb... Kennſt Du Albert? Du mußt ihn kennen, er baut ja die Burg da droben. Damals, beim Muſikfeſte... ich hab Dich gleich geſehen, ich habe Dir zu⸗ gewinkt, Du haſt mich aber nicht bemerkt... damals haben wir uns zum erſten Mal gegen einander erklärt. Ach, Du kannſt Dir gar nicht denken, wie glücklich ich bin. Anfangs habe ich gar nicht mitſingen können, ich habe immer gefürchtet, ich ſänge zu laut, dann aber habe ich doch mitgeſungen. Ach, es war ſo ſchön .. ſo ſchön! wir ſind nur ſo geſchwommen in den Tönen, und er ſingt auch ganz prächtig, freilich nicht ſo großartig wie Herr Dournay. Jetzt ſage einmal, Manna, wie iſt es Dir denn geweſen, als Du ihn ſingen gehört? Haſt Du gewußt, daß er der Mann Auerbach. Landhaus am Rhein. l. 15 — 225— iſt, nach dem Du mich gefragt haſt damals als Du die Engels⸗ flügel auf dem Rücken trugſt?“ Lina wartete nicht auf Antwort, ſie fuhr fort: „Du haſt mich gewiß auch geſehen, draußen am Ufer, wie ich zum erſten Mal am Arm meines Albert Dir begegnete. Ich habe Dich nicht anſprechen wollen unter den Nonnen und Schülerinnen, und ich hätte auch nicht dazu kommen können, Dir Alles zu ſagen. Du nimmſt es mir doch nicht übel, daß ich gethan habe, als ob ich Dich nicht geſehen? Ach, ich habe Alles geſehen. und Alles war ſo ſchön! Und bei Tafel da war es ſo luſtig! Er hat mich einmal gefragt, warum ich plötzlich ſo traurig aus⸗ ſehe. Da habe ich ihm bekannt: ich hätte an Dich gedacht, wie Du jetzt wieder ins Kloſter gehſt und dort iſt's ſo ſtill und ſo dumpf, ich glaube, die Kreuzgänge haben alle den Schnupfen. Ach, warum kannſt Du nicht auch luſtig ſein wie wir? Sei doch luſtig! Es gibt nichts Beſſeres. Und Du haſt doch Alles und kannſt Alles haben auf der Welt. Sei doch luſtig!. Ach, da fliegt eine Schwalbe! Die erſte Schwalbe! O, wenn ich nur fliegen könnte hinauf zu ihm auf die Burg und ihm guten Morgen ſagen und immer wieder zu ihm fliegen und davon fliegen. Ach, Manna! Manna!“ Dieſer war es fremd, das luſtige, flatternde Weſen der Jugend⸗ genoſſin zu ſehen und zu hören, ſie konnte nichts erwidern; Lina ſchien das auch nicht zu erwarten, ſie plauderte weiter: „Im Herfahren habe ich mir ausgedacht, wenn ich Du wäre, ich ließe eine Aufforderung ins ganze Land ergehen: In drei Tagen ſoll man mir alle Vögel bringen, die man einfangen kann. Dann bezahlte ich erſchrecklich viel Geld dafür, und dann ließe ich alle Vögel wieder auf Einmal ins Freie fliegen. Nicht wahr, es iſt Dir jetzt auch wie einem gefangenen Vogel, der wieder ins Freie kommt? Und geſcheidt iſt es von Dir, daß Du im Frühling heimgekehrt biſt. Man tanzt zu viel, wenn man im Winter vom Kloſter heimkommt. Vierzehn Bälle habe ich im erſten Winter mitgemacht und ſo viele, viele Kränzchen. Und wenn man dann ſeinen Schatz hat— Ach, Manna, Du glaubſt gar nicht, wie ſchön das iſt! Ich bitte Dich, ſag mir nur auch Alles. Nicht wahr, Du willſt nicht mehr Nonne werden? Glaube mir, ſie wollen nur Dein Geld. Möchteſt Du wol eine Baronin ſein? Ich nicht. Alle Tage ſich von der Sippſchaft begnadigen — 227— laſſen, wo man es nicht nöthig hat? Nein, das möchte ich nicht. Und hinterrücks wird man doch ausgelacht. Wenn eine Adelige eine Dummheit macht, da hat es gar nichts zu ſagen, aber wenn Eines von uns eine Dummheit macht, hui! da iſt gleich eine ganze Stadt und ein ganzes Land mit daran ſchuld. Ach, ſolch ein reiches Mädchen iſt doch recht unglücklich dran! Da kommen die Männer und wollen ihr Geld heiraten und da kommen die Nonnen und wollen ſie mit ihrem Geld zur Nonne haben. Glaube mir, wenn Du eine von jenen Frauen wäreſt, die jetzt die Kohlen aus dem Schiffe ans Land tragen— die Nonnen wollten Dich nicht, Du könnteſt noch einmal ſo geſcheidt und ſo lieb und ſo gut ſein, als Du biſt. Nicht wahr, ſie reden Dir ein, Du ſeieſt zu einer Heiligen berufen? Glaub's nur nicht. Wenn ich die Leute ſo reden höre, wie ſchön es auf der Kloſterinſel ſei, da habe ich immer gedacht: Ja wohl, das iſt recht ſchön, wenn man ſo vor⸗ beifährt auf einer Luſtpartie; aber da Nonne ſein!— Ach, Manna, wenn ich Dir nur von meinem Glück geben könnte! Sei doch auch luſtig! Gott im Himmel! Warum kann man nicht einem Andern von ſeiner Luſtigkeit geben; ich hab' ſo viel— ſo viel! Und Dir möcht ich's am liebſten geben. Komm, haſche mich! Kennſt Du noch unſer altes Spiel: Alles was Flügel hat, fliegt? Komm, haſche mich!“ Lina rannte mit flatternden Gewändern davon, aber als ſie anhielt, ſah ſie, daß Manna ihr nicht folgte. Sie wartete, bis Manna zu ihr kam, und ſtill gingen die beiden Mädchen mit einander nach der Villa. viertes Capitel. Lina wohnte neben Manna, ſie ging mit ihr zu Kirche, und wenn Manna auf dem Wege dahin und zurück ſagte, ſie ſpreche nicht gern am Morgen, blieb Lina dabei, Manna brauche gar nicht zu ſprechen, ſie ſolle nur ſie allein reden laſſen. Beim erſten Erwachen ſang ſie ſofort ihre Scala, dann trällerte ſie durchs Haus und faſt zu jeder Stunde des Tages, wenn man nicht ausging oder wenn nicht Beſuch da war, ſaß ſie am Clavier ——— ůů·————— — 6— im Muſikſaal und ſang unaufhörlich, Alles durch einander, ernſt und traurig, claſſiſch und modern, wenn es nur ſchallte. Auf ein thränenſchweres Klagelied von Pergoleſe ſetzte ſie einen über⸗ müthigen Tiroler Jodler. Wenn man Lina zum Singen aufforderte, war ſie immer ſo⸗ fort bereit; ſie ſang im Glauben, daß es den Menſchen Ernſt war, die ſie aufforderten, und daß ſie ihnen Freude mache. Ihre Stimme war von mäßigem Umfange, aber klar und hell wie ein Waldbach. Kam ſie auf die Burg, ſo benahm ſie ſich gegen den Archi⸗ tekten ſo zurückhaltend, daß Niemand außer Manna etwas von dem Liebeseinverſtändniß bemerken konnte. Das ganze Haus war durch die Anweſenheit Lina's verändert, auch bei Tiſch gab es viel Lachen. Schon während der Kirſchen⸗ zeit hatte man aus den Treibhäuſern auf Villa Eden frühreife Aepfel, und Lina hatte die Gewohnheit, daß ſie nie einen Apfel ſchälte, ſie biß muthig hinein und freute ſich, daß ſie das jetzt ohne Verweis der Mutter thun durfte; aus dem Blicke Sonnen⸗ kamps machte ſie ſich nichts; ſie neckte den allgemein gefürchteten Unhold und fand ihn ganz manierlich und zahm. Lina aß wie ein geſundes Mädchen, das vom Felde kommt, während Manna nur wie gezwungen aß. Lina hatte Freude am Eſſen und hatte zu jeder Stunde Hunger; ſie konnte immer, wie ſie ſagte, etwas zu ſich nehmen, und wenn es ihr bei Tiſche. ſchmeckte, ſagte ſie: „Manna, haſt Du Dich nicht auch ſehr gefreut, daß Du das Kloſtereſſen los geworden? Das erſte Eſſen daheim war mir ganz neu, und bei Euch ißt man ſehr gut.“ Auch Wein trank ſie gern und wurde viel damit geneckt. Sie bat Erich, er möge ſie vertheidigen, und dieſer erklärte: „Das kann ich. Es iſt ein romantiſcher Aberwitz, wenn man es für ſchön hält, daß ein Mädchen nicht Freude an Speiſe und Trank hat. Mit Maßhalten Wein trinken paßt ſich gewiß für ein weibliches Weſen. Iſt Wein trinken nicht viel ſchöner als Fleiſch eſſen, von einem Thiere ſich nähren?“ Alles lachte, nur Manna ſah Erich wieder befremdet an.— Manna fühlte ſich von der Anweſenheit Lina's wie aus dem Hauſe verſcheucht. Nur bei der Profeſſorin, vor welcher Lina eine heilige Scheu — 229— hatte, konnte Manna noch ein Alleinſein gewinnen; ſie fühlte ſich hier wie auf der Flucht geborgen, und auf dieſer Flucht in das grüne Haus kam ſie faſt widerwillig der Profeſſorin näher. Die gleichmäßige Seelenruhe wurde von Manna erkannt und ſie lächelte wie erlöſt, da die Profeſſorin ſagte: „Sie möchten wol, daß Lina zu mir ins Haus ziehe, Sie ſcheuen ſich aber vor mir und vor ihr, das zu bekennen.“ Manna geſtand, daß ſie nicht den Muth gehabt, ihren Wunſch auszudrücken. Schon am nächſten Tage ſiedelte Lina in das grüne Haus zur Profeſſorin über; auch dort war ſie bald luſtig und guter Dinge, ſie machte das ganze Haus fröhlich durch ihre Munterkeit. Wo ſie ging, ſtand und ſaß, ſang ſie vor ſich hin wie ein Vogel auf dem Zweig, aber es erquickte dem Hörenden das Herz. Die Tante begleitete ihren Geſang zum Clavier, und der Geſang ihrer glockenhellen Stimme war ganz friſche Geſundheit, helle Freude; ſie brachte Alles leicht hervor und jetzt in ihrer Liebe war ein Ton der Innigkeit in ihrem Geſang, den man nicht in ihr vermuthet hatte. Lina war ſehr ſorgfältig auf ihre Kleidung und betrachtete ſich gern im Spiegel. Aber ſich mit innerem Leben abquälen? „Jällt mir gar nicht ein,“ war ihre beſtändige Redensart. Das lachte, ſang und tanzte; Geſtern iſt nicht mehr und Morgen kommt von ſelbſt. Das lebte ſo dahin, das war katholiſch, weil man es einmal war und es viel zu unbequem iſt, etwas daran zu ändern. Mitten unter all den Menſchen, die Schweres in der Seele trugen und noch Schweres ſich auferlegten, war Lina das einzige un⸗ belaſtete Naturkind. Manna war immer noch nicht zutraulich gegen die Profeſſorin, ſie nannte ſie Madame und ſprach nur franzöſiſch mit ihr, wie ſie es vom Kloſter her gewöhnt war; doch gab ſie auf alle Fragen offene Antwort. „Hatten Sie eine Freundin im Kloſter?“ fragte einmal die Profeſſorin. „Nein, es iſt nicht geſtattet. Man ſoll ſich nicht einem Ein⸗ zelnen widmen, ſondern Alle mit gleicher Liebe behandeln.“ „Hatten Sie je zu einer der Damen ein beſonders vertrau⸗ liches Verhältniß?“ Manna nannte die Oberin. Die Profeſſorin pries das thätige Leben derſelben, denn es ſei ein ſchöner Beruf, jungen Kindern Friede und Freude bieten, ſie ſtark machen, damit ſie die Schwere des Daſeins überwinden. Manna nickte wie verklärt; dann ſchrak ſie wieder zuſammen. Iſt das nicht die Verſuchung? Will dieſe Frau in ihre Seele ein⸗ dringen, um ſie zu gewinnen und abwendig zu machen? Es war ein böſer Blick, der aus dem jungen Auge auf der älteren Dame ruhte. Mißtrauen gegen die Menſchen draußen in der Welt, zumal gegen die anderen Glaubens, war tief in die Seele Manna's gepflanzt worden. Dennoch kehrte ſie auch jetzt noch immer zur Profeſſorin zurück. Die freundliche Bereitwilligkeit, ſich Anderen zu widmen, wirkte wie magnetiſch auf ſie und unverſehens kam ſie in ein vertrau⸗ licheres Verhältniß zur Profeſſorin. Das Ringen und Kämpfen, in welches die jugendliche Natur des Mädchens verſetzt war, offenbarte ſich der Profeſſorin. Sie ſaßen einſt im Garten, ſie hatten es glücklich abgelehnt, mit Lina, Roland und Erich auf dem Rhein zu fahren, da ſagte Manna, ſcheu ſich umſehend: „Warum ſoll es eine Sünde ſein, ſich an der Natur zu er⸗ freuen?“ Die Profeſſorin antwortete lange nicht und Manna drängte: „Bitte, ſprechen Sie doch.“ „Ein Mann,“ erwiderte die Profeſſorin,„den Sie wol nicht ſo verehren wie wir, hat das Wort geſagt: Gott ſieht ein freudiges Herz lieber als ein zerknirſchtes.“ „Wer iſt der Mann?“ „Leſſing.“ Manna bat um die Stelle. Sie erklärte ſich ſtark genug, die Gedanken der ſogenannten weltlichen Genies in ſich aufzunehmen, ohne dadurch ſich ſelbſt zu verlieren. Die Profeſſorin warnte und mahnte wiederholt, aber Manna blieb dabei, daß ſie in die Welt zurückgekehrt ſei, um Alles, was ſich ihr darbiete, zu erkennen und dann frei entſagend Alles ab⸗ zulehnen. Sie erklärte ihren feſten Vorſatz, nicht die Gattin Pranckens zu werden, überhaupt keines Mannes Weib; ſie war nahe daran, der Profeſſorin zu eröffnen, wie ſie ſich einer Schuld opfern wolle, und dieſes Opfer ſei durch die Gnade des Himmels ein freies, ſie ſelbſt von allem Weltgelüſte ablöſendes. ————— — 231— „Ihnen,“ ſagte ſie mit thränendem Auge,„Ihnen könnte ich Alles ſagen.“ Es hätte nur eines Wortes, nur eines ermunternden Anrufes bedurft, und Manna hätte der Profeſſorin Alles geſagt. Aber dieſe ſprach ſehr behutſam und jedes Wort wählend. Manna ſollte keine Ahnung davon haben, daß ſie das Geheimniß bereits wiſſe; ſie gab nur zu verſtehen, daß ſie den Entſchluß des Mädchens billige, den Schleier zu nehmen. Das im Kloſter gepflanzte Mißtrauen erwachte wieder in der Seele Manna's. Dieſe Frau ſtimmte ihr nur bei, um ſie deſto ſicherer zu machen. Als ſie aber jetzt aufblickte und in das ruhig ſtille Antlitz der Profeſſorin ſchaute, war ſie nahe daran, ihr um den Hals zu fallen und um Verzeihung zu bitten, weil ſie ungut von ihr gedacht. Fünftes Capitel. Manna ging regelmäßig zur Kirche, ſie betete mit gleichmäßiger Innigkeit, aber eine eigenthümliche Scheu hielt ſie vor dem Ein⸗ tritt ins Pfarrhaus zurück. Sie wiederholte ſich ſtets, daß ihr der Pfarrer geſagt, ſie möge ihn eine Zeit lang vermeiden und ſich ſelbſt im Leben umthun. Oftmals mitten im Geſpräch mit der Profeſſorin überfiel ſie ein Schreck, daß ſie ſich hier in ein fremdes Sein einwebe; ſie glaubte wieder jenen Blick zu gewinnen, der über alle Erſchei⸗ nungen der Welt hinwegſieht. Endlich raffte ſie ſich auf und ging zum Pfarrer. Der Pfarrer empfing ſie freundlich und ſagte, es müſſe ihr zu Muthe ſein, wie einem Menſchen, der, nachdem er aus der Welt geſchieden, wieder in dieſelbe zurückkehren könnte, und nachdem er die ewige Herrlich⸗ keit geſchaut, nun ſehe, wie es die Menſchen treiben, wie ſie un⸗ ruhige Tage verbringen und die Nächte in ſchweren Träumen, ſich beſchwichtigen, betäuben. Er ſchärfte ihr ein, die Menſchen recht mild zu betrachten, die Schlimmſten ſeien die, die da glauben, ſie wiſſen, was ſie thun; dieſen zu verzeihen, ſei am ſchwerſten. Aber gerade aus dem Höchſten heraus müſſe man ihnen am meiſten vergeben, denn trotz ihres Klugredens wiſſen ſie nicht, was ſie thun, und wir könnten immerdar von ihnen ſagen: Herr vergib ihnen. Es bleibt uns nichts, als für ihr Seelenheil beten, die ewige Gnade anflehen, daß ihnen das Heil aufgehe. Ohne einen Namen zu nennen, erklärte er, wie es Menſchen gebe, die, ſcheinbar fromm und in ſich befriedigt, auch ſogenanntes Gutes thun und für ihre von dem Höchſten entfernten Gedanken ſich die heiligen Worte borgen. Er ſchilderte die Profeſſorin, ohne ſie zu nennen. Er deutete auf Andere, die, des Wiſſens voll, immer und ewig vom Mittelpunkt abirren und, ohne ſelbſt eines feſten Zieles ſicher, einen Menſchen führen zu können vermeinten. Er bezeichnete Erich. Mit Behutſamkeit ſchilderte er dann die Weltmenſchen, die den Herrn des Himmels und der Erde zwingen wollen, daß er es ihnen gut gehen laſſe, und mit ihrem Spott alle Demuth ver⸗ ſcheuchen. Er nannte geradezu den Doctor Richard und den Weidmann'ſchen Kreis, und doch zielte er dabei zugleich auf Sonnenkamp; nur durfte das Kind allein ſich dieſe Ausdeutung machen. Manna ſah aus dem Fenſter, ihr Blick ging nach dem elter⸗ lichen Hauſe, dem Park und dem Garten und ihr war, als müßte Alles das verſinken. Die Fluthen kommen herauf aus dem Rhein, die ewigen Waſſer ſtrömen wieder über das Feſtland... hier in dieſer Stube allein iſt die Arche Noah. Zaghaft, kaum die Worte hinhauchend, klagte oder vielmehr fragte ſie, warum es ihr auferlegt ſei, noch einmal in das Leben zurückzukehren. Der Pfarrer tröſtete mild. Wie hier aus dieſem Fenſter ein Auge auf Alles da drunten ſchaue, ein Auge, das bald vergehen werde, ſo wache ein unvergängliches Auge über ſie; ſie ſolle ohne Furcht ſich dem ganzen Treiben hingeben, aber in ſich den Ge⸗ danken tragen, der Alles dies verſchmäht und weit von ſich ent⸗ fernt weiß. Das ſei die Prüfung, die ihr auferlegt ſei. Er ging ſogar weiter und wünſchte, daß Manna ihn geraume Zeit nicht beſuche, ſie ſolle Wochen, Monate lang von ihm ent⸗ fernt bleiben; ſie ſolle noch keinerlei bindendes Gelübde nach Außen, auch nicht das des ſtetig wiederkehrenden Beſuches haben; Alles ——————— — 233— ſolle ihr freier, feſter, ſelbſtändiger Wille ſein; ohne äußere Hand⸗ reichung auf ſich allein geſtellt, ſolle ſie überwinden. Schüchtern fragte Manna, warum der Pfarrer nicht die Wohl⸗ thätigkeit in die Hand genommen habe, die nun die Profeſſorin im Auftrage ihres Vaters in ſo weiten Kreiſen übe. „Warum nicht?“ rief der Pfarrer und ſein Auge funkelte. „Wir können nichts in die Hand nehmen, was ſich uns nicht gibt; und dann müſſen die Weltlinge erfahren, daß die ſogenannte Wohlthätigkeit ohne kirchliche Segnung in Nichts verfliegt. Miſchen auch Sie ſich nicht hinein, denn Sie können hier keine Gemein⸗ ſchaft haben. Halten Sie feſt, Sie ſind hiehergekommen, nicht um Andere zu bekehren, ſondern bei ſich ſelbſt einzukehren.“ Tief erſchreckt war Manna, da der Pfarrer ihr weiter ſagte, er glaube nicht, daß ſie dazu geſchaffen ſei, den Schleier zu nehmen; es wäre beſſer, wenn ſie die Gattin Pranckens würde. Eine Röthe durchzog das Antlitz Manna's, ſie wehrte mit beiden Händen ab, ſie konnte kein Wort hervorbringen. Manna ahnte nicht, wie man mit ihr ſpielte. Bald das Eine, bald ein Anderes beſtärkte ſie in dem Gedanken, den Schleier zu nehmen, um dann eine Heirat mit Prancken als Befreiung erſcheinen zu laſſen und ſie auf ewig zu Dank zu verpflichten. Ja, oft die⸗ ſelben Menſchen ſtellten ihr bald das Eine, bald das Andere als ihren eigentlichen Beruf dar. „Gut,“ beſchwichtigte der Pfarrer und legte ihr die Hand aufs Haupt,„gut, können Sie auch das überwinden, um ſo beſſer: aber wir rufen Sie nicht, wir verleiten Sie nicht, Sie allein müſſen ſich rufen, Sie allein ſich leiten. Man wird kommen und Ihnen zuraunen: Die Pfaffen— ſo nennen ſie uns— haben Sie mit den feinſten Künſten verführt. Ich habe Ihnen ins Herz gelegt, Sie ſollen nicht dem Leben entſagen. Können Sie nicht anders, müſſen Sie aus ſich allein, dann ſind Sie uns willkommen, aber nur dann.“ Der Pfarrer war aufgeſtanden und ging in raſchen Schritten die Stube auf und ab. Manna ſaß in ſich erſchauernd auf dem Sopha. Jetzt wendete ſich der Geiſtliche um und ſagte: „Sie werden erkennen, wie hoch wir Sie ehren, indem wir Ihrer eigenen Kraft Alles anheimſtellen, der Kraft des Glaubens und der Entſagung in Ihnen. Und nun laſſen Sie uns frei und — — 234— heiter mit einander reden. Finden Sie auch, daß Herr Dournay ein bezaubernder Menſch iſt? Sprechen Sie offen und gradaus, als ſprächen Sie mit ſich ſelbſt.“ „Ich weiß es noch nicht zu ſagen, ich möchte glauben, daß etwas in ihm iſt, was ihn zu einem edeln Werkzeug des heiligen Geiſtes machen könnte.“ „So? Alſo das finden Sie? Das iſt die Kunſt des Verſuchers, daß er die Geſtalt des Reinen annimmt, Pflicht und Hoffnung der Bekehrung ſo lockend hinſtellt, daß das arme Menſchenkind nicht merkt, wie es bereits dem Böſen verfallen. Alſo dieſe Geſtalt nimmt er an in Ihnen? Ich rathe Ihnen, verſuchen Sie es, dieſen Falſchmünzer zum Rechten zu bekehren. Verſuchen Sie es, und haben Sie es vollbracht, ſind Sie größer als ich ahnte; haben Sie es verfehlt, ſind Sie geheilt für immer. Weiſe iſt der Weg der Vorſehung, die Ihnen dieſen Menſchen unter das Auge führte und den Gedanken ins Herz pflanzte, ihn bekehren zu können. Doch nein! Glauben Sie mir, das iſt nicht Ihre Aufgabe. Dieſe Selbſtbegucker haben nur den kurzen Blick.“ Er hielt eine Weile inne, dann ſagte er lächelnd: „Denken Sie ſich einen Menſchen, deſſen Auge nicht ſo weit reicht, daß es die Sterne ſieht, und Sie ſprechen ihm von der Pracht des geſtirnten Himmels. Dieſe ſogenannten Gebildeten ſehen nichts als ſich ſelbſt im Spiegel, ihr Blick reicht nicht weiter, ſie können Gott nicht ſehen.“ Wieder ging der Pfarrer ſtarken Schrittes auf und ab. Manna wußte nichts mehr zu ſagen und wußte auch nicht, wie ſie aus dieſer Stube wieder heimkehren, wieder vor die Augen der Menſchen treten ſolle, die ihr wie Schatten, wie Verkleidung des Verſuchers erſcheinen ſollten. Mit mildem Ton wendete ſich der Pfarrer wieder zu ihr und ſagte: „Nun gehen Sie, mein Kind. Gott mit Ihnen.“ Er ſegnete ſie und Manna ging. Mit einer anſpannenden Kraft, all das Leben nur wie ein Spiel zu nehmen, wie eine Verſuchung, der man ſich nicht ent⸗ ziehen dürfe, widmete ſie ſich ihrer Umgebung. —— w — 235— Fechstes Capitel. Niemand als ſeine Mutter ahnte, daß mit Erich eine Wand⸗ lung vorging. Ehedem ſo mittheilſam, war er jetzt, namentlich in Anweſenheit Manna's, von großer Behutſamkeit, als befände er ſich in der Nähe eines Weſens, das man nicht wecken und nicht ſtören dürfe. Bald aber wurde die Wandlung im Verhalten Erichs noch von einem andern, ſchärfer lauernden Blicke wahrgenommen. Bella kam, um ihre Schwägerin zu begrüßen. Sie hatte die Gewohn⸗ heit, diejenigen Mädchen, die ſie begünſtigte und denen ſie ihre Huld zeigte, um die Hüfte zu faſſen und ſo mit ihnen zu luſt⸗ wandeln, aber ſo oft ſie das bei Manna verſuchte, machte dieſe immer eine Bewegung, wie wenn ſie ſie abſchütteln müſſe, ja ſie ſagte endlich Bella geradezu, es ſei ihr das peinlich. Bella lächelte, innerlich aber war ſie empört. In dieſem Hauſe, in dieſem Garten mußte ſie Ablehnungen erfahren, die ſie nie für möglich gehalten. Sie zeigte jedoch keinerlei Verletztheit. Manna entſchuldigte ſich, daß ſie die Freundlichkeit nicht er⸗ widere, denn es ſei ihr Vorſatz, keinerlei Beſuche zu machen. Bella hielt ſich nur noch bei der Profeſſorin und Claudine auf, dann kehrte ſie nach Wolfsgarten zurück mit dem Entſchluſſe, dieſes Haus mit Allem, was darin, fortan als nicht vorhanden zu be⸗ trachten. Wollte Otto ſich von hier die Gattin holen, ſo war das ſeine Sache. Sie glaubte nur ihren Bruder aufmerkſam machen zu müſſen, wie in der beiderſeitigen Zurückhaltung, die Manna und Erich bewahrten, der Keim eines tieferen Verhältniſſes liege. Nicht ohne Bosheit entgegnete Prancken, daß der Hauslehrer bei weitem nicht ſo gefährlich ſei, als er ſeiner Schweſter erſcheine, zumal nicht für eine feſt im Glauben ſtehende Natur. Prancken reiſte viel ab und zu, und ſo oft er kam, brachte er eine Belebung mit. Dem Blicke Manna's entging es aber nicht, daß er nur Kunſtſtücke machte, aber kein Künſtler war, daß er geiſtreich ſpielen konnte, aber keinen productiven Geiſt hatte; er hatte etwas Unſtetes, Abſpringendes; dies wurde um ſo auffälliger, wenn Erich zugegen war. Prancken war nie verlegen, ein ſpitzes Wort anzubringen, aber er konnte nicht ausführlich erörtern; neue Themas verwirrten ihn, ————————————— . Si* 236— er brachte nicht dazu Gehöriges vor, während Erich gerade durch ein ihm entgegengehaltenes Denken immer lebendiger, friſcher und fruchtbarer wurde. Prancken erſchien oftmals ſchal und abſtändig, er fühlte das und es reizte ihn; der Umgang mit ihm hatte etwas Beängſtigendes und unter vieler zur Schau getragenen Freundlichkeit verbarg ſich faſt immer eine verbiſſene Feindſeligkeit. Er glaubte jetzt auch eine Uebereinſtimmung zwiſchen Erich und Manna zu entdecken. Manna wie Erich war die Hervorhebung des Allgemeinen, der reinen Idee ſtets näher als das Perſönliche, ihr ergab ſich ſolches aus Religion, ihm aus Erkenntniß. Anfangs hatte ſich Manna fremd und theilnahmslos, ja mit einem gewiſſen Trotz, wie zu einem Widerſacher benommen, allmälig aber erkannte ſie die un⸗ gebrochene Kraft der Wahrhaftigkeit in ſeinem Weſen. Wenn Prancken ſtritt, gab er ſeine Behauptung immer ſo, als ob Alles, was er ſagte, unwiderleglich wäre; Erich dagegen ſuchte immer zuerſt die richtige Frageſtellung zu erzielen, denn das ſei das Beſte, wodurch man zum wirklichen Ergebniß komme. „Fragen und Entbehren,“ ſetzte er lachend hinzu,„bezeichnet ſchon der alte Philoſoph Cpictet als die Weisheitslehre.“ „Wer iſt Epictet?“ konnte da Manna fragen, und indem Erich das Leben dieſes Stoikers, der Sklave in Rom geweſen, ſich zum Philoſophen entwickelt und in der Weiſe des Sokrates gelehrt hatte, kurz darlegte und eigenes Denken daran knüpfte, ſah Manna mit Schrecken, wie ſie in Vielem Eins mit ihm war; ihre Götter waren nicht die gleichen, aber ihre Andacht war die gleiche. Prancken war eiferſüchtig, wenn er bei den Auseinander⸗ ſetzungen Erichs die theilnahmsvollen Mienen Manna's ſah; er ſuchte nun oft die Ketzerei Erichs herauszulocken, damit Manna ſich von ihm abgeſtoßen fühle. Es war zwiſchen den beiden Männern oft, als kämpften ſie wie im Turnier um den Siegespreis vor Manna's Augen. In ſolcher Stimmung geſchieht es leicht, daß unſcheinbare Ereigniſſe zum Ausgangspunkt eines hitzigen Kampfes werden. So war es, als eines Tages Prancken in luſtigem Ton erzählte, heute ſei eine Wallfahrt des geſammten Landvolkes nach dem Bahnhofe, denn man erwarte mit dem Abendzuge die Liſte der Dombau⸗ lotterie, und Jeder der armen Leute, Knechte, Mägde, Winzer, Steinbrecher und Schiffer hoffe auf das große Loos. Manna ——————————— — 237— hatte auf den Lippen, zu ſagen, daß ſie dem Kriſcher Geld gegeben habe, um ſich ein Loos frei zu machen, aber ſie kam nicht dazu, denn Erich konnte ſich nicht enthalten, auszurufen: „Dieſe Lotterie iſt eine Ungeheuerlichkeit, eine Schmach für unſere Zeit.“ „Wie? Was ſagen Sie?“ Erich ſuchte abzulenken; aber Manna bat: „Dürfen wir nicht wiſſen, welchen Widerſpruch Sie gegen dieſe Einrichtung hegen?“ „Ich würde es nicht gern ausſprechen.“ „Herr Hauptmann,“ drängte Prancken,„wollen Sie uns nicht die Gunſt erweiſen, Ihre Anſicht mitzutheilen? Es wäre ſehr freundlich von Ihnen, wenn Sie uns belehren und Ihren Wider⸗ ſpruch erklären wollten.“ Erich merkte, wie er gereizt und geſtachelt werden ſollte, aber er hatte Selbſtbeherrſchung genug, mit ruhigem Bedacht zu er⸗ widern: „Vor Allem bitte ich, im Auge zu behalten, daß katholiſche wie proteſtantiſche Dome auf dieſem entſetzlichen Wege ausgebaut werden ſollen.“ „Warum ſo entſetzlich?“ fragte Manna. „Ja, weiter, weiter!“ drängte Prancken. „Erlauben Sie mir, nicht ſo eilig zu ſein,“ entgegnete Erich, „ich muß weiter ausholen.“ „Immerzu, immerzu!“ ſtachelte Prancken und zwirbelte ſeinen Schnurrbart in die Höhe. „Die größten Dome,“ begann Erich,„ſind unfertig; im Schvoß der Erde ruhen tauſend und tauſend Hände, die einſt die Andacht bewegte, daß ſie Steine gruben, hoben, meißelten und fügten; gewiß waren auch gedankenloſe Arbeiter dabei, aber die Andacht hatte ſie in Bewegung geſetzt, die Andacht derer, die das Geld ſpendeten, die Andacht der Werkführer, die ein Gotteshaus bauen wollten. Nun aber wird in die Welt hinausgerufen: Du Knecht, Du Magd, Du Handwerksgeſell, komm her, hier iſt ein Lotteriezettel, koſtet nur einen Thaler, damit kannſt Du Tau⸗ ſende gewinnen und nebenbei auch eine Kirche bauen helfen! Wie tann man in einem Baue das heilige Wort verkünden, wenn der Bau auf Gewinnſucht der Menſchen errichtet iſt? Sie lächeln, Sie denken, es ſchadet dem Knecht und der Magd nichts, daß ———— — ſie den Thaler verlieren; aber ich frage, ſchadet es nicht ihrer Seele, daß ſie auf Lotteriegewinn hofften? Wie wäre es, wenn man in den Eckſtein der neuen Bauten einen Lotterieplan ein⸗ fügte? Die Geſchlechter künftiger Jahrhunderte werden ſchwerer daran entziffern, als wir an den Ueberreſten der Pfahlbauten. Was war denn das für ein Geſchlecht, das eine Kirche baute auf Lotteriegewinn? werden ſie fragen.. Tetzels Ablaßkram war weniger widerſprechend, da gab man Geld für Büßung der Sünden, das war ein mißverſtandenes ſittliches Motiv, aber doch immer ein ſittliches Motiv. Hier aber...“ „Ich hatte gedacht,“ fiel Sonnenkamp ein,„daß Sie die Schönheit an ſich, die Ausführung des ſchönen Baues für ein ſittliches Motiv hielten.“ „Eine Kirche,“ entgegnete Erich,„kann nicht blos als ſchönes Kunſtwerk ohne den damit verbundenen Zweck der Andacht ange⸗ ſehen werden, und dieſe Andacht wird im Innerſten verletzt; es iſt ein Widerſpruch, ein unheiliges Mittel für einen heiligen Zweck anzuwenden; das Unangemeſſene iſt das innerlich Unſchöne.“ Prancken war empört und verlegen zugleich, da er ſah, daß Manna ſinnend drein ſchaute. Was hätte er erſt empfunden, wenn er geahnt hätte, was in ihr vorging? Der Ketzer Erich hätte mit all ſeiner Philoſophie ihr kein Dogma antaſten können; da war kein Hebel, der einen feſten Fels bewegen konnte; nun aber hatte er im Angriff gegen ein ſcheinbar Nebenſächliches ihr Vertrauen in die ſittlich ſchönen Maß⸗ nahmen derer erſchüttert, die für ſie die Welt des Geiſtes dar⸗ ſtellten. Alles, was die Religion betraf, war feſt und abgeſchloſſen, aber es rüttelte in Manna, daß man nach Geld ſtrebte. Sie verachtete das Geld wie einen gefährlichen Feind. Und„Geld— Geld!“ klang es wieder in ihr.„Iſt Geld die Verführung?“ Prancken raffte ſich zum Worte auf: „Ich meine, wer nicht im Glauben ſteht, ſollte nie eine an⸗ dere Glaubensform attaquiren.“ „Das ſollten wir nicht?“ entgegnete Erich.„Und wir werden doch attaquirt. Die Demuth iſt eine Tugend, aber ſie iſt die Tu⸗ gend des Belagerungszuſtandes. Ich weiß, daß wir noch keine feſte Formel zu geben haben. Wir ſtottern noch am Worte der Erlöſung. Soll aber das Kind, weil es noch nicht ſprechen kann, darum nicht ſeine Wünſche durch Klagetöne kundgeben?“ 3 — 239— „Dieſelbe Religion,“ warf Prancken ein,„die die Dome ge⸗ baut, hat auch das Gebot der Liebe der Welt verkündet. Iſt Ihnen auch dieſe ein Gräuel?“ Ruhig erwiderte Erich: „Hoch und heilig iſt uns das Gebot der Herzensläuterung, der Liebe, aber Liebe iſt Genie des Herzens, dagegen thätige Hülfe läßt ſich befehlen, läßt ſich erziehen. Das große Wort: Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt, iſt zur Heuchelei geworden; man ſagt, ich liebe meinen Nächſten, aber ich habe nichts für ihn zu thun. Unſere Lehre heißt zunächſt: Hilf Deinem Nächſten wie Dir ſelbſt. Liebe iſt eine Art muſikaliſcher Empfindung, die geheuchelt werden kann, Hülfe nicht; darum führen wir das Wort weiter: hilf Deinem Nächſten wie Dir ſelbſt. Und Du ſelber mußt es thun, denn wir ſtehen auf dem Grundſatz: es gibt keine Stell⸗ vertretung im Reiche der Sittlichkeit, da iſt allgemeine Wehrpflicht Urgeſetz.“ „Das haben Sie ſchon einmal geſagt,“ warf Prancken ein. „Ich glaube, daß wir das gleiche Recht haben, wie die, die uns gegenüber ſtehen, die auch nicht immer Neues vorbringen. Das Sonnenlicht iſt heut wie geſtern und... Da ſtürzte Roland athemlos herein und rief: „Erich, Du ſollſt gleich kommen, der Kriſcher iſt da; er iſt wie wahnſinnig und ſagt, Du allein ſollſt entſcheiden.“ „Was iſt denn geſchehen?“ „Auf das Loos des Siebenpfeifer iſt ein Hauptgewinn gefallen, und der Kriſcher ſagt, das Geld gehöre ihm. Komm, der Kriſcher iſt wie raſend.“ Erich ging nach dem Hofe. Dort ſaß der Kriſcher auf einer Hundehütte und ſah jämmer⸗ lich zu Erich und Roland auf; er ſprach lallend durcheinander, man konnte nicht klug daraus werden; nur das war deutlich, daß der Siebenpfeifer Geld gewonnen hatte und daß der Kriſcher behauptete, es gehöre ihm. Auch Sonnenkamp, Prancken und Manna erſchienen auf der Treppe, und jetzt ſchrie der Kriſcher, Manna müſſe ihm bezeugen, daß ſie ihm Geld für das Loos gegeben habe, er habe nur ver⸗ geſſen, es zurückzukaufen. Erich ſuchte ihn zu beruhigen und verſprach, ihn zum Sieben⸗ pfeifer zu begleiten; er bat Sonnenkamp um die Erlaubniß, an⸗ ſpannen zu laſſen. Roland drängte, daß er mitfahren dürfe. Der ———————— — 240— Kriſcher ſetzte ſich zum Kutſcher auf den Bock, und ſo fuhren ſie nach dem Dorf zum Siebenpfeifer. Vor dem Hauſe trafen ſie den Küfer, der Erich erzählte, daß ihn der Siebenpfeifer ſoeben aus dem Hauſe gewieſen habe, da er für ſeine Tochter einen anderen Mann ſuchen könne und ſie vor Allem nicht dem Sohne des Kriſchers gebe, der ihm vor der Welt ſein Beſitzthum ſtreitig machen wolle. „Iſt's denn wahr, Vater, daß das Lvos Euch gehört hat?“ „Ja gewiß, und es gehört mir noch.“ „So, jetzt verſtehe ich erſt,“ ſagte der Küfer und ging davon. Im Hauſe des Siebenpfeifers trafen die Ankömmlinge große Verwirrung; die älteſte Tochter weinte, die anderen Kinder rannten durcheinander. Endlich kam man zu einiger Ruhe. Der Siebenpfeifer ſagte, er laſſe ſich einſtweilen nicht verrückt machen, er bleibe allerdings nicht mehr Taglöhner in den Weinbergen, vorläufig thue er ein⸗ mal ein Jahr lang gar nichts; es würde ſich dann ſchon finden, was er anfange. Die Kinder ſprangen und jubelten durcheinander, der Siebenpfeifer rief ſie zuſammen, ſie ſollten ſingen, aber Keines wollte mehr; das ſei jetzt vorbei. Erich ſagte, daß der Kriſcher vor dem Hauſe warte. Kaum hatte er das geſagt, als der Siebenpfeifer das Fenſter aufriß und dem ehemaligen Kameraden auf die Straße hinab zurief: „Wenn Du nicht gleich davongehſt und noch ein einzig Mal einen rothen Heller von mir verlangſt, ſo ſchlage ich Dir alle Knochen entzwei. Jetzt weißt Du, was Du bekommſt!“ Kein Zureden half, der Siebenpfeifer blieb dabei, daß er dem Kriſcher nicht gebe, was man in einem Auge leiden könne. Traurig gingen Roland und Erich davon. Sie kamen nach dem Hauſe des Kriſchers, er lag auf der Bank und ſchlief. Die Frau klahte, daß er ſchwer betrunken heimgekommen ſei, und auch der Küfer ſei ganz wie verwirrt. Auch hier konnten Erich und Roland nichts helfen. Auf dem Heimwege war Roland tief nachdenklich über die Verwandlung, die der Geldgewinnſt unter dieſen Menſchen her⸗ vorgebracht; noch am Morgen beim erſten Erwachen ſagte er: „Wie nur der Kriſcher und der Siebenpfeifer heut erwacht ſein mögen?“ — 241— Man ſchickte einen Boten nach dem Dorf und hörte zur Be⸗ ruhigung, daß Beide wieder gleichmäßig weiter lebten; nur die älteſte Tochter des Siebenpfeifers hatte ihr elterliches Haus ver⸗ laſſen und wohnte beim Kriſcher. Fiebentes Capitel. Manna war freundlich gegen alle Menſchen, aber Niemand ahnte den Grund dieſer Freundlichkeit. Alle Menſchen erſchienen ihr ſo arm, verloren, gefangen. Was zu ihr geſprochen wurde, hörte ſie immer mit einem Gedanken, der daneben ſtand. Das ſprichſt Du, das Weltkind, ſagte dieſer Nebengedanke. Wenn ſie ſich an einer Luſtfahrt betheiligte, war es beſtändig, wie wenn etwas in ihr ſagte: Das biſt nicht Du, es iſt nur Deine Er⸗ ſcheinung, die das mit unternimmt, Du ſelbſt biſt in einer ganz andern Welt— drüber, draußen. Jedes war erquickt von ihrer Freundlichkeit, von ihrer Sanft⸗ muth, von ihrem treuen Anhören, und doch war es, wie wenn ein Theil ihres Weſens allem dem nur geliehen wäre; ſie war nicht ſelbſt und nicht ganz dabei. Manna ſaß zu Pferde und ritt mit Prancken, Erich und Ro⸗ land in der Gegend umher. Auch Sonnenkamp ſchloß ſich auf ſeinem großen Rappen manchmal den Reitern an; es war ein heiteres Treiben und ein ehrenvolles zugleich, denn überall begeg⸗ nete man einer Ehrerbietung, die nicht nur von denen gegeben wurde, die die Profeſſorin und Fräulein Milch beſchenkt hatten, ſondern auch von den Wohlhabenden und Unabhängigen. Wo man einkehrte und anhielt, empfing man neue Beſtätigung, daß die ganze Gegend ſtolz war auf einen Mann wie Sonnenkamp. Eines Tages ritten Manna, Prancken, Roland, Erich und Sonnenkamp die ſchöne mit Nußbäumen eingehegte Straße dahin. Manna, die mit ihrem Vater und Prancken vorausritt, ſtrei⸗ chelte ihr ſchönes weißes Pferd, und Prancken war glücklich, daß das Pferd ſeiner Herrin ſich würdig zeigte. Im Vorüberreiten riß ſie ein Nußblatt ab und erzählte, Erich finde es eine unſchöne Neuerung, daß die Anpflanzungen an den Straßen nur noch Auerbach. Landhaus am Rhein. ll. 16 — Linden oder andere Holzbäume ſeien; der Nußbaum gehöre zum Rhein, er ſei ſchön und ergiebig und biete zuletzt noch über⸗ müthigen Knaben eine herbſtliche Beute. Da ſahen ſie eine Prozeſſion daher kommen. Manna hielt ſo plötzlich an, daß ſie faſt vom Pferde ſtürzte. Sie ſtiegen ab, auch Erich und Roland mußten abſteigen. Die Reitknechte führten die Pferde bei Seite; Manna ging mit der Prozeſſion und ſang mit den Wallfahrern, auch Prancken ſang laut. Bei einer Capelle am Wege kniete Manna nieder und Prancken kniete neben ihr. Erſt als ſie ſich aufrichtete, ſah ſie, daß Prancken allein bei ihr war und die Andern ſie verlaſſen hatten; ſie warteten in einem Feldwege bei den Reitknechten, die die Pferde hielten. Die Prozeſſion zog davon; Manna und Prancken waren allein; von ferne tönte das Murmeln der Wallfahrer. Prancken hielt die Hände gefaltet und ſchaute Manna wie betend an. „Manna,“ begann er— er nannte ſie zum erſten Male ſo —„Manna, ſo ſoll unſer Leben ſein! Die Gnade des Himmels, daß wir getragen vom Beſitze, von edlem Namen, uns frei erheben dürfen, erkennen wir, ſind aber jeden Augenblick bereit, mit unſern Brüdern und Schweſtern uns zu vereinigen, die in groben Schuhen und barfuß die heiligen Wege gehen. Manna, ſo wollen wir leben!“ Er ergriff ihre Hand, ſie ließ ſie ihm eine Sekunde, dann zog ſie ſie zurück und er fuhr fort: „Noch habe ich Ihnen nicht geſagt, daß auch ich mit dem Entſchluſſe rang, der Welt zu entſagen. Auch Sie haben ge⸗ rungen, groß und fromm, und ſind in die Welt zurückgekehrt; ich lege mein Herz, meine Seele, mein Seelenheil in Ihre Hand... treten Sie mit mir in die Capelle.“ Er faßte nach ihrer Hand, aber in dieſem Augenblicke rief Erich: „Fräulein Manna!“ „Was gibt's? Was wollen Sie?“ fuhr Prancken auf. „Fräulein Manna, Ihr Herr Vater läßt Ihnen ſagen, daß dort ein bequemer Markſtein ſei, von dem aus Sie wieder zu Pferde ſteigen können.“ „Ich reite nicht mehr, ich gehe zu Fuß nach Haus,“ erwiderte Manna, und— wußte ſie es, daß Prancken ihr nicht folgte, oder wußte ſie es nicht— ſie ging mit Erich weiter. Erſt nach — 3— einer guten Strecke wendete ſie ſich zurück, und da ſie Prancken noch regungslos auf ſeinem Platze ſtehen ſah, rief ſie, er möge doch auch kommen. Trotz alles Zuredens ſtieg ſie nicht wieder zu Pferde, ſie ging den weiten Weg in dem ſchweren Gewande zu Fuß. Sie ſprach kein Wort mehr, ein ſeltſamer Trotz lag auf ihrem Geſichte. In ihrem Zimmer angekommen, verſchloß ſie ſich und weinte und betete. Jetzt war der Kampf da und ſie erſchien ſich waffenlos; Prancken hatte ein Recht, ſo zu ihr zu ſprechen. Und iſt es vielleicht nicht voch beſſer, ſie gehört dem Leben an? Es war ihr, als müßte ſie Erich fragen, wie er ihre Wandelbarkeit beurtheile. In ſchweren Kämpfen rang ſie und gewann nur das Eine: ſie wollte nicht mehr durch Zerſtreuung ihr eigen Selbſt ſich ent⸗ wenden laſſen. Auf den Abend war eine Kahnfahrt verabredet. Manna, die zugeſagt hatte, lehnte jetzt die Mitfahrt ab. Sie ſtand am Fenſter ihres Zimmers, ſie öffnete das Fenſter nicht, ſie wünſchte, daß es vergittert ſei. Sie ſah die Männer und Frauen auf dem Strome herabkommen, Lina ſang hell und eine ſchöne Männer⸗ ſtimme begleitete ihren Geſang. Wer iſt das? Es iſt nicht Prancken, nicht Roland; nur Erich kann es ſein. Drunten auf dem Kahn aber bat Lina, daß Erich die Schu— bert'ſche Melodie des Harfnerliedes ſinge; Erich fand es wider⸗ ſprechend, das, was in Einſamkeit und Nacht von einem ſchwer Beladenen ausgeklagt wurde, hier in froher Gemeinſchaft auf dem Rheine laut werden zu laſſen. Aber Lina ließ nicht ab und Erich ſang: Wer nie ſein Brod mit Thränen aß. Die Ruder hielten an, die Stimme Erichs tönte das Herz durchſchütternd. Er machte eine kleine Pauſe und ging dann auf die Worte über: Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen ſchuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein: Denn alle Schuld rächt ſich auf Erden. —————— ———— —— —— — ½ Ohne Auflöſung, auch muſikaliſch in der Schwebe gehalten, ſchließt die Weiſe Schuberts wie Goethe's Wort. Als der Kahn an der Villa vorüberglitt und droben Manna die Schlußworte hörte, warf ſie ſich nieder und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Da klang's: Denn alle Schuld rächt ſich auf Erden... Stunde um Stunde verging; da wurde an der Thür geklopft. Manna erwachte; von der Müdigkeit des Körpers und der Seele überwältigt, war ſie eingeſchlafen. Roland und Lina riefen ſie, wie träumend ging ſie hinab zur Geſellſchaft. Es war ihr, als wäre es Morgen, und doch war es Nacht; ſie kam ſich wie ge⸗ fangen vor von all den Menſchen, die ſich ihr doch in Liebe zuwendeten. Wie um ſich ſelbſt zu überwältigen, machte ſie den Vorſchlag, daß man jetzt in der Mondnacht nochmals auf dem Rhein fahre. Sie bat Lina, ein Lied zu ſingen, aber dieſe erwiderte, ſie könne nicht ſo ſchön ſingen wie Herr Dournay. „Bitte, ſingen Sie,“ wendete ſich Manna an Frich. „Ich kann jetzt nicht,“ entgegnete er. Die erſte Bitte, die ſie an ihn richtete, ſchlug er ihr geradezu ab. Sie war anfangs gekränkt, dann aber freute ſie ſich. Es iſt beſſer ſo, er ſoll Dich nichts angehen; Du mußt wieder die rechte Stellung zu ihm gewinnen. Und um zu zeigen, daß die Unfreundlichkeit ſie nicht verletzt habe, war ſie heiter wie noch nie. Als man von der Fahrt zurückkam, ging Sonnenkamp den ans Land Steigenden entgegen und verkündete, daß eben der Siebenpfeifer ihm im Vertrauen mitgetheilt habe, die Schiffer, für die er die wohlthätige Anſtalt gegründet, würden ihm einen Dank darbringen. Achtes Capitel. „Ein Haus ohne Tochter iſt wie eine Wieſe ohne Blume,“ ſagte der Major, der mit der Profeſſorin und Sonnenkamp zu⸗ ſah, wie auf der Wieſe, die von der Villa nach dem grünen Hauſe führte, die jungen Leute mit Reifen ſpielten. Lina hatte es dahin gebracht, daß Manna Theil nahm, und im — 245— Verein mit der Kammerfrau es auch vermocht, daß ſie ein ſommer⸗ lich hellfarbiges Kleid und im Haar ein dunkelrothes Sammet⸗ band trug, wodurch ihr reiches ſchwarzes Haar als voller Schmuck erſchien. Im weiten Kreiſe ſtanden die jungen Leute, ſchnellten bunt umwickelte Reifen in die Luft und fingen ſie mit feinen Stäb⸗ chen auf. Auch der Architekt war dabei; er war auf den beſonderen Wunſch Manna's geladen worden, Niemand außer ihr und Lina wußte, warum das geſchehen. Roland hatte gebeten, daß Erich mitſpiele, er weigerte ſich anfangs, aber Lina zog ihn in den Kreis und rief: „Wer nicht mitſpielt, hat eine Perrücke und fürchtet, ſich zu verrathen.“ Prancken grüßte mit ſeinem Stabe faſt militäriſch, als wäre es ein Degen. Nun war luſtiges Lachen und Springen auf der Wieſe und eine volle Augenluſt, die ſchönen Bewegungen Rolands, noch mehr aber die Manna's zu ſehen. Wenn ſie emporblickte und einen Arm ausſtreckte, war es, als ob ihr Auge nach etwas Anderem gerichtet wäre, als ſtände ſie in einer Verzückung und es müßte nicht ein Reif, ſondern irgend eine Himmelserſcheinung kommen, die ſie feſthielte. Rechts von ihr hatte ſich Prancken, links Erich aufgeſtellt; Prancken warf ſo geſchickt, daß ſie den von ihm geworfenen Reifen ſtets auffing, Erich dagegen warf entweder zu hoch oder zu tief, ſie mußte ſich ſtets bücken um den Reifen vom Boden aufzunehmen. Roland und Lina ſpotteten über ſeine Ungeſchicktheit, aber es ſchien faſt, als ob er es abſichtlich thäte, denn bei dieſer Bewegung zeigte ſich die Anmuth Manna's immer aufs Neue. Ein beſonderes Kampfſpiel war zwiſchen Lina und Roland, ſie rang mit dem Jüngling, als wäre ſie ſelbſt ein wilder Knabe, ſie ſuchten einander niederzuwerfen beim Auffangen eines aus der Linie geworfenen Reifens. Roland ward nicht zu Falle gebracht, er ſchlüpfte behend unter allen Angriffen durch, und der Architekt lächelte, indem er die rehbraunen Stiefeletten Lina's betrachtete. Als Erich einmal raſch vorſtürzte, um den ſich zur Seite ver⸗ irrenden Reif, den Manna geworfen, noch aufzufangen, ſiel er der ganzen Länge nach auf die Wieſe. Manna lachte laut auf. ———————— — 246— Kaum hatte Lina dies gehört, als ſie in die Hände klatſchte und rief: „Die Prinzeſſin iſt erlöſt! Herr Hauptmann, Sie haben ſie erlöſt! Manna iſt die Prinzeſſin geweſen, die nicht lachen kann. Wie wollen wir den Ritter heißen, der ſie uns erlöſt hat?“ Erich verſtand es, ſeinen Unfall zu einem Scherz zu machen. Noch nie hatten die Wangen Manna's von ſolcher Röthe ge⸗ glüht wie heut; der Bann, der auf ihr lag, ſchien gelöſt, ein einziges Lachen, ein tiefes, herzliches, kindiſch volles, hatte ihr eine Belebung gegeben. Lina ging zu Herrn Sonnenkamp und ſagte: „Hoher Fürſt! Der Ritter, der die Prinzeſſin zum Lachen gebracht, deſſen Ruhm muß der König durch den Herold vom Thurm der Lichtenburg herab durch alle Lande verkünden laſſen.“ Sie ahmte dem Herold nach. Jetzt war Lina ganz in ihrem Element. Sobald es eine Luſt⸗ barkeit gab, eine Neckerei, war ſie klug, erfinderiſch, übermüthig, voll überraſchender Einfälle; ſobald man aber in ein ernſtes Ge⸗ ſpräch einlenkte, ſaß ſie immer da, folgſam und demüthig, aber ihr Blick ſagte: Das iſt gewiß recht ſchön, was ihr da ſagt, aber mir ſchmeckt es nicht; und daß die Menſchen von all dem Geſcheidtreden ge⸗ ſünder und luſtiger geworden ſind, habe ich noch nie geſehen. Man kehrte in die Villa zurück. Lina hatte ihren Hut an einen Strauch gehängt, der Architekt trug ihr denſelben nach, er ſtreichelte die braunen Knüpfbänder und betrachtete das braune Strohgeflecht und die künſtlichen herbſt⸗ lich bereiften braunen Weinblätter. Er übergab Lina den Hut und unter demſelben drückten ſie einander die Hand. Der Architekt ſagte, er müſſe nochmals nach der Burg, um Anordnungen für den nächſten Tag zu machen. Nur eine Sekunde ſah Lina nachdenklich dem Davongehenden nach, dann ſprang ſie behend die Freitreppe hinan in den Muſik⸗ ſaal, ſetzte ſich ans Clavier und ſpielte zum Tanze auf, denn getanzt mußte heute auch noch werden. Als nun Prancken Manna ſcherzend zum Tanze aufforderte, ſprang Lina vom Clavier auf. „Nein, das geht nicht! Zuerſt kommt der Ritter von der ins Gras gefallenen Philoſophie, der die Prinzeſſin erlöſt hat.“ — 247— Lina that es nicht anders, Manna mußte zuerſt mit Erich tanzen. Claudine war bereit, aufzuſpielen, ſo daß Lina nun auch tanzen konnte. Mit einem ſchelmiſchen Knir forderte ſie Herrn von Prancken auf und tanzte mit ihm hinter Erich und Manna drein. „Ich begreife gar nicht, daß ich tanze,“ ſagte Manna, wäh⸗ rend ſie ſich wie ſchwebend am Arme Erichs durch den großen Saal drehte. „Ich auch nicht,“ erwiderte Erich. Claudine mußte immer weiter ſpielen, denn Prancken forderte Manna auf; ſie athmete noch haſtig, er hielt ſie eine Weile an der Hand, bevor er ſich mit ihr im Kreiſe drehte. Roland tanzte mit Lina und wollte gar nicht aufhören. Sonnenkamp ſagte zur Profeſſorin, wie gut ſich das Alles nun gefügt, er hätte nimmermehr geglaubt, daß ſein aus dem Kloſter heimgekehrtes Kind in dieſem Saale vor ihm tanzen würde. Er hatte zu Frau Ceres geſchickt, ſie möge doch auch zuſehen. Sie kam, und nun mußten Prancken und Manna noch einmal vor ihr tanzen. Sonnenkamp pries es als einen guten Gedanken ſeiner Frau, Manna zu Ehren einen großen Ball zu geben, dieſe aber wehrte entſchieden ab. Lina bat leiſe die Eltern, man ſolle heute Manna nicht weiter bedrängen, ſie werde ſchon Alles zu Stande bringen. Nach dem Abendeſſen wünſchte Lina, daß man noch einmal tanze, ſie wollte, daß man heut gar nicht ſchlafen gehe. Sie hatte das ganze Haus und vor Allem Manna in neues Leben gebracht. Sie war ſo voll überſprudelnder Heiterkeit, daß ſelbſt Erich, der ſie bisher gleichgültig betrachtet hatte, ſich ihr freundlich näherte. „Ja,“ ſagte ſie,„damals, wiſſen Sie noch? Hätten Sie damals geglaubt, daß Sie mit dem geflügelten Weſen tanzen würden? Nicht wahr, ſie iſt ein himmliſches Geſchöpf? Ach, und wenn Sie ſie erſt wieder ſo luſtig ſehen. Ich freue mich darauf, wie Sie verliebt in Manna werden... ſo verliebt, ſchrecklich verliebt. Wollen Sie mir etwas verſprechen?“ „Was denn?“ „Daß Sie am erſten Tage, wenn Sie verliebt ſind, es mir ſagen.“ — 248— „Wenn ich mich nun aber in Sie verlieben würde?“ „Ach, gehen Sie, ich bin viel zu dumm für Sie; für Herrn von Prancken wäre ich geſcheidt genug geweſen, aber ich bin ver⸗ ſorgt und aufgehoben. Hat Ihnen Manna noch nichts von mir geſagt? Haben Sie noch nichts errathen?“ Erich verneinte und Lina fuhr fort: „Thun Sie es mir zu lieb und ſchnappen Sie Manna dem Baron Prancken weg.“ „Warum lacht Ihr denn ſo ſehr?“ trat Manna bei dieſen Worten auf die Beiden zu. „Sagen Sie es ihr,“ neckte Lina. Als Erich ſchwieg, fuhr ſie fort: „Er kann Dir' ſagen, aber er iſt entſetzlich hinterhaltig und verſchlagen. Manna, gib keine Ruhe, bis er Dir es ſagt. Herr Hauptmann, wenn Sie es nicht gleich ſagen, ſo ſage Ich es.“ „Ich traue Ihnen Haltung genug zu,“ erwiderte Erich ſehr ernſt,„daß Sie einen Scherz nicht muthwillig ins Gegentheil verkehren.“ Die Mienen Lina's veränderten ſich und ſie ſagte: „Ach, Manna, er iſt ſchrecklich gelehrt. Der Vater ſagt es auch, er ſieht die Menſchen durch und durch. Haſt Du nicht auch manchmal Angſt vor ihm?“ Ohne Antwort zu geben, nahm Manna Lina unter den Arm und ging mit ihr durch den Garten und Lina plauderte und ſcherzte und ſang durcheinander... Als Manna endlich allein auf ihrer Stube war, däuchte es ihr, die Bilder an der Wand ſchauten ſie an und fragten: wer biſt Du denn? Sie ſchlug die Augen nieder vor den ſtummen Bildern, dann warf ſie ſich auf die Kniee und in ihr ſprach es: Das mußte ſo ſein, Du ſollteſt alle eitle Lebensluſt wieder kennen lernen, um ſie zu überwinden. In ihr zerknirſchtes Gebet hinein tönten luſtige Walzer und fröhliches Lachen. War es die Lebensluſt, die ſich in ihr regte, oder war es ein Anderes? Am andern Tage mußte ſie in neue Luſtbarkeit hinein. Man zog nach der Burg, wo der Architekt mit einer Art feierlichen Ernſtes eine würzige Maibowle bereitete. Die Geſell⸗ ſchaft ſaß auf dem Vorſprung der Burg, man ſchaute aus in die weite Landſchaft und Lina war ſo glückſelig, daß ſie die — 249— übermüthigſten Tiroler Jodellieder ſang. Sie ſang im Freien faſt noch beſſer als im Zimmer, und dazu hatte ſie gute Be⸗ gleitung, denn ſie ſang auch ein Duett mit dem Architekt. Auch hier wurde Erich aufgefordert, daß er ſinge, auch hier verſagte er es. Lina brachte es dahin, daß Manna den Maiwein credenzte und zuerſt aus dem bekränzten Pokale trank. Sie ſagte ſcherzend, wenn ſie es nur dahin bringen könnte, daß wieder die alte Manna oder eigentlich die junge Manna herauskäme. Dieſe ſchien heraus zu wollen, aber noch hatte Manna Kraft genug, ſich zurückzu⸗ halten, nur lachte ſie heut bei den kleinſten Scherzen Lina's. Roland nickte Erich zu, aber dieſer ſagte ihm leiſe, er ſolle nicht auf die Heiterkeit Manna's aufmerkſam machen, denn damit zerſtöre man dieſelbe. Es wurden Kränze gewunden, Lina erinnerte an das erſte Eintreten Erichs auf Wolfsgarten⸗ Der Abendſtern glänzte am Himmel, als man bekränzten Hauptes wieder von der Burg nach der Villa zog. Am letzten Abhang ſprang Manna behend den Berg hinab, Lina ſprang ihr nach, und drunten am Berge umarmte Lina die Jugendfreundin und rief ihr zu: „Du biſt erlöſt! Du haſt die drei beſten Dinge auf der Welt, Du haſt gelacht, getanzt, getrunken... Nein, das ſind doch nicht die beſten, das Beſte kommt noch.“ Manna blieb ſtill. Ueuntes Capitel. Was thut man am Morgen eines Tages, wenn man weiß, daß man Abends eine Huldigung empfängt? Sonnenkamp wußte, daß heute die Schiffer, für die er eine Wittwenkaſſe geſtiftet, ihm feierlichen Dank darbringen. Er ſah nach dem Barometer. Es hatte geregnet, jetzt iſt der Barometer bereits geſtiegen, es hellt ſich wieder auf, das Feſt wird eins ſchönen Fortgang nehmen. Wenn man nur die Anrede wüßte, die am Abend — 250— wird, man könnte ſich auf entſprechende Antwort vorbereiten. Die Fürſten haben es gut, eine Anrede, die an ſie gehalten werden ſoll, wird ihnen vorher vorgelegt. Sonnenkamp hatte indeß die Zuverſicht, daß ihm der Augenblick ſchon das An⸗ gemeſſene eingeben werde. Er hatte nie auf die Ehre von Menſchen geachtet, er ſelbſt gab ſich alle Ehre, ſo weit überhaupt Ehre ein Bedürfniß iſt. Sollte er nun abhängig ſein? Und mit was war dieſe Ehre erworben? Mit Geld! Hätte er es nicht im Uebermaß, ſie ſchauten nicht nach ihm um. Er ritt zur gewohnten Stunde aus, aber er ritt nicht den gewohnten Weg, er ſchaute freundlich zu den Menſchen, die ihm begegneten; es waltete ein neues Wohlgefühl in ihm. Er ritt nach der Burg. Nicht weit davon bog er ab in den Wald, denn er ſah über der Bekrönung des einzigen bereits fertig geſtellten Thurmes eine große Fahne flattern und nirgends waren Männer zu ſehen. Im Walde ging er lange hin und her und führte ſein Pferd am Zügel. Auf dem Rückwege nahm er den Major mit, er mußte bei ihm bleiben. Der Major hatte heut die Art eines Brautführers, der Alles zur Hochzeit gerüſtet hat und nun ſich mit dem Bräu⸗ tigam ins ſtille Gemach zurückzieht, bis man mit voller Muſik abgeholt wird. Am Nachmittage fand ſich die Familie des Cabinetsraths, der Landrichter mit ſeiner Frau und der Doctor ein. Der Major, der ſich auf eine kurze Stunde entfernt hatte, erſchien nun wieder mit allen ſeinen Orden. Viele Andere kamen und ſogar die junge Wittwe, die Tochter des Herrn von Endlich; ſie hatte ſich für einige Sommerwochen aufs Land begeben. Prancken hatte die Geſellſchaft der Umgegend geladen, er wußte, daß Herrn Sonnen⸗ kamp dieſe Ausbreitung ſeines Ruhmes ſehr genehm war. Alle kamen indeß nur wie zufällig und Sonnenkamp ließ ſich dieſe geſellſchaftliche Lüge gefallen. Prancken war beſonders aufmerkſam gegen die ſchöne junge Wittwe. Er freute ſich, als er einmal einen Blick Manna's ſah; Alte erkennen, welche Verſuchungen und Anreizungen ſich ihm ken hatte Befehle gegeben, daß große Braten und 4— Ü—— — 25— Flaſchen geringen Weines für das ankommende Volk bereit ge⸗ halten werden ſollten, auch für Cigarren hatte er geſorgt und Sonnenkamp, der von Allem wußte, that, als ob er nichts ſehe und höre. Als der Abend hereinbrach, bat Prancken vor allen Anweſen⸗ den den Vater— ſo nannte er ihn mit Nachdruck im Beiſein Aller— er möge in ſeinem Zimmer bleiben, bis man ihn rufe. Verſchämt, beſcheiden und geduldig ſich fügend, begab ſich Sonnen⸗ kamp auf ſein Zimmer. Nun wurden große Tiſche im Hofe aufgeſtellt, Speiſe und Trank darauf geſetzt, denn vom Oberrhein tönte Muſik und kamen bereits die zuſammen gefügten Schiffe und Gondeln. Sie hielten vor der Villa und ordneten ſich, Fackeln und bunte Lampen, wie brennende Guirlanden aufgehängt, leuchteten von den Schiffen. Sonnenkamp war allein auf ſeinem Zimmer, er hatte ein Bangen vor dieſer Huldigung, die er doch gewaltſam hervorgerufen hatte. Wenn unverſehens ein Wort dazwiſchen gerufen wurde?.. Nein, es kann nicht ſein. Jetzt nahten ſich Schritte; der Major und der Landrichter kamen. Der Major ſagte, ſie wollten ihm einſtweilen Geſellſchaft leiſten. Sonnenkamp dankte und rauchte ſtill weiter; er hielt die Cigarre ſo zart, als ob er ſogar gegen ſie beſcheiden wäre. Er bat die Freunde um Entſchuldigung, daß er jetzt keine Unterhal⸗ tung führen könne, er habe ſo viele Jahre in der fremden Welt gelebt und nun erdrücke es ihn faſt, in ſo vielen redlichen Herzen eine Heimat gefunden zu haben, die er nicht verdiene; denn er habe ja nichts gegeben, als elendes Geld. Der Landrichter wollte etwas erwidern, aber der Major winkte abwehrend. In ſolchen Augenblicken, bedeutete er ihm leiſe, müſſe man einen Mann auch einmal übertrieben reden laſſen; es iſt genug, wenn man ihm ſeine Worte abnimmt. Jetzt näherten ſich viele ſchwere Schritte, Prancken öffnete die Thür und ſagte: „Hier herein, ihr Männer.“ Eine Deputation der Schiffer trat ein und bat, Herr Sonnen⸗ kamp möge erlauben, daß man ihm ein Dankeszeichen bringe. Mit niedergeſchlagenen Augen ging er zwiſchen den hell gekleideten Schiffern die Treppe hinab nach dem Park und hier that ſich ihm ein ſchöner Anblick auf. ——————.——— In den bunt beleuchteten Schiffen ſtanden die Schiffer und ſangen im Chor ein weithin ſchallendes Lied. Mit gefalteten Händen ſtand Sonnenkamp da und ſchaute drein, dann that er die Hände auseinander und rieb den Ring am Daumen der rechten Hand, der ihm Schmerzen machte. Das Lied war geendet; Hoch wurde gerufen dem großen Wohlthäter; die Böller knallten und hallten vielfältig wieder von den Bergen, daß es wie ein Donner weithin verkündet wurde ſtromauf und ſtromab. Mit einer kurzen Rede dankte Sonnenkamp; Roland ſtand zu ſeiner Rechten, Manna zu ſeiner Linken. Er legte die Hand auf die Schulter ſeines Sohnes und verbarg dabei den Daumen; mit der andern Hand faßte er die Manna's und ſchloß mit der Bitte, daß die guten Nachbarn ihre Liebe auch auf dieſe ſeine Kinder übertragen möchten. Ein junger Burſch, der am Steuer ſtand, brachte nun auch ein Hoch auf Roland aus. Wieder knallten die Schüſſe. Roland ſagte zum Major:„Ich kann nicht reden.“ Er ging hinab, ſtieg in das erſte Schiff und reichte den Männern die Hand und jetzt ſah er, daß auch Erich auf dem Schiffe war. Er faß im Hinter⸗ grund, er hatte den Männern im Geſang geholfen; der Schul⸗ lehrer Faßbender ſaß neben ihm. Nun ſtieg man ans Land. Mit Muſik zog die Schifferſchaft durch den Park nach den Tiſchen, die zu ihrem Schmauſe auf⸗ geſtellt waren. Sonnenkamp befahl, daß die Stühle weggenommen würden. „Sie dürfen ſich nicht ſetzen,“ ſagte er zu Prancken;„ich hatte geglaubt, daß Sie das bedenken. Machen Sie, daß die Leute bald wieder fortkommen. Dem niedrigen Volk iſt nicht zu trauen. Das artet aus. Laſſen Sie den Wein auf die Schiffe bringen, dort mögen ſie tollen, wie es ihnen beliebt.“ Ein Hoch auf Frau Sonnenkamp wurde beim erſten Glaſe ausgebracht; Sonnenkamp dankte in ihrem Namen von der Frei⸗ treppe aus; er bedauerte, daß ſeine Frau leidend ſei und an dem Feſte nicht theilnehmen könne. Er bat die Männer, recht ruhig zu ſein, denn ſie ſei ſehr empfindlich. Die Luſtbarkeit war damit gedämpft. Erich führte die Männer wieder nach den Schiffen, ſie fuhren ab, Muſik ertönte, Böller knallten und bald war es wieder ſtill auf der Villa. Man ſaß im Freundeskreiſe im großen Saal. Der Major ſagte: — 253— „Das Alles muß von einer guten Feder in die Zeitung. Sie, Herr Kamerad,“ wendete er ſich zu Erich,„Sie werden das ge⸗ wiß ſchön geben. Erwidern Sie nichts, Sie müſſen.“ Erich erklärte, daß er nicht widerſprechen, ſondern den Wunſch des Majors habe freiwillig ausführen wollen. Der Major ging zur Profeſſorin und ſagte ihr, daß Erich mit dem Volke geſungen habe; er bedauerte, daß nicht auch Fräulein Milch das ſchöne Feſt mit angeſehen, ſie ſei aber hart⸗ näckig gegen Alles, was das Haus Sonnenkamp betreffe; er könne es ſich nicht erklären, ſie ſei doch ſonſt ſo gut gegen alle Menſchen. Die Profeſſorin wußte, warum Fräulein Milch ſich zurückzog. Sie ſah den Mann und die Kinder und die ganze Geſellſchaft und konnte ſich nicht erwehren, darüber nachzuſinnen, wie es ſein wird, wenn nicht huldigende Böllerſchüſſe das Echo in der Nacht wecken, ſondern ein anderer Ruf ſich über Berg und Thal ver⸗ breitet.— Die Geſellſchaft entfernte ſich. Roland und Erich begleiteten die Profeſſorin nach Hauſe, Roland war voll Glückſeligkeit über dieſe allgemeine Ehre und Erich legte ihm nochmals ans Herz, welch ein Glück es ſei, andere Menſchen ſo beglücken zu können. „Was nur Deine Mutter hat, ſie war den ganzen Abend ſo traurig,“ ſagte Roland auf dem Heimweg. „Sie iſt nicht mehr zur Freude geſtimmt,“ entgegnete Erich. Noch in der Nacht ſchrieb er einen begeiſterten Bericht über die wohlthätige Stiftung und das heitere Feſt und ſchickte ihn nach der Reſidenz an Profeſſor Crutius. Am zweiten Tage kam das Zeitungsblatt in die Villa. Sonnen⸗ kamp dankte Erich für dieſe begeiſterte Kundgebung und Roland bat: „Schenke mir das Blatt, ich will es zum ewigen Andenken aufbewahren.“ Es kam noch ein zweiter Bericht in der officiellen Zeitung und Prancken geſtand beſcheiden, daß er der Verfaſſer deſſelben. Das, was Erich geſchrieben, war allerdings ſchön, aber dieſer Bericht kam vor die Augen des Fürſten, und das war wichtiger und zeigte bald ſeine Folgen. ——— Zehntes Capitel. Die Cabinetsräthin erwies ſich dankbar und gut unterrichtet, ſie zeigte Sonnenkamp einen Brief ihres Mannes, worin dieſer ſchrieb, daß der Fürſt mit großer Befriedigung den Bericht über die Stiftung geleſen hatte. Der Fürſt ſprach die Abſicht aus, die Villa und die berühmten Treibhäuſer und Obſtpflanzungen Sonnenkamps in Augenſchein zu nehmen. Das ſollte allerdings noch geheim gehalten werden, aber es war doch gut, daß Son⸗ nenkamp unterrichtet war. Er ließ die Bitte zurückgehen, daß man vom Beſuche des Fürſten telegraphiſch Nachricht geben möge. Wie gefangen kam er ſich nun in ſeinem Beſitzthum und im Umkreiſe deſſelben vor. Er hatte nie daran gedacht, bevor er ins Bad reiſte, die Villa zu verlaſſen; aber jetzt war es ihm, als würde er plötzlich fortgeriſſen und der Fürſt käme gerade während ſeiner Abweſenheit. Er gab genaue Anordnungen und verſprach ſogar einen be⸗ ſonderen Lohn für ſchnellſte Beförderung eines aus der Reſidenz ankommenden Telegramms; aber Tag um Tag verging, es kam nichts. Alles war wieder im ruhigen Geleis, nur Sonnenkamp war in beſtändiger fieberiſcher Erregtheit; Prancken wollte abreiſen, Sonnenkamp bat, daß er bleibe; im Vertrauen theilte er ihm mit, welchen Beſuch er erwarte. Prancken ertrug es geduldig, daß Manna jede entſcheidende Annäherung ablehnte; er war froh, daß ſie Erich mit offenbarem Widerwillen behandelte, denn Manna hatte nach den Tagen des harmloſen und luſtigen Lebens wieder in ſtrenger Selbſtpeinigung ſich zurückgezogen und ganz offenkundig, wenn ſie Erich begegnete, verfinſterte ſich ihr Blick. Sonnenkamp ging unruhig durch den Park, durch den Obſt⸗ garten und die Treibhäuſer; ſeine alte Liebhaberei, mit dem über⸗ geworfenen ſackartigen Gewande in der ſchwarzen Erde zu wühlen, trieb er mit größter Vorſicht. Er ſaß im Warmhauſe und wie er ſo ſinnend in ſich verſunken ſaß, da ging es wie ein wunder⸗ ſames Säuſeln durch die Luft, ein leiſes, kaum hörbares Kniſtern ward vernehmbar und laut rief Sonnenkamp: „Sie iſt aufgebrochen!“ Die Victoria regia hatte ſich entfaltet. Er ſah die Blüthe, er freute ſich ihrer und doch ſchüttelte er ärgerlich den Kopf: Warum konnteſt Du nicht warten und in dem Moment, wo der Fürſt daſtand, aufbrechen? Die Natur müßte man zwingen können! Er ſchickte ſofort einen Wagen zur Cabinetsräthin. Sie kam und fand das ganze Haus, ſelbſt Frau Ceres im Anſtaunen der wunderbaren Blüthe. Sonnenkamp erklärte ihr, wie die Victoria regia am erſten Tage ſchneeweiß blüht, in der Nacht die Blüthe ſich ſchließt, in der zweiten Nacht wieder aufbricht, aber dann in roſenrother Farbe. Alle vier Tage geht eine neue Blüthe auf und die ab⸗ geblühte Blume ſenkt ſich unter Waſſer. Er nahm die Cabinetsräthin bei Seite, ſie ſollte das Ereigniß ſofort nach Hofe berichten. Jetzt war beſtimmte Veranlaſſung, daß der Fürſt käme.. Noch am Abend traf die Nachricht ein, daß der Fürſt und die Fürſtin am andern Tage eintreffen werden; ſie würden es aber ſehr übel vermerken, wenn man für den Beſuch, der nur als eine Zufälligkeit erſcheinen ſollte, etwas vorbereite. Sonnenkamp ſeufzte vor ſich hin. Wenn Alles zufällig ſein ſoll, dann bringt der Fürſt das Adelsdiplom nicht, das bedarf ja der Vorbereitung und vieler Förmlichkeiten. Vielleicht aber iſt Alles ſchon im Geheimen geſchehen, der Cabinetsrath darf nur nichts davon verrathen. Die unterrichtete Nachbarin hielt das nicht für wahrſcheinlich und Sonnenkamp war damit die Freude verdorben. Alſo immer und immer muß man Neues thun! Immer warten und ſorgen! Mit der größten Selbſtbeherrſchung nahm er ſich vor, keinerlei Verſtimmung und Ungeduld erkennen zu laſſen. Am Morgen nach einer faſt ſchlafloſen Nacht verkündete Son⸗ nenkamp, daß heute Niemand das Haus verlaſſen dürfe, und wie befehlend ſagte er Frau Ceres, ſie möge heute nicht krank ſein. Er ging zur Profeſſorin und bat ſie, die Ehrenformen des Hauſes zu übernehmen; ihr geſtand er, wen er heut erwarte, denn vor ihr, ſagte er, könne er keinerlei Geheimniß haben. Die Profeſſorin ſchauerte in ſich zuſammen, ihr Blick ſprach: Und das wagſt Du mir zu ſagen, die ich doch weiß.. Aber ſie bezwang ſich und ſtellte ſich Herrn Sonnenkamp zur Verfügung. ——— 256 Die Profeſſorin trug heute zum erſten Mal eine Broche mit dem Paſtellbilde ihres verſtorbenen Mannes, und nun wollte Frau Ceres wieder all ihren Schmuck anlegen; es gelang nur ſchwer, ſie zu überzeugen, daß ſie einfach gekleidet ſein müſſe. Vom Cabinetsrath aus der Reſidenz kam ein Telegramm, daß die Fürſtlichkeiten abgereiſt ſeien. Nun war es entſchieden. Auch Erich, Roland und Manna wurden unterrichtet. Erich wollte auf ſeinem Zimmer bleiben. „Sie erwarten wol, daß Sie gerufen werden?“ ſagte Prancken ſcharf. „Ich erwarte nichts als Freundlichkeit, wo ich mir keiner Verletzung bewußt bin,“ erwiderte Erich. Prancken machte eine kaum merkliche wegwerfende Bewegung des Kopfes, ihm war es entſchieden: der Menſch muß fort, der Menſch wird läſtig; dieſe Lehrersfamilie hat ſich eingeniſtet wie Raupen in einem Bienenſtock, da hilft nichts als Ausräuchern. Prancken war der Ruhige, er war Kammerherr und Baron von Prancken und Alle umher waren nichts als armſelige Unter⸗ würflinge. Nicht minder ruhig als Prancken, aber aus ganz anderem Grunde erſchien Manna. Sie verwarf es, daß man von der An⸗ kunft ſterblicher Menſchen ſich ſo in Haſt und Unruhe verſetzen laſſe. Sie war äußerlich ruhig, innerlich aber bangte ſie. Was ſoll dieſes Jagen nach Ehre von Anderen und nun gar hier? Sie wagte ſchüchtern, die Bitte auszuſprechen, daß ſie ſich zurückiehen dürfe. Man konnte ihr die Bitte nicht gewähren. Prancken ſagte, ſie werde ſich nach Ueberwindung der erſten Förmlichkeiten am Hof wohl fühlen, und Sonnenkamp ſetzte hinzu, ſie werde an der Seite des beliebteſten Cavaliers Freude und Ehre empfangen. Manna ſchaute nieder; da kam Roland herbei. vollſtändig weißes Sommergewand. Er war voll Uebermuth und redete Manna zu, ſie ſolle nicht furchtſam ſein, die Fürſtlichkeiten ſeien überaus huldreich und nach den erſten Worten ſei man mit ihnen wie unter Kameraden. Auf dem flachen Dache des Hauſes ſtand Lutz ausſchauend, jetzt kam er raſch herunter und rief: „Sie kommen!“ Er trug ein Alles zerſtreute ſich, als ob man Niemand erwartet hätte. Zwei Wagen fuhren in den Hof. Son enkamp eilte die Frei⸗ treppe hinab, aber auf der unterſten Stufe ſtrauchelte er, er mußte ſich am Geländer feſthalten. Was iſt denn das? Ein ſchwarzes Geſicht! Iſt das Einbildung oder Wirklichkeit? „Kommen Sie, kommen Sie!“ rief Prancken, der ihm nach⸗ geeilt war.„Die Fürſtlichkeiten erheben ſich bereits.“ Er kam noch glücklich am Wagen an und hatte die Gunſt, dem Fürſten beim Ausſteigen die Hand reichen zu dürfen. Die Fürſtin ſtieg an der andern Seite des Wagens mit Hülfe Pranckens aus; ſie ſprach einige huldreiche Worte, wie ſie ſich freue, einmal den Ort und den Mann in ſeinem Hauſe zu ſehen, von wo er ſo viel Schönes und Gutes dem Volke ſchaffe. Die Fürſtin, die mit beſonderem Eifer die Wohlthätigkeits⸗ Anſtalten des Landes pflegte, betrachtete ſich zu Dank verpflichtet für die großen Leiſtungen Sonnenkamps. Sie hätte zwar lieber geſehen, wenn er die bedeutenden Summen den von ihr ge⸗ gründeten Anſtalten zugewieſen hätte. Es war ein entſchiedener Fehler Pranckens, daß er das nicht beachtet hatte. Ein kaum merklicher Ton der Mißlaune drang durch, indem die Fürſtin ſagte, ſie freue ſich, wenn immer neue Anſtalten ge⸗ gründet würden. Frau Ceres war mit Manna herbeigekommen. Die Fürſtin ſprach einige Worte zu ihr und ſagte dann Manna, ſie gleiche ihrem Bruder wenig, nur die Augen hätte ſie gleich mit ihm. Sie fragte nach Roland. Man ſah ihn jetzt auf der Treppe, er ſprach heftig in Erich hinein, er ſolle mit ihm gehen; aber Erich und die Mutter baten, er ſolle allein vorangehen. Er ging und wurde von den Fürſt— lichkeiten ſehr liebreich bewillkommt. Der Fürſt ging nach dem Hauſe. Auf der Freitreppe ſtanden die Profeſſorin und Erich. Mit raſchem Schritt ging der Fürſt auf die Profeſſorin zu und ſagte, ihr beide Hände reichend, wie er ſich freue, ſie wiederzuſehen, und auf das Paſtellbild der Broſche deutend, fügte er hinzu, daß er dieſem Manne ein dankbares Andenken bewahre, er trage ſein Bild im Herzen. Erich ſchien kaum bemerkt zu werden; ein Blick der Mutter ſagte dem Fürſten: Auerbach. Landhaus am Rhein. 1I. 17 258 „Sprich mit meinem Sohn,“ und der Fürſt wendete ſich an Erich mit den Worten: „Hoffentlich haben Sie, lieber Dournay, einen beſſern Schüler als Ihr ſeliger Herr Vater an mir hatte.“ Erich wußte nichts zu erwidern, er verbeugte ſich ſtill. Jetzt trat Prancken vor und fragte: „Wollen Hoheit zuerſt den Park und die blühende Victoria regia oder das Haus in Augenſchein nehmen?“ „Fragen Sie die Fürſtin,“ wurde erwidert. Mit großer Gewandtheit bewegte ſich nun Prancken nach der andern Gruppe und erhaſchte den Blick Manna's, der ihm überall hin folgte. Was iſt jetzt Erich? Dort ſteht der arme Menſch; es iſt lächerlich, daran zu denken, daß er neben einem Prancken etwas bedeuten mag. Die Fürſtin ſagte, daß ſie nach der Fahrt im Freien lieber ins Haus eintrete. Man begab ſich nach dem Balconſaal, wo ein Frühſtück bereit ſtand. Sonnenkamp hatte die Kühnheit, zu ſagen, daß die er⸗ habenen Fürſtlichkeiten mit dem einfach Unvorbereiteten, das ein ſchlichter Mann zu bieten vermag, vorlieb nehmen möchten. Frau Ceres hatte die Gunſt, rechts neben dem Fürſten zu ſitzen, zu ſeiner Linken befahl er die Profeſſorin; die Fürſtin ſaß zwiſchen Sonnenkamp und Roland. Erich fand in einem der begleitenden Cavaliere einen ehe⸗ maligen Kameraden, der ſich mit ihm unterhielt. „Sie müſſen nun bald eintreten,“ wendete ſich der Fürſt an Roland. Sonnenkamp ſah ihn ſtarr an. Der Fürſt weiß ja, wann Roland eintreten ſoll. Er erwartete jeden Augenblick, daß der Fürſt einem Kammerherrnswinke, er möge ihm das Adelsdiplom über⸗ reichen, aber es geſchah nicht. Der Fürſt unterhielt ſich angelegent⸗ lich mit der Profeſſorin und ſprach ſein Bedauern aus, daß eine ſo edle und geiſtig belebende Dame dem Hof entzogen ſei. Man ſtand bald wieder auf und Sonnenkamp war glücklich, wie der Fürſt Alles beſichtigte und Treibhaus und den Park und die kunſtvolle Obſtzucht mit hohem Lobe rühmte. Plötzlich fragte der Fürſt die Profeſſorin: „Wo iſt denn Ihre Schwägerin, die ſchöne Claudine?“ „Sie iſt hier bei uns, ſie wohnt mit mir in dem Hauſe, das Herr Sonnenkamp uns eingeräumt hat.“ „——— N — 259— „Beſuchen wir ſie,“ ſagte der Fürſt. Nun ging es durch die neue Thür über die Wieſe nach dem grünen Hauſe. Claudine war überraſcht, aber ſie bewahrte ihre gute Haltung. Der Fürſt ſagte, er könne ſich gar kein Harfenſpiel vorſtellen, ohne Fräulein Claudine mit ihren langen Locken dazu zu denken, wie ſie auf einem Tabouret ſaß und die Harfe im Arme hielt; es ſei eine ſeiner liebſten Jugend⸗Erinnerungen, wie er ſie im Zimmer ſeiner Mutter geſehen und gehört habe; das ſei die ſchönſte Romantik ſeiner Kindheit. Wiederholt ſprach er ſeine Dankbarkeit gegen die Schweſter ſeines Lehrers aus und pries Herrn Sonnen⸗ kamp glücklich, zwei ſo edle Frauen zu Nachbarn zu haben. Der Fürſt hatte das ernſte Beſtreben, die Menſchen glücklich zu machen, und er glaubte ſie durch porzellanene Redeblumen zu beglücken; er war überzeugt, daß Tante Claudine von dieſem Tage an ein Genügen und eine Freude ohne Gleichen empfinden werde. Er blieb lange in dem grünen Häuschen und befahl zuletzt, daß die Wagen hieher kämen, damit man von hier wieder abreiſe. Erich, der nicht zum Mitgehen aufgefordert worden, war auf der Villa zurückgeblieben und unterhielt ſich mit dem fürſtlichen Lakaien, einem großen Mohr, genannt Adams, der eine phan⸗ taſtiſche Livree trug. Der Mohr wurde bald zutraulich. Erich erfuhr nur ab⸗ geriſſen einzelne Thatſachen aus ſeinem Leben. Er war als kühnſter Springer und Mann von ungeheurer Stärke Mitglied einer Reiterbude geweſen. Der Bruder des Fürſten, der eine Reiſe in Amerika gemacht, kaufte ihn los und nahm ihn mit nach Europa. Jetzt war er der Lieblingslakai des Fürſten. Während er ſprach, ſah er immer nach der Villa; ſein rollendes Auge ſchien etwas zu ſuchen. Erich ſprach zum erſten Mal in ſeinem Leben einen Menſchen, der Sklave geweſen; es bewegte ihm dies das Herz und doch konnte er ein Bangen nicht überwinden, zumal da der Neger ſo unruhig war, als hätte er etwas in ſich zu bekämpfen. Während Erich mit dem Neger ſprach, war im grünen Hauſe von ihm die Rede. Die Tante lenkte mit Geſchick das Geſpräch auf ihn und erzählte dem Fürſten, welch ein Mann Erich ge⸗ worden. Als man nun nach dem Wagen ging, ſagte der Fürſt ganz laut zur Profeſſorin: 1 — 260— „Wo iſt denn Ihr Herr Sohn? Sagen Sie ihm, daß ich ihm gern einmal beweiſen möchte, wie ich mich unſerer Jugend⸗ kameradſchaft erinnere.“ Die Fürſtlichkeiten fuhren davon. Der große Mohr, der auf dem Rückſitz ſaß, ſchaute lange rückwärts. Sonnenkamp war ſehr verſtimmt. Er ſagte zu Prancken, dieſer Beſuch des Fürſten habe eine unbegreifliche Wendung genommen; er verſtehe das nicht. Er gab nur den Verdruß kund, daß er, der Herr des Hauſes, eigentlich am wenigſten beachtet worden ſei; es mochte ihn aber noch etwas Anderes beunruhigt haben. Als man nach der Villa zurückkehrte, ging Manna auf Erich zu und ſagte ihm: „Der Fürſt hat Ihrer Mutter einen beſonderen Gruß an Sie aufgetragen und Sie ſollen ſich erinnern, daß Sie ſein Jugend⸗ Kamerad geweſen.“ „Das einzig Erfreuliche an der fürſtlichen Gnade iſt für mich, daß Sie, Fräulein Manna, mir die Botſchaft überbringen,“ ent⸗ gegnete Erich. Alle ſtaunten über dieſe Zutraulichkeit zwiſchen Manna und Frich. Prancken lachte höhniſch über die gewandte Keckheit des Schulmeiſters. „Wo waren Sie denn?“ fragte Sonnenkamp im verweiſen⸗ den Ton. „Ich glaubte nicht folgen zu ſollen; inzwiſchen hat es mich intereſſirt, mich mit dem Diener des Fürſten zu unterhalten.“ Sonnenkamp ſah ihn ſeltſam an, dann ging er nach ſeinem Treibhauſe. Prancken verkündete laut, daß er nun auch abreiſe; er erwar⸗ tete offenbar, daß Manna Einſprache erhebe, aber ſie ſagte nichts. So ritt er davon und hinterließ eine ſeltſam verwirrte Stimmung auf der Villa. Elftes Capitel. Ein Blitz zuckt am nächtlichen Himmel auf und verſchwindet wieder; einen Augenblick war Alles grell beleuchtet, dann aber ſieht man erſt recht, wie dunlel es iſt. So auch war es, nachdem — 261— die Fürſtlichkeiten weggegangen waren. Ein Jedes vermied den Andern und ging ſeinen eigenen Weg. Niemand aber ſprach ſeine Enttäuſchung ehrlicher aus, als der Kammerdiener Joſeph, und der Haushofmeiſter gab ihm Recht; er konnte aber nicht viel ſagen, denn er hatte den Mund voll von den Leckerbiſſen, die weggeräumt wurden; er nickte nur immer ſtumm mit dem Kopfe und wurde ganz roth dabei. Joſeph aber ſagte: „Nicht einmal ein Trinkgeld haben ſie hinterlaſſen! Was iſt nun von der ganzen Herrlichkeit da? Nichts. Und bei Hofe iſt nicht beſſer gedeckt und bedient und reichlicher aufgetragen. Schämen ſollten ſie ſich! Nicht einmal ein Trinkgeld zu hinterlaſſen!“ Ja, ſo war's. Niemand als vielleicht Tante Claudine, an die man gar nicht gedacht hatte, konnte ſich an etwas Wirklichem freuen. Sonnenkamp ſann und grübelte, womit er den offenbaren Umſchlag in der gnadenvollen Stimmung des Fürſten veranlaßt haben könnte. Es empörte ſein Innerſtes, daß er ſo abhängig ſein ſollte von der Laune, vom Blicke eines Andern— er, der Mann, der frei und herrſchmächtig waltete. Er vergegenwärtigte ſich noch einmal den ganzen Verlauf des Beſuches und jetzt glaubte er es gefunden zu haben. Es war nur ein Zupfen an den Hand— ſchuhen, das Kunde gegeben hatte; aber es war unzweifelhaft, da war es. Er hatte dem Fürſten geſagt, wie er ſich freue, aus derſelben Quelle wie der gnädige Herr neue Geſundheit zu trinken, und da der Fürſt ihn fragend anſah, hatte er hinzugeſetzt, daß er ebenfalls nach Karlsbad reiſe und dort jeden Tag das Glück haben könne, das Antlitz ſeines Fürſten zu begrüßen. Ja, da war es, daß der Fürſt einen raſchen, ſtaunensvollen Blick ihm zu⸗ wendete und an den Handſchuhen zupfte. Es war ein entſchiedener Fehler, bekannte ſich Sonnenkamp, daß er nicht Zurückhaltung genug gehabt, denn von der Badereiſe des Fürſten war ja noch nichts officiell bekannt gemacht; es war voreilig und verrieth etwas von Kundſchafterei, daß Sonnenkamp davon ſprach. Konnte denn der Fürſt das nicht freundlich auf⸗ nehmen? Hatte Sonnenkamp nicht die Sache in einer guten und, wie ihm ſchien, ſogar anmuthigen Wendung berührt? Weiter ging ſein Denken und neue Anzeichen ſtellten ſich her⸗ aus. Hatte denn der Fürſt nicht zu Tante Claudine geſagt: 262 „Hier bei Ihnen iſt es mir herzlich wohl, hier treffe ich Alles in der gewohnten, durch nichts unterbrochenen Verfaſſung.“ Der Fürſt ſchien beleidigt, daß heimliche Vorbereitungen für ſein Eintreffen geſchehen waren. Iſt denn das aber nicht allgemeine Sitte gegen die Fürſtlichkeiten? Und jetzt wendete ſich Sonnenkamps Aerger aufs Neue nicht gegen ſich, ſondern gegen den Fürſten. Der Fürſt ſollte doch bedenken, daß er lange in der fremden Welt gelebt, und die Profeſſorin hätte Alles beſſer bedenken müſſen, ſie war ja Hofdame geweſen; auch Prancken hätte es bedenken müſſen, er iſt ja Kammerherr. Zum erſten Male ging ihm auf, wie wunderlich, daß dieſe Menſchen alle den Ehren⸗Humbug ſo ernſt behandeln; aber freilich, er beſteht nur dadurch, daß Eines vor dem Andern ſich den An⸗ ſchein gibt, als hege es andächtige Verehrung dafür. Eine kurze Weile dachte er daran, den ganzen Plan aufzu⸗ geben. Wozu ſich adeln laſſen? Wozu in Hofkreiſe eintreten“ Warum ſich eine ſtändige Gebundenheit auferlegen? Er war ſtolz darauf, eine freie Natur zu ſein, und nun ſollte er ſich unifor⸗ miren laſſen, Schritt und Tritt, Bewegung und Wort nach der Hofſitte meſſen? Lieber wollte er bleiben, wer er iſt, ſtolz in ſich, und die ganze Geſellſchaft offen verachten, wie er ſie doch eigentlich im Stillen verachtet. Schmerzlich fühlte er, daß er bereits zu weit gegangen; ein Rückug war eitel Schande. Und wie lange hatte er Frau Ceres mit dieſer Hoffnung vertröſtet, welche Verbindlichkeiten hatte er gegen Prancken und vor Allem gegen Roland! Was ſollte aus ihm werden, wenn er nicht in den Adelſtand eintritt? Soll viel⸗ leicht Roland ſelbſt und ſeine Nachkommen wieder arm werden können? Nein, der Adel muß gewonnen werden. Aus dem kühn eroberten Beſitzthum wird ein Fideicommiß gegründet, ſo daß von Geſchlecht zu Geſchlecht ſeine Nachkommen nicht mehr der Ehre und des Reichthums entkleidet werden können; das Landhaus und die Burg bleiben als feſtes unveräußerbares Beſitzthum in der Familie. Etwas aus ſeiner eigenen Vergangenheit ſtieg in Sonnenkamp auf und laut ſagte er vor ſich hin: „Du biſt Deinem Kinde ſchuldig, das von ihm abzuwenden, was Dich dahin gebracht hat.“ , 263 Feſt und entſchieden kehrte er wieder ins Haus und that vor Allen ſehr beglückt von dieſem Beſuch. Ja, als Joſeph ihm er⸗ zählte, die Fürſtlichkeiten hätten kein Trinkgeld hinterlaſſen, ſpen⸗ dete er ein reichliches mit dem Zuſatze, daß Prancken damit be⸗ auftragt geweſen; die Diener ſollten in der ganzen Umgegend verbreiten, daß der Fürſt dageweſen und reiche Trinkgelder hinter⸗ laſſen habe. Das wird alle Umwohnenden neidiſch machen und mit Neid werden ſie es immer weiter verbreiten, und das Beſte dabei iſt doch noch, daß Alle betrogen ſind. Sonnenkamp pfiff leiſe vor ſich hin und das war ein untrüg⸗ liches Zeichen, daß er überaus heiter und zufrieden war. Er wid⸗ mete ſeine beſondere Aufmerkſamkeit der Tante, lobte ihre Be⸗ ſcheidenheit und den großen Blick des Fürſten, der ſie richtig zu würdigen wiſſe. Es ſchien ihn wahrhaft zu ergötzen, wie die Men⸗ ſchen das Lob ablehnen und doch heimlich gekitzelt davon ſind. Er ging immer lächelnd umher; er freute ſich, wie er das allgemeine Phantom der Ehre zerſtören konnte. Dieſer Fürſt war von Verehrung, Huldigung, Unterwürfigkeit umgeben— glaubt er, daß er in der That geehrt iſt? Was thut's? Er ſieht ſich geehrt und das iſt genug. Wer wird fragen, mit was die Münze legirt iſt, wenn man die Dinge der Welt dafür bekommen kann? Die ganze Verdüſterung, die der Beſuch des Fürſten hervor⸗ gebracht, verflog wie der Nebel, der ſich am Sommermorgen über die ganze Gegend lagert; ja der Nebel iſt ein Zeichen des hellen Wetters, er wird zum Thau, und Alles glitzert und ſchimmert. Eine neue Bewegung kam in das ganze Haus, die Vorberei⸗ tungen zur Badereiſe wurden gemacht. Auch Erich hatte ohne Weiteres ſich bereit erklärt, er glaubte verpflichtet zu ſein, Roland nicht mehr zu verlaſſen. Sonnenkamp hatte ſeine beſondere Luſt am Badeleben; da iſt Freiheit, leicht ſich fügende Geſellſchafts⸗Verbindung; das iſt doch der eigentliche Punkt, wo die feſtgeſeſſenen Menſchen ſich hinaus⸗ begeben und, ohne daß ſie es wollen, auch von ihrer philiſterhaften Gebundenheit erlöſt werden. Er ſchlug jeden Einwand des Doctor Richard nieder, indem er keck behauptete, der Leibarzt des Fürſten habe ihm Karlsbad angerathen. Dorthin kam der Fürſt mit Ge⸗ folge, dorthin kamen Bella und Clodwig, dort mußte ſich Alles entſcheiden, die Adelserhebung, die Verlobung Pranckens. Manna war beunruhigt, daß ſie, kaum ins elterliche Haus zurückgekehrt, ſchon wieder in eine neue Fremde verſetzt werden ſollte. Roland erzählte ihr, wie ſchön es war, als Erich im ver⸗ gangenen Jahre die Badereiſe ablehnte; er konnte nicht genug berichten, wie es ihn anfangs gekränkt, daß er den Freuden ent⸗ ſagen ſolle, wie es ihm aber dann die glückſeligſte Zeit geworden, ſo allein mit Erich lebend Tag und Nacht mit ihm wandern, Alles mit ihm empfinden. Am hellen Tage, in der linden Nacht war es damals ſchön geweſen, jetzt in der Erinnerung war es noch glänzender, noch wonniger. Manna wurde nachdenklich: der Mann hat ſich die Freuden der Zerſtreuung verſagt, um ſelber ſeine Pflicht zu erfüllen und einen Andern zur Pflichterfüllung anzuleiten? Eine Erkenntniß von der ſittlichen Kraft Erichs ging in ihr auf; auch er kann entſagen. „Ach,“ rief Roland,„Du kannſt Dir gar nicht denken, welche Glückſeligteit es iſt, ſo allein wochenlang mit Erich hier auf der Villa zu ſein.“ Manna lächelte, ſie begrüßte indeß Erich immer zutraulicher; eine gewiſſe Uebereinſtimmung in der Kraft der Entſagung, um dem eigenen Innern zu genügen, dämmerte in ihr. Sie war entſchloſſen, dem Reichthum zu entſagen; ſie wußte, welch ein Flecken darauf ruht, ſie wollte mit Aufopfern ihrer ſelbſt Alles das ſühnen und betrachtete ſich als Opfer. Wie das vollzogen wird, war ihr nicht klar, ſie überließ es der heiligen Satzung, aber in dieſem Entſchluſſe war ſie freundlich gegen den Vater. Es lag ein Aus⸗ druck wehmüthiger Güte in all ihrem Thun und Reden; ſie war verſöhnt, als lebte ſie in einer höhern Welt, als wäre Alles be⸗ reits geſühnt, und ſie ſelber war das Sühnopfer. Sonnenkamp freute ſich dieſer Milde ſeines Kindes, ſie erſchien ihm als eine Sinnesänderung; er glaubte, daß die jugendliche Lebensluſt den Vorſatz in ihr beſiegt, und ſo oft er ihr nahte, war eine Milde und Danlbarkeit in ſeinem Weſen, daß ſelbſt Manna davon gerührt wurde. Es erſchien ihr immer mehr, als ob ihr Opfer bereits von den höheren Mächten angenommen wäre, da der Vater ſo zarter, ſo verſöhnender, ſo gütiger Natur geworden. Seelenbewegungen der verſchiedenſten Art lebten in den Men⸗ ſchen, die in die Wagen ſtiegen, um ins Bad zu reiſen. Wer kann vorher ermeſſen, welche Umſtimmung ſie Alle er⸗ fahren? ———————— F — 265— Zwölftes Capitel. Die Saiſon in Karlsbad war glänzend; noch ſelten waren ſo viel vornehme und ſo viel abenteuerliche Gäſte hier verſammelt geweſen. In die Klaſſe der abenteuerlichen, aber auch in die der vornehmen zugleich gehörte Sonnenkamp, der mit großem Gefolge gekommen war, mit Frau und Tochter, Sohn, Hofmeiſter, Geſell⸗ ſchafterin und mehreren Dienern, die er aber beſcheidentlich nicht in Livree, ſondern in einfacher bürgerlicher Kleidung gehen ließ. Der fürſtliche Hof, Clodwig und Bella waren bereits eine Woche im Bade, als das Haus Sonnenkamp ankam. Am ſelben Tage reiſte ein ebenſo beſcheidener als wohlange⸗ ſehener Gaſt ab; Erich traf ihn noch, als er den letzten Becher am Sprudel trank. Es war Weidmann. Unter der Badegeſell⸗ ſchaft war noch mehrere Tage die Rede davon, daß der Fürſt dieſen Präſidenten ſeines Abgeordnetenhauſes, den unbeugſamen Oppoſitionsmann, zweimal zur Tafel geladen und mehrmals beim Morgengang angeſprochen hatte. Die Statiſtik ſchwankte nur, die Einen behaupteten, die Morgenanſprache ſei zweimal, die Anderen dagegen, ſie ſei dreimal geſchehen. Wieder war die Begegnung zwiſchen Erich und Weidmann nur eine vorübergehende, und Erich ſcheute ſich zu wiederholen, daß er Weidmann einmal beſuchen werde. Bella war ſehr aufgeheitert, aber ihre Belebung war mehr äußerliche Unruhe; ſie ſagte Erich, es ſei ſchön, daß man nun wochenlang tagtäglich mit einander verkehren würde; ſie erwartete große Erheiterung davon und war ſo unbefangen, ihn damit zu necken, daß, wenn ein Wohlthätigkeits⸗Concert gegeben werde, wobei ſie ſpiele, er ſingen müſſe. Clodwig machte bald ſeinen jungen Freund mit einem alten bekannt. Es war dies ein vielſeitig gebildeter Banquier aus der großen Handelsſtadt, den er alljährlich im Bade traf, und dann waren die beiden alten Herren viele Stunden des Tages beiſammen. Der Banquier war bei ſiebzig Jahren jugendlich unruhig, von eben ſo viel Lernbegierde als Mittheilungsluſt. Clodwig behielt ſeine bemeſſene Ruhe, er ſprach faſt nie während des Gehens; wenn er etwas zu ſagen oder ſeinem mittheilſamen Freunde zu erwidern hatte, blieb er ſtehen. — 266— Der Banquier ſagte Erich alsbald mit einer gewiſſen Ge⸗ fliſſentlichkeit, daß er Jude ſei. Clodwig mußte offenbar ſchon viel von Erich erzählt haben. Die raſche Art, wie der Freund Clodwigs ſich nun Erich nahe ſtellte, fand indeß bei dieſem nicht das entſprechende Entgegenkommen; jeder Dritte war ihm ſtörend, denn er hatte ſich ſehr darauf gefreut, viel mit Clodwig zu ver⸗ kehren, und nun nahm der Banquier einen guten Theil weg. An den Frühſtückstiſchen auf der alten Wieſe war der Fürſt und Gräfin Bella häufig Gegenſtand des Geſprächs; man ſagte, daß die Kurmuſik einen von ihr componirten Walzer ſpiele. Die Toilette der Gräfin Bella wurde gemuſtert, noch mehr aber war davon die Rede, daß der Fürſt faſt täglich mit ihr ging; er war dabei überaus heiter und man hörte ihn oft über die zierlichen Entgegnungen Bella's lachen. Auch Clodwig konnte ſich vieler Gunſtbezeugungen erfreuen. Bella bildete einen beſonderen Hof für ſich; ſie frühſtückte mit einer gewählten Geſellſchaft im Freien vor aller Welt, und ihr Tiſch war ſtets mit den ſchönſten Blumen geſchmückt. Auch der Weincavalier und der Portraitmaler waren auf einige Zeit im Bade. Es war ſchon der vierte Curort, den der neue Baron von Endlich in dieſem Sommer in ſeiner gewählten Eleganz mit ſeinem geheimen Album und ſeinen zierlichen Anek⸗ voten erfreute. Er war, wie er oftmals wiederholte, natürlich nur nach Karlsbad gekommen, um ſeine hochverehrten Nachbarn zu begrüßen. Bella empfing ihn ſehr kalt, auch Clodwig entſchuldigte ſich, daß er nicht viel Zeit habe. Er entſchädigte ſich dadurch, daß er unter allgemeiner Aufmerkſamkeit einige Schachpartien mit einem berühmten anweſenden Schachſpieler ſpielte. Der Maler unterrichtete Erich eifrig über die Abenteuer der hier Heilung ſuchenden Männer und Frauen. Er fand Erich un⸗ begreiflich naiv und unwiſſend. Wenn Sonnenkamp dem mit Bella wandelnden Fürſten be⸗ gegnete— und dies geſchah an jedem Morgen— nickte ihm Bella huldreich zu, auch der Fürſt begrüßte ihn mit einem Kopf⸗ nicken, hatte ihn aber trotz mehrtägiger Begegnung noch nicht angeſprochen. Der Cabinetsrath war ebenfalls im Gefolge des Fürſten, und mit ihm und einem vielerfahrenen Polizeirath, der den Fürſten immer aus der Ferne umkreiſte, machte Sonnenkamp in der Regel ſeinen Morgengang. — Prancken, der ſelbſtändig wohnte, ſich aber der Familie Son⸗ nenkamp anſchloß, war bald in das ganze Getriebe eingeweiht. Eine ſchöne Spanierin, die tief ſchwarz gekleidet einſam daher⸗ ging, einen dunklen Schleier auf dem Kopf trug und mit Niemand ſprach, kämpfte mit Bella um den Preis der Aufmerkſamkeit. Man ſagte der Spanierin nach, daß ſie das Unglück gehabt habe, nach den erſten Tagen ihrer Ehe zu entdecken, daß ihr Mann bereits anderweitig verheiratet war. Frau Ceres erregte eine Empörung in der ganzen Bade⸗ geſellſchaft. Sie ließ ſich Morgens in einem Handwagen zum Brunnen fahren, auf ihrem Schooße lag ein kleiner Hund und in der Hand hielt ſie eine friſche Roſe. Prancken bemühte ſich immer ſehr gefliſſentlich um ſie, und Fräulein Perini war beſtändig neben ihrem Wogen. Am Mittag ging Frau Ceres ſchön geſchmückt den Prome⸗ nadenweg. Die ganze Badegeſellſchaft war empört und jeden Morgen richteten ſich alle Blicke nach ihr, weil ſie, die doch geſund war, ſich im Gedränge fahren ließ. Frau Ceres freute ſich dieſer all⸗ gemeinen Aufmerkſamkeit; daß ſich darin Zorn kundgab, bemerkte ſie nicht. Manna miſchte ſich nur wenig in das morgendliche Badeleben; ſie ging früh zur Meſſe und übte ſich fleißig im Harfenſpiel, wozu ſie ein Zimmer auswählte, in welchem ſie von Niemand gehört werden konnte. In der Kirche begegnete ſie oft der ver⸗ ſchleierten Spanierin, ſie hatte ein Verlangen, ſich der einſam Trauernden zu nähern, aber ſie unterließ es; trug ſie ja ſelbſt Schweres genug in der Seele. Prancken klagte viel über die außerordentliche Gnade des Fürſten, der ihn oft ganze Tage ſeinen Freunden entzog. Sonnenkamp konnte ſich, Dank den Bemühungen Bella's, rüh⸗ men, mitten in der auserwählten Geſellſchaft zu ſtehen. Er kümmerte ſich nichts darum, daß die vornehme Geſellſchaft unter ſich ſagte, eine Badebekanntſchaft verpflichte nicht zu ferneren Beziehungen; er hoffte, ja er glaubte mit Zuverſicht, daß vielleicht noch hier die Entſcheidung kommen würde, die ihn mit der vornehmen Welt in gleiche Linie verſetzte; er benahm ſich ſchon im Voraus mit Unbefangenheit als Gleicher unter Gleichen. Bella hatte an einem Vergnügungsorte, wo ſie ſich länger — 6½ 5 1 1 31 1 2 — aufhalten mußte, keine Ruhe, bis ſie Jemand haſſen und verfolgen konnte; dann erſt war ihre Luſtigkeit eine volle. In Ermangelung eines Andern mußte nun die Spanierin herhalten. Bella behaup⸗ tete, die zur Schau getragene Einſamkeit der Spanierin ſei eine Maske, es ſtecke nichts als eine Pariſer Putzmacherin dahinter; trauernde junge Wittwe ſpielen, ſei Comödie und es wirke ſehr, ſich mit Trauerkleidern und ſchwarzem Flor zu drapiren. Sie forderte nun die Männer ihres Kreiſes auf, die Schleier⸗Spanierin, wie ſie ſie gern nannte, zu verfolgen und zu zwingen, daß ſie ſich demaskire. Der Weincavalier erklärte ſich dazu bereit, aber die Verhüllte zeigte ſich mehrere Tage nicht mehr, ſie war ver⸗ ſchwunden. Der Weincavalier ließ durchſchimmern, daß das ver⸗ abredet ſei; Bella war ſehr vergnügt darüber, daß ſich ihre Voraus⸗ ſetzung beſtätigt hatte. Sie gab dem Weincavalier zu verſtehen, daß das einen Glanz gebe, ein ſo ungewöhnliches Abenteuer ge⸗ habt zu haben, und ſo mußte er, um den Schein eines Aben⸗ teuers zu wahren und die Vorausſetzung Bella's zu beſtätigen, abreiſen. Sie lachte hinter ihm drein, wie man ſie noch gar nicht hatte lachen hören, als er am Morgen bei ſeinem letzten Frühſtück zu verſtehen gab, ſeine ſchnelle Abreiſe habe etwas Verſchleiertes. Nun war Bella doppelt wohlgemuth. Bella und Sonnenkamp gelangten in tagtäglichen, wochen— langen Verkehr, in eine ihnen ſelbſt ungeahnte Beziehung. Im Grunde hatten ſie eine Verwandtſchaft oder Gemeinſamkeit, die in ihrer Weltverachtung beſtand. Bella hatte eine tiefe Verachtung gegen das Hofleben, in dem ſie ſich doch ſo wohlig bewegte, Sonnenkamp zeigte ihr dagegen die Verächtlichkeit andrer Kreiſe. Beide erſchienen ſich als die Starken, denn ſie fanden, daß ſie den gleichen Weg gehen. Der Menſchenverächter wird eine gewiſſe Unruhe der Verein— ſamung nicht los; trifft er nun einen Andern, der gleich ihm geſtimmt iſt, ſo gibt ihm das eine Gewähr ſeiner Sinnesweiſe und dieſe Befriedigung kann zur Wurzel eines ganz neuen Ver⸗ hältniſſes werden. In ſolcher Weiſe vereinigen ſich in niederen Sphären Gauner und in höheren kluge Staatsmänner, die alles ideale, alles gute und reine Streben für eitel Phraſe anſehen; und in ſolcher Weiſe vereinigten ſich Bella und Sonnenkamp. Beide ſtimmten vollkommen darin überein, daß die ganze Gemeinſchaft, alle Geſellſchaft nichts als ſtillſchweigende Ueberein⸗ .—— — 269— kunft von Lügen ſei; Niemand glaubt dem Andern, Niemand ehrt den Andern und Alles, was man als bedeutſam preiſt, iſt nichts als ein Aufputz, ein Humbug, den man eben aufrecht erhält, ſo lange es geht; nur einige Tölpel von Lehrern und Ideenjägern glauben vielleicht noch an ihre ſelbſtverfertigten Götzen. Sonnenkamp erklärte, daß ſie die erſte Frau ſei, in der er wirklichen Geiſtesmuth entdecke, und trotzdem Beide einverſtanden waren, daß Alles, was man ſich Schönes und Gutes ſagt, nur Lüge und Uebereinkunft ſei, empfanden Beide, daß dieſer Ausſpruch auf Wahrheit beruhte. Bella wußte, daß ſie Muth hatte, und erkannte Sonnenkamp das Recht zu, dieſen Muth zu legaliſiren. Er gab ihr wiederholt zu verſtehen, daß er allein ihre große Natur begreife, ja er ſagte einmal geradezu: „Wer eine Frau hätte wie Sie und ſelber ein Mann wäre eine erobernde Natur mit einer Frau wie Sie... richtete einen neuen Thron auf in der Welt. Ich hatte darauf verzichtet, eine zum Herrſchen geborene Natur wie Sie kennen zu lernen.“ Er ſagte das halb wie Höflichkeit, aber ſie wußte, daß es voller Ernſt war, und faßte es als Ernſt. Sie war empört über die kleinliche Welt, wo ſich die Einen an einer Intrigue, die Andern an dem gefallen, was ſie Humanität nennen, das aber nichts iſt als Sentimentalität. So lag im Gruß der Beiden, auch wenn ſie nur raſch an einander vorüberſtreiften, immer ein viel Sagendes, auf geheimer Einigung Beruhendes. Sie ſagten ſich in kurzem Blicke: Wir allein ſind die Starken und groß genug, um jede Tändelei zu verſchmähen. Es war an einem ſchönen Julimorgen, als Bella große Früh⸗ ſtückstafel hielt; ſie hatte die Familie Sonnenkamp geladen und auch Manna erſchien heute mit der Mutter. Der Cabinetsrath, der General⸗Adjutant und mehrere Männer und Frauen vom erſten Adel aller Länder waren ebenfalls anweſend. Man bewunderte den reichen und geſchmackvollen Blumen⸗ ſchmuck des Frühſtückstiſches. Bella ſtellte Herrn Sonnenkamp als den geiſt⸗ und erfindungs⸗ reichen Geber vor und mit großem Geſchick zeigte ſie den Gäſten, wie Herr Sonnenkamp, bekannt als der größte Gartenkünſtler, die Zuſammenſtellung der Blumen zu behandeln wiſſe. Sonnenkamp war ſehr zufrieden mit dem Eindruck. 270 Manna bemerkte mit Zagen, daß ſie von der Blumenver⸗ ſchwendung, die hier im Orte ſtattfinde, verletzt ſei; durch Maſſen⸗ zuſammenſtellung und gepreßte Gebundenheit zerſtöre man den Charakter der Blumen, vor Allem der Roſen; man beleidige ge⸗ wiſſermaßen dieſe zarten Weſen. Erich entgegnete, daß ohne dieſe Blumen dem Leben hier ein Glanz und eine Heiterkeit fehlen würde; auch das Reinſte und Schönſte ſei nicht vor Mißbrauch und Uebertreibung ſicher, das dürfe uns aber den ſchönen Grundzug nicht verkennen laſſen. Das Geſpräch verlief in Scherz und Heiterkeit und gewann jene frohe Spannung, die die Brunnencur und die Friſche des Morgens hervorbringt, und dazu hatte man in einem langen Premierlieutenant aus einem der kleinſten deutſchen Fürſtenthümer auch eine Zielſcheibe des Witzes. Der lange Lieutenant hatte offen geſtanden, daß er nach dem Bade gekommen ſei, um eine reiche Bürgerliche mit ſeinem Adel zu beglücken; er hatte das Bella ver⸗ traut und ſie ſuchte ihn nun in allerlei ſcherzhafte Verbindungen zu bringen. Der lange Lieutenant ließ ſich's gefallen; er hatte einen ſtehen⸗ den Witz: er bedauerte„auf Ehre“, daß Roland nicht auch eine Tochter Sonnenkamps ſei, er würde ſie heiraten. Manna erröthete, denn damit war offen geſagt, daß man ſie als Braut Pranckens betrachtete. Es wurde viel erzählt von zerriſſenen, keck überſpringenden, frivolen Lebensübergängen mancher Badegäſte. Manna ſtarrte drein und innerlich ſagte ſie ſich: Es iſt gut, den ganzen Wirr⸗ warr der verkehrten Weltikennen zu lernen, bevor man ſie verläßt. Clodwig, Sonnenkamp, Erich, Roland und der Banquier unternahmen einen weiten Gang durch den Wald. Bella behielt Manna bei ſich. Da Prancken heut von jedem Dienſt befreit war, blieb auch er bei ihnen. Bella beſprach mit Manna ihre Kleidung zur nächſten Reunion, denn ſie hatte es dahin gebracht, daß Sonnenkamp mit ſeiner Familie zu einer ſolchen geladen wurde, in der nur der ausge⸗ ſuchteſte Adel Europa's ſich zuſammenfand. Manna hatte gebeten, daß ſie zurückbleiben dürfe, aber dies wurde als durchaus un⸗ möglich abgelehnt; ſie willfahrte nun und wußte kaum, daß ſie es gethan. Bella, die ſich großer Menſchenkenntniß rühmte, hatte — 271— ihrem Bruder oft geſtanden, daß ſie aus Manna nicht klug werde. Sie hatte ſich in das Vertrauen derſelben einzudrängen geſucht, aber Manna hörte ſie meiſt nur lächelnd an, als ob ſie zu einem ganz anderen Menſchen ſpräche, auch jetzt hatte ſie einen Blick, in dem etwas Abweſendes lag. Sie ſprach hier zu Bella und Prancken und ihre Gedanken wanderten andere Wege, vielleicht gingen ſie mit Denen, die jetzt durch den Wald wanderten... Erich hatte ſich zuerſt Clodwig angeſchloſſen, und dieſer lächelte, da der junge Mann ihm berichtete, daß er noch nie ein Bade⸗ leben mitgemacht und daß es ihn faſt verwirre. Bei einer Biegung des Weges trat Erich zurück und ließ Sonnenkamp mit Clodwig gehen. Der Verkehr mit Sonnenkamp hatte für Clodwig etwas Abſtoßendes und Anziehendes zugleich. Er hatte einen ſolchen Mann noch nicht kennen gelernt; vor Allem erkannte er einen gewiſſen Muth, da der Mann ſich gar kein falſches Mäntelchen umhing. Wieder ſuchte Sonnenkamp den Grafen darauf hinzulenken, daß er thätig für ſeine Adelserhebung eintreten ſolle, aber Son⸗ nenkamp erfuhr eine Behandlung, die ihm noch nie geworden, denn Clodwig zermalmte ihn mit lauter höflichen Worten. „Ich ſtaune über Ihren Muth und Ihre Ausdauer,“ ſagte er, und doch hieß es eigentlich: Ich verwerfe Deine Frechheit und Zudringlichkeit. „Sie ſind unermüdlich,“ lauteten die Worte, und eigentlich ſagten ſie: Du biſt ein ſchamloſer Unterdrücker. Sonnenkamp hatte viel erlebt, aber noch nicht, wie man mit höflichen Worten niedergeworfen werden kann. Er lächelte immer, er durfte keine Verletztheit kundgeben, und Clodwig war dabei ſo ruhig, ſo beherrſchend, er klopfte auf ſeine goldene Doſe, wie wenn er den kitzelnden Kräften darin ſagen wollte: Seid nur geduldig, der Mann bekommt eine ſtarke Priſe. Schließlich öffnete er die Doſe und reichte Sonnenkamp eine Priſe, der ſie auch höflich dankend annahm. Erich ging indeß mit dem Banguier; dieſer behauptete, daß vielleicht doch nur ein Adliger ſo frei und ſo durchdrungen human ſein könne wie Clodwig. Der Blick Rolands traf Erich und dieſer Blick ſagte: Siehſt Du? Der Mann ſagt es auch! Erich widerlegte dieſe Behauptung mit großem Eifer, und der Banquier, der anfänglich einen gönneriſchen Ton gegen den jungen Gelehrten angenommen hatte, ließ ſich gern bekehren. Als man vom Morgengang heimkehrte, wurde Erich eine große Freude zu Theil; ſein Lehrer, Profeſſor Einſiedel, war angekommen. Der gute tiefgeiſtige Profeſſor war ganz hülflos, er kam ſich wie verbannt und verloren vor, da er von ſeinem Collegen, dem erſten Arzt der Univerſität hieher verwieſen wurde. Erich ordnete dem Unbehülflichen Jegliches und war glücklich, ihn im ſelben Hauſe unterbringen zu können, in dem er mit der Familie Sonnen⸗ kamp wohnte. Während Erich bei ſeinem Lehrer ſtand, ſah er in der Ferne Sonnenkamp mit Profeſſor Crutius ſprechen, der ebenfalls heut angekommen war. Crutius ſchien die Zutraulichkeit Sonnenkamps ablehnen zu wollen, und nur nicht den Weg dazu zu finden. Als jetzt Sonnen⸗ kamp ihm zum Abſchied die Hand reichte, faßte er dieſelbe nicht, ſondern griff nach dem Hut und grüßte ſehr höflich. Preizehntes Capitel. Schön geſchmückt, mit Blumen im Haar, ging Manna im großen Saal auf und ab; ſie ſchämte ſich vor ſich ſelber, als ſie im großen Spiegel ihren entblößten Nacken ſah, ſie hüllte ſich feſter in die Tüllwolke; da traten Roland und Erich ein. Erich ſtand ſtarr. „Sie kommen ſo ſpät,“ ſagte Manna. Frich erklärte, daß er ſeinen Lehrer in die Ordnung des Badelebens eingeführt, und daß er wünſche, auch Manna möchte an dem feinſinnigen Manne Freude gewinnen. „Ihren Lehrer?“ ſagte Manna, ſie hatte wieder den umflorten Ton.„Machen Sie mich morgen mit ihm bekannt. Aber nun eilen Sie, daß Sie noch rechtzeitig zur Reunion kommen.“ „Ich bin nicht geladen,“ entgegnete Erich. „Nein, er iſt nicht geladen, und da gehe ich auch nicht,“ rief Roland. Vater und Mutter kamen, es half kein Dreinreden; Roland — 3— blieb zurück, ſelbſt den dringenden Bitten Erichs willfahrte er nicht. Die Familie fuhr nach dem Geſellſchaftsſaal. Roland ſchien es jetzt doch leid zu ſein, daß er nicht mitgegangen; Erich mußte ihn auf die Tribüne des Saales begleiten, von wo ſie die Geſellſchaft tanzen ſahen. Prancken war der Herr der Geſellſchaft und Manna theilte den Vorrang mit ihm, ihre Wangen glühten und Roland ärgerte ſich, daß ſie nicht ein einzigmal nach der Tribüne aufſchaute. Manna aber kam ſich wie ihr ſelbſt entzogen vor und mitten in der Luſtbarkeit ſagte ſie zu Prancken: „Haben Sie ſchon gehört, daß der Lehrer des Herrn Haupt⸗ mann Dournay angekommen iſt?“ Prancken zog die Brauen zuſammen. Alſo ſie denkt an ihn, jetzt, mitten in der Luſtbarkeit! Er hielt eine Weile an, er wußte nicht, was er antworten ſollte. Endlich ſagte er in heiterem Ton: „Ach, Lehrer! Dieſe ganze Koppel von Lehrerthum, wird ſie Ihnen nicht auch langweilig? Jetzt iſt Muſik, Tanz, Freude— kommen Sie.“ Er ſchwang ſich mit ihr behend im Kreiſe und Manna war es, als ſchwebte ſie in der Luft und nicht mehr auf dem Boden. „Laß uns gehen,“ ſagte Roland auf der Tribüne zu Erich. Sie gingen und wandelten im Mondſchein die ſchönen Waldwege, die ſie heut am Morgen beſchritten. „Gibt es denn gar kein Mittel,“ fragte Roland,„daß ich ein vertrautes Geheimniß, an dem ich ſo ſchwer trage, kundgeben darf? Ich möchte ſo gern mit Dir davon reden. Darf ich es Dir nicht ſagen?“ „Nein, Du darfſt unter keiner Bedingung Dein Wort brechen. Thuſt Du das, ſo löſeſt Du allen Halt in Dir ſelbſt auf.“ Roland ſeufzte; er hätte Erich ſo gern geſagt, daß ſeine Familie geadelt wird. Als ſie nun auf die Lichtung hinaustraten und im Mondes⸗ glanz das Städtchen und das Thal überſchauten und Töne aus dem Muſikſaal wie verlorene Klänge zu ihnen heraufdrangen, ſagte Roland wieder: „Ich glaube, daß heut Abend Manna die Braut Pranckens wird. Die Mutter meint, daß dann das Andere ſchneller und beſſer zu Stande kommt. Nicht wahr, errathen darfſt Du es doch?“ Erich erwiderte, daß es von Roland nicht wohlgethan ſei, Auerbach. Landhaus am Rhein. ll. 18 —— ——— 274 über Familien⸗Angelegenheiten zu ſprechen, die man nur ihm anvertraut. ⸗ Er ſprach das mit bebender Stimme. Was ſchon längſt ent⸗ ſchieden war, erſchien ihm plötzlich ganz neu, unerhört, unmöglich. Mit Wonne in der Seele und mit Schauder zugleich empfand er, daß Manna ihm mehr geworden, als ſie ſein ſollte. Er bohrte ſeinen Stock tief in den Boden und ſtemmte ihn ſo mächtig ein, daß er ihm in der Hand zerbrach; dann ſagte er zu Roland, ſie wollten nach Hauſe gehen. Eben als ſie ins Haus traten, fuhr der Wagen vor; Sonnen⸗ kamp ſtieg aus, hinter ihm Frau Ceres und Manna. „Biſt Du die Braut Pranckens?“ fragte Roland. „Du biſt ein albernes Kind,“ entgegnete Manna und ſprang raſch die Treppe hinauf. Sonnenkamp bat Erich, daß er zu ihm aufs Zimmer käme, Roland ſollte ſich zur Ruhe begeben. „Hier iſt eine leichtere Sorte Cigarren, ſtecken Sie ſich eine ſolche an,“ ſagte Sonnenkamp zu Erich, indem er ſich in den Stuhl zurücklehnte.„Herr Hauptmann, ich betrachte Sie als Zugehörigen, Sie ſind unſer und ſollen es immer bleiben.“ Erich erzitterte. Sollte der Vater etwas ahnen? Sollte er jetzt, durch die ungeſchickte Frage Rolands bewegt, ihm ſagen, daß er jeden Gedanken von Manna abthun müſſe? Sonnenkamp machte eine längere Pauſe; er hatte offenbar erwartet, daß Erich auf ſeine zutrauliche Anrede etwas erwidere. Da dieſer aber noch immer ſchwieg, ſtand Sonnenkamp auf und ging im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er vor Erich ſtehen und ſagte: „Heute gebe ich Ihnen das untrüglichſte Zeichen, daß ich Sie als Zugehörigen betrachte. Reichen Sie mir Ihre Hand.“ Erich that's. Sonnenkamp fuhr fort: „Ich erkenne, ich ehre vollkommen Ihre Zurückhaltung.“ Unſtet ging der Blick Erichs hin und her. Was ſollte das? Nachdem Sonnenkamp mehrere Züge ſeiner Cigarre raſch hinter einander ausgeſtoßen, fuhr er fort: „Sie haben, was vorgeht und was Sie wohl bemerkten, nie durch ein Wort zu erkennen gegeben.“ forſchen mir das? Es wird Ihnen ja ſo leicht!“ — —— Immer noch bebte Erich. Sonnenkamp machte ſo ungewöhn⸗ liche Pauſen. Endlich ſtieß er faſt wie unwillig die Worte hervor: „Sie wiſſen, daß ich geadelt werden ſoll.“ „Nein, das wußte ich nicht.“ „Nicht? In der That? Hat Ihnen Roland nie eine An⸗ deutung?“— „Die Andeutung von einem Geheimniß wohl, aber ich habe ihm ſtreng unterſagt, ein anvertrautes Geheimniß auch nur mit einem Hauche zu brechen.“ „Sie hatten Recht. Ich bin Ihnen dankbar— Ich werde es Ihnen noch mehr ſein. Alſo gradaus! Herr Hauptmann... Sie können zur Förderung... zur Beſchleunigung der Sache weſentlich beitragen.“ „Ich?“ „Ja, Sie. Sie ſind der Freund unſeres edlen Grafen Wolfs⸗ garten; er gehört bereits zu unſerer Familie, aber er lehnt es be⸗ ſtändig ab, wenn ich oder meine Freunde ihn in dieſer Angelegen⸗ heit beanſpruchen. Sie kennen mich, lieber Herr Hauptmann, Sie haben mein Leben beobachtet, Sie haben ein ſcharfes Auge, ich darf erwarten, daß Sie bei allen meinen Fehlern, die ich ja leider auch habe, gerecht und als Menſchenfreund von mir denken. Sie ſind ein Mann, der ſeinem Denken gemäß handelt. Sie verſtehen mich doch?“ „Offen geſtanden, ich verſtehe noch nicht ganz.“ „Nun denn, ich werde in den nächſten Tagen— ich gebe ein ländliches Feſt im Hans⸗Heilingthal— mir den Juden an⸗ nectiren, Sie werden mit Ihrem Freunde Wolfsgarten gehen und leicht erfahren, welch ein Gutachten er über mich abgeben wird oder vielleicht ſchon abgegeben hat.“ „Sollte nicht Herr von Prancken oder die Gräfin oder auch der Cabinetsrath beſſer dazu geeignet ſein?“ „Nein. Ich würde Sie ja ſonſt nicht bemühen. Graf Wolfs⸗ garten hat jegliche Auskunft abgelehnt, denn nach ſeiner etwas pedantiſchen... ich meine nach ſeiner feinen, ſtrengen Weiſe ſagt er beſtändig, ein vertraulich abgegebenes Gutachten, das nur vor das Auge des Fürſten kommen ſoll, darf niemand Anderem be⸗ kannt ſein. Der Fürſt reiſt in den nächſten Tagen ab, er iſt in guter Stimmung. Alſo nicht wahr, lieber Dournay, Sie er⸗ ——— 3„Herr Sonnenkamp,“ entgegnete Erich,„Sie hatten vorhin 15 die Güte, es als correctes Verfahren zu erkennen, da ich Roland davon abhielt, mir ein Geheimniß anzuvertrauen. Wie ſollte ich nun—“ „Ach lieber Dournay,“ fiel Sonnenkamp ein,„man verſagt einem jungen Menſchen Manches, was man ſich ſelbſt erlauben darf. Ich ehre, ich reſpectire Ihre Wahrhaftigkeit, ich erkenne auch das Opfer an, das Sie mir bringen.. vollkommen.. durchaus... aber dies Opfer bringen Sie mir?“ 3i Erich ſuchte den Auftrag abzulehnen, Sonnenkamp warf den Kopf zurück, da Erich darauf beſtand, daß er nicht zum Aus⸗ forſchen geeignet ſei und es für einen Verrath an der Freund⸗ ſchaft halte, vertrauliche Mittheilungen weiter zu geben. „Ich glaube indeß,“ ſchloß er,„daß Graf Wolfsgarten mir 115 nichts Näheres ſagen wird.“ Sonnenkamp war innerlich empört, aber er lobte die Gewiſſen⸗ haftigkeit Erichs, er ſprach begeiſtert von ſeinem feinen Tact, ſeiner ſittlichen Reinheit und ſeiner Jdeengröße.. ja, er bat ihn um Verzeihung, daß er einmal kurz geglaubt, Erich ſei etwas mehr als der Freund Bella's. Er entſchuldigte dieſes kurze Unrecht mit 1 ſeinen traurigen Erfahrungen und pries es als höchſtes Glück, einmal einen wirklich edlen und reinen Mann kennen gelernt zu haben. „Mein lieber junger Freund!“ ſagte er mit zitterndem, ja mit einem wie von Thränen gepreßten Ton.„Ja, mein Freund, ſo nenne ich Sie, denn Sie ſind es— habe ich auch ſelber nicht das Recht, Ihnen ſo nahe ſein zu dürfen, wie ich wohl möchte, ſo bedenken Sie, Sie wirken ein Großes, ja durchaus Noth⸗ wendiges— nicht für mich, was liegt an mir? Sie bewirken es für unſern Roland... für unſern Roland!“ wiederholte er nachdrücklich. 3 Bei Nennung dieſes Namens war es, als wenn Erich plötzlich erwachte; er erwiderte zunächſt nur fragend, warum denn Herr Sonnenkamp für Roland den Adel wünſche. „O mein Freund!“ fuhr Sonnenkamp zärtlicher werdend fort, 11„das iſt das letzte, das einzige Ziel meines Ringens in der alten 1 Welt. Wer weiß, wie bald ich ſterbe, Sie bleiben der Freund, die Stütze meines Sohnes... geben Sie mir die Hand. Sie 1 bleiben es. Ich ſterbe in ruhiger Zuverſicht, da ich ihn in Ihrer — 277— Obhut weiß. Ach, man ſieht mir nicht an, wie krank ich bin. Ich halte mich gewaltſam aufrecht, innerlich bin ich gebrochen. Die Mühen und Kämpfe des Lebens haben etwas in mir geknickt, was mir Niemand anſieht. Es kann plötzlich einmal enden und da möchte ich meinen Sohn in feſter Geborgenheit zurücklaſſen. Mein Freund! Sie lieben unſer ſchönes, unſer herrliches deutſches Vaterland. Sie gewinnen dem Vaterland einen treuen, mächtigen Sohn. Bleibt Roland, wie er iſt, behält er den Namen, den er hat, wird er ſich immer als Bürger der Welt da drüben anſehen, wird nie ein echter Sohn unſeres erhabenen deutſchen Vaterlandes, in welchem allein ein Mann mit edlem Sinn und reichen Mitteln eine humane Miſſion erfüllen kann. Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht ſo warm ausdrücke, wie ich es fühle, wie ich es zu Ihnen ſollte. Ich ſage Ihnen nur, Sie haben ſo viel an Roland gethan, machen Sie ihn nun auch zum Sohne Deutſchlands, wenn nicht um unſeret⸗, ſo doch um des Vaterlandes willen.“ Sonnenkamp wußte wohl, welch eine tiefklingende Saite er in Erich berührte, und dazu der ſchmerzvolle, innige Ton des Vaters, und ein Blick, ſo groß, ſo weit, ſo andachtsvoll, als ſähe er nicht nur über ſeinen Tod, ſondern auch über alles einzelne Sein hin⸗ weg. Erich war erſchüttert und ſagte: „Für Roland gebe ich mein Leben hin...“ Sonnenkamp wollte ihn umarmen, aber Erich bat, ihn aus⸗ reden zu laſſen. „Mein Leben kann ich hingeben, meine Grundſätze nicht; aber ich bin jede Minute bereit, mich von Vernunftgründen bekehren zu laſſen. Glauben Sie denn, daß es für Roland ein Glück wäre, wenn er geadelt wird?“ „Das einzige, ſonſt gibt es keines. Sie verkennen mich gewiß nicht, mein lieber herrlicher Freund. Ich bekenne Ihnen offen, ich ſchätze das Geld hoch, ich habe es ſchwer erworben und möchte es auch erhalten. Ich möchte das bewegliche Beſitzthum zum un⸗ beweglichen machen, wenigſtens zum guten Theil; mein Sohn ſoll das, was ich mit eiſernem Fleiß erworben, frei genießen. O mein Freund, Sie wiſſen nicht, wie mein Leben hart gehämmert wurde, weil ich... Doch laſſen wir das, es würde mich heute zu ſehr er⸗ ſchüttern. Aber da fällt mir ja eine Hauptſache ein, gut, daß ich mich daran erinnere. Sie waren die Veranlaſſung, daß ich mein Dichten und Trachten auf dieſen Gedanken brachte.“ ———— — —————— ———— ⸗ —————— — 278— „Ich? Warum ich?“ „Erinnern Sie ſich.— Am erſten Tage Ihres Eintritts haben Sie mir geſagt und noch oft beſtätigt, Roland habe keine beſon⸗ dere Begabung, die ihn zu einem beſonderen Berufe verpflichtet. Damals kränkte es mich, aber es iſt vollkommen wahr. Gerade weil Roland nicht mit Genie begabt iſt, ſoll er adlig werden, das gibt auch mittelmäßigen, nicht ſelbſt erobernden Naturen Stellung und Halt. Man iſt Baron, man iſt Graf, damit iſt man bereits etwas, hat nicht erſt etwas zu werden; und iſt er ſonſt noch etwas, iſt man ihm dankbar dafür, findet es beſonders ſchön. Ach, lieber Freund, ich ſpreche viel durcheinander.“ „Durchaus nicht.“ „Laſſen Sie mich nur noch ſagen: tritt Roland einſt— ja vielleicht bald— in den Beſitz von Millionen, iſt er ein Adliger, ſo ſteht er nicht nur in der geſchloſſenen Reihe, ſondern hat auch alle Verpflichtungen und höheren Aufgaben von Ehre, Wohl— thätigkeit, Gemeinnützigkeit, und hat ſie doppelt, weil er ein Neu⸗ geadelter iſt. O mein Freund, ich öffne Ihnen mein ganzes Herz — Ich kenne faſt die ganze bewohnte Welt, und ſoll ich Ihnen ſagen, was ich gefunden?“ „Ich würde es dankbar aufnehmen.“ „Nun denn, mein Freund; es gibt drei Menſchengemein⸗ ſchaften, die einen Zuſammenhalt bilden, ſo daß man nicht allein ſteht. Von dieſen Dreien muß man Eines ſein in dieſer zerfallenen Welt. Sonnenkamp machte eine Pauſe, und da Erich ihn fragend anſah, fuhr er fort: „Ja, mein Freund, in der Welt muß man ſein: entweder ein Jude, oder ein Jeſuit, oder ein Adliger. Sie lächeln? Sie ſind überraſcht? Laſſen Sie es mich erklären. Ueberſehen Sie die ganze Welt und Sie werden finden, daß dieſe drei allein noch zuſammen⸗ halten, unverbrüchlich, beſtändig, ſie bieten noch eine wirkliche Gemeinſchaft. Ein Jude kann mein Sohn nicht werden, ein Jeſuit ſoll er nicht werden, ein Adliger muß er werden.“ Erich war wie benommen von alle dem, was ihm Sonnenkamp mittheilte, ſein Freiſinn ſträubte ſich, aber er ſah, wie unzerſtör⸗ bar der Gedanke in Sonnenkamp war, und rückwärts ſchauend, wurde ihm klar, wie Alles immer darauf geſtellt und gerichtet war. Und ſollte es nicht vielleicht gut ſein, wenn Roland geadelt wird? Daß dies allein im Stande wäre, ihm in Deutſchland eine wirkliche Heimat zu geben? Bis tief in die Nacht hinein legte Sonnenkamp dar, wie noth⸗ wendig der Adel für Roland ſei, und übermüdet gab endlich Erich das Verſprechen, daß er auch bei Clodwig dahin wirken wolle. Ruhelos lag er in ſeinem Bette, er erſchien ſich als ein Abtrünniger. Pierzehntes Capitel. „Ball“..„Amerikaner“..„Bräutigam“... konnte man am Morgen beim Brunnen in allen Sprachen hören, während Manna in der Stadtkirche noch lange, nachdem die Meſſe vorüber war, in ſich zuſammenſchauernd vor dem Altar lag. Sie rief um Hülfe, um Beiſtand gegen die Welt; ſie wollte, eingedenk der Worte des Pfarrers, daß ſie überall, wohin ſie käme, einem Bruder, einem Vater ihr Herz aufſchließen könne, auch hier beichten, aber ſie unterließ es, denn Alles konnte ſie doch nicht ſagen. Zum erſten Mal in ihrem Leben verließ ſie die Kirche mit ſchwer belaſteter Seele. Auf den Bergen wandelte Erich mit ſich ſelbſt kämpfend hin und her. Sonnenkamp hatte ſo offen mit ihm geſprochen, und doch hatte er das Eine nicht geſagt, daß Prancken mit der Ver⸗ lobung wartete, bis Manna geadelt war. Er erſchrak, als er plötzlich ſeinen Namen rufen hörte, und doch war er von einer ſehr ſanften Stimme gerufen. Profeſſor Einſiedel war es, der ihm begegnete. Er klagte, wie er gar nicht faſſe, daß er nun wochenlang nichts arbeiten und nur an die Pflege ſeines Körpers denken ſolle. Er wiederholte mit kind⸗ lichem Lächeln, eine Badecur ſei eine Krankheit mit Spazieren⸗ gehen; er müſſe ſich dem fügen, denn er müßte ja auch eine Krankheit aushalten, wenn er zu Bett läge. Bald aber fragte er Erich nach dem Fortgange ſeiner Studien und wie weit er mit dem Werke gediehen, das er über die Sklaverei ſchreiben wolle. Bevor Erich antworten konnte, theilte ihm Profeſſor Einſiedel mit, wie er fort und fort Notizen für ihn ſammle. Am auffälligſten ———— —————— ————— — 280— ſei, mit welchen harten Worten Luther vom religiöſen Standpunkt aus das Beſtehen der Leibeigenſchaft gerechtfertigt habe. „Ich mache Luther keinen Vorwurf,“ ſetzte er hinzu,„er ſah doch auch nur mit den Augen ſeiner Zeit, wie Andere in anderen Zeiten ja an Dämonen und ihre Austreibung glaubten. Und wie ſehr ſelbſt die Bedeutendſten in der allgemeinen Meinung ihrer Zeit ſtanden, zeigt Boſſuet, von dem der Ausſpruch iſt: Der da ſagt, daß es keine Sklaven geben ſolle, ſündigt wider den heiligen Geiſt.“ Auf dieſem Morgengange empfand Erich aber auch eine Be⸗ friedigung, wie er ſie lange nicht gekannt. Profeſſor Einſiedel hatte ſich im Walde ſcheu umgeſchaut, als ſollte Niemand das große Geheimniß vernehmen, das er kundgab, und er ſagte: „Lieber Doctor“— er nannte Frich ſtets Doctor—„ich habe viel über die Aufgabe gedacht, einen reichen Jüngling zu erziehen. Ich habe das Abſolute nicht gefunden. Das Abſolute iſt ja über⸗ haupt nur ein Gedankending. Aber einen Menſchen ſo ausbilden, intellectuell und ethiſch, daß man annähernd... bitte, bemerken Sie wohl, ich ſage annähernd... daß man alſo annähernd ſicher ſein kann oder erwarten darf, daß er in jedem gegebenen Fall das Sittengeſetz zu Rathe zieht, das iſt das Einzige, was man thun kann. So weit ich die Welt kenne... und ich war ja auch einmal Hofmeiſter, freilich nur kurze Zeit... ſoweit ich die Welt kenne, haben die durch Geburt Vornehmen, und wahrſchein⸗ lich iſt es auch bei den Reichen ſo, immer nur Wünſche und Ver⸗ langen. Nun iſt die Aufgabe, das Wünſchen und Verlangen und Erwarten zu einem Wollen, zu einer Selbſtthätigkeit zu machen; dazu ſind gute Anſätze in dem ſchönen Jüngling, er hat den Ernſt des Lebens begriffen.“ Nie duftete der Wald ſo kräftig, nie ſchimmerte die Sonne ſo hell, nie war die Luft ſo erquickend, die ganze Welt ſo durchklärt als in dieſem Augenblick, da Erich dieſes Zeugniß von ſeinem Lehrer empfing. Zu anderer Zeit aber rüttelte Profeſſor Einſiedel wieder Erich auf, indem er ihm vorhielt, daß auch er in den Fehler der Reichen verfalle, die die Pflege ihres höheren Selbſt vergeſſen. „Das Leben mit Andern iſt gut,“ ſagte er,„aber das Leben mit ſich ſelbſt iſt beſſer; und ich fürchte, Sie haben nicht gut mit ſich ſelbſt gelebt.“ — 281— Wie ein Schulknabe, der ſich auf Läſſigkeiten ertappt und zurechtgewieſen ſieht, erging es Erich; er mußte geſtehen, daß er die Arbeit aus den Augen verloren. Das Geſicht des Profeſſors ſchrumpfte zuſammen, als ob es zu lauter Falten würde, er ſchwieg lange, endlich ſagte er: „Sie fügen ſich und Ihrem Zögling den größten Schaden zu.“ „Mir und meinem Zögling?“ „Ja. Sie haben keine wiſſenſchaftliche Arbeit neben Ihrem zer⸗ ſtreuenden täglichen Beruf, und da iſt kaum möglich, die nöthige Spannkraft und Friſche zum Lehren zu finden. Ich bin auch Er⸗ zieher geweſen, habe aber immer mein wiſſenſchaftliches Heilig⸗ thum für mich gehabt. Es iſt ein Gebot der richtigen Erziehung, ſich dem Zögling nicht immer zur Verfüguug zu ſtellen; er muß erkennen und wiſſen, daß neben ihm ein ſein inneres eigenes Leben fortſetzender Menſch iſt, daß Niemand einen Andern immerdar mit allen ſeinen Kräften zu Gebote haben darf. Sie dürfen ſich nie als fertig... bemerken Sie wohl, ich ſage fertig... betrachten, Sie müſſen ſich ſtändig fortbilden. Fertig ſein iſt der beginnende Tod. Sehen Sie das Blatt am Baum! Sobald es ſeine Grünungs⸗ höhe erreicht hat, geht es der Vergilbung und Welkung ent⸗ gegen.“ Das, was der Mann hier auf dem ſtillen Waldwege laut kundgab, hatte Erich oft ſelber empfunden, aber ſich nicht geſtehen wollen. „Non semper arcum tendit Apollo, ſagt Horaz,“ erwiderte er nun mit dem Lieblingsdichter ſeines Lehrers. „Allerdings ſpannt Apollo nicht beſtändig den Bogen, aber er legt ihn nicht ab, er bleibt ſein unveräußerliches Attribut,“ entgegnete Einſiedel. Lange gingen ſie lautlos mit einander und der Profeſſor be⸗ gann wieder: „Sie ſind noch jung; das ſind die Morgenſtunden des Lebens, die dürfen Sie nicht verſäumen. Ich mahne Sie als Lehrer und aus dem Geiſte Ihres Vaters heraus. Ich habe Recht und Pflicht, das zu ſagen, denn Sie ſollen ſich Ihren Vater als Warnung dienen laſſen.“ „Als Warnung?“ „Ja. Wie gediegen und bedeutend er war, iſt nicht nöthig, zu ſagen, aber Ihr Vater klagte oft, daß er durch die Geltung — — 282— in der Geſellſchaft den Zuſammenhang mit der Wiſſenſchaft ver⸗ loren hatte; er konnte nicht mehr in die Syſtematik hinein. Noch mehr. Er dachte, ſo ſehr er es vermeiden wollte, doch an die Menſchen, während er ſchrieb, und man darf nur an die Idee denken; das iſt unſer Gottesdienſt. Verlieren wir das, ſind wir die ärgſten Götzendiener, und unſer Götze iſt nicht einmal ſo feſt wie irgend ein Gebilde in einem Tempel, es iſt der nichtigſte Götze: die wandelbare Geſellſchaftsſtimmung.“ Noch immer ſprach Erich nichts, und der ſanfte Mann fuhr fort: „Sehen Sie, da iſt wieder jener wunderbare Zuſammenhang der Welt. Es iſt mir gar ſchwer geworden, eine Badecur zu unternehmen, und mein Arzt wußte es nicht und ich wußte es nicht, daß ich hieher geſchickt bin, um Ihnen vielleicht zur Er⸗ weckung zu werden.“ „Ja, das ſind Sie!“ rief Erich endlich und faßte die kleine feine Hand des Lehrers. Er erklärte, daß er nur noch kurze Zeit, bis Roland in ſeine nächſte Beſtimmung eintrete, ſich dieſem ganz widmen wolle, dann aber der Wiſſenſchaft allein zu dienen ent⸗ ſchloſſen ſei. Der Profeſſor ermahnte ihn, nicht bis dahin zu warten, denn der Rapport mit der Wiſſenſchaft dürfe nie unterbrochen werden. „Uebrigens,“ ſetzte er hinzu,„bin ich keineswegs dagegen, wenn Sie ſich dem praktiſchen Leben widmen; nur ſollen Sie ſich entſcheiden, für das Eine oder für das Andere.“ Als ein neuer in ſich erweckter Menſch kehrte Erich in die Stadt zurück; er ſah die Gefahr, in der er ſtand, durch Geltung im Leben, durch Aufbringung von Gedanken und Thatſachen, die er in feſten Studien ſich angeeignet, ſich zu zerſplittern, ſtatt in ſich fortzuſchreiten. Ganz anders wie damals der Doctor, hatte ihn der Profeſſor im innerſten Weſen erfaßt. Profeſſor Einſiedel fand ſeine beſondere Freude an Roland, und dieſer war von einer Ehrerbietung und dienſtfertigen Ergeben⸗ heit, daß Erich ſeine Herzerquickung hatte, wenn er die Beiden mit einander ſah. Manches Wort, das der Profeſſor ſprach, drang tief in die Seele des Jünglings, und einmal ſagte Roland: „Man ſollte gar nicht glauben, daß der lange Lieutenant und der Profeſſor von demſelben Menſchengeſchlechte ſind!“ Erich ließ ſeinen Zögling gern mit dem Profeſſor allein gehen ———————— und ſein Auge leuchtete, da Einſiedel ihm nach wenigen Tagen wieder ſagte: „Sie haben gute Arbeit vollführt; der Jüngling hat den idea⸗ liſtiſchen Stolz, den man auch geiſtige Vornehmheit nennen kann. Ich glaube, er kann nicht in Laſter und Niedrigkeit verfallen, weil ſein ſchöner Stolz die Gemeinheit derſelben ihm abſtoßend macht. Ein bis zum Stolz gehendes Selbſtbewußtſein, wenn es recht gelenkt iſt, kann ein ſicheres Moralprincip werden.“ Bella hatte es anfangs verſucht, den Profeſſor zur Zielſcheibe ihrer Neckereien zu machen; aber er ſah ſie ſo kindlich und dabei wieder ſo ſtill verweiſend an, daß ſie bald von dieſer Tonart abließ und ihn ganz überſah. Der ſcheinbar unerfahrene Mann hatte ein ſicheres Urtheil über alle Begegnungen. Er erkannte Clodwig die antike Bezeich⸗ nung zu, daß er ein„ſchön⸗guter“ Mann ſei, er war beſonders erfreut von deſſen claſſiſcher Bildung und ſagte: „Die claſſiſche Bildung iſt die Grundmauer von Quadern, ſie wird in den Boden gelegt, bleibt unſichtbar, aber ſie trägt den Bau ſicher und feſt.“ Den Banquier fand er zu unruhig, aber er lobte an ihm eine große Dankbarkeit des Geiſtes, die er als einen jüdiſchen Charakter⸗ zug bezeichnete; Dankbarkeit für geiſtiges Geben ſei in den Juden ſehr lebendig. Vor Sonnenkamp hatte Profeſſor Einſiedel eine furchtſame Scheu. Er fand ſolche zwar ungerecht, denn der Mann hatte ſich ihm ja nicht unfreundlich erwieſen, aber er konnte ſeine Empfin⸗ dung nicht beſiegen. Er geſtand einmal Erich, er habe Furcht vor Menſchen, die ſo ſtark ſeien; er meine immer, Sonnenkamp wolle ihn wie ein kleines Kind auf den Arm nehmen und ſeinen Scherz mit ihm treiben. Uebrigens werde er dieſen Mann nie ganz kennen lernen; es gehe bei der Wahrnehmung im Verſtändniß eines Charakters wie bei der Entzifferung einer aufgefundenen Steinſchrift; was nicht der erſte friſche Blick enträthſelt, das findet man durch langes und angeſtrengtes Betrachten nicht mehr. Eine ganz neue Belebung zeigte ſich aber, als Profeſſor Ein⸗ ſiedel mit Manna vertrauter wurde. In ſeinem Verhältniß zu Erich war es ihm alsbald offenbar geworden, wie er von der unſichtbaren Macht, die alles Leben 28— einigt, zum Heil hierher geſchickt worden war; bei Manna erkannte er das nicht, und doch war es hier noch weit mehr, denn Manna war ſuchend und hülfsbedürftig und ſchloß ſich dem feinen, ſo kindlich hülfloſen Manne wie eine ſorgſame Tochter an. Noch hat die Wiſſenſchaft nicht vollkommen ergründet, wie ſich die Heilquellen bilden, und Niemand kann ahnen, wie ein Menſch dem andern durch unfaßbare Vorbereitung zum Heil oder zur Um⸗ ſtimmung wird. So wirkte Profeſſor Einſiedel auf Manna in ungeahnter Weiſe. Als ſie ihm berichtete, daß ſie ins Kloſter gehen wolle, ſagte er: „Ich könnte Sie faſt beneiden. Wäre ich Katholik, ich ginge in ein Kloſter, aber ich möchte ein ſolches von lauter Männern der Wiſſenſchaft, die nicht Zeit und Geſchick haben, für die Lebens⸗ bedürfniſſe zu ſorgen, und doch große Arbeiten vollenden müſſen.“ Manna war zaghaft, aber wie in Erinnerung an ihren alten Muth und ihre alte Sicherheit wagte ſie, wenn auch nur in Form der Frage, den Profeſſor auf die Nothwendigkeit und die alleinige Sicherheit des Glaubens hinzuweiſen. Sie war ganz erſtaunt, wie der ſonſt ſo ruhige Mann da plötzlich aufflammte. „Wir kämpfen nicht mit der Kirche,“ ſagte er.„Die Kirche konnte die Welt nicht geſtalten, keinen Staat, keine Geſellſchaft bilden; ſie konnte Krankenhäuſer und Waiſenhäuſer gründen, das iſt Alles. Das Leben iſt nicht ihr, ſondern der claſſiſchen Bildung, der fortſchreitenden Cultur. Ich habe einen Collegen in der Univer⸗ ſität, der beſtändig behauptet, das Corpus juris habe für Ordnung der Welt weit mehr geleiſtet, als die Fragmente, die man die Bibel alten und neuen Teſtaments nennt. Ich ſtimme dem nicht bei, denn die Bibel hat auf einen andern Nerv im Organismus der Menſchheit gewirkt. Und nun beachten Sie wohl: Zwei große Ideen hat die Welt aus dem claſſiſchen Alterthum geerbt, dieſe Ideen heißen Staat und Nationalität. In dieſen Beiden ging der Menſch auf. Da erſchien die Religion und pflanzte die Einheit der Menſchheit in die Gemüther; die Menſchen ſollten Brüder und die Menſchheit ein Einziges ſein. Das konnte nur die Religion gründen, das gelang nicht dem Römerthum, nicht dem alten und nicht dem neuen Cäſarismus. Die Religion hat ihren Beruf erfüllt, ſie hat den Gedanken der Menſchheit in die Welt geſetzt. Nun ſammeln ſich die Völker wieder in geſchloſſenen Staaten, in Nationalitäten; 4 mich eindringen zu wollen. Wie geſ ich etwas beleidigt habe, was Ihnen hoch und heilig iſt; es wird Ihnen hoffentlich bleiben, auch wenn ich es ablehne. Aber ich darüber darf aber die Idee der Menſchen⸗Einheit nicht verloren ſein. Aber entſchuldigen Sie, ich verfalle in den Lehrton.“ „Nein, nein. Ich verſtehe, bitte, weiter.“ „Nun denn, was einmal reine Idee war, iſt unverloren in der Welt; nur ſoll es nicht verlangen, immer und ewig einziger Ausdruck der Idee ſein zu wollen. Hier iſt der Punkt, der uns Ungläubige, wie man uns nennt, von den Gläubigen unter⸗ ſcheidet. Ich will Ihnen Thatſachen aus der Gegenwart anführen — aber langweile ich Sie nicht?“ „Wie mögen Sie ſo gering von mir denken „Ja, verzeihen Sie. großen Dingen, an Aufhebung der Leibeigenſchaft und Vertilgung der Sklaverei; ſie werden vollzogen, aber nicht Lurch die Kirche, ſondern durch die fortſchreitende Cultur.... Ich will Sie nicht beirren, aber thun Sie das nicht wieder thun Sie das ja nicht mehr. Ich bin ein geduldiger Mann, ſehr geduldig, ich ſtöre Niemand, aber ich muß ſehr bitten, mit ſolchen Sachen nicht in 1 Unſer Jahrhundert arbeitet an zwei † agt, es thut mir leid, wenn ditte... ich bitte ſehr, mich nicht mehr mit Solchem anzu⸗ greifen.“ Manna ging neben dem Profeſſor und wünſchte, daß eine himmliſche Macht käme, die ſie hinwegtrüge von der Seite dieſes Mannes. Wohin iſt ſie gerathen? Was hat ſie hören müſſen? Und das von einem Manne, der kein Weltling iſt, der nichts will, als ruhig und arbeitſam ſein Leben vollenden! Es kam keine himmliſche Macht, die ſie hinwegtrug, und ſie beſchwichtigte ſich im Innern. Es iſt gut, daß ſie das auch noch gehört von einem Manne, den ſie nicht verwerfen kann. Das iſt die letzte Probe des Ver⸗ ſuchers, er ſoll ſie nicht irre machen. So gelobte ſie ſich und preßte die Hand aufs Herz, als ob ſie ſich an etwas anklammern müſſe. Aber es war entſchwunden, ſie konnte es nicht mehr faſſen. Das, wofür ſie ihr Leben opfern wollte, konnten die dort nicht annehmen, denn dort, wo ſie es opfern wollte, war nichts geſchehen zur Tilgung des Ungeheuerlichen. ——— — 286— Sie wollte ſich fortan von dem Profeſſor zurückziehen, aber ſie fand dies ungerecht. Was hat er gethan, als frei und offen ſich zu ſeiner Ueber⸗ zeugung bekannt? Sie widmete ſich ihm aus Anhänglichkeit; ſie erkannte, daß dem Manne die Wahrheit, wie er ſie erfaßte, über Alles ging, und daß er jeden Irrthum als das Uebel anſah. Der Profeſſor geſtand ihr offen, daß er bereue, ihr ſo Fremdes mitgetheilt zu haben, und daß es ihn ſehr ſchmerzen würde, wenn er ihr Gewiſſen beirrt; er bitte nur, ſie ſolle auch an das reine Ideenleben Anderer glauben. Beide vermieden fortan jedes Streifen ins Gebiet des Reli⸗ giöſen, und nur manchmal ſah Manna auf und ihre Augen wur⸗ den größer, wenn der Profeſſor Ausſprüche der Heiden citirte, die Wahrheiten enthielten, welche ſie für das alleinige Beſitzthum der Kirche gehalten. Vor ihrem Auge that ſich ein weit geſpannter Horizont auf, innerhalb deſſen die verſchiedenen Religionen nur wie Vorgebirge ſich darſtellten. Dieſer unſcheinbare, zart organiſirte Mann erſchien als die vollkommene Individualität, die in der humanen Betrachtung alle Gegenſätze in ſich aufgenommen und ausgeglichen. Sie ſah die Ehrerbietung Erichs gegen ihn, ſeine kindliche Fügſamkeit, ſein treues Aufmerken, die Unterordnung, die er zu jeder Stunde zeigte. Sie beobachtete Frich immer ſcharf. Alſo dieſer Mann mit dem ſtark betonten Selbſtbewußtſein iſt ſo beſcheidener Verehrung für Andere fähig? Profeſſor Einſiedel ging manchmal mit einem alten einge⸗ ſchrumpften Männchen von äußerſt demüthiger Erſcheinung; ſo oft er Manna begegnete und ſie anſprach, zog ſich der Genoſſe zurück, wie wenn er nicht das Recht habe, auch in die Gemein⸗ ſchaft der Menſchen einzudringen. Profeſſor Einſiedel erzählte Manna einſt deſſen Geſchichte. Sie waren mit einander auf der Schule geweſen, der Genoſſe war früh ausgetreten, weil ihm ſeine Eltern geſtorben waren und er für Geſchwiſter zu ſorgen hatte. Er war Buchhalter in einem großen Bankgeſchäft, er unterhielt ſeine verwittwete Schweſter und deren Kinder. Unter großen Entbehrungen ſparte er ſich eine be⸗ trächtliche Summe, und einſt, als er im Theater geweſen und heimkam, ſah er, daß ſein Reffe den Schreibtiſch erbrochen und ihm ſein ganzes Beſitzthum geſtohlen hatte. Er erfuhr, daß er nach Amerika entflohen ſei. Ohne je ein Wort davon zu ver⸗ rathen, fing er nun von Neuem an zu ſparen und zu kargen, und opferte er ſein Leben einem Andern. Der Profeſſor konnte nicht ahnen, wie dieſe einfache Geſchichte Manna ergriff. Er ſprach auch viel von der Mutter Erichs; er ſetzte voraus, daß Manna in inniger Freundſchaft mit ihr ſtehe, und konnte nicht genug Worte finden, den Edelſinn dieſer Frau zu ſchildern. Manna lächelte, da er ſagte, er habe ehedem eine geringe Anſicht von den Fähigkeiten des weiblichen Geſchlechts, vor Allem aber das Vorurtheil gehabt, daß es keine Humanität beſäße. Die Profeſſorin Dournay indeß habe ihn bekehrt und ihm gezeigt, daß alle guten Manneseigenſchaſten in einer Frau noch ſchöner ſeien. Auch Manna hatte Erfreuliches zu berichten; im Ausſprechen gegen den Profeſſor fand ſie das Beſte in den Menſchen heraus. Sonnenkamp ſah indeß mit Aerger die Curzeit vorüberſtreichen, ohne daß er zu einer Entſcheidung in ſeiner nächſten Angelegen⸗ heit gelangte. Der General, der auf Villa Eden ſein Gaſt ge⸗ weſen, war angekommen, um mit dem Fürſten nach Beendigung der Brunnencur ins Seebad zu reiſen. Der General war Ordens⸗ kanzler. Sonnenkamp forſchte nach dem Stande ſeiner Angelegen⸗ heit. Der General war ſehr zurückhaltend und ließ ſich nur zu der Aeußerung herbei, daß nicht er, ſondern Graf Wolfsgarten von Entſcheidung wäre. Sonnenkamp hatte bisher immer eine Scheu gehabt, mit Bella über ſeine Adelserhebung zu ſprechen, er hatte das Gefühl, daß er bei ihr dadurch in eine falſche Stellung trete; jetzt überwand er das und ſprach mit ihr über die nothwendige Mitwirkung Clodwigs. Sie lachte ihn zuerſt aus, daß er etwas Derartiges wolle, daß er nach einem Adelsbrief ſtrebe, der ja bald für einige tauſend Gulden auf dem Trödel zu haben wäre; am hieſigen Hofe ſei es allerdings noch etwas ſchwieriger, aber wer frage danach, wo man geadelt worden, wenn man es nur ſei. Uebrigens fand ſie es auch nicht angemeſſen von Sonnenkamp, daß er ſeine Aus⸗ nahmsſtellung aufgebe und ſich in eine Genoſſenſchaft einreihen laſſe, und ſei es auch die Adelsgenoſſenſchaft. Es gelang Sonnenkamp nicht, das Räthſel zu löſen, ob Bella 288 es in der That ſeiner nicht würdig halte, ſich adeln zu laſſen, oder noch ein gewiſſer Ahnenſtolz in ihr ihn auf höfliche Weiſe ab⸗ wendig machen wolle. Trotz fein geſtellter Fallen konnte er nicht erkunden, was Bella dachte und wollte; ſie merkte die Schlinge und entſchlüpfte immer gewandt. Sie ſpielte mit ihm, bald ließ ſie ihn glauben, ſie halte ihn für zu hoch, um ſich irgendwem gleich zu ſtellen, bald ließ ſie ihn verſtehen, er ſolle aus dieſem Kreiſe wegbleiben, in welchem er doch nie heimiſch werde. Wenn Sonnen⸗ kamp über dieſes ſchillernde Spiel empört war, wußte ſie ihn wieder mit einem Blick, mit einem Wort zu bezaubern. Der Fürſt, der General, Clodwig und Bella reiſten in den nächſten Tagen ab; konnte Sonnenkamp nun den Fürſten nicht gewinnen, ſo wollte er ſich doch die ganze vornehme Welt verbinden. Er bereitete ein Feſt im ſogenannten Hans⸗Heilingthal vor. Fünfzehntes Capitel. Der Tag des Feſtes war gekommen. Roland ritt mit Prancken voraus, Sonnenkamp fuhr mit dem Banquier, Erich mit Clodwig. Der Tag war ſonnig, aber nicht zu heiß. Eine bunte Geſellſchaft ſtieg auf der Höhe aus den Wagen und wandelte den Waldweg hinab nach dem Thal. Erich verſuchte es, von der Adelserhebung Sonnenkamps zu ſprechen, aber ſofort fiel Clodwig ein und verwehrte ihm mit einer gewiſſen väterlichen Strenge, ſich zu dieſer Sache in Beziehung zu bringen. Zum erſten Mal war etwas in dem Blicke Clodwigs, das Erich nicht verſtand. Schweigend gingen ſie des Weges. Als ſie im Thale ankamen, nahm Sonnenkamp Erich bei Seite und fragte haſtig, wie das Gutachten Clodwigs laute. Erich erwiverte, daß Clodwig jede Beſprechung der Sache ablehne. „Ich danke Ihnen— danke Ihnen ſehr,“ ſtieß Sonnenkamp hervor ohne erſichtlichen Gtund. Am Ufer des Waldbaches im Hans⸗Heilingthal hatte Joſeph die Tafel geordnet, Sonnenkamp hatte nur noch einige Kleinig⸗ keiten hinzuzufügen. Die Geſellſchaft, die ſich zuſammengefunden, war auserleſen und von der Anordnung überraſcht. Der lange — 289— Lieutenant beſonders war ſehr redſelig, und Sonnenkamp ſah ihn immer ſeltſam an, denn er, der doch kein Oeſterreicher war, nannte ihn immer Herr von Sonnenkamp. Eine Muſikbande war im Walde aufgeſtellt und ſpielte ſchöne luſtige Weiſen. Man ſchaute auf nach der Felſengruppe, die nach der Sage ein von Unterirdiſchen ver⸗ ſteinerter Hochzeitszug ſein ſollte. Bella fragte, zu Erich gewendet, woher dieſe Sage entſtanden ſein möge. Alles hörte aufmerkſam zu, da dieſer erklärte, daß hier eine Variation aus dem Sagenkreis des Tannhäuſer gegeben ſei und daß im Morgendämmer der Erkenntniß eine Rückbildung von Sagen ſtattfinde, die aus dem Räthſel über Entſtehung unſerer Erde ahnungsvoll ſich ableitet. Da ertönte plötzlich ein Waldhorn; oben bei den Felſen und unten im Thal zeigte ſich ein überraſchendes Schauſpiel. Eine Bande von Zigeunern, phantaſtiſch gekleidet, brach plötzlich herein, ſpielte wilde Weiſen und vor Allem ein junger Geiger mit blau⸗ ſchwarzen Haaren tanzte und ſprang geigend im Kreiſe. Alles war voll Lob gegen Sonnenkamp, der immer Ueberraſchendes an⸗ zuordnen verſtehe; man wußte nicht, war es Beſcheidenheit oder Wahrheit, da er betannte, er ſei ſelber überraſcht. Ein Blick zwiſchen ihm und Lutz zeigte, daß dies Wahrheit. Bella ermunterte die Zigeuner zu immer wilderen Weiſen, und als ſie erfuhr, daß die Leute in der Nähe ihre Lagerſtatt aufgeſchlagen hatten, ging ſie mit einigen Frauen und Männern dorthin; auch Roland mußte ſie begleiten. Sie bedauerte, daß Profeſſor Einſiedel nicht da war, der ihr geſagt hatte, daß die Sprache der Zigeuner mit dem Sanscrit zuſammenhänge. Nun fragte Bella ringsumher, ob Niemand von der Geſellſchaft zeichnen fönne. Das magere Pferd, das an einem Heubündel fraß, den Wagen, die alten Frauen, die um ein offenes Feuer ſaßen, mußte ſofort der lange Lieutenant für ſie zu zeichnen verſuchen. Ein wild dreinſchauendes braunes Mädchen, das eine weite Crinoline trug und keck aus einer kurzen Pfeife rauchte, wurde ſchnell der Günſtling Bella's. Sie fand ihre beſondere Luſt an dieſem kecken Weſen. Sie ſchenkte ihm einen bunten Shawl, den ſie ihm ſofort als Turban aufſetzte. Manna ſah nachdenklich drein; die Art, wie Bella die Menſchen als Puppen behandelte, zeigte ſich ihr. Manna ging mit der Geſellſchaft, aber ſie lebte nur wie träumend. Im Innerſten dachte ſie Alles dieſes bereits als Auerbach. Landhaus am Rhein. U. 19 —— — 290— Erinnerung, die ſie beim Abſchiede von der Welt ſich vergegen⸗ wärtigen ſolle. Schon jetzt rückte ſich's ihr in die Ferne, wie ein Vergangenes; ſie ſtand inmitten des Lebens wie abweſend, denn ſie hielt gewaltſam den Gedanken feſt, daß ſie dieſem ganzen Treiben entſage. Dieſes Jahr draußen in der Welt war ein Prüfungsjahr, und ſie freute ſich, daß ſchon Monate dieſes Jahres vorüber waren. Am Bergrande unter ſchattigen Tannen waren große Teppiche ausgebreitet, auf denen ſich die Damen niederließen, während die Männer noch bei Tafel ſitzen blieben und auf die Mahnung des langen Lieutenants, der ſeine Skizze vollendet hatte, nun zur Flaſche zuſammenrückten. „Warum ſind Sie nicht von Adel?“ fragte der lange Lieute⸗ nant Herrn Sonnenkamp. „Weil Herr Sonnenkamp ein Bürger iſt,“ verſetzte Clodwig. „Aus Bürgern kann man aber Adelige machen, wenn man Millionen—“ Prancken winkte unwillig dem Kameraden, ſo daß er plötzlich abbrach, aber der Cabinetsrath hielt es am Orte, da man das Gut⸗ achten Clodwigs zu erwarten hatte, hinzuzufügen: „Ja, Herr Lieutenant, wenn Gdelſinn, große Kraft, Wohl⸗ thätigkeit und Würde zum Adel beſtimmen, ſo iſt... ſo wird unſer Herr Sonnenkamp ädlig.“ Der lange Lieutenant glaubte einen guten Witz zu haben, und den kann man nicht unterdrücken, auch wenn man nicht Champagner getrunken; er rief: „Sehr ſchön— deliciös! Herr Graf von Wolfsgarten, Sie ſind der Geſcheidteſte von uns Allen ſind Sie auch der Mei⸗ nung, daß eine Million geadelt werden muß? Nicht die Million, ſondern der die Millionen hat.“ „Es iſt mehr als liebenswürdig von Ihnen,“ entgegnete Clod⸗ wig,„daß Sie Ihre Machtvollkommenheit, den Geſcheidteſten zu ernennen, auf mich anwenden.“ „Danke, der Hieb ſitzt,“ rief der lange Lieutenant.„Aber bitte, weiter, nun auch Ihre Meinung.“ „Ich glaube,“ ſagte ein dicker zurückgezogener Hofmarſchall, der ſich rühmte, bereits ſechzehn Pfund an Gewicht hier abge⸗ nommen zu haben,„ich glaube, unſer edler Wirth hat das Recht, zu verlangen, daß wir dieſe Erörterung nicht hier und 6 — nicht jetzt führen. Nicht wahr, Excellenz?“ wendete er ſich an Clodwig. Aber bevor dieſer geantwortet hatte, fiel Sonnenkamp ein: „Im Gegentheil, es würde mich freuen, wenn meine ver⸗ ehrten Gäſte mir die Ehre angedeihen ließen, mich als zugehörig zu betrachten und die Erörterung weiter führten; ja ich möchte dies ſogar als einen Beweis anſehen, daß Sie mich nicht als Fremden betrachten.“ Clodwig, der ſeine ſtrenge Ordnung durchbrochen und auf vieles Zureden zwei Gläſer Champagner getrunken hatte, gewann plötzlich eine ſchelmiſche Miene und rief: „Nun denn, Herr Sonnenkamp, ſo ſagen Sie uns zunächſt Ihre eigene Meinung.“ „Ja, ja,“ rief der lange Lieutenant,„wer Millionen er⸗ worben hat und ein ſolches Feenfeſt herrichten kann, der muß—“ „Bitte, unterbrach Clodwig,„laſſen Sie Herrn Sonnenkamp ſprechen.“ „Meine Verehrten,“ begann dieſer,„ich habe alle Welttheile unſerer bewohnten Erde betreten und überall gefunden, daß es eine Ariſtokratie gibt und geben muß.“ „Iſt ja auch unter Pferden und Hunden ſo,“ warf der lange Lieutenant ein.„Die Gräfin Dingsda aus Rußland hat zwei mausgraue Windhunde, die von der Kaiſerin Katharina — wollte ſagen von den Hunden der Kaiſerin Katharina ab⸗ ſtammen.“ Der von ſechzehn Pfund entlaſtete Hofmarſchall raunte dem langen Lieutenant zu, doch an ſich zu halten; er exponire ſich und die ganze Geſellſchaft. Der lange Lieutenant fuhr ſich mit der Hand über die Stirne und verſprach leiſe, zu gehorchen. „Erzählen Sie weiter,“ bat Clodwig, und Sonnenkamp fuhr fort: „Es iſt auch für die wilden Stämme ein Glück, wenn ſie Geſchlechter beſitzen, die in geſchichtlicher Fortſetzung die Sammel⸗ vunkte und Haltpunkte für ſie bilden, und neue ſich durch Muth und Klugheit hervorthun, wenn man ſo ſagen darf, eine neue Dynaſtie bilden.“ Der Schweiß ſtand Sonnenkamp auf der Stirn, Clodwig ſah das und nahm das Wort: „Man könnte ſagen, daß vielleicht der Adel vorzugsweiſe die ——— Berufung hatte, Bildung und Muth zu vereinen; nie ſollte Eines ohne das Andere ſein. Der Adel war— ich hoffe, Sie verſtehen mich recht— die Tradition deſſen, was in der Vorzeit einmal der hervorragenden Kraft eingeboren und von ihr erworben war und nun zu einem Erbrecht, noch mehr zu einer Erbpflicht wurde. Der Adelige war der Menſch, der Natur und Geſchichte in ſich vereinigt; das ſich ſtets erneuernde Menſchengeſchlecht erhielt da— durch eine gewiſſe geniale Continuation. Der Adel hatte ein an⸗ gebornes Amt. Er ſollte aus ſeiner Natur handeln, aber dabei verpflichtet von gegebenen hiſtoriſchen Bedingungen.“ „Mir ſoll der Sect im Leibe gefrieren, wenn ich von all dem ein Wort verſtehe,“ ſagte der lange Lieutenant zu dem Hofmar⸗ ſchall, der ſich ſehr anſtrengen mußte, den curwidrigen Schlaf von ſich abzuwehren. Er erwachte plötzlich und ſagte: „Ja, ja, Sie haben recht, aber bitte, halten Sie ſich ruhig.“ „Sie ſelber,“ nahm der General auf,„achten gewiß auch den rechten Ahnenſtolz, den auf Tapferkeit und Tugend der Vorfahren. Wer einmal durch eine Gallerie gegangen, in der die Bilder ſeiner Ahnen auf ihn niederſchauten und ſeinen Gang betrachteten, der behält ſein Lebenlang eine Wirkung in der Seele; auf ſeinen ganzen Lebensgang begleiten ihn die Blicke ſeiner Ahnen.“ „Sehr wahr! ſehr wahr!“ riefen Viele. „Und was wollen Sie damit?“ fragte Clodwig.„Kehren Sie zu unſerer Frage zurück.“ „Ja, das wollte ich. Warum ſoll dieſe hiſtoriſche Bedingung nicht immer wieder erneut werden?“ „Ganz recht, das iſt die richtige Frageſtellung,“ erwiderte Clodwig.„Iſt unſere Zeit eine ſolche, die noch eine beſondere Pflicht und damit ein beſonderes Recht für den Adel ermitteln kann? Wir ſtehen in der Rechtsgleichheit, wir haben keine Stände⸗ gliederung mehr. Es gibt nur noch zwei Claſſen von Menſchen: Männer von Ehre und Männer ohne Ehre. Der Adel, der die Erb⸗Ehre ſein will, iſt im Zeitalter der Rechtsgleichheit abſtändig geworden und unwiederbringlich eine abſterbende Inſtitution. Ich habe einem berühmten Badearzt die Aufgabe geſtellt, an den ihm vorkommenden Exemplaren des europäiſchen Adels die Lebens⸗ fähigkeit und Lebensdauer des Adels in den verſchiedenen Völkern zu ſtudiren, und ich erwarte bedeutſame Reſultate davon. Wozu ſind noch die Wappen? Um auf Ofenſchirme, Sophakiſſen und —— „— Reiſetaſchen geſti iſt grundmäßige werbe ſind die — 293— ckt zu werden. Die allgemeine gleiche Wehrpflicht Aufhebung des Adels. Wiſſenſchaft, Kunſt, Ge⸗ Factoren unſerer Zeit und zur Theilnahme an denſelben iſt das ganze Volt unterſchiedlos gleichmäßig berechtigt und gleichmäßig verpflichtet. Der Adel iſt ein Wiverſpruch mit der Geſchichte, in der wir ſtehen; er hatte noch eine Bedeutung, ſo lange der Grundbeſitz auch der Boden der Staatsmacht war; das iſt vorbei, ſeit ſich die langen Schornſteine in die Luft ſtrecken, ſeit die Macht der beweglichen Habe, das ideelle Beſitzthum— denn alle Staatspapiere ſind nur ideelles Beſitzthum— die Macht des Grundbeſitzes weit überragt. Jenes flüſſige Beſitzthum hat das Gute, daß die todte Hand es nicht feſthalten kann; auch die fideicommiſſariſche Erb⸗Hand iſt eine todte Hand. Ich bin durch⸗ aus nicht dagegen, daß der heutige hohe Adel ſeinen Namen zu Actien⸗Unternehmungen hergibt; das ſind beſſere Dinge als Titel und Orden, und es läßt ſich da nicht nur gewinnen, ſondern auch wirken. Ich danke es dem edlen Jacob Grimm, daß er in ſeiner Rede auf Schiller den Widerſinn ausſprach, daß man Goethe und Schiller adeln zu können glaubte. Heutigen Tages iſt der Adel nur noch ein Name, eine Decoration, weiter nichts. Man geht ja ſogar ſchon ſo weit, daß man Juden adelt.“ „Sie werden doch nicht,“ warf der Banquier ein,„die Gleich⸗ berechtigung der Confeſſionen da aufheben, wo dieſe Gleichberech⸗ tigung an das mit Wappen verzierte Thor des Adels anklopft?“ „Gleichberechtigung!“ rief Clodwig.„Lieber Freund vom alten Stamme, iſt es nicht eine tolle Verkehrtheit, die Gleichberech⸗ tigung zur Aufhebung der Gleichberechtigung zu benutzen? Wenn man überhaupt adlig werden kann und es nicht geworden ſein muß, ſo können auch die Juden adlig werden; aber ſie ſollen es nicht wollen, ſie ſollen den Verrath und die Abtrünnigkeit er⸗ tennen. Soweit ich ſehe, ſind die Juden— ich kümmere mich nichts um die Religion— eine ſtändige, lebendige Mahnung, den Menſchen nicht danach zu beurtheilen, was er glaubt, ſon⸗ dern danach, was er in Tugend und Bildung leiſtet. Die Juden ſind, je nachdem man es nimmt, ein Volk von Adligen— denn wer hat einen älteren, reineren Stammbaum?— oder auch ſie ſind gewiſſermaßen ſtolz darauf, daß ihre Vorfahren einmal Stlaven waren. Ich verdanke einem alten Rabbinen, den ich einmal im Bade traf, einen großen Gedanken. Er erklärte mir, 294 es läge ein großer Anreiz, um das Höchſte zu erringen, im Ge⸗ danken an eine Vergangenheit, die einmal Sklaverei geweſen. Vieles, was an den Juden wunderbar erſcheint, erkläre ſich aus dieſem Einen. Sie waren Sklaven in Egypten, das hat ihnen etwas Großes eingepflanzt, einen Stolz und eine Demuth, eine Ausdauer gegen jegliche Unterdrückung, eine Erkenntniß jeder Rechtsverkümmerung und jedes fremden Leids, und daraus ein Mitgefühl, das ohne Gleichen in der Geſchichte iſt.“ Clodwig machte eine Pauſe, dann fuhr er fort: „Ein Jude aber mit Adelswappen, mit Helm und Schild und dem ganzen Krimskrams— ſchon der Anblick müßte ihn kränken; denn zur Zeit, als man Helm und Schild trug, waren ſeine Vor⸗ fahren Kammerknechte des Kaiſers und faſt vogelfrei. Ein Jude, der zum Chriſtenthum übertritt, kann dies aus Ueberzeugung voll⸗ führen, weil er, abgeſehen vom Dogma, es als einen Fortſchritt anerkennt, was Jeſus in der Geſchichte der Bildung hervorgebracht. Viele thun es aus Leichtfertigkeit, weil es ihnen zu läſtig iſt und ſie ſich nicht verpflichtet erachten, ein fortgeſetztes Martyrium zu übernehmen für ſich und ihre Kinder. Das Alles mag hingehen, obgleich ſich gegen Religionswechſel noch Vieles ſagen ließe. Aber ein Jude, der adlig wird, iſt ein ſo geckenhafter Anachronismus, wie er nicht ſchärfer gedacht werden kann. In das wachſende und werdende lebendige Bürgerthum eintreten, iſt Recht der Juden und ihre Pflicht. Oder ſoll es auch eine Kette von jüdiſchen Adels⸗ familien geben, die nur unter einander heiraten? Je weiter man darüber denkt, deſto widerſinniger wird der Wirrwarr. Nun aber, ich wollte nicht von den Juden reden und bitte um Entſchuldigung, daß ich mich ſo verirrte.“ „Wollen wir nicht überhaupt dieſe Erörterung abſchließen?“ bat Prancken. „Ich bin gleich zu Ende. Nur noch ein Wort, um nicht blos abzubrechen. So laſſen Sie mich noch kurz ſagen, daß ich jede Adelsernennung eines Bürgerlichen, um mich nicht ſchärfer aus⸗ zudrücken, für einen hiſtoriſchen Widerſinn halte. Wer den Bürger⸗ ſtand verläßt, iſt ein Ausreißer, ein Abtrünniger, ich will nicht ſagen, ein Verräther und ein Aberwitziger zugleich, indem er die ſiegende Fahne des Bürgerthums verläßt. Ich weiß, was die Bürgerlichen wollen; ſie wollen den Beſitz an die Familie ketten, Fideicommiſſe gründen, die Söhne von Millionären wollen Junker —— — werden; aber es gibt doch nur ein verkrüppeltes Geſchlecht, Wurzel⸗ brut, ſogenannten Stockausſchlag, der nicht zum Baum wird.“ Clodwig hatte nach verſchiedenen Seiten hin geſprochen, er wollte ſeinen Standesgenoſſen ſcharf zu Gemüthe gehen, er wollte Sonnenkamp und den Banquier zu einer Wendung bringen, denn er wußte, daß man auch den Banquier anreizte, nach dem Adel zu trachten, und er wollte ihn ein- für allemal bekehren. Jetzt, da er das bewegliche Antlitz ſeines alten Freundes ſah, wendete er ſich an ihn und ſagte: „Ich ſehe Ihnen an, Sie wollen noch etwas hinzufügen.“ „Nur Unbedeutendes,“ erwiderte der Banquier achſelzuckend und hielt Clodwig und Sonnenkamp ſeine offene goldene Doſe hin.„Unſer Herr Wirth iſt ja ſelbſt ein Beiſpiel davon, daß es in der neuen Welt höchſte Ehre iſt, ein Self made-man zu ſein; Nichts ererbt und Alles erobert zu haben. Self-made-man iſt, wenn man ſo ſagen darf, ſein Wappenſpruch. Ihr zum Präſi⸗ denten deſignirter Abraham Lincoln iſt ein weiteres Beiſpiel: Holzfäller, Schiffer geweſen zu ſein und zur höchſten Ehre empor⸗ zuſteigen, das iſt's. Kennen Sie Lincoln perſönlich?“ „Ich habe nicht die Ehre,“ erwiderte Sonnenkamp. Man ſtand auf. Die Männer aus der hohen Geſellſchafts⸗ ſchicht aller deutſchen Länder ſtarrten einander an, und wenn heut noch ein Zauber möglich wäre, ſie wären verſteinert, wie dort der Hochzeitszug. Der lange Lieutenant und der zur Ruhe geſetzte Hofmarſchall hätten ſehr groteske Steinfiguren gebildet. Wie iſt es möglich, daß ein Mann von Adel, ein Graf Wolfs⸗ garten, ſo ſpricht? Man ging zu den Damen. Clodwig und Erich hielten ſich noch etwas zurück; Erich hatte während der ganzen Erörterung kein Wort geſprochen. Jetzt ſagte Clodwig, wie er ſich ärgere, daß er noch ſo jugendlich unbeſonnen ſei, vor Menſchen, die eigentlich nichts Ernſtes hören wollen, ſich ganz zu geben. „Und ich danke Ihnen,“ erwiderte Erich. „Ja,“ ſchloß Clodwig,„ich will mich dünken laſſen, ich hätte zu Ihnen allein geſprochen.“ Er ging mit ihm nach dem Walde, wo die Damen die teppich⸗ belegten Sitze verlaſſen hatten; dort ſetzte er ſich mit Erich nieder und ſchaute zu, wie die junge Welt drunten auf der Wieſe tanzte. Sonnenkamp ſtand an eine hohe Tanne gelehnt, er ſtand da ————** 3 ——— S—— wie verſteinert und wünſchte faſt, daß die ganze Geſellſchaft ver⸗ ſteinerte. Unterdeß ſagte Clodwig zu Erich: „Sie haben heut früh nach meinem Gutachten geforſcht, ich glaube, daß Sie jetzt wiſſen können, wie es lautet. Ich habe bündig erklärt: ich widerſpreche unbedingt jeder Adelserhebung; Ihnen aber, junger Freund, kann ich ſagen, daß Herr Sonnen⸗ jung kamp alle Ausſicht hat, denn mein Gutachten iſt nicht das ent⸗ ſcheidende.“ Erich hatte Luſt, zu Sonnenkamp hinabzugehen und ihm dieſe Eröffnung mitzutheilen, er hatte ſeine Zerſchmetterung beachtet und wollte ihn nun aufrichten; der Mann, der Alles für ſeinen Sohn wollte, that ihm im Herzen leid. Aber er hielt ſich zurück, er mochte an dieſer Sache durch kein Wort Theil haben. Er er⸗ zählte Clodwig, daß Roland ihm am Ballabende das Geheimniß der Adelserhebung habe kundgeben wollen, daß es aber ſein Vorſatz ſei, mit dem Jüngling nichts davon zu ſprechen, obgleich der Vater ihm nun die Eröffnung gemacht. Roland habe die Sache bis jetzt ruhig in ſich getragen, und es erſchien beſſer, ſie zu über⸗ ſehen, damit keinerlei Widerſpruch gegen die Maßnahmen des Vaters ſich in dem Sohne bilde. Es war eine erquickliche Stunde, wie die Beiden ſo beiſammen ſaßen. Der lange Lieutenant ſchien das einſame Denken Sonnenkamps zerſtreuen zu wollen; er ſagte ſehr zutraulich: „Herr von Sonnenkamp! Haben die Neger auch muſikaliſches Talent?“ „Die Neger halten Vieles für Muſik, was nichts als Lärm iſt,“ erwiderte Sonnenkamp,„und manche Weiſe halten das für ein Geſpräch, was...“ Er ſuchte nach einem Wort, er ſchien keines zu finden, was ihm ſcharf und doch zugleich höflich genug war; endlich ſagte er: „ was man vielleicht in der kleinen Reſidenz für ein Ge⸗ ſpräch hält.“ Er begab ſich zur luſtigen Geſellſchaft und man wanderte unter Muſik heimwärts, bis zu den Wagen. Auf dem Wege durch den Wald hatte es ſich gefügt, daß Manna mit Erich ging; Beide wußten nicht, wie das geſchehen war. Sie gingen eine gute Strecke ſtill neben einander. „Wie ich höre,“ begann Manna endlich,„hat Graf Clodwig ſehr ſcharf gegen den Adel geſprochen. Findet er auch, daß Be⸗ vorzugung durch Geburt ein Widerſpruch gegen die Religion iſt?“ „Nein, davon ſprach er nicht.“ Wieder gingen ſie wortlos weiter. „Wo nur heute unſer Freund Profeſſor Einſiedel geweſen ſein mag,“ nahm Manna wieder auf.„Ich bin nun auch ſeine Schülerin.“ „Und es iſt ein Glück,“ entgegnete Erich,„dieſe freie, fromme Seele zu kennen.“ Sie ſprachen nicht mehr, aber ſie empfanden Beide, daß dieſe Verehrung, die ſie zu einem Menſchen hatten, ihnen eine Einigung eigener Art gab. „Erich! Manna!“ rief plötzlich eine Stimme und hallte wider im Wald. Sie ſtanden wie erſtarrt, ihre Namen ſo in Eins gerufen zu vernehmen und im Widerhall von der verſteinerten Gruppe des Hochzeitszuges vervielfältigt. Roland kam und führte Manna an der Rechten und Erich an der Linken und ſo gingen ſie bis zu den Wagen, wo ſie ein⸗ ſtiegen. Fechzehntes Capitel. Sonnenkamp fühlte ſich vom Hof zurückgeſetzt oder vielmehr völlig überſehen, er durfte aber keine Verletztheit zeigen, denn dadurch verliert man an Anſehen; er ließ es daher nicht an fortdauernd gleichmäßiger Ehrerbietung fehlen, auch wenn ihn der Fürſt nur befremdet anſah. Das iſt Hofdienſt, er wollte ſich ihm fügen. Der Tag, an dem der Fürſt mit Gefolge abreiſte, war be⸗ ſtimmt. Sonnenkamp fand ſich mit der höheren Geſellſchaft ein, die noch eine letzte Verbeugung vor dem Wagen machte; auch er erhielt etwas von dem allgemeinen huldreichen Blick, und der Cabinetsrath, der den zweiten Wagen beſtieg, ſagte ihm noch zuletzt: „Ihre Sache ſteht gut, trotz des ſehr gelehrten und höchſt ehrenwerthen Herrn Grafen Wolfsgarten.“ — — Für einen großen Kreis war die Abreiſe des Hofes, wie wenn die Braut ſich vom Hochzeitstanze zurückgezogen; man tanzt wol noch weiter, ja man überbietet ſich in Luſtigkeit, aber der eigentliche Mittelpunkt fehlt. Menſchenwellen kamen, Menſchenwellen verfloſſen; der belebte Kreis, den Bella gebildet hatte, verlor jeden Tag bald dieſen, bald jenen Theil, und Sonnenkamp hatte oft Gelegenheit, die Blumenhuldigung bei der Abreiſe zu üben, obgleich ihm das eigentlich zuwider war. Auch Bella und Clodwig rüſteten ſich zur Abreiſe. Die letzten Tage waren für Erich und Roland ein ſchönes Ausklingen, wie eine erquickliche Raſt nach lärmendem Getriebe, ja als Clodwig und Bella abreiſten, nahmen ſie das leicht auf, denn Profeſſor Einſiedel verblieb ihnen. Sonnenkamp und Frau Ceres aber waren mißgeſtimmt, ſie hatten das Gefühl, ſich überlebt zu haben. Sonnenkamp erſchien ſich wie ein unverkaufter Blumenſtrauß. Was iſt er am Abend? Man begießt ihn in der Nacht, man rauft am Morgen die welkgewordenen Blumen aus, man bringt ihn wieder zu Markt. Wird er ein beſſeres Schickſal haben? Es muß verſucht werden. Männer und Frauen, die zu Bella's Zeiten in ſeinen näheren Kreis gehört, grüßten jetzt nur noch fremd und hatten ſich neuen Ankömmlingen angeſchloſſen. Auf manchen Gängen begegnete man auch Profeſſor Crutius, der viel mit anweſenden Amerikanern verkehrte; ſie ſahen Sonnenkamp oft nach. Er grüßte Crutius ſehr freundlich, aber dieſer dankte kaum. Endlich kam der Morgen der Abreiſe. In drei Wagen fuhr Sonnenkamp mit ſeinem Gefolge davon; es hatten ſich zur Ab⸗ fahrt weniger Befreundete gefunden, als man erwarten durfte. Die Wagen waren indeß mit Blumenguirlanden bekränzt und eine Blumenkrone prangte über dem Verdeck, ja ſelbſt die Speichen der Räder waren mit Laubgewinden umwunden; auch der Poſtillon war bekränzt. Alles das hatte Lutz angeordnet und es hatte den Anſchein, als ob die Freunde es gemacht hätten. Man frühſtückte noch im Freien, ging aber nicht mehr in die Wohnung, von der Straße ſtieg man in den Wagen. Unter den Abſchiednehmenden war Profeſſor Einſiedel, er ſtand bei Seite neben Manna und ſagte ihr leiſe: .———————— 299 „Ich habe Ihnen in der letzten Vorleſung— Ach, ich bitte um Entſchuldigung, mein liebes Fräulein, ich ſpreche ja nur zu Ihnen— ich habe Ihnen bereits geſagt: auch ich wünſchte, daß ich in ein Kloſter gehen könnte, nachdem ich im Leben draußen müde geworden, einſam bin und nun in der Stille gern das abſchlöſſe, was ich eigentlich ſoll. Ob aber Sie, bevor Sie mit dem Leben fertig, es abthun können, überlegen Sie ſich das recht wohl, denn es kann nichts Entſetzlicheres geben, als mit der Pflicht, beſtändig ſich dem höchſten Gedanken zu weihen, allerlei Unruhe in der Seele zu empfinden. Die Lehre der Ent⸗ ſagung iſt leicht, weil ſie einfach und eine einzige That; die Lehre des freien Thuns iſt ſchwer, ſie muß ſich immer neu und vielfältig an den Zuſtänden bemeſſen. Ich kann das jetzt nicht ausführen, aber nehmen Sie es recht ins Herz, liebes Kind, ich meine es gut, von Herzen gut,“ ſagte der Mann mit ſtockender Stimme. „Ich weiß es und ich glaube Ihnen,“ erwiderte Manna. Große Thränen ſtanden ihr im Auge; ſie beugte ſich nieder auf den Blumenſtrauß, den ſie in der Hand hielt, und Thränen fielen in die Blumen. Roland kam herbei, er zog den Hut ab und der Profeſſor legte ihm die Hand aufs Haupt und ſagte: „Bleibe brav und denke, daß Du an mir auch einen Freund haſt.“ Roland konnte vor Rührung nicht ſprechen, er küßte dem Ge⸗ lehrten die feine Kinderhand. Die umher ſtehenden Zuſchauer ſtaunten. Der Poſtillon blies, daß es im Thal und von den Bergen widerhallte. Man verließ den Ort, wo man viel erlebt, aber doch keine Entſcheidung gefunden hatte. Auf dem Wege wies Roland darauf hin, wie recht Manna habe, da ſie über die Blumenvergeudung geſcholten, denn hier an der Straße lagen überall welke Sträuße und auch friſche, die den Wegreiſenden in den Wagen geworfen wurden und die ſie unter⸗ wegs fortgeſchleudert hatien, ſo daß die Räder über die ſchönen Blumenſträuße dahin gingen. Manna ſaß ſtill in ſich gekehrt. Sie war nur zur Begleitung der Angehörigen mit ins Bad gegangen, aber Keines hatte eine tiefere Umſtimmung ſeines Weſens erfahren als ſie. Noch wollte ſie es ſich nicht bekennen. Sie faltete ſtill die Hände und betete. Man kam zur Eiſenbahn. ———* k— — S „Die Locomotive pfeift,“ ſagte Roland,„mir iſt, als wären wir ſchon in der Heimat. Geht es Dir nicht auch ſo? Man meint, man wäre in einer ganz andern Welt, wo man das nicht mehr hört. Wenn nur auch daheim Alles noch gut iſt!“ Erich ſagte, daß ſie den friſchen Muth feſthalten wollen, wenn man auch bei der Heimkehr Manches anders finde. Biebenzehntes Capitel. „Die Wirkung folgt nach,“ hatte der Arzt zu Sonnenkamp und deſſen Frau bei der Abreiſe geſagt.„Die Wirkung folgt nach,“ hatte auch der Cabinetsrath angedeutet. Mit friſcher Spannung und Erwartung kehrte die Familie Sonnenkamp nach dem Rhein zurück. Man kam auf der Villa an. Alles war im beſten Stande, die Verbindungshalle zwiſchen den Treibhäuſern und den Ställen, ein leichter Bau von Gußeiſen, den Sonnenkamp vor ſeiner Ab⸗ reiſe angeordnet hatte, ſtand vollendet. Nirgends gewahrte man eine Spur, daß etwas Neues hergerichtet worden; der Obergärtner hatte bereits Schlingpflanzen an den eiſernen Säulen emporgezogen. Sonnenkamp ſprach ſeine Zufriedenheit aus. Eine friſche Stimmung herrſchte in den Gemüthern, man empfand das Gefühl der Heimatlichkeit, das noch von der bewegten Reiſeempfindung gehoben war. Sonnenkamp fragte, ob während ſeiner Abweſenheit viele Fremde Haus und Garten beſucht hätten, denn er hatte es als Ver⸗ günſtigung für die Dienerſchaft alljährlich zugelaſſen, daß während ſeines Bade⸗Aufenthaltes der untere Stock der Villa, Treibhäuſer, Obſtgarten und Ställe gezeigt werden durften. Der Caſtellan berichtete, daß noch nie ſo viel Beſuch geweſen, als in dieſem Jahr, und er habe Jedem gezeigt, wo der Fürſt und die Fürſtin geſeſſen hätten. Sonnenkamp ließ ſich das Fremdenbuch zeigen, das im Billard⸗ zimmer aufgelegt war, denn auch ein ſolches hatte er aus einem großen Saale des Treibhauſes herrichten laſſen. Es war ſtrenge Ordre gegeben, daß nur Namen eingezeichnet werden durften. — — 301— Er las eine große Reihe von Namen, plötzlich fragte er heftig: „Wer hat das geſchrieben?“ Niemand konnte rechte Auskunft geben; zuletzt ſagte der zweite Gärtner, das ſogenannte Eichhörnchen, es ſei ein Mann da ge⸗ weſen, der auch früher einmal Lehrer bei Roland habe werden wollen, in Begleitung eines Andern, der groß und ſtattlich war und weſtphäliſch deutſch geſprochen; der große Mann mit den blonden Haaren habe nichts geſchrieben, der andere aber, den man Profeſſor genannt, habe mehrere Namen eingeſchrieben. Er erinnerte ſich genau, daß es ihm ſchon damals aufgefallen ſei. Sonnenkamp glaubte auf der rechten Spur zu ſein; derjenige, der die Namen eingeſchrieben, war tein Anderer als Profeſſor Crutius. Daß die Eingeſchriebenen, die Hauptführer der ſüdſtaat⸗ lichen Sklavenpartei, ſelbſt da geweſen, war undenkbar. Sonnenkamp ging nachdenklich umher, es gelang ihm aber, ſich Alles aus dem Sinn zu ſchlagen, indem er faſt laut vor ſich hin ſagte: „Dein älteſter und ärgſter Feind erſcheint wieder und das iſt Niemand anders, als Deine unglückliche, Alles ausbrütende Phantaſie...“ Erich hatte nicht größere Freude, ſeine Mutter wieder zu um⸗ armen, als Roland und Manna. „Du und die Tante, Ihr ſeid mir lieber,“ rief Roland,„als das Haus und Alles. Ach, wie gut iſt's, daß Ihr da ſeid! Wenn man heimkommt, hat man doch Menſchen daheim.“ Das Herz des Jünglings ging auf in inniger Luſt. Manna war ſchweigſam und nur ihr Blick ſagte, wie ſie die Friedſamkeit im Leben der beiden Frauen erkenne. Sie fand etwas von der klöſterlichen Ruhe im grünen Hauſe, und doch waren dieſe beiden Frauen frei, nicht durch ein äußeres Gelübde gebunden. Erſt allmälig erzählte ſie von Profeſſor Einßiedel, und die Profeſſorin war erfreut, da ſie aus den Mittheilungen Manna's entnahm, wie dieſe auch die Weihe des Geiſtes in einem Manne der weltlichen Wiſſenſchaft zu erfaſſen vermochte, denn Manna ſagte, der Profeſſor beſäße wahrhafte Frömmigkeit. Sonnenkamp war nachdenklicher als je; es erſchien ihm als eine muthwillig auferlegte Abhängigkeit, daß er nach dem Adel ſtrebte. Er brachte aus dem Bade die Empfindung mit nach Hauſe, daß er im Adelskreiſe doch allezeit als Fremder und Eindringling — 302 betrachtet werde, der ſich immer behutſam benehmen, vor Miß⸗ deutungen zu wahren habe. Von Allem, was geſprochen wurde, ging ihm der Anruf des Banquiers nach: man muß ein ſelbſt⸗ gemachter Mann ſein und bleiben. Da ſtand er wieder wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Er ärgerte ſich, daß er ſo viel grübeln und denken mußte, und doch konnte er nicht davon los. Er wollte den Cabinetsrath bitten, die ganze Sache aufzu⸗ geben, als er einen Brief von demſelben erhielt, der ihm ver⸗ fündete, daß die Angelegenheit als glücklich durchgeführt betrachtet werden durfte. Sonnenkamp ſchaute um, als er dies las. Jetzt hatte er es und jetzt wollte er es von ſich werfen. Das war noch größer, noch befriedigender, als annehmen. Was ſoll dann aber aus Frau Ceres, aus Manna und Roland werden? Wie ſollte er ſich zurückziehen? Einen Augenblick ging ihm der Gedanke durch den Kopf, das ganze Beſitzthum zu verkaufen, nach der Schweiz, nach Frantrcich, nach Italien überzuſiedeln. Aber es ſtand ihm vor Augen, wie er ſich doch wieder hierher ſehnen würde, wie er eine geſellſchaft⸗ liche Stellung und Geltung haben müſſe, in deren Beſitz er ſich nun ganz eingelebt hatte. Er ging unter den Bäumen, die er gepflanzt, gehegt, hin und her, und ſpürte, daß er mit ihnen eingewachſen war, ja, als er nach dem Rhein ausblickte, fühlte er etwas von jenem zauberiſchen Feſthalten, das Jeden überkommt, der ſich ein⸗ mal hier angeſiedelt hat. Vorwärts! rief er ſich zu. ans Ziel! Er las den Brief nochmals und da hieß es, Banquier ſich zu gleicher Zeit mit Sonnenkamp um die Standes⸗ erhöhung beworben, auffälliger Weiſe aber wieder davon zurück⸗ getreten ſei. Von Herrn Weidmann werde noch ein Gutachten erwartet, es wäre daher ſehr angemeſſen, wenn Sonnenkamp in nähere Beziehung zu Weidmann träte, denn man ſei nicht ſicher, wie dieſer die Angelegenheit aufnehme. Noch ein Anderes gab Sonnenkamp viel zu denken, denn der Cabinetsrath ſchrieb, das Gutachten des Grafen Wolfsgarten ſei höchſt auffällig, aber eine Bemerkung deſſelben habe die Sache gezogen und Die Kugel iſt im Rollen, ſie muß daß der jüdiſche für Herrn Sonnenkamp entſchieden. 1 e — 308— Das waren der Räthſel zu viel und er beſchloß, einſtweilen gar nichts zu thun. Der Doctor kam und hielt Heerſchau. Er fand, daß das Bad Allen wohlgethan, nur ſtünde Herr Sonnenkamp noch zu ſehr in der aufregenden Nachwirkung. Der Doctor hatte allen Angekommenen den Puls gefühlt und ſie gemuſtert, aber die Wandlung, die in den Seelen vorgegangen, ließ ſich daraus nicht erkennen. Frau Ceres war müde und gelangweilt wie immer, ſie fand es entſetzlich, daß man nun wieder von der ſchönen Natur ſehen und hören müſſe. Manna begriff es nicht, Tage erlebt hatte. Die widerſprechendſte Nachwirkung aber hatte der Bade⸗Auf⸗ enthalt in Roland und Erich erzeugt. Erich erkannte, daß die Mahnung des Profeſſor Einſiedel den Kernpunkt getroffen; in dieſem zerſtreuenden Leben war ihm ſein eigen Selbſt abhanden gekommen, er wollte nun einen wiſſen⸗ ſchaftlichen Burgfrieden, ein eigen Leben neu aufbauen. Er gab Roland viel einſame Arbeit und antwortete auf ſeine Fragen oft ausweichend und halb, er verwies ihm, daß er manche Dinge, die er ſelbſt auflöſen konnte, ſich wolle bereiten laſſen. Roland fühlte ſich zum erſten Mal von Erich vernachläſſigt und doch bedurfte er ſeiner jetzt mehr als je, denn das müßige Leben in der Badegeſellſchaft, die Zerſtreuung und der beſtändige Verkehr mit Männern und Frauen, die ihr Wohlgefallen an ihm tundgegeben— dies Alles ließ ihm jetzt, da er das erſte Heimats⸗ gefühl durchempfunden, eine Leere in der Seele zurück, eine be⸗ unruhigende Sehnſucht, ſo daß ihm die Stille des Hauſes, die Regelmäßigleit des Studiums zur drückenden Laſt wurde. Fort unter Menſchen wollte er, unter Genoſſen. Er erhielt einen Brief des Cadetten, der ihm anzeigte, daß er Fähnrich geworden ſei und bald mit Kameraden zu Beſuch kommen werde. Mit Ungeduld ſchaute Roland nach Zerſtreuungen und Ver⸗ gnügungen aus; eine Mahnung des langen Licutenants, daß er nicht mehr von einem Hoſmeiſter abhängig ſein müſſe, ſtieg ihm auf. In dieſer Stimmung näherte er ſich ſeinem Vater und fragte oft, ob das Adelsdiplom noch nicht gekommen ſei. Sonnenkamp daß ſie ſo viel Lärm und unruhige — 2—————— ——— — 304— vertröſtete ihn von Tag zu Tag, und als er Roland ſagte, daß Erich auch von der Sache wiſſe, war Roland betroffen. Warum hat Erich noch kein Wort davon geſprochen? Die Profeſſorin bemerkte weit mehr als Erich, daß durch den Bade⸗Aufenthalt in Roland eine Veränderung vorgegangen war. Jetzt erkannte das auch Erich und legte ſeine wiſſenſchaftliche Arbeit wieder auf einige Zeit bei Seite. Aber es ſchien ihm nicht zu gelingen, Roland wieder ganz zu gewinnen. Ein unerwartetes Ereigniß ſollte dazu verhelfen. Eines Tages bat der Major, daß Herr Sonnenkamp geſtatte, ein großes Freimaurerfeſt in dem nahezu fertig geſtellten Ritter⸗ ſaal der Burg zu feiern; Herr Weidmann wolle das Feſt hier abhalten. Im erſten Augenblick wollte Sonnenkamp gewähren; es war gut, daß gerade jetzt Weidmann in ſeinen Umkreis treten ſolle, er fand indeß genehmer, noch zurückzuhalten, und fragte, warum nicht Herr Weidmann ſekbſt die Bitte ſtelle. Der Major ſchien in Verlegenheit, er konnte doch nicht ſagen, daß er ſelbſt dieſes Verlangen geſtellt, daß aber Weidmann jede Beziehung zu Sonnenkamp kurz abgewieſen habe. Sonnenkamp lehnte vorläufig ab, bat indeß den Major, eine freundliche Verbindung zwiſchen ihm und Weidmann anzu⸗ bahnen. „Da weiß ich etwas Gutes,“ ſagte der Major.„Herr Weid⸗ mann wünſcht ſehr, daß Roland und Herr Dournay ihn einmal beſuchen; ſchicken Sie ſie hin.“ Auch das lehnte Sonnenkamp ab, er fand eine Zuvorkommen⸗ heit gegen den ſchroff ſich fern haltenden Weidmann nicht am Platze. Als er aber am andern Tage ausritt, verlor er faſt die Zügel, es begegnete ihm ein offener Wagen, in dem Weidmann neben einem Manne ſaß, der Sonnenkamp die ſchwerſten Kämpfe der Vergangenheit zurückrief. Es war Doctor Fritz. Er glaubte, daß er ſich geirrt habe. Er kämpfte mit ſich, ob er ſich Gewißheit verſchaffen ſolle, dann aber ſtellte er ſich auch dem Manne dar, der ihn erkennen mußte. Im Zorn wendete er raſch das Pferd und ritt an dem Wagen vorüber. Weidmann grüßte; ſein Begleiter ſchien erſchrocken, er griff ebenfalls nach dem Hut, zog ihn ab und jetzt war er unverkennbar: es war Doctor Fritz, ein Mann von ungewöhnlicher Größe und jugendlich friſchem Anſehen; das wellig gekräuſelte dichte Haupthaar, dieſe hohe Stirn, — —— dieſer wohlwollende Blick aus dem blauen Auge; das Alles zeigte den Mann unverkennbar. Sonnenkamp hielt ſein Pferd an, er fühlte ſich ſo geknickt und gelähmt, als müſſe er plötzlich vom Pferde ſinken. Ja, er iſts! Das iſt ſein Todfeind, ſein heftigſter Widerſacher! Wie kommt denn der hieher? Er lauſchte, bis das Geraſſel der Räder verklungen war, dann wendete er ſein Pferd und ritt im Schritt heimwärts. Iſt ihm dieſer Mann begegnet, als Mahnung, daß er von ſeinem Vorhaben ablaſſen ſoll? Soll er vor ihm ſich ver⸗ bergen und wieder unſtet und flüchtig in der Welt ſein, Haus und Garten und Park und all die mühſam errungenen geſellſchaft⸗ lichen Beziehungen verlaſſen? Soll er dem Manne nachjagen und ihn bitten, um der Kinder willen, die Vergangenheit vergeſſen zu laſſen? Soll er Reue heucheln? Bald faßte er wieder ſtramm die Zügel, peitſchte und ſpornte ſeinen Rappen und ritt zum Major. Er traf ihn nicht zu Hauſe. Fräulein Milch ſagte, er— ſei auf der Burg. Sonnenkamp ritt nach der Burg. Mit großer Unbefangenheit ſprach er von einem Beſuch, der bei Weidmann ſei; der Major beſtätigte, daß ein Neffe Weidmanns, Doctor Fritz, ſeit Kurzem da ſei; er ſei gekommen, um ſein Kind abzuholen, das aul Mattenheim erzogen und von Knvpf unterrichtet worden war⸗ „War dieſer Beſuch,“ fragte Sonnenkamp,„während meiner Abweſenheit auf der Villa?“ „Ja freilich, mit dem Profeſſor Crutius. Sie waren Beide ſehr entzückt von der Schönheit Ihres Hauſes und Ihren Gartenkünſten. Die Sämereien, die ich vom Obergärtner kaufte, ſind für Doctor Fritz, er will ſie mit nach Amerika nehmen. Schicken Sie doch Frich und Roland nach Mattenheim, es wird für Beide eine Luſt ſein, den vortrefflichen Doctor Fritz zu kennen; aber es muß ſchnell geſchehen, denn wie ich höre, reiſt er ſchon in den nächſten Tagen wieder a Glücklicherweiſe kamen eben auch Erich und Roland auf die Burg und der Major erinnerte ſie, doch endlich den Beſuch bei Weidmann auf Mattenheim zu machen. Roland war froh, daß es wieder etwas Zerſtreuendes, eine Reiſe geben ſolle, und Erich hoffte, daß durch die Erſchauung eines thätigen Lebens Roland neue Erweckung gewinnen werde. Auerbach. Landhaus am Rhein. II. 20 ———— mn — 306— Diesmal legte es Sonnenkamp klüger an. Von Clodwig hatte Erich nichts herausgebracht, obgleich er offenen Auftrag hatte; jetzt gab er Erich nur Andeutungen, die ſich höchſt unbefangen t ausnahmen, die ihn aber doch von Allem Kunde gewinnen ließen, 6 was ihm zu wiſſen von Bedeutung war. Er wollte wiſſen, was im Feindeslager vorgeht, was Weidmann von ihm weiß, was Doctor Fritz unternehmen will. Er ſchärfte Erich ein, Herrn Weidmann nur ganz offen zu ſagen, wie Roland ſein Bruder geworden und wie Roland einſt große gemeinnützige Anſtalten im Vaterlande gründen müſſe. Das hoffte er, würde ſeine Feinde von jedem Zuwiderhandeln gegen ihn abhalten. Ja, er bat Erich, zu ſagen, daß er Roland bald das ganze Anweſen übergeben und ſich ſelber nach Frank⸗ reich zurückziehen wolle. Erich ſollte andern Tages eine Botſchaft ſchicken, dann würde ihn Sonnenkamp ſelbſt von Mattenheim abholen.—. Am Morgen, als Erich und Roland nach Mattenheim ab⸗ reiſten, entſchloß ſich Manna endlich, ihren Beſuch beim Pfarrer 4 zu machen. Fräulein Perini hatte ihr offen geſtanden, der Pfarrer% vundere ſich, daß ſie ihn ſeit ihrer Heimkehr noch nicht beſucht ₰ habe. Fräulein Perini wollte, daß Manna von ihr ſelbſt erfahre, ſie ſei im Pfarrhauſe geweſen; natürlich aber berichtete ſie nicht, 1 wie ſie den ganzen Aufenthalt in Karlsbad bereits mitgetheilt hatte. Als nun Manna ins Pfarrhaus eingetreten war, wollte ſie vieder umkehren, denn ſie hörte von der Wirthſchafterin, daß der Domdechant aus der Hauptſtadt zum Beſuch beim Pfarrer ſei. der Pfarrer aber, der ſie vom Fenſter aus bemerkt hatte, kam eraus und führte ſie an der Hand in die Stube. Er ſtellte ſie em Domdechanten als Poſtulantin vor. 1 Manna kannte den Ausdruck noch nicht, der Domherr ſah ihr as an und erklärte, daß er bereits von ihrem Vorhaben, den 1 chleier zu nehmen, wiſſe. ₰ Manna ſenkte erſchrocken und demuthsvoll den Blick. Sie ußte von den beiden Männern ihr Lob vernehmen, ſie konnte nicht ablehnen, aber ſie war tief in ſich zerriſſen. Der Domdechant fragte, ob auch hohe Geiſtliche zur Cur in 6 1 urlsbad geweſen. Manna verneinte. Als nun der Pfarrer fragte, wen ſie ſonſt von bedeutenden 307 WMännern kennen gelernt, hielt es Manna für ihre Pflicht, vor Allem Profeſſor Einſiedel zu nennen. „Alſo den leibhaftigen eingeſchrumpften Dünkel.. das dürf⸗ tige Männchen, das ſich gern einen antiken Griechen nennen läßt, haben Sie kennen gelernt?“ ½ Die beiden Männer lachten und Manna ſah ſtaunend, wie der von ihr ſo hochverehrte Profeſſor Einſiedel in die lächerlichſte Caricatur verwandelt wurde. Sie fühlte nicht die Kraft, ihn hier zu vertheidigen, ſie ſchwieg. „Wir geleiten Sie nach Haus,“ ſagte endlich der Pfarrer. „Sie, verehrter Amtsbruder, ſollen einmal die ſchöne Villa ſehen.“ Von den beiden Geiſtlichen geleitet, ging Manna nach ihrem elterlichen Haus, ſie erſchien ſich wie ein gefangener Verbrecher, und doch waren die Männer überaus freundlich und zutraulich. Im Hofe trafen ſie Sonnenkamp. Er war ſehr zuvorkommend und ehrerbietig und machte ſich eine Freude daraus, den ehr⸗ würdigen Männern den Park, den Obſtgarten, die Treibhäuſer und zuletzt die Villa zu zeigen. Der Domdechant zeigte ein feines 4 Verſtändniß für Alles, und als Sonnenkamp wieder mit einem 4 gewiſſen Stolz darauf hinwies, daß jede Feuerſtelle ihren beſondern Kamin habe, bemerkte er plötzlich, wie der Domdechant einen raſchen Blick mit dem Pfarrer wechſelte und dabei befriedigt lächelte. Alſo das glaubt Ihr? ging es in Sonnenkamp auf. Ihr nehmt die Villa in Augenſchein, um ſchon jetzt einzutheilen, wie dieſes Haus zum Kloſter umgewandelt werden kann, wenn Manna ihren Vorſatz ausführt? Lieber verbrenne ich das Haus mit Allem, was darin! Die beiden Geiſtlichen verſtanden nicht, warum plötzlich ein ſo veränderter, ſiegender Ausdruck in den Mienen Sonnenkamps war; er war glücklich, daß er jeden Trug Anderer durchſchaute. Er geleitete die Männer bis an das Thor und bat ſie, noch recht oft ſein beſcheidenes Haus zu beſuchen.“ — Diesmal legte es E Frich nichts herausgel jetzt gab er EFrich nur ausnahmen, die ihn e was ihm zu wiſſen v. im Feindeslager vorg Doctor Fritz unternet Er ſchärfte Erich ſagen, wie Roland große gemeinnützige Das hoffte er, 1 gegen ihn abhalten. bald das ganze An reich zurückziehen w ſchicken, dann wün abholen.— Am Morgen, reiſten, entſchloß ſ zu machen. Fräul wundere ſich, daſ babe. Fräulein P ſie ſei im Pfarrh wie ſie den ganzer Als nun Ma vieder umkehren Domdechant aus der Pfarrer abe eraus und füh em Domdechan Manna kan as an und er' Fchleier zu nel Manna ſen ußte von der nicht ableh Der Donde irlsbad gewe' Manna ve nun. —