———— 3% 6— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Teſebedingungen.. ſ Ofensein der Biblisthek. Die Bibliothek ſteht zur Ein ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 36. 3. Caution. Unbekannte Perſoñen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und 3 rückſendung- der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſei. 6. Schadenersatz. 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Fün Englond: Dr. Mav Schlesinger in London. In hohändischer Sproche; 7enobia van I.ennep(Bosch& Zoon in Uocht). 6 5 Zehntes Capitel. Irma war auf einem Fußweg, der ſich durch hohe Waldbäume hinzog. Feſt und ſicher förderte ſie die Schritte. Bald ging der Fußweg in eine breite Wald⸗ ſtraße über. In der Ferne zuckte Wetterleuchten am Himmel, es zerreißt die Nacht und da thut ſich ein Himmel auf, der noch hinter der Nacht liegt. Irma ſchaute kaum auf, ſie dachte nichts mehr, nichts als den Weg zu finden. Es war ſtill im Wald; nur manchmal krächzte etwas, wie das Aechzen eines Menſchen, ſo klagend. Es kommt von einem Baume, der herzſpältig iſt. Aber das Krächzen geht immer mit ihr, immer ihr voraus. Sie ſucht den Baum, der ſo im Herzen krank; ſie findet ihn nicht; es geht immer weiter hinauf, immer tiefer hinein in den Wald. Da rennt ſie den Berg hinab. Nun iſt es ſtill. Der Weg ver⸗ lor ſich, aber von ferne her leuchtete das Ziel, ein e —— 1 Blinken des mondbeglänzten Sees. Sie ging weiter und weiter pfadlos durch den Wald auf weichem Moos. . Oftmals war Wimmern von Vogelſtimmen in den Baumkronen, ein Marder oder ein Wieſel würgte n die Sorgloſen in ihren Neſtern.— In der Welt iſt Auerbach, Auf der Höhe. lll. 1 2 ewiges Morden, Verzehren des Einen durch den An⸗ dern. Die Menſchen verderben und morden einander, nur verzehren ſie einander nicht— das allein unter⸗ ſcheidet ſie von den Thieren. Und noch Eins— ja, noch Eins! Das iſt's! Der Menſch allein kann ſich ſelbſt morden. Irma ſchwindelte bei dem Gedanken. Sie hielt ſich an einem Baum, dann ſchritt ſie weiter. Nur keine Weichlichkeit! Feſt und entſchloſſen muß das Unabänderliche vollbracht werden. Weiter ging's durch den dichten Wald. Heiß glühten ihre Wangen, der Schweiß troff von ihrer Stirn, aber innerlich war's ihr, als ob ſie friere. Da rauſchte es durch das Dickicht vor ihr, es war ein Hirſch, den ſie aus ſeinem Lager aufgeſcheucht. Das Thier fürchtete ſich vor ihr und ſie fürchtete ſich vor dem Thier, ſie glaubte ſchon ſein Geweih zu ſpüren, wie es ſie aufſpießt; ſie flog mit behendem Sprunge den Bergrand hinab; fern noch knackte es im Gebüſch, dann war Alles ſtill. Hoch in den Wipfeln ſauſt es; es rauſchen Waſſer, bald nah', bald fern, und jetzt hört ſie das Brauſen eines Waldbachs, der von Felſen niederſtürzt; ſie ſieht den mondbeglänzten Schaum, ſie weiß nicht mehr, wo ſie iſt, ſie weiß nicht, geht ſie nach dem See oder rückwärts. Wenn ſie ſich im Walde verirrt, wenn ſie hier niederſinken muß und gefunden und zurückgebracht wird in das Leben, in das Elend?.. Sie rafft alle Kraft zuſammen und ſchreitet weiter. Die Nacht wehte ſie kühl an, aber von ihren Wangen fielen heiße Tropfen; ſie griff ſich an die Stirn— da iſt ein heißer Quell, als ob es aus der getroffenen — Stelle rinne. Sie ſieht auf zu den Sternen, ſie ſieht bekannte Sternbilder, ſie weiß ihren Standort, aber die großen Wegweiſer in der Unendlichkeit führen nicht auf den Irrwegen im Waldesdickicht ein einſam ver⸗ irrtes Menſchenkind. Irma gedenkt der Nächte, wo der Leibarzt ihren Blick in die Weite gelenkt— wie iſt ihr nun Alles vernichtet, alles Große gefallen, ſelbſt der Blick zu den Sternen iſt ihr verſchränkt. Sie ſinnt U darüber nach, ob ſie die Briefe verbrannt, oder zurück⸗ gelaſſen; den an den König hat ſie verbrannt, deſſen glaubt ſie ſich zu erinnern; aber nicht auch den an die Königin? Sie ſinnt hin und her, es wirrt ſich ihr zu⸗ ſammen. Vielleicht werden beide Briefe gefunden.— Sei es! Und dann zieht ihr das Lied Walpurgas durch die Seele. Wenn die gute Bauernfrau am See wüßte, wie ihre Freundin jetzt einſam in dunkler Nacht durch den Wald raſ't, und mit welchen Gedanken— ſie käme herbei und riſſe dich an ſich und ließe dich nicht; wer weiß, ob ſie nicht jetzt in der Ferne dein gedenkt, von dir träumt und dir durch die Nacht unfaßbar ihr Lied durch die Lüfte daher ſchickt? Wie wird die Arme trauern, wenn ſie deinen Tod erfährt; vielleicht iſt ſie die Ein⸗ zige, die dich wahrhaft betrauert. Alle Erinnerungsmelodien ſpielten durch ihre Seele. Nach Jahren erzählt ein Schiffer, wie der dort am Inſelkloſter, vom ertrunkenen Hoffräulein. Wie wird die Todesnachricht auf die Menſchen wirken? Niemand von euch kann mir helfen, ich kann euch auch nicht 4 helfen, und übermorgen ſpielt ihr wieder Karten und tanzt und ſingt. Keiner kann den Andern in Ge⸗ danken behalten; wer nicht da iſt, hat kein Recht, in Gedanken da zu ſein. Unbarmherzig iſt das Leben wie der Tod... Weiter ging's durch das Dickicht, an wilden Schluchten vorbei; die Steine, die ſich unter ihren Tritten löſten, polterten in den Abgrund hinab, aus dem ſie dumpf auftönten und ahnen ließen, wie tief ſie gefallen waren. Die Felſen rücken näher zuſammen, der Waldbach ſtürzt ſich über ſie herab, und jetzt auf einmal da ſind die Felſenſchrofen, da geht's nicht weiter— ſtürze dich hinab und zerſchmettere! Wenn du aber tagelang halb⸗ todt und gelähmt liegen und verſchmachten mußt? Nein! Sie ſucht ſich einen Weg. Da ſchlägt ihr ein Baumzweig ins Geſicht, gerade dahin, wo des Vaters todeskalter Finger ſie berührt. „Nein, dieſe Stirn ſoll das Tageslicht nicht mehr ſchauen,“ ruft ſie und ſucht einen Weg am Felſenhang und hält ſich feſt mit eingeklammerten Händen. Jetzt erſchallt helles Jodeln einer Frauenſtimme durch den Wald.— Irma athmet auf, es iſt eine Menſchen⸗ ſtimme, eine Frauenſtimme, vielleicht ein Mädchen, ein holdes friſches Kind, das dem Geliebten ein Zeichen giebt durch die Nacht. Die Jodeltöne wiederholen ſich fort und fort und werden immer dringender, und Irma ſitzt in Angſt und Zittern am Felſenhang; ſie ant⸗ wortet, ſie ſchreit grell auf. Sie erſchrickt vor ihrer eigenen Stimme, aber ſie ſchreit wieder und wieder. Nun kommt es antwortend heran, die Stimme nähert ſich, Hunde ſpringen voraus, ſie ſind ſchon bei Irma, ſie bellen, zum Zeichen, daß ſie die Beute gefunden; die Frauenſtimme kommt näher und näher. „Wo biſt Du?“ fragt es. „„Da,“ antwortet Irma. U „Hier.“ „Da oben?“ „Wie biſt Du da hinauf gekommen?“ „Ich weiß nicht.“ „Halt' Dich ruhig, rück nicht von der Stelle! Ich komme.“ Es dauerte lange, da tauchte endlich etwas unter Irma auf. „So, da biſt Du?“ ſagte die Geſtalt. Sie warf Irma einen Strick zu und befahl ihr, ſich ſolchen um den Leib zu binden, das andere Ende an einen Felſen oder einen Baum zu heften und dann ruhig herabzu⸗ 1 gleiten. ⸗ Irma that, wie ihr befohlen. Sie ſchwebte zwiſchen Himmel und Erde, in dieſem kurzen Augenblicke durch⸗ . ſchauerte ſie Unfaßbares. Sie kam glücklich bei der Frauengeſtatt an. Dieſe packte ſie ſofort mächtig an der Hand und führte ſie. Irma folgte willenlos. Sie riß ſich blutig, bis ſie auf einen ſchmalen Felsweg kamen. Drunten brauſte der Bach, aber die mächtige Frauengeſtalt hielt Irma feſt an der Hand, dieſe Hand packte wie eine eiſerne Zange. „Wo Du geweſen biſt, da kommt ja nicht einmal ein Gemsjäger hin. So, jetzt ſind wir oben, dort iſt unſere Hütte,“ ſagte endlich die dunkle Geſtalt.„Es iſt ein Wunder, daß Du nicht geſtürzt biſt und haſt ſo ein langes Kleid dazu.“ „Wer biſt Du?“ fragte Irma. „Sag' mir zuerſt, wer Du biſt und wie Du daher kommſt.“ „Das kann ich Dir nicht ſagen.“ „Meinetwegen. Mich heißen ſie die ſchwarze Eſther.“ „Wen bringſt Du?“ rief eine grauſig erſcheinende Frau in der Hüttenthür; hinter ihr brannte das Herd⸗ feuer. „Ich weiß nicht. Ein Weibsbild.“ Irma ging mit der ſchwarzen Eſther nach der Hütte. Die Alte bekreuzte ſich und rief: „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn— das iſt die Seejungfrau!“ „Ich bin kein Geiſt,“ ſagte Irma,„ich bin ein müdes Menſchenkind. Laſſet mich eine Weile ruhen und dann gebt mir Eure Tochter mit, daß ſie mir den Weg nach dem See zeige. Jetzt nur einen Tropfen Waſſer!“ „Nein, das wäre Dein Tod, Du darfſt jetzt kein Waſſer trinken; ich koch' da eine warme Suppe, ich bringe Dir gleich.“ Sie führte Irma hinein in die Kammer, und als ſie ihre Hand ſah und daran einen Diamantring, grinſte ſie vergnüglich: „Ei das ſchöne Ringlein, das iſt wol vom Herz⸗ allerliebſten?“ ———— Itma — ₰ — feit / haben und e einet ihren ſchenk Minu 5 nur Q J ſack Kopf als n das Velt Ste, 6 Mnal tt iſt haſt mides d dann bg nach et!“ ktt kein nd al ontring, n Hetz⸗ Mx F „Nehmt, nehmt den Ring! Behaltet ihn!“ ſagte Irma und hielt ihr die Hand hin. Die Alte ſtreifte den Ring mit großer Geſchicklich⸗ keit von dem Finger. „Herr Gott!“ rief die Alte plötzlich.„Dich hab' ich ſchon einmal geſehen— ja, ja, Sie ſind's.. haben Sie nicht einmal ein goldenes Herzchen getragen und es einem Kinde geſchickt? Haben Sie nicht einmal einer alten Frau im Schloß zu eſſen geben laſſen und ihren Sohn frei gemacht und ihr noch Geld dazu ge⸗ ſchenkt? Herr Gott, ja Sie ſind die—“ „Nenne meinen Namen nicht! Laß mich nur eine Minute ruhen, frage nichts und ſage nichts mehr!“ „Nein, wie Sie befehlen, gewiß nicht; ich will jetzt nur ſchnell die Suppe fertig machen.“ Sie ging hinaus und ließ Irma allein. Irma lag auf dem Bett, das nichts als ein Blätter⸗ ſack war; das kniſterte ſo wunderlich, wenn ſie den Kopf wendete und die Blätter ſprachen: ja, damals, als wir noch grünten, da war's anders.... Durch das Fenſter blinzelte der Mond herein. Die ganze Welt ging mit Irma herum, ſie war wie auf hoher See, aber bald war ſie entſchlummert. Sie wachte auf, ſie hörte eine laute Männerſtimme. Elftes Capitel. Draußen im Hausflur, der zugleich Küche war, ſtand Thomas bei ſeiner Mutter; er reinigte ſich das 8 geſchwärzte Geſicht, that den falſchen Bart ab und ſagte nun: „Mutter, wiſſet Ihr, was mir leid thut?“ „Was denn?“ „Daß ich nicht vor drei Tagen den jungen Grafen erſchoſſen hab. So geſchickt kommt der mir nicht wie⸗ der. Ich hab' ihn ſchußgerecht auf's Genick gehabt und er wär' zuſammengebrochen und hätt' nicht mehr gemuckſt; ich hätt' ihm die Kugel durch den Leib ge⸗ ſchoſſen, daß die Sonne durchſcheint.“ „Du biſt mir ein ſchöner Kerl mit Deiner Reue!“ „Ja und ich hätt' was Gutes gethan, wenn ich den Kerl erſchoſſen hätte. Denket nur, Mutter, ſo ſind die vornehmen Leute, ſo ſind die, denen der Wald gehört und das Wild drin. Denket nur, Mutter, ich bin doch ein braver Kerl.“ „Wie ſo?“ „Denket nur, Mutter, wiſſet Ihr, warum der Graf im Wald geweſen iſt? Er hat nicht dabei ſein wollen, wie ſein Vater ſtirbt, drum reitet er fort und läßt den Alten allein verenden. Ich verſprech' Euch, wenn Ihr ſterben wollet und ich bin da, ſo bleib' ich bei Euch. Ich hätt' mir den Himmel verdient, wenn ich den Burſchen weggeputzt hätte. Wenn ich's damals ſchon gewußt hätte, ich hätt's gethan; ich hab's thun wollen, aus Spaß. Meine Freud' iſt nur, wie der Burſch ge⸗ zittert haben muß; ſo vor mir herreiten müſſen, und ich hab' die Kugel hinter ihm im Lauf und kann ihn jede Minute— o, Du Wildenort!“ Bei der Nennung ihres Familiennamens ſank Irma .— — ———————— — wie ſcht wie nehr heut ſolls iſt ei drau nan hab Mähr ich m iſt m heidi! dran die H uhig ſag die E b und Frufen N wie⸗ gehabt tmehr eib ge⸗ Reue!“ ich den ſo ſind Wold er, ich rGraf wollen, ißt den n Ihr Euch. ch den ſchon wollen, ſch ge⸗ n, und m ihn Jma wie von einem Schuß getroffen zuſammen. Sie richtete ſich raſch wieder auf und hörte mit angehaltenem Athem, wie Thomas draußen fortfuhr: „Seitdem bin ich wie verhert; es kommt mir nichts mehr in Schuß, und ich bin ſo einfältig! Da iſt mir heute in der Dämmerung etwas paſſirt— der Teufel ſoll's holen, daß man an Geiſter glaubt. Mutter! mir iſt ein Pferd begegnet, ein wunderſchönes, und Niemand d'rauf. Wenn's ein wirkliches Pferd geweſen, für das man Geld kriegt? Bin doch ein Narr, daß ich mich ſo hab' erſchrecken laſſen, wie es dahinrennt mit fliegender Mähne, und die Hufeiſen haben aufgeſchlagen. Bis ich mich aber beſonnen hab' daß es ein wirkliches Pferd iſt und alle Geiſtergeſchichten nur dummes Zeug— heidi! fort iſt's!“ „Nein, Thomas! Nimm Dich in Acht! Es iſt was dran mit den Geiſtern. Komm', ſtell Dich her, halt' die Hand über's Feuer und ſchwör' mir, daß Du Dich ruhig halten willſt, dann ſage ich Dir was.“ „Was werdet Ihr wiſſen?“ „Mehr als in Deinen Stierkopf hineingeht. Ich ſag' Dir, es giebt Geiſter, drin auf dem Bett liegt die Seejungfrau.“ „Mutter, Ihr ſeid närriſch geworden.“ „Gieb Acht! Sie hat mir befohlen, daß ich ihr eine Suppe kochen ſoll.“ „So? Die Seejungfrauen freſſen auch Supp'? Ich fürcht' kein Geſchöpf, das Gekochtes frißt. Ich möcht' einmal die Seejungfrau ſchauen!“ Die Alte wollte ihn halten. Er drang in die Stube 10 und ſtand wie gebannt, als er Irma erblickte; aber plötzlich rief er: „Das iſt ein Weib wie Ihr, nur viel ſchöner. Wenn's die Seejungfrau wär', müßt' ſie einen Schwanen⸗ fuß haben, ſo viel ich weiß. Wer iſt's, Mutter?“ „Ich weiß es nicht.“ „So will ich ſie fragen.“ Die Alte ſuchte ihn abzuhalten. Aber ſchon hatte ſich Irma aufgerichtet, ſie ſchaute ſtarr drein, ſie hatte den Mund geöffnet und konnte nicht ſprechen. „Du biſt's?“ rief Thomas plötzlich.„Das iſt ja prächtig!“ Er wollte ſie erfaſſen, aber Zenza wehrte ihn ab. „Du biſt's?“ rief er wieder.„Haſt Dich verirrt und biſt da? Das iſt prächtig!“ „Kennſt Du mich?“ „Wer wird Dich nicht kennen? Du biſt die Ge⸗ liebte des Königs! Und jetzt biſt Du...“ Ein lauter Verzweiflungsſchrei Irmas übertönte ein Wort des wilden Geſellen. „Juchhe!“ jauchzte Thomas,„maus Mutter, naus Eſther! Ich brauch' Euch nicht!“ „Laß ſie! Du darſſt ihr nichts thun!“ rief die Mutter. „Ich darf nicht? Wer will mir's wehren?“ Die Mutter rang mit ihm, er ſchleuderte ſie zurück. Da, ſie wußte ſich nicht mehr zu helfen, faßte ſie die kochende Suppe und ſchwor, daß ſie ſie ihm über's Geſicht ſchütte; er wehrte ab, taumelte zurück und brüllte wie ein Stier. Eſ c 8 — ter, ſ eine kamen ſich d Stitn Le Ima aber höner. anen⸗ 2 hatte ehatte iſt ja hn ab. verirtt zurüc. ſie die übers brüllte - S — — —— 11 Eſther eilte auf Irma zu und flüſterte eilig: „Komm', komm'! Um Deines Vaters willen rette ich Dich. Komm'! Fort!“ Sie riß ſie mit ſich fort, ſie eilte den Berg hinab, ohne Aufenthalt, athemlos. Irma konnte nicht wei⸗ ter, ſie wollte ruhen; Eſther aber ſchleppte ſie noch eine Strecke mit ſich davon, bis ſie an eine Quelle kamen, dort ſetzten ſie ſich nieder. Eſther machte ſich die Hände naß und wuſch ſich und Irma die Stirne. Lange redeten die Beiden kein Wort. Endlich fragte Irma: „Weißt Du den Weg nach dem See?“ „O wohl! Das iſt auch mein Weg, mein Ausweg, ich hab' keinen andern mehr.“ „Wie? Was meinſt Du?“ „Was Du willſt, will ich auch, werd' ich auch noch müſſen.“ „Was will ich denn?“ „Dich ertränken.“ Irma zuckte zuſammen, da ihr das Vorhaben ſo ins Ohr geſagt wurde. „Ich weiß nicht,“ fuhr Eſther fort,„kann mir's aber ſchon denken, was Dich dazu treibt. Mein Bruder hat ein böſes Wort geſprochen. Aber ich bitte Dich, thu's nicht! Schau', Du biſt noch ſo ſchön, ſo jung und reich; Du kannſt ſchon noch leben und es kann Dir wieder anders gehen auf der Welt. Thu's nicht — Still!“ unterbrach ſie ſich plötzlich—„haſt Du nichts gehört? Wir wollen jetzt nicht reden, damit wir — 12 Alles hören. Er kommt uns nach. Er läßt uns nicht. Steh' jetzt nur auf, wir müſſen fort.“ Sie ſtanden auf⸗und ſchritten weiter durch den nächtigen Wald. Ein Bild aus der Hölle trat Irma vor die Seele: Dort in der Ewigkeit werden Vornehme und Geringe, denn die Sünde macht gleich wie die Tugend gleich macht, an einander gefeſſelt und geſchmiedet und müſſen das Gleiche dulden... Sie ſchritten wieder an einem wildrauſchenden Bache dahin, da fragte Eſther: „Du biſt alſo die Schweſter von ihm?“ „Von wem?“ „Von meinem Bruno. Wie geht's ihm? Ich hab' ihn vor einigen Tagen geſehen, wie ich Ameiſeneier geſucht habe; er hat mich aber nicht geſehen. Iſt es wahr, daß er glücklich verheirathet iſt?“ „Ja; aber warum nennſt Du ihn Deinen Bruno?“ „Gut, Dir will ich's ſagen, Du biſt die Erſte, die ſeinen Namen aus meinem Mund hört ſeit jenem Tag. Hat er ſelber Dir nie davon geſprochen?“ ie „Er kann's aber doch nicht vergeſſen haben. Komm', hier könnte der Thomas uns doch finden, faſſe meine Hand, geh' rückwärts, dann verlieren die Hunde die Spur.“ Eſther faßte Irma an der Hand und führte ſie unter einen Felſenvorſprung; ſie ſetzten ſich nieder und die ſchwarze Eſther erzählte: „Meine Mutter weiß nichts davon und mein Bruder auch 7 berichte in St und A ſehn J hen, i tönnen Er wa auf de und w alema neiner in W than, hat m doch n jde von il er ſei, wenn Schlof hab t ein ei nichts ich ge tönne Deine nicht. meine nde die hrte ſie er und Brudet auch nicht. Das Rechte weiß Keiner. Dir kann ich's berichten. Wir ſind eigentlich hier nicht daheim, aber im Sommer ſind wir oft hier und ſuchen Enzian und Apothekerkräuter und Ameiſeneier. Ich war fünf⸗ zehn Jahre alt, ein luſtiger Teufel von einem Mäd⸗ chen, ich hätte mit einem Hirſch um die Wette rennen können, da hat mich Dein Bruder im Wald gefunden. Er war ſchön, gar ſchön, ſo ſchön giebt's Keinen mehr auf der Welt, und fein und gut iſt er auch geweſen, und wir haben einander ſo lieb gehabt und ich hab' allemal geweint, wenn ich wieder hab' heim müſſen zu meiner Mutter. Ich wär' gern ewig draußen geblieben im Wald wie die Rehe, und es hat mir faſt wohl ge⸗ than, wenn ich heimgekommen bin und meine Mutter hat mich geſchlagen; ich hab' weinen können und hab' doch nicht ſagen müſſen, warum ich weine. Ich hab' jede Minute nach ihm verlangt und hab' gar nicht mehr von ihm fortgewollt. Er hat mir einmal geſagt, wer er ſei, und daß ſein Vater gar ein ſtrenger Mann ſei; wenn das nicht wäre, thät' er mich heimführen in ſein Schloß und ich müßte Gräfin werden. Und da— ich hab' tauſendmal ſeitdem daran gedacht, was ich für ein einfältiges Kind geweſen bin, aber ich hab' gewiß nichts Böſes gewollt— weißt Du, was ich gethan hab'? Weil mein Bruno gar ſo arg geklagt hat, hab' ich gedacht, den böſen Vater wird man doch'rumkriegen können, und bin aufs Schloß und geraden Wegs zu Deinem Vater und hab' ihm geſagt, er ſoll doch nicht ſo ſchlecht ſein und ſo hartherzig und ſoll's zugeben, daß der Bruno mich heirathet, ich will gewiß eine gute Schwiegertochter ſein, und wir haben ja einander ſo lieb, wie, ſo lang die Welt ſteht, nicht Zwei einander mehr lieb gehabt haben. Da hat mich Dein Vater angeſehen— die Augen vergeſſ' ich nie, ich ſeh' ſie jetzt vor mir, ſo groß, und geglänzt haben ſie, und vorhin, wie der Thomas auf Dich losgewollt hat, da haſt Du auch ſolche Augen gehabt, ganz ſeine Augen, und da haſt Du mich erbarmt und darum hab' ich Dir fortgeholfen.“ „Und weiter?“ fragte Irma nach langer Pauſe. „Ja weiter,“ verſetzte Eſther ſich faſſend.„Und da iſt Dein Vater auf mich zugegangen und ich hab' mich geduckt und hab' gemeint, er ſchlägt mich nieder. Er hat mir aber ſeine Hand auf den Kopf gelegt und hat geſagt: Du biſt ein braves Kind, wenn Du Dich auch vergangen haſt, und an mir ſoll's nicht fehlen, daß Du brav bleibſt.— Und da hat er einen Bedienten gerufen, Bruno ſoll kommen. Und da iſt er gekom⸗ men und wie er mich ſieht, iſt er erſchrocken, ich hab' aber geſagt: Fürcht' Dich nicht, Dein Vater iſt ein herz⸗ guter Menſch und er giebt Dich mir zum Mann. Bruno hat ſich aber nicht vom Platz gerührt und Dein Vater hat gerufen: Komm' her! Komm her! Er iſt aber doch nicht vom Fleck gegangen und iſt ſo weiß geworden, wie das Tuch auf dem Tiſch, an den er ſich hält, und da ſagt Dein Vater noch einmal zu ihm: Gut, ich komme zu Dir. Du haſt nicht brav gehandelt, aber Du ſollſt noch brav ſein können. Hier dies Kind aus dem Wald— ja, ſo hat er geſagt— ich erlaube Dir, ja ich befehle Dir, daß Du ſie zur Frau nimmſt.— Da ot der 6 licht, Pater it geſoh gat Dei uf ein ur ſo xſebt. och ei ſoch ei gdreht. ihn geſ Nß ich ſ gut, uf ſic ſicht lo lſe da ſhicen. uſt wie hater bluß ge nir die Witer ſgt, As let hah n wiſche ſichtn ſche ſ und ich der ſo nder Vuter ſeh ſie , und at, da ienten gekom⸗ h hab nherz⸗ Bruno Vater ir, ja 15 hat der Bruno gelacht— der Teufel hat aus ihm ge⸗ lacht, das Lachen vergeſſ' ich auch nie— und Dein Vater hat wieder geſagt: So ſprich doch! Und da hat er geſagt: Papa, machen Sie ſich nicht lächerlich! Da hat Dein Vater ein Geſicht bekommen, wie wenn er auf einmal um dreißig Jahre älter wär', und er iſt nur ſo gewankt und hat ſich auf einen Stuhl nieder⸗ geſetzt. Was ſagſt du? hat er gefragt. Wiederhole es noch einmal! Sprich! Und der Bruno hat das Wort noch einmal geſagt und hat ſich dabei den Schnurrbart gedreht. Dein Vater hat ihm gut zugeredet und hat ihm geſagt, wie er mich in Allem unterrichten will, daß ich gut ſoll leſen und ſchreiben können, und Alles ſo gut, wie eine Gräfin, und daß Bruno das nicht auf ſich laden ſoll, er würde die Laſt ſein Leben lang nicht los werden. Und da hat Bruno geſagt: Ich ver⸗ laſſe das Zimmer, wenn Sie nicht das Mädchen fort⸗ ſchicken. Geh', Eſther, geh' aus dem Zimmer und komm' erſt wieder, wenn ich Dich rufe!— Er hat Deinem Vater etwas auf Wälſch geſagt, und Dein Vater iſt blaß geworden und iſt auf mich zugegangen und hat mir die Hand gegeben und hat geſagt: Eſther, geh'! Weiter hat er kein Wort geſagt, aber er hat's gut ge⸗ ſagt, ganz herzlich. Und da bin ich fort. Das war das letztemal, wo ich den Bruno geſehen hab', und ich hab' nachmals gehört, es ſoll grauſig hergegangen ſein zwiſchen Deinem Vater und ihm. Ich hab' mich aber nicht mehr ſehen laſſen, ich hab' nicht wollen die Ur⸗ ſache ſein von der Feindſchaft zwiſchen Vater und Sohn, und ich hab' eingeſehen, daß es doch nicht gegangen wär', ———— —————————— 16 und unſer Kind hat's gut gemeint und iſt todt auf die Welt gekommen; das iſt beſſer, als ſo auf der Welt herumlaufen, im Elend und dann erſt ſterben. Meinſt nicht auch?“ Irma antwortete nicht, ſie taſtete nach der Hand der Sprechenden. ther fuhr fort: nd meine Mutter und mein Thomas wiſſen nicht, vaß ich Deinen Bruder je gekannt habe; aber der Tho⸗ mas iſt gar ein grauſiger Menſch, und er hat einen Haß auf Deinen Bruder, wie wenn er's ahnte. Aber ich ſag' nichts. Ich bin verloren— was iſt daran gelegen? Er ſoll nicht auch noch zu Grunde gehen, und ich hab' ihn doch gar ſo lieb gehabt, ich kann's noch jetzt nicht los werden.“ Aus dem ruhigen Erzählen heraus ſchrie Eſther plötzlich laut auf: „Er hat eine ſchöne, feine, reiche, vornehme Frau. Ja, dazu ſind wir da, damit euch draußen, da droben in euren ſeidenen Betten nichts geſchieht! Ha ha ha! Und wenn ſie dann eheliche Kinder kriegen, ſaugen ſie eine arme Frau aus. Die Walpurga, die hat's gut — die hat's gut, der wird die Milch zu Gold! O, wenn ich nur nicht mehr denken müßte!“ Sie raufte ſich die Haare und ſchrie knirſchend: „Die Haare da, die dummen ſchwarzen Haare, die müßten ſchon lange abgefault ſein, verbrannt von all' dem ſchweren heißen Denken, das drunter durch den Kopf gegangen iſt. O, mein Kopf iſt ſo heiß, und ich krieg' alle Tag' noch Schläge drauf; aber er iſt hart, klopf' einmal an, hart wie Stahl!“ — Ima ſu Still!“ z uhs geſ da ge Velt, iht ſo! weit 8 ſhts, un konn ch fort! ſö halte ihr eie trieb Ira eib ndie Stirn un Vatet l zn. Er he lorenen 9 ing in die eim kühlt ſh hin und lihe, bis de ie ſchwo m heta pungen an mie H wor uf dn nit jede un Perich hen laſſe „a, ja, ſezuden gr ji, du biſ Auerbach, daran gehen, anns Eſther e Frau. droben ha hal ugen ſie uts gut L wenn chend: are, die von all urch den und ich iſt hart, Irma ſtand wie angewurzelt. „Still!“ ſagte Eſther.„Still, ich höre die Hunde; ich hab's geſagt, er jagt uns nach. Flieh, flieh! Da rechts, da geht der Weg. Aber ich bitt' Dich um Alles in der Welt, thu's nicht, thu's nicht! Du biſt noch nicht ſo weit, daß Du das mußt. Jetzt flieh, dort unten kommſt Du an einen Steg, da drüber geh' Mach fort! Ich bleibe. Die Hunde kommen zu mir. Ich halte ihn auf. Du biſt gerettet. Fort, flieh!“ Sie trieb Irma fort und blieb zurück. Irma eilte allein von dannen. Sie mußte ſich oft an die Stirne greifen. Ein dankbares Andenken an ihren Vater hatte ſie gerettet aus dem unfaßbaren Ent⸗ ſetzen. Er hat die Hand verzeihend auf das Haupt der Verlorenen gelegt, aber ihr ſelbſt hat er die Verwer⸗ fung in die Stirn gegraben. Den Brand auf meiner Stirn kühlt nur der tiefe See, ſagte ſie immer vor ſich hin und eilte über den Steg, dann über eine An— höhe, bis der dunkle Wald ſie wieder verſchlang... Die ſchwarze Eſther ſtand ruhig und ließ die Hunde an ſich herankommen; ſie lockte ſie, und die Hunde ſprangen an ihr empor. Sie hörte Thomas pfeifen, und die Hunde antworteten; er war noch weit, aber er war auf der Spur. Sie zählte jeden Herzſchlag, denn mit jedem Herzſchlag kam Irma einen Schritt aus dem Bereich der Verfolgung. Ueber ſich wollte ſie Alles ergehen laſſen— was liegt daran? „Ja, ja, ich weiß, daß du mich gerne haſt,“ ſagte ſie zu dem grauen Wolfshund, der ſich an ſie ſchmiegte, „ja, du biſt das einzige Geſchöpf auf der Welt, das Auerbach, Auf der Höhe. 1I. 2 — mich noch mag. Ich wollt', ich wär' auch ein Hund geworden. Warum bin ich nicht ein Hund geworden? Wenn's nur wahr wäre, was die Mutter erzählt, daß es einmal Zeiten gegeben hat, wo man verwandelt worden iſt.“ Sie hörte wieder Pfeifen und Schreien des Tho⸗ mas, die Hunde antworteten, er kam näher, bald ſtand er bei ihr. „So, Du biſt's? Hab' mir's gedacht! Wo iſt die Andere?“ „Da, wo Du ſie nicht mehr kriegſt.“ Im Walde hörte man einen jammervollen Schrei. „Schlag' mich nur gleich todt,“ ſchrie Eſther. Die Hunde heulten dazwiſchen, ſie wußten nicht, wem ſie helfen ſollten. Thomas ging davon und ließ Eſther liegen, wo ſie niedergefallen war. Zwölftes Capitel. Die Sonne ſteht in Pracht am Himmel, unter den Bäumen am Waldesrand, auf weichem Moos ausge⸗ ſtreckt liegt eine ſchöne Frauengeſtalt in blauem Gewand. Jetzt zittern die Sonnenſtrahlen in ihr Antlitz, ſie er⸗ wacht und ſtemmt das Haupt mit den reichen braunen Locken auf die Hand und ſchaut wie verloren drein. Die Luft war voll Harzduft und friſcher Seekühle, an den Bergen läuteten die Schellen der weidenden Kühe, der Thau glitzerte, Alles leuchtete— nur für ſt iſ Rocht ubte, daß Eidlich wur ſh nicht Umum wie Umm kan Porum ver ſicht Feuer, zulle den Le pos wilſt d ir neine nes Vaters mnſend Fäu — Varum eone. Es in Alles in Lrum uduſſt es Vie mi hn nach S und ſeir ſtales De ju Ende! Eie ſtn ung ihrer ung dara ſtiß in H ui nehr ſ Us n Hund worden? hlt, daß rwandelt ald ſtand bo iſt die n Schrei. ſher. ſten nicht, n, wo ſie unter den vos ausge⸗ nGewand. itz, ſi er⸗ n braunen n drein. weidenden nn für 19 ſie iſt Nacht um und um. Es dauerte lange, bis ſie glaubte, daß ſie wache, bis ſie ſich beſann, wo ſie war. Endlich wurde ſie ihrer ſelbſt inne, aber ſie bewegte ſich nicht. Dumpf und ſchwer zog es durch ihre Seele: Warum wieder erwachen? O du unbarmherzige Natur! Warum kann nicht ein tiefer Seelenſchmerz dich brechen? Warum verlangſt du wieder eine Naturmacht gegen dich? Feuer, Waſſer, Stahl, Gift? Warum kann die Seele den Leib verderben und nicht auch tödten? Sonne, was willſt du von mir? Ich will dich nicht mehr— hier meine Stirn, darauf brennt die todte Hand mei⸗ nes Vaters und in mir hämmert das Gewiſſen mit tauſend Fäuſten und zerſchlägt mich nicht.— Warum? — Warum? Sie ſchloß die Augen und wendete ſich ab von der Sonne. Es flüſterte ihr zu: Noch iſt es Zeit, noch kann Alles nur ein hölliſches Abenteuer geweſen ſein, ein Traum mit wachen Sinnen. Kehr' um! du kannſt, du darſſt es... du haſt genug gebüßt... Wie mit unſichtbarer Gewalt riß es ſie wieder herum nach der Sonne hin. Dort unten blinkt der See und ſeine Wellen murmeln: Tief in meinem Grunde iſt alles Denken, alles Grübeln, Zagen und Zweifeln zu Ende! Sie ſtand auf, und als ſie im Moos die Abzeich⸗ nung ihrer Figur ſah, wie ſie dagelegen, ſtarrte ſie lange darauf. So ſchaut der Hirſch mit dem Todes⸗ ſchuß im Herzen auf ſein nächtliches Lager. Was ſind wir mehr als die gejagten Thiere im Wald?.. Es iſt Alles eitel... Was nützt es, ſich die Seele 20 zermartern? Mit Einem kühnen Sprung Allem ein Ende machen— das iſt's.. Sie ſetzte den Hut auf und ſchritt weiter, allein in der Welt mit dem einzigen Gedanken; nichts rief ſie an, ſie iſt Herrin über Leben und Tod. Brombeerſtauden faßten ihr Gewand und hielten ſie feſt; ſie machte ſich los und Dornen ritzten ihr Hände und Füße. Ein unbezwinglicher Hunger nagte an ihr. Sie weinte wie ein verlornes Kind. Die Thränen erleichterten ſie. Da winken friſche Beeren, ſie pflückt ſie und ißt ſie mit Gier. Aus dem Brombeerſtrauch fliegt ein Vogelpaar auf, hier iſt das Neſt, es iſt leer, Alles in der Welt hat ſeine Heimath... Selbſtvergeſſen ſteht Irma lange. Sie wendet den Blick— ſieh' da, neben den Brombeeren ſtehen auch Giftbeeren, Belladonna.. wen nach dem Tode hungert, der ſpeiſt ſie... Irma pflückt die Giftbeeren nicht, ſie will nicht in langen Qualen ſterben, vielleicht nur halb ſich tödten, umſinken und wieder in die Hände der Menſchen fallen. Nein, in den unergründlichen See! Irma machte ſich los, haſtig, wie wenn ſie ſich auf dem Wege verſäumt, und ſchritt weiter. Der Thau netzte ihre wunden Füße, ſie fror und zitterte. Da kam durch die Lüfte heller Muſikklang, ſchmet⸗ ternde Trompetenfanfaren. Irma faßte ſich an die Stirn. Das iſt keine Muſik, es ſind Träume deiner Einbildung, die Weltfreuden locken, ſie rufen mit Gei⸗ gen, Clarinetten und Trompeten: Komm, wiege dich auf unſeren Tönen, ſei luſtig und genieße die Tage, die dir heſc gon undj us 6cho in zult. Sie inen ſillen ſug, die ic nimen heut bergen ju ſi ewig wie Irma ſ ider auf! ſligen; ſi nden und( — und da ſuchte Gra gballt, als Nhin führt nlung. H — da giebt twolles V ind her, ſe lich iſt ii ſchuft e Hinde nft w aus dem 1 hut wolt ine Menſ acht auf uf und u er Kagte e und ißt fliegt ein Alles in eſſen ſteht da, neben donna.. Irma in miinken en. ſie ſich auf Der Thau rte. ng, ſchmet⸗ ch an die die dir beſchieden... Aber horch! Noch einmal der Klang und jetzt noch einmal und jetzt Böllerſchüſſe, daß das Echo in vielfältigem Rollen von den Bergen wider⸗ hallt. Sie feiern wohl heute eine Hochzeit drüben in einem ſtillen Dörſchen. Ein Mädchen und ein Jüng⸗ ling, die ſich liebten und treu zu einander hielten, ge⸗ winnen heut einander, und Muſik und Böller rufen den Bergen zu: Freuet euch mit uns! Das Glück der Liebe i wi i Irma wandelte hin in ſich verſunken und ſchaute nieder auf die Erde— ihr Geiſt ging mit den Glück⸗ ſeligen; ſie ſah die frohen Blicke der Eltern, der Kame⸗ raden und Geſpielen, ſie hörte den Segen des Prieſters — und dabei ging ihr Fuß weiter durch das thau⸗ feuchte Gras und Geſtrüppe. Sie hielt die Hand feſt geballt, als müßte ſie den Vorſatz, der ſie den Weg dahin führte, leibhaftig feſthalten. Sie ging am See entlang. Hier überall ſeichtes Ufer, ſumpfiges Röhricht — da giebt es keinen jähen Tod, nur langſames mar⸗ tervolles Verſinken; ſie geht um und um, rennt hin und her, ſchleunigen Schrittes, haſtigen Athems. Dort endlich iſt ein Felſenvorſprung am Ufer, ſenkrecht geht die ſcharfe Klippe hinab. Sie klettert hinan, ſie hebt die Hände empor und beugt ſich über— da... es ruft... wer ruft hier? Sie hört einen Jammerſchrei aus dem Waſſer, einen Hülferuf, ein Plätſchern; ihr Hut rollt vom Felſen hinab ins Waſſer— ſie ſieht eine Menſchengeſtalt mit dem Waſſer ringen— ſie taucht auf— es iſt die ſchwarze Eſther— ſie taucht auf und unter und ſchwimmt weiter.—— 20 zermartern? Mit Einem kühnen Sprung Allem ein Ende machen— das iſt's... Sie ſetzte den Hut auf und ſchritt weiter, allein in der Welt mit dem einzigen Gedanken; nichts rief ſie an, ſie iſt Herrin über Leben und Tod. Brombeerſtauden faßten ihr Gewand und hielten ſie feſt; ſie machte ſich los und Dornen ritzten ihr Hände und Füße. Ein unbezwinglicher Hunger nagte an ihr. Sie weinte wie ein verlornes Kind. Die Thränen erleichterten ſie. Da winken friſche Beeren, ſie pflückt ſie und ißt ſie mit Gier. Aus dem Brombeerſtrauch fliegt ein Vogelpaar auf, hier iſt das Neſt, es iſt leer, Alles in der Welt hat ſeine Heimath... Selbſtvergeſſen ſteht Irma lange. Sie wendet den Blick— ſieh' da, neben den Brombeeren ſtehen auch Giftbeeren, Belladonna. wen nach dem Tode hungert, der ſpeiſt ſie... Irma pflückt die Giftbeeren nicht, ſie will nicht in langen Qualen ſterben, vielleicht nur halb ſich tödten, umſinken und wieder in die Hände der Menſchen fallen. Nein, in den unergründlichen See! Irma machte ſich los, haſtig, wie wenn ſie ſich auf dem Wege verſäumt, und ſchritt weiter. Der Thau netzte ihre wunden Füße, ſie fror und zitterte. Da kam durch die Lüfte heller Muſikklang, ſchmet⸗ ternde Trompetenfanfaren. Irma faßte ſich an die Stirn. Das iſt keine Muſik, es ſind Träume deiner Einbildung, die Weltfreuden locken, ſie rufen mit Gei⸗ gen, Clarinetten und Trompeten: Komm, wiege dich auf unſeren Tönen, ſei luſtig und genieße die Tage, ie dir be Ang und u 6ho i elt. Sie ien ſill lng, di ſ vinen heu 3 i ſligen; ſie nden und — und da ſuchte Gra gballt, als Nhin führt lang.§ —da giebt ewolles V ind het, ſe dlich iſt die ſcharfe de Hände uſt pw us den but wollt ine Menſ ucht au auf und u in Erde die dir beſchieden... Aber horch! Noch einmal der Klang und jetzt noch einmal und jetzt Böllerſchüſſe, daß , alein das Echo in vielfältigem Rollen von den Bergen wider⸗ ichts ri hallt. Sie feiern wohl heute eine Hochzeit drüben in einem ſtillen Dörfſchen. Ein Mädchen und ein Jüng⸗ id hielten ling, die ſich liebten und treu zu einander hielten, ge— ten ihr winnen heut einander, und Muſik und Böller rufen den ger nagte Bergen zu: Freuet 3 mit uns! Das Glück der Liebe iſt ewig wie ihr.. Irma wandelte hin in ſich verſunken und ſchaute e und ißt nieder auf die Erde— ihr Geiſt ging mit den Glück⸗ fliegt ein ſeligen; ſie ſah die frohen Blicke der Eltern, der Kame⸗ „Ales in raden und Geſpielen, ſie hörte den Segen des Prieſters eſſen ſtht— und dabei ging ihr Fuß weiter durch das thau⸗ do, neben feuchte Gras und Geſtrüppe. Sie hielt die Hand feſt donna.. geballt, als müßte ſie den Vorſatz, der ſie den Weg . Irmg dahin führte, leibhaftig feſthalten. Sie ging am See in lungen entlang. Hier überall ſeichtes Ufer, ſumpfiges Röhricht umſinken— da giebt es keinen jähen Tod, nur langſames mar⸗ en. Nein, tervolles Verſinken; ſie geht um und um, rennt hin und her, ſchleunigen Schrittes, haſtigen Athems. Dort ſie ſich auf endlich iſt ein Felſenvorſprung am Ufer, ſenkrecht geht Der Thau die ſcharfe Klippe hinab. Sie klettert hinan, ſie hebt die Hände empor und beugt ſich über— da... es no, ſhnet ruft... wer ruft hier? Sie hört einen Jammerſchrei h an die aus dem Waſſer, einen Hülferuf, ein Plätſchern; ihr un deint Hut rollt vom Felſen hinab ins Waſſer— ſie ſieht n nit Gei⸗ eine Menſchengeſtalt mit dem Waſſer ringen— ſie wiege dih taucht auf— es iſt die ſchwarze Eſther— ſie taucht auf und unter und ſchwimmt weiter.—— 22 Mit ſchrillem Schrei ſtürzt Irma am Felſen nieder, ſie hat ihre eigene That vor ſich geſehen, alle Glieder ſind ihr gelähmt, ſie liegt da wie im tiefen Waſſer⸗ grunde, ſie fühlt ſich und kann doch nicht empor, es ruft aus ihr, aber kein Schrei dringt durch die Luft. Da— wie ſie ſo liegt, hört ſie ſingen: Wir Beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein, Glückſelig ſein die Stunden; Wann wir beiſammen ſein. Irma ſpringt auf. Was iſt das? Sie ſpringt hinab vom Felſen, als ſtürzte ſie eine fremde Gewalt. Sie wiſcht ſich die Thränen aus den Augen, es rinnt ihr über das Antlitz, Blut— Hat ſie blutige Thränen geweint? Dort kommt ein großer Kahn näher und näher.. es iſt die Stimme der Walpurga, die ruft, ſie kommt, ſie erkennt die Freundin, Irma entflieht.— Walpurga ſpringt ans Land, kommt ihr nach, ſie flieht weiter, Walpurga erreicht, umfaßt ſie und ſie ſinkt an ihr nieder. Dreizehntes Capitel. Walpurga kniete bei der Ohnmächtigen, der Blut aus einer Stirnwunde quoll. Schnell knüpfte Wal⸗ purga ihr Halstuch los, band es um die blutende Stirn, raufte naſſes Gras aus und ſchüttelte den Thau in das Antlitz. Verzweifelnd rief ſie: Liebſt 1 6ie 3 Un 6 v a ſch 5 „Puhr „Iſ das durf nich „Bleib d ichtend.„ ingen, vor luen giſt . tmye 1 Mit h ir Vatet ſiht in hrect z „Vehe! „Du ho jlen ſein. ſch zu heit grine Tich Imna Uch mit „Dos fin. Dam „D We dn Todn h bin— n nieder,„Liebſte Gräfin, gute, herzige, liebe gute Gräfin, e Glicder wachen Sie doch auf! Um Gotteswillen! was iſt denn Men. 5. Waſſer⸗ das? Um Gotteswillen, wachen Sie doch auf! Irma, mpor, ez Irma!“ die Luft. Irma ſchlug die Augen auf. ₰ Man hörte die Stimme Hanſei's; er rief: „Walpurga! Wo biſt denn? Walpurga!“ „Iſt das Dein Mann? Laß ihn nicht herankommen, er darf mich nicht ſehen!“ brachte Irma hervor. „Bleib' dort!“ rief Walpurga, ſich im Gebüſch auf⸗ richtend.„Schick' die Mutter her, ſie ſoll Wein mit⸗ bringen, von dem, den ich mitgebracht hab' er iſt im ine blauen Kiſtchen bei den Kinderſachen. Geh' ſchnell! aus den Tapfer!“ — Htſi Mit kurzen haſtigen Worten berichtete Irma, daß ihr Vater geſtorben und daß ſie ſelber den Tod ge⸗ niher.. ſucht im See. Sie griff ſich an die Stirn und fuhr e komnt, erſchreckt zurück: Wolpurgn„Wehe! Was iſt das?“ ht weiter,„Du haſt geblutet. Du mußt auf einen Stein ge⸗ hr nieder. fallen ſein. Schau' einmal an,“ fuhr ſie, gewaltſam ſich zu heiterem Ton erweckend, fort;„das iſt das grüne Tüchlein, das Du meinem Kinde geſchickt.“ Irma riß die Binde los und betrachtete ſtill das Tuch mit dem Blute. der Vt„Das löſcht. Laß es rinnen,“ ſagte ſie vor ſich ite Val⸗ hin. Dann fuhr ſie auf: „O Walpurga, ich kann nicht ſterben, ich kann mir den Tod nicht geben— und ich kann nicht leben!— Ich bin— ich bin— ſchlecht geweſen——“ blutende den Thau 24 Sie verbarg ihr Antlitz am Herzen Walpurgas, das laut und heftig ſchlug. V „Komm, ſchnell, ſag' mir, hilf mir, ſag' mir, was uide ich thun ſoll, ehe Deine Mutter kommt.“ Sr „Ich weiß nicht— ich weiß gar nichts. Meine itl Lu Mutter wird Alles wiſſen, die weiß Hülfe für Alles.„Au So, ſieh', das Blut auf Deiner Stirn hat ſich geſtillt. ne Zi Sei nur ruhig!“ et ſul Die Mutter kam. Irma blickte ſie an wie einen Mit ſ rettenden Engel, und die Mutter ſagte mit einer Be⸗ Mn ſlber 2 ſtimmtheit, in der kein Schwanken und Fragen war: in dlic „Walpurga, das iſt Deine Gräfin.“„Trin „Ja, Mutter.“ weine Mu „So ſei mir tauſendmal willkommen,“ ſagte die Pulhurga Alte,„da haſt Du meine beiden Hände. Dir muß uurten, k Arges geſchehen ſein. Du biſt gefallen, oder hat Dich nucht“ wer auf die Stirne geſchlagen?“ kin w Irma antwortete nicht. Sie ſaß zwiſchen den bei⸗ m; die den Frauen, die ſie aufrecht hielten und ſtarrte wie it iſ. leblos drein. Irma „Mutter, helfet ihr, ſaget ihr etwas,“ flüſterte tiken. Walpurga. ſind die „Nein, laß ſie nur ruhig zu ſich kommen, jede hnszuz Wunde muß ausbluten,“ beſchwichtigte die Mutter. tihte, ſo „Irma faßte ihre Hände, küßte ſie und rief: ii nicder „Mutter! Du biſt meine Rettung. Mutter! Ich„Mei bleibe bei Dir. Nimm mich mit!“ woh nicht „Ja, das thu' ich. Wirſt ſehen, droben in meiner uchrn Heimath, da iſt es gar ſo viel geſund, eine Luft und 3h hh ein Waſſer, wie ſonſt nirgends auf der Welt; da wirſt cher ſe ſ i Valpurgne, mir, was fir Mes. ſich geſtillt. n wie einen it einer Be— ragen war: ſagte die Dir muß der hat Dich den hei⸗ d ſtartte wie , flüſterte pumen, jede Mutter. d rief: putter! Ich Rutter!„ch n in meiner ne Luft und lt; da wirſt 25 Du wieder geſund und geht Alles von Dir ab. Weiß Dein Vater, daß Du ſo davon gelaufen biſt in die wilde Welt hinein, und weiß er, warum?“ „Er hat es gewußt. Er iſt todt. Walpurga, er⸗ zähl' Du ihr, wie's mit mir iſt.“ „Dazu hat's gute Zeit, wir ſind, will's Gott, noch gute Zeit bei einander; da kannſt Du mir Alles in guter Ruh berichten. Jetzt komm, trink' einmal.“ Mit ſchwerer Mühe gelang es den beiden Frauen, den ſilberplattirten Kork auszuziehen; Walpurga zog ihn endlich mit den Zähnen aus. Irma trank. „Trink' nur, den Wein hat mir der Leibarzt für meine Mutter mitgegeben, der iſt gewiß geſund,“ ſagte Walpurga,„ſie trinkt ihn aber nicht, ſie ſagt, ſie will warten, bis ſie einmal alt iſt und vom Wein Kraft braucht.“ Ein wehmüthiges Lächeln trat auf das Geſicht Ir— mas; die Greiſin vor ihr will warten, bis ſie einmal alt iſt. Irma mu h einige Schluck von dem Weine trinken. Als ſie über Schmerzen im Fuße klagte, ver⸗ ſtand die Mutter ihr mit geſchickter Hand einen Dorn herauszuziehen. Wie wenn ein linder Engel ſie be⸗ rührte, ſo ſchaute Irma auf die Alte nieder und wollte ihr wieder die Hände küſſen. „Meine Hände ſind, ſo lang ſie auf der Welt ſind, noch nicht geküßt worden, als von Dir,“ ſagte die Alte abwehrend,„aber ich verſtehe ſchon, wie Du's meinſt. Ich hab' in meinem Leben noch keine Gräfin angerührt, aber ſie ſind doch auch Menſchen wie wir.“ 26 Irma ſeufzte tief auf. Sie erklärte dann, daß ſie mit ihren Rettern gehen wolle, aber nur unter der Be⸗ dingung, daß Niemand außer ihnen Beiden wüßte, wer ſie wäre; ſie wolle verborgen und unbekannt leben, und wenn ſie entdeckt würde, gäbe ſie ſich den Tod. „Das thu' nicht mehr,“ fiel die Alte ſtreng ein. „Sag' das nicht mehr! Damit darf man nicht ſpielen. Das iſt keine Drohung. Aber da haſt Du meine Hand, über meine Lippen kommt kein Wort.“ „Und über die meinigen auch nicht,“ rief Walpurga, und legte ihre Hand zu der ihrer Mutter in Irmas Hand. „Sag' mir noch eins,“ fragte die Mutter.„Warum gehſt Du nicht in ein Kloſter? Man darf ja jetzt wieder.“ „Ich will frei büßen.“ „Ich verſtehe Dich, Du haſt Recht.“ Weiter wurde kein Wort geſprochen. Die Mutter hielt ihre Hand auf die Stirn Irmgs um die ſie nun ein weißes Tuch band. „In acht Tagen iſt das aus mehr davon,“ tröſtete ſi und man ſieht Das weiße Tuch bleibt, ſo lang ich noch leben muß,“ entgegnete Irma. Sie verlangte nun andere Kleider, bevor ſie ſich vor Hanſei zeige. Walpurga eilte zurück ins Wirthshaus an der An⸗ lände. Hier traf ſie Hanſei ſehr unwillig; er wetterte arg, jeder Zwiſchenfall war ihm ſchwer, es lag genug auf ihm, er war ſchärfer angeſpannt als die Roſſe am Wagen; er war in jener erregten Reiſe— und Umzugs⸗ ſtimmung, wo auch das innere Leben verſcheucht und inthlo duj hatte gelegenhe ien Vag Hanſei ſhuer, ih ad:„Liel iſete neu hir Ale m 0 „d, j ulte Han ob dor uchte; da uir komme iht fortm ſhwer. V Niben in „Sblſſt dß die M l zugut ſthun g Ningt, w bzigen. wirſ ſchon Palpu huſ ſih ſthen, o Buhe, W vudſ in, daß ſie der der Be⸗ wüßte, wer annt leben, den Tod. ſtreng ein. icht ſpielen. meine Hand, Palyurge, mas Hand. t.„Warun durf ja jetzt — Die Mutter die ſie nun nd man ſieht ch noch leben nn andere an der An⸗ er wetterte es lag genug die Roſſe an nd Unzug⸗ erſcheucht un heimathlos iſt und leicht in Zornmüthigkeit umſchlägt. Dazu hatte das Füllen, ſo ſchön es war, ſchon viel Ungelegenheiten genucht; es war ausgeriſſen und faſt einem Wagen unter die Räder gekommen. Hanſei war ſehr bös. Es gelang Walpurga nur ſchwer, ihn zu beſänftigen, und ſie ſagte endlich wei— nend:„Lieber als daß wir in Zorn und Häſſigkeit in unſere neue Heimath einziehen, lieber möcht' ich, daß wir Alle mit dem Schiff untergeſunken wären.“ „Ja, ja, bin ſchon ruhig, ſei Du's nur jetzt auch,“ lenkte Hanſei wieder ein und ſchaute nach dem See, als ob dort wieder der Kopf der ſchwarzen Eſther auf⸗ tauchte; dann fuhr er fort:„Aber wir müſſen weiter, wir kommen in die ſtichdunkle Nacht hinein, wenn wir nicht fortmachen. Es iſt noch weit und die Roſſe haben ſchwer. Was habt ihr denn vor? Wen habt ihr da drüben in den Weiden?“ „Sollſt's nachher gleich erfahren. Jetzt glaub' mir, daß die Mutter und ich was thun, das uns lebens⸗ lang zugutkommt. Ich bin froh, daß mir Gott was zu thun giebt in dieſer Stunde. Ich hätt' ihn gern gefragt, was ich thun ſoll, um ihm meinen Dank zu bezeigen. Es iſt ein braves, gutes Weſen, und Du wirſt ſchon zufrieden ſein.“ Walpurga ſprach ſo beweglich und eindringlich, daß Hanſei ſagte: „Ich will die Wagen mit dem Hausrath voraus⸗ fahren, kommet Ihr dann nach in dem Wagen mit der Blahe, wann's Euch paßt, aber bald. Der Ohm iſt da und fährt Euch.“ 28 Walpurga ging nach ihrer Kiſte, nahm einen ganzen Anzug heraus und winkte Hanſei zu, der mit den bepackten Wagen voranſchritt den Berg hinan. Sie brachte die Kleider in das Dickicht am See; dort fand ſie Irma neben der Mutter ſitzend; die Mutter hielt ſie im Arm, das Haupt Irmas ruhte an ihrer Bruſt. „Unſerer Irmgard wird's ganz wohl ſein bei uns. Wir kennen jetzt ſchon einander,“ ſagte die Mutter. Niemand auf der Welt hat gehört, was Irma der alten Beate allein unter den Weiden am See gebeichtet hat. Die Alte hauchte ihr dreimal auf die Stirn mit warmem erlöſendem Athem. „So, jetzt zieh unſere Kleider an,“ ſagte Beate. Tief im Dickicht zog Irma die Bauerntracht an. Sie ſchaute immer auf den Boden, als ſie aus dem Dickicht wieder auf Weg kam. Das war eine neue Erde, ein fremdes Daſein, das ſie jetzt betrat. In der Wirthsſtube ſah ſie Menſchen und Dinge wie träumend an. Sie war aus der Tiefe des Sees wieder in die Welt gekommen. Da ſind noch Menſchen, da lebt Alles fort, da wird gegeſſen und getrunken, gelacht und geplaudert, geſungen, gefahren, geritten — und Alles das hatte ſie ſchon weit, weit hinter ſich gelaſſen. Sie war eine vom Tode Erſtandene. Stumm, mit ineinandergelegten Händen ſaß ſie auf der Bank, ſie wollte nichts wiſſen von der Welt umher, nach Ein⸗ ſamkeit, nach tiefer Einſamkeit ſehnte ſie ſich; und doch war ihr Gehör ſo geſchärft, ſie hörte, wie die Wirthin leiſe zu Walpurga ſagte:„Das iſt wol eine erwen wutcte da „Iht Ein ſe ippen Ir ß iſt der ie fü iber dos ine Lunk zer mur di 6 blhe übe ſihrem 2 niht ſtät; Ohn Pete und hallt nul eines vorn. „Ver fugte das in dn N ſi nicht! „Eine ſhwer, d Hanſi Glich einen ganzen mit den tinan. Sie n Ste; dort die Mutter hte an ihter as Itma der 6 gebeichtet ſag e Stirn m it te Beate. tntracht an. 6 M 05 R Rb0 d W als ſie aus war eine tb h Venſchen, getrunken, en, geritten t hinter ſich ene. Stumn, auf der Bonk, her, nach Ei⸗ ſie 1 ſich; und te, wie die iſt wol eine 29 Anverwandte? Die ſcheint nicht recht bei Troſt.“ Sie deutete dabei auf die Stirn. „Ihr könnt Recht haben,“ erwiderte Walpurga. Ein ſchmerzliches Lächeln zuckte über die ſchönen Lippen Irmas. Es giebt eine Verhüllung, die ſchützt: es iſt der Wahnſinn. Sie fühlte es, wie wenn ein ſtachliges Netz ſich ihr über das Haupt legte; denn der Wahnwitz iſt wohl eine Tarnkappe, unter der man verborgen leben kann, aber nur in tiefen Schmerzen. Vierzehntes Capitel. Die Großmutter machte draußen in dem mit einer Blahe überſpannten Wagen ein Bett zurecht und ſagte zu ihrem Bruder, der den Wagen führte, er ſolle nur recht ſtät fahren und nicht ſo viel knallen; denn der Ohm Peter, genannt das Pechmännlein, ſtand da und knallte immerwährend vor Freude, daß ihm ein⸗ mal eine Peitſche und zwei Pferde zu regieren gegeben waren. „Wer iſt denn die Fremde, die ſo zimpfer thut?“ fragte das Pechmännlein, und nahm die Peitſchenſchnur in den Mund, wie wenn er drauf beißen müßte, um ſie nicht laut knallen zu laſſen. „Eine arme Kranke,“ ſagte Beate. Es wurde ihr ſchwer, das zu ſagen, und doch log ſie eigentlich nicht. Hanſei war mit der großen Fuhre ſchon voran. Endlich hieß es auch bei den Frauen, es ſei Zeit zum 30 * Aufſteigen. Irma ſah jetzt zum Erſtenmal das Kind Walpurgas, und wie ihr Blick und der des Kindes einander begegneten, jauchzte das Kind hell auf und wollte zu ihr. „Ei, das iſt ſchön!“ riefen Walpurga und die Mutter zugleich.„Sie iſt ſonſt ſo ſcheu.“ Irma nahm das Kind auf den Arm und herzte und küßte es. Es war, als ob ſie in dem unſchuldigen Kinde die eigene Kindſchaft, die in ihr geſtorben und verdorben war, wieder umfaßte; ihr Blick wechſelte zwiſchen Freude und Trauer, und die Großmutter ſagte: „In Dir iſt ein gutes, ehrliches Herz, das ſpüren die Kinder, die wiſſen das noch. So, jetzt gieb aber das Kind der Walpurga und ſteig' auf.“ Für Irma wurde die Lagerſtätte auf dem Bett zu⸗ recht gemacht, und als die Großmutter aufgeſtiegen war, nahm ſie das Kind zu ſich und ſetzte ſich mit ihm in das Innere des Wagens neben Irma. Walpurga und die Gundel ſaßen vorn und ſchauten ins Freie, der Ohm ging neben den Pferden her und betrachtete mit Wehmuth die Peitſche, mit der er nicht knallen durfte. Niemand ſprach ein Wort, nur das Kind lachte und plauderte und wollte immer mit Irma ſpielen. „Du mußt jetzt auch ſchlafen,“ ſagte die Groß⸗ mutter, und leiſe ein Lied ſingend, ſang ſie das Kind und auch Irma in Schlaf. „Wer kommt da vom Berg herunter?“ ſagte Wal⸗ purga plötzlich zum Ohm. „Der Eine iſt ein Landjäger und der Andere muß ein herrſchaftlicher Bedienter ſein.“ Valp und nihe ſchrel in ſtzen. Lie Uagen a zna er unte Le n ihn. Riſtern a biunte ſi Ina ert 6 iſt al Venn das ſt meine Rma Reigewan „Nein. „Hobt ghrt!“ „Kein „Ven Ima at. Da „Sie ſogte der Die Baun ih Rbunden das hind ell auf und und die Und herzte nſchuldigen he und ick wechſelte nutter ſagte: das ſpüren tzt gieh aber dem Bett zu⸗ aufgeſtiegen ſich mit ihn . Walhurga ns Freie, det etrachtete mit nallen durſte. d lochte und pielen. te die Groß⸗ ſie das ind Andere muiß 31 Walpurga erſchrak, als die beiden Reiter näher und näher kamen, ſie erkannte Baum; ſie ſchlüpfte ſchnell in den Wagen und ließ Gundel allein vorne ſitzen. Die Reiter kamen näher, jetzt hielten ſie beim Wagen an; das Kind wachte auf und ſchrie, auch Irma erwachte. Sie ſchaute durch die Blahe und er⸗ kannte Baum. Nur eine dünne Leinwand trennte ſie von ihm. Das Pferd, auf dem Baum ſaß, blies die Nüſtern auf, warf den Kopf hoch und ſchüttelte und bäumte ſich, es war nur ſchwer im Zügel zu halten. Irma erkannte es, es war Pluto, ihr eigenes Pferd; es iſt alſo eingefangen und zurückgebracht worden. Wenn das Pferd reden könnte, es würde ſagen: Hier iſt meine Herrin, hier iſt ſie, die ihr ſucht. Irma hörte, wie Baum den Ohm fragte: „Iſt Euch nicht ein Fräulein in einem blauen Reitgewand begegnet?“ „Nein.“ „Habt Ihr vielleicht durch einen Andern von ihr gehört?“ „Kein Sterbenswörtchen.“ „Wen habt Ihr da im Wagen?“ Irma zitterte; Walpurga faßte ihre Hand, ſie war kalt. Das Kind ſchrie laut. „Sie hören's ja, da iſt ein kleines Kind drin,“ ſagte der Landjäger zu Baum.„Wir wollen weiter.“ Die Reiter ritten davon und Irma ſah noch, wie Baum ihren Hut mit der Feder an den Sattelknopf gebunden hatte. 32 Der Wagen ging langſam bergan, die Reiter ſprengten bergab. Irma küßte das Kind und ſagte: „Du Herzenskind, Du haſt mich zum Zweitenmal gerettet. Ich will auch heraus, ich will gehen.“ Die Mutter wehrte ab und bat, daß ſie bei ihr bleibe. Irma willfahrte, und kaum hatte ſie ſich wieder niedergelegt, als ſie einſchlief und nichts mehr davon wußte, daß ein Bauernwagen ſie über die Berge trug. Mittag war ſchon vorüber, als hoch im Gebirge bei einer Ausſpanne die Frauen auf Hanſei trafen. „Wir wollen jetzt beiſammen bleiben,“ ſagte er. Sein ganzer Zorn von früher war verflogen und er war doppelt freundlich.„Ich mein', wir dürfen nicht ſo verzettelt in unſerer neuen Heimath ankommen. Ich hab' den Knechten genaue Anweiſung gegeben, ſie fahren langſam, wir holen ſie mit unſerm leichten Fuhrwerk immer noch ein und ſind dann Alle bei⸗ ſammen. Ich komm' mit Frau und Kind und Mutter zugleich auf unſerm Hof an.“ „Das iſt recht, freut mich, daß Du jetzt wieder ſo aufgeräumt biſt. O, ich kenn' Dich. Man muß Dich, wenn Du aufgereizt biſt, nur ein wenig allein laſſen, da kriegſt Du bald wieder Heimweh nach den Deinen und nach dem guten Hanſei in Dir ſelber, und biſt wieder gut. Jetzt komm' aber her, ich will Dir etwas ſagen: heut' mußt Du die Probe machen, ob Du ein wirklicher ſtarker Mann biſt; dann will ich mein Leb⸗ tag nicht mehr anders denken, als: es iſt wahr, die Männer ſind ſtärker als wir.“ En ſig ei ſiht un ſge „Du haſ zin Vit ſbrngen inet nur un eine Be un het ſie n wer ſie „Ju, je, ſtt nbt „Du ſol ih nicht; al ſe Nutter zn ein fein Ud nächtig uns blei t, Hanſ Mnch fragſ houht nie u ſuben, de ven ich ſi hin gut un unnſt Du „Eoll de nohen poll. „, de „Dos k „ieb Auerhach, Zweitennal gehen.“ ſie bei ihr ſie ſich wieder mehr davon Berge trug. im Gebirge ſei trafen. ſagte et. ogen und er dürfen nicht onnen. 3 gegeben, ſie ſern leichten mn Alle bei⸗ nd Mutter etzt wieder ſo n mß Dich, allein laſſen, den Deinen er, und biſt ill Dir etwas „ob Du ein ich mein Let⸗ iſt wahr, die 33 „So ſag', was iſt's denn?“ Sie führte ihn in den Garten am Wirthshauſe und ſagte: „Du haſt gewiß auch oft gehört, es hat in alten Zeiten Wichtelweibl und ſalige Fräulein gegeben, gute, ſegenbringende, ſtille Geiſter, die haben einem Haus immer nur Glück und Wohlſtand gebracht, aber da war eine Bedingniß dabei, wenn ſie bleiben ſollen: man hat ſie nie fragen dürfen, wie ſie heißen, woher und wer ſie ſind.“. „Ja, ja, das hab' ich Alles gar oft gehört, aber jetzt glaubt Niemand mehr dran.“ „Du ſollſt auch nicht dran glauben, das verlang' ich nicht; aber eine Probe ſollſt Du machen. Schau', die Mutter und ich, wir bringen da drin im Wagen gar ein feines und zartes Geſchöpf, ſie iſt wohl ſtark und mächtig, aber eben doch beſonders, und die wird bei uns bleiben; ſie wird uns aber keine Laſt ſein. Jetzt, Hanſei, ſag“, biſt Du ſtark genug, daß Du nie danach fragſt, wer und woher ſie ſei, und ſie über⸗ haupt nie was fragen wirſt? Du mußt mir einfach glauben, daß ich ſie kenne und weiß, was ich thue, wenn ich ſie bei uns behalte. Willſt Du nun auf das hin gut und getreu und brav gegen ſie ſein? Sag', kannſt Du das und willſt Du das?“ „Soll das die Sach' ſein, wo ich die ſchwere Prob' machen ſoll, ob ich ein ſtarker Mann bin?“ „Ja, das iſt's, weiter nichts.“ „Das kann ich, da haſt Du meine Hand drauf.“ „Gieb ſie her!“ Auerbach, Auf der Höhe. Ill. 3 „Du wirſt ſehen, daß ich halt', was ich verſprech'. Das iſt leicht.“ „Hanſei, es iſt nicht ſo leicht, wie Du denkſt.“ „Um den Preis,“ entgegnete Hanſei,„daß Du Dein Leben lang ſagen willſt, ein Mann iſt ſtärker als eine Frau und kann ſich eher etwas auferlegen und feſthalten, um den Preis ſollſt Du ſehen, was ich vermag. Deine gute Freundin ſoll auch meine gute Freundin ſein. Sie iſt doch aber nicht verrückt und beißt nicht?“ „Nein, da kannſt Du ruhig ſein.“ „Gut, abgemacht, kein Wort mehr!“ Walpurga ging mit Hanſei an den Wagen, ſchlug die Blahe zurück und ſagte: „Irmgard! Mein Mann will Dir auch Willkommen ſagen.“ „Willkommen!“ ſagte Irma und ſtreckte Hanſei die Hand entgegen. Erſt als Walpurga ihm die Hand emporhob, reichte er ſie Irma dar; er war ganz ſtarr vor Staunen. Als man nun weiterfuhr und Hanſei mit ſeiner Frau dem Wagen voraus bergan ging, ſagte er: „Weib, wenn's nicht Tag wär' und Du und die Mutter und unſer Kind da... wenn ich nicht wüßte, daß ich bei Verſtand bin und alles das wahr iſt— ich thät' glauben, Du hätteſt leibhaftig ein ſaliges Fräulein da drin im Wagen. Iſt ſie denn lahm? Kann ſie denn nicht, gehen?“ „Ganz gut kann ſie gehen.“ Walpurga kehrte an den Wagen zurück und rief hinein: ——— „Rnga ſtigen und zn ſo viel „Ju, R zma ſt gedn. Ho di Frende ieungfrau zu gehen. ler ganz ſeimmer? Fleder ſein ſin. Er! in ſo heiß uß nicht? id hot noe Palpure ſit einande hanſei ſagen berwuf es lhen in d imn Riede „Qu bi ſid ude ieſer aufd „J, jo ir ſirte in Abe 3 wolt hatte hitr dch ch verſreh. as guferlegen n ſehen, we auch meine nicht verrick ſch Willkommen ecte Hanſei die porhob, reichte br Staunen. nſei mit ſeiner ſagte et: d Du und die ich nicht wüßte, as wahr iſt— fig ein ſclgs e denn lahn? und rie hinein: 35 „Irmgard, willſt Du nicht auch ein wenig aus⸗ ſteigen und mit uns den Berg hinan gehen? Es iſt gar ſo viel ſchön.“ „Ja, gern!“ antwortete es drin. Irma ſtieg aus und ging eine Weile mit den Beiden. Hanſei ſchielte immer zaghaft nach ihr hin. Die Fremde hinkte, es iſt vielleicht doch wahr, die Seejungfrau hat einen Schwanenfuß und kann nicht gut gehen. Er ſchielte nach ihren Füßen, die waren aber ganz wie die anderer Menſchen. Nun wagte er's, ſie immer weiter herauf zu betrachten. Sie hat die Kleider ſeiner Frau an, und ſchön iſt ſie, mächtig ſchön. Er lüftete mehrmals den Hut, der Kopf ward ihm ſo heiß. Was iſt denn wahr auf der Welt und was nicht? Iſt denn ſeine Frau doppelt auf der Welt und hat noch eine andere Geſtalt? Walpurga blieb zurück und ließ die Beiden allein mit einander gehen. Irma überlegte, was ſie zuerſt zu Hanſei ſagen könne; ſie wollte Mancherlei beginnen, aber verwarf es wieder. Sie war zum Erſtenmal in ihren⸗ Leben in demüthiger Lage. Wie ſpricht man da zu einem Niederſtehenden? Endlich ſagte ſie: „Du biſt ein glücklicher Mann, Du haſt Frau und Kind und Schwiegermutter, wie man ſich Alles nicht beſſer auf der Welt wünſchen kann.“ „Ja, ja, ſie ſind ſchon ordentlich,“ ſagte Hanſei. Er ſpürte doch etwas von dem gönneriſchen Ton, der im Lobe Irmas lag, obgleich ſie ihn gar nicht ge⸗ wollt hatte. Er hatte beſtätigend geantwortet und hätte doch eigentlich gern gefragt: kennſt Du ſie denn 26 ſchon lang? Aber er beſann ſich, daß er verſprochen hatte, nicht zu fragen. Walpurga hat doch Recht, das iſt eine harte Nuß. Er bewegte die Zunge im Mund hin und her, es war ihm, als ob die Hälfte davon gebunden wäre. „Hier iſt die Gegend rauh; droben, wenn wir in unſere neue Heimath kommen, iſt ſie wieder linder,“ ſagte er endlich. Es hatte lang gedauert, bis er das ſo ſagen konnte, denn er hatte fragen wollen, ob die Fremde ſchon einmal hier in der Gegend geweſen; aber er darf ja nicht fragen, und das Umſetzen deſſen, was man fragen will, iſt ein ſchwer Stück Arbeit. Irma fühlte, daß ſie dem Mann etwas Beruhi⸗ gendes ſagen müſſe, und ſie begann: „Hanſei,“ ſein Geſicht wurde ganz hell, da ſie ihn beim Namen nannte,„Hanſei, laß Dich dünken, Du kennſt mich ſchon lang. Sieh mich nicht als eine Fremde an. Ich bitte ſonſt nicht gern, aber Dich bitt' ich. Ich weiß, Du uſts, Du haſt ein braves Ge⸗ ſicht, und es kann auch nicht anders ſein, der Mann von der Walpurga, mit dem ſie ſo glücklich iſt, muß ein guter Mann ſein. Ich bitt' Dich alſo, hab' keine Sorge, ich will Dir nicht zur Ueberlaſt ſein.“ „O, davon iſt kein' Red', wir haben's ja, Gott Lob. Eine Kuh mehr im Stall und ein Menſch mehr im Haus, das verträgt's ſchon, da ſei Du,“ er ſtot⸗ terte doch bei dieſem Worte,„da ſei Du ganz ohne Sorge und.. wir haben auch einen Auszügler über⸗ nommen und... was Du nicht ſagen willſt, das will ich nicht wiſſen, und wenn Dir Jemand auf der Welt vn anthu nhnet un qu lit al yn bergen gin erg i ſehen! die Be ſnaufte ne üden und Ima uf den Hi uin wei ieſenhäup ſaut, tra ir. Zwi er Asſ ſigte ſich uid da un ſütte kaum Hanſei Der A Hunſei hal duran, ſeit ichem Bli „Dos ſu ſeiner vir uch, ſichtet.“ Paly ungen we er derſprochen t doch Rehht, die Zunge in cb di Häff ſte Wenn wit in ieder linder“ t, bis er das vollen, oh die geweſen; aber ndeſſen, was ltbeit. etwas Beruhi⸗ ell, da ſie ihn h dünken, Du nicht als eine bet Dich bitt ein braves Ge⸗ in, der Mun Clich iſt, mß ſo, hab keine ſein.“ es je, Gott nVWenſch nehr Du,“ er ſtt⸗ Du gan ohn luszigler ibe⸗ ilſt, das wil d auf der Pelt 35 was anthun will, ruf' nur mich, ich bin Dein An⸗ nehmer und ſteh' mit Leib und Leben für Dich ein. Du biſt aber allem Anſchein nach noch nicht viel in den Bergen gegangen. Ich will Dir einen Rath geben. Beim Bergſteigen heißt es: Immer ſtat vorwärts und nie ſtehen bleiben.“ Die Beiden warteten auf den Wagen. Hanſei ver⸗ ſchnaufte nach ſeiner langen Rede; er war mit ſich zu⸗ frieden und ſchaute froh drein. Irma ſetzte ſich an den Wegrain. Sie war jetzt auf den Höhen, die ſie geſtern im Abendroth erglühen und im weißlichen Nebelhauch hatte ſterben ſehen. Die Rieſenhäupter der Berge, die ſie aus der Ferne ge⸗ ſchaut, traten ihr jetzt nahe und erſchienen noch gewocl tiger. Zwiſchen den Wäldern war da und dort ein heller Ausſchnitt von Wieſe und Feld, und manchmal zeigte ſich ein Haus. Drunten ſchäumte der Waldbach und da und dort ſah man Waſſer aufblinken, aber man hörte kaum ſein Brauſen, ſo tief und weit ab war es. Hanſei ſtand bei Irma und redete kein Wort. Der Wagen kam heran, Irma ſtieg wieder ein, Hanſei half ihr ſehr manierlich dabei; er war faſt daran, ſeinen Hut abzuziehen, als ſie ihm mit freund⸗ lichem Blick und Wort dankte. „Das iſt eine ganz anſtändige Perſon,“ ſagte Hanſei zu ſeiner Frau.„Und ein ſchön Stüble für ſie haben wir auch, wenn ſie ſich nicht vor dem alten Auszügl fürchtet.“ Walpurga war glücklich, daß das Schwerſte ge⸗ lungen war. 5 38 Da Hanſei mit der Fremden geſprochen hatte, glaubte auch das Pechmännlein ſich berechtigt, laut zu geben; als erſtes Zeichen ſeines Willensentſchluſſes knallte er mit der Peitſche, daß es im Thal und von den Höhen wiederhallte. „Ich hab' Dir ja geſagt, Du ſollſt ruhig ſein,“ rief die Großmutter. „Die— die— iſt ja wieder geſund,“ erwiederte das Pechmännlein.„Nicht wahr,“ wendete er ſich an Irma,„nicht wahr, das Knallen thut nicht weh?“ Irma ſagte, er ſolle ſich keinen Zwang anthun, und keck gemacht, fragte das Pechmännlein: „Wie heißt man Dich denn?“ „Irmgard.“ „So? So hat meine Frau auch geheißen, und wenn Dir's recht iſt, heirath' ich noch einmal eine Irmgard! Ich hab' ein halbes Häuschen und eine ganze Ziege; aufs Häuschen bin ich noch ſchuldig, aber die Ziege iſt bezahlt. Sag', willſt Du mich? „Mach keine ſolche Poſſen, Peter!“ rief Beate; es war ihr aber doch lieb, daß etwas Scherzhaftes ge⸗ ſprochen wurde. Das Pechmännlein lachte laut und war ſehr zu⸗ frieden mit ſich. Ja, der Hanſei, der iſt freilich jetzt der Freihofbauer, aber ſo mit den Menſchen reden kann er doch nicht. Das Pechmännlein war gar unterhalt⸗ ſam, und als er nichts mehr zu reden wußte, brach rdbeeren, die am Wege ſtanden und hier oben erſt d ſpät reif wurden, und brachte ſie auf ein Haſel⸗ nußblatt gelegt Irma dar. Ja, gute Lebensart hat u btt,* , de ihn die Rei ſihit uſchig wu utte, daß guhd hinein eden und „Gett L ch lange tnge leben ine Stun Eie gin Priß Go ehm, do R iſt der luch G in Pagen, Nan ke zrihof faſt Gifhtt in Lute ſolle it wie vi m einen „Du b Hanſei. „or Hunſei, Un 1 de giche rochen hatte, Wugt, laut zu entſhluſſs chal und von tnhig ſein“ 6 d,“ erwicerte ete er ſih an ht weh vang anthun, eim: Nheißen, und h einmal eine hen und eine ſchuldig, aber rief Beute; es cherzhaftes ge⸗ war ſehr z⸗ iſt freilich jetzt hen reden kann gar untechalt wußte, brach hier oben eſt auf ein Haſel Lebensart hot 39 der Peter, das ſieht er an den Mienen ſeiner Schweſter ab, die ihm jetzt zulächelt. Die Reiſe zur neuen Heimath ging ohne weitere Fährlichkeiten vor ſich. Als man des Heimathortes anſichtig wurde, vor der Gemarkung, bat die Groß⸗ mutter, daß man anhalte. Sie ſtieg ab, ging in den Wald hinein, kniete nieder, legte das Antlitz auf den Boden und rief: „Gott Lob, daß ich dich wieder habe! Trag' mich noch lange gut und laſſ' mich und die Meinen geſunde Tage leben auf Dir, und nimm mich gut auf, wenn meine Stunde kommt!“ Sie ging wieder zum Wagen zurück und ſagte: „Grüß Gott mit einander! Jetzt ſind wir daheim. Schau', dort oben das Haus mit der großen Linde, das iſt der Freihof, dort bleiben wir.“ Auch Gundel mit dem Kind ſtieg ab, nur Irma blieb im Wagen, die Andern alle wanderten zu Fuß dahin. Man kam durch das Dorf im Thal, von dem der Freihof faſt noch eine Stunde entfernt war. Bei der Einfahrt ins Dorf knallte das Pechmännlein laut; alle Leute ſollen ſehen, mit welcher Verwandtſchaft und mit wie vielem Beſitzthum er nun einzieht. Man kam an einem kleinen Häuschen vorüber. „Da bin ich geboren,“ ſagte die Großmutter zu Hanſei. „Vor dem Haus zieh' ich den Hut ab,“ erwiederte Hanſei, und that, wie er ſagte. Am Wirthshaus, nicht weit vom Rathhaus und der Kirche, hielten die Wagen, die vorausgefahren 40 waren; die Leute hatten ſich verſammelt, um den neuen Freihofbauer und die Seinen zu ſehen. Das Pechmännlein als Oberceremonienmeiſter zeigte Wal⸗ purga die Bürgermeiſterin. Walpurga ging auf ſie zu und auch Beate war glücklich, denn die Mutter der Bürgermeiſterin war auch da, in deren Hauſe ſie da⸗ mals, als ſie noch in die Schule ging, bereits als Kindermagd gedient hatte; ſie fragte nach dem Knaben, den ſie damals gewartet.„Der iſt geſtorben,“ hieß es,„aber da ſteht ſein Sohn.“ Ein baumſtarker Burſche ward herbeigerufen, aber er wußte kein Wort zu ſagen, als Beate erzählte, ſie habe deſſen Vater, als er noch ein kleines Kind war, gehütet. Das halbe Dorf umſtand die Ankömmlinge, man plauderte lange. Irma lag im Wagen, hier auf offenem Markt, und die Menſchen, denen ſie ſich' angeſchloſſen, ver⸗ gaßen ihrer. Die Großmutter war die Erſte, die ſich ihrer wieder erinnerte; ſie kam zu ihr und ſagte: „Verzeih', daß wir ſo Dein vergeſſen, aber es geht jetzt bald weiter und heim.“ Irma entgegnete, daß man ſich nicht um ſie küm⸗ mern ſolle. Die Großmutter verſtand nicht ganz, was im Tone Irma's lag. Hier auf offener Straße in dem bedeckten Bauern⸗ wagen beim lauten Gerede der vielen Menſchen hatte eine Wehmuth ſie durchzuckt, daß ſie der Mildthätigkeit anheim gegeben, ſie, der einſt Alles gehuldigt, ſo vergeſſen war; aber ſchnell gewann ſie die Kraft ihres Weſens wieder. Beſſer ſo, dann biſt Du allein. Uan fl di Großn di Flnn häume an hatte writ und in5 Früc ſin ich h dht— Ult wär iht werdet zih mir burgei au „Vurg ſunge, u grugen, voel.“ Sie h den hind ſueuen, 1 ch recht Sie ſ vegten ſic As , um den ſhen. Dos zeigte Wal⸗ ig af ſe zu eMutter der Hauſe ſie da⸗ F bereits al den Knahen, torben,“ hieß tbaunſtarker ßte kein Vort deſſen Pate, tet. nnlinge, man ffenem Martt, eſchloſſen, ver⸗ Erſte, di ſich und ſagte: t, aber es geht um ſie kün⸗ ſicht ganz, was deckten Bauer⸗ Nenſchen hatte Mildthtiget gehuldigt, ſo die Kraſt ihres Du allein. 41 Man fuhr endlich davon. Wieder ging es bergauf. Die Großmutter war ganz glückſelig und grüßte Alles. Die Pflaumenbäume ſtanden ſo voll und die Acpfel⸗ bäume an der neuen Straße, die ſie hier in ihrer Ju⸗ gend hatte pflanzen ſehen, waren jetzt ſo groß und breit und beugten ſich unter der Laſt ihrer rothwan⸗ gigen Früchte. Die Großmutter ſagte oft: „Ich hab' mir's gar nicht mehr ſo weit gedacht. Nein ich hab' ſagen wollen, ich hab' mir's weiter ge⸗ dacht— o Gott, wie red' ich denn? Ich mein'“ die Welt wär' zuſammengeſchnurrt. Kinder, ich ſag' euch, ihr werdet Großes erleben, Gutes, Schönes. Komm, gieb mir das Kind,“ rief ſie zu Gundel und nahm Burgei auf den Arm; ihr Antlitz ſtrahlte. „Burgei, da wirſt Du ſingen und da hab' ich ge⸗ ſungen, und da hab' ich Deine Mutter auf dem Arm getragen, wie jetzt Dich. Da! So! Gieb das dem Vogel.“ 5 Sie hatte Brod aus der Taſche geholt und gab dem Kinde Broſamen, ſie den Vögeln am Weg zu ſtreuen, und ſie ſelbſt warf immer kleine Brodſtücke nach rechts und links. Sie ſprach kein Wort mehr, aber ihre Lippen be⸗ wegten ſich leiſe. Fünfzehntes Capitel. Als man gegen das Haus kam, wieherte das weiße Füllen den Ankommenden entgegen. 42 „Das iſt ein guter Angang!“ rief Hanſei. Die Mutter ſetzte das Kind auf den Boden, nahm ihr Geſangbuch aus der Kiſte, und das Geſangbuch mit beiden Händen feſt auf die Bruſt gedrückt, ſo ging ſie hinein in das Haus, den Andern voran. Hanſei ſtand an der Stallthür, nahm ſein Stück Kreide aus der Taſche und ſchrieb C. M. B. und die Jahreszahl auf die Stallthür; dann ging er auch in das Haus, ſeine Frau mit dem Kind und Irma folgten ihm. Die Großmutter klopfte dreimal an die Stubenthür, dann trat ſie ein und drinnen legte ſie das Geſang⸗ buch offen, daß die Sonne darin leſen kann, auf das Fenſterſims. Es war kein Tiſch, kein Stuhl da. Hanſei reichte in der Stube ſeiner Frau die Hand und ſagte: „Grüß' Gott, Bäuerin!“ Von dieſem Augenblicke an hieß Walpurga„Bäue⸗ rin“ und nie mehr anders. tun wurde Irma ihr Stübchen gezeigt. Es hatte die Ausſicht über Wieſe und Bach und den nahen Wald. Irma ſchaute ſich um im Zimmer. Da war nichts als ein grüner Kachelofen, die Wände kahl, und ſie hatte nichts bei ſich. Im Vaterhaus und im Schloß waren Stühle und Tiſche, Pferde und Wagen— und hier? Dem Todten folgt nichts nach. Irma kniete im Fenſter und ſchaute hinaus über Wieſe und Wald, wo jetzt die Sonne unterging. Wie war's geſtern— war's erſt geſtern?— als du die Sonne untergehen ſahſt? ſichts 5 Me durhei di das wei ir uf von ſon er auſ, Drr vo ei riht nd Gre irhbaunſ Beden. Die Gr „ w uf den Ba hindet und &s gul und es kon ſn zuſam ſid wie d Khörigen] ſuigtit d hdern ni Palpu in dinm ſrg, l zeichtet h „Gar inſn ge ner dit . den, nahn Geſangbuch ickt 3 idt, ſo gin m. Hanſei Kreide aus e ahreszahl tdas Hans, Ren ihn. Stubenthi, das Geſang⸗ mn, auf das tuhl da. tau die Hand v 2 purga„Büue⸗ igt. Es hatte d den nahen ter. Da war nde kahl, und nd in Schloß d Wogen— hinuus iber ntetging. ſtern!— ch 43 Nichts Feſtes ſtand vor ihrer Seele. Wirr ſchwamm Alles durcheinander. Sie hielt die Hand an die Stirn, die das weiße Tuch umſchloß. Ein Vogel ſchaute zu ihr auf von der Wieſe, und als ihr Blick ihn traf, flog er auf, waldeinwärts. Der Vogel hat ſein Reſt, ſprach es in ihr, und du? Sie richtete ſich plötzlich ſtramm auf. Hanſei kam in den Grasgarten vor Irmas Fenſter, nahm den Kirſchbaumſetzling vom Hut und pflanzte ihn in den Boden. Die Großmutter ſtand dabei und ſagte: „Ich wünſche, Du mögeſt mit geſunden Gliedern auf den Baum ſteigen und Kirſchen brechen, und Deine Kinder und Enkel auch.“ Es gab viel zu thun und zu ordnen im Haus, und es kommt leicht in ſolcher Unruhe, daß die lieb⸗ ſten zuſammengehörigen Menſchen einander im Weg ſind wie die Schränke und Tiſche, die noch nicht am gehörigen Platze ſtehen; der beſte Beweis von der Fried⸗ fertigkeit dieſer Menſchen hier war, daß Jedes dem Andern mit Freude und Willigkeit, ja mit Scherz und Geſang in die Hände arbeitete. Walpurga brachte das Beſte von ihrem Hausrath ins Zimmer Irmas. Hanſei redete kein Wort drein. „Iſt Dir's nicht zu einſam hier?“ fragte Wal⸗ purga, als ſie Alles, ſoweit es die Eile zuließ, her⸗ gerichtet hatte. „Gar nicht. Es kann mir nirgends auf der Welt einſam genug ſein. Du haſt jetzt viel zu thun, küm⸗ mere Dich nicht um mich, ich muß mich auch jetzt erſt in mir einrichten. Ich ſehe, wie gut Du und die Deinigen. Das Schickſal hat mich gut geführt.“ „O, ſag' doch nicht ſo was! Wenn Du mir nicht das Gold gegeben hätteſt, hätten wir den Hof nicht kaufen können. Du biſt eigentlich auf Deinem Eigenen.“ „Sprich nicht mehr davon!“ fuhr Irma auf.„Nie mehr! Ich will nichts hören von jenem Gold.“ Walpurga verſprach's und ſagte nur noch, daß Irma keine Furcht haben ſolle, wenn der Alte, der über ihr wohne, manchmal mit ſich allein laut ſpräche und Lärm mache; es ſei ein alter blinder Mann, dem die Kinder arg mitgeſpielt, aber er ſei nicht bös⸗ artig und thue Niemand was zu Leide. Walpurga wollte wenigſtens die erſte Nacht Gundel bei Irma laſſen, aber dieſe wünſchte allein zu ſein. „Und Du bleibſt bei uns,“ ſagte Walpurga zag⸗ haft,„und nicht wahr, Du kriegſt ſo einen böſen Ge⸗ danken nie mehr?“ „Nein! Nie mehr! Aber ſprich nicht. Mir thut die Stimme weh, auch die Deinige. Gute Nacht! Laß mich allein.“ Irma ſaß am Fenſter und ſtarrte hinein in die dunkle Nacht. Iſt das erſt ein einziger Tag, ſeitdem ſie ſo Un⸗ geheures erlebt? Plötzlich ſprang ſie ſchaudernd auf, ſie ſah aus der Nacht empor das Haupt der ſchwarzen Eſther tauchen, ſie hörte ihren letzten Schrei, ſah das verzerrte Geſicht und die wilden ſchwarzen Strähnen ... das Haar auf ihrem eigenen Haupte ſträubte ſich 6s wat ſch einer 3 b W hohal tten, duß nd wenn Rma Unfen w „Ju, uude ger Rna hein Ster nun hörte M Rauſ w ein ti gut Du und di ut gefihtt⸗ u mir itten wi ir den Hof itlich auf Deinen Mma auf. Nie lem Gold.“ e nur noch, daß un der Alte, der alein lut ſrühe r blinder Num, ter ſei nicht bös⸗ Leide. Pahng Gundel bei Irnn ſein. gte Walyunga zag⸗ ſo einen böſen Ge⸗ cht. Vir thit die te Nacht! Loß mich rrte hinein in die ſeitden ſie ſo Un⸗ ſchandernd auf, ſi upt der ſchwarzen n Echtei, ſoh das hwarzen Strähnen aupte ſräubte ſch 45 empor... ſie dachte ſich hin in den tiefen Grund des Sees, wo ſie jetzt todt läge... Sie öffnete das Fenſter, eine würzig milde Luft drang zu ihr ein, ſie athmete Friſche. Sie ſaß lange am offenen Fenſter, da hörte ſie plötzlich über ſich lachen. „Oho! Ich thu' euch den Gefallen nicht! Ich ſterbe nicht! Ich ſterbe nicht! Etſch! Etſch! Hundert Jahre will ich leben, und dann laß' ich mir noch einmal Urlaub geben.“ Es war der alte Auszügler, der über ihr ſprach. Nach einer Weile fuhr er fort: „Ich bin nicht ſo dumm, ich weiß, daß jetzt Nacht iſt. Und der neue Bauer und die Bäuerin, die ſollen mir zappeln! Ich bin der Jochem, Jochem heiß ich, und was die Leut' verdreißt, das thu' ich mit Fleiß. Hahaha! Sie müſſen mir eine Entſchädigung dafür geben, daß ich kein Licht brauche. Davon laſſ' ich nicht und wenn ich bis zum König gehen muß.“ Irma durchzuckte es, als der König über ihr an⸗ gerufen wurde. „Ja, ich geh' zum König, zum König, zum König!“ rief der Alte oben, als wüßte er, daß dies Wort Irma wie eine Flamme ins Antlitz ſchlug. Das Fenſter über ihr wurde zugeſchlagen, ein Stuhl wurde gerückt, der Alte legte ſich zu Bette. Irma ſah noch immer hinein in die dunkle Nacht. Kein Stern ſtand am Himmel, nirgends ein Licht und man hörte nichts, als das Rauſchen des Baches und das Rauſchen des Waldes. Die ſchwarze Nacht war wie ein tiefer Abgrund. 46 „Biſt Du noch wach?“ fragte eine linde Stimme hud draußen. Die Großmutter war herbeigekommen. ud jtöt „Ich hab' da auf dem Hof als Magd gedient,“ tuntt ſagte ſie,„jetzt vor vierzig Jahren, und da ſoll ich ſt v 6 nun die Mutter von der Bäuerin ſein und faſt gar veren. die Erſte auf dem Hof. Aber Du liegſt mir immer im zur im Sinn. Ich muß mir immer ausdenken, wie es„Du 1 ¹ Dir im Herzen iſt. Jetzt will ich Dir was ſagen: w ſind j ſiwand Komm noch einmal heraus, ich führ' Dich wohin, wo 7 1 Dir's gut thut. Komm!“ 6in Irma ging mit der Alten in der dunklen Nacht. ſe m 2 3 Das war eine andere Führerin als geſtern. emittel 1 Die Alte führte ſie an den Röhrbrunnen; ſie hatte ſulten la 1 ein Gefäß mitgebracht und gab's ihr. Beate 3„Komm, trink. Gutes kaltes Waſſer iſt das Beſte. un ein f Waſſer iſt ein Tröſter für den Körper, macht kühl und„Dus ruhig, da badet man ſich inwendig. Ich weiß auch, weint, T . wies iſt, wenn man Kummer hat; da brennen die ſu ſtelen Eingeweide, wie wenn Feuer darin wäre.“ ma 3 Irma trank vom Gebirgswaſſer. Es war wie iner Unb lindernder Thau, der ſich durch ihr ganzes Weſen Die( 3 ergoß. hlief; de 3 Die Mutter geleitete ſie wieder in ihr Zimmer wließ di 3 und ſagte: Lif 1„Du haſt noch das Hemd an, das Du im Schloß„Zin getragen. Du wirſt ſehen, Du wirſt die Gedanken winal l an dort nicht eher los, als bis Du das Hemd ver⸗ Umni brannt haſt.“ iſte die Die Alte that es nicht anders, und Irma war e 6 t folgſam wie ein kleines Kind; ſie mußte ein grobes yndeih inde Stinne ekommen. Magd gehi d 9 Redient,“ und da ſol ich em und fiſt gat liegſt mir imner denken, wie es t was ſugen: Icch wohin, we er dunklen Nacht. geſtern. brunnen; ſie hette ſſer iſt das Peſte. , macht kühl und Ih weiß auch, da brennen die wäre.“ t. Es war wie hr ganzes Veſen in ihr Zimmer s Du im Schloß rſt die Gedanken udas Hend ver⸗ und Irma war mßte ein grohes 8 47 Hemd anziehen, das die Mutter ſchnell herbeigeholt, und jetzt brachte ſie Licht und Holz herbei und ver⸗ brannte das Hemd am offenen Feuer. Irma mußte ſich die langen Nägel abſchneiden und ſie ins Feuer werfen. Dann entfernte ſich Beate wieder ſchnell und kam zurück mit dem Reitkleide Irmas. „Du mußt einmal einen Schuß bekommen haben, da ſind ja Kugeln drin,“ ſagte ſie, das lange blaue Gewand ausbreitend. Ein Lächeln zog über das Antlitz Irmas; ſie fühlte die am Langtheil des Reitrocks eingenähten Bleikugeln, vermittelſt deren das langflatternde Gewand beſſer in Falten lag. Beate hatte aber noch etwas Gutes gebracht; es war ein Rehfell. „Das ſchickt Dir mein Hanſei,“ ſagte ſie.„Er meint, Du ſeiſt vielleicht gewöhnt, Deine Füße weich zu ſtellen. Er hat das Reh ſelber geſchoſſen.“ Irma erkannte die Gutherzigkeit des Mannes, der ihr, einer Unbekannten und Räthſelhaften, ſolche Liebe erwies. Die Großmutter ſaß am Bette Irmas, bis ſie ein⸗ ſchlief; dann hauchte ſie die Schlafende dreimal an und verließ die Stube. Tief in der Nacht erwachte Irma. „Zum König! Zum König! Zum König!“ hatte es dreimal laut gerufen. Hatte ſie ſelbſt gerufen oder der Mann über ihr? Irma griff ſich an die Stirn, ſie faßte die Binde. Iſt das Seegras, das ſich um ſie gelegt? Liegt ſie lebendig tief im Waſſer? Erſt allmälig wurde ihr deutlich, was Alles geſchehen. 48 Zum Erſtenmal ſeit den grauſenhaften Erlebniſſen weinte ſie, ſtill und einſam in der Nacht. Es war Abend, als Irma erwachte. Sie fühlte nach ihrer Stirne, ein naſſes Tuch war um dieſelbe geſchlungen. Faſt eine ganze Nacht und einen ganzen Tag hatte Irma geſchlafen. Die Großmutter ſaß vor ihrem Bett. „Du haſt eine ſtarke Natur,“ ſagte die Alte,„die hat Dir geholfen. Jetzt iſt's vorbei.“ Irma ſtand auf; ſie fühlte ſich ſtark. Von der Großmutter geleitet, ging ſie nach dem Wohnhauſe. „Gottlob, daß Du wieder wohl biſt,“ ſagte Wal⸗ purga, die mit ihrem Manne hier ſtand, und auch Hanſei ſagte:„Ja, das iſt brav.“ Irma dankte und ſchaute auf nach dem Giebel des Hauſes. Was ſprach da zu ihr? „Nicht wahr—“ ſagte Hanſei,„dem Haus iſt ein gutes Wort auf die Stirn geſchrieben?“ Irma zuckte. Sie las auf dem Giebel des Hauſes die Inſchrift: Trink und iß, Gott nit vergiß, Bewahr' Dein Ehr', Dir wird nit mehr Von all' Deiner Hab', Denn ein Tuch ins Grab. K8 duch d iun plöt ma ſ n, er ſta K der S Un, ihm ir muß f wdie Pfl ulgen, h chrlich ſi betro „Schäm in der gel ſrah L Gſemalt diner zu ir nitgebta it iu Jg deh nht Auerhach, haften Erl lebniſe en Rocht. cht. eie üle war um dieſelbe Und einen gan lzen woßmutter ſuß vor gie die Alte A „„ie u Von der en Vohnhanſe. biſt 6 ſagte Wal⸗ ſtond, und auch ch den Giehel de „dem Haus iſt ein n7 Giebel des Hauſes Sechstes Buch. Erſtes Capitel. Durch die Flucht Irmas war das Leben des Lakaien Vaum plötzich leer. Er kam an die Stelle zurück, wo Irma ſeiner warten ſollte und nun verſchwunden war, er ſtarrte ins Weite und ſah nichts. Ein Hund, der der Spur ſeines Herrn folgen muß, iſt beſſer dran, ihm zeigt der Naturtrieb die Fährte, der Menſch aber muß ſich beſinnen. Iſt das eine Flucht? Wohin? da die Pflicht des Untergebenen? Darf er diejenige verfolgen, die ihn zurückgejagt. Den Hund hat ſie noch ehrlich und offen zurückgejagt, der Diener aber wird betrogen, dafür iſt er ein Menſch. „Schämen Sie ſich, Gräfin! Einen armen Bedien⸗ ten, der gehorchen muß, ſo zum Narren zu haben.“ So ſprach Baum vor ſich hin. Er fühlte, daß er zum Erſtenmal die große Probe machen muß, ein denkender Diener zu ſein. Vielleicht ſtand in den Briefen, die er mitgebracht, eine Beſtellung auf heut Abend. Man iſt zur Jagd. Man trifft ſich im Wald. Man kann doch nicht offen nach Wildenort kommen. Man iſt Auerbach, Auf der Höhe. 1ll. 4 Warum? Was iſt doch erſt ſo kurz in Trauer. Man will auch den Diener nicht wiſſen laſſen. Aber warum nicht? Er iſt ja ſo gern verſchwiegen. Vielleicht aber iſt die Gräfin entflohen. Warum? Wohin? Man hat ihm ſo viel Zutrauen geſchenkt— der Oberkämmerer hat ihm noch geſagt: Sie ſollen immer um die Gräfin bleiben, immer— verſtehen Sie?— und ſollen ſie zurückgeleiten an den Hof. Hatte man denn dort eine Ahnung, daß ſie entfliehen will? Warum gab man ihm nur halbes Zutrauen? „Ich bin unſchuldig!“ rief Baum in die Luft hinein. Aber was nützt unſchuldig? Geſcheidt muß man ſein. Baum hatte gute Lehren von ſeinem Meiſter, dem erſten Kämmerer der Baronin Steigeneck. Ein guter Bedienter, hatte dieſer ihm geſagt, muß immer zwei Dinge bei ſich haben: ein ſcharfes Meſſer und eine richtig gehende Uhr. Wenn dir was paſſirt, das dich aus der Faſſung bringt, nimm deine Uhr heraus, zähle zehn Secunden ab, dann überlege, was du zu thun haſt. Das iſt eine gute Lehre, ſie hat nur wie viele andere gute Lehren das Schlimme, daß man inmitten der Verwirrung ſich ihrer nicht erinnert. Baum ritt zurück ins Schloß; vielleicht iſt die Gräfin auf der andern Seite wieder heimgeritten, viel⸗ leicht weiß das Kammermädchen, wohin ſie reiten wollte. Er kam zum Kammermädchen. „Iſt Ihre Herrin da?“ „Nein, ſie iſt ja mit Ihnen weggeritten.“ „Viſen „Eie ſrs us!“ Vas „ h ſyt, ih fi it bei ſi Ven ſite ſie de nerte Be „Jo, un Traum jnml, n nlichelig haun tdie Grifi Der Se ſiere da ſhnichenen lr die„ ſiht, duß Muforſchte Ktzlich hr herus iih Secun lut, und ſu Rheu Eut, 1 hrign, de lorn, er ſ. n will auch den tum nicht, Er iſt lohen. geſchenit— der Si ſolen inner Lerſtehen Eie— Hof. Htte mn hen will Vamn in die Auft hinein. t muß man ſein. em Meiſter, den eneck. Ein guter muß immer zwei Meſſer und eine paſſirt, das dich eine Uhr hetaus, rlege, was du zu at nur wie viele daß man innitten nert. vielleicht iſt die heimgeritten, viel⸗ wohin ſie reiten n. geritten.“ 51 „Wiſſen Sie nicht, wohin ſie wollte?“ „Sie iſt von Ihnen fort? Ach Gott, nun führt ſie's aus!“ „Was denn?“ „Ich habe ſchon dem Herrn Flügeladjutanten ge⸗ ſagt, ich fürchte, ſie tödtet ſich. Ich glaube, ſie hat Gift bei ſich oder einen Dolch. Sie tödtet ſich!“ „Wenn ſie ſich mit Gift oder Dolch tödten wollte, hätte ſie das ja in ihrem Zimmer thun können,“ er⸗ widerte Baum. „Ja, ja. Noch in der letzten Nacht hat ſie aus dem Traum gerufen: Tief in den See! Ach, du lieber Himmel, meine ſchöne gute Gräfin iſt todt! O ich unglückſeliges Geſchöpf, was wird aus mir?“ Baum ſuchte die Klagende zu beruhigen und fragte, ob die Gräfin nicht irgendwo ein Schreiben hinterlaſſen. Der Schreibtiſch ſtand offen, es lagen zerſtreute Papiere darauf; man fand den an die Königin über⸗ ſchriebenen Brief. Baum wollte ihn zu ſich nehmen, aber die Kammerjungfer hielt ihn feſt; ſie duldete nicht, daß ein Fremder die Geheimniſſe ihrer Herrin durchforſchte. Plötzlich, inmitten des Streites, zog Baum ſeine Uhr heraus. Jetzt hatte er ſich der Abzählung der zehn Secunden erinnert; er ſah ſtarr auf das Ziffer⸗ blatt, und als er Zehn gezählt hatte, nickte er, er hat Ruhe und Beſonnenheit gefunden. Gut, die Kammerjungfer ſoll den Brief über⸗ bringen, damit iſt nichts gewonnen und nichts ver⸗ loren, er ſelber aber will zeigen, daß er das höhere Zutrauen verdient. Seine Aufgabe iſt, nun Nach⸗ forſchungen anzuſtellen, vielleicht rettet er doch noch. Während ſich die Kammerjungfer abwendete und ſchnell den Brief zu ſich ſteckte, ſah er einen andern Brief, überſchrieben:„Dem Freunde.“ Schnell erkannte er, daß dieſer viel mehr werth, und ſteckte ihn zu ſich. Der Freund kann nur Einer ſein, er weiß, wer es iſt. Die Kammerjungfer hatte das Knittern des Papiers gehört und verlangte die Schrift zurück. Baum verließ ſchnell das Zimmer und berief die Diener des Hauſes. Die Kammerjungfer folgte ihm; er verwandelte ſich nun ſchnell aus dem Angegriffenen in den Angreifer, er verlangte den Brief an die Königin, um ihn zu entſiegeln und daraus die Spur zu entnehmen, wohin die Gräfin entflohen, er machte die Dienerin verant⸗ wortlich für alle Folgen. Sie flüchtete vor ihm und er verfolgte den Plan nicht, denn er wußte nicht, ob er den Brief entſiegeln durfte, und jedenfalls hat er nun den wichtigeren an den König unbeſtritten. Er befahl dem Reitknecht, daß er noch ein Pferd ſattle und mit ihm reite. Das Abendroth glänzte bereits auf den Fenſtern des Schloſſes, als die Beiden hinausritten. Aber wohin? Der Wegknecht wurde ausgefragt— er hatte nichts von der Gräfin geſehen. Dort trieb der Schäfer heim — die Beiden ritten auf ihn zu, der Schäfer nickte auf die Frage, ob er die Gräfin geſehen, aber man konnte ihn nicht hören vor dem lauten Blöcken der Schafe; Baum ſtieg ab und vernahm, daß die Gräfin in geſtrecktem Galopp den Weg nach dem Gamsbühe geritten ſei. „V Shife. Nun del Veh etwehne vichern ſird Ir l uf. „Die ſhnochte ehutſan nitheilen Eie ſu ſichts un doppelſpt ſohnen d f, ſie N Pſer gnms Jaums oh zu e „Hätt Unmh n irgerli „Sie iſt „mn Nach er doch noch. abwendete und er einen a andern Schn tell er kam teckte ihn em ne Baum uerli ieß ner des Hanſes. verwandelte ſic den Angreifer, in, um ihn zu ntnehmen, wohin Dienerin verant⸗ ete vor ihm und ußte nicht, ob et nfalls hat er nun en. Er befahl den und nit ihn reite. auf den Fenſtern ten. Aher wohint — er hatte nichts der Schiſer hein der Schſer nicte jehen, aber nan mten Blöcken der i, daß die Gijn dem Gamsbühel 53 „Die ſitzt feſt, die kann gut reiten,“ lobte der Schäfer. Nun war doch eine Spur da. Die Beiden jagten den Weg dahin. Als ſie bei der Bergmulde am aus⸗ getrockneten Sumpf anlangten, hörten ſie ein Pferd wiehern. Sie ritten darauf zu. Da ſtand das Reit⸗ pferd Irmas und graſte ruhig, aber dicker Schaum lag auf Zaum und Gurt. „Die Gräfin iſt geſtürzt, wer weiß, wo ſie ver⸗ ſchmachtend liegt,“ ſagte Baum.— Er wollte noch behutſam ſein und dem Reitknecht nicht voreilig Alles mittheilen.. Sie ſuchten nun rings umher und riefen; ſie fanden nichts und erhielten keine Antwort. Baum entdeckte Doppelſpuren des Pferdes, vor- und rückwärts. Sie nahmen das Pferd Irmas mit, ſtiegen aber nicht mehr auf, ſie mußten genau darauf achten, wo die Spur der Pferdehufe hinführt. Nur dem ſcharfen Auge Baums gelang es, die Huftritte in dem Halbdunkel noch zu erkennen. „Hätten wir nur den Hund bei uns, der kennt ſie. Warum haſt Du nicht den Hund mitgenommen?“ fragte er ärgerlich. „Sie haben mir ja nichts geſagt.“ „Reite zurück und hol' ihn! Nein, bleib', ich kann nicht allein ſein.“ Sie kamen bis zum Gamsbühel. „Geh abſeits, in den Wald,“ rief Baum. Sein gutes Meſſer war jetzt am Platze; er holte Reiſig, band es zu einer Fackel zuſammen, zündete es 54 an und leuchtete damit umher. Er fand die Spuren. Hier hatte das Pferd umgewendet, hier waren noch die Tritte von einem Damenfuß, mehrere Schritte rückwärts, dann verlor ſich die Spur. „Hier muß ſie ſein,“ rief Baum,„hier iſt ſie in den Wald hinab. Ich kenne Weg und Steg. Du gehſt links mit den beiden Pferden, ich gehe mit dem einen rechts. Du entfernſt Dich aber nicht weiter, als Du meine Stimme hören kannſt.“ Sie ſuchten und riefen durch den nächtigen Wald, ſie fanden nichts. Endlich kamen ſie wieder zuſammen. Ein Hirſch ſchoß an ihnen vorbei. Wenn der hätte reden können, er hätte ihnen geſagt, wo Irma ihn aufgeſcheucht, es war wohl eine Stunde weit ab⸗ ſeits. „Wenn Du ſie findeſt, bekommſt Du einen guten Lohn,“ ſagte Baum zu dem Reitknecht. Er ſprach zu einem Andern, was er ſich dachte, daß ſein oberſter Herr zu ihm ſprechen würde. Faſt die ganze Nacht irrten ſie mühſam durch den Wald, und endlich mußten ſie ſich niederlegen und den Tag abwarten; es war nirgends ein Weg mehr, um die Pferde zu führen. Der Tag war ſchon lange erwacht, als die beiden Suchenden die Augen aufſchlugen. Von ferne blinkte der See und auch hier herauf klang ein Ton von der Muſik, und wo die beiden ſtanden, warfen die Felſen das ſtärkſte Echo von den Böllerſchüſſen zurück. Baum nahm die Piſtolen aus den Satteltaſchen und feuerte ſie nach einander ab, dann lauſchte er mit nehaltene ſe hört die uhn keine Die Be uch den w ſpirgell viß, was ſne ſchn win. Je ſihrte wen ſrute Bo id Pferd Bum fta ehne t geſehe „Doch Mden ſc „Du hr, da Vum Glück ſte ihn. ſeinecht t, legte nit den u einen ſehut erſchtok ſ kunte ſe and die e . die Spuren. Laten noch mehrere Schritt hier: p „hier iſt ſe in und Steg. Du ch gehe mit den vicht weiter, als nächtigen Vah, ieder zuſammen. Wenn der hätte „wo Irma ihn tunde weit ab⸗ Du einen guten t. Er ſprach zu daß ſein oberſter ühſam durch den derlegen und den Weg mehr, un , als die beiden on ſerne blinkte in Ton don der arfen die Felſen n zurüc. en Satteltaſchen n lauſchte et mit 55 angehaltenem Athem; vielleicht iſt Irma hier irgendwo, ſie hört die Schüſſe und giebt ein Zeichen. Man ver⸗ nahm keinen Laut. Die Beiden fanden einen Holzweg, der abwärts nach dem See führte. Sie kamen ans Ufer. Da lag der ſpiegelglatte See, ſtundenweit ſich hinſtreckend; wer weiß, was er in ſeinem Grunde birgt. Dort in der Ferne ſchwimmt ein Kahn, Menſchen und Thiere ſind darin. Jetzt landet der Kahn. Baum und ſein Ge⸗ fährte wendeten ſich nach der andern Seite, wo zer⸗ ſtreute Bauernhäuſer und Fiſcherhütten lagen; Mann und Pferd waren abgemattet, ſie mußten ſich erfriſchen. Baum fragte jeden Begegnenden, ob man nicht eine vornehme Frau in blauem Reitgewand mit einem Feder⸗ hut geſehen habe. Nirgends eine Spur „Doch ja,“ ſagte endlich ein altes Manein, das Weiden ſchnitt am See. „Wo? Wann?“ „Da drüben im Wirthshaus. Es iſt jetzt bald ein Jahr, da hat ſie viele Wochen dort gewohnt.“ Baum fluchte auf das einfältige Bauernvolk. Glücklicherweiſe traf er hier einen Landjäger. Er ſagte ihm, wer er ſei und was er ſuche, ſchickte den Reitknecht mit dem Damenſattel zurück nach Wilden⸗ ort, legte ſeinen Sattel dem Pluto auf und ritt nun mit dem Landjäger am See entlang. Da ſahen ſie auf einem Felſen am Ufer eine Geſtalt, die einen Federhut hochhielt. Sie ritten raſch darauf los. Baum erſchrak ſo ſehr, daß er die Steigbügel verlor; er er⸗ kannte ſeinen Bruder Thomas. Wenn der die Gräfin beraubt und ermordet hat? Der Landjäger kannte den wilden Geſellen. Thomas ſtarrte die Beiden grinſend an, ſein Haar war naß und ſeine Kleider troffen. „Was machſt Du da?“ rief der Landjäger.„Was haſt Du da für einen Hut?“ „Der wird Dich nichts angehen,“ antwortete Tho⸗ mas, und ſeine Zähne klapperten. Baum nahm eine Flaſche mit Branntwein heraus und reichte ſie dem von Froſt Geſchüttelten, Thomas trank mit mächtigem Zuge; dann erzählte er mit einer Miſchung von Wuth und Jammer, die Geliebte des Königs ſei geſtern Nachts zu ihnen auf die Wurzhütte verirrt und habe ſeine Schweſter verleitet, daß ſie mit ihr ſich in den See ſtürze; er ſei zu ſpät gekommen, im Waſſer habe er etwas ſchwimmen geſehen, er ſei hineingeſprungen, um ſie zu retten, habe aber nichts gefunden als den Hut. Der Landjäger wollte dieſe Erzählung nicht glauben und Thomas ſofort verhaften. Baum ſagte ihm leiſe ins Ohr, es ſei wol ſicher, daß die Dame ſich er⸗ tränkt habe und hier kein Mord vorliege. Er wollte doch ſeinen Bruder nicht verhaften laſſen, es regte ſich etwas wie Mitleid in ihm, und er ſagte zu Thomas: „Komm her, wir wollen einen Tauſch machen. Da, ich geb' Dir meine Flaſche, es iſt noch viel darin, gieb Du mir den Hut.“ „O nein, ich weiß, wem der Hut gehört; der iſt viel werth, den bring' ich dem König! Un De ſug Thom höhe u der Lat ler Baum lite ihn d ſmmen, itgſlich an aus und d n, als ni ſyn konn chulter n ihn; der u „Vilſt der wilſſt Aſiehſt, ſcleß Bau Ohre e ſoechut hi unnte Tho wirrt ba Haun ſle, wenn on dem 6 „Eine lüſenen! es ſhien e d ernonet that! jeſelen Thomas Har war naß wjign. Pes antwortete The⸗ anntwein heraus telten, Thomas Nte er mit einet ie Geliebte des f die Wurzhitt itet, daß ſie mit ſät gelonnen, geſchen, er ſei habe aber nicht ig nicht glauben ſigte ihm leiſe Dame ſich et⸗ iege. Er wolle laſſen, es regte nd er ſagte zu Tanſch machen. noch viel drin, gehört; der ſſ 57 Hat er ſeinen Schatz nicht mehr, Hat er doch den Hut. Und wenn die alt' verſoffen iſt, Da ſchmeckt eine neue gut. Juchhe!“ ſang Thomas mit lallender Zunge, warf den Hut in die Höhe und fing ihn wieder auf. Der Landjäger wollte Thomas ins Geſicht ſchlagen, aber Baum hielt ihn ab; er ging auf Thomas zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Thomas zuckte zuſammen, er ward plötzlich ruhig und ſchaute Baum ängſtlich an. Baum ſprach ſehr herablaſſend mit Tho⸗ mas und dieſer ſchaute ihn immer mit offenem Munde an, als müſſe er ſich auf etwas beſinnen, was er nicht ſagen konnte; dieſe Stimme, die Hand auf ſeiner Schulter machten einen ganz andern Menſchen aus ihm; der wilde, mordſüchtige Burſche weinte. „Willſt Du mir den Hut für ein Goldſtück geben oder willſt Du Dir ihn mit Gewalt nehmen laſſen? Du ſiehſt, wir ſind Zwei und ſind Meiſter über Dich,“ ſchloß Baum. Ohne ein Wort zu erwidern, reichte Thomas den Federhut hin, und als ihm Baum das Goldſtück reichte, konnte Thomas die Hand nicht ſchließen, er ſchaute verwirrt bald auf das Goldſtück, bald auf den Geber. Baum redete ihm nachdrücklich zu und ſagte, er ſolle, wenn er noch eine Mutter habe, ihr auch etwas von dem Gelde geben. „Eine Mutter?“ lallte Thomas, und ſah Baum gläſernen Blickes an.„Eine Mutter?“ wiederholte er, es ſchien eine Erinnerung in ihm zu erwachen. 58 Der Landjäger bewunderte den Edelſinn des Hof⸗ lakaien; das iſt doch gar ein feiner Menſch. Nun berichtete Thomas von Neuem, daß Irma geſtern Nacht bei ihnen in der Hütte geweſen, und die Mutter wiſſe noch mehr von ihr, mit der ſei ſie allein geweſen. Die Beiden verlangten die Mutter zu ſprechen. Thomas geleitete ſie bergauf nach der Hütte. Unterwegs erzählte der Landjäger dem Lakaien die Familienverhältniſſe des Thomas und ſchloß:„Sehen Sie, der Menſch da iſt ein Raufbold und vielfach be⸗ ſtrafter Wilderer; ich hab' ihm ſchon oft gerathen, er ſoll nach Amerika auswandern, da kann er jagen genug. Und er hat einen Bruder in Amerika, einen Zwillingsbruder, das muß aber ein grundſchlechter Menſch ſein, wenn er nicht geſtorben iſt, er hat ſeiner Mutter und ſeinem Bruder noch nicht ein Wort ge⸗ ſchrieben und nie ſo viel geſchickt, als man in einem Auge leiden kann; aber freilich, ſo werden die Menſchen in Amerika; aus meinem Ort ſind Viele drüben, ſie ſind Alle nichts nutz, ſie denken Alle nur an ſich.“ Baum lächelte dem Erzähler zu, er bedurfte ſeiner ganzen Haltung und redete kaum ein Wort; er mußte ſich vorbereiten, wie er nun wiederum ſeiner Mutter begegne, und es war ärgerlich, daß ſie jetzt in dieſe Sache verwickelt war; er brauchte jetzt ſeine Gedanken anderswohin. Der Landjäger ſuchte den Weg kurzweilig zu machen und wußte viele Verbrechergeſchichten zu er⸗ zählen, er war ja thätig darin; nur haben dieſe Ge⸗ ſchichten das Unangenehme, daß man ſelbſt ſauber ſein uß, wem nüdig zu d verloren ugeht. 5 Vrder, de güſen het Erdlich gihn. 6 znent et win drr ſihen und nichts tjihlen te, auc drusgehe zber weiter Nan ke die alte Ze „Die ſt dr Landjä „Schwa „Ha, ha! Uem nit uch nch Er wa ſine Härde Eihn niß und verfiel ein Pyrt einn des Hof⸗ enſch. n, daß Irna weſen, und die et ſii ſie allin ttet zu ſprechen. Hütte. dem Lakaien die ſchloß:„Schen und vielfach be⸗ oft gerathen, er kann er jagen Anerika, einen n grundſchlechter iſt, er hat ſeiner cht ein Wort ge⸗ s won in einen rden die Menſchen Viele drüben, ſie nur an ſich.“ er bedurfte ſeinet WVort; et mßte um ſeiner Mutter ſi jett in diſe t ſeine Gedanken g kurzweilig zu geſchichten zu en hoben dieſe 6e ſelbſt ſuber ſin 59 muß, wenn man ſie hört. Baum winkte ihm immer gnädig zu; er darf ja mit keiner Miene verrathen, daß der verlorene Menſch, der da vorausſchreitet, ihn etwas angeht. Der Landjäger erzählte, wie ihn einmal ein Mörder, den er hatte einfangen helfen, in den Finger gebiſſen hatte, und er zeigte die Narbe. Endlich befreite ſich Baum von dieſen entſetzlichen Dingen. Er fragte den Landjäger, bei welchem Re⸗ giment er geſtanden; er fragte das ſo gnädig, als ob er in der nächſten Minute einen Orden aus der Taſche ziehen und den Landjäger decoriren wolle. Nun giebt es nichts Beſſeres, als vom ehemaligen Soldatenleben erzählen. Der Landjäger berichtete Geſchichten und lachte, auch Baum lachte mit, er mußte mitlachen; der vorausgehende Thomas ſchaute ſich grinſend um, ſchritt aber weiter.*„ Man kam bei der Hütte an. Es war Niemand da, die alte Zenza war verſchwunden. „Die ſucht gewiß auch die Eſther,“ ſagte Thomas. „Was iſt's denn mit der ſchwarzen Eſther?“ fragte der Landjäger. „Schwarze Eſther“ wiederholte Thomas.— „Ha, ha! Jetzt wird ſie aber der See weiß waſchen. Wenn mir Einer ein gutes Trinkgeld giebt, ſpring' ich auch noch in den See.“ Er warf ſich auf den Laubſack und betrachtete ſtill ſeine Hände, mit denen er noch in der Nacht im Wald Eſther mißhandelt hatte; dann legte er den Kopf zurück und verfiel in dumpfen Schlaf. Es war nicht möglich, ein Wort aus ihm herauszubringen. Baum und der 60 Landjäger ritten davon, ſie wollten nochmals an den See, um weitere Spuren zu finden, und überall Auf⸗ trag zu geben. Sie kamen aus dem Wald auf die Landſtraße, und hier war es, wo ſie dem Fuhrwerk mit der Blahe begegneten. Im ruhigen Schritt ritten ſie wieder am See ent⸗ lang. Eine große rothbraune Kuh ging vor den beiden Reitern dahin, fraß manchmal und ſchaute über den See; plötzlich, als ſie an eine Hecke kam, ſtutzte ſie, wendete ſich raſch und rannte ſo ſchnell zurück, daß ſie faſt das Pferd Baums auflief. „Die Kuh iſt an etwas geſcheut, da liegt etwas,“ ſagte Baum und ſtieg raſch ab. Seine gefärbten Haare ſtiegen ihm zu Berge, da er darauf gefaßt war, in der nächſten Secunde die Leiche Irmas zu ſehen. Und richtig, er fand etwas. Hier ſtanden die zerriſſenen Schuhe Irmas, er kannte ſie, hier war eine Blutſpur, das Gras war niedergedrückt, hier hatte ein Menſch gelegen und ſich gewälzt. Die Hand Baums zitterte doch, als er die Schuhe aufnahm, und ſie zitterte ſtärker, als er ein Pflänzchen abpflückte— es war ein einfacher Blattkelch, ſoge⸗ nannter Frauenmantel, das beſte Bergfutter— und in dieſem Blattkelch waren Blutstropfen, ſie waren faſt noch naß. Wenn ſie ſich ertränkt hätte— woher das Blut? Woher die Schuhe? Und die Schuhe ſo entfernt von dem Orte, wo Thomas den Hut gefunden hatte? Und hier ſind viele Fußſtapfen von großen Schuhen? Wenn Irma doch ermordet wäre? Wenn ſein Bruder... Eie iſt t zun, und w noch ein er legte pief, der, Er ing m Wlände gihrt wor hier fra n den im geſ eten Klei dn ein 2 die ga ſihe zun ihn lb ih Port daun: ühr nitz Maſchen, i ſhicte i piſhungen Baun gfütten; Uoe[2 wochn mals an der und übetal M⸗ W Pald auf die den Führwerk der am Ses ent ig vor den beiden ſchaute über den kan, ſtutze ſie, nell zurück, duß da liegt etwas,“ e gefürbten Hare efaßt war, in det ſehen. Und en die zerriſenen var eine Blutſpur, hatte ein Menſch 3 1 als er die Schuhe er ein Pflänzchen Blattkelch, ſoge⸗ gergfutter— und opfen, ſie waren woher das Blut! ſo entfernt von den hatte? Und Schuhen! Wenn in Inder gefärbten Haare, 61 Sie iſt todt— das iſt die Hauptſache, tröſtete ſich Baum, und ich hab' die Zeichen. Was braucht man da noch einen Menſchen ins Unglück zu bringen? Er legte das Pflänzchen mit dem Blut zu dem Brief, der„Dem Freunde“ überſchrieben war. Er ging mit dem Landjäger in das Wirthshaus an der Anlände, wo heute früh die Auswandernden ein— gekehrt waren. Hier fragte der Landjäger wiederum nach der vor⸗ nehmen Dame im blauen Reitkleid. In den Mienen der Wirthin zuckte es. War das vielleicht die Wahnſinnige, die heut' bei den Auswande⸗ rern geweſen? Sie waren ſo hin- und hergelaufen, hatten Kleiderbündel getragen und die Fremde hatte ſo wunderlich dreingeſchaut. „Du weißt etwas!“ ſagte der Landjäger, der Wirthin ins Angeſicht ſtarrend.„Sag's!“ „Ich weiß nichts!“ ſagte die Wirthin.„Hab' ich denn ein Wort geſagt? Was willſt Du von mir?“ Die ganze Furcht des Landvolkes, vor Gericht ſtehen zu müſſen, um Zeugniß abzulegen, ward in der Wirthin lebendig, und ſie hielt ſich ſtreng zurück, irgend ein Wort laut werden zu laſſen. Baum merkte, daß er nicht wohlgethan, den Land⸗ jäger mitzunehmen, ſeine Anweſenheit ſchreckte die Menſchen, wenn ſie auch etwas mitzutheilen hatten; er ſchickte ihn daher fort, um ſelbſtändig weitere Nach⸗ forſchungen zu halten. Baum kämmte und bürſtete vor einem Spiegel ſeine die heute gar widerſpenſtig waren. Zum Erſtenmal in ſeinem Leben war er tief beſcheiden; er iſt noch nicht recht der Mann dazu, um ſolch' eine Sache auszukundſchaften, und er hat ſich auch ſchon zu lange verzögert, Andere werden ihm den Vortheil wegnehmen, der aus dem Tode Irmas zu ziehen iſt; er muß zurück ins Schloß, dort ſind Leute genug, die das beſſer zu Ende führen können. Er ſuchte die Wirthin, die ihm doch etwas zu wiſſen ſchien, allein auszuforſchen; aber die Wirthin war auch gegen ihn zurückhaltend, ſie kannte ja ſeine Kameradſchaft mit dem Landjäger, und es nützte ihm nichts, daß er, auf die Wappenknöpfe deutend, ſich als königlichen Lakaien bekundete. Plötzlich erinnerte er ſich, daß hier am See ja Walpurga wohnte; es war kaum ein Jahr her, ſeit er hier mit Hofrath Sirtus gereiſt. Irma war immer die Freundin Walpurgas geweſen, vielleicht hält ſie ſich bei ihr verborgen— ſolche überſpannte Menſchen ſind zu Allem fähig. Vor dem Wirthshaus lag noch der große Kahn. Baum ging mit ſeinem Pferd an Bord und befahl, daß man ſofort abfahre; er gab aber doch zu, daß ein Wildheuer, dM nit einem großen Handkarren voll Heu ankam, das er auf den gefährlichſten Spitzen ein⸗ geſammelt, im Kahn mit überfahre. Man ſtieß ab. Baum legte ſich auf das Wildheu, er fühlte ſich in allen Gliedern wie zerſchlagen. Nun fragte er die Schiffer aus, ob ſie nichts von einem Ertrunkenen bemerkt hätten. Er erfuhr, daß man am Morgen einen Menſchenkopf mit langen Haaren nö den ſeinlich Paum ber den „Penn hifer zu Liche aus. aum uh den inze, ſt nd chlief ſhn ans Es war uſichen e Mittel hndelhüt wortte. Er uhn ſturrt en war d ſithends ein vir oder tri die Eiſt hutterte, in Non äheider „ie ſi ſahn einen Freih, we tief iteten um ſolch eine * auch ʒ ſhn den Vortheil zu ziehen iſt eute genug, die doch e 1. z ber di Vun kannte ja ſeine d es nützte ihn ſe deutend, ſich hier am See ja Jahr her, ſeit er a war immer die icht hält ſie ſich ſte Menſchen ſind der große Kahn. ord und befohl, et doch zu, duß Handkarten voll chſten Spitzen ein⸗ Pan ſieß oh. er fühlte ſich in cb ſie nichts von Er erfuht, daß it langen Haaren 63 aus dem Waſſer hatte auftauchen ſehen, ſcheinlich ein Frauenzimmer geweſen. Baum richtete ſich plötzlich auf und ſchaute wirr über den blitzenden Spiegel des Sees hin. „Wenn der Herr warten will,“ ſagte der ältere Schiffer zu Baum,„nach drei Tagen ſpeit der See die Leiche aus.“ Baum wollte nichts mehr hören; er taſtete nur nach dem Papier in ſeiner Taſche mit der blutbefleckten Pflanze, ſtreckte ſich noch gemächlicher auf dem Heu und ſchlief ein; er erwachte erſt wieder, als der große Kahn ans Land ſtieß. Es war eigentlich nicht mehr nöthig, Walpurga aufzuſuchen; dennoch ging er, er wollte zeigen, daß er alle Mittel und Wege verſucht. Er kam nach der Gſtadelhütte und klopfte an die Thür; Niemand ant— wortete. Er ſchaute durch das Fenſter; zwei große Katzen⸗ augen ſtarrten ihn an, die Katze ſaß auf dem Sims, ſie allein war da verblieben; die Stube war wie ausgeraubt, nirgends ein Tiſch, ein Stuhl. Als wenn er verzaubert wäre oder träume, ging er wieder durch den Garten zurück. Die Elſter auf dem ſich entblätternden Kirſchbaum ſchnatterte, kein Menſch war zu ſchauen. Endlich ging ein Mann vorüber, Baum erkannte ihn, es war der Schneider Schneck. „He Mann,“ rief er,„wo iſt der Hanſei und die Walpurga?“. „Die ſind über die Berge, ſind ausgewandert und haben einen großen Hof gekauft, man heißt ihn den Freihof, weit drin an der Landesgrenze.“ es ſei wahr⸗ Der Schneider Schneck war ſehr geſprächig und wollte wiſſen, ob der Herr noch etwas bringe vom König und von der Königin. Aber Baum war wort⸗ karg; er ſtieg zu Pferde und ritt davon, geradeswegs nach der Sommerburg. Es war ein langer mühſamer Ritt; er griff oft nach dem Hut und den Schuhen der Gräfin, um ſich zu überzeugen, daß er dieſe Kleinodien noch bei ſich habe. Inmitten aller Erſchütterung und Eile hatte er noch Faſſung und Ruhe genug, ſich auszudenken, wie er mit dieſem Ereigniß ein Schwungbrett betreten habe, auf dem er ſich höher ſchwingen werde. Er war fortan der Vertraute des Königs, er allein konnte ſagen, was und wie Alles geſchehen iſt. Er betrachtete ſeine Hand, die der König ihm dankend drücken wird, ja er meinte, der König habe ihm ſchon die Hand gedrückt. Es kann ihm nicht fehlen, der Oberkämmerer iſt alters⸗ ſchwach, er tritt in deſſen Stelle. Freilich wäv's am beſten, wenn er ſagen könnte, Irma ſei gewaltſam er⸗ mordet worden— der Landjäger hat wie ein Spür⸗ hund da eine Fährte gefunden— aber nein, das geht B nicht, er iſt doch dein Bruder— wenn's ihm auch beſſer wäre, daß man ihn hinter Schloß und Riegel füttert, bis er ſtirbt. Nein, ſo hart will Baum nicht ſein. Er faßte den guten Vorſatz, wenn er Ober⸗ kämmerer geworden, dann will er Gutes thun, ja, an ſeiner Mutter und ſeinem Bruder, die Schweſter iſt todt und das iſt doch traurig; ganz gewiß will er es thun, wenn er noch weiter kommt und ihm der König ein gß zilt 8 zu dazl Und nnhnul de s dur In de un nhn 65 wa Eunnerſchl wt, und Rden ſtan i ſch hat 6wßel ſl wurder ite kaum uiter. er gin ehniee w „Kann Uhrünme hun S uf Rprächig und as bringe von wum war wort⸗ W, Rradeswegs t; er griff ſt Gräfin, un ſich odien noch bei Eile hatte er uszudenken, wie ngbrett betreten werde. Er war lein konnte ſagen, betrachtete ſeine ücken wird, ja et ie Hand gedrück. nerer it alters reilich wärs an ſei gewaltſan er⸗ t wie ein Spüt⸗ er nein, das geht venrs ihn auch chloß und Riegel will Vaum nicht wenn er Ober⸗ 5 thun, ja, an ie Schweſter i ſt . wil er 6 id ihm der König n m N 65 ein groß Stück Geld und eine ſchöne Lebensrente giebt. Baum war ſo keck, Gott zu ſagen, er müſſe ihm dazu— er wolle ja Gutes thun. Und wie er ſo durch die Nacht dahinritt und manchmal einnickte— denn es war die zweite Nacht, die er in ſolcher Unruhe zubrachte— ſchwirrte ihm Alles durcheinander. An der letzten Station ließ er ſein Pferd zurück und nahm Extrapoſt. Es war früh am Tage, als Baum vor dem Sommerſchloß ankam. Nur mühſelig wurde er er⸗ weckt, und es dauerte lange bis er ſicher auf dem Boden ſtand und ſich beſann, wo er war und was er bei ſich hatte. Große Hofwagen wurden angeſpannt, aus dem Reit⸗ ſtall wurden die ſchönſten Reitpferde vorgeführt. Baum hörte kaum den Willkomm ſeiner Kameraden und der Bereiter. Er ging hinein ins Schloß, die Treppe hinauf; die Kniee wollten ihm brechen, ſo abgemattet war er. Er trat in das Vorzimmer des Königs. Der alte Oberkämmerer ſchnupfte ſchnell die Priſe, die er zwiſchen den Fingern hielt, und reichte Baum die Hand. Baum ſank auf einen Stuhl und ſprach ſeinen Wunſch aus, ſofort bei Seiner Majeſtät gemeldet zu werden. „Kann noch nicht, muß warten,“ antwortete der Oberkämmerer. Baum hielt ſich nur gewaltſam wach und auf dem 2 Stuhl aufrecht. Auerbach, Auf der Höhe. 1ll. 5 66 Zweites Capitel. Der König war ſchon in der Frühe in ſeinem Cabinet. Er verweichlichte ſich nie, und in Ueberwin⸗ dung von Strapazen übertraf ihn keiner am Hofe. Jahraus jahrein begab er ſich des Morgens in ein kaltes Bad und kam dann neu belebt zur Arbeit und zur Geſellſchaft. Eine bequeme Kleidung kannte er nicht, vom Bad aus ließ er ſich ſtets ſofort vollgerüſtet kleiden. Heute trat er im Jagdcoſtüm in ſein Cabinet, es war noch Mehreres zu erledigen. Dieſes Arbeitskabinet befand ſich im Mittelbau, im ſogenannten Kurfürſtenthurm. Es war ein großes hohes und dabei doch behagliches Gemach. Ringsum die Hand⸗ bibliothek, militäriſche Karten und beſondere Lieblings⸗ ſtücke der Plaſtik, theils Antiken, die er als Prinz ſich auf ſeinen Reiſen erworben, theils ſchöne Nachbildungen. Ein Briefbeſchwerer beſtand aus einer Pyramide zu⸗ ſammen gelötheter Flintenkugeln vom Leipziger Schlacht⸗ felde. Die eichenen Möbel waren im Styl der Re⸗ naiſſance. In der Mitte ſtand der große Schreibtiſch, darauf Alles Nöthige wohlgeordnet; ein einziges Aqua⸗ rellbild, die Königin als Braut darſtellend, befand ſich zur Rechten des Stuhls. ½ Der König trat ein, er drückte auf eine Klingel, die auf dem Schreibtiſche ſtand, der geheime Cabinets⸗ rath betrat das Gemach. Er reichte nacheinander mehrere Papiere hin, der König durchflog ſie und unterzeichnete mit raſcher Hand. Pißſn ſh Nr vortre iten des W „0 5 6r hö hehen und iun En vie bon 2 Detimme (olerie?“ Majſt ſhfen.“ der Kö ſih gegeben öhon l gm ufe zwin igu uf den Th nd aus d Und De ſuhſthft wede. „ih hin ih„es bin.“ Ar Dhe Sijiterte an Hin ſuke rühe in ſeinen ind in Ueberwin⸗ keiner an Hofe. Morgens in ein zut Mbeit und ig kannte er nicht ofort vollgeriſtet ſein Cabinet, es m Nittelbau, in ein großes hohes ingsum die Hund⸗ ſondere Liebling⸗ er als Prinz ſich ne Nachbildungen. net Pyramide zu⸗ Leipziger Schlacht⸗ in Sthl der Re⸗ große Schreibtiſc, ein einziges Agu⸗ urſtellend, befnd auf eine Klingel geheine Cabinet⸗ Papiere hin, der nit rſcher Hard 67 Der vortragende Rath erſtattete Bericht über Angelegen⸗ heiten des Hausminiſteriums. Der König ging dabei im Cabinet auf und ab. Plötzlich rief er: „Was iſt das?“ Er hörte im anſtoßenden Gemach ein Rücken und Heben und ſcharrende Menſchenſchritte, wie wenn man einen Sarg trägt. Er drückte auf die Klingel, und wie vom Druck berührt ging die Thür auf und der Oberkämmerer erſchien. „Was iſt das für ein unleidlicher Lärm in der Gallerie?“ „Majeſtät haben befohlen, das große Bild wegzu⸗ ſchaffen.“ Der König erinnerte ſich, er hatte geſtern den Be⸗ fehl gegeben. Schon lange an das Bild gewöhnt, war es ihm geſtern auf einmal zuwider geworden; es ſtellte in lebens⸗ großen Figuren die Scene dar, wie König Belſazar auf dem Thron ſitzt, um ihn her die Hofleute, eine Hand aus den ⸗Wolken ſchreibt das Mene tekel an die Wand. Der König hatte befohlen, daß das Bild ſortgeſchafft und der öffentlichen Gallerie übergeben werde. „Ich bin ungeſchickt bedient,“ ſagte der König un⸗ villig;„es war Zeit, das zu thun, wenn ich zur Jagd bin.“* Der Oberkämmerer, der ſtramm dageſtanden hatte, erzitterte am ganzen Leibe, als er das hörte, ſeine bände ſanken ſchlaff nieder, ſein Kopf beugte ſich. Mühſam ſchleppte er ſich zur entgegengeſetzten Thür . 68 hinaus. Sofort trat Stille ein; das Bild wurde lautlos auf den Boden geſtellt, die Diener entfernten ſich. Der Oberkämmerer ging von der andern Seite in das Vorgemach, ſetzte ſich in ſeinen Lehnſtuhl, nahm eine Priſe, vergaß aber, ſie zu ſchnupfen; erſt als Baum eintrat, ſchnupfte er ſie. un ſaß er ſtill Baum gegenüber; er ſchüttelte mehrmals mit dem Kopf und betrachtete ſeinen großen Lehnſtuhl. Ja, da ſitzt bald der dort und du biſt ab⸗ gedankt. Der geheime Cabinetsrath ging durch das Vorge⸗ mach; der alte Oberkämmerer vergaß, ihm ſchnell den Hut zu bringen. Baum that es an ſeiner Statt. Baum war wieder friſch, jetzt war keine Zeit müde zu ſein; der große Trumpf muß ausgeſpielt werden. Die Klingel aus dem Cabinet ertönte wieder.„Iſt noch Jemand im Vorzimmer?“ fragte der König den Oberkämmerer. „Ja, Majeſtät, der Lakai Baum.“ „Soll eintreten.“ Baum war ſich jetzt ſeiner ganzen hohen Stellung bewußt. Der König hat nicht geſagt, daß er dem dienſt⸗ thuenden Kammerherrn berichten ſoll, er hat gerufen: „Soll eintreten“— unmittelbar will er mit ihm ver⸗ handeln, jetzt iſt die hohe Vertrauensſtellung gewonnen. Die alte feierlich unterwürfige Art Baums hatte heute noch eine beſondere Weihe. „Haben Sie einen Auftrag?“ fragte der König. „Nein Majeſtät.“ „Was bringen Sie da?“ Föi mun Lie he hiten 3 ic und ud zuß „Und hnd nch Berge ſt Miiſt t dn hön tiin habe it mtitte „Enffo Buml die Serund Goonken a „ie gn h— Sijfer hal ſha, non s— Dr ſö — und die Sthlehre, Bum s Pild wurde et entfernten ſih andern Seite in Lhnſtuhl, nahm wuyfen; erſt als er; er ſchüttelte tete ſeinen großen und du biſt ch⸗ urch das Vorge⸗ „ihn ſchnel den ner Statt. Baun eit mide zu ſein; werden. önte wieder.„Iſt gte der König den n en hohen Stellung doß er den dienſt⸗ l, er hat gerufen: il er mit ihn ver⸗ ſtellung gewonnen. Art Vauns hatte agte der König. 69 „Majeſtät,“ erwiderte Baum und legte das in ein Tuch Gebundene auf den Stuhl, löſte die Knoten und fuhr fort:„Majeſtät— dieſen Hut der Gräfin von Wildenort habe ich im See, dieſe Schuhe am ufer zwiſchen den Weiden gefunden.“ Die Hand des Königs ſtreckte ſich nach den mitge⸗ brachten Zeichen aus, aber er zog die Hand wieder zurück und legte ſie aufs Herz. Er ſah Baum ſtarr und groß an. „Und was ſoll das?“ fragte er und fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, die Haare ſchlichtend, die ihm zu Berge ſtanden. „Majeſtät,“ fuhr Baum fort, er ſelbſt zitterte, da er den König ſo ergriffen ſah,„Majeſtät, die gnädige Gräfin haben dieſe Kleidungsſtücke getragen, als ſie mit mir ausritten und entflohen—“ „Entflohen? Und—“ Baum legte die eine Hand auf ſeine Uhr; er konnte die Secunden nicht ſehen, aber er konnte ſie doch in Gedanken abzählen, und leiſe ſagte er: „Die gnädige Gräfin haben ſich in der vergangenen Nacht— nein, in der vorletzten, im See ertränkt. Schiffer haben eine Frauenleiche auf⸗ und untertauchen ſehen, morgen, als am dritten Tag, ſpeit ſie der See aus—“ Der König winkte mit der Hand— es iſt genug — und die winkende Hand zitterte; er griff nach der Stuhllehne, und ſein Blick ſtarrte auf Hut und Schuhe. Baum ſchlug die Augen nieder, er ſpürte, wie der König nun den Blick auf ihn heftete, er ſchaute nicht 70 auf; er betrachtete den Boden, der hebt ſich jetzt und hebt den Lakai hinauf an den Thron, neben den König, als ſeinen Vertrauten. Beſcheiden neigte Baum den Kopf tiefer; er hört, wie der König das Zimmer auf und ab ſchreitet, er ſchaut nicht auf; im niedergeſchla— genen Blick liegt das Zeichen vollen Gehorſams und unbedingter Ergebenheit. Jetzt ſteht der König vor ihm ſtill. „Woher weißt Du, daß ein Selbſtmord?“. „Ich weiß es nicht. Wenn Eure Majeſtät befehlen, daß die Gräfin ertränkt worden—“ „Ich? Wie?“ „Majeſtät, bitte unterthänigſt— darf ich Alles erzählen?“ „Du ſollſt—“ Der König nannte ihn Du— das geſchieht nur den Vertrauteſten. Mit geſammelter Kraft ſagte nun Baum: „Majeſtät, die Schuhe habe ich ſelbſt gefunden, aber den Hut habe ich von einem Menſchen, dem Alles zuzutrauen iſt... der Landjäger meint... und es wäre vielleicht für den Menſchen gut... man könnte ihn nach einem Jahr begnadigen und nach Amerika ſchicken... ein Bruder von ihm... ſoll t„ „Du ſprichſt wirr!“ Baum gewann ſeine Kraft wieder. „Ein Wilddieb kann ſie ermordet haben. Das Schlimme iſt nur, daß ſie einen Brief an Ihre Maje⸗ ſtät die Königin geſchickt—“ „An die Königin? Wo iſt er? Gieb her!“ Du ſ Amn . 60 Lben un c widih ſind?“ i „Der Un „Do ganmer Nujſtit luhe und oon ihr.“ Ein h ſih dr 2 und Pia mn Im ihn die Eie h ſtin, ſr A qn / tt ſih jett un ben den nRönig, igte 2 Baum der a Zinner auß imn idergeſchn⸗ ehurſns und der Knig 9 vor mord?“ ajeſtüt beſehlen darf ich Ales eſchieht nut den agte nun Baum ſelbſt gefunden, chen, den Ales nt und es man könnte nch Amerik haben. Dos an Ihre Majt⸗ 71 „Ich habe ihn nicht. Die Kammerjungfer hat ihn mir entriſſen.“ Der König ſetzte ſich. Man hörte lange nichts, als das ſchnelle Ticken der Uhr, die auf dem Schreibtiſche ſtand. Jetzt richtet ſich der König auf, geht im Gemach auf und ab; er wendet ſich um und geht auf Baum zu. So ſchreitet das Weltgericht, das Gericht über Leben und Tod. Baum greift ſich in das Halstuch, es wird ihm zu eng, da— da geht das Schwert durch. „Weißt Du, was in dem Brief an die Königin ſtand?“ „Nein, Majeſtät.“ „Der Brief war verſiegelt?“ „Ja, Majeſtät.“ „Und ſonſt haſt Du nichts?“ „Doch, Majeſtät, hier dies. Das hab' ich der Kammerjungfer faſt gewaltſam entriſſen. Und hier, Majeſtät, noch Eins: bei den Schuhen war eine Blut⸗ lache und hier auf dieſem Pflänzchen ſind Blutstropfen von ihr.“ Ein herzzerreißender Schrei des Schmerzes entrang ſich der Bruſt des Königs. Dann ging er mit Schrift und Pflanze in ein Nebengemach. Baum ſtand ſtill und wartete. Im Nebengemach las der König und bald gingen ihm die Augen über. Sie hat mich ſehr geliebt, und ſie war groß und ſchön, ſprach er vor ſich hin mit bebender blaſſer Lippe. Der ganze Liebreiz ihrer Erſcheinung, ihrer Stimme, 72 ihres Ganges trat noch einmal vor ſeine Seele; und das Alles war nun todt? Der König betrachtete ſeine Hand, die ſie ſo gern, ſo innig geküßt. Er nahm wieder das Blatt u e las die Worte„Dem Freunde“ noch einmal, und er wußte nicht, wie es geſchehen— als er wieder zu ſich kam, lag er am Stuhl auf den Knien. Was ſoll nun werden? Er erinnerte ſich, daß im Cabinet der Lakai warte. Tief erniedrigt erſchien ſich der König; er muß dieſen Menſchen zum Vertrauten haben. Waren aber nicht ſchon lange Menſchen aller Art die Vertrauten ſeiner Sünde? Sie wußten davon und ſchwiegen nur. Tau⸗ ſend Augen ſchauten ihn an und tauſend Lippen ſpra⸗ chen— und Alle geben Kunde von dem Entſetzlichen. Verwirrt ſchaute der König um, er konnte ſich kaum aufrichten. Und von all den Tauſenden, die ihre Hand auf ihn legten, ihre Augen auf ihn richteten, wie laſtet die Hand und der Blick der Einen auf ihm und ihr Mund, was ſpricht er? Wie ſollte er ſich nun der Königin nahen? Wüßte ſie ſeine tief innerſte Zerknirſchung— ſie würde ihm weinend um den Hals fallen, denn ſie iſt himmliſch gut. Sie iſt himmliſch gut und was haſt du ihr an Er wollte der Königin die letzten Worte der Freun⸗ din ſchicken; er wollte darunter ſchreiben, reuevoll ſein ganzes Denken und Fühlen in ihre Hand legen.. Es iſt beſſer, nicht im erſten Augenblick zu handeln, tröſtete er ſich endlich, und als er ſich aufgerichtet, im ihn 1 u u ihr ſih ſi Dur ſön ſüt nhrd ſnk wr ſi Sin I ut der Fre M Andere wljehen u mn; i zien— u Uort der „A ko ſurhen, der ih ie nich ſu ud mit ſch ine ne lnd da Mh— ni bhne dich— ih jit vo tüfi Duel ih ur ein vüde. Dr hi ſigen Chbi nict inm tcle; und das e ſie ſo gern, Blatt auf, er mal, und er wieder zu ſic t Lakai warte et muß dieſen en aber nicht trauten ſeiner en mr. Ta⸗ d Lippen ſpre nEntſetllichen. nte ſich kaum die ihre Hand ten, wie laſtet ihn und ihr nahen? Wüßte ſie würde ihn eiſt himmliſch haſt du ihr rte der Freun⸗ reucvoll ſein d legen. ick zu tundin h anfgerichtt, 73 kam ihm wieder das Bewußtſein ſeiner Kraft. Man muß das Schwerſte thun, auch die Reue vollziehen, ohne ſich ſeiner Würde zu entkleiden. Der König ſtand vor dem großen Spiegel, er hatte nicht mehr daran gedacht, daß er im Jagdkleid, er er⸗ ſchrak vor ſich wie vor einem fremden Menſchen. Sein Antlitz war blaß, ſeine Augen geröthet. Er hat der Freundin nachgeweint, und jetzt iſt's genug. Was Anderen erſt in Monaten und Jahren gegeben iſt, vollziehen und vollenden große Naturen in wenigen Minuten; ihre Lebensjahre werden zu ungemeſſenen Zeiten— und wie durch die Luft daher trug ſich das Wort„der Kuß der Ewigkeit“ und die Erinnerung an den Tag dort im Atelier, dort auf dem Ball und dann. „Du konnteſt das höchſte Leben leben und dann ſterben, den Tod heranzwingen— ich kann es nicht, ich lebe nicht für mich allein!“ rief er der Freundin zu, und mitten in ſeiner Trauer war es ihm, als öffne ſich eine neue Lebensquelle in ſeiner Bruſt. Und das haſt du bewirkt— dachte er der Todten nach— mit allem Beſten lebſt du ewig in mir fort; ohne dich— ich würde es vor Gott bekennen, wenn ich jetzt vor ihn hinträte— ohne dich hätte ich die tiefſte Quelle meines Daſeins nicht entdeckt. Wüßte ich nur eine That, die ein Denkmal deines Lebens würde.. Der König erinnerte ſich wieder, daß ein Lakai in ſeinem Cabinet wartet. Es war ihm peinlich, daß ihm nicht einmal eine Stunde gegeben iſt, um ſtill ſein Empfinden abzuklären, und wie im Fluge ſtreifte ihn zum Erſtenmal der Gedanke: Wer über Viele zu be⸗ fehlen hat, daß ſie ihm dienen, der iſt auch Vielen verpflichtet; ſie leben fort, ihr eigenes Leben, jenſeits der Stunde und der That ihres Dienſtes. Etwas aus den hinterlaſſenen Worten Irmas umſchwebte noch wie ein Nebelduft ſeine Seele. Er kehrte in das Cabinet zurück. Hier ſtand Baum noch ſo ſtill und ruhig auf demſelben Fleck wie Tiſch und Stuhl. „Wann biſt Du abgereiſt?“ fragte der König. Baum erzählte ausführlich. „Du wirſt müde ſein,“ ſchloß der König. „Ja, Majeſtät.“ „So ruhe Dich nun aus, und was Du noch zu erzählen haſt, erzählſt Du nur mir, verſtanden?“ „Sehr wohl, Majeſtät, ich danke unterthänigſt.“ Der König hatte einen Ring mit einem großen Smaragd vom Finger gezogen, ließ ihn in der Sonne ſpielen und blitzen und wendete ihn hin und her. Baum glaubte, der König wird ihm jetzt dieſen Ring als Gnadenzeichen geben. Aber der König ſteckte den Ring wieder an und fragte: „Biſt Du verheirathet?“ „Ich war's, Majeſtät.“ „Haſt Du Kinder?“ „Einen einzigen Sohn, Majeſtät.“ „Gut. Halte Dich bereit, ich werde Dir bald weitere Befehle zukommen laſſen.“ Baum ging hinaus. Im Vorzimmer rief er dem Oetäm m gin wo mon ſiig ha ſniie 9 üſe ſ i gi Nr h hut und hl ds Ei ſrhn in d Udoh n Shlhe— jihen in Di Fe M Ehubf Uuf de ſindet ſich ſin Vic tf Err iſt w hiſth, daß vit gen ge ſtrite ihn Viele zu be⸗ ſt auch Pielen Lben, jenſeitz — Lorten Irmas p e Seele. iet ſtand Baun Flt wie Tiſh ſe der König, König. Du noch zu erſtanden?“ unterthänigſt.“ ſt einen großen in der Sonne hin und her. ſett diſen Jing Rönig ſeckte den ner ritj er den Oberkämmerer von fern gnädig zu:„Bleib' nur ſitzen!“ und ging ſchnell davon. Niemand braucht zu ſehen, was man ihm an den Augen ableſen kann— der König hat ihn„Du“ genannt, hat ihn nach ſeiner Familie gefragt; er iſt der Vertraute des Königs, das Höchſte ſteht ihm bevor. Er ging nach ſeiner Wohnung im Seitenflügel des Schloſſes. Der König war allein. Nichts war bei ihm, als Hut und Schuhe Irmas. Lange ſtarrte er darauf. Das wäre ein Gedicht— dem Geliebten Schuhe und Hut des Liebchens bringen— das wäre ein Lied, zu ſingen in der Dämmerung... So ſprach es in ihm und doch wirbelte ihm der Kopf. Er nahm Hut und Schuhe— ſeine Hand zitterte— er verſchloß die Todes⸗ zeichen im Schreibtiſch. Die Feder auf dem Hut wurde geknickt, als er das Schubfach zudrückte. Auf dem Schreibtiſch brannte ein Licht. Der König zündete ſich eine Cigarre an, ſein Auge zuckte, als ſein Blick das hier ſtehende Aquarellbild der Königin traf. Er rauchte haſtig. Erſt nach geraumer Zeit klingelte der König und befahl, daß der Oberhofmarſchall gerufen und Niemand weiter gemeldet werde. Drittes Capitel. Als der Oberhofmarſchall eintrat, hatte ſich der König geſammelt und war in der Verfahrungsweiſe, die er innehalten wollte, vollkommen ſicher. „Haben Sie bereits das entſetzliche Ereigniß gehört?“ „Wol, Majeſtät; die Kammerjungfer der Gräfin iſt angekommen; ihre Herrin iſt im See ertrunken.“ „Und?“ fragte der König, da der Oberhofmarſchall eine Pauſe machte. „Und es wird hinzugeſetzt, daß die Gräfin ſeit dem Tode ihres Vaters Niemand mehr geſehen und ge⸗ ſprochen. An Ihre Majeſtät die Königin hat ſie jedoch einige Worte hinterlaſſen, mit dem ausdrücklichen Be⸗ fehl, daß der Leibarzt ſie überbringe.“ „Und das iſt geſchehen, ohne mir vorher Mitthei⸗ lung zu machen?“ Der Oberhofmarſchall zuckte die Achſeln. „Gut, ich weiß—“ fuhr der König fort.„Iſt Alles zur Jagd bereit?“ „Zu Befehl, Majeſtät. Das Jagdgefolge wartet ſeit einer Stunde.“ „Ich komme,“ ſagte der König.„Schicken Sie den Hofarzt Sixtus nach dem See. Er ſoll den Lakaien Baum mitnehmen, der in der Sache orientirt iſt Geben Sie ihm auch einen Juſtiziar mit; er ſoll dafür ſorgen, daß die Leiche, wenn ſie aufgefunden wird, würdig beſtattet werde. Ich weiß, daß Sie das Alles ſorgfältig anordnen und ſelbſtändig.“ Der König betonte dies letzte Wort beſonders. Es u Mes geheiligun An 0 At hi mi Jech en Vn ſi eache lnb begehr viht“ D ſö ſub nh Kevehl g Dos gr ſühig, er wn die dnn Pag herſt ſnir“ Nit ehr Nn Page olge kün ſic hwmne ſitgt die a ſicher id nit ſ ſe mß hatte ſich der ſuhrungsteſſ, het. tigiß gehört⸗ ſer der Gräfin eertrunken.“ bechofnarſchel Grüfin ſeit den ſehen und ge⸗ nhat ſie jedoch Sdrücklichen Be⸗ vorher Mitthei⸗ hſeln. nig ſort.„Iſt dgefolge wartet Schicen Sie den oll den Lakaien e vrientitt iſ, et ſol dafit ſgefunden wird, Sie dos Mes heſonders. Es 6 hat Alles discret zu geſchehen, ohne ſeine beſondere Betheiligung einzuflechten. Der Oberhofmarſchall verbeugte ſich. Der König zog die Brauen ein, wie um ſich auf etwas zu beſinnen, das er vergeſſen hatte. „Noch Eins,“ ſagte er haſtig,„begeben Sie ſich zu dem Bruder der armen Gräfin und theilen Sie ihm die Sache in ſchonender Weiſe mit, und wenn er Ur⸗ laub begehrt, ſo iſt er ihm auf unbeſtimmte Zeit ge⸗ währt.“ Der König ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinab; er hatte der Königin ſchon am geſtrigen Abend Lebewohl geſagt, ſie ſollte in der Herbſtfrühe Ruhe halten. Das große Jagdgefolge im Schloßhof begrüßte den König, er dankte freundlich. Wie auf Commando wurden die Decken von den Pferden an den verſchie⸗ denen Wagen mit Einem Ruck abgezogen. „Oberſt Bronnen,“ rief der König,„ſetzen Sie ſich zu mir.“ Mit ehrerbietigem Dankesneigen ging Bronnen nach dem Wagen des Königs. Sämmtliche Cavaliere des Jagdgefolges ſchauten verwundert auf Bronnen, und begaben ſich nach den bereitgehaltenen Wagen. Bronnen hatte ſich ehrerbietig verneigt— er em⸗ pfängt die höchſte Tagesehre— aber in ihm krampfte ſich das Herz zuſammen. Ahnt der König, daß er ſich als Rächer empfindet an der Stelle des alten Eberhard, und mit ſich kämpft, ob er dieſes Rache⸗Erbe anneh⸗ Er erſchrak, als er unwillkürlich ſeinen men muß? ———— 78 ſi Ihnen Hirſchfänger an der Seite berührte. Soll es eine Tra⸗ Ud jet,! gödie im Hofwagen geben, wie die Geſchichte noch keine kennt? Hat Irma vor dem König geprunkt mit ſeiner zurückgewieſenen Werbung, und erhält er nun ein Mit⸗ w uch, inn Me leids⸗Almoſen? ſil ſeht. Der Zug fuhr hinaus ins Freie. Lange ſaß der„er König lautlos. Endlich ſagte er: lin U „Sie waren ihr auch ein treuer Freund, und ſie vifun hat Sie geſchätzt und hochgeachtet wie Wenige, ja wie k ibet ſonſt Niemand, und hat immer gewünſcht, daß wir De S einander näher ſtänden.“ ſine Recht Bronnen athmete tief auf. Er hatte nicht Veran⸗ Shul laſſung, etwas zu erwidern. Der König reichte ihm„n die Cigarrentaſche hin. nit dyin „Ach, Sie rauchen ja nicht,“ unterbrach er ſich. ich Ge r Es trat wieder eine lange Pauſe ein, bis der nn fir König fragte:„Ven „Seit wann kannten Sie die Gräfin Irma?“ hrechen n „Schon ſeit ihrer Kindheit. Sie war die Freundin ſaturgeni meiner Couſine Emmy, die mit ihr im Kloſter war.“ iber int „Es iſt mir ein Troſt, mit Ihnen von der Freun⸗ ſprich nit din zu ſprechen. Sie erkannten ihr Weſen, das ſo„ groß, ja faſt überlebensgroß war. Laſſen Sie mich uen ihre Freundſchaft erben.“„t w „Majeſtät“— erwiderte Bronnen mit erzwungener it Ruhe, in ihm kochte der Ingrimm über den, der eine in⸗ ſo hohe Erſcheinung verwüſtet und in die Vernichtung Aam getrieben, aber die ſoldatiſche Ordnung beherrſchte hn. ch „Ach, liebſter Bronnen,“ fuhr der König fort,„mich hing hat noch nie ein Tod ſo erſchüttert, wie dieſer. Hat cher ſch ſ es eine Tr ihte noch kene nt nit ſeiner ſun ein Mit⸗ Lunge ſuß der eund, und ſe Venige, ja wie nſht, daß wir te nicht Peran⸗ nig reicht ihn bruch et ſich. ein, bis der n Irma?“ ar die Freundin nKloſter war.“ von det Freun⸗ Weſen, das ſo aſſen Sie nich nit etzwungener t den, der ein die Vemichtung beherrſchte ihn nig fort,„nich ie dieſer. Hit 79 ſie Ihnen je vom Tod geſprochen? Sie haßte ihn. Und jetzt, wenn ich hinausſchaue— da iſt Alles wie⸗ der wach, Alles noch lebendig. einen Augenblick ſtill ſtehen, ſtill ſteht. Was ſind wir?“ „Jeder nur ein Theil der Welt, ein beſchränkter, kleiner. Alles um uns her hat ſeine gemeſſene Ent— wicklungs⸗ und Rechtsſphäre, wir ſind über nichts Herr, als über uns ſelbſt und wie ſelten auch nur dies.“ Der König ſah Bronnen betroffen an. Jedes hat ſeine Rechtsſphäre... Was ſoll das? Schnell gefaßt erwiderte der König: Die ganze Welt müßte wenn ein großes Herz „Ganz ſo hätte ſie auch ſprechen können. Ich kann mir denken, daß Sie Beide ſehr ſympathiſirten. Wenn ich Sie recht verſtehe, halten Sie demnach den Selbſt⸗ mord für vas höchſte Verbrechen?“ „Wenn man die höchſte Widernatur höchſtes Ver⸗ brechen nennen will— allerdings. Jedes Weſen ſucht naturgemäß ſein Daſein zu bewahren. Ich hatte dar⸗ über im vergangenen Winter ein unvergeßliches Ge⸗ ſpräch mit dem alten Grafen Eberhard.“ „Ach ja, Sie kannten ihn ja. War er in der That ein ſo bedeutender Mann?“ „Er war ein Mann von der großartigſten Einſei— tigkeit. Vielleicht muß die Größe immer einſeitig ſein.“ „Wann ſprachen Sie Gräfin Irma zum letztenmal?“ „Nach dem Tode ihres Vaters, als ſie ſich in un⸗ Nacht begeben hatte. Ich ſprach ſie, aber ſah ſie nicht und ſie gab mir die Hand. Ich 3 80 glaube, ich bin der letzte Menſch, dem ſie die Hand gereicht.“ „So laſſen Sie mich dieſe Hand faſſen,“ rief der König. Er hielt lange die Hand Bronnens, der nun wie⸗ der aufnahm: „Majeſtät, Bekenntniß gegen Bekenntniß: Ich liebte Irma.“ Nach dieſen kurz und ſtraff ausgeſprochenen Wor— ten hielt er ein. Der König zog die Hand raſch zurück. „Ich ſehe,“ fuhr Bronnen ſich mit Macht ſammelnd, fort,„ich erkenne dankbar das hohe Herz der Gräfin — ſie hat nichts von meiner Werbung erzählt. Sie hat ehrlich meine Liebe abgelehnt, weil ſie dieſelbe nicht erwidern konnte.“ „Sie? Mein lieber Bronnen...“ rief der König in ſchmerzlich bewegtem Tone, und ſchnell zog durch ſeine Seele das Bild des beglückten Lebens, das Irma an der Seite dieſes Mannes hätte finden können. „Armer Freund,“ wiederholte er mit innigem Aus⸗ drucke. „Ja Majeſtät, ich habe ein Recht, mit Ihnen zu trauern, und es iſt, als hätte ihr gewaltiger, weithin wirkender Geiſt noch das gethan, daß Sie, Majeſtät, mich jetzt an Ihre Seite riefen.“ „Ich ahnte das nicht. Hätte ich es, ich würde Ihnen nimmermehr dieſen Schmerz auferlegt haben.“ „Und ich danke Ihnen, Majeſtät, daß ich der Ge⸗ noſſe Ihres Schmerzes ſein darf; und weil ich Genoſſe idaß der inig bil, lun ich en Inde derer d Pahrh Umn mh i ni uuch Lrmen ſhel Nihelungen ſtct, do no ju nn ju e ſtin ihn da in er di Brenun u ſ ont ſich ut. Reut ſnd beldigt ſecſelt und ſei hont viell 6 fi ſchen Rißge ſhiig ſch is Shpeigen der bitte gn— Er h gn Lärn, einen he ſtehn. bi nur de ſie die Hand der n wie⸗ tniß: h liebte rochenen Por⸗ die Hand raſch Racht ſammelnd, Ntz der Gräfin etzählt. Sie ſi dieſelbe nich rief det König hnell zog durch ens, das Irna fönnen. innigem A⸗ mit Ihnen zu altiget, weithin Sie, Majeſtät, es, ich würde erlegt haben“ daß ich der Ge weil ich Genoſt 81 bin, kann ich vielleicht Ihnen Troſt geben, ſo weit. ein Anderer das thun kann. Da Majeſtät in unver⸗ hüllter Wahrhaftigkeit vor mir ſtehen, mußte ich auch in Allem wahr ſein.“ Der König ſprach lange nicht. So klar und rein auch Bronnen ſein innerſtes Herz vor ihm aufgeſchloſſen — die ſchnell folgende nächſte Empfindung, die deſſen Vittheilungen im König weckten, war eine tiefe Eifer⸗ ſucht, daß noch ein anderer gewagt hatte, ſein Auge zu Irma zu erheben, ja völlig um ſie zu werben; ſie ſchien ihm dadurch nicht mehr ſein Eigen allein, da ein Anderer die Hand nach ihr ausgeſtreckt hatte. Bronnen wartete auf eine Erwiderung des Königs. Er konnte ſich nicht erklären, was dieſes Schweigen bedeute. Reute es den König, daß er ſo offen war, und beleidigt es ihn gar, daß ein Anderer ſich ihm gleichſtellt und ihm mit Offenheit erwidert? Das fürſt⸗ liche Bewußtſein ſchädigt doch das rein menſchliche, und es kommt vielleicht nie dahin, daß ein Fürſt ſich nur als Menſch fühlt. Auch in der Seele Bronnens regte ſich ein Mißgefühl, das umſomehr anwuchs, je länger der König ſchwieg und zur Seite blickte. Er ertrug dies Schweigen nicht länger und durchbrach die Schranke der Etikette; die darf es jetzt und hier nicht mehr geben.— Er ſagte: „Ich glaube, daß wenig Männer ſo groß geſinnt vären, einen Triumph, der ihnen geworden, in ſich zu derhergen. Er war darauf gefaßt, als er dieſe Worte ſprach, daß der König, der wol merken mußte, wie dies auch Auerbach, Auf der Höhe. 111. 6 82 nach anderer Seite hin zielte, ſich plötzlich umwenden, ein vernichtendes Wort auf ihn ſchleudern wird. Er faßte ſich in Trotz. Derjenige, dem er ſein ganzes Innerſtes in die Hand gegeben, darf nicht thun, als ob nichts geſchehen; er muß Rede ſtehen. Der König ſchwieg noch immer. Bronnen ſetzte mit zitternder Lippe hinzu:„Sind Sie nicht auch der Meinung, Majeſtät?“ Der König wendete ſich um. „Sie ſind mein Freund. Ich danke Ihnen und danke ihr. Sie ſollen, wenn wir in Wolfswinkel an⸗ gekommen, das höchſte Zeugniß meines Vertrauens empfangen.“ „Ich glaube Eurer Majeſtät noch eine Mittheilung machen zu müſſen.“ „Sprechen Sie.“ „Ich meine dem Zuſammenhang der letzten Ereig⸗ niſſe auf der Spur zu ſein. Bei den Abgeordneten⸗ wahlen, die in den letzten Tagen vollzogen wurden, hatten Freunde im Gebirge auch an mich gedacht. Sie wußten, daß ich meinem conſtitutionellen König mit aufrichtiger Seele ergeben bin.“ Ein flüchtiges Zucken ging über das Antlitz des Königs, und Bronnen fuhr in gelaſſener Rede fort: „Ich habe indeß den Wählern erklärt, daß ich nie eine Wahl annehme, die mich auf die Seite der Oppo⸗ ſition drängen würde, und da müßte ich nun doch gegenwärtig ſtehen. Noch am letzten Tage wurde daher Graf Eberhard in den Wurf gebracht, und er nahm die Candidatur wider alles Erwarten an. Nun haben die Frun ſtniht, d wingen jl Moieſtät, e häliß de dung fi Dr hi hatte, und „Fuhr „Gruf zun Leiche nitgtheil Erſtennal habe, un nachgeforſ ſchitterten. von einen den, und Nnuls Bri Swnne ſunden— öchſen Ehr „Dos k ſein“— n „ bit Vedat ge weine qu daß ich das 6 pr ihn — ch unwenden, in wird. Et t ſein ganzes cht thun, als hinzu„Sind te Ihnen und Lolfswinkel an⸗ es Vertrauens ine Mittheilung er letten reig⸗ Vbgeordneten⸗ lzogen wurden, ch gedacht. Sie llen König mit das Mtlit des er Rede fort: rt, daß ich nie Seite der Oppr⸗ e ich mun doh ge wurde dahe und er nahn m. Mun habm 83 die Freunde des jetzigen Miniſteriums es nicht ver⸗ ſchmäht, den Vater der Gräfin Irma dadurch ver⸗ drängen zu wollen, daß ſie— ich ſpreche von Thatſachen, Majeſtät, es ſind nicht blos Meinungen— das Ver⸗ hältniß der Tochter zu Eurer Majeſtät zur Ehrenent— kleidung für den Vater machten.“ Der König warf die Cigarre weg, die er im Munde hatte, und ſagte haſtig: „Fahren Sie fort, erzählen Sie weiter!“ „Graf Eberhard wurde dennoch gewählt. Als ich zum Leichenbegängniß auf Wildenort war, wurde mir mitgetheilt, daß er bei der Wahlverſammlung zum Erſtenmal von der Stellung ſeiner Tochter erfahren habe, und auf dem Heimweg— ich habe der Sache machgeforſcht— hat er Briefe bekommen, die ihn er⸗ ſchütterten. Ja noch mehr. Hier Majeſtät, dieſes Stück don einem zerriſſenen Brief habe ich am Wege gefun⸗ den, und der Wegknecht erzählte mir, daß der Graf damals Briefe zerriſſen habe.“ Bronnen reichte das Papier hin, worauf die Worte ſtanden—„Deine Tochter in Unehre genießt der höchſten Ehren—“ „Das kann die Schrift des heiligen Hippokrates ſein“— murmelte der König vor ſich hin. „Ich bitte, Majeſtät, wenn Sie den geringſten Verdacht gegen den Leibarzt hegen, ſo ſetze ich für ihn neine ganze Ehre ein, und der Verlauf wird zeigen, daß ich das mit Recht thue.“ „Erzählen Sie weiter,“ ſagte der König ungeduldig; es war ihm unlieb, daß Bronnen ſo in ihn hinein⸗ forſchte, das halb Gemurmelte verſtanden hatte, und wenn er es verſtanden, nicht— wie ſeine Pflicht war — überhörte; er darf nur hören, was man ihm aus⸗ drücklich ſagte. „Auf jener Heimkehr aus der Wahlverſammlung,“ fuhr Bronnen ruhiger fort,„war es nun, wo Graf Eberhard vom Schlag getroffen, der Sprache beraubt wurde. In der letzten Minute ſeines Lebens war Nie⸗ mand bei ihm, als Gräfin Irma; man hörte von ihr einen gräßlichen Schrei, und als man hineinkam, lag ſie am Boden und Graf Eberhard war todt. Wer weiß, was da geſchehen iſt. Daß aber in dieſer letzten Minute etwas vorgegangen, das ſie zu dem gräßlichen Entſchluſſe gebracht, iſt mir unzweifelhaft.“ „Und was ſoll dieſe Combination?“ fragte der König. Bronnen ſah ihn ſtaunend an. „Majeſtät, ſie ſoll weiter nichts, als uns dieſe Wirrniß klären.“ Nach dieſen Worten trat wieder Stille ein und dieſe Stille gab den letzten Worten Bronnens eine beſon⸗ dere Bedeutung. „Ja,“ begann der König wieder,„Alles klären, das hilft. Das war auch ihre Art, ſo naiv und klar zu⸗ gleich, bewußt und naturmächtig. Gut. Es ſoll ſein. Bronnen, was ſoll ich es zurückhalten? Ihnen darf ich Alles ſagen. Ich liebte die Gräfin, und jetzt, es quält mich, daß ich's denke, und darum laſſen Sie mich's ſagen: ich bin ihr jetzt faſt gram. Sie hat mir durch dieſen Selbſtmord ein Schweres auferlegt für nein gan Peſchwer nie nich ih bite ſicht gere 3 lnn Ge Vron ürig, ſo Pes wir hat, die „Spt „Co zu Mann gung der erfen, d ſolch ein bet, was Thet S Beſen ber opfette.— wendige, Ihrr eige vird, bis ſo hoch er Sthie n ſhun entiß d hatte, und Pſicht war an ihn als⸗ rſanmlung“ un, wo Graf rache beraubt ens war Nie⸗ hörte von ihr ineinkam, lag t todt. Wer n dieſer lezten em gräßlichen t. fragte der als uns dieſe e ein und dieſe n eine beſon⸗ lles klären, da iv und klar zu⸗ Es ſol ſen 17 Ihnen dur „und jett, 6 tun lſſen Si n. Sie hat mit auferlegt fü kenntniß der Sünde die Sünde überwunden, dann mein ganzes Leben. Ich werde all meine Tage dieſe Beſchwerniß nicht ablegen können. Sie mußte wiſſen, wie mich das belaſtet. Sagen Sie mir, unumwunden, ich bitte Sie darum, ſagen Sie mir: iſt dies Gefühl nicht gerechtfertigt?“ „Ich ſpreche nicht zum König, ich ſpreche zum Manne klaren Geiſtes und warmen Herzens Bronnen machte eine Pauſe; es durchzuckte den König, ſo ſich der angebornen Würde entkleidet zu ſehen. Was wird der ſtrenge Mann ſagen, dem er befohlen hat, die Würde außer Acht zu laſſen. „Sprechen Sie!“ ermuthigte der König dennoch. „So will ich offen ſagen,“ begann Bronnen,„Mann zu Mann, Menſch zu Menſch. Es iſt eine tiefe Re⸗ gung der Wahrhaftigkeit in Ihnen, daß Sie ſich vor⸗ werfen, der Freundin gram zu ſein, weil ſie Ihnen ſolch ein trauriges ewiges Erbe hinterlaſſen. Das abet, was Sie quält, iſt das Geſpenſt Ihrer eigenen That. Sie haben die Rechtsſphäre dieſes zu allem Beſten berechtigten Weſens durchbrochen und verletzt, ſei es auch, daß das eigene im ſchönen Wahnſinn aufflammende Weſen, wie ich glaube, mit Freuden ſich opferte.— Damals begann das, was jetzt nur noth⸗ wendige, naturgemäße Folge iſt. Es iſt das Geſpenſt Ihrer eigenen That, das Sie ruhelos macht und machen wird, bis Sie die Wahrheit erkennen. Jedem Menſchen, ſo hoch er auch geſtellt ſei, ſtehen andere in ihrer Sphäre Vollberechtigte gegenüber und bilden eine Rechts⸗ ſchranke. Haben Sie das erkannt und in klarer Er⸗ werden Sie frei— was auch geſchehen ſei. Der Aber⸗ glaube hat die Formel:„Alle guten Geiſter loben den Herrn,“ mit der man jegliches Geſpenſt bannt; für uns iſt der gute Geiſt die klare Erkenntniß, die wir in uns anrufen, oder vielmehr deren Anruf in uns wir zu Worte kommen laſſen.“ Lange fuhr man ſtill dahin. Das Angeſicht Bron⸗ nens glühte, der König hüllte ſich tiefer in ſeinen Mantel, ihn fröſtelte, er hielt die Augen geſchloſſen. Endlich richtete er ſich auf und ſagte: „Ich danke ihr. Sie hat mir einen Freund, einen wahren Menſchen gegeben. Sie bleiben mir.“ Die Stimme des Königs war heiſer. Er hüllte ſich wieder tief in den Mantel, legte ſich in die Ecke und ſchloß die Augen. Kein Wort wurde mehr ge⸗ ſprochen, bis man auf dem Jagdſchloſſe ankam. Der König ſagte dem Gefolge, daß er ſich nicht wohl fühle und auf dem Jagdſchloſſe bleiben werde. Alle zogen in den Wald, der König blieb mit Bronnen allein. Viertes Capitel. Die Königin ſaß nach dem Frühſtück mit ihren Hofdamen im Muſikſaal. Es hatte ſich heute der erſte Herbſtnebel über die Landſchaft gelegt. Es wird ein ſchöner, friſcher Tag. Die Königin hatte mehrere Zeitungen vor ſich. Sie ſchob ſie mit den Worten weg: „Entſetzlich, was ſich die Preſſe erlaubt! Da ſteht in denſ ſei one ſeinet un lut? ſie ihren ligt in ie doh ſie nur erführt. Die Die ruunet „A Lie ſie entfer „Si uhr die. nir an pur gute Der 9 riderte: „Naje nicht lſen i. Det Mher⸗ tet loben den t bunnt; für niß, die wir lnrif in us ngeſicht Pron⸗ fer in ſeinen Nn geſchloſen. Freund, einen mir.“ et. Er hülle ch in die Ee ude mehr ge e ankam. Der nicht wohl fühle de. Ale zogen onnen allein. ſtück nit ihte ſnebel über di t, friſchet L nvor ſich Ei laubt! Du ſch in dem ſonſt anſtändigen Blatt, der Graf von Wildenort ſei an einer tiefen Herzkränkung unter dem Beiſtand ſeiner unverheiratheten Tochter geſtorben. Iſt das er⸗ laubt? Iſt das erhört?— Ach, lieber Hofrath,“ rief ſie ihrem Kabinetsſekretär zu,„auf meinem Pulte oben liegt ein geſiegelter Brief an die Gräfin Irma. Schicken Sie doch ſofort einen Boten damit an ſie ab. Wenn ſie nur nichts von dieſem ſchamloſen Zeitungsweſen erfährt. Ich hoffe.“ Die Hofdamen ſtickten emſiger und ſchauten nicht auf. Die Oberhofmeiſterin wurde abgerufen; nach ge⸗ raumer Zeit kam ſie mit dem Leibarzt zurück. „Ach, willkommen!“ rief die Königin. Die Oberhofmeiſterin gab den Damen einen Wink; ſie entfernten ſich. „Schön, daß Sie noch zu rechter Zeit kommen,“ fuhr die Königin fort,„es geht ſo eben ein Brief von mir an Gräfin Irma; Sie ſollten ihr auch noch ein paar gute Worte ſchreiben.“ Der Leibarzt richtete ſich gewaltſam auf und er⸗ widerte: „Majeſtät, Gräfin Irma wird Ihren Troſtbrief nicht leſen können.“ „Warum nicht?“ „Die Gräfin iſt... ſchwer krank.“ „Schwer krank? Sie ſagen das ſo— Doch nicht gefährlich?“ „Leider.“ „Doctor! Ihre Stimme Gräfin iſt doch nicht...“ .. Was iſt denn? Die „Todt“— ſagte der Leibarzt und bedeckte ſich das Antlitz. Eine Weile war's in dem großen Saal ſo ſtill, als ob kein Menſch darin athme, bis die Königin ausrief: „Todt? Durch den Schmerz über den Tod des Vaters?“ Der Leibarzt nickte. Zur Seite der Königin ſtand der Blumentiſch, den Irma gemalt. Die Königin ſchaute lange darauf und Alles um ſich her vergeſſend, rief ſie in herzerſchüttern⸗ dem Ton, immer den Blick auf den Tiſch gewendet, darauf ihre Thränen niederſtrömten: „O, wie ſchön war ſie, wie ſüß ihr Athem, wie ſtrahlend ihr Auge, ihr Blick ſo gedankenerlöſend, ſo klangvoll ihr Wort, voll Lerchenjubel ihr Geſang und ihre Hand ſo weich— und all' dieſe Schöne, all' dieſe Güte und Liebe nun dahin? Ich möchte ſie ſehen, wie ſie todt iſt! Ja, ſchön muß ſie ſein, ein Abbild des Friedens. Und geſtorben in Kummer um den Vater, ſagt Ihr? Am Herzſchlag— ſagt ihr? Ein einzig mächtig Gefühl, ein großes, gewaltiges, zerbrach das glühend ſchöne Herz. O, meine Schweſter— ich liebte dich wie eine Schweſter— verzeih' mir, daß je ein Schatten... Nein, du weißt... O, meine Schweſter! Hier die Blumen auf dem Tiſch, von deiner Hand ge⸗ bannt— und du biſt verwelkt, verblüht und verweſeſt Und du warſt ſchön, ſchöner als alle Blumen. Ich ſehe den Blick deines Auges auf jeden Pinſelſtrich gerichtet. Ewige Blumen wollteſt du mir geben und dein Andenken iſt eine ewige Blume in meiner Seele.“ Fn iſh 3 „M an mei Als ve hatet ſ hatten ſ Gie holtun „Du ſtugte ſi „M allein i „Ge truert: Ir neiſerin dann fra „Ven ſcönſen u ihr u ſchines L. ich 36 eis ſ 6 „ſt „l, „Ach ener Sch Die ſunj que deckte ſich ds al ſo ſtill, uz wigin atief den Tod des lumentiſch, dn ige darauf und herzerſchitten Tiſch geender, hr Athen, wie kenerlöſend, ſo hr Geſang und chöne, all dieſt e ſie ſehen, wie ein Abbild des um den Vter, hr! Ein einzig 8, zerhrach das ſter— ich liebte ir, doß je ein meine Schweſter! deiner Hand ge bt und verweſeſt s alle Blumen. eden Pinſehſrit nir geben un meiner Seele“ ſprach aus dem Blicke, den die Oberhofmeiſterin dem 89 Ihre Thränen fielen auf den marmornen Blumen⸗ tiſch. Ihr Hündchen kam zu ihr heran und ſie ſagte: „Auch dich hat ſie mit Blumen umkränzt, damals, an meinem Geburtstage. Alles wollte ſie ſchmücken, Alles verſchönte ſie, darauf ihr Auge ruhte. Und du hatteſt ſie auch lieb, armer Zephyr. Menſch und Thier hatten ſie lieb! Und nun todt—“ Sie weinte lange ſtill. Die Thränen floßen unauf— haltſam von ihrem Antlitz. „Darf ich Trauer tragen um meine Freundin?“ fragte ſie aufſchauend die Oberhofmeiſterin. „Majeſtät, es iſt nicht thunlich, daß die Königin allein in Trauer geht.“ „Gewiß, wir ſind nicht allein, nie, nirgends. Alles trauert mit uns— Trauerlivree.“ Ihr Ton war bitter. Sie reichte der Oberhof⸗ meiſterin die Hand, wie um Entſchuldigung bittend, dann fragte ſie: „Wann wird ſie begraben? Wo? Ich möchte den ſchönſten Kranz auf ihr Grab legen. Ich will ſelbſt zu ihr und auf ihr blaſſes Antlitz weinen. Ein ſo ſchönes Leben und ſo plötzlich dahin! Iſt's denn mög⸗ lich? Ich muß zu ihr!“ Sie ſtarrte vor ſich hin und fragte: „Iſt der König zur Jagd?“ „Ja, Majeſtät.“ „Auch er wird weinen, auch er war ihr hold, wie einer Schweſter, ich weiß es.“ Die Königin hat viel Haltung, viel Reſerve— Leibarzt zuwarf— ich hätte ihr nicht zugetraut, daß in Iu ſie mit ſo viel Naturwahrheit uns wollte glauben machen, As dr ſie wiſſe und ahne nichts.. un ud „Ich reiſe zu ihr!“ fuhr plötzlich die Königin auf. Si flhr „Ich laſſe mir's nicht nehmen, ich will ſehen, ob ich Ji das nicht darf! Ich reiſe zu ihr, ich ſtehe an ihrem hittſ du Sarge, an ihrem Grabe!“ ie ſo Die Oberhofmeiſterin ſah ſtarr auf die Königin. hidn d Der Leibarzt trat näher und ſagte:„Und „Majeſtät, Sie können die Gräfin nicht ſehen. ind geki Der Schmerz um den Tod ihres Vaters hat ſinnver⸗ doh, wie wirrend auf ſie gewirkt—“ hebenſe, „Alſo nicht todt?“ gunge vi „Es iſt kein Zweifel, daß die Gräfin ſich im See hſt Vie ertränkt.“ ſo ehlhaft! Die Königin ſchaute entſetzt auf den Leibarzt, ſie in zirt wollte ſprechen und konnte nicht. Der Leibarzt fuhr Lin it fort: As it e „Sie iſt nicht ohne Abſchied von uns gegangen. Sie Eie ſi hat einen Brief an Eure Majeſtät hinterlaſſen, den eineu ich übergeben ſoll. Gewiß bringt der Brief eine Ver⸗ unſeje ſöhnung für die ſchreckenvolle Kunde. Noch in letzter eehe Stunde bewährts ſie ihren liebevollen Sinn—“ Im e Die Königin ſah ſtarrend auf Gunther, ſie wollte Lnni aufſtehen und konnte nicht, ſie winkte ſprachlos mehr⸗ eilngn mals mit der Hand heftig nach dem Brief. Gunther und nid überreichte ihn. Die Königin las und wurde leichenfahl, eine Er⸗ ſtarrung breitete ſich über ihr Antlitz, wie gelähmt ließ ſie die Hände ſinken, die Augen ſchloſſen ſich und D „, ekelhaft, alein ſi „Aſ traut, daß ben mahen, önigin mf. en, ob ich e an ihrem Königin. nicht ſehen. hat ſinnver⸗ n ſich in See Leibarzt, ſe Leibarzt fuht egangen. Eie terlaſſen, den rief eine Ver och in letzter inn—“ et, ſie wlle rachlos mehr⸗ ief. Gunthet fehl, in Er wie gelhnt loſſen ſch und 91 ein Zug des bittern Sterbens zog um ihren Mund. Aus der Erſtarrung fing ſie an wie im Froſt zu zit⸗ tern und endlich ſtieg glühende Röthe in ihr Geſicht. Sie fuhr auf und rief: „Nein! Nein! Und das hätteſt du gethan? Das hätteſt du gethan, Irma? Du...“ Sie ſank in den Stuhl zurück, bedeckte mit beiden Händen das Geſicht und rief: „Und ſie hat mein Kind geküßt und er hat ſein Kind geküßt! O, ſie küſſen das Reinſte und wiſſen doch, wie unrein ihre Lippen. Sie ſprechen das Er⸗ habenſte, und die Worte zerſchneiden ihnen nicht die Zunge wie ſcharfe Meſſer! O, wie ekelhaft! Wie ekel⸗ haft! Wie beſchmutzt iſt Alles! Wie bin ich mir ſelbſt ſo ekelhaft! Und er wagte es damals, mir zu ſagen: ein Fürſt thut keine Privathandlung, ſein Thun und Laſſen iſt beiſpielgebend? Pfui! Alles iſt beſchmutzt, Alles iſt ekelhaft! Alles!“ Sie ſchaute verwirrt um. So ſchön ſie war im Schmerz um die Schweſter, die geſtorben, ſo grauenhaft war ſie jetzt in der Raſerei um die Selbſtmörderin. Sie betrachtete ſtarren Auges Alles, was einſt auch Irma geſehen, und als ihr Blick wieder auf den Blumentiſch fiel, wendete ſie ſich zuckend ab, wie wenn Schlangen aus den Blumen hervorgeſprungen wären und wieder ſchrie ſie auf: „O, wie ekelhaft! O, wie beſchmutzt! Alles iſt ekelhaft! Ich bitte, laßt mich allein! Darf ich nicht allein ſein?“ „Laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben, Majeſtät,“ ſagte der Leibarzt, und faßte ihre Hand, die ſchlaff herabhing, wie die einer Todten. Die Oberhofmeiſterin zog ſich zurück. Lange ſprach die Königin kein Wort. Sie ſah ſtarr vor ſich hin, athmete nur ſchwer und zuckte zu⸗ ſammen. Plötzlich ward ſie von Fieberfroſt geſchüttelt, bewußtlos ſank ſie zurück. Der Leibarzt träufelte ihr eine Eſſenz auf Stirn und Pulſe, dann rief er die Kammerfrau, geleitete gemeinſchaftlich mit ihr die Königin in ihre Gemächer und befahl, ſie zu Bett zu bringen. „Ich werde den Tag nicht mehr ſchauen und keines Menſchen Antlitz! Und er— und er,“ rief ſie. Dann ſteckte ſie ſich ihr Spitzentuch in den Mund und zerbiß es. So lag ſie geraume Weile, und der Arzt ſaß ſtill an ihrem Bett. Endlich athmete ſie tief, ſchlug die Augen auf und ſagte: „Ich danke Ihnen, aber ich will ſchlafen!“ „Ja, ſchlafen Sie,“ ſagte der Leibarzt. Er wollte gehen. Die Königin rief: „Nur noch ein Wort! Weiß der König..„2 „Ja, Majeſtät!“ „Und er fuhr zur Jagd?“ „Er iſt König, Majeſtät.“ „Ich weiß, ich weiß— nur kein Aufſehen! Ja, ja!“ „Ich bitte, Majeſtät, denken Sie jetzt nicht, grü⸗ beln Sie jetzt über Nichts, ſuchen Sie zu ſchlafen.“ „Man kann ſich den ewigen Schlaf geben, aber nicht den zeitlichen,“ fuhr die Königin auf. ite wulſme inen eh wite beſe Nt L ſun ni In einm. Vinn tir eina in ghen hüt hir i Köig und jinget, nehmus lnter de en in hn wehtt Blaſen de lut ge egung d ſicht ſn warr o ſön au die ſchlf Sie ſah dzuckte ze⸗ geſchüttelt, auf Stirn au, geleitete e Gemächer en und keines ef ſie. Dann und ʒerbiß e. At ſaß ſill ſe Angen af 1 lofen! rzt. Er wolle 20 ezt nicht, M zu ſclafen“ of geben, be auf. 93 „Bitte, Majeſtät, bitte dringend, nicht dieſe ge⸗ waltſame Aufregung! Schlafen Sie!“ „Ich will, ich will! Gute Nacht. Geben Sie mir einen Schlaftrunk, einen Tropfen Vergeſſenheit. Gift wäre beſſer. Gute Nacht.“ Der Leibarzt zog ſich zurück, gab aber der Kammer⸗ frau Leoni einen Wink, daß er im Nebenzimmer verharre. Fünftes Capitel. Im Jogdſchloß des Hochgebirges war es ſtill und einſam. In großen Gemach, wo ringsum an den Wänden Hirſchgeweihe ragten und über der Eingangs⸗ thüre ein ausgeſtopfter Bärenkopf hereinſtarrte, brannte im großen Kamine ein helles Feuer. Es war ſchon kalt hier in den Bergen. Vor dem Kamin ſaß der König und ſtarrte in das lodernde Feuer. Wie das zungelt, wie das ſich in einander ſchlingt! Er ſtand mehrmals auf und ſetzte ſich wieder. Unter den Hirſchgeweihen waren Tafeln angebracht, die den Tag und den glücklichen Jäger bezeichneten. Eine lange Ahnenreihe hatte dieſe Siegeszeichen ge⸗ mehrt. Wenn plötzlich das Knallen der Büchſen, das Blaſen der Hörner, das Bellen der Hunde durcheinander laut geworden wäre, alle die Stimmen, die bei Er⸗ legung der Thiere erſchollen waren, der Lärm hätte nicht ſinnverwirrender ſein können, als jetzt ein Wirr⸗ warr von Gedanken um das Haupt ſchwirrte, das der König auf die Hand ſtützte. 94 Er ſtand auf, las bald da bald dort eine Inſchrift. Er konnte ſich gewaltiger Ahnen rühmen: ſie waren voll gedrungener Kraft und hätten beim Waidwerk und beim Becher ſolch ein Abenteuer vergeſſen und ver⸗ wunden, das dich jetzt ganz darniederwirft und dir deine Mannheit und Königswürde raubt. Sind wir ſchwächlicher, kleinlicher und zaghafter geworden? Der König ſetzte ſich wieder und ſtarrte in das Feuer. Er war voll Zorn gegen ſich, und doch konnte er ſeiner nicht Herr werden. Wir ſind die alten, einfach derben, kühn über das Geſchehene ſich hinwegſetzenden Männer nicht mehr. Warum geben uns die Ahnen nur den Stolz auf ihre Kraft und nicht auch dieſe einfache Kraft dazu? Was iſt geſchehen? Die Untreue iſt nicht mehr zu tilgen, ſo wenig die Todte ins Leben zurückzurufen iſt. Die Erinnerung an das ganze glückſelig berauſchte Leben erhob ſich, wie wenn es ſagen wollte: es darf nicht ſein, es kann nicht ſein. Darf ſie mit ihrem Leben ſo das meinige zerſtören? Und ſie hat es zerſtört. Es weicht ein Tod nicht aus meinem Leben. Ich trage eine Leiche, einen Mord im Gemüth. Er ſtreckte die Hände plötzlich nach dem Feuer, ſie waren kalt. Das Feuer brannte heiß und erwärmte ihm die Hände nicht, und das Herz fror ihm. Hat Bronnen Recht, da er in dem Gräßlichen nur eine Folgethat, meine That ſehen will? ht la ut ihn un ur iitſ ſnde. Ms e giün iſe Meld danals— di hörii Unt b jn Eiſen Ah, zuz ud ſhinnet! hord d do Bid nit ih wi und mct Dr f ihnet ve die dukle D dr it es e ds hind, du herſt rufen dich der ufen hſ e Inſchrif. ſie waren idwerk und und ver⸗ ſt und dir d zaghaftet rrte in dos doch konnte ihn über dos nicht mehr. tolz auf ihre dazu? ſo wenig die dlig berauſchte ollte: es darf ige zerſthrent od nicht aus nen Mord in en Fruer, ſi und erwärmte ihn. räßlichen ut 95 Er lachte plötzlich auf, denn durch die Gedanken zuckte ihm die Vorſtellung, welch ein Chaos von Blut und Mord die ganze Welt wäre, wenn jeder derartige Fehltritt ſolche Folgethat herbeiführte. Wie viel Tau⸗ ſeio Aus einem ſchönen Morgen, aus einer heiter be⸗ glückten Zeit zog ihm ein Wort durch den Sinn, wie eine Melodie, die ſich plötzlich in der Erinnerung ſingt; damals— es iſt kaum mehr als ein Jahr— hatte die Königin unter der Hänge⸗Eſche geſagt:„Wer ein Unrecht begeht, thut es allein für ſich und thut es zum Erſtenmal auf der Welt.“ Ach, warum empfinden wir das Höchſte ſo tief und ganz und unſere Handlungen ſind doch ſo halb und ſchlimmer noch? Vor dem in das Feuer ſtarrenden Blick verſank das Bild der Gattin, und die Freundin ſtieg auf, und mit ihr wühlte ſich die Phantaſie des Einſamen hinab und tauchte in den tiefen Grund des Sees. Der König ſtand raſch auf, öffnete das Fenſter, athmete voll die friſche Bergluft und ſchaute hinaus in die dunkle Nacht. Da draußen lebt die Welt, in ſich verhüllt, dort iſt das Schloß mit dem reichen Leben, dort die Gattin, das Kind, und weit umher ein reiches Land, darüber du herrſcheſt. Da ſind Millionen Leben, und Alle rufen dich an in ihrer Noth, und nun ſoll ein einziges dich hinabziehen? Der König wendete ſich um. Er wollte Bronnen rufen laſſen. 96 Es iſt nicht wohlgethan, ſich der Einſamkeit und der böſen Geſellſchaft von Dämonen hinzugeben. Dennoch blieb er wieder ſtehen. Aus der Nacht herauf ſtieg ein Dämon mit tauſend glänzenden klugen Augen; er hat ihn von Kindheit an geſehen, überall, und ſein Name iſt: Mißtrauen.— Wer weiß, ob dieſer Ehrenmann mit den großen Worten, den Klein⸗ muth und die weiche Stimmung, in der du unter dich ſelbſt herabgeſunken, nicht klug ausnützt, um ſeine Selbſtſucht zu ſättigen? Denn ſelbſtſüchtig ſind alle Menſchen, zumal vor einem König. Er will dich be⸗ herrſchen und durch dich das ganze Land. Wer weiß, ob es Wahrheit, daß er ſie geliebt, ihr ſeine Liebe bekannt? Sie hätte dir das nicht verhehlt, hätte dir's nicht verhehlen dürfen! Er hat ſich das Märchen ſchnell erfunden, um als Genoſſe zu erſcheinen. Aber ich kenne keinen Genoſſen, ich will keinen. Wenn ich nicht allein für mich Alles vollbringe, bin ich nicht König. Und bin ich nicht König, was bin ich dann? Nein, ſehr edelmüthiger und ſehr weiſer Ehrenmann— Es widerſprach etwas in ſeinem Herzen, während er die von je her gewohnte niedere Schätzung der Menſchen auch auf Bronnen ausdehnen wollte; aber er mochte nicht darauf hören. Er richtete ſich ſtraff auf in Kraft und Würde. Da traf ein Ton aus dem Bergwald ſein Ohr. Das iſt der Hirſch. Das iſt ſein erſter Ruf, klagend und wild. Der Jäger im König erwachte; er griff nach der Seite, als müſſe er die Waffe faſſen. Aber ſchneller als der Hirſch durch den Wald rennt, zog der Gedanke dahin und ein udere in ſiren n de Mun v di je Untu ni ſchng D zin beſh hunſt. lehn, ini i tnn, dr ſtiht. U Lnge in Fröſen der t den len 6 zung ih ſihtunn hen m. juung begliht innte der in ſinen inner u Liehen in lur, ſn dieſes Seh ert nee Auerbach ſankeit und geben. der Ncht enden lugen en, überal, r weiß, oh den Klein⸗ er du untet itzt, um ſeine tig ſind alle will dich be⸗ . Wer weiß, ſeine Vebe lt, hätte dirs Närchen ſchnell en. Aber ich . Vemn ich bin ich nicht bin ich dunn Fhrenmann— zen, während Schütung der ollte; aber er ſch ſtuf uf Lon aus den det Jiger in als niſſe r Hirſch duh abin und en 97 anderer kam herbei und machte das Antlitz des ver⸗ ſtörten Mannes lächeln. Der Hirſch da draußen ruft: die Natur kennt ſolche Untreue nicht, um derenwillen du dich jetzt abmarterſt. Das Naturgeſetz kennt die Untreue nicht, ſie iſt gewaltſame, willkürliche Menſchen⸗ ſatzung. Das Naturgeſetz kennt aber auch keinen König, kein Geſchöpf, das über Geſchöpfe gleicher Gattung herrſcht. Nicht die Natur allein leitet das Menſchen⸗ leben, in ihm waltet noch ein anderes Geſetz. Mit jedem Thier wird alle Norm ſeines Lebens neu ge⸗ boren, der Menſch aber iſt ein Erbe, hat eine Ge⸗ ſchichte. Und nun gar ein König... Lange ſtand der König ſtill. Er ſpürte aufs Neue ein Fröſteln; er ſchloß das Fenſter und ſetzte ſich wie⸗ der vor den Kamin, darin nur noch glühende Kohlen lagen. Es war ihm peinvoll, allein zu ſein, aber er zwang ſich dazu. Das Feuer im Kamin kämpfte unſicher mit ſich ſelbſt und manchmal zuckte ein ſcharfgezüngeltes Flämm⸗ chen auf. Der König hielt den ſilbernen Griff der Feuerzange noch in der Hand, als die Kohlen längſt verglüht waren. Zum Erſtenmal in ſeinem Leben er⸗ kannte der König klar eine unausfüllbare leere Stelle in ſeinem Weſen. Da iſt etwas, das immer hohl, ömmer ungeſättigt und unbefriedigt bleibt. Was iſt das? Jagen und Exerciren, Scherzen und Befehlen, Lieben und Herrſchen— immer iſt etwas in ihm ſo leer, ſo nichtig. Was iſt das? Dieſe ewige Unruhe, dieſes Sehnen nach etwas Anderem, das erſt kommen, erſt werden und voll befriedigen ſoll? Auerbach, Auf der Höhe. IIl. 7. 98 Er hatte eine glückliche Jugend verlebt; der freie Ton am Hofe des Vaters hatte ihn nicht berührt, er lebte in Idealen; er war auf Reiſen gegangen und plötzlich in der Ferne rief ihn die Nachricht vom Tod des Vaters heim und auf den Thron, als er kaum in die erſten Mannesjahre getreten war. Er hatte die Gattin gefunden; es war kein Werben, Alles iſt ihm gegeben, ein Thron, ein Land, eine Gattin. Andere dürfen ihr Herz prüfen, dürfen wählen.— Hold und ſchön iſt die Gattin; er liebte ſie und ſie liebte ihn unſäglich. Da trat Irma in ſeinen Kreis, und der Gatte, der Vater, der König wurde von brennender Liebe erfaßt. Und nun todt, ein jäher Selbſtmord. Wird es nun noch möglich ſein, daß du dich ein⸗ lebſt in das Gegebene, in das Geſetz? In das Geſetz! Du haſt es widerwillig getragen, wie eine Feſſel empfunden, aber iſt nicht Hingebung an das Geſetz die einzig unzerſtörbare, die höchſte Kraft? Ja, es giebt ein ewiges Geſetz. Es iſt das Geſetz, das dich der Gattin eint und deinem Volke. Hier allein iſt ewiges Leben. Wie eine Erlöſung, wie ein erſtes freies Aufathmen des Geneſenden erfaßte es den Einſamen; er konnte es noch nicht faſſen, und doch war's ihm, als müßte er laut ausrufen: Ich bin frei! Frei und Eins mit dem Geſetz! Er ſtand raſch auf. Er wollte Bronnen rufen laſſen. Aber er hielt an ſich. Du haſt allein gerungen, du mußt es ſelbſt in dir tragen. Er ſpürte es, als ob plötzlich jener leere Punkt, ſen unn noh u net, nw huli zu h d ih u ſih m ſehn ieh.( Uir ine hl ndlih ſſt pil du boſſtnt i ſch h ſin ſi ih ii in m i chen, i da ſcd, ſit— ter ſit au d ſiel, 3 weit jene unausfüllbare Oede, jene drängende Ruheloſigkeit iht, nach etwas Anderem, hinüber über jeden gegenwärtigen gen und Moment, ſich in ihm voll erfüllte. Er legte die Hand om Tod auf das laut pochende Herz. kun in Er klingelte und ließ Bronnen ſagen, er möge ſich hatte vie zur Ruhe begeben, ſchickte den Kammerlakaien fort, iſt ihn der ihn ſonſt immer entkleidete und begab ſich allein Andere zur Ruhe.— orld und Bronnen hatte von Minute zu Minute, von Stunde libte ih zu Stunde gewartet, daß der König ihn zu ſich rufen und der ließe. Er ſann hin und her. rennender Wäre es möglich, daß der Tod Irmas mehr als ſtmord. eine bloß vorübergehende Wirkung übte, und der König dich ein⸗ endlich ſich und das Geſetz des Lebens in Frieden faſſen lernte? Welch ein Zeugniß ſeines Vertrauens getragen, will der König ihm noch geben? Was mag das ſein? ingebung Als nun Stunde auf Stunde verging und keine ſe höchſte Botſchaft vom König kam, konnte Bronnen einer Bitter⸗ s iſt dos keit ſich nicht erwehren. Wer weiß, ob der König gar em Volke. noch ſeiner gedenkt? Er hat eine Weile ein Klage⸗Duett mit ihm geſprochen, nun iſt's vorbei, die Nummer iſt ufathmen abgeſpielt, wie auf einem Concert⸗Programm, es kommt er konnte eine neue. ls nißte Ein Wort, das der alte Eberhard zu ihm geſpro— Eins nit chen, ſtieg in der Seele Bronnens auf: Wenn ihr nicht da ſeid, nicht vor Augen ſteht— hatte der Alte ge⸗ en mfn ſagt— ſeid ihr für die höchſten Herrſchaften doch wei⸗ gerungen ter nichts als Bediente, die draußen im Vorſaal und auf der Treppe mit warmen Mänteln warten. Man e Put,% ſpielt, man tanzt, man lacht und ſcherzt; wer wird 100 daran denken, daß denen draußen die Kniee brechen und der Schlaf ſie übermannt? Aber da ſein müßt ihr, und ja nicht murren.. Etwas von dem tiefen Ingrimm Eberhards kam über Bronnen. Er iſt ein vergeſſener Diener im Vorſaal. Als nun ſpät in der Nacht der König durch den Kammerdiener ihm ſagen ließ, er möge ſich zur Ruhe begeben, nickte er; in ihm aber ſprach's: So hat er doch noch deiner gedacht. Ich danke. Freilich, eines Laſtergenoſſen ſchämen ſie ſich weit weniger... Sechstes Capitel. Die Berge waren noch in Morgennebel gehüllt, als der König den Oberſt Bronnen zu ſich entbieten ließ. Dieſer trat ein und ſtand in ehrerbietiger Haltung. Der König ging ihm entgegen und ſagte: „Guten Morgen, lieber Bronnen!“ ſeine Stimme war heiſer, er ſah bleich und übernächtig aus. Er nahm ein Blatt vom Tiſch und ſagte: „Hier das Zeugniß, das ich Ihnen verſprochen. Leſen Sie.“ Bronnen las und blickte dann verwundert auf den König. „Sie kennen die Handſchrift?“ fragte der König. „Die Handſchrift nicht, aber die großen Geiſtes⸗ züge, glaube ich—“ „Allerdings— es ſind die letzten Wort⸗, die die verlorne Freundin für mich zurückgelaſſen.“ hro Plott i t, nun nit u ung“ n 0 de m her ne 6 0 ( W ſihe d uint iſg. in f̃ inde a würdi die P 0 ſri 1 „ „Si wollen brechen in nißt rds kan Vorſul. urch den ur Ruhe 0 hat er h, eines üllt, als ten ließ. Haltung. Stimme aus. Er rſprochen. t auf den König. Geiſtes⸗ , die die 101 Bronnen legte mit einer gewiſſen Feierlichkeit das Blatt wieder auf den Tiſch vor den König. Er wagte nicht, ein Wort zu ſagen. „Setzen Sie ſich, ich ſehe Ihnen die Erſchütte⸗ rung an.“ „Gewiß, Majeſtät— und über Alles hinüber ſpricht mir aus dieſen Worten eine Beſtätigung meiner Ah⸗ nung.“ „Ihrer Ahnung?“ „In mir iſt eine Ahnung, die mir ſagt: Gräfin Irma iſt nicht todt.“ „Nicht todt? Und warum?“ „Ich weiß das nicht zu ſagen, aber die Zeichen, die man im See und am Ufer gefunden, beſtätigen eher meine Ahnung— dieſe Zeichen ſind zu combinirt.“ „Sie haben die Freundin geliebt, ich glaube es—“ ſagte der König.„Aber Sie haben ſie doch nicht voll erkannt. Einer Täuſchung war Gräfin Irma nicht fähig. Und habe ich Ihnen nicht erzählt, daß Schiffer eine Frauenleiche im See ſchwimmen ſahen!“ „Wer weiß, was die Schiffer geſehen! Noch iſt nichts gefunden.“ „Worauf ſtützen Sie aber Ihre Ahnung?“ „Ich kann mir's als eine dieſes großen Weibes würdige That denken, daß ſie ſich in ein Kloſter, in die Verborgenheit zurückgezogen, um Eure Majeſtät frei und in der Freiheit treu zu machen.“ „Frei und treu,“ wiederholte der König halblaut. „Sie ſprechen da Worte aus, die ſich nicht vereinbaren wollen und ſich doch einen müſſen. Bronnen, Sie 102 wollen mir einen neuen Lebensweg zeigen und mir die Li Leiche aus dem Weg räumen; ich ſoll unbeſchwert da⸗ n hingehen. Aber ich bin ſtark genug, die volle Wahr⸗ vitd heit zu erkennen und jede beſchwichtigende Täuſchung w abzulehnen.“ nn ſul „Majeſtät, was ich ſprach, ſprach ich in voller, rück⸗ Shmne ſichtsloſer Wahrhaftigkeit.“ Giſ m Der König nickte und Bronnen fuhr fort: öfin. „Wie es aber auch ſei, dieſe Zeilen ſind der Aus⸗ hhenn hauch einer großen Seele und um dieſe Gedanken ver⸗ wle wirklicht zu wiſſen, iſt es wohl werth, zu ſterben. Jetzt, bun Majeſtät, muß ſich die Schwere von Ihrer Seele heben. nit d Polh⸗ Die Freundin hat Ihnen nicht eine Laſt auferlegt mit ihrem Tode oder mit ihrem Verſchwinden, ſie hat Sie ſiſm befreit und iſt dahingegangen für das Vaterland und hil die Verwirklichung der höchſten Geſetze.“ Dut „Frei und treu,“ wiederholte der König nochmals unnn leiſe.„Ich möchte von heute an meinen Wappenſpruch t, 1 ändern und dieſe Worte darauf ſetzen. Aber ich will di9 zeigen— Ihnen allein bekenne ich's— ich will zei⸗ gut gen, daß ſie in mir ſind. Ja, mein Freund, ich habe imne in dieſer Nacht wie oft dieſe Worte geleſen. Geſtern hebe. im erſten Anruf faßte ich ſie nicht; jetzt verſtehe ich ime ſie. So lange wir Beide noch leben, wollen wir dieſen Tag feiern, ſtill für uns. Sie haben geſtern ein Wort geſagt, das mich erſchreckte, ja verletzte.“ ſhe „Majeſtät!“ „Beruhigen Sie ſich. Sie ſehen, wir ſind Freunde.„M Ich verſpreche Ihnen, keine Verſtimmung mehr über ſchaf Nacht dauern zu laſſen.“ ein d nir di hwert d⸗ le Wahr äuſchung ller, rüc 6 der Als⸗ mken ver⸗ en. Jetzt, ele heben. erlegt mit e hat Sie land und nochmals wenſpruch r ich will will zei⸗ „ich habe EGeſtern erſtehe ich wir dieſen ein Vort d Freunde neht iber 103 „Welches Wort?“ „Conſtitutioneller König hieß es. Und als ich heute Nacht dieſe Zeilen wieder und wieder las, ſprang mir das Wort immer zwiſchen den Zeilen umher. Kann man ſouverain ſein und von einem Geſetz gebunden? Sehen Sie, Bronnen, wenn ich jetzt vor den ewigen Geiſt treten müßte, ich könnte nicht mehr meine Seele öffnen. Dies Ihr Wort und die Anrufung der Freundin haben mich geweckt. Kann ich ein Souverain ſein, ein voller ganzer Menſch und König, und dabei doch ge⸗ bunden? Und jetzt verſtand ich's. Sie ſagt:„Sei Eins mit dem Geſetz, Eins mit Deiner Gattin und Deinem Volke.“ Iſt in der Ehe noch freie Liebe? Im Ver⸗ faſſungsſtaat noch ein freier König? Hier liegt's. Ich habe überwunden. Die Treue iſt die ſelbſterweckte Liebe. Was eine Thatſache des unbewußten Gefühls und Na⸗ turdranges war, das über alle Verſtimmung feſtzuhal⸗ ten, neu zu beleben, ſich Eins damit fühlen— ich habe das Leben, die Krone, die Gattin, Alles bekommen, geerbt— heute in der Nacht habe ich's errungen. Sie können nicht ahnen, mit welchen Geiſtern ich gekämpft habe. Ich habe geſiegt.„Frei und treu“ iſt mein innerer Wahlſpruch.“ Bronnen eilte erſchüttert auf den König zu. Ich habe nie in meinem Leben vor einem Men⸗ ſchen gekniet,“ rief er,„jetzt möchte ich—“ „Nein, nicht ſo, mein Freund!“ rief der König. „An mein Herz! Wir wollen, uns aneinander haltend, ſchaffen und wirken. Es ſoll nicht ſein, daß es bloß ein Märchenideal iſt, wie ein König frei wirkt und 104 Freundſchaft hegt— ich will es bewähren. Ich ſtand geſtern vor Ihnen wie ein Beichtender. Es thut mir wohl, das letzte zu ſagen. Kein Menſch— das habe ich erkennen gelernt— iſt würdig zu wirken für das Höchſte und Reinſte, deſſen Hand und Herz nicht rein iſt. Es giebt keine Größe, die nicht auf wahrer Sitt⸗ lichkeit ſteht. Ich ſpreche damit das Urtheil über meine Vergangenheit. Ich ſchäme mich nicht, was ich mir ſagte, hier laut zu bekennen. Und jetzt wollen wir als Männer überlegen, was zu thun.“ Ein Strahl des reinſten Glückes verklärte das An⸗ geſicht Bronnens und endlich ſagte er: „Es ſteht ein Geiſt zwiſchen uns, ein verklärter—“ „Ihr Andenken ſoll in Ehren ſtehen.“ „Ich meine nicht ſie,“ ſagte Bronnen.„Als ich den Grafen Eberhard ſprach, ſagte er: Die Ehre ver⸗ pflichtet zur Sittlichkeit, der Ruhm noch mehr, die Macht am höchſten.“ Der König und Bronnen beſprachen noch vielerlei mit einander. Vor dem Freunde konnte der König ſeine Umkehr feſt und einfach bezeigen, vor der Welt, vor dem Hof und dem Land mußte dieſe allmälig und ſtill übergeleitet werden. Ein König darf nicht öffent⸗ lich bereuen. Bronnen war im Stillen ernannter Miniſterpräſident. Man blieb noch auf dem Jogdſchloß. Man ging zur Jagd. Es ſollte ſich erſt Vieles am Hofe beruhi⸗ gen, ehe man dahin zurückkehrte. hre „ nch hofn Drn ſein Hn und 2 0 ſch n nit ind dn an ſtn ſtie he knig bon Ih ſund thut mir das habe tfür das nicht rein hrer Sitt ber meine s ich nir en wir al e das An⸗ lärter—“ „Aks ich Ehre ver⸗ mehr, die h vielerlei der König der Vel, mälig und icht öffent⸗ erpräſident. Man ging ofe heruhi⸗ 105 Siebentes Capitel. „Und Seine Majeſtät der König läßt Ihnen mit innigem Beileid ſagen, wenn Sie zur Ordnung der Familienangelegenheiten, zu Nachforſchungen und Er⸗ mittlungen am See oder zu einer weiteren Reiſe für Ihre Zerſtreuung Urlaub wünſchen, ſoll dieſer Ihnen nachgeſchickt werden auf unbeſtimmte Zeit.“ Das waren die letzten Worte, mit denen der Ober⸗ hofmarſchall in der Reſidenz dem Flügeladjutanten Bruno Graf von Wildenort die Nachricht vom Tod ſeiner Schweſter mitgetheilt hatte. Er drückte ihm die Hand, küßte ihn rechts und links auf die Wangen und verließ ihn. Draußen fächelte ſich der Oberhofmarſchall mit dem Taſchentuche Kühlung zu. Er hatte ſich bei der ſchwe⸗ ren Aufgabe, die ihm geworden, doch echauffirt, aber das muß er ſagen: Bruno hat die entſetzliche Kunde mit ſehr viel Haltung aufgenommen. Bruno hatte, ſo lange der Oberhofmarſchall da war, in der Ecke des Sophas geſeſſen und das Angeſicht mit dem Taſchentuch verhüllend, Alles geduldig und ruhig angehört, als wäre es eine Kunde von einem fernen, fremden, ihn gar nicht berührenden Ereigniß. Jetzt war Bruno allein. Er ſaß lange ſtumm und ſpielte, ohne es zu wiſſen, mit einem duftigen Brief⸗ chen, das er vorher erhalten. 5 Plötzlich raſte er auf, faßte einen Stuhl und zer⸗ knickte ihn— das Krachen that ihm wohl; dann, wie von einem Dämon gefaßt, warf er ſich auf den Boden 106 und raſte und zuckte und ſchlug mit Händen und Füßen u 6 um ſich und ſchrie entſetzlich. lit Der Diener kam herein und fand ſeinen Herrn am eſl Boden; er richtete ihn auf.—1 „Ich bin krank,“ rief er,„ich bin krank! Nein, U ich bin nicht krank, ich will nicht! Geh ſofort zum Kammerherrn v. Roß oder zum Intendanten v. Schö⸗ in de ning, es ſoll einer der Herren ſogleich zu mir kommen. 6 Wenn meine Frau nach mir fragt, ſo ſage, ich ſei aus⸗ i gegangen mit dem Hofmarſchall.“ ijn Der Diener ging und Bruno ſtand am Fenſter und ſi ſchaute hinaus ins Tageslicht; der Nebel verzog ſich ig und hell glänzte der Park. Der Gärtner ſtellte welke ud Blumenſtöcke meg und erſetzte ſie durch blühende; das ncl mausfarbene Windſpiel, der Liebling Arabellas, ſaß nit auf dem Kiesweg, kratzte ſich mit der Hinterpfote den ih ſchlanken Kopf, ſchaute nach ſeinem Herrn auf und zum dt Zeichen ſeiner Freude ſprang es luſtig um das Rondell. d Bruno ſah das Alles und dachte doch ganz Anderes. zjt „Ha ha,“ lachte er,„ich habe nie geglaubt, daß lid dieſe Welt etwas anderes ſei, als ein Poſſenſpiel, eitel In Poſſenſpiel. Ein Narr iſt, wer ſich eine Stunde ver⸗ eti grämt. Ich will nicht. Nun bin ich ganz frei,“ rief ml er, ſich erhebend,„ganz frei! Jetzt iſt Niemand mehr ſ auf der Welt, auf den ich Rückſicht zu nehmen habe. die Welt, ich bin frei, allein! Nun gieb her, was du noch haſt von Genüſſen, ſiebzig Jahre lang— du kannſt mir kein Leid anthun! Ich trete Alles unter die Füße!“ du Er horchte hinaus— es kam Niemand. Z Bruno hatte immer in Geſellſchaft gelebt, aber nie dFißen errn an ein, fort zun v. Schi⸗ kommen. ſei aus⸗ nſtet und erzog ſich llte welke nde; das las, ſaß pfote den und zum Rondell. Anderes. ubt, doß iel, eitel unde ver⸗ rei,“ rief and mehr nen habe. s du noch du kannſt Fn⸗ „het nie in Geſellſchaft ſeiner Gedanken. Jetzt, in der Einſam⸗ keit und Trauer, kamen ſie zu ihm— verwahrloſte Geſellen mit gierigem Blick und luſtigem Augenzwinkern — und riefen: Laß Alles! Komm mit! Luſtig ſein! Was hilft dein Grämen? Du wirſt vor der Zeit alt! Er ſtand vor dem Spiegel und ſie riefen: Sieh' in den Spiegel, welch entſetzliche Mienen du haſt! Er konnte die Geſellen nicht abhalten, ſie ſpielten luſtige Tänze auf, ſie klimperten mit dem Gold und riefen va banque! Sie klirrten mit den Gläſern und zeigten ihm verführeriſche Geſtalten, er hörte unzüch⸗ tiges Lachen; ſie waren überall in der ganzen Stube, und faßten ihn und wollten mit ihm herumtanzen— er aber ſtand und ballte die Fäuſte und konnte nicht mit und ſie riefen wieder: Wir kennen dich, du ſchämſt dich nur, biſt ein blöder Knabe, fragſt, was die Welt denkt. Du haſt keinen Muth! Friſch auf! Laß ſie ſpötteln und ſei luſtig! Haſt du dir einen Tag vergrämt, es giebt dir ihn Niemand zurück. Pfui über den Mit⸗ leidsbettel! Geh' umher, ſag': Ich bin ein armer Menſch, mein Vater iſt todt, meine Schweſter hat ſich ertränkt; laß dir ein Lied machen und eine Tafel dazu malen und zieh' umher auf den Märkten und laß dir Pfennige ſchenken! Pfui, pfui! Du haſt nur eine Wahl: die Welt verachten oder dich bemitleiden laſſen— was iſt dir lieber? Wie viel tauſendmal haſt du geſagt: ich verachte die Welt— und jetzt biſt du feig? Du ſitzeſt da und möchteſt doch gern hinaus— wer hält dir die Thür zu? Wer hat deinen Pferden die Füße zuſammen⸗ gebunden? Du, du allein. Ach, die lieben Freunde, 108 die herzigen Menſchen, die mitfühlenden Seelen— ſchau', ſie werden kommen, Einer nach dem Andern, und ſagen: Sei ſtark, ſei ein Mann, überwinde es! Und was thun ſie, die guten Seelen? Sie haben dir ein Wort⸗Almoſen gegeben und dann gehen ſie ihren Luſtbarkeiten nach und laſſen dich einſam. Mit dir ſpielen, tanzen, zechen — da halten ſie aus, da ſind ſie treue Genoſſen, aber jetzt? Keine Feſtlichkeit wird abbeſtellt um deinetwillen, nichts, gar nichts. Willſt du die Welt genießen, mußt du die Menſchen verachten. Sie ſagen dir nur: Sei Mann— du aber ſei es! Bis zum Wahnſinn verfolgten dieſe Gedanken Bruno und die nächſten Tage ſtanden vor ihm wie ein gähnender unermeßlicher Abgrund... Alles leer, nichtig, hohl, freudlos, verzehrende Einſamkeit. Endlich erlöſte ihn die Meldung, daß der Intendant da ſei. Die Beiden waren ſonſt nicht die beſten Freunde, aber jetzt umarmte Bruno den Intendanten, als wäre er ſein einziger Freund auf der Welt, und er lag an ſeinem Halſe und ſchluchzte und bat, er ſolle ihn ja nicht verlaſſen und nicht dem Alleinſein preisgeben. Er raſ'te und wüthete, läſterte und ſpottete durcheinander, daß ihm, gerade ihm, das Jammervolle widerfahren müſſe.„O, dieſe Wochen, dieſe Monate, dieſe ent⸗ ſetzlichen Zeiten, die mir nun bevorſtehen!“ rief er heftig. „Die Zeit heilt Alles!“ tröſtete ihn der Intendant. „Dieſe Zeit, Wochen, Monate Trauer!“ rief Bruno wieder. N Niſ cſiß auh In viſen nuin nien ſin liht g ht i iö n ihen juhn ſtn vill ne halnn Und — ſcha, nd ſagen: was thun tAlnoſen eiten noch en, zechen ſſen, aber netwilen, en, mußt nur: Sei ken Brun gähnender tig, hohl, Intendant Freunde, als wäre et lag an le ihn ja geben. Er heinander, iderfahten dieſe ent⸗ 4 rief Intendant rief Brun 109 Der Intendant ſtutzte. Er hatte einen Blick in dieſen Menſchen gethan: Daß eine lange Zeit kommen ſoll, wo er ſtets Trauermiene haben muß— das war das Harte. In eine ungünſtigere Zeit hätte dieſe Trauer aber auch nicht fallen können. Bruno war bei dem Wettrennen, das in den nächſten Tagen beginnt, mit zweien ſeiner beſten Renner engagirt; die Zuleika hatte er im Trabrennen ſelbſt reiten wollen, und für das große Hurdlerennen hatte er ſeinen Jockey Fitz, er hieß eigentlich Fritz, aber Fitz iſt beſſer, vortrefflich eingeübt und ſeit Wochen leicht gemacht. Fitz war der Sohn des Lakaien Baum, ein durchtriebener Schelm, auf den der Vater ſtolz war; denn ſeine Zukunft war geſichert, es war keine Frage, wenn Fitz ſeine geſunden Glieder behält, wird er erſter Bereiter im Marſtall, er ſitzt auf dem Pferd wie eine Katze und iſt gar nicht abzuwerfen. Das Wetter läßt ſich prächtig an, angenehm be— deckter Himmel, heut Nacht hat es ein wenig geregnet, das macht die Bahn bequem, Fitz in ſeiner grün⸗weißen Livree wird gewiß den erſten Preis gewinnen. Auf dieſe Livree bildete ſich Bruno nicht wenig ein: er hatte Fitz halbirt, wie durchgeſchnitten von der Mütze bis zum Stiefel, rechts grasgrün und links ſchneeweiß kleiden laſſen. Nur ſchade, daß die Natur bloß ſieben Farben hat, die Variation, die man anbringen kann, iſt gar zu beſchränkt; aber mit Conſequenz kann man viel machen, und Bruno lächelte unter dem vorge⸗ haltenen Tuch, als er an den einen grünen Stiefel und an den anderen weißen dachte. 110 „Ich werde natürlich nicht ſelbſt mitreiten,“ ſagte er zum Intendanten.„Halten Sie es für ſchicklich, daß ich meinen Jockey reiten laſſe? Nicht wahr, das darf ich?“ ſetzte er ſchnell hinzu, als fürchte er eine verneinende Antwort.„Man würde es mir als Geiz auslegen— ich habe hohe Wetten eingegangen. Ich werde meinen Fitz reiten laſſen; ja, das muß ich, das darf ich!“ Kaum hatte er dies geſprochen, als Fitz in die Stube trat. Bruno hieß ihn barſch fortgehen. Er war entſchloſſen, zu thun, als ob er das Wettrennen ganz vergeſſen habe. Das zeigt weit mehr ſeinen Schmerz, als wenn er ſein Engagement zurückzieht. Er wird ſich ſtrafen laſſen wegen Nichterſcheinens. Daran wird die Welt erkennen, wie tief und Alles vergeſſend ſeine Trauer. —————— Achtes Capitel. Der Intendant ſaß auf dem Sopha neben Bruno und hielt deſſen Hand; ſie fieberte. Nun, da er den Schlüſſel für Charakter und Stimmung Brunos gefunden, verſtand er, was es hieß, als der Trauernde ausrief: „Ich weiß, wie's in der Welt iſt. Heute und morgen Jagd in Wolfswinkel, übermorgen Wettrennen. Ich wundere mich nur, daß ich nicht Alles in einer Stunde vergeſſen habe. Die Excellenz v. Schnabelsdorf geiſtreichiſirt jetzt mit der ſchönen Geſandtin von N., donn bu Vt Pt det i lihe de 9 lin amen ſaln jmen iß ih ſti ende ſt wi ie ji un un dſt ſhit [ ith in i 0 W In 9nd 0 denke ſgt dann zieht die Wachtparade auf, heute Abend wird ſchiclich Bank gelegt beim Prinzen Arnold— o, die ganze hr, du Welt lebt fort im alten Geleiſe. Wenn ich nur die er eine Welt vergeſſen könnte! Die Welt vergißt mich— wer als Geiz denkt des einſamen Trauernden? O, verzeihen Sie, inniggeliebter, einziger Freund auf der Welt! Sie ich, das bleiben bei mir, verlaſſen mich nicht, nie. Ich bin die Beute des Wahnſinns, laſſen Sie mich nicht z in die allein.“ Er war Der Intendant hatte aufrichtiges Mitleid mit dem nen gan armen Menſchen. Er war zu Tiſch geladen beim Ober⸗ Schner, ſtallmeiſter und wollte ſich nur einen Augenblick ent⸗ Et wird fernen, um ſich perſönlich zu entſchuldigen; aber Bruno ran wird ließ ihn nicht fort, er mußte ſeine Entſchuldigung end ſeine ſchreiben. „Ja wol, ich will bei Ihnen bleiben,“ tröſtete der Intendant.„Ein Freund, der in der Trauer bei uns, iſt wie ein Licht in der Nacht, es zwingt uns doch oder giebt uns wenigſtens Gelegenheit, die Gegenſtände um uns her zu ſehen, zu wiſſen, daß noch eine Welt n Bruno da iſt und wir uns nicht ganz in die Nacht der Ein⸗ ſamkeit vergraben.“ kter und„O, Sie verſtehen. Sagen Sie, was ich thun, wos es was ich beginnen ſoll; ich weiß gar nichts mehr, ich bin wie ein verirrtes Kind Nachts im Walde.“ eute und„Ja, das ſind Sie.“ ettrenen Bruno ſchaute haſtig auf; daß der Intendant ſo in einer ganz das anerkannte, ſchien ihm doch nicht recht. nobeldur„Ich bin nur jetzt ſo ſchwach,“ ſagte er.„Be⸗ nwn denken Sie, was die letzten Tage mir brachten!“ Es lag eine ſeltſame Miſchung von Milde und Herbheit in ſeinem Ton. „Darf ich rauchen?“ fragte er wieder. „Gewiß, thun Sie das; thun Sie Alles, was Ihnen gut iſt.“ „Ach nein, es iſt mir nichts gut. Aber ich möchte doch rauchen.“ Er zündete ſich eine Cigarre an... Die Welt hat ihn doch nicht ganz vergeſſen, wie er gezürnt. Es wurde ein Beſuch gemeldet. Er that ſchnell die Cigarre weg— die fremde Welt darf nicht ſehen, daß er raucht, ſie ſoll nicht glauben, daß er gefühllos ſei, nicht trauert um Vater und Schweſter. Es kamen viele Beſuche, und Bruno mußte immer wieder ſeinen Schmerz kundgeben und ſich bemitleiden laſſen. Er ſah jetzt, wie die Welle des Gerüchtes vom Tod Irmas hinausgefluthet war in die Stadt, von der Höhe des Schloſſes in die Niederung. Menſchen, denen er ſonſt gar nicht freundſchaftlich nahe ſtand, be⸗ ſuchten ihn jetzt; ſogar entſchieden Mißwollende kamen und er mußte Alle freundlich empfangen, Allen danken und ihre innige Theilnahme erkennen, während er doch in manchem Auge Schadenfreude zu leſen glaubte; aber er durfte ſie nicht geſehen haben; ſeine Mienen blieben wehmüthig, nur manchmal zuckte es fremd darin. Auch ſeine Luſtgeſellen beſuchten ihn, und es war höchſt ſeltſam, wie die jungen Cavaliere ſo ernſte Mienen machten; mancher Blick ſtreifte dabei den großen Spiegel— die ernſte Miene ſtand ihnen recht gut. Faſt komiſch erſchien es ihnen, daß derjenige, der immer ſo uſ nahe ſch, deUn 0n 1 . „0 ent, uf) Sitel n n den iine hh der T hgen dum gon da de „ Aue 113 ilde und 3 . ſo luſtig war und die beſten und unzweideutigſten Witze machen konnte, jetzt ſo ernſt dreinſchaute. Sie ſetzten S ſich, ſie ſaßen rittlings auf den Stühlen und hatten s hnn* di f die Lehne gelegt, ſie ſteckten ſich Eigarre 1 ie Arme auf die Lehne gelegt, ſie ſte ten ſi h Eigarren an, und es wurde viel vom„Papa“ geſprochen. nit„Mein Papa iſt ſchon ſeit zwei Jahren todt.“ „Mein Papa iſt krank.“ 8„Mein Papa will ſich penſioniren laſſen.“ „Wie alt iſt Dein ſeliger Papa geworden?“ wurde — thu Bruno gefragt. Er wußte es nicht, er ſagte auf gut Glück: ur riht„Dreiundſechzig Jahr.“ daß Auch vom Wettrennen wurde geſprochen, zuerſt Schniſtr nur behutſam und leiſe, dann aber lärmend. Man ze inn ſprach von dem großen Verluſt des Baron Wolfsbuchen. emiliden„Was iſt ihm geſchehen?“ htes von„Er hat der Fatime, der prachtvollen ſchwarzen adt, von Stute, als ſie nicht pariren wollte, mit dem Säbel Menſthen, aufs Maul geſchlagen; er hatte vergeſſen, daß der ſund, be Säbel geſchliffen war.“ de kanen Man ſprach von dem Verluſt ſeiner Einſätze und en danken an dem Pferde, von einem Tadel über Rohheit war d er doch keine Rede. lbte Endlich gingen die Kameraden davon; draußen vor e Mienen der Thür reckten ſie ſich— Puh! So iſt auch dies end darin. abgemacht! Solch eine Condolenz Viſite iſt ein Stück nd es war Leichenparade, und die Worte ſind wie gedämpfte ſo ernſte Trommeln. Noch auf der teppichbelegten Treppe be⸗ den großen gann man leiſe zu mediſiren: Bruno hatte ſeiner recht gu. Schwiegermutter verboten, nach der Stadt zu kommen, der imnet da die Majeſtäten die Gnade haben wollten, bei dem Auerbach, Auf der Höhe. 1II. 8 4 jungen Sprößling Gevatter zu ſtehen. Da man ein⸗ mal beiſammen war, ſo war es natürlich, gemeinſam ein gutes Frühſtück einzunehmen und etwas Sekt zu trinken. Es ging bald laut her beim franzöſiſchen Re⸗ ſtaurant und dabei wurde auch von Bruno geſprochen. „Der wird jetzt fabelhaft reich, er hat nun ein doppeltes Erbtheil.“ „Wenn er das vor einem Jahr gewußt, wer weiß, ob er die Steigeneck geheirathet hätte; ſeine Schulden waren wol noch hinzuhalten.“ „Er erbt auch die Schmuckſachen ſeiner Schweſter, die ſind enorm werthvoll.“ Wie wenn er zwei Menſchen wäre, einer hier und einer dort, ſo konnte Bruno den Kameraden folgen, als ſie ihn verlaſſen hatten; er ahnte, was ſie ſprechen, und einmal ſchaute er ſich plötzlich um, als hätte er lachen gehört; es war aber nichts, der Papagei ſeiner Schweſter, den er in ſein Vorzimmer bringen laſſen, hatte einen ſeltſamen Ton äusgeſtoßen; er ließ ihn wieder in die Zimmer Irmas zurückbringen, da er nicht wiſſe, ob er ihr zu eigen gehöre, und das ewige „Pfüt di Gott“ war ihm auch zuwider. Er ging lange in der Stube umher, den Daumen in den zugeknöpften Rock geſteckt, und ſpielte mit den vier Fingern eine unhörbare luſtige Melodie auf der Bruſt. Tief innerlich ärgerte er ſich über jeden Bei⸗ leidsbeſuch; das iſt ſo peinlich, man muß eine traurige Miene machen, muß Troſt annehmen, Dank für Theil⸗ nahme ausſprechen, und Alles iſt nur Lüge, höchſtens Convenienz— man iſt ja ſchuldig, einem Betroffenen Phin Nſt in ſj guß, N) mh. i at ſld, ſrihe Guts und d drf ſe un ſihe ſt ſi in 6 ſhun im tehn, Moak Neſc ing Mane 1 wat it Ali Zn nutte as mon ein⸗ emeinſan Sckt zu iſchen Re⸗ eſprochen nun ein wer weiß, Schulden Schweſter, hiet und en folgen, e ſprechen, hätte er agei ſeiner gen laſſen, ließ ihn en, da er das ewige n Daumen te nit den ie auf der jeden Bei⸗ ne traurigl fir Thel⸗ e, höchſens Betrofenn 115 Theilnahme zu bezeigen. Vielleicht bedauern es die Menſchen, daß man nicht auch da, wie beim Leichen⸗ begängniß, ſeinen leeren Wagen ſchicken kann— es iſt ja genug, um anzuzeigen, daß die Trauer eine große, allgemeine, der Leichenzug ein ſtattlicher war.— Das Alles empfand Bruno jetzt im grimmigen Miß⸗ muth. Da gehen ſie dann hin, die ſchönen Männer die alten und die jungen, in Uniform und im Bürger— kleid, und zwirbeln unterwegs den Schnurrbart und ſtreicheln ſich das Kinn im Wohlgefühl: Du haſt etwas Gutes gethan, biſt ein exacter, gefühlvoller Menſch— und daheim erzählen ſie der Frau und den Töchtern: der Flügel⸗Adjutant iſt ſo und ſo— und dann eſſen ſie und trinken und fahren ſpazieren, und auf der An⸗ höhe ſagen ſie: Gottlob, man muß zufrieden ſein, wenn Alles in Ordnung und man kein Unglück in ſeinek Familie erlebt. Aus fremdem Unglück bauen ſie ſich eine Stufe, von der ſie ihr eigenes Wohlbehagen über⸗ ſchauen können.— Brunos ſpielende Finger gingen immer raſcher auf der Bruſt.— Sterben, Trauer haben, krank ſein— das iſt etwas für gemeine Menſchen, nicht für vornehme! Die Welt iſt erbärmlich eingerichtet, daß es dafür kein Präſervativ giebt, daß man es nicht abkaufen kann. Auch die Ercellenz v. Schnabelsdorf kam. Brud war ihm im tiefſten Herzen feind, denn von dieſem Allwiſſer ſtammte das Witzwort, mit dem man die alte Tänzerin, Baronin Steigeneck, als„Fräulein Schwieger⸗ mutter“ bezeichnete. Bruno mußte aber doch thun, als ob er es nicht wiſſe; er mußte jetzt freundlich F 6 116 und dankbar die Hand der Excellenz faſſen, er mußte den Kuß dulden von dem Munde, der ſeiner Familie einen Schmachtitel angehängt; denn Schnabelsdorf ſteht jetzt am höchſten in der Hofgunſt, Bruno kann ſeine Freundſchaft nicht miſſen, jetzt doppelt nicht, weil ihm ſeine Hauptſtütze, die Schweſter, genommen. So ärgerte ſich Bruno über jeden Beileidsbeſuch, der kam, und doch auch über jeden, der nicht kam. Die Welt war ſo rückſichtsvoll, immer nur von dem Unglück, von dem plötzlichen unverſehenen Tod Irmas zu ſprechen, wie ſie vom Pferde geſchleudert worden und in den See geſtürzt ſei. Ja der Vice-Oberſtall⸗ meiſter behauptet ſteif und feſt, daß der Pluto nie correct zugeritten geweſen ſei. Bruno ſelbſt that, als ob er wirklich glaube, daß Irma nur verunglückt. Für ſich allein aber fühlte er eine eigene Wolluſt darin, ſich die Scene des Selbſtmordes ganz genau auszudenken, und wie drunten tief im See Irma an ihren langen Haaren von den Felſenklippen feſtgehalten wird— er konnte ſeine Phantaſie gar nicht zurück⸗ wenden von den Schauerbildern und mußte zuletzt das Fenſter aufreißen, um Gegenſtände draußen zu ſehen. Bruno wollte nichts genießen; der Intendant brachte es nur dadurch zu wege, daß Bruno Speiſe annahm, idem er für ſich ſelbſt Eſſen kommen ließ. Bruno mußte ſich zu ihm ſetzen. Bei jedem Biſſen und jedem Trunk aber ſagte er:„Ich kann nicht.“ Zuletzt be⸗ fahl er doch Champagner. „Ich muß meine Locomotive heizen,“ knirſchte er, die Flaſche in den Eiskübel ſtampfend—„ich habe ſo 0 iſ vo tit er mußte Familie dorf ſcht ann ſeine weil ihm idsbeſuch, ſicht kan. von dem od Itmas t worden Oberſtal⸗ Pluto nie that, als glück. te Wolluſt nz genau Irma an eſtgehalten cht zuric⸗ zuleßt das zn ſchen. ant brachte e annahn, ß. Zrno und jeden ulezt b knirſchte et ich habe ſ 117 wenig Genuß davon, wie die Locomotive von den Kohlen.“ Er ſtürzte haſtig den Wein hinab und aß mit der traurigſten Miene, als ob er jede Minute weinen müſſe. Er ließ mehr Champagner bringen. „Sehen Sie,“ rief er, zum Fenſter hinausſchauend, ſeine Augen waren roth,„da reitet der Kaufmann Kreuter den Fuchswallach des Grafen Klettenheim. Es muß in der vergangenen Nacht ſcharf geſpielt worden ſein, da der Graf ſeinen Fuchswallach hergab, er iſt ja ſein Stolz, ſeine Manneswürde, was iſt Kletten⸗ heim ohne ſeinen Fuchswallach? Eine Null, Doppel⸗ Zero! Ach, lieber Freund, entſchuldigen Sie— ich rede im Fieber, ich bin krank. Aber ich will nicht krank ſein! Ich will nichts mehr reden! Reden Sie nur, was Sie wollen.“ Der Intendant wußte nichts vorzubringen; ihm war ſo bang, als wäre er mit einem Wahnſinnigen in einem Kerker eingeſperrt. „Ich will den Lakaien Baum ſprechen!“ rief Bruno plötzich. Der Intendant mußte ein Telegramm nach dem Sommerſchloß abſenden, daß man den Lakaien Baum zum Flügeladjutanten hereinſchicke. Bruno ließ die Vorhänge herab, ließ Licht bringen, friſche Flaſchen aufſetzen und 3½ Befehl, daß em vorgelaſſen werde. Der Intendant war in Lerſeiſtung aber Bruno rief: „Freund! Alles auf der Welt iſt Selbſtmord, nur mit dem Unterſchied, daß man nachher noch einmal leben kann. Die Stunde, die man tödtet, die iſt richtig gelebt!“ Der Intendant fürchtete einen Ausbruch des Wahn⸗ witzes, aber Bruno war kein Cavalier, der nur ſo viel Geiſt hat, als der eben genoſſene Champagner hergiebt und höchſtens noch, um ein galantes Billet zu ſchreiben und eine witzige Unanſtändigkeit zu formuliren. Bruno hätte den ausgelacht, der ihm ein Syſtem zumuthen wollte und doch behauptete er jetzt, ein ſolches zu haben, und rief, indem er ſich neu einſchänkte:„Ja, Freund, es giebt nur zwei Gattungen Menſchen auf der Welt.“ „Männer und Frauen?“ ſagte der Intendant— er glaubte in den Ton eingehen zu müſſen, um ihn überzuleiten. „Pah!“ fiel Bruno ein.„Wer ſpricht davon? Höre, Freund, höre, die zwei Gattungen heißen: Genießende und Märtyrer. Wer für die ſogenannten Ideen lebt — gut, ſchön, erhaben! Der ideale Menſch möge ſich aber auch hinſchlachten, verbrennen laſſen, iſt ſeine Schuldigkeit— er lebt für ſich kurz und wenig, aber dafür viel und ewig im Andenken der Menſchen. Die Rechnung ſtimmt. Nicht ſo?“ Der Intendant mußte beiſtimmen, was ſollte er en? W die zweite Gattung,“ fuhr Bruno fort, „das ſind wir, die Genießenden. Das Beſte auf der Welt iſt der folgenloſe Genuß. Wenn ich geraucht, Muſik gemacht oder gehört habe, kann ich Alles thun, es ſtört mich nichts. Alle andern Genüſſe haben leider urdo ur und Liſ don wo Mt e hob 6 H 5 Wohn⸗ r ſo viel hetgiebt ſchreiben . Bruno zumuthen lches zu te:„Jo, ſchen auf ndant— um ihn n? Höre, enießende deen lebt möge ſich iſt ſeine ig, aber en. Die ſollte et uno ſort, e auf det gerucht, es thun, ben leider 119 Folgen— Folgen.— Man ſollte keine Familie haben! Keine Familie— nur keine Familie—— Plötzlich fing Bruno an, laut zu weinen. Der In⸗ tendant wußte ſich nicht zu helfen. Er ſchalt ſich, daß er Bruno nicht mehr vom Trinken und vom Sprechen zurückgehalten habe. Bruno legte den Kopf zurück, und der Intendant hüllte ſchnell ein Stück Eis vom Tiſche in ein Tuch und legte es ihm auf. „Ich danke!“ ſagte Bruno und ſchloß die Augen. „Ich danke!“ Bald ſchlief er. Der Diener trat ein. Bruno erwachte. Der Inten⸗ dant öffnete die Vorhänge und die Fenſter; es war noch hoher Mittag. Es kam die Nachricht, daß der Lakai Baum bereits mit dem Hofarzt Sixtus verreiſt ſei. „So reiſen wir allein!“ rief Bruno, der wieder alle Faſſung gewonnen hatte. „Wohin?“ „Sehen Sie, das macht der Gram, ich meine, ich habe Ihnen Alles ſchon geſagt: wir müſſen nach dem See, um die Spuren der Unglücklichen aufzuſuchen. Habe ich Ihnen das in der That noch nicht geſ ſagt?“ „Nein— aber ich ſtehe zu Ihrer Bispſion Ich werde mir Urlaub erbitten und auch für Sie.“ „Iſt nicht nöthig. Seine Majeſtät haben mir ihn bereits anbieten laſſen, Seine Majeſtät ſind ſehr gnädig, ſehr. Du glaubſt, daß wir dienen, weil wir dich lieben und dir unterthänig ſind? Haha! Wir dienen dir nur, weil wir in Gemeinſchaft an deinem Hofe „ 120 beſſer genießen können, mannigfaltiger. Du biſt unſer Gaſtwirth und du naſcheſt ſelbſt gern hinterm Schänk⸗ tiſch.— Bitte, lieber Freund, was habe ich geſagt? Sie haben nichts gehört— nicht wahr? Es war Wahn⸗ witz, ich werde wahnſinnig! Ich muß hinaus! Reiſen wir noch heute ab!“ Der Intendant willfahrte. Nur mußte er noch einige nothwendige Anordnungen für ſeine Abweſenheit treffen; er entfernte ſich auf eine Stunde. Bruno ließ packen und befahl, daß ſofort zwei Reitpferde nach dem See vorausgehen. Nenntes Capitel. Bruno ſtand, von allerlei Gepäck umgeben, im Zimmer, da meldete ein Diener die gnädige Frau Schwiegermutter. „Die jetzt? und trotz des Verbots?“ fuhr es ihm durch den Sinn.„Iſt willkommen!“ erwiderte er dem Diener, der ſchnell die Flügelthüren öffnete und hinter der Eintretenden wieder ſchloß. „O meine gute Mutter!“ wollte Bruno auf ſie zu⸗ eilen und ſie umarmen ſie aber reichte ihm nur die Hand und ſagte: „Bitte, bitte!“ Dann ſetzte ſie ſich auf das Sopha und fuhr fort: „Kommen Sie näher, ſetzen Sie ſich!“ „Wiſſen Sie—“ fragte Bruno. „Alles. Sie haben mir nichts zu erzählen.“ iht a dieſe 9 hier; Ma ju kei Tone nach „ nein 1 nuhen 6 ofens tiern. B Zihn ſih u aufne der hi / unſer Schänk⸗ geſagt? Whn⸗ Reiſen r noch ſenheit t zwei n, im ren es ihn er dem hinter ſie zu⸗ nur die Sopha 121 „Ich danke, daß Sie kommen, mich zu tröſten.“ „Ich freue mich— will ſagen, es iſt mir eine Beruhigung, Sie ſo gefaßt zu finden. Arabella weiß noch nichts?“ „Nein“ „Sie darf auch nichts erfahren... Was bedeuten dieſe Koffer?“ Bruno ſah die Fragende ſtaunend an. Wer hat hier zu fragen? Und in ſolchem Tone? „Ich verreiſe,“ erwiderte er ſchroff; um es aber zu keiner Scene kommen zu laſſen, ſetzte er in mildem Tone hinzu:„Ich muß als Bruder Nachforſchungen nach der Verunglückten anſtellen.“ „Ich billige das. Iſt ſchicklich,“ ſagte die Baronin. „Haben Sie mit ihm bereits eine Auseinanderſetzung gehabt? Sie verſtehen mich wol nicht, da Sie nicht antworten? Ich meine dieſen König.“ „Ja,“ erwiderte Bruno keck,„aber ich bin auf mein Wort verpflichtet, keine weitere Mittheilung zu machen.“ „Gut. Ich achte die Discretion. Nun aber ein offenes Wort an Sie. Bitte, ſchließen Sie die Por⸗ tieren.“ Bruno that, wie ihm befohlen. Er knirſchte die Zähne, während er nach der Thür ging, aber als er ſich umwendete, waren ſeine Mienen wieder freundlich, aufmerkſam. „Sprechen Sie. Es hört uns Niemand. Ein Trauern⸗ der hört geduldig,“ ſagte er. „Trauernder? Wir haben noch andern Grund zu 122 trauern, als Sie. Wir glaubten uns mit einer der angeſehenſten Familien des Landes zu verbinden—“ Bruno wollte auffahren. „Bitte, ſpielen Sie nicht mit mir—“ fuhr die Baronin fort, und ſie hatte eine andere Stimme, eine andere Geſtalt,„wir ſind allein, demaskirt. Sie, Herr Schwiegerſohn, haben mich immer, wenn auch mit äußerem Anſtand, doch nicht ganz mit dem Reſpect angeſehen, den ich verlangen muß— bitte gehorſamſt, widerſprechen Sie mir nicht; laſſen Sie mich ausreden! — Ich war Ihnen, wenn ich's kaltblütig überlegte, darüber nicht gram. Ich kenne meine Stellung. Nun aber, Herr Schwiegerſohn, iſt das anders. Ich war, was Ihre Schweſter... und habe nie Tugend ge⸗ heuchelt. Ich galt vor der Welt, was ich in Wahr⸗ heit war„ Bruno ſeufzte tief auf; die Baronin fuhr in knir⸗ ſchendem Tone fort: „Ich hätte in Demuth vor Ihrer Schweſter nieder⸗ knien mögen, damals, als ſie ſo innig zu uns war. Sie muß mir aus der Hölle meine Demuth wieder herausgeben. Nicht ſie war die Beſſere, ich war's— Doch, laſſen wir die Todten ruhen! Nun aber, mein Herr Schwiegerſohn, mit Ihrem Stolz gegen mich hat es ein Ende. Das ſage ich Ihnen: Sie müſſen glück⸗ lich ſein, daß wir uns mit Ihnen verbunden. Wir werden Sie das nie fühlen laſſen, wenn Sie ſich an⸗ ſtändig benehmen.“ „Thue ich das nicht?“ fragte Bruno, der dieſem Schlage gegenüber alle Haltung verloren hatte. hei Ve Lec Geſ Ar Sol Bn ſein Sch ſich den D trat Schw glie etw Gr geei Zug wie woq erſt ftie der die eine Hetr mit ſpert anſt, den! legte, Nun wat, d ge⸗ Wahr⸗ knir⸗ nieder⸗ ß war. wieder s— mein 6h hu glid⸗ Pir ich an⸗ dieſen 123 „Wir wollen ſehen. Vorerſt Eines: ich wohne künftig bei Arabella, ſo oft ich will und ſo lange ich will. Dieſe langweilige Moralkönigin hat nun auch ihre Lection. Ich verlange indeß nicht nach Hofe, aber die Geſellſchaftskreiſe ſind mir offen— ich trete an Ihrem Arme ein, mein galanter und liebenswürdiger Herr Sohn.“ Die Alte ſtand auf und verbeugte ſich ſehr zierlich, Bruno ihren Arm bietend. Dieſer faßte die Hand ſeiner Schwiegermutter und führte ſie an die Lippen. „Pfui! Sie haben Wein getrunken in Ihrem Schmerz?“ rief plötzlich die alte Tänzerin und hielt ſich das feine, ſtark parfümirte Tuch vor den Mund. „Fräulein Schwiegermutter“— hatte Bruno auf den Lippen, er wollte ihr das ins Geſicht ſchleudern. Da näherten ſich draußen Schritte. Der Intendant trat wie ein Erlöſer in die Stube. „Bitte, ich will nicht ſtören,“ rief er, da er die Schwiegermutter bei Bruno ſah. „Sie ſtören nicht!“ erwiderte Bruno raſch.„Meine gute Frau Schwiegermutter“— er ſagte„Frau“ mit etwas ſcharfer Betonung—„unſere gute Mutter, jetzt Großmutter, iſt trotz eines heftigen Fiebers zu uns geeilt, um uns zu tröſten. Ich bin glücklich, noch treu Zugehörige auf der Welt zu haben und einen Freund wie Sie. Ich will ganz der Familie leben, die mir noch geblieben.“ Die Baronin Tänzerin nickte. Bruno beſteht die erſte Probe in ſeiner neuen Rolle zu ihrer Zu⸗ friedenheit. „Wir reiſen nun wol heute nicht mehr?“ fragte der Intendant. „Doch, doch, wir wollen keine Minute mehr zögern.“ Die Frau Schwiegermutter übernahm es, Arabella von einer nothwendigen Reiſe Brunos, die als Dienſt⸗ reiſe bezeichnet wurde, zu unterrichten. Bruno dankte ihr, während er mit einer Art be⸗ fliſſener Langſamkeit ſeine ſchwarzen Handſchuhe anzog, und er dankte ihr aufrichtig, denn mitten in den Ge⸗ danken, daß er nun in eine Abhängigkeit gerathen wird, die ſchwer auf ihm laſtet, ſchimmerte die Hoff⸗ nung auf ein Stück Erlöſung: Es iſt doch gar zu miß⸗ lich, daß man ſich als Ehemann ſo viel der Frau widmen muß; ſie will immer unterhalten, immer mit Huldigungen umgeben ſein. Wenn die Schwiegermutter im Haus iſt— es wird zwar mit vielen Unzuträg⸗ lichkeiten verbunden ſein— aber Arabella hat doch für viele Stunden eine natürliche Geſellſchaft, in denen er dann frei wird. Der Abſchied war kurz, aber innig; Bruno durfte ſeiner Schwiegermutter die Wange küſſen. Noch als er im Wagen ſaß, wiſchte er ſich die Schminke von den Lippen; er rieb ſich die Lippen faſt wund. Es war ſchon Abend, als die Beiden abfuhren, und ſie übernachteten auf der erſten Station. Bruno legte ſich auf's Bett, nur um ein wenig auszuruhen, er erwachte aber erſt ſpät am andern Morgen. — 4 — ihrem 3 — unter von e in al Tager Rücke ſie ſo jeden wären ausge kann unge Die 2 wechſ heute ſehr lung, duß menhe mnch wolle gen?“ Hahen weiſe ine rigte mehr abella lrt be⸗ anzog, en Ge⸗ erathen e Hoff⸗ zu miß⸗ Frau ner mit mutter zuträg⸗ t doch denen durfte ls er bon den bfuhren, Bruno zuruhen, 125 Zehntes Capitel. Die Königin ſchlief vom Schmerz in ihrem Gemach. Die Hofdamen ſaßen bei einander auf der Terraſſe unter der Hänge⸗Eſche; ſie wollten ſich heute gar nicht von einander trennen, etwas wie Geſpenſterfurcht war in allen; hier mitten unter ihnen war vor wenig Tagen noch Irma, dort ſaß ſie auf dem Stuhl ohne Rückenlehne— ſie lehnte ſich nie an— der Platz, wo ſie ſonſt geſeſſen, blieb leer; würden nicht die Wege jeden Morgen friſch geharkt, die Spuren ihres Fußes wären noch da. Und jetzt verſchwunden aus der Welt, ausgelöſcht, und in ſo entſetzlicher W Weiſe! Und wer kann ſagen, wie lange dies Geſpenſt noch im Schloſſe umgehen, welche Verheerungen es noch anrichten wird? Die Welt weiß jetzt, was vorgegangen. Die Damen ſtickten emſig. Sonſt las man ab⸗ wechſelnd vor, natürlich einen franzöſiſchen Roman, heute lag das Buch ruhig auf dem Tiſch; man war ſehr geſpannt auf den weiteren Fortgang der Erzäh⸗ lung, aber Niemand wagte auch nur den Gedanken, daß man heute weiter leſen könnte. Auch ein zuſam⸗ menhängendes Geſpräch wollte ſich nicht fügen, nur manchmal hörte man:„Liebe Clotilde, liebſte Anna, wollen Sie mir etwas Penſée, etwas Blaßgrün bor⸗ gen?“„Ach, ich kann keine Nadel einfädeln, ich zittere. Haben Sie eine Einfädelmaſchine?“ Sie war glücklicher⸗ weiſe da, Niemand wollte ſo unerſchüttert ſein, um eine Nadel einfädeln zu können. à. — —— 126 Man beklagte Irma und es that Allen wohl, jetzt ſo gut und barmherzig ſein zu können; ſie ſind glück⸗ lich, der Unglücklichen fromm zu vergeben, und weil man ſo mild und verzeihend iſt, kann man das Ver⸗ gehen um ſo ſchärfer bezeichnen. Sie nahmen damit Rache für die eigene Selbſterniedrigung, denn ſie hatten, als Irma in höchſter Gunſt ſtand, ihr gehuldigt, mehr als der Königin. Sie ſprachen gegen einander nur mit Verehrung von den Fürſtlichkeiten— man traut einander bei aller Vertraulichkeit doch nicht— man fühlt und weiß, daß ein Zerfall im Anzug, man darf aber nicht thun, als ob man davon wiſſe. Die Oberhofmeiſterin allein hielt Irma eine gute Nachrede. „Ihr Vater iſt viel ſchuld,“ ſagte ſie,„er hat ihr dieſen Unglauben eingepflanzt.“ „Er hat ſie doch im Kloſter erziehen laſſen.“ „Sie hat aber von ihm eine faſt gehäſſige Verach⸗ tung aller Formen und Traditionen geerbt. Darin lag ihr Unglück. Sie war eine ſchöne reichbegabte Natur und nicht eine Spur von Neid und Mißgunſt war in ihrer Seele.“ Man widerſprach der Oberhofmeiſterin nicht. Es gehört vielleicht jetzt zum Geſetz, nur gut von Irma zu ſprechen und ihre grauenvolle That ganz zu ver⸗ geſſen. „Wenn ihr Bruder gewußt hätte, daß er Allein⸗ erbe wird, wer weiß, ob er die Steigeneck geheirathet hätte,“ ſagte leiſe eine kleine ſchmächtige Dame ihrer Nachb ſuchte D hatte ihn n N Mn beſeſſe ſchickr ſagte geliqu ſpiten den ei immer N Luſt e zu de Sirtu Juſtiz Lakaie außzuſ „ lices —— ft — / —— U jetzt glüc Weil Ver⸗ domit atten, meht ehrung er bei d weiß, t thun, ne gute hat ihr Verach⸗ Dorin begabte lißgunſt t 6 n Irma zu ver⸗ Mein⸗ heitathet ne ihrer 127 Nachbarin in den Korb, während ſie nach Wolle darin ſuchte. Die Angeredete ſah ſie traurig dankbar an, ſie hatte vordem den Grafen Bruno geliebt, ſie liebte ihn noch. „Ich habe noch ein Buch von ihr.“ „Ich noch eine Zeichnung.“ „Ich noch Noten,“ hieß es von da und dort her. Man hatte ein gewiſſes Grauen vor Allem, was Irma beſeſſen; man kam überein, Alles dem Bruder zu ſchicken. „Ich ging heute früh an ihren Zimmern vorüber,“ ſagte die immer frierende Hofdame der Prinzeſſin An⸗ gelique, die ſich oft die Hände rieb und die Finger⸗ ſpitzen anhauchte;„die Fenſter ſtanden öffen, ich ſah den einſamen Papagei in ſeinem Gitter, und er rief immer: Pfüt di Gott, Irma!... Es war ſchauerlich.“ Alles ſchauerte, und doch hatte man eine geheime Luſt an dieſem Gruſeln. Die fromme Palaſtdame kam zu dem Kreiſe und erzählte, daß ſich ſo eben Hofrath Sixtus bei ihr verabſchiedet habe; er reiſe mit dem Juſtizrath Fein nach dem Gebirge, er nehme auch den Lakaien Baum mit, um die Leiche der Gräfin Irma aufzuſuchen. „Wird er ſie hieher bringen, oder auf ihr väter⸗ liches Schloß?“ „Schrecklich, im Tode von gemeinen Menſchen be⸗ gafft zu werden!“ „Entſetzlich! Mich ſchaudert!“ „Bitte, geben Sie mir auch Ihren Flacon!“ ———ͤ—.—— 128 Ein Flacon mit engliſchem Riechſalz ging von Naſe zu Naſe im Kreiſe herum. „Und von Jedermann und jeder Frau eine frei⸗ willige Leichenrede zu bekommen.“ „Dieſer öffentliche Selbſtmord iſt doch ſehr indiscret.“ „Wenn nur die entſetzlichen Zeitungen nicht wären,“ klagte die frierende Hofdame. Bald ging indeſſen das Geſpräch wieder in einen mäßig heiteren Ton über. „Ach Gott,“ klagte eine Hofdame, ſie war hübſch und ſchnippiſch,„ach Gott, was hat man zu Leb⸗ und Herrſchzeiten der Gräfin Irma für die ſchöne Natur und das gemüthliche Volk ſchwärmen müſſen. Jetzt darf man doch hoffentlich wieder ſagen, ohne eine Ketzerin zu ſein: die Natur iſt langweilig und das Volk iſt abſcheulich.“ Alle fanden die Bemerkung der ſchönen und ſchnip⸗ piſchen Hofdame zwar boshaft, aber doch äußerſt tref⸗ fend. Es gab helles Durcheinander⸗Sprechen und La⸗ chen, wie in den fröhlichſten Tagen. Ein muthwilliger Knabe hat einen Sperling vom Dach geſchoſſen. Die Sperlingſchaar piepſt und be⸗ ſchwatzt das eine Weile und iſt auch traurig, dann aber hüpft und zwitſchert es wieder durcheinander wie vorher. Zur Steuer der Wahrheit muß indeß geſagt wer⸗ den, daß manche der verſammelten Damen auch gern Gutes und Rühmliches von Irma geſprochen hätten; das blieb aber im Hintergrund der Seele— man wollte um Alles in der Welt nicht ſentimental ſein. Gutes doch me Naſe ret.“ ären,“ einen hübſch b⸗ und Notu Jttzt ne eine nd das ſchnip⸗ rſt tref nd Lo⸗ g von nd be⸗ „ dann der wie agt wer⸗ uch gern häten — mun l ſein. 129 Erſt als die Oberhofmeiſterin wieder das Wort nahm, wurde man auch gemeſſener. Die Oberhofmeiſterin ſprach durch Haltung und Miene aus: ich bin leider diejenige, die das prophezeit hat; nun iſt's eingetroffen; aber ich bin nicht ſtolz darauf. Sie hatte das Recht und die Pflicht, verſöh⸗ nend und mild abſchließend über Irma zu ſprechen. „Die Excentriſchen, ja die Excentriſchen,“ ſagte ſie. „Die arme Gräfin Wildenort! Das Demonſtrative ihrer That iſt ein ſchweres Vergehen. Vergeſſen wir aber bei dem Entſetzlichen nicht, daß ſie auch unbeſtreitbar Gutes hatte. Sie war ſchön, gefiel gern, und hatte doch keine Spur von Koketterie; ſie hatte Geiſt und Witz, mißbrauchte ihn aber nie zur Mediſance. Die arme Excentriſche!“ Mit dieſer Bezeichnung als Excentriſche war Irma beſtattet und die andern Hofdamen hatten dabei ihre Lehre. Der Blick der Verſammelten wurde nach dem Thale gelenkt. „Dort fährt der Wagen,“ hieß es. Der Hofarzt Sirtus grüßte von der Straße herauf; neben ihm ſaß der Juſtizrath und ihnen gegenüber— er war heute zu müde, um auf dem Bock zu ſitzen— der Lakai Baum. „Es iſt kaum ein Jahr, daß wir denſelben Weg miteinander gemacht,“ ſagte dort Sixtus zu Baum. Baum war gar nicht geſprächſam, er war müde; er hatte nach ſchweren Vorbereitungen heute das große Eramen gemacht und durfte ſich bekennen, daß er es nicht ſchlecht beſtanden; außerdem wußte er ſich noch nicht recht darein zu finden, daß er im Wagen ſaß, Auerbach, Auf der Höhe. lll. 9 ——— 130 und doch durfte er annehmen, daß da nunmehr ſein Platz; er ſtand auf dem Punkt, ein Anderer zu werden, ein Höherer, er war es ſchon geworden, nur fehlte noch das äußere Kennzeichen; er ließ ſich's auch gefallen, einfach Lakai zu bleiben, vielleicht wünſchte der König das, um ſich nicht zu verrathen, und er war be⸗ reit auch dies gewähren zu laſſen; er und der König wiſſen doch, wie ſie zu einander ſtehen. Er lächelte in ſich hinein, ihm war zu Muthe wie einem Mädchen, das das Liebesbekenntniß des Geliebten hat, ſeine feurigſten Schwüre; das förmliche Freiwerben kann jede Stunde vor ſich gehen. Als der Hofarzt eine Cigarre herausthat, war Baum ſchnell bei der Hand, ihm Feuer zu geben. Dies war aber für jetzt ſeine letzte dienende Handlung. Baum war ſo unhöflich— die Natur läßt ſich nicht zwingen— im Angeſicht der Herren einzuſchlafen; aber noch im Schlaf war er gut geſchult, er ſaß ſtramm aufrecht und jede Minute bereit, einer Anrufung zu folgen. Baum wachte erſt auf, als man Halt machte. Die ſcharfen Fragen des Juſtiziars zerſtörten zuerſt wieder ſein Wohlgefühl. Was liegt am Tod einer Gräfin, wenn man dadurch ſteigt? Tief ärgerlich war er, daß ſich ſeine Familie, Mutter und Bruder und Schweſter, in dieſe Sache eingemiſcht, und hat nicht Thomas etwas vom Tod der Eſther geſagt? Oder hat er das nur geträumt? Man wird ganz wirr von ſo vielen Erlebniſſen. Der Hofarzt entſchuldigte vor dem Juriſten die unordentliche Auskunft Baums. Grhel gen 8 zu ze Mutte wenig herief ſein zu nur auch der rbe⸗ önig lte in „dos igſten tunde wer Aung. nicht lofen; tramm ng zu . Die wieder „wenn ch ſeine n dieſe s von räunt! l. ten die 131 Baum ſah ihn groß an. Merkt der ſchon deine Erhebung und will ſich bei dir in Gunſt ſetzen? Klug genug iſt er dazu. Baum nahm ſich vor, einſtweilen nur die Spuren zu zeigen, wo er Hut und Schuhe gefunden, und Mutter und Bruder ganz aus dem Spiele zu laſſen, wenigſtens wollte er nicht ſelbſt ſie hereinziehen und berief ſich auf den Landjäger, den man mitnehmen müſſe. Der Landjäger mußte im Städtchen aufgeſucht und mitgenommen werden, dann ging der Weg nach der Gerichtsſtadt, wo der Phyſikus Doctor Kumpan wohnte. Sixtus ließ dieſen in den Gaſthof rufen und der allezeit Muntere war voll Lob über die Gräfin Irma. Er fand es ſehr ſchön, daß ſie den Muth hatte, zu leben wie ſie wollte und zu ſterben wie ſie wollte. Da⸗ neben hatte Kumpan ſeinen Spaß, daß Freund Schnie⸗ pel zu ſo großen Miſſionen erſehen war, Ammenſuchen und Leichenfinden. Er bat ſich's aus, einmal eine Gräfin ſeciren zu dürfen. Hofarzt Sixtus waren die derben Späße ſeines ehemaligen Studiengenoſſen gar nicht genehm. Doctor Kumpan erzählte von den großen Veränderungen, die mit Walpurga vorgegangen waren. Sie ſei mit ihrer ganzen Familie weit in das Gebirge hinein bis an die Landesgrenze ausgewandert. Er wußte viel Spaßiges von Hanſei zu erzählen und beſonders von einer Wette um ſechs Maß Wein. Sirtus berichtete dem Kameraden leiſe— aber Baum hörte es doch— daß Walpurga fortan nicht mehr in Gunſt bei Hofe ſtehe, es werde ſich offenbaren, daß ſie die Vermittlerin war. Sixtus bereute ſofort, daß er dem Kumpan derartiges mitgetheilt, aber eben weil er nichts Rechtes mit ihm zu reden wußte, ſagte er gerade Das, was er eigentlich vor ihm verbergen wollte; es war indeß geſchehen und er nahm dem Freund das Wort ab, nicht weiter von dieſer Sache zu reden, und Kumpan war ſtets ein Mann von Wort. Als Kumpan fort war, kam Baum nochmals zu Sirtus und ſagte ihm, daß es gut wäre, wenn man zu Walpurga reiſe, die wiſſe vielleicht doch etwas; er erbot ſich zugleich, ſelbſt hinzureiſen. Es ward ihm immer peinlicher, mit Mutter und Geſchwiſtern in dieſer Sache zuſammenzukommen. Aber Sixtus ſagte, daß dieſe Reiſe ganz überflüſſig wäre, Baum müſſe bei ihm bleiben. Elftes Capitel. Am Morgen wäre Bruno gern umgekehrt. Was ſollte das? Das Märchen vom Brüderlein und Schweſter⸗ lein ſpielen, wie das Brüderlein das verlorne Schwe⸗ ſterlein ſuchen will? Was wird das Ergebniß ſein? Ein erſchütternder Anblick, den man nicht mehr vergeſſen kann, der in die Träume hineintanzt, eine ſchauder⸗ haft verſchwommene Leiche mit offenem Munde. Bruno ſah verdroſſen zu dem Freund auf, der ihm Glück wünſchte, daß er ſo gut geſchlafen und friſche Kraft geſammelt habe, um alle Erſchütterungen, die der „ Lu ſch an, hetre gſ ert Durſ Mie piel ſo ſt Lin ner beug uerw ſene ſnt ie AMe ſih ſi wi ren, ort, eben ogte tgen den Sache Port. k zu mun s; er d ihm dieſer „daß ei ihm Vos weſtet⸗ Schwe⸗ ſein ergeſſen hander⸗ der ihn ſiſ die der 133 Tag bringen könne, mit Feſtigkeit zu ertragen. Bruno ſah den Intendanten bitter, ja eigentlich mißtrauiſch an; es ſchien ihm, ja es war faſt gewiß, dieſer Mann betrachtet den ganzen Vorfall als eine tragiſche Theater⸗ geſchichte, die gehörig in Scene geſetzt werden muß; er wird Alles als Studie benützen für eine ähnliche Darſtellung auf der Bühne; er wird dich in deinen Mienen und Geberden beobachten und dann dem Schau— ſpieler ſagen: ſo wirft man ſich, ſo ſtellt man ſich, ſo ſtöhnt man beim Auffinden der todten Schweſter!— Bin ich die Puppe dieſer Puppe? Ich will nicht! Bruno wäre am liebſten gleich zurück und zu ſei⸗ ner Schwiegermutter gereiſt. Wenn er dort ſich auch beugen mußte— er konnte ja die Demuth in Galanterie verwandeln und hatte nicht nöthig, ſich ſolchen Schauer⸗ ſcenen auszuſetzen. Da war aber der Freund und ſprach ihm Muth zu, daß er nichts unterlaſſe, was die Pflicht des Bruders fordert. O, die Gemüthlichen! Das iſt doch die entſetzlichſte Menſchenrace, ſie nehmen Alles ſo ernſt. Iſt es ihnen wirklich ernſt? Wer weiß! Jeder in der Welt ſpielt doch nur ſeine Rolle... Er mußte fort und ſah es vor ſich: dieſer ent⸗ ſetliche pflichtmäßige Freund— und er iſt doch ſein Freund nicht— dieſer Menſch, den er ſich aufgehalſt, wird ihn zwingen, tagelang das Schauerliche zu ſuchen, das er nicht finden will. Mißmuthig fuhr man weiter. Der Intendant er⸗ klärte Bruno, der ihm beharrlich für jede Handreichung formell dankte: „Ich bitte, danken Sie mir nicht. Ich thue nur ——— 134⁴ meine Pflicht, für Sie als Freund und auch für mich ſelbſt. Ich habe, Sie wiſſen es, Ihre Schweſter einſt geliebt, ſie hat mich verſchmäht.“ Er war discret genug, nicht hinzuzuſetzen, daß er dann ihr Anerbieten abgelehnt; Bruno knirſchte inner⸗ lich über dieſe ſchonungsloſe Discretion. Der Intendant fand Bruno ſehr ſtill und ver⸗ ſchloſſen. Das iſt der natürliche Umſchlag gegen die geſtrige Raſerei, dachte er, und hielt ſich ebenfalls ſtill. Bruno ſchaute den Intendanten oft an, als wäre er ſein Gefangenwärter, der ihn zur Strafvollſtreckung über Land führt. Die Fahrt ging raſch; auf den Stationen, wo Pferde gewechſelt wurden, ſprach der Intendant viel und ſehr geläufig in der hieländiſchen Mundart mit Poſtillonen und Wirthen; manche kannten ihn auch. Zu ſeinem Schrecken erinnerte ſich Bruno, daß er ja den Salontiroler bei ſich habe; der kommt jetzt in ſeine Sprachgarderobe, hier iſt er daheim, da wird er Studien machen und ſich in dem Wohlbehagen wälzen, mit den Leuten in ihrem albernen Deutſch zu reden. In der That konnte der Freund, denn ſo mußte er doch heißen, nur ſchwer einen gewiſſen Ausdruck des Behagens zurückhalten, daß er hier in ſeinem Ele⸗ mente ſei. Endlich ſah man vom letzten Berge die weite ſonnen⸗ beſchienene Spiegelfläche des Sees, umſtanden von den rieſigen Bergen. „Sehen Sie,“ konnte ſich der Freund nicht ent⸗ halten zu bemerken,„ſehen Sie dort den Ahorn? Da nich inſt ß er mer⸗ ver⸗ ndie ſtil. ire er eckung Pferde d ſchr illonen daß er etzt in ird er älzen, eden. mußte edruck em Ele⸗ ſonnet⸗ on den ht un en! Do 135 links bei dem kleinen Felſen— das iſt der Stand⸗ punkt des Bildes, das ich gemalt, und das im Muſik⸗ ſaal Ihrer Majeſtät der Königin hängt.“ 3 Der Freund glaubte mit dieſer Bemerkung auch den ſchweren Sinn Brunos in eine ruhige Betrach— tung zu lenken, damit nicht gleich das Schauerliche ſich aufdränge, wie dort unten ſeine Schweſter den Tod geſucht. Bruno ſah ihn unwillig an. Ein Jeder denkt doch nur an ſich— ſprach es in ihm— dieſer Geck denkt jetzt an ſeine Pfuſcherei! Er ſchwieg indeß; ſein Schweigen ſpricht mehr Trauer aus, als alle Worte. Er rieb ſich die Augen, denn das blitzende Rückſtrahlen der Sonne von dem weiten See ſtach ihm in die Augen. Der Freund faßte ſeine Hand und drückte ſie ſtill— er verſteht dieſes Bruderherz und ſein Blick ſagt: Da glauben die Menſchen, du ſeieſt eine oberflächliche frivole Natur; ich kenne dich jetzt beſſer. Die Pferde Brunos, die an der Anlände beim See ſtanden, wieherten den Ankommenden entgegen, und die Diener warteten hier. Jetzt zum Erſtenmal ſchämte ſich Bruno vor den Bedienten: ſie wiſſen Alles, was werden ſie geplaudert haben in der Trinkſtube? Er war tief zornig auf ſeine Schweſter, die ihm alles das gethan. Sogleich im Wirthshaus erfuhr man, daß die alte Zenza dageweſen ſei; ſie hatte einen Ring verkaufen oder verpfänden wollen, den ihr das Hoffräulein, die ſich ertränkt hatte, in der Nacht vorher, als ſie ſich zu ihrer Hütte verirrt, geſchenkt habe. Man hatte 136 ihr natürlich, da man den Ring für geſtohlen hielt, nichts darauf gegeben. Nun hieß es: die Zenza muß Näheres wiſſen. Man nahm einen Führer und wan⸗ derte nach ihrer Hütte den Berg hinan. Bruno war ſonſt als Jäger ein guter Bergſteiger, heute aber glaubte er bei jedem Schritt zuſammen zu brechen; er mußte oft ausruhen. Der Freund ſprach ihm Muth zu, und man wan⸗ derte durch den ſonnigen Wald, wo das Licht hell auf dem weichen Mooſe ſpielte und darüber hin nur manch⸗ mal ein Habicht ſein grauſam fröhliches Jauchzen ausſtieß. An einem Kreuzweg trafen ſie auf eine Gruppe ſtädtiſch gekleideter Männer und Frauen, deren Hüte mit grünen Zweigen und Kränzen geſchmückt waren. Bruno flüchtete ſchnell, ehe die fröhlichen Wanderer nahe kamen, vom Wege ab in den Wald; der Inten⸗ dant ward von einem ehemaligen Berufsgenoſſen er⸗ kannt, und Bruno hörte, wie berichtet wurde, daß die Gäſte von einem kleinen Badeaufenthalt in der Nähe einen Ausflug machten, um Ort und Stelle zu ſehen, wo ſich die Gräfin Wildenort ertränkt. Die Gruppe zog vorüber und man hörte noch tief aus dem Wald lautes und heiteres Geſpräch. Endlich war man oben an der Wurzhütte. Sie war verſchloſſen. Man klopfte, ein Brummen ant⸗ wortete, der Riegel wurde innen zurückgeſchoben. Eine verwahrloſte, mächtige Geſtalt, wild anzu⸗ ſchauen, ſtand vor den Beiden. Thomas erkannte ſofort Bruno und rief: . 3 ji ferl! davon kin ge nun7 Stim 50 wunf, ſichts ſichts Nh dß 2 hat ſie ſchn. vſſen Uide 6 tnde eht ſch ein und Wel ielt, muß van⸗ iger, nju wan lauf anch⸗ uchzen ruppe Hüte varen. nderet Inten⸗ en er⸗ aß die Nähe ſchen, tie Sie nant⸗ anzu⸗ „Ah, Wildenort? Das iſt recht, daß Du kommſt. Ich zieh' den Hut ab vor Dir, Du biſt ein ganzer Kerl! Was da, Vater! Wenn er ſtirbt, reitet man davon; man kann ihm doch nicht helfen ſterben. Hoho! Ein ganzer Kerl biſt Du! Nach dem alten Zeug fragt man Alles nichts mehr.“ „Was willſt Du?“ fragte Bruno mit zitternder Stimme. „Ich thu' Dir nichts, da haſt Du meine Hand drauf, ich thu' Dir nichts— Du thuſt dem König nichts wegen ſo einer Sach', und ich thu' Dir auch nichts wegen ſo einer Sach. Du biſt mein König. Noch in der letzten Stunde hab ich's herausgebracht, daß Du es geweſen biſt, und weil Du's geweſen biſt, hat ſie Deiner Schweſter durchgeholfen. Verſtehſt mich ſchon. Ich ſchweige. Die dumme Welt braucht nicht zu wiſſen, was wir mit einander haben. Schweſter, König, Wilderer, Graf— es iſt Alles in Ordnung.“ „Der Menſch ſcheint mir verrückt!“ ſagte der In⸗ tendant zum Führer.„Was willſt Du? Laß den Herrn los!“ rief er zu Thomas. „Iſt das Dein Lakai? Wo iſt denn der mit den pechſchwarzen Haaren?— Laß Du uns gehen!“ wendete ſich Thomas dem Intendanten zu.„Wir Zwei verſtehen einander ganz gut. Gelt, Bruder? Du biſt ein Bruder und ich bin auch ein Bruder. Ha, geſcheidt iſt die Welt eingerichtet! Mußt nicht glauben, daß ich ge⸗ trunken habe. Ich hab' freilich getrunken, aber das thut nichts— ich bin katzennüchtern. Jetzt hör' mei⸗ nen Plan. Alles was recht und billig iſt. Ich laß 138 mit mir reden. Ich ſeh' ſchon, Du biſt ein ordentlicher Menſch, Du kommſt zu mir—“ „Wir wollen Dich fragen, ob Du etwas weißt von der Dame im blauen Reitkleid, die hier war,“ ſagte der Intendant in regelrechtem Dialekt. „Hui!“ rief Thomas,„der kann ſchön reden! Ich verſteh' aber auch Pfarrerdeutſch und Gerichtsdeutſch, ich hab' mit den Leuten mein Theil zu thun gehabt. Red' Du aber nicht mehr drein,“ und zu Bruno ge⸗ wendet, fuhr er fort:„Wir Zwei reden jetzt allein miteinander. Jetzt horch, Bruder. So halten wir's. Du brauchſt mich nicht zum Grafen zu machen, Du giebſt mir nur auch Knechte und Pferde, und Geld genug, und Gemſen im Walde und Hirſche; wirſt ſehn, ich bin geſcheidt, und geſund und ſtark bin ich auch; willſt einmal mit mir raufen? Komm' hinaus, wirſt ſeh'n, ich ſchieße beſſer als Du! Jetzt giebſt Du mir das Erbtheil Deiner Schweſter oder meiner Schweſter, es iſt eins— wirſt ſehen, wir ſind ein paar luſtige Brüder.“ Bruno ſtand und wußte nicht, träumte oder wachte er; Einzelnes aus den Worten des verwegenen Geſellen war ihm klar, Anderes nicht. Er winkte dem Inten⸗ danten, ihn zu laſſen, und ſagte in mildem Tone: „Thomas, ich kenne Dich jetzt. Setz Dich!“ Thomas ſetzte ſich auf die Bank, hob den Brannt⸗ weinkrug auf, den er ſich aus dem Geld für den Hut erkauft hatte, und ſagte:„Willſt einmal trinken?“ Da Bruno ablehnte, trank er ſelbſt in gierigen Zügen. 0 * Bruno Fihre Unwer ſte un N und w hlic u Imno Lhom geſchri ſinen licher ſt on ſagte Jh eutſch, gehabt. mo ge⸗ allein wirs. n, Du d Geld wirſt bin ich hinaus, ebſt Du hweſter, luſtige twachte Geſellen Inten⸗ Tone: “ Prmnt⸗ den Hut ken!“ gierigen Der Intendant ſagte in franzöſiſcher Sprache zu Bruno, daß hier nichts zu erforſchen ſei; er habe dem Führer heimlich den Auftrag gegeben, ſobald ſie ſich umwendeten, den wilden Geſellen feſtzuhalten, damit ſie unbehindert nach dem Thal zurückkehren könnten. „Was wälſcht da der Staarmatz?“ rief Thomas und wollte auf den Intendanten los. Im ſelben Augen⸗ blick warf ſich der Führer auf Thomas und hielt ihn feſt; die Beiden verließen die Hütte und rannten eilig den Berg hinab. Erſt als der Führer kam, hielten ſie ſtill und Bruno wagte aufzuathmen. Der Führer erzählte, daß Thomas geraſt habe, er habe immer nach ſeiner Flinte geſchrieen, die er im Walde vergraben habe, er müſſe ſeinen Schwager erſchießen. „Am beſten iſt's,“ ſchloß der Führer,„der Burſch ſauft ſich den Hals ab, ſonſt muß man ihm doch noch den Hals abſchneiden.“ Bruno wagte nach geraumer Weile dem Inten⸗ danten in halb fragendem Ton zuzuflüſtern, ob es nun nicht genug der Naochforſchung, und Umkehr das Angemeſſenſte ſei. Der Intendant ſchwieg. Bruno ſah ihn wieder mit jener bitteren Miene an, die auch für Trauer gelten konnte. Der Intendant ſah das faſt zerbrochene Weſen Brunos und willigte in die Umkehr. ——— — 14⁰ Zwölftes Capitel. Die beiden Freunde kehrten nach dem Wirthshauſe zurück, wo die Reitknechte mit den Pferden warteten. Der Eine kam den Suchenden eine große Strecke ent⸗ gegen und brachte die Nachricht: da unten ſei ein Schiffer, der habe ausgeſagt, daß man dort drüben bei dem Dorfe— man ſieht einzelne Häuſer und den Kirchthurm von hier aus eine weibliche Leiche aus dem See gefiſcht habe. Der Intendant umfaßte Bruno, der bei dieſer Nachricht ſchwankte, als müſſe er niederſtürzen; man ſetzte ſich eine Weile auf der Stelle nieder, wo die Nachricht angekommen. Der Reitknecht ſagte, daß man in einer Stunde mit dem Kahn an dem bezeichneten Dorfe ſei, zu Lande aber ſeien es mehrere Stunden Wegs. „Ich kann nicht übers Waſſer fahren,“ ſagte Bruno,„ich kann nicht, heut' nicht. Schöning, ver⸗ langen Sie das nicht von mir, zwingen Sie mich doch nicht. Warum quälen Sie mich ſo?“ rief er unwillig. Der Intendant wußte, wie tiefer Schmerz leicht unbillig macht; im dunkelſten Hintergrund der Seele lauert ein Zorn, auch gegen die Theilnehmendſten, die doch nicht die Betroffenen ſind. „Ich nehme Ihnen nichts übel,“ ſagte er,„und wenn Sie mir auch hart begegnen, ich ertrage es. Ich verſtehe Sie und bin weit entfernt, Sie zur Fahrt über den See bereden zu wollen. Wir reiten.“ „ Die Pferde wurden herbeigebracht, man ritt dem bezeichneten Dorfe zu. Sie kamen an einem Wirths⸗ vür verſ Thäl ſeine äbe väre den Nenſ in 2 ſicht. ihn n Junge ihn, ſir ih hauſe rteten. e ent⸗ ei ein drüben nd den he aus dieſer man wo die oß man nDorfe ſagte g, ver⸗ ich doch nwillig. z leicht er Seele ſten, die „„und ez. I Fohrt ritt den Virths⸗ haus vorbei, wo vor der Thüre unter der Linde Fuhr⸗ leute, Schiffer und Holzknechte Bier und Branntwein tranken, lachten und ſcherzten. Bruno war's, als würde er wie ein Fieberkranker, der die Welt nur verſchleiert und wüſt ſieht, über Berge und durch Thäler geſchleppt, und hier am Wirthshaus lechzte ſeine Zunge, er wollte auch gern trinken, vielleicht gäbe ihm das neue Kraft, ja vielleicht, was das Beſte wäre, ein Vergeſſen von Allem; aber er wagte nicht, dem Freunde ſein Verlangen auszuſprechen. Darf ein Menſch in ſeiner Lage Branntwein trinken? Das darf ein Wilderer, wie der da oben, aber ein Cavalier nicht. Innerlich fluchte Bruno auf den Freund, der ihn nicht einmal trinken ließ, während ihm doch die Zunge am Gaumen klebte, äußerlich aber dankte er ihm, daß er ſich ſo viele Mühe machte, ſich ſo Schwerem für ihn ausſetzte, er werde ihm das nie vergeſſen.— Ach, wie gut iſt's doch, daß die Worte ſo fertig ſind; faſt ſo gut als das, daß die Pferde ſo correct ein⸗ geritten ſind und tapfer im Trabe die Füße heben, ſo daß man ſich nicht ſelber zu bewegen braucht. Die Freunde ritten ſcharf. Es war hoher Mittag, als man in dem Dorf ankam, von wo Hanſei mit den Seinen vor zwei Tagen ausgewandert war. Der Gemswirth ſtand unter ſeiner Thür und grüßte ehr⸗ erbietig die beiden Reiter mit dem Reitknecht hinterdrein. Man ſtieg ab. Bruno warf dem Reitknecht den Zügel ſeines ſchweißtriefenden Pferdes zu, der Inten⸗ dant führte den Freund in den Vorgarten, wo ſie ſich ſetzten, und er that es nicht anders, Bruno mußte ein —— —— 14⁴2 Glas Wein trinken; der Gemswirth brachte ſchnell eine Flaſche Geſiegelten und lobte ihn als ſeinen beſten; auch einen großen Braten brachte er und ſtellte ihn auf den Tiſch; das ſtand nun da und mußte bezahlt werden, wenn es auch nicht berührt wurde. Der Intendant nahm den Gemswirth beiſeite und fragte ihn leiſe, ob es wahr ſei, daß hier eine Frauen⸗ leiche aus dem See angelandet. Der Gemswirth bejahte ſchmunzelnd. Das iſt etwas Beſonderes, was im Dorfe vorgeht, davon gehört ihm das Vortheil zuerſt. Der Intendant fragte weiter, wo das Haus ſei, in dem die Leiche liege. „Ich werde Sie führen,“ lächelte der Gemswirth. „Laſſen Sie auch den Bürgermeiſter rufen.“ „Iſt nicht nöthig, ich bin Gemeinderath,“ ent⸗ gegnete er, ging ſchnell in das Haus und kam zurück in ſeinem langen Rock mit der Denkmünze. Die Herren ſollen ſehen, mit wem ſie's zu thun haben, und vornehme Leute ſind das, ſonſt hätten ſie keinen Reit⸗ knecht und hätten geſagt:„Trag' Deinen Braten weg, wir bezahlen ihn nicht.“ Den Einen glaubte er ſogar zu kennen. „Verzeihen Sie,“ ſagte er zum Intendanten,„vor Jahren iſt einmal ein Maler hier geweſen, der war Ihnen ſo ähnlich, wie ein Bruder dem andern.“ Der Intendant wußte, daß er ſelbſt gemeint ſei, aber er war jetzt nicht geneigt, auf eine Erneuerung der Bekanntſchaft einzugehen. Der Gemswirth geleitete die Fremden nach dem Hauſe Hanſeis. nd auen⸗ etwas tt ihm er, we Swirth. A en zrüc Die n, und en Reit⸗ en weg, et ſogor n,„Ool der Wor ſ. eint ſel, neuel ung ach dem 143 Unterwegs ſagte er:„Eine ſchöne Perſon iſt's ge⸗ weſen, mächtig ſchön, aber gar arg nichtsnutz. Und ihre Angehörigen ſind auch nichtsnutz, beſonders der eine Bruder.“ Der Intendant winkte dem Redſeligen, daß er ſchweige. Bruno biß ſich die Lippen wund. Beim Hauſe Hanſeis, im Garten und am Weg ſtand eine große Menſchenmenge, man konnte kaum durchdringen; die Weiber klagten, die Kinder ſchrieen, die Männer ſchalten. „Platz da!“ rief der Gemswirth. Er ſchritt den beiden Männern voran durch die Menge, und Bruno hörte hinter ſich ſagen:„Der ſchöne Mann mit dem großen Schnurrbart das iſt der König.“ „Nein, das iſt er nicht, aber ſein Vetter,“ ſagte ein Anderer. Die drei kamen in den Garten. Bruno lehnte ſich an den Kirſchbaum und der Intendant bedeutete den Gemswirth, den Gefährten nur ein wenig ausruhen zu laſſen. Bruno ſtand da und die ganze Welt ging im Kreiſe mit ihm herum. Vom Kirſchbaum fielen welke Blätter auf ihn nieder— er erſchrak bis ins Herz hinein von der leiſen Berührung. Endlich ſagte er auf Franzöſiſch zu dem Freunde: „Was nützt es der Todten, wenn ich ſie ſehe? Und mir ſchadet es ewig— es bleibt mir im Gehirn ſtecken.“ „Mein Freund, Sie müſſen hinein! Bedenken Sie, dieſe Leute haben an der Su reiner Men⸗ ſchenliebe alle Wiederbelebungsverſuche gemacht.“ 8 1 44 „Dafür kann man ihnen Geld geben, aber was ſollen wir uns noch mit den todten Reſten abplagen?“ Bruno mußte doch hinein. Auf den Freund geſtützt, trat er über die Schwelle. Da lag im Hausflur die Leiche einer Frau. Auf demſelben Fleck, wo Hanſei vor zwei Tagen ihrer ge⸗ dacht, lag jetzt die ſchwarze Eſther; ihr glänzend ſchwarzes Haar hing in dicken Strähnen über das Ge⸗ ſicht, der Mund ſtand offen— der letzte Schrei den Irma gehört, lag noch darauf. „Eſther!“ rief Bruno und bedeckte ſich das Geſicht mit den ſchwarzbehandſchuhten Händen. „Das iſt nicht Ihre Schweſter,“ tröſtete der Inten⸗ dant,„kommen Sie fort, kommen Sie!“ Bruno konnte ſich nicht von der Stelle bewegen. „Ja, Schweſter!“ rief eine alte Frau, die jetzt ſich an der Leiche emporrichtete.„Ja, Schweſter. Habe ich dir nicht geſagt, thu' ihr nichts, weil ſie dem ſchönen Fräulein durchgeholfen hat, ſie thut ſich ſonſt ein Leid an? Jetzt haſt du's! Und gerade in dem Haus liegſt du? O das Haus, das Haus! Der See wird's noch wegſchwemmen; komm' herauf, See, hol' das ganze Haus! Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr?“ rief ſie auf⸗ ſpringend und faßte Bruno am Arm.„Wer biſt Du mit den ſchwarzen Händen? Laß Dich ſehen! Du biſt's? Du?— Du haſt Deinen Vater nicht ſterben ſehen wollen— was willſt Du von meiner Eſther? Herr im Himmel— jetzt weiß ich's, Du biſt's ge⸗ weſen, Du! Sag', Du biſt's geweſen, ſag's, mach' nicht die Augen zu, ich kratze ſie Dir doch aus! Du rwas agen?“ geſtützt, . Auf et ge⸗ änzend das Ge⸗ rei den s Geſicht r Inten⸗ wegen. jett ſch Habe ich ſchönen ein Leid us liegſt rds noch us ganze f ſie auf⸗ biſt Du t ſtrben t 6ſh! biſts ge⸗ s, mh 3! Du au 145 biſt's.— Ich will Dir einen Nagel in Dein gun ſchlagen, in das verfluchte Hirn, das ihrer vergeſſen. O, warum weiß ich's jetzt erſt? Aber es hat Zeit ge⸗ nug, mein Thomas hat Dir ſchon einmal die Kugel aufs Genick gehabt— er wird Dir noch einmal...“ Bruno ſank ohnmächtig um. Der Intendant fing ihn auf, aber er konnte ihn nicht halten und legte ihn nieder auf den Boden, auf dem Eſther lag. Der Gemswirth eilte hinaus, um Waſſer zu holen, und jetzt traten durch die offene Thür mehrere Männer ein, Doktor Sixtus, der Phyſikus, der Juſtiziar und Baum. Sixtus brachte Bruno ſchnell wieder zum Aufath— men. Baum überſah mit raſchem Blick, was hier vor— ging; er hielt ſich an der Thürpfoſte, er klammerte ſich mit den Fingern wie mit einer Zange daran, dann ſchlich er hinaus. Er iſt hier nicht nöthig, und es kann noch Alles verloren gehen, wenn er jetzt ſich ver— räth. Er brachte ſich bis an den Kirſchbaum im Gar⸗ ten, dort ſetzte er ſich auf die Bank und knüpfte ſich die Gamaſchen auf und zu, dann nahm er ſeine Uhr heraus, zählte die Sekunden ab, zog die Uhr friſch auf, hielt ſie ans Ohr und ſpielte nachläſſig mit der Uhrkette. Er beſann ſich. Er ſagte ſich ſtill, daß er das Große, das noch auszuführen iſt, allein vollenden muß; er glaubt Irma auf der Spur zu ſein. Sixtus will nichts davon wiſſen und ſpottet ihn aus— deſto beſſer, dann fällt ihm das Verdienſt allein zu; drum iſt jetzt keine Zeit, jetzt am venihen, ſich der Mutter anzunehmen. Die Schweſter iſt todt— das iſt vielleicht Auerbach, Auf der Höhe 111 10 —.—— —— 146 das Beſte für ſie, und keinesfalls kann er ſie wieder ins Leben zurückbringen. Später kann er ja unent⸗ deckt für die Alte ſorgen. Baum war ſtolz auf ſeine Faſſung und ſtreichelte ſich das Kinn. Drin im Hauſe ging von Sekunde zu Sekunde Erſchütterndes vor. Die Alte ſchrie und heulte, ſie rannte in die Stube, riß das Fenſter auf und ſchrie: „Schlagt ihn todt! Erſäuft ihn! Er hat ſie erſäuft!“ Baum auf der Bank im Garten ließ die Uhr fallen, als er dieſe Worte hörte. Jetzt wurde die Alte vom Fenſter weggeriſſen, Dokter Kumpan hielt ſie. Sie kam wieder an die Leiche ihrer Tochter. „Schlaget uns Alle todt!“ rief ſie.„Es giebt keinen König auf der Welt und keinen Gott im Himmel!“ Die Alte raſ'te, dann weinte ſie, dann rief ſie wieder ihrem Kind: „Du haſt den Mund offen, ſag' nur ein einziges Wort, nur ein einziges Ja vor den Zeugen! Sag' ſeinen Namen, er hat Dich ins Unglück geſtürzt und Dich im Elend verkommen laſſen! Sie glauben mir's ja nicht. Sag' Du,“ rief ſie dem Intendanten zu, ihn packend —„ſag' Du: Hat er nicht ihren Namen gerufen und hat es bekannt? Geſchieht dem nichts, der ein armes Weſen ins Elend und in den Tod geſtürzt? Sag Du's“ — wendete ſie ſich zu Bruno—„da haſt Du den Ring, den mir Deine Schweſter geſchenkt, ich will nichts von euch!“ Sie ſtürzte ſich wieder heulend und wehklagend auf die Leiche. ließ var gaub faßte an de e hal eſta ſiht eum bi d d ſe on er juj daß des Irn ieder ment ichelte ckunde te, ſie ſchtie: ſüuft!“ fallen, te von . bt keinen mel!“ rief ſi einziges g ſeinen Dich in ja nicht. pacend uen und in armes Du den vill nichs agnd uf 147 Bruno wurde endlich hinausgeführt. Er ſah leichen⸗ blaß aus. Von den ſchwarzen Handſchuhen waren Striemen in ſeinem Geſicht. Man ſetzte ihn unter den Kirſchbaum auf die Bank; Baum ſtand auf, brachte Waſſer herbei und Bruno wuſch ſich das Geſicht; er ſah verwundert auf das weiße Tuch, das ſchwarze Flecke von ſeinem Geſicht abnahm. Man kehrte nach dem Wirthshaus zurück. Bruno ließ die Hand des Intendanten nicht mehr los; er war wie ein furchtſames Kind, bei jedem Geräuſch glaubte er, die Alte komme und kratze ihm die Augen aus und reiße ihm das Herz aus dem Leibe. Endlich faßte er ſich und fragte den Intendanten, was er denn an der Leiche gerufen habe. Der Intendant erwiderte, er habe„Schweſter!“ gerufen und die Alte habe„Eſther“ verſtanden und ſei darauf ganz raſend geworden. Bruno hörte zu ſeiner Beruhigung, daß er ſich nicht verrathen. Er beſtimmte indeß eine namhafte Summe zur lebenslänglichen Unterſtützung der Alten, bei der Irma ihre letzte Herberge gefunden. „O Freund,“ klagte er dem Intendanten,„ich werde das Bild der Ertrunkenen mein Lebenlang nicht ver⸗ geſſen.“ Bruno war ſo matt, daß er nicht mehr zurückreiten konnte. Der Wagen des Doktor Sixtus ſtand bereit, er ſetzte ſich mit ihm ein, um nach der Reſidenz zurück⸗ zufahren. Der Hofarzt gab Bruno den traurigen Troſt, daß man die Leiche Irmas nicht finden werde; die des verlorenen Weſens ſei an die Oberfläche geſchwemmt. Irma aber— das habe er vorausgeſagt— ſei von 148 dem langen Reitkleid in die Tiefe gezogen und werde nie gefunden werden. Beim Abſchied ſagte der Intendant zu Bruno: „Ich habe Ihr tiefes Herz kennen gelernt!“ Bruno nickte ſtill. Er ließ ſich das gefallen, es mag gut ſein, wenn der Intendant das ſo bei Hofe erzählt. Als man zum Wagen ging, war die ganze Gegend in Regen gehüllt. Man ſah nicht Berg, nicht See. Noch im letzten Augenblick der Abfahrt rief Bruno den La⸗ kaien Baum und übergab ihm ſeinen rothkragigen Man⸗ tel, denn Baum ſollte das Pferd Brunos beſteigen und mit demſelben heimkehren. Der Intendant ritt von Baum geleitet zurück. Er rief Baum, der hinter ihm dreinreiten wollte, an ſeine Seite. „Herr Intendant,“ ſagte Baum,„das iſt ein arges Theater.“ „Ja, ſchauervoll. Ich glaube, die Mutter der Er⸗ trunkenen iſt verrückt.“ „Herr Intendant,“ begann Baum wieder,„ich möchte Ihnen etwas ſagen. Ich meine, es könnte doch ſein, daß die Gräfin gar nicht ertrunken iſt. Der Herr Hofarzt hat mich ausgelacht, aber ich hab' eine Spur und—“ Ein Schuß knallte. Baum ſtürzte vom Pferde. „Diesmal hab' ich Dich getroffen!“ ſchrie eine Stimme. Thomas ſprang aus dem Gebüſch hervor. „Packt mich!“ rief er.„Ich hab' ihn doch—“ Man 4 muſt ewa Geſte fült im do urd Dorf ud ſhn 149 werde Er ſah die Leiche Baums am Boden— da ſchrie er raſend auf: no:„Den Bruno hab' ich erſchießen wollen, und nun Du? Du?“ len, es„Bruder! mein Bruder!“ brachte Baum noch mit Ni Hofe röchelnder Stimme hervor—„Ich bin Wolfgang— Dein Bruder Jangerl!— Wolfgang— Zenza, meine Gegend Mutter...“ e. Noch Thomas eilte in das Dickicht zurück und drin hörte den La⸗ man noch einen Schuß. en Mor⸗ Der Intendant ſtand verzweifelt. Der Regen heſteigen rauſchte nieder. Baum zuckte noch einmal. Da kam etwas mit Scherzen und Lachen herbei, wunderliche ück. Er Geſtalten mit aufgeſchürzten Kleidern und ſeltſam ver— an ſeine hüllt; es war die Badegeſellſchaft, der man heute früh im Wald begegnet war. Die Damen eilten entſetzt ein arges davon. Die Männer halfen dem Intendanten. Es wurden Bauern vom Feld gerufen, um Baum ins der Et⸗ Dorf zurückzuſchaffen; Andere durchſuchten das Dickicht und brachten bald die Leiche des Thomas mit zer⸗ et,„ih ſchmettertem Kopf heraus. nnte doh Der Intendant traf den Juſtiziar im Dorfe. Er ſt Du legte bei ihm alle Ausſagen nieder und bald war das pob ene ganze Dorf im Wirthshaus verſammelt. Es war aber auch kein kleines Ereigniß, drei Geſchwiſter auf Einmal en todt; und daß Baum ſich zuletzt noch als Wolfgang Rauhenſteiner zu erkennen gegeben, darüber wollte ſich faſt Niemand wundern, Jeder wollte ihn ſchon längſt erkannt haben, ſchon damals, als er in Begleitung des Hofarztes Walpurga abholte.. hrie eine „ 150 Am Abend ſaß der Intendant noch lange beim Gemswirth, dem er ſich nun als der Maler von ehe⸗ dem zu erkennen gegeben. Der Gemswirth erzählte viel von Hanſei und Walpurga, es läßt ſich denken, in welcher Art. Die alte Zenza nahm die Nachrichten, die ihr wur⸗ den, ſtumpf dreinſtarrend auf; ſie ſchien Alles nicht recht zu faſſen. Als man ihr ſagte, daß der Graf Geld dagelaſſen und verſprochen habe, immer für ſie zu ſor⸗ gen, lachte ſie hell auf, und als man ihr zu eſſen brachte, aß ſie Alles, was man ihr vorſetzte, mit Gier. Baum, Thomas und die ſchwarze Eſther wurden mit einander begraben. Dreizehntes Capitel. Der König war zur Jagd, die Königin war krank. Das Hofgefüge hielt feſt, die Herren und Damen ſpeiſten an der gemeinſamen Marſchalltafel und unter⸗ hielten ſich über fernliegende Gegenſtände; man war heiter, denn es iſt Pflicht, den gegebenen Ton auf⸗ recht zu erhalten. Es war am vierten Tage nach der Schreckensnach⸗ richt. Die Hofdamen ſaßen nach der Mittagstafel unter dem ſogenannten Pilz. Der Pilz war ein rebenüber⸗ wachſenes rundes Dach an der Bergecke des Weinge⸗ ländes; das Dach ruhte auf einer Säule in der Mitte und ſah von fern aus wie ein aufgeſpannter Schirm oder auch wie ein rieſiger Pilz. Man war ſo glücklich, 151 e bein von den Vorbereitungen zur Verlobung der Prin⸗ on che⸗ zeſſin Angelique ſprechen zu können; man pries ihre etzühlte erhabenen Eigenſchaften, obgleich ſie nur ein einfaches, denken, beſcheidenes und gutherziges Mädchen war. Man hatte den Katechismus des Hofes vor ſich, den genealogiſchen hr wur⸗ Kalender; denn es hatte ſich ein Streit darüber er⸗ nicht hoben, in welchem Grade der mediatiſirte Fürſt Arnold taf Geld von großmütterlicher Seite mit dem regierenden Hauſe zu ſor⸗ verwandt ſei. Die ganze Unterhaltung war indeß nur zu eſſen Nothbehelf. tit Gier. Man ſprach davon, daß der Intendant von der wurden Reiſe zurückgekehrt ſei, und man war noch nicht recht klar, welche Abenteuer er erlebt; daß es dabei Todte gegeben, Erſchoſſene, Ertrunkene, wußte man, aber das Wer? und Wie? war noch räthſelhaft. Glücklicherweiſe ſah man den Intendanten jetzt ſelbſt des Weges daher kommen. Man begrüßte ihn mit krant halb neckiſchem, halb mitleidigem Zuruf. Er ſah ent⸗ Damen ſchieden angegriffen aus. Man bot ihm den beſten dunter⸗ Stuhl in der Mitte— er ſollte erzählen. Der In⸗ an wer tendant ſah ſich geſchmeichelt von dieſer allgemeinen, on u⸗ wenn auch etwas neckiſch vorgebrachten Huldigung, und war ſchnell wieder der Gefällige; er war bereit, um den tenznh⸗ Preis der Beliebtheit Alles zum Beſten zu geben, und fel unter wenn's nöthig iſt, auch ſich ſelbſt. ebenüber⸗ Er wollte zuerſt von Brunos tiefer Trauer er⸗ Weinge zählen, aber dies war es nicht, was man wiſſen wollte. der Mitte Gut— man will von Bruno nichts hören übergehen Stin wir ihn. Nun erzählte er nicht ohne geſchickte Anord⸗ ut nung den grauſigen Tod Baums, der als echter 8 — — ————— — — Bedienter für einen andern in den Tod gehen mußte, aber doch auch nicht unverdient; denn er hatte Mutter und Geſchwiſter verleugnet, und ſiel nun durch die Hand des Bruders, der ſich dann ſelbſt den Tod gab. Alles war von Schauer ergriffen und man fand es höchſt ſeltſam, daß hinter einem alltäglichen Lakaien, wie Baum war, ſo viel Abenteuerliches ſtecken ſollte. „Sie haben nun eine Tragödie erlebt, die ſich ſelbſt in Scene ſetzte,“ ſagte eine der Hofdamen. Der Intendant wußte, daß Tragödien nicht mehr beliebt ſind, und gefällig wie immer, erzählte er nach den wahrheitsgetreuen Mittheilungen eines decorirten Biedermannes, des höchſt ehrenwerthen Gemswirthes, einiges ſehr Anziehende über Walpurga, die ehemalige Amme des Kronprinzen. Man ſtellte ſich zwar— oder war es wirklich ſo?— als ob man dieſe Perſon völlig vergeſſen, ja kaum je gekannt habe— mein Gott, wer kann ſich alle dieſe untergeordneten Perſonen merken? aber in Ermanglung eines andern unverfänglichen Unterhaltungsſtoffes ließ man ſich auch wieder von Walpurga erzählen, und Schöning berichtete nach den ſtreng glaubwürdigen Mittheilungen des ſehr ehren⸗ werthen Gemswirthes— ſo lautete immer ſeine Ein⸗ leitung— überaus Luſtiges von Walpurga und ihrem tölpelhaften Gemahl. Der gute Hanſei wurde in den Geſchichten ſo bockſteif gemacht, daß er weder Hände noch Füße ſelbſt gebrauchen konnte, und wenn er einen Gulden zählen ſollte, ſo mußte der Schulmeiſter geholt werden. Beſonders ſchmackhaft, und zwar mit etwas ildgeſchmack hergerichtet, war die Geſchichte von einer Wite! in in deß e ſo lieb dr ſreche Gcbirg due nuls und de bergni Syrih und d Eis al mußte, Mutter rch di od gob. n fand lakaien, n ſollte. ch ſelbſt ht mehr er nach corirten wirthes, emalige — 0der n völlig t, wer merken? nglichen er von ach den ehren⸗ me Ein⸗ d ihren in den r Hände er einen et ghrlt it etwas on einer Wette und einem Kammerfenſterchen. Die Damen kicher⸗ ten in ſich hinein und ſchalten auf den Intendanten, daß er ſolch eine Geſchichte erzähle; aber der Inten⸗ dant wußte recht gut, daß ſie ſolche Geſchichten um ſo lieber hörten, je mehr ſie ſchalten. Dabei hatte der Intendant mehrfach Gelegenheit, im Dialekt zu ſprechen; er kam ja eben friſch aus der Heimath des Gebirgs⸗Dialektes, und er hatte das Talent, verſchie— dene Stimmen von Bauern und Bäuerinnen, die da⸗ mals am Kammerfenſterchen geſtanden, nachzuahmen und dabei allerlei ſaftige Kraftworte anzubringen; es vergnügte ihn ſelbſt, ſolche losplatzende Fröſche und Sprühteufel unter die Damen zu werfen, daß ſie da und dort laut aufſchrieen:„O Sie entſetzlicher Menſch! Sie abſcheulicher Menſch!“ Eine Dame ſtach ihn ſogar mit ihrer Sticknadel; aber er erzählte immer ruhig weiter; er wußte wie dankbar man ihm war. Und ſo wenig es Hanſei etwas ſchadete, daß von ihm als einem Tölpel geſprochen wurde, ſo wenig ſchadet es ja Walpurga, wenn man ſie etwas bunter ausſtaffirt— auf dem Theater ſind ja die Röcke der Bäuerinnen auch kürzer als in der Wirklichkeit. Und ſo dichtete der Intendant— gewiß mit dem beſten Willen, er that es ja nur, um den Damen gefällig zu ſein— Walpurga allerlei wunderbare Eigenſchaften on, ja man wollte ſogar wiſſen, daß ſie der Pfarrer am erſten Sonntag nicht ohne Grund in die Sacriſtei hatte rufen laſſen. Zuletzt, allerdings mit Vorbehalt und Verwah⸗ rung, berichtete der Intendant, daß Walpurga von einer gewiſſen Dame, die ihre Freundin war, Tauſende und Tauſende erhalten habe, es ließe ſich allerdings nicht ſagen, wofür, aber ein großes Bauerngut hätten ſich die Leute gekauft; freilich hätten ſie auswandern müſſen, denn derart erworbenes Gut bringe keine Ehre, ſelbſt auf dem Lande nicht. In der ganzen Gegend ſpreche man davon, und auch der Amtmann habe es beſtätigt, daß ſie das ganze Gut baar in blankem Golde ausbezahlt habe und das betrage mehr als das Sechsfache deſſen, was Walpurga nachweisbar erhal⸗ ten habe. Der Intendant wiederholte, daß er nicht entfernt die Abſicht habe, eine Verleumdung weiterzutragen; aber er wollte intereſſant ſein, und dafür gab er ſich und Andere preis. Man war glücklich, dieſe ewig aufgeputzte Land⸗ unſchuld einmal in ihrer Wirklichkeit zu ſehen, und man wünſchte nur, daß die Königin auch vernommen hätte, wie ihre geliebte Geſtalt aus dem Volke in Wahrheit ausſieht. Es ſchien aber dafür geſorgt, daß ſie es erfahre. Vierzehntes Capitel. Der König jagte im Hochgebirge; er war in Wahl⸗ heit ein Jäger; er ließ ſich das Wild nicht vor den Lauf treiben, er ſtieg der Gemſe nach auf den ſteil⸗ ſten Berggrat, ſein abgehärteter elaſtiſcher Körper über⸗ ſtand mit Leichtigkeit jede Strapaze und ſein ganzes in in( ind war 6 s izut heil d uf n d Jjier Inde wure ihren rn 0 * hud huit ſu ſn l Jene han auſende lerdings tt hätten wandern ne Ghre, Gegend habe es blanken als das echal⸗ entfernt zutragen; b er ſich te Lund⸗ hen, und romnen Volke in erfohre. in Wohb ſt vor den den ſteil⸗ örper übe⸗ ein gunie 155 Weſen gewann ſehnige Spannkraft und friſchen Muth im Waidwerk. Die Hofcavaliere hatten eine Witterung davon, daß im Geiſte des Königs etwas vorging; die beſtändige und faſt ausſchließliche nächſte Begleitung Bronnens war räthſelhaft. Es war bekannt, daß Bronnen es verweigert hatte, als Kriegsminiſter in das Miniſterium Schnabelsdorf einzutreten; jetzt, hieß es, hat Schnabelsdorf den Nach⸗ theil davon, daß er nur am grünen Tiſch Meiſter iſt und nicht mit zur Jagd gehen kann.— Bronnen hat auf mehrere Tage das Ohr des Königs. Die Büchſen knallten auf den Höhen und manches Thier erlag; die Büchſen knallten im Thal und ein Bruderpaar ſank in den Tod, und in der Hauptſtadt war ein Gerede, das wie Meeresbrauſen tönte.— Die Königin vernahm von alledem keine Kunde; in ihren Gemächern war es ſtill, nicht einen Fußtritt, nur manchmal leiſes Flüſtern hörte man. Die Königin hatte die Worte über den Tod Eber⸗ hards in der Zeitung mit Bitterkeit geleſen, und doch hatte die Zeitung dem, was die öffentliche Stimme ſprach, noch mit Zurückhaltung Ausdruck gegeben. Man erzählte ſich Grauſenhaftes vom Hofe. Die Königin ſei bei der Nachricht vom Tode der Gräfin ildenort in Wahnſinn verfallen. Die Menſchen ahnten nicht, was in dieſem Gerücht lag. So ſchauervoll war nicht der Weg Irmas in jener Nacht über Berg und Thal, als der Gedanken⸗ gang der Königin. 156 Sie dachte an Irma, ſie haßte und verabſcheute ſie und doch beneidete ſie ihr den Selbſtmord— eine Königin darf ſich nicht ſelbſt morden; es iſt unerhört in der Geſchichte. Eine Königin muß warten, bis man ſie langſam, etikettengemäß tödtet, lebendig einbalſa⸗ mirt, bis ſie endlich todt iſt, und dann noch wird ſie nicht begraben, nein— beigeſetzt in der Gruft... Nur immer erhaben, nur immer droben. Nur um Alles in der Welt keine Königin, die ſich ſelbſt ndet Man wollte der Königin ihr Kind bringen; ſie wollte es nicht ſehen— Irma hat es geküßt. Sie rieb ſich oft und oft die Hand und die Wangen; ſie waren unrein, ſie brannten— Irma hat ſie geküßt. Alles war ihr vernichtet: Liebe, Freundſchaft, Glaube, Treue, die weite Natur, wie ſie dem Auge ſichtbar und dem Ohr hörbar, die Kunſt des Bildes, des Klan⸗ ges, des Wortes— Alles war ihr verwüſtet, denn Alles hatte Irma beſeſſen, erhöht, beſprochen, und es war nun Lüge, Fratze geworden. Schaudernd ſprang die Königin einmal auf: die ſtrenge Folge der Gedanken muß den König zum Selbſt⸗ mord zwingen. Er kann es nicht ertragen, daß die, die er zu Grunde gerichtet, noch ſo viel Muth und Geradheit hatte, nicht weiterleben zu wollen Er kann nicht weiterleben. Wie will er die Flinte auf ein unſchuldiges Thier richten und nicht auf ſich ſelbſt? Wer von Tauſenden genannt und Tauſenden ver⸗ pflichtet iſt, darf nicht ſelbſt Hand an ſich legen... Wie durfte er aber ſich ein Thun geſtatten, das ſeine w—— Gr er ( —e gun erde ehl Di Duke innte ſni d au ſſn ſeſch lie „ Wm ubi nih 9 2 ſeine heile nen. e 157 et Erhabenheit tödtet? Wo konnte er noch irgend Wahrheit uhn verlangen, wenn er ſelbſt 1 2 n Die Königin fuhr wie wahnſinnig auf bei dieſen 5 Gedanken. uhſ Die Menſchen fabelten, die Königin ſei wahnſinnig ſe— ein dunkles Gefühl ſagte ihnen, an welchem Ab— * grund ſie wandelte. S Sie gab Befehl, daß Niemand zu ihr eingelaſſen ch ſehi werde; ſie ſchaute dabei lächelnd auf— ſie kann noch befehlen, es gehorcht ihr noch etwas... e Nach geraumer Zeit erhob ſie ſich und befahl, t Eie daß man den Leibarzt rufe; er erſchien ſogleich, er hatte im Vorgemach verweilt. ie geküßt. Die Königin berichtete ihm die ganze Wirrniß ihres Gloube, Denkens, es erleichterte ihr das Herz; nur das Eine e ſichtbar konnte ſie nicht ſagen: daß ſie doch fühle, wie der des Kn⸗ König ſie liebte— ſo weit ſein unſteter raſtloſer Sinn tet, dem das aufkommen ließ, was Liebe zu nennen iſt. Sie „und e geſtand dem Leibarzt Alles, nur dies Eine nicht— ſie ſchämte ſich, daß ſie noch jetzt einen Gedanken der auf: di Liebe mit dem König verband. un Selbſt⸗„Ach, Freund,“— klagte ſie zuletzt—„giebt es daß die, denn nicht auch ein Chloroform für die Seele, für eine Mucth und Provinz in der Seele, ein Tropfen Lethe? Lehren Sie mich vergeſſen, ſtumpf ſein. Ich vergehe im Denken.“ Flinte af Der Leibarzt wollte nach ſeiner Weiſe und wie es ſih ſelbſt? ſeine Wiſſenſchaft erheiſchte, nicht von Fall zu Fall enden ver⸗ heilen und flicken, er wollte den Organismus umſtim⸗ egen men. Hat die Königin gelernt, anders zu denken, ſo das ſein iſt auch der nächſte gegebene Fall in die entſprechende i 158 Perſpective geſetzt. Er tröſtete daher nicht, er leitete ihre Gedanken nur weiter; deckte ihr die Gründe auf im Thun und Laſſen der Menſchen. Er behandelte ſie nach dem großen Grundſatz jenes einſamen Philo⸗ ſophen, daß in allem Treiben der Menſchen die Natur⸗ geſetze walten; hat man dieſe begreifen und verſtehen gelernt, dann iſt keine Rede mehr von Verzeihen, wenn⸗ gleich das Verzeihen mit eingeſchloſſen liegt in dem Er⸗ kennen der Naturnothwendigkeit. In dieſer Betrachtungsweiſe ſuchte Gunther wie nach einem Brande Schutt und rauchende Trümmer wegzuräumen; noch ſchlug da und dort bei der Hebung eine Flamme auf, aber ſie war doch nur vereinzelt. Die Königin klagte, wie ſie nichts als das Chaos vor ſich ſehe; ſie ging ſo weit, es einen Wahnwitz zu nennen, gut ſein zu wollen. Gunther gab ihr keinen andern Troſt als den, daß auch er den ganzen Jam⸗ mer der Verzweiflung kenne; er gab ſich nicht wie ein draußen in Geborgenheit Stehender, der dem in To— desangſt Ringenden zuruft: Komm zu mir, hier iſt gut wohnen.— Er war ein Genoſſe des Elends. Er erzählte von den Zeiten, da er nicht nur an ſeiner Kunſt verzweifelte, an keine Heilung und keine Geſundheit mehr glaubte, ſondern ihm auch aller Glaube an eine vernünftige Weltordnung geſchwunden war. Er verfuhr nach dem Grundſatz, daß man dem Verzweifelnden nur zeigen kann: Siehe, es haben An⸗ dere gelitten wie du, und ſie haben gelernt, weiter⸗ zuleben. Iſt dieſes Bewußtſein in dem Bedrängten auf⸗ e und Lebe / muth. belaſt lhen indl I. ſhmn un — iij it, wh ſene er leitete ünde auf chandelte n Phil⸗ ie Natur⸗ derſtehen n, wenn⸗ dem Er⸗ ther wie Trünmer Hebung reinzelt. 8 Choos hnwitz zu hr keinen zen Jun⸗ t wie ein nin T⸗ hhier iſt Glends. wr en und keine nch aler ſchwunden man den haben n⸗ t, weiter⸗ ugten uf gegangen, ſo athmet er zum Erſtenmale wieder im Licht und betritt die erſte Stufe der Erlöſung. „Ich will Ihnen das ſchwerſte Bekenntniß meines Lebens machen,“ ſagte der Leibarzt. Sie „Es gab eine Zeit, wo ich die Leichtfertigen, ja die Laſterhaften beneidete; ich neidete ihnen ihren Leicht⸗ muth. Ich wollte auch ſo ſein. Wozu ſich die Seele belaſten mit ſittlichen Erwägungen, wenn ſich's ſo gut leben läßt im Zuſammenraffen alles deſſen, was reizt und lockt?“ Der Leibarzt hielt inne, die Königin ſah ihn groß an. Er fuhr mit Ruhe fort: „Ich habe mich gerettet und in meiner reichen Er— fahrung habe ich gefunden: Jeder Menſch, auch der zum Beſten ſtrebende, hat— wenn man ſo ſagen kann — eine Geſpenſterkammer in ſeiner Seele; es gab eine Zeit, einen Moment, wo er in Unreinheit verfiel oder doch nahe daran ſtreifte, eine Unthat zu begehen.“ Aus langem ſtillem Brüten fragte die Königin: „Sagen Sie, giebt es glückliche Menſchen auf der Welt?“ „Wie meinen Sie das, Majeſtät?“ „Ich meine: Giebt es Menſchen, in deren Leben Neigung und Beſtimmung vollkommen harmonieren, und die ſich dieſer Harmonie bewußt ſind?“ „Ich danke. Ich ſehe, Sie befleißigen ſich geſchloſ⸗ ſener Faſſung im Ausdruck. Sie wiſſen, Majeſtät, ich beurtheile einen Menſchen weſentlich nach ſeiner Satzbildung. Es kommt nicht darauf an, ſogenanntes ———— 2 Geiſtreiches vorzubringen, ſondern das, was man ſagt, klar und bündig.“ Die Königin merkte wohl, daß der Freund ſie zur Kraft allgemeiner Betrachtung und feſter Geſchloſſenheit führen wollte; ſchmerzlich lächelnd ſagte ſie: „Und wiſſen Sie eine Antwort auf meine Frage?“ „Ich glaube. Majeſtät kennen die Geſchichte vom Hemd des Glücklichen?“ „Nicht mehr ganz.“ „Alſo kurz gefaßt: Ein König war krank, er konnte nur geſund werden, wenn ihm das Hemd eines Glück⸗ lichen verſchafft wurde. Man ſucht und ſucht, und findet endlich einen unſäglich armen und dabei unſäg⸗ lich glücklichen Menſchen und— er hat kein Hemd auf dem Leibe.— Ich, nach meiner Ueberzeugung, drehe die Geſchichte um. Wäre ich ein Dichter, ich würde in einer großen Reihe von Bildern von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land das Leben der Menſchen aufrollen und zeigen: Seht her! da klagt dieſer und jener, dieſe und jene, und ſie ſind glücklich, oder vielmehr ſie ſind eben das, was ſie ſein können. Jedem Menſchen iſt das Maß ſeines Glückes in ſeiner Eigenthümlichkeit zugetheilt, er em⸗ pfindet Glück oder Unglück gleich hoch oder tief, dumpf oder klar. Die Dichter ſind die Glücklichſten oder Un⸗ glücklichſten, weil ſie Glück und Unglück am höchſten empfinden. Jedem iſt das Glück gegeben, das ſeiner Naturnothwendigkeit entſpricht, und Unglück iſt noth⸗ wendig, um das Glück zu fühlen, wie wir nur aus dem Schatten das Licht erkennen.“ keit ven in de ind. ju fa 6ien ſin?“ Wn uußtſ igr det d twed ſih ge hr ſ6 h n ſoh St tre d ſi zu loſſenheit Frge“ ichte vom er konnte ſes Glüc⸗ cht, Uid bei unſi⸗ ein Hend rzeugung, chtet, ich von Haus zu Lund en: Scht ene, und das, was kaß ſeines t, et en⸗ ef, dunpf oder Um⸗ n hüchten das ſeiner iſt wih⸗ rmr as 161 „Sie glauben alſo, alle Menſchen ſeien glücklich?“ „In Wahrheit ſind ſie es, aber in der Wirklich⸗ keit nicht, weil ſie ſich nicht mit ihrer Naturnoth⸗ wendigkeit einigen und immer und überall ihr Glück in dem ſuchen, was ſie nicht haben, oder beſſer, nicht ſind.“ „Ich faſſe das noch nicht ganz, aber ich werde es zu faſſen ſuchen,“ erwiderte die Königin.„Aber ſagen Sie mir: Kann auch der Schuldbewußte noch glücklich ſein?“ „Ja, wenn er frei wirkt und ſchafft und das Be⸗ wußtſein ſeiner Schuld ihn nur verzeihender und thä⸗ tiger macht. Majeſtät! Der Irrthum, die Unebenheit, oder das, was man Fehler eines Menſchen nennt, iſt entweder ein Ueberſtrotzendes oder ein Mangel, was ſich gewiſſermaßen als Hautrelief oder Basrelief ſeiner Natur darſtellt. Die Fehler des Ueberquellenden laſſen ſich durch Erziehung und Erkenntniß ausgleichen, die des Mangels nicht. Die meiſten Menſchen veklangen aber von ihren Zugehörigen und Allen, die ſie ſchön und groß wünſchen, daß ſie die Mängel ihrer Natur ausfüllen. Das geht nun und nimmer.“ Die Königin war lange ſtill. Sie nahm offenbar die Gedanken des Freundes in die Seele. „Auch ich habe einen ſolchen Basrelief⸗Fehler,“ ſagte ſie endlich,„ich weiß es. Ich ſehe es als eine Strafe Gottes oder der Natur an, daß mir mit Un⸗ treue und Abfall gelohnt werden mußte, weil ich den Glauben meiner Väter hatte aufgeben und einen frem⸗ den annehmen wollen. Ich war dem König dadurch Auerbach, Auf der Höhe. 1l. 11 162 ſchwach und haltlos erſchienen, er mußte mich verlaſſen. Ich wollte abtrünnig werden und werde mit Abtrün⸗ nigkeit geſtraft.“ So rief die Königin und weinte; ſie weinte über ſich ſelbſt. Gunther blieb ſtill und ruhig. Die Königin betrat die zweite Stufe der Er⸗ kenntniß. „Jener Abfall in Gedanken“— begann Gunther nach geraumer Pauſe,„Majeſtät wiſſen, ich habe ihn nie gebilligt— jene Lockerung des Gewohnten war doch auch ein Symptom, daß Majeſtät ſich Ueberzeu⸗ gungen neu aufbauen müſſen, die nicht nur mit Ihrer Natur ſtimmen, ſondern auch aus Ihrer Natur her⸗ austönen. Majeſtät! Jede klare Erkenntniß, jede Ueberwindung des Schmerzes iſt eine Wandlung und Neubildung des Daſeins, eine Läuterung, wie man es ſonſt nennt.“ „Ich verſtehe,“ erwiderte die Königin.„Ja, ich möchte die Weltordnung kennen, ich möchte die Ver⸗ nunft im menſchlichen Geſchick verſtehen. Warum muß ich das erleben? Macht es mich beſſer? Bringt es mich zu edlerem Thun? Wäre ich nicht viel beſſer, wenn mein Leben ungetrübt geblieben? Ich habe die Men⸗ ſchen alle ſo ſehr geliebt. Ach, es war ſo ſchön, Nie⸗ manden auf der Welt zu wiſſen, der mir feind, und noch ſchöner, Niemanden zu wiſſen, den ich haſſen, verabſcheuen muß. Und nun? Was ſoll ich noch thun? Mir iſt, als wenn ich zu jedem Schritt über eine Schwelle müßte, darauf eine Leiche liegt. Ich habe keine wei ſe veg Päre Menſe hien wordig — uch n 0 Wl he 6 auf innt Unl wiſt ſlſü grün derlaſſen. Abtrün⸗ nte über der Er⸗ Gunther habe ihn nten war lleberzeu⸗ mit Ihret atur her⸗ niß, jede lung und wie man „Ja, ic die Ver⸗ wun muß gt e nich ſer, wenn die Men⸗ chin, Ri⸗ eind, und ih hſen noh thun übet eine 56 habe keinen freien Schritt mehr in der Welt. Sie ſind ein weiſer Mann. Helfen Sie mir! Führen Sie mich hin⸗ weg über dieſe entſetzlichen Gedanken!“ „Ich bin nicht weiſe, und wäre ich's, ich könnte es Ihnen nicht geben. Die Alten haben die Sage, daß man die Heſperidenäpfel nur zeigen, aber nicht für Andere pflücken kann.“ „Wol! Wol! Es ſei. So antworten Sie mir: Wäre es nicht beſſer, in Tugend, im Glauben an die Menſchen größer, ſchöner, ſtärker zu werden?“ „Die Kindſchaft der Seele iſt ein Glück, die klare Erkenntniß ein Verdienſt und, wie ich glaube, ein noth⸗ wendiges und haltvolles Glück—“ „Sie lenken mich ab. Sie haben den Schlüſſel auch nicht.“ „Ich habe ihn nicht. Unſer Leben iſt nichts als harte Nothwendigkeit. Duck' unter! heißt es— laß es auf dich hereinhageln und ſtehe feſt! Die Sonne kommt wieder. Wir ſtehen im Bannkreis unſeres eige⸗ nen kleinen und des allunnfaſſenden Naturgeſetzes. Es Hkreiſt kein Stern am Firmament für ſich und vollzieht ſelbſtändig ſeine Bahn ohne Abirrung, die Geſtirne rings um ihn her ziehen an, ſtoßen ab; aber es gilt, in ſich zu verharren. So auch die Menſchen.“ „Sie geben eine Medicin und hoffen doch allein auf die Heilkraft der Natur.“ „Allerdings, Majeſtät. Das in unſerer Natur ge⸗ gründete Geſetz allein hilft.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Man kann zu dem momentan Gebeugten nicht von ———— 164 erfriſchenden Wanderungen auf den Höhen ſprechen, ihn nicht dazu aufrufen. Wenn du können wirſt, wirſt du wollen; denn der Wille iſt das nach außen gewendete Können. Jetzt in der Betroffenheit des erſten Schlages ſind Sie, Majeſtät, noch eingehüllt in die allgemeine Naturmacht, die Sie trägt. Die allgemeine Naturmacht ſetzt das Daſein fort, bis es wieder zum Leben, zur freien That wird. Meine gute Mutter faßte das in ihrer religiöſen Weiſe in die Worte: Wenn Gott nur ſo lange hilft, bis man ſich ſelber helfen kann.“ „Ich danke,“ ſagte die Königin.„Ich danke,“ wiederholte ſie und ſchloß die Augen. Fünfzehntes Capitel. Am ſelben Morgen, an welchem der König auf dem Jagdſchloß mit Bronnen ſaß, trat der Leibarzt, zur Königin gerufen, ein. Sie lag aufgerichtet auf dem Ruhebett, weiß gekleidet, und ſah erſchöpft und bleich aus; ſie ſprach es aus, wie ſie voll Zorn ſei über ſich ſelbſt, über die Eitelkeit und Einbildung, daß ſie, eine junge Königin, ſich für gut und klug, ja für eine höher bevorzugte Natur gehalten; ſie ſpottete über ihre Albern⸗ heit und Eitelkeit. „Wußten Sie von dem, was hier vorging?“ fragte ſie den Leibarzt. „Nein. Ich konnte es nicht glauben, und jetzt erſt verſtehe ich den gräßlichen Tod meines guten Eberhard. Ein Vater in ſolchem Schmerze!—“ ſit ind olch heit, ſiht vir der Seele Rwot den dr ie n ſhn 6ien ön un iſ „ hen, ihn wirſt du ewendete Schlages lgemeine aturmacht ben, zur e das in Gott nur m.“ donke, gauf den arzt, zur auf den und bleich über ſich ſie, eine eine höher re Alber⸗ g2 frogte d jett ert Eberhd. 165 Die Königin ging nicht auf dieſes ein; ſie ſprach faſt zu ſich: „Wenn ich mir die Tage zurückrufe, die Stunden, in denen ſie ſang— iſt es möglich, ſolche Lieder, ſolche Worte zu ſingen, von Liebe, Güte, Hoheit, Rein⸗ heit, und dabei nichts in der Seele, ja ſchrecklicher als nichts, Falſchheit, Heuchelei? Jedes Wort ſchielt! Dürfen wir Fürſten ſein, uns über Andere ſtellen, über An⸗ dere herrſchen, wenn wir uns nicht durch Reinheit und Seelengröße über ſie emporheben? Ich bin eine Andere geworden ſeit geſtern. Meine Seele lag tief unten auf dem Seegrund und üher mir die Wellen des Todes, der Verzweiflung. Nun aber will ich leben. Sagen Sie mir nur, wie man es aushält.“ Sie ſind nun ſchon ſo lange hier am Hof und verachten Alles; ſchütteln Sie nicht den Kopf, ich weiß, Sie verachten Alles!— Sagen Sie mir, wie vält man das aus? Wie macht man es, daß man doch öleiben, doch leben kann? Sie müſſen das Geheimmittel haben. Geben Sie mir's! Das allein wird mich retten.“ „Majeſtät!“ verſetzte der Arzt,„Sie ſind noch in fieberiſcher, überreizter Stim. ung.“ „Wirklich? Das alſo iſt Ihre Wiſſenſchaft? Die Fürſten haben Recht, wenn ſie die Menſchen mißbrau⸗ chen, denn die Menſchen, auch die beſten, ſind Höflich⸗ keitsſchatten! Auf Sie hatte ich Alles geſetzt, Sie hatte ich hochgehalten. Und was geben Sie mir? Einen Handſchuh, wo ich eine Hand faſſen will. Sie lächeln? Ich bin nicht wahnwitzig, ich bin nur aufgewacht. Ich habe die Stunde gelebt, wo mir auf Einmal die ganze —————— —— ——————— 166 ſchöne Welt— ach, ſie war ſo ſchön!— lauter kriechen⸗ des Gewürm, fauler entſetzlicher Grabesmoder ward. O, es iſt ſchrecklich! Ich glaubte, daß es Einen freien Men⸗ ſchen gäbe, Einen, dem man Alles ſagen, von dem man Alles fordern könnte— Sie ſind es nicht. Ach es giebt nur titeltragende Geſchöpfe auf dieſer Erde, es giebt keine Menſchen!“ „Du ſollſt nicht vergebens an mir geriſſen haben,“ murmelte Gunther halblaut und erhob ſich. „Ich wollte Sie nicht kränken!“ rief die Königin. „Ach, ſo iſt's ja, in Kummer und Schmerz verletzen wir gerade unſere Nächſten.“ „Beruhigen Sie ſich, Majeſtät!“ erwiderte Gunther ſich niederlaſſend. KWenn etwas gut an mir iſt, ſo darf ich ſagen, ich verweichliche“ mich nicht. Ich bin hart gegen mich, und darum bin ich es auch gegen Andere.“ Die Königin ſchloß die Augen, dann aber ſchaute ſie wieder groß auf und ſagte: „Ich fürchte nichts mehr.“ Gunther fuhr fort. „Nun denn, ſo wiſſen Sie. Keine Phantaſie eines Menſchen kann ausdenken, wie niederträchtig und jammer⸗ voll das Gewirre des Menſchenlebens iſt, aber auch Keiner kann ergründen, wie ſchön, wie groß, heilig und erhaben trotz alledem. Majeſtät! Ich bin hier im Schloſſe, das eine Welt im Kleinen iſt, eine Welt für ſich. Da iſt hingezogen Alles, was gräßlich, und Alles, was erhaben iſt, und— die Blumen blühen und die Bäume grünen und die Sterne ſchimmern darüber. Auch im Verächtlichſten blüht noch eine Brumt, l hin Ein ſir rin, nd Sun ſinl berun hen or d ud Mnſt diſe mn un Ruin gwß ihn duke 50 die a d ni ſt 6e in kriechen⸗ ward. H, ien Men⸗ dem man 1c es Erde, es nhaben,“ Königin. erletzen e Gunther ſt, ſo darf bin hart Andere.“ er ſchaute taſie eines djumner⸗ aber auch toß, heilig bin hiet eine Velt ßlich, und nen blihen ſchinnen ine Vun „ 167 glänzt noch ein Stern. Es fällt ein Tropfen aus der Himmelswolke, er fällt auf die ſtaubige Straße und Staub und Tropfen werden zu Straßenſchmutz. Aber für das Auge, das tiefer ſieht, iſt der Tropfen noch rein, wenn auch faſt bis zur Unkenntlichkeit zerſplittert und bis zur Untrennbarkeit vereint mit dem trübenden Staub. Doch auch dieſes Bild genügt nicht ganz. Kein ſinnliches Bild, das uns das Ewige, das uns Gett veranſchaulichen ſoll, trifft ganz zu. Auch im Stäub⸗ chen iſt Gott. Nur vor unſerm Auge iſt es Staub, vor dem Auge Gottes iſt es ſo rein wie das Waſſer und gleicherweiſe eine Stätte der Unendlichkeit. Die Menſchen alle, die Ihnen ſo verlogen erſcheinen— dieſe Menſchen alle möchten gern gut ſein, wenn es nur nicht ſo viel Mühe koſtete und ſo manche Entbeh— rung auferlegte. Die meiſten Menſchen wollen Tugend gewinnen, aber nicht erwerben; ſie möchten gern das große Loos in der Morallotterie gewinnen.„Ach, wenn ich nur ganz gut wäre,“ klagte mir einmal eine ver⸗ dorbene Unſchuld. Majeſtät! Der reine Gedanke ſpricht: Haß und Verachtung ſind nicht gut, denn ſie ſchädigen die Seele. Die Kunſt des Lebens iſt: das Niedrige als niedrig zu erkennen, aber durch Leidenſchaft gegen das Gemeine ſich nicht ſelbſt zu erniedern. Sie müſſen den Haß aus dem Herzen ziehen und Frieden ſchließen mit dem Geiſte. Der Haß zertrümmert die Seele. Sie müſſen wiſſen: Laſter und Miſſethaten ſind bei Licht betrachtet gar nicht wirklich, ſie ſind nichts als Mängel; ſie können tauſendfache traurige Folgen haben, aber ſie beſtehen nicht; die Tugend 168 allein iſt eine Wirklichkeit. Stellen Sie ſich hier herauf, und es ſind nur noch Schatten, die Sie quälen.“ „Ich ſehe die Stufe,“ ſagte die Königin,„helfen Sie mir hinauf!“ „Es giebt nur Selbſthülfe. Jeder muß lernen, ſouverän zu werden; ſelbſt die Königskrone verleiht das nicht. Das Geſetz lehrt: Du biſt ſouverän, wenn du deine Seele nicht von Haß und Verachtung erfüllen und dir damit die Welt rauben läſſeſt, die dir gegeben, ſei dieſe Welt groß oder klein.“ „Ich glaubte zu ſehr an Tugend und Güte—“ „Wol. So lange man an die Menſchen glaubt, kann man getäuſcht werden und wird verzweifeln; man will und wird immer nur ſehen, was die Menſchen für uns ſind, nicht, was ſie für ſich ſind. So lange man an die Güte der Menſchen glaubt, kann uns das Ver⸗ kehrte, wo man Gutes erwartete, irre machen. So⸗ bald man aber weiß und erkennt das Göttliche in Jedem, das der Träger ſelbſt nicht kennt, iſt man geborgen im Höchſten, und die Welt iſt dir geborgen im Höchſten.“ Die Königin richtete ſich raſch auf, ſie reichte dem Leibarzt beide Hände und rief: „Sie ſind ein Wunderthäter!“ „Ein Wunderthäter? Nicht doch, nur ein Arzt, der ſchon viele fiebernde und viele todesſtarre Hände in ſeiner Hand gehalten. Ja, meine ärztliche Kunſt mag Ihnen ein Sinnbild ſein. Wir helfen dem Menſchen, und fragen nicht, wer er ſei, wir helfen ihm zu jeder 0 — a9. nuß word kinz ds( lben ſun in 6 inne Na Mch —— ich hiet die Sie helfen lernen, rleiht das wenn du erfülen gegeben, ite—“ ubt, kann man wil n füt uns man an das Ver⸗ en. G⸗ tliche in iſt man geborgen eichte den MPiit, der Hinde in Kunſt moh Menſchen, n ju jeder 169 Tages⸗, zu jeder Nachtzeit, weil ihm geholfen werden muß— und ſei es, daß er dann, wieder geſund ge— worden, ſeinen ſchlimmen Weg weiter wandle. Das Einzelne iſt unſere That, das Ganze unſer Denken. Wir ſelber ſind Stückwerk, unſer Thun iſt Stückwerk, das Ganze iſt Gott.“ „Ich verſtehe das, ich glaube es zu faſſen. Wir leben aber doch nur im Einzelnen, und wie erträgt man das einzelne ſchwere Schickſal? Kann man denn im Guten genommen— ich meine es im Guten— immer außer ſich ſein?“ „Ich weiß, Leidenſchaften, Affekte, laſſen ſich nicht durch Ideen berichtigen; denn ſie erwachſen auf ver⸗ ſchiedenem Grunde oder vielmehr ſie bewegen ſich in ganz andern Sphären. Majeſtät! Es ſind wenige Tage her, da habe ich meinem alten Freunde Eberhard die Augen zugedrückt. Er war ein Mann, der zum Höch⸗ ſten ſtrebte und im Beſten lebte, einſam, von der Welt abgewendet; aber nur ſelten und nie voll gelang es ihm, ſein Naturell durch die Idee zu berichtigen. In ſeiner Sterbeſtunde ſchwang er ſich hinaus über das Leid, das entſetzliche, das ihm im Herzen brannte um ſein Kind; er rief ſich Gedanken zu, die er aus der klaren Erkenntniß ſeiner beſten Stunden geſchöpft, und ſtarb in ihnen frei und erhoben. Majeſtät, Sie ſollen noch leben und wirken, ſich ſelbſt erhöhen und Andere. Ich rufe Ihnen eine Stunde in Erinnerung. Dort unter jener Hänge⸗Eſche, wo Sie, aufgenommen vom reinen Menſchenthum, ſich des armen Kindes erbarm⸗ ten, das zwiefach hülflos in die Welt geſetzt iſt, und 17⁰ ihm die Mutter nicht rauben wollten— den reinen und echten Geiſt jener Stunde rufe ich in Ihnen an. Damals waren Sie groß und verzeihend, weil Sie noch nichts gelitten; Sie warfen keinen Stein auf Ge⸗ fallene, Sie liebten und Sie verziehen.“ „O Gott!“ rief die Königin,„und was iſt mir geworden? Das Weib, an deſſen Bruſt mein Kind ruhte, iſt der Verworfenſten eine. Ich hatte ſie geliebt wie die Bewohner einer andern unſchuldsvollen Welt, und nun iſt mir's klar geworden, ſie war die Vermittlerin, eine Heuchlerin ohnegleichen unter der Maske der Naive⸗ tät. Ich hatte geglaubt, in der einfachen ländlichen Welt lebt noch die Reinheit und Wahrhaftigkeit— es iſt Alles verdorben und verkehrt. Die Welt der Nai⸗ vetät iſt ſchlecht, ja noch ſchlechter als die der Cor⸗ ruption.“ „Ich ſtreite jetzt nicht um die einzelne Perſon; ich glaube, daß Sie ſich in Walpurga irren; aber ſei es auch, daß Sie Recht haben, ſo viel iſt doch klar: das was man Bildung und was man Unbildung, Glau⸗ ben oder Unglauben nennt, kann ſittlich und unſittlich laſſen; die wahre Erkenntniß allein iſt die Reinheit, die wiedergewonnene, feſte. Erweitern, erheben Sie den Blick und ſehen Sie über das Einzelne hinweg und ſehen Sie das Ganze; nur im Ganzen iſt Ver⸗ ſöhnung.“ „Ich ſehe wol, wo Sie ſtehen, aber ich kann nicht hinan; ich kann nicht mit Ihrem Teleſkop hinausſchauen, — immer nur in Ihren blauen Himmel. Ich bin zu ſchwach. Ich weiß wol, wie Sie es meinen. Sie ſagen: dieſe S ſi ſind Schole Der naunig iſt mein Reinheit „In ſberall, auf der ie rech dingen mn erſt vfür ve ſih wuſnke ſche titen Diſet 6i,N hu Ltn ſin w. Im lien gelon il, einen nan. Sie t nit ruhte, wie t, und tlerin, Naive⸗ dlichen — es er Nui⸗ er Cor⸗ on; ich ſei es r: das Glau⸗ niittlich keinheit, en Sie hinweg ſſt Ver⸗ nnicht ſchauen, bin z n. Sie 6 ſagen: ſiehe hinweg über dieſe paar Menſchen, über dieſe Spanne Raum, die man ein Königreich nennt, ſie ſind nicht mehr als einige Halme im Feld, eine Scholle im All.“ Der Arzt nickte zufrieden, aber die Königin fuhr traurig fort: „Ja, aber dieſer Raum und dieſe Menſchen— das iſt meine Welt. Wenn nicht um uns her— iſt die Reinheit dann bloße Phantaſie? Wo iſt ſie?“ „In uns,“ erwiderte Gunther,„und wenn in uns, überall, und wenn nicht in uns, nirgends. Der ſteht auf der Vorſtufe, der noch etwas verlangt. Das iſt die rechte Liebe noch nicht; die rechte Liebe zu den Dingen der Welt und zu ihrem Urgrunde, Gott, hat man erſt, wenn man keine Gegenliebe, wenn man nichts dafür verlangt. Du liebſt das Göttliche in den Dingen, die ſich nicht ſelbſt in ihrer Göttlichkeit erkennen, die verſunken und verſchüttet ſind, unerlöſt, wie es die Kirche nennt; dieſe Liebe zur Gottheit oder zur ewigen reinen Natur iſt die höchſte Freude, hat mich mein Meiſter gelehrt und ich habe es in mir gelernt, und Sie, Majeſtät, ſollen es auch und können es. Dieſer Park gehört Ihnen; die Vögel, die in ihm wohnen, Luft und Licht, die darin ſtrömen und ſchaffen, und ſeine Schönheit gehören nicht Ihnen, ſondern mir und Jedem, ſo gut wie Ihnen. So lange man noch im gemeinen Beſitz der Welt iſt, kann man ſie ver⸗ lieren, ſobald man aber in den reinen Beſitz der Welt gekommen, kann Niemand mehr ſie uns rauben. Es gilt, ſtark zu ſein und zu wiſſen: Haß iſt Tod, Liebe —————————————— 172 allein iſt Leben, und ſo viel Liebe in dir, ſo viel Leben und Göttlichkeit iſt in dir.“ Gunther erhob ſich und wollte ſich entfernen. Es iſt genug. Das innere Denken der hohen Frau darf nicht überſchüttet werden. Die Königin bat ihn indeß mit einem Wink der Hand, noch zu bleiben. Er ſetzte ſich wieder. Lange war es lautlos im Gemach. „Sie können nicht denken,“ begann die Königin wieder,„doch, das iſt eine der Redensarten, die wir auswendig gelernt haben, ich meine das Ge⸗ gentheil: Sie können ſich denken, welch eine Um⸗ wälzung alles das, was Sie mir ſagen, in mir machen muß.“ „Ich begreife es.“ „Laſſen Sie mich nur noch Einiges fragen. Da, wo Sie ſtehen und wohin Sie mich führen wollen, ich glaube— nein, ich ſehe, ich weiß, daß hier oben ewiger Friede, es iſt aber auch ſo einſam und kalt; ich habe ein Gefühl der Bangigkeit, als würde ich in einem Luftballon in die dünne Atmoſphäre hinaufgetragen und es würde immer mehr Ballaſt ausgeworfen. Ich weiß nicht, wie ich es ſagen ſoll. Ich verſtehe nicht, wie man den Menſchen liebreich nahe ſein und ihnen doch nur ſo von fern zuſehen kann, wie einem Spiel der Naturkräfte. Hier oben verſchwindet doch eigentlich jeder Klang und jedes Bild.“ „Gewiß, Majeſtät, es giebt ein Reich des Denkens, in dem Hören und Sehen vergehen muß; da iſt nur Denken und nichts Anderes mehr.“ „Iſt das aber nicht ein Denken aus dem Tode herus i als klſt „Du oder pre erſt begi anderes Miſter: nicht vo nein D dem gel Pelt iſt den Din zu befte was das gſeßz un Grtteskt mn ei Heil m nit, d „S0 in Fil nd die jaheit ſunn dt, Bhune ler duch ſelſt Leben datf indeß ſetzte önigin i, die 3 Ge⸗ e Um⸗ machen . Do, en, ich ewiget ch habe einen gen und ſch weiß ht, wie en doch iel der ich jedet nkens, iſt mur m Tode 173 heraus in das Leben hinein? Iſt das etwas Anderes, als klöſterliche Selbſttödtung?“ „Das gerade Gegentheil. Dort liebt man den Tod oder preiſt ihn wenigſtens, weil nach ihm das Leben erſt beginnen ſoll. Ich gehöre nicht zu denen, die ein anderes Leben verneinen; ich ſage nur mit meinem Meiſter: unſer Wiſſen iſt ein Wiſſen vom Leben und nicht vom Tode, und wo mein Wiſſen aufhört, hört mein Denken auf. Unſere Arbeit, unſere Liebe gehört dem gegenwärtigen Leben. Und weil Gott in dieſer Welt iſt, in Allem, was darin erſcheint, und nur in den Dingen, darum haben wir dies Göttliche in Allem zu befreien. Das Geſetz der Liebe ſoll walten. Und was das Naturgeſetz in den Dingen, das iſt das Sitten⸗ geſetz und das Recht im Menſchen.“ „Ich kann mich nicht darein finden, wie Sie die Gotteskraft ſo in Millionen Theile zerſplittern. Wenn man einen Stein in Splitter zerbricht, bleibt jeder Theil noch ein Stein; aber eine Blume, die man zer⸗ reißt, da ſind die Stücke keine Blume mehr.“ „So nehmen Sie dies Bild, obgleich in Wahrheit kein Bild ausreicht. Die ganze Welt, das Firmament und die darauf lebenden Geſchöpfe— ſie alle ſind nicht zertheilt, ſic ſind Eins, ſie ſind, vor dem Gedanken zuſammen geſchloſſen, die Blume, daraus die Gottesidee duftet, und der Duft, der hinausſteigt, iſt in der Blume und haftet an ihr; die Werke aller Dichter, aller Denker, aller Helden ſind nur Duftſtröme, die durch Raum und Zeit dahinſchweben. In der Blume ſelbſt haften und ſind ſie ewig. Nicht im Einzelnen * 17⁴ zertheilt iſt der ewige Geiſt da, er iſt nur als Einheit in der ganzen Welt, in jedem Weſen, jeder Zelle am Baum, an der Blume. Wer in der Unendlichkeit den⸗ kend ſteht, ſieht als die Welt den großen Blumenkelch, daraus der Gedanke Gottes duftet.“ Die Königin hielt längere Zeit das Geſicht mit beiden Händen verdeckt. Gunther verließ das Gemach. Sechzehntes Capitel. Der König kam von der Jagd zurück. Das muthige Wandern über die Berge hatte ihn erfriſcht und dazu trug er ein neues Gedankenleben in der Seele. Er hatte bereits Alles erfahren, was am See vor⸗ gegangen. Das iſt nun abgethan, man kann ſich nicht mit Vergangenheiten ſchleppen. Er erfuhr, daß die Königin ſeit der Schreckens⸗ nachricht ihre Gemächer nicht verlaſſen hatte. Er ließ den Leibarzt rufen. Dieſer erſtattete ihm Bericht über das Befinden der Königin, und empfahl noch große Schonung. Der König glaubte in Wort und Ausdruck des Leib⸗ arztes eine noch ſtrengere Zurückhaltung als ſonſt zu bemerken; er hätte ihn gern gefragt, was die Königin denke, wie ſie ſich das traurige Ereigniß zurecht gelegt und überwunden habe; aber es war ja die Pflicht des Arztes, ihm das von ſelbſt zu berichten. Endlich ent⸗ ſchloß ſich der König, zu fragen: „Iſt die Königin auch im Gemüth ruhig?“ Leibarzt. „Hat den Obe klären, er gefta ſo knay „Sie Graf E der Hön „De Lebende Der ſch den uch ein Underl verſch kin ſiten d t, e git nit zin, ſr bine keſinnt ihn ln beſtnd nheit e am tden⸗ kelch, t mit emach. nuthige d dazu ee vor⸗ niht reckens⸗ Er ließ ht über große e Leib⸗ ſonſt ju hönigin t gelegt licht do lich ent⸗ 175 „Schön und edel wie immer,“ erwiderte der Leibarzt. „Hat ſie in dieſen Tagen etwas geleſen? Hat ſie den Oberhofprediger rufen laſſen?“ „Ich wüßte nicht, Majeſtät.“ Zum Erſtenmal war dem König die ſonſt ſo be⸗ queme Hofordnung zuwider. Der Leibarzt ſollte von ſelbſt ſprechen, viel er⸗ klären, und nun gab er nur Antwort auf das, was er gefragt wurde, und ſelbſt dieſe Antworten waren ſo knapp. „Sie haben auch Schweres erlebt— Sie haben in Graf Eberhard einen alten Freund verloren,“ ſagte der König. „Der Todte iſt mir noch geblieben, wie mir der Lebende war,“ erwiderte Gunther. Der König war im Innerſten voll Zorn. Er hat ſich dem Manne ſo freundlich nahe geſtellt, hat ſich nach einem Ereigniß aus ſeinem Privatleben erkundigt, und er bleibt noch immer bei aller angemeſſenen Form ſo verſchloſſen und ablehnend. Ein alter Widerwille gegen dieſen Mann, der in⸗ mitten des bewegten Lebens ſtets etwas Unbewegliches hatte, erwachte wieder im König. Er entließ den Leib⸗ arzt mit huldvoller Handbewegung, aber als er weg⸗ ging, ſtarrte er ihm finſter nach. Eine Erkenntniß, die ihm die Wange glühend machte, beſtimmte ihn zu einem andern Verfahren. Es ward ihm klar, wie das Grundweſen ſeines Vergehens darin beſtanden habe, daß ein Drittes zwiſchen ihn und ſeine 1 176 Gattin geſtellt war. Das ſollte nicht mehr ſein, auch in der beſten Weiſe nicht. Er wollte den Arzt nicht weiter ausforſchen über Denken und Empfinden ſeiner Gattin, unmittelbar und allein ſoll ſie ihm Alles ſagen. Er fühlte die tiefe Neigung zu ihr und wußte, daß er ihrer aufs Neue würdig ſei, denn er hatte ſo vieles in ſich überwunden. Der König ließ die Oberhofmeiſterin zu ſich ent⸗ bieten. Seit dem traurigen Ereigniß hatte der König nur Männer vor ſich geſehen, vor denen derartiges leichter zu nehmen, ja kaum zu berühren iſt; jetzt ſtand ihm zum Erſtenmal wieder eine Frau vor⸗Augen, und zwar eine ſolche, die mit der Orthodorie der Hofformen einen edlen Geiſt verband. Der König war haltungs⸗ voll gegen die Oberhofmeiſterin, während im Innerſten ſein Herz zitterte. „Wir haben Schweres erlebt,“ ſagte er ihr. Die Oberhofmeiſterin wußte mit geſchickten Wen⸗ dungen über alles Geſchehene hinwegzugehen und jede Erörterung des Königs abzulenken, denn es iſt durchaus ungehörig, daß die Majeſtät ſich rechtfertige oder gar ſich ſchwach und betroffen zeige, und es iſt Pflicht der nächſten Umgebung, alles Unangenehme und Scharfe mit Anſtand abzuglätten. Der König verſtand dieſe ſorgfältige Wendung. Er fragte, ob die Oberhofmeiſterin in dieſen Tagen oft bei der Königin geweſen und wer jetzt den Dienſt habe. Gräfin Brinkenſtein erzählte, daß ſie nur einmal bei der Königin geweſen, die ihr einen Wunſch in Bezug auf Se. königliche Hoheit den Kronprinzen ausgeſprochen habe. 0 ndiſ gdocht ſein, da „Bo nunnte jett Di un. N mur die der Leil halten. Der bringen. wlen „Du — lönn it in ſi Pie wlte e du h mfti Erzh einen die d — — „auch nicht ſeinet ſagen. doß er eles in ch ent⸗ Känig tartiges tzt ſtand en, und fformen altungs⸗ nnerſten t. n Wen⸗ und jede durchaus odet gat flicht der Scharfe ung Er en oft bei nſt habe. ul bei der gauf St. ch habe 177 „Ja, wie geht's dem Prinzen?“ fragte der König. In dieſen ganzen Tagen hatte er kaum an ſeinen Sohn gedacht und es durchzuckte ihn wie ein neues Bewußt⸗ ſein, daß er einen Sohn habe. „Vortrefflich,“ erwiderte die Oberhofmeiſterin, und nannte die Hofdamen und die Kammerherren, die jetzt Dienſt bei Ihrer Majeſtät der Königin hat⸗ ten. Niemand hatte ſie in dieſen Tagen geſehen, nur die Kammerfrau Leoni war ſtets bei ihr und der Leibarzt hatte ſtundenlang mit ihr ſich unter⸗ halten. Der König ließ ſich den Prinzen in ſeine Gemächer bringen. Er küßte den Knaben, der mit ſeinen ſ vollen Händchen ihm im Geſichte ſpielte. „Du ſollſt mit Ehrerbietung Deines Vaters gedenken — könnte ich nur auch das Eine“ ſprach er in ſich hinein. Wie von der Berührung des Kindes neugeſtärkt, wollte er zu ſeiner Gattin ſich begeben, aber Schnabels⸗ dorf hatte ſich zum Vortrag melden laſſen. Der König mußte ihn empfangen. Der Miniſterpräſident berichtete, daß nunmehr das Ergebniß ſämmtlicher Wahlen bekannt ſei; er werde einen ſchweren Stand haben, da ſich eine Mehrheit für die Oppoſition ergeben. Der König zuckte die Achſeln und ſagte: „Man muß die Ereigniſſe abwarten.“ Schnabelsdorf ſah ſtaunend dieſe Gleichgültigkeit. Was iſt vorgegangen? „Es iſt nur eine einzige Nachwahl nöthig,“ Auerbach, Auf der Höhe. 1II. 12 178 ſagte er.„Majeſtät wiſſen, daß der verſtorbene Graf Eberhard Wildenort zum Abgeordneten gewählt war.“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte der König.„Wozu das?“ Schnabelsdorf ſah zu Boden und fuhr fort: „Wie ich höre, wird der Generaladjutant Eurer Majeſtät, Oberſt v. Bronnen, der ſchon früher im Wurf war, nunmehr dort als Candidat aufgeſtellt.“ „Bronnen wird die Candidatur ablehnen,“ ſagte der König. Schnabelsdorf verbeugte ſich wiederum, kaum merk⸗ lich. Er ahnte, was vorgeht. Der König ließ ſich nun noch das Nöthigſte berichten, bat aber Schnabelsdorf, recht kurz zu ſein. Schnabelsdorf war ſehr kurz. Der König entließ ihn. Er wollte Schnabelsdorf die neugewählte Kammer eröffnen laſſen. Wenn dann die Mehrheit, wie ſicher zu erwarten, ſich gegen ihn ausſpricht, wird Bronnen ein neues Miniſterium bilden. Es war kein geringer Kampf, den der König mit ſich auszukämpfen hatte, indem er das, was ſelbſt⸗ herrlicher Beſchluß ſein ſollte, nun als Nochgiebigkeit gegen den Volkswillen ſich darſtellen ließ. Aber er ſelbſt erkannte es als das erſte wirkliche Zeichen ſeiner Unterordnung unter das Geſetz, er wollte ſeinen höch⸗ ſten Ruhm darin finden, dem geprüften Willen des Volkes den Ausdruck zu geben. Tr vor ſein Er zu gehe Die riceleh pronne fönig r betracht da et n. lugn du ſo: ihrs 6 ſhtet, ih p ſunh Uen hoe geheu aler Schit — 6 vor vollen Liehe rbene wählt Pozu Eurer her in llt.“ ſagte m meck⸗ ſöthigſte urz ju Kammer Bronnen önig nit ſebl⸗ ichigtt Aher er hen ſeiner nen h⸗ ilen de Treu und frei— der neue Wahlſpruch ſtand wieder vor ſeiner Seele. Er ſammelte ſich in Ruhe, um zu ſeiner Gemahlin zu gehen. Siebzehntes Capitel. Die Königin hatte vernommen, daß der König zu⸗ rückgekehrt war, und die Ruhe und Faſſung, die ſie gewonnen hatte, ſchien verſchwunden. So lang der König räumlich fern war, glaubte ſie ſich feſt in der Betrachtung von der Höhe des Gedankens, jetzt aber da er nahe war, zitterte ſie in der Furcht, ihm vor Augen zu treten; die gekränkte Empfindung rüttelte an den ſo mühſam und kaum befeſtigten Grundſätzen. Es war ſchon Nacht, als die Königin die Stimme ihres Gemahls im Vorzimmer hörte; er wolle ſie ſehen, ſagte er, auch wenn ſie ſchliefe. Er trat leiſe ein. Sie hielt gewaltſam die Augen geſchloſſen und zwang ſich zu ruhigem Athmen. Es war die erſte Heuchelei ihres Lebens; ſie hatte nur Schlaf zu heucheln, und wie oft hatte der, der jetzt vor ihr ſtand, Innigkeit und Treue geheuchelt... Ihr Athem ging ſchwer. Sie bedurfte aller Kraft ſich ruhig zu halten. Das Grauſen des Scheintodes kam über ſie. Sie lag regungslos mit gefalteten Händen, und vor ihr ſtand ihr Gatte. Sie meinte, ſeinen ſorgen⸗ vollen liebenden Blick zu ſpüren— aber was iſt hier Liebe und Sorglichkeit? Sie ſpürte den Athem aus 180 ſeinem Munde; ſie fühlte, wie ſeine Finger ſich an ihren Puls legten, und ſie bewegte ſich nicht; ſie fühlte einen Kuß auf ihre Hand, und ſie bewegte ſich nicht; ſie hörte, wie er zu Madame Leoni ſagte:„Sie iſt gottlob ganz ruhig. Sagen Sie nicht, daß ich hier war“— ſie hörte ſeine Worte und ſeinen leiſen Schritt, wie er nun hinausging, und ſie bewegte ſich nicht; und um auch vor der Kammerfrau nicht zu geſtehen, daß ſie geheuchelt, mußte ſie ſich noch ſchlafend ſtellen und durfte von allem Geſchehenen nichts wiſſen. Im Vorzimmer ſagte der König zur Kammerfrau Leoni: „Ich danke Ihnen, liebe Leoni.“ „Majeſtät!“ erwiderte Frau Leoni, ſich tief ver⸗ beugend. „Sie haben ſich in dieſen Tagen der Königin wieder neu bewährt, ich werde Ihnen das nicht vergeſſen. Es iſt mir ein Troſt, die Königin von ſolcher Sorgfalt umgeben zu wiſſen. Und, liebe Leoni, thun Sie nur Alles, um der Königin recht viel Ruhe zu ſchaffen, und wenn die Königin etwas beſonderes wünſcht, wovon Sie glauben, daß die Hofdamen und die Oberhof⸗ meiſterin nichts zu wiſſen brauchen, ſo wenden Sie ſich an mich. Hat die Königin viel geſprochen in dieſen Tagen?“ „O ja, leider zu viel, davon iſt ſie eben ſo matt — ſtundenlang, unaufhörlich.“ „Hat ſie mit Ihnen ſo viel geſprochen?“ „S vein.“ „Alſo mit dem Leibarzt?“ „ ſine W Der inigin, veil nic ondern dus jun „De „Ge ſt ſoſch nan ſie ſhwere verkenne hobene und beſt ichndſ Dyn Sinit ud er Nol . in hu leiſe „eben zutra verlan der h ich an fihlte nicht; Sie iſt ch hier Schrit, nicht; eſtehen, dſtelen n. merfrau tief ver⸗ in wieder ſſen. 65 Sorgfolt Sie nur fen, und „woon Obechof⸗ nden Sie in dieſen 181 „Ja wol. Verzeihen Majeſtät, aber ich meine, ſeine Apotheke beſteht in Worten.“ Der König erinnerte ſich, daß Madame Leoni der Königin, mehr aber noch dem Leibarzt gram geworden, weil nicht ſie zur Aja des Kronprinzen ernannt wurde, ſondern Frau v. Gerloff; er war nicht geſonnen, ſich das zunutze zu machen; er ſagte daher nur: „Der Arzt, liebe Leoni, muß der Vertraute ſein.“ „Gewiß, Majeſtät— aber unſere erhabene Königin iſt ſo ſchwermüthig, und da thäte es wol beſſer, wenn man ſie erheiterte, daß ſie lachte, und nicht immer ſo ſchwere und entſetzliche Dinge mit ihr ſpräche. Majeſtät verkennen mich gewiß nicht, aber ich möchte unſerer erhabenen Königin gern beiſtehen, und ihr einziger und beſter Beiſtand ſind Sie, Majeſtät, und wer da irgend ſich dazwiſchendrängt, der thut nicht gut.“ Dem König ward es bang. Er hat ſich nie mit Spioniren abgegeben, und jetzt, wo er ſich gereinigt und erhoben fühlte, war es ihm doppelt zuwider. Dennoch ſagte er: „Bitte, erzählen Sie, was iſt denn geſchehen?“ „Ach, Majeſtät! Ich möchte lieber ſterben, ehe ich ein Unrecht an meiner erhabenen Herrin begehe; aber ich thue gewiß kein Unrecht, es ſoll ihr ja nur helfen.“ „Vertrauen Sie mir nur Alles,“ ſagte der König leiſe— er hörte ſelbſt nicht gern, was er ſagte— „ebenſo unwürdig, als es Ihrer wäre, hin⸗ und her⸗ zutragen, ebenſowenig würde ich es je geſtatten oder verlangen; aber es iſt gut, wenn ich weiß, wie man der Königin aus ihrer jetzigen Verwirrung helfen kann, 182 und dazu muß ich wiſſen, was ihr zugetragen wird und wie die Dinge beſprochen werden.“ „Das iſts ja, Majeſtät,“ erwiderte Madame Leoni, und nachdem ſie nochmals um Entſchuldigung gebeten, beſonders wegen der unſchönen Worte, gab ſie einen Bericht, wie der Leibarzt von der Entſtehung des Straßenſchmutzes geſprochen, wie ein reiner Tropfen aus der Himmelswolke ſich mit dem Staub auf der Straße vermengt, und dann ſei von Bildhauerei die Rede geweſen, von Hautrelief und Basrelief. Frau Leoni konnte nur unzuſammenhängenden Be⸗ richt geben, aber der König wußte genug. Achtzehntes Capitel. Am Morgen ließ der König ſeiner Gemahlin melden, daß er ſie ſprechen müſſe. Er eilte zu ihr. Sie waren Beide allein im Gemach. Der König wollte ſeine Gemahlin umarmen. Sie bat ihn, ſich auf einen Stuhl zu ſetzen. „Wie Du willſt,“ ſagte er in ſanftem Tone; er war entſchloſſen, in Aufrichtigkeit und Liebe wieder ihre ganze Seele zu gewinnen. „Willſt Du zuerſt ſprechen, oder ſoll ich?“ fragte er nach einer Weile. Sie erſchrak vor ſeiner hellen Stimme. Sie ſah ſein friſches Ausſehen und wurde noch blaſſer. Sie legte die Hand aufs Herz. Sie konnte noch nicht ſprechen. „6 uns geb ih hebe bitt ich ſi nicht „Ni Seelen, ſid wei ein bor „N verletzen b /8 nict, n „N nidet nir, al Pih S wird Aoni, beten, einen ig des Tropfen uf der erei die den Be⸗ melden, en. en. one; et e wieder fragte eſch ſen legte die echen. „Gut, ſo laß mich reden. Mathilde! Wir haben uns gewonnen in aufrichtiger Liebe. Ich bekenne offen, ich habe ſchwer gefehlt, an Dir und an Andern. Nun bitte ich Dich: glaube an meine herzliche Umkehr und ſei nicht klein.“ „Nicht klein? Ja wol, ich weiß es! Ihr großen Seelen, euch iſt die Sittlichkeit nur Engherzigkeit; ihr ſeid weite große Herzen, weltumfaſſende und ich bin ein bornirtes Weſen, ach, gar ſo bornirt!“ „Mathilde, ſprich nicht ſo, ich wollte Dich nicht verletzen.“ „O nein, Du wollteſt mich nicht verletzen, gewiß nicht, nie.“ „Mathilde, das iſt der Ton nicht, in dem wir wieder den reinen Accord finden. Verlange etwas von mir, als Zeichen meiner Umkehr. Du haſt das Recht. Ich ſchwöre Dir—“ „Schwöre nicht! Ich beklage Dich. Du haſt nichts, wobei Du ſchwören kannſt. Schwöre beim Haupt Deines Kindes— an der Wiege dieſes Kindes haſt Du mit ihr Blicke und Worte der Untreue— „Die Zukunft ſoll alles Vergangene vergeſſen machen.“ „Gut. Erlaß eine königliche Botſchaft: Die Welt und meine Gemahlin vor Allem ſollen vergeſſen, daß je eine Gräfin Irma gelebt! So iſt mein königlicher Wille.“ Der König ſah ſtaunend auf ſeine Gattin: Iſt das das zarte empfindſame Weſen? Was iſt aus ihr ge⸗ worden? — 184⁴ „Laß die Todten ruhen,“ brachte er endlich hervor. „Aber die Todten laſſen uns nicht ruhen. Sie ſieht mich an aus Deinem Auge, ſie ſpricht mich an aus Deinem Mund, ſie rührt mich an mit Deiner Hand, denn Deine Hand, Dein Mund, Dein Auge waren ihr.“ „So will ich mich wieder entfernen, bis Du Faſſung gewonnen.“ „Nein, bleib', ich habe Faſſung. Oder willſt Du mich nicht hören?“ „Ich höre,“ ſagte der König, ſich wieder ſetzend. „Sprich.“ „So wiſſe denn: Du haſt ein Heiligthum ver⸗ wüſtet, darin Du als Angebeteter ſtandeſt, wie es ſchöner und herrlicher nie auf Erden war. Ich darf Dir das jetzt ſagen, denn der Tempel iſt nicht mehr und Du biſt nicht mehr darin. Ich wollte Eins mit Dir ſein, in Allem, in jedem Athemzug, in jedem Wort, in jedem Blick, im Aufſchauen zu dem Höchſten ſollte unſer Blick einig ſein. Darum wollte ich Dir meinen Glauben opfern—.“ „Du willſt abrechnen? So bedenke: das Opfer, das Du mir bringen wollteſt, verlangte ich nicht; es wäre eine Laſt für mich geworden. Von einem Opfer iſt hier nicht die Rede.“ „Gut, ich will nicht mehr daran denken. Ich wollte Dir nur ſagen, daß das, was ich für ein Opfer hielt, zu einer Schwäche vor Deinen Augen wurde. Ich rede nicht mehr davon. Aber Du haſt mit meiner Freundin, mit der, die ich dafür hielt, in Untreue gleht. Steigen Le „ ſugen, nicht“ ſitlich Lige, „V dos me Potte „6 D ha ſicht u wunße Nig ge N de, ſit d ſc und nit tret mel alle ken und den eror. Sie ſich an Deiner Muge Fuſung ilſt Du ſetzend. m ver⸗ wie es Ich dar cht mehr ins nit n jedem Höchſten ich Dir ß Dyfer, icht; es n Dyſer n. 3h in Oyfet wurde. t meiner Untreue 185 gelebt. Ich weiß, wie es in der Welt iſt.* Steigeneck, die Dein Vater—“ „Beleidige meinen Vater nicht! Mir darfſt Du ſagen, was Du willſt— nur beleidige meinen Vater nicht.“ „Ich beleidige ihn nicht, ich ehre ihn. Er war ſittlich und rein gegen Dich, fern von Schönthuerei, Lüge, Heuchelei und Verrath.“ „Wer ſpricht hier?“ unterbrach der König.„Iſt das meine Gemahlin, iſt das eine Königin, die ſolche Worte ſpricht?“ „Es ſind nicht meine Worte, ſie ſollten's nicht ſein, Du haſt mir ſie aufgezwungen. Doch— ſtreiten wir nicht um Worte. Dein Vater hat einer Fremden, die draußen lebte, die ſeine Frau nicht kannte, ſeine Neigung zugewendet— das iſt Sittlichkeit und Tugend gegen Dein Verfahren.... Du brachſt die Treue mit meiner Freundin, mit der, die mir ſtündlich zur Seite war. Wir ſprachen, wir dachten gemeinſam, von Gott, von Liebe, von den Sternen, von Baum und Berg und Thal, wir ſchauten miteinander die Werke der Kunſt, wir ſangen und muſicirten— und das konntet ihr beide neben mir, ins innerſte Heiligthum alles höheren Lebens ein⸗ treten.... Ihr habt mir Alles verwüſtet, den Him⸗ mel, die Erde, alle höchſten Gedanken im Herzen, alle reinſten Worte im Munde. Ich möchte den Tag kennen, an dem ihr es zu wagen begonnen, mit Blick und Wort falſches Spiel zu ſpielen. Bei jedem Kuß, den Du ihr gabſt, mußteſt Du immer ſagen: Ach, 186 meine Frau— wie unglücklich bin ich— ſie iſt ſo klein— gar ſo ſehr— nicht großartig... Sprich nicht! So viel verſtehe ich, nie kann ein Mann oder eine Frau die Hand eines Andern in Liebe berühren, ohne damit zu ſagen: ich bin im Elend!— Was ich Dir jetzt ſage, ſpricht nicht Haß und Rache, nur die Gerechtigkeit aus mir. So lange ich Dich noch liebte, konnte ich Dich haſſen, jetzt richte ich Dich nur. Du ſollſt die Folgen Deines Thuns tragen. Das iſt Ge⸗ rechtigkeit. Ich bejammere und beklage Dein Loos. Wie willſt Du Dich noch je am Wald erfreuen— und eine durch Dich Schuldbeladene jagte durch den Wald in den Tod! Wie willſt Du Dein Auge noch am See erquicken— da drin hat ſie die Sünde verſenkt! Die ganze Welt iſt Dir vernichtet. Du armer Mann! Die Feder muß zittern in Deiner Hand, wenn Du künftighin ein Todesurtheil unterſchreiben ſollſt— Du haſt ſelbſt gemordet, Todte und Lebende. Schreibe Begnadigung! Wer begnadigt Dich, Du von Gottes Gnaden?“ „Mathilde, ich hatte geglaubt, daß alles Unziem⸗ liche ſelbſt im Worte Dir unmöglich wäre.“ „Das haſt Du geglaubt? Und was nennſt Du für Dich unziemlich?“ „Sprich weiter! Sprich weiter!“ ſagte der König, als jetzt die Königin tief aufathmend innehielt. Er ſah das lodernde Feuer, das ſein Liebſtes verzehrte und ſah doch die Schönheit der Flamme. So wunder⸗ bar ſind die Doppelgriffe in der menſchlichen Seele, daß den König plötzlich inmitten von Empörung und golniri ſinet 6 it goß nen Zu aus den die hn dher ft „N von Dir vß Du — dos ſin, ſo Sch Geſcht N Nochi an, u mihſ ſidl ſul 20 nit muß nel lihe wer tich Syrich oder ihren, as ich ur die liebte, Du iſt Ge⸗ — und WVold m See t! Die Mann! n Du Zerknirſchung der Gedanke anmuthete, welch eine Kraft ſeiner Gattin innewohne; das hatte er nie geahnt, ſie iſt größer und mächtiger, als er glaubte, und in ſei⸗ nem Zuruf lag etwas wie ein Ton der Anerkennung aus dem Bewußtſein überlegener Kraft. Das empörte die Königin doppelt. Mit gewaltſamer Ruhe fuhr ſie daher fort: „Man kann von Niemand, von keinem Fürſten, auch von Dir nicht verlangen, daß Du ein Genie ſeieſt; aber daß Du ein rechtſchaffener Mann, Gatte und Vater ſeieſt — das kann Jeder von Dir verlangen; Du kannſt es ſein, ſo gut wie jeder Bauer, jeder Taglöhner.“ Schmerz und tiefer Unwille malten ſich auf dem Geſicht des Königs. „Mathilde,“ begann er endlich mit bewegter Stimme, „Mathilde, bedenke es wol,— ich ſpreche nicht da⸗ von, was Du mir— bedenke nur, was Du Dir ſelbſt anthuſt mit dieſen Worten!“ „Mir? Ich hab's bedacht, ich weiß, alle die tau⸗ ſend kleinen Freuden des Lebens ſind mir von nun an geraubt. Ich trage eine ewige Laſt, die mir nur der Tod abnimmt. Ich weiß das. Aber ich habe auch mit mir ſelbſt kein Mitleid. Wo die Liebe todt iſt, muß die Gerechtigkeit herrſchen!“ „Die Liebe, die ſterben konnte, war keine Liebe.“ „Streiten wir nicht, wir verſtehen einander nicht mehr. So höre noch mein einziges und unverbrüch⸗ liches Wort! Was bleibt mir? Selbſt verächtlich zu werden oder Dich zu verachten. Hier ſtehe ich,“ ſie richtete ſich auf, ſie erſchien größer, und dunkle Röthe ———————.——.—. — 188 ergoß ſich über ihr Antlitz,„hier ſtehe ich und ſpreche das Wort aus: Ich verachte Dich!—— Ich werde mit Dir leben, neben Dir, ſo lange Leben in dieſem Leib— aber ich verachte Dich. Das wiſſe! Und nun geh'! Ich werde heut' Abend beim Hoffeſt mit Dir erſcheinen— Du ſollſt über keine Formloſigkeit zu klagen haben. Ich habe Dich einmal ganz geliebt— das bleibt mein, Du bedarfſt deſſen nicht.“ Der König erhob ſich. Er wollte ſprechen, aber er brachte lange kein Wort hervor. „Weiß noch Jemand von Deiner Geſinnung gegen mich?“ fragte er endlich, ſeine Stimme war heiſer. „Nein. Wir ſind es unſerm Sohne ſchuldig, daß Niemand davon wiſſe.“ „Mathilde, ich hätte nie geglaubt, daß Du ſo mit mir reden könnteſt. Das kommt nicht aus Dir. Es hat ſich ein Anderer zwiſchen uns gedrängt. Wer hat Dich gelehrt, ſo zu ſein und ſo zu reden?“ „Du ſelbſt biſt mein großer Lehrmeiſter. Du haſt mich ſtatt Liebe Haß, ſtatt 6* Verachtung ge⸗ lehrt.“ „Weiß Dein Freund, der— nichts von dem, was Du mir hier anthuſt?“ „Ich kann Dir nicht ſchwören. Du kannſt keinen Eid mehr glauben. Aber das ſage ich: Wüßte Gun⸗ ther davon, daß ich mich von der Leidenſchaft meiner vergangenen Liebe zu Dir hinreißen ließ— wüßte er das, es würde ihn tief denn Zorn und Haß und Rache ſind ſeinem großen Weſen fremd.“ „Dieſes große Weſen kann klein gemacht werden!“ nichts dir geh ir nit ine: la „De ſicht. „ ſicht. t iſts, Die hnie jſum „ die ſ drf ſub, 4 61 wdr lei Rin wur et ſage hön ſprche werde dieſen nd mn nit Dit eit zu ieht— aber er 9 gegen eiſer. ig, daß ſo nit it. Es Wer hat Du haſt ung ge⸗ on den, t keinen te Gun⸗ meinet üßte er nd Hoß erden!“ „Du wirſt— Du willſt mir doch nicht den einzigen Freund rauben? Ich beſchwöre Dich, ich will Dich um nichts mehr bitten mein ganzes Leben lang, ich will Dir gehorchen und unterthan ſein— Liebe kann ich Dir nicht mehr bieten— ich bitte Dich nur um dies eine: laß mir den einzigen Freund!“ „Den einzigen Freund? Ich kenne dieſen Titel nicht. So viel ich weiß, iſt das keine Hofcharge.“ „Auf den Knien will ich Dich bitten, kränke ihn nicht. Laß ihn mir. Er iſt groß, rein und erhaben, er iſt's, der mich noch mit dem Leben zuſammenhält.“ Die Königin wollte ſich vor dem König auf die Knie werfen. Der König berührte ſie— ſie zuckte zuſammen und richtete ſich auf. „Sei ſtolz!“ rief jetzt der König.„Sei es! Trage⸗ die Folgen! Sei die Erhabene, der reine Tropfen aus der Himmelswolke, der ſich mit mir, dem Straßen⸗ ſtaub, vereinigt und verunreinigt.“ Die Königin ſchaute verwirrt auf. Was iſt das? So die Worte des edlen Mannes hinterbracht und ſo verdreht? Es wirbelte ihr vor den Augen. „Sei, was Du willſt!“ fuhr der König fort.„Sei allein und ſuche den Halt in Dir.“ Er zog an dem Trauring an ſeiner Hand. Der Ring löſte ſich ſchwer, das ganze Geſicht des Königs wurde roth, indem er gewaltſam zog. Endlich brachte er ihn über den Knöchel. Ohne weiter ein Wort zu ſagen, legte er den Trauring auf den Tiſch vor der Königin. Er ging nach der Thür; eine Secunde noch ſtand 190 er ſtill, wie lauſchend; ſie ruft ihn, er ruft ihr zu, ein Wort aus tiefſter Seele, ein erlöſendes. Die Königin ſchaut ihm nach. Wird er ſich nicht umwenden? nicht noch einmal in ſeiner zum Herzen dringenden Stimme rufen: Verzeihe mir. Die Liebe, die noch in ihr waltete, wollte ſie vorwärts drängen, ihm nach. Es war ein kurzer Augenblick, in dem der König anhielt und die Königin unwillkürlich die Arme nach ihm vorwärts ſtreckte— der Augenblick entſchwand, der König ging. Die Königin ging und ſtarrte auf den Thürvor⸗ hang. Dann ſank ſie zurück auf das Sopha und weinte. Sie weinte lange. Neunzehntes Capitel. Die Königin war nun doppelt unglücklich; ſie hatte den unſäglichen Schmerz um die verlorne Liebe und ſie hatte ſich noch dazu in häßliche und gehäſſige Leiden⸗ ſchaft verleiten laſſen. Die freie Erhobenheit, in der ſie ſich durch die Anrufungen Gunthers gefühlt hatte, war von ihr gewichen. Und nun, da die herzzerſchnei⸗ dende Trennung vollbracht war, nun war es wie der Eintritt eines Todes, den man vorausgeſehen; alles Vorausdenken hilft nichts, die erfolgte Thatſache bringt neues, ungeahntes Wehe. Die Königin ging nach den Gemächern des Kron⸗ prinzen. Sie kam am Kabinet des Königs vorüber. Sie ſtand eine Weile ſtill. Wie, wenn ſie nun hier Zert einträ Ales vil 2 Ci ſchwäch ſtark ſ Al Das ſi Mutter kine E auch e hörte, hatte br Sie ſnaben 6r Der ihten gut ſe un pe hi ber juinde Iln wohl — N et ni ſolch ein G ſeinet Nerzen Liebe, ingen, m der Arme wand, ütwor⸗ und hatte und eiden⸗ n der hatte, ſchnei⸗ ie der oles hringt Kron⸗ rüber. n hier 191 einträte, die Arme um ihn ſchlänge und ſagte: es ſoll Alles vergeſſen ſein. Du biſt ja auch unglücklich, ich will Dir tragen helfen? Sie ging vorüber, ſie fürchtete, wiederum nur als ſchwächlich und weichmüthig zu erſcheinen, und ſie wollte ſtark ſein. Als ſie ihr Kind ſah, ſtrahlte ihr Auge wieder hell. Das Kind hatte die ſchmerzlich ringende, die weinende Mutter nicht geſehen; jetzt war ſie wieder bei ihm. Eine Stimme, die ſie kaum hören wollte, ſagte ihr: auch er wird jetzt hieher kommen. Sie zitterte. Sie hörte, daß der König den Prinzen ſchon heute zu ſich hatte bringen laſſen. Sie wartete lange, ſie küßte das Händchen des Knaben und ſchaute oft um, ob ſein Vater nicht komme. Er kam nicht. Der König ſaß in ſeinem Cabinet und hielt ſich die brennende Stirn. Er hat einen entſcheidenden Wende⸗ punkt ſeines Lebens betreten, jetzt ſollte er nicht noch von perſönlichem Seelenjammer bedrückt werden. Er hat bereut, nun iſt's genug. Er iſt entſchloſſen, ſich zu ändern, das iſt mehr als genug. Wozu noch das Anklagen und Strafen? Tiefer Zorn über ſeine Ge⸗ mahlin ſtieg in ihm auf. Sie iſt klein und rachgierig, — Nein— klein nicht! Es iſt eine Macht in ihr, die er nie geahnt hätte. Er fühlt tief die ſchwere Sünde, ſolch eine Gattin hintergangen zu haben. Noch iſt ein Etwas in ihm, das die Strafe als eine Beleidigung ſeiner hohen Stellung anſehen will. Und in dieſer Zertrümmerung ſeines perſönlichen Daſeins ſoll er nun *— SSc ————— 192 die Selbſtverleugnung üben, das Leben im großen Ganzen neu zu geſtalten? Nur ein in ſich verſöhntes und befriedigtes Herz kann verſöhnend und befriedigend wirken. Trotz und Mißmuth wollen ihn bereden, nun abzulaſſen von der begonnenen Umkehr, ſie wird doch nicht gerecht erkannt, von ſeiner Nächſten, von ſeiner Gattin nicht. So ſitzt er lange dumpf und ſchwer. Endlich richtet er ſich empor und ein Ausdruck von Trotz und Feſtig⸗ keit tritt in ſein Antlitz. Er iſt entſchloſſen, das Gute zu vollführen ohne Anerkennung, ja mitten in Ver⸗ kennung; die beſte Kraft ſeines Weſens tritt ſieges⸗ mächtig hervor: aus ſich und um der Selbſtehre willen wird er vollbringen, was er als richtig erkannt, und dies Glück ſoll ihm Erſatz bieten für das verlorene Liebesglück.. Am Abend war große Cour. Die Verlobung der Prinzeſſin Angelique mit dem Fürſten Arnold wurde officiell gefeiert. Die Königin erſchien am Arm ihres Gemahls, überallhin freundlich mild grüßend. Sie ſah angegriffen aus, aber nicht minder ſchön. Niemand ſah etwas vom Zerfall des fürſtlichen Paares, ſo wenig Jemand das Fehlen des Ringes an der Hand des Königs bemerkte. Der König ſprach mit großer Selbſtbeherrſchung zutraulich mit der Königin und ſie antwortete ihm in derſelben Weiſe. Oft aber war's ihr, als müſſe ſie ihn fragen: Iſt denn nichts vorgefallen? Dann ſchaute ſie wieder ſcheu um in den großen Rundge Bronne in lebh Die Bronne hunde ünig ſ ihn vor Gelegenh Dus Lenuſe wrn 1 ie Spät won Re Vien ims i ſnen De iigf in Vor ht ſnij ihren bener ſihle, ſeiner Aue oßen ntes gend mn doch einer ichtet ſtig⸗ Gute Vr⸗ ieges⸗ willen und orene dem tahls, iffen tlichen e an ſproch örigin n Iſt großen Sälen, als müſſe plötzlich die Todtengeſtalt Irmas erſcheinen, ſchneeweiß, in naſſen Gewändern. Als der König mit ſeiner Gattin am Arme den Rundgang durch die Säle vollendet hatte, begrüßte er Bronnen überaus herzlich und verweilte lange mit ihm in lebhafteſter Unterhaltung. Die Königin ſah es ſtaunend. Sie wußte, daß Bronnen im Stillen Irma verehrt, ja ſogar um ihre Hand geworben hatte. Was iſt geſchehen, daß der König ſich ſo nahe mit dieſem Manne befreundet und ihn vor dem ganzen Hofe auszeichnet? Es gab keine Gelegenheit, darüber Erkundigungen einzuziehen. Das ganze Sommerſchloß war erleuchtet, auf der Terraſſe brannten die bunten Lampen, im Park waren Pechpfannen aufgeſtellt, die hellen Schein in die Spätſommernacht hinauswarfen, das Muſikcorps vom Regiment des Fürſten Arnold ſpielte muntere Weiſen auf, Lichtglanz und Muſikklänge drangen weit hinaus ins Thal und bis zu den Bergen, wo auf ein⸗ ſamen Höhen die Menſchen leben. Die Königin begegnete dem Leibarzt, ſie ſprach nur einige flüchtige Worte mit ihm. Der König grüßte ihn im Vorübergehen freundlich. Er wird mir das nicht anthun— tröſtete ſich die Königin. Es lag etwas eigenthümlich Scheues in ihrem Auge, wenn ihr Blick auf den Leibarzt fiel; das bemerkte der König einmal und er nickte. Die Königin fühlte, daß Gunther mit ihr unzufrieden ſein müſſe, ſie hatte nicht nach den Geſetzen gehandelt, die aus ſeiner Lehre floſſen. Auerbach, Auf der Höhe. 11I. 13 194 Am andern Tag ging das Gerücht durch die Reſi⸗ denz, der Leibarzt habe ſeine Entlaſſung genommen. Die Regierungszeitung brachte am Abend neben den Hofnachrichten von den Verlobungsfeſtlichkeiten die Mittheilung: Se. Majeſtät der König haben in Gnaden geruht, Allerhöchſt Ihrem Leibarzt, dem Geheimrath Gunther, auf deſſen Geſuch die Entlaſſung aus dem Staatsdienſt zu gewähren und ihm zum Zeichen Ihrer Zufriedenheit das Comthurkreuz des** Ordens zu verleihen. Unter den Privatanzeigen ſtand: Meinen Freunden ſage ich Lebewohl. Ich ziehe nach meiner Vaterſtadt*“ im Gebirge. Dr. Wilhelm Gunther, Geheimrath und Sr. Majeſtät des Königs Leibarzt a. D. U Reſ⸗ en. neben 8 en die waden imath s dem Ihrer ens zu h ziehe Vom einſamen Weltkind. Königs 1 lben, Z i in in jen nicder ſrit: I abeit arbei wend melt ſit woh einh und Siebentes Buch. (Irmas Tagebuch.) Ans Ufer geſchleudert— was ſoll ich nun? Blos leben, weil ich nicht todt bin? Tage lang, Nächte lang hielt mich dieſe Räthſelfrage wie in der Schwebe zwiſchen Himmel und Erde, wie in jener grauſenhaften Minute, da ich vom Felſen niederglitt. Jetzt bin ich das Räthſel los. Ich arbeite. Ich will feſthalten, was aus mir wird. Es be⸗ freit mich, indem ich aufzeichne. Ich war krank, im Fieber ſagen ſie. Und jetzt arbeite ich. Ich hatte der Großmutter berichtet, was ich zu arbeiten verſtehe. Ich kann hier nichts davon an⸗ wenden. Sie führte mich in den Garten; wir ſam⸗ melten die Aepfel, die der Ohm Peter vom Baume ſchüttelte. Da kam der alte Auszügler, der über mir wohnt, und ſchrie ſcheltend, daß von den Aepfeln ihm ein beſtimmtes Maß gehöre. Er ſuchte nach einem Apfel und wollte ſchmecken, welcher Baum jetzt geſchüttelt 198 wird. Ich reichte ihm einen Apfel und erklärte, daß ich unter ihm wohne. Als wir noch ſo im Garten ſtanden, kam ein Mann, der Hanſei zwei am Feldwege ſtehende Ahorn⸗ bäume abkaufen wollte, um daraus Holzſchnitzereien zu machen. Wie eine rettende Hand erſchien mir das. Ich ſagte der Großmutter, daß ich aus Thon Figuren zu bilden verſtünde, und wol leicht die Holzſchnitzerei lernen könnte. Nun bin ich als Lehrling in der Werkſtatt. Jetzt, am erſten freien Sonntag, während Alles in der Kirche iſt, ſchreibe ich das. * Ich kannte einen Mann, er hatte ſchon auf dem Sandhaufen gekniet, die Flintenläufe waren ſchon nach ihm gerichtet und— er wurde begnadigt. Ich habe ihn oft geſehen. Hätte ich ihn nur gefragt, wie er weiter lebte. Ich habe keinen Spiegel in meinem Zimmer, ich habe mir vorgeſetzt, mich ſelbſt nicht mehr zu ſehen. Und weil ich keinen Spiegel habe und keinen will, ſo ſeien dieſe Blätter ein Spiegel für meine Seele. O dieſe Ruhe! Dieſes Allein! Wie aus dem See auf⸗ tauchend, wieder athmen. Dieſe Ruhe, dieſe Stille jetzt. Hier oben und auf tauſend Punkten der Erde war dieſe Ruhe, während ich drunten das Entſetzliche thun wollte. . von de guel beſchte igen. ſte ſiſchen und d Nit! als w Gehot: mägeſ die D Nin nich ihr weiß ſch dem ſchon 3 wie Ich komme aus der Werkſtatt. Oft, wenn wir von der Sommerburg aus über Land durch die gewerblichen Dörfer fuhren, hielten wir an und beſuchten die großen Werkſtätten und ließen uns Alles zeigen. Ich ſchämte mich damals— ach, wie lange iſt es her?— daß wir nur eine Weile der Arbeit zuſehen, dann wieder in die harrenden Wagen ſteigen, und die Menſchen da drin weiter arbeiten laſſen. Mit welchen Gedanken mußten ſie uns nachſchauen, als wir in den Wagen ſtiegen? Ich bin jetzt ſelbſt an der Werkbank. Warum hat keine Religion vor allem Andern das Gebot: Du ſollſt arbeiten!—? * Man ſagt: wenn eine Wunde mit liebenden Lippen ausgeſaugt wird, heilt ſie ſchnell. Ich möchte Dir, die Du Königin genannt wirſt, das tröpfelnde Blut Deiner Seele aufſaugen mit meinem Mund. Hobe ich den Brief an die Königin vernichtet, oder iſt er ihr zugekommen? Tief ins Herz erſchreckte mich's, als die Großmutter mich fragte, warum ich der Königin das angethan und ihr mein Vorhaben berichtet habe. Warum that ich das? Ich weiß kein Warum, ich weiß nur, daß ich es mußte als nothwendige und letzte, ſich ſelbſt vollziehende That der Wahrhaftigkeit. Warum liegt uns nur daran, wie man nach dem 200 Tode von uns denkt, da unſer Sein doch nur leerer Schall geworden? Schwere Tage, peinvolle. Ich hielt es für Pflicht, an die Königin zu ſchrei⸗ ben, aus der Verborgenheit heraus. Der Bruder der Großmutter, ein gar treuherziges und williges Männ⸗ chen, das ſich mir immer zu Gebote ſtellt und mir gern jede Minute etwas Gutes erweiſen möchte, er⸗ klärte ſich bereit, meinen Brief nach einer entfernten Stadt zu tragen. Die Königin ſoll nicht leiden um mich, wenigſtens nicht um meinen Tod, und ſie ſoll wiſſen, daß ich büße, lebend büße. Wenn ich nur wüßte, ob ich die Briefe in der That verbrannt habe oder ob ſie an ihn und ſie gelangt ſind... Ihm brauche ich nichts mehr zu ſagen. Die gute Mutter ſah mir an, daß etwas in mir vorgeht, das ich ihr nicht mittheile. Sie kam oft, fragte aber nicht. End⸗ lich hielt ich's nicht mehr aus und erzählte meinen Entſchluß. Sie faßte mich bei der Hand und ſagte — wenn ſie mir etwas ganz ſagen will, faßt ſie immer meine Hand, ſie muß mich körperlich halten— „Kind, Du mußt Dir nur klar machen, was Du thun willſt. Wär' Dir's eigentlich im Grund des Herzens nicht lieber, wenn Du entdeckt würdeſt? Frag' Dich im Gewiſſen.“ Ich erſchrak. Es iſt wahr. Ich möchte nichts thun, aber wenn es geſchähe... „Gieb mir keine Antwort,“ fuhr die Mutter fort, „gieb ſie Dir und frag' Dich weiter, ob Du übermorgen, venn D ſortnöht pilſt, t ſicht,! beſet, woch le chtlich du th ih j Du di N „S junges ſrih der he hetaus iönen. Hölent imer: ſugt d ſind el vill i bitt einjg Mgn gern bleibe 3 he rei⸗ der inn⸗ nir er⸗ nten un ſoll nur annt Ihm uttet End⸗ inen agte ſie ſ. thun Dich ih wenn Du dort wäreſt, wo Du geweſen, nicht wieder fortmöchteſt. Das aber ſag' ich Dir: Was Du thun willſt, thue ganz. Entweder ſchreib' der Königin gar nicht, laß ſie trauern; um ein Todtes trauert ſich's beſſer, als um Eines, das man verloren hat und das noch lebt. Oder aber thue das Andere, ſchreib' ihr ehrlich und gradaus: Da bin ich! Wie geſagt, was Du thun willſt, thue ganz. O Kind,“ ſetzte ſie hinzu, „ich fürchte, Dir geht's wie der armen Seele. Kennſt Du die Geſchichte von der armen Seele?“ „Nein.“ „So will ich ſie Dir erzählen. Da iſt einmal ein junges Mädchen, weil es ſich verfehlt hat und wie es früh geſtorben iſt, in die Hölle gekommen, und da hört der heilige Petrus immer, wie es aus den Flammen herausſchreit: Paul, Paul! und das ſo herzrührend, daß die ärgſten Teufel nicht haben darüber ſpotten können. Da kommt der heilige Petrus einmal ans Höllenthor und fragt: Aber Kind, was ſchreiſt Du immer: Paul! Paul! und gar ſo erbärmlich? Und da ſagt das Mädchen: Ach, lieber heiliger Petrus, was ſind alle Höllenqualen? Gar nichts! Mein Paul hat's viel ärger. Wie wird er's aushalten ohne mich? Ich bitt' nur um ein Einziges: Laß mich nur noch ein einzigmal hinunter auf die Erde und laß mich einen Augenblick ſehen, wie's ihm geht. Ich will ja dann gern noch hundert Jahre länger hier in der Hölle bleiben. Hundert Jahre— hat da der heilige Petrus geſagt — bedenke Kind, iſt gar eine lange Zeit. 202 Mir nicht, o ich bitt', ich bitt'“, laß mich nur noch ein einzigmal auf die Erde nach meinem Paul ſchauen, ich will dann gewiß ſtill ſein und Alles in Geduld hinnehmen. Der heilige Petrus hat ſich lang gewehrt, aber die arme Seele hat keine Ruh' gegeben, und da hat er endlich geſagt: Nun meinetwegen, geh', aber Du wirſt's bereuen. Und da iſt die arme Seele hinab auf die Welt zu ihrem Paul. Und wie ſie hinunterkommt, da ſieht ſie den Paul und er iſt luſtig mit Andern. Und da iſt die arme Seele wieder ſtill hinauf in die Ewigkeit und hat nur gewinkt, ganz ſtill, und hat geſagt: Ich will jetzt wieder in die Hölle und will büßen. Und da hat der heilige Petrus geſagt: Die hundert Jahre, die Du verſprochen haſt, ſind Dir geſchenkt; Du haſt in der Einen Minute mehr durchgemacht als hundert Jahre Hölle. Das iſt die Geſchichte von der armen Seele.“ Ich dürſte nach einer Quelle außer mir, die mich tränkt, erlöſt; ich ſchmachte nach Muſik, nach Glauben, nach einer befretenden Weihe. Ich finde ſie nicht. Ich muß die Quelle in mir finden. Oft in meinem tieſſten Schmerz iſt mir's, als hätte ich das Alles nicht ſelbſt erlebt; ich gehe dahin und es iſt, als erzähle mir Jemand eine fremde Geſchichte. Ich habe zum Erſtenmal im Leben das Gefühl des Geduldeten, Begnadigten. Ich ſollte eigentlich nicht da ſei wie e tömte ſhin D eſſen dber ſiten, Glich 5 ſochen derke Me ghni Du ſchtn Euf 4 ſein!“ Aber Veh 6 ſuſt wenn die W Manch 203 da ſein; ich genieße das Gnadenbrod. Ich weiß jetzt, wie es den armen Heimathloſen zu Muthe. Hanſei h könnte, wenn er wollte, mich heute aus dem Hauſe ſchicken, und was würde dann aus mir? die 5 6 . Daß ich in Gemeinſchaft mit meinen Gaſtfreunden Pelt eſſen muß, wird mir ſchwer. Am meiſten dauert mich aber Hanſei. Er hat ein fremdes Geſpenſt am Tiſch ſitzen, das er nicht kennt. Ich bin eine Störung ſeines Glücks. igkeit 6 agt Ich habe mir mit dem Bohrer in die Hand ge⸗ ißen. ſtochen, weil ich bei der Arbeit zu viel an Anderes undert denke. hent; Mein Pechmännlein hat mir eine Heilſalbe auf⸗ ht ab geſchmiert. Das Holz iſt nur Nothmaterial; es folgt den Ab⸗ ſichten der Kunſt nur ſchwer, iſt ſpröder, eigenſinniger mich Stoff. Antike Formenſchönheit iſt nicht für das Holz. auben,* . J„Ach, hier oben wohnen— das müßte herrlich ſein!“— Wie oft ruft man das auf Landpartien aus. 4 Aber man vergißt, daß Landpartienſtimmung und. hütte Wohnſtimmung zwei ganz verſchiedene Dinge ſind. 5 und es Es iſt anders, wenn der Wind über die Stoppeln ſchte. ſauſt und in den Bäumen des kahlen Waldes raſt, wenn träge Nebel über die Berge wegkriechen, wenn bl des die Wolken tagelang an den Bergen hängen, und nur nit manchmal eine Spitze wie ein Traumgeſicht erſcheinen 204 laſſen und wieder verhüllen; wenn du Nachts vom Windſturm aufwachſt und es gar nicht Tag werden will. Ja, ihr Landpartiengeiſter, mit friſchen Kränzen auf dem Hut, ſeid nur wochenlang hier oben, ohne Sopha, ohne friſches Brod— ohne Sopha— denkt euch nur das aus! ℳ Einſamkeit mit gutem erhellendem Zurückdenken, friedſam und ſelig müßte das ſein; das iſt Einſamkeit wie die des Baumes, der durch ſaftiges Erdreich ſeine Wurzeln bis zum friſchen Bach im Thal hinabſchickt; aber Einſamkeit mit ſchwerem nächtigem Zurückdenken, das iſt Einſamkeit des Baumes, deſſen Wurzeln immer auf Felſen ſtoßen, er muß mit ſeinen Wurzeln dar⸗ über hinweg, muß ſie umklammern und ewig in ſich tragen— einen ſchweren Stein im Herzen der Wurzel. Das beſte Alleinſein iſt, wenn kein Menſchenauge auf unſerem Antlitz geruht, einen ganzen Tag. Zu wiſſen, kein Menſchenauge hat dich geſehen, der Spiegel der Mienen iſt rein, unangehaucht— das thut wohl. Allein ſein macht leicht abergläubiſch. Man will ſich auf etwas ſtützen, an etwas halten, was außer uns. Morgens, wenn mir das Werkzeug gleich beim An⸗ faſſen aus der Hand fällt, erſchreckt's mich; das wird ein ſchlimmer, ſchwerer Tag, der ſo anfängt. Ich kämpfe dieſen Aberglauben nieder. fir n ſchütt A Er ſp ich ein Di lugne nun n nißte iunkſ ſchwer ine ſie ſt mß 0 3 Vir Natu ſch mußt vom erden änzen ohne denkt enken, ankeit ſeine chict; enken, immer ndar⸗ ig in n der nauge 3u piegel wohl. n will er uns. in M⸗ 3 pird 205 Mit einem feſten Glauben allein ſein, iſt man nicht allein. % Mein Meiſter iſt beſtändig verdroſſen. Die Frau und drei Töchter helfen bei der Arbeit. Hanſei hat mir das Lehrgeld vorgeſtreckt. Ich lerne ſchnell. Ich merke es wol— und das Pechmännlein hat mir's verrathen, daß Hanſei dieſe ſchützende Tarnkappe über mich ausgebreitet— ich gelte hier bei den Leuten für nicht ganz geheuer. Das giebt mir Freiheit und ſchützt mich; aber mir iſt doch manchmal bange dabei. Auch mein Meiſter glaubt, daß ich irrſinnig ſei. Er ſpricht behutſam mit mir und hat Freude, wenn ich etwas faſſe. Die Schwalben ziehen fort. Ach, ich kann's nicht leugnen, mir wird bange vor dem Winter. Wenn ich nur nicht krank werde. Das wäre entſetzlich! Dann müßte ich mich verrathen oder... Ich darf nicht krank ſein! Aber ich bin noch ſo erregbar. Es wird mir ſchwer, es zu ſagen, aber auch ſchwer, es zu ertragen: eine Kuh in dem nahen Stall hat eine Schelle um, die ſie ſtets bewegt, Tag und Nacht, ſo unrhythmiſch. Ich muß mich daran gewöhnen. Ich habe ein wahres Grauen vor dem Winter. Wäre nur jetzt nicht Herbſt, wäre nur Frühling! Die Natur wäre meine Freundin. Die Natur iſt überall ſich gleich. Aber jetzt den Winter vor Augen! Du mußt dich drein finden, wir Menſchen machen uns die 206 Jahreszeiten nicht. Ich will ſehen, was ſtärker iſt, mein Naturell oder meine Willenskraft. Ich will mei⸗ ner Seele nichts Anderes zu denken geben, als was ſie denken ſoll. Ich will. Der Schuhmacher will Aſchenbrödel am Fuß er⸗ kennen— er findet meinen Fuß unerhört klein für ein Bauernmädchen. Ich hoffe, das Märchen bleibt Märchen. Mir geht heut' immer die rührende Melodie aus Iſouards Aſchenbrödel durch den Sinn mit dem Texte: O gutes Kind, gieb dich zufrieden, Ein beſſres Loos iſt dir beſchieden. Wie einfältig ſind die Worte. Aber die Muſik iſt die Fee, die die einfältigen Worte Aſchenbrödels mit königlichen Gewändern ſchmückt und es dazu bringt, daß ſie auf den Lippen aller Menſchen thronen. O du glückliches Kindermärchen! Du fragſt nicht: Wie lebte die Prinzeſſin als Gänſemagd? Deine Phan⸗ taſie ſpricht ihr ſchöpferiſches„Werde“ und ſiehe da, es ward. Aber in der Wirklichkeit koſtet ſolche Verwandlung ſchwere Mühe. Walpurga hat meinen Zuſtand getroffen. Sie ſagte heute: „Dir geht es hier faſt ſo, wie mir im Schloß. Du kannſt Dich auch nicht in Das finden. Aber freilich, nan einen 1 Ms 3 0 loziſ den wie und . gwße ſrien ſu en P hun Juun hite D hinde An ſhn wußt Mit nicht. könne ß er⸗ ür ein ie aus Terte: luſit iſt els nit hringt, ſt nicht: Phon⸗ iehe do, andlung ie ſagte oß. D fteilih man gewöhnt ſich leichter an ein ſeidenes Bett, alsan einen Laubſack.“ Und wenn man wieder heim will, nimmt ſich auch Alles leichter mit, hätt' ich ihr gern geſagt; ich drückte es aber nieder. Man darf dieſe Menſchen nicht mit logiſchen Conſequenzen plagen; ihr Denken und Empfin⸗ den iſt wie der Vogelſang, ohne Rhythmus, höchſtens wie das Volkslied, deſſen Melodie mit der Terz ſchließt und nicht mit dem Grundton. Daß ich das lockende, flimmernde und ſchimmernde große Leben täglich haben könnte, das giebt mir den freien Muth, es nicht haben zu wollen und doch nicht zu entbehren. Wäre ich in ein Kloſter gegangen und lebte dort, gebunden, gezwungen durch ein Gelübde, durch äußern Zwang— ich weiß, ich vertrauerte meine Tage am Gitter. Ohne Handſchuhe! Ich wußte gar nicht, daß die Hände ſo frieren. Ohne Handſchuhe, ich faſſe es nicht. Damals, als er mir den Handſchuh auszog, es durch⸗ ſchauerte mich— ahnte meine Seele?— Am Morgen vermiſſe ich tauſend Kleinigkeiten; ich wußte nicht, daß ich ſie hatte. Die alltäglichſten Dinge muß ich von der guten Mutter lernen. Gerade die alltäglichſten lernen wir nicht. Wir lernen tanzen, bevor wir ordentlich gehen können. 208 O, wie viele Dinge, wie viel dienende Hände braucht der Menſch, vom Schuhputzen des Morgens bis zum Anzünden und Verlöſchen der Lampe am Abend. Vor lauter Kochen und Waſchen und Scheuern, Waſſerholen, Holztragen, vor all' dem Tauſenderlei kommt der Menſch nicht zu ſich ſelbſt. Dem Thiere wachſen die Kleider und wächſt die Speiſe; der Menſch muß ſpinnen und kochen. Ich habe mir Schweres auferlegt, daß ich mich in nichts bedienen laſſen will. Ein Einſiedler darf nicht ſäuberlich und nicht heikel in Speiſen ſein, Ich paſſe nicht dazu.— *. Es hat mich ſchwer bedrückt, aber jetzt bin ich ſtolz darauf, ein Robinſon im Geiſte geworden zu ſein. Jeder, der zu ſich ſelbſt kommt und nicht vom Herkömmlichen leben kann, iſt auf eine Inſel verſchla⸗ gen und muß ſich Alles neu ſchaffen. Warum aber mußte ich innerlich belaſtet Schiffbruch leiden? Wenn ich ſo in die Nacht hinausſchaue, Alles dunkel, nirgends ein Licht mir zu zeigen: da ſind Menſchen wie du— Mir iſt ſo ſchauerlich und bang, mi als wäre ich allein auf der Welt. Oetober.) Heut' am Abend— ach, die Abende ſind ſchon lang— da kam mir plötzlich zu Sinne: Tauſende leben in der gebildeten Welt in Wohlſtand und Freuden, die— Py in Einſ VPei ghen vurſche ren Er einſt ſ „4 Grohn „ ſhnie muß mni ſehne un hi b, da arheit C 8 Jne weht A ſtündl Arheit iſ ih Aue ucht zun Vor olen, enſch leider und ich in nicht paſſe ich ſtolz in. ht on erſchl⸗ iffbruch dunkel, kenſchen mir iſt, Abende Sinne ohlſund Warum ſoll ich allein entſagen, entbehren und mich in Einſamkeit vergraben? Weil ich will und muß. Ich habe nichts als ein geſchenktes, begnadigtes Daſein. Ich habe mein Leben verſcherzt, ja verſcherzt, das iſt's. Soll ich es in bitte⸗ rem Ernſte wieder gewinnen? Die Sprache, mit der ich einſt ſpielte, feſſelt und richtet nun. „Du haſt noch zu ſchwer geladen,“ ſagte mir die Großmutter. „Wie ſo?“ „Schau, einen ſchwerbeladenen Wagen kann man nicht ſchmieren, daß ſeine Räder nicht ächzen und krächzen; man muß warten, bis der Wagen wieder leer iſt, dann kann man ihn mit der Winde in die Höhe heben, die Räder ab⸗ nehmen und die Achſen ſalben. Du haſt noch die ſchwe— ren Kiſten mit Deinem Zurückdenken aufgeladen; thu' ſie ab, dann wirſt Du ſehen, wie wir ſchmieren.“ Ich weiß doch jetzt, warum ich aufſtehe. Du ſollſt arbeiten! ruft es mir zu. Heut' wird Das, morgen Jenes fertig, und wenn ich mich niederlege, iſt etwas mehr in der Welt als am Morgen da war. Arbeit, Arbeit! heißt hier die Parole. Täglich, ſtündlich. Die Menſchen denken an gar nichts, als Arbeiten,„Werken,“ wie ſie es nennen. Die Arbeit iſt ihnen eine Naturnothwendigkeit, wie dem Baum das Wachſen. Das macht feſt. Auerbach, Auf der Höhe. 11I. 210 Auch hier Elend und Zerfall. Walpurga ſpricht in ihrer Gutherzigkeit davon, wie ſie es nicht ertragen könne, daß der alte blinde Aus⸗ zügler ſo allein eſſe, ſie wolle ihn an den Tiſch nehmen. „Das leid' ich nicht,“ ſagte Hanſei.„Kein Wort davon, das leid' ich nicht.“ „Warum nicht?“ „Warum? Das ſollteſt Du ſelber wiſſen. Wenn der Jochem einmal am Tiſch geweſen iſt, da kann man ihn nicht wieder weg thun; drum beſſer, gar nicht. Und Du weißt nicht, wie ein blinder alter Mann ißt.“ Nach dieſer Verhandlung ſaßen wir nur noch ſtumm bei Tiſche, es wurde kein Wort weiter geſprochen. Wal⸗ purga that, als ob ſie eſſe, aber ſie ſchluckte nur ihre Thränen hinab und ſtand bald auf. Sie empfindet dieſe Rohheit und Hartherzigkeit ſchwer, aber ſie klagt nicht, auch nicht mir. (Bei heftigem Sturmwind.) Wie mich das heute erſchreckte! Mein Pechmännlein berichtete mir, daß in der Nachbarſchaft ſich ein Mann erhenkt habe. „Das hat ſo ſein müſſen,“ meinte er,„der Mann hat ſich vor fünfzehn Jahren ſchon einmal aufgehenkt gehabt, aber da hat man ihn abgeſchnitten, nun hat er doch gelebt, wie wenn er immer einen Strick um den Hals hätte— wer einmal ſo etwas gewollt hat, der ſtirbt keines geraden Todes.“ Wie mich das erſchreckte! Wäre mir doch noch das Entſetzliche beſchieden? Ich ſage Nein! Ich will nicht. 3 eine nur Ven wer ich z 0 „ zu er Alles ind d Pot, aufſte drauß dete, Sie Ver tönne — L „wie hmen. Vort Venn N man Und ſtumm Wal⸗ ur ihre pfindet ie klagt heute daß in rMonn fgehenkt mun het tric un ollt hat, ieden! Aus der warmen Stube in das Schneegeſtöber draußen ſchauen— es iſt mir wie Zurückdenken in den Wirrwarr der großen Welt. Nun ſchon die neunte Woche. Noch iſt mir's dumpf, wie wenn man mir mit einem Hammer aufs Hirn geſchlagen hätte. Ich lebe nur ſo fort. Aber ſchon fängt es an, mich zu wecken. Wenn ich Morgens erwache, muß ich mich beſinnen, wer ich bin und wo ich bin. Mein ganzes Elend muß ich zurückrufen. Dann aber ruft mich die Arbeit. Ich habe gar nichts mehr von der Welt draußen zu erwarten und nichts mehr vom morgenden Tag, Alles nur von mir und Alles von heute. Für mich ſind die Straßen verſchüttet, für mich giebt es keine Poſt, keine Briefe, keine Bücher, gar nichts. Morgens aufſtehen und wiſſen, es kann keine Nachricht von draußen kommen, die mir Glück oder Unglück verkün⸗ dete, Alles aus mir, aus dem ewigen Geſetz der Natur — wer es zu dieſer Selbſtheit, zu dieſem Alleinleben im All bringen könnte, er wäre jenes Kind, das aus ſich leuchtet, wie es Correggio gemalt. Hammer und Axt, Feile und Säge und Alles, was mir als Marterwerkzeuge der armen geknechteten Menſch⸗ heit erſchienen war, das ſind die erlöſenden Werkzeuge. Sie jagen die Dämonen aus dem Hirn; wo dieſe Werkzeuge ſich rühren und die Hand rüſtig wirkt, können die Schwarmgeiſter nicht weilen. Der Erlöſer muß noch kommen, der die Arbeit und den Werktag heiligt. 212 Ich ſehe nun, daß ich auch der künſtleriſchen Be— thätigung entſagen und mich beſcheiden muß. Das Holz iſt zu ſo vielem nützlich und Bedürfniß, es will ſich nicht auch zur freien ſelbſtändigen Schön⸗ heit verwenden laſſen. Der Stoff meiner Kunſt, oder eigentlich meines Handwerks, bleibt immer dürftig und kann nur decorativ auftreten. Erz und Marmor ſind Weltſprache; ein Bildwerk in Holz behält etwas Pro⸗ vinziales, ſpricht immer im Dialekt, kommt nicht zum vollen durchſichtigen Ausdruck des Höchſten. Wir können Thiete und Pflanzenbildungen, die unſeren Augen ver⸗ traut ſind, in Holz nachbilden, im Relief auch Engel; aber eine lebensgroße Büſte oder ganze Menſchenfigur in Holz— es geht nicht. Die Holzſchnitzerei iſt nur ein Anfang der Kunſt, ſie bleibt ſtotternd oder beſtenfalls monoton. Was ſchon einmal eine organiſche Erſcheinung hatte, wie der Baum, läßt ſich nicht zum künſtleriſchen Organismus umgeſtalten. Dem Stein und dem Erz geben wir Menſchen erſt ihre organiſirte Erſcheinung. Ounſere gräßlichen Heiligenbilder! Wenn ein Grieche aus Perikles' Zeit ſie ſähe, er würde ſchaudern über uns Barbaren. Dieß Tagebuch iſt mir ein Troſt. Ich kann da meine Sprache ſprechen, ich komme heim zu mir ſelbſt. Dieſes beſtändige Reden im Dialekt— ich komme mir dabei ſo affectirt vor und Alles, was ich ſage, erſcheint mir ſo verzerrt, ich trage eine fremde Tracht; über mein Seelenantlitz iſt eine eiſerne Maske Be⸗ niß, ön⸗ der und ind Bro⸗ zum nen ver⸗ gel; igur ſt, Wos wie nus wir eche iber 213 geſchmiedet. Ich bin ein Kind der Berge und höre mich doch wie eine Fremde. Der Dialekt iſt eine Beſchränkt⸗ heit, ein dürftiges Inſtrument, eine Pauke, auf der man kein Concertſtück ſpielen kann, nein, beſſer: die Sprache Leſſings und Goethes iſt der ſchöne geflügelte Schmetterling, der aus der Puppe ausgeflogen iſt; er kann nicht mehr in ſeine Puppe zurück. Wehe! Aus Allem heraus ſpringt mir wieder das Entſetzliche entgegen. Ich habe euch beleidigt, ver⸗ leugnet, ihr Genien meines Volkes, ihr Genien der Menſchheit. Ihr habt mich genährt und ich habe alle Bildung entweiht. Ich muß im Epile leben. Es dampft noch eine Gluth in meinem Herzen, ſie brennt. Die muß verlöſchen. Mein Herz iſt ſo ſchwer; es wird mich tiefer hinab⸗ ziehen, als wenn Steine an mir hängen. Ich bin ſo müde, ſo zerſchlagen und müde, als müßten mir alle Glieder abfallen; ich möchte immer ſchlafen, nur ſchlafen. Ich möchte nach einem Ort, zu einem Menſchen wallfahrten, daß ich geſühnt würde. Ich verſtehe nun den Grund der ſichtbar gewor⸗ denen Religion. Ich will fort, nach Italien, nach Spanien, nach Paris, nach dem Drient, nach Amerika. Ich will nach Rom, ich will Künſtlerin werden, es muß ſein. Soll ich noch auf der weiten Welt leben, ſo will ich ſie ganz 214 haben, nicht entſagen, ich bin keine entſagende Natur. Ich konnte den vollen Lebensbecher in den Grund ſchleu⸗ dern; aber ihn vor mir ſehen und verſchmachten, mich kaſteien, mir die Hände binden, das kann ich nicht. Ich will, ich muß fort. Es ruft mich. Neapel liegt vor mir ausgebreitet, eine Villa am Strande, helle Meerfahrten, lachende, ſingende, bunt gekleidete Menſchen — ich ſtürze mich in den Strom des Lebens. Beſſer als in den des Todes. Und doch— ich kann nicht... Eine entſetzliche Dämmerſtunde! Es lockt etwas in mir, ich ſoll umkehren, die ganze Welt iſt mein; was iſt geſchehen? Leben nicht Tauſende, wie ich— in Ehren und im Selbſtvergeſſen? Was iſt das, das in mir ruft: Du mußt büßen? Ich trete hinaus und es iſt nichts geſchehen. Es war ein pikantes Abenteuer. Einige Wochen ver⸗ ſchwunden... Ich muß nur keck ſein... Das Vierge⸗ ſpann greift aus, Alles grüßt, bin ſchön, Niemand ſieht die Hand auf meiner Stirn, ein Diadem glänzt darauf... Da ſteht nun das Grelle, geſchrieben... mir iſt, als hätt' ich meine Seele vor mir... Es giebt eine Kindſchaft der Seele, ſie waltet in der Großmutter, bei all' ihrer gediegenen Erfahrung. O könnte ich dieſe Kindſchaft gewinnen! Aber hat ſie nicht der auf ewig verloren, der ſie ſucht? Der alte Jochem bringt mir oft ſein baares Geld; ich muß es ihm zählen, jedes Stück einzeln. Er be⸗ hauptet, daß man mit dem Geld gar ſo arg betrogen wird. ur. eu⸗ ich cht. iegt lle hen ſer 215 Mein Pechmännlein ſagt, daß die Bauersleute faſt immer ihre abgedankten Eltern hart behandeln und da fragt er mich:„Warum muß nur der Jochem ſo lang leben, und hat doch nichts auf der Welt als Haß und Mißtrauen?“ Ich weiß keine Antwort! Der alte Jochem iſt ein wahrer Bauern-Lear, aber weil er bei Gericht klagen kann und geklagt iſt ſein Schickſal nicht rein tragiſch. Ein König aber hat kein Gericht, bei dem er klag⸗ bar werden kann, will keines; darum iſt ſein Schickſal groß und tragiſch. Mein Freund! Wenn du in dir vor Gericht ſtehſt, rufe mich, Niemand kann dich als ich und ich klage dich nicht an, nur mich... Und ich büße. Glückliche Stunden n mir das offene Herdfeuer. Wie ſchön iſt das Feuer! Was ſind dagegen alle Edel⸗ geſteine? Mein armer Blinder, der das Feuer nicht ſehen kann! In jedem Haus iſt das Feuer das Schönſte — der Menſch mußte das Feuer anbeten. „Jetzt haſt Du was Gutes gedacht,“ ſagte Hanſei zu mir, als ich heute ſo am offenen Fenſter ſaß.„Du haſt ſo gut dreingeſehen,“ fügte er hinzu. Er hatte offenbar Verlangen, mich zu fragen, aber er bleibt ſtreng bei ſeinem Vorſatz; er fragt mich nie, er ſetzt Alles in andere Redeweiſe um. Ich ſagte ihm nun meine Gedanken. Seine Mienen erwiderten: Das iſt nicht der Mühe werth, das zu denken. „Ja, ſo beim Feuer,“ ſagte Hanſei zuletzt,„das iſt wahr, da gehen die Gedanken ſpazieren.“ 5 Das Verwerflichſte von Allem, was es auf der Welt giebt, iſt für Hanſei Spazierengehen. In der Welt herumlaufen, wo man nichts zu ſuchen hat und nichts zu thun— es iſt ihm unbegreiflich, warum man ſich da nicht lieber auf die lange Bank legt und ſchläft. 5 Ich denke mir den braven Kent immer mit der Stimme Bronnens, aus breiter voller Bruſt; und in ſeiner Jugend muß Kent ausgeſehen haben wie Bronnen. Fs zieht eine Proceſſion von Geſtalten an meiner Seele vorüber. Die Königin und Bronnen allein leben ſtets mit mir fort. Der König iſt mit meiner Ver⸗ gangenheit verſchwunden, ausgelöſcht; in meinen Träu⸗ men leben mir noch viele Menſchen, er allein nicht. Hier liegt ein Räthſel— ich kann es nicht löſen. Wenn man in der Einſamkeit ſich beſinnt, da fällt ſo viel ab, ſo viele Menſchen. Der Leibarzt war mir perſön⸗ lich nicht mehr als jedem Andern; Emmy war nur Echv. Wenn man ſo überzählt, hat man nur wenig, und ich habe auch nur wenig in der Welt zurückgelaſſen. ℳ Das Schellengeläute der Schlitten iſt jetzt der einzige Ton, den man vernimmt; nun iſt größte Thätigkeit im Walde. Schnee und Eis, die draußen unwegſam machen, werden hier an den Bergen zu Straßen. Arbeit ſetzt die Lebenskraft ein für Andere. Meine Lebenskraft geht hinaus in die Welt durch meine Ar⸗ beit. Das Gebilde geht zu den Menſchen und ich darf doch einſam ſein, allein, verborgen. — S— ne r⸗ f Den Menſchen verläßt ſeine Arbeit. Ich glaube, ich habe den Gedanken einmal in Ottiliens Tagebuch geleſen. 217 Der Hund iſt der Freund und Vertraute des Men⸗ ſchen in der Einſamkeit. Man lernt ſeine Treue und Wachſamkeit lieben und ſchätzen, hier draußen in der Einöde; da ſchallt doch ein Ton, und bei jedem neuen Ereigniß wird Kunde gegeben. Wenn der Hund im Hofe bellt, ſpringe ich oft ans Fenſter— es kann ein Fremder gekommen ſein, wer weiß, wer. Wenn jetzt auf einmal der Intendant käme oder noch beſſer der Leibarzt und riefen und führten mich zurück? Ich zittere. Müßte ich folgen? Daß ich einmal alles Leben hinter mich geworfen hatte, nur noch einen Schritt und einen Sprung.. das macht mir das Leben leichter. Mich kann kein Unglück mehr treffen. Und doch— wenn mich das Leben wieder faßte... in auch eine Ameiſe, die ihre Fichtennadel Ich bin doch nicht ganz verlaſſen. Ich trage Me⸗ lodien und Bilder in mir und vor Allem hat mein Gedächtniß Lieder unſeres Meiſters Goethe bewahrt: Ueber allen Gipfeln iſt Ruh'— 218 Das zog mir ſchon hundertmal durch die Seele und erquickte mich wie kühlender Thau. Ich freue mich des melodiſchen Tonfalls, der einfachen Worte. Es ließ mir keine Ruhe, ich mußte das Lied einer andern Seele ſagen. Ich habe es meinem alten Aus⸗ zügler vorgeſagt, er verſteht's, und mein Pechmännlein hat es ſchon auswendig gelernt. Wie glücklich ein Dichter! Eine Stunde, die er gelebt, wird zum ewigen Leben von Tauſenden nach ihm. Wie freue ich mich dieſes Gedächtnißſchatzes! Ich bin wie mein alter Aus⸗ zügler, der ſeine paar Lieder gelernt hat und ſich ſtill vorſingt. Der alte Auszügler wird mir doch auch ehrwürdig. Heut in der Frühe kam er zu mir, ſonntäglich angethan, mit der Denkmünze aus den Befreiungs⸗ kriegen auf der Bruſt, und mit einem gewiſſen Hoch⸗ gefühl ſagte er;„Heut wird in der Kirche eine Meſſe für mich geleſen. Ich habe damals Napoleon gedient, wie der König auch. Es war anno Neun, bis heute Nachmittags um drei Uhr, ſo zwiſchen drei und vier, da war ich ein geſunder Menſch, und da hat mich eine Kugel getroffen, hier, in die dritte Rippe— ich trage darum die Denkmünze auch auf der rechten Seite— und dg bin ich umgeſunken und hab' gedacht: Gute Nacht, Welt! Behüt' dich Gott, mein lieber Schatz! Meine Frau iſt ſchon damals mein Schatz geweſen. Und da haben ſie mir nachderhand die Kugel heraus⸗ gezogen mit dem Kugelzieher, und ich hab' dabei ge⸗ raucht, mir iſt die Pfeife nicht ausgegangen, und dann mlein h ein wigen mich Aus⸗ ſiill irdig. ungs⸗ Hoch⸗ Meſſe ient, heute vier, eine trage Gute chat! eſen. raus⸗ i ge⸗ dann 219 bin ich wieder geſund geworden. Aber ſo einen Tag vergißt man nicht, und da hab' ich in die Kirche ge⸗ ſtiftet, daß man an dieſem Tag eine Meſſe für mich lieſt. Schau, da iſt die Kugel, die ſoll man mir wieder auf die dritte Rippe legen, wenn ich begraben werde.“ Er zeigte mir die Kugel in einem ledernen Beutel und ging dann, von einem Taglöhnerkind geführt, hinab ins Dorf. Ich will nun mehr Geduld haben mit dem Armen; ſein Leben war ein Tropfen im Meer der Geſchichte. — Von einer Feindeskugel getroffen... Man kann eine Bleikugel herausziehen, warum nicht auch... Alles, was ich erlebe, verwandelt ſich in meinem Denken in das Eine, Unlösbare. Die Mutter hat mir heut' das rechte Wort geſagt. Als ich ihr erklärte, daß ich auch damals nie voll⸗ kommen glücklich war, ſagte ſie: „Du haſt Dich eben auch ſelbſt betrogen. Das iſt immer ſo in der Welt— wer betrogen iſt, hat ſich ſelbſt betrogen, aber er will ſich das nur nicht ehrlich eingeſtehen.“ Der Ohm Peter iſt die wahre fröhliche Armuth, immer wohlgelaunt, und er iſt ganz glücklich geworden durch mich. Er bringt mir Arbeit, trägt die fertige fort, und wir haben Beide zuſammen guten Verdienſt. Daneben hilft er mir im Zurichten des Holzes, er handhabt Säge und Axt ſo leicht wie ein Vogel Kralle und Schnabel. 220 Heute habe ich das erſte Geld bekommen, das ich mit meiner Hände Arbeit verdient. Der Ohm Peter hat mir's auf den Tiſch gezählt. Er nimmt kein Papier⸗ geld, nur Silbermünze.„Baar Geld lacht,“ ſagt er, und er ſelber lachte und ich auch. Wie gering iſt dieſer Erwerb und doch ſo erquickend. Ich habe ihn errungen. Mein Lebenlang habe ich immer nur genoſſen. Wer hat mir's geboten? Andere, die für mich arbeiteten, ein Erbe meiner Vorfahren. Ich kann nun ſchon ordnen, was ich Walpurga für meinen Unterhalt bezahle. Sie wollte nichts neh⸗ men, aber ich thue es nicht anders. Es iſt gut, daß mein Geſchäft ſo viel Mechaniſches hat, einfach Nothwendiges, worüber nichts zu beſinnen, nichts auszumachen iſt. Das muß gemacht werden, ſo feſt, wie die Natur ihre Gegenſtände hervorbringt. Hätte ich etwas den Geiſt Anſtrengendes zu thun, ich verginge. Ich bin nun vier Monate hier. Meine Hände ſind hart. Ich ſehe bei jeder Begegnung, daß Alle, die mich umgeben, mich von Herzen lieben. Ich weiß nicht, wann etwas kommen kann, das mich aufſcheucht aus meinem Verſteck, wo ich mich nie⸗ dergeduckt. Ich will dieſe Tage feſthalten und Alles um mich her und in mir. 221 s ich Wenn man nur immer ſich gleich bliebe, ich meine, Peter immer im Vollbeſitz ſeiner Kraft ſtände. pier⸗ Ich ſinke ſo oft unter mich herab, fühle mich ver⸗ t er, nichtet, verlaſſen, hülflos und unfähig, und meine, es 5 müſſe mir Jemand helfen. Wer? Was? kend. Ich muß noch täglich die Morgenſchwere überwinden. mer Am Abend bin ich ruhig— ich bin müde. „die* Den Regen hört man fallen, den Schnee nicht. urga Der herbe Schmerz iſt noch laut, der gefaßte iſt ſtill. neh⸗ 6 Es iſt grimmig kalt hier oben; aber wir haben den Wald nahe, und mein Ungeheuer von Kachelofen iſt ſhes mir ein treuer Freund, der die Wärme bewahrt. nen, den, Wenn Hanſei aus dem Wald kommt, dauert es ngt. oft eine Stunde, bis er im buchſtäblichen Sinne des ich Wortes aufthaut. Da darf man nichts mit ihm reden, er wird da leicht ärgerlich, weil ſeine Stimme und ſeine Bewegungen noch ſo ungelenk. Wenn er dann aufthaut, iſt er ganz glücklich.„Gottlob, daß ich Holzknecht geweſen bin,“ ſagt er dann immer. nich Er hat mit dem Wald etwas Beſonderes vor, aber er ſagt es nicht. Das Volk hat immer überheizte Stuben; es liebt us den Rauſch, auch den Wärmerauſch. nil⸗ 6 Ich habe keinen Spiegel. Ich brauche nicht zu wiſſen, wie ich ausſehe. Der Spiegel iſt Anfang und Grund des Selbſtbewußtſeins. Das Thier ſieht ſich nicht, es wird nur geſehen, und doch putzt es ſich, der Vogel auf dem Zweig, wie die Katze vor meinem Fenſter. Auch ich kleide mich um meiner ſelbſt willen ſorglich, es iſt mir nicht wohl, wenn ich gekleidet bin. Anfangs war's ein hartes O Op, jetzt finde ich Be⸗ ruhigung und Selbſtvergeſſen darin, viel mit meiner Umgebung zu leben. Ich möchte ihr Daſein nicht trü⸗ ben, ſondern erhellen. Die Meinigen fühlen, daß ich nicht nur theilnehmend, ſondern auch theilgebend bin. Ich glaube, das Wort habe ich von Goethe. Heute war große Freude im Hauſe. Das Geſpiel der Walpurga erſchien plötzlich mit ihrem Mann, einem Förſter. Nun das Glück, dieſe Freude, dieſer Aus⸗ tauſch von Erlebniſſen! Hanſei bat den Förſter gleich zu Gevatter für ſeinen Jungen— denn ein Junge muß es ſein! W ſagte ſchnell, ſie wolle der Freundin das ganze Haus zeigen. Ich mußte auch mitgehen. Die Liebe iſt in den höheren Ständen vielleicht größer, energiſcher, tiefer, und hat mehr Alles, was mit Leidenſchaft zuſammen hängt; die Treue aber, dies beſtändige und warmherzige Verharren, ſcheint mir größer im Volke. In der Arbeit lernt man Treue. * Ich war mit Hanſei im Wald. O wie ſchön! Wir kamen an dem gefrorenen Waſſerfall vorbei; die kryſtallenen Säulen glitzerten im Sonnenſchein. a bl nicht, Pogel Auch es iſt bin. Be⸗ einer trü⸗ ich hin. ſpiel inem inen urga aus leicht wos dies nit ue. hn! die — Hanſei zeigte mir hoch oben zwei Bäume, die er mir ſchlagen laſſe, damit ich das beſte Holz zum Ver⸗ arbeiten habe. Zwei ganze Bäume ſoll ich verarbeiten! Ganz luſtig ward mein Hanſei, als ich ihm ſagte: „Ich habe mir Deine Bergregel behalten: Immer ſtat vorwärts und nie ſtehen bleiben.“ Dieſes friſche Bergſteigen im Winter hat mich ſehr müde gemacht; aber mir iſt ganz wohl. Ich habe mich lange gewundert, daß ich gar nie von der Familie Hanſeis gehört habe. Jetzt erzählt mir Pechmännlein, daß ſeine Mutter ſchon früh ge⸗ ſtorben, und ſeinen Vater hat er nie gekannt. Nun iſt mir Vieles von Hanſeis Benehmen erklär— licher, aber es iſt darum um ſo ſchöner. Wir haben Metzelſuppe im Haus. Groß iſt Hanſei und ein Spender vieles Guten. Ja, auch groß. Wie verrottet ſind doch unſere Vorſtellungen! Ein homeriſcher Held, der Schweine zertheilt und kocht und bratet, bleibt uns ein Held, und Hanſei iſt ſo viel wie ſie alle, wenn auch nicht gerade mit dem Schwert. Es iſt ein homeriſches Schmauſen im ganzen Hof, und ſie beißen mit ſo guten Zähnen, wie Held Menelaos. Das Beſte auf der Welt iſt geſundes Blut, geſtählte Sehnen und ſtarke Nerven. Wer noch ein ruhiges Gewiſſen dazu hätte! Ich liebe die Dämmerung, dieſes Nachtwerden aus dem Tag, wie es in einander verſchwimmt. Wenn man ganz mit dem Naturwalten lebt, iſt jeder Tag voll gelebt. Licht und Feuer machen den Menſchen zum Men— ſchen. Der Menſch allein lebt in die Nacht hinein. Der allwiſſende Schnabelsdorf ſagte einmal:„Es iſt ein Gradmeſſer der Cultur, wie viel die Menſchen in die Nacht hinein leben.“ Jetzt ſetzen ſie ſich bei Hofe zum Diner; ſie ſcher⸗ zen, ſie lachen, es giebt Anekdoten.— Wenn ich plötz⸗ lich unter ihnen erſchiene... Nein, ich ſtöre euch nicht, ihr ſollt ruhig leben! Und dann fahren ſie ins Theater— Iſt heute nicht? — Ja, ich hatte es ganz vergeſſen— heut' iſt mein Geburtstag. Heut' vor einem Jahr ging ich als See⸗ jungfrau auf den Ball, und er ſagte mir leiſe— dort im Palmenhaus, ich höre noch ſeine Stimme:„Ich habe dieſen Tag abſichtlich gewählt— nur Sie ſollen es wiſſen, nur Sie und ich.“ O dieſe Nacht! Ob ſie dort wol auch meiner gedenken? Die Egypter ſtellten bei ihren Feſten die Gedenk⸗ zeichen der Todten auf... Ich kann nicht mehr ſchrei⸗ ben— Ich will Licht anzünden— ich muß arbeiten. Drunten im Dorf lebt ein Taubſtummer, der grobe Holzſchnitzereien macht. Er hat weder leſen noch ſchrei⸗ ben gelernt, noch Religionsunterricht bekommen; er weiß von gar nichts. Aber die Kirchweihen, die Feſttage aus Wenn Tag Men⸗ in. „Gs nſchen ſcher⸗ plöt⸗ en! nicht? mein Ser⸗ dort ſollen 225 und beſonders Faſtnacht weiß er ganz genau. Da ſtellt er ſich mit ſeinem Schirm vor die Kirche, ſieht ſich die Bauern an, und wer ihm gefällt, zu dem geht er, zieht den Rock aus und ſetzt ſich an den Tiſch, und man giebt ihm, ohne ein Wort zu ſagen, drei Tage zu eſſen und zu trinken. Und ſo kam er nun zu uns. Manchmal weint er und kann nicht ſagen, wor⸗ über; aber er giebt durch Zeichen zu verſtehen, und das Pechmännlein erklärt, er weine darüber, daß er nichts mehr eſſen kann. Ich habe mich mit dem Stummen zu verſtändigen geſucht, aber wir verſtehen einander nicht. (Aſchermittwoch.) Heut' iſt Alles im Hauſe ſo ſtill, gedankenvoll. Jede Stirn wurde mit Aſche beſtreut und dazu der Spruch geſagt: Menſch, gedenke, daß du Staub biſt! Ach, ich habe einen langen Aſchermittwoch nach einem tollen Carneval. % Ich ſehe oft das Bild jener egyptiſchen Königstochter vor mir. Alle Gewänder ſind von ihr abgefault; nackt, mit aufgelöſtem Haar kniet ſie betend an ihrem offenen Grabe. Wann wirſt du mich aufnehmen, du allbarmherzige Mutter Erde? Mir kommt die einfach große Antwort der Antigone in den Sinn. Sie ſagt zu Kreon, der ihr das Todes⸗ urtheil verkündet: Auerbach, Auf der Höhe. III. 15 „Ich wußte, daß ich ſterben werde, du ſagſt mir nur, wann.“ Ich will ruhig die Folgen meines Thuns tragen, ganz allein auf mich geſtellt, auf keine materielle und keine geiſtige Hülfe von außen. Es iſt eine ſchöne Sitte, daß die Leute, wenn ſie das Ave Maria unter dem Geläute geſprochen haben, einander„Guten Abend“ ſagen. Sie kommen vom Himmel wieder heim zu den Ihrigen. Walpurga will, wenn wir allein ſind,„Sie“ zu mir ſagen und mich„Gräfin“ heißen. Alles kehrt ſich um. Einſt ſagte ich zu ihm heim⸗ lich„Du“ und öffentlich... Ach, in Alles hinein ſpringt das Eine. Das Entſetzlichſte wäre, wenn ich empfindſam würde— bin ich's vielleicht ſchon? Der Empfindſame iſt der Waffenloſe unter lauter Bewaffneten, der Unverhüllte unter lauter Maskirten. Ich will ſtark ſein. Ich muß. — Walpurga brachte mir heute einige Blumentöpfe ins Zimmer, Rosmarin, Geranium und Oleander. Hanſei hat ſie mitgebracht von einem großen Doctor, wie er ſagt, der einige Stunden von hier im Thal wohnt; ſein Gärtner darf Pflanzen verkaufen, und da bringt ſie mir nun Walpurga und ſagt:„Du haſt — 2 RR m⸗ m n. , nd aſt 227 immer Blumen um dich gehabt, dieſe da halten ſich im Winter.“ Glücklich machen mich dieſe wenigen Pflanzen. Die Blume fragt nichts danach, welch' einen Topf ſie hat, wenn ihr nur Sonne und Regen wird. Was haben die Menſchen im Schloſſe dort von den Blumen im Treibhaus? Sie haben ſie nicht gepflanzt und nicht gewartet, ſie kennen einander nicht. Hanſei kam heute zu mir und ſagte: „Irmgard, wenn ich dir einmal was Leid's gethan hab' — ich weiß zwar nichts— ſo bitt ich, verzeih' mirs!“ „Warum fragſt du mich das jetzt?“ „Ich gehe morgen mit den Meinigen zur Beichte und Communion,“ erwiderte er. Meine Thränen, die auf dieß Blatt fallen, beichten. In Worte kann ich es nicht faſſen. *ℳ Warum bin ich erſt über die beſudelte Schwelle hinüber in dies engumſchloſſene und doch in ſich ge— friedete Leben eingegangen? Warum nicht rein und frei, ſtolz und ſtark? Ich habe einmal von Franz von Aſiiſi geleſen, daß er, mit luſtigen Geſellen von einem Gelage kommend, Morgens in der Frühe, auf dem Weg plötzlich vom Geiſt ergriffen ward, Allem entſagte und ein heiliges Leben führte. Alſo immer nur aus Sünde heraus? Härter aber noch iſt die Frage: Warum mußteſt du, Königin, das erleben? ½ — Ich gehe im triefenden Regen oft wie gefangen in den Feldern umher. Was hält mich hier? Was lockt mich fort? + Ich lebe auch gefangen wie zwiſchen Steinen und Eiſengittern, die aus dem Grunde meines Wollens ge⸗ nommen ſind. Ich fühle den ganzen Schmerz des Verbannten. Ich lebe in einer Erſtarrung. Warum muß ich auf den Tod warten? Mir iſt oft, als läge ich träumend an einem Ab⸗ grund und kann doch nicht erwachen und mich aufraffen. Wohin ſollte ich? . Oft, und wie mit Zaubergewalt, wie ein Reiter auf geflügeltem Roſſe, ſprengt der Gedanke durch die Seelenöde und ſchleppt mich fort: du weißt ſo gar nichts mehr von der Welt draußen— deine Um⸗ gebung verhehlt dir's, wenn ſie etwas weiß, und du darfſt nicht fragen. Wie, wenn die Königin todt wäre, und der dich einſt liebte und den du liebteſt— ach ſo ſehr— er iſt doppelt allein und verlaſſen und denkt trauernd deiner? Gieb ihm ein Zeichen und er kommt und holt dich, und auf weißem Zelter reiteſt du ein ins Schloß als Königin, und Alles iſt geſühnt und verſöhnt und du biſt eine Freundin des Volkes, denn du kennſt es, du haſt mit ihm gelebt und gelitten... So packt's mich oft und umſchlingt mich wie ein Zaubernetz, und läßt mich nicht los, und ich horche, in loct iter die gar Un⸗ du dich iſt net! dich, als 229 wie wenn ich Stimmen und Trompetentöne vernähme, die mich rufen. Noch iſt das wilde Heer in der Seele nicht zur Ruhe gekommen. ℳ Es ſchlummern zuſammengekauert räthſelhafte Dä⸗ monen in der Seele, die Phantaſie ruft, ſie recken die Häupter und kriechen und fliegen und ſchwimmen und rennen. Sie haben kluge Augen und ſchillernde Ge⸗ ſtalten, und können auch als Tugenden erſcheinen, ſie borgen ſich das Prieſtergewand und reden die Sprache des Mitleids: Hab' Erbarmen gegen dich und gegen Andere. Sie prunken im Stahlpanzer der Kraft und Thatenluſt und ſprechen: Du kannſt beglücken den Einen und die Vielen, und kannſt Gutes und Großes thun an dem Einen und an den Vielen. Ich vernichte ſie, ich halte ihnen das Licht vor die Augen, ſie verſchwinden. Du lebſt, Königin, von mir ſo tief gekränkte Freundin, du lebſt.... Ich frage nicht und will nicht wiſſen, ob du todt biſt. Du lebſt, und ich wünſche nur, daß du von meinem Reueleben wiſſeſt, und wie ich wühle in den Einge⸗ weiden meiner Seele. Das griechiſche Drama vom gefeſſelten Prometheus liegt mir im Sinn. Prometheus war der erſte einſied⸗ leriſche Menſch. Er iſt äußerlich angeſchmiedet. Wir ſchmieden uns ſelber an, durch Gelübde, Ordensregeln. Ich bin kein Prometheus und keine Nonne. Nach gar nichts in der Welt draußen habe ich Verlangen, nur nach einer guten Muſik mit vollem Orcheſter. Ich freue mich, daß ich ſie oft im Schlaf höre. Wunderbar! Meine Seele ſpielt im Traume alle Inſtrumente und große Orcheſterſtücke, die ich nie ganz auswendig konnte. Unſer Leben hat doch einen zweiten Boden. Freiheit und Arbeit, das ſind die ſchönſten Vorzüge des Menſchen. Einſam und arbeitſam, das iſt mein Alles. Noch nie hat Walpurga jener vorahnenden Scene gedacht, wo ſie mich warnte. Ach, ſie hat mich mit derber Hand gefaßt, als ich am Abgrunde ſchwebte und ich habe ſie geſcholten und bethört und mich ſelbſt verwirrt. Sie hält jede Erinnerung daran zurück. Mein alter Jochem hat mir die ganze Bitterniß ſeines Lebens damit ausgeſprochen, daß er mir heute ſagte: „Alte Ochſen und alte Kühe ſchlachtet man, alte Pferde und alte Hunde ſchießt man todt und alte Menſchen füttert man zu Tode— das iſt der einzige Unterſchied.“ Das Wohnhaus auf unſerm Hof iſt verwahrloſt. Aber Hanſei will nicht ſofort bauen. „Man muß ſich mit dem alten Haus behelfen, zu⸗ erſt muß man arbeiten,“ ſagt er. Und dann hat er —— ich llem hlaf le ganz züge cene mit ebte elbſt miß eute alte alte nzige 231 eine gewiſſe Scheu vor den Leuten: das Haus war bis jetzt gut genug— warum ſoll's ihm nicht ſein? Auch der Bauer auf ſeinem einſamen Gehöft iſt nicht vollkommen unabhängig. Wem noch daran ge⸗ legen iſt, was die Leute von ihm denken, muß auch Rückſicht darauf nehmen. Da iſt die ganze Sklavenkette. (1. März.) Glück und Freude iſt in unſer Haus gekommen. Auch in mir iſt es licht, als wäre nicht mein Leben in Nacht verſunken. Walpurga hat einen Knaben. Hanſei iſt ganz glückſelig, er nennt den Knaben nicht anders, als den„jungen Freihofbauer.“ Wir hatten Taufe im Haus. Es that mir weh, daß ich nicht mit zur Kirche gehen konnte. Aber ich konnte nicht. Ich habe die Bauernkleider abgelegt. Die waren am Platze zur Flucht; jetzt nicht mehr. Ich trage nun einfachen Kattun, wie die Vielen auf dem Lande, die ſich mit Hausinduſtrie beſchäftigen. Nur den grünen Hut trage ich noch, und das iſt nöthig, man kann ſich gut darunter verbergen. Ich habe viele äußere Gewänder abgelegt; wie viel innere muß ich noch abthun? Furcht und Bangen weichen von mir. Ich war zum Erſtenmal im Dorf. Es liegt zer⸗ ſtreut am Berggelände, die Häuſer ſtehen einzeln an 232 den Wieſen und ſehen von oben geſehen faſt aus wie eine zerſtreute Heerde. a In der Nacht iſt mir das Rauſchen des Waſſers und des Waldes ſo wunderſam. Das ſtrömt und rauſcht ſo ewig fort. Wie nichtig und klein iſt doch ein Menſchenkind! O, dieſes Erwachen durch den Finkenſchlag, und Alles ſo voll ſtark und herb machender Morgenluft! (19. April.) Dichter Nebel den ganzen Tag. Ster⸗ n ben und Erwachen der Natur geht verhüllt unter dem pe Schleier des Nebels vor ſich. Drüben am Bach ſingt eine Nachtigall den ganzen Tag n und die ganze Nacht. Welch eine unermüdliche Kraft, i welch ein unerſchöpflicher Quell im Nachtigallenſang! d Eben jetzt, da ich ſchreibe, als wüßte ſie, daß ich mich nach ihr ſehne, ſingt ſie hier näher. Ich ſehe jede Knospe aufgehen, ich ſehe das Farren⸗ kraut noch in Schnecken zuſammengerollt und ſelbſt die herbe Rüſter hat eine zarte Blüthe. Alles blüht und ſingt. Auch das Gackern der Hühner iſt Geſang. Die Welt iſt eine unendliche Mannigfaltigkeit. —) O dieſes glückſelige Warten auf jedes einzelne grüne Blättchen, das Aufgehen jeder Knospe. Das Schönſte an der Natur iſt doch, daß ſie nie Eile hat; ſie kann warten und unſere ganze Arbeit iſt: ihrer warten. 4 ſi ie n⸗ die ie ine ſte nn 233 Anfangs will man jede kleine Entwicklung beob— achten, jedes Wachsthum; bald aber geht's nicht mehr es iſt zu viel. . Nur ein einziger Regentag und alle Knospen ſprin⸗ gen auf. Der helle Frühling iſt da. Es giebt auch im Frühling eine Unruhe im Gemüthe, die dem Drän⸗ gen draußen parallel geht. Welch ein lautloſes und doch in der Bewegung melodiſches Wiegen in der Hängebirke, jetzt da ſie ſo voll Blüthentrauben hängt. Das beſte Selbſtvergeſſen iſt: die Dinge der Welt mit Aufmerkſamkeit und Liebe anſehen— oder eigent⸗ lich in der Aufmerkſamkeit iſt ſchon die Liebe, vielleicht die am meiſten unſelbſtiſche. Morgens in der erſten Frühe kommt der Kukuk ganz nahe an unſer Haus und ruft. (Pfingſten.) Die Feſtes⸗Vorbereitungen ſind eine Freude, vielleicht eine höhere, als das Feſt ſelber. Dieſes Mehleinthun zum Kuchenluxus, dies Kneten, Backen, dieſes Erquicken am Anblick des gelungenen Feſtkuchens. Die ſelbſtbereitete Freude iſt ganze Freude. Und nun das Feſt! Die Bäume blühen und die Menſchen blühen und da draußen ſteht der Wald und ſie tragen ihn als Pfingſtmaien in die Stube. Hanſei hat ein neues Gewand in hieländiſcher Tracht. 234 Als er heute durch den Hof ging und ſich wohlig um⸗ ſchaute, lag in ſeinem„Guten Morgen!“ eine ganze Welt voll Glück. Es thut mir wieder wehe, daß ich nicht mit zur Kirche gehe. Die Feſtesſtimmung hat ihre Höhe im Kirchgang; aber auch daheim iſt das Haus voll Duft der Birken und des Feſtkuchens. (24. Mai.) Wir hatten einen tollen Frühlings⸗ ſturm mit Blitz und Donner. Die Bäume bogen und krümmten ſich, als müſſe Alles zerbrechen. „Das iſt bös,“ ſagte mein Pechmännlein,„für den Roggen freilich iſt's auch wieder gut; aber ein Gewitter im Frühling bringt viele Tage kalt, im hohen Sommer aber bringt's neue Wärme. Wie ſinnbildlich iſt das für frühreife Leidenſchaft⸗ lichkeit. Jetzt haben wir wieder hellen Sonnenſchein. Ich war draußen. Millionen Blüthen liegen am Boden und im Wald liegen viele junge Vögel todt, ſie hatten ſich zu ſtüh herausgewagt aus dem Neſt, der Regen machte ihnen die jungen Flügel naß und ſie konnten nicht mehr zurück, auch hatte das Neſt keinen Raum mehr für ſie; verlaſſen und hungrig mußten ſie ſterben. Die Natur iſt grauſam. Sie arbeitet ſo lange an Hervorbringung eines Weſens, und dann plötzlich, muthwillig läßt ſie's verkommen. Die Sonntage ſind mir das Schwerſte. Man iſt gewohnt, da etwas Beſonderes zu wollen. Man zieht um anze zur im — Duft ngs⸗ und ein ohen haft⸗ 36 oden tten egen nten aum ben. e an ich, niſt jieht 235 ein beſonderes Kleid' an und die Welt ſoll auch ein beſonderes haben. Am Sonntag fühle ich am meiſten, daß ich in einer fremden Welt bin; vielleicht überall, aber hier beſonders. Der Brunnen rauſcht und die Vögel ſingen, ſo heute wie geſtern. Wie kann ich verlangen, daß ſie mir heute etwas Anderes ſingen? Die Natur hat keine Stimmung. Der Menſch allein hat ſie. Da liegt ein ſchwerer Stein darin... Die Wolkenbildungen und ihre Farben, die ich ſonſt nur hoch am Himmel ſah, ſehe ich jetzt auf der Erde und unter mir. Ich kann ſtundenlang die Wolkenwandlungen, ihre wechſelnden Bildungen auf den Bergen betrachten. Aus ſolchen flüſſigen Formen hat ſich die Erde zu feſter Geſtaltung gebildet. Kein Künſtler kann je dieſe geſtaltenreiche Wolkenwelt ausmeſſen. Bevor die Ge⸗ danken feſt ſind in unſerer Seele, müſſen ſie auch ſolche Wolkenformen haben; wir können ſie nur nicht faſſen. Am Saume des Waldes iſt der mannigfaltigſte Vogelſang, da tönt das Lerchenſchwirren zuſammen mit Ammer und Zeiſig, Amſel, Fink, Droſſel, Roth⸗ ſchwänzchen und Kohlmeiſe. Nur wenige Vögel, die tief im Walde niſten, ſingen dort. 236 Im Frühling iſt in jeder Waldrinſe ein Bächlein; im Sommer iſt da nichts als eine ausgetrocknete Schlucht. Es geht auch im Menſchenleben ſo. Wenn ich mich mit dem Frühling freue, da ſagt der alte Jochem:„Ha, was iſt denn dran? In ſo und ſo viel Wochen nehmen die Tage ſchon wieder ab.“ Wenn die Menſchen alljährlich wie die Bäume ſicht⸗ bare Blüthen trügen, es würden von Jahr zu Jahr andere Blüthen erſcheinen an Farbe und Geſtalt. Die Blüthe meiner Seele war einſt ſo feurig, und jetzt. Ich habe zum Erſtenmal in meinem Leben ein Adlerpaar in den Lüften geſehen. Welch ein Leben, ſolch ein Adlerpaar! Sie ſchwebten im Kreiſe, hoch oben. Um was ſchwebten ſie? Dann ſchwangen ſie ſich höher und verſchwanden tief in den Lüften. Es giebt noch freie Adler in der Welt. Der Adler hat Niemand über ſich, keinen Feind, der ihm bei⸗ kommen kann. Nur der Menſch ſendet die tödtliche Kugel und wirkt noch da, wohin nur ſein Blick reicht. Auch er war damals ſtolz und hoch, als er einen Adler geſchoſſen. Warum? Weil es ein Zeichen ſeiner Kraft. Und mit dem Siegeszeichen ſchmückte er meinen Hut— o Wehe! Wehe! Warum kommt aus der unendlichen Ferne immer wieder mein Elend auf mich hernieder? agt ſo b.“ ht⸗ hr t. nd 237 Wir Frauen ſind nie allein in der Natur. Immer wieder die Tieffinnigkeit der alten Sage: Der Mann, zuerſt geſchaffen, war allein in der Na⸗ tur; die Frau war nie allein da. Das wiederholt ſich durch die ganze Geſchichte der Geſchlechter, und ich verſtehe ein räthſelvolles Geheimniß. In der vornehmen Welt werden wie im Park die Fußtapfen von gefälligen Dienern wieder ausgelöſcht. Nur keine Fußtapfen von geſtern! Und doch ſoll ihr ganzes Leben Geſchichte ſein. 3 Nichts Böſes mehr thun— das iſt noch nicht Gutes thun. Ich möchte eine große That vollziehen. Wo iſt ſie? In mir allein. Mein Pechmännlein iſt draußen in der Natur ein ganz anderer Menſch. Er liebt die Natur nicht, er hat nur— wie er ſagt— ſeinen Spaß daran, ſeine Freude an den kleinſten Zügen des Vogellebens, und wie kennt er ſie alle! (In vielen Regentagen.. Ich vergehe ſfaſt vor Heimweh nach der Sonne. Ich gehe umher, wie ver⸗ welkend, wie verdurſtend— ich kann nicht leben ohne Sonne, ſie iſt mir dieſe holden Maitage ſchuldig, ſie ſind mein Labſal, ich muß ſie haben. * —— S— 238 Wenn ich ſo abhängig vom Wetter bleibe und jede Wolke mir die Seele verfinſtert, jeder Regen mich in das fröſtelnde Gefühl der Verlaſſenheit taucht, dann wäre mir beſſer, ich läge tief im See, und der Schiffer im Kahn, der über mein Gebein wegſchwimmt, er⸗ zählte dem Ueberfahrenden, wie dort beim Kloſter: Hier unten ruht ein junges Hoffräulein. Ich habe der Sonne ſchon einmal Ade geſagt, ich will frei ſein von ihr.. Es giebt Menſchen, die nur Regen und Sonnen⸗ ſchein kennen und haben. Es giebt aber auch Seelen voll thaubildender Kraft — das ſind die ſtillen, in ſich reichen, triebkräftigen, die mehr innerlich als äußerlich erleben. (12. Juni.) Es hat nach heißen Tagen geregnet in der Nacht. Alles glitzert und tropft. O dieſer wonnige Morgen nach einem Nachtgewitter! Solch einen Morgen voll gelebt zu haben, iſt der Lebensmühe werth. Jochem hat eine Lerche im Käfig— er muß noch etwas bei ſich eingeſperrt haben. Die Lerche macht mir Freude. Es giebt hier oben keine Lerchen, wir haben hier lauter Wieſen— über den Getreidefeldern im Thal, dort ſchwirren ſie. ſtumm. Die Sonne zeitigt nur noch; ſie ruft keine Blüthen und keinen Sang mehr. Der Fink allein iſt noch luſtig. Nach der Sonnenwende um Johanni iſt der Wald — F M jede h in dann ifſer ſter: men⸗ raft igen, et in nnige orgen noch oben jber Vald lüthen luſtig. 239 Das Schimmelfüllen graſt vor meinem Fenſter auf der Wieſe. Es kennt mich. Wenn ich aufſchaue, ſieht es mich lange ſtillſtehend an, dann ſpringt es tollend hin und her. Ich habe ihm den Namen Wodan gegeben; es hört darauf und kommt zu mir, wenn ich Wodan rufe. Ich habe das Schimmelfüllen gezeichnet und ſchneide es nun in Birke aus. Ich glaube, es gelingt mir. Holz iſt aber doch ein ſpröder, eckiger Stoff. Ich werde ſo leicht ungeduldig. Ich darf's nicht ſein. Geſtern war es ein Jahr, daß ich drunten am Felſen lag. Ich konnte kein Wort ſchreiben, ich ver⸗ ging faſt vor Schwindel über all dem Denken von da⸗ mals. Nun iſt's vorbei. Ich glaube, ich werde nicht viel mehr ſchreiben. Ich habe nun alle Jahreszeiten in meiner neuen Welt durchlebt. Der Ring iſt geſchloſſen. Es kommt von außen nichts Neues mehr, ich kenne Alles, was da iſt und kommen kann. Ich bin in meiner neuen Welt daheim. Die Schriftgelehrten und Phariſäer brachten ein Weib zu Jeſus, das den Steinigungstod erleiden ſollte, und er ſprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde iſt, der werfe den erſten Stein auf ſie. So ſteht geſchrieben. Ich aber frage: Wie lebte ſie weiter, die vom Steini⸗ gungstod Errettete, zum Leben Begnadigte oder Ver⸗ dammte? Wie lebte ſie weiter? Kehrte ſie in ihr Haus zu⸗ rück? Wie ſtand ſie in der Welt? Wie in ihrem Herzen? — 240 Keine Antwort. Keine. Ich muß die Antwort erleben. Wer ſich rein fühlt, werfe den erſten Stein auf ſie. Du größtes Wort, das je ein Menſchenmund ge⸗ ſprochen und ein Menſchenohr gehört! Du theilſt die Geſchichte des Menſchengeſchlechts in zwei Hälften. Du biſt das„Werde“ der zweiten Schöpfung. Du theilſt und heilſt auch mein kleines Leben und ſchaffſt mich neu. Darf ein Menſch, der nicht ganz rein, den Ande⸗ ren Lehren und Betrachtungen geben? Greift in euer eigen Herz! Wer ſeid denn ihr? Seht her, meine Hände ſind rauh von der Arbeit — ich habe ſie nicht bloß betend erhoben. Ich habe in meiner Einſamkeit noch keinen gedruck⸗ ten Buchſtaben geſehen. Ich habe kein Buch. Ich will keines. Nicht aus Kaſteiung. Ich will mich allein haben. Erdrückend iſt die Laſt, immer für ſich allein den Ewigkeitsgedanken zu hegen, die Abgeſchiedenheit von der Welt auf ſich zu nehmen. Das Kloſter hat doch ſein Gutes. Im Chorgeſang hebt und trägt eine Stimme die andere, und wenn der Ton einmal ausgleitet, er verſchwimmt und ver⸗ ſchwindet. Hier aber bin ich ganz allein, bin Prieſter und Kirche, Orgel und Gemeinde, Beichtiger und Beichtkind, Alles zuſammen, und meine Seele iſt mir in auf nd ge⸗ ſt die Du theiſſt ch neu. Ande⸗ ihr? Arbeit edruc⸗ ch wil allein in den it von tgeſang wenn d ve⸗ Prieſer r und iſt nit 241 oft ſo ſchwer, ſo centnerſchwer, als müßte ein An— deres mir tragen helfen. Nimm du mich und trage mich, ich kann nicht weiter! ruft meine Seele. Aber dann raffe ich mich wieder auf, faſſe Bündel und Wanderſtab und wandere, wandere einſam und allein mit mir, und im Wondern gewinne ich wieder Kraft. 6 Seit einem Jahre zum Erſtenmal habe ich dort auf der weißen Straße im Thal eine Kutſche fahren ſehen. Die Darinſitzenden ahnen nicht, wie ich ihnen nach⸗ ſchaue. Wohin geht der Weg? Wer ſeid Ihr? Ich muß doch wieder ſchreiben. Ich glaube jetzt zu wiſſen, was gemüthlich iſt: Ausdenken und Vor— ſorgen für das Kleinſte, vollkommenes Verſetzen in Lage, Bedürfniß und Stimmung eines Anderen, ein Dichten mit dem Herzen, die Phantaſie der Empfindung. Die echte Bildung iſt Gemüthlichkeit. Denn was iſt Bildung? Die Kraft, ſich in die Zuſtände eines Andern zu perſetzen und ſeine eigenen Zuſtände wie fremde anzuſehen. Ich bleibe beim erſten. Mein Hanſei erſcheint ſtockig und iſt viel gebildeter als ein Dutzend Herren mit Orden und Epauletten, die als die intereſſanteſten Cavaliere brilliren. Ich meine immer, in mir liege etwas, was ich noch nicht gefunden. Es läßt mir keine Ruhe. Iſt's ein Gedanke? Iſts eine Empfindung? Iſt's ein Wort? Eine That? Ich weiß es nicht. Aber ich ſpüre, es Auerbach, Auf der Höhe. II. 16 — — — — ———— will noch etwas aus mir heraus. Vielleicht ſterbe ich und habe es nicht gefunden. Mein alter Jochem weiß noch einige Verſe aus. dem Geſangbuch auswendig. Er ſagt ſie immer vor ſich hin, aber ganz verkehrt, und es iſt purer Unſinn, was er daraus gemacht hat. Ich wollte ihm nun die Verſe richtig ſtellen. Darüber ward er ſehr bös und ſagte, das wäre Neues, das gelte nicht. Sein Unſinn iſt ihm lieber, er hat etwas Geheimnißvolles daran, und das imponirt ihm, weil er's nicht verſteht. Wer es nicht ſelbſt erlebt, kann nicht wiſſen, was es heißt: Nach einer leichten Anſprache mit Menſchen gleicher Art ſich ſehnen. Es iſt brennender Durſt. Jeder, der meine Sprache ſpräche, wäre mir jetzt recht. Ich halte dieſe Spannung nicht aus. Ich komme mir vor, als wäre ich in fremdem Lande und lauſche auf den geliebten Ton meiner Heimathſprache, aber immer vergebens. Wohl mir, daß ich arbeiten kann. So lange ich Walpurga im Schloß hatte, konnte ich gut von allerlei mit ihr reden. Ich kam zu ihr von Anderem, aus der eigentlichen Heimath meines Geiſtes. Hier, wo ich ſie allein und nichts Anderes mehr habe, iſt das anders. Es iſt nicht Stolz— wie ſollte ich und Stolz— es iſt eine Fremdheit, oder iſt's Verdroſſenheit, daß mir nur ſo Karges ver⸗ blieben? N ich aus vor ſin, ndie und nſinn arun, was nſchen durt. recht. e nir auf mmet konnte n ihr neines detes Die Raivetät iſt nur für eine kurze Weile anmu⸗ thend und ausgiebig. Die Weisheit allein iſt es immer, die Weisheit, wie ſie Mutter Beate und wie ſie der Leibarzt hat. Ja, nach ihm ſehne ich mich am meiſten. Weisheit iſt gebildete Naivetät oder Naivetät des Genie's, ſie iſt der rothwangige Apfel von der ſchönen Apfelblüthe Naivetät, die als Putzen noch im Apfel da iſt. Nacht und Tag und alle elementariſchen Einwir⸗ kungen, helle Erkenntniß und dunkler Naturdrang voll⸗ enden die ſchönſte Frucht. 243 Ich kann die Arbeit nicht als das Höchſte des Menſchen betrachten. Der ſchöne Menſch iſt der, der müßig geht, ſich hegt und pflegt, ſich entwickelt— ſo leben die Götter, und der Menſch iſt der Gott der Schöpfung. Da iſt meine Ketzerei. Aber drin im Beichtſtuhl ſitzt ein anderer Menſch und der hat doch eigentlich Recht, wenn er ſagt: Wol, mein Kind, nichts thun, blos da ſein— das wäre das Würdigſte und Erhabenſte. Ganz recht! Aber da kein Menſch da ſein kann, ohne daß ein anderer für ihn arbeitet— komm her, tritt auf dieſen Punkt!— darum muß jeder auch arbeiten. Alles muß bezahlt werden. Die Einen ſind nicht da, um blos zu ſein, und die Andern, um blos zu arbeiten. Ich habe ſie gebeichtet. Wenn keine Vergangenheit wäre, wie glücklich könnte ich ſein. Ein zweites Leben mit Erinnerung— wie traurig! Und ohne Erinnerung, wär's da ein zweites Leben? Jetzt erſt iſt die rechte Freude im Haus. Wenn wir etwas genießen, ſagt meine Walpurga:„Das haben wir ſelber gepflanzt, an dem und dem Tag haben wir die Bohnen geſteckt, ich hab' ſie der Burgei in die Hand gegeben und dann hat ſie ſie aufs Beet fallen laſſen.“ Und ſo geht's mit Allem. Die vergangenen Tage wachen wieder auf. — s iſt mir ſchwer geworden, denſelben Gegenſtand der Arbeit zu wiederholen, und nicht nur Einmal, ein dutzendmal und mehr. Aber das iſt Arbeit; Daſſelbe immer wieder thun. Alles Andere iſt Luſt, Lieb⸗ haberei. Die Natur thut immer das Gleiche, und wir müſſen ihr dienen, es ihr nachthun. Die Natur wiederholt ſich im Geſetz, der Menſch in der Pflicht. Ich habe aber doch Variationen gemacht und auch dieſe gefallen. Beim Gang durch den Stall ſah ich die Kuh, wie ſie ſich zu ihrem ſaugenden Kalb wendet und ihm zubrummt. Das habe ich nun auch geſchnitzt. Ich möchte die ganze Natur noch einmal ſchaffen, neuſchaffen. Die Menſchen ſollen ſie ſehen mit mei— nem Blick. O, Dank Dir, ewiger Geiſt, daß Du mir dieſe Gabe verliehen. en Wenn „Das T 9 Burgei nſtand , ein aſſelbe Lieb⸗ müſſen erholt d auch ich die et und itzt. huffen, nei⸗ dieſe 245 Nicht die Freude, nicht die Ruhe iſt Lebenszweck. Arbeit iſt es, oder es giebt überhaupt keinen Zweck. Arbeit und Liebe, das iſt Leib und Seele des Menſchenſeins. Glückſelig, wo ſie eins. Ich habe die Liebe verwirkt, mir bleibt nur die Arbeit. Mein Schimmelfüllen! Du ſiehſt mich an und ich dich; frei und ungebunden rennſt du umher, und ich halte dich doch feſt und ſchicke dich hinaus in alle Welt, ſie ſollen auch Freude an dir haben, du ſchönes fröh— liches Thier! Ich habe mein Schimmelfüllen gezeichnet, wie es luſtig daher rennt, wie es graſt, wie es ins Weite hinaus horcht, Nüſtern und Augen aufſperrt, wie es niedergeſtreckt liegt und wie es ſich aufrichtet, wie es traulich mich anſchaut und zu mir kommt, wenn ich es locke. Wie rein und reich ſind dieſe Bewegungen, wie ſchön und feſt. Ich habe es fertig gebracht, mit fliegendem Athem: ich habe mein Schimmelfüllen in Holz geſchnitten. Die Meinigen ſtaunen und ich ſelbſt ſtaune. Ich glaube, es iſt mir gelungen. Mein Pechmännlein hat das Werk— warum ſoll ich's nicht ſo nennen?— hinabgetragen zum Händler. Es war mir eigentlich ſchmerzlich, meine Arbeit her zugeben, aber mein Zauberrößlein muß mich nähren und es nährt mich. Ich bekomme einen guten Preis und habe eine große Beſtellung erhalten. 4 246 Manchmal muß ich mich umſchauen, ob ſie nicht wirklich da ſind. Ich denke mir, was die Oberhof⸗ meiſterin, was die fromme Conſtanze, was Schnabels⸗ dorf, was Bronnen dazu ſagen würde, wenn ſie mich ſo ſähen, wie ich jetzt einhergehe. Du biſt nicht frei, ſo lange du nicht auch deine Phantaſie beherrſcheſt. Die Phantaſie iſt der mächtigſte Deſpot. Unſer Brunnen quillt und ſprudelt die ganze Nacht, und beſonders, wenn der Mond ſcheint, iſt es ſo ſchön und friedlich. Die Erde ſtrömt immerwährend ihre Labung aus, wir Menſchen brauchen nur zu kommen und ſchöpfen und trinken. Ich ſitze am liebſten am Brunnen und oft iſt es, als ob er ſchnell etwas Be⸗ ſonderes zu bringen hätte, er ſprudelt raſcher und voller; es iſt aber wol nur eine Luftſtrömung, die mich das glauben macht. Es träumt ſich ſo gut am Brunnen. Beſondere Freude macht mir Gundel, die Tochter meines Pechmännleins. Das gute, rechtſchaffene, ein⸗ fältige Weſen iſt jetzt ſo gehoben und beglückt: Sie liebt und wird geliebt. Hanſei hat einen Knecht aus ſeinem Heimathsorte. Er ſtand früher bei den Cüraſſieren. Und dieſer Knecht, ein derber und gar nicht ſchöner Burſch, aber äußerſt treuherzig, liebt die Gundel. Solch ein Mädchen, von Niemand beachtet, immer nur zur Arbeit da— von einem Mann geliebt, wird ſie auf einmal etwas, ihre Perſon hat nun ein Intereſſe für Andere, Alles an e nicht bechoſ⸗ nabels⸗ ie mich deine chtigſte Necht, ſchön diihre ommen en am r und e mich unnen. ochter „in⸗ Sie hsorte. inecht, zußeit von von ihre es an 247 ihr wird gut und ſchön gefunden, ſie iſt aus der Niedrigkeit und Vergeſſenheit erhoben. Die Liebe iſt die Krone jedes Lebens, ſie krönt auch das niedrigſte Haupt. Wenn jetzt die Gundel Waſſer holt und die Thiere füttert und alle rauhe Arbeit thut— es umſtrahlt ſie bei Allem ein höherer Glanz. Sie merkt es, mit wie theilnehmendem Auge ich ſie betrachte, obgleich ich ihr nichts geſagt; ſie kommt oft und fragt, ob ſie nichts für mich thun ſoll. Ich möchte wieder reich ſein, um die Liebenden glücklich zu machen. Ach, die Sucht, immer etwas beſonderes ſein zu wollen! Die Natur iſt gar nicht originell, ſie wieder⸗ holt immer daſſelbe. Die Roſe von heuer iſt wie die Roſe vom vorigen Jahr. Die Menſchen beſtimmen ſich— das iſt Wahl und Qual. Ich bin doch noch eitel. Ich freue mich, wenn mir ein brillanter Ausdruck in die Feder kommt. Iſt das Eitelkeit? Geiſtiges Spiegelgefallen? Ich glaube nicht. Ich ſchmücke mich in meiner Zelle vor mir, ich muß ſchön ſein und Schönes um mich haben, ſonſt iſt mir nicht wohl. Derbes verletzt mich nicht, aber Un⸗ ſchönes wie eine Disharmonie. Ueber eine Derbheit ſchreit die ſogenannte gebildete Welt Ach und Weh⸗ aber eine elegante Gemeinheit wird belächelt. 248 Jede Woche wenigſtens Einmal muß ich dem alten Jochem ſeine Verſchreibungen vorleſen. Er weiß ſie zwar ganz auswendig, iſt aber doch glücklich, wenn er hört, wie Alles richtig geſtellt iſt— wie er ſagt— und vom Amt geſtempelt. Er läßt mich das Blatt nicht in die Hand nehmen? ich muß es ihm vorleſen, wenn er es in der Hand hält. Er iſt äußerſt mißtrauiſch. Der Alte will immer, ich ſoll ihm eine Eingabe an den König machen— es iſt ihm faſt leid, daß er nichts mehr zu klagen hat— ich ſoll ihm die Eingabe aus Vorſorge machen. Wunderbar, wie ſich ihm der Begriff alles Rechts, aller Gerechtigkeit immer als König darſtellt. Er erzählt auch viel vom verſtorbenen König, unter dem er als Soldat gedient, und ſagt immer: Das war ein ganzer Herr, der hat hier herum oft gejagt; der jetzige ſoll kein Jäger ſein, hab' ich mir ſagen laſſen, der hälos mit den Pfaffen und die geben ihm dafür Abſolution. Er fragt mich dann immer, ob ich den König auch ſchon einmal geſehen, und wenn ich hundertmal nein ſage, er fragt mich immer wieder. O, wie Recht hatte Hanſei, wie möchte ich ihm Abbitte thun! Will man den Alten nicht bis zu ſeinem Tod am Tiſch haben— und es iſt grauſenhaft, wie er ißt— ſo iſt es beſſer, man hat ihn gar nicht dazu gebracht. Klug und brav war's von Hanſei und nicht hart und roh. Wenn man eine Gutthat nicht aus⸗ führen kann, iſt es beſſer, man fängt ſie nicht an. walten eiß ſie enn er — und icht in enn er . be an ß er ingabe m der r als unter Dos ejogt; ſagen nihn auch nein ihm einem wie dozl 249 Als ich heute Walpurga das erklärte, weinte ſie und ſagte:„Es iſt mir tauſendmal lieber, wenn Du meinen Hanſei lobſt, als wenn Du mich lobſt.“ Die Humanität kann zur ſchweren Pflicht werden, dann aber erſt zeigt ſich, ob man ſie wirklich übt, als Opfer, nicht blos als Luſt. Ich habe mich dem alten Jochem natürlich freund⸗ lich erwieſen, habe ihn oft bei mir gehabt und ihn unterhalten, und nun will er mich gar nicht mehr allein laſſen, will immer bei mir ſein, und das Ein⸗ zige, was ich habe, mir rauben: meine Einſamkeit. Es iſt mir ſchwer geworden, aber ich mußte feſtſetzen, daß er nur zu beſtimmten Stunden bei mir ſein darf. Auch das iſt ſchon hart für mich. Ich bin nicht mehr in un⸗ gemeſſener Zeit allein, ich bin an Stunden gebunden. Wenn es zwölf Uhr läutet vom Thal herauf, kommt der Alte und bleibt bei mir ſitzen. Unſere Geſpräche ſind nicht ſehr ergiebig, er hat nur ein kleines Con⸗ tingent von Gedanken, und alles Andere, was da nicht anfaßt, daran iſt ihm kein Intereſſe beizubringen; dazu huſtet er viel, und will immer, ich ſoll ihm von meinem Vater erzählen; er vergißt immer wieder, daß ich ihm geſagt— und das war das Schwerſte, was ich je zu ſagen hatte— daß ich meinen Vater nicht ge⸗ kannt habe. Ich habe ihn auch nicht gekannt, ſo lange er lebte; er wollte ſich mir zu erkennen geben im Tiefſten, aber ich verſtand ihn nicht. Aus der Tiefe meiner Seele rufe ich: Mein armer Vater, du wollteſt deine Vollendung, aber deine letzte That war 250 die bittere That eines Gebundenen und doch wollteſt du mich nur wecken. Ich vollführe das, was du ſtockend begannſt; indem ich für dich arbeite, liebe ich dich ganz und voll; du biſt mir nahe, biſt was du mir ſein wollteſt, mein Erretter. * Ich habe nun doch— es ging nicht anders— dem Alten das Geſetz gemacht, daß er nur kommen darf, wenn ich ihn rufe. Und das iſt mir wieder eine neue Plage, faſt ſchwerer, als früher die beſtimmte Stunde; ich muß oft denken: jetzt wäre es Zeit, den Alten zu rufen, jetzt wird er dich nicht ſtören. Ich bin dadurch mehr mit ihm beſchäftigt als früher. Ich muß lernen, es in Geduld tragen, und der Jochem wird auch immer beſſer. Wenn ich ihm ſage: Jetzt kann ich nicht ſprechen, ſo iſt er auch zufrieden; es iſt ihm ſchon genug, wenn er nur ſtill da ſitzen darf. Von der Arbeit müde— wie gut ſchläft ſich's da! Hunger und Müdigkeit wie gut ſind ſie, wenn man ſie befriedigen kann. Da draußen in der großen Welt eſſen und ruhen ſie, und ſind nicht hungrig und nicht müde. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich ehedem ſo viel geſprochen habe und mir Sprechen Bedürfniß war. Jetzt weiß ich beides, da ich ſtill und allein in mir ſein gelernt habe. Ich ſehe jetzt, jedes Zuſammenſein mit Anderen übte einen elektriſirenden Einfluß auf mich und überſpannte mein Weſen. Ich war nie unwahr, — wollteſt s du iebe ich vas du — ommen er eine timmte t, den 3 nd der h ihn r auch ur ſiil 3 da! n man ruhen ſo viel wer in mir nenſein uf mich nwahr, 251 aber ich war mehr als ich bin. Ich machte Andere heiter und war es in mir ſelbſt ach ſo ſelten. * Die Einſamkeit hat eine heilende Tröſterin, Freun⸗ din, Geſpielin: es iſt die Arbeit. Wer nicht einſam gelebt hat, weiß nicht, was Arbeit iſt. * Ich denke oft an das Wort Dantes: Kein größeres Unglück giebt's, als ſich im Elend des Glückes er— innern. Warum ſagte er nicht, welchen Glückes? Sich ſchuldloſen Glückes erinnern, muß immer Wonne ſein und ſei das nachfolgende Unglück auch noch ſo groß. Francesca aber ſpricht vom andern, vom ſchuldvollen Glück, und ſie hat Recht. Ich weiß es, daß ſie Recht hat. Ich meine, auch mein Vater hat mir damals beim Abſchied geſagt: Laß nur ſolche Freuden über dich kommen, deren Erinnerung dir eine Freude ſein kann. Wunderbare unterirdiſche Quellengänge der Seele! Weil ich mich heute eines ſo tief ſchmerzlichen Wortes von Dante erinnerte, überſetzte ich mir den ganzen Tag Alles, was ich dachte und was ich ſah, ins Italieniſche. Eben jetzt, da ich ſchreiben will, bemerke ich das. * Oft iſt mir's, als wär's eine Sünde, da ich doch leben ſoll, mich ſo zu vergraben. Ich mache meine Geſangsſtimme ſtumm und noch ſo Vieles in mir. Iſt das recht? Um mit mir ſelbſt ins Reine zu kommen, iſt dies Leben gut, für mich, aber ich möchte etwas für Andere thun, wirken. Wo? Was? Ich habe einmal gehört, daß die ſchön geſchnitzten Möbel der Vornehmen von den Sträflingen im Zucht⸗ haus gearbeitet werden. Wie ſchauderte mich's da⸗ mals! Und jetzt— bin ich ſelbſt dabei, wenn auch in freier Gefangenſchaft, und es quillt mir noch ein Troſt der Gerechtigkeit aus dieſem Thun: die, welche das Leben verunſtaltet und verpeſtet haben, ſollen in der Buße arbeiten an der Schönheit des Daſeins für Andere. Meine Arbeit gedeiht. Ich kann aber das Holz vom letzten Winter noch nicht gebrauchen. Mein Pech⸗ männlein hat mir vortreffliches Holz gebracht, lang⸗ jährig geräuchertes, von einem alten eingeriſſenen Hauſe. Wir arbeiten fröhlich mit einander und unſer Verdienſt iſt gut. ℳ Das Laſter iſt ſich überall gleich, hier wie dort; hier nur offener. Die Laſter des Volkes ſind roh, Laſter der Gebildeten ſind gemein. Die Vornehmen ſchütteln die Folgen ihres Laſters ab, die Leute aus dem Volke tragen ſie. 6 Die rauhen Sitten dieſer Menſchen ſind nöthig und ſind beſſer, als die verlogenen Höflichkeitsformeln. c) 2) — ſt dies Andere nitzten Zucht de⸗ nauch och ein welche ſollen ſeins Hrh lang⸗ Hauſe. rdienſt dort, h, die Laſters ig und rmeln. Dieſe Menſchen müſſen rauh und derb ſein; dieſe Formen ſind die ſtarre grobgepanzerte Eichenrinde; nur weil dieſe Rinde ſie deckt, können ſie draußen in Wind und Wetter gedeihen. Ich habe gefunden, daß viel mehr Zartheit und innige Empfindung hinter dieſer rauhen Rinde iſt, als unter allen glatten Formen. Jochem ſagte mir heute, daß er wol noch gut zu Fuß ſei, aber das Gehen eines Blinden ſei gar be⸗ ſchwerlich. Zuerſt mit lockerem Fuß taſten und ver⸗ ſuchen, ob der Boden auf den man treten will, feſt und eben iſt, und dann erſt ſtark mit dem Fuß auf⸗ treten— das ſei entſetzlich anſtrengend. Iſt das nicht in meinem Leben auch ſo? Ich muß immer erſt ängſtlich unterſuchen, ob das ein feſter Boden iſt, auf den ich meinen Fuß ſetzen kann, ſicher, ohne zu ſtraucheln und ohne verrathen zu werden. Das iſt der Gang des Gefallenen. Ach, warum wird mir denn Alles, was ich höre und ſehe, zum Sinnbild meines Lebens? Wir leben hier wie die Pflanzen. Die Hauptſorge, Freud' und Leid, iſt das Wetter. Regen und Sonnen— ſchein, wie es gerade gut und nöthig iſt für das Wachs⸗ thum draußen, das trifft auch uns. Hanſei klagt noch oft, daß er ſich hier herum nicht aufs Wetter verſtehe — daheim am See, da habe er ganz genau gewußt, wie es werde. Dieſe Unkenntniß läßt ihn hier noch nicht recht daheim ſein. Dafür iſt unſer Pechmännlein ein glaubwürdiger Wetterprophet und dadurch eine wichtige Perſon im Hauſe. Ich bin ſeine gelehrige Schülerin und er iſt ſtolz auf mich. Er iſt zutraulich gegen mich, macht auch ſeinen Spaß, bleibt aber immer in eigenthümlicher Weiſe reſpectvoll. Es iſt viel Tact unter den Menſchen, die nichts von Etiquette wiſſen. Als ich vorige Woche meinem Pechmännlein zu ſeinem Geburtstage gratulirte und ihm die Hand gab, wurde er feuerroth im ganzen Ge⸗ ſicht; er dankte mir ſehr und ſagte immer: Wenn er hinaufkomme in den Himmel, wolle er mir gutes Quar⸗ tier beſtellen, und ſeine Alte dürfe nicht bös ſein, wenn er mich in der Ewigkeit noch dazu nehme zu ihr. Er thut ſehr gern etwas für mich. Wenn er in meinem Ofen einheizen darf, iſt er immer ganz glücklich, und wenn er mein Holz ſpaltet, liebäugelt er mit jedem Stück, wie wenn dem Holz eine beſondere Ehre ge⸗ ſchehe, daß es mir Wärme geben darf. Die Volkszählung hat mir einen ſchweren Tag ge— macht. Nach dem Eſſen zeigte Hanſei die Liſte, die er ausfüllen müſſe, und ſagte zu Walpurga: Schreib' du oder ſie— er meinte mich— ſoll ſchreiben, ihren Namen und Alter und woher. Wir waren in großer Verlegenheit, bis endlich Walpurga beſtimmte: das ſei gar nicht nöthig, die Herren auf dem Amt brauchten nicht Alles zu wiſſen. Und das war eine bequeme Handhabe, weil ein Zettel dabei war, worin Alles ausgefragt wurde: Wie viel Milch man des Jahres gewinne? Wie viel Butter 1—— (7) eine hrige aulich aber richts einen und nGe⸗ n er Quar⸗ ſein, ihr. einem „und jeden te ge⸗ ig R⸗ die , reib ihren nblic , die iſen. il ein utter 255 man verkaufe? Wie viel Hühner man halte? u. ſ. w. Hanſei war ganz grimmig über die Beamten, die ge⸗ wiß jetzt wieder eine neue Steuer auf Alles legen wollen. Dieſer Grimm machte mich frei und der Staat iſt um eine Seele betrogen. Die Leute hier halten den Staat und ſeine Beamten noch für ihre natürlichen Feinde und machen ſich gar kein Gewiſſen daraus, ſie zu hintergehen. Ich habe zum Erſtenmal einen Baum fällen ſehen. Das letzte Zittern hat etwas Schauerliches und dann das Krachen und Aufſchlagen. Es iſt wie ein Menſchenſchickſal, das von der Sonnenhöhe durch einen Schlag in Tiefe und Nacht des Elends ſtürzt. Hanſei läßt einen Weg durch den Wald ſchlagen, gerade vor meinem Fenſter; ich werde einen ſchönen freien Ausblick haben. Als ich ihm das ſagte, freute er ſich ſehr. Hanſei war in der Hauptſtadt. Mit großem Stolz hat er ein großes Paket auseinander gewickelt und uns gezeigt, welch ein geſcheidtes Geſchenk er bringe. Es ſind die Bildniſſe des Königs und der Königin. Er war ſo gut und wollte, daß ich die Bilder in meiner Stube aufhänge, und war ganz ärgerlich, daß ſeine Frau ſie für ſich behalten wöllte. Endlich war er's zufrieden, da ich ſagte:„die Wohnſtube gehört ja uns Allen.“ Es war mir nun peinlich in der Wohnſtube. Die Bilder ſchauen immer auf mich nieder. Walpurga 256 merkte das und die Bilder mußten in die Schlafſtube auswandern. Jetzt bin ich wieder freier. Hanſei ſieht auf ſolche Dinge gar nicht. Der König hat ſich in bürgerlicher Kleidung ab⸗ bilden laſſen. Iſt das ein Zeichen?... % Hanſei rückt mit ſeinem Waldplan heraus. Er macht einen klugen Streich, er ſchlägt zuerſt Wege durch den Wald, dann kann er die Stämme von weit oben als Langholz herunterbringen, und ſo haben ſie einen dreifach größeren Werth, als wenn er ſie ver⸗ ſcheitern muß. (3. April.. Anfangs hat man ſo viel zu beob⸗ achten, die ganze Welt iſt wie ein junges Kind, wie das erſte Grün im Frühling. Später iſt man das Alles gewohnt, das ſpricht, das lacht, das ſteht und geht, das weint und ſcherzt, das grünt und blüht, und Alles iſt wie immer und überall. Ich glaube, wir könnten nicht leben, wenn uns die Welt täglich neu wäre und uns keine Ruhe ließe. Die zweite Mutter, Gewohnheit, iſt auch eine gute Mutter. Meinem Schimmelfüllen hat man die Füße mit einem Strick gebunden. Es kann nun nicht davonrennen, es kann nur im Schritt gehen. Die ſchönen freien Bewegungen ſind dahin, bevor du eingeſpannt wirſt. Ach wie viele Menſchenbrüder gleichen Schickſals haſt du, mein Schimmelfüllen! ℳ lafſtube ng ob⸗ Wege n weit ben ſie ie ver⸗ beob⸗ d, wie m das ht und t, und , pir ch neu e gute einen ennen, freien wirſt. icſul Ich liebe den Regen, dies gelaſſene Niederrieſeln vom Himmel. Ich könnte ſtundenlang am Fenſter ſtehen und träumeriſch hinausſchauen und hören, wenn ich nicht arbeiten müßte. Mir iſt, als hätte ich Mil⸗ lionen Augen und ſähe, wie die Tropfen auf halboffene Knoſpen fallen. Jetzt geht's auf, Alles! Aber ich ſchäme mich, hier, wo Alles ſtetig arbeitet, mit offenen Augen müßig in die Welt hineinzuſchauen. Schön und lind iſt der Regen im Frühling; die Luft und jede kleinſte Rinne vor dem Haus und am Berg gewinnt Stimme, Geſtalt und Inhalt. Sonſt bedurfte ich immer eines Fernglaſes, jetzt erweitert ſich mein Blick. Weil wir nicht im Freien leben, ſind wir kurz⸗ ſichtig. Wenn man die Roſe veredelt, wachſen ihr auch andere Dornen, aber immer Dornen. (5. April.) Heut' hab ich zum Erſtenmal in dieſem Jahr die Goldammer gehört. Sie hat im Früh⸗ ling noch mehr und faſt lauter Sechzehnteltöne; im Sommer hat ſie weniger Töne, aber lauter halbe Noten. G3. April.) Die erſte Schwalbe iſt da. Jetzt darf man ſich wohlig wiegen im Gefühl des Frühlings. Es iſt kein Hangen und Bangen mehr, kein ängſtliches Flattern von einem ſicheren guten Tag zum andern. Mein Pechmännlein ſagt: Die Schwalben und die Auerbach, Auf der Höhe. 11I. 17 258 Staare kommen und gehen in der Nacht. Das giebt zu denken. % (Ende April.) Ein Regen! O welche Düfte weckt er aus Blume, Gras und Baum! Und das ſteigt ins Unendliche, und wir kurzlebigen Menſchenkinder meinen, das ſei Alles für uns. Es iſt Alles nur für ſich. Die Immortelle gehört zu dem, was am früheſten zu grünen anfängt; ſie gedeiht am Waldrain und kommt auch noch im ſchlechten Boden fort. (1. Mai.) Heute— der Tag war regneriſch und kalt, und es ſchloßte noch einmal, Alles glitzerte und triefte im goldnen Widerſchein— da hörte ich am Abend den Kukuk zum Erſtenmal. Er flog von Wald zu Wald, von Berg zu Berg, und rief überall. Warum ſagt man nur: Geh' zum Kukuk? Ich hab's gefunden: Der Kukuk hat kein eigen Neſt, keine Hei⸗ math; er muß, nach der Volksſage, jede Nacht auf einem andern Baum ſchlafen. Geh' zum Kukuk! heißt alſo: Geh' unſtät und flüchtig, ſei nirgends daheim. Als ich der Großmutter meinen Fund mittheilte, ſagte ſie:„Du haſt's gewonnen, du holſt dir aus Allem was heraus, du haſt's gewonnen.“ Sie meint: das Spiel des Lebens habe ich gewonnen. Mein gutes Pechmännlein hat mir eine Freude ge⸗ macht. Droben bei dem Ahornbaum auf dem Felſen⸗ vorſprung, da hat mir's gar ſo wohl gefallen, und —— h und te und ch am e Hei⸗ ht auf heißt eim. theilte, Allem onnen. de ge Felſe⸗ und 259 nun hat er mir dort eine Bank hergerichtet; er hat mir aber auch alles Geſtrüpp ringsum weggehauen und mir mein Plätzchen eigentlich verdorben. Ich ſitze aber doch dort und finde wieder mein ganzes Wohlbehagen. Es kann kein Menſch dem andern etwas vollkommen recht machen, aber dankbar kann man doch ſein. Und Dank iſt ein Boden, auf dem die Freude gedeiht. Am erſten Maiſonntag.) Am Sonntag Nachmittag, wenn ich nicht arbeiten darf, habe ich eine unbezwing⸗ liche Sehnſucht, in einer leicht wiegenden, offenen Kaleſche durch den Park zu fahren; nicht immer gehen, nicht immer etwas thun zu müſſen; im Frühling auf einem weichen Sitz, daran Räder befeſtigt ſind, von ſchnellen Pferden ſich durch die Welt rollen zu laſſen, oder— noch beſſer— auf weichem Weg durch den Wald zu reiten, eine fremde Kraft regieren und ſie unterthan halten— Ich kann's nicht vergeſſen. Und in der Nacht, wenn ich zum weiten Himmels⸗ bogen mit den zahllos flimmernden Sternen aufſchaue, iſt mir's ſo ſchwer, zu ſitzen und zu gehen. Ich denke der Nächte, da ich im Wagen liegend in die weite Welt hineinfuhr und aufſchaute zu den Sternen— wie frei, wie reich war da Alles. So vieles in mir hängt doch am Kleinen. Es giebt Tage, wo ich den Wald nicht ertrage. Ich will keinen Schatten. Ich muß Sonne haben, nichts als Sonne, Licht. Ich gehe dann die heißen, ſchattenloſen Feldwege. Ich habe nun auch ein Fenſterbrett mit Blumen⸗ töpfen. Das iſt ganz anders, wenn man warten muß auf die aufblühenden Blumen, als wenn man ſie auf— geblüht vom Gärtner bekommt. Und gar die Sträuße damals— dort... % Die Abende ſind mein Feind— immer ſo ſchwer. Der Morgen iſt mein Freund— wie leicht wird da Alles! War's ſonſt nicht anders?... Draußen in der Welt iſt es im Gemüthe, wie es Baronin Conſtanze körperlich iſt: ſie hat beſtändig Ohrenſauſen, kennt nicht die heilige Ruhe, die Stille, die Lautloſigkeit. Erſt wenn man nichts mehr von der Welt weiß und will, hört das geiſtige Ohrenſauſen auf, und man hat die heilige Ruhe, die Stille, die Lautloſigkeit— jeder Klang, der dann eintritt, tönt Wunder. Ruhig und raſch iſt die Großmutter, beides, wie es gerade erforderlich. Sie iſt keine von den ewig Ge⸗ ſchäftigen und Heftigen und iſt doch nie müßig. Sie kennt die Menſchen und iſt doch ſtets gut. Sie hat viel gedacht und iſt dabei ſo naiv. Sie iſt ſo auf⸗ richtig zärtlich zu mir, ja ſie ſagte, ſie habe ſich ihr lebenlang eine geſcheidte Perſon gewünſcht, die etwas gelernt habe und mit der man Alles ausreden könne. Und das thut ſie denn redlich. Ich muß ihr tauſen⸗ derlei erklären und ſie iſt für jeden neuen Einblick auf— richtig dankbar. lumen⸗ n mß ſie auf⸗ träuße ſchwer. wird da eſtändig Stille, hr von nſauſen le, di tt, tönt s, wie rig Ge⸗ Sie Sie hat ſo au⸗ ſih iht eetwas önne⸗ tnſen ic ui⸗ 261 „Ich hacke mir gern Kleinholz im Vorrath,“ ſagte ſie heute. Das heißt in unſerer Sprache: ſie denkt ſich gern viel vorher aus. Es giebt aber doch ſo manche ſchwarze Thür, an der wir vorbeigehen und die Augen zudrücken. Das Füllen vor meinem Fenſter kann mich oft ſo lang betrachten und ſein ganzes Sein ſchickt mir Ge⸗ danken zu. Der erſte Menſch, der ein Thier zähmte, das heißt unterjochte, daß es ihn trug, führte, nährte, hat die Herrſchaft des Menſchen begonnen. Ein anderes Thier tödten kann das Thier auch, ein anderes zu ſeinem Nutzen leben laſſen— nicht. Es giebt keine neuen Thiere mehr, die ſich zähmen laſſen. Nun wird die Menſchheit in Wahrheit zum Dichter, ſie verdichtet unfaßbare Kräfte, ſpricht zum Dampf, zum Licht, zum elektriſchen Funken: Komm', diene mir! Ich habe mir Zucker gekauft und füttere mein Schimmelfüllen; das iſt eine große Freude. Und heut' dachte ich: Wer uns ſo ſähe, das Füllen und mich— es muß ein ſchönes Bild ſein! O, wie klein und eitel bin ich noch. Jedes große Anweſen, jeder ausgebreitete Beſitz hat ſeine Vaſallenſchaft, am Bauernhof hier und am Hof in der Reſidenz dort. Da giebt es ſo viel Dienende, Schmarotzer und freiwillige Unterthanen. Die Welt iſt überall gleich. Das Bauernthum iſt nicht die ſchöne Welt. Es muß Ackerpferde geben und elegante Wagenpferde. Fortleben aus ſich, aus der Stimmung, wie ſie die eigene Natur giebt, durch nichts von Außen erregt, da lernt man ſich ſelbſt und das Höchſte kennen. In der Wüſte offenbart ſich die Gottheit dem eigenen Herzen. Der Dornbuſch brennt und verbrennt nicht. * Immer neu haucht mich die Erhabenheit aus den Bergen an. Die ganze Welt unter mir iſt vom Nebelmeer über⸗ fluthet, nur die Bergſpitzen ragen daraus hervor. Ich erlebe täglich den erſten Schöpfungstog. Ich lerne das Erhabene verſtehen. Es iſt der Schauer des Großen, nicht der Schauer der Furcht. Mir iſt, als wohnte ich in einem Tempel. Das Alleinſein macht oft dumpf, halbſchlafend. Ich erfahre das auch bisweilen an mir. Hanſei ſieht an einem Regenſonntag oft ſtunden⸗ lang zum Fenſter hinaus. Ich bin überzeugt, anfangs denkt er an ein Pferd, eine Kuh, einen Holzverkauf oder an einen Bekannten, dann aber duſelt er ſo drein und denkt gar nichts mehr. Dieſes kinderhafte Daliegen, und in die Welt hineinſchauen— wenn man daraus erwacht, iſt es ſo gut und ſtärkend, als ob man geſchlafen hätte. Es iſt ja auch nur elemen⸗ tariſches Sein. ſt der urcht. Ich under⸗ fang erkauf et ſo thofte on ls ob emen⸗ 263 Ich ſehe an meinen Aufzeichnungen: früher lag mir's doch im Sinn, als wäre ich hier nur auf einer Reiſeſtation, wo man das Intereſſante, das Abenteuer feſthält; jetzt ſehe ich, ich bin auf keiner Station, ich bin am Ziele. Ich packe mein ſchweres Fuhrwerk ab, wie mich die Großmutter ermahnte, und zerſchlage die Kiſten. Hier bleibe ich für meine Lebenszeit. Und jetzt, da ich feſt entſchloſſen bin, zu bleiben— und wenn ich morgen entdeckt würde und der ganze Spott der Welt mich verfolgte— jetzt habe ich ein wohliges Gefühl des Daheimſeins. Ich bin und bleibe da. Ich wurde erſt aufmerkſam, wie mir das Alles durch den Sinn ging, als heute mein Pechmännlein ſagte:„Du ſiehſt ſo vergnügt aus, ſo— ich weiß gar nicht, wie— ſo haſt Du noch gar nicht aus⸗ geſehen.“ Ja, liebes Pechmännlein, du haſt Recht. Ich bin heute auch erſt recht daheim geworden. Ich habe Wurzel geſchlagen wie der Kirſchbaumſetzling vor meinem Fenſter. Der alte Auszügler hat mir heut' geſagt:„Schau, Kind, das Alter nimmt viel, aber ich kann noch ſo ſchön träumen, ſo ſchön, wie in meiner Jugend.“ Von allen Blumen finde ich auf der Roſe den reichſten Morgenthau. Macht das der reichſte Duft? Iſt der Duft thaubildend? Kein grünes Blatt hat ſoviel Thau auf ſich, als ein Blumenblatt. ———— —— Ich habe oft die Verſuchung, dem ganzen Hauſe und dem Jochem dabei den Lear zu erzählen. Es kränkt mich, daß ich ihnen nicht Alles gebe, was ich habe, und wie würde es mich kränken, wenn ſie mich nicht verſtehen! Wie weit ſind doch noch Kunſt und Religion aus⸗ einander! Dieſe kann Allen gegeben werden, jene nicht. Dem Volke feinere Freuden zu geben— das geht nicht. Es muß die Woche über hart arbeiten, und am Sonntag ſchieben ſie zur Erholung Kegel und tanzen in ſchweren Stiefeln. Sie müſſen derbe Freuden haben und derbe Religion. (Am Sonntag unter dem Glockenläuten.) Das Volk lebt ganz ohne Kunſt. Die bildende Kunſt, das Thea⸗ ter, die höhere Muſik, die Literatur, ſie ſind für das Volk gar nicht da. Alles, was ſich ihm noch als das andere Leben neben und über dem Trivialen darſtellt, iſt die Kirche. Und das Beſte in der Kirche, in allen Religionen, iſt das, was ſie von Poeſie in ſich haben. Was wird aus einem Menſchen, der jahrelang kein ernſtes Buch oder überhaupt nicht lieſt, der keine großen, durchgearbeiteten Gedanken in ſich aufnimmt? Iſt er vornehm und reich, ſo wird ihm das Leben eitel Spiel; iſt er niedrig und arm, wird ihm das Leben eitel Arbeit. Darum hat die Natur dem Volke das Lied auſe gebe, wen Volk hea⸗ das eben kein keine umt! eitel eitel Lied gegeben, und die Geſchichte hat die Religion aufgeſtellt, die den ausgegohrenen Wein alles Wiſſens und aller Kunſt in ihrem Kelche allem Volke darbieten ſoll; aber ſie muß immer neuen Wein nachſchütten, ſonſt— * (30. Juli.) Die ganze weite Welt war heute ein einziger Nebel, die Sonne war verhüllt. So brütet ein künſtleriſch ſchöpferiſches Auge über dem werdenden Gebilde. Nun aber das Zerreißen der Flocken. Einen Augenblick iſt die Bergwelt frei. Die Nebel jagen, es ſcheinen aber neue aus der Erde zu ſteigen. Draußen in der Welt ſchämt man ſich der Mond— ſcheinſchwärmerei. Ich bade mich in der Wonne der Mondſcheinnacht, wenn die ganze Welt ſo ſtill verklärt im ſanften Scheine ruht und nur der Bach rauſcht und glänzt. * Die Verſuchung kommt wieder zu mir und ſpricht: Es iſt eine Sünde an der Natur, eine Verſchwendung, die reiche in dir liegende Kraft zu etwas zu verwenden, was auch Andere vermöchten. Geh' in die Welt, nimm dein jetziges Sein nur als einen Durchgang! Nein, ich bleibe. Wenn ich auf dem Berg ſtehe und hinaus ſchaue ins Weite, da muß ich mich oſt fragen: Biſt du noch dieſelbe Irma? Wo iſt noch eine Spur deines ver— gangenen ſchimmernden Lebens? Nichts als eine laſtende Schwere im Herzen. 3 266 Man findet es langweilig, vom Wetter zu reden, und doch giebt es nichts Bedeutſameres; die Pflanzen, die Thiere, ſie fühlen, was für Wetter iſt, das Wetter iſt ihr Tagesſchickſal; der Menſch kann das ſagen. Und wer ſo ſieht, wie ſich Nebel, Wind und Regen bildet, für wen Sonne oder bedeckter Himmel Alles iſt, dem iſt ein ganzes Leben in dem Wetter. Da ſteht eine Wolke, wie ein Gürtel, am Gebirgs⸗ giebel drüben, den ganzen Tag regungslos. So ſind oft ganze Zeiträume, wie dort Ortsräume, in Nebel gehüllt, verſtimmt, in uns iſt oft tagelang eine ganze Gegend unſeres inneren Weſens ſo vernebelt. Der Menſch hat ein Mienenſpiel, das Thier nicht; das Menſchengeſicht verändert ſich je nach ſeiner Ge⸗ müthsbewegung, das des Thieres nicht, und das Thier hat dabei immer nur dieſelben Töne, der Hund bellt in Freude und Zorn gleich, nur das Tempo verändert ſich. Oder ſind es nur für unſer Ohr dieſelben Töne? + Solche unharmoniſche, durchaus folgenloſe Töne, wie ſie die Zippdroſſel über mir hervorbringt— wenn ein Menſch ſie hervorbrächte, ſie würden mir das Ohr zerreißen. Warum aber ſo nicht? Warum muthet es mich faſt an? Der Vogel ſoll ſo, das iſt ſeine Natur; der Menſch aber, weil er die Töne frei bilden kann, muß ſie auch harmoniſiren. Was iſt all unſer Wiſſen? Wir wiſſen nicht ein⸗ mal, was morgen für ein Wetter ſein wird; es giebt — 3 reden, flanzen, . Und bildet, t, den ebirgs⸗ So ſind Nelel e ganze r nicht; ner Ge⸗ Thier nd belt rändert Töne Töne, — wenn dus Dhr uthet Natur; n kann, iht ein⸗ iet 7 es — ₰ 267 gar kein feſtes Zeichen für dieſe erſte Lebensbedingung. Die Bauern wiſſen auch nichts und reden doch ſo gern davon. Das Jahr hat ſeinen dramatiſchen Wendepunkt, das iſt die Erntezeit. Da iſt eine Haſt und Spannung, der nichts gleicht; die Menſchen ſind da ſehr unge⸗ müthlich. Wenn man lernen will, wie grundverdorben die ganze Welt iſt, muß man meinen Blinden hören; da hat er Kraftworte wie Keulenſchläge. Er will mich immer aushorchen über Hanſei und Walpurga, er möchte gern wiſſen, was ſchlecht an ihnen iſt; daß ſie gar ſo brav ſein ſollen, das läßt ihm keine Ruhe. 3 Mir fiel heut' ein Wort des Leibarztes ein: Leidenſchaftlich ſind wir Alle, es kommt nur auf den Rhythmus an. Wer die Treppe auf einmal hinab— ſpringt, bricht das Genick; wer ſie in gemäßigter Ord⸗ nung ſtufenweiſe hinabgeht, bleibt geſund. Ich ſehe hier nie auf die Uhr. Das Leben theilt ſich mir nicht mehr in Stunden. Morgen⸗, Mittag⸗ und Abendläuten vom Thal herauf, danach beſtimmt ſich Alles. Am Kirchthurm iſt die Uhr— die Kirche beſtimmt die Zeit. * Der alte Jochem iſt krank, der Arzt, der ihn be⸗ ſucht, iſt eine heitere Natur; er behauptet, daß Jochem 268 noch viele Jahre leben würde, wenn er ſeinen Aerger und ſeine Proceſſe behalten hätte, das gab ihm Leben und Bewegung und Unterhaltung zugleich, er hatte noch etwas auszufechten in der Welt, noch Jemand zu cu⸗ joniren, das hielt ihn aufrecht; jetzt in der Friedfertig⸗ keit wird er aus Langeweile ſterben. „Du lächelſt?“ ſagte der Arzt zu mir.„Glaub', es iſt mein voller Ernſt. Ein Kind in der Wiege, das nicht ſchreit, und ein Hund an der Kette, der nicht bellt, die haben keine Bewegung, kein Leben, und verkommen.“ Er mag doch in Manchem Recht haben. Ich fühle mich dem Arzt gegenüber ſehr beengt, und er ſieht mich immer ſo ſeltſam, ſo forſchend an. „Du lieber Gott, jetzt kommen alle Gräschen her⸗ aus, und mich thut man hihunter und ich komm' nicht wieder heraus,“ klagte Jochem. . Der Alte iſt geſtorben, heut' Nacht in den Tod hinübergeſchlafen. Es war Niemand bei ihm. Er iſt geſtorben wie ein Baum im Wald, alle Kraft war aufgeſogen. Die kleine Burgei ſchläft jetzt in meiner Kammer, die Meinigen thun es nicht anders, ich darf nicht mehr allein ſein in der Nacht. Mir iſt ſo bang. Ueber mir liegt eine Leiche auf dem Boden und brennt ein einſames Licht dabei— das Licht brennt, bis man die Leiche begraben. Und doch meine ich, ich muß darüber hinaus, ich muß! Ja, ich will. Aerger 1Leben tte noch zu cu⸗ dfertig⸗ ub, es as nicht t, die nmen.“ t, und . en her⸗ m nicht Tod e Kroft ammel, ht mehr che auf bei— Und 5! 269 Noch erſchüttert mich's, wie der Alte mein gedacht hat. Er ließ mich geſtern hinaufrufen und ſagte: „Irmgard, du biſt eine Fremde und biſt gut gegen mich geweſen— ich möchte dir nun etwas ſchenken und vermachen, und da hab' ich überlegt, ich kann dir was geben, es iſt das Beſte, was ich habe, und mir nützt's nichts, wenn man mir's mit ins Grab giebt, aber dir kann's gut ſein und ſoll dir gut ſein, es liegt ein Heilthum darin. Schau, da iſt's, nimm's, es iſt die Kugel, die meine dritte Rippe getroffen; bewahr' ſie gut auf. Wer eine Kugel bei ſich hat, die einmal einen Menſchen getroffen, der ſteht nicht mehr in Gefahr, daß ihm ein jäher Tod ankommt, unver⸗ ſehens— kannſt dich darauf verlaſſen! Und jetzt will ich dir noch was ſagen: ſag' mir, wie heißt dein Va⸗ ter? Du haſt ja geſagt, daß er ſchon geſtorben iſt. Wenn ich in den Himmel komme, will ich ihn auf⸗ ſuchen und ihm ſagen, daß du ein ganz braves Mäd⸗ chen biſt, ein bischen eine beſondere— ich weiß nicht recht— aber brav. Das will ich deinem Vater ſagen und es wird ihm eine gute Botſchaft ſein.“ Ich konnte dem Alten den Namen nicht nennen — Konn ich das? Ich konnte ihm nur danken, daß er mir etwas gab, was ihm ſo viel werth war, und wunderbar— wenn ich jetzt die Kugel in der Hand halte und anſchaue, wie mir das die Seele be⸗ wegt! Ich will mich rüſten, um den Alten zu Grabe zu geleiten. Ich war auf dem Kirchhof, als der Alte begraben wurde. Da werde ich auch einmal liegen. * Ich meine, durch den Willen müßte ſich der Tod beſiegen laſſen. Wenn ich nicht ſterben will, ſterbe ich nicht. Iſt der Wille das in mir Verſchloſſene, was ich ſuche? Und doch— ich habe keinen Willen, Nie⸗ mand hat einen Willen, unſer ganzes Leben und Denken iſt nichts als eine Folge, nothwendige Folge von Er— eigniſſen und Erlebniſſen, von wachen Erkenntniſſen und nächtlichen Träumen; wir können den Ort verän⸗ dern wie die Thiere, aber den großen Ort, das große Gefängniß nicht: wir können die Erde nicht verlaſſen. Das Geſetz der Schwere, der Anziehungskraft hält auch unſere Seele feſt. Da droben wandeln die Sterne, und ich bin nichts als eine Blume, ein Grashalm, der an der Eide haftet. Die Sterne ſehen mich und ich ſehe ſie, und wir können nicht zu einander. Ein regierender Fürſt hat unſern Hof beſucht. Seine Hoheit, der Gruberſepp, von dem mir Walpurga ſchon viel erzählt, iſt angekommen mit ſeinem kleinen Sohn oder— um es correcter zu ſagen— mit ſeinen beiden Rappen und ſeinem Sohn. Es iſt ein Leben im Hauſe und ein Stolz und ein Glück, wie wenn in der That ein regierender Fürſt gekommen wäre. Mich ſah der Gruberſepp gar ſeltſam an. „Iſt das zimpfere Mädchen“— ſagte er, mit dem Daumen rückwärts deutend, zu Hanſei—„iſt die da von deiner Frau Seite?“ „was Denken n Er⸗ tniſſen verän⸗ große laſſen. t auch terme, t, der nd ich ſucht. purga leinen ſeinen Leben m in t dem ie da „Ja, meine Frau“— murmelte Hanſei etwas— ich merkte wohl, daß es ihm ſchwer wird, zu lügen, und nun gar vor dem großen Bauer, dem er ſein ganzes Anweſen zeigt. Es iſt auch unter den Bauern ſo, nur die Großen kennen einander. Aber ſchön und ſtattlich iſt dieſer Verkehr. Die beiden Männer geben einander kein freundliches Wort, aber ſie thun einander Freundſchaft. Alles iſt glückſelig im Hauſe. Der Gruberſepp hat geſagt: Der ganze Hof iſt ordentlich im Stand. Und wenn der Gruberſepp„ordentlich“ ſagt, ſo iſt das ebenſoviel, als wenn der Intendant göttlich ſagt. Die zwei Tage, da der Gruberſepp hier war, herrſchte unſägliche Unruhe im Haus, das heißt, Alles dachte nur an ihn. Jetzt iſt wieder Jegliches im alten Geleiſe, aber eine ſtrahlende Freude liegt auf den Ge⸗ ſichtern. Man hat's von einem Manne gehört, und von was für einem, daß das Anweſen gut im Stand, und ſo glückſelig auch ein Menſch in ſich, es iſt doch was ganz anderes, wenn er von fremdem Munde hört, was an ihm iſt. Mir zittert noch die Hand vor Schreck. Heut' war ich im Wald; ich ſaß auf meiner Bank, da ſehe ich eine Geſtalt durch den Wald gehen, ſich manchmal bücken, eine Blume abbrechen, einen Stein aufnehmen; die Geſtalt kommt näher und— wer iſt's? Der Freund, den ich mir ſo oft herwünſchte, der Leibarzt. Er fragte mich mit ſeiner tiefklaren Stimme: „Kind, geht hier der Weg hinab ins Dorf?“ X Mir ſchnürte es die Kehle zu, ich konnte nicht ſprechen. Ich deutete hinüber nach dem Fußpfad und ſtand zitternd auf. Er fragte mich:„Biſt du ſtumm, armes Kind?“ Das half mir. Ich bin ſtumm, ſtumm, ich kann kein Wort ſprechen. Ohne einen Laut von mir zu geben, floh ich vor ihm davon, und lange, lange hab' ich dann geweint, wie ſeit Jahren nicht. Ich wollte ihm nacheilen, aber er iſt fort, ich kann mich nicht aufrichten, es brechen mir faſt die Knie. Jetzt bin ich ruhig— es iſt A vorbei— es muß Alles vorbei ſein. Ich habe lange, ſchwere Tage gehabt. Die Arbeit ging nicht von der Hand und Vieles mißlang mir. Die Welt draußen hat mich wieder aufgeſcheucht. Ich danke dem Schickſal das am meiſten, daß ich gelernt habe, zu ſehen. Ich ſehe überall etwas, das mich erfreut, mich denken macht. Die ſchönſten Freuden, die allverbreitetſten, ſind die durch das Auge. Das Pechmännlein kennt alle Vögel am Geſang; das thut mir wohl. Man ſagt im Sprichwort: Man erkennt den Vogel an ſeinen Federn— weil natürlich die Wenigſten ihn am Geſang erkennen; ſein Federn⸗ ſchmuck iſt ſtändig, ſein Geſang nur flüchtig und zeit— weilig; jenen kann man fixiren, dieſen nicht. Das Krächzen der Bäume im Wald, das mich in jener Todesnacht ſo erſchreckte, höre ich jetzt oft und hin e nicht ad und ſtumn, ſtunn, mut von lange, nicht. h konn eFnie. muß s, dos reuden, zeſang; Mon tinlich ederm⸗ d it⸗ bin ruhig dabei. Und wunderbar! ſobald ein Vogel ſingt, hört man es nicht mehr. Woher mag das kommen? + Ich habe friſche Arbeit bekommen. Jetzt iſt mir's wieder wohl. Nur mein Pechmännlein will kränkeln. Anfangs hat mich das faſt geärgert. Dann aber habe ich meine eigenſüchtigen tyranniſchen Gewohnheiten über— wunden. Ich habe für treue Dienſte wiederum treu gedient. Ich glaube, ich habe den Ohm gut gepflegt; jetzt iſt er wieder wohlauf. Ich bin doch nicht ſo egoiſtiſch, als ich mich ſchalt; ich habe gute Menſchen mir treu zu eigen gemacht. Aber ich kann nicht Menſchen Gutes thun, die mich nichts angehen! Ich gehöre mir und einem kleinen, unendlich kleinen Kreiſe— weiter kann ich nicht. % Wenn ich ſo ſtill da ſitze und den einzigen Raum betrachte, in dem ich lebe und hoffentlich auch ſterben werde, da befällt mich oft eine Angſt zum Entſetzen; da iſt mein Stuhl, mein Tiſch, meine Werkbank, mein Bett, das haſt du, bis man dich ins Grab legt, und keine Menſchenſeele iſt dein? Es beklemmt mich, daß ich aufſchreien möchte; erſt ſchwer kommt dann die Ruhe wieder. Die Arbeit hilft. Ich habe mir eine Stunde Allwiſſenheit ausgedacht. Die Stunde von elf bis zwölf geſtern am Mittag — es zog ein leichter Sonnenregen vorüber, dann ward's wieder hell und da ſah ich im Geiſte, wie Tauſende von Menſchen dieſe Stunde leben: Ich ſah Auerbach, Auf der Höhe. 11I. 18 ⸗ 274 den Handwerksburſchen am Waldesrand, den König in ſeinem Cabinet, die Näherin in ihrer Dachkam⸗ mer, den Bergmann im Schacht, den Vogel auf dem Baum und die Eidechſe am Felſen, ich ſah das Kind, das in der Schule ſitzt, und den ſterbenden Greis mit ſeinem letzten Athem, ich ſah das Schiff auf dem Meer, ich ſah die Kokette, die ſich ſchminkt, und die arme Taglöhnerin, die Unkraut ausjätet auf dem Acker. Ich ſah Alles, Alles! ich lebte eine Stunde Unendlichkeit. Und jetzt bin ich wieder gebunden, ein einzelnes, kleines, armſeliges, lallendes Kind. Der große Ge⸗ danke der Unendlichkeit zieht nur wie ein Flüchtling durch die Seele, hat keinen Haltpunkt darin. Wir müſſen wieder am Kleinen haften. Ich ſchnitzle wieder an meiner Werkbank. Ich habe einmal geleſen, daß die Araber vor dem Gebet ihre Hände waſchen, haben ſie aber in der Wüſte kein Waſſer, ſo waſchen ſie die Hände in Sand und Staub. So iſt's. Der Staub der Arbeit reinigt. Das Volk ſoll keine Bücher zum Leſen haben, da ſoll Jeder mit dem Anderen reden, zuhören. Bücher machen den Menſchen einſam für ſich. Er⸗ zählen, mündliches Berichten, das iſt Alles. Die Lehren— nein, die Erfahrungen eines ver⸗ lorenen Weltkindes haben das doppelte Gute: Nicht nur, wer in der Irre war, iſt auf Alles aufmerkſam Förig achkam⸗ gel auf ſah das rbenden Echiff hmint, itet auf Stunde or em in der Sand reinigt. en, da es vel⸗ iht nerhan geworden und wird der beſte Wegweiſer— ich meine auch: wer von einem vollkommen reinen Menſchen eine Lehre vernimmt, hat keine Wahl, er muß ſie anneh⸗ men, die Reinheit iſt die höchſte Autorität; aber aus dem Munde eines Verworfenen muß man jedes Wort prüfen, darf es nicht gleich verwerfen. Und das iſt gut, das macht dich frei. Die Schwalben ziehen fort! Wie ſie ſich jetzt in Haufen ſammeln und dann blitzſchnell im Zickzack mit ſcharfem Schrillen wolkenartig dahinjagen! So zuſammen in unregelmäßigen Bahnen fliegen— wir können uns das gar nicht denken. Wann, wie, zeigen ſie einander an, daß jetzt eine ſcharfe Wendung genommen wird? Fliegen— wir ſehen eine ganz andere Lebensſphäre vor uns und können ſie nicht faſſen. Und wir glauben, wir verſtehen die Welt? Was feſt iſt, faſſen wir, und nur was feſt davon iſt— weiter hinein beginnt der große Gedankenſtrich. Ich hörte, wie Franz, der Geliebte der Gundel, zu dieſer ſagte: Eine Frau, ganz ſo wie die Irmgard, iſt einmal mit der Königin beim Manöver in der Uniform unſeres Regiments vor unſerer Front auf⸗ und abgeritten. Wenn der Soldat mich erkannte und verriethe? Welch ein Wirrſal von Verſteckensſpiel iſt das Menſchenherz! Da geht mir's jetzt in meinem Elend wie ein Triumph durch den Sinn, daß in ſo viel tau⸗ ſend Augen ſich mein Bild eingeprägt hat. 76 Allein gehen zu dürfen, das bin ich noch immer nicht gewöhnt, ich meine noch oft, der Bediente müſſe hinter mir gehen. Ach, wie verſchnörkelt und verpuppt leben wir! Ich war einen ganzen Tag allein im Walde. O, welch eine Seligkeit! Ich lag im Waldesgrund und über mir rauſchte es in den Bäumen und drunten der Bach. Wenn du nur hier verenden könnteſt, wie ein angeſchoſſenes Reh— ich bin's, meinen Weg bezeichnen Blutſpuren— nein, ich bin wieder geſund und heil geworden, war ſchon einmal auf der Welt, auf einer andern, und jetzt lebe ich neu. Das Pechmännlein hat meinen Vater gekannt. Er hat einmal einen Sommer lang in unſerm Forſt Pech gekratzt, da hat ſich mein Vater zu ihm geſellt und ihn gelehrt— er verſtand Alles— wie das Pech beſſer und reiner auszuſieden ſei. „O, das war ein Mann. Ich möchte dir nur wünſchen, daß du ihn gekannt hätteſt,“ ſagte mir das Pechmännlein,„ſo ein guter Mann! Ich hab's nachher von allen Leuten gehört, Jedem hat er ge⸗ holfen, er hat Alles verſtanden; mir hat er gezeigt, wie man aus Lärchen den beſten Terpentin gewinnt, geſchenkt hat er den Leuten nie gern, er iſt aber nicht geizig geweſen, arbeiten hat er Allen geholfen und hat ſie unterwieſen, wie man's mit geringerer Müh und mit mehr Vortheil macht— das iſt mehr, als wenn man Geld ſchenkt— und hat ihnen jedes Jahr Geld ge⸗ liehen, daß ſie ſich ein Schwein haben einthun können, und wenn ſie's dann verkauft haben, haben ſie's ihm mer nicht iſſe hinter leben wir! alde. H, rund und unten der „wie ein bezeichnen und heil auf einer mnt. Er orſt Pech ſellt und das Pech dir nur gte nit ch hab t er ge⸗ geeigt, gerinnt, ber nicht und hut und nit enn man Geld ge . fönnen, ſies ihn 277 zurückzahlen müſſen. Man hat oft über ihn gelacht und hat ihm einen Spottnamen darüber gegeben, aber das war ein Ehrenname. Ja, und ſollt' man's glau⸗ ben? Der Mann hat ſchweres Unglück gehabt, ſeine Kinder ſind ihm davongelaufen.“ Wie mir das das Herz zerwühlte! Den ganzen Abend brannte mir die Stirn an der entſetzlichen Stelle. — Heute iſt der Jahrestag meiner Rückkehr ins Som⸗ merſchloß. Damals träumte mir, daß ein Stern auf mich niederfiel, und ein Mann ſtand abgewendet, der mir die Worte ſagte: Du biſt auch einſam— Es giebt eine Tiefe in der Seele, wohin kein Grubenlicht kommt, ſie verlöſchen da alle. Ich kehre um— hier hauſen die wilden Wetter. Ich denke meiner Kindheit. Ich war drei Jahre alt, als meine Mutter ſtarb. Ich habe keine Erin⸗ nerung daran, als daß mich ein Rücken und Rutſchen im Nebenzimmer ſo ſehr erſchreckte. O Mutter, warum biſt du ſo früh geſtorben? Wie ganz anders wäre ich geworden.. „Ich? Wer iſt dies Ich? Wenn es ein anderes hätte werden können, wäre ich's nicht. Es mußte ſo ſein. Sie zogen mir ſchwarze Kleider an, mir und mei⸗ nem Bruder, und ich erinnere mich nur, daß der Vater uns geleitete; es ſagte uns, daß es zu unſerem Glück wäre, wenn wir nicht bei ihm, nicht allein aufwachſen; beim Abſchied küßte er uns, er küßte mich und meinen Bruder, dann wiederum mich— jetzt iſt mir's, als wenn er meinen Kuß zuletzt behalten wollte. Was ſind die Erinnerungen meiner Kindheit? Ein ſtilles Kloſter, meine Tante Aebtiſſin, Emmy meine Freundin. Nur ſo viel weiß ich: Wenn Fremde kamen, ſagten ſie zu mir gewendet: Ach, welch ein ſchönes Kind! Dieſe großen braunen Augen! Emmy ſagte mir, daß ich nicht ſchön ſei, daß die fremden Leute mich nur neckten, ja verhöhnten; aber ich ſah mich im Spie⸗ gel, ich ſah, daß ich ſchön war; ich ſagte es Emmy ehrlich, und ſie geſtand mir, daß ich ſchön ſei; auch ⸗ mein Vater kam, er kam aus Amerika, er betrachtete mich lange. Nicht wahr, Vater, ich bin ſchön? ſagte ich zu ihm. Ja, mein Kind, das biſt du, und es wird viel von dem gefordert, der ſchön iſt; es iſt eine ſchwere Aufgabe, ſchön zu ſein. Halte dich immer ſo, daß du es verdienſt, daß die Menſchen Freude an dir haben. Ich verſtand ihn damals noch nicht. Schönſein eine ſchwere Aufgabe?— Jetzt verſtehe ich's. Ich weiß nicht, wie die Jahre vergingen. Ich kam zum Vater zurück. Bruno, der Landwirth hatte wer⸗ den ſollen, trat gegen den Willen des Vaters in die Militär⸗Carriere. Der Vater lebte ganz für ſich, in ſeinen Studien und Arbeiten, und ließ uns gewähren; er war ſtolz darauf und ſagte es oft, daß er keine Autorität üben und uns ganz als freie Naturen aus uns heraus erwachſen laſſen wolle. Ich kehrte ins Kloſter zurück und blieb, bis die Tante ſtarb. ßte nich jetzt iſt wollte. it? Ein meine kamen, te nich n Spie⸗ Emmny i; auch trachtete ſagte itd viel ſchwere daß du haben. hönſein ch kan te wer⸗ in die ſich, n vähren, r keine 279 Und hier— verzeihe mir, du großer und reiner Geiſt— hier liegt dein Vergehen. Du haſt deine väterliche Majeſtät abgelegt und wollteſt von freier Liebe leben— und wir? Bruno wollte es nicht ver⸗ ſtehen, und ich konnte es nicht. Und ſo warſt du ein— ſam, und wir elend. Bruno war an den Hof gekommen. Er war ſchön, heiter und voll Uebermuth. Er führte auch mich an den Hof, der Vater ſtellte es mir frei— und da, da begann mein Elend. Ich war ſchön, ich war's, ich weiß es, und ich hatte Muth, ich dachte nicht wie die Anderen, ich war die freie Natur geworden, die mein Vater gewollt. Aber wozu?— Ich überſehe, was ich geſchrieben. Ach, wie wenig Ausbeute giebt ſolch ein Jahr, und wie viel hat man gelebt, wie lange daran gearbeitet; aber— auch die Blume braucht lange zum Blühen, die Frucht lange zum Gedeihen; die ſonnigen Tage und die thauigen Nächte ſtecken darin. Ein Regenbogen! Ruhe und Friede ſind nirgends auf der Welt, keine faßbaren Gegenſtände, ſie liegen nur in unſerem Auge, und wie ſich uns die Dinge ſtellen. Jetzt verſtehe ich, warum in der Bibel nach der Sündfluth der Regenbogen als Friedenszeichen be⸗ zeichnet wurde: die ſieben Farben ſind nicht wirklich, ſie ſind nur dem Blicke da, der im richtigen Sehwinkel das gebrochene Licht empfängt. Ruhe und Friede laſſen ſich nicht zwingen, ſie ſind reine Gaben aus dem ——— Himmel in uns, an dem es weint und lacht, Regen⸗ wolke und Sonnenſchein ſich begegnen. Oft befällt mich noch die Angſt, ich möchte die ganze Bildung meines Weſens verlieren, weil ich Nie⸗ mand habe, mit dem ich meine eigene Sprache reden kann und— ich weiß nicht, wie ich's nennen ſoll— mich, mein eigentliches Weſen wieder finde. Und doch, was den Menſchen zum Menſchen macht, haben die um mich her ſo gut wie die Höchſtgebildeten. Woher alſo dieſe Angſt und wozu dieſe Bildung? Will ich noch etwas damit in der Welt? Ich verſtehe mich nicht. Da iſt der Punkt, warum unſere moderne Bildung die Religion nicht erſetzen kann: die Religion macht alle Menſchen gleich, die Bildung ungleich. Es muß aber eine Bildung geben, die die Menſchen gleich macht; erſt dann iſt ſie die richtige, die wahre. Wir ſtehen noch im Anfang. Ich habe ein großes Werk vor. Es muß mir gelingen. Hanſei hat den kleinen Peter auf den Schimmel gehoben und ihn ein paar Schritte reiten laſſen. Das war eine Freude! Und wie mein Wodan umſchaute nach Vater und Sohn! Ich habe das feſtgehalten und arbeite an der Gruppe. Hanſei, Peter und der Schim⸗ mel, ſie ſind beiſammen— Wenn mir's nur gelingt! Es läßt mich faſt nicht ſchlafen. Die Gruppe iſt mir gelungen. Freilich nicht ſo, wie ich wollte. Die menſchlichen Figuren ſind ſteif „Regen⸗ chte die ich Nie⸗ he reden ſoll— nd doch, ben die Voher Pill ich ch nicht. Bildung macht muß gleich lingen. himmel Das nſchaute en und Schim⸗ elingt 281 und nichtsſagend, das Pferd aber iſt wieder lebendig, und Alles im Hauſe iſt ganz glücklich über die Arbeit. Hanſei will, ich ſoll auch mit auf die Jagd gehen, um Hirſche, Rehe und Gemſen nachmachen zu können, das ſeien doch die Hauptſtücke. Ich habe es auch mit den Thieren des Waldes verſucht. Es gelingt mir nicht ſo, wie mit dem Pferd. Ich kann nur feſthalten, was keine Scheu vor mir hat und was ich darum auch liebe. Ich bleibe bei meinen Pferden und Kühen. Alle Bergſpitzen, die ich ſehe, haben Namen, und ſo bezeichnende und wunderliche. Wer hat ſie ihnen gegeben? Wer hat ſie angenommen? Was für Namen könnten wir heute noch erfinden? Die Erde und die Swläche ſind bereits erſtarrt, nichts iſt mehr flüſſig. Ich meine, etwas Aehnliches wurde damals zum Thee bei der Königin geſprochef. 3 Faſtnacht iſt ein großes Feſt, die eigentliche Luſt⸗ barkeit. Es kamen auch Bauern aus dem Dorf zum Beſuch. Sie kommen oft am Sonntag. Ich hörte ſie aber noch nie etwas anderes ſprechen, als vom Vieh, oder was man geerntet und wie die Getreidepreiſe ſind. Ich ſitze manchmal in der Stube bei Seite und höre ſprechen. Ich höre gern Menſchenſtimmen. Die Geſchichten, die ſie einander erzählen, ſcheinen einfältig, aber im Grunde genommen wird auf dem Parketboden nichts Beſſeres vorgebracht. ℳ 282 Warum habe ich mein Leben nicht rein ausgelebt? Ich war zu einem ſchönen Daſein geſchaffen. Draußen läuft mein Schimmelfüllen frei umher, hier ſitze ich und forme es nach. Den Blick des Auges zu bleibenden Geſtalten machen— das iſt menſchlich allein. Wir haben Worte für Alles um uns her und können Alles nachbilden, und weiter hinauf Muſik und reines Denken. Welch eine überſtrömende Fülle iſt es, Menſch zu ſein. Das war eine ſchwere Zeit. Die Großmutter war krank. Alles im Hauſe in Angſt. Hanſei wollte ſich gar nicht vom Hof entfernen, er fürchtete das Schlimmſte. Mir war's ein Troſt, daß der Großmutter meine Pflege ſo wohlthat. Hanſei hatte ſeinen Großbauernſtolz ganz abgeleht; er wollte doch auch etwas für die Mutter thun und ſpaltete das Holz, mit dem man ihre Stube heizte, und trug es ſelbſt herbei. Dem Doctor ſagte er immer) er ſolle ja nichts ſparen, für die Großmutter ſei nichts zu theuer. Der Doctor erklärte mir die Krankheit der Groß⸗ mutter, als wäre ich ein Atzt. Die Großmutter ſchickte mich mit dem Ohm oft fort in den Wald. Es war noch rauh draußen, wir kehr— ten bald wieder heim. Jetzt iſt die Großmutter geneſen und ſitzt im Früh⸗ lingsſonnenſchein. „Ja, man muß aus der Welt geweſen ſein, um gelebt⸗ umher, Auges nſchlich er und ſik und iſt es, r war te ſich mnnſte. meine n und heijte, nicht Groß⸗ ft jort kehr⸗ Frih⸗ un 283 wieder dankbar daheim zu ſein. Wer nicht hinaus⸗ kommt, kommt nicht heim,“ ſagt ſie. Und heut' er⸗ zählte ſie mir viel vom Tod ihrer fünf Kinder.„Der wäre jetzt ſo alt und Die ſo alt,“ ſagte ſie immer— ſie hat ſie in Gedanken mit ſich fortwachſen laſſen; und dann erzählte ſie vom Tod ihres Mannes, wie er da⸗ mals bei der Holzflöße im See ertrunken, und wie dann der Hanſei dageblieben.„Er war ein Wunderlicher“— ſagt ſie immer von ihrem Mann—„aber grundgut.“ Am verzweifeltſten von uns Allen war das Pech⸗ männlein bei der Krankheit ſeiner Schweſter. „Sie iſt der Stolz von unſerer Familie geweſen,“ ſagte er immer, als wäre ſie ſchon lange todt. Jetzt iſt er aber auch faſt der Glückſeligſte von uns, und als die Großmutter zum Erſtenmal auf meiner Bank beim Ahornbaum ſaß, ſagte er:„Für die Bank da krieg' ich einen goldenen Stuhl im Himmel. Das iſt ein Platz, der König hat ihn nicht ſchöner, der kann den Himmel auch nicht blauer und die Wälder nicht grüner anmalen laſſen.“ Das Pechmännlein bringt mir ſchwere Kunde. Wie ſoll ich mir heraushelfen? Der Abnehmer meiner Arbeit läßt mir ſagen, daß er zu mir kommen wolle, er habe eine große Beſtellung; ein neues Jagdſchloß des Königs ſoll mit geſchnitztem Getäfel geſchmückt werden, und ich ſoll da große Arbeit bekommen. Wie weiche ich dem aus? Die gute Mutter hat mir ausgeholfen. Sie hat den Arbeitgeber ſelbſt aufgenommen und ihm erklärt, daß ich Niemand ſehen wolle. Sie hat ſich zu keiner Lüge verſtanden, zu der Walpurga leichter geneigt war. Nun habe ich die große Zeichnung vor mir und ſchöne Hölzer. Ich habe einen Theil der Arbeit übernommen. Es iſt gleich, wie man ſein Daſein auslebt, wenn es nur in Selbſterweckung und Bewußtſein geſchieht. Alle Künſte, alle Wiſſenſchaften ſind doch nur dazu da, um an fremdem Bewußtſein unſer eigenes zu wecken. Wer das aus ſich ſelbſt kann, hat genug. Wer des Morgens zur Stunde, da er an die Arbeit gehen will, von ſelbſt aufwacht, braucht ſich nicht vom Nachtwäch⸗ ter wecken zu laſſen. Hanſei iſt Geſchworener geworden. Walpurga iſt ſtolz darauf, er ſelbſt nahm auch mit einem gewiſſen feierlichen Stolz Abſchied. Es iſt eine ſchöne Sache, daß das Gewiſſen des Volkes zum Rechtſprechen angerufen wird. * Hanſei iſt zurück. Er weiß viel Schauderhaftes zu erzählen. Mir iſt, als wäre das ganze Leben, alle die Schickſale der Menſchen, nur ein Schattenſpiel an der Wand. Hanſei war ſehr bewegt, als er erzählte: „Ja, da ſind mir alle meine Sünden eingefallen und ich hab' hart gebüßt, wie ich da hab' Urtheil ſprechen müſſen. Wir Alle können nur von Glück keiner igt war. ir und en. , wenn eſchieht. r dazu wecken. et des n vill, htwäch⸗ uga iſt ewiſen en des ftes zu le die an der gealen urhil Glit 285 ſagen, wenn wir nicht in Sünde verfallen und auch dort auf der Marterbank ſitzen.“ (Sonntag, 28. Mai.) Die Großmutter iſt todt. Ich kann nicht davon erzählen. Es erſtarrt mir die Hand. Sie küßte mich auf die Augen und rief:„Ich küſſe Deine Augen und wünſche, daß ſie nie mehr weinen!“ Noch zwei Stunden vor ihrem Tod ſagte ſie zu Hanſei: „Mach' der Burgei einen Schlitten, ſie hat ſolches Verlangerk danach; es freut mich, wenn Du das thuſt, ſie wird keinen Schaden dabei leiden. Ich bitte Dich, thu's.“ „Ja ja, Großmutter,“ erwiderte Hanſei— es er⸗ ſtickte ihm faſt die Stimme, daß die Großmutter jetzt noch an das Kind dachte und nichts wollte, als ihm eine Freude machen. Der Todesſchrecken liegt auf mir, ſo ſchwer, und doch fühle ich innerlich eine Freiheit. Ich habe den ſchönen Tod geſehen. Meine Hand hat ein erſtarrendes Auge zugedrückt. Ich habe das Schwerſte vollzogen, was der lebendigen Kraft auferlegt iſt. Ich hätte nicht geglaubt, daß ich es kann. Damals konnte ich es nicht, ich ſelber lag am Boden, tief unter der Erde und neben mir mein todesſtarrer Vater. Der Tod der Mutter hat mir alle Schrecken von der Seele genommen. Ich habe die Kraft, Walpurga beizuſtehen. Ihre Klage hat keine Grenze.„Ich bin 286 jetzt auch eine Waiſe wie Du,“ rief ſie und warf ſich an meinen Hals. Dann rief ſie der Todten:„O Mutter, kannſt Du mir das anthun, daß Du mich ver⸗ läſſeſt? Ach lieber Gott, und da ſpringt der Vogel noch im Käfig! Ja, du kannſt ſpringen, die Mutter aber nicht mehr.“ Sie nahm ein Tuch und hing es über den Käfig des Kreuzſchnabels und ſagte dann:„O, liebes Thierchen, ich möchte dich gern fliegen laſſen, aber ich kann nicht; meine Mutter hat dich ſo gern gehabt, ich kann dich nicht laſſen,“ und dann wieder zur Leiche gewendet, ſagte ſie:„O Mutter, kann's denn wieder Tag werden, wenn Du nicht da biſt? Ja, die Uhr tickt, die geht weiter, die kann man aufziehen, o, du lieber Gott, und da werden die Stunden kommen und vergehen und ich hab' Dich nicht, o verzeih' mir's, daß ſo viel Stunden geweſen ſind, wo ich nicht bei Dir war!“ Der Kleiderſchrank ſprang plötzlich auf, und Wal⸗ purga erſchrak ins Herz hinein; dann aber faßte ſie ſich wieder und ſagte:„Ja, ja, ich trag' Deine Kleider, ich trag' ſie und will ſie zu Gutem tragen, und es ſoll mir kein böſer Gedanke ins Herz kommen und kein böſes Wort in den Mund, halt' mich nur, daß ich immer Dein bin. O, lieber Gott, jetzt ſagt Niemand auf der Welt mehr„Kind“ zu mir: ich denk' an Dein Wort, wie Du geſagt haſt: So lang man noch Vater und Mutter ſagen kann, ſo lange iſt noch eine Liebe auf der Erde, die Einen auf den Armen trägt; erſt wenn die Eltern geſtorben ſind, wird man auf den harten Boden hingeſetzt. Ich will Deine Worte alle behalten, arf ſich 1,d — lich ver⸗ Vo ogel Muttet n Käfig ierchen, nnicht; nn dich wendet, werden, die geht r Gott, ergehen ſo viel or!“ id Wal⸗ aßte ſie Kleider, und es und kein uß iö ſienand an Dein Voter iebe uf ſt wenn hartel behalten⸗ 287 und meine Kinder ſollen ſie auch behalten. NRicht wahr, Irmgard, Du weißt auch noch viele gute Worte von ihr?“ So klagte Walpurga und ich konnte nur erwidern: „Ja, und halte das feſt, daß ſie geſagt hat: Man kann ſich auch mit Worten verſündigen. Klage nicht ſo ſehr!“ Walpurga holte das Gebetbuch der Verſtorbenen und las darin das Gebet für eine abgeſchiedene Seele. Nachdem ſie geleſen, gab ſie das Buch auch mir. Ich las, mit Dank und Andacht. Wir ſingen auch Lieder und Weiſen, die Andere geſetzt— wir können in den höchſten Erregungen nichts Eigenes ſlrer— wir nehmen die Lieder von Dichtern auf die Lippen, ſie ſingen, dichten und empfinden uns vor; im Dichterherzen iſt in Wahrheit das zweite Jeruſalem der Bildung. Die ganze weite Welt, wodurch ſich der Menſch vom Thier, von Pflanze und Stein unter⸗ ſcheidet, iſt eben, daß ein Menſch dem andern vor⸗ empfindet und nachempfindet. Es tönt ein ewiges Lied durch die Menſchheit, von Anfang bis jetzt, und es iſt auch mein, und meine Stimme iſt ein Ton darin; es leuchtet eine ewige Sonne von Geſchlecht zu Geſchlecht und ich bin ein Strahl darin. Die Berge überdauern die Geſchlechter ſtumm, es kommt kein neuer dazu; aber aus der Seele der Menſchheit ſteigen von Geſchlecht zu Geſchlecht neue Hochwarten des Geiſtes empor. 288 Schön ſterben iſt das Beſte. Wunderbare Kraft der Religion! Ueber dem Lager des Kranken hängen vom Himmel herab Glockenzüge, an denen er ſich auf⸗ richtet, und ſind ſie auch nicht da, er glaubt ſie, er hält ſie, und das gläubige Halten und Faſſen richtet ihn auf. Eine wunderſame Ruhe trat im Hauſe ein, als die Großmutter begraben war. Es iſt Walpurga ein Troſt, daß ſo viele Menſchen beim Leichenbegängniß zugegen waren. „Ja, ſie haben ſie Alle geehrt, Alle, aber ſie haben ſie doch nicht ganz gekannt. Du und ich, wir haben ſie gekannt. Weißt Du noch, Hanſei, wie man uns daheim die Kartoffeln geſtohlen hat im Feld? Da hat ſie geſagt:„Wenn man nur die Leute wüßt', die ſie geſtohlen haben.“ Und da hab' ich geſagt:„Mutter, wollt Ihr ſie verklagen beim Amt?“—„Du einfältig Ding,“ hat ſie mir darauf vorgehalten,„wie kannſt Du denken, daß ich's ſo meine? Ich meine, wenn man nur wüßt', wer die Leute ſind, die bei Nacht uns die Kartoffeln ſtehlen; ſie müſſen doch auch wiſſen, daß wir ſelbſt wenig haben. Das müſſen aber gar un⸗ glückliche Leute ſein, denen müßte man aushelfen, ſo viel man kann.“ Ja, das hat ſie geſagt. Hat's noch je eine Seele gegeben, die ſo was ausdenken kann? So müſſen die Heiligen geweſen ſein, die an Alle ſo gut denken. Gar keinen Ekel vor einem Kranken hat ſie gehabt und gar keinen Haß auf einen Schlechten; ſie hat nur immer gedacht: wie viel müſſen die Menſchen are Kraft n hängen ſich au⸗ bt ſie, er en richtet , als die ein Troſt, zugegen aber ſie ich, wir wie man eld? Da ißt, die Mutter, einfültig unnſt Du nn man uns die ſen, dß gor Un⸗ elfen, ſo uts no en kann? nAle ſo men het chlechten Menſche 289 Elend leiden, daß ſie ſo krank ſind und die Anderen daß ſie ſo ſchlecht find. Wenn ich nur auch ſo werden könnte, wie meine Mutter. Ermahne mich nur immer, Irmgard, wenn ich wieder zornig bin und ſchreie. Gelt, du hilfſt mir, daß ich ſo werde, wie meine Mutter war, und daß einmal meine Kinder auch ſo an mich denken? Ach, wenn man nur immer ſo brav wär', wie man ſein möchte. Aber ſie hat Recht gehabt, wie ſie immer geſagt hat: Wünſchen in die eine Hand und blaſen in die andre Hand iſt gleichviel.“ Jetzt will ich wieder an die Arbeit. Das iſt das Harte und das Tröſtliche der ſtren⸗ gen Arbeit: Walpurga und Hanſei müſſen arbeiten, ſie können ſich dem Schmerz nicht hingeben, es liegt zu viel auf ihnen. In den höchſten Affekten iſt die Tonart des Königs und des Bettlers, des phantaſiegetragenen Dichters und des einfältigen Herzens ganz dieſelbe. Die Klage Walpurgas war aus demſelben Accord wie die Lears um Cordelia, und doch wieder wie ganz anders. Einem Vater, dem ſein Kind ſtirbt, ſtirbt die Zukunft, einem Kinde, dem eines ſeiner Eltern ſtirbt, ſtirbt die Vergangenheit. Ach, wie dürftig iſt jedes Wort! Wie hat mich heut' ein Wort des Hanſei erſchreckt! Alſo auch in dieſe Herzen iſt der Zweifel eingedrungen? Und ſie thun ihre Pflicht auf der Welt ohne Glauben an das Jenſeits, wenigſtens ohne den feſten. Der Pfarrer hatte am Sarge gepredigt und geſprochen: Auerbach, Auf der Höhe. 11I. 19 „Seht die Bäume, vor wenig Wochen waren ſie todt, aber ſie leben auf im Frühling.“ Das hätt' der Pfarrer nicht ſagen ſollen, klagte Hanſei, ſo nicht. Das iſt ein Troſt, den man einem Kinde geben kann, aber uns nicht, ſo nicht. Was will er da von den Bäumen? Die Bäume, die noch Leben haben, die grünen wieder im Frühjahr, die aber todt ſind, die grünen nicht mehr, die werden umgehackt und neue dafür gepflanzt oder geſäet. Es iſt uns Allen wunderbar einſam im Haus. Jedem fehlt etwas. Am untröſtlichſten aber iſt der Ohm Peter. „Jetzt lauf' ich allein in der Welt herum und hab' kein Geſchwiſter mehr. Sie war der Stolz von unſerer Familie,“ wiederholt er dann oft. Er hat bisher auf der Bodenkammer bei den Knechten geſchlafen, nun hat ihm Hanſei die Stube des Auszüglers angewieſen und er iſt ganz ſtolz da⸗ mit; oft aber klagt er auch wieder:„Warum komm' ich erſt ſo ſpät zu dem da? Wie dumm ſind wir doch geweſen, meine Schweſter und ich. Wir hätten da mit einander hineinziehen ſollen; könnte es etwas Schöneres geben? Wie gut hätten wir da mit einander gelebt und du wärſt auch mit. O, wie dumm, wie dumm iſt das Alter! Man ſieht die vielen guten Neſter erſt, wenn die Bäume kahl ſind und nichts mehr drin iſt. Man kriegt was zu beißen, wenn man keine Zähne mehr hat, hat meine Schweſter immer geſagt.“ „Meine Schweſter hat geſagt“— ſetzt er jetzt in, aber Bäumen? n wiedet en nicht gepflanzt und hab' nunſeter hei den ie Stube ſtolz da⸗ m konm wir doh en da nit Schöneres der glt ie dumm keſter erſ, drin iſ⸗ ne gihr 4 e jüt immer hinzu, wenn er etwas vorbringen will, worin er ſich nicht gern widerſprochen ſieht, und ich glaube, er meint auch, ſeine Schweſter habe es wirklich geſagt. Er hat ihren Schrank geerbt und klopft allemal erſt mit dem Schlüſſel an die Thür, ehe er aufſchließt. Mein Pechmännlein iſt ein guter Bienenvater. Er weiß die Bienen zu warten und nennt ſie das Weide⸗ vieh des armen Mannes. „Seit dem Tod meiner Schweſter,“ klagte er mir heut'“,„hab' ich lauter Unglück mit den Bienen, ſie wollen nichts mehr von mir.“ Ich habe monatelang nichts geſchrieben. Für wen ſollen dieſe Blätter? Wozu quäle ich meine Seele, die lüchtigen Erſcheinungen um mich her und die Regungen in mir feſtzuhalten? Das hatte mich wirr gemacht. Jetzt bin ich ruhig. Ich habe monatelang gearbeitet und nur gearbeitet. Mir iſt, als müßte ich bald ſterben, und ich fühle mich doch in der Fülle meiner Kraft. Auch daß die Menſchen mit meinem Wahnſinn ſpielen, ängſtigt mich oft. Jetzt erſt ſühle ich, daß meine Ruhe hier keine volle war, ſie konnte jede Minute verſcheucht werden. Nun aber komme was da wolle, ich bleibe. Ein Gewitter! Wir, die wir immer mit Sonne und Mond und allem Witterungswechſel leben, für uns iſt ein Gewitter etwas ganz Anderes, als für die Menſchen in ihren Häuſern, die nur nach dem Wetter ſchauen, wenn ſie müßig ſind oder eine Luſtpartie vorhaben. Es iſt ein Gefühl, als wenn man in den Moment der Schöpfung zurückverſetzt wäre, Alles iſt wieder dem Chaos preisgegeben, noch iſt nichts Feſtes da, die Un⸗ endlichkeit des großen Weltorganismus und ſeiner ge⸗ bundenen Mächte ſpricht in Donnern und leuchtet in Blitzen. Ich ſah einmal an einer öffentlichen Spielbank, während es Schlag auf Schlag donnerte und blitzte und die ganze frivole Welt ſich vom Spieltiſch zurück⸗ zog, eine einzige vornehme Dame fortpointiren. Die Croupiers mußten weiter arbeiten. Dieſe Dame giebt große Geſellſchaften, und eine Magd, die ihr einen ſilbernen Löffel geſtohlen, muß ins Zuchthaus. Wie gemein dieſe Diebin!— Und ſie? Allerdings, das darf ich nicht vergeſſen: die Dame hört jeden Morgen, bevor ſie zum Spieltiſch geht, eine Meſſe. Der ſchönſte Tod wäre doch der, von einem Blitz erſchlagen zu werden. An einem Sommer⸗ tag plötzlich vom großen Schützen Blitz getroffen zu werden. Ich habe einen Menſchen aus der Bildungswelt geſehen. Ein junger, ſchöner, lebhafter Mann mit feinen, wohlgepflegten Händen— er iſt Muſiker— s für die dem Wetter Luſtpartie en Moment wieder dem a, die Un⸗ ſeiner ge⸗ leuchtet in die Dane tiſch geht, einem Blit Somne etrofen zl l ldungswe Mann m Nuſiker— übernachtete heut' auf unſerm Hof. Das Gewitter hatte ihn überraſcht. Er blieb hier und erzählte: „Ich habe meinen Arzt ehrlich und aufs Gewiſſen gefragt— ſehen Sie, auf dieſem Auge bin ich ſchon erblindet— auf dem andern werde ich's in einem Jahre ſein. Da will ich nun noch einmal die große, weite, ſchöne Welt ſehen; wer die Alpenwelt nicht ge⸗ ſehen, weiß nicht, wie ſchön unſere Erde iſt. So faſſe ich ſie noch einmal in mich hinein und habe ſie in mir geborgen, ich faſſe die Sonne, die Berge, die Wälder, die Wieſen, die Ströme und die Seen und das Men⸗ ſchenantlitz vor Allem. Ja, Kind,“ ſagte er zu mir, „und das deine werde ich behalten, du biſt das lieb⸗ lichſte Bauernmädchen, das ich je geſehen; ich lerne dein Geſicht auswendig, wie ich Gedichte auswendig lernte, um mir ſie einſt in Nacht und Einſamkeit ver⸗ zuſagen und vorzuſtellen.“ Ich war ſehr befangen, er war überaus luſtig. Nur warf er manchmal einen ſeltſamen fragenden Blick auf die Binde um meine Stirne. Was mochte er davon denken? Ich hätte ihm gern geſagt, daß ich einſt ein von ihm componirtes Lied geſungen habe im Hauſe Gun⸗ thers. Er erwähnte ſeinen Namen nicht. Ich kann nicht ſagen, wie mich das Bild des ſchönen, jungen Mannes rührte, und es war ſo viel Kraſt in ihm, keine Spur von weichlicher Empfindſamkeit. Er iſt aus dem hohen Norden und hat etwas von der herben Schönheit der nordiſchen Stämme; er hat ſalzige Seeluft eingeathmet, und das macht ihn ſo ſtramm, 294 wie ſie es dort nennen. Mir ſind dieſe ſtrammen Na— turen tief anſprechend und erwecklich. Man kann nicht ſchlaff, brütend, ſelbſtgefällig ſein in ihrem Umkreiſe. O, was vermag ein ſtarker Wille! Wie ringt der Menſchengeiſt mit den Naturmächten und beſiegt ſie... Ich habe ſeit dem Tod der Großmutter heut' zum Erſtenmal wieder geweint, jetzt iſt mir leicht und frei. Der Erblindende iſt abgereiſt und ich habe ihn noch lange auf dem Thalwege jodeln hören. Wenn ich im Leben einem Menſchen außer mir noch etwas ſein dürfte... Wer meine Stirn nicht ſehen, meine Schönheit nicht loben könnte, dem könnte ich doppelt gut ſein. Vorbei!— Welche wunderſame Schatten wirft das Spiel des Lebens auch zu uns herauf! Bei dieſem Beſuch habe ich geſehen, daß in Wal⸗ purga noch eine ſtarke Portion Eitelkeit ſteckt. Sie hat es nicht laſſen können, das Geſpräch darauf hinzulenken und dem Fremden endlich deutlich zu ſagen, daß ſie die Amme des Kronprinzen geweſen iſt und faſt ein Jahr lang im Schloß gewohnt habe. Es iſt etwas in ihr, wie in einem Manne, der viel hohe Orden hat und nun undecorirt einhergeht, wie ein General in Civil; er lehnt es beſcheiden ab, Excellenz genannt zu werden, aber er will's doch. Das Jahr Hofluft iſt nicht ſpurlos an Walpurga vorübergegangen. mmen Na⸗ kann nicht Unkreiſe. ringt der ſiegt ſi... heut zun t und frei e ihn noch rnir noch icht ſehen, könnte ich 7 Spiel des in Wul⸗ eie hat injulenken „daß ſ d ſuſt ein etwas in orden hat enerul in enannt l ofluft iſt Hanſei, der den Fremden auch gern hatte und tiefes Mitleid für ihn zeigte, war offenbar ärgerlich über die Prahlſucht ſeiner Frau, aber er unterdrückte es. Er iſt ſtark in der Selbſtbeherrſchung. Heut' aber, als ſie mit einander zur Kirche gingen, fragte Hanſei: „Willſt du nicht an einem Band das Bild um den Hals hängen, wo du mit dem Kronprinzen als Amme abgebildet biſt, damit ja Niemand vergißt, was du einmal geweſen?“ Ich glaube, daß Walpurga nie mehr von ihrer glänzenden Vergangenheit ſprechen wird. Beim Tod und Begräbniß der Großmutter habe ich den Schulmeiſter im Dorf näher kennen gelernt. Er hat eine ziemlich gute Bildung, nur prunkt er damit und bringt gern große Worte vor, um immer zu im⸗ poniren und zu zeigen: Seht, ihr verſteht mich doch nicht ganz. Aber die Art, wie er mit wahrer Herzlich⸗ keit unſere Trauer theilte, hat ihn mir werth gemacht, und ich habe ihm das unbefangen gezeigt. Und da ſagte er mir einmal:„Deine Fertigkeit im Holzſchnitzen iſt ſo viel wie ein Heirathsgut; du kannſt viel Geld verdienen.“ Ich ahnte nicht, was er damit wollte. Am letzten Sonntag zeigte ſich's. Er kam angethan mit ſchwarzem Frack und weißen baumwollenen Handſchuhen und machte mir einen förm— lichen Heirathsantrag. Er wollte mir gar nicht glauben, daß ich nie heirathen wolle, und wiederholte dringend ſeinen Antrag, von dem er nur abſtehen wollte, wenn ich einen Andern liebe. 296 Glücklicherweiſe kam mir Walpurga zu Hülfe. Der gute Mann ging wie zerbrochen wieder aus dem Hauſe. Warum muß ich noch einem armen Menſchen Herzeleid bereiten? Von meinem eigenen will ich nicht reden. Die Geſchichte mit dem Schulmeiſter geht mir doch nach. Walpurga ſagte mir, warum ich denn ſo einſam bleiben wolle; wenn ich auch nicht mehr in die große Welt zurückkehren wolle, ſo könnte ich doch einen guten Menſchen glücklich machen und könnte viel Gutes thun an den Kindern und Armen im Dorf. Da lernte ich mich neu kennen. Ich bin nicht zur Wohlthätigkeit geartet. Ich bin keine barmherzige Schweſter. Ich kann keine Kranken beſuchen, die ich nicht kenne und nicht liebe. Die Großmutter konnte ich hegen und pflegen— ſonſt aber Niemand. Mir ſind die Bauernſtuben zuwider. Dieſe dumpfe Luft in den Wohnungen der Simplicität. Ich bin keine wohlthätige Fee. Meine Sinne ſind zu leicht verletzt. Ich will mich nicht beſſer machen als ich bin. Nein, beſſer machen möchte ich mich wol, aber man kann nur das Gute beſſer machen, und dieſes Gute iſt nicht in mir. Ich muß ehrlich ſein. Eher könnte ich in einem Kloſter leben. Dieſe Erkenntniß macht mich nicht unglücklich, aber ſchwermüthig. Die Sucht, zu genießen, mein Selbſt zu empfinden, iſt ſo ſtark. Franz, der Bräutigam der Gundel, iſt einberufen. „Es giebt Krieg mit den Franzoſen!“ bringt mein Pe ülſe. Der aus dem Wenſchen ll ich nicht t mir doch ſo einſan die große nen guten tes thun lernte ich lthätigkeit Ich kan und nicht pflegen— zuwider. nplicität. ſind z n als ich vol, aber ieſes Gute könnte ich acht nich ucht, iu ark. nberfen. 297 Pechmännlein die Kunde aus der Stadt, und er be⸗ richtet, daß jetzt auch unſer Geſchäft ſchlecht gehen würde, die Leute wollen nichts mehr kaufen, unſer Arbeitgeber will nur die Hälfte des Preiſes zahlen. So arbeite ich nun auf Vorrath— ich muß auch die Laſten der Welt mittragen. Seltſam aber geht mir's durch den Sinn, daß ich von meinem Vaterland und meiner Zeit ſo gar nichts mehr weiß. Den Einen Troſt habe ich dabei: man wird jetzt in Kriegszeiten nicht nach einer Verlornen forſchen. Jeder Menſch, wo er auch ſtehe, ſteht ungeahnt auf einer he wo er die Gräber nicht ſieht. Sähe man ſie immer, es gäbe keine Arbeit in der Welt und keinen Geſang. Selbſtvergeſſen oder Selbſterkennen— darum dreht ſich Alles. Ich ſehe beſtändig, auch im heißeſten Sommer, die Berge mit den Schneeſpitzen vor mir. Ich weiß nicht, wie ich es ſagen ſoll, aber es giebt mir das ſtets eine eigenthümliche Miſchung der Empfindung; ich ſehe immer über das Datum hinaus, über die Jahreszeit; ich habe alle zuſammen. In meiner Seele iſt auch eine Stelle, darauf ewiger Schnee liegt. Ich bin nun im dritten Jahre hier. Ich habe einen ſchweren Entſchluß gefaßt. Ich ziehe noch einmal in 298 die Welt hinaus. Ich muß die Stätten meines ver⸗ gangenen Daſeins noch einmal ſehen. Ich habe mich ſtreng geprüft. Iſt es nicht Abenteuerſucht, jener gemeine, vor⸗ nehme Kitzel, etwas Ungewöhnliches, Gefahwolles vor⸗ zunehmen, und die Luſt, den Schauer auszukoſten, als eine Geſtorbene noch einmal durch die Welt zu wandern? Nein, nichts davon. Was iſt es denn? Ein inni⸗ ges Verlangen, wieder in die Weite zu ziehen, nur auf Tage. Ich muß das Verlangen tödten, ſonſt tödtet das Verlangen mich. Woher auf einmal dieſe Sehnſucht? Jedes Handwerkszeug brennt mir in der Hand. Ich muß fort! Ich will nicht grübeln, ich folge. Ich habe keine Ordensregel, mein Wille iſt mir Geſetz. Ich thue Nie⸗ mand etwas zuleide, wenn ich folge; ich fühle mich frei, die Welt hat keine Macht über mich. Ich ſcheute mich, Walpurga mein Vorhaben mit⸗ zutheilen. Aber wie ſie dann ſprach, Ton, Wort, die ganze Art, ja daß ſie zum Erſtenmal„Kind“ zu mir ſagte, Alles war mir, als ob ihre Mutter noch zu mir ſpräche. „Kind,“ ſagte ſie,„du haſt Recht. Geh' du, es wird dir gut ſein. Ich glaube, daß du wieder zu uns kommſt und bei uns bleibſt; aber wenn du auch nicht wiederkommſt und dir vielleicht doch noch ein ander Leben aufgeht— du haſt ſchwer gebüßt, ſchwerer als du verſchuldet.“ Mein Pechmännlein war ganz glücklich, als es hieß: eines ver⸗ habe nich eine, vor⸗ volles vor⸗ koſten, als wandern? Ein inni⸗ nur auf nſt tödtet Hond hbe keine thue Nie⸗ ihle nich ben nit⸗ Vort, die zu nir zu nir h du, e5 zu uns uch nicht in ander werer al 299 Wir reiſen von Sonntag bis Sonntag. Als ich ihn fragte, ob er denn nicht neugierig ſei, wohin wir reiſen, erwiederte er: „Mir Eins! Mit dir reiſe ich durch die ganze Welt, wohin du willſt, und wenn du mich fortjagſt, komm' ich dir nach wie ein Hund und ich finde dich.“ Wir reiſen ab. Ich nehme meine Blätter mit. Ich will jeden Tag aufſchreiben. (Am See.) Es wird mir ſchwer, ein Wort nieder⸗ zuſchreiben. Die Schwelle, die ich überſchreiten muß, um in die Welt hinauszugehen, iſt mein eigener Grabſtein. Ich kann's nicht faſſen. Wie fröhlich war das Wandern thalwärts. Mein Pechmännlein ſang, und auch mir ſtiegen Lieder auf; aber ich ſang nicht. Plötzlich unterbrach er ſich und ſagte: „In den Wirthshäuſern, da biſt du meine Bruders⸗ tochter, nicht wahr?“ „Ja.“ „Da mußt du mich aber auch Ohm heißen.“ „Natürlich, lieber Ohm.“ Er nickte auf dem ganzen Wege vor ſich hin und war voll Glückſeligkeit. Wir kamen zum Wirthshaus an der Anlände. Er trank und ich trank mit aus ſeinem Glaſe. „Wohin geht der Weg?“ fragte die Wirthin. „Nach der Hauptſtadt,“ ſagte er, und ich hatte ihm doch gar nichts darüber mitgetheilt; leiſe ſagte er zu mir: 300 „Wenn du auch anderswohin willſt— die Leute brauchen nicht Alles zu wiſſen.“ Ich ließ ihn allein.„ Ich ſuchte die Stellen auf, die ich damals gewan⸗ delt. Da— da iſt der Felſen— darauf ein Kreuz— auf dem Kreuz leſe ich in goldenen Buchſtaben: Hier verunglückte lrma Gräfin von Wildenort im 21. Jahre ihres Lebens. Wanderer, bete für sie und ehre ihr Andenken. Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen. Als ich erwachte, waren mehrere Menſchen um mich beſchäftigt, unter ihnen mein Pechmännlein, der jammerte und klagte. Ich hatte die Kraft, nach dem Wirthshaus zu gehen, und mein Pechmännlein ſagte den Leuten: „Meine Bruderstochter iſt's nicht gewöhnt, ſo weit zu laufen; ſie ſitzt das ganze Jahr in der Stube, ſie iſt eine Holzſchnitzerin, und was für eine!“ Die Menſchen waren alle ſehr freundlich gegen mich. Es gingen Viele ab und zu in der Wirthsſtube, und ſie erzählten meinem Pechmännlein, daß der ſchöne Gedenkſtein da draußen ein großer Vortheil für das Wirthshaus ſei; im Sommer kämen Hunderte von Menſchen, Männer und Frauen, die den Gedenkſtein beſuchen, und auch eine Nonne vom Kloſter käme jedes Jahr mit einer andern Nonne und bete am Kreuz. „Wer hat denn den Bildſtock geſetzt?“ fragte das Pechmännlein. die Loute s gewan⸗ Kreuz— n: Ab ich oſchäftigt, erte und haus zu uten: ſo weit ube, ſi gen nich. be, und r ſchöne für da erte von denkſtein me jedes Kreuz⸗ agte das „Der Bruder der Verunglückten.“ „Nein, der König!“ hieß es. Das Geſpräch brach oft ab, ſpann ſich aber immer wieder neu an. Ich ſah in ein ſich bildendes Sagengewebe hinein. Die Einen ſagten: es ſei doch nicht geheuer, damals habe ſich auch eine ſchöne Perſon ertränkt, die man die ſchwarze Eſther genannt, ſie ſei eine Tochter der Zenza geweſen, die über dem See drüben im Wahn— ſinn lebt; und wer weiß, ob nicht auch das ſchöne Fräulein, denn ſie ſei gar ſchön geweſen, ſich ertränkt habe. Dagegen aber eiferte die Wirthin: die Gräfin habe viele goldene Ketten und Diamanten an ſich ge— habt und beſonders einen diamantnen Stern auf der Stirne, und man habe ja das Pferd geſehen, das ſie abgeworfen habe, und der Bruder habe das Pferd erſchießen wollen, weil es das gethan, das Pferd ſei aber verhext geweſen und habe von dem Tag an nichts mehr gefreſſen, bis es todt umgefallen ſei. Wieder Andere erzählten: Der Vater der Gräfin habe ihr be⸗ fohlen, ſich zu ertränken, und ſie ſei ein folgſames Kind geweſen und habe es gethan. „Und warum ſoll denn das der Vater befohlen haben?“ fragte mein Pechmännlein. „Weil ſie einen Ehemann geliebt. Man darf nicht davon reden.“ „Man darf ſchon,“ flüſterte ihm ein Schiffer zu. „Sie und der König haben einander gern gehabt, und um nicht ſchlecht zu werden, hat ſie ſich ertränkt.“ Wie ſoll ich ſagen, wie mir's war bei all dieſen Reden? den See und ſingt ein Lied von der ſchönen Gräfin mit dem diamantnen Stern auf der Stirne. Ich weiß nicht, wie es Nacht wurde und wie ich eingeſchlafen. Ich erwachte und hörte das Lied von der ertrunkenen Gräfin. Es hatte mir im Traum geklungen, aber ſo wehmüthig, ſo tief. Alles, was ich erlebt, war mir wie ein Traum. Ich ſchaute zum Fenſter hinaus— ich ſah über den See, und drüben blinkte die goldene Schrift im Morgenſchein. Was ſollte ich thun? Sollte ich umkehren? Mein Pechmännlein war wohlauf, als er mich wie⸗ der ſo friſch ſah. Die Wirthin bot mir eine Abbil⸗ dung des Gedenkſteins an, die alle Reiſenden kauften. Mein Ohm handelte darum, und erhielt ſie um die Hälfte des geforderten Preiſes und ſchenkte ſie mir. Ich trage das Bild meines Grabſteins auf der Bruſt. Ueber ein zweites Grab mußte ich wandern. Ich ſah das Grab meines Vaters. Ich legte die Hand auf den Hügel, und in mir ſprach es: Du wirſt ver— ſöhnt ſein— ich ſühne und büße. Wie mich all' die Erinnerungsorte erſchütterten— ich kann nichts davon außzeichnen, es bricht mir das Herz. Ich fühle ohnedies ein ſtetes ängſtliches Herz⸗ klopfen. Ich will den Bericht abkürzen. Ich halte die Aufzeichnung nicht aus. Ich werde dieſe Blätter nie wieder anſehen... Wir wanderten nach dem Frauenſee; wir ſetzten über nach dem Kloſter. Ich ſah unter den Nonnen meine geliebte Emmy, die alljährlich zu meinem Grab⸗ Vielleicht fährt nach Jahren ein einſames Kind über Kind über en Gräfin ha ute zum nd drüben mich wie⸗ Abbil⸗ nſn e um die ſi mir. et Briſt ie Hand virſt ver⸗ terten— nir dos halte die litter nie ir ſetzte Nonnen 303 ſtein wallfahrtet. Ich betete mit ihr hier ſeit vielen Jahren zum Erſtenmale wieder in der Kirche. Was iſt denn für ein Unterſchied, ob man noch lebt oder todt iſt, wenn nur der Gedanke... Ich ſchreibe mit zitternder Hand weiter, aber ich Als ich das Kloſter verließ und wieder über den See fuhr, da wehte mich in der freien Luft doch wie⸗ der ein ſtarker Gedanke an: Ich büße frei! Das iſt mein letzter Stolz. Mein Wille hält mich ſo feſt, wie die Riegel im Kloſter, und ich— ich arbeite... Es mußte Alles ausgeführt werden, wie ich mir's vorgeſetzt. Ich ſah die ganze Welt noch einmal und nahm Abſchied von ihr. Wir wanderten nach der Reſidenz. Wie mich der Lärm und das Fahren erſchreckte. Als ich zum Erſtenmal wieder ein Seidenkleid kniſtern hörte, es war mir ein angreifender Ton. Und als ich die erſte Frau mit Modehut und Schleier ſah, drängte es mich, ſie anzuſprechen. Dieſe Menſchen aus der Bildungswelt gehören zu mir. Ich komme doch wie aus der Unterwelt wieder an das Sonnenlicht. An den Straßenecken las ich die Anzeigen. Iſt das noch dieſelbe Welt, in der ich lebe? Einer amüſirt den Andern, muſicirend, ſingend u. ſ. w. Man holt keine Lebensfreude aus ſich. Die Welt iſt ein Zuſammenhang. Du haſt ihn verloren. Ich ſah das Getreibe der Stadt aus einem kleinen Einkehrwirthshaus am Morgen. Die Häuſer da und dort— es iſt ein Stück Leben 304 von mir als Geſpenſt. Wenn die Menſchen wüßten— Es ſind Straßen da, die ich nicht kenne. Alles geht ſorglos an einander vorüber. Die Menſchen in der Stadt ſehen alle ſo verdroſſen aus; kein ſonniges, glückliches Geſicht iſt mir noch begegnet. Ich war in der Bildergallerie. Dieſe Luſt, mit dem Auge zu ſaugen; dieſer Rauſch von Farben, dieſe feierliche Stille! Ich ſah und hörte meinen alten Lehrer zu einem Fremden ſprechen: Nicht die hiſtoriſche Größe des Gegenſtandes und Umfanges giebt einem Kunſt⸗ werke ſeinen großen hiſtoriſchen Charakter, ſondern das, daß der Künſtler ſich auf den großen hiſtoriſchen Boden ſtellt, und uns darauf ſtelle; derſelbe Gegenſtand kann ſo oder ſo gefaßt, vergänglich und genrehaft oder hiſtoriſch bleibend und groß dargeſtellt werden... Wie berauſcht ging ich durch die Räume. Alle meine alten Freunde grüßten mich, ſie ſind, in ewige Farben gekleidet, treu und unverändert geblieben. Die Natur und die Kunſt ſind treu, das iſt ihre Kraft, aber ſie ſprechen nicht, ſie ſind nur da. Nein— die Natur allein iſt ſtumm, die Kunſt iſt die redende Natur. Der Menſchengeiſt ſpricht nicht durch den Mund allein. Mir war's, als müßte die Maria Aegyptiaca plötzlich den Kopf wenden und zu mir ſprechen: Kennſt du. mich jetzt? Mir wurde wirr und bang. Ich ſaß lang im Raphael-Saal wie in einer andern Welt, und das Schönſte, was die Erde getragen und die Schöne, mit der die reinſten Augen es erfaßt hatten, umgab mich. wüßten— en in der ſonniges, Luſt, mit ben, dieſe ten Lehrer ſche Größe n Kunſt⸗ hen Boden tand kann haft oder Ale neine ge Farben die Natun aber ſie die Natur tr. Der lein. Mn ötlich den ier anden und ragen Ein beglückender Gedanke ging mir durch die Seele: Durch die Kunſt werden die Menſchen zuerſt frei, da geht ein zweites freudenſchaffendes Leben an und— was noch größer— da iſt ein höchſtes Reich, da kann Jeder eintreten, wenn er berufen; der arme Sohn des Volkes ſpricht: In dieſen hohen ſeligen Räumen will ich und mein Geiſt wohnen— und er waltet hier ewig, in der freien Ahnenluft der Menſchheit. Da iſt Unſterblichkeit oder beſſer ewige Ungeſtorbenheit. Im Vaterhauſe der freien Kunſtſchöpfung iſt unendlicher Raum und ewige Heimath. Hier tritt ein, wer ſelig gelebt hat. Ich ſtand am Schloß. Die Fenſter waren vffen in den Zimmern, die ich einſt bewohnte. Mein Papagei war noch da in ſeinem goldenen Käfig und rief: Pfüt di Gott! Pfüt di Gott! Meinen Namen ſetzt er nicht hinzu. Er hat ihn vergeſſen. + Ich ſah ſeit Jahren zum Erſtenmal wieder eine Zeitung; ſie lag vor mir auf dem Tiſch. Ich konnte mich lang nicht entſchließen, ſie zu leſen; endlich that ich's doch. Da hieß es: „Seine Majeſtät der König ſind im Gefolge des Miniſter⸗Präſidenten von Bronnen(alſo Bronnen Miniſter), des Oberſtallmeiſter Grafen von Wildenort (alſo mein Bruder) und des Leibarztes, Geheimrath Doktor Sirtus(alſo mein hoher Freund Gunther iſt auch todt) zu einer ſechswöchentlichen Cur nach dem Seebad abgereiſt.“ Auerbach, Auf der Höhe. lII. 20 306 Wie viel ſagen mir dieſe wenigen Zeilen! Ich brauchte nicht weiter zu leſen.— Da ſtand aber doch noch: „Ihre Majeſtät die Königin ſind mit Seiner königlichen Hoheit dem Kronprinzen nach Schloß Sommerburg übergeſiedelt.“ Ich ging in der Stadt umher, ſtand an den Schau⸗ fenſtern der Kaufläden und ſah mir alle die Dinge an, die ich nicht mehr brauche. Da fand ich in einem Schaufenſter meine Schnitzereien ausgeſtellt.„Das iſt unſere Arbeit,“ rief mein Pechmännlein, ging keck in den Laden, fragte nach dem Preis und von wem die Arbeit. Wir hörten einen hohen Preis, und der Kauf⸗ mann ſetzte hinzu:„Dieſe Kunſtwerke— ja Kunſtwerke nannte er ſie— ſind von einer halbwahnſinnigen Bäuerin im Gebirge.“ Ich ſah mein Pechmännlein an. Er hatte entſetz⸗ liche Angſt vor mir, und ſein Blick bat mich, ich ſolle doch ja nicht da in der Fremde verrückt werden. In der That hatte er wohl Grund zu dieſer Angſt, denn bei aller Selbſtbeherrſchung mag meinem treuen Ge⸗ leitsmann mein ganzes Thun und Laſſen nicht geheuer erſchienen ſein. Ich habe mir einige kleine Gypsabgüſſe von griechi⸗ ſchen Gemmen gekauft; nun habe ich doch ewige Schön⸗ heitsmuſter vor mir. Es war ein Kunſtſtück, ſolche ſeltſame Dinge einzukaufen; ich wagte es auch nur in der Dämmerung. Ich ſah viele Geſichter, die ich kannte, aber ich p O len! Ich aber doch t Seiner echloß n Schau⸗ ie Dinge in einem „Dos iſt g kec in wen die der Kau⸗ unſtwerke nſinnigen te entſet⸗ ich ſolle den. In git, dem euen Ge⸗ t gehener ngich⸗ ge Si⸗ nut in aber ih ſchaute immer ſchnell weg.— Nur die gute Mamſell Kramer hätte ich gern angeſprochen; ſie iſt alt ge— worden, ſehr alt; ſie trug ein Buch mit dem gelblichen Schilde der Leihbibliothek in der Hand— wie viel tauſend Bände hat die Gute ſchon geleſen! Sie lieſt die Bücher weg, wie die Männer Cigarren rauchen. Ich ging nach dem Hauſe des Leibarztes. Das Hofthor ſtand offen, es iſt jetzt eine Fabrik darin. Die ſchönen Bäume ſind gefällt. Auf dem Haupte der Victoria am Zeughaus ſaß eine Taube mit glänzendem Gefieder.— Ich ſah die Figur ohne Augenglas ganz klar. Der Abend brachte mir ein reines Glück, das reinſte, das ich je empfunden und, wie ich glaube, noch je empfinden werde. Im Theater wurde Mozarts Zauberflöte aufgeführt. Ich ging hin mit meinem Pechmännlein. Wir ſaßen auf der oberſten Gallerie. Es waren wohl viele Menſchen im Theater: darunter gewiß auch manche, die ich kannte. Ich ſah Niemand. Ich ſah und hörte und ſchwebte nur im Zauber. Mitternacht iſt vorüber. Ich wohne mit meinem Pechmännlein in einem Fuhrmanns⸗Wirthshaus; ich kann nicht zur Ruhe kommen, ich muß feſthalten in Worten, was mir ward. Mozarts Zauberflöte— das iſt eine jener ewigen Schöpfungen, die im reinen Aether, im Jenſeits aller Leidenſchaft und alles Menſchenkampfes ſteht. Ich habe 308 oft gehört, wie kindiſch dieſer Text ſei; aber auf dieſer Höhe kann alle Handlung, alles Geſchehen, alle Menſchenerſcheinung, alle Umgebung nur noch allego⸗ riſch ſein. Die Schwere und Begrenztheit iſt abge⸗ ſtreift, der Menſch wird zum Vogel, zum reinen Natur⸗ leben, er wird zur Liebe, wird zur Weisheit. Das Kindliche, ja das Kindiſche des Tertes iſt einzig natur⸗ gemäß; nur überreizte Menſchen können das langweilig und geſchmacklos finden. Das iſt das letzte dramatiſche Werk Mozarts und er erneut ſein höchſtes Weſen, all' die Klangfülle in ihm wie in der Verklärung. Seine Einzelgeſtalten ziehen an ihm vorüber, werden neu, minder feſt und charak⸗ teriſtiſch, aber um ſo reiner und ätheriſcher. Es iſt da im beſten Sinne etwas Ueberirdiſches, wie es in den Menſchen und Dingen zerſtreut waltet und klingt, aber hier geſammelt und gebunden iſt. Der Einzugs⸗Chor der Prieſter iſt der Marſch der Humanität und der Chor„O Iſis“ die ſonnenhafte Friedensſeligkeit. Hier iſt das volle Paradieſesmärchen, ein Leben über der Welt, wohin nur die Muſik empor⸗ tragen kann, im freien, über allen Stürmen und Wet⸗ tern erhabenen Aether. Ich habe ſtundenlang darin geſchwebt, ich weiß nicht, wie ich wieder hernieder kam, und zahlloſe Ge⸗ danken umſchwirren mich. In dieſer Muſik iſt er⸗ habene Ruhe, ſelbſtbewußte, nichts von gedrückter De⸗ muth; da iſt unverwelklich blühendes Leben, nein der Duft der reifen Frucht. Mozarts letztes Werk hat einen Genoſſen in Leſſings 309 abet auf letztem Werk, in„Nathan der Weiſe.“ Weit weg über ehen, alle die zerriſſene kämpfende Welt ſchwingt ſich da die Seele h allego⸗ und lebt im reinen Jenſeits, in der poſitiv gewordenen iſt abge⸗ Frömmigkeit und Friedſamkeit, wo es nur noch ein en Natur⸗ Lächeln giebt für die Abquälungen der Menſchen in eit. Das ihrer Beſchränktheit und Endlichkeit. Der große Hort zig natur⸗ des Menſchenthums iſt nicht in eine Vergangenheit langweilig vergraben, er muß erſt aus der Zukunft geſchürft, ge⸗ bildet und geſchaffen werden. ts und er In„Nathan“ und„Zauberflöte“ ſind glänzende le in ihm Stücke des Geſchmeides; ſie beweiſen, daß die Selig⸗ en ziehen keit nicht ein Wahn, und wer in der wirklichen Welt nd charal⸗ die Ueberweltlichkeit nicht ahnend in ſich trägt, der Es iſt faßt das nicht. ie es in Solche Stunden gelebt zu haben iſt ewiges Leben. mlingt, Die drei Knaben ſingen gottesvolle Seligkeit. Wenn die Engel auf Rafaels Sixtina ſängen— das wären urſch der ihre Weiſen, in dieſer Tonregion bewegten ſich ihre Stimmen. Das ſind Klänge, die ich hören möchte in meiner Sterbeſtunde, ſo wonnig auflöſend. Wenn man nur die ungebrochene Fortſetzung ſolcher höchſten Wonnen der Empfindung haben könnte! Ich ſaß nach der Oper lange im Park, rings um nnenhafte zmärchen, ſik enpor⸗ und Vet⸗ ih 3 mich Nacht und Stille. lſ 6 So vollgeſogen von dieſer Muſik möchte ich hinaus⸗ it 3 fliegen in meine Waldeinſamkeit und nichts mehr von „ der Welt haben und ſtill vergehen; kein fremder Ton nei ſollte mich mehr berühren und ſtören. ng Ich mußte doch wieder in die Welt zurück. Leß 9 —— ——— 8. 310 Da ſitze ich nun in ſpäter Nacht, die ganze Welt liegt in Ruhe und Selbſtvergeſſen, ich bin wach in Ruhe und Selbſtvergeſſen. O ihr ewigen Geiſter, wer mit euch ſein und aus ſeinem Leben auch nur einen einzigen Klang, ein Wort hineinſprechen könnte in die Unendlichkeit! Dort in der Gallerie ſchauen Augen, ewig offen, auf die kommen— den und gehenden Geſchlechter und hier klingen Har⸗ monien und tönen nie verhallende Worte. O ihr Geiſter, die ihr aus der Kunſt die zweite Welt ſchafft! Die Welt, wie ſie iſt, ver⸗ wirrt uns. Ihr durchklärt ſie. Ihr ſeid die ſeligen Genien, die der Menſchheit fort und fort im goldenen Kelch den Wein des Lebens bieten, und er erſchöpft ſich nie, ſo viele Millionen auch daraus trinken. Ich verlaſſe tief ſchmerzlich dies ſchimmernde und klingende Reich der Farbe und des Klanges. Das allein entbehre ich. Nun noch die letzte Station. Wir wanderten nach der Sommerburg. Am Gitter des Parkes gingen wir hin und her.— Ich ſah die Hofdamen oben bei der Capelle unter der Hänge⸗Eſche auf den zierlichen Stühlen ſitzen und ſticken. Ach, wie manche ſitzt dort und iſt nicht beſſer als ich, und ſie ſcherzt und lacht und iſt glücklich und geehrt. Das iſt unſer Elend, immer betäuben wir uns und ſagen: Sieh' dich um, Andere ſind nicht beſſer als du. Jetzt erhoben ſie ſich und machten ihre Verbeu⸗ gung. Das Gitterthor wurde geöffnet, die Königin fuhr anze Welt wach in und aus ein Vort ort in der kommen⸗ ngen Har⸗ der Kunſt iſt, ver⸗ die ſeligen goldenen erſchöpft lmn Gitter ſah die ingeſche Ah, w und ſie Dos iſt d ſogen: du. Verbel⸗ igin fihr 311 heraus, neben ihr ſaß der Prinz. Sie ſchaute mich und das Pechmännlein an und grüßte. Mir vergingen die Augen. Ich weiß nicht— ſah ich recht? Die Königin ſieht heiter aus. Der Prinz iſt ein ſchöner Knabe geworden, er hat gehalten, was das Kind damals in der Wiege ver⸗ ſprach. Mein Pechmännlein unterhielt ſich mit dem Stein⸗ klopfer am Weg. Der lobte die Königin gar ſehr und ihr einziges Kind, den Kronprinzen. Alſo hat ſie nur ein einziges Kind— Ich war ſo müde; ich mußte mich am Wegrain niederſetzen. Da ſaß ich nun am Weg, wo ich einſt ſtolz vorüber fuhr. Immerhin! Es iſt gut, daß es ſo iſt. Mein Pechmännlein war glückſelig, als ich ihm ſagte: Jetzt geht's wieder heimwärts. Es mußte ihm doch bange um mich geworden ſein; er mußte ſich ſtill denken: die Leute haben nicht ſo Unrecht, die da be⸗ haupten, daß es mit ihr nicht ganz richtig ſei. Die mich nicht ſehen, halten mich für todt, und die mich ſehen, für verrückt. Ich war feſt entſchloſſen, wenn ich entdeckt würde, dem König und der Königin Alles frei zu ſagen und wieder ſtill in mein Aſyl zurück zu kehren. Jetzt iſt es beſſer ſo. Wir kehrten heim. Als ich wieder an unſern Berg kam und die erſten Heimath? Und doch— dieſe Abweſenheit macht mir ſie zur neuen Heimath. Ich lebe hier ein wirkliches Leben. Es iſt mir ein Stein vom Herzen, daß ich das nun aufgezeichnet habe. Es ſchwindelte mir oft, als ſtehe ich an einem Abgrund, während ich ſchrieb. Aber ich bleibe feſt. Ich ſehe dieſe Blätter nicht mehr an. Nun wieder die Hände fleißig gerührt und keine Reuegedanken mehr im Kopf! Die nächſte Minute iſt unſer, die jetzt rinnende kaum mehr und die ver⸗ gangene gar nicht. Es wartet viel Arbeit auf mich. Das iſt gut. Und meine Walpurga und die Kinder ſind ganz glückſelig, daß ich wieder da bin. Während ich fort war, hat Walpurga mein Zim⸗ mer blaßroth färben laſſen, geſchmacklos, und ich muß doch dankbar ſein. Sie glaubte auch, daß ich nicht wieder käme. Ich könnte dieſe Menſchen jeden Tag verlaſſen, und ſie ſind doch meine ganze Welt. Iſt das ſo, wenn ich einmal die Welt ganz verlaſſen werde? Mit Muth die Welt entbehren— ich glaube, ich habe das Wort einmal geleſen; jetzt verſtehe ich's, ich habe es aus mir, ich bin in der Ausführung. Nicht verzagt, nicht traurig. Mit Muth. Ich bin nicht mehr traurig, eine ſtille Sättigung in Entſagung macht mich frei. Schritte hinan ging, da fragte ich mich: Iſt das deine ſ das deine ſcht mir ſie ches Leben. ß ich das roft, als rieb. Aber mehr an. und keine Minute iſt die ver⸗ gut. Und glückſelig, nein Zim dich muß ich nicht ſen, und o, wenn ube, ich icht ättigung 313 Wenn ich hineinſehe in das Leben— wozu all das Mühen und Kämpfen und all dieſe Schranken bis zur letzten Schranke, bis zum Tod? Die Helden in der großen Geſchichte und mein Pechmännlein— ſie haben nichts vor einander voraus. Niemand hat ein ganzes, klares, reines, erfülltes Schickſal. Mein alter Jochem betete täglich, oft ſtundenlang, und dann ſchimpfte er wieder auf die Menſchen und auf ſein Schickſal; und ich ſah vornehme Frauen, die in Beethoven'ſcher Muſik ſchwelgten und ſchwärmten und gleich darauf gemein zankten. Es geht mir immer nach: Mit Muth entbehren. Dank dir, guter Geiſt, für dies Wort, wer du auch ſeieſt. Den Tag leben und ſich ihn nicht trüben laſſen, weil wir wiſſen, daß es Nacht wird. Mit Muth ent behren— das iſt Alles. Ich hätte nie geglaubt, daß ich ohne Glück, ohne Freude leben könnte. Jetzt ſehe ich doch, ich kann's. Glück und Freude ſind nicht die Bedingungen meines Lebens. Es liegt in unſerer Macht, die Seele heiter zu ſtimmen; ich meine ruhig, klar. Wie viel Jahre ſind es doch, welche die Hermione des Wintermärchens verborgen blieb? Ich weiß es nicht mehr. 3* Mir fallen jetzt immer bei der Arbeit die Weiſen und Klänge, die Einzelgeſänge und großen Geſammt⸗ ſtücke und die begleitenden Inſtrumente aus Mozarts 314 Zauberflöte ein. Sie umtönen mich aus der ſtillen Luft und tragen mich. Vor Allem der Zuruf: Sei ſtandhaft! mit den drei kurzen Noten D E D und dem darauf folgenden Trom⸗ petenſtoß erklingt mir immer und iſt mir wie ein gei⸗ ſtiges Wachſignal. Die höchſten Lehren ſollten nur in Muſik gegeben werden. Das dringt ein und haftet. Sei ſtandhaft!... Ich entwirre wieder am Räthſel des Lebens. Der Menſch darf nicht Alles thun, was er kann, wozu es ihn treibt; ſobald er ein Menſch iſt, muß er die Grenze ſeines Rechts erkennen, bevor er an die Grenze ſeiner Macht gelangt. Wie oft wurde dort am Hofe der Spruch erörtert: Recht geht vor Macht! Ich habe die Redensart im heißen Denken wieder eingeſchmolzen und neu geprägt. * Schön iſt die Sage vom Paradies. Da ſind die Menſchen hingeſetzt, Alles iſt ihnen geſtattet, ſoweit ihre Kraft reicht, ein Einziges nicht— und die Frucht lockt. Aber das Paradies iſt nicht. Das Thier allein hat das, was man Paradies nennt; es thut, was es vermag. Sobald ein Verbot da iſt, und der Menſch als ſittliches Weſen muß ein ſolches kennen, da iſt kein Paradies mehr, keine volle Freiheit. Ich meine ſo: Durch Ueberſchreiten der Grenze kommt das Selbſtbewußtſein. Es iſt das Genießen vom Baume der Erkenntniß. Von da an bereitet ſich dem Menſchen ſein Genuß nicht mehr von ſelbſt, er muß ihn ſchaffen, aus ſich, aus der umgebenden Welt, da der ſtillen it den drei den Trom⸗ vie ein gei⸗ ten nur in und hoſtet. bens. er kann, t, muß er er an die h erörtert: ensart in u geyrügt. ind die et, ſoweit die Frucht hier allein t„ wos e er Nenſch da iſ kein Gren ießen vn ſich den er m Welt, da beginnt ſein Ringen mit der Natur und mit ſich, ſein Leben wird zur That. Die Arbeit iſt die zweite Schö⸗ pfung, die Arbeit an ſich ſelbſt und an der Welt. Mein ganzes Denken iſt mir, als wäre es ein Lallen und Stottern am großen Worte der Erkenntniß. Ich ſehe jetzt die kleine Welt, die um mich iſt, und die ſogenannte große, die ich noch in Erinnerung habe, wie durchſonnt. Die Schranken erkennen, die Nothwendigkeit des Geſetzes, das iſt Freiheit. Ich bin frei. Ich habe recht gethan, daß ich wieder in der Welt war; oder finde ich nur, daß ich recht gethan, weil ich es als wohlgethan empfinde? Ich bin ſeitdem freier, ich bin nicht die arme Seele, die ſich wieder hinabge⸗ ſehnt hat auf die Welt, und ich lebe nicht in einer Hölle. Ich könnte wieder in die Welt zurückkehren, ohne mich vor ihr zu fürchten. Ich kann jetzt frei ent⸗ behren und ich entbehre kaum mehr. O wie eingebildet, daß wir glauben, die Andern bedürfen unſer. Ich bedarf auch keines Andern mehr. Es wird eine Telegraphenleitung an meiner Wald⸗ ausſicht vorbeigezogen. Da geht nun das große Welt⸗ getriebe an mir vorüber. Ich ſehe die Männer an den hohen Stangen auf den Leitern die Drähte aufwinden. Walpurga ſagt, meine Stimme klinge jetzt ſo rauh; ich fühle aber keinen Schmerz. Es kommt wahrſcheinlich davon, weil ich ſo wenig ſpreche; oft tagelang kein Wort. Ich trinke dieſe kühle, reine Luft jeden Mor⸗ gen wie einen Labequell, und das Blau des Himmels iſt hier oben viel intenſiver. Der Leibarzt ſagte mir einmal mit Recht, ich ſei eine unrhythmiſche Natur. Wäre ich's nicht, jetzt würde ich mein innerſtes Leben in melodiſche Worte faſſen— meine Gedanken haben eigentlich nur in Verſen ihre rechte Heimath, ſo voll, ſo ſelig, ſo erlöſt iſt es in mir. Hanſei iſt nun doch ſchon lange im Beſitz, aber er hat noch immer neue Dankbarkeit für Alles: daß er ſchöne Kühe kaufen kann, daß er ſchöne Schellen an⸗ ſchafft, das Alles macht ihn glücklich, und dieſe Dank⸗ barkeit im Glück giebt ſeiner rauhen Außenſeite eine innere Weichheit. (8. Auguſt.) Nach langen ſonnenloſen Tagen mit ſcheintodter Seele nun heut' dieſe klare Himmelsheiter⸗ keit über den beſchneiten Berggipfeln, auf den ſaft⸗ grünen Vorbergen und Thalgründen— ich möchte hin⸗ aus und frei ſchweifen im All; aber ich bleibe ſitzen und arbeite, meine Arbeit iſt mir treu geblieben in trüben Tagen, ich bleibe ihr treu in hellen. Nur zum Feierabend will ich wandern. Heut' iſt Goethe's Geburtstag. Ich glaube, Goethe wäre mir freundlich geweſen, wenn ich in ſeiner Zeit und Umgebung gelebt hätte. Es iſt doch ſchön, daß wir die Stunde wiſſen, gelang kein jeden Mor⸗ es Himmels ht, ich ſei jett würde te faſſen— nihre recht in mir. 8, aber et daß er chellen an⸗ ieſe Dank⸗ nſeite eine Lagen nit nelsheitet⸗ den ſaft⸗ töchte hin⸗ abe ſten lieben in Nur zum e, Goethe inet Zit wann er geboren wurde. Es war um Mittag. Ich ſchreibe das in dieſer Stunde, ſein gedenkend. Was er mir wol für mein verlorenes Leben ge⸗ rathen hätte? Iſt es ein verlorenes?— Es iſt nicht verloren. * Das war ein Siegesjubel: Franz iſt als Held vom Schützenfeſt heimgekommen. Er hat den beſten Gewinn, einen ſchönen Stutzen. An unſerem Haus prangt nun die vielfach zerſchoſſene Schützenſcheibe. Solch ein im Herbſt fallendes Blatt— wie viele helle Sommertage und laue Nächte führten ſein Wachs⸗ thum herbei, und was iſt es, da es am Baum hing, und jetzt, da es abfällt? Und was iſt das Ergebniß eines ganzen Menſchen⸗ lebens, auf wenig Sätze zurückgeführt? * Wie hoch liegt unſer Hof über dem Meeresſpiegel? Ich weiß es nicht, und mein Hanſei würde lächeln, daß man nach ſo etwas fragen kann. Man thut auf dem Fleck, wo man lebt, ſeine Schuldigkeit. Wie das ausmündet ins Ganze, in das große Meer auf der Erde und der Geſchichte der Menſchheit? Das fügt ſich ohne unſer Zuthun ein. Der Bach treibt die Mühle und wäſſert die Wieſe auf ſeinem Lebensweg, bis ihn das Meer verſchlingt, und von dort kommen die Wolken und die Wetter wieder heran und nähren den Bach. 318 Mit Allem, wozu ich erwachſen bin, was ich im Lauf der Jahre gelernt, geübt, gethan, gedacht habe, komme ich mir doch immer wieder wie ein Block Holz vor— ich weiß noch immer nicht, was aus mir wird. Wer macht mich zu etwas? Ich muß es ſelbſt. Ich habe eine ſchöne Arbeit bekommen, eine Arbeit, die bleibt, die nicht wandert und mich beſtändig freut, eine Arbeit für unſer Haus. Schon bei dem Neubau am Wohnhaus habe ich in Gemeinſchaft mit dem Zimmermeiſter dem Wohnhaus eine beſſere Symmetrie gegeben; die Laube, die rings ums Haus läuft, hat eine freiere Bedachung bekommen und die Bretter am Geländer angenehme Formen. Nun hat Hanſei oft davon geſprochen, welch eine ſchöne Alm aus ſeinem Hobzſchlag wird. Geſtern kam er heim und ſagte: „Ich hab's! Ich laſſe an der Berglehne die Bäume ſchlagen, und da hab' ich vier ſchöne Stämme ſtehen laſſen, juſt im Viereck, und da wird eine Almhütte hingebaut, und dann haben wir wieder eine eigene Alm; der Hof kann ohne eigene Alm nicht zurechtkommen. Es iſt freilich weit, wohl zwei Stunden Wegs iſt's hinauf, aber wir ſehen die Waldlichtung von hier.“ Er iſt ganz glückſelig, daß er das zu Stande bringt. „Und denke dir,“ ſagte Hanſei,„jetzt, wo man den vorderen Wald geſchlagen hat, jetzt ſieht man weit, gar weit, man ſieht unſern See von daheim. Es iſt freilich nur ein kleiner glitzeriger blauer Fleck, aber das ſieht Einen doch ſo freundlich an wie ein treues Auge von daheim, das Einen von Jugend auf — was ich in gedacht habe, Block Holz s mir wird. elbſt. eine Arheit, tändig freut, habe ich in Vohnhaus , die rings gbekommen Formen. welh eine Geſtern kam die Bäume nine ſtehen Alnhütte igene An; htlonnen. n hier.“ nde bringt. wo man ſiht man on dohein nur F n wie in ugend auf 319 kennt. Es war doch ſchön daheim! Aber es iſt noch ſchöner hier, und wir wollen nicht ſündigen.“ Ich habe nun Zeichnungen für unſere Alm ge⸗ macht. Mein Pechmännlein iſt ganz geſchickt, Alles zu ſchneiden. Wir zimmern und ſägen für unſere Arche Noah und ſind luſtig wie Lehrburſchen. Ich meißle auch zum Erſtenmal einen lebensgroßen Pferdekopf für den Dachgiebel. Ich war mit Hanſei droben, wo wir die neue Alm bauen. Mir iſt heut' nach dem erfriſchenden Berggang, als hätte ich den Anfang alles Weltlebens miterlebt: neuer Weg, neues Wohnhaus, wo nie ein Menſch vordem daheim war. Ich meine, ich habe nichts mehr zu er⸗ leben; mir iſt ſo frei, als wäre alle Erdenſchwere von mir abgelöſt. Am Morgen nach einer großen Anſtrengung, einem ermüdenden Berggang erwachen. Die Müdigkeit iſt verflogen und nur die Erfriſchung iſt noch da und da⸗ zu das Gefühl der Erprobung: du haſt Spannkraft, du kannſt dir etwas zumuthen. Und ringsumher grüßt dich dein vergangenes Leben, das du eine Weile verlaſſen hatteſt, nichts mehr beſaßeſt, als dich allein— ich kann mir die Friedſamkeit derer denken, die ſich das Erwachen zum ewigen Leben ſo vorſtellen können. Nichts iſt droben in der Almhütte, Alles noch kahl, nur in der Ecke hängt das Bild des Heilands und wartet einſam auf die Menſchen, die da kommen wer⸗ den. Es iſt und bleibt ein Segen für die Menſchheit, daß ſie das Bild eines reinen Menſchen hat, das ſie in die Einſamkeit und auf die Berge tragen kann. Eine ganze höhere Cultur, eine große Geſchichte nimmt damit Beſitz von der neuen Welt. Wenn nur auch die reine Erkenntniß des reinen Geiſtes ſich daran ſchlöße. ℳ October.) Jetzt, da es Winter werden will, muß ich immer an die einſame Almhütte droben denken. In meinen Träumen bin ich immer dort, allein, und er⸗ lebe Wunderbares. Ich meine, ich muß nächſtes Früh⸗ jahr hinaufziehen. Einen ganzen Sommer lang nur mit Pflanze und Thier, mit Berg und Bach, mit Sonne, Mond und Sternen— ich meine, erſt wenn ich das gelebt, habe ich ganz gelebt. Biſt du denn noch nicht geſättigt und begnügt, du unerſättliches, unbegnügtes Herz? Immer wieder Sehn⸗ ſucht nach etwas Anderem? Was iſt das? Ich muß Ruhe haben. Ich will. Wer, um glücklich zu ſein, nichts zu haben braucht als ſich ſelbſt, der iſt glücklich. Hier bin ich wieder ein erſter Menſch. Ein Menſch für ſich iſt rein, unbefleckt, und aus ihm kommt die Welt. Hier liegt ein Geheimniß. Ich will's nicht nennen. ommen wet⸗ e Menſchheit, hat, das ſie ragen kann. hichte ninnt des reinen will, muß denken. In in, und er⸗ chſtes Früh⸗ r lang nur mit Sonne, enn ich das begnügt, du ieder Sehr⸗ hen brancht und us mniß. 3 321 Es macht mich glücklich, daß ich noch höher hinauf ſoll, noch höher in die Berge, noch mehr Einſamkeit, noch ſtillere. Es iſt mir, wie wenn mich dort etwas riefe— es iſt keine Stimme, es iſt kein Klang, ich weiß nicht, was es iſt, und doch ruft's mich, zieht's mich, lockt's mich, komm, komm! Ja, ich komme. Ich weiß, daß ich nicht ſterbe. Eher zweifle ich, daß ich lebe. Die Welt iſt kein Räthſel mehr. Vom Berge aus überſchaue ich, wem ich Leid an⸗ gethan in meinem Leben: Dir, mein Vater, und dir meine Königin, und am meiſten mir. Von allen Dingen der Welt rächt ſich die Unwahr⸗ heit am meiſten. Damals, als ich dem König aus dem Kloſter ſchrieb, pochte ich auf meine Wahrhaftig⸗ keit und war doch durch und durch unwahr. Ich wollte eine That der Freiheit bewirken und eigentlich wollte ich ihm nur ſchreiben und mit meinem Freiheitsgefühl ſchön erſcheinen. Ich war ſtolz, daß ich der Alltags⸗ meinung widerſprechen konnte, und eigentlich wollte ich damit vor ihm glänzen als ſeine ſtarke Freundin. Er hat meine Mahnung abgelehnt und doch war ich's, die die Klöſter wieder aufſchloß. Die Unwahrheit rächt ſich. Nur wo man ganz wahr iſt, iſt Reinheit und Freiheit. Auerbach, Auf der Höhe. 11I. 21 322 — Wenn ich nur die Wonne in Worte faſſen könnte, die heut beim Sonnenuntergang mich durchzog. Jetzt ¹ iſt Nacht, und ſo gewiß die Sonne mir ins Antlitz leuchtete, ſo gewiß leuchtet ein Sonnenſtrahl in mir. Ich bin ein Strahl aus der Ewigkeit. Was ſind da Tage und Jahre? Was iſt da ein ganzes Menſchen⸗ leben?— Ich wußte nicht recht, was ich wollte, warum ich aus aller Gegenwart heraus immer ruhelos und ſehn⸗ ſüchtig nach der nächſten Stunde, dem nächſten Tag, dem nächſten Jahre ausſchaute, etwas davon hoffte, was ich nicht finden kann. Aber auch die Liebe war's nicht, ſie ſättigt nicht. Ich wollte im Augenblick leben, und konnte es doch nicht. Es war mir immer, als riefe mich etwas, als warte etwas draußen vor der Thür. Was war's denn? Jetzt weiß ich's. In mir ſein wollte ich, mich faſſen, mich in der Welt und die Welt in mir. Der Eitle iſt der eigentlich Einſame. Er hat immer eine Sehnſucht, geſehen, verſtanden, erkannt, bewun⸗ dert, geliebt zu werden. Ich könnte darüber jetzt viel ſagen, denn ich bin ſelbſt einmal eitel geweſen. Erſt in meiner wirklichen Einſamkeit habe ich die Einſamkeit der Eitelkeit über⸗ wunden. Es genügt mir, zu ſein. Wie weit ab liegt da alles Scheinen! ſen könnte, ſog. Jt ins Antlitz hl in mir. as ſind da Menſchen⸗ warum ich und ſehn⸗ hſten Tag, on hoffte, iebe wars blic leben, nmer, ls en vor der ich, nich nir. hat immel it, bwun⸗ n ich bin wirklichen leit ibe 323 Jetzt verſtehe ich die That meines Vaters. Er wollte mich nicht ſtrafen, er wollte mich nur wecken, zum Bewußtſein meiner ſelbſt bringen, und das Be⸗ wußtſein erlöſt, lehrt anders werden. Ich verſtehe die Aufſchrift in der Bibliothek meines Vaters: „Wenn ich allein, bin ich am wenigſten allein.“ Ja, im Alleinſein kann man ſich am beſten und reinſten verſenken ins Allſein. Ich habe gelebt und erkannt. Ich kann ſterben. Wer Eins in ſich iſt, iſt Alles. Was die Leute ſagen werden— in dieſen Worten liegt die Tyrannei der Welt, die ganze Entwendung unſeres Naturells, der Schielblick unſerer Seele. Dieſe fünf Worte herrſchen überall. Auch Walpurga ſteht unter der Herrſchaft dieſes Tyrannen, während Hanſei einen ganz andern Halt hat, den einzig richtigen— er weiß es nicht, wie der Leibarzt, aber er handelt ganz ſo wie dieſer. Der Menſch hat die einzige und erſte Pflicht, die Ruhe in ſeiner Seele zu wahren. Was draußen iſt, jenes entſetzliche„Was die Leute ſagen werden?“ hat ihn nicht zu kümmern. Dieſe Frage macht die Seele heimathlos. Thue recht und ſcheue Niemand, du kannſt ſicher ſein, daß du bei aller Rückſichtnahme auf die Welt doch die Welt nie zufriedenſtellſt. Wenn du aber deinen Weg gerade fortgehſt und dich nicht um — —— ——— 324 freundliche oder unfreundliche Blicke der Menſchen kümmerſt, dann haſt du die Welt beſiegt, ſie iſt dir unterthan. Mit der Frage:„Was werden die Leute ſagen?“ biſt du ein Unterthan der Welt. + Ich glaube jetzt zu wiſſen, was ich that. Ich habe keine Barmherzigkeit gegen mich ſelbſt. Hier mein volles Bekenntniß: Ich bin in Sünde verfallen— nicht gegen die Natur, nur gegen die Weltordnung. Iſt das eine Sünde? Da drüben ſteht der Wald von hochſtämmigen Fichten. Je höher der Wipfel ſteigt, umſomehr ſtirbt das Gezweige unten ab, es erſtickt. Der Baum im geſchloſſenen Wald, in Schirm und Schutz der Gemein⸗ ſchaft, lebt ſich nicht aus in allen ſeinen Auszweigungen. Ich wollte mich ausleben und doch im Wald ſtehen, in der Welt, in der Gemeinſamkeit. Wer ſich ganz und voll ausleben will, darf nur einſam ſein. In der Gemeinſamkeit der Welt ſind wir als Menſchen ſofort keine Naturgeſchöpfe mehr. Natur und Sitte ſind gleichberechtigt und müſſen zum Friedensſchluß miteinander gebracht werden. Und wo zwei Gleich⸗ berechtigte ſind, kann kein Einzelnes ſein volles Recht ausleben, es muß Conceſſionen machen. Hier liegt meine Sünde. Wer als Natur allein leben will, muß aus dem Schutz der Sitte ausſcheiden. Ich wollte das Eine und das Andere nicht ganz. So bin ich zerbrochen und zerſtückt. Mein Vater hatte Recht mit ſeiner letzten That. Menſchen ſie iſt dit die Lute 3h hobe Hiet mein gegen die das eine ſtämmigen nehr ſtirbt Baum in et Gemein⸗ weigungen. zald ſehen, ſich ganz ſein I Menſchen und Sitte densſchluß wei Gleich⸗ olles ſecht ill, nu den. icht gori Er rächte das Sittengeſetz, das ebenſogut menſchlich iſt, wie das Naturgeſetz. Die Thierwelt kennt nicht Vater, nicht Mutter, ſobald das Junge ſelbſtſtändig iſt. Die Menſchenwelt kennt ſie und muß ſie heilig halten. Das Alles iſt mir nun klar. Ich leide und büße gerecht. Ich war eine Diebin, ich ſtahl das Höchſte: Vertrauen, Liebe, Ehre, Anſehen, Glanz. Wie vornehm und erhaben erſcheinen ſich die zarten Seelen, wenn ein armer Schelm geſtohlen hat und dafür ins Zuchthaus kommt. Was ſind aber alle Beſitzthümer, die mit der Hand geſtohlen werden kön⸗ nen, gegen die unfaßbaren? Es ſind nicht immer die ſchlechteſten Menſchen, die vor Gericht ſtehen. Ich bekenne meine Sünde und büße ehrlich dafür. Daß ich heuchelte, daß ich verleugnete und be⸗ ſchönigte, was ich als Naturrecht wollte gelten laſſen, das iſt meine todeswürdige Sünde und für ſie büße ich. Gegen die Königin habe ich die höchſte Sünde be⸗ gangen. Sie iſt für mich die Vertreterin der ſittlichen Weltordnung, die ich verletzte und doch genießen wollte. Dir, meine Königin, dir, du Holde, Gute, Schwer⸗ gekränkte, dir beichte ich dies Alles. Wenn ich vor dir ſterbe— und ich hoffe das— ſollen dieſe Blätter dir, Königin, übergeben werden. Wir können nicht ganz Natur ſein. Wer ſeinem Naturgeſetz folgt, hat keinen Antheil an der geſchicht⸗ lichen Welt, kein Erbe; für ihn hat Niemand vor ihm 326 gelebt, ihm das Daſein vorbereitet, mit ihm iſt ſeine ganze Natur geboren und mit ihm ſtirbt ſie. Wer dem Naturgeſetz allein folgt und ſich einredet, er thue damit recht, der iſt ein Menſchheitsleugner; er leugnet, daß es eine Geſchichte der Menſchheit giebt, die nicht er allein repräſentirt, ſondern die vor ihm war, außer ihm iſt. Der Menſchheitsleugner iſt trotz allen Firniſſes doch nur der Wilde, er ſteht draußen, Alles was er von Bildung übt und trägt und genießt, hat er geſtohlen; er dürfte kein Lied ſingen, als das ihm ſelbſt in der Kehle liegt, wie dem Vogel das ſeine; der bringt ſein Gefieder und ſeinen Geſang mit, hat kein beſonderes Kleid und keinen beſonderen Ton, Alles an ihm iſt Gattung, Alles Naturgeſetz. Darin allein liegt Wahrheit. Und über aller Gerechtigkeit und aller Verpflichtung ſteht die Liebe, die den Geliebten und das eigene Selbſt der reinen Entfaltung ihres Weſens zuführt. Wehe, wer die göttliche Sendung der Liebe entweiht. Auch das Geſchick meines Vaters iſt mir nun klar. Er wollte für ſich leben, ſich vervollkommnen, und er hatte doch Kinder in der Welt und verlangte die Liebe und Anhänglichkeit dieſer Kinder. Er ſtarb an der entſetzlichſten Folge ſeines Lebens. Darum bin ich aber nicht unſchuldig, und er hat recht an mir ge⸗ handelt. Ich will mich in nichts und vor Niemand beſchönigen. hm iſt ſeine ſie. Wer Nt, er thue er leugnet, t, die nicht ihm war, ttrotz allen ußen, Alles enießt, hat ls das ihm das ſeine; gmit, hat Ton, Alles erpflichtung gene Selbſt . e entweiht. r mun klur. mnen, und rlangte de r ſurh on un bin ih an nir beſchbniln Ich will wahr ſein bis an die äußerſte Grenze. Das iſt mein Glück und mein Stolz. Nur was du in dir biſt, beſtimmt deinen Werth, nicht was du haſt. . Ich habe das Centrum meiner Seele gefunden. In dieſen Tagen iſt es mir immer und kommt mir, ich weiß nicht woher, der Gedanke, die entſetz⸗ liche Strafe meines Vaters ſei gar nicht geſchehen, er habe ſie nicht vollzogen, Alles ſei nur Einbildung meiner Phantaſie, meine Seele habe vorausgeträumt, daß ich das verdiente. Woher kommt das plötzlich und verläßt mich nicht? Ich weiß, ich weiß. Was auch geſchehen iſt, es iſt geſühnt. Es giebt eine Erneuerung des Lebens, eine Erlöſung aus uns heraus. Sie iſt mir geworden, ich fühle es, ich bin frei, ich kann zurückkehren in die Welt und die Binde von meiner Stirne löſen. In die Welt? Was iſt denn die Welt? Ich habe die Welt hier bei mir, in mir, und ich bin in der Welt und die Welt iſt in mir. Ich bin. Heute zum Erſtenmal habe ich wieder geſungen. O, wie wohl mir das that. Niemand hörte mich als ich allein. Kein Vogel ſingt für ſich, er ſingt ſeinem Lieb. Der Menſch allein ſingt für ſich und denkt für ſich und hat ſich allein in ſich. Die Morgenſtille war mir ſtets ſo lieb, jetzt ſetzt ſich mir die Morgenſtille den ganzen Tag fort. Der Bach drüben rauſcht oft plötzlich ſo laut, der Wind faßt ihn unverſehens und trägt die Schallwellen zu mir. GBei der Arbeit.) Wenn der Stoff ſpröde iſt, lernt man aus der Noth eine Tugend machen. Ich komme oft auf Veräſtelungen, die neue Schönheiten oder Ver⸗ unſtaltungen bedingen. Ich bringe aus einem Stück Holz oft Züge, die ich nicht wollte, und die ich wollte, werden ganz anders, weil eben das Stück Holz auch Herr iſt, nicht bloß meine Hand. Der gebenedeite Nothhelfer Firniß deckt Tugend und Fehler. Wir machen nichts; wir bilden, wir entdecken nur, was für ſich ſchon da iſt, aber ohne unſere Handreichung ſich nicht aus dem geſtaltloſen Chaos löſen kann. Ach, ich meine, ich verſtehe jetzt die ganze Welt und alle Kunſt und Arbeit. Ich fühle mich ſo im Unendlichen geſättigt. Ich weiß jetzt, wo der ganze Zwieſpalt zwiſchen dem Denken im Großen und dem Leben im Kleinen liegt. Hanſei, Walpurga, der König, die Königin, der Leibarzt, Emmy— was ſind ſie? Tropfen im Meer der Menſchheit. Ich vergeſſe ſie, ich denke mich ins Ganze. Das löſt die Liebe zum Einzelnen auf, das Begehren und Genießen hört auf, aber auch alle S denſchaft, alles Herzeleid. Und was biſt denn du? Was bleibt denn an dir? d jet ſett fort. ut, der Wind en zu mir, de iſt, lernt Ich komme n oder Ver⸗ m Etück ich wollte, Holz auch gebenedeite tdecken nur, andreichung kann. ganje Velt ich ſo in wiſchen den inn liegt nig igin, der nim Meer e nich ins auf, d Cei⸗ h ale mn an di Das Ganze, das Große, das All können wir erkennen, das Einzelne müſſen wir lieben, du kannſt nur das Nächſte lieben, und das Nächſte zu dir iſt Gott, der große Gedanke des MWeltgeſetzes. ℳ Walpurga iſt jetzt ſo beſorgt um mich; ſie kommt oft und es wie wenn ſie etwas ſagen wollte, ſie ſieht mich ſo ſeltſam an und bleibt doch ſtill. Sie kommt immer wieder darauf zurück; wie ſchön es dro⸗ ben auf der Alm ſei und wie ich da ſo ruhig und glücklich ſein werde. Sie möchte, daß jetzt die Berge ſchon vom Schnee befreit wären, ſie will mich fort haben und ſagt, ich würde geſund werden. Und ich fühle mich doch nicht krank. Sie ſagt immer: Du ſiehſt ſo glanzig aus. Kann ſein, daß etwas aus mir glänzt, weil ich gar ſo ruhig, fertig abgeſchloſſen von der Welt bin. Ich könnte jetzt nichts mehr von der Welt fürchten, ich könnte wieder unter den Menſchen leben, ich fühle mich frei, mich verletzt nichts mehr. ℳ Ich habe ein Verlangen, noch einſamer zu ſein. Finde ich da droben noch tiefere, verſchloſſenere, laut⸗ loſere Einſamkeit? Ich meine immer, es ruft mich, ein Wort ruft mich: mutterſeelenallein. O du gebene⸗ deite deutſche Sprache. Welch ein Segen iſt es, daß ich den ganzen Reich⸗ thum meiner Mutterſprache mühlos mit mir trage; und wenn es ſprudelt aus allen Orten und Enden des Denkens, ich immer ein Wortgefäß habe, um es 330 unterzuſtellen und die Gedanken aufzufaſſen. Ich meine, ich muß immer ſprechen und ſchreiben und jubeln über dieſen Beſitz und könnte gar nicht enden. Ich breche ab. Die geheimnißvollſten, traumhaften Ge⸗ danken ſind wie der Vogel auf dem Zweig: er ſingt, ſieht er aber dein Auge, das ihn beobachtet, ſo fliegt er davon. Ich erkenne jetzt genau die Jahreszeit, ja oft auch die Stunden daran, wie die Sonnenſtrahlen des Mor⸗ gens zuerſt in meine Stube und auf meine Werkbank fallen, beſonders mein Meißel vor mir an der Wand iſt mein Zeiger. Jetzt rieſelt's in Frühlingsſchauern durch die Bäume — ſo iſt's in mir. Mir iſt, als müßte ich noch eine neue Wonne erleben. Was iſt's? Ich will ſtill warten. Mir iſt ſo wunderſam, als würde ich mit dem Stuhl, auf dem ich ſitze, hinweggehoben und fliege, fliege und weiß nicht wohin. Was iſt das? Ich fühl's, ich lebe in der Ewigkeit. Und Alles ſtrömt mir zu, das Sonnenlicht und der Sonnenglanz, Waldesrauſchen und Waldesluft und alle Menſchen aller Zeiten, aller Formen— Alles iſt bei mir ſo ſchön, ſo durchſonnt. Ich bin. Ich bin in Gott. Wenn ich nur jetzt ſterben dürfte in dieſem won⸗ nigen Schweben, in dieſer Erlöſung und Auflöſung. Aber ich will noch leben, bis meine Stunde kommt. . Ich meine, djubeln über umhaſten Ge⸗ er ſingt, ſieht egt er davon. „ja oft auch en des Mor⸗ ne Verkbank nder Wond h die Bäume ch noch eine ſtill warten. ch mit dem und fliege, er Ewigkeit nenlicht und desluft und — Aes it ieſen won⸗ luflöſung nde komnt 331 Komm, du dunkle Stunde, wenn du willſt, du biſt mir licht! In mir iſt Licht, ich fühle es. O ewiger Geiſt aller Welten, ich bin eins mit dir! Ich bin geſtorben und ich lebe— ich werde ſterben und ich lebe. Alles iſt verziehen und ausgelöſcht— es war Staub auf meinen Flügeln— ich ſchwirre hinauf zur Sonne, ins All, in die Unendlichkeit. Singend werde ich ſterben, ſingend und die Seele ſo voll! Genug! Ich weiß, ich werde wieder trüb ſein, ſchwer, mich mühſam fortſchleppend; aber ich ſchwebte einmal in der Unendlichkeit, ich fühlte einen Strahl aus ihr in mir — ich werde ihn nie mehr verlieren. Jetzt möchte ich doch in ein Kloſter gehen; in einer ſtillen Clauſe, von der Welt nichts wiſſend, in mir fortleben dürfen, bis der Tod mich fordert. Aber es ſoll nicht ſein. Ich ſoll frei leben und arbeiten, leben mit meinen Nebenmenſchen und für ſie arbeiten. Das Werk meiner Hände und meiner Einbildungs⸗ kraft gehört euch; aber was ich in mir bin, iſt mein und mein allein. Ich habe Abſchied genommen von Allem hier, von meiner ſtillen Stube, von meiner Sommerbank— ich weiß nicht, ob ich wiederkehre; und wenn ich wieder⸗ kehre, wer weiß, ob mir nicht Alles fremd geworden. — 332 (Letztes Blatt, mit Bleiſtift geſchrieben.) Wenn ich geſtorben bin, ſo bitte ich, mich ſo zu begraben: In ein einfaches Leintuch gehüllt in einem ungehobelten Sarg und in die Erde geſenkt unter dem Apfelbaum am Weg nach meinem Vaterhaus. Man zeige meinem Bruder oder ſonſtigen Verwand⸗ ten ſofort meinen Tod an; ſie ſollen mich dort am Weg begraben laſſen. Mein Grab ſoll kein Stein bezeichnen, kein Name. n. mich ſo zu ült in einen kt unter den aus. gen Verwand⸗ lich dort am „kein Name. Achtes Buch. Erſtes Capitel. Gunther war entlaſſen. Satt an Erfahrung ſchied er aus dem zerſtreuenden Weltgetriebe. Es war kein Geringes, ein ſo lange eingewurzeltes und vielverzweigtes Heimweſen zu verpflanzen; es ge⸗ ſchah ohne Schädigung des eigenen Beſtandes. Die beiden reinen Götter: Liebe und Wiſſenſchaft, folgten Gunther über die Berge, und nichts von Groll haftete in ſeiner Seele. Der Ring ſchloß ſich. Wie von weiter weltum⸗ ſegelnder Fahrt kehrte Gunther wieder in ſeinen Aus⸗ gangspunkt zurück; er wußte, daß in ihm, in ſeiner Gattin und ſeinen Kindern ſelbſtändiges Leben genug war, um alles Veredelnde und Verſchönende aus ſich zu ſchöpfen. Wol fehlte die Atmoſphäre eines gebil⸗ deten Umkreiſes, wo man empfängt und bietet, und damit im höheren Gemeinleben athmet; aber er glaubte mit den Seinen die Probe zu beſtehen, entbehren zu können, ohne zu vermiſſen. Sofort nach ſeiner Dienſtentlaſſung hatte er den ehrenvollſten Ruf an eine große Univerſität erhalten. —— —— 334 Er lehnte ab. Seit Jahren hatte er ſich vorgeſetzt, dieſe und jene Lücke ſeines Wiſſens auszufüllen und im Aufriß niedergelegte wiſſenſchaftliche Arbeiten aus⸗ zuführen; ſchmerzlich ſah er oft, wie er aus dem Leben ſcheiden werde, unfertig in ſich und Begonnenes un⸗ fertig hinterlaſſend. Denn das iſt das Verſplitternde des Hoflebens, daß es die ſtetig ſich fortſetzende Ge⸗ ſammtſtimmung und geſchloſſene Gedankenkette hundert⸗ fältig durchreißt. Jeden Morgen mit der ganzen Feld⸗ rüſtung auf Wache ziehen, zu jeder beliebigen Stunde bereit ſein, alle Erörterung nur im geſprächſamen Ab⸗ ſprunge halten— ſolch ein Leben Jahrzehnte fortge⸗ ſetzt, führt zu einer Schädigung des inneren Weſens trotz aller Selbſtwahrung und Selbſtführung. Gunther hatte das Glück und die Kraft, aus ſeinem Hauſe und aus ſeiner Wiſſenſchaft kommend, immer mit neuer Friſche ausgerüſtet zu ſein; aber er ſah doch oft mit Schrecken, wie er einer Kleintheilung zu ver⸗ fallen drohte und allmälig ſein eigen Selbſt ihm ent⸗ wendet werden konnte; er ließ ſich ein Stück Unifor⸗ mirung gern gefallen, ja er erkannte ſie als nothwen⸗ dig und ſchön, weil darin ein guter Reſt jener geiſtigen und ſtaatlichen Disciplin lag, die die Menſchheit aus der Verzettelung in eitel unfügſame Perſönlichkeiten wieder zuſammen ſchließt. Aber Gunther hatte dabei die Phyſiognomie ſeines Weſens ſich ſtreng bewahren wollen, denn das betonte er oft: Wer ſich in ſeiner Weſenheit umſtimmen und verwandeln läßt, den hat die Welt beſiegt und getödtet, er lebt nicht als er ſelbſt fort. Arbeiten aus⸗ us dem Lehen gonnenes un⸗ Verſplitternde rtſetzende Ge⸗ kette hundert⸗ garzen Feld⸗ bigen Stunde ächſomen Ab⸗ ehnte fortge⸗ leren Weſens ng. aus ſeinen nend, immet et ſuh doch lung zu be⸗ bſt ihm en⸗ tück Unifor⸗ nothwen⸗ ner giſigen enſchheit aus örlicheiten hatte dabe hewohren ſch in ſeinet ſt, den hat ls e / 335 Die ſtrenge, ja faſt ſtarre Haltung, die man ſo oft an ihm bemerkte, hatte ihren Grund darin, daß er täglich aus einer fremden Welt an den Hof kam. Er war aber mild gegen die Oberflächlichkeit und bloße Gefälligkeit in dieſer Sphäre, denn er wußte, daß da, wo nicht in der Tiefe des Naturells oder der Bildung eine Quelle immer neu ſpeiſt, eine Herrichtung für den Tag und die Stunde nothwendig eintreten muß und der ganze Inhalt des Lebens überhaupt ſich in die Tagesbegebniſſe des geſchloſſenen Kreiſes auflöst. Gunthers ſogenannte Starrheit beſtand aber auch darin, daß er den Schwerpunkt ſeines Weſens nie aus ſich hinaus verlegte und damit, wenn die Stütze fiel oder brach, ſelbſt dem Falle nahe wäre; er ſtand immer feſt in ſich. Als nun unverſehens, wenn auch im Grund genommen nicht unerwartet, der Bruch eintrat, konnte er den Geheimrath ablegen, und der Doctor blieb. Gunther hatte jegliche Verſtimmung über den plötzlichen und jähen Sturz ſchnell verwunden. Es that ihm leid, die vielen Freunde in der Haupt⸗ ſtadt und vor Allem die Königin verlaſſen zu müſſen, ihr hätte er noch viel ſein können; aber er ſagte ſich wieder, wie es wol gut und nothwendig ſei, daß die Königin in ſich ſelbſt und ohne fremde Unterſtützung erſtarke. So war Gunther von der Hauptſtadt ausgezogen. Ein Neal ſeines Lebens hatte ſich ihm erfüllt: er wohnte wieder in dem Städtchen, wo er geboren war. Jetzt, da er bald in das ſiebente Jahrzehnt ein⸗ trat, betrachtete er die noch beſchiedene Lebenszeit als 336 Feierabend, nachdem er redlich ſeine Manneslaſt ge⸗ tragen. Er wollte ſoweit als möglich abſchlleßen mit ſeiner Erkenntniß, damit der Tod ihn nicht inmitten ſo vieles nur erſt Begonnenen überraſche. Schon vor Jahren hatte ſich Gunther in ſeinem Heimathsſtädtchen ein beſcheidenes Haus erbaut, das zur Sommerfriſche für ſeine Familie diente, ſo lange die Kinder noch im jugendlichen Wachsthum waren. Jetzt ſollte hier der letzte Ruhepunkt ſeines Lebens ſein. Frau Gunther und die Kinder hatten mit heiterm Sinn Abſchied genommen von der lang gewohnten Umgebung; ſie verließen Freunde und Freundinnen, die ihnen lieb waren, aber ihr volles Leben war im Hauſe, und dies Haus ging ſammt allem Sichtbaren und Unſichtbaren mit in das neue Daheim. Gunther hatte nur noch eine einzige Schweſter im Gebirgsſtädtchen. Sie war eine rüſtige Wirthin. Bru⸗ der Wilhelm war immer der Abgott der Familie ge⸗ weſen, und die Schweſter, ſowie die Mutter, ſo lang ſie lebte— der Vater, der Landarzt geweſen, war ſchon zur Univerſitätszeit Gunthers geſtorben— ge⸗ dachten immer des Wilhelm wie eines kühnen und glücklichen Seefahrers. Nun hatte die Schweſter mit ihren erwachſenen Söhnen und Töchtern geholfen, die neue Häuslichkeit behaglich herzuſtellen, und bald war das anmuthige Haus Gunthers der Mittelpunkt des kleinen Städtchens, faſt angeſehen wie das Schloß mit der königlichen Familie in der Reſidenz. Verehrung und Dankbarkeit ſtanden als unſichtbare Wochen vor dem Hauſe, und die Art, wie die Menſchen —— (7) — Slaſt ge⸗ zen mit tinmitten in ſeinen aut, das ſo lange m waren. hens ſein. erm Sinn mgebung; ihnen lieb und dies ſichtbaten weſter in in. Br⸗ milie ge⸗ ſo lang en, war — nen und eſter nit lſen, die hald war unkt de loß nit ſichtbare Nenſchen 337 ihre Schuhe reinigten vor der Thür und wie ſie ſich zuſammenfaßten bein Eintritt, zeigte deutlich, daß die Schwelle dieſes Hauſes nur von der Wohlanſtändigkeit betreten werden durfte. Die Roſenwirthin, die Schweſter Gunthers, ſtand in neuen Ehren, und als raſch nach einander zwei Söhne und eine Tochter derſelben ſich verlobten, wurde es als beſonderes und unſchätzbares Glück hervorge⸗ hoben, daß man mit dem Geheimrath verwandt wurde. Jeder Fremde, der ins Städtchen kam, konnte bald hören, welch ein berühmter Mann hier Bürger ſei, und wie prächtig es im Hauſe deſſelben beſtellt ſei. In Gunthers Haus war eine friedſame Luft wie in einem Tempel der Wiſſenſchaft und der Schönheit; es war ſchwer zu entſcheiden, wann es hier behaglicher war, ob im Sommer oder im Winter. Im Sommer freilich mochte man es weniger bemerken, wie die Men⸗ ſchen in dieſem Hauſe ſich das Leben zu verſchönen wiſſen; waren auch die Gärten an andern Häuſern nicht ſo wohl beſtellt, die Ruheſitze nicht ſo bequem und lauſchig, die Ausſichtspunkte nicht ſo künſtleriſch gewählt; das friſche Grün der Bäume und Hecken und die Fernſicht iſt doch auch im Nachbargarten dieſelbe. Im Winter aber, wo ſich's der Menſch daheim ſchön macht und nichts hat, als die Welt, die er um ſich gebildet und geordnet, da erſt zeigt ſich, was Menſchen aus ihrer Umgebung ſchaffen können, wenn Licht und Wärme in ihnen ſelbſt wohnt. Wenn ein Wanderer, durchfroren, von den ſchneeigen Bergen herab in das kleine Bergſtädtchen und plötzlich Auerbach, Auf der Höhe. 1lI 22 in das Haus Gunthers gekommen wäre, er hätte ſich dünken mögen, auf einer Inſel der Bildung angelandet zu ſein. Salve! ſtand über der Schwelle des Hauſes, deſſen Bauart eine Veredlung des landſchaftlichen Styles zeigte. Das Dach bog ſich weit vor, denn es iſt hier ſehr dafür zu ſorgen, daß ſich der Schnee nicht vor die Fenſter lagere; aber dieſes Schutzdach war mit ge⸗ ſchmackvollen Schnitzereien bekrönt. Die Treppe war mit überwinternden Topfgewächſen beſtanden, die Wände mit Gypsabgüſſen aus dem Parthenon geſchmückt, die Zimmer ſauber geordnet, jedes Stück Hausrath ſprach in ſeiner Anordnung aus: ich ſtehe am rechten Ort, und darüber hingen in guten Kupferſtichen die erwähl⸗ teſten Bilder, dazwiſchen Statuetten der großen Geiſter aller Zeiten und überall kleine Kunſtgebilde in Gyps, Marmor und Erz, die dem berühmten Arzt von Ver⸗ ehrern, vornehmlich aber von Verehrerinnen zugeſandt waren; im Städtchen fabelte man viel von zwei aus⸗ geſtopften Bären, die als wärmende Schemel auf dem Boden lagen und von einer ruſſiſchen Fürſtin geſchenkt worden waren. Die Wärme war nirgends eine jähe, vielmehr überall anmuthend, darin Menſch und Pflanze gleich⸗ mäßig gediehen. Schöne große Blattpflanzen waren an Fenſtern und in Zimmerecken angebracht. Auf einem Eckconſol ſtand, von Blumen umgeben, die Marmor— büſte Gunthers, wie ſie der Lehrer Irma's vor Jahren geformt hatte. Gunther war als berühmter Frauenarzt in vielfachem e — hätte ſich ngelandet s, deſſen les zeigte. hiet ſehr vor die mit ge⸗ ppe war ie Wände ückt, die h ſprach ten Ort, etwühl⸗ n Geiſter in Gyps, von Ver⸗ ugeſundt wei aus⸗ uf den geſchentt vielmehr varen an uf einem Marmor⸗ Johren elſachen 339 Briefwechſel mit Frauen aus den höheren Ständen. Allmälig kamen während des Sommers auch Viele und blieben, oft kürzer oft länger verweilend in dem Städtchen. Die Frau Roſenwirthin hatte neben ihrem Wirthshaus noch zwei Häuſer eingerichtet, die ſie unter ihrer ſtrengen Oberaufſicht durch zwei ihrer Kinder ver⸗ walten ließ, und hier wohnten die Fremden zu ihrer Heilung. Gunther übergab einem jungen Arzt, der die zweite Tochter der Roſenwirthin geheirathet hatte, einen großen Theil der Praxis und behielt ſich die Oberleitung. Das Städtchen ſegnete ſeinen berühmten und ſo vielfach wohlthätigen Bürger. In das Haus Gunthers wanderte immer das Beſte: von den Fiſchen aus dem Bach die ausgeſuchteſten, vom Wilde das beſte Stück, jedes Frühgemüſe, jede beſonders ſchöne Obſtfrucht wurde ihm ins Haus gebracht, und Frau Gunther hatte nur abzuwehren, daß das Haus nicht übervoll wurde. Selbſt die Dienſtboten des Hauſes ſtanden in Ehren. Seit man ins Städtchen gezogen, hatte man dieſelben Dienſtboten behalten, denn Alle beeiferten ſich, immer gefälliger zu werden; ja ſogar der Hund und das Maulthier Gunthers, das er ſich zu ſeinen Ge⸗ birgsfahrten angeſchafft, waren wohlgefällig betrachtete Erſcheinungen im Städtchen. Zweites Capitel. Es war im Vorfrühling. Frau Gunther und ihre beiden Töchter ſaßen am 340 Fenſter und arbeiteten, zu ihren Füßen ſpielte ein blond⸗ lockiges großaugiges Mädchen von bald fünf Jahren, das die drei Frauen oft mit innigem Blick betrachteten. Tante Paula ſchien die Bevorzugte, denn das Kind wendete ſich mit Fragen und Wünſchen weniger an die Großmutter und Mutter, als an Paula. Frau Gunther hatte ſich ſeit der Ueberſiedlung gar nicht verändert, ſie war noch ſo ſtattlich und fein und es war noch, wie Freunde in der Reſidenz behauptet hatten: jedes Kleid, das ſie trug, ſah aus, als ob es eben neu aus der Truhe käme. Die Wittwe des Profeſſors war etwas ſtärker ge⸗ worden. Paula war noch höher gewachſen, ganz das jugendliche Ebenbild ihrer Mutter. „Darf ich jetzt den Großvater rufen?“ fragte die kleine Cornelia, da der runde Tiſch in der Mitte des Zimmers mit dem zweiten Frühſtück hergerichtet war. „Noch nicht, aber bald,“ erwiderte Paula. Gunther war in ſeinem Arbeitszimmer, das ein⸗ fach eingerichtet war, mit der nicht großen aber aus⸗ gewählten Bibliothek und den ſchönen entſprechend vertheilten Bronce⸗Abgüſſen. Gunther ſaß an ſeinem Arbeitstiſche ſo ſorgfältig gekleidet, als müſſe er in der nächſten Minute bei Hofe erſcheinen. Er ſtand Sommers und Winters jeden Morgen unabänderlich um fünf Uhr auf und hatte bereits eine Tagesarbeit hinter ſich, wenn für Andere erſt der Tag begann. Nur in unumgänglichen Ausnahmefällen durfte man ihn des Morgens ſtören. Er ſchrieb viel. In der Reſidenz behauptete man, in blond⸗ Jahren, tachteten. das hind niger an lung gar fein und behauptet „als ob ärker ge⸗ ganz das ugte die ſitte des ſet war⸗ das ein⸗ ber aus⸗ prechend n ſeinen e er in r ſtand inderlih geuthei begam. fte man e man, 341 er ſchreibe die Denkwürdigkeiten ſeines Lebens, und er hatte ja viel zu erzählen; denn wer kannte wie er die innere Geſchichte der letzten und der jetzigen Regierung? Aber er glaubte ſich verpflichtet, ganz Anderes auf⸗ zuzeichnen. Aus der Naturforſchung, verbunden mit praktiſcher Weltkenntniß, ſuchte er die Wiſſenſchaft vom Leben aufzubauen. Oft durchdrang leiſe Röthe ſeine Wange und ſein Auge ſchaute unwillkürlich hinaus ins Weite, wenn ſich ihm ein Räthſel klärte; oft ſtand er auch auf, wie von innerſtem Kraſtgefühle getrieben und die Bruſt hob ſich ihm, wenn er inne ward, wie er frei von allen Rückſichten das innerſte Getriebe der Sitten und Charaktere bloslegte, wie ein phyſiolo⸗ giſches Präparat⸗ Aus den Fenſtern Gunthers, die aus großen un⸗ durchbrochenen Scheiben beſtanden, ſah man hinaus auf die weiten Berge. Weit oben war eine kleine Lich⸗ tung, mit bloßem Auge kaum ſichtbar, der Wald war nur abgebrochen und man ſah vom Freihof und ſei⸗ nem anſehnlichen Feldgebreite gar nichts, man wußte nur, dort iſt er. Und hier oben ſaß, arbeitete und grübelte Irma nun ſchon im vierten Jahr und hier unten ſaß Gunther an ſeinem Eichentiſch und ſchrieb an ſeinem Werke:„Zum Wiſſen vom Leben.“ Sein Blick ging oft nach den Bergen hinaus, er ahnte nicht, daß dort oben eine Seele am großen Räthſel des Daſeins ſich abhärmte, während er hier in fried⸗ ſamer Stimmung das Ergebniß ſeines Lebens zuſam⸗ menfaßte. Wenn er die Miſchung von Cultur und Natur und ihren ſchweren Ausgleich in den Verhältniſſen des Lebens und in den Charakteren erwog, dann ſtellten ſich ihm hundertfältig bunte Erſcheinungen dar; die Lebenden und die Todten waren gleich, nur was ſie von der ewigen Idee in ſich hatten, galt. Oft auch tauchte wie aus dem Morgenduft der Jugend herauf und dann in ihrer letzten ſo tief jammervollen Erſchei⸗ nung die Geſtalt Eberhards, auch Irma wurde von dem Geiſte der Erkenntniß beſchworen und mußte, ohne genannt zu werden, Rede ſtehen über die Gährungen im Gemüthe der Gegenwart. Heute hatte Gunther ihrer beſonders gedacht. Leiſe klopfte es jetzt an die Thüre Gunthers. Das Enkelchen trat ein und die Mienen Gunthers erheiterten ſich wunderſam beim Anblick des Kindes. Er hatte ſo viele Stunden nur im allgemeinen Denken, mit Erin⸗ nerungsbildern und Geſetzen gelebt, jetzt grüßte ihn das friſche heitere Kindesleben. Er ging mit der Enkelin in die Wohnſtube. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Brieſe und Zeitungen wurden erſt nach dem Eſſen zur Hand genommen. „Iſt Adolph pünktlich abgereiſt?“ fragte Gunther. Er erhielt ausführlichen Beſcheid. Der Sohn Gun⸗ thers, der die chemiſche Fabrik in der Hauptſtadt hatte, war auf mehrere Tage bei den Elterr zu Beſuch ge⸗ weſen; heute war er abgereiſt, aber Gunther hatte ſich ſchon am Abend vorher von ihm verabſchiedet. Es war eine Eigenheit,»aber eine wohlbedachte, daß er einen Abreiſenden nie in die Unruhe der letzten Stunde hineingeleitete; es kamen oft Beſuche, denn das Haus wor abe Ah ſtin ngen her. Gun⸗ atte, ge⸗ ſich 343 war ein gaſtliches in der beſten Bedeutung des Wortes, aber immer ſagte Gunther den Abreiſenden ſchon am Abend vorher Lebewohl; er ließ ſich ſeine Morgen— ſtimmung nicht entführen. Man war heiter beim Frühſtück, und Paula ſagte: der Frühling ſei ganz ſicher da, denn der Holzſchnitzer in der Nachbarſchaft habe ſeine abgetragenen Filzſchuhe zum Fenſter hinausgeworfen, und das ſei das ſicherſte Frühlingszeichen, viel ſicherer als die Ankunft der Schwalben. Nach dem Frühſtück nahm Gunther die Briefe vor; er erbrach keinen haſtig, betrachtete die vielen je nach der bekannten Adreſſe oder nach dem Abſendungsorte und wählte mit Ruhe aus, welcher zuerſt an die Reihe kam. Heute öffnete er vor Allen einen Brief mit dem Siegel des Staatsminiſteriums. Er war von Bronnen, der, ſeitdem er die höchſte Staatsſtelle bekleidete, mit dem alten Freunde in ununterbrochenem Briefverkehr ſtand; auch war er ſchon zweimal zu Beſuch bei Gunther geweſen. Gunthers Mienen wurden heiter während er las, und als er geendet und den Brief ruhig an die andere Seite gelegt, ſagte er: „Freund Bkonnen wird uns in den nächſten Tagen wieder beſuchen.“ Paula machte eine raſche Wendung, bückte ſich nieder und küßte ihre kleine Nichte. Gunther ſah das über den Brief hinweg, den er jetzt las. Nachdem er alle Einſendungen durchgeſehen, nahm er die Zeitungen vor. Er blieb ernſt; manchmal bezeichnete er Paula eine Stelle, die ſie vorleſen ſolle. „Man wünſcht ſich ſo oft,“ ſagte er,„ich meine ich habe Viele den Wunſch ausſprechen hören: nach dem Tode wieder einmal hinabſchauen zu können äuf die Welt; es iſt das aber auch nur eine Phraſe, die für tief gilt, weil ſie ſelten gehörig ausgemeſſen wird. Man hat, ſieht und verſteht doch nichts als die Welt, in der man lebt.“ Dieſer Ausſpruch kam ſeltſam heraus und Paula wollte eine Frage daran knüpfen, aber die Mutter winkte ihr, es zu unterlaſſen. Der Gedanke hatte ſich offenbar abgelöſt von einer Reihe von Folgerungen, die den einſamen Gelehrten beſchäftigt hatten. „Du mußt mir mehrere Briefe beantworten,“ ſagte Gunther zu Paula, die ihm Secretärsdienſte verſah, „komm!“ Aber ſchon als Gunther im Gehen war, brachte ein Extrabote einen Brief. Er war von der Königin. Gunther erbrach ihn und las die mit blauer Tinte ge⸗ ſchriebenen Bogen. **, den 5. April. In Ihrem Briefe iſt Bergluft. Wenn nicht viel⸗ leicht ein wiſſenſchaftlicher Stolz entgegen ſtände, ſo möchte ich bitten, daß Sie Ihre geſammelten Welt⸗ betrachtungen in Briefform geben möchten. Was ſich nicht in Briefform dargeben läßt, iſt noch nicht por⸗ tativ. Im Epiſtolaren iſt perſönliche Gegenwart des Schreibenden. Und glauben Sie mir, ich habe ein Recht, das zu ſagen, Sie können ſelbſt nicht ermeſſen, S. S — — — — — — — S ei he ni re n P hö ſel lu F di w de in da ba 345 wie Sie Ihre Ideen benachtheiligen, wenn Sie ſie derart ablöſen, daß ſolches auch ein Anderer geſagt haben könnte. Der Brief hat noch Stimme. Eben im Schreiben werde ich inne, daß ja auch Ihr Freund Horaz Briefe in Verſen geſchrieben und die Apoſtel bedienten ſich auch der Briefform. Es machte mir einen unheimlichen Eindruck, da Sie ſagen, die tauſenderlei Geſtalten des Lebens, die einſt vor Ihr Auge getreten, drängen ſich um Ihr Fahrzeug wie um Charons Nachen. Ich kann mir nicht denken, daß Sie uns nur ins allgemeine Schatten⸗ reich führen; Ihre Aufgabe iſt ja das Wiſſen vom Leben. Ich habe Sie gewiß mißverſtanden. Ich denke mir, daß Sie ganze Gruppen, ganze Epochen als Perſönlichkeiten faſſen und mit Ihrer, ich möchte ſagen hörenden Hand den Rhythmus ihres pulſirenden Da⸗ ſeins erlauſchen. Das iſt ſchön, daß Sie auch mein beſcheidenes Thun in den großen Gang der Menſchheitsentwick⸗ lung einreihen können. Ich ſehe recht wohl, daß dieſe Fürſorge für Wohlthätigkeitsanſtalten nur ein Epiſo⸗ diſches, nichts Ganzes iſt, aber ich vollführe ſie mit ganzer Seele. Das verdanke ich Ihnen. Wir können wiſſen, wie klein und halb unſer Thun; wir müſſen das Große und Ganze wollen und es im Kleinen und Einzelnen mit treuer Hingebung pflegen. Und ich finde in dem Wirken für Andere das beſonders Befreiende, daß es uns aus der Selbſt⸗Cultivirung herausführt. In der Selbſt⸗Cultivirung und Beſpiegelung halten wir uns bald zu hoch, bald zu nieder, ſind übermäßig zufrieden oder ebenſo unzufrieden. Nur das was wir leiſten können, giebt uns ein Maß unſeres Werthes. Ich frage mich oft, ob ich zu alledem im vollen Beſitz des Glückes gekommen wäre. Mein Sinn ſtrebte eigentlich nach einer andern Seite. Ich hatte Luſt, vielleicht auch Begabung, das Schöne zu pflegen, das Leben mit Feſten zu kränzen. Nun hat mich das Ge⸗ ſchick anders gewendet und es iſt gut. Wir ſollen nicht das Leben zum Feſt machen, ſo lang noch ſo viel Noth zu lindern iſt. Ich war ſo glücklich, die eine Krone zu tragen— ich muß auch die andere willig auf mich nehmen. Ihre Bemerkung, daß die Verzeichniſſe der Mit⸗ glieder wohlthätiger Anſtalten die eigentlichen und ein⸗ zigen Kirchenregiſter der neuen Zeit ſeien, hat mich anfangs ſehr erfreut, dann aber mußte ich wieder finden, daß ihr Männer des freien Gedankens doch auch terroriſtiſch ſeid. Die Kirche hat auch ihr Recht, wenn ſie nur nicht allein Recht haben, ſondern viel⸗ mehr beſcheiden als Gleiche unter Gleichen mit anderen Wohlthätigkeits- und Lehranſtalten ſtehen will. Ich bin durch mein Protectorat über die verſchie⸗ denen Wohlthätigkeits-Inſtitute nun auch mit Bürger⸗ frauen in perſönliche Beziehung getreten und finde un⸗ gemein viel gediegene Bildung und gute Haltung. Es hat, wie Sie ſich denken können, viel Mühe gekoſtet, mehr als blos zum Schein einige bürgerliche Namen anzuhängen. Miniſter Bronnen hat auch mir hierin wirkſamen Beiſtand geleiſtet. Ich habe auch eine lie⸗ benswürdige ebenſo beſcheidene als reſolute Jüdin in — —— beiſten 3 n Beſitz ſtrebte te Luſt, en, das das Ge⸗ t ſollen noch ſo ich, die e willig nd ein⸗ at mich wieder s doch n viel⸗ anderen verſchie Bürgel⸗ nde un⸗ ng. 63 gekoſet, Nanen hierin ine lib⸗ idin in 347 meinem Comité der Blindenanſtalt. Es iſt Frau*. Ich glaube, Sie haben mir einmal von ihr erzählt. Bei der letzten Prüfung der Blinden empörte mich der Geiſtliche, da er in ſeiner Rede den Blinden ihr Schickſal als weiſe Vorſehung pries. Ich konnte nur durch Nichtbeachtung ſeiner Anweſenheit ihm mein Miß⸗ fallen über dieſe ſalbungsvolle Barbarei kundgeben. Ich leſe jetzt viel Religionsgeſchichte. Wenn ich die Zeiten überſehe, iſt mir's, wie wenn ich an dem Waſſerfall ſäße, den wir ſo oft mit einander betrachtet. Da ſtürzt die ewige Fluth herab, es kommt immer neues Waſſer und das neue bildet ſtets dieſelben Rinn⸗ ſen, Wallungen, Quellungen, der Untergrund bleibt ſtets derſelbe, die Felſentrümmer behalten die Lage, die am erſten Tag der Erdbildung geworden, und mit der Zeit wachſen Gräſer und Blumen auf den Felſen— trümmern, Jahrtauſende höhlen da und dort eine ver⸗ änderte Richtung aus, oder ein großes Naturereigniß bricht neue Bahnen. Das iſt der Gang der Welt⸗ geſchichte. Wir ſind Tropfen, die hinabfließen, ſchäu⸗ men und brauſen. Ich ſehe, daß ich noch Einiges in Ihrem Brief zu beantworten habe. Sie wünſchen Mittheilung meiner Wahrnehmungen an den Wohlthätigkeitsanſtalten. Hier aber tritt Vortheil und Nachtheil meiner Stellung als Königin ein. Ich bin nie ſicher, ob mein Beſuch da und dort nicht doch voraus angeſagt iſt und ich treffe Vorbereitetes. Das Glück meiner Stellung iſt aber, daß ich ſchon durch meine Anweſenheit, durch eine Anrede, die Unglücklichen und Armen beglücken kann. 348 Ja, es iſt die nächſte Pflicht der ſo hoch Bevorzugten, ſich den Verlaſſenen zuzuneigen. Ein Gedanke beun— ruhigt mich aber noch immer: Dieſe Gemeinſamkeit der Erziehung und Verſorgung iſt gut und nöthig und vielleicht auch zweckmäßig, aber ſie entzieht den armen Kindern das Beſte, was eine junge Seele in ſich nährt: das Alleinſein. Sie finden, daß ich heiteren Sinnes geworden und wünſchen, daß dies nicht nur momentane Stimmung. Ich glaube auch, daß die Tonart meines inneren Lebens aus Moll in Dur übergegangen iſt. Aber die große Diſſonanz meines Lebens iſt noch dieſelbe. Glau⸗ ben Sie ja nicht, daß ich gewaltſam daran halte. Ich darf ſagen, tief in meiner Natur liegt jenes große Wort: Aergert dich dein Auge, ſo reiße es aus. Ich verſtehe das ſo: Findeſt du in deinen Neigungen und Beſtrebungen etwas, was dir und der Welt zum Aergerniß werden könnte, ſo ſei unbarmherzig gegen dich und halte es nicht für einen nothwendigen Be⸗ ſtandtheil deines Weſens, reiße es aus. Aber, mein Freund, ich kann das Aergerniß nicht finden. Ich muß den großen Schmerz meines Lebens tragen. Wie oft ſehne ich mich nach Befreiung; auch Er leidet und doppelt, als Schuldiger, da überfällt mich ſtets und jetzt eben, indem ich ſchreibe, ein Schauer— es ſteht ein Todesſchatten zwiſchen uns. Was wird ihn bannen können? Den 6. April. Für das Beſte habe ich Ihnen noch gar nicht ge⸗ dankt. Daß auch Sie Ihre volle Freude über die )„) vorzugten, ike beun⸗ einſamkeit öthig und en armen ich nährt: rden und tinmung. inneren Aber die e. Glau⸗ m halte. es große . 39 igen und elt zun ig gegen igen Be⸗ tiß nicht s Lebens ig; auch u ibe, e en1 Uns. Ayril nicht über de 349 conſequente freie Geſtaltung des Staates ausſprechen, iſt mir eine Labung ohne Gleichen. Ich leſe jetzt viel Gutes über die neue Regierung, aber ich las und hörte eben ſo viel Gutes über die alte und man will ja behaupten, es ſei kein Bruch geſchehen mit der alten, es ſei nur eine andere Tonart, aber dieſelbe Melodie. Warum nur die Menſchen ſo ſtolz ſind, ſich immer als die Unveränderten behaupten zu wollen? Doch immerhin! Wenn nur das Gute und Rechte geſchieht. Die Auflöſung der Garde wird in unſrer nächſten Umgebung als eine wahre Revolution angeſehen. Es wird mir erſt jetzt klar, welch eine privilegirte Kaſte es gab und das hielt ſich ſo ſelbſtverſtändlich und wir wußten kaum davon. Haben Sie noch in Erinnerung, wie ich Sie da— mals fragte, ob es in Wirklichkeit glückliche Menſchen auf der Welt gäbe? Ihr Leben iſt mir nun eine Ant⸗ wort und Ihr beſtes Glück beſteht darin, daß Sie nichts Unwahres zu vollführen haben, nichts, was Ihrer Einſicht und Ueberzeugung ungemäß iſt. Ich ſehe nun auch meinen Irrthum, daß ich Ihre Denkweiſe für die Philoſophie der Einſamkeit hielt. Sie halten den Einklang des Lebens feſt. Aber ich habe noch immer eine Furcht vor der Verflüchtigung der Wirklichkeit, wo die lebendigen Formen des bunten Menſchenſchwarmes verſchwinden und nur die Eſſenz ausgehoben wird, oder wenn ich recht verſtehe, in die Subſtanz aufgelöſt wird und aller Antheil am vollen Leben mit ſeinen Miſchungen in der Perſönlichkeit aufhört.— Ich kann nicht anders, ich muß ſelbſt in den In⸗ ſtituten Einzelne mir nahe bringen. Ich kann das Ganze fördern, aber ich kann nur das Einzelne lieben. Eine große Beruhigung gewährt es mir, wie Sie mir zeigen, daß es nie eine Periode der Geſchichte gab, die ganz mit ſich zufrieden war. Wir träumen uns ſo gern ein goldenes Zeitalter, aber das goldene Zeit⸗ alter iſt heute oder nie. Nun aber genug ins Weite. Ich erfülle gern Ihren Wunſch und erzähle Ihnen von Woldemar. Ich muß mich nur hüten, Ihnen nicht tauſend kleine Züge von ihm zu erzählen. Ich gebe mir Ihrer Mahnung gemäß alle Mühe, auf ſeine Fragen einzugehen, ſtatt ihn Unverlangtes zu lehren. Er hat viel Entſchiedenes in ſeiner Natur, in Zuneigungen und Abneigungen. Ich glaube, das iſt gut und laſſe ihn gern gewähren. Er hat vorherrſchend das Naturell des Königs. Dabei iſt der Sinn für Muſik beſonders wach in ihm. Ich glaube es hat ihm wohlgethan, daß im buchſtäblichen Sinne des Wortes ihm an der Wiege geſungen wurde, freilich von den Lippen jener Bildungsheuchlerin und jener Naturheuchlerin. Ach, lieber Freund, dieſe ſchwere Erinnerung wirft noch immer einen ſchweren Schatten in alles Denken und Schauen. Den 7. April. Nun hat das mühſelige Schreiben ein Ende. Wir kommen zu Ihnen, lieber Freund, Woldemar und ich, ich und Woldemar. 351 ſönlichkeit Ich habe es eben Woldemar erzählt, der ſogleich in entſchiedenem Tone hinzufügte: den In⸗„Aber Schnipp und Schnapp(das ſind ſeine beiden kann das Pferdchen) gehen auch mit.“ ne lieben. Nun alſo kurz: der König hat meine Bitte gewährt, wie Sie ich kann im Hochſommer zur Stärkung meiner Geſund⸗ ichte gab, heit auf vier Wochen mit Woldemar zu Ihnen kommen. men uns Es iſt bereits Befehl gegeben— Miniſter Bronnen ſoll ene geit das ſchon im Stillen angeordnet haben,— daß die 7 Meierei in Ihrer Nähe, ſie ſoll ſehr ſchön liegen, für le gem ein kleines Gefolge eingerichtet wird. ut. J An Goethes Geburtstag gehen wir diesmal mit eine Züge einander ſpazieren. uhnung Jetzt aber iſt der Brief groß genug, ich nehme en, ſut keinen neuen Bogen mehr. Wenn Sie, wie ich an⸗ ſchiedenes nehmen möchte, eine Macht über ihre Heimathberge iungen. haben, ſo laſſen Sie ſie recht heiter und wolkenlos epihnn ſein, wenn bei Ihnen und den Ihren ſein wird dabei Ihre Freundin n. J Mathilde. ſiblchn Nachſchrift. Bronnen war bei Ihnen. Er hat 8. mir viel erzählt und als ich nach Ihrer jüngſten Tochter 1 fragte, glaubte ich eine beſondere Bewegung in ſeinen 5n Mienen zu bemerken. Irrte ich mich? Empfehlen Sie † 3 mich Ihrer Frau Gemahlin und Ihren Kindern. Ich 1 Schotte hoffe, daß die Königin ſie nicht geniren wird. yri. . und ih, Drittes Capitel. Es ſcheint auch im ruhigſten Leben, als ob es Tage gäbe, an denen ſich die ganze Welt wie verabredet hätte, daß ein ſtörender Beſuch nach dem andern die Thüre in die Hand nimimt. Gunther hatte kaum Zeit, ſich in ſeinem Zimmer auf den Brief der Königin zu faſſen. Es iſt offenbar, daß der König hier etwas anlegt, um durch den ver⸗ abſchiedeten Freund einen Ausgleich zwiſchen ihm und ſeiner Gattin zu bewerkſtelligen. Gunther war bereit, mitzuwirken, aber in keiner Weiſe dadurch ſein Leben wieder ändern zu laſſen. Die Andeutung der Königin in Bezug auf Bronnen ſtimmte mit ſeinen eigenen Beobachtungen zuſammen, und jetzt eben hörte er— zum Erſtenmal in dieſem Jahr bei offenem Fenſter— Paula laut und hell ſingen, und in ihrem Ton lag ein Ausdruck von bräutlicher Stimmung. Er wußte, daß Paula des beſten Lebens würdig war, er konnte dem ſo hoch geſtiegenen Freunde und dem eigenen Kinde nichts Beſſeres wünſchen als ihre Vereinigung; aber auch wenn dieſe einträte, ſtand der Entſchluß bei ihm feſt, den Heimathsort nicht mehr zu verlaſſen. Gunther ſaß, ſtill vor ſich hinſinnend. Da meldete der Diener die Freihofbäuerin. „Nein, die Walpurga!“ rief es draußen und noch ehe der Diener die Rückmeldung brachte, drang Wal⸗ purga in das Zimmer. „Ach, Herr Leibarzt, Sie ſind unſer Nachbar? Ich hab' erſt vor einer Minute erfahren, daß Sie hier wohnen und es iſt doch kaum vier Stunden von un⸗ ſerem Hof. Ja, ſo iſt's hier herum, da lebt man in b e Tge den Einöden, von einander wie abgeſtorben.“ verabredet Sie ſtreckte Gunther die Hand entgegen, aber Gun⸗ ndern die ther raffte mehrere Papiere zuſammen und fragte: „Lebt Deine Mutter noch?“ n zinner„Leider Gottes, nein. Ach, wenn die es noch er⸗ lebt hätte, den Herrn Leibarzt wiederzuſehen, und wer weiß, ob ſie nicht noch am Leben wäre, wenn man in ihrer Krankheit Sie hätte rufen können.“ Walpurga weinte in der Erinnerung an ihre Mutter. Gunther ſetzte ſich und fragte: „Was iſt Dein Begehr?“ „Wie? Was?“ fragte Walpurga, ſich ſchnell die Thränen trocknend.„Und wie mir's geht, fragen Sie offenbar, h den ver⸗ ihn und or bereit, ſein Leben er hönigin n eigenen gar nicht?“ —„Du biſt im Wohlſtand und haſt Dich wenig ver⸗ nTon 10 ändert.“ Er vußt⸗„Erlauben Sie, daß ich mich ſetze,“ ſagte Walpurga er kont mit beklommener Stimme. n igenen Dieſer abweiſende Empfang des ſonſt ſo wohl⸗ reinigun wollenden Mannes traf ſie ſo ſchwer, daß ſie kaum ſchluß aufrecht ſtehen konnte. Sie ſchaute ſich wie verwirrt rlaſen. in der Stube um. Endlich ſagte ſie: „Und weiter hätten Sie mich gar nichts zu fragen? in. Nicht einmal, wo ich daheim bin jetzt? Und wie es 6 und wh meinem Mann und meinen Kindern geht?“ tung U„Walpurga,“ ſagte der Arzt aufſtehend,„laß jetzt Dein altes Comödienſpiel.“ lar! 3„Was— Comödienſpiel? Ich weiß nicht was— E hi Auerbach, Auf der Höhe. II. 23 das iſt? Was hab' denn ich mit Comödienſpiel zu thun?“ „Das gehört jetzt nicht hieher. Haſt Du mich etwas zu fragen oder mir ſonſt etwas mitzutheilen?“ „Freilich, deßwegen bin ich ja gekommen.“ „So ſprich.“ „Ja, mir hat ſich aber Alles im Kopf verwirrt, weil Sie ſo ſind. Mein Hanſei weiß nichts davon, daß ich zu Ihnen bin, und es ſoll auch ſonſt Niemand in der Welt etwas davon wiſſen, als Sie, Sie allein. Ich kann ein Geheimniß bewahren, ich hab's bewahrt, mir kann man vertrauen, ich bin verſchwiegen.“ „Das weiß ich!“ ſagte der Aut mit ſcharfem Tone. „Das wiſſen Sie? Woher? Das können Sie nicht wiſſen. Und ich ſag's Ihnen auch jetzt noch nicht ganz. Ich hätt's Ihnen vielleicht geſagt, aber nach ſo einem Empfang kann ich nicht.“ „Thu' ganz, wie Du es für gut hältſt. Sprich oder ſchweige, aber mach's kurz, ich habe nur wenig Zeit.“ „Da will ich lieber ein andermal kommen.“ „Ich kann Dich zu Plaudereien nicht annehmen. Sprich jetzt, was Du haſt.“ „Gut. Alſo, Herr Leibarzt... o lieber Gott, daß Sie mir nicht einmal eine Hand geben, ich komme nicht darüber hinaus, aber ich ſehe ſchon, ſo iſt's bei den vornehmen Herrſchaften; meinetwegen— ich weiß gott⸗ lob, wo ich daheim bin.“ „Laß Deine Redensarten,“ unterbrach Gunther noch ſchärfer.„Was haſt Du mir mitzutheilen? Soll ich Dir in etwas helfen?“ — nſpiel zu lich etwas verwirrt, 3 davon, Niemand ie allein. bewahit, n. em Tone. Sie nicht icht ganz. ſo einen 3 mehnen nne nicht 3 hei den veiß gei⸗ thet weh 355 „Mir? Mir fehlt gottlob nichts. Ich hab' nur ſagen wollen, draußen auf der Meierei, da wohnt der Unterförſter Steingaßinger, und ſeine Frau iſt die Staſi, mein Geſpiel, und die hat mir berichtet, ſchon anfangs Winter, daß der König den Sommer hieher kommen will, und da hab' ich nur ſagen wollen, daß der König ganz frei auf den Freihof kommen kann, wenn er mich beſuchen will. Ich hätte noch etwas zu ſagen, aber ich ſehe ſchon, es iſt beſſer, ich ſage nichts, ich möchte nicht einen Eid brechen.“ Gunther nickte. „Wenn der König Dich beſuchen will, werde ich ihm Deine Mittheilung machen.“ „Und kommt denn unſere gute liebe Königin nicht auch mit? Es hat mich oſt in der Nacht aus dem Schlaf geweckt aus Aerger und Verdruß, daß ſie ſich ſo gar nicht um mich kümmert, und ſie hat mir's doch ſo heilig verſprochen. Ich verſtehe nicht, wie es mög⸗ lich iſt, daß ſie ſo gar nicht mehr an mich denkt. Aber es iſt ſchon gut ſo. Und wie geht's denn meinem Prinzen? Und iſt's denn wahr, daß Sie in Ungnade ſind und verbannt vom Schloß und darum hier in dem kleinen Neſt wohnen?“ Der Leibarzt gab ausweichende Antwort und ſagte, daß er Anderes zu thun habe. Walpurga ſtand auf, aber ſie konnte nicht vom Fleck, ſie begriff nicht, was das iſt, und nur weil ſie ſich's vorher ausgedacht hatte, ſagte ſie noch, der Leib— arzt ſollte ſie bei Gelegenheit auch einmal beſuchen, und ob ſie wol die gute Frau Gunther auch noch auf 356 eine Minute ſprechen könne. Sie hatte die Hoffnung, bei ihr wenigſtens freundliche Aufnahme und eine Er— klärung für das abwehrende Benehmen des Leibarztes zu finden. „Geh' zu ihr,“ erwiderte Gunther; er wendete ſich ab, nahm ein Buch, und Walpurga verließ das Zimmer. Auf dem Hausflur ſtand ſie und mußte ſich be⸗ ſinnen, ob ſie nicht träume. Sie, die ehemalige Amme des Kronprinzen, wurde jetzt ſo angeſehen, als ob man ſie nie gekannt habe, und ſie, die Freihofbäuerin— ihr Stolz empörte ſich, da ſie an ihr großes Heim⸗ weſen dachte— ſie wird jetzt hinausgeſchickt wie ein Bettelweib. Sie wollte Frau Gunther nicht mehr ſprechen und ein tiefer Gram machte ihre Lippen beben, indem ſie denken mußte, wie gar ſo ſchlecht die vornehmen Men⸗ ſchen ſeien. Und da rühmt man dieſes Haus, und ſie ſelbſt hatte es einſt gerühmt, als ob lauter heilige Menſchen darin wohnten. Sie verließ das Haus, aber im Garten traf ſie auf Frau Gunther, die zurückprallte, als ſie Walpurga erkannte. „Sie kennen mich nicht mehr?“ ſagte Walpurga, ihr die Hand entgegenſtreckend. „Wol erkenne ich Euch noch,“ ſagte Frau Gunther, die dargebotene Hand nicht erfaſſend.„Wo kommt Ihr her?“ „Von meinem Hof. Ich bin jetzt die Freihofbäuerin und, Frau Geheimräthin, wenn Sie zu mir gekommen wären, ließe ich Sie nicht ſo draußen ſtehen. Ich Hoffnung, eine Er⸗ Leibarztes endete ſich s Zimmer. e ſich be⸗ wie ein echen und indem ſi men Mer⸗ us, und ter heilige af ſie auf Walpurg Walpurgl zo konnt ofbüuen gelonn hen. 357 thät' Ihnen ſagen: Kommen Sie herein in meine Stube.“ „Aber ich ſage es nicht,“ erwiderte Frau Gunther. „Ich lege den Menſchen, die nicht den geraden Weg gehen, nichts in den Weg, aber ich ziehe ſie nicht in mein Haus.“ „Wann bin ich denn nicht den geraden Weg ge⸗ gangen? Was hab' ich denn gethan?“ „Ich bin Euer Richter nicht.“ „Es kann Jedes mein Richter ſein. Was hab' ich denn gethan? Sie müſſen mir's ſagen.“ „Ich muß nicht, aber ich will. Ihr werdet es vor Euch ſelbſt zu verantworten haben, wie das viele Geld erworben iſt, von dem Ihr den großen Hof gekauft habt. Adieu!“ Sie ging nach dem Hauſe. Wolpurga ſtand allein. Die Häuſer, die Berge und Wälder und Felder ſchwammen vor ihr, und in ihrem Auge ſtanden ſchwere Thränen. Gunther hatte von ſeinem Fenſter aus Walpurga bei ſeiner Frau im Garten geſehen und an den zurück⸗ weiſenden Bewegungen wol gemerkt, daß ſeine Frau der Bäuerin die Wahrheit geſagt haben mußte. Jetzt ſah er Walpurga des Weges dahin wandeln, oft ſtille ſtehen und mit der Schürze die Thränen trocknen. Wenigſtens ehrliche Reue hat dieſes Weib aus dem Volk doch noch, dachte er für ſich, und immer wieder zeigt ſich die Verkettung des Uebels, daß die Verdor⸗ benheit auch Andere verderben muß. Nur ſchwer hatte ſich Gunther überzeugen laſſen, 358 daß Walpurga für ſchlimme herzigkeit Walpurgas geglaubt Er war entſchloſſen, eine 1 das Bernerwägelein geſpannt, ſchaute ſich wie zufrieden um, das Kind nachreichte. ſpiel zu ſein. Dienſte eine große S Geldes bekommen, aber es war gerichtlich feſtgeſtellt, 1 daß ſie in neugeprägtem Golde— wie nur die Fürſt⸗ lichkeiten ſolches verausgaben— das Gut baar bezahlt habe. Und eben weil Gunther an die einfache Treu— und ſein Wort dafür eingeſetzt hatte, war er um ſo empörter nächſte Gelegenheit zu ergreifen, Alles ins Klare zu ſetzen. Viertes Capitel. So fröhlich und ſtolz Walpurga am Morgen vom Freihof ausgefahren war, ſo traurig kehrte ſie am Abend wieder heim. Sie konnte ſtolz ſein, denn ſtattlicher kommt keine Großbäuerin daher. Franz, der ehemalige Cüraſſier, hatte das Schimmelfüllen gut einexerciert; und das ſchöne Pferd s ſonntäglich gekleidet Burgei kam und und demüthig die Bäuerin mit ihrem Töchterchen Hanſei der Mutter auf den Sitz half und ihr dann „Kommet geſund wieder heim,“ ſagte er, Du, Franz, nimm Dich mit dem Gaul gut in Acht!“ „Hat keine Gefahr!“ hatte Franz geantwortet, und der Schimmel ging ſo leicht, er tänzelte nur ſo daher in ſeinem Geſchirr, ſolch eine Fracht ſchien ihm Kinder— ße Sumne feſtgeſtellt, ar bezahlt ache Tre⸗ ort dafür en ſie. ſenheit zu rgen vom demüthig nnt kein war an ne Pzerd h gekleidet lun und ihr dann e,„nd in Whl“ rtet, und ſo daher m Kindel⸗ 359 Hanſei ſah Frau und Kind eine Weile nach, dann wendete er ſich und ging an ſeine Arbeit; er nickte nur Irma zu, die aus ihrem Fenſter ſchaute und Walpurga noch Lebewohl nachwinkte. 3 Walpurga fuhr dahin und hielt die Hand aufs Herz, als müſſe ſie das überquellende Glück zurückhalten. Was giebt es aber auch Beſſeres auf der Welt, als ein ſo wohlbeſtelltes Heimweſen zurücklaſſen, und dabei können die Leute ſehen, wie man daherkommt. Walpurga war aber auf noch etwas ſtolz, was die Leute nicht ſehen können. Sie hat mit großer Umſicht eine ſchwierige Sache zum Ausgleich gebracht: Morgen früh geht Irma auf die Alm und alle Gefahr iſt abgewendet. Es iſt keine Kleinigkeit, ſolch' ein Geheimniß einen ganzen Winter lang ſtill zu tragen, denn Irma hatte recht geſehen. Walpurga hielt ſie bei dem Gedanken feſt, daß ſie einen ganzen Sommer lang in noch tiefere Einſamkeit ziehe. Sie hatte vom Geſpiel erfahren, deren Mann es vom Oberförſter gehört hatte, daß der König nächſten Som⸗ mer in das Städtchen drüben kommen werde. Sie bangte um Irma. Und jetzt iſt die Sache noch ent⸗ ſchiedener. Der Mann des Geſpiels war auf die Meierei verſetzt worden, er hatte die Durchſchläge zu ordnen und die Herrichtung der Wege zu beaufſichtigen, die zur Ankunft des Königs bereitet wurden. Nun war noch mancherlei Geſchirr und Bequem⸗ lichkeiten zu kaufen, um ſie der Gundel und Irma mit auf die Alm zu geben, und Hanſei willigte ein, daß ſeine Frau ſtatt im benachbarten Städtchen, im 360 entfernteren die Sachen kaufe und dabei zugleich das Verſprechen löſe, das Geſpiel in ſeiner neuen Behauſung aufzuſuchen; zuletzt geſtattete er ſogar, daß ſie die kleine Burgei mitnehme, und ſo fuhr nun Walpurga mit vollgeſättigtem Herzen dahin und grüßte im nächſten Dorfe die Begegnenden und lächelte Allen freundlich zu, die ſie auf dem Weg erſchaute. „Ich möchte nur,“ ſagte Franz unterwegs,„daß wir ſo miteinander jetzt daheim am See um's Dorf fahren könnten; Alle, wie wir da ſind, ſind wir von daheim, ich, die Bäuerin, die Burgei und der Schimmel.“ Franz hatte ſich heute beſonders herausgeputzt, und ſein ganzes Geſicht glänzte, denn auch er hegte einen ſtillen Gedanken: er wollte im Städtchen einen ſilbernen Ring kaufen, um ihn ſeiner Gundel an den Finger zu ſtecken, bevor ſie auf die Alm zieht. „Hab' nur auf den Schimmel Acht,“ entgegnete Walpurga,„er iſt doch noch gar ſo jung. Und was iſt das für ein ſchöner Tag! Hier unten blühen aber die Kirſchen noch nicht, und das Bäumchen, das wir von daheim geſetzt haben, blüht heuer zum Erſtenmal. Haſt's nicht auch geſehen?“ Nein. Man fuhr ruhig weiter. Als man gegen das Städtchen kam, wo das Ge⸗ ſpiel wohnte, ſagte Franz, der viel mit Fuhren im Lande herumkam: „Bäuerin, der ſchöne Bach da, der kommt von dro— ben her bei unſerer neuen Alm; kaum einen Büchſen⸗ ſchuß davon kommt er aus dem Geſtein.“ ugleich das Behauſung e die kleine purga nit n nächſten freundlich egs,„daß uns Dorf wir von chimmel.“ utzt, und egte einen ſilbernen Finger zu entgegnete Und was ihen abet das wir tſtenmal das Gl⸗ uhren im von drl⸗ Büchſen⸗ 361 Walpurga lächelte; auf ihrem eigenen Grund und Boden entſpringt ein Bach, der weit durch's Land zieht. Ja, man ſollt's nicht glauben, was man Alles in der Welt noch werden und bekommen kann. Die Freude des Geſpiels bei der Ankunft Walpurgas war groß, und eine beſſere Lobpreiſerin hätte ſich Wal⸗ purga nicht wünſchen können. Sie behauptete, daß der König kein ſchöneres Pferd, keinen manierlicheren Knecht, kein lieblicheres Kind und keine beſſere Frau habe als Hanſei, und überall, wo ſie die Bäuerin umherführte, ſtanden die Arbeiter, die die Wege her⸗ richteten und Brücken bauten, eine Weile ſtill und ſchauten auf die ſtattliche Bäuerin und auf das Kind, das gerade wie die Mutter ausſah und auch gerade ſo gekleidet war wie ſie. Das Geſpiel richtete ein vortreffliches Eſſen, und Walpurga hatte Butter, Eier und Schmalz für lange Zeit mitgebracht. Walpurga war geehrt in der Amts⸗ wohnung des neuen Inſpectors, als wäre ſie die Königin. Endlich ging's ans Einkaufen im Städtchen, und Walpurga zeigte ſich ebenſo verſtändig als ihrer Stel⸗ lung bewußt. Sie kaufte von allem Angebotenen immer das Beſte und marktete nicht viel. Als man in die Meierei zurückkehrte, war Wal⸗ purga eben daran, dem Geſpiel etwas von ihrem Geheimniß mitzutheilen, um vor dem König deſto ſicherer zu ſein; da hörte ſie, welch ein Mann jetzt ſchon im vierten Jahr hier im Städtchen wohne. „O lieber Gott, das iſt ja mein beſter Freund,“ 362 rief ſie. Schnell übergab ſie das Kind der Freundin und eilte zu Gunther. Sie glaubte, das Herz müſſe ihr zerſpringen vor Freude, und ſie mußte vor dem Hauſe eine Weile niederſitzen, um zu Athem zu kommen. Als ſie aber wieder den Weg nach der Meierei zurückging, ſah ſie immer auf den Boden, ſie konnte das Auge nicht aufſchlagen, und das Entſetzlichſte war, daß ſie beim Geſpiel ausgerufen hatte:„Das iſt mein beſter Freund!“ Jetzt ſollte ſie erzählen. Sie brachte nichts her— vor, als: „Laß mich nur ſchweigen, was die Vornehmen für Menſchen ſind. Wenn ich zu reden anfange, werd' ich vor morgen nicht fertig, und wir müſſen fort, ſonſt kommen wir in die Nacht hinein.“ Je mehr nun das Geſpiel und ihr Mann den Leibarzt und deſſen Frau und Töchter lobten, deſto ſtiller und trauriger wurde Walpurga. Sie darf nicht ſagen, was man ihr gethan hat. Das hat man davon, wenn man ſich auf die Ehre verläßt, die Einem Andere geben ſollen. Noch als ſie weg— gefahren war, redeten das Geſpiel und der Inſpector miteinander, wie wunderlich und veränderlich Wal⸗ purga ſei; Walpurga aber war froh, daß ſie Nie⸗ manden mehr ins Auge zu ſehen hatte. Alſo ſo iſt's? Jetzt ſteigt etwas auf, an das man gar nicht mehr gedacht hat.„O liebe Mutter,“ ſagte ſie einmal laut vor ſich hin,„Du haſt Recht ge⸗ habt, Alles auf der Welt muß bezahlt werden. Jetzt rFreundin Herz miſſe e or dem Athen zu ſie konnte ntſetzlichſt tte:„Das ſichts het⸗ ehnen für werd ich ort, ſonſt Nann den ten, deſo Sie darf Das hat verläßt, ſie weh⸗ Inſpector ich Vul ſe Ni⸗ Aſo ſe nan 9or ſahte ſecht 9“ n. Jit 363 muß das Gold von damals auch bezahlt werden, aber wie?“ Sie ſetzte ihr Kind, das neben ihr ſaß, auf den Schvoß, als wäre es das Einzige, was ihr geblieben; ſie herzte und küßte das Kind und es ſchlief an ihrem Herzen ein. Auch ſie wurde ruhiger, obgleich ſie lebhaft ſpürte, was ihr angethan worden und wer weiß, was ſie noch erleben muß? Damals, als ſie daheim die Häſſigkeit der Dorfleute erfahren, konnte ſie ſich deſſen getröſten, daß das einfältige, uneinſichtige Menſchen ſeien. Aber jetzt? Was kann ſie jetzt ſich zum Troſte ſagen? Und ſoll's jetzt wieder kommen, daß ſie ſo lang ganz verſtört ſein ſoll? Und ſie hat Niemand, dem ſie davon Kunde geben darf.— Die Mutter iſt nicht mehr da, und Hanſei darf nichts wiſſen, und die Irm— gard erſt gar nicht. Es dämmerte bereits, als ſie endlich ihr Heim an— ſichtig wurde. Sie faßte ſich: „Es iſt beſſer, ich laſſe jetzt, bis ich ſterbe oder meinetwegen bis ſie ſtirbt, den Verdacht auf mir ruhen; dann kommt Niemand zu uns und ich brauche nicht in Angſt zu ſein um meine gute Irma, die viel ſchwerer zu tragen hat, und gottlob, daß ich nichts von dem Geheimniß verrathen habe, und doppelt gut iſt's, daß ſie jetzt in die Einöde dahinauf kommt, wo Niemand ſie findet.“ Mit feſtem Muth kehrte ſie in ihr Haus zu ück und erzählte Hanſei nur von ihrem Beſuch bei ihrem Geſpiel. „Ich habe bisher Alles allein getragen, ich will's weiter tragen,“ ſagte ſie ſich. 364 Mit großer Selbſtbeherrſchung zeigte ſie eine heitere ſt Miene vor Hanſei und Irma, und tummelte ſich mit † ihrem Knaben, dem ſie ein hölzernes Pferdchen mitge⸗ bracht hatte. Fünftes Capitel. Es war ein unruhevoller Rüſtabend, Hanſei hatte viel zu thun, aber immer wieder machte er ſich bei den Kuhſchellen zu ſchaffen, er hörte den Ton gar zu gern, denn er hatte ein gut abgeſtimmtes Glockenſpiel gekauft, und Irma hatte es am Tage heut', da er es ihr zeigte und erklingen ließ, gar ſehr gelobt. Man ging früh zu Bette, denn am andern Morgen mußte man lang vor Tag auſſtehen. Hanſei war eingeſchlafen. Da erwachte er und hörte Walpurga weinen und ſchluchzen. 3„Um Gotteswillen, was iſt?“ „Ach, wenn meine Mutter nur noch am Leben wäre!“ klagte Walpurga.„Wenn ich nur meine Mutter noch hätte!“ „Thue das nicht. Weine jetzt nicht mehr. Das 1 iſt eine Sünde.“ u „So? Um die Mutter trauern iſt eine Sünde?“ „Es kommt d'rauf an, wie man trauert. Ich hab' oft gehört, ſo lange der Boden auf dem Grab noch offen iſt, darf man weinen um ein Geſtorbenes, da ſchadet's dem Todten nicht und den Lebenden auch nicht; wenn aber Gras über das Grab gewachſen eine heitete elte ſich nit chen nitg⸗ unſei hatte er ſich bei on gar zu lockenſpiel , da er es bt. rn Morgen e er und am Leben ne Mutter üinde!“ ert. 30 en Gnb ſtorbenes Lebenden geracſu 365 iſt, darf man nicht mehr mit Weinen an ein Ver⸗ ſtorbenes denken. Man ſagt im Sprichwort: man macht ihm die Kleider in der Ewigkeit damit naß. Verſündige Dich nicht, Walpurga, Deine Mutter hat ihre Jahre ausgelebt, und ſo iſt es einmal in der Welt, die Eltern müſſen vor den Kindern ſterben, und ich wünſch', daß unſere Kinder uns auch nicht vergeſſen, aber wenn die Zeit um iſt, nicht mehr mit Weinen an uns denken. Jetzt aber— warum läßt Du mich ſo viel reden? Hab' ich recht oder nicht? Warum biſt Du ſo ſtill?“ „Ja ja, ſollſt recht haben. Aber ich bitt' Dich, frag' mich jetzt nichts mehr; ich habe eben vielerlei Ge⸗ danken. Gut Nacht!“ „Gut Nacht, und ſag' auch Deinen unnöthigen Gedanken gut Nacht.“ Ein flüchtiges Lächeln zog über das Angeſicht Wal⸗ purgas, da Hanſei ſie ſo gut anrief, dann aber über⸗ fiel ſie wieder Wehmuth, Verzweiflung und Verlaſſen⸗ heit. Sie hatte nach ihrer Mutter geweint, die das Geheimniß Irmas mit ihr getragen hatte und mit der ſie davon reden konnte. Jetzt wälzte ſich eine neue Laſt auf ihre Seele und drohte ſie zu erdrücken und Riemand auf der Welt kann ihr helfen. Jener Abend da ſie im Schloßhof geſtanden, als wäre ſie in den Zauberberg geholt, ſtand plötzlich vor ihrer Seele und die ſteinernen Männer im Halblicht ſtarrten ſie an. Sie hatte einen goldenen Schatz von dort mitgenommen, aber was haftete daran? Die erfahrene Unbill nagte am Herzen.„So ſind die 366 Vornehmen,“ knirſchte ſie,„ſie verdammen ungehört. Ich könnte mich rechtfertigen, aber ich will nicht.“ „Iſt Dir's vielleicht nicht recht, daß unſere Irm⸗ gard auf die Alm zieht?“ fragte Hanſei nach geraumer Weile. „Ich hab' gemeint, Du ſchlafſt ſchon lang,“ er⸗ widerte Walpurga.„Nochmals ſchlaf wohl.“ Sie dachte, wie es ſein wird, wenn Hanſei erfährt, was man ihr nachſagt. Wie wird er's ertragen? Und iſt es nicht wie ein Wunder, daß man bisher nichts davon erfahren hat? Alle Ehre vor den Menſchen verwandelte ſich ihr plötzlich in Schande. Ihre beſondere Gabe, ſich aus⸗ zudenken, was die Menſchen da und dort reden und meinen, wurde wieder zur Qual, und Alles verwirrte ſich ihr in halbwachem Traumgeſicht. Sie richtete ſich auf und griff nach ihren Kleidern, ſie wollte zu Irma, ihr klagen und ſich das Herz er⸗ leichtern. Aber raſch kämpfte ſie den Vorſatz wieder nieder. Wie willſt du der Büßenden das auferlegen? Sie hat die Kraft, für geſtorben zu gelten in der Welt und ſich Alles zu verſagen; wie ſo wenig, wie ſo gar nichts iſt das, was du dagegen zu erleiden haſt... Und muß nicht auch die Königin unſchuldig leiden? Muß nicht Eines auf der Welt leiden für das Andere?.. Eine Kraft, wie ſie ſie noch nicht gekannt hatte, erfüllte ſie plötzlich. Sie wollte für Irma leiden, ihr Ehrengewand opfern, um der Büßenden Schutz zu ge⸗ währen. n ungehört. nicht.“ inſere Irn⸗ h geraumer lang,“ et⸗ 60 nſei erführt, tagen? Und isher nichts lte ſich ihr „ ſich aus⸗ reden und s verwirrte nKleidern, s Herz el⸗ ſatz wiedet nuſerlegen en in der wenig, vi zu erleiden nn nn fit d leiden, ih hutz iu g⸗ 367 Sie dankte dem Geſchicke, daß der Leibarzt ſie hart behandelt hatte; wie wär's, wenn ſie bei freundlichem Empfang doch etwas verrathen hätte? Die Elemente, die ſich in Walpurga gemiſcht hatten, bald in Gährung bald in Ruhe waren: das ſtille Leben daheim, das unruhige am Hofe, die Eitelkeit, die Ehre, die Demuth, der Stolz, die Freude am Beſitz, die Luſt, etwas zu gelten, Alles regte ſich durcheinander und endlich kam die Klärung. Was haſt du denn noch für Irma gethan? fragte ſie ſich. Gar nichts! Du haſt ſie neben dir leben laſſen. Jetzt war ſie bereit, um ihretwillen in Unehre zu ſtehen. Nicht was man in der Welt gilt, ſondern was man in ſich werth iſt, iſt die Hauptſache. Das ſtieg ihr im dämmernden Denken auf und ſie athmete frei. Als ſie ſich endlich ruhig in die Kiſſen zurücklegte, war's ihr, als ſtriche die Hand ihrer Mutter ihr über die Stirne. Sechstes Capitel. Draußen war eine milde Frühlingsnacht. Irma ſaß am Brunnen und ſchaute hinein in den funkelnden Sternenhimmel. Es war ihr wunderbar zu Muthe, daß ſie nun wiederum wandern ſollte. Morgen früh geht's auf die Alm, um dort einen ganzen Sommer zu verleben. Wie wird es dir ſein, wenn du wieder hier ſiteſt und den Brunnen rauſchen hörſt in der Nacht? ———— 368 Da vernahm ſie aus der dunklen offenen Stallthür ein Geflüſter. „Ja, Gundel, die Bäuerin hat auch Aprilwetter im Kopf; auf der Hinfahrt war ſie ſo luſtig und auf der Heimfahrt wie wenn ſie Schläge bekommen hätte. Sie war bei dem großen Doctor, und da muß ihr was geſchehen ſein. Aber was geht uns jetzt die Bäuerin an? Sie hat Pfannen und Töpfe gekauft und ich was Beſſeres. Gieb einmal Deine Hand her. So, das ſilberne Ringlein ſteck' ich an Deine Hand und hab' Dich damit mit Leib und Leben eingeſchirrt und Du biſt mein. Jetzt kannſt Du in die Welt hinaus⸗ ſpringen und auf alle Berge hinauf— ich hab' Dich doch.“ Man hörte ſchmatzendes Küſſen, und Gundel ſagte endlich: „Du kommſt aber doch auch manchmal hinauf auf die Alm?“ „Ja freilich,“ und dann gab es wieder leiſes, un⸗ verſtändliches Flüſtern. „Horch, ſchau,“ ſagte Franz plötzlich.„Dort ſitzt die Baſe Irmgard, die hat Alles gehört.“ „Das hat nichts zu ſagen, ſie weiß Alles, und das iſt gut, da kann ich doch den Sommer über mit ihr reden. Komm, wir gehen zu ihr, wirſt ſehen, wie gut die iſt.“ Sie gingen zu Irma. Dieſe gab Beiden die Hand und ſagte: „Laßt eure Liebe ſein wie dieſer Brunnen, rein und friſch und unerſchöpflich.“ en Stallthür Aprilwetter ſtig und auf mmen hätte. da muß ihr ns jetzt die gekauft und d het. So, Hand und eſchirrt und gelt hinaus⸗ h hab Dich undel ſogte hinauf auf leiſes, Un⸗ „Dort ſit Ales, und er über m ſehen, w oI nnen, n 369 Sie tauchte die Hand in den Brunnenſtrahl, den der Mond durchglitzerte, und beſpritzte die beiden Lie⸗ benden mit dem Waſſer. „Das iſt ſo gut, wie aus dem Weihkeſſel,“ rief Franz,„jetzt wird Alles gut und friſch; ich hab' kein Bangen mehr. Du Brunnen und du Hollunderbaum, ihr zwei ſeid unſere Zeugen, daß wir Beide zu ein⸗ ander gehören und nie mehr von einander laſſen. Gut' Nacht!“ Franz ging nach dem Stall zurück und ſchloß die Thür. Gundel ging mit Irma in ihr Zimmer und ſchlief auf der Bank, denn der Vater Pechmännlein war ſchon mit ihrem Bett und allerlei Hausrath vor⸗ ausgezogen auf die Alm. Irma fand lange keinen Schlaf. Es war ihr, als müſſe ſie die vielen Tage und Nächte da oben voraus⸗ leben. Sie war unruhig. So lag ſie hin- und her— ſinnend, und Alles ſchwirrte in ihren Gedanken durch— einander. Da fragte ſie endlich leiſe: „Gundel, ſchläfſt Du auch noch nicht?“ „O nein, ich weiß, mein Franz ſchläft auch noch nicht. Er hat's nicht ſo gut wie ich, er kann mit Niemand ſo reden, wie ich mit Dir. O, wie dank' ich Dir das. Du ſollſt's recht gut haben. O, was iſt der Franz für eine gute, getreue Seele! Hörſt Du die Kühe ſchreien im Stall? Die haben auch keine Ruhe. Ich mein' ich hör' ſchon die Glocken, die ſie morgen um den Hals kriegen, und ich mein', die Kühe müſſen's auch voraus wiſſen; o, wenn Du nur auch einen Auerbach, Auf der Höhe. III. 24 370 Schatz hätteſt, Irmgard. Aber ich weiß ſchon wie's mit Dir noch wird, wie's in der Geſchichte heißt— Du biſt's werth. Da iſt einmal ein König durch den Wald geritten und da hat er die ſchöne Sennerin ge⸗ funden und hat ſie auf ſein Pferd geſetzt und hat ſie mit heim genommen und hat ihr goldene Kleider an⸗ gezogen und eine diamantne Krone auf den Kopf, und da hat die Königin— o, die Glocken, die Königin, komm Bläß, die Glocken... komm, komm, komm.. ſo, ſo Gundel ſchlief, aber Irma wachte und ſah in den Mond hinein und die ganze Welt war ihr wie ein Wunder und ſchimmernde Märchen ſtiegen in ihr auf. Sie lächelte und ihr Auge glänzte, bis der Schlaf es ſchloß; aber das Lächeln blieb auf ihrem Antlitz und Niemand ſah es, als der Mond, der ſtill am Himmel ſtand. Siebentes Capitel. Was mit klarem Blick erkannt und mit heiterer Sicherheit beſchloſſen wurde, kommt oft erſt in Trü— bung und Verzagtheit zur Ausführung. So war's nun auch, als man ſich zur Almfahrt anſchickte. Es war früh vor Tag. Bei Walpurga am offenen Herdfeuer ſtand Irma. Sie fröſtelte. Seit ihrer Rückkehr vom Gange in die weite Welt hatte Irma alle Sehnſucht überwunden, aber doch war ein neues Gefühl der Heimathloſigkeit über ſie ſchon wies ſte heißt— gdurch den ennerin ge⸗ und hat ſi Kleider au⸗ Kopf, und ie Königin, konm.. ſah in den r wie ein in ihr auf. rSchluf es Antlit und mn himmel it heiterer ſt in Tri⸗ So wurs n offenen weite Vet un v tibe ſ gekommen, als ob ſie⸗immer erſt heute in die gegebenen Verhältniſſe einträte; ſie ſchaute oft um, als ſähe ſie eine Geſtalt herankommen mit einem leichten Bündel unter dem Arm, und dieſe Geſtalt war ſie ſelbſt und doch ſo verändert; ſie hatte kaum mehr ein Bedürfniß nach Speiſe und Trank, kaum mehr nach einer An⸗ ſprache im Wort, ſie lebte ganz in ſich und aus ſich allein. Dabei war ſie wol ſtill, aber heiter und zu⸗ traulich bei jeder Anſprache. Das Pechmännlein hatte zuerſt dieſe Veränderung wahrgenommen, und er war es, der eine Sommerfriſche auf der Alm für beſonders zuträglich hielt, denn er behauptete, Irma ſei krank, obgleich ſie immer wohlauf ſchien und unabläſſig arbeitete. Nun hatte ſich Alles wie verabredet zuſammen⸗ gefügt: der eigene Wunſch Irmas, das Zureden des Ohms und die Gefahr vor Entdeckung durch die An⸗ kunft des Königs in dem nahen Städtchen, die Wal⸗ purga für ſich allein abwenden wollte. Walpurga war an dieſem Morgen wohlgemuth und frei, wie nach einem in ſchwerem Kampfe errungenen Siege; ihr Blick ruhte oft auf Irma, die in das offene Herdfeuer ſtarrte. „Du wirſt ſehen,“ ſagte ſie ihr endlich,„Du wirſt wieder ganz anders da oben, und ich hör Dich in Gedanken ſchon wieder ſingen, und dann ſingen wir wieder miteinander.“ Sie ſummte vor ſich hin das Lied: Wir Beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein. — 372 Aber Irma ſtimmte mit keinem Tone zu. „Ich trage das Leben, ſo lange das Leben mich trägt,“ ſagte Irma vor ſich hin und hielt die aus⸗ gebreiteten Hände vor die offene Flamme. Nicht lange konnten die beiden Frauen ſo ſtill am Herdfeuer beiſammenſtehen. Draußen im Stall war Alles vorbereitet. Das Pechmännlein, als Kundiger aller Geheimniſſe, hatte ſchon am Tage vorher Alles gerichtet, um die Heerde für ihren zukünftigen Auf⸗ enthalt feſt und geſund zu machen. Er hatte eine Scholle Erde und drei Ameiſen von der Alm herab— gebracht, und dieſe Erde wurde untermiſcht mit Stein⸗ heilkraut, Teufelspeitſche, Speik und Salz, wozu noch etwas Pechöl getropft wurde, den Thieren alleſammt als Maulgabe und letztes Futter gegeben. Das Pech⸗ männlein war in der Nacht noch von der Alm herab— gekommen, hatte die geheime Speiſe unberufen bereitet, ſtolz darauf, das für den Bauer zu thun, der hier zu Lande doch nicht heimiſch war. Jetzt hatten die Thiere die Maulgabe verzehrt, waren gefeit gegen allen Zauber und alle Krankheit und heimiſch auf der Alm, als wären ſie dort geboren. Als jetzt der Tag zu grauen begann, ließen nun aber auch die Kühe ſich nicht mehr halten; jede Einzelne, die aus dem Stall kam, beſprengte Peter noch mit Dreikönigswaſſer, aber die zahmen Hausthiere ſchienen trotz Geheimmittel und Weihwaſſer wieder zu wilden Thieren geworden; das war ein Brüllen, Rennen und Kämpfen im verſchloſ— ſenen Hofraum und dazwiſchen ein Schreien der Knechte. Auf Befehl des Pechmännleins ließ man die Kühe ruhig . Leben nich t die aus⸗ ſo ſtill an Stall war Kundiger orher Ales ſtigen Auf⸗ hatte eine An herab⸗ mit Stein⸗ wozu noch alleſammt An her⸗ fen bereitet der hier hatten di gegen aln f der Ahn, et Tug 3 den Stl ſer, cb mittel ud oden; d n verſch gihe nin 373 kämpfen, und ſie wurden endlich von ſelbſt ruhig. Gun⸗ del ſetzte der ſchönen großen braunen Heerkuh den Kranz auf die Hörner, hing ihr die große Vorſchelle um, auch die anderen Kühe erhielten die abgeſtimmten Schellen, und nun war die Heerkuh von ihren Genoſſinnen, die ſie ſchnaubend anglotzten, im Kreiſe umſtanden. Die Heerkuh aber ſtand ſo ſtolz und trotzig da, daß keine mehr es wagte, ſie herauszufordern. „Jetzt fort in Gottes Namen!“ rief das Pechmänn⸗ lein und machte das Hofthor auf. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Zuletzt kam noch Franz, der den mäch⸗ tigen braunrothen Bullen an den kurzen kräftigen Hörnern hielt und von ihm mehr geſchleppt wurde, als daß er ihn führte. Sobald der Bulle aus dem Stall war, ſtand er ſtill, ſchaute mit unheimlich glän⸗ zenden Augen rechts und links, bog den Kopf hoch und ſchritt würdevoll und allein dahin; draußen aber vor dem Thore brüllte er laut auf. Es war Alles ruhig und gut vorbereitet und doch trat jetzt Haſt ein. Walpurga und Hanſei gaben den Davonziehenden ein Stück Wegs das Geleite. Irma war ſtill. Sie förderte frei ihre Schritte und doch war's ihr, als hätte ſie das nicht ſelbſt be⸗ ſtimmt und ſie würde von einem Andern getrieben. „Du ſiehſt ſchon jetzt wieder fröhlicher aus,“ ſagte Hanſei zu Irma. Sie nickte. Die vorausgezogene Heerde hielt vor dem Dorf an, denn ohne die Sennerin darf man nicht durchs Dorf ziehen. Man hätte wol auch den andern Weg ziehen können, der hinter dem Dorfe nach dem Berge führte und ein gut Stück näher war, aber warum ſoll man nicht noch einmal ſich und ſein Vieh den Menſchen zeigen, ehe man in die Einſamkeit zieht? So ging es nun mit dem ſchönen Geläute durch das Dorf, und von mancher Seite gab es hellen Zuruf und Jauchzen. Jenſeits des Dorfes ſtieg man den Berg hinan, man kam auf den Waldweg, den Hanſei geſchlagen; er konnte ſich nicht enthalten, Irma wiederholt zu zeigen, was er zu Stande gebracht. Da, wo mitten im Wald das königliche Wappen auf den Grenzſteinen ausgehauen war— denn hier begann der königliche Forſt— nahm Hanſei Abſchied von Irma; auch Walpurga that's, aber ſie gab ihr doch noch eine Strecke weit allein das Geleite; ſie hatte Irma ſo viel zu ſagen und ſagte ihr doch nur:„Sei ohne Furcht, und nächſten Sonntag komme ich zu Dir. Wenn Dir's aber zu einſam wird, komm Du nur wieder zu uns herab, es zwingt Dich ja Niemand; bleib' aber nur oben, wirſt ſehen, es wohlet Dir.“ Es drückte Walpurga auf dem Herzen, das Ge⸗ heimniß laſtete wieder. Sie nahm raſch Abſchied. Hanſei wartete, auf dem Markſtein ſitzend, auf ſeine Frau. Als ſie nun herankam, ging er geraume Zeit ſtill mit ihr heimwärts. „Ich muß mich oft beſinnen, ob es nicht ein Traum iſt,“ ſagte er endlich.„Jetzt im Herbſt werden es vier Jahre, daß wir da ſind, und daß ſie bei uns iſt. Ich hab' ſie ſo lieb, ich kann's gar nicht ſagen. erge führte nſoll man Menſchen So ging das Dorf, zuruf und erg hinan, geſchlae gen; derholt zu e Woen denn hier e ; ſie hatte mr:„Eti Du Riemand; 4 Dir.“ „dos Ge tzend, 1 geraun auf ein Trnn werden 6 e bei u 375 und ich kenn' ſie doch nicht— heißt das, ich kenn' ſie wol, aber ich kenn' ſie doch wieder nicht.“ „Halt einmal ſtill, Hanſei,“ ſagte Walpurga. Er ſtand ſtill. Man hörte von ferne das Geläute der Heerde, die bergauf zog; im Wald war es laut⸗ los, denn ein dichter Nebel hatte die Berge eingehüllt und die Vögel waren ſtumm. Walpurga athmete tief auf. „Hanſei,“ begann ſie endlich—„Du haſt die ſchwere Prob' beſtanden. Ich hätt's nicht geglaubt, daß das ein Mann ſo ausführt wie Du. Jetzt laß Dir was ſagen. Ich mein', ich muß Dir da endlich einmal die Thür aufmachen.“ „Halt ein,“ unterbrach Hanſei,„nicht ſo! Hat ſie Dir ſelber geſagt, daß Du mir jetzt Alles kundgeben ſollſt? Sag' Ja oder Nein.“— „Nein.“ „So will ich auch nichts wiſſen. Das iſt anver⸗ trautes Gut, da darf man nicht daran rühren. Frei⸗ lich, wenn ich's ehrlich ſagen muß, es hat mir oft das Hirn umgedreht. Sag' mir nur das Eine: Nicht wahr, ſie hat Niemand was angethan, und ſie hat auch nicht geſtohlen? heißt das, ſie mag gethan haben, was ſie will, ſie hat's gebüßt. Sag' nur das, weiter nichts, hat ſie ſo etwas auf dem Gewiſſen?“ „Gott bewahre, ſie hat Niemand auf der Welt ein Leids gethan, als ſich allein.“ „So iſt's gut. Jetzt reden wir weiter nichts davon. Haſt D Du im Dorf geſehen, wie der Taubſtumme vor ihr auf die Knie niedergefallen iſt?“ „Nein.“ „Aber Ich hab's geſehen und hab' auch gehört, wie die Enzianbabi geſagt hat, die Verrückte vom Frei⸗ hof kommt nicht mehr von der Alm herunter. Die Babi iſt doch verrückt und die Irmgard nicht, aber es hat mich doch erſchreckt. Ich weiß nicht— ich meine der Hof wär' nicht mehr recht voll, wenn wir die Irmgard nicht mehr haben; ſie gehört einmal dazu.“ Als die beiden Eheleute wieder in ihrem Heim an⸗ kamen, ſagte Hanſei in der Stube: „Weißt noch, wie ſie gerathen hat, daß wir den Tiſch anders ſtellen, und wie ſie Dir geholfen hat, Alles herrichten, und wie ſie dann dem Ohm ange⸗ geben hat, die Stuhlfüße kürzer zu machen, damit ſie beſſer zum Tiſch paſſen? Ich hab' noch keine Bauern⸗ ſtube geſehen, wo es ſo ſchön iſt wie bei uns, und da hat ſie Dir doch viel geholfen.“ Hanſei hatte mancherlei ums Haus zu rüſten und zu ordnen, aber Walpurga kam oft zu ihm mit einem Kinde und ſprach einige kurze Worte; ſie mochte nicht allein ſein, Irma fehlte ihr, und doch war ſie glück⸗ lich, ſie geborgen zu wiſſen droben in der Einſamkeit. Achtes Capitel. Der Tag hellte ſich nicht auf. Am Mittag ver⸗ wandelte ſich der Nebel in ausgiebigen Regen. Ob's wol droben auch fo regnet? Sie wird arg naß, dachte Walpurga immer vor ſich hin, und in der That regnete es im Bergwalde ebenſo gleichmäßig; ———— gehört, wie vom Frei⸗ unter. Die ht, aber e — ich meine nn wir uß wir den holfen hat, Ohn „dami ie ne— uns, und rüſten und mit einen ochte nicht ſie glic⸗ Einſanit ittag ver en. wird a , und n eichnihih s rieſelte und ſäuſelte in den Bäumen, und ſchnelle äſſerlein liefen überall behende über den Weg und gurgelten und plätſcherten die Berghänge hinab. Irma ſchritt an ihrem Bergſtock— Hanſei hatte ihr ſeinen eigenen gegeben— ruhig weiter. Das Pechmännlein hatte ihr ſeinen grauwollenen Teppich, in den nur zum Durchſchlüpfen des Kopfes ein Einſchnitt gemacht war, als Schutz gegen das Wetter übergeben; er ſelber bedeckte ſich ſehr geſchickt mit leeren Korn⸗ ſäcken. So ſchritt er neben ihr und erklärte oft: „Ich könnte Dich tragen.“ Irma ging weiter. Zum Aufſteigen bedurfte man des Bergſtockes kaum, aber manchmal ging es auch eine ſcharfe Berglehne hinab, eine Sunke, wie das Pechmänn⸗ lein es nannte; da mußte man ſcharf einſetzen und ſich ſchwingen. Das Pechmännlein war immer bei Irma, jeden Augenblick bereit, ſie aufzufangen, wenn ſie aus⸗ gleite, aber Irma hatte einen feſten Schritt. Es war keine geringe Mühe, die Heerde zuſammen⸗ zuhalten, die noch nicht aneinander gewöhnt war; aber das Pechmännlein verſtand zu locken, zu ſchelten, zu ſchmeicheln und zu züchtigen, und bald gingen die ab⸗ geſtimmten Glocken mit einander, wie eine immer höher hinaufſteigende Melodie. „Die Thiere haben's gut, die finden überall am Weg ihr Futter,“ ſagte das Pechmännlein,„aber un⸗ ſere Bäuerin hat mir für uns was mitgegeben; wir kommen bald an den Hexentiſch, da drunter können wir trocken ſitzen und uns auch füttern.“ Es zeigte ſich bald ein weit vorſpringender Felſen 378 wie ein halbrunder Tiſch; hier war trockener Sand⸗ boden, wo nur der Ameiſenlöwe in ſeiner trichterarti⸗ gen Höhle hauſte. Gundel, Franz, das Pechmännlein und Irma ſetzten ſich ins Trockene unter dem Hexen⸗ tiſch und ſpeiſten mit Hunger, während draußen die Kühe weideten, die der Handbub beaufſichtigte. „Der Regen dauert lang,“ ſagte Franz. Das Pechmännlein wies ihn zurecht und ſagte, kein Menſch wiſſe, wie lang ein Regen dauere. Er wollte Irma Muth machen. Er haſchte einen Ameiſenlöwen aus ſeiner Höhle heraus und zeigte, wie geſcheidt das Thierchen ſei: das macht eine Fallgrube in feinen Sand, verſteckt ſich in die Spitze des Trichters, eine Ameiſe kommt arglos des Weges, ſie fällt herunter, kann nicht mehr herauf, der feine Sand rollt ihr unter den Füßen ab und der Spitzbub in ſeinem Verſteck ſpritzt der Ameiſe Sand in die Augen, holt ſie herab und verſpeiſt ſie.„Und was das Wunderlichſte iſt,“ ſchloß er,„die graue Made da iſt im nächſten Jahre eine bräunliche Waſſer⸗ jungfer(Libelle) am See.“ Das Pechmännlein kannte Irma, er wußte, daß ſolch ein Einblick in das Naturwalten ſie mehr er⸗ quickte, als alles Zureden und alle Speiſe. Weiter ging's mit friſcher Kraft, immer höher hinan. Die Thiere wurden lebendiger, die Kräuter der höheren Region belebten ſie neu. Endlich war man nicht weit vor dem Ausſchlag, wo die neue Alm ſtand; das Pechmännlein hieß Franz vorausgehen und droben die Stallthür öffnen, Franz folgte hurtig der ener Sand⸗ Anweiſung, da hörte man ſeinen Lockruf, und die trichterartt Kühe, jetzt auf den freien Wieſenplan heraustretend, echmännlein brüllten und ſprangen empor. Regen und Nebel waren dem Heren⸗ ſo dicht, daß man erſt wenige Schritte vor der Hütte raußen die dieſelbe ſah. igte.„Gut iſt's!“ rief das Pechmännlein.„Das iſt das . Beſte, es niſten ſchon Schwalben an unſerer Hütte; und ſagte, jetzt iſt's gewonnen!“ dauere. Er Er ſchritt voran, klopfte dreimal an die Hütten⸗ thür, öffnete, reichte Irma die Hand mit den Worten: iner Höhle„Glück herein, Unglück hinaus!“ und endlich war man daheim. en ſei: das ſteckt ſich in O, ein ſchützendes Dach über dem Haupte! Irma ſchaute oft empor und ihr Dankesblick ſagte, daß ſie es froh empfand, nun im geborgenen Schutz vor dem Unwetter zu ſein; aus der Hütte ſah und hörte ſich der - Regen draußen noch viel unheimlicher anals da man unter demſelben bergan gewandelt war. Bald brannte das helle Feuer auf dem großen Herde, und das Pech⸗ männlein nahm etwas aus der Taſche und warf es ſtillmurmelnd in die Flammen. „Seit die Welt ſteht,“ ſagte er,„hat hier oben noch kein Feuer gebrannt und iſt noch kein Rauch zum Himmel aufgeſtiegen, jetzt ſind wir zum Erſtenmal da. 3 Aber die Schwalben, ja die Schwalben, das iſt gut.“ met hihn Er hatte wahrſcheinlich noch viel zu ſagen, aber ie ränie er wurde von Franz abgerufen, denn im Stall kalbte nlich wu eine Kuh. neue An Irma war mit Gundel allein. Sie entkleidete ſich sgehen* ſchnell und trocknete und wärmte ſich am Feuer; aber hurtig* nnt arglos ehr hernf, ab und det ſſe Sand in ſie„Und „die gral ußte, daß meht er auch Gundel wurde gerufen, ſie ſollte mit im Stall ſein, damit ſie ſich bei ſolchen Vorkommniſſen künftig zu helfen wiſſe, und Irma ſaß allein, entkleidet bei dem Feuer auf dem Herd; nur kurz war mit dem Fröſteln eine Bangigkeit über ſie gekommen; jetzt ſah ſie ſtill in das offene Herdfeuer, ein einſames Men⸗ ſchenkind allein auf der Höhe. Sie wußte nicht mehr, wo ſie war, bis ſie Stimmen hörte, die ſich wieder der Hütte näherten. Sie warf ſchnell wieder die ge⸗ trockneten Kleider um, das Pechmännlein brachte ſeine Glückwünſche an, da man gleich am erſten Tage mit einem mächtigen Stierkalb geſegnet wurde. Die Nacht brach herein, Franz nahm Abſchied. Gundel gab ihm ein Stück Weges das Geleite, und bald hörte man durch den fortrieſelnden Regen ein Jodeln von unten und ein Antworten von oben, bis Gundel zurückkam. Man ging bald zur Ruhe. Das Pechmännlein und der Handbub ſchliefen auf dem Heu über dem Stall, Irma und Gundel in der Kammer. Als man am Morgen erwachte, war der Tag kein Tag; dichter Nebel hüllte auch heute Alles ein. „Wir ſtecken in einer Wolke,“ ſagte das Pech⸗ männlein. Die Kühe weideten draußen, die Schellen zerſtreuten ſich, und es tönte wie träumeriſches Bienenſummen von da und dort. Noch mehr Einſamkeit hatte Irma gehofft, und nun war ſie in die enge Hütte gebannt mit den we⸗ nigen Menſchen. Das Pechmännlein hatte geſagt, daß lit im Stall ftig nkleidet bei ar mit m n; jett ſeh ſames Mer⸗ nicht mehr, ſich wieder eder die ge⸗ brachte ſeine n Toge nit m Abſchied. eleite, und Regen ein noben, bis h ſchliefen au ndel in der r Tog kein ein. das Pich⸗ zerſrnin nenſunm hofft, im nit den w⸗ geſogt, d 381 ſie die erſten Bewohner dieſes Stückes Erde ſeien, und es ſchien, als ob die Natur ſich dem widerſetzte, daß die Menſchen es wagten, immer weiter vorzudringen; der Wind heulte, er jagte die Wolken, brachte aber immer wieder neue, und manchmal hörte man Kollern und Knallen; drüben an den Schneebergen rollten die Lawinen herab. Irma verſuchte zu arbeiten, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Es ward wiederum Nacht und wiederum Tag, und immer noch undurchdringliche Wolke. Selbſt die Thiere ſchienen darüber zu klagen, ihr Brüllen tönte ſo tief⸗ wehmüthig nach dem Thale zu. Es war am dritten Morgen in der Frühe, Irma erwachte, als ob etwas an ihr geriſſen hätte. Sie richtete ſich auf. Durch den Spalt am Kammerladen drang ein leiſer Schimmer. „Die Sonne hat mich geweckt,“ ſprach ſie vor ſich hin und kleidete ſich raſch und leiſe an. Sie trat hinaus vor die Hütte. In vollen Zügen ſog ſie die feuchte, würzige Morgenluft ein. Die Heerkuh, die nicht weit von ihr graſte, hob den Kopf empor und ſchaute Irma an, dann fraß ſie wieder weiter. Mälig begann ein ſilbergraues Licht aus dem Oſten zu fließen, und durch die Seele Irmas zog jene wun⸗ derbare Weiſe aus Haydn's Schöpfung; ſie glaubte die Töne faſſen zu können wie leibhaftige Erſcheinun⸗ gen, die dort aus dem erſten Morgengrauen brachen; das Grau verwandelte ſich in einen gelblichen Ton, 382 und jetzt ſchoß leiſe ein Roth hindurch und färbte ſich immer höher und höher, und drunten, weit hinaus, wie eine unermeßliche dunkle Fluth, ſtand noch die ſchwarze Nacht. Nun aber tauchten aus ihr Schrofen, Spitzen, breite Höhenrücken empor, andere Häupter waren frei und ihr Grund floß noch in der Nacht, die ſich jetzt zu dunklem Grau verwandelte. Immer glühender, immer brennender breitete ſich das Roth am Himmelsraume aus und immer freier ſtreckten ſich die Rieſenleiber der Berge hervor, und jetzt kam— das Auge erträgt es nicht— der große Sonnenball her⸗ auf, alle Höhen glänzten in Purpur und Gold, und drunten in der Tiefe ſchwammen nur noch ſich ballende und überſtürzende Wolken wie hohe Stromeswellen. Der Tag war erwacht, der helle, die Erde erwärmende und durchſchimmernde, und Millionen Düfte ſtiegen auf von Baum und Gras und Blume, und die Stim⸗ men der Vögel tönten drein, und Irma ſtand und breitete die Arme weit aus, als müſſe ſie die Unend⸗ lichkeit umfaſſen; ſie kniete nicht nieder, ſie ſtand auf⸗ recht, und ihr Fuß hob ſich, als müſſe ſie hinein⸗ ſchweben in die Unendlichkeit des Daſeins, und mit beiden Händen faßte ſie das Haupt, faßte ſie die Binde, die Binde löſte ſich und fiel zur Erde. Der Sonnenſtrahl leuchtet auf ihrer Stirne, die Stirne war rein, ſie fühlt es.— Lange ſtand ſie of⸗ fenen Auges, und ihr Auge war nicht geblendet von der Sonne und eine erlöſende Harmonie zog durch ihre Seele: ein Menſchenkind hat den Moment der Schöpfung miterlebt und war neu geſchaffen. irbte ſich hinaus, noch die Schtofen, Häupter Immer Roth am ſich die — das all her⸗ ld, und hallende wellen. ärmende ſtiegen ie Stin⸗ ud und Unend⸗ nd au⸗ hinein und nit einde me, di det von 9 durch ent der „Nun kommt noch, ihr Tage, die ich zu athmen habe, wie lang, wie kurz, wo und mit wem— ich bin frei, ich bin erlöſt. Was ich noch thue, es iſt mir eine Arbeit vor der Reiſe. Die Stunde kommt. Sie komme— früh oder ſpät— ich bin bereit. Ich habe gelebt.“ „Ei, Irmgard, Du ſiehſt ja ſo wunderbar aus!“ rief Gundel, die mit dem Melkkübel aus der Hütte kam.„O Gott, was haſt Du für eine Stirne? So weiß— ach, wie ſchön! O wie ſchön biſt Du! So glatt und ſo ſchön hab' ich noch keine Stirne ge⸗ ſehen.“ Irma ließ ſich von Gundel ein Glas Milch geben, dann ſchürzte ſie ihr Kleid auf und ging hinein in den Wald. Erſt als es hoher Mittag war, kam ſie in die Almhütte zurück; ihr Mund hatte heute kaum noch ein Wort geſprochen. In der Hütte fand ſie das Pechmännlein am Tiſche ſtehend und einen großen Haufen ſtark duftender Kräu⸗ ter und Wurzeln ordnend. „Schau,“ rief er,„ich hab' auch ſchon was! Ja, ich hab' auch viel Kenntniß, ich hab' Schabziegerklee und Bergpeterſilie für die Apotheker geſammelt, ich weiß Alles, was ſie brauchen von da oben, und hun⸗ dertmal hat's meine Schweſter geſagt: jetzt im Früh⸗ ling iſt Alles noch zahm und gut; was Gift ſein muß, das kocht erſt der Sommer aus. O, ſie war geſcheidt, und hundertmal hat ſie's geſagt: das Beſte wächſt dro⸗ ben, wo die Wolken ſtehen.“ Nach einer Weile begann er wieder: — ——— —= 384 „Die Gundel hat Recht, ich muß ſagen, ich hab's nicht gewußt, daß Du ſo ſchön biſt; aber Du ſiehſt doch nicht recht geſund aus Du mußt mehr eſſen, Du iſſeſt ja faſt gar nichts.“ Irma ſah ihn dankbar lächelnd an, aber ſie ent⸗ gegnete kein Wort. „Weißt Du, was ich hätte ſein mögen auf der Welt?“ fragte er. „Was?“ „Dein Vater hätt' ich ſein mögen.“ Irma nickte ſtill. Ihr Vater war angerufen, und es war ihr, als ſpräche ſein Mund und ſeine Stimme hier aus dem armen einfältigen Manne, der nun fortfuhr: „Ich meine oft, Du wärſt— verzeih' mir's Gott, aus dem Himmel herabgekommen und hätteſt nicht Vater und nicht Mutter, und heut' ſiehſt Du gar ſo aus, daß mir die Augen übergehen, wenn ich Dich an⸗ ſehe. So, jetzt iß aber etwas!“ Er plauderte noch viel, ganz wie berauſcht, durch⸗ einander, der Endreim hieß aber immer: Jetzt iß aber auch. Irma zwang ſich dem guten Alten zulieb zum Eſſen. Neuntes Capitel. Der Tag war hell, die Nacht voll Sternenglanz, der Athem frei, das Auge klar, alle Schwere des Den⸗ kens ſchien drunten geblieben, dort, wo die Menſchen in feſten Wohnungen ſich zuſammenhalten. ) S ich habs Du ſiehſt hr eſſen, ſie ent⸗ auf der fen, und Stimme fortfuhr: r Gott, eſt nicht gar ſo Dich ar⸗ durch⸗ Jett iß mn Eſſen nenglni „ cp⸗ Menſchen 385 „Ich glaub', Du könnteſt jetzt wieder ſingen, Deine Stimme iſt gar nicht mehr ſo rauh,“ ſagte das Pech⸗ männlein zu Irma.„Aber mehr ſchlafen ſollteſt Du; wenn man alt iſt, lauft der Schlaf ſchon von ſelber da— von; jag' ihn nicht fort, wenn er noch gern bei Dir bleibt.“ Das Pechmännlein ſchien ſeine Sorgfalt zu verdop⸗ peln, und Irma merkte jetzt in der That, daß ihre Stimme rauh war. Sie ſaß ſo gern; ſie wanderte wol durch die Wälder und in Thaleinſchnitte, wohin nur der Jäger und der Holzhauer kommt, aber ſie ſaß ſo oft ſtill, ihr Wandern war wie das Fliegen eines jungen Vogels, er fliegt auf, muß ſich aber gleich wieder niederlaſſen. Jetzt erinnerte ſie ſich, daß dieſe Müdigkeit in ihr war, ſeit ſie von dem Gang nach der Hauptſtadt zurückgekehrt war. Im Winter hatte ſie nicht darauf geachtet, nun glaubte ſie auch das Drängen Walpurgas zu verſtehen, daß ſie noch höher hinauf nach der Alm ſollte; ſie war krank und ſollte wieder geſund werden, und doch fühlte ſie keinen Schmerz. Tief im Waldesdickicht verſuchte ſie einmal eine Scala zu ſingen, ſie brachte ſie nicht zu Stande. Das Haupt ſank ihr auf die Bruſt; alſo doch— Am Sonntag Morgens kam Franz, und es war viel Freude auf der Alm. „O, wie gut iſt's,“ rief Gundel, als ſie mit Franz allein war, Irma ſaß aber nicht weit davon und hörte wiederholt die Worte:„O, wie gut iſt das! Sonſt hab' ich meine Arme nur zum Arbeiten, jetzt hab' ich ſie doch auch, um einen Menſchen um den Hals zu faſſen und zu herzen und zu küſſen.“ Auerbach, Auf der Höhe. III 25 ——— — 386 Gundel, das ſchwerfällige, verdroſſene Mädchen, war hier oben flink und geweckt. Sie ging den gan⸗ zen Tag aus und ein, ſäuberte, wuſch, molk, bereitete Butter und Käſe, und immer ſang ſie dabei oder ſummte wenigſtens eine Weiſe vor ſich hin; die Lieder erſetzten ihr das Denken, ſie war wie ein Vogel, der, ſo lang es Tag iſt, umherflattert und ſingt. Die Liebe hatte ihre Seele erweckt, und die Selbſtändigkeit, in der ſie hier oben walten durfte, ihren natürlichen Froh⸗ muth frei heraustreten laſſen. Irma betrachtete das Treiben der Genoſſin und das Naturleben rings um ſie her mit einem Auge, als ob ſie das Alles nur ſehe und nicht mitten drin ſtehend etwas davon haben ſollte. Die Sage erzählt von Genien, die aus einem Him⸗ mel herabflattern, da unten ſchauen, ſchlichten, ordnen und wieder in ihren Himmel zurückfliegen; ſie haben nicht Theil an der Welt Mühen und Sorgen.— So war es Irma oft, als zöge ſie ſich zurück von allem Sehen, Sprechen, Theilnehmen in den Einen großen Gedanken, in dem ihre Seele ſchwebte. Sie ging in die Hütte und ſchrieb mit Bleiſtift noch in ihr Tagebuch die Worte: „Wenn ich ſterbe, ſo bitte ich meinen Bruder Bruno, eine Ausſteuer an Gundel und Franz zu geben, daß ſie einen eigenen Hausſtand gründen können.“ Dann wickelte ſie das Tagebuch wieder in die Binde, die ſie um die Stirn getragen, legte die Hand darauf und gelobte ſich, kein Wort mehr hineinzuſchreiben; ſie hatte genug in ihrer Seele gewühlt, genug von Mädchen, den gan⸗ hereitete bei oder e Liedet gel, der, die Liebe Reit, in en Froh⸗ ſin und uge, als ſtehend en Him⸗ „ordnen e haben — E0 n allen großen ſiſt n Bun, dem, was ihr Auge erſchaut, feſtgehalten, um die ſchwer⸗ gekränkte Freundin zu verſöhnen und vor ſich ſelber verſöhnt zu ſein; jetzt wollte ſie nur noch ganz und allein in ſich leben. Franz hatte die Nachricht gebracht, daß Walpurga dieſen Sonntag nicht kommen könne, weil der Knabe unwohl ſei; nächſten Sonntag aber hoffe ſie ganz be⸗ ſtimmt zu kommen. Irma war faſt froh, ſich hier erſt völlig einleben zu dürfen, bevor ſie Jemand ſprach, der ſie kannte. Sie war nun ganz unter Menſchen, denen ihr vergangenes Leben unbekannt war, und ſie ließen ſie nach ihrem Begehr allein und ſprachen nur zu ihr, wenn ſie fragte. Auch am zweiten, auch am dritten Sonntag kam Walpurga nicht, ſie ſchickte aber Salz und Brod. Irma dachte kaum, warum daß Walpurga nicht käme. „Ein Leben, in dem nichts vorgeht“— wie ſehr hatte das Irma einſt verworfen; jetzt war es ihr ſelbſt geworden, und nicht die leiſeſte Regung ſtieg in ihr auf, daß es anders ſein könnte. Sie arbeitete wenig und lag dann ſtundenlang wieder auf ihrem Lieblings⸗ platz an der Berglehne. Das ganze Leben der Natur ſenkte ſich auf ſie nieder; ſie grüßte den erſten Morgenthau, und der Abendthau feuchtete ihre Locken, ſie war ſtill glücklich, wünſchelos, wie die ganze Natur um ſie her; nur oft in der Nacht, wenn ſie zu den Sternen aufſchaute, die hier oben viel heller glitzerten, ſchwang ſich ihr Geiſt ins Unendliche. Sie ſah nach den Bergen— da ſtehen noch wie am Tage der Schöpfung die Zacken, die kein Menſchenfuß betreten, nur die Wolken kommen dorthin und nur das Auge des Adlers ruht darauf. Sie war heimiſch und traut mit dem Leben der Pflanze und des Vogels, aber ſie beobachtete ſie kaum mehr, das gehörte ihr zu, wie die Gliedmaßen des eigenen Körpers; die Natur war ihr nicht mehr fremd, ſie ſelbſt fühlte ſich als ein Stück derſelben; ſie war zur Stetigkeit gelangt, in der ſich das Leben wie eine reine Natur⸗ nothwendigkeit fortſetzte, ohne Räthſelfrage, nicht mehr täglich aufgelöſt, Alles erſt aus dem Chaos befreiend. Die Sonne geht täglich auf und unter, die Gräſer wachſen, die Kühe weiden und dem Menſchen befiehlt das Geſetz des Lebens: Arbeite und denke! Die Welt um dich her ſteht im Geſetz und dein Leben auch; des Menſchen allein iſt es, daß er erkenne, was er muß, und ſo in Freiheit ſeiner Natur unter⸗ than ſei. Klar durchleuchtet wie die blaue Luft um ſie her war es in ihrer Seele, vergeſſen in ihr ſelbſt, daß ſie je anders gelebt und je geirrt. Der vierte Sonntag kam, Irma ging ſchon früh eine lange Strecke Weges bergab. Auf dem Markſtein, der die Grenze des königlichen Forſtes bezeichnete, war⸗ tete ſie auf Walpurga und Hanſei. Jetzt, da Bauer und Bäuerin beſtimmt hatten ſagen laſſen, daß ſie kämen, war Irma wieder voll Verlangen nach Wal⸗ purga, nach dem einzigen Menſchen, der ſie von da⸗ mals her kannte und ihr noch beſtätigen konnte, wer ſie ſei. Sie ſaß auf dem Grenzſtein, ſie hatte den Hut — kommen darauf. Pflanze n nehr, eigenen i ſelbſt tetigkeit Natur⸗ ht mehr freiend. Gräſer befiehlt el Die 1Leben etkenne, unter⸗ ſi her ſt, daß n früß arlſtein, , wal⸗ Baue dß ſe ch Peb von do⸗ te, V den Bl 389 abgenommen, die Stirn war frei; das Haupt in die Hand geſtützt, ſaß ſie da und dachte darüber nach, warum tief im Hintergrund der Seele ſich etwas da⸗ gegen ſträubt, die Perſönlichkeit aufzugeben und ſelbſt nicht mehr zu wiſſen, wer man ſei und von keinem Andern mehr das zu erfahren. Der Gefangene auf der Galeere wird nur bei der Zahl gerufen, aber in ſich weiß er, wer er iſt und kann es nicht verlieren. Warum können wir uns nicht frei in die freie Natur auflöſen? Ihr Haupt ſank tiefer herab. Da hörte ſie Men⸗ ſchenſtimmen, raſch richtete ſie ſich auf. „Iſt das dort nicht unſere Irmgard?“ rief Hanſei. „u, ſie iſt's“ Walpurga eilte auf ſie zu und reichte ihr die Hand, Hanſei ſtand wie verſteinert; ſolch ein Weſen hatte er noch nie geſehen, es war ihm immer wieder, als ob ſie etwas Uebernatürliches wäre; ihr ganzes Angeſicht glänzte, die Augen waren viel größer geworden und darüber zeigte ſich die freie hohe Stirn ſo weiß und glänzend wie Marmelſtein. Auch Walpurga, die ja Irma in ihrer vollen Schönheit gekannt hatte, ſah ſie jetzt mit einem andern Blicke an, denn ſie litt jetzt um ihretwillen noch anders, als die Einſame ahnen konnte; unwillkürlich legte ſie die Hand aufs Herz, das ihr erzitterte. „Warum giebſt Du mir keine Hand, Hanſei?“ fragte Irma. „Ich— ich—— ich hab' Dich noch nie ſo ge⸗ ſehen.“ — 390 Eine flüchtige Röthe ſchoß durch ihre Stirn, ſie fuhr ſich mit der Hand darüber, dann reichte ſie die Hand Hanſei nochmals dar; Hanſei drückte ſie in ſei— ner Erregtheit ſo heftig, daß es ihr weh that. Man wanderte nun gemeinſam der Almhütte zu, und kaum war man einige Schritte gegangen, ſo war auch das Pechmännlein da. Er war, wie er ſchon oft gethan, um Irma zu behüten, ihr nachgeſchlichen; er bangte für ſie, denn er ſah, daß etwas mit ihr vor⸗ ging, und wollte ſie deßhalb nie allein laſſen. „Nicht wahr, ſie ſieht prächtig aus?“ ſagte er zu Hanſei, der bei ihm zurückgeblieben war, während Irma und Walpurga vorausgingen.„Sie lebt aber wie ein kleines Kind, von nichts als Milch, und ſie will ſich nicht daran gewöhnen, daß es hier oben in der Nacht ſchnell abkühlt und will immer draußen ſitzen in der feuchten Nacht, und ich mein' oft, ſie wär' gar kein Menſchenkind, ſie wär' ein Engel, der auf einmal ſeine Flügel aufmachen und davonfliegen wird— ja, lach' nur— weit hinauf in den Himmel haben wir von da oben nicht mehr, wir ſind da die nächſten Nachbarn von unſerm Herrgott, hat meine Schweſter immer geſagt.“ Hanſei ging mit dem Ohm abſeits und ſchaute nach der Heerde. Außer dem am erſten Almtag geborenen Kalb hatten noch zwei hier oben das Licht der Welt erblickt, und Alles war wohlauf. Erſt nach einer Stunde kam Hanſei zur Almhütte, und aus ſeinen Mienen ſprach Zufriedenheit. Unterdeß hatte Walpurga alles in der Hütte irn, ſie ſie die in ſei— ütte zu, ſo war chon vſt chen; er ihr vor⸗ e er zu während bt aber ind ſie oben in draußen oft, ſie el, der nfliegen Himmel du die meine tte nch borenel et Velt h einer ſinn „ 391 gemuſtert, und auch ſie hatte überall Sauberkeit und Ordnung gefunden. Am Nachmittag kam die nächſte Nachbarin, die nur eine Stunde entfernt wohnte, von ihrer Alm und brachte ihre Zither mit. Es war keine geringe Herablaſſung von der Frei— hofbäuerin, ſie ſang mit Gundel und der Nachbarin; Franz konnte gut mit einſtimmen und auch das Pech⸗ männlein ſtellte noch ſeinen Mann im Singen; Han— ſei aber verſtand keinen Laut hervorzubringen und ſein Ungeſchick ward zur Würde: der Großbauer ſingt nicht mehr. „Nur von hier aus kann man ſingen, aber nicht von dort, wo man vom Städtchen heraufkommt,“ rief Gundel nach dem erſten Liede.„Wenn man dort ein Wort laut ſpricht oder ſingt, giebt's einen vielfachen Widerhall.“ Sie rannte nach der Stelle und jodelte, und lang tönte es wider von den Bergen und aus den Klüften.. „Du ſollteſt auch ſingen,“ wendete ſich Walpurga zu Irma.„Ihr glaubt gar nicht, wie ſchön ſie's kann.“ „Ich kann nicht mehr,“ erwiderte Irma,„die Stimme iſt mir in der Kehle verſunken.“ „So ſpiel' uns was, Du kannſt ja prächtig Zither ſpielen,“ drängte Walpurga. Alle vereinigten ſich in der Bitte und Irma mußte endlich willfahren. Das Pechmännlein hielt den Athem an, ſo ſchön hatte er noch nie ſpielen hören, und man weiß ja gar nicht, was die Irmgard noch Alles kann. —Sccceceee — — — Sie ging aber bald in die Weiſe des wohlbekannten Liedes über und das Pechmännlein ſtimmte zuerſt an: „Wir Beide ſein verbunden.“— Es war ein gute und heitere Stunde. Hanſei führte nun ſeine Frau, Irma und das Pech⸗ männlein an die Stelle, wo man einen Ausſchnitt des Sees von daheim ſah; er blinkte hell auf und Hanſei wiederholte, es käme ihm vor, wie der Blick eines Menſchen, der Einen von Jugend auf kennt. Walpurga wendete ſich zu Irma; ſie fürchtete, daß dieſer Anblick in ihr Traurigkeit erwecke, aber dieſe ſagte:„Mich freut es auch.“ Hanſei erklärte nun Irma die ganze Umgegend, wo das und das liegt; er zeigte ihr den Berg, wo er die vielen Bäume gepflanzt, den Wald ſelbſt ſah man nicht, aber die Felſenſpitze, die ſich daraus emporhebt. Walpurga ging unterdeß mit dem Ohm abſeits und ſagte: „Ohm, meine Mutter iſt todt... „Ja, das weiß ich, und Du kannſtnicht mehr an ſie denken, wie ich; frag' nur die Irmgard, wie oft wir von ihr reden, es iſt mir immer als ob ſie da in der Nebenſtube wäre, es iſt nicht weit hier oben zwiſchen uns und dem Himmel, ſie kann jedes Wort hören, das wir ſprechen.“ „Ja, Ohm, aber laßt mich nur ausreden, ich hab' Euch was zu ſagen.“ Das war aber ein ſchwer Stück, daß der Ohm ruhig zuhören ſollte, er hatte ſelber ſo viel zu ſagen. Wal⸗ purga fuhr, immer wieder vom Ohm unterbrochen, fort: ekannten erſt an: ein gute das Pech⸗ hnitt des d Hanſei ick eines ete, daß er dieſe mgegend, wo et ſch mn pochebt. ſeits und mehr an wie oft b ſie da iet oben es Port ich hoh * ſort 393 „Ohm, Ihr ſeid ein geſcheidter Mann—“ „Kann ſein, hat mir aber nicht viel genutzt im Leben.“ „Jetzt will ich Euch was ſagen—“ „Ja, ja, ſag' nur, was Du haſt.“ „Ich bin in Sorge und Angſt um unſere Irm⸗ gard—“ „Iſt nicht nöthig, ich hüte ſie wie meinen Aug⸗ apfel, da ſei ganz ruhig.“ „Ja, Ohm, das weiß ich, aber es giebt gar böſe Menſchen und die jagen Einem nach bis auf die höch⸗ ſten Berge hinauf—“ „Ja wol, der Landjäger hat ſchon Manchen—“ „Ohm, hört mich doch geduldig an!“ a j ich red ja kein Wort.“ „Alſo, Ohm, meine Mutter hat auch gewußt, wer die Irmgard iſt.“ „Und ich weiß es auch, da brauchſt Du mir nichts zu ſagen. Ich kenn' ſie von Grund aus, ich bin nicht dumm, verlaß Dich drauf.“ „Ja, Ohm, ſchon recht; ich hab' Euch anvertrauen wollen—“ „Kannſt mir Alles anvertrauen, dafür könnt' ich Deine Mutter im Himmel als Zeuge anrufen.“ „Iſt nicht nöthig! Alſo n⸗ die Irmgard hat ein ſchweres Leben hinter ſih „Weiß ſchon, ich hab' in der Stadt wol was ge⸗ merkt, da muß etwas geweſen ſein, daß ſie Einen hat heirathen ſollen, den ſie nicht mag? Sie iſt wol ein Nebenauskind? Oder vielleicht hat ſie gar ſchon einen —— — — — 1 3 3 3 1 6 1 4 * 1 1 Ehemann und iſt dem davongegangen? Sie hat mir die großen Häuſer ſo angeſehen— und hat ſich immer in ſich hinein verkriechen wollen.“ Walpurga ſah ſtaunend auf den Ohm, der ſie gar nicht zu Worte kommen ließ, und plötzlich ſtand der Gedanke vor ihr: So warſt du ſelbſt einmal, du haſt auch geglaubt, immer ſchwatzen zu müſſen, ſtatt zu hören, was die Anderen ſagen, und dir gut berichten zu laſſen. Sie ſah den Ohm lang an, und dieſer, der das für Lob hielt, erzählte nun zum Erſtenmal, wie es ihm mit Irma auf der Reiſe zu Muth geweſen, und was er Alles mit ihr erlebt— die Löwen und Schlangen und die weißen Prieſter aus der„Zauber⸗ flöte“ liefen auf der Straße herum und Alles war durcheinander. Walpurga beſann ſich, daß es nicht nöthig ſei, die Pflicht der Geheimhaltung zu verletzen; ſie ſagte daher nur dem Ohm, er ſolle Irma nie allein laſſen, und wenn ein Fremdes käme— wer es auch ſei— ſolle er ſie heimlich in den Wald hineinführen, damit Nie mand ſie ſähe. Der Ohm verſprachs. „Ja,“ ſetzte er hinzu,„wunderlich iſt's doch in der Welt. Denk' nur, die Kräuter, die ich da ins Städt⸗ chen bring' für den Apotheker, die ſind zum Bad für die junge Gräfin von Wildenort, für die Schwiegertochter von dem, den ich gekannt habe; und wie ich da vor der Apotheke ſtehe, da kommt ein Mann dahergeritten auf einem ſchönen glitzerigen Rappen, der hat Dir Glieder wie gedrechſelt, und der Mann hat ein Kind vor ſich hat mir ich immer r ſie gar ſtand der „du haſt ſtott zu herichten eſer, der nal, wie geweſen, wen und „Zauber⸗ lles war ſei, die gte daher in, und — ſolle nit Nie⸗ h in del t Etüd Pad fir gertochter g vor d iten uf r Gliede vor ſch 395 auf dem Pferd ſitzen, einen Buben ſo wie unſer Peter in einem blauen Kleid und mit einem Federhut, und der Bub ſieht Dir unſerer Irmgard ähnlich, es könnte ihr eigenes Kind ſein, und da ſagt mir der Apotheker, das ſei der Graf von Wildenort, der Sohn von dem, den ich gekannt habe, und wie er vorbeireitet, da ſag' ich: Guten Morgen, Herr Graf! er hält an und fragt mich: Woher kennſt Du mich?— Und ich geb' ihm zur Antwort: Ich hab' Ihren Herrn Vater gekannt, das war gar ein braver Mann.— Und was meinſt Du, was er darauf geſagt hat? Gar nichts; davon⸗ geritten iſt er und hat mir nicht einmal gedankt. Ich hab' mir ſagen laſſen, er ſoll nicht ſo brav ſein, wie ſein Vater, und ſeine Schwieger, die hält ihn unter'm Daumen, daß er nicht muckſen darf. Aber ſchön iſt das Kind und unſerer Irmgard wie aus dem Geſicht geſchnitten. Es iſt doch wunderlich, was man in der Welt für Sachen antrifft.“ Walpurga zitterte und ſie ließ ſich vom Ohm die Hand darauf geben, daß er drunten im Städtchen zu keinem Menſchen der Irmgard erwähne, zu Niemand. Der Ohm verſprach auch das und gab noch die Hand darauf, ſich auch vor der Irmgard nichts da⸗ von merken zu laſſen. Gegen Abend gingen Walpurga und Hanſei wieder heimwärts, und als es Nacht geworden war, auch Franz. Die Bewohner der Almhütte waren wieder allein, ſie ſprachen mit einander kein Wort mehr; man hatte heute ſchon genug geſprochen und gehött. Still war's wieder auf der Alm, nur die Glocken der —— k ——— 396 Kühe läuteten aus dem Wald und von den Wieſen⸗ hängen, und drüber glitzerten die Sterne. Irma ſaß noch lange dort auf jener Stelle, wo man nach dem See hinausblickt, und ſpät erſt begab ſie ſich zur Ruhe. Zehntes Capitel. Irma arbeitete nur wenige Stunden des Tages an ihrer Werkbank, ſie mußte ſich jetzt zu ſolcher Ar⸗ beit zwingen, faſt mehr als im Anfang; ihr Blick war ſtets hinaus ins Große und Weite geſpannt. Wenn ſie dann aber die Arbeit ließ, hatte ſie ein friſches Auge gewonnen und erſchaute die Pracht des Hochge⸗ birges aufs neue. Das Pechmännlein hatte auch ſeine Diplomatie. Er bat Irma, ihn bei ſeinem Pflanzen⸗ und Wurzel⸗ ſuchen zu begleiten, er ſei doch alt und könne nicht wiſſen, wie er einmal ausrutſche, dann ſei doch Je⸗ mand bei ihm, der Hülfe holen könnte. Nun wandelte Irma den größten Theil des Tages mit dem Pechmännlein durch die Wälder, über Höhen und Gründe. Beſonders glücklich war ſie, als ſie an die Stelle kamen, wo der Bach entſpringt. Er floß ſtill aus einer dunklen Felſenhöhle und ſtürzte ſofort in kühnem Sprung die Höhe hinab, oft von Felſentrümmern aufgehalten, darüber hinwegglei⸗ tend, darunter durchwühlend, bis ſich im erſten Thal— grunde ein breites, von hohen Weißtannen umſtandenes Becken bildete. Erſt von da aus floß der Bach über den Wieſen⸗ Irma ſaß n nach dem h zur Ruhe. ſolcher M⸗ Blick war nt. Wenn ein friſches 5 Hochge⸗ Diplomatie. d Wurel⸗ önne nicht i doch J⸗ höhle und hinab, ft inwegglei⸗ ſen T nſtundens Poch ſber die Hochebene und den zweiten Berg in milderem Grunde ſtill murmelnd dem Thale zu. Das Pechmännlein ſah wol, wie es Irma hier gefiel; er glaubte ſogar, daß ſie einmal geſungen habe, mitten durch das Rauſchen und Brauſen wol ver⸗ nehmlich, und es war ein ſeltſames Zuſammentreffen, wie ſich nun hier die meiſten Kräuter fanden, die er zu ſuchen hatte. Er hatte auch die Freude, da und dort ein Vogelneſt zu entdecken, das er Irma zeigte, die ſich daran ergötzte, wie ein kleines Kind. Die Thiere hier ſchienen noch keine Scheu vor den Menſchen zu haben, und das Pechmännlein behauptete, Irma habe ſo gute Augen, daß die Vögel nicht vor ihr davon⸗ fliegen; in der That hüpften ſie um ſie her, als wäre ſie von jeher ihre Vertraute, und der brütende Vogel im Neſt ſah ſie von der Seite ſo treuherzig an und flog nicht davon. So ſaß Irma oft ganze Mittage am Waſſerquell, und ohne daß ſie es wußte, warf ſie manchmal eine Blume, die ſie unverſehens gepflückt hatte, hinein in die Wellen. Drunten aber im Wohnorte Gunthers, durch wel⸗ chen der Bach floß, ſaß am Ufer ein ſchöner Knabe, neben ihm ein rothhaariger Bedienter in Livree. Der Knabe bat den Diener, daß er ihm eine ſchöne Blume, die eben vorüberſchwamm, herausfiſche; der Diener ſtieg den ſteilen Rand hinab ans Waſſer, der Knabe aber warf ſchnell einen Stein ins Waſſer, daß es aufſpritzte, und der Diener rief:„Junger Herr, Sie ſind wieder unartig!“ — „Macht er wieder ſeine tollen Streiche?“ ſagte ein herzutretender, groß gewachſener ſchöner junger Mann mit verlebtem Geſichtsausdrucke.„Was machſt Du, Eberhard?“ Der Knabe ſah betroffen auf und der Diener ſagte: „Gnädiger Herr, der junge Herr und ich, wir machen nur Spaß mit einander.“ Der Mann nahm den Knaben an die Hand und ging mit ihm durch die Wieſe nach einem ſchön ge— legenen Landhauſe, der Jockey Fitz hinterdrein. Der Vorausgehende war Graf Bruno von Wildenort und der Knabe ſein Sohn. Bruno hatte ſtreng verboten, daß der Knabe am Waſſer ſpiele, er hatte eine beſondere Furcht vor dem Waſſer, es hatte ſeiner Familie ſolch entſetzliches Un⸗ glück gebracht; aber der Knabe war immer wie von dämoniſcher Gewalt zu dem wilden Bache hingezogen, und Fitz, der dem jungen Herrn ſtets willfahrte, leiſtete ihm im Geheimen Vorſchub und geleitete ihn an den Bach. Bruno drohte mit dem Finger zurück zu Fitz und ging nun in den Garten an dem Landhauſe. Hier ſaß ſeine Frau in einem großen Lehnſtuhl; nicht weit von ihr ſpielte ein kleines Mädchen im Sand am Weg, und ein Säugling wurde von einer Amme auf- und abge⸗ tragen. Die Morgenglocke läutete und bald erſchien die Schwiegermutter unter der Gartenthür, ein Diener hinter ihr, der ein von Edelſteinen blinkendes Gebet⸗ buch und ein geſticktes Kiſſen trug. Mit der begnügten Ruhe eines Weſens, das heute ſagte ein nger Mann machſt Dr, Nener ſagte: d ich, wir Hand und n ſchön ge⸗ drein. Der denort und Knabe am cht vor dem liches Uln⸗ er wie von hingezogen rte, leiſtete hn an del Fit und Hier ſaß t weit vol Veg, und und abh Ud erſchin ein Dient des Bihi das hell ſchon ſeine höheren Pflichten erfüllt, grüßte die Baro⸗ nin ihre Angehörigen. Bruno gab ihr den Arm, Ara⸗ bella folgte ihnen nach, man ſetzte ſich zum Frühſtück, das in der Laube aufgeſtellt war. „Du lieber Gott,“ klagte die Baronin,„was fan⸗ gen wir nur heute an? Der Tag iſt ſchön, das Wetter ſcheint ſich zu halten. Der Apotheker ſagt mir, es ſei einige Stunden von hier eine überaus ſchöne Almhütte, von wo man eine herrliche Ausſicht haben müſſe. Wie wär's wenn wir die Diener vorausſchickten, um da oben zu diniren?“ „Erlauben Sie, gnädige Frau Schwiegermutter, daß ich Ihnen einen Vorſchlag mache?“ erwiderte Bruno zaghaft. „Gut, machen Sie einen Vorſchlag; überlaſſen Sie nicht alle Sorge mir. Was ſchlagen Sie alſo vor in dieſer tödtlich langweiligen Einöde, wo man auf den odiöſen Geheimrath und ſeine philiſtröſen Frauen an⸗ gewieſen iſt? Bitte, ſchlagen Sie vor.“ „Es iſt mein unmaßgeblicher Vorſchlag—“ „Machen Sie doch nicht ſo langweilige Einleitun⸗ gen Bruno biß ſich auf die Lippen, dann begann er lächelnd: „Ich glaube in Ihrem Intereſſe zu handeln; ich will zuerſt auf die Alm gehen, nachſehen, ob die Wege gut ſind und ob ich Sie nicht einer Enttäu⸗ ſchung ausſetze, denn in der Regel ſind die theater⸗ berühmten holden Almerinnen au naturel hölliſche Scheuſale.“ — 400 „Danke, Sie ſind in der That liebenswürdig. Wann werden Sie die Recognoscirung vornehmen?“ „Noch heute, wenn Sie befehlen.“ „Er möchte gern einen Tag frei ſein, ein lediger Mann,“ wendete ſich die Baronin lachend zu ihrer Tochter.„O ich kenne ihn! Wollen wir ihm den Tag ſchenken?“ fragte ſie ſchelmiſch. „Sie ſind ſehr wohl gelaunt,“ warf Bruno ein. Er hielt die Manier feſt, trotz aller Biſſigkeiten der Baronin immer äußerſt galant zu bleiben;“ ſie hatte Bruno ſchon zweimal ſeine Spiel- und andere Schul⸗ den bezahlt; denn Bruno hatte das Erbtheil ſeiner Schweſter noch nicht bekommen, da man ihre Leiche nicht gefunden; erſt im nächſten Jahre, fünf Jahre nach ihrem Tode, wird ſie vom Todtengericht für ver⸗ ſchollen erklärt. „Ja, lieber Bruno,“ ſagte endlich Arabella, die die Sklaverei ihres Mannes tief ſchmerzte:„Geh Du allein, laß uns Fitz hier, Eberhard hat ſich ſo an ihn ge⸗ wöhnt, daß er nur noch mit ihm ſpielen will.“ Bruno ging zum Apotheker und erfuhr, daß die Alm, die er nur vom Hörenſagen kannte, dem Frei⸗ hofbauer gehöre, der einige Stunden von hier wohne. Er ritt nun zuerſt nach dem Freihof. Walpurga ſaß am Fenſter und ſpielte mit dem Kinde auf ihrem Schooß. Sie ſah den Reiter daher⸗ ſprengen, und unwillkürlich drückte ſie die Hand auf die Augen und bog ſich zurück, als reite er gerade auf ſie los. Sie ſah den Reiter abſteigen, Hanſei ihn begrüßen, rdig. Wunn 2 ein lediger id zu ihrer hn den Tag Bruno ein. igkeiten der ſie hatte dere Schul⸗ theil ſeiner ihre Leiche fünf Juhre cht für ver⸗ ln, die di Du allein, an ihn ge ill.“ 3 daß di den Fre hiet wohne e mit den eite dhe⸗ Gand ouf gernde ul begriſi 401 und das fremde Pferd nach dem Stall führen, und jetzt kam er mit dem Fremden in die Stube. „Grüß' Gott, Herr Graf,“ trat Walpurga ſich faſſend ihm entgegen.„Das iſt ſchön, daß Sie uns beſuchen.“ Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen, aber Bruno zwirbelte ſeinen Schnurrbart und reichte ihr keine Hand. „Ah, Du biſt's? Ich habe nicht gewußt, daß Du die Bäuerin hier biſt. Alſo das iſt das Gut, das Du mit Gold baar ausbezahlt haſt? Du biſt klug, aber ſei nur ruhig, ich verlange nichts von Dir.“ Hanſei ſah, wie ſeine Frau erblaßte. „Wer iſt der Mann? Wer iſt der, der ſo mit Dir redet von oben herunter?“ fragte er, ſich in den Schul⸗ tern zurecht rückend. „Sei nur ruhig,“ beſchwichtigte Walpurga.„Es iſt ein Herr vom Hof, der gern Spaß macht.“ „Drum!“— brummte Hanſei.„Ich hab' Ihnen nur etwas ſagen wollen— wie heißt man Sie denn?“ „Graf Wildenort.“ „Alſo, Herr Graf, ich hab Sie nicht gefragt, wer Sie ſind und hab' Sie willko men geheißen und Ihr Pferd auch, und nun bitt' ich, mir zu ſagen, was Sie wollen, und meine Frau in Ruh' zu laſſen. Auf meinem Grund und Boden duld' ich keine Späße, die mir nicht gefallen; und wenn der König kommt und macht einen, der mir nicht anſteht, da ſchmeiß' ich ihn hinaus. Nichts für ungut, aber Jeder redet, wie ihm um's Herz iſt. So, jetzt ſetzen Sie ſich.“ Auerbach, Auf der Höhe. IIl. 26 —— —— 402 Hanſei ſetzte ſeinen Hut auf und drückte ihn feſt, zum Zeichen, daß er hier Herr ſei. Bruno ſagte lächelnd: „Du haſt einen braven Mann, Walpurga.“ „Jetzt genug,“ unterbrach Hanſei,„was wünſcht der Herr Graf?“ „Gar nichts Unrechtes. Ich höre, Ihr habt bei Eurem Gute eine Alm, das ſoll die ſchönſte im gan⸗ zen Hochgebirg ſein.“ „Ja, ja,“ ſchmunzelte Hanſei,„ſie iſt nicht uneben und geſchickt gelegen, aber ich verkauf' ſie nicht.“ „Ich will Dir ſie auch nicht abkaufen, nur auf einen Tag oben hauſen.“ „Ja, wie iſt jetzt das gemeint?“ „Sind die Wege da hinauf gut und iſt's auch rein⸗ lich oben? Nimmt man nicht eine Heerde am Leib mit, wenn man herunterkommt?“ „Du haſt Recht, Walpurga, er iſt ſpaßig,“ wendete ſich Hanſei zu ſeiner Frau und fuhr zu Bruno fort: „Der Weg iſt ſchon gut, und wenn man eine Stunde Umweg nicht ſcheut, kann man reiten, faſt bis hin. Wenn der Herr Graf will, ich führ' ihn hinauf.“ „Ja, meine Frau und meine Schwiegermutter wollen die Alm gern ſehen.“ Walpurga hörte mit Schrecken, welche Gefahr Irma drohte, aber ſchnell gefaßt, ſagte ſie ſcherzend: „Nein, Herr Graf, Frauen können da hinauf nicht, unſereins wol, aber da muß man die Röcke in Hoſen ſtecken.“ Sie lachte hell auf und auch Bruno lachte, er dachte ſich ſeine Schwiegermutter in dieſem Coſtüm; — te ihn feſt, rga.“ vas wünſcht r habt bei ſte im gan⸗ nicht uneben nicht.“ ur auf einen auch rein⸗ m Leib wit, wendete Bruno ſort eine Stunde hin. Wenn uttet wollen ſfahr Im d inauf nich ke in hrſe tuno 1 ut⸗ em Coſtün 403 ſie hatte vielerlei gehabt in ihrem Leben, aber ein ſolches nicht. Er war nur ausgeritten, um der Schwiegermutter mit dem Schein authentiſcher Erfahrung den Plan aus— zureden, denn er wußte, daß ſolch eine Ausfahrt für ihn ein Tag der bitterſten Sklaverei würde. Nichts iſt recht, er muß immer Vorwürfe und biſſige Worte hinnehmen, als hätte er es verſchuldet, daß da ein Sumpf, dort ein Geröll, und daß es droben auf der Alm nur Eisberge zu ſehen, aber kein Vanillen-Eis zu verſpeiſen giebt! er kennt dieſe Luſtpartien, bei denen er immer vor innerer Wuth hätte vergehen wollen. Walpurga fand Gelegenheit, ihrem Mann zu ſagen, daß er den Grafen mit allen Mitteln vom Beſuch der Alm abhalten ſolle, und Hanſei lachte auf allen Stock⸗ zähnen und ſagte im Stall zu dem Grafen, der nach ſeinem Pferde ſah: „Es iſt eine Verwandte von uns oben, mit der's nicht ganz geheuer iſt.“ Auch Walpurga kam in den Stall, ſie fürchtete doch, daß ihr Mann etwas verrathe, und nun fragte Bruno, ob ſie wiſſe, was mit ihrer Kameradin geſchehen ſei. Walpurga nickte und weinte. „Ja,“ ſagte ſie, ich darf's ſagen, kein Menſch auf der Welt hat mehr um ſie gelitten, als ich.“ Sie weinte ſo bitterlich, daß Bruno ſie tröſtete. Er ritt endlich davon. Noch tagelang lag es Walpurga in allen Gliedern von dem Schreck. Und wiederum dachte ſie, es wäre 404 beſſer, wenn Irma entdeckt würde, ſie iſt vielleicht doch krank und ſtirbt bei uns vor der Zeit. Aber wenn ſie entdeckt wird, das tödtet ſie gleich. Darum war ſie am Sonntag auf der Alm ſo un⸗ ruhig geweſen, und hatte dem Ohm die größte Behut⸗ ſamkeit eingeſchärft, immer aber ging es ihr nach: das nimmt bald ein Ende, wenn man nur wüßte, wie, wenn man nur etwas thun könnte. Sie konnte nichts thun, ſie mußte geſchehen laſſen, was geſchieht. Elftes Capitel. Im Garten Gunthers grünte und blühte es, die Vögel ſangen, und der Waldbach, der wohl umhegt mitten durch den Garten floß, murmelte hier in ſich hinein, daß es ihm leid thäte, ſo ſchnell da fort zu müſſen. Auch drin im Hauſe blühte Freude und Glück. Bronnen war mit Paula verlobt. Was ſtill erwachſen und gediehen war, brach nun plötzlich und in reicher Fülle auf. Bronnen wollte Paula die Seine nennen, bevor der Hof kam, damit ſie dann deſto freier ſich bewege und an das Hofleben ge⸗ wöhne. Frau Gunther ſah mit Bangen ihr Kind in das bewegte große Leben eintreten; ſie hatte davor eine unüberwindliche Scheu. Bronnen erzählte den Schwie⸗ gereltern, daß ihm die liberalen Reformen im Staats⸗ leben weit müheloſer und gefügiger ſich ergäben, als die Reform der Hofetikette; es beſtand bisher als altherkömmlicher, unerſchütterlicher Brauch, daß die ielleicht doch er wenn ſie Aln ſo un⸗ rößte Behut⸗ ihr nach wüßte, wie, onnte nichts hieht. hte es, die vohl umhegt hier in ſih nell da fort Freude und lößlich un Puls di it ſie dum ofleben g. hr gind in edwor in den Schwl in Stuct rgiben, töhu daß di 405 Gattinnen bürgerlichen Standes, welches auch die Stel⸗ lung des Mannes bei Hof, doch nicht ſelber hoffähig waren. Bronnen hatte eine Aenderung hierin nicht anders zu Stande gebracht, als bis er eine Cabinets⸗ frage daraus machte. Gunther lächelte zu dieſer Darlegung. Er kannte die Sprödigkeit der Etikette, die ſich nicht ſplittern ließ. Frau Gunther dagegen war davon erſchreckt. Mit heißer Angſt überfiel ſie's, daß Paula nach der Königin die erſte Dame am Hof und in der Reſidenz ſein ſollte; es wäre ihr erwünſchter geweſen, wenn Bronnen eine geringere Stellung eingenommen hätte; aber ſie liebte ihn mit einer mütterlichen Liebe, die nur im Glanz ihres Auges einen Ausdruck fand, wenn dies Auge auf dem ſtattlichen, gediegenen Manne ruhte; ja ſie ging ſo weit, daß Gunther lächelnd ſagte:„Du wirſt Deiner Heimath untreu“— denn ſie hatte be⸗ hauptet, daß ein Mann, ſo edel in allen Formen und würdig in allem Denken, ſo fügſam und ſelbſtgewiß zu⸗ gleich, ſich vielleicht nur in einer Monarchie entwickeln könnte. In der Republik ſei doch eine gewiſſe Form⸗ loſigkeit, ein Sichgehenlaſſen; dieſe Selbſtehre dagegen, die zugleich immer ſo reſpectvoll gegen Andere, ſei eine eigenthümliche Blüthe des Hoflebens, und Bronnen habe ein Talent, das beſonders anheimelnd ſei, er habe das Talent, gut zu hören, er warte ſo auf⸗ merkſam, bis man ganz geſagt habe, was man ſagen wolle. So leuchtend aber auch das Glück der Eltern, es war doch nur ein milder Widerſchein von dem der Verlobten. Nachdem Paula in voller Aufrichtigkeit ihr Zagen bekannt, einem Manne wie Bronnen zu genügen, ward ſie bald wieder ruhig; denn ſie empfand, daß es eine Fülle der Liebe im Herzen giebt, welche die höchſte und, was noch mehr iſt, die dauernde Be⸗ glückung in ſich ſchließt. Durch Feld und Wald gingen Bronnen und Paula, und Bronnen erkannte immer aufs Neue die reine Kraft, die ſich aus einer edlen häuslichen Atmoſphäre in ſeiner Erkorenen feſt gebildet hatte. Bei jedem neuen Tone, den er anſchlug, fand er ein ſtill vorbereitetes reiches Denken, eine klare und reine Empfänglichkeit. Er pries ſein Schickſal, das ihn ſo geführt und tief erquickte ſich ihm die Seele in der Erkenntniß, daß alle Selbſtveredlung erſt in der ge— meinſamen Veredlung ſich vollkommen erweiſe. Frau Gunther ſaß bei ihrem Mann in der Arbeits⸗ ſtube. Sie ſchaute manchmal durch das Fenſter auf die Liebenden, die im Garten dahingingen. „Er hat geſtern“— ſagte ſie—„Paula und mir ein ſeltſames Geſtändniß gemacht. Wenn mir' ein Anderer berichtet hätte, ich hätte es nicht geglaubt.“ „Und was iſt das?“ „Er hat uns erzählt, und ſeine Stimme war dabei ſehr bewegt, er habe die Gräfin Wildenort geliebt Wußteſt Du davon?“ „Nein. Ich kann es aber nur gerecht finden. Sie war des beſten Mannes werth, wenn ſie ihre Natur hätte ordnen können, und mein guter Eberhard hätte es wohl verdient, ſolch einen Mann ſeinen Sohn zu nennen.“ chtigkeit ihr zu genügen, pfand, daß welche die mernde Be⸗ Lold gingen inte immet einer edlen feſt gebildet hlug, fund e klare und al, dos ihn eele in der in der ge⸗ iſe. er Arbeits⸗ enſter aun und nit nirs ei geglaubt imme Wr Vildent nden 6 ihre Mu rbord hit n Sohn ſt 407 „Ich bitte,“ fragte Frau Gunther,„findeſt Du es recht— ich habe ſonſt noch nicht den leiſeſten Schatten an ihm bemerkt— findeſt Du es recht, daß er Paula davon erzählt? Es wird Paula noch ängſtlicher machen, ſie wird ſich mit der glänzenden Erſcheinung der Gräfin vergleichen und—“ „Sei hierüber vollkommen ruhig,“ unterbrach ſie Gunther.„Ein Herz wie das unſeres Kindes, das die volle Kraft der Liebe in ſich fühlt, hat eine uner— ſchöpfliche Fülle, die keine noch ſo glanzvolle Erſcheinung ſtören und überragen kann; daß aber Bronnen hievon erzählte, macht mir ihn, wenn es möglich wäre, noch theurer. Nicht jeder Mann iſt ſo glücklich, wie ich es war und bin, daß ſeine erſte Liebe auch ſeine einzige; die mei⸗ ſten müſſen durch Täuſchung und Abfall gehen, und der Mann darf ſein Geſchick preiſen, der wie Bronnen rein und ganz daraus hervorgeht; denn das iſt, je mehr ich die Welt aus der Ferne betrachte, der große Jammer, der die Menſchheit erfaßt hat, und— wenn ſie gerettet werden ſoll, eine Umwälzung ohnegleichen auch in den Geſinnungen hervorbringen muß: es darf nicht ſo weiter⸗ gehen, daß ein Laſterleben ſich parallel hinzieht mit dem ſogenannten geordneten und häuslichen und die Menſchheit und jeden Mann in ſich ſpaltet. Wir haben unſer Kind ſo lange, ſo treu behütet und ich hätte bei allem äußern Glück tiefes Herzweh, wenn ich ſehen müßte, daß ein Mann ihr die Hand reicht, der, wie die Geſellſchafts⸗Falſchmünzerei es nennt, ſchon ſtark gelebt hat.“ Frau Gunther ſah mit glänzendem Auge auf ihren 408 Mann.„Ich finde, daß Bronnen Dich auch von Deiner Abneigung gegen das militäriſche Leben bekehrt hat,“ ſagte ſie leiſe. „Keineswegs,“erwiderte Gunther,„nur hat Bronnen keine Schädigung davon erfahren. Er vereinigt mit dem entſchloſſenen Muth und der leichten Beherrſchung frem⸗ der Kraft ein tiefes und ernſtes Denken. Es iſt wie ein Wunder, wie eine unverhoffte ſchöne Fügung, daß mir eben jetzt, wo ich das Bild des reinen Menſchen, des modernen, thätigen, in meiner Arbeit herausmeißeln will, eben jetzt echte Züge in einem Menſchen entgegen⸗ treten, der durch die Freiheit der Natur mir zu eigen wird. Es iſt doch, als ob geheimnißvolle Mächte uns eben das zutrügen, wonach in Dichten und Trachten unſer Auge geſpannt iſt. Bronnen tritt mir entgegen, als träte er aus meiner Arbeit heraus.“ Noch nie hatte Gunther ſo von ſeiner Arbeit ge⸗ ſprochen. „Du verſtehſt mich recht,“ fügte Gunther hinzu, „ich ſehe das Ideal des reinen Menſchen in Keinem vollkommen; aber ich ſehe Züge in Jedem und ſehe viele davon in Bronnen beſonders Die Menſchen leben mir in der Wirklichkeit ſchön, in der Wahrheit aber noch ſchöner. Ich freue mich, daß das nach uns kommende Geſchlecht ein anderes iſt als wir, und doch dürfen wir ſagen, daß das Gute von uns mit ihm fortlebt; der Enthuſiasmus des neuen Geſchlechts iſt ein anderer als der unſere war, aber ich glaube, daß die Nüchternheit ihn auch nachhaltiger macht. Doch— ich will mich jetzt nicht zu weit verlieren. Ich wollte ach on eben bekehrt hat Bronnen igt mit dem chung ften⸗ Es iſt wie igung, daß Menſchen, ausmeißeln nentgegen⸗ it zu eigen Mächte uns d Tnechten ir entgegen, Atbeit ge⸗ her hinz, in Keinen und ſch Nenſchen 1 Vahrhei 6 nach uns und deh 6 nit ihn chlecht ſt laube, Doch 35 wolle 409 Dir nur ſagen: ich habe gefunden, daß die Herz— ſpältigkeit der modernen Welt weſentlich darin beruht: Die Religion hat den Glauben, die Kunſt die Schön⸗ heit, die Politik die Freiheit für ſich und abgelöſt von der Sittlichkeit hingeſtellt, und doch ſind ſie Eins und müſſen es ſein, wie die beiden Seiten ein und der⸗ ſelben Subſtanz. Ich hoffe, daß ich das der Welt noch deutlich machen und etwas beitragen kann zur Einigung der wahren Frömmigkeit, Schönheit und Freiheit mit der ſo vornehm und gnädigſt nebenher tolerirten Sittlichkeit.“ Das Geſpräch wurde unterbrochen, denn der Graf von Wildenort, ſeine Gemahlin und Schwiegermutter wurden gemeldet; man ließ ihnen ſagen, ſie möchten in den Gartenſalon eintreten, und bald waren die Gemeldeten, Gunther und ſeine Frau, Bronnen und ſeine Braut dort in lautem Geſpräch verſammelt. Frau Gunther ſprach ausſchließlich mit der jun⸗ gen Gräfin, welcher der Kur⸗Aufenthalt ſehr wohl gethan hatte. Die Baronin Steigeneck wußte das Brautpaar in einem Geſpräche feſtzuhalten, und Frau Gunther ſah oft nach Tochter und Sohn hinüber, als müſſe ſie eine Raupe von ihren Kleidern abthun. Bruno ſprach ſehr heiter mit Gunther und ſagte, daß er auf Befehl der höchſten Herrſchaften wol noch ein⸗ mal während Anweſenheit derſelben hieher kommen werde; er wollte damit vielleicht Gunther den Auftrag geben, daß ihm der Befehl zugehe, denn die Baronin wollte vor Ankunft der Majeſtäten— ihre Ausge⸗ ſchloſſenheit drückte ſie ſehr— mit den Kindern und Enkeln nach ihrem Schloſſe zurückkehren, um dann in ein Luxusbad zu reiſen; ſie war voll Ungeduld, bis ſie zur Spielbank kam. Man nahm ſehr redſeligen Abſchied, man dankte für den herrlichen Landaufenthalt, man beneidete die Menſchen, die hier wie auf einer glückſeligen Inſel leben könnten und endlich ſtieg man in den auf der Straße haltenden Wagen. Als die Fremden fortgegangen, kehrte Frau Gunther nochmals in den Gartenſalon zurück und öffnete alle Fenſter, damit ein friſcher Luftzug durch das Gemach ſtrich; es bedurfte auch deſſen, um die ſtarken Parfüms der Baronin zu zerſtreuen. Am Abend verließ Bronnen das Städtchen. Wagen fuhr nebenher, man gab dem Bräutigam das Geleite. Er und Paula gingen voraus, Gunther und ſeine Frau hinterdrein. Der Abſchied war einfach und herzlich, man freute ſich der genoſſenen Tage und ſah neuen freudig entgegen, denn Bronnen wollte mit dem König wiederkommen. Bei der Rückkehr ging Paula zwiſchen den Eltern, ihre Wangen glühten; unterwegs trennte ſich Gunther von den Seinen und ging nochmals zum Grafen Wildenort, um deſſen Gemahlin fernere Verhaltungsregeln zu geben. Mutter und Tochter gingen allein, und als Frau Gunther ihr Kind anblickte, ſah ſie eine ſtille Thräne in deſſen Auge, aber das Antlitz leuchtete. „Du darfſt vollauf glücklich ſein,“ ſagte Frau Gunther.„Dir wird ein Mann, der ſich mit Deinem Vater vergleichen darf, und ich kann Dir nichts Der 411 n dann in Höheres wünſchen, als daß Dir werde, was mir ge⸗ duld, bis worden, und daß Du einſt Freude haben mögeſt, wie ich an den Meinen und an Dir beſonders.“ an donkte„Ach Mutter,“ ſagte Paula,„ich faſſe es gar eidete die nicht, daß ich ihn allein ziehen ließ, und faſſe es doch gen Inſel wieder nicht, daß ich Dich, den Vater und die Schweſter n auf der laſſen ſoll; aber Bronnen“— ſie nannte ihn unab⸗ änderlich nie bei ſeinem Taufnamen—„ſagt, daß er u Gunther hoffe, der Vater werde wieder in die Reſidenz zurück⸗ fnete alle kehren; er könne ſich jede Stellung, die ihm beliebe, s Gemach auswählen, der König wünſche das.“ Purfüns„Ich glaube nicht, daß der Vater dem nachgiebt. Doch Du, Kind, laß Dich in nichts ſtören; Du kannſt ben. Der glücklich ſein, denn Dein Glück lebt in uns Allen.“ Noch auf dem Heimwege begegneten den beiden Frauen viele ſchöne Pferde und Wagen, die der Königin vorausgingen, deren Ankunft man in den nächſten Tagen erwartete. Die Landſtraße war auf einmal ſo belebt, und im Städtchen war ein Wogen, ein Staunen, ein Freuen. Der Hof kommt! Und das Alles verdankt man doch nur Gunther!— Die Frau und Tochter wurden ehrerbietig begrüßt, und ſchon von ferne ſah man, wie die Städtebewohner den neuange⸗ kommenen Hofdienern ſagten, wer die beiden Damen ſeien; auch die Hofdiener grüßten mit großer Unter⸗ würfigkeit. 0 Den Weiterſchreitenden begegnete auch ein Fuhr⸗ werk, wie aus einem Märchen hervorgeſprungen. Zwei gte Fu iſabellenfarbene winzige Ponnies mit kurzgeſchorenen t ſchwarzen Mähnen, mit buntem Geſchirr angethan, „ 15 ir nichl tigam das nther und nfach und e und ſh mit den tern, ihre er von den nort, un n geben. als Fwl le Thrin —— —— ——— —— 412 waren an einen kleinen zierlichen Wagen mit niederen Rädern geſpannt. Als ob ſie ahnten, was da vor⸗ ging, kamen die Kinder aus den Bauernhäuſern über die Wieſen und von den Halden dahergeſprungen und bewunderten das Märchengeſpann des Kronprinzen und begleiteten es jubelnd durch das Städtchen, wo das Kin⸗ dergefolge immer größer ward, bis hinaus zur Meierei. Paula ſah Allem lächelnd zu. Sie ſtand bei der Mutter vor dem Hauſe, wo ein Schild anzeigte, daß hier fortan das neue Telegraphenamt ſei. Hieher wird ſie Botſchaften ſenden und von hier wird ſie ſolche vom Elternhauſe empfangen. Die Leitung, die Irma nicht weit vom Freihof vorbei hatte aufrichten ſehen, war für den Sommer⸗ aufenthalt der Königin hergeſtellt. Als man am andern Morgen im Hauſe Gunthers erwachte, kam das erſte Telegramm ins Städtchen. Es war an Paula gerichtet und lautete: Ich weihe den elektriſchen Funken ein zum Dienſt der Liebe. Bin wohlauf, grüße Dich, Vater, Mutter und Schweſter. Bronnen. Zwölftes Capitel. Die Schuljugend war hüben und drüben am Wege unter den Obſtbäumen aufgeſtellt. Die Glocken läuteten, Muſik erſcholl, Böller krachten und widerhallten von den vielzackigen Bergen. it niederen 3 da vor⸗ uſern über ungen und rinzen und, o das hin⸗ ur Meietei. id bei der eigte, daß ieher wird ſolche von n Freihof Sommer⸗ Gunther ſchen. Es um Dient t, Muttet onnen. an Ve n lüutetn lten w Die Königin zog ein. Sie ſaß im offenen, von vier Schimmeln gezogenen Wagen, neben ihr der Prinz, ein Knabe mit hellen goldenen Locken und friſchem Antlitz. An der Gemar⸗ kung hielt der Wagen. Ein in der kleidſamen Landes⸗ tracht aufgeputztes Mädchen hieß die Königin mit einem vom Schulmeiſter verfaßten Gedichte willkommen und überreichte ihr einen Strauß Alpenblumen. Die Königin empfing den Strauß, auf ihrem Antlitze lag Güte und Holdſeligkeit; ſie grüßte nach allen Seiten, reichte dem Kinde die Hand, und auch der Prinz reichte ſein Händchen dar und ſagte— der ganze Ge⸗ meinderath, der katholiſche und evangeliſche Geiſtliche hörte es„Grüß Gott!“ „Hoch und abermals hoch!“ wurde gerufen und Blumen wurden auf den Weg geſtreut. Die Königin fuhr durch das Städtchen, das mit Kränzen und Fahnen geſchmückt war, nach der Meierei. Dort ſtanden bereits die Hofcavaliere, die vorausge⸗ kommen waren, unter ihnen Gunther. Er trug die großen Orden auf der Bruſt, die die Bewohner des Städtchens noch nicht an ihm geſehen hatten. Jetzt kam der Wagen durch die Ehrenpforte; er hielt an, die Königin ſtieg aus. Sie reichte Gunther die Hand, er hätte ſie gern geküßt, aber er wandte ſich zum Prinzen und küßte ihn. Auch er war ſo bewegt, daß er kein Wort her⸗ vorbringen konnte, endlich ſagte er: „Ich heiße Majeſtät von Herzen willkommen auf meinem Heimathsgrunde.“ „Wo Sie ſind, iſt Heimathsgrund,“ erwiderte die Königin. Sie ging voran, an der Hand den Knaben führend. Die Oberhofmeiſterin Gräfin Brinkenſtein, die Pal⸗ laſtdame Conſtanze und andere Hofdamen begrüßten nun ebenfalls Gunther; es waren aber auch neu⸗ ernannte da, die Gunther nicht kannte. Bald war die Königin mit den ihr zunächſt Stehenden auf der großen Terraſſe, die einen ent⸗ zückenden Ausblick über das Thal und nach den Bergen bot. Gunther erklärte der Königin den Höhenzug und die dazwiſchenliegenden Thäler, er nannte die Namen der vornehmlichſten Bergſpitzen und fügte da und dort etwas Geſchichtliches hinzu; er ſtellte die Häupter ſeiner Heimath der Königin vor. Jetzt begann die Abend⸗ dämmerung ſich niederzuſenken und ruhte im glühenden Roth dort oben auf den Höhen. Man ſtand eine Weile ſtill und ſchaute hinauf nach den Höhen dort, wo Allen ungeahnt eine Frauengeſtalt träumend hinein⸗ ſah in die weite Welt und erſchreckt ſich umgeſchaut hatte, als plötzlich von den nahen Schrofen das Echo der Böllerſchüſſe donnergleich widerhallte. Da drunten feiern wol die Menſchen ein lautes Feſt, und ſie, die einſt auch unter den hier Verſammelten geſtanden und die nicht am wenigſten Bewunderte war, lebt ſtill und einſam in ſich. An dem Zaune des abgegrenzten Parkes ſtand die Einwohnerſchaft des Städtchens und Viele, die aus den Dörfern und den einſamen Höfen herbeigekommen waren; ſie ſchauten Alle nach der Königin, Jedes widerte die en führend. t, die Pal⸗ begrüßten auch neu⸗ zunüchſt einen ent⸗ den Bergen enzug und die Namen und dort pter ſeiner die Abend⸗ glühenden ſund eine öhen dort, nd hinein⸗ ungeſchut da 6cho drunten nd ſe di anden und t ſil ud ſtund d igelonn in, M wollte etwas Beſonderes bemerkt haben, an ihr, an den Pferden, an dem Wagen, an den Dienern. Jetzt läutete die Abendglocke, die Männer zogen die Hüte ab und Alles betete ſtill und zog heimwärts. Die Nacht brach ſchnell herein, die Verſammelten zerſtreuten ſich und die Königin fragte Gunther, ob es nicht einen Weg nach ſeinem Hauſe gebe, der nicht durch das Städtchen führe. Gunther erwiderte, daß der König einen ſolchen längs des Vorhügels habe anlegen laſſen. Die Königin blickte nieder. Sie war im Innerſten erquickt von dieſer freundlichen Fürſorge, und wäre jetzt der König dageweſen, ſie hätte ihm ein Wort der Güte geſagt, wie er es lange nicht von ihr gehört. „Ich will Ihre Familie begrüßen,“ ſagte die Königin. „Ich werde die Ehre haben, ſie Eurer Majeſtät morgen vorzuſtellen.“ „Es iſt ſo ſchön, der Abend ſo mild, laſſen Sie uns noch heute dahin gehen.“ Die Königin und Gunther und mehrere Herren und Damen vom Hofe gingen den neuen Weg nach dem Hauſe Gunthers. „Wollen Sie nicht Ihren Damen ſchnell voraus⸗ ſagen laſſen, daß Ihre Majeſtät zu Beſuch kommt?“ ſagte die Oberhofmeiſterin beim Ausgang aus der Meierei mit ſehr gnädigem Ausdruck zu Gunther. Die Formloſigkeit der Königin, mit der ſie dieſen Beſuch in Scene ſetzte, war doch gegen alle Regel, obgleich der Landaufenthalt mancherlei Freiheit geſtattet. Gunther lehnte eben ſo höflich jede Anſage ab. 116 In ihm war das ſtolze Selbſtgefühl: es kann zu jeder Stunde eine Königin mit ihrem Gefolge in ſein Haus eintreten, ſie findet es würdig bereit, und ſeine Frau und ſeine Kinder bedürfen keiner Zurechtſtellung. Die Frau des Inſpectors, die kluge Staſi, hatte aber doch gehört, wohin es geht; ſie war durch die Stadt vorausgeeilt zu Frau Gunther, um zu ſagen, wer heute noch zu ihr käme. So fand nun der Hof den Gartenſalon ſchön er leuchtet, und Frau Gunther, von ihren beiden Töchtern umgeben, begrüßte die Königin am Eingang des Gar tens, mit ehrerbietiger, wenn auch nicht vollkommen ordonnanzmäßiger Verbeugung. „Ich konnte es nicht erwarten,“ ſagte die Königin — ihre Stimme klang jetzt ſo hell, ganz anders wie ehedem„ich mußte Sie noch heute begrüßen und Ihnen meinen Glückwunſch ausſprechen. Sie ſind die Braut des Miniſters Bronnen?“ wendete ſie ſich zu Paula. Paula verbeugte ſich ſo regelrecht, daß die Ober hofmeiſterin zufrieden nickte. Die Königin reichte Paula die Hand und küßte ſie auf die Stirne. „Ich werde Sie nun oſt ſehen,“ ſetzte ſie hinzu, „und es wird uns eine Quelle der Erinnerung ſein, daß ich Sie ſchon in Ihrem elterlichen Hauſe gekannt.“ Sie winkte dann Frau Gunther an ihre Seite und ging mit ihr durch den Garten. „Alſo erſt heute muß ich Sie ſehen,“ ſagte die Königin,„ich hoffe, ich bin Ihnen keine Fremde.“ „Majeſtät, es iſt zum Erſtenmal in meinem Leben, daß ich mit einer Königin ſpreche, und ich bitte—“ 417 8 kann zu„Ihr Mann iſt mir ein väterlicher Freund, und ich 5 lge in ſin wünſche, daß auch Sie mir in ähnlicher Weiſe— doch, und ſin überlaſſen wir das der freien Beſtimmung, wie wir uns 6 echtielung gegenſeitig finden. Legen Sie nur als Schweizerin ein Stnſi, hatt klein wenig Ihr Vorurtheil gegen eine Königin ab.“ durch die„Majeſtät, ich bin eine Bürgerin Ihres Landes.“ zu ſogen,„Ich freue mich, daß ich Sie zuerſt in Ihrem eigenen Hauſe begrüßen konnte. Singen Sie noch n ſchön er⸗ viel? Ich hörte, daß Sie ſchön geſungen.“* en Töchtern„Majeſtät, das überlaſſe ich jetzt den friſcheren 4 des Gar⸗ Stimmen meiner Kinder; Paula ſingt.“ vollkonmen„Ach, das freut mich! Ich entbehrte es lange, daß keine Dame unſeres näheren Kreiſes ſchön ſingt.“ die Königin Wie ein flüchtiger Schatten huſchte die Erinnerung. andets wie an Irma in der Nacht dahin durch die Seele der rüßen und Königin. Sie ſtand am Bach, der von dort oben kam, ie ſind di und hier jetzt laut quallte und murmelte. hzu Pul. Die Königin blieb nur eine kurze Weile im Pavillon. die Oher Als ſie zurückging, ſagte ſie an der Gartenthür zu ihte Luuln Frau Gunther: 2„Wollen Sie uns nicht noch ein Stück Weges ſe hnn, b Bu⸗ n ſin„Ich danke, Majeſtät.“ 4 „So ſehe ich Sie morgen. Gute Nacht! Auf gute Nachbarſchaft!“ Die Königin ging davon. Gunther wußte, wie die Herren und Damen laut oder ſtill über die unerhörte Unſchicklichkeit ſprechen werden, daß man einen ausgeſprochenen Wunſch der Königin geradezu verneint; aber er ſagte ſeiner Frau bitte— Auerbach, Auf der Höhe. UI. 27 e gelannt“ Seite und —— ſagte de ne on Lebel, inem, ——* 418 kein Wort, er konnte ſie gewähren laſſen und war ſicher, daß ſie das Rechte that; wenn ſie auch gewiſſe Convenienzen unberückſichtigt ließ, ſie wird doch mit rechtem Tact Alles einleiten und feſthalten, und gerade das, daß ſie das überaus huldvolle Zuneigen der Königin mit leiſer Abwehr behandelte und ſich von der Gnade nicht eine Freundſchaft befehlen ließ, gerade das war ihm ſichere Bürgſchaft. „Es iſt mir lieb,“ ſagte Frau Gunther zu ihrem Manne, als ſie in der Wohnſtube beiſammen waren, „daß unſere Paula ſchon vom elterlichen Hauſe aus in das Hofleben eingeführt wird, und die Königin ſcheint mir in Wahrheit ein edles Gemüth.“ Gunther ſtimmte bei und ſetzte hinzu, daß Paula ſchon bei der kurzen Begegnung gezeigt habe, wie ſie die Unterweiſung ihres Verlobten praktiſch zu üben wiſſe, denn Bronnen hatte ihr geſagt: Man iſt bei Hofe frei, wenn man ſich den Krimskrams der Formen, ohne Accent darauf zu legen, ſo zu eigen macht, daß man ſie ohne Beſchwer übt, wie grammatiſche Regeln. Die Nacht war mondhell und Paula ſang in die ſtille Nacht hinein mit klangvoller Stimme und in glühendem bräutlichem Ausdruck den Schluß des Gvethe⸗ ſchen Liedes, das Bronnen vor Allen liebte: Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe biſt du! Und droben auf dem Berge, wohin keine Stimme drang, ſaß in ihre blaue Decke gehüllt eine Einſame, und und wer uch geiſe d doch nit und gerade neigen der ich von der gerade do zn ihren en waren, Hauſe aus igin ſcheint duß Paule be, wie ſe h zu üben lan iſt bi r Fomen ncht, di e Neg ung in 1 ne und i des Geth 419 durch ihre Seele zog lautlos das Lied deſſelben Meiſters, das Lied aller Lieder, in dem die von aller Schwere frei⸗ gewordene Seele ſich mit der ewigen Natur eint: Fülleſt wieder Buſch und Thal Still mit Nebelglanz, Löſeſt endlich auch einmal Meine Seele ganz. Die Hofdamen in der Meierei plauderten noch lange mit einander; diejenigen, die die Königin nicht hatten begleiten dürfen, beneideten die Anderen, die ſofort die Braut Bronnens muſtern konnten. Was mochte nur an dem bürgerlichen Mädchen ſein, daß Bronnen, dem keine noch ſo hoch Stehende ihre Hand geweigert hätte, gerade ſie wählte? Die Einen fanden ſie linkiſch, die Andern zu ſicher; auch ihre Schön⸗ heit war zweifelhaft. Den jüngeren Hofdamen wurde ſcherzend mitgetheilt, daß der Leibarzt jetzt viele Tage große Parade der Gefühle und Weltideen abhalten werde, und zwar au grand serieux. Der Mond ſchien hell auf den Bergen und im Thal, wo endlich Alles ſchlief. Nur die Brunnen rauſchten und der Bach murmelte und manchmal erſcholl ein Jodelruf hoch in den Bergen. Ein heller Tag brach an. Gunther war früh bei der Königin. Er war ent⸗ ſchloſſen, nun die nächſten Wochen ſeine Morgenſtille zu opfern; er wollte ſich ganz der Freundin widmen, und er ſah jenſeits dieſer Wochen wieder ſeine unge⸗ ſtörte Ruhe. —— — Wieder wie vor fünf Jahren ſaß er am Morgen auf der Terraſſe, aber nicht ausſchauend nach den fernen Bergen, ſondern nun von ihnen unſchloſſen; und wieder, wie damals, erſchien die Königin in weißem Gewand und grüßte ihn, aber ihr Weſen war jetzt ein anderes, ihr Gang war ſicherer, ihr Wort beſtimmter. „Wir machen kein Programm, wie wir nun hier leben wollen,“ ſagte die Königin, mit Gunther im Garten auf- und abwandelnd,„wir wollen den Tag nehmen, wie er ſich giebt.“ Sie ſprach ihre Freude aus, daß ſie ſeine Frau und Töchter nun ſchon kenne; ſie fand, daß er wohl⸗ gethan, in der Reſidenz ſeine Häuslichkeit vom Hofe entfernt gehalten und nur mit wenigen Menſchen eine Ausnahme gemacht zu haben. Wieder zog wie ein flüchtiger Schatten die Erin⸗ nerung an Irma durch die Morgenfrühe dahin, denn die Königin wußte, daß Gunther ſie in ſein Haus eingeführt. Immer noch ſchien das Andenken Irmas nicht völlig gebannt und begraben. „Majeſtät erlauben mir,“ ſagte der Leibarzt,„doch ein kleines Programm aufzuſtellen; es hat nur einen einzigen Paragraphen. Erlauben Sie mir, ihn zu motiviren. Ich habe mich nie brieflich über dieſen Punkt ausſprechen können, ich kann es nur perſönlich. Majeſtät, ich habe mich vor Ihnen einer Schuld an⸗ zuklagen.“ „Sie? Einer Schuld?“ „Ja, und es macht mich frei, ſie beichten zu dürfen. Majeſtät, ich frage nicht, wie jetzt Ihr Verhältniß zu m MWorgen nach den unſchloſſen; in weißem ar jetzt ein heſtimmter. nden Tag ſeine Frau ß er wohl⸗ vom Hoſe nſchen ein die Frin⸗ ahin, denn ſein Hus ken Inn arit,„doh nur einel r, ihn l iber dieſn Schuld tlniß j Ihrem königlichen Gemahl. Daß und wie er Ihnen dies Alles hier bereitet, iſt die That eines zarten Sinnes—“ „Und ich erkenne die That vollkommen; aber ich kann doch nicht—“ „Ich muß Sie unterbrechen, Majeſtät, denn das iſt meine Bitte: Geſtatten Sie mir, daß wir nie mehr mit einander über Ihr Verhältniß zu Seiner Majeſtät ſprechen. Ich habe damals— und das eben iſt meine Schuld— in dem ſchweren Conflict geglaubt, Euer Majeſtät durch freies und umfaſſenderes Denken zur Gerechtigkeit und von da aus zur wiedererweckten Liebe zu führen. Ich habe geirrt und gegen einen ganz ein⸗ fachen Grundſatz verſtoßen. Gefühle wollen ſich nicht durch Gedanken beherrſchen laſſen; und wäre es auch in dem genannten Falle, jeder Dritte, der da ſich ein⸗ ſtellen läßt, wird mit Recht zermalmt und ausgeſtoßen. Wer da Mittler ſein will, der macht den Riß nur weiter. Gatte und Gattin können nur allein ſich finden. Ich breche ab und bitte nun Eure Majeſtät — denn ſo allein können wir freien Blickes einem Jeden und Ihrem Gemahl ſelbſt, wenn er kommt, frei ins Auge ſchauen— wir ſprechen nie mehr über dies Verhältniß. Sie haben keinen andern Vertrauten, als Ihr Herz, und Ihrem eigenen Herzen allein müſſen Sie folgen und vor keiner ſcheinbaren Abtrünnigkeit und Umkehr zurückſchrecken. Iſt dies Eine mir ge⸗ währt?“ „Ja, und nun weiter kein Wort davon.“ Als ob den Beiden eine Laſt abgenommen wäre, 422 ein Bann, der auf ihnen geruht, frei und heiter be⸗ ſprachen ſie ſich nun. Der Kronprinz wurde' herbeigeführt. Der Leibarzt freute ſich ſeiner kräftigen Geſtalt und verſprach ihm eine Geſpielin, die am ſelben Tag mit ihm geboren war. „Mama, warum hab' ich kein Schweſterchen?“ fragte der kleine Prinz. Die Königin wurde über und über roth. „Die kleine Cornelia ſoll Deine Schweſter ſein,“ erwiderte ſie und gab Auftrag, daß man den Prinzen in das Haus des Leibarztes zu dem Kinde führe. Der Leibarzt gab Frau von Gerloff noch die An⸗ weiſung, daß man den Kindern das Vogelneſt mit den jungen Vögeln im Roſenbuſch zeige. Der Prinz bat, daß er Schnipp und Schnapp mitnehmen dürfe, und bald fuhren die beiden Kinder miteinander in dem zier⸗ lichen Wagen durch das Thal, ein kleiner Groom lenkte die Pferdchen, ein Vorreiter ritt voraus. Am Mittag kam Frau Gunther mit ihren Töchtern zur Königin. Allmälig bildete ſich ein zutrauliches Verhältniß zwiſchen dem Hauſe Gunthers und dem Hofe, als wären es zwei gleichſtehende Familien. Keine Geſellſchaft in geſchloſſenen Räumen kommt ſo zu gleicher Stimmung, wie die auf dem Lande bei Ausfahrten; die Gemeinſamkeit der Naturfreude und Erfriſchung giebt auch eine Gemeinſamkeit der Stimmung. Die Tage floſſen ſchön dahin, die Königin wollte keine außergewöhnlichen Vergnügungen, und jede Stunde war in ſich erfüllt. Die Königin ſagte einſt Frau Gunther, daß ſie heiter be⸗ et Leibarzt ſprach ihn boren war. eſterchen?“ über und ſter ſein,“ n Prinzen ühre. ch die An⸗ ſt mit den Prinz bet, ürfe, und ndem ziet⸗ oom lenkt nTöchtem utrauliches und den en. Keine u gleiche usfohrten, hifriſchu 4 wolle ede Stund 423 die erſte Bürgerin ſei, mit der ſie von Haus zu Haus in Beziehung getreten, und ſie könne nicht umhin, ihren klaren und feſten Sinn zu bewundern. „Ich muß Ihnen etwas aus meiner Jugend er⸗ zählen,“ entgegnete Frau Gunther, der dieſes mit Lob Begnadigen ſehr anfremdend war. „Bitte, erzählen Sie,“ ermunterte die Königin. „Majeſtät, ich war eine glückliche Braut. Wilhelm war in den Ferien verreiſt, wir ſchrieben uns oft. Da kam eines Tages ein Brief von ihm, der meinen Stolz beleidigte, ja mich tief verletzte. Ich hatte mich in allerlei Ueberſchwänglichkeiten verſtiegen, und er ſchrieb mir das Leſſing'ſche Wort, das Nathan zum Tempel⸗ herrn ſpricht:„„Mittelgut wie wir, findet ſich überall in Menge.““ „Und das verletzte Sie?“ „Ja, Majeſtät, das verletzte mich tief. Gunther hat keine Spur jener lügenhaften Beſcheidenheit, die um ſo eitler iſt, je beſcheidener ſie thut. Nach meinem Gefühl beleidigte er ſich mit dieſem Wort, er, der mir ſo hoch ſtand, und, geſtehe ich's nur, er beleidigte auch mich; ich hielt mich nicht für Mittelgut, ich hielt mich für eine höher bevorzugte Natur. Von damals aber begann ich und lernte durch mein ganzes Leben immer mehr einſehen, daß das meiſte Elend davon kommt, daß die Menſchen, die Verſtand, Bildung und etwas Talent haben, ſich für bevorzugt, für höher geartet halten und ſich damit das Recht zuerkennen, über die gewohnten Schranken und den geſchloſſenen Pflichten⸗ kreis hinwegzuſchreiten. Sich als Mittelgut erkennen, 42⁴ danach handeln für ſich und urtheilen über Andere— das iſt meine Lebensführung geweſen, und ſo bitte ich Eure Majeſtät, mich auch anzuſehen. So wie ich bin, ſind tauſend und aber tauſend Frauen in der Welt. Es iſt wie im Geſange. Ich habe im Chor— geſang gefunden, wie viele gute Stimmen im Chor mitſingen und damit froh ſind und nie nach einem Solo verlangen.“ Die Königin ging ſtill neben Frau Gunther. Wie viele Anwendungen ließen ſich von dem machen, was die Frau mit dem Ausdruck vollſter Wahrhaftigkeit ge⸗ ſagt. Die Königin konnte es auf ſich ſelbſt, auf den König und die noch immer Unvergeſſene deuten. Frei aufſchauend begann ſie endlich: „Ich wollte Sie um etwas bitten,“ ſprach ſie ſtockend und nahm eine Buſennadel mit einer großen Perle ab.„Bitte, nehmen Sie das zum Andenken an dieſe Stunde, zur Erinnerung deſſen, was ich jetzt von Ihnen empfangen.“ „Majeſtät,“ erwiderte Frau Gunther,„ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas derart geſchenkt genommen. Doch, ich verſtehe. Sie als Königin ſind gewohnt, die Seligkeit des Gebens zu empfinden, An⸗ dere zu beglücken. Ich nehme dies Zeichen an, als wär's eine unverwelkliche Blume aus Ihrem Garten.“ Frau Gunther ging ſtill in ſich begnügt heimwärts. An ihrem Hauſe ſtand ſie ſtill. Auf dem CElavier im großen Saal, deſſen Fenſter offen ſtanden, ſpielte eine Meiſterhand voll Kraft und Innigkeit. Das kann Paula nicht ſein. Wer iſt es? Andere— nd ſo bitte So wie ich uen in der e im Chor⸗ nim Chor einen Solo ther. Vie chen, was ſtigkeit ge⸗ t, auf den ten. ſprach ſi net großen idenken an h jezt von h hale in geſchent nigin ſind nden, Wn an, als Gerten“ einwärs glwier in pielt eine das kn Es war ein herzerſchütterndes Wiederſehen, oder leider— wir ſind des Wortes zu ſehr gewohnt— es war kein Wiederſehen, ſondern nur ein Umfaſſen! Der Neffe der Frau Gunther, der junge Mann, von deſſen Compoſition Irma vor Jahren ein Lied geſungen, und der die Verwandten auch hier ſchon einmal beſucht hatte und damals, bei einem Ausflug vom Gewitter überraſcht, auf dem Freihof übernachtet, Irma geſehen hatte, ohne zu wiſſen wer ſie war, der junge Mann war jetzt, wie ihm vorausgeſagt, völlig erblindet. Er war ein Meiſter im Pianoſpiel geworden und trug das Schickſal der Blindheit mit männlicher Kraft. Frau Gunther ſtellte ihren Neffen am Abend der Kö⸗ nigin vor, und es war die erſte Freundesthat der Köni⸗ gin gegen Frau Gunther, daß ſie den Blinden zu ihrem Kammervirtuoſen ernannte, ſie wollte die Ernennung nur noch dem König zur Beſtätigung vorlegen, der in den nächſten Tagen kommen ſollte. Dreizehntes Capitel. Der König war in der Nacht angekommen ohne vorgängige Anmeldung. Er wollte jeder Empfangs⸗ feierlichkeit ausweichen. Er betrachtete ſich als Gaſt bei ſeiner Gemahlin, für ſie allein hatte er dieſe be⸗ ſcheidene Sommerfriſche herrichten laſſen. Gunther ging am andern Morgen mit ſeinen Orden geſchmückt den neuen Weg von ſeinem Hauſe nach der Meierei. Er empfand, daß ſich jetzt dies Sommerleben ändern wird. Es hatte ſich eine Geſammtſtimmung gebildet, die nun durch einen Hinzukömmling, und wäre es auch ein fügſamerer als der König, eine Um— ſtellung erleiden wird. Seit der letzten Audienz, in der er für die Deco— rirung danken mußte, hatte Gunther den König nicht wieder geſehen. Er war gefaßt. Die Hofformen haben in ihrem feſten Beſtand das Gute, daoß ſie keine momen— tane Stimmung und Belebung erheiſchen. Als Gunther ſo den Weg, der ſich an der halben Höhe eines Vorhügels hinzog, dahinſchritt, erweckte ſich ihm unwillkürlich eine Erinnerung an Eberhard. Die Morgenfrühe, die Bergluft, die ſtramme Uniform, Alles war wie damals vor Jahrzehnten. Eberhard hatte die Erfüllung einer Höflichkeitsform ohne Empfindungsinhalt beſtändig als Rohheit bezeich⸗ net, er hatte verlangt, daß man in jedem Augenblick des Lebens wahr ſei und keine Form, kein Wort ge⸗ brauche, die nicht aus dem Grund der Seele ſtammen. Gunther hatte in den Jahren ſeiner Einſamkeit wol erkannt, daß auch er durch Conceſſionen einen theil⸗ weiſen Abfall ſich hatte zu Schulden kommen laſſen; es war ſein höchſtes Glück geworden, nun vollkommen wahr vor ſich und vor der Welt zu ſein, und darum hatte er in dem Werke, das er als Ergebniß ſeines Lebens betrachtete, rückſichtslos und mit unverhülltem Ausdruck geſprochen. Als er in Gedanken ſo fortwandelnd nun die Meierei ſah, hielt er ſtill, um ſich zu ſammeln. Er war ja auf dem Weg, den zu begrüßen und ihm mtſtimmung nling, und „eine Un⸗ r die Deco⸗ König nicht rmen hoben ine momen⸗ der halben erweckte ſic thad. Die e Unifotn, lichkeitzfon heit bi Augnbl in Vort g⸗ le ſtammſ⸗ ſankeit wo einen hi men loſen volllonn und dun ebriß ſins nehilin d mn i nmeln. . ud ihn 3 427 Ehrerbietung zu bezeigen, der ihn hatte entwürdigen wollen. Auch der König, der Gunther ſchon von ferne hatte kommen ſehen, war beim erſten Anblick bewegt. Er trat vom offenen Fenſter zurück und doch hätte er dem hochgehaltenen Manne gern durch das Fenſter Will— kommen zugerufen; aber die königliche Würde duldet das nicht, und ſie hat dabei das ſehr Genehme, daß der Zutritt Begehrende in harrender Stellung bleibt und der Zulaß Gewährende ſeine natürliche Freiheit, man könnte ſagen, ſein bequemes Daheim dem Frem⸗ den gegenüber innehat. Der Leibarzt ließ ſich melden. Er wurde ſofort vorgelaſſen. Der König ging ihm drei Schritte ent⸗ gegen und ſagte: „Willkommen, lieber Geheimrath, ich freue mich von Herzen—“ er ſtockte, als er das geſagt, und fügte, wie plötzlich eine andere Wendung nehmend, hinzu:„Ich freue mich ſehr, Ihnen Glück wünſchen zu können. Man weiß nicht, ſoll man ſagen: Sie ſind es werth, einen ſolchen Sohn zu gewinnen, oder der Miniſter Bronnen iſt es werth, Sie Vater zu nennen; es iſt Beides ein und dasſelbe,“ ſchloß er mit einem Lächeln, das etwas Gezwungenes hatte. „Ich danke Eurer Majeſtät unterthänigſt—“ auch Gunther ſtockte, er hatte dies Wort ſchon lange nicht geſprochen—„ich danke Eurer Majeſtät für dieſe huldvolle Theilnahme an mir und meinem Hauſe.“ Der Glückwunſch zur Verlobung Bronnens war eine anſprechende Ueberleitung in die neue Begegnungsweiſe zwiſchen dem König und Gunther. Dennoch trat jetzt eine Pauſe ein, in der ſich die beiden Männer muſter⸗ ten, als müßten ſie nach vierjähriger Trennung das Antlitz ſich wieder einprägen, das Jeder durch« Jahr⸗ zehnte faſt täglich geſehen. Gunther war ſich faſt gleichgeblieben, nur trug er jetzt einen kurzgehaltenen ſchneeweißen vollen Bart; der König dagegen war ge⸗ rundeter in ſeiner Geſtalt geworden; auf ſeinem An— geſicht lag jetzt ein Ausdruck ſtrengen Ernſtes, der indeß wol mit ſeiner gewinnenden Liebenswürdigkeit zuſam⸗ menſtimmte; ſeine Bewegungen ſchienen an Spannkraft eher gewonnen als abgenommen zu haben. „Wie ich höre,“ begann der König aufs neue, „ſind Sie mit einer großen philoſophiſchen Arbeit be⸗ ſchäftigt, dazu darf ich uns nur Glück wünſchen, wir genießen geſammelt die Früchte Ihres Geiſtes, die wir jetzt im täglichen Verkehr entbehren.“ „Majeſtät, ich ziehe das Facit meines Lebens. Es iſt einerſeits weniger, anderſeits mehr, als ich hoffen durfte; ich lebe in mir, freue mich aber, daß ich, hin⸗ ausſchauend in die zeitgenöſſiſche Welt, erkennen darf, daß die zu Größerem Berufenen ein reines Facit ziehen können.“ „Das Wachsthum iſt langſam,“ ſagte der König. „Als ich geſtern durch die Felder fuhr, dachte ich: wie n ſolch ein Halm braucht, bis die Aehre gediehen iſt. Wir ſehen das einzelne Wachsthum des Tages nicht, aber das Reſultat wird es zeigen.“ Lächelnd und jetzt ganz ungezwungen fuhr er fort: „Ich theile Ihnen da meine neueſten Wahrnehmungen och trat jetzt ner muſter rennung das durch Jahr var ſich fuſt urzgehaltenen gen war ge ſeinen An „der indeß gkeit zuſan⸗ Spannkraft aufs neue, n Arbeit be ünſchen, vir ſtes, die wi s ich hofin aß ich, hin kennen dar ʒueit zihln det Köni hu ih: we hre geie des uhr er fort rnehmu 429 mit, es iſt. es iſt. als hätte ich Sie erſt geſtern geſprochen. Kommen Sie mit in den Garten.“ Auf dem Weg fragte der König:„Wie finden Sie den Prinzen?“ „Er iſt wohlgebaut und— ſo weit ich es beur⸗ theilen kann— auch ſeine geiſtige Entwicklung normal und ſchön.“ Das Geſpräch brach immer wieder ab und mußte immer neu aufgenommen werden; das war die Folge einer langen Trennung und eines unaufgehellten Hinter— haltes in der Empfindung. „Sie haben nun auch viel unter dem Volk gelebt,“ begann der König wieder.„Finden Sie auch, daß der naive Volksgeiſt das Correctiv für die Abirrungen der höheren Bildung zu ſein berufen iſt?“ Der Leibarzt ſah den König nach dieſer Frage be— troffen an. Was ſoll dieſe Frage? Iſt es eine Müßig⸗ keitsfrage? Lebt im Könige noch der unbeſiegte Wider⸗ ſpruch gegen die Entſcheidungen des Volkes? Oder will der König den Gekränkten dadurch mit Huld be⸗ gnadigen, daß er ihm Gelegenheit giebt, ſeine Be⸗ trachtungsweiſe des Breiteren darzulegen und ſich darin zu gefallen? Mit Blitzesſchnelle gingen dieſe Erwägungen durch die Seele Gunthers. Er entgegnete nach einer kleinen Pauſe: „Geſtatten mir Eure Majeſtät, bevor ich zur Be⸗ antwortung der Frage übergehe, uns die Frageſtellung ſcharf zu beſtimmen?“ „Ich bitte darum.“ 430 Die beiden Männer faßten ſich in verſchiedener Empfindung. Es trat wieder eine Pauſe ein, in der es wie Probiren und Stimmen der inneren Inſtrumente war, die aus ungleichen Temperaturen kommend noch nicht zuſammen klingen konnten. „Wenn wir alſo,“ nahm Gunther auf,„unter Volks⸗ geiſt jene Anſichten und Stimmungen verſtehen, die nicht aus feſtgeſtellten wiſſenſchaftlichen und künſtleri⸗ ſchen Ueberlieferungen ſich herausbilden, ſondern als Naturmacht ungebrochen beſtehen, und wenn wir da⸗ gegen unter Correctiv der höheren Bildung ein Abſtoßen des aufgedrungenen Fremden oder auch des geſetzmäßig Verwelkten und Verrotteten faſſen, und damit ein Rück⸗ führen auf die grundmäßige Natur, dann glaube ich dieſe Frage nach Maßgabe meiner Erkenntniß beant⸗ worten zu können.“ „Ich nehme dieſe präciſere Frageſtellung gern an,“ erwiderte der König.„Ich finde, daß man oft darum vergebens auf befriedigende Antwort wartet und ſich fruchtlos abmüht, weil man die Frageſtellung unbe⸗ ſtimmt und vag gelaſſen hat. Gunther nickte lächelnd. „Nun alſo Ihre Antwort?“ fragte der König, mit geſpannter Aufmerkſamkeit ihn betrachtend. „Majeſtät,“ begann Gunther mit friſchem Tone, „ich hole weit aus, bin aber bald wieder auf dem Punkt, wo die Frage Eurer Majeſtät ſich aufwirft. Dieſe Frage ſtammt aus einem großen, einen Wende⸗ punkt der Menſchheitsgeſchichte bezeichnenden Ereigniß. Im Gegenſatz zur ganzen vorhergegangenen Geſchichte verſchiedenet ein, in der Inſtrumente mmend noch unter volk⸗ rſtehen, di nd künſtler⸗ ſondern ab enn wir de⸗ ein Abſtoßen gſezmäßig nit ein Rüc⸗ glonbe ich ttniß beunt ggem m“ oft darun tet und ſih llung unbe König, mi chen Tol, er auf Mn ih uift nen Pe n Greinß 431 des Menſchengeſchlechts tritt die Centralgeſtalt, an der die modernen Völker idealiſirend ſich und ſie erbauten, nicht aus der olympiſchen Höhe hervor, Jeſus wird in der Krippe geboren und die Könige der Welt wall⸗ fahrten anbetend zu ihm. Es wird bleiben als Zeug⸗ niß des Hohen im Niederen, als Kunde jener reinen Demokratie, daß in der Krippe bei den Hausthieren dasjenige aufleuchtete, was dem reinen Menſchen ein⸗ geboren iſt. Nun aber wäre es eine Verkehrung des reinen Gedankens und eine neue Orthodoxie und Veräußerlichung, wenn man fortan die Krippe allein als heilig faſſen und an die niederen Formen und Umgebungen des Volkslebens allein das Innewohnen des ewigen Geiſtes, der heiligen Natur binden wollte. Bleiben ſoll: der reine Geiſt erſcheint überall, aber auch überall, in der Krippe bei den Hausthieren wie im ſäulengetragenen Tempel, in der büchererfüllten Ge⸗ lehrtenſtube und im ſchimmernden Palaſte auf dem Königsthron; Buddha war ein Königsſohn und war einer der großen neuſchaffenden Wohlthäter der Menſch⸗ heit, der im Reiche des Kaſtengeiſtes die Gleichberech⸗ tigung aller Menſchen verkündete. So kehre ich nun zurück und bin bei der Frage. So oft eine Cultur zur höchſten Entwicklung gelangt und dann ihre Schwächen ſich zeigen, ſtellt ſich der Ge— danke einer völligen Umkehr heraus, wobei man aber immer ins Extrem geht; man glaubt von vorn an⸗ fangen zu müſſen, während es ſich doch nur darum han⸗ delt, eine Regeneration herbeizuführen durch die noch un⸗ verbrauchten Schichten, die mit friſchen Kräften kommen. B—— — 432 Dieſe Regeneration aus den unteren Volksſchichten kann aber aus den unteren Volksſchichten allein nicht gemacht werden, ſie ſollen nur ſtets friſche Kräfte hin⸗ aufſchicken. Die große Maſſe als ſolche kann nur neuen Stoff hergeben, aber als Maſſe nicht die Cultur er⸗ neuen. Das Volk iſt nur in ſehr bedingtem Sinne der Träger des Volksgeiſtes; es treten Einzelne aus dem Volke herauf, ſie haben durch ihren Urſprung aus dem Volke etwas von der unſterblichen Kindſchaft in ſich be⸗ wahrt, aus dem Naturleben, aus dem unbelauſchten und ungeleiteten erſten Wachsthum. Aber mit der Kind⸗ ſchaft muß ſich der Geiſt der Wiſſenſchaft verbinden und eine Epoche oder ein Einzelner bildet einen neuen Kno— tenpunkt, worin das ſich fortſetzende Wachsthum nicht abgebrochen iſt, ſondern neu anſetzt, gewiſſermaßen neu anwurzelt und auf dem Stamme einen neuen Boden bildet. Nicht das Volk als Maſſe, ſondern der Mann oder der Kreis, der den Volksgeiſt in ſich concentrirt, erneuet denſelben individuell.“ „Iſt das nicht Ariſtokratie?“ fragte der König mit leiſer, faſt zaghafter Stimme. „Majeſtät, ich ſcheue kein Wort und keinen Begriff, die als Ergebniß logiſcher Conſequenz ſich darſtellen. Ich laſſe dies immerhin auch Ariſtokratie nennen; aber es iſt die ewig werdende, die demokratiſche; denn die Fortbildner des Volksgeiſtes gehen nicht aus derſelben Sphäre hervor.“ „Ich verſtehe,“ ſagte der König bei einem Ro⸗ ſenſtock ſtehen bleibend,„es iſt wie hier, es ſind jedes Jahr neue Schoſſe am Stamm, die die Roſen allein nicht Kräfte hin⸗ n nur neuen Eultur er⸗ m Sinne det ne aus den ng aus den tin ſich b⸗ nbelauſchten it der Kind⸗ rbinden und neuen hno⸗ thun nicht rmaßen nel euen Boden nder Monn concentrir, r König nit nen Begif h darſtllen ennen; chu e; dem de us derſlb einen j s ſid 4. e die Roſen 433 tragen. Doch entſchuldigen Sie, ich habe Sie unter⸗ brochen.“ „Ich will nur noch hinzufügen,“ nahm Gunther wie⸗ der auf:„die Maſſe als ſolche iſt Träger der Bildung, aber die Höherführung dieſer Bildung geht von einzelnen Berufenen und Erwählten aus. Noch näher: Wer das körperliche Durchſchnittsmaß ſeiner Raſſe hat, iſt nicht groß; ſo auch, wer die allgemeine Bildung hat, beſitzt eben damit die allgemeine, die nichts Auszeichnendes, Befreiendes, Erhöhendes hat.“ „Wer aber mißt, beſtimmt und ermächtigt zu dieſer Auszeichnung?“ fragte der König. „In der Wiſſenſchaft und Kunſt die individuelle Berufung, der individuelle Drang und Trieb, aus dem ſich in einer Perſönlichkeit das herausbildet, was die Maſſe ſtotternd und unfertig in ſich hatte und eben weil ſie es in ſich hatte, nun, äußerlich gegeben, als ihr Eigenes begrüßen kann. Im Staate dagegen iſt die Berufung durch Wahl, wie ſie in ſolcher Ausdehnung nur die moderne Menſchheit kennt, die entſcheidende. Es iſt vielfach erſprießlich, daß den momentanen Be⸗ rufungen durch die Wahl gegenüber eine geſchichtlich ge⸗ gründete Berufung ſteht. Aber wenn ſich dieſe nicht mit der zeitlichen eint, überhebt ſie ſich und kommt zu Falle.“ Der König ging ſtill vor ſich niederſchauend dahin. Alles lenkt immer wieder dahin, daß es einen Geſammt⸗ geiſt giebt, der mächtiger iſt und ſein muß, als jeder Einzelne. Weit ab lag nun jede Ahnung, daß man zu dieſem Ergebniſſe durch eine Müßigkeits⸗ oder Gunſt⸗ frage gelangt ſei. Auerbach, Auf der Höhe. UMI. 28 434 Lange ſchritt der König neben Gunther dahin, aber diesmal war das Geſpräch nicht abgebrochen, weil im Hintergrund der Seele noch eine ungelöſte Diſſonanz ſtand. Der König war vielmehr nachdenklich und er hatte gelernt und geübt, über einen neuen Aufſchluß nicht converſationell hinweg zu tändeln, ſondern das Empfangene in ſeinem inneren Denken einzuordnen. „Darf ich fragen,“ begann der König— es lag eine große Beſcheidenheit in ſeinem Tone— darf ich fragen, ob die Betrachtungsweiſe, die Sie mir jetzt geben, und die mir noch viel zu denken geben wird, in dem Werke, mit dem Sie ſich jetzt beſchäftigen, zur weiteren Darlegung kommen wird?“ „Allerdings, Majeſtät.“ „So laſſen Sie mich nun ſofort in der erſten Stunde auf eine Frage für unſer kleines Leben und für das Stück Geſchichte, das wir zu ſein haben, über⸗ gehen.“ Der König verſchränkte die Arme auf der Bruſt und fuhr fort: „Laſſen Sie mich frei zu Ihnen ſprechen. Sie haben die Ihnen vom Miniſter Bronnen angebotene Stellung als Miniſter des Cultus abgelehnt; ich kann mir den⸗ ken, daß Sie Ihre Wiſſenſchaft nicht der Bureauthätig⸗ keit opfern wollen. Würden Sie es vielleicht vorziehen — entſchuldigen Sie“— ſagte der König und lachte ungezwungen,„entſchuldigen Sie, daß ich Ihre gewohnte Redewendung gebrauchte, es geſchah ganz unverſehens — alſo dürfte ich Ihnen den Poſten eines Präſidenten der Akademie anbieten?“ ahin, aber weil in Diſſonmnz ch und er Aufſchluß ndern des uordnen. — es lah — durf ich jet geben, , in den weiteren der erſen Leben und ben, über der Bnſ Sie haben e Stelun nnir N⸗ renuthii t vorich und li e gihu⸗ merſchi riſdmn „Majeſtät bitte ich unterthänigſt, mich nicht für un⸗ dankbar zu halten, aber ich bin entſchloſſen, nicht mehr in die bewegte Welt einzutreten. Außerdem hat mich der längere praktiſche Beruf— Majeſtät wiſſen, ich lehne jede formelle Beſcheidenheit ab, es iſt das meine aufrichtige Erkenntniß— von der ſtrengen Wiſſenſchaft derart entfernt, daß ich den mir ſo gnädig zuerkannten Rang nicht behaupten könnte. Ich bitte, Majeſtät, die noch beſchiedenen Lebenstage mich in meiner Zurück⸗ gezogenheit verleben zu laſſen. Majeſtät, ich bin Schrift⸗ ſteller geworden und will es bleiben.“ „Ich würde mich glücklich ſchätzen, Ihnen die volle Freiheit zu gewähren, ſich rückſichtslos auszuſprechen.“ „Ich weiß das, Majeſtät, und doch, ich mache von der Rückſichtsloſigkeit ſofort Gebrauch und ſage: gewährte Freiheit iſt nicht die ganze Freiheit. Ich müßte in einer hohen Staatsſtellung dennoch die Be⸗ dachtnahme auf Eure Majeſtät und auf die Verwaltung, der nun mein Sohn vorſteht, vor Augen haben. Er⸗ lauben mir Eure Majeſtät, ein Schriftſteller zu ſein und zu bleiben und weiter nichts.“ In den Mienen des Königs trat eine Verſtimmung ein. Er hatte das Aeußerſte gethan, er hatte dem Manne durch die That gezeigt, wie er das zu ſchnelle Vor⸗ gehen von damals gerne ausgleichen möchte; da war nun wieder der ſo oft empfundene Starrſinn. Konnte denn der Mann verlangen, daß der König ſagt: ich bereue, verzeihe mir? Ein ſcharfes Wort kam bis auf die Lippe des Königs. Er drängte es zurück. Gunther ſah ſchnell, was hier ———— —— 436 vorging und die Achtung vor dem neuen Menſchen, der jetzt vor ihm ſtand, machte ſein Auge hell erglänzen. Der König hatte noch mit keinem Worte der Königin erwähnt; er hatte, wie doch ſo natürlich geweſen wäre, den langjährigen Arzt nicht gefragt, wie er das Aus⸗ ſehen der Königin finde. Eben wollte Gunther der Königin erwähnen, als der König, die Brauen zu⸗ ſammenziehend, fragte: „Haben Sie je in Ihrem Leben eine That begangen, die Sie zu bereuen hatten?“ „Majeſtät— ich heiße Wilhelm Gunther, habe mir das Leben erobert auf einem ſchweren Weg und bin oft geſtrauchelt; bin jung geweſen und alt gewor⸗ den und habe geſehen, daß Jedem zu Theil wird, was er in Wahrheit verdient.“ „Und das hat ſich auch bei Ihnen bewährt?“ „Ja, Majeſtät. Ich danke, daß Sie mich fragen. Und ſo laſſen Sie mich bekennen— was ich ſage, hat nicht entfernt die Spur einer Verbitterung; wenn ich eine Thatſache als ſolche erkannt, bin ich damit fertig, ich ſpreche daher mit Unbetroffenheit, als hätte ich einen Naturvorgang in ſeinem Geſetz zu erklären. Ja, Majeſtät, was mir geworden, iſt mir in voller Gerechtigkeit geworden. Ich bin in gnädigſter Form von Eurer Majeſtät in Ungnade entlaſſen, mir iſt mein Recht geſchehen.“ „Das wollte ich nicht, darauf wollte ich nicht hin⸗ führen. Im Gegentheil—“ „Erlauben mir Majeſtät, ſelbſt und nach freier Erkenntniß die logiſche Linie der Gerechtigkeit zu enſchen, der erglänzen. der hnigin weſen wäre, r das Als⸗ unther der Brauen zl t begangen, ther, habe n Peg und alt gewor⸗ wird, w ihrt“ nich ſtogen rung; wenn ich damit „cl hit 7 erkläre zu erkl r in volle igſer Jun n, nit i nit hi nch ſuin igt 437 bezeichnen. Ich habe in einem tieftraurigen Fall meine Pflicht als Menſch, als Freund und Diener Eurer Majeſtät mißverſtanden.“ „Sie?“ fragte der König. „Ja ich. Daß ich das Gute wollte, entſchuldigt mich nicht. Gut ſein iſt unſere Neigung, klug ſein unſere gleichberechtigte Beſtimmung. Ich habe damals Ihre Majeſtät die Königin auf eine Höhe zu führen geſucht, von der aus die kleinen Begegniſſe des Lebens klein und leicht erträglich erſcheinen ſollten. Das war eine ſchwere Irrung. Ich mußte jede Einmiſchung vermeiden oder den nächſtgegebenen Conflict zu ſchlichten ſuchen. Sie haben recht gethan, daß Sie mich entfernten und haben damit auch Gutes gethan an der Königin. Von jeder Einwirkung, auch von der eines Freundes iſolirt, mußte ſie Halt in ſich gewinnen und ſie hat ihn gewonnen.“ Im Auge des Königs ſchwamm ein feuchter Glanz. Er legte die Linke auf die Bruſt— es ſchien ein Ge⸗ danke, ein Wort heraufkommen zu wollen, das er nicht kundgeben mochte. „Ich bin glücklich,“ ſagte er endlich,„daß mir auf meinem Lebensweg Männer begegnet ſind, wie Sie und unſer Bronnen. Was wir ſind, wir ſind es nur theilweiſe aus uns, wir ſind es— bewußt oder unbewußt— weſentlich aus der Genoſſenſchaft derer, die mit uns zugleich athmen.“ Er faßte die Hand Gunthers und Gunther athmete hoch auf: Die heroiſche Selbſtherrlichkeit des Königs war vollauf beſiegt— deſſen war das Selbſtbekenntniß des Königs Zeugniß. — 438 „Papa!“ tönte eine Knabenſtimme von der Terraſſe, ſie tönte hell in der morgenfriſchen Bergluft,„Papa!“ Die beiden Männer wendeten ſich um. Die Köni— gin ſaß von den Herren und Damen vom Hofe um— geben auf der Terraſſe. Sie hatte mit ſchwerem Blick den beiden Männern nachgeſehen, die dort wandelten und oft ſtillſtanden. Was werden ſie ſprechen? Werden dieſe ſo holden Tage nun durch die alte noch immer nicht getilgte Schuld wieder zerrüttet werden? Als jetzt der König die Hand Gunthers faßte und ſie lange hielt, richtete ſich die Königin plötzlich auf, dann faßte ſie den Prinzen, küßte ihn, hob ihn zu ſich empor und ſagte: „Rufe: Papa!“ Die beiden Männer kehrten um und kamen auf die Terraſſe, und ſo ſchön und erquicklich war kein Anblick der hohen Berge, als ein Blick in die ruhig leuchten⸗ den Geſichter des Königs und Gunthers. Der König küßte ſeiner Gattin die Hand und ſie drückte ihre Hand zum Erſtenmal ſeit Jahren an ſeine Lippen. Als ſich Gunther verabſchiedete, ſagte ihm der König: „Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin. Ich werde heut' vor der Tafel zu Ihnen kommen.“ Frau Gunther war entſetzt, als ihr Mann be⸗ richtete, daß auch der König kommen werde. Sie begriff nicht, trotz aller Erklärung, daß ihr Mann die ihm angethane Beleidigung— denn als ſolche mußte ſie die Entlaſſung doch anſehen, wenn es auch er Terraſſe, „„Papa!“ Die Könt⸗ Hoſe un⸗ veren Blick wandelten Werden noch immer n faßte und ötlih uf ob ihn zu en auf die ein Anblic leuchten d und ſe man ſein ihn d hlin. n.“ Mnn b rde 6i 439 ihrem Manne keine war— ſo vergeſſen und vergeben könnte, und zum Erſtenmal in ihrem Leben ließ ſie ſich vor ihrem Manne nicht zu anderer Ueberzeugung bringen. Sie ſah in der verzeihenden Stimmung Gunthers eine Unterthänigkeit, die doch nur im monarchiſchen Staat möglich ſei; ihr alter republikani⸗ ſcher Sinn erwachte wieder. Der König und die Königin kamen. Der König fand das Benehmen der Frau Gunther ſehr ſcheu. Er konnte nicht wiſſen, daß ſie ihn immer verhaltenem Grimme anſah. Iſt das der Mann ind darf es überhaupt einen auf Erden geben, der Gunther ein- und abſetzen kann? Am Bach im Garten ſagte der König zu Gunther: „Wie ich höre, iſt die Amme des Kronprinzen hier in der Umgegend. Wollen Sie ſie nicht einmal her⸗ beſcheiden laſſen?“ „Ihre Majeſtät die Königin wünſcht nicht, ſie zu ſehen,“ erwiderte Gunther. „Wiſſen Sie den Grund?“ „Er liegt im Nachhall der traurigen Erinnerung,“ erwiderte der Leibarzt— und dies war die einzige, nur leiſe ſtreifende Erinnerung an Irma, die laut wurde. In der kurzen Pauſe, die nach dieſen Worten entſtand, murmelte der Bach dringlicher, als hätte er auch etwas zu ſagen. Am zweiten Abend nach der Ankunft des Königs traf Bronnen in Begleitung des Intendanten ein; er fand den ganzen Geſellſchaftskreis in ſchöner Wohl⸗ ordnung. —— ꝛ — — 440 Die Freude des Landlebens hatte durch eine ge— wiſſe formvolle Haltung noch einen beſondern Reiz; man empfand jeden Tag den Genuß der Freiheit und war dabei doch wie in umhegendem Schutze, den bei jeder Ausfahrt und jedem Ausgang die überallhin vor⸗ bereitende Hofbegleitung und Dienerſchaft bildete. Denn wo man ſich in der freien Natur niederließ, wo man dem kleinen Prinzen zum Vergnügen im Walde ein Feuer anzündete, ſtets ſtanden im weiten Umkreis Diener, bildeten eine Kette und hielten jeden ſtören⸗ den Zutritt eines Fremden ab. Paula benahm ſich in der Geſellſchaft mit vollkom⸗ mener Ruhe; ihre Bewegungen zeigten Kraft und Zier⸗ lichkeit; ſie drängte ſich weder vor, noch verbarg ſie ſich; das Gefühl, im eigenen Hauſe zu ſein, gab ihrem ganzen Behaben eine anmuthige Sicherheit. Der blinde Neffe Gunthers, nun bereits als Kam⸗ mervirtuos der Königin beſtätigt, ſpielte am Abend meiſterhaft. Am andern Morgen nahm er ſeinen erſten Urlaub, um, wie er lächelnd ſagte, ſich in der Gegend umzuſehen und alte Bekannte zu begrüßen. Der König rüſtete ſich zur Jagd. Vierzehntes Capitel. Es war am Morgen. Gundel ſprach mit ihrem Vater darüber, wie ſo ſeltſam die Baſe Irmgard ſei; es ſei ihr zu viel, ein Wort zu reden, ſie genieße faſt nichts mehr, als etwas friſche Milch von der Kuh h eine ge⸗ dern Rei; reiheit und e, den bei rallhin vor⸗ dete. Denn wo man Valde ein n Unkreis den ſtören ℳ it vollkon und Zier⸗ ng ſi ſih; gab ihren als Kan⸗ am Abend inen erſtn er Gegend nit ihren ngerd ſi enieße ſul der hh 441 weg, und dieſes viele Liegen draußen am Bergvor⸗ ſprung, wo man den Blick nach dem ſernen See hat, ſei doch gar ſo ſeltſam. Auch dem Pechmännlein war das Benehmen Irmas räthſelhaft; ſie arbeitete ſchon ſeit geraumer Zeit gar nicht mehr und ging auch nicht mit ihm, Kräuter zu ſammeln. „Ich möcht' einmal den großen Doctor drunten, dem ich für ſeine Badeanſtalt die Kräuter bringe, fragen, was ich machen ſoll,“ ſagte er.„Aber die Bäuerin hat mir's verboten, und dabei ſeh' ich doch wieder nicht, daß unſrer Irmgard was fehlt. Ich hab' ſchon was machen wollen, aber ich weiß nicht, ob das bei Menſchen auch nutzt: wenn ein Thier krank geworden iſt draußen im Freien, ſchneidet man den Raſen aus, worauf es gelegen, und wendet ihn um, dann wird es wieder gefund. Ich möchte nur wiſſen, ob das bei einem Menſchen auch hilft.“ „O Vater!“ erwiderte Gundel,„das iſt was Schreck⸗ liches! Ich fürchte, man ſtürzt bald den Raſen auf unſre gute Irmgard, und ſie iſt doch ſo gut, nur iſt's, wenn man ſie anredet, als ob ſie ſich auf die Worte beſinnen müſſe, die ſie hört und die ſie zu ſagen hat.“ So redeten die Beiden mit einander und Jedes ging an ſeine Arbeit, während Irma draußen lag auf ihrer blauen Decke und bald hinausſchaute in die weite Welt, bald die Augen ſchloß und in ſich hinein dachte und träumte. Sie lebte in lautloſer Gelaſſenheit fort, als wäre ſie Eins mit der belebten und unbelebten Natur ringsum, als habe ſie von je hier gewandelt und würde ewig hier wandeln, ein Menſchenkind, dem nichts fremd, keine Blume, kein Baum, kein Thier das an der Erde lebt und frei in Lüften ſich ſchwingt; die Berge, die Wolkenzüge, der helle Tag, die ſternen⸗ glitzernde Nacht, Alles war ihr heimiſch und traut. Jetzt lag Irma, wie ſo oft, an der Berglehne auf dem Moos. Sie ſchaute mit offenem Auge drein ins Weite, und wieder haftete ihr Blick am Boden, wie da ſo viel Leben zwiſchen den Halmen und Mooſen ſich bewegt; unwillkürlich grub dann manchmal ihr Finger die Pflanzendecke auf, da lagen die Tannennadeln von Jahren und Jahren übereinander und im Grunde die Pflanzenkrume aus verwitterten Stoffen vom Erdbeginne an— noch hatte kein Menſchenauge dieſen Grund erſchaut; das erſte ruhte jetzt auf ihm. Die Kühe kamen oft zu Irma heran und graſten um ſie her, aber ſie ſtörten ſie nicht; Irma hörte ihr Schnaufen neben ſich und blieb ruhig liegen, manch⸗ mal blieb die Heerkuh vor ihr ſtehen und ſchaute auch mit hochgehobenem Kopfe lange hinein in die weite Landſchaft, dann fraß die Kuh weiter und bisweilen hielt ſie das abgegraſte Futter im Maul und ſchien zu vergeſſen, daß ſie freſſen wollte, und ſchaute auf die Daliegende. Ein wunderbares Leben von hellem Wachen und ver⸗ ſchleiertem Träumen that ſich in Irma auf. Je mehr ſie ruhte, um ſo mehr Sehnſucht nach Ruhe überkam ſie; eine unfaßliche Müdigkeit ſchien aus ihr heraufzukom⸗ men, Müdigkeit von Arbeit und Denken, die ſie die vielen Jahre drunten unter den Menſchen nicht hatte über ſich kommen laſſen. Oft wollte ſie ſich aufraffen, kein Vhier h ſchwingt; die ſternen⸗ id traut. rglehne auf e drein ins den, wie da Nooſen ſich ihr Finger nadeln von Grunde di Erdbeginn en Grund ind graſten a hörte iht n, munh⸗ haute auc die wit bisweiln und ſchin ſchaute u n und vel⸗ e mehr ſt erkam ſie rufuton⸗ die ſe de nit hil ufufn 443 aber ſie konnte nicht, und es lag ein eigenthümliches Wohlgefühl im Empfinden dieſer Schwere, in dieſem Ruhen am Boden. Hunderte von Liedern und ganze Muſikſtücke zogen ihr durch die Seele und tauſenderlei Gedanken ſtiegen auf und floſſen dahin, hinweg mit dem leichten Luftſtrom— nichts war feſtzuhalten. Es war am heißen Mittag. Die Sonne brannte mit brütender Gluth, kein Lüftchen bewegte ſich, ſelbſt hier auf der Höhe; die Kühe lagen im Schatten der Bäume. Irma war allein hinausgegangen. Das Pech⸗ männlein war nach der Stadt, um Kräuter abzuliefern. Weiter und weiter wandelte Irma; ſie kam bis an die Quelle des Baches, dort ſaß ſie an dem breiten Becken, wo die Waſſer ſich vom Sturz ſammelten; die Bäume ragten darüber und warfen dunkle Schatten in das Waſſer. Irma beugte ſich vor und ſah ihr Antlitz, ſie ſah es ſeit vielen Jahren zum Erſtenmal wieder und lächelte ihm zu. Kein Lüftchen regte ſich, kein Ton wurde laut, Alles ſchlief im hellen heißen Mittag. Nur kurz ſchaute ſich Irma um, dann hatte ſie ſich raſch entkleidet und bald ſchwamm ſie im Waſſer und tauchte unter und tauchte auf, und ein ungeahntes Wohlgefühl kam über ſie. Nur die Sonne, die durch die Zweige blinkte, ſah einen Augenblick die wunder⸗ ſame Geſtalt. Wieder war Alles ſtill, Irma hatte ſich wieder angekleidet; ſie lag träumend am Waldesrand und ſüße Melodien zogen ihr durch die Seele. Da hörte ſie ihren Namen rufen, laut, wiederholt. Sie antwortete mit aller Kraft, endlich kam Gundel und ſagte: „Irmgard, komm' gleich in die Hütte, es iſt ein Herr da mit einem Diener, er will Dich ſprechen.“ Irma, die ſich halb aufgerichtet hatte, legte ſich wieder nieder. Sie fühlte einen Stich durch's Herz. Was iſt das? Iſt die Zeit erfüllt und muß ſie noch einmal hinein ins Weltgetriebe? Sie ſtand auf und fragte: „Weißt Du nicht, wer es iſt?“ „Nein, aber er ſagt, er ſei vor Jahren einmal bei uns über Nacht geweſen. Es iſt ein großer ſchöner junger Mann, aber er iſt leider Gottes ſtockblind.“ Der Blinde wandert? dachte Irma und ging haſtigen Schrittes mit Gundel nach der Hütte. „Grüß Gott!“ rief ſie ſchon von ferne. „Ja, das iſt Deine Stimme,“ verſetzte der Blinde, die Arme ausſtreckend und die Hände auf- und zu⸗ ſchließend;„komm', komm' näher, gieb mir Deine Hand.“ Schnell riß er mit den Zähnen die Hand⸗ ſchuhe ab und ſein Geſicht hatte dabei einen fremd⸗ artigen Ausdruck. Irma trat näher und faßte die dargebotene feine weiße Hand. „Deine Hand zittert,“ rief er,„Du erſchrickſt wol auch, weil Du mich blind ſiehſt?“ Irma konnte nicht antworten, ſie nickte, als ob der Blinde das ſehen könnte. Die Sonnenſtrahlen ſchienen dem Armen geradezu ins Antlitz, ſein erloſchenes Auge ſtarrte drein. m Gundel es iſt ein rechen.“ „legte ſich chs Hen iß ſie noch en einmal ßer ſchner blind.“ und gin te. et Blinde, „und z nir Deine die Hand⸗ en frend tene ſein hricſt ul e als cb gendeh in. „Du biſt viel magerer geworden,“ ſagte der Blinde. „Erlaubſt Du, daß ich Dir mit der Hand übers Ge⸗ ſicht fahre?“ „Ja,“ entgegnete Irma und ſchloß die Augen. „Du biſt nicht mehr ſo ſchön, wie Du vor zwei Jahren geweſen, Deine Augenlider ſind heiß und ſchwer. Du haſt Dich gewiß viel abgehärmt. Kann ich Dir vielleicht helfen? Ich bin nicht reich, aber ich vermag doch etwas.“ „Ich danke, ich habe gelernt, mir ſelber zu helfen.“ Irma ſagte das in reiner Sprache, ohne eine Spur von Dialekt; unwillkürlich hatte ſie bei der Anſprache in Hochdeutſch in gleicher Weiſe geantwortet. Der Fremde zuckte, wendete den Kopf rechts und links und ſtreckte dabei den Hals ſo weit heraus, daß es faſt ſchauerlich anzuſehen war. Irma führte ihn an der Hand nach der Bank vor der Hütte; ſie wollte zittern, da ſie dieſe feine wohlgepflegte Hand hielt, aber ſie machte ſich ſtark. Sie ſetzte ſich zu dem Blinden und fragte, wie er denn daher käme. „Du erinnerſt Dich,“ ſagte der Blinde,„daß ich ſchon damals, als ich bei euch war, mein Schickſal kannte; ich habe lange mit mir gekämpft und habe ertragen gelernt; wir wiſſen ja auch, daß wir ſterben müſſen und können heiter dabei ſein, und ſo wußte ich, daß mein Augenlicht ſtirbt und wurde heiter.“ Irma athmete ſchwer. „Verſtehſt Du mich, wie ich's meine?“ fragte der Blinde. 446 „Ja wol, ſprich nur weiter, ich höre Deine Stimme gern.“ „Das hab' ich gewußt und darum bin ich zu Dir ge⸗ kommen. Ich war drunten auf dem Hofe; es iſt Alles bei der Ernte, aber die Kindsmagd hat mir berichtet, daß Du hier oben biſt, und ſo bin ich zu Dir. Ein gut Stück Wegs hieher bin ich ſchon einmal gewandert, damals im Gewitter, und wo ich jetzt gehe, empfinde ich noch einmal die Wonnen, die ich einſt mit den Augen eingeſogen. Was ich Dir damals ſagte, daß ich's wollte, iſt wahr geworden: ich habe all die präch⸗ tigen Landſchaften in mir, ich ſehe das Sonnenlicht funkeln, den Bach über den Felſen ſtürzen, den See ruhig glänzen und die Bäume im ſtillen Waldfrieden nebeneinander ſtehen. Ich habe meinem Führer immer geſagt: jetzt ſind wir da und jetzt da; er war ganz außer ſich, daß ich das Alles ſo weiß. Das Beſte aber iſt doch, daß ich ſchöne Menſchenbilder in mir habe, und nach Dir hatte ich ein beſonderes Verlangen, Dich wiederzuſehen; ich ſage ſehen und ich meine doch, Dich ſprechen zu hören, aber ich ſehe Dich, wenn Du ſprichſt.“ Irma erwiderte, wie ſehr ſie ihn verſtehe und mit ihm empfinde, und als ſie ihm die Beſchwerniß des Gehens erklärte, wie da immer der taſtende Fuß zuerſt locker den Boden ſuche, dann erſt die Muskeln ſich an⸗ ſpannen zum Schritt, da fragte der Blinde verwundert und es hatte wieder etwas Erſchreckendes, wie er ſeinen Kopf hinüberſtreckte und zurückbog und Alles an ihm ſich ſpannte: „Woher weißt Du denn das?“ höre Deine hzu Dir g⸗ es iſt Als ir berichtet, ir. Ein gewander, e, empfinde nſt mit den ſagte, dß l die průch⸗ Sonnenlicht n, den Se Paldfrieden ührer inne gan außet abet it dc, nd nch i ederzuſehen; ſprechen il ſt.“ he und ni hwemiß d. ßiß ſu keln ſih m vernundet wie er ſin s uih 447 Ich habe einen Blinden gekannt, der mir's erzählt hat. Es iſt mir ſchrecklich, daß Du Dich ſo auf einen fremden Menſchen verlaſſen mußt. Der blinde Gloſter bittet ſeinen Führer, verlaß mich nicht!“ „Mädchen, wer biſt Du? Biſt Du es, die ſo ge⸗ ſprochen? Es war Deine Stimme— oder iſt Jemand anders neben Dir? Woher weißt Du?“ „Ich hab's einmal geleſen“— ſagte Irma und biß ſich auf die Lippen, daß faſt das Blut heraus⸗ ſpritzte.„Ich hab's einmal geleſen,“ wiederholte ſie, gewaltſam in den Dialekt übergehend. Der Blinde ſaß tief gebeugt und hielt ſeine Hände zwiſchen den Knieen; in ſeinem ſchönen jugendlichen Antlitze zuckte es, wie wenn Thränen darunter drängten, die doch nicht herauskonnten. Er legte den Kopf zurück an die Wand und ſagte endlich: „Alſo Du kannſt leſen und ſo verſtändig? Könnteſt Du— nein, ich will Dich nicht fragen.“ „Frag' Du mich nur, ich bin Dir auch von Herzen gut und habe viel an Dich gedacht.“ „Das haſt Du? Du auch?“ rief er haſtig und bog ſeinen Kopf wieder ſo ſeltſam hin und her.„Mädchen,“ fuhr er fort,„gieb mir Deine Hand wieder, ſag': könnteſt Du mir ſie geben und Deine Augen mein ſein laſſen—?“— „Guter Herr,“ unterbrach ihn Irma, ich möchte, daß Du zu Gutem da heraufgekommen und wieder zu Gutem da hinabgingeſt. Ich meine, Dir darf ich Alles ſagen und ich müßte auch. Ich ſehe Dich jetzt zum zweitenmal in meinem Leben—“ 448 „Und ich habe Dich nur Einmal geſehen und ſehe Dich immer!“ fiel der Blinde ein. „Komm', fort von hier, komm', ich führe Dich; ich will Dir allein Alles ſagen und Dir zeigen, wie ich Dir danke, daß Du ſo gut zu mir.“ „Man muß von hier aus ein Stück von dem See jenſeits der Berge ſehen,“ ſagte der Blinde,„kannſt Du mich nicht dahin führen?“ „Wol,“ erwiderte Irma und erſchrak im Herzen über dieſes wunderbare Innenleben. Sie führte den Blinden über die Matte nach dem Berghang. „Hier ſetz' Dich,“ ſagte ſie,„ich ſetze mich zu Dir. Was ich Dir nun mittheile, iſt nur für Dich, nicht wahr, nur für Dich?“ Der Blinde ſtreckte ſeine Hand aus und rief: „Ich ſchwör' Dir's!“ „Du bedarfſt keines Schwures,“ erwiderte Irma. „So wiſſe denn: Ich bin ein verſchollenes Weltkind, ein Kind aus der großen Welt. Frage nicht nach meinem Namen. Der hellſte Glanz des Lebens war mein, ich ging in Dunkelheit. Ich war ein arges Weltkind. Ich war ſo verloren, daß ich die Ver⸗ nichtung ſuchte. Wenn es möglich wäre, ich möchte, jetzt von dieſer Höhe herab, mit Dir als einem Bruder hineinflattern in das goldene Abendroth, wie dort das Vogelpaar in den Lüften, und verſchwinden in der Unendlichkeit. Aber ich habe gelernt: das Leben iſt eine Pflicht, und Alles was wir ſind und haben, ſind wir nur und haben wir nur, wenn wir die Welt in uns und uns in der Welt finden. Wie Du die n und ſehe te Dich; ih en, wie ich on den Se de,„kunnſt in Herzen führte den ng. nich ju Dir ih, nicht id rief: derte Jn es Veltid⸗ nicht oc Lebens wa ein urh ch die Ve ih nühht als inn dreth, u wſhuin 1 dos Lhen und ſohi ir di 9 Pi di 449 Welt um uns her in Dir haſt, und Niemand kann ſie Dir nehmen, ſo haben wir Alles nur, wenn wir es in uns haben, und der Tod nimmt uns nichts, er giebt uns nur wieder ganz der Welt—“ „Mädchen!“ rief der Blinde plötzlich—„Mädchen, was machſt Du? Wer biſt Du? So ſpricht kein leib⸗ liches Weſen! Soll ich noch abergläubiſch werden? Soll ich noch an Engel glauben? Iſt Jemand bei Dir? Wer iſt bei Dir? Wer biſt Du? Gieb mir Deine Hand!“ „Sei ruhig, ich bin's!“ ſagte Irma und reichte ihm die Hand, und er bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen. Sie entzog ihm ihre Hand, fuhr ihm damit über das Ge— ſicht und ſagte: „Sei ruhig, ich habe nur in die Welt hineingeſehen wie Du; und hier oben ſitzen wir, hier in der Weltver⸗ geſſenheit, zwei arme Weltkinder, Du und ich, und wir ſind doch glückſelig, denn wir ſind in der Ewig⸗ keit. Sei Du glücklich und laß Deine Seele fliegen hoch über Allem im unermeſſenen Reiche der Muſik! Hier haſt Du noch einmal meine Hand. Komm', ich führe Dich!“ Irma führte den Blinden nach der Hütte. Er ſprach kein Wort. An der Hütte rief er mit etwas herriſchem Tone nach ſeinem Diener und dem Führer. „Du willſt ſo ſchnell wieder fort?“ fragte Irma. Der Blinde gab keine Antwort; auf ſeinen Diener geſtützt verließ er die Hütte. Irma reichte ihm noch einmal die Hand und ſagte nichts als die Worte:„Die Welt in uns und wir in der Welt.“ Auerbach, Auf der Höhe. lIl.. 29 —— E ⸗ 3 Der Blinde nickte nur; in ſeinem Geſicht zuckte es wieder wie eine irre unerlöſte Thränenfluth. Schon als der Blinde dem Rande des Waldes nahe war, rief er noch einmal zu Irma zurück: „Mädchen, komm' her, ich muß Dir noch etwas ſagen.“ Irma ging zu ihm und er ſagte: „Ich bin der Neffe des Doctor Gunther, der ehe⸗ mals Leibarzt des Königs war und nun wenige Stunden von hier dort unten im Städtchen wohnt. Ich wohne bei ihm und bin Kammervirtuos der Königin, und wenn Du einmal eines Menſchen bedarfſt, ſchick' zu mir oder zu meinem Oheim; er wird Dir helfen. Ver⸗ laß Dich aber darauf: ich ſpreche zu Niemand von Dir.“ Haſtig wendete ſich darauf der Blinde ab und ging, auf ſeinen Diener geſtützt den Berg hinab. Irma ſtand und ſchaute ihm nach. Gunther lebt? und hier in ihrer Nähe? Und nun trägt ein Menſch das halbverſchleierte Geheimniß ihres Daſeins hinab... Der Blinde verſchwand im Walde, Irma ging, den Blick zu Boden geſenkt, wieder nach ihrem Ruhe⸗ platze. Dort ſaß ſie bis die Nacht hereinbrach, und ſchaute hinaus ins Weite. Es ſtand eine ſeltſame Wolke nach Norden, grau mit weißglühendem Rande; ſie ſtand feſt wie eine Mauer, und jetzt brach plötzlich, wie aus der Erde aufhauchend, ein Sturmwind los, daß die Bäume ſich bogen. cht zucke e6 urick: noch etwos r, der ehe⸗ ige Stunden I0 wohne nigin, und t, ſit zu helfen. Ver iemand von ab und ging 7 werſchlnt Irm in ihren Mhe nbrach, un 7 orden, gu Sie eilte nach der Hütte, das Pechmännlein war zurückgekehrt. „Wenn nur nicht heute Nacht ein Gewitter kommt,“ ſagte er.„Der Mond ſteht nicht am Himmel, er geht erſt ſpät auf, und da gewittert's gern.“ Er ging nochmals hinaus, um die Kühe einzu⸗ treiben; der Handbub war den Ziegen nachgegangen, die ſich weit verlaufen hatten. Fünfzehntes Capitel. „Das iſt ein Wind!“ rief Gundel und ſetzte ſich athemlos nieder in der Hütte. Sie hatte die Thür nur mit aller Mühe anlegen können.„Das iſt ein Wind! So einer war noch nie, das weht Einen an wie aus einem Backofen.“ Sie erhob ſich wieder ſchnell, nahm ein Schaff Waſſer und ſchüttete es in das brennende Feuer auf dem Herd. „Was machſt Du?“ rief Irma. „Wir dürfen jetzt kein Feuer haben,“ entgegnete Gundel, und die Beiden ſaßen in Rauch und Dunkel⸗ heit in der Hütte, es war faſt zum Erſticken, und doch konnte man bei dem heftigen Winde kein Fenſter öffnen. „Wenn nur der Vater nicht fort wäre,“ klagte Gundel,„um Gotteswillen, der Vater.“ Das letzte Wort der Gundel wurde von einem Donner verſchlungen, der plötzlich niederkrachte und von den Bergen widerdröhnte, daß es war, als müſſe mit Einem Schlage die ganze Welt zuſammenbrechen. Und jetzt raſte und ſtürmte wiederum der Wind, die feſtgefugte Hütte ſchlotterte, das Dach ſchien zu zittern und einer der großen Felſenbrocken, mit denen das Dach beſchwert war, kollerte herab. „Gieb mir Deine Hand!“ rief Gundel im Finſtern. „Wenn wir ſterben müſſen— wir wollen beten.“ Sie betete laut in Nacht und Rauch, aber die Donner ver⸗ ſchlangen die Worte. Plötzlich änderte ſich das Ge⸗ räuſch und wie mit zahlloſen Eiſenhämmern ſchlug es raſſelnd auf das Dach; es kollerte, polterte und knat⸗ terte durcheinander. „Das iſt ein Hagelwetter!“ ſchrie Gundel Irma ins Ohr. Es donnerte und hagelte und fahle Blitze zuckten in die raucherfüllte Hütte, daß die beiden Mädchen ein⸗ ander erſchienen, als wären ſie ins hölliſche Daſein entrückt. Wie einander drängend ſtürzten die Hagel⸗ ſchütter nieder, bald wie mit mächtigen Wurfeln gewor⸗ fen, bald abſetzend und in gleichmäßigem raſchen Tacte niederfallend, als wolle der raſende Bergunhold nur manchmal wieder aufathmen, um dann aufs neue ſeine Wuth auszulaſſen, daß man es gewagt, hier herauf eine Hütte zu bauen. Durch das Gepraſſel des Hagels hörte man draußen die Kühe brüllen und die Schellen klingen. „Ich hab' die Stallthür aufgemacht, aber der Wind muß ſie wieder zugeworfen haben,“ ſchrie Gundel, und ihr eigenes zitterndes Weh vergeſſend, eilte ſie als niſe nmenbrichn r Vind, die nzu zittern t denen das in Finſtern beten.“ Si Donner ve ich das Ge⸗ rn ſchlug e te und knat⸗ 1 n zundel r itz zulun in Midchen än liſche Doſen n die Hage urfeln gewor uſchen. gunhold aufs gewagt noll hibr non d mni n. ber d 4 hrie— nſ ——— hinaus. Sie kam ſchnell zurück, faßte einen Kübel, ſtülpte ihn über den Kopf und verließ wieder die Hütte. Irma folgte ihr und die Beiden duckten unter, wie die großen Schloſſen praſſelnd auf die Kübel ſchlugen. Gundel wollte die Stallthür öffnen, aber die Kühe umdrängten ſie, daß ſie niedergeworfen wurde; mitten durch das Hagelgepolter hörte Irma den durchdringen⸗ den Schrei der Gundel; die Heerkuh, an der Schelle kenntlich, ſtand bei Irma und brummte zitternd. „Komm' mit,“ ſagte Irma, und faßte die Heerkuh am Horn; ſie folgte ihr, die anderen Kühe wichen zu⸗ rück. Irma fand Gundel und richtete ſie auf, die Bei⸗ den öffneten die Stallthür, ſie wurden faſt zerquetſcht, denn die Kühe wollten alle auf einmal hinein, und man hatte nur eine Hand frei, mit der andern mußte man den Kübel über den Kopf halten; es gelang ihnen, ſich an die Wand zu drängen, und endlich waren alle Kühe im Stall und die beiden Mädchen wateten durch tiefe Schloſſenlagen zurück nach der Hütte. Sie taſteten nach dem Herde und ſetzten ſich darauf. Da ſaßen ſie im Dunkel, zwei einſame verlaſſene Kinder, und draußen raſte das wilde Wetter. „Ich hab' den Glauben,“ ſchrie Gundel,„daß der Vater wo einen Unterſchlupf gefunden hat, er kennt ja jeden Felſenvorſprung und— o Gott!“ ſchrie ſie plötzlich noch lauter auf,„o Gott, der arme Blinde jetzt draußen! Haſt Du auch Beulen auf der Hand und am Rücken?“ fragte ſie, weinend ſich an Irma ſchmiegend. „Nein, ich fühle nichts,“ erwiderte Irma, und in der That war's, als ob kein körperlicher Schmerz ihr etwas anhaben könnte. Auch ſie hatte ſchon des Blin⸗ den gedacht, und dazwiſchen war das Bild jenes von Kindesundank verſtoßenen Königs in der Sturmnacht vor ihr aufgeſtiegen, und wilder raſte Wind und Hagel⸗ wetter draußen nicht, als es wieder Irma erfaſſen wollte, weil ſie, von Mitleid bewältigt, eines Mannes Hand ihr Antlitz hatte betaſten laſſen. Iſt wiederum Alles verloren? Alles ſo ſchwer Er— kämpfte? klagte es in ihr und ſie wußte ſich doch ſo rein. „Gottlob, es regnet nur noch,“ ſagte endlich Gundel. Sie machte Licht, und wie wenn ſie aus der Tiefe der Finſterniß kämen, betrachteten die Beiden einander. Der Zimmerboden war voll von der Näſſe, die den Beiden aus den Kleidern gefloſſen war. „Seid ihr daheim?“ rief draußen eine Stimme. Die Thür öffnete ſich und das Pechmännlein kam her⸗ ein. Er trug ein junges Zicklein im Arm. „Gottlob, daß ihr geſund ſeid!“ rief er und legte das Zicklein auf den Rand des feuerloſen Herdes; dann wiſchte er ſich mit dem Aermel, der aber noch viel näſſer war, das Waſſer von der Stirne und aus den Augen. Er holte eine Flaſche mit Enzianbranntwein vom obern Bord und trank; auch Irma und Gundel mußten trinken, und nun erſt erzählte er:„Ich hab' doch ſchon mein Theil erlebt, aber das noch nicht; ich kenne doch ſtundenweit jeden Baum und jeden Stein, aber ich war wie verirrt; und wie ich da ſo ſteh, da hör' ich mitten durch Donner und Sturm und Hagel eine Gemſenziege gar erbärmlich meckern, ich geh' drauf Schmetz ihr on des Blit⸗ ild jenes von Stumnocht d und Hagel rma erfaſſen ines Mannes o ſchwer Er doch ſo rein. dlich Gundel. der Tieſe der q e den Beiden ine Stinme⸗ lein kun her m. er und lt Ferdes donn er noch viel und aus anbrantwen und Gind r„3 hob 5 6 ch nicht; 7 3 jeden Stil, ſich, d ſo ſteh und Hug dun ich gel 455 zu und da ſteht ſie und hat ein Junges geworfen und kann nicht fort, und das arme Zicklein, kaum iſt's zur Welt gekommen, will's der Hagel ſchon todtſchla⸗ gen. Die Geis lauft fort, wie ſie mich ſieht und kommt wieder und ſtellt ſich über das Junge, daß der Hagel nur ſie trifft und nicht das Junge. Ich komme näher, und da ſpringt die Geis wieder davon. Ich nehme das Junge auf, und wie wir ſo weiter wollen, um einen Unterſchlupf zu ſuchen, da hör' ich Menſchen⸗ ſtimmen, und Einer ruft und der Andere ruft, ſie rufen einem Dritten zu, der brüllt und ſchreit, und jetzt wie's blitzt, ſehe ich's: er liegt auf dem Boden und will nicht weiter. Gnädiger Herr, ſtützen Sie ſich nur auf uns; wir finden ſchon einen Schutz— rufen ſie, und wie es jetzt wieder blitzt, da ſeh' ich, wir ſind nicht weit vom Hexentiſch, und ich ruf' ihnen zu: Da drüben iſt der Hexentiſch! Jetzt wie es wieder blitzt, ſeh' ich, daß die beiden Männer, die aufrecht geſtanden haben, auch niedergefallen ſind. Sie haben mir nachher erzählt, ſie haben ſich vor mir gefürchtet, und ich nehme es Niemand übel; in ſo einem Wetter, in ſo einer Nacht kann man Alles glauben. Ich geh' auf ſie zu und ſag' ihnen, wer ich bin, und daß ich ſie führen will, und wir kommen glücklich— es hat freilich ſchwer gehalten, der Blinde war noch dazu wie närriſch und hat nach einem verlornen Kind gerufen— wir kommen mit geſunden Gliedern, aber wie aus dem Waſſer ge⸗ zogen, unter dem Hexentiſch an, und da ſind wir ge⸗ legen und haben, wie es immer blitzt, geſehen, wie die Schloſſen an den Felſen tanzen und mit den Bäumen raufen. Wir warten, bis es nur noch regnet, und der Blinde hat mir geſagt, wenn ich wieder zum Apotheker hinunterkomm' ins Städtchen, will er mir ein Goldſtück geben, und der König iſt jetzt auch da und die Königin auch, und, da will er's machen, daß ich die Lebens⸗ rettungs⸗Medaille kriege und eine Penſion für mein ganzes Leben. Jetzt aber macht, Kinder, daß ihr ins Bett kommt, ihr ſeid ja patſchnaß. Was haſt denn Du, Irmgard? Warum zitterſt Du ſo?“ Nun zankte das Pechmännlein auf Gundel, daß ſie die Baſe Irmgard ſo lange in naſſen Kleidern hatte da ſitzen laſſen, und dazwiſchen ſchrie das Zicklein gar kläglich und zitterte auch am ganzen Leibe, ſo daß das Pechmännlein ſeine Schlafdecke vom Heuboden holte und das Zicklein hineinwickelte; dann gab er ihm ſehr geſchickt mit drei Fingern Milch aus einer Schüſſel zu trinken. Das Zicklein ſchlief und drin in der Kammer ſchlief auch Irma. „Gottlob, Du haſt lang geſchlafen,“ ſagte Gundel, die am ſpäten Morgen vor dem Bett Irmas ſtand. „Und das iſt wie ein Wunder, Dir hat der Hagel gar nichts gethan und ſchau, wie ich ausſehe.“ Sie zeigte ihre Beulen, fuhr aber raſch fort:„Schadet nichts, das vergeht bald wieder. Jetzt ſchau aber einmal den Himmel an, ſieht er nicht aus, wie wenn er gar nie was Böſes thun könnte? Drüben am Bach hat der Blitz in einen Baum eingeſchlagen und ihn mitten von einandergeriſſen, und wo es ſonſt trocken iſt wie in n Bäunen net, und der n Apotheker n Goldſtüc die hönigin die Lebens⸗ n fürt mein daß ihr ins s haſt denn del, daß ſi eidern hatte ilen h ſo daß das boden hole eziſu n mmer ſchli gte Gunde rnas ſtnd. r Hogel Sie zigt nichts, 3, do einmal d et gar ſie ach ht t der nitten v — iſt pie il einem Backofen, da laufen Wäſſerlein. Wenn man's nicht in allen Gliedern ſpürte und auch draußen ſähe, man thät' es gar nicht glauben, daß das Unwetter je geweſen iſt; aber wir ſind doch glücklich, es iſt kein Stück Vieh zu Schaden gekommen und der Handbub iſt auch da, der iſt untergekrochen drunten im Thal, da ſoll gar nichts geweſen ſein.“ Es war ein klarer friſcher Morgen. Nur in ein⸗ zelnen Schrunden lagen noch unzerfloſſene große Schloſ— ſen; die Kühe waren munter auf der Weide und der Handbub ſang und jodelte; er war ſtolz darauf, daß die Ziegen das Wetter am beſten verſtehen; ſie hatten thalab geweidet, und das iſt das ſicherſte Zeichen, daß ein Gewitter kommt. Am Mittag kam Franz vom Freihofe herauf. Man hatte an wilden Waſſern, die zu Thal gekommen wa— ren, vermuthet, daß etwas hier oben vorgefallen ſei, und Walpurga hatte Franz heraufgeſchickt, um Ge⸗ wißheit zu holen. Die heiße Mittagsſonne ſog ſchnell wieder Alles auf, und die Waſſer hielten nicht Stand auf den Höhen. Irma ging mit ihrer blauen Decke nach ihrem Lieblingsplatz, breitete die Decke auf den Boden und legte ſich nieder. Da ertönten Waldhornklänge. Was iſt das? Iſt's Wirklichkeit oder Traum? Die Waldhornklänge wiederholten ſich, die Bruſt Irmas hob und ſenkte ſich raſch. Jetzt kommt etwas näher, es ſchnaubt, Aeſte knacken, Irma ſchaut auf, an der Waldlichtung vor ihr, ganz nahe, rennt ein Hirſch vorbei und hinterdrein jagen Reiter, ſie kommen ——— —— —— näher. Irma fährt ſich mit der Hand über die Augen — ſie ſieht nochmals ſie ſieht deutlich: Da reitet der König und mit ihm ſein Gefolge——— Der Oberpiqueur ſpringt vom Pferd und ruft: „Hier, Majeſtät, hier brach das Thier durch, hier iſt friſcher Schweiß.“ Er tauchte ſeinen Finger in das Blut und zeigte es dem König. Der König ſchaute ſich um— Fühlt er den Blick, den für ihn längſt erloſchenen, einſt ihn ſo beſeligenden, der jetzt aus dem Waldesdickicht auf ihn gerichtet iſt? Er ſtrauchelt im Bügel, das Pferd bäumt ſich wild, Irma duckt nieder mit dem Geſicht ins Moos, ſie ſpürt es, als ob das wilde Heer, als ob alle Pferdehufen über ſie hinweg gehen— ſie zer⸗ beißt das Moos vor ihrem Munde— ſie wühlt ſich mit den Händen in die Erde— ſie fürchtet, laut auf⸗ zuſchreien——— Als ſie ſich wieder erhob, war Alles ſtill. Sie ſtarrte umher. War die Erſcheinung nur ein Traum geweſen? Von ferne tönte noch ein Schuß, ein Wald⸗ hornklang. Der Hirſch war erlegt. Wer auch ſo ſterben könnte! klang es in Irmo. Wieder ſank ſie zurück auf das Moos und ſie weinte. Sie erhob ſich. Auch in ihrer Seele war noch ein⸗ mal eine dunkle Wolke gewitterſchwer aufgeſtiegen. Zum letztenmal. Ringsumher und in ihr war wieder Alles 1 — klar und ſonnig, vergeſſen Hagel und Sturm und Blitz. Sie kehrte nach der Hütte zurück und ſchaute oftmals um nach der Sonne, die ſich zu neigen begann. Jetzt zum Erſtenmal begab ſie ſich, bevor es Nacht war, zur p. 1 die Augen : Da reitet nd rft: urch, hier iſ t und zeigte m— Fihlt en, einſt ihn esdickicht auf das Pfd n Geſicht de Heer, als — ſie zel⸗ — ui et, laut auß el, d ſie n wt in ſtiegen⸗ Iun As n und* Bl 0— 1 ega t un i Ruhe. Ein Fieberfroſt ſchüttelte ſie und bald brannte ihre Wange heiß und roth. Sie rief das Pechmänn⸗ lein an ihr Bett und ließ ſich ein Blatt Papier geben; ihre Hand zitterte und ſie ſchrieb mit Bleiſtift: „Die Tochter Eberhards ruft Gunther.“ Sie befahl dem Pechmännlein, hinab ins Städt⸗ chen zu eilen zu dem großen Doctor, ihm allein das Blatt zu geben und ihn ſofort hieher zu geleiten. Dann wendete ſie ſich ab und war ruhig. „Ich will Dir noch was Gutes geben,“ ſagte das Pechmännlein, als er, den großen breitkrämpigen Hut auf dem Kopf und den Bergſtock in der Hand, vor* ſtand.„Wirſt ſeh'n, es thut Dir gut. Ich lege D das Gemszicklein da unter die Füße, das thut Dir zin und ihm. Soll ich?“ Irma nickte. Das Pechmännlein that, wie er geſagt. Das Zicklein ſchaute ſchläfrig zu Irma auf und Irma ſah lächelnd zu ihm nieder. Bald ſchloſſen Beide die Augen. Das Pechmännlein wandelte durch die Nacht dahin thalab. Sechzehntes Capitel. Während des ganzen Tages hatte es im Thal faſt unausgeſetzt geregnet. Was hoch oben als Schloſſen⸗ wetter niedergefallen war, verwandelte ſich in der Nie⸗ derung zu Regen, der nur bisweilen lichte Himmelsbläue 460 durchblicken ließ, ſo daß man wiſſen konnte, oben iſt ſchön Wetter. Gegen Abend heiterte ſich der Himmel ganz aus. Die Königin mit den Damen vom Hof, zu denen jetzt auch Frau Gunther und Paula gehörten, ſaß im großen Muſikſaal, deſſen Thüren geöffnet waren. Paula hatte zum Erſtenmal vor der Königin geſungen. Sie war befangen und Frau Gunther bat, ihre Tochter nun für heute nicht mehr aufzufordern. Zwiſchen der Königin und Frau Gunther hatte ſich ein eigenthümliches Verhältniß gebildet. Die Königin erfreute ſich an der geraden und tüchtigen Natur, aber ſie gewöhnte ſich doch ſchwer daran, einer vollen Un⸗ abhängigkeit gegenüber zu ſtehen, ja ſie war einmal verſucht, dieſe Unabhängigkeit als Kleinlichkeit aufzu⸗ faſſen, denn Frau Gunther hatte ſchon am Tage, nach⸗ dem ſie die Buſennadel empfangen, zur Königin geſagt: „Majeſtät, es thut nicht gut, bis Sie ein Gegengeſchenk von mir empfangen“— und ſie übergab der Königin ein ſchön gebundenes Buch, das ihr Bruder, der als Arzt in Amerika lebte, über die Sklavenfrage und die Geſchichte der Sklaverei überhaupt verfaßt. Die Kö⸗ nigin hatte das Buch dankend angenommen und Frau Gunther fühlte ſich nun freier, obgleich es ihr noch oft Mühe machte, Alles, was ſie ſagen wollte, gewiſſer⸗ maßen zu überſetzen und in das allgemein vorgeſchrie⸗ bene Hofcoſtüm zu kleiden, denn ſie ſetzte einen Stolz darein, keinerlei Formen zu verletzen. Die Königin fragte, warum die ältere Tochter, die Wittwe des Profeſſors, ſich ſo ſehr zurückziehe; Frau 6 nel ganz aus. zu denen jeßt ten, ſaß in varen. Paula ſungen. Ei ihre Tochter ther hatte ſich Die Königin Natur, aber er vollen Un⸗ war einmal lichkeit außu Tage, no nch⸗ rigin geſg: Gegen ngeſchent der Köni der, der ab rage un ud die ſt. Die K en und Fu es ihr wü li, gniſt⸗ r Stoh xohhr, cieh j Gunther erwiderte, daß jetzt, da Bronnen und der Neffe zu Beſuch ſeien und überhaupt viel im Hauſe zu wirthſchaften, Cornelie ſich gern dieſen Verpflichtungen unterziehe. Immer aufs Neue vernahm es die Königin wie eine Kunde aus fremder Welt, daß die Zurichtung des täglichen Lebensbedarfs eine beſondere Thätigkeit in Anſpruch nimmt und ſich nicht von ſelbſt erledigt. Im Gemüthe der Menſchen war auch etwas Ver⸗ regnetes. Die Gewitterſpannung, die ſich hoch oben gelöſt hatte, ſchwebte hier noch theilweiſe in der Luft. Beim Landaufenthalt und zumal hier in der kleinen Meierei, wo viele Bequemlichkeiten fehlten und man ſich in den Räumen nicht ausbreiten und zerſtreuen konnte, war die Störung des Wetters beſonders auf⸗ fällig und hindernd. Um ſo mehr freute man ſich ſchon des morgenden Tages, der allen Anzeichen nach ein heller werde. Es war verabredet, daß man morgen Mittag mit dem König, der von der Jagd dahin kommen wollte, in der Nähe des zweiten Waſſerfalls, den der Bach in den Bergen bildete, zur Mittagstafel zuſammentreffen wollte. Der König arbeitete mit Bronnen im Cabinet, der neue Telegraph trug jetzt viele Botſchaften hin und her; Gunther, der Intendant, Sixtus und mehrere Cavaliere wanderten, Cigarren rauchend, zwiſchen den noch tropfenden Bäumen der Allee, auf denen jetzt das Abendroth tauſendfältig glitzerte. Die Damen im Muſikſaal behaupteten, daß man heute Alpenglühen ſehe, was man natürlich täglich ———— —— ——— ſi 462 ſchauen wollte, obgleich es eine äußerſt ſeltene Er⸗ ſcheinung. Die Nacht war hereingebrochen, der König ſaß mit Gunther und zwei Kammerherren am Spieltiſch. Da wurde Gunther durch einen Lakaien benachrich⸗ tigt, daß ein Mann draußen warte, der ihn augen⸗ blicklich ſprechen wolle. Gunther übergab ſeine Karten dem allzeit gefälligen Intendanten und ging hinaus; hier ſtand, auf ſeinen großen Alpſtock gelehnt, den breiten, viel zerdrückten Hut in der Hand, den Teppich übergeworfen, das Pechmännlein. Er hielt die linke Hand in der Taſche, und als Gunther vor ihm ſtand, ſagte er: „Hier iſt ein Zettel für Sie.“ Gunther las, rieb ſich die Augen und fuhr ſich mit der Hand über das Geſicht, als ob er ſich erſt wecken müſſe. „Wer hat Dich geſchickt?“ fragte er. „Es wird da drin ſtehen— Unſre Irmgard.“ Gunther ſchaute ſich erſchreckt um, als er den Namen hier nennen hörte, hier vor der Thür, und drin ſitzt der König, die Königin.. Er ging nochmals an die im Corridor brennende Lampe und las den Zettel wiederholt, da ſtand's: „Die Tochter Eberhards ruft Gunther.“ Der Mann, der ſich ſeiner ſtets ruhigen Faſſung wohl rühmen durfte, mußte ſich am Treppengeländer halten und konnte geraume Zeit kein Wort hervor⸗ bringen. Er ſchaute um, der Blick des Pechmännleins begegnete ihm. fri ko eir benachrich ihn augen⸗ ine Karten ig hinaus; lehnt, den en Teppich 463 „Wer biſt Du?“ fragte er endlich. „Ich bin vom Freihof, die Walpurga iſt mein Schweſterkind—“ „Gut, geh' vor das Haus, warte auf mich, ich komme ſogleich.“ Das Pechmännlein ging, und Gunther ſammelte all ſeine Kraft, um wieder hineinzugehen in den Spiel⸗ ſaal, ſich dort zu beurlauben und zu ſagen, daß ein Schwerkranker ihn rufe; er wußte nicht, wie er das mit ruhiger Stimme vorbringen ſollte vor allen denen, die das ſo nahe angeht, aber er hoffte, daß es ihm gelingen werde. Da traten glücklicherweiſe Bronnen und ſeine Braut, die noch im ſtillen Abend durch den Garten gewandelt, in das Thor. „Gut,“ rief Gunther ihnen entgegen.„Paula, ſchicke mir meinen Hut heraus, und Sie, lieber Bron⸗ nen, entſchuldigen mich bei Ihren Majeſtäten, ich muß augenblicklich zu einem Schwerkranken. Ich bitte aber, jedes Aufſehen zu vermeiden, und Paula, ſage der Mutter erſt davon, wenn ihr nach Hauſe geht; ich komme heut' Nacht nicht nach Hauſe.“ „Kann nicht Doctor Sixtus gehen?“ fragte Bronnen. „Nein. Bitte, fragen Sie nichts mehr. Morgen früh bin ich wieder gut zu Hauſe, oder wenn ich nicht komme, ſo werde ich mich bei der Tafel am Waſſerfall einfinden.“ Das Brautpaar ging in die inneren Gemächer und bald brachte ein Lakai den Hut Gunthers heraus. Gunther ging raſch mit dem Pechmännlein davon, nur einmal ſchaute er zurück nach den hell erleuchteten Fenſtern der Meierei und dachte der Menſchen, die dort ſorglos und nichts ahnend ſitzen. Wie wird erſt ſie das erſchrecken, was ihn ſo mächtig faßte! Auf dem Weg bis zu ſeinem Haus ſprach er nur oberfläch⸗ lich mit dem Pechmännlein; er wollte nichts Näheres fragen, denn er konnte nicht wiſſen, ob nicht eine Antwort des Boten etwas ausſpreche, das, von einem Lauſcher gehört, das Geheimniß vorzeitig verrathe, und er arbeitete noch in ſich ſelbſt daran, wie das Alles zu ordnen und zu ſchlichten ſei. Erſt in der Nähe ſeines Hauſes fragte Gunther: „Was fehlt der Kranken? Worüber klagt ſie?“ „Sie klagt über nichts, ſie hat nur ein hitziges Fieber und hüſtelt ſchon lang.“ „Iſt ſie bei vollem Verſtand?“ „Wie immer, ganz ordentlich, im Schlaf ruft ſie nur manchmal Victoria! ſagt die Gundel; das iſt meine Tochter—“ „Gut, warte hier,“ ſagte Gunther am Hauſe,„ich werde Dir etwas zu eſſen und zu trinken herabſchicken; ſprich aber zu Niemand davon, wer Dich hergeſchickt.“ Cornelia ſaß, ihrem blinden Vetter vorleſend, bei der einſamen Lampe. Der Blinde hatte nur von dem Schrecken des Hagelwetters erzählt; was er im Herzen erlebt, verſchwieg er. Er hatte faſt den ganzen Tag ge⸗ ſchlafen, jetzt war er wieder erfriſcht. Cornelia erſchrak, als ſie den Vater ſah, aber er beruhigte ſie. Schnell war ſeine Handapotheke, erfriſchende und ſtärkende Nahrungs⸗ mittel in wohlverſchloſſenen Kapſeln bereit, Alles wurde auf Pch Mli Gepi nn Gun erleuchteten nſchen, die e wird eiſt aßte! Auf r oberflüch⸗ ts Näheres nicht eine von einen verrathe, wie das Gunther: 0 b⸗ tſi ein hitziges af mft ſi iſt min auſe,„ih ergeſiit leſend, b r ven dn in Hen en Tu. i erſhn Schuel ſuhrn auf das Maulthier gepackt. Gunther ritt davon, das Pechmännlein ſchritt neben ihm her; man ſah deſſen Antlitz kaum, denn ſein breitkrempiger Hut hatte das Gewitter von geſtern noch nicht verwunden. Erſt als man die Häuſer des Städtchens hinter ſich hatte, fragte Gunther: „Wie weit iſt es bis zu der Kranken?“ „Zum Fußgehen wär's bergan in drei Stunden zu machen, ich bin ſchon oft weniger daran gegangen, aber zum Reiten iſt's eine gute Stunde mehr.“ Als man in den Wald einritt, hielt Gunther an und ſagte: „Komm' näher. Alſo Du biſt der Ohm von der Walpurga?“ „Freilich, der leibliche Bruder von ihrer Mutter und auch der einzige, zwei andere ſind ſchon jung geſtorben.“ „Wie nennſt Du die Kranke?“ „Wie ſie heißt— Irmgard.“ „Und ſeit wann iſt ſie bei euch?“ „Seitdem der Hanſei den Hof gekauft hat. Sie iſt damals gleich vom See aus mit uns gekommen. Sie iſt aber krank geweſen, ſie ſagen, ſie ſei ein bischen verrückt; ich glaub' das nicht, ſie hat ihren rechten Verſtand, eher zu viel als zu wenig.“ „Und weißt Du nicht, wie ſie mit ihrem Familien⸗ namen heißt?“ fragte Gunther. „Ich hab' nie danach gefragt.“ Und nun erzählte das Pechmännlein in redſeliger Weiſe vom Leben der Irmgard und wie ſie jahrelang eine Binde um die 30 Auerbach, Auf der Höhe. 1II — 466 Stirn getragen und nie abgelegt habe, bis ſie auf die Alm gekommen ſei. Das Pechmännlein ſchilderte das ganze Leben der Irmgard ſo herzergreifend, daß Gun⸗ ther anhielt, dem Alten die Hand reichte und ſagte: „Du biſt ein guter Mann.“ Ohm Peter ließ ſich das gefallen, behauptete aber, ſo gut wie die Irmgard gäbe es Niemand auf der weiten Welt. Ueber den Weg rannten überall ſchnelle Wäſſerlein, und das Pechmännlein erzählte von dem Gewitter geſtern Abends, wie das ſo grauſig ſei, wenn die Luft plötzlich zu Steinen wird und auf Einen loshämmert, und wie er dem Blinden geholfen und was der ihm verſprochen. Oft nahm er das Maulthier am Zügel, führte es eine ſteile Vertiefung hinab, durch einen Bach und dann wieder aufwärts. „Sie müſſen auch ſchon Vieles erlebt haben, Herr Doctor,“ ſagte das Pechmännlein; er hätte ſich auch gern von dem Manne unterhalten laſſen auf dem langen Weg, und er könnte, auf dem Maulthier ſitzend, beſſer ſprechen, als er, der nebenher geht; er ſpürte es auf der Bruſt, daß ihm das Sprechen bergauf nicht gut iſt. Als hätte Gunther das errathen, ſtieg er ab, da man jetzt auf einer Hochebene anlangte, und hieß das Pechmännlein aufſitzen. Ohm Peter machte viel Umſtände, gab aber zuletzt nach und ſtieg auf; als es aber jetzt wieder bergan ging, ſtieg er ſchnell ab und Gunther mußte wieder reiten. „Wenn unſere Irmgard jetzt von uns fort will,“ ſagte das Pechmännlein,„dem Herrn Doctor übergeb' 1 ie auf die 3 rte do daß Gun⸗ und ſagte: uptete aber, nd auf de Wiſerlei, n Gewitter nn die Luſt oöhümmert, as der ihn an ʒigll durch einn — 5 aben, Her te ſich uc auf den hier ſitzend er ſüre rgauf ſiit ſic c und! hieß nochte i c6* fort tul or iben 467 ich ſie gern; ſie kann auch gar ſchön Zither ſpielen, und wenn ſie wieder geſund iſt, die kann man alle Künſte lernen laſſen, der iſt gar nichts verborgen. Aber ich hoffe, ſie bleibt bei uns, ſie iſt verſcheucht und geht nicht gern unter Menſchen.“ Es war, als ob er die Gedanken Gunthers geahnt, denn dieſer hatte ſich eben in die Vorſtellung verſenkt, wie er Irma noch vor dem Hof verborgen halten wolle, um ſie dann zu ſich ins Haus zu nehmen; er ſah ſie im Geiſt ſchon neben ſeiner Frau und Cor⸗ nelia ſitzen, und er hatte für Paula wieder eine Tochter gewonnen. Im Walde war es dunkel und nur die Sterne glitzerten darüber. „Jetzt iſt Mitternacht vorüber,“ ſagte das Pech⸗ männlein, als man wieder auf der Höhe eines Vor⸗ berges anlangte,„da drüben geht der Mond auf.“ Gunther ſchaute zurück und ſah den Halbmond ſich erheben, er ſah aus wie ein Trümmer im weiten Aiher. „Da ſind ſchon von unſern Kühen,“ ſagte das Pechmännlein, und ſeine Stimme wurde heller,„das iſt die Amſel, die hat die bimbelige Schelle und ver⸗ lauft ſich immer am weiteſten, aber es iſt keine halbe Stunde mehr, bis wir daheim ſind.“ Wortlos ging es des Weges weiter, und endlich war man bei der Alm angekommen. Ein Lichtſchimmer drang durch den Ausſchnitt im geſchloſſenen Laden am Kammerfenſter. Gunther ſtieg ab. 5 468 „Ich will zuerſt hineingehen und ihr ſagen, daß der Herr da iſt,“ ſagte das Pechmännlein leiſe. Gunther nickte. Bald kam er wieder heraus und ſagte: „Sie ſchläft, aber ſie hat flammrothe Backen, und die Gundel ſagt, ſie hat oftmals aus dem Traum ge⸗ rufen: Vater! und auch Victoria! ſie muß Gutes träumen.“ Gunther ging in die Hütte. als er Irma ſah. „Was iſt das?“ fragte er das Pechmännlein, da ſich das Gemszicklein zu Füßen Irmas aufrichtete und den Fremden groß anſchaute. „Das iſt ein Gemszicklein, das ich geſtern gefun⸗ den hab', ſie hat's gern,“ erwiderte das Pechmänn⸗ lein leiſe. Gunther hieß das Pechmännlein und Gundel das Zimmer verlaſſen, er ſetzte ſich ſtill neben das Bett. Er befühlte den Puls Irmas, er betaſtete ihre Stirn; das Pechmännlein fragte noch leiſe:„Wie ſteht's?“ Gunther zuckte die Achſeln und bedeutete ihm, hin⸗ auszugehen. Das Pechmännlein eilte auf den Heuboden, weckte Franz und befahl ihm, hurtig zum Bauer und zur Bäuerin hinabzugehen und zu ſagen, ſie möchten gleich heraufkommen, die Irmgard ſei ſchwer krank. Er legte ſich ſelbſt in das Heu, er war wie zer⸗ brochen in allen Gliedern, ſo müde war er ſein Leb⸗ tag nicht geweſen; aber er fand weder Ruhe noch Er ſtand erſtarrt, 0 . ſagen, du leiſe. Bocken, und Twu g mß Guts d erſtarrt, ännlein, du frichtete un ſtern gen Pechnün⸗ Gundel du n das Bet etaſtete in ſis eiſe:„Vi te ihn, hi⸗ oden, ni er ud uni l 0 vi ſ. er ſin kü guhe 0 469 Schlaf, und bald ſtand er wieder vor der Hütte, am Ladenfenſter lauſchend. Gunther ſaß indeß bei der Kranken. Sie be⸗ wegte ſich manchmal hin und her, aber ſie öffnete die Augen nicht; auch das Zicklein zu ihren Füßen ſchlief wieder. Gunther hatte das Licht aus dem Zimmer gebracht und ſaß im Dunkeln. „Es wird Tag! Ich will den Tag ſehen!“ rief Irma, plötzlich ſich aufrichtend. Ein dämmeriger Strahl fiel durch den Laden⸗ einſchnitt. „Ich will den Tag ſehen!“ rief Irma nochmals, und das Pechmännlein draußen öffnete die nur an⸗ gelehnten Fenſterladen. Ein breiter Lichtſtrom drang herein. Ueber das Antlitz Irmas zog ein Glanz, ſie ſtreckte Gunther beide Hände entgegen, er faßte ſie, ſie küßte ihm mit fiebernden Lippen die Hände. „Du haſt Großes vollbracht,“ ſagte Gunther,„Du haſt eine Kraft bewährt, die ich bewundere. Halte ſie feſt.“ „Ich danke Dir. Mein Vater kommt in Dir zu mir. Lege Deine Hand auf meine Stirn.“ „Ich halte meine Hand auf Deine Stirn und ſegne Dich im Geiſte Deines Vaters, und mit dieſem Kuſſe küſſe ich Dir alle Schwere weg. Du biſt frei.“ Irma lag ruhig und Gunther hielt ſeine Hand auf ihrer Stirn und draußen ſtieg das Morgenroth immer höher und das Licht umfloß im goldenen Schein das Gemach. 5 15 ——— — 47 Gunther ging hinaus und holte Irma eine ſtär⸗ kende Medicin. Sie fühlte Labung und Erfriſchung. „Ich weiß, daß ich jetzt ſterbe,“ ſagte ſie mit klarer Stimme.„Ich bin glücklich, daß ich im Bewußt⸗ ſein gelebt, im Bewußtſein ſterben kann.“ Sie übergab Gunther das Tagebuch und ſagte, daß ihr darin niedergeſchriebener Wunſch, wo ſie be⸗ erdigt ſein wolle, nicht gelten ſolle; der Ohm wiſſe, wo ihr Lieblingsplatz geweſen, dort wolle ſie begraben ſein, und kein Merkmal ſolle ihr Grab bezeichnen. Gunther hatte ehedem geſagt, daß er ſchon viele im Tod erſtarrende Hände in der Hand gehalten— an einem Todtenbett wie das Irmas hatte er noch nicht geſeſſen. Siebzehntes Capitel. „Ich hab's gewußt, ich hab's geahnt!“ jammerte Walpurga, als Franz die Nachricht von der ſchweren Krankheit Irmas auf den Freihof brachte.„Ich hab's gewußt, daß ſie nicht wiederkommt,“ wiederholte ſie oft und weinte und rang die Hände und kniete an dem Stuhl nieder und preßte den Kopf auf die gefalteten Hände. „Das hilft jetzt nichts,“ ſagte Hanſei und legte ſeine Hand auf ihre Schulter.„Steh' auf, Du biſt doch ſonſt nicht ſo. Komm, es wird nicht ſo arg ſein, und was es auch ſei, jetzt iſt nicht Zeit zum Weinen und Jammern; jetzt wollen wir thun, was zu thun iſt.“ aeine ſtäl⸗ rfriſchung. gte ſie mit im Bewußt⸗ und ſagt, wo ſie be Ohm vwiſe⸗ ſie begraben eichnen. ſchon viele gehalten— tte er noch jammert et ſchw cholte ſeui te an dn e geiltl und lit f, du un Vin u thu 47¹ „Was kann ich thun? Was ſoll ich thun?“ wendete Walpurga ihr thränendes Antlitz zu Hanſei. Er half ihr auf, daß ſie ſtand und er ſagte: „Der Franz berichtet ja, es iſt ein Doctor oben, der eine Apotheke bei ſich hat, und jetzt wollen wir eſſen und dann wollen wir auch hinauf.“ „O lieber Gott, ich kann ja keine drei Schritte gehen; mir ſind meine Knie wie abgeſchlagen.“ „So bleib' Du da und ich geh allein.“ „Allein willſt mich laſſen? Was ſoll ich denn dann machen?“ „Das weiß ich nicht; leg' Dich ins Bett, vielleicht kannſt Du ſchlafen.“ „Ich will kein Bett, ich will keinen Schlaf, nichts will ich, ich geh' mit, und wenn ich unterwegs ſterbe, iſt mir auch recht.“ „Sag' ſo was nicht, Du verſündigſt Dich an mir und an den Kindern,“ lag Hanſei auf den Lippen, aber er machte eine ſchnelle Bewegung mit der Hand, als drücke er die Worte wieder zurück; es iſt nicht nöthig, daß ſie laut werden. Wenn Frauen zu klagen anfangen, untermiſcht mit Mitleid über ſich ſelber, wiſſen ſie nicht, was ſie ſagen. Hanſei brachte ſeiner Frau die beſſeren Kleider her— bei, denn ſie war ſo benommen, daß ſie nicht mehr wußte, wo etwas liegt und wie man's anzieht. Hanſei zeigte ſich als gar nicht ungeſchickter Kammerdiener. „Jetzt andere Schuhe mußt Du Dir ſelber anziehen,“ ſagte er endlich. Unter Thränen lächelnd ſchaute ihn Walpurga an; ſie merkte erſt jetzt, wie er ihr ſo treulich und demüthig geholfen hatte. Mit friſcher Stimme ſagte ſie: „Ja ich kann! Du haſt mir geholfen, daß ich's ſpüre, ich kann gehen.“ Hanſei ließ das Eſſen hereinbringen und ſetzte ſich geruhig nieder, nachdem er Bergſtock, Waidſack und Hut neben ſich zurecht gelegt. Auch Walpurga mußte ſich an den Tiſch ſetzen, ſie aß nur wenig, Hanſei aber hatte die Tugend, zu jeder Zeit gehörig eſſen zu können; er lud tapfer auf und ſeine Mienen ſagten: wenn man ſein gehörig Eſſen im Leib hat, dann kann man ſchon feſter Alles auf ſich nehmen, mag kommen, was will. Er ſchnitt ſich noch zu guter letzt ein tüchtig Stück Brod ab, ſteckte es ein und ſtand auf. Die Kinder wurden der Obermagd übergeben und noch einer Taglöhnerin befohlen, auch im Hauſe zu bleiben. Die beiden Eheleute gingen davon. Als man ſchon eine große Strecke gegangen war, kam Burgei den Eltern nachgelaufen und ſchrie:„Ich will auch mit! Ich will auch mit zur Baſe Irmgard!“ Es war nicht anders zu machen, man mußte das Kind mitnehmen, denn die große Strecke wollte man es nicht allein zurückgehen laſſen, und keines von den Eltern wollte es zurückführen. „Du biſt ein böſes Kind, ein arg böſes, jetzt muß ich Dich tragen und Du biſt ſchon ſo groß,“ ſagte Walpurga und nahm das Kind auf den Arm. Hanſei nickte. Es iſt gut, wenn das Kind dabei iſt, da wird ſeine Frau, die über Alles hinaus iſt, doch nicht gar ſo ſturm ſein können, wenn das Aergſte eintritt. und denithi n, daß ichs nd ſetzte ſih ſack und Hut a mußte ſih Hanſei aber nzu können; wenn man man ſchon 1, was wil. tüchtig Stic ergeben ud n Hauſe jl n. gongen wol⸗ ſchrie:„ Jngurd“ nußte das wolle n nes von dol 3, jett uß roß“ ſu m. Huſ ſi, d wi ch nicht u intr itt 73 Walpurga, die nicht geglaubt hatte, allein gehen zu können, trug nun das Kind, und ſchritt raſch fürbaß. „Jetzt laß die Burgei wieder laufen, und wenn ſie dann müd' iſt, trag' Ich ſie,“ ſagte Hanſei. So lang der Weg Raum bot, ging das Kind zwiſchen den Eltern, als er ſchmal wurde, ließ man es voraus gehen. Man kam nur langſam vorwärts wegen des Kindes; Hanſei nahm es auf den Arm und es ſchlief bald ein. Leiſe begann Walpurga: „Jetzt muß ich Dir's ſagen, Hanſei, jetzt mußt Du mir's abnehmen, wer unſere Irmgard iſt.“ „Und ich ſag' Dir nochmals, ich will's nicht wiſſen; ſie allein muß mir's ſagen, wenn ſie am Leben bleibt, und wenn ſie todt iſt, kannſt Du mir's nachher auch noch ſagen.“ „Todt!“ ſchrie Walpurga,„Du weißt mehr? Hat Dir der Franz was im Geheimen geſagt?“ „Der Franz hat mir nichts geſagt, was Du nicht auch gehört haſt.“ „Warum ſprichſt Du aber ſo vom Tod?“ „Weil Eines, das ſchwer krank iſt, auch ſchnell ſterben kann. Sei doch ruhig.“ „Ja, ja, ich weiß gar nicht mehr, daß das der Wald iſt, und ich mein', ich ſeh gar nichts mehr. Steh' einmal ſtill. Es iſt ein Doctor oben, der kennt ſie, und es werden noch Andere kommen, die ſie kennen; der bei uns geweſen, iſt ihr Bruder, und jetzt werden ſie kommen und werden unſere Irmgard holen und mit fortnehmen.“ 6 —— 4174⁴ „Wenn ſie fortgehen will und mit klarem Verſtand zuſtimmt, da können wir nichts dagegen,“ beruhigte Hanſei,„das aber ſage ich und da bringt mich Niemand davon: ſo lang' ſie ſo krank iſt, daß ſie nicht ſelber ſagen kann, was ſie will, da leid' ich's nicht, daß ſie etwas mit ihr anfangen. Ich bin der Hanſei und ich bin ihr Annehmer, ich laſſ' ihr nichts geſchehen— jetzt da bitt' ich Dich, ſteh' mir bei und red' mir nichts drein; Du weißt, was ich ſag', das iſt.“ „Ja, ja, Du haſt recht,“ ſtimmte Walpurga ein und die entſchloſſenen Worte ſchienen ihr körper⸗ liche Kraft einzuflößen, daß ſie den ſteilen Bergweg hinanſtieg ohne die mindeſte Beſ ſchnr ja es war faſt, als ob Hanſei ſie ſelbſt mit auf den Arm genommen hätte zu dem Kind. Aus dieſem Gedanken heraus ſagte ſie plötzlich: „Weißt noch? Du haſt mich auch einmal tragen wollen, daheim am See. O lieber Gott, ich mein', wir müſſen ganz andere Menſchen geweſen ſein damals, da haben wir noch gar nichts von der Welt gewußt.“ „Es iſt uns juſt nicht übel bekommen, daß wir etwas davon wiſſen und etwas davon haben,“ entgeg⸗ nete Hanſei. Seine Stimme war laut und das Kind erwachte.„So, jetzt lauf' wieder,“ ſchloß er. Man machte Raſt; Hanſei erinnerte ſich ſeines Stück Brodes, und einen guten Biſſen davon in den Mund ſteckend, ſagte er, mit dem Meſſer nach dem Thale zeigend: „Da drüben lauft unſer Bach, und von hier aus iſt's nur eine Stunde nachd em Städtchen, wo die Staſi wohnt.“ m Verſtand beruhigte h Niemand elber ſagen ß ſie etwas ich bin iht etz da bit — dy purga ein, ihr körper⸗ n Bergwe s wat faſ, genommen uns ſugte nol tragen mein, wir amals, do wußt.“ „doß wi „ntgen das Kind 5 475 „Nur eine Stunde von hier aus?“ fuhr Walpurga auf,„da lauf' ich hin. Das iſt ja die beſte Hülfe, die einzige. Hanſei geh Du voraus mit dem Kind, ge⸗ raden Wegs auf die Alm; ich komm' bald nach, vom Städtchen aus, und ich bringe Gutes mit.“ „Weib, biſt Du närriſch geworden? Mach' mich nicht auch verrückt. Jetzt willſt Du fort? So nah bei der Todtkranken?“ „So muß ich Dir ſagen: Die Königin iſt unten, und die Königin allein kann helfen. Behüt' Dich Gott, Hanſei, und behüt' Dich Gott, Burgei, ich komm bald nach.“ Fort rannte ſie, den Wald hinab, nach dem Bach, am Ufer entlang, dem Städtchen zu. „Wo iſt die Mutter? Mutter, Mutter!“ klagte das Kind. „Sei ruhig,“ tröſtete Hanſei,„die Mutter hat da unten noch ein Kind, und das iſt ein Prinz, und der ſchickt Dir goldene Kleider.“ „Iſt das ein verzauberter Prinz, den die Mutter erlöſt? Was iſt er denn jetzt?“ „Ja, er iſt verzaubert,“ beſchwichtigte Hanſei; er glaubte damit fertig zu ſein. „In was denn aber iſt er verzaubert?“ fragte das Kind. „In einen Kukuk. Aber jetzt laß mich in Ruh' Kein Wort mehr! Sei ſtill!“ In ſeltſamen Gedanken gingen Vater und Kind den Berg hinan. Hanſei begriff nicht, wie ſeine Frau jetzt die Freundin verlaſſen und zur Königin gehen kann— vielleicht iſt da etwas zuſammen gebandelt. Hanſei ſchüttelte den Kopf, Dinge, die er nicht aus⸗ einander wirren konnte, warf er von ſich. Man muß jetzt einmal ſehen, was man für die Kranke4hun kann. Das iſt die Hauptſache. Er hob ſich ſchon in den Schultern, er war entſchloſſen, wenn der Arzt es für gut hielte, Irmgard auf den Armen herab zu tragen nach dem Freihof. Das Kind aber wandelte, mit großen Augen drein⸗ ſchauend, dahin. „Er ruft, er ruft!“ ſagte es leiſe. erlöſt Dich.“ Ein Kukuk rief durch den von der Mittagsſonne durchſchimmerten Wald; ſein Ruf war bald näher, bald entfernter, und jetzt flog er über die Wandelnden weg und rief nach ſeiner Art im Fliegen. Hanſei kam mit dem Kinde auf der Alm an. Der Ohm und Gundel gingen ihm traurig entgegen. „Sie lebt noch, aber nicht mehr lang,“ berichtete der Ohm und trocknete ſich mit dem Aermel die Thränen. „Der Doctor läßt Niemand von uns mehr zu ihr. Wo iſt denn die Bäuerin?“ „Sie kommt bald nach,“ erwiderte Hanſei; er hatte zu thun, die Kühe abzuwehren, denn ſie kannten ihren Herrn und kamen zu ihm heran, um, wie ſonſt immer, eine Handvoll Salz von ihm zu bekommen, aber dieß⸗ mal hatte er vergeſſen, es mitzubringen, und was man hier oben hatte, lag drin in der Kammer, die man jetzt nicht betreten durfte. Hanſei befahl dem Handbuben, die Kühe weit weg zu treiben, damit die Kranke das Schellengeläute nicht „Meine Mutter 477 nicht aus⸗ höre. Das war Alles, was er jetzt für Irma thun Man mß konnte. Er ſetzte ſich traurig auf die Bank vor der Hurkmn. Hütte, hob ein Stück Schnitzholz vom Boden und be⸗ n in den trachtete es hin und her, als ob er wunder was daran tzt es für ſehe. So ſaß er lange. Dann übergab er Burgei der zu tragen Gundel und ging auf den Weg, der am andern Ab⸗ hang des Berges nach dem Städtchen führte, ſeiner gen drir⸗ Frau entgegen. Sie kam lange nicht. Er ging weiter im Wald, und heute, wie immer, wenn er hier her⸗ ne Mutter aufkam, ärgerte er ſich, daß da drüben auf den Felſen, die zu ſeinem Grunde gehören, ſo ſchöne Bäume ſtehen, tngſome denen man nicht beikommen kann, um ſie zu fällen. iher, bih Eine Elſter, die oben auf einer ſchönen Tanne ſaß, ſchnatterte und ſchien ihn zu verſpotten. Indem er mit der ganzen Hand ſich mehrmals über das Geſicht auf— und abfuhr, wurde Hanſei erſt inne, an was für Dinge er jetzt mitten in dieſem Elend gedacht hatte. Es war nichts Unrechtes— das iſt es nie, aber das gehört jetzt nicht hieher, und aufs Neue, als ob er das Elend jetzt zum Erſtenmal erführe, kam wieder der Jammer über ihn. Er kehrte um und ging nach der Hütte zurück. Der Leibarzt trat heraus. „Ihr ſeid wol der Bauer?“ fragte er. „Ja. Und Sie der Herr Doctor?“ Unden weg an. Der gen. berichtett Thränen ihr. Po aber 6 Jo 4 v nn„Und wie ſteht's?“ „Ich glaube, daß ſie nicht vor dem Abend ſtirbt.“ Hanſei traten die Thränen in die Augen. Der Ohm bat Gunther um die Erlaubniß, das Gemszicklein heraus zu holen. Es ward ihm gewährt. Er brachte es, kaum hörbar auftretend, gab ihm zu trinken und trug es wieder hinein zu Füßen der Kranken. „Sie hat die Augen aufgemacht und mir zugewinkt, ſie hat aber kein Wort geſprochen, dann hat ſie die Augen wieder zugemacht,“ berichtete der Ohm. Hanſei bat, daß er Irmgard nur noch einmal ſehen dürfe. Er durfte durch den Spalt ſehen, während Gunther wieder ins Krankenzimmer eintrat. Hanſei wendete ſich wieder auf den Weg nach dem Städtchen, und auf ſeinem ganzen Gang weinte er, daß es ihm immer Herzſtöße gab. „Der Ohm hat Recht, ſie iſt wie ein Engel ge⸗ worden,“ ſagte er vor ſich hin. Das am erſten Almtage geborene Stierkalb ſchien ſich beſonderer Anrechte auf den Bauer bewußt; es lief ihm trotz allen Zurückjagens immer wieder nach und blöckte ihn bettelnd an um Salz. Hanſei befriedigte es durch das letzte Stück Brot, das er noch bei ſich hatte. Er mußte ſich im Wald niederſetzen, und hier weinte er und ſchaute manchmal verwirrt um ſich: wie iſt es nur möglich, daß die Sonne noch ſo ſchön ſcheint und der Kukuk ruft und der Habicht krächzt, und dort ver⸗ athmet ein Menſch.. „Was nur Walpurga jetzt von der Königin will? Da oben iſt ihr Platz,“ dachte er dann immer wieder in ſich hinein. m gewährt. b ihn zu Füßen der zugewinkt, hat ſie die hm. inmal ſehen „während 1. Hanſei Städtchen, oß es ihn Engel ge ckalb ſchen ſt; li nach und fricdigte 6 ſich hatt⸗ hier veint wie iſt ſcheint und d dort ver Achtzehntes Capitel. Am Bache entlang war Walpurga den Berg hinab⸗ geeilt. Sie ſah bald das Städtchen und die Meierei, auf deren Dachſpitze eine hellfarbige Fahne flatterte. Walpurga ſetzte ſich Athem holend eine kurze Raſt auf einen Fels am Bach. Ein Kukuk flog über ihr weg bergauf. „Das iſt ein böſer Angang,“ ſagte ſie vor ſich hin. Sie ſchritt voran nach der Meierei. Da ſah ſie durch das Eiſengitter einen Knaben in hellem Gewand und mit einem Federhut auf den langen blonden Locken im Garten ſpielen. Das Herz im Leibe wollte ihr zer— ſpringen, ſie faßte krampfhaft nach einer Eiſenſtange des Gitters. Sie ſchritt nach der Eingangsthür des Gartens. „Frau von Gerloff... der Prinz... mein Kind, mein Kind,“ ſchrie ſie, ſtürzte auf den Prinzen zu, kniete im Gras nieder und umhalſte und küßte ihn. Der Knabe ſchrie laut. „O, das iſt ſeine Stimme!“ rief Walpurga. Frau von Gerloff war erſchrocken einen Augenblick wie angewurzelt feſtgeſtanden, jetzt kam ſie herbei und wehrte Walpurga ab; auch Diener kamen hinzu. Der Prinz verbarg ſich an Frau von Gerloff. Walpurga kniete im Gras und konnte nicht aufſtehen. „Er kennt mich nicht mehr! Er kennt mich nicht mehr und ich bin ſeine Amme!“ klagte ſie verwirrten Blickes zu den Umſtehenden. Die Stimme ſchien eine Wirkung auf das Kind zu üben. Es wendete ſein ———— —— Geſicht um, es war glühend roth, in ſeinen Wimpern hing noch eine Thräne, aber ſein Antlitz lächelte. „Grüß Gott,“ ſagte er— das war das Wort, das man ihm für den Landaufenthalt eingeübt hatte. „Grüß Gott kann er ſagen... o, er kann ja reden! O lieber Gott, er kann reden! Jetzt ſag' einmal Wal⸗ purga, Kind! Kannſt Du Walpurga ſagen?“ „Walpurga!“ wiederholte der Knabe. Die Königin kam herbei, in ihrem Geleit die Gräfin Brinkenſtein und Paula. Walpurga wollte auf ſie zueilen, aber die Königin wehrte ab und befahl Frau von Gerloff, den Prinzen hinwegzuführen. Der Prinz wurde aus dem Garten geführt; aber er ſchaute doch noch einmal um nach Walpurga, und ſie nickte ihm zu und vergaß ganz, daß die Königin vor ihr ſtand, bis dieſe ſagte: „Du haſt Dich hier hereingedrängt und mußt doch wiſſen, daß wir Dich nicht mehr ſehen wollen und Du weißt auch warum.“ „Ich will mich jetzt nicht vertheidigen, ich will was Anderes,“ drängte Walpurga. „Was willſt Du?“ fragte die Königin. In haſtigen Worten, oft abſetzend, ſchwer athmend, ſagte Walpurga: „Frau Königin, man kann ſchlecht angeſehen werden, man kann gar nicht geſehen ſein in der Welt und doch brav ſein. Sie und ich, wir ſind jetzt geſund und können das ein andermal ausmachen. Frau Königin, ich hab' zwei Worte zu ſagen, ganz allein. Frau Königin, um aller Barmherzigkeit willen— es wird en Winpem lächelte. s Wort, do hatte. nn ja reden! einmal Wol E t die Grfn die Kön ign den Prinzel den Garten al um nl vetgaß gun ſagte: d mußt doh len und A ver athnen, ſchen wud zelt und ddoh gnd m n hn le in. it 481 Ihnen in Ihrer Sterbeſtunde gut thun, Frau Königin, Sie müſſen auch ſterben— Frau Königin, ich bitte um aller Barmherzigkeit willen, hören Sie mich an, allein, nur eine Minute! Schicken Sie die Andern fort. Wir haben keine Zeit!“ Die Königin winkte der Gräfin Brinkenſtein und Paula, daß ſie ſich zurück zögen. Sie ſtand allein mit Walpurga, und dieſe ſagte— es gab ihr einen Herzſtoß dabei: „Irma lebt.“ „Was ſagſt Du?“ „Vielleicht iſt ſie in dieſem Augenblick ſchon todt, ſie liegt im Sterben.“ „Ich verſtehe Dich nicht— biſt Du wahnſinnig?“ „Nein, Frau Königin. Setzen Sie ſich... hier auf die Bank... Sie zittern ja am ganzen Leib. Ich hab's ungeſchickt gemacht, aber ich hab' nicht anders gekonnt, aber was liegt jetzt an mir? Meinetwegen machen Sie mit mir, was Sie wollen— Irma lebt. Vielleicht nur noch dieſen Tag, vielleicht den nicht mehr aus. Frau Königin, Sie müſſen mit mir, Sie müſſen zu ihr. Es iſt das Einzige, was ſie noch auf der Welt haben kann... Ein Wort... Eine Hand...“ Gräfin Brinkenſtein und Paula kamen herbei, da ſie ſahen, wie die Königin ſich leichenblaß zurücklegte. Als die Königin das Rauſchen der Gewänder hörte, richtete ſie ſich auf: „Walpurga, ſag' noch einmal, was Du geſagt!“ Walpurga wiederholte, daß Irma noch lebe, und fügte hinzu, ſie ſei jetzt im vierten Jahr bei Auerbach, Auf der Höhe. II. 33 —=—— — ihr verborgen, und Gunther ſei bei ihr oben auf der Alm. Auch die beiden Damen ſtanden erſtarrt, aber Walpurga wendete ſich wieder zur Königin und rief: „Um Gottes willen, verſäumen Sie keine Minute mehr! Kommen Sie mit mir, zu ihr! Frau Königin, da drin wohnt die Staſi, die hat damals das Gebet für die Königin auf mich gewendet. Frau Königin, wenn Sie ſelber nicht vergeben, wie ſoll man noch für Sie beten? Frau Königin, denken Sie, wie es Ihnen damals in der heiligen Nacht im Herzen geweſen! Frau Königin, ſtehen Sie auf, werfen Sie Alles hinter ſich, und behalten Sie ihr gutes Herz allein. Frau Königin „So laß Ihre Majeſtät in Ruhe!“ fiel Gräfin Brinkenſtein ein. Aber Walpurga fuhr fort: „Frau Königin, wenn Sie ſterben, haben Sie keine Hofdamen bei ſich und nichts— Laſſen Sie einmal im Leben jetzt eine Stunde Alles dahinter und kommen Sie mit mir allein und fragen Sie nach weiter gar nichts! Ehe die Nacht hereinbricht iſt ſie todt! Sie können an dem Tag eine Gutthat thun, die in alle Ewigkeit bleibt.“ „Ich will zu ihr— ich muß!“ ſagte die Königin aufſtehend, und ging der Meierei zu; ihr Schritt war raſch und ihre Wangen glühten. „Majeſtät,“ warf die Oberhofmeiſterin ein,„der gnädigſte Herr ſind ausgeritten und kommen zur Tafel am Waſſerfall. Wollen Eure Majeſtät nicht abwarten?“ roben au ſtarrt, aber 1und rif eine Minute au Königin, das Gebet m Königin, noch ſit e es Ihnen n geweſen! Alles hinter lein. Fral fiel Grä n en Eie ken Sie eiml nd komm weiter o wet Si die in l die Könihn Schrit vu ein, z zut T nn ₰ — „Nein!“ erwiderte die Königin, ihr Ton war ſcharf, es ſchien, als ob dieſe Formfrage eine ſtrenge Gedankenreihe verletzt und durchſchnitten.„Ich bitte,“ ſetzte ſie hinzu,„mich auf meine Verantwortlichkeit handeln zu laſſen.“ „Majeſtät, es giebt keinen Fahrweg nach der Alm,“ ſetzte Gräfin Brinkenſtein milder hinzu. „Aber einen Reitweg bis zum letzten Stück, faſt ganz bis an die Hütte,“ erwiderte Walpurga,„und da iſt ja der Mann von der Staſi, der iſt ja Förſter, der weiß alle Wege; ich will ihn rufen.“ Sie eilte in die Amtswohnung des Inſpectors und brachte ihn mit heraus. Der Inſpector beſtätigte, daß man eine gute Strecke fahren könne, und von da aus könne man reiten. Die Rigin befahl, daß er ſogleich mit den Reit⸗ pferden vorauseile; ſie zog ſich in ihre Gemächer zurück und bald darauf fuhr ſie mit Paula, Sixtus und Walpurga den Bergen zu; auf dem Hinterſitz ſaßen zwei Lakaien. Die Braut des Mannes, der Irma geliebt, und die Gattin des Mannes, deſſen Liebe Irma erwidert hatte, ſaßen neben einander, um an ihr Sterbebett zu eilen. Erſt im Fahren gewann man wieder freien Athem. Walpurga erzählte. Von dem gleichmäßigen Leben Irmas war wenig zu berichten, um ſo mehr verweilte Walpurga bei der Mittheilung des Ohms, wie Irma mit demſelben, verhüllt nach der Reſidenz gewandert und bei der Sommerburg noch einmal die Königin ——— S—— und den Prinzen geſehen habe. Oft von Weinen unterbrochen, berichtete ſie dann, wie Irma die ſter⸗ bende Mutter gepflegt, und wie die Mutter, die Alles gewußt, Irma noch in der letzten Stunde ge⸗ ſegnet habe. Die Königin hielt das Tuch vor die Augen und reichte Walpurga ſtill die Hand. Je mehr Walpurga erzählte, um ſo reiner und verklärter erſchien Irma. Die Königin wendete ſich zu Paula und ſagte: „Das iſt ein Leben im Tod— dazu gehört un⸗ faßbare Heldenkraft.“ „Es giebt auch in unſeren Tagen noch Heilige,“ erwiderte Paula.„Alles, was vordem je ſchön, groß und echt war in der Welt, iſt gewiß noch in der Welt, wenn auch zerſtreut, verhüllt.“ Mitten aus allem gegenwärtigen tiefwühlenden Schmerz leuchtete ein heller Strahl im Auge der Königin auf. Sie ſah auf Paula: Gunther iſt nicht mehr bei Dir, aber in Zukunft wird ſein Beſtes bei Dir ſein in ſeinem Kinde. Noch einmal mußte Walpurga von jenem Morgen am See erzählen, dann ſchilderte ſie auch die ſchönen Arbeiten Irmas, aber ſie merkte bald, daß die Königin nicht mehr zuhörte und ſchwieg. Still fuhr man dahin. Der Fahrweg war zu Ende, man verließ den Wagen und ſtieg zu Pferde.— Bald darauf, nachdem die Königin abgefahren war, kam der König mit Bronnen von der Jagd in Weinen die ſter⸗ utter, die tunde g⸗ ugen und einet und ete ſich zu det Velt, wühlenden Auge der iſt nich Leſts be n Vorgen ie ſchönen e Könign en Wogel bgeuhn *) 485 die Meierei zurück. Sie waren voll friſch geſtärkter Kraft, und der König fragte, ob ſeine Gemahlin ſich ſchon nach dem Waſſerfall begeben, denn ſie hatte den Wunſch ausgeſprochen, dort zu zeichnen. Gräfin Brinkenſtein war in einer Verlegenheit, die ihr, zum Erſtenmal im Leben, alle Faſſung rauben wollte. Sie hatte gewiß auch alles gebührliche tiefe Mitleid mit Irma, aber— ſie hatte verborgen gelebt, ſie hätte nun auch verborgen ſterben ſollen. Wozu dieſe nochmaligen Aufregungen? Sie ſchüttelte den Kopf über dieſe excentriſchen capriciöſen Menſchen, die nicht einmal gebührendermaßen todt ſind, wenn man ſie ſchon lang betrauert und vergeſſen hat. Sie berichtete nun mit ſtockender Stimme dem Könige, wohin die Königin gefahren und was vor⸗, ging; ſie wagte kaum zu betonen, daß die Königin auf ihre eigene Verantwortung und gegen alle Hof⸗ ordnung ſich allein mit Paula und Hofrath Sixtus nach den Bergen begeben. Der König ſtand ſtill, ſchaute zur Erde und ſprach lange kein Wort. Der Boden vor ſeinem Auge zitterte, Alles ſchwankte wie in einem Erdbeben und die Schrecken der Verwüſtung fuhren durch ſeine Seele. Was er jahrelang im Innerſten gelitten und ge⸗ büßt, ſtand wieder auf. Er hatte gearbeitet, ge⸗ rungen und entſagt und Niemand dankte ihm, am wenigſten ſein eigen Herz, denn er war ein Schuld⸗ beladener, der Gutes thun will und in tiefer Demuth erkennen muß, daß ihm das doch noch geſtattet iſt. Er preßte zitternd die geballte Fauſt auf die Stirn, . 486 ſeine Wangen brannten, während Fieberfroſt die Glie⸗ der ſchüttelte: Dank dem gütigen Geſchick, daß ſie noch lebt! Die Todesſchuld iſt von der Seele genommen. Und auch ſie ſoll erkennen, welch ein Strafgericht ſich in mir vollzogen und was aus mir geworden.. In dieſen wenigen Minuten hatte der König alle die ſtillen Qualen der vergangenen Jahre auf's Neue durchgelebt. Wie aus der Unterwelt auftauchend blickte er jetzt um ſich. Die Bäume, die Häuſer, die Berge ſtehen noch feſt, es iſt kein Erdbeben hereinge— brochen. Er ſah Bronnen an und reichte ihm die eiſigkalte Hand, während er kaum hörbar flüſterte: „So iſt Ihre Ahnung von damals auf dem Jagd⸗ ſchloß wahr geworden.“ Seine Stimme war heiſer. Er befahl, daß man friſche Pferde ſattle und ein zweiter Wagen nachgeſchickt werde. Er ritt mit Bronnen der Königin nach. Neunzehntes Capitel. Bergan ritt die Königin und neben ihr ſchritt Walpurga. Das Sonnenlicht fiel ſchon ſchräg durch die Wipfel auf den Weg, den geſtern in der Nacht Gunther, vom Ohm geleitet, gezogen war; von den Wäſſerlein, die geſtern über den Weg liefen, waren nur noch dünne Spuren da. Die Königin ſprach kein Wort, ſie ſah Walpurga ſt die Gli⸗ aß ſie noch genommen. ſgericht ſch en. König all Qu ufs Nele auftauchend äuſer, n heremge⸗ flüſterte: dem Jogd duß nun nachgeſchidt 6rig du von den in, umn Valpun ———— oft groß an, durch ihre Seele zog eine lange Reihe von Erinnerungen und Erweckungen. Da geht die Frau neben dir, die damals auf deinen Wunſch aus der Heimath gerufen wurde— damals, als du mit dem König und Gunther unter der Hange Eſch ge⸗ ſeſſen, warſt du mild und verzeihend gegen Gefallene — und Gunther ſagte:„Du biſt es werth, daß Tauſende für dich jetzt beten.“ Warſt du es damals? Biſt du es jetzt werth? Damals warſt du noch nicht verletzt, hatteſt noch keine Unbill erfahren und es war— leicht, verzeihend zu erſcheinen— und nun, da du gekränkt worden, biſt du in Bitterkeit, in Haß und Tugendſtolz verſunken und haſt dir darin gefallen. Er änderte ſein Leben, hat alles Kleinliche, Nichtige, Eitle abgethan und ſeine ganze Seele in treuer Arbeit ſeinem Volke gewidmet. Und du? Du wurdeſt immer herber und ſtarrer, weil du gar ſo tugendſam. Biſt du es denn? Was iſt eine Tugend, die nur ſich ſelbſt lebt? Und ſie, die ſo ſchwer fehlte, hat ſie nicht noch ſchwerer gebüßt? Groß und hoch über dir ſteht ſie, die Sünderin. Für mich iſt ſie geſtorben; und was habe ich aus dieſem Tod gemacht? Ich habe meinen Gatten allein gelaſſen in ſeiner ſchweren Arbeit, verlaſſen in ſeiner höchſten Noth. Ich habe nur für mich gelebt, denn meinem Kinde leben, war auch nur für mich leben— Du haſt Nildthätigkeit geübt an Armen und Hülf⸗ loſen. Aber deine Pflicht? Deine nächſte Pflicht? Du konnteſt dich nicht ſelbſt überwinden... Und du haſt es gewagt, von dir zu ſagen, du ſeieſt des Höchſten fähig, und: ärgert dich dein Auge, ſo reiße es aus? Gunther hatte Recht: Niemand kann dich erlöſen, als du ſelbſt, denn Niemand kann dir ſo die Wahrheit ſagen, als du ſelbſt. Was haſt du gethan in den langen Jahren, in denen ſie ſich durchrang zur Vollendung und er ſich feſtigte im ſchönen Thun für ſein Volk? Ich bin die Sünderin—— Du mußt noch leben, Irma, du mußt, damit ich dir ſagen kann: ich bin unerlöſt, wenn du ſtirbſt, ohne daß du mir verziehen, du mir!... In ſolchen Gedanken ritt die Königin den Berg hinan und immer freier wurde es ihr im Gemüth. Es löſt ſich der Bann, es hebt ſich ein Druck, der doch immer und auf Allem war. „Iſt's noch weit?“ fragte ſie Walpurga. Wieder überfiel ſie eine Angſt— wenn Irma nicht mehr lebt, wenn ſie nicht mehr vor ihr ſie und ſich ſelbſt befreien kann—?— Ihr Herz zitterte— ſie legte die Hand darauf, als müſſe es ſtillſtehen, wenn das Herz da oben ſtill geſtanden. Immer tiefer, immer inniger und drängender ſtieg eine Verklärung Irmas in ihrer Seele auf und ſie ſelbſt war ſich ſo klein. „Jetzt ſind wir bald am Ziel,“ ſagte Walpurga. Eine Stimme von oben rief: „Walpurga!“ Die Stimme tönte vielfach wieder von den Felſen— bergen. „Das iſt mein Mann,“ ſagte Walpurga zur Königin, und ebenfalls laut rief ſie: „Hanſei!“ Seine Stimme antwortete von oben. löſen, als Wohrheit ahren, in d er ſich bin die du mft, wenn du den Berg Gemüth. ruck, der rna niht und ſic te— ſit en, wem r, immel g Mn klein. alpurg. n elſn urga u 6 ——— Hanſei kam näher, und als er die vornehmen Frauen und Männer zu Pferde ſah und die Livree⸗ bedienten, zog er den Hut ab und wiſchte ſich mit der Hand über die Augen, ob er denn auch richtig ſehe. „Wie ſteht's?“ fragte ihn Walpurga. „Sie lebt noch, aber nicht mehr lang. Ich bin ſchon eine Stunde von oben fort, wer weiß, was derweil geſchehen iſt. Der Doctor iſt aber bei ihr.“ „Von hier an kann man nicht mehr reiten,“ ſagte der Inſpector. Die Königin und Paula ſtiegen ab, Sixtus und die Diener folgten. Man ging die letzte Anhöhe hinan. „Das dort, die in dem großen weiß ſeidenen Tuch, das iſt die Königin,“ ſagte Walpurga mit bedeutſamer Miene zu Hanſei. „Iſt mir Eins. Unſere Irmgard iſt mehr als alle Menſchen. Was Königin!“ erwiderte er.„Wenn ein Menſch ſtirbt, ſind alle drum herum ganz gleich; wir müſſen Alle ſterben und da iſt's Eins, was wir noch die paar Jahre ſind.“ Die Königin ſchaute nur kurz um nach Hanſei. Sie eilte haſtigen Schrittes vorwärts, winkte Paula zurückzubleiben und eilte allein fort— ſie war ohne Gefolge, aber zu ihrer Rechten und Linken, vor und hinter ihr gingen die Geiſter der Angſt und die der Erlöſung— ſie mußte durch ſie hindurchſchreiten. Die Angſt rief: Irma iſt todt, du kommſt zu ſpät!— und das feſſelte ihr den Fuß und wollte ihr den Athem rauben. Die Erlöſung rief: Schwinge dich auf— 3 was zögerſt du? Du biſt frei— du bringſt den Frieden und gewinnſt den Frieden! So ſtritten die Gewalten in ihr und um ſie her, und ſie wehrte mit den Händen ab. Die Angſt gewann die Uebermacht, und wie ein Hülfeſchrei aus der Tiefe rang ſich von den Lippen der Königin der Ruf los: „Irma! Irma!“ und Irma! Irma! tönte es wieder und wieder von den Bergen. Die weite Welt ringsum rief den Namen Irma. Drin in der Kammer hatte Irma gelegen, Gunther ſaß vor ihr. Sie athmete ſchwer. Sie wendete kaum den Kopf und öffnete nur manchmal leicht die Augen. Gunther hatte die Außzeichnungen Eberhards mit hinaufgenommen, und er fand eine Stunde, in der er der Tochter die Worte des Vaters:„Für den Tag und die Stunde, da ſich mein Denken verdunkeln will, ſei mir dies zur Erleuchtung“— vorleſen konnte. Als er die Worte las:—„im Verlorenen und ſcheinbar Verſunkenen iſt doch noch Gott“ hatte ſich Irma aufgerichtet; ſie lehnte ſich aber wieder zurück nd winkte, daß er weiter leſe. Er las: Z„und bricht mein Auge— ich habe das Ewige geſehen— mein Blick iſt ewig. Frei über alle Ver⸗ zerrung und Selbſtverwüſtung hinüber rauſcht wieder der ewige Geiſt.“— 7— Gunther ſchwieg und legte die Blätter auf das Bett Irmas. Sie hielt die Hand darauf. Nach geraumer Weile erhob ſie die Hand, deutete auf die Stirn und ſagte, die Augen ſchließend: ——————— en Frieden m ſie her, „Gunthet dete kaun ie Auen hards mi in der et den T nkeln wil, onnte. enen w hatte ſc der zurit das Gwi le Ver⸗ cht wid f d Pet gerun ztim un 491 „Und doch hat er mich gezüchtigt.“ „Was er Dir auch gethan,“ entgegnete Gunther, „hat nicht er gethan, nicht ſein freier reiner Wille; ein Krampf, ein Rückfall in die Endlichkeit hat es in ihm vollzogen. Im Geiſte Deines Vaters und ſo wahr als ich wünſche, daß in meiner Sterbeſtunde die Wahr— heit in mir lebe, entſühne ich Dich. Du haſt Dich entſühnt. Verzeihe ihm, wie er Dir dennoch verziehen. Er würde Dich jetzt ſegnen, wie ich Dich ſegne. Sei in Liebe ſein gedenk, wie er in innerſter Wahrheit in Liebe zu Dir war.“ Irma faßte die Hand Gunthers, die er ihr auf die Stirn gelegt, und küßte ſie. Dann ſprach ſie mehrmals, ohne ſich umzuwenden, vor ſich hin:„Bleib' bei mir.“ Stundenlang ſaß nun Gunther an Irmas Bett. Man hörte nichts als den ängſtlichen Athem, der immer ſchwerer wurde. Als jetzt draußen die Stimmen der Berge ihren Namen rieſen, richtete Irma ſich auf und ſchaute rechts und links. „Hörſt Du es auch?“ fragte ſie.„Mein Name.. von Stimmen, Stimmen überall, Stimmen—“ Die Thüre öffnete ſich, die Königin trat ein. „O, endlich biſt Du da!“ hauchte Irma tief auf⸗ athmend. Sie richtete ſich mit der letzten Kraft auf und kniete im Bett; ihr langes Haar floß an ihr nieder, ihr Auge glänzte wunderſam, ſie faltete die Hände, dann breitete ſie die Arme aus und rief in herzzerreißendem Tone: „Verzeih', verzeih'!“ 4 it 1 4 492 „Verzeih' Du mir, Irma, meine Schweſter, Irma!“ ſchluchzte die Königin und faßte ſie in ihre Arme und küßte ſie. Ein Lächeln trat auf das Angeſicht Irmas, dann ſtieß ſie einen lauten Schmerzensſchrei aus, ſank zurück und war todt. Die Königin kniete an ihrem Bett, Walpurga, die im Hintergrunde geſtanden hatte, trat vor und drückte Irma die Augen zu. Still war's, nur tiefes Schluchzen der Königin und Walpurga's war vernehmbar. Da nahten ſich draußen Schritte. „Wo? wo iſt ſie?“ rief die Stimme des Königs. Gunther öffnete die Thür und winkte dem Herbei⸗ kommenden mit beiden Händen beſchwichtigend zu. „Todt?“ rief der König. Gunther nickte. Er winkte Walpurga und ſie ver⸗ ließ mit ihm die Kammer. Der König warf ſich ſtumm an der Leiche auf die Kniee. Die Königin erhob ſich, legte ihre Hand auf das Haupt ihres Mannes und ſagte: „Kurt, verzeihe mir, wie ich verziehen habe.“ Der König faßte die dargereichte Hand, und Hand in Hand ſtarrten die Beiden noch lange in das Antlitz der Todten, darauf ein lächelnd milder Ausdruck ruhte. Sie ſchienen ſich von dem Anblick nicht trennen zu können. Endlich nahm die Königin ihr weißes Tuch ab und breitete es über die Todte. Sie verließen die Hütte. er, ma eArme und mas, dann ſank zurüt„ lpurga, di und drüc lönigin und des Königi em Herb end zu. ind ſie be⸗ che auf di d auf d habe.“ und hund dus nlit ru ni rennen ſl eißes Au 493 In purpurner Pracht ſtand die untergehende Sonne am Himmel und ringsum war Alles ſtill, lautlos. Gunther trat zur Königin und übergab ihr das in die Binde eingewickelte Tagebuch mit den Worten: „Dies iſt das Vermächtniß Irmas an Sie.“ Die Königin ging auf Walpurga zu, reichte ihr ſtill die Hand und küßte das Kind, das Walpurga auf dem Arm trug. Der König reichte Hanſei die Hand und ſagte:„Ich danke Dir. Ich ſehe Dich noch.“ Das Pechmännlein trat zum König und der Köni⸗ gin und ſagte: „Vergelt's Gott, daß Ihr da herauf gekommen ſeid. Sie hat's verdient.“ Der König und die Königin gingen allein dem Walde zu. Das Gefolge hielt ſich zurück. Zwanzigſtes Capitel. Der König und die Königin gingen in den Wald. Sie gingen Hand in Hand. Die Nacht brach herein. Die Baumwipfel rauſchten. Die Königin ſtand ſtill. Mit der ganzen, ſo lange zurückgedrängten Liebesgluth und aus der tiefſten Er⸗ ſchütterung der Seele heraus umarmte ſie ihren Gat⸗ ten. Sie küßte ihm Mund und Augen und Stirn, und ſprach: „Ich habe die Verklärte um Verzeihung gebeten, ſie iſt geſtorben mit meinem Kuß. Dich bitte ich um — — Verzeihung, der Du lebſt. Ihr habt gebüßt, ſchwer.— Sie einſam für ſich, Du einſam neben mir.“ Sie zog ein Amulet hervor, das ſie verborgen auf dem Herzen trug; es war der Trauring des Königs. „Nimm noch einmal dieſen Trauring von meiner Hand,“ ſagte die Königin. „Wir ſind neu vermählt,“ erwiderte der König, ſteckte den Ring an ſeinen Finger und faßte die Kö⸗ nigin in ſeine Arme, er hielt ſie umſchlungen, ihr Haupt ruhte an ſeinem Herzen. Mit feſtem Schritt gingen ſie weiter, den Berg hinab. Drunten harrten die Wagen. Auch Bronnen und Sixtus gingen mit Paula, von den Dienern gefolgt, den Berg hinab. Der König und die Königin fuhren allein, Paula und Sixtus fuhren im zweiten Wagen, Bronnen ging wieder auf die Alm zu Gunther. Die Neuvereinten kamen in der Meierei an. Ihr erſter Gang war in das Gemach des Kronprinzen. Sie ſtanden am Bett ihres Kindes, und der König ſagte: „So wie er jetzt ſchläft, ſo hat ſein harmloſer Kindesſinn unſern Zerfall noch nicht empfunden. Wohl uns, daß er mit erwachendem Geiſte nur unſere Einig⸗ keit und Liebe ſehe bis in den Tod.“ Der König und die Königin ſaßen bei der Lampe und laſen die ganze Nacht das Tagebuch des einſamen Weltkindes. Droben bei der Hütte waren Gunther und Bronnen 41 geblieben. Eine kurze Weile ſaß Gunther bei Walpurga 3 4 * ——— den Ler Paula, vol ein, Paul onnen 9 ronprinie der Kön einſn nd Vnne Vuln rey Söniroſ Sfert Sreen vllow Hed Magenta