Leipbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß 1 Oflensein der Bibliothek. Die pfangnahme und Rückgabe der Bieher 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Pesepreis. Bei Rückgabe eines gelieheren Buches wird von enen Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurſgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt für wöchentlich auf Monat: 1 und ehinen Bibliothek ſteht jeden Tag von zur Em Morgens Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 65 Bücher: N W.— Pf. 4 8 Bücher: 1 F 5⁰ f 3 2½ ABücher: — — pf 55 Auswärtige bonnenten Hhaben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ie Bucher(namentlich hei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, ſehen, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der ei zum Erſatz des Ganzen verpflichtet Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird veſoner⸗ darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. £ 2 — 2 — 2 5 — —— —— Bl 8 S 2 — 6 Erſtes Buch. Erſtes Capitel. In der Schloßkapelle der königlichen Sommerburg wurde Frühmeſſe geleſen. Das Schloß, nicht weit von der Reſidenz, lag an einem mäßigen Berghang mitten im Park. Nach der Morgenſeite war der Berg weit hinauf mit Reben be⸗ pflanzt und dann bis zur Spitze mit mächtigen Buchen beſtanden. Im Parke gediehen Ahorn, Platane und Rüſter und breiteten ihr Laub aus neben Tannen und Weimuthskiefern; ſelbſt die Arve war vom Hochlande hieher verpflanzt und zeigte in dichten Nadelbüſcheln, daß ſie heimiſch geworden. Gezweige behalten. Gebüſchgruppen von mannigfaltiger Blüthen⸗ und Blätterart boten erfriſchende Blicke. Das Auge eines wohlordnenden gi ſtlers ſchaute aus der ganzen Anlage. Die Wege waren ſauber, die Blumen trieften im Morgenthau, die Vögel ſangen, das friſchgemähte Gras duſtete, auf dem großen Teiche ſchwammen Schwäne und fremdländiſche Enten und wateten bunte Fninges Auerbach, Auf der Höhe. l. Auf Wieſenplanen ſtanden einzelne hohe Fichten, die von unten auf ihr volles =c mitten im Teiche ſchnellte ein Springbrunnen ſeinen Waſſerſtrahl hoch empor und plätſcherte in Wolken⸗ flocken und Waſſerſtaub wiederum herab. Ein klarer, von Erlen und Hängeweiden eingehegter, vielfach überbrückter Waldbach, rauſchte vom Berge nieder, ſtrömte in den Teich und floß aus ihm wieder ab ins Thal nach dem Strome, von welchem da und dort durch das Gebüſch eine blinkende Fläche aufblitzte. An gelegenen Fernſichten und unter Bäumen ſtanden zierliche eiſerne Tiſche, Stühle und Bänke. Nicht weit von der Kapelle ſaß ein ſorgfältig ge⸗ kleideter ſtattlicher Mann; die vollen Haare auf ſeinem Haupte waren ſo weiß, wie die Binde, die er um den Hals trug. Mit jugendlich glänzenden blauen Augen ſchaute er hinein in die weite Landſchaft, über die mit Obſtbäumen wie mit einem Walde beſtandene Thalſohle, über die Vorberge bis zur Spitzenkette des Hochgebirges, deſſen Schrofen ſich heute ſcharf von der blauen Luft abhoben. Er legte ein Buch, das er in der Hand hielt, neben ſich und ſog den Frieden dieſer Stunde in vollen Zügen ein. Das große Thor der Kapelle war offen, brauſende Orgeltöne klangen, jetzt ſchwebte ein Weihrauchwölkchen heraus und verflüchtigte ſich ſchnell in der Morgenluft. Der ſtattliche Mann war Leibarzt des Königs. Er war Proteſtant und darum nicht mit zur Meſſe ge⸗ gangen. Da kam aus der rebenumzogenen Veranda eine ſchöne Frauengeſtalt in weitem weißem Gewande; ſie hielt den Sonnenſchirm aufgeſpannt und hatte eine einfache ſeinen Wolken⸗ gehegter, n Verge n wieder da und ufblitzte. nſtanden ältig ge⸗ f ſeinem eer um blauen ft, über eſtandene kette des von der s er in en dieſer rauſende wölkchen orgenlift. Meſſe 9 ndn ein ſe hielt infaß Morgenhaube mit blauem Bande auf dem Kopfe. Das leiſe geröthete helle Antlitz mit dem reichen blonden Haar ſtrahlte von Jugend und Schönheit; ſie erſchien wie der leibhaftige helle Tag. Der Leibarzt hörte das Rauſchen des Gewandes, ſtand raſch auf und verbeugte ſich. „Guten Morgen, lieber Geheimrath!“ rief die Dame, der noch zwei andere wenige Schritte hinter ihr folgten; ihre Stimme klang nicht hell, es war etwas darin von jenem zu Herzen ſprechenden Violon⸗ cellton, der nicht für laute Freude, um ſo mehr aber zum Ausdruck des Innigſten geſtimmt iſt. „Ein herrlicher Tag,“ fuhr die Dame fort,„aber doppelt traurig, wenn man ihn im Krankenzimmer verbringen muß.— Wie geht es unſerer Gräfin Brinkenſtein?“ „Majeſtät, die Frau Oberhofmeiſterin darf heute eine Stunde im Freien zubringen.“ „Das freut mich herzlich. Ach, es iſt ſo wunderſam ſchön hier und da ſollte Niemand traurig oder krank ſein.“ „Die Frau Oberhofmeiſterin iſt beſonders glücklich, jetzt, wo ſchöne Pflichten ihrer warten, ſolche nun voll⸗ kommen erfüllen zu können.“ „Sprechen wir leiſe,“ ſagte die Khnigin plötzlich, denn in der Kapelle war die Orgel verſtummt und das Geheimniß der Wandlung ging vor ſich.„Ach, lieber Geheimrath, ich möchte Ihnen etwas anvertrauen.“ Die beiden Damen zogen ſich weiter zurück und die Königin ging mit dem Leibarzt auf dem freien Platz vor der Kapelle auf und ab. „Vor dem Arzte darf es kein Geheimniß geben,“ begann der Leibarzt,„Majeſtät haben ja noch vor Kurzem geſagt, daß Sie mir auch ein Stethoſkop zutrauen, um die Bewegungen der Seele zu erlauſchen.“ „Ja,“ ſagte die Königin, und ſie wurde roth bis zu den Stirnhaaren hinauf—„ich dachte auch ſchon daran, Sie um ſeeliſchen Beirath anzuſprechen, aber es geht doch nicht; das muß ich mit mir allein erledigen. An den Arzt aber habe ich eine Bitte.“ „Majeſtät befehlen—“ „Nein, das kann ich hier nicht! Ich meine—“ Plötzlich tönte die Glocke von der Kapelle. Der König trat heraus, in einfach bürgerlicher Kleidung, ohne irgend eine Auszeichnung; ihm folgten die Herren und Damen vom Hofe. Die Herren waren Alle in bürgerlicher Kleidung, großentheils in der kleidſamen und modiſch verſchönerten Gebirgstracht. Der König, eine mannhaft friſche Erſcheinung von ſtrammer Haltung, grüßte ſchon von ferne mit der Hand und ging ſeiner Gemahlin entgegen; das Gefolge hielt ſich wieder im Hintergrund und wechſelte leiſe Morgengrüße. Der König ſprach einige Worte mit der Königin, ſie lächelte und er neigte ſich gleichfalls lächelnd mit jugendlicher Anmuth; dann bot er der Königin den Arm, ſie gingen nach dem Pavillon, die Herren und Damen folgten, jetzt fröhlich und unge⸗ swungen mit einander plaudernd. Eine junge Hofdame von hoher mit braunen Locken und braunen Aug zum Leibarzt und drückte ihm herzlich ſchöner Geſtalt, en, geſellte ſich die Hand. Sie ben,“ urzem „um h bis ſchon aber igen. 7 Der ung, rren in men von der e iſe der ls er ie E trug ein einfaches hellfarbiges Sommerkleid, eine offene lockere Jacke und darunter die bauſchige Chemiſette; ein mit Stahlknöpfen beſetzter naturfarbener Leder⸗ gürtel umſpannte die Taille; ihre Bewegungen waren geſchmeidig, der Ausdruck ihres Geſichts halb ſchalkhaft, halb ernſt.„Darf man wiſſen,“ fragte ſie den Leib⸗ arzt,„darf man wiſſen, welch' ein Buch Sie für würdig hielten, an dieſem ſchönen Morgen im Freien geleſen zu werden?“ „Es war würdig geleſen zu werden, wurde aber nicht geleſen,“ erwiderte der Arzt, und reichte ein kleines Buch hin. Es war Horaz. „Ach— Lateiniſch!“ ſagte die Hofdame, ihre Stimme hatte etwas Helles und Keckes, wie das Schmettern des Buchfinken.„Lateiniſch— das iſt alſo Ihre Meſſe!“ Der Leibarzt erklärte mit kurzen Worten, wie glücklich die Alten waren, in einem ſo wenig umfangreichen Buche einen gedrungenen und dauernden Inhalt zu geben. Man trat in den Saal und ſetzte ſich nach Belieben, da es beim Frühſtück keine Rangordnung gab. Ueberhaupt war man auf dem Lande, wo man die Uniform abgelegt hatte, auch mancher Beſchwerniß der Etikette erledigt. Nichts Wohlgemutheres, als eine Geſellſchaft heiterer und freier Menſchen beim Frühſtück; die ganze Wunder⸗ macht der Schlafesſtärkung iſt noch in den Menſchen; ſie waren allein, jetzt ſind ſie inſam; auf der ganzen Empfindung ruht etwas wie S Beim Frühſtück waren keine ueen, die Hofdamen bedienten, und es herrſchte ein ungebundener, faſt familienhafter Ton. Der Leibarzt trank ſtets Thee, den er ſich auf einer vor ihm aufgeſtellten Maſchine ſelbſt bereitete; die braungelockte Hofdame lud ſich heute bei ihm zu Gaſte, ſetzte ſich neben ihn und ſchänkte ihm ein. Zu ihrer Linken ſaß Oberſt von Bronnen, der Generaladjutant des Königs, faſt der einzige, dem man es nicht anſah, daß ihm die Uniform fehlte. Die Geſpräche waren laut, durcheinander— auch die Geiſter waren in Morgentoilette. „Ach Gott, heut iſt ja Sonntag!“ ſagte die braun⸗ gelockte Hofdame. Es wurde hell aufgelacht, und die Königin fragte, warum man lache. Der Leibarzt berichtete die Ent— deckung der Gräfin Irma von Wildenort. Auch die Königin lächelte. „Ich dächte, Gräfin Irma,“ rief der König, während er ſich eine Cigarre anbrannte— er allein rauchte im Salon—„ich dächte, bei Ihnen wäre alle Tage Sonntag.“ „Ja, gnädigſter Herr, aber nur hier,“ antwortete im luſtigſten Tone die Gräfin und ſchüttelte ihre reichen braunen Locken.„Seitdem ich die Ehre habe, bei Eurer Majeſtät zu ſein, wo alle Tage Kuchen auf der Tafel ſteht, iſt böl mir alle Tage Sonntag; aber im Kloſter, da war der Sonntag mit Kuchen angeſtrichen, und nun muß ich hier den Sonntag immer erſt ent⸗ decken.“ ⸗ Der Legationsrath von Schnabelsdorf, erſt vor Kurzem aus Spahn zurückgekehrt und auf ſeine neue ener, Thee, ſchine heute änkte nnen, dem auch raun⸗ agte, Ent⸗ die rend uchte Lage tete hen bei der im en, nt⸗ or eue Verwendung wartend, ſagte zum Leibarzt, dem er gegenüber ſaß, daß binnen Kurzem von einem ſeiner Freunde in Madrid ein intereſſantes Werk über die Geſchichte des Sonntags oder vielmehr des Sabbaths erſcheinen werde; er ſelbſt habe auch einige Ideen dazu beigetragen. Der König, der dieſe Unterredung gehört, fragte, welches dieſe Ideen ſeien, und Schnabelsdorf theilte nun mit, wie die Siebenzahl als Viertheilung des Mondmonates die natürliche und der Sabbath älter ſei, als alle poſitiven Religionen. Er wußte Alles mit Citaten zu belegen, und dabei ſeiner berühmten Freunde zu erwähnen. Nach der beifällig aufgenommenen Mittheilung des gelehrten Legationsrathes gab es noch viel des leichten Scherzes, bis ſich die Königin erhob. Sie winkte dem Leibarzt, der König gab ihr wieder den Arm, und ſie gingen mit einander durch die Veranda zu einem ſchönen Sitz, der unter einer Hänge⸗Eſche am Wieſen⸗ hang angebracht war. Es war eine Luſt, dies ſchöne Königspaar zu ſehen, ſo ſtattlich und groß, und die Königin war doppelt ſchön, denn in ihr blühte ein doppeltes Leben. Die Königin ſetzte ſich, neben ihr der König; der Leibarzt, ohne auf Befehl zu warten, rückte ſich einen Stuhl zurecht und ſetzte ſich ihnen gegenüber. „Ja,“ begann die Königin,„ich muß doch mit Ihnen darüber ſprechen, ich muß Ihnen einen Schmerz—“ „Willſt Du nicht lieber allein— 2“ fragte der König. „Nein, Du mußt dabei ſein.. age alſo noch X— einmal: ſoll mir's nicht erlaubt ſein, mein Kind, das mir Gott in Geſundheit ſchenken möge, ſelbſt zu nähren?“ Ein kaum merklicher Augenwink des Königs belehrte den Leibarzt, was er zu antworten habe. „Majeſtät,“ ſagte er.„Ich hatte bereits die Ehre, es Ihnen als Aberglauben zu bezeichnen, daß man durch einfache Erfüllung der Mutterpflicht ſeine Schön⸗ heit bewahre. Sie, Majeſtät, läßt die echt ſchöne Regung dieſen Wunſch ausſprechen. Aber die Ge⸗ währung iſt unmöglich, um Ihretwillen und um des Kindes willen. Die Pflichten einer Fürſtin, die Noth⸗ wendigkeit der Haltung, der Sammlung, der Reprä⸗ ſentation, die vielerlei Gemüthsbewegungen, geſtatten es durchaus nicht. Die höhere Ausbildung erzeugt nothwendig eine Nervoſität, die ſich dann dem Kinde mittheilt und ihm ſein Lebenlang anhaftet.“ „Ich bitte, liebe Mathilde,“ half der König nach, „quäle Dich nicht mehr mit dieſem Wunſche. Denke an das Wohl des Prinzen.“ „Sprich doch nicht immer von einem Prinzen! Ver⸗ ſprich mir, daß Du eben ſo glücklich ſein wirſt, wenn es eine Prinzeſſin—“ „Das kann ich nicht— eben mir nicht befehlen; aber glückli wenn Du und das Kind geſund, das verſpreche ich Dir!“ „Gut denn, ſo mag eine Amme kommen— Ich bin ihr ſchon jetzt neidiſch, daß ſie mir ſo viele gute Blicke und Herzlichkeiten meines Kindes wegnimmt— aber es ſei, ich füge mich!“ ſo glücklich? Das kann ich ch, von Herzen glücklich, das zu ehrte hre, nan ön⸗ öne Ge⸗ des th⸗ ⸗ ten igt de 9 „Und welches Leid wollteſt Du klagen?“ „Es quält mein Gewiſſen, einem andern Kinde ſeine Mutter zu entziehen. Wenn das auch Tauſende ſchon lange thun— wer ein Unrecht begeht, thut es allein für ſich und thut es zum Erſtenmal auf der Welt. Doch ich füge mich. Davon aber gehe ich nicht ab: nur eine verheirathete brave Frau aus einer ehr⸗ baren Familie darf Nährmutter meines Kindes ſein. Ich hätte keinen Frieden im Gewiſſen, wenn ich einem ohnedieß ſchon verlaſſenen Kinde ſein Einziges noch nähme: die Mutter. Ich frage jetzt nichts nach Welt⸗ einrichtungen und feſtgeſetzten Geltungen. Das arme verlaſſene Kind, das in eine feindliche Welt geſetzt iſt, ſoll dem auch noch der einzige Liebesquell entriſſen werden? Nehmen wir aber eine verheirathete rechtſchaf⸗ fene Frau, ſo entziehen wir auch da noch einem Kinde ſeine Mutter und ſchädigen ein fremdes Leben— es iſt hart, daß Jeder trotz beſſeren Wiſſens Unrecht thun muß.— Doch ich füge mich der Nothwendigkeit. Das Kind aber der Mutter, die wir uns nehmen, ſteht unter dem Schutz der Familie, hat einen Vater, vielleicht eine brave Großmutter und ſorgliche Geſchwiſter; ein Liebesdach ſchirmt das kleine Haupt—“ „Majeſtät!“ rief der Arzt voll Begeiſterung.„Maje⸗ ſtät, in dieſem Augenblicke wird in tauſend und tau⸗ ſend Kirchen für Sie gebetet und Millionen Stimmen ſagen Amen!“ „O Gott, welche Pflichten legt das auf! Man ſollte mehr als ein Menſch ſein, um das zu tragen— mich drückt es nieder.“ „Das ſoll es nicht; es muß Sie erheben, Majeſtät! In dieſem Augenblick wird der Hauch von Millionen ⸗ 3 Lippen zu einer Wolke, die Sie trägt. Das iſt echte 3 Humanität, wenn der Geſchützte, Behütete und auf⸗ . recht Stehende ſich des Ungeſchützten, Unbehüteten und 4 Gefallenen erbarmt und nicht den Stein der Verwer⸗ g fung gegen ihn aufhebt. Es iſt ein Natur⸗Geheimniß, 5 . was von ſolcher Stimmung übergeht auf das Kind unter dem Herzen. Dieſes Kind muß ein edler ſchöner 1 Menſch ſein, denn ſeine Mutter hat die Reinheit der Menſchenliebe in das ungeborne Kind hineingedacht.“ f Der König hatte die Hand ſeiner Frau gefaßt und fragte jetzt: „Du wußteſt alſo nichts von dem Geſetze? Es iſt nicht nur Hausgeſetz, daß die Prinzen und Prinzeſſinnen unſeres Hauſes in der Reſidenz geboren werden— 6 weshalb wir morgen in die Stadt ziehen— es iſt auch Hofgeſetz, daß nur eine verheirathete Frau Amme In eines Prinzen ſein darf.“ hu „Mein Gott— und da quäle ich mich ſo ſehr! hin Alber ich will künftig die Hofgeſetze achten, weil auch ſo Schönes darunter.“ S „Majeſtät haben es neu geſchaffen aus Ihrer Seele d 3 heraus,“ ſchaltete der Leibarzt ein.„Das erſt iſt das freie und heilige Geſetz, das wieder in uns lebendig h geworden iſt“ Ve „Sehr ſchön und wahr,“ ſagte der König— die Cigarre de entfiel ihm, er griff an ſich herum und ſagte dann:„Ent⸗ ſchi ſchuldigen Sie, liebſter Gehe imrath, wollten Sie nicht die Güte haben und Cigarren für uns bringen laſſen?“ ajeſtät! llionen ſt echte d auf⸗ nund erwer⸗ imniß, Kind chöner it der cht.“ t und Fs iſt innen — mme ſehr! auch eele das dig wre nt⸗ 11 Der Arzt ging hinein und jetzt ſagte der König: „Mathilde, ich bitte, war das Alles, was Du auf dem Herzen hatteſt? Ich ſehe Dir ſeit geraumer Zeit an, daß Du etwas in der Seele trägſt—“ „Ja, ich trage etwas in der Seele, aber ich kann Dir nicht eher davon Mittheilung machen, bis es volle Wahrheit geworden; es iſt lauter Liebe zu Dir. Frage mich nicht mehr, Du wirſt es bald von ſelbſt erfahren.“ Als der Leibarzt zurückkam, ſaß der König allein unter der Eſche, die Königin hatte ſich zurückgezogen. „War dieſe Huldigung eine ärztliche Rückſicht?“ fragte der König den Leibarzt, ſein Auge war finſter. „Nein, Majeſtät, meine freie Herzensmeinung.“ Der König ſchaute vor ſich nieder und ſchwieg lange; endlich ſagte er ſich aufrichtend und mit der Hand eine Bewegung machend als werfe er etwas weit weg: „Ja, alſo die Königin wünſcht zur Amme eine junge Frau aus den Hochlanden, die eine ehrbare Familie hat. Wäre es nicht noch Zeit, daß Sie ſelbſt hinreiſten und eine ſolche auswählen? Stammen Sie nicht auch aus dem Gebirge? Das wäre— doch nein, Sie dürfen jetzt nicht fort. Schicken Sie alſo den Hofarzt Sixtus, er ſoll von Dorf zu Dorf reiſen und geben Sie ihm die genaueſten Inſtructionen; er kann ja auch mehrere proponiren und Sie wählen dann die Beſte aus und die Anderen lohnen wir ab und doch das machen Sie ganz nach Ihrem Ermeſſen, aber ſchicken Sie noch heute den Hofarzt ab.“ „Wie Majeſtät befehlen.“ Zweites Capitel. „Sie ſehen ja ſo ſtrahlend aus!“ ſagte die Hof⸗ dame Irma, die dem Leibarzt begegnete. „Es mag wohl ſein,“ erwiderte der Leibarzt,„denn ich habe dem Göttlichen, ich habe einer reinen Men⸗ ſchenſeele ins Antlitz geſehen— Entſchuldigen Sie einen Augenblick!“ unterbrach er ſich, ging in das Neben⸗ gebäude und gab dem Telegraphiſten den Auftrag, ſo⸗ gleich dem Hofarzt die Meldung zu machen, daß er ſich zu einer achttägigen Reiſe vorbereiten und hierher kom⸗ men ſolle; dann trat er wieder hinaus zu der Hofdame, und erzählte ihr von dem, was vorgegangen. „Soll ich Ihnen meine Meinung ſagen?“ fragte die Gräfin. „Sie wiſſen, daß man darauf nie mit Nein ant⸗ wortet.“ „Nun denn, ſo muß ich Ihnen ſagen: In alten Zeiten war's viel ſchöner; da wurden die Königskinder auf einer einſamen Pfalz geboren. Still wie ein Ge⸗ heimniß—“ „Sie ſind doch in Allem,“ unterbrach der Arzt,„das echte Kind Ihres Vaters. Mein guter Eberhard war in ſeinen jungen Jahren auch voll toller Laune, da⸗ bei hatte er aber eine Verſchämtheit, die oft plötzlich überraſchte.“ „Ach, erzählen Sie von meinem Vater! Ich weiß ſo wenig von ihm.“ „Ich ja auch ſeit vielen Jahren— Sie wiſſen doch, daß er völlig mit mir gebrochen, weil ich am Hofe — „denn Men⸗ einen Neben⸗ ig, ſo⸗ er ſich rkon⸗ fdame, fragte nant⸗ alten kinder n Ge⸗ „das war da⸗ ötlich eiß ſo doch, Hofe lebe; aber damals, in der Zeit unſerer jugendlichen Schwärmerei—“ „Alſo auch Sie ſchwärmten einmal?“ „Aber nicht ſo ſehr, wie Ihr Vater. Wie ich Sie ſo ſehe, da iſt mir's, als ob ſein Ideal von damals wirklich geworden. Wenn wir— ich war damals ein junger Militärarzt und er ein noch jüngerer Officier — wenn wir damals von der Zukunft und ihren Er⸗ füllungen uns Phantaſiebilder ausmalten, dachte er ſich nie das Ideal einer Geliebten, einer Frau aus; er überſprang die Mittelſtufen und phantaſirte immer nur von dem Ideal eines Kindes und beſonders einer Toch⸗ ter, wie friſch, wie zart das ſei und unberechenbar zu⸗ gleich! Wenn ich Sie nun ſo vor mir ſehe, ſein Ideal ſteht vor mir!“ „Alſo mein Vater hatte nur das Ideal eines Kin⸗ des?“ ſagte Irma nachdenklich und ſchaute dem Arzt voll in die Augen,„und doch ließ er ſeine Kinder unter fremden Leuten aufwachſen, und ich muß mir von ihm erzählen laſſen, ſtatt ſelbſt von ihm zu wiſſen? Aber ich will jetzt nicht von mir reden. Lieber Herr Geheim⸗ rath, ich habe eine Ahnung von dem Geheimniß der Königin, ich glaube zu wiſſen, weshalb ſie ſo ſtill und in ſich gekehrt—“ „Mein ſchönes Kind, wenn Sie eine Ahnung haben, und nun gar von einem Geheimniß der Fürſtlichkeiten, ſo rathe ich Ihnen: vertrauen Sie das nicht einmal dem Kiſſen, worauf Sie ruhen.“ „Wenn es der Königin aber nützen könnte, daß Sie davon wiſſen? Sie ſollten ihr Führer ſein!“ „Man iſt nur Führer dem, der geführt ſein will.“ „Ich möchte Sie nur bitten, auf gewiſſe Symp⸗ tome ein Auge zu haben. Hat die Königin nichts ge⸗ ſagt, als ſie hier draußen vor der Kirche die Meſſe hörte? Erſchrak ſie nicht bei einem Tone? Merkten Sie nicht eine gewiſſe Hinneigung— Der Arzt bedeutete mit der Hand, daß Irma nicht weiterreden ſolle, und ſetzte hinzu: „Mein Kind, wollen Sie correct am Hofe leben, ſo räthſeln Sie nicht an Dingen, die man Ihnen nicht auflöſen will; vor allem aber laſſen Sie ſich nichts da⸗ von merken—“ „Correct und immer correct!“ neckte Irma, und ihre ſchönen im Bogen geſchnittenen Lippen bewegten ſich zitternd. „Sie ſind eine productive Natur und eine produc⸗ tive Natur gehört nicht an den Hof,“ ſetzte der Arzt hinzu.„Sie wollen an Stelle der gegebenen Formen Ihre Perſönlichkeit ſetzen; das geht nicht. Sehen Sie,“ fuhr er lebendiger fort,„ſehen Sie, dieſer Legations⸗ rath Schnabelsdorf verbraucht ſich bälder als er glaubt; er bietet immer etwas, bereitet immer etwas zu, kocht und bratet und ſchmort alle Wiſſenswürdigkeiten für die Herrſchaften, und ſein Gedächtniß iſt ein ewiges Tiſchleindeckdich. Geben Sie Acht, ehe ein Jahr ver⸗ geht, iſt man ſeiner überdrüſſig. Will man gefällig ſein und bleiben, ſo muß man ſich erwarten laſſen.“ Irma ſtimmte bei, ſie merkte aber wohl die Ab⸗ lenkung und leitete wieder auf das zurück, was ſie ſagen wollte. wen verl hab Kön theil Kön Sol Ric wuf ine hn in will.“ e Symp⸗ lichts ge⸗ die Meſſe Merkten ma nicht e leben, nen nicht nichts da⸗ ma, und bewegten e produc⸗ der Arzt Formen hen Sie,“ Legations⸗ er glaubt zu, kocht keiten in ewiges Johr ve an güli n laſen.“ l die* , was ſie „Sagen Sie“— frug ſie ſchalkhaft—„nicht wahr, wenn man einen falſchen Tritt thut und ſich dabei verletzt, das nennt man ein Uebertreten?“ „Allerdings.“ „Nun denn, ſo wiſſen Sie, daß die Königin durch ein Uebertreten in Gefahr iſt, ſich Schaden zuzufügen, vielleicht unheilbaren—“ „Ich würde vorziehen—“ fiel der Arzt ein. „Ah, Sie würden vorziehen? Wenn Sie das ſagen, haben Sie immer etwas zu tadeln.“ „Errathen. Ich würde vorziehen, wenn Sie der Königin überließen, ſelber ihre Geheimniſſe mitzu⸗ theilen. Ich glaubte, Sie ſeien die Freundin der Königin—“ das hin ich.“ „Gut, und da ich heute einmal Ihr Frühprediger bin, ſo will ich Sie noch vor etwas warnen. Sie ſind in Gefahr, eine jener Damen zu werden, die nur Freunde, aber keine Freundin haben.“ „Iſt das eine Gefahr?“ „Allerdings. Sie müſſen eine Freundin haben, Sie müſſen, ſonſt liegt ein Fehler in Ihrer Natur. Solche Iſolirung giebt dem ganzen Weſen eine falſche Richtung, eine unbewußte Ueberhebung oder eine be⸗ wußte. Wenn Sie unter den vielen Damen hier nicht eine Freundin gewinnen können, ſo liegt der Fehler an Ihnen.“ „Aber einen Freund darf ich doch haben? einen Freund, wie Sie?“ „Ich wünſche Ihnen keinen beſſeren.“ Irma ging ſtill neben dem Arzte her. Sie kamen wieder auf den Wieſenhang vor dem Schloſſe. „Wiſſen Sie ſchon, daß dieſe Wieſe jeden Samſtag mit falſchem Heu friſirt wird?“ begann Irma. „Bitte um weniger Esprit und mehr Klarheit.“ „Hu— wie officinell!“ ſcherzte Irma.„So er⸗ fahren Sie denn: die Königin ſagte einmal, der Heu⸗ geruch ſei ihr lieb— und nun läßt der Garteninten⸗ dant wenigſtens jede Woche einmal hier den Wieſenhang mähen; da aber die eigenſinnige Natur nicht ſo ſchnell Heu giebt, wird in der Nacht fremdes Heu von irgend einer entlegenen Wieſe zum Dörren hierher gebracht— Und da ſagt man noch, die Fürſten werden in unſeren Tagen nicht mehr betrogen?“ „Ich ſehe an der Sache nichts Unrechtes oder Lächer⸗ liches. Der Intendant gehört zu Denjenigen, die ſich als die Vergnügungsvorſehung der Herrſchaften be— trachten und—“ „Vergnügungsvorſehung— ein köſtliches Wort! Das gebe ich nicht wieder her! Das behalte ich! Und Sie wollen noch behaupten, Sie hätten keinen Witz? Sie ſind ja voll friſcher Bosheit! O, Vergnügungs⸗ vorſehung!“ Irma lachte von ganzer Seele, und ſie war neu ſchön, wenn ſie lachte. Der Arzt hatte viel zu thun, ſie wieder in das Geleiſe des Geſpräches zurückzuführen. Sobald er ernſt ſein wollte, ſah ſie ihn immer ſo ſchelmiſch an und lachte ſo herzlich, daß er auch lachen mußte. Nur als er ihr endlich ſagte, er habe ihr bisher die Kraft zuget Vis Schi der den kai, naſe Maj deut Zer teich der Er Meſ Nat gede Ve mög Wo Gla ſein dere in or dem Samſtag heit.“ „So er⸗ er Heu⸗ eninten⸗ eſenhang o ſchnell n irgend racht— unſeren Lücher⸗ ten be⸗ Wort! h Und ügungs⸗ ſie wot in das er ernſt an und Nul als ie Kruft 7 zugetraut, einer Erörterung zu folgen, nicht bloß einen Witzfunken zu haſchen, ließ ſie ſich wieder wie ein Schüler von der Hand des Meiſters willig führen und der Arzt verſtand es, ſie in treuer Folge zum Nach— denken ſeiner Gedanken zu bringen. „Gnädige Gräfin“— ſagte ein herzutretender La⸗ kai, ein großer, ſtattlicher Mann mit ſtarker Habichts⸗ naſe und kohlſchwarzen Haaren,„gnädige Gräfin, Ihre Majeſtät die Königin erwarten Sie im Muſikſaale.“ Irma verabſchiedete ſich und der Arzt ſchaute ihr be— deutungsvoll nach. Bald hörte man vom Schloſſe her den Berghang hinab und weit ins Thal hinaus die volle metall⸗ reiche Stimme der Gräfin Irmengard von Wildenort. „Auch Eberhard ſang einſt bezaubernd ſchön,“ ſagte der Leibarzt und lenkte ſeine Schritte nach dem Schloſſe. Er ſtutzte aber, da er den Domherrn, der heute die Meſſe geleſen, ebenfalls in den Muſikſaal eintreten ſah. Der Morgen war ſo ſchön und lind, die weite Natur ſo ſelig in ſich; Alles grünt und wächſt und gedeiht in ſeinem Grunde, darin es wurzelt, und die Menſchen allein ſchaffen ſich neue Plagen. Wäre es möglich, daß die muthwillige Gräfin recht geſehen? Warum ſollte aber die Königin ihren angeſtammten Glauben verlaſſen wollen? Der Leibarzt ſetzte ſich in eine Laube und las ſeinen Horaz. Bevor es zur Mittagstafel ging, war der Hofarzt bereits da, und als man ſich zur Tafel ſetzte, fuhr er in einem Hofwagen ab, dem Gebirge zu. Am Abend— er war mild und ſternhell— fuhr Auerbach, Auf der Höhe. l. 2 der Hof nach der Reſidenz, denn andern Tages ſollte mit großem militäriſchem Pomp der Grundſtein zum neuen Zeughaus gelegt werden. Drittes Capitel. Die Glocken tönten hell und widerhallten von den ſchroffen Bergen, die Schallwellen floſſen hin über den ruhigen Spiegel des weiten grünen Bergſees, drin ſich die bewaldeten Berge und Felſenſpitzen und der Himmel drüber klar nachbildeten. Aus der einſam ſtehenden Kirche am obern Ende des Sees ſtrömten die Menſchen heraus; die Männer ſetzten die grünen mit Spielhahnfedern gezierten Hüte auf, holten die Tabakspfeifen aus der Taſche und ſchlugen Feuer; die Frauen putzten an ſich herum, rück⸗ ten an den ſpitzen grünen Hüten, glätteten die Schür⸗ zen, knüpften die weitflatternden Enden der ſeidenen Tücher von neuem. Noch hinter den alten Frauen, die die letzten in der Kirche ſind, kam ein ſchönes junges Paar, die Frau hoch gewachſen und umfang⸗ reich, der Mann ſchlank und knorrig wie eine Tanne. Man ſah ihm die rauhe Arbeit der Woche an; er ſetzte ſich den Spitzhut, an dem kein Jägerzeichen war, etwas ſchief auf den Kopf, zog die Joppe aus und legte ſie über die Schulter und ſchmunzelnd— das Schmunzeln in dieſem wetterharten Geſicht war gar ſonderbar— ſagte er: „Siehſt Du, daß es ſo beſſer iſt? So kommſt jun men Geb es ſollte ein zun ² von den über den drin ſich Himnel ern Ende Männel ten Hitt ſche und m, rüc⸗ e Schür⸗ ſeidenen Frauen nſchönes umfang⸗ e Tanne⸗ an er chen wat, aus und war gal o kommt 19 Du nicht ins Gedränge.“ Die junge Frau nickte bei⸗ ſtimmend. Eine Gruppe von Frauen und Mädchen ſchien auf die Letztere gewartet zu haben; eine ältere Frau ſagte: „Walpurga, das hätteſt nicht thun ſollen: jetzt, wo Du nicht weißt, wann Deine Stunde kommt, den wei⸗ ten Weg zur Kirche gehen; man kann ſich auch im Guten verſündigen.“ „Das ſchadet mir nichts,“ entgegnete die junge Frau. „Und ich habe heute für Dich gebetet,“ ſagte ein junges, trotzköpfiges Mädchen, das einen friſchen Blu⸗ menſtrauß an der Bruſt trug.„Wie der Pfarrer das Gebet für die Königin geſprochen hat, daß ihr Gott in der ſchweren Stunde beiſtehen möge, da hab' ich gedacht: was geht mich die Königin an? und für die beten auch ſchon Leut' genug im ganzen Königreich. Ich hab' an Dich gedacht dabei, und hab' Amen Wal⸗ purga! geſagt.“ „Staſi, Du haſt's gewiß gut gemeint,“ wehrte Walpurga mit treuherziger Stimme ab,„aber ich will kein Theil haben an dem. Das darf man nicht; man darf kein Gebet verdrehen.“ „Recht hat ſie,“ beſtätigte die Alte,„das wär' ja, wie wenn man einen falſchen Eid ſchwört.“ „So ſoll's meinetwegen nichts gelten!“ rief das trotzköpfige Mädchen. „Es muß doch was Schönes ſein,“ fuhr die Alte fort und faltete die Hände,„eine Königin zu ſein. In dieſer Stunde wird in allen Kirchen von Millionen und Millionen Menſchen für ſie gebetet. So ein König und eine Königin die müſſen ganz ſchlechte Menſchen ſein, wenn ſie nicht brav ſind.“ Die Alte war die Wehmutter, ſie durfte immer ſprechen, und Alles hörte ihr geduldig zu. Sie ge⸗ leitete den Mann und die Frau noch ein Stück Wegs und gab genau an, wo ſie in den nächſten Tagen zu jeder Stunde zu treffen ſei. Dann ging ſie abſeits bergan nach ihrem Hauſe. Auch die anderen Kirch⸗ gänger zerſtreuten ſich nach den einzelnen Gehöften, die Kinder gingen überall voran, die Eltern hinter⸗ drein; dort wanderte noch eine Gruppe Mädchen, ſie führten einander am kleinen Finger und hatten ſich gar viel zu erzählen; aber nun ſtoben ſie auch aus⸗ einander, jedes zu den Seinigen. Das junge Paar war allein auf der Straße, die Mittagsſonne blinkte hell wieder im See. Es war faſt noch eine Stunde Wegs bis zum Hauſe des jungen Paares, und kaum waren ſie einige hundert Schritte mit einander gegangen, als die Frau ſagte: „Hanſei, ich mein', ich hätt' die Annamirl nicht fortlaſſen ſollen.“ „Ich will ihr ſchnell nachrennen, ich kann ſie noch einholen!“ rief der Mann. „Um Gotteswillen nicht,“ hielt ihn die Frau an, „dann bin ich ja ganz allein hier auf der Landſtraß“ Bleib da, es wird ſchon vorübergehen.“ „Wart' einen Augenblick, halte Dich an dem Baum! So!“ Wie im Fluge rannte der Mann in die Wieſe hine Ste wer rief ebe un ger bin wie der gſt uf auf n König Renſchen immer Sie ge⸗ agen zu abſeits n Kirch⸗ Gehöften, n hinter⸗ hen, ſie tten ſich uch aus⸗ aße, die mn Hauſt m ſagte nirl nicht n ſie noch Frau an, Landſtuß em Baun! die Vieſt 21 — hinein, holte einen Arm voll Heu, legte es auf den Steinhaufen am Wege und ſetzte ſeine Frau darauf. „Es wird mir ſchon beſſer,“ ſagte die Frau. „Sprich jetzt nicht, ruh' Dich aus. O lieber Gott, wenn nur jetzt ein Wagen käme, aber weitum ſieht man keinen Menſchen und kein Vieh. Ruh' Dich nur aus, dann trag' ich Dich heim, Du biſt mir nicht zu ſchwer, ich hab' ſchon ſchwerer getragen.“ „Am hellen Tag willſt mich tragen?“ lachte die Frau, und ſie lachte ſo mit ganzer Seele und ganzem Körper, daß ſie ſich mit der Hand auf den Steinhaufen ſtützen mußte.„Du guter Kerl, ich dank Dir. Iſt aber nicht nöthig, ich kann ſchon wieder gehen.“ Sie ſtand raſch auf. Das Antlitz des Mannes ſtrahlte von Glück. „Gottlob! Da kommt wie gewunſchen der Doctor!“ Der Arzt aus dem benachbarten Städtchen kam eben um die Ecke gefahren; Hanſei zog den Hut ab und bat, ſeine Frau aufzunehmen. Der Arzt willigte gern ein, aber Walpurga wollte nicht einſteigen.„Ich bin mein Lebenlang noch in keiner Kutſche gefahren,“ wiederholte ſie. „Man muß Alles zum Erſtenmal probiren,“ lachte der Doctor, und half ihr in die offene Kaleſche; er geſtattete auch dem Mann, daß er aufſteige und ſich auf den Bock ſetze, aber der Mann verneinte entſchieden. „Ich will nur im Schritt fahren,“ ſagte der Doctor. Hanſei ging neben dem Wagen her, immer glücklich auf ſeine Frau ſchauend. „Jetzt noch zweitauſend Schritt— jetzt noch tau⸗ ſend— noch ſo viel und ſo viel“— ſagte er im Gehen faſt laut vor ſich hin, und ſah mit Dankesblicken auf den Doctor und auf die Kutſche, die ſo gut iſt, daß ſie ſeine Frau einſitzen läßt, und auf das Pferd, das ſie ſo geduldig zieht; er wehrte dem braven Thiere die Bremſen, die es noch plagen wollen. „Dein Hanſei thut dem Pferde Gutes,“ ſagte drin in der Kutſche der Doctor zur jungen Frau. Sie ant⸗ wortete keine Silbe, und der Doctor betrachtete mit Wohlgefallen den Mann, den er längſt kannte, er war ja Holzknecht im königlichen Forſte. Hanſei hielt noch immer den Hut in der Hand und wiſchte ſich manchmal mit dem Aermel den Schweiß ab. Er hatte ein gebräun⸗ tes, ausdrucksloſes Geſicht, und trug keinen Schnurr⸗ bart, denn er war nicht Soldat geweſen; von den Schläfen herab rahmte ein zottiger Bart das längliche Geſicht ein, deſſen Stirne noch größtentheils von dichten, blonden Haaren bedeckt war; die kurzen Lederhoſen zeigten die mächtigen Knie, die mit Zwickeln geſtrickten Wadenſtrümpfe waren gewiß ein Geſchenk der Frau, die ſchweren, nägelbeſchlagenen Schuhe hatten ſchon manchen Berggang mitgemacht. Hanſei ſchritt rüſtig neben dem Fuhrwerk her, und endlich rief er:„Gott⸗ lob, wir ſind da!“ Das Häuschen lag am See, von einem Gärtchen umgeben; am Zaun ſtand eine Alte und rief entgegen: „So? gefahren kommſt auch noch?“ „Ja, Mutter!“ antwortete die Frau, und mit tauſend Dank verabſchiedete ſie ſich beim Doctor; Hanſei toch in hielt noch manchnal gebräu⸗ Schnurr⸗ vn den lngliche n dichten, Lederhoſen geſtrickten ſchon itt rüſtig Gärthen entgegel 23 ſtreichelte das Pferd zum Dank, daß es die Frau ſo gut da hergebracht. „Jetzt geh' ich aber gleich zur Annamirl,“ agte er vor der Thür;„haltet mir was zu eſſen warm.“ „Nein, wir wollen mit einander eſſen, ich hab' auch Hunger,“ rief die Frau, und legte Geſangbuch, Jacke und Hut ab. Sie war ſchön, ein volles, rundes, hellblühendes Antlitz, das mächtige blonde Zöpfe um die Stirne einrahmten. Sie zwang ſich, zu Tiſche zu ſitzen und aß gemeinſam mit Mann und Mutter. Aber mit dem letzten Biſſen im Munde machte ſich der Mann auf den Weg. Es war höchſte Zeit, daß die Annamirl kam. Bevor die Hühner ſich aufſetzten, war es da das Sonntags⸗ kind, ein ſchreiendes blondköpfiges Mädchen. Hanſei wußte gar nicht, was er anfangen ſolle vor lauter Freude— er hatte doch eigentlich nicht ordentlich zu Mittag gegeſſen, er hatte die rechte Ruhe nicht gehabt, wie er ſie brauchte, und wie lang iſt's her, daß er gegeſſen hat! Das war ja damals, als er noch nicht Vater eines ſchreienden Kindes war, da liegen ja Stunden dazwiſchen, die ſind jahrelang! Er ſchnitt ſich ein groß Stück Brod ab, aber draußen, wo die Vögel ſo luſtig zwitſcherten, und beſonders die Staare gar ſo zutraulich waren, rief er:„Da, ihr ſollet auch was haben! ihr ſollet auch wiſſen, daß ich Vater bin, und Vater von einem Sonntagskind!“— Er brockelte ihnen alles Weiche vom Brode hin, und die Rinde warf er in den See und rief:„Da, ihr Fiſche, ihr ernährt uns, heute will ich euch nähren!“— Er hätte gern der ganzen Welt etwas zugut gethan, aber es war nichts mehr da, das etwas von ihm wollte, und er weiß gar nicht, wohin er ſich thun ſoll. Halt! da ſteht die Leiter am Kirſchbaum; er ſteigt hinauf, bricht Kirſchen und ißt ſie, und ißt immer fort und vergißt ſich ganz, und es iſt ihm, wie wenn er ſie gar nicht ſelber eſſe, ſondern Jemand Anderem zu eſſen gäbe, und er weiß gar nicht mehr, wo er iſt, und wer er iſt, und er meint, er könne zuletzt gar nicht mehr vom Baum herunter, er iſt wie auf den Baum verhert. Am Hauſe vorbei ging die Telegraphenleitung, die Drähte ſtreiften faſt den Kirſchbaum. Hanſei ſah den Telegraphen an, als wollte er ihn beauftragen: Du, ſag's der ganzen Welt, ich bin Vater geworden. Er freute ſich, daß die Schwalben und Staare ſo gern auf den Drähten ſitzen und nickte ihnen zu: Laßt euch nicht ſtören, ich thu' Niemand was! Und ſo brach er Kirſchen, und ſo ſchaute er hin⸗ aus, wer weiß wie lang. Da ruft die Großmutter aus dem Fenſter:„Hanſei, ſollſt zu Deiner Frau kommen!“ Er iſt ſchnell herunter, und wie er zu ihr eintritt, lacht ſie laut auf, denn er hat einen blauſchwarzen Mund und iſt blau und roth im Geſicht vom Kirſchſaft. „So? Du haſt genaſcht?“ rief die junge Mutter. „Laß mir auch noch ein paar Kirſchen auf dem Baum.“ „Ich thue Dir die Leiter in die Stube, daß ich nicht mehr hinaufkann,“ ſagte er, und es gab viel Lachen in dem kleinen Häuschen am See, bis WMond — f, bricht d vergißt gar nicht ſen gäbe, d wer er auf den uch nicht e er hin „Hanſei, eintritt, ſchr warzen Ki irſchſaft. Mutter auf den daß ich gab diel 8 Pond und Sterne darauf niederblickten. Heute brannte die ganze Nacht Licht im Stübchen; die junge Mutter ſchlief bald ruhig und glückſelig, nur das Sonntags⸗ kind gluckſte manchmal, ließ ſich aber bald wieder beruhigen. Die Großmutter allein wachte; ſie hatte ſich nur zum Schein niedergelegt, ſtand aber bald wieder auf und ſaß auf einem Schemel an der Wiege des Neu⸗ gebornen. Ein glänzender Stern ſteht über der Hütte. Er flimmert und glitzert, und drin in der Hütte liegt ein Glanz auf dem Antlitz einer Mutter, eine Wonne, ſo unfaßbar, wie der Glanz am Stern da droben— ein Menſchenkind iſt Mutter eines Menſchenkindes, und Ein Auge wacht und ſieht es, es das Auge der, aus der dies Leben und das andere daneben hervorgeſproßt. In der ſtillen Luft iſt es wie Singen und Klingen aus ewigen Harfen, und in der Stube bis an die Decke iſt es, als ob Engelsköpfe überall ſchwebten und lächelten. Die alte Großmutter ſitzt, das Kinn in die Hand geſtützt, und ſchaut drein; in ihr Antlitz leuchtet der Glanz vom Sterne am Himmel, und zum Stern hin— auf leuchtet ihr Auge. Sie iſt wie hinausgehoben über die Welt und hält den Athem an; die Glorie des Höchſten hat ſich niedergeſenkt in die Hütte und um⸗ ſtrahlt das Haupt von Großmutter, Mutter und Kind. „Mutter, wie glitzerig ſcheinen die Sterne!“— ſagte die junge Mutter einmal erwachend. „Und ſie ſcheinen auch, wenn Du die Augen n iſt zumachſt und ſchläfſt. Schlaf nur wieder!“ erwiderte die Großmutter. Wieder war Alles ſtill, bis der helle Tag erwachte. Liertes Capitel. Im offenen Wagen fuhr der junge Hofarzt Sixtus dem Gebirge zu. Er war ein Mann von gefälligen Weltformen; den jetzigen König, als derſelbe noch Kronprinz war, hatte er auf Reiſen begleitet und in Geſellſchaft der Cavaliere jenen leichten Ton, den er ſich bei einem dreijährigen Aufenthalt in Paris angeeignet, noch bequemer gemacht. Wie die Fürſtlichkeiten über untergebene Perſonen ver⸗ fügen und den Dienſt in eine Verbindlichkeit verwan⸗ deln, ſo geſchieht es auch leicht, daß Hofbeamte wieder mit den ihnen Untergebenen ſchalten. Der Hofarzt hatte ſich einen Lakaien ausgeſucht, den er als einen der Dienſtfertigſten kannte. „Feuer, Baum!“ ſagte er, der Lakai reichte ihm ſofort eine brennende Lunte vom Bock, wo er neben dem Kutſcher ſaß. Mit leutſeliger Herablaſſung bot Sixtus ſein Etui hin, der Lakai nahm dankend eine Cigarre; die Cigarren des Hofarztes ſind zwar zu ſchwer und treiben ihm den Angſtſchweiß aus, wenn er ſie raucht, aber es iſt eine weiſe Regel, man ſoll eine angebotene Gunſt nicht abweiſen. Es fuhr ſich bequemlich auf der guten Straße dahin. Auf der nächſten Poſtſtation ſchickte man die Marſtall⸗ per Hoj wu erſ ſei beſ Si der erſ ſal nu widerte wachte. G en; den t, hatte avaliere jährigen gemacht. len ver⸗ verwal⸗ e wieder Hofarzt s einen ſte ihm neben g bot d ein ſchwer er ſie ll eine dohin. Rarſtal⸗ 27 pferde zurück und fuhr nun mit Extrapoſtpferden. Der Hofarzt hatte von dergleichen nichts anzuordnen; Baum wußte und beſorgte Alles. „Baum, von wo ſind Sie gebürtig?“ fragte der Hofarzt, als man weiterfuhr. Baum erſchrak, aber er wendete ſich nicht um, er that, als ob er die Frage nicht gehört, er ſchien ſich erſt ruhig faſſen zu müſſen, ehe er antworten konnte; ſein Antlitz zuckte, aber ſchnell wußte er wieder eine beſcheidene und argloſe Miene anzunehmen. Der Arzt fragte noch einmal:„Baum, wo ſind Sie geboren?“ Ein dienſtwilliges Geſicht wendete ſich ihm zu. „Ich bin auch aus dem Gebirg, weit dahinten an der Grenze; aber ich bin nie dort daheim geweſen,“ erwiderte der Lakai. Der Arzt hatte nicht Luſt, weiter nach den Schick⸗ ſalen Baums zu fragen; er hatte überhaupt die Worte nur ſo leichthin geſprochen. Der junge Hofarzt war gegen Baum zuvorkom⸗ mend, Baum iſt einer der beliebteſten Diener am Hofe, denn er wußte ſtets durch ſein Benehmen aus⸗ zudrücken, wie ſehr er die hohe Stellung eines Jeden reſpectire. „Halten Sie ſich immer möglichſt in der Nähe des Telegraphen!“ hatte der Leibarzt dem Wegreiſenden geſagt,„geben Sie jeden Morgen und Abend Nachricht, wo Sie zu treffen ſind, damit Sie ſofort zurückbeordert werden können.“ Als Doctor Sirtus jetzt im Weiterfahren die Telegraphendrähte betrachtete, die bereits auch hier über alle Berge klettern und durch alle Thäler ziehen, lächelte er vor ſich hin.„Ich bin auch nichts als ein fortgeſchickter elektriſcher Funke, nur weiß mein Meiſter nicht, wo ich anlange. Aber eigentlich bin ich ein Märchengeiſt; ich bringe Geld und Ueberfluß in eine unſcheinbare Hütte, denn eine reiche Bäuerin bekomm' ich nicht. Wo biſt du, edle Nährmutter?“ Der Hofarzt ſchaute lächelnd in die weite Landſchaft, und um ihn ſpielten und verflogen Bilder aller Art, wie die Rauchwölkchen ſeiner Cigarre ihn umſpielten und in die Luft verflogen. Es war bereits Nacht, als man einem kleinen Badeort im Gebirge zufuhr. Der Lakai ging neben dem Poſtillon bergan zu Fuß; der Hofarzt hatte ihm die Miſſion mitgetheilt, welche ſie auf dieſer Reiſe hatten. Die Beiden hatten ſchon ganz andere Abenteuer in fernen Ländern mit einander be⸗ ſtanden. Jetzt beſprach ſich Baum mit dem Poſtillon über Leben und Sterben in der Gegend, und kam ſehr geſchickt darauf, ſich nach jungen Wöchnerinnen zu er⸗ kundigen. Da war er juſt an den rechten Mann ge⸗ kommen: die Mutter des Poſtillons war Hebamme— ſie hatte nur den Fehler, daß ſie bereits todt war. Der Doctor im Wagen ſtreckte ſich behaglich; er hat nun doch eine Handhabe, wie er die ſeltſame Sache angreifen konnte: an die Hebammen in den Dörfern muß er ſich wenden, man muß ihnen nur nicht ſo— fort ſagen, für wen man die Nährmutter ſucht, ſonſt kommt man gar nicht mehr los. Als es wieder zum Die heu Off ma und Cla ſam um fan he do zu un n bet ni iet übet lächelte ſchicker ht, wo engeiſt; einbare nicht. ndſchaft, ler Art, ſpielten kleinen zu Fuß elche ſie on ganz der be⸗ oſtilon am ſehr zu er⸗ in ge⸗ me— war. ich; er eSoche dörfern icht ſo⸗ ſonſt er zum Aufſteigen kam, winkte er den Lakai heran und ſagte: „Auf der ganzen Reiſe nennen Sie mich nur„Herr Doctor,“ weiter nichts!“ Der Lakai fragte nicht, warum; das iſt nicht ſeines Amtes. Er forſchte aber auch vor ſich nicht weiter nach dem Grund; er iſt ein Lakai, er thut, was man ihm ſagt.„Wer weiter geht, als ſein Auftrag, iſt unbrauchbar,“ hat der Kämmerer der Baronin Steigeneck hundertmal geſagt, und was der geſagt hat, iſt heiliges Geſetz. In dem kleinen Badeorte war luſtiges Treiben. Die Tafel war eben aufgehoben, man ſprach von der heutigen Landpartie und von der morgigen, ein junger Officier in Civil und ein dicker Herr ſchienen die Luſtig⸗ macher in der Geſellſchaft, man ſcherzte, man lachte, und im Hintergrund wurde zu einem verſtimmten Clavier geſungen. Die Menſchen waren in gewalt⸗ ſamer Erregung, ſie waren ins Gebirge gegangen, um die Langeweile los zu werden, und die meiſten fanden ſie hier erſt recht, denn es iſt nur Wenigen gegeben, ſich von Sonnenaufgang bis Niedergang und dann noch gar bei Sternenſchein an der ewigen Natur zu erfreuen. Der Hofarzt ſah ſich glücklicherweiſe hier unerkannt und Baum, der keine Livree, ja nicht einmal Wappen⸗ knöpfe trug, ließ ſich nicht ausforſchen. Der Hofarzt betrachtete ſich das Treiben der kleinbürgerlichen Welt mit einem gewiſſen Schloßgefühle. In der hieſigen Gegend wollte er ſich gar nicht erkundigen, denn die Umgegend war wegen ihrer Kröpfe nnt. Am Morgen ging's nach einem kleinen Gebirgs⸗ ſtädtchen. Der Hofarzt wendete ſich an den Phyſicus, Sn reiſte mit ihm mehrere Tage umher, fand aber nichts, für das er ſich entſcheiden konnte; dennoch verzeichnete Phy 1 er einige Namen in ſein Taſchenbuch. kit, Der Cavaliersmuth wollte dem Hofarzt bald aus⸗ wh gehen. Er ſah in die Hütten des Elends, in ſo viel jee Plage und Armſeligkeit, daß es als ein Traum er⸗ dabe ſchien, wie Menſchen vom gleichen Fleiſch und Blut ſo nit 1 ſorglos in Schlöſſern leben. Hier draußen iſt das ſhie 3 Daſein eitel Müh' und Sorge, nichts als ein Arbeiten, 31 um ſich am Leben zu erhalten, damit man morgen azte wieder arbeiten und wieder ſorgen kann. eine 1„Nur keine Sentimentalitäten!“ rief ſich der Arzt über 3 zu.„In dieſer beſten Welt iſt es einmal ſo! Die un Menſchen ſind nichts Anderes als die Thiere. Das wen Reh im Walde lebt und fragt nicht, wie es dem Vogel vo geht, und der Vogel kümmert ſich nicht um den Froſch, ns außer wenn es ein Vogel Storch iſt, der ihn freſſen Vo will! Nur keine Sentimentalitäten! Nur keine Welt⸗ eel beglückereien!“ Der Hofarzt fuhr im Gebirge umher, ſich immer bn in der Nähe des Telegraphen haltend und jeden Tag ds zweimal Bericht erſtattend. Er verzweifelte am Ge⸗ lingen ſeines Auftrages und ſchrieb ſeinem Chef, daß er keine verheirathete Frau finde, ledige dagegen vor⸗ Stu treffliche; er ſchlage daher vor, da man doch die Fürſtin in nicht täuſchen dürfe, ſchnell die Tauglichſte mit ihrem nit Geliebten trauen zu laſſen. In der Gegend des Sees wartete er auf Antwort, hyſicus, nichts, zeichnete d aus⸗ ſo viel um er⸗ Blut ſo iſt das lrbeiten, morgen freſſen WVelt⸗ immer n Tag m Ge⸗ f, daß n vor⸗ Fürſtin ihrem ntwort, denn hier traf er in dem Phyſicus einen ehemaligen Studiengenoſſen. Das vielfach zerſäbelte Geſicht des wohlbeleibten Phyſicus ſtrahlte noch von der alten Studentenheiter⸗ keit, die man einſt gemeinſam erlebt; er war auch noch jetzt ſtündlich mit gutem Durſt verſehen und zu jeder Luſtbarkeit aufgelegt; in ſeinen Manieren war er dabei ziemlich bäueriſch geworden und der Hofarzt ſah mit Befriedigung, welch' ein anderes Leben ihm be⸗ ſchieden war. Doctor Kumpan, das war der Kneipname des Land⸗ arztes, betrachtete dieſe Ausfahrt ſeines Freundes wie eine alte Studentenſuite und fuhr und ritt mit ihm über Berg und Thal zur Ammenſuche, wobei ſich Kumpan nicht ſcheute, einen kleinen Umweg zu machen, wenn er wußte, daß man zu einem Wirthshaus kam, wo man ſeinen Hunger mit einer guten Mahlzeit und was noch wichtiger, ſeinen Durſt mit einem guten Tropfen ſtillen konnte,— der Tropfen mußten aber viele ſein. „So manche von unſeren Inſtitutionen,“ ſagte der Hofarzt einmal,„ſind doch auf Unſittlichkeit gegründet, das lehrt auch unſere Ammenſuche.“ Doctor Kumpan lachte übermäßig und rief: „Alſo auch Du, Schniepel?“— das war der Studentenname des Hofarztes„alſo auch Du biſt ein Volksfreund vom neueſten Gemächte? Ihr Herren mit permanent zugeknöpften Handſchuhen, behandelt das Volk viel zu zimperlich. Wir, die wir drunter leben, kennen's ganz anders. Das iſt eine Bande von Schelmen und Dummköpfen, gerade ſo gut wie oben; der ganze Unterſchied iſt nur, ſie ſind ehrlichere Schelme und ehrlichere Dummköpfe. Mit eurer Vorſorge könnt ihr es nur noch verderben.— Es iſt aber gut, daß Waldbäume wachſen ohne künſtliche Beſpritzung!“ Doctor Kumpan ließ auf dieſen Fahrten ſeinen ganzen derben Humor los. „Jetzt hab' ich's, was wir ſuchen!“ rief er ein andermal.„Weißt Du, was wir eigentlich ſuchen? Eine Futteral-Mutter! Eigentlich ſollte es Futter⸗ Mutter heißen und ich behaupte das Wort Futteral iſt vom Inſtitut der Ammen hergenommen. Eine Amme iſt ein Futteral zur Schonung der rechten Mutter. Wenn Du heimkommſt, gieb meine Entdeckung der Akademie. Sie ſoll mich zum Mitglied machen, ich ver⸗ dien's dafür. Futteral⸗Mutter!“ Drei Tage lang zehrte Doctor Kumpan von einem ſchlechten Witz und auch dieſer war ihm ausgiebig genug. Dem Hofarzt war es unheimlich und fremd in dieſer Kameradſchaft, und doch mußte er die alte Zutraulich— keit bewahren; er ſuchte ſich daher bald davon zu machen. Am zweiten Sonntag Morgen wollte er abreiſen, da rief Doctor Kumpan plötzlich: „Ich könnte mir ſelbſt aufbrummen, weil ich ſo einfältig war. Ich hab' ſie, die Mutter Natur, die unbedingt abſolute, wie der alte Profeſſor Genitivus, der Sohn des berühmten Vaters, immer geſagt und dabei den Katheder geknufft hat. Komm mit!“ Und ſie fuhren mit einander im offenen Wagen nach dem See. geſch und die über Kind brit Blun Gem und von gerte ſchlo Sch ſur „Ve wen das Han voch ln ſ nun Rege oben; Schelne könnt t, daß E ſeinen er ein ſuchen? Futter⸗ zutteral Eine Mutter. ng der ich ver⸗ einem genug. n dieſer raulich⸗ nachen. reiſen, ich ſo r, die litivus, t und en nach Fünftes Capitel. Es war wieder am Sonntag Morgens, da ging es geſchäftig her in der Gſtadelhütte am See. Gevatter und Geratterinnen waren da, und als zum erſtenmal die Glockenklänge wie unſichtbare, aber laute Wellen über den ſpiegelglatten See dahinfloſſen, bewegte ſich ein Zug aus dem Hauſe. Die Großmutter trug das Kind in weichen Kiſſen, darüber eine weiße Decke ge⸗ breitet war; hinterdrein ging ſtolz der Vater mit einem Blumenſtrauß auf der Bruſt, neben ihm der Gevatter Gemswirth, gefolgt von der Frau Schneiderin Schneck und anderen Frauen. Auch ein blondgelockter Knabe von fünf Jahren, der eine zweizinkige Haſelnuß⸗ gerte in der Hand trug, hatte ſich dem Zuge ange— ſchloſſen. „Was thuſt denn Du da, Waldl?“ fragte Hanſei. Der Knabe gab keine Antwort, die Schneiderin Schneck faßte ihn an der Hand und ſagte:„Geh Du nur mit Waldl!“ Zu Hanſei gewendet fuhr ſie fort: „Vertreib doch das Kind nicht! Das iſt ja ein Segen, wenn ein junger Knab' mit zur Taufe geht; da kriegt das Kind bald einen Mann und wer wei Hanſei lachte, da jetzt ſchon an die Heirath ſeiner Tochter gedacht wird. Der Zug bewegte ſich ruhig weiter die Straße ent⸗ lang. Noch ein anderes gutes Zeichen kam: eine Schwalbe flog gerade über die Großmutter mit dem Kinde weg; nun aber ſpannte die Großmutter den großen rothen Regenſchirm auf und hielt ihn über ſich und das Kind. Auerbach, Auf der Höhe. J. 3 Walpurga durfte den weiten Weg zur Kirche noch nicht mitgehen; ſie mußte daheim bleiben. Ihr Ge⸗ ſpiel, das Mädchen, das am vorigen Sonntag das Gebet für die Königin auf ſie gewendet hatte, blieb bei ihr. Walpurga ſaß im Lehnſtuhl der Großmutter und ſchaute durch das Gitterfenſter, wo Nelken, Gelb⸗ veigelein und Rosmarin blühten, hinaus auf den See und den blauen Himmel und horchte auf die hallenden Glockentöne. „Jetzt geht mein Kind zum Erſtenmal in die weite Welt und ich bin nicht bei ihm,“ ſagte ſie;„ſo wird's nun, und ich werde einmal in die andere Welt gehen und gar nicht mehr bei ihm ſein, und ich meine doch, ich hab's noch immer bei mir.“ „Ich weiß gar nicht, warum Du heut ſo ſchwer⸗ gemuth biſt,“ ſagte das Geſpiel;„wenn man beim Heirathen ſo wird, dann heirath' ich nie!“ „Geh!“ erwiderte Walpurga in kurzem Tone; es war leicht verſtändlich, was ſie damit meinte. Nach einer Weile fuhr ſie mit bewegter Stimme fort:„Ich bin nicht ſchwergemuth. Mir iſt nur, als wär' ich mit meinem Kind noch einmal auf die Welt gekommen. Ich weiß nicht, ich bin eine ganz Andere. Schau, mein Lebenlang hab' ich noch nicht ſo ruhig gelegen⸗ wie dieſe vielen Tage— ſo daliegen, geſund ſein und nichts thun, nur vor ſich hindenken, ſchlafen, auf⸗ wachen, dem Kinde trinken geben, und die Menſchen bringen Einem Alles.. Ich hab' Dir ſo viel gedacht und ſinnirt, wie wenn ich ſieben Jahr lang eine Ein⸗ ſiedlerin im tiefen Wald geweſen wär'; ich mein', ich e nch ie weite wirds t gehen ne doch, ſchwer⸗ n beim t„0h ich nit ommen. Schau, gelegel⸗ ein und n, auf Nenſchel gedacht ne Ein⸗ un ich könnt' Tag und Nacht davon erzählen und weiß doch nicht... Was iſt denn das?“ unterbrach ſie ſich plötz⸗ lich,„jetzt eben hat mich's durchzuckt, wie wenn das ganze Haus zitterte.“ „Ich ſpür' nichts; aber Du machſt ein Geſicht, daß Einem angſt und bang wird. Wir wollen ſingen, ſing' mit; probir's einmal, ob Du noch unſere beſte Sängerin biſt.“ Das Geſpiel ließ nicht ab, bis Walpurga ſang; ſie ſtimmte an und hörte bald wieder auf. Staſi begann ein anderes Lied, aber auch das wollte Walpurga nicht; es war ihr heute keines recht. „Laß uns lieber ſtill ſein,“ bat ſie endlich.„Jag' mich nicht in allen Liedern herum. Ich will jetzt gar nichts.“ Es läutete zum drittenmal. Die Beiden waren ſtill. Nach einer Weile ſagte das Geſpiel:„Es iſt doch brav vom Gemswirth, daß er ſein Fuhrwerk hergiebt zum Zurückfahren.“ „Still, ich hör' ein Fuhrwerk; das können ſie doch nicht ſchon ſein?“ „Nein, ſo rappelt des Doctors Kaleſche. Dort kommt er ſchon, dort oben bei der Steinlinde; es ſitzt noch ein Herr bei ihm.“ „Sprich jetzt nicht mehr, Staſi,“ ſagte die junge Mutter,„laß die Welt fahren und laufen wie ſie mag.“ Sie ſaß ſtill, den Kopf zurückgelehnt und ſchaute hinein in die ſonnige Welt, die ihr wieder ſo neu war; das Gras im Garten vor dem Hauſe war wie durch⸗ leuchtet, der See flimmerte in leiſe ſich verſchlingenden 5 36 Lichtern, die Wellen klatſchten am Geſtade, ein linder Luftſtrom trug den Duft von Nelke und Rosmarin p auf dem Fenſterbrett in die Stube. il Ein Wagen hielt vor dem Hauſe, es wurde mit der Peitſche laut geknallt, es näherten ſich Schritte, und der luſtige Doctor rief:„Hanſei!— Iſt Niemand daheim?“ „Nein, es iſt Niemand daheim, als die Walpurga und ich!“ rief Staſi zum Fenſter hinaus und draußen wurde weidlich gelacht. Der Doctor Kumpan kam in die Stube; ihm folgte ein Fremder, der plötzlich ſtehen blieb und ſtarren Auges dreinſchaute; unwillkürlich neigte er ſich, um ſich vor dieſer Erſcheinung tief zu verbeugen, aber er be⸗ ſann ſich ſchnell und richtete ſich nur noch gerader auf. „Wo iſt Vater Hanſei, der Vater des Sonntags⸗ kindes?“ frug der Doctor. Die Frau ſtand auf und ſagte, er ſei mit dem 4 Kinde und den Gevattern in der Kirche zur Taufe und 3 werde bald wieder heimkommen. „Bleib nur ſitzen!“ rief der Doctor.„Ich will ungebetener Gaſt zum Taufſchmaus ſein und hier i mein Freund auch; iſt auch ſo ein Menſchenvertilger wie ich.“ drin „Was wünſchen die Herren von meinem Mann? und Darf ich's nicht wiſſen?“ der „Der Mann ſchneidet das Brod an, dann giebt er und der Frau davon; ſo iſt hier zu Land der Brauch, Wal— ud purga, das weißt Du. Wir haben mit Deinem Herrn ud und Gemahl ein großes Wort zu reden. Brauchſt nicht S linder Smarin iemand Apurga raußen folgte ſtarren um ſich er be⸗ er auf intags⸗ it dem fe und ch will d hier ertilger Nann“ Wal⸗ ⸗ Herrn ſt nicht 37 zu erſchrecken, es iſt nichts vom Landgericht. Ich ſage Dir nur: Du haſt ein Sonntagskind. Biſt vielleicht ſelber eines?“ „Ja freilich!“ „Gut ſo biſt du doppelt glücklich.“ „Ich meine“— begann der Hofarzt—„ich meine, wir könnten mit der Frau ſogleich ſprechen. Sie ſcheint mir geſcheidt und wird gern ihren Mann und ihr Kind glücklich machen.“ Walpurga ſchaute wie Hilfe ſuchend um und um. „Gut denn,“ ſagte Doctor Kumpan ſich ſetzend,„ſo erlaube mir, zu erzählen. Alſo, Walpurga, paß auf, bleib nur ſitzen und laß Dir eine Geſchichte erzählen: Es war einmal ein König und eine Königin, und der König war brav und die Königin war ſchön, und ſie bekamen einen Sohn, der war brav vom Vater und ſchön von der Mutter,— es kann auch eine Tochter ſein, aber lieber ein Sohn. Als der Sohn geboren war, da ſagten ſie zu einem muntern Geiſt im Schloſſe, Doctor Puck genannt: Puck, mein Puck, pack ſchnell und pack dich hinaus ins Gebirge, da ſteht ein ſchön klein Häuschen am Seegeſtad und da drin ſitzt eine ſaubere und ſtarke und brave Mutter, und die ſoll die Doppelmutter ſein vom kleinen Prinzen, der brav iſt vom Vater und ſchön von der Mutter, und die Doppelmutter ſoll was ihr Herz begehrt haben und ſoll ihren Mann und ihr Kind glücklich machen und den König und die Königin und den Prinzen und — jetzt ſchau auf, Walpurga, ſieh den Mann da an, das iſt der dienſtbare Geiſt, genannt Doctor Puck, und er kommt vomaKönig und der Königin. Haſt Du mich verſtanden, Walpurga?“ Die junge Mutter lehnte den Kopf zurück und ſchloß die Augen. Sie athmete hoch auf und ant⸗ wortete nicht.— Eben trat Hanſei mit den Gevatters⸗ leuten und dem Kinde ein. Die Mutter eilte auf ihr Kind zu, nahm es auf die Arme und rannte mit ihm hinaus in den Garten unter den Kirſchbaum, das Ge— ſpiel eilte ihr nach. „Was iſt denn das?“ fragte Hanſei und ſchaute den Doctor und den Fremden mit zornigem Blicke an. „Setz' Dich, ſehr ehrenwerther Hanſei, und laß Dir berichten. Gut, daß Sie da ſind, Herr Gemswirth, bleiben Sie in der Stube; Ihr Anderen könnt Alle hinausgehen.“ Ohne Umſtände ſchob Doctor Kumpan die Dorfleute, die neugierig hereingekommen waren, aus der Stube, und fuhr dann, vom Gemswirth eine Priſe nehmend, fort:„Hanſei, wiſſe alſo: dies da, mach' Dein Compliment, iſt der Hofarzt, den ſchickt der König, Du ſollſt ihm Deine Frau auf ein Jahr leihen.“ Faſt hätte der übermüthige Ton des Doctors den Hanſei dahingebracht, daß er ihn ſammt dem Hofherrn zur Thür hinausgeworfen hätte; er reckte ſich ſchon in den Schultern zum Zugreifen. Der Hofarzt winkte dem Doctor Kumpan und ſetzte auseinander, wie er im Auftrage des Königs über Hanſei habe Erkundigung einziehen müſſen, und da hätten die Leute nicht gewußt, wen ſie mehr loben ſollten, den Hanſei oder die Walpurga. Hanſei ſchaute cke an. t Ale mpan varen, eine ſchickt Jahr s den fherrn on in ſchmunzelte. Nun berichtete Sixtus das Verlangen des Königs. „Danke für die gute Nachred',“ entgegnete Hanſei in wohlgeſetzter Rede,„danke für die gute Meinung vom König; ich kenn' ihn wohl, hab' ihn zweimal über den See gefahren wie er noch ein Burſch war, ein luſtiger, ein Jäger obenraus. Sagen Sie dem König, ich hätt' nicht geglaubt, daß er ſich meiner noch erinnert. Aber meine Frau geb' ich nicht her. Das thu' ich ihr nicht an und mir nicht und vor Allem unſerm Kind nicht.“ Er hatte ſein Leben lang noch nicht ſo viel auf einmal und hinter einander fort geſprochen; jetzt wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirne, wendete ſich nach dem Tiſche— er hatte einen wahren Wolfshunger— und da der Kuchen ſchön geſchnitten auf dem Tiſche ſtand, benützte er die Gelegenheit, ergriff ein Stück und rief: „Seht, der Biſſen ſoll mir—“ „Nicht ſchwören!“ fiel der Gemswirth ein und nahm ihm den Kuchen aus der Hand,„nicht ſchwören! Du kannſt ja ohnedies thun, was Du willſt. Es kann Dich Niemand zwingen.“ „Und es will Euch Niemand zwingen,“ ſtimmte der Hofarzt ein.„Iſt's erlaubt, daß ich auch ein Stück von dem Kuchen eſſe?“ „Wol, wol! Nehmen Sie nur! Sie auch, Herr Doctor, und Wein iſt auch da! Ja, Herr Doctor, heut' vor vierzehn Tagen auf der Straße iſt's ſchlimm geweſen.“ Es wurde gegeſſen und getrunken, mit jedem Biſſen und jedem Schluck ward das Geſicht Hanſei's heiterer. „Ich meine, Sie, Herr Gemswirth, könnten dem Mann die Sache beſſer erklären, als wir,“ ſagte der Hofarzt. Der Gemswirth hielt Hanſei ſeine offene Doſe mit den Worten hin: „Für unſer ganzes Dorf, für unſere ganze Gegend wäre ja das eine Ehre. Denk' nur, Hanſei, der König und der Kronprinz—“ „Es iſt auch möglich, daß es eine Prinzeſſin iſt,“ ſchaltete der Hofarzt ein. „So? alſo das Kind iſt noch gar nicht da?“ fiel Hanſei ein und lachte; aber durch das Lachen ging doch der Gedanke: halt, da kann man die Sache noch überlegen! Er lachte noch einmal, denn er war bei all' ſeiner Einfalt doch Schelm genug, um ſich vorzu⸗ nehmen, die Sache gehörig auszunützen: unter tauſend, ja unter zweitauſend Gulden und wer weiß, ob man's nicht auf dreitauſend bringen kann, denkt ſich gar nicht d'ran!— Hanſei wäre in Gedanken gewiß noch auf Hunderttauſend gekommen, wenn nicht der Gems⸗ wirth wieder das Wort genommen hätte: „Hanſei hat ganz Recht, wenn er's nicht zugeben will; rechtſchaffen Recht hat er. Er ſagt nicht Ja und nicht Nein, er ſagt gar nichts, denn da hat die Frau zu entſcheiden; er iſt ein guter Ehmann, er wird ſie zu nichts zwingen! Ja, meine Herren, wenn wir ſchon einfältige Bauersleute ſind, wir wiſſen doch, was ſich ſchickt.“ „Brav, daß Ihr Eure Frau ſo ehrt,“ beſtätigte der Hofarzt, und der Gemswirth ſchnupfte und fuhr värts berſic wirth ſeine en dem gte der oſe mit Gegend t König in iſt, fiel n ging he noch war bei vorzu⸗ auſend, man's chgar ß noch Gems⸗ zugeben Ja und rau ie F vird ſie ir ſchon vas ſich eſtätigte d fuhr fort:„Ja wol, gewiß, aber an Verſtand und Einſicht iſt eine Frau, mit Verlaub zu ſagen, doch nur ein halber Menſch. Ich meine, wenn Sie's erlauben, Herr Hofarzt, ich meine, wir reden vorderhand nichts weiter und rufen die Frau; ſie iſt gar ſo viel brav.“ In Hanſei's Mienen hätte man eben ſo viel Glück als Unglück, eben ſo viel Stolz als Demuth leſen können. „Was ſie thut, iſt mir recht!“ ſagte er. Er war ſtolz, ſo eine Frau zu haben, und hatte doch ihren Entſchluß zu fürchten. Aufwärts und ab⸗ wärts riß er an ſeinen Rockknöpfen, als ob er ſich verſichern müſſe, daß ſie noch alle feſtſitzen. Vom Gems⸗ wirth gedrängt ging er endlich in den Garten und rief ſeine Frau, die noch unter dem Kirſchbaum ſaß. Sechstes Capitel. Als ſich Walpurga hinausgeflüchtet und ihr Kind geherzt hatte, gab ſie es ſchnell wieder dem Geſpiel auf den Arm. „Nimm Du es, ich darf ihm jetzt nichts geben. O Du armes Kind, ſie wollen mich Dir wegnehmen. Was haſt Du denn verſchuldet, daß Dir das angethan wird? Und was hab' ich denn gethan? Aber man kann mich ja nicht zwingen! Wer will mich zwingen? Aber warum kommen ſie? Warum gerade zu mir? Komm', Kind, ich bin ruhig, ich bin bei Dir, wir laſſen nicht von einander. Ich bin jetzt ganz ruhig.“ Sie legte das Kind an die Bruſt und küßte ihm das Händchen. So traf ſie Hanſei und er ſagte:„Wenn Ihr mit⸗ einander fertig ſeid, dann komm' herein.“ Die Mutter winkte ihrem Manne, ſtill zu ſein und das Kind nicht zu ſtören. Er ſtand eine Weile ſtumm und man hörte nichts, keinen Laut vom Vater, von der Mutter, vom Kind— nur die Staare im Kirſch⸗ baum hörte man, wie ſie ihre Jungen ätzten und ſchnell wie der Wind dahinflogen und wiederkamen. Endlich ſank das Kind vollgeſättigt wieder in die Kiſſen zurück, es bewegte nur noch ſtill die Lippen. „Komm' herein in die Stube,“ ſagte Hanſei ſo leiſe und lind, wie man gar nicht hätte denken kön⸗ nen, daß der ſtarkknochige Mann ſprechen könne. „Komm' herein, Walpurga, unhöflich brauchen wir juſt nicht zu ſein, und Böſes iſt's ja nicht, was die Leute wollen, und zwingen können ſie uns nicht und danken können wir ihnen doch. Du kannſt ſonſt immer ſo gut mit fremden Leuten reden; jetzt ſprich Du, und was Du ſagſt und thuſt, iſt mir recht!“ Die Frau übergab das Kind der Großmutter und ging mit ihrem Manne nach dem Hauſe, ſie ſchaute aber mehrmals um und ſtolperte noch an der Thürſchwelle. In der Stube ging ihr der Hofarzt entgegen und ſagte in zutraulichem Tone: „Liebe Frau! Ich würde mir's als Sünde anrechnen, Euch zu verleiten, wogegen Euer Herz Einſprache er— hebt; aber ich halte es für Pflicht, Euch zu ermahnen, die Sache genau und klar zu überlegen.“ das Nam ſremd ich fo ißte ihm Ihr mit⸗ ſein und ſtunm ter, von n Kirſch⸗ d ſchnel Endlich nzurüc, anſei ſo ken kön⸗ könne. eL geut danken r ſo gut und was ₰ „Ich danke. Nehmt mir's ja recht nicht übel, ich darf das meinem Kind nicht anthun.“ Sie ſah auf ihren Mann und ſetzte ſchnell hinzu:„Und meinem Mann auch nicht. Ich kann mein Kind nicht allein laſſen und meinen Mann auch nicht.“ „Dein Mann und Dein Kind ſind nicht allein, Veis Mutter bleibt ja da,“ ſchaltete der Gemswirth ein. Der Hofarzt aber trat dazwiſchen: „3 bitte, unterbrechen Sie die F Frau nicht, laſſen Sie ſie allein reden und ihr ganzes Herz ausſprechen. Reden Sie nur weiter, liebe Frau.“ „Ich hab' weiter zu reden, ich weiß nichts mehr. Oder doch, das auch noch: ich hab' mein Leben⸗ lang nicht gedient, außer ſo im Taglohn; in dieſem Häuschen bin ich geboren und da hab' ich gelebt bis jetzt und da iſt mein Mann zu mir kommen. Ich hab' nie gedacht, daß ich je da hinaus ſollte. Und ich kann's auch nicht. Ich pe nie in meinem Leben in einem fremden Bett geſchlafen. Ich ſterbe vor Heimweh, wenn ich fort muß, nach der Stadt und ſo lange, und wo⸗ von ſoll mein Kind leben, und wie ſoll mein Mann leben? Das kann der König doch nicht wollen, daß wir Alle vor Kummer ſterben.“ „Ich möchte doch auch etwas ſagen,“ begann Doctor Kumpan mit einem Blick auf den Hofarzt.„Wegen Deines Kindes? Daran haben wir gedacht. Du möchteſt ja ſchon lang eine Kuh im Stall haben; wir ſchaffen Dir eine friſ ſchmelkige.“ „Die hab' ich!“ fiel der Gemswirth ein und rief einem Knaben zum Fenſter hinaus:„Geh hinauf und 7 — 44 ſag' meinem Knecht, er ſoll die neumelkige Kalbin gleich herunter bringen. Mach! Lauf! Hurtig! Ich hab' ſie eigentlich nicht hergeben wollen,“ ſagte er zum Hofarzt und wendete ſich von Hanſei weg, denn dieſer wußte ja, daß der Gemswirth das ganze Jahr mit Vieh han⸗ delt, mit Kühen und Schweinen, nichts iſt feſt in ſeinem Stall, und jetzt thut er, als ob die Kalbin ein Familienglied wäre.„Es iſt mein beſtes Stück,“ fuhr er fort,„aber für den König muß man Alles hergeben und für vierzig Kronenthaler iſt ſie unter Brüdern im Preis,“ zu Hanſei gewendet, ſagte er ſchmunzelnd: „Du bekommſt ein ſchönes rundes Kühle, keine leere Haut.“ „Wir ſind noch nicht ſo weit, aber wenn die Kalbin dem Hanſei gefällt, kaufe ich ſie euch ab,“ ſagte der Hofarzt. „Die Mutter hinaus und eine Kuh herein!“ mur⸗ melte Walpurga dreinſtarrend. „Ich hätt's nicht geglaubt, daß Du ſo zimpfer biſt. Was iſt das für ein Gethue? Hell aufjubeln und auf die Kniee fallen und Gott danken ſollteſt Du!“ polterte der Gemswirth. Der Hofarzt begütigte ihn und der Landarzt ſchal⸗ tete ein: „Glück und Geſang dulden keinen Zwang! Wenn die Walpurga nicht mit gutem und entſchloſſenem Herzen gehen mag, ſchauen wir um ein Haus weiter; es finden ſich ſchon noch Andere.“ Er ſtand auf und nahm ſeinen Hut. Auch der Hofarzt erhob ſich. 6 Und E Hundt „Liehe wenn Kunn 3 trer 5 w will n einen aher K Penn wen bin gleich hab ſie nHofarzt er wußte ieh han⸗ t feſt in albin ein ck,“ fuhr hergeben üdern in munzelnd: eine leere venn die uch ab,“ mur⸗ und auf polterte tt ſchol Wenn m Herzen es finden Auch de 45 „Bis wann müßte ich denn fort? Und wie lange müßte ich denn fort bleiben?“ fragte die junge Frau. Der Hofarzt ſetzte ſich wieder und entgegnete: „Bis wann? Das läßt ſich noch nicht beſtimmen, aber Ihr müßtet jeden Tag bereit ſein.“ „Alſo nicht gleich? nicht jetzt ſchon? und wie lange müßte ich fort bleiben?“ „Beiläufig ein Jahr.“ „Nein, nein! Ich thu's nicht! Gott verzeih' mir's, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht hab'.“ „So ſagen wir Euch Lebewohl und möge es Euch und Eurem Kind wohlergehen!“ ſchloß der Hofarzt, die Hand darbietend. Mit bewegter Stimme fügte er hinzu: „Liebe Frau, das Königskind könnte nicht gedeihen, wenn Ihr mit Jammer davongeht und im Herzen immer Kummer habt. Daß es Euch weh thut, iſt in der Ordnung; Ihr wäret keine brave Frau und keine ge⸗ treue Mutter, wenn Ihr gleich eingewilligt hättet und wer weiß, ob ich Euch dann angenommen. Die Königin will nur eine Frau, die ein rechtſchaffenes Herz hat und einen ehrbaren Mann und eine ſorgliche Großmutter, aber Kränkung und Kummer will ſie Euch nicht anthun. Wenn Ihr alſo nicht fröhlich ſein könnt in der Fremde, wenn Ihr Euch im Herzen nicht daran erquicket, daß Ihr dem Königskind und der König Euch etwas Gutes thut, dann iſt's beſſer, Ihr bleibt daheim und laßt Euch nicht verführen von dem Geld; das Geld darf Euch nicht verführen! Nein, es iſt beſſer, Ihr thut's nicht!“ Er wollte gehen. Aber der Gemswirth hielt ihn auf und ſagte: 46 — „Ich bitte noch um ein Wort. Hör' mich getreu an, Walpurga, und Du auch, Hanſei. Gut, Du ſagſt alſo: Nein, ich geh nicht! Iſt rechtſchaffen, ſchön von Dir aller Ehren werth. Aber fraget Euch: wie werdet Ihr weiter aushalten, wenn Ihr's aus⸗ geſchlagen? Heute, morgen, vielleicht auch übermorgen werdet Ihr zufrieden ſein, Euch die Hand geben, Euer Kind küſſen und ſagen: Gottlob, wir haben der Ver⸗ ſuchung widerſtanden, ſind bei einander geblieben in unſerer Armuthei und ernähren uns redlich; wir plagen uns lieber ehe wir von einander gehen. Aber übermorgen und über acht Tage— wie dann? Wenn Sorgen kommen und Mangel, oder auch— wir ſind ja Menſchen— ein Unglück, und Ihr wißt Euch nicht zu helfen? Beſinnt Euch! Werdet Ihr nicht ſagen: hätten wir's doch gethan? Werdet Ihr nicht Eins dem An⸗ dern ſtill oder laut vorwerfen: Warum haſt Du mir nicht zugeredet? warum haſt Du Dich nicht entſchloſſen? — Ich will Euch nicht überreden, nur vorhalten will ich Euch, was Ihr Alles bedenken und ins Herz faſſen müßt.“ Es trat eine Pauſe ein, der Mann betrachtete die Frau und ſenkte den Blick, die Frau betrachtete den Mann und hielt ſich raſch die Hand vor die Augen. Da knallte eine Peitſche vor dem Hauſe, und eine ſchöne ſchwarzſcheckige junge Kuh ſchrie laut und tief wie aus einer Höhle heraus. Alles ſchrak zuſammen; es war inmitten der Stille wie ein Geſpenſterruf am hellen Mittag. Der Gemswirth fluchte und ſchalt zum Fenſter wunder ohne do luſcht „Wl h getreu ut, Du ffen, iſt t Fuch vs aus⸗ rmorgen n, Euer der Ver⸗ eblieben ich; wir . Vber Wenn nicht zu hätten em An⸗ Du mir hloſſen? ten will z faſſen tete die tete den lugen. ind eine und tif ammen, rruf am Fenſter hinaus den Knecht, weil er das Kalb nicht mitgebracht obgleich es ſchon an den Metzger verkauft war. A Der Knecht band ſchnell die Kuh an den Garten— zaun und eilte heim, um das Kalb zu holen. Die Kuh zerrte an dem Seil und ſchien ſich faſt erwürgen zu wollen, ſie ächzte und brummte daß ihr der Schaum vor dem Maul ſtand. „Das iſt doch nur ein Thier und ſeht wie ſie's treibt!“ rief Walpurga. Die ganze eindringliche Rede des Gemswirths ſchien durch den Zwiſchenfall mit der Kuh verloren. wunderbar faßte ſich Walpurga. Aber Sie ſagte jetzt ſchnell, ohne dabei Jemand anzuſchauen, als antwortete ſie einem Unſichtbaren: „Ein Menſch kann mehr als ein Thier!“ Dann fuhr ſie zu ihrem Manne gewendet fort:„Hanſei, komm' her, gieb mir Deine Hand! Sag, iſt Dir's von ganzem Herzen recht, was ich thu' und was ich ſag'?“ a „Du meinſt, wenn Du Nein ſagſt?“ erwiderte Hanſei mit ſchwankender Betonung. „Ich mein's, ob ich Nein oder ob ich Ja ſage!“ Hanſei konnte nicht reden, aber wenn er hätte reden können, es wären ſehr geſcheidte, gründliche Gedanken — er ſchaute immer in ſeinen Hut, als könnte er da draus die Gedanken ableſen, die ihm durch den Kopf gingen. Dann nahm er ſein blaues Tuch heraus und drehte es ſo feſt zuſammen, als wolle er einen Bällen daraus machen. Da Hanſei nichts ſagte, fuhr Walpurga fort⸗„Ich kann Dir's nicht auflegen, daß Du entſcheideſt. Das 48 kann nur ich allein; ich bin die Mutter von meinem Kind, und ich bin die Frau und... wenn ich geh— ſi ich muß es können und ich weiß, ich kann's, ich muß K Alles niederdrücken, daß ich dem Kind keinen Schaden thu, dem andern— und... und... hier meine Hand, K Herr,— ich ſag' Ja!“ u Alle im Zimmer athmeten auf. Hanſei ſpürte, daß he ihm etwas in den Augen bitzelte und im Halſe drückte. P Er führte ſich, um dem abzuhelfen, ein friſches Glas ſi 1 Wein und ein mächtig Stück Kuchen zu Gemüthe ei Das iſt heute ein ſeltſamer Tag! Wenn nur die 6 Fremden endlich fort wären, daß man was Warmes m 3 in den Leib bekäme; der Morgen dauert ewiglang! L Die beiden Aerzte ſprachen eifrig mit der jungen S Frau, und Walpurga gelobte, ſich frei und heiter zu 6 erhalten; was ſie einmal übernommen, das führe ſie m auch durch, Gott werde helfen, ihr Kind zu er rhalten, di und was ſie für des Königs Kind thun könne, das ka würde ſie thun;„was ich einmal übernommen, das führe ich auch getreulich aus, darauf kann man ſich verlaſſen,“ wiederholte ſie oft. Nun ſie ſich einmal entſchloſſen hatte, war eine S eigenthümliche Kraft in der Frau. Sie rief ihre Mutter mit dem Kinde herein und berichtete Alles. Das Kind ge ſchlief ruhig fort, es wurde in die Wiege in der Kam⸗ u mer gelegt. Die Großmutter nahm den ganzen Vor⸗ bl gang wie eine unabänderliche Beſtimmung auf, ſie war ſch ſeit Jahren gewöhnt, daß Walpurga über Alles Ent⸗ ge ſchluß faßte, und hier kam gar noch der Wunſch des Königs dazu. 6 49 neinem„Dein Kind wird nicht mutterlos aufgezogen,“ ſagte geh— ſie,„ich verſteh es beſſer als Du. Wir haben eine h mß Kuh und wir wollen's ſchon pflegen.“ chaden Der Gemswirth eilte ſchnell hinaus und brachte die Hund, Kuh in den Stall. Damit war der Kauf abgeſchloſſen und ein guter Verdienſt im Trocknen. Er ärgerte ſich te, duß heimlich nur, daß er nicht zehn Kronenthaler mehr als wict. Preis genannt hatte. Zwei Kronenthaler Trinkgeld 6 Glas für den Knecht, die ſchlug er ſchon noch heraus, und ithe— einen davon kann er füglich einſtecken. ur di Hanſei, der ſich vorläufig geſtärkt hatte, mußte ſich arnes nun auch als Mann zeigen. Er fragte nach dem i Lohn, und er wollte eben ſeine früher gedachte große jungen Summe nennen, als glücklicherweiſe der Gevatter iter zu Gemswirth wieder eintrat und ihm darlegte, je weniger ibre ſie man ausmache, umſomehr kriege man; er wolle ihm alten, die Taufgeſchenke allein für fünfhundert Gulden ab⸗ e, de kaufen, man dürfe mit einem König nichts ausdingen, das umſomehr könne er ſchenken. 5 Walpurga fragte nun, was ſie in die Stadt mit⸗ mun ſi zunehmen habe. Der Hofarzt ſagte, ſie ſolle blos ihren Sonntagsanzug mitnehmen, weiter nichts. 2 ze Vor dem Fenſter hatten ſich Viele aus dem Dorfe — geſammelt, die von dem Vorfall vernommen hatten, — t und die Leute, die zur Mittagskirche gehen wollten, 16 6— blieben auch ſtehen, ſo daß die ganze Straße voll Men⸗ en„ ſchen war. Es gab viel Lachen, denn Jeder wollte gern ſeine Frau auf ein Jahr dem König borgen. Drin in der Stube verſprach das Geſpiel, der Großmutter beizuſtehen, und ſie berühmte ſich ohne Auerbach, Auf der Höhe. I. 4 mſch de 50 Stolz, daß ſie gut ſchreiben könne, ſie wolle jeden Sonntag der Walpurga Nachricht geben von Kind, Mann und Mutter. Das Geſpiel brachte die Teller, denn es war höchſte Zeit, endlich das Mittageſſen einzunehmen. Walpurga ſagte, daß ſie in den nächſten Tagen Alles noch gut ordnen wolle. „Was ich meinem Kinde jetzt entziehe,“ ſagte ſie, „das kann ich ihm für ſein ganzes Leben viel mehr geben.“ Als ſie des Kindes erwähnte, ſchrie es in der Kam⸗ mer laut und ſie eilte zu ihm. Eben wollten ſich die beiden Aerzte mit dem Gems⸗ wirth entfernen, da tönte ein Poſthorn die Straße am See herauf. Eine Extrapoſt kam, im offenen Wagen ſaß der Lakai, den der Hofarzt an der nächſten Telegraphen⸗ ſtation zurückgelaſſen; er hob einen blauen Brief in der Hand hoch empor. An der Gſtadelhütte hielt er an und rief zu den Verſammelten laut: „Schreit alle Vivat hoch! Vor einer Stunde iſt Euch ein Kronprinz geboren worden!“ Alles ſchrie Hoch und abermals Hoch! Eine alte Frau, die gebückt ging, ſah dem Lakai mit einer ſcharfen Wendung ins Geſicht, und ihre noch munteren braunen Augen funkelten und blitzten. „Was iſt das für eine Stimme?“ ſagte die Alte vor ſich hin. Auch in den Mienen des Lakaien zuckte es, aber kaum merklich, als er die Alte ſah.„Geht aus dem Weg, Leute, daß ich abſteigen kann!“ rief er. we le jeden , Mann höchſte Lalpurga noch gut ſagte ſie, t geben.“ der Kam⸗ m Gems⸗ raße am ſaß der graphen⸗ ef in der ter an tunde iſt en Ali ihn uoch ber kaun m Weg, 51 „Zenza(Vinzenza), geh' aus dem Weg! Die alte Zenza iſt doch überall vorn dran!“ riefen die Leute. Die Alte aber ſtand ſtarr, wie im Traum verſun⸗ ken, man ſtieß ſie bei Seite und ſie verlor ihren Stock, auf den ſie ſich geſtützt hielt. Der Lakai ſtolperte über den Stock, aber er ging, ohne umzuſchauen, in die Gſtadelhütte. Der Hofarzt eilte ihm entgegen, empfing die Depeſche und kehrte in die Stube zurück. Walpurga war wieder eingetreten, und er ſagte ihr: „Es iſt ſchneller gekommen, als wir's dachten. Hier erhalte ich die Depeſche: Heute um zehn Uhr iſt ein Kronprinz geboren worden. Ich ſoll ſogleich mit der Amme nach der Reſidenz eilen. Jetzt, Walpurga, be⸗ weiſt Eure Stärke! In einer Stunde reiſen wir ab.“ „Ich bin bereit!“ ſagte Walpurga mit enſchiedenem Tone. Sie fühlte ſich aber doch ſo ſchwach, daß ſie ſchnell niederſitzen mußte. Siebentes Capitel. Die beiden Aerzte und der Gemswirth verließen das Haus. Das Geſpiel brachte die Suppe und den Braten zum Taufſchmaus herein und ſtellte ſie auf den Tiſch. Die Großmutter erhob ſich und ſprach das Gebet, die Andern beteten mit und man ſetzte ſich zu Tiſche. Walpurga nahm zuerſt einen Löffel voll aus der gemeinſamen Schüſſel, aber Niemand wollte eſſen. Da füllte ſie nochmals ihren Löffel und ſagte: „Hanſei, thu' Deinen Mund auf, ſo, ich will Dir zu eſſen geben, nimm das, und geſegne Dir's Gott! und wie ich Dir hier zu eſſen gebe und es mir beſſer ſchmeckt, als wenn ich's ſelbſt genieße, ſo denk' auch, daß ich in der Fremde keinen Biſſen über die Lippen bringe, den ich nicht lieber Dir und dem Kind geben möchte. Und ich gehe nur fort, damit wir Alle mit⸗ einander in Friede und Wohlſtand uns ernähren kön⸗ nen; Tag und Nacht ſind meine Gedanken bei Dir und unſerm Kind und bei der Mutter, und ich kehre ja, will's Gott, in Glück und Geſundheit wieder heim! Und denkt doch auch dran, daß mich Gott in der ſchweren Stunde hätte zu ſich nehmen können und Ihr lebenslang ohne mich hättet ſein müſſen. Eine Frau, die ein Kind gebärt, ſteht mit Einem Fuß im Grab— das haſt Du oft geſagt, Mutter. Jetzt geh' ich nur auf ein Jahr fort, und Ihr wißt, ich komme wieder, und ganz ſo, wie ich geweſen bin. Und jetzt iſt's genug! Mach' mir den Abſchied nicht zu ſchwer, Hanſei, hilf mir; Du kannſt mir helfen, und Du thuſt's auch! Du biſt mein Halt und meine Hülfe! Und halt' Dich ordentlich, wenn ich fort bin. Zieh Du nur jetzt Deine guten Hemden Sonntags an, die im blauen Schrank oben links; brauchſt ſie jetzt nicht mehr aufzuſparen. Und jetzt iß ordentlich, und ſo wie Du iſſeſt, ſo eſſ' ich auch. Wir brauchen Kräfte. Morgen früh wirſt Du Dich ſchon drein finden, und ich auch. Jetzt iß! Allemal, wenn Du einen Löffel nimmſt, nehme ich auch einen— ſo— nicht ſo ſchnell! ich komm' ſonſt nicht nach!“.... Unter Thränen lächelte ſie und aß. Dir t! ſſet ich, pen hen nit⸗ kön⸗ Dir ehre im! der 3 hr rall, nur der, nſei, uch! Dich rank men. eſſ. wirſt t iß! 5 nicht 53 „Und Du, Mutter,“ begann ſie wieder,„jetzt wirſt nicht mehr ſagen, daß Du uns zur Ueberlaſt biſt! Wenn ich fort bin, nimm Dir die zwei Kiſſen aus meinem Bett, daß Du mit dem Kopf recht hoch liegſt; das thut Dir gut. Wenn wir Dich nicht hätten, da könnt' ich und dürft' ich nicht fort. Verwöhne mir meinen Mann nicht ſo arg! und wenn ich wieder⸗ komm', da richten wir Dir ein Stüble her, drin ſollſt Du leben, wie die erſte Altbäuerin im ganzen Land.“ Die andern Alle ließen ihr das Wort, und als ſie ſagte„Hanſei, ſprich doch auch was!“— erwiderte er:„Sprich Du nur noch. Meine Stimme kann ich immer hören, aber die Deine lange Zeit nicht mehr, wer weiß—“ Er wollte eben ein ſchön Stück Braten zum Munde führen, legte aber die Gabel mit dem Braten wieder auf den Teller, er konnte nicht mehr eſſen, und die Andern auch nicht mehr. Die Großmutter ſtand auf und ſprach das Nachgebet. Die Zeit verfloß raſch. Eine Kutſche kam vor das Häuschen gefahren, der Lakai allein ſaß darin; die Herren wollten nachkommen. Der Lakaj ſchloß ſchnell Kameradſchaft mit Hanſei. Die erſte Vermittlung war eine gute Cigarre. Baum beneidete Hanſei um ſein Geſchick, ſolch eine Frau zu haben und ſolch ein Glück zu machen. fühlte ſich ſehr geſchmeichelt. Auf Anordnung des Hofarztes wurden einige Bettſtücke in den Wagen gebrt damit Walpurga recht bequem ſitze und in der Nacht gut warm habe. „Fahrt Ihr denn die ganze Nacht durch?“ fragte Hanſei. „O nein, bis Mitternacht ſind wir in der Reſidenz. Es ſind durch den Telegraphen bereits auf allen Sta⸗ tionen Pferde beſtellt, wir fahren vierſpännig.“ „Das ſchnelle Fahren kann aber meiner Frau ſchaden.“ „Da ſei ohne Sorge. Deine Frau wird jetzt ge⸗ pflegt, wie die Königin ſelber.“ „Wenn ich den Herrn ſo höre und ſehe,“ ſagte Hanſei, und ſchaute Baum ſtarr an,„da weiß ich gar nicht, wie mir iſt⸗ „Ja wie denn? Hab' ich ſo was Schreckliches an mir?“ „Behüte! Gar nicht; aber der, den ich meine, das iſt ein nichtsnutziger Burſch geweſen. Nichts für ungut, ich will Dich nicht beleidigen, gewiß nicht. Aber droben die Zenza auf der Windenreuthe ſie ſteht da am Gartenzaun und ſchaut immer auf uns— die hat Zwillinge gehabt, der eine heißt Thomas, und der andere hat Jangerl geheißen, wie man bei uns ſagt, eigentlich heißt's Wolfgang, und der Jangerl iſt Soldat geworden und iſt in das Amerika hinein, es ſind gewiß ſchon ein Jahrer dreizehn, vierzehn, und Niemand hat wieder etwas von ihm gehört, und ſchau— aber nicht wahr, Du nimmſt mir's nicht übel?“ „Nein, gar nicht, was denn?“ „Ja, der Jangerl, der hat Dir aufs Haar ähnlich geſehen, heißt das, aufs Haar nicht, er hat rothe Haare gehabt und auch kein ſo feines Geſicht; aber agte enz. Sta⸗ ſagte gar iches das ngut, oben aam e hat d der ſagt, oldat gewiß d hat nicht ihnlich rothe aber „ wenn man's überhaupt nimmt, wie der Teufel die Bauern,“ Hanſei lachte ſehr über ſeinen Witz und der Lakai lachte auch,„wenn man's ſo insgemein nimmt, da könnt' man ſagen, daß Ihr einander ähn⸗ lich ſeht. Aber nicht wahr, Du nimmſt mirs nicht übel?“ „Gar nicht,“ ſagte Baum, nahm ſeine Uhr heraus, drückte daran, daß der Deckel aufſprang, es ſchlug gerade Fünf auf dem Kirchthurm, und er ſagte: „Eure Uhr hier geht gradaus um eine Stunde der in der Hauptſtadt nach. Iſt das Dein elterliches Haus?“ „Nein, das Haus hab' ich mit meiner Frau ange⸗ heirathet, heißt das, wir ſind noch zweihundert Gulden drauf ſchuldig, aber der Leithofbauer drückt uns nicht.“ „Jetzt kann Dir Deine Frau ein ander Haus kaufen, und Du kannſt von Glück ſagen, ſo eine ſchöne Frau zu haben.“ „Ja, drum geb' ich ſie eben nicht gern her!“½ klagte Hanſei.„Nun, Gottlob, das Jahr hat doch nur 365 Tage— freilich, das ſind viele Tage.“ „Und Nächte auch!“ lachte Baum. Dem armen Hanſei ſchauderte es vor dieſem Menſchen. „Ja freilich— Nächte auch!“ ſagte er, er mußte doch ein höflicher Mann ſein, und auf Alles Red' und Antwort geben. Unterdeß hatte Walpurga die Mutter und das Geſpiel gebeten, ſie ganz allein mit ihrem Kinde zu laſſen. Drin in der Kammer lag ſie auf den Knieen neben der Wiege und bedeckte die Kiſſen mit ihren Thränen. Hier weinte ſie ſich aus. Sie küßte das Kind, küßte die Decke, küßte das Holz der Wiege, richtete ſich auf und ſagte:„Leb' wohl! leb' tauſendmal wohl!“ Sie trocknete ſich das Geſicht und wollte gehen, aber die Thüre wurde von außen aufgemacht und die Großmutter kam herein. „Ich will Dir helfen,“ ſagte ſie,„Du biſt, wenn Du wieder heimkommſt, zweifach glücklich oder zweifach unglücklich und machſt uns auch dazu.“ Dann faßte ſie ihre linke Hand und fuhr im ge⸗ bieteriſchen Tone fort:„Leg' die rechte Hand auf das Haupt Deines Kindes!“ „Was ſoll das, Mutter?“ „Thu', was ich Dir ſage. Du ſchwörſt auf das Haupt Deines Kindes und in die Hand Deiner Mutter, daß Du brav und rechtſchaffen bleiben willſt, was auch für Verſuchungen über Dich kommen. Denke, Du biſt eine Frau, eine Mutter und eine Tochter! Schwörſt Du das in Deinem Herzen?“ „Ja, Mutter, ſo wahr mir Gott helfe! Aber ſolch ein Eid iſt nicht nöthig.“ „So,“ ſagte die Mutter,„jetzt gehſt Du dreimal um die Wiege herum, mit abgewendetem Geſicht, ich führe Dich; ſtolpere nicht— ſo, jetzt haſt Du Deinem Kinde das Heimweh genommen und ich will ſchon für Dein Kind ſorgen, verlaß Dich darauf!“ Dann führte die Mutter ihre Tochter in die Stube, reichte ihr den großen Brodlaib hin mit dem Meſſer und ſagte: „Schneid' noch ein Stück ab! Geſegne Dir's Gott, und da, wo Du angekommen biſt und bleibſt, iſſeſt nun N Me Un iege, mal hen, die venn ifach ge⸗ ds das itter, auch biſt wörſt ſolch eimal ich inem 57 Du das Brod von daheim zuerſt, das tödtet die Fremde. So, jetzt leb' wohl!“ Mutter und Tochter ſtanden ſtill und hielten ein⸗ ander an der Hand. Es war Walpurga wunderbar, daß Hanſei, ihrer vergeſſend, mit dem Lakai im Garten umherging. Jetzt ſtieg er die Leiter hinauf und holte ihm Kir ſchen her⸗ unter, und dabei rauchte er beſtändig; und dann ging 6 ihm in den Stall, wo die Kuh ſtand. Die beiden Aerzte kamen, Hanſei mußte in die Stube gerufen werden, denn nur hier, nicht draußen, wo die vielen Menſchen ſtanden, wollte die Frau von ihrem Mann Abſchied nehmen. Der Hofarzt ſteckte Hanſei eine Rolle Kronenthaler in die Taſche, und nun hielt Hanſei die Hand in der Taſche und wollte ſie gar nicht mehr herausthun „Gieb mir Deine Hand, Hanſei!“ ſagte Walpurga. Er ließ die Geldrolle los und gab ihr die Hand. „Leb' herzlich wohl, Hanſei, und bleib' ein braver Mann, ich will auch eine brave Frau bleiben und nun behüt' Euch Gott, Alle beiſammen!“ Sie küßte die Mutter und das Geſpiel, ging durch den Garten nach dem Wagen, ſetzte ſich ein, und nicht mehr auf. Die Kuh im Stall brüllte und jammerte, aber das — wurde übertönt, denn jetzt blies auf Laaien der Poſtillon eine luſtige Fanfare. Die al Zenza ſtand während der r ganzen Zeit an den gelehnt, manchmal fuhr ſie ſich mit der Hand über das Geſicht und rieb ſich die Augen, die ſo ſtark glänzten und blitzten.— Als jetzt der Lakai vorüberging, ſchaute ſie ihn wieder ſtarr an und er fragte halb barſch, halb zutraulich: „Wollt Ihr etwas, altes Mütterchen?“ lan „Ja, alt bin ich, und ein Mütterchen auch! hi hi Ee hi!“ lachte die Alte und die Umſtehenden gaben dem we Lakaien zu verſtehen, ſie ſei manchmal nicht ganz recht im Kopf. „Wollt Ihr was?“ fragte der Lakai wieder. un 1„Wenn Ihr mir was geben wollt, freilich!“ in Der Lakai zog einen großen Beutel aus der Taſche. un Der Beutel ſchwankte in ſeiner Hand. Er öffnete ihn und faßte ein Goldſtück. Aber nein, das kann ihn Ge verrathen— er wühlt lange in dem Gelde, endlich den gab er der Alten doch das Goldſtück und ſagte: Di „Das ſchenkt Euch der König!“ ſio Er ſtieg auf, ſchaute nicht mehr um, und der Wagen rollte fort. ſe Die Leute kamen auf Zenza zu und ſagten, ſie de ſolle zeigen, was ſie bekommen habe; ſie hielt aber die h Fauſt krampfhaft geſchloſſen. Sie gab keine Antwort ge und ging an ihrem Stocke weiter. der Die Menſchen, die ihr begegneten, hörten ſie un⸗ 3 verſtändliche Worte vor ſich hinſprechen, und dabei ſah 3 ſie immer auf die Wagenſpuren. In der Rechten hatte ni ſie den Stock, die Linke war feſt geballt, und darin ſeh hielt ſie das Goldſtück. r die twort un⸗ i ſah hatte darin 59 Achtes Capitel. Der Wagen rollte dahin, die Straße am See ent—⸗ lang, und verſchwand den Nachſchauenden dort um die Ecke an dem Steinhaufen, wo noch das Heu lag, auf welchem Walpurga vor vierzehn Tagen geſeſſen hatte. Ein ſchönes ſchwarzbraunes Mädchen in verwahr— loſtem halbſtädtiſchem Anzuge, von mächtiger Geſtalt und dicken bläulich-ſchwarzen Flechten auf dem Kopfe, ging am Wagen vorüber, ſah ſtaunend auf Walpurga und grüßte erſt, als ſie vorüber war. „Das iſt die Tochter von der Alten, der Ihr ein Geſchenk gegeben habt!“ rief Walpurga dem Lakai auf dem Bocke zu.„Man heißt ſie die ſchwarze Eſther. Die wird ihrer Mutter das Geld abnehmen, wenn ſie's nicht vergräbt.“ Baum wendete ſich gegen die Sprechende um, ſchaute ſie aber nicht an, ſondern ſah über den Wagen hinweg dem Mädchen nach, denn es war ſeine Schweſter und er hatte ſeiner Mutter, die ihn augebettelt, ein Geſchenk gegeben und ſie verleugnet. Nun ſaß er, die Arme auf der Bruſt übereinandergeſchränkt, neben dem Poſtillon; er hatte es nöthig, ſich eine Bruſtwehr anzulegen, denn es war ihm doch, als wenn ihm die Bruſt zerſpringen müßte. Sein ganzes Leben zog an ihm vorüber und er ſetzte ſich oftmals wieder feſt, um nicht vom Wagen zu ſtürzen. Jetzt fährt der Wagen an einem Bauernhofe vorüber, wo Baum, es ſind jetzt volle zwanzig Jahre, auf Geheiß ſeiner Mutter zum Erſtenmal eine Gans geſtohlen hat. Die Lücke im Zaun iſt zugewachſen, 60 wo er damals als ſchlanker Burſch auf dem Bauch hineinſchlüpfte. Baums Zwillingsbruder Thomas hatte ſich den Wilddieben angeſchloſſen, aber Baum hatte hiezu kein Geſchick und war damals froh, daß er zum Soldaten genommen wurde. Da ſtand er einſt Wache im Innern des Schloſſes. Ein alter Kammerdiener brachte einen Brief von der zu jener Zeit allmächtigen Baronin Steigeneck; er mußte lange warten, unterhielt ſich mit Baum und fand offenbar Wohlgefallen an ihm; er lud ihn ins Palais der Baronin ein, ſie zechten mit einander in der unteren Stube und waren überaus heiter. „Warum haſt Du rothe Haare?“ fragte ihn der alte Kammerdiener. „Warum?— Weil ſie ſo gewachſen ſind!“ „Das kann man aber ändern.“ „So? das kann man ändern?“ Der Alte gab Baum ſogleich die nöthige Unter⸗ weiſung. „Und einen andern Namen mußt Du auch an⸗ nehmen! Rauhenſteiner— das iſt ein viel zu harter Name für die Herrſchaften, der ſpricht ſich nicht leicht, beſonders für diejenigen, die falſche Zähne haben. Beck oder Schulz, oder Hecht oder Baum, ſo einen Namen mußt Du annehmen. Schau, ein Hund heißt auch nicht, er wird nur gerufen, wie es ſeinem Herrn eben recht iſt.“ „Baum— Baum wär' mir ſchon recht.“ „Gut, alſo Baum!“— Als er an jenem Abend heimkehrte, ſagte er immer vor ſich hin:„Baum, dien „V neh tete ſtein auch den kein uten nern einen onin mit lud ander alte nter⸗ h an⸗ harter leicht, Beck amen auch eben Abend Baum, 61* Baum— das iſt leicht und kurz bei einander und dabei kennt mich Niemand!“ Er hatte dem alten Kam⸗ merdiener auch geſchworen, ewig von ſeiner Familie getrennt zu bleiben. Das war ihm heute in ſeinem Heimathsdorfe glücklicherweiſe wieder eingefallen; er machte ſich zwar nichts aus einem Schwur, aber es war bequem, ihn zu halten, und er kam ſich dabei ſehr brav vor. Auf Vermittlung des Steigeneck'ſchen Kammer⸗ dieners wurde in ſeinen Soldatenabſchied geſchrieben: „Wolfgang Rauhenſteiner, genannt Baum;“ ſpäter hieß er nur noch Wolfgang Baum und Niemand wußte mehr, daß der Mann je anders geheißen. Er verzich⸗ tete gern auf Erbanfälle, die aus dem Namen Rauhen⸗ ſteiner ihm kommen könnten. Er trat in den Hofdienſt und ging mit dem Prinzen zuerſt als Reitknecht auf die Univerſität und dann auf Reiſen nach Italien. Vorher hatte er ſich in ſeinem Heimathsort ſeinen Paß zur Auswanderung geholt und ſich ſofort ſeine rothen Haare ſchwarz gefärbt. Im Dorfe galt er für ausgewandert. Nach der Rückkehr von den Reiſen heirathete er die Tochter des Kammerdieners und machte ſich nun immer beliebter bei den Herrſchaften am Hofe. Er hatte ſtets ein discretes Benehmen, huſtete immer unter der vor⸗ gehaltenen linken Hand. Er freute ſich ſeines Namens „Baum,“ er ſparte den Herrſchaften gern jede Mühe, er hätte wo möglich alle harten Conſopanten aus der Sprache entfernt, damit ſich die Herrſchaften nicht an⸗ zuſtrengen haben. 62 „Es bleibt dabei,“ ſagte Baum in ſich hinein auf dem Bocke neben dem Poſtillon und huſtete unter der vorgehaltenen Hand—„es bleibt dabei“— und ſeine Miene war feſt und ruhig, als ob ihn Jemand beob⸗ achtete—„ich bin nach Amerika ausgewandert. Da wäre ich ja auch todt und verloren für die Meinigen. Was Meinige! nichts als zu Grunde richten könnten ſie mich, ausbeuteln und mir immer auf dem Halſe liegen. Nichts da!“— Er betrachtete die Leute, die auf der Straße gingen, er erkannte viele.„Ach, was für ein erbärmliches Leben führen doch dieſe Menſchen, das ganze Jahr keine Freude und nichts! Zum Sonn⸗ tag einmal raſirt und angepredigt und nachher geht wieder das alte ſchmutzige Elend an. Wer einmal draußen iſt, wäre ein Narr, wenn er nur noch daran denken könnte, wieder zurückzukehren!“ Während Baum auf dem Bock ſein längſt ver⸗ ſunkenes Leben noch einmal auferweckte, ſaß Walpurga drin im Wagen und ſchluckte gewaltſam die Thränen hinunter; all' ihr Fühlen und Denken war mit fort⸗ genommen wie von einer höheren Gewalt. Sie fügte ſich geduldig. Sie ſchaute verwundert auf die Bäche, die da und dort ſo eilig von den Bergen herabkamen und eine Weile mit dem Wege liefen, als wollten ſie auch noch ſehen, was aus der Walpurga geworden. Wenn man raſch über die hölzernen Brücken fuhr, daß es laut polterte und der Bach drunten ſo wild grollte, ballte Walpurga immer zitternd die Fäuſte; ſie athmete erſt wieder frei auf, wenn es drüben den glatten Weg in auf ter der d ſeine beob⸗ . Da inigen. önnten Halſe te, die h, wos enſchen, Sonn⸗ . er geht einmal h daran ſt ver⸗ alpurga hränen tit ſort⸗ e fügte da und nd eine ch noch un man es laut balle nete ett en Pi 63 dahinging. Sie ſchaute hinauf zu den Bergen, zu den Häuſern und Almhütten, ſie kannte ſie alle bei Namen; bald aber ging's doch in fremde Gegend. An der nächſten Station, wo man die Pferde wech⸗ ſelte, ſtand eine große müßige Sonntagsgruppe beim Poſthauſe. Die Leute ſahen ſtaunend auf, als eine Bäuerin aus dem vornehmen Wagen ſtieg. Eine Frau, die gegenüber unter einer Linde eben ihr Kind ſäugte, richtete ſich neugierig auf, und das Kind wendete ſich um, Mutter und Kind ſahen mit großen Augen auf Walpurga; ſie nickte ihnen zu, aber ſchwere Tropfen traten ihr ins Auge und es ſchnürte ihr die Kehle zuſammen. In raſchem Galopp ging es wieder von dannen, der Poſtillon blies, die Pferde griffen aus, Walpurga war's, wie wenn ſie durch die Luft fliege. „Nicht wahr, Walpurga, das geht ſchnell?“ rief Baum zu der im Wagen Sitzenden zurück. Walpurga erſchrak, als ſie ihn jetzt anſah; der iſt doch dem Thomas wie aus dem Geſichte geſchnitten. „Ja, ja!“ erwiderte ſie. Der Arzt ſprach wenig mit ihr. Er fühlte die innere Bewegung dieſer Frau und es rührte ihn menſchlich an. Das Stellungsbewußt⸗ ſein, das er ſonſt ſtark betonte, hielt nicht vor. Die Frau war etwas mehr als bloßes Werkzeug, man darf ſchon menſchlich zutraulich gegen ſie ſein; ſie hat ſich gar ſchwer losgelöſt.— Der Hofarzt überlegte, was er mit der Frau ſprechen könnte; endlich fand er's. „Habt Ihr Euren Doktor gern?“ fragte er. „O, gewiß! Er iſt ein geſpaßiger Mann. Er ſchimpft alle Menſchen aus und macht ſie erbärmlich wrunter, 64 daneben aber thut er Gutes, wo er nur kann, und Arm und Reich iſt ihm gleich, da iſt gar kein Unter⸗ ſchied, Tag und Nacht. O das iſt ein ganz braver Menſch!“ Der Hofarzt lächelte und fragte weiter: „Kennt Ihr auch ſeine Frau? Er hat mir ſie gar nicht gezeigt.“ „Freilich kenn' ich ſie; ſie iſt ja des Apothekers Hedwig, das ſind auch gar brave Leute, und ſie iſt ein feines, liebes Geſchöpf, ſtill und häuslich; ſie haben prächtige Kinder, ich glaub' fünf oder ſechs; ſie hat viel zu thun. Er hätt' Euch ſchon in ſein Haus bringen können, es ſieht gar ſauber drin aus.“ Der Hofarzt freute ſich der guten Nachrede über ſeinen Freund. Er hatte die Gedanken der Frau auf etwas Anderes gelenkt und dabei war's nun gut; jetzt konnte ſie ſelbſt ſehen, wie ſie weiter mit ſich fertig wird. So ſaß Walpurga allein, dachte zurück und ſchaute die Dinge wie träumend an. Da ſind Felder und Wieſen, da iſt wieder ein Dorf, Blumen blühen auf einem Fenſterbrett, große Ranken, daran rothe Nelken, hängen herab; ſolche haſt du daheim auch— vor⸗ bei! Da drüben iſt der Gottesacker, die ſchwarzen Kreuze ſchauen hinein in den hellen Tag und ſind halb eingeſunken, im Dorf iſt Muſik und Tanz, und Tänzer und Tänzerinnen kommen mit glühenden Ge⸗ ſichtern ans Fenſter gelaufen. Und weiter geht's an Feldern und Wäldern vorbei, da ſind wieder Häuſer, da ſitzen Menſchen ſo geruhig beiſammen und plaudern, und der Poſtillon bläſt. Ein Kind läuft gerade mitten ſie gar thekers ſie iſt haben hat viel ringen e über au auf t; jett gwird. ſchaute er und hen auf Nelken, — vot⸗ warzen nd ſind und den Ge⸗ ehts Un Häuſel, landen, e nitun 65 in die Straße, die Mutter ſpringt ihm nach mit einem Schrei und nimmt's auf und rennt mit ihm davon, der Wagen rollt weiter, Walpurga ſchaut ſich um, ſie weiß, daß die Menſchen dort jetzt Gott danken— und weiter geht's. Da iſt ein Knabe, der läßt eine ein⸗ ſame Kuh graſen am Wegrain.— Hier draußen ſind keine Kirſchen mehr an den Bäumen, in der milden Ebene ſind ſie früher reif. Und da ſind große weite Kornfelder, die wogen wie der See, ſolche giebt's nicht im Gebirge, ſo weit, weit hinaus... Wie glücklich müſſen die Menſchen ſein, hier in der Ebene, wo man noch Anderes hat, als Waſſer, Wieſe und Wald. Dort im Brachfelde ruht, auf die Seite gelegt, ein Pflug— wie ſchlafend über den Sonntag. Es wird Abend, Lichter blinken auf, überall ſind Menſchen, ſie ſind daheim, und du wirſt fortgenommen— weiter, immer weiter geht's. An der nächſten Poſtſtation ſteigt der Hofarzt nicht aus und Walpurga auch nicht, die Pferde werden ſchnell gewechſelt, ein anderer Poſtillon ſteigt auf, die alten Pferde gehen mit ſchweren Tritten in den Stall, und fort geht's, immer weiter, Wal⸗ purga ſieht nichts mehr, ihre Augen ſchließen ſich, ſie hört wie im Traum, daß man wieder ſtillhält und die Pferde wechſelt, und wie Baum dem Poſtillon befiehlt, nicht zu blaſen, denn die Herrſchaft ſchlafe.„Ich nicht!“ ſagte der Hofarzt.—„Und ich auch nicht! blaſ' Du nur, Poſtillon!“ ſagte Walpurga—„verzeihen Sie, daß ich mich zur Herrſchaft rechne!“ ſetzte ſie ſchnell hinzu. Der Poſtillon bläſt und die Sterne glitzern, und wieder geht's durch Dörfer, Fenſter werden Auerbach, Auf der Höhe. l. 5 66 raſch geöffnet, die Menſchen haben nicht Zeit, ſich zu beſinnen, was für ein Wunder vorüberſauſt, es geht im mächtigen ſchnellen Trab, die Pferde ſetzen die Beine ſo richtig im Tact wie gute Dreſcher, und die Welt ſieht ſo wunderlich aus im flüchtigen Schein der beiden Laternen am Wagen, und jetzt— in der Ferne ſieht man ein großes Licht— breit— weit— und drüber ein Dampf. „Die Stadt iſt illuminirt!“ ruft Baum in den Wagen hinein, die Pferde eilen ſchneller und der Poſtillon bläſt luſtiger. Man iſt in der Reſidenz. Die Menſchen wogten noch durch die Straßen und jubelten, der Wagen konnte nur langſam vorwärts. „Das iſt die Amme des Kronprinzen!“ hieß es bald, und mit lautem„Hoch! Hoch!“ wurde Walpurga von der übermüthigen Menge begrüßt; ſie wußte nicht, was ſie thun ſollte. Sie verhüllte ihr Geſicht. Endlich fuhr man in den Burgfrieden des Schloßhofes ein. Nenntes Capitel. Taumelnd ſtand Walpurga auf dem Boden; in dem weiten, viereckigen, innern Schloßhof. Da ſind Thüren, große Fenſter, breite Freitreppen, Wappen mit wilden Männern und wilden Thieren und Alles ſieht ſo wunderſam aus in der Beleuchtung der Gaslampen, hier hell, dort dunkel und geheimnißvoll.— Träumeriſch in ſich verſunken ſtarrte Walpurga drein. Alte Märchen tauchten in ihrer Erinnerung auf, wie eine junge Mu irdi und ich zu geht n die d die n der Ferne und den der tund bald, on was fuhr ſind mit icht npen, eriſch rchen junge Mutter in der Nacht zu den Berggeiſtern in die unter⸗ irdiſche Höhle geholt wird, um verzaubert da zu bleiben und ein Neugeborenes zu nähren. Aber jetzt erwachte ſie. Aus der Schloßwache, wo die Flinten in zwei langen Reihen aufgeſtellt ſind und ein Soldat auf⸗ und abgeht, ertönt ein Lied aus ihrer Heimath und helle Jodler hinterdrein. „Der Herr Schloßhauptmann haben den Soldaten Wein geſchickt,“ ſagte ein junger Mann in Livree, der die Pferde ausſpannen half, zu dem Lakai Baum,„heut' betrinkt ſich die ganze Stadt!“ Walpurga hätte gern geſagt, man ſolle die Soldaten nicht ſo laut ſingen laſſen, weil droben eine junge Wöchnerin liegt und ſchlafen ſoll. Sie hatte keine Ahnung von dem weiten Umfang des Schloſſes. Sie ſollte ihn bald kennen lernen. „Komm mit!“ winkte der Hofarzt,„ich will Dich zur Oberhofmeiſterin bringen. Sei nur unverzagt, es wird Dich Jedermann herzlich willkommen heißen!“ „Ich will nur meine Kiſſen mitnehmen,“ erwiderte Walpurga. „Laß das nur, Baum wird die Sachen ſchon nach⸗ bringen.“ Walpurga folgte dem Hofarzt. Sie gingen eine hellerleuchtete, mit Blumen beſetzte Treppe hinauf und Walpurga ſchämte ſich ſchon im voraus, ſo mit leeren Händen zu kommen, als ob ſie gar nichts beſitze, nicht einmal ein Päckchen in der Hand. So arm bin ich doch nicht— ſagte ſie faſt laut. Sie kamen auf den großen Corridor. Alles war 68 erleuchtet und mit Blumen beſetzt. Menſchen in Uni⸗ formen gingen hin und her, aber man hörte auf den Teppichen keinen Tritt. Die Niederbedienſteten blieben ſtehen und ließen die Beiden vorüber. Endlich hielt man vor einer Thüre. Der Hofarzt ſagte dem hier wachhaltenden Diener: „Melden Sie den Hofarzt Sirtus bei Ihrer Excel⸗ lenz, und ſagen Sie, ich bringe die Amme!“ „Die Amme“ hörte ſich Walpurga zum Erſtenmal nennen, und ſie wurde„gebracht.“ Sie kam ſich aufs Neue wie verzaubert, aber noch mehr wie verkauft vor. Aber ſie faßte ſich ein Herz, und plötzlich war's ihr, als ſäße ſie, wie ſo oft, im Kahne auf dem See; ſie führt die beiden Ruder mit ihren ſtarken Armen, der Wind bläſt ihr entgegen und will ſie nicht weiter⸗ laſſen, die Wellen klatſchen und ſtürmen, aber ſie iſt ſtark, ſie ſetzt feſt ein, ſie überwindet Wellen und Wind.— Sie ſtrammte beide Arme und ballte beide Fäuſte, als müßte ſie die Ruder feſter faſſen. Der Diener, der hineingegangen war, kam bald wieder heraus und hielt die Thür offen. Sixtus und Walpurga traten in ein großes hellerleuchtetes Zimmer. In einem Lehnſtuhl am Tiſche ſaß eine große hagere Frau, in ſchwarzen Atlas gekleidet. Sie erhob ſich ein wenig von ihrem Sitze, ſetzte ſich aber ſofort wieder. Die Oberhofmeiſterin hatte heute ihren großen Tag, denn es iſt kein Geringes, Oberhofmeiſterin bei der Geburt eines Kronprinzen zu ſein. In der großen Staatsaction, die heute aufgenommen wurde, war ihr Name mit feſter Schrift zu leſen für ewige Zeiten. un beide bald s und nner. hagere ich ein del. 1Tag, ei der großen r ihr n el⸗ 69 Die Oberhofmeiſterin, die auch ſtreng gegen ſich ſelbſt war, durfte heute mit ſich zufrieden ſein; ſie hatte in aller Unruhe des ganzen Hofes und der Stadt ihre Haltung bewahrt und dem ganzen Hofe Haltung ge— geben, zumal dem König, der ſich auffallend ſchwach und aufgeregt gezeigt hatte. Nun ruhte ſie, wie nach einer ſchön vollbrachten That. Eine Aergerlichkeit ſtand noch in ihrer Seele, aber ſie bezwang ſie, denn ſie hatte einen feſten Entſchluß; ſie wußte immer was ſie wollte, denn ſie wußte was man ſoll. Es war eigentlich unerhört, daß nicht bereits eine Amme beſtimmt war. Es hatten ſich viele gemeldet, ja ſogar mehrere von Familie, das heißt von Adel, die an niedere Bedienſtete verheirathet waren. Die Oberhof⸗ meiſterin fand eine übertriebene Delicateſſe— ſo darf man einen Fehler der Fürſten doch nennen— darin, daß die Königin gerade eine Amme aus dem niedern Volke, aus dem Bauernſtande wollte. Die Erhalterin des guten Tones war daher entſchloſſen geweſen, mit einem entſchiedenen Machtgebote einer ihrer Erwählten die Stelle zu geben, als das Telegramm des Hofarztes kam, der das Ideal einer Bäuerin gefunden haben wollte. Der Mißmuth gegen das Verfahren der Königin wendete ſich nun im voraus gegen die noch unbekannte Bäuerin, die gewiß manche Unzuträglichkeiten ins Schloß brachte. Indeß, wozu hat man feſte Normen und Dreſſuren? Mit folgerichtigen Maßnahmen wird ſich Alles geben. Als nun die Bäuerin gemeldet wurde, richtete ſich 70 die Oberhofmeiſterin auf und ein edler Gedanke ver⸗ ſchönte mild ihr ſtrenges Antlitz: Das arme Weib aus dem Volke ſoll nicht darunter leiden, daß die Königin dieſe neumodiſche Phantaſie für das Volk hat, das man dadurch nur unglücklich und unzu⸗ frieden macht. Der Hofarzt ſtellte Walpurga vor und rühmte ſie, daß ſie die Augen niederſchlug. In franzöſiſcher Sprache ſetzte er dann hinzu, wie viel Kunſt es erfordert habe, die ſchönſte und ehrbarſte Frau des ganzen Gebirges zu gewinnen. Ebenfalls in franzöſiſcher Sprache lobte die Oberhofmeiſterin den Arzt für ſein glückliches Ge⸗ lingen und ſprach mit großer Kennerſchaft über die kräftige Erſcheinung der Walpurga. Am Schluſſe aber fragte ſie, immer in franzöſiſcher Sprache: „Hat ſie auch geſunde Zähne?“ Der Hofarzt wendete ſich an Walpurga: „Die gnädige Frau meinen, Du könnteſt gar nicht lachen.“ Walpurga lächelte und die Oberhofmeiſterin lobte die tadelloſe Denture. Dann drückte ſie auf eine Klingel, die auf dem Tiſche ſtand; ſofort erſchien ein Lakai und die Oberhofmeiſterin ſagte: „Melden Sie dem Herrn Geheimrath Gunther, daß die Amme Seiner königlichen Hoheit angekommen iſt und ich ihn hier erwarte.“ Der Lakai ging. Die Oberhofmeiſterin drückte jetzt zweimal auf die Klingel; eine große Dame vorgerückten Alters, mit zwei langen Locken wie Hobelſpäne hüben und drüben, erſchien und verbeugte ſich ſo tief, daß e Weib ß die Lolk unzu⸗ te ſie, prache habe, birges lobte r die aber nicht lobte eine nein daß en iſt e jett ückten Walpurga glaubte, ſie wolle ſich geradezu auf den Boden ſetzen. „Kommen Sie näher, liebe Kramer,“ winkte die Oberhofmeiſterin.„Hier iſt die Amme Seiner könig⸗ lichen Hoheit, die Ihrer ſpeziellen Aufſicht empfohlen iſt. Nehmen Sie ſie jetzt mit in Ihre Stube und laſſen Sie ihr etwas zu eſſen geben. Was ſoll ſie eſſen, Herr Hofarzt?“ „Eine gute Bouillonſuppe, weiter nichts.“ „Geh' mit dem Fräulein,“ befahl die Oberhofmei⸗ ſterin, zu Walpurga gewendet, und blickte ſie dabei ſehr huldreich an,„ſage ihr immer, was Du wünſcheſt, liebes Kind! Geh' mit Gott!“ Das Fräulein mit den Hobelſpänen reichte Wal⸗ purga die Hand und ſagte:„Kommen Sie mit, meine Gute!“ Walpurga nickte dankend. So iſt doch hier noch ein Menſch, der ihr die Hand reicht und Deutſch mit ihr ſpricht, und gute Worte haben ſie auch, die Alte hat ſie„liebes Kind“ genannt und die Mamſell ſogar „meine Gute.“ Bei dem Franzöſiſchſprechen kam ſie ſich wie verrathen vor, denn ſie fühlte wol, daß da von ihr die Rede war. Sie ging nun, von Mamſell Kramer geleitet, in das zweitnächſte Zimmer. „Nun ſeien Sie mir herzlich willkommen,“ ſagte das Fräulein und ihr nicht ſchönes Geſicht wurde plötz⸗ lich anmuthsvoll—„geben Sie mir beide Hände. Wir wollen gute Freundſchaft mit einander halten, wir wer⸗ den jetzt immer bei einander ſein, Tag und Nacht. Man nennt mich die Caſtellanin.“ 72 „Und ich heiße Walpurga.“ „Ein ſchöner Name! Ich glaube, daß Sie ihn be⸗ denn halten werden.“ ſonſt „Meinen Namen behalten? Wer kann mir ihn denn habe. nehmen? So bin ich getauft, und ſo werde ich gerufen wünſ von Kindheit an.“ „Ereifern Sie ſich nicht, gute Walpurga,“ bat die Dn Caſtellanin innig,„ja, ſeien Sie recht ruhig!“ ſetzte ſt ſ ſie hinzu,„und wenn Ihnen etwas nicht recht iſt, eht ſagen Sie mir's nur frei heraus, ich will's dann beſſer machen. Sie ſollen zufrieden und glücklich ſein. Jetzt ſoit aber ſetzen Sie ſich hier auf den Lehnſtuhl, oder wollen Sie ſich lieber auf das Sopha legen und ein wenig Ihn ausruhen? Thun Sie ganz wie zu Hauſe.“ „Ich ſitze da ſchon gut,“ ſagte Walpurga und ſetzte ver ſich in den großen weiten Lehnſtuhl. Sie hielt die uen Hände auf den Knieen ineinandergefaltet. Mamſell han 3 Kramer befahl nun einem Dienſtmädchen, ſofort aus der un Küche eine gute Bouillon mit etwas Weißbrod für die int kronprinzliche Amme zu holen. Als ſich Mamſell Kramer umwendete, ſah ſie die Fremde bitterlich weinen. thr „Um Gotteswillen, was iſt Ihnen? Sie fürchten gi ſich doch nicht? Sie haben doch nicht einen Kummer? 5 Warum weinen Sie?“ 3 „Laß mich nur weinen Das thut mir gut! Es drückt mich ſchon lang auf dem Herzen. Laß mich hit nur. Ich werde doch weinen dürfen, wenn ich muß? d Ich hab' nicht gewußt, was ich thu', wie ich Ja geſagt hab. Gott iſt mein Zeuge, ſo hab' ich mir's nicht gedacht.“ n be⸗ denn rufen t die ſette t iſt, beſſer Jetz vollen wenig ſetze tdie mſell s der r die tamer chten mer? mich nuß? eſagt nicht „Was iſt Ihnen denn geſchehen? Wer hat Ihnen denn etwas gethan? Um Gotteswillen! weinen Sie nicht, ſonſt bekomme ich einen Verweis, daß ich das geduldet habe. Das iſt ja ſchädlich. Sagen Sie doch, was Sie wünſchen, ich will ja Alles thun.“ „Ich wünſche gar nichts, als laß mich weinen. O mein Kind! o Hanſei! o meine Mutter! Aber es iſt ſchon gut. Ich werde ſchon ruhig. Fertig! Fort! Jetzt bin ich einmal da!“ Die Suppe wurde gebracht, Mamſell Kramer reichte ſie ihr, hielt ihr einen Löffel voll an den Mund und ſagte: „Genießen Sie etwas, meine Liebe, dann wird Ihnen beſſer!“ „Ich will keine Fleiſchbrühe! Muß ich mir denn verordnen laſſen, was ich eſſen ſoll, wie ein Krankes, wenn ich doch kein Geluſt dazu habe? Wenn Eins im Haus wäre, das eine eingebrannte Mehlſuppe machen kann, das wäre mir das Liebſte; oder ich will ſelber in die Küche gehen und will mir eine machen.“ Mamſell Kramer war in Verzweiflung, was ſie thun ſollte. Glücklicherweiſe klopfte es eben an die Thüre. Der Leibarzt trat ein in Begleitung des Hofarztes. Er ſtreckte der Frau die Hand entgegen und ſagte: „Grüß' Dich Gott, Walpurga von der Gſtadel⸗ hütte am See! Du haſt einen guten Fiſchzug gethan, daß Du in dieß Haus gekommen biſt. Hab' nur keine Angſt vor dem Schloßgethue und ſei ganz ſo, wie wenn Du daheim wärſt. Glaub' mir, man kocht in der ganzen Welt mit Waſſer, und die Menſchen ſind hier gerad' 74 ſo wie bei Dir daheim, gerad' ſo gut und gerad' ſo F ſchlecht und gerad' ſo geſcheidt und gerad' ſo dumm, nicht; das heißt, das Letzte wiſſen ſie zu verbergen!“ Der Leibarzt ſprach halb im Dialect, und das Antlitz ſprich Walpurga's wurde plötzlich heller. Non „Ich dank' ſchön! ich dank' ſchön! Ich will mir's ſchli ſchon merken!“ ſagte ſie mit heiterem Tone. Mamſell Kramer brachte nun die große Weltfrage dran vor, ob Bouillon oder eingebrannte Mehlſuppe. Der Leibarzt lachte und entſchied: „Eingebrannte Mehlſuppe! Natürlich! Das iſt das Dir Beſte! Ueberhaupt, Walpurga, ſag', was Du daheim ßn gewohnt geweſen; das ſollſt Du auch hier haben, Peil nur nichts Saures und nichts Fettes, aber ſonſt was Du Du willſt!“ Zu dem Collegen gewendet, fuhr er ſort: g „Wir halten die Amme bei ihrer gewohnten Koſt, allmälig wollen wir dann auf andere Nahrung über⸗ un gehen. Jetzt komm' her, Walpurga, laß Dir in die ni Augen ſchauen. Ich will Dir was anvertrauen: in§ einer Viertelſtunde ſollſt Du zur Königin. Brauchſt nicht zu erſchrecken, es geſchieht Dir nichts; ſie will Dich nur ſehen. Jetzt zeig' gleich, daß Deine Augen d Recht haben, wenn ſie ſagen: wir ſchauen aus einem geſcheidten Kopf. Sprich recht ruhig mit der Königin. i5 Wenn Du noch Heimweh haſt nach Deinem Kind und bn den Deinigen, ich kann mir's denken, ſo unterdrück's bei der Königin. Du könnteſt ſie weinen machen und ni ſie könnte dadurch krank werden. Sie iſt gar zimpfer. fn Verſtehſt Du mich?“ etad ſo dumn, Antlitz ill mips eltfrage e. Der iſt das daheim haben, nſt was n Koſt, g über⸗ in die uen: in Brouchſt ſi wil Augen s einem önigin. ind und rdricks hen und inpfer. „Wol! Wol! o lieber Gott! das thu' ich gewiß nicht; ich will ſie ſchon erheitern.“ „Das thu' auch nicht. Sei ganz ruhig und geſetzt, ſprich leiſe und wenig und mach', daß Du mit guter Manier bald wieder fortkommſt; ſie ſoll jetzt viel ſchlafen.“ „Ich will ſchon Alles gut machen, verlaßt Euch drauf. Geht Ihr auch mit?“ „Nein, aber Du triffſt mich dort. Jetzt iß etwas. So, da kommt ſchon die eingebrannte Mehlſuppe; laß Dir's ſchmecken, brauchſt aber nicht Alles aufzueſſen, iß nur die Hälfte. Aber halt, laß die Suppe eine Weile verkühlen. Komm' einen Augenblick mit mir. Du gehſt doch gern mit mir allein?“ „Ja, ich mein“ ich hab' Eure Stimme ſchon oft gehört?“ „Kann wol ſein, ich bin auch aus dem Gebirge und war ſchon in Deinem Elternhaus. Wenn ich mich recht erinnere, iſt Deine Mutter aus meiner Gegend. Iſt ſie nicht Magd geweſen beim Freihofbauer?“ „Ja freilich.“ „Gut, das iſt eine Brave. Vergiß nicht, daß Du der Königin ſagſt, daß Deine Mutter Dein Kind gut verſorgt. Das wird ſie freuen. Deinen Vater habe ich auch gut gekannt, er war ein luſtiger und grund⸗ braver Mann.“ Walpurga war glücklich, da hier ihrer Eltern ge⸗ dacht wurde, und die Andern haben's gehört, wer ſie ſind. Sie folgte dem Leibarzt, der ihren Vater gekannt hatte, ſo willig, als wäre er ſelbſt ihr Vater, ins 76 Nebenzimmer. Er kam bald wieder heraus, verließ J die Stube mit dem Hofarzt und endlich kam Walpurga. N Sie ſchaute nicht auf, und wie ſie endlich aufblickte, war Lgndes ſie froh, daß Niemand da war, als Mamſell Kramer. z Ihre Gedanken mußten jetzt heimwärts gegangen hilte ſein, denn plötzlich rief ſie: „Ach lieber Gott! Das hab ich ja noch!“ iet Sie holte das Brod aus der Taſche, das ihr die Mutter mitgegeben, und das Erſte was ſie im Schloſſe g genoß, war das Brod von daheim, das die Mutter gebacken. Die Mutter hat geſagt, davon geht das Heimweh weg, und es iſt auch ſo, mit jedem Biſſen i wird ſie munterer. itz: Jetzt können ſieben Königinnen kommen, ſie fürchtet hängt ſich nicht mehr und weint auch nicht mehr. Sie aß noch die Broſamen auf, die ihr in den Schooß gefallen waren, als wären das lauter Heiligthümer. Dann verſuchte ſie auch ein wenig von der Mehlſuppe. „Kann ich mir nicht irgendwo das Geſicht waſchen und mich friſch zöpfen?“ fragte ſie. „Gewiß, der Herr Hofarzt haben das noch befohlen.“ „Juſt zu Allem brauche ich keinen Befehl!“ ſagte Walpurga trotzig. B Mamſell Kramer wollte, daß ihr Kammermädchen Walpurga friſire, aber dieſe duldete das nicht. Fn „Auf meinen Kopf kommt keine fremde Hand,“ ſagte ſie, und nach kurzer Weile ſtand ſie ſtramm und faſt heitern Antlitzes da. „So! Jetzt will ich zur Königin!“ ſagte ſie.„Wie redet man ſie denn an?“ verließ alpurga. fte, war Kramer. egangen ihr die Schloſſe Mutter eht das Biſſen fürchtet Sie oß gefallen Dann p 6 waſchen fohlen.“ „ſagte nädchen Hand,“ ſtrammn Vie 5 „Majeſtät, oder allergnädigſte Frau.“ „Mir hat's beſſer gefallen, daß ſie im Kirchengebet Landesmutter geheißen hat. Das iſt ein ſchöner ſtolzer Name, den ließe ich mir nicht nehmen, wenn ich ihn hätte. Ich will jetzt gehen.“ „Nein, Sie müſſen noch warten, Sie werden ge⸗ rufen.“ „Iſt mir auch recht. Aber ich habe eine Bitte: nennen Sie mich Du!“ „Wenn's die Oberhofmeiſterin erlauben, recht gern.“ „Alſo hier muß man um Alles fragen? Jetzt aber iſos genug geſchwätzt! Wir wollen ſtill ſein. Nur noch Eins: wer iſt denn die Frau, die da an der Wand hängt?“ „Das iſt die Königin!“ „Das iſt die Königin? O, wie ſchön! Aber noch gar ſo arg jung!“ „Ja, ſie iſt erſt achtzehn Jahre alt.“ Walpurga betrachtete lange das Bild, dann wendete ſie ſich ab, kniete an dem großen Stuhle nieder, faltete die Hände und betete leiſe ein Vaterunſer. Walpurga lag noch auf den Knieen, als es an die Thür klopfte, ein Lakai trat ein und ſagte: „Die Amme Seiner königlichen Hoheit ſoll zur Majeſtät kommen!“ Walpurga erhob ſich und folgte dem Diener, Mamſell Kramer begleitete ſie. Zehntes Capitel. Man wanderte durch den langen, ſchmalen, hell⸗ erleuchteten Flur; ein Diener mit einer Laterne, darin zwei Lichter, ſchritt voran. Nun ging es eine Treppe hinan, über den unerleuchteten Empor der Schloßkirche. Hier ſtanden die gepolſterten Stühle für den Hof und Walpurga ſchaute einmal über die Brüſtung hinab in die weite, dunkle Halle. Nur die ewige Lampe brannte am Altar und beleuchtete mit mattem Schein ein Marienbild. „Du biſt überall und auch da!“ ſagte Walpurga faſt laut in das Dunkel der Kirche hinab und be⸗ grüßte die Madonna mit dem Kinde, als wäre das eine perſönlich Befreundete.— Im leiſen Dämmer zog durch ihre Seele der Gedanke von der ewigen Göttlichkeit des Mutterberufes, wie er verherrlicht wird durch Jahrtauſende in Bild und Geſang, Gebet und Opfer. Sie nickte dem Bilde nochmals zu und ſchritt weiter. Durch den Thronſaal, durch den großen Tanzſaal ging Walpurga, unſicher als ſchritte ſie über Glas dahin; dann ging es durch wohnlichere Gemächer, nirgends waren Thüren, überall nur ſchwere doppelte Vorhänge; endlich ſchritt man eine hellerleuchtete breite teppichbelegte Marmortreppe mit goldenem Geländer wieder abwärts. Hier ſtanden Lakaien und Wachen. Man trat in die Gemächer ein, ſie waren voll von Menſchen, die im eifrigen Geſpräch waren, jetzt aber auf Walpurga ſchauten. Im dritten Zimmer kam ihr der Leibarzt entgegen. Er nahm ſie an der Hand, ſihrte ſ ielen 6 ſuſte d ni i Pe ie ſ Genü hinen N nicht ſchaf riß Vo und Bli bon eiß ( ehü Uon derbr him L nfl en, hell⸗ te, darin e Treppe oßkirche. Hof und hinab in brannte hein ein Walpurga und be⸗ väre das Dämmer ewigen therrlicht zu und n großen ſie über emächet, dopelte te breite Geländer Wachen. voll von itt cu kan ihr r Hand, führte ſie zu einem Mann in prächtiger Uniform mit vielen Sternen und Kreuzen auf der Bruſt und ſagte: „Dies iſt Seine Majeſtät der König.“ „Ich kenn' ihn, ich hab' ihn ſchon geſehen,“ ent⸗ gegnete Walpurga.„Mein Vater ſelig hat ihn über den See gefahren und mein Hanſei auch.“ „Da ſind wir ja alte Bekannte. Wir wollen's gut fortſetzen,“ erwiderte der König.„Nun geh' zur Königin und nimm Dich in Acht, daß Du ſie nicht aufregſt.“ Er winkte huldvoll entlaſſend und Walpurga ging in Begleitung des Leibarztes und der Oberhofmeiſterin, die ſich hier eingefunden hatte, nochmals durch mehrere Gemächer, in denen man auf den dicken Teppichen keinen Schritt hörte. Nimm Dich in Acht, daß Du ſie nicht aufregſt— nicht aufregſt? Das Wort machte Walpurga viel zu ſchaffen. Warum ſollte ſie denn die Königin zu Händeln reizen?— denn nichts Anderes verſtand ſie unter dem Worte„aufregen.“ Dieſes Hin- und Herſchieben, auf und ab, durch die Gänge, durch die Zimmer, die Blicke der Hofherren und Damen und zuletzt ermahnt vom König— Walpurga wußte nicht, was„aufgeregt“ heißen ſollte, aber jetzt war ſie's ſelbſt. Ein grünes, wie aus einem großen Edelſtein aus⸗ gehöhltes Zaubergemach that ſich endlich vor ihr auf. Von der Decke hing eine Ampel in grünem Glaſe und verbreitete ein märchenhaftes Licht. Dort in dem großen Himmelbett, darüber eine Krone blitzte, lag die Königin. Walpurga hielt den Athem an. Ein ſtiller Glanz umfloß das Antlitz der Frau, die hier lag. ———— S ——— — 80 „Biſt Du da?“ fragte eine ſanfte Stimme. „Ja, Frau Königin! Grüß' Sie Gott! Sei'n Sie nur recht ruhig und glücklich. Es iſt ja gottlob Alles gut gegangen!“ Mit dieſen Worten drängte ſich Walpurga vor an das Bett und ließ ſich weder vom Leibarzt, noch von der Oberhofmeiſterin zurück halten. Sie ſtreckte der Königin die Hand entgegen, und die arbeitsharte und die zarte Hand, die eine ſo hart wie eine Baumrinde und die andere ſo zart wie ein Lilienblatt, faßten einander. „Ich danke Dir, daß Du gekommen biſt! Biſt Du gern gekommen?“ „Gern gekommen, ja, aber gern fortgegangen nicht.“ „Du haſt Dein Kind und Deinen Mann gewiß auch von Herzen lieb.“ „Ich bin ja die Frau von meinem Mann und die Mutter von meinem Kind.“ „Und Deine Mutter wartet und behütet Dein Kind mit voller Liebe?“ fragte die Königin. „Geh!“ erwiderte Walpurga. Die Königin ſchien nicht verſtanden zu haben, daß mit dieſem einſilbigem Worte geſagt war: Das verſteht ſich von ſelbſt. Sie fragte daher:„Sind Dir meine Worte deutlich, wie ich rede?“ „Ganz deutlich, ich verſteh' ja Deutſch!“ erwiderte Walpurga.„Jetzt aber, Königin Majeſtät, Sie dürfen nicht ſo viel reden— wir ſind, will's Gott, noch recht lang und gut bei einander, dann wollen wir Alles aus⸗ machen, wenn wir uns am hellen Tag in die Augen ſehen, und ich will Ihnen ſchon thun, was ich Ihnen an den Au wu ich ſch oht Un 6e be ein Sie lob Ales vot an h von der Königin die zarte und die ander. Biſt Du nnicht.“ wiß aus und die ein Kind ben, daß verſteht r meine erwidette ie dürſen och ect lles aus⸗ en ſehen⸗ an den 81 Augen abſehen kann und dem Kind auch. Ich hab's über⸗ wunden, daß ich von daheim fort bin und jetzt muß ich thun, was mir auferlegt iſt. Ich will eine recht⸗ ſchaffene Nährmutter an Eurem Kinde ſein, da ſeid ohne Sorge! So, jetzt gut' Nacht! Schlafen Sie recht gut und machen Sie ſich keine Gedanken. Ich will jetzt unſer Kind ſehen.“ „Es ſchläft. O, ewiges Wunder und ewige Gnade Gottes! Das athmet neben mir und iſt mein Athem...“ Walpurga fühlte, daß ſie Jemand hinten am Rock zupfte. Sie ſagte daher ſchnell: „Gut' Nacht, liebe Frau Königin. Werfen Sie alle unnöthigen Gedanken weit weg. Jetzt iſt keine Zeit zum Gedanken machen! Wir werden ſchon noch Zeit dazu bekommen. Gut' Nacht!“ „Nein, bleib!! Du mußt noch bleiben!“ bat die Königin. „Ich muß bitten, Majeſtät—“ fiel der Leibarzt raſch ein. „Ach, laſſen Sie mir ſie noch!“ bat die Königin in kindlichem Tone.„Glauben Sie, es ſchadet mir nicht, wenn ich mit ihr rede. Im Gegentheil. Wie ſie zu mir ans Bett trat, wie ich ihre Stimme hörte, da war mir's, wie wenn auf einmal die ganze Alpen⸗ natur voll Thaufriſche mich anhauchte, die würzige, tannenharzige Luft; ich meine, ich liege auf einem hohen Berge und ſehe in die weite ſchöne Welt hinein!“ „Eben dieſe Aufregung iſt höchſt ſchädlich, Majeſtät!“ „Gut, ich will ruhig ſein. Aber laſſen Sie mir Auerbach, Auf der Höhe. J. 6 ſie nur noch einen Augenblick! Ich bitte um etwas helles Licht, daß ich ſie auch ſehe.“ Von einer Lampe auf dem Nebentiſch wurde der Schirm emporgehoben und die beiden Mütter ſchauten einander an. „Wie ſchön Du biſt!“ rief die Königin. „Darauf kommt gar nichts mehr an,“ erwiderte Walpurga.„Jetzt ſind wir Beide gottlob über die Narretheien hinaus, die Einem den Kopf verdrehen können. Sie ſind eine verheirathete Frau und Mutter und ich bin auch eine verheirathete Frau und Mutter.“ Der Schirm von der Lampe ſenkte ſich wieder und die Königin, die Hand Walpurga's faſſend, ſagte leiſe: „Beug' Dich zu mir nieder. Ich will Dich küſſen — ich muß Dich küſſen!“ Walpurga beugte ſich nieder und die Königin küßte ſie. „So, jetzt geh' und bleib gut!“ ſagte die Königin. Eine Thräne aus Walpurgas Auge fiel auf die Wange der Königin und dieſe ſetzte hinzu: „Weine nicht! Du biſt ja auch Mutter wie ich Walpurga konnte kein Wort mehr reden und wen⸗ dete ſich ab. Noch im Fortgehen rief die Königin ihr nach: „Wie heißt Du denn?“ „Walpurga!“ antwortete der Leibarzt. „Kannſt Du auch gut ſingen?“ fragte die Köni⸗ gin noch. „Die Leute ſagen's,“ erwiderte Walpurga. „So ſing' auch oft meinem Kinde, unſerem Kinde, wie Du geſagt haſt. Gute Nacht!“ 1 t eb zwe W P etwas e der auten viderte er die drehen Mutter utter.“ er und leiſe: küſſen önigin önigin. uf die ich!“ d wen⸗ r nach: Köni⸗ Kinde, Der Leibarzt blieb bei der Königin. Er ſaß eine Weile ſtill. Er mußte das hochbewegte Herz der Köni⸗ gin beruhigen, und er hatte ein gutes und einfaches Nittel. „Majeſtät,“ ſagte er,„ich bitte, mir meinen Glück⸗ wunſch zurückzugeben. Meine Tochter Cornelia, die in der Univerſitätsſtadt an den Profeſſor Korn ver⸗ heirathet iſt, iſt zur ſelben Stunde, wie Eure Majeſtät, eines Mädchens geneſen.“ „Ich wünſche dem Kinde Glück zu einem ſolchen Großvater. Sie ſollen auch unſerem Sohne Groß⸗ vater ſein.“ „Der beſte Glückwunſch iſt der,“ erwiderte der Leib⸗ arzt,„einem Menſchen eine ſchöne Pflicht geben. Ich danke. Nun aber dürfen wir nicht weiter reden, Maje⸗ ſtät. Gute Nacht!“ Der Leibarzt ging. Alles war ſtill. Walpurga wurde nicht mehr in die oberen Zimmer zurückgeführt, ſondern zur andern Seite in ein wohl ausgeſtattetes Gemach. Sie war glücklich, hier Mam⸗ ſell Kramer zu finden. „Die Königin hat mich geküßt!“ rief ſie.„O, das iſt ein Engel! Ich hätte nicht geglaubt, daß es ſolche lebendige Menſchen giebt!“ Nach einiger Zeit, als die Königin ſchlief, brachten zwei Frauen eine vergoldete Wiege in die Stube der Walpurga. Die Königin hatte ſich noch einmal umgewendet, als man das Kind von ihrer Seite nahm; ſie hatte es mitten im Schlafe empfunden. 84⁴ Walpurga hauchte das Kind dreimal an, ehe ſie es an die Bruſt legte. Das Kind ſchlug einmal die Augen nach ihr auf, ſchloß ſie aber ſchnell wieder. Bald war Alles ſtill im Schloß. Walpurga ſchlief und das Kind ſchlief neben ihr; Mamſell Kramer wachte und in den Vorzimmern hüben und drüben die Aerzte und Lakaien. Elftes Capitel Im Dorf am See, oder eigentlich in den wenigen Häuſern, die beim Gemswirthshaus zuſammenſtanden, hatte die raſche und faſt wunderbare Entfernung Wal⸗ purga's eine große Bewegung hervorgebracht. Alle ſtrömte nach dem Wirthshaus. Der Gemswirth weiß beſonderen Beſcheid und er giebt zu verſtehen, daß er viel machen kann, was die Menſchen nicht glauben wollen; er hat natürlich das Alles ſo angelegt, er hat ſeine Bekanntſchaften bis zum König hinauf. Der Gevatter Gemswirth hätte gern gleich nach der Abreiſe Walpurgas Hanſei mit ins Wirthshaus Dieſer Hanſei iſt heute ſo viel, wie eine 50 genommen. ganze Muſikbande. Hanſei war aber nach der Abreiſe ſeiner Frau nicht mit dem Gemswirth gegangen. Er verſprach ſpäter nachzukommen. Jetzt konnte er nicht von daheim fort. Er ging durch das ganze Haus, von oben bis unten, und ſtand dann lange bei der Kuh und ſah ihr zu, wie ſie fraß.„So ein Thier hat's doch gut! daß er lauben er hat nach hohaus ie eine nicht ſpäter m ſort en lie nd ſch och gut Man muß dafür ſorgen, daß es ſeine Nahrung hat und wo eine Krippe iſt und Futter drin, da iſt's daheim.“ Er ging in die Stube und nickte der Mutter ſtill zu. Das Kind ſchlief in der Wiege, er ſah nur flüchtig hin. Er ſetzte ſich hinter den Tiſch, ſtemmte die Ellen⸗ bogen auf und bedeckte mit den Händen das Geſicht. „Die Uhr geht noch,“ ſagte er plötzlich auf die Schwarzwälder Uhr ſchauend, die im Tiktak weiter ging.„Sie hat ſie noch aufgezogen.“ Er ging hinaus und ſetzte ſich auf die Bank unter den Kirſchbaum. Die Staare droben waren luſtig und vom Walde drüben rief ein Kukuk:„Ja, der macht's auch ſo, der läßt ſeine Kinder auch von Fremden aufziehen.“ Hanſei lachte vor ſich hin. Er ſchaute lange nach der Seite; iſt es denn wahr, daß die Frau fort iſt? Hier neben muß ſie ſitzen. Wie kann man denn ſo von einander gehen, wenn man zuſammengehört? Er ſtarrte auf den Platz neben ſich, aber ſie ſaß nicht da. Draußen am Gartenzaun ſtand das halbe Dorf, groß und klein und betrachtete ihn. Der Spinnerwaſtl(Sebaſtian), ein Kamerad, der mit Hanſei jahrelang im Walde gearbeitet hatte, rief ihm zu: „Grüß Gott, Hanſei! Dir iſt Dein Brod in den Honig gefallen!“ Hanſei dankte verdroſſen. Plötzlich gab es ein großes Gelächter. Niemand wußte, wer das Wort zuerſt ausgeſprochen, aber„Ammerich“ hieß das Wort; es 86 ging raſch von Mund zu Mund, und der rothe Thomas, der Sohn der alten Zenza, ein ſtarkknochiger verwegener Burſch mit nackter brauner Bruſt, ſagte laut: „Die Walpurga iſt die Amme vom Kronprinzen und der Hanſei iſt der Ammerich!“ Der Kamerad öffnete die Gartenthür und kam her⸗ ein, der ganze Trupp folgte ihm nach. Sie gingen durch den Garten, durch das Haus und den Stall, ſchauten durch die Fenſter, berochen die Nelken auf dem Fenſterbrett, ſetzten ſich auf das kleingehackte Holz unter dem Vordach. Das Haus gehörte jetzt dem ganzen Dorfe. Wenn eine Freude oder ein Leid in ein Haus eingezogen, dann ſtehen auf einmal alle Thüren offen, und der Stubenboden wird zur offenen Straße. „Was wollen denn die Menſchen alle?“ fragte Hanſei den Kameraden, der ſich neben ihm auf die Bank geſetzt hatte. „Ha, nichts! Sie wollen eben da ſein. Sie wollen's mit eigenen Augen ſehen, daß es wahr iſt, nachher können ſie es Andern erzählen. Es gönnt Dir aber Jedes Dein Glück!“ „Mein Glück? Muß ſchon ſein,“ ſagte Hanſei mit einem Tone, der nichts von Glück hatte.„Schau, Waſtl, mir ſoll's einmal nicht grad gehen in der Welt. Jetzt hab' ich gemeint, es geht immer eben fort und muß ich auf einmal wieder über einen Berg'nüber. Du freilich, Du biſt ledig, Du kannſt nicht wiſſen, was das iſt.“ „Iſt brav, daß Du Deine Frau ſo gern haſt.“ mas, gener inzen nher⸗ ingen Stall, nauf hackte e jeßt n Leid alle ffenen fragte uf die ollens nachher r aber Hanſei Schau, Welt. rt und nübet. wiſſen, ſt. „Meine Frau? So gern?“— „Ich kann mir's denken, wie Dir's iſt.“ Hanſei ſchüttelte den Kopf verneinend. „Sei luſtig!“ rief Waſtl.„Wie Mancher wär' froh, wenn man ihm ſeine Frau auf ein Jahr ab— nähme.“ „Auf ein Jahr?“ „Länger wär Manchen noch lieber,“ meinte Waſtl. „Aber Deine Frau kommt wieder und macht aus Deinem Haus ein Schloß und Du biſt der König Numero Zwei!“ Hanſei lachte, er lachte überlaut; aber es war ihm gar nicht lächerig zu Muth. Im Gegentheil! Es war ihm, als müßte er hinaus in den Wald, und nichts mehr von der Welt hören und ſehen. Mag Alles zu Grunde gehen. Warum geht die Frau fort? Hat man ſich darum verheirathet und vor dem Altare geſchworen, Leid und Freud' mit einander zu tragen ſein Lebenlang? Aber Hanſei konnte nicht fort, das halbe Dorf umſtand ihn und Jedes pries ſein Glück, und ſelbſt der Leithofbauer vom großen Hof da droben hielt mit ſeinem Fuhrwerk am Gartenzaun an, ſtieg ab, kam zu Hanſei, gab ihm die Hand, wünſchte ihm Glück und ſagte: „Wenn Du die Wieſe kaufen willſt, die neben Deinem Garten da, ſie iſt mir ohnedies weit weg, ich verkauf' ſie Dir!“ Und der Schreiner im Dorf, der ſchon längſt hatte auswandern wollen, ſagte ſchnell: 88 „Du thuſt geſcheidter, Du kaufſt gleich mein ganzes Haus ſammt den Aeckern; ich geb' Dir's billig.“ Schneller ſchwatzen die Staare auf dem Baume nicht, als hier die Menſchen. Hanſei lachte, lachte wirklich aus ganzer Seele. Das iſt ja prächtig! Die ganze Welt kommt und bietet Haus und Hof und Acker und Wieſe an! „Haſt Recht, Walpurga, haſt Recht gethan,“ ſagte er plötzlich ganz laut, die Menſchen ſchauten ihn und einander an und wußten gar nicht, was das mit dem Hanſei iſt. Er reckte und ſtreckte ſich, als ob er aus dem Schlaf aufwache und ſagte: „Dank Euch, liebe Nachbarn; wenn ich's Euch ver⸗ gelten kann in Leid und Freud, ſoll's gewiß geſchehen. Aber jetzt, ändern will ich nichts, keinen Nagel im Haus ändere ich, bis meine Frau wieder daheim iſt.“ „Das iſt wie ein Mann geſprochen, brav und ge⸗ ſcheidt,“ ſagte der Leithofbauer, und größeres Lob kann doch keinem Menſchen auf der Welt werden, als wenn der Leithofbauer ſagt:„Das iſt brav und geſcheidt.“ „Wollet Ihr meine Kuh ſehen?“ ſagte Hanſei und winkte dem Großbauer, der iſt jetzt noch der Einzige, der zu ihm paßt. Der Leithofbauer dankte, er müſſe jetzt weiter; er gab aber Hanſei die Verſicherung, ihm gern beizuſtehen, daß er ſein Geld gut anlege. Sein Geld? Wo hat er's denn? Hanſei erſchrak ins Herz hinein und griff ſich an den Kopf— er hat die Geldrolle verloren!— wo iſt ſie? Er ſteckte die Han wie ſprac mit hotte ganzes Baume „lachte ig! Die of und ſagte ihn und mit dem us dem uch ver⸗ eſchehen. agel in im iſt.“ und ge⸗ Lob kann s wenn eidt.“ nſei und kinzige, eiter; er zuſtehen, i erſchnt —er hot ſtecte die 89 Hand in die Taſche. Da iſt das Geld ja noch! Und wie er nun ſeine Geldrolle wieder in der Hand hielt, ſprach er gar wohlwollend mit den Zurückgebliebenen, mit Männern und Frauen, Mädchen und Kindern; er hatte Jedem ein freundliches Wort. Die Leute gingen endlich und Hanſei wußte nichts Beſſeres zu thun, als auf ſeinen Kirſchbaum zu ſteigen, der iſt treu, der bleibt immer da und giebt her, ſo lang er hat. Er brach wieder Kirſchen und verſpeiſte ſie und be⸗ ſchaute wieder die Telegraphendrähte und dachte: Der Draht läuft bis ins Schloß hinein, da könnt' ich mit meiner Frau reden, wenn ich's nur könnt'! Er beugte ſich vom Kirſchbaum weit hinaus und berührte den Draht, zog ſich aber ſchnell zurück wie erſchreckt, das darf man ja nicht. „Hanſei, wo biſt Du?“ rief plötzlich eine Stimme. „Da bin ich!“ „Komm mit!“ antwortete es wieder. Es war der Pfarrer, der rief. Hanſei war ſchnell auf dem Boden und jetzt em⸗ pfing er die höchſte Ehre; der Pfarrer winkte, und Hanſei näherte ſich mit dem Hute in der Hand. „Ich wünſche Dir Glück!“ ſagte der Pfarrer. „Komm mit ins Wirthshaus, der Gemswirth hat friſch angeſtochen.“ Hanſei ſchaute an ſich herab, ob er auf einmal ein ganz Anderer geworden; der Pfarrer ladet ihn ein, mit ihm zu gehen? mit ihm zu trinken?“ Er nahm die neue Ehre mit Würde an und grüßte 90 die Leute auf dem Wege ſehr freundlich, während er neben dem Herrn Pfarrer ging und alle den Hut abzogen. In der großen Stube des Gemswirthes ſprach Alles nur zu ihm und über ihn, und er war ſo voll Glück, daß er ſeine Geldrolle in der Taſche aufbrach; er wollte das erſte Stück davon herausthun und es dem Pfarrer geben, er ſollte eine Meſſe leſen zum Wohl der Wal⸗ purga. Aber die Geldſtücke waren doch zu groß, ſind ja lauter Kronenthaler. Hanſei ſagte nur: „Herr Pfarrer, leſen Sie eine Meſſe für meine Frau und mein Kind; ich will's ſchon bezahlen!“ Die Dämmerung brach ein. Die Gäſte gingen all⸗ mälig davon. Hanſei aber ſaß noch immer, wie wenn er gar nicht vom Platze könnte. Endlich war er nur noch mit dem Wirthe allein. „Jetzt haben Alle in Dich hineingeredet,“ begann der Gemswirth,„Jjetzt hör' mich an. Ich mein's doch am beſten mit Dir und bin auch juſt nicht dumm. Weißt Du, Hanſei, zu was Du paſſeſt, und Deine Frau noch mehr?“ „Zu was?“ „Da mußt Du ſitzen! Du und Deine Frau!— Ich hab' lang genug gewirthet. Wenn Deine Frau wieder kommt, ſagſt Du der Gſtadelhütte am See gut' Nacht, und da herein ſetzt Ihr Euch und habt gute Nahrung für Kind und Kindskind. Wir wollen jetzt nicht weiter davon reden, aber laß Dich auf nichts Anderes ein. Ich bin Dein beſter Freund und Ge⸗ vatter, ich meine, ich hab's heute bewieſen, und ich will keinen Heller dabei verdienen; im Gegentheil.“ man das Hanſ hrend er abzogen. ach Alles l Glück, er wollte Piorrer der Wol⸗ roß, e ngen al⸗ vie wenn rer begann ins doch dumn. d Deine rau!— ne Frau See gut abt gute en jett uf nichts und Ge und ich theil.“ 9 O wie gut ſind die Menſchen, wenn's Einem gut geht. Hanſei ſaß noch lange und ſchaute in ſein Glas. Er wollte ſich beſinnen, wer er eigentlich ſei, und dann ging er in Gedanken ſeiner Frau nach: wo die jetzt ſein mag und wie es ihr ergeht?— Wenn man nur von dieſer Stunde an ſchlafen könnte, bis das Jahr vorüber iſt; aber da ſitzen und warten... Hanſei ſchaute die Uhr an, ſie ſchlug eben zehn. Wie vielmal wirſt du noch zehn ſchlagen, bis wir wieder bei einander ſind? nickte er der Uhr zu. Wie taumelnd ging Hanſei durch das Dorf. Die Menſchen, die vor ihren Thüren ſaßen und umher⸗ ſtanden, grüßten und wünſchten ihm Glück, und weit hinein in die Berge, das wußte er, ſprechen jetzt Alle von ihm, wenn ſie auf der Sommerbank ſitzen. Es iſt ihm, als müßte er ſich in tauſend Stücke zertheilen, um Allen zu danken. Er ſteht an ſeinem Garten und betrachtet den Zaun. — Wie lange iſt's, da war er, der auf der Welt kein rechtes Heim hatte, gar ſo glücklich, ein Eigenthum zu haben; und jetzt? Drin im Hauſe ſitzt die Großmutter, er hört ſie ſingen; ſie ſingt ſein Kind in Schlaf: „Wenn alle Waſſer wären Wein Und alle Berge wären Edelſtein, Und ſie wären mein, So ſollte mir mein Schätzelein Noch viel lieber ſein.“ „Zum Beſchluß einen Kuß, Weil ich von Dir ſcheiden muß. 92 Scheiden iſt ein hartes Wort, Du bleibſt hier und ich muß fort. Weit und breit iſt die Zeit, Breiter viel die Ewigkeit.“ „Weit und breit iſt die Zeit, breiter viel die Ewig⸗ keit,“ das Wort fällt Hanſei ins Herz und die Johannis⸗ käfer, die funkelnd durch die Nacht ſchweben und auf dem Zaun und im Graſe ſitzen, ziehen ſeinen Blick hin und her, als wären es plötzlich nie geſehene Erſcheinungen. Lange träumte Hanſei ſo dahin, und als er ſich endlich mit der Hand über das thaufeuchte Geſicht fährt, meint er, es müſſe ihn Jemand forttragen, da hinein ins Haus und ihn ins Bett legen. Jetzt bei einer Wen⸗ dung ſchlägt ihm die Geldrolle an die Hüfte; er iſt wieder wach. Er geht die Straße weit hinaus, wo heut Walpurga davongefahren; er kommt an den Steinhaufen, wo ſie heut vor vierzehn Tagen geſeſſen, es liegt noch ein wenig Heu auf dem Steine, er ſetzt ſich darauf und ſchaut hinein über den weiten See, über den der Mond einen breiten glitzernden Lichtſtreif zieht; es iſt Alles ſo ſtill wie damals, aber damals war Tag und jetzt iſt Nacht. Wo nur jetzt meine Frau ſein mag? ſagt er laut, ſpringt raſch auf die Beine, er will ſeiner Frau nach, die ganze Nacht laufen; wie wird ſie ſich freuen, wenn er gleich am erſten Morgen zu ihr ins Schloß kommt!— In mächtigen Schritten geht er vorwärts. Aber an ihn hängen ſich die Gedanken: „Wie wird es aber ſein, wenn du morgen wieder fort mußt? Und was werden die Leute daheim ſagen, und was wird die Großmutter denken, ſo allein mit dem Kind?“ Viſes ihn b Von heim er g Seite Y h der hir die Gwig⸗ ohannis⸗ auf den hin und inungen. h endlich t, meint nein ins ier Wen⸗ ; er iſt wo heut nhaufen, egt noch darauf den der t; es iſt Lag und in mag er will ie wird orgen zu tten geht edanken: eder fort und wo 1 Kind?“ 93 Dennoch geht Hanſei immer vorwärts. Plötzlich überfällt ihn ein Schrecken, er hat das viele Geld bei ſich, die Gegend iſt zwar ſicher, man hat lang nichts Böſes gehört; aber es können doch Räuber kommen, ihn beſtehlen, ermorden und in den See werfen..... Von Angſt gepeinigt, wendet er raſch um und rennt heimwärts. Dort kommt eine drohende Geſtalt ihm entgegen, er greift nach ſeinem aufrecht ſtehenden Meſſer an der Seite.— Wenn's nur Einer iſt und kein Hinterhalt, bin ich Manns genug, tröſtet er ſich. Die Geſtalt kommt näher, ſie grüßt von ferne, es iſt eine Frauenſtimme. Sollte Walpurga? Nein, das iſt nicht möglich. Die Geſtalt bleibt ſtehen. Hanſei geht auf ſie zu: „Ei, Du biſt's Eſther? Noch ſo ſpät auf dem Weg?“ „Und Du Hanſei?“ erwidert die ſchwarze Eſther, die Tochter der Zenza, und lacht hell auf.„Ich hab' gemeint, es wär' ein Betrunkener, weil ich Dich von fern habe mit Dir allein reden hören. Ja freilich, jetzt biſt Du allein.“ „Und Du gehſt noch ſo allein in ſpäter Nacht den Wald hinaufz“ „Wenn mich Niemand begleitet, muß ich allein gehen,“ lachte die ſchwarze Eſther, es tönte ſo laut in der ſtillen Nacht. Es trat eine Pauſe ein. Hanſei hörte ſein Herz klopfen, vom ſchnellen Gehen wol. „Ich muß heim,“ ſagte er endlich.„Ich wünſche Dir gute Nacht.“ Die ſchwarze Eſther legte ihre Hand auf ſeine 94 Schulter und ſagte:„Hanſei, ich bettle ſonſt nie, und am Tag thät' ich's nicht und wenn ich verhungern müßt', aber jetzt, Du haſt ein gutes Herz und es geht Dir gut: ſchenk' mir was oder leih mir ein Stück Geld, ich geb' Dir's wieder.“ Sie ſprach ſo zutraulich, Hanſei zitterte; ihre Hand lag auf ihm, er wollte ſchon in die Taſche greifen und ihr den loſen Kronenthaler geben, den er dem Pfarrer abgeſpart hatte, aber unverſehens machte er eine ſcharfe Armbewegung, ſchob die Hand von der Schulter und ſagte:„Ein andermal geb' ich Dir was.“ Mit ſchnellen Schritten rannte er heimwärts. Er hörte helles Lachen hinter ſich, und das klang, wie wenn hundert andere Stimmen aus dem Felſen ant⸗ worteten. Hanſei ſtanden die Haare zu Berge, es über⸗ lief ihn eiskalt und ſiedendheiß. Das war gewiß eine von den Wildweibern, ſie hat nur die Geſtalt von der ſchwarzen Eſther angenommen, und es iſt ja Alles wahr mit den Wildweibern, der alte Holzmeiſter hat eine geſehen und hat's noch auf dem Todtenbett bekannt; bei Vollmond laufen ſie herum und wickeln ſich in ihre langen Haare, die man für Kleider hält, und in ſo einer Nacht, wo die Mutter von ihrem Kind fort iſt, da haben ſie Gewalt.... Sein Lebenlang war Hanſei der Weg am See nicht ſo weit vorgekommen, und ſein Lebenlang war er nicht ſo gerannt, wie heute. Endlich war er an ſeinem Hauſe; es ſteht noch da, es iſt noch Alles feſt. Hanſei hielt lange die Hand an die Mauer, als müßte ihm das die Gewißheit geben, daß es noch da iſt. 6 icht, hieltt Hand winkt 5 ihr v mit und Reiſe dohei Die( da, in S Und ſiel gehe wuß ſog mo wo d ahe dobe wol im d ged — nie, und rhungern es geht ück Geld, , Hanſei on in die et geben, verſehens die Hand geb ich imwärts. ung, wie lſen ant⸗ es über⸗ wiß eine von det lles wohr hat eine bekannt; h in ihre nd in ſo fort iſt, See nicht er nicht noch de, Hand an eit geben, Er ging ins Haus. In der Stube brannte noch Licht, die Großmutter ſaß auf einem Schemel und hielt das Enkelchen im Schooß; ſie bedeckte mit der einen Hand die rothgeweinten Augen, mit der andern Hand winkte ſie Hanſei, recht leiſe aufzutreten. Hanſei ſah der Schwiegermutter nicht an, was mit ihr vorgegangen war und noch vorgeht. Er war nur mit ſich beſchäftigt und ſaß hinter dem Tiſch, ſo müde und fremd, als käme er von einer weiten gefahrvollen Reiſe. Er mußte ſich immer wieder erinnern, daß er daheim ſei und es iſt doch kein rechtes Daheim mehr. Die Großmutter legte das Kind in die Wiege und ſaß da, das Kinn auf die geballte Fauſt geſtützt. Sie hatte im Schutze der vier Wände ganz Anderes durchgemacht, als Hanſei draußen. Nach der Abreiſe Walpurgas, und nachdem auch Hanſei fortgegangen, war das Ge⸗ ſpiel eine Weile bei ihr geblieben. Wie es Walpurga gehen werde, war bald durchgeſprochen; denn man wußte es eben nicht. Als es Nacht zu werden begann, ſagte das Geſpiel, ſie wolle jetzt heimgehen, werde aber morgen wieder kommen. Die Großmutter nickte; ſie war gern allein, ſie konnte dann beſſer zu ihrem Kinde denken. Sie ſprach ihm Gebete nach auf den Weg; aber die Worte gingen ihr ſo leicht, daß ſie Anderes dabei denken konnte. Zuerſt dachte ſie, Walpurga betet wol auch dieſelben Worte; mit jedem Worte ſind ſie immer weiter von einander, aber in der Seele ſind ſie doch beiſammen. Sie freute ſich, daß Walpurga ſo gediehen war in Allem; man kann ſich auf ſie verlaſſen. Schwer hat ſie's, ſo allein in der fremden Welt; aber am Ende ſind's doch auch Menſchen. wollte ſie überkommen, ob Walpurga aushalte. Sie hat freilich viel brave Gedanken, aber wenn ſie ihr auch nur zur rechten Zeit immer einfallen.„Du wirſt es mir nicht anthun, daß Du Dich verderben läſſeſt,“ ſagte ſie laut vor ſich hin, und hörte auf mit Beten. — Plötzlich war's ihr ſo einſam und verlaſſen, ſo 96 Ein Bangen allein; ſie hatte noch nie eine Nacht ohne Walpurga gelebt, und ſie ſchaute zu den Sternen auf und wünſchte, wenn's nur ſchon Tag wäre. Hanſei hätte wohl da⸗ heim bleiben können; aber es iſt doch auch eine Ehre, daß der Pfarrer ihn mit ins Wirthshaus genommen, wie das Geſpiel berichtet hat. Er wird jetzt gewiß der Großmutter einen Schoppen alten Wein zur Herzſtär⸗ kung heimſchicken, und wenn es auch nur ein halber Schoppen iſt, man ſieht doch den guten Willen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen; ſie lechzte nach dem Wein und horcht hinaus, ob nicht die Magd des Gems⸗ wirths kommt mit der Flaſche unter der Schürze; ſie wartete lange und vergebens. Da überfiel ſie ein namenloſes Mitleid mit ſich ſelber, und ſie weinte große Thränen. arme Wittfrau ſoll ſein, aber wie es weinte, aber aus Du biſt ein arger Ja, wenn ihr Mann noch lebte! So eine immer nur für Andere bei der Hand ihr iſt, daran denkt Niemand. Sie dem Weinen heraus erhob ſie ſich: Sünder; haſt du's denn nicht gut, daß du Nahrung, Wohnung und Kleidung haſt und kein böſes Wort?— Sei froh, daß du noch zuweg biſt und für die Andern was thun kannſt. Die Thränen hatten ihr leicht gemacht; ſie waren hein doch Rich nete liche Han hall mut Bangen te. Sie ſie ihr du wirſt läſeſt,“ t Beten. ſſen, ſo alpurga wünſchte, wohl da⸗ ne Chre, nommen, ewiß der Herzſtär⸗ n halber en. Die en Wein Gems⸗ irze; ſie ſe ein ne grße So eine der Hand d. Sie i ſch: icht gu haſt und 6 zuweg ie waren 97 beim unrechten Anlaß herausgekommen, aber ſie waren doch frei. Wie in Scham vor dem Enkelchen, das doch Nichts ſehen konnte, wendete ſie ſich von ihm ab, trock⸗ nete ihr durchfurchtes Antlitz und ſang dem Kinde fröh— liche Lieder. Dann wartete ſie wieder lange ſtill bis Hanſei kam. So traf er ſie, das Kinn auf die ge⸗ ballte Fauſt geſtützt, an der Wiege ſitzend. „Wo biſt ſo lang geweſen?“ fragte die Groß⸗ mutter leiſe. „Ich weiß ſelber nicht.“ „Jetzt iſt die Walpurga wol auch ſchon im Bett?“ „Kann ſchon ſein, mit vier Roß fahren ſie ſchnell.“ „Hörſt Du, wie die Kuh draußen im Stall brüllt? Das arme Thier iſt's eben auch nicht gewohnt, allein zu ſtehen, und das Kalb hat der Metzger heut Abend da vorbei getrieben. Es iſt ein Grauſen, wie ſie jammert. Geh doch einmal in den Stall und ieh zu ihr.“ Hanſei ging in den Stall, die Kuh war ſtill. Er ging weg, da fing ſie wieder zu ſchreien an. Er kehrte zurück, gab ihr die beſten Worte; ſo lang er ſprach und die Hand auf das Rückgrat der Kuh legte, war ſie ſtill, ſobald er aber wieder hinausging, fing ſie um ſo erbärmlicher zu ſchreien an. So ging er verzwei⸗ felnd hin und her zwiſchen Stube und Stall. Er kehrte nochmals zur Kuh zurück, gab ihr das beſte Futter und ſetzte ſich auf einen Heubündel. Endlich legte ſich die Kuh zum Schlafe nieder und auch Hanſei ſchlief Auerbach, Auf der Höhe. l. 7 ein. Er war über alle Maßen müde; es hat wol nicht und bald ein Menſch an einem einzigen Tag ſo viel erlebt, nan wie unſer Hanſei. ſhnn ſſt da Zwölftes Capitel. hre er mk Als Walpurga am Morgen im Schloſſe erwachte, Mitt glaubte ſie, daheim zu ſein, und betrachtete die fremde Sonn Umgebung wie einen Traum, der nicht weichen will. uf!“ Erſt allmälig beſann ſie ſich, was vorgegangen war. ſich e i Sie drückte nochmals die Augen zu und ſprach ihr einm Morgengebet, dann blickte ſie frei auf: da ſcheint ja ich dieſelbe Sonne, die daheim in die Gſtadelhütte am See tt leuchtet. ſch Mit friſchem, ſelbſterwecktem Muthe ſtand ſie auf. ae Lange lag ſie am Fenſter und ſtarrte hinein in das uſſen fremde Leben. Gott Sie ſah nichts vom Stadtgetriebe. Der Schloßplatz, Fit von einer großen Reihe buſchiger Orangenbäume be⸗ in d. kränzt, war weit abgeſchieden vom Geräuſch der Straße; S nur die beiden Soldaten am Schloßthore ſah man Gewehr im Arm auf und ab gehen. ſi Die Gedanken Walpurga's aber wanderten heim⸗ guy wärts. Sie ſah leibhaftig, wie es jetzt daheim iſt in ſin der Gſtadelhütte am See. Sie hört das Holz knacken, m mit dem die Mutter Feuer anmacht, ſie kennt das W Lämpchen, das ſie vom Küchenbrett nimmt. Milch 6 haben wir im Haus, wir haben ja eine Kuh. Die in Mutter wird ſich freuen, daß ſie wieder melken kann; wachte, fremde en pil. n war. uch ihr heint ja am Ste ſie auf. in das S5 2 ume be⸗ Straße h man n hein⸗ n iſt in fnacken, nnt dos Milch h. De n kann, und wo man jetzt daheim ein Feuer anzündet, denkt man an mich; und die Staare auf dem Kirſchbaum ſchwatzen: Unſere Hausfran iſt fort, aber eine Kuh iſt da! Walpurga lächelte vor ſich hin, und weiter gingen ihre Gedanken: Mein Hanſei verſchläft den Morgen, er muß immer geweckt werden, ſonſt ſchlief' er bis es Mittag läutet; er wacht nie von ſelber auf.„Die Sonne brennt ein Loch in Dein Bett! Hanſei, ſteh' auf!“ ruft die Mutter, er macht ſich heraus und wäſcht ſich am Brunnen, und jetzt eſſen ſie die Suppe mit einander, und das Kind hat ſeine gute Milch. Wenn ich mir nur die Kuh auch noch recht angeſehen hätte! Jetzt holt Hanſei Futter beim Gemswirth. Wenn er ſich nur von dem nicht betrügen läßt, das iſt eig gar arger Schelm. Und der Hanſei wird ſich ſo viel ver— laſſen vorkommen, verlaſſener, wie mein Kind. Aber Gottlob, er hat ja zu thun. Es iſt gute Zeit zum Fiſchen, er geht nicht in den Wald. Jetzt ſpringt er in den Nachen, daß es poltert; die Ruder klatſchen im See und er fährt hinaus und fiſcht.... Weiter will Walpurga denken, wie's am Mittag ſein wird und dann am Abend; plötzlich ſpürt ſie's im Kopf, wie wenn ihr der Verſtand ſtille ſtehe— fort ſein und todt ſein, iſt faſt eins; du kannſt dir nicht denken, wie es ſein wird, eine Stunde nach deinem Tod, du kannſt dich nicht hinausdenken aus der Welt. Es wirbelt ihr, ſie wendet ſich raſch um und ſagt wie in Geſpenſterfurcht zur Mamſell Kramer: „Wir wollen was ſchwätzen.“ 100 Das ließ ſich Mamſell Kramer nicht zweimal ſagen. Sie erzählte Walpurga, wie das ganze Schloß davon ſpreche, daß die Königin ſie geſtern Abend geküßt habe, und daß es morgen in allen Zeitungen ſtehen werde. „Geh!“ erwiderte Walpurga, und Mamſell Kramer erklärte ihr, daß ſie wohl gegen ſie ſolch ein Wort ſagen dürfe, aber gegen Andere nicht; man müſſe immer beſcheiden re was man meine, nicht blos einen Ton hinwerſen, wie ein Vogel. Walpurga ſchaute auf und ſtand lauſchend, als ſpräche Mamſell Kramer noch immer weiter und ſie ſagte endlich:„Faſt gerad' ſo hat mir's mein Vater ſeliger auch einmal geſagt; ich hab's aber damals noch nicht verſtanden. Jetzt— ich hab' nur ſagen wollen: die Leute in der Stadt müſſen viel Langweil' haben, wenn ſie aus ſo was ein Auf⸗ hebens machen.“ In ſch hinein ſchloß ſie wieder: Geh! Der kleine Prinz erwachte, Walpurga nahm ihn auf, und als er an ihrer Bruſt wieder einſchlief, ſang ſie ihm mit heller Stimme: Wir Beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein, Glückſelig ſein die Stunden — Wann wir beiſammen ſein. Als ſie geendet und das Kind wieder in die Wiege gelegt hatte, ſah ſie ſich um; an der Thür ſtanden der König und der Leibarzt. „Du kannſt ja prächtig ſingen!“ ſagte der König. „Geh„erwiderte Walpurga, und:„So was man ins Haus braucht, aber beſonders ſchön iſt's nicht,“ ir l ſagen. ß davon ißt habe, werde. Kramer in Wort ſe inmer os einen aute auf ner noch gerad ſo ugt; ich 1 t müſſen ein Auf⸗ r Gehl uhm ihn ef, ſang ie Wiege ſtanden r Knig. was man nicht, 101 ſetzte ſie auf Mamſell Kramer ſchauend hinzu. Sie dolmetſchte jetzt ſich ſelbſt. Der König und der Leibarzt freuten ſich am Anblicke des Kindes. „Der Tag iſt doch ganz anders, wenn man zum Erſtenmal in das Auge ſeines Kindes ſieht,“ ſagte der König, und Walpurga beſtätigte: „Ja, da ſchaut Einen die Welt ganz anders an; da hat der Herr König ein wahres Wort geſagt.“ Es antwortete ihr Niemand und der König lächelte. Er ging mit dem Leibarzt davon. Mamſell Kramer prägte Walpurga ebenſo behutſam als eindringlich das erſte Gebot ein: „Du darfſt zu Seiner Majeſtät dem Könige und zu Ihrer Majeſtät der Königin nicht ſprechen, bis ſie Dich etwas fragen“ „Das iſt geſcheidt! Da hört man nichts Unebenes! O wie geſcheidt eingerichtet!“ rief Walpurga zur Ueber⸗ raſchung der Mamſell Kramer.„Das will ich mir merken!“ Beim Frühſtück im Pavillon des Schloſſes konnte man erfahren, daß Mamſell Kramer und vielleicht auch Walpurga die Wahrheit geſprochen. In den Gruppen, die ſich guf der Veranda unter den Orangenbäumen ſammelten, ſprachen Vertraute mit einander,— nachdem ſie ſich gegenſeitig die Zunge gehoben und überzeugt hatten, man dürfe der Mediſance freien Spielraum laſſen,— wie die Sentimentalität der Königin ſich wieder in ihrem Verhalten gegen die Amme gezeigt habe; das ſüßliche Gethue ſei leider ein Erbſtück derer aus dem 102 Hauſe***— Die Oberhofmeiſterin, hieß es, ſei wieder krank geworden von dem Aerger über das etiquette⸗ Pe widrige Benehmen der Königin. zu „Die in entwerthet ihre Gunſtbezeigungen,“ — eine ältere Hofdame, die gut anderthalb Pfund ein falſches S auf dem Kopfe hatte. W „Nichts iſt langweiliger, als permanente Zärtlich⸗ bu keit,“ bemerkte eine andere wohlbeleibte, ſtreng kirchliche Palaſtdame; aber ſofort die böſe Nachrede mit dem Mantel der Liebe zudeckend, ſetzte ſie hinzu:„Die Königin iſt N noch halb Kind und meint es im Grunde ſo gut.“ do Die fromme Palaſtdame war hiemit nach beiden vo Seiten gedeckt, ſie konnte mit den Mediſirenden und in mit den Liebreichen gehen. l „Sie haben wol wenig geſchlafen?“ ſagte eine ältere i zu einer ſehr jungen, blaß ausſehenden Hofdame. g „Allerdings,“ ſeufzte die Angeredete.„Ich habe g noch den letzten Band von— ſie nannte einen neuen g franzöſiſchen Roman, einen unzweideutigen— bei einem einzigen Lichte ausgeleſen. Sehr intereſſant, werde Ihnen heute das Buch zurückgeben.“ „Dann bitte Ich darum!— und Ich— und Ich!“ rief es von verſchiedenen Seiten. Die fromme Palaſtdame wollte von dieſen Dingen nichts hören, obgleich ſie den Roman heimlich auch ſchon geleſen. Sie lenkte das Geſpräch wieder auf Walpurga, ſie hatte die neueſte Nachricht, daß die Amme ſehr ſchön ſingen könne. „Wer ſingt ſchön?“ fragte Gräfin Irma hinzu⸗ tretend. i wieder tiguette⸗ ungen,“ Pfund zärtlich⸗ kicchliche Mantel nigin iſt en und e ältere me. ſch habe n neuen ei einem werde ndIch!“ Dingen ich ouch der ol daß die 103 „Das iſt etwas für Sie, liebe Wildenort; von der Walpurga können Sie viele neue Lieder lernen und zur Zither ſingen.“ „Ich warte, bis wir wieder im Freien ſind. Solch eine Bäuerin in Schloßgemächern iſt ein Widerſpruch. Wann zieht denn der Hof wieder nach der Sommer— burg?“ „Erſt in ſechs Wochen!“ Es gab noch viel Gerede über Walpurga, und eine Dame behauptete, es ſei eine Intrigue des Leibarztes, daß man eine Amme aus dem Gebirge holen mußte, von wo der Leibarzt auch ſtammte; er ſchaffe ſich immer Alliirte, denn dieſe Perſon werde großen Ein— fluß auf die Königin haben. Man ſprach von dem intriguanten Weſen des Leibarztes, der ſich den Anſchein gäbe, als ob er mit den Ueberſchwänglichkeiten der Königin ernſtlich ſympathiſire; denn das war Allen gewiß: wer ſich ſo lang und beſtändig in der Gunſt des Hofes erhält, bringt das nicht mit ehrlichen Mitteln zuwege. „Der Leibarzt iſt noch gar nicht ſo alt,“ ſagte eine ſehr hagere Hofdame,„er iſt erſt im Anfange der Fünfzig. Ich glaube, er hat ſich die Haare weiß ge⸗ färbt, um vor der Zeit recht ehrwürdig auszuſehen.“ Man lachte viel über dieſen Scherz. Vor dem Frühſtück gab es unabänderlich immer getrennte Männer⸗ und Frauengruppen. In dem Kreis der Hofcavaliere war von Telegrammen die Rede, die nach allen Höfen ausgegangen, auf welche bereits vielfach Antworten eingetroffen waren und noch immer einliefen. Erſt nach dem Frühſtück in einer Sitzung des Haus⸗ miniſteriums und Hofmarſchallamtes ſollte beſtimmt werden, wer außer den Eltern der Königin zu Gevatter gebeten werden ſollte. Es hieß ſogar, daß der Papſt einen beſondern Nuntius zur Taufe ſchicken werde, dem der Biſchof aſſiſtire. Von ſo fern liegenden Höhen lenkte der Flügel⸗ adjutant des Königs, der Bruder der Gräfin Irma, die Unterhaltung wieder auf Walpurga; er rühmte ihre Schönheit und ihr drolliges Weſen, der Kuß der Königin wurde auch hier nachgeſchmatzt; der Flügel⸗ adjutant hatte dazu ein Witzwort aufgebracht, über das Alle hellauf lachten. Plötzlich hieß es:„Der König!“ Die Gruppen zertheilten ſich und ſtellten ſich grüßend in Reihen auf. Der König ging dankend durch die Reihen nach dem Dianenſaal, wo man frühſtückte. An der Decke war die Göttin Diana mit ihrem weiblichen Jagdgefolge, von einem Schüler Rubens gemalt. Der Oberhofmarſchall überreichte dem König ein Paket Telegramme. Der König erwiderte, er möge ſie nur ſelbſt öffnen und über diejenigen, die etwas mehr als Gratulationen enthielten, beſondere Mittheilung machen. Man ſetzte ſich zum Frühſtück. Es war hier in der Stadt nicht ſo heiter und zwanglos, wie draußen auf dem Sommerſchloſſe; auch lag Allen noch die Unruhe der vergangenen Nacht im Gemüthe. Es wurde nur leiſe geſprochen. „Gräfin Irma!“ ſagte der König.„Ich empfehle Ihnen die Walpurga, ſie iſt eine Figur für Sie, und Eie lehre / Gnad hofm Sein wider Ende fuſt 0 eſtimmt evatter Papſt werde, Flügel⸗ Irma, rühmte tuß der Flügel⸗ ber das rüßend te. An iblichen t. Der Poket ſie nur ehr al nachen. er und e; auch acht in mpfehl d le, und 105 Sie können ſchöne Lieder von ihr lernen und ſie neue lehren.“ „Danke, Majeſtät! Wollen Eure Majeſtät nur die Gnade haben, zu befehlen, daß mir die Frau Ober— hofmeiſterin geſtatte, zu jeder Zeit in die Gemächer Seiner königlichen Hoheit des Kronprinzen zu gehen.“ „Wollen Sie das beſorgen, lieber Rittersfeld!“ er⸗ widerte der König, zum Oberhofmarſchall gewendet. Man glückwünſchte der Gräfin Irma, die am untern Ende des Tiſches ſaß; das Geſpräch heftete ſich nun faſt ausſchließlich an Walpurga. Dem König wurden die Morgenzeitungen gebracht. Er durchflog ſie und rief unwillig: „Dieſe ſchwatzhafte Preſſe! Da ſteht der Kuß der Königin auch ſchon in den Landesblättern.“ Sein Antlitz verfinſterte ſich; es war offenbar, daß ihm die Thatſache und noch mehr deren Bekanntwerden höchſt peinlich war. Nach einer Weile ſagte er: „Meine Herren und Damen, ich bitte dafür zu ſorgen, daß die Königin nichts davon erfährt.“ Er ſtand raſch auf und ging. Die Frühſtücksgeſellſchaft trennte ſich nur langſam, und die fromme Palaſtdame konnte ſich nun offen zur Mediſance bekennen. Der Mantel der Liebe war nicht mehr nöthig: der König war der ſentimentalen Gemahlin bereits überdrüſſig.— Sollte die Gräfin Irma...? Wer weiß, ob das nicht ein fein angelegter Plan iſt, ihr offenen Zutritt zu den Gemächern des Kronprinzen zu verſchaffen? Der König wird ſie da treffen... Wer weiß—2 106 Man war ſehr erfinderiſch in Combinationen und Vermuthungen, die man indeß ſehr behutſam und vor⸗ ſichtig einander zuflüſterte. Walpurga und die Königin, ja ſogar der Kronprinz waren eine Weile ganz vergeſſen. Dreizehntes Capitel. „So, mein Junge! Jetzt haſt Du zum Erſtenmal die Sonne geſehen, und dieſe Sonne ſollſt Du ſieben⸗ undſiebzig Jahre ſehen in Geſundheit und Glück, und wenn die ſiebenundſiebzig Jahre um ſind, ſoll Dir unſer Herrgott noch einmal Urlaub geben. Geſtern Abend haben ſie Dir zulieb tauſend Millionen Lichter angezündet, das iſt aber Alles nichts gegen die Sonne, die Dir heute unſer Herrgott am Himmel anzündet. Burſche! ſei immer brav, daß Du's werth biſt, daß die Sonne auf Dich ſcheint. Ja, jetzt lacht ein Engel aus Dir! lach' nur im Schlaf! Du haſt einen Engel auf Erden, und das iſt Deine Mutter, und Du biſt auch mein, ja, Du biſt mein!“ So ſprach Walpurga mit leiſer Stimme aber im innigſten Tone in das Antlitz des Kindes hinein, das in ihrem Schooße ſchlief. In ihrer Seele begann be⸗ reits jener geheimnißvolle liebende Zuſammenhang, der ſich aus der Nahrunggebung entwickelt. Es iſt ein tiefer Zug der Menſchennatur, daß wir die lieben, denen wir Wohlthaten erzeigen können; ihr Leben wird eins mit uns. Walpurga vergaß ſich, vergaß Alles, was draußen die en und nd vor⸗ önigin, geſſen. ſtenmal ſieben⸗ ck, und oll Dir Geſtern Lichter Sonne, nzündet. ſt, daß n Engel n Engel Du bit aber in in, dus unn be⸗ ung, der in tift enen wir ird eins dronßen 107 in den Bergen, in der Gſtadelhütte am See ihr zu⸗ gehörte; hier war ſie jetzt nöthig, hier war ein Leben auf ſie angewieſen. Strahlenden Auges ſchaute ſie auf Mamſell Kramer, deren Blick voll Freude auf ihr ruhte. „Ich meine,“ ſagte ſie,„in dem Schloß iſt's wie in einer Kirche; da hat man lauter gute fromme Gedanken, alle Menſchen ſind ſo ſanft und herzlich und ohne Hinterhalt.“ Mamſell Kramer lächelte und erwiderte: „Liebes Kind—“ „Heißen Sie mich nicht Kind! Ich bin kein Kind. Ich bin eine Mutter.“ „Aber hier in der großen Welt biſt Du doch noch ein Kind. Ein Hof iſt gar was Beſonderes. Jetzt geht der Eine jagen, der Andere ſiſchen; der Eine baut, der Andere malt; der Eine lernt ſeine Schauſpiel⸗ rolle, der Andere übt ſein Muſikſtück, eine Tänzerin lernt einen neuen Tanz, ein Gelehrter ſchreibt ein neues Buch— Alle im ganzen Land kochen und braten, exer⸗ ciren und muſiciren, ſchreiben und malen und tanzen, Alle thun Alles, damit der König und die Königin eine Freude daran haben; denen wird's zugerichtet!“ „Das verſtehe ich!“ fiel Walpurga ein und Mam— ſell Kramer fuhr fort: „Glaub' mir, ich habe ſechzehn Ahnen im Schloſſe“ — es waren eigentlich nur ſechs, aber ſechzehn ſpricht ſich beſſer, und darum erlaubte ſich Mamſell Kramer dieſen Aufſputz—„ſeit vielen Geſchlechtern ſind meine Ahnen Hofdiener, mein Vater iſt Kaſtellan auf der 108 Sommerburg; ich bin dort geboren, ich kenne den Hof; ich kenne Alles; ich kann Dich viel lehren.“ „Und ich lerne gern,“ ſchaltete Walpurga ein. „Du denkſt, alle Menſchen meinen's gut? Glaube mir, in einem Schloſſe ſind Menſchen von allen Arten, ſchlechte und gute, da laufen alle Laſter herum und alle Tugenden, Dinge, von denen Du gar keine Ahnung haſt und nie bekommen ſollſt; aber manierlich thun ſie Alle. Ich bitte Dich: bleib ſo, wie Du biſt und gehe wieder ſo heim, wie Du gekommen.“ Walpurga ſah die Mamſell groß an. Wer kann ſie denn anders machen? Es kam die Nachricht, die Königin ſei erwacht, Walpurga ſolle mit dem Prinzen zu ihr kommen. Sie ging, das Kind auf dem Arme, durch die Zimmer, geleitet vom Leibarzt, Mamſell Kramer und zwei Kammerfrauen. Die Königin lag ruhig und ſchön auf dem Kiſſen, ſie wendete nur grüßend das Antlitz zu den Eintretenden. Ein breiter, ſchräger Strahl des Sonnenlichtes fiel durch den zurückgeſteckten Vorhang in das Zimmer; es war heute noch viel ſchöner, noch viel ſtiller in dem Gemache, als ob es eine Stille gäbe, die noch mehr als Lautloſigkeit ſei. „Guten Morgen!“ rief die Königin mit inniger Stimme.„Gieb mir mein Kind!“ Sie ſenkte den Blick zu dem Kinde auf ihrem Arme, dann ſchlug ſie die Augen auf und hauchte leiſe ohne Jemand anzu— blicken: „Ich ſehe mein Kind zum Erſtenmal im vollen 1 Tageslicht! kein nenſt Walp etzt Mom ſie Dort kay unſi en Ho; ein. Glaube n Arten, und alle Ahnung ich thun biſt und er kann erwacht, en. urch die ner und nd ſchön 3 Antlitz Vorhang er, noch ile gbe, inniger nkte den ſchlug ſie nd anzl⸗ m wlen 109 Geraume Weile war Alles ſtill, als athmete hier kein Menſchenleben, und als dränge der breite Son⸗ nenſtrahl nur allein ins Zimmer. „Habt Ihr gut geſchlafen?“ fragte die Königin. Walpurga war froh, jetzt hat die Königin gefragt, jetzt darf ſie antworten. Raſch ſtreifte ihr Blick die Mamſell Kramer. „Ja gewiß,“ ſagte Walpurga.„Schlaf iſt das Erſte und Letzte und Beſte, was man auf der Welt kriegt.“ „Sie iſt klug,“ ſagte die Königin in franzöſiſcher Sprache, zum Leibarzt gewendet. Walpurga erſchrak bis ins Herz hinein. So bald ſie Franzöſiſch hörte, kam ſie ſich wie verkauft und verrathen vor; die Menſchen waren ihr in eine Tarn— kappe gehüllt, wie die Kobolde im Märchen, ſie waren unſichtbar und ſprachen doch. „Hat der Prinz auch gut geſchlafen?“ fragte die Königin. Walpurga wiſchte ſich mit der Hand übers Geſicht, als ob ſie eine Spinne abſchüttle, die darüber kriecht. Die Königin nennt ihr Kind nicht Kind und nicht Sohn, ſondern Prinz. Walpurga antwortete: „Ja, Gottlob! ganz gut; wenigſtens habe ich nichts von ihm gehört, und ich hab' nur ſagen wollen, ich möchte es mit ihm“— ſie konnte nicht Prinz ſagen und ſprach nur immer mit Er—„ich möchte es mit ihm halten, wie mit meinem eigenen Kind. Das haben wir vom erſten Tag an gut gezogen. Meine Mutter hat mich's gelehrt. So ein Kind hat von der erſten „ Minute an ſeinen Eigenwillen, dem darf man nicht nachgeben. Man darf es nicht aus der Wiege nehmen, wenn es will, und ihm auch nicht zu trinken geben, wenn es will; das hat Alles ſeine geſetzte Zeit, es gewöhnt ſich bald daran und es ſchadet ihm gar nichts, wenn man's ſchreien läßt; im Gegentheil, da geht die Bruſt recht auseinander.“ „Schreit er?“ fragte die Königin. Das Kind gab ſelbſt die Antwort, es fing laut zu ſchreien an. „Nimm ihn und beruhige ihn,“ bat die Königin. Der König trat eben ein, als der Knabe noch laut ſchrie. „Das giebt eine gute Commandoſtimme,“ ſagte er, ſtreckte ſeiner Frau die Hand entgegen und küßte die ihrige. Walpurga beruhigte das Kind; ſie wurde mit Mam⸗ ſell Kramer wieder in ihre Zimmer zurückgeſchickt. Der König erzählte von den eingegangenen Depeſchen und der Beſtimmung der Pathen. Die Königin war mit Allem einverſtanden. Als Walpurga wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war und das Kind in die Wiege gelegt hatte, ging ſie unruhig auf und ab. „Es giebt keinen Engel auf der Welt! ſie ſind Alle gerad ſo wie wir und wer weiß...“ ſo ſprach ſie. Sie war zornig auf die Königin: Warum will ſie nicht ruhig mit anhören, wie ihr Kind ſchreit? Man muß Alles von den Kindern auf ſich nehmen, Freud' und Leid. nan nicht nehmen, en geben, Zeit, es ar nichts, geht die laut zu önigin. abe noch ſagte er, küßte die it Mam⸗ ickt. Depeſchen igin war ichet kehrt ging ſie ſie ſind ſo ſuc mn vil ſchreit? nehnen, 111 Sie trat auf den Gang hinaus, da hörte ſie die Orgel in der Schloßcapelle. Zum Erſtenmal in ihrem Leben war ihr dieſer Klang zuwider. Das gehört nicht ins Haus, dachte ſie, nicht da gerad nebenhin, wo Allerlei getrieben wird; die Kirche muß allein ſfür ſich ſtehen. Als ſie wieder ins Zimmer kam, war ein Fremder da. Manſell Kramer ſagte, daß dies der Leibſchneider der Königin ſei. Walpurga lachte laut auf über das Wort: Leib⸗ ſchneider. Der elegante Mann ſah ſie verdutzt an, und Mamſell Kramer erklärte, das ſei der Kleidermacher Ihrer Majeſtät der Königin; er ſei gekommen, um für Walpurga drei neue Anzüge zu machen. „Soll ich Stadtkleider tragen?“ „Gott bewahre! Du ſollſt die Tracht Deiner Heimath ganz genau haben, und kannſt Dir ein rothes, blaues und ein grünes Mieder beſtellen. Oder willſt Du lieber eine andere Farbe?“ „Ich wüßte nicht; aber ich möchte auch ein Werkel⸗ tagskleid haben. So immer im Sonntagsputz herum⸗ gehen für alle Tag— das geht doch nicht!“ „Am Hofe geht man immer in Sonntagskleidern, und Du mußt, wenn Ihre Majeſtät die Königin wieder ausfahren, mit ihnen ausfahren.“ „So? Meinetwegen! Mir kann's ſchon recht ſein.“ Walpurga lachte immerfort, während ihr das Maß genommen wurde, ſo daß der bitten mußte, ſich ruhiger zu halten. Während er das Maß einſteckte, erklärte er noch der Mamſell— daß er ſich ein genaues Modell habe kommen laſſen, auch habe ihm der Ober⸗Ceremonienmeiſter noch einige Zeichnungen zu⸗ kommen laſſen, ſo daß die Tracht gewiß die voll— kommene würde. Zuletzt bat er noch, den Kronprinzen ſehen zu dürfen. Mamſell Kramer wollte es gewähren, aber Wal⸗ purga wehrte ſich dagegen. Bevor das Kind getauft iſt, darf es Keiner aus Neugierde anſehen; und nun gar ein Schneider. Da wird das Kind ſein Lebentag kein rechter Mann. Mamſell Kramer gab dem Hofſchneider einen ver⸗ ſtändnißreichen Wink, daß man gegen den Aber⸗ glauben der Leute aus dem Volke nichts thun und die Amme nicht aufregen dürfe; der Schneider verab⸗ ſchiedete ſich. Walpurga hatte nach dieſem Vorfall die erſte heftige Zurechtſetzung mit Mamſell Kramer. Sie begriff nicht, wie ſie das Kind wollte begucken laſſen.—„Nichts thut einem Kinde weher, als wenn man's im Schlaf anſieht, und noch dazu ein Schneider! Meck, meck!“ Die ganze tolle Laune, die ſich im Volkslied gegen die Schneider kundgiebt, brach in Walpurga hervor, und ſie ſang eines jener herben Spottlieder: Hei luſtig Blut und unverzagt, Es hat ein' Schneck ein' Schneider gljagt, Und wär' der Schneider nicht tapfer g'ſprunge, So hätt' die Schneck den Schneider g'unge. Die Kuchipfanne hat ein Loch, Gibili Gäbeli Geißebock. — Mam 0 habe ihm ungen zu⸗ die voll— ſehen zu aber Wol⸗ id getauft und nun Lebentag einen ver⸗ en Aber⸗ thun und der verab⸗ rſte heſtige iff nicht, ſichts thut af anſicht, lied gegen a hetwl, nge, 113 Durch die Bekanntſchaft mit dem Hofſchneider war Mamſell Kramer ſehr in ihrer Achtung geſunken. Dieſe ſuchte die ſpottſüchtig Aufgeregte zu beruhigen, und ſagte: „Freuſt Du Dich denn gar richt auf Deine ſchönen, neuen Kleider?“ „Ehrlich geſtanden: Nein! Ich zieh' ſie ja nicht für mich an, ich zieh' ſie für Andere an, die hängen an mich hin, was ihnen gefällt. Meinetwegen! Ich hab' mich einmal hergegeben und muß mir's gefallen laſſen.“ „Iſt's erlaubt einzutreten?“ fragte eine holde Stimme. Gräfin Irma trat ein. Sie ſtreckte Walpurga beide Hände entgegen, und ſagte: „Grüß' Gott, Landsmännin! Ich bin auch aus dem Gebirge, ſieben Stunden weit von Deinem Ort; ich kenne ihn. Ich bin einmal mit Deinem Vater über den See gefahren. Lebt er noch?“ „Nein, leider nicht mehr; er iſt ertrunken, und der See hat nicht einmal den Todten mehr hergegeben.“ „Es war ein ſchöner alter Mann. Du ſiehſt ihm gleich, wie aus dem Geſichte geſchnitten.“ „Das freut mich, daß noch Jemand hier iſt, das meinen Vater gekannt hat. Der Leibſchneider— ich hab' ſagen wollen, der Leibarzt hat ihn auch gekannt. Ja, Land aus, Land ein hat es keinen braveren Mann gegeben, als meinen Vater, das muß Jeder ſagen.“ „Ja wol, das hab' ich auch gehört.“ „Darf man fragen: Wie heißt denn das Fräulein?“ „Gräfin Wildenort.“ „Wildenort? Den Namen hab' ich auch ſchon Auerbach, Auf der Höhe. 1 8 114⁴ gehört. Ja, jetzt beſinn' ich mich, meine Mutter hat mir ihn genannt. Ja, Ihr Vater ſoll ein gar wohl⸗ thätiger Mann geweſen ſein. Iſt er auch ſchon lang todt?“ „Nein, er lebt noch.“ „Iſt er auch hier?“ „Nein.“ „Und als was ſind Sie denn hier, Fräulein Gräfin?“ „Als Hofdame.“ „Was iſt das?“ „Geſellſchafterin der Königin, ſo was man bei euch Geſpiel heißt.“ „So? Und da hat Sie Ihr Vater fortgegeben?“ Der Gräfin Irma war dieſes viele Fragen gar nicht genehm. Sie ſagte daher: „Walpurga, ich habe Dich fragen wollen, kannſt Du gut ſchreiben?“ „Ich hab's gekonnt, aber wieder ganz verlernt.“ „Da hab' ich's doch recht getroffen, daß ich deshalb gekommen bin. Alſo, wenn Du an Deinen Mann, an Mutter und Kind ſchreiben willſt; dictire mir's in die Feder, ich ſchreibe Dir Alles, wie Du mir's vorſagſt.“ „Ich könnte das ja auch thun,“ warf Mamſell Kramer ſchüchtern ein,„und die gnädige Gräfin brauch⸗ ten ſich nicht zu bemühen.“ „Nein, das Fräulein Gräfin ſchreibt mir. Wollen wir gleich?“ „Ja wol!“ Hülfe gut h de ſein heid ſie län ſcht lutter hat gar wohl⸗ chon lang bei euch geben!“ agen gut kannſt lernt.“ . desholb n Mann, nirs in u mirs Manſell nbrauch⸗ Pollen 115 Aber Walpurga mußte zü dem Kinde. Während ſie im zweiten Zimmer war, beſprach ſich Gräfin Irma mit Mamſell Kramer. Walpurga kam wieder herein, Irma ſaß mit der Feder in der Hand vor dem Papier und Walpurga begann zu dictiren: „Lieber Mann, liebe Mutter und liebes Kind. Nein, halten Sie ein! ſchreiben Sie nicht ſo! Nehmen Sie ein friſches Blatt! So, jetzt hab ich's! jetzt ſchreiben Sie „Ich will Euch zu wiſſen thun, daß ich mit Gottes Hülfe in der Kutſche mit den vier Pferden geſund und gut hier angekommen bin. Ich weiß nicht wie. Und die Königin iſt ein Engel und Millionen Lichter und mein Kid Plötzlich bedeckte ſich Walpurga das Geſicht mit beiden Händen— ſie wußte nicht, wen ſie meine, als ſie„mein Kind“ ſagte. „Und mein Kind“— wiederholte Gräfin Irma nach längerer Pauſe. „Nein!“ rief Walpurga,„ich kann heut' nicht ſchreiben. Verzeihen Sie mir, es geht nicht. Aber ich hab' Ihr Verſprechen, daß Sie mir ſchreiben, morgen oder übermorgen. Kommen Sie nur jeden Tag zu uns!“ „Und ſoll ich dann noch eine gute Freundin mit⸗ bringen?“ „Wer mit Ihnen gut Freund iſt, kann ſchon kom⸗ men! Nicht wahr, Mamſell Kramer?“ „Ja wol, Gräfin Irma haben beſondere Erlaubniß.“ 116 „Ich bringe Dir einesſehr gute Freundin mit, die kann prächtig ſingen, ſie hat eine Stimme ſo lind und ſacht— aber ich will Dich nicht lange mit Räthſeln plagen, ich kann Zither ſpielen, und da bring' ich meine Zither mit!“ „Du kannſt Zither ſpielen?“ rief Walpurga, und knirſchte die Zähne vor Freude an einander. Ihr weiterer Ausruf wurde unterbrochen, denn der König trat ein. Er begrüßte mit ſanfter Neigung der Augen Gräfin Irma. Sie war aufgeſtanden und verbeugte ſich vor ihm wieder ſo, als ob ſie ſich geradeswegs auf den Stubenboden ſetzen wollte. „Was ſchreiben Sie da?“ fragte der König. „Majeſtät, das ſind Geheimniſſe der Walpurga,“ erwiderte Gräfin Irma. „Was da ſteht, kann der Herr König ſchon leſen,“ ſagte Walpurga, und übergab ihm das Blatt. Er durchflog es, faltete es dann zuſammen und ſteckte es mit einem Blick auf die Gräfin in die Bruſt⸗ taſche. „Ich werde mit Walpurga ſingen,“ ſagte Irma, „da ſehen Majeſtät wieder, wie Muſik das Höchſte iſt auf der Welt. Walpurga und ich, wir ſind gleich, wenn wir ſingen. Was andere Künſte hervorbringen, zumal die Dichtkunſt, überſetzt Jeder in ſeine eigene Sprache, nach ſeiner Erfahrung und Anſchauung.“ „Gewiß,“ erwiderte der König.„Muſik allein iſt die Weltſprache und braucht nicht überſetzt zu werden, da ſpricht Seele zu Seele.“— Beiden N König „Näch dete ſ MW wch, 34 — nnit, die lind und t Räthſeln bring ich urga, und „denn der gen Grüfin te ſich vor auf den nig. lpurga,“ on leſen,“ gte Im, Höchſe ii ind glich, orbringel, eine eigene uun“ allein it zu werden, —— 117 Walpurga ſperrte Wunhnd Augen auf, wie die Beiden ſo mit einander ſprachen. Mit Gräfin Irma gemeinſam betrachtete nun der König eine kurze Weile den Prinzen, dann ſagte er: „Nächſten Sonntag iſt die Taufe,“ und verabſchie⸗ dete ſich. Walpurga ſah dem König mit ſeltſamem Blicke nach, dann betrachtete ſie ernſten Auges Gräfin Irmo. Dieſe machte ſich ſchnell mit den Papieren zu ſchaf⸗ fen, dann verabſchiedete ſie ſich mit heiterer Stimme, und zwar ſo heiter, daß es faſt erzwungen ſchien— es war kein Grund zum Lachen da, und ſie lachte doch. Walpurga ſah noch lange auß die Thürvorhänge, hinter denen die Gräfin verſchwunden war, dann ſagte ſie zu Mamſell Kramer: „Sie haben ein wahres Wort geſagt, das Schloß iſt keine Kirche.“ Sie ließ ſich nicht dazu herbei, ſich näher zu er⸗ klären. „Ich will Dich ſchreiben lehren,“ ſagte Mamſell Kramer,„dann haben wir eine gute Beſchäftigung und Du kannſt allein an die Deinigen ſchreiben.“ „Ja, das will ich,“ ſchloß Walpurga. Vierzehntes Capitel. „Ich hätt' eine Bitte an Sie,“ ſagte andern Tags Walpurga zur Gräfin Irma.„Sagen Sie mir immer gradaus, wenn ich etwas nicht recht mache.“ 118 „Recht gern! aber ußt mir dann auch ſagen, wenn ich—“ „Ja da hab' ich gleich was auf dem Herzen.“ „Sag's nur frei heraus!“ „Wenn wir einmal allein ſind.“ ſö „Bitte, liebe Kramer, wollen Sie uns allein laſſen?“ 3 Mamſell Kramer ging in das Nebenzimmer, und 4 Walpurga ſah wieder ſtaunend, wie man hier die Menſchen hin- und herſchiebt, wie Stühle.. „Nun, was haſt Du?“ fragte die Gräfin. „Schau, wenn ich was Einfältiges ſage, nimm mir's A 5 ja recht nicht übel, gelt, das thuſt Du nicht?“ Sobald d Walpurga in Eifer kam, ſagte ſie immer wieder Du. „Was haſt Du?“ fragte Irma nochmals. v „Schau, Du biſt ſo ſchön, gar ſo ſchön, ſo hab' ich mein Lebtag noch nichts geſehen; Du biſt noch ſchöner als die Königin, nein, nicht ſchöner, aber mächtiger, und die Gutheit ſieht Dir aus den Augen—“ „Was haſt Du denn? Sag's gerad heraus!“ „Ich möchte glauben, ich hab' Unrecht, aber es iſt 3 beſſer, ich weiß es gewiß. Jetzt— das hat mir nicht gefallen, wie der König Dich geſtern angeſehen hat und Du ihn, und er hat am Wiegengeländer ſeine Hand auf die Deinige gelegt, und er iſt Ehemann und Vater. Du biſt ein lediges Mädchen, da weiß man— nicht, was das iſt, wenn ein Mann Einen ſo anſieht; aber ich bin eine Ehefrau und kann Dich warnen und ₰ ich darf und ich muß. Du haſt geſagt, wir wollen gut Freund ſein, jetzt kommt gleich die Prob' drauf.“ uch ſagen, rzen. in laſſen?“ nmer, und hier die n. imm mirs Sobald vieder Dr. ſchön, ſo Du hiſt t ſchöne, aus den us!“ aber es it nit nicht ſehen hat nder ſeine mann und weiß mon o anſicht arnen und vir wolen „ Irma ſchüttelte den K und erwiderte: „Du biſt brav. Aber Du irrſt. Der König hat gar ein edles Herz, und beſonders ſeit ihm ein Sohn geboren iſt, möchte er gern jeden Menſchen glücklich machen, wie er es ſelbſt iſt. Er hat ſeine Frau ſchwär— meriſch lieb und Du haſt's ja auch gleich geſehen, ſie iſt ein Engel—“ „Und wenn ſie auch kein Engel wär', ſie iſt ſeine Frau und die Mutter von ſeinem Kind und er muß treu zu ihr halten, und mit jedem Blick, den er auf eine Andere wirft, iſt er ein verfluchter Ehebrecher, dem man die Augen ausſtechen ſollte. Schau, wenn ich mir das denken ſollte, daß mein Mann das könnte, — die Männer ſind gar ſchlecht, ſie können Alles— daß ein Mann da ſteht an der Wiege ſeines neugebor⸗ nen Kindes, und mit denſelben Augen, mit denen er eben ſein Kind angeſehen, ſieht er auf ein ander Weibsbild und ſagt ihm mit den Augen, ich hab' Dich gern!— Schau, wenn ich mir das denke, ich könnte verrückt werden; und wenn ein Mann, der einer An⸗ dern die Hand gedrückt hat, hingehen kann und ſeiner Frau die Hand geben und ſeinem Kinde mit derſelben Hand ins Geſicht langen— die Welt, in der das ge⸗ ſchehen könnte, die ſollte man verbrennen und unſer Herrgott ſollte Pech und Schwefel drüber regnen laſſen.“ „Sprich leiſer, Walpurga, ſchrei nicht ſo wild! Nimm keine ſolchen Worte in den Mund! Du biſt nicht da hergekommen, um Sittenrichter zu ſein und Du haſt gar nicht zu richten! Was verſtehſt denn Du von 120 der Welt? Du haſt ja keits Ahnung davon, was Höf⸗ lichkeit iſt.“ Gräfin Irma redete ſcharf auf Walpurga ein, de⸗ müthigte ſie tief und ſchloß: „So, jetzt weißt Du, wie Du dran biſt und wer Du biſt. Und nun will ich Dir auch noch etwas ſagen: Ich verzeih Dir, daß Du den König und mich be⸗ leidigt haſt mit Deinen albernen Reden. Wenn ich nicht Mitleid mit Deinem Unverſtand hätte, würde ich kein Wort mehr mit Dir reden; aber ich bin Dir gut und weiß, daß Du's auch gut meinſt, darum will ich Dir beiſtehen und Dir etwas ſagen: Laß um Dich her vorgehen, was will, und bekümmere Dich um nichts. Verſorge Dein Kind und laß Dir von Niemand die Zunge heben zum Bösreden. Glaub' mir, es meint's hier Keines ehrlich mit dem Andern, ſie hinterbringen einander immer Alles und Du haſt zuletzt im ganzen Schloß keinen Menſchen, der Dir gut Freund iſt. Das merke Dir! Und et ſag' ich Dir noch einmal: ich danke Dir, daß Du mir das geſagt haſt. Du haſt's gut n und es iſt recht, daß Du nichts im Hin⸗ terhalt haſt. So werd' ich Dir immer gut Freund ſein und Du wirſt eine Stütze an mir haben. Wenn man dem König auch ehrerbietig iſt, deßwegen iſt er doch ſo brav wie Dein Hanſei, und ich bin ſo hrav wie Du. So, jetzt gieb mir die Hand und vorbei iſts! Vor Allem aber laß die Kaſtellanin kein Wort davon ahnen, was wir mit einander geſprochen haben. Denk' daran: die Wände haben hier Ohren, man erfährt hier Alles.“ was H⸗ ein, de⸗ und wer as ſagen: mich be⸗ Wenn ich würde ich m nichts. nand die meints bringen nganzen iſt. Das mal: ich Du haſt im Hin⸗ Freund Vem en iſt er ſo hrav rbei iſts! rt davon Dent n. De ährt hier 121 Ohne ein weiteres Worksbegann Gräfin Irma auf ihrer Zither die Weiſe eines Hochlandliedes. Walpurga wußte nicht, wie ihr geſchehen. Sie war ärgerlich auf ſich ſelbſt, über ihre Dummheit und ihre Keckheit. Aber das hält ſie feſt: ſie will Alles in ſich hinein denken. Während Irma noch ſpielte, trat der König wieder durch die Portiére und lauſchte ſtill; Irma ſchaute nicht auf, ſie ſah auf ihre Zither nieder. Als ſie ge⸗ endet, klatſchte der König leiſe Bravo. Sie ſtand auf und verbeugte ſich, ging aber nicht wieder mit dem König in das Zimmer, wo er den Prinzen be⸗ trachtete. „Ihre Zither iſt rein geſtimmt, aber Sie, ſchöne Gräfin, ſcheinen verſtimmt,“ ſagte der König, wieder ins Zimmer tretend. „Ich bin auch rein geſtimmt, Majeſtät,“ erwiderte Gräfin Irma.„Ich habe nur eben der Walpurga eine Melodie geſpielt, die mich tief erregte.“ Der König entfernte ſich raſch, heute, ohne der Gräfin die Hand zu reichen. Walpurga war am traurigſten darüber, daß ſie auch Mamſell Kramer nicht mehr trauen dürfe. „O Du armes Kind!“ ſagte ſie einmal, aber ohne daß es Jemand hörte, zu dem Prinzen auf ihrem Schvoße—„o Du armes Kind! Du ſollſt unter Men⸗ ſchen auſwachſen, wo keiner dem andern ganz traut. Wenn ich Dich nur mitnehmen könnte, Du ſollteſt ein prächtiger Bub werden. Jetzt biſt Du noch unſchuldig — die Kinder allein, bis ſie ſprechen lernen, ſind unſchuldig auf der Welt.— Was thut's? ich hab die Welt nicht gemacht und ich brauche ſie nicht zu ändern! Recht hat die Gräfin: ich will Dich gut nähren und pflegen, das Andere mag Gott machen—“ Fünfzehntes Capitel. „Nun iſt Ihr Wunſch in Erfüllung gegangen,“ ſagte am Mittag, als man von der Tafel aufgeſtan⸗ den, die Gräfin Irma zum Leibarzt. „Welcher?“ „Ich habe eine Freundin, einen Kameraden, und wie es im Liede heißt, einen beſſern find'ſt du nit.“ „Ihre Freundlichkeit gegen die Bauernfrau iſt lieb⸗ reich und anerkennenswerth, aber eine Freundin iſt das nicht. Sie müſſen ein Weſen Ihres Geſchlechtes ſich gleichſtellen. Dieſer Bauernfrau gegenüber bleiben Sie immer eine Gönnerin; ſie kann Sie nie tadeln oder einen Tadel nicht aufrecht erhalten. Der einfache Verſtand, ich möchte ſagen, die Natur hat nicht Waffen genug gegen das Arſenal der Bildung.“ Irma zuckte bei dieſen Worten. Der Arzt aber fuhr ruhig fort: „Sie ſind der Naivetät aus dem Volke gegenüber doch immer wie ein Erwachſener im Verhältniß zu einem Kind. Ich fürchte, Sie haben's verſäumt, ſich eine ebenbürtige Freundin zu erwerben.“ „Ebenbürtig?— alſo Sie ſind auch Ariſtokrat?“ Der Arzt erklärte Irma, daß man die volle Gleich⸗ h hab die u ändern! ihren und egangen,“ den, und du nit.“ niſt lieb⸗ undin iſt er bleiben rie tedehn r einfache ht Paffen unt, ſich ſokrat!“ le bliß 123 berechtigung der. Menſchen gelten laſſen kann, ohne damit die ſocialen Unterſchiede aufzulöſen. „Wenn ich von Ihnen gehe,“ ſagte Irma, und ein Glanz verbreitete ſich über ihre Züge,„wenn ich in Ihrem Denken gelebt habe, da kommt mir Alles, was ich thun ſoll und will, ſo klein und erbärmlich vor; es geht mir faſt wie nach einer großen Muſik, da möchte ich immer gern etwas Un— gewöhnliches thun. Ich wollte, ich hätte eine künſt— leriſche Begabung.“ „Freuen Sie ſich, ſelbſt ein ſchönes Werk der Natur zu ſein, und helfen Sie ſich zum ſchönen Fortgedeihen; das iſt das Beſte!“ Der Leibarzt wurde abgerufen. Irma ſaß noch lange auf einer Bank, dann ging ſie in ihr Zimmer; ſie ſpielte mit ihrem Papagei, ſie betrachtete ihre Blumen; endlich begann ſie die Blumen auf eine Marmorplatte zu malen; es ſollte ein reiches Werk werden. Für wen? Sie wußte es nicht. Einmal fiel eine Thräne mitten in eine Roſe, deren Farbe noch naß war, ſie ſchaute auf und verließ die Arbeit, dann trocknete ſie die Thräne auf; ſie mußte die ganze Roſe neu malen. Am Tage vor der Taufe dictirte Walpurga der Gräfin Irma den erſten Brief: „Morgen iſt Sonntag und da will ich auch bei Euch ſein. Im Gedanken bin ich es immer. Ich meine, es wären ſchon ſieben Jahre, daß ich von daheim fort bin. Hier iſt der Tag ſo lang und im Schloß ſind mehr Menſchen, als dreimal in unſere Kirche 124⁴ hineingehen. Hier ſind ſehr viele Knechte im Haus, die verheirathet ſind und auch wieder Dienſtboten haben, es ſind lauter ſchöne große Menſchen hier im Schloß in Dienſt, die Mamſell Kramer ſagt mir, die Herrſchaften wollen nur ſchöne Menſchen um ſich ſehen, und manche ſehen gar ehrwürdig aus und reden ſo zimpfer, wie ein Pfarrer, man heißt ſie hier Lakaien, und wenn der König auf einen zugeht, da ducken die Menſchen, wie zuſammengeknickt, das iſt ein Kunſtſtück, ſich ſo klein zu machen und zuſammenlegen wie ein Taſchen⸗ meſſer. Ach, und wie viel gute Biſſen hab' ich! Wenn ich nur Euch davon ſchicken könnte. Ich freue mich nur, daß wir in vier Wochen auf das Landſchloß fahren und dort bleiben bis in den Herbſt hinein. Wie geht es nur meinem Kind, und Dir Hanſei, und Dir, Mutter, und auch Dir, Staſi? In der Nacht, wenn ich ſcluſe, bin ich immer noch daheim. Ich kann aber nicht viel ſchlafen, mein Prinz iſt ein wahrer nchtwitzer, und der Leibdoctor hat geſagt, ich dürft' ihn nicht ſo viel ſchreien laſſen, wie daheim die Burgei. Aber eine gute Stimme hat er, und morgen iſt die Taufe. Der Bruder von der Königin und ſeine Frau ſtehen Gevatter und noch viel Prinzen und Prinzeſſin⸗ nen. Ich hab' auch ſchöne neue Kleider bekommen und zwei grüne Hüte mit goldenen Borten und zwei ſilberne Ketten für das Mieder und das darf ich Alles mit⸗ nehmen, wenn ich heimkomme. Es dauert aber noch lang bis dahin. Wenn jede Woche ſo lang iſt wie die vergangene, dann bin ich ſiebenhundert Jahre alt, wenn ich heimkomme. Luſtig bin ich auch wieder. Anfangs Haus, die haben, es Schloß in errſchaften nd manche pfer, wie nd wenn Menſchen, k, ſich ſo Taſchen⸗ ch! Wenn reue mich andſchloß ſt hinein. mſei, und er Nacht, Ich kann n wahrer ich dirft ie Lurge n iſt die ine Frau rirzeſin⸗ men und i ſilberne lles mit abet noch t wie di t, wenn Anfong 125 iſt es mir geweſen, wie wenn ich das Schreien von der Kuh in unſerem Stall hörte. Die Euch das ſchreibt, iſt die Gräfin Wildenort von drüben über dem Gamsbühel her, ſie iſt eine ganz gute Freundin von mir. Sie hat den Vater ſelig auch noch gekannt, und Du, Mutter, kennſt ja auch ihre Familie. Und Hanſei, ich muß Dir was ſagen. Laß Dich nicht zu viel mit dem Gemswirth ein, das iſt ein Schelm, der Dir das Geld aus dem Sack ſchwätzt. Und es giebt überall gute Menſchen und auch ſchlechte, daheim und hier. Und der Leibarzt ſagt mir, Ihr ſollt unſerer Kuh kein Grünfutter geben, nichts als Heu, ſonſt bekommt die Milch dem Kind nicht gut. Ich lerne jetzt auch ſelbſt ſchreiben, ich lerne über⸗ haupt hier viel. Und ſaget mir auch, was die Leute ſagen, daß ich ſo ſchnell fort bin und mich zu dem entſchloſſen habe. Es liegt mir aber nichts daran, was die Leute ſagen. Ich weiß, daß ich rechtſchaffen thtue für mein Kind und für meinen Mann und für meine Mutter. Und, liebe Mutter, nehmt Euch eine Magd ins Haus, wir können ſie ja jetzt bezahlen. Und Hanſei! laß Dir vom Gemswirth Dein Geld nicht aus der Taſche ſchwätzen. Leg's auf ſichere Hypo⸗ thek an, bis wir einen Acker kaufen können, oder zwei. Und vergeſſet nicht: am Mittwoch iſt der Todestag vom Vater und da laſſet ihm eine Meſſe leſen. Wir haben hier die Kirche im Haus und ich höre 126 jeden Morgen auf dem Gang die Orgel. Morgen iſt ein großer Tag und ich bleibe Eure getreue Walpurga Andermatten. Ich ſchicke hier ein Häubchen für mein Kind, das ſetzet ihm jeden Sonntag auf. Ich grüße Euch Alle viele tauſendmal und verbleibe Eure Walpurga.“ Sechzehntes Capitel. „O wie ſchön! wie wunderſchön! Iſt denn das Alles mein? Bin ich denn das? Biſt Du's? die Wal⸗ purga von der Gſtadelhütte am See? Was die ſich einbildet!“ Mit ſolchen und noch übermüthigeren Ausrufungen ſtand Walpurga vor dem lebensgroßen Spiegel und war ſo entzückt, daß Mamſell Kramer ſie halten mußte, damit ſie nicht in den Spiegel hineinſprang und die Figur da drin umhalſte. Die neuen Kleider vom Hoſſchneider waren ge⸗ kommen. Man kann nicht ſagen, was ſchöner iſt, das Mieder, der Rock, das Goller, das Hemd mit den kurzen weiten Aermeln— aber nein! der grüne, ſchmalkrempige Hut mit Blumenbuſch und Goldſchnur, daran die beiden goldenen Troddeln, der iſt doch noch das Schönſte, er ſitzt, wie aufgegoſſen, und man meint, man hat gar nichts auf dem Kopf, ſo leicht iſt er! Jetzt noch ein bischen beſſer links, ſo— beim Blitz! Du biſt ſchön! die Leute haben Recht!— Sie ſtemmte die Hände in die Seiten und drehte ſich um und um und tanzte im Zimmer umher wie beſeſſen, und dann ſtand ſie wieder vor dem Spiegel, und ſtarrte hinein, lautlos, wie verloren.— Ja, der Spiegel! Walpurga hatte in ihrem ganzen Leben noch nie ihre volle Geſtalt geſehen von Kopf bis Fuß. Was ſieht man in ſo einem Batzenſpiegel daheim? Kaum das Geſicht und ein Stückchen vom Hals! Sie faßte ſich um den Hals, den jetzt eine ſieben⸗ reihige Granatſchnur mit einer Agraffe vorn umſchloß. Und wie geſcheit iſt die Mamſell Kramer! was kann die für Künſte! Sie hatte noch einen auf Rollen laufenden großen Spiegel hinter ſie geſtellt, und jetzt kann Walpurga auch ſehen, wie ſie von rückwärts aus⸗ ſchaut, um und um! O was können die Menſchen für Künſte! Was weiß man da draußen von der Welt? Nichts, gar nichts, und von ſich ſelber erſt recht nichts! „Alſo ſo ſchaut die Walpurga aus? So kommt ſie daher, wenn die Leute ihr nachſehen? So von der Seite und ſo von der andern? Ich muß ſagen, Du ge⸗ fällſt mir; biſt gar nicht uneben! Alſo das iſt die Frau von Hanſei? Er kann zufrieden ſein und er iſt brav und gut und hat ſie mit Treuen verdient.“ So ſprach Walpurga mit ſich, ein wunderſamer Wirbel hatte ſie erfaßt; ſie hatte zum Erſtenmal in ihrem Leben ſich ſelbſt ganz geſehen. Der erſte fremde Menſch, der ſie ſo ſah, war der Lakai Baum. Baum ging immer in Schuhen ohne Abſätze, und trat dabei mit dem ganzen Fuße auf, ſo daß man ihn 128 nicht kommen hörte; er kam überall hin ſo beſcheiden, als ob er nicht ſtören wollte, aber er verräth nie etwas⸗ und er iſt zu Allem zu gebrauchen. „Ei, wie ſchön!“ rief er und war ganz ſtarr vor Bewunderung. „Er hat mich gar nicht ſchön zu finden! Er iſt ein ver⸗ heiratheter Mann und ich bin eine verheirathete Frau!“ ſagte Walpurga; ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor. „Der Herr Oberhofmarſchall befehlen,“ ſagte Baum, als ob er früher nichts vorgebracht und nichts gehört hätte, in ordonnanzmäßigem Tone—„die Amme ſoll, wenn Seine königliche Hoheit der Kronprinz ſchlafen, ſofort in die Schloß-Capelle kommen; es wird jetzt Probe gehalten.“ „Ich habe meine Kleider ſchon hier anprobirt,“ erwiderte Walpurga. Der Lakai erklärte, daß es ſich nicht um Kleider⸗ anprobiren handle, ſondern daß ſämmtliche Theilnehmer, mit Ausnahme der Allerhöchſten Herrſchaften, die Ord— nung des Zuges bei der großen Feier vorher probiren, damit morgen Alles ohne Störung vor ſich gehe. Walpurga ging mit Baum. Inm großen Thronſaal waren die Herren und Damen vom Hofe verſammelt, und es war ein wirres Durch⸗ einanderſprechen, das von der hohen Wölbung ſeltſam widertönte. Als Walpurga eintrat, hörte ſie vielfach wispern.— Manche ſagten auf Franzöſiſch, Manche aber auch gradaus Deutſch, die Amme ſei ein Pracht⸗ ſtück von einer Hochlands⸗Bäuerin. Walpurga lächelte nach allen Seiten hin, ganz frei. beſcheiden, h nie etwas, nz ſtarr bor r iſt ein ver⸗ hete Frau!“ r fremd vor. ſagte Baun, ichts gehört Anme ſoll, i ſchlafen, wird jetzt anprobirt,“ um Kleider heilnehmer, n, die Did— et probiren, gehe und Damel ung ſeltſn ſie vielfuc ch, Monche Pncht lichelt ei urga Jetzt ſtellte ſich der Oberhofmarſchall, der einen Stock mit goldenem Knopfe in der Hand trug, auf die unterſte Stufe des Thrones, der mit einem Hermelin⸗ eel verdeckt war. Er ſtieß mit dem Stocke dreimal ey Boden, dann hielt er den Stock unter dem hoch. Die Anweſenden hatten bereits einen Zettel in der Hand; auch Walpurga erhielt Der Oberhofmarſchall verlas ihn noch ſchärfte genaueſte Innehaltung des Pro⸗ En. Der Zug ging nun durch die Bilder⸗ 9 i dyn Ahnenſaal in die Capelle. Im Vor⸗ ho ben war es wie in einem Zaubergarten voll großer mder Bäume und ſtark duftender Blumen; auch die Lapelle war mit Bäumen und Blumen ver⸗ ziert, und oben an der Decke flogen Engel in der Luft herum. Die Oberhofmeiſterin, die heute noch ſtrenger aus⸗ ſah, als an jenem erſten Abend, war in voller Amts⸗ chätigkeit; jetzt iſt nich Zeit zum Krankſein. Sie ſchärfte Walpurga, die neben ihr ging, nach— drücklich ein, den Prinzen ja recht behutſam zu tragen und wenn ſie ihn am Altar in die Arme des Pathen lege, ihre Arme nicht eher zurückzuziehen, als bis ſie ganz ſicher ſei, daß der Pathe den Prinzen feſthalte. „Das verſteht ſich von ſelbſt, ſo dumm bin ich doch nicht!“ ſagte Walpurga. „Ich verlange keine Antwort.“ Die Oberhofmeiſterin war bös auf Walpurga; ſie wollte eigentlich bös auf die Königin ſein, weil dieſe die arme Magd ſo ver⸗ wöhnte, aber man kann der Walpurga doch eher Auerbach, Auf der Höhe. l. 9 . 130 entgelten laſſen, was nicht recht iſt, als dahinahf der Allerhöchſten. Alle Gruppen plauderten mit einander, als pb man auf einem Tanzboden wäre, ja man hörk ofts gar helles Lachen. Der Oberhofmarſchall ſtellte ſich am N die Einzelnen an und fragte, ob W Mit Lachen wurde von da und d“ Walpurga ſchaute jetzt zun⸗ Tag zu dem Marienbilde auf, das 5 Ankunft beim Schein der ewigen Lampe gele und ſie ſagte faſt laut zu dem Bilde hiuf.„Vu⸗ mußt auch zuſehen Probe halten.“— Jetzt verſtand ſie, was Mamſell Kramer geſagt hatte: es wird den hohen Herrſchaften Alles vorher gekocht und angerichtet und richtig geſtellt. Darf man das aber auch mit einer heiligen Handlung? Es muß doch ſein, ſonſt thäte man's nicht. Und der Hoſcaplan iſt ja auch dabei, freilich nicht im Kirchengewand; er ſpricht, wie wenn er auf der Straße wäre, mit dem Oberhofmarſchall, und jetzt nimmt er eine Priſe aus ſeiner goldenen Doſe. Alſo das iſt die Probe, dachte Walpurga immer vor ſich hin, als die Oberhofmeiſterin ihr geſagt hatte, ſie könne gehen, ſie wiſſe jetzt den Ort, wo ſie ſich aufzuſtellen habe. Sie befahl ihr noch, morgen weiß⸗ baumwollene Handſchuhe anzuziehen; ſie werde ihr mehrere Paare ſchicken laſſen. Walpurga ging durch den Thronſaal zurück, und dann durch die Bildergallerie; ſie ſchaute ſich nicht um, 6 ſi gin ſie vo ſand Sie ke pars Sie ſ gar n tet, Menſ ſchrei ſchwe Zih pill und Hi me we inahf der t verſtond wird den gerichtet mit einet onſt thäte uch dahei, e wenn narſchall oldenen ga immer ſagt hott⸗ rgen weiß werde ihr nd rüc, un 131 ſie ging weiter durch viele Gemächer, und plötzlich ſtand ſie vor einem dunklen, großen Zimmer. Die Thüre ſtand offen, aber man ſah nicht, wohin das führt. Sie kehrte erſchreckt um. Sie hatte ſich verirrt. Ueberall war's ſo ſtill, als ob ſie aus der Welt draußen wäre. Sie ſieht durchs Fenſter, da iſt eine Straße, die ſie gar nicht kennt; ſie weiß nicht, wo ſie iſt, ſie eilt wei⸗ ter, ſieht aus der Ferne an den Wänden wunderbare Menſchen und Thiere und Gegenden, und plötzlich ſchreit ſie laut auf— der lebendige leibhaftige, pech⸗ ſchwarze Teufel kommt auf ſie zu und fletſcht die Zähne. „Lieber Gott! verzeih' mir meine Sünden. Ich will gewiß nicht wieder ſtolz und eitel, ich will brav und gut ſein!“ ſchreit ſie laut auf und ſtreckt die Hände vor ſich hin. „Was ſchreiſt Du ſo?— Wer biſt Du?“ ruft der Teufel. „Ich bin die Walpurga vom See, und hab' daheim ein Kind und einen Mann und eine Mutter, ſie haben mich geholt, ich ſoll die Amme vom Kronprinzen ſein, ich hab's aber nicht gewollt—“ „So? Du biſt die Amme? Du gefällſt mir.“ „Ich will Dir aber nicht gefallen. Ich will Nie⸗ mand gefallen. Ich hab' meinen Mann, und will weiter von Niemand was.“ Der Schwarze lachte laut auf. „Was thuſt Du da in den Gemächern meines Herrn?“ „Wer iſt Dein Herr? Ich will nichts von Deinem Herrn! Ich und alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! Sag' an, was iſt Dein Begehr?“ „Du dumme Einfalt! Mein Herr iſt ja der Bruder von der Königin, und ich bin geſtern Abend mit ihm hiehergekommen; ich bin ſein Kammerdiener.“ Walpurga konnte noch immer nicht faſſen, wie das zugeht. Jetzt kam glücklicherweiſe der Herzog in Be⸗ gleitung des Königs aus dem Gemache. Der Herzog fragte den Mohren in engliſcher Sprache, was hier vorgegangen ſei, und der Mohr erzählte eben⸗ falls engliſch, wie ihn die Bauersfrau für den leib⸗ haftigen Teufel gehalten habe; der Herzog und der König lachten laut. „Wie kommſt Du hieher?“ fragte der König. „Ich hab' mich von der Capelle aus verirrt!“ er⸗ widerte Walpurga.„Mein Kind wird ſchreien— ich bitte, führt mich gleich zu ihm.“ Der König winkte einem herzutretenden Lakaien, ſie nach ihren Gemächern zu führen, und als ſie davon⸗ ging, hörte ſie, wie der Oheim, der doch der Haupt⸗ gevatter iſt, ſagte: „Das iſt eine kräſtige Milchkuh aus dem Hoch⸗ land.“ Als ſie wieder in ihrem Zimmer war und ſich im großen Spiegel ſah, ſagte ſie zu ihrem Ebenbilde: „Du biſt nichts als eine Kuh, die ſchwätzen kann und der man Kleider anzieht. So. Geſchieht dir recht! Jetzt haſt dein' Sach'!“ 133 Siebenzehntes Capitel. Die Nacht war ſchlimm. Der Kronprinz ſpürte den Schreck, den der Mohr des Oheims ſeiner Nähr⸗ mutter eingejagt hatte. Der Hofarzt ging immer ab und zu und wachte im Nebenzimmer. Er gab Mam⸗ ſell Kramer den Befehl, daß künftig ohne ſeine Ge⸗ nehmigung die Amme nicht aus dem Zimmer gehen dürfe. Walpurga war dieſe Gefangenſchaft recht, ſie wollte von der ganzen Welt nichts mehr wiſſen; ihre Pflicht gegen das Kind, die Liebe zu ihm erfüllte ihre Seele, und als ſie auf dem Sopha lag, gelobte ſie zu Gott, an nichts Anderes mehr zu denken. Sie ſchaute hinüber nach den neuen Kleidern, die auf dem großen Tiſch noch ausgebreitet lagen, und ſchüttelte den Kopf; der ganze Plunder war ihr jetzt gleichgiltig, faſt verhaßt, denn er hatte zu Böſem verleitet; aber die Strafe war ſchnell gekommen. Walpurga hatte nur kurzen und oft unterbrochenen Schlaf, und wenn ſie die Augen ſchloß, ſah ſie ſich immer von hinten ganz deutlich, und der Mohr ver⸗ folgte ſie. Erſt gegen Morgen fand ſie und das Kind mehrſtündigen ruhigen Schlaf. Die große Feierlichkeit konnte zur feſtgeſetzten Zeit vollzogen werden. Als Baum die ſchönen Kiſſen und die brokatne, mit zwei wilden Thieren geſtickte Decke brachte, ſagte er im Vorbeigehen leiſe zu Walpurga: „Halt Dich tapfer, daß Du nicht mehr krank wirſt. So wie Du wieder krank wirſt, lohnt man Dich zur 134 Stunde ab und ſchickt Dich fort. Ich meine es gut mit Dir, darum ſag' ich Dir das.“ Er ſprach ruhig und leiſe, er verzog keine Miene dabei, denn Mamſell Kramer ſollte nichts merken. Walpurga ſchaute ihm betroffen nach, und Baum ſah auch heute in dem grauleinenen Interimsgewand gar ſonderbar aus. „Alſo fortgeſchickt wirſt Du, wenn Du krank wirſt?“ dachte Walpurga ſtill.„Eine Kuh bin ich! Da haben ſie Recht. Eine Kuh giebt man aus dem Stall, wenn ſie gelt iſt.“ „Ich und Du und Müllers Kuh“— ſagte ſie zu dem Prinzen, als ſie ihn wieder an die Bruſt legte, und lachte und ſcherzte und ſang: „Güggerü⸗güh Z' Morges um drü, 3 Morges um viere Schlafen alle Thiere. Ein's im Kloſter, ein's im Schloß, Wo man ſaure Rüben kocht, Wo man ſüße Mandeln ißt Und die kleinen Kinder nicht vergißt.“ Noch viel wollte Walpurga ſingen und ſagen, aber heute war viel Laufen ab und zu in den Prinzen⸗ gemächern; ſelbſt die Oberhofmeiſterin kam und ſagte zu Wälpurga: „Nicht wahr, Ihr habt allerlei geheime Mittel, die Ihr zum Segen für das Kind unter das Kiſſen legt?“ „Ja, da wär' ein Miſtelzweig gut, und auch ein Nuge dohei ehei ober Dbe ſte L — 135 Nagel, den ein Roß aus dem Hufeiſen verloren hat, daheim hätt' ich ſchon, aber hier hab ich nichts ſo!“ Mit großem Stolze gab Walpurga Kunde von den geheimen Zaubermitteln, die ſie wiſſe; ſie erſchrak aber, als ſie ſtatt lächelnder Mienen das Antlitz der Oberhofmeiſterin ſah, das noch einmal ſo lang und ſtreng wurde. „Mamſell Kramer,“ ſagte ſie,„ich mache Sie ver⸗ antwortlich, daß die Bäuerin nichts von ihrem aber⸗ gläubiſchen Unſinn mit dem Kinde treibt.“ Walpurga erhielt gar keinen Befehl und ſie, die ſich eingeredet hatte, die erſte Perſon im Schloſſe zu ſein, empfand zum Erſtenmal, wie das iſt, ſo über ſich wegſprechen zu laſſen, als ob man nichts als leere Luft wäre. „Ich ärgere mich aber doch nicht, ich thue Dir den Gefallen nicht, daß ich krank werde und Du mich wegſchicken kannſt,“ ſagte Walpurga hinter der weg⸗ gehenden Oberhofmeiſterin drein und lachte ſie aus. Nun aber kam eine wirklich ſchöne Stunde⸗ Es kamen zwei Mädchen, die den Prinzen kleideten, auch Wolpurga ließ ſich von ihnen ankleiden; ſie gefiel ſich darin, ſich ſo bedienen zu laſſen. Die Glocken läuteten in der ganzen Stadt und die Glocken auf dem Schloßthurm ſprachen alle mit, und der Ton durchzitterte das weitläufige Gebäude. Jetzt kam auch Baum. Er ſah prächtig aus. Die reichgeſtickte Gala⸗Uniform mit den ſilbernen Fangſchnüren, die rothe goldgeſtickte Weſte, die ſilberplüſchenen kurzen Hoſen, die weißen Strümpfe und Schnallenſchuhe, Alles war wie aus einem Zauberſchranke und Baum wußte, wie ſtattlich er ausſah. Er ſchmunzelte, als Walpurga ihn groß anſtarrte; er wußte, was dieſer Blick bedeutet. Aber er kann warten. „Man muß nicht vorſchnell ernten wollen!“ hat der Oberkämmerer der Baronin Steigeneck oft geſagt, und der verſtehts. Baum meldete einen Kammerherrn und zwei Pagen. Sie traten bald ein. Man hörte im Nebenſaale ſchwere Schritte und Commandoworte, ein Diener öffnete die Thüre, ein Commando des Cüraſſier⸗Regimentes, bei dem der Prinz eintritt, ſobald er einen Namen hat, kam ebenfalls ins Gemach. Pünktlich ſetzte ſich der Zug mit dem Prinzen in Bewegung. Der Kammerherr ging voran, die Pagen hinter Mamſell Kramer und Walpurga. Es war gut, daß Baum neben ihr ging, denn ſie war in einer Verſchüchterung, daß ſie, wie Hülfe ſuchend, um ſich ſchaute. Baum verſtand das und ſagte leiſe:„Halt Dich tapfer, Walpurga!“ Sie nickte dankend, ſie konnte kein Wort reden. Durch eine Hecke von Cüraſſieren, die die Säbel gezückt hatten und in den glänzenden Panzern wie leblos daſtanden, trug Walpurga das Kind und plötzlich ging ihr durch den Sinn, wo ſie am vergangenen Sonntag um dieſe Stunde geweſen; der ſonnenbeſchienene See glänzte vor ihr auf. Wenn nur Hanſei das auch ſehen könnte! Und Franz, der Sohn des Schneiders Schneck iſt auch bei den Cüraſſieren, vielleicht iſt er unter den Lebloſen; ſie leben doch Alle, wußte, Upurga deutet. hat geſagt, agen. e und ₰ ein Prinz nfall en in Pagen gut, einer n ſich „Halt onnte eren, nden das o ſie oſen; benn der eren, Alle, ihre Augen leuchten. Sie blickte auf, ſie erkannte den Sohn des Schneiders Schneck nicht, und doch ſtand er mit in dem Spalier. Der Zug des Prinzen mit dem Geleite ging nach der ſogenannten großen Mittelgallerie. Dort verſam⸗ melte ſich der Kern des großen Zuges. Walpurga erhielt den Befehl, ſich mit dem Prinzen auf der unterſten Stufe des Thrones niederzuſetzen. Da ſaß ſie nun und ſchaute um und um in ein Wogen von Glanz und Pracht, von ſchöngeſtickten Klei⸗ dern, von Blumen auf den Köpfen der Frauen, von Edelſteinen, die flimmerten wie Thautropfen auf einer Wieſe am Morgen. „Guten Morgen, Wolpurga! Bleib' nur ſitzen!“ redete ſie eine holde Stimme an. Es war Gräfin Irma, die ſich ihr genähert hatte. Aber kaum hatte ſie einige Worte geſprochen, als der Stab des Ober⸗ hofmarſchalls dreimal auf den Boden klopfte und der diamanten beſetzte Goldknopf blitzte. Aus dem Seitengemach ſchritten Hellebardiere mit bunten Federbüſchen auf dem Kopfe. Jetzt kam der König. Er trug den Helm in der linken Hand an die Seite geſtemmt, ſein Antlitz ſtrahlte in freudigem Ernſte. Neben ihm ging die Herzogin, eine diamantene Krone auf dem Haupte und angethan mit einem langen ſeidenen Schleppkleide, das zwei Pagen trugen; hinter⸗ drein großes glänzendes Gefolge. Schnell war Irma zu ihrer Gruppe geeilt. Die Glocken dröhnten; der Zug ſetzte ſich in Bewegung. 138 Am Eingange der Schloßcapelle nahm die Herzogin der Amme das Kind ab und trug es bis zum Altar, wo die Prieſter in Prachtgewändern harrten und un⸗ zählige Kerzen brannten. Walpurga ging wie beraubt hinterdrein— es war ihr, wie wenn man ihr nicht nur alle Kleider vom Leib, ſondern den Leib von der Seele weggeriſſen. Das Kind mochte auch fühlen, was ihm geſchehen, denn es ſchrie laut, aber ſein Schreien wurde übertönt, denn vom Empor herab brauſte die Orgel und ſchallte Ge— ſang, und wie aus dem Boden herauf donnerte es dumpf krachend. Ee hatte nicht des Befehls zum Niederknien am Altar bedurft; Walpurga that es von ſelbſt. Das iſt ein Singen und Donnern und Dröhnen. Die Welt geht unter! Alles vorbei! Die gemalten Engel an der Decke ſingen, die Säulen ſingen— jetzt iſt die Ewigkeit da! Plötzlich trat wieder Stille ein. Das Kind erhielt ſeinen Namen, nicht Einen, es waren deren acht; ein ganzes Stück Kalender wurde ausgeleert für das Kind. Von nun an aber wußte Walpurga nichts mehr. Erſt als ſie wieder mit Mamſell Kramer auf dem Zimmer war, fragte ſie: „Ja, wie heiß' ich denn jetzt meinen Prinzen?“ „Das wiſſen wir Alle noch nicht. Er behält drei Namen bis zu ſeiner Thronbeſteigung, dann wählt er ſich einen davon aus, und auf dieſen Namen regiert er und danach ſchlägt man die Münzen.“ 6 „V wil Dir den Du Don ſchie Hund d uch ih Mechof d zig Sonn Syroc Mitte Prinz V kelnde Wilt Goh ſei das ich halb s zum es von Nöhnen. emalten — jeht 139 „Du,“ ſagte Walpurga zu dem Kinde,„Du, ich will Dir was ſagen, merk Dir's: Den erſten Ducaten, den Du mit Deinem Namen und Bild prägen läßt, den ſchickſt Du mir!— Sehen Sie, wie er mir die Hand drauf giebt?“ rief ſie aufjauchzend, da das Kind nach ihrer Hand faßte.„O Du Sonntagskind! Die Oberhofmeiſterin ſoll's nur Aberglauben ſchelten; aber da zeigt ſich's. Ich bin eine Kuh und Du biſt ein Sonntagskind, und die Sonntagskinder verſtehen die Sprache der Thiere, aber alle Jahr nur Einmal, um Ritternacht am heiligen Abend; aber Du biſt ja ein Prinz, Du kannſt gewiß noch mehr!“ Walpurga wurde ins Gemach der Königin gerufen. Hier war's wieder ſo ſchön und ſtill wie in einer fun⸗ keinden Zauberhöhle; von dem Gelärm droben in der Welt merkt man hier gar nichts. Die Königin ſagte: „Dort auf dem Tiſche die Rolle— es ſind hundert Goldſtücke darin— das iſt Dein Taufgeſchenk von meinem Bruder und den andern Pathen. Macht Dich das glücklich?“ „O, Frau Königin! Wenn auf jedem Goldſtück der Mund von dem Mann, der da abgemalt iſt, ſprechen könnte, alle hundert könnten nicht ſagen, wie glücklich ich bin. Das iſt zu viel, dafür kann man ja unſer halbes Dorf kaufen! dafür kann man.. 1 „Sei nur immer ruhig! halte Dich ſtill! Komm her, hier haſt Du von mir noch was Beſonderes! Dieſer kleine Ring ſoll Dich immer an mich erinnern und Deine Hand ſoll dadurch meine Hand ſein, die — dem Kinde Gutes thut.“ „O, Frau Königin! Sie ſind doch glücklich, daß Sie gleich, wenn es Ihnen ſo ſelig zu Herzen iſt, Alles ſagen, und ſo Großes und Gutes thun können. Gott muß Sie doch recht lieb haben, daß er durch Ihre Hand ſo viel Gutes thun läßt. Ich ſag' Ihnen Dank, und ich ſag' tauſendmal Dank dem, der's Ihnen gegeben hat!“ „Walpurga, das thut mir wohler, als Alles, was der Erzbiſchof und Alle mir geſagt haben. Ich werde es Dir gedenken!“ „Ich weiß nicht, was ich geſagt hab'— aber es kommt Alles von Dir! Wenn man ſo bei Dir iſt, da wird Einem, weiß nicht wie! Mir iſt's, als ob ich im Allerheiligſten von der Kirche drin ſtünde. O, was für ein himmliſcher Menſch biſt Du, ein echter guter Herzmenſch! Ich will's Deinem Kinde ſagen, wenn's auch noch nicht verſteht, es wird's ſchon ſpüren, und es kriegt lauter gute Gedanken zu Dir von mir! Ich bitt' Dich im voraus, verzeih' mir, wenn ich je Dich mit einem Gedanken beleidige, und wenn ich was verun⸗ ſchicke—“ Sie konnte nicht weiter reden. Die Königin winkte ihr, ſtill zu ſein, und reichte ihr die Hand; die Beiden ſprachen kein Wort mehr. Es zogen in Wahrheit Engel durch die ſtille Stube. Walpurga ging wieder fort. Sie ſah allen den Hofherren frei ins Geſicht, und doch war ſie nicht keck; die andern Menſchen waren nur nicht da für ſie. Als ſie wieder bei dem Kinde war, ſagte ſie: „Ja, trinke Du nur meine Seele aus! Es ſoll Alles Dein ſein! Wenn Du nicht ein Menſch wirſt, an dem Gott un werth, ſt Man Aber die vorging; der Cape doch wo „Du ſagte ſie muß es unſer„ Ah, W iu„ ſol.“ Si in der „ purg ſte kom goße derſel ſt ein lich, daß niſt, Ales len. Gott uh hr Dur, n Ich werde — aber es ir iſt, da ob ich O, was ter gutet „wenns und es Dich nit as verun⸗ d reichte rt mehr. Stube. len den licht keck ſie: ſoll Mes an den Gott und die Welt Freude haben, ſo biſt Du nicht werth, ſo eine Mutter zu haben!“ Mamſell Kramer ſah Walpurga verwundert an. Aber dieſe hatte keine Luſt, zu erklären, was mit ihr vorging; ſie ſaß ſtill, als höre ſie noch die Orgel in der Capelle und von der Decke die Engel ſingen; und doch war's lautlos in der Stube. „Du biſt's nicht, was mich ſo glücklich macht,“ ſagte ſie endlich, als ſie das Geld wieder anſah.„So es ſein, wenn man in den Himmel kommt, und unſer Herrgott ſagt: Iſt recht, daß du da biſt!— Ach, wenn ich nur fliegen könnte, in den Himmel hin⸗ ein. Ich weiß gar nicht, was ich mit mir anfangen ſolle⸗ Sie riß ſich alle Kleider auf; es war ihr zu eng in der Welt. „Gottlob, daß der Tag vorbei iſt!“ ſagte Wal⸗ purga, als ſie ſich am Abend zur Ruhe legte.„Es iſt ein ſchwerer Tag geweſen, aber ſchön, ſo ſchön kommt keiner mehr!“ Achtzehntes Capitel. (Irma an ihre Freundin Emmy.) Wie ich mir in der großen Welt gefalle? Die große Welt, liebe Emmy, iſt nur eine kleine. Ich verſtehe aber, warum man es große Welt nennt. Es iſt ein Himmelreich für ſich. Da gehen täglich zwei Sonnen auf, die Majeſtäten; ein huldvoller Blick, ein 142 verbindliches Wort des Einen oder des Andern macht hellen Tag, ein Ignoriren trübes Wetter. Die Königin lebt in einer excluſiven Empfindungs⸗ welt und möchte gern Jeden emporziehen in ihre ge⸗ hobene Stimmung, es iſt etwas nachgeborner Jean Paul in ihr, lianenhaft, Morgenroth und Abendroth der Gefühle, nie weißes Tageslicht; ſie iſt äußerſt huldſam gegen mich, aber wir fühlen's doch einander an: es iſt etwas in ihr und mir, was keine Con⸗ ſonanz hat. Ich weiß nicht, warum ich jetzt ſo oft an einen Spruch meines Vaters denke: Wenn Du mit einem Menſchen gut biſt, freundlich, ja ſogar herzlich— denke Dir aus, wie er ſein würde, wenn ihr euch ent⸗ zweit oder gar verfeindet. Dieſe Vorſtellung verfolgt mich wie ein Geſpenſt, ich weiß nicht warum. Es iſt gewiß ein Dämon, der mich verfolgt. Sie halten mich hier Alle für unendlich naiv, weil ich den Muth habe, ſelbſt zu denken. Ich bin nur nicht mit Brille und Schnürleib der Tradition geboren. Die Menſchen kleiden ſich auch innerlich, wie es die Mode heiſcht. Am beſten gefällt mir die Oberhofmeiſterin, ſie iſt das wandelnde Geſetz mit ſehr behutſam aufge⸗ legtem poudre de riz. Die Damen hier ſpotten dar⸗ über. Ich finde diejenigen eher bemitleidenswerth, die Schönheitsmittel anwenden müſſen. Ach, Emmy, Du glaubſt gar nicht, wie viele Menſchen entſetzlich lang⸗ weilig ſind und ſich langweilen, wenn ſie nicht mediſiren können. Nur wenig Menſchen verſtehen geſund luſtig zu ſei. ſtein erzä Scha iber Gtil Es wor dürfe me Raiſomi man mi zu mach Die weiland Sonne ſchöne Gitter. prieſte duß d ſonſt ſnd Mg llag met Jean Abendroth iſt äußerſt h einander keine Con⸗ t an einen nit einen hetzlich— reuch ent⸗ Geſpenſt, ämon, der an auſg votten dar zwerth, di nh, A ediſire uſtih t m ſund 143 zu ſein. Doch, ich wollte Dir von der Gräfin Brinken⸗ ſtein erzählen. Schade, daß ich Dir die Vorleſung, die ſie mir über Etikette gehalten, nicht wörtlich mittheilen kann. Es war viel Schönes darin. Sie ſagt: über Etikette dürfe man ebenſowenig denken wie über Religion; mit Raiſonniren beginne da und dort Ketzerei und Abfall; man müſſe glücklich ſein, Geſetze zu haben, ſtatt ſie erſt zu machen. Die Brinkenſtein giebt auch Lehren à propos, wie weiland der Pflaſtertreter Sokrates. Im Park auf dem Sommerſchloſſe hat man auf einem Felſenvorſprung eine ſchöne Ausſicht; rings um den Felſen iſt ein eiſernes Gitter.„Sehen Sie, liebe Gräfin,“ ſagte die Ober⸗ prieſterin der Etikette zu mir— ſie ſcheint mich in Affection genommen zu haben—„weil wir wiſſen, daß dort ein Gitter iſt, können wir hier ruhig ſitzen; ſonſt hielten wir's vor Schwindel nicht aus. Das ſind die ſtrengen Hofgeſetze. Thun ſie das Gitter weg, und Sie haben jeden Tag einen Sturz zu be⸗ klagen.“ Der König unterhält ſich gern mit der Brinken⸗ ſtein, er liebt das Gemeſſene, aber auch das heiter Freie. Die Königin iſt zu ſeriös, ewiger Orgelton; aber nach der Orgel kann man nicht tanzen, und wir ſind jung und tanzen gern und oft. Die Brinkenſtein muß mich dem König beſonders gerühmt haben, er ſpricht oft mit mir, und in einer Art, die deutlich ſagt: es iſt unzweifelhaft, daß wir einander vollkommen verſtehen. Den 1. Juni, Nachts. Schade, liebe Emmy, daß mein Geſchreibe da oben kein Datum hat. Ich weiß nun nicht mehr, wann ich das geſchrieben. Lang iſt es her! heißt es in dem ſchö⸗ nen ſchottiſchen Liede. Du haſt Recht, wenn Du mir vorwirfſt, ich ſchreibe meine Briefe nur für mich, nicht für den Adreſſaten; immer nur, wenn mir's Bedürfniß iſt, nicht wenn Du Nachricht wünſcheſt. Aber Du haſt Unrecht, wenn Du darin Egoismus findeſt. Das iſt es nicht. Ich bin kein Egoiſt. Das Gegenwärtige faßt mich ſo ganz. Ach! warum biſt Du nicht da? Täglich, nächtlich, ſtündlich... Ich will mich aber im Briefſchreiben beſſern. Ich zweifle, daß ich's kann, aber ich will... Der König zeichnet mich beſonders aus und die Gunſt des ganzen Hofes fliegt mir zu. Wenn nur der Dämon nicht wäre, der mir immer zuflüſtert.... Ich ſchicke Dir hier meine Photographie. Wir tragen jetzt Vogelflügel auf den Hüten. Der König hat dieſen Adler ſelbſt geſchoſſen und mir das Stück des Flügels gegeben. O, dieſe wunderbaren Tage und Nächte! Wenn man nur nicht ſchlafen müßte! Ich muſicire viel, ich ſinge jetzt nur noch Schumann, ſeine Muſik wirft einen Zauberſchleier über die Seele, einen brennenden und doch ſo wohlthuenden, und man mag ſich herauswin⸗ den, wie man will, man kommt nicht heraus. Ich hülle mich wonnig hinein! „Der Himmel hat die Erde geküßt!“ ſang ich eben wei Nochts. e d oben wann ich dem ſchi⸗ ich ſchreibe ldreſſaten; Ich bin ſo ganz. nächtlich, Pir tragen hat dieſen Wenn irft einen nden und erauswin⸗ 3 noch ſpät in der Nacht, ich konnte gar nicht aufhören — Du kennſt meine Art, ich wiederhole daſſelbe Lied gern fort und fort. Nur kein Potpourri der Empfin⸗ dung!— Ich lege mich endlich ins Fenſter, da— was huſcht vorbei?— Ich darf's nicht ſagen, will's nicht wiſſen, wer es war... In der Lampe auf mei— nem Tiſch ſummt es, ein Nachtfalter hat ſich darin verbrannt... Der Nachtfalter wollte nicht ſterben, er hielt das Licht wohl nur für einen glühenden Blumen⸗ kelch und verſank darin. Schöner Tod, in der Sommernacht, unter Geſang, im Licht des Feuerkelchs.— Gute Nacht! Den 3. Juni. Wo ich geh' und ſteh', bin ich immer erregt, ich weiß nicht warum; oder doch: ich denke immer daran, daß in meiner Schreibmappe dieſe Zeilen an Dich liegen, meine liebe Emmy. Wenn Jemand am Hofe wüßte, was da ſteht! Ich habe dieſe Blätter ſchon verbrennen wollen. Ich bitte Dich, thue Du's! Nicht wahr, Du thuſt's? Oder verbirg ſie an einem ſicheren Ort. Ich kann nicht anders— ich muß Dir Alles mittheilen. Die Königin iſt gar huldreich gegen mich. Eben in ihrer jetzigen Lage hat ſie etwas beſonders Rühren⸗ des, ich möchte ſagen, Heiliges. „Der Menſch iſt der Tempel Gottes, und zumal eine junge Mutter, eine junge königliche Mutter!“ ſagte geſtern der Erzbiſchof, der uns hier beſuchte. Wie erhaben iſt das! Ich ſehe nun die Königin ganz anders an. Als Auerbach, Auf der Höhe. 1 10 146 ſie mir geſtern ſagte:„Der König ſpricht mit größter Liebe von Ihnen, Gräfin Irma, das freut mich!“— geprieſen ſei die Etikette, daß ich mich niederbeugen und die Hand der Königin küſſen durfte. Ihre Hand iſt jetzt ſo voll und rund... Den 5. Juni. Die heiterſten Stunden ſind doch die beim Frühſtück. Ich weiß nicht, wie es die Anderen fertig bringen, etwas Alltägliches zu thun nach dieſen olympiſchen Stunden. Ich fliege dann in den ſchrankenloſen Aether, der Muſik. Der König iſt ſehr gütig zu mir. Er iſt eine edle tiefe Natur. Als ich geſtern mit ihm durch den Park ging und wir ſo prächtig gleichen Schritt hielten, ſagte er: „Sie ſind mir wie der gute Kamerad— wir gehen im gleichen Schritt und Tritt. So ging noch nie eine Frau mit mir. Mit der Königin muß ich meiner ge— wöhnlichen Gangart immer Zwang anthun.“ „Das iſt wol nur jetzt?“ „Nein, immer. Erlauben Sie, daß ich, wenn wir allein ſind, Sie meinen guten Kameraden nenne?“ Wir ſtanden ſtill, wie zwei Kinder, die ſich im Walde verirrt haben, und plötzlich nicht mehr wiſſen, wo ſie ſind. „Wir wollen umkehren!“ konnte ich nur noch ſagen. Wir kehrten nach dem Schloſſe zurück. Ich be⸗ wundere den König, wie er ſofort mit dem Miniſter in die ernſteſten Beſprechungen eintreten konnte. Das vermag doch nur eine große Erziehung und ein einge⸗ borner bedeutender Geiſt. wie i lg en vont uuch hin. wold nich hei . tto in la in t größter ich!“— ugen und Frühſtüc. hringen, ynpiſchen en Aether edle tiefe ging und er: vir gehen nie eine einer ge⸗ venn wir nne?“ ſich in r wiſen, ch ſagel⸗ 5 he⸗ Niniſet e. Do in einge⸗ 7 Noch Eins. Ich will es einſtweilen bei Dir nieder⸗ legen. Ich hätte dem König gern geſagt, daß die Königin wie ich glaube, einen Schritt thun will, der ſchwere Folgen haben kann für ihn, fuͤr ſie und wer weiß für wen ſonſt noch. Aber ich hatte nicht den Muth, jetzt von der Königin zu ſprechen, und der Leibarzt hat mir auch allen Muth genommen, in dieſer Sache etwas zu thun. Ich weiß, ich ſpreche Dir in Räthſeln— ich werde Dir ſpäter erklären, was ich meine, erinnere mich daran— es muß ſich in wenigen Wochen ent⸗ ſcheiden. Die Königin hat mir über dieſe Sache nichts ver— traut, ich dürfte frei reden, ich habe Alles nur com— binirt.— Doch genug, ich will Dich nicht mit Räthſeln plagen. Mein liebſter Freund iſt aber doch der Leibarzt, eine große Natur, und noch größer durch Cultur. Er iſt zu jedem Moment auf der Höhe ſeiner ſelbſt. Ich habe ihn noch nie zerfahren, verloren oder unſicher geſehen. Das altväteriſche Wort„weiſe“ iſt auf ihn anwendbar. Er liebt das Geiſtreiche nicht, denn er iſt weiſe. Und dabei hat er eine ſehr zutreffende, deckende Ausdrucksart und ſchöne Hände, die eigent⸗ liche Prieſterhand, wie zum Segnen gebildet; er iſt immer ebenmäßig, nie extrem; und was das Schönſte iſt, er gebraucht nie einen Superlativ. Ich ſagte ihm das einmal; er ſtimmte mir bei und fügte hinzu: „Ich möchte der Welt für die nächſten fünfzig Jahre jeden Superlativ verbieten; das würde die Menſchen — — 148 zwingen, einfacher und beſtimmter zu denken und zu d empfinden.“— Findeſt Du nicht auch, liebe Emmy,. daß das vollkommen wahr iſt? Wir wollen einen Anti⸗ s ſuperlativ⸗Verein gründen. Ich bewundere den Mann, hiſen ich werde ihm aber nie ganz nachfolgen können. Durch ſiht ihn aber hab' ich glauben gelernt, daß es in der Welt ih hohe Weiſe gegeben hat. Er war, als er noch Militär⸗ bh arzt, der Freund meines Vaters, war dann Profeſſor in der Schweiz, und iſt jetzt ſeit achtzehn Jahren hier Leibarzt. Der Mann würde Dir gefallen; ihn zu 0 kennen iſt Lebensbereicherung. Wenn ich Dir auf— i zeichnen wollte, was er ſpricht, ſo wäre das nur halb; e es gehört ſeine ganze Perſönlichkeit dazu. Er hat den 6e überzeugungsvollen Wahrheitston, eine klangvolle Bruſt⸗ ſtimme, man ſagt, er habe ehedem auch ſchön geſungen; an er iſt ein ganzer Mann und liebt mich wie ſeine Richte, 6 ich werde Dir noch viel und oft von ihm zu erzählen ſe haben. Am meiſten freut mich noch, daß er auch eine gute Doſis Humor hat, der gibt ihm Salz genug, um nicht zu den Süßwaſſermenſchen zu gehören. Der Oberſt Bronnen iſt der beſte, vielleicht der i einzige innige Freund des Leibarztes, und dieſer ſagte mir vor Kurzem, der Oberſt habe in ſeinem ganzen Weſen viel Aehnlichkeit mit der Jugenderſcheinung meines d Vaters. Den 15. Juni. N Ach, wie häßlich iſt es doch, wie widerwärtig, wie 1 der Menſch geboren wird und wie er ſtirbt! Sterben, in den Boden hineingelegt werden; die Augen, die ge⸗ glänzt, geleuchtet, der Mund, der gelächelt— verweſt! 2 und zu e Ennh, nen Anti⸗ nMann, Durch der Welt Milität⸗ hren hiet ihn zu Dir auf⸗ ur halb; hat den e Bruſt— geſungen; ne Nichte, erzählen auch eine eng, um leicht de ieſer ſagte m ganzen ng meines Jun ärtig, wie Sterben die ge n1 perwel 149 Des Menſchen Tod iſt eine Barbarei. Warum wiſſen wir vom Tod? Wir müſſen unſterblich ſein, ſonſt wär's eine Grauſamkeit, uns Menſchen allein wiſſen zu laſſen, daß wir ſterben müſſen. Der Nachtfalter hat nicht gewußt, daß er ſterben muß: er hielt das brennende Licht für eine farbenglänzende Blume und ſtarb den Blumenfeuertod. Wir ſind ſeit geſtern Abend in ſchwerer Sorge um die Königin, um ein doppeltes Leben. Ach, ſie war ſo gut, ſo engelrein.—— Nein, ſie iſt, ſie wird es bleiben, ſie wird leben. Ich habe aus ganzem Herzen gebetet. Ich will von allen Zweifeln nichts mehr, das Gebet muß helfen. Als ich heute dem König begegnete, ſah er mich kaum an. Das hilft mir. In mir wollte twas knospen, ich reiße es ab, ich reiße es aus mit der wurzel; es darf nicht ſein! Ich will ſein Kamerad ſein, ſein guter, ſein beſter. Mein Clavier, die Muſikalien, die Bilder, die Statuetten, mein Vogel— wie ſieht mich das Alles jetzt ſo fremd an! Ein Menſch, ein doppelter Menſch iſt in Lebensgefahr. Was iſt da der ganze Plunder der Welt? Mit Allem zuſammen können wir keinen Menſchen retten! Iſt die Erbſünde eine Wahrheit, daß der Menſch darum mit Todesſchmerzen das Licht erblickt? Ich möchte ein Buch leſen. Es gibt keines in ſolcher Noth. Es giebt kein Denken. Nichts, gar nichts! Alle Weisheit aller Bücher iſt nichts... Den 16. Juni. Hollelujah! Ich komme aus der Kirche! Könnte ich Dir nur dieſe Worte zuſingen Ich habe das Hallelujah 150 „ geſungen, als müßte ich meine ganze Seele zu Gott hinaufſingen. Hallelujah! Alles iſt gut! Ein Kronprinz iſt geboren. Die Königin iſt geſund, der König glücklich, die ganze Welt ſchön und ein blauer Himmel, an dem auch kein Wölkchen, ſteht über uns. Gottlob, daß ich ſo ſchnell aus der Verwirrung gekommen! Vielleicht redete ich mir ſie nur ein. Es war nichts da, gar nichts. Ich verſtehe die Huldbe⸗ zeigungen des Hofes noch nicht, ich bin ein albernes Kloſterpflänzchen. Nicht wahr? Ich ſehe Dich lachen, ich ſehe die Grübchen in Deinen Wangen. Ich küſſe Dich! Ach, Alles iſt gut und fromm und heilig und glück⸗ lich und— Wenn ich nur componiren könnte! Jetzt könnte ich eine große Muſik machen. In meiner Seele iſt ein ſtummer Beethoven. Den 18. Juni. Eine Bäuerin aus dem Gebirge iſt Amme des Kron⸗ prinzen. Ich war auf Wunſch des Königs bei ihr. Ich ſtand an der Wiege des Prinzen. Da kam der König. Fſagte leiſe zu mir: „Es iſt Wahrheit, an der Wiege des Kindes ſteht ein Engel!“ Er legte ſeine Hand auf die meinige, die auf dem Geländer der Wiege ruhte. Der König ging. Und denke Dir, was jetzt geſchah. — klugen nene unſi zul ins nit ebe und hot J wirrung ein. Es Huldbe⸗ albernes lachen, ſch küſe nd glüc⸗ nnte ich iſt ein uni. König. Die Bäuerin, eine friſche, muntere Geſtalt mit klugen blauen Augen, derb und maſſiv, eine vollkom⸗ mene Landſchönheit, der ich mich freundlich bezeigte, um ſie zu erheitern und kein Heimweh in ihr aufkommen zu laſſen, die Bäuerin ſagt mir mit dürren Worten ins Geſicht hinein: Du biſt eine Ehebrecherin! Du haſt mit dem König Liebesblicke gewechſelt... Emmy! Wie Recht hatteſt Du, da Du mir immer ſagteſt: Du idealifirſt Dir das Volk, es iſt mindeſtens ebenſo laſterhaft und verdorben wie die große Welt, und hat dabei weder Zügel noch Zaum der Bildung. Doch— was geht mich die Bäuerin an? Gewiſſe Figuren ſ d nur Requiſitenſtücke. „Nein! ſie iſt eine brave verſtändige Frau.— Sie hat mich um Verzeihung gebeten wegen ihrer Keckheit. Ich bleibe ihr gut. Ja, das bleibe ich. Den 25. Juni. Der König bezeigt mir die größte Güte. Noch geſtern ſagte er mir im Vorbeigehen: „Wenn Sie einmal ein Geheimniß haben, Gräfin Irma, ſo machen Sie mich zum Vertrauten!“ Er fühlt recht wohl, daß ich an meinem Bruder keinen heimiſchen Halt habe, und von meinem Vater ſo entfernt lebe. Der Oberſt Bronnen, vom Regiment Königi iſt äußerſt aufmerkſam gegen mich. Er iſt ſonſt ein Mann von großer Zurückhaltung. Ach, ich beneide alle Men⸗ ſchen um ihre Reſerve. Ich beſitze gar nichts davon, und da ſchmeichelt man ſich, dieſe ewige Rückhaltloſigkeit ſei biedere Ehrlichkeit und ſie iſt doch nichts als Schwäche. 1 1 4 —— 152 Bronnen ſagt, er empfange bisweilen Briefe von Dir. Iſt es möglich, daß ein Gedanke von Dir ins Schloß kommt, der nicht mein iſt? Ich freue mich, daß wir in vierzehn Tagen wieder das Sommerſchloß beziehen. Die Städte ſollten im Sommer alle verſchwinden. Man ſollte die Häuſer hinausſtellen können in Wälder, auf Berge und in Thäler; im Winter könnten ſie wieder zuſammenkommen. Geſtern Abend, als wir auf der Veranda ſaßen, gab es viel Spaß, als mein Bruder Bruno uns aus⸗ malte, wie es wäre, wenn durch einen Zauber die vier Füße an allen Bettſtellen in der Stadt lebendig würden und kämen daher getrampelt mit ihrem Inhalte und ſchritten durch die Promenaden. Es war gar poſſir⸗ lich. Freilich war auch Manches dabei, was ſich nicht ſchickte; aber Bruno hat bei all' ſeiner Ungezogenheit viel Grazie, er wußte das äußerſt behutſam und pikant darzuſtellen. Ich bin dadurch auf den Gedanken von der Wan⸗ derung der Häuſer gekommen und habe auch das aus⸗ gemalt. Es war ein heiterer Abend, voll Lachen und Scherz. Mir klingt es noch im Ohr, da ich Dir's jetzt ſchreibe. Der König hat einen neuen Spazierſtock— er hat eine ſchöne Sammlung von derlei— und dieſer Spazier⸗ ſtock macht mir den Hof. Gleich und gleich geſellt ſich gern und ich ſoll ja geiſtreich ſein, und dieſer Spazier⸗ ſtock iſt geiſtreich par excellence. Er heißt Geheimer Legationsrath Baron Schnabelsdorf. Denke Dir einen behäbigen bartloſen Junggeſellen, ſtets tadellos friſirt, rieſe von Dir ins Sommer ſtellen Uer; um a ſaßen, uns aus⸗ die viet würden alte und poſit⸗ ſch nicht zogenheit d pikant er Wan⸗ das alls⸗ E ſchreibe. 5 er hat Spozier⸗ ſellt ſch eheimer ir einen friſirt, 153 die Haare auf ſeinem Haupte ſind gezählt und mit Virtuoſität zu einer vollen Friſur wie ein Hahnen⸗ buſch aufgeſträußelt. Er gilt als ſtaatsmänniſche Autorität. Er kommt eben aus Rom, war früher der Geſandtſchaft in Paris, Madrid und ich glaube auch in Stockholm attachirt; erzählt bequem und gern. Er muß einen dienenden Hausgeiſt haben, der für ihn ſtudirt, denn er weiß Alles: welchen Schnitt die Aermel der Königin Eliſabeth hatten, welche neuen Entdeckungen man in der Milchſtraße, und welche Aus⸗ grabungen man in Ninive gemacht; Alles, Alles. Die Herren und Damen machten ſich mehrmals den Spaß, einen oder mehrere Artikel im Converſations-Lexikon nachzuleſen und das Geſpräch darauf zu lenken; aber der allwiſſende Baron wußte Datum und Umſtände noch genauer. Und immer hat er eine Bonbonnière voll pikanter Anekdoten. Er iſt faſt beſtändig um den König; man ſagt, er ſei zu einer hohen Stellung auserleſen. Was meinſt Du nun? Soll ich den Mann heirathen? Mein Bruder wünſcht es. Er behauptet, Schnabels⸗ dorf habe ihn nicht mit einem Antrag zu mir geſchickt, aber ich glaube es doch.— Ich müßte hellauf lachen, wenn ich mit dem gelehrten Spazierſtock vor dem Altar ſtünde. Aber es ſchmeichelt mir doch, daß ein ſo grund— gelehrter Mann mich zu ſeinem Ehegeſpons erkieſen will. Ich muß doch auch überaus gelehrt und geiſt⸗ reich ſein. Habe Reſpekt vor mir. Tauſend Grüße und Küſſe von Deiner ewig verzogenen Irma. Nachſchrift. Zur Taufe war der Bruder der Köni⸗ gin, der Erbprinz**? mit ſeiner Gemahlin da. Sie 3 ſpricht faſt gar nicht, aber ſie iſt ſchön. Es heißt all⸗ gemein, der Erbprinz werde ſich von ihr ſcheiden laſſen, 4 da ſie kein Kind hat. Wie gräßlich muß es der Armen zu Muthe ſein, wenn ſie den Erbprinzen liebt, und es ſcheint in der That. Die Erbprinzeſſin muß mir meine Neigung für ſie angeſehen haben. Sie behandelt 1 mich mit ausnehmender Gnade, und ich bin diejenige, — mit der ſie die meiſten Worte geſprochen. Sie will, 1 ich ſoll auch mit ihr ausreiten. Das Feſt war groß ſ und prächtig. Zur Kirche trug ich ein weißes Moirée⸗ kil 3 kleid, den Schleier an der Coiffure befeſtigt; zur Gala⸗ ſi tafel— der Kammerherr Baron Schöning führte mich en zur Tafel, ich gelte hier für eine dichteriſche Natur, No und der Kammerherr, der mir auch ſeine Gedichte be⸗ reits ſchenkte(Du kennſt ſie, er hat ſeine ſublimen Ge⸗ n fühle in den Dialekt des Hochlands maskirt), hält ſich 3 gern zu mir, er ſprach erſchrecklich albernes Zeug bei Tafel— ja, alſo zur Tafel trug ich ein meergrünes Seidenkleid mit viereckigem Ausſchnitt à la Madonna und einen einfachen vollen Ericakranz im Haar. Man t ſagte mir allgemein, ich hätte ſchön ausgeſehen, und li ich glaub's ſelber. —— en laſſen, er Armen muß mir behandelt diejenige, Sie pill, Moirée⸗ ur Gala⸗ rte mich e Natur, ergrünes ſadonna . Man 155 Zweites Buch. Erſtes Capitel. Das Leben im Schloſſe bewegte ſich wieder in ſeinen feſten Linien und ſtetigen Formen. Es wurden keine Bülletins über das Befinden der Königin und des Kron⸗ prinzen mehr ausgegeben. Die in Folge des glücklichen Ereigniſſes erlaſſene Amneſtie wurde im Lande mit großer Befriedigung aufgenommen. Irma war viel in den Gemächern des Kronprinzen und ſie ſuchte ſich in das Gemüth der Bauernfrau zu verſetzen, die in ein ganz neues Daſein verpflanzt war; ſie erluſtigte ſich an den poſſirlichen Bildern und Be⸗ trachtungen, die das Weib aus dem Volke von dieſem Daſein hatte und weckte damit eine gewiſſe kecke Um— ſtellung aller Dinge in Walpurga; ihre eigenthüm⸗ liche Art, die Dinge zu ſehen, fand manchen Einklang mit dem weltfremden Weſen Walpurgas und wenn Irma nicht zugegen war, konnte die Amme ſtunden⸗ lang zu dem Kinde ſprechen und ſie überbot ſich dabei in allerlei poſſirlichen immer ſich nicht genügenden Aus⸗ drücken. Eine tiefe Urwelle von Glück und Zufriedenheit, rechtſchaffenem Vorſatz und Allem, was den Menſchen — 156 echt macht, quoll aus Walpurgas Seele herauf, und floß zu Gedeihen über in das Kind, das ſie ans Herz gelegt hatte und das ihr ins Herz wuchs. Tage vergingen. Mit ſteter Regelmäßigkeit wurde der Prinz täglich einmal zur Königin gebracht; das war die große Stunde des Tages; dann war wieder ſtilles gedeihliches Leben in den Gemächern des Neu⸗ gebornen. Der Leibarzt erweiterte die gewohnte Ordnung, denn er kam eines Tages und ſagte:„Es iſt heute ein ſchöner, windſtiller Tag— es wird Prinzen wohl⸗ thun, wenn wir ihn zum Erſtenmal ins Freie ſchicken. Wir machen es ſo: um elf Uhr fahren Sie mit Wal⸗ purga und dem Prinzen bis zur Nymphen⸗Allee, dort gehen Sie unter den Tannen mit dem Kinde auf und ab, Sie können ſich auch ſetzen, verweilen eine halbe Stunde, dann kehren Sie zurück und beziehen ſogleich die neuen Gemächer. Walpurga, Du haſt Dich gut gehalten; bleibe ſo, laß Dich von nichts aus Deiner Ordnung bringen, und Du wirſt uns allen Freude machen und ſelbſt Freude haben.“ Walpurga war glücklich. „Du, wir fahren ſpazieren!“ rief ſie, als der Leibarzt weggegangen, dem Kinde wieder zu.„Dir ſchenkt Gott Alles im S aber Du ſchenkſt mir auch immer davon, gelt, Du haſt ein gutes Herz? Ich geb' Dir auch Herz.“ Walpurga hätte noch lange ſo fort geſprochen, aber Mamſell Kramer warnte, ihr die Wange ſtreichelnd: „Du haſt gleich wieder heiße Backen! Zeige dem aber ſi, n gegan eit wurde u wieder des Nel⸗ ng, denn heute ein zen wohl⸗ ſchicken. nit Wol⸗ lee, dort auf und ine halbe 1 ſogleich 3 Deiner Freude als der „Dit nkſt nir obet chelnd: on , jae dem Prinzen Deine Liebe mit Ruhe und Folgſamkeit, und nicht mit ſolch übertriebenen Worten.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Walpurga.„Es iſt wahr. Ich bin ſonſt nicht ſo, ich bin immer auch luſtig, aber ſachte geweſen, nie ſo wirbelig wie jetzt,“ begann ſie, nachdem ſie mehrmals in der Stube auf- und ab⸗ gegangen und ſich endlich ans Fenſter geſetzt hatte. „Ich will Ihnen ſagen, was mir fehlt.“ „So? fehlt Dir etwas?“ „Ja, die Hauptſache. Ich hab' nichts zu thun, ich weiß nicht, was ich mit meinen Händen anfangen ſoll. So, nichts als ſchwätzen und aus- und an—⸗ ziehen, eſſen und trinken, da werd' ich eben dumm. Wenn der Doctor wieder kommt, ſagen Sie ihm, er ſoll mir was zu ſchaffen geben. Ich will Holz herauf⸗ tragen oder was es eben zu thun giebt. Jetzt wird im Schloßgarten geheuet, wenn ich dabei ſein könnte, da wär' ich wieder friſcher. Im Grasmähen iſt mir kein Mann zuvorgekommen; der Gruberſepp hat's oft geſagt: Das Weibervolk wetzt die Senſe ſiebenmal öfter als die Mannen; bei mir iſt das aber nicht geweſen.“ „Das wird nicht gehen; aber Du ſollſt Dir Be⸗ wegung machen, dafür werde ich ſorgen.“ „Komm, Du ſollſt jetzt in die freie Luft hinaus,“ wendete ſich Walpurga zum Prinzen. „Käfig auf! Käfig auf! Flieg' fort! Flieg' in die weite Welt hinein, Wo mag mein Schatzerl ſein? Käfig auf! Käfig auf! Flieg' fort! 158 Schade, daß die Vögel nicht mehr ſingen. Ja, Kind, die ſingen nur, ſolang ſie Junge im Neſt haben; aber ich hab Dich noch ein ganz Jahr im Neſt und ſinge Dir Lieder, ich kann's beſſer, als alle Vögel!“ Und ſie ſang: „Wir beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein, Glückſelig ſein die Stunden, Wo wir beiſammen ſein. „Mein Herz trägt eine Ketten, Die Du mir angelegt, Und ich wollt' das Leben wetten, Daß Keiner ſchwerer trägt.“ „Bravo! prächtig!“ rief die eintretende Gräfin Irma. „Das Lied will ich lernen, ſing' es noch einmal!“ Walpurga ſang es noch einmal und ſchon bei der zweiten Strophe ſtimmte Irma ein. „Das Lied paßt eigentlich gar nicht für ein Kind,“ ſagte Walpurga,„aber was weiß ſo ein Burſch, ob eine Kuh brummt oder ein Vogel ſingt— das iſt ihm Alles Eins! Fahren Sie auch mit uns? Wir fahren heut' ſpazieren!“ „Ich möchte mit Dir fahren, aber ich darf nicht,“ erwiderte Gräfin Irma. „Alſo, Sie dürfen auch nicht Alles?“ fragte Walpurga. Irma ward betroffen.„Wie meinſt Du das?“ fragte ſie mit ſcharfem Tone. „Wenn ich was Dummes geſagt hab', ſo verzeih'n Sie mir— ich hab nur ſagen wollen: ſind Sie auch hier im Dienſt, als Hoffräulein?“ 3 niſſen Gott „4 . eine v 35 b gachſc Seit Ju, Kind, ben; aber ſinge Dir d ſie ſang: üfin Irma. mal n bei det ein Kind, Burſch, ob das iſt ihn Wir fahren rf nicht, Walpurhl Du das!“ ſo verzeih d Sie auc „Ja, man kann es ſo nennen. Alle Menſchen müſſen dienen, und der König und die Königin müſſen Gott dienen.“ „Das müſſen wir Andern alle auch.“ „Ja, aber nicht ſo ſchwer, wie Fürſten, die haben eine viel größere Verantwortung. Doch, was red' ich da? Sei froh, daß Du nicht Alles zu wiſſen brauchſt. Ich bringe Dir hier eine Vorſchrift und da ſollſt Du nachſchreiben lernen. Ich verdanke Dir ſchon etwas. Seit ich den Vorſatz habe, Dich ſchreiben zu lehren, ſchreibe ich für mich ſelbſt viel deutlicher—“ Irma hielt plötzlich inne; dieſe Thatſache wurde ihr zum Bilde. „— denn Du ſollſt recht gut ſchreiben lernen,“ ſchloß ſie. Baum kam und meldete, der Wagen ſei vorge⸗ fahren. Irma verabſchiedete ſich und ſagte, ſie werde Walpurga im Parke treffen. Nun ging's die Treppen hinab, Baum öffnete den Kutſchenſchlag, Mamſell Kramer ſtieg zuerſt ein, nahm Walpurga das Kind ab, bis ſie eingeſtiegen war und es wieder auf die Arme nahm; Baum ſprang zum zweiten Lakaien auf den Tritt hinten, die vier Schimmel zogen an, griffen aus, und der Wagen rollte davon. „Fahren wir denn?“ fragte Walpurga. „Ich mein', wir fliegen; ich hör' ja gar kein Rollen von den Rädern.“ „Die hört man auch nicht— die Eiſenreifen ſind mit Gummi überzogen.“ 160 „Die haben alſo auch ſo Schlurken an, wie man anziehen muß, wenn man durch die glatten Stuben geht? O Gott, wie geſcheidt ſind doch die Menſchen und wie weiß man ſo gar nichts da draußen! Es iſt wahr, man lebt wie eine Kuh; es iſt Alles, daß man nicht Gras frißt! Aber was iſt denn das?“ ſchrak ſie plötzlich zuſammen,„da trommeln ſie und da ſpringen die Soldaten heraus! Brennt's wo?“ „Das iſt wegen unſer, die Wache tritt ins Gewehr, wenn Eines von den Herrſchaften vorbeifährt. Schau nur, jetzt präſentiren ſie, dann legen ſie die Gewehre ab und gehen wieder in die Wachtſtube. Das ſind Soldaten vom Regiment Kronprinz, es gehört ihm.“ „Alſo wenn er heranwächſt, kann er mit lebendigen Soldaten ſpielen?“ Es war viel Beherrſchung von Mamſell Kramer— ſie hat nicht umſonſt ſechzehn Ahnen— bei dieſen Worten Walpurgas nur ein wenig aufzuzucken, dann machte ſie eine Miene, wie wenn ſie ein Gähnen unterdrücken müßte, ihre Geſichtszüge machten ſeltſame Wandlungen durch; ſie darf nicht lachen; ein echter hoher Diener muß Alles mit erleben, hören und ſehen, und dabeiſtehen als beweglicher Tiſch, als beweglicher Teller; und ſo wenig Herrſchaft auch Walpurga war, man darf nicht über ſie lachen: ſie iſt die Amme Seiner königlichen Hoheit des Kronprinzen. Mamſell. Kramer lachte nicht und ſagte nur ausweichend: „Wenn wir zurückfahren, an der Wache vorbei, geſchieht das noch einmal.“ „Jetzt darf ich fragen, wozu das gut iſt?“ 0 dient an 6h „A „ ſichts wird« dn ſ au — Meenſchen n Es iſt daß man ſchrak ſie da ſpringen ¹ Geweht, t. Schau je Gewehre Das ſind ört ihm lebendigen Kramel— bei dieſen cken, dan ein Gähnl ten ſeltſan ein oht und ſohel, bew gliche lpurga wol, die Vnn Namſl chend che vorbe 161 „Ja wol, es hat Alles ſeinen guten Grund. Das dient dazu, die Menſchen und beſonders die Soldaten an Ehrerbietung zu gewöhnen.“ „Aber unſer Prinz merkt ja nichts davon?“ „Man muß auch ehrerbietig ſein gegen den, der nichts davon weiß. Ich will Dir etwas ſagen, es wird Dir gut thun: Wenn Du von Seiner Majeſtät dem König und Ihrer Majeſtät der Königin ſprichſt, ja auch wenn Du von ihnen denkſt, ſage nie geradezu der König oder die Königin, ſage und denke immer Seine Majeſtät und Ihre Majeſtät dazu; dann wirſt Du Dich niemals verleiten laſſen, unehrerbietig von ihnen zu ſprechen oder zu denken. Merke Dir das!“ Walpurga hörte dieſe Lehre kaum. „O Gott,“ rief ſie,„wie weiſe iſt die Welt ein⸗ gerichtet. Da haben die Menſchen doch gewiß viele tauſend Jahre gebraucht, bis ſie's ſoweit gebracht haben!“ „Ja wol, viele tauſend Jahre. Du brauchſt aber nicht zu nicken gegen die Menſchen, die am Wege grüßen; es gilt doch nicht Dir!“ „Ich möcht's aber für meinen Prinzen thun, bis ers ſelber kann. Ich ſehe es Allen an, wie gern ſie ihn ſehen möchten. Du! Alle Menſchen grüßen Dich, Du haſt's gut!— O, wie ſchön iſt ſo ein Wagen! Da ſitzt man wie in einem Vett und behäb wie in einer Stube, und kann doch Alles ſehen und— Huidi!“ Das geht ſchnell!“ Man bog in den Park ein, der Wagen ging im Schritt am großen Schwanenteich vorüber, und Wal⸗ purga ſagte immer: Auerbah, Auf der Höhe. 1 11 „Ich mein' ich wär' im Zauberland.“ An der Nymphen⸗Allee ſtieg man aus; hier wars ſchattig und duftig. Als Walpurga ausgeſtiegen war und das Kind auf den Armen trug, ſagte ſie: „Mach' die Augen auf! Guck um! Da haſt Du die ganze Welt! Da ſind Bäume und Wieſen und der blaue Himmel, den kann Dir auch Dein Vater nicht herunter holen, den mußt Du Dir ſelber verdienen mit Bravſein, und wenn Du brav biſt und ich bleib's auch, dann kommen wir da oben wieder zuſammen.“ „Setz' Dich hier, Walpurga, ſprich jetzt nichts mehr!“ ſagte Mamſell Kramer. Sie hatte entſetzliche Angſt wegen Walpurga. Das plaudert und tollt beſtändig fort, und iſt ſo unbändig wie ein Füllen, das man ins Freie gelaſſen. Sie wiederholte daher: „Red' Alles nur zu mir und leiſe. Es wäre mir leid, wenn Dich die Lakaien hinter uns auslachten. Sieh' einmal, der Vorreiter dort, das iſt meines Bru⸗ ders Sohn.“ Jetzt erſt ſah Walpurga, daß zwei Lakaien, der eine davon war Baum, hinter ihnen hergingen. Der Wagen fuhr in den Nebenalleen auf und ab. Walpurga blieb wie gebannt vor einer Marmorſtatue ſtehen. „Nicht wahr, das iſt wunderſchön?“ fragte Mamſell Kramer. „Pfui Teufel!“ erwiderte Walpurga,„das iſt ja grauslich! Und da gehen Männer und Frauen her und ſehen ſo was an?“ Mamſell Kramer hatte damals, als der alte König dieſe S die He es doc M Palpu wußte uf ih F ſalt blau Mäm hier wars iegen war haſt Du n und der zter nicht verdienen ich bleibs ga Dos unbändig wäre mir eines Br n, der eine der Wogel Waniſell Vunt d iſt h en her U ute Kön 163 dieſe Statuen aufſtellte, ſie auch zuwider gefunden; aber die Herrſchaften fanden ſie ſehr ſchön und da mußte es doch ſo ſein und allmälig fand ſie es ſelbſt. Man ging in eine Seitenallee und hier ſetzte ſich Walpurga auf eine Bank, träumte vor ſich hin und wußte von der Welt ſo wenig mehr, wie das Kind auf ihrem Arme. „Ei, wer kommt denn da?“ fragte ſie wie erwachend. In der Mitte von zwei Reitern ſaß eine Frauen— geſtalt auf glänzend ſchwarzem Pferde, ihr Gewand war blau und wallte weit hin, auf ihrem Haupte ſaß ein Männerhut, daran ein langer blauer Schleier wehte. „Ich mein', das wär' unſre Gräfin!“ „Ja wol! Jetzt ſteigen ſie ab, Seine Majeſtät der König und Ihre königlichen Hoheiten der Erbprinz und die Erbprinzeſſin ſind bei ihr. Die Herrſchaften kommen zu uns!“ ſagte Mamſell Kramer.„Bleib' nur ſitzen, Du haſt als Amme nicht nöthig, höflich zu ſein.“ Dennoch konnte es Walpurga nicht laſſen, an ihren Hut zu greifen und nachzufühlen, ob die Troddel hinten ordentlich hängt und der Blumenbuſch vorn noch ſteckt. Mamſell Kramer bat die Herrſchaften, das Kind nicht zu betrachten, es ſchlafe und der Blick der Be⸗ trachtenden könne es wecken. „Sehen Majeſtät,“ ſagte Irma,„wie tiefſinnig alle Naturgeſetze ſind. Der Blick des Wachenden weckt das ſchlafende Kind. Tief in jeder Menſchenſeele ruht eine ſchlafende Kindesſeele. Es iſt nicht wohlgethan, aus Theilnahme oder gar aus Neugier die ewige Kind⸗ ſchaft aufzuſcheuchen.“ 164 „Ich möchte nur wiſſen, wie Sie immer zu ſo ori⸗ ginellen Gedanken kommen,“ erwiderte der König. „Ich weiß das ſelbſt nicht,“ erwiderte Irma mit der Reitgerte ſpielend.„Ich habe nur den Muth, immer zu ſagen, was ich denke, und das kommt dann originell heraus. Die meiſten Menſchen ſind die Wechſel⸗ bälge ihrer ſelbſt; ſie ſind in der Bildungswiege ver⸗ wechſelt worden.“ Der König lachte. Walpurga aber ſagte, indem ſie ſchnell die beiden Daumen einſchlug: „Wechſelbalg! Das iſt nicht geſagt und nicht ge⸗ hört. Man darf von ſo was nicht reden vor einem Kind, das noch nicht ſieben Monat alt iſt. Da haben die böſen Geiſter immer noch Macht, auch wenn das Kind ſchon getauft iſt.“ Sie hauchte das Kind dreimal an, um jeden böſen Zauber von ihm zu ſcheuchen. Die Erbprinzeſſin ſah die Amme und das Kind mit ſchwerem Blicke an, aber ſie ſprach kein Wort. „Ich verſtehe keine Silbe von der Sprache der Amme,“ ſagte der Erbprinz. Walpurga wurde feuer⸗ roth. „Was ſiehſt Du mich ſo an?“ fragte Gräfin Irmo. „Bin ich Dir fremd?“ „Gar nicht, aber wiſſen Sie, wie Sie ausſehen? Wie die Seejungfrau. So ſteigt ſie herauf und hat einen faltigen See von Kleidern um ſich herum.“ Irma erklärte lachend dem Erbprinzen und ſeiner Gemahlin in Hochdeutſch, was Walpurga geſagt, und jener nickte ihr jetzt freundlich zu, wie man einem lu zu ſo ori⸗ Irma nit den Muth, ommt daun zwiege ver⸗ gte, inden id nicht ge⸗ vor einen Da haben eun“ und ſint geſogl 6 nun ei 165 braven Thiere zunickt, mit dem man's gut meint, ſich aber nicht mit ihm verſtändigen kann. „Aber Gräfin Irma hat keine Schwanenfüße. Glaube das ja nicht, Walpurga!“ lachte der König.„Kommen Sie, Seejungfrau!“ Die Herrſchaften ſtiegen wieder auf und ritten davon. Es war Zeit, daß auch der Prinz wieder heimkehrte. Während der Ausfahrt war Alles in die Gemächer des Erdgeſchoſſes gebracht worden, die man nun bezog. Hier hatte man Morgen⸗, Mittag⸗ und Abendſonne, und dieſe Gemächer gingen nach dem Parke hinaus, wo am hellen Tag noch die Schwarzamſel ſang, Oran⸗ gen dufteten, die großen Bäume flüſterten, und ein mächtiger Springbrunnen beſtändig ziſchte und plätſcherte. Walpurga war ganz glücklich, beſonders über den Springbrunnen. „Und auf gleicher Erde iſt's doch noch commoder,“ ſagte ſie oft.„Ich mein', ich käme von einer großen Reiſe zurück, und die Zimmer ſind ſo ſchön kühl, und mein Nachtwächter ſchläft am Tag, wie's einem Nacht⸗ wächter zukommt und— und——“ Auch Walpurga ſchlief am hellen Tag ein. Zweites Capitel. Walpurga gewöhnte ſich in ihr neues Leben, nur kummerte ſie manchmal, weil gar keine Nachricht von daheim kam. 166 Es kam kein Brief, aber ein Bote. Ein Lakai trat ins Zimmer und berichtete: „Draußen ſteht eine Frau aus dem Heimathsort der Walpurga. Sie verlangt Euch auf ein paar Minuten zu ſprechen.“ „Ich will hinaus! Wer iſt's?“ „Nein, empfange ſie hier!“ ſagte Mamſell Kramer. Der Lakai eilte hinaus und brachte die alte Zenza „Ei, Ihr ſeid's, Zenza? Bringt Ihr mir was von 3 meinem Kind, von meinem Mann, von meiner Mut⸗ ter? Was iſt denn um Gottes willen geſchehen? Sind ſie krank?“ „Nein, gottlob Alle geſund und wohl auf, und ich ſoll Dich ſchön grüßen von Allen.“ Walpurga ſah mit herzlichem Blicke in die ver⸗ ſchmitzten Augen der Zenza; dieſe Augen waren auf Einmal ſo gut und getreu, denn ſie hatten ihr Kind geſehen. Lächelnd fuhr die Zenza fort: „Das freut mich, daß Du mich doch noch kennſt. Wie ſchlecht ſind die Menſchen! Haben ſie geſagt, daß Du mich gar nicht mehr wirſt kennen wollen, weil Du jetzt ſo vornehm geworden biſt. Nein, Du biſt Dein Lebtag ein braves Mädchen geweſen, ich hab' immer . geſagt.“ 1„Ja, ja, iſt Alles gut; was wollt Ihr denn?“ „Du ſollſt mir helfen. Wenn Du nicht hilfſt, thut ſich mein Thomas den Tod an, und ich ſpring' in den See. Nicht wahr, Du hilſſt mir? Schau, ich thu' einen Fußfall vor Dir, Du mußt mir helfen, und ich bin —— — Lakai trat ell Kramer. alte Zenz r was von einer Mut⸗ hen? Sind n die vel⸗ waren auf ihr Kind och kenſt. eſagt, daß weil Au biſt Dein bs imnel denn!“ hilſſt, thut ing in do thr ein nd ich bin 167 doch auch faſt gar Geſchwiſterkind mit Deinem Vater ſelig, und wenn Dein Vater noch am Leben wär', thät er ſagen, ja er ruft's vom Himmel herunter zu Dir: Walpurga, hilf der Zenza, oder ich verzeih' Dir's in der Ewigkeit nicht.“ „Steht doch auf! Was iſt denn das? Wie kann ich Euch helfen? Mit was?“ „Ich ſteh nicht auf, eher ſterb ich vor Deinen Füßen, bis Du geſagt haſt, daß Du mir hilfſt.“ „Ich helf' Euch, mit was ich kann.“ Mamſell Kramer trat dazwiſchen und ſagte, Zenza ſolle ruhiger ſein, ſonſt dürfe ſie keinen Augenblick mehr im Zimmer bleiben. Zenza ſtand auf und fragte: „Iſt das die Königin?“ Walpurga und Mamſell Kramer lachten, und Zenza brachte endlich ihr Verlangen vor: Drunten vor dem Schloſſe, die Wache habe ihn nicht hereingelaſſen, ſtehe ihr Sohn Thomas, er ſei wegen Rückfall in die Wilderei zu zwei Jahren Zucht⸗ haus verurtheilt und ſei doch unſchuldig; es liege ihm im Geblüt, daß er auf die Jagd gehen müſſe, das ſei bei ſeinem Vater auch ſo geweſen, und er habe ja nichts geſchoſſen als ein einziges Gemsböcklein, und da ſolle er jetzt noch einmal ins Zuchthaus. Er habe geſchworen, daß er ſich das Leben nehme oder einen Menſchen morde, damit man ihn köpfe, ehe er ſich wieder ein⸗ ſperren laſſe, und Walpurga habe zwei, ja drei Men⸗ ſchenleben auf dem Gewiſſen, wenn ſie nicht helfe. Sie müſſe Zenza eine Audienz beim König verſchaffen oder 168 bei der Königin, daß ſie einen Fußfall thue und um Gnade bitte. „Und Dein Mann ſchickt mich und der Gemswirth,“ ſchloß Zenza.„Sie haben Beide geſagt, es wäre Dir ein Leichtes, da zu helfen. Ich will Dir mein Leben⸗ lang die Hände unter die Füße legen, wenn Du das thuſt.“ „Ja, ich möcht' ſchon gern thun, aber ich habe keine Gelegenheit. Das geht hier nicht ſo wie bei uns daheim.“ „Du kannſt ſchon Gelegenheit finden, Du biſt“ ja geſcheidt; in der ganzen Gegend ſagen ſie's Alle, ich hab' das ſchon lang gewußt und hab's auch geſagt, auf dem letzten St. Leonhardstag hab' ich's geſagt, der Schneider Schneck kann mir's bezeugen und der Spinner⸗ waſtl auch: die Walpurga ſteht da, hab' ich geſagt, wie wenn ſie eine der Geringſten wär', ſie iſt aber die Erſte in der ganzen Gegend; ihr werdet ſchon ſehen, was aus der noch wird, und ihre Geſcheidtheit und ihre Gutheit, die wird ſich an den Tag geben. Jetzt Wal⸗ purga, nicht wahr, Du thuſt's?“ „Ja, wenn ſich Gelegenheit giebt.“ „Ich kann aber nicht warten. Morgen am Tag ſoll der Thomas ins Zuchthaus und wenn er nicht heute erlöst wird, geht er in Mord und Tod.“ „Liebe Frau,“ fiel hier Mamſell Kramer ein,„Seine Majeſtät der König haben ja allgemeine Strafbefreiung erlaſſen bei der Geburt des Kronprinzen, da iſt Euer Sohn auch dabei, oder iſt er's nicht?“ „Nein. Das iſt's ja. Alle Gerichte im Lande ſind gogen das l Schri dem komn Höll und iſto wen e und n emswirth, wäre Dir lein Leben⸗ n Du dos er ich habe ie bei uns Du biſt ja Alle, ich eſagt, auf eſagt, der r Spinner⸗ eſagt, wie aber die hon ſehen, it und ihre get Vul am 2a nicht d n, fbefreiun g iſt Eue „Seine Lande ſind 169 gegen meinen Thomas gerichtet. Seht! Da drin ſteht's, das hat der Gemswirth Alles aufgeſchrieben, beſſer als ich's ſagen kann. Eh' man zu Mittag läutet, muß die Schrift zum König, ſonſt iſt's zu ſpät. Drunten vor dem Schloß geht mein Thomas hin und her, und es kommt darauf an, ob er ins Himmelreich oder in die Hölle eingeht. Er ſchießt den nächſten beſten Menſchen und ſich ſelber gleich todt, er hat ein geladenes Doppel⸗ piſtol bei ſich; vor dem Schloß ſchießt er ſich todt, wenn ich herauskomme und es iſt nichts.“ „Ja, aber ich kann doch nicht ſo zum König lau⸗ fen, wie zum Gemswirth. Ich thät's ja gern.“ „Ich muß mich ſetzen, mir brechen die Knie,“ rief Zenza, und Mamſell Kramer eilte, ihr einen Stuhl zu bringen. Da ſaß ſie nun, ſenkte den Kopf und faltete die Hände über den Knien, und ſchwere Thränen fielen auf die harten, knöchernen, dickadrigen Hände. Walpurga winkte der Mamſell Kramer, die ſie tröſtete. Sie wollte ihr ſagen, daß die Zenza gar keine ſo brave Perſon ſei, und ihr Früchtlein, der Thomas, erſt recht nicht; aber Mamſell Kramer wendete ſich um und ſagte: „Ich habe einen Ausweg. Der Herr Bruder der Gräfin von Wildenort ſind ja Flügeladjutant bei Sei⸗ ner Majeſtät und bringen in einer halben Stunde Rap⸗ port und holen die Parole. Walpurga, geh' zur Gräfin Irma, und bitte, ſie möge die Schrift ihrem Herrn Bruder übergeben, daß er ſie bei Seiner Majeſtät vorlege.“ „Ja, ja, das thu', geh'! O Gott, was haſt Du da für einen geſcheidten Engel bei Dir, Walpurga. ——— 3 1 . 170 Jetzt aber geh', verſäume Dich nicht. Darf ich noch einen Augenblick da bleiben, oder ſoll ich drunten vor dem Schloß warten?“ „Nein, bleibet nur da, gute Frau,“ tröſtete Mam⸗ ſell Kramer.„Geh' nur, Walpurga, geh',“ ſagte ſie, da dieſe ſtill daſtand und den Brief ſtarr vor ſich hin⸗ hielt. Walpurga ging. Als ſie an die Thüre der Gräfin kam, hörte ſie dieſelbe in der drangvollen Weiſe Schu⸗ manns das Lied Friedrich Rückerts ſingen: Er iſt gekommen In Sturm und Regen, Er hat genommen Mein Herz verwegen, Nahm er das meine, Nahm ich das ſeine? Die Beiden kamen ſich entgegen. Die Kammerjungfer meldete, und Irma brach mitten in der Wiederholung dz Liedes ab, als Walpurga eintrat. „Ah, ſei mir willkommen. Was führt Dich Gutes zu mir?“ Walpurga brachte ſtockend ihre Bitte vor und über⸗ reichte das Papier. „Faſſe Muth!“ tröſtete Irma. Sie drückte auf die Klingel, und befahl dem ein⸗ tretenden Lakaien:„Mein Bruder ſoll ſogleich zu mir kommen.“ Dann fuhr ſie, zu Walpurga gewendet, fort:„Ich begleite das Gnadengeſuch mit ein paar fich noch runten vor ſtete Man⸗ ſagte ſie r ſich hin⸗ der Grifin eiſe Sch † rach nitten Volpurgl dich Gutes und über⸗ l den eil⸗ ich zu ml gewende ein pal Worten. Sei nur ruhig. Es freut mich, Dir eine Bitte gewähren zu können. Ich habe Dich ſchon lange fragen wollen, ob Du nicht einen Wunſch erfüllt haben möchteſt. Der König wird ſchon Gnade gewähren.“ Walpurga wollte dreinreden, aber das geht Alles wie behext. Der Adjutant war ſchon da, Irma gab ihm das Schreiben, bat ihn, noch einige Augenblicke zu warten, da ſie ſelber noch einige Zeilen beifügen wolle. Der Adjutant verabſchiedete ſich, und Irma ſagte, mit der Hand Walpurga übers Geſicht fahrend: „Ich ſtreiche allen Kummer aus Deinem Geſicht weg. Sei froh, ich gebe Dir mein Wort, daß dem Manne geholfen iſt. Geh jetzt zu der armen Frau und beruhige ſie einſtweilen; ich bringe Dir den Beſcheid auf Dein Zimmer.“ Walpurga kam nicht zu Worte. Sie wollte noch jetzt etwas ſagen, aber— das Gnadengeſuch iſt ja ſchon fort und es iſt gewiß gut, wenn auch ein ſchlechter Menſch Gutes erfährt, vielleicht macht ihn das beſſer. Als Walpurga das Zimmer der Gräfin verlaſſen und eine Weile aufathmend vor der Thüre ſtand, hörte ſie drinnen wieder ſingen. Sie kam beruhigter auf ihrem Zimmer an und ſagte zur Zenza: „Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, Eurem Thomas wird geholfen; aber da gebet mir Eure Hand, und verſprecht mir? daß Ihr darauf halten wollt, daß der Thomas endlich ein braver Menſch wird, und Ihr ihm nicht mehr helfen wollt, ſein geraubtes Gut 172 verkaufen und ſeine Schliche verdecken. Ja, das darf ich Euch ſchon ſagen; ſchaut mich nicht ſo verwundert an. Ich hab' viel für Euch eingeſetzt.“ „Ja wol darfſt Du das ſagen,“ erwiderte Zenza halb beiſtimmend, halb neckiſch,„Du machſt die ganze Gegend glücklich, Du biſt der Stolz von uns Allen. Sonntags vor der Kirch' ſag' ich's, was Du hier giltſt, und man glaubt mir! Deine Mutter iſt mein Geſpiel geweſen, und wenn mein Thomas ſo eine brave Frau bekommen hätte, wie Du biſt, wäre er auch häuslich geweſen. Jetzt muß er mir eine brave Frau nehmen, das thu' ich nicht anders!“ Zenza ſaß bei einem guten Kaffee, den ihr Mam⸗ ſell Kramer bereitet hatte, und die gute Kaſtellanin ſchenkte ihr immer von neuem ein. „Wenn ich nur auch meinem Sohn was davon geben könnte. O, was ſteht der jetzt aus da unten! Aber es geſchieht ihm ſchon recht, das iſt die rechte Strafe; er ſteht da auf der Lauer, aber nicht mehr als Wilderer, jetzt geht's ganz anders!“ Zenza war ſehr redſelig, und Mamſell Kramer ſehr entzückt von der offenkundigen Güte und Mutterliebe der Alten. Als Zenza ausgetrunken und faſt allen Kuchen auf⸗ gegeſſen hatte, ſagte ſie: „Das Stückchen Zucker da, das erlauben Sie, daß ich's mitnehme? Das ſoll mir ein ewiges Angedenken ſein, daß ich im Schloſſe des Königs Kaffee getrunken habe.“ Mamſell Kramer packte noch ein Stück Kuchen in wor rinz ſicht. Nhein und kann ich chitz quz M Moh hi ſte w verwundert tte Zenzu t die ganze uns Allen. hier giliſ, ein Geſpiel brave Frau ch häuslich m nehmeln, ihr Mam⸗ Kaſtellanin was davon da unten! die rechte ht mehl als ramer ſehr Nutterlibe Kuchen au Sie, daß edenken getrunke hen in Kuche 173 ein Papier, und ſagte:„Das bringt Eurem Sohne uite Zenza war unerſchöpflich in Dankesbezeigungen, ſie war jetzt ſehr aufgeräumt. Sie bat, ſie auch den Prinzen ſehen zu laſſen, aber das duldete Walpurga nicht. Sie wußte wol warum. Die alte Zenza galt daheim für eine Hexe, und wenn's auch nicht wahr iſt, und vielleicht Aberglaube, dachte Walpurga— man kann doch nicht wiſſen. Sie war aber bereits ſo poli⸗ tiſch geworden, daß ſie ein Verbot des Leibarztes vor— ſchützte, keinen Fremden zum Kronprinzen zu laſſen. Zenza erzählte nun, welch ein Aufſehen es in der ganzen Gegend gemacht, daß Walpurga ſo plötzlich zu Hofe geholt wurde, man rede von nichts Anderem mehr. Am Sonntag ſeien alle Leute zu ſpät in die Kirche gekommen, weil ſie am Haus der Walpurga ſtehen geblieben und das Haus betrachtet, als wäre was Neues daran zu ſehen, und Hanſei habe der hal⸗ ben Gemeinde ſeine Kuh zeigen müſſen, als wäre was Beſonderes daran; aber Alles ſei eben jetzt mit ſeinen Gedanken bei der Walpurga; und daß der Forſtwart, der Bräutigam des Geſpiels, ſo ſchnell die gute Stelle bekommen, das wiſſen ſie daß es die Walpurga gemacht habe. Walpurga mochte betheuern, wie ſie wollte, daß ſie nichts davon wiſſe; Zenza blieb dabei; und lobte ſie noch wegen ihrer Beſcheidenheit. Die Zeit ging ſchnell herum. Freudeſtrahlenden An geſichts kam die Gräfin Irma und brachte die Begnd— digungsſchrift vom König. 174 Zenza wollte vor ihr niederfallen und ihr die Füße küſſen, aber Irma hielt ſie auf und ſagte: „Ich habe noch was für Euch. Hier! Damit Ihr nicht nur frei ſeid, ſondern Euch auch eine Freude machen könnt, hier nehmt das.“ Sie gab ihr ein Goldſtück. Die Augen der alten Zenza flimmerten und ſie ſagte: „Wenn die gnädige Prinzeſſin einmal einen Men⸗ ſchen braucht oder zwei, die für ſie ins Feuer gehen, da ſoll ſie nur an die Zenza denken und an den Thomas.“ Sie wollte noch viel ſprechen, aber Walpurga ſagte: „Euer Thomas wartet ja unten vor dem Thor. Machet doch, daß Ihr zu ihm hinunterkommt.“ „Sehen Sie, gnädige Prinzeſſin, wie gut ſie iſt? Sie verdient's, ſo glücklich zu ſein.“ „Walpurga, Du könnteſt der Frau das Geld für Deinen Mann mitgeben,“ ſagte Mamſell Kramer. „Ich nehm' Dir mit, was Du haſt!“ „Nein, ich ſchick's; ich muß noch warten damit,“ ſagte Walpurga ſtockend. Sie konnte doch nicht er⸗ klären, daß ſie der Zenza und ihrem Sohne nicht traue. „Hier“— ſagte Irma wieder—„hier bringet dem Kinde der Walpurga das von mir!“ Sie neſtelte eine ſchwarze Schnur mit einem golde⸗ nen Herzen daran von ihrem Halſe und ſagte: „Bringet das dem Kinde der Walpurga und auch noch das Tuch!“— Sie knüpfte ein kleines grünes — Seidentuch ab und gab's der Frau. r die Füße Damit Ihr ine Frede en und ſi inen Men⸗ uer gehen, nd an den urga ſagte: dem Thor. en danit, nicht er nicht tral. ier bringe inem gold gte und auch 3 grün nes 175 „O der ſchöne Hals!“ rief Zenza. Walpurga wie⸗ derholte ihre Mahnung, daß ſie endlich zu ihrem Sohne ginge. Irma war ganz glücklich, die Begnadigung zu Stande gebracht zu haben. Walpurga durfte nicht ſägen, daß ihr Zenza fremd, ja faſt verhaßt war, und daß der rothe Thomas einer der Schlimmſten ſei. Sie getröſtete ſich, daß gewiß Alles noch gut werde. „Schlechte Menſchen können ſich auch beſſern, ſonſt wäre ja alles Gerede von Buße nur Lug und Trug.“ Unterdeß kam Zenza eilig aus dem Schloſſe heraus und hielt das Schreiben hoch in der Hand. „Iſt meine Zeche gelöſcht?“ fragte Thomas und ſpuckte dabei weit aus. „Ja, Gott Lob und Dank! Siehſt Du, was eine Mutter kann?“ „Ich hab' Euch nicht viel Dank dafür zu ſagen. Warum habt Ihr mich in die Welt geſetzt? Aber prächtig iſt's, daß der großſchnauzige Landrichter Eins aufs Maul kriegt. Jetzt Mutter, ich hab' einen Durſt wie drei Amtsſchreiber. Das Warten hat mich faſt ganz verbrannt. Habt Ihr denn gar nichts mehr?“ „Freilich hab' ich. Schau!“ Sie zeigte dem Sohne das Goldſtück, und mit einem bewundernswerthen Griff hatte dieſer es aus ihrer Hand in ſeiner Taſche verſchwinden laſſen. „Was iſt denn da noch?“ fragte er, da er das goldene Herzchen bemerkte, das ſie mit aus der Taſche gezogen hatte. „Das ſoll ich dem Kinde der Walpurga bringen. =— 176 Das hat mir eine ſchöne Prinzeſſin gegeben für das Kind, und das ſeidene Tüchle auch.“ „Des Hanſei's Kind hat genug, wenn es ein ſei— denes Halstuch bekommt,“ ſagte Thomas und eignete ſich auch das goldene Herzchen an, indem er der Mutter, die es an der Schnur feſthielt, die zerriſſene Schnur gutwillig überließ. „So, Mutter, jetzt iſt's gut; jetzt trinken wir erſt einmal auf das lange Warten. Und ich hab' derweil da drüben beim Schwertfeger eine Büchſe geſehen, ein Prachtſtück! Die kann man auseinander ſchrauben und in die Taſche ſtecken— jetzt ſollen ſie mich nicht mehr erwiſchen, die Grünröcke!“ Das Erſte, was Thomas that, war, daß er Gemsbart und Spielhahnfeder aus der Taſche nahm und wieder auf ſeinen Hut ſteckte; dann ſetzte er den Hut keck auf und ſeine Mienen ſagten: Ich will den ſehen, der ſich da dran wagt. Als die Beiden eben weggehen wollten, kam Baum von der Straße herein. Er ſchien den Beiden aus⸗ weichen zu wollen, aber Zenza ging auf ihn zu und dankte ihm aufs Neue, daß er ſie damals bei Abholung der Walpurga ſo reich beſchenkt habe; ſie ſchaute ihn dabei ſeltſam an und Baum bemerkte mit einem Seiten⸗ blick, daß auch Thomas kein Auge von ihm wendete; er ſpürte ein Zucken im Herzen, das geht im Zickzack wie ein Blitz von der Bruſt hinauf in den Kopf und ſtellt ihm die Haare zu Berge und er muß ſich den Hut etwas lüften und anders aufſetzen. Aber er nahm eine Nagelfeile aus der Taſche und feilte an ſeinen Nägeln; dann ſagte er: und d ſiht Scho Nt ſch ej vie in ge in ſie g ſt 6 nfür dos es ein ſe⸗ und eignete det Mutter, ene Schur ken wir erſ hab derweil eſehen, ein rauben und nicht mehr er Gemsbart dwieder au fund ſeine dran wagt lam Baun Beiden aus ihn zu ud iAbholun — ute ihn nem Seiten n wende⸗ in Ziczot n 6 und ſich del . er wh e — „Ihr habt mir ſchon einmal gedankt. Iſt nicht mehr nöthig!“ Er wendete ſich um und ging. „Wenn der Jangerl nicht in Amerika wäre— ich thät darauf ſchwören, das iſt er,“ ſagte die Alte zu ihrem Sohne. „Mutter, Ihr ſeid verrückt!“ entgegnete Thomas. Mutter und Sohn gingen mit einander in die Stadt und der Sohn ging immer raſch voraus; es ſchien ihm nichts daran zu liegen, wenn er ſeine Mutter verliere. In einem Wirthshauſe trank er ſtehend einen Schoppen, hieß die Mutter warten und kam bald mit der gekauften Büchſe zurück. Unterdeß ſaß Walpurga ſtill am Fenſter und dachte ſich aus, wie man daheim von ihrer großen Macht erzählt und beſonders im Gemswirthshaus, da wird viel von ihr geſprochen, und die Gemswirthin, die ſie immer ſo von oben herab angeſehen, möchte faſt ver⸗ gehen vor Aerger.— Walpurga lachte, ſie erluſtigte ſich in dem Gedanken, wie die Neidiſchen und Hochmüthigen ſich über ihr Glück ärgern; ja, das war ihr faſt die größere Freude, wenigſtens verweilte ſie dabei am läng⸗ ſten; das mag aber auch darum ſein, weil die Freude der Guten kürzer und ſchneller ausgedacht iſt, als der Aerger und die giftigen Reden der Böſen; das gährt lange fort und treibt ſeltſame Blaſen auf.— So ſaß Walpurga am Fenſter und ihre Lippen bewegten ſich, als ob ſie die Worte derer nachſpräche, die ſie beneideten und ſich über ſie ärgerten, bis endlich Gräfin Irma ſagte: „Ich ſehe Dir's an, wie glücklich Du biſt. Ja, Walpurga, wenn es uns gegeben wäre, jeden Augenblick Auerbach, Auf der Höhe l. T2 178 einem Nebenmenſchen etwas Gutes zu thun— wir wären die glücklichſten Geſchöpfe unter der Sonne. Siehſt Du, Walpurga? Das iſt die wirkliche Gottes⸗ gnade eines Fürſten, daß er jede Minute Gutes thun kann.“ „Jetzt das verſteh ich! Das verſteh' ich ganz!“ rief Walpurga.„So ein König iſt wie die Sonne am Himmel, die ſcheint hernieder und erquickt da die Bäume, und weit draußen die Blumen im Thal, die Niemand ſieht, und thut Meuſchen und Thieren und Allem wohl. So ein König iſt— ja, der iſt ein Bote von Gott. Er muß ſich in Acht nehmen, daß er's bleibt; es kann ihn der Stolz übermannen und die Geluſt, weil er über Alles Herr iſt. Jetzt hat er dem Thomas die Welt geſchenkt und alle Gefängnißthüren öffnen ſich, wie im Märchen, wenn man Seſam ſagt. O, Du guter König! Laß Dich nur nicht verderben, und laß immer ſo Herzmenſchen um Dich herum ſein, wie da meine Gräfin Irma!“ „Ich danke Dir!“ ſagte Irma,„ich danke Dir! Ich kenne Dich jetzt ganz. Glaub mir, in allen Büchern der Welt ſteht nichts Beſſeres und nicht mehr, als in Deinem Herzen ſteht; und wenn Du auch nicht ſchreiben kannſt, es iſt ſo beſſer geſchrieben in Dir.— Aber jetzt wollen wir doch wieder ordentliche ſtille Menſchen ſein; komm', jetzt mußt Du ſchreiben lernen.“ Und die Beiden ſetzten ſich zuſammen und Irma lehrte Walpurga die Feder führen. Walpurga ſagte, einzelne Buchſtaben ſchreibe ſie nicht gern, ein Wort, ein einzig Wort wäre ihr lieber. un— pit er Sonn iche Gottes Gutes thun ganz!“ rit Sonne am ickt da die Thal, di chieren und det iſt ein n, daß ers en und di hat er den ngnißthiren Seſam ſogl. derben, und nſein, wie donke Zir , in allel nicht mehl. nanch iqt in Dir.„ ntliche ſil ben lernen⸗ und I purgo ſw „ein Py 179 Irma ſchrieb ihr vor, ſie ſchrieb das Wort„Gnade,“ Walpurga ſchrieb einen ganzen Bogen voll immer das Wort Gnade, und Irma nahm das Papier mit und ſagte: „Das heb' ich mir auf zum Andenken an dieſe Stunde!“ Drittes Capitel. „Was nur mit der Königin—“ „Majeſtät!“ ergänzte Mamſell Kramer halblaut. —„vorgehen muß,“ ſagte Walpurga,„daß ſie ſeit mehreren Tagen den Prinzen—“ „Königliche Hoheit!“ ergänzte Mamſell Kramer. „Kaum anſieht? Früher, da war ſie immer ſo himmelhoch, ſo hinaus über Alles, wenn ſie das Kind geſehen und es ans Herz genommen hat, und ſie hat mich einmal gefragt: Walpurpa, iſt Dir's nachher nicht auch ſo geweſen, wie wenn Du wieder ein Mädchen wärſt? Ganz frei, los und ledig? Die ganze Welt iſt nicht da, nur ich und mein Kind?— Und jetzt, jetzt ſieht ſie ſo drüber weg, wie wenn ſie's nur einmal ge⸗ träumt hätte, daß ſie ein Kind hat. Es muß Schweres im Herzen einer Mutter—“ „Königlichen!“ ergänzte Mamſell Kramer. —„Vorgeh'n, wenn ſie keinen rechten Blick mehr hat für ihr Kind!“ Es ging in der That Gewaltiges vor im Herzen der Königin. Seit Monaten hielt ſie ein geſteigertes Empfinden feſt, und einen Punkt gab es, den ſie ſelbſt vor ſich nie mit einem lauten Wort berührte, — — 180 und umſomehr erſchien ihr jede Mittheilung, jede Be⸗ ſprechung mit einem Anderen als eine Befleckung des reinen Gedankens. Frei aus ſich wollte ſie ihren Entſchluß faſſen.— Und ſie faßte ihn.— Seit ſie Mutter war, fühlte ſie ſich wie abgelöſt von der Welt. Wenn ſie an ihr Kind dachte, und mehr noch, wenn ſie es am Herzen hatte, war's ihr, als wäre damit Alles erfüllt, Niemand geht ſie mehr etwas an, ſie und ihr Kind ſind die Welt und gehören zu einander, ſind Eins!— Und doch liebte die Königin ihren Gatten von Herzensgrund und ein tiefer Drang regte ſich in ihr, noch inniger, noch zugehöriger, in einen einzigen Ton verſchmolzen, mit ihm zu leben. So befeſtigte ſich immer mehr der Gedanke in ihr: es darf in nichts eine Trennung ſein. Der Vater, die Mutter und das Kind, ſie ſind Eins, ſie beten zu demſelben Gotte mit den gleichen Gedanken, den gleichen Worten. Aus der Iſolirung heraus hatte ſie das Verlangen, nur noch einiger zu ſein mit ihrem Gatten, jetzt, wo ſie in die Welt zurückkehrt, ein neues Feſt der Ver⸗ einigung mit ihm zu feiern, das höchſte. Da die Königin nur wenig ſprechen durfte und kei⸗ nerlei Unterhaltung pflegte, ſo ließ ſie ſich bald nach den erſten Tagen ein Lieblingsbild, eine Madonna von Filippo Lippi dem Jüngern, in ihr dem Dämmerlichte geöffnetes Zimmer bringen. Sie ſaß dem Bilde ſtunden⸗ lang gegenüber und ſchaute das Bild an, und das Bild ſchaute ſie an, und die beiden Mütter lebten in der Seligkeit mit einander. D — der nit; Gutte mon und ehan Non ihr; und g, jede Le efleckung de e ſie ihren — Seit ſi on det Pllt noch, weun wire dant an, ſie und nander, ſin hren Gette tegte ſih in nen einzige anke in ihr rVuter, di ſie beten ſl den gleiche Verlangel n jebt, ſ Vel r Ve eſt der 2 uſte und k⸗ ch bald na Nadonna voh Dinnerli gilde ſtund n, und do n, lebten i 181 Der Domherr, der ſie beſuchte, fand die Stimmung der Königin ſo weihevoll und ihm vertraute ſie zuerſt mit zitternder Lippe ihr Verlangen, zur Kirche ihres Gatten und ihres Kindes zu gehören. Sie bat, daß man ſie nicht mit dogmatiſchen Unterweiſungen plage und fand williges Gehör. Als der Domherr weg⸗ gegangen, überfiel ſie eine Bangigkeit; da geht der Mann, der ihr Geheimniß mit fortnimmt. Er hatte ihr zwar gelobt, ſich ihres Vertrauens würdig zu zeigen und nur ſelbſt davon zu wiſſen, aber es war doch nicht mehr ihr eigen allein. Bald beruhigte ſie ihr Bangen und ihr Antlitz glühte von der Empfindung, daß noch ein Höchſtes ſei, in dem ſie ſich mit ihrem Gatten eine und wodurch ſie, Mutter geworden, ihm das volle Zeugniß ihrer Liebe geben könne. Aus der Fülle des Lebens heraus ſtieg der Ge⸗ danke des Todes in ihr auf. Sie ließ ein anderes Bild auf die Staffelei vor ihrem Ruhebette ſetzen. Es war die Maria Aegyptiaca von Ribera. Der Königin war es oft, als müſſe ſie den Blick der Büßerin ſuchen, aber dieſe ſieht nach nichts, ſie hört mit den Augen, nicht erſchreckt, da ein Engel ihr zuruft, ſondern, an himmliſche Stimmen gewöhnt, ſtill ergeben, vertraut. Der Künſtler hat die büßende Königstochter nicht zerfallen, abgehärmt von ihren Kaſteiungen dargeſtellt, vielmehr liegt die wiederge⸗ wonnene kindliche Unſchuld und jugendliche Schöne auf ihrem Antlitze. Da kniet ſie, nackt, nichts von Menſchen⸗ werk iſt mehr an ihr, von ihrem langen, röthlich blonden 182 Haare eingehüllt, das bis zum Kniegelenke reicht; ſie kniet vor ihrem offenen Grabe, das blaue Auge blickt ins Unendliche, der Mund iſt ſchmerzvoll geſchloſſen und über ihr ſchwebt ein Engel, er breitet das Gewand der Barmherzigkeit über ſie und ruft: Dir iſt ver⸗ geben! Im nächſten Augenblick ſinkt ſie verſöhnt und verklärt ins Grab. Die ascetiſche Haltung des Bildes traf in der Stimmung der Königin einen Accord, und der Geiſt⸗ liche fand ſie oftmals bis zur Verzückung gehoben. Der Leibarzt wollte dieſe ſtumme Bildergeſellſchaft nicht dulden, aber er drang weder mit ſeinem Wunſche, noch mit ſeinem ausdrücklichen Befehle durch. Zum erſtenmal ſetzte die Königin dem Manne, den ſie ſo hoch verehrte, Eigenwillen und unbeugſamen Trotz ent⸗ gegen. Als Irma das Bild ſah und gleichgültig eine Verzeichnung in der Augenſtellung bemerkte, die aber geſchickt zu einem abſonderlichen Ausdrucke benützt ſei, hielt die Königin die Hand aufs Herz: ſie war einſam in ihrem Empfinden, ſie wollte es ſein.— Was indeß dem Leibarzt und Irma nicht gelungen war, ſollte Walpurga gelingen. „Iſt das ein Wildweib?“ fragte ſie. „Was iſt denn das?“ „Bei uns daheim erzählt man von Wildweibern, das ſind Geiſter und die laufen in Geiſternächten in den Bergen herum, und können ſich in ihre Haare einwickeln.“ Die Königin erzählte Walpurga die Legende von der ägyptiſchen Maria. Das war eine Königstochter, die und Ste U pu me Si de ke reicht; ſi Auge u . 1 gilſu das Gewand Dir iſt ver⸗ verſöhnt und traf in der nd der Geit gehoben. dergeſellchaſt em Wunſche durch. Zun den ſie ſo en Trotz ent ichgültig ein kte, die abe te benützt ſei e war einſn icht gelunge Pildweiber ibem ſtern chten in ihre Hohl Legende vol gönigẽtccli⸗ die ein loſes Leben geführt; plötzlich verließ ſie das Schloß, alle Pracht und alle Luſt, ging in die Wüſte und nährte ſich von Wurzeln und lebte da viele, viele Jahre, bis alle Kleider von ihr abfielen, und als ihre Sterbeſtunde kam, breitete ein Engel vom Himmel das Tuch der Barmherzigkeit über ſie aus.“ „Das iſt wol recht ſchön und brav,“ ſagte Wal⸗ purga,„aber Frau Königin, nichts für ungut, ich meine, das wäre eine Sünde, ſich ſo ein grausliches Bild immer vor Augen zu ſtellen. Ich möchte nicht in dem Zimmer ſchlafen, wo ſo ein Bild iſt; ich meine, das könnte einmal in der Nacht da herausſteigen und auf Einen zukommen, und Einen mit ins offene Grab ziehen. hellen Tag.“ Dieſe Vorſtellungen Walpurgas wirkten; es war der Königin nun in der That, als käme das Bild in der Nacht auf ſie zu— ſie konnte nicht ſchlafen— es mußte noch mitten in der Nacht aus dem Zimmer entfernt werden. Nun trat wieder Ruhe und Gleichmäßigkeit ein, und als die Königin leſen durfte, erhielt ſie von dem Geiſtlichen die entſprechende Lectüre. Sie lebte allein in dieſen Gedanken. Walpurga hatte richtig beobachtet; die Königin ſah kaum mehr ihr Kind und doch wollte ſie ihm und ihrem Gatten zulieb dieſen Schritt thun. Wenige Tage vor ihrem erſten Ausgang ließ ſie den König zu ſich rufen und ſagte: „Kurt! Am nächſten Sonntag iſt mein erſter O lieber Gott! Ich fürcht' mich ſchon am — 184 Ausgang und es ſoll mein erſter Eingang in Deine Kirche und die unſeres Sohnes ſein. Ich bete fortan mit ihm und mit Dir vor demſelben Altare.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich habe gelobt, wenn Gott mir die Gnade ſchenkt, mich und das Kind geſund zu erhalten, Eins zu ſein mit Euch, in Allem. Ich vollführe aber Kcht ein unfreies Gelübde, ſondern einen freien klaren Ent⸗ ſchluß. Ich will Dir damit nicht ein neues Zeugniß, nur eine Bewährung, die letzte Beſieglung meiner Liebe geben.— Kurt! Was ich bin und denke, gehört Dir; wir ſind Eins vor der Welt und wollen Eins ſein vor Gott. Keines geht mehr ſeine beſonderen Wege, Keines hat mehr ſeine beſonderen Gedanken. Unſer Kind erfährt nichts von einer Trennung der Menſchen, vor Allem der Menſchen, aus denen ſein Leben. Ich bin glücklich, Dir das nicht als Opfer, ſondern als freie Gabe darbringen zu können.“ „Mathilde—“ ſagte der König und in ſeinem Tone lag etwas ſeltſam Froſtiges—„ſprichſt Du dieſen Gedanken jetzt zum Erſtenmal aus oder haſt Du bereits Vorbereitungen—“ „Ich habe den Entſchluß ernſt und allein in mir gefaßt, dann erſt habe ich ihn kundgegeben und Alles iſt bereit. Dich wollte ich mit der Thatſache überraſchen. Der Domherr meinte, und er wollte feſt darauf beſtehen, ich ſollte Dir die Mittheilung in ſeiner Gegenwart machen; aber das wollte ich nicht.“ „Gottlob!“ athmete der König auf,„ſo kann noch Alles wieder gut werden.“ e ni ſel gr in Deine bete fortmn die Gnade alten, Eins aber ht klaren Ent⸗ es Zeugniß, ns ſein vor e, Keines d Unſer Kin nſchen, vol I bin rn als ſreie in ſeinen der haſt Au lein in nit egeben und r Thotſuch r volb ſiſ ung in ſeinet o lunn woh 185 „Wieder?— und gut?—“ fragte die Königin. Der König ſetzte mit Ruhe auseinander, daß er das Opfer ſehr zu ſchätzen wiſſe, es aber nicht annehme. Die Königin wehrte ſich gegen die Bezeichnung als Opfer und der König ſagte: Gut denn! Du kannſt ſchon an mir ſehen, wie ei anderer Menſch— und iſt er der einzig Einige mit Dir— Deine Handlungsweiſe anders als Du an⸗ ſehen kann, anſehen muß. Wie viel mehr nun die große Welt, die Höfe, die Unterthanen.“ „Was kümmert uns das Urtheil der Welt, wenn wir wiſſen, daß wir das Rechte thun? Die Welt! Immer die Welt! Sie darf uns nicht zwingen, anders zu ſein, als wir ſind.“ „Mathilde! Das iſt die Stimmung eines Märtyrers, eine erhabene und verehrungswürdige. Mathilde, Du biſt edel und gut, aber glaube mir: die beſten, ja die einzig correcten Handlungen ſind diejenigen, die keiner Erklärung und keiner Entſchuldigung bedürfen. Wir ſind keine Einſiedler. Deine Motive ſind rein, hoch, anbetungswürdig; aber die Welt wird dieſe reinſten und höchſten Motive nicht verſtehen, nicht ver⸗ ſtehen wollen. Du kannſt der Welt nicht erklären, wie erhaben Dein Sinnen, ſie würde es nicht faſſen; und wir dürfen nichts erklären. Ein Fürſt, der ſeine Handlungsweiſe erklärt, degradirt ſich. Du ſiehſt die Welt mit Deinem himmliſchen Blicke an; aber in der Welt iſt Dein himmliſcher Blick nicht. Ich möchte Dir nicht die Bosheit der Welt aufdecken und Dir Deine freundliche Lebensbetrachtung verdüſtern; bleibe in Deinem Glauben an das Höchſte, bleibe es aber in der Form Deiner Confeſſion.“ „Und ich ſoll lebenslang allein dahin, und Du mit dem Kinde dorthin gehen?“ ⸗ ich „Mathilde! Wir ſind nicht Einſiedler, ja, wir ſind 1 nicht Privatmenſchen. Wir haben eine exponirte Stel⸗ lung. Ein Fürſt, eine Fürſtin vollziehen keine Pribat⸗ ſan handlung—“ im 1„Du meinſt, all' unſer Thun und Laſſen iſt bei⸗ vrll ſpielgebend?“ 6r „Auch das,“ erwiderte der König ſtockend,„auch ble das; aber ich wollte ſagen: Was Du vollziehſt, voll⸗ 3 ziehſt nicht nur Du, die Königin vollzieht es. Die 1 — Wirkungen gehen hinaus ins Allgemeine. Ich bin glücklich, ſo geliebt zu werden; glaube mir, Du fühlſt ſ es, nicht wahr, Mathilde?“ „Sprich nicht davon; das Beſte hat man in ſich ohne Wort.“ 1„Nun ſieh': die Frau eines Privatmannes kann 1 im Stillen eine ſolche Handlung vollziehen— Du nicht; Du müßteſt die proteſtantiſche Hofkirche ſchließen, Du verletzteſt Deine Glaubensgenoſſen in der Reſidenz, im ganzen Lande.“ „Ich will aber Niemand verletzen, und die Welt kann das Opfer nicht von mir verlangen. Eins ſein mit Dir, auf Erden und im Himmel, in Zeit und Ewigkeit, iſt mein höchſtes, mein einziges Trachten.“ „Gut! ſo verſprich mir Eines.“ „Was Du willſt.“ „Verſprich mir, daß Du mindeſtens noch einen nirte Stel⸗ ine Prit⸗ ſen iſt bei end,„uch iehſt, vol⸗ Ich bin Du fühlſ un in ſich mnes kann en— d e ſchließen, er Reſiden, die Welt ins ſi geit und xrochten noch ein 187 Monat Deinen Entſchluß hinhältſt. Es giebt Stim⸗ mungen, die man nicht zum Lebensgeſetz machen darf.“ „Du biſt ein hoher Mann,“ ſagte die Königin, „ich folge Dir!“ „Du ſtehſt alſo ab von Deinem Entſchluſſe?“ „Nein, ich warte. Es ſoll kein Entſchluß der Ein— ſamkeit, der Verſchloſſenheit in Gemächern ſein, keine krankhafte Stubenſtimmung, wie Du doch meinſt. Ich will meinen Entſchluß im freien Tageslicht an der Sonne reifen laſſen. n wirſt ſehen, daß es nicht blos Stimmung war.“ Der König war mit dieſem Ergebniß Aber ſeltſamer Weiſe hielt er ſich von jeder Liebes⸗ bezeigung gegen ſeine Gattin fern. Er verließ ſie mit freundlicher, aber doch anfremdender Handreichung. Viertes Capitel. Der König hatte in der Unterhaltung mit ſeiner Gemahlin große Selbſtbeherrſchung angewendet. Jetzt in Einſamkeit empfand er, daß ihre Mittheilung ein ſchlummerndes Mißgefühl erweckt hatte. Der König liebte ſeine Gemahlin, er liebte ſie auf⸗ richtig, aber er war— es iſt ihm oft genug geſagt — eine heroiſche Natur und wollte es ſein. Nur nichts Kleinliches, nichts Selbſtquäleriſches und Empfind⸗ ſames. Er hatte das Beſtreben, ſein Land glücklich und ſeinen Namen geſchichtlich zu machen. In einer Zeit ruhiger Entwicklung und friedlicher Arbeit aller 188 Staatsangehörigen für das Gemeinweſen war keine Gelegenheit für heroiſche Thaten— es ließ ſich nichts überraſchend Neues ſchaffen; das Gewordene muß er⸗ halten, das Werdende zu ungehemmter Entwicklung gebracht werden; dabei wird viel Arbeit vieler Menſchen namenlos aufgeſaugt. Der König baute daher gern. Das Entſtehen von großen Gebäuden für Kunſt, Wiſſen⸗ ſchaft, Kirche und Militär ſtellte ſich doch als ſicht⸗ bares Ergebniß eines ins Große ſtrebenden Willens dar. Der König liebte ſeine Gemahlin. Das iſt etwas, wofür nichts zu thun iſt, es lebt ſich ruhig fort; aber die Königin will immer etwas Neues darin ſchaffen, will Dokumente geben— gewiß, ihre tiefe Innigkeit iſt nicht zu verkennen, ſie zeigt ſich jetzt wieder in dieſem an und für ſich guten, aber in der Ausfüh⸗ rung unmöglichen und überſpannten Entſchluſſe. Die Königin idylliſirt Alles, das iſt der gerade Gegenſatz gegen das Heroiſche, und wie ein Sinnbild ging es ihm auf: ſie hat beſtändig Dämmerlicht in ihren Gemächern; er aber liebte das volle Licht; er mußte ſich immer erſt zurechtfinden in dieſem Halblicht, und wenn er herauskam, war es ihm neu, daß voller Tag iſt. Dies Abmühen mit Religionsfragen, die nicht gelöſt werden können, dies ſtändige Aufregen des Ge⸗ müthslebens— es hindert die entſchloſſene That. Soll man im Leben feſtſtehen, zumal als König die weit⸗ umfaſſenden, vielverzweigten Thätigkeiten der Menſchen beherrſchen, ſo darf man keinerlei Privatgrübeleien mehr haben, ja alles Gemüthsleben muß untergeordnet werden. ſten Richt wor keine ß ſich nichs ne muß er Entwicklun ler Menſchen daher gem nſt, Viſen⸗ ch aks ſiht Willens dar, iſt etwes, ſort; aber rin ſchafen, fe Inigkei t wiedet in der Ausfih⸗ chluſe. Di de Gegenſek unbild ging cht in ihren t; er zußte Ublicht, und ß voler Wu die nich 6 des Ge That. Sol tig die weit er Nenſch atribelin tergeordi 0 un Die Königin will Mutter und Gattin in der höch⸗ ſten Weiſe ſein, aber ſie müßte auch Königin ſein. Nicht dieſe ewige Kleinmacherei, dieſes tägliche, wenn auch noch ſo ſinnige Kranzbinden. Und dieſe Liebe iſt dabei doch anſpruchsvoll; will bezahlt, vergolten ſein, immer verdient durch beſtändige Aeußerungen der Gegenliebe. Das hat etwas Ausſchließliches und Lä⸗ ſtiges zugleich. Die Sonne ſcheint, die Liebe iſt da— was ſoll dies ewige Abarbeiten? Während die Königin in ihrer Iſolirung ſich zu einer Steigerung ihrer Empfindung brachte und eine entſprechende That vollziehen wollte, hatte ſich im König eine Iſolirung anderer Art vorbereitet, und dieſer Verſuch des Religionswechſels— er darf unbedingt nicht mehr ſein als ein Verſuch, ſagte ſich der König — hatte dieſe Iſolirung in ihm vollzogen. Der König ſaß ſtill in ſeinem Cabinet. Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, da ihm der Ge⸗ danke durch den Kopf fuhr, wie es wäre, wenn eine großgeſinnte, das Leben beherrſchende Gattin ihm zur Seite ſtände. Er wollte das nicht denken, er hatte es nicht gedacht.— Er befahl, daß der Leib⸗ arzt zu ihm komme. Die Sache muß raſch erledigt werden. Der Leibarzt trat ein. Der König forſchte zuerſt behutſam, ob dieſer Ver⸗ traute der Königin nichts von dem Vorgange wußte, dann theilte er ihm geradezu das Vorgefallene mit, natürlich zu ſtrengſter Geheimhaltung. Der König ſtutzte, da der Leibarzt ſehr höflich, 190 aber auch ſehr beſtimmt ſtatt für das Vertrauen Dank zu bezeigen, eine Ablehnung ausſprach. „Ich würde es vorziehen, Majeſtät,“ ſagte er, „wenn mir Geheimniſſe oder Störungen, bei denen ich nichts mitwirken kann, gnädigſt vorenthalten würden.“ Der König ſah ſtaunend drein. Dieſer Mann bleibt der ewig Starre, ſeine Würde Wahrende. „Ich wollte Sie ja eben fragen,“ ſagte der König, und ſein Ton war herb,„ob Sie ſich in dieſer Sache eine Einwirkung auf die Königin zutrauen?“ „Ich nicht, wenn aber Eure Majeſtät ſie mir zu⸗ trauen, bin ich bereit, den Verſuch zu machen.“ „Thun Sie das!“ „Ihre Majeſtät die Königin wird aber dadurch verletzt werden; ich kenne ihre Sinnesweiſe— die Sach⸗ verliert ihr den Duft der Unberührtheit, wenn ſie hin- und herbeſprochen wird.“ „Das wäre gut! das wäre zweckmäßig!“ ſagte der König ſchnell.„Dieſe Schwärmerei wird vielleicht da⸗ durch am beſten geheilt, und in unſerer Zeit wird ja Alles debattirt. Ihre Freunde in der Abgeordneten⸗ kammer debattiren Alles— ſo mag auch das—“ Die gemiſchte Stimmung des Königs gegen den Leibarzt kam in unbewachten Momenten zu Tage. Es war eine beſtändige Unzuträglichkeit, daß der Leibarzt ſich zwar nie vordrängte, aber ſo oft er in eine Erörterung gezogen wurde, immer mit gleicher Entſchiedenheit ſich in religiöſen und politiſchen Dingen zum Freiſinn bekannte. Dennoch mochte man ihn nicht entbehren. So unbequem oft auch ſeine Art und Peiſ nd ung dn in de Auft ihten Fre Geh trauen Donk ſagte er, ei denen ich en würden“ ieſer Mam rende. e der König, dieſer Sache tſie mir zl⸗ ſchen.“ ber dadurch veiſe— di theit, wem o ſagte der vile leicht td geit vird j i geordneten⸗ — das 9e den nzu Toge t, dß d. ſo in gleihe ſ Lun non i ihn ine Art und 191 Weiſe, er ſtand bei dem König in hoher Schätzung und ſtand ſo hoch in der Wiſſenſchaft und in der Ach⸗ tung des Landes, daß es einen beſonderen Glanz auf den Hof warf, einen Mann von anerkanntem Freiſinn in der nächſten Umgebung des Königs zu wiſſen. Der König gab nun dem Leibarzt den förmlichen Auftrag, auf die Königin einzuwirken, daß ſie von ihrem Entſchluſſe zurücktrete. Die Aufgabe war ſchwer. Die Königin hatte noch immer dem bewährten Freunde Alles anvertraut, jetzt kam er mit ihrem Geheimniß, das ihm ein Anderer übergeben. Gunther verſuchte es dahin zu bringen, daß die Königin ihm ihren geheimen Entſchluß mittheile; aber ſie ließ ſich nicht dazu herbei, und endlich mußte er ſelbſt davon zu reden anfangen. Die Königin war erſchreckt. „Warum that der König das?“ ſagte ſie, und auf ihr Angeſicht trat ein tiefſchmerzlicher Zug. „Seine Majeſtät,“ erwiderte der Leibarzt,„traut mir vielleicht noch einige weitere beſtimmende Vernunft⸗ beweiſe zu.“ „Ich kenne die Vernunftbeweiſe alle,“ erwiderte die Königin heftig.„Hier iſt etwas, wo kein fremdes Wort, kein fremder Hauch— „So werde ich ſchweigen, Majeſtät, und bitte, mich zu entlaſſen.“ „Nein, nein, reden Sie, ich muß Sie hören.“ „Sie müſſen nicht—“ „Ach! wollen— müſſen! Sie ſagen ja immer, wir Menſchen haben keinen freien Willen! Bei Fürſten iſt das gewiß.“ „Majeſtät,“ begann der Arzt leiſe,„der hohe Ent⸗ ſchluß, den Sie in ſich faßten, iſt auch nicht ein Act Ihres Willens; er iſt die natürliche und nothwendige Folge einer Kette von Ereigniſſen und Eindrücken, die Ihre Seelendispoſition geſtalteten. Innige Naturen glauben immer, ſich ſelbſt und der Welt nicht genug thun zu können; ſie möchten zu jeder Stunde, mit jedem Athemzug ein Glück ſchaffen, einen hohen Ge⸗ danken in der Welt befeſtigen.“ „Alſo auch Sie können ſchmeicheln?“ „Ich ſchmeichle nie; ich ſtelle nur die Diagnoſe, und ſie iſt gar nicht ſchmeichelhaft. Dieſe ſeeliſche Ueberfülle iſt nicht Geſundheit.“— „Sie halten alſo meine Stimmung für krankhaft—“ „Wir nennen das nicht ſo— aber bitte, Majeſtät! dieſer Ton iſt uns beiden nicht...“ „Sprechen Sie. Ich höre Sie gern. Es beleidigt mich nicht, daß Sie davon wiſſen. Ich betrachte Sie als ein Stück Tag, an dem ich meinen Entſchluß wollte reifen laſſen.“ „Nun denn, was reifen ſoll, muß ſich auch von der Luftſtrömung, ja vom Sturm hin- und herbewegen laſſen. Ich bringe Ihnen keinen Sturm, ich will nicht davon ſprechen, daß, wer ſeine angeſtammte Religion verläßt, Vater und Mutter beleidigt, und daß die von Jugend an gewohnten Ceremonien die Mutterſprache der Seele ſind. Das gilt nicht vor dem Geiſte. Geiſt und Vernunft ſind Vater und Mutter des bewußten aus ſthe glau Wo ſch unſ Sie don in C „ Bei Fütſen det hohe Ent nicht ein A nthwendig rücken, di nige Natur t nicht gem Stunde, nit en hohen Ge die Diagnoſ⸗ Dieſe ſerliſch krankhaft— tte, Majſtt Es beleidij nen Erſchl ſich auch b nd herbewehl ich wil nich mmte Religien d doß die vo Auterpnt Geiſt⸗ i des be 193 Menſchen. Was man erkennt, muß man auch beken⸗ nen. Ich mißbillige den Uebertritt aus Erkenntniß nicht. So viel ich aber weiß, nehmen Sie, Majeſtät, das Bekenntniß nur äußerlich an— oder auch inner⸗ lich, aber nicht um des Bekenntniſſes willen, ſondern aus Liebe zu Ihrem Gatten. Majeſtät! Ich ſelber ſtehe, wie Sie wiſſen, auf ganz anderem Grunde. Ich glaube jene Quelle im Paradies zu kennen, dort, wo ſie noch eins iſt und erſt draußen in die Ströme ſich theilt, die, wie mein Freund Eberhardt, der Vater unſerer Gräfin Irma, ſagt, die Predigtmühlen treiben. Sie wiſſen, Majeſtät, daß die gleiche Sage, die ſich in dem ſchönſten aller Bücher, in der Bibel findet, auch in unſerer deutſchen Sage ſich findet, vom Baume Igdroaſil gehen auch vier Ströme aus— „Gut, aber bitte, lieber Freund, jetzt keine gelehr⸗ ten Curioſitäten.“ „Majeſtät!“ nahm der Arzt wieder auf,„verharren wir in unſerer angeſtammten Religion, ſo können wir in ihr frei ſein, das heißt in unſerem Denken über ſie hinausgehen; kein Ketzergericht hat mehr Gewalt über uns. Bekennen wir aber eine neue Religion, ſo haben wir kein Recht mehr, frei zu ſein; wir haben die Pflicht, ſie zu bekennen! Ein geborner Adeliger kann ſich zur bürgerlichen Gleichheit bekennen; einer der ſich adeln läßt, kann das nicht. Und, Majeſtät, laſſen Sie mich noch Eines ſagen: ich betrachte es als ein Glück für die Menſchheit und für unſer deutſches Vaterland beſonders, daß es keine Confeſſionseinheit giebt, dadurch allein iſt die Humanität gewahrt, denn Auerbach, Auf der Höhe. 1 13 wir müſſen lernen, daß es verſchiedene Formen und Seelenſprachen für ein und daſſelbe giebt. In der Vielfältigkeit der Confeſſionen liegt eine Bürgſchaft gegen den Fanatismus, wie weiter hinaus eine Be⸗ ſtätigung, daß die äußere Religionsform gleichgültig, ich meine, daß man in jeder Religion ein rechtſchaffener Menſch ſein könne und ſogar ohne äußere Religion.“ Dieſe Gedanken noch näher erläuternd, ſaß der Leibarzt lange bei der Königin. Während er noch bei ihr war, ließ ſich der Dom⸗ herr melden. Die Königin ließ ſich entſchuldigen und ihn auf den andern Tag beſtellen. Dennoch, als der Leibarzt wegging, war ſie von ihrem Vorhaben nicht abwendig gemacht. Sie blieb dabei, daß dies eine Handlung ſei, in die kein anderer Menſch ein Wort dreinreden könne, zumal ein Mann nicht. Sie war nahe daran, ſich Irma anzuvertrauen; ſie iſt klug und meint es treu mit ihr. Aber eine un⸗ überwindliche Scheu hielt ſie davon zurück; ſie wollte vor Irma nicht ſchwach und ſchwankend erſcheinen. Fünftes Capitel. Die Königin war tagelang ſtill und einſam. Nur Walpurga mit dem Kinde durfte um ſie ſein, ſonſt wollte ſie Niemand ſprechen, ihren Gatten nicht, den Leibarzt nicht und den Geiſtlichen nicht. die hob ſchö e For men und iebt. In der ine Pürgſcheſt naus eine Be⸗ m gleichgült, recht ſchaff ener re Religion“ end, ſaß der ſich der Don⸗ und ihn auf „wor ſie von t. Sie blich die kein önne, zunnl wertrauen; ſe Aber eine u⸗ ic; ſie wollt erſcheinen. Nur ie n jn 195 Eines Mittags, als Walpurga bei ihr war, drängte es ſie zu der Frage: „Walpurga, weißt Du, Religion gehöre? „Ja freilich, und das freut mich.“ „Das freut Dich?“ „Ja wol, das freut mich. Sie ſind die erſte und die einzige Lutheriſche, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, und wenn Alle ſo ſind wie Sie, muß das eine ſchöne Religion ſein.“ „Sie iſt auch ſchön; alle Religionen ſind ſchön, die uns zu guten Menſchen machen.“ „Sehen Sie, Frau Königin, auch geſagt, ganz mit denſelben Worten. O! hätt ich's gegönnt, daß er ſo lang gelebt hätte, er Sie noch geſprochen hätte.“ Die Königin war lange Zeit ſtill. Endlich fragte ſie wieder: „Walpurga, wenn Du eine andere Religion hätteſt Dein Hanſei, würdeſt Du ihm in ſeine Kirche folgen?“ „Mein Hanſei iſt auch katholiſch.“ „Wenn's aber anders wäre?“ „Es iſt ja aber nicht anders.“ „Denke Dir aber, es wäre anders. „Das kann ich aber nicht, ich kann's nicht,“ ugte ſie faſt weinend. Die Königin war wieder lange ſtill. Nach gerau⸗ mer Weile begann Walpurga von ſelbſt: „Ich kann's doch, ja ich kann's; ich hab' mir's ausgedacht. Sie ſind ja auch lutheriſch und Ihr Mann daß ich nicht zu Deiner das hat mein Vater dem daß wie S 196 katholiſch. Ja ich kann's. Jetzt, warum fragen Sie mich denn das?“ „Wenn Du alſo— denke Dich an meine Stelle— wenn Du evangeliſch wäreſt, würdeſt Du nicht in die Kirche Deines Mannes gehen?“ „Nein, Königin, nie. Bin ich ſeine brave Frau geweſen als Evangeliſche, ſo bleib ich's. Darf ich Ihnen was erzählen, Königin?“ „Ja, erzähle.“ „Was hab' ich denn nur erzählen wollen? Ja, jetzt weiß ich's! Seh'n Sie— mein Vater ſelig— der Leib⸗ arzt hat Ihnen gewiß ſchon berichtet, was das für ein braver Mann war— aber ich fang' verkehrt an, ich hab ja anders hinaus gewollt— ja, alſo ſehen Sie: In der Unterweiſung da hab' ich einen gar ſcharfen Pfarrer gehabt, der hat alle Menſchen, die nicht von unſerem Glauben ſind, in die tiefſte Hölle hinein ver⸗ dammt, und da erzähl' ich das einmal meinem Vater, und da ſagt er mir: Purgei— er hat mich nur Purgei geheißen, wenn er mir etwas hat ins Herz thun wollen— Purgei, hat er geſagt, auf der Welt leben ſo und ſo viel Millionen Menſchen, und davon iſt der geringſte Theil Chriſten, und was wäre das für ein niederträchtiger Gott, der all' die Anderen in die Hölle hinab verdammen wollte, weil ſie keine Chriſten ſind, und ſie können doch nichts dafür, ſie ſind doch nicht darin geboren! Glaub' nicht, ſo hat mein Vater geſagt, daß der Menſch verdammt iſt wegen ſeines Glaubens wenn er nur brav iſt. Und das halt' ich feſt. Ich ſag natürlich unſerm Pfarrer nichts davon, ine Stelle— nicht in di brave Irn Darf it n Jo, jet — der Lil⸗ dos für ein ehrt an, ih o ſehen Sie: gar ſcharfen ie nicht von hinein vel⸗ einem Wier, at mich nu t ins Her Ut uf der Pel und dobbl wäre dos fir deren in eine Chriſen ſie ſind vi wegen ſeine ds hul it nichts dovl die nein Vute 197 der braucht nicht Alles zu wiſſen! der ſagt mir auch nicht Alles, was er weiß.“ Die Königin war ſtill, und bald begann Walpurga wieder. „Jetzt fällt mir noch was ein, das Beſte fällt mir ein! O liebe Frau Königin, das muß ich Ihnen noch erzählen, das hab' ich auch von meinem Vater; er hat gar viel ſinnirt. Der alte Doctor, der Vater vom jetzigen, hat's oftmals geſagt, wenn mein Vater ſtudirt hätt', das wär' ein großer Mann geworden, ein welt⸗ berühmter. Jetzt, alſo am Abend, es war an dem Sonntag, wo ich gefirmt worden bin, ſitze ich mit meinem Vater und meiner Mutter auf der Bank hinter unſerm Häuschen am See, und da hat's zu Abend ge⸗ läutet, wir haben unſer Ave gebetet, ſetzen uns wieder, und da hören wir den Liederkranz, der kommt in einem Nachen über den See, und ſo ſchön geſungen haben ſie, ſo ſchön, ich kann's gar nicht ſagen, und da ſagt mein Vater, und ſteht wieder auf, und die Sonne ſcheint ihm ins Geſicht, und es iſt wie lauter Feuer, und er ſagt:„Jetzt weiß ich, wie es unſerm Herrgott im Himmel droben zu Muthe iſt.“„Red' nicht ſo gottlos,“ ſagt meine Mutter.„Ich red' gar nicht gottlos, im Gegentheil,“ ſagt mein Vater, und ſetzt ſich wieder, er hat eine merkwürdige Stimme gehabt, wie ſonſt nie.— „Ja, ich weiß es, ich ſpür's,“ ſagt er,„jetzt, die Kirchen alle, die unſrig, und die evangeliſch und die jüdiſch, und die türkiſch, und wie ſie alle heißen— da iſt jedes ſo eine Stimm' im Geſang, und da ſingt ein Jedes, wie es ſeine Kehle hergiebt, und das ſtimmt doch zuſammen 198 und giebt einen guten Chor, und da droben am Him⸗ mel, da muß es gar ſchön klingen und es ſoll nur ein Jedes ſingen, wie unſer Herrgott ihm die Stimme in den Mund gelegt hat, er wird ſchon wiſſen, wie es zuſammenſtimmt, und es ſtimmt gewiß ſchön!“ Walpurga ſah ſtrahlenden Auges auf die Kö⸗ nigin, und der Blick der Königin begegnete dem ihrigen. „Dein Vater hat Dir ein gutes Wort gegeben,“ ſagte die Königin. Es glänzte etwas im Auge der Königin und es glänzte im Auge Walpurgas. Walpurga ging davon mit dem Kinde. Am andern Tage ließ die Königin ihren Gatten zu ſich bitten. Sie ſagte ihm: „Kurt, ich habe Muth.“ „Das weiß ich.“ „Nein, ich habe einen Muth, den Du nicht kennſt—“ „Einen Muth, den ich nicht kenne?“ —„Und nie kennen wirſt! Ich habe den Muth, als ſchwach und ſchwankend zu erſcheinen. Nicht wahr, Kurt, Du verkennſt mich deßhalb nicht?“ „So ſprich doch deutlicher und ohne Einleitung.“ „Ich bin entſchloſſen,“ fuhr die Königin fort, „ich wage es kaum mehr, das Wort entſchloſſen aus⸗ zuſprechen— nicht wahr, Du verkennſt mich nicht? Ich bleibe in der Confeſſion, in der ich geboren, und wir ſind doch Eins.“ Der König dankte ihr ſehr freundlich und bedauerte nam Hin⸗ ſoll nur ein Stimme in 1 „n H gnete den gegeben“ Gatten zu Du nicht 199 nur, daß der Domherr,von der Sache wiſſe; er hoffe indeß, ihm die Zunge zu binden. Die Königin ſah ihn ſtaunend an, da er ſich gar ſo wenig freute; aber ſie fand es doch wieder natür⸗ lich: warum ſollte etwas, das nur wit eine Wolke vorübergezogen war, eine große Wirkung hinterlaſſen? Freilich in ihr hatte es ſchwer gekänpit⸗ aber in Anderen nicht. M Die Königin fühlte, daß ſie lange zu thun haben werde, um irgend einem Ausſpruche oder einem Ent⸗ ſchluſſe wieder Geltung und Gewicht zu verſchaffen; denn ſie war einmal ſchwach geweſen und das ver⸗ geſſen die Menſchen nicht. Als die Königin am Sonntag in der evangeliſchen Hofkirche war, wagte ſie kaum, von der Hofloge aus den Blick aufzuſchlagen. Durch ihre Seele zog der Gedanke, wie es wäre, wenn ſie drüben in der andern Kirche, und wie die Blicke der Gemeinde ſich hier herauf richten würden, wo nun Niemand mehr erſcheint. Sie hatte dieſes Haus, dieſe Gemeinde im Geiſte ſchon einmal ganz ver⸗ laſſen; ihre Seele bebte vor dem was ſie hatte vollführen wollen, und ſie dankte aus tiefſtem Herzen ihrem Gatten, der ſie mit ſtarker Hand davon zurückgehalten. Als ſich die ganze Gemeinde erhob, und im Kirchen⸗ gebete für das königliche Haus ihrer beſonders gedacht wurde, und ſie, wie der Ausdruck heißt,„ausgeweiht“ wurde mit dem Danke für ihre Erhaltung und die Er⸗ haltung des königlichen Prinzen, da floſſen ihre Thrä⸗ nen unaufhaltſam. zum Zweitenmal in die Kirche. Während deſſen luſtwandelte der König in dem Theile des Parkes, der nur durch eine rothe Schnur dem öffenklichen Beſuche abgeſchloſſen war, mit der Gräfin Irma auf und ab. Der Königthei Irma den Entſchluß der Königin mit, und davon abbringen ließ. Irma entgegnete, daß ſie dieſes Vorhaben längſt geahnt, ſich aber nicht für berechtigt gehalten hätte, davon zu ſprechen; ſie habe dem Leibarzt eine Andeutung ge⸗ macht, er habe aber nichts davon wiſſen wollen. Der König ſprach ſein Mißbehagen über das Weſen des Leibarztes aus; aber Irma vertheidigte ihn mit vieler Begeiſterung. „Der Mann iſt glücklich,“ ſagte der König,„ſolch einen beredten Anwalt in ſeiner Abweſenheit zu haben.“ „Das haben meine Freunde immer an mir,“ ent⸗ gegnete Irma,„die, die ich wahrhaft verehre.“ „Ich wünſchte auch einmal angeklagt zu ſein,“ fuhr der König fort. „Und ich glaube,“ erwiderte Irma lächelnd,„Maje⸗ ſtät könnten nicht beſſer vertheidigt zu ſein wünſchen, als ich es thun würde.“* Es trat eine Pauſe ein. Der König nahm mit ſchönem Freimuthe ſeinen Widerſtreit gegen den Leib⸗ arzt zurück, und das Geſpräch über dieſen ſchien nur wie eine Brücke zu einem anderen. Der König ſprach über ſeine Gattin und ihre eigen⸗ artige Gemüthsverfaſſung. Am Mittag ging ſie gegenalle frühere Gewohnheit Gewohnheit nig in Nn othe Schnr r, nit der der Königin ß. Irm geahnt, ſich davon jl deutung ge⸗ len. das Weſen te ihn nit nig,„ſolch zu haben.“ mir,“ ent⸗ re.“ zu ſein wünſchen, 201 Der König und Irma ſprachen zum Erſtenmal über die Königin. Daß Irma dies that und der König es nicht nur geſtattete, ſondern geradezu herausforderte, war der Keim einer unberechenbaren Entwicklung. Sie lobten und prieſen den dichteriſchen Sinn, den Schwung der Empfindung, die blumenhafte Zartheit der Königin, und indem die Beiden ſie ſo glänzend darſtellten, durften ſie im Innern unaus⸗ geſprochen deren Schwäche und überſchwängliche Schwär⸗ merei tadeln. Im erſten Ausſprechen eines Gatten über den an⸗ dern zu einem Dritten liegt eine folgenreiche Verfrem⸗ dung und Preisgebung. Noch war Alles verhüllt, mit lautem Lob, mit Begeiſterung zugedeckt. Es war hier wie dort bei der Königin in der Kirche. Sie rang im Gebete, mit aller Kraft ihres Willens wollte ſie ihre ganze Seele darein verſenken, wieder vollauf ſein, was ſie ehedem war, und doch, während ſie die Worte ſprach und ihr Denken hineindrängte, wich in der Verborgenheit eine Erſtarrung und Verfremdung nicht, die ihr ſagen woll⸗ ten: Du kehrſt nie mehr ganz wieder. Während der König und Irma mit einander ſprachen, erſchienen ſie ſich als die Gleichen; ſie ſahen die Welt und die Bewegungen der Menſchen⸗ ſeele mit demſelben Blicke an, ſie ſprachen davon, wie leicht man in Schwäche verfallen könnte, und ihre Vertraulichkeit erſchien ihnen nicht als Schwäche, ſon⸗ dern als Stärke. — 202 Sie gingen im gleichen Schritt und Tritt und Irma ſagte nicht mehr: wir wollen umkehren.— Die Königin war, ſeitdem ſie wieder der Geſell— ſchaft angehörte, wenn möglich, noch viel huldvoller, viel liebreicher gegen Jeden; ſie ſtellte Jeden weit über ſich; die Menſchen waren nicht ſo o ſchwach und ſchwan⸗ kend geweſen wie ſie. Sie glaubte Jedem etwas be⸗ ſonders Gutes thun zu müſſen, weil ſie trotzdem ihm gleich, weil ſie über ihm ſtehen durfte. Sie war in innerſter Seele voll Demuth. Die Zeitungen brachten nach wenigen Tagen eine ſeltſam verhüllte Geſchichte, wie man die engelsreine Güte einer Fürſtin hatte benützen wollen, um ſie in der Einſamkeit von ſich ſelbſt abwendig zu machen, und ihr die Liebe des Landes zu entziehen. Es war nicht ſchwer zu finden, daß damit der Uebertritt der Königin bezeichnet wurde. Die Königin hatte ſich ſtets offen zur liberalen Oppoſition des Landes bekannt, und der König hielt den Leibarzt für den Vermittler, der ihr die Gunſt der Preſſe zuwendete und dabei au eine Indisecretion nicht ſcheute. Er wurde durch dieſe offenbare Entſtellung noch mehr gegen die Preſſe aufgebracht, nicht minder aber gegen die Machinationen der Partei der Königin am Hofe; er hielt indeß beide Aergerlichkeiten zurück. Es wird ſich die Zeit ſchon finden, beiden zugleich gerecht zu werden. ch we ſi nic ſeſhau Ich N und ſchwan as be⸗ damit der r liberalen Fönig hiel e Gunſt der retin niht Entſtellun cht minder der Könign on gleih 203 Sechstes Capitel. (Irma an ihre Freundin Emmy.) Das Alles habe ich geſtern vollbracht. Ich wollte lBen; ich ſah die Buchſtaben, aber ich las ſie nicht, Alles kroch mir durcheinander wie ein Amei⸗ ſenhaufen. Ich wollte ſingen, kein Lied war mir recht. Ich wollte ſpielen, ſelbſt Beethoven war mir fremd. Und ſo lag ich ſtundenlang und träumte in mich hinein und aus mir hinaus. Ich folgte dem Mütterchen und ihrem Sohne über die Berge, die Lerchen ſingen ihnen meine Gedanken zu, ſie kommen heim und der wilde trotzige Burſch iſt geſchmeidig, er jodelt friſch in die freie Welt hinein, grüßt ſeinen herztauſigen Schatz— ich meine, ich hör' ihn ſingen. Ach, Emmy, was giebt es Herrlicheres, als Menſchen beglücken? Es iſt ſchon armſelig genug, ein Menſch zu ſein, gebunden in tau⸗ ſend Schranken, Rückſichten, Elendigkeiten; und wenn man noch dazu Noth leiden muß— Strafe, Zucht⸗ haus, Ketten! Es iſt eine Schande für die Menſchheit, daß es Zuchthäuſer giebt. Ach, Emmy, und wie groß, wie eine Offenbarung aus dem intimen Volksherzen ſprach das einfältige Weib des Holzknechtes. Ich wollte ihre Worte in Verſe faſſen, ſie am Morgen dem König überreichen, aber es ging nicht. Nichts genügte mir, die Sprache iſt abgenützt, zu eng, zu grob, das Wort Schillers ging mir immer durch den Sinn: Ach, wenn⸗die Seele ſpricht, ſpricht ſchon die Seele nicht mehr! Ich ließ mein Gekritzel ſein. Ich habe eine unruhige Nacht 204 verbracht. Wenn etwas tief innen unerlöſt iſt, dann wandelt die Seele um, wie ein Geſpenſt, und kann keine Ruhe im Schlafe finden. Heute bei dem Frühſtück theilte ich dem König die Worte Walpurgas mit. Ich ärgerte mich, er verſtand ſie nur halb, wie hätte er ſonſt darauf antworten können:„Ja das Gebirgsvolk hat einen tiefmonarchi⸗ ſchen Sinn. Theilen Sie doch Ihrem Herrn Vater das mit.“ Der König merkte, wie unpaſſend er ſich geäußert, und wie immer gewandt und liebenswürdig und auch ſein gutes Herz wieder ſchnell faſſend, ſagte er:„Liebe Gräfin, ich will Ihnen einen geheimen Titel geben, der aber nur für uns Beide da iſt. Ich ernenne Sie hiemit zum Spion des Volksherzens. Erkunden, er⸗ lauſchen Sie, wo Sie etwas finden, und Sie ſollen immer bei mir unbedingte Willfährigkeit finden. Mei⸗ nen Sie nicht, daß Egeria nichts Anderes war, als Spionin des Volksherzens? Sie hörte im Tempel am Altare die geheimſten Gedanken des Volkes, theilte ſie dem König Numa mit und er ward bis zur Anbetung vergöttert.“ „Unſer Volk ſpricht aber nur vorgeſchriebene Ge⸗ bete,“ ſagte ich. „Das iſt ein anregender Gedanke,“ erwiderte der König und gab bald darauf dem eintretenden Schnabels⸗ dorf den Auftrag, ihm kurz zu notiren, welche be⸗ ſtimmte Gebete die Griechen und Römer in den ver⸗ ſchiedenen Tempeln ſprachen. Nun wird alſo die ganze Geſchichte, Alles was, rie ich inem A Ah, uf dieſi der heut werden Noch much n die ton auf de doß di Nicke größe Fim voyel Frß Men gun Wot Un obe m widerte der welche b den ve 205 wie ich glaubte, eine tiefe Wirkung haben ſollte, zu einem Amüſirabend. Ach, liebe Emmy, Amüſiren! das iſt der tiefſte Punkt auf dieſer Welt, in den Alles mündet. Ein Apoſtel, der heute aufträte, müßte ſprechen: Fraget nicht, wie werden wir uns heute amüſiren, ſondern u. ſ. w. Mach' Du den Satz fertig. Ich bin nicht beſſer als die Anderen. Ich bin auch nur eine für ſiebzig Jahre aufgezogene Puppe, die tanzen, lachen, reiten und ſich amüſiren will. Alles auf der Welt iſt Amüſirvogel. Der Unterſchied iſt nur, daß die Einen Amüſirvögel ſich an Körnern und Raupen, Mücken und Larven begnügen, während die Anderen größere Portionen brauchen, Haſen, Rehe, Hirſche, Faſanen, Fiſche; und die höhere Bildung des Amüſir⸗ vogels, genannt Menſch, beſteht darin, daß er ſeinen Fraß kocht. Es iſt eine grauſame Leerheit in vielen Menſchen. Converſation machen— darin beſteht die ganze Kunſt. Denke Dir den Ausdruck„Converſation machen“ recht klar und Du wirſt finden, was für ein Unſinn das iſt. Die Leute finden mich unterhaltend, aber ich mache nie Converſation; ich ſpreche eben, wenn ich etwas zu ſagen habe. Mein Dämon ruft mir jetzt immer zu Dilettantismus. „Dilettiren“— ſchmöckern, naſchen zum Zeitver⸗ treib— überſetzt es mein Lexikon. Das iſt grob, aber es liegt etwas darin.... Einen Tag ſpäter. Eben ſchickt mir der König folgendes Gedicht. Ich muß ihm Abbitte thun. Er hat meine Mittheilung doch ————— 206 beſſer gefaßt. Wie findeſt Du das Gedicht? Warum ſoll ein König nicht dichten? Verlangt man ja Idea⸗ lität von ihm. Freilich, ein König ſoll Alles verſtehen, aber in nichts dilettiren. (Nachſchrift.. Ich ſehe eben, daß ich Dir das Ge⸗ dicht nicht abſchreiben darf. Einen Tag ſpäter. Lache nicht, daß ich Dir immer von der Walpurga erzähle. Der König traf mich heute bei ihr, als wir gerade Schreibſtunde hielten. Er ſagte, wie es ihn freue, daß er den Verwandten der Walpurga begna⸗ digen konnte. „Unſere Verwandtſchaft iſt weitläufig, von ſieben Suppen ein Schnittle, erwiderte ſie. Und, Herr König, ich hab' was auf dem Herzen: ich bin unſchuldig, wenn der rothe Thomas doch wieder ſchlecht iſt, ich kann nichts dafür.“ Der König lachte und ſagte:„Ich kann auch nichts dafür.“ Unbegreiflich iſt's, wie die Walpurga nun faſt immer mit Zorn von Zenza und deren Sohn ſpricht und nichts mit ihnen zu thun haben will. Es wohnen ſeltſame Dämonen im Herzen des Volkes nebeneinander. Ich fürchte, mein Amt als Volksſpion wird mir zu ſchwer. Der König hat mir eine Abſchrift der Kirchengebete der Griechen und Römer ſchicken laſſen. Ich will mir's wegſchreiben, dann hab' ich's nicht mehr. Ich muß mir immer vorſtellen: wie wär's, wenn die Zenza Oberhofmeiſterin und ihr Sohn, der Wild⸗ ſhit, gemg ſhnitze legonte Ach in der ich der in Gl nn auch nicht rga nun Schn ſprit nebeneina ird mi W nde 207 ſchütz, Oberjägermeiſter geworden wären? Redegewandt genug wäre ſie, und ſie hat überaus kluge und ver⸗ ſchmitzte Augen, und der Burſche wäre gewiß ein höchſt eleganter Cavalier. Ach, und da ſprechen die Menſchen, daß Gleichheit in der Welt ſei, und wir auf unſere Geburt uns nichts einbilden dürfen. Iſt's nicht ein ſichtbares Zeichen der himmliſchen Gnade, daß ich als Gräfin und nicht als Tochter der Zenza geboren bin? Und doch kann man wieder ſagen: gerade das Gegentheil. Es iſt im Grunde allen Geſchöpfen wohl auf der Welt. Der Froſch im Sumpf iſt bei ſeinem Gequake gerade ſo glückſelig, wie die Nachtigall mit ihrem Flöten und Schmettern im Buſch. Es iſt nicht Humanität, es iſt Willkür und Tyrannei, dem Froſch zu ſagen: du ſollſt auch im Roſenbuſch wohnen und à la Nachtigall ſingen! Haſt Du ſchon einmal ordentlich zugehört, wie urbehaglich ſo ein Froſch quakt? Jetzt eben haben ſie großes Concert im Schloßteich. Ich hör' es gern. Wir Menſchen ſind gar zu keck, daß wir Alles darnach be⸗ meſſen, wie es uns mundet, unſer Ohr und Auge er⸗ quickt. Der Fröſchin gefällt gewiß der Geſang des Meiſters Froſch am beſten, und ſie hat Recht. Ich danke Dir, liebe Emmy, daß Du Alles ſo an Dich hinſchreiben läſſeſt. Du kannſt Dir gar nicht denken, wie wohl mir das thut. Ich bin ein Spion meines eigenen Herzens. Es ſind viele wilde Geſellen darin, Abenteurer und Glücksritter, und dazu eine Nonne.... Ich bin ſelbſt —— 208 begierig, wie die gemiſchte Geſellſchaft mit einander fertig wird. Ich bin dem ganzen Hofe gegenüber darum ſo frei, ſo übermüthig, weil ich ein geheimes Tagewerk habe, und das ſind meine Briefe an Dich. Aber noch viel tauſendmal mehr denke ich zu Dir. Es vergeht kein' Stund in der Nacht, Wo ich nicht an Dich gedacht Und Dein gedenk... Weißt Du noch? das war Dein Lieblingslied. Ich ſinge Dir's täglich mindeſtens einmal. Du und mein Clavier, ach was ſeid ihr mir Alles! Ihr wartet, bis ich komme. Ihr habt alle Töne aller Meiſter in euch, aller, die waren und noch ſein werden, und ihr wartet nur, bis Einer kommt, der ſie erklingen läßt. Ich bin zwei Seelen. Ich bin mein Clavier und meine Zither. Die eine Seele läßt ſich leicht trans⸗ portiren, die andere nicht, und die eine verlangt die Berührung der Saiten mit den Fingern— ach, ich weiß nicht mehr, was ich ſchreibe. Ich wollte, ich könnte mir das Denken abgewöhnen. Ich wollte, ich wäre die Tochter dieſer Zenza, und mein Bruder wäre der Wilddieb. Doch nein! Unſere Diebe und Schelme, die in der Schule die ſieben Todſünden und den Ka⸗ techismus auswendig gelernt haben, ſind gezähmt und feig; ſie ſtecken ein Gnadengeſuch in die Schürze der Mutter und greinen: wir haben nichts gethan, laßt es ungeſchehen ſein!— Nirgends in der Welt iſt mehr ein wirklicher Naturtrotz. Ich glaube, Dein italieniſcher „Rüuber iſt auch Ale hi Gut ſichts 1 ſchienen eit Un k Du und mein r wartet, bö eiſter in eut und ihr wart pt up' Clavier un ſeicht tran e verlangt 1— 6h, 0 ch wolle, ſch wolle, Brder w „Räuber hinter dem Felſen,“ den Du einmal geſtickt haſt, iſt auch nichts als eine Maler-Tradition für Stickmuſter. Alle Künſte legen unſerem Daſein nur Schminke auf. Gute Nacht! Einen Tag ſpäter. .. Ich leſe nie, was ich früher geſchrieben. Ich will nichts mehr davon wiſſen. Die Sonne, die geſtern ge⸗ ſchienen, ſcheint heute nicht mehr. Ich meine es anders: es iſt dieſelbe Sonne, aber das Licht wird immer neu, und ich bin heute glücklich, und frage nichts danach, ob Kirchen und Schlöſſer, Männer und Weiber, Fröſche und Krokodile in der Welt ſind. Der König ſagte mir heute: „Ich weiß, Gräfin, daß Sie in dieſen Tagen klein von mir gedacht haben. Ich ſpüre jede Abwendung Ihrer Seele wie einen elektriſchen Stoß. Ich bitte, thun Sie das nicht mehr—“ und dabei ſah er mich an, wie ein bittend Kind, ach, er hat ſo treue, tiefe Augen. Ich weiß, wie Du einmal ſagteſt:„Es giebt Blicke ohne Hintergrund, ohne ſeeliſche Tiefe.“ Ach, die Blicke dieſes Freundes haben eine unendliche Tiefe. Ich will von keinen Schranken mehr wiſſen, ich— ich... Nein, das Wort kann ich doch nicht ſchreiben. D Emmy, ich wollte, ich wäre eine Almerin auf einſamer Bergeshöh. Heute Nacht war mir's, als riefen meine Heimathberge: Komm heim! Komm! Bei uns iſt gut ſein!— Ach, und ich möchte fort und kann nicht. Walpurga iſt jetzt mein Troſt. Ich verſenke mich Auerbach, Auf der Höhe. J. 14 —— in ihr Leben, es iſt ſo viel gründliche Naturruhe darin, und dabei iſt es mir äußerſt amüſant, das ganze Hof⸗ leben aus ihren Augen heraus wie ein Puppenſpiel zu betrachten. Wir ſitzen wie die Kinder vor dem Guck⸗ kaſten und ſind überaus luſtig. Wir ſingen auch viel miteinander. Ich habe prächtige Lieder von ihr gelernt. O, wie ſchön keck ſind doch die Menſchen da draußen! —„Auf der Alm da giebts kein Sünd“— das Lied geht mir immer nach. Der König reiſt heute ins Bad. Mein Bruder iſt in ſeinem Gefolge. Der König hat mich gebeten, ihm bisweilen zu ſchreiben. Ich werde es nicht thun. Zwei Tage ſpäter. Der König weiß, ich kann nicht leben ohne Blumen in meinem Zimmer; er hat un befohlen, daß mir jeden Tag ein friſcher Blumenſtrauß ins Zimmer ge— ſtellt werde. Das gefällt mir nicht. Eine Blume, nach der man ſich bückt und ſie der Freundin darreicht, iſt mehr, als tauſend künſtlich gebundene Sträußen aus den Kunſtgärten. Der König läßt auch der Baronin N... und der Gräfin A... täglich Blumenſträuße ins Zimmer ſtellen. Ich glaube, es geſchieht nur, um die mir bewieſene Gunſt zu verdecken. Mag ſein! Ich zürne dem König. Er erhält keine Zeile von mir. Ich lerne ſeit einiger Zeit modelliren bei einem Pro⸗ feſſor der Akademie. Er hat eine Büſte von mir gefertigt und ſie als Modell zu einer Victoria benützt, die auf daz neue Zeughaus kommt. Darf ich nicht ſtolz ſein? Ih ſ ſichts al Stetne, Det urtuhe darin upvenſpiel; den Gu habe pricht keck ſind dot n, doß mi gimmer g Blume, ni immer ſtellen r bewie e te den Könih (rf⸗ ei einem Prl nir gefer t di al cht ſtolz ſeil“ jnt 0 Ich ſtehe künftig ewig in der freien Luft und ſehe nichts als den blauen Himmel, Sonne, Mond und Sterne, und Mittags die Wachparade.— Der Profeſſor ſagt, ich hätte Talent zum Figuren⸗ bilden. Das macht mich ganz glücklich: Malen, Zeichnen iſt doch nur halb, nur Nothbehelf. Wirſt du mir ge⸗ ſtatten, ein Reliefbild von Dir zu machen, wenn ich zu Dir komme? Habe ich Dir nicht einmal von einem Geheimniß in Bezug auf die Königin geſchrieben? Ich glaube. Nun iſt die Sache zu Ende. Die Königin wollte aus Liebe zu ihrem Gatten zu unſerer Kirche über⸗ treten, oder eigentlich zu Deiner— Du mußt's ein⸗ für allemal verzeihen, ich habe keine. Der König hat ſich dabei großartig benommen. Es war eine un⸗ vergeßliche Stunde, als er mir Alles vertraute. Er iſt eine wahrhaſt große Natur und es iſt ſchön, daß es Fürſten auf der Welt giebt, Menſchen, die zu Ur⸗ bildert erwachſen, unverbogen, unverſchnörkelt, ſelbſt⸗ gewiß, unbeſchränkt, frei und univerſell. Gäbe es keine Könige, wir wüßten nicht mehr, was ein freier, ſchöner, voller Menſch— ich meine ſchön in der höchſten Potenz. Freilich gehört dazu auch ein hoher Geiſt. Nicht Alle ſind Götter, die ſich anbeten laſſen. Der Dichter und der König, ſie allein ſind volle Menſchen. Alle anderen, auch die Künſtler und Ge⸗ lehrten, haben einen getheilten, abgegrenzten kleinen Beruf, ein Solo⸗Inſtrument: der Muſiker und der Maler, der Bildhauer, der Baumeiſter, der Profeſſor, ————— . 4 21 2 Alle.— Der Dichter und der König allein umfaſſen das ganze Leben in allen ſeinen Geſtaltungen, nichts iſt ihnen bedeutungslos, weil ſie über Alles herrſchen, Alles ihnen eigen iſt. Der Dichter ſchafft eine ganze Welt, der König iſt eine ganze Welt. Der Dichter kennt und ſchildert den Hirten und den Jäger, den König und den Staatsmann, die Königin und die Zofe und das Nähmädchen, Alle. Der König aber iſt Alles, Jäger und Staatsmann, Soldat und Landwirth, Ge⸗ lehrter und Künſtler, er iſt das ganze Orcheſter der Fähigkeiten; ſo iſt er König, ſo repräſentirt er ein Volk, eine Zeit, das höchſte Menſchenthum. Ach, Emmy! Nenne mich Turandot. Auch der dich⸗ teriſche Kammerherr Schöning wirbt um mich. Weißt Du aber, was ich auf der Welt hätte werden ſollen? Ich weiß es. Königin eines wilden Stammes. Dazu war ich geſchaffen. Eine ganz neue Cultur gründen— das war mein Beruf. Lache nicht, es iſt nicht Scherz, nein... Ich bin zu viel für das da! Ich bin nicht beſcheiden, ich vermag Andere zu beurtheilen und mich auch. Ich weiß, was ich werth bin und was ich nicht bin. Auf dem Gute vint Vaters iſt eine Hängematte zwiſchen zwei Ulmen. In der lag ich immer am lieb⸗ ſten, ſo in der Luft ſchwebend, und träumte von fernen Welten.. Weißt Du keinen wilden Stamm, Königin wählen will?——— — der mich zur llein ufiſe ngen, nicht herrſche eine g Der Dih Ich habe mir auch Melodien, wenn man's ſo nennen kann, der Indianer verſchafft. Ein Profeſſor an der Univerſität, der ſechs Jahre unter den In⸗ dianern gelebt hat, hielt vor Kurzem bei Hofe eine Vorleſung. Er ließ die mitgebrachten Inſtrumente ſpielen; es iſt mehr Lärm als Muſik. Das iſt das künſtleriſche Kindeslallen eines ganzen Volkes. Morgens 4 Uhr. Vergiß Alles, was ich Dir da geſchrieben, wie den Lufthauch, die Wetterwenden von geſtern. Ich bin aufgeſtanden, um Dir zu ſchreiben. Ich kann nicht ſchlafen. Ich ſitze hier, kaum angekleidet, und rede zu Dir. O könnt ich's! Schreiben iſt eine Erbärmlichkeit, Hülfloſigkeit. Ich weiß nicht, wie mir iſt. Alles was ich thue und was ich bin, erſcheint mir nur als proviſoriſch. Ich warte auf etwas, ich weiß nicht auf was. Ich meine, in der nächſten Minute da wird es ſein, da werde ich ein Wunder thun, da wird mir ein Wunder geſchehen, ich werde etwas ganz Anderes, eine große Heilkraft, nicht mehr ein kleines nichtiges Menſchenkind. Ich horche hinaus, ich meine, ich muß einen Ton hören, der noch nicht in der Welt iſt. Es geht nicht, ich kann doch nicht ſchreiben. Ich glaubte, es wird mir helfen, wenn ich mich zwingen könnte, Alles beſtimmt zu denken und zu ſagen, aber ich weiß nichts Beſtimmtes, ich weiß nur, ich bin un⸗ glücklich; nicht unglücklich, aber wie ſcheintodt, ſchein⸗ lebend. Ich meine, ich wäre eine Schlafwandlerin. Ich kann nicht mehr. Ich ſchließe dieſen Brief, 214 ich lege mich wieder ins Bett, ich will ſchlafen. Die ganze Welt um mich her ſchläft. Ich wollt', ich könnte in ein ander Leben hinüberträumen und wär's auch zum Nimmererwachen. Gute Nacht! Guten Morgen! Irma. Siebentes Capitel. „Ich werde Dir morgen die Tochter meines alten Freundes zuführen, die Gräfin Wildenort, von der ich Dir manchmal erzählte,“ ſagte der Leibarzt am Abend zu ſeiner Frau. „Die Gräfin hat eine Erſcheinung und eine Stimme voll Majeſtät, aber ſie ſingt noch nicht praktiſch.“ „So wirſt Du ſie es lehren; ſie wird gern von Dir lernen.“ „Wenn ſie will, bin ich bereit dazu.“ Der Leibarzt war froh, daß dieſe Anknüpfung ſich ſo leicht und natürlich fügte; er wußte zwar, daß ſeine Frau ihm in jedem Wunſche willfahrte, aber es ſollte hier Alles doppelt behutſam von Statten gehen. Schon ſeit geraumer Zeit hatte er eine fieberhafte Aufregung im Weſen Irmas bemerkt, die ſich in den letzten Tagen geſteigert hatte; aber er war auch in ſeeliſcher Beziehung ein Arzt, der nicht erſt den Aus⸗ bruch der Krankheit abwartete, ſondern ihm möglichſt durch entſprechende Lebensweiſe vorbeugte. Er kannte den Grund von der Aufgeregtheit Irmas nicht; er glaubte, daß ein Einblick, ja vielleicht ein Eingewöhnen in eine ſielen fännte ſch S abet gütt icht t Hyfle tege llt, ich könt meines alte rzt am Aben d eine Stinn rüpfung ſi ar, daß ſein gehen. n ſieberhift ſich in de wat auch in rſt den M ihn nůglich Er kanſ us nicht e 6 ingewöhn d wärs aut 215 in eine gediegene Häuslichkeit das mit Gewaltſamkeiten ſpielende Weſen Irmas in ruhiges Geleis überlenken könnte. Er war erfahren genug, um zu wiſſen, daß ſich Sympathie und Freundſchaft nicht vermitteln laſſen; aber die Erkenntniß einer in Charakter und Wdung Wirkung auf Irma geſättigten Bürgersfrau wird eine nicht verfehlen. Sie hat bisher doch nur Kloſter⸗ und Hofleben kennen gelernt. Gunther hatte nicht nöthig, regeln zu geben, oder auch nur eine Andeutung, wie ſie Einfluß auf Irma zu gewinnen ſuchen ſolle; er war des Weſens und Wirkens ſeiner Frau ſo ſicher, als wäre ſie eine Naturkraft; je unbefangener und reiner er ſie aus ſich wirken ließ, um ſo gewiſſer der Erfolg. Sonſt hielt Gunther ſeine Häuslichkeit ſtreng abge⸗ ſchieden von aller Hofbeziehung. Hier aber war die Tochter ſeines Freundes, wenn auch ſeines erzürnten; ihr öffnete er den Burgfrieden ſeines Hauſes. Irma hatte vor Wechen nur leichthin ihre Begeg⸗ nung mit der Frau des Leibarztes und deſſen jüngſter Tochter beim Tedeum zur Geburt des Kronprinzen er⸗ wähnt. Der Arzt war mit einer wie zufälligen Be⸗ merkung wieder darauf zurückgekommen und Irma hatte, faſt ohne daß ſie es wußte, den Wunſch ausgeſprochen, dieſe flüchtige Bekanntſchaft pflegen und weiterführen zu dürfen. Das war's, was er gewollt hatte, und am andern Mittag führte er Irma in ſein Haus ein. Es war ein ſchönes, wohlerfülltes Haus. Die Frau Geheimräthin Gunther war eine geborne ſeiner Frau Verhaltungs⸗ —.———— 216 Schweizerin aus einer wohlhabenden und gebildeten Bürgerfamilie. Sie ſprach das Hochdeutſch noch mit ſtarker allemanniſcher Betonung, ſie zwang ſich weder den Dialekt beizubehalten, noch eine gewählte Schrift⸗ ſprache ſich anzueignen; ihr ganzes Weſen war eben ſo natürlich frei, wie von Bildung gepflegt, aber weder von der Natürlichkeit noch von der Bildung wurde viel Aufhebens gemacht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man im Hauſe thätig iſt, die Dinge des Lebens nach eigenem Sinn und Geſchmack beurtheilt, und an allem Schönen und Gemeinnützigen theilnimmt. Vordem war die Frau Geheimräthin eine beliebte Sängerin in Geſellſchaftskreiſen, beſonders aber bei großen Geſangs-Aufführungen; ſie ſang einen vollen ausgiebigen Sopran, und wenn ſie auch jetzt keine Soli mehr ſang, ſo nahm ſie doch mit ihren Töchtern Theil an großen Muſik⸗Aufführungen; ſie war, als friſchere Stimmen die Soli übernahmen, ohne Ueberwindung, ja ohne nur ein Wort davon zu reden, in den Chor zurückgetreten. Und ſo war ihr Leben. Selbſtändig und thätig im Hauſe und theilnehmend an allen den Frauen zugäng⸗ lichen öffentlichen Inſtitutionen. Sie behielt ihr Leben⸗ lang ein gutes Erbtheil ihrer Heimath: ſie hatte keine Nervoſität mitgebracht und Gemeinſinn war ihr Pflicht. Sie erzog ihre Kinder, ordnete ihr Haus, war eine freundliche aufmerkſame Wirthin bei den Geſellſchaften im Hauſe, und Alles das vollzog ſie wie eine ſelbſt⸗ verſtändliche Naturnothwendigkeit. Sie ehrte ihren Mann, ein Ausſpruch von ihm war gebildeten nch ni en war eben t, aber weder dung wurde einen vollen zt keine Sol öchtern Theil als friſchete herwindung, in den Chot d thütig in uen zugäng⸗ t ihr Leben⸗ hatte keine ihr Pflicht 5, war eine ſellſchaften eine ſelbſ⸗ 2 ihr ſtets von beſonderer Bedeutung, aber ſie hielt auch ihr eigenes Urtheil feſt. Sie war nun bald zwei Jahrzehnte in der Reſidenz, aber der ganze Krimskrams des Rang⸗Claſſenweſens und der Begnadigungen durch die Gunſt Dieſes und Jenes blieb ihr vollkommen fremd; ſie ſtand nicht in Oppoſition dagegen, ſie ließ das gewähren für die⸗ jenigen, denen es von Geltung iſt, ihr aber waren und blieben es völlig gleichgiltige Erſcheinungen. Daß ihr Mann ſo hoch in Ehren ſtand, that ihr wohl, verſtand ſich ihr aber von ſelbſt; er war ja ein Mann von hoher Bedeutung, und wenn ihm auch die Ehre vor der Welt gefehlt hätte, ihr blieb er der Erſte und Würdigſte. Das drückte ſie in ihrem ganzen Thun und Laſſen aus. Nach Hoſe zu kommen, hatte ſie nie entfernt ein Verlangen gehabt, und daß ihr Mann ſo oft am Tage und in der Nacht, ja wochen⸗ lang außerhalb des Hauſes war, nahm ſie als Noth⸗ wendigkeit ſeines Berufes hin und erſchwerte ihm dieſe Nothwendigkeit nicht durch Klagen und Wünſche. Wenn der Leibatzt heimkam, trat er ſtets in eine wohlgefügte Häuslichkeit ein, und dadurch geſtärkt, wie von einem ſicheren Heimathsgrunde aus, ging er dann wieder auf den glatten und unſichern Boden des Hoflebens. In dieſes Haus wurde nun Irma eingeführt. Ihre Erſcheinung war voll Pracht und Schönheit und Niemand ahnte, wie bettelarm und heimathlos es in ihrer Seele war. Sie hielt den ſchönen Strauß in der Hand, den der König heute wie immer in ihr Zimmer hatte ſtellen 218 laſſen. Gunther hatte ihr geſagt, daß der Geburtstag ſeiner Tochter Paula ſei, und ſie brachte ihr dieſe Blumen; ſie ſind ſo ſchön, ſo wohlgeordnet wie die Trägerin, und doch, was haſtet daran? Es iſt faſt Sünde, ſie zum Gruße zu verwenden, denn Irma fühlte ſich durch dieſe Blumen gekränkt, aber auch ſie ſind Münzen, ſie können weiter gegeben werden. Als Irma in das Haus eintrat, war es ihr, als ob ſie aus dem Marktgewühl, aus unruhigem Treiben und Lärmen der Straße in einen Tempel der Häus⸗ lichkeit käme. Das Haus lag in einer kleinen engen Straße mitten in einem Garten voll ſchöner hoher Bäume. In einem abgegrenzten Gehege des Hofes war viel munteres Ge⸗ flügel. Hausflur und Zimmer waren mit Statuetten und Bildern geſchmückt, der Hausrath einfach, gediegen; im obern Stock befanden ſich Bibliothek⸗, Empfangs⸗ und Arbeitszimmer des Leibarztes. Es waren keinerlei Vorbereitungen zum Empfange Irmas getroffen, die Mutter hatte ſogar den Töchtern ausdrücklich geſagt, daß ſie wegen des Beſuches der Gräfin keine beſondere Toilette machen ſollten. Man ging Irma nicht entgegen, ſie wurde durch den Garten⸗ ſaal geführt, wo auf einem Tiſche die Blumen und Geſchenke für Paula ſtanden, und dort auf der Frei⸗ treppe ſaß Frau Gunther mit ihren Töchtern, ſie ar⸗ beiteten an einer Weißnäherei; die ältere Tochter, die Frau des Univerſitätsprofeſſors Korn, war mit ihrem Kinde da, und die jüngere, Paula, die nun auch in das ein und zwanzigſte Jahr eingetreten, wie Irma, r Geburttn dnet wie di Irna fihl auch ſie ſin s ihr, ah igem Treiben Straße nitten In einen nuntetes Ge⸗ it Statuetten „gediegen; Empfang⸗ n Enpfange Töchtern eſuches der lten. Man den Gartel⸗ lumen und f der Fri⸗ n, ſie an rochter, di nit ihren un auch in wie Imm, 1 i b 2¹9 ſah friſch und munter aus, nicht eben ſchön, aber heiter und wohlgebildet. Irma wurde freundlich bewillkommt. Gunther zog ſich, da ſeine Sprechſtunde war, bald zurück und ließ Irma mit den Frauen allein. Anfangs befremdete es ſie, daß ſie wiederholt als Tochter des Freundes be⸗ grüßt wurde; ſie erſchien hier nicht, oder doch zunächſt nicht in ihrem eigenen, abgeſonderten Werthe, oder gar als beliebteſte Hofdame, ſie war die Tochter des Grafen Eberhard, die aus einer Gemüthsverpflichtung in das Haus aufgenommen wurde. Als man nach dem Befinden ihres Vaters fragte, dankte ſie; es war ihr ſchwer im Herzen, daß ſie ſelbſt ſo wenig davon wußte. Wie ganz anders lebten die Kinder hier! Die Muſik bildete bald einen ſich bequem darbie⸗ tenden Uebergang. Auf dem Clavier lag eine geſchrie⸗ bene Compoſition von einem Schweſterſohn der Geheim⸗ räthin, der in Norddeutſchland lebte. Frau Gunther erzählte, daß der junge Mann eigentlich von Fach ein Sprachgelehrter ſei, da er aber wahrſcheinlich ſein Augen⸗ licht verlieren werde und entſchiedene muſikaliſche Be⸗ gabung beſitze, ſich nunmehr zum Künſtler ausbilde. Irma bat, daß Frau Gunther das Lied ſinge, dieſe erwiderte, daß ihre Stimme nicht mehr voll ausreiche, aber für die Stimme der Gräfin ſei es wie geſchrieben. Sie gab ihr das Blatt, Irma las es durch, die Ge⸗ heimräthin ſetzte ſich ans Clavier, um zu begleiten, und Irma ſang mit klangreicher Stimme. Die Compoſition war anmuthig, die Anklänge an bekannte Meiſter aber unverkennbar. —— ———— —= 4 220 Frau Gunther zeigte nun, was ſie geſtern ihrem Manne als praktiſches Singen bezeichnet hatte; Irma wende ihre Mittel nicht ausgiebig und nachhaltig genug an, und da, wo ein Mangel ſei, gäbe ſie ihn zu ſehr preis. Die Frau gab ihre Lehren in einfacher, von aller Anmaßlichkeit entfernter Weiſe, und Irma pries die Töchter glücklich, daß ſie ihre Mutter noch ſingen hören. „Und hier, mein Sohn, iſt noch mein dankbarſtes Publicun,“ ſagte die Frau, und ſtellte einen ſchönen jun⸗ gen Mann mit vollem braunen Barte vor. Der junge Mann, er war techniſcher Director in einer chemiſchen Fabrik, brachte noch einen Studenten mit; Freundinnen aus der Nachbarſchaft kamen dazu, und es war ein heiteres Leben auf der Terraſſe und im Garten. Irma bemerkte die auf ſie gerichteten aufmerkſamen Blicke. Es war ihr, als müßten die Menſchen wiſſen, welche Wirrniſſe in ihrer Seele lebten; ſie vergaß ganz, wie ſchön ſie war. „Verzeihen Sie, Frau Geheimräthin, wenn ich Sie ſo anſehe,“ ſagte Irma plötzlich,„aber ich ſtümpere etwas in der bildenden Kunſt, und wenn ich Form und Schnitt und Farbe Ihres Kopfes anſehe, iſt mir's, als hätte ich lebendig das Bild der Holbein'ſchen Madonna in der Dresdener Gallerie vor mir.“ „Das bemerken Sie noch jetzt?“ erwiderte die Frau, leicht erröthend.„Ehedem wurde es mehrmals bemerkt, und es war auch faſt das Erſte, was mein Mann vor nun bald ſechsundzwanzig Jahren in Zürich zu mir ſagte. Ich ſtamme allerdings mütterlicherſeits aus der geſtern ihren hatte; Iem chhaltig gem ihn zu ſch acher, vn Irna pric noch ſingen — dankbarſts ſchönen jun⸗ Der junge er chemiſchen Freundinnen es war ein ufmerkſamen ſchen wiſſen, vergaß gan, wenn ich Si ich ſtümpele ßorn und ſ nirs, al en Modonna tte die Frul, uls henerkt Mann v0l rich ſu mir it aus del Familie des Bürgermeiſters Maier, von dem das Bild geſtiftet wurde.“ Irma war erfreut von dieſen Wahrnehmungen und Rückerinnerungen. Sie ſah Frau Gunther immer mit großem Blicke an, und während ſie von ihren Kunſt⸗ beſtrebungen ſprach und nur wünſchte, daß ſie ſchon ein Porträt modelliren könnte— die Frau Geheimräthin müßte ihr ſitzen— ging der Gedanke nebenher durch ihre Seele, wie eine altererbte Bildungsgeſchichte, eine ganz andere, als die des Adels, durch die Zeiten da⸗ hinfließt, und das Beſte, was die Menſchen hervorge⸗ bracht, nicht der Adel, ſondern das freie Bürgerthum bewirkt hat. Frau Gunther fragte Irma, ob ſie kein Bild ihrer Mutter beſitze. Sie verneinte. Irma erzählte, daß ihr Vater ein Bild der Mutter in ihrer ſchönſten Blüthezeit habe malen laſſen. Das Bild war mißlungen, es ſtellte faſt eine fremde Perſon dar, und der Vater ließ das Bild vernichten; er wollte lieber einſt⸗ weilen gar kein Bild der Mutter haben, als ein falſches. „Den Mann verehre ich ſchon um dieſer einen That der Wahrhaftigkeit willen,“ ſagte die Geheim⸗ räthin.„Die meiſten Menſchen begnügen ſich mit dem Falſchen und ſagen: dies und das iſt doch zu erkennen, und dann reden ſie ſich allmälig ein, es ſei doch ein⸗ mal das Wahre geweſen.“ Das Geſpräch wendete ſich nun darauf, daß Irma ihre Mutter nicht gekannt. Der Blick Irmas ſchweifte oft auf die beiden Töchter, die ſo neben ihrer Mutter ſitzen konnten. 09 222 Die Frau Geheimräthin ſagte: „Ich hoffe, daß ich Sie nicht ſchmerzlich aufrege durch dieſe Erinnerung, aber ich halte es für Pflicht, daß man oft und in ruhigem Bedacht ſeiner Verſtorbe⸗ nen gedenkt; ſo halte ich es mit meiner ſeligen Mutter, und ſo wünſche ich, daß meine Kinder es einſt mit mir auch halten.“ Irma faßte die Hand der Frau und drückte ſie. Es lag in Allem, was ſie ſprach, etwas gediegen Sättigendes. Frau Gunther erzählte, wie ſie lange Zeit keinen Sinn für bildende Kunſt gehabt, und ſich doch nichts habe anlügen können; allmälig ſei ihr ein Verſtändniß aufgegangen, aber ſie habe es weit mehr für Alles, was menſchliche Figur iſt, als für Landſchaften. Das Geſpräch nahm fortan leichte und freie Wendungen. Die halbe Stunde, die Irma hatte bleiben wollen— der Wagen war ſchon lange gemeldet— dehnte ſich mehr als um das Doppelte aus. Endlich ſchied ſie, mit aufrichtigen Worten zum Wiederkommen eingeladen. Achtes Capitel. Mit einer Empfindung, als käme ſie aus einer an⸗ dern Welt, aus einem Leben, das weit, weit entfernt liegt, kehrte Irma ins Schloß zurück. Der Leibarzt war ein Forſcher und ein Kundiger im Menſchenherzen. Der Beſuch Irmas in ſeinem Hauſe hatte in einem 223 Betracht die ſtreng folgerichtige Wirkung, die er ſich vorgedacht, aber es miſchte ſich noch etwas Anderes, oder verband ſich vielmehr mit Vorhandenem, was er nicht bemeſſen konnte. Nur der Tropfen, der aus den Wolken fällt, iſt ohne fremde Beimiſchung, und nur der reine Gedanke läßt ſich in ſeiner Folgerung ſtreng beſtimmen. Das Waſſer in den Brunnen auf der Erde und das lebendige Menſchenherz— es ſind unſichtbare Miſchungen in ihnen, und es läßt ſich nicht ermeſſen, wie eine neue Zuthat auf die gelöſten unſichtbaren git kinn Atome wirkt. ic dh nicht In Irmas Seele war eine tiefe Erregung. Ihre übermächtige Kraft hatte eine Uebung, eine That ge⸗ in Verſtändni ehr für Ale ſucht, um ſich daran auszuleben. Die Freundſchaft des etzlich auftege es für Plih iner Verſtorbe ſeligen Autte, es einſt ni nd drickte ſi twas gediegln ſtafen M Königs, und daß ſie ſeinem hohen Naturell etwas bieten Pertumn könnte, was ihm ſonſt mangelte, die gute Kamerad⸗ 1 ii ſchaft, war ihr wie ein Glück erſchienen. Nun hatte hen 1 ſt die alltägliche Höflichkeit mit dem Blumenſtrauß, ſo ſ klein ſie war, ſie geweckt und beleidigt.„Er iſt lic nicht dein Real,“ ſagte ſich Irma, und ſie war tief nen eing einſam in ſich, wie ſie es geweſen, ſeit ſie denken 16 konnte. Sie war einſam geweſen im Kloſter, aber dort hatte ſie ihre Freundin gefunden, die, wenn auch weniger gab, doch Alles treu von ihr nahm. Sie war einſam aus inet u am Hofe, trotz ihrer übermüthigen Laune; ſie mußte ¹ weit entjn immer etwas treiben, etwas verſuchen, muſiciren, ſingen, malen, modelliren; nur dieſe todte Einſamkeit nicht. ein Kundih Ein tiefes Heimweh war in ihrer Seele. Sind nicht alle Menſchen heimathlos auf der Welt? fragte ſie ſich. Während ſie ſo umherſuchte, ward ſie vom Leibarzt in ſein Haus eingeführt. Mn 1 Wie ſchön, wie lückenlos iſt da Alles. Da iſt eine Heimath, da iſt eine Mutter, die ſagt, wie ſie junges, im 3 1 heißes Leben verſteht; dieſe Töchter können nie ſo lei⸗ 1 den wie ſie. Der Blick der Mutter ſtreifte auch ſie und ſagte: ich werde Dich verſtehen, Dir alles Weh lindern, das Du mir klagſt; aber Irma konnte nicht klagen, ſie n konnte nicht rufen: Hilf mir! Und nun gar da nicht, wo ſie nicht auch leiſten ſoll, wo man nicht auch ihrer bedarf. hr Sie kann und will ſich ſelbſt und nur allein helfen. hei Frau Gunther hat das Tiefſte in ihr angerufen:„ das Andenken an eine Mutter, die ihr fehlt. Aber Irma glitt mit leiſem Worte darüber hinweg, und der Schmerz gährte um ſo ſtärker in ihr. Jetzt weinte ſie; ſie wußte es nicht, bis eine Thräne auf ihren Buſen fiel. Es iſt ſo viel Friede, ſo viel ſchön erfüllte Abge⸗ ſchloſſenheit in der Welt, die ſich ſelbſt genug iſt, und in Arbeit und Bildung keiner Gunſt von außen bedarf. Wie glücklich ein Mädchen ſolch einer Familie, bis es wieder ſelbſt Haupt einer Familie wird... Irma fühlte ſich gedemüthigt, ihr ganzer Ueber⸗ muth war verflogen. Sie war noch dort im Garten, wo ſich die Menſchen leicht und frei bewegen, die Männer von der Berufsarbeit, die Mädchen aus häus⸗ lichem Wirken kommend, und gemeinſam ſich vergnügend. „Eines bleibt mir, und eines iſt das Höchſte,“ 1 rief Irma, plötzlich ſich erhebend,„die Einſemkeit iſt mein. Einſam und ſtark und ich ſelbſt in mir.“ — — ichte, word ſi Da iſt ein wie ſie jun men nie ſo b te auch ſie un ar da nicht, u uch ihrer bedn allein helſen. ihr angerufn hr fehlt. M hinweg, 1 bis eine Thrin . ajült Abh gen ug 1 t m außen— is 6 it b ganzel ort in Su enge, chen aus hä ſih vergni das Hichſt t Finſun mkei e 6 in Mr⸗ 225 Das Kammermädchen trat ein und meldete einen Lakaien der Königin. „Die Königin befiehlt mich jetzt? Sogleich?“ fragte Irma noch einmal, nachdem ſie die Botſchaft gehört. „Ja, gnädige Gräfin.“ „Gut, ich komme.“ „Walpurga hat doch Recht,“ ſagte ſie dann vor ſich „ich diene doch.“ Sie ſtand verdroſſen vor dem Spiegel und ließ ihren Anzug ordnen. Sie lächelte und erzwang eine heitere unbefangene Miene, und dieſe Miene wollte ſie vor der Königin haben. Sie mußte. Haſtigen Schrittes ging ſie zur Königin. Vor der Thüre richtete ſie ſich nochmals auf und prägte ihrem Geſichte die heiter lächelnde Miene ein. Sie trat in das immer nur mit Dämmerlicht erfüllte Zimmer. Die Königin ſaß ſchneeweiß gekleidet, ein kleines weißes Spitzentuch leicht um die blonden Haare ge⸗ ſchlungen, in einem großen Lehnſeſſel. „Kommen Sie zu mir, liebe Gräfin,“ ſagte die Königin,„ich freue mich herzlich, Sie wiederzuſehen. Ich ſehe alle meine Lieben jetzt neu wieder, als ob ich dieſe Wochen in einer andern Welt geweſen wäre. Ich bin leider aufs Neue etwas angegriffen. Ich muß Ihnen noch beſonders danken. Ich höre, daß Sie ſich der Amme liebreich annehmen, ihr Gemüth erheitern, und dadurch auch dem Prinzen wohlthun; der König ſtimmt auch ganz mit mir überein, daß Sie uns ein wahres Glück ſind. Ich werde Ihrem Herrn Vater ſchreiben und ihm ſagen, wie glücklich es uns macht, Auerbach, Auf der Höhe. l. 15 daß Sie bei uns ſind. Er wird Ihnen dann nicht mehr gram ſein.“ Irma war froh, daß die Königin ſo lange ſprach. Sie gewann dadurch immer mehr Faſſung. „Bitte, geben Sie mir den Brief, der dort auf dem Tiſche liegt,“ ſagte die Königin jetzt. Irma brachte ihn und die Königin fuhr fort: „Hier leſen Sie dieſe Zeilen, die der König ſchreibt.“ Irma las: „Bitte, laß mir auch vurch Gräfin Irma regel— mäßigen Bericht erſtatten über das Befinden unſeres Sohnes. Grüße mir das liebe vierte Blatt an unſerem Kleeblatt.““ Irma reichte dankend den Brief wieder hin. Es kränkte ſie tief, daß der König ſie nun doch zwingen wollte, an ihn zu ſchreiben, und auf welchem Wege! Walpurga hat Recht, von der Wiege des Kindes ſollen Liebesblicke ausgehen. Irma wäre gerne vor Wehe auf den Boden ge⸗ ſunken, ſo ſchwer laſtete es auf ihr. „Nicht wahr, liebe Gräfin,“ ſagte die Königin wieder,„Sie thun uns den Gefallen und ſchreiben?“ Irma verneigte ſich, und die Königin fuhr fort: „Freilich, Sie werden nicht viel zu ſchreiben haben. Ein menſchliches Weſen, weil es das höchſte in der Schöpfung, entwickelt ſich langſamer als die anderen.“ „Da müßte ſich ein Prinz noch viel langſamer ent⸗ wickeln,“ wollte Irma einwerfen, aber ſie nickte nur ſtill lächelnd. Sie war gar nicht geſtimmt, auf die Denkweiſe der n dann nit lange ſprach 19. r dort auf den fuhr fort: ie der Hön n Irma rege finden unſer tt an unſeren ieder hin. 6 doch zwinge velchem Vege“ Kindes ſolln den Boden die Königi nd ſhriben“ n fuhr fort: chreiben haben höchſe in* die onder langjamet e ſie niche M denlwei N 227 Königin einzugehen. Sie ſah darin nur Kinderſtuben⸗ Gedanken, für die ſie jetzt keinen Sinn hatte. Und wäre es auch mehr und wäre es das Höchſte, was ſoll es mir? dachte ſie. Hier, wie im Hauſe Gunther's iſt in ſich abgeſchloſſenes, in ſich befriedigtes Leben. Da iſt die Mutter und ihr Kind— was ſoll ich hier? Plaudern, theilnehmen, immer nur theilnehmen, und jedes iſt ein Ganzes für ſich und hat eine Welt für ſich, und ich ſoll immer nur theilnehmen? Al⸗ moſen genießen? Dort von der Freundſchaft, hier von der Gnade? Ich bin ein Ganzes in mir, oder bin nicht. Und während es in Irma ſo. ſprach, fuhr die Kö⸗ nigin in ihrer bewegten, immer aus der Tiefe kommen⸗ den Weiſe fort. „Ich ſtehe vor dem Lebenswunder noch immer mit Staunen und Andacht. Sie haben gewiß auch ſchon darüber gedacht, welch ein Unendliches darin liegt, wenn ein Kind zum Erſtenmal athmet und die Augen auf⸗ ſchlägt; Luft und Licht ſind die erſten und letzten Boten der Welt. Der erſte Athem und der letzte Athem, der erſte Blick und der letzte Blick! Wie wunderbar!“ Irma fühlte, was Dienſt heißt. Wäre ſie frei, der Sprechenden gleich, ſie würde ſagen: Liebe Freun⸗ din, ich bin jetzt nicht geſtimmt, nicht empfänglich für das, was Du ſagſt; bei Dir, in Deiner Seele iſt ſtiller, früher Morgen, aber in mir iſt heißer, brennender Mittag. Ich bitte, laß mich jetzt in mir allein Eine tiefe Sehnſucht nach ſchrankenloſer Einſamkeit ———————̃———— war in Irma; aber ſie durfte ſie nicht hegen, nicht einmal kundgeben; ſie hätte gern die Augen geſchloſſen, und mußte ſich doch zu aufmerkſamem Blicke zwingen. Sie hörte, ſie antwortete, und ihre Seele war weit weg. Zum Erſtenmal empörte ſich's in ihr, daß ſie einem Weſen gleicher Art gegenüber nicht ihr volles Recht habe. Sie zürnte der Königin.— Sie war mehr⸗ mals daran, von ihrem Beſuche im Hauſe des Geheim⸗ raths zu erzählen, aber das, was dort lebt, paßt nicht in dieſe unabänderliche Dämmerung, und es war ihr, als dürfe ſie die edle Bürgersfrau, deren Fuß noch nie das Schloß betreten, auch nicht in Gedanken hieher bringen, und ſie dachte an ihren Vater und ſeinen ſtarken Unabhängigkeitsſinn. Alles das dachte ſie und ſprach doch von dem Prin⸗ zen und ſeinem Gedeihen und den erheiternden Eigen⸗ thümlichkeiten der Walpurga. Die Königin bemerkte eine Verdüſterung im Weſen Irma's; ſie wollte ſie erheitern und ſagte: „Ach, liebe Gräfin, ich lechze wahrhaft nach Muſik. Unſer Freund Gunther erlaubt mir nicht, Muſik zu hören, ich ſoll meine Nerven noch ſchonen; aber ein kleines Lied dürfen Sie mir wol ſingen. Ich höre, daß Sie von der Amme ein ſchönes neues Lied gelernt — wollten Sie mir das nicht ſingen? Darf ich Ihre Zither holen laſſen?“ Irma hätte gern aufgeſchrieen, aber ſie verbeugte ſich wieder bejahend und befahl dem Lakaien, aus ihrem Zimmer die Zither zu holen. Er brachte ſie und Irma ſang jetzt der Königin das Lied: gle he — — ſt hegen, nich gen geſchloſſ, Blicke zwingen Seele war wi nihr, doß ſi icht ihr volle Sie war mehr uſe des Gehein ebt, paßt nih nd es war iht nFuß noch ni ſedanken hiehe d ſeinen ſtarke von den Prin iternden Eigen rung im Weſol gte: uft nch Miſt ict, Muſit ſ. onen; aber a 3 hin ues Lied gelem Durf ich he er ſe verbelh⸗ Lakoien, u Er brucht Lied 22 „Wir Beide ſein verbunden Und feſt geknüpfet ein, Glückſelig ſein die Stunden, Wann wir beiſammen ſein. Mein Herz trägt eine Ketten, Die Du mir angelegt, Und ich wollt' das Leben wetten, Daß Keiner ſchwerer trägt.“ In der Seele Irma's war eine ſchrille iſolirte Be⸗ gleitung zu dieſem Liede, jedes Wort hatte eine Doppel⸗ bedeutung. „Das muß ich der Königin ſingen,“ ſprach es in ihr, während ſie ſang.„Ja, ihr Beide ſeid verbunden! Die Glücklichen alle find verbunden, der Unglückliche allein iſt einſam.“... Sie ſang mit düſterer Verzweiflung, mit Zorn in der Seele. „Sie ſingen das Lied mit tiefer Bewegung,“ ſagte die Königin.„Alſo das hört jetzt mein Sohn? Man kann nicht ſagen hört, denn jetzt hört und ſieht er noch nichts Beſtimmtes. Bitte, ſingen Sie das Lied noch einmal, damit ich es für mich nachſingen kann.“ Irma ſang noch einmal und jetzt freier. Die Kö⸗ nigin dankte herzlich. „Ich darf jetzt leider die Menſchen, die ich lieb habe, nur kurze⸗Zeit ſprechen, liebe Gräfin. Ich freue mich ſehr darauf, daß wir wieder auf das Sommer⸗ ſchloß ziehen; dann wollen wir viel zuſammen und mit dem Kinde ſein. Adieu, liebe Gräfin, ſchreiben Sie bald und ſingen Sie dem Kinde Ihre ſchöne Seele ins Herz.“ 230 Irma ging. Auf den langen Corridoren ſtand ſie 6 1 mehrmals ſtill, ſie mußte ſich beſinnen, wo ſie war; Har endlich fand ſie ihr Zimmer. Sie befahl, daß ſofort ie 3 ihr Pferd geſattelt werde und ein Reitknecht ſich bereit Gat halte. ſch Als Irma ſich eben umgekleidet hatte, brachte ein un Diener einen Brief. Sie erbrach ihn mit zitternder ſt 1 Hand und las: etn „Mein Kind! Du biſt nun achtzehn Monate am Hofe. Ich habe Le 1 Dich frei gewähren laſſen. Ich möchte Dir viel ſagen, w 1 aber ich kann nicht ſchreiben. Das Schreiben macht de fremd. Deine Zimmer ſind im alten Zuſtande bereit; auch Blumen warten Deiner. Es iſt jetzt ſchöne Som⸗ a 1 merszeit. Die Aepfel an Deinem Baum bekommen be⸗ 1 reits rothe Wangen. Ich möchte auch die Deinigen 1 wiederſehen. Komm zu Deinem Vater.“ Irma ſtreckte die Hände empor.„Das iſt Erlöſung! Ja, ich habe noch eine Heimath, noch ein Herz, an das ich mein Haupt legen kann. Ich komme, ich komme, Vater.“ Es ſchwamm ihr vor den Augen, ſie klingelte und befahl, daß der Reitknecht wieder abſattle, ſie reite nicht aus. Dann befahl ſie der Kammerfrau, ſchnell Kleider auf einige Wochen einzupacken; ſie ließ ſich nochmals bei der Königin melden und bat um Urlaub. „Es thut mir leid, daß auch Sie mich verlaſſen,“ ſagte die Königin,„aber ich will Sie gern entbehren, wenn Sie nur glücklich ſind, und ich hoffe, Sie werden doren ſtund ſi „wo ſie un hl, daß ſeſtn necht ſich beri te, brochte eh nit zitternde zr t. 3 hi Dir viel ſagen Schreiben mah guſtande herei t ſchöne Son bekonmen ke h die Deinigl tut um Urlou nich verlaſſn⸗ gern entbehr 4 g weld fe, Sie 231 es nun immer und ganz. Thun Sie Alles, um volle Harmonie mit Ihrem Vater zu gewinnen. Glauben Sie mir, Irma: in allen Verhältniſſen der Welt, als Gattin zum Gatten, als Mutter zum Kind fühlt man ſich immer werdend, ſtrebend, es ſoll immer wachſen und noch höher werden mit der Zeit; als Kind allein iſt man ganz befriedigt und vollkommen, da iſt man etwas Gewordenes, Naturbefriedigtes.“ Die Königin und Irma fanden heute keinen rechten Accord; Irma war in unruhiger Haſt, ſie wollte fort; was ſie nur eine Secunde aufhielt, war ihr als Hin⸗ derniß zuwider. Was die Königin ſagte, mochte anmuthend ſein, aber nur für den Ruhigen, nicht für den, der einen Fuß auf dem Wagentritt hat. Dennoch war der Abſchied herzlich, die Königin küßte Irmao. Ss mußte noch die formelle Einwilligung der Oberhofmeiſterin eingeholt werden; auch dieſe ward gegeben. Irma hatte auch noch Abſchied beim Geheimrath und deſſen Familie zu nehmen. Sie wollte ihm Lebewohl ſagen laſſen durch den Oberſt Bronnen oder durch Baron Schöning, der kommt ja, wie er ſagt, auch oft ins Haus des Geheimraths; ſie hat auch dieſen Män⸗ nern Lebewohl zu ſagen und auch den Genoſſinnen. Jetzt, da ſie fort wollte, ſah ſie, wie viel Menſchen ſie doch hat. Aber wo ſind ſie, wenn du ſie nöthig haſt? Sie ſind eben nur dazu da, daß du ſie nicht nöthig haſt. Das iſt die Welt. Doch halt! Einem — 232 Menſchen mußt du noch Lebewohl ſagen, dem vor allen. Sie eilte zu Walpurga. „Walpurga!“ rief ſie,„morgen früh, wenn Du aufſtehſt, thu' einen hellen Juchzer! Ich bin dann daheim auf unſeren Bergen und will Dir entgegen⸗ juchzen, daß die ganze Welt hell auflachen ſoll. Ich geh' zu meinem Vater.“ „Das freut mich.“ „Und daß ich fortgehe, thut Dir gar nicht weh?“ „Gewiß! Aber wenn man noch einen Vater auf der Welt hat, muß man's nicht verſäumen, daß man in die Augen ſieht, die nur Einmal auf der Welt ſind. Ich freue mich für den Vater, daß er ſo ein Kind ſehen kann. O, wenn meine Burgei erſt ſo groß wärt!“ „Walpurga, ich gehe auch zu Deinem Mann, zu Deinem Kind und Deiner Mutter; ich ſetze mich an Deinen Tiſch, und grüße Deine Kuh und Deinen Hund. Ich geh zu ihnen, kannſt Dich drauf verlaſſen.“ „O Gott, was wird das für eine Freude ſein! Wenn nur auch mein Hanſei daheim iſt und nicht im Wald.“ „Dann laß ich ihn holen. Jetzt leb wohl und vergiß mein nicht.“ „Da können Sie ſich drauf verlaſſen,“ ſchloß Wal⸗ purga, und Irma eilte davon. Sie ſchrieb noch an ihre Freundin: „Emmy! Vor zwei Stunden erhielt ich einen Brief meines Vaters. Er ruft mich heim. Ich habe Urlaub auf vierz was kom Der e e imn ſchr Ko S 2 i . gen, dem vo üh, wenn D Ich bin dan Dir entgegn Wchen ſoll Ji ar nicht weh! nen Vatet u nen, daß m mf der W daß et ſo ei gei eit ſo em Mann, il ſetz nich d Deinen Hund erlaſen.“ e Freude ſein t und nict in leh wohl u ſhloß u , grief min Brieſ 0 e Uunb 233 vierzehn Tage. Emmh, ich habe Urlaub. Weißt Du, was das iſt? Ich mußte verſprechen, ſicher wiederzu⸗ kommen. Ich weiß nicht, ob ich das Verſprechen halte. Der Boden zittert unter mir und mein Kopf ſchwindelt. Die Welt iſt ein Chaos, aber es wird Licht. Jeder Menſch kann rufen, es werde Licht. Wenn wir nur immer könnten, was wir können. Aber jetzt kein ge⸗ ſchriebenes Wort mehr, genug. Bald ſehe ich Dich. Komm ſo bald als möglich nach Wildenort zu Deiner Irma. Nachſchrift. Ich nehme keine Entſchuldigung an, Du mußt kommen. Ich verſpreche Dir dafür auch, bei Deiner Hochzeit zu ſein. Grüße Alles, was Dein iſt, und über Alles Deinen Albrecht.“ Als die Sonne ſich bereits zum Untergange neigte, fuhr Irma mit ihrer Kammerfrau ab nach dem Gute ihres Vaters. Nenntes Capitel. Man kann alſo doch fort und Alles auf Einmal hinter ſich laſſen, das ganze bunte Einerlei dieſer fogenannten großen Welt. Leb' wohl, du Schloß und gieb deinen Inſaſſen ihren täglichen Amüſirkuchen! Lebt wohl, ihr Straßen mit euren Kaufläden und Kanzleien, Schänken und Kirchen, Theatern, Concertſälen und Kaſernen! Sei euch die Mode hold, und gebe euch viel Kunden, Clienten, Stammgäſte, Applaus und Beförderungsordonnanzen! Verſinke, du bunter Trödel der Welt! Mir iſt wie einem Vogel, der von der —————— — ——— — ——————————— 234 Dachfirſt abfliegt in die weite Welt hinein. Wie man ſo albern ſich ſelbſt im Käfig hält, und die Thüre iſt doch immer offen. Du großer Weltbüttel, der du uns einſpundeſt, dein Name iſt Gewohnheit. So dachte und ſprach halblaut Irma vor ſich hin, als ſie im Wagen ſaß und pimmjuho⸗ in die offene Welt. Sie dachte noch einmal zurück, wie es jetzt in dem großen Hauſe iſt, das ſie verlaſſen. Man geht zur Tafel, man wartet, die Königin erſcheint. Schade, daß der Oberhofmarſchall nicht bei der Weltſchöpfung zugegen war, da hat jedes ſeinen feſten Platz und die Bedienung iſt auf das gemeſſenſte eingeübt. Die Königin ſpricht ihr Bedauern aus über die Abreiſe der guten Gräfin Irma. Alles lobt ſie. „Ach, ſie iſt doch gar ſo gut!“ „Und ſo luſtig!“ „Ein wenig unbändig, aber gar aimable!“ Was giebt's denn aber ſonſt Neues? Bei Einem Gegenſtand bleiben, iſt langweilig. Hilf, Samiel Schna⸗ belsdorf! „Fort mit Allem!“ rief Irma plötzlich.„Nicht mehr zurückdenken, vorwärts, zum Vater hin!“ Die Pferde griffen tapfer aus, als wüßten ſie, daß ſie das Kind zum Vater bringen. Irma war ſo ungeduldig, daß ſie dem Diener auf dem Bock zurief, er möge doppeltes Trinkgeld geben, damit raſcher ge⸗ fahren werde. Sie wollte zum Vater. Sie konnte es nicht er⸗ warten, bis ſie ihr ſchweres Haupt an ſeine Bruſt legte. Was wollte ſie? Ihrem Vater klagen? Wonmit ſollte er i duß gebo ihm 2 Wie nn je Thiire 1e Thure tel, der du un na vor ſich hi die offene Vel Man geht zu heint. Schod r WVeltſchöpfun nPlatz und di Die König reiſe der glü — 235 er ihr helfen? Sie wußte nichts. Nur das i ußte ſie, daß es bei ihm Frieden geben muß, ſie wollte geſchützt, geborgen, nicht mehr allein ſein. Dem Vater gehorchen, ihm willfahren, höchſtes Glück. Von ſeinem eigenen Selbſt entlaſtet zu werden, nichts mehr zu wollen, als was einem Andern Freude macht. O, wie wohl! Die ganze Erdenſchwere iſt abgelöſt, ſo iſt es den ſeligen Geiſtern, ſo mußten ſich die Menſchen Engel ausdenken, ſie wollen nichts, ſie bedürfen nichts, ſie verändern ſich nicht, ſie wachſen nicht, ſind nicht jung und nicht alt, ſie ſind ewig und wirken ewig für An⸗ dere durch einen Andern, und was ſie wirken, iſt Wonne für die Welt und Wonne für ſie, ſie ſind Strahlen aus der ewigen Sonne und ſterben nicht und leuchten ewig. In alles Unfaßliche hinein träumte Irma auf dem Wege, und die ganze Welt rief ihr immer nur das eine Wort:„Vater— Tochter!“ Sie beruhigte ſich. So aufgeregt darf ſie nicht in dem Schloſſe ankommen.. Aufgeregtheit iſt Schwäche, und er hat ſtets Stärke und ruhige Faſſung in dir zu pflegen geſucht. Irma zwang ſich, für die Welt um ſie her ein Auge zu haben. Die Abenddämmerung brach ein, als man an der erſten Station ankam. Irma glaubte bereits den Athem ihrer Heimathsberge zu empfinden, und doch waren ſie noch weit entfernt. In raſchem Lauf ging es weiter. Die Abendglocken läuteten, die Luft tönt für die Menſchen da draußen, —— — —— 236 der Klang im weiten Aether kündet ihnen Zeit und Ewigkeit. Was wäre die Welt ohne Glockenton? Dieſe klingende Harmonie iſt Erſatz für alle Schönheitsgebilde des Alterthums. Auch dieſes Denken war Irma nicht recht. Es ſetzte ſie immer über die Welt hinaus, und ſie wollte ſich ganz anſaugen an alles Gegenwärtige, Feſte. In den Dörfern, durch die man fuhr, und draußen auf den Feldern hörte man Geſang; er ward durch⸗ ſchnitten von dem Wagengeraſſel, und Irma dachte: wir machen zu viel Lärm in der Welt mit uns ſelbſt und haben darum die Welt nicht. Kein Denken war ihr recht, kein Ausſchauen be⸗ gnügte ſie. Die Sterne gingen auf am Himmel, aber was ſind ſie dem Menſchen? Wer frei iſt, wer nichts ſucht auf der Erde, dem mögen ſie glänzen; ſie aber ſuchte, und ſie ſah im weiten Kreis der Welt nichts als zwei Augenſterne auf ſie gerichtet, und die waren ihres Vaters. Weiter ging's und an den Stationen wurden läſſig ſich hinſchleppende Pferde und verſchlafene Poſtillone herausgerufen. Mitternacht war längſt vorüber, als man auf Wildenort ankam. Vor dem Herrenhauſe ſtieg Irma aus und ging mit dem Diener allein und klopfte. Der Vater hatte nicht erwartet, daß ſie ſchon heute komme. Das große Haus mit den weitläufigen Wirth⸗ ſchaftsgebäuden war lichtlos. Die Hunde bellten, es kom Hau das duß abe ihnen Zeit un lockenton? Di chönheitsgelil ſicht recht. 6 und ſie woll ige, Feſt. r, und drnße er ward durh Irmn dach nit uns ſelb Ausſchauen b „aber was in nichts ſucht l ſie aber ſucht nichts als jw ie waren ihre n wurden läſi ſene Poſilo als mn us und gü ſ ſhen h b„ i tläuigen nde hellten,“ kommen Fremde, kein Thier kennt hier die Tochter des Hauſes, ſie iſt fremd. Zwei Ackerknechte kamen herbei, ſie ſtaunten über das ſchöne Fräulein in der Nacht, ſie mußte erſt ſagen, daß ſie die Tochter des Hauſes ſei. Sie ließ ihre Zimmer öffnen. Nicht weit davon ſchlief ihr Vater. Sie hatte Verlangen, ihn zu ſehen, aber ſie bezwang ſich; er ſollte ruhig ſchlafen und nicht wiſſen, daß ſie neben ihm athmet. Auch ſie ſchlief bald ein und erwachte erſt am hellen Morgen. Der alte Eberhard kam mit leiſem Schritt in das Vorzimmer, wo bereits die Kammerjungfer ſaß. „Die gnädige Gräfin ſchlafen noch; es war drei Uhr und begann zu dämmern, als wir hier ankamen,“ ſagte ſie. „Warum habt Ihr ſo geeilt und Euch nicht Ruhe gegönnt?“ „Ich weiß nicht, aber die gnädige Gräfin waren unterwegs ſo aufgeregt; es ging ihnen nicht raſch ge⸗ nug. Wenn die gnädige Gräfin etwas wollen, ſoll Alles raſch geſchehen, plötzlich.“ „Wer ſind Sie, liebes Kind?“ „Die Kammerjungfer der gnädigen Gräfin.“ „Nein, wer ſind Ihre Eltern? Wie kamen Sie zu Hofe?“ „Mein Vater war Bereiter beim Prinzen Adolar, und die Prinzeſſin königliche Hoheit ließen mich im Stift erziehen.“ Eine Kette von Abhängigkeiten von Geſchlecht zu Geſchlecht— dachte der Alte vor ſich hin. 238 Die Kammerjungfer betrachtete ihn mit ſeltſamem Blicke. Es war eine große breitſchultrige Geſtalt. Er trug die Gebirgstracht, und an einer Schnur um den Hals hing eine weiße Hornpfeife. Der breite, auf mächtigem Nacken ſitzende Kopf, mit vollem, kurzgehaltenem grauen Barte und kurzgehaltenem grauen Haupthaar, etwas vorgebeugt, das braune Auge glänzte noch jugendlich friſch. Das ausdrucksvolle Antlitz war wie aus ge— triebener Arbeit, und die Geſtalt wie die eines Ritters, der eben erſt die Rüſtung abgelegt und ſich's bequem gemacht hat. „Ich will meine Tochter ſehen,“ ſagte der Alte und ging in das Nebengemach. Es war dunkel. Eberhard ſchlich auf den Zehen heran und zog den gründamaſte⸗ nen Fenſtervorhang leiſe zurück, ein breiter Lichtſtrahl fiel herein; er ſtand vor dem Bette und betrachtete, leiſe athmend, die Schlafende. Schön war Irma anzuſchauen. Das Haupt um⸗ wallt von dem langen aufgelöſten, goldſchimmernden braunen Haar, die klar gewölbte Stirn, die feine wie muthwillig ausgebogene Naſe, der Mund mit ſeiner bogenförmig geſchnittenen Oberlippe, das rothe Kinn, die vollen Wangen von Pfirſichroth durchhaucht— es lag ein ſtiller Friede auf dem ganzen Angeſicht. Die feinen ſchmalen weißen Hände hatte ſie auf der Bruſt in einander gefaltet. Irma athmete ſchwer, und jetzt zuckten ihre Lippen wie von einem ſchmerzlichen Lächeln. Es iſt ein ſchweres Schlafen mit gefalteten Händen auf der Bruſt. Die nit ſeltſanen eſtalt. Er tn r um den Hab „auf müchtigen haltenem gunen upthaar, etw noch jugendlih rwie aus ge ie eines Ritten d ſichs behlen gte der Ate un nkel. Eberh n gründamſt reiter Lichttrh und betuachtet tirn, die ſu Nund mit ſeinel as rothe ſin rchhaucht—“ g4 gj Angeſicht. D auf der Bu cten ihre Lype ʒiſt ein ſchra Hruſt 2“ del* Hände löſten ſich, aber die Linke blieb auf dem Herzen liegen; der Vater faßte ſie behutſam und legte ſie zur Seite. Irma ſchlief ruhig weiter. Unhörbar nahm ſich der Vater einen Stuhl und ſetzte ſich an das Bett ſeines Kindes. Zwei Tauben flogen auf das breite Fenſterſims und gurrten miteinander; der Alte hätte ſie gern verſcheucht, aber er durfte ſich nicht bewegen. Irma ſchlief weiter und hörte nichts. Plötzlich, als die Tauben vom Fenſterſimſe aufflogen, ſchlug Irma die Augen auf. „Mein Vater!“ rief ſie und ſchlang ihre weißen Arme um ſeinen Hals und küßte ihn.„Daheim! O, wie wohl, wie wohl! O, bitte, öffne noch den andern Vorhang, damit ich Dich ganz ſehe! O, bitte, öffne das Fenſter, daß ich⸗die Luft meiner Heimath ein⸗ ſauge! O, mein Vater! Ich bin fortgeweſen und bin wieder bei Dir, und Du läßt mich nicht von Dir. Du trägſt mich auf Deinen ſtarken Armen. Ach, jetzt fällt mir ein, was Du im Traume zu mir ſagteſt. Ich ſtand mit Dir da oben auf dem Gamsbühel und da nahmſt Du mich auf den Arm und trugſt mich und ſagteſt: Sieh', mein Kind, ſo lange noch Eines der Eltern lebt, iſt man wie auf Armen getragen in der Welt. O, mein Vater, wo war ich? Wo bin ich denn?“ „Sei ruhig, mein Kind! Du warſt am Hofe und biſt wieder daheim. Du biſt aufgeregt, beruhige Dich. Ich will die Dienerin rufen. Ich habe mit dem Früh⸗ ſtück auf Dich gewartet. In der Laube iſt für uns Beide Alles bereit.“ ——..————————— 240 Der Vater küßte die Tochter auf die Stirn und ſagte: „Ich küſſe alle Deine guten und reinen Gedanken, und jetzt laß uns als einfache verſtändige Menſchen wieder beiſammen ſein.“ „O, Deine Stimme, o, dies Alles! Ach, in Vaters Haus daheim! Alles Leben draußen iſt nur wie Schlafen in den Kleidern, daheim erſt liegt man im Bett, da drückt kein Band mehr.“ Der Vater wollte gehen, aber Irma hielt ihn zurück. „Es thut mir ſo wohl,“ ſagte ſie,„hier zu liegen und zu Dir außzuſchauen, mit dem Blicke, mit allen Gedanken Dich zu haben.“ Der Vater ſtrich ihr mit der Hand über die Stirne und ſie ſagte: „Laß Deine Hand hier liegen! Ich glaube jetzt an heilende Handauflegungen, ich erfahre ſie an mir.“ Der Vater ſtand geraume Weile am Bett ſeiner Tochter und hielt ſeine Hand auf ihrer Stirne. Endlich ſagte er: „Nun ſteh' auf, mein Kind, ich erwarte Dich beim Frühſtück.“ „Es freut mich, daß mir Jemand befehlen kann: ſteh' auf!“ ſagte Irma. „Ich befehle Dir's nicht, ich rathe Dir's nur. Aber Kind! Mit Dir muß Seltſames vorgehen, daß Du Nichts im wörtlichen Sinne nimmſt.“ „Ja, Vater, Seltſames! Aber jetzt nicht mehr...“ „So komme bald nach, ich erwarte Dich.“ Der Vater ging hinaus und wartete in der Laube. 241 die Stirn n Er ſtellte die beiden Taſſen und die ſchöne Vaſe mit dem Blumenſtrauß noch mehrmals hin und her und reinen Gedanin zupfte an dem weißen Linnen auf dem Tiſch— da kam ändige Menſh Irma im weißen Morgengewand. „Du biſt... Du biſt größer, als ich gewußt Ach, in Vt habe,“ ſagte der Vater, eine hohe Röthe durchflog ſein 6 nur wie Schlin ganzes Geſicht. 1 un in Bett, Er ſtreichelte ſeiner Tochter die Wange und ſprach dabei: ſ hielt ihn zurit„Dieſe weiße Bucht an der Wangenröthe, hier vom „„hier zu lin Kiefer bis zum Backenknochen, die haſt Du ganz wie Blicke, nit al Deine Mutter.“ ₰ Irma lächelte, dann faßte ſie wieder beide Hände des über die Stn Vaters und ſah ihm in die Augen, und das war ein 31 Blick, ſo glückſelig, daß dem Alten, der jederzeit einen h glaube jett ſtetigen Gleichmuth beobachtete, doch die Augen über⸗ ₰ ſie an nir“ gingen. Er ſuchte es zu verbergen, Irma aber ſagte: an Bett ſel„Das thut Deiner Heldenkraft keinen Eintrag. O 3 r Stirne. Vater, warum ſind wir Sklaven unſerer ſelbſt? Warum ſollen wir Scheu tragen, uns zu geben wie wir ſind? warte Dich b Dein großer Grundſatz iſt ja: unſerer Natur folgen! 6 Warum folgen wir nicht immer unſerer inneren Natur? „teehen in H Vater, laß mich hinausjubeln in meine Heimathberge, in die Wälder und die Seen: Ihr ewigen Freunde, ich bin da, ich bin bei euch und wir wollen miteinan⸗ dirs n der leben; haltet mich feſt und ich will treu ſein wie tgehen⸗ ihr! Und du, Sonne, laß dich grüßen, und da drüben, du Hügel, darunter meine Mutter ruht——“ t nicht w Sie konnte nicht weiterreden. Nach geraumer Weile te Dich zu. ſagte der Alte: ete in der Auerbach, Auf der Höhe. I. 16 „Wol, mein Kind, ſollten wir uns ganz ausleben, rein als Natur; aber es iſt nicht Scheu vor uns ſelbſt, nicht ſelbſtauferlegte Sklaverei, weßhalb wir ſolche Sce⸗ nen, ſolche gewaltſame Aufregungen vermeiden und umbiegen; es iſt, weil wir tief in uns fühlen, daß der nächſte Moment, die Stunde, die darauf folgen muß, kahl, leer erſcheinen müßte; es wäre ein Sprung von dem aufgeregten Empfindungsleben in die alltägliche Welt. Darum halten wir uns zurück und ſollen es thun, denn dieſe Empfindungen ſollen ſich nicht in einem ſogenannten andächtigen Aufſchwung erſchöpfen, ſie ſollen hindurchgehen durch all unſer Leben und Denken, durch alles Kleine und Unſcheinbare, was wir thun; da iſt die Heimath unſerer höchſten Gedanken. Ja, mein Kind, es kommt dahin, daß gerade diejenigen, die das Leben ſo ſpalten und die eine Seite entweihen, es zu einem laſterhaften machen und ſich dabei heimlich damit ſchmeicheln: ach, wie ſchön, wie groß haben wir doch empfunden und wir ſind deſſen immer wieder fähig.“ Die alte Wirthſchafterin brachte den Kaffee, Irma ſchänkte ein und berichtete, daß ſie auch Emmy mit ihrem Bräutigam erwarte. Eberhard ſagte:„Vor Jahren, als Emmy hier war, ſtreifteſt Du an eine ähnliche Gedankenreihe wie ich jetzt. Wir waren droben beim Gamsbühel, wo man den Anblick auf den großen See hat, und erwarteten den Sonnenaufgang. Emmy, in ihrer nüchternen Geradheit, ſagte:„Ich finde, daß“ es nicht der Mühe werth iſt, ſich deßhalb den Schlaf zu brechen und ſo viel Mühe zu machen: ich finde dene 1 s ganz ausleben u vor uns ſlli b wir ſolche E vermeiden un fühlen, daß du auf folgen mh, ein Sprung vo die alltäglih und ſollen 6 n ſich nicht i wung erſchöpfe r Lehen un inbare, wos vi cſten Gedonke erade diejerigen Seite entweihe ch dabei heimlich roß haben wi immer wiede Kaffee, Inn uch Emnh nit ſagte:„Sl t Du an eine it waren droben auf den gwßel . ufgang. Enn finde, ds 0 b d 6 243 Sonnenuntergang eben ſo ſchön und man hat nicht dieſe Mühe um ihn.“— Was ſagteſt Du da?“ „Ach, guter Vater, ich weiß es nicht mehr.“ „Aber Ich weiß es noch; Du ſagteſt:„Der Sonnen⸗ aufgang iſt viel erhebender, aber ich weiß nicht, was ich nach ſolchem Erhobenſein den Tag über thun ſoll, das deſſen würdig wäre und ſich ihm anſchließe. Darum iſt der Sonnenuntergang beſſer für uns, weil ſich dann die Welt verhüllt und uns ſchlafen läßt. Nach dem Höchſten kann man nur ſchlafen oder Muſik machen.“ „Ach, Vaker, ich denke nicht mehr ſo. Geſtern während der ganzen Fahrt verfolgte mich immer der einzige Gedanke: was thun wir denn eigentlich auf der Welt? Die Bäume würden wachſen ohne uns, die Thiere auf dem Feld und in der Luft und im Waſſer würden leben ohne uns. Alles hat von ſelbſt etwas zu thun auf der Welt, der Menſch nur muß ſich etwas zu thun machen. Und da malen ſie und bauen ſie und ackern und ſtudiren und exerciren ſich zum gegen— ſeitigen Todtſchlagen, und der einzige Unterſchied zwiſchen Menſch und Thier iſt doch nur, daß die Menſchen ihre Todten begraben.“ „O mein Kind, ſo weit haſt Du Dich hinausge⸗ wagt? Ich bin froh, daß Du wieder bei mir biſt. Du mußt viel durchgekämpft haben. Ich hoffe, Du ſollſt wieder lernen, daß einfach naturgemäß, das heißt ver⸗ nunftgemäß leben unſere Beſtimmung iſt. Schau einmal die Welt an!“ fuhr er lächelnd fort.„Ein einund⸗ zwanzigjähriges Mädchen und eine Gräfin dazu fragt: wozu bin ich auf der Welt? Ei, mein Kind, ſchön .— 244 ſein, gut ſein, ſo ſchön als möglich ſein, in der äußeren Geſtalt und im inneren Weſen. Halte Dich ſo in der Welt, daß Du wünſchen kannſt, Jeder möge Dich von Grund aus kennen... Doch jetzt genug davon.“ Es war eine Stunde voll Glückſeligkeit, wie Vater und Tochter zuſammen in der Laube ſaßen, und Irma ſprach wiederholt den Wunſch aus, daß ſie ſo fortleben könnten. Die ganze Welt war für die Beiden nicht da und ſie nur ſelbander auf der Welt.* „Du biſt mein großes Mädchen geworden,“ ſagte der Vater. Er hatte eigentlich ſagen wollen:„Du mußt viel erlebt haben, da Du, heimgekehrt zu Deinem Vater, nichts Kleines, nichts Perſönliches zu erzählen haſt,— er wollte das ſagen, aber er wiederholte nur:„Du biſt mein großes Mädchen geworden.“ „Und Vater,“ fragte Irma,„Du befiehlſt mir nun, daß ich bei Dir bleibe?“ „Du weißt es, ſeitdem Du zum Bewußtſein ge⸗ langt, ich befehle Dir nichts,“ erwiderte der Vater, „Du ſollſt nach Deiner Ueberzeugung leben. Ich ver⸗ lange das Opfer Deines Willens und Deiner Vernunft nicht.“ Irma war ſtill. Es war ihr nicht geworden, was ſie gehofft hatte, ſie ſah ſich wieder auf ſich zurück⸗ gewieſen, ſelbſt vollbringen mußte ſie Alles; und ſie will es. Ein Forſtknecht kam und fragte Eberhard nach An⸗ ordnungen im Walde. Eberhard erwiderte, daß er ſelbſ und nit Om tho h ſein, in du en. Halt Di inſt, Jider nih doch jett gen en, und Im ſie ſo fortlen en nicht da un * orden,“ ſagte d Du mif Uel hrt zu Deinn iches zu etzihl rer wiederhel geworden.“ u hefiehlſt! Lenußtſein derte der Vater zlen. Ich 7 geiner Ver t gewotden, Wo uf ſich juri Nſt „Ms; um e erhard noch¹ „ puß k widerte, d ſelbſt hinausreite. Irma bat, ihn begleiten zu dürfen, und bald erſchien ſie wieder im Jagdgewande und ritt mit ihrem Vater über die Wieſen in den Wald. Die Mienen Irmas wurden wieder kühner, als ſie, vom muthigen Pferde getragen, durch den ſchattigen, thauigen Wald dahinritt. Während der Vater die Waldarbeit anordnete, lag Irma an einer kleinen Anhöhe auf dem Mooſe unter einem breiten Tannenbaum. Sie erwachte plötzlich, denn der Hund des Vaters, der ſich ſchnell an ſie ge⸗ wöhnte, hatte ihr die Hand geleckt; ſie ſtand auf, ging nach dem Felde am Waldrand, und das Erſte, was ihr Auge traf, war ein vierblätteriges Kleeblatt. Sie bückte ſich raſch, brach es ab und ſteckte es zu ſich. Der Vater kam; er ſah ihr ſtrahlendes Geſicht, und ſie ſagte: „Wie wohl hat mir dies Ruhen an der Erde gethan!“ Der Vater antwortete nichts. Es ſchien ihm nicht nöthig, daß man alle innerſte Empfindung müde ſpricht. Irma ſchaute betroffen auf; in der Welt der Converſation wird auf jede Bemerkung kleine Münze herausgegeben. Sie kehrten bald wieder heim. Am Mittag ſaßen ſie beiſammen im kühlen Biblio⸗ thekzimmer. Ueber der Thüre ſtand in goldenen Buchſtaben der Spruch Ciceros in deutſcher Uebertragung: Wenn ich allein, bin ich am wenigſten allein.“ „— Der Vater ſchrieb. Nur manchmal warf er einen Blick auf ſein Kind, das dort im Shakeſpeare las. 246 Das lieſt jetzt die höchſten Gedanken, nimmt ſie in ſich auf, und ſie werden zu ſeiner Seele. Eberhard ſtog empfand das Glück, ſeinen eigenen Blick zu ſehen in einem fremden Auge, ſeine eigenen Gedanken zu hören bo 61 aus fremdem Munde, und das iſt Auge und Mund des Kindes; es hegt Deine Seele in ſich, und doch wird das Alles wieder ſelbſtändig, neu, verbindet ſich mit der an⸗ keh geborenen Natur und mit eigenthümlichen Eindrücken. Das Ideal, das er ſich in blühenden Jugendtagen ge⸗ bi träumt, es ſtellte ſich taghell und leibhaftig ihm dar. in Eberhard ſchloß bald ſein Forſtbuch und lächelte vor ſich hin; er war nicht ſo ſtark, als er geglaubt hatte, er konnte doch nicht fortarbeiten heute wie geſtern, 5 nun ſein Kind da war. o Er ſetzte ſich zu Irma, und auf die Werke Spinozas 1i und Shakeſpeares deutend, die ſtets auf ſeinem Ar⸗ beitstiſche lagen, ſagte er: 1„Vor dieſen beiden iſt die ganze Welt offenbar. Ich habe die, die vor Jahrhunderten gelebt, auf 1 meinen ſtillen Bergen immerdar bei mir. Ich werde dahingehen und keine Spur meines Denkens hinter⸗ laſſen, aber ich habe das ewige Leben gelebt mit den höchſten Geiſtern. Der Baum, das Thier, ſie leben nur für ſich und nur die Spanne Zeit, bis ſie ſterben. Wir empfangen mit dem Leben den Geiſt von Jahr⸗ tauſenden, und wer in ſich in Wahrheit ein Menſch geworden, in dem iſt die ganze Menſchheit. So lebſt auch Du mit Deinem Vater fort, und mit Allem, was echt und ſchön iſt in der Geſchichte des Menſchen⸗ geſchlechtes.“ nimmt ſie i öeele. Eberhm lick zu ſehen in danken zu hör un Mund d d doch wird de tſich nit der chen Eindrückh Jugendtagen bhaftig ihm dal uch und lächel als er gehlu heute wie geſen, Werke Spine auf ſeinen N Pelt offenb ten gelebt, nit. 3 wold Denkens hint n gelebt mit do er, ſie b Thier e bis ſie ſter geiſ von Jh cheit ein Yuiſt ſütet So nit Alen, W des Menſh . 247 Es war lange Zeit ſtill im Bibliothekzimmer. Da fragte der Vater: „Iſt der Wagen, in dem Du gekommen, nicht ein Hofwagen?“ „Allerdings.“ „So willſt Du alſo wieder an den Hof zurück⸗ kehren?“ „Vater, laß uns das jetzt nicht beſprechen. Ich bin nicht ſo ſtark wie Du, ſofort vom Höchſten wieder in das Alltägliche zurückzukehren.“ „Mein Kind, das Alltägliche iſt das Allerhöchſte.“ „Aber ich möcht jetzt gar nicht wiſſen, daß es einen daß ich je etwas Anderes geweſen bin Hof giebt, als ein Stück Deines Herzens und oder werden ſoll, Deiner Seele.“ „Nein, Du ſollſt für Dich leben. Aber Du kannſt, wenn Du bei mir bleiben willſt, den Wagen ja ein⸗ fach wieder zurückſchicken.“ „Ich werde, wenn auch nur auf einige Zeit, doch wieder zurückkehren müſſen. Ich habe nur Urlaub, nicht Abſchied genommen. Mein Vater, das Beſte wäre, Du würdeſt mich begleiten und gleich wieder mitnehmen. „Ich kann nicht an den Hof kommen, das weißt Du, und ich traue Dir Kraft genug zu, daß Du Dich ſelbſt mitnimmſt. Ich habe Dich heute betrachtet, wie Du im Schlafe lagſt. In Dir iſt kein Falſch, über dieſes Antlitz ſtürmte noch keine ſchlimme Leidenſchaft. Ich weiß, Dein Bruder will Dich verheirathen; auch ich wünſche, daß Du eine brave Gattin und Mutter 248 würdeſt. Ich fürchte nur, Du biſt ſchon zu ſehr Dein und eigen geworden, um noch eines Anderen zu werden. n Nun, wie es auch ſei. Mein Kind, ſieh hinaus ins ſih Weite. Da blühen Millionen Blumen und ſie blühen ath ſtill; kommt ein Wanderer, der ſeinen Blick an ihnen ergötzt oder gar eine bricht, nun gut, ſo hat ſie für ihn gelebt; verblüht ſie ungeſehen im ſtillen Grunde, ſo hat ſie für ſich gelebt. Doch, mein Kind, laß Dich ric durch meinen Wunſch nicht irren. Wie lange haſt Du i Urlaub?“ „Vierzehn Tage.“ d „So laß uns treu und froh zuſammenſein und d dann thue was Deiner Vernunft angemeſſen iſt.“ Zehntes Capitel. Die Tage floſſen gleichmäßig dahin. Eberhard hatte keinerlei Beziehung zu Nachbarn, nur mit dem Bürgermeiſter des Dorfes, der zugleich Landtagsabgeordneter war, verkehrte er gern und ord⸗ 1 nete mit ihm die Verhältniſſe der Gemeinde. Irma war viel allein. Sie las, ſtickte, malte und ſang. Schon nach wenigen Tagen trat eine Ernüchte⸗ rung ein. Was iſt dies Leben? fragte es in ihr. Wozu? Ich arbeite für meinen Putz, Putz für meine Seele, meinen Körper. Wozu? Der Spiegel ſieht mich, 3 die Wände hören mich, und mein Vater eine Stunde am Mittag und eine Stunde am Abend. Sie ſuchte ihre hinausſtrebende Natur zu bezwingen N 249 und es gelang ihr. Nur das konnte ſie nicht bezwin⸗ gen, daß ſie an einen Entfernten dachte, und ſie ſchaute ſich um, als hörte ſie ſeine Tritte, und es war, als athmete etwas neben ihr. Und dieſer Mann war.... der König. Sie mußte denken, wie er auf einen Brief von ihr wartet, und was erhält er ſtatt deſſen? Die Nach⸗ richt, daß ſie abgereiſt. Warum beleidigt und kränkt ſie ihn? Sie war mehrmals nahe daran, ihm vom Hauſe des Vaters aus zu ſchreiben; ſie wollte ihm bekennen, daß ſie vor ihm, nein, nicht vor ihm, vor ſich ſelbſt geflohen ſei. In Gedanken die Briefworte faſſend, ſagte ſie vor ſich hin: Flucht iſt nicht Feigheit, nur ein äußerſtes Zuſammenfaſſen der Kraft, ein Losreißen, Erlöſen ſeiner ſelbſt. Das wollte ſie ihm erklären. Er ſollte nicht gering von den Menſchen, vor Allen nicht von ihr denken; ſeine große weitwirkende That⸗ kraft ſollte nicht angekränkelt, nicht geſtört werden von dem Bewußtſein, daß die Menſchen das Hohe nicht faſſen. Sie war ihm und war ſich ſelbſt ſchuldig, ihm das zu erklären. Aber im Schreiben läßt ſich das nicht ſo kundgeben. Sie wird zurückkehren und ihm Alles ſagen. Und dann werden ſie fern von einander im Höchſten zu einander denken, und es lohnt ſich, ein Leben einſam zu verbringen, wenn man nur eine Mi⸗ nute die höchſte Gemeinſamkeit empfunden und Reinheit und Treue bewahrt vor ſich und vor Anderen. Irma war glücklich in dieſer Selbſtbefreiung. Sie hielt ſich zurück, vor ihrem Vater vom Hofe 250 zu ſprechen. Dennoch entfiel ihr manchmal unwillkür⸗ lich die Bemerkung, wie der König und die Königin dies und jenes gelobt, dies und jenes geſagt, und es ließ ſich dabei nicht verkennen, daß ſie darauf einen beſonderen Werth legte. „So ſind die Menſchen,“ ſagte Eberhard lächelnd, „ſie wiſſen ſelbſt was ſie ſind, ſollten es wiſſen, und ſie geben dem Fürſten das Prägrecht. Er hat zu be⸗ ſtimmen: Du biſt ſo und ſo viel werth, du ein Duca⸗ ten, du ein Thaler, du eine Spielmarke, du geheimer Rath, du Oberſt! Die Schöpfungsgeſchichte erneuert ſich immer. Da heißt es, daß der Schöpfer dem Menſchen die Thiere vorführte, daß er ihnen Namen gebe; jetzt kommt das Menſchengethier zum Fürſten und ſagt: gieb mir einen Namen, bekleide mich mit einem Titel, ſonſt bin ich nackt und bloß und ſchäme mich.“ Irma zuckte bei dieſen ſcharfen Worten. So weit hat die Einſamkeit den Vater gebracht. Sie konnte ſich doch nicht enthalten hinzuzuſetzen: „Du thuſt dem König vor Allem Unrecht. eine tiefe Natur, voll Edelſinn und Geiſt—“ „Voll Geiſt! Ich kenne das!“ erwiderte Eberhard. „Nicht wahr, er kann viel fragen, viel Aufgaben ſtellen, will zum Deſſert einen Ueberblick der Kirchengeſchichte, der Phyſiologie und überhaupt ſonſt eine beliebige Wiſſenswürdigkeit haben, aber natürlich nie ſelbſt und unausgeſetzt arbeiten, nie ein Werk ganz leſen, immer Extracte, immer Eſſenzen! Ich kenne das! Und die höfiſchen Coloraturſänger geben dann ihre Gedan⸗ ken preis. Glaube nicht, mein Kind, daß ich das Er iſt Vef geſe m niſ nu M hmal unpilli nd die Köniz geſagt, und ie daruf einn erhard lächeln, es wiſſen, n Er hat zu b du ein Due du gehein lb, chte erneuert ſc r den Nenſchn ten gebe jt rſten und ſugt l nit einem Tite ne mich.“ rten. So wel ht. Sie konn Unrecht Erit ziſ iſt— iderte Ebethud Aufgaben ſtllen ſirchengeſii⸗ t eine heliekig lich nie ſelbſ gerk guß l kenne dos! Un Gedon ich du 251 Veſtreben des Königs unterſchätze. Man hat ihm ſtets geſagt: Du biſt ein Genie— man redet den Königen. immer ein, ſie ſeien Genies, militäriſche, ſtaatsmän⸗ niſche, kunſtkenneriſche, Alles— man hat ihm die Phraſe unterſchoben. Was ſich einem Fürſten naht, muß ſich auch geiſtig in die Hoftracht kleiden; er ſieht Menſchen und Dinge nicht wie ſie ſind, es coſtümirt ſich ihm Alles in gefälliger Form. Ich glaube, der König hat trotzddem das ehrenhafte Beſtreben, die Wirk⸗ lichkeit zu ſehen; das iſt viel, aber er kann nicht heraus aus dem Zauberbann der Phraſe.“ Die Lippen Irmas bebten. Sie glaubte nicht, daß ihr Vater die Abſicht habe, ihr das Intereſſe für den König zu tödten, er konnte nicht wiſſen, daß es vor⸗ handen war; aber dieſer Widerſpruch reizte ſie, und ſie erkannte mit Schrecken, daß hier keine Hülfe ſei. Sie konnte mit ihrem Vater allein leben, wenn er, wie ſie, den hohen Mann ehrte. Es durfte ſeinem republikaniſchen Geiſte nicht widerſprechen, und vor Allem ſeiner Gerechtigkeit nicht, den hohen Geiſt zu ehren, auch wenn er im Fürſten erſcheint. Nun aber zertrümmerte er jede Brücke des Verſtändniſſes und der Gerechtigkeit. Hätte ein Anderer ſo vom König geſpro⸗ chen, ſie hätte ihn ihren Zorn fühlen laſſen; jetzt war es Beherrſchung und Unterwerfung genug, daß ſie ſchwieg. In ihrer Seele zog ſich etwas zuſammen und bil⸗ dete einen Verſchluß, den Niemand mehr öffnen konnte. Sie war fremd im väterlichen Hauſe und fühlte es jetzt doppelt, daß ſie hier nie daheim geweſen. Sie zwang ſich zu Heiterkeit und Gleichmuth. Eberhard ſah, daß ſie ſich zu etwas zwinge; aber er glaubte, das ſei nur noch der Kampf zwiſchen Hof— leben und Einſamkeit. Er half ihr nicht, ſie ſollte dieſen Kampf allein austragen, dann iſt wirklicher Friede. Am Sonntag⸗Morgen— Eberhard ging nie in die Kirche— ſagte er: „Haſt Du Ruhe, eine längere Erzählung anzuhören?“ „Wol, gewiß.“ „So will ich Dir mein Teſtament in geſunden Ta⸗ gen übergeben.“ „Bitte, Vater, thue das nicht. Willſt Du es mir erlaſſen?“ „Ich meine nicht ein Teſtament über mein Beſitz⸗ thum, nur über das, was ich ſelbſt bin. Wir haben kein Bild Deiner guten Mutter, ihr Kinder habt keine Anſchauung von ihrer Erſcheinung, die ſo rein, ſo hold, ſo ſonnengeboren war. Ich möchte Dir dafür ein Bild meines Lebens geben. Bewahre es. Wer weiß, wann ich wieder dazu komme. Frage mich, wenn Du etwas nicht verſtehſt, oder wenn es Dir der Miß⸗ deutung ausgeſetzt erſcheint. Mich unterbricht kein fremder Einwurf, ich ſetze mein Leben fort, mich ſtört nichts, ich habe mich gewöhnt, mein Gut zu bebauen, den Knechten Anordnungen und Antworten zu geben und gleich darauf unabgebrochen mich wieder in die Con⸗ ſequenz des Denkens zu verſetzen. So unterbrich auch Du mich, wenn Du magſt... Mein Vater, als reichs⸗ freier Graf, behielt den Stolz auf ſeine Reichsunmittel⸗ barkeit; bis an ſein Lebensende erkannte er die Einheit ſchloſſ ebenbi Du d ſtören „— as zwinge; b pf zwiſchen he nicht, ſie ſllt n iſt wirklch ging nie int ung arzuhören⸗ in geſinden? ilſt Du 6 ni ber mein Beſt⸗ in. Vir hah inder habt ki die ſo rein, ſ öchte Dir dfi vahre es. Po ug nich, wel 3 Dir der Nß unterbricht hin fort, nich ſör t zu hebulln ju gebn 01 6 vorten 253 des Königreiches nicht an, und fragte ſtets: Wie geht es drüben? Er betrachtete ſein Gebiet noch als abge⸗ ſchloſſen und ſeine Familie allen fürſtlichen Häuſern ebenbürtig.“ „Und warum, lieber Vater,“ fragte Irma,„willſt Du dieſe ehrenſchöne, ſich fortſetzende Erinnerung zer⸗ ſtören?“ „Weil die Geſchichte ſie zerſtört hat, und mit Recht. Es müſſen immer neue Geſchlechter an die Spitze der Menſchheit treten, das allein erhält die Menſchheit am Leben. Doch, ich wollte Dir nicht von meinem Vater erzählen. Ich hatte eine glückliche Jugend in dieſem Hauſe. Mein Lehrer war zwar Geiſtlicher, aber dabei ein freier Menſch. Das Jahr, bevor mein Vater ſtarb, trat ich ins Militär. Ich darf ſagen, daß ich eine Figur von guter Haltung war. Ich hatte die äußeren Mittel dazu, und einen eiſernen Körper. Ich ſtand bei meinem Regiment in der Bundesfeſtung. Bei einem tollen Ritte ſtürzte ich und verrenkte mir die Hüfte, ſo daß ich lange liegen mußte. Hier lernte ich unſern Regimentsarzt Gunther näher kennen. Hat Dir der Leibarzt nie von unſerem Zuſammenſein erzählt?“ „Wol, aber nur kurz, nur in Andeutungen. Der König ſagte mir noch in den letzten Tagen, ich hätte Recht: der Leibarzt verſchreibe auch geſprochene Recepte nur dann, wenn ſie verlangt werden und nöthig ſind.“ „So? Alſo der König hat Dir geſagt, Du hätteſt Recht? Sie haben Recht— das iſt ein glücklichmachen⸗ der Orden auf einen Tag, vielleicht auf länger, nicht wahr?“ „Vater— wollteſt Du nicht weiter erzählen von dem gemeinſamen Leben mit Gunther?“ „Ach, Kind, das war eine wunderbare Zeit. Ich verſenkte mich mit ihm, ſo weit ich konnte, in das Studium der Philoſophie. Ich weiß noch, als wär's eben erſt, die Stelle am Feſtungswall und die Stunde zu bezeichnen— es war ein trüber Herbſtabend, ich ſehe noch die Blätter, die von den Bäumen fielen— als mir Gunther auf dem Spaziergang zum Erſtenmal das große Wort des Weltweiſen darlegte: Im Grundweſen eines jeden Dinges liegt es, ſein Daſein zu bewahren. Ich ſtand ſtill. In jenem Augenblick kam es über mich wie eine Offenbarung und verließ mich nie mehr. Es ward verdeckt von Lebensereigniſſen, aber immer lebte es in mir fort: Bewahre dein Sein! Ich habe dieſem großen Satze treu gelebt, leider— wie ich jetzt ſehe— nur zu ſehr und ſelbſtiſch. Ein Menſch lebt nicht voll, wenn er nur für ſich lebt und ſein Daſein bewahrt. Doch das werde ich Dir noch ohne Scheu beichten, gerade Dir. Das große Souveränetätsrecht jedes Menſchen— ich habe es erſt ſpäter ganz und recht erkennen gelernt. Ich hatte mancherlei gedacht, aber nie in geſchloſſenem Zuſammenhange. Du kannſt Dir nicht vorſtellen, was das iſt für einen beliebten und angeſehenen Officier, ſich an die Philoſophie zu wagen, wie das dem militäriſchen Dienſte widerſpricht, vor den Vorgeſetzten ungehörig, vor den Kameraden lächerlich erſcheint. Der Soldatendienſt müdet in täg⸗ lichen, größtentheils überflüſſigen Exercitien den Körper ab, da iſt es ſchwer, ſich in eine geiſtige Disciplin inzuurbeit nich beim Stdien ob vicder noo wein Aner Kodeniſche Aer ich nich dan kben. G h war! Hofe. S baret n ſch, daß iein P ihn ſth Stufenlei Sonmer Stunde man ni Hofdan unher, aus m keinen Dane undd Ruufe weilen rzählen von nte, in d „als virs die Stund en— l enmal dos Grundweſ u bewahren 3 über nih nie mehr aber immel ch hae Menſch let ſein Daſin ohne Sche rünetitreh onz u ne gedacht Du kom en beliebte iloſcphie ii viderſriht Kame det in i den Börpo roden — 2ripll „ MSß 255 einzuarbeiten. Ich meldete mich oft krank, verbannte mich beim ſchönſten Wetter in die Stube, nur um meinen Studien obliegen zu können. Unſer Regiment wurde wieder nach der Reſidenz zurück verlegt, Gunther nahm mein Anerbieten an, ihn frei zu machen. Er wurde akademiſcher Lehrer, und ich beſuchte Vorleſungen. Aber ich ſah die Lücken meines Wiſſens und ſehnte mich danach, nur der Vollendung meiner Bildung zu leben. Ein unerwartetes Ereigniß brachte mich dahin. Ich war Kammerjunker geworden und lebte viel am Hofe. Schon damals ſah ich, daß ein unausrott⸗ barer Knechtſinn in den Menſchen lebt; Jeder freut ſich, daß Andere unter ihm ſtehen, und läßt ſich um dieſen Preis gern gefallen, daß wieder Andere über ihm ſtehen. Die Fürſten ſind unſchuldig an dieſer Stufenleiter des Unſinns. Ich war eines Tages auf der Sommerburg, der König war zur Jagd gefahren, die Stunde der Tafel ſchon längſt da, vom König aber ſah man nichts. Da liefen nun die Kammerherren und Hofdamen und wie die Titel alle heißen, im Parke umher, ſaßen bald da bald dort auf einer Bank, ſchauten aus mit Ferngläſern, plauderten und hielten doch bei keinem Geſpräche feſt, denn die geputzten Herren und Damen, jung und alt, hatten ganz gemeinen Hunger, und doch kam ihr Hirte nicht, der ihnen Futter in die Raufe ſteckte. Dein Ohm Willibald beſchwichtigte einſt⸗ weilen ſeinen knurrenden Magen mit kleinem Backwerk, das den Appetit nicht verdarb. Es verging Stunde um Stunde, man ſpazierte umher, wie die Juden am lan⸗ gen Tag. Aber man lachte und ſcherzte, man wollte —— —— 256 wenigſtens lachen und ſcherzen, und der Magen knurrte. Und Dein Ohm hatte daheim dreißig Pferde im Stalle und Ochſen und Kühe genug, und ringsum weite Fel⸗ der, und hier diente er und wartete auf, denn er ſetzte einen Stolz darein, Oberſtkämmerer zu ſein. Damals, mein Kind, ich war ſo alt, wie Du jetzt, damals ſchwur ich mir im Herzen: ich werde nie und nimmer dienen, keinem Menſchen. Endlich rollte der Jagd⸗ wagen des Königs daher, Alles grüßte, Alles machte glückſelige Geſichter, und doch war der Herr übel ge⸗ launt, der General Kont, der mit ihm zur Jagd ge⸗ weſen, hatte einen Zwölf⸗Ender geſchoſſen, während es in der Ordnung geweſen wäre, da die Majeſtät nichts getroffen, auch nichts zu ſchießen. Der General war unendlich unglücklich über ſein Jagdglück, und als das ſchöne Thier ankam und im Schloßhof abgeladen wurde, hing ſein Kopf ſo traurig wie der des todten Thieres. Er entſchuldigte ſich nochmals und bedauerte, daß nicht Majeſtät das Wild geſchoſſen; der Fürſt indeß wünſchte ihm Glück, freilich mit ſehr ſüßſaurer Miene. Der König ſah mich und fragte:„Wie geht's?“„Sehr hungrig, Majeſtät,“ erwiderte ich. Der König lächelte und der ganze Hofſtaat entſetzte ſich über meine Un⸗ gehörigkeit. Wir mußten nun noch eine halbe Stunde warten, bis der König ſich umgekleidet, dann ging's zur Tafel. Mein Kind, wenn Du einem Hofmanne dieſe Ge⸗ ſchichte erzählſt, wird er mich entſetzlich einfältig finden. Aber an jenem Abend aß ich zum Letztenmal an einer Fürſtentafel. ch ſel ch wolle viel Menſe niſſen. Der G De Firſt ſo ſchön ſeinet P ihret voll ſſt, das Jne meiner E und ve frende um ſei haſſen gen knurt de in Stl m weite ſi denn er ſth in. Dumnl, ett, dom und nimne e der Juhd Ales muht ert ütel en, wihren die Majeſü Der Gen lück, und a of obgelode er des todien nd bedauen rFürſt ind eurer Mie 6 2 Sch 257 Ich ſehe ich bin geſchwätzig, ich bin ein alter Mann. Ich wollte Dir nur ſagen: Sieh Dich um, ſieh, wie viel Menſchen verbraucht werden und verbraucht werden müſſen. Der Gedanke der Fürſtenhoheit iſt groß und ſchön. Der Fürſt ſoll die Staatseinheit in ſich darſtellen. Aber ſo ſchön der Gedanke in ſeinem Urſprung— daß zu ſeiner Vollführung eine Pyramide von abgenützten, ihrer vollen Menſchenwürde entkleideten Menſchen nöthig iſt, das macht mich unverſöhnlich damit. Irma, es iſt mir, als müßte ich das Teſtament meiner Seele in Deine Seele legen. Von dem Augg⸗ blicke, wo Du fühlſt, daß ein Stück aus der Kröhe Deiner Menſchenwürde genommen wird, von dieſem Augenblicke an fliehe, ohne Haß und Verachtung, denn wer Haß und Verachtung in der Seele trägt, iſt ſchwer belaſtet und kann nie frei aus ſich athmen. Ich haſſe und verachte dieſe Welt nicht, ich ſehe in ihr nur eine fremde, vergangene, weit entfernte, und kann Niemand um ſeines Glaubens willen, weil er nicht der meine, haſſen und verachten. Doch— ich wollte Dich nicht lehren, ich will er⸗ zählen. Ich nahm meinen Abſchied und bezog nun als wirklicher Student die Univerſität, verließ aber auch dieſe bald wieder, um mich auf einer landwirthſchaft⸗ lichen Schule auszubilden. Ich ging dann auf Reiſen. In Amerika war ich, wie Du weißt, ein ganzes Jahr. Ich hatte das Verlangen, jene Neubildung der Ge⸗ ſchichte kennen zu lernen, wo die Menſchen, auf den eingeborenen freien Geiſt geſtellt, nicht immer rückwärts Auerbach, Auf der Höhe l. 258 ſchauen nach Paläſtina, nach Griechenland, nach Rom. Ich fand die Zukunftswelt in Amerika nicht. Noch gährt dort Alles, wie in einem urweltlichen Proceſſe. Ob eine wirklich neue Menſchheit daraus geboren wird, ich weiß es nicht. So viel aber weiß ich, daß die ganze Menſchheit einer neuen ſittlichen Bindung entgegenharrt. Ich werde wegſterben, ohne ſie erlebt zu haben.— Ob die Welt der Zukunft ſich im reinen Gedanken faſſen wird, oder aufs neue an einer beiſpielgebenden Perſönlichkeit? Ich hoffe das Erſte, aber ich ſehe die Verwirklichung noch nicht. Nun weiter in meinem Leben: Ich kehrte heim. Ich hatte das unerſchöpfliche Glück, Deine Mutter zu finden. Sie ſtand einſam in der Welt. Ich habe das höchſte Glück empfunden, es giebt kein zweites mehr. Deine Mutter ſtarb drei Jahre nach Deiner Geburt. Ich kann Dir nicht Einzelnes von ihr erzählen, ihre ganze Erſcheinung war Reinheit und Kraft. Die Welt nannte ſie kalt und verſchloſſen, und ſie war heiß und offen, ſchön bis ins Herz hinein, aber nur für mich. Ich weiß, daß ein nur im Beſten und Mildeſten lebender Menſch aus mir geworden wäre, wenn ſie mir geblieben. Ich darf nicht daran denken. Es ſollte nicht ſein. Aber ich bin in mir geheiligt durch ſie; kein nie⸗ derer Gedanke lebt in meiner Seele und keine That vollzog ich ſeitdem, die ich nicht Dir, meine Tochter, bekennen dürfte. Sie ſtarb und ich ſtand mit meiner heftigen Natur wieder dem Räthſel des Lebens gegenüber. Ih ko word ein unbarnhet hörte, wi Node iſt ſprechen: ich der T bei nir, wurde. Honorare unntet aber ihr giſezte arbeit zu ft Wehr hinde nach Non Ich konnte euch Kinder keine Stiefmutter geben und ward ein Stiefvater. Ja, laß mich's ſagen, ich bin unbarmherzig ehrlich gegen mich. Ich weiß, wer mich hörte, würde das Wort für übertrieben halten, die Mode iſt ja allgütig, aber ich kann mich nicht frei⸗ nicht. Noh oren win, aß die gnſ rtgegenhent ſprechen: ich habe meine Kinder ausgeſetzt! Dich gab aben. ich der Tante, bis Du ins Kloſter kamſt, Bruno blieb bei mir, bis er in ein Erziehungsinſtitut gebracht wurde. Ihr wart in vornehmen Inſtituten mit hohen Honoraren, aber ihr wart dennoch ausgeſetzt. Ihr kanntet euren Vater nicht, ihr wußtet, daß er lebt, aber ihr habt nicht mit ihm gelebt, ihr ſeid als ang⸗ geſetzte Kinder aufgewachſen. en Gedanken elgeberden ich ſehe de d einſum i Es ſind erſt zwei Jahre, ſeit ich mir das Wort winde 6 bekannt habe. Es hat mir wochenlang den Schlaf, es hat mir Denken und Empfinden geraubt, aber ich halte tb drei uht ct Einzeln es dennoch feſt. Der Dämon, der Sophiſtik heißt, hat mir immer geſagt: Du hätteſt deinen Kindern nichts elſa ſein können, du hatteſt noch zu viel an dir ſelbſt zu arbeiten, und es iſt beſſer, ſie werden aus ſich ſelbſt ei war Rein 3 zu freien Menſchen als durch dich— es mag eine ur Wahrheit darin ſein, aber trotzdem: ich habe meine worden Kinder ausgeſetzt.“ urin deln Der Alte hielt eine Weile inne. Irma legte ihre Hand auf die ſeine und ſtreichelte ſie leiſe. ie; kin„Genug! Es iſt heraus. d line Ich lebte hier einſam und doch nicht allein, ich ver⸗ eine Zoh kehrte mit den beſten Geiſtern und bewirthſchaftete mit Leichtigkeit unſer Gut. on Nälü:.. eftigen“ Ich widmete mich den vaterländiſchen Dingen, zog . ————— 260 mich aber bald zurück. Ich kann keiner Partei ange⸗ hören, auch der nicht, die ſich zur Freiheit bekennt. Es gehören viele hochherzige Männer zu ihr, die ich ver⸗ ehre, aber ſie dulden auch Frivole unter ſich, die es wagen, von Gleichheit und von allem Höchſten zu ſprechen und ſich nicht ſcheuen, Weſen ihrer Art ihren Opfern zu machen. Frivole Junker ſind nur laſterhaft, frivole Demokraten ſind Id Auſchän nder. Wer nicht wünſchen kann: das ganze Volk möge ſo denken und handeln, wie ich— der hat nicht das Recht, ſich einen braven und freien Menſchen zu nennen. Wenn die Freiheit nicht Sittlichkeit gründet— was ußterſcheidet ſie dann vom Weſen der Tyrannei? Was iſt Tyrannei? Der egoiſtiſche Verbrauch uns gleich⸗ berechtigter Weſen. Ein Tyrann iſt ein Gottesleugner, ein frivoler Freiheitsmann iſt Gottesläſterer— ich nenne den Inbegriff alles ſittlichen Weltgeſetzes Gott. Ich war ein Einſiedler mitten unter den Menſchen und bin es nun lieber und folgerichtiger fern von ihnen. Ich lebe nun hier ein einſames Leben.“ „Iſt das nicht traurig, ſo allein?“ fragte Irma. „Es würde ſehr traurig ſein, wenn ich mich allein fühlte,“ erwiderte Eberhard;„aber der Menſch muß ſich nicht allein fühlen, auch wenn er allein iſt. Hier herauf kommt keine Langeweile und keine Vereinſamung. Die Menſchen, die nicht in ſich ſind, ſind allein, wo ſie auch ſeien. Doch laß mich weiter berichten. Am meiſten ſchmerzte mich der Abfall Gunthers. Aber ich that ihm Unrecht. Er war immer ein Freund des Hoflebens; er ſah darin eine Culmination der oder eigent wiſſen Rgel und ſtim nic „ die ich der⸗ er— ich nen nich allol Nenſch m Ver inſam nd gllein, l Bildung. Er war ſtets zu äſthetiſch: Das ſchöne Leben, der Luxus, der Comfort, an Alles das hab' ich ein Recht und es muß mir werden, ſagte er oft ſchon früher; das führte ihn an den Hof und ließ ihn von der freien Wiſſenſchaft abfallen, ſich und mich verlieren. Man wird Dir geſagt haben und vielleicht haſt Du es auch ſelbſt gedacht, ich ſei ein Menſchenfeind. Wer die Menſchen haßt, iſt ein eitler, eingebildeter Narr. Was iſt er denn mehr? Was iſt er denn Anderes, als ſie? Ich haſſe die Menſchen nicht. Ich weiß nur, daß die meiſten falſch aufgeputzt ſind, ſich zu etwas machen oder von Anderen zu etwas gemacht werden, was ſie eigentlich nicht ſind. Sie geben ſich den Schein— ſie wiſſen es nicht, daß es meiſt nur Schein iſt— an Dingen Theilnahme zu haben, die ſie eigentlich nichts angehen. Ich bin viel getäuſcht und betrogen worden, aber wenn ich mir's ehrlich ſage, ſo iſt es, weil ich mich ſelbſt getäuſcht habe. Ich habe mein Beſtes her⸗ gegeben und habe geglaubt, die Anderen ſeien mit mir, und es war doch nur Höflichkeit, was ſie zur Bei⸗ ſtimmung in Wort und Miene brachte. Sie heuchelten nicht, ich war es, der mich täuſchte. Ich glaubte in einer Welt voll Zuſtimmung und Einklang zu ſein, und im Grunde war ich allein, ganz allein. Jeder iſt allein, der eine Natur für ſich iſt; es giebt keine volle Zuſammenſtimmung. Sich ſelbſt ausleben, das iſt Alles. Die meiſten Menſchen wollen aber kein Selbſt ſein, und die es nicht ſein wollen, ſind beſſer daran. Sie leben, wie's der Brauch iſt, die Sitte erfordert, ihnen geht nichts Gegenwärtiges nahe, nichts Vergangenes nach; das hüpft, das ſpringt, das tändelt von Stim⸗ mung zu Stimmung, von Genuß zu Genuß, und ſie ſind glücklich dabei und froh, wenn ſie im Spiegel ihr altes Geſicht ſehen; das verändert ſich nicht, das bleibt ſich gleich. Hätten die Menſchen immer leibhaftig den Ausdruck deſſen, was jetzt ihre Seele bildet, Du würdeſt Niemand erkennen, Niemand von geſtern, Niemand von der letzten Stunde. Mein Kind, ich weiß nicht, wohin ich Dich eigentlich führe; ich wollte Dir nur ſagen, daß ich kein Menſchenfeind bin. Ich liebe alle Menſchen. Ich weiß, daß ſie im Grunde nichts Anderes ſein können, und unter all' der krauſen und überladenen und flit⸗ ternden Maskerade ſteckt doch in Jedem ſchließlich eine Sehrliche Natur; ſie können ſie nur nicht herausholen, und was ſie Falſches, Hinterliſtiges, Böſes thun, da bleibt doch zuletzt der Spruch des großen Weiſen: Vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Und nun laß mich das noch ſagen: Ich verzeihe auch Deinem Bruder. Er hat mich ſchwer gekränkt, denn die tieſſte Kränkung, die ein Menſch erfahren kann, iſt die von ſeinem Kinde. Ich kann Bruno zu nichts zwingen und will es nicht. Es iſt eine ſeltſame Welt! Durch alle Zeiten zieht ſich der Kampf zwiſchen Vater und Sohn. Nun iſt es ſo geworden mit uns: Mein Sohn vertritt die alte Zeit und ich die neue. Ich muß es tragen. Ich weiß, daß die Freiheit allein das Natur- und Vernunftgemäße iſt, aber man kann auch zur Freiheit Niemand zwingen. Ich will auch Dich zu nichts zwingen. Gewöhnliche Frauennaturen laſſen ſich lieber befchlen vihnlic Cte untetbr unterh Eit konnte den* N aus d doß ſein gegel dem gelo verl kan delt von Sin enuß, und in Spiegel in icht, das bleit leibhaftig du et, Du würde „Niemand von ß nicht, wohn ur ſagen, d alle Menſchen es ſein können, denen und fü ſchließlich in rausholen, un hun, da blit eiſen: Verit un. Und m ach Deinn denn die tiſt n, iſt die und pil 6 cch ale Zeitn Sohn. Nun n vertritt di 3 tragen. 3 Nutur⸗ mn h zur Freihi ich zu nicht ſin ſih in 263 befehlen als überzeugen; ich halte Dich für keine ge⸗ icht ſein, Du ſollſt—“ wöhnliche, Du ſollſt es ni Eberhard hatte im voraus geſagt, daß er ſich nicht unterbrechen laſſe, und nun kam doch etwas, was ihn unterbrach. Ein Bote brachte einen Brief an Irma. Sie er⸗ kannte die Schrift ihrer Freundin Emmy. Sie erbrach den Brief haſtig und las: „Irma! Ich kann nicht zu Dir kommen, ich bin aus der Welt geſchieden. Heute ſind es drei Wochen, daß mein Albrecht durch den Biß eines tollen Hundes ſein Leben aufgeben mußte. Auch mein Leben iſt auf⸗ gegeben für das Diesſeits. Ich füge mich in Demuth dem unerforſchlichen Willen des Höchſten. gelobt, den Schleier zu nehmen; ich bin nun hier und verlaſſe dieſen Ort nicht mehr. Komm, ſobald Du kannſt, zu Deiner Schweſter Euphroſine im Kloſter Frauenwörth.“ Irma gab ihrem Vater den Brief, er las. „Durch den Biß eines ſchenleben vernichtet— Wer will da Irma. „Die Religion kann es befiehlt, wie unſere Vernunft fügen.“ Der Bote wartete. Irma gin zu ſchreiben. Sie verſprach, zu kommen. Eberhard ſaß unterdeſſen allein. Kinde, ſeinem gereiften Kinde ſein Ich habe tollen Hundes zwei Men⸗ s erklären?“ rief ſo wenig wie wir. Sie , ich dem Naturgeſetz zu g, um eine Antwort Er hatte ſeinem Leben aufgeſchloſſen — —— — was wird es nützen? Wie oft hat er es ſelbſt er⸗ kannt: Keine Lehre, keine noch ſo hohe, ändert der Menſchen Sinn. Nur das Leben, Anſchauen, die Er⸗ fahrung der Thatſachen an ſich und Anderen, mur⸗das bekehrt. Das iſt ja das Elend der Dogmatik, daß ſie lehren will, was nur das Leben giebt. Seine Kinder haben ſein Leben nicht mit ihm gelebt, und es nützt nichts, ihnen das nun in allen Einzelheiten zu be⸗ richten, in ſeinen Motiven zu erklären; es bleibt·fremd, es iſt nicht mitgelebt. Es iſt ſchon widerſprechend genug, daß der Vater ſeinem Kinde von ſich erzählen muß. Eberhard geſtand ſich die Folgen ſeines Thuns. Er hatte kein Recht auf Kindestreue, wenigſtens. nicht, wie er ſie heiſchte, denn er hatte ſich für ſich allein aus⸗ gelebt. Als Irma kam und um Erlaubniß fragte, ihre Freundin Emmy im Kloſter aufſuchen zu dürfen, nickte er beiſtimmend. Er hatte ſich gerühmt, daß nichts ihn unterbreche; das konnte er für ſich feſthalten, für Andere nicht. Er hatte dem Kinde ſeinen ganzen Lebensgang dargelegt— wer weiß, ob nicht dieſe ein⸗ zige fremde Thatſache Alles aus ihrem Gedächtniſſe weg⸗ wiſcht. Elftes Capitel. Im offenen Hofwagen fuhr Irma über die Berge und durch die Thäler. Sie lag tief zurückgelehnt in die Kiſſen; die Kammerjungſer und der Diener ſaßen auf dem Hinterſitz. Sie nie zer ſch wi der la Joubet Di Streck mit g hotte iſt je er es ſelbſt he, ändert hauen, die b deren, unr matik, daß ſe Seine Kihde und es nitt lheiten zu be s bleibt frenn, rechend gen, zählen muß. es Thuns Er ens ſt, wie ch allein as⸗ fragte, ihr dürſen, nicte daß nicht ih ſthalten, fir einen ganzen icht dieſe ein⸗ ächtniſe weg⸗ er die Bethe ickgelehnt u diener ſußen 265 Sie war von der plötzlichen Unglücksbotſchaft Emmys wie zerſchlagen in allen Gliedern, jetzt im Wagen erhob ſich wieder das Kraftgefühl in ihr. Reiſen, Wechſel der landſchaftlichen Ausblicke, das übte immer eine Zaubermacht auf ſie. Die Erzählung ihres Strecke Weges mit ihrem N mit großer Theilnahme zugehört, aber was hatte doch nur wenig Eindruck auf ſie gemacht. Das iſt ja Alles nicht ſo ſchwer und wichtig, wie er es nimmt, ſprach es in ihr; es liegt in ſeiner Individua⸗ lität, das zum Lebensſchickſal werden zu laſſen; aber keinem Andern wird es dazu. Es war ſchon genug, daß ſie ſeiner Beſonderheit gerecht wurde; eine beſtimmte Wirkung auf ſie konnte er nicht verlangen. Emmys Schickſal iſt ein entſetzliches, hirnverwüſtendes, das des Vaters nicht; in ſeinem großen Lebensſchmerz war viel Selbſtqual. Der Vater ſprach von Ruhe und hatte ſie nicht. Und ſo fremd ſtand Irma bei allem kindlichen Willen dem Vater gegenüber, daß der Schmerzensaus⸗ druck an ſeinem Munde, den er bei der Erzählung Vaters begleitete ſie eine große achklang. Sie hatte ihm er erzählt, gehabt, ihr jetzt als Aehnlichkeit mit dem Schmerzens⸗ ausdrucke am Munde Laokoons einfiel. Irma ſchüttelte unwillig den Kopf. Welch ein Chaos iſt die Welt! Ein toller Hund zerſtört ein ganzes Leben, und da und dort ſitzen vereinſamte Menſchen und quälen ſich ab, Jeder fühlt Mangel, Beſchränkung, Jeder will etwas und kann es nicht erreichen, und über ewigem 266 Verſuchen, Probiren, Meſſen und Wägen geht das Leben hin. Mitten im Chaos erhebt ſich eine einzige Geſtalt, frei, ſchön und groß, lebensſicher und das Leben wahrhaft beherrſchend... Irma wendete ſich zurück, als wollte ſie ſagen: Du biſt es leider nicht, mein Vater; du ſollteſt, du könnteſt es ſein; er allein, er, der freie Menſch auf der Höhe des Lebens, der König iſt's. Und wie ſie ſein gedachte, ſchwebte ein Lächeln auf ihrem Antlitz; ſie ſchaute frei hinein in den blauen Himmel und wußte nicht mehr, wohin ſie fuhr; ſie fühlte ſich nur wie von weichen Armen fortgetragen über Berg und Thal. Dort fliegt ein Adler hoch über dem Bergesgipfel, für ihn giebt's keine Grenze. Irma ſchaute lange dem Fluge des Adlers in der Höhe zu, ſie ließ halten. Alles ſtand ſtill, die Pferde, der Wagen. Der Diener war abgeſtiegen, um zu fragen, was die Herrin be⸗ gehre; ſie winkte ihm, er möge nur wieder aufſteigen, und ſo hielt ſie ſtill, mitten in der freien Natur, aus⸗ gerüſtet mit aller Bequemlichkeit des reichen Lebens. Sie ſchaute lange dem Fluge des Adlers zu, wie er in den Lüften ſchwamm und ſchwebte, bis er in den Wolken verſchwand. „Wenn's einmal geſtorben ſein muß, ſo möcht' ich ſterben; in den Himmel hineinfliegen und dann nicht mehr ſein,“ ſprach es in ihr. Man fuhr weiter; Irma ſtieg nicht aus, ſie redete auf dem ganzen Wege kein Wort. „Wir ſind am Ziele,“ ſagte gegen Abend der Lakai. d leider nich er allen, Vergesgiyfll ute lange den ließ halten Der Dienet Herrin be der aufſteigen⸗ Natur, als eichen Leben s zu, wie et is er in del ſo möcht ich d dann nicht ſie redle d der Lalai 6 6 — Es ging bergab nach dem See. Der Wagen hielt am Ufer. Mitten auf einer Inſel im See lag das Kloſter. Eben läutete das Abendglöcklein über den See; die Sonne ſtand noch über den Bergen, aber ſie warf bereits faſt wagrechte Strahlen, die im See wie hin⸗ und herſchwimmende Lichter flimmerten; der Spiegel des See's begann ſich hellgolden zu färben. Der Lakai und der Poſtillon zogen beim Abend⸗ läuten den Hut ab und die Kammerjungfer faltete die Hände; auch Irma legte die Hände ineinander, aber ſie betete nicht, ſie dachte in ſich hinein:„Dies Läuten iſt ſchön und anmuthig, wenn man's draußen hört und dann wieder heimkehrt in die frohe weite Welt; wem aber dies Glöcklein im Kloſter ſelbſt läutet, dem läutet es jeden Tag als einen Todestag zu Grabe, denn dies Leben iſt nichts als tägliches Sterben.“ Irma brachte eine fremde Stimmung zur Freundin in das Kloſter; ſie wollte ſich zwingen, eine entſpre⸗ chende in ſich zu erwecken. Während der Kahn gerüſtet wurde, hörte ſie den Lakai mit einem ſchnell hinzugekommenen andern, deſſen Geſicht ſie vom Hofe her kannte, ſprechen. Sie hörte den Hofbedienten ſagen: „Der gnädige Herr ſind ſchon ſeit mehreren Tagen hier und warten auf etwas, ich weiß nicht auf was.“ Irma hätte gern gefragt, mit wem der Hofbediente gekommen, aber ſie konnte das Wort nicht hervorbrin⸗ gen, ein plötzlicher Schreck durchbebte ſie. Sie ſtieg mit der Kammerjungfer in den Kahn. Ein alter Schiffer mit ſeiner Tochter ruderte das 268 ſteuerloſe Fahrzeug. Der See war tief und dunkel. Die Sonne war bereits im Niederſinken und die Schatten der Berge gegen Abend lagen auf den Ufer⸗ bergen jenſeits ſcharf abgebildet; auf den Firnen lag friſchgefallener Schnee und die weißen Häupter ſetzten ſich ſcharf ab von den bewaldeten Vorbergen und dem klarblauen Himmel. Hier unten war's ſo ſtill und dämmerig als ſchiffte man in die Schattenwelt hinein. „Iſt das Eure Tochter?“ fragte Irma den alten Schiffer. Er nickte froh, da ſie den Landesdialekt ſo gut ſprach; ſie war in Uebung geblieben durch Walpurga. „Ja,“ erwiderte der Schiffer,„und ſie möchte gern zu einer guten Herrſchaft in Dienſt; ſie kann auch gut nähen und—“ „Bleib Du bei Deinem Vater, das iſt das Beſte,“ ſagte Irma zu dem Mädchen. Man fuhr wieder ſtill dahin. „Wie tief iſt hier der See?“ fragte Irma. „Gewiß ſechzig Klafter tief.“ Irma ſtreichelte die Wellen, es freute ſie, daß die Menſchen ſo leicht und kühn ſtündlich über den drohen⸗ den Tod wegfahren; ſie beugte ſich etwas über Bord und der Schiffer rief: „Fräulein, gieb Acht.“ „Ich kann ſchwimmen,“ entgegnete Irma und wühlte in den Wellen. „Ja ſchwimmen,“ lachte der Alte,„die meiſten Menſchen können's bis es darauf ankömmt, dann iſt's auf den Ue en Fitnen l Häupter ſeztn und war?s ſo ſil ezun tnul ma den alten dilekt ſo gu ch Walpurh möchte gen kann auch gl iſt das s Beſte, Irma. ſie, daß de er den drhe über Bord na und wihli die meiſten tt, dann iſt 269 vorbei, und wenn ſie Kleider an ſich hängen haben, dann können's gar Wenige.“ „Da haſt Du Recht, der bunte Trödel zieht uns pinch.⸗ Der Alte verſtand Irma nicht und ſchwieg; ſie war voll Unruhe und fragte wieder:„Sind ſchon oft Menſchen auf dem See verunglückt?“ „Selten, aber da, wo wir eben fahren, da drun⸗ ten liegt ein junger Menſch von einundzwanzig Jahren.“ „Wie iſt er verunglückt?“ „Sie ſagen, er habe einen Rauſch gehabt; ich glaub' aber, er hat einen Schatz da drüben im Kloſter. Es iſt nur gut, daß ſie nichts davon erfährt.“ Irma ſchaute in die Wellen, während der Alte fortfuhr: „Und drüben am Felſen hat vor fünf Jahren ein Stm einen Holzknecht gerade von der Wand her⸗ unter in den See geſchlagen, und da oben bei der Klauſe iſt eine fünfzehnjährige Sennerin unverſehens in die Fluth gekommen beim Holzſturz, und das Holz hat ihr alle Kleider vom Leibe geriſſen gehabt, wie die Leiche unten am See angekommen iſt. „Erzählt nicht ſo Schreckliches!“ bat die Kammer— jungfer den Alten. Irma ſchaute an fragte: „Kann man da hinaufſteigen?“ „Ja wol, beſchwerlich; aber überall, ſind, können auch Menſchen hinſteigen.“ Irma ſah in den See, ſah in die Berge. Man den ſchroffen Bergen hinan und wo Bäume kann ſich verlieren in der Welt, wie wär's, wenn man ſich verlöre? ſprach es in ihr. Sie ſtellte ſich aufrecht im Kahn. Der Alte rief: „Setz' Dich! Es iſt gefährlich, wenn Du ſchwankſt.“ „Ich ſchwanke nicht,“ ſagte Irma, und ſie ſtand in der That feſt auf dem ſchwankenden Kahn. Dem Alten ward dies Weſen unheimlich und er fragte: „Mit Verlaub, das ſchöne Fräulein will doch nicht auch ins Kloſter?“ „Warum? Warum fragt Ihr? „Weil's mich dauern möcht.“ „Warum dauern? Leben die Nonnen nicht ſchön und friedlich?“ „Freilich wohl, aber das iſt ein Leben, in dem nichts vorgeht.“ Wie angerufen ſetzte ſich Irma nieder und ſtand wieder auf, daß der Kahn ſchwankte. Ein Leben, in dem nichts vorgeht— das iſt das Wort, ihr wie aus dem innerſten Herzen genommen. Ihre volle Jugendkraft ſträubte ſich gegen dies Weg⸗ werfen des Daſeins. Ob man's wie der Vater, mit einſamem Denken, oder, wie die Nonnen, mit gemein⸗ ſamen Andachten überwindet: es iſt ein Leben, in dem nichts vorgeht. Iſt man nicht hier auf die weite Erde geſetzt, um Alles ſein zu nennen? Komm' Freude, komm' Schmerz, komm' Jubel, komm' Trauer— ich will kein Leben, in dem nichts vorgeht. Mit dieſen Worten im Gemüthe ſprang ſie ans Land, hörte ſie den Schiffer den Kahn an die Kette legen und ging dann die alte Lindenallee nach dem Kloſter. Sie Nonner ging a icht; die Sch ſi ſic Dunke . Pfört ſprech Schw richt Iem = 2 — — ärs, wenm Der Alte ui Du ſchwanh und ſie ſtundi nen nicht ſch Leben, in N Kloſtet W Sie fragte nach der Schweſter Euphroſine. Alle Nonnen waren in der Kirche zur Abendmette. Irma ging auch in die Kirche. Hier brannte nur das ewige Licht; der Gottesdienſt war beendet, aber noch lagen die Schweſtern alle knieend am Boden; endlich richteten ſie ſich auf, geſpenſtiſche Geſtalten aus chaotiſchem Dunkel. Irma ging in das Sprechzimmer zurück, aber die Pförtnerin ſagte ihr, daß ſie Emmy heute nicht mehr ſprechen könne, es ſei nicht geſtattet, daß eine der Schweſtern nach dem Abendgottesdienſt noch eine Nach⸗ richt vernehme und mit irgend Jemand ein Wort rede. Irma erhielt indeß Herberge im Kloſter. Es war eine milde Septembernacht, Irma ſaß noch lange tief in ihren Plaid gehüllt, draußen an der Fähre. Sie wußte nicht mehr, was ſie dachte, ſo ins Schrankenloſe hinein ſchweifte ihre Seele; nur manchmal klang es ihr wie aus den Lüften:„Ein Leben, in dem nichts vorgeht.“ Der Morgen kam. Nach der Frühmette war es Irma geſtattet, ihre Freundin zu beſuchen. Sie erſchrak, als ſie Emmy ſah, und es war doch noch das ſchöne milde Antlitz, nur grauſam entſtellt durch die eng⸗ anliegende Kapuze, die das Haar ganz verdeckte und das Antlitz wie gewaltſam herauspreßte. Nach den erſten Ausbrüchen des Schmerzes und Mitgefühls, nach dem näheren Bericht von dem grau⸗ ſamen Geſchick Emmys ſagte dieſe endlich, da Irma ſie immer wieder aufs Neue ans Herz drückte: Deine Umarmungen ſind ſo ſtürmiſch! Ich weiß, Du wirſt nie Demuth lernen, Du kannſt das nicht, Du biſt von anderer Art; aber Gleichmuth ſollteſt Du lernen. Du, Irma, könnteſt nie ins Kloſter gehen und Du ſollſt nicht, Du würdeſt Dich hinausſehnen in die Welt. Du mußt die Gattin eines braven Mannes werden. Glaube aber nie, daß Dein Ideal ſich ver⸗ wirklicht. Unſer Daſein iſt Stückwerk und voll Elend, es ſoll kein ſchönes und volles werden hienieden. Aber, Irma, hüte Dich, an einer Schranke zu rütteln oder gar ſie zu überſchreiten! Weiche zurück, da Du noch dieſſeits ſtehſt.“ Emmy nannte den Namen des Königs nicht. Die Freundinnen ſaßen lange ſtill. Irma war's, als müßte ſie erſticken in dieſer Um⸗ gebung. Emmy ſprach von dem, was erſt ſeit Wochen ge⸗ ſchehen, als wären ſchon Jahrzehnte darüber hingefloſſen; ſie erklärte der Freundin, welch eine Kraft in an— dauernden Andachten liege, wie ſie die Stunden aus⸗ ſpannen und zu Jahren werden voll beſeligender Welt⸗. überwindung. Sie pries das Glück, daß es ſchon auf Erden mög⸗ lich ſei, den eigenen Namen und alle Erinnerung ab— zuthun und ein Daſein zu gewinnen, das ohne einen jähen Schritt gleichmäßig hinüberleite in die ewige Seligkeit. Nur klagte Emmy der Freundin, welch eine Tyrannei es ſei, daß ihr nicht geſtattet ſein ſolle, Profeß zu thun; ſie dürfe nur als dienende Schweſter ohne Gelübde ſich hier aufhalten. „Das iſt ja das Rechte, daß Du es nicht ſollſt,“ rif J er iſt ſpektir verlob oder! würdi Du je et es echalt kann licher auch Lobe Dei Vo able mo 5 ſp ve muth ſoltet ns Floſter g ch hinausſh nin dieſer U iber hingefloſſ Kroft in o ſeligendet Wi an Erden Frinnerun)“ dus ohne t no in d in ſil eſtattet ſe 6 nde Schwe nelch eie din, wel 273 rief Irma.„Ich vermuthe, Bronnen liebt Dich, aber er iſt ein Mann, der die gegebenen Thatſachen re⸗ ſpektirt; ſeine ſittliche Strenge duldet nicht, einer verlobten Braut ein wärmeres Gefühl zu widmen oder nur in ſich aufkommen zu laſſen. Er iſt Deiner würdig. Ich bin weit entfernt, Dir zu ſagen, daß Du jetzt, ſofort— wie könnteſt Du das? wie würde er es wagen? Aber Du ſollteſt Dir das Leben offen erhalten und nach einem Jahr oder ſpäter, ſo lange kannſt Du ja im Kloſter bleiben, mit dem im eigent⸗ lichen Sinn des Wortes rechtſchaffenen Mann, wenn auch kein ſchwärmeriſches doch ein ſchönes und gutes Leben führen. Ich will Dir jetzt nur ſagen: Du ſollſt Deine zukünftige Stimmung, Dein ſpäteres Thun und Vollen nicht enterben! Kein Menſch ſoll ein Gelübde ablegen, das ihn auf lebenslang bindet, und ihn morgen mundtodt, zum Sklaven, zum Lügner, zum Heuchler und Betrüger vor ſich ſelbſt macht!“ „Irma!“ rief Emmy,„was redeſt Du für böſe Worte! Iſt das die Hofſprache? O verzeih, daß ich ſo ſpreche; es iſt die alte Emmy, die das that, nicht ich; verzeih, ich bitte Dich, verzeih mir!“ Sie warf ſich vor Irma auf die Kniee. „Steh doch auf,“ bat Irma,„ich habe Dir nichts zu verzeihen; ich will ruhiger ſprechen. Sieh, liebe Emmy, es iſt ein Glück für Dich, daß Du kein Ge⸗ lübde ablegen darfſt. Ein furchtbarer Schlag hat Dich getroffen, Du liegſt am Boden; aber wenn Du frei bleibſt, der dumpfe Druck ſich löſt und Du Dich in der Stille ausheilſt, dann ſollſt Du ins Leben zurückkehren Auerbach, Auf der Höhe. l. 18 —————.———— —————————— können, wenn es Dich ruft; eine Zufluchtsſtätte, keinen Kerker ſollſt Du hier haben.“ „Ja,“ lächelte Emmy,„Du mußt ſo denken, Du; aber ich— ich will die Welt nicht mehr ſehen, aus der mein Leben geſchwunden. Du kannſt nicht ver⸗ ſtehen, was das heißt: auf Erden nur Braut ſein und erſt im Himmel die ewige Hochzeit feiern. Ich habe Gott gebeten, mir mein eigenes Herz zu nehmen, jedes Gelüſte für mich— er hat mich erhört. Es iſt Tyrannei, wenn Menſchen den Anderen ihre Sinnesweiſe aufdrängen wol⸗ len; ich weiß, das willſt Du nicht. Denkſt Du noch, Irma, als wir zum Erſtenmal die Geſchichte des Odyſſeus laſen, wie er ſich an den Maſt binden ließ, um den Geſang der Sirenen zu hören und ihm doch nicht folgen zu können— weißt Du noch, was Du damals ſagteſt?“ „Ich weiß es nicht mehr.“ „Der vielgeprieſene Odyſſeus,“ ſagteſt Du,„iſt ein Schwächling und kein Held. Ein Held muß ſich nicht äußerlich binden laſſen, er muß durch innere Kraft Allem widerſtehen.“ Damals ſchon fühlte ich, wie ge⸗ waltig Du biſt. Und Odyſſeus war ein Heide, und hatte kein ewiges Geſetz. Ich freue'mich des ewigen Geſetzes. Ich klammere mich an dieſen Fels; ich will die Feſſel, die göttliche, die ewige Feſſel; ſie ſoll mich halten, wenn ich ſinke, ich will nicht mehr in die Velt zurückkehren können. Ich will mich binden. Und darf es Menſchen geben, die ſich die Fein nennen, und andern Menſchen verbieten, ihren Weg der Vollendung, des wahren, ewigen Lebens zu wandeln? Iſt das nicht tyranniſch, traurig und gottlos?“ chtsſtätte, kine ſo denken, D mehr ſehen, u kannſt nicht Braut ſein un . Ich habe hi Tyrannei, wen aufdrängen t Du noch, Im Odyſeus ii nden Geſanhd gen zu könn- 17 eſt“ ein Heide 2 pfhiel mich des ei „Ja, das iſt's. Aber wer verbietet Dir's denn?“ „Das Staatsgeſetz. Es befiehlt, daß das Kloſter aus⸗ ſterbe, es darf keine junge Nonnen mehr aufnehmen.“ „Das befiehlt das Staatsgeſetz?“ FI“ „Das darf der König nicht dulden.“ Irma rief das ſo laut, daß es von der Wölbung der Zelle widerhallte. Emmy ſah mit geſpanntem Blick in das Antlitz Irmas. Wenn Irma das bewirken könnte! Die beiden Jungfrauen hatten nicht Zeit, ein Wort hierüber zu wechſeln. Sie wurden zur Aebtiſſin ge⸗ rufen. Als hätte die Aebtiſſin die letzten Worte Irmas gehört, fing ſie ſofort in mildem Tone, aber mit ſcharfer Entſchiedenheit zu ſprechen an, ſie beklage die Tyrannei der Freigeiſter— ſie verdamme die Urheber nicht, ſie bete für ſie aber es ſei doch himmelſchreiend, daß uralte heilige Inſtitute vernichtet und auf den Ausſterbe⸗ etat geſetzt werden ſollten. Irmas Antlitz flammte. Sie ſagte wieder, daß das Geſetz aufgehoben werden müſſe; ſie wolle ihren Ein⸗ fluß verwenden, daß es geſchehe. Sie erbot ſich, ſofort an den König zu ſchreiben; die Aebtiſſin nahm es will⸗ fährig an, und Irma ſchrieb: Majeſtät! Ich ſchreibe Ihnen aus dem Kloſter. Ich bin aber keine Nonne. Ich glaube, ich habe kein Talent dazu. Aber was ſind das für Staatsgeſetze, die einer Jung⸗ frau verwehren, das ewige Gelübde abzulegen? Iſt das 276 Freiheit? Iſt das Gerechtigkeit? Oder was iſt es denn? Entſchuldigen Majeſtät meine Aufregung! Ich ſchreibe mit Kloſtertinte auf Kloſterpapier und es iſt nicht zum Erſtenmal, daß mit ſolcher Tinte und auf ſolches Papier für die Freiheit geſchrieben wird, für die echte, große. Iſt es möglich? Dürfen die Einen den Anderen verbieten, ihr Leben in gemeinſamer Einſamkeit zu verbringen? Die Quackſalber aller Art können kein Leben, kein poſitives Glück ſchaffen, aber dürfen ſie wehren, daß ſich das Unglück heile? Der große Sinn Eurer Majeſtät darf ſolche Bar⸗ barei nicht dulden. Es iſt Barbarei, wenn auch mit Culturſchminke übertüncht. Majeſtät, ich ſehe, daß ich noch immer nicht deut⸗ lich ſpreche. Ich will mich zwingen, daß ich's thue. Ich bin hier im Kloſter. Meige Freundin Emmy, meine einzige geliebte Freun⸗ din— glaube, ich habe Euer Majeſtät von ihr ge⸗ ſprochen— will den Schleier nehmen. Sie hat in ihrer Weiſe Recht. Die Hunde werden ja doch toll, wenn man auch Hundeſteuer für ſie zahlt. Ein toller Hund hat ihren Bräutigam getödtet, und ſie will dem Leben entſagen. Wer darf das verhindern? Und doch ſoll dieſes Kloſter, wie das Staatsgeſetz befiehlt, ausſterben, keine neuen Nonnen mehr aufnehmen. Majeſtät! Das dürfen Sie nicht dulden! Sie haben den großen hiſtoriſchen Blick, Ihr Leben iſt Nationalgeſchichte. Sie müſſen die Tagdiener lehren, größe niſſe kann ſühle was iſt es dm 9! ſchni es iſt nicht un und auf ſolho rd, für die eh len den Anden r Einſamkeit kein Leben, iü ſie wehren, N darf ſolche „wenn auch M immer nicht M daß ichs t ige geliebte Frln jeſtät von in Sie hat in r doch toll, vn Ein wller Hun pill den A Und doh ſ iehlt, ausſterl t dud * rel, Tugdienet i größer zu ſein. Sie müſſen das Geſetz aufheben. Sie müſſen! Verzeihen Euer Majeſtät dieſe Sprache, aber ich kann nicht anders. Ich fühle mich als Ihr Anwalt. Ich fühle Ihren hohen Sinn beleidigt durch dieſe Kleinlichkeit. Ich hoffe, Euer Majeſtät bald wieder zu ſehen, und grüße Ehrerbietigſt Irma von Wildenort. Irma ſchloß den Brief und legte ungeſehen den vierblättrigen Klee, den ſie noch bei ſich trug, in den Brief. Mit einem ſtolzen Gefühl fuhr Irma im Kahne zurück nach dem jenſeitigen ufer. Sie glaubte, eine ſchöne höhere Freiheitsthat vollbracht und wenn auch noch nicht vollbracht, doch angeregt zu haben, und ſie muß zu Ende geführt werden. Der alte Fährmann war glücklich, als er ſie ſah. Er ſprach nichts, er griff nur tapfer die Ruder an; er lächelte vor ſich hin, als hätte er das Glück, eine junge Seele aus dem Schattenreich zu entführen. In der Ferne fuhr ein Kahn, ein Mann ſtand darin in grünem Jagdkleide; er ſchwang den Hut und winkte. Die Kammerjungfer machte Irma, die in ſich ver⸗ ſunken in den See ſchaute, aufmerkſam. Irma erſchrak. Iſt das nicht der König? Der Jäger, der ſich noch nicht bemerkt glaubte, ſchoß ſeine Flinte ab; der Schuß tönte in vielfältigem 278 Echo von den Bergen zurück. Jetzt ſchwang der Jäger wiederum den Hut. In zitternder Hand hielt Irma das weiße Tuch und winkte zum Zeichen, daß ſie ihn geſehen. Der Kahn mit dem Jäger kam näher. Ein ſchnell wechſelnder Ausdruck von Freude und Enttäuſchung flog über das Antlitz Irmas. Fs war nicht der König. Der Baron Schöning grüßte ſie. Er ſprang zu ihr in den Kahn, küßte ihre zitternde Hand und ſagte, wie er ſich freue, ſie hier zu treffen. Man ſtieg ans Land. Der Baron bot Irma den Arm und ſie gingen miteinander dem Ufer entlang; die Kammerjungfer ging voraus. In der Ferne ſah Irma den Lakai ſtehen, der geſtern mit dem ihrigen geſprochen. Hatte der Diener nicht geſagt, daß ſein Herr ſchon lange auf etwas warte? Hatte nicht Baron Schöning ihr ſchon früher offenbar Aufmerkſamkeit er⸗ wieſen? Es klärte ſich bald auf; der Baron begann: „Hier ſind wir allein, nur im Angeſicht der Berge, des See's und des Himmels. Theure Gräfin, darf ich ein Wort ſprechen, das ich Ihnen ſchon lange aus treueſter Seele zu ſagen habe?“ Sie nickte ſtill. „Nun denn, ſo laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß Sie am Hofe nicht an der rechten Stelle ſind.“ „Ich bin auch noch nicht entſchieden, ob ich wieder dahin zurückkehre. Aber warum glauben Sie mich dort an der unrechten Stelle?“ „Weil etwas in Ihnen iſt, das Sie nie am Hofe heimi ſage, hwang der Jin Hand hielt Imn hen, daß ſie i iher. Ein ſch Enttäuſchung ſl Baron Schbri ißte ihre zittem e hier zu tufn n bot Irma d m Ufer entnh n der Fern ſi nit den ihnp geſagt, daß ſin atte nicht bun ufnerkſamtt Baron began“ geſicht der Belhl rüfin, dufi ſchon lange al zbnen ſagll, ob ich wedt Sie mich* hen S t gie nie m heimiſch werden läßt. Es wundert Sie, daß ich das ſage, ich, der Luſtigmacher des Hofes, der Salontiroler? Ich weiß, daß ich den Titel habe. Und doch, Gräfin, man glaubt dort mit mir zu ſpielen und ich ſpiele mit ihnen. Sie, Gräfin, werden nie am Hofe heimiſch. Sie nehmen die Bräuche und das ganze Leben nicht als feſtſtehend und gegeben, Sie überſetzen ſich's in Ihre Eigenthümlichkeit. Ihr Gemüth iſt nicht zu uniformi⸗ ren, Ihre Seele ſpricht im tieſſten Innern einen Dia⸗ lekt, den Dialekt Ihrer ſeeliſchen Heimath, und wenn etwas davon in der Livreewelt kund wird, findet man es— ich weiß das ja am beſten— überaus originell, aber fremd, ſehr fremd ſind und bleiben Sie ſich und den Uebrigen dort ewig.“ „Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ſo in meiner Seele forſchen. Aber ich danke Ihnen.“ „Ich forſche nicht in Ihrer Seele, ich lebe in ihr. O Gräfin, o Du kindliches und weltumfaſſendes Hers, zittere nicht, laß mich— laſſen Sie mich dieſe Hand fcſſen und Ihnen ſagen: Auch ich bin ein Fremdling dort und bin entſchloſſen, mich zurückzuziehen, und da drüben auf meinem beſcheidenen väterlichen Beſitzthum mein Leben für mich zu leben. Irma, willſt Du mich millionenfach himmliſch leben laſſen? Willſt Du mein Weib ſein?“ Irma konnte lange nicht zu Worte kommen, end⸗ lich ſagte ſie: „Mein Freund, ja, mein Freund. Da drüben auf der Inſel lebt mir eine Freundin und iſt für ſich und für mich todt; das Schickſal meint es gut und giebt mir — ————————— 280 einen Freund dafür. Mein Freund, ich danke Ihnen, — aber... ich bin verwirrt im Augenblick, vielleicht tiefer.. Sehen Sie, lieber Baron, ſehen Sie dort oben auf halber Höhe des Berges die kleine Hütte? Dort könnte ich leben, meinen Kohl begießen, meine Ziege melken, Hanf pflanzen und meine Kleider ſpinnen, und könnte glücklich ſein, nichts wollend, von der Welt vergeſſen, und die Welt vergeſſend.“ „Sie ſcherzen, liebe Gréfin. Sie phantaſiren ſich eine Idylle. Das ſchillert eine Weile und verblaßt dann.“ „Ich ſcherze nicht. Einſam, für mein täglich Brod arbeitend, könnte ich leben; aber auf einem Schloſſe als Herrin, mit all den Siebenſachen, mit all dem Trödel der Bildungswelt— da nicht! Sich ankleiden, blos um ſich ſelbſt im Spiegel zu ſehen, das will ich nicht. Da droben in der Hütte wollte ich ohne Spiegel leben, ich brauche mich nicht zu ſehen, und Niemand braucht es. Soll ich aber in der Welt leben, muß ich ganz in der Welt leben, im herrſchenden Mittelpunkt, in der großen Stadt, auf Reiſen; ich muß Alles haben oder Alles entbehren, nur das Eine oder das Andere kann mich glücklich machen, kein Mittelding, keine Halbheit!“ Irma ſprach ſo entſchieden, daß der Baron ſah, wie ernſt es ihr war; das war mehr als Laune und Spiel. „Entweder,“ fuhr ſie fort,„ich unterwerfe mich der Welt, oder ich unterwerfe ſie mir, indem ich ſie ver⸗ achte. Entweder ich frage nichts darnach, wie die Men⸗ ſchen mich anſehen, oder ich will gar keinem Blicke begegnen, auch meinem eigenen nicht.“ D V ten. n gekom Stan doß( Sio Q —— ich danke hrn genblick, viellit ſehen Sie du e kleine Hütte hegießen, mein e Kleider ſpinno nd, von det Wl phantaſiren ſch ile und verblt nein täglich Brd inem Schloſe as t all den Ttitl kleiden, blos u ill ich nicht D piegel leben, i nund braucht ich gonz in du kt, in der gohe aben odet Alt lndere kann nih ne Halbheit“ garon ſih, vi Laune und Syil terwerſe nich d nden ich ſi be h, wie die M keinem bl Der Baron war ſtill, er ſuchte offenbar nach Wor⸗ ten. Endlich ſagte er: „Ich wäre gern in das Haus Ihres Herrn Vaters gekommen, aber ich weiß, er liebt Menſchen meines Standes nicht. Ich wartete hier auf Sie, ich wußte, daß Sie zu Ihrer Freundin kommen würden; ſagen Sie mir nur noch: Wollen Sie wieder an den Hof zurückkehren?“ „Ja,“ ſagte Irma, und in dieſem Augenblicke ſtand zum Erſtenmal ihr Entſchluß feſt.„Ich wäre undank⸗ bar, wenn ich es nicht thäte. Ich wäre undankbar gegen die Königin und gegen— den König und die Freunde alle. O, mein Freund, ich bin noch nicht reif dazu, ein Leben zu führen, in dem nichts vorgeht. Ich fühle es!“ Die Beiden langten bei einer Bank am erhöhten Ufer an. „Wollen Sie ſich nicht zu mir ſetzen?“ fragte Irma den Baron. Sie ſetzten ſich. „Wann ſind Sie aus der Reſidenz abgereiſt?“ „Vor fünf Tagen.“ „Und iſt Alles noch im alten Stande?“ „Leider nicht Alles. Der Leibarzt hat einen harten Verluſt erlitten, ſein Schwiegerſohn, der Univerſitäts⸗ Profeſſor Korn, iſt plötzlich an Leichengift geſtorben.“ „An Leichengift?“ nahm Irma auf,„wir ſterben Alle an Leichengift, nur nicht ſo plötzlich. Die da drüben auf der Inſel und wir— Alle, Alle.“ „Sie ſind ſehr bitter.“ Durchaus nicht. Mir geht nur das Seltſamſte durch den Kopf. kennen gelernt.“ „Das Geſetz der Entſagung?“ „O nein, die Berechtigung der Mode.“ „Sie ſpotten.“ „Keineswegs. Sehen Sie, die Mode iſt das Doeu⸗ ment der menſchlichen Freiheit, das Modejournal der höchſte Vorzug des Menſchen.“ „Das iſt barok.“ „Durchaus nicht, ſondern ſimple Wahrheit. Sehen Sie, der Menſch iſt ein um ſo höherer Culturmenſch, je öfter er die Kleider wechſelt in Stoff, Schnitt und Farbe. Nur die Menſchen kleiden ſich immer neu, immer anders. Der Baum behält ſeine Rinde, das Thier ſeine Haut, und die Volkstracht wie die geiſtliche Tracht, weil ſie ſtereotyp ſind, ſind untermenſchlich, ſind eine Bornirtheit.“ Der Baron ſah mit einem ſeltſamen Blicke auf Irma. Er war innerlich froh, daß ſie ihm offenherzig einen Korb gegeben; das wäre doch ein Weſen, dem Ich habe da drüben ein großes Geſetz er nicht genügen könnte, eine unſäglich anſtrengende Frau, die eine ewige Feuerwerkerei des Geiſtes heiſcht. Und ſie gefällt ſich in ihrer Bizarderie. Plötzlich ſah er alle Schattenſeiten Irmas, während er noch vor einer Stunde nicht nur ihre Lichtſeiten allein, ſondern lauter Licht in ihr geſehen hatte. Wie iſt es nur möglich, nach dem Beſuch einer Freundin, die den Schleier nehmen will, und nach einem Heirathsantrag gleich darauf in ſolche Bizarrerien zu verfallen? Baron Schöning erzählte noch, daß er Walpurga und den Prinzen habe photographiren laſſen. ve de ein großes Gſt ppp“ Abbk. ode iſt das Dol ultutnenſch, Schnit und ut eu, immer ande er ſeine Haut, weil ſie ſterh Bornirtheit“ ſamen Blice u ſie ihn offenhen ein Weſen, dy iglich unſtrenge des Geiſte heiſt Plölich ſche er noch vor iu ondern lal“ 3 nur nihlt. Schle die den Si tathõantreh „Ach, Walpurga“— ſagte Irma, es ging ihr etwas durch den Kopf. Der Baron verabſchiedete ſich ſehr freundlich und fuhr über den See zurück. Irma ſchlug den Weg heimwärts ein. Sie fragte nach dem Wege über das Gebirge zum jenſeitigen See; ſie wollte die Angehörigen der Walpurga beſuchen. Man ſagte ihr, daß eine Kutſche da nicht fortkäme, man könne dahin nur zu Pferde gelangen. Irma fuhr geraden Weges zurück zu ihrem Vater. Zwölftes Capitel. „Mir fehlt was, mir iſt's immer, als ob mich Jemand rufe und ich mich umſehen müßte. Die Gräfin denkt gewiß viel an uns. Ach, das iſt doch das beſte Herz von der Welt.“ So klagte Walpurga noch viele Tage, nachdem Irma abgereiſt war, während man im Schloſſe kaum mehr an ſie dachte. Iſt ein Menſch fort, geſtorben oder verreiſt, alsbald rückt ein Anderer an ſeine Stelle, hier giebt es keine Lücken und keine Sehnſucht. Man lebt ja immer Weltgeſchichte und die Weltgeſchichte ſteht nicht ſtill. Mamſell Kramer ſetzte jetzt den Schreibunterricht bei Walpurga fort, und dieſe verſtand ſie nicht, als ſie ſagte: „Die vornehmen Herrſchaften fangen gern allerlei Dinge an, aber fertig machen müſſen wir's. Ich habe —————— ſchon manche Stickerei vollendet, an der die Hand, die dafür geküßt wurde, kaum ein paar Stiche gemacht. Das iſt aber ſo in der Ordnung.“ Bei Mamſell Kramer war Alles in Ordnung, was die Vornehmen thaten, und dabei hatte ſie die Ge⸗ wohnheit, vor Untergebenen nicht deshalb zu ſprechen, damit ſie von ihnen verſtanden werde, ſondern nur, damit ſie es geſagt habe. Das Kind gedieh. Tag auf Tag verging in ſtiller Regelmäßigkeit und nun erhielt Walpurga den höchſten Erſatz für Gräfin Irma: Es war der Königin geſtattet, die Amme und das Kind täglich mehrere Stunden um ſich zu haben. Während Irma draußen in der Welt, wo ſie Ruhe und Friede ſuchte, immer mehr das Chaos fand, war der Königin hier alles Daſein wie durchleuchtet. Sie hatte die Wirrniſſe des Lebens auch neu und ſchwer kennen gelernt, jetzt war ſie wieder vollauf eins und geſund. Sie betrachtete das Kind, und wenn ſie ſprach, faltete Walpurga oft die Hände und hörte ſtill zu; ſie verſtand nicht Alles, aber ſie fühlte, was ſich hier be⸗ wegte. Die Königin tröſtete den Leibarzt über ſein Familienleid und ſtellte den Troſt vor, den die Mutter in einem Kinde habe; wenn die Welt auch noch ſo ſehr voll Widerſprüche und Räthſel ſei, in jedem Kinde ſei von Neuem die Möglichkeit der reinen Menſchheit, der höchſten Erlöſung gegeben. Die Königin ſchaute dabei nach dem Kinde um, das laut lallend in der Wiege lag, und Walpurga ſagte mit leiſer Stimme: mal. / ſehen vurg der die Hand, r Stiche gench in Ordnung, w hatte ſie die Shalb zu ſprech rde, ſondern m verging in ſil urga den höcht Königin geſtte hrere Stunden gelt, wo ſi h Chaos fund, U urchleuchtet 5i neu und ſth vollauf eins un venn ſie ſput örte ſtil ju⸗ ſ vos ſih hir& eibarzt über ſil r, den di Mul auch noch ſo ſh de —* jeden hin it, d Nonſchhei,“ den Fide alouh „und Vahi 285 Schauen Sie, unſer Kind lacht! Heut' zum Erſten⸗ mal. Es iſt ja heut' ſieben Wochen alt.“ „Und ich habe das erſte Lächeln des Kindes ge⸗ ſehen, und ſein Vater iſt nicht da.“ „Machen Sie kein ſo ernſtes Geſicht,“ bat Wal⸗ purga,„lachen Sie weiter, dann lacht es auch weiter und alle Ihre guten Blicke bleiben ihm im Geſichte ſtecken.“ Das Kind lächelte fort und fort, bis der Arzt die beiden Frauen bat, es nun nicht weiter aufzuregen; aber Walpurga habe Recht, wenn man einen Säug⸗ ling oft recht freundlich anſehe, präge man ihm eine freundliche Miene ein. Fortan ſah das Kind keinen trüben Blick ſeiner Mutter mehr. Walpurga konnte geläufig und fortgeſetzt nur von Perſonen ſprechen. Auch hier war daher Gräfin Irma mehrfach Gegenſtand der Unterhaltung. Das war indeß auch bald erſchöpft, und wenn dann die Königin ſagte: „Warum ſprichſt Du nichts? Ich höre, Du könnteſt doch ſo gut zu dem Kinde ſprechen und allerlei Ueber⸗ muth mit ihm treiben“— da blieb Walpurga beharr⸗ lich ſtill. Die Königin ließ ſich die ganze Lebensgeſchichte der Walpurga erzählen. Sie mußte viel fragen, denn Walpurga konnte nicht in Einem Zuge fort erzählen, ſie hatte ſich noch nie ihr Leben vergegenwärtigt; das war eben ſo fortgegangen, man braucht ſich nicht darüber zu beſinnen; und ſie war noch ängſtlich dazu, es war ihr, als ſtände ſie vor Gericht. Und haſt Du ihn recht lieb?“ „Freilich, er iſt ja mein Mann! Und in dem iſt kein böſer Blutstropfen. Ein wenig unbeholfen, ich meine ungeſchickt iſt er, aber nur vor den Leuten er iſt nicht viel unter Menſchen gekommen; er iſt in einem einſchichtigen Hauſe aufgewachſen und hat bis in ſein zweiundzwanzigſtes Jahr nichts vor ſich geſehen, als eben Bäume, die man umhackt; aber ihm iſt keine Arbeit zu ſchwer, und wo man ihn hinſtellt, macht er ſeine Sache recht. Und er iſt gar nicht ſo dumm, im Gegentheil; aber vöt der Welt giebt er's nicht her, mit mir allein kann er Alles ganz ordentlich auslegen, und das iſt ihm genug, daß ich weiß, daß er ein rechter Mann iſt. Mein Hanſei braucht lang, bis er ſich beſonnen hat, dann hat er ſich aber auch richtig beſonnen. Sehen Sie, Frau Königin, ich hätt' einen viel gewitzigtern haben können. Mein Geſpiel hat einen Jäger, und der Kamerad von dem iſt mir lang nach⸗ gelaufen, aber ich hab' nichts von ihm gewollt, iſt ein Menſch, der doch nur in ſich verliebt iſt. Er iſt einmal mit mir über den See gefahren, und da hat er ſich immerfort im Waſſer beguckt, wie er aus⸗ ſieht, und hat ſich ſeinen Schnurrbart gezwirbelt und Mäulchen gemacht, und da hab' ich mir gedacht, wenn du goldene Kleider anhätteſt, dich nähm' ich doch nicht. Jetzt wie mein Vater auf dem See verunglückt iſt, da iſt der Hanſei da und ſchafft Alles im Haus und fährt mit dem Kahn über den See und bringt Fiſche, und ich und meine Mutter wir haben ſie verkauft, und dann „Wie biſt Du denn zu Deinem Manne gekommen! das 4 Monne gelonnn Und in den g unbeholfen, i vor den Lut hſen und ht vor ſich geſch aber ihm iſt ken hinſtellt, macht licht ſo dumn,! ers nicht het, lich auslegen, M daß er ein recht lung, bis erſt aber auch rit in, ich hitt eine „ Geſpiel hat en“ ſt nir lung mi ihn gewoll, d verliebt ſſt. b aefahren, und v uckt, wie e mt gezwitbel d nir gedocht, w w ich dh iht erunglüct ſ, n Haus und in ut ſiche, undi don fauft, und 287 iſt er in den Wald; mein Vater iſt auch Holzknecht und Fiſcher geweſen; und ſo iſt gewiß ein halbes Jahr lang der Hanſei da, es hat ihn Keines heißen Fommen und Keines hat ihn heißen gehen, aber er iſt da und iſt rechtſchaffen und brav und hat mir nie ein uneben Wort geſagt, und da haben wir uns geheirathet, und wir ſind gottlob glücklich, und durch unſern Goldprinzen kommen wir jetzt auch noch zu Ver⸗ mögen; wir haben's ſchon. Und es iſt keine Kleinigkeit, daß ein Mann ſeine Frau auf ein Jahr lang fortgiebt. Aber mein Hanſei hat nicht viel Worte davon gemacht; wenn etwas recht iſt und ſein muß, da nickt er nur mit dem Kopf, ſo— ganz ſtark— und dann geſchieht's. Verzeihen Sie, Frau Königin, wenn ich ſo all das dumme Zeug hererzähle, aber Sie haben's ja gewollt.“ „Nein, es freut mich herzlich, daß es einfach glück— liche Menſchen auf der Welt giebt. Die Weltklugen halten ſich für unendlich weiſe, wenn ſie ſagen: es gebe keine einfach glücklichen Menſchen, und die auf dem Lande ſeien gar nicht ſo brav, wie wir uns denken.“ „Nein, das ſind ſie auch nicht!“ fiel Walpurgä heftig ein.„Es giebt gar nichts Schlechteres, als die Menſchen bei uns ſind. Brave giebt's natürlich auch, aber ſchlechte und neidiſche und diebiſche und lieder⸗ liche und verdorbene und gottloſe, Alles ſind ſie, und die Zenza und der Thomas, die gehören zu den Schlech⸗ teſten, und ich kann nichts dafür.“ Walpurga meinte, die Königin müſſe auch von der Begnadigung wiſſen, und man ſollte ihr nicht nach— ſagen, daß ſie nicht die Währheit bekannt. 288 Die Königin war betrübt über die Heftigkeit und die ſchweren Anklagen, die Walpurga gegen ihre Hei⸗ mathsgenoſſen vorbrachte. Nach einer Weile ſagte ſie zu Walpurga: „Man ſagt mir, Du kannſt ſo ſchön ſingen; ſing' mir ein Lied, ſing' es dem Kinde.“ „Nein, Frau Königin, das kann ich nicht; ich thät's ja gewiß gern, aber ich kann nicht und ich weiß nur lauter ſo dumme Lieder, und von ordentlichen nichts als Kirchenlieder.“ „Singe mir eines von denen, die Du dumme Lieder nennſt.“ „Nein, ich kann nicht; das ſind einſame Lieder.“ „Was iſt denn das, einſame Lieder?“ „Ich weiß nicht, man nennt es ſo.“ „Ich verſtehe. Dieſe Lieder kann man nur ſingen, wenn man einſam und allein iſt?“ „Ja, ja, ſo wird's ſein, die Königin hat Recht.“ So ſehr ſich auch die Königin bemühte, Walpurga zum Singen zu bewegen, ſie betheuerte immer, daß ſie nicht könne, und zuletzt weinte ſie vor Erregung. Die Königin mußte ſich Mühe geben, ſie wieder zu beruhigen; es gelang ihr, und Walpurga ging mit dem Kinde nach ihrem Zimmer. Als Walpurga am andern Tage wieder zur Königin gerufen wurde, ſagte ihr dieſe: „Du haſt Recht, Walpurga, Du kannſt mir nicht ſingen. Ich habe viel über Dich nachgedacht. Der freie Vogel auf dem Zweige ſingt nicht auf Befehl; die freie Natur läßt ſich nicht mit dem Tactſtock wieren. e nicht Wol gönigin Lieder gerodez einen Menſch bei Cu datan „ ſo. W ſterh ecker Heſtigkit u regieren. Du brauchſt mir nicht zu ſingen, ich verlange gen ihre bi es nicht mehr von Dir.“ Walpurga hatte ſich vorgenommen, heute vor der ra: Königin zu ſingen, ſie hatte ſich ſchon die ſchönſten ſingen; ſn Lieder ausgeſucht; und nun befahl ihr die Königin geradezu, nicht zu ſingen, und verglich ſie gar mit ich nicht; it einem Vogel. Es ſind doch wunderliche Menſchen, die t und ich i Menſchen im Schloſſe. n ordentlih„Ich höre,“ ſagte die Königin weiter,„man glaubt bei Euch noch an die Seejungfrau. Glaubſt Du auch dumme Li daran?“ „Glauben? Ich weiß nicht, aber man erzählt's ame Lieder ſo. Und mein Vater hat ſie noch geſehen, drei Tag . vor ſeinem Tod, und da war's ſicher, daß er hat ſterben müſſen. Man ſagt auch, daß es die Wald⸗ n mur ſingl eckerin ſei.“ „Wer iſt denn die Waldeckerin?“ nbet eht“„Das iſt die Frau vom Wörth.“ * gh„Wos iſt denn Wörth?“ inner, p„Ein Stück Land mitten im See und ringsum Waſſer.“ g nid i„Alſo eine Inſel?“ „ 6„Ja, Inſel, ſo heißt man's auch.“ „Und was iſt denn das mit der Waldeckerin?“ „Da iſt einmal vor vielen tauſend Jahren ein Mann geweſen und der war ein Ritter mit Namen Woldeck, und der war ein Kreuzfahrer. Er iſt mit vielen Kaiſern und Königen ins gelobte Land gezogen zum Grab unſeres Heilandes, und hat ſeine Frau da⸗ heimgelaſſen und hat ihr geſagt: Du biſt brav und bleibſt Auerbach, Auf der Höhe. l. 19 vor Erregln 4 gg nit 61 ———————— ——— mir treu. Und wie er nach vielen Jahren heimgekommen iſt, ganz ſchwarz verbrannt von der Sonne im Morgen⸗ land, hat er ſeine Frau angetroffen mit einem Andern. Und da hat er den Mann und die Frau gebunden und in einen Nachen gelegt und hinübergeführt auf das Wörth, und dort hat er ſie liegen laſſen. Und ſie haben gelegen und haben nichts zu eſſen und nichts zu trinken gehabt, und ſind gebunden geweſen, und da ſind ſie Hungers geſtorben, und die Vögel aus der Luft haben ſie gefreſſen. Recht iſt den Ehebrechern ſchon geſchehen, aber grauſam iſt's doch. Und jetzt ſieht man in den Losnächten manchmal ein blaues Flämmchen auf dem Wörth, und man ſagt, die Seele von der Waldeckerin ſei in eine Seejungfrau gefahren, und die muß umgehen.“ So erzählte Walpurga. „Ich hab' Sie doch nicht ſchauern gemacht?“ fragte ſie beſorgt, als ſie den ſtarren Blick der Königin be⸗ merkte.„Man erzählt's eben nur ſo.“ „Nein, nein, Du brauchſt nicht ängſtlich zu ſein,“ erwiderte die Königin.„Es geht mir eben vielerlei durch den Kopf.“ „Kann mir's denken, bei einer ſo großen Haus⸗ haltung in dem Schloß mit den vielen Menſchen; da iſt's ſchwer, Hausfrau zu ſein.“ Die Königin lachte laut auf. Walpurga wußte gar nicht, was da luſtig und wunderlich ſei, aber ſie ließ ſich's gefallen. So viel merkte ſie aber doch: Alles, was ſie ſagt, wird be⸗ rufen. Es kam eine eigenthümliche Verſchüchtertheit ber ſi aſſenhe lichkite ſich die zu gebe und n hemal Vortve bruchte der hi an zu nch leidig nicht um den men ſchi Er pri ſch ſo pu etn Kö 291 eimgekonne über ſie, die plötzlich wieder zu gewaltſamer Ausge⸗ im Moren laſſenheit wurde; ſie gefiel ſich manchmal in Abſonder⸗ inen Andem lichkeiten; ſolche wurden ja immer velächelt. Je mehr ebunden un ſich die Königin bemühte, immer einfach natürlich ſich hrt auf do zu geben, um ſo gemachter und gezierter wurde nach en. Und ſi und nach Walpurga; ſie copirte ſich ſelbſt und ihre und nichts z ehemalige harmloſe Natürlichkeit; ihre ungeheuerlichen ſen, und d Wortverbindungen, mit denen ſie das Kind liebkoſte, aus der Lf brachte ſie jetzt gern vor, wenn ſie wußte, daß ſie von echern ſchen der Königin gehört werde; ja ſie fing einmal von ſelber etzt ſieht un an zu ſingen, und als ſie geendet hatte, ſchaute ſie nach der Königin und war ſehr verwundert, faſt be⸗ leidigt, daß dieſe gar nichts ſagte. Hatte ſie denn nicht ſchön geſungen? Die Königin aber glaubte nichts ſagen zu dürfen, um ihre Unbefangenheit nicht zu verſcheuchen. So war nun ein wunderſames Widerſpiel zwiſchen den beiden Frauen. Sie gaben ſich Mühe, einander menſchlich nahe zu kommen, und gingen doch ver⸗ ſchiedene Wege auseinander. Flämmchen ele von de en, und di 7 cht?“ frayt ch zu ſein,— 6 vilnt Ein großer Tag kam. Die Königin fuhr zum on llt„ P— Erſtenmal aus und nahm Walpurga und den Kron⸗ u prinzen mit in dem Wagen. „1 n „Unter freiem Himmel ſind Sie doch noch tauſendmal ſchöner. Ich hab's in den halbdunkeln Stuben gar nicht ſo gewußt, wie ſchön Sie ſind, Frau Königin,“ ſagte Wal⸗ purga, und die Königin ſagte in franzöſiſcher Sprache liſtg etwas zu der neben ihr ſitzenden Oberhofmeiſterin. S0 U g S 2.; 2 Da ſagte Walpurga:„Darf ich etwas bitten, gnädige Königin?“ chüchter ———— „Ja wol, ſag's nur!“ „Ich mein', es ſchadet dem Kind, wenn man ſo vor ihm wälſcht. So eine junge Seele verſteht's ſchon, wenn ſie auch nichts kundgeben kann, und da mein' ich, verwirrt man ihm ſein kleines Hirn. Ich weiß nicht recht, wie ich's ſagen ſoll, aber ich ſpür's ſelber, ich ſpür's im Kopf, und was ich ſpür', das ſpürt mein Kind auch.“ „Sie hat Recht,“ ſagte vie Königin zur Oberhof⸗ meiſterin,„ein Kind ſollte, bis es ſelbſt vollkommen ſprechen kann, keinen fremden Laut hören, als ſeine Mutterſprache.“ „Ja, Mutterſprache,“ rief Walpurga,„ſehen Sie, Sie haben's getroffen! Es iſt mir auf der Zunge ge⸗ legen, ich hab's aber nicht gewußt. Das iſt's! Ich bin doch auch ſo— man kann doch ſagen die Mutter von dem Kind und d'rum—— nicht wahr?“ „Ja wol, Du ſollſt alles Recht haben. Ich bitte, liebe Brinkenſtein, dafür zu ſorgen, daß vor dem Prinzen nicht mehr anders als deutſch geſprochen wird. Es kann Niemand ahnen, welche Laute ſich jetzt ſchon in die Seele ſenken, die noch im Halbſchlummer liegt.“ Walpurga war glücklich. Nun wird in ihrem Bei⸗ ſein doch nicht mehr gewälſcht; denn wo das Kind iſt, da iſt auch ſie. Mamſell Kramer erfreute ſie noch mit der Nachricht, daß man in den nächſten Tagen aufs Land, das heißt nach der Sommerburg überſiedle. ſollten fſtgeh ber Menſe Beher werde deut werd trägt Sie mon 293 Dreizehntes Capitel. enn man rſtehts ſcho Bevor man indeß nach dem Sommerſchloſſe abreiſte, nd da mein ſollten Walpurga und der Prinz noch in der Stadt ch weiß nith feſtgehalten werden. s ſelber, it Es war ein Frühſtücksſcherz des Baron Schöning, ſpürt mi aber er wurde gut aufgenommen. Die Millionen Menſchen, die gerne das Glück haben möchten, ihren zur Ohecho Beherrſcher der Zukunft zu ſehen, ſollten befriedigt werden durch einen Augenblick in der eigentlichen Be⸗ t volltomme n, als ſein deutung des Wortes: Der Kronprinz ſollte photographirt werden, wie ihn das Volk leibhaftig auf den Händen „ſehen Si trägt, und Walpurga war der Repräſentant des Volkes. n gunge g Sie wehrte ſich gegen den Plan man darf das nicht, ſl t man darf ein Kind, bevor es ein Jahr alt iſt, nicht i Mutn in einen Spiegel ſehen laſſen, und auch nicht abmalen! So lange man ein Kind nicht in einen Spiegel ſehen 6 bitt, läßt, kann es ſich in der Fläche ſeiner linken Hand ß vr den ſehen. Aber es blieb trotz ihres Widerſpruchs doch dabei, und nun zog ſie ihr ſchönſtes Kleid an, und prochen pird. h jest ſchon der Kronprinz wurde ſehr ſchön herausgeputzt, der Künſtler that ihm aber die Haube wieder ab, denn er mer hatte ſchon helles Lockenhaar. ihre Mehrmals hieß es: das Bild iſt mißlungen. Wal⸗ ind i purga erſchrak jedesmal, wenn ſie den Ruf aus der 3 dunklen Kammer heraus hörte— da drin geht Zauberei der Fuhn vor. Sie ward immer unruhiger. Zuletzt aber— „do ſiß Schöning hatte das geſchickt ausfindig gemacht— ſpielte die Kammervirtuoſin im Nebenſaal die Melodie des Lieblingsliedes der Walpurga; ſobald das Lied —— angeſtimmt wurde, mußte ſie in den Tonſtrom hinein⸗ ſchwimmen. Sie wurde heiter und freiblickend, und das Kind auch— Triumph! Das Bild war gelungen. Waren die Ausfahrten in der Stadt ſchön, ſo kam jetzt noch die ſchönſte. Man verließ die Reſidenz, der ganze Hof überſiedelte nach dem Sommerſchloſſe. Es war ein ſchöner, heller Mittag, als man hinaus⸗ fuhr. Es hatte lange nicht geregnet, aber kein Staub war auf der drei Stunden langen Straße, denn man hatte den Hofwagen voraus den ganzen Weg begoſſen. Walpurga fuhr im offenen Wagen mit dem Prinzen und der Königin. Sie fuhr zum Erſtenmal hinaus durch die Dörfer und Felder, ſie ſchaute zu den Menſchen, die da in den Häuſern aus den Fenſtern ſahen, vor den Thüren ſaßen, zu den Kindern, die ſtehen blieben und grüßten, und dann wieder hinaus ins Feld zu denen, die dort arbeiteten. Sie lächelte fortwährend und grüßte mit Augenwinken und Kopf— nicken nach allen Seiten. Die Königin fragte:„Was haſt Du denn? Was iſt Dir?“ „Ach, du mein Gott, verzeihen Sie, Frau Königin, da fahr' ich in einem vierſpännigen Wagen und dort arbeiten Meinesgleichen, ſorgen und kummern und ich weiß, wie den Weibern der Rücken weh thut vom Kartoffelhäufeln, und da fahr' ich vorbei, wie wenn ich was Beſonderes wär'. Und da iſt mir's, wie wenn ich alle die Menſchen um Verzeihung bitten müßte, weil ich ſo an ihnen vorbeifahr', und ich mein', ich muß ihnen wieder der W iſt Al „und Dein wem dohe ſoſ feld eſſe nſtrom hinei blickend, un var gelungen ſ ſo ko of überſiedelt s man hinaus er kein Stau „ denn mn Veg begoſſn ſ. t den Prinßo nnal hinals ihnen ſagen: Seid nur ruhig, übers Jahr bin ich auch wieder wie ihr, und die Kleider, die ich anhab', und der Wagen und die Roſſe, das iſt Alles nicht mein, iſt Alles nur geliehen! O, Frau Königin, verzeihen Sie, daß ich das Alles ſo an Sie hinſchwätze, Sie verſtehen ja Alles und wiſſen Alles zum Guten zu deuten. Ihnen mach' ich mein ganzes Herz auf,“ endete Walpurga lachend. „Ja wol verſteh ich Dich,“ erwiderte die Königin, „und es iſt vernünftig, daß Du unverwandt nach Deiner Häuslichkeit ſiehſt. Es betrübte mich ſtets, wenn ich überdachte, daß Du nicht mehr glücklich wäreſt daheim. Glaube mir, wir, die im Wagen ſitzen, habens ſo ſchlimm, wie die dort, die barfuß durch die Stoppel⸗ felder gehen.“ „Das weiß ich,“ ſagte Walpurga,„mehr als ſct eſſen kann ſich Niemand, hat mein Vater immer geſagt⸗ und die Fürſtinnen müſſen ihre Kinder auch ſelber tragen und mit Schmerzen gebären, das nimmt ibnen Niemand ab.“ Die Königin ſchwieg und ſchaute zur Seite aus dem Wagen. Die Oberhofmeiſterin winkte Walpurga, ſie ſolle nichts mehr reden. Denn ſo war's: man brachte Walpurga nicht leicht zum Sprechen; wenn ſie aber einmal hineinkam, konnte ſie auch nicht wieder aufhören; das kollerte und rauſchte und rollte fort und fort wie ein Sturzbach. Die Königin aber hatte nur geſchwiegen, weil ſie der Oberhofmeiſterin gern etwas auf franzöſiſch geſagt hätte, es aber der früheren Mahnung wegen zurückhielt. „Liebes Kind,“ begann die Königin endlich wieder, „wenn ich wüßte, daß alle Menſchen dadurch glücklich und zufrieden würden, ich würde gern Alles abthun und nichts vor ihnen voraus haben wollen. Aber was nützte es? Mit Geld iſt den Menſchen nicht zu helfen und wir Menſchen ſind es nicht, die die Ungleichheit in die Welt geſetzt haben. Das iſt ſo Gottes Ordnung.“ Walpurga hätte darauf ſchon etwas zu ſagen ge— habt, aber man muß auch etwas ſtehen laſſen können auf morgen, und„es wäre nicht gut, wenn man alle Fiſche an einem Tag fangen könnte,“ hatte ihr Vater oft geſagt. Sie ſchwieg. Es war der Königin ein läſtiger Zwang, daß ſie verſprochen hatte, vor Walpurga nicht mehr Franzöſiſch zu ſprechen. Sie hatte Manches zu ſagen, wo die Bauersfrau nichts darein zu reden hatte. „Wie iſt die Welt ſo groß und ſchön,“ ſagte ſie halblaut für ſich; ſie ſchloß dann die Augen wie müde von all' der weiten Pracht, die ſich nach langer Ein⸗ ſamkeit wieder vor ihr aufthat, und wie ſie ſo dalag, den Kopf in die Kiſſen zurückgelegt, war ſie anzuſchauen wie ein ſchlummernder Engel, ſo friedlich, ſo zart, Mutter und Kind in Einem Antlitz. „Ich mein', ich hätt' da in den Kiſſen auf weichen Wolken geſeſſen,“ ſagte Walpurga, als man am Ziele anlangte. ² Sie war unſäglich glücklich auf dem Lande. Da kann man ſo weit ſehen, Himmel und Berge, und der ſchöne große Garten und überall gute Bänke, und die Springbrunnen und die Schwäne und eine Viertelſtunde davon e Stalle wirth. Wa in Fre Palpw endlich wiede adurch glickit Aler we nicht zu helf⸗ Ungleichhe laſſen könne venn man all atte ihr Vate vang, doß ii ehr Framſiſh egen, wo di ön,“ ſagte ſi gen wie mide h lunger Ei ſie ſo dalo, ie anzuſchauen lich, ſo zur, auf weichen nan am Zit tge, und d e* 5 änke, und 6 iertelſun davon eine prächtige Meierei mit Kühen, die in einem Stalle ſtehen, ſchöner als der Tanzboden beim Gems⸗ wirth. Walpurga ſaß faſt den ganzen Tag mit der Königin im Freien, die Königin lebte nur ihrem Kinde, und Walpurga war geſprächig und einfach; das ganze Gethue, das ſie ſich drin in der Stadt faſt angewöhnt hätte, fiel auf einmal wieder von ihr ab. In ihrem erſten Briefe nach Hauſe— ſie konnte jetzt ſchon ſelbſt ſchreiben— ſchrieb ſie: „Wenn ich Euch nur einen einzigen Tag da hätte, um Euch Alles zu erzählen. Denn wenn der Himmel lauter Papier und unſer See lauter Tinte wäre, ich könnte doch nicht Alles beſchreiben. Wenns nur nicht ſo weit her wäre, Hanſei, hier koſtet das Pfund Fiſche doppelt ſo viel, als bei uns. Wir wohnen jetzt auf der Sommerburg. Und denke Dir, Mutter, was ſo ein König Alles hat. Er hat ſieben Schlöſſer und die ſind alle eingerichtet, alle mit hunderk gerichteten Betten, Stuben und Küchen, Alles überall voll, und wenn man von einem Schloß nach dem andern zieht, braucht man keine Gabel mitzunehmen und keinen Löffel, und Alles iſt hier von Silber, und der Dockör und die Apotheke und der Pfarrer und die Hofleut' und die Pferde und die Wagen, Alles iſt mit uns herausgezogen, eine ganze Stadt iſt bei uns im Schloß. Und das beſte Bier hab' ich, mehr als ich mag. Und wenn man Morgens aufſteht, iſt Alles wie aus dem Er geſchält, auf den Wegen liegt kein Blättchen, und da iſt noch ein Haus, das iſt ganz von Glas, da drin ————— S 298 wohnen die Blumen, ich darf aber nicht hinein, weil es zu heiß drin iſt, da wird das ganze Jahr geheizt, da ſind lauter große Palmen und Bäume aus dem Morgenland. Und da haben ſie hier im Teich einen Brunnen, da ſteigt das Waſſer faſt ſo hoch wie ein Kirchthurm zum Himmel hinauf, und denket nur, was „ſo ein König Alles haben kann! Da ſteht ein Rege⸗ bogen den ganzen Tag, wenn die Sonne ſcheint, bald unten, bald oben. Freilich die Sonne, die kann er auch nicht machen und Niemand. Und alle Menſchen thun mir, was ſie mir an den Augen abſehen können; ich darf gar nicht ſagen: das gefällt mir, ſonſt krieg' ich's auch gleich. Die Königin iſt gegen mich wie mein Geſpiel, ja wie Du, Staſi. Ich wünſch' Dir viel Glück zu Deiner Hochzeit, ich hab' erſt von der Zenza erfahren. Ein Hausſchenk kriegſt Du noch von mir. Wünſch' Dir was. Jetzt bitt' ich aber, mir recht ordentlich zu ſagen, wie es meinem Kind geht; daß Ihr es habt auf der Metzgerwage wägen laſſen und daß es ſo ſchwer iſt, hat mir nicht gefallen; das hätte ich nicht geglaubt von Dir, Mutter, daß Du das leideſt, und auch von Dir, Hanſei, daß Du dem Gemswirth das nachgiebſt. Nimm Dich vor dem Gemswirth in Acht, es hat mir vergangene Nacht geträumt, daß Du mit ihm über den See fährſt, und er packt Dich und reißt Dich hinein, und dann iſt wieder Alles nichts geweſen, und dann iſt mir die Seejungfrau erſchienen, aber ſie hat wie die gute Gräfin ausgeſehen, die jetzt fort iſt. Das iſt hier meine beſte Freundin, und ſie hat mir verſprochen, Euch auf — den He geben, kommt nur da Biſſen nurn meinen gottlot Es th darf, wenn inſe icht Mut mir Sta viel drü aus me ht hinein, w e Jhr gehe äume aus de im Teich ein o hoch wie e enket mut, teht ein Reyn ne ſcheint, hi e, die kan alle Menſch bſehen könen ir, ſonſt kti ein Geſpiel, ſ lück zu Dein erfahren. Ei Piünſch Zi nlich zu ſog habt auf de ſo ſchwer in nicht geglub und auch das nachgieht t, es hut nit ihm über M it Dich hini und dan i * wie die gub 3 iſt hier neil chen, Euch dem Herweg zu beſuchen; der könnt ihr Alles ſagen und geben, es iſt gerad' als ob ich's ſelber wär'. Eben jetzt kommt mein Eſſen, ach, liebe Mutter, wenn ich Dir nur davon geben könnte. Es giebt hier ſo viel gute Biſſen und es bleibt immer ſo viel übrig. Laſſ' Dir nur nichts abgehen und auch dem Hanſei nicht, und meinem Kinde nun gar nicht, wir habens ja jetzt gottlob, und ich will noch lang an Dir haben, Mutter. Es thut mir oft weh, daß ich nicht auch Mutter ſein darf, ich mein', rechte Mutter, aber ich will ſchon, wenn ich wieder heimkomme; ich will meinem Kind Alles erſetzen. Und Hanſei, leg' das Geld alles auf Zinſen, bis ich wieder heimkomm'; denk“, es gehört nicht unſer, es gehört unſerm Kind, dem wir die Mutter weggenommen haben. Meine Mamſell Kramer, die den ganzen Tag bei mir iſt, die iſt hier geboren, ſie iſt aber lieber in der Stadt als hier, und ſie ſagt, früher ſei es hier noch viel ſchöner geweſen, da ſei Alles ſo geweſen wie drüben noch in dem kleinen Garten, da ſind Wände aus lauter Laubwald gemacht und Stuben und Käm⸗ merchen mit Thüren und Fenſtern; ſchön iſt's freilich, und ich geh gern hin, aber, wenn ich ein paar Minuten dort bin, da krieg' ich eine Himmelsangſt, ich mein', ich wär verzaubert und die Bäume verzaubert, und ich mach', daß ich bald wieder herauskomm'. Meine Mamſell Kramer iſt gar eine gute Perſon, aber es ſchmeckt ihr nichts recht. Das Fahren und Eſſen und Spazierenſitzen iſt ſie von jeher gewohnt, und denket nur, Mutter, was ich hier gegeſſen hab? Lebendiges 300 Eis. Die Menſchen hier ſind gar geſcheidt, die können Eis aufbewahren und einmachen, daß man's eſſen kann. Ja, wenn das für den Hunger wär', da gäbs bei uns keine hungrigen Leute im Winter und auch in Sommer nicht, weiter oben im Gebirg. Und Mutter, Du haſt mir einmal ein Märchen erzählt, wo die Wände Ohren haben, das iſt aber kein Märchen, das iſt wahr, das iſt ſo, aber es geht Alles natürlich zu, da laufen durchs ganze Schloß lauter Sprechtrompeten, und da kann man miteinander ſprechen und Alles ſagen, und wenn ich etwas haben will in mein Zimmer, geh' ich nur an die Wand hin und ſag's, und in der Minute iſt's ſchon da. Heut' iſt ein ſchöner Tag, und wenn ich das ſo merke, denk' ich immer: Ja und den Tag habt Ihr auch, dieſelbe Sonne ſcheint auch zu Euch. Das Hauptgeſchäft hier iſt Spazierengehen. Alles muß hier ſpazieren gehen, man heißt das hier Bewe⸗ gung machen, damit man wieder gut eſſen kann und Einem die Glieder nicht ſteif werden. Auch die Pferde werden ſpazieren geführt, wenn ſie nichts weiter zu. thun haben; Morgens in der Frühe reiten die Stall— knechte mit ihnen weit hinaus und kommen dann wieder heim. Oft habe ich ſchon gedacht, wenn nur die Pferde mich jetzt auf eine Stunde hätten heimbringen können. Ich habe doch oftmals noch Heimweh, ich bin aber wohlauf und geſund, und wünſche nur, daß es bei Euch auch ſo ſei. Eure Walpurga.“ Nachſchrift. Warum ſchreibet Ihr mir gar nichts von dem goldenen Herzchen an der ſeidenen Schnur, an. S bereuen leicht bitt D ju rech Gemsn Du br geſchri hoben. Weiter ich G ind eidt, die könn und auch i Und Mutter 2 wo die Win da lauf , ten, und da in n, und wenni ich ur end te iſks ſchn ngehen. M s hier Bewe ſen kann 1 iten die Sul en dann wide nur die fu⸗ ringen tönnen ih hin ab ur, daß es b Valpum“ nicht nir 90l „Echll denen S0 das meine Gräfin meiner Burgei geſchickt hat? Und es ſoll mir Keines mehr eine Bittſchrift ſchicken und Keines mehr zu mir kommen, ich nehm' nichts mehr an. So lang mir ein Aug' offen ſteht, werd' ich's pereuen mit der Zenza und dem Thomas, aber viel⸗ leicht iſt's doch gut und er iſt brav geworden. Ich bitt' Dich nochmals, lieber Hanſei, nimm mir's aber ja recht nicht übel, laß Dich nicht zu ſehr mit dem Gemswirth ein, er iſt ein Schelm und ein Verführer. Du brauchſt ihm aber nicht zu ſagen, daß ich Dir's geſchrieben habe, ich will keinen Menſchen zum Feind haben. Ich grüße alle guten Freunde. Ich kann nicht weiter, meine Hand iſt mir ganz ſteif vom Schreiben. Halt! Ich muß doch noch einmal dran. Da ſchicke ich Euch das Bild von mir und meinem Prinzen, wir ſind abgenommen worden in einem Guckkaſten, ehe wir hier herausgezogen ſind. Nun bin ich, ſo lange der Welt ein Aug' offen ſteht- mit meinem Prinzen abgemalt, wir ſind immer bei einander und ich halt' ihn auf den Armen. Aber ich bleib Euch doch, Dir, lieber Hanſei, und Dir, liebe Mutter, und erſt gar meinem Kind, das trag' ich im Herzen, wo's Niemand ſieht. Zeiget aber das Bild Niemand. Ach Gott, was wird's helfen, wenn Ihr das Bild nicht zeiget? Wie mir die Mamſell Kramer ſagt, ſind hunderttauſend Bilder von mir und meinem Prinzen gemacht, und jetzt häng' ich in allen Kaufläden, und wenn ich wohin komme, kennt man mich, ſo gut wie die Königin und den König, die daneben hängen, ich mein', ich kann mich gar nicht mehr ſehen laſſen; aber wenn ich mir's recht überlege, iſt's eigentlich doch eine Ehre, ich bin jetzt einmal draußen in der Welt und muß mit mir machen laſſen, was man mir befiehlt. Aber ich bleib Euch getreu und bin nirgends daheim, als bei Euch, und bin in Gedanken immer bei Euch. Vierzehntes Capitel. „Wie geht's, Walpurga?“ fragte der Lakai Baum eines Morgens, als die Amme zum Fenſter des Erd⸗ geſchoſſes herausſah. „O Gott,“ erwiderte dieſe,„hier iſt ja das wahre Paradies.“ Sb „Kann's denn im Paradies ſchöner ſein? Da lebt man ſo hin, und die Menſchen haben gar nichts zu thun, als zu eſſen und zu trinken, und zu lachen und ſpazieren zu gehen.“ „Da haſt Du Recht, aber im Paradies war's doch noch ſchöner, da hat Vater Adam keine andere Frau begehren können, es hat nur die einzige auf der ganzen Welt gegeben.“ „Was der für Mucken im Kopf hat!“ lachte Wal⸗ purga, und Baum fuhr geſchmeichelt fort: „Im Paradies hat man keine Bedienten nöthig gehabt, keine Kutſcher und keinen Koch und kein Haus und keine Kleider, und da hat's keine Stiefel zu putzen gegeben, weil man keine getragen hat, und keinen Rock und kei richten. „S ihr zu Kleider Geſicht bin, ir er wur Diener war b heiroth ſie wi er do eine 72) Auge / Dich lober daue gelie tanz träl im ſein irge hen laſſen; ah entlich doch en der Welt mir befiehlt. itgends dehein mmer bei Gä er Lokai Vaun enſter des b t ja das wehn gar nichts ſt zu lochen und ies war? d andere Frol auf der gu lachte Mu 303 und kein Hemd zu weben und zu nähen und herzu⸗ richten.“ „Sie wüſter Menſch!“ ſchrie Walpurga; es war ihr zu Muthe, als ob die Worte des Baum ihr alle Kleider vom Leibe riſſen. Sie wurde flammroth im Geſichte. Aber Baum erwiderte ſchnell: „Thut mir leid, daß ich in Deinen Augen ſo wüſt bin, in meinen Augen biſt Du ſo ſchön, daß ich——“ er wurde mitten in der Rede unterbrochen, ein ander⸗ Diener rief ihn ab. Walpurga zog ſich raſch ins Zimmer zurück. Sie war bös auf Baum. Darf man denn gegen eine ver⸗ heirathete Frau ſolche Reden führen? Und doch lächelte ſie wieder vor ſich hin:„Ein manierlicher Menſch iſt er doch, der Baum, und warum ſoll man denn nicht einen Spaß machen dürfen?“ Sie ſchaute nach dem großen Spiegel, nur einen Augenblick ſc!„u und lächelte. „Ja, wenn der Hanſei Dich wieder ſieht, der wird Dich kaum mehr kennen. Das thut eben das Wohl⸗ leben. Ich will mir aber jeden Tag vorſagen: es dauert nicht lang, Du biſt nur auf eine Weile da her geliehen. Aber wenn auch der Tanz nicht lang dauert, tanzen iſt doch ſchön,“ tröſtete ſich Walpurga wieder. Es fielen ihr allerlei Tanzweiſen ein und ſie ſang ſie trällernd ihrem Prinzen. Walpurga ging in dem ſchönen Park umher, wie im Traum; ſie meinte, das müßten andere Bäume ſein, anderer Himmel, andere Vögel, ſie ſind alle irgend wo hin, in eine andere Welt verzaubert, und 304 plötzlich werden ſie aufwachen und Alles iſt wieder fort. Aber es ging Alles ſeinen ruhigen Gang, jeder Tag iſt neu ſchön, wie die Sonne jeden Tag neu aufgeht, wie der Duft der Blumen immer neu ausſtrömt und der Quell nie verſiegt. Eine beſondere Freude hatte Walpurga am alten Caſtellan, dem Vater der Manſell Kramer; das war ſo ein ehrwürdiger Mann, der gar ſchöne Blumen in ſeinem Wachtſtübchen zog, und mit ihm konnte ſie reden wie mit ihrem Vater. Walpurga ſaß faſt den ganzen Tag im Freien, mit ihr Mamſell Kramer und nicht weit davon immer zwei Diener. Auch die Königin ſetzte ſich oft zu ihr. Die Königin hatte einen ſchönen ſchneeweißen Wach⸗ telhund, an dem das Kind beſondere Freude zu haben ſchien; Walpurga bat, dem Prinzen den Hund oft zu laſſen, ein lebendiges Thier ſei für ein Kind gar gut. „Sie hat Recht,“ ſagte die Königin zur neben ihr ſitzenden Palaſtdame,„am Thierleben erwacht das menſchliche Bewußtſein.“ Walpurga ſah ſie groß an; die Königin hat chr Recht gegeben und dazu doch etwas geſagt, was ſie nicht verſteht. „Schauen Sie,“ rief ſie der Königin zu,„wie die Bienen unſer Kind ſo gern haben; ſie thun ihm nichts, da braucht mau keine Furcht zu haben. Die Biene iſt das einzige Thier, das unverderbt aus dem Paradies herausgekommen iſt, darum ſagt man auch von den Bienen, ſie ſterben, und die anderen Thiere die cre⸗ piren. Und man darf keine Biene umbringen.“ Die ſagendu Wo Von de weis, ſie an 6 iſt wieder f ag neu aufe ausſtrönt u öne Blumni konnte ſie rde imner jt zu ihr. eeweißen Wu reude zu hu n Hund eſt Kind gar zur neben terwacht M örigin hol il zu,„i un ihn nih' Die Lien den Pu auch vn M Thiere die e r ngen 305 Die Königin zeigte ihre beſondere Freude an dieſem ſagendurchwobenen Denken der Walpurga. Walpurga merkte, daß die Königin gar ſo wenig von der Welt wiſſe, und ſie gab nun ihre Weisheit preis, wo ſie nur konnte. „Wiſſen Sie, was das iſt?“ fragte ſie einmal, als ſie an einer Hecke ſaßen. „Eine Haſelſtaude!“ „Ja, wiſſen Sie aber auch, daß die heilig iſt, und wo die wächſt, kein Wetter einſchlägt?“ „Nein, das hab' ich nicht gewußt.“ „Und da wiſſen Sie auch nicht warum? Jetzt das hat mir meine Mutter erzählt. Da iſt einmal die Mutter Gottes über den Berg gegangen, und da iſt ein groß⸗ mächtiges Wetter gekommen, und da hat ſie ſich unter eine mächtig große Haſelſtaude geſtellt und ſt heil geblieben, und weil ſie die Haſelſtaude ſo beſchützt hat, hat ſie ihr den Segen gegeben für ewige Zeiten. Aus einer Haſel kann man auch Wünſchelruthen machen, und unter einer Haſel⸗ ſtaude wohnt der Schlangenkönig; man ſagt, auch manch⸗ mal unter einer Trauerweide. Sie wiſſen doch, warum die Trauerweide ihre Zweige ſo traurig hängen läßt?“ „Nein, das weiß ich auch nicht. Du biſt ja grund⸗ gelehrt,“ lächelte die Königin. „Ich nicht, aber meine Mutter, ich weiß nicht halb ſo viel als die, die iſt gar geſcheidt. Das von der Trauerweide weiß ich auch von ihr. Aus der Trauer⸗ weide hat man die Ruthen gemacht, womit man unſern Heiland gegeißelt hat, und von der Zeit an ſchämt ſie ſich und hängt die Zweige unter.“ Auerbach, Auf der Höhe. l. 20 2— ———— 306 Walpurga war ganz glücklich, daß ſie die Königin auch etwas lehren konnte; ſie hatte das Gefühl, daß ſie etwas ganz Beſonderes iſt im Schloſſe, und Nie⸗ mand verſteht ſie ſo und hört ſo gut mit den Augen, wie die Königin. Sie war immer glücklich und froh mit ihr und wagte, ihr ganzes Herz vor der Königin aufzumachen. „Ich mein'!“ ſagte ſie einmal der Königin,„ich mein', Sie ſind eigentlich fremd in der Welt, Sie haben ja in Ihrem Leben nicht geſehen, wie Bürgers⸗ und Bauersleute am Abend in ihrer Stub' ſitzen, was ſie eſſen, was ſie reden, was ſie begehren, was ihnen Freude macht und was ihnen Leid macht. Ich hab' einmal eine Geſchichte geleſen, oder hat ſie mir mein Vater erzählt; da war ein Prinz und eine Prinzeſſin, die ſind als Hirtenleute aufgewachſen und haben nicht geahnt, wer ſie ſind, bis ſie erwachſen waren, und da hat man ihm geſagt:„Du biſt ein Prinz,“ und ihr: „Du biſt eine Prinzeſſin,“ und das ſind gar brave und rechtſchaffene Menſchen geworden. Natürlich! Sie ſind ja draußen geweſen in der Welt und haben er⸗ fahren, wie die Menſchen leben und was ihnen fehlt. Ich möcht' nur wünſchen, daß wir unſern Prinzen auch ſo hinausſchicken könnten; ich mein“ es wär' ihm gut und dem ganzen Land auch. Wenn Einem immer ſo die Bedienten nachlaufen, da iſt man doch den ganzen Tag wie gefangen, die lebendigen Menſchen ſind immer wie Mauern um Einen herum.“ „Ehrlich und gut ſein können wir Alle,“ entgeg⸗ nete die Königin. ſchlo Mei nehn möch . den ſoh ſie die Königi loſſe, und Ni nit den Agen Königin,„ih er WVelt, Si wie Bürge ub ſitzen, w en, was ihre cht. Ich ha ſie mir min ine Prineſin d haben niht aren, und d nz,“ und ihr nd gar bwe Natürlich! 6i und haben e s ihnen fehl Prinzen auch vär ihm gl en immet. ch den gun en ſind imnel Me,“ eng 307 „Und aus unſeren Kindern brave Menſchen machen,“ ſchloß Walpurga.„Wiſſen Sie, was ich mir wünſche? Mein Lebenlang möchte ich Ihnen alles Schwere ab⸗ nehmen können. Wenn Sie einmal krank ſein müſſen, möchte ich für Sie krank ſein.“ „Ja, gut, jetzt aber laß uns ruhig ſein.“ Die Königin war voll Glückſeligkeit. Sie ſah auf den Grund eines einfachen Herzens aus dem Volke und ſah eine neue Welt aufleben in ihrem Kinde. Fünfzehntes Capitel. Baum wußte jeden Augenblick zu erlauſchen, um mit Walpurga zu ſprechen. Er war jetzt tief betrübt, ſeine Frau lag ſchwer krank, und Walpurga ſuchte ihn zu tröſten. Dafür zeigte ſich aber auch Baum bereit, ihr alle Klagen abzunehmen; denn von daheim hatte man ihr berichtet, daß die Zenza nichts von dem goldenen Herzen wiſſen wollte, das Gräfin Irma dem Kinde geſchickt. „So? Alſo auch noch ein goldenes Herz hat Deine Gräfin zu verſchenken?“ ſpöttelte Baum.„Du kannſt froh ſein, daß Du ſo eine Freundin haſt.“ „Das bin ich auch. Ach, wenn ſie nur wieder da wäre, dann wäre das Paradies erſt recht. Ich küm⸗ mere mich gar nicht drum, daß die Zenza das goldene Herz verthan hat; es muß auch ſchlechte Menſchen geben, ſonſt wäre die Welt zu ſchön.“ „Und ich ſag' Dir: es iſt noch nur das halbe Leben, wenn der König nicht da iſt. Paſſ' auf, wie's — dann wird, dann iſt's erſt recht luſtig. Wo kein Mann im Haus iſt, da iſt kein ganzes Haus.“ Die Königin kam hinzu, und Baum zog ſich zurück. „Was hat der Mann mit Dir geſprochen?“ fragte die Königin. „Wir haben einander unſer Leid geklagt. Er hat großes Heimweh nach dem König, und ich, liebe Frau Königin, ich habe ein großes Heimweh nach meiner Gräfin Irma.“ „Ich habe auch herzliches Verlangen nach ihr, aber ſie hat um weitere vierzehn Tage Urlaub gebeten.“ In gleichmäßiger Stille floſſen die Tage dahin. Walpurgas liebſter Aufenthalt war in der Nähe der Maierei; da ſind doch auch Kühe, und die ſind wie überall und wiſſen nichts davon, daß ſie dem König angehören und ihre Milch auf ſeine Tafel ſchicken. So ſagte Walpurga einſt zu Baum, der ſie auch hier zu treffen wußte, und er erwiderte: „O, wie geſcheidt biſt Du, ja, wenn ich eine Frau bekommen hätte wie Du.“ „So wie ich, giebt es ſie dem Dutzend nach.“ „Nein, ſo grundgeſcheidt nicht. Du könnteſt es noch weit bringen, wenn Du wollteſt.“ „Wie weit ſoll ich's denn noch bringen?“ fragte Walpurga.„Heim will ich und weiter nicht.“ „Das wird Dir kein Menſch verübeln; man kann ſich aber auch eine neue Heimath machen.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Und ich kann Dirs jetzt nicht erklären. Dort kommt die Oberhofmeiſterin. Komm heut' Abend, wenn Vo kein Nun zog ſich zurit rochen?“ fragt eklagt. Er hu ich, liebe Im h nech meine nach ihr, abe b gebeten“ e Tage dahin del Nähe dor die ſind wi ſie dem Kön fel ſchicken. „der ſie auh nich eine Frn nd nch“ u könnteſt 6 nen!“ ſrh nicht.“ n; mun tan yr klären. 2 bend, wen Alles bei Tafel iſt, in den Laubgang hinter der Capelle, ich habe Dir was Gutes zu ſagen.“ Walpurga hatte nicht Zeit, zu erwidern; Baum gab, als die Oberhofmeiſterin näher kam, dem Meierei⸗ Inſpektor einen lauten Befehl im Auftrage des Ober⸗ küchenmeiſters, dann ging er raſch davon, und grüßte unterwegs ehrerbietig die Oberhofmeiſterin. Die Oberhofmeiſterin ertheilte Mamſell Kramer einen ſcharfen Verweis, weil ſie Walpurga hier mit dem Prin⸗ zen ſtehen und mit den Dienern plaudern laſſe. Mamſell Kramer erwiderte nichts, und winkte nur Walpurga in den rebenbedeckten Laubgang. Walpurga ſann hin und her, was ihr wol Baum zu rathen habe. Weltläufig iſt er, er weiß vielleicht einen Schick, wie man den Hanſei und die Mutter und das Kind auch herbringt, aber einen Lakaien kann man aus Hanſei nicht machen. Vielleicht kann man ihn zum Hoffiſcher machen, oder zum Holzmeiſter im Königswald. Am Abend war ſie voll Unruhe. Das geht doch nicht, daß ſie mit einem anderen Mann eine heimliche Zuſammenkunft hat. Aber vielleicht wird morgen ſchon die Stelle vergeben, dann iſt der Schick verpaßt. Sie ſaß am Fenſter und ſchaute hinein in die Sterne; ihre Wangen glühten, ſie athmete tief auf. „Was iſt Dir?“ fragte Mamſell Kramer. „Mir iſt ſo ſchwül und ſchwer.“ „Ich will den Doctor rufen laſſen.“ „Ich brauche keinen Doctor. Laſſen Sie mich nur ruhig da ſitzen, oder nein, erlauben Sie mir auf ein 310 paar Minuten im Garten auf und ab zu gehen, dann wird mir' ſchon leichter.“ „Das Stubenmädchen ſoll Dich begleiten.“ „Nein, ich brauche Niemand; es wird mir beſſer, wenn ich allein gehe.“ „Aber bitte, entferne Dich nicht zu weit, und komm bald wieder. Du haſt heute geſehen, wie jeder Fehler von Dir mir einen Verweis zuzieht.“ „Ja, ich werde ſchnell wieder da ſein.“ Walpurga ging die hintere Pforte hinaus. Der Sand knirſchte unter ihren Tritten, ſie trat leiſer auf. Die Blumen dufteten ſtark, die Schwäne im Teiche gaben einen ſeltſamen Ton von ſich, wie tiefes nach innen gezogenes Schmettern; droben am Himmel glitzer⸗ ten die zahlloſen Sterne, und jetzt fiel eine Sternſchnuppe weit hin in glänzendem Bogen, und Walpurga rief plötzlich: Hanſei! Aus ihrem Innerſten wünſchte ſie nichts als ein Glück für ihren Mann. Sie ſtand ſtill. Als ſie den Namen gerufen, wollte ſie wieder umkehren; ſie iſt eine verhei— rathete Frau, ſie darf nicht am Abend mit einem fremden Mann zuſammen kommen, und wär's auch bei der Kirche. Es ſprang etwas über den Weg; war's eine Katze, ein Marder, oder ein Wieſel? Du mußt umkehren, rief es in Walpurga, und doch ging ſie weiter. Sie kam in die Laube. Hinter einer rebenumrankten Säule trat Baum hervor. Er ſtreckte ihr beide Hände entgegen, und ſie reichte ihm die ihre dar; er wollte ſie näher an ſich heranziehen, aber ſie ſtand feſt. 311 1 gehen, dn„Was habt Ihr mir zu ſagen?“ fragte Waolpurgo. „Sag doch Du zu mir, wie ich zu Dir,“ bat Baum. „Meinetwegen, ſo ſag', was haſt Du für mich?“ rd nir beſſer„Nur Gutes! Schau, wir minderen Leute, wir müſſen zuſammenhalten, und Du biſt mir ſo, daß ich it, und konn Dir Alles zuwenden möchte.“ ie jedet Fehle„Wenn Du mir was Gutes zuwenden kannſt, werd ich Dir dankbar ſein mein Lebenlang, ich und mein n.“ Mann und mein Kind. Sag' ſchnell, ich hab' Eile!“ hinaus. D„Dann können wir's ja laſſen bis auf ein andermal.“ rat leiſer u.„Nein, ſag' jetzt, was haſt Du gemeint?“ in Tihe„Ich habe eigentlich nichts gemeint. Schau, wir ie tiefes nac müſſen immer dienen, immer für Andere da ſein, und immel gliter da hab' ich gemeint, daß wir auch einmal eine Viertel⸗ Sternſchme ſtunde für uns da ſein könnten. Ich hab' Dir nur einmal ſagen wollen, Du biſt meine Augenweide, meine alpurga ri n Glückſeligkeit; wenn ich Dich ſehe und höre, da möchte als en blit ich, ich weiß nicht was, und kann's gar nicht ſagen.“ e den Namen„Iſt auch nicht nöthig. Und ich kann Dir ſagen, ine vere das iſt ſchlecht von Dir.“ „Daß ich Dich gern habe zum Tollwerden, das iſt ſchlecht?“ „Ja, und doppelt ſchlecht, daß Du mich daher führſt und mir vormachſt, Du hätteſt mir etwas Gutes zu ſagen.“ „Ich habe auch was,“ lenkte Baum raſch ein.„Ver⸗ zeih', daß ich ſo geweſen bin. Wenn Du mir verzeihſt, inem frende bei der hithe eine Kate lpurga, und ube. Hinter .. dann ſag' ich Dir das Andere.“ ichte h—.... e reic 1.„Ja, es ſoll Dir verziehen ſein, aber jetzt mach' heranjehe⸗ hurtig.“ ——————— 312 „Alſo,“ begann Baum mit gewaltſamer Faſſung, „die Sache iſt die: wer an der Krippe ſteht und nicht frißt, der iſt ein Narr; verſtehſt Du mich?“ „Freilich, weiß nicht, was da viel dran zu ver⸗ ſtehen iſt?“ „Ja, Du verſtehſt doch nicht, wie ich's meine. Hier am Hof iſt die volle Krippe, Du ſtehſt jetzt dran, und wenn Du weggehſt und haſt Dir nicht ſo viel genom⸗ men, daß Du ſatt biſt, Du und Dein Kind Dein Lebenlang, ſo biſt Du ein Narr geweſen.“ „Das möchte ich wiſſen, wie man das machen kann. Man muß alle Tage friſch eſſen, man kann nicht auf Einmal ſich vollſtopfen für ſein Lebenlang.“ „Du biſt geſcheidt, kannſt's aber noch mehr wer⸗ den. Schau, ich mein's ſo: eine gute Anſtellung, ein einträglicher Platz, da ißt man ſich ſatt für ſein Leben. Zum nächſten Frühjahr kommt der Meier von der Meierei da drüben weg; es dauert längſtens bis zum nächſten Herbſt, und da mein' ich, da ſollteſt Du Dich bei der Königin und bei Allen dazu halten, daß Dein Mann Meier wird, und Du bleibſt Dein Leben lang da und haſt für Dich und die Deinen gut ausgeſorgt. Glaub' mir, ich kenne die Herrſchaften. Wenn Du fortgehſt und Dir nicht eine gute Stelle gemacht haſt, denkt keine Katz' mehr an Dich: wenn Du aber da bleibſt, haſt Du's Dein Lebenlang gut, und je größer der Prinz wird, umſomehr wird er auf Dich halten, und wenn er einmal König wird, verſorgt er Dich und die Deinigen und Kind und Kindeskind. Iſt das nun was Schlechtes, was ich Dir rathe?“ ſamer Fuſun ſteht und nicht dran zu w s meine. Hi jeßt dran, nd ſo viel genon ein Kind Dein s machen kam. kann nicht uf ng.“ och mehr wer lnſtellung, in für ſein Leben leier von de ſtens his ʒun lleſt Du Dih 10 tel n Leben lu ut ausgeſorg n. Wenn D genacht haſ Du aber d und je griß dich halte, t, daß Den „Nein, im Gegentheil, das iſt ganz was Gutes; das will ich mir merken, das wär' ein ſchönes Brod und Butter dazu auch genug.“ „O, was haſt Du für einen Verſtand, ſo habe ich noch gar keine Frau geſehen und gehört. Du hätteſt verdient, daß Du ganz wo anders ſtündeſt. Aber das iſt jetzt einmal ſo, und wenn Du da bleibſt, da hab' ich doch die Freude, daß ich Dich oft ſehen und ein Wort mit Dir reden kann, denn, nicht wahr, gut Freund dürfen wir bleiben?“ „Ja wol, und mein Hanſei wird auch ein guter Freund zu Dir ſein; in dem iſt kein falſcher Bluts⸗ tropfen, und geſcheidt iſt er auch, er kann nur nicht ſo mit der Sprache heraus; und er hat mich gerad ſo lieb wie ich ihn, und er iſt ein herzguter Menſch und getreu, und ich laß nichts gegen ihn ſagen.“ „Das hab' ich auch nicht gethan,“ ſagte Baum, und Walpurga mußte ihm das zugeſtehen; aber ſie fühlte doch, daß jeder Liebesantrag gegen eine Frau eine Beleidigung und Herabſetzung des ihr angetrauten Mannes iſt, denn es kann ja nicht anders ſein, daß man ſtillſchweigend oder ausgeſprochen damit kundgiebt: der iſt nicht der Rechte, dem fehlt das und das, ich, ich wär' eigentlich der Rechte, der Deiner werth iſt. Baum ſeufzte ſchwer und ſagte: O, wenn man nur das Leben doppelt machen könnte!“ „Ich mein, man hat ſchon an Einem genug.“ „Freilich, wenn man's nicht verſpielt hat.. man lebt doch nur Einmal!“ 314 „Ja, auf dieſer Welt, aber auf der andern geht's wieder friſch an.“ „Ich mein's auch auf dieſer Welt. Schau, es iſt doch hart, wenn man das ganze Leben verſpielt hat, wenn man ſo hineingeplumpſt iſt und weiß nicht, wie und warum. Soll man das hinnehmen und nicht mehr ändern? Wir ſind Beide ſo hineingeplumpſt.“ „Wer?“ „Wie ich Soldat geweſen bin, da hab' ich den alten Kammerdiener vom hochſeligen König kennen gelernt, er hat Freude an mir gehabt und hat mich nach und nach eingeſchoben, er hat ſchon gewußt, warum. Ich hab' gemeint, wunder was für ein Glück ich mache, daß ich ſeine Tochter heirathe; ich hab's zu ſpät ge⸗ merkt, es iſt eine kranke biſſige Perſon, die keinen guten Blutstropfen im Leib hat. Soll ich jetzt mein Leben verſpielt haben und keine Lieb' mehr auf der Welt, weil ich mich ſo verunſchickt habe? Und Du auch. Du und ich, wir zwei— aber warum ſoll's jetzt zu ſpät ſein?“ „Du machſt ſchöne Späße, aber ſie ſind nicht ſchön; mit ſo etwas muß man keinen Spaß machen.“ „Ich mach' keinen Spaß. Soll jetzt alle Freude auf der Welt verloren ſein, weil wir dumm geweſen ſind? Da wären wir zweimal Narren.“ „Ich ſeh, Du ſprichſt ernſt.“ „Ja freilich,“ ſagte Baum, und ſeine Stimme zitterte. „So? Da will ich Dir auch was ſagen. Wie kommſt denn Du dazu, meinen Hanſei zu beleidigen? Wenn's auch wäre oder rad nich nich an; blit wol red r andern geht Schau, e3 n verſpielt he weiß nicht, und nicht m umpſt.“ n W ich den alte kennen gelem mich nach und warum. lück ich macht bs zu ſtät g⸗ on, die keinn ich jett men mehr auf del rwarnn ſil ind nicht ſchn nchen.“ tzt alle Freud dunn geweſn Stim ſeine S Vie kom Wenn digen? 315 auch ſo wäre, aber es iſt nicht ſo, wenn's aber ſo wäre, was meinſt Du? Wenn Du auch ſchöner wärſt oder manierlicher, biſt's aber nicht, das will ich Dir ge⸗ rad heraus ſagen, aber ſeis meinetwegen, das geht mich nichts an; einen Braveren als meinen Hanſei giebt's nicht, und wenn's auch einen giebt, geht er mich nichts wir haben einander und wir gehören einander. an; — Gelt, Du haſt nur Spaß gemacht? Freilich einen blitzdummen. Sag's, daß Du nur Spaß haſt machen wollen. Ich könnt' ſonſt ja kein Wort mehr mit Dir reden. Und jetzt gute Nacht!“ „Nein, bleib' noch! Daß Du ſo brav biſt, jetzt ge⸗ fällſt mir noch einmal. Wenn ich auch ſo eine Frau hätt'.“ Es war eine mächtige Erregung über Baum ge⸗ kommen. Er hatte anfangs mit den guten Worten nur geſpielt, aber allmälig hatte ſeine Stimme einen bewegten, zum Herzen ſprechenden Ton. „Ich will Dir was geben,“ ſagte Walpurga und legte die Hand auf ſeine Schulter. „Was denn? Einen Kuß?“ „Geh, ſchwätz nicht ſo. Du biſt jetzt ſo ordentlich geweſen.— Nein, ich will Dir was von meiner Mutter geben. Die ſagt immer: wer nicht mit dem zufrieden iſt, was er hat, der wäre auch nicht mit dem zufrieden, was er haben möchte.“ „Und das haſt Du von Deiner Mutter?“ „Ja, und die hat noch viele ſo gute Worte und das freut mich, daß Du Dich da dran halten kannſt. Wirſt ſehen, es thut Dir gut.“ — „Ja wohl!— Jetzt gieb mir aber auch nur einen einzigen Kuß dafür, weil ich ſo brav bin.“ „Ein närriſcher Kerl,“ lachte Walpurga.„Jetzt will er brav ſein und will gleich dafür was Schlechtes. Und wenn Du mir das ganze Schloß ſchenkſt, mit Allem, was drin, und noch ſieben Schlöſſer dazu, ich bin eine verheirathete Frau und gebe keinem andern Mann einen Kuß. Eine Hand geb' ich Dir, da, und jetzt gut' Nacht.“ Mit dem Gelöbniß, daß man gut Freund bleibe, trennte man ſich. Walpurga traf Mamſell Kramer in ſchweren Sorgen, denn das Kind jammerte und ſchrie. Erſt der Geſang Walpurgas beruhigte es. Unterdeſſen kehrte Baum wieder ins Schloß zurück. Er biß die Lippen zuſammen und dachte in ſich hinein: es iſt doch ein einfältiges, ſtockiges Ding, ſolch ein Bauernweib. Aber ſchön iſt ſie. Ich kann warten. Ich kenne den langen Weg. Sie wird ſchon kirre werden. Viele Tage ging Walpurga an Baum vorüber, ohne aufzuſchauen; auch Baum hielt ſich zurück. End⸗ lich aber, als er ſie einmal wieder auf der Bank traf, ſagte er raſch im Vorübergehen: „Juſt bös brauchſt Du mir nicht zu ſein. Ich wüßte nicht, daß ich Dich beleidigt hätte; wenn ich's aber doch gethan habe, ſo verzeih' mir's.“ Walpurga ſah wieder frei auf. Baum nickte und ging raſch von dannen. — wurd ſeine můc ſcha das gin auch nur ein lpurga.„it was Schleht⸗ ß ſchenkſt, mi löſet dazu, i keinem anden Dir, da, n Freund bli hweren Sorgen Erſt der Geſm Schloß zurit in ſich hinen⸗ ing, ſolh in n warten nkirre werden Baum voribe zurick Erd der Lonk tuf in. Ich vißt enn ichs aber un nict und Sechzehntes Capitel. dem Bade zurückgekehrt; er wurde feſtlich empfangen, aber er zog ſich bald mit ſeiner Gemahlin zurück und kam mit ihr in die Ge⸗ mächer des Kronprinzen. Die Gatten ſtanden an der Wiege des ſchlafenden Kindes, hielten ſich an der Hand, ſchauten einander an und wieder auf das Kind. „Giebt es ein Höheres, als ſo mit Einem Blick das gemeinſame Leben zu ſchauen?“ hauchte die Köni⸗ gin leiſe. Der König umarmte ſie. Das Kind erwachte, ſeine Wangen glühten und ſein Auge war hell. Walpurga weinte ſtill vor ſich hin. der König ging weg, die Königin blieb bei ihr. „Du haſt geweint?“ fragte die Königin. „Nur aus Freude, aus lauter Herzfreude. Kann's denn was Schöneres geben, als wie Sie da mit ein⸗ ander geſtanden?“ „Ich will Dir auch Deinen Mann kommen laſſen,“ erwiderte die Königin.„Schreib' ihm, er ſoll kom⸗ men, und Dein Kind und Deine Mutter können auch mitkommen.“ „Ja, Frau Königin, das wär' freilich ſchön; aber das koſtet viel Geld.“ Die Königin ſchaute betroffen auf, daß man ſich eine höchſte Freude verſagen muß, weil es Geld koſtet. Sie ſagte: Der König war aus ſaß während deſſen in einer Ecke und Jetzt mußte ſie zu dem Kinde; 318 „Laß Dir nur vom Zahlmeiſter geben, ſo viel die Reiſe der Deinigen koſtet. Iſt hundert Gulden wol genug?“ „O mehr als genug; wenn aber die Königin mir das Geld ſchenken will, können wir es ſchon beſſer anwenden.“ Die Königin ſah Walpurga erſchreckt an— die Geldgier zerſtört doch die tiefſſten Regungen auch in den einfachen Herzen. Walpurga merkte, daß ſich das glückſelige Geſicht der Königin veränderte, und begann: „Ich will ehrlich ſagen, warum ich's nicht will, auch wenn's nichts koſtet. Frau Königin, mein Mann iſt ein braver Mann, aber er iſt eben ein bischen un⸗ gelenk, und es thät mich ins Herz hinein verdrießen, wenn ihn Eines hier auslachen thäte. Und meine Mutter, Frau Königin, der darf man das nicht anthun, ſie iſt jetzt ſechzig vorbei, und iſt ſeit ihrer Hochzeit nicht aus dem Ort gekommen, nicht weiter als ein paarmal nach Hohenheiligen zur Wallfahrt, drei Stun⸗ den von uns; nicht einmal heim iſt ſie ſeitdem ge⸗ kommen, von wo ſie her iſt, nur eine Tagreiſe von uns, drüben über dem See, von der Grenze her; und da mein' ich, könnte man der Mutter am Leben ſcha⸗ den, wenn man ſie wo anders hin thät, nur auf ein paar Tage. Das Beſte wäre, wenn man's ſo macht, daß wir ganz in der Nähe von der Königin bleiben, alle miteinander; wir wollten gewiß die Meierei gut verſehen, und mein Mann verſteht das Vieh gut, er iſt viele Jahre Handbub und nachher Ochsner geweſen auf der Alm.“ dem ſie ſ ihre Reiſ wag Sie nit nin da die Walpurga redete, als müßte die Königin ſchon von dem Plan wiſſen, aber die Königin hörte nicht, was ſie ſagte; ſie war ganz verſunken in das Bewußtſein ihres neu aufgegangenen Familienglückes. Tage vergingen und Walpurga erhielt nichts von dem Reiſegeld, das ihr die Königin geſchenkt hatte, und ſie wagte nicht, den Hofzahlmeiſter darum anzuſprechen. Sie wollte Baum ein Zeichen geben, daß ſie gut Freund mit ihm ſei, und erzählte ihm den Hergang. „Es iſt beſſer,“ ſagte er mit kluger Miene,„Du nimmſt ein ſo kleines Geſchenk gar nicht. Sie meinen dann, ſie hätten Dich abgeſpeiſt. Geh' Du immer auf die Hauptſache los, auf die Meierei.“ Walpurga war herzlich dankbar gegen Baum. Es iſt doch gar gut, wenn man im Schloſſe ſolch einen Freund hat; der iſt mit dem König, als er noch Prinz war, in Italien und Frankreich geweſen, der weiß, wie man mit ſolchen Herrſchaften fahren muß. Im Schloſſe ging es nicht mehr ſo ruhig her, wie in den letzten Wochen. Das war vom Morgen bis zum Abend ein Rennen und Fahren, und bis in die tiefe Nacht hinein wurde gelacht, geſungen, geſcherzt; an den Bäumen hingen bunte Lampen, und weit hinaus in der Ebene und im Gebirge ſchimmerte die Sommerburg wie ein Zauberſchloß. Schon früh am Morgen fuhren die Küchenwagen bald da, bald dorthin; heute wird auf einer Anhöhe im Walde, morgen in einer Thalſchlucht oder bei einem Waſſerfall getafelt. In den Räumen, die Walpurga mit Manſell 320 Kramer bewohnte, hörte man nichts von dem Lärm; es hieß nur: heute iſt wieder Alles ausgeflogen. Der König war voll zarter Aufmerkſamkeit gegen ſeine Gemahlin, und ſchöner erſchien die Königin nie als jetzt, gehoben von Mutterglück und Gattenliebe. Oft am Morgen, wenn der Tag noch friſch war, und am Abend, wenn milder Thau ſich niederſenkte, ſah man den König ganz ohne Begleitung mit ſeiner Gemahlin am Arm im Park luſtwandeln, der Hof hielt ſich dann in der Nähe des Schloſſes. Eines Abends, als der König mit ſeiner Gemahlin im traulichen Geſpräch dahinwandelte, ſagte die Königin: „So an Deinem Arm iſt mir's ein Wonnegefühl, die Augen zu ſchließen und von Dir geführt zu werden, Du kannſt Dir nicht denken, wie wohl das thut.“ Der König ſprach ſein Glück aus über dieſe Hin⸗ gebung, aber tief innen zuckte etwas und nannte dieſe Empfindungsweiſe unköniglich. Wie ganz anders wäre— Nein, das wollte er nicht denken. Die Königin erzählte viel von den allmäligen Sinnes⸗ wahrnehmungen des Prinzen; der König hörte ihr auf⸗ merkſam zu, aber ſeine Aufmerkſamkeit war mehr Höf⸗ lichkeit. Schon nach der erſten Woche zog ſich die Königin von den vielen Ausfahrten zurück und blieb im Schloſſe, ſie hatte keine rechte Freude an der Unruhe. Die Königin ließ Walpurga mit dem Kinde bald da, bald dorthin in den Park und auf die Anhöhe hinter dem Schloſſe kommen, wo ſie Baumgruppen, die Umgebung des Teiches mit den Schwänen, das Schloß, die Capelle und einzelne Fernſichten zeichnete. 321 n den Lür; Eines Morgens ſaß man im Gartenſalon beim logen. Frühſtück, da ſagte der König: erkſankeit gyn„Es war ein ſchöner Wetteifer, als Du mit Gräfin die gbrigin ſi Irma gemeinſchaftlich zeichneteſt. Eure beiden Naturen d Gattenlihe zeigten ſich ganz in der Art, wie Ihr dieſelben Gegen⸗ noch friſch un ſtände aufnahmt.“ ſich niederſenkt„Ja, wir haben das auch oft bemerkt. Ich zeichne tung nit ſine vielleicht die Details genauer und ſchärfer, aber Gräfin n, der Hof hil Irma hat mehr Freiheit im geſammten Aufriß. Ich vermiſſe die gute Gräfin ſehr.“ ſeiner Gennhlu„So wollen wir ihr ſchreiben, daß ſie wieder kommen ute die Knijn muß, und zwar ſofort. Wir wollen ihr eine Col⸗ lectivnote zugehen laſſen. Meine Herren und Damen, in Vonnegfil führt zu nede W ſchreiben jetzt einen Brief an die Gräfin rma!“ l dos thut“ v „Laſſen Sie Schreibzeug hergeben!“ rief er einem Kammerherrn zu. Es war ſchnell zur Hand und der König ſchrieb: „Holde Gräfin, flüchtiger Vogel! Endlich weiß ich, welch ein Vogel Sie ſind: eine wilde Taube. mäligen 5 Entſpricht Ihnen dieſer Gegenſatz? Wild und doch ig hörte in 5 eine Taubel— Kommen Sie, die ganze Schaar t war nih 9 Ihrer Waldgefährten läßt den Kopf hängen, bis che z09 ſh. Sie wieder hier ſind. Eilen Sie zu uns auf Flü⸗ id ud lll übet diſe hin und nannte del anders wäte— rü n geln des Geſanges.“ an del 1 Der König reichte der Königin das Blatt und ſagte: den„Nun ſchreib' Du.“ Alhl 0 auf die„Ich kann nicht ſchreiben, wenn Jemand dabei iſt,“ unu erwiderte die Königin,„ich bringe kein Wort heraus. 3 E0hl i † 3 Brief nen, dos Ich werde ihr ein beſonderes Briefchen ſchreiben.“ chnete Auerbach, Auf der Höhe. J. 5 ————— ——=——„ Ueber die Mienen des Königs zuckte eine raſche, kaum merkbare Verſtimmung; er bemeiſterte ſie. „Wie Du willſt,“ ſagte er in verbindlichem Tone; aber innerlich war er tief ärgerlich über dieſe ewige Empfindſamkeit. Die Cavaliere und Hofdamen ſchrieben Alle, Jeder einige Zeilen, Jeder einen flüchtigen Scherz. Die Oberhofmeiſterin aber hatte ſich davongeſchlichen. Unter Lachen und Scherzen wurde der ganze Bogen vollgeſchrieben, und jetzt ſagte der König: „Es fehlt noch die Hauptperſon, die Walpurga muß der Gräfin auch noch ſchreiben. Das iſt die Stimme des Volks, die am meiſten auf ſie wirkt. Laſſen Sie die Walpurga herabkommen!“ Baum wurde ſofort nach Walpurga geſchickt. Unterwegs erklärte er ihr, um was es ſich handle. Walpurga war gar nicht ſcheu unter dem verſam⸗ melten Hofe. „Willſt Du lieber allein auf Deinem Zimmer ſchreiben?“ fragte der König, und gab damit doch eine Gereiztheit gegen ſeine Frau kund. „Ich ſchreib, wo man's verlangt, aber ſchön kann ich's eben nicht.“ Walpurga ſetzte ſich und ſchrieb: „Wenn's der Herr Vater erlaubt, wird mich's rechtſchaffen freuen, wenn meine Gräfin Irma wieder da iſt. Ich hab' im Herzen Heimweh nach ihr. Walpurga Andermatten.“ Der König las und ſagte:„Schreib auch noch hieher: Es wird mir und dem Prinzen gut thun, — p —— ine uſh wenn Sie wieder da ſind; Sie machen uns Beide fröhlicher.“ licen Vr„Herr König,“ ſagte Walpurga,„Sie ſind aber 6 dieſe ewig geſcheidt! Das iſt ja ganz wahr, was Sie da ſagen; 3 jetzt thun Sie mir den Gefallen und dictiren Sie mir's, 5 Alle, Je ich kann's nicht ſo gut ſetzen, aber ich kann ganz gut 4 er. Dictat ſchreiben, ich hab's bei der Mamſell Kramer ongeſchlichn. gelernt, ich hab's auch früher in der Schule gekonnt, 3 garze Boger aber ſpäter wieder vergeſſen.“ „Nein,“ erwiderte der König,„ſchreib' Du nur, 3 alpurga mß wie's Dir im Sinne iſt. Meine Damen und Herren! 3 die Stinn Laſſen wir die Walpurga allein, und gehen wir nach 3 Laſſen Ei der Veranda.“ 1½ Walpurga ſaß allein im großen Frühſtücksſaal und 6 ſchick biß auf die Feder, ſie konnte die Worte nicht mehr 1 ſich haml⸗ finden. Da hörte ſie ein Geräuſch, ſie ſchaute um, Baum ſtand unter der Thür. „Komm' her,“ rief ſie,„Du kannſt mir helfen, Du haſt doch Alles gehört?“ „Ja wohl,“ entgegnete Baum und dictirte Wal⸗ purga die Worte des Königs. Sie ging hinaus und übergab den Brief dem König. dem verſun⸗ ſchön kan rni Er lobte ſie, daß ſie die Worte ſo gut geſetzt. Sie wollte ſagen, daß ihr Baum geholfen, aber man muß ni nicht Alles ſagen, warum ſollte man nicht ein Lob — hinnehmen für etwas, was auch ſo hätte ſein können? ſäſin Walpurga lächelte über ihre Klugheit, als ſie nach neh n, ihrem Zimmer zurückging. Der König wird ihr gewiß mutn die Meierei geben. Er hat's geſehen, ſie kann Alles auch 1 gut aufſchreiben und gut Buch führen. aut t 32⁴ Die Königin brachte ihren ſchnell hingeworfenen Brief in den Garten, es war ein fliegendes Siegel darauf; ſie übergab ihn dem König und ſagte:„Willſt Du ihn leſen?“ „Iſt nicht nöthig,“ ſagte der König und ſchloß das fliegende Siegel. Nachdem der Brief geſchrieben, war unter den Hof⸗ damen ein endloſes Kichern; das zwitſchert und ſchwatzt durcheinander und neckt ſich, und hüpft wie ein Trupp Sperlinge, die irgendwo einen aufgeſprungenen Korn⸗ ſack entdeckt haben. Bald zerſtreuen ſie ſich, und Damen, die ſich ſonſt gar nicht leiden mochten, ſind überaus gute Freundinnen, gehen Arm in Arm im Park auf und ab, und andere ſtehen zuſammen, man kann ſich heute nicht trennen, man hat ſich ſo viel zu ſagen; noch ſprechen Alle gut von Irma, noch iſt jede ihre beſte Freundin, aber durch eine kleine Seiten⸗ bewegung hält man ſich die Wege offen, es kann auch anders werden. In wenigen Tagen hatten ſich Leben und Stim— mung auf dem Sommerſchloſſe verändert. Der König und die Königin hatten ſich beim Wiederſehen begrüßt, als wären ſie neu vermählt, es war eine Glückſeligkeit ohnegleichen; bald aber trat wieder, oder jetzt eigent⸗ lich zum Erſtenmal ſcharf, eine Unzuträglichkeit heraus, die unumwunden mit Einem Worte bezeichnet iſt: die Königin war ihrem Gemahl langweilig.— Er erkannte mit gerechter Würdigung ihre erhabene und edle Er⸗ ſcheinung, jedes ihrer Worte, jeder ihrer Gedanken iſt Erguß der reinſten Empfindung; aber dieſe Gehobenheit, ſich nd ich, uld Arm in men, mun ſo viel j 9 ine Seiten fann auch die im Alltäglichen immer etwas Beſonderes hat, das ſich gar nicht bemeſſen ließ, dies Beſtreben, immer Alles innig und tief bis in den letzten Grund durch zu denken, immer Aufmerkſamkeit für die beſondere Empfindungsweiſe heiſcht, nichts von leichtem, necki⸗ ſchem, ſelbſtgefälligem, ſpielendem Weſen, dieſe Tempel⸗ ſtille des Naturells, dies ewige Thronen auf der Höhe der Dinge— das war wohl ſchön und zu Zeiten auch anmuthend, aber in ſolcher unausgeſetzten Beſtändigkeit für den König langweilig; die Königin hatte keine Schaumperlen, die ſich raſch ſchlürfen ließen und für einen Moment belebten. Der König aber liebte die Abwechslung, das heiter Spielende, das Scherzhafte, Räthſelvolle, Launiſche, über Hinderniſſe hinweg zu Erobernde. Und was er an der Königin vermißte, das Alles fand er in der Erinnerung an Irma. Gewiß, er war ſich bewußt, ſeine Gattin treu zu lieben; er ehrte das freie, ſchöne Naturell Irmas, und warum ſollte man ſich nicht ihres Umganges erfreuen? Sie kommt, ſie bleibt bei uns, ſie bringt neues, friſches Leben! dachte er, als er den Courier, der das Schreiben an Irma beförderte, die Landſtraße im raſchen Trabe dahinreiten ſah. Am Mittag fuhr der König ganz allein mit der Königin ſpazieren; er ſelber lenkte die Pferde und ſaß neben ihr, nur zwei Reiter folgten hinterdrein. Der König war überaus liebreich und die Königin glücklich. Der König war ſich innerlich einer leiſen Abirrung bewußt, und nun doppelt liebevoll. Er ſah — — — —— —— ——— ſeiner ſchönen Frau hellen Blickes in die ſtrahlenden Augen. So ſoll es immer ſein, ſo rein und frei mußt du ihr immer in die Augen ſchauen können. Siebzehntes Capitel. „Majeſtät,“ ſagte am andern Morgen die Oberhof⸗ meiſterin, als man nach dem Frühſtück im Park luſt⸗ wandelte,„Majeſtät, ich bin Ihnen eine Erklärung ſchuldig, daß ich den Brief an die Hofdame Ihrer Majeſtät der Königin nicht mit unterſchrieben habe.“ „Sie haben nicht?“ erwiderte der König. Das ſtarre, feine Antlitz der alten Frau zeigte keine Ver⸗ änderung bei dieſen Worten, und doch hätte es ſie verletzen können, daß ihre fehlende Unterſchrift nicht bemerkt wurde. Sie befolgte aber vor Allem das oberſte Hofgeſetz: jedes perſönliche Empfinden zu ver⸗ leugnen und dadurch auch jede Empfindlichkeit zu ver⸗ meiden; ſie fuhr, nach der Hofweiſe den Tadel in Lob verkleidend, ruhig fort: „Dieſe Einladung iſt eine geniale Laune und Gnade Eurer Majeſtät, aber das Genie iſt immer ohne Gefolge. Majeſtät werden mir als Ihrer mütter⸗ lichen Freundin, mit welchem hohen Titel Sie mich en, wol erlauben, zu bemerken, daß es weder den Cavalieren noch den Damen zuſteht, ihre Namen unter einen außergewöhnlichen Scherz Eurer Majeſtät zu ſetzen. Es ſoll der Umgebung nicht mußt du Park luſt Erklärung NM habe.“ hrift nicht Alem da n zu ver⸗ it zu ver⸗ del in Lob une und iſt immel Veranlaſſung gegeben ſein, Eurer Majeſtät hohem Sinn die Vermuthung anzudichten, daß dieſe Berufung, weil ſo öffentlich und laut, eigentlich eine geheime und ſtille.“ Der König ſah die Oberhofmeiſterin betroffen an; aber er that als ob er nicht merke, daß die Oberhof⸗ meiſterin die Maske durchſchaue. „Ich wiederhole Ihnen, gnädige Frau, Sie hätten auch ins Bad reiſen ſollen, Sie ſehen alle Dinge ſo ſchwer, ſo gewichtig an; aber wenn man, wie ich, eben aus dem Bade kommt, iſt Alles ſo leicht und frei beſchwingt.“ „Majeſtät, es iſt nur meines Amtes, die feſten Normen für das hohe Leben Eurer Majeſtät immer wieder neu zu betonen.“ „Thun Sie das nicht zu ſehr?“ „Majeſtät, die Etikette iſt der unſichtbare, aber nicht minder bedeutſame Kronſchatz: man ſchmilzt die kunſtreichen und hochgeſchichtlichen Schätze nicht ein zu neuen Münzen, ſie müſſen ſorgfältig bewahrt werden, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Das Schloß iſt der höchſte Punkt im Lande, wo man immer von Allen geſehen wird und ſo leben muß, daß man geſehen werden kann.“ Der König hörte dieſer Auseinanderſetzung nur wenig zu, denn er dachte ſich hin zu Irma, die jetzt den Brief erhielt. Sie iſt aufgewacht, ſie ſteht allein oder ſitzt neben dem menſchenfeindlichen Alten auf dem Söller des Schloſſes im Gebirge, der Brief kommt und ſie iſt umflattert wie von einer Schaar zwitſchernder — — — und ſingender Vögel, die ſich ihr auf Hände, Schultern und Kopf ſetzen. Schade, daß man nicht ihr wonniges Lächeln ſehen kann... Der König hatte recht geſehen. Irma ſaß beim Vater und ſchaute träumend hinaus ins Weite. Was ſollte aus ihr werden? Wenn nur der Vater befehlen möchte: Du mußt hier bleiben. Aber immer ſich ſelbſt entſchließen! Wenn ein Gatte ihr befehlen möchte! Aber Baron Schöning würde ihr Unterthan ſein, und ſie hätte die doppelte Schwere des Lebens. Da meldete die Schaffnerin einen reitenden Boten, der ſo eben angekommen. Der Courier trat ein, übergab den Brief, und ſagte, er werde auf Antwort warten. Irma las und lachte laut auf, ſie legte den Brief auf den Schoß, nahm ihn wieder auf, las und lachte abermals. Der Vater ſah ſie betroffen an. „Was iſt? Was haſt Du? „Da lies!“ Der Vater las, ſeine Mienen veränderten ſich nicht. „Was willſt Du nun thun?“ fragte er. „Ich meine, ich muß ſolchen Bitten gehorchen, ja ich muß. Aber kann ich, ohne daß Du mir Vorwürfe machſt, heimkehren?“ „Wenn Du keinen Vorwurf in Dir mitbringſt, immer.“ Irma klingelte und befahl der Schaffnerin, ihrem Kammermädchen mitzutheilen, daß ſie Alles zur Abreiſe herrichten ſolle; man möge den Courier gut bewirthen und ihm ſagen, daß man noch am Abend ein Stück Weges zurücklege. , Schulten wonnige aſaß bein ter befehlen r ſich ſelbſt len müchte! tſein, und Da meldete er ſo eben und ſagte, und lachte „nahm ihn Vatet ſah n ſich nicht 01 chen, 0 Vorwürſt ſt innet“ in, ihren ur Abrelſe hewirthen in Stit 329 „Biſt Du mir böſe, Vater?“ „Ich bin nie böſe, ich bedaure nur, daß ſo wenig Menſchen ſich von ihrer Vernunft regieren laſſen. Aber mein Kind, ſei ruhig, wenn dieſe Entſcheidung das Gebot Deiner Vernunft iſt, mußt Du ihm folgen. Trage nur ruhig alle Conſequenzen, wie ich ſie trage. Laß uns jetzt noch die wenigen Stunden in Friede und Ruhe beiſammen ſein. Die gegenwärtige Stunde iſt Leben.“ Irma gab dem Kammermädchen und dem Kabinets⸗ Courier noch mancherlei Anweiſungen, aber immer war's ihr, als ob ſie noch etwas vergeſſe und zurückließe, was ihr erſt einfallen würde, wenn ſie fort ſei. Vater und Tochter ſaßen noch in trauter Gemein⸗ ſchaft beim Mittagstiſch. Der Wagen war gepackt, man ſchickte ihn eine Strecke voraus, er ſollte im Thale warten. Der Vater gab Irma das Geleite den Berg hinab; er ſprach heiter mit ihr; bei einem Apfelbaum am Wege ſagte er: „Kind, hier laß uns Abſchied nehmen. Das iſt der Baum, den ich am Tage Deiner Geburt gepflanzt, er iſt oft die Grenze meines Abendganges.“ Sie ſtanden ſtill. Ein Apfel fiel vom Baum ins Gras zu ihren Füßen. Der Vater hob ihn auf und gab ihn ſeiner Tochter. „Nimm dieſe Frucht mit von der heimathlichen Erde. Sieh, der Apfel löſt ſich ab vom Baum, weil er reif geworden, weil der Baum ihm nichts mehr geben kann. So auch der Menſch von Heimath und Familie. Aber der Menſch iſt mehr als eine Baumfrucht. Nun, mein 1 k— Kind, nimm Deinen Hut ab, laß mich noch einmal Dein ganzes Haupt umfaſſen. Niemand weiß, wenn ſeine Stunde kommt, da er aufgeht ins All. So, mein Kind, ich halte Dein liebes Haupt, weine nicht, oder weine. Ich wünſche, daß Du Dein Leben lang nur über Andre, nie über Dich ſelbſt weinen mögeſt.“ Er ſtockte, dann faßte er ſich und fuhr fort: „Und wie ich Dein Haupt jetzt halte und meine Hand auf alle Deine Gedanken legen möchte, ſo bleib auch Du ſtets Dir ſelbſt getreu! Ich möchte Dir all mein Denken geben; behalte jetzt nur das Eine: Laß nur ſolche Freuden über Dich kommen, deren Erinne⸗ rung Dir eine Freude ſein kann. Behalte das! Nimm dieſen Kuß!—— Du küſſeſt ſtürmiſch. Mögeſt Du nie einen Kuß geben, bei dem nicht Deine Seele ſo rein und voll iſt wie jetzt. Leb wohl!“ Der Vater wendete ſich ab und ging den Berg hinan. Er ſchaute nicht mehr um. Irma ſah ihm nach, ſie erbebte, es zog ſie, ſie wollte wieder umkehren, ihm nach und bei ihm bleiben, für immer. Aber ſie ſchämte ſich ihres Wankelmuths. Sie dachte an die nächſte Stunde, an die nächſten Tage, wie das ſein würde, wenn ſie wieder die Koffer auspacken laſſe, wenn ſie ſo vor allen Dienern und vor dem Vater ſelber— nein, es mußte ſein! Sie ging weiter. Sie ſaß im Wagen, der Wagen rollte fort, und nun war ſie nicht mehr ihr eigen, eine fremde Kraft hatte ſie aufgenommen... Es war am andern Mittag als Irma auf dem Sommerſchloß ankam. Das Schloß war ſtill. Niemand —— —,— nch einnel weiß, wen weine nicht 1 Loben lun inen mögeſt“ und mi chte, ſo blei öchte Dir l Eine: Un eren Erinn⸗ das Ninn Mögeſt D ine Seele ſt den Ber zog ſe, ſe hn bleibn, znkelmuth die nächſten er die Foffe Sie gin wlle ſor, eine frende auf doh Nienoſd 88 kam ihr entgegen, als der alte Kaſtellan, der ſchnell ſeine lange Pfeife wegſtellte. „Wo ſind die Herrſchaften?“ fragte der Courier. Es wird heute auf der Teufelskanzel geſpeiſt,“ lautete die Antwort. Da tönte vom Garten her ein Schrei. „Meine Gräfin, o meine Gräfin iſt da!“ ſchrie Walpurga, küßte ihr die Hände und weinte vor Freude. „O, jetzt geht erſt die Sonne auf, jetzt wird's erſt Sh Irma beruhigte die Hochaufgeregte. Dieſe aber „Ich will gleich zur Königin, ſie allein iſt da⸗ id ſitzt droben auf dem Berge und malt. Sie gern auf die Kirchweihfahrten, hier ſagte: heim un geht überhaupt nicht iſt alle Tage Kirchweih.“ Irma befahl Walpurga, der Königin noch nichts mitzutheilen, ſie werde ſelber zu ihr eilen. Sie ging auf ihr Zimmer und ſaß dort lange und einſam, ſtill in ſich gekehrt. Es war ihr zu Muthe, als hätte ſie eine Freundeshand ausgeſtreckt und Niemand faßt ſie. Draußen rückte man die Koffer hin und her, und plötzlich ſtand eine Erinnerung vor ihr, wie ſie da⸗ mals, ein verlaſſenes Kind, ſchwarz gekleidet in ihrem Zimmer ſaß, und im Nebengemach rückte man den Sarg ihrer Mutter. Warum traf ſie das jetzt? Sie ſtand auf— ſie konnte nicht mehr allein ſein. Sie wechſelte raſch ihre Toilette und eilte zur Königin. Dieſe ſah ſie von fern und ging ihr entgegen. Irma beugte ſich nieder und wollte ihr die Hand küſſen. 332 Die Königin aber hielt ſie empor, umſchlang ſie und drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen. „Sie allein durften die Lippen berühren, die mein Vater geküßt,“ ſagte Irma, oder vielmehr ſie ſagte es nicht, ſie bewegte nur leiſe die Lippen zu den Worten; tief in ihrer Seele aber ſtieg der Gedanke auf:„Sterben wirſt du eher, tauſendmal, ehe du dies heilige Herz betrübſt!“ Der Gedanke machte ihr Antlitz durchleuchten, und die Königin rief entzückt aus: „O wie ſchön ſind Sie jetzt, Gräfin Irma, wie ſtrahlen Sie!“ Irma ſchlug die Augen nieder und kniete an der Wiege des Kindes. Ihre Augen waren ſo voll Glanz, daß das Kind nach ihnen griff. „Er hat Recht,“ ſagte Walpurga,„er greift ſchon gern nach dem Licht, und ich meine, Ihre Augen ſind größer geworden.“ Irma ging mit Walpurga und entſchuldigte ſich bei ihr, daß ſie die Gſtadlhütte nicht beſucht habe. Sie erzählte dann von ihrer Freundin im Kloſter. „Und wie geht's Ihrem Vater?“ fragte Walpurga. Irma erſchrak; ſelbſt die Königin hat nach ihrem Vater nicht gefragt, nur Walpurga that es. Sie erzählte von ihm, und daß er die Mutter der Walpurga kenne, und auch deren Bruder, der manch⸗ mal im Walde Pech ſiede. „Ja, das iſt ein Bruder von meiner Mutter. Alſo den kennen Sie auch?“ „Ich nicht, aber mein Vater.“ Walpurga erzählte vom Ohm Peter, genannt dem Pechmännlein und gelobte, ihm auch einmal etwas zu ſchicken; das arme Männchen hat's gar ſchlimm auf nehr ſi ſu der Welt. Es iſt doch ſchrecklich, die Zenza hat den ippen zud Muth gehabt, da her zu kommen ins Schloß, aber der Gann das Pechmännlein leidet lieber Hunger und Noth. Während Walpurga noch ſprach, trat die Königin wieder herzu, und wie ſie an die Wiege kam, ſtram⸗ leuchtn, u p i Prinz mit Händen und Füßen entgegen. Die Königin beugte ſich nieder, richtete ihn auf, und Walpurga rief: „Herr Gott! Am erſten Tag, wo unſere Gräfin wieder da iſt, kann unſer Prins zum Erſtenmal ſitzen. Ja, ſie kann Alles aufrichten!“ ſo wl öin Innig und wohlgemuth ſaßen die Königin und Irma beiſammen. n grit ſin Am Abend war fröhlicher Willkomm der von der re Augen in Teufelskanzel Heimkehrenden. Irma hörte erſt jetzt, daß ihr Bruder nicht am Hofe ſei; er hatte im Bade chulige h die Baronin Steigeneck und deren Tochter kennen ge⸗ beſucht h lernt und war nun zum Beſuche bei denſelben. Kloſter. Der König begrüßte Irma ſehr formell, die Ober⸗ te Valpur hofmeiſterin hätte nichts dagegen bemerken können, und t nuch ihlen wie hätte er auch anders gekonnt, da die Königin ſagte: „Ich kann gar nicht ſagen, wie glücklich mich die Ankunft unſerer Gräfin macht; wir hatten heute inner⸗ „der mn lichſt heimathliche Stunden miteinander.“ Am Abend ließ der König ein Feuerwerk abbrennen, ſuttet. I das er zur Ankunft der Gräfin hatte bereiten laſſen. Weit in der Umgegend ſtanden die Menſchen und 5 ed⸗ Mutter de betrachteten mit Entzücken die vielfarbigen Feuergarben, die zum Himmel aufſtiegen. Zuletzt glänzte der Na⸗ menszug der Gräfin Irma, von einer Schaar Berg⸗ ſchützen in die Höhe gehalten. Die Feuer praſſelten, aus verbergendem Gebüſche tönte Muſik, die von ferne durch ein bereit gehaltenes Echo erwidert wurde. Mitten unter hellem Glanz und lautem Klang mußte Irma immer nur das Eine denken:„Wie lebt jetzt dein Vater?“ Graf Eberhard aber ſaß auf ſeinem Schloſſe im Gebirge am Fenſter, ſchaute in die Nacht und den Sternenhimmel und ſagte für ſich: Jeder Menſch, der in der Ewigkeit lebt, iſt einſam, einſam für ſich, wie die Sterne dort im Aether; jeder durchzieht ſeine eigene Bahn, und ſie wird nur beſtimmt durch Anziehung und Abſtoßung der Weltkörper um ihn herum.... In der Nacht träumte Irma: Ein Stern vom Himmel war niedergefallen, gerade auf ihre Bruſt; ſie. faßte nach dem Stern, aber er entſchwebte und ver⸗ wandelte ſich in eine Menſchengeſtalt, die abgewendet ſtand und rief: Du biſt auch einſam! nFlerntn änzte det Schaat Bo uer proſſeln die von ſen vurde. Nith nußte Im 5 0 t jeßzt den acht und d 1 Menſch, für ſich, w t ſeine einn Unziehung n ℳ Stern un hre Bruſt ſi ebte und be⸗ ie abgewend rey Sorrof Srari Green vellow Red Magerta