————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſt pfangnahme vad Rückgabe der Bücher jeden Tag L 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rickgabe eines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennal eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sur hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: M Pf. 1 Mk. 50 Pf. 3 2 eht n vor — 2 Mk. Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Für Fngland: Dr. Max Schlesinger in London. In bolländischer Sprache; Zenobis van Lennep(Bosch& Zoon in Ltrecht) Großmut Giebe lſ zuſchicht ſchaute endlich —* Drittes Buch. Erſtes Capitel. Hanſei ſchaute in der niedern Stube zum Fenſter hinaus, hielt ſeine Pfeife mit beiden Händen und ſchmauchte in den Morgen hinein; nicht weit von ihm ſpaltete ein Taglöhner eine Fuhre Holz. Hanſei ſchaute ruhig zu, nickte, wenn der Holzſpalter gut traf, und lächelte als echter Kenner über den ungeſchickten Menſchen, wenn er ein Stück mit einem widerſpenſtigen Aſt um und um wenden und vergebens einhacken mußte. Die Großmutter begann das kleingehackte Holz nach der Giebelſeite unter das Vordach zu tragen und dort auf⸗ zuſchichten. Jedesmal, wenn ſie ab- und⸗ zuging, ſchaute ſie nach Hanſei, der aber rührte ſich nicht; endlich ſagte ſie, mit einem Armvoll Holz vor ihm ſtehen bleibend: S J 8 „Freilich!“ erwiderte er und paffte weiter. Die Großmutter hatte mit dem kurzen Anrufe ſagen wollen⸗ Was iſt denn das? biſt du nur zum Zuſehen da? kannſt Du nicht wenigſtens das geſpaltene Holz auf⸗ ſchichten? Auerbach, Auf der Höhe. 1l. 1 Der Angeredete hatte verſtanden, was in dem An⸗ rufe„He jo,“ lag und hatte ganz richtig darauf ge⸗ antwortet:„Freilich thu' ich nichts, das iſt juſt ſo mein Wille.“ Die Großmutter war eben dran, einen Armvoll Holz vor ſeinem Angeſicht niederzuwerfen; aber ſie be⸗ ſann ſich— der Taglöhner draußen braucht das nicht zu ſehen. Sie trug das Holz an ſeine Stelle, dann kam ſie in die Stube und ſagte: „Hanſei, guck ein, ich will Dir was ſagen.“ „Ich hör' ſchon,“ erwiderte dieſer zum Fenſter hinaus. „Ich weiß nicht, was Du vorhaſt? was bildeſt Dir denn ein?“ Hanſei hielt es nicht für nöthig, eine Antwort zu geben; er rauchte bequemlich weiter, und die Groß⸗ mutter fuhr fort: „Es iſt ſchon Schand' genug, daß Du Dir das Holz vor das Haus führen läſſeſt, und nicht ſelbſt in den Wald gehſt und aufladeſt; biſt doch ſelber Holz⸗ hauer. Und jetzt läßſt Du gar noch einen Holzſpälter da herkommen! Das iſt nicht geſchehen, ſo lang das Haus daſteht, daß einem fremden Mann die Axt in der Hand warm geworden iſt. Schämſt Du Dich denn nicht?“ „Hab's nicht nöthig,“ erwiderte Hanſei, ſich ein wenig nach der Stube umwendend. „Gut, wirſt ſchon wiſſen, was Du nöthig haſt!“ rief die Alte zornig. Abewich will nicht zanken, bleib' nur ſo; laß Dich verkommen und Alles, Du wirſt wirſt allein auseſſen müſſen, was Du einbrockſt. O, wenn das meine Walpurga wüßte! die iſt in der Fremde für uns, und derweil biſt Du...“ „Jetzt hab' ich's genug,“ wendete ſich Hanſei nach der Stube und ſchloß das Fenſter.„Schwiegermutter, ich lege Euch nichts in den Weg, ich laſſe Euch wirth⸗ ſchaften, wie Ihr wollt, und ſo laß ich mir auch nichts drein reden.“ „Ich will Dir auch nichts drein reden, Du biſt Vater und Ehemann.“ „Schöner Ehemann das, dem die Frau auf ein Jahr davongeht.“ „Es kommt ihr vielleicht ſchwerer an, als Dir.“ „Kann ſein. Aber ſie hat Luſtbarkeit und Unter— haltung, und was hab' ich? Ich lauf' in der Welt herum wie verloren, und drum ſag' ichs gerad'— ich ſchäm' mich nicht— das Beſte iſt, daß es noch Wirths⸗ häuſer giebt; da hat man doch noch eine Heimath, wenn man daheim keine mehr hat, und ich hab's einmal nicht mehr nöthig, daß ich Holz führe und ſpalte, ich will auch Etwas davon haben, daß meine Frau— Hanſei konnte nicht weiter reden, die Thür ging auf und Zenza trat herein. „Was thuſt Du da? Wer hat Dich gerufen?“ fuhr die Großmutter die Eintretende an. Dieſe aber erwiderte: „Schönen guten Morgen. Ich komme nicht zu Dir, ich hab' da mit dem Mann zu reden; biſt Du hier Meiſter oder der Mann vom Haus?“ „Red' nur, was giebts?“ ſagte Hanſei und winkte ſeiner Schwiegermutter. „Ich ſoll Dir einen ſchönen Gruß ausrichten, und Deine Flinte iſt oben beim Schmied, ſie iſt gut im Stand, Du ſollſt ſie holen.“ „Alſo ein Jägdler willſt Du jetzt auch werden?“ fragte die Großmutter,„Du willſt auf die Jagd gehen?“ „Wenn Ihr mich nicht traget, muß ich wol gehen,“ erwiderte Hanſei und lachte laut über ſeinen Witz. Die Großmutter ging hinaus und ſchlug die Thür zu, daß es ſchallte. Zenza ſprang ſchnell wie eine Katze auf Hanſei zu und ſagte: „In der Dämmerung iſt ſie oben und wartet auf Dich.“ Laut rief ſie dann:„Behüt' Dich Gott, Hanſei!“ und verließ das Haus. Die Großmutter ging hinaus zu dem Holzhacker und ſagte, er ſolle ja nicht glauben, daß man ſo ver⸗ dorbene Menſchen wie die Zenza ins Haus ließe, aber ſie ſei aufdringlich und komme, ſo oft man ſie auch fortwieſe, immer wieder, weil ſie ſich dankbar erzeigen wolle, daß die Walpurga den Thomas bei dem König freigebeten habe; es ſei freilich ein dummer Streich ge⸗ weſen, der rothe Thomas ſei am beſten hinter Schloß und Riegel, aber die Walpurga habe es eben doch gut gemeint. Der Holzhacker war zufrieden. Er wußte, daß das ein Ehrenhaus war, und ganz zufällig ſagte er: „Wundert mich, daß die Zenza ihre ſchwarze Eſther nicht bei ſich hat; ſie gehen ſonſt gern mit einander, ſo lang es Tag iſt.“ In den alten Augen der Großmutter flimmerte es, als ſie dies hörte; ſie bückte ſich aber ſchnell, lud Holz C 2ahr lieber 0 ich fü auf und trug es ans Haus. Als ſie nach der Giebel⸗ ſeite kam, war Hanſei da, ſchichtete das Holz auf und pfiff luſtig dabei. Die Großmutter trug immer mehr Holz zu, und Hanſei ſchichtete es auf und Beide ſprachen kein Wort mit einander. So kam der Mittag heran, Hanſei lohnte den Holzhacker ab und ſagte: „Das andere mach' ich ſelber klein, brauchſt morgen nicht wieder zu kommen.“ Er iſt ein braver Menſch, dachte die Großmutter in ſich hinein; er kann mit Worten nicht nachgeben, aber nachher thut er doch was man ihm ſagt, er findet das Rechte bald wieder. Nach dem Eſſen brachte ſie ihm das Kind und ſagte: „Da ſchau einmal, greif nur, es will ſchon ein Zahn durch, das iſt früh; aber ſo iſt's bei Deiner Frau auch geweſen. Schau, wie es ſeine Händchen ſchon in den Mund ſteckt. Gottlob, daß unſer Kind ſo gedeiht! Seitdem Du Heu fütterſt und es von der neuen Kuh trinkt, wird das Kind zuſehends voller. Wenn unſere Walpurga das Kind nur auch eine Stunde ſehen könnte! Nimm das Kind, ich will Dir's gut auf den Arm geben. Schau, es lacht Dich an, es kennt Dich! Ach lieber Gott, ſeine Mutter kennt es noch nicht.“ „Ich kann das Kind nicht auf den Arm nehmen, ich fürcht, ich thu' ihm was,“ erwiderte Hanſei. „Wenn Du Dich verderben läſſeſt, dann thuſt Du dem Kind was—“ wollte die Großmutter ſagen, aber ſie hielt es zurück. Man muß, wenn ein Menſch wieder auf dem rechten Weg iſt, nicht in ihn hinein⸗ predigen, man muß ihn ruhig allein gehen laſſen, ſonſt verliert er die Luſt an der Umkehr— ſo dachte die Großmutter— ſie hatte den Mund ſchon geöffnet, aber ſie ſchluckte die Worte wieder hinunter. Hanſei blickte unſtet um ſich und ſagte: „Schwiegermutter, Ihr habt noch was ſagen wollen 2. „Iſt nicht nöthig, daß man Alles ſagt. Oder doch: Du giebſt Dich herab, wenn Du Dir von der Zenza Botſchaft ſagen läßt. Ich hab's dem Holzhacker ange⸗ ſehen, wie er das Maul verzogen hat, weil die Zenza in unſerm Haus Zutritt hat. Geh' auch nicht da hinauf auf die Windenreuthe, das iſt ein verrufenes Neſt, da holt man ſich keine Ehre. Wenn Du doch einmal jagen willſt, und haſt Dir eine Flinte angeſchafft, kannſt ſie ja von einem Buben für einen Groſchen holen laſſen.“ „Ja, ja,“ ſagte Hanſei und lächelte, die Groß⸗ mutter hat Recht: man braucht nicht Alles zu ſagen, was man denkt. „Jetzt will ich in den Wald,“ ſagte er.„Ich will dabei ſein, wenn mein Holz geladen wird.“ Er nahm Hut und Bergſtock, hing ſich an den Tragbändern den Waidſack um, und ſteckte noch ein Stück Brot in die Taſche. Die Großmutter gab ihm mit dem Kinde auf dem Arm das Geleit bis zum Kirſchbaum, von dem jetzt ſchon einzelne welke Blätter abfielen. Hanſei ging in den Wald. Droben aber, wo er nicht mehr geſehen werden konnte, machte er Kehrtum und ſchlug den Weg nach Windenreuthe ein. Es war ihm wunderlich zu Muthe auf dem Weg; er hatte gar nicht gewußt, daß er ſo ſchwer athmet und uufflo MWon 1W9) hmet hmtl und ſo ſchreckhaft iſt. Der Nußhäher, der vom Baume aufflog, die ſchäkernde Elſter, der kreiſchende Habicht über dem Felſenkamm und die brüllende Kuh auf der Wieſe— Alles erſchreckt ihn. Ich ſoll nicht gehen und ich geh' auch nicht! rief er und ſtieß mit der ſpitzen Zwinge ſeines Stockes auf den ſteinigen Weg, daß es Funken gab; dennoch ging er vorwärts. Glücklicherweiſe zog jetzt ein Nebel die Höhe herauf; er ging in der Wolke, die ihn verbarg, weiter und weiter. Windenreuthe beſteht aus mehreren ärmlichen, zer⸗ ſtreut liegenden Häuſern. Am erſten Hauſe ſtand Hanſei plötzlich wie gefeſſelt, er erſchrak ins Herz hinein, als hätte ihn ein Schuß getroffen, und es war doch eigent⸗ lich nichts, was ihn ſo erſchreckte; er hörte nur in dem Hauſe, vor dem er ſtand, ein kleines Kind ſchreien. So ſchreit auch dein Kind, ſprach die Stimme in ihm. Wie wirſt du es wiederſehen und hören? wie wirſt du es küſſen? und wie wirſt du ſein, wenn du auf dem Rückweg wieder an dem Hauſe da vorbeikommſt?.. Wie wird es ſein, wenn im Frühjahr deine Frau heimkommt und du gehſt mit ihr, und die ſchwarze Eſther begegnet euch? Und bei jeder Luſtbarkeit daheim oder im Wirthshaus, kann die ſchwarze Eſther kommen und kann ſagen: Platz da! da gehör' ich auch her! In Hanſei wirbelte es; er ſah in die künftigen Tage hinein, in Alles; er lebte in dem Einen Augenblick Tage und Jahre, die erſt kommen ſollen, und wie ſie werden können. Und doch ging er weiter; ja er ſchnalzte plötzlich mit den Fingern und ſagte ſich:„Du biſt ein dummer Kerl, ganz einfältig biſt du, dir fehlt der Muth; es ſind ja Andere auch luſtig und leben froh und kümmern ſich den Teufel drum und... was für luſtige Geſchichten hat der Gemswirth erzählt von Dem und Jenem, und was für Streiche haben die Jäger berichtet, die ſie ausſühren... Genießen, was man kann, und liederlich ſein, das gilt ja eher für eine Ehre bei denen, die keine Nahrungsſorgen haben auf der Welt.„ Er lüftete den Hut, der Kopf brannte ihm; er drückte den Hut wieder gewaltſam auf den Kopf und ſchritt weiter hinein in das zerſtreute Dorf. Es war Nacht geworden. Die alte Zenza wohnte abſeits im Wald in einer ſogenannten Wurzhütte; hier hatte ihr verſtorbener Mann aus Waldkräutern, be— ſonders aus Enzian, Branntwein bereitet und ſein Meiſterwurz war noch berühmt. Aus der offenen Hausthür der Wurzhütte leuchtete eine hohe Flamme, und jetzt trat eine Geſtalt unter die Thür und lehnte ſich an den Pfoſten. Die Ge⸗ ſtalt war ſchön, wild und mächtig anzuſchauen; hinter ihr loderte hell das Feuer. Von dem Schreck in jener Nacht, da er an das Märchen von den Wildweibern geglaubt hatte, ſpürte Hanſei nichts mehr. Jetzt legte die Geſtalt die Hand an die Wange und that einen ſchrillen Juchzer, es war wie eine Tonrakete, die in die Luft emporſchnellte und oben auseinanderpraſſelte in allerlei Jodlern. Hanſei zitterte. Jetzt hörte er die Zenza ſagen: „Brauchſt nicht ſo zu juchzen, ſchrei nicht in die tiff in zu ſetz gelauf 9 Welt hinein, daß Du daheim biſt. Wart' bis der Gaul. im Stäl „Hollah!“ dachte Hanſei und ſtand zitternd ſtill, „hollah— die hält dich gefangen; die zieht dir jeden Kreuzer aus der Taſche, wenn du dich gemein machſt und ſchlecht wirſt— die macht dich zum Bettelmann und zum verachteten Mann noch dazu! Nein, ich laſſe mir mein Geld nicht von dir rauben, ich geb' mich nicht in deine Hände. Ich will nicht! du ſollſt nicht vor meine Frau hinſtehen und ſie anſehen und anreden können, und ich muß dir noch danken, wenn du's nicht thuſt. Nein, und ſiebentauſendmal nein, ich will nicht ſchlecht ſein, eher ſoll mich...“ Mit mächtigen Sätzen, als ob ein Feind hinter † ihm dreinjage, floh Hanſei zurück und die junge unge⸗ ſchälte Eiche, die er mit beiden Händen hielt, diente ihm als Stütze, daß er fliegen konnte. So hatte er ſich lange nicht geſchwungen, ſo mächtig und unabläſſig. Er kam wieder an dem Hauſe vorbei, wo er vorhin das Kind hatte ſchreien hören; es ſchrie noch, aber der Hörer war ein Anderer als vorhin. Immer weiter, wie gejagt, floh Hanſei davon, der Schweiß lief die Wangen herab und tropſte ihm bei neuem Einſatz auf die Hände, die den Stock faßten, aber er hielt nicht ſtill— die Zenza und die ſchwarze Eſther und der rothe Thomas ſind hinter ihm drein, ſie jagen, ſie faſſen ihn, ſie reißen ihm die Kleider vom Leib. Erſt tief im Walde wagte er es, ſich auf einen Baumſtumpf zu ſetzen. Er war ſo müd' als ob er zehn Stunden gelaufen wäre; er legte die Hände auf ſeine nackten —— 10 Kniee, es war ihm, als faſſe er einen fremden Körper. Er berührte die Strümpfe, die Walpurga geſtrickt hat, und ſein erſtes Wort war:„Walpurga, es ſoll Einmal geweſen ſein, daß ich einen ſolchen Weg gegangen bin und nimmermehr! Da ſchwör' ich's, da leg' ich deinen Brief— er hatte den letzten bei ſich— da leg' ich deinen Brief in meinen Schuh, und dieſe Füße ſollen keinen ſchlechten Weg mehr gehen. Gottlob, daß ich nur in Gedanken ſchlecht geweſen bin!“ Er zog den Schuh aus und legte den Brief hinein, und eben, als er ſich wieder aufrichtete, hörte er nochmals den hellen Juchzer vom Hauſe der Zenza. „Schrei nur, ſo viel du magſt!“ ſagte er vor ſich hin, und ſchritt waldeinwärts. Er wollte ſeine Pfeife anzünden, aber er ſchlug ſich immer mit dem Stahl auf die Finger, und der Zunder war naß.„Du brauchſt kein Feuer, du ſchlechter Kerl,“ ſagte er endlich, die Pfeife im Zorn einſteckend,„du brauchſt gar kein Feuer, da droben brennt eines und das wär' deine Hölle ge⸗ worden. Sei froh, daß du heraus biſt, du verdienſt's nicht.“ Wenn Hanſei jetzt den Hanſei von früher vor ſich gehabt hätte, er hätte ihn in Zorn und Rache er⸗ würgt. Der Nebel war immer dichter geworden, es war faſt wie feiner Regen; der Wald wurde immer größer und nirgends ein Weg. „Geſchieht dir recht, daß du verirrt biſt,“ höhnte ſich Hanſei,„du gehörſt gar nicht mehr unter Men⸗ ſchen, du verdorbener Geſell du! Nur ſchade, daß * le — S deine Frau und das Kind unſchuldig darunter leiden müſſen„ Es gingen zwei Menſchen im Nebel in der Irre und doch hatten ſie nur Einen Schritt. Hanſei fluchte und ſchimpfte ſich, aber bald erſchrak er wieder davor, und alle Sagen von Irrgeiſtern, die den einſamen Wanderer bergauf und bergab führen, die ganze Nacht im Kreiſe herum, ſtiegen in ihm auf. Er wollte wie— der umkehren— den Weg nach Windenreuthe findet er eher. „Wart', du verfluchter Teufel!“ ſagte er aber zu dem unſichtbaren Kameraden, der ihm das anrieth. „Du willſt mich nur wieder dort haben? Nein, du kriegſt mich nicht.“ Er verſuchte nochmals Feuer zu ſchlagen, und jetzt brannte es, und als er die erſten Züge that, da hörte er die Glocke. Er griff ſich an die Stirne, die Töne trafen ihn, als ob ihm der Schwengel unmittelbar an dem Kopf ſchlage. „Das iſt das Abendläuten von der Kirche am See. Es klingt ſo nahe— biſt du denn auf dieſer Seite? Nein, das iſt vom Nebel, da klingt's ſo.„ Alle weiteren Gedanken abwehrend, zog er den Hut ab, umklammerte mit beiden Händen heftig den Stock, der ſich tief in die Erde eingrub, und betete ſtill. O, Gott, denkt etwas in ihm neben dem Gebet⸗ worte, o Gott, das kannſt du doch wieder und konn— teſt dich ſo vergeſſen und verirren?— Es liegt ein unerſchöpflicher Segen darin, daß es ewige Worte, Wegweiſer giebt, die vor Jahrtauſenden ———— von einem erhabenen Geiſte aus der Tiefe des Menſchen⸗ herzens und ſeinen ewigen Kämpfen geſchöpft wurden, und dieſe Worte den einſamen Wanderer durch nächtigen Nebel des Waldes und lenken ſeinen Schritt aus der Irre. Die Glocke ruft, ſie ſpricht keine Worte, aber ſie ruft die VPorte in der Seele an, und die Worte werden zum Stabe in der Hand des Müden und zum Wegweiſer vor den Augen des Verirrten. Es läutete noch, als Hanſei ſein Gebet vollendet hatte, und der Glockenton war, als ob ihm ſein ganzes Dorf, alle Seelen darin riefen und vor Allem ſein Weib und ſein Kind. Nun fand er den Weg. Im ausgetrockneten ſteinigen Bett eines Waldbachs ging er zu Thal. Er war aber doch ſeltſam irre gegangen, denn er kam hinter dem Gemswirthshauſe den Berg herab. Auf ſchlechte Begier, auf Schreck und Furcht, auf Andacht und Ver— irrung fühlte jetzt Hanſei mächtigen Hunger und Durſt. „Ah, grüß' Gott, Hanſei!“ rief ihm der Gemswirth entgegen. „Grüß' Gott, behüt's Gott!“ ſtammelte Hanſei verwirrt. „Was iſt Dir? Du ſiehſt ja todtenbleich aus. Was iſt Dir geſchehen? Woher kommſt Du?“ fragte der Gemswirth in ſchneller Redſeligkeit. „Nachher will ich Dir Alles erzählen,„ erwiderte Hanſei, ſich faſſend.„Jetzt gieb mir zuerſt einen Schbppen Wein.“ Der Wein kam und Hanſei ſchaute verwundert um. Er kam wie aus einer andern Welt. Erſt als er Salz und Brod gegeſſen hatte, erzchlie und ſaat zweimal brief an — 13 er, es ſei ihm heute wunderlich ergangen; er habe hinaus in den Wald gewollt zum Holzaufladen, und da ſei er verirrt und bis gegen Windenreuthe ge⸗ kommen— er ſagte das abſichtlich, er wollte vorbeu⸗ gen, wenn ihn vielleicht doch Jemand da oben geſehen. Man ſprach vom Glauben an Geſpenſter, der Gems⸗ wirth ſpottete über die Ammenmärchen. Hanſei that keine Einrede. Sehr klug ſetzte der Gemswirth hinzu: „Du biſt jetzt eben oftmals nicht bei Dir, weil Du Deine Walpurga nicht bei Dir haſt; da denkſt Du eben viel an ſie und ſiehſt den Weg nicht.“ „Ja, kann ſchon ſein. Es iſt ſo.“ „Weißt Du, wie ſie Dich jetzt heißen im Dorf?“ „Wie denn?“ „Den Ammerich. Weil Deine Frau die Amme des d Ver⸗ Kronprinzen iſt, biſt Du der Ammerich.“ — Hanſei lachte aus vollem Halſe. —„Jetzt ſag' was kriegt Deine Frau Lohn?“ fragte der Spinner⸗Waſtl. „Das ſag' ich nicht,“ erwiderte Hanſei und that ſehr geheimnißvoll. „Haſt ſchon lang keinen Brief von Deiner Frau?“ — fragte der Gemswirth. .„Nein, ich erwarte jede Stunde einen.“ Noch hatte er das nicht ausgeſprochen, als der Briefbote eintrat und ſagte:„So? da biſt, Hanſei? Ich bin heut' Mittag zweimal in Deinem Haus geweſen, ich hab einen Gold⸗ brief an Dich.“ „Gieb her,“ ſagte Hanſei und erbrach mit zittern⸗ den Händen die fünf Siegel. G 5 „Du gehſt ſchön mit dem Geld um,“ ſagte der Gemswirth und hob einen Hundertguldenſchein vom Boden auf,„das iſt mir lieb, ich brauch' einen, ich geb' Dir hartes Geld dafür.“ „Iſt recht,“ ſagte Hanſei, und überließ dem Gems⸗ wirth das Papiergeld, dann las er: „Lieber Hanſei, diesmal ſchreib' ich Dir ganz allein. Da ſind hundert Gulden, die hat mir die Köni⸗ gin zum beſonderen Geſchenk gemacht, weil Du nicht zu mir gekommen biſt. Ich muß Dir aber erzählen, daß Du's recht verſtehſt. Die Königin, Du glaubſt gar nicht, was das für eine gute Seele iſt, ſchließe ſie nur recht in Dein Gebet ein, wir ſitzen oft ſtunden⸗ lang bei einander, und ſie kann Alles gar ſchön auf Papier abnehmen, die Bäume und Alles, und da reden wir, als ob wir mit einander in die Schule gegangen wären, ſie iſt aber lutheriſch und iſt gar brav und fromm und hat zu Allem ſo herzgetreue Gedanken, die könnte gar kein unſchönes Wort auf die Zunge neh⸗ men. Wenn ſie nicht lutheriſch wäre, ſo könnte ſie eine Heilige werden, aber in den Himmel kommt ſie doch. Das glaub' ich und glaub Du's nur auch; brauchſt's aber Niemand zu ſagen. Ja, alſo die Königin hat mir eine Freude machen wollen, die möchte gern die ganze Welt glücklich machen. So müſſen in alten Zeiten die Heiligen geweſen ſein. Die Königin hat mir alſo eine Freude machen wollen, weil ihr Mann wieder geſund heimkommen iſt, und die haben einander ſo lieb und ſie hat mir Dich kommen laſſen wollen und unſer Kind und die Großmutter auf linen tief ins nch euch und ſiſen, da! ſhenken! hruuchen. Mil uhd und ich glau hu Ae 1 ond Süberſchle n wieder Hank ſchicte ich und der Grof lige und laut vie ih frihe Hinterliſt Kuneriſt ein drr hat nir vi iberl, in —— 15 ein oder zwei Tage, denn die merkt Alles, die ſieht Einem tief ins Herz hinein, und ich hab' oft Heimweh nach euch und ja, wie die Königin euch will kommen laſſen, da ſag' ich: Das wäre ſchon recht ſchön, aber das koſtet ſo viel Geld, und da habe ich mir das Geld ſchenken laſſen dafür, und wir können's ſchon beſſer brauchen. Und ihr hättet ja auch nicht die Kleider dazu, und die Menſchen ſind hier gar ſpöttiſch. Jetzt wär' ich aber nicht zu dem Geld gekommen, denn das iſt ihr nichts, gar nichts, an ſo was denkt ſie gar nicht, die hat noch nie in ihrem Leben Geld gezählt, und ich glaub' gar nicht, daß ſie rechnen kann; das thut Alles der Hofzahlmeiſter. Hier iſt für jede Sach' ein beſonderer Bedienter; da giebt's Tafeldecker und Silberſchließer und Alles. Jetzt iſt aber meine gute Gräfin wiederkommen, die iſt bei ihrem Vater ge⸗ weſen, das ſoll aber ſo eine Art Einſiedel ſein, der von der ganzen Welt nichts wiſſen will, und meiner Gräfin danke ich's, daß ich doch zu dem Geld gekom⸗ men bin, denn die weiß Alles zu machen. Und ſo ſchicke ich Dir hier das Geld, leg's gut an, nimm aber auch etwas davon und mach' Dir und unſerm Kind und der Großmutter einen guten Tag. Ach, guter Hanſei, es ſind aber nicht lauter Hei⸗ lige und lauter getreue Menſchen in ſo einem Schloß, wie ich früher gemeint hab'. Da wird geſtohlen und Hinterliſt getrieben. Der Vater von meiner Manſell Kramer iſt ein ehrbarer alter Mann, er iſt hier Caſtellan, der hat mir viel erzählt. Aber auch brav ſein kann man überall, im Schloß oder in der Gſtadelhütte am See. —— Jetzt bitt' ich Dich nur, lieber Hanſei, ich ſag' immer lieber Hanſei, ſo oft ich an Dich denk“, ich denk' oft an Dich, und in der letzten Nacht hab' ich von Dir Nojeſt geträumt, aber ich will Dir's nicht erzählen, man muß gni, oks ſ nicht an Träume glauben. Jetzt ſchreib' mir aber recht bald, wie Dir's geht, aber recht deutlich einen recht langen Brief, und laß Dir die Zeit nicht lang⸗ t werden, bis wir wieder beiſammen ſind, und denk' zu ſder und! auch immer ſo gut an mich, ich denk auch immer ſo gut an Dich. Bis in den Tod Deine getreue Walpurga.“ en Hanſei ſagte trotz alles Bedrängens Niemand ein 9 tſelung Wort aus dem Briefe. Er ging ſtill heim und küßte ſein ſchlafendes Kind. Es war ihm gar wohl zu Muthe, daß er wieder ſo daheim ſein dürfe und das Haus ihn nicht hinaus werfe. Der Angſtſchweiß überlief ihn, wenn er wieder dachte, daß er in dieſem Bette ſchliefe, und er wäre anders geworden. Er griff hinüber nach dem Bette, wo ſonſt ſeine Frau ſchlief, und in ſtiller heimlicher Nacht küßte er ihr Kopfkiſſen. „Jetzt bin ich erſt ein rechter Mann!“ ſagte er. Er ſtand wieder auf und machte Licht. Er nahm den Brief, den er heute hineingelegt, aus dem Schuh, ſchnitt aus dem letzten die Stelle mit den Worten:„Bis in den Tod Deine getreue Walpurga,“ löſte die innere Sohle ab, ſchob den Zettel darunter und verklebte die Sohle wieder. Erſt jetzt ſchlief er ruhig ein. dagegen leber Zweites Capitel. „Majeſtät,“ ſagte eines Tages Gräfin Irma zum König, als ſie mit ihm in der Veranda auf⸗ und ab⸗ ging— im Muſikſaal übte die Königin mit ihrer Kam— mervirtuoſin ein claſſiſches Stück—„Majeſtät, es iſt doch räthſelhaft, manche Menſchen ſind uns um ſo be⸗ deutender und liebenswerther, wenn wir fern von ihnen nur ein Erinnerungsbild in der Seele haben; andere dagegen erſcheinen uns um ſo tiefer und anmuthender im perſönlichen, alltäglichen Umgange, und wenn wir von ihnen entfernt ſind, haben wir kaum eine rechte Vorſtellung von ihnen, können denen, die ihre perſön⸗ liche Bekanntſchaft nicht haben, kein Bild ihres Weſens geben, ja nicht einmal der Erſcheinung. Worin liegt das?“ „Ich meine,“ erwiderte der König,„aber ich muß geſtehen, ich habe noch nie darüber nachgedacht— ich meine, daß die Einen mehr Detailnaturen ſind mit lauter kleinen Zügen, die Anderen dagegen haben eine geſammte ganze Phyſiognomie. Oder auch: diejenigen ſind uns in der Ferne bedeutſamer, in deren Weſen noch ein Problem für uns iſt und uns dadurch mehr zu denken giebt. Meinen Sie nicht auch?“ „Allerdings. Aber ich möchte doch auch ſagen: Die Einen ſind imponirende und dadurch ſchon in der Ge⸗ genwart ferngerückte hiſtoriſche Menſchen; ſie können ſterben und bleiben— wenn Jemand fern von uns iſt, iſt er ſchon wie ein Stück geſtorben—; die Anderen dagegen leben nur, ſo lange ſie athmen, und leben Auerbach, Auf der Höhe. 1I. 2 für uns nur, ſo lange wir in Einer Atmoſphäre mit ihnen athmen.“. „Könnten Sie mir Beiſpiele zu dieſen imponirend hiſtoriſchen und zu den Momentfiguren nennen?“ „Ich wüßte im Augenblick nur die Eine Art, die hiſtoriſche zu nennen.“ Ein leiſes Roth fuhr über die Stirn des Königs.“ „Nun?“ fragte er, da Irma zögerte,„ich bitte—“ „Zu der erſten Gattung rechne ich vor Allen meinen Vater. Ich kann Euer Majeſtät nicht ſagen, wie mir ſein großes Weſen ſtets vor Augen ſteht.“ „Ja, ich höre allgemein, er ſoll ein höchſt bedeu⸗ tender Mann ſein. Es iſt für ihn und noch mehr für uns zu neng daß er unſere ganze Staatsbildung negirt. Und wohin würden Sie mich rechnen? Ich traue Ihnen Wahrhaftigkeit genug zu, daß Sie mir das geradezu ſagen, und Sie ſind meiner... meiner Verehrung ſo ſicher, daß Sie Alles unumwunden ausſprechen können.“ „Majeſtät ſind ein Anweſender,“ erwiderte Irma, „und doch zugleich auch ein Abweſender, denn die Höhe Ihrer Stellung hebt Sie immer über uns Andere hinweg.“ „Aber die Freundſchaft wohnt nicht auf dem Thron, ſie iſt hier, wo wir auf gleichem Boden ſtehen, liebe Gräfin.“ „Die Freundſchaft urtheilt aber auch nicht,“ er⸗ widerte die Gräfin,„ſie hat kein Richteramt. Nichts finde ich empörender, als wenn Menſchen, die einander etwas ſein wollen, immer mit einander abrechnen: ſo J it die ſehen ich bei„ den Hel rren 1 und die Hant s Then Irma, gr nien 6 z6chloſe. ſei der Ric ihng jm gön lihe begrüßun Pillonmn Uenn der und ma antwe diſen enichen chne Gedankenr ud nilden ſchön An ſagte wit! glirges mit. 2 ʒu einer Hofdam über diſe waldf den hchſen Ge Pie in tiefe mh und nch ſo men jett: Wes uf. S Wlerſchule gr Tindehn gilt, hutt mn In Amoſphäre nit eſen mponirend nennen?“ Gi e Eine Att, die * en des Königs. „ich bite— vor Allen meinen aen, wie mir kin höchſt beder⸗ ze Stutzbildun h rechnen? 0 l, daß Eie mir iner... meiner rwiderte Irma, „denn die Höhe r uns Andere uf dem Thron, ſtehen, liebe ch nicht,“ er⸗ tumt. Nichts „die einander abrechnen: ſo Denkerſchule geweſen, — 19 tiel biſt du und ſo viel bin ich werth, das iſt dein und das iſt mein—“ „Ach, dieſe Staatsgeſchäfte!“ unterbrach der König, da ein Lakai die Ankunft des Miniſters meldete.„Wir ſetzen das Thema fort,“ fügte er hinzu, verabſchiedete ich bei Irma, grüßte unterwegs höflich die begegnen⸗ den Herren und Damen und reichte dem Miniſterprä⸗ ſdenten die Hand; er ging mit ihm in das Innere des Schloſſes. Seit der Rückkehr Irmas hatte ihre freundliche Be⸗ ſiehung zum König neue Friſche gewonnen. Ihre täg⸗ liche Begrüßung war wie Freude des Wiederſehens und Willkomm nach langer Trennung. Wenn der König: Guten Morgen, Gräfin! ſagte und Irma antwortete: Ich danke, Majeſtät! ſo lag in dieſen einfachen alltäglichen Worten eine unausgeſpro⸗ chene Gedankenreihe.— Der König war voll Laune und milden ſchönen Geiſtes, wie noch nie. Und Irma? Man ſagte mit Recht, ſie bringe den Athem des Hoch⸗ gebirges mit. Die Königin vor Allen war's, die bald zu einer Hofdame, bald zu einem Cavalier ihre Freude über dieſe waldfriſche Natur ausdrückte, die doch von dem höchſten Geiſte belebt war. Wie in tiefer Seele vernommene Melodien, die erſt nach und nach wiederkehren und harmoniſch ſich fügen, ſo gingen jetzt Irma die Worte und Gedanken ihres Vaters auf. Sie war wochenlang in einer ſtrengen wo kein müßiges Plaudern und Tändeln galt, Alles mußte feſt und klar ſein. Vordem hatte man Irma wie ein Naturkind betrachtet, das — 20 eben herausſprudelt, was ihm in den Sinn kommt; jetzt erkannte man einen Geiſt, der aus einem Hinter⸗ grund umfaſſender Weltbetrachtung entſprang und dabei den einfachen Naturmuth behielt. Sie war voll theil⸗ nehmender Güte, fragte aber nichts nach dem modiſch Geltenden, ſie ſprach aus, was ihr anmuthend und was ihr zuwider war, und man mußte anerkennen, daß hier nicht blos eine Originalität, ein naiver Springinsfeld war, ſondern auch ein ſtarkes geiſtiges Selbſtbewußtſein. Irma veränderte oftmals ihre Friſur. Das ſchalt man natürlich Koketterie, ſie wolle die Blicke auf ſich ziehen; es war aber bei ihr einfach die Luſt, alle Tage neu auf die Welt zu kommen und ſei es auch in einer ganz untergeordneten Sache. Jetzt kam es Irma ſehr zugute, daß ſie ſich ſo eng an Walpurga angeſchloſſen, denn die Königin ließ Wal⸗ purga in den ſonnigen Mittagsſtunden faſt nie von ſich, und da ſaß auch Irma dabei und las der Köni⸗ gin bisweilen vor, oder ſang mit Walpurga ſchöne Lieder aus dem Gebirge. In freudigem Glanze leuchteten die Augen des Königs, wenn er zu ſolcher Stunde kam und Irma mit ſeiner Gattin ſah. „Du ſiehſt betrübt aus,“ ſagte die Königin, als der König eben jetzt aus dem Miniſterrathe zu ihr und Irma in den Park trat. „Ich bin es auch.“ „Darf ich wiſſen?“ Irma wollte ſich entfernen, aber der König ſagte Geſchl Hliben Sie g ul enheit, ur Fit ſcheidung zur Körigin⸗ in, ſchick inr Fr Aletdin w n Der ßönig ho zuhe nit Ima wähnung gethe ſit irer Rickeh „Unſere Freu uch nir die Sa wi dß n in Staatse . Synpathie ön von Befre ſ der ſchönſt ena ken un ſ in der Entſchlie iht, ic gl Ima wag „ie Sache haben die Bef lug ſuspend nit, uß ich lage un de ni Sin konnt. einem Hinter⸗ prang und dabe e war voll theil nach den modiſch aumthend und ßte anerkennen it, ein naiver ur. Das ſchalt ie Blicke auf ſich ie Luſt, alle Tag es auch in einer aß ſie ſich ſo en königin ließ Wol⸗ die Augen de und Irma mit Königin, abs the zu ihr und r König ſahte lage an die nächſtens zuſammentretenden Stände gebe, 21 „Bleiben Sie nur, Gräfin; es handelt ſich um eine Angelegenheit, die durch Ihre Freundin Emmy jetzt zur Entſcheidung gebracht wird. Hat Dir,“ wendete er ſich zur Königin,„unſere Gräfin von dem gräßlichen Geſchick ihrer Freundin erzählt?“ „Allerdings, und wenn ich daran denke, habe ich das Gefühl, als ſtünde ich vor einem Abgrund.“ Der König hatte ſeltſamerweiſe noch nichts von der Sache mit Irma geſprochen und auch ihres Briefes keine Erwähnung gethan. Irma hatte in den Zerſtreuungen ſeit ihrer Rückkehr auch kaum mehr daran gedacht. „Unſere Freundin,“ begann der König wieder,„hat auch mir die Sache mitgetheilt, und ich danke ihrem Zartgefühl, daß ſie jedes weitere Drängen zurückhielt; denn in Staatsgeſchäften dürfen uns keinerlei perſön⸗ liche Sympathien leiten. Die Freude, ſich in ſeiner Ehre von Befreundeten gewahrt zu ſehen, bleibt aber eine der ſchönſten.“ Irma ſchaute vor ſich nieder. Er fuhr fort:„Ein Fürſt muß es ſeinen Freunden danken, wenn ſie ihn von den Thatſachen des Lebens benachrichtigen, aber in der Entſchließung darf kein Einfluß, auch der beſte nicht, ſich geltend machen.“ Irma wagte noch immer nicht, den Blick aufzu⸗ heben. „Die Sache liegt ſo,“ fuhr der König fort:„Wir haben die Befugniß zur Aufnahme neuer Nonnen vor⸗ läufig ſuspendirt. Die Miniſter verlangen nun von mir, daß ich meine Genehmigung zu einer Geſetzesvor⸗ . wodurch vor allen das Kloſter Frauenwörth endgiltig auf den Ausſterbe⸗Etat geſetzt werde. Die Miniſter glauben nur damit, natürlich neben manchem Andern, gegen die immer ſtärker werdende Oppoſition Stand halten zu können.“ Der König ſchaute bei dieſen Worten auf Irma, und dieſe fragte: „Und Majeſtät haben dem Geſetzentwurf Ihre Zu⸗ ſtimmung gegeben?“ „Noch nicht. Ich habe keine beſondere Neigung für Erhaltung der Klöſter, aber ich kann doch nicht ſo leicht die Axt an einen Baum legen, der durch Jahrtauſende erwachſen iſt. Es iſt die beſondere Aufgabe des König⸗ thums, Dinge zu pflanzen und zu erhalten, die über die Zeitdauer eines Geſchlechts und eines Jahrhunderts hinausgehen. Und ein Frauenkloſter— wie denkſt Du darüber, Mathilde?“ „Ich meine, daß es einem Frauenherzen, das Alles verloren hat, nicht verwehrt ſein ſollte, ſich der Ein⸗ ſamkeit und Andacht zu widmen. Doch darf ich mir vielleicht nicht erlauben, darüber zu urtheilen. Vom Kloſterleben habe ich Jugendeindrücke oder vielmehr Jugendlehren erhalten, die nicht immer gerecht ſein mochten. Ueber das Beſtehen eines Frauenkloſters, ſollten wol nur Frauen beſtimmen dürfen. Wie meinen Sie, Gräfin Irma? Sie ſind ja in einem Kloſter er— zogen, und Emmy iſt Ihre Freundin.“ „Ja,“ nahm Irma auf,„ich war bei meiner Freun⸗ din in Frauenwörth, wo ſie leben oder vielmehr ſterben will, denn das Leben dort iſt tägliches Warten auf 2 „n licht mur ithn Lben ſcl, us d ſid ville e mun, welch ſin Soll gſche, ic pſte ic geboren in Die ſo perſchleiert geſtelt, w ſchaute zun Seine Hal wire gern „Kom Künig jetz Irma regung ſc Sie h iht Brude hatte in näher, u uf einige Der ihen Br Dos er ſelhſt undnich endgiltig Miniſter n Andern, on Stand uf Irma, igung für ht ſo leicht hrtauſende des König⸗ die über rhunderts denkſt Du das Alles der eEin⸗ f ich mir en. Vom vielmehr recht ſein nkloſters, meinen loſter er⸗ r Freun⸗ r ſterben rten auf Ihre Zu— den Tod. Es erſchreckte mich auch, daß man eine viel⸗ leicht nur vorübergehende Stimmung zum unabänder⸗ lichen Lebensgeſetze, ja zur Lebensbeſtimmung machen ſoll, aus der es keine Rettung mehr giebt; und doch ſind viele andere heilige Inſtitute dasſelbe. Ich ſehe nun, welch ein hoher ſchwerer Beruf es iſt, König zu ſein. Sollte ich jetzt beſtimmen, ein Geſetz geben, ich geſtehe, ich wüßte mich nicht zu entſcheiden Wenn je, ſo ſehe ich nun, daß wir Frauen nicht zum Herrſchen geboren ſind.“ Die ſonſt ſo klare und feſte Stimme Irmas war verſchleiert und zitternd. Sie war auf einen Gipfel geſtellt, wo ſie nicht feſten Fuß faſſen konnte. Sie ſchaute zum König auf, wie zu einem höheren Weſen. Seine Haltung war ſo feſt, ſein Auge ſo klar. Sie wäre gerne vor ihm niedergeknieet. „Kommen Sie näher, Graf Wildenort,“ rief der König jetzt. Irma erſchrak. Iſt ihr Vater da? In dieſer Er⸗ regung ſchien ihr Alles möglich. Sie hatte in dem Augenblick ganz vergeſſen, daß ihr Bruder Bruno Flügeladjutant des Königs ſei. Er hatte in einiger Entfernung geſtanden und trat jetzt näher, um ſich bei der Königin zu verabſchieden, da er auf einige Zeit verreiſte. Der König ging mit der Königin davon, Irma mit ihrem Bruder.— Das Benehmen des Königs war räthſelhaft, aber er ſelbſt hatte dafür ſeine Erklärungsgründe; der erſte und mächtigſte war ein unzerſtörbares Mißtrauen.„Allen und Jedem mißtrauen“— das war die große Lehre, die ihm von Jugend auf eingeflößt worden.—„Man kann nie wiſſen, welche egoiſtiſche Abſichten die Men⸗ ſchen bei allem edlen Anſchein haben.“ Dieſe Lehre entſprach einem Charakterzug im Weſen des Königs; er wollte ſelbſt ſein, ſich von Niemand in ſeinen Ent— ſchlüſſen beſtimmen laſſen. Das iſt der Kernpunkt der heroiſchen Natur. Darum iſt ihm auch bei aller Frei⸗ heitsliebe der Conſtitutionalismus zuwider; er hebt die große, in ſich machtbegabte Perſönlichkeit auf, man ſoll nur Träger des Zeitgeiſtes oder, noch tiefer, Vollſtrecker der öffentlichen Meinung ſein. Das widerſprach ſeinem ſtarken perſönlichen Bewußtſein. Wenn nun irgend Jemand ihn zu einer Meinung und Entſchließung drän⸗ gen wollte, war er mißtrauiſch, er war es ſelbſt gegen Irma. Sie weiß es gewiß ſelbſt nicht, daß ſie Werk⸗ zeug einer Partei iſt, aber ſie iſt es, wahrſcheinlich, ja gewiß; man hat ausgekundſchaftet, daß ſie viel bei ihm gilt und nun den Kloſtereintritt Emmy's benützt⸗ um ihn zur Entſcheidung zu drängen. Das will er nicht dulden, ſelbſt Irma ſollte fühlen, daß er ſich zu nichts von einem fremden Menſchen beſtimmen laſſe, auch von der ſchönen Freundin nicht. Alte Zeiten können nicht wiederkehren; ſie finden einen neuen Menſchen in ihm, der keinen Fraueneinfluß auf die Staatsgeſchäfte duldet. Aus dieſen ineinander laufenden Erwägungen von Mißtrauen und Selbſtherrlichkeit hatte der König bis jetzt von dem an ihn gerichteten Briefe Irmas ge⸗ ſchwiegen, und nun endlich in der eben vernommenen Weiſe geſprochen. „ Auf de ch den ſelſt über ſpruch wied Frandin laſ ſ Die hönig Der gönig „Eo 9 zu ſeinet „Ach, Pruno in der Th nehmen de haltenſten nnzhund Irma ſiel dem Kloſte Innerſten zu vergebe ihn doppe Drängen; hoſt, wos der Stat zu verhin gerecht. 1 lan en⸗ hre ———— * Auf dem Wege mit ſeiner Gattin genoß der König noch den Triumph, den er über die Frauen errungen, ſelbſt über die, die er ſo ſtarken Geiſtes glaubte. Er ſprach wiederholt von den Bitten Irma's wegen ihrer Freundin und wie er ſich dadurch nicht beſtimmen laſſe; es ſchimmerte eine Mißlaune gegen Irma durch. Die Königin pries die Freundin mit innigen Worten. Der König lächelte. Drittes Capitel. „So gieb mir doch endlich Antwort,“ ſagte Bruno zu ſeiner Schweſter.„Biſt Du bereit?“ „Ach, bitte, ich war zerſtreut. Was ſagteſt Du?“ Bruno ſah ſeine Schweſter groß an: Irma hatte in der That nicht gehört; ſie räthſelte über das Be⸗ nehmen des Königs. Er hatte ihr offenbar in der ge⸗ haltenſten Weiſe zu verſtehen gegeben, daß er in Regie⸗ rungshandlungen ſich von Niemand beeinfluſſen laſſe. Irma fiel es jetzt ein, daß der Ton ihres Briefes aus dem Kloſter doch ſehr ungehörig war; ſie dankte im Innerſten dem edlen großen Manne, der ihr etwas zu vergeben hatte und ſo ſchön vergab. Sie dankte ihm doppelt, daß er ſich durch ihr kindiſch heißes Drängen nicht beſtimmen ließ; ſie ſelbſt war zweifel— haft, was zu thun ſei, und ihr erſtes Denken, daß der Staat wohl verpflichtet ſei, ein bindendes Gelübde zu verhindern, erſchien ihr jetzt wieder als das gerechte. 26 „Bitte,“ wiederholte ſie gegen ihren Bruder,„wün⸗ ſcheſt Du etwas von mir?“ „Du mußt mich morgen begleiten,“ ſagte Bruno. „Wir verreiſen; ich habe bereits Urlaub und die Kö⸗ nigin wird Dir auch ſolchen geben.“ „Mit Dir verreiſen? Wohin?“ „Zu meiner Verlobung.“ „Doch nicht—“ „Allerdings, mit der Schweſter des Königs, nenne es Halbſchweſter, oder Viertelsſchweſter; Baroneſſe Ara⸗ bella von Steigeneck freut ſich, Dich kennen zu lernen.“ Irma ſchaute nieder. Das war ja die älteſte Tochter der vom hochſeligen König in den Adelſtand erhobenen Tänzerin. Sie ſprach vom Eindruck, den dieſe Ver⸗ bindung beim Vater machen mußte; aber Bruno ſcherzte wohlgelaunt: er und ſeine Schweſter hätten ſich ja vom Vater getrennt, der die Marotte hegt, ein gemeiner Bürgerlicher ſein zu wollen. Bruno fühlte, daß dieſer Ton Irma verſtimmte und ging in einen andern über, indem er darlegte, wie unfrei und hart es ſei, eine ſo liebenswürdige Dame, wie Baroneſſe Arabella, die aus königlichem Blut ſtammt, einiger Unzuträglichkeiten wegen gering zu achten. Er traf eine anklingende Saite, indem er es, abgeſehen von perſönlichem Wunſche, als Pflicht Irmas darſtellte, Arabella vorurtheilsfrei und mit Freundlichkeit entgegen zu kommen. Er ſchloß mit der Wendung: „Du biſt ſo liebevoll gegen die einfältige Bäuerin, die Amme des Kronprinzen. Es iſt wohlfeil, Humanität zu üben gegen Menſchen aus dem Volke; zeige ſie auch hiet! Anwend „6. den,“ heiterter Fn funden. tigen 6 ſchenge der Rei und a über d als ſo in ni „6 Ir M dienen reiſte bei Al M Wi ei er ſpie ſentim Lald in ſei uns h eine( J,( hier! Hier findet ſie ſchönere und bedeutungsvollere Anwendung.“ „Es freut mich, Dich auf ſolchen Gedanken zu fin⸗ den,“ erwiderte Irma und ſah ihren Bruder mit er⸗ heitertem Blicke an. Bruno frohlockte. Er hatte den richtigen Köder ge⸗ funden. Er fand aber auch in der That einen flüch⸗ tigen Genuß im Geſpräche über Erhebungen des Men⸗ ſchengeiſtes zu wahrem Edelſinn. Irma war willig zu der Reiſe und als ſie ſich bei der Königin beurlaubte, und auch dieſe in leiſeſter Andeutung ein Befremden über die Heirath Brunos kundgab, zeigte ſich Irma als ſo eifriger Anwalt der Humanität, daß die Köni⸗ gin nicht umhin konnte, ihr zu ſagen: „Sie ſind und bleiben ein tiefedles Herz.“ Irma küßte mit Inbrunſt die dargereichte Hand. Man reiſte ab. Neben Brunos beiden Privat⸗ dienern und dem Jockey Fritz, dem Sohne Baums, reiſte auch Vater Baum mit, er iſt eben immer und bei Allem dabei. Auf dem Wege war Bruno voll ſprudelnder Laune. Wie ein Feinſchmecker liebte er auch gemüthliche Scenen; er ſpielte vortrefflich Clavier, und auch bisweilen ein ſentimentales Adagio; ſentimental erſchien ihm Irma. Bald aber hatte er genug des ſchmelzenden Tones und in ſeine keckſcherzende Weiſe übergehend, rief er: „Ich bin beſſer, als die ganze Cavalierswelt um uns her. Du lächelſt? Du denkſt, was muß das für eine Cavalierſchaft ſein, wo Du der beſſere biſt?— Ja, Schweſterchen Krimhilde, und doch iſt es ſo. Ich 28 geſtehe mir ganz ehrlich, daß ich dieſe Dame nur hei⸗ rathe, um möglichſt flott zu leben. Bin ich nun nicht beſſer als Alle, die in dieſem Verhältniß etwas heu⸗ cheln würden?“ „Wenn Du das beſſer nennſt, allerdings; aber ich glaube doch, Du ſchämſt Dich nur Deiner Liebe, Du möchteſt nicht für ſentimental gelten.“ „Danke, Du biſt eine tiefe Menſchenkennerin.“ Es war Bruno erwünſcht, daß ſeine Schweſter an ſeine wirkliche Liebe glaubte; das giebt ſeinem und ihrem Benehmen viel mehr natürlichen Halt. Er lächelte ſehr verſchämt und erröthete. Die Baronin Steigeneck wohnte in einem kleinen Städtchen in dem Schloſſe, das ehemals der Ruheſitz einer Schweſter des letztverſtorbenen Königs geweſen. Man kam auf dem Schloſſe an. Auf der großen Mauer, von der es umgeben war, ſtand ein ſchöner Pfau, der die Luft weit umher mit ſeinem Geſchrei erfüllte. Die Zimmer für Irma und ihren Bruder waren bereit. Man kleidete ſich um.. Bruno erſchien in Paradeuniform mit ſeinen Orden. Man wurde nach dem Salon der Baronin Steigeneck geführt. Zwei Die⸗ ner öffneten die Flügelthüren. Die Baronin in aus⸗ geſucht einfacher Kleidung ging dem Geſchwiſterpaar bis an die Thür entgegen und verbeugte ſich ſehr zierlich. Bruno küßte ſie und umarmte dann ſeine Braut, eine ſchöne volle Geſtalt. Er ſtellte ſie ſeiner Schweſter vor, Irma umarmte und küßte ſie. B Das Schloß war mit Pracht, freilich mit etwas ( . bunter 1 ſellung de hoch Im wnin ſa gilder, ſie war ils Pyi kihnen! nit den techift wul im Pögel ſ Menſche Spielka ein Arbel ten in Rmal zſehen 6 ſole eigentli ber ſi und in und zo und G Chterb Dr hielt e ſcheide 20 bunter und greller ausgeſtattet; es war mehr Schau— ſtellung als Wohnlichkeit darin. Das lebensgroße Bild des hochſeligen Königs paradirte im großen Saal. Irma war anfangs erſchreckt, als ſie die alte Ba⸗ ronin ſah. Im Boudoir der Baronin hingen noch die Bilder, die ſie als jugendlich üppige Tänzerin zeigten; ſie war eine reizend ſchöne Erſcheinung geweſen, und als Pſyche, als Eros, als Geiſterkönigin abgebildet, in kühnen Attituden— und jetzt dieſe ſchwerfällige Geſtalt mit den gewaltſam geſpannten Mienen. Ihre Haupt⸗ 5 76 beſchäftigung war Kartenſpiel, Irma ſah hier zum Erſten⸗ mal im Freien unter Bäumen und beim Geſang der Vögel ſtundenlang Karten ſpielen. Was wären viele Menſchen, wie unausfüllbar ihr Leben, wenn es keine Spielkarten gäbe.— 0 Singen und Muſiciren, denn auch die Baroneſſe Arabella ſang ſchön, fröhliches Tafeln und Ausfahr— ten in die Umgebung füllte die Stunden heiter aus. Irma konnte nicht umhin, ſich immer die Diener an⸗ zuſehen und ſich in deren Gedanken zu verſetzen, wie Bes ſolchen Menſchen zu Muthe ſein muß, was ſie eigentlich denken, daß ſie einer ſolchen Herrin dienen; aber ſie ſah hier die gleiche Ehrerbietung wie am Hofe, und im Städtchen ſtand bei den Ausfahrten Alles ſtill und zog den Hut ab, denn die Baronin brachte Leben und Geld in das Städtchen. Alles in der Welt, auch Ehrerbietung iſt zu kaufen. Drei Tage vergingen raſch. Die Baronin Steigeneck hielt einen kleinen Hof, dem Anſchein nach ſehr be⸗ ſcheiden; ein alter, aber äußerſt beweglicher franzöſiſcher 30 Legitimiſt war die beſondere Zierde dieſes Hofes und es wurde ausſchließlich franzöſiſch geſprochen. Die förmliche Verlobung wurde bald durch den Notar feſtgeſetzt, den Bruno aus der Reſidenz mit⸗ gebracht; er hatte ſeine gemeſſenen Inſtructionen und die alte Baronin hatte einen ſchweren Stand. Es waren da ſo verteufelt feſtgenietete Paragraphen über Todes⸗ fall und Trennung. Bruno hatte ſich geſichert. Die Baronin ſprach ſchäkernd über Liebe und wie ſie ſolchen Enthuſiasmus in der Gegenwart gar nicht mehr ver⸗ muthet hätte; Bruno ſtimmte ein, und Beide wußten doch, daß Alles ſich nur ums Geld handle. Arabella war eine wohlerzogene Dame, und dabei von jener Bildung, die ſich von Lehrern kaufen läßt. Arabella ſang, zeichnete, ſprach drei fremde Sprachen, die ſie auf Geheiß der Mutter paradiren laſſen mußte — aber in Allem merkte man das Angelernte. Auch geleſen hatte Arabella Mancherlei, wenn man indeß von dieſem und jenem Buche ſprach, wollte ſie es nicht kennen, denn da und dort kamen Verhältniſſe vor, die auf ſie, auf ihre Mutter Anwendung haben konnten. Irma war überaus freundlich gegen ihre Schwä⸗ gerin, und Bruno dankte ihr mit aufrichtiger Herzlich⸗ keit. Dennoch war's Irma innerlich bang. In dieſem Hauſe herrſchte ein eigener Zauberbann, es iſt wie im Märchenlande, die Menſchen gehen herum und lachen und ſcherzen, ſingen und ſpielen, aber ein einziges Wort dürfen ſie nicht nennen; wird das genannt, ſo verſinkt das Schloß mit all' ſeinen prunkenden Herr⸗ lichkeiten, und das Wort heißt:„Vater.“ Irma Vatet der an ihn it en Zin Sie hielt als Brn ud ſein ſuttete U viele Bri ſe hrach t lich den en Vot Eltern l als Vam ihn auf „Ber „Nei — — es die Lip Vorte a „Da dus frag „I zu kenn Bau Geſcht — und den mit⸗ die ren Die hen er⸗ ten bei en, ßte uch oon icht die n. wä⸗ ſem im hen ſo err⸗ 31 Irma aber mußte gerade hier am meiſten an ihren Vater denken. In der Stille begann ſie einen Brief an ihn zu ſchreiben; ſie ſchaute ſich um, als ſie auf ihrem Zimmer ſitzend die Worte ſchrieb:„Lieber Vater!“ Sie hielt es für ihre Pflicht, ſie konnte es füglicher als Bruno, dem Vater dieſe Verlobung anzuzeigen, und ſeine Humanität für die mit Glücksgütern ausge⸗ ſtattete Unglückliche anzurufen. Noch nie hatte ſie ſo viele Briefanfänge zerriſſen und ins Feuer geworfen; ſie brachte den Brief nicht zu Stande und faßte ſchließ⸗ lich den Vorſatz, erſt von der Sommerburg aus an den Vater zu ſchreiben. Aber ein Verlangen, von Eltern zu ſprechen, konnte ſie nicht los werden, und als Baum jetzt einen Auftrag an ſie brachte, hielt ſie ihn auf mit der Frage: „Baum, haben Sie Ihre Eltern noch?“ „Nein.“ „Haben Sie dieſelben lange gekannt?“ Baum antwortete huſtend mit vorgehaltener Hand: „Meinen Vater gar nicht und meine Mutter... meine Mutter... wurde mir ſchon lange entriſſen.“ Unter der vorgehaltenen Hand biß ſich Baum auf die Lippen und wagte endlich äußerſt behutſam die Worte auszuſprechen: „Darf ich fragen, gnädige Gräfin, warum Sie mich das fragen?“ „Ich habe ein Verlangen, die Lebensſchickſale Derer zu kennen, die ich perſönlich kenne.“ Baum nahm die Hand vom Munde weg und ſein“ Geſicht war wieder glatt, ausdruckslos. ———————— In den Tagen, welche man auf dem Schloſſe der Baroneſſe Steigeneck blieb, war Alles ſtets in maßvoll⸗ ſter Haltung. Nur ein Einzigmal fühlte ſich Irma verletzt, denn die alte Dame— man nannte ſie gnädige Frau— erklärte den Bräutigamszuſtand für die albernſte aller Convenienzen; das Natürlichſte und Angemeſſenſte wäre, ſofort in der Stunde der Verlobung zu heirathen. Eine eigenthümliche Veränderung ging dabei in den Mienen der alten Dame vor; Irma erſchrak vor dem Ausdrucke dieſes Geſichtes, und dieſer Schreck blieb, ſo daß Irma innerlich als die Baronin ſie beim Abſchied umarmte und küßte. Irma ſaß ſchon lange im Wagen, als Bruno end⸗ lich kam und nochmals ſeiner Braut, die am Fenſter ſtand, Kußhände zuwarf. Als man davon fuhr und Irma wieder mit ihrem Bruder allein im Wagen ſaß, ſagte ſie laut und mit wunderbarem Ausdrucke: „O Vater, Vater!“ Sie athmete tief auf, als ob ein Zauberbann von ihr genommen wäre. „Was haſt Du?“ fragte Bruno. Irma wollte ihm nicht ſagen, was ſie empfand, ſie entgegnete nur: „Sobald wir wieder im Schloſſe angekommen ſind, müſſen wir dem Vater ſchreiben, oder es wäre beſſer, Du reiſeſt zu ihm. Laß Dich, wenn's ſein muß, von ihm ſchelten; er bleibt doch der Vater und er wird Dir wieder gut ſein und alles Geſchehene anerkennen.“ „Es iſt beſſer, wir ſchreiben,“ meinte Bruno. N „D muß „Iht , Vn doß ie in Brunc „Auß uns Du nich Vutet ſog bit ſurk zu ſchaue ſcen Va die Geſch Stondes Ahnen v zertiſen, Vit hab aufgenon tremt, Einne, ſagen.“ Irm gdocht eien G ſünde n tiefe Ah glen G ihn ibe zugung ſihl Auer 33 e der„Nein!“ rief Irma und faßte ſeine beiden Hände, ßvoll⸗„Du mußt es Arabella zu lieb thun.“ rletzt,„Ihr zu lieb?“ „Ja, ich wünſche ihr das beſte Glück; ich möchte, aller daß ſie im Leben auch einmal Vater ſagen könnte.“ wäre, Bruno zuckte zurück. Nach einer Weile ſagte er: .„Laß uns leiſe ſprechen. Ich glaube, Du weißt, wie den Du mich ins Tiefſte getroffen. Arabella konnte nicht dem Vater ſagen, ſie wird es auch jetzt nicht können. Du , ſo biſt ſtark genug, Irma, der vollen Wahrheit ins Antlitz nſie zu ſchauen. Was knüpft das unauflösliche Band zwi⸗ ſchen Vater und Kind? Nicht die Natur allein, auch„ end⸗ die Geſchichte. Unſer Vater hat durch Ablegung unſeres nſter Standes Vater und Mutter und die große Reihe unſrer — Ahnen verleugnet. Er hat die feſte ſtrahlende Kette hrem zerriſſen, die uns durch ihn an unſer Geſchlecht ſchloß. mit Wir haben den unterbrochenen Zuſammenhang wieder aufgenommen, aber der Vater iſt dadurch von uns ge⸗ trennt, er hat ſich ſelbſt von uns geſchieden. In dem von Sinne, wie Du es meinſt, können auch wir nicht Vater ſagen.“ Irma wurde blaß. So hatte ſie ſich's noch nie ſie gedacht und ſie hatte nie geahnt, daß Bruno ſich auf einen Gedanken ſtützen könnte; ſie glaubte ſein Leben ſind, ſtände nur auf Leichtfertigkeit. Jetzt erſt ſah ſie die eſſer, tiefe Kluft. Sie wollte erwidern, daß der Vater ja von allem Edlen getreu ſei, das die Beſten der Vorfahren wird ihm überliefert, und wie er nur die äußerliche Bevor⸗ zugung des Standes abgelegt. Aber zum Erſtenmal fühlte ſie, daß ſie dem Bruder nicht Stand halten Auerbach, Auf der Höhe. lI. 3 — 34 könnte. Sie ſelbſt hatte ſich ja auch vom Vater getrennt. Sie ſchwieg. Stundenlang fuhr man lautlos dahin. Die beiden kamen auf der Sommerburg an. Irma dankte Jedem, der ihr zur Verlobung ihres Bruders Glück wünſchte, äußerſt verbindlich. Sie hatte eine eigene Befangenheit vor dem Hofjuwelier, der mit zahlreichen Schmuckkäſtchen auf das Schloß entboten war. Sie ſollte in Gemeinſchaft mit Bruno einen reichen Schmuck für die Braut auswählen; ſie that es, aber ſie willfahrte nicht, den Schmuck ſich anprobiren zu laſſen; ihr Kammermädchen mußte ſich nacheinander mit vielen Schmuckſtücken behängen laſſen, und ſchließ⸗ lich wurde ein reicher Diamantenſchmuck gewählt und ſofort an die Braut geſchickt. Viertes Capitel. Irma gewann ihre Heiterkeit wieder und war der übermüthige Kobold des ganzes Hofes, neckiſch gegen Alle, nur gegen Oberſt Bronnen nicht; dieſem allein zeigte ſie ſich ſtets ernſt und gehalten. Sie ritt viel aus und begleitete oft den König auf die Jagd; auch andere Hofdamen meldeten ſich gern dazu. Der be⸗ ginnende Herbſt machte die Tage friſch, und an reicher Mannigfaltigkeit fehlte es nie. Die Königin mußte zu Hauſe bleiben. Sie hatte Walpurga mit dem Kinde viel um ſich und war überaus glücklich mit jeder neuen Regung der Kindesſeele. Der Knabe kannte die Mutter bereits und wußte ſchon Zeichen des Verſtändniſſes zu geben ſi Mannes, gewoltſne ſtin Se Es wu gſpeiſt, v Nuleſel wurden. Schöring, es war in ltlich m ſchhner e und ebenſ Seit ſ Schöning war ſo vi nen, äl ſie ihm, 1 er der en wie Wahr gedacht. ſch etwas hutſankeit nehmen d er zu Inn wihrend lung noch Schön hatte ſih ging aber rennt. hin. Irma uders eine mit boten einen t es, biren inder ließ⸗ und der egen llein viel auch be⸗ cher ußte inde uen ttter 3 zu geben; ſie bedauerte nur den unruhigen Geiſt ihres Mannes, deſſen Natur immer neue Bewegung und gewaltſame Aufregung erheiſchte; er verſäumte ſo viel ſchöne Seelenblicke des Kindes. Es wurde jetzt oft im Walde und auf den Bergen geſpeiſt, wohin die Speiſen und Geräthſchaften mittelſt Mauleſel ſchnell gebracht und ebenſo wieder weggeſchafft wurden. Es war dies eine Erfindung des Baron Schöning, auf die er ſich nicht wenig einbildete, und es war in der That faſt zauberiſch überraſchend, wenn plötzlich mitten im Walde oder auf einer Anhöhe mit ſchöner Fernſicht eine königliche Tafel gedeckt däſtand, und ebenſo plötzlich Alles verſchwunden war. Seit ſeiner Rückkehr vom See benahm ſich Baron Schöning gegen Irma mit beſonderer Zartheit. Es war ſo viel Schonung und Rückſicht in ſeinem Veneh⸗ men, als hätte er Irma einen Korb gegeben, und nicht ſie ihm, und in der That war es ihm jetzt, als wäre er der entſchieden Verneinende geweſen; es kam ihm wie Wahnſinn vor, daß er je an den Heirathsantrag gedacht. Dabei machte jetzt der Baron den Verſuch, ſich etwas Würde beizulegen, natürlich mit großer Be⸗ hutſamkeit, denn man darf ſein eigenes früheres Be⸗ nehmen doch nicht geradezu widerrufen. Damals, als er zu Irma ſagte, der Hof glaube mit ihm zu ſpielen, während er mit dem Hofe ſpiele, war die kühne Wand⸗ lung noch nicht wahr, denn damals ging ſie ihm erſt auf. Schöning war eine ſeltſame Figur am Hofe. Er hatte ſich anfänglich der Diplomatie widmen wollen, ging aber bald davon ab und wurde Landſchaftsmaler, 36 brachte jedoch auch hier nichts Rechtes zuwege, und es wurde nicht ſchwer, ihm eine Hofſtellung zu verſchaffen. Er ward Mitglied der königlichen Gartendirection und Kanzleichef beim Hofmarſchallamte, daneben natürlich auch Kammerherr. In vertrauten Stunden und zu vertrauten Freun⸗ den— dies waren aber alle Männer und Frauen am Hofe— ſprach er gern von ſeinem eigentlichen Berufe zur Kunſt, den er nur um des Königs willen, den er über Alles liebe, aufgegeben; das ſei der Adel dem Monarchen ſchuldig, behauptete er. Eine Landſchaft von ihm mit dem Heimathſee der Walpurga hing im Sommerſchloß; das Bild war ſchön, böſe Zungen aber behaupteten, einer ſeiner Freunde auf der Akademie habe die Landſchaft, ein anderer die Staffage gemalt. Auf den Gebirgsfahrten bewies nun Schöning be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit gegen Irma, und dieſe konnte ihren ganzen Muthwillen an ihm üben, denn das war am Hofe ausgemacht: ein Liebesverhältniß mit Schöning konnte man nicht haben, er war nur zum Spaß für Alle da, und er verſtand Spaß, ſowohl ihn zu üben, als an ſich üben zu laſſen. Oft hätte ſich Schöning gern von den Ausfahrten zurückgezogen, er fühlte, daß es ihm nicht gelinge, die Würde zu erlangen, die er erſtrebte. Aber er konnte nicht zurückbleiben, ſelbſt vorgeſchütztes Unwohl⸗ ſein half nicht; wenn Schöning nicht bei den Ausfahrten war, fehlte ein Zielpunkt der Heiterkeit. Was wollte er thun? Er machte lieber gute Miene zum böſen Spiel und ging ſcheinbar freiwillig mit. Schön ungen, Baun er hatte werde in Pald gaun d ſe niht zußen ifuſich vrſund linge hi mpries Obeten. die hle wie wa Henſch und j Di mn Thiere lagen Die ſhoſſ timen wrch fen uh War 37 es Schöning und Baum, ſo verſchieden auch ihre Stel⸗ aſſen. lungen, waren unentbehrlich. und Baum galt für den beliebteſten Diener am Hofe; ürlich er hatte das Glück, überall und zu Allem verwendet zu werden; wenn es eine Landpartie gab, wenn man reun⸗ im Walde ſpeiſte, bei einer Waſſerfahrt, immer war auen Baum dabei, und wie Schauſpieler ſich kränken, wenn erufe ſie nicht genugſam beſchäftigt werden und ſich nicht in den großen Rollen zeigen können, ſo ſind auch die Lakaien dem eiferſüchtig darauf, recht oft verwendet zu werden. Es ſchaft verſtand ſich daher von ſelbſt, daß Baum ſeine Günſt⸗ gim linge hatte, die er bei Gelegenheit dem Hofmarſchall aber anpries, und dieſe folgten ihm wie einem natürlichen emie Oberen. Den Shawl der Königin, oder den Paletot nalt. des Königs wußte Niemand ſo zu tragen, wie Baum; be⸗ die Kleidungsſtücke auf ſeinem Arme ſagten faſt: Ach, nnte wie warm ſind wir, wie weich und lind, befehlen die war Herrſchaften nur und wir ſind bereit, Sie zu ſchützen ning und zu wärmen. für Die Abende waren heiter. Nach dem Thee ging ben, nnan inder Regel in den innern Schloßhof, wo die Thiere, die man geſchoſſen, auf den Boden geſtreckt rten lagen, und betrachtete ſie nochmals bei Fackelſchein. nge, Die Königin ging ſtets nur ungern mit, das ge⸗ er ſchoſſene Wild anzuſehen, aber ſie ging, um nicht ſen⸗ hl⸗ timental zu erſcheinen. Der König war wohlgemuth durch das Jagdglück. Dann kehrte man wieder in die lte offenen Säle zurück, es wurde muſicirt und geſungen, iel auch bisweilen vorgeleſen und Karten geſpielt, Irma war auch eine der beſten Billardſpielerinnen, die dem 38 König manche Partie abgewann. Es war eine ſchmieg— ſame und biegſame Anmuth, eine knoſpenhafte Ge⸗ drungenheit in allen ihren Bewegungen; wie ſie ſich über das Billard beugte, wie ſie ſich wendete, wieder umherging, die Queue in der Hand wie ein Wurfge⸗ ſchoß— jede Stellung und Haltung war würdig, von Künſtlerhand feſtgehalten zu werden. „Wie ſchön ſie iſt!“ ſagte oft die Königin zu ihrem Gatten. Er nickte und es gab viel Scherz in dem großen Billardſaal. Bevor man ſich am Abend trennte, verſammelte ſich die engere Hofgeſellſchaft regelmäßig nochmals wie zu gemeinſamem Ausruhen und zu ge⸗ meinſamer Erinnerung, denn an jedem Abend wurde die Chronik des vergangenen Tages vorgeleſen. Baron Schöning führte dieſe Chronik ſchon ſeit Jahren, und zwar in Verſen und, was noch beſſer mundete, im hochländiſchen Dialekt. Gräfin Irma kam darin ſehr viel vor, ſie hatte den Namen„Felſenjungfrau;“ alle kleinen Ereigniſſe wurden da anmuthig zugeſtutzt und mit einem milden Scherze verſetzt, der bei der Kennt⸗ niß der Perſönlichkeiten ſtets Heiterkeit errggte. Der König hieß in der Regel Nimrod oder auch Arkus; auch der Hunde ward nicht vergeſſen und eine ſtehende Redensart hieß:„Die Nährmutter Walpurga hat viel gegeſſen und Romulus viel getrunken, die Tante Charpie, ſo hieß Mamſell Kramer, hat den Anfang ihrer Stam⸗ mesgeſchichte erzählt, das Ende aber noch nicht.“ Wenn die höchſten Herrſchaften ſich zurückgezogen hatten, blieb der Hofſtaat noch in beliebigen Gruppen beiſammen; Irma wandelte oſt lange mit dem Leibarzt auf ei ſchloß gejoge reis zater hardk etein nüſſen ſei A Virku Unend frau, Körpe „ oft b Vittn „ purge ihlt einge ſaßen hotte noch 3 Gärt aus erwa erle S mieg⸗ e Ge⸗ e ſich vieder urfge⸗ „ von ihrem dem rennte, mäßig zu ge⸗ wurde Baron „und e, im nſehr alle 6t und Kennt⸗ Der auch ehende t viel arpie, Stam⸗ zogen uppen ibarzt * auf eine nahe Anhöhe oder in das offene Thal. Gunther lehrte ſie Sternbilder kennen, und hier in ſtiller Nacht ſchloß er ihr die großen Geſetze alles Lebens auf, wie ſich jeder Weltkörper in der Unendlichkeit bewegt, an⸗ gezogen und abgeſtoßen, wodurch keiner den vollen Kreis beſchreibt. Sie kamen dabei oft auf Irmas Vater zu ſprechen, und der Leibarzt behauptete, Eber⸗ hard könne ſeinen Kreis ſtreng vollenden, weil er ſich vereinſamt habe; er ſelbſt dagegen habe im Leben ſtehen müſſen und könne nur eine elliptiſche Bahn ziehen, er ſei Arzt, müſſe auf Andere wirken und könne ſich der Wirkung Anderer nicht entziehen. In die Geheimniſſe der Unendlichkeit vertieften ſich da der Mann und die Jung⸗ frau, und ſie vergaßen ſich ſelbſt, bis die Müdigkeit des Körpers ſie gemahnte, heimzukehren und Ruhe zu ſuchen. Irma ſprach auch viel davon, wie ſie im Winter oft bei der Familie Gunthers ſein wolle; die junge Wittwe mit ihrem Kinde wohnte wieder ganz beim Vater. Irma ging faſt nie zu Bette, bevor ſie bei Wal⸗ purga geweſen. So leiſe ſie auch eintrat, Walpurga fühlte jedesmal ihre Nähe und erwachte, wenn ſie ſchon eingeſchlafen war; meiſt aber wartete ſie wachend. Dann ſaßen ſie noch eine Weile beieinander und Walpurga hatte ſtets viel von ihrem klugen Prinzen zu erzählen, noch mehr aber von der guten Königin. Die Tage wurden kürzer, die Abende länger; die Gärtner hatten viel zu thun, die abfallenden Blätter aus den Wegen zu harken, bevor Jemand vom Hofe erwachte. Es hieß, daß man bald das Sommerſchloß verlaſſe, um nach der Hauptſtadt überzuſiedeln. Der König zog ſchon voraus dahin. Er eröffnete in Perſon, umgeben von einem neuen Miniſterium, deſſen Präſident Schnabelsdorf geworden, den Landtag. Der Leibarzt ſprach gegen Irma ſein Bedauern aus, daß der König einen folgenſchweren Schritt ge⸗ than, indem er ein reactionäres und ſtreng kirchliches Miniſterium berufen; er eiferte in gemeſſenen Aus⸗ drücken, aber um ſo entſchiedener gegen die Kloſter⸗ romantik. Irma hatte nicht den Muth, zu bekennen, wie viel ſie daran Schuld ſei, und ſie tröſtete ſich, daß der König ja ausdrücklich und noch dazu im Bei⸗ ſein der Königin jede Beeinfluſſung abgewehrt hatte. Zum Erſtenmal aber ſtieg in ihrer Seele ein innerer Widerſpruch gegen den Leibarzt auf, er galt ihr für unfrei, er hatte den Fanatismus des Unglaubens; der ſchöne Schmuck des Lebens, der Gemüthsſchwung, war ihm fremd und er verdammte ſie gern mit den ver⸗ ketzernden Worten Romantik und Sentimentalität. Nur noch höher erſchien ihr der König, wie er ſelbſtändig und feſt gegen den Strom der Tagesmeinung ſteuert; das was ſie einſt im Briefe an Emmy ausgeſprochen, wurde ihr immer klarer: nur ein König und ſolch ein Mann hat den umfaſſenden großen Blick und läßt ſich von keinem Schulſyſtem einfangen; auch die Logik iſt nur ein Theil des Menſchengeiſtes, den ganzen Geiſt hat nur ein ganzer Menſch. Selbſt ein Freund und Mann wie der Leibarzt mußte zurücktreten und erſchien klein gegen den Einen. Walpurga war wegen des abermaligen Umzuges voll Unruhe. Sie klagte Irma, daß dies doch ein ſhredlich liq des Leb recht t feſ zu komn liebe V und m Jugend der kan weſen! Frichte und de das ar dohein purga dieſe 2 und p ſtüciſa ſei, d ningt an de durch bewoh ſchd nurſ Lben fie var er⸗ dig rt; ein ich iſt iſt rzt en. ges ———— 41 ſchreckliches Leben ſei:„Das iſt ja ein immerwähren⸗ des Leben in der Kutſche und man wird nirgends recht feſt und getreu; ich mein', es iſt ungetreu, ſo zu kommen und zu gehen. Freilich, man treibt auch das Vieh von der Alm, wenn abgegraſt iſt, aber das liebe Vieh iſt doch was anderes als die Menſchen, und mein Prinz dauert mich, daß er aus ſeiner Jugend nichts mitnehmen kann, wenn er älter wird; der kann nicht ſagen: Hier bin ich ganz daheim ge⸗ weſen und da ſind Bäume, die haben geblüht und Früchte getragen und dann iſt Schnee darauf gefallen und dann iſt's wieder Frühling worden. Und wenn das arme Kind das nicht hat, bei was iſt es dann daheim?“ Beim Frühſtück erzählte Irma die Klage der Wal⸗ purga und ſie fand dieſes ſich Einleben in die Natur, dieſe Treue gegen lebloſe Gegenſtände tief ergreifend und poetiſch; aber die Herren und Damen im Früh⸗ ſtückſaal begriffen gar nicht, was darin denn Poetiſches ſei, das ſei ja nichts als Beſchränktheit. Baron Schö⸗ ning trat vermittelnd ein und erklärte, daß dies Kleben an der Scholle ein Glück für das Volk, denn nur hie⸗ durch ſei es möglich, daß einſame Höhen und Thäler bewohnt wären; die Macht der Angewohnheit ſei nöthig für das gemeine Volk; der freie Menſch aber müſſe ſich das abgewöhnen, dadurch werde er frei und das nur ſei ppetiſch, was wie Pegaſus auf dem Boden des Lebens ſtehe, aber auch freie Schwingen habe, um auf⸗ zufliegen in die höhere Region des Aethers. Schöning ſchaute um ſich und wollte Beifall ernten —— für ſeine tiefe Bemerkung, aber was er mit ſo vielem Nachdruck vorgebracht, wurde kaum beachtet. Er hatte ſich beſtändig zum Spaß für den Hof hergegeben, er jodelte etwas vor; nun hatte der Ernſt, den er brin⸗ gen wollte, keine Geltung mehr; es war faſt, als wenn ein bekannter Komiker oder ein Naturburſch eine tra⸗ giſche Rolle ſpielen will. Schöning glaubte bei Irma beſonderes Verſtändniß zu finden, aber auch ſie war ihm heute nicht zuſtimmend; nur der Leibarzt knüpfte ein Weiteres daran, indem er ſagte, daß die ewige Reiſe⸗ ſtimmung der jetzigen Menſchheit ein neues Moment in der Geſchichte ſei, das in dieſem Maße kein frühe⸗ res Geſchlecht gekannt habe; das Geſchlecht, das ſchon in der Wiege die Locomotive pfeifen hört, würde ein anderes ſein, aber die wirkliche Poeſie ſterbe nie aus und jede Mutter lerne immer neu ihrem Kinde ſingen und die ewige Mutter Zeit werde die Kinder eines neuen Zeitalters auch neue Lieder ſingen lehren, anders lautend als die der Vergangenheit, aber nicht minder voll Tiefe und Innigkeit. Die Königin nickte dem Leibarzt zu, und ihr ganzes Antlitz erröthete, als ſie ſagte, ſie ſtimme mit Walpurga üherein, ſie bliebe auch lieber an Einem Ort und lebte ſich da feſt. Sämmtliche Herren und Damen ſprachen mit lauter Bewunderung von der Königin, die ſo ſchön und ig rede; innerlich aber dachten Viele:„Du biſt ebenſo einfältig wie die Walpurga.“ Als man von der Tafel aufgeſtanden, ſagte die Königin zu Irma: Liche der guyz Hie mu, nurg ſn und in ut uſ Sträuße und Go nr nit In pur un M Sie ſch ſcheu ihren hinein ( Ales und! etwa 2 imm moß und do. Sti br da lem atte rin⸗ enn tra⸗ rma war pfte iſe⸗ lent ühe⸗ hon ein aus gen ines ders nder nzes urga ebte uter nig nſo die 43 „Liebe Gräfin Irma, Sie müſſen dergleichen nicht der ganzen Geſellſchaft bei Tafel erzählen. Glauben es paßt nicht dahin. Die Gedanken der Wal⸗ Waldblumen; bricht man ſie ab und bindet ſie zu einem Strauß, ſo welken ſie ſchnell; nur unſere künſtlich gezogenen Blumen eignen ſich zu Sträußen für den Salon, und am beſten die aus Tüll und Gaze gefertigten. Erzählen Sie derartiges künftig nur mir allein,“ bat ſie ſchließlich. Irma war glücklich über dies Einverſtändniß. Wal⸗ purga aber Wh Jornig auf Irma, als ihr die Königin am Mittag berichtete, was ſie von ihr gehört habe. Das geht nicht, man muß nicht Alles wiedererzählen. Sie ſchämte ſich jetzt, daß ſie ſo einfältig ſei und war ſcheu und zurückgezogen vor Irma, und als ſie mit ihrem Prinzen allein war, ſprach ſie in die Kiſſen hinein: „Dir allein, Du Wanderburſch, will ich künftig Alles ſagen. Du biſt der Geſcheidteſte im ganzen Haus und der einzig Verſchwiegene. etwas?“ Walpurga wa immer im Sinn; maßen zu beruhigen, er ſagte:— „Sei doch geſcheidt! Was gehen Dich die Möbel und die Bäume und Alles hier an? Das bleibt für ſich da. Du ſetzeſt Dich in den Wagen und fährſt in die Stadt, und dann biſt Du da und Alles, was Du brauchſt, es giebt ſchon Hände und Füße genug, die das Alles laufen machen.“ Sie mir, purga ſind wie friſche Gelt, Du ſagſt Niemand r voll Unruhe, der Umzug lag ihr erſt Baum verſtand es, ſie einiger⸗ Walpurga ward ruhi erſten ſonnigen Tag ab, Prinz und Walpurga und d Reſidenz. Die S Blätter fielen au mehr weggekehrt, die Veranda wurden in ſi die großen Fenſte Sommerſchloß ging neues Le cheres Gewahrſam gebracht, vor r wurden Strohdecken geheftet. Das ſchlief dem Winter entgegen und derweil ben im Reſidenzſchloß auf Fünftes Capitel. Das königliche Reſidenzſchloß ſtand mitten in der Stadt, nicht von Wall, nicht von Graben umſchloſſen; die Fenſter blickten auf das bewegte Leben der Straßen hinab, und doch war's, als wenn das Schloß auf einem befeſtigten Berge ſtände, und weit hinaus ſich Vorwerke breiteten zu Schutz und Trutz. Von dem, was die Tauſende in der Stadt bewegte, drang nur ſelten und verworren ein Ton da herauf. Hunderte von Menſchen, vom unterſten Küchendiener bis hin⸗ auf zum Hausminiſter, bildeten Wall und Graben, um nur dasjenige, dem man Einlaß gewähren wollte, zur Allerhöchſten Perſon Seiner Majeſtät dringen zu laſſen.— Der König war voll war etwas Gewaltſames Unruhe, die ihn glänzender Laune, aber es in ſeiner Fröhlichkeit, eine tzelnen Sache haften ließ. an keiner ein ger. Man wartete nur den und die Königin und der as Gefolge fuhren nach der ommerburg war einſam und öde, die f die Wege im Park und wurden nicht großen bunten Lampen auf der tV amnme 5 Ud PVemn er winde! ſche de in tieſſen Pidſund Ju und huldig iber wie ſeine Neiy Eutaltung Inſprh e verfuſung, — ihn wie ei ſein und konnte der ihn nicht wolle die ſeinen He dbei nac die Perja tionen, d ſſung Ugende Nizung die in dr die Aug Bericht den der der die icht der 0r as eil 45 Immer Wechſel, buntes Treiben, vom Morgen bis zum Abend. Wenn man den König auf Gewiſſen gefragt hätte, er würde mit aufrichtigem Herzen betheuert haben: Ich liebe die Verfaſſung, ich bin ihr treu. Und doch war im tiefſten Grunde ſeiner Seele ein unbezwinglicher Widerſtand gegen dieſelbe— ſie beſchränkte die volle Individualität. In gleicher Weiſe liebte er ſeine Frau und huldigte er der Freundin mit ſtarker Herzensneigung, aber wie durch kein Geſetz, ſo wollte er auch durch keine Neigung beſchränkt ſein— das behindert die freie Entfaltung und volle Blüthe der Individualität. Jeder Anſpruch eines Gegenüberſtehenden, ſei es die Stdats⸗ verfaſſung, ſei es ein befreundetes Gemüth, empörte ihn wie eine Unterjochung. Er wollte vollkommen frei ſein und doch Geſetz und Liebe dabei nicht miſſen. Er konnte der Zuſtimmung nicht entbehren, aber er mochte ihm nicht das Recht des Widerſpruchs zugeſtehen. Er wollte die altgewohnte Liebe des engliſchen Volkes zu ſeinen Herrſchern auch in ſeinem Lande, aber er wollte dabei nach perſönlichem Ermeſſen handeln. Er ſtudirte die Verfaſſungsgeſetze, aber er neigte zu Interpreta⸗ tionen, die ſie illuſoriſch machten. Er liebte die Ver⸗ faſſung wie er ſeine Gattin liebte, er ſchätzte ihre Tugenden, er wollte ihr treu ſein und doch der freien Neigung nicht entſagen. Die Zeitungen gelangten nur in der Form eines in der literariſchen Hofküche bereiteten Auszuges vor die Augen des Königs. Er ließ ſich die ſtenographiſchen Berichte der Kammerverhandlungen in ſein Cabinet —————————— N 46 .„ bringen, aber ſie lagen größtentheils ungeleſen dort. Es gab zuviel zu thun, zu vielerlei ceremoniellen Em— pfang, Paraden und Exercitien. Das neue Zeughaus war unter Dach gebracht, es war ein geſchmackvoller Bau geworden, und jetzt ging es an die Verzierung deſſelben. Der König ſelbſt hatte einige Zeichnungen dazu entworfen. Die großen Herbſtmanöver wurden in der Nähe der Reſidenz abgehalten, und es wurde viel von einer Neuerung geſprochen, welche die Soldaten begeiſterte. Die Königin erſchien zu Pferde in der Uniform des Regiments, das ihren Namen trug, und neben ihr ritt Irma, gleichfalls in der Regimentsuniform; die Königin ſah wie die Schutzpatronin, Irma mit ihren frohlockenden Mienen wie die wirkliche Anführerin der Bewaffneten aus. Der Jubel der Soldaten ging weit über das Commando hinaus, und wollte gar nicht enden. Der Oberſt Bronnen war voll enthuſiaſtiſcher Herz⸗ lichkeit gegen Irma. Es hieß allgemein, daß er bald nach dem Manöver um ihre Hand werben werde, ja Manche behaupteten, die Verlobung habe ſchon heimlich ſtattgefunden; der Vater Irmas, der alte Menſchenfeind, wolle nur ſeine Einwilligung noch nicht geben, aber im nächſten Monate würde die ſchöne Gräfin majorenn. Eine ſchönere Frau Oberſt konnte ſich kein Regiment wünſchen. Irma lebte im vollen Taumel des Glückes. Sie wußte nichts davon, daß die Welt ſie verlobte. Wenn ſie dem Leibarzt begegnete, ſagte ſie ihm:„Ach, täg⸗ lich will ich zu Ihrer lieben Familie, aber ich werde iuner ah ons ich ud ſi nili ausg fonnen, ſiht wiede ſih die 8 un bleibt Aauer in ſicht zur ihr jett u „Die! ſogat die Ki inder; de die Luſtbar unſchlägt Irma vern Es wa Etuben ni ſngen um ſhloſe, hitt verla ſe ſherzen der Laufe jett denke der An! Gnbunſ ſeine gith Tig hn 47 immer abgehalten. Morgen oder übermorgen aber komme ich gewiß.“ ghan Es vergingen Wochen, ehe ſie den Beſuch abſtattete, ollr und als ſie vorfuhr, meldete der Diener, daß die Fa⸗ erung milie ausgegangen ſei. Irma nahm ſich vor wiederzu⸗ ungen kommen, aber bald erſchien es ihr ungehörig, daß ſie nicht wieder beſucht wurde; ſie wartete und ließ end⸗ Nhe lich die Beziehung ganz fallen. Es iſt doch beſſer, man bleibt in einer und derſelben Sphäre; dazu war iſterte. Trauer im Hauſe des Geheimraths, und Irma war n des nicht zur Trauer geſtimmt. Der Leibarzt ſelbſt erſchien nihr ihr jetzt unfrei, denn er hatte ihr geſagt: t; die„Die meiſten Menſchen, auch die Erwachſenen und ihren ſogar die Bewußten, leben ihre Freuden aus wie die in der Kinder; das tollt, das ſcherzt, neckt und ſpringt, bis weit die Luſtbarkeit, geſättigt, in das Gegentheil von Freude enden. umſchlägt und zuletzt ein Ende mit Weinen nimmt.“ Herz⸗ Irma vermied jede fernere Erörterung mit dem Leibarzt. bald Es waren Regentage eingetreten, man konnte die werde, Stuben nicht verlaſſen, und Walpurga ging wie ge⸗ ſchon fangen umher, ſie jammerte immer nach dem Sommer⸗ alte ſchloſſe, obgleich man auch dort jetzt das Haus nicht h nicht hätte verlaſſen können.„Der Ohm hat Recht,“ ſagte Gräfin ſie ſcherzend zu Mamſell Kramer,„der hat damals bei h kein der Taufe geſagt, ich ſei eine Kuh, und ich kann mir jetzt denken, wie es einer Kuh zu Muthe iſt, die von Sie der Alm wieder zu Thal in den Stall kommt. Der Wenn Gruberſepp daheim hat eine Alm, und da ſchreien , täg⸗ ſeine Kühe allemal, wenn ſie eingetrieben ſind, drei werde Tage lang und wollen nicht freſſen. Wenn ich nur 48 wüßt', wie's daheim iſt, wenn ich nur wüßt', daß ſie mein Kind gut im Hauſe halten. Aber ich will jetzt gleich ſchreiben.“ Walpurga ſchrieb einen kläglichen Brief nach Hauſe, voll Sorge und Kummer, und ſie ward erſt wieder ruhig, als gute Nachricht kam. In den Gemächern des Kronprinzen war's bei. trübſtem Wetter als ob der helle Tag erſchiene, wenn Irma eintrat. Es verging ſelten ein Tag, an dem ſie nicht kam, doch waren ihre Beſuche jetzt kürzer; ſie ſagte, daß ſie viele Vorbereitungen zu treffen habe zur Hochzeit ihres Bruders. „Ich freue mich, da Ihren Vater zu ſehen,“ ſagte Walpurga einmal,„das muß ein prächtiger Mann ſein, der ſo ſchöne und brave Kinder hat.“ Irma griff ans Herz, es zuckte darin. „Wenn mein Vater kommt, bringe ich ihn Dir,“ ſagte ſie beſchwichtigend; der Anruf der einfachen Frau hatte ihr all' die glänzenden Feſtlichkeiten wie mit Aſche beſtreut. Sie war öfters in der Stadt, machte allein oder mit ihrem Bruder die Einkäufe für eine volle, üppig aus⸗ geſtattete Häuslichkeit. Was für die Kinder Blumen⸗ pflücken im Walde, das iſt für die Frauen in den großen Städten das Einkaufen in den Gewölben. Von Kaufladen zu Kaufladen wandern, vergleichen, wählen, ſich aneignen— es iſt auch wie Blumenpflücken. Irma war Kind und Weltdame genug, um daran ihre Freude zu finden, und ſie befriedigte zugleich eine gewiſſe Schaffensluſt, indem ſie ein Haus mit kahlen Wänden — * S gunz wel pudnerk „ ſagten, ſbnſche guna Wa ud huld ſicht die Peruf, a zufrichtig Lelehrunt geſtellt he Hütte gaufläde leuten ih laut wur Nur ſich ſo tigene, egenhei wr nie ſiumte winzen Fugen Von de Suh rechte duß ſie ill jetzt Hauſe, wieder r bei „wenn dem ſie zer; ſie abe zur ſagte Mann Dir,“ n Frau it Aſche oder mit ig aus⸗ Blumen⸗ in den n. Von wählen, Irma e Freude gewiſe Wänden 49 ganz neu und ſelbſtändig nach eigenem Geſchmack, nicht blos mit fertigem und gekauftem herſtellte. Die Handwerker und Kaufleute übertrieben nicht, wenn ſie ſagten, daß ihnen ſolch feines Verſtändniß und ſolche überraſchende Anordnungen noch nicht vorgekommen. Irma war nicht, wie man es ſo nennt, liebenswürdig und huldvoll gegen die Menſchen, ſie war einfach leut— ſelig; ſie entſchuldigte bei Kaufleuten und Handwerkern nicht die Mühe, die ſie ihnen machte, das iſt ja ihr Beruf, aber ſie ſprach achtungsvoll mit ihnen, lobte aufrichtig, wo ſie feinen Sinn fand, und dankte für Belehrung, wo ſie falſche und übertriebene Anforderungen geſtellt hatte. Hätte Irma hören können, wie in Werkſtätten und Kaufläden, von Näherinnen, Handwerkern und Kauf⸗ leuten ihr Lob in den verſchiedenſten Ausdrucksweiſen laut wurde, ſie hätte ihre herzliche Freude daran gehabt. Nur war es ihr höchſt auffällig, daß alle Leute ſich ſo oft verſprachen und die Hauseinrichtung ihre eigene, nicht die ihres Bruders nannten. Die Hochzeit wurde gefeiert. Irma hatte nicht Ge— legenheit, ihren Vater der Walpurga zu bringen; er war nicht gekommen. In dieſen Tagen allein ver⸗ ſäumte ſie den Beſuch in den Gemächern des Kron⸗ prinzen, und als ſie wiederkam— ſie hatte ſich vor den Fragen der Walpurga gefürchtet— ſprach dieſe weder von der Hochzeit, noch vom Vater. Irma ahnte, daß Mamſell Kramer der Amme das Sachverhältniß berichtet hatte. Sie hätte ihr gern die rechte Anſchauung gegeben, aber es iſt nicht thunlich; Auerbach, Auf der Höhe. IlI. 50 Menſchen aus dem Volke, die nur einfache Verhältniſſe verſtehen, können ein verſchlungenes nicht begreifen. Irma that ſich Zwang an, in der alten Weiſe mit Walpurga zu ſein; dieſe fühlte es, aber ſie ſagte nichts darüber; auch in ihr war eine eigenthümliche Zurückhaltung. Der Winter kam mit Macht heran. Walpurga hatte die Freude, wenn man auch nicht ins Freie konnte, doch einen weiten Weg mit dem Kronprinzen im Schloß zu machen. Eine ganze Reihe von Sälen war zu dieſem Behufe geöffnet und wohl durchwärmt. „Du darſſt ſingen, wie Du willſt,“ hatte ihr der Leibarzt geſagt. Aber Walpurga konnte in den großen Sälen, wo die vielen Bilder hingen und Männer in Eiſenpanzern und Frauen, die dort mit ſteifen Krauſen und hier mit entblößtem Nacken auf ſie herabſahen, keinen Ton aus der Kehle bringen. Sie fürchtete ſich immer vor den Bildern. „Es iſt gewiß dumm, was ich ſage, und Sie müſſen mir verſprechen, daß Sie es nicht weiter ſagen,“ ver⸗ traute ſie einſt Irma, die ſie begleitete. „Sag's nur, mir kannſt Du Alles ſagen.“ „Es iſt gewiß dumm, aber ich meine: die Männer und Frauen da können drüben die ewige Ruhe nicht finden, ſie müſſen ja immer da ſein und Allem zu⸗ ſchauen.“ „Das iſt gar nicht ſo dumm, was Du ſagſt,“ lächelte Irma.„Aber gieb Acht, Walpurga, was ich Dir ſage. Wenn man ſo da geht und ſteht und Vater und Urgroßvater und weiter hinaus ſchauen auf Einen henb, ſ diſt m un in Irm viederzu Nin ſtht un hatte ſich las, nic ſondern den Köl tändniß ſchwere Anderen Dra laubten nit Str aber wa das ſch in Feſt ſiſt beſt der gro guin be dem S uch zu es wur onne; leinen ltniſſe eifen. e mit ſagte nliche urga Freie inzen älen ärmt. der roßen er in auſen ahen, ſich üſſen ver⸗ inner nicht nzu⸗ agſt,“ s ich Vater Einen 51 herab, ſiehſt Du, das iſt es, was man Adel heißt— da iſt man immer mit ſeinen Vorfahren.“ „Ich verſtehe, was Sie meinen. Das iſt wie wenn man im Herzen immer eine Seelenmeſſe für ſie lieſt.“ Fa, ſo iſts1“ Irma dachte daran, dieſes Geſpräch der Königin wiederzuerzählen. Nein, ihm, dem König wird ſie's erzählen, er ver⸗ ſteht und faßt Jegliches dichteriſch und groß. Irma hatte ſich daran gewöhnt, Alles was ſie erlebte, dachte, las, nicht für ſich zu erleben, zu denken und zu leſen, ſondern ſtets mit dem Vorſatze und der Freude, es dem Könige zu erzählen. Er war ſo dankbar, ſo ver⸗ ſtändnißreich und glücklich darüber, und er hat ſo ſchwere Regierungsſorgen, daß es Pflicht iſt, ihn mit Anderem zu erheitern. Draußen auf dem Sommerſchloſſe ſtanden die ent— laubten Bäume voll Schneelagen und die Fenſter waren mit Strohdecken behangen, im Schloſſe in der Stadt aber war blühendes Leben. Das duftete, das glänzte, das ſchimmerte, und im Hauſe Brunos reihte ſich Feſt an Feſt. Der Hof ſelbſt hatte das erſte Einweihungs⸗ feſt beſucht, und man ſprach in der ganzen Stadt von der großen Milde der Königin, die dieſe Art Schwä⸗ gerin beſuchte und freundlich und leutſelig bei ihr auf dem Sopha geſeſſen hatte. Die alte Baronin hatte auch zum erſten Feſt ihrer Kinder kommen wollen, aber es wurde ihr mitgetheilt, daß dann die Königin nicht komme; ſie blieb daher auf ihrem Ruheſitze in dem kleinen Städtchen. 52 Arabella hatte dem Vater Brunos geſchrieben. Ihr Gatte hatte es ihr nicht verwehrt, aber er hatte ihr vorausgeſagt, daß ſie keine Antwort erhalten werde, und das konnte er mit Fug und Recht, denn er hatte den Brief gar nicht abgeſchickt. Irma tröſtete ſie darüber, und es war ihr tief peinlich, die Eigenart des Vaters derart zu ſchildern, daß ſich ſein Verſtummen erklärte; es war ihr wie Verrath, aber ſie mußte es, warum ſollte das arme Kind leiden? Bald aber war wieder Alles vergeſſen, der Vater, die weiland Tänzerin, ja alles eigene Denken, denn Feſt reihte ſich an Feſt. Während das Abgeordnetenhaus, nicht weit vom Marſtall, ſich in ſogenannten Entſcheidungskämpfen er⸗ hitzte, wurde in der königlichen Reitbahn Probe ge⸗ ritten zu einem Carrouſſel in mittelalterlicher Ritter⸗ tracht. Fürſt Arnold, der, wie es hieß, um Prinzeſſin Angelique freite, war Anführer der Herren, Irma An⸗ führerin der Damen. Man legte es in der Stadt als biſſige Ironie aus, es war aber in der That nur Zufall, daß am Abend deſſelben Tages, an dem die Kammer aufgelöſt wurde, die glänzende Aufführung des Carrouſſels ſtattfand. Allen voran ſtrahlte Irma. Als ſie in die königliche Loge trat, ſpendete ihr der König lautes Lob wegen ihrer Schönheit und Kunſtfertigkeit. Die Königin ſtimmte bei und ſagte: „Gräfin Irma, Sie müſſen glücklich ſein, daß Ihre Erſcheinung und Ihr Weſen uns Allen ſo viel Glück bereitet!“ auch die B dl Dieſe am velſch es N ———— * 53 Ihr— te ihr 8 Irma beugte ſich nieder und küßte ihre Hand. Man hatte kaum Zeit gehabt, ſich von einem Feſte hatte(T* auszuſchlafen, ſo ging's wieder zum andern. Beſonders belebt, die ganze Stadt aufregend, war eine großartige 3 Schlittenfahrt. Der König ſaß mit der Königin im offenen Schlitten, und ſo ſehr man auch über die wie gegenwärtige Politik empört war, freute man ſich doch, das königliche Ehepaar ſo glücklich zu ſehen. Un⸗ eſſen, mittelbar hinter dem Schlitten der Prinzen des Hauſes nken, fuhr Bruno mit ſeiner ſchönen Frau, aber ſo reich auch das Geſchirr und ſo ſchön auch das Paar war, vom die Blicke wendeten ſich ſchnell ab zum nächſten Schlitten, e⸗ da ſaß Irma an der Seite des Baron Schöning. Dieſen hatte ſie ſich gerade als den paſſendſten Stroh⸗ iter⸗. mann ausgeſucht, Ueberraſchung und ſpöttiſches Lachen zeſſin verſchmolzen ſich auf dem Angeſicht der Zuſchauer. An⸗„Wenn nur mein Mann das ſehen könnte, ſo Et⸗ was gönnt' ich ihm auch, man glaubt gar nicht, daß aus, es wahr iſt,“ ſagte Walpurga, die aus ihrem Fenſter lbend die Fahrt mit anſah. urde, Niemand bemerkte ſie als Irma, die ihr zuwinkte. fand. Wie ſtrahlte ſie! So ſchön war ſie noch nie, die friſche gliche Winterkälte hatte ihr Geſicht wunderbar belebt. Sie vegen ſaß in einem Schwan von zwei weißen Roſſen gezogen, und Walpurga ſagte an die Scheibe hin:„O du gute † Seele, du ſiehſt ja aus, wie wenn du in den Himmel Ihre hinauffahren müßteſt. Aber den Faſtnachtshanſel da Glück neben dir wirſt du doch nicht heirathen?“ Die letzten Worte hatte ſie ganz laut geſagt. „Die heirathet gar nicht!“ rief hinter ihr eine Stimme. . Walpurga ſchaute erſchreckt um, Baum ſtand hinter ihr. „Du biſt aber auch ein ewiger Horcher,“ ſagte ſie; die ganze Freude war ihr vergällt. Das dauerte aber nicht lange, denn bald kam Irma und ſagte: „Walpurga, bei Dir allein kann ich mich erwärmen; es iſt doch grimmig kalt und Du biſt ſelber wie ein geheizter guter Ofen, und dick und breit wie ein Kachel— ofen wirſt Du auch.“ Walpurga war glücklich mit ihrer Freundin. Die kommt doch immer zu ihr und bringt ihr von allen Freuden etwas. Wie erſchrak aber Walpurga, als plötzlich der König eintrat. Ey ſagte zu Irma, ſich freundlich ver— beugend: „Es wurde eben ein Brief an Sie abgegeben, ich wollte ihn ſelbſt bringen.“ Irma ſchlug die Augen nieder und empfing den Brief. „Oeffnen Sie doch!“ ſagte der König und winkte Walpurga, ihm in das Zimmer des Prinzen zu folgen. Als er wieder herauskam, fragte der König: „War's eine freudige Nachricht, die Sie bekommen haben?“ Irma ſchaute ihn groß an und ſagte endlich: „Er iſt von meinem liebſten Freunde.“ Der König nickte, da der von ihm ſelbſt geſchrie⸗ bene Brief ſo beantwortet wurde. Er ſetzte in leichtem Tone hinzu: „Liebe Gräfin, Sie werden ſich gewiß ſchwer von Walpurga trennen können und ihre Stelle geht ja doch ief. nkte en. men hrie⸗ htem von doch 55 mit der Zeit ein. Beſinnen Sie ſich auf eine andere Stelle, daß Sie ſie in Ihrer Nähe behalten.“ Walpurga athmete hoch auf, das Wort lag ihr auf den Lippen:„Geben Sie mir die Meierei!“ aber ſie konnte es nicht herausbringen, es war als ob ihr die Zunge angeheftet wäre und der König verabſchiedete ſich bald; er kam und ging ſo ſchnell. „Nein, Du ſollſt nicht hier bleiben; es iſt beſſer, glaube mir, tauſendmal beſſer für Dich, Du gehſt wieder heim. Im nächſten Sommer beſuche ich Dich einmal, ich vergeſſe Dich nie, da haſt Du meine Hand drauf,“ ſagte Irma, als ſie mit Walpurga allein war. Walpurga hatte jetzt den Muth, ihren Wunſch nach der Meierei auszuſprechen; aber Irma beharrte bei ihrer Weigerung:„Du verſtehſt das nicht, glaub' mir, es iſt beſſer für Dich, Du gehſt wieder heim!“ Sechstes Capitel. „Wie lebt ihr denn im Winter auf dem Lande?“ fragte die Königin, als ſie nachdenklich bei der Wiege des Kindes, das nun ſchon lange aufrecht ſaß, weilte. „Ganz gut,“ erwiderte Walpurga,„aber das Holz wird leider auch ſchon bei uns theuer und man iſt doppelt froh, wenn's wieder Frühjahr wird; freilich zur Winterszeit hat mein Hanſei guten Verdienſt, da kann man das Holz auf der zu Thal bringen. Meine Mutter ſagt immer: Unſer Herrgott iſt doch der oberſte Straßenmeiſter, der kann Wege machen und das Holz bringbar, wo ſonſt kein Menſch hin kann.“ „Du haſt eine brave Mutter, grüße ſie von mir, und wenn ich wieder einmal ins Gebirge komme, be⸗ ſuche ich ſie.“ „O Gott, wenn das wäre!“ „Nun ſage mir,“ nahm die Königin wieder auf, „womit vertreibt ihr euch im Winter die Zeit?“ „Wenn die Hausarbeit gethan iſt, dann ſpinnt das Weibervolk, und die Männer gehen am Tag in den Wald und ſchlagen Holz und am Abend ſind ſie müde, ſelten einmal, daß einer Lichtſpäne macht.“ „Und da ſingt ihr auch?“ „Ja gewiß, warum nicht?“ „Und leſt ihr euch nie etwas vor?“ „Nein, nie. Erzählen thun wir gern und einander recht fürchten machen.“ „Und tanzt ihr auch manchmal?“ „Ja, zu Faſtnacht, aber es iſt nicht mehr viel; zu alten Zeiten ſoll's beſſer geweſen ſein.“ „Und habt ihr nie Langeweile?“ „Nein, gar nicht, wir haben keine Zeit dazu.“ Die Königin ſchaute lächelnd in die Aſtrallampe, die auf dem Tiſche ſtand. Wie viel Mittel braucht die vornehme Welt, um die Stunden los zu werden. Als ob ſie einen langen Satz vorher angeführt hätte, ſagte ſie endlich: „Und Du weißt gewiß, daß Dein Mann Dir immer getreu iſt? Es kommt Dir nie ein anderer Gedanke?“ „Meine Mutter ſagt oft, alle Männer ſeien nichts u it —.. ——— 2——————————— — nutz, aber meinen Hanſei nimmt ſie aus. Er thäte ſich ins Herz hinein ſchämen, einer Andern ein ſchön Wort zu ſagen; das thät ihm nachlaufen Tag und Nacht und er könnte Keinem mehr frei ins Auge ſchauen. 4 Er iſt keiner von den Gewitzigten, im Gegentheil, aber 7 brav, grundbrav, ein bischen karg und genau im Geld, und immer in Sorgen, wir könnten einmal in Noth kommen; aber daran hat er ſich ja gewöhnen müſſen, 3 wenn man ſein Lebenlang ſo die Kreuzer zuſammen— n ſparen muß. Aber Gottlob, das iſt ja jetzt vorbei.“ Wenn Walpurga einmal zu erzählen angefangen hatte und man ſie nicht unterbrach, ſo ſprudelte es wie ein Röhrbrunnen aus der Bergwand immer fort. Sie erzählte nun tauſenderlei kleine Geſchichten, wie ſie ſich zum Erſtenmal drei Gänſe angeſchafft habe, zwei weiße und eine graue, wie viel Federn ſie davon gewonnen, die ſie nachher ſo gut verkauft habe; aber Enten, die halte ſie ſich jetzt acht Stück, die ſeien viel nützlicher, die koſten faſt gar kein Futter, und ihre Ziege die ſei gar geſcheidt. Einmal hätten ſie auch einen Hammel gehabt, aber das ſei nichts, die gehören — —— in die Heerde und gedeihen nicht allein. Zuletzt kam Walpurga wieder darauf, daß ſie's noch gar nicht. e glauben könne, daß ſie zwei eigene Kühe im Stalle hätte, ihr Lebenlang hätte ſie nicht geglaubt, daß man t ſich ſo viel wünſchen könne; und dann erzählte ſie vom Gemswirth, dem ſei eigentlich nicht zu trauen, aber r man müſſe ſich doch mit ihm halten, denn wenn man „ mit dem verfeindet wäre, ſei man im Dorf wie aus⸗* 8 geſtoßen und das Haupt⸗Haus ſei Einem verſchloſſen. 58 Der Gemswirth wende Einem auch einmal einen Vortheil zu, wenn er keinen Schaden dabei habe, er habe ihre Enten ganz gut bezahlt; auch die Fiſche bezahle er gut, und wenn man einmal in Verlegenheit ſei, wüßte man doch, wo man ein paar Kreuzer geborgt kriege; ſie wolle ihm auch eigentlich nichts Böſes nachſagen, er ſei ihr einmal keck gekommen, und da habe ſie ihm den Weg gewieſen, daß er ſein Lebenlang daran denkt. Die Königin ſolle ihm ja nichts thun, er ſei im Ganzen genommen auch gut, er ſei eben ein Wirth. Aber gar ſo viel gute Menſchen ſeien da, freilich ſchenken thut Einem Niemand etwas, und ſie möchte auch nichts geſchenkt— aber wenn man weiß, daß da überall an den Halden Menſchen wohnen, die Einen gern haben, da iſt Einem die ganze Gegend wie eine geheizte Stube. Die Königin lachte. Walpurga ſprach immer weiter und weiter, und je mehr ſie ſprach, deſto mehr plauderte das Kind und ſchlägelte mit den Händen und jauchzte, die Stimme der Walpurga that ihm gar wohl, und Walpurga ſagte: „Sehen Sie, er iſt g'rad wie ein Canarienvogel; wenn recht viel in der Stube durcheinandergeſprochen wird, da ſingt er auch luſtig mit. Gelt, Du Cana⸗ rienvogel,“ rief ſie, den Kopf gegen das Kind ſchüttelnd, und das Kind jauchzte noch lauter. Die Königin fuhr ſich mehrmals mit der Hand über's Geſicht. Die Berichte der Walpurga verſetzten ſie in eine ganz andere Welt. So alſo leben Menſchen unter dir, neben dir, fern von dir; ſie verbringen ihre Lebenstage in Arbeit und Sorge, und ſind doch glücklich. 4 fragen. Die 5 fort: — „D, Eie habe Ales hat, Man hat gekommen nan hatn und die E etſt iſt m Knigin, ſeien Sie „Heut nigin nac Valpurgg Du auch „ hat nir chet ich lung kan er gleich Der ver Reinen Dor Vl nd me ſte: el; hen a⸗ lnd, and tzten chen ihre klich. „Warum ſchauen Sie ſo traurig drein?“ fragte Walpurga. Die Königin erwachte. Niemand ſonſt hatte ſo in ihr Antlitz geſehen, Niemand konnte und wollte ſie ſo fragen. Die Königin antwortete nicht und Walpurga fuhr fort: „O, liebe Frau Königin, ich kann mir's denken, Sie haben's ſchwer. Wenn ein Menſch ſein Lebtag Alles hat, in Hülle und Fülle, das hat auch ſein Böſes. Man hat den Himmel ſchon auf der Welt. Sind Sie ſich denn auch einmal recht einſam und verlaſſen vor— gekommen? Wenn man da in Trauer aufwacht und man hat noch ſeine geſunden Glieder, und kann ſchaffen und die Sonne iſt noch da und gute Menſchen— da erſt iſt man recht daheim auf der Welt. O, gute Frau Königin, faſſen Sie nur Ihr Glück recht ins Herz und ſeien Sie nicht traurig.“ „Heute wird Wilhelm Tell gegeben,“ ſagte die Kö⸗ nigin nach einer langen Pauſe, es mußte ſie etwas in Walpurga daran erinnert haben.„Ich möchte, daß Du auch einmal ins Theater gingeſt,“ ſetzte ſie hinzu. „Ich möcht' auch ſchon, die gute Mamſell Kramer hat mir viel davon erzählt, das muß ja prächtig ſein; aber ich kann ja mein Kind nicht mitnehmen, und ſo lang kann ich es nicht allein laſſen. Sehen Sie, was er gleich für ein bitteres Geſicht macht, und aufhorcht? Der verſteht Alles, was wir hier reden. Ich wette meinen Kopf, er verſteht jedes Wort.“ Der Knabe weinte plötzlich, Walpurga nahm ihn auf den Arm, hätſchelte ihn und ſang in Schnader— hüpferlweiſe: „Ich will kein Theater, Ich will nirgends hin, s iſt beſſer und grader, Wenn ich bei Dir bin.“ Der Prinz wurde ruhig und ſchlief ein. „Ja, Du haſt Recht,“ ſagte nach einer Weile die Königin,„bleib' wie Du biſt, und wenn Du einmal wieder heimkehrſt, denk' nur nicht zurück; denk' nur, Du haſt's am beſten auf der Welt!“ Die Königin ging und Walpurga wollte der Mam⸗ ſell Kramer ſagen, daß ſie die Königin ſo ſchwer⸗ gemuth finde; was denn vorgehe im Schloſſe? Aber ein innerer Tact hielt ſie zurück. Die Königin war ſo traulich und ſchweſterlich mit ihr, ſie darf mit Nie⸗ mand anderm über ſie ſprechen, und vielleicht will die Königin andere Leute gar nicht wiſſen laſſen, daß ſie traurig iſt. Viele Tage war eine Wallfahrt der Hofdamen und Hofcavaliere zu Walpurga, denn man konnte etwas ſehen, was man gar nicht mehr kannte. Walpurga hatte vom Leibarzt die Erlaubniß bekommen, daß ſie ſich eine Kunkel anſchaffen und ſpinnen durfte. Mit der Spindel ſpinnen, das war ja wie ein Märchen, das hatten von den Herren und Damen noch wenige geſehen, und ſie kamen und ſahen Walpurga mit verwunderten Augen; dieſe aber lachte immer glücklich, wenn ſie wieder einen friſchen Faden auf die Spindel rollte. —— win auf d hnin au goden ſaßen ſofen und! Was ſ ſinnen frn Walpur ſortan die vr Joden, die purga dem B ſchnell ein p Sugenkreis o ſhene Prinz Känigin fre lobte ſie m Salontiwler Walpur Prinzen in in See, de ſchon 7000 Kopf ud der⸗ die mal Du und was uga ſie Mit das hen, rten eder Alle Leute vom Hofe betrachteten die Spindel, und der Salontiroler erklärte, wie dies das Werkzeug ſei, mit dem Dornröschen ſich verletzt hatte. Wieder war Irma die Beneidete, denn auch ſie ver⸗ ſtand zu ſpinnen und kam bisweilen wie eine Nach⸗ barin auf dem Dorfe und heftete Walpurga an; die Beiden ſaßen an Einer Kunkel und ſpannen von Einem Rocken und ſangen gemeinſam helle Lieder dazu. „Was ſoll denn aus dem werden, was wir da ſpinnen?“ fragte Irma. Walpurga war ärgerlich, daß durch dies Berufen der Zauber geſtört war. Sie ſagte: „Hemdchen für meinen Prinzen! Aber das darf nur von meinem eigenen Geſpinnſt ſein.“— Sie legte fortan die vollen Spindeln Irmas beſonders. Nur die Faden, die ſie aus ihrem Munde genetzt, ſollten einſt den Prinzen bekleiden. Irma konnte nicht umhin, das Vorhaben der Wal— purga dem Baron Schöning zu erzählen, und dieſer machte ſchnell ein paſſendes Gedicht darauf, wobei er auf den Sagenkreis anſpielte, wie eine Fee oder eine verwun⸗ ſchene Prinzeſſin Linnen ſpann für ihren Liebling. Die Königin freute ſich des Gedichts und zum Erſtenmal lobte ſie mit voller Aufrichtigkeit die Verskunſt des Salontirolers. Walpurga ſaß am Spinnrocken. Sie erzählte dem Prinzen in der Wiege die Geſchichte vom Karpfenkönig im See, der drunten auf dem Grunde ſchwimmt; er iſt ſchon 7000 Jahre alt, und hat eine Krone auf dem Kopf und einen mächtig langen Bart, und über ihm ——————————— —— S —— ſchwimmen Millionen Fiſchchen und ſpielen Fangens mit einander, und wenn eins davon bös iſt und neidiſch und zänkiſch und unfolgſam, da kommt der böſe Hecht und frißt ihn, und dann kommt der Fiſcher und fängt den Hecht, und dann kommt die Köchin und ſchneidet den Hecht auf, und dann ſpringen die kleinen Fiſche her⸗ aus und wieder in den See, und werden wieder leben⸗ dig und erzählen was ſie erlebt haben, und wie es ſo finſter iſt im Bauch von dem Hecht und nicht ſo hell wie im See, und der Hecht wird in Stücke geſchnitten und wird aufgegeſſen, und wenn man da nicht auf⸗ paßt, ſo kriegt man eine Gräte in den Mund und muß huſten, und Walpurga huſtete mit vieler Kunſtfertigkeit. Plötzlich ging die Thür auf und zum Schrecken der Walpurga trat ein ſchöner junger Officier herein, ging gerade auf ſie zu, grüßte militäriſch, zwirbelte ſeinen Schnurrbart und fragte: „Habe ich die Ehre, die Zauberſpinnerin, genannt Walpurga Andermatten, von der Gſtadlhütte am See vor mir zu ſehen?“ „Ja, lieber Gott, ja, was iſt denn?“ „Ich bin geſandt vom Geiſt Kußſchmatzky, und er befiehlt der Walpurga, daß ſie mich dreimal küſſe, um mich zu erlöſen.“ Walpurga zitterte am ganzen Leibe, ſie hat's ver⸗ ſchuldet, warum hat ſie dem Kind ſo viel Märchen er⸗ zählt? Jetzt wird's wahr, da iſt's ja. Plötzlich fiel ihr der Officier um den Hals und küßte ſie mit aller Macht, und dann lachte der Officier, daß er ſich nicht mehr halten konnte, und ſetzte ſich auf einen Stuhl und rief: Iſo du e wächlh⸗ Du Sh J Nahte Grüfin, abel gaben ml au b1 n* Iſt Walvurg „Volh iſt Du nich pil ſehen. (T habe ſeht che unnt. Dos urga, ernſt 5 liebe G lchen Sie n winen. Da don Gruberſ inen Schaz Nugd hingeg und ſt zu Stub, wie ſi gethun, wie buemtochter mſgewacht, auskonnt v derte von ens mit iſch und cht und ingt den idet den ſche her⸗ r leben⸗ e es ſo ſo hell chnitten ht auf⸗ nd muß rtigkeit. ken der i, ging ſeinen enannt mn See und er ſſe, um t's ver⸗ hen er⸗ lich fiel it aller ht mehr nd rief: ——— 63 „Alſo Du kennſt mich wirklich nicht? Das iſt ja prächtig! Kennſt Deine Freundin Irma nicht mehr?“ Schelm, Du nichtsnutziger Schelm, Du!“ platzte Walpurga heraus.„Verzeihen Sie, gnädige Gräfin, aber wer kann auch ſo was denken? Und Sie haben mir auch ſo Angſt gemacht. Ja, was iſt denn jetzt das? Iſt denn hier ſchon Faſtnacht?“ „Walpurga, wenn Du franzöſiſch verſtündeſt, könn⸗ teſt Du mich heut Abends in einem franzöſiſchen Luſt⸗ ſpiel ſehen. Der König ſpielt auch mit. Es iſt wirklich ſchade, Du wärſt mir das liebſte Publikum. Aber ich habe jetzt ſchon genug Beifall. Du haſt mich nicht er— kannt. Das freut mich.“ „Und mir thut es von Herzen leid,“ ſagte Wal⸗ purga, ernſt werdend mit ganz verändertem Angeſicht. „O, liebe Gräfin, wiſſen Sie denn auch, was Sie da thun? Das iſt ja die größte Sünde, Mannskleider an⸗ ziehen, da iſt ja der Teufel Herr über Einen. Ja, lachen Sie nicht, ich bin nicht ſo einfältig, wie Sie meinen. Das iſt gewiß und wahr. Beim Großvater vom Gruberſepp, da war eine Tochter und die hat einen Schatz gehabt, der war im Krieg, und da iſt eine Magd hingegangen und hat ſich als Soldat verkleidet, und iſt zu der Tochter von dem Gruberbauer in die Stub', wie ſie auch ſo ſpinnt, wie ich jetzt, und hat da gethan, wie wenn ſie ihr Schatz wär' und die Gruber⸗ bauerntochter iſt in Ohnm„t gefallen, iſt aber wieder aufgewacht, und die Verkleive te iſt fort, und wie ſie hin⸗ auskommt vor das Haus, da ſind auf Einmal Hun⸗ derte von Männern mit Peitſchen und Roßköpfen, und — —————————————— ——— n — —— — ———— 64 ie haben ſie gejagt, und da iſt ſie fort und da hat ſie der Teufel mitten von einander geriſſen und in den See geworfen. Ja, das iſt eine wahre Geſchichte, das können Sie mir glauben; es giebt noch Leute genug, welche die Magd gekannt haben.“ „Du könnteſt Einen ganz ſchwermüthig machen,“ ſagte Irma. „Es kann ſein, daß ſo etwas nur bei uns geſchieht,“ tröſtete Walpurga wieder.„Da draußen ſtehen Solda⸗ ten mit Ober- und Untergewehr, die laſſen den Teufel nicht herein. Aber liebe, gute, herzige Gräfin, ſchämen Sie ſich denn nicht, ſo in den Kleidern vor allen Menſchen?“ „Du biſt aus einer andern Welt als wir, Du haſt Recht und wir auch,“ ſagte Irma, mit ſchnellen Schritten ſporenklirrend im Zimmer auf- und abgehend. „Nein, Walpurga, fürchte nichts für mich und laß Dir den Schreck nicht zu nahe gehen.“ Sie war wieder ganz das übermüthige und dabei ſo treuherzige Geſchöpf, und Walpurga konnte nicht umhin, zu ſagen: „Aber wunderſchön, wirklich wie ein Prinz ſehen Sie aus.“ Als Irma weggegangen war, ſah Walpurga noch lange nach der Thür. Es war ihr, als ob Alles nur ein Traum geweſen. Es vergingen viele Tage, Irma war heiter und wohlgemuth bei Walpurga. Sie ſpannen und ſangen mit einander, und der König und die Königin kamen einmal gemeinſam— noch nie waren ſie mit einander und ſchaut wor anfan Ein lel inke der golden mit Kleide füt die V nit einen m pn ghängt. ſönig ſt meinen aler da hat in den te, das genug, achen,“ chieht,“ Solda⸗ Teufel chämen allen Du hnellen ehend. aß Dir dabei nicht ſehen a noch es nur er und ſangen kamen nander 65 gekommen— und ſie ſaßen an der Wiege des Kindes und ſchauten und hörten den Beiden zu. Walpurga war anfangs verzagt, dann aber ſang ſie luſtig. Ein lebendiges Wunder that ſich vor Walpurga auf. Der Weihnachtsabend kam. Die Königin hatte die Sitte des Weihnachtsabends von ihrer Heimath hierher verpflanzt. Walpurga wurde mit dem Kinde in den großen Saal geführt, wo der Weihnachtsbaum in hellen Lich⸗ tern prangte, und ringsum reiche Geſchenke. Es war, als ſtände man im Zauberberge, ſo flim⸗ merte und glänzte Alles, und ſo reich und mannigfaltig waren die Geſchenke. Das Kind jauchzte und wollte immer mit den Händchen nach den Lichtern greifen. Walpurga erhielt überreiche Geſchenke. Aber mehr als das blinkende Gold und die reiche Granatenſchnur mit der goldenen Agraffe, freute ſie ein wohlgeordneter Tiſch mit Kleidern. Da war ein vollſtändiger Winteranzug für die Mutter der Walpurga, und ein Winteranzug mit einem ſchönen grünen Hut für Hanſei, und viele Kleider und Weißzeug für die kleine Burgei. „Iſt das Alles recht?“ fragte die Königin.„Ich habe das Maß kommen laſſen aus Deinem Dorfe.“. „O, wie recht,“ ſagte Walpurga,„ſo viel Fäden ſind nicht in den Kleidern, ſo viel ſage ich Ihnen Dank!“ Plötzlich fiel ihr etwas ein, ſie ſchickte Baum in ihr Zimmer, er ſollte das Garn holen, das ſie dort auf⸗ gehängt. Baum brachte es ſchnell, ſie übergab es, der König ſtand dabei und ſie ſagte:„So vielmal ich aus meinem Munde da jeden Faden genetzt, ſo vielmal Auerbach, Auf der Höhe. II. 0 66 danke ich Euch; und ich will für Euch beten, ſo lang ich meine Zunge rühren kann, und es wird Euch Allen gewiß gut gehen.“ Der König reichte ihr die Hand und ſagte:„Du biſt brav, aber rege Dich nicht auf.“ Sie drückte ihm tapfer die Hand.... Walpurga ſaß in ihrer Stube, da kam die Königin ſpät in der Nacht noch einmal.„Es iſt gut, daß Sie kommen,“ ſagte Walpurga leiſe. „Warum? iſt dem Kinde etwas?“ „Nein, Gottlob, es iſt ganz ruhig. Sehen Sie, wie er mit geballten Fäuſten ſchläft? Aber heut iſt die Nacht, wo ſo ein Sonntagskind Alles ſieht: Um zwölf Uhr hört er, was die Engel im Himmel und die Thiere im Wald ſprechen. Da muß man bei ihm ſein und immer Vaterunſer beten, dann ſchadet es ihm nichts.“ „Ja, ich will bei Dir bleiben, das ſchadet gewiß nichts. Aber Du mußt Dich nicht ſo mit dem Glauben plagen.“ Walpurga ſah die Königin mit einem fremden Blicke an. „Ja die kann nicht,“ dachte ſie,„die iſt doch nicht in unſerem Glauben geboren,“ und die Königin ſagte: „Ich bin froh, daß ich ſo viele Menſchen, wie Dich heute, glücklich machen kann.“ „Und müſſen ſelber auch glücklich ſein für ſich ſagte Walpurga.„Glauben Sie mir, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, es iſt nichts mit der Irma, ſie iſt brav und der König iſt auch brav.“ Die Königin zuckte zuſammen. Alſo ſchon dahin iſt dämpfter o nicte Wah und verlie ie G * nen Menſ den ſei. Ine ſtraße ſte lang Allen „Du e ihm ewiß uben mden nicht agte: Dich ſich!“ meine 67 es gedrungen? Schon da tröſtet man ſie? Sie ſaß lange ſtarr. Die Glocke ſchlug Zwölf und von allen Thür⸗ men der Stadt begann es zu läuten. Es war ein wunderſames Wogen und Klingen in den Lüften. Da begann das Kind in der Wiege im Schlaf zu lallen. Walpurga winkte der Königin und ſprach das Vaterunſer fort und fort mit ſtarker Stimme. Die Königin bewegte die Lippen und betete leiſe mit. Als das Gebet zum drittenmal wiederholt wurde, ſprach die Königin laut:„Und vergib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigern,“ dann kniete ſie an der Wiege des Kindes nieder und hüllte ihr Ge⸗ ſicht in die Kiſſen. Walpurga ſtand in Ehrfurcht vor der Mutter, die ſtumm an der Wiege des Kindes lag. Sie betete mit gedämpfter Stimme weiter. Die Königin ſtand auf, nickte Walpurga zu, grüßte mit beiden Händen, ihre Erſcheinung war geiſterhaft, ſie ſprach kein Wort mehr und verließ das Zimmer. Die Glocken verklangen und das Kind ſchlief ruhig. Siebentes Capitel. In den Tagen und Nächten von Weihnachten bis Neujahr geſchehen noch immer Wunder. Die nüchter⸗ nen Menſchen behaupten, daß das Feenreich verſchwun— den ſei. Es iſt noch da. In einem weitläufigen Hintergebäude der Königs⸗ ſtraße ſtehen ſtumme Geſellen und legen geheimnißvolle — —— —— — — — —— 68 Keile zuſammen und die Keile werden einem ruhenden Ungeheuer übergeben, das ſich plötzlich bewegt, knarrt, ächzt und keucht und da drin werden Hunderte von Menſchen neu geſchaffen— mit Einem Wort: in der Hofbuchdruckerei wird das Regierungsblatt gedruckt, das Beförderung und Decorirung von hundert und aber hundert Menſchen zu Neujahr verkündet. Was iſt für die meiſten Sterblichen der Neujahrs⸗ tag? Erinnerung, Vorſätze, Nachdenken über Vergäng⸗ lichkeit des Daſeins, Freude über das, was noch ge⸗ blieben, aber aus Allem heraus doch wieder nur gleich⸗ mäßige Fortſetzung des Lebens von geſtern. Wie ganz anders für Diejenigen, deren Bedeutung vornehmlich in ihrer Anſtellung beſteht, und die zu etwas anderem, als was ſie heute ſind, gemacht wer— den können. Das Regierungsblatt mit ſeinen Neujahrsbeſche⸗ rungen erſchien. Auch der Königin ward eine Freude zu Theil. Ihr Engliſchlehrer, den ſie als Cabinets⸗ ſecretär aus der Heimath mitgebracht, ein würdiger und edelgeſinnter Mann bei Jahren, erhielt den Titel Hofrath und ward dadurch in die entſprechende geſell⸗ ſchaftliche Stellung der Hoffähigkeit geſetzt. Von allen Beförderungen erregte aber keine ſo viel Aufſehen am Hofe und in der Reſidenz, wie die Er⸗ nennung des ſogenannten Salontirolers zum General⸗ Intendanten der königlichen Schauſpiele. Und er ſelber war am meiſten überraſcht. Er hatte zwar damals, als er mit Irma in der franzöſiſchen Comödie ſpielte, großen Beifall geerntet, aber ſolchen Erfolg konnte er jahrs⸗. rgäng⸗ gleich⸗ utung ie zu wer⸗ viel eral⸗ elber nals — 69 doch nicht erwarten. Er rieb ſich die Augen, als er die Ernennung las. Iſt das ein gnädiger Scherz? Er giebt ſich gern zu Allem her, aber doch nur im kleinen Kreiſe, nicht ſo vor aller Welt. Es war kein Scherz, ſondern volle Wahrheit; da ſtanden ja daneben Beförderungen und Ernennungen von ſo viel ausge⸗ zeichneten Männern in ernſten Stellungen. Es iſt Wahrheit, ſchöne Wirklichkeit. In der Stadt hieß es allgemein, und man lächelte verſtändnißreich dazu, der Salontiroler ſei zu dieſer hohen Stellung ernannt worden, um der Gräfin Irma, die er heirathen werde, einen entſprechenden Rang zu geben; noch Boshaftere dagegen wollten behaupten, daß man gern dem wackeren Hofnarren dieſe Stellung gebe, da das ganze Theaterweſen bei Hofe als eine Art her⸗ kömmlicher Narrethei und blos äußerlicher Unterhaltung angeſehen werde. Der Baron Schöning oder— wie er jetzt doch ge— nannt werden muß— der Intendant, empfing die Beſuche ſeiner Unterbeamten mit vieler Würde, dann fuhr er nach dem Schloſſe. Sein Weg ging hier an den Gemächern der Gräfin Irma vorüber. Er ließ ſich melden. Irma empfing ihn freundlich und glückwünſchte ihm herzlich. Er gab zu verſtehen, wie er wohl wiſſe, daß er einen weſentlichen Theil ſeiner Erhöhung der Gräfin verdanke. Sie that, als ob ſie ihn nicht ver⸗ ſtehe, da er mit vieler Emphaſe darauf hinwies, daß eine Frau von gutem Geſchmack und echtem Kunſtſinn ihn am meiſten in ſeinem neuen Beruf fördern und —— — lenken könne. Irma ging auch hierauf nur mit leich⸗ ter Ablenkung ein. Sie war heute ſehr zerſtreut; ſie ſchaute oft aus den Parterrefenſtern ihres Salons hin⸗ aus in den Park, wo jetzt— der Schnee war faſt ge⸗ ſchmolzen— die marmornen Statuen der Götter und Göttinnen ihre Winterhüllen abgeworfen und wieder frei ſtanden; ihrem Fenſter zunächſt, im Profil ſicht— bar, ſtand die Venus von Milo. „Verzeihen Sie,“ ſagte ſie endlich, ſich aus ihrer Zerſtreuung erhebend,„ich freue mich auf Ihre Kunſterneuerung und werde gern mit Ihnen darüber ſprechen. Vor Allem bitte ich, führen Sie die Muſik beim Schauſpiel wieder ein, wenn auch nicht immer Zwiſchenacts⸗Muſik, doch jedenfalls etwas Muſik vor dem Anfang.“ „Die Muſiker ſind ſehr dagegen—“ „Ich weiß, jede Kunſt will jetzt iſolirt und ſelb— ſtändig ſein und nicht der geſammten dienen. Ein Schau⸗ ſpiel ohne Muſik iſt ein Mahl ohne Wein. Wenn die Menſchen ein großes Drama ſehen, ohne vorher durch die weihenden Tonwellen der Muſik gegangen zu ſein, kommen ſie mir ſo unheilig, ſo ungereinigt vor; die Muſik wäſcht ihnen den Alltagsſtaub von der Seele und ſagt Jedem: du biſt jetzt wo anders als in deiner Kanzlei, in deiner Kaſerne, in deiner Werkſtatt. Wenn es ſich befehlen ließe, ich würde den Theaterbeſuchern ein Coſtüm vorſchreiben und ſie ſollen auch geiſtig unbedeckten Hauptes, ehrerbietig erſcheinen. Aber frei⸗ lich, ich ließe auch nur höchſtens jede Woche Einmal Theater ſpielen.“ — — leich⸗ ſie hin⸗ t ge⸗ Und ieder ſicht⸗ hrer Phre über uſik mer vor „„ „Mit der Muſik haben Sie vollkommen Recht,“ warf der Intendant auf die haſtig hervorſprudelnden Worte Irmas ein.„Wenn Sie ſonſt noch praktiſche Wünſche, gnädige Gräfin“.. „Später. Jetzt weiß ich nichts. Jetzt liegt mir der coſtümirte Ball, der nächſte Woche ſtattfinden ſoll, am meiſten im Sinn.“ Dieſer Ball ſollte im Schloſſe und dem angrenzen⸗ den Wintergarten gegeben werden. Der Intendant war glücklich, daß Irma mit ſeinem Plan überein— ſtunmte. Er wollte am Ende des Wintergartens einen großen Brunnen mit antiken Gruppen aufſtellen, vor dem Brunnen Bäume, Sträucher und Felſen anbringen, ſo daß man nicht nahe hinzutreten könnte, und im Hintergrund eine im großen Styl gemalte griechiſche Landſchaft. Irma verſprach, ſein Geheimniß Tu bewahren; plötzlich aber brach ſie in die Worte aus:„Wir ſind doch alleſammt Lakaien und Küchenmädchen. Wir bro⸗ deln und braten, ſchmoren und kochen wochenlang, um ein Gericht herzuſtellen, das den Herrſchaften gut ſchmeckt.“ Der Intendant ſchwieg auf dieſe Bemerkung. „Sie erinnern ſich,“ fuhr Irma fort,„daß wir einmal am See davon ſprachen, wie der Vorzug des Menſchen darin beſteht, daß er ſich immer anders klei⸗ den und dadurch immer anders erſcheinen kann. Schon als Kind war es meine größte Luſt, mich zu maskiren. Die kaum flügge Seele beginnt ſchon die Seelenwande⸗ rung. Solch ein coſtümirter Ball iſt in der That eine der höchſten Culturblüthen, und das Kokettirende, das in Jedem ſteckt, zeigt ſich da einmal ehrlich.“ Der Intendant empfahl ſich, und im Weggehen be⸗ ſchäftigten ihn wieder ſeine alten Gedanken über Irma. Nein, ſagte er ſich, das iſt eine anſtrengende Frau, die will, daß man vom Morgen bis zum Abend immer geiſtreich und aufgeräumt ſei. Nein, das iſt eine an⸗ ſtrengende, wiederholte er faſt laut. Niemand wußte, in welcher Geſtalt Irma erſchei⸗ nen werde. Man vermuthete, als Viktoria; es war ja bekannt, daß ſie zu der für das Zeughaus beſtimmken Figur Modell geweſen. Man räthſelte nur noch dar— über, wie ſie es machen könne, die Victoria mit Bewah— rung der nothwendigen Geſellſchaftsform darzuſtellen. Irma war viel in der Werkſtatt und arbeitete fleißig. Eine Unruhe, wie ſie ſolche nicht einmal vor Jahren, als ſie den erſten Ball beſuchte, gekannt hatte, verließ ſie nicht. Sie konnte ſich gar nicht drein— finden, daß man ein Feſt ſo lange vorbereite; gleich in der nächſten Stunde müſſe es abgeſpielt werden, da⸗ mit man ſofort wieder Anderes beginne. Nur nicht dies lange Warten und Harren. Sie beneidete faſt die Menſchen, denen das Zubereiten einer Luſtbarkeit die eigentlich beſte Freude iſt. Nur die Arbeit verſcheuchte ihre Unruhe, ſie hatte etwas zu thun; der Gedanke an das Feſt war dadurch nicht die Beſchäftigung der Tage, ſondern ein fröhlicher Feierabend, ein Freudenlohn. In der Werkſtatt ſtand die in Stein vollendete Statue der Victoria. Hohe Doppelleitern waren da⸗ neben aufgeſtellt; der Künſtler meißelte noch an der be befrie jeder bilde 3 — be⸗ na. au, ner an⸗ te n e, * Figur, kam bald raſch die Leiter herab, um die Ge⸗ ſammtwirkung zu überſchauen und eilte wieder hinauf, um einen einzelnen Zug ſchärfer heraus zu arbeiten. Irma wagte kaum aufzuſchauen, wie ſie daſtand im griechiſchen Gewande, verwandelt und doch ſie ſelbſt. Ein banger Freudenſchauer durchrieſelte ſie, ihre eigene Erſcheinung ſo überſetzt und in der reinſten Kunſtform vor Augen zu ſehen. Es war an einem Wintermittag. Irma arbeitete an einer Copie der Theſeusbüſte mit beſonderem Eifer, denn der frühe Abend mußte bald hereinbrechen. Nicht weit von ihr ſtand die vom Meiſter vollendete Marmor⸗ büſte des Leibarztes. Es war ſtill in der Werkſtatt, nur manchmal hörte man leiſes Picken und Kratzen des Meißels. Jetzt kam der Meiſter von der Leiter herab und ſagte tief aufathmend: „Nun genug, fertig wird man doch nie, nun keinen Meißelſtoß mehr an der Figur! Ich fürchte, durch Nachmeißeln nur noch verderben zu können. Fertig ſoll's ſein.“ Es war eine Miſchung von Kampf und Friede in Wort und Miene des Meiſters. Er legte den Meißel weg. Irma ſah ihn mit einem großen Blick an und ſagte: „Sie ſind ein glücklicher Mann, aber ich kann mir's wohl denken, daß Sie auch jetzt noch nicht befriedigt ſind. Ich glaube, daß ſelbſt Raphael und Michel An⸗ gelo nie von einem vollendeten Werke vollkommen befriedigt waren. Der Reſt der Unbefriedigung, den jeder Künſtler bei Vollendung eines Werkes empfindet, bildet den Keim für ein neues Werk.“ ß 3 2 . —— Beruhigt nickte der Meiſter. Sein Auge ſtrahlte. Er drehte den Hahn an der Waſſerleitung und wuſch ſich die Hände. Dann ſtand er bei Irma und ſchaute ihr zu, indem er davon ſprach, wie ſich mit jeder Arbeit ein Stück Leben von der Seele des Künſtlers ablöſt; wie die Figur jetzt hier geſehen wird, ſo wird ſie nie mehr betrachtet: in der Ferne und in der decorativen Beſtimmung verſchwindet die Sorgfalt der Einzelarbeit; aber das Beſte macht der Künſtler für ſich ſelbſt, zu eigenem Genügen, und doch kann Niemand beſtimmen, wie die ehrliche Ausführung des Details auf die Gefammterſcheinung wirkt. Während der Meiſter noch ſprach, wurde der König gemeldet. Irma breitete ſchnell das naſſe Tuch über ihre Thonfigur. Der König trat ein. Er war allein und bat, daß ſich Irma in ihrer Arbeit nicht ſtören laſſen möge. Ohne unzuſchauen, arbeitete ſie weiter. Der König lobte das Werk des Meiſters mit innigem Tone: „Es iſt eine Großheit in dieſer Geſtalt, die aller Zukunft zeigen wird, was wir in unſern Tagen ge— ſehen. Ich bin ſtolz, ſolche Zeitgenoſſen zu haben.“ Irma fühlte, wie dieſe Worte auch ihr galten; ihr Herz pochte. Der Gypskopf des Theſeus, der vor ihr ſtand, ſah ſie auf einmal ſo wunderlich an. „Ich möchte doch jetzt das vollendete Werk mit den verſchiedenen früheren Modellen vergleichen,“ ſagte der König zum Künſtler. „Die Verſuchsmodelle ſind leider in meinem kleinen Atelier. Befehlen Majeſtät, daß ich ſie herbeiſchaffe?“ hlte. vuſch haute jeder ſtlers wird der der ſich nand önig über daß öge. önig den der „Wollen Sie die Güte haben.“ Der Meiſter ging. Der König war mit Irma al⸗ lein. Raſch ſtieg er die Treppe hinan und rief mit bebendem Ton: „Ich ſteige in den Himmel hinan. Ich ſteige Dir hinan. Irma, ich küſſe Dich, ich küſſe D zu ein Ebenbild. Dieſer Kuß ſoll in Ewigkeit auf Deinen Lippen ruhen, über aller Welt unter dem ewigen H mel. Ich küſſe Dich mit dem Kuß der Ewigkeit!“ Er ſtand oben und küßte die ſteinerne Victoria den Mund. Irma konnte nicht anders, ſie ſah im⸗ auf auf und jetzt eben fiel ein breiter, ſchräger Sonnenſtrahl auf den König und auf das Antlitz der Steinfigur, und dieſe ſchien zu leben, ſie ſchaute ernſt drein. Irma ſtand unten und ihr war's, als ſtände mitten in einer Flammenwolke, die ſie hinwegtrage die Unendlichkeit hinein. ſie in Der König kam herab, er ſtand neben ihr, ſein Athem ging ſchnell, ſie ſchaute nicht auf, ſie ſtand ſtill, regungslos, wie die Statue dort. Da unmfaßte ſie König, ſie lag in ſeinen Armen und die lebendi Lippen küßten einander. der gen Als der Künſtler zurückkam, war der König allein. Irma ging über die Straße nach dem Schloſſe im Traum; ſie war wie auf Flügeln getragen, Semele erſchien ſie ſich, die Zeus in Flammen Unſterblichkeit geküßt. wie wie zur Ich habe das höchſte Glück empfunden, ſprach es in ihr. Nun kann ich entſagen. Ich entſage. trage den Kuß der Ewigkeit auf den Lippen... 5——— E—— — Ich Sie ſah die Menſchen, die Häuſer, als wären das Erſcheinungen aus dem Schattenreich, tief unten; ſie ſchwobte darüber. Sie kam in ihre Gemächer. Erſt das beſtellte Ge⸗ wand erinnerte ſie daran, daß heute der coſtümirte Ball ſtattfinden ſollte. Sie lächelte immer, während ſie ſich ankleiden ließ, mit dem weiten, wolkigen weißen Gewand und darüber die Schilfblätter mit Diamanten beſetzt. „Gnädige Gräfin haben der Amme des Kronprinzen verſprochen,“ ſagte die Kammerfrau,„daß ſie in Ihrem Coſtüm Sie ſehen darf. Soll ich ſie jetzt rufen laſſen?“ Irma nickte. Sie hörte Alles wie im Traum, ſah Alles wie durch eine Wolke. Sie fühlte es als eine Pein, daß ſie ſo vielen Menſchen ſich zeigen ſollte, ihm allein wollte ſie erſcheinen, er allein iſt auf der Welt, er allein und ſie allein... Walpurga kam und ſtand wie gebannt. Da iſt eine Jungfrau, ſo ſchön, ſo liebreizend, ſo glänzend und wunderbar, um und um mit Schilf bekränzt, und auf dem Schilfe und auf rothen Korallenzweigen hafteten Diamantentropfen, der Gürtel war eine grüne Schlange und die Schlange hatte ſo große glänzende Diamant⸗ augen, daß es weh that, wenn man hin ſah; das Haar fiel lang und aufgelöſt über den bloßen Nacken herab, nur oben war es von einem Kranze mit Thau⸗ tropfen beſetzter Seeroſen zuſammengehalten, darüber auf der Stirn ein Stern, der flimmerte und glitzerte, aber faſt noch mehr leuchtete und ſtrahlte das Antlitz der ſchönen Jungfrau. So ſchön war Irma noch nie Uuſn u buriten den MNen Un Gol Ue 7 Di So“— hnd riche nie brſchen wrga ſagte ud ihre D Got / nehmen O pel mo hell w — ed, Wuſtor Muer mr MM undah W 0 , M ſtünirte vährend veijen manten prinzen Ihrem ſſen?“ s eine ihm Velt, da iſt nzend „und fteten lange nant⸗ das cken hau⸗ über rte, tlit nie E geweſen und aus jedem Zuge ſprach eine Hoheit, ein Entrücktſein aus der Welt, ein Lächeln wie aus Wolken zu den Menſchen nieder. „Um Gotteswillen, Sie ſind ja die Seejungfrau!“ rief Walpurga. „So? Du erkennſt mich alſo?“ ſagte Irma, ihr die bonb reichend, ihre Stimme klang wunderbar. Walpurga. drückte die Hand aufs Herz. Daß 3 Ir: dieſe Erſcheinung annahm, that ihr weh; das heißt 2 Gott verſuchen, das geht zu Böſem aus. Aber Wa purga ſagte nichts, ſie legte nur die Hände zuſammen und Lippen bewegten ſich; ſie betete für Irma. „O Gott!“ rief ſie dann und fuhr ſich mit der Hand über die Augen.„O Gott, was können die Menſchen Alles aus ſich machen. O lieber Gott, wo nehmen ſie denn das Alles nur her? Wie iſt denn das nur möglich?“ Sie ging in weitem Umkreis um Irma herum.„Sie werden mir's daheim nicht glau⸗ ben, daß ich ſo etwas geſehen habe. Solch ein Unter⸗ kleid von Wellenſchaum, und ſo das aufgelöſte Haar⸗ gelock, das hat die Seejungfrau auch. Wenn nur meine Mutter und mein Hanſei auch da wären!“ Irma ſprach kein Wort. Sie ging im gn auf und ab, wo die Lichter an den großen Spiegeln brann⸗ ten, ſie ſah ihre eigene Geſtalt wie eine fremde Erſchei⸗ nung und ſtaunte über das Rauſchen des Schilfes. So möchte ich in den See ſpringen und die heißen Flammen kühlen— ſprach es in ihr. Walpurga kehrte, wie vom Zauber geblendet, wieder in ihr Zimmer zurück. nd 8 Ich kann mir denken, murmelte ſie vor ſich hin, daß die Menſchen hier die Welt nicht verſtehen, und daß meine Königin ſelber ſie auch nicht verſteht; da machen ſie ja alle Tage eine neue Welt und ver⸗ kehren und verſtellen und vermaskiren Alles— wie ſoll man denn da zur Ruhe kommen und ſeinen ge⸗ ſunden Verſtand behalten? Die Königin hat Recht, es iſt beſſer, ich gehe wieder heim, hier werde ich noch närriſch. In ihrem Zimmer traf Walpurga einen Brief von daheim. Seit Wochen hatte ſie ſich auf dieſen Brief ie gefreut. Sie dachte ſich immer aus, wie die Mutter ſ.. und Hanſei ſich über die ſchönen Kleider und Geſchenke Le. freuen und alle Leute aus dem Dorfe kommen, be⸗ wundern und beſtaunen, und jedes Kleidungsſtück be⸗ b fühlen ſie und meinen, da müſſe noch was Beſonderes iie ih u drinſtecken. Sie hatte in die Bruſttaſche von Hanſei's nht à Joppe einen fröhlichen Brief geſteckt und jetzt kam die ub n Antwort. Das Geſpiel hatte ihn geſchrieben, die Mutter hatte jedes Wort dictirt, und drin ſtand: „O Kind, Du haſt's gewiß gut gemeint, ich ſeh' das wohl, aber es iſt bös geworden. Ich und der Uer Hanſei wir ſind in den ſchönen Kleidern am Neujahrs⸗ u; tl tag in die Kirche gegangen, ich hab's nicht gewollt, ich hab's geahnt, daß was Böſes auskommt; aber der Hanſei hat geſagt, wir müſſen's, der König nimmt's übel, wenn wir ſeine Kleider nicht anziehen. Da bin Shlh ich in Gottesnamen mit ihm in die Kirche, aber alle gnn Menſchen haben uns immer angeſehen, ſo unheimlich, ſch m und haben kein Wort geſagt. Und nach der Kirche da lodl — 6— 79 ² hin, haben wir's gehört, haufenweis ſind ſie zuſammenge⸗ ient ſtanden haben mit Fingern auf uns gezeigt und do geſagt: Ja, das iſt ſchön, ſolche Sachen kann man in det⸗ der Hauptſtadt bekommen, aber man weiß ſchon für was; auf ehrlichem Wege nicht, und die alte Närrin enen ge⸗ und der Tolpatſch da ſind noch ſtolz darauf und wollen at Recht in den Kleidern prunken. Und die alte Zenza hat am eich noch meiſten geſchimpft, und die Menſchen, die ſonſt gar nicht auf ſie hinhorchen, haben ihr jetzt gern zugehört und Brief von ſie noch aufgereizt. en Brief O liebes Kind, Du weißt nicht, wie gar ſo viel Mutter ſchlecht die Menſchen ſind, und ich weiß doch, Du biſt eſchenke brav. Aber die Menſchen ſind bös und gönnen Einem en, be⸗ nichts, und wenn ſie es Einem nicht nehmen können, ſtück be⸗ da beſchmutzen ſie's. Du haſt's gewiß gut gemeint, ſonderes aber ich wag' mich jetzt in meinen alten Kleidern nicht Hanſeis mehr aus dem Haus, die Menſchen ſind ſo neidiſch kam die und hinterliſtig und anhängeriſch. So lange man arm Mutter iſt, weiß man das gar nicht ſo; aber jetzt ſeh' ich's. Und, liebes Kind, das iſt noch nicht das Aergſte; das ich ſeh Aergſte iſt, daß ſie Mißtrauen ins Herz thun wollen. ind der Aber ich habe keines gegen Dich, ich weiß, Du biſt ujahrs⸗ brav; bleib's nur und denke immer: wenn man in t, ich einem goldenen Bett ſchläft und auf ſeidenen Kiſſen er der und hat kein ruhiges Herz, ſo nützt Alles nichts, und da immts iſt's beſſer, man liegt auf Dornen, und noch beſſer ſechs a bin Schuh tief unter dem Boden. Und der Gemswirth iſt r alle gekommen und hat uns die Kleider abkaufen wollen für imlich, ſich und ſeine Frau, aber ich geb' ſie doch nicht her. che da Und liebes Kind, bleib' brav und nimm keinen Faden . ℳ ————— —— — 80 und keinen Heller, an dem was Böſes hängt. Ich weiß, Du thuſt das von ſelber nicht, aber ich muß Dir's doch noch ſagen, und laß Dir's nicht zu ſehr zu Herzen gehen, daß die Menſchen ſo ſchlecht ſind, ich laß mir's auch nicht.“ Walpurga ſchrie laut auf und weinte, als ſie dieſen Brief las. Die ſchlechteſten Menſchen ſind doch die Bauersleute! Es giebt hier unter den Vornehmen ge⸗ wiß auch ſchlechte, aber ſo ſind ſie doch nicht. Soll nur wieder einmal Eines kommen und um eine Gnade an⸗ halten, ſie will ſie ſchon heimſchicken; im Gegentheil, ſie möchte den König bitten, daß er das ganze Dorf durchpeitſchen laſſe, Eines nach dem Andern; ſie wünſchte ſich nur auf eine Stunde die Macht des Königs, um den albernen ſchändlichen Menſchen den Meiſter zu zeigen. Achtes Capitel. Walpurga ſaß vor Zorn weinend in ihrem Zimmer, dann ballte ſie wieder die Fäuſte und ſagte den Leuten daheim die Meinung, daß ihnen das Herz im Leibe zitterte. Aber ſie faßte ſich bald wieder und bezwang Alles, um dem Kinde nicht zu ſchaden; die ſchlechten Menſchen daheim ſollten nicht auch dem Kinde hier noch Schlimmes anthun. Unterdeß war fernab in den hellerleuchteten Pracht— gemächern des Schloſſes und im Wintergarten rauſchende Muſik. Tauſende von Lichtern leuchteten, Sammet und 0 Pell ide, Ce udfühil Al ibe hzr Der Ko — mnit deſen M Unijorn de ſom ware gun Fil enſtien e gnig A den Purp zut, in eine Ali Der trochtetel wunder nußte heben ſinken bitten 6 k luf 81 ingt. tich 4 Seide, Perlen und Diamanten, Blumen und Kränze muß und fröhlich lächelnde Menſchengeſichter ſtrahlten. Aber Alles überſtrahlte der König. Der König wußte, daß er ſchön war; er freute ſich deſſen mit einer gewiſſen Kindlichkeit. Er war immer guter Laune, wenn er eine kleidſame Uniform trug. Bei den Hoffeſten, die zu den Gedenktagen dieſes und jenes Regiments gegeben wurden, trug er ſtets die Uniform des gefeierten Regiments; in der Huſarenuni⸗ form war er immer beſonders wohlgelaunt, ſie zeigte die ganze Fülle ſeiner ſchönen Mannesgeſtalt. Heute nun erſchien er in der phantaſtiſchen Tracht des mythiſchen Königs Artus in goldenem Schuppenpanzer und wallen⸗ dem Purpurmantel. Neben ihm die Königin, fein und zart, in leichtfließenden, faltigen weißen Schleiern, wie eine Lilie anzuſchauen. Der König ſah die Freudenblicke Aller, die ihn be⸗ trachteten. Er war glücklich, er wußte, daß die Be⸗ wunderung heute nicht Schmeichelei war. Als Irma ihn zuerſt ſah und ſich tief verbeugte, zu ſehr; zu ſind„ich ſie dieſen doch die hmen ge Soll mr nade an⸗ egentheil, nze Dorf wünſchte igs, un eiſer zu 3z Zunmet, mußte ſie alle Kraft anwenden, um ſich wieder zu er⸗ n Leuten heben und nicht ganz vor ihm auf die Knie niederzu⸗ n Leibe ſinken; dann ſchaute ſie zu ihm auf, glückſelig und bezwang bittend zugleich. hlechten Sie hatte Worte voll Bewunderung und Anbetung ier noch auf den Lippen. Aber ſie ſagte ganz Anderes, denn die Königin Pracht⸗ ſprach mit innigem Tone: ſchende„Irma, ich bedaure, daß Sie ſich nicht ſelbſt ſehen net und können; Sie lehren an Wunder glauben.“ Auerbach, Auf der Höhe. IlI. 6 „ * 82 Der König ſprach nichts, aber Irma fühlte, wie ſein Blick auf ihr ruhte, und es war ihr unfaßlich, wie ſie nicht vor den Worten der Königin und dem Blick des Königs in nichts zerfließe. Sie mußte Hal⸗ tung gewinnen und ſagte: „Ach, Majeſtät, dies Geiſtercoſtüm drückt mich. Ein Geiſt ſoll nicht länger als eine Minute erſcheinen, er muß früh ſterben, ſchnell, in Flammen aufgehen und verſchwinden.“ „Es giebt auch ein Minute Ewigkeit,“ ſagte der König. Wol hatte Irma ſich gefreut, ſchön zu erſcheinen, jetzt aber durchrieſelte ſie eine höhere Freude: Er iſt ſchön und groß, eine ritterliche mannhafte Erſcheinung, wie keine Phantaſie ſie vollendeter auszudenken ver⸗ mag.. er kann den Kuß der Ewigkeit geben, denn das ewig Königliche iſt in ihm erſchienen. So ſtand Irma und ſah und hörte kaum, was um ſie vorging. Der Umzug des Königspaares ging weiter und Irma erſchien ſich auf einmal bettelarm in ihrer Pracht. Der König iſt nicht mehr nahe, dort geht er, dort ſtrahlt er wie eine Göttererſcheinung. Die Umgebung Irmas lobte ihr ſinnreiches und dichteriſch ſchönes Coſtüm— ſie hörte es nicht. Sie wurde zur Königin entboten. Der König hatte den Ball mit der Königin eröffnen wollen und die Königin hatte gedankt; es war nur Ceremoniel, der König forderte ſie jedesmal auf, aber die Königin tanzte nie. Sie bat nun Irma, an ihrer Stelle mit dem König den Ball zu eröffnen. 83 lte wi—. e. B.. r. mlc Irma verneigte ſich dankend; in ihr aber erhob ſich nd ti etwas und ſtand ſtolz und hoch über der Königin: em ßte Fal„Nicht Du giebſt mir. Ich gebe. Ich entſage. Mein iſt er! Dir hat ihn der Prieſter gegeben, mir die ewige ch. cn Natur! Du biſt eine zarte feine Blume, wir aber, wir en ſind ein Adlerpaar, das in den Lüften ſchwebt!“ Sie faßte es nicht, wie ſie das Alles in ſich tragen konnte: alles Blut in ihren Adern war zu Feuer ge⸗ worden. Die Quadrille begann. „6 hen und rKönig. Irma fühlte den heißen Athem des Königs. Er faßte ihre Hand, er ſprach leichte Scherze, wie es ſo anmuthig ſei, einmal ſelbſt phantaſtiſch eine phantaſti⸗ ſche Welt um ſich her zu zaubern. Irma fühlte, wie denn ſo ganz Anderes ſie zu ſprechen, ja wie ſie nur ſtill zu ſein hätten miteinander; aber ſie mußten Gleichgül⸗ is un tiges ſprechen und durften auch nicht ſchweigen. So oft der König ihre Hand berührte, war es ihr, als müßte ſie plötzlich mit ihm davonſchweben, und wenn Pracht. er die Hand wieder ließ, als ob ſie verſinken müſſe. dott Es war nahe daran, daß die Quadrille in Unord— nung kam. s und Die Königin verließ bald den Ball. Der König S geleitete ſie, kehrte aber ſchnell wieder zurück. e den Irma ging umher und der ganze bunte Lärm er⸗ nigin ſchien ihr wie ein Traum. Sie lächelte, als ſie end⸗ önig lich ihren Bruder traf, der mit ſeiner Frau in reichem e nie. mittelalterlichem Coſtüm erſchienen war. Sie hatte König immer die Worte auf den Lippen: Lebe ich noch? Sag⸗ mir, wo ich bin!— wer ich bin! Sie war aus dem — * 3 —— 84⁴ Aether hergekommen und ſchwebte in einer andern Welt, und nur zwei Menſchen ſind auf dieſer Welt— er und ich... das einzige, das erſte Menſchenpaar... die Götter leben wieder und ſein Kuß iſt Ewigkeit.. Sie ſaß mit dem Bruder und der Schwägerin in einem Bosket unter einer Pinie. Da kam der König heran. Ihre Seele eilte ihm entgegen und unmfaßte ihn und rief: Wir wollen ſterben mit einander! Du biſt mein und ich bin Dein! Wir ſind allein auf der Welt!... Aber ſie ſtand nur auf und verbeugte ſich zitternd. Der König ſetzte ſich zu ihr; ſie fühlte, wie ſein Blick auf ihr ruhte. Als ſähe er ſie heute zum Erſtenmal, weidete ſich ſein Auge an der ſchönen Form des Kopfes, deſſen Locken den Hals bis zu den Schultern mit dem Grüb⸗ chen auf dem Nacken umſpielten; ſie erſchien heute noch größer als ſonſt, und alle Formen ſo ſatt und voll Ebenmaß; das zarte Oval des Geſichtes, die breite Stirn, wie von zu ſchwerem Gedankenreichthum vorn⸗ über gewölbt, die feingeſchweiften Brauen, das braune Auge in feuchtem Glanze und die Lippen ſo ſchwellend. „Du biſt ſchön und ich liebe Dich!“ fagte der König leiſe. „Und Du biſt ſchön und groß und ich liebe Dich grenzenlos!“ erwiderte ſie, aber ihre Lippen ſprachen es nicht; in ihrem Herzen jubelte es tauſendſtimmig. Sie ſchloß die Augen und ließ den Blick des Königs auf ſich ruhen. „Irma,“ ſagte der König,„Irma,“ wiederholte er. Er ſetzte kein Wort hinzu, ſeine Stimme ſtockte. die( ſchlingen waltſame der Um ſtalten, die Up en B Ul DU loſſen. U Vocht deckt ganz zun ſan neh en Velt k — oar. eit gerin in r König unfaßte r Du auf der igte ſich te, wie ete ſich deſſen Grüb⸗ te noch nd voll breite vorn⸗ braune ellend. te der Dich rachen mnig. önigs te er. Stumm ſaßen die Beiden eine geraume Weile neben⸗ einander, dann begann tief aufathmend der König wieder: „O Irma, es giebt einen Augenblick, der iſt uner⸗ meßliches Leben... da trennt nichts... drunten in der Welt zählen die Menſchen nach Stunden, nach Minuten. Hoch oben im Himmel iſt die Welt ver⸗ ſunken.“ Irma ſchaute auf— Bruno und ſeine Gattin waren nicht mehr da. Sie war mit dem König allein. Sie wollte vor ihm auf die Kniee ſinken, ihn um⸗ ſchlingen mit der ganzen Gluth ihrer Seele. Mit ge⸗ waltſamer Anſtrengung zwang ſie ſich zum Erkennen der Umgebung; die Muſik, die Lichter, die bunten Ge⸗ ſtalten, Alles wirrte ſich ihr zuſammen. Sie öffnete die Lippen, ſie brachte kein Wort hervor. Raſch ſtand fie auf und verließ mit bebendem Schritt den Saal. Bald darauf hatte auch der König den Ball ver⸗ laſſen. Ueber den Gemächern Irmas ſtand noch ſpät in der Nacht Walpurga am Fenſter und ſchaute traurig hinaus. Flüchtige Wolken zogen am Himmel hin und be⸗ deckten bald den Mond, bald ließen ſie ihn in ſeinem ganzen Glanz erſcheinen. Jetzt fiel das volle Licht auf die Geſtalt der Venus von Milo, ſie ſchien das Antlitz zu wenden. Walpurga prallte erſchreckt vom Fenſter zurück und ſtand wie ſinnverwirrt dreinſtarrend, ſie wagte nicht mehr, ans Fenſter zu treten. Auf der Victoria in der Werkſtatt des Bildhauers, 86 auf den Lippen, die der König geküßt, zitterte derſelbe Mondesglanz, der hier im Park die Venus von Milo überleuchtete... Die Götter waren lebendig in der Vollmondsnacht.. Neuntes Capitel. Es war beim Thee im kleinen Kreiſe. Die Er⸗ leſenen aus den Auserwählten waren hier verſammelt. Der Intendant ſprach ſeinen Vorſatz aus, die Gedenk⸗ tage der großen Geiſter, die für das Theater gewirkt, zu ſtändigen Feſten zu machen; mit Leſſings Geburts⸗ tag, der bald herannahte, wollte er beginnen. „Welches Stück werden Sie zu ſeinem Geburtstag aufführen?“ fragte die Königin. „Es wäre mir eine hohe Gnade, wenn Eure Maje⸗ ſtät beſtimmen wollten.“ „Ich?“ fragte die Königin und wendete den Blick nach dem gegenüberſitzenden König, der eine vor ihm liegende illuſtrirte Zeitung betrachtete. Er mußte den Blick der Königin geſpürt haben, denn er ſah au und ſagte: „Ja, ſprich Deinen Wunſch aus.“ „So wünſche ich Emilia Galotti.“ Alles ſchaute auf. Dieſes Stück, wie Schillers „Kabale und Liebe,“ hatte unter der vorigen Regie⸗ rung auf der Liſte der Verfehmten geſtanden. Es trat eine Pauſe ein. Der König allein hat das Wort. Was wird er ſagen? ſich zu D um d tgen Wor ſich ſche 87 ni Er ſchwieg. Nach einer Secunde zeigte er dem nicht weit von ihm ſitzenden Schnabelsdorf das Porträt hacht eines vor Kurzem verſtorbenen ausländiſchen Gelehrten mit der Frage, ob es ähnlich ſei. Schnabelsdorf bejahte. Die Königin erſchrak ins Herz hinein, als ſie die Stimme ihres Gatten hörte, es war eine fremde Stimme. die gr 2 In enelben Augenblick präſentirte Baum eine n Taſſe. Die Königin wendete ſich raſch, wie wenn eine Scer tückiſche Katze ihr auf die Schulter geſprungen wäre, 6 ſo erſchreckt ſah ſie aus; ſie ſtieß an die dargereichte ewirkt, Taſſe, die nun zur Erde fiel. Eine Bombe, die plötz⸗ cbutz lich im Zimmer geplatzt wäre, hätte nicht erſchreckender wirken können. Vaum hob die Scherben auf, er hätte rtstag ſich gern auf das Antittz niedergeworfen, er iſt un⸗ * ſagbar unglücklich; aber er darf nicht ſprechen, auch Vaj⸗% nicht um Verzeihung bitten, das wäre ein noch größerer Verſtoß gegen alle Disciplin. Die Königin wendete Blck ſich zu ihm und ſagte: tihm„Sie ſind nicht ſchuld, ich bin ſchuld.“ te den Dann bat ſie die Damen, die aufgeſtanden waren, h an um das geſchehene Unheil zu beſichtigen und zu berich⸗ tigen, ſich doch wieder ruhig zu ſetzen. Der Oberhof⸗ marſchall winkte Baum und ſagte ihm leiſe, er möge ſich entfernen und das Weitere der anderen Diener⸗ illers ſchaft überlaſſen. egie⸗ Die Königin bedurfte des ganzen Aufgebotes von Haltung, um nicht aus dem geſellſchaftsmäßigen Ge⸗ das leiſe zu kommen. Ihr ſchwindelte, und doch ſaß ſie aufrecht und lächelte, und ſah dem davongehenden 6 B——— ——˖——˖˖ 4 2 88 Diener nach, wie wenn er mit den Scherben noch etwas Anderes davontrüge, das auf immer zerſchmettert war. Baum ging hinaus und ſtand betäubt am Treppen⸗ geländer. Er hätte ſich gern da hinabgeſtürzt vor Scham— ſo etwas war ihm noch nie geſchehen, es blieb eine Schande für ſein ganzes Leben und es nützte nichts, daß die Königin die Schuld auf ſich genommen, er wußte, er muß doch dafür büßen. Er betrachtete die Scherben und wünſchte ſich nur, daß er ſelber in Scherben zerſchmettert ſei. Nach der kurzen Störung ſaß man in dem kleinen Salon wieder in beſter Wohlordnung. Der große Nothhelfer Schnabelsdorf, der in dem nengebildeten Miniſterium das Departement des Auswärtigen und vorläufig auch des Cultus übernommen hatte, verſtand indeß, die Verſtimmung des Abends durch ein anziehendes Geſpräch wieder ins Geleiſe zu bringen. Er ſprach da⸗ von, an„Emilia Galotti“ anknüpfend, welche intereſ⸗ ſante Forſchungen oder eigentlich Hypotheſen ſich über die Namengebungen der Dichter machen ließen. So glaube er, daß Leſſing eine leiſe Andeutung an Mac⸗ chiavelli geben wollte, den man im vorigen Jahrhundert noch falſch beurtheilte, indem er ſeinen Intriganten Mari⸗ nelli nannte Es ſind dieſelben Vocale. Und Orſina! In dem Namen läge etwas, wie Griff und Klinge eines eben aus der Scheide zückenden Dolches; auf das volle O das ſpitze J. Er ging weiter und wußte viel Anziehendes über die Klangwirkung der Namen dich⸗ teriſcher Geſtalten zu geben. Leſſing hätte ſehr weiſe gehandelt, indem er den Namen Melchiſedek— wie onde be . e w Nathe delt⸗ M huthn, 6 mfind de wollen, e bumte ſic rie ſeltſa kigennon borgen, Per, di zo De Non d jedem bar, was die ch etwas ert war. reppen⸗ ſt vor en, es s nützte ommen, rachtete lber in kleinen große ſildeten und rſtand hendes ch da⸗ tereſ⸗ über So Mac⸗ ndert Mari⸗ ſina! linge das viel dich⸗ weiſe wie v 89 der Jude bei Boccacio heißt— in Nathan verwan⸗ delte. Nathan! Das ſpricht ein weitfaltiges Kleid aus. Gretchen, Clärchen, Dorothea, Natalie— wie zu⸗ treffend dieſe Namengebung Goethes für ſeine Frauen⸗ geſtalten. Selbſt Schiller habe darin manches Zutreffende gehabt: Franz Moor— Poſa— wie ſchön dieß O— A. Schnabelsdorf ſprach heute gut und gefällig. Es iſt doch vortrefflich, wenn ein Menſch ſolchen Reichthum in ſich hat, wie ein Buch; das ſteht feſt, kann zu jeder Zeit ſich kundgeben und fragt nichts nach Stim⸗ mung, nach zerbrochenen Taſſen und mißgelaunten Bilderbeſehern. Niemand ſchien Schnabelsdorf zu Hülfe kommen zu wollen, er mußte immer allein ſprechen. Endlich er⸗ barmte ſich Irma ſeiner und warf die Bemerkung hin, wie ſeltſam es ſei, daß wir in unſerer Zeit keine Eigennamen mehr erfinden; wir könnten nur immer borgen, zuſammenſetzen und verkürzen. Auf dieſe Anregung hin machte man den Verſuch, neue Namen zu erfinden; das gab viel Heiterkeit, denn es gelang nicht Einer. Der Intendant erzählte, er kenne im Gebirge einen Bauer, der ſieben Töchter habe, die erſte heiße Prima, die zweite Secunda, die dritte Tertia u. ſ. w. Der König ſchaute an dieſem Abend kaum auf von den illuſtrirten Blättern, die Königin aber nickte jedem Sprechenden freundlich zu, ſie war jedem dank⸗ bar, daß er ſprach, denn es war ihr etwas geſchehen, was ſie eigentlich nicht gewollt hatte. So wenig ſie die Taſſe hatte zerſchmettern wollen, ſo wenig hatte ſie 3-——————— — —— — — 90 im Augenblick bedacht, welche Mißdeutung es haben könne, daß ſie„Emilia Galotti“ zur Aufführung ver⸗ langte. Im König mußte etwas vorgehen, denn er ſtrich ſich mit der linken Hand die Augenbrauen oft⸗ mals glatt; das that er immer nur, wenn er etwas in ſich zu bewältigen hatte. In der That dachte der König zuerſt: weiß ſie denn nichts davon, daß dieſes Stück ſeit Jahren hier nicht gegeben werden durfte? Möglich! Denn dieſe Menſchen, die immer ihr Empfin⸗ dungsleben ausbauen, haben keinen Sinn für hiſto— riſche Data. Aber ſchnell— der König fühlte einen Blitz durchs Hirn zucken, und er ſtrich unwillkürlich die Brauen zur Bewältigung ſeiner Empfindung— ſchnell kam ihm der Gedanke: das iſt eine Intrigue; ſie iſt deren fähig, ſie will à la Hamlet die Mauſe⸗ falle vor uns aufführen laſſen, um zu ſehen, wie das Spiel auf der Bühne auf uns wirkt. Doch nein! ſprach es wieder in ihm, dann mußte ſie uns über⸗ raſchen und— es iſt doch ihre Art nicht. Aber Bitter⸗ keit und Heftigkeit und tiefe Gewiſſensunruhe kämpften im Herzen des Königs. Der Einblick in die illuſtrirten Zeitungen war wie ein Zurückziehen in eine abſon⸗ dernde Loge mitten in der Geſellſchaft. Noch nie hatte der König im kleinen Kreiſe anhaltend geleſen, er hatte ſonſt nur bald dies, bald jenes Bild betrachtet und den Nachbarn zur Kenntnißnahme oder Vergleichung gegeben. Heute las er und wußte doch nicht, was er las. Er hätte gern den Blick Irmas geſucht und war glücklich, als er ſie ſo frei ſprechen hörte. Er bewun⸗ derte ſie, er hätte gern nach ihr umgeſchaut, aber er theilt und in Coſtün C 3 „Ve ihr Geſi wenn A ſich beſ M — „Loſſer aw de J — nit i ten ſ Trep 91 n wagte es nicht, ihren Bmeangan Beifall zuzulächeln. 53 Er hat die Bemerkungen Schnabelsdorfs unerwidert nen j. gelaſſen, er muß auch dieſe zu überhören ſcheinen. it Snigin erhob ſich, Alles ſtand wie befreit auf, ſcte 6 denn Jedes hatte die elektriſche Spannung in der hiee Atmoſphäre gefühlt, war nun doch noch S ein heiterer geworden. Die Königin cntft dorf glücklich, indem ſie ihm beim Abſchiede ſagte, 5 hit. wie dankbar man ihm ſein müſſe, daß er immer ſo 3 reizvolle Themas aufbringen könne. Zum Intendanten e ſagte ſie dann laut, lauter als ſonſt ihre Art war: lirli„Wenn Ihnen das Einſtudiren von Emilia Galotti ung— Mühe macht—“ trigue„O nein, Majeſtät—“ Vauſe„Ich meine, wenn die Zeit zu kurz iſt—“ das„Sie reicht vollkommen aus,“ entgegnete der In⸗ nein! tendant. Er hatte in Gedanken ſchon die Rollen ver⸗ iber⸗ theilt und wollte den neuen Verſuch machen, das Stück Bitter⸗ im Coſtüm des vorigen Jahrhunderts aufführen zu laſſen. mpften„Ich meine,“ nahm die Königin wieder auf, und ſtrirten ihr Geſicht erhielt einen fremden Ausdruck,„ich meine, abſon⸗ wenn Nathan der Weiſe oder Minna von Barnhelm hatte ſich beſſer darſtellen, ſo geben Sie dieſe.“ hatte„Bleiben Sie nur dabei!“ rief der König plötzlich. t und„Laſſen Sie Emilia Galotti aufführen und ſetzen Sie ichung auf den Zettel: Auf Allerhöchſten Befehl.“ as er Der König reichte ſeiner Gattin den Arm und verließ dwar mit ihr die Geſellſchaft. Die Zurückbleibenden verbeug⸗ ewun⸗ ten ſich tief. Man ging, Gleichgültiges plaudernd, die bor er Treppe hinab; die nicht im Schloſſe Wohnenden ſtiegen 4 £ 92 in ihre Wagen, die im Schloſſe Wohnenden gingen in ihre Gemächer. Durch die Stadt hin und in die Schloß⸗ gemächer trug aber Jedes ſeine eigenen Gedanken. Irma ließ ſich raſch entkleiden und ſchickte das Kammermädchen fort; dann nahm ſie einen Band von Leſſings Schriften aus der kleinen Handbibliothek. Es lag Staub darauf. Sie ſchlug das Buch mehrmals zuſammen, daß der Staub abflog; dann las ſie in Einem Zuge„Emilia Galotti.“ Sie ſchlief erſt gegen Morgen ein und als ſie er— wachte, mußte ſie ſich beſinnen, wo ſie war. Das Buch lag noch vor ihr aufgeſchlagen, die Lichter waren von ſelbſt ausgebrannt, ſie hatte vergeſſen, ſie zu löſchen, es war eine ſchwüle, faſt erſtickende Luft im Schlafgemach. Um dieſelbe Stunde, als Irma erwachte, wurde im Theatergebäude bitter geweint. Der Intendant ließ„Emilia Galotti“ mit neuer Beſetzung einſtudiren und hatte der erſten Liebhaberin, die ſich im ewigen Beſitze glaubte, die Rolle der Emilia abgenommen und einem jüngeren Talente übergeben; die alte jugendliche Liebhaberin ſollte die Rolle der EClaudia übernehmen; ſie ſaß nun weinend hinter einer Couliſſe und rief immer:„Perlen bedeuten Thränen, aber Thränen nicht Perlen.“ Der Intendant, ſonſt ein ſo gefälliger, lieb⸗ reicher Mann, war unbarmherzig. Aber unglücklicher als die alte erſte Liebhaberin— ſie durfte doch noch mitſpielen— war Baum, der wegen des Taſſenunfalls gar nicht mehr mitſpielen ſollte in der nächſten Umgebung der höchſten Herr⸗ ſchaften. Er klagte Walpurga ſein Unglück, und dieſe tu v Rin women v Schon zu kh Qonkes fn „Dos ine Prhli Freut ßuts th erluß Di Boum guld nch zunſſch und ſogte „Die „Und Rnig,„ iheit un ſin zun Vir Die ſe verſt „h uß geſ hütte ni Vll iſ In Hton ihnm ingen in Schloß iken. ſcte das and von ehrmals ſie in ſie er⸗ r waren löſchen, gemach. wurde tendant tudiren ewigen n und ndliche hmen; d rief nicht „lieb⸗ in— „ der ielen Herr⸗ dieſe bat die Königin, daß Baum wieder in Gnaden ange⸗ nommen würde. Schon am zweiten Abend fragte die Königin, ob der Lakai Baum krank ſei. Er war erlöſt. Voll Dankes kam er zu Walpurga und ſagte: „Das werd' ich Dir nie vergeſſen, Du haſt mir eine Wohlthat gethan für mein ganzes Leben.“ „Freut mich, daß ich Dir auch einmal hab' was Gutes thun können.“ „Ich will Dir's ſchon vergelten,“ ſagte Baum, „verlaß Dich drauf.“ Baum zog ſich raſch zurück, denn Irma trat ein. Bald nach ihr kam der König. Er wollte mit Irma Franzöſiſch ſprechen, aber dieſe bat, das nicht zu thun, und ſagte: „Die Naivetät iſt ſehr verletzlich.“ „Und die ſogenannte Gemüthlichkeit,“ erwiderte der König,„oft ſehr maliciös und intrigant. Die Schwäch⸗ lichkeit und Zerfloſſenheit glaubt auch einmal ſehr ſtark ſein zu müſſen.“ „Wir müſſen mild ſein,“ entgegnete Irma. Die Beiden ſprachen Deutſch vor Walpurga, aber ſie verſtand doch kein Wort davon. „Ich bewundere die Kraft des Herzensſpions; ich muß geſtehen, ich beuge mich vor ihr in Demuth. Ich hätte nicht geglaubt, daß ſolche Größe in der wirklichen Welt iſt,“ ſagte der König. Irma nickte leiſe und erwiderte:„Der Held heißt Hettore Gonzaga, aber die rechte Emilia Galotti liebt ihn mit einer Kraft, die ſeiner würdig iſt.“ 94 „Und der rechte Hettore iſt kein Dilettant und Schwächling und bedarf keines Marinelli.“ Das Verhältniß, das in Scham und Leidenſchaft aufgelodert war, erhielt neue Belebung durch den hinter⸗ liſtigen Gegenkampf der Königin, denn als wohlüberdacht ſah man dieſe Anſetzung des vervehmten Schauſpiels an. Es war wie ein Windzug, der die Flamme zum Ver⸗ löſchen hin und her bewegt, aber nur neu anfacht. Tief im Hintergrunde der Seele verſteckte ſich eine neue Freiſprechung: die Königin war der reine Engel nicht, für den ſie ſich gab. „Ich bin der feſten Ueberzeugung,“ ſagte der Kö— nig,„daß Hippokrates der Nauſikaa dieſe kryſtallene Giftſchale in die Hand geſpielt hat.“ „Nein, Majeſtät,“ eiferte Irma,„Hippokrates iſt ein hochedler Mann, freilich etwas Pedant, aber zu gut und zu klug, um ſo etwas zu thun.“ Der König ging bald wieder davon, und als er weg war, ſagte Walpurga: „Jetzt, Gräfin, mir kann man alle Adern aufſchnei⸗ den, und ich kann nicht ſagen, was Ihr da geſprochen habt; ich hab' kein Wort verſtanden.“ „Ja, Walpurga,“ ſagte Irma,„der König iſt gar ein gelehrter Herr, und geſtern iſt ein Buch geleſen worden, und davon haben wir geſprochen.“ Walpurga war's zufrieden. „Ich hatte geglaubt, die Königin hier zu treffen,“ ſagte Irma nach einer Weile und fuhr ſich dabei mit der ganzen Hand über das Geſicht, als müßte ſie ein neues herausarbeiten mit ganz anderem Ausdrucke. —— d ö — wuh 5 ohl.* vird ſo ein pie nelge gln Sie uhr heij Ns 3 Im. Die Föl Noch bebte ſie gelhan, tigentlich 9 ſisnht i imn und Archn ſuht plötl ſi bisher nin jde heite gumloſe ſin als Phmtſi geht, ir anſchni wurde ſich oö ſcheuch klares Wgwe tant und idenſcht n hinter⸗ überdacht piels n. um Ver⸗ anfacht. ine neue el nicht, der Kö⸗ „ſtallene aber zu als er ſſchnei⸗ prochen iſt gar geleſen efen“ ei nit ſie ein ke. „Die Königin kommt heute nicht,“ erwiderte Wal⸗ purga,„ſie hat mir ſagen laſſen, ſie ſei nicht recht wohl. Sonſt verſäumt ſie's nie, dabei zu ſein, wenn wir das Kind baden, und Schöneres giebt's doch nicht, als ſo ein Kind im Bade und nach dem Bade; da iſt es wie neugeboren und platſcht und jauchzt und gurrt. Wollen Sie nicht auch einmal dabei ſein? Es iſt eine wahre Herzensluſt.“ Irma verneinte und ging bald davon. Die Königin lag ſtill und allein in ihrem Gemach. Noch bebte der Schreck in ihrem Herzen über das, was ſie gethan, nein, was ihr geworden, ohne daß ſie es eigentlich gewollt. Wie von einer unſichtbaren Schick⸗ ſalsmacht iſt ihr ein Dolch in die Hand gedrückt; ſie kann und will ihn nicht führen. Und doch wühlt der Arqwohn tief in ihrer Seele. Argwohn! das Wort ſteht plötzlich vor ihr, als hätte ſie es nie gehört, wie ſie bisher nie gekannt, was es ausſpricht. Nichts iſt mehr rein, nichts mehr harmlos; jedes fröhliche Wort, jede heitere Miene, jedes Lächeln iſt zweideutig, jede harmloſe Bemerkung hat einen Nebenſinn— lieber todt ſein als Argwohn hegen! Die beglückende Gabe der Phantaſie, die dem Leben des Andern treulich nach— geht, in alles Empfinden hinein folgt und ſich traut anſchmiegt, dieſe Kraft des Vorſtellens und Mitlebens wurde zur verzehrenden Flamme, Traumbilder ſtellten ſich vor das wache Auge und ließen ſich nicht ver⸗ ſcheuchen. Wäre das Entſetzliche entſchieden— gegen ein klares Unrecht kann man Stellung nehmen, gegen den Argwohn giebt es keine; er macht unſtät und flüchtig, 96 nichts iſt feſt, der Boden zittert beſtändig unter den Füßen. Die Königin war nicht krank. Sie hätte wohl in die Gemächer ihres Sohnes kommen können, aber ſie konnte heute nicht in ſein Antlitz ſehen und ihm zu⸗ lächeln— ſie hatte einen böſen Gedanken gegen den Vater in der Seele Oft ſtand ſie auf, ſie wollte den König rufen laſſen, ihm Alles ſagen, er ſollte ſie von dem qualvollen Arg—⸗ wohn befreien. Sie glaubt ihm. Er ſoll ihr ehrlich bekennen, ob er noch treu und eins mit ihr im Herzen. Er iſt wahrhaft und offen, ſagte ſie ſich, und aus dem tiefſten Grunde ihrer Seele ſtieg die Liebe zu ihrem Gatten empor. Doch wenn er abgeirrt wäre von ſich, ſo hätte er ja ſchon die Unwahrheit begangen— Wie? wird er ſie jetzt bekennen? Kann man einen Menſchen auf ſein Gewiſſen fragen, der ſein Gewiſſen bereits verleugnet haben kann? Und wenn er das Entſetzliche bekennt? Sie will es ſtill tragen. Nur nicht dieſen Argwohn, er vergiftet ihr Herz; ſie fühlt, wie er ihre Seele ſchädigt. Soll es denn ſein, daß das Böſe, ja nur der Verdacht des Böſen Alles verdirbt, was in ſeinem Umkreis ſteht? Sie ſetzte ſich wieder. Sie kann den König nicht fragen. „So ſei es denn!“ rief ſie endlich.„Ich muß dieſe Verſuchung beſtehen und der Geiſt der Wahrheit wird mir Kraft geben.“ Sie dachte einen Augenblick daran, ſich dem Leib⸗ arzt anzuvertrauen. Er iſt ihr väterlicher Freund. „Doh ne ſn ln lich erſ rfal ſin, ſo Bei ipin d gnen ihr, aut eine Pan ſi ſortgeriſ ſie jeht lcheln, nicht ih Sie Baun ſoll nicht „ Wah iſt n vem Stic kum A inter den aber ſi ihm zu⸗ en den nlaſſen, ſen Arg⸗ ehrlich Herzen. aus dem ihrem on ſich, Vie lenſchen bereits tſetzliche dieſen er ihre öſe, ja vas in nicht ß dieſe t wird Leil⸗ reund. „Doch nein! Ich bin nicht ſchwach, ich will mir nicht helfen laſſen!“ rief ſie ſich zu.„Soll ich das Entſetz⸗ liche erfahren, ſo will ich es ſelbſt, und iſt es Wahn— ſinn, ſo will ich es allein in mir beſiegt haben.“ Bei Tafel und in den Geſellſchaften war die Kö— nigin doppelt liebreich gegen ihren Gemahl und auch gegen Irma. Wenn ſie die Freundin betrachtete, war es ihr, als müßte ſie um Verzeihung bitten, daß ſie nur einen Augenblick niedrig von ihr denken konnte. Wenn ſie aber wieder allein war, fühlte ſie ihre Seele fortgeriſſen, zu ihm, zu ihr; ſie wollte wiſſen, was ſie jetzt denken, thun, reden— ſie reden von ihr, ſie lächeln, ſie ſpotten über ſie, und wer weiß, ob ſie nicht ihren Tod wünſchen.... Sie ſelbſt wünſchte, todt zu ſein. Zehntes Capitel. „Heut' Abend geh' ich auch ins Theater,“ ſagte Baum am 22. Januar Mittags zu Walpurga.„Es ſoll ein merkwürdiges Stück ſein. Schade, daß Du nicht auch hingehſt.“ „Ich hab' Maskeraden genug geſehen,“ verſetzte Walpurga.„Ich bleib' bei meinem Kind; mein Kind iſt noch das Einzige vom ganzen Hofe, das ſich nicht vermaskiren kann.“ Das Hoftheater war ſchon lange vor Beginn des Stückes bis auf den letzten Platz beſetzt und im Publi⸗ kum war lebhaftes Geplauder, das ſich wie Brauſen der Auerbach, Auf der Höhe. II. 98 X. See anhörte. Man ſprach davon, was das bedeute, daß es auf dem Theaterzettel hieß: Zur Geburtsfeier Leſſings, auf Allerhöchſten Befehl„Emilia Galotti.“ Man ſprach in halben Worten zu einander, verſtand ſich aber ganz. Soll dieſe Aufführung eine ſchlagende Antwort auf mancherlei Gerede ſein? Wird der Hof kommen? Wer wird im Gefolge ſein? Drei dumpfe Schläge ertönten. Sie ſind das Zeichen, daß der Hof die Verbindungs⸗Gallerie zwiſchen Schloß und Theater betreten. Alle Augen, alle Operngläſer richteten ſich nach der königlichen Loge. Die Königin trat ein. Sie ſtrahlte in jugendlicher Schönheit. Der Adel, der den erſten Rang einnahm, erhob ſich. Die Königin dankte freundlich. Sie ſetzte ſich und las mit großer Aufmerkſamkeit den auf der Brüſtung angehefteten Zettel. Der König kam alsbald nach ihr und ſetzte ſich neben ſie; auch er grüßte den ſtehenden Adel und dieſer ſetzte ſich mit ihm, als ob er an ihn gebunden wäre. Der König reichte mit der Hand rückwärts und ließ ſich ſein Augenglas geben. Er betrachtete das Publi— kum, während das Orcheſter die Ouvertüre ſpielte. Der Wunſch Irmas war in Erfüllung gegangen. Seit der neuen Intendanz gab es wieder Muſik vor den Schau⸗ ſpielen und in den Zwiſchenakten. Wer ſitzt hinter der Königin? Die Gräfin von Wildenort. Sie trägt eine einzige Roſe im braunen Lockenhaar. Sie ſpricht einige verbindliche Worte mit dem Oberſt Bronnen. Sie lächelt und zeigt ihre Perlenzähne. Ein j Nohbor: Hi 0 nur eine Von di be die ſchön biten ſ Siile ei Lr einen b nehei urtheil ſhribe Atenſt z bez wnho wollte ſprech Stück ſo we lebha D ſagte als 2 der S die) das edeute, ttsſeier otti⸗ krſtand agende er Hof eichen, Schloß gläſer dlicher nahm, ſetze f der sbald e den s ob ließ ubli⸗ Der der hau⸗ aar. berſt 99 Ein junger Kritiker im Parterre ſagt zu ſeinem Nachbar: „Die Gräfin Wildenort hat wol nicht ohne Abſicht nur eine Roſe ins Haar geſteckt, wie Emilia Galotti.“ Von Muſikfreunden wurde oſt Ruhe geziſcht, denn die Geſpräche im Hauſe waren ſo lebendig, daß man die ſchöne Muſik der Ouvertüre kaum hörte. Das Ruhe⸗ bieten half nichts, erſt als der Vorhang aufrollte, trat Stille ein. Der erſte Akt bot nur am Schluſſe Gelegenheit für einen beſonderen Applaus. Die Haſt und Eingenom⸗ menheit des Prinzen zeigt ſich, indem er ein Todes⸗ urtheil ſchnell— der Wagen iſt vorgefahren— unter⸗ ſchreiben will; der alte Kabinetsrath Rota zieht das Aktenſtück zurück. Der Intendant hatte, um die Feſtlichkeit des Abends zu bezeichnen, zwiſchen jeden Akt ein Muſikſtück eines namhaften Componiſten eingelegt. Boshafte Zungen wollten behaupten, daß dies nur geſchehen, um die Be⸗ ſprechung des ſeit Jahrzehnten hier nicht aufgeführten Stückes zu verdecken; wäre dies die Abſicht geweſen, ſo wäre ſie vereitelt worden, denn die Geſpräche gingen lebhaft, im Publikum wie in der Hofloge. Der König ſprach mit dem Intendanten und dieſer ſagte:„Leſſing hat in dieſem Rota eine ebenſo kleine als Beifall ſichere Rolle geſchrieben. Darin bewährt ſich der Meiſter. Und es hat noch das Gute, daß man die Rolle von einem Veteranen ſpielen laſſen kann.“ Die Königin ſchaute verwundert um. Sind denn das nur Rollen, nicht lebenerſchütternde Thatſachen? Das Stück nahm ſeinen weiteren Verlauf. Die Scene zwiſchen Appiani und Marinelli wurde ſtürmiſch beklatſcht. Die Königin, die ſich ſonſt in den Zwiſchen⸗ akten immer in den Salon neben der Loge zurückzog, verließ heute ihren Platz nicht; auch Irma als erſte dienſtthuende Hofdame mußte bleiben. Der Oberhofmarſchall ſagte zwiſchen dem dritten und vierten Akt im Corridor zu Bronnen:„Wenn nur dies verdammte Demokratenſtück ſchon abgeſpielt wäre. Der ſüße Pöbel da unten kann demonſtrativ werden.“ Es kam der vierte Akt, die Scene zwiſchen Orſina und Marinelli. Die Königin hielt ihren Fächer krampfhaft in der Hand. Es war eine übermächtige Anſtrengung in ihrer Seele. Sie hörte und ſah, was auf der Bühne vorging, und lauſchte mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit auf den Athem Irmas hinter ihr, wie er ſchneller, wie er lauter ging; ſie wollte ſich plötzlich umwenden und ihr ins Angeſicht ſchauen, aber ſie wagte es nicht; ſie ſah die Geſtalten auf der Bühne und ſtreifte mit dem Blick das Antlitz ihres Gatten. Es war doppeltes Hören und doppeltes Sehen in ihr. Sie mußte ſich zwingen, ihren Athem ruhig zu halten. Die Scene ging weiter. Orſina und Odoardo— Wenn jetzt Irma hinter ihr in Ohnmacht ſinkt... was dann? Was hat ſie gethan, daß ſie das Stück aufführen ließ? Die Scene geht weiter, Orſina giebt dem Vater den Dolch, ſie ſteigert ſich zuletzt zur Wuthphantaſie.„Wenn wir einmal Alle— wir, das ganze Heer der Verlaſſenen, wir Alle, in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir Alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerriſſen, c. Vie ürmiſch viſchen⸗ rückzog, s erſte en und u dies npfhaft ngung Bühne amkeit r, wie nund it dem ingen, weiter. ihr in ethan, e geht ſteigert einmal t, wir wenn rriſſen, 101 zerfleiſchten, ſein Eingeweide durchwühlten— um das Herz zu finden, das der Verräther einer Jeden ver⸗ ſprach und Keiner gab! Ha! das ſollte ein Tanz wer⸗ den! das ſollte!“ Wenn jetzt Irma laut aufſchreit?... Die Königin faßte krampfhaft die Brüſtung, es iſt ihr, als müßte ſie hinausrufen ins Volk. Es blieb Alles ruhig. Als die Scene vorüber war, wendete ſich der König zu Irma und ſagte in leichtem Tone: „Die Müller ſpielt vortrefflich.“ „Ueberraſchend, Majeſtät, im Einzelnen aber etwas chargirt. Die Worte:„Ich habe hier nichts zu ver⸗ zeihen, denn ich habe hier nichts übelzunehmen,“ hat ſie zu ſcharf geknirſcht; ſie hat ihre Stimme zu ſehr geſchminkt. Die offen Gekränkte müßte mehr wie Dolch⸗ zücken ſprechen, man müßte den Dolch ſchon in den Worten ſehen, bevor er als ſcharfes Eiſen gezeigt wird.“ Irmas Stimme war feſt und klar, nichts zitterte in ihr. Die Königin breitete ihren Fächer aus und fächelte ſich in ſchnellen Bewegungen Kühlung ins Antlitz: So könnte Niemand ſprechen, der ſich an die Bruſt ſchlagen müßte. Die Stimme wäre zerbrochen und das Antlitz verſteinert vor ſolchem Anblick... Die Königin wandte ſich um und nickte Irma freundlich zu. „Ich bin ſtärker, als ich wußte,“ ſagte ſich Irma und glättete ihre Handſchuhe. Als ſie Odoardo hatte ſprechen hören, breitete ſich's ihr wie Nebel vor die Augen: 5 wenn das ihr Vater wäre— und er konnte es ſein.. 102 In ihrem Innern ſchrie etwas auf, aber der Schrei kam nicht auf die Lippen. Jetzt war ſie wieder gefaßt und ruhig. Das Schauſpiel ging ohne Zwiſchenfall zu Ende; nur ließ ſichs das Publikum nicht nehmen, den Dar⸗ ſteller des Odoardo Galotti dreimal herauszurufen. Auch der König applaudirte. Der Hof begab ſich nach dem Schloſſe zurück; man verſammelte ſich zum Thee bei der Königin. Die Königin war heiter, wie nach einer überſtan⸗ denen Gefahr. Es war eine Beweglichkeit und Freiheit in ihrem Weſen, die man lange nicht an ihr bemerkt hatte; eine dämoniſche Laſt war von ihrer Seele ge— nommen— ſie war jetzt frei und gelobte ſich, nie mehr niedrig von Jemand zu denken, von ihren Nächſten vor Allem nicht. Man ſaß beim Thee und die Königin fragte ihren Gatten: „Du haſt das Stück wol auch zum Erſtenmal ge⸗ ſehen?“ „O nein, ich habe es auf der Reiſe geſehen, ich weiß nicht mehr wo. Ich finde es ſehr angemeſſen,“ wendete er ſich zum Intendanten,„daß Sie, lieber Schöning, das Stück im Coſtüm des vorigen Jahrhun⸗ derts geben ließen; ich habe es früher in moderner Tracht geſehen. Das macht ſich höchſt unpaſſend. Trotz der Claſſicität liegt auf all' dem etwas Puder, den man nicht wegblaſen darf, ſonſt wird die ganze Affaire, Alles, was gethan und geſprochen wird, unnatürlich.“ Der Intendant war glücklich. vurch dieſet heit Melo riſer nicht weſel Etof eines Leibe das daß Tu neh iſt, Fir gi und als ſol der Schrei gefaßt Ende; Mch man rſtan⸗ eiheit merkt e ge⸗ mehr ſten ihren — — 103 „Wie finden Sie das Stück?“ fragte der König den Leibarzt. „Majeſtät, das Stück iſt ein claſſiſches.“ „Sie ſind doch ſonſt nicht orthodor.“ „Und bin es auch hierin nicht,“ entgegnete Gunther. „Ich darf ſagen, daß ich Leſſing von ganzer Seele verehre, ja vielleicht etwas zu ausſchließlich; aber in dieſem Stück iſt Leſſing noch nicht zur Ruhe der Frei⸗ heit durchgedrungen, es iſt ein Product der edelſten Melancholie, was man in unſeren Tagen auch Zer⸗ riſſenheit nennt; denn die Rechnung ſchließt am Ende nicht ab, es bleibt ein tiefer Bruch. Das kommt aber weſentlich davon her, daß ein großer weltgeſchichtlicher Stoff aus der Römerzeit in Cabinet und Luſtſchloß eines kleinen italieniſchen Fürſten verlegt iſt.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte der König. Der Leibarzt ſetzte auseinander: „In dieſem Stück iſt ein Pathos der Verzweiflung, das ſich bis zur Schlußfrage ſpitzt:„Iſt es nicht genug, daß Fürſten Menſchen ſind, müſſen ſich auch noch Teufel in ihren Freund verſtellen?“ Man könnte an⸗ nehmen, daß das Gefühl dieſer Erkenntniß eine Strafe iſt, die der Fürſt ſein Lebenlang nicht mehr los wird. Der Fürſt muß ein anderer werden von da an. Aber dieſe epigrammatiſch gefaßte Erkenntniß der eigenen Schwäche und der Schlechtigkeit der Umgebung erſcheint mir nicht als volle und faktiſche Sühne. Eine Frage, und eine ſolche am Schluſſe des Drama's, das uns verſöhnt mit dem ewigen Geſetze entlaſſen ſoll— iſt nur möglich, weil der Grundton des Ganzen ſarkaſtiſch iſt und in den bittern Worten liegt:„Wer über gewiſſe Dinge den Verſtand nicht verliert, der hat keinen zu verlie⸗ ren.“ Der ganze Mangel des Stückes— es entſpricht dem Wahrheitsgeſetz Leſſings, wenn man ſich autori— tätslos verhält— der unbeglichene Bruch liegt darin, daß Leſſing die That des Virginius vom römiſchen Forum auf das Parket, aus der leidenſchaſtlichen Hand des Bürgers, der eben das Schlachtmeſſer in der Hand hat, in die des malcontenten Oberſten Galotti verlegt hat. Die That des Virginius iſt die Wendung einer großen politiſchen Kataſtrophe— nach ihr bricht die Revolution herein und ſühnt; hier aber iſt dieſe That folgenlos an den Schluß geſetzt und ſühnt Darum entläßt uns dieſes Stück mit einer Frage, eigentlich eine Diſſonanz iſt.“ Man war befriedigt von dieſer Auseinanderſetzung, trotzdem Anfangs ſich eine ſeltſame Schärfe eingemiſcht hatte. Sie hob die ganze Sache und den doch etwas Eindruck in die kühle kritiſche Atmoſphäre. „Mir iſt etwas Beſonderes aufgefallen,“ ſagte Irma; ſie glaubte nicht ſtill bleiben zu dürfen.„Ich habe zwei Ehegeſchichten in dem Stücke gefunden.“ „Ehegeſchichten? Und ſogar zwei?“ wurde gefragt. „Allerdings. Emilia iſt das Kind einer unglück⸗ lichen, oder ehrlicher geſagt, einer böſen Ehe. Dieſe rauhe Tugend Odoardo und dieſe conciliante Claudia haben eine entſetzliche Ehe geführt und ſich endlich an⸗ ſtändig getrennt. Er lebt auf dem Gute, ſie läßt der Tochter in der Stadt die letzte Politur geben; Emilia muß ſehr viel Clavier üben. Papa Odoardo ſitzt immer auch M ſehr wlt Che ſt Und uu ih, m würdek mine2 und Re kin hy ſine 5 willen weilant wie we welth, Keint ſiner wäre hätte ihren nüßte udl Und fn Ahi 105 Diuge ſc zu Perde. M auch mora iſ zu Pferde; Kadame Gaudia iſt eine ſprih ſehr weltlich geſinnte Geſellſchaftsdame. Das Kind dieſer W Ehe iſt nun Emilia, und ihre Ehe mit Appiani wäre ni ganz Beſölbe geworden, wie die ihrer Eltern.“ 6 „Fein ergründet,“ ſagte der König, und von ſeinem niſchen Zuruf belebt, fuhr Irma fort: Vand„Die Großmutter Emilias hat vielleicht geſagt: Ich Hand bin nicht glücklich, meine Tochter Claudia ſoll es werden werlegt mit dem braven Odoardo, damals eben erſt Hauptmann. einer Und nun ſagte Mutter Claudia: Ich bin nicht glück⸗ ht die lich, meine Tochter Emilia ſoll es werden, und Emilia Thet würde künftig auch geſagt haben: Ich bin nicht glücklich, nichts. meine Tochter u. ſ. w. Das iſt eine ewige Kette von Elend e, die und Reſignation. Wer iſt denn dieſer Herr Appiani? Ein hypochondriſcher Legationsrath außer Dienſt, der tzung, ſeine Frau eigentlich um des biedern Schwiegervaters miſcht willen heirathet und ihr geradeſo predigen wird, wie etwas weiland Odoardo, und ebenſoviel Wirkung haben wird, ſphäre. wie weiland Odoardo. Appiani war den Schuß Pulver Irma; werth, oder auch noch einen zweiten, wie Marinelli hebe meint— warum hat er kein Auge für die Toilette ſeiner Braut! Im nächſten Winter auf dem Lande efragt. wäre Emilia Appiani vor Langeweile geſtorben, oder nglüc⸗ hätte ſich verwandelt und eine Kleinkinderſchule auf Dieſe ihrem Gute errichtet. Wenn Emilia ſingen würde, ſie laudia müßte ähnliche Melodien haben, wie Mozarts Zerline, ich an⸗ und Maſetto⸗Appiani ſpürt's, daß er dahin nicht paßt, äßt der und er hat Recht— obgleich er ſich's nicht erklären Emilia kann— daß er vor der Trauung ſo ſchwermüthig iſt. immet Appiani dürfte nur eine Wittwe mit ſieben Kindern — 106 mnſt heirathen; der Menſch hat von Natur eine Wittibſeele. Lenn er ſich mit ſeiner Frau gezankt hat, wird er der ul nach dieſer Motion auch ſagen, wie nach dem Zank aln beit 7 mit Marinelli:„Ah, das hat gutgethan, mein Blut iſt ibſchfe in Wallung gekommen, ich fühle mich anders und ſi gn ſ beſſer.“ Emilia liebt den Prinzen, darum fürchtet ſie da ht d ihn; ihr notariell verſchriebener Bräutigam wird nur Freund be ihr Mann, war nie ihr Geliebter.— Ich würde in in, Appiani zum Landtags⸗Abgeordneten, aber nicht zum er nahe Gatten wählen. Solch ein Mann darf gar nicht oder Jorren,1 nur eine Frau heirathen, die Suppenanſtalten gründet, Hak. Al aber keine Emilia, die kokett genug iſt, zu wiſſen, was ſciehen u ihr gut ſteht.“ Grliebte 1 Die Wangen Irmas glühten, als ſie ſo ſprach; ſie hett ihn hatte das Gefühl, als ob ſie auf einem wilden Renner„Und durch Wald und Feld reite, und in der That, als ſie Kamnech einmal mit Bitterkeit begonnen, trug ihre Phantaſie ſie„Dos von ſelbſt weiter und kühn über Alles hinweg. Sie„Sug hatte ſich alles Bangen weggeſprochen, und mit ſtolzem der Mm Selbſtgefühl empfand ſie jetzt, wie ſie das Leben und„Da 3 Alles um ſie her beherrſchte. Pah Der Abend, der ſo gewitterſchwer gedroht hatte, dſthe brachte nur erfriſchende Kühlung und reinigte die niteinan Atmoſphäre. ſunden Die Königin athmete leicht auf und fühlte ſich A glücklich, in den Kreis guter und geiſtig bedeutender õ ir 5 Menſchen verſetzt zu ſein. 1 ſtn Baum war nach dem Theater noch zu Walpurga Die geeilt und erzählte ihr: purga „Das war heute ein Stück! Mich wundert's, daß Gedarke 3 — —— s—— 107 ider man ſo etwas frei ſilen darf. Da iſt ein Prinz, zut der will eben eine Prinzeſſin heirathen und hat eine tti alte Geliebte ſie iſt aber noch ſchön— die will et abſchaffen und ſich eine neue anſchaffen, die t ſe iſt gar ſchön, aber an dem Tag iſt ihre Hochzeit. Und da hat der Prinz einen Kammerherrn, der iſt der Freund vom Prinzen, aber der Prinz geht hart mit ihm um, wenn er ihm nicht gleich herbringt, was er mag; er ſpricht per Er mit ihm und heißt ihn einen Narren, und nachher fällt er ihm gleich wieder um den ndet, Hals. Alſo der Kammerherr läßt den Bräutigam todt⸗ ſchießen und die Braut rauben; aber da kommt die alte 5 Geliebte und trifft den Vater der Emilia Galotti und e hetzt ihn auf, und der Vater ſticht ſeine Tochter todt.“ mer„Und was geſchieht nachher dem Prinzen und dem 3 N Kammerherrn?“ fragte Walpurga. ie le„Das weiß ich nicht.“ Sie„Sag' noch einmal,“ fragte Walpurga,„wie hat olzem der Name geheißen von der Braut?“ und„Da haſt Du den Zettel, da ſteht Alles drauf.“ Walpurga las den Zettel, er zitterte in ihrer Hand. hatte, Da ſtehen Namen, die der König und Irma damals die miteinander geſprochen, wo ſie nichts davon ver⸗ ſtanden hat. ſich„Alſo die Geſchichte habt ihr aufführen laſſen? O ender ihr... o ihr alle miteinander ſeid... ich weiß ſchon purga Die Warnung der Mamſell Kramer half— Wal⸗ purga wagte nicht, die Worte hinzuzuſetzen, die ſie in „doß Gedanken hatte.... Am andern Abend war Hofconcert. Der große Saal im Mittelbau mit ſeiner vortrefflichen Akuſtik war reich gefüllt mit Männern in Uniform und Decora⸗ tionen und ſchön geputzten Frauen. Der engere Hof⸗ kreis befand ſich im Saal, die Geladenen in den Neben⸗ räumen und auf den g Diejenigen, die zum kleinen Zirkel der Königin ge⸗ hörten und erſt geſtern ſich zuſammengefunden hatten, begrüßten einander mit einer gewiſſen familienhaften Vertraulichkeit; man hielt heute nicht zuſammen, man hatte die Pflicht, mit den nur ſeltener Geladenen zu ſprechen. Der König war in Huſarenuniform und in beſter Laune; während der Pauſen ging er durch die Säle und ſprach bald Dieſen bald Jenen an und hatte für Jeden ein beglückendes Wort. Die Königin ſah leidend aus und that ſich offenbar Zwang an, ihre Haltung zu bewahren. Irma hatte die Gewohnheit, mit Sängern und Sängerinnen, die auf einem abgeſchloſſenen erhöhten Sitz ihre Stücke vortrugen, ſich heiter zu beſprechen. Böſe Zungen behaupteten, ſie wolle ſich dadurch nur vor aller Welt in ihrem Leutſeligkeitsſchmucke zeigen, aber Irma glaubte einfach, ſich den Künſtlern und Künſtlerinnen menſchlich naheſtellen zu müſſen. Der Leibarzt ſtand mit dem Director der Kunſt-Aka⸗ demie und dem Generalintendanten Schöning in einem Geſpräch. Es handelte ſich um Entwürfe zur maleriſchen Ausſchmückung des neuen Parlamentshauſes, denn auch ein ſolches hatte der König bereits gebaut. Der Künſtler ſprach ſein Bedauern aus, daß ſich keine feſte Geſtalt die Dur ir wibli che ant glichen blib 6i er widerte der ud, erlube heſcharge lit tiun ildna die— ich me Oder dergleic trit hätte ſentirte. Gl offihig, ich wirt fren te, Her 6 Pr Lib gwaltſun f djenige, laren Gede Geſtlten; nißlungen durſtelenz Libarſt t „Ah! alen zi Horfe zu Barte ſu mß ein roße war (ora⸗ ben⸗ ge⸗ tten, ften man auch nſtler eſtalt 109 für die Darſtellung der Verfaſſung geben laſſe; eine weibliche antike Figur mit einem Blatt Papier und der⸗ gleichen bleibe immer unzulänglich und allegoriſch kalt. „Sie erwecken in mir einen alten Gedanken,“ er⸗ widerte der Intendant,„es fehlt uns die mythenbildende und, erlauben Sie mir den Ausdruck, hier ſpeciell die hoſcharge⸗bildende Kraft. In gleicher Weiſe, wie es einen Feldmarſchall giebt, ſollte es eine Hofcharge geben, die— ich meine es im Ernſt— als Verfaſſungs⸗Herold oder dergleichen bei wichtigen Actionen immer den Vor⸗ tritt hätte und bei Hofe immer die Verfaſſung reprä⸗ ſentirte. Glauben Sie mir, die Verfaſſung iſt nicht hoffähig, ich meine, ſie iſt nicht repräſentirt und bleibt deshalb fremd bei Hofe. Stimmen Sie mir nicht auch bei, Herr Geheimrath?“ Der Leibarzt antwortete, ſich aus einer Zerſtreuung gewaltſam faſſend:„Es geht nun einmal nicht mehr, dasjenige, was wir mit Maß und Wage oder gar als klaren Gedanken erfaßt, in mythiſche und ſymboliſche Geſtalten zu überſetzen; das käme auf den gleichen mißlungenen Verſuch hinaus, eine Göttin der Vernunft darſtellen zu wollen.“ Er ſprach zerſtreut, denn er ſchaute immer hinüber zu Irma. Jetzt ging ſie in die Geſellſchaft zurück, der Leibarzt trat ihr in den Weg und ſie ſagte: „Ach! heutigen Tages iſt Alles nur Programm. In alten Zeiten hieß der König einen Sänger mit der Harfe zu ſich kommen, und der Alte mit dem weißen Barte ſang ſeine überraſchenden Lieder; heutigen Tages muß ein ganzes Orcheſter her und ein Dutzend Sänger 18 ———————— 110 und Sängerinnen, und man hat das muſikaliſche Menü in der Hand.“ Der Leibarzt ſchien nicht geneigt, hierauf einzu⸗ gehen, er erwiderte: „Ich habe viel über Ihre geſtrigen Bemerkungen nachgedacht.“ „Ich denke nie über eine geſtrige Bemerkung nach.“ „Aber ich bin Pedant und muß das. Sie ha⸗ ben Recht, Emilia wäre mit Appiani nicht glücklich geworden.“ „Es freut mich, daß Sie mir Recht geben.“ „Glauben Sie, daß Emilia mit dem Fürſten glücklich geworden wäre?“ „Und wie lange?“ „Das weiß ich nicht.“ „Sie wäre bald enttäuſcht worden, denn dieſer Fürſt iſt ein Genießling, der überall nur herumnaſcht, in der Kunſt, wie im Leben, mit Einem Wort: ein Dilettant. So lange der Dilettant jung iſt, giebt ihm die Grazie der Jugend, die Schnellkraft ſeiner Be⸗ wegungen das, was man intereſſantes Air nennt; aber wird der Dilettant älter, dann copirt er ſich ſelbſt, kaut die paar Phraſen wieder, die er von Anderen ge⸗ hört oder ſich ſelbſt zurechtgeſtümpert hat; er legt ſich das Roth jugendlicher Schwärmerei wie eine Schminke auf die Seele, drunter aber iſt Alles welk, nichtig, morſch und brüchig. Leſſing hat nicht umſonſt Hettore jung und ſchön geſchildert, der eben erſt eine legitime Heirath abſchließen ſoll, er will ja Appiani zum Godie hei iůt uf nei lich, da Im ch, eit „h, nich hute innerng uht eie grißt Dor Coru te indeß ſ ſin eingehe die höni Die Gemi hr Rraſt er Jna kn Mn Genäche ſe bleich un Pulur iher Brſt „0, pie Grtt Wb un ſut, Git on nir biſ ſort. J, ſchen, ud Meine Mut gur ſo un 111 Uen Geſandten bei ſeinem Schwiegervater machen— ſind Sie nicht auch meiner Meinung?“ fragte der Leibarzt end⸗ enzu⸗ lich, da Irma gar nicht antworten wollte. „Ach, entſchuldigen Sie,“ verſetzte ſie,„ich habe ungen mich heute ſo voll Muſik getrunken, daß ich keine Er⸗ innerung mehr habe an die trockene Speiſe von geſtern.“ uch.“ Sie grüßte freundlich und verſchwand im Gewühl. e ha⸗ clich Elftes Capitel. icklich Der Carneval am Hofe war diesmal ſtill; man hatte indeß ſchon im Voraus ſein gut Theil Feſtlich⸗ keiten eingeheimſt. Die Königin war krank. Die Gemüthsbewegungen der letzten Wochen hatten ieſer ihre Kraft erſchüttert. Man fürchtete für ihr Leben. ſcht, Irma kam ſelten zu Walpurga. Sie war meiſt in ein den Gemächern der Königin, und wenn ſie kam, ſah ihm ſie bleich und abgehärmt aus. Be⸗ Walpurga ſpann ruhig weiter und das Kind an aber ihrer Bruſt gedieh. lbſt,„O, wie wahr hat unſere gute Königin geſprochen. ge⸗ Gott Lob und Dank, hat ſie einmal zum Prinzen ge— ſich ſagt, Gott Lob und Dank, daß Du geſund und los i von mir biſt, mein Kind; Du lebſt jetzt für Dich allein htig, fort. Ja, ſie hat Allem ins innerſte Herz hineinge⸗ ttore ſehen, und ich meine, ſie wäre zu gut für dieſe Welt. tine Meine Mutter hat's tauſendmal geſagt: Menſchen, die zun gar ſo arg gut ſind und nicht einmal ſo rechtſchaffen * 112 zornig und bös werden können und um ſich hauen, die holt unſer Herrgott bald zu ſich. Ach, wenn ich nur meinen Prinzen mit heimnehmen könnte! Jetzt kommt bald das Frühjahr. Du lieber Gott, wenn er da ſeine Mutter verlieren ſollte, und mich dazu—“ So klagte Walpurga zu Mamſell Kramer, und dieſe hatte ſchwere Mühe, ſie zu tröſten. Baum wußte es einzurichten, daß er immer etwas in den Gemächern des Kronprinzen zu beſtellen und herzurichten hatte. Er war nicht mehr zudringlich gegen Walpurga, er zeigte ſich ihr nur ſehr dankbar und ge⸗ fällig. Er mußte ihre Theilnahme gewinnen— das iſt mehr werth, als alles Andere. Als nun Walpurga auch ihm klagte, fragte er: „Mein' ich's gut mit Dir?“ „Ja, das kann ich nicht anders ſagen,“ entgegnete Walpurga. „So merk' auf, was ich Dir ſage: Es giebt nichts Langweiligeres, Kargeres und Geizigeres, als ſo eine einfältige gute Ehe, was man ſo eine gute Ehe heißt. Was hat man denn davon? Seinen Lohn und einmal ein Trinkgeld von einer fremden Herrſchaft und ein Paar Flaſchen Wein, die man ſtipitzen kann. Zu Zeiten der Baronin von Steigeneck war's anders, da ſind die Kammerdiener und Alles, was um ſie geweſen, reich geworden und haben Häuſer in der Stadt und Hypotheken und Rittergüter. Nun, Gottlob, jetzt wird's auch wieder anders.“ „Ich weiß nicht, was Du meinſt,“ ſagte Wal⸗ purga. 3 wol Sunde bu an miſtn, ud um Git nit 1 ni lit i uf d Sn vi den!“ 0 D haſt dn! ſitt, hin niie( nd venn t „Ih m weil Duſo hin und me ewos ſagen Wen „6s iſ „Ven „Und „Urd ih duksj cher hät ſchlen, Du biſt a wos ſagt drauf!“ Auerba hauen, wenn ich wenn er azu 4 ind dieſe er etwas len und ich gegen und ge — das alpurg tgegnete t nichts ſo eine he heißt. einmal und ein n. Zu ers, da geweſen, adt und st wirds te Val⸗ 7 „Ich wollte,“ entgegnete Baum,„ich wäre nur eine Stunde lang an Deiner Stelle; auf Dich hält ſie ja am meiſten, und bei Dir haben ſie ſich ja verſtändigt, und wenn Du willſt, kannſt Du Geld genug und ein Gut mit Wald und Feld und Wieſen haben. Für mich bitte ich Dich nur um die Stelle als Caſtellan auf der Sommerburg.“ „Ich ſoll das Alles können? Bei wem denn und wie denn?“ „D Du—“ lachte Baum.„Merkſt denn nichts? Haſt denn keine Augen im Kopf? Wenn die Königin ſtirbt, heirathet der König Deine Gräfin, ſie iſt eine reichsfreie Gräfin und kann jeden König heirathen; und wenn die Königin nicht ſtirbt, iſt's auch gut.“ „Ich möchte Dir die Fauſt ins Geſicht ſchlagen, weil Du ſo was ſagſt, und da gehſt Du nachher wieder hin und machſt einen Katzenbuckel? Wie kannſt Du ſo etwas ſagen?“ „Wenn's aber wahr iſt?“ „Es iſt aber nicht wahr!“ „Wenn's aber doch wäre?“ „Es kann nicht ſein.“ „Und ich ſag' Dir, es iſt!“ „Und wenn's wäre— o verzeih, gute Gräfin, aber ich denks ja nicht, der da ſagt's nur, und wenn's wäre, eher thäte ich meinen Mund auf einen Stein auf— ſchlagen, eh' ich um einen Sündenlohn bitten möcht'⸗ Du biſt aber ſchlecht, und wenn Du noch einmal ſo was ſagſt, geb ich Dich an, das thu' ich, verlaß Dich drauf!“ Auerbach, Auf der Höhe. 11. 8 . —————— —————————— —— — 114 Baum that, als ob er nur Spaß gemacht, aber Walpurga wollte darin auch keinen Spaß verſtehen, und er war froh, als ſie ihm endlich verſprach, wenigſtens ſtill zu ſein, und ſchließlich braucht er keinen Vermitt⸗ ler; er wird ſchon ſelbſt für ſich ſorgen.... Die Zimmer der Gräfin Irma waren gerade unter denen des Kronprinzen und Walpurgas, nur durch den Boden getrennt. Hier unten ging während deſſen eine Scene ganz anderer Art vor. Bruno ſaß bei ſeiner Schweſter und ſagte: „Das iſt ein Malheur, und ich kann Dir leider nicht verhehlen, daß Du daran ſchuld biſt: Mutter Sylphe iſt mir auf den Hals gekommen und genirt mich entſetzlich.“ „Wer denn?“ „Meine Schwiegermutter iſt da und hat mir lachen⸗ den Mundes zu verſtehen gegeben: Da meine Schweſter ſo könnte ſie nun auch hier ſein.“ Irma bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen. „So glaubſt auch Du?“ „Was liegt Dir an meinem Glauben? Man ſpricht davon. Das iſt genug.“ „Das iſt nicht genug. Ich werde die Menſchen lehren, anders zu ſprechen.“ „Gut, geh' von Haus zu Haus, von Frau zu Frau, von Mann zu Mann und ſage ihnen, ſie ſollen anders denken. Aber es giebt ein Mittel, wie Du das kannſt— darf ich's nennen?“ Irma nickte ſchweigend. „Der Intendant hat, ich weiß das, im vorigen . ofin n eine Ehr 6 ſe2 dc“ kin die „Dndeb ſhnel!“ Dr ſü oderer Ve och ine undnt i und bat, 6 gler Sie e Iiſh, „0, w nehr von nn „Ds St „ch in ner freu. mn zur ni küune grin dyn ſengend ner auf den D, woh 6 tut Im w danten, be Hetem de ſeinen Echn ſch ien ht aber hen, und enigſtens Vermitt⸗ de unter urch den ſſen eine d genirt r lachen⸗ Schweſter Händen. m ſpricht nlehren, Frau zu ſie ſollen eDu dos vorigen 115 Sommer offen um Deine Hand geworben. Es wird ihm eine Ehre ſein, Dich ſeine Frau zu nennen. Ent⸗ ſchließe Dich!“ Ein Diener trat ein und meldete den Intendanten. „Wunderbares Zuſammentreffen! Entſchließe Dich ſchnell!“ Der Intendant erſchien. Bruno grüßte ihn mit beſonderer Vertraulichkeit. Auch Irma war freundlich. Nach einer Weile entfernte ſich Bruno. Der Intendant überreichte Irma ein Bühnenmanuſcript und bat, es zu leſen, um ihr Urtheil darüber abzu⸗ geben. Sie empfing es dankend und legte es auf einen Tiſch. „Ach, wenn der Frühling kommt, will ich gar nichts mehr vom Theater hören. Unſer Theater iſt eine Winterpflanze.“ „Das Stück iſt auch für die nächſte Winterſaiſon.“ „Ich kann nicht ſagen, wie ich mich auf den Som⸗ mer freue. Wenn Alles ſo kahl und öde iſt, glaubt man gar nicht, daß einmal die Sonne ſchien und die Bäume grünten und der See blinkte. Denken Sie an den ſonnenduftigen Tag, als wir uns im vorigen Som⸗ mer auf dem See trafen?“ „O, wohl denke ich dran.“ Es trat eine längere Pauſe ein. Irma wartete auf eine weitere Rede des Inten⸗ danten, aber er ſchwieg und man hörte nichts, als das Klettern des Papagei's im Käfig und wie er, jetzt ſeinen Schnabel in das goldene Gitter einhackend, in ſich hinein knurrte. 116 „Ich ſehne mich danach,“ begann Irma wieder, „im Sommer meine Freundin Emmy zu beſuchen, ich will mich in Einſamkeit baden. Dieſer Winter war doch zu lärmend und unruhvoll.“ „Ja, und dazu die Krankheit der Königin.“ Der Papagei zerrte am goldenen Gitter und Irma lockerte etwas das rothe Sammtband an ihrem Morgen⸗ kleid. „Werden Sie wieder nach dem See gehen?“ ſtieß Irma bebend heraus. „Nein, theure Gräfin. Ich werde die deutſchen Theater beſuchen, um einen zweiten Baß, vor Allem aber einen jugendlichen Liebhaber zu engagiren. Sie glauben gar nicht, welch ein Mangel an jugendlichen Liebhabern in der deutſchen Welt iſt.“ Irma lachte hell, aber alles Blut ſtieg ihr zu Kopfe, ſie meinte, ſie müſſe umſinken. Der Diener meldete die Baronin Steigeneck. „Ich bin nicht zu Hauſe!“ erwiderte Irma raſch. „Bleiben Sie noch einen Augenblick,“ ſagte ſie zum Intendanten. Der Intendant blieb noch eine Weile, ſprach von dem Manuſcript, das auf dem Tiſche lag, und er⸗ klärte, daß die rothangeſtrichenen Stellen Kürzungen bedeuten. Irma verſprach, das Stück zu leſen; ſie dankte für die gute Meinung, die er von ihrem Ur⸗ theile habe, und ſprach in der gleichgültigſten Weiſe, bis er ging. Als aber der Intendant fort war, warf ſie ſich aufs Sopha und weinte lange und bitterlich. Ihr ſchöner Leib zuckte auf und nieder im heftigen Winen* Ei ſun At h. Rd der wden einß ilſumit ſhitelte ki us den b heſchl, dß Purſſutt de Der Dinet villonn, uſh, hen nſh „5 il ud heute n rüßet „Jo „Von 1 ſrochen!“ f 1 „Eie l „J. ſugen, un N ih Grifn“ „Md Vie „Einer „itt rma wieder eſuchen, ih Winter wer gin.“ und Irma em Morgen⸗ ie deutſchen vor Alen giren. Sie jugendlichen hr zu Kopfe, enec. Irma raſch. gte ſie zun ſprach von g, und er⸗ Kürzungen u leſen; ſie ihrem Ur⸗ igſen Peiſe, t war, wurf nd bitterlich. in heftigen 117 * Weinen. Sie blickte verwirrt umher, wie aus der leeren Luft hatte es zu ihr geſprochen: Du wollteſt.. Iſt das der nothwendige Weg deſſen, der von der ge⸗ raden Straße abging, daß er in den Sumpf der Selbſterniedrigung gerathe?... Plötzlich erhob ſie ſich, ſchüttelte kühn das Haupt und ſtrich ſich die Locken aus dem Geſicht; ihre Lippen ſchwellten ſich und ſie befahl, daß man anſpanne. Sie wollte nach der Werkſtatt des Bildhauers fahren, um dort zu arbeiten. Der Diener meldete den Oberſt v. Bronnen.„Iſt willkommen,“ nickte Irma. Der Oberſt trat ein. Irma entſchuldigte, daß ſie ihn im Hute empfange; ſie wollte eben ausfahren. „So will ich ein andermal kommen, gnädige Gräfin, und heute nur meine Grüße beſtellen.“ „Grüße?“ „Ja, von Ihrem Herrn Vater.“ „Von meinem Vater? Wo haben Sie ihn ge⸗ ſprochen?“ „Auf Wildenort.“ „Sie waren dort?“ „Ja. Ich hatte in Ihrer Heimath etwas zu be⸗ ſorgen, und da führte ich mich ohne weitere Empfehlung ſelbſt bei Ihrem Herrn Vater ein. Ich durfte ſagen, daß ich zu Ihren näheren Freunden gehöre, liebe Gräfin.“ „Und wie lebt mein Vater?“ „Wie der Vater einer ſolchen Tochter leben muß.“ „Einer ſolchen Tochter?“— „Bitte, wertheſte Gräfin, Sie ſind in Eile und ich —— —— 118 ſelber— ich bin noch ganz voll von dem hohen Weſen dieſes Mannes und möchte gern, daß wir beiderſeits in Ruhe—“ „Ich bin's. Bitte, haben Sie einen Auftrag?“ „Nein. Ich glaube erſt jetzt, Sie, liebe Gräfin, recht zu verſtehen.— O, Gräfin, was für ein Mann iſt das, Ihr Herr Vater!“ Irma ſchaute betroffen um— es war ihr, als ob ſie plötzlich Appiani von Odvoardo ſprechen höre. Der Oberſt fuhr ruhig fort: „Gnädige Gräfin, ich binkein ſchwärmeriſcher Jüngling, aber in den Stunden, da ich Ihrem Herrn Vater nahe ſein durfte, erweckte ſein Geiſteshauch das erhöhte Daſein wieder, das man einſt ſchaffen zu können hoffte. Es giebt keine ſchöne Gemeinſchaft, wo man nicht ſich ſelbſt auch wohlwollend betrachtet weiß. Ich darf ſagen, daß mir das Glück gewor⸗ den,, mir die Wohlmeinung Ihres Herrn Vaters zu gechinnen““ „Sie verdienen es vollkommen! Erlauben Sie, daß ich meinen Hut ablege; ſetzen Sie ſich, erzählen Sie mir mehr von meinem Vater!“ Sie that den Hut ab, ſie ſah ſchön aus, hocherregt. Sie klingelte und ließ den Wagen wieder abbe⸗ ſtellen. Der Oberſt ſetzte ſich. „Nun erzählen Sie!“ ſagte Irma, die Locken zurück⸗ werfend; ihr Antlitz war heiter geſpannt. „Wenn ich Ihnen ſage,“ erwiderte Bronnen ſtockend, „daß ich hohe Stunden gelebt, aber nichts Beſtimmtes z ihen! ſthen. 2 den Pad Po un dor che und ſnien ns und de ſo foh „ih ber Gumme „Hot m ſrochen“ Ni. Lpen 0 do Nnſch lüle Sohn Der At Imnn durch in hoh an und Hand, hines dafi vie es ſich „ bi jir neinen vieder geſ würige, e Si.— 9 ohne Wle beſcheiden, „unz ſelten Ged ohen Weſen beiderſeitz uftrag?“ ede Grüft, ein Mnn ärmeriſcher hrem Herrn shauch das ſchaffen zu meinſchaſt, bettachtet ück gewor⸗ Voters zu neie, daß rzählen Sie hochetregt. iedet abbe⸗ ocken zurict⸗ nen ſtockend, Beſtimntes 140 zu erzählen weiß, ſo werden Sie, gerade Sie das ver⸗ ſtehen. Wenn man beim wonnigen Schweifen durch den Wald ſich einen Zweig auf den Hut ſteckt, was kann der abgebrochene Zweig ſagen von Waldesrauſchen und freiem Bergesathem? Er giebt nur ein Zeichen, uns und den Begegnenden, warum unſer ganzes Weſen ſo froh geſpannt iſt.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Irma. Geraume Zeit ſaßen die Beiden einander ſtill gegenüber. „Hat mein Vater auch von meinem Bruder ge⸗ ſprochen?“ „Nein. Das Wort Sohn kam nicht über ſeine Lippen. O Gräfin! Es iſt beſeligende Wiedergeburt des Menſchen, daß es ihm gegeben ſein kann, in freier Liebe Sohn zu werden——“ Der Athem des ſtattlichen Mannes ging ſchwer. Irma durchzuckte es, ihr Herz pochte ſchnell. Da iſt ein hoch angeſehener edler Mann, er bietet ihr Herz und Hand, ja auch das Herz, und— ſie hat ihm keines dafür zu geben. Sie fühlte in ſtechender Pein, wie es ſich in ihr zuſammenkrampft. „Ich bin glücklich,“ ſagte ſie,„ich bin glücklich... für meinen Vater, daß er in ſeiner Vereinſamung doch wieder geſehen hat, in der bewegten Hofwelt leben würdige, alles Beſte in ſich darſtellende Männer, wie Sie.— Bitte, nehmen Sie meine herzliche Meinung ohne Ablehnung an; ich weiß, das Echte iſt immer beſcheiden, weil es ſich nie ſelbſt genügt.“ „Ganz daſſelbe hat Ihr Herr Vater geſagt, den⸗ ſelben Gedanken mit denſelben Worten.“ —— ——. „Ich glaube, ich habe dieſe Erkenntniß auch von ihm, wenigſtens habe ich ſie an ihm gelernt. Ich hätte Sie Beide beiſammen ſehen mögen. Ihre An⸗ weſenheit muß ihm wieder Glauben an die Men⸗ ſchen gegeben haben. Sie ſind ein guter Bote, und weil Sie ſelbſt ſo gut ſind, glauben Sie auch an das Gute.“ „Wo ich einmal geachtet und geliebt habe,“ ent⸗ gegnete Bronnen,„bleibe ich unerſchütterlich. Ich möchte Ihrem Herrn Vater bald ſchreiben. Liebe Gräfin, ich möchte ihm gern das Beſte und mit dem beſten Worte ſchreiben, das die Sprache hat— Gräfin Irma, ich“ möchte ihm ſagen... „Mein lieber Freund“— fiel Irma ein—„ich bin eine einſame Natur, wie mein Vater. Ich danke Ihnen. Sie wiſſen nicht, wie wohl mir Ihr Kommen gethan und Alles, was Sie mir geſagt haben. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen herzlich! Wir bleiben Freunde. Geben Sie mir Ihre Hand. Wir bleiben Freunde, ganz ſo, wie wir es waren. Ich danke Ihnen.“— Ihre Stimme ſtockte vor Thränen. Der Oberſt empfahl ſich. Irma war allein. Sie lag auf dem Boden knieend am Sopha. Durch ihre Seele zog Unſagbares. Der Geck hat ſie verworfen.— Hier kam ein Mann, würdig des beſten Weibes, er vertraute ihr, er liebte ſie und— ſie hat ihn abgelehnt. Dies redliche und gute Herz hat das Recht auf volle unbegrenzte Liebe. Aus Beſchämung und Zerriſſenheit lebte ſie neu inn in b r i Al vit it 6 ſuhn bhl nd d M ſt in Nid hndn, ihn lile uhten ei m te ud di in xil anjt Die ſi Hoftung 6s wa der Hku ines toth inb. In dyß er ſii Mone ein wißes ein ge hoflivre Fi ſin auch von ernt. g 39 Ihre M die Men⸗ Bote, und uch an das abe,“ ent⸗ Ich nöchte Grifin, ich ſten Worte Irma, ich⸗ in— ich Ich danke r Kommen ben. Ich ir bleiben ir bleiben Ich danke Mein. Sie Durh ihte rworfen.— Weibes, er nabgelehnt. t auf vole bte ſie neu 121 auf. Wie kühlender Thau wollte es ſich auf ihre Stirn legen im Gedanken, daß ſie einfach ehrlich gehandelt. Aber in Alles fiel wieder ein bitterer Tropfen: Wie weit iſt es mit dir gekommen, daß du aus der ein⸗ fachen Ehrlichkeit dir einen Schmuck machen mußt? Und der Mann, der nun verſchmäht allein iſt— wo iſt ein Mädchen, das, wenn es nicht durch Liebe ge⸗ bunden, ihn verſchmähen darf? Er muß dich und deine Liebe achten... Sie wußte nicht, wie lange ſie ſo gelegen; ſie lachte und weinte, ſie trauerte und jubelte... Die Kammerfrau trat ein. Es war Zeit, ſich zur Tafel anzukleiden. Zwölftes Capitel. Die Königin war krank. Sie wurde gerettet. Eine Hoffnung ging verloren. Es war ein ſtürmiſcher Frühlingsmorgen, da trug der Lakai Baum einen kleinen Sarg mit der Leiche eines todtgebornen Kindes die Hintertreppe des Schloſſes hinab. Baum ging ſo leiſe, er trat ſo unhörbar auf, daß er ſeine eigenen Schritte nicht hörte. Ihm folgte Madame Leoni, die Kammerfrau der Königin, die ſich ein weißes Tuch an die Augen hielt. Drunten hielt ein Wagen. Baum mußte dem Kutſcher, der keine Hoflivree trug, erſt ſagen, wohin er zu fahren habe. Faſt Niemand im Schloſſe wußte, was hier vorgeht. 16 122 Man fuhr zur Stadt hinaus auf den Kirchhof. Was nicht Namen hat, kommt nicht in die Gruft, das wird im öffentlichen freien Kirchhof begraben. Der Todtengräber wartete, die kleine Leiche ward in die offene Grube geſenkt, namenlos, zeichenlos. Um dieſelbe Stunde, als Baum und Madame Leoni draußen auf dem Kirchhof waren, ſchrieb Wal⸗ purga nach Hauſe: „Gott ſei Lob und Dank, daß das nun vorbei iſt. Jetzt ſeh' ich doch wieder hinaus, wie es einmal anders wird. Das waren ſchreckliche Zeiten. Wenn Alles gut geht, iſt nur noch ſiebenmal Sonntag, bis ich wieder bei Euch daheim bin. Ich kann's gar nicht glauben, daß es möglich iſt, daß ich wieder von hier fortgehen muß, und doch will ich Gott tauſend⸗ mal danken, wenn ich wieder bei Euch bin. Ich werde hier noch ganz dumm von dem vielen Denken, und Elend iſt überall, und die Menſchen freuen ſich, wenn Eines ſchlecht iſt, und wenn's auch nicht wahr iſt, ſo denken ſie ſich's doch aus und das ſchmeckt ihnen gut. Es iſt davon die Rede geweſen, daß wir hier eine Anſtellung bekommen ſollen, wo wir es Alle gut haben ſollen für unſer Lebenlang, aber meine Königin hat geſagt, es iſt beſſer, ich gehe wieder heim, und was die ſagt, iſt gut, die iſt die wahre Königin, ſo muß eine ſein, die hat Gott dazu gemacht. Ich möchte nur wiſſen, warum ſie ſo viel lei⸗ den muß. O! was haben wir ausgeſtanden! Wir haben jede Ninte gen cht u d gehbt und pol M di lin( ut, uch! geeſen iſ git, ic lom ſhl ſe gin Eo ſſt gebete ſir r ſiht der Schatt ii ghe vorne Sti Rht it, ſicht dn Undd hat, dß hind S haben Al lnd nich hele dr gei d i tif in jen verl un ſit Sonntng, anns gat ieder von ttauſend⸗ Ich werde ken, und uen ſich, licht wahr ſchmect hier eine gut haben nigin hat und wos ,eſo muß o viel lei⸗ haben jede 123 Minute gemeint, die Königin— So giebt's keine Seel' mehr auf der Welt, und ſie hat auch viel auszuſtehen gehabt und Menſchen ſind wir alle. Aber jetzt ift gottlob Alles vorbei. Der Leibarzt hat mir geſagt, daß keine Gefahr mehr iſt, freilich was man gehofft hat, auch nicht. Ich kann Euch nicht ſagen, wie mir's geweſen iſt, daß ich ſo geſund bin und hab' immer gemeint, ich muß hin zur Königin und muß mir alle Adern ſchlagen laſſen und ihr mein Blut geben, daß ſie geſund wird. So oft ich gekonnt hab', bin ich hinunter in die Kirche, wir haben hier die Kirche im Haus, und hab' gebetet für die Königin. Und meine Gräfin hat ſich gar nicht bei mir ſehen laſſen, die ſoll ausſehen, wie der Schatten an der Wand. Hier ſind alle Haus⸗ gänge geheizt, das ganze Haus iſt wie eine einzige warme Stube und Alles was im Schloß einander be⸗ gegnet iſt, hat einander angeſehen, als ob man gar nicht da wäre. Und die Königin hat den Abend, wo ſie geglaubt hat, daß ſie ſterben müßte, mich rufen laſſen und ihr Kind. Sie hat nicht viel geſprochen, aber ihre Augen haben Alles geſagt. Und jetzt, Hanſei, halt' Dich bereit, Du mußt mich holen. Wenn ich Dir wieder ſchreibe, geb' ich Dir gleich den Tag an, wann Du kommen mußt. O, ich mein', ich muß über die Tage wegfliegen. Tief im Herzen weh thut mir's, daß ich meinen Prin⸗ zen verlaſſen muß, er iſt gar gut zu mir, aber ich kann nicht, ich hab' mein eigen Kind und meinen —— ——————— eigenen Mann und meine eigene Mutter daheim, und möcht' nicht mehr dienen und draußen ſein in der Welt. Iſt bei Euch auch ſo grauſamer Sturmwind? Ach, der Wind weht ſo ſchnell! Wenn ich nur mit ihm heim⸗ fliegen könnte! Vergangene Nacht hat's vor meinem Fenſter einen Baum umgeriſſen, ein ſchöner mächtiger Baum war's, und hat eine Figur zerſchlagen, und Alle ſagen, die ſei ſehr ſchön geweſen, ich hab's nicht glau⸗ ben können, daß ſo was ſchön iſt, im Gegentheil, recht unverſchämt iſt ſie dageſtanden, daß man ſich geſchämt hat. Ich hab' den Baum und die Figur von meinem Fenſter aus immer geſehen, und jetzt eben ſind ſchon Leute daran, Alles ſauber zu machen, aus dem Weg und fort was verdorben iſt. Das machen ſie hier gar ſchnell, ſei es ein Baum oder eine Steinfigur oder ein todtes Menſchenkind. Verzeiht, daß ich ſo untereinander ſchreibe. Wenn ich wieder komm' und wenn ich hundert Jahr alt werde, ich kann nicht Alles erzählen, was ich hier erlebt hab. Und alſo, lieber Hanſei, wenn Du kommſt, zieh' nur die Kleider an, die Dir der König geſchickt hat, und auch ein feines Hemd von denen, die ich Dir zu Deiner Ausſteuer gemacht hab', ſie liegen im blauen Schrank oben links mit dem rothen Band. Verzeih, daß ich Dir das Alles ſo ſchreibe, Du haſt ja leider Gottes faſt ein Jahr lang allein für Dich ſorgen müſſen, und ich hab' Dir nichts helfen und herausthun können. Jetzt ſoll wieder Alles ſein. Ich mein', ich wäre ſchon wieder daheim und zupfte Dir den Hemdkragen zurecht, wenn wir am Sonntag den See entlang hinaufgehen z hice zö uds nin, de ilt wile m undd un pl ind gut j e, wem Um i ih d it is geuh nein hind vis leh ic pi ih ſo ud bin n Und b il Scche Und b zen, oder uchſen ſ her ich ſ vitder ſch k nhnen ſt ihn ei inlliden hun, pie Henden ſht gefr eim, und der Vlt nd? Ach, ihn hein⸗ meinem mächtiger und Ae nicht glau⸗ heil, recht geſchänt n meinem ind ſchon dem Weg hier gar oder ein e. Wenn alt werde, lebt hab. mſt, zieh chickt hat, ch Dir zu m blauen Verzeih, ja leider en müſſen, m können. väre ſchon en zurcct, inaufgehen 125 zur Kirche. Ich mein', daß ich's gar nicht ſelber erlebt hab' und es wär ein anderer Menſch geweſen, und ich mein', die Tage wären ein hoher Berg, wo man gar nicht drüber hinüber kommt. Aber es wird ſchon wer⸗ den und dann wollen wir luſtig und glücklich ſein, und gottlob, wir haben unſere geſunden Glieder und ſind gut zu einander, von Herzen gut. Verzeihet mir Alle, wenn ich Euch je mit einem Worte beleidigt habe. Wenn ich Dich da bei mir hätt', lieber Hanſei, thät' ich Dich jetzt um den Hals nehmen und Dich abküſſen, bis genug. Du biſt mein Einziges auf der Welt, und mein Kind und meine Mutter. Ich ſpür's erſt jetzt, wie lieb ich Euch hab', ich kann gar wie ich ſo viele Monate hab' von Euch ſein können und bin nicht geſtorben vor Jammer und Heimweh. Und bring' auch eine große Kiſte mit, ich hab' gar viel Sachen bekommen. Und bring' mir auch etwas mit aus unſerm Gar⸗ ten, oder eine von meinen Nelken, die daheim ge⸗ wachſen ſind, und einen Schuh von meinem Kind. Aber ich ſchreib' Dir Alles noch genauer, wenn ich Dir wieder ſchreibe. Ich kann mich gar nicht drein finden, wie die vor⸗ nehmen Leute leben. Ich habe mir ſagen laſſen, daß ſie ihre eigenen Todten gar nicht mehr anrühren und einkleiden; das laſſen ſie Alles von fremden Menſchen thun, die dafür bezahlt werden. Ich habe dieſen Winter auch Flachs geſponnen zu Hemden für meinen Prinzen, und das hat ſie alle ſehr gefreut und ſie ſind zu mir gekommen und haben mir zugeſehen und ſich gewundert, wie wenn das ein Kunſtſtück wäre. Ich freue mich darauf, wieder im Feld zu ſchaffen. Man iſt doch wohler dabei. Aber es fehlt mir nichts, da ſeid ohne Sorgen, nur hab' ich jetzt gar arg Heimweh. Und jetzt lebet wohl und geſund, und lebet tauſend⸗ mal wohl! Eure Walpurga Andermatten.“ Unter der Walpurga, die mit ſchwerer Hand dieſe Zeilen ſchrieb, in den Gemächern des Erdgeſchoſſes ſaß Gräfin Irma an ihrem Schreibtiſch und ſchrieb mit fliegender Feder: „Meine Emmy! Das war eine Nacht— es muß eine Rieſenkraft in mir ſein, da ich den Tag noch erlebe. Ich war in der Unterwelt. Ich habe den Unge⸗ heuern ins glühende Auge geſehen, die über, unter unſerm Alltagsleben hauſen und urplötzlich hervor⸗ brechen. Du mußt es hinnehmen, daß ich wieder zu Dir komme und Dir ſchreibe. Ich weiß nicht, wie lang das nicht geſchah. Du biſt mir eine Burg, ein Fels, eine ſchützende Hütte draußen in der Welt, feſt, un⸗ bewegt, wartend, treu. Ich komme, wenn meine Seele in Noth, ich fliehe zu Dir, mein Fels, meine Hütte, mein Hort, mein Schutz, meine Zuflucht. Das war eine entſetzliche Nacht. Der Baum ſteht feſt, eine junge Blüthe iſt geknickt. Ich kam aus dem Gemach der Königin. Beten konnte ich nicht, aber ich ſud un ſn die Gde er wodn liſe vemgel emelel, ß unichtt, e l uh en aer wußen ſul Ult ih n zuſthit in ihr in Tin Uhim, 1 innte, da U Rinden, ſt jſhagen u wiß aur, ei hn M Nuct, wr Hir ni ſen Herzen, d Nnone tiniſt und ſitt un Eunhl ſhn Uls Vie i tütung, ſi zo ſ e iche ot ne z ſchaffn. mir nicht, et tauſend⸗ tten.“ Hand dieſe choſſes ſaß hrieb mit Rieſenkraft den Unge⸗ er, unter ch herwor⸗ der zu Dir wie lang ein Fels, feſt, un⸗ eine Stele ine Hütte, Baum ſicht m aus dem k, aber ich 127 ſtand am Fenſter und dachte in die ewige Natur hin⸗ aus: Du, die du Alles wieder erneueſt, aus dem Winter die Erde erweckeſt, Bäume und Blumen wieder neu werden läſſeſt, und was verwelkt und vermodert vom vergangenen Jahr— laß auch ein Menſchenherz ſich erneuen, laß Vergangenes vergeſſen, verſchwunden, laß vernichtet, vermodert, verflogen ſein, was wir gethan; laß auch ein Menſchenkind wieder neu und friſch ſein, ganz, auferweckt, erlöſt! So ſtand ich am Fenſter und draußen heulte der Wind. Da, es war, als ob die Welt über mir zuſammenbrechen wollte, da kracht eine Eiche vor meinem Fenſter und knickt zuſammen, und zerſchlägt im Sturz das Götterbild der Venus unter ihr in Trümmer. Mir war's, als träumte ich im Wahnſinn, und als ich hinſah und Alles deutlich er⸗ kannte, da war mein einziger Wunſch: hätteſt du dort geſtanden, ſtatt des Steines, und wäreſt in Trümmer zerſchlagen worden— es wäre beſſer mit dir... Ich weiß nicht, was ich Dir ſagen ſoll. Ich weiß nur, es kann eine Zeit kommen, heute, morgen, in der Nacht, am Tage— und ich bin bei Dir; ich ſinke vor Dir nieder, Du hebſt mich auf, ich ruhe an Dei⸗ nem Herzen, Du beſchützeſt mich, Du retteſt mich vor den Dämonen. Du fragſt mich nicht, Du ſpeiſeſt und tränkeſt und betteſt weich die fremde Seele und fragſt nicht, von wannen ſie kommt. Emmy! Was ſind wir? Was iſt die Welt? Wir ſehen Alles, wir wiſſen Alles, und doch, und doch... Wie kunſtreich, wie ausgeklügelt iſt Alles zur Be⸗ täubung, zur Einſchläferung, zum Gewiſſensſchlummer 128 . Wenn nur das Aufwachen nicht wäre! Das Auf⸗ wachen... Am Morgen... der Morgen iſt das Schrecklichſte! Es ruht ein ewiger Kuß auf einer Bildſäule am Zeughaus, die Sterne ſchauen darauf, der Mond und die Sonne. Könnte ich hinauf und mich herunter⸗ ſtürzen, zerſchmettern, Alles, Alles... Wenn Du ſtürmiſch läuten hörſt in Deinem Klo⸗ ſter, ſo denke, das iſt meine Todtenglocke. Wenn es leiſe an Deine Thür klopft, ſo denke: das iſt eine arme Seele, eine arme, die ſo reich war, ſein könnte, iſt—— Wer nimmt, wer giebt einem Menſchen ſich ſelbſt wieder? Wer zieht ihn heraus aus dem See— — aus dem See——— Warum nur immer der See mir vor den Augen ſchwimmt? Ich ſeh' mich darin. Ich ſinke. Hilf mir! Rette mich, Emmy! Hilf mir! Rette mich! Ich ſinke....“ Als Irma dies ſchrieb, ſchrie ſie plötzlich laut auf, das Kammermädchen kam herein; Irma lag am Boden in Ohnmacht. Als ſie erwachte, fragte ſie, was geſchehen ſei. Der Leibarzt ſaß an ihrem Bette und ſagte: „Sie haben geſchrieben, hier iſt der Brief. Ich habe ihn zu mir genommen, da ich vermuthete, daß dieſes Schreiben Sie ſo aufgeregt. Ich habe die erſten ſechs Zeilen geleſen. Ich mußte das. Mein Wort darauf: ich habe keinen Buchſtaben weiter geleſen. Ich habe den Brief zu mir genommen, damit ihn kein fremdes Auge ſehe. Nun halten Sie ſich ruhig. Hier iſt der Brief.“ Fun ſu inen) 3 gl viderholt Lole ſie don. V he verde“ „Sit ſ „As thlt 6i it nt frt: „Eie m Ir igentli (rken. lißen ich tigiger A dyken ſill nn ſ lug lecht ler plöhli ihr mielt „3ch n „Di j knigte inmer A niſen R „ Auerbag , en iſt das ildſule an Mond und h hernter⸗ Ninem Klo⸗ Venn es as iſt eine ſein könnte, enſchen ſih em See— den Augen Hilf mir! finke h laut aif, a Boden en ſei. Der Brief. Ich uthete, dß be die erſten Mein Vort geleſen. I rit ihn kein ruhig. Hier 129 Irma richtete ſich auf und las ihn. Dann warf ſie einen großen Blick auf den Arzt. „Ich glaube Ihnen,“ ſagte ſie.„Ich glaube Ihnen,“ wiederholte ſie. Sie ließ ſich Licht bringen und verbrannte den Brief. „Wollen Sie mir ein Verſprechen geben?“ fragte ſie dann. „Welches?“ „Daß Sie mir Gift geben, wenn ich wahnſinnig werde.“ „Sie ſpielen mit Extremen,“ entgegnete der Arzt. „Das thut man nicht ungeſtraft.“ Es trat eine längere Pauſe ein; dann fuhr der Arzt fort: „Sie müſſen vor Allem ſich ſelbſt beherrſchen und Ihr eigentliches Selbſt ſind nicht Ihre wildſchweifenden Gedanken. Ich glaubte, daß Sie ſich von mir berathen ließen; ich irrte mich. Sie ſelbſt ſind Ihr beſter, Ihr einziger Arzt. Zwingen Sie ſich zur Ruhe, zum Aus⸗ denken ſtiller begnügter Bilder des Lebens.“ Irma ſtützte das Haupt auf die Hand, aus ihrem Auge leuchtete eine irre Gluth, ſie ſchloß das Auge, aber plötzlich erhob ſie ſich, mit beiden Händen wild ihre aufgelöſten Haare ſaſſend. „Ich will mir die Haare kahl abſchneiden laſſen!“ „Das iſt noch einer der wildſpielenden Gedanken,“ beruhigte der Arzt, ihre Hand faſſend,„Sie wollen immer Alles mit Gewaltſamkeiten erzwingen. Sie müſſen Ruhe lernen!“ „Ja, das Leben erwächſt ſtill und allmälig, und Auerbach, Auf der Höhe. II. 9 130 der Tod, auch der Tod bei lebendigem Leibe, iſt ein huſa ſu Moment,“ ſprach Irma in die Luft hinein, ihr Blick zulen⸗ war unſtet. is d 3„Und nun ſchlafen Sie und Sie werden geſund uf im 3 ſein,“ ſchloß Gunther. Er wollte gehen; aber Irma de 3 hielt ihn noch auf und fragte: zuin- ſ„Wie lebt Ihre Frau? Ihre Familie?“ find 7 3„Ich danke. Ruhig und gefaßt.“ ſi ih wi 3 Irma wollte den Arzt bitten, daß ſeine Frau zu pol Unh 3 ihr käme; aber ſie brachte das Wort nicht heraus. Der hin n Arzt ging. Er ſelber hatte gedacht, daß wenn Irma h. ſich ihr erſchlöſſe, der gerade ſtarke Sinn ſeiner Frau ih mi die Verwirrte heilen könnte; aber er wußte, daß ſeine du uch ſ Frau ſich nicht dazu verſtehen werde, Irma zu be⸗ Munde wi ſuchen; ſie war bei aller Güte doch erbarmungslos Uhun i gegen Ueberhebung, und Irma hatte in guten Tagen As zu verſäumt, das ihr freundlich geöffnete Haus wieder mniger B zu beſuchen. Es blieb ihr verſchloſſen, zumal ſeit ſude ſin Irma abermals den Vater verlaſſen und an den Hof mu wh, d zurückgekehrt war; auch galt ja Irma als die Ur⸗ Im nit heberin der Kloſtererneuerung und der Einſetzung des nit einen reactionär⸗kirchlichen Miniſteriums Schnabelsdorf. Unehen Hunſi hn Dreizehntes Capitel. d „ it kei Walpurga dachte heim und war in Gedanken dabei, hn din wie ihr Brief ankam. Aber ſie war doch ſchon zu lange Im, n fort, ſie konnte es ſich nicht mehr ganz vorſtellen. Der n Brief war in der Dämmerung angekommen, während Zrif“ 5 , lſt ein ihr Blick en geſund aber Irma e Frau zu raus. Der enn ma iner Frau daß ſeine na zu be⸗ rmungslos ten Tagen us wieder zumal ſeit n den Hof s die Ur⸗ ſetzung des dorf. nken dabei, n zu lange ellen. Der t, während Brief.“ Innerlich aber that es ihm doch leid, daß die 131 Hanſei hinter dem Hauſe Holz hackte; er wurde herein⸗ gerufen, man zündete ſchnell Licht an und das Geſpiel las den Brief vor. Die Großmutter weinte, das Kind auf ihrem Schooße hüpfte unruhig, als empfände es, daß die Worte, die es hörte, von ſeiner Mutter kämen. Zweimal— man hatte ſich deſſen nicht verſehen— riß das Kind der Vorleſerin den Brief aus der Hand, bis ſie ſich weiter wegſetzte, aber das Kind war und blieb voll Unruhe. Die Großmutter trocknete endlich die Thränen und ſagte:„Gottlob, daß ich ſo ein Kind hab'. Ich mein' nicht Dich,“ ſagte ſie zur Enkelin, „ich mein' Deine Mutter, Du kannſt froh ſein, wenn Du auch ſo brav wirſt.“ Hanſei ſchaute mit offenem Munde drein und ſchmunzelte, als die Stelle kam, wo Walpurga ihn umhalſte. Als zu Ende geleſen war, ſagte das Geſpiel:„Ein trauriger Brief iſt's doch, aber um ſo größer wird die Freude ſein, wenn ſie erſt wieder da iſt. Es thut mir nur weh, daß ich ſie nicht mehr daheim treffe.“ Am nächſten Sonntag war die Hochzeit des Geſpiels mit einem Forſtwart im jenſeitigen Gebirge an der Landesgrenze. Hanſei ließ ſich den Brief wieder geben und wollte davongehen. „Laß den Brief da,“ ſagte die Mutter leiſe zu ihm, „das iſt kein Brief, den ſie beim Gemswirth laut vor⸗ leſen dürfen; da ſind Dinge drin, die nur Mann und Frau, wenn ſie allein ſind, von einander hören dürfen.“ „Ja, ja, ſo iſt's,“ ſagte Hanſei,„da habt Ihr den Leute nicht ſehen können, was für einen ſchönen Brief ſeine Frau ſchreiben kann, und wie lieb ſie ihn hat und wie gut ſie iſt, und wie das ganze Dorf nicht werth iſt, daß ſie noch mit Einem drin ein Wort ſpricht. Denn ſein Stolz war ſeine Frau. „Ja, Großmutter,“ ſagte er noch unter der Thür, „gottlob, daß die längſte Zeit vorüber iſt. Ich kann mir jetzt gar nicht denken, wie wir ſo lang ohne ein⸗ ander ausgehalten haben, und wie es wieder ſein kann, daß ſie da in der niedern Stube ſitzt. Aber es wird ſchon gehen, und es giebt auch noch andere Häuſer.“ Dieſe letzten Worte ſprach Hanſei ſehr raſch. Er wollte der Schwiegermutter andeuten, daß er in einem Hauskauf ſtehe; es gehört ſich, daß ſie davon weiß, aber er will ſich doch nichts dreinreden laſſen, ſie regiert ihn ſonſt, da hat der Gemswirth ganz Recht. Hanſei konnte es nicht erwarten, bis er zu ſeinem Geheimrath kam, und dieſer Geheimrath war natürlich der Gemswirth. Er ſchaute die Häuſer und Bäume mit ſeltſamem Blicke an, er wollte ihnen ſagen: Haltet nur ſtill und ſeid nicht verzagt, ſie kommt ſchon wie⸗ der, und ſie hat euch Alle noch in Gedanken, und alle Menſchen, die da drin ſind. O, die kann gar viel, die könnt' eher Königin ſein, wie manche Andere, und regieren könnte ſie beſſer wie der ſtärkſte Mann.... Vor dem Wirthshaus hielt Hanſei eine Weile an, er muß ſich verſchnaufen und ruhig werden; es iſt eine ſchwere Sache, wenn man ſo eine außerordentliche Frau hat, man kommt leicht ins Hintertreffen und wird ge⸗ ringer angeſehen— er iſt ſtolz auf ſeine Frau, ja wol, ber hus, gu 9 hinin niht dn1 5 du! leide Hern ine oh re — ) c nen Prief Sihn hat dorf niht ein Wort der Bir, Ich kann ohne ein⸗ ſein kun, r es wird Häuſer.“ in einem on weiß, aſſen, ſie Recht. zu ſeinem natürlich d Bäume n Haltet ſchon wie⸗ und alle viel, die dere, und ann.. Weile an, es iſt eine liche Frau wird ge⸗ 1, ja wol, 133 aber er iſt doch der Mann. Er ging ruhig ins Wirths⸗ haus, ſetzte ſich zu ſeinem Schoppen und that, als ob gar nichts vorgefallen wärè. „So muß ein rechter Mann ſein,“ ſagte er in ſich hinein, und ſchluckte behaglich.„Man muß der Welt nicht Alles preisgeben. Bei ſich behalten— das macht den Meiſter, das können die Weiber doch nicht“... Hanſei that ſehr zutraulich mit Dächſel und Mächſel, den beiden Hunden des Gemswirths, die ihn wohl leiden mochten, denn ſie kannten die Günſtlinge ihres Herrn. „Haſt Du lang keine Nachricht von Deiner Köni⸗ gin?“ fragte der Gemswirth gelegentlich. „Ja, erſt heut'.“ „Was ſchreibt ſie?“ „Allerlei,“ that Hanſei ſehr zurückhaltend, und ſetzte mit ſehr gleichgültigem Ausdruck hinzu:„Ich habe Dich nachher um Rath zu fragen.“ Die andern Gäſte ſchauten ſtaunend auf: der Holz⸗ knecht Hanſei dutzt den Gemswirth und dieſer läßt ſich's ohne Widerrede gefallen. „Wenn Du wieder Papiergeld haſt, wär' mir's recht,“ erwiderte der Gemswirth. „Diesmal hab' ich keins, ich hab' was Anderes mit Dir zu reden.“ Der Gemswirth ging in die Kammer, ſchickte ſeine Frau in die Stube und rief:„Hanſei, komm' herein!“ Drinnen wurde geheimer Rath gehalten. Hanſei erzählte, daß ſeine Frau von geſtern über ſieben Wochen wieder heimkomme, und ſie hätte ihm ₰ — 134 geſchrieben, er ſolle ſie abholen, nun wiſſe ſchon in der Welt umzuthun— „Ja, das kannſt Du,“ beſtätigte der Gemswirth; „der Oberförſter hat's erſt geſtern noch geſagt, da auf demſelben Platz, wo Du jetzt ſitzeſt; der Hanſei, hat er geſagt, hat einen ſcharfen Verſtand.“ Hanſei lächelte.„Dank' für die gute Nachred' aber ich hätt' doch eine Bitt' an Dich—“ „Heraus damit.“ „Schau, Du biſt doch viel, wie ſoll ich ſagen, viel maul⸗ fertiger und manierlicher, und wenn ich nach der Haupt⸗ ſtadt muß und vor den König und die Königin und all die großen Herren und da... und da. ſchau— ſchon jetzt, wenn ich dran denk', ſchnürt's mir die Kehle zu, und da mein' ich, Du ſollſt mit mir gehen, mein Fürſprech ſein und Alles ordentlich ſagen. So eine Gelegenheit kommt doch nicht wieder im Leben, da darf man nichts auslaſſen.“ „Das iſt ein geſcheidter Gedanke von Dir,“ ſagte der Gemswirth. „Du ſollſt's nicht umſonſt thun und keinen Gro⸗ ſchen ſoll Dich die Reiſe koſten.“ „Nein, ich kann nicht mit Dir gehen. Bei Hof kann man nicht ſagen: Da iſt mein Gevatter, mein Kamerad, und der ſoll auch hereinkommen, und für mich reden. Nur wer eben Audien; hat, darf reden, kein Anderer. Wenn Du Spaß machen willſt und Deine Frau damit einverſtanden iſt, und man ſagt zum König, ich wär' der Mann von der Walpurga— das ging'.“ „Nein,“ rief Hanſei,„das thu' ich nicht, und das thät' meine Frau nicht, und das geht nicht.“ er ſich zwar 0 „ ſthen 1 Han 4 0 er in d dazu al gniyin ber ih wos et darf ih der Ma S „St tröſtte als nüf Dir ein „G ſtecte t Knie, A ſieh vr 0 „ G „ Y zuſeze kutzul ſid i git dani Du Gens swi 3 agt, da g — Hanſei ſ achred, abet n viel maul⸗ der Haunt⸗ id all die au— ſchon ehle zu, und irſprech ſein theit konnt auslaſſen.“ ir,“ ſagte einen Gro⸗ Bei Hof tter, mein „und für * und Deine um zn ig, s ging.“ „und das ſich zwar 135 „Ja Bruderherz, da mußt Du eben allein für Dich ſtehen und reden.“ Hanſei war traurig. Er kam ſich vor, wie wenn er in die Welt hinausgeſtoßen wäre, er iſt ja nicht dazu auferzogen und geſchult, mit dem König und der Königin und all den Hofleuten zu reden, und wenn ſie über ihn lachen und ihn ausſpotten, da iſt er in Angſt, was er ihnen anthut, denn das leidet er nicht, man darf ihn vor ſeiner Frau nicht ausſpotten; er iſt doch der Mann und ſie nur die Frau. „Sei nur nicht ſo verzagt, ein Mann wie tröſtete der Gemswirth, da Hanſei ſich die Stirn rieb, als müßte er einen andern Kopf herausſcheuern,„denk' Dir einmal, ich wär' der König. Was willſt Du ſagen?“ „Red' Du zuerſt!“ „Gut!“ Der Gemswirth ſtellte ſich in Poſitur, ſteckte die Hand in den Bruſtlatz, wiegte ſich auf einem Knie, bog ſich etwas zurück und ſagte gravitätiſch: „Ah', älſo Er iſt der Mann von der— wie heißt ſie? von der Walpurga?“ „Ja, ſie iſt meine Frau.“ „Iſt Er Soldat geweſen?“ „Mit Verlaub, nein.“ „Mit Verlaub, kannſt weglaſſen, aber Majeſtät mußt zuſetzen, alſo ſag': Nein, Majeſtät! Nur immer kurzab. Die hohen Herren haben gar nie Zeit, die ſind immer in Eile, da iſt Alles auf die Minute ab⸗ geſpitzt. Aber halt, was wollen wir uns ſchon heut damit plagen? Jetzt müſſen wir die Sache feſtmachen. Du kaufſt mein Haus und meine Aecker, ich geb Dir's Du,“ —————————————— 136 F gewiß billig, und dann wird Dich der König fragen, ſhlcht wie es Dir geht, und da wirſt Du ſagen: Majeſtät, ſin 6 es ging' mir ſchon gut, aber ich hab' noch dreitauſend tirin, Gulden Schulden auf Haus und Aecker und die machen 16 18 mir Sorgen— Wenn Du das geſagt haſt, wirſt ſehen, dh nit giebt Dir der König gleich die dreitauſend Gulden. nit gulen Wenn Du es aber nicht ſchuldig biſt, könnteſt Du's duk“1 nicht ſagen; ich kenn' Dich ja, Du biſt ein ehrlicher in Bet, Kerl und kannſt nichts ſagen, was nicht ſo iſt. Und pul“ weißt Du was? Du ſagſt gleich viertauſend oder auch lur ut fünftauſend; es geht da in Einem hin; Du haſt dann hören, ſ noch Geld übrig und kannſt bauen, es iſt aber nicht Boten b nöthig, und kannſt Dir Wein einlegen, bis genug.“ ſillon, d „Ja, ja, haſt ſchon Recht; aber ich mein', wir ſoll— helen Au ten doch nur einen Scheinkauf machen, ich darf's doch guter unt nicht thun ohne meine Frau; von ihr kommt doch eigent— den Jogd lich das Geld her, und ich weiß ja noch nicht, ob ſie nen. E wirthen will. Wir machen alſo einen Scheinkauf, und ſol. Er giebt der König das Geld und iſt meine Frau einver⸗ die Noch ſtanden, dann iſt Alles richtig.“ in den Der Gemswirth hatte den Hanſei vorhin ſchmeichleriſch wie der wegen ſeiner Geſcheidtheit gelobt, jetzt hätte er ihn in„Hri, d Wahrheit loben ſollen, aber er ſchwieg und ſagte nach d mß einer Weile nur:„Solang ſich der Geſcheidte beſinnt, 0l hört beſinnt ſich der Narr auch. Ich will mir's überlegen.“ und pie Sie gingen wieder in die Wirthsſtube. Hanſei war. uſch, es heut nicht wohl im Wirthshaus, er kehrte bald heim.. Per Unterwegs grüßte ihn unverſehens die alte Zenza; er ganer that, als ob er ſie nicht geſehen und gehört, und ging Puttüt raſch vorüber. Wie froh war er jetzt, daß er nicht vitd 137 Mu ſchlecht geworden. Wie müßte es ihm jett in der Seele dreitunſenb ſein! Es bliebe ihm, übrig, als ſich im See zu die nuhen ertränken, bevor ſeine Frau heimkam. irſt ſcen Als er an ſeinem Hauſe ſtund, ſagte er:„Ich kann d guhen doch mit gutem Gewiſſen da eintreten, und kann ſie nteſt 2yt mit gutem Gewiſſen willkommen heißen, Gott Lob und Dank!“ und„Gott Lob und Dank,“ ſagte er noch lang im Bett, bis er einſchlief, und„Guten Morgen, Wal⸗ purga!“ ſagte er, als er erwachte. Er ſagte es in die leere Luft hinein, aber er meinte doch, ſie müſſe es oder auch haſt dann ſci dahei i: hören, ſie iſt ſchon daheim, ſie hat ſo einen guten aber nict Boten vorausgeſchickt, der Brief iſt ein Bote, ein Po⸗ heug“ ſtillon, der ſchöne Stücklein bläſt. Hanſei träumte mit wir ſol⸗ hellen Augen in den Tag hinein. Aber heute iſt's ein urfs doch guter und ein böſer Tag. Er hat ſeinen Kameraden, och eigent⸗ den Jagdgenoſſen, verſprochen, heute zur Jagd zu kom— ht, ob ſie men. Er ſpürt auf Einmal, daß es nicht mehr ſein kauf, und ſoll. Er wäre gern davon geblieben, aber er fürchtete au einver⸗ die Nachrede des Gemswirths, und wenn's auch weit in den Bergen iſt, er hört hier unten ganz deutlich, neichletiſch wie der Gemswirth oben zu den Jagdgenoſſen ſagt: er ihn in„Hui, die Frau kommt jetzt heim und die iſt Meiſter; ſagte nach da muß er kuſchen, der Hanſei.“ Er ward grimmig, te beſinnt, als hörte er in Wirklichkeit das Lachen der Genoſſen iberlegen.“ und wie ſie weit in den Wald hineinrufen:„Hanſei Hanſei war kuſch, kuſch Hanſei!“ bald heim. Der Landgerichts⸗Praktikant, denn ſo vornehme gen; et Kameradſchaften hat Hanſei jetzt, der dicke Landgerichts⸗ und ging Praktikant, der auch mit bei der heutigen Jagd iſt, ß er niht wird am meiſten lachen und ſpotten, und dann wird 138 der Gemswirth, um ſich wohl dran zu machen, einen ſchönen Spaß vom Brief erzählen. Gottlob, daß er ihn nicht ſelber geleſen hat, das wär' arg. Wenn ich nur nicht davon geſprochen hätt', aber ich bin doch zu einfältig, ich kann nichts bei mir behalten. Wenn der Gemswirth nichts von dem Brief wüßte, da könnt' ich umkehren und brauchte mich nicht zu ſchämen und hätt' keinen Spott zu ertragen. Aber ich thu's doch, ich gehe nicht mehr mit. Ich bin früher für mich allein ge⸗ weſen und genug— ich brauch Niemand, und ſo wird's wieder ſein, wenn ſie wieder da iſt; wir brauchen Niemand. So wirbelte es heute den Morgen durch die Gedanken Hanſei's. Er dachte zurück, wie er die Zeitlang gelebt. Anfangs hatte ihn das Heimweh nach ſeiner Frau nicht im Haus gelitten; kein Eſſen hatte ihm geſchmeckt, kein Trinken und kein Schlaf, alle Ar⸗ beit war ihm zu viel; da iſt er eben ins Wirthshaus und da hat man ihm Glück gewünſcht, daß ſeine Frau ihm ſo Großes einbringt, und das war ihm recht. Haben dann die andern Menſchen nicht mehr davon geſprochen, hat er ſelber angefangen, und dann hat ihn der Gemswirth mitgenommen auf Märkte, Schieß⸗ ſtände, Jagden und Luſtpartien, es war ſchön, man muß es ſagen, unterhaltſam; immer hat's geheißen: das iſt der Hanſei, ſeine Frau iſt die Amme vom Kronprinzen, und überall hat man ihm beſondere Ehre erwieſen, und es iſt doch was Schönes, wenn man überall, wo man hinkommt, mit Ehren empfangen wird, und die Wirthin wiſcht noch einmal extra den Stuhl mit der Schürze ab und macht ſich eine Ehre — drals 3 gnnl r nir d und die F and us zu redel 1 Schönerts Fihl muter in ſicht uft Behit Funſti, k hit „Je, ſie blieb iurg, ode Eieh in Aen ſie geſog nußt w Sie erke laufen i bringen un j det Al Felol“ 0 „ Stöce herun en, einen ob, daß et Venn ich bin doch zu Won Wenn der a könnt ich en und hätt och, ich gehe i allein l⸗ 9 ir brauchen lorgen durch wie er die eimweh nach Eſſen hatte laf, alle Ar⸗ Wirthshaus ſeine Frau t ihm recht. mehr dovon d dann het rkte, Schieß⸗ ſchön, man s geheißen: Amme vom ſondere Ghre wen mn enpfungen ertra den ch eine Ehre 139 draus. Zuletzt iſt dem Hanſei ein guter Gedanke gekommen, und das iſt und bleibt noch jetzt wahr: Er wäre der Mann dazu, ein Wirthshaus zu halten, und die Frau nun gar, die wäre die erſte Wirthin Land aus und Land ein, wie wüßte ſie mit den Leuten zu reden und überhaupt, Wirthen— was giebt's denn Schöneres in der Welt? „Fehlt Dir was? biſt Du krank?“ fragte die Groß⸗ mutter in die Kammer hinein, da Hanſei ſo lange nicht auſſtand. „Behüt's Gott, nein, ich komm' gleich,“ antwortete Hanſei, kam bald und ſagte beſonders freundlich: „Guten Morgen! Iſt das Kind wohlauf?“ „Ja, Alles gut, gottlob!“ ſagte die Großmutter; ſie blieb ſich ſtets gleich, ob Hanſei unwirſch und wort⸗ karg, oder redſelig und zutraulich war. Sie hatte ihn während der Abweſenheit ihrer Tochter in Allem gewähren laſſen, nur einmal, damals, hatte ſie geſagt: Du biſt der Mann und der Vater und Du mußt wiſſen, was Du zu thun und zu laſſen haſt. Sie erkannte wohl, wenn ſie Hanſei von ſeinem Herum⸗ laufen in der Welt und von ſeinen Kameradſchaften ab⸗ bringen wollte, er dann um ſo weniger davon laſſe, um ja nicht den Schein zu bekommen, daß er ſich von der Alten regieren laſſe. „Biſt Du heut' Mittag daheim, oder gehſt Du über Feld?“ fragte ſie beim Frühſtück. „Ich bleib' daheim,“ erwiderte er,„ich will die Stöcke draußen ſpalten; wir wollen's doch ums Haus herum ein bischen ſauber machen, bis ſie kommt.“ Die Großmutter nickte. Hanſei hätte gern viel ge⸗ ſprochen, aber er meinte immer, ein Anderes müſſe anfangen, und ſo ſaß er da und ſtopfte eine Kartoffel nach der in den Mund, wie wenn das lauter Antworten wären, die er ſemen, und bei jeder neuen Kartoffel, der er die Haut abzog, ſchälte er immer Geſcheidteres heraus, daß der König ihm gar nicht entwiſchen konnte; ſechstauſend Gulden ſind ſicher, fünftauſend aber ganz gewiß. „Wenn der König uns eine gute Pachtung auf einem Schloßgut giebt, oder ſonſt eine Anſtellung, dann ziehen wir weg von hier,“ ſagte Hanſei endlich laut. Er meinte, die Großmutter müſſe wiſſen, daß er ſich eigentlich gern von der Kameradſchaft losmachen und anderswo ein ander Leben beginnen möchte. „Ja, ja!“ ſagte die Großmutter, und weiter nichts. „Ich mein', wir müſſen bald Antwort ſchreiben und ich will ihr auch ſchreiben, ſie iſt doch gar ſo traurig.“ „Ja, ja, thu' das, ich muß jetzt zum Kind.“ Hanſei hatte ſich Schweres aufgeladen, daß er zu ſchreiben verſprochen hatte. Er hätte ſeiner F Frau gern viel Gutes geſagt, Tröſtliches und Herzliches, und hätte ſie als Mann auch gern ermahnt, ſich jetzt wegen der paar Wochen nicht abzugrämen und nicht vielleicht einen Vortheil entgehen zu laſſen, der ihr an die Hand kommt; jetzt muß man friſch ſein, jetzt kommt der Zohltag. Das hat er Alles ganz gut im Kopf; und ſie wird Reſpekt haben, wie männlich er iſt; aber vom Kopf aufs Papier kriegen, das iſt eine gar ſaure Arbeit! 65 ſt ſch ſi j bal beſer ſigen Als die girde, bieb aß de qn er den hini keine Kort rtofel nahm At, 6 nüchigen ib an V ege auf ausgeogen, de ßiihlingst ₰ Hiſt u ihn, die Bich hunde, Hichſel geniß auch v nehnn, und lnſere Jugde an und hob As 055 hn Hunſii ſc jog ſch mn, miter:„h lich gen geſu es nicht un Bries ton ſchwie uch g daß mn u redet alch in gern viel ge⸗ Leres miſſ eine Kartoffel ndas lauter nd bei jeder ſchälte er nig ihm gar nſind ſiche, achtung auf lung, dann ndlich laut. daß er ſic machen und eiter nichts reiben und ſo traurig.“ Kind.“ daß er zu Frau ger „ Und hätte t wegen der ht vielleicht n die Hand kommt der Kopf; und t; aber von gar ſaute redet auch in Alles drein und hat ein Recht dazu; ſie 141 Es iſt auch nicht nöthig, daß ich ihr ſchreibe, ich ſeh ſie ja bald ſelbſt, und da kann ich ihr Alles viel beſſer ſagen— getröſtete er ſich ſchließlich. Als die Großmutter in die Kammer ging zu dem Kinde, blieb Hanſei immer noch am Tiſch ſitzen und aß die ganze Schüſſel Kartoffeln aus, und dabei zeigte er dem König, wie er das Forſtweſen verſtand, bis keine Kartoffel mehr da war. Dann ging er hinaus, nahm Art, Schlägel und Speidel und zerſpellte mit mächtigen Hieben die Baumſtümpfe, die vor dem Garten am Wege aufgeſchichtet lagen. Er hatte eben den Rock ausgezogen, und es war ihm gar nicht kalt, trotzdem der Frühlingswind ſcharf blies, da ſagte eine Stimme: „So? Biſt auch noch da?“ Der Gemswirth ſtand hinter ihm, die Büchſe auf dem Rücken und ſeine beiden Jagd⸗ hunde, Dächſel und Mächſel, an der Leine.„Haſt Dich gewiß auch verſpätet? Wenn wir jetzt den Thalweg nehmen, und hinüber durch den Tobel, da treffen wir unſere Jagdgeſellſchaft noch. Komm! Hurtig, zieh' Dich an und hol' Deine Flinte! Als ob's ein Befehl wäre, dem er gehorchen müſſe, ſtrug Hanſei ſchnell Axt, Schlägel und Speidel ins Haus, zog ſich an, nahm die Flinte und ſagte zur Groß⸗ mutter:„Ich geh' doch noch mit!“ Er hätte ihr eigent⸗ lich gern geſagt: Ich gehe nur heute noch mit, damit es nicht den Anſchein hat, daß ich mich wegen des Briefes von meiner Frau jetzt zurückziehe; aber er ſchwieg auch gegen die Großmutter. Es iſt nicht nöthig, daß man Alles ſagt, denn wem man Alles ſagt, das 142 ſoll auch Reſpekt vor mir haben, daß ich Alles aus mir ſelber in die Reihe bringe. Wohlgemuth ging Hanſei mit zur Jagd und war heute luſtiger als je.... Vierzehntes Capitel. Einſt wie war's? Wie ſoll's einſt werden? Liebchen bitte, laß das ſein! Jetzt nur ſind wir ja auf Erden, Jetzt auch laß uns ſelig ſein. Schlage auf die holden Augen, 1 Blick' mir tief ins Herz hinein, Laß uns Blumenhonig ſaugen, Eh' der Winter ſchneit herein. So ſang Irma mit heller Stimme. Die Welt wird wieder ſchön, draußen wehen noch Frühlingsſtürme und am Tag wird es oft plötzlich finſter von vorüberjagen⸗ den Schneewolken, aber ſchon beginnen die Wieſen neu zu grünen, und einzelne Frühblumen ſproſſen aus der Erde. Irma hatte ſich ſchon nach wenigen Tagen er* holt, und auch die Bülletins über das Befinden der Königin verſchwanden aus den Zeitungen. Gunther, der wochenlang im Schloſſe gewohnt hatte, kehrte wie⸗ der in ſein Haus zurück. Die Königin, die ihre Gemächer wieder verlaſſen durfte, weilte viel in dem Wintergarten, wo das letzte Feſt gefeiert worden. Die Bäume und Blumen ſtanden wieder an ihrem ruhigen Ort; die Springbrunnen gſche en, di E in ihten zwße Pihen ſtunde un du jitli bles befchlene dr höijin ſo murlih Abit ei lut ju chl Peld cht ve orl n ſi fir weihni ſi ſicht nhr ſurken Chmt in Guyfnden: ſonden der Ve Renundſo geäſigt htte Eie hielt ſiler Buztie den Pitenn geludert un in ſch kni und Läme u Ima na vetſ ie 05 6 Goeth inmmm „Mjeſit ſote; Si heb ju velenden, „ vuſt S 8 N Jagd und war einſt waden? Die Welt wird lingsſtürme und on vorüberjagen⸗ die Wieſen neu zu ſen aus der Erde. tigen Togen et⸗ as Befinden der gen. Gunthe, nte, kehrte wie⸗ A, wieder verloſen en, wo dos lezte d Blunen ſunden epringbrunnen 143 plätſcherten, die Fiſche ſchwammen wohlig in den mar— mornen Schalen und die Vögel hüpften und zwitſcherten in ihren großen Käfigen. Walpurga durfte mit dem Prinzen ſtundenweiſe bei der Königin ſein. Dieſe war von der zärtlichſten Aufmerkſamkeit umgeben, die nicht blos befohlene Unterwürfigkeit war. Irma hatte ſich der Königin ſo aufopfernd bewieſen und dieſe that ihr innerlich Abbitte; ſie hatte oft das Wort auf den Lippen, es laut zu thun, aber ſie hielt es zurück; ſchon ein Verdacht verunreinigt, und die Königin wußte, daß ſie für weichmüthig und ſchwankend galt. Das wollte ſie nicht mehr ſein. Sie erkannte es als Hauptzeichen ſtarken Charakters, die Wandlungen und Entwicklungen im Empfinden und Denken nicht laut werden zu laſſen, ſondern der Welt mit fertigen Ergebniſſen zu imponiren. Niemand ſollte je erfahren, was ihre Seele ſo ſchwer geängſtigt hatte. Sie wollte ſtark ſein. Sie hielt Irma viel in ihrer Nähe, und es war ſtiller Burgfrieden des Geiſtes in dem grünenden blühen⸗ den Wintergarten. Es wurde geleſen und gearbeitet, geplaudert und geſungen, und die Menſchen waren ſo in ſich begnügt und ſtill gedeihend, wie die Blumen und Bäume um ſie her. Irma verſtand mit biegſamer Stimme vorzuleſen. Sie las Gvethes„Taſſo.“ Das entſprach der jetzigen Stimmung und Irma ſagte einmal: „Majeſtät gleichen in Vielem der Prinzeſſin Eleo⸗ nore; Sie haben aber das Glück, in wenigen Wochen zu vollenden, was jener Lebensjahre gekoſtet.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ — —— —— ———————— ————— — —— „Ich meine, ſolches in die Stube Gebanntſein, be⸗ hutſames Hegen und Umgeben durch andere Menſchen, erregt leicht in dem Eingeſchloſſenen eine Feinfühligkeit und ein Anderen kaum merkbares Anſprechen des Tones; aber es iſt gut, aus dieſer Warmhausſtimmung wieder herauszukommen ins Freie, wo die Bäume wetterhart im Grunde ſtehen und das friſche Wogen des Aethers Alles erneut.“ Auch der König war oftmals bei der Lektüre und knüpfte Betrachtungen über das Tieſſte und Höchſte an die Lektüre Taſſos. Irma bebte oft, ihr kam jedes Wort, das ſie ſprach, als Frevel vor, ſie darf von nichts Reinem und Heiligem mehr reden; aber der König war ſo unbefangen und heiter. Sie wurde es auch. „Ihr verwöhnt mich und macht mich ganz ſtolz,“ ſagte die Königin.„Ich habe aber wieder einen neuen Wunſch. Es verlangt mich von den Blumen hinweg, zu den Werken der Kunſt. Ich möchte jetzt oft die Bildergallerie und die Antikenſammlung beſuchen. Wenn wir athmend und ſchauend und uns bewegend unter den Bildungen des Künſtlergeiſtes wandeln, fühlen wir doch am Tiefſten, daß Menſchen, die vor uns lebten, uns das Beſte ihres Seins hinterlaſſen, und Augen, längſt gebrochen, ewig offen auf uns niederſchauen und bei uns ſind in ihren Ewigkeitsblicken.“ Der König und Irma ſchauten bei dem Worte Ewigkeitsblick unwillkürlich einander betroffen an. Das Wort weckte ein anderes. Irma faßte ſich und ent⸗ gegnete:„Ja, ich kann nichts, als den Wunſch Eurer Majeſtät auch als den meinen ausſprechen. Von den Blunen und Pon Lidem don Duft de vir ſtehen in vrthnet hat ju der 6i einerli wirkl neidete ich di ite und Gen Vie ſie gigin zu i aus Wonne der Künig di in ihn d verehrte gen die Ei Ima m und den A Anſchen d trachtungen doch wieder „Venn König,„Eu heit, its m Shiles un „Stliſ Köni ig ſuhr „Goethe bloundu und unſere Auerbach nntſein, be⸗ e Menſchen, einfüh hlig gkeit des T Tones; nung wiedet e ttechart es Aethers Lektüre und d Höchſe an kam jedes e darf von r der König 3 auch. an ſtolz,“ einen neuen nen hinweg, jetzt oft die chen. Wenn egend untet fühlen wir uns lebten, und Augen, ſchauen und dem Worte en an. Das ch und ent⸗ zunſch Eurer . Von den 5 14 Blumen und Bäumen hinweg zu den Werken der Kunſ! Von Bildern und Statuen umgeben, athmet die Seele den Duft der Ideen, es blüht ewiges Leben um uns, wir ſtehen im Athem des Genius, der, wenn er auch verathmet hat, doch ewig durch die Welt haucht. Als ich zu der Einſicht gekommen war, daß ich perſönlich keinerlei wirkliches künſtleriſches Talent habe, da be⸗ neidete ich die Könige, denen es vergönnt iſt, die Ta⸗ lente und Genie's zu fördern. Das iſt ein hoher Erſatz.“ „Wie ſie Ales ſo ſchön deuten kann,“ ſagte die Königin zu ihrem Gatten gewendet, und es war ein aus Wonne und Schmerz gemiſchter Blick, mit dem der König die beiden Frauengeſtalten betrachtete. Was ging in ihm vor? Er bewunderte und liebte Irma, und verehrte und liebte ſeine Gattin. Er war untreu gegen die Eine und gegen die Andere. Irma und die Königin gingen durch die Gallerie und den Antikenſaal und ſaßen oft ſtundenlang im Anſchauen der Bilder und der Statuen. Zu allen Be⸗ trachtungen der Königin hatte Irma eine andere und doch wieder im Tieſſten zuſtimmende Bemerkung. „Wenn ich Euch beide ſo ſehe und höre,“ ſagte der König,„Eure Uebereinſtimmung und Eure Verſchieden⸗ heit, iſt's mir immer, als ſähe ich in Euch die Töchter Schillers und Goethes.“ „Seltſam,“ ſchaltete die Königin ein, und der König fuhr fort: „Goethe ſah die Welt aus braunen und Schiller aus blauen Augen, und ſo Ihr beide, Du aus Schilleriſch blauen und unſere Freundin aus Goethiſch braunen Augen.“ Auerbach, Auf der Höhe. JI. 10 ————— — —— — „Das wollen wir aber Niemand wiſſen laſſen, daß wir einander ſo ſchmeicheln,“ lächelte die Königin. Irma ſah zur Decke auf, wo die gemalten Engel durch die Luft ſchwebten: es giebt eine Welt des unbegrenzten Raumes, wo kein Verdrängen des Einen durch den Anderen; nur in der gewöhnlichen Welt iſt Ausſchließ⸗ lichkeit Je mehr die Königin ſich erkräftigte, um ſo mehr ging die Unterhaltung aus der gedämpften Tonart wieder in die helle und heitere über. Der Wunſch Irmas ſchien ſich zu erfüllen. Die Frühlingskraft, die Bäume und Pflanzen erneut, ſchien ſich auch auf das Menſchenleben ausdehnen zu wollen; es ſollte vergeſſen ſein, begraben und ausgelöſcht, Alles was geſchehen. Am erſten milden Frühlingstage ging man gemein⸗ ſam durch den Schloßpark. „Ich kann mir gar nicht denken, daß je eine Zeit . war, wo wir uns nicht kannten, liebe Irma,“ ſagte die Königin. Sie blieb ſtehen und ſchaute Irma freude⸗ ſtrahlenden Blickes in die Augen.„Sie haben mir einmal von einem griechiſchen Philoſophen geſagt“— wandte ſie ſich zu dem Arzte, der mit dem Schloß⸗ hauptmann hinterdrein ging,„unſere Seelen ſollen ſchon einmal eine Exiſtenz vor unſerem jetzigen Daſein geführt haben, und das Beſte, was wir erleben, ſei ein Erinnern an etwas, das wir ſchon erlebt und vorgeträumt haben.“ „Auch ohne dieſe phantaſtiſche Erklärung,“ erwiderte der Arzt,„kann man Vieles Beſtimmung nennen. Ich uk, di vicd, für un n Slen Pir ſnd ju 36 hitte aber ziſhen, dß den erſten Au Die Könic der in der N uhr in Schr Sie köm wie bang nir wie ſie in di ſie undrängt wird dir in anmuthete, a braunen Aug „Und ich Rma.„ Menſchenbild jahrelang, u nit einer al uns nur ſo, Ich wor d neinte, ich! der Hand ne ich,“ ſagte ic u und i immer nich laſſen, aß e Königin. engel durch nbegtenzten durch den Ausſchließ⸗ um ſo mehr ten Tonart üllen. Die neut, ſchien zu wollen; öſcht, Alles an gemein⸗ je eine Zeit ma,“ ſagte rma freude⸗ haben mir geſagt“— dem Schloß⸗ eelen ſollen igen Daſein erleben, ſei erlebt und erwiderte nennen. Ih glaube, daß Alles, was uns in Wahrheit zu eigen wird, für uns beſtimmt war, unſer Gemüth; unſere ganze Seelenverfaſſung iſt dazu beſtimmt oder geſtimmt. Wir ſind zu dem beſtimmt, wozu wir geſtimmt ſind. Ich bitte aber, Majeſtät, es jetzt als Beſtimmung an⸗ zuſehen, daß Sie ſich in den Wagen ſetzen. Wir dürfen den erſten Ausgang nicht ſo weit ausdehnen.“ Die Königin und Irma ſetzten ſich in den Wagen, der in der Nymphenallee ihrer wartete. Der Wagen fuhr im Schritt und die Königin ſagte: „Sie können ſich gar nicht vorſtellen, liebe Irma, wie bang mir war, als ich hieher kam.“ Sie erzählte, wie ſie in die Augen der vielen Menſchen geſehen, die ſie umdrängten und wie ſie ſich gefragt habe: Wer wird dir in Wahrheit zu eigen ſein? und wie es ſie anmuthete, als ob Irma allein mit ihren warmen braunen Augen zu ihr ſpräche. „Und ich habe zu Ihnen geſprochen,“ erwiderte Irma.„Ich hätte Ihnen gern geſagt: Du holdes Menſchenbild, laß Dich dünken, wir kennen uns ſchon jahrelang, und ſei in der erſten Stunde mit mir wie mit einer alten Freundin. Ich glaube, wir fanden uns nur ſo, weil uns Beiden ſo bang zu Muthe war. Ich war damals zum Erſtenmal am Hof und ich meinte, ich müßte dem Hofmarſchall ſeinen Stab aus der Hand nehmen und mich darauf ſtützen.“ „Wunderbar! Ganz denſelben Gedanken hatte auch ich,“ ſagte die Königin,„jetzt erinnere ich mich deut⸗ lich und ich weiß noch, wie der Hofmarſchall nur immer mich anſah.“ . —— — 148 Die Herzensneigung der beiden Frauen knüpfte ſich an hundert kleine Erinnerungen; der Wagen ging im Schritt, aber die Seelen flogen dahin durch Tage und Monate. Der Wagen hatte gewendet; man war eben an der Stelle, wo die Bildſäule zertrümmert worden war. „Das war eine böſe Nacht,“ ſagte die Königin, „als das hier geſchah, und ich finde, Walpurga hat in ihrer Einfalt Recht, es paßt nicht für uns, ſolche freie Menſchengeſtalten offen auszuſtellen.“ „Majeſtät geſtatten mir, anderer Meinung zu ſein,“ erwiderte Irma.„In die freie Natur gehört nur der freie, warum ſollen wir's nicht ſagen— der nackte, ſchöne Menſch; jede Bekleidung iſt ein Zeitgeſchmack, der Mode und Vergänglichkeit unterworfen, der Menſch, wie er aus der Hand der Natur kommt, paßt allein in die ewige Natur und zwiſchen Bäume.“ „Sie ſind eine freie Seele, viel freier als ich ſagte die Königin. Man ſtieg aus, Irma geleitete die Königin noch in ihre Gemächer, dann kehrte ſie in die ihrigen zurück und hier als ſie allein war, ſtreckte ſie die Hände empor und rief: „Nicht die Hölle, nicht der Verdammungsort, wo andere Schuldige neben uns leiden, iſt die höchſte Strafe! Nein, verdammt ſein und neben einer reinen Glücklichen ſtehen, die in voller Unſchuld empfindet, das iſt die Hölle der Hölle!“ „Pfüt' di Gott, Irma! Pfüt' di Gott, Irma!“ rief plötzlich der Papagei. Irma ſchrak zuſammen. e 2 ſchla Reſid wand lich; 2 Imo WValp lehren enn fugt geleiſte M tinnen hats nann ſichts Q In nicht. Unzug befridi kie ſih ohne ſi nitſt ſch agen ging durch Tage man war zertrümmert ie Königin, alpurga hat uns, ſolche ing zu ſein,“ hört nur der der nackte, eitgeſchmac, der Menſch, paßt allein ſer als ich“ gelitete die rte ſie in die r, ſtreckte ſi ungsort, wo t die höchſte einer reinen ld enpfindet, Fott, Imal“ zuſamnen⸗ „ Fünfzehntes Capitel. Der Frühling zog ein mit Lerchenſang und Finken⸗ ſchlag und mit neuen Pariſer Moden. Die Damen der Reſidenz waren glücklich, an Hut und Shawl und Ge⸗ wand der ſchönen blaſſen Königin, die ſich jetzt öffent⸗ lich zeigte, ihr Kleider⸗Ideal abnehmen zu können. Die Königin fuhr aus. Neben ihr ſaß Gräfin Irma, ihr gegenüber Walpurga mit dem Kinde. „Laß Dich's nur nicht verdrießen,“ ſagte die Königin zu Walpurga,„wenn Du wieder daheim ſein wirſt.“ Irma ſagte lächelnd, ſie ſprach zum Erſtenmal in Walpurgas Beiſein franzöſiſch, daß die Oberhofmeiſterin lehren würde: es hieße die Vornehmheit verleugnen, wenn man ſich um ein Weſen kümmert und danach fragt was aus ihm wird, nachdem es ſeine Dienſte geleiſtet. Mit einer Kühnheit, die ſelbſt ihre beiden Gönne⸗ rinnen ſtutzig machte, ſagte Walpurga:„Das Gute hat's wenigſtens, wenn ich wieder daheim bin, daß man mich nicht zu einem Taubſtummen macht.“ „Wie meinſt Du das?“ „Ich mein' daß man daheim in meinem Beiſein nichts ſpricht, was ich nicht verſtehe.“ Irma ſuchte ſie zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Walpurga war bereits in jener heimathloſen Umzugsſtimmung, die ebenſo anſpruchsvoll als ſchwer zu befriedigen iſt. Sie fühlte ſich nirgends mehr daheim. Sie ſah es den Menſchen an, wie ſie bald leben würden ohne ſie und man hatte ſie doch ſo ſehr verwöhnt. ——— 150 Der Aerger, den das Franzöſiſchſprechen Irmas jetzt zum Ausdruck gebracht, hatte einen tieferen Grund: Eine Bonne von noch jugendlichem Anſehen aus der franzöſiſchen Schweiz war in die Hofhaltung des Prinzen eingeführt; ſie verſtand kein Wort Deutſch, das war Bedingung bei ihrer Annahme; der Prinz ſollte zuerſt Franzöſiſch ſprechen lernen. Walpurga verkehrte mit der Fremden, wie wenn ſie Beide ſtumm wären; ſie war nicht wohlgeſtimmt gegen die große ſchöne Geſtalt mit der franzöſiſchen Haube, vielmehr im tiefſten Herzen eiferſüchtig. Was geht die Wälſche das Kind an? Ja ſie war manchmal bös auf das Kind ſelbſt. „Du wirſt auch bald Franzöſiſch parliren, daß ich Dich nicht verſtehe“— konnte ſie zu ihm ſagen, wenn ſie mit ihm allein war und ſah ihn dabei mit böſem Blick an; gleich aber rief ſie wieder:„Verzeih' mir! O Gott, es iſt doch gut, daß ich jetzt die Tage an den Fingern abzählen kann, bis wann ich heim komme.“ Mamſell Kramer erklärte Walpurga, daß nun für den Kronprinzen auch eine Kammer gebildet werde. „Er hat ja ſchon Kammern genug,“ ſagte Walpurga. Immer wieder hatte Mamſell Kramer die ſchwere Aufgabe, Walpurga die Hofſitten zu erklären und dieſe ließ ſich die Namen mehrmals wiederholen; denn da hieß es: der Kronprinz erhält eine Aja— „Aja? was iſt das für ein Wort? Das kenn' ich nicht.“ „Es heißt eben Prinzenerzieherin. Und wenn ſie vier Jahre alt ſind, bekommen die königliche Hoheit wieder werde N nuri Du q angewe Fohre We Adel, ernam ſagte; „V Prinze duuf, in Ihr und ge Freund Lehten ſei; di an. A ſun,! ihre Be daß m „E Madan kun d n Irmas nGrund: wieder neue Beamte und ſo immer fort, wie ſie älter us der und Metn von höherem Sn32 sPinen„Ja, kann kir ſchon denken, meinte Walpurga, das„nur immer Menſchen und ei andere Schlöſſer! lir zunt Du armes Kind,“ ſagte ſie zum Prinzen.„Eines iſt doch gut: daß Dir Deine Augen und Deine Glieder angewachſen ſind; ſie thäten Dir ſonſt auch alle paar Jahre andere anſchaffen.“ Walpurga gab ſich indeß zufrieden, als ſie erfuhr, wie wenn hlgeſtinnt azöſiſchen ig. Wos manchmal daß Frau von Gerloff, eine Dame vom dienenden Adel, bisher erſte Kammerfrau der Königin, zur Aja ernannt worden ſei. Walpurga kannte ſie längſt und 54% ſagte zu ihr: „daß ich„Wenn man mich gefragt hätte, wem man meinen en, wenn Prinzen übergeben ſoll; da haben Sie meine Hand it böſen drauf, es wäre mir auch am liebſten geweſen, daß er eih nir! in Ihre Hände kommt. Jetzt ſeh' ich wieder, wie gut Tage an und geſcheidt unſre Königin iſt; ſie giebt ihre liebſte nkomme.“ Freundin von ſich und giebt ſie ihrem Sohn.“ ß nun fir Walpurga glaubte, Frau von Gerloff noch mancherlei werde. Lehren geben zu müſſen, wie der Prinz zu behandeln Walpurg. ſei; die gute Dame nahm die Lehren ohne Widerrede ſ ie ſchwere an. Auch als die Königin mit ihrer zweiten Kammer⸗ und dieſe frau, der Madame Leoni, dazu kam, glaubte Walpurga denn da ihre Befriedigung kundgeben zu müſſen, wie brav das ſei, i daß man den Prinzen der Frau von Gerloff übergebe. s kenn ich„Sie wären auch ganz gut geweſen,“ ſagte ſie zu Madame Leoni,„ganz gewiß! Aber unſre gute Königin d wenn ſie kann doch nicht ihre beiden Hände weggeben.“ iche Hoheit Madame Leoni lächelte dankend, obgleich ſie ſich 6„ — — gekränkt und ihre Zurückſetzung als Bürgerliche fühlte; doch das erſte Gebot des Hoflebens heißt: nie ver⸗ droſſen ſein! Der Prinz in ſeinem Kindesſchlummer ahnte nicht, welche Eiferſüchteleien ſich bereits an ſeiner Wiege geltend machten. Walpurga legte ſich allmälig ihre Sachen zum Einpacken zurecht und zu manchem Stück ſagte ſie: Man ſieht Dir's nicht an, daß auch Herzblut an Dir klebt. Der Leibarzt hatte befohlen, daß Walpurga manch⸗ mal den Prinzen verlaſſen mußte, damit er ſich all⸗ mälig an ihre Abweſenheit gewöhne. In den erſten Tagen ging Mamſell Kramer mit ihr durch die Straßen, aber dieſer Gang wurde der Caſtellanin ſehr ſchwer, denn Walpurga wollte vor allen Kaufläden ſtehen bleiben, und wo ſie einen Mann oder eine Frau in einer ihrer Heimathstracht ähneln⸗ den Kleidung ſah, wollte ſie auf ſie zugehen und fra⸗ gen, woher ſie ſeien und ob ſie nicht ihren Mann und ihr Kind und ihre Mutter kennten; Mamſell Kramer war dieſes Führeramtes bald müde, ſie ließ Walpurga manchmal allein gehen und gab ihr die eigene Uhr mit, damit ſie zur beſtimmten Zeit zurückkomme. Das Hauptvergnügen Walpurgas war, bei der Wach⸗ parade zu ſein, und das Ziel ihres Weges war meiſt vor das Thor; da ging ſie die Straße hin, die in ihre Heimath führte; das tröſtete ſie, und ſie dachte oft, wie es war, als ſie da herfuhr. Wie Jahrzehnte lag ihr die Zeit dazwiſchen und ſie mußte ſich immer zwinge ſie mei Liten ſi eil daß er aber ſ daß er „Wenn als die iſt auch ihm ei Wa außer ſ zugehen, ſrenge übemüt „Al nich ſe geben Zwei w Hanſei, groß bi zit iſt, Hanſei Flinte, und ei und da und da ich geh fühlte; e vet⸗ nicht, Wiege n zun gte ſie: Aut on manch⸗ ſich all⸗ mer mit urde der ollte vor Mann ähneln⸗ und fra⸗ ann und Kramer Walpurga gene Uhr icktomme. et Vach⸗ war neiſt ie in ihre dachte oft, ehnte lag ich inmer zwingen, wieder umzukehren; ſie ſtand oft und horchte, ſie meinte, ſie höre die Stimme ihres Kindes in den Lüften. Welches Kindes? Ihr Herz war getheilt und ſie eilte zurück zu dem Prinzen. Es war doch gut, daß er ſo ruhig auf dem Arm der Franzöſin ſaß, aber ſie war bös darüber und lachte triumphirend, daß er zu ihr verlangte, ſobald er ſie gewahrte. „Ja, Du biſt eine treue Seele,“ ſagte ſie dann. „Wenn die Mannsleute gut ſind, ſind ſie weit beſſer als die Weibsleute. Dein anderer Vater, mein Hanſei, iſt auch gar brav, übermorgen kommt er und Du giebſt ihm eine Hand wenn er kommt. So!“ Walpurga merkte wohl, daß die adelige Dienerin außer ſich war über ihre Art, mit dem Prinzen um⸗ zugehen, und daß Mamſell Kramer viel zu thun hatte, ſtrenge Befehle zurückzuhalten, aber um ſo toller und übermüthiger ſpielte ſie mit dem Prinzen. „Alſo merk Dir's,“ fuhr ſie fort,„ich hab Dir mich ſelbſt zum Verſchmauſen gegeben; die Andern geben Dir doch nur, was aus der Küche kommt; wir Zwei wir ſind Eins und... und übermorgen kommt mein Hanſei, dann geh' ich heim, und wenn Du einmal groß biſt, mußt Du mich beſuchen, und wenn Kirſchen⸗ zeit iſt, brocke ich Dir die ſchönſten Kirſchen und mein Hanſei geht mit Dir auf die Jagd und trägt Dir die Flinte, und da ſchießeſt Du einen großen, großen Hirſch und ein Reh und eine Gemſe, und die braten wir, und dann ſtecke ich Dir einen Strauß auf den Hut, und dann fahren wir miteinander über den See, und ich geb' Dir einen Kuß, und dann ſag' ich Dir Ade!“ — ——— ů————— Das Kind lachte von ganzem Herzen, als ihm Walpurga ſo in die Augen hineinſprach, und dann legte es ſein Köpfchen an ihre Wangen und Wal⸗ purga rief: „Mamſell Kramer, Mamſell Kramer, er kann ſchon küſſen, er hat mir einen Kuß gegeben! Ja, Du biſt ein rechtes Mannsbild und ein Königsſohn auch, die fangen beizeiten an.“ Alle Liebe, die ſie zu dem Kinde hatte, wollte ſie ihm in dieſen letzten Tagen noch kundgeben und ſie that es in Zuneigung und in Haß, denn ſie wollte auch der Franzöſin zeigen, wie unendlich lieb ſie und das Kind einander haben; zu ſolcher Liebe wird es die Wälſche doch niemals bringen, und dann begann ſie wieder zu ſingen: An dem Weidenbaum Stehſt du, weineſt kaum, Mit der Welle zieh' ich fort. So lang die Weid' wird grün, So lang die Wellen zieh'n Siehſt mich nimmer hier am Ort. Der Knabe plauderte und lachte immer dabei, und Walpurga betheuerte gegen Mamſell Kramer, ſie laſſe ſich darauf köpfen, daß er ſchon Alles verſtehe. „Und nicht wahr“— ſagte ſie dann mit einem zornigen Blicke auf die Franzöſin—„nicht wahr, die Sprache, die kleine Kinder haben, iſt doch in allen Ländern gleich; die Franzoſen kommen auch nicht mit Welſch auf die Welt?“ Und wieder ſang und ſprang ſie u ihre einen / ſucht Lb, P Eie h gelöſt un e in die weint iht in und e Nch, l ihn d dann in ſchon Du biſt uch, die 8 ollte ſie und ſie e wollte ſie und bei, und ſie loſſe . tit einen wohr, die in allen nicht nit nd ſprang 155 ſie und küßte das Kind; es war, als müßte ſie all' ihre Trauer zuſammendrängen und all' ihre Luſt in einen feſtgebundenen Strauß geben. „Du ſchadeſt dem Kind, Du regſt es zu ſehr auf,“ ſuchte ſie Mamſell Kramer zu beruhigen. „Das ſchadet ihm nichts, der hat gute Säfte im Leib, den kann keine Franzöſin mehr verderben!“ Walpurga war in einer widerſpruchsvollen Unruhe. Sie hatte doch ſchon hang gewußt, daß das Verhältniß gelöſt wird und die Löſung ſo oft gewünſcht und gehofft; nun aber, da ſie eintrat, war alles Peinliche, das ſie in dieſem Leben empfunden, nicht mehr da, und ſie meinte, ſie könne Fnicht mehr allein leben, es würde ihr immer etwas ſthlen, auch die Plage und Unruhe, und es iſt ja imer Alles wieder ſo gut geworden. Auch, daß die Anderen ſie ſo leicht ziehen laſſen, thut ihr weh. Und das Kind, das Kind! Warum hat es nicht den Verſtand, daß es plötzlich zu reden anfängt und ſagt: Vater und Mutter, ihr dürft das nicht thun, ihr dürft mir meine Walpurga nicht wegnehmen? Jetzt ſind Andere Meiſter über das Kind. Was werden ſie mit ihm machen? Warum ſoll ſie nicht mehr drein— reden und ſagen dürfen: So und ſo muß es ſein? Sie hat es genährt von ſeinem erſten Lebenstag an, und Tag und Nacht waren ſie beiſammen— wie ſoll's nun Tag und Nacht werden und ſie ſind nicht mehr bei⸗ ſammen? Es lag eine tiefe Bitterkeit in den Worten, als Walpurga, nachdem ſie zu Nacht gegeſſen, dem Kinde die leere Schüſſel hinhielt und ſagte: — ————— —— — ——— ———— 156 „Qiehſt Du? ich bin auch ſo eine ausgegeſſene Schüſſel.“ Und dann wollte ſie wieder nicht ſchlafen; ſie wollte keine Minute verſäumen, wo ſie noch bei dem Kinde ſein und es anſehen konnte, und wenn ſie doch ein⸗ nickte, wachte ſie plötzlich erſchreckt auf; ſie hatte im Traum Kinder ſchreien hören, in der Ferne am See und hier neben ſich, und ſie meinte, ſie ſtände allein mitten drin und müßte ſich zerhheilen, dort ſein und hier ſein, und dazwiſchen hörte ſie die Kuh, wie ſie ſchrie und an dem Stricke riß, wie damals, als ſie am Gartenzaun angebunden war; Wapurga ſah ſie ganz deutlich, und die Kuh hatte ſo große Jugen und ſchnaubte ſie an, ſo heiß... Wenn ſie ſich hie Augen gerieben, war Alles wieder ſtill, und ſie bhann ſich, daß ſie nur geträumt hatte. Es war am letzten Tage vor der Abreiſe. Walpurga bereute es ſchwer, daß ſie Hanſei nicht früher hatte kom⸗ men laſſen; er hätte recht gut einen Tag dableiben können, und ſie hatte dann einen Menſchen, der ihr die Hand entgegen geſtreckt hätte zum Willkommen, während ſie jetzt die Hand immer nur zum Abſchied zu geben hatte. Sie ging durch die Straßen und ſah hinauf zum blauen Himmel— der ſtand auch über ihrer Heimath. Sie kam durch die kleine Gaſſe, in welcher Doctor Gunther wohnte; ſie las das Schild am Hauſe und ging hinein. Ein Diener führte ſie in das Warte⸗ zimmer des Leibarztes; hier ſaßen und ſtanden viele Kranke, Männer, Frauen und Kinder. Walpurga ſagte dem Diener, wer ſie ſei; alle Anweſenden ſchauten ſie Not au el ſie wolle 3 den Kinde ſe doch ein⸗ ſie hatte in erne am Se⸗ ſände allein ort ſein und uh, wie ſe i abs ſe an ſch ſe gu ind ſchnaubte en gerieben, ich, daß ſe Walpurga r hatte kon⸗ iben können, r die Hand während ſe geben hatte. hinauf zun r Heimath. her Doctor Hauſe und s Warte⸗ nden viele purga ſagte chauten ſie — Wegeſene 157 ſtaunend an. Sie wurde ſofort außer der Reihe hinein⸗ gerufen; ſie ſagte, daß ſie blos gekommen ſei, um Ab⸗ ſchied zu nehmen. Gunther gab ihr den Beſcheid, ſie ſolle, bis die Sprechſtunde vorüber ſei, im Garten auf ihn warten. Sie ging hinab. Frau Gunther ſaß auf der Gartentreppe, ſie rief die Bäuerin zu ſich, und als ſie hörte, wer ſie ſei, ſagte ſie, daß ſie hier warten könne. Walpurga ſetzte ſich, Frau Gunther arbeitete weiter und ſprach kein Wort. Sie hatte ein entſchie⸗ denes Vorurtheil gegen die Amme; ihr Mann hatte oft von deren Eigenthümlichkeiten erzählt und Frau Gunther ſah darin viel volksthümliche Koketterie, die aus der Naivetät einen künſtlichen Aufputz macht, und das Aus⸗ ſehen Walpurgas widerſprach dem nicht. „Du gehſt wieder heim?“ fragte endlich Frau Gun⸗ ther; ſie wollte doch nicht unwirſch ſein. Walpurga erwiderte, wie glücklich ſie ſein werde, wieder daheim zu ſein. Frau Gunther ſchaute auf. Sie war eine von jenen Naturen, die es als ein Glück betrachten, von einem Vorurtheil erlöst zu werden, und im weiteren Geſpräche fand ſie nun, des Walpurga ſich allerdings dazu hatte bringen laſſen, ihre ſtarke und eigenthümliche Art noch gewaltſam zu ſteigern, daß aber eben dies ſie auch davor bewahrt habe, ſich in dem neuen Daſein zu verlieren. Nun ſprach ihr Frau Gunther zu, ſich ja recht im Herzen zu faſſen, und wenn ſie heimgekommen ſei, nicht Alles mit dem Leben im Schloſſe zu vergleichen und ſich dadurch unglücklich zu machen. „Sind Sie denn auch ſchon einmal in der Fremde —— —— geweſen, daß Sie das Alles ſ purga. Frau Gunther lächelte.„Ich kann mich in Dich hinein denken.“ Immer mehr aus dem Herzen Wal⸗ purgas heraus ſprach ſie ihr zu. Sie führte ſie in die Stube, und als Gunther her⸗ abkam, traf er Walpurga auf der Freitreppe, wie ſie das vaterloſe Enkelchen auf dem Schooße hielt. „Nun kennſt Du auch meine Frau,“ ſagte Gunther. „Ja, aber zu ſpät.“ Auch Gunther redete nun Walpurga zu, zu faſſen in der Heimath, und er als Eingeborner des Gebirges gab ihr im voraus Bilder des Willkommens und wußte ſie gar heiter darzuſtellen. Gunther ſagte, daß er ſie noch einmal im Schloſſe ſehe, und ſeine Frau reichte Walpurga die Hand mit den Worten: „Sei wieder gut daheim.“ „Ich will Deiner Mutter ſchicken,“ ſchloß der Arzt.„Sag' ihr, ſie ſoll an den jungen Studenten denken, der damals, als ſie Braut mit Deinem Vater war, auf der Kirchweih beim Freihof mit ihr getanzt. Ich ſchicke Dir heut' noch ſechs Flaſchen Wein, die ſoll ſie zum Andenken an mich trinken, aber nicht zu viel auf einmal.“ „Ich ſage Dank für meine Murter und m ſchon, wie wenn ich den beſten 4 ſchloß Walpurga;„meine die hat immer geſagt: o wiſſen?“ fragte Wal— — ————— ſich recht auch noch was Gutes —— ir iſt jetzt Wein getrunken hätt',“ Gräfin Irma hat Recht gehabt, Die Frau Gunther, das wär' 1 eine Frau für dich. Nun wünſch' ich, daß Sie bis zu N hrer ir w — — Gl zric ſtagte mich in Dich Letzen Wu Gunther her⸗ ppe, hielt gte Gunther vi ſe l, ſich rect eborner des Pilkommens im Schloſe Hand mit oll an den ſie Braut im Freiof an nich it iſt jett en hätt,“ ht gehabt, das wär ie bis zu „ E 159 Ihrer letzten Stunde ſo wohl leben mögen, wie Sie mir wohlgethan haben.“ Man erwiderte nichts auf die Erwähnung Irmas. Geſtärkt und gehoben kehrte Walpurga ins Schloß zurück. Sechzehntes Capitel. Am Abend kam die Königin zu Walpurga und ſagte: „Ich nehme nicht Abſchied von Dir. Wir wollen nicht vom Weggehen reden. Ich habe Dir nur von Herzen danken wollen für die Liebe, die Du mir und meinem Kinde bewieſen.“ „O Königin, wie können Sie mir danken? Das ſag' ich keinem Menſchen auf der Welt, daß die Königin ſich bei mir bedankt hat,“ rief Walpurga.„Aber Sie ſind ſo gut und wollen mir's leicht machen, und das können Sie mir glauben, jeden Blutstropfen gäb' ich her, jede Ader ließ' ich mir ſchlagen für Sie und unſer Kind. Ach, lieber Gott, unſer Kind! Ich darf nicht mehr ſo ſagen, morgen ſchon nicht mehr, ich muß fort, aber ich krieg' mein eigen Kind daheim.“ „Ja, Walpurga, das iſt's, was ich Dir ſagen wollte. Glaube mir: das Beſte, was man auf der Welt haben kann, iſt daheim ſein; und ſo viel wirſt Du eingeſehen haben, daß es eins iſt, ob in einem Schloß oder in einer Hütte.“ „Da haben Sie Recht, mehr als ſatt eſſen und ſatt ſchlafen kann man ſich nirgends. Morgen früh kommt mein Honſei. Darf ich ihn auch zu der Königin bringen, 160 daß er ſich bedankt, und auch zum König und den guten Herrſchaften allen?“ „Laß das, Walpurga, das iſt nicht nöthig. Der Arzt hat mir eigentlich verboten, von Dir Abſchied zu nehmen, es kann aber ſein, ich ſag' Dir morgen noch einmal Lebewohl. Du kannſt mir's glauben, es iſt mir auch leid, daß Du fortgehſt.“ „Wenn's die Königin will, bleib' ich da, und mein Mann und das ganze Neſt kommt mit he „Nein, geh' Du wieder heim, das iſt beſſer; und wenn ich einmal in Deine Gegend komme, beſuche ich Dich. Und meinem Sohn will ich auch ſchon ſagen, wie gut Du gegen ihn warſt; er ſoll Dir's nie vergeſſen.“ Walpurga hatte das Kind in die Wiege gelegt und ſie rief: „Sehen Sie, er ſpricht drein! Wir erwachſenen Menſchen verſtehen nicht, was Kinder ſagen, aber er verſteht uns!“ Nun erzählte Walpurga mit Jubel, daß ihr der Prinz heute einen Kuß gegeben, und ſie redete ihm zu, daß er jetzt auch ſeiner Mutter einen gäbe. Aber das Kind that's nicht. „Frau Königin,“ ſagte Walpurga,„ich laſſe Ihnen noch was Gutes da; ich hab' was für Sie gefunden.“ Ihr Angeſicht glühte und die Königin fragte: „Was haſt Du?“ „Frau Königin, ich hab' eine Freundin für Sie, die beſte. Die Frau Gunther, die kann auch wie Sie Einem ſo aus dem tiefſten Herzen heraus reden, aber doch wieder anders. Ich meine, die ſollten Sie recht oft beſuchen und ich meine, es thäte Ihnen auch wohl, ———— wenn Jochb friſche eines d P Jedin indeß, öme traur Fraue — — ihr n 161 wenn Sie manchmal auf eine gute Stunde in ein gutes räthi. e Nachbarhaus gehen könnten. Sie kämen allemal viel ir Aſchiz friſcher wieder heim.“ b Walpurga war voll Eifer, der Königin das Glück eines Nachbarbeſuches zu erklären. Die Königin lächelte, da Walpurga noch immer keine Vorſtellung von den Bedingungen des Hoflebens hatte. Sie erklärte ihr indeß, daß ſie nur mit Denjenigen Verkehr pflegen norgen u auben, ez ſt , und mein tbeſer könne, die ins Schloß kämen. Walpurga war ſehr i traurig, daß ſie nicht noch zu guter Letzt die beiden , tei ich nſagen, wie e vergeſen“ Frauen zuſammen bringen konnte. Die Königin zog ſich zurück. „Jetzt iſt ſie fort,“ ſagte Walpurga,„und ich hab' egelt un ihr noch gar nichts geſagt, und ich mein', ich müßt' ihr noch ſo viel ſagen.“ Sie hatte das Gefühl, daß ewachſenn ſie die Königin nicht verlaſſen dürfe; ſie allein meint 6 aber er es getreu mit ihr und kann ihr beiſtehen, wenn ihr mit Jube, die Menſchen etwas anthun wollen, wer weiß was. en, und ſe Sie dachte zurück an jene Stunde, da die Königin lutter einen ſie geküßt. Wie viel haben ſie ſ mit einander erlebt! Iſt's denn möglich, daß es noch nicht ganz ein laſſe Ihnen Jahr iſt? gefunden.“ Sie ſetzte ſich an die Wiege und ſaß lange zuſam⸗ 5 ſte: mengekauert da; dann begann ſie leiſe zu ſingen: 13 „Mein Herz trägt eine Ketten, 2 in für Sie, Die Du mir angelegt, 3 uch wie Sie Und ich wollt' das Leben wetten, reden, aber Daß Keiner ſchwerer trägt.“ n Eie richt Ihre Stimme war heute zitternd. Das Kind ſchlief. auch wehl, Sie ſtand auf und ſagte zu Mamſell Kramer, daß ſie noch 3 Auerbach, Auf der Höhe. 11 11 * —————— 162 bei Allen im Schloſſe Abſchied nehmen wolle. Mamſell Kramer widerrieth ihr dies. Nur zur Gräfin Irma ging Walpurga, aber ſie traf ſie nicht im Schloſſe, ſie war bei einer großen Geſellſchaft im Hauſe ihres Bruders. Wal⸗ purga ſagte dem Kammermädchen, daß ſie morgen früh abreiſe, und es thäte ihr wehe, wenn ſie der guten Gräfin nicht Lebewohl ſagen könnte; einſtweilen ſagte ſie dem Kammermädchen Lebewohl und empfahl ihm, recht Acht zu haben auf die gute Gräfin, daß ſie immer geſund bleibe. Walpurga reichte dem Kammermädchen die Hand, aber ſie mußte ſie leer zurückziehen, denn jene hielt beide Hände in den Taſchen ihrer ſeidenen Schürze und machte einen halb ſpöttiſchen Knix. „Je vornehmer, je beſſer ſind die Menſchen,“ ſagte alpurga, als ſie wieder in ihrem Zimmer war.„Die Königin iſt die Höchſte und auch die Beſte.“ Walpurga wurde zur Oberhofmeiſterin gerufen. Sie fand ſie auf derſelben Stelle, in derſelben Haltung wie damals, als ſie vor bald einem Jahr hieher gebracht wurde. Tagtäglich faſt hatte ſie die ſtrenge Dame ge⸗ ſehen; ſie war nicht zutraulicher geworden, aber immer gleichmäßig gütig. Es ſchien, daß es in ihrer Art oder vielleicht auch in ihrem Amte lag, Walpurga nun auch ordnungsmäßig zu entlaſſen. „Du haſt Dich brav gehalten,“ ſagte Gräfin Brin— kenſtein mit freundlicher Handbewegung.„Die Aller⸗ höchſten Herrſchaften ſind zufrieden mit Dir. Nun lebe wohl und ſei auch fernerhin brav.“ Sie ſtand nicht auf, ſie reichte Walpurga keine Hand, ſie nickte ihr nur zum Abſchied, und Walpurga ging. W uß volge Johre ſo gu dffir hald nieder iſten Palpt wiede über Shr ihr Prin noch 163 olle. te Dieſe doch gewiß nicht leutſelige Entlaſſungsweiſe n that Walpurga doch innerlich wohl; ſie hatte ein Ge⸗ wat e fühl, wie wenn ſie einen ehrenvo Soldatenabſ chied bekommen, und ſoldatiſch ſtreng aber auch verläßlich und immer ſich gleich war die Oberhofmeiſterin ge⸗ blieben; dieſe Beſtändigkeit übte ihren gerechten Ein⸗ fluß auf das Gemüth Walpurgas. Im Zimmer Walpurgas ſtanden zwei große Kiſten vollgepackt und geſchloſſen. Sie hatte im Laufe des Jahres ſo viel Sachen bekommen und an Geld eine ſo große Summe, daß man ein mäßiges Bauerngütchen dafür kaufen kann. Sie ſetzte ſich bald auf die eine, bald auf die andere Kiſte, und als ſie ſich endlich niederlegte, blinzelte ſie noch lang hinüber nach ihren Kiſten. Wie umwandelnde Geiſter gingen die Gedanken Walpurgas durch die Gemächer des Schloſſes und dann wieder daheim durch ihre Hütte, durch den Garten, Uders 8. i nfrih 9 6 n i. ſie den recht Mtzu geſund bleibe. en die Hand, in jene hielt enen Schüre ſch e, ſagte r.„Di — erufen. Sie Haltung wi über die Berge und plötzlich erwachte ſie von einem chet gebracht Schrei des Kindes. Sie mußte ſich beſinnen, ob das ge Dame ge⸗ ihr eigen Kind oder ein fremdes; ſie beruhigte den aber inner Prinzen bald, blieb aber an ſeiner Wiege ſitzen.„Der rer Att oder Schlaf ſoll uns keine Minute mehr nehmen, die wir ga nun auch noch beiſammen ſein dürfen,“ ſagte ſie leiſe. Es tagte. Walpurga hatte das Kind zum letzten⸗ Früfin Brin⸗ mal an der Bruſt. Eine Thräne fiel auf ſein Haupt; „Die Aler⸗ es ſchaute zu ihr auf. Dann ſchlief es wieder an r. Nun lebe ihrem Herzen und ſie hielt ſein linkes Händchen an ihren Mund und ſprach leiſe Worte hinein. keine Hand, Sie legte das Kind wieder in die Wiege, heftete lpurga gin 3 noch einen ſchweren Blick auf daſſelbe, dann ging ſie, õ —— m— —— mit dem Rücken gegen die Wiege gewendet, dreimal um dieſe herum und endlich ſagte ſie zu Mamſell Kramer: „Jetzt geh' ich. Jetzt iſt's Zeit.“ Diener kamen und holten die Kiſten. Walpurga war ſo verſöhnlichen Herzens, daß ſie ſelbſt der Fran⸗ zöſin die Hand zum Abſchied reichte. Sie ſchaute nicht mehr um nach der Wiege, ging hinab und ließ die Kiſten nach einem Wirthshaus in der Nähe des Schloſſes bringen, wohin ſie Hanſei beſtellt hatte; er müßte eigentlich ſchon da ſein, ſie hatte ihm genau die Stunde angegeben, wann ſie ihn dort treffen wollte. Aber Hanſei war nicht da. Hier im Wirthshaus war ſchon früh ein bewegtes Leben, denn hier kehrten die Hofbedienten ein. Es wurde bereits laut gezecht und einige Livreebediente ſchalten ſehr unehrerbietig auf die Herrſchaften, die heute Nacht auf der Soirée beim Grafen Wildenort die Bedienten im Vorhauſe und die Kutſcher auf dem Bock faſt drei Stunden hatten warten laſſen. Es hieß, Graf Wildenort habe die Allerhöchſte Erlaubniß be⸗ kommen, ein Roulette außzuſtellen, und die Herrſchaften hätten hoch geſpielt; der König wäre auch dageweſen, die Königin aber nicht. Walpurga ſaß bei der Wirthin im Verſchlag auf ihrer Hauptkiſte. Sie ging vor das Haus, um nach Hanſei zu ſchauen; er kam noch immer nicht. Baum brachte ihr die Botſchaft, ſie ſolle noch zur Gräfin Irma kommen, aber erſt um neun Uhr. Walpurga ging in der Stadt umher wie verirrt: Da rennen die Menſchen aneinander vorüber, Keiner weiß vom Andern und ſi h mn vie Stt he vůckerjunge un Flic i6Mön ni hten „Norge ſort; e5 9 Palpurho, ſtut. 6 und da hil s ſi! Ni „Und ts ſſ eins haupt ein nicht,“ ſo vorbeizog Mes zog Inſe inmer w zurick,; Hanſei he Wenn krant, we ſterbensb lich ſei. nade vo hlindet ſeinet L eiml un Kraner: Wulpurg der Fran⸗ aute nicht d ließ die Schloſes er müßte e Stunde te. Aber bewegtes ein. 6 ebediente ten, die ildenort auf dem E hieß, bniß be⸗ rſchaſten geweſen, hlag auf un nach Baum Gräfin Lalpurga nen die Andem 165 ⸗ und ſie haben auch nicht Zeit zum Fragen. Man ſieht um dieſe Zeit keinen runden Hut auf der Straße, die Stadt hat jetzt nur mützentragende Einwohnerſchaft; Bäckerjungen und Metzgerburſchen tragen pfeifend Brod und Fleiſch aus, an den Ecken ſtehen Mägde und laſſen ſich Milch zumeſſen, und die Marktweiber vom Lande eilen mit Körben und Handkarren nach ihren Standorten. „Morgen früh iſt das Alles wieder ſo und du biſt fort; es geht dich auch heute nichts an,“ ſagte ſich Walpurga, während ſie dem Treiben ſelbſtverloren zu⸗ ſchaute. Ein großer Buchladen wird jetzt aufgemacht und da hängt ihr Bild hinter der Scheibe— was nützt es ſie? Niemand fragt, wie es ihr im Herzen iſt. „Und morgen wird das Bild auch dahängen, und es iſt eins, ob du noch da biſt oder nicht; es iſt über⸗ haupt eins, ob du auf der Welt geweſen biſt oder nicht,“ ſo ſchloß Walpurga, als eben ein Leichenwagen vorbeizog und Niemand fragte, wen ſie da begraben. Alles zog ſeinen Weg. In ſchweren Gedanken ging Walpurga dahin, und immer wieder zerrte etwas an ihr, nach dem Schloſſe zurück, zu dem Kinde. Sie ging vor's Thor, wo Hanſei hereinkommen mußte. Er kam noch nicht. Wenn er gar nicht kommt, wenn das Kind daheim krank, wenn es geſtorben iſt, wenn— Walpurga wurde ſterbensbang vom Ausdenken deſſen, was Alles mög⸗ lich ſei. Sie ſetzte ſich auf eine Bank in der Prome⸗ nade vor dem Thor, Reiter jagten vorbei und ein blinder Invalide ſpielte einen luſtigen Walzer auf ſeiner Orgel... ——— —— —— — 166 * Es ſchlug neun Uhr, Walpurga ging in die Stadt zurück nach dem Schloſſe. Am Thor ſtand Hanſei und ſein erſtes Wort war: „Grüß Gott, Walpurga! Biſt endlich da? Wo laufſt denn herum? Ich ſuche Dich ſchon geſchlagene zwei Stunden.“ „Komm' mit da herein,“ ſagte Walpurga und führte Hanſei in einen bedeckten Gang,„man ſpricht hier nicht ſo laut.“ Nun ſtellte ſich's heraus, daß Walpurga in ihrem letzten Briefe ihn nach dem Schloſſe und nicht ins Wirthshaus beſtellt hatte; ſie bat um Verzeihung, ſie ſei beim Schreiben verwirrt geweſen; dann aber ſagte ſie:„Jetzt laß Dir einen guten Willkommskuß geben. Gottlob, daß Alles geſund iſt. Ich brauche jetzt viel Liebe und Gutſein.“ Vor dem Zimmer Irmas bat ſie ihn, zu warten, und ging hinein. Irma lag noch im Bett, aber ſie befahl, daß Walpurga, deren Stimme ſie gehört hatte, hereinkomme. Die Gräfin ſah ſchön aus in ihrem weißen Gewande, aber ſie war ſehr blaß und ihr Haar lag aufgelöſt in wilden Strähnen auf den weißen Kiſſen. „Ich habe Dir noch ein Andenken geben wollen,“ ſagte Irma, ſich erhebend,„aber ich glaube, das Beſte für Dich iſt Geld. Nimm das dort! Alles, was dort liegt, Alles! Ich will nichts davon! Nimm. Hab' keine Furcht, es iſt wirkliches Gold, im ehrlichen Spiel gewonnen, ich gewinne immer, immer!... Nimm Dein Tuch heraus und wickle es hinein!“ ſo dan ſun w gonoch, d Lich zimner verließ 1 nachte in ihen ſicht ins ung, ſe ber ſagte ß geben. jett viel warten, aber ſie t hatte nihrem nd ihr weißen ollen,“ s Beſte s dort keine Spiel Dein 167 Irma, ihre Stimme klang heiſer. Es war So rief! Walpurga ſich furcht⸗ ſo dämmerig in dem Zimmer, daß ſam umſchaute, als befände ſie ſich in einem Zauber⸗ gemach, und ſie kannte doch das Mädchen, ſie kannte die Tiſche, die Stühle, ſie hörte den Papagei im Neben⸗ zimmer ſchreien— ſie kannte Alles, aber der Gedanke verließ ſie nicht, daß das böſes Gold ſein könne; raſch machte ſie das Zeichen des Kreuzes darüber, dann ſteckte ſie es in ihre weite Taſche. Und nun leb' wohl,“ ſagte Irma.„Sei glücklich, ſei tauſendmal glücklich! Du biſt es mehr als wir alle. Wenn ich einmal nicht mehr weiß, wohin in der Welt, komme ich zu Dir. Gelt, Du nimmſt mich auf und giebſt mir ein Plätzchen hinterm Ofen? Jetzt geh, geh'! Ich muß noch ſchlafen. Leb' wohl, Walpurga, und vergiß mein nicht! Danke mir nicht! Sprich nichts! Ich komme bald zu Dir, dann wollen wir wieder ſingen, ja ſingen— leb' wohl „Ich bitt Dich, laß mich reden, / 1 nur ein einzig Wort!“ rief Walpurga und faltete die Hände.„Wir können Beide nicht wiſſen, wer von uns ſtirbt und dann wär's zu ſpät.“ Irma drückte mit der Hand die Augen zu und nickte. Walpurga fuhr fort: „Ich weiß nicht, was mit Dir iſt; es geht Dir nicht kann Dir noch ſchlechter gehen; Du haſt ſo oft kalte Hände und heiße Backen. Damals, am zweiten Tag nach meiner Ankunft, hab' ich Dir Unrecht gethan, verzeih' mirs. Ich will Dir mit keinem Gedanken mehr Unrecht thun und es ſoll Dir Niemand Unrecht thun, gut und es es ſoll Dir Niemand w bitt' Dich, mach, daß Du aus dem kommſt! Geh' auch heim...“ „Genug, genug!“ wehrte Irma ab. Hände vor, als wären die die auf ſie zuflogen.„Genug!“ ſchloß ſie. Vergiß mein nicht!“ Worte Walpurga's Steine, „Leb' wohl! Sie ſtreckte ihr die Hand entgegen, die W küßte; die Hand war fieberiſch heiß. Walpurga ging. Draußen im Vorzimmer rief der Papagei noch:„Pfüt Di Gott, Irma!“ Walpurga er⸗ ſ ilte wie gejagt davon. alpurga ſchrak bis ins Herz hinein und e Siebzehntes C apitel. Als Walpurga wieder zu Hanſei herauskam, fragte er: „Soll ich auch hinein?“ „Nein, wir ſind fertig.“ „Ich mein' aber, zur Königin, ich hab' „Das geht nicht.“ „Warum nicht? Ich kann ſchon mit ihnen reden.“ Er hatte ſich's immer vorgeſagt, wie er mit dem König und der Königin reden wollte; er wird's ihnen ſchon zu wiſſen thun, daß er noch was Beſonderes verdient hat, weil er ſeine Frau ſo lange hergegeben. Es ward Walpurga ſchwer, ihm klar zu machen, daß ſich das nicht zwingen laſſe; Hanſei wollte nicht ich ſollte noch zum König und ihnen viel zu ſagen.“ as Böſes nachſagen, aber ich Schloß da hinaus⸗ Sie hielt die dovon chſuh den Gens und die Kör ihnen an de Vulpun nun doppelt zu kechrih „Aber 2 haſt Du w ſtagte bon „J, 0 G war iht nun hatte wenn Man zuzöin i ile diſe I Nit iner zing ſe m Hier bege und als „Nein de Hofa ſehlich. Man Purgo hö ihn ſu Schum horten 1 machen. 169 davon abſtehen und beſonders ſchämte er ſich, daß er dem Gemswirth bekennen ſollte, er habe den König hilt di und die Königin gar nicht geſehen, viel weniger mit Steire ihnen an der Tafel geſeſſen. h nyfl⸗ Walpurga bedurfte ſelbſt der Aufrichtung und mußte 5 nun doppelte Kraft aufbieten, um den unwirſchen Hanſei ahug zu beſchwichtigen. „Aber Deinen Prinzen darf ich doch ſehen? Da ti de haſt Du doch noch Macht, daß Du mich hinbringſt?“ rg fragte Hanſei. i„Ja, ja,“ erwiderte Walpurga,„das können wir.“ Es war ihr ſelbſt lieb, das Kind noch einmal zu ſehen, nun hatte ſie eine gute Ausrede; und was liegt daran, wenn Mamſell Kramer, Frau von Gerloff und die Franzöſin über Hanſei ſpotten? Uebermorgen gehen dich alle dieſe Menſchen nichts mehr an und du ſie nichts! Mit einer Haſt, die ihr die Wangen erglühen machte, gte er ging ſie mit Hanſei nach den Gemächern des Prinzen. Hier begegnete ihr vor der Thüre Mamſell Kramer und als Walpurga ihren Wunſch vorbrachte, hieß es: 9 und„Nein, das geht nicht, Du darfſt nicht mehr hinein. Der Hofarzt iſt da, das Kind weint und ſchreit ent⸗ ſetzlich. Geh' Du nur in Gottes Namen!“ den.“ Mamſell Kramer verſchwand hinter der Thüre. Wal⸗ den purga hörte das Kind weinen und durfte nicht hinein, ihnen ihm zu helfen; ſie war ausgeſtoßen, ausgeſchloſſen. deres Scham vor Hanſei und Aerger über die undankbaren ben. harten Menſchen kämpften in ihr, und ſie ſagte endlich: chen,„Komm', Honſei, man muß ſich nicht unwerth nicht machen.“ „Ja wohl,“ ſagte Hanſei, ſie, wenn ſie Einen nicht me „Und wir brauchen ſie daß Alles vorbei iſt!“ Sie verließ mit knurrte imme Beſten, der i „ich ſeh' ſchon, ſo ſind hr brauchen.“ auch nicht mehr. Gottlob, endete Walpurga. Bitterkeit das Schloß und Hanſei r vor ſich hin, wie wenn er den nächſten hm in den W eg käme, tüchtig durchwalken wollte. Sie kehrten miteinander in das Wirthshaus zurück, wo die gepackten Kiſten ſtanden. Hier trafen ſie auch Baum, und Hanſei ſagte wieder: „Ich möcht' darauf ſchwören, das iſt Niemand anders, als der Jangerl von der Zenza.“ „Der iſt ja in Amerika,“ herrſchte Walpurga. 6h bitt' Dich, kümmere Dich jetzt um nichts Anderes und mach', daß wir fortkommen.“ „Ich hab' mich darauf eingerichtet, daß wir noch einen Tag hierbleiben. Ich möcht' einmal Alles ſehen und möcht' auch einmal ins Theater und dann—— „Ein andermal, jetzt will ich heim zu meinem Kind.“ „Biſt ſo lang fortge weſen, wirſt Du's s wohl auch noch einen Tag aushalten.“ Walpurga hielt an ſich, Hanſei mußte ihr dennoch willfahren. „Was ſiehſt mich „Gelt, Du kennſt mich kaum mehr?“ „Du haſt ſo getreue blaue Augen; ich hab's gar nicht mehr gewußt.“. „So? Alſo ſo wenig bin ich Dir in Ge daß Du nicht einmal mehr weißt, immer ſo an?“ fragte Hanſei. danken geweſen, wie ich ausſehe?“ Sei „Hell, gehabt“ Pulpur Augen ſeien errdert! war ſeiner er nicht wi Endlich pſlaſter wa den Prinß „ 1 und weint Schon Nn Hoft hringen t ber liebe hinuus k Zechkme zwei Pfe hütten ſi genug in Wäl wie ihr doß kei getroffe ſeiner ſo ſinh Gottloh nd Hanſe en nächſtn urchwallen us zuric ſſie auch lemand 3 .„ch ir noch es ſehen —— Kind.“ hl auch ennoch Hanſei. weſen, he 171 „Sei ruhig, ich hab' immerſort an Dich gedacht. Was hat denn unſer Kind für Augen?“ „Helle, geſunde, es hat noch nie etwas daran gehabt.“ Walpurga wollte wiſſen, von welcher Farbe die Augen ſeien, ob ſich wie beim Prinzen die Farbe auch verändert habe. Aber Hanſei wußte es nicht, und war ſeiner Frau bös, weil ſie ihn etwas fragt, was er nicht wiſſen kann. Endlich ſtieg man auf. Der Wagen fuhr nochmals am Schloſſe vorüber, und mitten im Raſſeln des Wagens auf dem Stein⸗ pflaſter war es Walpurga, als höre ſie oben im Schloſſe den Prinzen weinen. „Ich muß mich auch entwöhnen,“ ſagte Walpurga, und weinte ſtill. Schon draußen vor dem Thor ſchimpfte Hanſei auf den Hof:„Man hätte uns wol in einer Kutſche heim⸗ bringen können, aber ſo iſt's, holen thun ſie die Wei⸗ ber lieber als bringen.“ Hanſei ſchaute immer neben hinaus bei Allem, was er ſagte, als ob ihm ſeine Zechkameraden dabei zunicken müßten.„Mindeſtens zwei Pferde hätten ſie uns mitgeben müſſen, ja, ſie hätten ſie uns ganz laſſen können, ſind überzählige genug im Marſtall,“ fuhr er fort. Walpurga hatte ſo oſt und Jedem davon erzählt, wie ihr Mann ſie mit einem Wagen abholen würde, ſo daß keinerlei Anordnungen für ihre Heimbeförderung getroffen wurden. Als nun Hanſei fort und fort nach ſeiner Weiſe über dieſe Rückſichtsloſigkeit ſchimpfte, ———— —————— erinnerte ſich Walpurga ihres Fehlers, und ſie ſuchte, ohne denſelben einzugeſtehen, Hanſei zu beruhigen. „Ich bitt' Dich um Alles in der Welt,“ ſchloß ſie, „ſag' nur nichts gegen den Hof, ſie können ja nichts dafür. Die Königin und auch der König, wenn ſie von ſolchen Sachen wüßten, thäten ſie ja Alles gern; aber Du glaubſt gar nicht, was das für Menſchen ſind, die wiſſen vom Tauſendſten nichts und meinen, die Wagen fahren allein. Du glaubſt gar nicht, wie die Königin ſo gar arg wenig von der Welt weiß; ſo was Geld koſtet und was man kaufen und erwerben und bezahlen muß, davon hat ſie Dir gar keinen Verſtand. Schau, die iſt eben wie die Engel, die können auch kein Geld zählen und haben auch nichts mit Geld zu thun, und ſie iſt ſo lieb wie ein Engel und nimmt Einem die Worte aus dem Herzen heraus und thut Einem wieder ſo gute hinein.“ Als ſie nun innehielt und Hanſei nichts darauf er⸗ widerte, biß ſie ſich auf die Lippen: wenn ſie ſo was im Schloß geſagt hätte, zur Gräfin Irma oder zur Mamſell Kramer, wie wär ſie da gelobt worden! Aber der da, der thut, als wenn's gar nichts wäre, was ſie geſagt hat. Es ſtieg etwas in ihr auf, es wälzte und krümmte ſich— aber ſie drückte es nieder. Ja, du mußt dich eben jetzt auch entwöhnen, dachte ſie wieder, es iſt vorbei, daß man dir Alles ſo beruft. Sie ſaß lange ſtill. Sie fühlte, daß es vorbei iſt, ſich in lebens⸗ großen Spiegeln zu betrachten, und man rollt auch noch einen Spiegel auf die andere Seite, daß man ſich auch von hinten ſehen kann. Das Wort der Königin letzt tm ihr ſu ſei reht gedu nauf d Friden u⸗ hat und hine ſjj il i dufür pil; nans ſihem ihr ein Stit 6 ihr dos H die Königin ſo gut wi lange, und d Ein Stral Br nigin la uf ſilgeftßt und Hand ihres L „So, got und hab Du in der Fren bin wiedere „Jo, ju Wo mu Virthsleuten „Dos iſt gweſen und Er mr inner ſil den Pagen und Hunſei immer nur den Berſp kruhigen en ju nicht wenn ſie t, wie die iß ſo wes etben und Veiſtnd. nnen auch ſt Geld zu nd ninnt und thut darauf er⸗ ie ſo was oder zur en! Aber „was ſie ilzte und Ja, du e wieder, Sie ſaß nlebens⸗ Alt auch man ſich Königin d ſe ſe ſuchte, ſhloß ſi, 17 3 35 kam ihr zuletzt in den Sinn: Wenn du heimkommſt, ſei recht geduldig mit den Deinigen, das giebt den Frieden auf der Welt, wenn man Geduld miteinander hat und Eines dem Andern Gutes thut und nichts dafür will; wenn man nichts dafür will, da kriegt man's ſiebenmal bezahlt.— Und wie damals die Mutter ihr ein Stück Brod aus der Schublade mitgegeben, daß es ihr das Heimweh tödte im Schloß, ſo hat ihr nun die Königin Worte und Gedanken mitgegeben, die ſind ſo gut wie Brod, da kann man auch dran zehren und lange, und die zehren ſich nicht auf. Ein Strahl aus dem ſonnenhaften Weſen der Kö⸗ nigin lag auf dem Angeſicht Walpurga's. Sie wurde ſtillgefaßt und fromm in ſich. Sie ergriff plötzlich die Hand ihres Mannes und ſagte: „So, gottlob, jetzt halten wir wieder einander feſt, und hab Du nur rechte Geduld mit mir, ich bin eben in der Fremde geweſen, wirſt aber ſchon ſehen, ich bin wieder gut daheim.“ „Ja, ja, iſt recht,“ ſagte Hanſei. Wo man einkehrte, ſagte Hanſei überall zu den Wirthsleuten: „Das iſt meine Frau, ſie iſt Amme vom Kronprinzen geweſen und, Gott Lob, wir können's jetzt ſchon.“ Er war prahleriſch geworden, Walpurga aber war immer ſtill vor den Leuten; erſt wenn man wieder auf dem Wagen ſaß, wurde ſie geſprächig. Sie fragte viel und Hanſei erzählte viel, aber ſie hörte wenig, ſie ſah immer nur ihr Kind vor ſich, das tanzte da oben auf den Bergſpitzen immer mit, wie man weiterfuhr, wie 17⁴ der Mond, der am hellen Tag am Himmel ſtand und auch immer mitgeht. „Und blaue Augen hat es?“ fragte ſie plötzlich, während Hanſei eben genauen Bericht gab, daß die eine Kuh wieder friſchmelkig ſei. „Was das Kalb für Augen hat, weiß ich nicht,“ lachte Hanſei. „Ach, nimm mir's nicht übel, ich hab' nicht auf Dich gehört. Ich denk' nur an unſer Kind. Wenn ich meine Gedanken vorſpannen könnte, wir wären daheim in einem halben Hui, wie der Schneider Schneck immer ſagt.“ Sie hielt lächelnd inne und fuhr nach einer Weile fort:„Ach, wie iſt's denn möglich, daß ich ſo lang von Dir weggeweſen bin? Es iſt nicht wahr, ich bin immer daheim geweſen, und jetzt komm' ich. Ich komm' zu Dir, mein Kind! Haſt Du nicht was ſchreien hören, Hanſei?“ unterbrach ſie ſich umſchauend.„Ich höre was ſchreien, wie ein Kind.“ „Sei doch ruhig, Du kannſt Einem ganz bang machen, daß man nicht mehr weiß, hat man ſeinen Verſtand noch oder nicht.“ Oft noch ſchaute Walpurga hinter ſich, denn immer wieder war es ihr, als höre ſie ein Kind weinen. Dort in der Stadt weint ein Kind, und die Men⸗ ſchen mit ihren Diamanten, ihrem Gold und ihren Soldaten— es nützt Alles nichts, das Weinen eines Kindes können ſie damit nicht ſtillen. Hinter ſich und vor ſich hörte Walpurga ein Kind weinen. „Warum hältſt Dir die Augen zu?“ fragte Hanſei. Potet von Spil gheil mn uf ihn ſge h mis, ein, da it und er het d güune ind al . weiß gar 1 ict ſerhen, ett nicht ich freien Hinmel Stieſnutter.“ „Frn, F Dich und nich on, weil Du wurde wieder ken. Sie hotte nit ſlbernen abet den wol Valpurga heler Tog w Hord ihres letten Stidtch tehrt, oſehr behauptete, man würde tufer auſtn ſtand und ie plitlih b, deß die ich nicht,“ nicht auf Wenn ich ren dahein nec imner inet Weile o lang von bin inner komm zu ien hören, „Ich höre ganz bang man ſeinen enn immer veinen. d die Men⸗ und ihren einen eines er ſich und gte Hunſi 175 „O,“ erwiderte Walpurga,„mir iſt's, wie dem Vater vom Spinnerwaſtl; wie der von ſeiner Blindheit geheilt worden iſt, da hat er erzählt, wie die Bäume auf ihn zugekommen ſind, und Alles iſt ſo glanzig. Ich mein“, ich hätt' auch die ganze Zeit nichts geſehen. Schau, da iſt der erſte Mann mit dem grünen Hut und er hat den Waidſack auf dem Rücken, und die Bäume ſind allein gewachſen, und ich bin fort geweſen. Ich weiß gar nicht, wie ich das Alles erleben ſoll und nicht ſterben, und ich möcht' jetzt nicht ſterben, nur jetzt nicht; ich will mein Kind ſpazieren führen unterm freien Himmel— o, guter Hanſei, gieb ihm keine Stiefmutter.“ „Frau, Frau!“ beſchwichtigte Hanſei,„Du machſt Dich und mich närriſch. Glaub' mir, das kommt da⸗ von, weil Du heut' noch nichts Ordentliches gegeſſen.“ Er that's nicht anders, am nächſten Wirthshaus wurde wieder gehalten, und Walpurga mußte Wein trin⸗ ken. Sie hatte zwar Wein in der Kiſte, die ſechs Flaſchen nit ſilbernen Kapſeln, die der Leibarzt noch nachgeſchickt, aber den wollte ſie der Großmutter mitbringen. Walpurga ſchlief auf dem Wagen ein, obwohl es heller Tag war, und als ſie erwachte, faßte ſie die Hand ihres Mannes und hielt ſie lange ſtill.— Im letzten Städtchen vor dem Dorfe wurde nochmals einge⸗ kehrt, ſo ſehr auch Walpurga Einſprache erhob. Hanſei behauptete, daß die Mutter ſie erſt morgen erwarte; man würde daheim nichts zu eſſen finden. Er ließ tapfer auſtragen, als wollte er ſich auf mehrere Tage verſorgen; auch Walpurga mußte ordentlich zulangen, — 176 und zuletzt vergaß man ſich faſt ganz, denn der Doctor Kumpan kam ins Wirthshaus. Er war ſehr freundlich gegen Walpurga und trank tapfer mit Hanſei; dann nahm er ihn beiſeite und ſchärfte ihm ein, ſeine Frau jetzt ja recht ſanft zu behandeln. Als man endlich wieder aufſtieg, war das halbe Städtchen vor dem Wirthshaus verſammelt, um die Amme des Kronprinzen zu ſehen. Doctor Kumpan befahl dem Poſtillon, der ohne Uniform den Wagen führte, ein Poſthorn mitzunehmen, und der Poſtillon, ein ſchöner brauner luſtiger Burſch, blies durch das Städtchen und auf dem ganzen Weg; es war helles Klingen von den Bergen und durch die Wälder. Wal⸗ purga ſchämte ſich faſt, ſo zu fahren, wo die Leute auf den Feldern neben der Straße arbeiteten; Hanſei aber hatte kindliche Freude an dem Blaſen. Endlich blinkte der See auf; es begann bereits Abend zu werden. „Das ſind ſchon die Schwalben von daheim,“ ſagte Walpurga.„Von jetzt an iſt ja kein Dorf mehr als unſeres, ich ſeh' die Kirche und— horch! ich höre die Glocken, ich höre ſie mit dir, mein Kind, und bald hörſt du ſie auf meinem Arm, und deine Stimme, deine Stimme— Kutſcher, fahr' ſchnell! Nein, fahr' ruhig! Fahr' ganz wie Du willſt, daß wir nicht umwerfen. Halt da! Da ſteigen wir ab. So haltet doch!“ Sie ſtieg aus. Aber auf dem Boden ſtehend rief ſie:„Nein, ich ſteig wieder auf, wir kommen doch ſchneller heim, wenn wir fahren. Warum kommt mir denn aber die Mutter nicht entgegen mit meinem Kind?“ eie mint, gmn ſt i v m ginde „nn ſch „Eihſt A den P. da nicht auſe Ahn ga pl giund geriſen“ Walpurga und niht, w wußte nichts „Schau, eht; ich ne da haben ſie Vuld h ſo ſchön1 Ein die er zur e „Dos iſt „Dus wird „Undt ein Bub be „Valdl!“ zu uns, it Der Auerbac 77 0— 5„* hr kuit„Sie meint, wir kämen erſt morgen,“ erwiderte Hanſei. b„†„ k 5 3 anſei. d„Dann iſt ſie vielleicht gar nicht daheim und iſt 0.. mit dem Kinde zu einer Nachbarin gegangen?“ ſeine Fr 2 6 hh„Kann ſchon ſein, aber ich glaub' nicht.“ „Siehſt Du nicht ein Kind dort, das läuft über r das h lt, u huh den Weg. iſt das.. iſt das?“ tor gu„Nein, das iſt nicht unſer Kind, das kann ja noch pan nicht laufen; aber rutſchen kann es wie ein junger don§ den Wagen Hund.“ g„Wer hat die Steinlinde da umgehackt?“ fragte 8 durch das ötzli Walpurga plötzlich. 3 elles„Niemand, im Frühjahr hat ſie der Sturm um⸗ älder. Wal⸗ geriſſen A die Lute Walpurga fragte, und hörte nicht was ſie fragte ten; Hanſei und nicht, was ihr geantwortet wurde; ſie ſprach und wußte nichts davon. unn berit„Schau, wie der Bach ſo hell iſt und ſo ſchnell geht; ich mein' er wär' nie ſo ſchnell gegangen. Und heim,“ ſugte da haben ſie ja ein neues Haus gebaut und dort den f mhr as Wald geſchlagen, und ſchau da die ſchönen Bachſtelzen— ich höre die ſo ſchön und groß ſind ſie doch nirgends als bei uns.“ „und bald Ein Knabe kam des Weges auf einer Schimmelſtute, imme, deine die er zur Schwemme ritt. fahr mhih!„Das iſt des Gruberſepp's Waldl,“ ſagte Walpurga. t umperfen.„Das wird ein ſtarker Bub.“ doch!“ Sie„Und das iſt ein guter Angang, daß uns zuerſt fſie:„Nein, ein Bub begegnet von Allen im Dorf,“ ſagte Hanſei. nellet hein,„Waldl!“ rief er dem Knaben zu,„komm' heut' Abend enn aber die zu uns, ich geb Dir Kirſchen.“ * Der Knabe antwortete nichts und ritt weiter. Auerbach, Auf der Höhe. 11 12 3 „Die zwei Kühe, die dort graſen, mit dem kleinen Mädchen dabei, das ſind unſere Kühe,“ ſagte Hanſei. Alles kommt, Alles, nur die Mutter und das Kind nicht. „Die Mutter iſt daheim!“ rief Walpurga plötzlich. „Die Mutter iſt daheim! Ich ſeh's, aus unſerm Ka⸗ min ſteigt Rauch auf! Und da ſteht ſie am Feuer und hat das Kind auf dem Arm. O Mutter! O Kind! Wie iſt's nur möglich, daß ihr nichts merket? Ich komm', ich bin da! Ich bin daheim, ich komm'!“ Jetzt hielt der Wagen am Hauſe. „Mutter! Kind!“ ſchrie Walpurga aus tiefſter Seele. Mit dem Kind auf dem Arm kam die Mutter aus dem Haus. Walpurga umhalſte ihre Mutter, küßte ihr Kind. Aber das Kind ſchrie und wollte nicht zu ihr. In der Stube auf der Bank am Ofen ſaß nun Wal⸗ purga und hielt die Hände im Schooß gefaltet und weinte. Sie ſchaute ſich um wie in einer fremden Welt. „Laß ſie nur allein ein wenig verſchnaufen,“ ſagte draußen die Großmutter zu Hanſei, der indeß in Ge⸗ meinſchaft mit dem Kutſcher die Kiſten abgeſtellt hatte. Nur kurze Weile ſaß Walpurga drin in der Stube von ſchweren Gedanken gefangen; die Sonne ſtand über den jenſeitigen Bergen und durchleuchtete den Gras⸗ garten, daß jeder Halm golden ſchimmerte; die Berge gegen Abend glänzten hell und die jenſeitigen Höhen warfen bereits dunkle Schatten bis über den halben See. Walpurga war den ganzen Tag aufgeregt und bewegt geweſen. Jetzt war die Erfüllung da, nun ge⸗ ſchieht nichts mehr. Sie meinte, ſie müßte wieder fort, etwas thun, mit Allem etwas machen, und wie das gewußtſein ein lein ſitt und ud ſe lßt in Sie ging nuter nit d vo du ſiuer „t min⸗ Aus Kind, von gu, abet ſobald pſecte es ſic „ freilic pie Au, ſo ha dn Löfel neh du Mund ni Sihp, Du m Die Nien die Großnutt Vhurg aß „Ach Ge ſchnect doh Schloß doch Die Gro Vohhurg n nit, wie P einbrocte. „Die H lächele, in Rogen lach 179 dom I.. 6 Bewußtſein einer Sünde ſtieg es ihr auf, daß ſie da saunit allein ſit und draußen iſt ihre Mutter und ihr Kind, . ui und ſie läßt einen Augenblick ohne ſie zu ſchen mn Sie ging hinaus in die Küche; da ſtand die Groß⸗ mutter mit dem Enkelchen auf dem Arm am Herde, Fuer wo das Feuer hell brannte. hind!„Ißt mein Kind ſchon brav Brei?“ fragte Walpurga. ettet? 3 Das Kind, von der Stimme angezogen, ſchaute ſie groß mm!“ an, aber ſobald Walpurga den Blick auf daſſelbe richtete, verſteckte es ſich wieder am Halſe der Großmutter. eſſter Seele„Ja freilich, es ißt ſchon von Allem und iſt gerad s den Haus. wie Du, ſo haſt Du es auch gemacht; es möcht' ſchon e ihr Kind. den Löffel nehmen und ſelber eſſen, aber es findet 3 hr. den Mund nicht.— Ich koch' Dir eben auch eine ſ nun Pal⸗ Supp', Du mußt was Warmes in den Magen kriegen.“ und weint. Die Mienen Walpurga's wurden wieder heiter. elt. Die Großmutter brachte bald die Suppe in die Stube, fen,“ ſagte Walpurga aß und ſagte: deß in Ge⸗„Ach Gott, Mutter, die erſte Heimſupp'! So eſtellt hatte. ſchmeckt doch nichts auf der Welt, ſo können ſie im der Stube Schloß doch keine kochen, ſo eine Heimſupp'.“ ſtand übet Die Großmutter lächelte und ſtrich wie ſegnend den Gras⸗ Walpurga mit der Hand über den Kopf; ſie fühlte es die Berge mit, wie Walpurga in Alles das wohlige Daheimſein igen Höhen einbrockte. 4 den hellen„Die Heimſupp— ja,“ ſagte ſie endlich und lächelte, und von den Mienen der Großmutter an⸗ fgeregt und gezogen lachte auch das Kind. 6 , nun ge⸗* wieder fort, nd wie das viertes Buch. Erſtes Capitel. Ein leiſer Morgendämmer ſchimmerte durch den berzförmigen Ladeneinſchnitt in das kleine Gemach. Die Waſſeramſel im Röhricht verſuchte ihren erſten Ton. Walpurga erwachte und horchte hin, ſie hörte den Athem ihres Kindes, den Athem ihres Mannes— dreifacher Athem iſt ihr Leben!— „Guten Morgen, Tag, ich bin daheim!“ ſprach ſie leiſe und es war ihr ſo wohlig im eigenen Bett. Plötzlich faltete ſie die Hände: Ich danke Dir, lieber Gott! Jetzt weiß ich, wie es ſein muß, wenn man in der Ewigkeit erwacht, und iſt erſt recht daheim und hat Alles bei ſich und muß Niemand verlaſſen und bleibt ewig beieinander; und jetzt⸗wollen wir noch ſchön mit einander leben, gut leben und brav leben. Laß mir nur Alles geſund und laß Alles dahinten ſein, was nicht gut und gerad iſt... Sie ſchloß wieder die Augen und dachte zurück. Geſtern in der Nacht hatte ihr die Mutter gewinkt, war mit ihr in den ſtillen Grasgarten hinter dem Hauſe gegangen und hatte geſagt:„Schau dort oben die Steme, Munn und Venn—* Mutter“ 2 fann. D! und daſolh det weien und deweil und in den Schoß geh Velt hemm wo non ni gtreu on „Alſo zugewöhne Schau, D Aß es Di die lunge einandet Andern. geſtern d ſo zeigs habt als edurch den ine Gencch ihren erſen n, ſie hörte Monnes— in!“ ſprcch igenen Bett. ich, wie es rwacht, und ch un eß ander; und n, gut leben d und laß erad iſt.. achte zurüc. tter gewinkt, hinter dem u dort oben r die Sterne, ſieh' hinauf und ſag': kannſt Du Deinen Mann und Dein Kind mit reinem Munde küſſen? Wenn— was Gott verhüte— es nicht wäre „Mutter,“ hatte Walpurga gerufen,„Mutter, ich kann. Da heb' ich meine Hand auf; ich bin noch ſo, wie ich geweſen, als ich von da weggegangen.“ „So,“ ſagte die Mutter,„das thut gut; jetzt ſterbe ich gern.“ „Nein Mutter, wir wollen noch gut miteinander leben.“ „Iſt mir auch recht. Jetzt laß Dir was ſagen und da folg' mir: Schau, Du biſt faſt ein Jahr in der weiten Welt geweſen und biſt in Kutſchen gefahren und derweil habe ich hier gelebt, in dem Häuschen und in dem Garten, und hab Dein Kind auf dem Schooß gehalten und bin in Gedanken auch in der Welt herumgekommen, weit, weit, und drüber hinaus, wo man nicht vierſpännig hinkommt. Jetzt hör' mich getreu an und folg' mir.“ „Ja Mutter, von Herzen gern.“ „Alſo folg mir: gönn' Dir Zeit, Dich wieder ein⸗ zugewöhnen; verlange nichts, was unnatürlich iſt. Schau, Du kannſt nicht von Deinem Kind' verlangen, daß es Dich lieb hat, Du biſt nicht bei ihm geweſen die lange Zeit, es kennt Dich nicht, es iſt Alles aus⸗ einander gewachſen; und ſo nimm's auch an mit allem Andern. Will nicht, daß Alles ſo ſei, wie wenn Du geſtern dabei geweſen wärſt, und weil Du brav biſt, ſo zeig's an Anderen. Dein Mann hat's ſchwerer ge⸗ habt als Du, faſt ein Jahr lang allein.“ — ———————— —.———„ 182 Mutter und Tochter wurden hier unterbrochen. Hanſei rief aus dem Stubenfenſter, was ſie denn noch draußen zu thun hätten in der Nacht. „Und jetzt ſchlaf!“ ſchloß die Mutter.„Ich hab' Dir Dein Bett drei Tage lang geſonnt. Schlaf gut! Gute Nacht!“ Die Mutter führte die Tochter an der Hand wie ein kleines Kind, und als ſie über die Schwelle ge⸗ treten, fiel ſie dem Kinde um den Hals und herzte und küßte es in der Dunkelheit.. So hatte jetzt Walpurga die Augen geſchloſſen. Was in der vergangenen Nacht geſchehen war, ſtand vor ihr, Alles war doppelt, wie in der Nacht die Sterne im See wiedergeſchienen und ein doppelter Him⸗ mel war, ein Himmel droben und einer unten im See. Beim Gedanken an den See richtete ſich Walpurga auf, kleidete ſich ſtill an, beugte ſich über das Kind und über ihren Mann und ging, leiſe die Thür öffnend, hinaus aus der Stube, aus dem Haus. Sie ging durch den Garten, der Hollunder an der Hecke duftete ſtark und der Fink ſchlug hell auf dem Kirſchbaum, ſie hätte ihm gern zugerufen: Sei ſtill, wecke Niemand, bis ich wiederkomme Sie ging weiter. Aus dem Röhricht am See, wo die Waſſeramſel ſang und der Rohrſperling, plauderte, flog ein Volk wilde Enten auf und zwitſcherteeim Fluge. Die Sonne ging auf und der ganze See war wie ein wallender, weithin gebreiteter goldener Mantel. Walpurga ſchaute um und um, dann plötzlich mit einem Ruck war ſie entkleidet und ſprang in den See, Sie tucht Haare aus in Fiſh u wurde zu purpurnen 60 S. ud nider bin nie ſurt ſi ſich wſc nicht laut e im Gemüth Paſet. J tauchten ih Fläche, un Storch ſtan wie ſi ſich ſie den Vo klapperte. Der Fink Kirſchbam ſonſt aber vor dem Entzücken hatte ſie noch kein in den T kam ſie oh ſo v wie jetzt Die unterbrochen ſie denn noch 6 4 der Hond wie S eSchwell ge s und heizt n geſhloſſen. n war, ſtand er Nacht die oppelter Hin⸗ nten in er ch Walpunn er das Hind Lhür öfnend, . Sie ging Hecke duſtete Kirſchbaun, cke Niemand, am See, wo ngplanderte, reim Fluge Spe war wie Mantel. plötzlich nit S in den 183 Sie tauchte unter und wieder auf und ſtrich ſich die Haare aus dem Geſicht und plätſcherte glückſelig wie ein Fiſch auf dem Grunde. Der Goldmantel des Sees wurde zu Purpur und Walpurga ſchaute auf zu der purpurnen Sonne und über den roth durchglühten See.„So iſts und ſo iſt's recht, ich bin wieder da und wieder Dein und Alles iſt von mir herunter. Ich bin nie fortgeweſen.“ Unter den dichten Weiden kleidete ſie ſich raſch wieder an und ſie mußte ſich zurückhalten, nicht laut aufzuſingen, ſo wohl und frei war es ihr im Gemüthe. Blaugrüne Libellen ſchwebten über dem Waſſer. Jetzt flogen die Schwalben über den See und tauchten ihre Schnäbel in die allmälig verblaſſende Fläche, und drüben vom Walde rief der Kukuk. Ein Storch ſtand im Röhricht und ſchaute Walpurga zu, wie ſie ſich wieder ankleidete; ſie winkte abwehrend, als ſie den Vogel gewahrte, der mit ſeinem großen Schnabel klapperte. Sie ging raſch zurück nach ihrem Hauſe. Der Fink ſchmetterte noch ſeinen Morgenſang vom Kirſchbaume, die beiden Kühe im Stalle brummten, ſonſt aber war Alles noch ſtill. Walpurga ſtand lange vor dem Blumenbrett am Stubenfenſter und roch mit Entzücken an Nelken und Rosmarin. Dieſe Blumen hatte ſie in ihrer Kindheit gepflanzt, damals, als ſie noch kein eigen Gärtchen beſaß; nur ſo viel Erde als in den Töpfen iſt, konnte ſie ihr eigen nennen; jetzt kann ſie viele Ackerbreiten kaufen, aber wer weiß, ob ſo viel Freudenduft daraus emporſteigen wird, wie jetzt aus dieſen henkelloſen rußigen Töpfen. Die Nelken ſchienen es auch darauf abgeſehen zu haben, zur Heimkehr derer, die ſie gepflanzt und ge⸗ pflegt, aufzublühen, es waren faſt keine Knospen mehr da und auch dieſe wenigen ſtreckten ſchon rothe Züng⸗ lein heraus. Immer wieder roch Walpurga an ihren Nelken und konnte ſie gar nicht ſatt bekommen. Plötz⸗ lich lachte ſie in ſich hinein, ſie gedachte einer alten Geſchichte, die ihre Mutter erzählt von der ſeligen Suſe, die immer davon ſatt wurde, wenn ſie an einer Blume roch. Ja, aber die Meinigen werden davon nicht ſatt, lächelte ſie und ging ins Haus. Mutter, Mann und Kind ſchliefen noch. Eine kleine Weile ſaß Walpurga bei der Wiege ihres Kindes, dann ging ſie hinaus in die Küche und mit reinen Händen entzündete ſie das erſte Feuer auf ihrem eigenen Herde. Sie ſchaute ſtill in die aufſteigende Flamme und droben am See läutete die Morgenglocke. Sie hielt beide Hände feſt auf das Herz gepreßt, als könnte ſie damit die überquellende Glückſeligkeit in ſich beſchützen und behüten. Zweites Capitel. „So? biſt ſchon fleißig?“ ſagte Hanſei, da er in die Küche trat; er hatte das Kind auf dem Arm, das nur mit dem Hemdchen bekleidet war. „Guten Morgen, guten Morgen miteinander,“ rief Walpurga glückſelig, und in jedem Ton und jeder Silbe lag ein Ausdruck, als ob ſie Alles mit Liebe ſpeiſen und ſättigen könnte. „Gulen 9 ſrecte ihr ihn grf, ſich on die Fab Ge recht“ ſagte lich nur erſt nicht, wenn W vol („ ſtrtte in d und blies, „Die Gr „Es kann n noch nie ſo wenn ſi ſpi gurren jieh Mutter, b Veb gegeb purga erſc Lie J gonze Well Frede ſie wiß, ob es iſt nie Dieſe jitterte. ging nac 185 t und ge⸗ ospen nh„Guten Morgen, mein Kind!“ rief ſie. Das Kind 1 ſtreckte ihr die Arme entgegen, aber ſobald ſie nach ihm griff, wendete es wieder das Geſicht und legte ſich an die Schulter des Vaters. eint ultn„Hab' Geduld mit ihm, es kennt Dich noch nicht recht,“ ſagte Hanſei.„So ein jung' Kind iſt eigent⸗ lich nur erſt ein Stückle Vieh; das kennt die Mutter nicht, wenn ſie nicht bei ihm blieben iſt.“ Als wollte das Kind die erniedrigende Weisheit des Vaters widerlegen, wendete es ſich wieder um, te an einer den davon Fino kſo; ſtarrte in das Feuer, ſeinen kleinen und n gülhen und blies, wie wenn man Feuer anbläſt. 6„Die Großmutter hat's das gelehrt,“ ſagte Hanſei. uen Hethe.„Es kann noch viele Kunſtſtücke. Die Großmutter hat „ dreben noch nie ſo lang geſchlafen, wie heute; es iſt, wie bede wenn ſie ſpüren thät, daß ſie nicht mehr den ganzen danit Karren ziehen muß. Es iſt ihr zu gönnen. Ja, Deine ien und Mutter, braver hat's noch keine Frau auf der weiten Welt gegeben.“ „Hat's gegeben? Giebt's denn nicht mehr?“ Wal⸗ purga erſchrak bis ins Herz von dieſem Worte. Die Mutter war geſtern ſo glückſelig über die ganze Welt hinaus geweſen, wer weiß, ob nicht die da er in Freude ſie getödtet hat. Das Glück iſt ſo groß, wer Arm, dos weiß, ob nicht was Schlimmes geſchehen muß, denn es iſt nie etwas ganz auf der Welt. der,“ rief Dieſe Gedanken überflogen Walpurga raſch und ſie der Silbe zitterte. be ſpeiſen„Ich will nach der Mutter ſchauen,“ ſagte ſie, und ging nach der Kammer. Hanſei folgte ihr miteven. ² 186 Kinde. Als die Mutter jetzt erwachte, ſagte ſie:„So? Alſo wecken muß man mich? Bin ich denn noch ein junges Mädchen, das, wenn der Hollunder blüht, lang ſchläft und träumt? Ja, jetzt fällt mir ein, was ich geträumt hab': ich bin wieder jung geweſen und Magd auf dem Freihof drüben über den Bergen, und Dein Vater iſt gekommen und es iſt Sonntag geweſen. Wir ſind miteinander hinauf zu meinem Bruder in der Pechhütte, unterwegs haben wir geſungen, und wie wir da am Bach ſind, wo der Hollunder blüht und der Vater mir von drüben die Hand giebt, daß ich gut herüberſpringen kann, da habt ihr mich geweckt. Ich ſpüre ſeine Hand noch in der meinen.“ „Gottlob, daß Ihr aufgewacht ſeid,“ ſchaltete Wal⸗ purga ein. Die Mutter lächelte und fuhr fort: „Jetzt Walpurga, bitt' ich Dich nur um Eins. Wenn Dir's nicht zu viel iſt, gieb mir ein paar Gul⸗ den, ich möcht' noch ein einzigmal heim, wo ich auf die Welt gekommen bin und gedient hab', und wo mein Bruder wohnt, und möcht' ein paar Groſchen haben, um ſie armen Leuten zu ſchenken, die noch dort ſind.“ „Ja, Mutter, das ſollt Ihr haben, ſo viel Ihr begehrt. Wir haben's ja, gottlob.“ „Ich möcht' nur wiſſen,“ ſagte die Mutter,„warum ich heut' Nacht von meiner Heimath geträumt hab'?“ „Das iſt leicht zu wiſſen,“ ſagte Hanſei,„vor ein paar Tagen iſt ja davon die Rede geweſen, der Holz⸗ ſchnitzer aus Eurem Ort hat's erzählt, daß der Frei⸗ hofbauer ſein Anweſen verkaufen möcht'. Ja, wer das und ſu könnte!“ punn w deuter 9wo gelent. und gebt n Hopſa, un Sie ſang Vuters jut ie bhe Großnuttel Cpf „hl draußen. D20 „Au „Jo, We Nein Walpur „Iſt a Venn Du Mägde, un kann man viel auf die und da kar Du magſt. Hanſei während er Ftau für die Sache 187 n„Siehſt Du?“ ſagte die Alte,„ſiehſt Du, Wal⸗ ner 36 purga, was Dein Ro für ein Keter und Traum⸗ it ein,: deuter geworden iſt? Das hat er Alles vom Gemswirth , Wos gelernt. Jetzt machet aber, daß Ihr hinaus kommt ei und und gebt mir mein Kind! Komm', Du Gemſenzicklein! Arhen, und Hopſa, tanz einmal!“ u6 Rſen. Sie ſang dem Kinde zu, und wie ein Vogel wohlig uder in der ins Neſt fliegt, ſo ſtreckte ſich das Kind vom Arme des „ und wie Vaters zu der Großmutter. blüht un Die Eheleute gingen hinaus und das Kind lag bei der t, daß ich Großmutter und die Beiden waren glückſelig mit einander. ich geweckt.„Jetzt will ich die Kühe melken,“ ſagte Hanſei draußen. altete Pal⸗„Du?“ fort:„Ja, wer ſonſt? Die Mutter kann nicht Alles.“ um Eins.„Nein, laß jetzt mich das.“ paar Gul⸗ Walpurga ging mit ihrem Mann in den Stall. Sie vo ich auf wollte ihm das Geſchäft abnehmen, aber es ging nicht, nd wo mein und Hanſei ſagte: hen haben,„Iſt auch nicht nöthig, jetzt wird die Sache anders. dort ſind.“ Wenn Du Wirthin biſt, haben wir wenigſtens zwei o viel Ihr Mägde, und die können melken, und noch ſechs Kühe kann man zu den unſeren einthun, und noch eben ſo r,„wann viel auf die Vogelfang⸗Alm, dazu haben wir das Recht, nt hab“ und da kannſt Du buttern und käſen und machen was Du magſt.“ Hanſei ſprach dieſe Erklärung in die Kuh hinein, während er molk. Er wollte vorerſt nicht ſehen, was ſeine Frau für ein Geſicht dazu macht, und gehört hat ſie nun die Sache; ſpäter läßt ſich ſchon weiter davon reden. „„vot ein der Hol⸗ der Frei⸗ wer das Walpurga wollte eben etwas darauf ſagen, da öff⸗ nete ſich die Stallthür, ein Mädchen, das einen Kuchen auf einem großen Brette trug, trat ein, that das Tuch ab und ſagte: „Einen ſchönen Gruß von meinem Meiſter, dem Gemswirth, und da ſchickt er das als Willkomm für die Frau.“ „Einfältiges Ding!“ rief Hanſei und ſtand raſch auf, er ſah wunderlich aus mit dem angeſchnallten Melkkübel.„kinfältiges Ding! den Kuchen trägt man nicht in den Stall, trag' ihn in die Stube und ſaß' daheim ſchön Dank, und der Herr Gevatter ſoll uns bald die Ehre geben, oder auch wir kommen zu ihm, vielleicht noch Vormittags. So, jetzt geh'!“ Walpurga gedachte der Mahnung ihrer Mutter, die Dinge nicht auf einmal ändern zu wollen. Sie nahm ſich vor, zuerſt Alles ohne Dreinreden an ſich kommen zu laſſen und davon Einſicht zu nehmen; es wird ſich dann zeigen, was man thun will. Hanſei molk weiter und Walpurga ſprach nichts. Die Welt bleibt nicht ſo ruhig und allein, wie am Morgen im See, man muß aber auch bei ſich ſelber bleiben, wenn's um Einen herum lärmend hergeht. Als Hanſei gemolken hatte und die beiden Kübel rechts und links in Händen hielt, ſagte er zu ſeiner Frau: „Was ſagſt Du dazu?“ „Das iſt viel und ſchöne Milch.“ „Ich meine, was ſagſt zum Gemswirth?“ „Es iſt recht anſtändig, ich erkenn's dankbar; wir wollen ſehen, daß wir's wettmachen.“ Iſ nicht theuer ſchon ſchen, Moſt holt“ „Und haſt ſchäpſen,“ bezohlen Lachen.„Nin Kühen gewend abſtellen; wen gedreht, 6 S Solch ein Sp und iſts nicht bekonnt? Auß Wol Neles anknüp Frn in der ſagte et: ich mit dem hald erfahren von den Din „Dus wei görig dazu.“ Beim Fri ind ſih ein ihren Schooß jumnerte, w „Haſt D 189 gen, da ö„Iſt nicht nöthig, den Kuchen müſſen wir ſchon inen Kuche theuer bezahlen. Aber wir ſind auch nicht dumm wirſt he zah nich ut das Tuch ſchon ſehen, Walpurga, ich weiß auch, wo Bartel den Moſt holt.“ Reiſer, den„Und haſt bis jetzt nur kein Gefäß gehabt, um zu ilkonn fir ſchäpfen,“ entgegnete Walpurga lachend. „Du biſt aber geſcheidt!“ ſtimmte Hanſei in das ſtund raſch Lachen.„Nein, was ſie geſcheidt iſt!“ ſagte er zu den Kühen gewendet; er mußte vor Lachen die Milchkübel abſtellen; wenn man ihn wie einen Kreiſel um und um be und ſch gedreht, es hätte ihm nicht wirbeliger ſein können. tet ſol uns Solch ein Sprichwort iſt wie ein Stock in der Hand, nen zu ihn, und iſt's nicht wunderlich, wenn der plötzlich Zweige bekommt? Daß Walpurga an das gewohnte Wort etwas Neues anknüpfte, gab ihm eine Ahnung, wie ſeine ſ n Frau in der Fremde eine Andere geworden. Endlich nird ſch ſierer 3 „So iſt's, jetzt hab' ich die Melkkübel. Ja, wenn ich mit dem König hätte reden können, da hätteſt Du bald erfahren, daß der Hanſei auch nicht gerad' Einer von den Dümmſten iſt.“ „Das weiß ich ſchon lang, da brauch' ich keinen König dazu.“ Beim Frühſtück war Walpurga glücklich, als das ſint ut Kind ſich einige Löffel Brei von ihr reichen ließ; auf ihren Schooß aber ging es noch nicht, es ſchrie und jammerte, wenn ſie es nehmen wollte. ho„Haſt Du zuſammengerechnet, was wir eigentlich unkbat; wir Alles in Allem beſitzen? Von dem Geld, was Du ngeſchnallten tträgt nan Mutter, die Sie nahm ach nichts. ein, wie an ei ſich ſelber d hergeht. Kübel rchts —— 190 geſchickt haſt, iſt kein Groſchen weggekommen, heißt das, Shbwlem fünfzehn Gulden hab' ich doch davon genommen, ich hab' dr it mir eine Jagdflinte gekauft.“ 6ensli. „Iſt ganz recht,“ ſagte Walpurga, und mitten in enunn 3 aller Traulichkeit faßte ſie den Gedanken, daß ſie das purg u 6 Gold, das ſie zuletzt von Irma bekommen, Hanſei nicht den Um hu. übergeben wolle. Sie wußte nicht, warum ihr das in werde nicht— den Sinn kam, ſie hatte eine gewiſſe Bangigkeit vor alen Sien dem Golde, das ihr ſo wunderlich zugekommen war; bilig, dt ſie hatte es ſelbſt noch nicht angeſehen. Ueberdies hatte gemucht. 1 ſie das Gefühl, daß ſie in trockenen Zeiten vielleicht„jett dul 1 noch etwas bringen müſſe. Es kann gut ſein, wenn n nicht Alles gleich da iſt. Sie verſprach, noch vor Mit⸗ benn Wun tag Alles zuſammen zu rechnen und jammerte, daß ſie ſchon ſit ahg keinen Schrank habe, wohin ſie all die ſchönen Sachen mehr zu nder packen könnte, die ſie in der Kiſte mitgebracht. ſelen Dul „Ich meine, Du packſt gar nicht aus,“ ſagte Hanſei,„Das iſt „das thuſt Du erſt, wenn wir in unſerm Wirthshaus dus alle Mn ſind; da ſind Kiſten und Kaſten genug.“„Pos lir Walpurga ſchwieg. Hanſei ſah ſie ſcharf an, aber„Jü, die Walpurga ſchwieg beharrlich. unterducen, n „Warum ſagſt Du gar nichts zu der Sache?“ fragte lich geſagt, de er endlich.. Mes druf a „Weil Du ſie mir noch nicht ordentlich geſagt haſt.„Und wen Jetzt gieb her, was meinſt Du eigentlich?“ gieb Antvort! Hanſei berichtete, wie alle Menſchen ſagten, es ſei „Schau, 4 das Geſcheidteſte, wenn er vom Gemswirth das Wirths⸗„h ſiy haus kaufe; eine beſſere Wirthin könnte es ja auf der wen das Gel Welt nicht geben, und eine Einkehr werde man haben, msmachen, dergleichen es landaus landein nicht gäbe, und das nimmer. D heißt das, , ich hab nitten in aß ſie da anſei nicht ihr das in gigkeit vor men war; rdies hatte ndielleiht in, wenn o Mit⸗ e, daß ſie en Sachen an, aber 7. fragte ſagt haſt. n, es ſei auf det m haben, und das 191 Schild wolle man umändern, das ſei ein kluger Streich, der zieht am meiſten, es heißt nicht mehr:„Zum Gemsli,“ ſondern„zur Königsamme“ oder zur„Prin⸗ zenamme;“ es ſei ſchon ein Maler da, der wolle Wal⸗ purga auf das Schild malen, wie ſie den Prinzen auf dem Arm hat. Das werde ein Geläufe geben, man werde nicht Tiſche und Stühle genug haben, und von allen Seiten werde es Geld regnen. Der Kauf ſei billig, der Gemswirth habe einen anſtändigen Preis gemacht.„Das ſagen alle Menſchen,“ ſchloß Hanſei, „jetzt red' auch Du, Du haſt zuerſt da mit zu reden.“ „Ich frage nichts danach, was alle Menſchen ſagen,“ begann Walpurga,„ſag' mir ehrlich: haſt Du den Kauf ſchon feſt abgeſchloſſen? Wenn das iſt, hab' ich nichts mehr zu reden. In Unehren werd' ich Dich nicht hin⸗ ſtellen. Du biſt der Mann, Dein Wort gilt.“ „Das iſt brav! Das iſt rechtſchaffen! Wenn nur das alle Menſchen gehört hätten.“ „Was liegt Dir dran, was die Menſchen hören?“ „Ja, die dummen Menſchen meinen, ich müßte jetzt unterducken, weil das Geld von Dir herſtammt. Alſo ehr⸗ lich geſagt, der Kauf iſt noch nicht abgeſchloſſen; ich hab' Alles drauf ankommen laſſen, ob Du auch Willens biſt.“ „Und wenn ich Nein ſage, wärſt Du bös? Sag', gieb Antwort! Warum redeſt Du jetzt nichts?“ „Schau, grauſam verdrießen thät's mich doch.“ „Ich ſag' nicht Nein,“ beruhigte die Frau.„Von wem das Geld herſtammt, das wollen wir jetzt gleich ausmachen, davon wird nicht mehr geredet, nie und nimmer. Du haſt auch dafür leiden müſſen, ſo lang allein, das vergeſſ' ich Dir nicht, da ſei ſicher. Aber wie geſagt, ich ſag' nicht Nein. Wir ſind Mann und Frau und bereden und beſchließen Alles mit einander. Schau, wenn das Geld uns Unfrieden bringen ſollte, möchte ich lieber Alles in den See werfen und mich hinterdrein ſtürzen.“ Walpurga weinte und Hanſei ſagte ſtotternd: „Um Gotteswillen, wein' jetzt nicht! Es drückt mir das Herz ab, wenn Du weinſt. Verfündige Dich nicht. Zehn Wirthshäuſer ſind es nicht werth, daß Du weinſt. O lieber Gott! Am erſten Morgen wigen Da haſt Du meine Hand drauf; es geſchieht nichts, wo Du nicht mit gutem Willen dabei biſt.“ Walpurga reichte ihm die eine Hand, und mit der andern trocknete ſie die Thränen, die ihr das übervolle Herz erleichtert hatten. Man hörte draußen Beſuch kommen. Walpurga ging ſchnell in die Kammer, Nie⸗ mand ſollte davon merken, daß ſie geweint hatte. Drin in der Kammer that ſie das Gold Irmas in einen Kiſſenüberzug und verſteckte es. Ein Goldſtück war da⸗ neben gefallen, ſie hob es vom Boden auf und be⸗ trachtete das geprägte Bild des Königs. Solch ein König iſt doch mit ſeinem Kopf überall. Wenn er nur auch mit ſeinen Gedanken überall ſein und Alles ſchlichten könnte! Das kann aber kein Menſch, das kann nur Gott... Wie leben die jetzt dort im Schloſſe? Was wird aus ihnen Allen? Iſt denn ſeit nur ein einziger Tag? Lange ſaß Walpurga traumverloren, vis ſie ſchwer aufſeufzend inne wurde, daß Niemand auf der Welt Frend ſagte n nit Kammer. Frel Ade 1 Jde ben de, Ae U gn Nomen Glücke ſteue, Volpurga des Gonsuir oden auf „Vie geht „Schau ei alte Hudlerin Du Dine Gi und es wur Sohne und gezogen ſei, hütte oben Nun kn weit unher duß Palpn vol Godr Palpur wandte ſie ihren Vute genn ang denn der w Auerbas icher. A it der. n ſollte, und nich ternd: drückt mir Du weinſt. 1 Da haſt vo Du niht nd nit der s übewolle en Peſich mer, Nie te. Drin in einen c war do⸗ f und be⸗ Solch ein nn er mr ſchlichten kann nur n nur ein dem Andern in Gedanken immer nachgehen kann. Sie mußte jetzt auch für ſich ſorgen. Es kamen nach und nach viele Nachbaren und Freunde, Alle wollten Walpurga bewillkommnen. Hanſei ſagte mit Unruhe, ſie käme gleich, ſie ſei nur in der Kammer. Endlich trat Walpurga ein, ſtrahlend von Freude und Wohlſein. Jedes bewunderte ihr gutes Ausſehen, pries ihren großen Namen und betheuerte, daß man ſich mit ihrem Glücke freue, wie wenn es ein eigenes wäre. Walpurga dankte von Herzen. Der große Kuchen des Gemswirths war bald verzehrt, denn ſie wartete Jedem auf. „Wie geht's denn der alten Zenza?“ fragte Walpurga. „Schau einmal, wie gut die iſt! Denkt ſie an die alte Hudlerin! Ja an der und an ihrem Früchtl haſt Du Deine Gutheit verſchwendet,“ hieß es hin und her und es wurde berichtet, daß die Zenza mit ihrem Sohne und der ſchwarzen Eſther aus der Gegend weg⸗ gezogen ſei, man wiſſe nicht recht wohin, die Wurz⸗ hütte oben auf der Windenreuthe ſtehe leer. Nun kamen auch Bettler aus dem Dorfe und von weit umher. Es mußte ſich ſchnell verbreitet haben, daß Walpurga zurückgekehrt ſei, und eine ganze Kiſte voll Gold mitgebracht habe. Walpurga vernahm ſtaunend, wie zahlreiche Ver⸗ wandte ſie in der Gegend habe. Da waren viele mit ihrem Vater verwandt, nur den Grad konnte man nicht genau angeben, und die Bettler zankten mit einander, denn der Eine beſtritt dem Andern die Verwandtſchaft. Auerbach, Auf der Höhe. 11 13 Walpurga vertheilte an Alle kleine Gaben. Sie gingen mißmuthig davon. Dieſe Gabe war ja kaum des Weges werth, und auf Straßen und Waldwegen wurde viel geſchimpft auf Walpurga, die ſei jetzt ſtolz und geizig; aber bald waren wieder neue Bettlerſchaaren da, es war, wie wenn man Weizen unter Sperlinge wirft, es kommen immer wieder neue hinzu. „Nimm die Peitſche,“ rief plötzlich eine laute Stimme von der Straße her,„nimm die Peitſche und jag' das Bettelpack davon!“ Der Gemswirth kam, geleitet von ſeinen beiden Jagdhunden Dächſel und Mächſel, und dieſe gaben auch ihre Stimme zu dem Ausruf ihres Herrn, bis ein Bettler dem einen Hunde einen Tritt gab, daß er laut aufwinſelte. Der Gemswirth fluchte nun noch mehr, aber Walpurga ging hinaus, bat ihn mit ziemlich ent⸗ ſchiedenem Tone, die Leute hier bei ihr gewähren zu laſſen und vertheilte an alle Anweſenden doppelte Gaben. Sie entging auch dadurch der erſten zutraulich gönneri⸗ ſchen Begrüßung des Gemswirths. Sie wußte noch nicht recht, wie ſie ſich zu ihm ſtellen ſolle. Er war offenbar der Verführer Hanſeis. War ſie ſofort böſe mit ihm, konnte das zu vielen Widerwärtigkeiten führen und ſie verlor jeden Einfluß; ſich aber zur Freundlich⸗ keit zwingen, ward ihr ebenfalls ſchwer. Drin in der Stube fragte der Gemswirth Hanſei: „Haſt Du ihr Alles geſagt?“ „Ja freilich.“ „Und iſt ſie einverſtanden?“. „Sie ſagt, was ich thue, iſt ihr recht.“ ——2 Valyu rief, ihr „Vilt pirthin da „Fit wch nict pirth ſein“ „Hri!“ vornehm! nicht inne Königin ſei „Venn Der Ge laut übet 7 belten und de Gensn nicht überl Andern ni „Und j ein ſon bobs ſto 6 geweſen, faben. 1 mn läßt Deinet N uben. Sie gingen ja kun dez Vage dwegen wurde ti t ſoz und geijg lerſchare ine laute Stinne ſche und jog das on ſeinen heiden d dieſe gaben auch Herrn, bis ein gah, daß er lut nun noch mehr, nit zienlic ent⸗ ihr gewähren zu doppelte Gaben. traulich gönneri Sie wußte noch ſolle. Er war ſie ſofort böſe rtigkeiten führen zur Freundlich . nswirth Hanſei: cht. A n de,( Petlinge wirft ige wirt, e 195 Walpurga trat in die Stube, und der Gevatter rief, ihr die Hand entgegenſtreckend, jetzt nochmals: „Willkommen! und meinen Glückwunſch zur Gems⸗ wirthin dazu!“ „Für das Erſte dank' ich, das Zweite kann ich noch nicht annehmen; zuerſt muß mein Mann Gems⸗ wirth ſein.“ „Hui!“ rief der Gevatter,„geſcheidt! ausſtudirt! vornehm! manierlich! Siehſt Du, Hanſei? hab' ich's nicht immer geſagt: Du haſt eine Frau, die könnte Königin ſein?“ „Wenn mein Mann König wär', warum nicht?“ Der Gemswirth ſchlug auf den Tiſch und lachte ſo laut über den prächtigen Witz, daß die beiden Hunde bellten und ſein Lachen mit ihrem Beifall begleiteten. Der Gemswirth zeigte den andern Beſuchern, daß man nicht überläſtig ſein dürfe. Er ging bald davon, die Andern mit ihm. Drittes Capitel. „Und für Deine Mutter baue ich nach dem Garten zu ein ſonniges Stüble, da ſoll ſie's gut haben; ich hab's ſchon vordem, aber das Jahr, wo Du fort geweſen, doch erſt recht geſehen, was wir an ihr haben. Wenn ſie nur unſer Herrgott uns noch ano läßt. Ja, die beſte Stube im Haus gehört Deiner Mutter!“ So ſprach Hanſei und ſah ſeine Frau ſtrahlenden ſich hin. Antlitzes an. Walpurga fragte:„Wo willſt Du denn bauen?“ Hanſei ſchaute um, was denn da noch zu fragen ſei. Er hat ſeiner Frau freilich zugeſtanden, daß nichts ohne ihren Willen geſchehe; dabei iſt's nun aber auch genug, jetzt macht man die Sache fertig, wie ſie im Gang iſt. Mit großer Selbſtbeherrſchung ſagte er: „Natürlich, an der alten Barake da baue ich nicht; droben an unſerm Wirthshaus. Ich hab' aber ſchon geſagt: ſie dürfen mir beim Bau dem Nußbaum nichts thun. Du wirſt ſtaunen, wie voll der iſt, drei Malter Nüſſe kriegen wir dies Jahr, und ein Nußjahr iſt ein gut Bubenjahr.“ Walpurga hielt ihm die Hand vor den Mund und ſagte vor ſich niederſchauend:„Du biſt ein herzguter Menſch. Glaub' mir, ich kenn' Dich beſſer als Du Dich ſelber. Recht ſo, daß Du jetzt viel ſchneidiger biſt; ich hab' Dir's immer geſagt: ſei nicht ſo verzagt, ſtell Dich nicht immer hinten hin; Du haſt ſo viel Verſtand, ja noch mehr als die Anderen. Wenn Du nur einmal hinter der Thür geſtanden hätteſt, wie ich der Königin von Dir erzählt habe; und das nächſte Jahr, wenn die Königin ins Gebirg kommt, beſucht ſie uns, ſie hat mir's in die Hand hinein verſprochen.“ Hanſei ſchluckte behaglich an den guten Worten, die ihm ſeine Frau gab, er ſchmunzelte lang vor Die beiden Eheleute lobten und erhoben einander gegenſeitig, was ſonſt nicht der Brauch ſein ſoll, am — werigſen wirden, U inn n vebn in ſtendun un jni dobei hant „Ulo doben in „Hob Uh Au Frei ale Lute ſche. 2 Prod mi konnſt ſt nan de gert n Dich ſt abnehn Zeichen zögern tinqbe und tr Luſtbo und t übeche ſtteut ſein, —— 197 illſt g t Du den wenigſten unter Bauersleuten, die ſich deſſen ſchämen och zu ſragen würden, wenn ſie davon wüßten. Aber es war unter en, doß nicht ihnen nach der langen Trennung wie neues Frei⸗ un aber auh werben und neue Hochzeit. Sie wurden ſich dieſer Ver⸗ fremdung und gewaltſamen Einigung nicht bewußt, denn zunächſt ſtand der Wirthshauskauf in Frage, und w dabei handelte ſich's um ihren ganzen ehelichen Frieden. aue ich nicht·„Alſo Du biſt einverſtanden, daß wir wirthen b aber ſ droben im Gemsli?“ fragte Hanſei. ßbaun nihtz„Hab' Dir ſchon geſagt, wir wollen's berathen. „drei Nalter Alſo Du meinſt, Du ſeiſt tauglich zu einem Wirth?“ jahr iſ ein„Freilich nicht ſo, wie Du zu der Wirthin, das ſagen alle Leute, und die Wirthin iſt auch immer die Haupt⸗ ſache. Du wärſt die beſte Wirthin, Du kannſt Dein Brod mit dem Maul verdienen, wie der Pfarrer. Du kannſt ſo gut reden mit den Leuten, und da kann wie ſie im Nund und man den Wein ſchon um ein paar Groſchen theurer tſo veggt geben und Alles. Schau, Du haſt die Art, Du kannſt ha ſo vi Dich ſo in alle Leute hineindenken und ihnen Ales abnehmen und wieder dafür geben; das iſt das beſte n5 Zeichen, daß Du zur Wirthin wie geformt biſt.“ ichie uh— Es war Hanſei unfaßlich, wie Walpurga noch 6t ſe 1 zögern konnte. Das höchſte Ieal eines jungen Ge⸗ 5 birgsbewohners iſt, Wirth zu ſein: die Welt ſpeiſen 6. und tränken und davon ſelber ſeine Nahrung haben, en Vorten, Luſtbarkeiten geben und dabei ſelber am luſtigſten ſein⸗ lang vor und wo die Andern Geld ausgeben, einnehmen und überhaupt in ſeinem Hauſe der Sammelpunkt des zer⸗ en einander ſtreuten Lebens, der Helfer, der Berather Aller zu nſol, an ſein, mit dem ſich Jeder gut halten muß, der von ————„ Allem weiß, von Kauf und Lauf, und von jeder Kuh und jedem Acker und jedem Haus, die in andere Hände übergehen, auch ſeinen Vortheil hat, faſt wie ehedem der Gutsherr, und was andere Leute eſſen und trinken, das ſchmeckt ihm auch und er wird nicht mager davon. Und dann wieder, wie der Pfarrer von Taufen, Hoch⸗ zeiten und Todesfällen immer eine ſchöne Abgabe ziehen, und erſt gar die Fremden im Sommer, die dem Wirth eine Steuer geben müſſen, weil die Berge ſo hoch und der See ſo tief, und ſie das Alles anſehen dürfen. Ja, ſo eine Wirthſchaft iſt der große See, da fließen alle die Bächlein von den einzelnen Bergrinnſen zu⸗ ſammen. Walpurga ſah ihren Mann mit großen Augen an, da er ihr die ganze Glückſeligkeit und den Vortheil eines Wirthshauſes ſo lebhaft und ausführlich ſchilderte. Es muthete ſie faſt ſelbſt an, ſie ſagte ſich: Das iſt doch wol das Geſcheidteſte, denn in das alte kleine Leben findeſt du dich doch nicht mehr ganz, du biſt auch anders geworden und mußt was Anderes haben. Sie betheuerte daher nochmals und mit aufrichtigem Tone, daß ſie nichts gegen die Sache habe, man müſſe ſie nur bedachtſam in die Hand nehmen. „Und weißt Du,“ ſchloß Hanſei,„was noch das Beſte iſt? Eine Poſt bekommen wir hierher, der Land⸗ richter ſelbſt ſagt's; und wenn's doch noch fehlen ſollte, kannſt Du das ja leicht machen, und Du machſt unſern ganzen Ort berühmt und machſt eine Stadt daraus und die Häuſer werden das Doppelte werth.“ Er wollte ſofort mit ſeiner Frau in das Dorf den an weine, ſchaut Dich n ich Die in der ruſen einige Vo werde ſein, Gehſt ſoh, Un g Frauen Valyu Di rief d trg i ſchwer⸗ on jeder Kuh andere Hände wie eheden und trinken, mager davn. auſen, Hoch⸗ bgabe zihen e dem Wirth ge ſo hoch ehen dürfen. „da fließen rinnſen zl⸗ Augen an, en Vortheil h ſchilderte h: Das iſt i z, du biſt eres haben. ufrichtigen man miſſe nch das der Lund⸗ hlen ſolle, chſt unſern dt daraus das Dorf 199 hinaufgehen und das Wirthshaus einſehen, aber Wal⸗ purga ſagte: „Laß mich erſt zur Ruh' kommen in unſerem alten Haus, das Wirthshaus läuft uns nicht davon. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie wohl mir iſt in unſerm Haus, ich möcht' mich immer von einem Stuhl auf den andern ſetzen. Es iſt Alles ſo gut daheim. Ich meine, jeder Stuhl und jeder Tiſch hätt' Augen und ſchaut mich ſo getreu an und ſagt: Ja, wir kennen Dich noch und haben auf Dich gewartet. Jetzt bitt' ich Dich, laß mich noch in Ruh' da.“ „Ja, ja, bleib' nur,“ entgegnete Hanſei und ging in der Stube auf und ab. Plötzlich, als ob er ge⸗ rufen worden wäre, ging er hinaus und ſpaltete noch einige Stöcke, die er bei Seite geſtellt hatte. Walpurga kam heraus und ſah ihm vergnüglich zu. „Ja,“ ſagte er,„geſchafft wird vor wie nach. Ich werde kein faullenzeriſcher Wirth, da kannſt Du ruhig ſein, und ans Trinken gewöhne ich mich auch nicht. Gehſt jetzt mit mir ins Dorf?“ fragte er endlich. „Ja, komm' nur herein.“ Hanſei war bald zuweg, und er war nicht wenig ſtolz, jetzt mit ſeiner Frau ins Dorf hineinzugehen. Am großen Röhrbrunnen beim Rathhauſe ſtanden Frauen und Mädchen mit ihren Kübeln; ſie kamen auf Walpurga zu, begrüßten ſie und wünſchten ihr Glück. Die Kinder kamen eben aus der Schule. Walpurga rief das eine und andere an, gab ihm die Hand und trug ihm Grüße an die Eltern auf. Sie hörte mit ſchwerem Herzen vom Tode dieſes und jenes. Die Janderen Kinder ſtanden in Gruppen bei Seite und 1 ſchauten ſie ſtaunend an; die Abholung der Walpurga ins Schloß war für die Dorfkinder ein Märchen ge⸗ worden, und jetzt ſtand das Märchen am hellen Tag da und ſprach wie andere Menſchen. Als Walpurga endlich fortging, riefen ihr die Kinder nach:„Walpurga!“ Sie wollten beweiſen, daß ſie ſie noch kennen. Im Weitergehen mit ihrem Manne ſagte dieſer leiſe, auf das Rathhaus deutend: „Schau, da hinauf komm' ich auch bald; es iſt ſo gut wie gewiß, daß ſie mich zum Gemeinderath wählen. Ich könnte Bürgermeiſter werden, aber das nehme ich nicht an; das bringt einem Wirth manche Ungelegenheiten.“ Walpurga merkte, daß der Wirthsgedanke ſchon nach allen Seiten Wurzel geſchlagen; ſie erwiderte nur: „Ich ſeh', Du haſt Dich in dieſem Jahr viel in der Welt umgeſehen. Du haſt aber gewiß auch gelernt: Jeder muß zuerſt an ſich und die Seinen denken, und wenn man nichts hat, oder in einen Unſchick fällt, hilft einem kein Menſch.“ „Wohl, wohl, aber gottlob, wir brauchen jetzt Niemand; im Gegentheil.“ Man kam am Hauſe des Großbauers Gruberſepp vorüber. Der Großbauer, der Reichſte in der Ge⸗ meinde, ein langer, hagerer Mann mit allzeit ver⸗ droſſenen Mienen, ſtand auf der Vortreppe ſeines Hauſes. Hanſei grüßte ihn zuvorkommend, aber der Gruberſepp kehrte ſich mit raſcher Wendung um nach ſeinem hauern, zu heril Notren er zu be ſchön, w do früh Schoppe Han Frun iſt Grul und gin Wie Legrüßu ſo wohl Freilich in ſeine und de ſo eine iſt der verjung „Fi das hu ſchinke Gott!“ hus,“ eiſen, daß agte dieſer unke ſchon derte nur: iel in der h gelernt: nken, und chick fält, chen eßt ruberſepp um nch 201 ſeinem Stall. Es ſchickt ſich nicht für einen Groß⸗ bauern, ſolch ein Taglöhnerkind, wie die Walpurga, zu bewillkommen; das ganze Dorf mag an ihr zum Narren werden, was ein Großbauer iſt und weiß, was er zu bedeuten hat, der thut da nicht mit; das wär' ſchön, wenn man ſich jetzt um ein Geſchöpf kümmerte, das früher froh geweſen iſt, wenn man ihm ein Paar Schoppen Milch auf Borg gegeben hat. Hanſei rief laut:„Grüß Gott, Gruberſepp, meine Frau iſt wieder da.“ Gruberſepp that, als ob er's nicht gehört hätte, und ging in den Stall. Wie herzensfroh war Walpurga geweſen von den Begrüßungen im Dorfe, aber all' das that ihr nicht ſo wohl, als ihr jetzt dieſe Geringſchätzung wehe that. Freilich iſt das nur ein einfältiger verkniffener Bauer in ſeinem dummen Bauernſtolz, der ſich ſo benimmt, und der König hat ja mit Dir geſprochen und mit ſo einem Klotz nicht; aber was hilft das? Der Mann iſt der Erſte im Dorf und ſeine Mißgunſt und Weg⸗ werfung läßt ſich nicht ſo wegblaſen. „Für Dich, Du Gabelſtock,“ ſagte Walpurga gegen das Haus gewendet,„für Dich wirthe ich nicht; Dir ſchänke ich keinen Schoppen ein und ſage geſegne's Gott!“ „Was ſagſt Du?“ fragte Hanſei, da Walpurga dieſe Worte nur in ſich hineinmurmelte. „Wenn wir dem einfältigen Gabelſtock da ſein Gut abkaufen könnten, das wäre mir lieber als das Wirths⸗ haus,⸗ antwortete ſie. „Das wär' freilich noch ſchöner, aber Läzu haben ir das Geld nicht, und wenn wirs auch hätten, der Gruberſepp verkauft nicht; im Gegentheil, wo ein Armer zu einer Wieſe kommen will, da ſpringt er herzu und nimmt's ihm weg.“ Als die beiden beim Wirthshaus ankamen, fanden ſie ſchon viele Leute, die am Freitrunk des Weinkaufs theilnehmen wollten. Ah! Da kommt die neue Wirthin,“ hieß es. Dank ſchön,“ ſögte Walpurga,„mein Mann hat 6. den Kauf noch nicht abgeſchloſſen.“ uch der Jäger von Zell war da, und Walpurga überſah raſchen Blickes, wie ihr Mann in ein ganzes Netz von Schmeichlern eingefangen war. Sie machte ſich bald aus der Stube. Der Wirth und ſeine Frau begleiteten ſie und Hanſei durch alle Zimmer und durch den Keller. Walpurga fand Alles ganz gut, nur ſagte ſie immer, daß man bauen und neu herrichten müſſe. „Du biſt verwöhnt,“ wendete der Gemswirth ein. „Bei uns auf dem Land iſt es anders, wie in Deinem Schloß; das weißt Du nur nicht mehr; in dem Haus braucht man in fünfzig Jahren keinen Nagel einzu⸗ ſchlagen.“. Walpurga ließ ſich auf keine Erörterungen ein, ſie ſagte auf dem Heimweg nur ihrem Manne, daß man das Haus von einem Bauverſtändigen unterſuchen laſſen müſſe, denn ſie Beide verſtänden nichts Rechts 1 2 davon, und vom Gentwirth etwas erwerben⸗ doch der Katz den Speck ahkaufen Hanſei war eigentlich unwillig Ddaß di nicht i fönn kein Palpurh jchen genit 5 gſehen, n N ihr brne iine ſchi ghbrigen guj be einen od 203 nicht gleich ins Reine gebracht wurde; er meinte, er könne keine Stunde mehr im alten Hauſe bleiben. Walpurga wollte indeß die Sache einſtweilen nur hin⸗ ziehen. Daneben hatte ſie in der That auch viele gerechte Bedenken, das mußte Hanſei doch auch ein⸗ czu haben iten, der wo ein ſpringt er geſtehen, und er ward ruhiger. Am Nachmittag ſtellte Walpurga ihr Beſitzthum und ieß 6 ihr Erwerbniß ſauber auf ein Blatt zuſammen es war Ann hu eine ſchöne Summe; das Gemswirthẽhaus mit dazu⸗ 2 gehörigem Ackerland, Wieſen und Wald konnte faſt Luhun ganz bezahlt, und was noch datauf ſtehen blieb, in 6 n einem oder zwei guten Jahren abgetragen werden. Sie machte ine F lau und durch Viertes Capitel. „ nur ſagte 8 hien niſe Es war am Abend. Die Großmutter war in der el.„.„ zrirh in. Kammer und ſang mit bewegter alter Stimme ihr in ginen Enkelchen in Schlaf; auch ſie ſang das Lied: De n Haus„Wir Beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein.“ gel einzu⸗ Walpurga und Hanſei ſaßen allein am Tiſch, und en ein, ſi ſo ſchnell aß er nicht die Kartoffeln, als Walpurga ſie daß nan zu ſchälen verſtand, und immer die beſten und ſchönſten unterſuchen legte ſie ihm vor.„Schau, Hanſei,“ ſagte ſie, und ſah hts Nehts gar froh dabei aus,„ſchau, Mann, der König und die daiie Körigin haben die beſten Sachen von der Welt auch nicht beſſer als wir. Da iſt zuerſt der Schlaf und das die Sache Sonnenlicht und das Waſſer und Eier und geſottene Kartoffeln und Salz, die ſind im S Hütte immer gleich, und das Beſte 1 „Ja, ein guter Kuß, der nicht beſſer als von Dir, iſt wie heut',“ ſeiner Frau übe „Haſt Recht, aber ich h die Liebe iſt auch gleich, die können ſie da d nicht anders haben als wir.“ „Ich weiß gar nicht, Hanſei,„ich hab's gar nicht gewußt, daß Du ſo Hexe biſt; geſcheidt und ſchneidig wie de ärgert mich, daß die Menſchen no und ſo thun dürfen, als ob Du purga wärſt.“ „Sei froh, daß ich die noch bin, ſonſt wär' ich ja nicht mehr Deine Frau.“ Hanſei hielt die Kartoffel im Munde und ſie nicht, er ſchaute ſeine Frau ſtarr an; endlich ſagte er, die faſt unzerkaute Kartoffel ſchnell hinab⸗ würgend:„Jetzt, der Spaß, der gefällt mir nicht; über ſo etwas darf man keinen Spaß machen!“ Beide ſchwiegen. Drin ſang die Mutter: „Mein Herz trägt eine Ketten, ie Du mir angelegt,“* und jetzt, da ſie ſchwiegen, traf die Beiden das Lied. „Ich muß Dir noch wa s ſagen,“ begann Hanſei ſetzte er hinzu, r ſein glattes Kinn. wie's mit Dir iſt,“ r Tag. Es ch Du zu Dir ſagen noch die alte Wal⸗ zerkaute .——. chloß und in der ſt auch gleich— weißt Du, was das iſt?“ ſchmeckt von der Königin und da bin ich auch dem König gleich, beſonders wenn mir der Bart gut raſirt und führte die Hand ab's anders ſagen wollen: roben auch ſagte eine wiedet, gi ſ g noch ein w Smſn1 munken, da ſnd U uf, ich th „Wor „Peil ducken, we „Vs ſagen! Uh wus iſt da wo ſeine ins Virthẽ Hanſei er nichts; wein, ich nirs nich „Geh ging nſch nen drang D dich lng und ſchneler l De 1 und ſagte In L Abendrot Worgenft auch den art git nſtt te * — Sꝛ S — = gen wollen. droben auch lſt,“ ſagte V ſo eine 0 La. G Vr ſagen d zerkaute endlich hinab⸗ cht; übet * Zeide as Lied. hanſei — — wieder,„es iſt meine Gewohnheit, ich hab's die ganze Zeit ſo gehalten, allemal nach dem Nachteſſen bin ich noch ein wenig zum Gemswirth hinauf, beſonders am Samſtag Abend. Manchmal hab' ich noch was ge— trunken, manchmal auch nicht. Jetzt heut' iſt Samſtag, da ſind Alle da, und da mein' ich, ich geh' noch hin— auf, ich thu's Dir zulieb.“ „Warum mir zulieb?“ „Weil die Leut' ſonſt ſagen: jetzt muß er unter⸗ ducken, weil ſeine gnädige Frau daheim iſt.“ „Was geht's Dich nur immer an, was die Leute ſagen? Und im Gegentheil, die Leute werden ſagen: was iſt das für ein Mann, der am zweiten Abend, wo ſeine Frau nach einem Jahre wieder daheim iſt, ins Wirthshaus lauft?“ Hanſei ſah ſie ſtarr an, auf dieſe Drehung wußte er nichts zu ſagen; endlich aber brachte er vor:„Ich mein“, ich geh' doch noch. Nicht wahr, Du nimmſt mir's nicht übel?“ „Geh' Du nur!“ erwiderte Walpurga, und Hanſei ging raſch davon. Walpurga ſah ihm nach und Thrä⸗ nen drangen ihr ins Auge.„Alſo das iſts, wonach Du Dich geſehnt haſt, und jede Minute war Dir zu lang und Du hätteſt die Stunden gern gejagt, daß ſie ſchneller laufen?“ Die Mutter kam herein, legte leiſe die Thür an und ſagte:„Es ſchläft prächtig.“ In Walpurgas Antlitz glänzte der Widerſchein des Abendroths ganz anders als heute der Schein der Morgenfrühe, da dieſe Sonne aufſtieg. Das Kind ſchrie nochmals in der Kammer, die Großmutter ging zu ihm, und raſch, als ob ſie etwas geſtohlen hätte, verließ Walpurga die Stube und eilte nach dem See. Es war Nacht, die Wellen ſchlugen leiſe an das Geſtade, der Rohrſperling plauderte noch gar emſig, die Waſſerhühner zwitſcherten, auf den Ber⸗ gen hoch oben bei den Almen brannten helle Feuer, die Almerinnen erwarteten heute zur Samſtagnacht ihre Liebſten, und jetzt ſtieg der Mond über der Gamsbühel⸗ kuppe herauf und blinkte in den See. Walpurga ſtarrte geraume Zeit wie verloren in den See, dann kehrte ſie wieder ins Haus zurück, aber ſie ging nicht in die Stube, ſondern ſchlich leiſe nach dem Keller. Mit über⸗ mächtiger Kraft rollte ſie die ſteinerne Krautbütte von ihrem Platze, grub die Erde auf, legte das Gold hinein, das ſie von Irma bekommen, und rollte die Krautbütte wieder darauf. Sie ſtand noch am Brunnen und wuſch ſich die Hände, als ſie ſah, wie die Mutter drin in der Stube Licht anzündete. Sie ging zu ihr und ſtarrte in das Licht. „Was ſiehſt Du ſo ins Licht?“ fragte die Mutter. „Ja, Mutter, ich bin ſo ein einzig Licht nicht mehr gewohnt; im Schloſſe, da ſind immer ſo viel.“ „Aber mehr als zwei Augen haben die Menſchen dort auch nicht,“ entgegnete die Mutter.„Nein Kind, das iſt's doch nicht, warum Du ſo verſtört ausſiehſt. Sag' ehrlich, was iſt's?“ Walpurga geſtand, wie es ihr das Herz abſtoße, daß ihr Mann ſchon am zweiten Abend es nicht daheim aushalte und ins Wirthshaus müſſe. „Gieb ni iber Dein b gemerkt, Qu was angeriht nicht. Shu, dis ihr übe Qu mißt auch Nach un 6o und gieb ihn ihn wie nit ſ Sumſtag Aben wohrheiten ſin unbiegen; und ihn nur jett fomnt ſchon v Valpurga Nutter nit gl ſagte: „icht wa haben ſe in „Da habe Pulpurga lich einen Mann Nutter u morgenden Ta „Veißt 4 und ſezen uns wo Dein Vo können pirr mand mehr, nmer, die ſie etwas und eilte 1 ſchlugen derte noch den Ber⸗ le Feuer, nacht ihre amsbühel rga ſtarrte kehrte ſie ht in die Mit über⸗ bütte von d hinein, rautbütte ſich die der Stube das Licht. e Mutter. licht mehr Menſchen ein Kind, ausſiehſt. z abſtoße, ht dahein 207 „Gieb mir die Hand,“ ſagte die Mutter.„Ja, über Deine Hand habe ich nachgedacht, ich hab's ſchon gemerkt, Du waſcheſt Dir ſo oft die Hände, ſobald Du was angerührt haſt; iſt ſchön, aber bei uns geht das nicht. Schau, Deine Hand iſt fein und weich geworden dies Jahr über, und die meine iſt rauh wie Leder und Du mußt auch bald wieder eine rauhe Hand kriegen. Mach' um Gotteswillen Deinen Mann nicht kopfſcheu und gieb ihm ja kein Unwort. Glaub' mir, es hat ihn wie mit ſechs Roſſen hingezogen, zumal heut', am Samſtag Abend. Er hat ſich daran gewöhnt, und Ge— wohnheiten ſind ſtark, das kann man nicht nur ſo wieder umbiegen; und ſchlecht iſt er nicht, das weiß ich. Laß ihm nur jetzt ſeinen Lauf, wie er's gewohnt iſt, er kommt ſchon von ſelbſt wieder ins alte Geleis.“ Walpurga antwortete nichts. Sie ſchälte auch der Mutter mit großer Behendigkeit Kartoffeln, und dieſe ſagte: „Nicht wahr, was eigentliche Gottesgaben ſind, die haben ſie im Schloß auch nicht beſſer?“ „Da haben wir eine arme Seele erlöſt,“ erwiderte Walpurga lächelnd;„ganz das Gleiche habe ich vorhin meinem Mann geſagt.“ Mutter und Tochter hatten die Kartoffeln zum morgenden Tag gerichtet und die Mutter ſagte: „Weißt Du was? Wir ſchließen die Vorderthür und ſetzen uns hinten im Grasgarten auf das Bänkchen, wo Dein Vater auch immer ſo gern geſeſſen. Da können wir ruhig mit einander reden, es kommt Nie— mand mehr, wenn ſie kein Licht ſehen, und wir wollen 208 auch keinen Beſuch, wir brauchen keinen fremden Menſchen, wir Beide ſind uns allein genug.“ „Ach Gott, wenn's nur auch mit meinem Mann ſo wäre!“ „Laß jetzt Deinen Mann ruhig im Wirthshaus. Gottlob, daß wir Zwei jetzt allein beieinander ſind. Thu nur nicht als wärſt Du eine abgeſetzte Königin, Du thuſt Dir am weheſten damit.“ Mutter und Tochter gingen durch das Haus nach der Hinterthür, die auf den kleinen Grasgarten führte. Hier ſtand vor dem Stallfenſter an der Wand eine Bank. Sie ſetzten ſich und ließen die Hinterthür offen, damit man das Kind höre, wenn es etwa ſchreie; man hörte aber nichts, als das ruhige Freſſen der beiden Kühe im Stall. Der Mond war voll heraufgekommen und ſtrahlte glitzernd in den See; von fern hörte man manchmal ein Jodeln, das Bellen eines Hundes und einen Ruderſchlug von einem Kahn, der noch über den See fuhr. „Wenn nur ſchon die erſten vierzehn Tage vorüber wären,“ klagte Walpurga,„dann wäre ich doch ſchon eingewöhnter.“ „Wünſch' Dir keine Zeit herum, ſie kommt und geht allein.“ „Ja, Mutter, befehlet mir immer Alles, was ich thun ſoll, ich will jetzt gar keinen eigenen Willen haben.“ „Das geht nicht; ſobald man allein laufen gelernt hat, muß man auch allein fallen. „Ich will mich recht zuſammennehmen.“ „Gut, en Zeit in Schl „Um dieſe ſchon zwe Ju Gängen Lichte ſchaſten ſehen piſen wir abe ihren Buch, ſ und mein Pri urga plötlich ſchrie ihr eige Frauen gingen „Es hat! „Das hind ſü kommen iſt.“ Palpurga Leben ſie ihr dahein; Ales ſie wiedet bei ſe ſich beinn „ch nein lihes hat, w ſin denſt drken.“ ſonders die g Geruhig: und Vahur ſchlief lih und hielt ſe Auer Auerbach, 2 fr emden n Mann irthshaus. der ſind. Königin, us nach ten führte. Lond eine thür offen, reie; man der beiden fgekomme hörte man undes und noch über vorübet doch ſchon kommt und Was ich e, nen Vilen ufen gelernt 209 „Gut, erzähl' mir auch was. Wie iſt's um dieſe Zeit im Schloß?“ „Um dieſe Zeit? O lieber Gott, ich mein', ich wär' ſchon zwei Jahr' fort. Jetzt ſind ſchon lang in allen Gängen Lichter angezündet und drunten bei den Herr⸗ ſchaften ſtehen ſie jetzt von der Tafel auf, davon wiſſen wir aber nichts. Die Mamſell Kramer liest in ihrem Buch, ſie liest jeden Tag ein ganzes Buch aus, und mein Prinz— o du armes Kind—“ fing Wal⸗ purga plötzlich an zu weinen. Im ſelben Augenblick ſchrie ihr eigenes Kind drin im Hauſe. Die beiden Frauen gingen hinein. „Es hat nur geträumt,“ ſagte die Mutter leiſe. Das Kind ſpürt doch, daß ſeine rechte Mutter ge⸗ kommen iſt.“ Walpurga fühlte aufs neue, welch ein doppeltes Leben ſie führte; ſie lebte noch dort und war doch hier daheim; Alles wirrte ſich ihr durcheinander, und als ſie— bei der Mutter auf der Bank ſaß, mußte ſie ſich beſinnen, wo ſie war. „Ich mein',“ ſagte die Mutter,„wer ſo viel Zeit⸗ liches hat, wie der König und die Königin und die hohen Herrſchaften, der kann gar nicht ans Ewige denken.“ Walpurga erzählte, wie fromm ſie dort ſeien, be⸗ ſonders die Königin, und die ſei doch lutheriſch. Geruhig und ſtill ſprachen die Beiden mit einander, und Walpurga lag am Herzen ihrer Mutter und ſchlief endlich ein. Die Mutter wagte kaum zu athmen und hielt ſie an ihrem Herzen in ihren Armen. Nach Auerbach, Auf der Höhe. ll. 14 210 *„ einer Weile weckte ſie Walpurga und ſagte, ſie könne ſich erkälten und möchte lieber zu Bette gehen. Wal⸗ purga erwachte verwirrt, ſie wußte wieder nicht, wo ſie war; ſich den Schlaf aus den Augen reibend fragte ſie:„Mein Mann iſt noch nicht daheim?“ „Geh' Du nur zu Bett, ich helf' Dir,“ ſagte die Mutter und entkleidete Walpurga wie ein kleines Kind, dann ſaß ſie vor ihrem Bette, faßte die Hand der Tochter und begann:„Schau, es iſt eine eigene Sache, wenn Menſchen, die zuſammengehören, einmal lange Zeit von einander gelebt haben. Wer fortgeweſen, hat ſich gewöhnt, ohne das Andere zu ſein, und das Andere daheim auch. Da muß man eben warten, bis es wieder zuſammenwächst. Gieb ja recht Acht, daß Du nicht einmal ein Unwort ſagſt, laß ja nie den Gedanken in Dir aufkommen: wenn ich nur wieder fort wär', und ich kann ja draußen in der Welt ſein! Läßt Du das zu, ſo biſt Du wie ein Baum, dem man die Wurzel abgehauen hat und ihn dann verpflanzen will— er muß verdorren. Merk', was ich Dir ſage: was Du ändern kannſt nach Deinem Sinn, mach'; was Du nicht ändern kannſt, laß wie es iſt, und denk', es muß ſo ſein und füg' Dich drein. Nichts Dümmeres auf der Welt, als wenn die Menſchen ſich etwas wünſchen, was ſie nicht machen können. Du kannſt bei Wind und Regen oft hören: wenn nur heut ſchön Wetter wäre! Ja, das Wetter draußen können wir nicht machen, aber in uns können wir gut Wetter machen. Jetzt, das habe ich Dir ſagen wollen: mach Du in Dir gut Wetter, dann iſt Alles gut.“ „Ju, was „Gleich he nit die Hand er heinkonnt Sinn Guß 6 „Mutter, d biſt Du keine ind in jeden ſtect ein feurig nir folgen, u nicht“ „Ju, Mutt geben.“ „So, jet in ihre Kamme Valpurga Kummer nagte ſtendet und ih ſeinet Geſelſch uhalken. Für uferlegt, unte ju ewerben un titern Thrinen in ihr: Uif d int Pit d Und hulen die Ales haben al nicht Gott dan ſ ſie könne en. Val⸗ nicht, wo nd fragte ſagte die nes Kind, dund der ne Sache, al lange tgeweſen, und das rten, bis lcht, daß nie den r wieder Lelt ſein! dem man erpflanzen Dir ſage: ach; was und denk, Dümmertes ſich etwas Du kannſt heut ſchön nnen wir ut Wettet len mach 211 „Ja, was thu' ich? Was ſoll ich denn?“ „Gleich heut' Nacht mach' die Probe. Da, gieb mir die Hand drauf, daß Du Deinem Mann, wenn er heimkommt und Du biſt noch wach, mit fröhlichem Sinn: Grüß Gott, Hanſei! zurufſt.“ „Mutter, das kann ich nicht, das kann ich nicht!“ „Ich ſag' Dir aber, das mußt Du können, ſonſt biſt Du keine brave Frau und keine brave Mutter, und in jedem Goldſtück, das Du heimgebracht haſt, ſteckt ein feuriger Teufel. Du haſt geſagt, Du willſt mir folgen, und jetzt gleich beim Erſten willſt Du nicht?“ „Ja, Mutter, ich will; ich will mir alle Mühe geben.“ „So, jetzt gute Nacht,“ ſagte die Mutter und ging in ihre Kammer. Walpurga lag ſtill im Bett, aber Zorn und Kummer nagten in ihr. Ihr Kind hat ſich ihr ent⸗ fremdet und ihr Mann hat böſe Gewohnheiten, er muß ſeiner Geſellſchaft nachgehen und kann nicht bei ihr aushalten. Für wen hat ſie ſich denn all das Schwere auferlegt, unter fremden Menſchen draußen das Alles zu erwerben und ſo brav zu bleiben?.. Sie weinte bittere Thränen in ihr Kiſſen. Aber plötzlich ſprach es in ihr: Auf dein Bravſein bildeſt du dir auch was ein? Biſt du denn für Andere brav oder für dich? Und haben die nicht auch zu leiden gehabt, daß ſie Alles haben allein auf ſich nehmen müſſen? Mußt du nicht Gott danken, daß ſie nicht vor Kummer geſtorben ſind?s a, das wol, aber jetzt müßten ſie ſich 1 * —. — — 212 von Herzen freuen und dankbar ſein.— Vom Kind kann ich's nicht verlangen, das hat keinen Verſtand, aber mein Mann, ja er hat doch Verſtand, wenn er will. Alles das ſoll ich erobert haben, um als Wirthin der ganzen Welt zu dienen? Nein, die Errungenſchaft iſt von mir da und ich hab' das Recht... Um Gottes⸗ willen! Recht, Recht... da iſt das Elend. Wenn Eines immer ſein Recht haben will gegen das Andere, dann iſt die Hölle da.. Ich will kein Recht, ich hab' kein Recht, ich will gar nichts, ich will nur eine ge⸗ horſame Frau ſein und eine gute Mutter... Lieber Gott, hilf mir, wenn ich's nicht bin— Es näherten ſich ſchwere Schritte. Hanſei trat ein und Walpurga rief mit fröhlicher Stimme:„Grüß' Gott, Hanſei! Es freut mich, daß ich noch wach bin, wenn Du heimkommſt.“ „Gewonnen hab' ich! Gewonnen!“ ſchrie Hanſei mit mächtiger Stimme,„draußen am Kammerfenſter, da ſtehen zwei Männer; wir haben gewettet— um ſechs Maß Wein haben wir gewettet. Sie haben ge⸗ ſagt, die Probe drauf, wie eine Frau zu Einem iſt, zeigt ſich, wie ſie Einen anredet, wenn man aus dem Wirthshaus heimkommt oder gar, wenn man ſie aus dem Schlaf weckt. Ich hab' geſaat: ich kenne meine Frau: wenn ich heimkomm“ iſt ſie freundlich und gut und da haben ſie mir's nicht geglaubt— und da hab' ich gewettet und jetzt hab ich gewonnen und aller Wein auf der ganzen Welt, wenn aller mein wär', wär' mir nicht ſo lieb, als daß ich Recht hab'“.“ Hanſei öffnete den Fenſterladen, der hinaus dem Stee⸗Uer tort, Ir M nein. Bit 1 Valpura pore un lu Der Mond dll dere Hütte, — Als Hanſe bereits genolt hell, ob e den Bergen he Liſch in der dorauf ſtand ken, und der um und un „Du biſt purga erwide „Ju, ich gonzen weite nen. Schau wos man w haben?“ „Min, nicht?“ „Das n Vom ſind Verſtund, „wenn er ls Wirthin ungenſchaft m Gottes⸗ d. Wenn Andere, eine ge⸗ Lieber ei trat ein „Grüß wch bin, rie Hanſei merfenſter, — haben ge⸗ Einem iſt, aus dem n ſie aus nne weine h und gut nd da hab aller Wein wär, wär inaus nach 2¹3 dem See⸗Ufer ging, und rief:„Jetzt habt Ihr's ge⸗ hört, Ihr Mannen. Ihr könnt gehen. Der Wein iſt mein. Gut Nacht!“ Walpurga zog die Bettdecke über den Kopf, draußen hörte man lachen und zwei Männer entfernten ſich. Der Mond blickte eine Minute gar fröhlich in die nie⸗ dere Hütte, dann wurde der Laden wieder geſchloſſen. Fünftes Capitel. Als Hanſei am Morgen erwachte, waren die Kühe bereits gemolken und im Hauſe war es ſo ſauber und hell, als ob eine von den ſaligen Jungfrauen, die in den Bergen hauſen, hier Alles geordnet hätte. Auf dem Tiſch in der Stube lag ein weißes Tuch und mitten darauf ſtand der Nelkenſtock voll blühender rother Nel⸗ ken, und der ſchwarze Topf, darin ſie ſtanden, war um und um mit einem Blätterkranz umwunden. „Du biſt fleißig geweſen,“ ſagte Hanſei, und Wal⸗ purga erwiderte: „Ja, ich bin in Gedanken heut' ſchon in der ganzen weiten Welt geweſen und wieder heimgekom⸗ men. Schau, die vornehmen Menſchen haben Alles, was man wünſchen mag, aber weißt, was ſie nicht haben?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ „Sie haben keinen Sonntag, und weißt Du, warum nicht?“ K „Das weiß ich wieder nicht.“ 214 „Weil ſie keine eigentlichen harten Werktage haben. Wenn man im Schloß aufſteht, da ſtehen Stiefel und Schuh von ſelbſt gewichſt vor der Thür, der Kaffee hat ſich ſelbſt gekocht, das Brod hat ſich ſelbſt ge⸗ backen, die Wege haben ſich von ſelbſt gekehrt und das iſt Alles da, man weiß nicht wie. Aber jetzt Alles mit der eigenen Hand machen... Schau, ich hab' Dir heut' ſchon die Händ' unter die Füße gelegt; ich hab' Dir Deine Schuhe geputzt.“ „Das darfſt Du nicht, das iſt nichts für Dich. Thu' das nicht mehr.“ „Gut, will's nicht mehr thun, aber heut hab' ich Alles und es war mir ſo wohl, ich kann Dir's gar nicht ſagen, wie ich den erſten Kübel Waſſer geholt habe. Es iſt mir ſchwer geworden, iſt aber doch ge⸗ gangen, und jetzt freu' ich mich auf den Imbiß; ſeit⸗ dem ich von da fort geweſen, hab' ich keinen ſo mäch⸗ tigen Hunger gehabt, wie jetzt.“ Als die Großmutter mit dem Kinde kam, war auch ſie überraſcht und ſagte:„Walpurga, Du machſt aus unſerer Hütte noch ein Schloß.“ Hanſei berichtete mit Freude, was Walpurga ge⸗ ſchafft habe, und die Mutter ſagte:„Recht hat ſie, am beſten daheim macht, wenn mon recht ſchafft, und grad' weil ihr jetzt etwas im Vermögen habt, müßt ihr umſomehr ſchaffen, denn wo man nicht ſchafft, hat das Vermögen keine rechte Heimath und will wieder fort; wenn man aber zu dem, was man hat, etwas ſo wenig es auch ſei, bleibt das Alte gern Pa.“ „ nei hirch zu ge den bſen „J, wir Wolpurha., nih uf diſ j hut gil gur nie ſo ſc Es war gind blieb n Pulpurg genacht, übe „Pus iſt „Aß J Die Alte nicht, wie beſchlen. ſeine Fran Die Gr von jenſeiti man dem nit einer ſe Der M ſchneeweißes ſekend: „Paly und konn Er ſiſ Lank und tage haben. Stieſel und der Kuffe ſelbſt ge⸗ t und das jett Ales ich hab elegt ich für Dich. t hab' ich Dirs gar ſer geholt doch ge⸗ biß; ſeit⸗ ſo mäch⸗ „war auch machſt aus lpurga ge⸗ ht hat ſie, hafft, und abt, mißt chafft, hat vill wieder at, etwas das Alte 215 „Ich mein', wir brauchen heut' gar nicht in die Kirch' zu geh'n,“ ſagte Hanſei,„die Mutter giebt uns den beſten Morgenſegen.“ „Ja, wir gehen aber doch in die Kirch',“ erwiderte Walpurga.„So lang ich fort geweſen bin, hab' ich mich auf dieſen erſten Kirchgang gefreut, und es iſt ja heut' gottlob ein Wetter, ich mein' es wär' früher gar nie ſo ſchön geweſen.“ Es war ein gedeihliches Beiſammenſein, nur das Kind blieb noch widerwillig. Walpurga ſagte ihrer Mutter, daß ſie Alles recht gemacht, über Eins aber ſei ſie bös. „Was iſt's? Was hab' ich gemacht?“ „Daß Ihr Euch keine Magd angeſchafft habt.“ Die Alte lächelte: das könne ſie nie, ſie wiſſe gar nicht, wie ſie dazu kommen ſollte, einer Magd zu befehlen. Nun ſagte Hanſei, er dulde nicht, daß ſeine Frau ſich ſo abarbeite, es müſſe eine Magd ins Haus. Die Großmutter empfahl eines ihrer Bruderkinder vom jenſeitigen Gebirge. Es wurde beſchloſſen, daß man dem Ohm Peter Beſcheid ſagen laſſe, er ſolle mit einer ſeiner Töchter kommen. Der Morgen war friſch, und Hanſei, der ſein ſchneeweißes Hemd anhatte, ſagte, ſeine Pfeife an⸗ ſteckend: „Walpurga, laß Deine Mutter auch etwas arbeiten und komm Du zu mir in den Garten.“ Er ſaß draußen unter dem Kirſchbaum auf der Bank und bald kam auch Walpurga und jahh nach Frauenart, ſie bleibe nur kurz, es ſei noch mancherlei zu thun und man müſſe zeitig zur Kirche. Nun ſaßen die Beiden am hellen Morgen auf der Bank, und Hanſei ſagte:„Red' auch was. Du mußt doch viel zu erzählen haben.“ „Ich weiß jetzt nichts. Wart' nur, mit der Zeit kommt's ſchon. Es iſt genug, daß wir beieinander ſind. Wenn nur Alles geſund bleibt. Ich mein' unſer Kirſchenbaum ſei gewachſen.“ „Und jetzt glaub' ich, Du haſt dies Jahr noch gar keine Kirſchen von ihm gehabt. Ich ſteig' hinauf und hole Dir, und wenn ich vom Baum noch weiter hin⸗ aufſteigen und Dir das Blau vom Himmel herunter⸗ holen könnt', ich thät's.“ Er ſtieg auf den Baum und rief:„Schu! Fort ihr Spatzen! Ihr habt genug gehabt. Jetzt iſt meine Alte wieder da, ſie iſt aber eine Junge und die will auch was haben, und ihr habt das ganze Jahr eure Weiber bei euch gehabt und ich nicht!“ Er pflückte haſtig die ſchönſten Kirſchen und ſang dabei: „Zur Kirſchenzeit biſt fort von mir, Zur Kirſchenzeit biſt wieder hier, Die Kirſchen die ſein ſchwarz und roth, Ich lieb' mein'n Schatz bis in den Tod!“ aber plötzlich rief er:„Walpurga, ich muß herunter, ich kann Dir nicht noch mehr holen, mir wird ſchwindlich.“ Er ſtand ſchnell wieder auf dem Boden und ſagte: „Das iſt mir in meinem ganzen Leben nicht paſſirt und bn doch manchen halben Tag da oben geſeſſen; aber die Frud ſo ſchwindlih.— das ver mehr , wenn ih ſün geſund und ger ein brchen, dr hocheit ve Ic wein, ich ichts“ „Nein, abe zeitsmuſik von „Und eine th ich nicht zen? 3h vil dumnes Zeug. wo ich bin, u „Vir ſind iſt Mes beiei was Gutes. „Sah mi ich hab gem wir ein Kind Hocheit gehal Nit gonz gherder es diß ſi ſinge mancherlei n auf der D Qu mßt der Zeit ieinander in unſer noch gar nauf und eiter hin⸗ herunter⸗ Fort ihr eine Alte will auch re Weiber haſtig die unter, ich vindlich.“ nd ſagte: ht paſirt geſeſen; aber die Freud' und unſer Glück, das macht mich jetzt ſo ſchwindlich. Ich ſteig' mein Lebtag auf keinen Baum mehr, das verſprech' ich Dir. Es wär' doch grauſam, wenn ich ſtürzte. Wir müſſen uns hüten, daß wir geſund und gerad' bei einander bleiben. Ich will kein Bein brechen, ich will noch mit Dir tanzen. Auf der Hochzeit von unſerer Burgei tanz' ich mit Dir. Ich mein', ich hör' ſchon Muſik; horch, hörſt Du nichts?“ „Nein, aber das dauert noch lang, bis die Hoch⸗ zeitsmuſik von unſerer Burgei aufgeſpielt wird!“ „Und einen rechten Mann muß ſie kriegen, das thu' ich nicht anders. Was meinſt Du zu einem Prin⸗ zen? Ich will aber ſtill ſein, ich ſchwätz' ſonſt lauter dummes Zeug. Ich weiß nicht mehr, was ich ſag'“ wo ich bin, und wer ich bin, und——“ „Wir ſind daheim und Du biſt mein Mann; damit iſt Alles beieinander. Wirſt ſehen, ich hab' Dir noch was Gutes.“ „Sag' mir nichts und verſprich mir nichts mehr, ich hab' genug. Ich kann mir gar nicht denken, daß wir ein Kind haben, ich mein', wir hätten heut' erſt Hochzeit gehabt.“ Mit ganz leiſer Stimme, ſo daß kein Vorüber⸗ gehender es hören konnte und nur ſie allein wußten, daß ſie ſangen, ſtimmten ſie das Lied an: „Wir Beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein, Glückſelig ſein die Stunden, Wann wir beiſammen ſein.“ 218 Sie ſangen denſelben Vers wieder und immer wie⸗ der, wie der Fink auf dem Baum immer daſſelbe Lied ſchmettert; ſie haben nichts zu ſagen, als die eine glück⸗ ſelige Luſt. Oben vom See erſcholl jetzt die Kirchenglocke und die Töne wallten und floſſen dahin über den breiten Spiegel des Sees und hinan zu den Bergen und Wäldern. Vom Dorfe her kam ein Fuhrwerk und Walpurga ſagte:„Wir müſſen uns rüſten zur Kirche.“ Beide gingen in das Haus. Die Mutter hatte Hanſei ſchon ſein königliches Sonntagsgewand zurecht gelegt. Nach kurzer Weile hörten ſie Peitſchenknallen vom Gartenzaun her und eine Stimme rief:„Kommet bald!“ Hanſei fragte zum Fenſter hinaus:„Was giebt's?“ Auch Walpurga ſah aus dem niedrigen Kam⸗ merfenſter und verhüllte ſich mit einem großen Tuche. Von der Straße antwortete der Großknecht des Gems⸗ wirthes, der neben dem Fuhrwerk ſtand: „Mein Meiſter ſchickt Euch ſein Fuhrwerk, Ihr ſollet damit zur Kirche fahren.“ „Walpurga, willſt Du fahren?“ fragte Hanſei an der verſchloſſenen Kammerthür. „Nein, ich geh. Ich bitt' Dich, Hanſei, ſchick' das Fuhrwerk zurück; ich bin genug gefahren.“ Hanſei ging hinaus. Eben kam der Gemswirth, ſorgfältig gekleidet, ſeine Soldaten⸗Denkmünze blinkend auf der Bruſt. Hanſei ſagte dankend, daß ſeine Frau nicht fahren wolle, aber der Gemswirth ließ ſich nicht ſo ſchnell ab⸗ wendig machen; er wartete, bis Walpurga kam. Sie li und das! zum iſt ſie gericht kan, ſgte „M Hih und 3b videt tic n „Dos erſten Son den Einide wenn wiri biſt, zu eh „Durk fuhre nich Walyu war nohe hezwang lächelnder „bätt das Zufu Et luchte werk zuri aber mach zog ſeine den Schr in dn VPalpun bimahn d inmer pie⸗ daſſelbe Lied die eine glüc⸗ englocke und den breiten Bergen und hrwerk und zur Kirche.⸗ Mutter hatte wand zurecht itſchenknallen f:„Komnet, aus:„Was drigen Kam⸗ oßen Tuche. t des Gems⸗ hrwetk, Ihr te Hanſei an i, ſchich das Gemswirth, inze blinkend nicht fahren ſo ſchel dk⸗ a kam. 219 Sie ließ nicht lange auf ſich warten beim Anputzen, und das will viel heißen, denn ſie zeigte ſich ja heute zum Erſtenmal wieder und wußte, wie Aller Augen auf ſie gerichtet ſein werden. Als ſie nun ſchön geputzt kam, ſagte der Gemswirth: „Du mußt mir ſchon die Ehre anthun, daß ich Dich und Deinen Mann nach der Kirche fahre.“ „Ich bin noch gut zu Fuß und freue mich, einmal wieder tüchtig laufen zu dürfen.“ „Das kannſt Du ſchon noch, aber nicht an dieſem erſten Sonntag. Wir müßten uns ſchämen vor denen auf den Einöden da drüben und da auf der Windenreuthe, wenn wir ihnen nicht zeigen, daß wir eine Frau, wie Du biſt, zu ehren verſtehen. Wir ſind alle ſtolz auf Dich—“ „Danke, nehmt's ja recht nicht übel, aber ich fahre nicht.“ Walpurga ließ ſich nicht zureden. Der Gemswirth war nahe daran, ſcharf gegen ſie loszufahren, aber er bezwang ſich, denn das könnte Vielerlei zerſtören. Mit lächelnder Miene ſagte er: „Hätt' mir's denken ſollen; für die Vornehmen iſt das Zufußgehen ein beſonderer Leckerbiſſen, ja, ja!“ Er lachte über ſeine Geſcheidtheit und ſchickte das Fuhr⸗ werk zurück; er lächelte, bis er ſich umwendete, dann aber machte er ein grimmiges Geſicht. Er ging heim, zog ſeinen Rock mit der Denkmünze aus, hing ihn in den Schrank und wünſchte, daß er ſich ſelber heut ſo in den Schrank hängen könnte; wer weiß, ob die Walpurga ihm nicht den ganzen Spaß und die ſchöne Einnahme heut verdirbt. Walpurga ging mit ihrem Manne die Straße am See dahin, die Großmutter ſtand mit dem Kind am Zaun und ſchaute ihnen nach; ſie ſagte dem Kinde leiſe vor:„Mutter,“ das Kind rief plötzlich laut: „Mutter!“ Nochmals kehrte Walpurga um und wollte das Kind herzen, aber es verbarg ſich wieder vor ihr und ſchrie, als ſie es küſſen wollte. Hanſei ſtand grimmig dabei und holte mit der Hand aus gegen das Kind, aber Walpurga beruhigte ihn und ſagte:„Man muß warten!“ Es begann bereits zum zweitenmal zu läuten, man machte ſich raſch auf den Weg. Unterwegs ſchloſſen ſich Männer, Frauen und Kinder, die aus dem Dorfe und von Einzelhöfen auf die Straße kamen, den Beiden an. Hanſei hätte ſie gerne fortgejagt und ſagte einmal leiſe:„Ich möchte mit Dir allein gehen.“ „Sei geduldig,“ tröſtete Walpurga,„gönne es ihnen daß ſie Freude haben an unſerm Glück.“ Sie war von Grund aus herzlich und zutraulich mit Allen. Hanſei ſchaute über den See hin und an den Himmel hinauf, und dann wieder auf ſeine Frau, als wollte er ſagen: Seht, ſie iſt wieder da! Er lächelte, als er die mit⸗ wandelnden Kinder untereinander ſagen hörte:„Das iſt jetzt die fürnehmſte Bäuerin, die kommt gleich nach der Königin.“ Das ſogenannte Dritte, oder das Zuſammenläuten, das eine gute Viertelſtunde lang dauert, begann eben, als Hanſei und ſeine Frau an der Kirche anlangten. Auch hier ſtanden viele Gruppen, die ſie bewillkommten. Es war noch gute Zeit, hier einſtweilen zu plaudern. Wolputh nit ihn hi Wolpurh gewohnten So ſaßen der hirche ſißen ſil ſeiner Fral Keines von inks. Di nit Nenſch neben ihr, komnt ſeit Auge des Der P erige Heir Honſei und den Könic Familie in der Ki auf ihr r Die hinaus; 1 Gekommen Der ud Han iomnn. ml Ni zur Dem Struße an m Kind an dem Kinde özlich laut: und wollte der vor ihr anſei ſtand s gegen das agte:„Man äuten, man gs ſchloſſen dem Dorfe amen, den gejagt und lein gehen.“ mne es ihnen ie war von len. Hanſei mel hinau, te er ſagen: er die mit⸗ rte:„Das gleich nach mmenläuten, egann eben, e anlangten. willkommten. zu pladern. — Walpurga faßte die Hand ihres Mannes und ging mit ihm hinein in die Kirche. Sie waren die Erſten. Walpurga ſetzte ſich in die Frauenabtheilung auf ihren gewohnten Platz und Hanſei in die Männerabtheilung. So ſaßen ſie ſelbander und doch Jedes für ſich in der Kirche. Ueber ihnen läuteten die Glocken und ſie ſaßen ſtill in ſich gekehrt. Nur Einmal nickte Hanſei ſeiner Frau zu, ſie ſchüttelte abwehrend den Kopf. Keines von Beiden ſchaute mehr um, nicht rechts nicht links. Die Orgel erklang, und die Kirche füllte ſich mit Menſchen. Walpurga wußte, daß Dieſe und Jene neben ihr, aber ſie wollte hier von Niemand bewill⸗ kommt ſein und Niemand grüßen. Sie fühlte das Auge des Unſichtbaren auf ſich gerichtet. Der Pfarrer predigte von der Heimkehr in die ewige Heimath. Es war, als ob er heute nur für Hanſei und Walpurga predigte; er ſprach nur zu ihnen. Als nach dem Schluſſe der Predigt das Gebet für den König und die Königin und die ganze königliche Familie geſprochen wurde, war ein ſeltſames Wispern in der Kirche. Walpurga ſpürte, wie die Blicke Aller auf ihr ruhten, ſie ſchaute nicht auf⸗ Die Kirche war zu Ende, die Gemeinde ſtrömte hinaus; Walpurga wurde abermals von den ſpäter Gekommenen bewillkommt. Der Küſter kam mit der Botſchaft, Walpurga und Hanſei ſollten zum Pfarrer in die Sacriſtei kommen. Sie traten ein; der Geiſtliche hieß ſie noch⸗ mals willkommen, pries ihr Glück und mahnte ſie zur Demuth. 222 „Ja, ja,“ ſagte Hanſei,„meine Schwiegermutter hat uns faſt das Gleiche geſagt, wie der Herr Pfarrer.“ Der Pfarrer verſprach, ſie bald zu beſuchen, er ſei ſtol; darauf, ſolch eine Frau unter ſeinen Pfarr⸗ kindern zu haben. Hanſei fuhr mit der Hand da⸗ zwiſchen, als könnte er das Wort des Pfarrers mit der Hand ablehnen, er wollte zurückgeben:„Was nützen Eure Ermahnungen zur Demuth, wenn Ihr ſelbſt Einem ſolche Sachen ſagt?“ Der Pfarrer winkte ihm und fuhr fort:„Ich reiſe Woche nach der Reſidenz, und da mußt Du ſo gut ſein, Walpurga, mir ein Brieſchen an die Schn von Wildenort mit⸗ geben.“ „Von Herzen gern,“ erwiderte Walpurga. Draußen betrachtete Hanſei ſeine Frau von Kopf bis Fuß. Alſo der Pfarrer bittet um Fürſprache ſeiner Frau! Ja, eine prächtige Frau iſt's, daß ſie bei all' dem nicht verdorben wird. „O Hanſei,“ ſagte Walpurga plötzlich,„was iſt die Welt für ein Narrenſpiel! Da thun ſie Alles, um Einen ſtolz zu machen, und wenn man's nachher wäre, thäten ſie nichts als ſchimpfen.“ Hanſei hatte ein gutes Wort darauf zu erwidern, wie er das faſt auch ſo gedacht, aber es war nicht Zeit dazu, denn vom Berg herab kam der Schneider Schneck mit ſeiner großen Baßgeige. Das ſchmächtige Männchen ſah gar wunderlich aus mit dem großen Inſtrument auf dem Rücken. „Heidi! Da ſind ja die— der Schneider Schneck noch am Wieſenweg und rannte uf ie Hord. „Pes i „Huut ſ m „Shhede daron? Nich vitth th beſtelb du heing der Oherfir Stunden we dunm, doß da gleich au „Da ha Mann.„De es anginge, ſpannen zu zjehn zum „Geh Hanſei zu duldete ers wolte mit theil un ih „Jett! Steinhaufe miß es gen Valyu Hanſii, w der Gensn viegerntter rt Pſare.⸗ eſuchen, et inen Pfarr⸗ Hand de⸗ furrers mit n„Was wenn Ihr rret winkte he nach der Walpurge, denort mit⸗ . von Kopf ache ſeiner ſie bei al' „„was iſt Alles, um chher wäre, erwidern, war nicht Schneider ſchmächtige em großen ief der nd wnnte ſchnell auf die Straße, und gab Hanſei und Walpurga die Hand. „Was iſt? Was haſt Du denn?“ „Heut ſpiel' ich Euch auf!“ „Uns? Wer hat Dich denn beſtellt?“ „Schade, daß das meine Frau nicht mehr erlebt hat. Die thät ſich freuen! Wißt Ihr denn nichts davon? Mich und noch ſechs Muſikanten hat der Gems⸗ wirth beſtellt, heut' wird das große Feſt gefeiert, weil Du heimgekommen biſt, Walpurga. Der Förſter und der Oberförſter und das ganze Landgericht und ſechs Stunden weit im Umkreis iſt Alles eingeladen. Es iſt dumm, daß ich nur die Baßgeige habe, ſonſt thäte ich da gleich auf der Straße Eins aufſpielen.“ „Da haſt Du's,“ ſagte Walpurga leiſe zu ihrem Mann.„Der Gemswirth macht aus Allem Geld. Wenn es anginge, er ließe mir Violinſaiten über den Buckel ſpannen zum Geigen und Dir ließ' er die Haut ab⸗ ziehn zum Trommeln!“ „Geh voran, wir kommen ſchon nach,“ ſagte Hanſei zum Schneider Schneck. Auf dem Heimwege duldete er's nicht, daß Andere ſich ihm anſchloſſen; er wollte mit ſeiner Frau allein ſein, kein Menſch hat An⸗ theil an ihr, ſie gehört ihm ganz allein. „Jetzt wird's bald ein Jahr, daß wir da auf dem Steinhaufen geſeſſen haben, weißt noch? Da herum muß es geweſen ſein,“ rief Hanſei mit fröhlicher Stimme. Walpurga gab keine rechte Antwort. Sie erklärte Hanſei, was für eine dumme Geſchichte das ſei, daß der Gemswirth aus ihrer Heimkehr ein Feſt mache; ſie ginge aber mit keinem Schritt ins Wirthshaus zur Muſik. Hanſei hatte die Luſtbarkeit gar nicht ſo uneben gefunden, im Gegentheil, er freute ſich ſchon, mit ſeiner Frau ſo mitten drin zu ſitzen und Alle ſcher⸗ wenzeln um ihn herum; ſo etwas kriegt der Gruber⸗ ſepp mit all' ſeinem Geld doch nicht. Es war eine große Ueberwindung, als er zuletzt ſagte: „Wie Du willſt; Du mußt am beſten wiſſen, ob ſich's für Dich ſchickt.“ Bald nach der Mittagskirche begann ein Fahren, Reiten und Laufen durchs Dorf, und vom Wirthshaus herab erſcholl Muſik, die Baßgeige des Schneider Schneck brummte gewaltig. „Wenn ich mich nur wohin verkriechen könnte,“ klagte Walpurga. „Da iſt leicht geholfen,“ jubelte Hanſei.„Recht ſo, wir Beide gehen allein miteinander.“ Er ging durch die Hinterthür in den Grasgarten und löſte den Kahn vom Pfloct. Als die Kette über Bord raſſelte, ſagte Walpurga, die Hand auf die Bruſt legend: „Du thuſt mir die Kette vom Herzen.“ Sie ſtiegen in den Kahn und fuhren hinaus in den See. Wie ein Pfeil ſchoß der ſchlanke Kahn dahin über die glatte Waſſerfläche. „Der Pfarrer hat ja auch kommen wollen,“ ſagte Walpurga, als ſie ſchon eine gute Strecke weg waren. „Der kann wiederkommen, der bleibt im Drt,“ meinte Hanſei.„Jetzt fahren wir wieder ganz allein miteina worden Au Monne hoben 1 die ſe h ſenmten und der nichts zu und der As ſie vom! bande eine „Gottl Sie fi an, ſtiege hinan. S kein Port „Val mein, D heraus“ „Nein „Und „Alſo „Gern „Vir „Vir 6 „Va Auerh thshaus zur t ſo Uneben ſchon, nit d Alle ſcher⸗ der Gruber⸗ s war eine wiſſen, ob ein Fahren, Wirthshaus eider Schneck en könnte,“ nſei.„Recht n Grosgarten ie Kette übet ond auf die . n hinaus in e Kahn dahin wolen,“ ſogte e weg woren. ibt in Drt,“ er ganz llein — 225 miteinander, wie damals, wo der Verſpruch gehalten worden iſt.“ Auch Walpurga faßte die Ruder. Sie ſaß ihrem Manne gegenüber, Aug' im Auge, die vier Ruder hoben und ſenkten ſich, als wär's eine einzige Hand, die ſie bewegte. Die Beiden ſprachen kein Wort; ſie ſtemmten ſich vor- und rückwärts im gleichen Takt, und der Ruderſchlag war nur Einer. Sie hatten ſich nichts zu ſagen, ſie ſchauten nur fröhlich einander an, und der gleiche Ruderſchlag ſagte Alles. Als ſie in die Mitte des Sees gekommen, hörten ſie vom Ufer laute Muſik und ſahen mit der Muſik⸗ bande eine große Menſchenmenge an ihrem Hauſe. „Gottlob, daß wir davon ſind,“ ſagte Hanſei. Sie fuhren weiter und weiter, drüben legten ſie an, ſtiegen aus und gingen Hand in Hand den Berg hinan. Sie ſaßen lange auf einer Anhöhe und redeten kein Wort. Endlich begann Hanſei: „Walpurga, ich mein'— ſag' mir's ehrlich, ich mein', Du wirſt nicht gern Gemswirthin? Sag's frei heraus!“ „Nein, aber wenn Du's durchaus willſt—“ „Ich will nichts, was Dir nicht recht iſt.“ „Und ich auch.“ „Alſo laſſen wir den Gemswirth ſpringen?“ „Gern!“ „Wir können warten.“ „Wir bleiben einſtweilen, was wir ſind.“ „Es wird ſich ſchon ein guter Schick finden.“ „Das Geld wird nicht altbacken.“ Auerbach, Auf der Höhe. 1I. 1 S 226 „Und Du auch nicht! Ich hab' eine friſchbackene Frau. Juchhe! Juchhe!“ Fröhlich ſangen die Beiden, wie wenn ihnen eine Laſt abgenommen wäre, die ſie ſich ſelbſt aufgebürdet hatten. „Die Leute können über mich ſpotten, wie ſie wollen, wenn wir nur zuſammen ſind in Ehren,“ begann Hanſei wieder. „Ich werde Dir das nie vergeſſen, Hanſei. Schau, es kommt noch was—“ „Es ſoll gar nichts mehr kommen, es ſoll nur Alles dableiben.“ Sie ſaßen lang auf der Anhöhe im Walde, und Walpurga rief: „O, wie ſchön iſt's doch auf der Welt! Wenn wir nur ewig ſo bei einander bleiben könnten! Es giebt doch nichts Schöneres, als ſo durch das grüne Laub und die grauen Stämme hinab auf den See zu ſchauen. Da ſind zwei Himmel, einer oben und einer unten! Hanſei, wir haben auch zwei Himmel, und ich mein', der hier unten wäre noch ſchöner.“ „Ja, aber die Freude macht mir Hunger und Durſt; ich muß was in den Magen haben.“ Sie gingen hinab ins nächſte Dorf. Es lag ſtill und öde, nur da und dort ſaßen Leute vor den Thüren und plauderten und gähnten im heißen Mittag; Wal⸗ purga aber ſagte: „O Hanſei, wie iſt Alles ſo ſchön! Sieh' einmal den Schubkarren dort, und das aufgeſchichtete Holz, und das Haus— ich weiß nicht, mit mir geht Alles herum und es iſt mir, wie wenn mich Alles anlachen möcht'.“ ſoß gewart Juch la rochte et ſchnecte de Sie gin uderten ſi Mbendthau entemte V Wulpur ſie hielt di „Dort und da iſt ſo iſt—“ Sie ko Juthe vr ie Perg niſe; ſe ſige: Freil Unſer Ri Uurg, Mes ſo ftiſchbackene nen eine Laſt ürd et hatten ie ſie n ule, n,“ begun ſei. Scha, Walde, und Wenn wir Es giebt grüne Loub e zu ſchauen⸗ einet unten! nd ich mein, r und Durſt; E log ſtil. den Thüren ſittag; Wab Sich einnal ete Holz, und tAles herun achen nöcht.“ 227 „Komm', Du mußt auch was eſſen und trinken, Du biſt ja wie aus der Welt draußen.“ In der Wirthsſtube trafen ſie Niemand, als eine Unzahl Fliegen. „Die haben viele Gäſte, ſie zahlen aber nichts“— ſagte Hanſei, und ſo unbedeutend das Wort war, die Beiden lachten aus vollem Halſe; die Freude lachte eben aus ihnen heraus und hatte nur auf einen An— ſtoß gewartet. Nach langem Rufen kam endlich die Wirthin und brachte etwas ſauren Wein und altes Brod; aber es ſchmeckte den Beiden gut. Sie gingen wieder davon, und als es Abend wurde, ruderten ſie noch lange auf dem See herum. Der ſenkte ſich nieder und Hanſei ſagte, auf 6 entfernte Waldblöße deutend:„Das iſt unſere Wieſe.“ Walpurga ſchien in ganz anderen Gedanken, denn ſie hielt die Ruder an und rief: „Dort das kleine Häuschen, da ſind wir daheim, und da 3 unſer Kind— ich weiß nicht, wie das ſp iſt— Sie konnte nicht weiter ausdrücken, wie ihr zu Muthe war, als ob ſie immer über den See und über die Berge mit Allem, was ſie hat, fliegen und ſchweben müſſe; ſie ſchaute nur Hanſei groß an, bis dieſer ſagte: „Freilich iſt das unſer Häuschen, und drin ſind unſere Kühe und Tiſche und Stühle und Betten.„Wal⸗ purga, Du biſt ein närriſch Ding geworden, Dir iſt Alles ſo fremd.“ — 228 „Haſt Recht, Hanſei; hab' nur Geduld mit mir, ich konm⸗ eben zu Allem erſt wieder heim.“ Es hatte ſie bei den erſten Worten Hanſeis faſt kränken wollen, daß er ſo trocken und kalt war und gar nicht verſtand, wie hoch hinaus ſie getragen war; aber ſchnell faßte ſie ſich wieder und erkannte, wie ſie in der That ſeltſam geworden, und das nicht hierher gehört. Sie kehrten heim und ſchlichen durch die Hinterthür in ihr eigenes Haus; ſie fanden Alles wohlgeordnet und in guter Ruh. Sie wollten nichts von der Freude und den Menſchen draußen, ſie hatten genug an ſich. Sechstes Capitel. Sind denn das nicht dieſelben Menſchen im Dorfe, die zu Weihnachten, als die Kleider für Hanſei und die Mutter aus der Reſidenz ankamen, ſo ſchmähliches Gerede verführten? Sind das auf einmal lauter gute, liebreiche Seelen geworden? Anfangs ſchien es in der That, daß ſie ſich zum Edelſten, was es giebt, zur reinen Mitfreude, erhoben hätten. Nun aber— wenn es eine Wetterfahne gäbe fur die Stimmung der Menſchen, ſie hätte ſich ſchnell um⸗ gedreht. Der Vorgang war natürlich. Es giebt wenig Luſtbarkeiten mehr im Dorfe, die hohe Kirchen- und Staatspolizei hat da arg gewirth⸗ .. dh und 3 auch ſur geholt werde Mn wa Gruberſeppo ju den lätm un Rittag die Kleinbe Fiſcer, fü nichts und! ſiht dos nie Ab obe und der Hat Lundrichter Unwälzung Einholung waren, üb Poſſen mar ſielen könn konnte den jmageln, d überaus erf die Anneſen uheimlich. hus ud nichts, ge lzujjehen Vend dung war und agen war; e, wie ſie ht hierher Hinterthür hlgeordnet der Freude g an ſich. onſei und chmähl hliches auter gute, ſich zum 229 ſchaftet. Es war daher nichts Geringes, daß das hohe Landgericht zu Ehren der Prinzenamme Muſik und Tanz mitten im Sommer erlaubte; denn zu Allem, auch zur Muſik, muß obrigkeitliche Bewilligung ein⸗ geholt werden. Nun war Alles voll Fröhlichkeit, natürlich der Gruberſepp ausgenommen; er machte ein ſaures Geſicht zu dem lärmenden Getreibe und ging, nachdem er ſich am Mittag gut ausgeſchlafen hatte, auf ſeine Felder. Die Kleinbauern und Holzhauer, die Schiffer und Fiſcher, für ſolche paßt ein Gejohle und Gethue um nichts und wieder nichts, einen ernſten ſchweren Bauer ficht das nicht an. Als aber Walpurga mit Hanſei davongegangen und der Hauptſpaß verdorben war, als ſogar der Herr Landrichter ſagte, das ſei unverſchämt— da trat eine Umwälzung in den Gemüthern ein, und Viele, die zur Einholung der Geehrten an der Gſtadelhütte beim See waren, überlegten jetzt miteinander, was für einen Poſſen man dem Hanſei und ſeiner hoffärtigen Frau ſpielen könne. Es ließ ſich Mancherlei ausdenken: man konnte den Kühen die Schwänze abſchneiden, die Thüren zunageln, die Fenſter einwerfen; die Menſchen waren überaus erfinderiſch in allerlei ſchnöden Poſſen, aber die Anweſenheit des Herrn Landrichters war dabei doch unheimlich. Der Trupp ging daher zurück ins Wirths⸗ haus und erluſtigte ſich daran, tapfer gegen den Gar⸗ nichts, gegen den Ammerich und ſeine einfältige Frau loszuziehen. Allmälig trat indeß wieder eine andere auch eine Freude. 8 Wendung ein. Schadenfreude iſt 230 Man gönnte es dem Gemswirth, daß ihm die Luſt⸗ barkeit und die gute Zeche verdorben war, denn die Herrenleute fuhren bald davon und ließen ihm Braten und Kuchen auf dem Hals, daß er acht Tage lang davon knappern konnte. In der Küche weinte die Gemswirthin vor Zorn und Aerger, den ſie am liebſten gegen ihren Mann losgelaſſen hätte. Nun ging's hin und het, und es war eine rechte Luſtbarkeit, den Gemswirth aufzuziehen und ihn zu ermahnen, den Verluſt des heutigen Tages noch auf den Hauskauf zu ſchlagen. „Ich verkauf' gar nicht mehr,“ ſagte der Gems⸗ wirth,„ſolche Leute dürfen mir nicht mehr in mein Haus.“ Als Walpurga am Montag früh erwachte, war Hanſei nicht da. Die Arbeitswoche beginnt; er war ſchon vor Tag mit der Senſe auf ſeiner Bergwieſe und mähte das thauduftige Gras nieder. Die Arbeit ging mit ſolcher Freude, Luſt und Ruhe, als wenn ihm eine unſichtbare Kraft helfend die Hand führte. Als die Morgenſuppe bereit war und Walpurga überall nach ihrem Mann geſucht, hinter dem Hauſe und über den See hinausgejodelt hatte, um ihn heimzurufen, ſie glaubte, er ſei zum Fiſchen hinausgefahren, da ging ſie nochmals in den Vorgarten und ſchaute auf den Kirſchbaum, vielleicht iſt er da oben, obgleich das immerwährende Kirſchenbrocken zu viel und nicht recht wäre. In demſelben Augenblick kam Hanſei mit ſeiner Senſe, die in der Morgenſonne glänzte, den Berg herab. Walpurga winkte ihm, er kam ſchneller und berichtéte, Frihſic geſcuft ſ Fral ud nes heri, aler wch ine vn D bontng ha und Vieſen ſchaffen kön Man ſ ein Magd eigenes Bier Ackel eingeg wirth ließe Hunſei ihn auch di noch ſchuldi er dieſe Bot doh auch e „Und ſ „man hat i an den Unr an den er Hanſei ſeidel mit ler, wer eseit kei die Aſt⸗ denn die hm u Braten Taoe Lage lang ging's hin fo eil, den men, den Hauskauf ſchte, war ;er war Bergwieſe als wenn nd führte. gd überall und über inzurufen, ahren, da choute au ich dos nicht recht nit ſeiner Berg hetab. d berichtete, 0 0 was er bereits vollbracht.„Ah,“ ſagte er, ſich am Frühſtückstiſch ausſtreckend,„das thut gut; ſchon was geſchafft zu haben und dann heimkommen, und da iſt Frau und Kind und Mutter, und die haben was War⸗ mes bereit,— ah, das ſchmeckt! Der Sonntag iſt ſchön, aber noch ſchöner iſt der Werktag. Ich möchte nicht eine von Deinen Herrſchaften ſein, die das ganze Jahr Sonntag haben. Wenn ich nur recht viele Aecker hätt' und Wieſen und Wald, daß ich immer im Eigenen ſchaffen könnte!“ „Will's Gott, kriegen wir die,“ erwiderte Walpurga. Man ſaß wohlgemuth beiſammen und Alle waren ins Herz hinein froh und das Kind jauchzte. Da kam eine Magd des Gemswirths und brachte Hanſei ſein eigenes Bierſeidel, worin ſein Name auf dem zinnernen Deckel eingegraben war, mit dem Bedeuten, der Gems⸗ wirth ließe ſich für künftighin ſeinen Beſuch verbitten. Hanſei ließ dem Gemswirth zurückſagen, er möge ihm auch die zweihundert Gulden ſchicken, die er ihm noch ſchuldig ſei. Er that's eigentlich nicht gern, daß er dieſe Botſchaft durch die Magd gab, aber er mußte doch auch einen Trumpf draufſetzen. „Und ſag' ihm noch,“ rief er der Magd nach, „man hat ihn ſchon lang gewarnt, er kommt einmal an den Unrechten. Sag' ihm nur, ich ſei der Unrechte, an den er gekommen iſt.“ Hanſei konnte doch nicht umhin, das leere Bier⸗ ſeidel mit Wehmuth zu betrachten. Das bleibt nun leer, wer weiß, wie lang, vielleicht auf ewig, und 5 D es iſt keine Kleinigkeit, im Dorfe vom Wirthshaus 232 ausgeſchloſſen zu ſein, es iſt faſt ſo hart, wie in einer kleinen Reſidenz, wo der Fürſt Gaſtereien giebt, nicht hoffähig zu ſein. Es iſt friſch angeſtochen! wird's heißen, Es iſt ein Weinkauf! Es ſind unterhaltſame Fremde da... Vom Beſten, was nun im Dorfe vor⸗ geht, hat er nichts mehr. Betrübt ſchaute Hanſei auf ſein Deckelglas und ſpürte ſchon jetzt all den Durſt, den er ins Künftige nicht wird löſchen können. Es dauerte nicht lange, da kamen Holzſchläger, bevor ſie in den Wald gingen, zu Hanſei und erzählten ihm voll Mitleid, was Alles geſtern über ihn und ſeine Frau geſprochen worden. Sie ſchimpften weidlich auf die Leute, die dem Gemswirth zu Gefallen einen braven Mann, dem man doch nichts nachſagen kann, ſo ver⸗ unehrten. „Schadet nichts,“ erwiderte Hanſei,„im Gegentheil, man wird geſcheidter, wenn man ſieht, was die Men⸗ ſchen herausſprudeln, wenn man ihnen die Zunge hebt.“ „Und die Jägdler, Deine Kameraden, haben ge⸗ ſagt, ſie hätten Dich immer nur zum Narren mitlaufen laſſen.“ „Meinetwegen. Ich will ihnen ſchon zeigen, daß ich bei ihnen geſcheidt worden bin.“ „Hat denn gar Niemand gut von uns geſprochen?“ fragte Walpurga. „Doch, doch,“ erwiderte der Spinnerwaſtl, der es mit Hanſei gut meinte, aber es auch mit dem Gaſt⸗ wirth nicht zu verderben wagte,„der Doktor, das iſt ein Herzfreund von Euch; der hat geſagt, rechtſchaffen Recht hat die Walpurga gethan, das iſt noch ihr eched veſe hald nit ſine Mun erna e zühlten, we ſhen ln nit ſi w ſlbe 6 linne ihn würde, und k ſuen, deß ſei hnſi nit hirſchte er vo Ame und ho jttt gleich den werfen, duß e ſagte:„Pir t nichts anthun. „Haſt Du hauet. Sie „Nein, i mß auf: Die un hinein ſchin mp der Pettehnan Trunt ziett Det Syin ſprechen, er gegeben hätt Hanſeiſ glas. Gndl in einer giebt, nicht en! witds terhaltſame Dorfe vor⸗ Hanſei auf den Durſt, nen braven n, ſo ver⸗ egentheil, s die Men⸗ unge hebt.“ haben ge⸗ nmitlaufen igen, daß ternhon2 ſprochen?“ ſtl, der es dem Gaſt⸗ or, dos iſt rechtſchafen t noch ihr geſcheidteſter Streich.— Und er hat geſagt, er kommt bald mit ſeiner Frau expreß, um Dich zu begrüßen.“ Nun ermahnten die Holzhauer Hanſei noch und erzählten, wie auch Andere mit einſtimmten: Es ſei ſchon lang nichts mehr mit der alten Wirthſchaft, er ſolle doch ſelber um die Wirthsgerechtigkeit einkommen; es könne ihm ja gar nicht fehlen, daß ſie ihm gewährt würde, und dann könne er den Gemswirth trocken⸗ legen, daß ſeinen Fäſſern die Reifen abſpringen. Hanſei nickte fröhlich.„Wart du, dich wollen wir!“ knirſchte er vor ſich hin, ballte die Fäuſte, ſtreckte die Arme und hob ſich in den Schultern, als wollte er jetzt gleich den Gemswirth mit einem Schlag zu Boden werfen, daß er das Aufſtehen vergeſſe. Aber Walpurga ſagte:„Wir thun Niemand was, laſſen uns aber auch nichts anthun.“ „Haſt Du nichts zum Trinken?“ fragten die Holz⸗ hauer. Sie wollten doch auch einen Lohn für ihre Nachrichten. „Nein, ich hab' nichts,“ ſchloß Hanſei,„und ich muß auf meine Wieſe, Heu wenden.“ Die Männer gingen davon, und bis weit in die Berge hinein ſchimpften ſie nun auf Hanſei:„So iſt's, wenn der Bettelmann auf den Gaul kommt; nicht einmal einen Trunk giebt er, wenn man ihm Nachrichten bringt.“ Der Spinnerwaſtl hatte nicht den Muth, zu wider⸗ ſprechen, er wußte, daß Hanſei ihm wohl gern etwas gegeben hätte, aber nicht den Anderen. Hanſei ſtarrte noch lange auf ſein verwaiſtes Deckel⸗ glas. Endlich ſagte er: 234 „Meinetwegen. Ich hab' allein mit Dir auf der Welt ſein wollen, Jetzt ſind wir's. Ich brauch' gar nichts von der Welt.“ Der Gemswirth it noch nicht die Welt,“ tröſtete Walpurga. Hanſei ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen, eine Frau kann nicht verſtehen, was es heißt, vom Wirthshaus ausgeſchloſſen zu ſein, wie ein Trunk⸗ ſüchtiger, dem es von Gerichtswegen verboten iſt. „Er kann mir's eigentlich gar nicht verbieten,“ pol⸗ terte er,„ich weiß auch, was Rechtens iſt; ein Wirth muß jedem Gaſt einſchänken, der kommt; aber ich thu' ihm die Ehre nicht an, ich geh' gar nicht mehr zu ihm.“ Walpurga ging mit ihren Gedanken den Holzhauern nach, ſie ahnte, wie ſie bös reden. „Wir hätten den Holzhauern doch was geben ſollen, ſie ſchimpfen jetzt gewiß auf uns.“ „Man kann nicht allen Leuten die Mäuler ſtopfen,“ erwiderte Hanſei.„Laß ſie ſchimpfen. Und fang' jetzt nur nicht mit Reumüthigſein an. Jetzt müſſen wir feſt hinſtehen. Was gemäht iſt, iſt gemäht.“ Mit ver⸗ ändertem Tone fuhr er fort: „Wenn wir uns tapfer dazu halten und fleißig wenden, an dem Berg brennt die Sonne ſo gut, da können wir noch heute Abend Heu einführen. Es iſt heute ein Wetter, das Gras wird Einem unter der Senſe zu Heu. Aber es braut etwas im See, wir können im Handumdrehen ander Wetter kriegen und ich möcht' mein Heu gern trocken unter Dach bringen. Willſt Du mit hinaus?“ Wn u Muttet r vol wnnen ſir d derte uh de Luhun ſihr m N Eſſen j. Det Hu wr, ging 0 lreits ugeſ Nuch den ſcha „Duß ich wenn ich innal. wohn das Ki fihrte den S fonnte es We war glücſelig tragen. Eim an, aber es weiter. Auf der Rlatze, nom dr Hund wo Frnen arbeit u, ſie ſolle auch. mi wbeitete nu „Die Wi inn. er ſagen, ieten,“ pol⸗ ein Virth ehr zu ihm.“ Holzhauern geben ſollen, ler ſtopfen,“ id fang jett iſſen wir feſt Nit ver⸗ und fleißig ſo gut, da kriegen und och bringen. Walpurga war mit Freuden bereit. Aber auch die Mutter wollte mit, und nun wurde zu Eſſen mitge⸗ nommen für den Mittag, und die ganze Familie wan— derte nach der Bergwieſe. Hanſei trug das Kind, Walpurga führte den Schubkarren und die Großmutter trug das Eſſen im Handkorb. So wanderten ſie da⸗ hin. Der Hund, der ungeheißen auch mitgegangen war, ging von Einem zum Andern. Der Thau war bereits aufgeſogen von Feld und Wieſe, ſie gingen durch den ſchattigen Wald. „Daß ich den Schubkarren führe, iſt mir lieber, als wenn ich in der Kutſche fahre,“ ſagte Walpurga einmal. Als es bergan ging, wechſelte man, die Großmutter nahm das Kind, Walpurga das Eſſen und Hanſei führte den Schubkarren. Erſt als das Kind ſchlief, konnte es Walpurga auf den Arm nehmen, und ſie war glückſelig, ihr Kind durch den grünen Wald zu tragen. Einmal ſchlug es die Augen auf und ſah ſie an, aber es ſchloß die Augen ſchnell wieder und ſchlief weiter. Auf der Wieſe wurde das Kind an einem ſchattigen Platze, wo man es immer im Auge hatte, niedergelegt, der Hund wachte bei ihm. Hanſei und die beiden Frauen arbeiteten nun emſig. Hanſei rief Walpurga zu, ſie ſolle nicht ſo ſchnell wenden, ſie werde ſonſt auch bald müde, ſie ſei es ja nicht mehr gewohnt. Sie arbeitete nun gemächlicher. „Die Wieſe iſt von Deinem Geld,“ ſagte er einmal. 236 „Sag' das nicht, verſprich mir, daß Du das nie mehr ſagſt. Gelt, Du ſagſt ſo was nie mehr?“ „Nein, ich verſprech' Dir's.“ Es wurde heiß bei der Arbeit und Walpurga ſagte einmal, als ſie Hanſei wieder nahe kam: „Die Sonne, die das Gras trocknet, treibt uns die Schweißtropfen aus. Auf der Sommerburg wird auch jede Woche Gras gemäht, ſie laſſen es da nie hoch werden und halten darauf, daß im Gras gar keine Blumen ſind; es ſoll aber kein gutes Futter ſein.“ „Du haſt viele Gedanken,“ erwiderte Hanſei,„biſt Du noch nicht müde?“ „O nein, ich bin lang ausgeruht, und weißt Du, was mich am meiſten freut? Schau, das:“ Sie zeigte eine ſich bildende Schwiele in der Hand. Vom Thale herauf läutete es elf Uhr, das war das Zeichen, ſich ans Mittageſſen zu machen. Hanſei holte ſchnell Holz aus dem Walde zuſammen, es wurde ein. luſtiges Feuer angezündet, ſo daß das Kind immer jauchzte und die Großmutter es nur mit aller Kraft auf ihrem Schooß halten konnte; man wärmte die Suppe, und Hanſei rauchte derweil ſeine Pfeife. Die drei aßen auf dem Boden ſitend gemeinſam aus einer Schüſſel, und endlich ſtreckte ſich Hanſei aus und ſagte: „Ich will eine Viertelſtunde ſchlafen.“ Auch Walpurga legte ihr Haupt auf den Boden, nur die Mutter wachte mit dem Kinde. Hanſei ſchlief nicht lang. Er machte ein fröhliches Geſicht, als er ſeine Frau neben ſich auf dem Boden ſhloſen ſih nicht weän. geitt un un die Goß 6* 6 hale 2i uua er Uunderbat du ju ihe Ager hindchen ſpie us ſinen hingerutſcht. zu athmen un nicht zu verſch ſi hielt noch niſſe ihr zerſ hind heſtiger, hind, es ließ die Rniee un Sie ſpran beiden Hände Mutter das nit den Arm „Jst thr e Mutter, hihn zij S P *0, Burgei, „Seh ſe ch Vahun ſhnt inn nict mh i Su das nie nehr 9 r, das war hen. — inſam aus ſei aus und den Boden, ein fröhliches dem Boden 237 ſchlafen ſah; er winkte der Mutter, ſie ſollte Walpurga nicht wecken. Das Kind wurde wieder in ſeinen Korb geſetzt neben die Mutter, die ruhig weiterſchlief, Hanſei und die Großmutter arbeiteten nun unten an der Berg⸗ halde. Die Sonne warf ſchon ſchräge Strahlen, als Walpurga erwachte. Es rührte ſie etwas an, das ſie wunderbar durchzuckte; ſie ſchlug die Augen auf und in ihre Augen leuchteten die ihres Kindes und ſeine Händchen ſpielten auf ihrer Wange. Das Kind war aus ſeinem Korbe herausgekrochen und zur Mutter hingerutſcht. Walpurga hielt ſich ſtill, ſie wagte kaum zu athmen und ſchloß die Augen wieder, um das Kind nicht zu verſcheuchen.„Mutter!“ rief jetzt das Kind; ſie hielt noch immer an ſich, ſie glaubte, das Herz müſſe ihr zerſpringen.„Mutter! Mutter!“ rief das Kind heſtiger⸗ und jetzt erhob ſie ſich und herzte das Kind, es ließ ſie gewähren. Vor Freude ſank ſie in die Kniee und hielt das Kind hoch, es lachte. Sie ſprang wieder auf, hielt das Kind empor in beiden Händen, eilte zu den Ihrigen und rief:„Hanſei! Mutter! das Kind iſt mein!“ Und das Kind hielt ſie mit den Armen feſt umſchlungen. „Jetzt thu' gemach in Deiner Freude,“ ermahnte die Mutter,„Du kannſt das Kind verwöhnen, wenn Du ihm zeigſt, daß Dir ſo viel an ſeiner Liebe liegt. So, Burgei, jetzt iſt's genug,“ ſagte ſie zu der Kleinen. „Setz ſie ab, Walpurga und ſchaff' weiter mit uns.“ that wie ihre Mutter befahl, aber ſie ſchaute immer hinüber nach dem Kinde; es wendete ſich nicht nach ihr, es ſpielte mit dem Hunde, der ſich zu 238 ihm geſellt hatte. Jetzt kollerte es von dem Heuhaufen herab. Walpurga ſchrie laut auf, aber die Mutter rief:„Laß es in Ruh'!“ Das Kind hob lachend das Köpfchen, rutſchte vergnüglich weiter bis zur Groß⸗ mutter, dann ſchaute es hinüber zur Mutter. Das Heu war dürr, Hanſei eilte nach Hauſe, um die Kühe anzuſpannen und die Fuhre heimzubringen. Man mußte, um zum Wagen zu gelangen, der nur auf der Straße halten konnte, das Heu weit hinab⸗ tragen auf einen großen Haufen. Walpurga ſagte, daß ſie lang genug geſchlafen und auch lang genug nichts gearbeitet habe; ſie ließ die Großmutter nur wenig bei dieſer Arbeit helfen. Hanſei kam, es wurde aufgeladen, Großmutter, Mutter und Kind ſaßen auf dem hohen Heuwagen, auch Hanſei ſetzte ſich zuletzt hinauf. Es war ſchon Abend, der See begann bereits ſich dunkler zu färben, und nur manchmal ſah man weißblaue Lichter auf ihm ſpielen. „Jetzt können die Menſchen reden, was ſie wollen,“ ſagte Walpurga,„wir ſitzen da oben, hoch über Allen!“ Die Mutter und Hanſei ſahen einander an und dieſer Blick ſagte: Es iſt doch wunderlich, wie die Walpurga aus Allem ſo beſondere Gedanken hat. Bald war es ſtill in dem kleinen Häuschen am See. Alles ſchlief arbeitsmüde und glücklich, und das ganze Haus war durchduftet vom friſchen Heu. pi lute i do inder Noc Wolb den Hir 6euitr it irliſt wurde ſorgen den K 9 hun „Si Siehſt D Utter iſ unge herein iſt.“ „Ju,“ ent Ti 0 was fi Es hörte zu ngnen und len des Sees ſih kletſchend 3 Duch dri . ideckte Mes ſg licſe im nte ſie Palpurga un nuf du bwmmenz auf u dſog A ieh ab Buri und n Heuhaufen die Muttet lachend das zut Groß⸗ e Hauſe, un nzubringen. t, der nur weit hinab⸗ urga ſagte, lang genug mutter mur Großmutter, Heuwagen, war ſchon zu füben, Lichter auf ſie wollen,“ über Alen!“ e n und wie die — äuse schen am ch, und dus Hel. Siebentes Capitel. Die Leute in der Gſtadelhütte merkten nichts davon, daß in der Nacht der Staub auf der Straße aufwirbelte, Wolken den Himmel überzogen und endlich ein mächtiges Gewitter losbrach, das bald von einem ſtarken Regen abgelöſt wurde. Es regnete noch, als Hanſei am Morgen den Kopf zum Fenſter hinausſtreckte, und dann zu Walpurga gewendet ſagte: „Siehſt Du, daß ich Recht gehabt geſtern? Das Wetter iſt umgeſchlagen, gottlob, daß unſer Heu trocken herein iſt.“ „Ja,“ entgegnete Walpurga,„das war geſtern ein o was für ein Tag, nichts als Tag!“ s hörte vom Morgen bis zum Abend nicht auf zu regnen und dazu wehte ein ſcharfer Wind, die Wel⸗ len des Sees gingen hoch und rauſchten und brachen ſich klatſchend am Ufer. „Wie gut iſt's doch, ein Haus zu haben mit einem Dach drüber,“ ſagte Walpurga. Hanſei ſchaute ſie wieder verwundert an: Walpurga entdeckte Alles auf der Welt noch einmal. Aber jetzt war ſie glückſelig mit ihrem Kind, das feſt an ihr hing; es nannte ſie Mutter und die Großmutter„Mamme.“ Walpurga ſtand mit dem Kind unter der Stallthür und warf den Finken, die heute keine Nahrung fanden, Brodkrumen zu; die Finken nahmen die Brodkrumen auf und flogen damit hinweg zu ihren Jungen. „Die haben auch Kinder daheim,“ ſagte ſie zu ihrer Burgei, und plötzlich unterbrach ſie ſich:„Burgei, wir 240 ſind miteinander in der Sonne geweſen, jetzt wollen wir auch mit einander im Regen ſein.“ Sie ſprang mit dem Kinde hinaus in den warmen Regen, dann wieder herein in den Stall. Sie trocknete ſich und das Kind und ſagte:„Gelt, das iſt ſchön geweſen? und jetzt regnet's auch draußen auf unſere Wieſe, und da wächſt wieder neues Gras, und mein Kind muß auch wachſen, und wenn wir das Grummet einthun, kannſt Du ſchon laufen.“ Walpurga wußte vor Freude gar nicht, was ſie anfangen ſollte, da ihr das Kind gegeben war; auch das Kind war glückſelig, wie noch nie. Dieſe junge Mutter ſpielte doch noch heiterer als die Mamme, und ihr Lachen war ſo hell und ſie zählte ſeine Finger ab und freute ſich mit jedem Gelenke und erneute alle jene wunderſamen Kinderſpiele, die die überſprudelnde Mutterliebe erfunden. Den ganzen Tag genoß Walpurga keine Speiſe, ſie ſchmeckte nur ſo viel davon, als ſie von dem Brei hatte, den ſie löffelweiſe im Munde probirte, bevor ſie ihn dem Kinde gab. Es regnete unaufhörlich. Hanſei ſpaltete Holz im Schuppen, plötzlich kam er in die Stube und ſagte:„Wir ſind doch geſtern leichtſinnige Menſchen geweſen. Die Leute wiſſen, daß Du ſo viel Geld heimgebracht haſt, und wir haben das Haus allein gelaſſen. Haſt Du nachgeſehen, ob Alles noch da iſt?“ Walpurga erſchrak ins Herz hinein. Sie ſchaute ſchnell nach, es war Alles noch da. „In den nächſten Tagen muß das an einen ſichern Ort, wenigſtens muß jetzt immer Eins von uns dhin n ſine A Die Mn ite iynd ei ſit hnſi Ly gſect v nt ach dal ute ſein! inken, und Valpurga Naſchen ken zotlob gut hisher nur m wendig“ „Du haſt gen, wos die Volpurg Gedanken in und ins W ſinnen, was ſie losziehen. gung zu wa und Frauen, der domals hten hutte, Ren, de ihm litng gau buſinv hehe hin Auerbach Sl ſprang en, dann war auch e Finger ab erneute alle erſprudelnde [ eime Speiſ on dem Brei Du ſo viel Haus llein noch da iſt“ Sie ſchaute s an einer Eins von 241 uns daheim bleiben;“ ſagte Hanſei und ging wieder an ſeine Arbeit. Die Menſchen haben an in Langeweile. Was giebt es da Beſſeres, als zuſammenzuſitzen und über irgend einen Abweſenden oauzichen? Am Mittag ſagte Hanſei:„Heute iſt's beim Gemswirth den ganzen Tag geſteckt voll.“ Es wurmte ihm doch ſehr, daß er nicht auch dabei ſein konnte; und wie luſtig könnte er heute ſein! Da könnte man die ſechs Maß Wein aus⸗ trinken, und jetzt muß er ſie den Schelmen ſchenken. Walpurga ſetzte hinzu:„Ja und ſo viel ich die Menſchen kenne, ſchimpfen ſie über uns, weil es uns gottlob gut geht. Ich mein', ich hab' die Menſchen bisher nur auswendig gekannt, jetzt kenne ich ſie in⸗ wendig.“ „Du haſt in geſagt, wir wollen nichts danach fra⸗ gen, was die Leute denken?“ erwiderte Hanſei. Walpurga hatte ein wunderbares Geſchick, mit ihren Gedanken in alle Häuſer, an den Rathhausbrunnen und ins Wirthshaus zu wandern und genau auszu⸗ ſinnen, was da die Menſchen alle vorbringen und über ſie losziehen. Sie brauchte nicht lange auf Beſtäti⸗ gung zu warten. Es kamen wieder Leute, Männer und Frauen, und berichteten Alles. Der Schreiner, der damals am Abſchiedstage Haus und Aecker ange⸗ boten hatte, kam jetzt, um von Hanſei Geld zu bor⸗ gen, da ihm eine Hypothek gekündigt war. Zur Ein⸗ leitung glaubte er nichts Beſſeres thun zu können, als Hanſei zu verſichern, er ſei ſein einziger Freund, ſonſt habe er keinen Menſchen im Dorf, der ihm wohlwolle. Auerbach, Auf der Höhe. 11. 16 242 pſeſeſſen hä Hanſei ſagte rundweg, daß er kein Geld ausleihe, ſſtgeſſen dadurch werden aus guten Freunden Feinde. Der purgu g wohlwollende Zuträger machte ſich bald davon. Es war nun in der That ein böſes Leben im bingkun Dorfe. Die Verſchließung des Wirthshauſes war nur ud ſe un eine Probe davon. Kein Menſch bot mehr freiwillig wie ber die Zeit und man dankte kaum einem Gruß. Wal⸗ purga hatte ſich doch ſehr daran gewöhnt, von den Menſchen gelobt und beſonders angeſehen zu werden; blos gedacht Wenn Ha ſie war jetzt oft tief traurig. Vor Allem kränkte ſie, ntut ibed daß man jene Nacht mit der gewonnenen Wette ſo ver⸗ er in ſch unſtaltet in der Leute Mäulern herumtrug, daß ſich's„ie Ve gar nicht erzählen läßt; ihr aber wurde es doch erzählt, Nenken ſie ſo und es war ihr, als ob man die Verſchwiegenheit des inen“ Ehegemachs vor aller Welt aufgeriſſen und auf den Hanſei wa Markt geſtellt hätte; ſie fühlte ſich in ihrem eigenen ins Genswir Hauſe nicht mehr ſicher und erſchrak über jedes Ge⸗„h ſten räuſch, wenn der Hollunderbaum hinter dem Haus am etwas bgenẽ Dache kratzte, wenn der Hund an der Kette bellte, diß ich mir jede Nacht vor Schlafengehen probirte ſie noch eini In dieſe die Fenſterladen, ob ſie auch feſt geſchloſſen ſeien. wakterunterſc „Ich glaub' nicht,“ klagte ſie,„daß die vor⸗ ſ ſo obenh nehmen Menſchen ſo ſchlecht ſind, wie die Leute im lufgeneckte Dorf.“ ſſene und „So?“ ſagte die Mutter,„ich kenne ſie ſreilich nnders gn nicht, aber ſo viel ich mir hab' ſagen laſſen, ſind die Vurs vornehmen Menſchen gerad ſo ſchlecht und gerad ſo gut wenn es tri wie die gemeinen; auf die Kleider kommt's nicht an.“ Dulh; in „Du biſt gerad' wie die Oberhofmeiſterin, Du durchlucht wärſt auch ſo, wenn Du Dein Lebenlang im Schloſſe ſo durkelb „von den zu werden; kränkte ie, bette ſo ver⸗ doch erzählt, genheit des d auf den tem eigenen r jedes Ge⸗ m Haus am Kette bellt noch einmal n ſeien. ß die vor⸗ ie Leute im 243 feſtgeſeſſen hätteſt,“ ſprach es aus den Mienen Wal⸗ purgas zu ihrer Mutter. Eine ſeltſame Bewegung ging im Gemüthe der Heimgekehrten vor, ſie hatte zwei Welten auszugleichen, und ſie verpflanzte in Gedanken oft Figuren aus dem Dorfe an den Hof und umgekehrt. Sie ſchaute oft wie verwirrt drein und wußte nicht mehr, was ſie blos gedacht und was ſie erlebt hatte. Wenn Hanſei zuhörte, wie die Frau und die Groß⸗ mutter über die Menſchen hin und her redeten, lächelte er in ſich hinein: „Die Weiber ſind doch nur halbe Menſchen, bald denken ſie ſo und bald ſo; es iſt nichts Feſtes an ihnen.“ Hanſei war, nachdem er zwei, drei Abende den Gang ins Gemswirthshaus verwunden hatte, luſtiger als je. „Ich freue mich,“ ſagte er,„daß ich mir doch auch etwas abgewöhnen kann, wenn's ſein muß. Ich glaube, daß ich mir auch das Rauchen abgewöhnen könnte.“ In dieſen trüben Tagen zeigte ſich der ganze Cha⸗ rakterunterſchied zwiſchen Walpurga und Hanſei. Wer ſie ſo obenhin betrachtete und das Frohgemuthe und Aufgeweckte der Walpurga ſah und dagegen das Ver— droſſene und Ungelenke Hanſeis, der konnte kaum anders glauben, als daß Walpurga obenan ſtehe. In Walpurgas Gemüth war es, wie in den Bergen: wenn es trüb und regneriſch iſt, liegt Alles in ödem Dunkel; kaum blickt die Sonne wieder, ſo iſt Alles durchleuchtet, das Wieſengrün ſo ſchimmernd, der See ſo dunkelblau, jede Höhe und jede Waldbucht ſo klar 244⁴ und rein. Walpurga ward immer beſſer, immer ſtrah— lender, wenn es gut ging; bei hellem Sonnenſchein ging ſie auf und glänzte wie eine Blume Hanſei blieb ſtark und wurde immer feſter bei ſchlechtem Wetter. Wenn der Sturm raſ'te und mächtig an Zweig und Stamm riß, hin und her, auf und ab, da wehrte er ſich und hielt Stand; er hatte etwas von der rauh⸗ rindigen wetterharten Eiche; die grünt nicht ſo ſchnell beim erſten Frühlingsſonnenſchein, ſie ſteht lange dürr, während Alles um ſie her ſchon mit Laub geſchmückt iſt, dann aber übertrifft ſie auch an Kraft und Pracht Alles um ſich her. Ja, Hanſei hatte ſich in dieſem Jahre noch mehr verändert, als Walpurga. Wenn man einen Baum, der in dünner Erdkrume dürftig Nahrung ſaugend auf einem Felſen wurzelte, wo Wind und Wetter mit ihm rauften, in ſaftiges Erdreich verpflanzt, ſcheint er anfangs zu verkümmern, dann aber ſprießt er mächtig auf. So auch war es Hanſei ergangen. Plötzlich aus Sorge und Mühſeligkeit in ein neues Daſein verſetzt, war er dem Verkommen nahe; dann aber gedieh er mächtig und jetzt zeigte ſich ſein beſonderer Halt und die Kraft, die in ihm ruhte, da er genöthigt war, ſich zuſammenzunehmen, um nicht von der wenn auch gutmüthigen doch ſtark ſelbſt⸗ bewußten Natur Walpurgas unterdrückt zu werden. Anfangs war Walpurga ihrem Manne faſt bös über ſeine Unempfindlichkeit; ſie ging immer im Zorn umher, ſchärfte die Lippen und ballte die Fäuſte; ſie wollte den Menſchen etwas anthun, um ſie zu züchtigen, Fanſei abe nit vilen Anäli ſ vrr a ſi abgelorben der Nerſche blic verbaut geonken, d wos ihrem Hanſei dage begütigen, voler Klrh nicht aus ſ Pird, das Hund, der bergan zieh 4 nicht ins T Wolpur Mann; er ſein, aber G wa Honſei Gemeinde ſhitung gekonne wetden. umer ſtrah⸗ onnenſchein unſi hlih em Wetter. Zweig und wehrte er der rauh⸗ t ſo ſchnell longe dürt, geſchmückt und Procht noch mehr r Erdtrune n wurzelte, in ſaſtiges verkümmern, auch war es Mihſeligkeit Lerkommen zt zeigte ſich ihm ruhte, ehmen, um ſtork ſelbſt⸗ werden ne ſaſt bös ner in Zor Fätſte; e zu züchtigen 245 Hanſei aber blieb ruhig, es war ſeine Art nicht, ſich mit vielem Denken den Kopf heiß machen zu laſſen. Allmälig ſah Walpurga ein, daß Hanſei doch viel mehr war als ſie: ſie wäre trotz ihres häuslichen Glückes abgeſtorben und verblaßt unter den abgewendeten Blicken der Menſchen, wie eine Pflanze, der man den Sonnen⸗ blick verbaut hat. Sie war ſo eingehegt in ihre Zornes⸗ gedanken, daß ſie nur das ſah, hörte und empfand, was ihrem Zorn Nahrung gab und ihn noch mehr reizte. Hanſei dagegen lebte ruhig weiter und ſuchte ſie zu begütigen, und jetzt zum Erſtenmal ſah Walpurga in voller Klarheit die Kraft ihres Mannes. Der ließ ſich nicht aus ſeiner Gangart bringen; er war wie ein Pferd, das ſeinen Trab fortgeht, unbekümmert um den Hund, der neben ihm bellt, und ſobald der Weg ſich bergan zieht, geht es ruhig im Schritt und läßt ſich nicht ins Traben bringen. Walpurga beugte ſich in wahrer Demuth vor ihrem Mann; er könnte behender, witziger und aufgeweckter ſein, aber braver und feſter nicht. Achtes Capitel. Es war Gemeinde⸗Verſammlung. Hanſei wurde auf das Rathhaus entboten. Der Gemeindediener ſagte ihm, daß es ſich um neue Ein⸗ ſchätzung handle; er ſolle nun, da er zu Vermögen gekommen ſei, mit einem höheren Steuerſatz belaſtet werden. ———————— — „Juſt Alles auf den Kreuzer anzugeben brauchſt Du nicht,“ ſchloß er. „Ich geb' Alles an. Gottlob, daß ich ſteuern kann,“ entgegnete Hanſei. Walpurga nahm das mit einer gewiſſen Gier auf. Jetzt war der Zeitpunkt da, wo das, was ſchon ſeit vielen Tagen in ihr kochte, überfließen konnte. Sie wollte mit aufs Rathhaus gehen, da ſind alle beiſam⸗ men, ſie will ihnen die Meinung ſagen. Hanſei be⸗ ſchwichtigte, daß das nicht gehe, und nun war der Gemeindediener für ſie der richtige Mann; er ſollte der ganzen Gemeinde berichten, was er von ihr gehört hat, und ein Ueberſchwall von Zornesworten ſprudelte aus ihr heraus. Sie drohte mit dem König, mit allen Zuchthäuſern, als ſtünden ihr alle zu Gebote, und ganz neue Strafen wußte ſie zu erfinden. „Komm' mit,“ ſagte Hanſei zum Gemeindediener. Unterwegs gab er ihm ein gutes Trinkgeld und er⸗ klärte, daß ſeine Frau noch nicht ganz auf ebenem Boden ſei und es ihr natürlich noch von Vielem im Kopfe ſtürme. Der Gemeindediener beruhigte Hanſei, ſein Amt bringe es mit ſich, Vieles zu hören und zu ſehen, was man nachher nicht gehört und geſehen haben müſſe, und das Weibervolk hätte ſeine beſondere Art; einmal ſo recht ausladen, das ſei den Weibern eine Haupt⸗ luſt; ſie ſeien nachher wieder ganz wohl. Hanſei wurde auf dem Rathhauſe lange aufgehalten. Der Gemswirth, der hier als Gemeinderath am Tiſche ſaß, machte ſich ein beſonderes Vergnügen daraus, ihn in die Klemme zu nehmen; hier war er in Amt und Würden u es duf mn ihn Finnl ſi wohin di nmirichſ s her 6 jin einge ſeren die Es reg dr Genein ſhlich Val wos giebt, wos ſie ſind duch ihre K Erdlich hör herah; ſi e Voll S ſelbſt bezw nit Knitte er große Valpu lötlich wi der Mutter geſunken. ſüberte, d nal die 2 Hanſe Nutter zu bleibe Gier auf ſchon ſeit inte. Sie le beiſam⸗ twar der ſollte der gehört hat udelte aus mit allen bote, und indediener. d und er⸗ uf ebenem m im Kopfe anſei, ſein dzu ſehen, ben miſſſe, rt; einmal ine Haupt⸗ ufgehalten. an Liſche araus, ihn nAnt und Würden und wie mit einem Schilde gedeckt; er legte es darauf an, daß Hanſei ihn beleidige, dann konnte man ihn einſperren und dem hoffärtigen Bettelvolk auf Einmal ſeine ganze Ehre abwiſchen. Hanſei merkte, wohin das abzielte, und Alle ſtaunten, wie er ſo manierlich ſprach; den Gemswirth nannte er nicht anders als Herr Gemeinderath.„Das hat ihm gewiß ſeine Frau eingegeben, die im Schloß ausſtudirt hat,“ flü⸗ ſterten die Gemeinderäthe einander zu. Es regnete ausgiebig während der ganzen Dauer der Gemeinde⸗Verſammlung, und um das Rathhaus ſchlich Walpurga und lauſchte. Wenn es da oben was giebt, wollte ſie hinauf und ihnen Allen ſagen, was ſie ſind. Sie ſpürte nichts von dem Regen, der durch ihre Kleider drang, denn ihr ganzes Weſen glühte. Endlich hörte ſie Poltern auf der Treppe. Viele kamen herab; ſie eilte heimwärts. Voll Selbſtgefühl kehrte Hanſei heim, er hatte ſich ſelbſt bezwungen und hatte mehr geſiegt, als wenn er mit Knitteln um ſich geſchlagen; aber im Hauſe fand er große Zerſtörung. Walpurga war im Regen umhergegangen, dann plötzlich wie gejagt heimgekommen und vor den Augen der Mutter in der Stube ohnmächtig auf den Boden geſunken. Jetzt war ſie wieder lebendig, aber ſie fieberte, daß ihr die Zähne klapperten; ſie öffnete ein⸗ mal die Augen, ſchloß ſie aber ſchnell wieder. Hanſei wollte ſogleich fort zum Doctor; die Mutter bat, einen Boten zu ſchicken und bei ihr zu bleiben. Ehe der Arzt kam, ſaß Walpurga wieder aufrecht im Bett und konnte erzählen, wie es ihr er⸗ gangen. Hanſei berichtete, wie er den Gemswirth mit lauter Höflichkeit erwürgt habe. Da blitzte es über das Antlitz Walpurgas und ſie reichte ihm die Hand. „Du biſt— Du biſt ein ganzer Mann,“ ſagte ſie, und jetzt weinte ſie, daß die Thränen ſtromweiſe über ihre Wangen floſſen. „Das iſt gut,“ nickte die Großmutter Hanſei zu, „das erleichtert ihr den Kopf; ich hab' gefürchtet, es ſei ihr zu Kopf geſtiegen; jetzt iſt Alles gut, jetzt geh' Du!“ Hanſei ging hinaus. Er ſtand am Fenſter und ſtarrte hinaus in den Regen. Wenn deine Frau ſtirbt, oder wenn ſie lebt und ärger iſt als todt, wenn ſie er wagte nicht das Wort zu denken, er fuhr ſich mit der Hand durch die Haare, die ihm zu Berge ſtanden. Die Mutter kam heraus und berichtete: „Gottlob, ſie ſchläft; wenn das gut vorüber iſt, dann ſind wir aus Allem heraus. Das iſt nichts Ge⸗ ringes, wie ſie jetzt aus dem Schloſſe dahergeſetzt iſt, aus lauter Ehren und Verhätſchelung in die grobe Bosheit hinein, und da hat ſich Zorn und Häſſigkeit in ihr zuſammengerollt, das hat einmal heraus müſſen; gottlob, daß es jetzt heraus iſt. Daß die Menſchen ſich ſo gemein gezeigt haben, das iſt unſer Glück. Glaub' mir, ſo gut ſie auch ſonſt iſt, ſie hätt' ſich im Haus an Alles geſtoßen und nichts wär' ihr recht geweſen, wenn das nicht gekommen wär'.“ So tröſtete die Mutter, und Hanſei nickte. Palvurga uth. Hunſi lunge vor dem Gi n 1 wurga ſcon n ordnets ſrenge ur Uulpurga ſ ucht, an liclich ſie hin it eſtn len Lhun. Die Großm „Ju, das i Whng.„V di elſen undd ſer Häuſer dra nüchtig und ſi ind doh die und wir uns Die Mutter Deinen Verſa „Nein Ha uht Palpurga „Pol, wo en. t enkt niht do onnt, weiß hionſtelen he weſen. Du ——= etſen hind z mit lautet das Antlit ſagte ſi, Hanſei gefürchtet, gut, jett ſich nit e ſtanden. orüber iſt, nichts Be⸗ geſett iſt, die grobe müſſen; nſchen ſich Glaub' im Haus tgeweſen, 2⁴9 Walpurga ſchlief, und ihre Wangen glühten hoch⸗ roth. Hanſei trug das Kind auf dem Arme und ſtand lange vor dem Bett ſeiner Frau, ſie betrachtend. Erſt am Morgen kam der Doctor. Er fand Wal⸗ purga ſchon munter, aber unſäglich matt. Er ver⸗ ordnete ſtrenge Mittel, und ſchon nach zwei Tagen war Walpurga wieder ganz wohlauf. Sie ſah nun erſt recht, an welchem Abgrunde ſie geſtanden und wie glücklich ſie hinübergekommen war. Jetzt erſt war ſie ganz daheim und frohgemuth in allem Thun. Die Großmutter und Walpurga wuſchen am See. „Ja, das iſt unſer Geſchäft: ſauber halten,“ ſagte Walpurga.„Wenn ich zu den Bergen aufſchaue, da ſind die Felſen und die Wälder, da machen doch nur die Män— ner Häuſer draus und meißeln und hauen; was eben mächtig und ſtark iſt, iſt Mannesgeſchäft; wir Weiber ſind doch die Minderen, wenn man uns auch einredet und wir uns ſelber einbilden, wunder was wir ſeien.“ Die Mutter lächelte und ſagte:„O Kind, Du holſt Deinen Verſtand weit her; aber das Rechte haſt Du.“ „Mein Hanſei iſt ein echter beſtandener Mann,“ fuhr Walpurga fort. „Wol, wol,“ verſetzte die Mutter mit glücklicher Miene.„Er meint nicht ſo viel in der Welt und denkt nicht das und jenes, aber wenn's d'rauf an⸗ kommt, weiß er, was er zu thun hat und wie er ſich hinzuſtellen hat. Und ſo iſt Dein Vater ſelig auch ge⸗ weſen. Du haſt's gut, Du biſt gleich nach Deinem erſten Kind zu der Einſicht gekommen, ich erſt nach 250 meinem dritten, oder eigentlich erſt recht, bis mir alle Kinder geſtorben ſind, bis auf Dich allein.“ „Guten Tag beiſammen!“ ſagte plötzlich ein kleines dürftig ausſehendes Männchen. „Mein Peter!“ ſchrie die Großmutter,„das iſt gut, daß Du ſchon da biſt. Und das iſt Deine Toch⸗ ter? Wie heißt ſie denn?“ „Gundel.“ „Grüß Euch Gott!“ rief die Großmutter wieder und machte lange Vorbereitungen, denn ſie wiſchte ſich immer die naſſe Hand ab und ſteckte ſie zuletzt doch wieder ins Waſſer, bevor ſie ſie dem Bruder reichte. Das kleine Männchen machte ein verwundertes Ge⸗ ſicht; ſo hatte ſich ſchon lange Niemand mehr mit ihm gefreut, aber freilich, hier kommt er in ein Haus, das von lauter Freude überſtrömt. Die Großmutter führte ihren Bruder an der Hand nach dem Hauſe; ihre Mienen wurden traurig, das arme Männchen ſah gar ſo erbärmlich aus. Drinnen gab ſie dem Bruder und der Nichte ſchnell etwas zu eſſen. Nachdem man gegeſſen, führte ſie die Gundel zum Waſchzuber am See. „Da ſchaff' bis Mittag, dann weißt Du gleich, wo Du daheim biſt.“ Sie kehrte zu ihrem Bruder zurück und hieß ihn nochmals willkommen. Das Männchen klagte, daß es ihm gar hart gehe; die Großmutter nahm Walpurga in die Kammer und fragte: „Wie viel Geld haſt Du mir zur Reiſe in meine Heimath geben wollen?“ „6o vil Nin, ſig Virn jeh Faufengen Uulpurga ſte ſe: Miter, i glen.“ Sie nahm Nr Mutter un i Ich weiß, ſherken könnt.“ „0 Find, ſhenken! Dos i ih hab noch ni Yanſcen.“ „Mutter, ſe und Nocht bei „Das iſt d „Mag ſein ſhal, Geld u mhſ nich gu ſhenit beonne wei Hinde ei ie andere en nit heiſes gr es legt d dr gute Menſchen Vr vn Gi nir alle n . ch ein kleines er, iſt ine Toch⸗ 8 vundertes Ge⸗ nehr nit ihn in nh u, das an der H Hand traurig, das us. Nichte ſchnell führte ſie die t Du gleich ihrem Bruder nà ommen. Das art gehe die Kammer und Reiſe in meine „So viel Ihr braucht.“ „Nein, ſag' mir wie viel.“ „Wären zehn Gulden genug?“ „Haufengenug. Gieb ſie mir gleich.“ Walpurga gab ihr ein Zehnguldenſtück, dann aber ſagte ſie: „Mutter, ich hab Euch ja noch keine Mitbring gegeben.“ Sie nahm noch mehrere Guldenſtücke, reichte ſie der Mutter und ſagte:„Da nehmt das und verſchenkt es. Ich weiß, das iſt Euch doch das Liebſte, daß Ihr n könnt.“ „O Kind, Du kennſt mich. O Gott, ich kann ſchenken! Das iſt doch das Beſte auf der Welt. Schau', ich hab' noch nie was Gutes thun können an armen Menſchen.“ „Mutter, ſaget das nicht. Wie oft habt Ihr Tag und Nacht bei Kranken gewacht.“ s iſt doch nichts, das iſt kein Geld.“ „Das iſt mehr als Geld“ „Mag ſein, vor Gott; aber bei den Menſchen— ſchau, Geld und Geldeswerth ſchenken können, Du machſt mich ganz gcſelih Ich hab' auch ſchon ge⸗ ſchenkt bekommen. Du weißt nicht, wie das iſt, wenn zwei Hände einander berühren, wo die eine giebt und die andere empfängt, und es gept Geſchenke, die ſind wie heißes Brod im Magen; es ſättigt freilich, aber es liegt da drin wie heißes Blei; es giebt aber auch gute Menſchen, von denen ein Geſchenk gut thut. Der Vater vom Gruberſepp iſt zu mir gekommen und hat „Od 25 — mir geſchenkt, und auch der Graf Eberhard Wildenort von drüben über dem Gamsbühel.“ „Das iſt ja der Vater von meiner Gräfin!“ unter⸗ brach Walpurga. „Gottlob, da erlebt er Gutes dafür an ſeinen Kindern. Ich vergeſſe keinen Namen. Ja, alſo von dieſen Beiden hab' ich Geſchenke und jetzt geben die wieder Geſchenke weiter durch mich. Kind, das vergeſſe ich Dir nie. Schenken können, das iſt der Himmel auf der Welt. Aber da ſtehen wir und ſchwätzen und drin wartet mein Bruder wie eine arme Seele vor der Himmelsthür. Komm', komm' mit!“ Sie gingen in die Stube. Die Mutter gab ihrem Bruder ein Zehnguldenſtück in die Hand und ſagte: „Da, nimm. Ich brauch' nicht mehr in meine Heimath, meine Heimath iſt zu mir gekommen. Und wenn ich mein Lebtag nicht mehr hinkomme— es iſt mir genug, daß ich meinen Bruder wieder einmal ge⸗ ſehen hab. Da, Peter, das ſollte mein Reiſegeld ſein.“ „Tſch, ſ5 ſ ſ ſr!“ ließ ſich das Pechmännlein vernehmen, wie wenn ein Topf ziſchte. „Was ſoll das bedeuten?“ fragten Mutter und Walpurga zugleich. „Tſch, ſz, ſz⸗ ſz, ſzt!“ antwortete Peter. „Sag', was haſt Du? Biſt Du närriſch?“ fragte die Mutter, deren Geſicht erſt ſo ſtrahlend geweſen und nun plötzlich verwandelt wurde. „Tſch, ſz, ſz⸗ ſz⸗ ſöt!“ antwortete das Pechmänn⸗ lein wieder; auch Walpurga wurde ärgerlich und fragie, was die Poſſen bedeuten ſollten. d Du Sc nimnlein.„Pe wen ein Tnp qu dos iſ bei Die Mutter un auch wie d ung jett ale ſin, ſo vil Ge Dus Pechm gben, ahmte uh. Valhn ſelbe Sumne ſogte: „So, jett ij bethlen und: briden Zehngul Wenn man Und hat noe Dus iſt das Die Mutte ſhn ſich vor, hilteriſch und un ſchon de kit ſe mn die Plice de hren glücſe 0, iht und ſchaut⸗ ir an ſeinen Ja, alſo von st geben die das vergeſſe der Himmel ſchwätzen und me Seele vor ter gab ihren und ſagte: ehr in meine ommen. Und ume— es iſt der einmal ge⸗ Reiſegeld ſein.“ pehnim nlein Mutter und beter. iſch?“ frogte chlend geweſen das Pechnän tlih und fug⸗ „O, Du Schloßweisheit,“ ſprach endlich das Pech⸗ männlein.„Weißt Du denn nicht mehr, wie es ziſcht, wenn ein Tropfen auf einen heißen Stein fällt? Siehſt Du, das iſt bei mir mit dem Geld da grad ſo.“ Die Mutter hielt ihm vor, wie undankbar er ſei und auch wie die fremden Menſchen glaube, daß Wal⸗ purga jetzt alle Leute reich machen könnez; er ſolle doch froh ſein, ſo viel Geld habe er noch nie bei einander gehabt. Das Pechmännlein aber, ohne weitere Antwort zu geben, ahmte nur immer das Ziſchen des Tropfens nach. Walpurga ging in die Kammer und brachte dieſelbe Summe noch einmal, und das Pechmännlein ſagte: „So, jetzt iſt gelöſcht. Jetzt kann ich meine Schulden bezahlen und mir noch eine Geis kaufen.“ Und die beiden Zehnguldenſtücke aufeinanderſchlagend, ſang er: „Was iſt das Beſteſte? Was iſt das Beſteſte? Wenn man iſt von E lden frei Und hat noch ein Stückle Geld dabei, Das iſt das Beſteſte, juchhe! Das iſt das Beſteſte.“ Die Mutter war nun auch wieder ganz froh. Sie nahm ſich vor, mit ihren Schenkungsgeldern recht haus⸗ hälteriſch und bedachtſam zu ſein; in Gedanken ſchweb⸗ ten ſchon die Menſchen an ihr vorbei, deren Dürftig⸗ keit ſie nun lindern oder ganz auslöſchen kann, und die Blicke der froh Beſchenkten ſtrahlen ſchon jetzt aus ihrem glückſeligen Antlitz auf. „O, ihr Weiberleut',“ predigte das Pechmännlein und ſchaute mit ſmnernden Augen auf ſeine —— 254 Goldſtücke,„ihr Weiberleut' könnt gar nicht wiſſen, was Geld iſt. Einen Gulden klein Geld thu' ich in meinen Sack und behalt' es immer bei mir. Heidi! Das wird ein Leben! Was wiſſet ihr, wie das iſt? Man geht am Sonntag am Wirthshaus vorbei und langt in die Taſche, und da drin hat der Kaiſer ſein Recht verloren; aber jetzt, ja, das iſt was; ich geh' ein und gönn' mir's, und wo ein Wirthshaus iſt, kann ich daheim ſein, und Wein und Bier warten auf mich, und der Wirth und die Wirthin und die Tochter und die Magd thun ſchön und fragen, wie mir's geht und woher und wohin, und wenn ich fortgeh', geben ſie mir das Geleit und ſagen, ich ſoll wiederkommen, und Alles das warum? Weil ich halt Geld im Sack hab'.“ Das alte Männlein jauchzte hell auf. Die Groß⸗ mutter warnte den Bruder, doch jetzt nicht ein un⸗ ordentlicher Menſch zu werden; da lachte Peter, daß ſein Geſicht aus lauter Falten beſtand, und erklärte, daß er ſich das nur ſo ausgedacht und jetzt umſo⸗ weniger ins Wirthshaus gehe; wenn man Geld im Sack habe, ſei es eine Luſt, ſich am Brunnen beim Wirthshaus ſeinen Durſt zu löſchen. „Meine Gräfin hat mir erzählt,“ ſagte Walpurga, ſich behaglich zum Ohm ſetzend,„daß Ihr ihren Vater kennt.“ „Was iſt denn das für eine Gräfin?“ „Wildenort.“ „Ja wol, den kenn' ich. Ja, das iſt ein Mann, o das iſt ein Mann, ein alter Deutſcher, ein Herr, ein rechter Herr, der ſollte König ſein, ja der—“ Es näher us Pechmä iſerte:„e „Ihr brn ihn ſchon ſelb 2 i Hanſei ma er kannte ihn gkommen obe knecht arbeitete vird nicht vie nonchmal eine eirander Gutes Jet hatte „h flick bande an Sot Vie ich mun Süinme: Bit „Doch nich Sf „vhl errat et ſagt: W wirh.— d nicht wiſſ dthw i j mir. en wie das iſt? vorbei und r Kaiſer ſein ich geh ein us iſt, kann ten auf mich, Tochter und irs geht und eh, geben ſie konmen, und n Eack hob.“ Die Groß⸗ icht ein un e Peter, da und nünt d jetzt umſo⸗ nan ged im Brunnen beim te Walpurga, 1 il rer nVater ſſt ein Man er, ein Hen, 0 del 255 Es näherten ſich ſtarke Männertritte. Hanſei kam. Das Pechmännlein ſteckte ſchnell ſein Geld ein und flüſterte:„Ich will dem Hanſei nichts davon ſagen.“ „Ihr braucht's ihm nicht zu ſagen, wir ſagen's ihm ſchon ſelbſt,“ entgegnete Walpurga. Neuntes Capitel. Hanſei machte nicht viel Umſtände mit dem Ohm. Er kannte ihn ſchon lange; ſie waren oft zuſammen⸗ gekommen oben in den Bergen, wo Hanſei als Holz⸗ knecht arbeitete und der Ohm Pech kratzte; aber da wird nicht viel Aufhebens gemacht von Freundſchaft; manchmal eine Pfeife Tabak, das iſt Alles, was man einander Gutes erweiſt. Jetzt hatte Hanſei Wichtigeres zu erzählen: „Ich flick da am Gartenzaun; die mit der Muſik⸗ bande am Sonntag haben ihn faſt zuſammengeriſſen. Wie ich nun ſo da am Zaun flicke, da hör' ich eine Stimme: Biſt fleißig, Hanſei? Wie ich aufſchau', wer iſts, der bei mir ſteht? Ihr errathet's nicht.“ „Doch nicht der Gemswirth?“ „Ihr errathet's nicht. Der Gruberſepp iſt's, und er ſagt: Wie ich hör', gehſt Du nicht mehr zum S. wirth.— Das geht Niemand was an, ſag' ich— „Warum haſt ihn ſo grob angefahren?“ unterbrach „Weil ich ihn kenne. Wenn man dem nicht die Fauſt zeigt, hält er Einen für gar nichts.— Schau', —— 256 „Ju, er Abet weißt A großen Gut. ſagt er, zu Michaeli werden's ſechs Jahr, ſo alt, wie der Waldl iſt; ſeitdem bin ich nicht mehr zum Gems⸗ wirth gekommen und leb' doch noch; wirſt ſehen, es thut Dir auch gut. Ich hab' eigen Bier einliegen; jun dl. wenn Du einmal einen Schoppen willſt, ſchick zu mir ſhon ghirt oder komm ſelbſt, und vielleicht brauchſt Du einen Rath, un ſigt was Du mit Deinem Gelde anfangen ſollſt. Das aber nirei Du beſ ſag' ich Dir: Leih' keinem Menſchen was.— Jetzt ſaget eld haſ, ir nur, Mutter, jetzt ſag' nur, Frau, wer hätt' das ge⸗ Nun lobt glaubt? Wer hätte das je hinter dem Gruberſepp ge⸗ die Wieſen, ſucht? Der iſt doch ſonſt ſo geizig mit jedem Wort. fünne, ſo fet Da haſt Du's, Walpurga, die Menſchen ſind nicht alle d wiſe kein ſchlecht, ſie ſind gut und bös unter einander gemiſcht, nn nich im Schloß und im Dorf. Wirſt ſehen, jetzt kommen Der Dhn ſie alle wie die Bienen auf eine teige Birne, wenn ſie gena. merken, daß der Gruberſepp Kameradſchaft mit mir hat.“ Vlpurga Das war allerdings ein großes Ereigniß. Begna⸗„Re Sot digter kann ein Reſidenzbewohner nicht ſein, wenn ihn Hanſei th der König auf offener Straße anſpricht, als jetzt Hanſei n det Hand und ſein ganzes Haus war.„₰ch hal Walpurga wollte ſogleich hinauf zum Gruberſepp„Ich bra und ihm bekennen, daß ſie ihm in Gedanken Unrecht u nih nit gethan habe, Hanſei aber ſagte: ſhwpig mi „Iſt nicht nöthig, daß man gleich ſo hitzig thut. ſtmer geſch Ich warte, bis der Gruberſepp wiederkommt; ich gehe ilig tun. ihm keinen Schritt entgegen.“ Uß Rich du „Recht ſo,“ erwiderte Walpurga,„Du biſt ein gan⸗ uch; ich li zer Mann.“ hunſei „Ausgewachſen bin ich. Nicht wahr, Ohm, ich ut lihthi wachſe nicht mehr?“ hof anſehen Auerbac „0 alt, wie um Gens⸗ rſt ſehen, es einliegen; hut d das ge⸗ herſepp ge⸗ jedem Wort. ſind nicht alle nder geniſcht, jetzt komn ne, wenn mit nir hat.“ in, wenn ihn ls jezt Hanſei m Gruberſepp nke n Unrecht ſo hitzig thut. mnt; ich gehe hiſt ein ngan⸗ 257 „Ja,“ erwiderte der Ohm,„Du haſt das Maß. Aber weißt Du, was Du ſein ſollteſt? Bauer auf einem großen Gut. Du wärſt der Mann und ſie wäre die Frau dazu. Ja, jetzt fällt mir was ein. Haſt wol ſchon gehört: der Freihofbauer bei uns will verkaufen, man ſagt ſogar, er muß. Da ſollteſt Du hin, da wäreſt Du beſſer dran, als der König. Wenn Du baar Geld haſt, kriegſt Du den Hof um den halben Preis.“ Nun lobte der Ohm den Hof und die Aecker und die Wieſen, das ſei ein Boden, den man faſt eſſen könne, ſo fett und ſo geſchlacht, und erſt Wald, da wiſſe kein Menſch, was drin ſtecke, es ſei nur bös, daß man nicht überall dazu könne. Der Ohm war Pechbrenner und kannte den Wald genau. Walpurga war ganz glücklich und ſagte: „Die Sache darf man nicht auslaſſen.“ Hanſei that ſehr gleichgültig. Walpurga nahm ihn an der Hand und flüſterte: „Ich hab' Dir noch was.“ „Ich brauch' nichts. Jetzt bitt' ich Dich um Eines: Laß mich mit dem Gutskauf allein machen und thu' nicht ſo happig mit dem Ohm. Ich glaub', der iſt vom Frei⸗ hofbauer geſchickt. Da muß man zäh' ſein und gleich⸗ gültig thun. Daneben werd' ich nichts verſäumen, ver⸗ laß Dich drauf, und was Wald iſt, das verſteh' ich auch; ich bin lang genug Holzknecht geweſen.“ Hanſei ließ den Ohm allein abreiſen und ſagte nur leichthin, er werde einmal gelegentlich den Frei⸗ hof anſehen Auerbach, Auf der Höhe. I1 17 ——— 258 Am Abend kam richtig der Gruberſepp, und ihm folgte eine Magd mit einem großen Steinkrug voll Bier. Das war unerhört, ſo lange das Dorf ſteht, daß ein Großbauer in die Gſtadelhütte kam und da den Abend ſein Bier trank. Sein ganzes Benehmen ſprach beſtändig aus: mir weiden ſechzig Kühe auf der Alm. Noch nie hatte Jemand ein Lob aus ſeinem Munde gehört, er ſah zu Allem ſauer drein und war trocken von Wort, er war, was man ſo ſagt, ein Rackerbauer; immer nur arbeiten) weiter nichts, am wenigſten ſich um einen andern Menſchen bekümmern. k Walpurga ließ ſich nicht ſehen. Sie fürchtete, ſie werde zu unterthänig thun und das werde Hanſei nicht gefallen. Dieſer benahm ſich, als ob der Gruberſepp von je da aus⸗ und eingegangen wäre. Der Gruberſepp fragte nach Walpurga. Haſſti rief ſie, ſie kam, und der Gruberſepp reichte ihr die Hand zum Willkommen. Nun ging's, als Walpurga ſich wieder entfernt hatte, an ein Berathen über die beſte Anlegung des Geldes. Sepp war ein beſonderer Feind der Staatspapiere. „Ja,“ ſagte endlich Hanſei,„mir iſt der Freihof angetragen, drüben über dem See, ſechs Stunden land⸗ einwärts, meine Schwiegermutter iſt aus der Gegend.“ „Ich kenn' den Freihof, bin einmal dageweſen, ich hätt einmal eine Tochter vom Hof heirathen ſollen, es iſt aber nichts daraus geworden. Ich hab mir ſagen laſſen, daß das Gut jetzt abgemagert und ſchlecht ge⸗ füttert iſt. Wenn man von einem Gut nehmen will, —— nuß man iß nerk Dit de von den Vi nein Vater! Gt ſind wie Hanſei ſt ſp. Und d Der Gru vohl zu über kinet aus 1 kime.“ „ber da aber ſonſt bre „Jo, wie biſen „Pis aue wie Du. Ih hinüber und Mittag bin uf. Venn ud fuhre mi ſy, da zilt O „ch neh Frerdeſtr lutnzun: ſonſ inſi und t inander n Wort, er immer nur h um einen * e. irchtete, ſte Hanſei nicht Gn Huſſſei rief hr die Hand ntfernt hatte, des Geldes. taatspapiere. der Freihof tunden land⸗ der Gegend“ geweſen, 4 en ſollen, b mir ſagen d ſchlecht ge⸗ il nehmen wll, 259 muß man ihm auch geben, das verlangt der Boden; merk Dir das, wenn was aus dem Kauf wird. Und von den Wieſen ſollen auch viele verkauft ſein, und mein Vater hat immer geſagt: Die Wieſen von einem Gut ſind wie das Euter von einer Kuh.“ Hanſei ſtaunte über die Erbweisheit des Gruber— ſepp. Und das trägt der ſo ſtill mit ſich herum! Der Gruberſepp ſchloß:„Daneben iſt die Sache wohl zu überlegen, und es thät' mich freuen, wenn Einer aus unſerem Ort zu ſo einem ſchönen Gut käme.“ „Aber dazu geben thätet Ihr mir nichts?“ „Nein, bin Dir auch nichts ſchuldig; wenn Du mich aber ſonſt brauchen kannſt.“ „Ja, wie denn? Wollt Ihr Bürgſchaft für mich leiſten „Das auch nicht. Aber ich verſteh' das doch beſſer wie Du. Ich ſchenk Dir einen Tag und fahr' mit Dir hinüber und ſchätze Dir das ganze Anweſen ab. Es freut mich, daß Du nicht wirthen willſt. Bis morgen Mittag bin ich mit meinem Heu herein, es hellt ſich auf. Wenn Du mich einen Tag willſt, ich bin dabei und fahre mit Dir hinüber. Du weißt, wenn ich was ſag, da gilt's; ich bin der Gruberſepp.“ „Ich nehm's an,“ ſagte Hanſei. Freudeſtrahlend ſtand andern Tages Walpurga am Gartenzaun und ſchaute dem Fuhrwerk nach, worauf Hanſei und der Gruberſepp ſaßen; ſie freute ſich daß gerade viele Azute vom Feld heimkehrten, als die Lbven mit einander Pohin fuhren. 260 „Nun ſollen ſie an ihrer Bosheit würgen. Der Erſte im Dorf iſt der Kamerad von meinem Hanſei.“ Es war vom Gruberſepp keine Kleinigkeit, daß er einen Tag aus ſeinem Leben hergab, zumal mitten im Sommer; es war wohl Güte dabei, aber haupt⸗ ſächlich wollte er zeigen, daß die ganze Sippſchaft vom Gemswirth Keinen zum Mann machen kann, der Gruberſepp aber kann das. Es iſt ihm zwar ſehr gleich⸗ gültig, was die Menſchen über ihn denken, aber es thut doch gut, ihnen manchmal den Meiſter zu zeigen, wenn's nichts koſtet. Wenn's nichts koſtet— das ſtand bei Allem, was der Gruberſepp that, obenan. Der nächſte Weg war wol über den See und drüben gleich den Berg hinauf; aber der Gruberſepp hatte einen beſondern Widerwillen gegen das Waſſer. Man fuhr rings um den See herum und erſt dann e Am andern Abend ſpät kamen Hanſei und Sepp zurück. Hanſei berichtete, daß Alles ganz ſtattlich und der Kauf ganz anſtändig ſei, wenn auch nicht gar ſo billig, wie der Ohm geprahlt habe; das Gut ſei gräu⸗ lich verwahrloſt, doch wäre das kein Hinderniß, er könne es ſchon wieder herrichten; aber er möge nicht kaufen, denn er müſſe zu viel auf Hypothek ſtehen laſſen, er wolle lieber ein kleines Gut ohne Schulden. Da ſagte Walpurga: „Komm, ich hab Dir's ja ſchon lang ſagen wollen und Du haſt mir's nicht abgenommen. Ich hab' Dir noch was!“ Sie führte Hanſei hinab in den Kelleg dort rückte ſie mit großer Kraft die ſteinerne Krautbte weg, grub nit den Hä wundert dri iberzug das „Was iſt „Louter „Lieber G des it Zaul heſtig, dß auf einen un Die beid „Biſt Du „Ja wol doch nicht. Haſt Du kein „J frei chet Poden Wa gingen aber in den kurz Lampe wied Stube Dor nit mnn werden könn und das Go „Jtt ſo bund über! Duchem m an!“ Vh Hunſi breit gen. Der m Hanſei.“ eit, daß et mal mitten aber haupt⸗ Sippſchaft kann, der ſehr gleich⸗ n, aher es zu zeigen, tet— das „obenan. und drüben epp hatte ſſer. Man nn on ſtatt und nicht gar ſo ut ſei 3 idern ine m öge N othet k ſtehen e Schulden. agen wollen ſch hab Dir t rickte te weg, gub 261 mit den Händen die Erde auf und reichte dem ver⸗ wundert drein ſchauenden Hanſei in einem Kopfkiſſen⸗ überzug das Gold dar. „Was iſt das?“ Lauter Gold!“ „Lieber Gott, Du biſt ja eine Hexe! Das iſt.. das iſt Zaubergold!“ ſchrie Hanſei. Er erſchrak heftig, daß er die Oellampe umſtieß, die Walpurga auf einen umgeſtürzten Kübel geſtellt hatte. Die beiden ſtanden ſchaudernd im dunkeln Keller. „Biſt Du noch da?“ rief Hanſei zitternd. „Ja wol bin ich noch da! Sei doch nicht... ſei doch nicht.. ſo... ſo abergläubiſch! Mach' Licht! Haſt Du keine Zündhölzchen?“ „Ja freilich!“ S that ſie heraus, ſie fielen ihm aber alle zu Boden Walpurga las ſie auf, mehrere fingen Feuer, gingen aber gleich wieder aus und es war ſchauerlich in dem kurzen, blauen Licht. Endlich gelang es, die Lampe wieder anzuzünden. Sie ſtiegen hinauf in die Stube. Dort zündete Walpurga noch ein Licht an, da⸗ mit man nicht wieder von der Dunkelheit erſchreckt werden könne. Hanſei öffnete haſtig den Kiſſenüberzug und das Gold blinkte ihm entgegen. „Jetzt ſag' mir aber,“ rief er, ſich mit der ganzen Hand über das Geſicht fahrend,„jetzt ſag' mir: Haſt Du noch mehr?— Thu' mir das nicht noch ein— mal an!“ daß ſie nun nichts mehr habe. Hanſei breitelk das Gold auf den Tiſch aus, legte es in Häufchen zuſammen und zählte mit den Fingern ab. Er hatte immer ein Stück Kreide in der Taſche, das nahm er nun heraus und rechnete zuſammen. Als er damit fertig war, wendete er ſich um und ſagte: „Komm' her, komm', Walpurga! Da haſt Du den erſten Kuß, Freihofbäuerin!“ Hanſei that das Gold wieder in den Kiſſenüberzug, und als er zu Bett ging, ſteckte er den Sack unter ſein Kopfkiſſen und ſagte:„Ah! Das iſt ein gutes Kopf⸗ kiſſen! Da ſchläft ſich's gut drauf!“ Zehntes Capitel. Als Walpurga am andern Morgen erwachte, fand ſie den Sack voll Gold neben ſich im Bette. Benſei war verſchwunden. Wo iſt er? Was iſt mit ihm? Sie kleidete ſich raſch an, ſuchte und rief im ganzen Hauſe, er war nicht da. Sie eilte ins Haus des Gru⸗ berſepp, man hatte hier nichts von ihm geſehen. Sie ging wieder heim, Hanſei war noch immer nicht da. Was iſt denn das? Wenn ſich der Hanſei ein Leid angethan hat? Wenn's ihm im Kopf was gethan hat? das viele Geld, das ſchreckliche Geld! Es hat doch in der Erde gelegen, und es iſt ja nichts Unrechtes dabei; und was einmal in der Erde gelegen hat, iſt wieder gereinigt. Sie ging hinaus an den See. Der See war noch immer unruhig und trieb ſtarke der ganze Himmel war von grauen Wolken umzohſ. Wenn ſich er vielleicht d „Huſei!“ Sie echiel zrück und kle vewirt; aber „Sei nr genommen, d in Wold noch beit. Wenn ſo närriſch ge Schloß ſitt D zleich ſo viel doch, die Welt Dnnung ſind Hunſei kn Wlpurga mßte ſtzen b „Guten von weitem. „Guten wuhu.„Vo „Druße halen, eine gthan. Jt tin hungtig. Guttlob, Und holte ſi ihn udſt nd nite Fingern ch. S Laſche, das en A achte, fand te. Fanſei ef im ganzen eſehen Sie er nicht da. ſei ein Leid gethon hat? tdoch in der dobei; und er gereinigt. ee war noch der ganze 263 Wenn ſich Hanſei was am Leben gethan hat? Wenn er vielleicht da drin ſchwimmt? „Hanſei!“ ſchrie ſie über den See hin. Sie erhielt keine Antwort. Sie kehrte ins Haus zurück und klagte der Mutter ihr Leid, ſie ſprach ganz verwirrt; aber die Mutter tröſtete ſie: „Sei nur ruhig. Der Hanſei hat ſeine Axt mit⸗ genommen, die immer draußen hängt, er wird oben im Wald noch was zu thun haben; er ſchenkt ſich keine Arbeit. Wenn er heimkommt, ſag' ihm nicht, daß Du ſo närriſch geweſen biſt. Ich ſeh' doch, das Leben im Schloß ſitzt Dir noch in allen Gliedern; Du machſt Dir gleich ſo viel Gedanken und über Alles hinaus. Glaub' doch, die Welt iſt in Ruhe, wenn wir ſelber in Ruhe und Ordnung ſind. Still, ich hör' ihn kommen, er pfeift.“ Hanſei kam pfeifend daher, die Axt auf der Schulter. Walpurga konnte ihm nicht entgegen gehen, ſie mußte ſitzen bleiben, ſo müd' war's ihr in den Knieen. „Guten Morgen, Freihofbäuerin!“ ſagte Hanſei von weitem. „Guten Morgen, Freihofbauer!“ erwiderte Wal⸗ purga.„Wo biſt Du geweſen?“ „Draußen im Wald. Ich hab' eine Tanne umge⸗ hauen, eine mächtige, die hat's geſpürt. Das hat gut gethan. Jetzt gieb mir aber zuerſt was zu eſſen, ich bin hungrig.“ Gottlob, daß er noch eſſen kann, dachte Walpurga und holte ſchnell die Morgenſuppe. Sie ſetzte ſich zu ihm und frezzte ſich bei jedem Löffel, den er nahm, und nickte ihm zu, ſie hatte viel zu fragen und zu 264 ſagen, aber ſie wollte ihn nicht im Eſſen ſtören. Sie hielt die halbleere Schüſſel in die Höhe, damit er den Löffel immer recht voll nehmen könne. „Jetzt ſag,“ fragte ſie, als die Schüſſel leer war, „jetzt ſag, warum biſt Du ſo früh fort und ſo heim⸗ lich davongeſchlichen?“ „Ja, ich will Dir was ſagen. Wie ich da aufge⸗ wacht bin und hab' geglaubt, es wär' Alles nur ein Traum geweſen und hab' nachher doch das Gold ge⸗ funden, das viele Gold, da hab' ich gemeint, ich werde närriſch. Der Hanſei, der arm' Kerl, der monatelang geſpart und ſich darauf gefreut hat, daß er ſich ein Hemd und ein paar Schuhe anſchaffen kann, der Hanſei hat auf einmal ſo viel? Da iſt mir's geweſen, wie wenn mich Eins um und um dreht und närriſch macht. Da hab' ich Dich wecken wollen, mit Dir überlegen was ich mit mir anfangen ſoll, aber Du haſt ſo gut geſchlafen, und da hab' ich gedacht: Was da! Die Frau ſoll Dir helfen? Aus dem Schlaf heraus? Wart' Hanſei, ich will Dich! Und da bin ich hinaus und hab' meine Axt genommen und bin den Berg hinauf. Ich hab' immer gemeint, es lauft ein ganzer Trupp Menſchen hinter mir drein und bin doch allein, und es hat kaum zu tagen angefangen. Da bin ich weiter, zu der Tanne hin, ſie iſt ſchon lang ausgezeichnet zum Schlagen, hab' meine Joppe hingeworfen und angefangen, in den Baum zu hauen, und wie die Späne davongeflogen ſind, iſt mir's wohler geworden. Nachher iſt der Spinnerwaſtl gekommen, der hat mir geholfen, aber er hat immer geſagt: Hanſei, ſo haſt Du Dein Lebtag nicht geſchafft, vie heut. 6 ungeriſen un 4 und iſt ie Aeſte abg vi ſonſt i und nach alle n den Kopf wohl und bin! bin einna ſtzt ſoll ich Ba gut! t“ Und ſo war Die Mutter ſchwinden, wen was untet ſich auben können und unterirdiſch mtter oft nich ieder da war, und wieder her luch jett n ind Hanſei ſie ſihends; als ſ ſed. Mutter, tn Palyur h ſehe ſc blinig nit i niſn“ M, Nu ſören Sie mit er den el leer war, nd ſo heim⸗ hda au fge⸗ es nur ein 8 Gold ge⸗ t, ich werde weſen, wie riſch macht. überlegen haſt ſo gut Die Ftau ort Hanſei, hab meine f. Ich hah Venſchen es hat kaum u der Tmnn hlagen, hab in den Baum gen ſind, iſt Spinnetwaſtl that imme icht geſchft, 265 wie heut. Es iſt auch wahr. Wir haben den Baum umgeriſſen und das hat gekracht und das hat mir wohl gethan, und iſt mir immer wohler geworden; wir haben die Aeſte abgehauen und ſo viel geſchafft, dreimal ſo viel wie ſonſt in ſo einer Zeit. Und da ſind mir nach und nach alle die Narrenspoſſen und das Taumeln aus dem Kopf gegangen. Jetzt bin ich da und bin wohl und bin bei Dir, Walpurga, alter Schatz. Ich bin noch einmal ein rechter Holzknecht geweſen, und jetzt ſoll ich Bauer werden— wird ſchon, wird Alles gut!“ Und ſo war's Die Mutter hatte eine wunderbare Gabe, zu ver⸗ ſchwinden, wenn ſie wußte, daß die beiden Ehelente etwas unter ſich allein auszumachen hatten; man hätte glauben können, das Häuschen habe geheime Thüren und unterirdiſche Gänge, ſo urplötzlich war die Groß⸗ mutter oft nicht mehr zu ſehen, bis ſie auf einmal wieder da war, und man wußte nicht, wo ſie geweſen und wieder hergekommen. Auch jetzt war ſie verſchwunden, und als Walpurga und Hanſei ſie im ganzen Hauſe riefen, fanden ſie ſie nirgends; als ſie aber in die Stube zurückkamen, war ſie da. „Mutter, wir haben Euch etwas Gutes zu ſagen,“ begann Walpurga. „Ich ſehe ſchon das Beſte,“ verſetzte ſie,„daß Ihr ſo herzeinig mit einander ſeid; weiter brauch' ich nichts zu wiſſen.“ „Nein, Mutter, das müſſet Ihr wiſſen. Habt Ihr 266 Euch nie ausgedacht, daß Ihr einmal Freihofbäuerin ſein könntet, wie Ihr dort Magd geweſen ſeid?“ „Nein, nie!“ „Aber jetzt wird's.“ Walpurga und Hanſei erzählten wechſelsweiſe, wie man ſo viel Geld habe, daß man den Freihof baar und blank bezahlen könne, und der Kauf ſei ſo gut wie fertig, denn Hanſei habe ſich auf acht Tage das Zu⸗ ſchlagsrecht aufbehalten. Mutter Beate ſaß ſtarr da nach dieſer Mittheilung, ſie faltete die Hände und ihre Mienen waren tief ſchmerzlich. „Mutter, freut Ihr Euch denn gar nicht?“ fragte Walpurga. „Ich mich nicht freuen? Wirſt ſchon ſehen. Aber, Kind, ich bin alt und kann nicht mehr ſo ſpringen, wie Du. Schau' die Berge da draußen, ſo lang die ſtehen, hat noch kein Menſch eine größere Freude ge⸗ habt, als ich jetzt. Ich weiß nicht, was unſer Herrgott mit mir vorhat, daß er mir ſo viel Freuden auf der Welt giebt. Er muß wiſſen, was er thut, ich nehm's ſtill und geduldig an. Ich hab gemeint, es könnt' gar nichts mehr kommen, wie Du wieder daheim ge⸗ weſen biſt; aber ich ſeh' ſchon, es kommt noch mehr. Gut, laß kommen, was will; ich komme wieder heim.“ Die Mutter konnte nicht weiterreden. Hanſei aber ſagte: „Ja, Mutter, Ihr ſollet noch was ſehen, was Ihr Euer Lebtag noch nicht geſehen habt.“ Er ging int golde und öffne „Du ſchalt e int Vun kol inn min ein 6 Ueld, und Vih „Dus iſ viel ſe Hand auf d ih ſil. „Greifet nur it den Händen uhl thut das!“ Die Großmutt ur vor ſich hin. Dos hind in „Die Freihoft In, Freihoſtaue juuen, die zut i auf, klimper „Horch einn irt!“ Die Großmu id ſugte: „anſei, folg n Bettchen v izn und mag ui voll, dn „u, Mutte Jhun Rewen ner gur ſchön Kreihofbäuerin n ſeid?⸗ ſeweie, wi ihof baar und i ſo gut wie Mittheilung, en waren tief nicht?“ ſtagte ſo ſpringen, , ſo lung die ere Freude ge⸗ unſer Herrgott reuden auf der ut, ich nehns int, es könnt der daheim ge⸗ int noch mehr fomne wieder n. Hanſei aber ( ſehen, wos Ihr 267 Er ging in die Kammer, holte den Sack mit dem Golde und öffnete ihn. „Da ſchaut einmal hinein, wie das glitzert und glänzt. Man kann's in zwei Hände nehmen und dafür kann man ein Gut kaufen mit Haus und Feld und Wald, und Vieh und Geſchirr und Alles!“ „Das iſt viel Geld,“ ſagte die Mutter. Sie legte die Hand auf das Gold und ihre Lippen bewegten ſich ſtill. „Greifet nur einmal hinein,“ drängte Hanſei.„So mit den Händen im Gold herumwühlen— o, wie wohl thut das!“ Die Großmutter willfahrte ihm nicht, ſie murmelte nur vor ſich hin. Das Kind in der Kammer ſchrie und Hanſei rief: „Die Freihofbauerntochter iſt erwacht. Guten Mor⸗ gen, Freihofbauerntochter!“ ſagte er hinter den beiden Frauen, die zu dem Kinde gingen; er hob den Gold⸗ ſack auf, klimperte und rief: „Horch' einmal, ſolche Muſik haſt Du noch nicht gehört!“ Die Großmutter nahm das Kind aus dem Bett und ſagte: „Hanſei, folg' jetzt mir und leg' das Gold in das warme Bettchen von dem unſchuldigen Kind. Das bringt Segen und mag das Gold in Händen geweſen ſein, wie's wolle, damit iſt's geweiht und bringt Segen.“ „Ja, Mutter, das können wir ſchon thun.“ Zu Walpurga gewendet, fuhr er fort:„Die Mutter hat immer gar ſchöne Sachen. Jetzt dem Gold wird's wohl thun in dem warmen Neſt. Ja!“ rief er dem kleinen Kinde zu,„in Deine Wiege hat man viel Gold gelegt. Halt! Ein Stück davon thun wir heraus und laſſen ein Loch durchbohren; das kriegſt Du, wenn Du ge⸗ firmt wirſt. Halt' Dich nur brav!“ „Jetzt muß ich aber zum Gruberſepp!“ rief er endlich. Walpurga mußte nun berichten, daß ſie ihn heute ſchon dort geſucht habe. Sie ſah jetzt ſelber, wie ſchnell ſie übertriebene Vorſtellungen hatte und nahm ſich vor, das ferner zu vermeiden. Die Großmutter, Walpurga und das Kind waren gut bei einander in der Stube und die Mutter er⸗ zählte, daß ſie damals, als Walpurga drei Monat ſpäter geboren wurde, zum letztenmal auf dem Freihof geweſen ſei; ſie ſei damals auf ihres Bruders Hochzeit geweſen. „Man kann mich ſchon da oben begraben,“ ſchloß ſie.„Ich kann ja leider nicht neben Deinem Vater ruhen, der See hat ihn ja nicht mehr hergegeben. O, wenn der das noch erlebt hätte!“ Die höchſte Freude und das höchſte Leid klingen immer in einander. Der Gruberſepp kam mit Hanſei. Er war der Erſte, der Walpurga und der Großmutter Glück wünſchte. Er empfahl indeß, ehe die Sache gerichtlich feſt ſei, Niemand etwas davon zu ſagen. An Sonntal utter nit ein chein bei der wie oft man de und wie es nun Vg in eine an Die Leute, Drei nur ſlau Vir wollen „ ſhen mit in die bleiben.“ „Wenn man do, wie die Hun gegnete Wolpure 90 D Die Mutter itigte: „Glaub mi ſe ſic ſtellen; geinen, ſie ma i ſi zornig ut ind, aber „ebt nird ugn, wie h U n ſine Be 5 Ar Gemsw 6 9 a Mtort ve et der m kleinen l Buld glg us und laſen wenn Du ge⸗ epp!“ rief er ß ſie ihn heute ber, wie ſchnell nahn ſich vor, s hind waren die Mutter er⸗ a drei Monat uf dem Freihof uders Hochzeit graben,“ ſchloß Deinen Vater hergegeben. O, te Leid klingen Er war der Glück wün ichtlich feſt j 269 Elftes Capitel. Am Sonntag gingen Hanſei, Walpurga und die Mutter mit einander in die Kirche. Das Kind blieb daheim bei der Gundel. Still wandelte man am See entlang. Jedes dachte, wie oft man den Weg gegangen in Freud und Leid, und wie es nun ſein werde, wenn man einen andern Weg in eine andere Kirche geht. Die Leute, die auch zur Kirche gingen, grüßten die Drei nur flau und die Großmutter ſagte: „Wir wollen keine böſen Gedanken über die Men⸗ ſchen mit in die Kirche nehmen, die müſſen draußen bleiben.“ „Wenn man aber wieder heraus kommt, iſt's wieder da, wie die Hunde, die an der Kirchthür warten,“ ent⸗ gegnete Walpurga ſcharf. Die Mutter ſchaute ſie kopfſchüttelnd an und be⸗ gütigte: „Glaub' mir, die Leute ſind gar nicht ſo bös, wie ſie ſich ſtellen; ſie bilden ſich nur was drauf ein und meinen, ſie machen ſich wichtig damit und gelten etwas, weil ſie zornig und bös ſein können. Sei's aber, wie es ſei! Die Anderen können wir nicht zwingen, daß ſie gut ſind, aber uns können wir zwingen.“ „Gebt mir das Regendach, Mutter, ich kann's beſſer tragen, wie Ihr,“ ſagte Hanſei; das war ſo ſeine Art, wie er ſeine Beiſtimmung ausdrückte. Der Gemswirth fuhr vorüber. Hanſei grüßte, aber als Antwort vernahm er ein Knallen mit der Peitſche. 270 „So iſt's,“ ſagte Hanſei,„wenn der jetzt auch nicht gut iſt, deßwegen brauch' ich nicht bös zu ſein.“ Die Mutter nickte Hanſei zu. Man war ruhig in der Kirche und ging wie ge⸗ ſättigt und getränkt wieder heim. Das that aber keinen Eintrag, daß Hanſei am Mittag ſeinen mächtigen Hunger hatte und er ſagte: „Ich mein', der Freihofbauer kann mehr eſſen; aber er ſoll tüchtig ſchaffen, das will ich ihm ſchon auflegen.“ Hanſei war gar luſtig, aber auf den Kirſchbaum ſtieg er nicht mehr. Am Mittag kam der Doctor mit ſeiner Frau auf Beſuch. Walpurga zeigte der Frau Hedwig all' die ſchönen Sachen, die ſie bekommen hatte, und Frau Hedwig war voll Bewunderung. „Das ſchöne Kleid da,“ ſagte Walpurga,„das leg' ich zurück für das Kind zur Hochzeit; man kann nicht früh genug damit anfangen, an die Ausſteuer zu denken.“ Der Doctor hatte ein gutes Flaſchenfutter mitge⸗ bracht; er ſtellte die Flaſchen auf den Tiſch und ſagte: „Hanſei, wie ich höre, biſt Du in den trockenen Bann gethan. Ich bin ein Ketzer, ich darf Dir ein⸗ ſchenken.“ Das that er nun auch weidlich. Walpurga kam mit der Frau Doctorin in die Stube zurück und brachte eine Flaſche von dem Wein des Leib⸗ arztes mit den Silberkapſeln. Doctor Kumpan verſtand, ihn zu entſiegeln; er lobte den Wein, noch mehr aber den Leibarzt. ih noch vorige „ch mein ten unſern dos ſind Ehre witer“ „Haſt Recht nit den Freihe und Gegend zu verl Von der W „Herr Doct ja eigentlich an ie auch ein G „Luß einnal Du dran wende Hanſei war er doch nicht „Sie ſind tr, ſich fuſſend. ſoch drei Klafte 6 hren vors He „ch thu ſhe, Du wirſ eſin Daunen, De E ſich der kitt, 6 ul Vuhutg e hrif ifin Wil nitti glchend der jetzt auch bös zu ſein./ ging wie ge⸗ hat aber keinen chtigen Hun ner r eſen; che h ihm ſchon iner Frau auf edwig alb die te, und Frau ega,„dos leg! nan kann nicht euer zu denken.“ enfutter nitge⸗ iſch und ſogte: nden trockenen darf Dir ein⸗ rin in die Stu ube Wei in des s L eib⸗ umpan ver ſtand aber noch mehr „Ich meine,“ ſagte Walpurga,„ich mein', wir ſoll— ten unſern Ehrengäſten ſagen, was mit uns vorgeht; das ſind Ehrenleute, die berichten's vorderhand nicht weiter.“ „Haſt Recht,“ meinte Hanſei und erzählte die Sache mit dem Freihof. Der Doctor und ſeine Frau glück— wünſchten und bedauerten nur, ſo gute Leute aus der Gegend zu verlieren. Von der Weinlaune ermuthigt, frug Hanſei: „Herr Doctor, iſt's erlaubt? Sehen Sie, Sie ſind ja eigentlich an unſerm Glück ſchuld; iſt's erlaubt, daß Sie auch ein Geſchenk von uns annehmen?“ „Laß einmal hören. Wie viel tauſend Gulden willſt Du dran wenden?“ Hanſei war ſehr erſchrocken, ſo weit hinaus wollte er doch nicht. „Sie ſind ein luſtiger und ſpaßiger Herr,“ ſagte er, ſich faſſend.„Jetzt, ich hab' gemeint... ich hab' noch drei Klafter Holz oben im Wald, das letzte hab' ich noch vorige Woche geſpalten, jetzt das möcht' ich Ihnen vor's Haus führen.“ „Ich thu' Dir den Gefallen und nehm's an. Ich ſehe, Du wirſt ſchon ein rechter Bauer, Du haſt einen ſteifen Daumen, das Geld klebt Dir dran. Bleib' nur ſo.“ Die Ehre des Sonntags ſteigerte ſich noch, denn nach der Mittagskirche kam auch der Herr Pfarrer. Er berichtete, daß er morgen nach der Hauptſtadt reiſen wolle, Walpurga möge ihm den verſprochenen Brief an die Gräfin Wildenort mitgeben. Doctor Kumpan rief mächtig lachend: 272 So? Die Allerhöchſte Gräfin Wildenort iſt Deine Freundin und an die will der Herr Pfarrer— „Herr Doctor, ich möcht' ein Wort allein mit Ihnen reden,“ unterbrach ihn Walpurga,„kommen Sie ſchnell.“ So viel hatte ſie doch bei Hofe gelernt, daß man mit einer gewiſſen höflichen Entſchiedenheit manches Un⸗ liebſame im Zügel halten und ablenken kann. Es lag eine gewiſſe Hoheit in der Art, wie ſie nun dem Doctor ſagte, ſie dulde in ihrem Hauſe keine böſe Nachrede über die Gräfin Irma; ſie würde es ebenſo nicht dul⸗ den, wenn Jemand in ihrem Hauſe etwas Schlimmes über den Doctor ſage, und das ſei gewiß ebenſo er⸗ logen, wie über die Gräfin; ſie ſei eben geſpaßig und übermüthig, wie der Doctor, ſie könnte ſein Kamerad ſein, aber grundbrav ſei ſie auch, gerade ſo wie er, und er ſolle ihr das nicht zu Leide thun, bös von ihr zu reden. Der Doctor ſah Walpurga ſtaunend an. Als er in die Stube zurückkam, ſagte er zu Hanſei: „Du haſt eine Staatsfrau, auf die darf Jeder ſtolz ſein, der mit ihr gut Freund iſt.“ Walpurga ging nach der Kammer und ſchrieb: „Meine herzgeliebte Gräfin! Ich ergreife dieſe Gelegenheit, um Ihnen zu ſchrei⸗ ben. Unſer Herr Pfarrer reiſt nach der Stadt und will ſo gut ſein und einen Brief an Sie mitnehmen und an Sie überbringen. Ich weiß nicht, was er ſonſt will. Und darauf können Sie ſich verlaſſen, was er will, iſt gut; er iſt gar gut gegen mich, beſonders ſeit ich aus der Fremde heim bin. Nun möcht' ich Ihnen gern ſchreiben, wie es mir geht Ich kan VPenn man ſe gind hat und aber nicht ſo b der Vieſe m Ach Gottl i Jenund in Sc In Sie,„ hind auch, ich und die Manſ Ih bitte, Leibarzt und t weiſerin, ſie Frun Gunther fir eine Fru! ktzten Tag ke Log gehen, ſo wſen ſein. 1 ſhreiben mire ir hat Sie ja ſigen Sie nit e Mnſel hr vite doch ſche liyen blebt. Minen V b iun Mor h mß nirs er hint d gute Fru nort iſt Deine wrer—“ ein mit Ihnen nSie ſne ell.“ rnt, daß man it manches Un⸗ kann. Es lag un dem Doetor döſe Nochrede enſo nicht dul 3 Schlimme wiß ebenſo er⸗ ngeſpaßig und ſein Kamerad ſo wie er, und on ihr zu reden. an. 5 er in el. darf Jedet ſcoh ſchrieb: ht, wos er ſonſt rlaſſen, was el teſondes ſi 273 geht. Ich kann mir's von Gott nicht beſſer wünſchen. Wenn man ſeinen Mann und ſeine Mutter und ſein Kind hat und ſeine Arbeit, wir haben ſchon geheuet, aber nicht ſo bloß zum Spaß, wie dort bei uns auf der Wieſe am Sommerſchloß, wiſſen Sie noch? Ach Gott! ich ſag' bei uns, und wer weiß, ob noch Jemand im Schloß an mich denkt. Ja Sie, meine gute Gräfin, gewiß, und mein Kind auch, ich meine den Prinzen, und die Königin und die Mamſell Kramer und der ihr Vater auch. Ich bitte, grüßen Sie Alle von mir, auch den Leibarzt und den Baron Schöning und die Oberhof— meiſterin, ſie iſt doch auch gut. Und wenn Sie zur Frau Gunther kommen, die auch. O, was iſt das für eine Frau! Ich hab' ſie leider Gottes erſt am vor— letzten Tag kennen zu der ſollten Sie jeden Tag gehen, ſo muß Ihre Mutker ſelig eine Frau ge⸗ weſen ſein. Und thun Sie mir den Gefallen und ſchreiben mir auch einmal, wie's meinem Prinzen geht; er hat Sie ja auch ſo gern. Und wenn Sie heirathen, zeigen Sie mir's an. Und wenn Gelegenheit iſt, ſoll die Mamſell Kramer mir die ſchöne Kunkel ſchicken; es wäre doch ſchade, wenn ſie droben auf dem Boden liegen bleibt. Meinem Mann hat's gar leid gethan, daß er Sie an jenem Morgen nicht geſehen hat, und mir auch. Ich muß mir's ganz aus dem Sinn ſchlagen, wie Sie damals ausgeſehen haben; in Gedanken muß ich immer da drüber hinüber, wenn ich mir meine ſchöne Gräfin und gute Freundin vor Augen ſtellen will. Auerbach, Auf der Höhe. 11 18 274 Und meine Mutter läßt Sie auch vielmal grüßen, ſie hat Ihre Mutter auch noch gekannt und ſagt: Wenn man der ins Geſicht geſehen hat, iſts geweſen, wie wenn man in die Sonne ſieht. Mein Kind hat ſich im Anfang bockſteif gegen mich gemacht; Sie haben's ja am Prinzen geſehen, wie ſich Kinder bockſteif machen können, wenn ſie Jemand nicht lieb haben wollen. Aber jetzt bin ich mit meinem Kind ganz gut Freund, und das Beſte iſt doch auf der Welt, daß man ein Kind hat und ſeine Arbeit und ſein bischen Vermögen. Ach, wenn man ſo mit ſeinem Kind geht⸗ da geht ein lebendiger Brunnen mit Einem ſpazieren, aus dem man jede Minute lauter Seligkeit trinken kann. Es iſt mir oft wie ein Traum, daß ich fortgeweſen bin, aber es iſt gut, daß es geweſen iſt; ich könnt's nicht noch einmal, das ſpür' ich, und ſo wünſch' ich nur wohl zu leben. Ich küſſe das Papier, das Sie in die Hand nehmen werden. Ihre gute Freundin Walpurga Andermatten. Nachſchrift. Und neue Lieder ſingen ſie jetzt hier auch, aber ſie ſind nicht ſchön. Ich hab hier am Tag keine Zeit zum Singen, und wenn ich nicht Abends mein Kind einſingen könnte, käme ich gar nicht dazu. Verzeihen Sie, daß ich ſo ſchlecht ſchreibe, aber ich habe ſchon harte Hände bekommen, und das Papier und die Tinte ſind auch ſchlecht. Ja, ſo ſagen alle ſchlechten Schreiber. Nochmals lebet wohl. Ich ſchreibe in bile und Fube, und d ys ſind gat 9 und ſtlche 1 ſch ſeber den rifn! Sie t hutes gethan ghen und Ihr ſoirl als gewi ſt ju Ein Hin ie zu Ihren wn neiner 7 wgeſen, und zute Herz von Ihren nur, de tie ich, aber: ſichts wünſche ich meine, ich ber ich weiß nfen ſie. Lel iclich, und d, wen ich ber ich bin ſicht mehr for R daußen in Valpurga tud won. ſtinner Ket uch der Dre zunn hatten mal grüße en, ſagt: Pem weſen, wie f gegen nich geſehen, wie ſie Jemund mit meinem t doch auf ſeine man ſo mit S nit linute h ch könnts o wünſch ich Hand nehmen ermatten. ngen ſie jet hab hier am h nicht Abends ar nicht daſl reibe, aber ich d das Pupier 7 ſo ſagen alle Ih ſchribe in Eile und der Herr Pfarrer wartet drin in der Stube, und der Doctor und ſeine Frau ſind auch da das ſind gar gute Leute, und wenn's auch viele böſe und ſchlechte Menſchen giebt und neidiſche, ſie thun ſich ſelber den größten Schaden damit. Meine gute Gräfin! Sie können gar nicht wiſſen, was Sie uns Gutes gethan haben; es muß Ihnen noch gut dafür gehen und Ihren Kindern und Kindeskindern. Es iſt ſoviel als gewiß, daß wir nicht hier bleiben, aber es iſt ja Ein Himmel über der ganzen Welt. Und wenn Sie zu Ihrem Vater kommen, grüßen Sie ihn auch von meiner Mutter, die hat ihm ſeine Wohlthat nicht vergeſſen, und Sie ſind ſeine Tochter und haben das gute Herz von ihm und Ihrer Mutter. Ich wünſch' Ihnen nur, daß Sie auch noch ſo eine Mutter hätten wie ich, aber meine Mutter hat Recht: man ſoll ſich nichts wünſchen, was man nicht machen kann. Und ich meine, ich müßt' Ihnen noch recht viel ſchreiben, aber ich weiß jetzt nichts mehr und drin in der Stube rufen ſie. Leben Sie wohl und tauſendmal wohl und glücklich, und ich wünſch' Ihnen von Herzen alles Gute. O, wenn ich nur mit dem Brief bei Ihnen ſein könnte. Aber ich bin gern daheim und will mein Lebenlang nicht mehr fort. Lebet wohl, all ihr guten Menſchen da draußen in der Welt.“ Walpurga übergab den Brief und der Pfarrer ging bald davon. Er war nicht gern beim Doctor, der ein ſchlimmer Ketzer war. Als es Abend wurde, reiſte auch der Doctor mit ſeiner Frau davon, und Wal⸗ purga hatte nicht wenig Stolz und Freude, daß alle 276 Leute im Dorf geſehen hatten, welchen Ehrenbeſuch ſie gehabt; deſſen kann ſich doch Keiner ſonſt rühmen. Die Woche ging ſtill vorüber. Hanſei war mehrere Tage verreiſt. Er ſchloß den Kauf ab. Das Pechmännlein hatte ſich's als beſondere Gunſt ausgebeten, dabei ſein zu dürfen, wenn das Geld für den Freihof ausgezahlt wird. Sein Geſicht flimmerte, als er das viele Gold ſah, und als der Gruberſepp fragte: Gefällt Dir das? da ſagte er wie aus einem Traum erwachend: „Ja, es iſt wahr, ich hab's gar nicht geglaubt; in alten Geſchichten hab' ich oft davon gehört, daß ſo viel Gold auf einem Haufen liegen kann. Der ganze Plunder iſt doch nur ein paar Pfund ſchwer und dafür kriegt man jetzt den ganzen Freihof. Ja, ja, daran werd' ich noch in meinem Alter denken!“ Gruberſepp lachte aus vollem Halſe; das Männ⸗ lein mit den grauen Haaren mußte ſich noch gar jung vorkommen, da es von ſeinem zukünftigen Alter ſprach. Am Freitag kam der Pfarrer wieder. Er hatte die Gräfin Irma nicht getroffen, ſie war mit dem Hofe in ein Bad gereiſt. Den Brief hatte er im Schloß gelaſſen; er ſollte ihr nachgeſchickt werden. Zwölftes Capitel. Der Wetterhahn dreht ſich wieder und ſteht auf gut Wetter, kaum leiſe, zerſtreute Wölkchen ſind am Himmel. 4 Und ſo iſ Nuonſchen. 2 rihef drübe behlt Wer ſin? Nein, ſeinen Man us den Ort Mon gar nic hat, wenn ſo und gar ſolch wie es den A Nun wurd lich begrüßt, gunge ein Sti —. Der Hauf Hanſei att und wollte ſie widerte, da den Hofe ſei nit der Gege gah aber Honſei m ihtlich zu woch einen a uf den Hof ud us dn Und wiß helen hat? renbeſuch ſie rühmen. war mehrete ondere Gunſt us Geld für t flimmerte, Gruberſepp e aus einem cht geglaubt; hört, daß ſo och gar jung Alter ſprach. Er hatte var mit dem hatte er in und ſteht auf ib chen ſind an Und ſo iſt es auch wieder in den Gemüthern der Menſchen. Der Hanſei, hieß es im Dorf, hat den Freihof drüben über dem See gekauft und blank aus— bezahlt. Wer das kann, wie kann man dem noch bös ſein? Nein, ſchändlich iſt's vom Gemswirth, daß er ſo einen Mann und ſo eine Frau wie die Walpurga aus dem Ort treibt; die waren ja eine Ehre für Alle, davon gar nicht zu reden, was man für Nutzen davon hat, wenn ſo reiche und gute Menſchen im Ort ſind, und gar ſolche, die ſelber arm geweſen ſind und wiſſen, wie es den Armen zu Muthe iſt. Nun wurden Hanſei und Walpurga überall freund⸗ lich begrüßt, und Jedes ſagte, daß mit ihrem Weg⸗ gange ein Stück von ihrem Herzen mitgenommen würde. Der Haupträdelsführer vom Muſikſonntage, der Hanſei hatte einen Poſſen ſpielen wollen, kam jetzt und wollte ſich bei ihm als Knecht verdingen. Hanſei erwiderte, daß er vorerſt die Knechte behalte, die auf dem Hofe ſeien, er brauche zum Anfang Leute, die mit der Gegend drüben und den Aeckern bekannt ſeien; er gab aber guten Troſt für die Zukunft. Hanſei mußte oft hin⸗ und herfahren. Es gab viel gerichtlich zu ordnen, und außerdem übernahm er auch noch einen alten Auszügler, der ein Leibgedingrecht auf dem Hof hatte und ſich nicht mit Geld abfinden und aus dem Haus entfernen laſſen wollte. „Und wißt ihr,“ ſagte Hanſei einmal, wer mir vic geholfen hat? Das haben wir ja ganz vergeſſen gehabt: da droben an der Grenze, drei Stunden vom Freihof, wohnt ja die Staſi, und ihr Mann iſt Unterförſter; 278 der hat mir den Wald gezeigt, und Recht hat er, da laſſen ſich Wege hineinſchlagen und Langholz herunter⸗ bringen. Willſt Du nicht auch einmal mit und unſere neue Heimath anſchauen?“ fragte er ſeine Frau. „Ich warte, bis wir dort bleiben. Wo Du mich hinbringſt, iſt mir's recht, wir ſind ja bei einander und von dem Glück meiner Mutter kannſt Du Dir gar keine Vorſtellung machen.“ Die Großmutter, die ſonſt gar nicht ans Sterben dachte, klagte jetzt oft, ſie werde es nicht erleben, daß ſie mit hinüberziehen könnte auf den Freihof, als Mutter der Bäuerin, wo ſie Magd geweſen. Tagelang erzählte ſie Walpurga von den ſchönen Aepfelbäumen, die in dem großen Garten ſind, und von dem Bach, der ein Waſſer hat, daß man gar keine Seife braucht und die Wäſche wird ſchneeweiß, und wie gut da die Menſchen ſind; und dann ermahnte ſie die Walpurga jetzt ſchon, ja die Gaben recht zu geben, die ſich für die Freihofbäuerin ſchicken; ſie ſagte ihr Alles genau, damit es geordnet ſei, wenn ſie doch vorher ſterben müßte. Den alten Auszügler kannte ſie auch, er war ſogar etwas“ ver⸗ wandt mit ihr, aber ſehr weitläufig, den müſſe man ja recht gut halten, das bringe Segen ins Haus. Tage und Wochen vergingen, die Zeit der Abreiſe rückte immer näher. Schon lange hatte Walpurga mancherlei Geſchirr und Kleider eingepackt, ſie mußte ſie aber wieder holen, da man ſie noch brauchte. Je näher die Zeit der Ab⸗ reiſe kam, um ſo freundlicher wurden die Menſchen, und Walpurga klagte der Mutter: „65 get nnals vom nn ghalt gueſn, wur „, hind gihen, wen 2 ſt nüchte ma n geht nn zunze Velt n nun Ubſchied und die Nenſt wenn man vot ſeht erſt recht vile gute Her Die heiden usteden. Ha nehr habhaft. ihn iter Feld kines Abe ſun Gruberſe nd lan lang lleben woch wing. End m, und Pal „er Gru Uuhhurg u ſicht wie Pos iſt ſ, ndn Shinnel wi N N hat er, da holz herunter⸗ it und unſere e Frau. Vo Du nich hei einander unſt Du Hir ans Sterben terleben, daß of, als Mutter gelang erzählte en, die in den der ein Waſſer nd die Wiſche Nenſchen ſind; jet ſchon, je Freihoſbäuerin it es geordnet e Den alten ar etwas vet⸗ en miſſe mon eit der Abteiſe herlei Geſchir er wieder holen, ie Zeit der Ab die Menſchen „Es geht mir jetzt bei der Abreiſe von hier wie damals vom Schloß; ich hab' doch immer das Ver⸗ langen gehabt, fortzukommen, und wie die Zeit da⸗ geweſen, war mir's doch wieder bang.“ „Ja, Kind,“ tröſtete die Mutter,„ſo wird es auch gehen, wenn Du einmal aus der Welt fort mußt. Wie oft möchte man fort, aber wenn's darauf ankommt, da geht man doch nicht gern. O Kind, ich mein', die ganze Welt redet zu mir und ich verſteh' Alles. Wenn man Abſchied nehmen muß, da iſt Alles am beſten, und die Menſchen beſonders, und ſo wird's auch ſein, wenn man vom Leben Abſchied nimmt und man ver⸗ ſteht erſt recht, wie ſchön es doch geweſen iſt und wie viele gute Herzen zurückbleiben.“ Die beiden Frauen allein konnten ſich miteinander ausreden. Hanſei's wurde man keine ruhige Stunde mehr habhaft. Er ſaß viel beim Gruberſepp, ging mit ihm über Feld und ließ ſich in Allem unterrichten. Eines Abends wurde Hanſei abgerufen, er ſolle zum Gruberſepp kommen, aber ſchnell. Er eilte fort und kam lange nicht heim. Walpurga und die Mutter blieben wach— ſie waren begierig, zu wiſſen, was vorging. Endlich, es war faſt Mitternacht, kam er an, und Walpurga fragte:„Was iſt denn?“ „Der Gruberſepp hat ein Hengſtfüllen kriegt!“ Walpurga und die Mutter lachten und konnten gar nicht wieder aufhören. „Was iſt da zu lachen?“ fragte Hanſei faſt ärger⸗ lich,„und noch dazu iſt das Zeichen da, daß es ein Schimmel wird.“ — 280 Das Gelächter erneute ſich und Hanſei ſchaute ſon⸗ derbar drein. Er erzählte mit Ernſt, daß ihn der Gruberſepp hätte holen laſſen, damit er das lerne und er wollte ſeine neueſte Erfahrung berichten, daß nie ein Füllen weiß geboren wird; aber er beſann ſich noch zur Zeit: man muß den Weibern nicht Alles erzählen, ſie verfallen in ſo ein dummes Gelächter, und ein großer Bauer muß auch ſtolz gegen die Weiber ſein. Das will er ſich merken. Der Gruberſepp iſt auch ſtolz gegen das Weibervolk. Es kamen Anträge, Hanſei ſein Häuschen abzu⸗ kaufen, und er wurde immer bös, wenn man die Gſtadelhütte eine baufällige alte Baracke ſchimpfte. Er ſchaute immer darauf, wie wenn er ſagen wollte: „Nimm's nicht übel, du braves Haus, die Leute ſchimpfen nur, damit ſie dich billig kriegen.“ Hanſei war zäh, er wollte ſein Heim nicht um einen Groſchen billiger hergeben, als es werth iſt, und dazu hatte er ſeine Fiſchgerechtigkeit, die auch was werth war. Der Gruberſepp übernahm endlich das Haus für einen Knecht, der zum Herbſt heirathen und den er darauf ſetzen wollte. Alles war gut, Alles war freundlich im Dorf, ja doppelt, weil man jetzt davonging, und Hanſei ſagte: „Es thut mir weh, daß ich einen Feind hinter⸗ laſſen muß; ich möcht' mich gern mit dem Gemswirth ausſöhnen.“ Walpurga ſtimmte zu und ſagte, ſie gehe auch mit, ſie ſei ja eigentlich ſchuld, und wenn der Gemswirth ſchimpfen wolle, ſolle er auch ſie ausſchimpfen. Hanſei w ae ſie beſta E war a ſi niteinande l ſe gegent in der Stube; Nnſch ließ Nichel moch „Iſt ien „Mein, es as der dunk „So ſahet dr Hanſei u häten ihn bi wn ſe ihn ihn auch und „It recht und ſchlug d 0 Michſel bellte Hanſei un „Weißt, „J freili „Gut, ſo Schwer w Nt liutete ſo gehört hat ſe ndeten ke U Hanſei ſ „Unſet du können; ſtauts ſen daß ihn der das lerne und en, duf ni und ein iber ſein. iſt auch ſtelz k, Wei iuschen ahz⸗ nn man die ſchinpſte. Er ſagen wollte: „die Leute en.“ Hanſei inen Groſchen dazu hatte er th war. Der us für einen en er darauf im Dorf, ja Hanſei ſagte: Feind hintet⸗ n Gemswirth gehe auch mit, der Genswirth mpfen. 281 Hanſei wollte ſeine Frau nicht mitgehen laſſen, aber ſie beſtand darauf. Es war am letzten Abend zu Ende Auguſt, da gingen ſie miteinander das Dorf hinauf. Das Herz pochte ihnen, als ſie gegen das Wirthshaus kamen. Es war kein Licht in der Stube; ſie tappten im Vorplatz hin und her, kein“ Menſch ließ ſich ſehen und hören, nur Dächſel und Mächſel machten einen Heidenlärm. Hanſei rief: „Iſt Niemand daheim?“ „Nein, es iſt Niemand daheim,“ ſagte eine Stimme aus der dunkeln Stube. „So ſaget dem Gemswirth, wenn er heimkommt, der Hanſei und ſeine Frau ſeien dageweſen, und ſie hätten ihn bitten wollen, er ſolle ihnen verzeihen, wenn ſie ihm was zu Leid gethan, und ſie verzeihen ihm auch und wünſchen ihm alles Gute.“ „Iſt recht, will's ausrichten,“ ſagte die Stimme und ſchlug die Thür wieder zu, und Dächſel und Mächſel bellten wieder. Hanſei und Walpurga gingen heimwärts. „Weißt, wer das geweſen iſt?“ Hanſei. „Joa freilich, der Gemswirth ſelber. „Gut, ſo iſt's geſchehen; weiter können wir nicht.“ Schwer wurde der Abſchied von Allem im Dorfe. Jetzt läutete es zur Nacht mit der ſchönen Glocke die ſie gehört hatten von ihrer Kindheit an zu jeder Stunde; ſie redeten kein Wort von der Trauer des Abſchiedes nur Hanſei ſagte endlich: „Unſer Heimathsort liegt nicht außer der Welt, wir können noch oft hierher kommen.“ 282 Als ſie nach ihrem Hauſe kamen, war faſt das ganze Dorf verſammelt, um ihnen Lebewohl zu ſagen, aber Jedes ſetzte noch hinzu:„Ich ſehe Dich morgen früh noch.“ Auch der Gruberſepp kam noch einmal. Er war gewiß ſchon ſtolz genug, jetzt aber war er's doppelt, denn er hatte einen Andern zum rechten Mann ge⸗ macht, ihm wenigſtens dabei geholfen. Er war nun weder zärtlich noch empfindſam; er faßte vielmehr ſeine ganze Lebensweisheit in ein paar Sätze zuſammen, die er ſehr unvermittelt vorbrachte. „Ich hab' Dir nur noch ſagen wollen,“ begann er, „Du wirſt jetzt viele Knechte bekommen; glaube mir, die beſten ſind nichts nutz, aber es läßt ſich was draus machen; wer Knechte haben will, die gut mähen, muß ſelber gut vormähen. Und vergeßt nicht: Ihr ſeid ſo ſchnell zu dem Reichthum gekommen, und was ſchnell gekommen iſt, kann auch ſchnell wieder gehen; haltet feſt, ſonſt wird's bös!“ Er ſpendete noch manche praktiſche Lehre, und Hanſei gab ihm das Geleite bis an ſein Haus. Mit einem ſtillen Händedruck verabſchiedeten ſie ſich. Im Hauſe war es ſo leer, denn ein großer Theil Kiſten und Kaſten war ſchon vorausgeſchickt auf einem Kahn über den See. Drüben warteten morgen zwei Geſpanne vom Freihof. „So legen wir uns heut' alſo zum letztenmal hier ſchlafen,“ ſagte die Mutter, aber Keines wollte zu Bett gehen, obgleich ſie ſo müde waren von der Arbeit und Herzensrührung. Endlich mußte es doch ſein. Aber ſie ſchliefen Alle nur wenig. An Morg g di beſen in jlſanmen Mtter nacht gihe wuden uch di Hühn in du hind die Jeit Die Mutte in die Kiche⸗ us den hübe Uorten:„Al uzgelſcht ſei ſindet, ſol le Auch Hanſe in Sheyf vl den hinde fil Nochdem Peihehandlun „So nim bnch un ſih uns Geſt ſo wir wiede ſe hielt dem in lut zu: Shut ght!“ „Halt no purga, die g ſaſt das ganze en, aber Jes nfrüh noch.⸗ al. Er war ers doppelt, n Mann ge⸗ Er war mn vielmehr ſeine uſammen, die „begann er, glaube nit, ich was draus mähen, muß Ihr ſeid ſo d was ſchnell gehen; haltet re, und Hanſei Nit einen großer Theil ict auf einen norgen zwei lettennal hiet nes wollte zu von der Abei es doch ſein 283 Am Morgen war man früh bei der Hand. Man zog die beſten Kleider an, und ſofort wurden die Bet⸗ ten zuſammengerafft und in den Kahn getragen. Die Mutter machte das letzte Feuer auf dem Herd, die Kühe wurden herausgeführt und in den Kahn gebracht, auch die Hühner wurden in einer Steige mitgenommen und der Hund lief bei Allem hin und her. Die Zeit zum Aufbrechen war da. Die Mutter ſprach ein Gebet, dann rief ſie Alle in die Küche. Sie ſchäpfte mit dem Schapf Waſſer aus dem Kübel und ſchüttete es in das Feuer mit den Worten:„Alles Böſe und Ueble ſoll verſchüttet und ausgelöſcht ſein, und wer nach uns da Feuer an⸗ zündet, ſoll lauter Geſundheit drin finden.“ Auch Hanſei, Walpurga und Gundel mußten Jedes ein Schapf voll Waſſer ins Feuer ſchütten, und ſelbſt dem Kinde führte die Großmutter die Hand dazu. Nachdem Alle, ohne ein Wort zu ſprechen, dieſe Weihehandlung vollzogen hatten, betete die Großmutter: „So nimm du, unſer Herrgott, von uns alles Herzweh und alles Heimweh und alle Gebreſten, und gieb uns Geſundheit und eine glückliche Urſtänd da, wo wir wieder Feuer anzünden.“ Sie ging mit dem Kinde voraus über die Schwelle; ſie hielt dem Kinde die Augen zu und rief den Ande⸗ ren laut zu: „Schaut Euch nicht mehr um, wenn Ihr heraus⸗ geht!“ „Halt' noch ein wenig ſtill,“ ſagte Hanſei zu Wal⸗ purga, die allein bei ihm war.„Schau, Walpurga, 284 ehe wir zum letztenmal da über die Schwelle gehen, muß ich Dir noch was ſagen. Das muß heraus. Ich möcht' ein rechter Mann ſein und nichts mehr dahinter. Ich muß Dir das ſagen. So iſt's. Walpurga, wie Du fortgeweſen biſt und die ſchwarze Eſther war dro⸗ ben, da bin ich einmal drauf und dran geweſen, ein ſchlechter, ungetreuer Menſch zu werden... Ich bin's gottlob nicht geworden, aber es plagt mich, daß ich's doch einmal hab' werden wollen. Jetzt, Walpurga, verzeih' mir, und Gott wird mir auch verzeihen. So, jetzt hab' ich Dir's geſagt und jetzt hab' ich nichts mehr, und wenn ich den Augenblick vor Gott hintrete, ich weiß nichts mehr.“ Walpurga umarmte ihn ſchluchzend und ſagte:„Du biſt mein guter Mann.“ Dann ſchritten ſie zum letzten⸗ mal über die Schwelle. Im Garten blieb Hanſei ſtehen, ſchaute zu dem Kirſchbaum auf und ſagte: „Du bleibſt alſo da? Willſt nicht mit? Wir ſind doch allzeit gute Freunde geweſen und manche Stunde bei einander. Aber wart', ich nehm' Dich doch mit,“ rief er freudig,„in meiner neuen Heimath pflanz' ich Dich ein!“ Er grub einen Schößling, der als Wurzelbrut ganz unten am Stamm hervorſproßte, vorſichtig aus, ſteckte den Schößling unter die Hutſchnur und ging hinab zu ſeiner Frau an den Kahn. Von der Anlände am Seeufer her erſcholl helle Muſik von Geigen, Clarinetten und Trompeten. henſei eilt gje Dorf und ohn des Schn ſwprinzen un ud ordnete die ſine Baßge un) und rie ſhiſſe wurden vidertönten. Der große die beiden Hül kränzen aus 2 nitten in Kah hinden ihr Ki ſhuen in die d S ſchö inrecht des n halfter füh nken.“ Drr Grube er liebte den L lende Natu ſur an ge lde geweſen, ein O[e öch bins 6 „Valpurge, erzeihen. So nichts mehr, „ † o ſagte:„Dl un letzen⸗ haute zu dem züu Purelbnt orſichtig aus, ur und ging mpeten. 285 Dreizehntes Capitel. Hanſei eilte nach der Anlände. Da ſtand das ganze Dorf und dabei die vollzählige Muſikbande. Der Sohn des Schneider Schneck, der bei der Taufe des Kronprinzen unter den Cüraſſieren geſtanden, befehligte und ordnete die Abſchiedsfeier. Der Schneider Schneck, der ſeine Baßgeige ſtrich, ſah Hanſei zuerſt herankom— men, und rief mitten in die Muſik hinein: „Der Freihofbauer Hanſei und ſeine Herzallerliebſte ſollen leben— Hoch und dreimal Hoch!“ Alles rief Hoch! und Hoch! in den erwachenden Tag hin. Die Muſik blies einen Tuſch und Böller⸗ ſchüſſe wurden gelöſt, die dröhnend von den Bergen wiedertönten. Der große Kahn, in dem ſich ſchon der Hausrath, die beiden Kühe und die Hühner befanden, war mit Kränzen aus Tannen- und Eichenzweigen geſchmückt; mitten im Kahn ſtand Walpurga und hielt mit beiden Händen ihr Kind hoch über ſich und ließ es hinein⸗ ſchauen in die Freundeszahl und in den morgenglühen⸗ den See. „Einen ſchönen Gruß von meinem Meiſter,“ ſagte ein Knecht des Gruberſepp, der ein ſchneeweißes Füllen am Halfter führte,„und das ſchickt er Euch zum An⸗ gedenken.“ Der Gruberſepp war nicht unter den Verſammelten, er liebte den Lärm nicht, er blieb eine einſame, in ſich lebende Natur; aber er ſchickte doch etwas, das nicht nur an Geldeswerth von Belang war, ſondern auch 286 das ehrenvollſte Erinnerungszeichen, denn ein Füllen ſchenkt der Großbauer ſeinem davonziehenden jüngeren Bruder. Hanſei erſchien jetzt vor der ganzen Welt, das heißt vor dem ganzen Dorfe, als der jüngere Bruder des Gruberſepp. Die kleine Burgei im Schiff jauchzte hell auf, als ſie das ſchneeweiße Füllen ſah, das in den Kahn ge⸗ bracht wurde; das Kind und das Füllen ſahen einander groß an. Der ſechsjährige Gruberwaldl ſtand neben dem Schimmelfüllen und ſtreichelte es immer und ſagte ihm leiſe Worte, die Niemand hörte, und das Füllen wie⸗ herte in den jungen Tag hinein. „Willſt mit auf den Freihof und mein Knecht ſein?“ fragte Hanſei den Gruberwaldl. „Ja, wenn Ihr mich mitnehmt, rechtſchaffen gern.“ „Schau', was das ein Bub' iſt,“ ſagte Hanſei zu ſeiner Frau.„Ja, ein Bub'.“ Walpurga antwortete nicht und machte ſich mit dem Kinde zu ſchaffen. Hanſei reichte allen die Hand zum Lebewohl, ſeine Hand zitterte; er vergaß aber doch nicht, in die Taſche zu greifen und der Muſikbande zwei Kronenthaler zu geben. Endlich ſtieg er ein und rief: „Ich dank' euch, ihr Gefreundeten alle! Vergeſſet unſrer nicht, wie wir eurer nicht vergeſſen. Lebet wohl und geſund! Behüt' euch Gott mit einander!“ Walpurga und die Mutter weinten., „Nun voran in Gottes Namen!“ hieß es; die Ketten ouden glſt, ſle Muſtk, hir her, dan die Sonne br die Großn e waren ſill jinmefülen Palpurgat inch „Du guter in Leben halb authun, wenn ſgte ſie Die Mutter ſhittelte den dunn fel ſie ein 6o in Altg hund zu rehn ulte das feſt: mnhhe ſchlecht Hanſi ſch in uf A ſein der grn önl, fril „ch kan ud ſttt winden vole un ul die Ju und ws ich hurga, da vri in ein Fillen nden jüngeten gunzen Pelt, der jüngere hell auf, als den Kahn ge⸗ ſahen einander d neben den und ſagte ihn Füllen wie⸗ Knecht ſein!“ ſchaffen gern“ ugte Hanſei zu uchte ſich nit ebewohl, ſeine in die Taſche ronenthaler zu alle! Vergeſſet rgeſſen. Lobet nit einander“ die Kettin dd 00 — wurden gelöſt, der Kahn ſtieß ab. Nochmals erſcholl helle Muſik, Jauchzen, Jodeln und Böllerknallen vom Ufer her, dann glitt der Kahn ſtill über den See.— Die Sonne brach in voller Pracht hervor. Die Großmutter ſaß da und faltete die Hände, Alle waren ſtill. So fuhr man lange dahin. Nur das Schimmelfüllen wieherte nochmals der Heimath zu. Walpurga war es, die zuerſt das Schweigen unter⸗ brach. „Du guter Gott, wenn nur die Menſchen einander im Leben halb ſo viel Liebe erzeigten, wie ſie einem anthun, wenn man geſtorben iſt oder auswandert,“ ſagte ſie. Die Mutter, die noch mitten in einem Gebet war, ſchüttelte den Kopf; ſie endete aber ſchnell ihr Gebet, dann fiel ſie ein:„Das kann man gar nicht verlangen. So im Alltag will ſich's nicht geben, das Herz in die Hand zu nehmen; aber ich hab' Dir's immer geſagt, halte das feſt: die Menſchen ſind doch gut, wenn auch manche ſchlechte darunter ſind.“ Hanſei ſchaute auf ſeine Frau, die ſo vielerlei Ge⸗ danken auf Alles hat; das kommt doch davon, weil ſie in der Fremde geweſen. Aber auch ihm war das Herz voll, freilich ganz anders; er ſagte: „Ich kann mir gar nicht denken,“ er athmete tief auf und ſteckte die Pfeife wieder ein, die er eben hatte anzünden wollen—„ich kann mir gar nicht denken, wo all die Jahre hin ſind, die ich da verlebt habe und was ich alles durchgemacht habe. Schau', Wal⸗ purga, da drüben geht der Weg nach meinem Heim. 288 Ich kenne jede Höhe und jede Sunke. Dort liegt meine Mutter begraben. Und ſchau', da drüben der Berg, da ſtehen die Kiefern, der Berg war ganz kahl, die Bergſchinder haben ihn abgeholzt zu Franzoſenzeiten, und wie ſtämmig ſind jetzt die Bäume, die meiſten da⸗ von hab' ich gepflanzt. Ich war ein kleiner Bub' von elf, zwölf Jahren, da hat mich der Förſter gedingt; er hat überall Boden hinbringen laſſen und Moos an die Schrofen, und da hab' ich im Frühjahr von Morgens ſechs bis Abends ſieben Uhr die Pflänz⸗ linge eingeſetzt; meine linke Hand iſt mir faſt er⸗ froren, in einem Kübel hab' ich immer naſſen Lehm haben müſſen, um den an die Wurzeln zu thun, ge⸗ ring an Kleidern bin ich auch geweſen, und nichts als ein Stück Brod den ganzen Tag, und ſo am Morgen bis ins Mark hinein gefroren, am Mittag faſt verbraten von der Sonnenhitze an den Felſen— das war hart. Ja, ich hab' eine harte Jugend ge⸗ habt, es hat mir gottlob nichts geſchadet; aber ver⸗ geſſen will ich's nicht, und rechtſchaffen arbeiten wollen wir und den Armen geben, was wir können. Ich hätt's nie geglaubt, daß ich einmal einen einzigen Baum und eine Handbreit Erde mein eigen nennen könnt', und jetzt hat mir Gott ſo viel gegeben. Wir wollen's verdienen.“ Hanſei blinzelte mit den Augen, es ſtach ihn etwas drin, er drückte den Hut tiefer in die Stirn; jetzt, wo er ſich auswurzelte, ging es ihm durch den Sinn, wie vielfach eingewachſen in der Gegend er war durch ſeiner Hände Arbeit und durch Gewohnheit; er hatte wol unchen Baun ſtwer er ausge As Fülen nithefahren ſurt genug; en helfen. Luter ſelig“ Hanſei und ſihren die Rul wohl, doß ſie e herzbewegung a „6 witd n Ualpurg.„L wcken vot.„ Hanſei ant „Auf der E ſhrinnen Sch nd echielt no in, 6 ſtieg ei hlſe, wenn n wehnithige Es wäre ihr ufgeogen Mag ſein mß jett in Uerbach Au a drüben der rganz kahl, n zoſe nzbiton oſenzeiten, ie meiſten de⸗ iner Bub' von irſter g ngt: u un d Jors zuzn von die Pflänz mir faſt er⸗ naſſen Lhm zu thun, ge⸗ n, und nicht⸗ „und ſo am t, am Mittag den Felſen— te Jugend ge⸗ aber ver⸗ arbeiten wollen können. J einen einzigen eigen nennel gegeben. Vir ſtach ihn etwas Stirn; jett, w den Sinn, wi er war dulch it: er hatte w 289 manchen Baum umgehauen, aber er wußte auch, wie ſchwer er ausgeſtockt wird Das Füllen ward unbändig. Der Gruberwaldl, der mitgefahren war, um es zu halten, war nicht ſtark genug; ein Schiffer mußte ihm beiſpringen, um zu helfen. „Bleib' bei dem Füllen,“ rief Hanſei,„ich nehme das Ruder.“ „Und ich auch,“ rief Walpurga,„wer weiß, wann ich wieder dazu komme. O, wie oft bin ich da über den See gefahren, allein, mit Dir und mit meinem Vater ſelig.“ Hanſei und Walpurga ſaßen nebeneinander und führten die Ruder in gleichem Tact; es war Beiden wohl, daß ſie etwas zu thun hatten, um die innere Sewegung auszuarbeiten. „Es wird mir bang ſein nach dem Waſſer,“ Walpurga.„Ohne den See kommt mir das Leben ſ trocken vor. Ich hab's in der Stadt geſpürt.“ Hanſei antwortete nicht. „Auf der Sommerburg iſt auch ein Teich, und da ſchwimmen Schwäne d'rauf herum,“ ſagte ſie wieder, und erhielt noch immer keine Antwort. Sie ſchaute um, es ſtieg ein Arges in ihrer Seele auf: Dort im Schloſſe, wenn ſie etwas ſagte, wurde es ſtets beachtet. In wehmüthigem Tone klagte ſie: „Es wäre doch beſſer geweſen, wenn wir im Früh⸗ jahr aufgezogen wären, da wächſt man beſſer ein.“ „Mag ſein,“ erwiderte Hanſei endlich,„aber ich muß jetzt im Winter Holz ſchlagen. Walpurga, wir Anerbach, Auf der Höhe. 11 19 290 wollen einander das Leben leicht machen und nicht ſchwer. Ich krieg' meine Laſt und kann nicht noch Dich dazu tragen mit Deinen Schloßgedanken.“ Walpurga fuhr auf:„Ich will den Ring da, den mir die Königin geſchenkt hat, in den See werfen, zum Zeichen, daß ich gar nicht mehr ans Schloß denke.“ „Das iſt nicht nöthig, der Ring iſt ein ſchönes Geld werth und iſt auch ein ehrſames Andenken. Du mußt das auch ſo können.“ „Ja, bleib' Du nur ſo getreu und ſtark.“ Die Mutter ſtand plötzlich aufrecht ihnen gegenüber, in ihr Antlitz trat ein ſeltſamer Glanz und ſie ſagte: „Kinder, haltet das Glück feſt, daß Ihr ſo ſeid. Ihr ſeid miteinander durch Feuer und Waſſer gegan⸗ gen, denn Feuer iſt geweſen, wie Ihr in lauter Freude und Liebe waret und die Menſchen mit Euch ſo gut und freundlich; und durchs Waſſer ſeid Ihr gegangen, wie es Euch am Herzen genagt, daß die Menſchen ſo bös; da iſt Euch das Waſſer bis an den Hals gegan⸗ gen und Ihr ſeid nicht ertrunken. Jetzt ſeid Ihr über Alles hinaus und wenn ich einmal ſterbe, ſo weinet nicht; was ein Mutterhers von Glück bekommen kann auf der Welt, ich hab's gehabt durch Euch.“ Sie kniete nieder, ſchöpſte mit der Hand Waſſer aus dem See und ſpritzte davon Hanſei und Walpurga ins Geſicht. Hanſei und Walpurga ruderten ſtill weiter und ſprachen kein Wort mehr. Die Mutter aber legte ihr Haupt auf ein zuſammengebundenes Bett und ſchloß die Angen. Ein wunderbarer Ausdruck lag auf ihrem heſch. Noch e, ſchaute ſ ſgte: Singet hur Ind ich ſ Ues, den gute ſi hanſei un ſngen dabei W l 6 N ie wiederh wrin jauchte d ſilen Geung und denn ein jung „Da ſchwi Mr Fopf obe ngen kohlſch ſtrinnen; n wckt!“ Ue in Sc uß ud nicder M nanchnal A vuen ſtar bitidung, w ſhwarzen nml enpor Nen und nicht Geſicht. Nach einer Weile öffnete ſie die Augen wie⸗ der, ſchaute ſtrahlenden Blickes auf die Beiden und nicht noch Dich ſagte: Ring da, den„Singet! ſeid luſtig! Singet das Lied, das der ewerſeg, zun Vater und ich ſo oft mit einander geſungen. Den einen hloß denke“ Vers, den guten.“ ſt ein ſchönes Hanſei und Walpurga führten die Ruder und lndenken. Du ſangen dabei: ſtark.“ Wir Beide ſein verbunden nen gegenüber i ſet itfet Sh ſe ſurte S ſein die Stunden, 6 Wann wir beiſammen ſein. ß Ihr ſo ſeid. Waſſer gegar⸗ Sie wiederholten den Vers oft und oft, und zwiſchen lauter Freude drein jauchzte das Kind und wieherte das ſchneeweiße ſch ſo gut Füllen. Ihr gegangen, Geſang und Jauchzen wurden plötzlich unterbrochen, 6 Nenſchen ſo denn ein junger Schiffer ſchrie: en Hals gnon„Da ſchwimmt etwas! Es iſt ein Menſch! Jetzt iſt t ſed Ihr iba der Kopf oben, jetzt, ſeht Ihr's dort? Da ſind die erbe, ſo weint langen kohlſchwarzen Haare, die auf dem Waſſer bekommen kan ſchwimmen; da hat ſich Jemand ertränkt oder iſt ver⸗ unglückt!“ Hond Waſſe Alle im Schiff ſahen auf den Punkt hin, es wogte und Walpurg auf und nieder, es ſchien ein Menſchenantlitz zu ſein, das manchmal emportauchte und wieder unterſank. Alle waren ſtarr und Hanſei rieb ſich die Augen: War's Einbildung, war's Wirklichkeit? Er glaubte das Geſicht der ſchwarzen Eſther erkannt zu haben, wie es ſich einmal emporhob und wieder untertauchte im Waſſer. 292 — Es ſchwamm weiter und weiter und jetzt ſank es unter und man ſah nichts mehr. „Es iſt nichts,“ meinte Walpurga,„es iſt nichts; wir wollen unſere Freude nicht verderben laſſen, unſer Glück nicht.“ „Du biſt ein einfältiger Burſch,“ ſchalt der alte Schiffer den Gefährten.„Es iſt nichts als ein todter Rabe oder ein anderer Vogel geweſen, der da auf dem Waſſer geſchwommen iſt. Wer wird denn gleich ſo etwas ſagen?“ ſetzte er leiſe hinzu.„Wenn wir jetzt ein ſchlechtes Trinkgeld kriegen, biſt Du ſchuld. In der hellen Glückſeligkeit, in der die da ſind, hätten wir wenigſtens einen harten Thaler gekriegt. Siehſt Du, wie jetzt der Hanſei in ſeinem Geldbeutel wühlt? Er ſucht nach kleiner Münze; daran biſt Du ſchuld!“ Hanſei hatte in der That, ohne daß er wußte warum, ſeinen Geldbeutel herausgezogen und ſuchte darin. Er war ſo verwirrt von dem, was er geſehen hatte... es iſt doch Wahrheit geweſen... aber es kann doch nicht recht ſein... gerade jetzt, heut, wo Alles vergeben iſt und vorbei, und ich hab' doch nicht geſündigt.— Um ſeine Beſinnung wieder zu finden, zählte er mehrere Geldſtücke zuſammen. Das brachte ihn wieder zurecht; er kann zählen, jetzt iſt er wieder bei Be⸗ ſinnung. Er hatte das Ruder wieder abgegeben, und machte ſogar mit Kreide eine Rechnung auf der Sitz⸗ bank, die er aber ſchnell wieder verlöſchte. „Da iſt das andere Ufer!“ rief er aufſchauend und that ſeinen Hut ab.„Jetzt ſind wir bald drüben! Ich ſce ſcon de ut; ith ſce „bimel! hand blie u m. de6 iß in dn Uu wht ſob, ve ſo n dn licklich, wen wſen, wie vithelſmig“ Peit am her, auf und ghilt, zcte inen vollen nd kauerte lichtte ſich Uter in Rö „Haſt Du „J freil ſicht Abergla Seejungfrau. Der Kahr ſt eilte nae und dort hir den Hals u d jett ſant e „es iſt nichts. laſſen, unſer er da auf den denn gleich ſo in wir jetzt ein huld. In der hätten wir Siehſt Du, tel wühlt? Er ſchuld!“ daß er wußte d ſuchte was er geſehen eſen... aber ade jetzt, heut, ich h hab doch iden, zühlte er chte ihn wieder vieder bei Be⸗ abgegeben, un auſſchauend un ld drüben! 3 ſehe ſchon die Wagen und die Roſſe und den Ohm Peter; ich ſehe ſchon unſern blauen Schrank.“ „Himmel!“ rief Walpurga und das Ruder in ihrer Hand blieb unbewegt.„Himmel, wer iſt denn das dort.. die Geſtalt? Ich kann darauf ſchwören, daß ich in dem Augenblick während dem Singen daran ge⸗ dacht hab, wenn nur meine gute Gräfin Irma uns ſo auf dem Kahn bei einander ſehen könnte! Die wäre glücklich, wenn ſie das ſähe. Und jetzt iſt's mir ge⸗ weſen, wie wenn——“ „Ich bin froh,“ unterbrach ſie Hanſei,„daß wir an Land kommen; wir werden ſonſt noch Alle ganz wirbelſinnig.“ Weit am entfernten Ufer rannte eine Geſtalt um⸗ her, auf und ab. Die Geſtalt, in wallendes Gewand gehüllt, zuckte plötzlich zuſammen, als ein Windſtoß einen vollen Muſikklang hinübertrug; ſie ſank nieder und kauerte am Ufer. Jetzt, da das Lied erſchollen, richtete ſich die Geſtalt wieder auf, floh und duckte unter im Röhricht. „Haſt Du nichts geſehen? 2 fragte Walpurga nochmals. „Ja freilich— wenn's nicht Tag wäre und wenn's nicht Aberglaube wäre, möcht' ich denken, es ſei die Seejungfrau.“ Der Kahn landete. Walpurga ſprang zuerſt heraus; ſie eilte nach dem Röhricht, fort von den Ihrigen, und dort hinter den Weiden ſank ihr die Geſtalt um den Hals und brach zuſammen.. Fünftes Buch. Erſtes Capitel. Es war im Spätſommer, als der Hof aus dem Seebad zurückkehrte. Als erſte Regierungshandlung mußte der König jetzt den Erlaß unterzeichnen, mit welchem das Mini⸗ ſterium Schnabelsdorf das widerſpenſtige Abgeordneten⸗ haus auflöſte und Neuwahlen anordnete. Der König war mißmuthig, denn er mußte eine Folgehandlung vollziehen, die ihn jetzt überraſchte. Er war ſo froh belebt aus dem Bade zurückgekehrt und nun kam der Staat mit ſeinen Anſprüchen, wie ein unbefriedigter Gläubiger. Der König freute ſich der Zufriedenheit und allge⸗ meinen Zuſtimmung ſeines Volkes, aber dieſe Zuſtim⸗ mung ſollte eine ſelbſtverſtändliche ſein; jetzt wurde eine große Frage an das Land gerichtet und es war zweifel⸗ haft, wie die Antwort lauten würde. Die ausgiebige Unterhaltungskunſt Schnabelsdorfs, ja die geſchickte Betonung des Heroiſchen im Grund⸗ charakter des Königs begegnete nur hoher Mißlaune. Im ganzen Lande war große Bewegung. Man nekt ineß u uten begone u hef nh e pur die Johd Der König Veihnuhne an hlſenen N jien halwolln tit ud A ſch weit entf iſe Gegen In den Ho asnehmend ud li imen lher und hei öhin zu wa rihung, ſich ſilen, in B ſe Ricſſicht e Ungbung un uſen Reden d Jnoriren uher auch ſe fümige Kunf in ihn keine wor immer v ſugegen. Sie Rturels ben nſen. Es Rhobene Sti Hof aus den te der Khnig em das Mini⸗ Abgeordneten⸗ et mußte eine überraſchte. Er ückgekehrt und ichen, wie ein heit und allge⸗ dieſe Zuſtin⸗ etzt wurde eine es war weifel Schnabelsdorfs, en im Grund⸗ het Mißlaune vegung Mn 295 merkte indeß am Hofe wenig davon; die Herbſtmanöver hatten begonnen und auf die nächſten Tage, nachdem der Hof noch einmal auf die Sommerburg übergeſiedelt, war die Jagd im Hochgebirge angeſetzt. Der König bethätigte eine ungewöhnlich lebhafte Theilnahme an den Manövern. Die Fügſamkeit der geſchloſſenen Maſſen und ihre exakte Lenkung bildete einen haltvollen Gegenſatz zu einer gewiſſen Zerfahren— heit und Auflöſung im Lande. Man war aber natür⸗ lich weit entfernt, nur an die Möglichkeit zu denken, dieſe Gegenſätze thatſächlich einander gegenüber zu ſtellen. In den Hofgeſellſchaften zeigte der König ſtets eine ausnehmend gute Laune; er hielt es für Pflicht, ge⸗ rade bei innerm Mißmuth äußerlich um ſo zuverſicht— licher und heiterer ſich darzugeben und den gefälligen Schein zu wahren; die von Jugend an geübte Ge⸗ wöhnung, ſich immer in würdiger Haltung darzu⸗ ſtellen, im Bewußtſein, ſtets beobachtet zu werden; die Rückſicht auf die Anſprüche einer vielgegliederten Umgebung und demgemäß nach allen Seiten hin ange— meſſene Reden zu ſpenden; vor allem aber die Kunſt des Ignorirens, die von Andern inne gehalten und daher auch ſelbſt geübt werden muß, dazu das ſelb⸗ ſtändige Kraftgefühl des Königs— Alles das ließ an ihm keine Spur ſeines Mißmuthes erkennen. Er war immer voll heiteren Antheils, zumal wenn Irma zugegen. Sie vor Allem durfte kein Schwanken ſeines Naturells bemerken, denn ſie hätte das anders deuten müſſen. Es war Fflicht, bei jeder Begegnung jene gehobene Stimmung zu bewähren, die keinen Zwieſpalt 296 kennt und daraus Berechtigung und Sicherheit nimmt, ſich über das Geſetz zu ſtellen. Und doch empfand der König jetzt zum Erſtenmal die Unzuträglichkeit, im perſönlichen Leben von einer Leidenſchaft bewegt zu ſein, während eine große, noch dazu mit Gegen⸗ kampf erfüllte Aufgabe die volle Manneskraft erheiſcht. Auch Irma war von der Friſche der Meereswellen neu belebt in die Reſidenz zurückgekehrt. Sie war ſchöner als je, wurde aber ſelten am Hofe geſehen, denn ſie hielt ſich viel bei Arabella auf. Am Tage, nachdem Arabella eines Knaben geneſen, kam Irma mit dem Leibarzt aus dem Hauſe Brunos. „Dieſe ewige Kinderſtube wird mir nachgerade zu⸗ wider,“ wollte Irma ſagen, aber ſie hielt es zurück. Der Leibarzt ging ſchweigend neben ihr die teppich⸗ belegte Treppe hinab. Seine Mienen waren ernſt. Er war ſchon ſo lang in der großen Welt, aber immer noch verletzte es ihn wie eine grelle Diſſonanz, daß Menſchen wie Bruno, die, wie der beſchönigende Aus⸗ druck ſagt, ſtark gelebt haben, auch noch des Vater⸗ glückes theilhaftig werden ſollen. Der Leibarzt hielt den Elfenbeingriff ſeines Stockes an den Mund ge⸗ drückt, als wollte er damit ſeinem inneren Denken verbieten, zu Worte zu kommen. Schweigend ſetzte er ſich mit Irma in den Wagen. Sie fuhren nach dem Schloſſe. „Meine Schwägerin Arabella hat mich mit einer ſchweren Aufgabe belaſtet,“ ſagte Irma. Gunther fragte nicht, worin dieſe Aufgabe beſtehe; Irma mußte von ſelbſt fortfahren: 3ch hab ſoglich di( viſen, er il „Ih kann kuzub. Er Eie fühlte d richaltloſe( volte ſie ni hochachtete, ſhnen nit i „Ich glal ſſen wird,“ und zitterte i ihr ie plötzli dere Natur Der Wag Gunther fuhr In ihren ie Pruſt, ir hei Jedem b ſch ſi und udnung ver der ſollte ni Sie rafft an den Pate däterlichet( der Geburt doch enpfand zuträglichkeit, ſchaft bewegt u mit Gegen⸗ kraft erheicht. Meereswellen rer rt. Sie war Hofe geſchen, naben geneſen, Hauſe Brunos. ihr die ner rnſt. Er „aber immer Piſſonanz, doß hön igende Als⸗ ſoch des Vat in hielt en Mund ge⸗ meten Denken hweigend ſete fu lhren 1 ne noch nich mit eine ufgabe beſtehe „Ich habe ihr verſprechen müſſen, unſerm Vater ſogleich die Geburt des Enkelſohnes anzuzeigen. Sie wiſſen, er iſt mit Bruno gänzlich zerfallen. Stünden Sie noch in der alten innigen Freundſchaft mit meinem Vater, Sie wären der beſte Vermittler.“ „Ich kann nichts thun,“ entgegnete endlich Gunther kurzab. Er war auffällig zurückhaltend gegen Irma. Sie fühlte das und durfte doch nicht mehr die volle rückhaltloſe Ehrlichkeit von Befreundeten verlangen; wollte ſie nicht mit allen Menſchen brechen, die ſie hochachtete, ſo mußte ſie ein äußeres höfliches Ver⸗ nehmen mit ihnen erhalten. „Ich glaube, daß Bruno nun ſeine edlere Natur faſſen wird,“ ſagte Irma. e zwang ſich zum Sprechen und zitterte in dem Gedanken, daß der Mann neben ihr ſie plötzlich fragen könnte: Wie haſt denn du deine edlere Natur gefaßt? Der Wagen hielt am Schloſſe, Irma ſtieg aus, Gunther fuhr nach ſeinem Hauſe. In ihrem Zimmer preßte Irma beide Hände auf die Bruſt, in ihr wogte ſtürmiſches Denken. Muß ich bei Jedem betteln, daß er mir ſtillſchweigend freund⸗ lich ſei und mich gerecht erkenne? Wer einmal die Welt⸗ ordnung verachtet und ſich darüber hinausgeſchwungen, der ſollte nicht weiterleben.. Sie raffte ſich gewaltſam auf und begann den Brief an den Vater. Sie klagte, daß er ſie ganz ohne Nach⸗ richt laſſe, erzählte von Arabella, von Bruno's haus⸗ väterlicher Geſetztheit, und gab endlich die Kunde von der Geburt des Enkels. Arabella bitte um einige 298 Worte des Großvaters, er würde ſie damit glücklich machen. Der Brief wurde Irma ſchwer. Sonſt folgte ihre Feder ſo willig jedem Ausdruck ihrer Seele, heute war Alles ſo ſtockig. Sie lehnte ſich im Seſſel zurück und nahm einen Brief auf, den ſie hier vorgefunden, es war der von Walpurga; ſie lächelte, als ſie ihn wieder las, ſie empfand das Glück, einem Menſchenkinde Gutes gethan zu haben, und in der Ferne treu von ihm ge⸗ hegt zu werden. Das Kammermädchen meldete den Jockey Brunos. Irma ließ ihn hereinkommen. Er wiederholte den Wunſch ſeiner Herrin, daß die gnädige Gräfin den verſprochenen Brief ſofort abſchicke; er ſei beauſtragt, ihn ſelber zur Poſt zu bringen. Irma ſiegelte und übergab den Brief. An der Ecke des Schloßplatzes wartete Bruno, auf ſeinem Gig ſitzend. Der Jockey kam, übergab ihm den Brief, und Bruno ſteckte ihn in die Taſche. Er fuhr nach der Poſt und that dort eigenhändig einen Brief in den Schalter, der aber an eine Dame gerichtet war; den Brief an den Vater behielt er für ſich. Er wollte durchaus keine Demüthigung, auch durch die Schweſter und die Gattin nicht. In dem Briefſchalter aber, in den jetzt Bruno das feinduftige Billet ſchob, lagen Briefe an den alten Eberhard, die Bruno nicht zurückhalten konnte. An ſelben worden, lan inen Feldoan Ernte auf ein lheden ein S zutte Cberhar mun war hie ſhon der Anb wogte, eruic und et dachte werde Geſchlec 6tück Land N Er hatte ſhen ſein Gli Röhnt, in ſ ſind die Scht dn er ſich zu iher enpfund kit bietet. ſhrftlichteit b uhenden Na iher er es u liner Selbſt Sthite der? Aus der ſets wieder uhender Ge amit lückich nſt folate ihre le, heute war el zurick u gefunden, es ſie ihn wieder enkinde Gutes on ihm ge⸗ ocke Prunos. ederholte den e Gräfin den ſei beauſ tragt, ſiegelte und e Pruno, auf ergab ihm den ſche. Er fuhr ig einen Prif gerichtet war; Er wollte die Schweſter n jett Bruno an den alten konnte. 299 Zweites Capitel. Am ſelben Morgen, da ihm der erſte Enkel geboren worden, kam Graf Eberhard mit frohem Herzen von einem Feldgang zurück. Man begann heute die erſte Ernte auf einer weiten muldenförmigen Landſtrecke, die ehedem ein Sumpf geweſen war. Mit großer Unſicht hatte Eberhard das wüſte Land trocken gelegt und nun war hier eine Frucht ohne gleichen gediehen; ſchon der Anblick der reifen Saat, die in lichten Wellen wogte, erquickte ihn jetzt mit dem edelſten Genuſſe, und er dachte hinaus in ferne Zeiten, wo für kom⸗ mende Geſchlechter aus einem von ihm urbar gemachten Stück Land Nahrung ſprießt. Er hatte nicht das Verlangen, einem andern Men— ſchen ſein Glück mitzutheilen; er hatte ſich ſeit Jahren gewöhnt, in ſich allein zu leben. Er hatte gegen ſein Kind die Schwere ſeines Lebens, den einzigen Vorwurf, den er ſich zu machen hatte, bekannt; vor ſich ſelbſt aber empfand er eine Ruhe, wie ſie nur die Ein ſam⸗ keit bietet. Im klaren Denken glaubte er alle Leiden— ſchaftlichkeit beſiegt zu haben; er folgte ſtets dem in ihm ruhenden Naturgeſetz, und hatte Niemand, dem gegen⸗ über er es unterdrücken mußte. Er putt treulich an ſeiner Selbſtvollendung gearbeitet und war aus der Sphäre der Verſuchungen, aber auch aus der der ge⸗ ſellſchaftlichen Bethätigung ausgetreten. Aus der Arbeit in Feld und Wald verſetzte er ſich ſtets wieder in den Kreis abgeſchiedener, in ſich ſelbſt ruhender Geiſter und fühlte ſich eins mit ihnen. + —. 300 Jetzt kehrte er vom Feld zurück und war bereit, ſeiner Bibliothek ſich mit einem Geiſte zu einen, der ſchon lange dem Athem und der Nahrung entrückt war. Sein Gang war ruhig; es drängte ihn zu nichts haſtig, er konnte die Empfindung ſtill in ſich fortſetzen oder ſie ablenken laſſen von einer Seele, die in ganz anderer Sphäre lebte; das Daſein hatte für ihn einen doppelten Boden, und doch war kein gewaltſamer Schritt oder Sprung von dem einen zum andern. Ein kleines Buch, das die Aufſchrift„Selbſt⸗ erlöſung“ trug, ſollte von dieſer Stunde ein Denkzeichen erhalten; die Worte ſprachen ſich ihm ſchon in der Seele. Er kam ins Herrenhaus und ſah ſtaunend, daß in dem großen langen Hausflur, wo die Reihe der Ernte⸗ kränze hing, mehrere Männer ſeiner harrten und ihn begrüßten. Der Bürgermeiſter des Dorfes, der bisher Landtagsabgeordneter des Bezirkes geweſen, und viele angeſehene Männer aus der Umgegend waren verſam⸗ melt. Der Bürgermeiſter erklärte im Namen Aller, daß ſie bei den angeordneten Neuwahlen den Finſterlingen das Feld räumen müßten, wenn ſie nicht einen Can⸗ didaten aufſtellen könnten, der, mit dem größten An⸗ ſehen ausgeſtattet, des Sieges gewiß ſei; Oberſt Bron⸗ nen, den Graf Eberhard zum Abgeordneten vorgeſchla⸗ gen, habe die Candidatur abgelehnt, und nun ſei Graf Eberhard ſelbſt nur noch im Stande, die Feinde zu beſiegen. Die Wähler wiederholten, daß ſie wohl wüßten, welch ein Opfer es ſei, wenn er ſich noch ein⸗ mal in den Kampf begebe, darum hätten ſie auch zigert bi zbemunt ſel ſlerhrd ſch jiche. ſetz iun Sunpfe gleitet; jet n gur freud ind ſich ohne zne That der uf der einen tjiehen; der ſinper finde die Freun ordnungen Rhangenen na dſen der gr ſrunde noch Gelge zog e r trt in keritz fuſt g ſhen;e aber di tald wieder a bethurd ſch mur Panige in Gedränge ien, heute n ihn füſt ver —„das iſ zu einen, der entrückt wn. u nichts haſtig, fortſezen oder n ganz andetet inen doppelten r Schritt oder hrift„Selbſt⸗ S) ein Denkzeichen ſchon in der unend, daß in eihe der Ernte⸗ rrten und ihn es, der bisher ſen, und viele waren verſam⸗ men Aller, daß n Finſterlingen icht einen Can⸗ m größten A . Obert Bron⸗ eten vorgeſchle⸗ d nun ſi Guf die Feinde jl daß ſie wohl er ſich noch i⸗ ſi h ätten ſie auc 301 gezögert bis heute, wo die Wahl in der Gerichtsſtadt anberaumt ſei; ſie bäten darum dringend, daß Graf Eberhard ſich in letzter Stunde dem Volke nicht ent⸗ ziehe. „Ja,“ ſetzte der Bürgermeiſter hinzu,„Sie haben einen Sumpf ausgetrocknet und die faulen Waſſer ab⸗ geleitet; jetzt müſſen Sie auch da helfen.“ Zur freudigen Ueberraſchung Aller erklärte Eber⸗ hard ſich ohne weitere Einrede bereit. Ihm war es eine That der Frömmigkeit, nach gelungenem Werk auf der einen Seite ſich auch dem höheren nicht zu entziehen; der Feind iſt der alte, er ſoll auch die alten Kämpfer finden. Die Freunde fuhren davon; Eberhard gab noch Anordnungen im Hauſe, und bald ritt er den Voraus⸗ gegangenen nach; er ritt ein großes ſterkes Pferd, wie deſſen der große ſtarke Mann bedurfte; er holte die Freunde noch vor dem Ziel ein, und mit anſehnlichem Gefolge zog er in die Gerichtsſtadt. Er trat in die Wahlverſammlung. Der Saal war bereits faſt ganz voll. Man ſtaunte, den Grafen zu ſehen; aber die Blicke, die ſich ihm zuwendeten, glitten bald wieder ab und es gab viel flüſternde Zwiegeſpräche. Eberhard ſchritt durch die Menge nach der Rednerbühne; nur Wenige ſtanden auf, nur Wenige grüßten ihn. Was iſt das? Sonſt, wenn er erſchien, bildeten ſich im Gedränge ſofort zwei Reihen, die ihm Platz mach⸗ ten, heute mußte er ſich hindurch kämpfen. Es wollte ihn faſt verdrießen. Schnell faßte er ſich wieder und —„das iſt das echte Ergebniß des freien Geiſtes: 302 Niemand ſoll eine gewohnte Huldigung empfangen, ſon⸗ dern ſie immer neu erwerben; du biſt doch innerlich noch Ariſtokrat, du haſt den Ahnenſtolz auf deine eigene Vergangenheit.“— So ſagte er ſich und ſchaute lächelnd um, des Sieges über ſich ſelbſt froh. Der Candidat der Schwarzen, wie das Volk kurz⸗ weg die feindliche Partei nannte, betrat zuerſt die Red⸗ nerbühne; er ſprach mit großer Gewandtheit, aber ohne beſondere Erregung; man merkte ſeinem Vortrag an, daß er ſorgfältig einſtudirt war; dennoch wurde er an einigen kunſtreich zugeſpitzten Punkten mit rauſchendem Beifall belohnt. Der bisherige Abgeordnete des Bezirks trat auf und erklärte, daß er auf Wiederwahl verzichte und dafür den bewährteſten Kämpfer für Freiheit und Volksrechte vorſchlage, den Grafen Eberhard von Wildenort. Die Verſammlung ſchien überraſcht; nur wenige Hände regten ſich zum Beifall, nur einzelne Bravos erſchollen. Ueber dieſen geringen Anklang verblüfft, ſchaute Graf Eberhard verwundert um ſich. Der Bür⸗ germeiſter flüſterte ihm zu, daß dieß ein ſicheres Zeichen des Sieges ſei, der Feind ſei verwirrt. Eberhard nickte; eine ſeltſame Befangenheit regte ſich in ihm; er kämpfte ſie nieder und beſtieg die Rednerbühne. Bei jeder Stufe, die er hinanſchritt, erhob ſich ſein Muth und die Ueber⸗ zeugungsmacht, daß man ſich dem Aufgebot des neuen Gedankens ohne Rückſicht auf Selbſtehre ſtellen müſſe. Er begann ſeinen Vortrag mit einer kurzen Schilderung ſeines vergangenen Lebens und Kämpfens, indem er lächelnd hinzufügte, denen, die gleich ihm bereits graue are hütten, ſter ſch Man hörte znhpen der( un Schweigen lhlih erſchl örte das Wo vußte nicht, w durlegung for ſch, und dazu ſtechad kaun Sim. Der 1 ſerbühne 1 Pidenort, ni öinme abzug Luutloſe E Uorten: „Ich bin ſ Nß ihr mir e ih de Vehl Er verließ hat, zurück zu unken verſun dun ſich entfe angekommen cheitern An ſrückehrte, wehrere Prie und las: fangen, ſo⸗ doch innerlich f deine igen haute lichend us Volk kun⸗ uerſt die Red⸗ eit, aber ohne Vortrag an, wurde er en it rauſchendem s trat auf und hte und dafür ind Volksrechte nr venige jnzolnp Brapos inzelne Brabbs lang verblifft, — ſich. Der Bür⸗ ſichetes Zeichen berhard nickte; m er känpfte j jeder Stufe und die Ueber ebot des neuel ſuellen miſſ en Schildetun ons, indem el el, m bereits gral 303 Haare hätten, brauche er nicht zu ſagen, was er wolle; er freue ſich aber, daß viele jüngere Kräfte da ſeien. Man hörte ihm mit mäßiger Ruhe zu; in den Gruppen der Gegner bildeten ſich Geſpräche die aber zum Schweigen gebracht wurden. Eberhard ſprach weiter. Plötzlich erſcholl ein Lachen aus der Verſammlung, man hörte das Wort„wilder Schwiegervater.“ Eberhard wußte nicht, was das bedeuten ſollte; er fuhr in ſeiner Darlegung fort. Immer lautere Zwiegeſpräche bildeten ſich, und dazwiſchen Scherzen und Lachen, man hörte Eberhard kaum mehr; kalter Schweiß ihm auf der Stirn. Der Bürgermeiſter ſprang neben ihn auf die Rednerbühne und rief:„Wer einen Mann, wie Graf Wildenort, nicht ruhig anhört, iſt nicht werth, eine Stimme abzugeben.“ Lautloſe Stille trat ein. Worten: „Ich bin ſtolz genug, euch zu ſagen: Ich bitte nicht, daß ihr mir eure Stimme gebt, ich erkläre nur, daß ich die Wahl annehme.“ Er verließ die Verſammlung, indem er die Freunde bat, zurück zu bleiben. Er ritt heimwärts, in den Ge⸗ danken verſunken, daß er den Gegenſatz der Welt mehr von ſich entfernt als beſiegt hatte. Als er im Thale auf ſeinem heimathlichen Grunde angekommen war, ſtieg er ab und gab einigen Feld⸗ arbeitern Anordnungen. Als er wieder auf die Straße zurückkehrte, begegnete ihm der Briefträger, der ihm mehrere Briefe übergab. Eberhard öffnete den erſten und las: Eberhard ſchloß mit den 304 „Deine Tochter iſt in Unehre verfallen und ſteht, in hohen Ehren als Geliebte des Königs, ihr ver⸗ dankt das Land die Wiedereinſetzung des kirchlichen Miniſteriums. Zweifelſt Du, ſo frage den erſten Beſten auf der Straße in der Reſidenz. Unglück⸗ licher Vater einer glücklichen Tochter!“ Unterzeichnet war:„Die öffentliche Stimme.“ Eberhard zerriß das Blatt und gab die Fetzen dem Winde preis, der ſie weithin trug über die Felder. „Namenloſe Zuſchriften ſind das Niedrigſte, ſie ſtehen noch unter dem feigen Meuchelmord— und doch“— — es war, als ob der Wind, der die Fetzen davon trug, ein Wort zum Ohr Eberhards zurückbringe, das Wort, das er heute in der Verſammlung gehört. Hieß es nicht„wilder Schwiegervater?“ Eberhard griff ſich an den Kopf— wie ein glühen⸗ der Pfeil fuhr ihm das durchs Hirn. Er öffnete den zweiten Brief und las: „Du willſt nicht glauben, wie es um Deine Tochter ſteht. Frage den Einen, der einſt Dein Freund war, frage den Leibarzt auf Ehre und Gewiſſen; er wird Dir die Wahrheit bekennen. Rette, was noch zu retten iſt. Dann wird der Schreiber dieſer Worte ſich nennen Deinen in Hochachtung ergebenen** Dieſen Brief zerriß Eberhard nicht. Das Blatt zit⸗ terte in ſeiner Hand. Es legte ſich plötzlich wie ein Nebel vor ſeine Augen, immer wieder ein neuer Schleier auf den andern; er wiſchte mit der Hand über die Augen, es wich nicht; er wollte den Brief nochmals lien, er erim Pwier zuſumn hrunnte ihm a zieder, in ih uhnen!—& onme, ſie zul ſine Scene! ur Ales hübſ N, mr imme i Enpörung uch das Herz ſrten Welt un 0, ihr habts mer höflich ich dahin wine leßzte Kr ſchuldet. J niten wollen, in Tufel vo nir ein, daß wachſen, das itel Beſchöni die mabläſig le ich ſie v ſunde Natur nun und ſoll Lig eiſch berhurd, al ltlich aut pferden vom Auerback len und ſteht s kirchlichen ed t en etſten nz. Unglück⸗ timme.“ ie Fetzen den die Filder. gſte, ſie ſtehen und doch“— Feten davon ringe, das kennen. Rette, der Schreiber Das Blatt jit ötlich wie ein neuer Schleit Hand über die Priof nochmals Brle 305 leſen, er erkannte keine Buchſtaben. Er ballte das Papier zuſammen und ſteckte es in die Bruſttaſche; es brannte ihm auf dem Herzen; er ſetzte ſich am Wegrain nieder, in ihm wirbelte es. Was ſollte er unter⸗ nehmen?— Sie werden lächeln am Hofe, wenn ich komme, ſie zu holen. Man wird ſehr gnädig ſein. Nur keine Scene! Nur kein Aufſehen! So wird's heißen; nur Alles hübſch ſtill abgemacht, nur nichts Aufregen⸗ des, nur immer höflich ſich verbeugen, wenn auch Alles in Empörung ſich aufbäumt! Immer lächeln, wenn auch das Herz zerſpringt! Wir leben in einer civili— ſirten Welt und das nennt man Bildung, feine Sitte. O, ihr habt's gut, euch iſt Alles Spiel, ihr könnt immer höflich ſein, immer kühl und reſervirt! Pfui! daß ich dahin kam, an dieſer erbärmlichen Winkelwelt meine letzte Kraft zu verbrauchen! Pfui! Aber ich hab's verſchuldet. Ich habe im Wirrwarr meines Lebens mich retten wollen, und habe meine Kinder verloren. Welch ein Teufel von Sophiſt ſteckt in Jedem! Ich redete mir ein, daß die Freiheit, in der meine Kinder auf⸗ wachſen, das Beſte, das Natürlichſte ſei, und es war eitel Beſchönigung meiner Lahmheit. Weil ich nicht die unabläſſige Thätigkeit haben wollte, ſie zu bewachen, ließ ich ſie verkommen, redete mir ein, daß ihre ge⸗ ſunde Natur ſich ſelbſt entwickeln könne. Da ſtehe ich nun und ſoll mein Kind holen... Tief erſchreckt, ſo daß er faſt rücklings ſtürzte, ward Eberhard, als das neben dem Baum angebundene Pferd plötzlich laut wieherte. Ein Knecht, der mit zwei Acker⸗ pferden vom Felde heimkehrte, hielt an und fragte: Auerbach, Auf der Höhe. 1. 20 306 „Gnädiger Herr, was iſt Ihnen?“ Der Knecht band das Pferd los, Eberhard ſtand raſch auf und ging, ohne ein Wort zu reden, den Berg hinan zum Herrenhauſe. Es umgab ihn etwas, wie unfaßbare, elektriſche Wolken, die ihn rückwärts zogen; er ſchritt gewaltſam hindurch, immer vorwärts. Er kam nach dem Herrenhauſe. Am Thore faßte er die Pfoſten. Es ſchwindelte ihm, doch er gewann Haltung. Er ging durch die Ställe und Scheunen, ſah die Knechte Futter aufſchütten und ſchaute ihnen lange zu. Dann ging er durch das ganze Haus, und be⸗ trachtete Alles wie fragend; in der großen Erkerſtube ſtand er lange vor dem Bilde Irmas. Sie war ſieben Jahre alt, als das Bild gemalk ward, ein ſchönes, großaugiges Kind in der ganzen natürlich unbeholfenen und dabei doch ſo anmuthigen Haltung; der Maler hatte dem Kind einen Blumenſtrauß in die Hand geben wollen, das Kind aber hatte geſagt:„Ich will keine todten Blumen, ich will einen Topf, darin eine Blume lebt.“ Ach, ſie hatte ſo ſüße Worte und Gedanken. Und ſo ſteht ſie da im Dufte kindlicher Anmuth und hat einen Topf mit blühendem Roſenſtock in der Hand— roſig ihre Wangen, roſig die Blumen in ihrer Hand.„Eine Roſe geknickt, dhe der Sturm ſie entblättert“— jenes letzte Wort der Emilia Galotti fuhr ihm durch den Sinn. Er ſtöhnte laut auf:„Nein, ſo ſtark bin ich nicht!“ Er klingelte. Als der Diener eintrat, wußte er nicht mehr, was er gewollt; er beſann ſich; wie aus dem Chaos heraus mußte er das wühlen, was doch ſo einfach war; er befahl, daß man anſpanne. „Den Rei Als er an Ueile an und il ſurke u ſt nicht, zu aus uns Er ging d heländer. W chwäche rich it, ſine Wor Ugen nach inſtigen. A ſch plötzlich a in die Welt. Pas moch Rhen? Er ſc Ryfanzt, an iht von der hde, die do zuert geſe Ner See, da ſi Pögel, v ſiſh, nichts Geſchöyf, ke denn du biſt du— du du biſt dare ſüchtg; und heuchel bide heuch Wechurd ſtond u reden, den ab ihn etnas, er vorwärts. hore ſußte er et geram Scheunen, ſah te ihnen lange aus, und be⸗ n Erkerſtube Sie war 6 uei nen er Maler hatte d geben wollen, l keine todten eBlume lebt.“ mken. Und ſo 4 hat einen Ho„ F5 ttert“ durch den Ein. n ich nicht!“ trat, wußte er ſich; wie als hlen, was doch nſpanne. 307 „Den Reiſewagen!“ rief er noch dem Diener nach. Als er an der Bibliothek vorüberkam, hielt er eine Weile an und betrachtete die Thür. Da drin ſind ſo viel ſtarke und große Geiſter— warum kommen ſie jetzt nicht, zu helfen? Es giebt keine andere Hülfe, als aus uns ſelbſt. Er ging die Treppe hinab und hielt ſich oft am Geländer. Wie im Zorn gegen die ihn übermannende Schwäche richtete er ſich ſtraff auf. Im Hofe befahl ſeine Worte waren auffallend undeutlich, daß Wagen nach dem Thale vorausfahre, er wollte dort einſteigen. Auf der halben Höhe des Berges ſetzte er ſich plötzlich auf einen Steinhaufen und ſchaute hinaus in die Welt. Was mochte vor ſeinem Auge, in ſeiner Seele vor⸗ gehen? Er ſchaute nach dem Baume um, den er hier gepflanzt, an der Stelle, wo ihm der Bote die Nach⸗ richt von der Geburt Irmas verkündigte. Da iſt die Erde, die das Kind zuerſt betreten, die Bäume, die es zuerſt geſehen, der Himmel, die Wälder, die Berge, der See, da blühen die Blumen, fliegen und hüpfen die Vögel, weiden die Kühe— Alles, Alles iſt geſpen⸗ ſtiſch, nichts grüßt dich mehr rein, du darfſt keinem Geſchöpf, keinem Baum, keiner Blume mehr nahen, denn du biſt verworfen vor ihnen, ſie ſind rein und du— du biſt... Die Welt iſt ein Paradies und du biſt daraus verjagt und irrſt umher unſtät und flüchtig; du kannſt dich betäuben, kannſt lächeln, ſcherzen und heucheln— aber die Sonne heuchelt nicht, die Erde heuchelt nicht und tief innen dein Gewiſſen 1 . 308 heuchelt nicht. Du haſt die Welt getödtet, dich getödtet und lebſt— todt in einer todten Welt. Wie iſt es nur möglich? Es iſt nicht! Ich bin wahnſinnig! Ich will dich nicht ſtrafen, nicht züchtigen, du ſollſt nur wiſſen, wer du biſt. Deine Erkenntniß ſei deine Strafe und deine Heilung. Ich zerreiße all' die beſchönigenden Worte; wiſſen, ſehen, erkennen ſollſt du— Der Straßenknecht kam zum Grafen heran und fragte, ob ihm nicht wohl ſei, da er ſich auf den Stein⸗ haufen ſetze. „Nicht wohl?“ ſtöhnte Eberhard.„Nicht wohl? Mir wäre wohl, wenn ich Du...“ Er ſtand auf und ging weiter. Eine klagende Mutter kann weinen. Ein Voater nicht. Der Kopf ſank ihm tief auf die Bruſt. Er ſah blühende Roſen, ſie ſollten ihr Haupt ſchmücken, er ſah die Dornen, ſie ſollten ihre Stirn blutig reißen; Zorn und Schmerz wirrten ſich in ſeiner Seele durch⸗ einander; der Zorn raſ'te, der Schmerz weinte, der Zorn wollte ihn hoch hinauftragen und ihn mit Rieſenkraft ausſtatten, daß er die ganze Welt zer⸗ ſchmettere, der Schmerz wollte ihn ſelbſt im Innerſten zermalmen. Da richtete er ſich plötzlich auf, und wie vom Sturme gejagt ſprang er den Weg hinab, über den Graben, über die Wieſe, hin zu dem Apfelbaum. „Das iſt der Baum... Du ſtehſt mit rothen Früchten geſchmückt, du... und ſie?... Wehe! Das Leben iſt eine Unbarmherzigkeit!“ kin tiefet der Strußen in Vagen h lethurd nit ſund vor ſein Nn tng ih In der ind Werkſtät ſſt nur Fr ine laute G ſoßen Gebe ds ganze wreinzelten in Innerſte wur, wie ihte. Eine uf den öd in von Gunther ſtie b. Aks vie wihlen. C Huſe. A ſine Frn Guther 5 dich getödtt nſimig! 3 u ſollſt nur deine Strafe eſchönigenden heran und 1f den Stein⸗ JNicht wohl! Ein Votet ruſt. Er ſah ſchmücken, er blutig reißen; t Eerle durch⸗ z weinte, der und ihn nit nze Welt zer⸗ im Innerſten und wie von nab, über den lpfelbuum. hſt mit rothen Peh 309 Ein tiefer, kläglicher Schrei entwand ſich ſeiner Bruſt. Der Straßenknecht oben hörte ihn, der Kutſcher unten am Wagen hörte ihn. Sie liefen herbei. Sie fanden Eberhard mit dem Geſicht am Boden liegend. Schaum ſtand vor ſeinem Munde. Er konnte nicht mehr ſprechen. Man trug ihn hinauf ins Schloß. Drittes Capitel. In der Reſidenz waren alle Schulen, Kanzleien und Werkſtätten geſchloſſen, auf den Straßen ſah man faſt nur Frauen und Kinder, dazwiſchen manchmal eine laute Gruppe von Männern, die bald in einem großen Gebäude verſchwand. Es war der Wahltag. Das ganze Leben der Stadt mit den tauſenden von vereinzelten Thätigkeiten und Sinnesweiſen hatte ſich ins Innerſte, in Einen Punkt zuſammengezogen; es war, wie wenn eine große Seele mit ſich ſelbſt ver— kehre. Eine märchenhafte Stille lag am hellen Tage auf den öden Straßen. Der Wagen des Leibarztes kam vom Hauſe Brunos und hielt beim Rathhaus an, Gunther ſtieg aus, ging hinauf und gab ſeine Stimme ab. Als vielbeſchäſtigter Arzt durſte er außer der Reihe wählen. Er kehrte zum Wagen zurück und fuhr nach Hauſe. Als er in die Wohnſtube trat, überreichte ihm ſeine Frau ein ſo eben angekommenes Telegramm. Gunther öffnete es. „Was iſt Dir?“ rief Frau Gunther, noch nie hatte ſie das Antlitz ihres Mannes ſich ſo verändern geſehen. 310 Er reichte ihr das Telegramm und ſie las: „Graf Eberhard Wildenort plötzlich vom Schlage gerührt, der Sprache beraubt. Kachricht Sohn und Tochter mittheilen. Sofort hieherkommen, womöglich auch Sie. Kreisphyſicus Dr. Mann.“ ü eiſeſt ſagte Frau Gunther in bewegtem, kaum fragendem Tone. Gunther nickte.. „Ich habe eine Bitte,“ fuhr Frau Gunther fort. Gunther winkte nur mit der Hand, auch ihm war es, als ſei ihm die Zunge gelähmt. „Ich möchte mitreiſen,“ ſagte ſie. „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Setz Dich,“ bat die Frau, und als Gunther ſaß, legte ſie ihre milde Hand auf ſeine hohe Stirne; ſein Antlitz erheiterte ſich und ſie ſagte: „Wilhelm, ich ſehe hier ein entſetzliches Geſchick; laß mich Theil haben, zu mildern und zu beſchwichtigen, was möglich. Ich kann mich in die Seele des ver⸗ lorenen Kindes verſetzen, dem dieſe Botſchaft wird. Wer weiß, ob nicht ihr Thun das verſchuldet.— Ich will der Gräfin Irma beiſtehen, als läge ſie elend auf der Straße, obgleich ſie im Wagen fährt. Und wenn mich die Arme zurückſtoßen will, ich weiche nicht. Ich weiß nicht, was geſchehen mag, aber es kann etwas kommen, daß ſie ihr von Furien gepeitſchtes Haupt an das Herz einer Frau legen möchte. Ich bitte, laß mich mit.“ „Ich habe nichts dagegen; rüſte vorläufig Alles zur Reiſe.“ Er fuhr; „Ihre Pe i diſer, a „Noch nic nilden Uebe Bruno w nſmnen, d in t 6 zu gehen. unde nit. „Ich wu hitte kein 2 Shlaſzimmer ſotte kaum richeworfen und unſank. inner; ihr und der Ke Reiſe. Der ſhnen; er beſorgen. „Du ſo brachte Bru „Nin, und ich wi Es wa au. Im ſelbſt?“ „Herei Frau ls: vom Schlage t Gohn und i, womöglich . Mann.“ in bewegten, Gunther fort. ihm war es, Gunther ſuß, Stirne; ſein iches Geſchick beſchwichtigen, Seele des ver⸗ Botſchaft wird. huldt.— 3 läge ſie ele n fährt. Un c weiche nicht abet es kon ien gilſht n möcht. 55 vorläuig Us 311 Er fuhr zu Bruno. „Ihre Partei iſt in der Wahlſchlacht geſchlagen,“ rief dieſer, als er Gunthers traurige Mienen ſah. „Noch nicht,“ entgegnete Gunther, und theilte in mildem Uebergange Bruno die Nachricht mit. Bruno wendete ſich ab, raffte ſchnell einige Briefe zuſammen, die auf dem Tiſche lagen und verſchloß ſie im Put. Er war bald bereit, mit Gunther zu Irma zu gehen. Sie theilten ihr ſehr behutſam die Trauer⸗ kunde mit. „Ich wußte es, ich wußte es!“ ſchrie Irma. Man hörte kein Wort weiter von ihr. Sie ging in das Schlafzimmer und ſtürzte ſich auf das Bett; aber ſie hatte kaum die Kiſſen berührt, als ſie ſich wie zu⸗ rückgeworfen erhob und auf dem Boden niederkniete und umſank. Bald kam ſie wieder in das Empfangs⸗ zimmer; ihr Angeſicht war ſtarr. Sie gab dem Diener und der Kammerjungfer raſche Anordnungen für die Reiſe. Der Leibarzt entfernte ſich, um Urlaub zu nehmen; er verſprach auch für Irma das Nöthige zu beſorgen. „Du ſollteſt der Königin noch Lebewohl ſagen,“ brachte Bruno heraus. „Nein, nein!“ rief Irma heftig.„Ich kann nicht und ich will nicht!“ Es war kein Diener im Vorgemach. Es klopfte an. Irma ſchrak zuſammen.„Kommt der König ſelbſt?“ „Herein!“ rief Bruno. Frau Gunther trat ein. 312 Sie hier? Und jetzt? Fragten die Blicke Irmas, ſie konnte kein Wort hervorbringen. Frau Gunther erklärte mit einfachen Worten, wie ſie von der Unglücksbotſchaft gehört und es ſich von Irma als Zeichen der Freundſchaft erbitte, ſie begleiten zu dürfen. „Ich danke, ich danke herzlich!“ ſtieß Irma hervor. „So gewähren Sie meine Bitte?“ „Ich danke. Ich will Ihnen auf den Knien Punken, aber ich bitte, laſſen Sie mich jetzt nicht viel reden.“ „Es iſt nicht nöthig, liebe Gräfin,“ begann Frau Gunther,„Sie haben mich ſcheinbar vernachläſſigt oder vergeſſen, der äußeren Thatſache nach, aber in Ihrer eigentlichen Seele haben Sie mich weder vernachläſſigt noch vergeſſen, und wär's auch, ich war eine Stunde in Ihrem Herzen daheim und Sie in meinem.“ Irma wehrte mit beiden Händen von ſich, als ob die guten Worte ſie wie Pfeile träfen. Frau Gunther fuhr in beſänftigendem Tone fort:„Sie thun mir ein Gutes, wenn Sie mir erlauben, Ihnen ein Gutes zu thun. Sie haben keine Mutter, vielleicht auch— bald keinen Vater mehr—“ Irma ſtöhnte auf und drückte die Hände auf die Augen. „Liebes Kind,“ bat Frau Gunther und legte ihre Hand auf den Arm Irmas. Irma zuckte.—„Liebes Kind, darum ſind viele Menſchen auf die Erde geſetzt, damit der Eine, der mitfühlt und doch nicht ſelbſt be⸗ troffen iſt, dem Andern eine Stütze ſei, wenn er brechen, ein Licht, wenn ſich ihm Alles verdunkeln ril ö bit te Ihnen ſei hingen.“ „Stoh“ u Fin G „Nein, verehr ſicht, ich! imnteghre ube, daß „Dus iſt hunther ein, „Ich bitt nohl und mei Eie kein We drken, ich d Gunther „Iſt Alle nehr verlier Eie vern ſe germ um Frau G vr jetzt gek och nie ha Shtecen er wine Güte Als wär Shnetz, d dire. Si ther ſe ſu zing an ih Bli e Irmes, Wor Vorten, wie des ſih von „ſie begleiten Irna hewor. aniehune t viel reden.“ begann Frau nachläſſigt oder aber in Ihrer vernachlſſigt reine Stunde inem.“ Ima ob die guten unther fuhr in mir ein Gutes, zutes zu thun. — bald keinen Hände auf die und legte ihr fte.—„Liebes die Erde geſett nicht ſelbſt b⸗ ſei, wenn e les verdunkeh 313 will. Ich bitte, ſeien Sie nicht ſtolz, laſſen Sie mich bei Ihnen ſein in Allem, was die nächſten Tage Ihnen bringen.“ „Stolz? Stolz?“ fragte Irma und faßte die Hand der Frau Gunther, ließ ſie aber raſch wieder los. „Nein, verehrte, liebe Frau, ich erkenne Ihre herzliche Abſicht, ich verſtehe... ich weiß... Alles... Ich könnte Phre gute That ruhig annehmen, ich weiß oder glaube, daß ich auch ſo handeln könnte, wenn...“ „Das iſt der beſte und einzige Dank,“ fiel Frau Gunther ein, aber Irma wehrte ab und fuhr fort: „Ich bitte, quälen Sie mich nicht. Ihr Herr Ge⸗ mahl und mein Bruder begleiten mich. Ich bitte, reden Sie kein Wort mehr, ich danke; ich werde an Sie denken, ich danke.“ Gunther trat wieder ein und Irma ſagte: „Iſt Alles bereit? Laſſen Sie uns keine Minute mehr verlieren.“ Sie verneigte ſich gegen Frau Gunther. Sie hätte ſie gern umarmt, aber ſie konnte nicht. Frau Gunther, die nie das Schloß betreten hatte, war jetzt gekommen, einer Verlorenen Beiſtand zu leiſten. Noch nie hatte Irma ſich ſo von allen Schauern und Schrecken ergriffen gefühlt, als jetzt, da ſich ihr die reine Güte zuwendete und ihr die Hand reichte. Als wäre ſie von Dämonen zerriſſen, fühlte ſie den Schmerz, daß ſie dem Reinen nicht mehr nahe ſein dürſe. Sie wollte vor Frau Gunther niederſinken, aber ſie ſtand aufrecht, ſah ſie ſtarren Auges an und ging an ihr vorüber. Im Vorzimmer ſchrie der Papagei und ſpreizte die Flügel, als wolle er auch mit, und rief ſein:„Pfüt' di Gott, Irma!“ Wie in eine Wolke gehüllt ging Irma den Corridor entlang. Unter dem Hofthore begegnete ihr der König, der mit Schnabelsdorf aus dem Parke kam, Schnabels⸗ dorf hatte mehrere Depeſchen in der Hand; ſein Antlitz war heiter, er hatte Siegesnachrichten. Der König und Schnabelsdorf erſchienen Irma wie Nebelgeſtalten. Sie hatte einen doppelten ſchwarzen Schleier vor dem Geſicht, ſie wollte ihr von Schmerz durchwühltes Antlitz nicht der Neugier des Hofes zur Schau ſtellen. Der König kam näher, ſie konnte den Schleier nicht zurückſchlagen, und der vor ihr Stehende er⸗ ſchien ihr weit, weit weg; ſie hörte ſeine freund⸗ lichen und gewiß guten Worte, aber ſie wußte nicht was er ſagte. Der König reichte dem Leibarzt die Hand, er reichte ſie auch Bruno und zuletzt auch Irma. Er drückte ihre Hand, ſie erwiderte den Druck nicht. Man ſtieg ein. Frau Gunther hatte noch ihre Hand auf den Wagenſchlag gelegt; Irma beugte ſich nieder und küßte ſie. Der Wagen fuhr davon. Geraume Zeit wurde kein Wort geſprochen. Jen⸗ ſeits des erſten Dorfes nahm Bruny eine Cigarre heraus, indem er zu ſeiner Schweſter ihm gegenüber ſagte: „Ich bin ein Mann, ein Mann muß das Unvermeidliche mit Ruhe und Beſonnenheit aufnehmen. Zeige auch Du jetzt, daß Du die ſtarke Seele biſt.“ na ant zrit und ſi Uniſ war ſe ſe zu ſich und „Du hätte wohl ſtgen ſt vieder auf. mn iß ſich wiben. Als „D weißt j licht verletz Ima ga her ſagte: „Jo, die hren Glauh Mnſchen ſch bniſche Seel Gunther die man ſo ſihlte ſich ſhänderin: Stele auf: der König. det Geiſtes Schleiet w zing huſti doß er.. i etwas ſog herdor: d ſrizte di fſin it a den Corridor iht der König, m, Schnabels⸗ id; ſein Antliz . nen Rma wie dten ſchwarzen r von Sih merz e den Schleier Stehende er⸗ ſeine freund⸗ ſie wußte nicht Hand, er reichte Er drickte ihre hatte noch ihr ma e i r davon. ſproche n. Jen Eigorte heim egenübet ſagte: ʒ Unermeidliht n. Zeige ut . 315 Irma antwortete nicht. Sie ſchlug den Schleier zurück und ſchaute zum Wagenfenſter hinaus. Die Abreiſe war ſo raſch vor ſich gegangen, jetzt erſt kam ſie zu ſich und athmete frei auf. „Du hätteſt der gönigin doch noch perſönlich Lebe⸗ wohl ſagen ſollen,“ nahm Bruno in gefaßtem Tone wieder auf. Dieſes lange Stillſein war ihm peinlich; man mpß ſich die böſen Stunden möglichſt gut ver— treiben. Als Irma noch immer ſchwieg, ſetzte er hinzu: „Du weißt ja, das zarte Weſen der Königin iſt ſo leicht verletzt und beleidigt.“ Irma gab noch immer keine Antwort. Gunther aber ſagte: „Ja, die Königin beleidigen, wäre Tempelſchändung. Ihren Glauben an die Güte und Wahrhaftigkeit der Menſchen ſchwankend machen, vermöchte nur eine bar— bariſche Seele.“ Gunther ſprach das mit einer Energie und Haſt, die man ſonſt nicht an ihm gewohnt war. Irma fühlte ſich ins Herz getroffen. Iſt ſie die Tempel— ſchänderin: Ganz leiſe ſtieg der Gedanke in ihrer Seele auf: die Königin iſt ſein Ideal und das meine der König. Wer weiß, ob ſie nicht unter der Maske der Geiſtesverwandtſchaſt... Irma ließ ſchnell den Schleier wieder über das Geſicht fallen; ihr Athem ging haſtig, ihre Wangen glühten. Wer ſelber weiß, daß er.. muß auch Andere nichts iſt ganz Niemand... Sie hatte das Gefühl, daß ſie etwas ſagen müſſe und brachte endlich die Worte hervor: 316 „Die Königin verdient es, einen Freund wie Sie zu haben.“ „Ich ſtelle mich zu Ihnen,“ erwiderte Gunther ruhig;„ich glaube, wir ſind Beide der Freundſchaft dieſer echten Seele würdig.“ „Sie glauben alſo an Freundſchaft unter verheirathe⸗ ten Perſonen verſchiedenen Geſchlechts?“ fragte Brunv. „Ich kenne ſie,“ erwiderte Gunther. „Sie klein oder groß geſchrieben?“ fragte Bruno und lachte; ſchnell aber ſich der traurigen Veranlaſſung zur Reiſe erinnernd, wurde ſein Geſicht wieder ernſt. Der Arzt erwiderte nichts. An der erſten Poſtſtation traf man lärmende Grup⸗ pen. Der Poſtmeiſter berichtete den Reiſenden, daß eben der Wahlkampf vor ſich gehe, er ſei heiß, aber die Schwarzen würden hier unterliegen. Bruno war ausgeſtiegen und ſagte zum Poſtillon: „Edler Mitbürger, haſt Du auch ſchon Dein ſou⸗ veränes Wahlrecht heute geübt?“ „Ja wol, und gegen die Schwarzen.“ Man fuhr weiter. An den folgenden Stationen ſtieg Bruno nicht wie⸗ der aus. Man näherte ſich dem Bezirke Eberhards. Als in der Gerichtsſtadt die Pferde gewechſelt wurden, hörte man laut rufen:„Graf Wildenort lebe hoch! Triumph!“ „Was iſt das?“ fragte Gunther zum Wagenſchlag hinaus. Es wurde ihm erklärt, daß trotz aller Mühen der Schwarzen doch Graf Eberhard den Sieg erringen werde, ſie Gehner ſlengt, das us ſe a ſin ſe ſelbſt in Vuter kan uß man ihn nitte ſich z w Ahen a Nan fuhr Irno ſa ud auch, da ſhren; er we Libarzt den u ſetzte ſich ur hlai nuf nn that de ohf war ihr ſien Peg h ſizte, tichtet In Pagen vieder legte ſilt, und ſ Die Kar er Fruno Nittern Lidenort und wie Si⸗ te Gunthe Frel umi rverheirathe⸗ ragte Bru Un. i Bruno Veranlaſſung wieder ernſt. mende Grup⸗ ſenden, daß eiß, aber die n Poſtillon n Dein ſor⸗ no nicht wie⸗ Cherhards. ſelt wurden, t lebe hoch! Pagenſchlag MWilhen det ringen werde, 317 die Gegner hätten ein niederträchtiges Gerücht ausge⸗ ſprengt, das den alten Grafen verunehren ſollte, aber was ſie als Hinderniß hingeworfen hätten, darüber ſeien ſie ſelbſt geſtolpert; allgemein habe es geheißen: ein Vater kann nichts für ein Kind, ja um ſo eher muß man ihm jetzt die höchſte Ehre zuwenden.— Irma drückte ſich zurück in die dunkle Wagenecke, ſie hielt den Athem an. Man fuhr davon, lautlos. Bruno ſagte, daß es ihm zu heiß ſei im Wagen und auch, daß er es nicht wohl ertrage, rücklings zu fahren; er wollte aber durchaus nicht dulden, daß der Leibarzt den Platz mit ihm wechsle; er ließ anhalten und ſetzte ſich auf den Hinterſitz zur Kammerjungfer, der Lakai mußte ſich auf den Bock zum Kutſcher ſetzen. Irma that den Hut ab und legte den Kopf zurück; der Kopf war ihr ſo ſchwer. Mehrmals, als man einen ſteilen Weg hinanfuhr und drunten der Abgrund ſich zeigte, richtete ſie ſich raſch auf; ſie wollte ſich aus dem Wagen in die Tiefe hinabſtürzen, aber immer wieder legte ſie ſich matt zurück. Auch Gunther blieb ſtille, und ſo fuhr man lautlos durch die Nacht dahin. Die Kammerjungfer wollte einmal laut lachen, aber Bruno hielt ihr den Mund zu. Viertes Capitel. Mitternacht war nahe, als die Reiſenden auf Schloß Wildenort ankamen. 318 Der Diener ſagte, der Graf ſchliefe, der Arzt aus dem Thale ſei bei ihm. Als die Ankömmlinge in das Vorzimmer traten, kam der Landarzt aus dem Krankenzimmer ihnen ent— gegen; er wollte Gunther den Fall mittheilen. Gunther bat, erſt dann, wenn er ſelbſt den Kranken geſehen, ihm Bericht zu erſtatten. Leiſe ging er mit Irma und Bruno in das Krankenzimmer. Eberhard lag, den Kopf von hochaufgeſchichteten Kiſſen gehalten, im Bett, ſeine Augen ſtanden offen; er ſtarrte die Ankommenden an, regungslos, als wären es Traumgeſtalten. „Eberhard! Von Herzen grüße ich Dich,“ ſagte Gunther. In den Mienen des Kranken zuckte es; er bewegte raſch die Augenlider auf und ab und ſtreckte taſtend dem alten Freund die Hand entgegen, aber die Hand ſank auf die Bettdecke; Gunther ergriff ſie und hielt ſie feſt. Irma ſtand regungslos, ſie konnte kein Wort her⸗ vorbringen, kein Glied bewegen. „Wie geht's Ihnen, Papa?“ fragte Brunv. Als wäre ein Schuß an ſeinem Ohr vorbeigeſauſt, ſo raſch wendete ſich Eberhard und winkte, daß Bruno das Zimmer verlaſſe. Irma kniete am Bett nieder, Eberhard taſtete ihr mit zitternder Hand über das Geſicht, ſeine Hand wurde naß von ihren Thränen, aber plötzlich zog Eberhard die Hand zurück, als hätte er ein giftiges Thier be⸗ rührt; er wendete das Geſicht ab und preßte die Stirn an die Wand. So lag er lange. edet Gul Sinne verſac i wr. J uite der To us Zinner Gunther! zihn hilte iunder. Eb ſine Augen: Gunther ſ Ud nnſt nie Der Kran „60 laß ſine Stimme uß us dinl ſien eine S grinnerſt Di Nonenten a ſende gelebt? granken erder plötz Remuthet, l Cberhar nachen, Gu Derkra her undSch Dr Ktunke ndlich bra luf den D Kun nick Ner Azt aus Uner traten t ihren ent n. Gunther ken geſchen, tIrma und ſgeſchichteten Nn offen; er „als wären dich,“ ſagte uckte es; er und ſtrecke en, aber die grif ſie und in Vort her⸗ runo. vorbeigeſauſt, „duß Bruno d taſtete ihr Hund wurde zog Cbechud es Thier b⸗ ßte die Stin 319 Weder Gunther noch Irma ſprachen ein Wort; die Stimme verſagte ihnen vor dem, dem das Wort ver⸗ ſagt war. Jetzt wendete ſich Eberhard wieder um und winkte der Tochter mit ſanfter Bewegung, daß auch ſie das Zimmer verlaſſe. Sie ging. Gunther blieb allein bei Eberhard. Seit dreißig Jahren hielten die Freunde zum Erſtenmal wieder einander. Eberhard führte die Hand Gunthers über ſeine Augen und ſchüttelte dann den Kopf. Gunther ſagte:„Ich verſtehe, Du möchteſt weinen und kannſt nicht. Verſtehſt Du Alles, was ich ſpreche?“ Der Kranke nickte bejahend. „So laß Dich dünken,“ fuhr Gunther fort, und ſeine Stimme hatte einen tief erquickenden Ton,„ſo laß uns dünken, die Jahre, die wir getrennt gelebt, ſeien eine Stunde. Unſer Zeitmaß iſt ein anderes. Erinnerſt Du Dich noch, wie Du oft in gehobenen Momenten ausriefſt: Nun haben wir wieder Jahrtau⸗ ſende gelebt?“— Ein Zucken ging durch das Antlitz des Kranken, ein unterbrochenes, wie wenn ein Wei⸗ nender plötzlich, von einem freundlichen Gedanken an— gemuthet, lächeln ſollte und doch nicht kann. Eberhard verſuchte, auf der Bettdecke Schriftzeichen zu machen, Gunther verſtand ſie nur ſchwer zu entziffern. Der Kranke winkte nach einem Tiſche, auf welchem Bü⸗ cher und Schriften lagen. Gunther brachte mehrere herbei. Der Kranke winkte von neuem, keines war das rechte; endlich brachte Gunther ein kleines geſchriebenes Heft. Auf dem Deckel ſtand das Wort„Selbſterlöſung.“ Der Kranke nickte froh, als grüßte er ein glückliches Begegniß. —,————— 320 „Das haſt Du ſelbſt geſchrieben. Soll ich Dir dar⸗ aus vorleſen?“ Der Kranke nickte raſch. Gunther ſetzte ſich an das Bett und las: „Für den Tag und die Stunde, da ſich mein Denken verdunkeln will, ſei mir dieß zur Erleuchtung. Ich habe immer in mich hineingedacht. Ich wollte mein eigen Selbſt erfaſſen, wie es nicht iſt in der Zeit, nicht beſtimmt von einem Standorte, nicht von einer That. Ich ſehe es, aber ich kann es doch nicht feſt⸗ halten. Ein Tropfen Thau, eingeſchloſſen ins Herz eines Felſens. Es giebt Stunden, wo ich das Ideal, noch mehr Stunden aber, wo ich die Caricatur meiner ſelbſt bin. Wie faſſe ich die wirkliche Weſenheit? Was bin ich? Ich erkenne mich als etwas, das dem All und der Ewigkeit angehört. Wenn ich das faſſe,— es ſind ſelige Minuten, die auch zu Stunden werden,— dann giebt es nur Leben, keinen Tod, weder für mich noch überhaupt in der Welt. In meiner Sterbeſtunde möchte ich ſo klar und hell wie jetzt mir bewußt ſein, daß ich in Gott bin und Gott in mir. Mag die Religion die Wärme des Gefühls, den Glanz der Phantaſie für ſich in Anſpruch nehmen— dafür ſtehen wir in der Klarheit, die Gefühl und Phantaſie in ſich ſchließt. Oft in ruheloſen Tagen, da ich das Unendliche zwingen wollte, mir Stand zu halten, war mir's, als liſ ich ni 5 wolle zu halen kein pir haben Das al von Gott— von Gott! Gottesgeda Vir m lehrt Spin Idem habe ich er ein Theil Aus de auf, iſt eir — ſonnenl der Tropfe Der e und gebil die Schwell 1 drgze N ucht er g6r geht a pie jeer ) Fſſe ach6 — 3 ſiis⸗ ſol Fußt unnen, Auerba ſich an das ſich nein dieß zur Ich wollte in der 3 n ins Herz noch mehr ſelbſt bin. bin ich? Al und der Ninuten, die nur Lehen, in der Welt. lar und hell ott bin und efühls, den nehmen— Gefühl und Unendliche r nirs, als 321¹ löſe ich mich auf und verſchwimme und verſchwinde. Ich wollte wiſſen: Wie iſt Gott? Jetzt habe ich die Antwort unſres Meiſters: Wir haben keine bildliche Sinnesvorſtellung von Gott, aber wir haben einen klaren Gedanken oder Begriff von ihm. Das alte Wort: Du ſollſt Dir kein Bild machen von Gott— heißt für uns: Du kannſt Dir kein Bild von Gott machen. Jedes Bild iſt ein begrenztes, der Gottesgedanke der Begriff der Unbegrenztheit. Wir müſſen uns als einen Theil Gottes denken— lehrt Spinoza. Indem mein Geiſt das Ganze zu erfaſſen ſtrebte, habe ich erkannt, was es heißt: Der Menſchengeiſt iſt ein Theil des Gottesgeiſtes Aus dem ewig bewegten Meer taucht ein Tropfen auf, iſt eine Sekunde— man nennt ſie ſiebzig Jahre — ſonnenhaft leuchtend und durchleuchtet, dann taucht der Tropfen wieder unter. Der einzelne Menſch als ſolcher, wie er geboren und gebildet wird, iſt gleichſam ein Gedanke, der auf die Schwelle des Bewußtſeins Gottes tritt; ſtirbt er, ſo aucht er wieder unter die Schwelle des Bewußtſeins. Er geht aber nicht zu Grunde, er bleibt in Ewigkeit, wie jeder Gedanke in ſeiner Nachwirkung bleibt. Faſſe ich nun eine Verkettung, eine Vielfältigkeit ſolchht Gottesgedanken und nenne ich ſie Volk, ſo tritt der ganze Volksgenius auf die Schwelle des Bewußt⸗ ſeinsy ſobald das Volk auf die Höhe der Geſchichte tritt. Faßt man aber wieder die Völker in Eins zu⸗ ſammen, ſo iſt dies eben die Menſchheit, oder die Auerbach, Auf der Höhe. II 24 322 Geſammtheit der Gedanken, das Bewußtſein Gottes und der Welt. Oft wollte mich Schwindel faſſen, wenn ich mich da hinan dachte, jetzt ſtehe ich feſt auf der ſchroffen Spitze. Wenn du kommſt, du Stunde, die man die letzte nennt, dann iſt mein letzter Wunſch, daß dieſe Ge⸗ danken mich noch einmal ganz durchglühen, auflöſen und erlöſen. Da giebt es getrennt kein endliches und kein unendliches Leben, ſie fließen in einander und ſind eins. Das klare Erkennen und das Bewußtſein, daß wir eins ſind mit Gott und dem Ganzen, iſt höchſte Selig⸗ keit. Wer dies Bewußtſein hat, der ſtirbt nicht, er lebt das ewige Leben. Komm' noch einmal zu mir, du Geiſt der Klarheit, in der Stunde, da ich untertauche.... Es hängt Staub an meinen Flügeln, wie an den Flügeln der Lerche, die ich dort ſich aufſchwingen ſehe aus der Ackerfurche in den Aether. Die Ackerfurche iſt ſo rein wie der Aether, der Wurm wie die Lerche — im Verlorenen und ſcheinbar Verſunkenen iſt doch noch Gott. Und bricht mein Auge— ich habe das Ewige geſehen— mein Blick iſt ewig. Frei über alle Verzerrung und Selbſtverwüſtung hinüber rauſcht der ewige Geiſt.“—— Gunther hatte geleſen, Eberhard legte ihm jetzt die Hand auf den Mund, dann ſchaute er ihm tief in die Augen. „Du haſt ehrlich mit Dir und den höchſten Ideen gerungen,“ ſagte Gunther, aber in ſeiner Stimme jiterte noch ein Td.„ terhard ſchle zer Funte fiſ ſ Jt ſch er, ſſen. Er vinkte „Eie haben 2 „Ich kan erſ Irna verlane ihres Vaters. G uf Viedergeneſu ides laſſe ſich biden Händen d. Kankenzimmer z ſhirn. In großen S iber. Bei Gunt un ihm entgege tir ht nir be hat, gottlob“— ztlob—„kein weine Schweſter. Gunthet a Bruno ſich den ſer nohen Gefa Nmg, un dem ſe nicht hören dun folgte il Sie ſhütelt d agte, er wolle n Ge⸗ auflöſen liches und mder und „doß wir hſte Selig⸗ nicht, er Flarheit, ie an den ngen ſehe A Unune die Lerche en iſt doch habe das i über alle auſcht der tief in di ſten Ideen er Stimme zitterte noch ein anderer Schmerz als der über den FSod„ Eberhard ſchloß die Augen. Als Gunther ſah, daß der Kranke feſt ſchlief, erhob er ſich. Jetzt ſah er, daß Irma hinter dem Bettſchirm ge⸗ ſeſſen. Er winkte ihr, ſie verließ mit ihm das Gemach. „Sie haben Alles gehört?“ fragte Gunther. „Ich kam erſt vor wenigen Minuten.“ Irma verlangte volle Wahrheit über den Zuſtand ihres Vaters. Gunther geſtand, daß keine Hoffnung auf Wiedergeneſung vorhanden, nur die Stunde des Todes laſſe ſich nicht beſtimmen. Irma bedeckte mit beiden Händen das Geſicht, dann kehrte ſie wieder ins Krankenzimmer zurück. Dort ſaß ſie hinter dem Bett⸗ ſchirm. Im großen Saale ſaß Bruno, dem Landarzt gegen— über. Bei Gunthers Eintritt ſtand Bruno raſch auf, kam ihm entgegen und ſagte haſtig:„Unſer Freund hier hat mir bereits Beruhigung gegeben; die Sache hat, gottlob“— die Zunge ſtolperte ihm bei dem Worte gottlob—„keine nahe Gefahr; beruhigen Sie nur auch meine Schweſter.“ Gunther antwortete nichts. Er erkannte, wie Bruno ſich den Anſchein geben wollte, daß er von kei⸗ ner nahen Gefahr wiſſe, und Gunther war Hofmann genug, um dem die Wahrheit nicht aufzudrängen, der ſie nicht hören wollte. Er kehrte zu Irma zurück, Bruno folgte ihm und redete der Schweſter Muth zu. Sie ſchüttelte den Kopf, er achtete nicht darauf und ſagte, er wolle für die ſchwere Zeit, die bevorſtehe, ſich 324 Kraft und Ausdauer holen; in der That aber wollte er ausreiten, um das Entſetzliche zu verſäumen. Wozu ſich Erſchütterungen ausſetzen, bei denen man nichts helfen kann? Der Morgen begann zu dämmern. Der Kranke lag noch immer ſtill. „Ed athmet leichter,“ ſagte Irma, die Worte kaum hinhauchend. Der Arzt nickte beruhigend. Fünftes Capitel. Mit feſtem Schritt ging Bruno die Treppe hinab. Er hatte das Pferd eine Strecke vom Schloſſe weg⸗ führen laſſen Wenn nur das dumme Sterben nicht wäre, ſprach es in ihm, während er mit einem Fuß in den Steig⸗ bügel ſtieg. Da zerrte etwas hinter ihm an ſeinem Rock. Iſt's die Hand des Vaters? Eine Geiſterhand, die ihn zu Boden reißt? Er ſtrauchelte zurück. Sein Rock hatte ſich in eine Schnalle verfangen. Er machte ſich los und war eben daran, die Reitpeitſche gegen den unachtſamen Jockey zu ſchwingen, da fiel ihm ein, wie das jetzt nicht am Orte ſei. Der Vater iſt krank, ſchwer krank, ja vielleicht, es kann doch ſein, obgleich der Hausarzt ſolche Beruhigung gegeben— nein, jetzt darf man keinen Untergebenen ſtrafen; es ſoll nicht heißen, daß Bruno in dieſer Stunde einen Reitknecht gezüchtigt. Fitz, der die Schnalle in Ordnung brachte, duckte nieder, Nucken nſpüre; e nildeſen Tone „n, liebet und biſt vol U ſtt noh ein nit nir ju reit tws hier in nir nach und durch die Wld bin Reitweg, un und reite Verk Dits! Se Dein Pferd nich ſit ſch ſtom daron rit. In kurzem iner Lichtung, ſch ſunſt hier a ftſcend in der Der golden Uad und glin haum. Der W örno nicte: M. Pein, de Und gtt furſt ett gings den Pfrrde die ujn. Pllic i er nicht n ber wollte n. Po an nichts er Kranke orte kaum pe hinab. loſſe weg⸗ re, ſprach den Steig⸗ an ſeinem eiſterhand, ück. Sein Er machte ſche gegen ihm ein, iſt krank, n, obgleich nein, jest ſoll nicht eitknecht ng brachte duckte nieder, als ob er bereits den Peitſchenſtiel im Nacken ſpüre; erſtaunt ſah er auf, als ſein Herr im mildeſten Tone ſagte: „Ja, lieber Fitz, Du haſt auch nicht geſchlafen und biſt voll Unruhe, ich ſeh' Dir's an. Leg' Dich jetzt noch eine Stunde zur Ruhe, Du brauchſt nicht mit mir zu reiten. Laß Dein Pferd geſattelt. Wenn etwas hier im Hauſe paſſirt, ſo reiteſt Du oder Anton mir nach und holſt mich, immer den geraden Weg durch die Waldlichtung dort; oben beim Gamsbühel, beim Reitweg, bevor es in die Höhe geht, kehre ich um und reite durch das Thal zurück. Hörſt Du? Merk Dir's! So, jetzt leg' Dich ſchlafen, ſattle aber Dein Pferd nicht ab, merk' Dir's, hörſt Du?“ Fitz ſah ſtaunend zu ſeinem Herrn auf, der nun davon ritt. In kurzem Trab ritt Bruno dem Walde zu nach einer Lichtung, die zur Weide hergerichtet war; es ritt ſich ſanft hier auf dem Grasweg, und es war ſo er⸗ friſchend in der Morgenkühle. Der goldene Morgenſchimmer zitterte durch den Wald und glänzte auf den Thautropfen an Gras und Baum. Der Waldbeſtand rechts und links war prächtig, Bruno nickte: Er hat das Forſtweſen trefflich verſtan⸗ den. Nein, das thu' ich ihm nicht an, ich laſſe den Wald gut forſten, ich holze ihn nicht ab. Jetzt ging's über eine ebene Strecke. Bruno gab dem Pferde die Sporen und ſetzte im friſchen Galopp dahin. Plötzlich hielt er an; er war in einer Gegend, die er nicht kannte. Hier war doch vordem ein Sumpf, 326 und nun weites Ackerland, darauf die gemähten Schwaden dicht beiſammen liegen. Bruno lenkte abſeits zu den Knechten, die hier die Garben banden. Der Oberknecht berichtete dem jungen Herrn, daß der Vater den Sumpf trocken gelegt und dies nun zum beſten Land des ganzen Gutes gehöre. Er reichte Bruno eine Handvoll Aehren und ſagte: „Bringen Sie das Ihrem Herrn Vater. Er denkt auf ſeinem Krankenbett gewiß zu uns heraus.“ Bruno lehnte das ab und ſchenkte dem Oberknecht ein gutes Trinkgeld, dann ritt er weiter, rief aber dem Oberknecht nochmals zu, wenn der Reitknecht ihm nachkomme, ſolle er ihm ſagen, ſein Herr reite nach dem Gamsbühel. Es war ſtill und einſam im Walde, nur hinter ſich hörte Bruno Peitſchenknallen; die Knechte führten die erſte Ernte vom neu eroberten Felde ein. Er ließ das Pferd im Schritte gehen, hier ſah ihn Nie⸗ mand, er ſteckte ſich eine Cigarre an. Als er die Hochebene erreicht, ging's wieder im ſcharfen Trabe vorwärts. Hier weideten die Schafe. Auch auf den Schäfer ritt Bruno zu und gab auch ihm Auftrag wegen des nachfolgenden Reitknechts; es war ihm eine Beruhigung, daß er ſo viel Sorgfalt anwandte, damit man ihn ſicher finde. Hinter ihm drein blökten die Schafe. Er ſchaute unwillkürlich um, das klang ſo jämmerlich; aber als ob er ſich damit ſelbſt beruhige, klatſchte er den Hals des Pferdes, und indem er es dann ſcharf in die Zügel nahm, richtete er ſich ſelbſt wieder ſtramm auf. Der Weg führte wieder über einen Qurcſchlag 2 nnganz. Ver pill ornſelige Toge nit der ſolen— waru kuft abkuufen, innet weitet wenn es uns ju ach ſterben ſe... Hier Noſſch, und wie ſie meinen in dieſen Auge huch, wo iſt duch al ſein und Thier? ſterben! Es i „Ich bin e ſproch den Re den Zictcht h Bruno ſch ſpenſt eiſchin und jagte dav er kan lange Wie von eihe fort, u darein: Sche den Peſttzer, wehr u eige doch mit ihn genihten em jungen tes gehöre. und ſagte: Er denkt Oberknecht rief abet tnecht ihn reite nach nur hinter hte führten ein Er h ihn Nie⸗ As er die ufen Trabe auf den n Auftrag ihm eine ndte, 6 blökten 5 3 ſt beruhige, 327 Durchſchlag. Drunten lag das Thal im hellen Son⸗ nenglanz. Der Gedanke durchzuckte ihn: Da ſind ſo viel armſelige Menſchen, die nichts haben und ihre Tage mit der Sorge verbringen, wie ſie nur leben ſollen— warum kann man ihnen nicht ihre Lebens⸗ kraft abkaufen, ihre Jahre zu den ſeinen nehmen und immer weiter leben? Das dumme Volk hat Recht, wenn es uns für nichts mehr hält, wie ſie, da wir ja auch ſterben müſſen, an denſelben Krankheiten wie ſie... Hier lebt Alles fort, Baum und Thier und Menſch, und dort oben im Schloſſe liegt ein wie ſie meinen, im Sterben, vielleicht ſtirbt jetzt in dieſem Augenblick. Dieſe Luft trägt ſeinen e Hauch, wo iſt er? Warum fährt nicht ein Todesſchauer durch all ſein Beſitzthum, durch Baum und Menſch und Thier? Alles müßte mit ihm leben, mit ihm ſterben! Es iſt ſein. Dieſe Armſeligkeit. „Ich bin ein armes Weib, ſchenken Sie mir was!“ ſprach den Reiter plötzlich eine Geſtalt an, die aus dem Dickicht hervorhuſchte. Es war die alte Zenza. Bruno ſchrak zuſammen, als wäre ihm ein Ge— ſpenſt erſchienen. Er gab ſeinem Pferde die Sporen und jagte davon, die Haare ſträubten ſich ihm empor, er kam lange nicht zur Ruhe. Wie von ſelbſt ſetzte ſich die abgebrochene Gedanken⸗ reihe fort, und der Anruf der Alten verknüpfte ſich darein: Schenk' mir was... Wenn Alles ſtürbe mit dem Beſitzer, wer würde erben? Was iſt dem Menſchen mehr zu eigen, als ſeine Gedanken? Und ſie ſterben doch mit ihm.. „Ich will nicht denken,“ ſagte Bruno plötzlich laut. „Ich will nicht! Morgen, übermorgen, ſpäter, nur jetzt nicht; jetzt will ich euch Gedanken nicht!“ Er lüftete den Hut, als müßten dadurch alle Ge⸗ danken davonfliegen, dann ſchlug und ſpornte er das Pferd, daß es ſich hoch aufbäumte und wild davon rannte. Die Sorgfalt, feſt im Sattel zu ſitzen, erlöſte ihn von aller übernächtigen Grübelei, denn als ſolche erſchien ihm das Sinnen und Denken. Er ſaß feſt, preßte dem Pferd die Schenkel in die Rippen und die körperliche Anſtrengung that ihm wohl. Dennoch mußte er plötzlich wieder an den Vater denken. Er ſpürte ein Zucken in der Bruſt... in dieſem Augenblick mußte es ſein... jetzt entfuhr der Bruſt des Vaters der letzte Athem... Die Hand Bruno's zuckte unwillkürlich. Das Pferd hielt an. Wieder gab er ihm die Sporen und jagte davon, er jagte ſeine Gedanken davon. Da rief eine Stimme: „Bruno, halt ein!“ Es durchſchauerte ihn. Was iſt das für eine Stimme? Wer ruft ihn hier bei ſeinem Namen? Kalter Todesſchweiß trat ihm auf die Stirne. „Wer ruft mich?“ fragte er mit blaſſer, bebender Lippe. „Du kannſt nicht zu mir!“ „Wer biſt Du? Wo biſt Du?“ rief Bruno. Es überſchauerte ihn kalt, und das Pferd ſchnaubte. Iſt es denn wahr, daß Hexen im Felſen wohnen? Dort aus dem Felſen kommt die Stimme. „Wer biſt Du?“ wiederholte Bruno.„Deine Stimme klingt mir—“ „Kennſt Du m, Du bit d Es ruſchelt ſiß erſftrrt al von Zigel, bet aus, wie um dß noch Tug gbut riheloe Dus Pferd nit einen mich Per jagtj Bruno wa thuns. Ver nüchten Mona Mit einem Schnutrbatt. er kannte die Revolver in t Ales ſchußbe er an einem 2 und hinter de „Kehr un Zwei! Drei Bruno we ſur Zehe erit Flintenlauf, bohren— de die Augen br bewegen; der nißverſtehen lich aut. äter, mr E ale Ge⸗ ite er das ild davon n, erlöſte ſuß ſeſt, und die och mußte ſpürte ein mußte es der letzte villkürlich ie Sporen won. Da für ne E S nder Lippe. uno. Es ubte. Iſt n Dort „Deine 329 „Kennſt Du ſie noch? Die ſchwarze Eſther? Kehr' um, Du biſt des Todes!“ Es raſchelte etwas den Berghang hinab, Bruno ſaß erſtarrt auf dem Pferde. Endlich ließ er die Hand vom Zügel, betrachtete ſeine Hand, zog den Handſchuh aus, wie um ſich zu vergewiſſern, daß er noch lebe, daß noch Tag iſt, nicht Alles ein Traum, wilde Aus⸗ geburt ruheloſer Phantaſie... Das Pferd ging ruhig weiter. Plötzlich ſprang es mit einem mächtigen Satz ſeitwärts— ein Schuß knallte. Wer jagt jetzt hier? Bruno war bereits aus dem Bereich ſeines Beſitz⸗ thums. Wer jagt im königlichen Forſt, wo erſt im nächſten Monat die Jagd aufgeht? Mit einem gewiſſen Behagen faßte Bruno ſeinen Schnurrbart. Er hatte wieder ein klares Selbſtgefühl, er kannte die Dinge der Welt. Er griff nach dem Revolver in der Satteltaſche und ſah ruhig nach, Alles ſchußbereit. Das Pferd ging weiter. Da ſah er an einem Baume einen Flintenlauf auf ſich gerichtet und hinter dem Baume herwvor rief eine Stimme: „Kehr' um, oder ich ſchieß' Dich nieder! Eins! Zwei! Drei—“ Bruno wandte ſein Pferd, aber vom Wirbel bis zur Zehe erzitterte er, hinter ihm war ein geladener Flintenlauf, jede Minute konnte ihn die Kugel durch⸗ bohren— kalte Schweiß rannte ihm vom Geſicht, die Augen brannten ihm, er wagte nicht die Hand zu bewegen; der Wilderer hinter ihm kann dieſe Bewegung mißverſtehen und ihn rücklings niederſchießen. Erſt als er an der Felſenecke ankam, wo die ſchwarze Eſther ihn vorhin angerufen und ſo geheim⸗ nißvoll verſchwunden war— ſie hat ihn gewarnt, ſie hat ſeiner Liebe nicht vergeſſen und er will fortan für ſie ſorgen— erſt dort wagte er, wieder aufzuathmen. Er gab dem Pferde die Sporen und jagte dahin, er wußte nicht mehr wohin, und erſt als er bebautes Feld vor ſich ſah, darauf Landleute arbeiteten, ſtieg er ab und ſetzte ſich auf den Boden. Im erſten Gefühl der Rettung ſtieg ein guter Vor⸗ ſatz in ihm auf. Er wollte zurückkehren, ſich reuevoll vor dem Vater niederwerfen und ſeine letzte Vergebung erbitten; er wollte ihm ſagen, daß er nun für die ſchwarze Eſther, die die erſte Urſache des Zerfalls zwiſchen ihnen beiden geweſen, ſorgen wolle. Aber er fühlte ſich ſo matt, daß er ſich nicht erheben konnte, und in ihm ſprach's: Du kannſt nicht! Zwei ſolche Erſchütterungen an Einem Tag kannſt Du nicht er⸗ tragen, und gewiß nicht heute, erſt morgen, vielleicht ſpäter, wird das Unvermeidliche eintreten. Wie zerſchlagen in allen Gliedern richtete er ſich endlich auf und fragte die Leute auf dem Feld, wo er denn ſei, er erfuhr, daß er weit ab vom Weg. Wenn jetzt der Jockey ihm nachreitet und ihn nicht findet? Bruno fühlte ſich in ſeinem Gewiſſen beruhigt, er hat das ja nicht gewollt— ein böſes Schickſal, eine unbegreifliche Verkettung aller Schrecken hatte ihn vom Wege abgeleitet. Niemand hier kannte ihn. Da hörte er plötzlich N Nuſit Jul 4 uhren d die Stra „Wos iſt t da den Bauer, d hatte.. „Ih der Stadt, es ſind vi dnh Bruno ſtieg ſan an, d da el fragte; er bezei ſchlen ließ. A Lundſtraße 5 Vold, er rit großen— ſchwaizroth⸗go orbei, abſeits Schon bev den Kranken kleine Apothe bereitet, die jetz. öue Gunther gin ſoh den Vute den. Jetzt o ſchte unſ nfir die Aber er en konnte, wei ſolche nicht er⸗ , vielleicht tete er ſich Feld, wo d ihn nicht ruhigt, er chſal, eine e ihn von lößlich . er 331 Muſik. Viele Wagen, mit grünen Zweigen bekränzt, fuhren die Straße dahin. „Was iſt das? Iſt das eine Hochzeit?“ fragte er den Bauer, der ihm Beſcheid um den Weg gegeben hatte. „Ich weiß nicht, ich glaube, es ſind die Leute aus der Stadt, die können in der Ernte ſpazieren fahren; es ſind vielleicht die von der Abgeordnetenwahl.“ Bruno ſtieg wieder auf. Der Bauer ſah ihn ſelt⸗ ſam an, da er um den nächſten Weg nach Wildenort fragte; er bezeichnete ihm einen Reitweg, der ſich nicht fehlen ließ. Aber Bruno wollte heute lieber auf der Landſtraße bleiben, er hatte keine Freude mehr am Wald, er ritt die Straße entlang; er kam an einer großen Wagenreihe vorbei, der eine Muſikbande mit ſchwarz⸗roth⸗goldener Fahne voraufzog. Er ritt raſch vorbei, abſeits. Er wollte keine Muſik hören. Sechstes Capitel. Schon bevor der Leibarzt angekommen, hatte man dem Kranken zur Ader gelaſſen; Gunther, der eine kleine Apotheke mitgebracht, hatte raſch einige Mittel bereitet, die Eberhard Beruhigung gaben. Er ſchlief jetzt. Große Schweißtropfen perlten auf ſeiner Stirne. Gunther ging ab und zu. Irma ſaß verborgen, ſie ſah den Vater und konnte von ihm nicht geſehen wer— den. Jetzt athmete er lang auf, er war erwacht und ſchaute um ſich. 332 Irma eilte zu ihm. Er ſah ſie ſtarr an, dann winkte er, daß ſie ein Fenſter öffne. Der Tag war ſonnenhell, ein Luftſtrom voll Wal— desduft und Waſſerkühle drang ins Zimmer; Eberhard nickte. Man vernahm Peitſchenknallen. In die Mienen des Kranken trat eine frohe Spannung, er wußte, daß man jetzt die erſten Garben heimbringe von dem Sumpf⸗ grunde, den er trocken gelegt. Man hörte Schritte im Vorzimmer. Gunther kam in Begleitung des Oberknechts“ „Tritt nur ein,“ ſagte er unter der Thüre,„es wird Deinen Herrn freuen.“ Mit ſchwerem Schritt trat der Oberknecht an das Bett des Kranken und ſagte, in der Rechten eine Handvoll Aehren haltend, mit der Linken auf der Bruſt klopfend als müßte er die Worte heraus hämmern: „Hier, Herr, bringe ich Ihnen die erſten Aehren von unſerm neuen Ackergrund und wünſche, daß Sie noch viele Jahre in Geſundheit Brod davon eſſen.“ Eberhard ergriff die Aehren und drückte mit der andern Hand die des Knechtes, der nun davon ging und drunten in der Scheune ſich auf eine Garbe ſetzte und weinte. „Soll ich bei Dir bleiben oder Dein Kind allein?“ fragte Gunther. Eberhard ließ die Aehren los, ſie lagen auf ſeiner Bett⸗ decke. Er faßte nach Irmas Hand. Gunther ging hinaus. Jetzt ließ Eberhard auch die Hand der Tochter los, deutete auf ihr Herz und dann auf die Aehren. Sie ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Vatet, ich Schmerz 300 ind er legte di dß er nicht ſpre wolle: auch al wenn wir ihn Herzen, mein K mil verſteht er, wa Eberhard n etras wie Zor Er biß auf wolle ſich auft er an die Kiſſ Sein Antli ſtende Farbe, Ima ſoh am Bett niede Hind. Er zo Eie ſchaut er die Hond nit ausgeſtre die Stirn, ei es, 6 ſtcht i Fim, in ihr und ſtürſt zu Gunther Rma veg, uf, ſihlt n drüct den 5 hüre,„es chritt trat ſagte, in mit det die Worte en Ahren „doß Sie eſſen.“ e nit der won ging rbe ſetzte d allein?“ einer Bett⸗ ig hinaus. chter los, en. 333 „Vater, ich verſtehe Dich nicht.“ Schmerz zog durch das ganze Angeſicht Eberhards, und er legte die Finger an den Mund, wie klagend, daß er nicht ſprechen könne; wer weiß, ob er nicht ſagen wollte: auch aus dem Sumpfe ſprießt die gute Saat, wenn wir ihn richtig bebauen— ſo auch aus Deinem Herzen, mein Kind, aus dem verlorenen, verwüſteten.. „Ich will Gunther rufen,“ ſagte Irma,„vielleicht verſteht er, was Du meinſt.“ Eberhard winkte abwehrend; in ſeinen Mienen war etwas wie Zorn, daß Irma ihn nicht verſteht. Er biß auf die des Wortes beraubten Lippen und wollte ſich aufrichten. Irma half ihm, und nun ſaß er an die Kiſſen gelehnt. Sein Antlitz war verändert. Es war plötzlich eine fremde Farbe, ein fremder Ausdruck darin. Irma ſah ſchaudernd, was vorging. Sie kniete am Bett nieder und legte ihre Wange auf des Vaters Hand. Er zog die Hand zurück. Sie ſchaute ihn an. Mit aller Anſtrengung erhebt er die Hand— ſie iſt von Todesſchweiß übergoſſen— mit ausgeſtrecktem Finger ſchreibt er ihr ein Wort auf die Stirn, ein kurzes— ſie ſieht, ſie hört, ſie lieſt es, es ſteht in der Luft, auf ihrer Stirn, in ihrem Hirn, in ihrer Seele, überall— ſie ſchreit laut auf und ſtürzt zu Boden. Gunther kommt raſch herein. Er ſchreitet über Irma weg, hebt die herabgeſunkene Hand Eberhards auf, fühlt nach ſeinem Herzſchlag, zuckt zuſammen und drückt dem Freunde die Augen zu. — Es war todtenſtill in dem Gemach. Da plötzlich tönt Muſik vor dem Hauſe, die Me⸗ lodie des fragenden Vaterlandsliedes— und Hunderte von Stimmen rufen: Hoch lebe unſer Abgeordneter, der edle Graf Eberhard! Irma am Boden regt ſich, Gunther ſchreitet an ihr vorüber, geht auf den Hof, jäh verſtummt die Muſik und ſchweigen die Stimmen. Roſſestritte nahen; Bruno reitet in den Hof. Er ſteigt ab, er lieſt in den Mienen Gunthers und der Verſammel⸗ ten, was geſchehen. Er bedeckt ſich das Geſicht und lehnt ſich auf Gunther, der ihn ins Haus zurückführt.. Als Gunther und Bruno in das Zimmer des Tod⸗ ten kamen, lag er allein; Irma war verſchwunden, ſie hatte ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen. Siebentes Capitel. Wer ſein Leben zerſtört, zerſtört nicht ſein eigenes Leben allein. Dem Kinde, das den Vater gekränkt, wächſt die Hand zum Grabe heraus. Auf deiner Stirn ſteht ein unauslöſchliches Mal, ein Kainszeichen von der Hand des Vaters. Du kannſt dein Antlitz nicht ſelbſt mehr ſchauen und von keinem fremden Auge mehr ſchauen laſſen. Kannſt du vor dir fliehen? Ueberall hin folgſt du dir ſelbſt. Du biſt verworfen, verloren, verſunken in dir.. * S ſrc in der Seele Sie lag durfte eindrin ſie war allein riefen ſie wie oben, von un ſchwebte die S ger glühend d ei hörte des Leibarztes Gunther woll antwortete, d Gunther tauſe Gunther den Auftrag, ſchickte einen Irma bli Der Verf Wos härn liegt vor dir n eine Spur au nodert. Raff ſchmachten? lebt ſich us. bringe du das hut kein echt hin und in der Dunke Satn und „die Me⸗ Hunderte Rordneter, chreitet an ein eigenes wächſt die iches Mal, hr ſchauen nlaſſen. nfolgſt du in dir.. 335 So ſprach es eintönig und immer wieder aufs neue in der Seele Irmas. Sie lag im dunklen Gemach, kein Sonnenſtrahl durfte eindringen, kein Licht durfte gebracht werden; ſie war allein mit ſich und der Nacht. Ihre Gedanken riefen ſie wie Stimmen, zur Rechten, zur Linken, von oben, von unten, überall— und oft war's ihr, als ſchwebte die Hand des Vaters mit ausgeſtrecktem Fin⸗ ger glühend durch die Dunkelheit. Sie hörte draußen die Stimme Brunos, die Stimme des Leibarztes; Bruno wollte ſie mancherlei fragen, Gunther wollte nach der Stadt zurückkehren. Irma antwortete, daß ſie Niemand ſehen könne; ſie trug Gunther tauſend Grüße auf für Alle, die ſie liebten. Gunther gab dem Hausarzt und der Kammerjungfer den Auftrag, ſorgfältig über Irma zu wachen; er ſchickte einen Boten an Emmy in das Kloſter. Irma blieb in Dunkelheit und Einſamkeit. Der Verſucher trat zu ihr und ſprach: Was härmſt du dein junges Leben ab? Die ganze Welt liegt vor dir mit ihrem Glanz und ihrer Schönheit. Wo iſt eine Spur auf deiner Stirn? Die Hand iſt ſtarr und ver⸗ modert. Raff' dich auf! Die Welt iſt dein! Warum ver⸗ ſchmachten? Warum kaſteien? Jedes lebt für ſich, Jedes lebt ſich aus. Dein Vater hat ſein Leben vollbracht, voll⸗ bringe du das deine! Was iſt Sünde?——— Der Tod hat kein Recht an das Leben, das Leben allein hat Recht... Hin und her zerrte es an ihr und plötzlich ſah ſie in der Dunkelheit jenes Geſicht aus dem Evangelium, da Satan und der Engel ſich ſtreiten um die Leiche Moſis. 336 Ich bin keine Leiche! rief ſie plötzlich. Und Engel giebt's nicht und Teufel giebt's nicht! Alles iſt Lüge! Von Geſchlecht zu Geſchlecht ſingen und ſagen ſie uns wie Kindern in der Dunkelheit allerlei Märchen vor. Der Tag iſt da. Ich reiße den Vorhang auf und die ganze lichte Welt iſt mein. Haben nicht Tauſende gefehlt gleich mir und leben glücklich? Sie ſtürzte nach dem Fenſter. Es war ihr, als läge ſie lebendig begraben in der Erde, ihre Phantaſie wühlte ſie hinein dort in jenes Grab... Licht, Licht muß ich haben! Sie hob den Vorhang. Ein breiter Strahl drang herein. Sie prallte zurück. Der Vorhang fiel nieder. Sie lag wieder im Dunkeln. Da hörte ſie eine Stimme, die ihr tief zu Herzen ging. Oberſt Bronnen war aus der Reſidenz gekommen, um Eberhard die letzte Ehre zu erweiſen; er bat Irma— ſeine kräftige Stimme war halb verſchleiert— ihm die Gunſt zu gewähren, mit ihr um den Todten zu klagen. Alles Blut preßte ſich im Herzen Irmas zuſammen; ſie öffnete die Thür, ſie reichte dem Freund im Dunkel die Hand; er preßte ſie und ſie hörte ihn, den ſtarken Mann, laut weinen. Wie im Sturm zogen ihr die Gedanken durch die Seele: Da ſteht ein Mann, der dich erlöſen könnte, und du könnteſt ihm dienen und unterthan ſein wie eine Magd— aber wie dürf⸗ teſt du?.. „Ich danke Ihnen“— ſprach ie endlich.„Mögen Sie ewig das Glück Sie dem Sſ und mir Gutes geweſen ſind.. Die S Bronn Irma Die le faſen köm Zeilen von fundenen 2 luut aufge Ein ei mirs, no ſehen und Schriſt leu Vater— 2 aus der S wieder leſe Vie ein Da iſt der auszudenke und Sinn Gewalt, tauſendma Es tro Gedankenl nichts gekommen herm deſen S ſ. 8 thun, mu Stun Auerba Und Engel it Lüge! en ſie uns chen vor. 9 auf und t Tuuſende rihr, als e Phantaſie trahl drang ſiel nieder. f zu Herzen z geommen, bot Irma— — ihm die en zu klagen. zuſammen; Fteund in hörte ihr, Sturm zogen t ein Mann, ihn dienen er wie dür⸗ ch.„Mögel den Erliſti Die Stimme ſtockte, ſie konnte nicht weiterſprechen. Bronnen ging. Im Dunkel verließ er ſie. Irma war wieder allein. Die letzte Handhabe, die ſie noch im Leben hätte faſſen können, war gebrochen. Hätte ſie geahnt, welche Zeilen von einem zerriſſenen und auf der Straße ge⸗ fundenen Briefe Bronnen in der Taſche trug, ſie hätte laut aufgeſchrien. Ein einziger Gedanke war wach in ihr. Was ſoll mir's, noch ſo viel tauſendmal die Sonne aufgehen ſehen und jeder Sonnenſtrahl, jedes Auge macht die Schrift leuchten, und Worte ſind mir ewige Schrecken. Vater— Tochter— wer nimmt mir dieſe Worte heraus aus der Sprache, daß ich ſie nie wieder höre, nie wieder leſe? Wie eine unergründliche Leere war's in ihrem Denken. Da iſt der eine und einzige Gedanke immer wieder, nie auszudenken und doch ſchon von allen Seiten ausgedacht, und Sinnen und Brüten dreht*ſich mit zermalmender Gewalt, unermüdlich und abgemattet zugleich, im tauſendmal abgemeſſenen Kreiſe um und um. Es trat jene Dumpfheit der Seele ein, die völlige Gedankenloſigkeit iſt. Nichts denken, nichts wollen, nichts thun. Das Chaos iſt über den Einzelmenſchen gekommen, und drüber ſchwebt Unfaßbares. Laß es herankommen, halte ſtill wie ein Opferthier, gegen deſſen Stirn das Beil des Opferprieſters geſchwungen iſt. Das Schickſal muß vollenden; du kannſt nichts thun, nur ſtillhalten, nicht zucken. Stunden um Stunden lag Irma. Auerbach, Auf der Höhe. I1 2 5 2 d 338 Draußen ging der Pendelſchlag der großen Stand⸗ uhr, und der Ton ſprach immer: Vater— Tochter, Tochter— Vater! Stundenlang hörte ſie nichts als den Pendelſchlag, und immer die Worte: Vater— Tochter, Tochter— Vater! Sie wollte rufen, daß man die Uhr zur Ruhe ſtelle, aber ſie unterließ es. Sie wollte ſich zwingen, im Pendelſchlag nicht dieſe Worte zu vernehmen. Es gelang ihr nicht. Vater— Tochter, Tochter— Vater! klang der Pendelſchlag fort und fort. Was einſt freies Spiel ihrer Laune geweſen, das ſpielte nun mit ihr. Was haſt du von der Welt ge⸗ ſehen? Einen kleinen Ausſchnitt. Du mußt eine Reiſe um die ganze Erde machen, das ſoll deine Walffahrt ſein, da wirſt du dich verlieren. Du mußt den ganzen Planeten kennen lernen, auf dem dieſe Geſchöpfe herum⸗ kriechen, die ſich Menſchen nennen und ſich mit Graben und Pflanzen, mit Predigen und Singen, mit Meißeln und Malen den Jammer betäuben, daß ſie ſterben müſſen. Betäubung iſt Alles... Vor ihrem Geiſte bauten ſich Bilder auf, wie ſie in ungemeſſene Fernen zieht, der treue Diener ſchlägt das Zelt in der Wüſte auf, und wenn ein wilder Stamm kommt.. Im Halbſchlaf hörte ſie den Tamtam und ſah ſich hinweggetragen, mit Pfauenfedern geſchmückt, und um ſie her tanzten dunkle wilde Geſtalten. Was ihre Phantaſie einſt keck ſich vorgeſpiegelt und was jetzt von ſelbſt aus ihr auftauchte, das umtollte ſie und ſchlang den ſinnverwirrenden Reigen... In Sie Licht b ofenen Der Die an; er! Im ſegnend Sie eiſig kal verwirre der Cwig ten ſich Als mehr, h geſchehe aber das wie ein Der Liypen n Sie Juterz Ton kam Auge; A Sie Fenſterſi wußte ſi n Stand⸗ Tochter Vuter— fen, daß erließ es. icht dieſe Voter— chlag ſort Nſen, das Velt ge⸗ eine Reiſe Valffahrt n ganzen pfe herun⸗ nit Graben it Meißeln ſie ſterben wie ſi in igt do Zelt kommt.. d ſch ſi ſt „und um iegelt und s untolte 339 Achtes Capitel. Es war tief in der Nacht. Alles ſchlief. Irma öffnete leiſe und ſchlich hinaus. Sie ging nach der Todtenkammer. Ein einſames Licht brannte zu Häupten des Todten; er lag im offenen Sarg, ein Büſchel Aehren zwiſchen den Händen. Der Diener, der bei der Leiche wachte, ſah Irma groß an; er nickte nur und ſprach kein Wort. Irma faßte die Hand des Vaters. Wenn dieſe Hand ſegnend auf ihrem Haupte geruht hätte, ſtatt daß ſie... Sie kniete nieder und küßte mit heißer Lippe die eiſig kalte Hand. Ein Gedanke, ein Blitz, ein ſinn— verwirrender, zuckte durch ihre Seele: Das iſt der Kuß der Ewigkeit! Flammende Lohe und Eiſesſtarren dräng⸗ ten ſich zuſammen. Das iſt der Kuß der Ewigkeit... Als ſie in ihrem Zimmer erwachte, wußte ſie nicht mehr, hatte ſie geträumt oder war es in Wirklichkeit geſchehen— ſie hatte die todte Hand des Vaters geküßt; aber das ſpürte ſie: tief in ihrem Innerſten ruht etwas wie ein eiſiger Tropfen, unbeweglich, unvertilgbar. Der Kuß der Ewigkeit— Du wirſt keine warmen Lippen mehr küſſen— Du biſt dem Tode vermählt. Sie hörte die Glocken läuten, man trug ihren Vater zu Grabe; ſie verließ das Gemach nicht, kein Ton kam von ihren Lippen, keine Thräne aus ihrem Auge; Alles in ihr war ſtumm, dumpf und zerbrochen. Sie lag im Dunkel. Wenn die Tauben auf dem Fenſterſims draußen girrten und davonflogen, dann wußte ſie, daß es Tag war. ——————— 2— 5—— 340 Bruno war im höchſten Grade ärgerlich über das excentriſche Weſen ſeiner Schweſter. Er wollte abreiſen, ſie ſollte ihn begleiten oder doch ſagen, was ſie vor⸗ habe. Sie gab keine Antwort. Endlich trat er zur Reiſe gerüſtet in das Vorzimmer Irmas; hier ſaß das Kammermädchen und las in einem Buche. Bruno hatte die Hand ausgeſtreckt, um ihr unter das Kinn zu faſſen, aber ſchnell erinnerte er ſich, daß er ja in Trauer war; er zog auf halbem Wege die Hand wieder zurück. Er übergab dem Kammermädchen ſeinen Hut, daß ſie einen Trauerflor darum nähe, und ſtreichelte dabei zufällig ihre Hand. Dann ging er nochmals an die Thür ſeiner Schweſter. „Irma,“ bat er,„Irma, ſei doch vernünftig, gieb doch endlich eine Antwort!“ „Was ſoll ich?“ fragte es drinnen. „So öffne doch!“ „Ich höre,“ antwortete ſie und öffnete nicht. „So laß Dir ſagen: Es hat ſich kein Teſtament des ſeligen Papa vorgefunden. Ich werde Alles mit Dir brüder⸗ lich ordnen. Willſt Du nicht mit zu meiner Familie reiſen?“ „Nein.“ „So reiſe ich allein. Adieu!“ Er erhielt keine Antwort; er hörte, wie ſich Schritte von der Thür entfernten, und wendete ſich um. Das Kammermädchen hatte den Flor um den Hut genäht, Bruno küßte ihr die Hand und gab ihr ein reichliches Geſchenk. Dann reiſte er ab. Es war ihm ganz recht, daß er ohne Irma reiſen =— konnte; Nieman keine u verdirbt Er! Vildeno nur kle nicht ſta ſich, was Schätun Bru Ausgan den Jo war. I Pferde v ſten Ta wird Ri gegnete Leibarzt Noch ſchütterl die Nach Er beſten 4 wieder laſen, den Ho geſtrebt nach äu Errung über das abreiſen, ſie vor⸗ er zur ß dos ihr unter ſich, duß Wege die Ht, daß elte dabei s an die ſtig, gieb icht. ament des ir brüder⸗ ie reiſen?“ ch Schritte um. Dos äht, Bruno rma reiſen 341 konnte; er kann ſich eher gehen laſſen und iſt von Niemand genirt, und ſeine Philoſophie befiehlt: nur keine unnöthige Trauer! Das hilft zu nichts und man verdirbt ſich nur damit die Tage. Er war unterwegs ſehr zufrieden mit ſich. Das Gut Wildenort behält er des Namens wegen für ſich; es iſt nur klein und man könnte ohne eine Stellung im Staat nicht ſtandesgemäß davon leben. Er will Irma, wenn ſie ſich, was hoffentlich bald geſchieht, verheirathet, den ganzen Schätzungswerth des Stammgutes als Mitgift geben. Bruno reiſte nach der Reſidenz, und ſein erſter Ausgang, nachdem er ſeine Familie beſucht, war in den Jokeyclub, der jetzt in Permanenz verſammelt war. Mit einem mäßigen Reuegelde wollte er ſeine Pferde vom Wettrennen zurückziehen, das in den näch⸗ ſten Tagen ſtattfinden ſollte; er iſt in Trauer, mam wird Rückſicht darauf nehmen.— Auf dem Wege be⸗ gegnete ihm der Leibarzt, Bruno kehrte um. Der Leibarzt ging nach dem Schloſſe. Noch nie hatte man den Mann, der als der Uner⸗ ſchütterliche bei Hofe galt, ſo bewegt geſehen, als da er die Nachricht vom Tode des alten Grafen Wildenort brachte. Er erzählte der Königin von den Erweckungen aus beſten Tagen, die ſich Eberhard in der letzten Stunde wieder wach gerufen, aber er konnte doch nicht unter⸗ laſſen, hinzuzufügen, daß der dahingegangene Freund den Hochpunkt nicht erreicht, nach dem er ſo redlich geſtrebt; denn er hatte noch in der letzten Stunde nach äußeren Handhaben getaſtet und mußte ſich das Errungene neu einprägen. Die Königin ſah verwundert auf den Mann, der in ſeiner tiefſten Ergriffenheit noch ſo ſtreng urtheilen konnte. „Wie trägt es unſere Irma?“ fragte ſie. „Schwer und ſtill, Majeſtät,“ erwiderte der Leibarzt. „Ich meine,“ ſagte der König zur Königin,„wir ſollten unſerer Freundin ſchreiben und ihr einen Boten ſchicken.“ Die Königin ſtimmte bei, und der König ſagte laut zum Schloßhauptmann: „Die Königin will ſofort einen Courier an die Gräfin Irma ſchicken, wollen Sie das Nöthige veran⸗ laſſen. Schicken Sie den Lakaien Baum.“ Die Königin ſtutzte. Warum ſagt der König, daß ſie einen Boten ſchicken wolle, während er doch dazu angeregt hatte und ſie nur beiſtimmte? Ein Schreck durchzuckte ſie, aber ſie bezwang ihn ſchnell und machte ſich Vorwürfe, daß der böſe Blutstropfen, der ſich einſt in ihr geregt, noch nicht ganz verſchwunden ſei. Sie ging in ihr Ca— binet und ſchrieb an Irma. Auch der König ſchrieb. Baum machte ein ſehr beſcheidenes, ſehr unter⸗ gebenes Geſicht, als ihm der Schloßhauptmann den Befehl gab, ſich ſofort bereit zu machen, um als Courier zur Gräfin von Wildenort zu reiſen; er ſolle bei der Gräfin bleiben, ſie nie verlaſſen, und wenn ſie auf Reiſen gehen wolle, ſo werde er ſie begleiten bis zu ihrer Rückkehr an den Hof. Als Baum mit den Briefen abreiſte, hatte er ein ganz anderes Geſicht, es war triumphirend; jetzt iſt er auf dem Punkt, das große Loos zu gewinnen, man hat ihm den delicaten Auftrag gegeben, er weiß, woran er iſt, man verſteht ihn und er verſteht die Anderen. Er wen waren je tenen li Rechten ich zuri Bau Rerjung mund ſ „W törtet ſ klopft; lich fra der Th erkannt Bat geſchickt nur ſo den gr ſie hat Velt En und e Briefe Hand Sie er . Irma und l riffenheit Lib eibarzt. wir ſollten ſchickn.“ agte laut r an die g, dyß ſie angeregt zuckte ſie, Vorwürfe, hr geregt, nihr Ca⸗ ig ſchrieb. hr untet⸗ mann den ls Conrier le bei der nn ſie auf ten bis zu tte er ein jett iſt er nen, man iß, woran Anderen. N Er wendete ſich zum Schloſſe zurück und ſeine Mienen waren jetzt gar nicht mehr unterthänig; unter der vorgehal⸗ tenen linken Hand ſagte er faſt laut zu ſich, indem er mit der Rechten die Bruſt ſtreichelte:„Als gemachter Mann kehre ich zurück, und mindeſtens Oberkämmerer muß ich ſein.“ Baum kam auf dem Herrenhauſe an. Die Kam⸗ merjungfer ſagte, daß Irma Niemand ſpreche und Nie⸗ mand ſehe. „Wenn ſie nur aufſchreien möchte, der ſtille Schmerz tödtet ſie,“ klagte die Kammerjungfer. Es wurde an die verſchloſſene Thüre Irmas ge⸗ klopft; man mußte lange auf Antwort warten. End⸗ lich fragte Irma, was es gebe? Sie mußte ſich an der Thürklinke feſthalten, da ſie die Stimme Baums erkannte. Iſt vielleicht der König ſelbſt gekommen? Baum ſagte, daß er als Courier Ihrer Majeſtäten geſchickt ſei, um einen Brief abzugeben. Irma öffnete nur ſo weit, daß ſie ihre Hand herausreichte, nahm den großen Brief herein, legte ihn auf den Tiſch;— ſie hatte nichts von der Welt draußen zu erfahren, die Welt draußen kann ihr keinen Troſt geben, Niemand. Endlich gegen Abend ſchlug ſie die Vorhänge zurück und entſiegelte das größe Couvert. Es lagen zwei Briefe darin; der eine trug die Ueberſchrift von der Hand der Königin, der undere von der des Königs. Sie entfaltete den Brief der Königin zuerſt und las: „Du liebe, gute Irma! (Die Königin nannte ſie zum Erſtenmal„Du.“ Irma wiſchte ſich mit einem Tuche über das und las weiter.) Du haſt den ſchwerſten Schmerz des Lebens erfahren. Ich möchte bei Dir ſein, Dein ſchwerpochendes Herz an das meine drücken und die Thränen Dir von den Augen küſſen. Ich will Dich nicht tröſten, nur Dir ſagen, daß ich mit Dir fühle, ſoweit man fühlen kann, was man nicht ſelbſt erfahren. Du biſt ſtark, edel und harmoniſch, ich muß Dir's zurufen, (Die Hand Irmas zitterte, als ſie dies las.) „damit Du Dich Deiner ſelbſt erinnerſt und Deinen Schmerz ſchön und rein trägſt. Du biſt verwaiſt, aber die Welt darf Dir nicht öde und leer ſein. Dir leben befreundete Herzen. Ich freue mich, oder vielmehr ich danke dem Schickſal, daß ich im Leid Dir etwas ſein kann. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich Deine Freundin bin, aber es thut in ſolchen Stunden gut, wenn man ſich das ſagt. Ich möchte keine Stunde vergnügt leben, während Du in Trauer biſt. Alles iſt uns gemeinſam. (Irma bedeckte ſich das Geſicht mit der Hand. Sie faßte ſich und las weiter.) „— Laß mich bald wiſſen, was ich Dir ſein kann. Komme zu mir oder bleibe in Einſamkeit, wie es Deine Natur erheiſcht. Könnte ich nur Dir den Genuß Deiner ſelbſt geben, wic wir ihn empfinden! Du weißt gar nicht, wie Großes Du geleiſtet. Du haſt das Reich unſerer Empfindungen vermehrt. Das iſt die ſchönſte Eroberung. Sei ſtark in Dir und wiſſe, daß Du einen Halt haſt an Deiner Dich innig liebenden Mathilde.“ Irm unwillkü entfaltet zwiſchen Königs t Ahem u Mit ſie den „6 holde eines ſchöne noch d Weſen Ihren Sie n finden S Ve ſteinerter Auge zern e mich Trau ein a wohin nicht Ihnen und rfahren. Herz an von den nur Dir nfühlen iſt ſtrk, n, d Deinen aiſt, aber nden gut, e Stunde ſſt. Ales und. Sie in kann. wie es Dir den npfinden! ſtet. Du Dir und Irma legte den Brief auf den Tiſch, aber ſie ſchob ihn unwillkürlich weit weg von dem des Königs, der noch un⸗ entfaltet hier lag. Jahre mußten vergehen, Meere da⸗ zwiſchen liegen, bevor man nach dieſen Worten die des Königs vernehme. Und doch— wie oft hat ſie mit Einem Athem und Einem Blick ihn und ſie gehört und geſehen. Mit einer heftigen Bewegung wie im Zorn erbrach ſie den Brief des Königs und las: „Es iſt mir tief ſchmerzlich, daß auch Sie, meine holde Freundin, erfahren müſſen, daß Sie das Kind eines Sterblichen ſind. Ich bejammere, daß Ihre ſchönen Augen weinen. Wenn auch das Erhabenſte noch der Läuterung fähig— und welches ſterbliche Weſen wäre deſſen nicht?— ſo wird dieſer Schmerz Ihren Hochſinn noch erhöhen. Aber bitte, ſteigen Sie nicht zu hoch, um uns ſo nieder und tief zu finden. Nehmen Sie uns mit auf Ihre Höhe.“ Die Mienen Irmas nahmen einen bitteren, ver⸗ ſteinerten Ausdruck an. Sie las weiter: „Wenn Sie länger als ſieben Tage Ihr ſchönes Auge mit Thränen und Ihr hohes Herz mit Seuf⸗ zern quälen und allein leben wollen, ſo laſſen Sie mich das durch ein Wort wiſſen. Wollen Sie Ihre Trauer verlängern, auf einer Reiſe ſich ſelbſt und ein anderes Selbſt wiederfinden, ſo beſtimmen Sie, wohin Sie zu reiſen gedenken; nur nicht zu weit weg, nicht zu weit in das Land der Schmerzen, in ein Ihnen fremdes Land. Sie ſollen froh ſein, heiter und ſchnell überwinden. Ihr wohlgeneigter K.“ In dem Brief lag noch ein Zettel mit der Ueber⸗ ſchrift:„Sofort zu verbrennen.“ „Ich kann nicht leben ohne Dich, ich verliere mich ſelbſt, wenn ich Dich verliere. Gegenwart allein iſt Leben. Ich kann nur im Lichte Deiner Augen ath⸗ men, ich will keine Wolken, ich verlange Sonne. Er⸗ innere Dich, welch eine Welt von Gedanken Du unter Deinem geflügelten Hut beherbergſt. Laß dieſe Welt herrſchen! Du darfſt nicht traurig ſein, Du darfſt nicht! Um meinetwillen. Du mußt des Schmerzes Herrin werden, wie Du Herrin biſt über mich! Sei ſtark, ſchwinge Dich hinweg über Alles! Komm zu Deinem Kurt. Der Kuß der Ewigkeit! Ich allein kann die Wolken, alles Trübe von Deiner Stirn wegküſſen, ich kann und ich will.“ Irma ſchrie laut auf, ein krampfhaftes Lachen be⸗ wältigte ſie. Kann ein Mund dieſe Stirne küſſen? Wie ſchmeckt der Todesſchweiß, der ſich hier eingeätzt? Wie ſchmeckt das entſetzliche Wort auf den Lippen? Küſſe es weg! Küſſe es weg! Es brennt, es friert.— Dieſe letzten Worte allein hörte die Kammerjungfer; ſie wollte zu Irma eilen; die Thür war verſchloſſen. Nach geraumer Zeit erhob Irma das Haupt und war verwundert, ſich am Boden zu finden; ſie ſtand auf und ließ ſich Schreibzeug und Licht bringen. Sie verbrannte beide Briefe des Königs, hielt' eine Weile das ſchwere Haupt in beiden Händen, dann faßte ſie die Feder und ſchrieb: 3 und ve Sie Gunthe Dat Zu dem It gehörſt heit. Faſſe T und an leugnet, unſere Du kor ſollt es ſterbend Dich er ſündige Urtheil in Her empfang dieſe S die ſie Sie in der neldet er Ueber⸗ liere nich allein iſt ugen ath nne. Er⸗ Du unter dieſe Welt arſſt nichtl es Hetrin Sei ſtark, n Kurt. ie Wolken, kann und Lochen be⸗ bie ſchmect ßie ſchmect ſe es wegl nerjungſer; rſchloſen. Haupt und ſe ſund ngen. Sie ein Veil nfußte ſi „Königin! Ich büße meine Schuld mit dem Tode. Vergieb und vergiß. Irma.“ Sie ſchrieb auf den Umſchlag:„Durch die Hand Gunthers. An die Königin ſelbſt.“ Dann nahm ſie ein neues Blatt und ſchrieb: „Dem Freunde! Zum letztenmal ſpreche ich zu Dir. Wir ſind auf dem Irrwege, auf dem entſetzlichen. Ich büße. Du gehörſt nicht Dir. Du gehörſt ihr und der Geſammt⸗ heit. Du mußt im Leben büßen, ich mit dem Tode. Faſſe Dich, ſei Eins mit dem Geſetz, das Dich an ſie und an die Geſammtheit bindet. Du haſt beide ver⸗ leugnet, und ich, ich habe dazu verholfen. Unſer Leben, unſere Liebe hat das Entſetzlichſte über Dich gebracht. Du konnteſt nicht mehr wahr ſein vor Dir ſelbſt. Du ſollſt es wieder und ganz werden. Das rufe ich Dir ſterbend zu und ich ſterbe gern, wenn Du mich und Dich erhörſt. Die ewige Natur weiß, daß wir nicht ſündigen wollten, aber es iſt geſchehen. Mir iſt mein Urtheil auf die Stirn geſchrieben, faſſe Du das Deine im Herzen und lebe neu. Dein iſt noch Alles. Ich empfange den Kuß der Ewigkeit vom Tode. Höre dieſe Stimme und vergiß ſie nicht! Vergiß aber die, die ſie Dir zuruft. Ich will kein Gedenken.“ Sie verſiegelte die Briefe und verſteckte ſie ſchnell in der Mappe, denn ſie wurde unterbrochen. Man meldete Emmy, oder vielmehr Schweſter Euphroſine. 348 die Vor Neuntes Capitel. gingen Der Leibarzt hatte an Emmy einen Boten geſchickt w mit der Nachricht vom Tode Graf Eberhards und der nach Verzweiflung Irmas. Die Priorin hatte Emmy er⸗ Su mahnt, zu der jungen Freundin zu eilen, der man ſo Lechl viel Dank ſchuldig war; da keine Nonne allein reiſen i durfte, gab ſie ihr als Begleiterin eine Schweſter mit, ſ die eine bewährte Krankenpflegerin war. zn ihr Als die Kammerjungfer die Ankömmlinge meldete, ſprang Irma unwillkürlich auf.„Das iſt die Erlö⸗ ſcin ſung! Im Kloſter, abgeſchieden von der Welt, lebend⸗ ſ todt— dort warteſt du, bis man dich ins Grab legt.“ ſhoſen Ein Leben, in dem nichts vorgeht... ſprach es ſi M plötzlich, als ſtände der alte Schiffer hinter ihr, der Si die Worte geſprochen. iweitn Ein trotziger Gedanke ſchwellte ihre Lippen: Ich hilt warte nicht, bis mein Leben zu Ende, ich zwinge das uhn Ge— den B Es dauerte lange, bis ſie der Kammerjungfer die 5 Antwort gab: lethaft „Ich danke von ganzem Herzen, aber ich will Nie⸗ kie f mand ſehen, Niemand hören.“ hetgeb Irma fühlte ſich ſtark, als ſie dieſe Worte geſpro⸗ e nit chen. Nun iſt auch das vorbei, muß vorbei ſein. ſchon Und wieder war es ſtill und dunkel, und wieder Wunde ſprach draußen der Pendelſchlag: Vater— Tochter, Sie ſi Tochter— Vater. A Es läutete vom Thal herauf, das iſt die Abendglocke. und b Es muß ſein! ſprach Irma zu ſich. Sie ſchlug ins 5 ngeſchick und der mnh er⸗ man ſo ein reiſen eſtet nit, e meldete, die Erlö⸗ t, lebend⸗ rab legt.“ ſprach es ihr, der ungfer die wil Nie⸗ tte geſpr⸗ i ſein. nd wieder — Tchtet, bend gloce. Sie ſ ſchlug die Vorhänge zurück und ſchaute hinab ins Thal, dort gingen die Nonnen in den langen ſchwarzen Gewän⸗ dern durch die Wieſen. Sie eilte in Gedanken ihnen nach und ſprach in die leere Luft hinaus: Leb' wohl, Emmy! Dann rief ſie der Kammerjungfer, ſie ſolle Befehl geben, daß man ein Pferd ſattle, ſie wolle aus⸗ reiten. Sie zeigte der Kammerjungfer ihr Antlitz nicht. Niemand ſoll dieſe Stirn je ſehen. Die Kammerjungfer zog ihr das Reitkleid an, ſetzte ihr den Reithut auf, der noch mit dem Stück des Adlerflügels geſchmückt war; Irma ſchauderte, als ſie, auf den Hut greifend, den Flügel berührte; den Vogel hatte der König ge⸗ ſchoſſen und ihr den Flügel gegeben damals... es iſt wie eine letzte geiſterhafte Berührung. Sie befahl, über dem Schleier am Hut noch einen zweiten Schleier zu heften, und erſt als ſie ganz ver⸗ hüllt war, ging ſie hinaus. Sie ſah nicht auf, ſie nahm von nichts Abſchied, ſie heftete den Blick auf den Boden. Im Hofe ſtand das Reitpferd Irmas; es ſcharrte lebhaft und blies die Nüſtern auf, als es Irma ſah. Sie fragte nicht, wer ihr Reitpferd aus der Reſidenz hergebracht; ſie ſtreichelte ihm den Hals und nannte es mit ſeinem Namen: Pluto. Sie war in Gedanken ſchon ſo aus der Welt, daß ſie das Thier wie ein Wunder, wie etwas noch nie Geſehenes betrachtete. Sie ſtieg auf. Auch der große Lieblingshund ihres Vaters war da und bellte ihr zu. Sie befahl, daß man den Hund ins Haus zurücktreibe. 350 Im ruhigen Schritt ritt ſie davon. Sie ſchaute tie P nicht auf, nicht rechts, nicht links. Die Sonne ſland Stümm gerade hinter den Wipfeln der Bäume und das Licht ſit,1 brach in zerſplitterten Strahlen durch das Gezweige wie Je dünne Sonnenfäden, zwiſchen den Stämmen hindurch Ste dr glänzte der Himmel im Goldgrund. D Irma hielt an und winkte dem hinter ihr reitenden Pl Baum; er ritt an ihre Seite. befchle „Wie viel Geld haben Sie bei ſich?“„H „Nur wenige Gulden.“„s it „Ich muß hundert Gulden haben. Reiten Sie Sie zurück und holen Sie.“ noch ei Baum zögerte; er wollte ſagen, daß ihm nicht ge⸗ hat den ſtattet ſei, die Gräfin zu verlaſſen, aber er wußte das„Zi nicht vorzubringen. Da „Warum zögern Sie? Haben Sie nicht verſtanden?“ giebt d ſprach Irma, es lag ein herber Ton in ihrer Stimme. Nähne „Reiten Sie augenblicklich zurück.“ es dahi Baum wendete ſein Pferd. Ir Kaum war er aus ihrem Geſichtskreis, als Irma an den ihrem Pferd die Peitſche gab, über den Graben zur hinein Seite ſprengte, eine Bergwieſe hinan und hinein in Sonne. den Wald. Im geſtreckten Galopp folgte ſie demſelben„3i Wege, den Bruno vor wenig Tagen geritten. Das Himmel Pferd war muthig und lebhaft, es freute ſich ſeiner Todes ſ ſchönen Reiterin, ſie kannten einander; luſtig, als Ein ginge es zur hellen Jagd, rannte es dahin. Und es dem An geht zur Jagd, dort knallt ein Schuß; aber Pluto iſt von wa ſchußfeſt, er ſchrickt nicht zuſammen. Immer luſtiger weiter geht's im Galopp dahin. Das Abendroth blinkt durch d Gipfel weige wie hinduch reitenden eiten Sie nicht ge⸗ wußte das ſtunden?“ Stimme. als Irma raben zur hinein in denſelben en. Dos ſich ſeiner ſtig, als Und es Pluto it r luſtiger inkt durch 351 die Waldbäume und ſpielt in funkelnden Lichtern auf Stämmen und Moos. Und weiter geht der flüchtige Ritt, weiter, immer weiter! Jetzt iſt ſie oben auf dem Bergkamm, der breite See drunten glänzt wie Purpur. „Dort!“ ruft Irma,„dort biſt du, kühler Tod!“ Pluto hält an, er glaubt, ſeine Herrin habe es befohlen. „Du haſt Recht,“ ſagte ſie, ihm den Hals ſtreichelnd, „es iſt weit genug.“ Sie ſteigt ab und wendet das Pferd; es ſieht ſie noch einmal an mit ſeinen großen treuen Augen, ſie hat den Schleier zurückgeſchlagen. „Zieh' heim, du ſollſt leben. Zieh' heim!“ Das Pferd ſteht ſtill. Da hebt ſie die Peitſche und giebt dem Pferde einen Schlag, daß es davonrennt; Mähnen und Schweif im Abendwind flatternd, rennt es dahin über den Bergkamm. Irma ſteht und ſieht ihm nach. Dann ſetzt ſie ſich an den Rand eines vorſpringenden Felſens und ſchaut hinein in die weite Landſchaft und in die untergehende Sonne. „Zum letztenmal, du ſchönes Licht, ihr Farben am Himmel, zum letztenmal, bevor ich in die Nacht des Todes ſinke...“ Einen Augenblick ſaß ſie ganz hingenommen von dem Anblick, der ſich ihr aufthat; ſie wußte nicht mehr, von wannen ſie kam, wohin ſie wollte. Da ſtanden in weiter Reihe die hochaufragenden Berge, vielgezackt, Gipfel an Gipfel, und immer tiefer hinein ragte ein Berghaupt empor. Die bewaldeten Berge umſchwebte ein violetter Duft, an den ſcharfkantigen nackten Schrofen zitterte der Abendſtrahl, und hoch auf die ſchneebedeckten Firnen breitete ſich ſtill der Hauch des Abendroths, immer höher ſich färbend, während es drunten immer mehr nachtete. Wie durchglüht ſtand die eine große Schneekuppe, und jetzt zog mälig eine Wolke drüber hin und nahm den rothen Schimmer vom Berge mit ſich fort, als wär's ein Schleier, den ſie hob; die Wolke verſchwebte erglühend, und todtenfahl ſtarrten die Schneehöhen. Es war der Anblick eines Geſtorbenen. Der große Tod zog über die Höhen. Wer ſo mit ihm verſchwinden könnte im Aether! Irma ſchauerte, ein fröſtelnder Luftſtrom ſtrich über die Höhe. Sie fuhr ſich mit der Hand über das Antlitz. Sie fühlte, wie auch ſie erblaßt war. Sie ſtand auf, ſtieg höher, um noch einmal den Feuerball zu ſchauen. Sie kam zu ſpät, und laut ſprach ſie: „Was nützt es, die Sonne zu ſchauen, ob tauſend⸗, ob abertauſendmal, wenn ſie uns doch einmal unter⸗ geht? Und ſie iſt auf ewig untergegangen dem dort unter dem Boden, an deſſen Hand nun die Ver⸗ weſung.—. Ihr ſchwindelte— ſie ſank nieder ins Moos. Als ſie ſich wieder aufrichtete, war es Nacht. Sie erhob ſich und ſchritt mit hoch aufgeſchürztem Gewand hinab in den nächtigen Waldesgrund. unſchwebte n Schrofen neebedecten lbendroths, iten inmer eine große olke drüber Berge nit e hob; die hl ſtarten eſtorbenen. n Aether! trom ſtrich d über das wor. Sie n Feuerball prach ſie: ob tauſend⸗ mal unter⸗ n dem dort n die Ver⸗ Moos. Nocht. ſgeſchürzten und. r Srey Sornrol Ghart NVellow Red Mage 0 em