— ——— 4—* ——— Cdnard Ottmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und eſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ⁰ 7 Ubr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:*. für en 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Wet.— Pf. 1 Mr. 5 Pf. 2 Wer.— Pf. * Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines großeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von— 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 8 —— ——— ————— ——— ——————— ——— eine Mutter aus dem Volhe und der Mann von Adel. Enthüllungen dunkler Thalſachen aus der Gegenwark von B. v. AIrnheim. —=0— Vierter Band. Düſſeldorf, Verlag von F. A. Schönfeld. von den hahnwol in die yfroyfen in ſeine auf und ſich hin In Reiltnet ſorſchen die alee ſtarren „ ſeiner hemächt 3 Ruhn, 2 haben, bitter ol „N derte e S „— Portn c 7 46. Kapitel. Die Fleinen und die Großen. „Vor der Thür des Verwalters ſtand ein Möbelwagen, der, von den fehlenden Fenſtern und Thüren abgeſehen, einem Eiſen⸗ bahnwagen glich und geſchäftig eilten die Knechte ein und aus, um bieſen Wagen mit allem möglichen Hausgeräth vollzu⸗ pfropfen. Der Verwalter ſelbſt kümmerte ſich nicht darum, er wanderte— in ſeinem bisherigen Arbeitszimmer mit der Pfeife im Munde auf und nieder, und die Rauchwolken, die er ununterbrochen vor ſich hin blies, hüllten ihn immer bichter ein. In einer Ecke dieſes Zimmers ſaß bie alte Urſula, und der Reitknecht des Majoratsherr ſtand am Fenſter und folgte mit forſchendem Blick jeder Bewegung des alten Mannes, während die alte Magd theilnahmlos gegen Alles, was um ſie geſchah, in ſtarrem Brüten vor ſich hin blickte. „Keine Hand lege ich an!“ ſagte der Verwalter und der Ton ſeiner Stimme verrieth, daß eine fieberhafte Erregung ſich ſeiner bemächtigt hatte.„Thut, was Ihr wollt, ich gönne Euch den Ruhm, einen olten, treuen Diener vor die Thüre geworfen zu haben, aber das könnt ihr dem Majoratsherrn ſagen, er wird es bitter bereuen.“ Johann zuckte gleichgültig die Achſeln. „Mit der Treue wird es ſo weit nicht her ſein,“ erwi⸗ derte er. „Sagt Ihr das, um mich abſichtlich zu beleidigen?“ fuhr Wortmann auf. „Ich ſage es, weil ich es glaube.“ „Und Euer Herr hat dieſen beleidigenden Verdocht zuerſt aus⸗ geſprochen,“ höhnte der Verwalter.„Es iſt die einzige Waffe, — 1194— mit der er gegen mich kämpfen kann, aber ich werde ſie ihm aus der Hand reißen und vor die Füße werfen.“ Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über die Lippen des Reitknechts. „Wenn Ihr das könnt, weshalb habt Ihr es nicht ſchon ge⸗ than?“ fragte cr. „Weshalb nicht? Jedes Ding will ſeine Zeit haben.“ „Und ich glaube, Ihr habt die Zeit ſchon verpaßt!“ Der Verwalter war vor ihm ſtehen geblieben, er blies ihm eine mächtige Rauchwolke in's Geſicht. „Verpaßt?“ wiederholte er,„Nein, ſie iſt noch nicht gekommen, aber ſie wird kommen, und dann ſoll dieſer Majoratsherr die Waffe kennen lernen. Wenn Ihr aufrichtig ſein wolltet, Jo⸗ hann, dann würdet Ihr zugeben müſſen, daß Ihr auf meiner Seite ſteht. Aber ihr wollt kein Bündniß mit mir, und ich weiß, wes alb Ihr es nicht wollt, Ihr ſeid auf Euren eigenen Vor⸗ theil bedacht, und was Ihr wißt, verſchweigt Ihr, um es zu gelegener Zeit zu benutzen. Nehmt Euch in Acht und denkt über das, was Ihr thun wolt, ernſtlich nach. Den Einzelnen zer⸗ malmt er—“ „Mich würde er nicht zermalmen,“ unterbrach Johann ihn, „ich würde meine Trümpfe erſt dann ausſpielen, wenn ich das Spiel ſicher in der Hand habe.“ „Habt Ihr ſchon Trümpfe?“ „Wenn ich ſie habe, werde ich ſie Niemanden zeigen, ich laſſe mir nicht in die Karten blicken.“ Die alte Urſula hatte das Haupt erhoben, ihr ſtechender Blick ruhte durchdringend auf dem Reitknecht. „Die Narbe!“ ſagte ſie.„Ueberzeugt Euch, ob er die Narbe hat, dann werdet Ihr wiſſen, ob er der Rechte iſt oder nicht.“ „Jawohl, die Narbe!“ ſpottete Johann.„Weshalb habt Ihr Euch nicht überzeugt, ob er ſie hat? Wenn Ihr davon noch oft redet, ſchickt der Baron Euch in's Irrenhaus.“ „Er ſoll dafür ſorgen, daß er nicht ſelbſt in's Zuchthaus kommt,“ brummte die Alte. „Ju's Zuchthaus könnten auch Andere kommen, die jetzt noch nicht daran denken,“ fuhr der Reitknecht fort, während Wort⸗ mann wieder auf und nieder wanderte,„wer in einem Glashauſe ſitzt, ſoll nicht mit Steinen werfen.“ Jo eiß, Por⸗ zu ber zer⸗ hn, das ſſe — — 1195— Der Verwalter warf ihn verſtohlen einen wüthenden Blick zu. „Hütet Eure Zunge,“ ſagte er warnend. „Bah, was mein Herr ſagt, werde ich wohl wiederholen dürfen! Unterſchlagung kann auch ſpäter noch bewieſen werden, und ſolche Beweiſe ſind beſſere Waffen—“ „Beweiſe?“ unterbrach der Verwalter ihn drohend.„Wo ſind ſie? Man ſoll ſie mir vorlegen, wenn man ſie wirklich hat. Hat man ſie aber nicht dann darf man auch keine Vermu⸗ thungen ausſprechen!“ „Und ich bleib dabei, er iſt es nicht!“ ſagte die alte Urſula, das Haupt erhebend.„Gebt Acht, es kann noch eine Weile dau⸗ ern, uber an den Tag wird es kommen, daß er ein Betrüger iſt. Und dann wird man uns feigen, weshalb wir es nicht eher ge⸗ agt haben, dann wird Jeder ſagen, er habe es längſt gewußt.“ „Ihr auch“ fügte der Verwalter hinzu, indem er den Reit⸗ knecht feſt anhlicte.„Wenn Ihr Muth hättet— aber Ihr habt keinen, Ihr verrathet Eure Freunde und dient Denen, die Euch verderben.“ Wieder zuckte Johann die Achſeln, und abermals glitt ein verächtlicher Zug über ſein Grſicht. „Ihr werdet das ſpäter einſehen,“ fuhr Wortmann fot, und vielleicht bereut Ihr dann, meinen Vorſchlag zurückgewieſen zu haben.“ „Wüßte nicht, daß Ihr mir einen gemacht hättet!“ „Iſt es auch nicht mit dürren Worten geſchehen, ſo hättet Ihr ihn doch in meinen Aeßerungen fiaden können Und Ihr thätet gut, jetzt noch ein Bündniß mit mir zu ſchließen.“ „Damit Ihr die Möglichkeit erhaltet, das Fett von der Suppe zu ſchopfen?“ ſpottete Johann. „Ich denke nicht daran.“ „Hi, was kräme dabei heraus?“ „Vielleicht viel, vielleicht auch gar nichts.“ „Das ſind Ausſichten, die mich nicht reizen können.“ „Ich kann Ihuen nichts Sicheres verſprechen, es kommt darauf an, wie die Sache angefangen wird, und wie ſie endet, aber Ihr werdet mir zugeben, daß ich der Mann wäre, die Ver⸗ mittlung beim Bruder des Majoratsherru zu übernehmen,“ — 5 Der Reitknecht ſah ihn feſt an. „Ihr kanntet den Hofmeiſter? fragte er. „Ja, allerdings.“ „Hot Hurter Euch nie etwas verrathen?“ „Nie, er war zu ſehr auf ſein eignes Intereſſe bedacht. Und was hätte er mir auch verrathen können? Er wußte ſelbſt nichts.“ „Dann würde der Baron ihn nicht gefürchtet haben.“ „Und wozu hat dieſe Furcht geführt?“ fragte der Verwalter lauernd. Ihr wißt es, aber Ihr wollt es nicht ſagen. Sorgt nur, daß Ihr nicht der Mitſchuld verdächtigt werdet, wann die Sache reif geworden iſt, wird man kurzen Prozeß machen und Jeden zur Verantwortung zieben, der ihm in irgend einer Weiſe beigeſtanden hat. Seht Euch vor, Johann, der Boden wankt unter Euren Füßen, und Ihr könnt nicht wiſſen, wenn er ein⸗ ſtürzt. Wollt Ihr meinen Rath annehmen, ſo will ich ihn Euch gerne geben, vorausgeſetzt, daß wir theilen, was dabei heraus⸗ kommt“ „Wenn ich Euren Rath nöthig habe, werde ich zu Euch kommen“ „Ich fürchte, Ihr kommt wenn es zu ſpät iſt.“ „Ich fürchte, Ihr werdet bald nicht mehr in der Lage ſein, mir einen Rath geben zu können, der Majoratsherr ſchont Euch wahr aftig nicht, wenn—“ „Was der Majoratsherr thun wird, erwarte ich in aller Ruhe,“ unterbrach der Verwalter ihn,„ſeine Drohungen fürchte ich nicht.“ Er hatte ſeine Wanderung wieder aufgenommen, und immer dichter wurden die Rauchwolken, die ihn umgaben. „Er benutzt Euch jetzt noch,“ fuhr er fort,„aber ſobald er Euch entbehren kann, wird er Euch einen Fußtritt geben.“ „Wenn er einen andern Reitknecht findet, der ihm beſſer ge⸗ fällt—“ „Das iſt es nicht, Ihr ſeid weniger ſein Reitknecht, als ſein Gedächtniß. Was er nicht weiß, das müßt Ihr für ihn wiſſen, damit er nicht aus der Rolle fällt.“ e„Dann begreife ich nicht, wie er die Rolle hat ſpielen können he ich bei ihn war. Eure Vermuthungen gehen zu weit und —— 1197— deshalb werden ſie gefährlich für Euch. Man kann Manches glauben und vermuthen, aber man darf nicht Alles ſagen. Ich bin beauftragt, die Schlüſſel von Euch zu fordern—“ „Und wenn ich ſie aun nicht herausgebe?“ „Spaß! Sie ſind ja nicht Euer Eigenthum. Und geb Ihr ſie nicht gutwillig, ſo beſtärkt Ihr davurch deu Verdacht, der auf Euch ruht.“ „Man ſoll ihn mir beweiſen.“ „Hun die Beweiſe könnten raſcher, als Euch lieb iſt gefunben werden, deshalb ſagt mir nicht, der Boden wanke unter meinen Füßen, da Ihr doch ſelbſt nicht ſicher ſteht.“ „Die Narbe!“ hrummte die alte Urſuls, aus ihrem Brüten erwachend.„Das iſt ber beſte und ſicherſte Beweis! Er muß ſie h ben, und wenn ſie nicht gefunden wird, dann iſt er es auch nicht. Ins Irrenhaus will er mich ſchicken? Ja, wenn er'⸗ könnte, thäte er's gewiß, aber er hat keine Macht über mich.“ Johunn warf ihr einen geringſchätzenden Blick zu und ſah dann eine Weile durch das Fenſter, um zu erferſchen, wie wei der Auszng gediehen war. „Es wird Euch nichts nutzen, wenn Ihr die Herausgabe der Schlüſſel verweigert,“ ſagte er,„der Majoratsherr läßt die Schlö ſer aufbrechen—“ „Da ſind ſie!“ erwiderte Wortmann, inbem er ein ſchweres Schlüſſelbund auf den Tiſch warf. „Habt Ihr außerdem noch einen Auftrag?“ „Und meinen Vorſchlag wolt Ihr auch nicht annehmen?“ „Heute noch niche.“ „Später?“ „Vielleicht!“ „Ihr geht gerne ſicher,“ ſpottete der Vetwalter,„Ihr ſeid auch einer von den Klugen, die Andre die gebratenen Kaſtanien aus dem Feuer holen laſſen. Aber den Gefallen werde ich Euch nicht thun, macht Euch keine Hoffnung daraf. Entweder— oder! Wollt Ihr Euch mit mir verbündet, ſo muß es ganz und ohne Hinterhalt geſchehen, im andern Falle verzichte ich darauf. Ihr müßt ſelbſt wiſſen, ob Jor ein ehrlicher Mann bleiben ader mit Schwindlern und Abentheurern gemeinſeme Soche machen wollt, vergeßt dabei nicht. deß das Ende die Laſt trägt.“ Er hatte bei den letzten Worten die Aſche aus ſeiner Pfeife auf den Fyußboden ausgeklopft und dabei den Reitknecht feſt an⸗ geblidt, aber kein Zug in dem Geſicht des letztern verrieth ihn, daß ſeine Warnung einen Eindruck gemacht hätte. Und Johann hatte auch noch keine Zeit geſunden, eine Er⸗ widerung darauf zu geben, als die Thüre haſtiz geöffnt wurde und Hellmuth Waldſtern eintrat. „Was iſt das? Was geht hier vor?“ fraste der letztere erregt. „Es iſt weiter nichts, als dß ein alter treuer Diener ent⸗ laſſen worden iſt, weil er unbequem wurde, erwiderte der Ver⸗ walter uhig.„Ich habe das längſt vorausgeſehen und wundre mich nur, boß es nicht ſchon früher eingetroffen iſt.“ Hellmuth bickte fragend den Reitknecht an, der zuſtimmend nickte. „Und das erfehre ich erſt jetzt?“ ſagte er vorwurſsvoll. „Hätte ich es Dir früher mittheilen können?“ ant ortele Wortmaun.„Geſitern Abend erfolgte der Bruch und—“ „Und heute ſchon maußt Du dus Haus verlaſſen?“ „Wie Du ſichſt!“ „Kurzer Prozeß!“ ſagte Johann ſcherzend.„Große Herren lieben das!“ „Und was nun?“ frogte Hellmuth, ohne auf dieſe Bemerkung etwas zu erwidern. „Ich erinnerte mich, daß Du mir einmal geſagt hatteſt, wenn dieſer Fall eintrete, könne ich bei Dir eine Wohnung finden. Sollte das aber nicht angehen, ſo—“ „Gewiß, wir haben Raum genug.“ „Gut, dann nehme ich Dein Anerbieten an. Ich hoffe, Du wirſt nichts dagegen haben, wenn die alte Urſula mich begleitet? Ich kann ſie nicht im Stich laſſen, wengſtens ſo lange nicht, bis ich ein paſſendes Unterkommen für ſie gefunden hebe.“ „Ich habe durchaus nichts dagegen, und Helene wird ſie ge⸗ wiß freundlich aufnehmen.“ „Und mit leeren Händen kommen wir auch nicht,“ ſagte der Verwalter;„wir werden Koſt und Logis vergüten.“ ———„— — Pe Chiar us hu „Dus ſteden⸗ 41 wehen! Ao c 01 S 1 G ſpoltend, zehlt wi We Reilinec 0 „Jo heruus vorheſte bezwang 1L gefunde auf de 5i „Gi „Gr „D einem ir ſii wihre „Was „A V 3 — 1199— „Reden wir doch davon nicht!“ „Weshalb ſoll ich es nicht ervähnen? Ihr ſeid ein junges Ehepaar und das Gold wird Euch auch nicht durch das Dach in's Haus regnen.“ „Das freilich nicht, aber ich bin mit meiner Einnahme zu⸗ fri⸗den.“ „Gut,“ nickte der alte Mann,„dann ollt Ihr aber meinet⸗ wegen nicht in die Loge kommen, Schulden machen zu müſſen. Alſo abgemacht?“ „Ganz, wie Du willſt!“ „Somit wäre ja Alles wieder in Ordnung!“ ſagte Johann ſpottend,„nur mit dem Unterſchiede, daß kein Gehalt mehr ge⸗ zahlt wird.“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Hellmuth, der erſt jetzt den Reitknecht ſeiner Beachtung würdigte. „Der Reitknecht des Majoratsherrn,“ erwiderte Wortmann · „Ich dächte, wir hätten uns ſchon geſehen,“ ſagte Johann hereusfordernd,„fteilich erinnere ich mich nicht, daß Sie mir vorgeſtellt worden ſind.“ Auf der Stirne Hellmuths ſchwollen die Abern an, aber er bezwang ſich. „Vielleicht lönnen Sie Auokunſt darüber geben, wer den al⸗ en Moler getödtet hat, deſſen Leiche in der vorigen Nacht hie gefunden wurde,“ erwiderte er mit einem durchoringenden Blickr auf den Reitknecht, der unwillkührlich die Augen niederſchlug. „Hier?“ fragte der Verwalter beſtürzt. „Ganz in der Nähe auf der Landſtraße.“ „Ermordet?“ „Darüber iſt man eben noch im Zweifel“ ſagte Hellmuth mit einem forſchenden Blick auf den Reitknecht.„Einige behaupten, er ſei nieber geritten und durch einen Hufſchlag getödtet worden, während Andere wiſſen wollen, er müſſe ermordet worden ſein. „Und weshalb fragen Sie wich?“ erwiderte Johann trotzig. „Was kann ich davon wiſſen?“ War der Majoratsherr geſtern Abend ausgeriten?“ „Fragen Sie ihn ſelbſt.“ „Wenn Ihr nicht reden wollt, ſo iſt das ſchon ein böſes Zei⸗ — — 1200— cten, an einer andren Stele werdet Ihr die Fragen beantworten müſſen.“ „War der Majoratsherr mit dem alten Maler verſeindet 7* fragte Wortmann. „Sie hatten ſich gegenſeitig die Wahrheit geſagt.“ „Hin— das wäre der dritte,“ brunmte der Verwalter, aber ſo leiſe er es auch ſagte, der Reitknecht hatte die Worte ver⸗ nommen. „Was wollt Ihr damit ſagen? juhr der letztere auf.„Sprecht Ibr wieder einen Verdacht aus? Hüret Euch, alter Mann, der Baron läßt nicht mit ſich ſpaſſen.“ Feſt und ruhig blickte Wortmann ihn an. „Meine Gedanken habe ich für mich und Niemand kann ſie mir verbielen,“ ſagte er. „Aber Ihr dürft ſie nicht ausſprechen!“ „Das iſt die alte Lehre von den Großen und den Kleinen nahm Hellmuth das Wort, und ein ironiſcher Zag glitt dabei über ſein Antlitz.„Die Großen dürfen Vieles, was den Kleinen nicht erlaubt iſt. Aber jedes Ding hat ſeine Grenze, und—“ „Was kümmert das Alle⸗ mich?“ fiel der Reitlnecht an den dieſe Worte gerichtet waren, ihm in die Rede.„Ich hab' mit den Großen ſo wenig zu ſchaffen, wie mit den Kleinen!“„ „Ihr haltet mit den Großen,“ erwiderte der Verwalter, wäh⸗ rend er ſeine Pfeife wieder ſtopfte und dabei einen Blick durch das Fenſter warf,„aber es wird eine Zeit kommen, in der Ihr wünſcht, ſie nie gekannt zu haben. Mit den Großen kanu es plötzlich ein Ende nehmen, und dann iſt es ein Ende mit Schrecken.“ „Ich will das abwarten.“ „Und wenn Ihr bie Frage, ob der Baron geſtern ausgeritten ſei, nicht beantworten wollt, ſo leiſtet Ihr dadurch Eurem Herrn keinen großen Dienſt, deun ich kann bezeugen, daß er geſtern Nachmittag in der Stadt geweſen iſt.“ „Du haſt ihn dort geſehen?“ fragte Hellmuth raſch. „Jawohl.“ Habt Ihr auch mich geſehen?“ fragte Johann ſpöttiſch. „Nein, Ihr wart hier, wenigſtens traf ich Euch bei meiner Heimkehr hier, und der Bar kehrte erſt ſpäter zurück.“ — 1201— „Es iſt wenigſtens gut, daß Ihr das bezeugen könnt—“ „Ich werde nie die Unwahrheit ſagen!“ 3 det„Bah, Ihr richtet Euch in Allem, was Ihr thut, nach Eurem* eigenen Intereſſe!“ „Und ich glaube, das thut Jeder. Ihr wißt jetzt wo ich aher wohne, Johann, alſo wißt Ihr auch, wo Ihr mich finden könnt, vrr⸗ wenn Ihr mir etwas zu ſagen habt.“ 1„Werd' daran denken,“ nickte der Reitknecht, der ſich iazwi⸗ prcht ſchen der Thüre genähert hatte,„ich glaub' aber daß aus e dem Bündniß was wird.“ Damit ging er hinaus, das Geſpräch hatte eine Wendung genommen, die ihm unangenehm war. nſe Was kümmerte denn ihn der Tod Auerbachs? Er war nicht dabei geweſen, als der Baron den alten Mann niederritt, er wußte überhaupt nicht, wie die Sache ſich zuge⸗ i tragen hatte, und er wollte auch nichts davon wiſſen; der Ma⸗ bahei joratsherr mochte ſelbſt zuſehen, wie er ſich aus der Klemme S befreite! 4 Wenn der Baron leugnete, ſo gewann Johann dadurch eine 14 mächlige Waffe gegen ihn, und wenn er die That eingeſtand, ſo war er auch allein dafür verantwortlich. Der Reitknecht ſchlug den Weg zur Stadt ein, er erinnerte u ſich des Auftrags, den der Baron in Bezug ihm auf Madame Win⸗ u kel gegeben hatte. Das Bündniß, welches der Verwalter ihm vorgſchlagen hatte, „ gefiel ihm nicht, wenigſiens jetzt noch nicht, es lag nicht in ſeiner 1 ſ Abſicht, mit dieſem Manne den Gewinn zu theilen. Wenn Madame Florentine Winkel ihre Rolle mit Geſchick ſpielte, ſo bedurfte man der Hülfe des Verwalters nicht, der alte Mann wußte ja gar ichts, er konnte ja nicht eine in tten weis für ſeine Vermuthungen vorb ringen. rrn 5 Unter ſolchen Verhältniſſen wäre ein Bündniß mit ihn Thor⸗ 3 1. heit geweſen! Johann dachte natürlich nicht daran, über Madame Winkel Erkundigungen einzuziehen, er ging gerades Weges in ihre Wohnung und die ehemalige Schauſpielerin empfing ihn in einer Weiſe, die ihn deutlich erkennen ließ, daß ſie ihn erwartet hatte. ner Der Baſtard. 76 — 21202 Er werf ſeine Mütze auf den Tiſch und ſich ſelbſt auf einen Stuhl und blickte ſie erwartungsvoll an. „Er war hier?“ fragte er. „Geſtern,“ erwiderte die hübſche Frau lächelnd.„Hat er Ihnen eine Botſchaft an mich gegeben?“ „Bewahre, er hat mich nur beauftragt, Erkundigungen über Sie einzuzieh n.“ „Wozu das“ „Er will wiſſen, wie und wovon Sie leben, mit wem Sie verkehren— kurz, er will ſo genau wie möglich über Sie unter⸗ richtet ſein.“ Madame Winkel ſchüttelte den Kopf, ein finſtrer Schatten glit über ihre Stirne. „Nütüörlich ſoll ich Ihnen ſelbſt ſern bleiben,“ fuhr Johann fort,„er fürchtet Sie, er ſucht offenbar eine ſchwache Seite, an der er Sie faſſen kann.“ „Er wird ſie nicht finden.“ „Und wenn er ſie fände, ſo wäte auch nickts weiter dabei, ſchöne Frau, wir haben beſſere Waffen.“ „Beſſere?“ fragte Madame Winkel raſch.„Haben Sie Ent⸗ deckungen gemacht, die uns ſolche Waffen liefern?“ „Noch nicht, aber ich bin auf dem beſten Wege. Welchen Ein⸗ druck hat er geſtern auf Sie gemacht?“ Die ehemalige Schauſpielerin blickte eine Weile ſinnend vor ſich hin, dann heſtete ſie plötzlich ven Blick ernſt und voll auf das Geſficht des Reitknechts. „Wenn ich mit Sicherheit darauf vertrauen dürfte, daß Sie mich nicht betrügen werden—“ „Florentine,— darf ich Sie ſo nennen? darf ich—“ „Mein Freund, Sie wiſſen, daß ich eine alte Frau bin und—“ „Sagen Sie das nicht,“ erwiderte Johann raſch,„Sie ſind jünger, als ich, und es wäre in Bezug auf das Alter das rich⸗ 3 ige Verhältniß. Was ſagen Sie dazu? Wir gründen eine Re⸗ auration oder einen Gaſthof, je nachdem es die Mittel rlauben.“ „Wenn wir überhaupt die Mittel erhalten,“ ſagte Madame Winkel, ohne ihm ihre Hand zu entziehen, die er erfaßt hatte. „Wir werden ſie erhalten.“ — „Biſn Und h 3 „Let iſt verlobt ſol er eir dieſes hll bann funn riſtn und glie Leben „Rechn Jutürl halten—“ „Aber ümmer es ii unſt „Aher „Noch Maun zu1 nicht ſo m Madar wollte ſi hob doch! Die fort„und die Wahl oder auf „Aber „Donn vorher zu „Und „Zwan „Er m un en or auf ie — 1203 „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ „Ich hege nicht den leiſeſten Zweifel.“ „Und wer ſoll ſie uns geben?“ „Der Majorateherr!“ „Er ſelbſt?“ fragte die Schauſpielerin überraſcht.— Glan⸗ ben Sie, daß er durch Drohungen ſich erſchrecken laſſen wird?“ „Wes will er machen?“ erwiderte Johann achſelzuckend.„Er iſt verlobt mit der Tochter eines reichen Bankies, am Hochzei stage ſoll er eine Mitgift von hunderttauſend Thaler erhalten, und dieſes Geld iſt für ihn ber letzte Anker. Wenn Alle⸗ ſchief geht, dann kann er mit bieſer Summe in der Taſche wieder hinüber⸗ reiſen und drüben den vornehmen Herrn ſpielen, oder auch das alte Leben wieder beginnen.“ „Rechnet er darauf?“ „Natürlich! Er wird Alles aufbieten, um das Geld zu er⸗ halten—“ „Aber der Bankier und deſſen Tochter werden betrogen!“ „Kümmert das uns, Florentine? Sorge Jeder für ſich ſelbſt, es iſt unſre Sache nicht, andre Leute vor Schaden zu behüten.“ „Aber wäre es nicht unſre Pflicht—“ „Nach meiner Anſicht nicht! Es iſt Pflicht des Bankiers, den Mann zu prüfen, dem er ſeine Tochter geben will, thut er es nicht, ſo muß er die Folgen tragen.“ Madare Winkel ſchüttelte freilich den Kopf, als ob ſie ſagen wollte, ſie ſei mit dieſer Anſicht nicht einverſtanden, aber ſie er⸗ hob doch keinen Einwand mehr dagegen. „Die Hochzeit ſoll ſchon hald gefeiert werden,“ fuhr Johann fort,„und wir müſſen vor dieſer Zeit handeln. Wir müſſen ihm die Wahl ſtelen, entweder eine namhafte Summe an uns zuzahlen, oder auf die Hochzeit zu verrichten.“ „Aber er be'ommt das Geld erß nach der Hochzeit!“ „Dann muß er dafür ſorgen, die Sunime, die wir forbern, vorher zu erhalten“ „Und wie viel ſollen wir forbernk“ „Zwanzigtauſend Thaler.“ „Er wird ſie nicht geben.“ „Es iſt nur der fünfte Theil von dem, was er gewinnt.“ 76* — 1204— 62 „Und die Forderung wird lächerlich, wenn wir unſre Dro⸗ hungen nicht auf Beweiſe ſtützen ſagte die Schauſpiele⸗ rin gedankenvoll. Johann hielt ihre Hand noch immer. der ſeinigen, er legte jett den Arm um ihren Nacken und küßte ſie auf die Lippen. Die hubſche Frau lächelte und gab ihm den Kuß zurück. „Jetzt biſt Du meine Braut,“ ſagte er triumphirend. „Und ich rechne darauf, daß ich die Braut eines ehrlichen Mannes bin, der ſeine Verſprechu⸗gen gewiſſenhaft einlöſen wied, erwiderte ſie in ernſtem Tone„Wenn ich in dieſer Erwartung mich getäuſcht ſehe, dann werde ich nicht ruhen, bis ich Nahe genommen habe. „Um Gotteswillen, was veranlaßt Dich zu dieſen Drohungen?“ ſcherzte Johann.„Wenn ich es nicht ernſt und redlich meinte, Florentine, würde ich nicht um Dich geworben, nicht dieſes Bünd⸗ niß mit Dir geſchloſſen haben.“ „Im, man kann nicht wiſſen— „Zwe fle nicht an mir, ich werde Dir beweiſen, deß dieſe Zweifel nicht berechtigt ſind: Sobald wir die Mittel beſitzen, wer⸗ den wir unſre Hochzeit feiern.“ „Und— ich frage das noch einmal— wenn wir ſie nicht erholten i „Dann bricht Alles zuſammen! und ich denke, dann wird der Bruder des Majoratsherrn uns unter die Arme greifen, er muß uns ja dankbar ſein.“ „Dankbar?“ erwiderte Madame Winkel, während ihr Blick auf den Lerbeerkränzen ruhte, die ſie vielleicht auch an Undank erinnerten.„Ich habe niemals Dank von den Menſchen erwartet auch nie welchen gefunden.“ „Na, wenn Alles ſchief geht, dann bin ich noch immer der Mann, der ſeinen Weg durch das Leben findet,“ ſagte Johann. A „Denke nicht, Floreutine, daß ich dabei auf Dein Vermögen rechne, 3 ſoll Dir für alle Fälle geſichert bleiben, ich laſſe mich nicht von Dir ernähren, dazu bin ich zu ſtolz.“ Jetzt küßte Florentine Winkel ihren Verlokten, deſſen lette Worte ſie beruhigt und ihre Beſorgniſſe beſeitigt hatten. „Alſo vor der Hochzeit des Barons muß der Schlag geführt Köm hnden i 00h „J0 bin üher reud ſie träts her vorgelegt Al on kaufen. „Un „Er Preis 9 gloube 1 ihm iieg können U⸗ iele kote ha ſch ung ache tte, ieſe wer⸗ it der uß ——— — 1205— werden,“ fuhr Johann fort,„wir dürfen dieſen Zeitpunkt nicht verſäumen.“ „Und wenn er ſich nicht einſchüchtern läßt und Beweiſe fordert?“ „Dann brohe ich ibm ich wollte zu dem Bankier gehen und ihm Alles mittheilen, und der Bankier werde daraufhin den Be⸗ weis fordern, daß er wirklich der verſchollene Maj ratsherr von Oſthofen ſei.“ „Wä e dieſe Forderung nicht lächerlich?“ „Keineswegs; er kann den Beweis liefern, wenn er auf den rechte Obererm eine breite Narbe trägt. Fehlt dieſe Narbe, ſo iſt er auch nicht der Baron Edmund von Oſthofen.“ „Könnteſt Du Dich nicht erſt ü erzeugen, ob die Narbe vor⸗ handen iſt?“ „Ich will ſehen, was ich thun kann. Ich für meine Perſon bin überze igt daß die Narbe fehlt.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte bie Schauſpielerin lebhaft, wäh⸗ rend ſie das Album aus dem Schranke holte und die beiden Por⸗ träts heraus nahm.„Ihh habe ihm geſtern vieſe Zeichnungen vorgelegt—“ „Und was ſagte er dazu?“ „Er wollte ſie als Geſchenk von mir fordern.“ „Als Geſchenk?“ ſpottete Johann. „Jowohl, aber ich erwiederte darauf, ich wolle ſie ihm ver⸗ kaufen. „Und er ging darauf ein?“ „Er wäre darauf eingegangen wenn ich nicht einen zu hohen Preis gefordert hätte. Ich habe ihm Bedenkzeit gegeben und glaube noch einmal, daß er den Hudel obſchließen wird, denn ihm iiegt zu viel baran, raß die Zeichnungen picht in andre Hände kommen.“ „Wie viel haſt Du gefordert?“ „Zehntauſend Thaler für jedes Portrait.“ „Bravo!“ ſagte Johanu.„Dieſe Forderung war nicht zu hoch, aber ich glaube, wenn er die Hälfte bietet, ſo kannſt Du das Gebot annehmen! An den Poträts liegt weiter nichts, wir können durch ſi⸗ nichts beweiſen—“ . „Beweiſen? Vielleicht doch! Das Porträt des Sauſpie leis Konrad Landau gleicht ihm mehr, als das andre.“ „Die Pockennarben in ſeinem Geſicht, laſſen einen Vergleich nicht zu.“ e „Dieſe Narben begünſtigen den Betrug aber min haben ſie nicht getäuſ“t,“ erwiderte Madame Winkel. „Du hegſt alſo die Ueberzeugung, daß er jener Sceu⸗ ſpieler iſt?“ „Und erinnerſt Du Dich vielleicht irgend eines beſenderen Kennzeichens—“ „Ich habe ihn nicht ſo genau gekannt, es war und blich eine oberflächliche Bekanntſchaſt. Dennoch behaupte ich, das dieſer Schauſpieler der jetzige Majoratsherr von Oſthofen iſt. leiser wird es ſchver, wenn nicht unmözlich ſein, ihm dos zu be⸗ weiſen.“ „Und dennoch müßte es ihm bewieſen werden,“ ſagte Johann gedankenvoll. „Der Einzige, der dieſen Beweis finden könnte, iſt der Poli⸗ zeirath Heller!“ „Das glaube ich auch, aber ich möchte auf dieſen Mann erſt dann zurückkommen, wenn wir die Gewißheit haben, daß unſere Pläne geſcheitert ſind.“ „Fürchteſt Du, daß er ſie durchkreuzen könnte?“ fragte die Schauſpielerin, während ſie die Porträts wieder in das Album legte. „Er wird auf unſere Intereſſen nicht die mindeſte Rückſicht nehmen, Florentine, ihm iſt es nur darum zu thun, den Aben⸗ thenrer zu entlarven, und ob wir dabei etwas gewinsen, iſt ihm außerordentlich gleichgultig. Wir müſſen ihm gegenüber ſchwei⸗ gen, auch mit dem Verwaiter, der geſtern eutlaſſen worden iſt, dürſen wir kein Bündniß ſchließen, der Mann weiß nichts, aber er möchte gerne den Gewinn mit uns theilen. Verfolgen wir unſern Weg, ich werde den richtigen Augenblick benutzen, und wie die Sachen ietzt liegen, zweffle ich nicht, daß wir eine gute Aernt halten werden.“ Madame Winkel wanderte langſam auf und nieder, ſie hattt die Brauen ernſt zuſammengezogen und die Lippen aufeinander „ „ lih g Andrer ich zu den D rath er „U „D „6 „L ich neh bleiben das Mit ſchone — — 1207— gepreßt, in ihrem Innern ſchienen noch immer Bedenken auf⸗ zuſteigen, die ſie vergeblich zn beſeitigen ſuchte. „Haſt Du auch an die Gefahren gedacht, denen wir uns aus⸗ ſetzen?“ fragte Sie nach einer Weile. „Gefahren?“ erwiderte Johaun.„Ich ſehe keine.“ „Sie war vor ihm ſtehen geblieben, ihr Blick ruhte voll ernſter Beſorgniß auf ihm. „Ruht auf ihm nicht der Verdacht, daß er es war, der bas Gift ia den Wein des Ho fmeiſters geſchüttet hat?“ fragte ſie mit gedämpfter Stimme.„Haſt Du nicht ſelbſt auf dieſen Ver⸗ dacht hingedeutet?“ „Und ich halte noch heute feſt an ihm.“ „Nun wohl, hat er's gethan, ſo wird er auch kein Bedenken tragen, den zweiten Mord auf ſein Gewiſſen zu nehmen, wenn er dadurch ſein eignes Lebon und ſeine Freiheit retten kann. Und wie können wir uns vor dem Meuchelmord ſchützen—“ „Ich werde ſchon die Augen offen halten—“ „Du kannſt es nicht—“ „Ah, bah, ich werde, wenn ich einmal mit der Sprache herausrücke, ihm keine lange Galgenfriſt laſſen, binnen einer Stunde muß er ſich entſcheiden, und nach dieſer Stunde verlaſſe ich Oſthofen für immer.“ „In allen Fällen?“ „Ja, in allen! Gibt er mir das Geld, ſo ſind wir natür⸗ lich geſchieden und er mag fortan ſeinen Weg gehen, bis ein Andrer ihm das Ziel ſetzt. Erhalte ich das Geld nicht, ſo gehe⸗ ich zu ſeinem Bruder und zu dem Bankier, und habe ich mir den Dank dieſer Beiden geſichert, ſo will ich auch dem Polizei⸗ rath erlauben, ſeine Naſe hineinzuſtecken. „Und dann werden wir vielleicht der Erpreſſung beſchuldigt!“ „Du keinesfalls, ich übernehme die ganze Sache.“ „Glaubſt Du, der Baron werbe nicht erfahren, daß ich—“ „Was er auch erfahren, oder vermuthen mag Florentine, ich nehme Alles auf mich, und Du ſollſt ganz aus dem Spiele bleiben. Man darf ihm nicht eine lange Bedenkzeit einräumen. das wäre vom Uebel,— Vogel friß, o er ſtirb, entweder— oder. Mit ſolchen Leuten muß man ganz ohne Schonung verfahren, ſie ſchonen auch Nimand.“ — 1208— Madame Florentine Winkel war in Nachdenken ver ſunken, ſie ſchien ſich nicht ſo leicht über die Gefahren hinwegzuſetzen, die Johann, wie er behauptete, nicht fürchtete. „Und wenn er wieder hieher kommen ſollte, was ſoll ich ihm ſagen? brach ſie endlich das Schweigen.„Er hat mich gefragt, ob ich ein Bündniß mit ihm ſchließen wolle, er hat mir dafür ein Geſchenk angeboten—“ „Pah, ein Almoſen!“ unterbrach Johann ſie, den dieſe Nach⸗ richt ſehr unangenehm zu berühren ſchien. „Tauſend Thaler.“ „Ein Bektelpfennig für den Majorateherrn von Oſthofen. Ich wiſl das nicht Florentine, ich würde niemals zu einem ſolchen Bündniß meine Zuſtimmung geben.“ „Regt ſich ſchon Deine Eiferſucht?“ fragte die Schauſpielerin ſcherzend „Und habe ich jetzt nicht ein Recht, eiferſüchtig zu ſein? Wenn Du von mir Treue verlangſt. darf ich nicht daſſelbe von Dir verlangen?“ „So beruhige Dich doch, ich denle wirklich nicht daran, das frühere Verhältniß mit jenem Manne wieder anzuknüpfen.“ „Wenn Du es thäteſt—“ „Unſinn! Das Bündniß ſollte nur zum Schutz und Trutz ge⸗ ſchloſſen werden. Er wollte ſich meine Verſchwiegenheit ſichern, das wor Alles.“ „Und dafür bot er dieſe lunpige Summe?“ „Nur allein dafür.“ „Er hat Dir auch Bedenkzeit gegeben?“ „Er wird wiſſen wollen, woran er iſt,“ ſagte Mad mne Win⸗ kel„und ich werde mich genöthigt ſehen, ihm eine defin tive Ant⸗ wort zu geben. Vielleicht bietet er mir eine höhere Summe, es wäre möglich—“ „Gibt er Dir zwanzigtauſend Thaler, ſo greife zu“ erwiderte Johann ich verpflichte mich dann auch, zu ſchweiger, ober unter dieſem Preiſe thun wir es nicht. Wir haben einmal das Kreuz in der Hand und wollen uns nun auch ſegnen, es handelt ſich hier um unſre eigne Zukunft!“ „Soll ich dieſe Summe von ihm fordern?“ „Wenn die Gelegenheit dazu ſich bietet, weshalb nicht 7* „50 urt wit uns ſihrn! trts ein ſe ein⸗ ie . haben D . nolte lich ver wieder wort g „G etwas P ⸗ n, i⸗ t⸗ er ¹z „ — — — 1209— „Er wird keinesfalls darauf eingehen.“ „So hören wir, was er ſagt und das kann uns einigermaßen zur Richtſchnur dienen. Sei nur vorſichtig und verrathe nicht, daß wir uns gegen ihn verbündet haben, er darf das nicht eher er⸗ fahren, bis wir den Schlag führen. Bietet er Dir für die Por⸗ träts eine anſtändige Summe, ſo verkauf' ſie ihm, für uns haben ſie keinen Werth. Haſt Du in Wien Bekannte?⸗ Die Schauſpielerin nickte pejahend. „Sind es Leute, die auch den Schauſpieler Lahdau gekannt haben?“ „Jawohl.“ „Dann wäre es vielleicht gut, wenn Du an ſie ſchreiben mollieſt. Erkundige Dich, weshalb Landau damals Wien ſo plötz⸗ lich verlaſſen hat, wohin er gegangen iſt, und ob man ſpäter nie wieder etmas von ihm gehört hat.“ „Ich glaube, men wird mir darauf keine befriedigende Ant⸗ wort geben können.“ „Einerlei, verſuch's, Florentine, vielleicht erfahren wir doch etwas.“ „Ich ih ſchreiben, wenn Du es wünſcheſt, aber Dä ſollſt ſehen, es iſt vergeblich.“ Der Reitknecht nahm Kopſſchüttelnd ſeine Jockeimütze. „Wir müſſen eben Alles verſuchen,“ ſagte er,„die Mühe iſt ja Flein und die Möglichkeit, daß wir etwas erfahren, immerhin vorhanden. Du darfſt nicht vergeſſen, daß jeder Beweis gegen ihn in unfrer Hand eine Woffe iſt, die ihn vernichten und uns reich machen kann.“ „Ich weiß das wohl,“ erwiderte die hübſche Frau ſinnend, während ſie ihm die Hand zum Abſchied reichte,„und ich werde Alles thun was ich vermag, um uns dieſe Waffen zu verſchaffen, aber ich fürchte, wir erreichen trotz alledem nicht, was wir wollen. Selbſt wenn wir unſre Drohungen ausführen, wo werden wir Glauben finden? Bei ſeinem Bruder gewiß nicht und ebenſo⸗ wenig hei dem Vater ſeiner Braut. Sie haben ihn als den Majoratsherrn von Oſthoſen anerkannt und ſie werden nicht zu⸗ geben wollen, daß ſie ſich ſo ſehr geirrt hahen. Und darauf wird der Baron pochen, er weiß, daß ihm keine Gefahr droht, — 1210— und daß Drohungen ohne Beweiſe ihm gegenüber ohnmähtig ſind.“ „Vortrefflich geſprochen,“ ſcherzte Johann,„aber man darf wohl auch berückſichtigen, daß dieſer Betrüger ein böſes Gewiſſen hat—“ „Eben deshalb wird er um ſo esergiſcher Trotz bieten!“ „Trotz? Im erſten Augenblick vielleicht, aber wen⸗ er ſpäter ernſt darüber nachdenkt, macht die Angſt ſich doch geltend!“ „Wir werden ſehen!“ „Und wir wollen es ruhig abwarten. Wenn unſre Pläne zu Waſſer werden, dann ergreifen wir etwas endres. Wir wer⸗ den ſchon zurchkommen, Florentine, die Hauptſache iſt: Feſthalten und den Muth nicht verlieren.“ „Und wann ſehe ich Dich wieder?“ fragte die Schauſpielerin. „Sobald ich eine freie Stunde habe, vielleicht morgen. Und nun Adieu!“ Madame Florentine Winkel ſtand noch lange, nachdem ihr Verlobter ſie verlaſſen hatte, am Fenſter und blickte gedankenvoll in die Abenddämmerung hinsus. Ihr Herz hatte keinen Antheil an dieſer Verlobung, aber dennoch fühlte ſie eine inners Zufriedenheit darüber, daß dieſer Schritt geſchehen war. Sie vertraute auf die rechtlich Geſtanung Johann's und ſelbſt wenn auch ſeine Pläne in Bezug auf den Majoratsherrn miß⸗ glückten, ſo konnte er, der thafkräſtige, fleißige Mann immerhin auf anderen Wegen ſeine und ihre Zukunſt ſicher zu ſtellen ſuchen, und die Zinſen ihres eignen Vermögens halfen dann mit, dieſe Exi⸗ ſtenz angenehm zu machen. Sie waren beide noch nicht alt, ſie waren geſund und rüſtig, weshalb ſollten ſie nicht, wie Andere, das Leben genießen? Die Schatten des Abends wurden immer dichter, und eben wollte die Schauſpielerin die Lampe anzünden, als die Thüre leiſe geöffnet wurde und eine dunkle Geſtalt in das Zimmer trat. „Wer iſt da?“ rieß jie erſchreckt. „Ich bin's, erwiderte die Stimme des Majoratsherrn,„ſind Sie allein?“ „Jawohl, aber—“ 2 „2 rend er jeue Er Leben 6 Bal und l gegung druckt rend d nicht, linge wie ſch nung icht aber i den z 8— 1 „Nun, denn erlauben Sie mir, daß ich mich niederlaſſe,“ ſagte der Baron, während Madame Winkel mit zitternder Hand die Lamve anzündete.„Sie ſehen, ich erinnere mich noch immer unſerer alten Freundſchaſt, und doch warſen Sie mir vor, ich habe ſie völlig vergeſſen. Es war eine ſchöne Zeit, nicht wahr?“ Die hübſche Frau ſah ihn erſtaunt an. Was bewog ihn zu di ſer Freundlichkeit?“ „Und was het Ihr Gedächtniß ſo plötzlich geſchärft?“ fragte ſie mit leiſem Spott. „Sie ſcherzen, Florentine! Haben Sie es vordem ſtumpf ge⸗ funden?“ „Hm, Sie ſcheinen Manches vergeſſen zu haben—“ „Das läßt ſich begreifen. Ich habe inzwiſchen ſo viel erlebt, daß die früheren Ereigniſſe nur noch dunkel mir vorſchweben.“ „Ereigniſſe, die Niemand vergeſſen kann?“ „Wir wollen darüber nicht ſtreiten,“ ſagte der Barvn, wäh⸗ rend er jede Bewegung der hübſchen Frau verfolgte. Das Ihnen jene Ereigniſſe unvergeßlich ſind, glaube ich gerne, Ihr ſpäteres Leben war ja ſo einförmig—“ „Nicht ſo einförmig, wie Sie glauben!“ Bah, was ſollen Sie erlebt haben? Sie haben geheirathet, und Ihr Mann iſt geſto ben, dann ſind ſie vom Theoter ab⸗ gegangen und—“ „Uud Sie glauben, das Alles habe nicht den leiſeſten Ein⸗ druck auf mich zemacht?“ unterbrach die Schauſpielerin ihn, wäh⸗ rend die blitz iden Augen ſich feſt auf ihn hefteten.„Sie wiſſen nicht, wie ſehr das Herz an den Brettern häage wenn min ſo lange Jahre ſie als ſeine Heimath betrachtete, Sie wiſſen nicht, wie ſchwer die Trennung wird—“ „Ich bitte Sie, Florentine, ſo ſchwer konnte Ihnen die Tren⸗ nung nicht fallen,“ ſagte der Majoratsherr icouiſch. Ich will nicht beſtreiten, daß Sie einige Erfolge zu verzeichnen hatten, aber im Großen und Ganzen waren Sie doch kein Stern erſter Größe.“ ⸗ „Habe ich je heh uptet, das ich es geweſen ſei?“ „Das ſage ich nicht,“ fuhr der Baron achſelzuckend fort, ohne den züruenden Blick der hüdſchen Frau zu beachten,„ich meine — 1212— nur, wenn man nicht ein Stern erſter Größe iſt, dann bieten die Bretter wenig Angenehmes.“ „Ein Stern erſter Größe?“ wiederholte Madame Winkel ſpöttiſch während ſie auf die nerblichenen Lorbeerkränze zeigte. Wenn man ſolche Erfolge zu verzeichnen het damn darf man wohl mit gerechtem Stolz auf die Vergangenheit zurückblicken.“ „Erfolge, die einige Enthuſiaſten—“ „Bitte, ſagen Sie das nicht. Es war kein Schwindel dabei, als mir dieſe Kränze geworfen wurden.“ „Und wie oft wurden ſie Ihnen zugeworfen?“ „Nur einmal!“ „Wurden ſie niemals aus der Garderobe in die Logen zurük⸗ gebracht, damit ſie im nächſten Akt noch einmal auf die Bühne geworfen werden konnten?“ „Niemals!“ „Bah, Florent ine, Ihr Schauſpieler ſeid Alle mehr oder we⸗ niger Schwindler! „Ich war es nie.“ „So lange Du jung warſt, wohl nicht, aber ſpäter—“ „Und weshalb ſollte ich es ſpäter geworden ſein, wenn ich es in meiner Jugend nicht war?“ „Dieſe Frage iſt leicht zu beantworten,“ ſagte der Majorats⸗ herr, während er an den Spitzen ſeines Schnurrbarts drehte. „In Deiner Jugend hatteſt Du ſo viele Freunde, daß Dir die Erfolge auf der Bühne gleichgültig ſein konnten—“ „Ich hatte nur Sie!“ „Nur mich? Florentine, ſei einmal ganz auſeichtig, wir ſind ja beide alte Leute geworden, wie viele Nebenbuhler hatte ich?“ In den Angen der Frau blitzte es jäh auf und ein trotziger Zug umzuckte ihre Lippen. „Dieſe Frage beleidigt mich,“ ſagte ſie kalt.„Sie haben damals wie an meiner Treue gezweifelt, was veranlaßt Sie, es jetzt zu thun? Sind Sie hiehergekommen, um mich zu beleibigen, oder—“ „Nichts weniger als das,“ erwiderte der Baron, indem er ſich behaglich in die Ecke zurücklehnte,„ich bin gekommen, um mit Ihnen zu plaudern.“ „In dieſem Falle muß ich Sie bitten—“ waren?“ ſon, ber) „Lozhen in neinet „Und könnte I ʒproce wauen „Q „Kein porträts icht Manne et hieſet anl Florentin abſichtlich z führe ſclugen Mado an, als zufchre. „Si wenn ich „Pie ſtreiten, nicht Fr Di „U Oyfer „K haben, hrachte. „J die kel te. 1 i, te. die nd 9 er en, er um — 1213— „Ich weiß, was Sie ſagen wollen,“ ſuhr der Majoratsherr fort, der jetzt den fuüheren vertraulichen Ton wieder fallen ließ. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie betäubt habe, es lag wirklich nicht in meiner Abſicht.“ 5 „Und ich habe Ihnen anh keine Urſache dazu gegeben.“ „Ich könnte dieſe Behauptung beſteriten, Florentine.„Ich könnte Ihnen erwidern, Sie wären mir mit einem deutlich aus⸗ geſprochenen Mißtrauen entgegen gekommen, mit einem Miß⸗ trauen, welches mich tief verletzt habe.“ „Das iſt ein Irrthum, Herr Baron!“ „Keineswegs. In welcher Abſicht legten Sie mir die beiden Porträts vor?“ „Um Sie an die damalige Zeit zu erinnern.“ „Nicht doch, um mir z zeigen, daß ich mit einem andern Manne eine frappente Aehnlichkeit habe, und daß ich ebenſowohl vieſer andre Mann ſein könne. Wenn Sie das beſtreiten wollen, Florentine, ſo ſprechen Sie gegen Ihre Ueberzeugung. Sie haben abſichtlich mich dieſem Manne verwechſelt, um mich aufs Glatteis zu führen, und als ich mich vickt in Verſuchung führen ließ, ſchlugen Sie einen andern Ton an.“ Modame Winkel ſchwieg, ſie ſaß ihm gegenüber und blickte ihn an, als ob ſie ihn auffordern wolle, in ſeinen Mittheilungen fort⸗ zufahren. „Sie verlangten von mir ein⸗ gewiſſe Summe, Florentine wenn ich ſie zahlte, wollten Sie meine Freundin ſein—“ „Sie boten mir dieſe Freundſchaft an!“ „Vielleicht, aber wir wollen auch über dieſen Punkt nicht ſtreiten, halten wir uns an die Thatſachen! Weshalb ſollen wir nicht Freunde bleiben, da wir es doch früher in ſo hohem Grade waren?“ „Dieſer Anſicht pflichte ich bei!“ „Und ich meine, es ſei kein Anlaß vorhanden, deshalb ein Opfer von mir zu ſordern—“ „Keineswegs, Herr Baron, aber ich glaube Ihnen geſagt zu haben, daß ich derzeit aus freien Stücken Ihnen ein Opfer brachte.“ „Ich weiß das zu würdigen— . N — 1214— „Verze ihen Sie, ich glaube nicht daran!“ ſagte die Schau⸗ ſpiclerin.„Ich erinnere Sie an das Opfer, welches Ihr früherer Reitknecht für Sie bringen mußte. Haben Sie ihn entſchädigt?“ „Ich verſtebe Sie nicht.“ „Das heißt, Sie wollen mich nicht verſtehen. Erinnern Sie ſich denn nicht mehr des Brillantſchmucks—“ „Ach, Sie meinen dieſe Geſchichte?“ „Sie hatten mir den Schmuck geſchenkt, aber ihre Braut wußte, daß er in Ihrem Beſitz war und erwartete von Ihnen das Geſchenk. Hätte Sie die Wahrheit erfahren, ſo wäre der Bruch unvermeidlich geweſen, damit ſie dieſelbe nicht erſuhr mußte der Reitknecht eines Diebſtahls beſchuldigt werden.“ „Er verlor witer nichts dabei, ich hätte ihn ohnedies ent laſſen müſſen.“ S „Er verlor ſeine Freiheit und ſeine Ehre.“ „Bah, dieſe Menſchenklaſſe—“ „Baron, dieſe Menſchen lieben ihre Fre iheit und ihre Ehre ſo ſebr, wie wir,“ ſagte Madame Winkel ernſt. Hoben ſie ihn entſchädigt?“ „Er iſt wieder in meinen Dienſten.“ „Und das betrachten Sie als eine Entſchädigung?“ „Giht es ihm nicht die verlorene Ehre zurück?“ „Nein. Sie hätten ihm eine Geldſumme geben müſſen, um ihn für ſein ganzes Leben ſicher zuſtellen.“ „Ah, bah, Florentine. Sie ſind zu zartfühlend!“ „Ich folge darin nur der Stimme meines Gewiſſene. Ich rede ja nicht davon, deß ich für mein Opfer eine Entſchädigung fordere—“ „Und dennoch habe ich Ihven ein Geſchenk angeboten.“ „Ein Geſchenk, welches eines Majoratsherrn von Oſthofen nicht würdig iſt, das werden Sie ſelbſt zugeben müſſen. Was bieten Sie mir an? Tauſend Thaler! Und welche Mitgift haben Sie zu erwarten? Hunderttauſend Thaler.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Man ſpricht überell davon.“ „Man ſollte ſich um ſeine eignen Angelegenheiten bekümmern!“ der Baron ärgerlich“ die ſchnalen Gs iſt! ſegte ſe ken, erwide iſt man nich Madame heides vor d „Wolen 3 b „Unſinn „3 lie t 3h „Das ni „Dann ſchuldigung ſtoßen.“ Die Sche ſie den Varr ner Wein w Mjoratshe „Ich ſyr Freund hetr hirhiet, um e t —— 1215 „Was wollen Sie? Jedermann weiß, daß Sie mit der Toch⸗ ter des Bankiers Becker verlobt ſind, und Jedermann weiß auch, daß Becker ein Millionär iſt, da iſt es natürlich, daß man Ver⸗ muthungen äuß rt und ſich nach der Höhe der Mitgift erkundigt.“ Der Baron ließ ſeinen Blick durch das Zimmer ſchweifen, bis er auf dem Glasſchrank ruhen blicb. „Wenn ich früher zu Ihnen kam, fand ich ſtete eine Flaſche Sekt'n Eis,“ ſagte er ſcherzend. „Ich bin leider nicht mehr in den Berhältniſſen—“ „Haben Sie gar nichts Trinkbares im Hauſel⸗ „Eine Flaſche Wein—“ „Nur immer heraus damit, ich habe Durſt.“ Die Schauſpielerin erhob ſich, ein ſeltſamer Zug umzuckte die ſchmalen Lippen. „Es iſt nicht die Sorte, die Sie zu trinken gewohnt find,“ ſagte ſie. „Bah, ich habe drüben noch ganz andre Flüſſigkeiten getrun⸗ ken,“ erwiderte der Baron achſeſzuckend,„Wenn man Durſt hat, iſt man nicht wähleriſch.“ Madame Winkel holte die Flaſche und ein Glas und ſtellte beides vor den Majoratsherrn. „Wollen Sie nicht mit mir trinken?“ fragte der Baron. „Ich danke.“ „Unſinn, Sie werden mich doch nicht beleidigen wollen?“ „Ich liebe den Wein nicht.“ „Iſt Ihnen bieſer Stoff zu ſauer?“ „Das nicht aber—“ „Dann holen Sie ein Glas, Florentine, ich laſſe keine Ent⸗ ſchuldigung gelten. Wir wollen auf die alte Freundſchaft an⸗ ſtoßen.“ Die Schauſpielerin konnte ſich nicht länger weigern, wenn ſie den Baron nicht ernſtlich beleidigen wollte, zumal es ihr eig⸗ ner Wein war, ſie holte zögernd ein zweites Glas, welches der Mejoratsherr füllte. „Ich ſpreche die Hoffnug aus, daß Sie mich ſtets als Ihren Freund betrachten werden,“ ſagte er, indem er ihr ſein Glas hinhielt. um mit ihr anzuſtoßen. Wenn auch die früheren Be⸗ — 12 ngeknüpt werden können uid ſollen, ſo kann drum doch die Freundſchaft ihre Bande um uns ſchlingen.“ „Einverſtanden,“ erwidette Madame Winkel,„ich habe Ihnen ja in der erſten Stunde dasſelbe geſagt.“ „Und wie iſt's mit den beiden Porträts? Wollen Sie mir ſie ſchenken?“ „Herr Baron, Sie wiſſen, nerungen ſind—“ „Thorheit, Florentine! nicht angeſehen, und j tzt erſt erinn Werth könnten ſie haben? Die Zeichnungen ſind ſehr mittel⸗ mäßig—“ „Welchen Werth haben ſie für Sie 7“ „Ich ſagte es Ihnen ſchon, ich will verhindern, daß ſie in andre Hände fallen. Es gibt Leute genug, die davon Gebrauch machen, Vermuthungen baran knüpfen würden, und dieſen Even⸗ tualitäten möchte ich vorbeugen.“ „Sie können es, wenn Sie den gef „Er iſt zu hoch.“ „Ich finde das nicht, Herr Baron.“ „Zwanzigtau ſend Thaler? Florentine— „Sie bezahlen damit nicht vie Porträts allein⸗ ſondern auch noch etwas Andres.“ „Etwas Andres?“ fragte d rem Erſtaunen.„Was, wenn ich fragen darf?“ „Meine Erinnerungen an jene Zeit.“ Der Majoratsherr lachte, es war ein höhniſches, boshaftes Lachen. „Iſt das Alles 2“ erwiderte er. „Es iſt Ihnen nicht genug?“ „Es hat für mich gar keinen Werth.“ „In der That nicht?“ fragte die Schauſpielerin mit ſcharfer Betonung.„Wenn ich mich verpflichte, über jene Zeit zu ſchweigen—“ „Sie mögen darüber ſagen, gültig“ erwiberte der Bacon, Cigarre abſchnitt. „Iſt es Ihnen auch einerlei, wenn ich mich des Schauſpielers ziehungen nicht wieder a daß ſie für mich werthvolle Erin⸗ Sie haben ſie vielleicht Jahre lang eru Sie ſich ihrer. Welchen orderten Vreis zahlen.“ 70 er Baron raſch mit unverkennba⸗ was Sie wollen, es iſt mir gleich⸗ während er die Spitze von einer autu i mß⸗ u „Duron hat“ ſott Aſo i ollko Noch ie breite Das einen ver „Wl „icht Und! unb ſofor J volle S mngen n „Und werthen Der der hüb Glſt, de „Ji ernſtlich diſen „6 verbün „H „6 „S Madam Baron wil, ſ biete. iſt hen el⸗ uh bo⸗ rfer zu eich⸗ iner lers — 1217— S Landau erinnere, der bamals ſo plötzlich Wien verließ, verlaſſen mußte, weil er bei folſchem Spiel ertappt worden war?“ „Daran wundert mich nur, daß man ihn nicht feſtgehalten hat,“ ſpottete der Baron. „Alſo iſt Ihnen auch das gleichgültig?“ „Vollkommen.“ „Noch Eins, mein Freund, tragen Sie noch auf dem Arme die breite Narbe aus der Kindbeit?“ Das Geſicht des Majoratsherrn war fahl geworden, es zeigte einen verzerrten Ausdruck, vor dem ſich Madame Winkel erſchrack. „Was ſoll dieſe Frage? fuhr er auf. „Nichts. Ich erinnerte mich jener Narbe—“ Und nun denken Sie, ich werde Ihnen den Gefallen thun und ſofort den Arm entblößen, um Ihnen die Narbe zu zeigen?“ „Ich denke gar nichts,“ erwiderte die Schauſpielerin.„Ich wollte Sie aber darauf aufmerkſam machen, daß meine Erinne⸗ rungen nicht ſo werthlos find, wie Sie behaupten.“ „Und in welcher Weiſe glauben Sie, dieſe Erinnerungen ver⸗ werthen zu können?“ Der ſtechende Blick des Majoratsherrn ruhte lauernd auf der hübſchen Frau, die nichts ſehnlicher wünſchte, als daß ihr Gaſt, den ſie fürchtete, ſich entfernen möge. „Ich weiß das noch nicht,“ erwiderte ſie,„wenn ich einmal ernſtlich⸗ darüber nachdenke, werde ich wohl auch Klarheit über dieſen Punkt erhalten.“ „Sie würden alſo in dieſem Falle ſich mit meinen Gegnern verbünden?“ „Habe ich das geſagt?“ „Es lag in ihren Worten.“ „So wollen wir annehmen, ich hätte es geſagt,“ entgegnete Madame Winkel, die blitzenden Augen feſt und voll auf den Baron richtend.„Wenn ich eine Waare beſitze, die ich verkauf er will, ſo verkaufe ich ſie demjenigen, der mir das Meiſte dafür bietet. Das werden Sie natürlich und vernünftig finden, Jeder iſt auf ſein eignes Intereſſe bedacht.“ Der Baron hatte die Brauen finſter zuſammengezogen und a8 den halbgeſchloſſenen Augen traf ein tückiſcher Blick die er Baſtard. 77 . —————— ———— —— —— — —————— .—— — 1 Schauſpielerin, die ihm in herausfordernder Haltung gegen⸗ überſaß. „So würden Sie Ihre Freunde an deren Feinde verkaufen?“ fragte er. „Wenn meine Freunde mir mit Mißtrauen begeg nen und die Sand, die ich ihnen biete, zurückſtoßen, dann find ſie meine Freunde nicht mehr.“ „In der That, dieſe Erklärung iſt ſo klar, wie man es ver⸗ langen kaun!“ ſpottete der Majoratsherr.„Sie werfen mir Miß⸗ traueu vor? Ich wüßte nicht, daß ich es Ihnen gezeigt hätte. Sie ſagen, ich habe die mir dargebotene Hand zurückgeſto ßen und doch—“ „Dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung,“ fiel Madame Winkel ihm in die Rede.„Sie legen auf meine Freundſchaft keinen Werth. Sie behaupten meine Erinnerungen und meine Urtheile ſeien Ihnen gleichgültig, dadurch zwingen Sie mich, in das Lager der Gegenparthei überzugehen.“ „Wirklich?“ „Sie können das verhüten und wollen es nicht.“ „Ich will es nicht, weil es mir zu ſehr widerſteht, eine un⸗ verſchämte Forderung ſo ohne Weiteres zu bewilligen!“ „Ah— jetzt nennen Sie mich unverſchämt!“ „Müſſen Sie nicht ſelbſt zugeben, daß Sie es ſind, Florentine?“ Die Schauſpielerin zuckte verächtlich die Achſeln. „Sie wollen die Porträts kaufen,“ ſagte ſie,„Yich nenne den Wertb, den ſie für mich haben, Sie finden dieſen Preis zu hoch, oder wie Sie ſoeben bemerken, unverſchämt. Nun wohl, ich zwinge Sie ja nicht, den geforderten Preis zu zohlen, aber wenn ich einen An ern finde der ihn zahlen will, weshalb ſollte ich ihm nicht die Porträts verkaufen? Darüber kann mir Niemand einen Vornurf machen, und wenn dieſer Andre Ihr Gegner iſt, ſo iſt es doch nicht meine Pflicht, dies vor dem Handel zu unterſuchen, oder mich dadurch abhalten zu laſſen.“ Der Baron lächelte fark ſtiſch un? blickte den Rauchwölkchen ſeiner Cigarre nach. „Wie Sie es auch beſchönigen mögen. es hilft Ihnen Alles nichts“ ſagte er,„der Kern der Rache bleibt boch immer ſchmach⸗ voll. Sie waren ſchon derzeit eine Intrignantin, Florentine, aber eß 5ic eit ſuten „ie ſ gie in pen emnn rethe znſch warnen varnen“ ruther. wenn ie „Nun urtheln. „Glb Tone,„ verſicht, beide ne nir Ihr ſchen, k gebietet. Ve ſo ſcro „Bit Mat ſe muß zimner Majoer Flacon en?“ p die nbe ber⸗ iß⸗ itte. und ne ine An⸗ ——— 12¹9 daß Sie mich verrathen könnten, hätte ich doch nicht geglaubt. Sic forbern zwauzigtauſend Thaler, eine Summe, die—“ „Die nur den fuͤnften Theil derjenigen Summe beträgt, welche Sie in den nächſten Tagen erhalten weden. Würden Sie dieſe Summe erhalten, wenn ich Sie wirtlich, wie Sie behaupten, ver⸗ riethe? Und ſichern Sie dieſe Summe ſich nicht durch meine Freundſchaft? Ich könnte ſagen, es ſei meine Pflicht, zu warnen—“ „Wen?“ fuhr der. Majoratsherr auf.„Wen wollten Sie warnen?“ „Ich nenne keine Namen, ich überlaſſe es Ihnen, ſie zu er⸗ rathen.“ „Sie wollen zwiſchen mich und meine Braut treten?“ „Könnte mein hewiſſen mir ſpätet nicht Vorwürfe machen, wern ich es unterließe?“ „Es iſt mir neu, daß Sie ſich auf Ihr Gewiſſen herufen.“ „Nun, weil Sie alle Menſchen von eignen Standpunkt be⸗ urtheilen.“ Der Baron legte die Hand auf die Stirne, nan ſah ihm an, daß es ihm unſoglich ſchwer ſiel, ſeine Erregung zu bemeiſtern. „Geben Sie mir ein Glas Waſſer,“ ſagte er in bittendein Tone,„der Wein löſcht meinen Durſt nicht. Ich hoffe mit Zu⸗ verſicht, daß wir uns noch einigen werden, Florentine wenn wir beide nachgeben kommen wir uns anf halbem Wege entgegen. Ich bin js durchaus nicht abgeneigt ein Opfer zu bringen, um mir Ihre Freundſchaſt zu ſichern, und Sie werden ebenfalls ein⸗ ſehen, daß Ihr eignes Intereſſe Ihnen ein Entgegenkommen gebietet.“ „Wenn das in Ihrer Abſicht liegt dunn dürfen Sie mir nicht ſo ſchroff entgegentreten—“ „Bitte, geben Sie mir ein Glas Waſſer.“ Madame Winkel nippte an ihrem Weinglaſe und erhob ſich, ſie mußte das Zimmer verlaſſen, um das Gewünſchte zu holen. Drr glühende Blick des Barons folgte ihr, bis ſie im Neben⸗ zimmer verſchwunden war, in der nächſten Secunde ſtreckte der Majvratsyerr die zitternde Hand aus und der Inhalt eines Flacons floß in das Glas der Schauſpielerin. ⸗ 77 — 1220— Es war das Werk eines kurzen Augenblicks geweſen, aber der Baron hielt noch immer das Flacon in der Hand, als ein heiſeres Lachen ihm verrieth, daß er veobachtet worden war. Er⸗ ſchreckt fuhr er zuſammen, und in dem Blick, mit dem er zu der Schouſpielerin aufſchaute, ſpiegelte ſich ein qualvolles Entſetzen, Madame Winkel ſtand ihm gegenüber und ihre Hand hielt das Glas bedeckt. „Das wäre der kürzeſte Weg geweſen, mich unſchädlich zu machen,“ ſagte ſie mit ſchneidendem Hohn,„aber Sie haben lei⸗ der ſchon vergeſſen, daß der Hofmeiſter Hurter auf demſelben Wege beſeitigt worden iſt und daß ſein plötzlicher Tod Jeden, dem Sie gefährlich waren, warnen mußte.“ Der Baron knirſchte mit den Zähnen, er zitterte vor Wuth, deren verzehrende Gluthen in ſeinen Augen koderten. „Sie ſind eine elende Kreatur!“ rief er mit heiſerer Stimme. „Mit welchen Recht wollen und tönnen Sie mir den Tod des Hofmeiſters in die Schuhe ſchieben?“ „Und wenn ich arglos dieſes Glas ausgetrunken hätte, ſo würde man vielleicht auch von mir geſagt haben, ich hsbe ſelbſt mir das Leben genommen!“ erwiderte die Schauſpielerin.„Log dos nicht in Ihrem Plane?“ Mit einem raſchen Griff wollte der Majoratsherr ſich des Glaſes bemächtigen, aber ſie kam ihm zuvor und nahm es fort. „Florentine, Sie haben mich gereizt!“ rief er.„Sie zwan⸗ gen mich zu dieſem Schritt—“ „Hat etwas Sie dazu gezwungen, ſo war es Ihre Habſucht,“ erwiderte Madame Winkel kalt.„Sie wollten lieber ein Verbre⸗ chen begehen—“ „Schweigen Sie! Gießen Sie das Glas aus, und ſagen Sie mir, was See verlangen.“ „Dicſes Glas werde ich aufbewahren, ſein Inhalt iſt mir um keinen Preis feil.“ Ein krampfhaftes Lachen entrang ſich den bebenden Lippen des Barons, der Haß und die Wutg, die in ihm tobten, verzerrten ſein pockennarbiges Geſicht ſo furchbar, daß die Schauſpielerin erſchreckt zurücktrat. „Sie glauben, jetzt einen unwierlegbaren Beweiß gegen mich zu beſitzen,“ ſagte er höhniſch,„aber dieſer Beweis hat nicht den geingſ Sie bene ſgit u ben! Prerſt „Der Betonun „Ba die Akie mord vt „Er bieſes 2 „Ber ich erklä wand ge ihr eine Erklärun eine Fan ſchung Anklage „Un gehen z nſhen Ein eine B olle, e zuick geb zu aber da Ho ment v 8 38 hege je gangen — 1221— geringſten Werth, nnd ich brauche ihn nicht zu fürchten Können Sie beweiſen, daß ich wirklich den Wein mit einer anderen Füſ⸗ ſigkeit vermiſcht habe? Wo ſind die Zeugen, die es geſehen ha⸗ ben? Wenn behaupte, es ſei eine boshafte Verleumdung Ihrerſeits, wer will mich widerlegen?“ „Der Dndesfall Hurter's!“ erwiderte Florentine mit ſcharfer Betonung „Bah, er heweiſt gar nichts. Der Unterſuchungsrichter hat die Akten geſchloſſen, er iſt bavon üderzeugt, daß hier ein Selbſt⸗ mord vorliegt—“ „Er wird anders darüber denken, wenn ich ihm die Ereigniſſe dieſes Abends berichte.“ „Bewahre. Sollte ich deshalb vernommen werden, ſo werde ich erklären, daß Sie den Selbſtmord Hurter's nur zum Vor⸗ wand genommen haben, um dieſe boshafte Lüge zu erſinnen und ihr eine gewiſſe Wahrſcheinlichkeit zu verleihen. Ich werde dieſer Ecklärung hinzufügen, daß Sie verſucht haben, durch Drohungen eine vamhafte Geldſumme zu erpreſſen, dann wird der Unter⸗ ſuchungsrichter wiſſen, von welchem Standpunkte aus er Ihre Anklage zu beurtheilen hat.“ „Und damit glauben Sie über bieſen Punkt ruhig hinweg⸗ gehen zu können?“ fragte die Schauſpelerin in demſelben höh⸗ niſ hen Tone.„Der Polizeirath Heller würde mir unbedingt Glanben ſchenkn und—“ Ein Schre d Wuth entſuhr dem erregten Manne, er macht eine Bewegung, als ob er ſich auf fi ſtürzen und ſie erdroſſeln volle, aber im nä hſten Augenblick ſank er wieder auf ſeinen Sitz z rück. „Florentine, Sie ſind ein Tufel⸗ ſagte er knir ſchend.„Ich gebe zu, doß ich in einem ſchwachen Moment mich vergeſſen habe, aber das läßt ſich verzeihen, und—“ „Haben Sie auch Ihren Hofmeiſter in einem ſchnachen Mo⸗ ment vergiftet?“ unterbrach Florentine ihn. „Sprechen Sie das nicht noch einmal aus—“ „Ich werde es ausſprechen, ſo oft es mir beliebt, denn ich hege jetzt die feſte Ueberzengung, daß Sie dieſes Verbrechen be⸗ gangen haben.“ — 1222— „Ordnen wir die Sacke geſchäftsmäßig,“ ſagte der Baron mit mühſam erzvungener Ruhe,„Sie verlangen zwarzigtauſene Tha⸗ ler, nicht wahr?“ „Vielleicht noch etwas mehr.“ „Iſt die Summe noch nicht hoch und unverſchämt genug?7“ „Wenn ich mein Leben in di⸗ Schranken ſetzen muß—“ „Wollen Sie, wenn ich Ihnen die Summe geb, mir Ver⸗ ſch iegenheit geloben?“ „Wollen Sie alsdann das Glas ausgießen und wir die Por⸗ träts überlaſſen?“ „Auch das verſpreche ich Ihnen.“ „Wohlan, Sie ſollen die Summe haben“ „Wonn?“ fragte die Schauſpieler„ während ſie rückwärts ſchreitend, ſich dem Glasſchrank näherte. Der Blick des Barons folgte ihr unverwandt. „Nach meiner Hochzeit,“ erwiberte er. „Und ſo lange ſoll ich warten?“ „Sie werden ſo lange warten müſſen, wie ich! Ich habe jetzt kein Geld.“ „Das ſagt der Majoratsherr von Oſthofen?“ ſpottete Flo⸗ rentine. „Ja, das ſage ich, Florentine. Die Renovation des Schloſſes koſtet ungezähltes Geld, und—“ „Bah. Sie werden ſich dieſe Summe mit leichter Mühe ver⸗ ſchaffen können.“ „Wer ſoll ſie mir geben?“ „Ihr Schwiegervater.“ „Seien Sie nicht thöricht, Florentine. Es würde Argwohn erregen—“ „Ein Vorwand iſt leicht gefunden, wenn Sie ihn nrr ſachen wolen.“ „Und weshalb können Sie nicht warten?“ fragte der Baron gereizt.„An meinem Hochzeitstage erhalte ich die Mitgift, ich werde Ihnen alsdaun das Geld ſofort auszahlen. Daß ich da⸗ bei eine Nebenabſicht verbinde, will ich nicht leugnen, es ſoll in Ihrem Intereſſe liegen, daß die Hochzeit gefeiert wird—“ Ihnen hecht h und vo Sie da ) wenn e la dort— „U ein ger erben ſchlagen .5 „U „L Beweis Flo Schrank Vaſche, an, wie glaube. „D nit g ihn— „S ſo verl l⸗ 5 „Verzeihen Sie, ich betrachte die Sache aus einem andern Geſichtspunkt,“ erwiderte Florentine, die jetzt mit dem Weinglaſe in der Hand dicht vor dem Glasſchranke ſtand.„Sie werden nach der Hochzeit mit gefüllten Taſchen ſofort ein längere Reiſe antreten.“ „Bevor ich ſie antrete erhalten Sie dus Geld!“ „Ich ſege keinen Werth auf dieſes Verſprechen. In Ihrem Intereſſe liegt es, daß die Hochzeit ſtattfindet, und zwar nur des Geldes wegen. Haben Sie das Geld, ſo mag der Boden unter Ihnen zuſammenbrechen, Sie könuen dann—“ „Das ſind Vorausſetzungen, an die ich ſelbſt noch nicht ge⸗ dacht habe!“ „Leugnen Sie es nicht, Baron! Sie ſind auf Alles gefaßt und vorbereitet, die heutigen Ereigniſſe beweiſen es mir. Wenn Sie das Gelb haben, ſo fürchten Sie nichts mehr, Sie werden, wenu es ſein muß, dic junge Frau verlaſſen und den Schau⸗ platz Ihrer Thaten wieder nuch Amerita verlegen, Sie werden dort—“ „Unfinn Florentine! Die Milgift, welche ich erhalte, iſt nur ein geringer Theil des Vermögens, welches meine Braut dereinſt erben wird. Und Sie glauben, ich werbe das Alles in die Schanze ſchlagen?“ „Sie werden es müſſen!“ „Weshalb?“ „Weil der Polizeirath nicht ruhen wird, bis—“ „Was will er mir anhaben? Seine Drohungen ſind lächer⸗ lich, weil ſie ſich auf Vermuthungen ſtützen, für die er Deweis hat. Ich verachte ihn.“ Florentine wandte ſich haſtiy um, ſiellte das Glas in den Schrank, ſchloß den letzteren zu und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche, dann ſah ſie den Baron mit einem triumyhirenden Blick an, wie wenn ſie ihn fragen wollte, oh er jetzt an ihre Macht glaube.— „Der Polizeirath könnte trotzdem Beneiſe finden,“ fragte ſie mit gehobener Stimme,„er hätte ſie ſofort gefunden, wenn ihn“— „Sie werden ihm keine Mittheilung machen! Thun Sie es, ſo verlieren Sie ein Vermögen.“ — 1224— „Ich bin deſſen noch nicht ganz ſicher,“ unterbrach die Schau⸗ ſpielerin ihn.“ „Vertrauen Sie nicht auf das Wort eines Edelmanus?“ „Unter den obwaltenden Unſtänden— nein!“ „Florentine!“ rief der Majoratsherr, auf beſſen Stirn die Adern anſchwollen. „Ich ſpreche meine Anſicht offen aus. Sie können mir das nicht verargen.“ „Gut, dann will ich Ihnen einen Schuldſchein geben.“ „Er hat keinen Werth, ſobald Sie—“ „Jetzt iſt es übergenug!“ fuhr der Baron auf, indem er ſich heftig erhob.„Sie verfen mir Mangel an Vertrauen vor und haben ſelbſt keins! Was verlangen Sie? Sprechen Sie es mit kleren, deutlichen Worten aus, damit ich weiß, woran ich mit Ihnen bin.“ „Was ich verlange? Sie hätten es längſt errathen können, denn es liegt auf der Hsnd. Zahlen Sie mir das Geld, ſo bin ich zufricden, und Sie dürfen alsdann feſt darauf vertrauen, daß ich mein Verſprechen halten werde.“ „Sie verlangen das Unmögliche!“ „So machen Sie es möglich.“ „Wenn ich es könnte—“ „Sie können es wenn Sie wollen! Ich will Ihnen eine Friſt von drei Tagen laſſen, wenn Sie binnen dieſer Friſt die Ihnen geſtellte Bedingung erfüllen, ſo werde auch ich mich an mein Ver⸗ ſprechen gebunden erachten.“ „Und wenn ich es nicht thue?“ „Dann gehe ich zum Polizeirath.“ „Und Sie verlieren Alles!“ „Ich verliere nichts außer einer Hoffnung, die eigent ich werthlos iſt.“ Der Majoratsherr preßte die Lippen aufeinander, er war ohn⸗ mächtig vieſer Frau gegenüber, der er ſelbſt eiu⸗ furchtb ure Waffe in die Hände gegeben hatte. War auch ber gefürchtete Polizeirath augenblicklich in London ſo konnte er doch in der nächſten Stunde von dort zurückkehren, und von der Energie und dem Spürtalent dieſes Mannes durfte er das Schlimmſte erwarten. —.————— Anlla ſſt löc ſic k. unb it hlicken „2 thörich eine* in dieſ werde Verſp warten die ih ylötli ihtet wibort — — 1225— „Seien Sie vernünftig, Florentine,“ ſagte er mit einem tücki⸗ ſchen Blick auf den Schrank,„mein eignes Intereſſe fordert es. te glauben einen Beweis gegen mich zuhaben, aber wenn Sie die Sache bei Licht betrachten, ſo können Sie mit dieſem Beweis gar nichts ausrichten, weil Se keinen Glauben finden werden. Schon der Gedanke, daß eine Schauſpielerin eine ſo furchtbare Anklage gegen den Majorats errn von Oſthofen ſchleudern will, iſt lächerlich—“ „Denken Sie an die Narbe!“ „Pah, Narben verwachſen im Laufe der Zeit, auf ſie läßt ſich kein Beweis gründen. Man wird mir Glauben ſchenken und in Ihrer Anklage unr eine boshafte Verleumbung er⸗ blicken—“ „Wollen Sie es darauf wirklich ankommen laſſen?“ „Wollen Sie vielleicht auf die Summe ve zichten? Sie wären thöricht, wenn Sie es thäten, und ich erinnere mich, daß ſie ſtets eine kluge Frau waren. Wenn ich Ihnen ſage, daß ich das Geld in dieſer karzen Zeit nicht zahlen kann, daß ich es aber zahlen werbe, ſobald ich es beſitze, und daß ich bereit bin, Ihnen dieſes Verſprechen ſchriſtlich zu geben, ſo werden Sie einſehen, daß Sie warten müſſen, bis dieſer Zeitpunkt gekommen iſt.“ „Und wenn ich dies nicht einſehen kann?“ fragte Florentine, die ihn unausgeſetzt ſcharf beobachtete, jeben Augenblick eines plötzlichen Angriffs gewärtig und entſchloſſen, dieſe m Angriff mit ihrer ganzen Energie entgegenzutreten. „Dann müſſen Sie thun, was Sie nicht laſſen können,“ er⸗ widerte der Baron achſelzuckend,„aber ber verlierende Theil wer⸗ den Sie ſein.“ „Binnen drei Tagen, von dieſer Stunde an gerechnet—“ „Beſt hen Sie werklich auf dieſer Forderung?“ „Dann ſage ich Ihnen voraus, daß die Friſt verſtreichen wird ohne—“ „Nehmen Sie das nicht ſo leicht,“ warnte die Schauſpielerin, „ich bin entſchloſſen den Weg zu gehen, den ich Ihnen gezeigt habe.“ „Sie könnten ſelbſt in die Grube hineinfallen, die Sie mir gegraben,“ ſpottete der Majoratsherr,„berückſichtigen Sie das — —— —— —— — 1226— ebenfalle. Ich könnte auf Sie den Verdacht lenken, daß Sie ſelbſt. dem alten Mann das Gift gegeben haben, um ihm eine Summe zu rauben, die er von mir erhalten hatte—“ „Dieſen Verdacht fürchte ich nicht!“ „Er klingt wahrſcheinlicher, als die Drohungen, die Sie mir 1 in's Geſicht ſchleudern, wo Beweiſe fehlen, Madame, da muß die Perſon des Anklägers für die Richtigkeit der Anklage eintreten.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß meine Perſon nicht glaub⸗ würdig ſei.“ „Ihre Vergangenheit wird dem Richter kein großes Vertrauen einflößen, das werden Sie ſelbſt zugeben müſſen. Denken Sie 2 darüber nach, Florentine, ich hoffe Sie werden einſehen, daß Sie vie er nichts Beſſeres thun könn, als meinen Borſchlag anzunehmen, und gben wenn Sie zu dieſer Sinſicht gekommen ſind, dann läßt ſich eine A Uebereinkunſt treffen, die uns Beide zufrieden ſtellen wird.“ ub jn „Unb das iſt Alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ fragte Drohln Florentiue, als er mit dem Hute in der Hand auf die Thüre nicht er zuſchritt. handelt „Ich wüßte nicht, was ich noch hinzufügen ſollie!“ auf de „Sie wollen mir ketne feſte Zuſage geben?“ konnte „Ich habe ſie Ihnen gegeben!“ hülfe „Dieſe genügt mir nicht!“ Venn „Mehr kann ich Ihnen nicht verſprechen, Sie müſſen warten, pulen bis ich Geld habe. Und wenn Sie bis dahin ſich nicht gedulden iur und nicht ſchweigen, ſo werden Sie gar nichts erhalten.“ gint Er öffnete die Thür und ging hinaus, und Madame Floren⸗ tine Winkel blickte ihm verduzt nach. zerig Sie hatte ein beſſeres Reſultat von ihren Drohungen erwar⸗ ſir h tet, ſie wußte jetzt gar nicht woran ſie war, und was ſie hoffen durfte. Ve Er hatte ſie in völliger Ungewißheit zurückgelaſſen und ſie ver⸗ ſenet muthete mit einiger Zuverſicht. daß er noch einmal zurückkehren So werde, um eine beſtimmte Abſprache mit ihr zu treffen, aher in einen dieſer Erwartung ſah ſie ſich getäuſcht, und es blieb iyr nun Er nichts weiter übrig, als ihrem Verlobten das Vorgefallene zu nen D berichten und mit ihm über die weiteren Schritte zu berathen. ungeſt D leugne 47. Kapitel. Der Bruch Der Majoratsherr von Oſthofen war doch nicht ſo ruhiz, wie er ſich beim Abſchied von der Schauſpielerin den Anſchein ge⸗ geben hatte. Als er am Morgen nach dieſem Abend beim Frühſtück ſaß und jener Ereigniſſe noch einmal ſich erinnerte fielen ihe die Drohungen Florentine's ſchwer auf die Seele. Es war allerdings nicht anzunehmen, daß ſie bieſ⸗ben ſo raſch ausführen würde, handelte es ſich doch dabei auch für ſie um ein große Summe, auf deren Empfang ſie gewiß nicht gern verzichtete, aber man konnte nicht wiſſen, wie der Zufall ihrer Unentſchloſſenheit zu Hülfe kam und einen plötzlich beſtimmenden Einfluß auf ſie übte. Wenn der Polizetrath von London zurückkehrte und die Schau⸗ ſpielerin beſuchte, wie nahe lag dann die Möglichkeit, daß die Letztere ſich zu einer Aeußerung verleiten ließ, die den erfahrenen Beamten zu weiteren Fragen und Nachforſchungen veranlaßte. Und wenn Florentine in dem Glauben, daß der Baron ſie betrügen wolle, dieſem Spion Alles enthülte, dann, das unterlag für iha keinem Zweifel, war er verloren. Der Majoratsherr ſprang von ſeinem Sitz auf, e konnte ſeiner Anfregung nicht gebieten. So nahe ſeinem Ziel, ſollte er plötzlich auf ſeinem Wege einen Stein finden, über den er nicht hinüber konnte? Er ſah jetzt ſelbſt ein, daß er dieſe neue Gefahr ſeiner eige⸗ nen Dummheit verdankte, aber es war geſchehe⸗, und konnte nicht ungeſchehen gemacht werdet. Das Gift in dem Glaſe zeugte gegen ihn, er konnte es nicht leugnen. — —— — —————————————————— ——— ——— — 1228— Das Schweigen Florentine's mußte erk uft werden um jeden Preis, und venn er das Geld gehabt hätte, würde er es ihr ſo⸗ fort gezahlt haben, denn je lä ger er über alle Möglichkeiten dachte, deſto höher ſtieg ſeine Angſt. Nur eins beruhigte ihn. Florentine ſtand allein, ſie palte ſo⸗ viel er wußte, keinen Freund, mit dem fie über ſolche Dinge reden konnte, und man durfte nit Sicherheit darauf re Lnen, daß ſie jetzt keinen entſcheidenden Schritt that, ohne ihn vorher gründ⸗ lich zu überlegen. Das war allerdings nur ein ſchwacher Troſt aber der Ba⸗ ron klammerte ſich an ihn, wie der Ertrinkende an den Stroh⸗ halm. Nach langen Ueberlegen entſchloß er ſich, die Schauſpielerin h. roch einua zu beſuchen und in aler Ruhe üler die Ange⸗ legen, 1 zu reden, er hoffte, ſte werde Vernunft und ſeine Bedingungen acceptiren. Schreiben wollte er ihr nicht, der Brief konnte in ihren Hän⸗ den ein Beweismittel, eine gefährliche Waffe gegen ihn werden. Wenn ſie nur ſchwieg, bis die Hochzeit ſtat gefunden hatte, mehr verlangte er einſtweilen nicht. Es ärgerte ihn auch, daß ſie ihn durchſchaut und ſeine Pläne errathen hatte, er erkannte daraus, we gefährlich ihm dieſe Geg⸗ nerin werden konnte und mußte, wenn ſie in den offenen Kampf mit ihm eintrat. Wenn er nur nicht ſo unvorſichtig geweſen wäre! Die Reue kam zu ſpät, es half ihm nichts, daß er ſeine eigne Dummheit verwünſchte, dadurch wurde nichts geändert und noch weniger die Gefahr beſeitigt. Er ſtand am Fenſter und blickte gedankenvoll hinaus. Bis zu dieſer Stunde war ihm Alles gelungen; er hatte ſeine G gner beſeitigt, und kein Verdacht war auf ihn gefallen; er durfte mit Zuverficht in die Zukunft blicken und das Beſte erwarten. In Oſthofen war er ununſchränkter Gebieter, ſein Bruder hatte ſreiwillig ihm das Feld geräumt, Bruno weilte in Paris und durfte nicht wagen, heimzukehren, der ehemalige Hofmeiſter war todt, der Verwalter entlaſſen und ihm gegenüber wehrlos, und der Polizeirath, ber Einzig⸗, den er fürchtete, in Lohdon mit enbern pie Riò Und n xlitei Gab Der fund kein zhlen, rollende vor den ſeigene Vas Hatte ſchwunde mit dem ihn. Hat auch ohne Mit entgegen. „0 et, währi ſprochen, Bato in ſeine haben. „Du nir nah „er hatt geheim; heit rich Du „Be Joch „D Nutter Stimme. — 1229— anderen Dingen beſchäftigt, die ihn vorausſichtlich nicht ſobald an die Rückkehr denken iiepen. Und nun mußte plötzlich dieſe Frau ihm in den Weg treten und ein gebieteriſches„Halt!“ ihm zurufen! Gab es denn kein andres Mittel, ſie unſchädlich za machen? Der Baron wäre vor keinem Mittel zurückgeſchreckt, aber er fand keins, es blieb ihm nichts weiter übrig, als das Geld zu zahlen, ſo ſchwer dieſes Opfer ihm auch werden mochte. Ein rollendes Geräuſch weckte ihn aus ſeinem Brüten, er ſah hinaus, vor dem Portal des Schloſſes hielt ein Wagen, und in dem Aus⸗ ſteigenden erkannte er ſeinen Bruder. Was wollte der bei ihm? Hatte er von London Nachricht erhalten? War dos ver⸗ ſchwundene Kind bereits gefunden? Der Majoratsherr ſtampfte mit dem Fuß zornig auf den Teppich, dieſer Gedanke beunruhigte ihn. Hatte der Polize rath ſeine Miſſion erfüllt, ſo kchrte er auch ohne Zweifel ſofort zurück. Mit erzwungener Ruhe ging er dem eintretenden Bruter entgegen. „Hoffentlich bringſt Du mir eine erfreuliche Botſchaft,“ ſagte er, während er ihm die Hand bot„Du hatteſt mir Nachricht ver⸗ ſprochen, ſobald Du von drüben etwas hörteſt.“ Baron Udo hatte die Hand des Brnders nicht angenonmen, in ſeiner fieberhaſten Grregung ſchien er das überſehen zu haben. „Du warſt zugegen, als der Polizeirath Heller Abſchied von mir nahm,“ erwiderte er, den Rajoratsherrn feſt anſchauend, „er hatte mich dringend gebeten, den Zweck ſeiner Reiſe Jedem geheim zu halten, aber ich theilte ihn Dir doch mit.“ „Ich hoffe Du wirſt wiſſen, daß Du auf meine Verſchwiegen⸗ heit rechnen darfſt.“ „Du haſt alſo mit Niemand darüber geſprochen?“ „Bewahre, welche Veranlaſſunz hätte ich dazu haben können?“ Noch einmal ruhte der Blick Udos durchdringend auf ihm. „Du kannteſt den Namen des Weibes, welches ſich für die Multer meines Kindes ausgiebt?“ fragte er mit zitternder Stimme. — 1230—. „Signora Grimaldi,“ nickte der Majoratsherr,„Du nannteſt ihn ja.“ Und was bewon Dich dieſes Weib zu warnen?“ „Das ſollte ich gethan haben?“ erwiderte Baron Edmund, der ſeine Beſtürzung und Verwirrung vergeblich zu verbergen ſuchte. „Du haſt noch mer als das gethan,“ ſagte Udo mit geho⸗ bener Stimme. „Und was, wenn ich fragen darf?“ „Du haſt ihr Geld geſchickt!“ Der Majoratsherr verſchränkte die Arme auf der Bruſt, und ein ironlſches Lächeln umzuckte ſeine ſchmalen Lippen. „Wer hat Dir das geſagt?“ fragte er. „Ich habe ſoeben eine Depeſche von Londyon erhalten,“ er⸗ widerte Baron Udo in deſſen Augen es jäh aufblitzte.„Deine Depeſche hat das Weib gewarnt, ſie iſt mit melnem Kinde ſeit⸗ dem ſpurlos verſchwunden.“ „Ich fragte Dich wer Dir 56 mitgetheilt habe.“ „Der Polizeirsth.“ „Ich dachte es mir, dieſer Mann hat eine ſehr lebhafte Phantaſie, ſie wird ihn in's Irreuhaus bringen.“ „Er wird ſich vorher erkundigt haben,“ ſagte Udo, den die Ruhe des Bruders noch mehr reizte,„in ſeiner Depeſche erklärt er ausdrücklich, daß er—“ „Bitte zeige mir die Depeſche.“ „Du hörſt ja, was ſie enthält,“ fuhr Udo fort, während er ſein Portefeuille aus der Taſche zog,„Du haſt dem Londoner' Bankhauſe fünfzig Pfund Sterling angewieſen und ihr mitgetheilt, daß ihr Gefahr drohe.“ Der Majoratsherr entfaltete das Telegramm und las es auf⸗ merkſam, dann lachte er hell auf.„Was ſolche Spione nicht alles austifteln!“ ſpottete er., Mit dem Gelde hats ſeine Richtig⸗ keit, aber bas Andere iſt erfunden.“ „Du gibſt alſo zu, ihr die Summe angewieſen zu haben?“ „Jawohl.“ „Und aus welchem Grunde—“ „Die Sache iſt einfach. Ich lernte Signora Grimaldi, das heißt die Sängerin, damals flüchtig kennen, als ihr Freund, der Nule hot uimemn, tieen mu Peite guder ei „die gſche v Sohn ih mßen ei zml D hielu „Ein⸗ lnnen.“ „Weil joratsherr Dame ein fit, deß löſen, abt ſchloß ih halb wie ſobald ich unb Du Pücke eit „Dab auffallen wieſen w „Es „Frlo dos Weil ſpurlos r „3h „Deir „Ma dies behe Vermuch kenden 2 „Udo, und eine ſeit⸗ aſte die ätt er 4 ver eilt, auſ⸗ icht tig⸗ das ——— — 1231— Maler Rodenberg noch hier aus⸗ und einging. Du wirſt Dich erinnern, aus welchem Grunde ich dem Baſtard das Haus ver⸗ bieten mußte. „Weiter!“ ſagte Baron Udo mit dumpfer Stimme, als ſein Bruder eine Pauſe machte. „Die junge Dame flößte mir lebhaftes Intereſſe ein, und ich geſtehe offen, daß dieſes Intereſſe durch den Schimpf, den Dein Sohn ihr zugefügt hatte, geſteigert wurde; ich fühlte gewiſſer⸗ maßen eine Verpflichtung, ſie für dieſe Schmach zu enſchädigen, zumal Du Dich dieſer Angelegenheit gegenüber theilnahmlos ver⸗ hielteft. „Eine ſolche Verpflichtung kann ich in keiner Weiſe aner⸗ kennen.“ „Weil Du eben anders darüber benkſt wie ich,“ fuhr ver Ma⸗ joratsherr achſelzuckend fort.„Ich bot damals ſchon der alten Dame eine Geldſumme au, es ſollte eine Entſchädigung ſein da⸗ für, daß Signora Arabella genöthigt war, ihre Kontrakte zu löſen, aber dieſe Entſchädigung wurde zurückgewieſen und ich be⸗ ſchloß in Folge deſſen ſie ihr ſpäter zukommen zu laſſen. Des⸗ halb wies ich ibr die Summe bei dem Londoner Benkhauſe an, ſobald ich erfuhr, daß ſie ſich in London befand. Das iſt Alles, und Du wirſt nun wohl zugeben, daß der Polizeiſpinn aus der Wücke einen Elephant mochen will.“ „Das gebe ich keineswegs zu“ erwiderte Ado,„es nuß mir auffallend erſcheinen, daß gerade jetzt dem Weibe das Geld ange⸗ wieſen wird.“ „Es iſt eben nichts weiter als eine zufällige Verkettung—“ „Erlaube, es liegt eine Abſicht darin! Wie komuit es, daß das Weib ſo plötzlich ihre Wohnung verlaſſen hat und ſeitdem ſpurlos verſchwun den iſt?“ „Ich weiß das nicht.“ „Deine Warnung—“ „Man ſoll mir beweiſen, daß ich ſie gewarnt habe, wenn man dies behaupten will!“ fuhr der Majoratsherr trotzig auf.„Die Vermuthungen eines Polzeiſpions habe für keinen rechtlich den⸗ kenden Menſchen irgend welchen Werth.“ „Ich ſage Dir nochmals, der Polizeirath würde—“ „Udo, ich bitte Dich, Du wirſt doch nicht dieſem Manne grö⸗ — ßeres Vertrauen ſchenken als mir? Was hätte mich denn ver⸗ anlaſſen können das Weib zu warnen? Muß ich mich im Ge⸗ gentheil nicht freuen, wenn Du das verſchwundene Ktnd wieder⸗„ findeſt? Ich weiß wohl, daß dieſer Palizeiſpion nir nicht ge⸗ wogen iſt, weil ich ihn behandelt habe, wie ein ſolcher Menſch behandelt zu werden verdient, und nun—“ „Was Du mit ihm perſönlich haſt, kümmert mich weiter nicht,“ wolle⸗ fiel Udo ihm in's Wort,„ich halte mich an die vorliegende Sache, 2 nozden Als Du von mir hörteſt, in welcher Angelegenheit der Rath nach lömen London reiſte, da vurfteſt Du jenes Weib nicht unterſtützen Du„Q haſt ſie gewarnt, Du haſt ihr die Mittel gegeben, ſich der Ve⸗„il folgung zu entziehen, leugne es, ich beharre bei dieſer Behaup⸗ nchen? tung.“„Da Er hatte das in einem ernſten, drohenden Tone geſagt, aber in Eure ſein Bruder wandte ihm den Rücken, als ob er andeuten wolle, hieruuf daß er ſich nicht geneigt fühle, auf dieſen Ton einzugehen.„In „Wenn Du dobei beharren willſt,“ erwiderte der Mojorats⸗ 4„Ih herr,„dann wäre es nutzloſe Mühe, Dich eines Andern belehren es deshe zu wollen.“ ich, daß „Ich frage Dich nur noch weshalb Du es gethan, weshalb uch de⸗ Du unſere Hoffnungen und Wünſche durchkreuzt haſt. Du weißt, in welcher fieberhaften Aufregung Adelaide der Erfüllung dieſer 1 woiig Hoffnungen entgegenſieht, wie ſie mit jeder Faſer ihres Herzens men an ihm ſeſthält, und vennoch iſt es Deine Abſicht—“ n „Das ſind widerum Vermuthungen,“ fiel der Majoratsherr ntgeg⸗ ihm in's Wort.„Ich habe Dir geſagt, wie die Sache ſich ver⸗ jurethe hält, freilich muß ich es Dir überlaſſen, ob Du meinen Worten Glauben ſchenken willſt oder nicht.“ v 1„Darauf erwidere ich Dir, daß ich ihnen keinen Glauben fil bu ſchenken kann!“ ſagte Ude mit wachſender Erregung.„Was Dich bewogen hat, der Verbündete dieſes elenden Weibes zu werden—“ „ Udo!“ k„Ich kann Dir dieſe Worte nicht erſparen, Du forderſt ſie heraus! Ich ſage was Dich dazu bewogen hat, weiß ich nicht, ſo und es iſt mir ſogar unbegreiflich, aber daß es geſchehen iſt, das unterliegt für mich keinem Zweifel mehr. Ich muß bei dieſer — ver⸗ Ge⸗ det⸗ nſch che, er⸗ ber olle, ten ſie t, das ſet — Gelegenheit noch einmal hervorgehen, daß ich ein brüderliches Entgegenkommen niemals bei Dir gefunden habe.“ „Liegt die Schuld an mir, oder—“ „An mir gewiß nicht, Edmuno! Ich habe Dir bereitwillig alle Rechte abgetreten und—“ „Das Geſetz forderte es,“ ſagte der Majoratsherr kalt. „Und ich bin auch weit entfernt, mich damit rühmen zu wollen, ich habe eben nur gethan, was das Geſetz verlangte. Aber trotzdem hätte ich ein freundliches Entgegenkommen erwarten können—“ „Durfte ich es nicht auch von Deinem Sohne erwarten?“ „Willſt Du mich für das, was er gethan, verantwortlich machen?/ „Das gerade nicht, aber mußte ich nicht vermuthen, daß man in Eurem Familientreiſe über mich geſprochen hatte, und daß ſich hierauf die Bemerkungen Deines Sohnes bezogen?“ „In unſerm Kreiſe iſt nie über Dich geſprochen worden.“ „Ich kann nicht unterſuchen, ob das Wahrheit iſt und muß es deshalb dahin geſtellt ſein laſſen. Mit Sicherheit aber weiß ich, daß Bruno mich bei Dir zu verdächtigen ſuchte. Wenn Du auch des leugnen willſt, ſo—“ „Ich leugne nichts, was wahr iſt,“ ſagte Udo, das Haupt trotzig zurückwerfend.„Ehre und Wahrheit waren für mich ſtets unzertrennbar. „Und dieſen Verdächtigungen trateſt Du nicht ſo energiſch entgegen, wie ich es hätte verlangen dürfen,“ erwiderte der Ma⸗ joratsherr.„Ich war ein unfreiwilliger Zeuge jenes Geſprächs und nun wirſt Du auch wiſſen—“ „Mau horcht nur dann, wenn man kein gutes Gewiſſen hat,“ fiel Baron Udo ihm entrüſtet in'e Wort. „Ich ſagte Dir ſchon, daß ich ein unfreiwilliger Zeuge ge⸗ weſen ſei, und ich hoffe Du wirſt dieſer Verſicherung Glauben ſchenken. Weshalb hätte ich lauſchen ſollen? Der Haß Deines Sohnes hat mir niemals Furcht eingeflößt, und dieſer Haß war ſo natürlich, daß ich ihn gar nicht weiter beachtete.“ „Ich erinnere mich jener Unterredung nicht mehr.“ Der Baſtard. 78 —— — 1234— „Sie hatte ſtatt unden, in dem jetzt niedergeriſſenen Som⸗ merh auſe—“ „In welchem Bender erſchoſſen wurde „Jawohl.“ „Es kann ſein, ich weiß es nicht. Seitdem iſt ſo Manches vorgefallen, was mich in Anſpruch nahm, daß ich—“ „Es liegt auch weiter nichts daran,“ ſagte der Majoratsherr, ich wollte Dir nur beweiſen, daß der Vorwurf, den Du mir ge⸗ macht haſt, nicht mich trifft. Ich bin Dir niemals feindſelig entgegengetreten, im Gegentheil, Udo, ich habe ſtets danach geſtrebt unſre Beziehungen ſo freundſchaftlich wie nur möglich zu geſtal⸗ ten. Dieſem Beſtreben trat leider Manches entgegen. Ich er⸗ kannte in den erſten Tagen, daß unſer Verwalter ein Schuft war, Du nahmſt ihn in Schutz—“ „Ich thue es heute noch!“ „Er iſt entlaſſer.“ „Seit waun?“ „Seit geſtern.“ „Und aus welchen Gründen?“ fragte Baron Udo in unwilli⸗ gem Tonr. „Weil er uns betrogen hat.“ „Das kann ich nicht glauben.“ „Du glaubſt es nicht, weil Du ihm niemals auf die Finger geſehen haſt“ erwiderte der Majoratsherr achſelzuckend.„Du haſt keine Nechuungsablage von ihm gefordert und er verſtand es, Dir eine heuchleriſche Maske zu zeigen. Ich aber erfuhr be⸗ reits in London, daß er ein bedeutendes Vermögen beſaß und ich konnte nicht glauben, daß er dieſes Vermögen von ſeinem Gehalt erſpart haben ſollte.“ „Davon habe ich nie etwas gewußt. Wodurch erfuhrſt Du es?“ „Durch Notizen von ſeiner eignen Hand. Ich werde die Ver⸗ waltungsbücher einer gründlichen Reviſion unterwerfen und ihn über jede Veruntreuung zur Verantwortung ziehen. Auch er ver⸗ dächtigte mich, weil er wußte, daß ich ihm in die Karten geſchaut hatte und daß er mich fürchten mußt.“ Baron Uoo ſchüttelte das Haupt, er ſchien das nicht faſſen zu können. dun pmnen erkenr ten. daß d „ aufme Vort „ nich! der L Bme wenn m⸗ es ⸗ li ebt al⸗ ar, li⸗ — 1235— Dann aber entſann er ſich wieder, weshalb er eigentlich ge⸗ kommen war, und daß ihm nicht viele Zeit blieb, wenn er den nächſten Zug nach London benutzen wollte. „Iſt Dir die jetzige Adreſſe des Weibes bekannt?“ fragte er. Signora Grimaldi?“ erwiderte Baron Edmund ruhig. ein.“ „Du haſt gar keine Nachricht von ihr erhalten?“ „Durchaus keine.“ „Wie Sie ſollte ſich für das Geſchenk nicht bedankt haben?“ „Bis jetzt noch nicht.“ „Sag' mir die Wahrheit, Du könnteſt uns dadurch viele nutz⸗ loſe Mühe erſparen und vielleicht ein Verbrechen verhüten.“ „Was ſoll ich Dir ſagen?“ erwiderte der Majoratsherr ärger⸗ lich.„Ich habe keine Zeile von der Frau geſehen und weiß nur, daß ſie, wie Du behaupteſt, in London ſein ſoll. Weiter weiß ich nichts.“ „Gar nichts?“ ſragte Uno ſcharf. „Nein!“ Hoch aufgerichtet ſtand Uo dem Bruder gegenüber, und der mühſam verhaltene Grimm leuchtete aus ſeinen glühenden Augen. „Das glaube ich nicht, ſo oft Du es auch betheuern mazſt!“ ſagte er.„Du haſt dieſes Weib gewarnt, ihm mitgetheilt, daß Arabela Grimaldi meine Tochter ſei und daß ſie in den nächſten Tagen verhaftet werde, wenn ſie nicht die Flucht ergreife. Du haſt dies gethan, Du biſt der Verbünoete dieſes elenden Ge⸗ ſchöpfs, und Dein jetziges Verhalten mir gegenüber läßt mich erkennen, daß Du entſchloſſen biſt, an dieſem Bündniß feſtzuhal⸗ ten. Was Dich dazu bewegt, weiß ich nicht, aber bas weiß ich, daß dieſes feinbſelige—“ „Halt!“ rief der Majoratsherr.„Ich möchte Bich darauf aufmerkſam machen, daß Du es warſt und nicht ich, der dieſes Wort zuerſt ausſprach.“ „Und bin ich nicht berechtigt es auszuſprechen? Zwingſt Du mich nicht dazu? Willſt Du noch immer behaupten, es ſeien aus der Luſt gegriffene Vermuthungen? Ich werde in London die Beweiſe erhalten und wenn—“ „Ja ſuche Sie Dir zu verſchaffen und urtheile erſt dann, wenn Du ſie haſt!“ unterbrach der Majvratsherr ihn höhniſch. 6 †8* — 1236— „Dein Hohn wird mich nicht beirren. Und wenn ich die Be⸗ weiſe habe, dann iſt zwiſchen uns Beiden das Tiſchtuch zer⸗ ſchnitten für alle Ztiten. Es thut mir weh, dies dem eigenen Bruder ſagen zu müſſen, aber noch weher hat es mir gethan—“ „Genug!“ unterbrach der Majoratsherr ihn.„Willſt Du mir nicht glauben, ſo mußt Du eben nach Deinem Ermeſſen handeln, ich kann Dir das nicht verwehren.“ „Und Du willſt mir die Adreſſe des Weibes nicht geben?“ „Ich habe ſie nicht, wie ich überhaupt jede derartige Z mu⸗ thung mit Entrüſtung zurückweiſe—“ Baron Udo nahm ſeinen Hut, und in dieſem Moment fi,l ſein Blick auf die Portiere, die dieſes Gemach mit dem anſto⸗ ßenden Zinmer verband. ſtand Klara; das bleiche Geſicht verrieth, daß ſie, wenn auch nicht Alles, ſo doch den Hauptinhaltdieſer Unterredung vernommen hatt ſeines Bruders, wandte ſich jetzt ebenfalls um, und ein verächt⸗ licher Zug glitt über ſein pockennarbiges Geſicht. „Man wirft mir Spionage vor, und ich finde hier an allen Ecken Spione,“ fagte er mit ſchneidendem Hohn. „Onkel Udo, ich bitte Dich, noch einen Augenblick zu warten,“ nahm Klara mit bebender Stimme das Wort.„Es war richt meine Abſicht, zu ſpioniren, ich wußte, daß Onkel Udo hier war und wollte nur die Frage an ihn richten, ob es gelungen ſei, Cäcilie zu finden. Da hörte ich den heftigen Wortwechſel, und unwillkürlich blieb ich ſtehen—“ „Um zu lauſchen,“ ergänzte Baron Edmund.„Deine Schuld iſt das weniger, als die Schuld Deiner Erziehung.“ „Mich treffen dieſe Pfeile nicht,“ erwiderte Udo mit ſen ganzen würdevollen Stolz,„ie deutlicher ich die Abſicht der Be⸗ leidigung erkennen, deſto weniger—“ „Ich neyme die Schuld auf mich,“ unterbrach Klara ihn, und nun ich weiß, was zu dieſem Wortwechſel Veranlaſſung gab, muß ich au Parthei ergreifen. Parthei für Dich, Oakel Udo, ich bekenne das offenherzig. Gib ihm die Adreſſe, Papa—“ „Was ſol das?“ brauſte der Majoratsherr auf.„Haſt Du gehd.t, was ich Deinem Onkel ſaate, ſo weißt Du auch—“ „Ich habe auch gehört, was Onkel Udo darauf erwiderte.“ Die Portiere war zurückgeſchlagen und in ihrem Rahmen Der Majoratsherr, aufmerkſam gemacht durch die Beſtürzung Ind in ſticden wie vi daure nir he auch De Boöhei „W fahren er kin „ höchſe ſolteſt zurüd Deine zu gu könne —— — 1237— „Alſo behaupteſt Du, ſeine Worte verdienten mehr Glauben?“, „So weit ich urtheilen kann—“ „Dein Urtheil iſt das Urtheil eines thörichten Kindes!“ „Du haſt die Frau gewarnt und ihr Geld geſchickt—“ „Schweige! Was ich gethan habe kann ich verantworten, und in meinem eignen Hauſe trete ich jeder Beleidigung ent⸗ ſchieden entgegen. Willſt Du aber gegen mich Parthei erzreifen, wie Du ſo eben mit naiver Offenherzigkeit erklärt haſt, dann be⸗ daure ich, Dir ſagen z: müſſen, daß die Trennung ſchon jetzt mir geboten, wenigſtens wünſchenswerth ſcheint.“ „Ich war darauf längſt gefaßt,“ ſagte Klara ruhig. „Längſt?“ „Ja, ſeit der Stunde Deiner Verlobung.“ „Bah, ich weiß wohl, daß meine Braut Dir ein Dorn im Ange iſt, und daß ich Dich nicht zwingen kann, ihr mit Liebe und Vertrauen entgegen zu kommen. Dos liegt auch in Deiner Erziehung, dieſes verächtliche Hinabſehen auf alles Bürgerliche, dieſes alberne Vorurtheil, welches den Werth des Menſchen nur nach Rang und Vermögen mißt!“ „Und mit welchem Maße haſt Du den Maler Rodenberg ge⸗ meſſen?“ fragte Klara, ohne vor ſeinem flam nenden Blick die Augen niederzuſchlagen.„Haſt Du ſein Talent, ſein Gemüth, ſeine Bildung und ſeinen Charakter nur der geringſten Beachtung würdig gehalten? Der Fluch, der auf ſeiner Geburt ruht, war für Dich allein maßgebend, und dadurch haſt Du bewieſen, daß auch Du von blinden Vorurtheilen nicht frei biſt.“ Der Majoratsherr lachte, es war ein Lachen voll Hohn und Bosheit. „Wenn Du über dieſen berühmten Maler etwas Näheres er⸗ fahren willſt, ſo frage Onkel Udo, erwiderte er.„Ich glaube, er kann Dir genaue Auskunſt über ihn geben.“ „Jetzt rufe ich Dir zu: Schweige!“ ſagte Ubo im Tone der höchſten Entrüſtung.„Wenn aug⸗Dir ſelbſt nichts heilig iſt, ſo ſollteſt Du wenigſtensgbedenken, daß Rohheiten auf denjenigen zurückfallen, der ſich 4⸗ als Waffe bedient. Ich habe Manches Deinem unſtäten und abcutheuerlichen Leben drüben im Urwalde zu gute gehalten, aber dieſe Rohheit hätteſt Du Dir erſparen können.“ — „Man hört die Wahrheit nicht gerne, wenn man kein reines Gewiſſen hat,“ erwiderte der Majoratsherr achſelzuckend. Baroneſſe Klara hatte ganz verwirrt bald ihren Vater, bald den Onkel anzeſehen, fie ſchien den tieferen Sinn der letzten Worte nicht rerſtanden zu hoben und vergebens der Löſung dieſes Räthſels nachzugrübeln. „Das Maaß iſt voll,“ ſagte Baron Udo, gewaltſam an ſich haltend.„Wenn Du mich begleiten willſt, Klara, ſo werde ich Dich unten in meinem Wegen erwarten.“ Klara heftete den Blick erwa tungsvoll auf den Vater, ſie hoffte offenbar, daß er ein verſöhnendes Wort ſprechen werde, aber der Majoratsherr wandte ihnen den Rücken und ſchwieg. „Ich werde in fünf Minuten unten ſein,“ ſagte ſie, tief auf⸗ athmend, wenn Du ſo lange warten willſt—“ „Gewiß, mein Kind, und Tante Adelaide wird Dich mit offenen Armen empfangen. Du wirſt ihr Geſellſchaft leiſten, während ich in London bin, ich reiſe heute noch ab. Der Majoratsherr ſtand am Fenſter und blickte aufmerkſam in den Nebel, der draußen Alles umſchleierte, hinaus, daß man hätte glauben können, er wolle in ihm ſein Schickſal er⸗ gründen. Er ſah, daß der Wogen von dannen fuhr, raſch wändte er ſich um, und ſo tief, wie vorhin ſeine Tochter, athmete auch er jetzt auf. „Frei!“ ſagte er triumphirend.„Die letzte Feſſel iſt gefallen, jetzt habe ich keinen Spion mehr zu fürchten.“ „Haſtig zog er an der Glocken ſchnur, in der nächſten Minute trat Johann ein. „Anſpannen!“ befahl der Majoratsherr. Der Reitknecht wollte ſich ſofort wieder zurückziehen, als der Baron ihm einen Wink gab, zu bleiben. „Sind noch keine Erkundigungen über den alten Maler hier eingezogen worden?“ fragte er,„die Polizei liebt es derartige Erkundigungen im Geheimen einzuziehen.“ „Ich habe bis jetzt noch nichts vernommen, außer daß der Schwiegerſohn des Verwalters wiſſen wollte—“ „Hat er Dich gefragt?“ „Jawohl, aber ich habe ihm keine Antwort gegeben.“ „ wohne verbote „S „ währe „Flor vor z füng meine aber Abſich thet e r er . — 12390— Der Baron klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne. „Es iſt gut, daß der Verwalter mit ſeinem Anhang entfernt iſt,“ ſagte er,„dieſe Lente ſtecken die Naſe in Alles. Uebrigens liegt nichts daran, wenn ſie die Wahrheit erfahren, ich brauche ſie nicht zu verheimlichen.“ „Aber es würde zu Unannehmlichkeiten führen, warf Jo⸗ hann ein.„Und dann würde der Unterſuchungsrichter erfahren, daß Sie vorher Streit mit dem Maler hatten und—“ „Schweig!“ fiel der Baron ihm barſch in's Wort.„Haſt Du Dich nach der Madame Winkel erkundigt?“ Der Reitknecht nickte bejahend. „Und was haſt Du erfahren?“ „Nicht viel. Sie ſoll ſehr zurückgezogen leben.“ „Mit wem verkehrt ſie?“ „Mit Niemandem. Selbſt die Leute, die in demſelben Hauſe wohnen, wußten nur wenig zu berichten, und Sie hatten mir verboten—“ „Sie perſönlich zu beſuches,— allerdings!“ „Aber ich erfuhr ihren Familiennamen,“ fuhr Johann fort, während ſein Blic forſchend das pockennarbige Antlit ſtreifte. „Florentine Rabe, Herr Baron, jene ſchöne Schauſpielerin, die vor zwanzig Jahren—“ „Ich weiß es!“ „Sie werden ſich anch erinnern, daß ich ihretwegen in's Ge⸗ fängniß mußte!“ „Laſſen wir das,“ ſagte der Baron ärgerlich.„Es war nicht meine Schuld, die Schauſpielerin hatte mir dazu gerathen.“ Betroffen blickte Johann ſeinen Herrn an. Das dies eine Lüge war, unterlag für ihn keinem Zweifel, aber der Zweck dieſer Lüge war ihm unklar. Eine beſtimmte Abſicht leg ihr ſicher zu Grunde, ein Mann, wie dieſer Baron, that ſicher nichts ohne Abſicht. „Ich habe oft genug bereut, daß ich ihren Rath befolgte,“ fuhr der Majoratsherr fort,„aber als ich in meiner Verwirrung und Verlegenheit den erſten Schritt gethan hatte, war keine Um⸗ kehr mehr möglich.“ „Und was konnte ſie denn veranlaſſen, Ihnen dieſen Rath zu geben?“ fragte Johann, dem es nicht entging, daß der Baron — 1240— ihn ſcharf und unverwandt heobachtete. „Das iſt mir nie ganz klar geworden, aber ich denke mir, ſie wollte dadurch ſich den Schmuck ſichern. Florentine Rabe war immer ein herzloſes Geſchöpf ſie iſt es noch heute, und ich glaube ſie würde kein Bedenken tragen, zwiſchen mich und meine Brauk zu treten, wenn ſie eine paſſende Gelegenheit dam fände. Ich wüßte nicht, welche angenehmere Nachricht mir cebracht werden könnte als die, daß dieſe Fran unſchäblich gemacht wäre.“ In den Pngen Johanm's blitzte es auf, er wandte haſtig das Antlitz ab, um dem Baron nicht zu verrathen, welchen Antheik er an dieſem Thema nalm. „Es wäre auch für Dich eine Genngthnung,“ fuhr der Ma⸗ joratsherr fort,„und an Deiner Stelle würde ich mich keinen Augenblick beſinnen, mir dieſe Genugthuung zu verſchaffen.“ „Das iſt Alles recht ſchön, Herr Baron, aber—“ „Bah, was die Nusführung betrifft, ſo bietet ſie gar keine Schwierigkeit. Sie lebt ſehr einſam, ſie bekümmert ſich um Nie⸗ mand, und Niemand bekümmert ſich um ſie. In dem großen Hauſe, in welchem ſie wohnt, gehen viele Leute ein und aus, der Einzelne wird nicht beochtet, und es wäre Kinderſpiel, hineinzu⸗ gelangen, ohne bemerkt zu werden. „Und was dann?“ fragte Johann, als der Baron abbrach. „Das mußt Du ſelbſt wiſſen, ich überlaſſe es Dir. Wenn Du mir die Nachricht bringſt, daß dieſe Frau beſeitigt iſt, zahle ich Dir tauſend Thaler.“ Jetzt wußte der Reitknecht, was ſein Herr beabſichtigte, und aus dieſer Abſicht zog er den Schluß, daß Florentine dem Baron gedroht haben mußte. Er hätte gerne das Nähere erfahren, aber er mochte den Baron nicht fragen, er fürchtete, doß dieſe Fragen Verdacht er⸗ regen und ſeine Beziehungen zu Florentine verrathen könnten. Sobann erkannte er auch, das es rathſam war, ſcheinbar auf die Wünſche des Barons einzugehen, der letztere wurde da durch abgehalten, ihre Erfüllung auf andren Wegen und durch andre Mittel zu ſuchen. „Die Sache iſt nicht ſo leicht, wie Sie annehmen,“ ſagte er kopfſchüttelnd. „Man kann Alles, wenn man nur ernſtlich will,“ erwiderte ——— Schauſyi nicht ſo Der einen h Kabinet „Jt handr gingen Schwie er,„S „Bi Der Platz u des cor „Si nehmen Hud Augen jeden „V — 1241— der Baron.„Ich will damit weiter nichts zu thun haben, Du mußt wiſſen, wie es ermöglicht werden kenn, aber wie geſagt, bringſt Du mir die Nochricht, ſo zahle ich Dir tauſend Thaler.“ „Ich müßte vorab Zeit haben, um mich genau zu orien⸗ tiren.“ „Nimm ſie Dir.“ „Wenn der Herr Baron mich in die Stadt mitnehmen und für heute beurlauben wollte—“ „Gewiß, ich werde Dir Urlaub geben bis morgen früh,“ nickte der Majoratsherr,„und nichts könnte mir lieber ſein, als wenn Du morgen früh mir die erwünſchte Nachricht brächteſt. Nur Vonſicht, man darf in ſolchen Dingen nichts übereilen.“ Der Reitknecht entfernte ſich, und eine halbe Stunde ſpäter fuhr der Majoratsherr ab. Hätte er von den Beziehungen Johanns zu der ehemaligen Schauſpielerin nur eine leiſe Ahnung gehabt, ſo würde er gewiß nicht ſo ruhig geweſen ſein. Der Wagen hielt vor dem Hauſe des Bankiers, und mit einem heitern Lächeln auf den Lippen trat der Baron in das Kabinet. „Ich ſtöre doch nicht?“ fragte er. „Ihr Beſuch ſtört mich nie.“ erwiderte der Bankier, ihm die Hand reichend, aber den ſcharfen Blick des Majoratsherrn ent⸗ gingen die Schatten nicht, welche die Stirne ſeines zukünftigen Schwiegervaters umwölkten. „Ich könnte zu jeder anderen Zeit wieder verſprochen,“ ſagte er,„Sie haben zu befehlen, Herr Commerzienrath.“ „Bitte, bitte, es iſt mir außerordentlich angenehm.“ Der Baron nahm in dem Seſſel, der ihmhingeſchoben wurde, Platz und ließ den Blick forſchend auf demwohlgenährten Geſicht des corpulenten Herrn ruhen. „Sie haben Unannehmlichkeiten gehabt?“ fragte er theil⸗ nehmend. „Ich?“ erwiderte der Bankier, während er raſch mit der Hard über die Stirne fuhr und darauf die Brille dichter vor die Augen rückte.„Pah, Geſchäftsſachen— Kleinigkeiten, wie das jeden Tag vorkommt!“ „Wenn es weiter nichts iſt—“ — 1242 „Durchaus nicht, mein lieber Baron!“ „Dann bin ich beruhigt. Ich möchte wünſchen, daſſelbe von mir ſagen zu können.“ „Was iſt Ihnen begegnet?“ „Die Saat hat ihre Früchte getragen.“ ſagte der Majorats⸗ herr achſelzuckend.„Ich erkannte ſchon am Tage meiner Ankunft, daß es ſo kommen würde, es konnte ja nicht ausbleiben, jede Saat mag ſie gut oder böſe ſein, findet ihren Boden und oder ſpäter muß ſie aufgehen.“ „Ich verſtehe Sie wirklich nicht, theurer Freund,“ erwiderte der Baukier kopfſchüttelnd.„Darf ich Sie bitten, ſich etwas deutlicher auszudrücken?“ „Sie ſind berechtigt dieſen Wunſch auszuſprechen und ich bin Ihnen gegenüber verpflichtet, denſelben zu erfüllen. Es iſt nichts Schlimmes, im Gegentheil die Verhältniſſe ſind dadurch geklärt worden, aber mich beruhrt der Vorfall dennoch unangenehm, ſchon des Geredes wegen, welches nicht ausbleiben wird.“ Der Bankier nickte zuſtimmend und nahm die Brille ab, um die Gläſer derſelben zu reinigen. „Sie wiſſen, daß meine Tochter von meinem Bruder erzogen wurde,“ fuhr der Majoratsherr fort,„und vielleicht wiſſen Sie auch, daß mein Bruder an den ſchroffen Vorurtheilen unſeres Standes mit einer Zähigkeit feſtfhält, die einer beſſeren Sache wür⸗ dig wäre. „Gewiß, gewiß, Baron Udo von Oſthofen iſt ein ſtolzer Herr „Und die Baronin, ſeine Gemahlin, iſt nicht minder ſtolz wie er. Ich habe das nur häufig hervor gehoben, da es dem heute Vorgefallenen zur Erklärung dienen muß. Mein Bruder be⸗ trachtete ſich lange Jahre hindurch als Majoratsherr von Oſtho⸗ fen, aber er wußte auch, daß er ſeine Rechte mir abtreten mußte, ſobald ich heimkehrte.“ „Und das hat er ja gethan!“ „Weil das Geſetz es gebot. Eine teſtamentariſche Beſtim⸗ mung meines Vaters verpflichtete ihm ſich Gewißheit darüber zu „erſchaffen; er wer alſo gezwungen, die verſchiedene Bekannt⸗ machungen zu erlaſſen, die mich aufforderten, iu die Heimath zu⸗ rückzukehren. Und als ich heimkehrte, war der Empfang nicht O tizen ſi „Et 3 „Sie „Ja und bt ſchou do „Le 4 „B Kenntn „D Pankier „ Veront worder ob ich etforſe Schwä ſofort etwart „E „5 gbild abet Hoffn feſ daz i ⸗ — 1243— O der, den ich ervartet hatte. Allerdings wurde ich in London von dem Verwalter empfangen, aber dieſen Verwalter war ein Spitzbube, und ſchon in London fand ich Gelegenheit, ihn auf Grund vorliegender Beveiſe der Untreue zu beſchuldigen.“ „Warten Sie einmal, lieber Baron. Hatten Sie wirklich Beweiſe?“ „Jawohl.“ „Und worin beſtanden dieſelben?“ „In Notizen von ſeiner eignen Hand; er hatte in dieſen No⸗ tizen ſein Vermögen berechnet.“ „Erinnern Sie ſich noch der Summe?“ „Sechszigtauſend Thaler.“ „Ich hatte dieſe Actien in Depoſitum.“ „Sie?“ fragte der Baron überraſcht. „Ja. Bald nach Ihrer Heimkehr kan der Verwalter zu mir und hat mich, die Papiere für ihn aufzubewahren, und es fiel mir ſchon damals auf, daß er von mir Verſchwiegenheit verlangte.“ „Beſitzen Sie die Papiere noch?“ „Nein, er hat Sie ſpäter zurückgenommen.“ „Wahrſcheinlich fürchtete er, ich werde von dieſem Depoſitum Kenntniß erhalten und Arreſt darauf legen.“ „Dieſe Ve muthung liegt allerdings nahe,“ nickte der Bankier. „Ich habe den Menſchen entlaſſen und werde ihn ſpäter zur Verantwortung ziehen. Er war nicht nach London geſchick worden, um mich willkommen zu heißen, nein, er ſollte ſpioniren ob ich auch wirklich der verſchollene Majoratsherr war, er ſollte erforſchen, mit welchen Geſinnungen ich heimkehrte, und ob ich Schwächen beſaß, die man benutzen konnte. Das erkannte ich ſofort und ſchon dadurch wurde ich vorbereitet auf das, was ich erwartete.“ „Es war kein freundlicher Smpfang?“ „Freundlich? Bah, es iſt das Wenigſte, was ich von einem gebildeten Menſchen erwarte. Freundlich war der Empfang wohl, aber nicht herzlich, man ließ mich fühlen, daß meine Heimkehr Hoffnungen und Wünſche vernichtete, auf deren Erfüllung man feſt gebaut hatte. Und der Sohn meines Bruders ſagte mir des in der erſten Minnte mit dürren Worten.“ — 1244— ſen 2 ſüs ſln u „Das war allerdings ſehr unhöflich. 5 „Es war grob, aber ich dachte an die Jugend des Betreffen⸗ uſ j den und ging darüber hinweg. Alle Bemühungen, ein herzliches 80 Verhältniß zwiſchen mir und meinen Verwandten hervorzurufen, Fi ſcheiterten an der kalten Zurückhaltung, die mir gegenüber beob⸗ achtet wurde, alle meine Anordnungen wurden ſcharf kritiſirt, nh 3 Neuerungen und Verbeſſerungen, die durchaus nöthig waren, nr ſtießen auf einen Widerſpruch, der mich geradezu beleidigen geo 1 mußte. Vorwl Die Renovation des Schloſſes wurde von meinem Bruder miß⸗ v ſe billigt, wir kamen darüber hart aneinander, und daß meine Ver⸗ Inder lobung dem Faß den Boden ausſtieß werden Sie begreifen.“ 4 „Gewiß, ich habe mir das gleich gedacht.“ „Mein Bruder verließ Oſthofen, aber die Oppoſition hörte n noch irmer nicht auf. Sie wiſſen, daß Roſa vergeblich ſich be⸗ 8 mühte, ein vertrauliches Verhältniß mit meiner Tochter anzu⸗ vielleich bahnen.“ darüber „Das Scheitern dieſer aufrichtigen Bemühungen hat den erſten ter ſijt Schatten auf das Glück Roſas geworfen,“ ſagte der Baukier, zu 90 während er die Brille wieder aufſetzte.„A „Und die Schuld liegt weniger an Klara, als an der Er⸗„S ziehung, die ſie genoſſen hat.“ F „Ich will das gerne glauben.“„ „Dieſe Erziehung, meine theurer Freund, kettet Klara feſter mung ſ an ihren Onkel und ihre Taute, als an ihren Vater, und jene ntirl Beiden haben das rige dazu beigetragen, die Schranken, die aufbiet Roſa gerne niedergeriſſen hätte, zu befeſtigen.“ bare „Deshalb—“ De „Deshalb, Herr Commerzienrath, mußle eine Trennung ſtatt⸗ iſch finden, und Sie wiſſen, daß ich bereit war, der Ruhe und dem und hi Glück Roſa's dieſes Opfer zu bringen.“ „Sie werden ſich erinuern, lieber Baron, daß Roſa die Größe j dieſes Opfers zu ſchätzen wußte.“ „Es war meine Pilſcht, und ich habe ſie erfüllt. Und Klara wor mit dieſer Trennung einverſtanden, ſie erkannte ſelbſt, hoff daß—“ hinwe „Sie beunruhigen mich,“ unterbrach der Bankier ihn,„Ge⸗ det a — 1245— ſtern Abend noch war Alles glatt geordnet, Baroneſſe Klara ſollte nach Ihrer Heimkehr von der Hochzeitsreiſe Oſthofen ver⸗ leſſen,— haben die Dinge inzwiſchen ſich geändert?“ „Nur inſofern, als Klara Oſthofen bereits verlaſſen hat.“ „Sobald ſchon? Und was war die Veranlaſſung?“ „Ein Wortwechſel, den ich mit meinem Bruder hatte. Er machte mir Vorwürfe, zu denen er nicht berechtigt war, es war nur ein Vorwand, die böſe Saat des Mißtrauens und des Aer⸗ gers über getäuſchte Hoffnungen mußte aufgehen. Es waren Vorwürfe, die ich mit aller Entſchiedenheit zurückwies. Ich wußte daß ſie zum Bruche führten, ich mußte ja erkennen, daß mein Bruder den Bruch wollte—“ „Und er iſt erfolgt?“ „Jawohl.“ „Und Baroneſſe Kiara?“ „Sie hutte, ohne daß ich es ahnte, das Geſpräch belauſcht— vielleicht war das zwiſchen den Beiden abgekartet, ich will nicht darüber urtheilen, aber auffallen mußte es mir, daß meine Toch⸗ ter ſofort und ohne der Urſache des Wortwechſels auf den Grund zu gehen, Parthei gegen mich ergriff.“ „Ach, pas war in der That verdächtig!“ „Sie hat mit meinem Bruder zugleich das Schloß verlaſſen.“ „Für immer?“ „Ich will das nicht behaupten, ich halte ſogar an der Hoff⸗ nung feſt, daß ein freundſchaftliches Verhältniß beſtehen bleibt, natürlich vorausgeſetzt, daß meine Familie nicht chren Einfluß aufbieten wird um zwiſchen Vater und Tochter eine unüberſieg⸗ bare Schranke aufzuthü men.“ Der Bankier ſchüttelte bedenklich das Haupt, er öffnete me⸗ chaniſch das Cigarrenkiſtchen, welches auf dem Schreibtiſch ſtand und hielt es dem Baron hin. „Und wenn dies geſchähe, ſo müßten Sie auch darin ſich finden,“ ſagte er nach einer Pauſe,„Roſa wird Ihnen das Ver⸗ lorene e ſetzen.“ „Das hoffe ich auch, nickte der Baron,„und weil ich es hoffe, ja darauf nit Zuverſicht vertraue, gehe ich leichter darüber hinweg. Aber ich möchte nun auch mich glatt mit meigem Bru⸗ der auseinanderſetzen.“ 8 — 1 „Iſt das noch nicht geſchehen?“ „Nein.“ „Wenn ich nicht irre, Herr Baron, empfingen Sie derzeit von mir eine Summe—“ „Verzeihen Sie, Herr Commerzienrath⸗ die Summe, bie ich von Ihnen empfing, habe ich zur Renovation des Schloſſes ver⸗ wandt. Sie werden ſich mohl erianern, daß ich Ihnen ſagte, ich habe meinem Bruder ein Jahrgeld von dreitauſend Thalern aus⸗ geſetzt.“ „Ich erinnere mich wirklich nicht—“ „Udo hat dieſes Anerbieten angenommen. Ich verpflichtete mich außerdem, für ſeinen Sohn zu ſorgen, ihn zu unterſtützen und—“ „War das nicht zu viel verlangt?“ „Ich erbot mich dazu freiwillig, ohne darüber nachzudenken, welche Opfer ich ſelbſt mir auferlegte. Ich hielt es für meine Plicht, und niemals habe ich die Erfüllung einer Pflicht z rück⸗ gewieſen. Die jüngere Vinie iſt ja ſtets auf eine Apanage an⸗ gewieſen, wenn die ältere Linie im Befitz ses Majorats bleibt.“ „Und im Teſtameut Ihres Herrn Vaters waren über dieſen Punkt keine Beſtimmungen get roffen?“ „Nein.“ „Wie viel bringt das Gut jährlich ein?“ „Siebenzehutauſend Thaler.“ „Reingewinn?“ „Ich kann darauf keine ſichere Antwort geben, ich muß mich auf die Angaben meines Verwalters ſtüten, bis ich ſelbſt eine genaue Berechnung machen kans. Ueberdies werden Sie wiſſen, daß die Einnahmen eines Gutes ſich ſtets nach dem Ausfall der Aernte richten.“ „Siehenzehntauſend Thaler“ ſagte der corpulente Herr nach⸗ denklich.„Davon kommen die Zinſen der Hypothekſchulden und jenes Jahrgeld in Abzug—“ „Dann bleiben immerhin noch zehntauſend Thaler.“ „Freilich, indeß werden Sie zugeben, Herr Baron, daß es bedeutende Abzüge ſind.“ „Ich werde ſie im Laufe der Zeit vermindern.“ Ton 90 kon der glo Beſte, binde! het kei Thun: J E und ar ſumme dieſes werden „3 geben D un, Vertra 33 Di haben. eine 6 „ entgeg „Sie gezch on i 8⸗ lete ßen 3 ine an⸗ bt.“ ſen nd e „Wodurch?“ „Dadurch, daß ich die Schulden abtrage.“ 1247 „Sie werden es nicht können.“ „O doch ich werde Verbeſſerungen einführen, welche die Einnahme beträchtlich erhöhen müſſen. Bedenken Sie ferner, daß mich fortan kein Verwalter mehr betrügen wird—“ „Wollen Sie ſelbſt die Verwaltung übernehmen?“ „Das ift mein feſter Entſchluß.“ „Aber Sie werden das allein nicht können.“ „Ich will es verſuche.,“ ſagte der Baron, einen ſcherzenden Ton anſchlagend, fremde Hülfe kann ich noch immer engagiren. Ich komme noch einmal darauf zurück, daß ich mit meinem Bru⸗ der glatte Rechnung haben möchte, und da halte ich es für das Beſte, daß ich ihm eine beſtimmte Summe auszahle. Ich ent⸗ binde mich dadurch von allen weiteren Verpflichtungen und Udo hat keinen Vorwand mehr, mir Vorwürfe zu machen, oder mein Thun und Laſſen einer Kritit zu unterwerfen.“ „Im Prinſip mag das richtig ſein, aber—“ „Es iſt in jedem Falle das Richtigſte, Herr Commerzienrath und außerdem für mich das Vortheilhafteſte. Die Abfindangs⸗ ſummen war ſeiner Zeit auf ſünfzigtauſend Thaler ſeſtgeſetzt, dieſes Kapital kann mit zweitanſendfünfhundert Thaler verzinſt werden, ſchon darin liegt für mich eine Erſparniß.“ „Zugegeben, Herr Baron, aber wer wird Ihnen das Kapital geben?“ Der Majoratsherr blickte befremdet den corpulenten Herrn an, eine Ahnung durchzuckte ihn, doß er nicht mehr das volle Vertrauen ſeines künftigen Sch wiegervaters genoß. „Ich hatte auf Sie gerechnet,“ ſagte er. Der corpulente Herr mußte vieſe Antwort wohl erwartet haben. er lächelte, aber es lag in dieſem Lächeln nichts, was eine Erfüllnug der Bitte erwarten ließ. „Dann hedaure ich ſehr, Ihre Erwartungen täuſchen zu müſſen“ entgegnete er, während er die Aſche von ſeiner Cigarre ſtrich. „Sie wiſſen, ich habe bereits fünfzigtauſend Thaler Ihnen aus⸗ gezahlt—“ „Herr Commerzienrath, dieſes Kapital wird verzinſt—“ „Mit fünf Prozent,— für ein Bankgeſchäft ein ſehr niedri⸗ — — 1248— ger Zinsfuß. Mißverſtehen Sie mich nicht, Herr Baron, ein Bankgeſchäft bedarf eines ſehr bedeutenden, ſtets flüſſigen Kapi⸗ tals, das Geld muß ein und ausſtrömen, und die Kapitalien, die von dieſen Fonds genommen und feſt angelegt werden, ſind für das Eeſchäft verloren. Im Hinblick auf die Verluſte, die ein Bankgeſchäft gar nicht vermeiden kann, muß dafür Sorg: getra⸗ gen werden, daß die Fonds mindeſtens zeha Prozent einbringen. Ich ſage, dies iſt das Mindeſte, und—“ „Aber davon haben Sie mir nie etwas geſagt,“ unterbrach der Baron ihn verduzt.„Im Gegentheil, Sie ſtellten mir Ihre Kaſſe zur Verfügung.“ „Bis zu einer gewiſſen Summe.“ „Frlauben Sie, ich erinnere mich genau, daß Sie mir einen unbeſchrän ten Kredit anboten.“ „Bis zu vertauſend Thaler,“ erwiderte der Bankier ru)ig. „Ich darf meine Fonds nicht ſo ſehr ſchwächea. Wenn ich die Mitgift meiner Tochter mit hunderttauſend Thaler auszahle, ſo wird auch dieſe Summe dem Geſchäſt entzogen“ Der Majvratsherr warf das Haupt trotzig zurück, und der Ausdruck ſeines Geſichts ſchien anzudeuten, daß ſein Stolz ſich gegen dieſe kleinliche Auseinanderſetzung empöre, aber der Ban⸗ kier nahm davon keine Noriz. „Wie geſagt, ich bedaure das ſehr,“ fu)hr der letztece fort, „aber es würde eine Exiſtenzfrage für mich ſelbſt werden, wolte ich meine Fonds noch mehr ſchwächen.“ „War es nicht Ihre Abſicht, bas Geſchäft zu verkauſen?“ „Ich habe daran allerdings einmal gebacht, aber es hält zu ſchwer, einen Käufer zu finden. Und zur Liquidation kann mich noch nicht entſchließen.“ Der Baron drehte gedankenvoll an den Spitzen ſeines Schurr⸗ barts. Es lag nicht in ſeinem Intereſſe, empfiudlich zu wecden, er mußte den Groll zurückdränges, durch Vorwürfe uad vecletzeade Bemerkungen erreichte er gar nichts. „Findet mein Plan vielleicht nicht Ihren Beifall? fragte er. „Ich wili gegen ihn nichts einwenden,“ erwiderte der Bankter „die Abfindungsſumme, die Sie zahlen wollen, iſt freilich ſehr groß, aber ich muß das Ihnen überlaſſen und kann nicht weiter darüber urtheilen.“ „Sii in gn in für. yinden „Bis 1 Ne Si bie Kopit „he „ „Dai pothel z thel Ihn Der „Die ſagie er. orſchlag nann de Her Ba einen A Verhältn Fotderun luſt gefa ich kann geſtalten „Da „K Huuſes weiß nie wenn wi dieſen 2 Der ein herb N Warten! A nicht z 4 i⸗ — — 1249— „Sie iſt nicht zu groß,“ ſagte der Majoratsherr,„und ich bin gerne bereit, ſie zu zahlen, um allen weiteren Verpflichtungen ein für alle Mal überhoben zu ſein. Aber an wen ſoll ich mich wenden, um das Geld zu erhalten?“ „Bis wanu müſſen Sie es haben?“ „Je eher, deſto beſſer!“ „Es iſt eine ſchwierige Sache. Auf zweite Hypothek geben die Kapitaliſten nicht gerne ſo bedeutende Sumuen—“ „Aber mein Gott, das Gut hat den dreifachen Werth!“ „Sehr wahr, indeß—“ „Dann möchte ich Sie bitten, auf das Recht der erſten Hy⸗ pothek zu verzichten, zumal Sie ja wiſſen, daß die zweite Hypo⸗ thek Ihnen eben ſo große Sicherheit gewährt. Der Bankier ſah ihn feſt an und ſchüttelte ablehneud das Haupt „Die Sache liegt nicht ganz ſo, wie Sie dieſelbe betrachten,“ ſagte er.„Was mich perſönlich betrifft, ſo würde ich Ihrem Vorſchlage gerne beiſtimmen, aber in Geldfragen muß der Privat⸗ mann dem Geſchäftsmann weichen. Dieſe erſte Hypothetforderung Herr Baron, iſt für mich baares Gelb, ich kann ſie jeden Tag einem Andern übertragen natürlich vorausgeſetzt, daß beſondere Verhältniſſe mich dazu nöthigen. Jeder Kapitaliſt wird dieſe Forderung gerne übernehmen, wenn ich mir einen geringen Ver⸗ luſt gefallen laſſen will. Und Harauf muß ich Rückſicht nehmen ich kann ja nicht wiſſen, wie die Verhältniſſe möglicherweiſe ſich geſtalten.“ „Das ſcheint mir nur ein Vorwand zn ſein— „Keineswegs, Herr Baron. Der Bankerott eines bedeutenden Hauſes kann mich in die größten Verlegenheiten bringen, und ich weiß nie, wie nahe mir dieſe Möglichkeit iſt. Wir müſſen wagen, wenn wir gewinnen wollen, und es iſt ſchwer, ja ganz unmöglich, dieſem Wagen eine beſtimmte, ſcharfe Grenze zu ziehen!“ Der Majoratsherr hatte die Brauen finſter zuſammengezogen, ein herber, trotziger Zug umzuckte ſeine Mundwinkel. „Ich hätte alſo von Ihnen kein Entgegenkommen mehr zu er⸗ warten?“ fragte er mit ſcharfer Betonung.„In dieſem Falle—“ „Aber ich bitte Sie, Herr Baron, faſſen Sie doch die Sache nicht zu ſcharf auf,“ fiel de cocpulente Herr ihm in's Wort. Der Baſtard. 2 79 1250— „Ich meine Ihnen meine Gründe ſo klar e zu wirklich nicht den Vorwurf machen, daß ich Inen nicht entgegen⸗ e tommen wolle, dieſen Vorwurf verdiene ich nicht. Ich bin ja gerne lereit, mich in jeder Weiſ zu bemühen, und ich zweifle ouch nicht, doß es mir gelengen wird, Ihren Wunſch zu erfüllen, aber Sie müſſen mir Ze laſſen, ich kanun eine folche „Und bis wann e, es ermöglichen Ju können?“ „Darüber 5 öts Sicheres feſiſtellen. „Sie n beg eifen, daf nun ünſche, die Ange⸗ it o wie mögli ch zu or ſagte der Baron un⸗ 86 weiß, wa n „Sie würden mir auch nicht bis zu dieſem Zeitpunkte das Geld vorſtrecken?“ Ich wiederhole Ihnen, daß meine Fonds— „Si⸗ b auchen ja gar nicht an gegrifen zu werden. Nehmen Sie das Geld von der Mitgiſt Roſa' „Das wäre gegen die Vere bredu g1 „Eine beſtimmte Verabredung haben wir ſo viel ich weiß, nicht getroffen. An dem Tage, an dem die Witgift lt bar iſt, werde ich über die volle Summe quittiren.“ „Auch das iſt nicht zulä ſig,“ ſagte der Bankier kopfſchůiteins „Ich werde Ihnen dos in Gegenwart eines Notars ein⸗ 8 händigen, und da konn ich nicht eine Quittung über hunberttau⸗ ſend Thaler verlangen, wenn i nur fünfzigtauſend zahle.“ Der Baron ſtampfte ärgerlich mit dem Fuß auf den Joden. Es wurde ihm immer klarer, daß alle dieſe Schwierigkeiten ihm abſichtlich gemacht wurden, Schwierigkeiten, an die er nicht im Traume gedacht hatte. wie er — S fragte Oſho 2 gen⸗ j zu che S ige⸗ men — „Ich 6 daß nir*6 ge angeboten „Sie mißverſtehen mich noch immer—“ „Nein, nein, ich ver rſtehe Sie nur zu deutlich, und unter die⸗ ſen Umſtänden will ich lieber auf die ganze Sache verzichten. ſolchen ſagte er,„aber weigert wird, was 6 ine finonziellen Verhältniſſe einwei⸗ keine Nothmendigkei vor, dies zu thun, wir bie Sache fallen, ich werde Sie überhaupt mit en nicht wieder beläſtigen.“ Der Bankier fühlte den Hieb, der für ihn in den letzten Wor⸗ ten lag, er begnügte ſich damit, die Achſeln zu zucken. „Ich kann Ihnen die Verhältniſſe und meine „Wenn Si⸗ darüber unzufrieden ſind, edaure ch. die Schuld liegt nicht an mir, und bas B wußtſein, meiner Pflicht gefolgt zu hahen, tröſtet mich wieder. Wenn Sie auch darüber nachdenken, werden Sie m 6 Recht geben, Herr Baron, Si⸗ werden einſehen, daſ eig keit ondern nur das Pücht gefübl Guu ude liegt 6 — aber es wi rebte il uch, weitere Verſu machen, die 1* unn wänſche ich, daß er ſo nahe wie möglich gerückt „Alls 8 2* wünſchen Sie es?“ fragte den dieſer kurz ar befehlende Ton rra „Aus mehreren 6 ünden,“ erwiderte der Baron kalt.„Sie hören, daß meine Tochter mich ver laſſen het, ich bin allein in Oſthoſen, und die Einſamkeit hat nichts A genehmes für mich Sodann wünſche ich die Stabt auf einige Deit zu verlaſſen, Sie werden das nachdem, was heute Morgen zwiſchen mir und meiner Familie vorgefalen iſt, begreiflich finden.“ 79* — 1252— „Aber Sie werden auch wiſſen, Herr Baron, daß zu einer ſolchen Hochzeit Vorbereitungen getroffen werden müſſen— „Die in acht Tagen bequem getroffen werden können. Und da das Aufgebot ſtattgefunden hat, mithin alle geſetzlichen For⸗ molitäten erfüllt ſind—“ „Sie vergeſſen die Ausſteuer!“ „Es genügt, wenn ſie bei unfrer Rückkehr von der Reiſe fertig iſt. Wir werden bis zum Frühjahr in Italien bleiben—“ „Herr Baron, es geht wirklich nicht,“ unterbrach der Bonkier ihn.„Sie müſſen ſich gedulden, bis Alles in Ordnung iſt. Wollen Sie eine Begegnung mit Ihrer Familie vermeiden, ſo iſt das ja ſehr leicht, und was die Einſamkeit in Oſthoſen betrifft, ſo wiſſen Sie ja, daß Sie hier jede zeit willkommen ſind.“ „Sie wollen alſo auch dieſen Wunſch nicht erfüllen?“ „Ich würde es herzlich gerne thun, wenn—“ „Bitte, keine Entſchuldigungen!“ ſagte der Varon ſich erhe⸗ berd.„Für mich ſcheint dieſer Tag ein Unglückstag zu ſein.“ Sagen Sie das nicht, Sie verlangen eben das Unmögliche. Wir hatten beſtimmt, daß die Hochzeit gegen Ende nächſten Mo⸗ nats gefeiert werden ſollte, und nun verlangen Sie—“ „Es war nur ein Wunſch, den ich ausſprach.“ „Aber die Erfüllung desſelben liegt nicht in der Möglichkeit, und darum dürfen Sie mir nicht zürnen.“ Der Majoratsherr zog langſam ſeine Handſchuhen an und nahm ſeinen Hut. „Die Opfer, die ich gebracht habe, wären virlleicht unnöthig geweſen,“ ſagte er,„und ich kann nur bedauern, deß ſie nicht nach ihrem Werthe geſchätzt werden.“ „Herr Baron!“ Wit wollen darüber ſchweigen, ich nicht gerne bitter werden.“ „Beſſer das als mit hal n Worten Vorwürfe machen, die doppelt verletzen, weil ſie zu ſchen den Zeilen leſen laſſen.“ „Ueberlegen Sie die Sache mit Roſa,“ ſagte der Baron, vietteicjt iſt ſie der Erfüllung meines Wunſches mehr geneigt“ „Ich kann das nicht glauben.“ „So werden Sie wo die Güte haben, ſie zu fragen— „Sehr gerne.“ dn Der neſen he Poll Blh, igues Viel üben,( in ſein kiet A Andrer Gr Zryye nen Bl Und Roſa m „Er wit, we vernoch De in eine N richt ſ men m hot! 6 werden 6 ſchon e nohmer nicht ju ſch haben „ 3 5 ie —.———— — 1255— „Guten Morgen, Herr Commerzienrath.“ Der Bankier blickte betroffen auf die Thüre, ſo kühl und ge⸗ meſſen hatte der Baron noch nie Abſchied genommen. Wollte er auch hier den Bruch einleiten? Bah, das lag ja nicht in ſeinem Intereſſe, und g gen ſein eignes Intereſſe handelte dieſer ſelbſtſüchtige Mann gewiß nicht. Vielleicht lag es in ſeiner Abſicht, einen Druck auf ihn zu üben, aber wen er dies wirklich beabſichtigte, dann ſollte er ſich in ſeinen Hoffnungen und Erwartungen getäuſcht ſehen, der Ban⸗ kier Auguſt Becker war nicht der Mann, der ſich von dem Willen Andrer beeinfluſſen kieß. Er verließ ſein Kabinet und ſtieg gedankenvoll die breite Treppe hinauf, für deren kunſtreiche Ausſchmückung er heute kei⸗ nen Blick hatte. Und als er in das Boudoir ſeiner Tochter trat, empfing ihn Roſa mit einem Blick voll fieberhafter Erwartung. „Er iſt wieder fort?“ fragte ſie.„Früher kam er ſtets zu mir, wenn er auch Geſchäfte mit Dir hatte, ſeit einigen Tagen vernachläßigt er mich.“ Der corpulente Herr wiegte ſinnend das Haupt und ließ ſich in einen Seſſel nieder. „Mir würde das nicht auffallen, wenigſtens wücde es mich nicht ſonderlich befremden, erwiderte er,„wenn nicht ſein Beneh⸗ men mir gegenüber mir ſo viel zu denken gäbe.“ „Sein Benehmen Dir gegenüber?“ „Sage ich richtiger: die Forderungen, die er an mich geſtellt hat! Et verlangt, daß die Hochzeit binnen acht Tagen gefeiert werden ſoll—“ „Er verlangt?“ fiel Roſa ihm zürnend in's Wort.„Hat er ſchon ein Recht, zu verlangen, und uns Befehle zu geben?“ „Du weißt, dieſe adeligen Herren glauben ſich Alles heraus⸗ nehmen zu dürfen,“ ſagte der Bankier achſelzuckend.„Wir dürfen nicht vergeſſen, daß er es als eine beſondere, nicht hoch genug zu ſchätzende Gnade betrachtet, Dir ſeine Hand angeboten zu haben—“ „Papa!“ „Habe ich nicht Recht?“ „Und ſelbſt wenn Du Recht hätteſt,“ erwiderte Roſa, die 1254— den feſt auf ihn heftend,„ſelbſt wenn es ſo es doch nicht in tieſ⸗ n beißend ſarkaſtiſchen Fh 55 Legt er ſein in eine S le, ſo wir i„Gold wiegt in der 1 pir Sorge tragen, Du das in allem Ernſte?“ bin nicht in der Stimmung zu Du haſt Grund zu Befü n 8. dafür und worden, und ängſtliche Beſorgniß ſpiegelte ſich in ihren ſchön muyn „Es iſt ein anonymer Brief,“ ſagte ſie gunl „Und ich meine, auf ſolche Briefe din e man keinen Werth legen. Wer anklagen will, der muß auch dem Richter frei in's Aug⸗ gentſſen Le häitn n man die Anonynitä Bitte, lies 1 f. Roſa u mmet, währ mit bebender Stimme.„Dieſe Edelmaun zu ſchleudern, gen vier e erwas hend.„Und dennoch, ſ0 finde ich hie und da einen Halte⸗ bleiben mrß.“ 3₰ 1 3.— weiſe für dieſe Anklage zu „ S— — ————— —— „Ich weiß es nicht, es iſt zu ſchwer, darüber objectww zu urtheilen.“ „Eben weil bie A intla ge zu furchtl t, und wöhl auch, weil die Beweiſe fehlen, die Jeder ſofort von dem Ankläger fordert.“ „Und borf man anklagen— „Roſs, wir müſſen die Dinge nehmen, wie ſie find“, ſagte der Bankier, in ernſtem, eindringlichem Tone.„Eine Anklage können wir es nicht nennen, ſondern eine Warnung.“ „Sagt der Schreiber nicht geradezu, der Baron ſei ein Abentheurer?“ n ſagt er, aber er fügt hinzu, dies ſei einſtweilen nur noch eine Vermuthung, und man müſſe abwarten, bis die Wahr⸗ heit an den Tag tomme. Nun wohl eine Warnung iſt eine halbe Anklage, ich gebe das zu, und ich will auch zugeben, daß anoyme Briefe in der Regel n chtung verdienen, aber hier macht boch Manches mich n Der Baron hat ſich mit ſeiner ganzen Fa amilie überworfen—“ „Das iſt ein harter Ausdruck, Papa. Baron Udo hat aller⸗ dings Oſthoſen verlaſſen „Du weißt noch was heute Morgen vorgefallen iſt. Baron Udo hat ſeinem Bruder Vorwürfe gemacht, worüber weis ich nicht, Baroneſſe g ſich auf die Seite hres Onkels geſtellt, und e Bruch iſt nach einem heſtigen Wortwechſel er⸗ folgt. Ich frage, was war die Veraulaſſung zu gen Bruch? Konnte oder ſolt⸗ er nicht vermieden werden? Ich frage, wes⸗ halb hat der Baron den Verwalter ſo plötzlis entlaſſen? Wes⸗ halb will er das Gut mit Hypothelſchulden üderbürden, um eine namhafte Summe in ſeinen Beſitz zu bringen? Iſt das Alles aicht auffallend?“ Roſa ſchüttelte zweifelnd das Köpſchen. „Es kommt darauf an, in welchem Lichte man es betrachtet,“ ſagte ſie. „Ganz recht, aber wirft dieſer Brief nicht ein ſehr helles Licht darauf?“ Wenn man an den Inhalt des Briefes glauben will— „Das iſt nicht unbedingt nöthig. S6 venn in dieſem S auf den plötzlichen Tod des anen Hofmeiſters hingewieſen — 1256— wird, ſo regt das ebenfalls zu ernſtem Nachdenken an, und die Vermuthungen, die daraus entſpringen, ſind dem Maſoratsherrn keineswegs gänftig.“ Das ſchöne Mäbchen blickte entſetzt den Vater an. „Was willſt Du damit ſagen 7“ fragte ſie.„Unmözlich kannſt Du behaupten wollen, daß Baron Edmund dieſen plötzlichen Tod verſchuldet haben ſoll—“ „Nein, nein, Roſa, aber ich wiederhole, es regt zum Nach⸗ denken an. Ich bilde mir keine Meinun; darüber, es wäre ja entſetzlich, wenn die Mittheilungen in dieſem Briefe auf Wahr⸗ heit beruhten.“ „Entſetzlich, wenn ich dann ſeine Gattin wäre!“ „Das iſt es chen, was mich in ſo hoh'm Grade beunruhigt. In pecuniäre Verluſte komme ich nicht, wenn ich fortan den Beutel für ihn juſchnüre, denn das Kapital, welches ich ihm ge⸗ liehen habe, iſt durch eine Hypothek geſichert. Und weßhalb ver⸗ langt er, daß die Hochzeit binnen acht Tagen gefeiert werden ſoll?“ „Er hat mit mir nicht darüber geſprochen“, ſagte Roſa erregt. „Aber er fordert von mir, daß ich mit Dir darüber rede“, erwiderte der Bankier,„und da ich auf ſeine Wünſche nicht ein⸗ gehen wollte, wurde er ungezogen.“ „Gegen Dich, Papa?“ „Jawohl.“ „Er iſt gewohnt, daß man ſeine Wünſche als Befehle be⸗ trachtet—“ „Ha, drüben in den Steppen Amerikas hat wohl Niemand etwas auf ſeine Wünſche gegeben. Und er muß doch auch wiſſen, daß er uns keine Befehle zu geben hat. Wie geſagt, mein liebes Kind, die Sache regt mich in hohem Grabe auf, und ich gäbe viel darum, Klarheit und Gewißheit zu erhalten. Ich würde vielleicht gar keinen Werth auf dieſen Brief gelegt haben, wenn nicht die Forderungen des Barons ſo befremblich geweſen wären.“ „Vielleicht war es nur eine Laune—“ „Es war mehr als das, Roſa, das ging mir aus Allem, wos er ſagte, deutlich hervor. Ueber eine Laune, wenn ſie nicht befriedigt wird, kann man hinweggehen, keinesfalls aber ruft ſie ſolchen Groll herver, wie der Baron ihn zeigte.“ iheme nd A Nenſche nin ſol De iht jet einem in ihre waren, „ Puuſe „Si Gläſer bas fir liegt 1 und di „W „ P „S „ „W die Ho deſt D ſche k „ gebiete zuvorkt tuhigt jedes tauiſc ie tn . en er⸗ be⸗ d e be de m . m, cht ſie — — 1257— Roſa konnte ihre Erregung kaum bemeiſtern, ſie wanderte in ihrem eleganten Boudoir auf und nieder, umgeben von Pracht und Lurns und dennoch unglücklicher, wie Millionen anderer Menſchenherzen, die vielleicht nicht wußten, woher ſie Brod neh⸗ men ſollten für den kommenden Tag. Deſer Brief und vie Mittheilungen ihres Vaters mußten auch ihr jetzt Manches, worüber ſie leicht hinweggegangen war, in einem anderen Lichte erſcheinen kaſſen, und Ahnungen, die vorher in ihrer Seele aufgetaucht und wieder zur Ruhe gebracht worden waren, machten jetzt abermals ſich geltend. „Ich hoffe, Du biſt ruhig geblieben,“ ſagte ſie nach einer Pauſe. „Sehr ruhig mein Kind“, erwiderte er, während er auf die Gläſer ſeiner Brille hauchte, um ſie zu reinigen.„Ich habe das für das Beſte gehalten. Wir wiſſen ja nicht, wie die Sache liegt, und ſolange wir darüber keine Gewißheit haben, kö nne und dürfen wir nicht urtheilen.“ „Aber wir müſſen uns Gewißheit verſchaffen!“ „Vor der Hochzeit ſicherlich.“ „Wir werden alſo die Hochzeit hinausſchieben—“ „So lange, bis Alles klar geworden iſt,“ nckte der Bankier. „Er wird die Geduld verlieren—“ „Wie kann er das? Geſetzt Du wirſt krank, kann er alsdann die Hochzeit vor Deiner Geneſung verlangen? Allerdings wür⸗ deſt Du dadurch Dich ſelbſt zum Hausarreſt verurtheilen, aber ich ſehe keinen andern Weg—“ „Ich werde bieſen Weg gehen, ſobald es die Nothwendigkeit gebietet.“ „Und im Uebrigen bleiben wir ihm gegenüber freundlich und zuvorkommend wie bisher“, ſagte der Bankier, einigermaßen be⸗ ruhigt,„von dieſem Briefe darf er nichts ahnen, überlegen wir zedes Wort, ehe wir es ausſprechen.“ „Das wird unbedingt nöthig ſein, denn er iſt ſehr miß⸗ trauiſch.“ „Haſt Du das bemerkt?“ „Sehr oft ſogar.“ „Und haſt Du keine andere Charakterzüge in ihm enideckt, tie Dich befremdeten oder Dir Mißtrauen einflößten?“ — „Nein. Ich glaubte mitunter einen Komödiant in ihm zu ſchr n, inſofern, als er Gefühl⸗ henchelte, die ihm fremd waren, aber ich entſchuldigte das mit ſeinem ahentheuerlichen Leben in Amerika.“ „Und weiter haſt Du nichts eudect z⸗ „Nein.“ „Und nun noch eine Frage,“ ſagte der Bankier ernſt.„Wiürde es Dir ſehr wehe khun, wenn die Verhä Roſa war ſtehen ihren blizenden Augen, die ſich fe S auf einen Punt tpeſn S er um e d warb, dachte ich an ſeinen Ra 3. erwiberte ſie.„Wie hätte ich bei der un ſres nen? Ich il ar Alles, und es mir e gnügen, ü e Familie zu triumphiren. Erinnerſt Du 3 in mir, i huen die ſen uzahlen, und es hrung dieſes Vorſatzes Du haſt mir eine Laſt is,“ fuhr Roſa fort,„aber meine ganzen Leben⸗ glůcks mn jeden Preis Gewiß it tſich,“ nickte der Bankier, der jet wieder ganz beruhigt ſchien. Vielleicht könn „ S S* wenden wollte!“ „Unt haſt keine 0 * F ſen Bruder Dir einen Fingerzeig geben—“ tiedrigung für uns, wenn ich mich an ihn Pi ung, wer den Brief geſchrieben ha „Pein, vie Henbſchrift iſt mir unbekannt, Bber ich werde —— ſiht u ufn n Lmi zun Pſ —— ———— — ——— ——— —— — 1250— nicht ruhen, bis ich mir Gewißheit verſchafft habe, u⸗d dann treffen wir unſre Maßregeln.“ Damit endete dieſe Unterredung, bie über dem Haupte des Mojoratsherrn eine neue Wolke heraufbeſchwor und alle Hoffnun⸗ gen Roſa's vernichtete. 48. Kapitel. — Eine furchtbare Entdeckung. Klara in den Wagen geſtiegen, in welchem wartete. Auch ſie hatte den. vo Wochen ſchon auf ihn vorbereitet g ne ſo ſcharfen Weiſe erfolgen werde, hatte ſie doch nicht erwa tet. s war ja genug, wenn ſie, um der Stieſmutter das Felb zu räumen, Oſthoſen verließ— weshalb mußte es nun unter dieſen bettübe enden un d verletzenden en die eine „Das Alles Be wir der Mesalliane rn Ud, e Wagen eine kurze Stre Bruch ni uns iſt ihm zur n g* und er muß die Bedingungen erfüllen.“ 1 fr . u wenue. ſagte — Klara erwachte aus dem Brüten, in das ſie verſunken war, ſie ſah den Blick des Onkels voll inniger Theilnahme auf ſich geheftet, ſie las in ſeinen treuherzigen Zügen, daß ſie bei ihm Erſatz finden würde für das, was ſie verloren hatte. „Ich kann es noch nicht faſſen“ erwiderte ſie kopfſchüttelnd. „Wenn ich auch darauf gefaßt war, Oſthofen verlaſſen zu müſſen, ſo glaubte ich doch nicht, daß es unter ſolchen Umſtänden geſche⸗ hen würde. Ich wollte den Bruch nicht, Onkel, aber dennoch, wenn ic ihn vorausgeſehen hätte, würde ich nicht anders gehan⸗ delt huben. Das Recht war auf Deiner Seite, und es mußte mich empörcn, daß— „Mein liebes Kind, wir wollen uns nicht weiter darüber auf⸗ regen,“ unterhrach der Baron ſie in bittendem Tone.„Das Ge⸗ ſchehene läßt ſich jetzt nicht mehr ungeſhehen machen, und es bleibt uns nur übrig, zu hoffen, daß wir in London eine Spur finden werden, die uns zum Ziele führt.“ „»Und haſt Du keine Ahnung, weshalb Papa Deine Hoffnun⸗ gen durchkreuzt hat?“ fragte Klara gebankenvoll. „Nein, mir iſt es unerklärlich.“ „Er kann ja gar kein Intereſſe daran haben, ob dieſe Hoff⸗ nung in Erfüllung geht oder nicht. Vielleicht iſt es wirklich nur ein zufälliges Zuſammentreffen—⸗ „Undenkbar!“ erwiderte Baron Udo.„Beyor er dem Weibe das Geld ſandte, wußte er, daß ſie verfolgt wurde, er wußte, welches Verbrechens ſie beſchuldigt war, und Pflicht und Ehre hätten ihm geboteu, mich in meinen Bemſhungen zu unterfützen. Würde jenes Weib die Flucht ergriffen haben, wenn ſie nicht ge⸗ warnt worden wäre?“ „Und kann nicht ein Andrer ſi⸗ gewarnt haben?“ „Außer dem Polizeirath, Deinem Vater und mir wußte NRie⸗ mand, weshalb der Erſtere nach London reiſte. Und weshalb wurde ihr das Geld angewieſen? Nein, Klara, von welcher Seite man auch die Sache betrachten mag, ſtets bleibt auf Deinem Vater der Verdacht ruhen, daß es ſeine Abſicht war, meine Hoffnung zu vernichten oder doch wenigſtens die Erfüllung derſelben zu erſchweren.“ Eine geraume Weile blickte Klara ſinnend hinaus in den Nebel, der immer dichter wurde und aus den nur dann und wann ein puniler einen „Lil Aneni, Lordon Moler tunſt Bar in Fult ſchweige F „Jo, Puter if in ihn ihn abd „Ne ihn beru au ſinn 6 „V auf ein „N det Bat nicht en nichts 8 wachen Zulunft weyen einnal hiß z Ar ibe te, hre en. — 1201— dunkler Punkt auftauchte, den man mit einiger Phantaſie für einen Baum, oder ein Haus halten konnte. „Vielleicht hat er ſie rüher ſchon gekannt,“ ſagte ſie. „Ich kann das nicht glauben. Et war bereits drüben in Amerika, als die Wärtein mit dem Kinde verſchwand.“ „So wollen wir unſer Urtheil hinausſchieben, bis Du in London das Nähere erfahren haſt! Papa ſprach auch über den Maler Rodenberg, Onkel. Kannſt Du wirklich über ſeine Her⸗ kunft eine ſichere Auskunft geben?“ Baron Udo wandte das Antlitz ab, ſeine hohe Stirne zog ſich in Falten, und ein herber Zug umzuckte ſe.ne Mundwinkel. „Ich kann es,“ erwiberte er,„aber es iſt beſſer, daß ich ſchweige.“ „Beſſer? Auch für ihn?“ „Für wen?“ „Für den Maler?“ „Ja, mein Kind. Was nutzt es ihm, zu wiſſen, wer ſein Vater iſt? Es würde ihn erbittern und vielleicht den Entſchluß in ihm wecken, Rache an dieſem Manne zu nehmen. Es würde ihn abdrängen von ſeinem Wege und—“ „Nein, Onkel, das glaube ich nicht. Ich glaube, es würde ihn beruhigen und ſeiner Seele den Frieden wiedergeben.“ „Und kannſt Du glauben, daß ſein Vater ihn jetzt noch als ſeinen Sohn anerkennen wurde?“ „Weshalb ſollte er es nicht thun? Muß er nicht ſtolz ſein auf einen ſolchen Sohn—“ „Meine liele Klara, ich denke darüber anders,“ unterbrach der Baron ſie.„Es iſt beſſer für ihn, wenn das Geheimniß ihm nicht enthüllt wird, ich ſage das noch einwal. Er könnte dadurch nichts gewinnen, im Gegentheil, ſeine Leidenſ haften warden ér⸗ wachen und ihn zu Handlungen verleiten, die auf ſeine ganze Zulunft einen beſtimmenden Einfluß übten. Ich billige das Be⸗ ne)men Bruno's gewiß nicht, aber die beleidigenden Worte ſind einmal gefallen und die Fnthüllung des Geheimniſſes würde den Haß zwiſcheu Bruno und dem Maler nur noch ſteigern.“ „Und willſt Du auch mir nicht dieſes Geheimniß anvertrauen?“ Der Blick Udo's ruhte forſchend auf zen ſchönen Zügen des . 1262 „Wet halb nimmſt Du ſo großes Intereſſe daran?“ fragte er⸗ „Weil ich mich überhaupt für dieſen talentvollen Mann intereſſire?“ „H ſt Du den mpf ſchon vergeſſen, den er Dir zufüs te „Kunnſt Du es Beſchimpfung nennen—“ „Ja, Klaro, es war eine Frechheit ſeinerſeits und eine Be⸗ ſchimpfung für Dich“ Baroneſſe Klara ſchlug die Angen nieder, die Gedanken und Gefühle, welche ſie bewegten, wollte ſie dem ſtrengen, abelsſtolzen Wanne nicht verrathen, ſie wußte ja, daß ſie bei ihm kein Ver⸗ ſtändniß 24 — — 8 — oß ic Mann hne Namen, ohne Familie, Stand um beine Hand werben konnte!“ ſagte chneidendem Hohn.„War es nicht eine unver⸗ Künſtler, der in den Tempel des Ruhmes eingetreten iſt und die Pelm errungen hat, ſteht mit dem Adel auf berſel⸗ ben Stuſe⸗“ „Was ſind „110 kel. Un nibt nicht Dicht rn und Künſt „Ma n duldet ſie Kla ra, ſo lange man ihrer bedaxf. Sie bilen die Stoffage, das iſt Ales en Gelehrten, „Und wie Viele, deren Namen den älteſten Adelsgeſchlechtern angehören, ſind nicht einmal fähig dieſe Staffage zu bilden! Wie viele hoch abelige Herren ſind in jenen Kreiſen nichts weiter als ſtumne Statiſten—“ „Aber in ihren Adern fließt das blaue Blut des Ritterthums, und all⸗Uebrigen ſind den Bauerngeſellſchaften entſproſſen.“ Boro neſſe Klara zuckte die Achſeln, es war ja nutzloſe Mühe, in den Kampfmt ſo tief eingewurzelten Vorurtheilen eintreten zu wollen, dazu beburft anderer Woffen, die ſie nicht beſaß. mit den Waffen des Hohns und des ätzenden Spotts, kämpfen, und bieſe Waſfen durfte Klara dem Onkei gegenüber nicht henutzen. † — v gelten, On⸗ Lbens nung? u 9 2e Y geſprot allein, werde ann un md lzen Yor Del — —— 1 Der Wagen hielt, die Beiden ſtiegen aus, Saron Udo bot die mit fieberhafter ngnt ſeine Rückkehr er⸗ ſeiner Gat grüßte die Baronin ihre Richte, nicht ahnend, vorgefollen war, dann heftete ſie den glühenben Verluſt, den ſie hieſigen Conzert⸗ 8 — — — 3 — 8 — * mes Kind!“ ſagte und küßte.„Wie viel Bitterke ſt Lebens beſchieben!“ W1 3P 6„Ve. an „Wir werden ihr erſetzen, was ſie verloren hat“, erwiderte ſe Klara betrachten, ſe wirb es auch ſerner thun und den Mann ver⸗ geſſen, der ſich ihr Vater nennt und doch kein Herz für ſie hat. Aber wir haben jetzt keine Zeit, darüber zu reden, in einer ſarken Stunde fährt ber Zug ab. Iſt mein Gepäck in Orö⸗ nung? „Alles iſt bereit,“ ſagte die Baronin, ticf aufathmenb.„Du willjt alſo wirklich allein reiſen?“ Gewiß. Du würdeſt uns in don nur—“ „5 bleibe dort im Hotel— Meine liebe Adeloibe, wir darüber ja ſo ausführlich geſprochen, daß es wohl keines Wortes mehr bedarf. Ich reiſe allein, und telegraphire Dir ſofort nach meiner Ankunft. Ich werde dir jeden Tag durch den Telegrap) Nachricht ſchicken, ſei es 2 8 3 — S — — * 8 ₰ — * 8 * — 83 S 8S „ eine gute oder eine ſchlimme, damit Du ſtets unterrichtet biſt. Klara iſt ja bei Dir, ſie wird Dir zur Seite ſtehen. Und nun, Kinder, laßt mich gehen, damit ich nicht zu ſpät kemme.“ Er zog die Glocke und befahl dem Diener, das Gepäck in den Wagen zu bringen, der voch vor der Thür fland, dann nahm er von den Damen Abſchied, und einige Minuten ſpäter fuhr der Wagen mit ihm von dannen. Die Baronin konate ihre fieberhafte Geregung nicht bemeiſtern, auch Klara war erregt, aber ſie fand raſch ihre Faſſung wieder, und ihrem Zureden gelang es allmälig, die Tante zu beruhigen. So ganz ſpurlos konnte ja Niemend verſchwinden, vielleicht hatte der Polizeirath ſchon eine Spur gefunden, die er jetzt ver⸗ folgte, vielleicht war bei der Ankunft Onkel Udo's Arabella Gri⸗ maldi bereits gefunden. Es war freilich ein ſchwacher Troſt, aber es war immerhin ene Hoffnung, an die man ſich klammern konnte, und ie Ba⸗ ronin that dies mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden. Erſt jetzt erfuhr Klara den ganzen Inhalt der Depeſche, die Baron Udo von London erhalten hatte, und auch ſie vermochte dieſes Räthſel nicht zu löſen. Die Baronin kam der Wahrheit wohl am nächſten, als ſie die Vermuthung ausſprach, der Vater Klaras habe ſtets ſeiner Familie gegenüber eine feindſelige Haltung beobachtet und die Warnung ſei in der au drücklichen Abſicht erfolgt, die Hoffuun⸗ gen ſeines Bruders zu vernichten und ihm Schmerz und Kummer zu bereiten. Klara wollte dieſe Anſicht nicht ſo unbedingt gelten laſſen, trotz des Bruches glaubte ſie ihren Vater in Schutz nehmen zu müſſen. Sie glaubte noch immer an eine Verkettung verſchiedener zu⸗ fälliger Ereigaiſſe, aber die Baronin dachte darüber anders und nichts konnte ihre Anſicht ändern. Sie ſprachen noch darüber, ohne eine endgültige Löſung des Räthſels fiuden zu können, als der Diener den Verwalter Wort⸗ mann meldete. Die Baronin blickte ihre Nichte befremdet an. „Haben Sie ihm geſagt, daß der Herr Baron nicht zu Hauſe ſei?⸗ frazte ſie den Diener.. Biel ſi“ an „Jt wir vic Vort Die mung⸗ Ronma ihn uich „Er Klar „0 der Ve Vie huer t „6 Freheit dringt, Seelel zehmen „S „ „U „M „D ſchüttel die Sü Beſchh weiler ſol. hte ner die un⸗ ner en, zu z⸗ nd des uſe — —— — —— — 6 — 4 * „ „ — 1265— „Jawohl.“ „Und nun wünſcht er mit mir zu reden?“ „Er bittet um eine vertrauliche Unterredung.“ „Was hältſt Du davon, Klara?“ „Vielleicht will er Dir mittheilen, daß er entlaſſen worden iſt,“ erwiderte Klara. „Entlaſſen? Das wußte ich noch nicht. Weshalb?“ „Ich kann Dir darauf keine Antwort geben. Papa hat mit mir nicht darüber geſprochen, ich weiß nichts weiter, als daß Wortmann geſtern mit ſeiner ganzen Habe abgezogen iſt.“ Die Baronin ſchüttelte den Kopf, ſie war nicht in der Stim⸗ mung, die Klagen und Beſchwerden Anberer anzuhören, aber Wortmann war ein alter, treuer Diener der Familie, ſie glaubte, ihn nicht abweiſen zu dürfen.* „Er mag ein treten,“ ſagte ſie. Klara erhob ſich. „Ich will olange in das Nebenzimmer gehen“, verſetzte ſie, „der Verwalter wünſcht eine vertrauliche Unterredung.“ Die Buronin erwiderte darauf nichts, und kaum war Klara hinter der Portiere verſchwunden, als der Verwalter eintrat. „Gnädige Frau, ich bitte um Entſchuldigung, daß ich mir die beit nehme“, ſagte er,„aber ſchon lange hat es mich ge⸗ 8— drängt, gerade Ihnen das zu ſagen, was mir ſo ſchwer auf der Seele liegt.“ Die Baronin lud ihn durch einen Wink ein, Platz zu nehmen⸗ „Sie ſind entlaſſen worben?“ fragte ſie. „Ja, ſeit geſtern.“ „Und was“war bie Veranlaſſung?“ „Mein Meißtrauen“, erwiderte der alte Mann. „Das iſt eine ſeltſame Antwort“, ſagte dic Baronin kopf⸗ üttelnd. „Es iſt die Wahrheut. Der Herr Baron behauptet, ich habe die Bücher gefalſcht und ihn betrogen und beſtohlen, aber dieſe Beſchuldigung, bie ich mit Entrüſtung zurückweiſe, iſt nichts weiter als ein Vorwand, der die plötzliche Entlaſſung beſchönigen ſol. Sie werden mir das Zeugniß geben, bnuvige Frau, daß Der Baſtard. 80⁰ ſch — 1266— — ich ſtets ein ehrlicher Mann und ein treuer Diener geweſen bin.“ „Gewiß,“ nickte die Baronin,„ich würde mich einer Unwahr⸗ heit ſchuldig machen, wenn ich das Gegentheil behaupten wollte.“ „Ich danke Ihnen. Muß es aber nun nicht umſomehr auf⸗ fallen, daß der Majoratsherr mich der Veruntreuung und Unter⸗ ſchlagung beſchuldigen will? Er hat nicmals einen Blick in die Verwaltungsbücher geworfen, er kann keinen einzigen Zeugen für ſeine Behauptung mir gegenüberſtellen. Er weiß uur, daß ich ein kleines Vermögen beſitze, und das hat er erfahren, als ich in London war, um ihn abzuholen.“ „Sie ſagten es ihm?“ „Nein, gnädige Frau, ich hatte dazu keine Veranlaſſung, denn meine Privatverhäliniſſe kümmerten ihn ja weiter nicht.“ „Und wodurch erfuhr er es?“ „Er betäubte mich durch eine Cigarre, die, ich ann mir das nicht anders denken für ſolche Zwecke präparirt war. Und als ihm dies gelungen war, bemächtigte er ſich meiner Brieftaſche, in der er vie Notizen fand, die er offenbar fuchte. Es iſt mög⸗ lich, daß er auch noch etwas Andres in dem Portefeuille zu finden erwartete, geheime Inſtructionen vielleicht, die er fürchtete.“ und weshalb hätte er ſie fürchten müſſen?“ fragte die Ba⸗ ronin, deren Aufmerkſamkeit mehr und mehr geweckt wurde. „Geſtatten Sie mir, daß ich den Faden verfolge, wie ich ihn geſponnen habe, damit ich nicht deu Zuſammenhang verliere. Es iſt wahr, ich beſitze ein nicht ganz unbedeutendes Vermögen, aber ich habe es redlich erworben. Meine Erſparniſſe, die nur ſehr gering ſein konnten, legte ich in ſichern Staatsloſen an, und ich war ſo glücklich, einige Treffer zu erzielen. Mit einem bieſer Looſe gewann ich den höchſten Treffer; es waren vierzigtauſend Thaler, und ich fühlte mich nicht verpflichtet, dieſen Gewinn an die große Glocke zu häugen.“ „Und von dieſem Glück erfahre ich erſt heute etwas?“ „Ich bin überzeugt, daß Sie es mir von Herzen gegönnt haben würden, denn ich hatte mich ſtets Ihres Wohlwollens zu erfreuen, aber wenn ich es Ihnen ſagte, dann kam es auch unter die Dienerſchaft, und ich wäre vorausſichtlich von verſchiedenen Seiten um Geſchenke und Darlehen angeſprochen worden. Man weiß ja, wie es in ſolchen Fällen geht. Dieſe Leute belutzen Feſeſe rihn Si „Jo diſcz 2 nur ein wole. Di gen p übertaſt „ ſo werd zudrüe gber ge ſußt me nichten. „Ur derjenig Achnlie ner tie e. E holet von ih enn ihn Es aber ſehr ſer end an unt zu iter nen an ————— —— — 1267— jede Gelegenheit zur Erpreſſung, ſie verlangen Trinkgelage und Feſeſſen— verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich dies er⸗ wähne—“ „Sie mögen Recht haben,“ nickte die Baronin.„Er fand alſo in Ihrem Portefeuille dieſe Notizen?“ „Jawohl, und er baute darauf ſeine Pläne. Er ſagte mir, dieſes Vermögen müſſe ich geſtohlen haben, und jetzt bleibe mir nur eine Wahl, die: ob ich ſein Freund oder ſein Feind ſein wolle.“ Die Baronin zog die Brauen in die Höhe und in ihren Zü⸗ gen ſpiegelte ſich eine erwartungs volle Spannung. „Das ſagte er Ihnen mit dürren Worten?“ fragte ſie überraſcht. „Ja. Er ſagte mir, wenn ich au' ſeiner Seite ſtehen wollte, ſo werde er der Vergangenheit nicht nachfor ſchen und ein Auge z udrücen, gleiſchviel, was auch geſchehen ſein möge, wenn ich aber gegen ihn Parthei ergreife, dann dürfe ich mich darouf ge⸗ faßt machen, daß er Alles aufbieten werde, um mich zu ver⸗ nichten.“ „Und Sie?“ „Mich mußte dieſes Anſinnen befremden, ich war mir keiner Schuld bewußt und brauche keine Drohung zu befürchten, aber ich beſchloß, ſcheinbar auf den Vorſchlag einzugehen und den Ma⸗ joratsherrn zu beobachten.“ „Hegten Sie einen Verdacht gegen ihn?“ „Jo, ſofort!“ „Und worauf bezog ſich dieſer Verdacht?“ fragte die Baronin erregt. „Ich konnte der Vermuthung nicht gebieten, daß er nicht derjenige ſei, für den er ſich ausgab. Wenn auch eine frappante Aehnlichkeit dieſer Vermuthung widerſprach, ſo faßte ſie doch im⸗ mer tiefer Wurzel und er ſelbſt, der ſehr ſcharf beobachtete, wußte es. Er benutzte jede Gelegenheit, ſeine Drohungen zu weber⸗ holen und mich darauf aufmerkſam zu machen, daß er jetzt in Oſthofen Herr und Gebieter ſei und meine ganze Exiſtens unr von ihm abhänge, aber dieſe Dohusgen konnten mich nicht ein⸗ ſchüchtern. Florian Bender kam von prüben zurück und erzählte 80* mir Mauces, aber ſeine Berichte lieferten mir keine greifbaren Beweiſe, ich mußte mich gedutben, bis er mit dem Majoralsherru geſprochen hatte. Ec verſprach mir, mich zu unterſtützen, aber er hielt nicht Wort. Bei unſrer nächſten Zaſammentunft wich er meinen Fragen aus unb als ich ihn an ſein Verſprechen erinuerte, wurde er grob. Ich konut⸗ mir das erklären, als ich entoedte, daß er die Taſchen voll Geld hatte, er war erkauft.“ „Und weshalb ſahten Sie uns das A es nict damals ſchon“ fruger die Barouin mit wachſender Erregung, die in jebem Zage ihres feinen Geſichts ſich ſpiegelte. „Guädige Frau, wenn ich damals einen Verdacht ausgeſpro⸗ cheu hätte, ohne einen anderu Beweis, als meine Vermuthungen vorlegen zu kbunen, würden Sie, oder würde der gnäoige Herr mir Glauben geſchenkt haben? Ich ſuchte nach Beweiſen, es war mein feſt.r Vorſatz die Aakeage zu erheben, ſobald mir die Mog⸗ lichkeu geboten wurbe, ſie zu begrunden. Ich wußte wohl, daß Sie mein Beißtranen theilten, aber ſelbſt wenn ich Jhnen danals ein Bundniß angebote. hätte, wurden Sie es nicht des Feiedens in der Famlie wegen zurückgewieſen haben?“ „Sie mögen Recht haben!“ „Uud wie geſagt, Florian Bender war bereus erkauft. Aber dieſer Vagabund war doc nicht vorſi yrig genug, er ließ in der Schenke verdachtige Aeußerungen fallen, ſie kamen bein Majoruts⸗ herru zu Ohren und erſchreckten ihn. Wenigze Tage daraut war Floriau Bender ſtumm für alle Zeiten.“ Die Barouin ſah ihn entſetzt an; war ſie auch auf ades Andre geſaßt, dieſe Anklage hatte ſie nicht erwartet. „Wenn i. Sie recht verſtehe, ſo ſprechen Sie damet eiue furchtbare Beſchuldigung gegen den Majorats errn aus,“ ſagte ſie mit bebender Stimme.„Jenes Mordes wurde ein Wilddieb, ein perſoulicher Feinb Benders, angeklagt und ſchuldig befuaden er iſt verurtheilt vorben.“ „Und doch waren alle Beweiſe, die gegen iyn vorgebracht wurden, nur Schrinbeweiſe,“ erwiderte der alte Maan achſel⸗ zuckend.„Was h tre der Majbratsh er in dem Keller jenes Som⸗ nierhauſes zu ſchaffen? Wie kam es, daß ich gleich nach dem Worde ſein Notizbuch dort unten fand? Er beyaupiete freili er habe es früher ver oreu, aber das iſt ucht wohl ansunchwen, en ro⸗ en et r a6 8 n de te , ht el⸗ M⸗ en ——— denn dieſes Buch enthielt ſo viele intereſſante Nitizen, daß er es gewiß vermißt und geſnucht haben würde.“ „Sie fa den es?“ „Ja, aber ich ſchwieg derüber, der Unterſuchunasrichter hätte vielleicht k'inen Werth darauf gelegt, und in dieſem Falle fiel auf mich der Vorwurf der Gehäſſigkeit. Ueberdies lag mir auch daran, in meinem Amte zu bleiben, ſobald ſch entlaſſen wurde, war mir auch die Gelegenheit Bew iſe zu ſuchen, genommen. Aber ihm ſelbſt ſogte ich, wo ich das Buch gefunden hatte, und ſo gleichgültig er auch zu bleiben ſuchte, in ſeinen Angen las ich ſein Schuldbemuß ſein.“ „Herr Verwalter!“ rief die Barsnin entſetzt. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich meine, es ſei beſſer, daß ich meine Gedanken ausſpreche, ols daß ich mit ihnen hinter dem Berge halte. Denn das, was ich Ihnen in dieſer Stunde, ſage, wuß unter uns Fleiben, bis ich öffentlich mit der Anklage auftreten kann.“ „Und wenn es nur Vermuthungen wären, Wortmann, Ver⸗ muthungen, entſprungen einem perſönlichen Haß, die Sie niemals bewſſen könnten—“ „Dann würde ich ſie anch vor Ihnen nicht ausſprechen ich fäyde nict den Muth dazu,“ erwide te der Verwalter kopfſchiit⸗ telnd.„Was jenes Notizbuch betrifft, ſo enthält es Notizen über die Ingendjahre des Majoratsherrn, Pläne des Schloſſes und der Umgekung, ein genaues Signalement jedes Familien⸗ gliedes, kurz, Aufzeſchnungen, die beſtimmt zu ſein ſcheinen, einem ſchwachen Gedächtniß zu Hülfe zu kommen. Er meg dieſe No⸗ tzen oft benntzt haben, ich glaube ſegar, doß ſie ihm vnentbehr⸗ lich waren, wenigſtens ſo lange, bis er ſich in alle Verhältniſſe hineingefunden hatte.“ „Sie wollen damit ſagen, daß er ein ſchwaches F däch'uiß habed“ „Mehr als dns, gnädige Frau, ich hehaupte, daß er dieſes Buch zu Rothe zog, ſo ort Erinnerungen an vergangene Freig⸗ niſſe ur Spreche gebrocht wurden.“ „Und viſſeu Sie, was Sie demit beh'upten?“ „Ja, ich weiß es!“ — 1270— „Sie behaupten der Majoratsherr ſei ein Betrüger, der hier die Rolle eines Andern ſpie le—“ „Eines Andern, der drüben den Tod gefunden hat.“ „Den Tod? Woher wiſſen Sie das?“ „Florian Bender ſagte es mir.“ „Er ſagte Ihnen, Baron Edmund—“ „Sei drüben von der Hand eines Meuchelmörders gefallen,“ entgegnete der Verwalter mit einer Zuverſicht, die keine Zweifel mehr aufkommen ließ⸗„Er ſecbſt hat ven Erſchoſſenen geſehen—“ „So wäre das ja ein genügender Beweis geweſen!“ „Nicht doch. gnädige Frau, das Zeugniß eines ſolchen Bur⸗ ſchen würde vor dem Richter keinen Werth gehabt haben. Ueber⸗ dies nahm er nach ſeiner Zuſammenkunft mit dem M joratsherrn ſeine Ausſage wieder zurück. Er ſtellte die Möglichkeit auf, daß der Schuß vielleicht nicht tödtlich geweſen ſei, und diejenigen, welche die Leiche nicht geſehen haben, müſſen ja dieſe Möglichkeit gelten laſſen.“ Die fieberhaft glühenden Augen der Baronin waren unver⸗ wandt auf den alten Mann gerichtet. So furchtbar die Anklage auch lautete, Baroneſſe Adelaide war nur zu ſehr geneigt, ihr Glauben zu ſchenken, ihre eigene, unbeſiegbare Abneigung gegen den Majoratsherrn war für dieſe Anklage eine feſte Stütze. „Wenn er erkauft war, brauchte der Majoratsherr ihn nicht mehr zu ſürchten“, ſagte ſie. „Für den erſten Augenblick wohl nicht, aber Florian Bender war ein vekommener Vagabund, dem man auf die Dauer kein Vertrauen ſchenken durfte. Das mußte der Majoratsherr auch erkennen, als er erfuhr, daß dieſer Burſche in der Schenke da⸗ mit prahlte, er habe eine Goldquelle entdeckt, die für ihn nie verſiegen könne. Sprach er doch offen aus, daß der Majorats⸗ herr von Oſthofen ihn ſtets die leere Taſche wieder füllen müſſe. Man hat ſpäter behaupten wollen, Bender müſſe das Geld von drüben mitgebracht haben, aber dem war nicht ſo, ich weiß, daß er bei ſeiner Heimkehr ſo arm wie eine Kirchenmaus war.“ „Aber das Alles rechtfertigt dieſe furchtbare Anklage noch ſcht bie Sie vorhin ausgeſprochen haben.“ „In jener Racht, in welcher Florian Benber erſch ſſen wurde, lag meine Magd, die alte Urſtla, im Giebe fenſter. Es war in de „ geu wh hiße ſtinen ch ſe „U herrn auf de nicht e heln 1 blicke der B ier 1 ſu — ur⸗ er⸗ de, — 1271— eine mondhelle Nacht, und die alte Frau konnte nicht ſchlafen. Sie ſah, daß ein Mann aus dem Schloſſe kam und durch den Garten in ben Park eilte, ſie hörte bald darauf den Schuß fallen und ſah dann den Mann in bas Schloß zurückkehren.“ „Hat ſie den Mann erkannt?“ „Sie behauptet es.“ Die Baronin wollte ſich erheben, aber wie gelähmt ſank ſie in das Polſter zurück. „Sie behauptet es?“ wiederholte ſie.„Kann ſie ſich nicht getäuſcht haben? Iſt es möglich aus ſo weiter Entfernung und noch dazu in dem ſchwachen, unſicherm Licht des Mondſcheins die Züge eines Menſchen zu erkennen?“ „Kann man nicht au einen Menſchen an der Haltung und ſeinem Gang erkennen? Die alte Urſula hat trotz ihres Alters noch ſcharſe Augen—“ 4 „Und weshal iſt das Alles damals verſchwiegen worden?“ „Weil darin kein Richter einen Beweis gegen den Majorats⸗ herrn gefunden haben würbe. Der Verdacht war ſo geſchickt auf den Wilddieb gelenle worden, daß ein anderer Verdacht gar fgekommen wäre. Weßhalb alſo unnütz Staub aufwir⸗ dem Verbrecher beweiſen, daß man hinter ſeine Maske Dadurch wäre nichts erreicht und gewonnen worden, hätte mir den Stuhl vor die Thüre geſteltt.“ „Iſt das auch nicht jetzt geſchehen?“ „Allerdings und ich war von der erſten Stunde an darauf gefaßt, aber ich habe inzwiſchen doch Zeit gefunden, Beobachtun⸗ gen zu machen.“ „Es wäre ſchrecklich, wenn er dieſes Verbrechen begangen und den Verdbacht auf einen Schuldloſen gelenkt hätte!“ ſagte die Baronin erſchüttert.„Sollte nicht dennoch Ihrer Anklage ein perſönlicher Haß zu Grunde liegen?“ „Haß?“ Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob ich ihn wirklich haſſe, ich möchte eher glauben, daß ich ihn verachte. Hören Sie weiter. Kaum war Florian Bender beſeitigt, als der Hofmeiſter in Oſthofen erſchien. Der Hofmeiſter war vor Zeiten der beſte Freund des Baron Edmund und jetzt erkannte der Majoratsherr ſeinen ehemaligen Freund erſt dann, als dieſer ſeinen Namen nannte.“ — 1272— „Vielleicht wollte er ihn nicht erkennen.“ „Wenn ich das nicht will. dann wende ich der betreffenden Perſon den Rücken und gehe von daunen. Was bei dieſer erſten Begegnung geſprochen worden iſt, weiß ich nicht, aber der Majoratsherr kam zu mir, um meine Hülfe gegen den alten Mann in Anſpruch zu nehmen. Er wollte ihm eine Summe Geldes zahlen, wenn Hurter ſich verpflichtete, die Stadt zu ver⸗ laſſen. Zu welchem Zweck? Weßhalb fürchtete er ihn? Was auch der Hofmeiſter jetzt noch aus der Vergangenheit hätte be⸗ richten können, dem Majoratsherrn konnte es gleichgültig ſein, denn ſeit jener Zeit waren zwanzig Jahre verſtrichen.“ „Und wie nahm Hurter dieſen Vorſchlag auf?“ „Er lehnte ihn ab, aber auf meinen Rath nahm er eine kleine Penſton an. Es war ein Bettelpfennig, zehn Thaler monatlich, und ich konnte es dem alten Mann nicht übel nehmen, daß er dieſes Almoſen dem Majoratsherrn vor die Füße werfen wollte. Aber andere Rückſichten beſtimmten uns, dieſem Zorne nicht nachzugeben, Ich ſchicke voraus, gnädige Frau, daß ich ſtets Ahneigung gegen den Hoſfmeiſter empfunden habe, weil ich wußte, daß er ein ränkeſüchtiger Intriguant war, aber gemeinſame In⸗ tereſſen überwanden das Gefühl des Widerwillens, und der Eut⸗ ſchluß, auf dem betretenen Wege unermüdlich weiter zu ſcreiten, bewog mich, mit dem alten Mann ein Bündniß zu ſchließen. Er theilte meine Vermuthungen. Anfangs vollte er nicht mit der Sprache heraus, und wenn der Majoratsherr eine große Summe gewagt hätte, ſo würde er auch dieſer Mann erkauft haben. Wir ſahen bald ein, daß unſere Kräfte zu ſchwach waren, und ſo verbanden wir uns mit dem Polizeirath Heller.“ „Theilte auch dieſer Herr Ihren Verdacht?“ fragte die Ba⸗ ronin heftig. „Als wir ihm Alles berichtet hatten— ja. Aber auch er wagte nicht, energiſch vorzugehen, auch er erkannte die Schwie⸗ rigkeiten, die uns entgegenſtanden. Wir ſollten im Stillen Be⸗ weiſe ſuchen und erſt dann, wenn wir vollſtändig gerüſtet wareu die Anklage erheben. Hat der Majoratsherr von dieſem Bündniß Kenntniß erhalteu? Ich mus es annehmen. Aenßerungen, die er unbedacht fallen ließ, beweiſen es mir. Sie werden von dem Selbſtmord Hurters gehört haben, ich glaube nicht an ihn.“ „Si en Ver ringend „J Selbſtn hat er werde Lufſſe Ende. aber und n in Gt ſchlief henen, „ „A olte 3 Gefiß, ſinre ſchütte ſeht; Gaſt Schluf eingeg c a den H nüht Polizei . 12 veſen Ston was Hanſe wohnt en ſet der en me er⸗ zen. wit roße auft ten, aren dni ie er dem ini ——— — — * — — 1273 „Sie ſchließen ſich jener Vermuthung an, die in dieſem Ereigniß ein Verbrechen wittert?“ fragte die Baronin, mühſom nach Athem ringend. „Ja wohl, gnä jae Frau. Es lag kein Grund zu einem Selbſtmord vor, und Hurter dachte nicht an den Tod. Wie oft hat er mir geſogt, er hoffe das Lehen noch zu genießen, und das werde er thun, ſobald er die Mittel dazu beſitze! ſer baute ftſchlöſſer, und wer das thut, der denkt noch nicht an dos Ende. Der alte Mann hat gedarbt und am Hungertuch genagt, ber in mer tröſlete er ſich domit, deß es beſſer werden wöſſe, nun, als es wirklich heſſer geworden wor, und die Zukunft in Goldesglanz vor ihm lag, ſollte er ſelbſt aus eigener Ent⸗ ſchliefung ſeinem Leben ein Ende gemacht baben? Keiner non denen, die ihn gekannt haben, wird das glauben.“ „Und doch hat das Gericht dies angenommen!“ „Weil es für ein Verbrechen keinen Haltpunkt fand. Der olte Mann ſollte Gift genommen haben, aber man fand kein Gefiß, in welchem das Gift enthalten geweſen war, und Blan⸗ ſänre konn wan ſich nicht an jeder Streßenecke in die Toſche ſchütten loſſen. Daß er on jenem Abend Beſuch gehabt hat, ſteht feſt, und ich vermuthe, doß der Majoratsherr der ſpäte Gaſt geweſen iſt. Iſt die Vermuthung richtig, ſo ergibt ſich die Schlußfolgerung von ſelbſt.“ „Die Schlußfolgerung, daß er dem alten Manne dos Giſt eingegoſſen hat?“ „Ich muß dieſe Frage bejehen. Der Majorattherr kannte den Haß Lurters, er wußte, daß der Lofmeiſter unabläſſig be⸗ müht war, Beweiſe zu ſuchen, er wußte, doß er ſich mit dem Polizeirath verbündet hatte.“ „Und woher kannte er den Polizeirath?“ „Der letztere war unter einem falſchen Namen hei ihm ge⸗ weſen—“ „Um zu ſpioniren?“ „Vielleicht. Später wird er den wahren Namen und den Stand dieſes Herrn erfahren hahen und dann wißte er auch, was er von ihm zu erwarten hatte. Ich wer vorgeſtern in dem Hauſe, in welchem der Hofmeiſter gewohnt hatte. Eire Wittwe wohnte neben ihm, eine Frau, die früher allem Anſchein⸗ nach — 1274— Schauſpielerin geweſen iſt. Bei ihr erkundigte ich mich, ob Hur⸗ wren ter Papiere hinterlaſſen habe, ich hoffte, bei ihm Anhaltspunkte„Uht zu finden. Aber ich erreichte meinen Zweck nicht, die Frau wußte ſegt ſie nichts oder wollte nicht wiſſen. Und als ich im Begriff ſtand, ſe patu ſie zu verlaſſen, trat der Majoratsherr in das Zimmer.“ nie ich „Er?“ fragte die Baronin überraſcht.„Was wollte er ſprunge dort?“ „Ich habe es nicht erfahren, aber am Abend deſſelben Tages„ befahl er mir, am nächſten Tage meine Wohnung zu räumen und. 3 fehlen, mich als entlaſſen zu betrachten.“ 1„ „Ganz ohne Vorwand?“„6 „Den Vorwand bot ihm mein Vermögen, das Reſultat ſeiner„D Spionage in London.“ Die „Sie proteſtirten nicht dagegen?“ des Gef „Welchen Nutzen würde es gehabt haben? Nein ich prote⸗ nußte, ſtirte nicht, aber ich gab ihm die Drohungen zurück, und er weiß„Er nun, was er von mir zu erwarten hat. Was hatte er bei jener„Er Frau zu thu, und weshalb ärgerte es ihn, daß er mich in hrer als daß Wohnung fand? Fürchtete er, daß ich mit ihr mich gegen ihn Vie verbünden wolle? Und wenn er nicht ſelbſt mit ihr verbünbet wußte ſi war, weshalb beſuchte er ſie? und ihr „Auf alle dieſe Fragen wird er nur Ihnen antworten Nüben können.“ er ihn „Er und jene Frau. Aber ich bemerkte ſchon, dieſe Frau heſeiligi war die Nachbarin des Hofmeiſiers und hat ſie ihm bei dem Mit Verbrechen nicht geholfen, dann trieb ihn ſein böſes Fewiſſen nuthun hin. Vielleicht wollte er nur erforſchen, ob der Hofmeiſter mit annehm 8 ſeiner Nachbarin über ihn geſprochen hatte, aber wie dem auch Rrückch ſein mag, ſein ſchuldbeladenes Gewiſſen zwang ihn, nut auch„3u mich zu beſeitigen.“ In unſe Die Barorin war in Nachbenken verſunken, ſie hatte ihre.„Ih Faſſung wiedergefunden und dachte nun über das Vernommene u Ur nach. leben d Es war ihr nicht leicht, Ordnung und Klarheit in bas Chaos Flucht zu bringen, welches in ihrem Innern wogte. Sie erinnerte ſich„Vo der Vermuthungen, die Bruno damals ſchon über den verſchollenen„We Onkel geöußert hatte, ſie erinnerte ſich ber eigenen Abneigung, Nugb ſ „ ler iß er rer hn det ten tu en ſ nit uch c ene o nen 9, — 1275— und die Mittheilungen des Verwalters, ſo furchtbar ſie auch waren, gewannen immer feſteren Boden in ihrer Seele. „Und ich glaube noch immer, es ſfind nur Vermnthungen“, ſagte ſie nach einer Pauſe, das ſchöne Haupt ſchüt elnd, als ob ſie dadurch ihre Zweiſel bekräftigen wolle.„Vermuthungen, die, wie ich wiederholt angedeutet habe, perſönlicher Feindſchaft ent⸗ ſprungen ſind.“ „Wäre es nur das, gnädige Fran—“ „Sie müſſen zugeben, daß es nur dies iſt, ſo lange Beweiſe fehlen, und woher wollen Sie Beweiſe nehmen?“ „Der Polizeirath—“ „Er iſt in London.“ „Der Majoratsherr wird aufathmen, wenn er das erfährt.“ Die blitzenden Augen der Baronin hefteten ſich prüfend auf das Geſicht des alten Mannes, eine Ahnung, der ſie nachgeben mußte, tauchte p'ötzlich in ihr auf. „Er weiß es“, ſagte ſi⸗. „Er weiß es? Nun, dann wird er nichts ſehnlicher wünſchen, als daß der Polizeirath drüben den Hals brechen möge.“ Wie Schuppen ſiel es der Baronin von den Augen. Jetzt wußte ſie, weshalb der Majoratsherr Signora Grimaldi gemarnt und ihr das Geld angewieſen hatte. Er wollte den Polizeirath drüben feſthalten und ihn beſchäftigen, und es war möglich, daß er ihm außerdem eine Falle geſtellt hatte, um ihn für immer zu beſeitigen. Mit Gelb ließ ſich ja Vieles erreichen, und wenn die Ver⸗ muthungen des Verwal ers begründet waren, dann durfte man annehmen, daß der Majoratsherr auch vor dieſem Mord nicht zurückſchrecken würde. „Ja, er weiß“, ſagte ſie,„mein Gatte hat es ihm geſagt. In unſerm Auftrage iſt der Polizeirath hingereiſt—“ „Ich errathe, weshalb,“ ſagte er Rerwalter lebhaft.„Die alte Urſula hat ſtets behauptet, Baroneſſe Cäcilia müſſe noch leben, die Wärterin habe damals aus Rache mit dem Kinde die Flucht ergriffen.“ „Von dieſem Glauben habe ich nie etwas gehört!“ „Weil ich ihn nicht theilte, gnädige Frau. Ich hatte meiner Magd ſtreng verboten, darüber zu reden, ihre Anſichten und Ver⸗ — — 1276— muthungen würden Sie nur aufgeregt haben, und des wohte ich Ihnen erſparen.“ „Und was glauben Sie jetzt 3* „Ich will den Erfolg abwarten“, erwiderte der Verwalter achſelzuckend.„Mir klingt das Alles wie ein Märchen, und 5 reſch kann ich nicht daran glauben. Aber wenn es Wahrheit iſt, gnädige Frau, dann wünſche ich IJöven von ganz'm Herzen Glöck“ „Warten wir damit, bis wir Gewißh it haben“, ſagte die Boronin ſeufzend.„Was wollen Sie nun thun 1. „Eirſtweilen nichts, ich wüßte nicht, was ich thun könnfe. Ich muß warten, bie der Polizeirath zurückgekehrt iſt.“ Die Baronin hatte ſich von ihrem Sitz erhoben, unfähig ihrer Erregung zu gebieten, vanderte ſie auf dem weichen Teppich lang⸗ ſam auf und nieder. Sie hatte ganz vergeſſen, deß Klara ſich in Nebenz'mmer befard, wie hätte ſie ouch in dieſer Aufregung an etwas Inderes denken'önnen, als an die furchtbare Anklage, die der Verwalter gegen den Majoratsherrn erhob! „Ich glaube, Sie werden keine Beweiſe finden“, ſagte ſi nach einer Weile kopfſchüttlnd,„wie ich überhaupt an die Wahrheit Ihrer Anklage nicht glauben kann. Es wäre wirklich entſetzlich, wenn dieſe Anklage in allen Punkten bewieſen werden könnte.“ „Und haben Sie nicht ſelbſt früher ſchon an die Möglichkeit dieſer Anflage gedocht?“ erwiderte der alte Mann.„Ich will nicht ſagen, an die Möglichkeit dieſer Verhrechen aber gewiß iſt in Ihrer Seele ſchon die Ahnung aufgeſtiegen, doß dieſer aus der Verſchollenheit heimgekehrte Majoratsherr ein Abentheurer ſein könne.“ „Auch dafür haite ich keinen Haltepunkt. Es ſetzte ja Nie⸗ mand einen Zweifel in ihm, er wurde von Allen, die früher ihn gekannt hatten, anerkannt.“ „Von denen, die früher ihn gerannt haben, ſind zwei plötzlich geſtorben, Florian Bender und der Hofmeiſter, gnädige Frau. neberdies iſt ſein Geſicht durch die Blattern entſtellt—“ „Aber doch nicht bis zur Unkenntlichkeit—“ „Ich gebe zu, daß eine froppante Aehnlichkeit vorliegt, aber „U lönne, 9 Die! uuol wiegle⸗ er.„ube was do Ueberzt gefaß. ſah ih em verraue oleu!“ „Ge reden?“ „ wels le Varon guabige „3l angethe Aſich ſelde en Fallr di Die wille un „e5 iungen niß f „Uh der Aa junge zichten, blickn inte. hrer mer eres ltet nach theit ich, Hlet will iß iſt aus eurer Nie⸗ ihn tlich Fral. liegt, „Und Sie wollen die Möglichkeu, daß Sie ſich täuſchen können, gar nicht gelten laſſen?“ Die Baronin war ſtehen gevlieben, ihr Blick ruhte erwar⸗ tungsvoll auf dem alten Maune, der zweifelnd das Haupt wiegle. „Jeh haue an dieſe Möglichteit noch lange geglaubt, erwiderte er.„aber jetz kann ich es nicht mehr. Ich habe Alles erwogen, wus daſur und was bagegen ſpeach, gnädige Frau, aber die Ueberzengung, daß er ein Betrüger iſt, hat immer feſter Wurzel gefaßt. Uno ich hielt es füc meine Pflicht, Ihnen das Ales zu ſageu, es war mir ju berannt, daß Sie dieſelbe Abneigung gegen ihn empfunben haben und noch empfinden. Derf ich darauf vertrauen⸗ daß meiue Metheilungen ganz uuter uns bleiben ſollen?“ „Geiiß“, nicte die Baconin.„Mit wem ſoute ich daruber reden?“ „Ich führe noch einen Punkt au, der freilich auch teinen Be⸗ weis liefert, aber doch meinen Vermuthungen zur Stutze dieut. Vuron Ebmuud wurde niemals eine Meßalliauce geſchloſſen hab u, gnabige Fruu, er war ja zu ſtolz dazu.“ „Er mag drüben in Anerita andere Anſchauungen empfangen haben.“ „Zugegeben, aber ſeiner Familie hätte er dieſen Aerger nicht augethan, bavon bin ich überzengt. Mic iſt es klar, welche Abſicht bieſer Heira. zu Grunde liegt. Er will ſich durch die⸗ ſelbe eine bebeutende Geldſumme ſfichern, damit er im ſchlimmſten Fale die Mirtel zur Flucht beſitzt.“ Die Beronin hatte die Braunen leicht zuſammengezogen, Un⸗ wille und Entruſtung blitzten aus ihren Augen. „Es wäre ſchänd ich, wenn dieſer Abſicht das Glück eines jungeu Mao ens geopfert werden ſollte“, ſagte ſie,„in dieſem Falle müßie ſie gewarnt werden—“ „Und wie würde ſolche Warnung aufgenommen werden, wenn der Aakläger ſich nur auf Vermutgungen ſtützen kann? Die junge Dame wird auf dieſe Verbiudung gewiß nicht gerne ver⸗ zichten, ſie würde in der Warnung rachfüchtige Verlrumdung er⸗ blicken und ich möchte dieſen Vorwurf nicht auf mich laden.“ — 1278— Die Baronin ſtand in Nachdenken verſunken vor dem Blu⸗ mentiſch am Fenſter. Sie mußte die Bedenken des alten Mannes gelten laſſen. „Wenn jene Familie nicht die Gefahr erkennt, der ſie mit offenen Augen entgegengeht, dann muß ſie die Folgen tragen“, fuhr der Verwalter fort, indem er ſeinen Hut nahm,„wer einen ſolchen Schritt thut, der ſol vorher ernſt prüfen—“ „Sewiß, aber wenn Andre eine Gefohr ſehen, die ſie ſelbſt nicht erblickt, dann ſind ſie verpflichtet, ihr dieſe Gefahr zu zeigen.“ „Ja, aber doch nur in dem Falle, daß man ſich ſelbſt den Vorwurf der Verläumdung fern halten kaun, gnädige Frau. Und des können wir nicht, ſo lange wir nicht vollgültige Beweiſe beſitzen. Ich bitte Sie noch einmal um Verſchwiegenbeit, ſeien Sie überzeugt, daß ich Alles aufbieten und kein Opfer ſcheuen werde, um die Wahrheit zu ermtteln und den Bann, wenn er ein Betrüger iſt, zu entlarven.“ „Wenn Ihre Vermuthungen begründet ſind und Sie als treuer Diener unſres Hauſes ſich bewähren, wie ich das mit Zu⸗ verſicht glaube, dann dürfen Sie auf unſren Dank rechnen,“ ſagte die Baronin während ſie ihm die Hand bot, die er küßte. „Seien Sie unermüdlich aber danebes auch vorſichtig, denn auf Sie allein fallen die unangenehmen Folgen zurück, wenn Sie ſich irren.“ Der Verwalter nickte zuſtimmend und verbeugte ſich, und kaum katte er ſich entfernt, als Klara hinter der Portiere her⸗ vortrat. Ihr Antlitz war bleich und ihr Blick ſtarr, aber ihre Haltung und ihre ganze äußere Erſcheinung ließ erkennen, baß ſte gefaßt und ruhig war. Die Baronin war im erſten Augenblick erſchreckt zurück⸗ getreten. „Ich hatte Dich ganz vergeſſen,“ ſagte ſie beſtürzt.„Du haſt Allee gehört?“ „Alles, liebe Tante,“ erwiderte Klars ruhig. „Und nicht wahr, auch Du glaubſt nicht daren?“ halten?“ ſagte das Mädchen, während der Arm der Baronin ſie Weshalb ſoll ich mit meiner Meinung hinter dem Berge mſhlu glauben nen Vate het nicht de Kind ind get Mißttau beſeitige „Un Manch gwiſer mein V „Be muß del merkun nicht ge Wert uf ſc wune 0 neigun ich es nen, de „Un wartet? blu⸗ ne nit 16 nen bſt zu den Und eiſe eien euen er als I⸗ en,“ ßte. uf und erge nſie ————— —— ——— — 1279— umſchlang.„Ich habe niemals glauben, ſo ganz von Herzen glauben können, doß er mein Vater ſei. Jh habe ihn als mei⸗ nen Vater anerkannt, weil Ihr mir ſagtet, er ſei es, aber er hat nichts gethan, um mein Herz zu gewinnen und das Gefühl der Kindesliebe in ihm zu wecken. Ich habe Gründe geſucht und gefunden, die das entſchuldigen konnten, aber ein gewiſſes Mißtrauen blieb immer wach in mir, ich konnte es niemals ganz beſeitigen.“ „Und jetzt?“ „Jetzt, nach den Mittheilungen des Verwalters, betrachte ich Manches mit anderen Augen und offenherzig geſagt, iſt es mir gewiſſermaßen eine Beruhigung, glauben zu dürfen, daß er nicht mein Vater ſei.“ „Bebenke die furchtbare Anklage!“ „Furchtbar in der That, aber wenn ſie begründet iſt, dann muß den Verbrecher die Strafe treffen.“ Die Baronin blickte betroffen das ſchöne Mädchen an, ſe konnte dieſe Ruhe ſich nicht erklären. „Und die Bedenken des Verwalters in Bezug auf Deine Be⸗ merkung, daß Fräulein Becker gewarnt werden müſſe, kann ich nicht gelten laſſen,“ nahm Klara nach einer Pauſe wieder das Wert,„die Möglichkeit, daß man den Vorwurf der Verleumdung auf ſich laden könne, darf nicht ſo ſchwer in die Wagſchale fallen, wenn es das Lebensglück eines Menſchen gilt.“ „Willſt Du ſie warnen?“ fragtedie Baronin.“ „Ja, liebe Tante. Wenn ich auch in vielen Dingen mit dieſer jungen Dame nicht übereinſtimme, ja wenn auch die Ab⸗ neigung, die ich gegen ſie empfinde, nicht zu beſiegen iſt, ſo halte ich es dennoch für meine Pflicht, ſie vor dem Abgrunde zu war⸗ nen, dem ſie ahnungslos entgegengeht.“ „Und weißt Du denn wirklich, daß ein Abgrund ſie er⸗ wartet?“ „Ich kann nicht mehr daran zweifeln.“ „Vergiß nicht, daß es nur Vermuthungen ſind, was der Ver⸗ walter mir mitgetheilt hat.“ „Vermuthungen, die mit meinen Anſichten ſo volſtändig über⸗ einſtimmen, daß—“ „Laß Dich nicht von Augenblick leiten Klara,“ ſagte die Ba⸗ — 1280— ronin in warnendem Tone, der Verwalter kann ſich irren, ich furchte, daß er aus perſöalichem Haß handelte, daß dieſer Haß altein die Triebfeder iſt, die ihn zu dieſen Feindſeligleiten ver⸗ leiter.⸗ „Wie dem auch ſein mag, ich muß die Pflicht erfüllen,“ er⸗ widerte Klara in ſehr eutſchloſſenem Tone, daß die Baconin kei nen Einwanb mehr wagte.„Dann muß ſie ſelbſt wiſſen, was ſie thun und laſſen ſoll. Daß ich mit der Thüre nicht in's Haus fallen werde, iſt ja naterlich, ich denke, Andeutungen werden ge⸗ nügen.“ 8 „Und fürchteſt Du nicht, daß Du ſeldſt Dir eine Niederlage bereiten wirſt, eine Niederlage vor folchen Leuten wäre für eine Baroneſſe von Oſthofeu demüthigend.“ Klara ſchüttelte das Haupt, und der entſchloſſene Zug der ihre Lippen umſpielte, ließ erkernen, daß ſie nichts fürchtete und nicht ihren Entſchluß ändern könnte. „Iſt er ein Betrüger, ſo müſſen wir Alle uns verbünden, ihn zu entlarven,“ ſagte ſie. „Jede andre Rückſicht muß vor dieſem Beſtreben in ben Hin⸗ tergrund treten.“ „Und wenn er es nicht iſt, Klara?“ „Dann mag un? das entſchuldigen, daß er ſelbſt die Saat des Mißtrauens geſäet hat! Wie die Saat, ſo die Aernte!“ Die Baron in wußte darauf nichts zu erwidern, und ein Viertelſtunde ſpäter verließ Klara das Haus, um ihren Eutſchluß auszufuhren. V in O durch weiler V Nuſe Feld Dent zu ve jenes gleitet Er he nicht, ihm ihm Lidd nicht . vas dus go lage eine der und ihn Hin⸗ at em zu 49. Kapitel. Das Ende trägt die Jaſt. Willy Rodenberg hatte nach einem nur flüchtigen Auſenthal— in Ober⸗Italien ſich entſchloſſen, nuch Rom zu reiſen und dort durch fleißiges Studium der Kunſtſchätze ſeine Konntniſſe zu er⸗ weilern und zu bereichern. Vorzüglich war es der Vitikan mit ſeinen weltberühmten Muſeen, was ihn dorthin zog, er wußte, daß er dort ein reiches Feld für ſeine Studien fand, und er fühlte das Bedürfniß, ſein Denken künſtleriſch zu beſchäftigen, um das, was hinter ihm lag, zu vergeſſen. Es war nicht ſeine Schuld, daß er Eins nicht vergeſſen konnte jenes wunderbar ſchöne, ſtrahlende Bild, welches ihn überall be⸗ gleitete welches Tag und Nacht vor ſeinem geiſt igen Auge ſtaud Er hatte auch dieſes Bild vergeſſen wollen, aber er vermochte er nicht, immer ſchöner, ſtrahlender tauchte es plötzlich wieder vor ihm auf, wenn er ſchon glaubte, es vergeſſen zu hab en. Es war ihm unmöglich, den Bann zu brechen, den der Zauber dieſes Bildes auf ihn übte, und weshalb ſollte er ſich dieſem Zauber nicht hingeben? Irau Magdalene wußte, was in ſeiner Seele vorging, ſie be⸗ Der Baſtard. 81 — obachtete mit ſcharfem Blick, und keine Fulte ſeines Heczens blieb ihr verborgen. Sie überließ es der Zeit als dem beſten Arzte, die Wunden zu heilen, die dieſem Herzen geſchlagen waren, ſie wußte, daß eine Erinnerung an ſie dieſe Wunden wieder aufriß und ſo hielt ſie es für das Beſte, zu ſchweigen und ſeine Gedan ken auf andre Dinge zu lenken. Aber kaum waren die Beiden in Rom angekommen, als ein Brief Hellmuths eintraf, der alle Erinnerungen wieder weckte. Hellmuth theilte dem Freunde die Entdeckungen mit, die in Bezug auf Arabella Grimaldi gemacht worden waren, und es konnte nicht ausbleiben, daß dieſe Mittheilung einen auf egenden Einfluß auf Willy übte. Er gab den Brief ſeiner Mutter, und Frau Magdalene war ebenfalls ſo ſehr über dieſe Nachricht überraſcht, daß ſie Anfangs die Wahrheit derſelben ſehr ſtark bezweifelte Willy äußerte den Vorſatz nach London zu reiſen, und es koſtete ſeiner Mutter große Mühe ihn davon abzubringen; er gab erſt nach langem Zureden ihren Gründen nach und begnügte ſich damit, an Miß Cleveland zu telegraphiren, deren Adreſſe ihm Ferdinand von Falkenberg in der Abſchiedsſt unde fuͤr alle Fälle gegeben hatte. Miß Cleveland beantwortete Hieſe Depeſche ohne Verzug, und Willy erfuhr jetzt, daß Signora Grimalbi mit ihrer Tochter ver⸗ chwunden war. Dieſe Nachricht ſteigerte ſein Aufregung, Frau Magdalene ſuchte ihn zu beruhigen, ſo gut ſie es vermochte. Sie ſa gte ihm daſſelbe, was Klara ihrer Tante geſagt hatte, ein Menſch könne nicht verſchwinden, ohae jede Spur zu hinter⸗ laſſen, man werde Siguora Grimaldi ſchon finden und dann werde für Arabella ein neues Leben erblühen. Willy ſtand in Gebenken verſunken und blickte auf die Strase, hinunter. „Ein neues Leben?“ erwiderte er nicht ohne Bitterkeit.„Wer weiß, ob es ihr gefallen wird!“ K „Sie wollte der Kunſt und der Muſik leben und dazu gehört ſe mnte N vird“ B n blit könnter an de worde 6n Polze dalene, villenl R /— /* Dinge wiſſen⸗ den P denen V eine aus „ von d ſchrei iennt nir el „( lihen Sri den war ng g ügte ihn äle und ver⸗ leze te, er⸗ mn — 1283 Freiheit, die Freiheit des Willens und des Handelns, fortan wird ſie unter dem Willen des adeleſtolzen Barons ſich beugen müſſen.“ „Ich glaube nicht, daß ſie ben Druck ſo ſchwer empfinben wird,“ ſagte Frau Magdalene lächelnd. „Bah, Mutter, ob der Käfig von Gold oder von Eiſen iſt, er bleibt doch immer ein Gefängniß.“ „Aber ſo weit ſind wir noch nicht, daß wir darüber reden könnten, ich fürchte, das alte Zigeunerweib wird ihre Verſolger an der Naſe herumführen bis ſie der Verfolgung überdrüſſig ge⸗ worden ſind.“ „Der Polizeirath und Herr von Falkenberg werden gewiß ſich unermüdlich bemühen, eine Spur zu finden, und die Londoner Polizei ſoll darin ſehr erfahren ſein.“ „Die Schlauheit dieſes Weibes—“ „Liebe Willy, es iſt eine alte Erfahrung, daß vie Shlauſten eher eine Blöße geben, als die Dummen“, ſagte Frau Mag⸗ dalene, ihn raſch unterbrechend,„und Arabella iſt auch kein willenl ſes Kind mehr, das Alles mit ſich geſchehen läßt.“ „Wenn ich dort wäre—“ „So würdeſt Du auch nichts erreichen. Du biſt in ſolchen Dingen nicht erfahren, Du würdeſt rathlos daſtehen und nicht wiſſen, welchen Weg Du einſchlagen ſollteft. Ueberlaſſe das ruhig den Polizeibeamten, vielleicht haben ſie jetzt ſchon die Verſchwun⸗ denen gefunden.“ Willy ſtrich mit der Hand über die hohe Stirne und ſchritt eine Weile auf und nieder, dann nahm er den Brief Hellmuths aus ſeinem Portef uille, um ihn noch einmal zu leſen. „So müſſen wir denn in Geduld warten, bis wir Nachrichten von drüben erhalten“, ſagte er⸗„Arabella wird gewiß ſelbſt ſchreibon, ſobald die Kataſtrophe eingetreten iſt. Miß Cleveland kennt meine Abreſſe, Herr von Falkenberg wird ſie erfahren und mir ebenfalls Mittheilungen machen.“ „Gewiß, er ſchuldet Dir Dank, und er weiß, daß Du herz⸗ lichen Antheil an ihm und Arabella nimmſt.“ „Warten wir's ab“, wiederholte Willy.„Mir gibt dieſer Brief überhaupt viel zu denken. Der jähe Tod Auerbachs—“ „Ein beſſeres Loos konnte ihn nicht treffen. Er war ein 81* — 1284— armer Menſch, und er würde inmer tiefer geſanken ſein, denn er hatte jeden moraliſchen H alt verloren.“ „Und trotz aller ſeiner Fehler war er ein guter Menſch.“ „In ſeiner Weiſe— mag ſein! Aber ich glaube nicht, daß irgend Jemand ihm eine Thräue nachweinen wird. Er hat Manchen auf die Bahn d s Leichtſinns geführt und fü Alle, die mit ihm verkehrten, war er ein ſchlechtes Beiſpiel.“ „Ich gebe das Alles zu, liebe Mutter, aber betrübend iſt es dennoch, daß dieſer talentvolle Menſch ſo elend zu Grunde gehen „Trug er nicht ſelbſt die Schuld daran?“ „Er weniger, als die Verhältniſſe.“ „Iſt es eines Mannes würdig, ſich damit entſchulbigen zu wollen 2“ „Ich frage wohl wit demſelben Rechte, muß die Thatkraft eines Mannes nicht erlahmen, wenn er ohne ſein Verſchulden—“ „Mein lieber Sohn, Vorurtheile herrſchen überall in len Kreiſen, man darf ſich durg ſie nicht beirren laſſen. Wenn man einſteht, daß man ſie ncht beſiegen kann, ſo ſoll men auch den Kampf mit ihnen nicht aufnehmen. Hätte Auerbach verächt⸗ ich ihnen die Stirne geboten, ſo würde er ein berühnter Maan geworden ſein—“ „Seine Eltern— Wer fragt den Künſtler, den Jeber ehrt und achtet, nach ſeiner Herkunft? Sind nicht viele der größten Männer aus den unterſten Klaſſen hervorgegangen?“ „Und wie Viele gehen trotz ihres redlichen Strebeus zu Grunde, weil es ihnen Ficht g iſt, unempfindlich gegen die Pfeile zu bleiben, die Spott und Hohn auf ſie ſchleudern“, er⸗ widerte Willy achſelzuckend. Auetba war zu ſehr Gemüths⸗ menſch, als daß er dieſe Pfeile hätte auffangen und zurückſ hleu⸗ bern können; ſie verletzten ihn. Aber laſſen wir dus, er iſt todt, und über die Todten ſoll man nur Gutes reden. Hellmuth ſchreibt, er vermuthe, der Mejoratsherr von Oßboſen ſtehe dieſem er⸗ ſchütterden Ereigniß nicht fern. Ich weiß nicht, was ich davon halten ſoll, ich müßte an einen Mord glauben, wenn dieſe Ver⸗ muthung begründet wäre.“ Frau Magdalene blickte betroffen anf. wihen niederg“ ſch F nicht! weife „nicht ſein — ₰ wie m ſo m ich mi hat, 1 Hetrn zu R „— Gerei Majo ſeine nach den zu er⸗ ts⸗ leu⸗ odt, eibt — on Ler⸗ — — 1285— „An einen Mord?“ fragte ſie. Ja. Ich erinnere mich des Wortwechſ ſels, den wir, Auer⸗ hach und ich, on jevem Abend mit dem Majoratsherrn in der rothen Treube hetten. Auf dem Heimwege wurde Auerbach niedergeritten, und er ſelbſt ſagte mir⸗ er habe in dem Reiter den Majoratsherrn erkannt. Ich kann nicht annehmen, daß er ſich getäuſet hoben ſoll, Auerbach behauptete nichts, wenn er nicht Beweiſe hatte, und die Wahrheit dieſer Behauptung zu be⸗ zweifeln, dazu lag keine Veranlaſſung vor.“ „Auerbach haite den Baron gereizt“, nickte Frau Rodenberg, „nichts deſto weniger kann es ein unglicklicher Zufall geweſen ſein—“ „In einer menſchenleeren Straße kann man ein Pferd lenken, wie man will; wenn man trotzdem einen Menſchen niederreitet, ſo muß doch wohl eine Abſicht vorliegen. Nun kann ich mir wohl denken, daß Auerhach den Baron zur Rede geſtellt hat, urd daß dabei Werte gefallen ſind, die den adelsſtolzen Herrn tief belcidigten.“ „Und wenn dem wirklich ſe iſ dann wird auch der Zaron zur Rechenſchaft gezogen werden,“ warf Frau Magdalene ein. Willy zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Große Herren haben viele Mittel und Wege, der Göttin Gerechtigket ein Schnippchen zu ſchlagen“, ſagte er,„und der Majoratsherr von Oſthofen, der zukünftige Schwiegerſohn eines Mill onäre, hot eine Anklage ſo leicht nicht zu befürchten. Wenn er behauptet, Auerbach habe ihn angegriffen, oder es ſei nicht ſeine Abſicht geweſen, den Mann niederzurciten, ſo wird man ihm Glauben ſchen'en.“ „Vor dem Geſetz ſind Alle gleich“ Ja, ſo heißt es, ader— Du konnſt das nicht bezweifelm Billy, und deßhalb darſſt Du darauf vertrauen, daß auch den N n die Vergel⸗ tung erreichen wird, wenn er wirklich ein Verhrechen began⸗ gen het.“ „Ich fürchte, er hat deren mehr als eins begangen.“ „Du kommſt wiede⸗ auf die alten Geſchichten zurück“ ſogte Frau Magdolene ich kann Dir auf dieſem Felde nicht ſolgen und darüber urtheilen, denn ich kenne den Majorats⸗ herrn nicht. Ueberdies iſt mir Alles, was dieſe Familie betrifft, ſehr gleichgültig—“ „Auch Baroneſſe Clara?“ fragte Willy raſch. Sie ſenkte vor ſeinem forſchenden Blick die Augen und warf die Bänder ihrer Haube über die Achſels zurück. „Baroneſſe Klara hat auf mich einen ſehr guten Eindruck ge⸗ macht“, erwiderte ſie,„ich wä das nicht leugnen, ihr Charakter und ihr weſches Gemüth flößen mir Hochachtung ein. Aber ſie iſt ſo wen'g frei von den Vorurtheilen ihres Standes, wie jedes andre Glied dieſer ſtolzen Familie und darum iſt es beſſer, man bleiht auch ihr fern. Das war ja auch Deine Anſicht und ich glaube, ſie iſt es noch.“ Willy hatte ſeinen Hut genommen, er trat vor den Spiegel um einen Blick auf ſeine Toilette zu werfen, die untadelhaft war. „Sie iſt es noch,“ ſagte er,„ich bin mit dieſen Leuten fertig und werde nicht mehr nach der Ehre geizen, in ihre Kreiſe auf⸗ genommen zu werden.“ „Es weht keine geſunde Luft in jenen Kreiſen.“ „Nein, Mutter, es iſt keine geſunde Luft, das habe ich auch erkannt. Und nun will ich mich nach einer Wohnung unſehen, in der ich mein Atelier aufſchlagen kann.“ Frau Magbalene nickte zuſtimmend. „Je eher Da eine paſſende Wohnung findeſt, deſto beſſer iſt es für Dich“, ſagte ſie,„Du findeſt hier Auregung zur Arbeit und auch Stoffe genug—“ „Ich werde mich bemühen,“ erwiderte der junge Mann ſcher⸗ zend,„laß Dir die Zeit nicht lang werden, wenn ich Bekannte ſinde, komme ich möglicherweiſe nicht ſehr früh heim.“ „Sei nur vorſichtig“, warnte die Mutter,„es ſoll viel licht⸗ ſchenes Geſindel in Rom geben.“ „Bah, bei einem Maler ſucht Niemand S und wie ein engliſcher Lord ſehe ich wahrhaſtig nicht aus.“ Damit verließ Willy das Zimmer und als er am Ausgange des Hotels ſtand, erkundigte er ſich bei dem Portier nach einem Ciceronen, deſſen Führung er ſich anvertrauen könne. Ein ſolcher Führe r war raſch gefunden, und kaum hatte Willy ſiun ganz⸗ Ai ₰ er in ſe tuifiche Cei achten, Ge engen, lichen nun Si ihn ni einer eines d ſcche,5 bewahr vermel Geſellſ war ſe bei der ſchöne ie w Hauſe 8 er kon leinem Fuibl geſchl Schei ſtellen und ratz⸗ fft, varf ge⸗ Nter er ſie jedes man piegel lhaft tiz auf⸗ ———— —— — 1287— ſeinen Wunſch ausgeſprochen, als der Cicerone auch ſchon eine ganze Litanei von paſſenden Wohnungen ableierte. „In der Via Fratina müſſen Sie wohnen, Signor,“ ſagte er in ſeiner lebhaften Weiſe,„helles Licht für den Maler, vor⸗ treffliche Ausſicht“. Geduldig folgte Willy ihm, ohne viel auf das Geſchwätz zu achten, ſeine Gedanken waren in der Heimath. Geduldig folgte er ihm auch in das große, düſtere Haus, die engen, ſteilen Treppen hinauf, bis er in einem kahlen, unfreund⸗ lichen Zimmer der alten Dame gegenüberſtand, die dieſe Woh⸗ nung vermiethen wollte. Sie that es durchaus nicht, um Geld zu verdienen, ſagte ſi⸗ ihm mit einer Zungengeläufigkeit, die ihm nicht einmal Zeit zu einer kurzen Intwort ließ, ihre Wiege hatte in einem Pallaſt eines der älteſten Adelsgeſchlechter geſtanden, es war keine Noth⸗ ſache, durchaus nicht, fte verlangte auch keinen hohen Miethzins, bewahre, billiger und angenehmer könne er nirgend wohnen, ſie verm ethe die Zimmer nur deßhalb, um in dem großen Hauſe Geſellſchaft zu haben. Ein deutſcher Maler hatte hier ſechs Jahre gewohnt, und er war ſehr zufrieden geweſen, er hatte bei ſeiner Abreiſe geweint, bei der Madonna, er hatte geweint und dabei erklärt, eine ſo ſchöne und angenehme Wohnung werde er in ſeiner kalten Heimath nie wiederſinden. Er war abgereiſt und aun ſtanden die Zimmer leer, und die Signora fühlte ſich ſo einſarn und verlaſſen in dem großen Hnuſe! Willy hatte geduldig dieſen Wortſchwall über ſich ergehen laſſen und inzwiſchen die Zimmer in Augenſchein genommen, aber er konnte dem Lobe, welches die alte Dame ihnen ſpendete, in keinem Punkte beipflichten Die kahlen, getünchten Wände, die von Ziegelſteinen gemauerten Fußbbden, die klaffenden Thüren, die nur mit großer Anſtrengeng geſchloſſen werden konnten, die zugigen Fenſter mit den trüben Scheiben, die alten, wurmſtichigen Möbel, die vergilbten und ſtellenweiſe zerlumpten Gurdinen, die dunklen Alkoven ohne Luft und Licht, die als Schlafſtube benutzt werden ſollten, Alles dies — 1288— Anziehendes und Engenehmes, daß Willy ſich nicht entſchließen konnte, dieſe Wohnung zu miethen. Dozu war der Preis unvenſchämt hoch, die Luft in dieſen Räumen dumpf und den Athem beengend, und die Ausſicht nichts weniger als intereſſant. Als er der Dame den Rücken wandte, und der Cicerone ihr ſagte, der fremde Herr wolle ſich die Sache überlegen, klagte ſie wieder über das einſame Leben in dem großen Hauſe, und dieſe Klage gab ihr den Vorwand, den Miethpreis um ein Drittel zu ermäßigen. Willy ging nicht darauf ein. „Auf den Preis kommt es mir ſo ſehr nicht an,“ ſagte er zu dem Ciceronen, als ſi aus verlaſſen hatten, aber ich ver⸗ lange eine helle, luftige, gut eingerichtete Wohnung, nicht ein ſolches Hundeloch.“ „Si, Signor, erwiderte lebhaft der Südländer nickend,„Hun⸗ deloch— zu viel Ehre, Signor— aber wenn Sie nicht einen ſehr hohen Preis zahlen wollen—“ „So, meinen Sie, müſſe ich mit einem Hundeloch vorlieb nehmen?“ „Jawohl, Signor.“ „Sie wollen damit ſagen, daß alle Wohnungen ſo kahl und unfreunblich ſind?“ „Die meiſten“, nickte der Cicerone.„Aber man kann für Geld Alles haben, Signor, neue Gardinen, Möbel und Teppiche—“ „Wenn ich mir das Alles kaufen ſoll—“ „Oh Signor, der Römer kennt das nicht, er iſt genügſam und beſcheiden.“ „Das heißt, der Römer iſt zu geizig—“ „Wie Sie wollen, Signor, aber es iſt einmal ſo, und der Fremde muß es nehmen, wie es iſt.“ Das war freilich richtig, und Willy folgte ſeinem Führer jetzt mit beſcheideneren Anforderungen in ein anderes 5 aus, ein anderes Haus, in welchem er abermals mit einem Wort⸗ ſchwal von Lobeserhebungen über die ſchöne, billige Wohnvng überſchüttet wurde. Sie verließ 0 „Vi Mutter Ciceron 5 Le Poläſt ben er eine berraſ ines netkio Reihen Di feßeln Di zügen, fordert den A verfül ob ei D Vorte fungen hingal laugſa vorne D unwil waß 2 gelbe lich kei niht ieſen ichtz ihr eſie dieſe el zu t zu ver⸗ ein Hun⸗ einen rlieh und für und der ihrer us, Port mug —— — 1289— Sie war keine Idee beſſer wie die erſte Wohnung, und Willy verließ auch dieſes Hans, ohne einen Entſchluß gefaßt zu haben⸗ „Wir wollen für heute davon abſehen“, fagte er örgerlich, „ich mag einen ſolchen Stall nicht miethen, bevor ihn meine Mutter nicht geſehen hat.“ „Wi⸗ Sie wollen, Signor, es iſt Ihre Sache“, erwiberte der Cicerone.„Wünſchen Sie auf dem Corſo die vornehme Geſell⸗ ſchaft zu ſehen?“ „Führen Sie mich hin.“ Der Corſo, die Hauptſtraße Roms mit ihren gewaltigen Polläſten machte, wie auf jeden Fremden, ſo auch auf Willy, den Eindruck des Großartigen, auf der Piazza Hel Popolo blieb er eine geaume Weile ſtehen, um den ſtaunenden Blick an dem überraſchenpen, prächtigen Bilde zu weiden. Der Cicerone erzählte ihm ohre Unterlaſſung die Geſchichte eines jeden Pallaſtes, aher Willy achtete nicht darauf, ſeine Auf⸗ merkſamkeit war jetzt auf die Wagen gerichtet, die in langen Reihen an ihm vorbeifuhren. Dieſes Schauſpiel war in der That ſo neu, ſo glänzend und feſſelnd, daß man alles darüber vergeſſen konnte. Die ſtolzen Römerinnen mit den klaſſiſch ſchönen Geſichts⸗ zügen, den glühenden Blicken und der majeſtätiſchen Haltung forderten die Bewundernng Willys heraus, und wenn dieſe blitzen⸗ den Augen ihn trafen und dem ſchönen, ſtattlichen Fremden ein verführeriſches Lächeln zu Theil wurde, durchzuckte es ihn, als ob ein electriſcher Funke ihn getroffen habe. Der Cicerone ſchwätzte unermüdlich weiter, Willy hörte die Worte nicht, ihm war, als ſollte ein Traum ſeine Sinne um⸗ fangen, ein füßer, herauſchender Traum, dem er willenlos ſich hingab. Plötzlich zuckte er zuſammen. In der Equipage, die langſam an ihm vorbeifuhr, ſaß ein wunderbar ſchönes Weib, vornehm nachläſſig in die Polſter hingegoſſen. Die elegante Toilette blitzte von Gold und Edelſteinen, und unwillkürlich mußte man glauben, daß dieſe Frau Alles befitze, was ſie wünſchte, und daß Ihrem Gläck nichts fehlte. Ihr zur Seite ſaß ein finſterer, ſchweigſamer Mann, ein gel bes, galliges Geſicht, deſſen ſcharf markirt⸗ Züge Leidenſchaft⸗ lich keit und Grauſamkeit verriethen. — 8 — 1280— Ueber dieſe beiden Perſonen war der Blick Willys flüchtig hinweggeglitten, er heftete un ſo feſter auf den Reiter, der an der Seite der Equipage ritt und ſich mit der ſchönen Dame ſo angelegentlich unkerhielt, daß er nur für dieſe Augen hatte. War dieſer Reiter nicht der Baren Bruno von Oſthofen? Er mußte es ſein, eine Täuſchung war hier nicht denkbar, und als jetzt der Blick des Reiters dem des Malers begegnete ſchwand der letzte Zweifel, denn dieſer Blick bewies, daß auch der Baron ſeinen Gegner erkannt hatte. Die Equipage war ſchon eine große Strecke weitergefohten, als Willy ihr noch immer nachſtarrte. „Ein ſchönes Weib, nicht wahr, Signor,“ flüſterte der Ci⸗ cerone.„ Der junge Mann erwachte aus ſeinem Bräten. „Wer iſt ſie?“ fragte er. „Eine Prinzeſſin aus der Familie Cantani. „Und der Herr, der neben ihr ſaß?“ „Er iſt ihr Vetter, Signdr.“ „Nicht ihr Ealtte?“ „Man ſagt, ſie werde ihn heirathen, aber man weiß, baß ihre Launen nicht beſtändiger find, wie der Wind.“ „Kannten Sie den Reiter, der mit ihr ſprach?“ „Nein Signor, es war ein Foreſtiero, ein Fremder, und wie es mir ſchien, ein Tedesco. Er mag ſich häten“, fügte der Ci⸗ cerone mit leiſer Stimme hinzu. „Weshalb?“ frogte Willy raſch. „Ss iſt gefährlich, Signor, um die Gunſt einer Römerin zu buhlen, wenn dieſe Römerin einen Vrtter hat.“ „Sie glauben doch nicht—“ „Glauben? Signor, ich glaube nur an die Madonna und kümmere mich weiter um nichts. Wenn Ihr Fuß einmal an eine Leiche ſtößt, ſo pragen Sie nicht, weſſen Hand den Dolch auf den Unglücklichen gezückt hat, es iſt gefährlich.“ „Das ſind heitere Zuſtände!“ ſagte Willy empört.„Man darf alſo in Rom nicht einmal einer Dame den Hof mhen— „Doch, S Signor, doch,“ erw derte der Clcerone lebhaft,„aber man ſoll verher fragen, ob in der Familie der Dame ein Velter iſt, der—“ ſcherzte den fin Eine haſtig f Er er wuß in ber Abe über di „6 grüßun gefalle „ einer E tbar, uete uh hren, C⸗ wie Si⸗ netin — 1251— „Und Vetter nennt man hier wohl Jeden, der eine Römerin begleitet und überwacht? Darf denn der Fremde nicht auf den Schutz der Polizei vertrauen?“ „Bah!“ ſagte der Cicerone mit verächtlichem Achſelzucken. „Alſo ſteht es hier? Man achtet die Polizei nicht? Man mordet auf offener Straße—“ „So ſchlimm iſt es auch nicht, Signor, aber noch einmal ſage ich Ihnen, es iſt gefährlich, den Haß eines Römers her⸗ auszufordern“ Willy wanderte langſam den Corſo hinunter, die Equipage der Prinzeſſin fuhr noch einmal an ihm vorbei, und der Maler erſchrack vor dem finſtern, glühenden Blick des Mannes, der ſchweigend neben der ſchönen Dame ſaß. Sah denn der Baron dieſen rachedürſtenden Blick nicht? Er ſcherzte mit der Prinzipeſſa, und von Allem, was er ſagte, ſchien dem finſtern Manne kein Wort verloren zu gehen. Eine Hand legte ſich leicht auf die Schulter Willys, er wandte haſtig ſich un und ſah ſich dem Maler Ferrand gegenüber. Er war mit dieſem Manne nie ſonderlich befreundet geweſen, er wußte, baß berſelbe ihm nie einen Erfolg gegönnt hatte, und in der Heimath würde er ihn kaum beachtet haben. Aber in der Fremde urtheilt man milder, und Willy war über dieſe Begegnuag aufrichtig erfreut. „Sie ſind ſchon lange hier?“ fragte er nach der erſten Be⸗ grüßung. „Seit acht Tagen“, erwiderte Ferrand. Und Sie?“ „Ich bin geſtern angekommen.“ „Wo ſind Sie abgeſtiegen?“ Im Hotel b'Allemagne—“ „Via Condotti, bei Resler“, nickte Ferrand,„ich kenne das Hotel, habe im vorigen Jahre einige Tage da gewohnt. Es iſt billiger dort, wie in der Albergo di Ronn, aber dennoch ziehe ich das letztere Hotel vor, es liegt am Corſo.“ „Ich bin im Begriff, nich nach einer Privatwohnung unzu⸗ ſehen, aber was ich bis jetzt davon geſehen habe, will mir wenig— gefallen. „Und da hegen Sie den kühnen Gedanken, ihr Atelier in einer Equipage aufzuſchlagen?“ ſcherzte Ferrand, währe d er dem — 1292— Blick des Freundes folzte, der noch immer auf den Wagen der Prinzipeſſa gerichtet war. Willy ſtrich mit der Hand über die Stirne. „Haben Sie die Dame in jenem Wagen geſehen?“ fragte er. „Die Prinzipeſſa Cantani? Nehmen Sie ſich in Acht, Ro⸗ denberg!“ „Bah, mich wird die Schönheit dieſer Dame nicht in Verſu⸗ chung bringen; ich bewundere ſolche Schönheit, aber ich liebe ſie nicht. Sahen Sie auch den Reiter?“ „Den Baron von Oſthofen? Corpo die bacho, jetzt erinnere ich mich—“ „Wir wollen die alten Srinnerungen ruhen laſſen, Ferrand. Seit wann iſt der Boron hier?“ „Om, er muß gleichzeitig mit mir hier angekommen ſein, ich begeg nete ihm ſchon am zweiten Toge. Cber wiſſen Sie was? Fntlaſſen Sie Ihren Ciceronen, ich mache mir ein Vergnügen daraus, ſeine Rolle zu übernehmen, und es fragt ſich ſehr, wer dieſes Amt beſſer verſehen kaan, er oder ich.“ Willy fand gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwenden, er ſchrieb einige Zeilen auf ſeine Karte und beauſtragte den Cice⸗ rone, ſie im Hotel»Allmagne abzugeben, daun ſchob er ſeinen Arm in ben des Freundes, und die Beiden wanderten langſam weiter. „Wenn Sie der ſchönen Prinzipeſſa einen Blick geſchenkt haben, ſo werden Sie auch ihres Begleiter bemerkt haben,“ ſagte er,„auf mich hat vieſer Menn einen ſehr unangenehmen Ein⸗ druck gemacht.“ „Das liegt in der Natur der Sache,“ erwiderte Ferrand. „Die Peinzipeſſa iſt ſehr reich, eine junge, ſchöne Wittwe, die ſchon zu Lebzeiten ihres Herrn Gemahls manchen intereſſanten Roman geſpielt hat. Der Principe war ein alter Mann, und da ſeine Gattin die Ehee ſeines Namens flecke los zu bewahren wußte, ſo mag er wohl ein Auge zugedrückt haben, damit der häusliche Friede nicht geſtört wurde. Nach dem Tode des Prin cipe war die junge Wittwe umſchmärmt von Verehrern, und es könnte geradezn ſeltſam erſcheinen, daß der finſtre Mann, den ſie vorhin an ihrer Seite geſehen hahen, den Sieg über Alle da⸗ vontrug.“ Biiben zu Le Lüſterzl Lodes dabei ſe die Fur jerngeha Erfahru ü „Do den Ha drohent warnen und ib Romm die St Angele Regel angelth der te er. Ro⸗ erſt⸗ lie ſe innere rrand. , ich was? nügen wer en, er ice⸗ ſeinen ngſmn enkt ſagte 1 Ein⸗ d. e, bie ſenten „und ahren it der Prin ud e den ſe le da⸗ — 1293— „Nichts weniger als das, und daneben ſoll er ein eigenwilliger, tycanniſcher Menſch ſeln. Er iſt mit ihr verwandt und ein ar⸗ mer Teufel, das mach ihn einem Nebenbuhler nur um ſo ge⸗ fährlicher.“ „Seltſam, daß die ſchöne Frau ſich der Tyrannei eines ſol⸗ chen Mannes unterwirft,“ ſagte Wiby gedankenvoll. „Hm, dem mözen Urſachen zu Geunde liegen, die nur die Beiden kennen! erwiberte Ferrand achſelzuckenb.„Sie ſoll ſchon zu Le zeiten ihres Gatten mit ihm vertraut geeſen ſein, einige Läſterzungen wollen wiſſen, der Princzpe ſei keines natürlichen Todes geſtorben, und der arme Vetter ber ſchönen Dame habe dabei ſeine Haud im Spiele gehabt. Wie dem auch ſein mag die Furcht vor dieſem Manne hat die Bewunderer der Prinzipeſſa erngehalten, und der Baron von Oſthofen wird auch unliebſame Erfahrungen machen.“ „In welcher Weiſe?“ „Das weiß ich nicht. Aber er mußte blind ſein, wenn er den Haß nicht bemerkte, der ihm aus den Augen vieſes Mannes drohend entgegenlobert. Die Prinzipeſſa wicd ihn freilich nicht warnen, ſie hält ben Fremden am Gängelbande, ſo lange es ihm und ibr gefällt, es iſt in ihren Augen weiter nichts als ein Roman, üder deſſen Schluß ſie nicht nachbenkt. Und uns kunn die Sahe ſo ziemlich gleichgültig ſein, was kümmern uns die Angelegenheiten Auberer! Das müſſen Sie überhaupt ſich zur Regel machen, Rodenberg, hier in Rom ſoll man das Leben genießen, wie es ſich bietet und niemals die Nauſe in Familien⸗ angelegenheiten Anderer hineinſtecken. „Sehen Sie den Baron oft?“ „Nein. Er hält ſich vor uns fern, und uns kann das nur lieb ſein, er hat keinen Sinn für die Kunſt, und in Küuſtlerrteiſen find ſolche Leute langweilig.“ Dos Geſpräch ſtockte eine Weile, ſie hatten den Corſo ver⸗ laſſen und wanderten jetzt durch eng⸗ unſaubere Straßen, di⸗ dem Blick Willys viel Intereſſantes boten. „Sie haben wohl bereits eine Privatwohnung?“ brach Willy endlich das Schweigen. — 1294— „Jawohl, es iſt dieſelbe Wohnung die ich im vorigen Jahre inne hatte.“ „Und Sie ſind zufrieden?“ „Bah, man gewöhnt ſich zuletzt an Alles, ſelbſt an den rö⸗ miſchen Schmutz und mit einigen Gelbopfern und gutem Willen kann man auch einen Stall in eine comfortable Wohnung um⸗ ändern. Die Hauptſache iſt jedoch das Atelier, das heißt Licht und genügender Raum.“ „Und das haben Sie gefunden?“ „Das iſt hier leicht zu finden, Robenberg, und daneben bietet Ihnen Rom, was Sie in der Heimath nicht finden: Kunſtſchätze und kleſſiſche Modelle. Sie werden mich beneiden, wenn ich Ihnen meine Modelle zeige. Erne Traſtevinerin und einen Ven⸗ ditore d'Infalate, die nicht mit Geld zu bezahlen ſind. Herrliche Geſtalten, ſage ich Ihnen Und die maleriſche Tracht dieſer Leute iſt wahrhaft entzückend. Sehen Sie uur dieſes Genrebild hier vor unſern Augen. Dort der Carretive di Vino mit dem grauen Filzhut, der dunkelbraunen Weſte unter dem erdfarbigen Tuchrock und dem rothen Halstuch um den Hemdkragen. Wie nachläſſig biegt er in dem wunderlichen kleinen Verdeck auf ſeinem Wagen hinter dem ſedergeſchmückten Maulthier, und der ziegenzottige Junge neben ihm mit den klugen blitzenden Augen, die ſo liſtig in die Welt ſchauen. Und vort die Zrbeiter auf em Fflaſter beim Kartenſpiel! Welche Leidenſchaftlichkeit in jeder Miene, jeder Bewegung! Sollte man nicht glauben, der Enſatz gelte ein Kö nigreich? Und mun auf jener Seite die Albaneſerin mit dem breiten rothen Schleier und den gelben Bänderſchleifen, die auf den Rücken hiuunterfallen, das grüne Mieder mit dem gelben Be⸗ ſatz und dem loſe über die Schultern fallenden Halstuch, die rothen Aermel mit den gelben langen Schleifen, der roth und grau geſtreifte Rock mit der weißen Schürze— ſinden Sie dieſe Tracht nicht maleriſch?“ „Gewiß aber die Farbeu ſind zu grell!“ „Ah Bah, die Südländer lieben grelle Farben. Und nun dieſe Schaar von Kindern mit ihren Bonnen und Ammen! Da ſehen Sie Kinder in ſchottiſcher und ruſſiſcher Tracht. Kinder im halben Raturzuſtande, zerlumpt und ſchmutzig und dazwiſchen Damen und Bürgerfrauen, Bettler und gaffende Engländer mit den uivel kes u ſi us a vot ſih 9 Sie 1 ſunken, t zu über H itoe der des ſeine G Arabell „Na „Die hofen.“ „Uh „Dos j fen ver liche 2 ſputlo Waldſe 9 Vhre en tö⸗ Wilen um⸗ Licht biett ſiit n ich Ven⸗ trliche Lut⸗ dhier prauen chrod Vagen zottige litig ſlaſter jedet n den auf Be⸗ bie und dieſe — ——— —— Waldſee verunglückt ſei. An dieſer Vermuthung hielt man feſt, dem unvermeiblichen Reiſebuch in der Hand. Iſt es nicht ein pittoreskes Bilb?/ „Sie haben Recht, Ferrand.“ „Und ſolche Bilder ſieht man nur in Rom! Wie kahl ſehen ſie aus auſ der Leinwand, wenn man ſie im wirklichen Leben vor ſich geſehen hat! Sie wanderten wieber weiter, Willy war in Gedanken ver⸗ ſunken, die Eindrücke, die hier auf ihn einſtürmten waren zu neu, zu überraſchend. „Haben Sie ihre Arbeit ſchon begonnen?“ fragte er nach einer Weile. „Ja,“ erwiberte Ferrand,„aber die rechte Luſt fehlt noch.“ „Ich kaun mir das lebhaft denken. Welches Motiv hahen Sie gewählt?“ „Ein Genrebild aus dem Volksleben, Sie werden es ſehen wenn Sie mich in meinem Atelier beſuchen.“ Willy nickte zuſtimmend. „Und was gibts Neues in der Heimath?“ fragte Ferrand. „Ich glaube, ich habe ſie früher verlaſſen, als Sie.“ „Das mag ſein, aber ich erhalte ſelten von drüben Briefe,“ unſre Kollegen, Sie wiſſen es ja, nehmen nicht gerne die Feder 9 5 5 in die Hand, wenn ſie den Pinſel nieberlegen, geeifen Sie zum Pokal.“ „Dann kann ich Ihnen einige Neuigkeiten mittheilen, von denen Sie wahrſcheinlich„och keine Rhnung haben,“ ſagte Willy, der das Bedürfniß fühlte mit Andern über das zu reden, was ſeine Gedanken beſchäftigte.„Sie erinnern ſich noch der Sängerin Arabella Grimaldi?“ „Natürlich!“ „Dieſe junge Dame iſt die Tochter des Barons von Oſt⸗ hofen.“ „Unfinn!“ ſagte Ferrand halb überraſcht und halb ärgerlich. „Das ſind ſchlechte Scherze, Rodenberg.“ „Ich denke nicht daran, zu ſcherzen. Der Baron von Oſthe⸗ fen verlor vor etwa achtzehn Jahren eine Tochter auf unerklär⸗ liche Weiſe. Die Wärterin war eines Tages mit dem Kinde ſpurlos verſchwunden und man nahm an, daß das Kind im 1296— trotzddem die Leiche nicht gefunden wurte. Nun hat es ſich her⸗ ausge tellt, daß die Wärterin damals aus Rachſucht gegen die Baronin das Kind entführt hat und deß ſie lange Jahre mit einer Zigeunerbande herumgezogen iſt. Später het ſich dieſe Frau Grimm in eine Signora Grimaldi umgewandelt und das Talent Arabella's gewährte ihr die Mittel zum Lebensunterhalt.“ „Das kliugt ja wie ein Märchen,“ ſagte Ferrand kopf⸗ ſchüttelnd. „Und doch iſt es Wirklichkeit. Nach dem Tode Hurter's, deſſen Sie ſich noch erinnern werden, iſt die Wahrheit an's Licht ge⸗ tommen, man fand die Beweiſe in den hinterlaſſenen Papier en des alten Mannes, und ein Beamter iſt bereits in London, um die Thatſache feſtzuſtellen und Arabella Grimaldi in die Arme ihrer Eltern zurückzuführen.“ „So wäre dieſe Dame die Schweſter des Baron Bruno von Oſthofen?“ „Allerdings.“ „In der That ſeltſam!“ erwiderte Ferrand.„Dem Baton wird dieſe Entbeckung nicht angenehm ſein.“ „Wahrſcheinlich nicht, aber an der Sache ſelbſt ändert das nichts.“ „Freilich nicht, indeß— na, ich glaube, es wäre für alle Theile beſſer geweſen, wenn man die hinterlaſſenen Papiere des Hofmeiſters ungeleſen verbrannt hätte. Ein angenehmes Verhalt⸗ niß läßt ſich nicht wohl erwarten, und ich möchte behaupten die Säagerin wird mit dieſem Wechſel auch nicht zufrieden ſein, wenigſtens nicht auf bie Dauer.“ „Die Liebe der Eltern wird ihr das erſetzen, was ſie ver⸗ liert.“ „Bah, das iſt auch raſch behauptet,“ erwioerte Ferdinand. „Inbeſſen, ſic wüſſen es wiſſen, es iſt nicht unſre Sache, ein endgültiges Urtheil darüber zu fällen. Haben Sie noch weitere Neuigkeiten?“ 5 „Wiſſen Sie ſchon, daß Auerbach todt iſt?“ „Gott hab' ihn ſelig— nein! Wahrſcheinlich ein Schlagfluß Buton ett a für alle iere des Verhalt⸗ pten die en ſein, 3 ſie ver⸗ dinand. he, ein weitere uhſu — 127— „Keineswegs. Man hat ſeine Leiche mit einer Kopfwunde auf der Landſtraße gefunden.“ „Doch kein Mord?“ fragte Ferrand beſtürzt. „Darüber ein Mord, es kann ein Ungl „Aber was hatte dieſer Zech „Erinnern Sie ſich noch, da ähnlichen Unglücksfall erlebte?“ „Wenn ich nicht irre, Haufen geritten.“ „Ganz recht— Und dieſer Reiter war der Majoratsherr v Oſthofen, mit dem er kurz zuvor in der Weinſchenke einen hefti⸗ gen Wortwechſel gehabt hatte.“ „Wer hat Ihnen bas geſagt?“ „Er ſelbſt.“ „Der Majoratzherr?“ „Nein, Anerbach. Jetzt hat man die Leiche in der Nähe von Oſthofen gefunden; ich ſchließe daraus, daß er ſich auf dem Wege befand, um den Majoratsherrn zur Rechenſchaft zu ziehen.“ Ferrand ſchüttelte bedenklich das Hanpt. „Das ſind Vermuthungen, bie dem, der ſie ausſpricht, gefähr⸗ lich werden können,“ ſagte er in warnendem Tone.„Es kanr ja in der That nur ein Unglücksfall vorliegen.“ „Ich beſtreite die Möglichkeit nicht.“ „Nehmen wir an, er ſei wirklich auf dem Wege nach Oſtho⸗ fen geweſen, vielleicht in jenem Zuſtande, in welchem der Menſch nicht mehr weiß, was rechts und was links iſt. Wir haben ihn ja oſt in bieſem Zuſtande geſehen, wir wiſſen auch, daß es ihm auf eine Flaſche Wein mehr oder weniger niemals ankam—“ „Aber wir wiſſen auch, daß er niemals ſo ſinnlos betrunken war—“ „Mein lieber Rodenberg, Glorie wohl nie ge Wirthshaus.“ „In der letzten Zeit leider zu oft!“ „Das wur auch nur eine kur: ücksfall vorliegen.“ ß er kurz vor unſrer Abreiſe einen wurde er von einem Reiter über den v — rze Zeit Ich hab Auerbach häufig unter dem Tiſch gefunden, und ich weiß aus Erfahrung, was er Der Baſtard. 82 . Der klaffenden ſollen die Anſichten auseinandergehen. Es kann kumpan auf der Landſtraße verloren?“/ Sie mögen ihn in ſeiner vollen ſehen haben, denn Sie kamen ſelten in's — 1298— in dieſer Beziehung leiſten konnte. Iſt es nicht möglich, daß er ſich in demſelben Zuſtande befand, als er auf dem Wege nach Oſthofen war? Und kann er in dieſem Zuſtande nicht gefallen und liegen eblieben ſein?“ „Und die Kopfwunde?“ „Er kann ſie durch den Fall erhalten haben.“ „Nein, Ferrand, dieſe Möglichkeit laſſe ich No ohne Weiteres nicht gelten. Auerbach konnte ein unglaubliches Quantum trinken, ehe er betrunken wurde. Und ſo total betrunken, daß er hinfiel und liegen blieb, konnte er niemals werden. Aber geſetzt, Ihre Annahme wäre trotz alledem richtig, ſo würde die Kopfwunde nur unbedeutend geweſen ſein—“ „Iſt es feſtgeſtellt, daß dieſe Wunde den Tod herbei ge⸗ führt hat?“ „Ba, die Aerzte können auch irren. Ein Schlagfluß kann die Urſache des Todes geweſen ſein. Der Majoratsherr hatte doch wahrlich keine Urſache, den alten Trunkenbold zu fürchten, wes⸗ halb alſo hätte er—“ „Wir können darüber nicht urtheilen, Ferrand, wir kennen die näheren Umfände nicht.“ „Und drum iſt es beſſer, wir urtheilen überhaupt nicht,“ er⸗ widerte Ferrand, indem er ſtehen blieb.„Hier wären wir an unſerm Ziele.“ „Und wo ſind wir hier?“ fragte Willy ſich umblickend. „Am Fuße des Monte Teſtaccio.“ „Nun weiß ich nicht mehr, wie zuvor.“ „Kommen Sie nur mit,“ erwiderte Ferrand lachend.„Wir finden oben eine gemüthliche Oſteria und wohl auch eine Foglietta Monteſias cone. Man muß dieſen edlen Wein hier an der Quelle getrunken haben, um ſeinen Werth würdigen zu können.“ Willy folgte ihm die Anhöhen hinauf. Sie waren nicht die Einzigen, die dieſen Weg verfolgten, im Gegentheile, eine bunte Menge, unter denen viele Fremde ſich befanden, in allen denk⸗ baren Trachten und Gruppirungen, zogen an ihnen vorbei, war doch der Monte Teſtaccio von Alters her durch ſeine Oſterien und Volksfeſte berühmt. per ſch i He und die Albaner Lioneſſe lichſten 3 riſch frende Sie loſes keiten, Abe war he bunten hiniſche All ſchend, und an wolte Di Stoffe er in nen V mhle, Pein n „ watt Gehen Sie d wirren loſſale nan d e nach kfallen iiters tinhn, hinfie Wre wunde ei ge⸗ tann te doch kennen t et⸗ wir an „Vir glietta Quelle ht die hunte denk⸗ i, war ſtrien — 1299— ⸗ Enblich blieben ſie ſtehen, Willy war entzückt von dem Anblick der ſich ihm bot. „Hier im Süden ſehen Sie die monumentenreiche Via Appia und die Aquädukte,“ ſagte Ferrand erläuternd,„ringsherum das Albaner Gedirge, Paleſtrina, Tivoli, den Monte Gennaro, die Lioneſſa und den Soracke, und von hier aus haben Sie den herr⸗ lichſten Blick über die ewige Stadt.“ „In der That ein herrliches Bild!“ erwiderte Willy träume⸗ riſch.„Ich danke Ihnen, daß Sie mir dasſelbe gezeigt haben.“ „Sie hätten es auch ohne mich gefunden.“ „Aber nicht ſo baid ſchon, und der erſie Eindruck, den eine fremde Stadt macht, bleibt immer nachhaltig.“ Sie ſchritten auf eine Oſterie zu, ein beſcheidenes, anſpruchs⸗ loſes Wirthshaus, deſſen Schenkzimmer keine weitere Bequemlich⸗ keiten, als hölzerne Bänke und roh gezimmerte Tiſche bot. Aber der Wein, der in einer Schilfflaſche ihnen reden t wurde, war herrlich, und Willy ergötzte das Auge an den mannigfachſten bunten Trachten der Gäſte und das Ohr an dem weichen, melb⸗ diniſchen Klang ihrer Stimme. Alles, was er hier ſah und hörte, war ihm neu und überra⸗ ſchend, und der Eindruck den es auf ihn machte, war belebend und anregend, er freute ſich auf die Zeit, die er hier zubringen wollte und dachte nicht mehr daran, den Wanderſtab weiter zuſetzen. Dieſes an Abwe⸗slung ſo reiche und dem Künfiler ſo viele Stoffe darbietende Leben ſöhnte ihn mit den Erſahrungen, die er in Bezug auf die Wohnungsfroge gemacht hatte, wieder aus. „Sie waren ſchon im Vatican?“ brach er nach einer gero ⸗ men Weile das Schweigen, während ſein Blic auf einem Mönch ruhte, der einſam und allein vor ſeiner Foglietta ſaß und ſeinen Wein mit behaglichem Schmunzeln trank. „Im vorigen Jahre ſehr oſt, aber diesmal noch nicht, ich warte damit, bis mein Denken wieder ganz der Kunſt gehört. Gehen Sie auch nicht eher hin. Rodenberg, der Eindruck, den Sie dort empfangen, iſt ohnedies überwältigend. geradezu ver⸗ wirrend. Dieſe prachtvollen und unzähligen Säle mit ihren ko⸗ loſſalen Kunſtſchätzen kann man nur dann durchwandern, wenn man die Erinnerug an das warme pulſirende Leben da draußen 82* — 1300— gänzlich abgeſchüttelt hat, man muß mit dem Vorſatze hingehen, ſich ganz und ungetheilt dieſem edelſten aller Genüſſe hingeben zu wollen. Ich habe in der Cappella Siſtina oft Stundeulang geſtanden, in dem Antlitz der Deckengemälde verſunken. Ich möchte dieſe Deckengemälde Michel Angelo's die größte Schöpfung dieſes Meiſters nennen. Wie klein und unbedeutend erſcheinen uns da⸗ gegen die Bilder auf der eignen Staffelei!“ „Wir können eben nicht Alle ſolche ſein!“ „Und Jeber in ſeiner eignen Weiſe. „Und Jeder glaubt das Talent dazu zu beſitzen.“ „Gerade an dieſem Glauben ſcheitert Mancher,“ ſagte Willy ernſt.„Man behauptet, der Vatikan habe elftauſend Säle und Zimmer—“ „Ich glaube kaum, daß Jemand Ausdauer genug gehabt hat, ſie zu zählen,“ erwiderte Ferrand,„aber ich zweifle keineswegs an der Wehrheit dieſer Behauptung. Wochen, Monate kann man dort zubringen, Tag für Tag und jeden Tag wird man Neues entdecken. Man kann leider täglich nur zwei Stunden und die Stunden ſind gar zu raſch verſtrichen. Wenden ie ſich an unſern Kohſul, damit er Ihnen einen Erlaubniß von der ün — doch. war 5 tahle Eintritt zu erlangen, aber ſeit einiger Zeit iſt die Sache erſchwert worden. Indeſſen, einem deutſchen Maler bereitet man kine Schwierigkeiten. „Wollen Sie aber in den Gallerien kopiren, ſo müſſen Sie ſich einen beſondern Permeſſo verſchaffen.“ „Nein, nein, daran denke ich nicht.“ „Recht ſo, mir iſt das Kopiren ſtets als ein Handwerk er⸗ ſchienen, welches den talentvollen Mann erniedrigt.“ Der Blick Willys traf in dieſem Moment den Baron von Oſthofen, der in der Thüre der Schenkſtube ſtand und ſpöttiſch lächelte, als er die beiden Maler bemerkte. „Er ſcheint uns zu ſuchen,“ ſagte Ferrand leiſe.„Reizen Sie ihn nicht—“ „Wenn er mich nicht reizt—“ „Auch dann ſchweigen Sie! Thut er es, ſo iſt er nur Ihrer Peruchi heſer⸗ Pet den Ar nur de D ſie o hinun grne der 2 ehen, eben lang cht⸗ ieſes da⸗ Lily und hat, wegs man mez ſich von von itiſch — 1301— Verachtung werth, und wen ich verachte, den kann ich nicht haſſen.“ Der Baron kam wirklich auf die Beiden zu, aber er gab ſich den Anſchein, als bemerke er Willy gar nicht, ſein Gruß galt nur dem Maler Ferrand. Das Kellnermädchen brachte eine Foglietta Wein und ſtellte ſie auf den Tiſch, haſtig goß der junge Mann das erſte Glas hinunter. „Waren Sie heute auf dem Corſo?“ fragte er. „Fürchten Sie ſchon, ich ſei nicht Zeuge Ihres Triumphs geweſen?“ erwiderte Ferrand, während Willy ſein Notizbuch aus der Taſche nahm und darin blätterte. „Hm, zweiſeln Sie etwa daran?“ „Bewahre, aber ich rathe Ihnen, ſich nicht zu früh des ver⸗ meintlichen Sieges zu freuen!“ „Vah, ich kam, ſah und ſiegte. Dieſe Römerinnen ſind lei⸗ denſchaftliche Naturen.“ „Und die Römer nicht minder.“ Der Baron zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Der arme Verter muß zufrieden ſein mit den Broſamen, die für ihn abfallen,“ ſagte er,„nur die Liebe um das Geld, er wird ſich nicht beklagen!“ „Waren Sie früher ſchon in Rom?“ „Nein.“ „Dann können Sie auch nicht urtheilen; ich kenne die Römer beſſer.“ „Sie ſehen wohl in jedem Bettler, der auf dem Straßen⸗ pflaſter liegt, einen Bravo, der für eine Foglietta Wein einen Menſchen kaltblütig ins Jenſeits beförd rt?“ „Nicht doch, dieſe Bettler ſind meiſt gutmüthige Menſchen, und an ſie wird kein Römer ſich wenden, wenn er ſeine beleidigte Ehre rächen will. Es gibt dafür andre Leute, und es wäre mög⸗ lich, daß—“ „Ach was, Sie wollen mich erſchrecken! Ich bin nicht furchtſam.“ „Vergeſſen Sie nicht, daß der Meuchelmörder ſein Opfer ſtets hinterrücks überfällt.“ Der Baron blickte unwillkührlich ſich um. — 1302— „Das iſt Unſinn,“ ſagte er höhniſch.„Ich werde mich durch ſolche kindiſche Befürchtungen nicht abhalten laſſen, die reife Frucht zu pflücken. Wenn die Peinzipeſſa Ihnen ein Rendezvous für heute Abend bewilligt hätte, ſo würben Sie jeder Gefahr trotzen und ſich einfinden—“ „Erlauben Sie, ich— „Wenn Sie es Ferrand, wäten Sie kein Mann.“ „Ich weiß nicht, ob es dem Manne einen beſondern Werth verleiht, wenn er ſich tollkühn in Gefahren ſtürzt, um die Gunſt einer Frau zu gewinnen.“ „Wenn Sie das behaupten haben Sie nie geliebt,“ ſpor⸗ tete der Baron, während er mit ſeinem goldnen Lorgnon ſpielte. „Nicht ſo oft, wie Sie, ich gebe das zu!“ „Ah bah, einen beſondern Ruhm ſuche ich nicht darin. Aber ich wäre ein Thor, wollte ich die Liebe dieſer Dame verſchmähen, das werden Sie ſelbſt zugeben. Wer wollte bafür Rache an mir nehmen? Ihr armer Verwandter? Unſinn! Er unterzeichnete da⸗ mit ſein eignes Todesurtheil.“ „Vorausgeſetzt, daß ihm die Schuld bewieſen werden kann. Und ſelbſt dann würde ihn dieſe Strafe noch nicht treffen.“ „Aber die Dame würde—“ „Bitte um Entſchuldigung, er würbe nach wie vvor der beſte Freund der Dame bleiben,“ ſagte Ferrand mit zuverſichtlicher Ruhe.„Sie glauben das nicht, weil Sie die Römerin nicht kennen.“ „Aber wie Sie wollen, Baron, es iſt Ihre Sache und ich muß es Ihnen überlaſſen, ob Sie auf meine Warnung hören wollen oder nicht.“ Wieder zuckte der Baron die Achſeln. „Ich werde Ihnen morgen Bericht erſtatten,“ erwiderte er ſarkarſtiſch. „Ich will Ihnen wünſchen, daß Sie es können.“ „Pah, Rom iſt ſo ſchlimm nicht, wie man's verſchreien will.“ Einen Augenblick ſtockte die Unterhaltung, der Baron klemmte ſein Lorgnon auf die Raſe und betrachtete die Gruppen, die ihn wiſen tenbli P wieder liegen. in ihn auch, fürchtu Aeuße Schwe L „ finder 3 zeigen mir ſe nen a „ Baſtc mand ) „6 ſichtig den e in N Vth Gunſt ſpol⸗ tgnon Aber nähen, n mir te da⸗ kann. beße lichet nicht d ich hören tte er pill. emmte ie ihn N — 1303— umgaben, aber Willy wurde dabei nicht einmal eiaes flüchtigen Blicks gewürdigt. „Haben Sie in den letzten Tagen Nachrichten von Hauſe erhalten?“ fragte Ferrand nach einer Pauſe.“ „Nein. Ich habe den Entſchluß, Paris zu verlaſſen, ſo plötz⸗ lich gefaßt, daß man daheim wohl erſt jetzt Kenntniß davon erhalten hat.“ „Dann wiſſen Sie wohl noch nicht, daß Ihre derzeit ver⸗ ſchwundene Schweſter entdeckt worden iſt?“ „Baroneſſe Cäcilie?“ fragte der Baron überraſcht.„Woher wiſſen Sie das? „Sie können es errathen,“ erwiderte Ferrand mit einem Sei⸗ tenblick auf Willy. „Hm— es fragt ſich ſehr, ob die Nachricht verbürgt iſt.“ Willy erhob ſich und ging hinaus, aber zum Zeichen, daß er wieder zurückkehren werde, ließ er ſeinen Stock auf dem Tiſche liegen. Er hatte den Groll, der beim Anblick des verhaßten Feindes in ihm aufgeſtiegen war, gewaltſam zurückgedrängt, aber er fühlte auch, daß er ſich nicht länger behereſchen konnte, zumal die Be⸗ fürchtung nahe lag, daß der Baron ſich zu einer verletzenden Aeußerung verleiten laſſen würde, ſobald er den Namen ſeiner Schweſter erfuhr. Der Baron blickte ihm höhniſch nach. „Es wundert mich, dieſen Mann in Ihrer Geſellſchaft zu finden,“ ſagte er. „Kann ich denn einem Landsmann in der Fremde die Thüre zeigen?“ erwiderte Ferrand achſelzuckend.„Sehr angenehm iſt⸗ mir ſeine Geſellſchaft auch nicht, aber ich habe bis jetzt noch kei⸗ nen andern Bekannten gefunden—“ „Dann würde ich auch an dem Baſtard vorbeigehen.“ „Stehts ihm denn auf der Stirne geſchrieben, daß er ein Baſtard iſt? Hier kennt ihn Niemand, alſo kann mir auch Nie⸗ mand einen Vorwurf machen.“ „Es muß Ihnen ſchon un angenehm ſein, wenn ich es thue. „Giwiß, gewiß, aber Sie werden auch die Verhältniſſe berücke ſichtigen. Wir wiſſen ja Alle, daß er nur beſondere Fürſproche den erſten Preis zu verdanken hatte, aber was konnten wir da⸗ — 1304— gegen machen? Du lieber Himmel, ich ſtreite ja durchaus nicht, daß er Talent hat und daß ſeine Bllder recht hübſche Leiſtun⸗ gen ſind, aber über den Decorations werth gehen ſie nicht hinaus Kunſiſchöpfungen erwarte ich nicht von ihm, und was er eigent⸗ lich in Rom will, weiß ich auch nicht.“ „Studiren!“ warf der Baron ein. „Studiren? Was? Die Antike? Das wäre verlorene Mühe!“ „Und dennoch werden Sie ſich ſeiner annehmen!“ „So lange bis ich's ſatt habe.“ „Die Rolle des Mentors gefällt Ihnen wohl?“ „Zu Zeiten ja.“ „Na, ich gönne ſie Ihnen,“ ſagte der Baron ſpöttiſch,„aber ſehen Sie ſich vor, Sie werden keinen Dank ernten, Ferrand. Für mich exiſtirt dieſer Mann nicht mehr, ich werde ihn nicht ſehen, ſelbſt wenn ich über ihn ſalle. Und jetzt wollen wir zu dem vorigen Thema zurückkehren. Sie ſagen, Baroneſſe Cäcilie ſei gefunden worden, haben Sie die Nacheicht direct erhalten?“ „Ich erhielt ſie durch Rodenberg.“ „So, ſo— na, was weiter?“ „Die Wärterin hat damals das Kind entführt, ſie befindet ſich augenblicklich mit ihm in London, und eia Beamter iſt be⸗ reits dort, um die junge Dame zu holen.“ „Und welche Stell ung nimmt die junge Dame gegenwärtig ein?“ fragte der Baron erwartungsvoll. „Sie erinnern ſich der Sängerin Arabella Geimaldi?“ „Natürlich. Ich habe ſie damals von dem erſchwindelten Pie⸗ deſtal herunter geholt. Sie war eine mittelmäßige Sängerin—“ „Und jetzt iſt ſie Ihre Schweſter.“ Der Baron blickte den Maler ſtarr an, dann lachte er gheiſer. „Und das haben Sie ſich weiß machen laſſen?“ fragte er. „Unſinn, Ferrand!“ „Robenberg hat mir—“ „Ach was, Rodenberg war ſtets der Intimus dieſer Sänge⸗ rin, er wirb dieſen Roman angezettelt haben, um ihr eine glän⸗ zende Stellung zu verſchaffen.“ „Von ihm ſind die Nachforſchungen nicht ausgegangen.“ „So beh mptrte er, aber ich blicke hinter die Couliſſen. Sig⸗ nrn 6 ginflet ſonmi neine e iſt ihm e und wil lauz bent. ſhel⸗ „aber tand. niht ir zu äcilie 120 ſiuhet be⸗ ärtig pi⸗ 4 e er e er. ünge⸗ län⸗ Sig⸗ 1305 nora Grimaldi wird zu der Erkenntniß gekommen ſein, daß ihrer Künſtlerlaufbahn keine große Zukanft bevorſteht, aber nichts be⸗ ſtoweniger möchte ſie gerne eine große Rolle ſpielen. Nun haben meine Eltern vor achtzehn oder zwanzig Jahren ein Kind verlo cen, es iſt plötzlich verſchwunden, und man hat nie wieder etwas von ihm entdeckt. Darauf wird der Roman auſgebaut. Signora Grimaldi und ihre Tochter ſtudiren die Rollen ein, und meine Eltern werden benachrichtigt—“ „Verzeihen Sie, Baron, die Sache liegt doch anders.“ „Wirklich? Ich glaube es nicht.“ „Die erſten Anbeutungen hat man in den hinterlaſſenen Pa⸗ pieren des verſtorbenen Hofmeiſters geſunden.“ „Wenn Sie ſich auf dieſen Mann beziehen wollen, ſo bedaure ich Ihnen ſagen zu müſſen, daß er ein vollendeter Schuft war.“ „Mag ſein, aber ſeine Papiere—“ „Er war erkauft, Ferrand!“ „Würde er in dieſem Falle ſelbſt ſeinem Leben ein Ende ge⸗ macht haben?“ „Hat er's gethan? Ich weiß es nicht. Seine Verbündeten können es zweckdienlich gefunden haben, ihn bei Seite zu ſchaffen.“ „Sie gehen zu weit!“ fagte Ferrand vorwurfsvoll.„Ueber⸗ dies müſſen Sie doch auch berückſichtigen, daß ein ſolcher Betrug geradezu Wahnſinn wäre, er würde entdeckt werden, das Auge einer Mutter läßt ſich nicht täuſchen. Hieß die Wärterin nicht Grimm?“ „Jawohl.“ „Grimm und Grimaldi—“ „Ach was, das will nichts heißen, wenigſtens beweiſt es nichts, Ich behaupte noch immer, es iſt auf eine Täuſchung, auf einen Betrug abgeſehen—“ „Warten Sie das Reſultat ab. Ein Polizeibeamter iſt nach London gereiſt, er wird ſich nicht täuſchen laſſen. Wenn er die Signora Grimaldi verhaftet—“ „So iſt das auch nichts weiter, als eine Täuſchung! Man wird das Weib nach einigen Tagen wieder in Freiheit ſetzen—“ „Das hängt doch wohl nur von Ihrem Herrn Vater ab!“ „Allerdings, aber der erſten Bitte der wiedergefundenen Tochter wird man nicht ſchroff entgegentreten. Die ganze Komödie ift — 1306— abgekartet, mein Beſter. man hat ſie vom Anfang bis zum Schluß einſtudirt—“ „Wenn Sie ſo eigenſinnig bei Ihrer Anſicht beharren, dann wird es mir nicht gelingen, Sie eines Andern zu belehren,“ ſagte der Maler ärgerlich. „Und wenn Ihre Behauptangen ſich als richtig erweiſen, Ferrand, dann fürchte ich werden die Verhältniſſe in unſerm Familienkreiſe unangenehm werden.“ „Umſomehr, weil Sie der jungen Dase ſtets feindlich gegen⸗ über geſtandeu haben.“ „Das war nicht meine Schuld.“ „Auf weſſen Seite die Schuld liegt, wird ſchon feſtzuſtellen ſein, und es fällt hier auch nicht in die Wagſchale, die That⸗ ſache, daß die Feindſchaft beſteht, genügt.“ Der Baron hatte ſich erhoben und den Reſt ſeines Weines haſtig ausgetrunken. „Ich will das ahwarten,“ ſagte er ſpöttiſch,„auf Nachrichten, die aus dieſer Quelle kemmen, lege ich keinen Werth!“ „Sie werden ja directe Nachricht erhalten.“ „Jedenfalls, ich kann ſie in den erſten Togen erwarten.“ „Und urtheileu Sie nicht zu raſch—“ „Ah, bah, die ganze Sache iſt mir niht wichtig genug, dieſ Verſicherung gebe ich Ihnen.“ „Und noch Eins, Baron, hören Sie auf meinen Rath und gehen Sie nicht zu dem Rndezvous.“ „Das wäre Feigheit!“ „Und das Andre nenne ich Verwegenheit.“ „Beſſer verwegen als feige!“ „Es kommt auf die Verhältniſſe an.“ „Das gilt für alle Verhältniſſe, Ferrand! Ich weiß wirklich nich', was Sie wollen; faſt ſcheint es mir, als gönnten Sie mir dieſen Erfo'g nicht.“ „Das wäre eine kindiſche Thorheit!“ „Nun denn, was wollen Sie? Glauben Sie, daß die Dame ihren Verwandten verrathen wird, welche Gunſt ſie mir bewilli⸗ gen will?“ „Gewiß nicht, aber die Dame iſt von Spionen umgeben—“ „Woher wiſſen Sie das?“ lerut ſtelle ( N ſolz anlaſſ hat. darül hluß dann ſagte ſiſen, uſerm egen⸗ ſtelen einez hten, dieſe uRd nir iſt Segen genug.“ „Weil ich Nom kenne.“ „Alſo Vermuthungen!“ „Ich hube heute den Blick des Mannes geſehen, er emſetzte mich.“ „Pah, er iſt ein finſtrer, unangenehmer Geſelle unb angenehm mog es ihm auch nicht ſein, daß ich der Dame den Hof mache. Ich bemerkte das ſchon, als ich ſie im Teatre Apollo kennen lernte.“ „Und wie wurden Sie mit ihr bekannt?“ „Ein römiſcher Nobile, den ich im Cafee kennen gelernt hatte, ſtellte mich in ihrer Loge ihr vor.“ „Und ſeudem?“ „Ich kam, ſah und ſiegte!“ erwiderte der Baron, das Haupt ſtolz zurückwerfend.„Sie lud mie ein, und ich hatte keine Ver⸗ anlaſſung, die Einladung abzulehnen, ſeitden habe ich ſie ſtete begleitet.“ „Hm— Sie wollen alſo auf meine Warnung nicht hören?“ „Jitzt, nachdem Sie mich gewarnt haben, gewiß nicht. Meinec Ehre gebietet mir, der Gefahr, die Sie ſehen vollen, nuthig die Stirne zu bieten!“ Damit verabſchiedete der Baron ſich, und gleich darauf kehrte Willy zu den Freunde zurück. „Es war klug, daß Sie ſich entfernten,“ ſagte Ferrand,„die Zweifel des Barons würden Sie jedenfalls aufgeregt haben.“ „Er glaubt nicht, daß Arabella Frimaldi ſeine Schweſter iſt?“ „Nein. „Wohl deshalb nicht, weil ſie ihn vor Zeugen gedemüthigt hat. Er kann ihr das nicht vergeſſen, und doch ſollle er ſich jetzt darüber freuen, daß ſie mit ſietlicher Entrüſtung ſeine Anträge zurückwies.“ Ferrand ſchüttelte das Haupt, ein ſpöttiſcher Zug umzuckte ſeine Lippen. „Geden Sie Acht, es wird keinem von Allen zum Segen ge reichen,“ ſagte er. „Ich denke darüber doch anders. Ich benke mir, Arabella wird fortan kein Bedenken mehr hegen, dem Manne, der ſie liebt und deſſen Liebe ſie erwiedert, das Jawort zu geben, und das 6 . — 1308— „Ah, das wußte ich noch nicht. Darf man wiſſen, wer dieſer Mann iſt?“ „Ich weiß nicht, ob es mir erlanbt iſt, ſeinen Namen zu nennen.“ „Ich will nicht indiscret ſein, Ihre Andeutungen genügen mir,“ ſagte Ferrand, während er die Gläſer wieder füllte.„Indeß fragt es ſich nun, ob die Eltern der jun gen Dame ihre Zuſtim⸗ mung zu dieſer Verbindung geben werden.“ „Daran zweifle ich nicht.“ „Es iſt alſo ein Mann von Stand?“ „Eben deshalb hatte Arabella bisher ſeinen Antrag zurück⸗ gewieſen.“ Der Blick Ferrand's ruhte lauernd auf dem F Freunde, er hätte offenber das Geheimniß erfahren. „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte er.„In dieſem Falle darf man allerbings ein günſtigeres Prognoſtikon ſtellen.“ „Gewiß,“ nickte Willy.„Indeſſen, ſo lange die Thatſachen nicht feſtgeſtellt ſind, läßt ſich überhaupt nicht über die Zukunſt ſprechen. Signor« Grimoldi hat mit ihrer Tochter ihre bisherige Wohnung in London verlaſſen und es wird wohl ſehr ſchwer halten, ſie in der großen Stadt zu finden, da jede Spur ver⸗ loren iſt. Sie muß gewarnt worden ſein, und es liegt natürlich in ihrem Intereſſe, ihre Verfolger irre zu führen.“ „Der Tauſend, das wird immer romanhaſfter!“ „Wie leicht wäre es möglich, daß ſie ſich nach Amerika geſchifft, und dann glückliche Jagd drüben in einem in dem es ſo ſehr ſchwierig iſt, einem Menſchen nachzuforſchen.“ „Dm, Sie ſetzen dabei voraus, daß Signora Arabella ſich dem Willen ihrer Mutter ſo ganz bedingungslos fügen wird.“ „So lange ſie nicht weiß, daß dieſe Frau ihre Mutter nicht iſt, wird ſie ſich fügen.“ „Aber dieſe Flucht muß ihr verbächtig erſcheinen.“ Willy zuckte die Achſeln. „Es kommt ja nur auf den Vorwand an, den die alte Frau wird. Plauſibel kann man einem Menſchen Vieles machen, wenn man zur Lüge ſeine Zuflucht nimmt.“ „Nun, ich hoffe, es wird ſo weit nicht kommen, die Londoner ————— Pol i lizei ntniſt. „Sie „Mit hefürchte Ucherdi fünne de „Bei Ferr „Vie von geſt ſchehen, „Wer thun.“ verzeche „Gl nich ga Die Es Vonte e 0 Stndt n Fen merlſan gruppe, zu wiſſ Auc huen 2 ieſet igen deß ſtin⸗ ſchen unſt rige wer ver⸗ rlich — ſi d.“ tau en, ner — 1309— Polizei iſt ja berühmt, ſi- wird ſchon ſorgen, daß das Weib nicht entwiſcht.“ „Sie waren mit den Damen wohl ſehr befreundet?“ „Nur mit Arabella.“ „Mit der Alten nicht?“ „Nein. Ich kann mir jetzt denken, daß ihr böſes Gewiſſen ſie befürchten ließ, die Wahrheit könne einmal an den Tag kommen. Ueberdies wußte ſie, daß ich ſiets einen Verdacht hegte, Arabella könne das Kind andrer Leute ſein.“ „Sie hatten dieſen Verdac cht ausgeſprochen?“ „Bei unſrer letzten Be egegnung— ja.“ Ferrand blickte gedankenvoll vo r ſich hin. „Vielleicht wäre es geweſen, 5 hätt ihm nichts da von geſagt,“ verſetzte er nach einer Weile,, ſchehen, und hoffe, er wird mein Vertrauen mißbrauchen. „Wenn er ſür ſich einen Vortheil thun.“ burin findet, wird er es Rodenberg. Finden Sie Vergnügen daran, nich: in's Thea zu begleiten?“ „In's Theater?“ erwiderte Willy ſinnend. „Wir werden zuvor in einer Trattorie zu Abend iſt und einen Freundeskreis, in dem wir die Stunden verzechen und ver plaudern könnte n, finden wir jetzt noch Wir gehen in's Teatre Argentina und—“ „Eut t, ich folge Ihner n“ unterbrach mich ganz Ihrer Führt ing a Die Freunde erhoben verließen die Oſteria. Es war in der That ein milber, ſchöner Abend, als ſie den Wonte Infarcio hi aunterſtiegen und durch die Straßen der ewigen Stadt wanberten. Ferrand macte ſeinen Begleiter auf alles Sehen auf⸗ merkſam, auf jeden! berühmten Palaſt, auf jöde intereſſante enſchen⸗ gruppe, und dazwiſchen unterrichtete er ihn über Viele 2, was ihm zu wiſſen wünſchenswerth we Auch als ſie ſpäter ir und intereſſante Un terhaltung mit er war von ſein heren uenthalt her in viele Famllien⸗Verhäliniſſe waren, führte er eine lebhafte 7 —— — 1310— und wenn dieſe Mittheilungen auch Willy im Allgemeinen nicht ſehr intereſſirten, ſo unterhielten ſie ihn doch angenehm, und er lauſchte ihnen um ſo lieber, als das Ballet, welches vor ihnen aufgeführt wurde, höchſt mittelmäßig war. Mehr ermüdet, als angeregt verließ Willy enblich das Thrater, und Ferrand begleitete ihn eine weite Strecke auf dem Heimwege⸗ bis ſie in der Nähe des Hotel d'Allemagne weren. „Jetzt können Sie nicht mehr irre gehen,“ ſagte Ferrand end⸗ lich, indem er von dem Freunde Abſchied nahm,„ſchlaſen Sie wohl.“ „Und wann ſehe ich Sie wieder?“ fragte Willy. „Ich hole morgen früh Sie ab, wir wersen dann eine Woh⸗ nung ſür Sie ſuchen.“ Damit trennten ſie ſich und Willy blieb noch eine Weile ſtehen, um dem raſch von dannen ſchreitenden Freunde nachzu⸗ ſehen. Er war genz betäubt von Allem, was er geſehen und gehört hatte, die bunten Bilder zogen noch einmal an ſeinem geiſtigen Auge vorbei, und die Erinnerung an ſie verwirrten ihn nur noch mehr. Die blendend ſchöne Prinzipeſſa neben dem finſtren, Unheil brütenden Manne an der einen und dem eleganten lebensluſtigen Reiter an der andern Seite— dieſes Bild wachte vor allen andern iamer wieder ſich geltend. Waren die Warnungen Ferrand's wirklich v. zründet? Willy hielt ſich bei dieſem Gedanken nicht lange auf. Was kümmerte im Srunde genommen ihn das Schickſal des Barons! Die Begegnung mit ihm wollte er ſeiner Mutter verheim⸗ lichen, er wußte, daß eine Mittheilung darüber ſie beunruhigen würde, und es war ja ſehr zweifelhaft, ob er ihn jetzt noch einmal wiederſah. Im Begriff, ſeinen Weg fortzuſetzen, glaubte er, einen dumpfen Hülferuf zu vernehmen, er horchte, aber er hörte nichts mehr. Langſam ſchritt er weiter, erſchreckt fuhr er zuſammeu, als eine dunkle Feſtalt gleich einem Schatten geräuſchlos an ihm vorbeiſtrich. War dies eins jener Werkzeuge geweſen, deren die Nobili ſich bedienten, wenn ſie einen verhaßten Feind beſeitigen wollten? Gr hut it ul ver e ſäi, Und w Schattenz Er ſch ſich liegen Fißen l Ein det, und den Nun Oſhofen Aſo hett det geiche ſf hons den glůcliche Augenblio Vilr wundeten Sache der Lichn Andere Erſt reicher helohnen zukomme Vill gegangen das Vor fürzung, Sta ſa ſe habe. „E dieſes ſ wir hat nit und er ihnen heater, wege, nd end⸗ en Sie e VPoh⸗ Veile nachzu⸗ Rehört eiſtigen Unheil uſtigen allen Was wons! heim⸗ higen imal myſen hr. als ihn i ſih — 1311— Er hatte gehört, man thue gut, ſich in Rom um ſolche Dinge nicht zu bekümmern, Niemandem nachzuforſchen und Jeden, ſei es wer es ſei, ruhig ſeinen Weg gehen zu laſſen. Und welche Veranlaſſung hätte er auch haben können, jenem Schatten zu folgen? Er ſchritt langſam weiter und ſchon ſah er das Hotel vor ſich liegen, als er beinahe über einen Gegenſtand, der vor ſeinen Füßen lag geſtolpert wäre. Ein ſchmerzliches Wimmern traf ſein Ohr, er bengte ſich nie⸗ der, und ein Schreckensruf entrang ſich ſeinen Lippen, als er in dem Manne, der in einer Blutlache vor ihm lag, den BZaren von Oſthofen erkannte. Alſo hatte Ferrand Recht gehabt! Was aber nun? Wohl hatte der Cicerone ihm geſagt, wenn ſein Fuß einmal an eine Leiche ſtoße, er ſolle ſie liegen laſſen und nicht fragen, weſſen Hand den tödtlichen Stoß geführt habe, wohl war dieſer Un⸗ glückliche ſein verhaßter Feind, aber alles dies durfte in dieſem Augenblick nicht geltend gemacht werden. Willy eilte in's Hotel und forderte vie Kellner auf, den Ver⸗ wundeten und einen Arzt zu holen. Sie weigerten ſich, ⸗s ſe Sache der Nachtwache und der Polizei, die Verwundeten und die Leichen in den Straßen der Stadt aufzuleſen, ſagten ſie, jeder Andere thue beſſer, fich nicht weiter darum zu bekümmern. Erſt als Willn ihnen bemerkte, daß der Verwundete ein ſehr reicher Herr ſei und die Familie deſſelben jeden Dienſt fürſtlich belohnen werde, zeigten ſie ſich bereit, ſeinem Verlangen nach⸗ zukommen. Willy eilte jetzt zu ſeiner Mutter, die noch nicht zu Bette gegangen war, da ſie ihn erwartete. Im Fluge theilte er ihr das Vorgefallene mit, und er ſelbſt mar erſtaunt über die Be⸗ ſtürzung, mit der Frau Magdalena dieſe Nachricht aufnahm. Starr vor ſich hinblickend, die Hände im Schooße gefaltet ſaß ſie vor ihm, als ob ſie ſelbſt ein ſchwerer Verluſt betroffen habe. „Er hat uns nie nahe geſtanden, Mutter“, ſagte er, den 5 dieſes ſtarre Hinbrüten zu beunruhigen begann,„im Gegeutheil, wir haben von ihm nur Haß und Feindſchaft erfahren.“ — Sie ſchlug die Augen auf und ſah ihn verwirrt an. „Nur Haß und Feindſchaft“, wiederholte ſie,„es iſt wahr, und denn och—“ Was haſt Du, Mutter?“ fragte er, als ſie plötzlich abbrach⸗ Nichts— wo iſt der Unglückliche?“ „Hier, unter unſerm Dache, vorausgeſetzt, daß die Kellner meinem Befehle nachgekommen ſind.“ „Ich will ihn ſehen.“ „Du? Mutter, was er gegen mich verbrochen hat, das ſei nun vergeſſen!“ „Ich werde ihn nicht daran erinnern.“ „Ueberdies fürchte ich, daß Du bereits eine Leiche finden Frau Magdalena war von ihrem Sitz aufgeſtanden, hoch auf⸗ gerichtet ſtand ſie dem Sohne gegenüber, und eine feſte, uner⸗ ſchütterliche Ent ſprach aus ihrem Antlitz. „Ich will ihn pflegen“, erwiderte fie,„das iſt meine Pflicht mag er auch Dein Feind geweſen ſein.“ „Unb ich werde der Polizei die Anzeige 7 machen— ume t ihm, und er umwandte, fiel ſein Blick auf den Beſitzer des Hotels. Er: tunbemerk kt einge vip und ſeine düſtere Miene verrieth, daß ihm der Vorfa ſehr unangenehm war. Soll ich es aich dann nich thun, wenn ich glaube, den mit ziemlicher Siche 1 bezeichnen zu können?“ fragte Willy entrüſtet, während Frau Maſſdalena das Zimmer verließ. „Und wen halten Sie für den Wörber?“ ſragte der Wirth ruhig. „Beweiſe, Sien or!“ „Der Verwundete begleitete die Prinzipeſſa heute auf dem Corſo, t Vetter ſeß neben ihr in der Equipage und ſein wahn⸗ glühender Blick verhieß Gutes.“ uw das iſt der einzige Beweis, den Sie haben? ie Prinzipeſſa hatte dem Verwundeten für heute Abend ein nd ezvous bewilligt.“ „Nun gut“, ſagte der Wirth hiuzufügen, was Sie we Sie das nicht“, ſagte eine Stim Mört der achſelzuckend,“„ich will ſogar einlich nicht wiſſen, daß nämlich der Pul neſt du und dell, „Zrb widerie Der „W werden ſuge 3 auf de ſprich deten nhne mir, n mn a Sie i nichts Todest „D NR 5 Protok genacht A — deckt, ſol j 3 ſagte nir g Vorwi liebäu Ihrer treien ruhte 2 veht, bbrach. Kelner das ſei und etrieth, , den ſtagt⸗ pirth dem uhn⸗ —— 1313 der Pallaſt der Prinzi eſſa ſehr nahe hierbei liegt, aber was be zipeſſa ſeh 7 weiſt das Alles? Gar nichts. und dem, der ihn gedungen, „Trotzdem müßte man di erwiderte Willy ungedulbig. Der Wirth ſchüttelte energiſch das Haupt. „Wie wenig kennen Sie unſere Verhältniſſe“ ſagte er.„Vielleicht werden Sie meinen Worten keinen Glauben ſchenken, aber ich ſage Ihnen die Wahrheit, Signor und Sie werden wohl thun, auf ben Rath eines Mannes zu hören, der aus eigener Erfahrung ſpricht. Sie ſind beobachtet worden, uls Sie vor dem Verw in⸗ deten ſtanden, man weiß, vaß Sie ihm in meinem Hauſe Auf⸗ nahme verſchafft haben, und einen ſchlimmern Dienſt hätten Sie mir, nebenbei bemerkt, nicht leiſten können. Man wird ſie von nun an ſcharf beobachten, und es wäre möglich, daß der Dolch Sie träfe, ehe Sie die Anzeige gemacht haben. Es iſt weiter nichts nöthig, als daß man Ihre Abſicht erfährt, das genügt, das Todesurtheil über Sie zu fällen.“ „Die Polizei wich hierher kommen—“ „Vielleicht! Und wenn ſie kommt, ſo nimmt ſie einfach ein Protokoll über den Thatbeſtand auf, damit iſt die Sache ab⸗ gemacht.“ „Wie, ſo wenig gilt hier ein Menſchenleben?“ „Signor, die Polizei weiß, daß ſie niemals den Thäter ent⸗ deckt, wenn ſie ihn nicht auf friſcher That ertappt! Weshalb ſoll ſie ſich nutzloſe Mühe machen, ihm nachzuforſchen?“ „Schlimm genug, wenn ſolche Zuſtände hier möglich ſind“, ſagte Willy empört.„Aber der Geſandte muß— „Der Geſandte wird Ihnen baſſelbe ſagen, was Sie von mir gehört haben“, unterbrach der Wirth ihn.„Sie wollen uns Vorwürfe machen, ich glaube wir haben daſſelbe Recht. Weshalb liebäugeln die Fremden mit unſern Damen? Würde man in Ihrer Heimath ſolchen Verlockungen nicht auch energiſch entgegen⸗ treten?“ Den Mörder entdeckt Niemand, kann nichts bewieſen werden.“ ePolizei auf ihn auſmerkſam machen“, „Wenn in meiner Heimath ein Fremder etmordet würde, ſo ruhte die Polizei gewiß nicht, bis ſie den Mörder entdeckt hätte. Der Baſtard. 83 — 1314— „Das mag bdort nicht ſo ſchwer ſein, hier iſt es unmöglich. Und jede Nation hat ihre beſondere Weiſe, eine Unbill zu rächen. Wer nach Rom kommt, Signor, muß ſich mit den hieſigen Ber⸗ hältniſſen vertraut war ſogar ernſt gewarnt worden, weshalb hatte er nicht au dieſe Warnung geachtet? Der Wirth verließ ihn, um nach dem Verwundelen zu ſehen, an deſſen Schmerzenslager Frau Magdalena weilte. Nuch einer halben Stunde kehrte er zurü erwartungsvoll blickte Willy ihn an, er wagte nicht, eine rich 1 Wnyt 6 — — ₰ b . — 5 zuckend,„der Stoß hat, wie immer in ſolchen Fällen zu gut ge⸗ „Ja, er gibt tne Ho „Und der Ve iwu iſt noch immer bewußtlos?“ „Nein, die Dame ſpricht mit ihm, und er hat verlangt, mit ihr allein zu bleiben. Er weiß, daß er vor ſeinem Ende ſteht. Sie kennen ihn?“ „Ja.“ „Wenn Sie ihn noch einmal ſehen wollen— „Meine Mutter iſt bei ihm, das 2 Der Wirth blickte den jungen Herrn erſtaunt an, er hatte offenbar erwartet, daß derſelbe den Vunſch à äußern werde, von dem Freunde Abſchied zu nehmen. „Sie iſt ganz allein bei ihm?“ fragte Willy nach einer Pauſe. „Ja, er wünſcht es.“ „Und die Polizei?“ „Sie wird vielleicht morgen ſich einfinden.“ Willy ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden, der Wirth lä⸗ chelte ſarkaſtiſch. „Sie müſſen es nehmen, wie es iſt,“ ſagte der letztere,„Ihr Aerger ändert es nicht, und alle Geſandten der Welt werden aus den Römern keine andere Menſchen machen. Wenn der Ita⸗ A Unte kaun gen ſol — S* hatte von ner S — 1315— liener nach Deutſchland kommt, ſchüttelt er auch über Manches den Kopf, was ihm nicht zuſagt.“ Damit entfernte er ſich wieder. Willy wartete noch lange auf ſeine Mutter; ihre geheime Unterredung mit dem Sterbenden befremdete ihn, es unterlag ja kaum einem Zweifel, daß hier beſondere Urſachen zu Grund⸗ lie⸗ gen mußten. Wor es ein Geheimniß, welches ihm verborgen bleiben ſollte? Sie hatte ihn früher nie gekannt, nie geſehen, weshalb er⸗ ſchreckte ſie die Nachricht von ſeiner Verwundung ſo ſehr, weshalb beſtand ſie darauf, ihn zu pflegen und in ſeinen letzten Augen⸗ blicken an einem Lager zu weilen? Und weshalb hatte er ſelbſt verlangt, daß man ihn mit ihr allein laſſen ſollte, mit ihr, der Mutter ſeines tödtlich gehaßten Feindes, von der er nur Vorwürfe erwarten durfte? Der Schlaf übermannte ihn, ehe es ihm gelungen war, eine Antwort auf dieſe Frage zu finden, und als er endlich aus einem verworrenen, beängſtigenden Traume emporfuhr, war es heller Tag und Frau Magdalene ſtand vor dem Divan, auf dem er Nacht verbracht hatte. s er ihr in das bleiche Antlitz ſah, wußte er ſofort wieder, iſt todt?“ ſu agte er. zor einer Stunde habe ich ihm die Au en zugedrückt,“ er⸗ widerte die Mutter. „Und was hatteſt Du—“ „Frage mich jetzt nicht, Willy!“ ſchnitt Ma gdalene ihm das Wort ab.„Du ſollſt es erfahren, ich verſpreche es Dir, aber nicht jetzt.“ „Iſt es wirklich ein Geheimniß—“ „Ja, uud ein Geheimniß Deiner Mutter wirſt Du achten, bis ſie den Augenblick gekommen glaubt, indem ſie es Dir ent⸗ hüllen darf.“ Willy ſah die Mutter betroffen an, der Ernſt und die tiefe Wehmuth in ihren Zügen ließen ihn erkennen, er dieſes —— — 1316— Thema nicht weiter verfolgen durfte, wenn er ihr nicht Schmerz bereiten wollte. „Er war nicht ſo ſchlimm, wie es den Anſchein hatte,“ fuhr Frau Magdalene nach einer Pauſe fort,„böſe Geſellſchaft hat ihn verdorben und die edlen Keime in ihm erſtickt. Er bereute ſeine Verirrungen aufrichtig und vor ſeinem Ende beauftragte er mich, Dich und Arabella in ſeinem Namen um Verzethung zu bitten.“ „Ich weiß nicht, ob—“ „Willy, Du ſelbſt ſagteſt geſtern Abend, von den Todten dürfe man nur Gutes reden.“ „Es iſt nicht die perſönliche Beleidigung, ſondern die Schmach, die er mir angethan hat, Matter. Kann ſein Tod dieſe Schmach ilgen?“ „Geduld, vielleicht wird auch dies von Dir genommen wer⸗ den! Ich habe eine Bitte an Dich.“ „Sprich ſie aus.“ „Ich habe dem Todten verſprochen, ſeine Leiche in die Hei⸗ math zu bringen und ſeine Eltern auf den furchtbaren Sclag vorzubereiten.“ „Da hat Dein gutes Herz Dir einen ſchlimmen Streich ge⸗ ſpielt,“ ſagte Willy beſturzt. „Hätteſt Du es ihm verweigert?“ „Hm, es iſt ein ſchweres Opfer—“ „Nicht ſo ſchwer, daß man es nicht bringen tönnte und müßte, wenu man durch dasſelbe einem brechenden Menſchenherzen das Scheiden erleichtern kann, Du hätreſt dieſes Verſprechea auch gegeben, ich bin davon überzeugt. Darf ich auf Deine Begleit ing rechnen?“ Willy blickte gedankenvoll vor ſich hin, er konnte ſich nur ſchwer eatſchließen, Rom wieder zu verluſſen, nachdem er es kaum geſehen hatte. „Ich weiß wohl, daß es ein großes Opfer für Dich iſt.“ fuhr Frau Rodenberg fort,„aber Du kannſt ja ſpäter immer wieder hieher zurſcktehren. Und ich halte es ſogar für rathſam, daß Du jetzt Rom wieder verläßi.“ „Weshalb, Mutter?“ „Weil ich Deinen leidenſchaftlichen Charakler kenne, der nicht hel lön — 1317— ruhen wird, bis er den Mörder gefunden hat. Und man hat mir geſagt, ſolche Nochforſchungen ſeien gefährlich.“ „Bah, ich blaube nicht daran!“ „Weil Du nicht glauben willſt, und weil Du fürchteſt, man könne Deine Abreiſe als Feigheit deuten. Setze Dich darüber hin⸗ weg Willy und erfülle meine Bitte, Du gibſt mir dadurch die Ruhe wieder.“ „Du biſt entſchloſſen, zu reiſen?“ „Ich bin entſchloſſen, mein Verſprechen zu erfüllen“ „Und wonn müſſen wir abreiſen?“ „Alſo wihſt Du mich begleiten?“ „Eine Bitte meiner Mntter iſt mir ſtets heilig geweſen.“ „Ich danke Dir,“ ſagte Frau Magdalene.„Der Beſitzer dieſes Hotels hat mir hereits die Zuſage gegeben, uns in alen Dingen behülflich zu ſein, er glaubt, deß wir ſchon heute Abend re'ſen können.“ „Aber die Koſten, Mutter!“ „Die Familie wird ſie uns erſetzen, wenn wir es verlangen.“ „Nun denn, ſo wollen wir in Gottes Namen reiſen, das Ver⸗ ſprechen, welches einem Sterbenden gegeben wurde, muß erfüllt werden,“ ſagte Willy entſchſoſſen.„Und nun bitte ich Dich, laß' mich noch eine Stunde ruhen, und ruhe Du ſelbſt auch.“ Er drückte ihr die Hand und ging in ſein Schlafgemach und ſchon nach wenigen Minuten lag er wieder in tiefem Schlaf. 50. Kapitel. Die Verſuchung. Arabella Grimaldi hatte ſcheinbar willig ſich in die Verhält⸗ niſſe gefügt, als ſie, aus tiefem Schlaf erwachend, ſich in dem Reiſewagen wiederfand. Ihre Mutter ſaß neben ihr und Sam ihr gegenüber, und der Wagen fuhr über eine weite öde Ebene, auf der kein lebendes Weſen zu entdecken war. Die alte Frau hielt mit der dürren Hand ihcen Arm um⸗ klammert, als ob fie einen Fluchtverſuch fürchte, und dabei ſagte ſie ihr, dieſe Reiſe ſei unabänderlich nothwendig, um Gefahren, die ihnen drohten, zu entrinnen. Die Worte der Mutter überzeugten Arabella nicht ſo ſehr von der Rothwendigkeit dieſer Reiſe, als die drohenden Blicke Sams, die ſie für den Fall eines Widerſtandes das Schlimmſte befürchten ließen. Und Sam machte durchaus kein Hehl daraus, er ſagte ihr geradezu, daß er durch die Verhältuiſſe gezwungen ſei, Gewalt an zu wenden, wenn ſie nicht gutwillig ſich füge; es handle ſich nicht um ſie, ſondern um ſeine Mutter, die um jeden Preis vor der ihr drohenden Gefahr geſchützt werden müſſe. So unklar das Alles auch dem Mädchen war, ſo wenig es uh di ihr jib ven ſi ſchen wo hutt u erinneri war, Sie licherw an den ihre 2 E ſ mißte rechnel Abe erkunt den, de hoß ſie Sie ſch fün mund war, 1 niht i doner 6 uf d ihnen die an Hehl I heſtech nung Auſpy Schle wurt 2 auch die Nothwendigkeit dieſer Reiſe begreifen konnte, Eins war ihr jedenfalls klar, daß ſie keinen Widerſtand verſuchen durfte, wenn ſie nicht ſelbſt ſich den größten Unannehmlichkeiten aus⸗ ſetzen wollte. Sie wußte auch nicht, welche Mittel man angewandt hatte, um ſie in den Wagen gegen ihren Willen zu bringen, ſie erinnerte ſich nur, daß ſie während des Abendeſſens eingeſchlafen war,— weiter reichte ihre Erinnerug nicht. Sie ſchwieg, es widerſtrebte ihr, Fragen zu ſtellen, die mög⸗ licherweiſe nicht beantwortet wurden, ſie wollte warten, bis ſie an dem Ziel der Reiſe angekommen war und dann erſt über ihre Lage nachdenken. Es half ihr ja nichts, ob ſie ſchon jetzt Pläne entwarf, und ſich in Vermuthungen über das, was ihrer harrte erging, ſie mußte ſich gedulden, bis ſie mit Thatſachen, mit ſicheren Factoren rechnen konnte. Aber aus den Geſprächen, die ihre Mutter mit Sam führte, erkannte ſie, daß ſie unter dem Schutze eines reichen Lords ſtan⸗ den, daß das Ziel der Reiſe irgendwo in Schottland lag, und daß ſie eine reiche, hochgeſtellte Dame werden ſollte. Sie erfuhr ferner, daß triftige Gründe ihre Mutter zwangen ſich für einige Zeit verborgen zu halten, daß ſie von irgend Je⸗ mand aus der Heimath im letzten Angenblick gewarnt worden war, und daß es ihr großen Aerger bereitete, eine gewiſſe Summe nicht in Empfang genommen zu haben, die ihr bei einem Lon⸗ doner Bankhauſe angewieſen worden war. Es ſchien mitunter, als ob man ſie zu Fragen verleiten wolle, auf die man ſich ohne Zweifel vorbereitet hatte, aber ſie erzeigte ihnen den Gefallen nicht, ſie antwortete kaum auf die Fragen, die an ſie ſelbſt gerichtet wurden und machte im Uebrigen kein Hehl aus der Verachtung, die ſie gegen die Beiden empfand. Im Anfang hatte ſie eine leiſe Hoffnung gehegt, den Kutſcher beſtechen und deſſen Beiſtand anrufen zu können, aber dieſe Hoff⸗ nung ſchwand wieder, als ſie dem Mann ins Geſicht ſah. Sie ſchwieg während der ganzen Reiſe, die mehrere Tage in Anſprach nahm, und als ſie endlich vor dem alterthümlichen Schloſſe ausſtieg, welches ihr als das Ziel dieſer Reiſe bezeichnet wurde, bereute ſie faſt ſo gutwillig ſich gefügt zu haben. Dieſes feſtungsartige Kaſtell mit ſeinen hohen Mauern und * — 1320— Thürmen, in der einſamen von Felſen und Wäldern umſchloſſenen Gegend erſchien ihr wie ein Sefängniß, aus dem ein Entrinnen unmöglich war. Und ſo düſter wie das Aeußere, war auch das Innere dieſes Schloſſes. In der halbdunkeln, gewölbten Vorhalle empfing ſie der Ka⸗ ſtellan, der von ihrer Ankunft jedenfalls unterrichtet war. Es war ein alter, mürriſcher Mann, und ſeine Frau, deren Obbut er die Dame anvertraute, ſchien dasſelbe mürriſche, ver⸗ droſſene Temperament zu beſitzen. Arabella wurde in ein Zimmer geführt, welches einen wahr⸗ haft erkältenden Eindruck auf ſie machte. Es war ein hohes, weites Gemach mit ſchmalen Fenſtern, durch die das Licht nur ſpärlich eindrang und einem ſchwarzen, getäfelten Fußboden. Die Möbel waren alterthümlich und ſchwerfällig, die Gemälde, die an den Wänden hingen, ließen die Farben, mit denen ſie ge⸗ malt waren, kaum noch erkennen, kurz, wohin der Blick nur fallen mochte, wurde ſie an eine uralte Vergangenheit erinnert, für welche die Jetztzeit kein Verſtändniß hatte. An dieſes Zimmer, durch eine ſchwere, meſſive Thüre mit demſelben verbunben, ſtieß ein Schlafgemach, welches ebenſo dunkel Und unfreunblich war. Sier ſollte Arabella wohnen— wie lange, wußte ſie nicht, und mehr und mehr drängte ihr die Ueberzeugung ſich auf, daß ſie ſich in einem Gefängniß befinde. Glich doch auch die alte Frau mit den harten ſcharfen Zügen und dem ſtechenden, gefühlloſen Blick ganz einer Schließerin! Doß dieſes Weib Mitleid fühlen und ihr in Noth und Gefahr beiſtehen werde, durfte Arabella nicht hoffen, ein Blick auf dieſes Geſicht mußte ihr jede Hoffnung rauben. Die alte Frau entfernte ſich und kehrte bald darauf zurück, um einen kleinen Tiſch mit ausgeſuchten Delikateſſen zu beladen, dann ließ ſie das Mädchen allein, ihr es anheim ſtellen, ob ſie davon Gebrauch machen wollte od er nicht. Arabella hatte Hut und Shwal abgelegt, ſie trat an's Fenſter und blickte lange in Brüten verſunken hinaus. Von den Speiſen und Getränken etwas zu genießen, wagte ſe nih Pitel hitte werde, ſe uf ie vutitren gl fie Abe la in d enor felhoſt ſiel au wel ſo: Ka⸗ deren ver⸗ wahr⸗ ſen, Azen, nälde, ie ge⸗ uur inert, mit unkel nicht, daß igen fahr eſez en, ob ſter gte — 1321— ſie nicht, aus Furcht, ſie könne abermals durch ein betäubendes Mittel in einen bewußtloſen Zuſtand verſetzt werden. Hätte ſie hoffen dürfen, daß man ihr nichts in den Weg legen werde, ſo würde ſie ohne Zögern die Flucht ergriffen haben, ſelbſt auf die Gefahr hin, in der ihr völlig unbekannten Gegend ſich zu verirren und zu verhungern, ſo ſehr übermannte die Angſt ſie, als fie über das, was ihrer harrte, ſich in Vermuthungen erging. Aber wie hätte ſie dieſe Hoffnung hegen können! Sie hatte la in den Blicken Sam's geleſen und aus ſeinen Aeußerungen entnommen, daß ſie nichts hoffen durſte, un? Sam war unzwei⸗ felhaſt ein ſcharfer Wächter. Ein Geräuſch hinter ihr bewog ſie, ſich umzuwenden, ihr Blick fiel auf die alte Signora, die mit ſcheinbarem Intereſſe die Ein⸗ richtung des Zimmers muſterte. Raſch entſchloſſen ſchritt fie zur Thüre, die ſie abſchlo, dann trat ſie dicht vor die alte Frau, in deren Zügen ſich keine Spur von Ueber raſchung und Beſtürzung zeigte. „Weſſen Gefangene bin ich?“ fragte ſte mit ſcharfer Be⸗ tonung. „Gefangene?“ erwiderte Signora Grinaldi ſpöttiſch,„Wer hat Dir bieſe Thorheiten in den Kopf geſetzt?“ „Kannſt Du lengnen, daß ich es bin?“ „Dann wäre ich es auch.“ „Du mit Deinem freien Willen, ich aber—“ „Wir ſind es beide nicht,“ ſagte die alte Frau.„Wer kcun in dieſem Schloſſe ein Gefänguiß ſehen? Du mißtrauſt Allen und ſchaffſt dadurch ſelbſt Dir böſe Stunden.“ Der flammende Blick Arabella's ruhte durchdringend auf ihr, aber bas Weib begegnete dieſen Blick mit herausforderndem Trotz. „Ich will jetzt die volle Wohrheit wiſſen, ſagte ſie mit be⸗ bender Stimme,„ſo lange der Vagabund mir gegenüber ſaß, mochte ich nicht fragen.“ „Der Vagabund?“ fuhr Signora Grimaldi auf.„Dieſer Vegabund iſt Dein Bruder!“ „Das iſt eine Lüge!“ „Ereifere Dich nicht, es iſt die Wahrheit. Hätte ich bas Geld, welches ich an Dich verſchwendete, für ſeine Erziehung benntzt, ſo würde ich größeren Dank gekrntet haben; es iſt nicht ſeine — 1 Schuld, daß er, wie Du ſagſt, ein Vagabund geworden iſt.“ „Und iſt er wirklich Dein Sohn, ſo bin ich nicht Deine Tochter!“ „Ich habe Dir auf dieſen Unſinn oft genng geantwortet,“ ſagte das Weib achſelzuckend,„weshalb kommſt Du immer darauf zurück?“. „Weil es Dir nicht gelungen iſt und niemals gelingen wird, die Zweifel, die in mir aufgeſtiegen ſind, zu beſeitigen,“ erwiderte Arabella mit gehobener Stimme.„Aber davon will ich in deſem Augenblick nicht reden, ich verlange zu wiſſen, wo wir ſind!“ „In Schottl and.“ „Und wem gehört dieſes Schloß?“ „Einem engliſchen Lord.“ „Das Alles war mir wohl bekannt. Was beabſichtigt der Lord damit, daß er uns hier aufnimmt?“ „Wenn Jemand mir Gaſtfreundſchaft anbietet, muß ich ihn zuvor fragen, welche Abſicht dieſem Anerbieten zu Grunde liegt?“ fragte die Alte höhniſch.„Wer will es mir verargen, wenn ich das Anerbietes mit Dank annehme?“ „Die Gaftfreundſchaft eines Lords!“ erwiderte Arabella ver⸗ ächtlich.„Wer iſt dieſer Lord, und wovurch wurdeſt Du mit ihm bekannt? Man macht einer Zigennerin ein ſolches Anerbieten nich ohne—“ „Reſpect wenn ich bitten darf!“ rief Signora Grima di er⸗ bost.„Du haſt keine Berechtigung, Deine Mutter zu beleidigen und zu beſchimpfeu, ich habe Dir dazu keinen Grund gegeben und ſelbſt wenn es geſchehen wäre, dürfteſt Du mir ſolche Worte nicht ſagen. Wie ich mit dem Lord bekonnt wurde? Die Antwort iſt ſehr einfach. Sam iſt ſein Diener, und der Lord hat Dich im erſten Konzert geſehen.“ „Und das genügte—“ „Ja, das genügt, mir ſeinen Schutz anzubieten, als er er⸗ fuhr, daß ich verfolgt wurde.“ „Weshalb wirſt Du verfolgt? Auch dieſe Frage willſt Du nicht beantworten—“ „Weil ich es für beſſer hielt, Dich nicht zu beunruhigen. In Deinem Jutereſſe habe ich geſchwiegen, und Du ſollteſt mir da für danken.“ „Danken dafür, daß ich wie eine Gefangene behandelt werbe? entehr enden, Hoſt im Gef dadurch etwe doß nich di zuic, ub der übrigen nit der Kon ſein. Fan gune i „So ſat Arubella ve wegen, die het ſgen Nicht n tnnſt nit t nals Vetanl der Movn, t Ih begreiſe bie nich im „Sie li „Sie li deniſt! W fuhr Signo mehr ſo her Adruck. ſiten, und i Deine Cart Zeit ihren erkrankſt, verlierſt? ſin—“ er tet,“ bird, erte ſſen 2323 Danken dafür, daß ich Kontroktbrüchig geworden bin, und daß nun Jeder das Recht hat, einen Makel auf meine Ehre zu wer⸗ fen? Gegen meinen Willen bin ich dazu gezwungen worden, man hat ſich, um meinen Willen zu brechen, ruchloſer Mittel bedient und nun ſoll ich nicht einmal die Berechtigung haben, zu fragen, weshalb das geſchehen iſt?“ „Und wenn ich Dir nun ſagte, ich werde verfolgt, nicht eines entehrenden, aber doch eines Verbrechens wegen, und eine lange Haft im Gefüngniſſe ſei mein Troſt, wenn man mich finde, ürde dadurch etwas geändert, oder gebeſſert? Könnteſt Du wünſchen, daß mich dieſes Loos treffe? Auch auf Dich fiele etwas bavon zurück, und es wäre ſchlimmer als ein einfacher Kontraktbruch, der übrigens gar nichts zu bedeuten hat. Der Lord hat das Alles mit der Konzert⸗Direction arrangirt, Du kannſt alſo ganz ruhig ſein. Man gloubt in London, Du ſeieſt bedenklich erkrankt, und Krankheit löst den Kontrakt.“ „So hat man auch zur Lüge ſeine Zuflucht genommen!“ ſagte Arabella verächtlich.„Und weshalb das Alles? Einer Gefahr wegen, die mir unbekannt bleiben ſoll! Ich will Dir die Wahr⸗ heit ſagen, Du haſt mich verkauft an dieſen Lord—“ „Nicht weiter, Arabella,“ rief das Weib.„Du darfſt und kaunſt mir dieſen Vorwurf nicht machen, denn ich habe Dir nie⸗ mals Veranlaſſung dazu gegeben. Und der Lord iſt auch nicht der Maun, der einen ſolchen ſchmachvollen Handel ſchließen würde. Ich begreife nicht, daß Du auf dieſe Vermuthung kommen kannſt, die mich im höchſten Grade beleidigt.“ „Sie liegt näher, wie jede Andere!“ „Sie liegt nur deshalb nahe, weil Du ſtets das Schlimmſte dentſt! Wir wollen vernünſtig mit einander reden, Arabella“, fuhr Signora Grimaldi fort, und ihre Stimme klang jetzt nicht mehr ſo herb und ſcharf, nur ihr Blick bewahrte den lau enden Ausdruck.„Du weißt ſo gut, wie ich, daß wir Beide nichts be⸗ ſitzen, und ich meine, es müſſe Dir auch klar geworden ſein, daß Deine Carriere, ſo glänzend ſie auch ſein mag, nur eine kurze Zeit ihren Glanz behaupten wird. Was dann, wenn Du einmal erkrankſt, oder aber, was noch ſchlimmer wäre, Deine Stimme verlierſt? Unſere geringen Erſparniſſe werden bald aufgezehrt ſein—“ — 1324— „In dieſem Falle muß ich einen andern Erwerbszweig ſuchen.“ „Hm, das iſt leicht geſagt. Näherinnen und Putzmacherinnen gibt es in allen Städten ſo viele, daß man die Straße damit pflaſtern kann!“ 4 „Ich kann Unterricht ertheilen—“ „Glaubſt Du, das ſei ein angenehmes Brod? Ich finde es unbeßreiflich, daß Du nicht felbſt über Deine Zukunften chdenkſt⸗ Arabella. Und angenehm kann es auch nicht ſein, vor dus Pub⸗ likum zu treten und ſich das Urtheil eines jeden arroganten Lümmels gefallen zu laſſen. Wie leicht könuteſt Du allen dieſen Unannehmlichke ten ein Ende machen und Dir eine glänzende Zukunft in Pracht und Ueberfluß ſichern!“ „Wodurch?“ fragte Arabella kalt. „Durch eine Heirath.“ „Ah, Du betrachteſt das als ein Geſchäft? „In der heutigen Zeit iſt es nichts Anderes. Es iſt nichts weiter, als eine ſchöne Redensart, daß men auf die Stimme des Herzens hören müſſe, die Leute, die es thun, bereuen es in der Regel, ſie nagen ſpäter am Hungertuche.“ „Ich habe darin noch keine Erfahrungen gemacht—“ „Nimm meinen Rath nicht ſpöttiſch auf, ich will ja Dein Beſtes! Du brauchſt nur ein Wort zu ſprechen, ſo iſt dieſes Schloß und mancher andere Palaſt Dein Eigenthum, und—“ „Jetzt endlich wirfſt Du die Maske ab!“ fiel Arabella ihr mit ſchneidender Kälte in's Wort.„Alſo das war die Abſicht?“ „Und ich meine, Du müſſeſt zugeben, daß es die ehyrlichſte Abſicht von der Welt iſt!“ erwiderte die alte Frau.„Der Lord wirbt um Deine Hand, er iſt ein junger, hübſcher Mann—“ „Und iſt es nicht eine Unverſchäntheit, um die Hand einer Dame zu werben, she man ſich ihr vorgeſtellt hat?“ „Er wird das hente noch thun.“ „Heute noch?“ fragte Arabella beſtürzt. „Er iſt uns vorausgeeilt.“ „Und Dir ſteigt bei dieſer Erklärung nicht die Röthe der Scham in die Wangen? Alſo eine Falle iſt es, in die ich Gewalt und Lüge gebracht worden bin?“ In den Augen des Weibes blitzte es jäh auf. „Er iſt alſo hier?“ 6 ve hi t 6un uñ Lnon venn 26 6 vel un len cett eſe ſehen, nit vurſul⸗ Pie Erfüllu Ehrl lichkeit ſ „Und D zu habent“ „achben di zu) heir „Nutirli „Kunnſt bie, welche d „Als ob abhinge!“ „Virder lich ſein, we „Und iſ thuns wege achtet?“ fre „Bah, „Schon zu ſwingen, „ich ſ „Darin, heſchütt, un wit drohen wenn ich ſe und nich ſe „Vilſſt J, de dieſe Ankla the hunt inde e u chdenhſ, des Pub⸗ mganten len diſen glängnhe iſt niht tinne dez e in der 0 ja Dein iſt dieſes d— abella iht Abſcht?“ ehrlichſte Der Lord un—“ nd einer ſo hier?“ öthe der ich durch ——— = M — 1355— „Ich verbitte mir ernſtlich ſolche Worte“ ſagte ſie.„Von Fallen, Gewalt und Lüge kann hier keine Rede ſein. Die Flucht aus London war für mich eine Sache der Nothwendigkeit und wenn ich Dich mitnahm, ohne Dich vorher zu fragen, ſo that ich das nur, weil mir keine Zeit zu langen Erklärungen blieb, und weil ich Deinen Eigenſiun kenne, der mit zäher Ausdauer an den tollſten Vermuthungen feſthält. Der Lord hatte Dich im Con⸗ cert Leſehen, und Sam war ſein Diener, durch Sam ließ er ſich mir vorſtellen und mich bat er, ihn mit Dir bekannt zu machen. Die Erfüllung dieſes Wunſches verweigerte ich, weil ich von der Ehrlichkeit ſeiner Aoſichten noch nicht überzeugt war—“ „Und Du willſt behaupten, dieſe Ueberzeugung jetzt erlangt zu haben?“ „Nachdem er mir geſagt hat, daß es ſeine ernſte Abſicht ſei, Dich zu heirathen— ja.“ „Natürlich wird dabei auf mein Urtheil, meine Anſchauungen und Wünſche weiter keine Nückſicht genommen!“ „Kannſt Du denn eine glänzendere Zukunft verlangen, als die, welche durch dieſen Antrag Dir geboten wird?“ „Als ob von Pracht und Ueberfluß das Glück des Lebens abhinge!“ „Wiederum eine Redensart, Arabella. Der Reiche kann glück⸗ lich ſein, wenn er es will, der Arme iſt es nie.“ „Und iſt der Reiche anch dann glücklich, wenn er des Reich⸗ thums wegen an einen Menſchen geſchmiedet wurde, den er ver⸗ achtet?“ fragte Arabella ſcharf. „Bah, weshalb ſollteſt Du den Lord verachten?“ „Schon deshalb, weil er dieſen Weg gewählt hat, um mich zu zwingen, ſeine Werbung anzunehmen.“ „Dich zu zwingen? Worin läge denn der Zwang?“ „Darin, daß er mir den Vorwurf machen wird, er habe uns beſchützt, und ich müſſe ihm dafür dankbar ſein. Darin, daß er mir drohen wird, er werde uns vor die Thüre werfen laſſen wenn ich ſeine Werbung nicht annehme. Das iſt der Zwang⸗ und mich ſollte es wundern, wenn Du nicht daran gedacht hätteſt!“ „Willſt Du damit ſagen, ich habe mich mit ihm verbündet—“ „Je, das behaupte ich, und für Dich gibt es nur ein Mittel, dieſe Anklage zu widerlegen.“ — 1326— „Welches?“ „Laß mich gehen, wohin es mir beliebt!“ „Und ich? Was ſollte aus mir werden?“ „Das Geld, welches wir noch beſitzen, will ich Dir ganz überlaſſen, es wird zur Reiſe nach Amerika hinreichen. Dort biſt Du vor weiterer Verfolgung ſicher, und ich verpflichte mich, Dir von Zeit zu Zeit zu ſchicken, was Du bekarfſt.“ „Und Du?“ „Ich kehre nach London zurück, um die Bedingungen meines Kontrakts zu erfülln. Sollte auch dann noch der Lord, deſſen Namen ich nicht einmal kenne, mich verfolgen, ſo werde ich die Behörde auffordern, mich zu beſchützen, für eine Dame iſt das ehrenvoller, als ſich unter den Schutz eines reichen Ma nes zu ſtellen, der vielleicht den Ruf eines ehrloſen Wüſtlings genießt.“ Die alte Frau lachte heiſer, es war das Lachen eines Sa⸗ tans. „Ich denke nicht daran, mich von Dir zu trennen“, ſagte ſie „und es iſt lieblos von Dir, daß Du es von mir verlangſt Ich bin eine alte Frau und ſtehe ganz ollein in der Welt, Du ſollteſt Rückſicht auf mich nehmen und bedenten, daß auch meie letzten Tage geſichert werden, wenn Du den Antrag des Lords annimmſt.“ „Ich werde ihn nicht annehmen“, erwiderte Arabella kalt. „Iſt das Dein feſter Entſchluß?“ „Ja.“ „Du kennſt den Lord noch nicht—“ „Mich verlangt auch nicht, ihn kennen zu lernen.“ „Arabella, ich rathe Dir—“ „In dieſer Angelegenheit laſſe ich keinen andern Rath gelten, als den, welchen die innere Stimme mir eingibt, denn es hanbelt ſich bei dieſem Schritt um das Glück meines Janzen Lebens. Und ich ſagte Dir ſchon, daß ich den Mann, der zu ſolchen Mitteln greift, verachte.“ „Er hat nichts gethan, was „Ich urtheile darüber nach meiner eigenen Anſchauung“ „Du wirſt alſo die Werbung unter keiner Bedingung anneh⸗ men?“ fragte die Alte mit ſcharfer Betonung. Rein 4 — Gefüngr einen u det bor „W meine 2 ſeitigt“ nicht z gegen — Sr gan i e nich, en weinez d, deſen ſe iſt das genießt. ath gelten, es handelt Und 0 ung ung anneh⸗ „Dann begleiteſt Du mich nach Anerika“ „Auch das nicht!“ „Du verweigerſt mir den Gehorſam?“ „In dieſem Falle bia ich mir ſelbſt ſchuldig, es zu thun.“ „So willſt Du alſo mich in's G ängniß bringen?“ jammerte das Weib, mährend ihr lauernder Blick forſchend das bleiche Antlitz es Mädchens ſtreifte. Und das thut mein eignes Kind, welches mir ſo viel verdankt! Welch e Opfer habe ich Dir ge⸗ bracht!“ „Ich habe mich ſtcts dankbar bewieſen und werde es e ch ferner thun, aber es wäre unbillig zu verlangen, daß ich meis Lebensglück dafür hingeben ſoll. Fürchteſt Du das Gefängniß und ruht wirklich eine Schuld auf Deinem Gewiſſen, ſo ſteht es Dir ja S auszu wand de un „Wohlan, dann mußt Du auch fortan meinem Willen Dich fügen. 3uf der Reije hierher habe ich den Entſchluß gaßt, von Andre sic zu un Ich werde mic h einmal a deren häßliche Zöge ein boshaftes Grinſen verzerrte,„wenn die Sachen ſo liegen, dann „ weiß ich auch, was ich zu thun habe.“ Ich bin auf Alles gefaßt! fürchten, aber zwingen werde ich eirathen, und dann mag er ſelbſt zuſchen, wie er Dein pf beugt. Du haſt dieſes Schloß ein efängniß genanut, e 6 t fortan ein Geſängni für Dich ſein, bis du zur Beſinnung gekommen biſt.“ Hoch aufgerichtet, das Haupt ſtolz urückgeworfen, und mit einem trotzig entſchloſſenen Zuge um die Lippen ſtand Arabella der boshaften Frau gegenüber. „Wenn ich noch einen Zweifel gehegt habe daran, ob Du meine Mutter biſt, oder nicht, ſo iſt dieſer letzte Zweifel jetzt be⸗ ſeitigt,“ ſagte ſie mit gehobener Stimme.„So kann eine Mutter nicht zu ihrem Kinde reden, ſo hart und granſam kann ſie nicht gegen es ſein. Tbut, was Ihr welit, Du und der Vagabund, ich S — 1328— werde Alle, der Liſt wie der Gewalt die Stirne bieten und für 1 den ſchlim nſten Fall bleibt mir der Tob.“ S. Bei den erſten Worten hatte Signora Grimaldi heftig auf⸗ 1 fahren und ihr das Wort obſchneiden wollen, aber ſie ſchien ſich 36 doch eines Andern zu beſinnen, ſie blieb äußerlich ruhig, und 6 nur das Zucken ihrer Lippen verrieth den Kampf in ihrem Innern. „Das Alles iſt Unſinn,“ ſagte ſie ſpottend, kindiſche Unver⸗ nuaft, die ihre Weishet aus überſpannten Romanen ſchöpft. Ich writ gebe Dir gar keine Antwort darauf, es iſt beſſer, ich überlaſſe vobe 3 es Dir, über meine Worte nachzudenken, Du wirſt vielleicht doch* zur Einſicht kommen.“„ „Ich werde Dir niemals eine andre Antwort geben, als die, velon welche Du vorhin erhalten haſt,“ erwiderte Arabella. vord⸗ „Wir werden ſehen!“ ts ſür „Und die Folgen werden auf Dich ſelbſt zurückfallen.“ Vhr Signora Grimaldi ſtand an der Thüre, noch einmal wandte 1 ſie das grinſende Antlitz dem Mädchen zu. 4 „Ich brauche Dir wohl nicht zu ſagen, daß ein Fluchtverſuch ℳ verlorene Mühe wäre,“ verſetzte ſie,„Sam, der Vagabund, iſt„ ein guter Wächter, außerdem—“ beuge „Es iſt unnütz, mich darauf aufmerkſam zu machen.“ l „Dennoch hielt ich es für rathſam, damit Du nicht Hoff⸗„ nungen hegſt, die Dich abhalten könnten, einen vernünftigen Ent⸗ hoffe, ſchluß zu faſſen.“ Die alte Frau verließ das Gemach und ſchritt raſch durch den langen, dunklen Korridor. Die ihr angewieſenen Zimmer uns lagen dicht neben denen Arabella's, Signora Grimaloi ſchritt k daran vorbei und trat endlich nach kurzem Anpochen in eine kleine ſchon Erkerſtube, in welcher der Lord ſie offenbar erwartet hatte.. geben Er legte die Zeitung, in der er geleſen hatte, hin und heftete usſi den Blick feſt auf das Weib. entde „Welche Nachrichten bringen Sie mir?“ fragte er. Shl „Leider muß ich antworten: keine guten!“ erwiderte Signora ii Grimaldi. zin „Sie will nicht?“ „Nein.“ „Und welche Gründe—“ ud für 3 auf⸗ ten ſich und ihren Unver⸗ t. J berlaſe cht doch als die, wandte werſuch nd, it t Hoff⸗ en Ent⸗ dutch Zinner ſchritt ekleine heftete ignora — — — 1329— „Sie hat keine Gründe, Mylord, wenigſtens keine, die man gelten loſſen könnte. Ich denke Koch immer, es iſt nichts weiter, o1s Eigenſinn—“ „Aerger darüber, doß ſie gegen ihren Willen hieher gebracht worden iſt?“ „Pieſen Vorwurf hat ſie mir auch gemacht.“ „Und eben deshalb wäre es beſſer geweſen, Sie hätten bis morgen gewartet,“ ſagte der Lorb unwillig.„Sie wollten auf meinen Rath nicht hören, nun fürchte ich, hahen Sie Alles ver⸗ dorben.“ Die alte Frau ſchüttelte das Haupt. „Ich hätte nicht warten konnen,“ erwiderte ſie.„Arab lla verlangte zu wiſſen, wo ſie war und weshalb ſie hieher gebracht worden iſt. Da mußte ein Wort das andre geben, uno ich hielt es für das Beſte, ihr reinen Wein einzuſchenken und mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge zu halten.“ „Und darauf antwortete ſie Ihnen—“ „Daß ſie ihr Jawort nicht geben werde.“ „Gut,“ ſagte der Lord.„Was ſoll nun geſchehen?“ „Es bleibt eben nichts Andres übrig, als ihren Trotz zu beugen.“ „Und wodurch glauben Sie das zu erreichen?“ „Ich habe ihr geſagt, daß ſie eine Gefangene ſei, und ich hoffe, in der Einſamkeit wird ſie zur Einſicht kommen.“ „Und welche Friſt wollen Sie ihr geben?“ „Darüber kann ich nichts beſtimmen, Mylord, wir müſſen uns gedulden.“ „Darin pflichte ich Ihnen nicht bei,“ erwiderte der Lord, der ſchon jetzt die Geduld verloren zu haben ſchien.„Sie werden zu⸗ geben, daß ich ihretwegen mich der Gefahr eines Kriminalprozeſſes ausſetze. Sie werden ſerner zugeben, daß die Polizei Ihre Fährte entdecken und verfolgen kann, und daß in dieſem Falle auch dieſes Schloß Ihnen keinen Schutz gewähren kann und wird, wenn ich nicht zum Aeußerſten ſchreite und dadurch, daß ich die Pvlizei hintergehe, mich zu Ihrem Mitſchuldigen mache.“ „Alles das iſt mir bekannt.“ „Sehr wohl. Sie werden alſo auch einſehen, daß mein ganzes Der Baſtard. 84 * —5 ferneres Verhalten von dem Entſchluß Arabella's abhängt, und daß vieſer Entſchluß ſehr bald gefaßt werden muß. Sehr bald, Signora, denn burch Ihrt langſame Reiſe hieher eind mehrere Tage vꝛrloren gegangen, welche die Londoner Polizei unzweifel⸗ haft benutzt haben wird.“ „Gewiß, gewiß—“ „Würde alſo Arabella bei ihrem Entſchluß beharren, ſo ſähe ich mich gezwungen, meine Gäſte ihrem Schickſal zu überlaſſen und ſie zu erſuchen, eis anbres Aſyl zu ſuchen; es wäre ſogar möglich, daß ich ſelbſt, um jede Schuld von mir abzulenken der Polizei einen Fingerzeig geben würde.“ „Mylord, dos iſt gegen die Abſprache!“ fagte Signora Gri⸗ maldi erſchreckt.* „Keineswegs!“ „Sie erklärten damals, keinen Zoang ausüben zu wollen!“ „Ich erklärte Ihnen, daß ich wiſſen müſſe, was ich zu er⸗ warten habe, um dauach meinen eignen Entſchluß zu faſſen. Sie erwiderten mir darauf, Arabella ſolle meine Gattin werden, und ich vertraute darauf—“ „Eine feſt⸗ Zuſage habe ich Ihnen nicht gegeben.“ „Sie thaten es, wenigſtens wahm ich das an, und ich erwarte nun, daß Sie Wort halten.“ Die alte Frau war vollſtändig verwirrt, ſie erkannte, daß ſie ſich in einer ſehr unangenehmen, peinlichen Lage befand, und daß ſie ſich ganz und gar in die Hände des Lords begeben hatte. „Ich werbe thun, was ich vermag,“ ſazte ſie kleinlaut. „Und bis wann werde ich eine befinitive Antwort erhalten?“ „Ich hoffe, in den erſten Tagen— „Ich will Ihnen Zeit laſſen bis morgen Abe id.“ „Und wenn Arabella dann noch immer bei ihrer Antwort beharrt?“ ⸗ „Dann, Madame, ewarte ich, daß Sie mir geſtatten werden, die Sache in meiner Weiſe zu ordnen.“ „Gewalt, Mylord—“ „Bah, wo denken Sie hin? Dieſe Abſicht liegt mir ſehr fern!“ „Ich wür e das kein sfalls dulden—“ „Verzeihen Sie, iſt Miß Arabella wirklich Ihre Tochter?“ Betroffen blickte Signora Grimaldi den Fragenden an. Pie „Nei Frau 5 rietch gufbi könn Frlut wider jedem Verfo durch nicht gekon 3 —— — legen — — 1331— „Wie kommen Sie zu bieſer Frage?“ erwiderte ſie. „Ich dächte, wir hätten ſchon darüber geſprochen.“ „Nein, MWylord.“ „Nun, dann bitte ich, meine Frage zu bean worten.“ Der Ton, in dem er das ſagte, war wohl geeignet, pie alte ſhe Frau zu befremben und zu beunruhigen, aber ſie bewahrte ihre — Faſſung nur das unwillfürliche Niederſchlagen ihrer Augen ver⸗ S — S — Met S rieth das ſchuldbeladene Gewiſſen. dr„ 6 2— 6 * 1„Ich begreife nicht, daß Sie daran zweifeln können,“ ſagt ſie. P „Und ich, Madame, begreife nicht, daß Sie mir dieſe Litge g aufbinden wollen,“ erwiberte der Lord mit kühler Ruhe. u Gri⸗ „Sie ² können doch annehmen, daß ich über die Urſache Ihrer Verfolgung Erkundigungen eingezogen habe.“ Signora Grimaldi wagte nicht, die Augen aufzuſchlagen, ſie olen“ föhlte inſtinktiv, daß der Blick des Lords durchbohrend auf ihr ruhte. Sie„Welches Reſultat dieſe Erkundigungen auch gehabt haben u und mögen,“ ſagte ſie,„ſo bleibe ich vennoch dabei, vaß—“ „Sie werden darch Ihre Behauptungen dieſes Refultat nicht widerlegen können,“ unterbrach Mylord ſie in einem Tone, der werte jedem ferneren Widerſpruch vorbeugen zu wollen ſchien. Ihre Verfolger haben ſich mit der Polizei in Verbindung geſetzt, da⸗ daß ſie durch würde es mir leicht, die Wahrheit zu erfahren. Arabella iſt ————— 5deß nicht Ihre Tochter, Sie haben das Mädchen in ſeiner früheſten te. Kindheit den Eltern geraubt, und dies iſt erſt jetzt an den Tag gekonmen.“ lm 1 Die alte Frau zuckte die Achſeln, als ob ſie andenten wolle, ſie halte es nicht der Mühe werth, ſolche Behauptungen zu wider⸗ legen, und in der That mochte ſie es auch wohl für beſſer halten, ntwort zu ſchweigen, bis ſie wußte, wohinaus der Lord wolltte. „Sie werden mir wohl nicht ſagen wollen, wer die Eltern erden, dieſes Kindes ſind?“ fragte er. „Ich kann Ihnen überhaupt anf dieſem Felde nicht folgen—“ „Weil Sie noch immer hoffen und glauben, ich werde mich ſern!“ von Ihnen dupiren laſſen. Dies iſt eine vergebliche Hoffnung, Madame, denn welche Maske Sie auch vorhalten mögen, mein r ſcharfer und in ſolchen Dingen erfahrener Blick wird ſie aurch⸗ 84* — 1332— pringen. Die Quelle, aus der ich meine Nachrichten geſchöpſt habe, iſt in jeder Weiſe zuverläſſig, und was Sie auch dagegen ſagen mögen, meinen Glauben an dieſe Quelle werden Sie nicht erſchüttern. Wollte ich mir Beweiſe verſchuffen, ſo wäre mir das ein Leichtes. Ich könnte Miß Arabella berichten, was ich weiß und mir dadurch ihren beſonderen Dank erwerben—“ „Dieſe Hoffnung würde Sie täuſchen, Mylord,“ fiel Signora Grimald' ihm in die Rede. „Wenn Sie dem Mädchen dieſe Eröffnungen machten, ſo würde Arabella auf mich keine Ruckſichten mehr nehmen und Alles daran ſetzen, aus dieſem Hauſe zu eutfliehen. Sie täuſchen ſich ohnedies, wenn Sie auf die Dankrarkeit Arabella's Hoffnungen bauen, das Mädchen hat mir erklärt, daß ſie Ihnen das Recht, ſich auf dieſen Punkt zu ſtützen, niemals einräumen werde.“ Ein ironiſches Lächeln umzu?te die Lippen des Lords. „Ich denke darüber anders,“ ſagte er achſelzucken.„Durch dieſe Mittheilung würde ich ihr den Ernſt und vie Redlichkeit meiner Abfichten bewriſen und— aber ich denke nicht darau, we⸗ nigſtens vorläufig nicht. Miß Arabella iſt nicht Ihre Tochter, das ſteht feſt und ſomit kann es Ihnen ziemlich gleichgültig ſein, welches Loos dieſe Dame treffen wird, wenn Sie nur Ihren Vortheil dabei finden.“ „Sie halten mich für ſehr herzlos!“ „Bah, ich taxire Jeden nach ſeinem Werthe— „Aber Sie wiſſen doch nicht—“ „Mabame, ich habe Erfahrungen genug gemacht, um zu wiſſen, wie hoch ich Sie taxiren darf. Ich will Ihnen reigen Wein ein⸗ ſchenken, damit auch Sie wiſſen, woran Sie ſind. Sodalo Ara⸗ bella meine Gattin geworben iſt, werden Sie uus verlaſſen. Es ſteht Ihnen frei, wohin Sie gehen un welche Mittel Sie wählen wollen, um ſich vor Ihren Verfolgern zu verbergen.“ „Mylord, dieſe Erklärung—“ „Uuterbrechen Sie mich nicht. Sie werden ſelbſt einſehen, daß ich Ste vicht in die Kreiſe einführen kann, in denen ich mich be⸗ wege, Sie werden auch einſehes, daß Sie in meinem Hauſe keines⸗ wegs vor Ihren Verfolgern ſicher ſind.“ „Ihr bedeutender Einfluß—“ „Es handelt ſich hier nicht um ein lichtes Vergehen, ſondern „ llug 9 Zweif ihrer gänze die er g ſein, q Ven iſſen, in ein⸗ Ara⸗ . Es vählen n daß ich be⸗ keineß⸗ — — * xx — — 1338— um ein Verbrechen, welches die Geſetze aller Länder mit ſchweren Strafen bedrohen, und einen Verbrecher kann mein Einfluß, ſo ſchwermiegend er auch in anderen Dingen ſein mag, nicht ſchützen. Wenn Sie geglaubt haben, als die Mutter meiner Gtttin eine hervorragende Rolle ſpielen zu könuen, ſo war das eine Selbſt⸗ täuſchung, an der ich keine Schuld trage, und die ich um ſo we⸗ niger begreife, weil Sie wußten, daß Arabella nicht ihre Tochter iſt. Ich werde natürlich dafür ſorgen, daß Sie eine vollkommene ſorgenfreie Exiſten- haben, ich werde Ihnen ein Jahresgehalt zahlen, welches Ihnen geſtattet, das Leben einer vermögenden Dame zu führen, und ich meine, damit müßten Sie zufrieden ſein, denn unmöglich können Sie mehr verlangen!“ Und Sam? fragte bie alte Frau. „Auch für ihn merde ich ſorgen. Er mag ſelbſt beſtimmen, in welcher Weiſe es geſchehen ſoll, er wird mich bereit finden, allen billigen Wünſchen Rechnung zu tragen. Ich hoffe, er werd keine unverſchämte Forderung ſtellen, die ich nicht erfüllen kann, er iſt klug genug, einzuſehen, daß er dadurch nichts erreichen würde.⸗ In bem lauernden Blick der Signora ſpiegelten ſich noch immer Zweifel und Mißtrauen und die ſcharf hervortretenden Falten auf ihrer Stirne verriethen ihren Aerger über die Bernichtung ihrer glänzenden Hoffnungen. Sie hatte das nicht erwartet, im Gegentheil, ſie hate zuver⸗ fichtlich geglaubt, dem Lord Bedingungen vorſchreiben u können, die er erfüllen müſſe und werde, um ſein Ziel zu erreichen. Sie war entſchloſſen geweſen, ihre Fo derungen ſo hoch mie möglich zu ſchrauben, um ſich ſelbſt di⸗ größten Vortheile zu ſichern, und nun mußte ſie plötzlich entdecken, daß die Rollen vertauſcht waren und daß ihr nichts mehr übrig blieb, als ſich den Bedingungen zu fügen, die ihr ſelbft geſtelt wurden. „Und wie groß würde das Jahresgehalt ſein?“ fragte ſie nach ei Pauſe. „Ueberlaſſen Ste es mir, da zr heſtimmen,“ erwiderte My⸗ „ r lord,„ich werde Ihnen beweiſen, daß ich kein Knicker bin.“ „Aber die Garantie—“ „Madame, mein Wort muß Ihnen eine genügende Bürgſchaft ſein! Ich hahe ja, menn ich die Sache von einer anderen Seite betrachten will, darchaus keine Veopflht ingen gegen Sie, im — — 1334— Gegentheil Sie müſſen mir Dank wiſſen, daß ich Ihnen meinen Schutz angebeihen ließ. Ich könnte die Behörde benachrichtigen, daß Sie hier ſeien—“ „Dann wäre Arabella für Sie verloren!“ „Das möchte ich mit Sicherheit nicht behaupten! Ich glaube eher, daß Miß Arabella mir dafür dankbar ſein würde—“ „Dankbar? Gewiß nicht! Sie würde darin nur einen mora⸗ liſchen Zwang erkennen, den Sie auf ſie auzüben wollen, und dieſe Erkenntniß wäre nur geeignet, ihr Verachtung einzuflößen.“ „Madame, Sie werden mir keine Beſorgniſſe—“ „Vergeſſen Sie nicht, Mylord, daß ich Arabella von Kindes⸗ beinen auf kenne.“ „Und vergeſſen Sie nicht, Madame, daß Miß Arabella weder Achtung noch Liebe zu Ihnen fühlt.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Ich weiß es.“ „Sie haben noch kein Wort mit dem Mädchen geredet.“ „Und dennoch weiß ich es.“ „So hat Sam eine Lüge ausgeſprochen, die er nicht verant⸗ worten kann.“ „Halten wir uns an Thatſachen,“ ſagte Mylord gemeſſen. „Is habe Ihnen gezeigt, was Sie zu erwarten haben, ſowohl nach der einen, wie nach der andern Seite hin, und Sie werden nun ſelbſt ermeſſen können, auf welcher Seite der größere Vortheil für Sie liegt. Sie werden ferner die Ueberzeugung erlangt haben, daß das, was geſchehen ſoll, raſch geſchehen muß.“ „Und wenn nun Arabella mit Eatſchiedenheit bei ihrer Wei⸗ gerung beharrt?“ „Ich werde heute Abend bei Ihnen zum Thee erſcheinen,“ fuhr der Lord ſort, ohne von ihrer Frage Notiz zu neh en,„Sie werden mich vorſtellen und das Zimmer verlaſſen, ſobald ich Ihnen einen Wink gebe. Habe ich mit ihr geſprochen, ſo werde ich wiſſen, welchen Weg ich einſchlagen muß, um mein Ziel zu er⸗ reichen.“ „Und ich frage noch einmal, Mylord, was ſoll geſchehen, weun Arabella ihre Zuſtimmung nicht geben will?“ „Dann werde ich ſie zwingen, mir das Jawort zu geben.“ „Durch welche Miütel?“ gevinn hus Ge lung be Sig o Sie gli iſt ledi nin be wird d De der alt werden C N gewor laube norg⸗ und en⸗ indez⸗ weder — 1335— „Madame, es gibt Mittel, den Verſtand eines Menſchen für eine kurze Zeit zu verwirren, ohne daß ſeine Geſundheit den ge⸗ ringſten Schaden dadurch leidet. In dieſer Verwirrung wird ſie das Jawort geben und mehr bedarf es nicht.“ „Das Jawort in der Kirche?“ fragte Signora Grimaldi überraſcht. „Oder in meiner Hauskapelle, was ja dasſelbe iſt.“ „Aber der Geiſtliche?“ „Er hat von mir ſeine Pfründe erhalten, alſo iſt er auch ab⸗ hängig von mir.“ „Und was glauben Sie wird Arabella dazu ſagen, wenn ſie ſpäter erfährt, daß ſie durch ſolche Mittel an Sie gekettet wor⸗ den iſt?“ „Wenn Arabella erfährt, daß ſie meine Gattin iſt, und daß der Prieſter dieſen Bund geſegnet hat, wird ſie die Ueberzeugung gewinnen, daß meine Abſichten die ehrenwertheſten ſind, ſie wird das Geſchehene anerkennen und ſich bald mit ihrer neuen Stel⸗ lung befrennden, die ja nur beneidenswerth genannt werden kann.“ Signora Grimaldi ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Ich fürchte, Sie werden größere Schwierigkeiten finden, als Sie glauben,“ ſagte ſie. „Nun wohl, ich werde ſie überwinden, und dies Madame, iſt lediglich meine Sache. Ich verlange von Ihnen nicht, daß Sie mir bei der Löſung dieſer Aufgabe beiſtehen ſollen. Morgen Abend wird die Trauung ſtattſinden.“ „Unter allen Umſtäden?“ „Jawohl, unter allen!“ „Und glauben Sie, auf die Wirkung des vorhin erwähnten Mittels ſich verlaſſen zu können?“ Der Lord wandte langſam das Antlitz ab, der ſtechende Blick der alten Fran ſchien ihm unangenehm zu ſein. „Ich weiß, daß ich darauf vertrauen kann,“ erwiderte er. „Gut,“ nickte die Alte,„aber es darf nur dann angewandt werden, wenn—“ „In äußerſten Falle, Madame!“ „Und wann muß ich das Schloß verlaſſen?“ „Je nach den Umſtänden. Wenn Miß Arabella meine Gattin geworden iſt, werde ich Sie ſchützen, ſo lange und ſo gut ich — 1336— es vermag, darauf dürfen Sie feſt vertrauen. Sie werden hier bleiben, bis ich eine Gelegenheit finde, Sie an einen andern Ort zu bringen, an dem Sie vollſtändig geſichert ſind.“ „Wie aber dann, wenn man in Ihrer Gattin jene Arabella Grimaldi erkennt, deren Mutter von der Polizei verfolgt wurde?“ „Arabella wird klug genug ſein, dieſe Entdeckung zu verhüten. Sobald ſie ſich in die Verhältniſſe gefunden hat, werde ich mit ihr eine lange Reiſe antreten und ich glaube nicht, daß man nach unſrer Heimkehr ſich jener Arabello Grimaldi noch erinnern wird, die nur einmal aufgetreten iſt und nur von wemgen Per⸗ ſonen geſehen wurbe.“ „Ja, wenn Arabella ſelbſt ſich mit dem Vorgefallenen be⸗ freundet hat—“ „Laſſen Sie das meine Sorge ſein. Sie werden morgen nach⸗ dem Arabella mich kennen gelernt hat, noch einmal Ihre ganze Ueberredungskunſt aufbieten, um das Mädchen zu einer freiwilli⸗ gen Zuſage zu bewegen, aber ſeien Sie dabei vorſichtig, damit nicht ein Argwohn geweckt wird, der unſern Plan vereiteln könnte.“ „Wenn Sie mir eine längere Friſt ließen—“ „Sie haben die Gründe gehört, die es mir nicht geſtatten, Und nun genug, Madame!“ Signora Grimalbi hatte offenhar noch mauche Frage auf den Lippen, aber ſie drängte ſie zurück, der heroriſche Ton, in wel⸗ chem der Lord die letzten Worte geſprochen hatte, ließ ſie erkennen, daß es nicht rothſam war, das Thema weiter fortzuſpinnen. Kaum hatte ſie das Gemach verlaſſen, als die Portiére hinter dem Sitz des Lords ſich theilte und Sam eintret. Der Lord war über dieſes plötzliche Erſcheinen ſeines Diener keineswegs erſtaunt, er hatte ja gewußt, daß Sam hinter der Poriise ſtand, er ſelbſt hatte ihn auf dieſen Lauſcherpoſten geſchickt. Du haſt Alles gehört, was ich mit Deiner Mutter geſprochen habe?“ fragte er. „Jawohl Mylord.“ „Und welches Urtheil bildeſt Du Dir darüber?“ „Die alte Fran wird Alles aufbieten, den Trotz des Mäd⸗ chens zu beugen.“ 0 Y engen harten hier nDrt abella rde2“ üten. h mit — en be⸗ nnach⸗ ganze iwilli⸗ damit reiteln tatten, uf den wel⸗ kennen, en. hinter iener er der poſten rochen E m. — — 1337 „Und glaubſt Du, daß es ihr gelingen werde?“. „Nein, ich kann das nicht glauben. Ich habe Krabella wäh⸗ rend der Fahrt beobachtet, ſie hat einen harten Kopf. Sie rich⸗ tete k ine Frage, kein Wort an uns, ſie zeigte uns bei jeder Ge⸗ legen eit, daß ſie uns verachtete—“ „Das finde ich hegreiflich,“ unterbrach der Lord ihn ſpöttiſch. „Hat ſie während dieſer Reiſe ihren Groll und ihre Aufre⸗ gung ſo ſehr bezwingen können—“ „Bah, das beweist gar nichts. Hat ſie eine Ahnung davon, daß ſie nicht die Tochter Veiner Mutter iſt?“ „Ja.“ „In der That? Weißt Du es mit Beſtimmtheit?“ „Sie hat es meiner Mutter mit dürren Worten geſagt.“ Der Lord hatte ſich erhoben, er wanderte in dem kleinen, engen Ranm mit raſchen Schritten auf und nieder. „Und Deine Mutter?“ fragte er, geſpannt der Antwort harrend. „Sie hat das natürlich nicht zugegeben!“ „Natürlich nicht, es wäre ja gegen ihr eigenes Intereſſe ge⸗ weſen. Aber wenn dieſe Vermuthung einmal Wurzel gefaßt hat, dann muß es ſo wie ſo über kurz oder lang zum Bruch kommen, und Deine Mutter kann eben nichts Beſſeres thun, als uns zu unterſtutzen, ſie ſichert dadurch ſich die eigne Exiſtenz.“ „Das wird ſie jetzt auch eingeſehen haben.“ „Und wenn ſie keine Gewalt über das Mädchen hat, dann wird es ihr auch nicht gelingen, den harten Kopf zu beugen; der Trotz muß gebrochen werden, es bleibt nichts Andres übrig, Du kennſt meinen Plan und wirſt dafür ſorgen, daß die Aus⸗ führung desſelben nicht ſcheitert.“ „Sagen Sie mir nur, was ich zu thun habe.“ „Darüber reden wir morgen, wenn alle Hoffnung auf—“ „Hegen Sie keine Hoffnungen, Mylord,“ ſagte Sam haſtig, „es wäre Thorheit und Sie verlieren nur nutzlos die Zeit.“ „Wir haben Zeit genug!“ „Ich fürchte, Sie vertrauen darauf zu feſt. Der Burſche, der mir in London die Falle ſtellte, ſchien mir ein geriebenes Sub⸗ jekt zu ſein—“ „Er wird die Fährte obald nicht finden!“ — 1338— 0 „Mylord müſſen das freilich am Beſten wiſſen, aber ich wäre nicht ſo ruhig vabei. Ich würde die Sache in der nächſten Stunde zum Ende führen und dann mit der jungen Frau unverzüglich abreiſen.“ „Und was würdeſt Du mit der alten beginnen?“ ni „Mit dem erſten Schiff nach Amerika!“ jet in „Du biſt kein liebevoller Sohn,“ ſagte der Lord ſpottend. ſ. „Wer kann mir das übel nehmen? Meine Mutter iſt auch ſen 6. nie liebevoll gegen mich geweſen, ich habe mir meine Bahn ſelbſt brechen müſſen.⸗ ₰ „Und was ſoll mit Dir geſchehen?“„ „Wenn ich ſo viel hätte, daß ich eine Branntweinſchenke grün⸗* den könnte, ſo wäre mir geholfen,“ erwiderte Sam. 35 „Höher ſteigen Deine Wünſche nicht?“, „Nein. Wenn mir Jemand ein großes Kapital gäbe, ſo wüßte 6 ich nicht, was ich damit beginnen ſollte. Man würde mich darum 3 betrügen, oder, was noch ſchlimmer wäre, ich gerieth auf die leichtfinnige Bahn und dann wäre ich verloren. Ich habe nicht 6 genug gelernt, um ein großes Geſchäft führen oder die Rolle. 2 eines Rentners ſpielen zu können. Hinter dem Schenktiſch bin 6eſt ich der Mann. Ich weiß, wie man mit dem Londoner Janhagel 6 umſpringen muß, und es ſoll ein gutes Geſchäft ſein, wie man. ben wi mir geſagt hat.“ 8 „Ich werde Dir das Kapital geben.“ „Das iſt Alles, was ich verlange!“ ni „Aber damit ſind wir geſchiedene Freunde, verſtanden? Ich icht gede Dir das Geld ein für allemal, und Du haſt nichts weiter„ mehr von mir zu fordern.“ ſo u „Abgemacht, Mylord!“ i „Wenn Du Deine Mutter begleiten willſt—“ „Ich danke, ſie hat mich auch nicht begleitet, als ich wie ein Ragabund in die Welt hinausgeſtoßen wurde. Sie wird ja von Ihnen unterſtützt, und mich wird ſie nicht enthehren..„ „Macht das unter Euch ab,“ ſagte der Lord,„mir iſt es gleich⸗ gültig, Halte ſcharfe Wache und beobachte, und ſobald Du etwas Verdächtiges bemerkſt, benachrichtige mich davon. Morgen reden rete wir weiter über die Sache.“ vin tude ilich uh ſehſt vüßte arum f die nicht Rolle h bin nhagel nan 135 weiter ie ein von gliih⸗ etvas reden — 1339— Der Eint itt des Kaſtellans brach die Unterredung ab, Sam muße das Gemach verlaſſen. „Murty iſt ſoeben gekommen, Mylord,“ ſagte der alte Mann. „Es iſt gut,“ nickte der Lord, den forſchenden Blick feſt auf das mürriſche Geſicht des Kaſtellans heftend.„Wie lange ſeid Ihr jetzt in meinen Dienſten, Gilbert?“ Der alte Mann ſtrich mit der hageren Hand langſam über ſein Geſicht. „Im Dienſt der Familie Eurer Herrlichkeit?“ fragte er. „Ja, im Dienſt meiner Familie., „Länger als vierzig Jahre.“ „Und Ihr ſeid immer zufrieden geweſen?“ „Zufrieden? Ich glaube, das iſt Keiner, Mylord. Ich habe gehabt, was ich bedurſte, und wenn man keine Sorgen hat, ſo iſt es leicht, zufrieden zu ſein.“ „Ihr habt keine Kinder?“ „Ich hatte einen Sohn.“ „Ihr hattet ihn? Habt Ihr ihn verloren?“ Der alte Mann zuckte die Achſeln und der Ausdruck ſeines Geſichts wurde noch mürriſcher. „Vor zehn Jahren iſt er auf See gegangen, und ſeitdem ha⸗ ben wir nichts mehr von ihm geſehen noch gehört, antwortete er. „Er war Seemaun?“ „Ja. Wir konnten ihn nicht davon abbringen und mußten endlich ihm nachgeben. Er hat's gewollt, unſer Wille war es nicht.“ „Na, er kann ja immer noch heimkehren,“ ſagte der Lord, „ſo raſch darf man die Hoffnung nicht verlieren.“ „Das Schiff, mit den er abſegelte, iſt geſcheitert!“ erwiderte der Kaſtellan mit dumpfer Stimme. „Wißt Ihr das ſicher, Gilbert?“ „Man hat es mir geſagt.“ „Ich werde mich in London bei der Admiralität erkundigen. Schreibt den Namen des Schiffes⸗ auf, damit ich's nicht vergeſſe. Ihr werdet dann ſichere Nachricht erhalten. Uebrigens ifi es ſchon oft vorgekommen, daß bei einem Schiffbruch Matroſen ſich ge⸗ rettet haben, die erſt nach langen Jahren wieder auftauchten.“ „Kann ſein, Mylord, aber ich hobe die Hoffnung verlor en — 1340— „Na, na, nur den Kop! aben halten.“ ſagte der Lord ermu⸗ thigend,„mon kann nicht wiſſen, was die Zeit bringt. Und wenn Ihr einen Wunſch habt, Gilbert, ſo ſprecht ihn aus, er ſoll erfüllt wenden.“ „Ich wünſche nichts weiter, als hier zu bleiben, bis zu meinem Tode.“ „Das iſt ſelbſtverſtändlich,“ nickte der Lord.„Weiter nichts?“ „Nein, Mylord.“ „Ihr habt die junge Dame geſehen, die heute gekommen iſt?“ Der alte Mann nickte bejahend. „Wer hat ſie in ihre Gemächer geführt?“ fragte der Lord. „Meine Frau.“ „Hat die Dame nichts zu Eurer Frau geäußert?“ „Keine Silbe.“ „Sie hat keinen Wunſch ausgeſprochen?“ „So viel ich weiß, nein. Und ich glaube auch nicht, daß ſie einen andern Wrnſch hegt, als den, dieſes Schloß wieder ver⸗ laſſen zu dürfen.“ Der Lord ſah den alten Mann mit einem halb zürnenden und halb warnenden Blick an, und Gilbert konnte die Bedeutung dieſes Blickes nicht mißverſtehen. „Ihr werdet wiſſen, daß ich es nicht liebe, wenn meine Leute über Dinge, die mich allein angehen, ihre Vermuthungen außern,“ ſagte er,„deshalb tht Ihr wohl, Euch ſolcher Vermuthungen zu enthallen und ſchweigend mꝛine Befehle zu befolgen.“ Der Kaſtellan ſenkte das graue Haupt, aber ſeine buſchigen Brauen zogen ſich, wie im Unmuth zuſammen. „Ihr werdet Sorge tragen, daß jeder Wanſch dieſer Dame erfült wird, mit Ausnahme desjenigen, auf den Ihr vorhin hin⸗ gedeutet habt,“ fuhr der Lord fort.„Ich will nicht, daß Ihr oder Eure Frau ein Geſpräch mit ihr anknüpft, ich haſſe die Neugier, mag ſie nun offen, oder verſteckt ſich zeigen. Jene Dame wird binnen einigen Togen Laby Stanhope ſein, danach mögt Ihr Euch richten.“ Ein jäher Blitz zuckte aus den Lugen Gilberts, aber der Lord bemerkte dieſes Aufleuchten nicht, wenigſtens ſchenkte er ihm keine Beachtung. „Ich will slſo, daß man ſie mit der Höflichkeit und Rückſicht . 1 lt behuu nun) „r „Not tragen⸗ die ich tann. 6 „0 immel U meine erm⸗ P w nn er ſol o7 ver⸗ den unh de utung eLute Fern,“ hungen Dame nhin⸗ 6 hr ſe die Dame mögt r Lord nkeine cſicht * — 1341— behandelt, bie ihr gebührt,“ ſagte der Lorb mit ſchärferer Beto⸗ nung„und duß man nur dann ihr entgegentritt, wenn ſie das Schloß, ſei es offen oder heimlich, zu verlaſſen ſuchr.“ „Ihre Befehle ſollen befolgt werden, Wylord.“ „Notörlich erwarte ich das. Ihr werdet ferner dafür Sorge tragen, daß die Schloßkapelle morgen Abend zu einer Handlung, die ich wohl nicht näher zu bezeichnen brauche, benutzt werden tann.“ „Morgen Abend ſchoa?“ „Jawohl, trefft rechtzeitig die nöthigen Vorbereitungen.“ „Und die Zengen?“ fragte Gilbert mit erzwungener Ruhe. „Ihr kennt Eure Rolle—“ „Mylord, erlaſſen Sie es mir diesmal!“ „Weshalb?“ fuhr der Lord ärgerlich auf „Ich bin ein alter Mann und ich kann Ada Moore noch immer nicht vergeſſen.“ „Unſinn, Gilbert, was iſt denn weiter dabei? Ich ſchütze meine Diener in allen Fällen.“ Der elte Mann ſchüttelte den Kopf, ſein Geſicht hatte ſich no mehr undüſtert. „Mein Gewiſſen läßt mir keine Ruhe,“ ſagte er in bittenbem Tone,„erlaßſen Sie es mir. Sie haben mir geſagt, Mylord, wenn ich einen Wunſch habe, ſo wollten Sie ihn erfüllen, ſo bitte ich Sie, erfüllen Sie dieſen.“ „Ich weiß nicht, was Ihr wollt,“ erwiderte der Lord unwirſch. „Die ganze Verantwortung übernehme ich allein, und Euer Ge⸗ wiſſen hat damit gar nichts zu ſchaffen. Ihr habt weiter nichts zu thun, als der Trauung beizuwohnen und das Document zu unterſchreiben, ich begreife nicht, weshalb Ihr Euch dagegen ſwaubt.“ „Weil ich es vor meinem Gewiſſen nicht verantworten kann!“ „Ich wieberhole, daß iſt Unfinn!“ „Mylord, nur dieſen einen Wunſch—“ „Ihr ſeid ein Narr, Gilbert! Na, meinetwegen mag es ſo ſein, ich werde Sam die Ehre zu Theil werden laſſen.“ „Er wird ſie gewiß nicht ablehnen,“ ſagte der Kaſtellan auf⸗ athmend. — 1342— „Fm, das nicht, aber es wäre mir unangenehm, wenner Miß⸗ trauen ſchöpfte. Sorgt, das er morgen Abend trübe Angen hat.“ „Das wird nicht ſchwer halten.“ „Schont den Wein nicht, verſtanden? Und nun ruſt Murry.“ Der alte Mann ging hinaus, und nach wenigen Minuten trat ein andrer Mann ein, der dir Tracht eines ſchottiſchen Land⸗ mannes trug. Er hatte ein volles, aufge dunſenes Geſicht, aber dieſe ver⸗ ſchwommenen Züge, die den Stempel roher Sinnlichkeit trugen, zeigten noch immer die Spuren früherer Intelligenz. „Wir haben uns lange nicht geſehen Murry,“ begann der Lord das Geſpräch, nachdem ſein Gaſt ſich auf einem Stuhle niedergelaſſen hatte. Ich hoffe, Ihr ſeid noch immer der Alte!“ „Noch immer, Mylord,“ nickte der Angeredete,„ich lebe einen Tag wie den andern.“ „Hm, Ihr hättet es beſſer haben können!“ „Bah— das find Vorausſetzungen,“ hätte ich wirklich ein beſſeres Leben gehabt, wenn ich der armſelige Hauslehrer geblie⸗ ben wäre?“ „Wer weiß! Ihr konntet zu einer Pfründe gelangen—“ „So lange ich in jenem Hauſe war, niemals! Mylabi Darnley hatte zu viele Bünſtlinge, die ſie alle bevorzugte, und der Lord⸗ ihr Gemahl, galt in dem Hauſe nicht mehr wie ein Schüreiſen. Was Mylady wollt⸗, geſchah, und ich hatte nicht das Glück, Gnade vor ihren Augen zu finden.“ „Dos war immer noch kein Grund, die Tochter zu verführen, Murry!“ „Pah, ich weiß heute noch nicht, hat ſie mich, oder ſie verführt,“ erwiderte Murry, über deſſen rothes Geſicht eyniſches Lächeln glitt.„Thatſache war es, daß die Sache herau kam— „Und daß Ihr vor die Thüre geworfen wurdet!“ „Darauf mußte ich gefaßt ſein.“ „Und daß Ihr fortan keine Stelle mehr fandet!“ „Auch das iſt richtig. Es war eine niedrige Rache, durch die Mylady das Geſchehene doch nicht ungeſchehen machen konnte.“ „Und wenn ich Euch nicht das Amt gegeben hätte, was dann?“ habe ich gehel „J pfege Geiſt Loos ich mi Lun. Yh nuten en Land⸗ ieſe ver⸗ kugn, gann der Stuhle r Al te]“ einen Darnley er Lord, häreiſen. Glüch, urch die onnte.“ e was — 1343— „Mylorb, donn hätte ſich in London immerhin etwas für mich gefunden. Ich habe viel gelernt und weiß mich in jede Rolle zu finden.“ „Hi, gerabe für ſolche Leute iſt London eine Klippe. Ihr wärtt dort auch geſcheitert und untergegaugen. Jetzt habt Ihr in meinen Wäldern ein angenehmes Amt—“ „Angenebm, Mylord? Verzeihen Sie, daß ich das ſo unbe⸗ dingt nicht gelten laſſe. Das arme Volk macht mir viel zu ſchaffen ſie ſtchlen wie die Raben, man mußte überall zugleich ſein und wenn man das Geſindel einmal ertappt, dann hat man genug zu thun, um ſeine eigne Haut zu ſchützen.“ „Bah, ſo ſchlimm wird es auch nicht ſein!“ Ich vil mich ja auch nicht beklagen, ich proteſtire nur da⸗ gegen, daß die Stellung ſo angenehm ſein ſoll.“ „Uud daß Ihr keinen Mangel leidet, ſieht man Euch an!“ „Na, das fehlte noch in dieſer Einöde,“ ſpottete Murry.„Ich pflege meinen Leib, Mylord, weil mir jede Gelegenheit fehlt, den Geiſt zu pflegen. Es kann nicht allen Menſchen ein glänzendes Loos beſchieden ſein. Wenn mir das Glück gelächelt hätte, wäre ich möglicherweiſe Lordkanzler geworden—“ „Nur nicht ſo hoch hinaus!“ „Mylord, man muß Glück haben, dann kann man die Hand nach höchſten Ehren ausſtrecken. Mir wurde es nicht gegeben und— „Ich ſage Euch noch einmal, an Eurem Looſe tragt Ihr ſelbſt die Schuld. Es war eine Dummheit, mit der Tochter des Lords Darnley eine Liebelei anzuknüpfen, das Ende konntet Ihr voraus⸗ ſehen.“ „Hm, Miß Darn ley hätte es ebenfalls vorausſehen können aber in unſrer Glückſeligkeit dachten wir nicht an die Zuku nſt⸗ Und wenn Sie aufrichtig ſein wollen, Mylord, ſo werden Sie zugeben müſſen, daß Sie es auch nicht thun.“ „Wirklich?“ rief der Lord lachend. „Ja, allerdings! Wenn Sie damals ertappt worden wären—“ „Ah, bah, man muß nicht von Ereigniſſen reden, die längſt vergeſſen ſind!“ Murry zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wollte, dann dürfe man ihn auch nicht an ſeine Vergangenheit erinnern. — 1344— „Und jenes Ereigniß, auf welches Sie anſpielten, ſoll morgen wiederholt werden,“ ſagte der Lord mit gemeſſenem Ernſt. „Morgen?“ erwiderte Murry überraſcht. „Morgen Abend.“ „Und iſt die Dame?“ „Hier.“ „Schon hier?“ ſagte Murry mit wachſendem Erſtauneu.„Der Teufel aue Wuylord, bedenken Sie die Folgen. Einmal hat's gut ge das zweite Mal könnte es anders kommen.“ „Und wenn es anders käme?“ fragte der Lord ruhig. „Deportation, Mylord!“ „Und wenn ich dieſer Gefahr die Stirne bieten will, was kümmert es Euch.“ „Ich werde mit gehangen, wenn i mit gefangen bin.“ u ſinn, ich werde Euch nicht verrathen.“ Mylord, wenn Ihnen die Kohle auf dem Fuß brennt—“ „Dann wäre ich immer noch ein Dummkopf, wollte ich den⸗ jenigen namhaft machen, der als Hauptzeuge gegen mich auſtreten kann. Ihr habt für Eure Perſon nichts zu fürchten, vorausgeſetzt⸗ daß Ihr nicht ſo leichtſinnig ſeid, ſelbſt Euch der Sache zu ruhmen.“ „Hm und Gilbert?“ „Er wird ſchweigen! Er muß ſchweigen, wenn er in meinen Dienſten bleiben will. Und was wollte er anfangen, wenn ich ihn entließe? Würde er nicht verhungern? Er wird ſchweigen!“ „Man kann das nie voraus wiſſen—“ „Ach was Ihr wart damals ſo ängſtlich nicht.“ „Weil ich die Gefahr erſt ſpäter erkannte!“ „Befahr? Sie iſt erſt dann vorhanden, wenn die Lady Klage erhebt. Und es iſt nicht denkbar, daß ſie dies thun wird, denn was würde ſie dadurch gewinnen? Nichts! Die Trauung iſt nicht gültg vor dem Geſetz, alſo hat ſie auch keinen Anſpruch auf das Vermögen des vermeintlichen Gatten.“ „Sie kann eine Entſchädigung fordern.“ „Sehr wohl, aber es iſt die Frage, ob ſie ihr zugeſprochen wird. Und ſelbſt wenn dies geſchähe, was hat ſie davon? Kaum, oder vielleicht nicht einmal ſo viel. doß ſie nothdürftig leben kann und die Schmach obendrein. Es wird ihr doch Niemand glauben, A eRnt—“ ich den⸗ auſtreten usgeſetz Sache zu n meinen n ich ihn en!“ dy Klage d, denn ſſt nicht auf das eſprochen 7 Kaum, hen kann glauben, 5 — m daß ſie gegen ihren Willen zetraut wurde. Man wird ſagen ſie habe ſich durch ihren Ht chmuth zu dieſer Trauung verleiten laſſen, und es iſt eine allbekannte Thn tjache, daß derjenige, der den Schaden hat, für den Spott nicht zu ſorgen braucht.“ „Wer iſt die Dame?“ fragte Murry. „Nicht ſo ganz—“ „Den Teufel auch, Mylord!“ „Bah, ihre Mutter und Bruder begleiten ſie. Die Beiden haben ihre Zuſtimm ing gegeben.“ „Ich bin nicht der Man„ der bettelt, wenn er verlangen kann!“ ſagte der Lord unwirſch.„Es wirb alſo nicht darauf an⸗ kommen, ob ſie das a deutlich usſpricht oder nicht, wenn nur er Miene das Haupt, eruſte Beſorgniß ſpiegelte ſich in ſeinen ſlarren Augen. „Ich werde das Meinige thun,“ ſagte er.„Was aber ann, wenn Sie geradezu nein ſagt?“ „Das ſt ht nicht zu erwarten.“ „Ich glaube, man muß auf alles vorbereitet ſein.“ „Nun denn in dieſem Falle thut, als ob Ihr ein ſchlechtes Gehör hättet und—“ „Mylord, dann würde ſie Lärm machen!“ „Ihr ſetzt gleich das Schlimmſte voraus. Entweder— oder! Habe ich einmal den erſten Schritt gethan, dann ruhe ich auch nicht, bis der letzte geſchehen iſt, und vor keinen Mitteln ſchrecke ich zurück.“ „Ich vermuthe, daß die Mutter auf Ihrer Seite iſt.“ „Auch der Bruder.“ „Gut, gut, aber wenn ich trotz des Proteſtes und unter allen Umſtänden die Trauung volziehe. Mylord, was werden Mutter und Bruder dazu ſagen? Werden ſie nicht Verdacht ſchöpfen und ſelbſt die Handlung unterbrechen?“ Der Lord ſtampſfte ärgerlich mit dem Fu ß auf den Fehh Der Baſtard. — 1346— „ Wozu all' dieſe unnützen Worte!“ ſagte er.„Ich will es, alſo muß es geſchehen und alle Hinderniſſe, die vor mir auf⸗ tauchen, mſſen überwunden werden. Und wenn Ihr nicht aus der Rolle fallt, daun muß es g lingen. Das rothe Geſicht paßt freilich nicht zu dem Prieſtergewande—“ „Bah, Mylord, ich habe ſchon manchen Prieſter mit einem rothen Geſicht geſehen. Das Geſicht wird kein Aufſehen erregen und noch weniger Mißtrauen wecken, es iſt ja bekannt, daß die Geiſtlichen insgeſammt Freunde einer guten Tafel ſind.“ „Aber ſie haben nicht Alle rothe Naſen!“ „Die wird morgen Abend verſchwunden ſein,“ erwiderte Murry. „An meinem äußeren Menſchen ſoll Niemand Anſtoß nehmen können, dafür werde ich ſchon ſorgen. Jeder ſoll glauben, einen wirklichen Prieſter vor ſich zu ſehen—“ „Na, wenn Ihr dafür ſorgt, Murry, dann wirds gelingen. Ihr habt Euch alſo um gar nichts weiter zu kümmern. Morgen Abend ſindet Ihr Euch hier ein und erwartet mich in der Schloß⸗ kapelle; ich werde vorher hinkommen, um Alles in Augenſchein zu nehmen und Euch den Namen der Braut zu übergeben. Ihr werdet alsdann den Trauſchein ausfertigen und denſelben in das Kirchenbuch meiner Schloßkapell⸗ eintragen.“ „Und was wollen Sie mit dem Schein, Mylord?“ „Die Dame überzengen, daß ſie meine Gemahlin iſt.“ „Wenn Ihr die Handlung vollzogen habt, wartet Ihr auf meine werteren Befehle, Ihr werdet ſie zugleich mit den Gebühren erhalten.“ Murry nickte zuſtimmend, das Geſicht des Lords heiterte ſich auf. „Wenn Alles glatt abläuft, ſo ſollt Ihr zufrieden mit mir ſein,“ fuhr ber letztere fort,„und ich vertraue darauf, daß dieſe Angelegenheit ebenſo glatt geordnet wird wie damals, als Ada Moore mit mir vor Euch ſtand.“ „Was an mir liegt, Mylord—“ „An Euch liegt's, Murty, gebt Ihr keinen Anſtoß, ſo wird Niemand Argwohn ſchöpfen.“ „Aber die Braut ſelbſt könnte Proteſt erheben—“ „Ueberlaßt es mir, das zu verhüten, oder wenn es geſchieht, dieſes Hinderniß zu beſeitigen. Und nun geht, Murry, erwartet nich m nüthi Mu Treppe Un ſchweig ſie in paßt einem ttegen ſ de Murry. ehmen einen ingen. orgen hloß⸗ in zu Pr in das t auf ühren t ſic mir dieſe Ada wird hieht, artet mich morgen Abend in der Kapelle, was Euch zu wiſſen noch nöthig iſt, werdet Ihr alsbann erfahren.“ Mur y verließ das Erkerzimmer und ſtieg langſam die breite Treppe hinunter. Unten trat der Kaſtellan ihm entgegen, die Beiden wechſelten ſchweigend einen bedeutungsvollen Bick mit einander, dann traten ſie in bas Zimmer des Kaſtellans. Die alte Frau ſaß vor dem offenen Heerd und blickte in fimſterm Sinnen vor ſich hin, der Koſtellan ſchloß die Thüre und zeigte auf einen Stuhl, auf den Murry ſich niederluß. „Soll's wirder dieſelbe Geſchichte werden?“ fragte Gilbert leiſe, während er die Arme auf der Bruſt kreuzte und ſeinen Gaſt finſter anblickte. Murty nickte bejahenb. „Dann laßt mich aus dem Spiecle“, fuhr Gilbert fort,„ich werde nicht noch einmal die väßliche Rolle übernehmen.“ „Bah, der Zenge luft gar keine Gefuhr dabei—“ „An die Gefahr habe ich noch nicht gedacht, bas wäre die zweite Frage!“ „Und die erſte Frage?“ „Iſt mein Gewiſſen.“ Die alte Frau blickte bei dieſen Worten ihres Mann als oh ſie vie Wirkung derſelhen beobachten wollte. „Euer Gewiſſen!“ ſpottete Murry.„Iſt es ſo eng?“ „Schlimm genug ſür Euch, wenn Euer Gewiſſen Euch Alles erlaubt“, ſugte die Frau. „Alles, Miſtreß Gilbert? Was der Lord von nenne ich nuch lange nicht Alles!“ „Habt Ihr Ada Moore ſchon vergeſſen?“ fragte Gilbert. „Nein. Sie war ein ſchönes Weib.“ „Und das iſt Alles, was Ihr über ſie zu ſagen wißt?“ „Wes ſoll ich noch weiter ſagen? Ich habe nur einmal fie geſehen damals, als ſie im Brautkleide vor mir ſtand.“ „Aber ich habe ſi⸗ gekannt“, erwiberte die Frau mit geho⸗ bener Stimme,„und ich will Euch ihre Geſchichte erzählen.“ „Zu welchem Zweck?“ „Um Euer Gtwiſſen aufzurütteln.“ „Bah, das liebe ich nigt.“ 85⁸ es auf, mir verlangt, — 1348— „Gleichviel, Ihr müßt ſie hören. Ada Moore war die Toch⸗ ter vchſſchuſfener Leute, und ſie wer eine rechſeaffene, geborſ me Tochter bis zu der Zeit, in der ſie den verlockenden Worten des Lorts Gehör gab. Wo ber Lord ſie kennen gelernt hat, das hat zur Sache ſelbſt weiter nichts zu thun. Er wußte es zu er⸗ möglichen, daß er häufig und zwar heimlich, hinter dem Rücken ihrer Eltern mit ihr zuſammeatraf, und die glänz nde Zukunft, die er ihr vorſpiegelte, war für ſie eine Verlockung, der ſie nicht widerſtchen konrte. Sie glaubte ſeinen Schwüren, ſie vertraute das begreiflich finden, denn wer könnte ihm w derſtehen, wenn er Deſelbe Natur, wie ſine Mutter“, ſchaltete Gilbert ein. e auf eimen „Sein Vater hat nie Freunde gehabt, er war ein rauh r, jäh⸗ zorn'ger Mann.“ „Und ein ſtolzer Herr!“ fuhr ſeine Frau Fort.„Ada Moore niß. Er wolte es ſo, er ſagte ihr, daß weder ihre noch ſeine Eltern dieſem Bunde zuſtimmen würden—“ „Er hatte derzeit keine Eitern mehr“, unterbrach Muriy ſie. „Aber er ſchützte ſie vor, um den Plan, den er entworfen hatte, zu begründen. Er ſagte ihr, wenn ſeine Eltern eine Ahnung davon erhielten, ſo würden ſie getrennt für immer, und aus demſelben Grunde dürften auch ihre Eltern nichts davon erfahren. Sie glaubte ihm, und ſie fürchtete nichis ſo ſehr, als von ihm getrennt zu weiden. Er hotte leichtes Spiel, als er ihr ſagte, er wolle mit ihr nach Schottland flichen und dort ihrem Bunde den Segen der Kuche geben laſſen. Wenn die Trauung voll⸗ zogen war, dann konnten ſie nicht mehr geſchieden werden, daun mußten die Eltern, wenn auch widerſtrebend, ihre Einwilligung geben. Ada Moore theilte natürlich dieſe Anſicht, un wenn auch ihre heimliche Flucht den Eltern Schmerz bereitete, ſo würde vieſer Schmerz doch ſpäter aufgewogen durch die Freude, die ſie über das Glück ihres Kindes empfinden mußten.“ „Natürlich!“ nickte G' ert.„Der Wunſch Mylady zu wer⸗ den, überwog all s Andere!“ Die Libe war's, die Alles überwog“ erwiderte ſeine Frau, ſie ihm einen ſtrafenden Blick zuwarf,„es war eine echte, ndem — in MM. jüh⸗ dh⸗ 1⁴) worfer ung 3 ARd ahren. ſagte Bunde voll⸗ daun ligung venn würde die ſie u wer⸗ — 1349— wahre Liebe. Ada Moore wülde dem Lord bis an's Enbe der Welt gefolgt ſein, auch wenn er nicht Lord geweſen wäre.“ „Das möchte ich heſtreiten“, ſagte Murry ſottend. das Glck leuchtete ihe aus den Augen.“ Ud am nächſten Tage kum der Lord, und am Abend dieſe Tages wurde die häßliche und mein Mann der Zeug s von dem ſchäadlichen chtencht ſo laut!“ warn e S 2 3 z ne, glückliche Geſchöpf öunte mich N Fg ſch jen E don ausblieben. „„4 Und de — 1350— habe, und ob ſie wirklich nichts Andres ſei als ſeine Concubine. Ich konnte nicht lügen und ihr auch keinen Troſt geben, die Thatſiche ließ ſich vicht wegleugnen.“ „Aber er hat ſie nicht verſtoßen—“ „Hm was man verſtoßen nennt— nein! Er hat ihr ein Jahrgeld angeboten, ſie wies es zurück, ſie hatte den Glauben an Gott und die Menſchen verloren.“ „Na, und dann hat ſie dos Schloß verlaſſen“ ſagte Murty achſelzuckend.„Geſchehene Dinge können nicht ungeſcheben gemacht werden, ſie hätte klüger gethan, das Jahrgeld anzunehmen.“ „Und ſine Maitreſſe u werden?“ fragte Miſtreß Gilbert ſcharf. „War ſie es nicht ſchon?“ „Nein. Er hatte ſie betrogen und daraus konnte man ihr keinen Vorwurf machen.“ „Wenn ein Mädchen ſeine Eltern heimlich verläßt—“ „Urtheilt ncht ſo ſcharf. Murty! Wenn ein Mädchen verführt und betrogen wird, muß und durf dann die Schuld auf ſie ge⸗ worfen werden?“ „In der Regel— „In der Regel ſind beide ſchuldig. Aber wer iſt ſchuldiger, der Meineidige, oder der, welcher urch den Meineid ſich betrügen läßt?“ Murty ſchwieg, er ſah wohl ein, daß er mt ſeiner A ſicht nicht durchdrang.„ „wäret Ihr damals Zeuge ihrer Verzweiſlung geween, ſo würdet Ihr anbers darüer denken,“ ſagte die alte Frau. „Sie wird ſich getröſtet heben,“ erwiderte Murry.„Was iſt aus ih geworden?“ Getröſtet? Gott ſei's geklagt, zwei Tage ſpäter wurde ihre Leiche im Waldſee gefunden. Sie hat nicht gewagt, zu ihren El⸗ tern zurückzukehren.“ „Und ver Lord?“ fragte Murry. „Ob die Eltern Aba's jemals erfahren haben, wer der Ver⸗ fü rer ihrer Tochter war, ob ſie Rechenſchaft von ihn gefordert haben— ich weiß es nicht, und weder mein Mann noch ich hatten Lnſt ſich darum zu bekümmern.“ Marry blickte finſter vor ſich hin. „ nit dul zu vied „Uu Murth „I wäre Ihr, einen 6 genk „ rug vrführt der Ver⸗ gefordert ſch hatten m ——— „Jetzt kennt ihr die Geſchichte Ada Moore's,“ ſaste Gilbert mit dumpfer Stiame,„habt Ihr noch immer Luſt, die Komödie zu wiederholen?“ „Und wer iſt denn für die Komödie verantwortlich?“ fragte Murry barſch. „Ihr ſo gut, wie er.“ „Nein, er allein. Er befiehlt, und ich muß gehorchen.“ „Und wenn er Euch befiehlt, in den See zu ſpringen, werdet Ihr gehorchen?“ ſagte die alte Frau mit ſcharfer Betonung. „Das iſt eine andre Soche!“ „Ganz dasſelbe. Ich will Euch nur beweiſen, daß es Fälle gibt, in denen man den Gehorſam verweigern darf!“ „Und was würde dadurch gewonnen?“ fragte Murty, das Haupt trotzig erhebend.„Ein Andrer würde ſich finden, der die Rolle übernähme. Mit Geld kanu man Alles erreichen, und es gibt in unfrer Gegend arme Teufel genug, die für einen Schil⸗ ling unſern Herrgott verkaufen würden.“ „Das müßte man dann abwarten!“ „Wollt Ihr damit ſagen. Ihr glaubtet es nicht?“ „Das gerad, nicht,“ erwiderte Miſtreß Gilbert achſelzuckend, „aber es würde ſchwer halten und geraume Zeit erfordern—“ „Bah, in der nächſten Stunde ſchon iſt ein ſolches Subjekt gefunden. Oder wollt Ihr den Lord Oppoſition machen?“ „Wer behauptt das?“ fragte Gilbert beſtürzt. „Aus Euren Wo ten geht es ziemlich deutlich hervor. Was wäre die Folge? Wir wärden alleſammt entlaſſen. Oder meint Ihr, es ſei ſo ſchwer, einen neuen Schloßverwalter zu finden, einen Verwalter, ber Alles thu, was ih beſohlen wird?“ Gülbert blickte ſeine Frau fragend an, er fand in ihren Zü⸗ gen keine ermuthigende Antw. „So ſeid Ihr entſchloſſen, vie häß liche Rolle zu übernehmen?“ fragte er. „Thue ich es nicht, ſo thut's ein Andrer.“ „So überlaßt es den Andern.“ „Weshalb?“ „Um das eigne Gewiſſen rein zu halten.“ „pah, wenn ich einen Beſehl meines Herrn ausführe, ſo — 1352— übernimmt mein Herr die Verantwortung, wiſſen beruhigen.“ „Bae mag im Allgemeinen richti es kommt doch eine Zeit, erhebt und dann iſt es ein unbeſtechliche „Kinder nnd Peiber haben freilich Fur 5t v vor ihm,“ ſpottete Murry, während er den bentg'wit n Pl laib über ſeine Schulter hing,„aber der Mann weiß was e „Ada Moore!“ ile 2 Loos wäre ein andres geworben, wen twir bamals den Gehor⸗ horſom verweigert hätten? cu ubt Jr. der Lort würde von ſeinem Vorhaben abgeſtauden und dem Mädchen die V t ge⸗ ſagt haben?—enn Ih u uben konnt, denn bedaure i euch „Nein, da⸗ glauben wir nicht, e widerte Miſtreß Gilbert, „aber wir ſelbſt hätten uns keine Vorwürfe zu machen br daß Ihr das gehorſamn zuzuſc Ihr beginnen, wenn Ih ſſen we keit S das Gnadenbrot gibt.“ „Wnn man keine Tod beſſer, als „Unſinn!“ er Rurry. Leben als eine Laſt betrach nem Antrieb dieſe Laſt a im Augenblick der Thot Er war auf die Thüre wandte er noch einmal ſich um. „Ich hab's übernommen,“ ſagte mit ſcharſer „ich weiß daß ich meinem Herrn Gehorſam ſchulse, und wie es nun auch kommen mag ich werde mein Verſprechen hal lten und meine Pllicht erfüllen. Was Ihr zu thun gedenkt, muß ich Euch 0 ſch ig⸗ 00 d auf überleſſen, aber noch einmal warne ich Euch, noch einmal mache ich Cuch aufmerkſam auf die Folgen. Und tretet Ihr wir ent⸗ gegen, dann— aber Ihr werdet das nicht thun, denn Ihr kennt mich. Denkt an Euer Alter, und daß der Hunger wehe thut und bentt auch daran, doß Euch keine Verantwortung treffen kann.“ Domit ging er hinau, und Gilbert der am Fenſter ſtand, ſoh ihn langſom in den Park hinein ſchreiten, durch den der Wes zum Walde führte. 51. Kapitel. Wiedergefunden. In der Stunde, in welcher Baron Udo n London eintraf, gekommen. höuſer ves Lords namhaſt gemocht, aber die angeſtellten ſchungen ergaben durchaus kein Reſultat. Er und Ferdinand von Folkenberg waren unermübloch thätig, geboten hätle. 5 —— — ———— Sie erſuhren nicht einmal, daß der Lorb London verlaſſen hatte, benn die Londoner Beamten fümmerten ſich wenig um dieſe Angelegeuheit, da eine auf Beweiſe begründete Anklage gegen Signora Grimaldi noch nicht verlag. Ferdinand von Falkenberg war der Verzweiflung nahe, als er auf dem Bahnhofe den Baron empfing, und doch mußte er ſich bemühen, dem alten Herrn gegenüber die äußere Ruhe zu bewahren. Baron Udo befand ſich in fieberhofter Erregung, er fürchtete das Schlimmſte, als er hörte, daß noch keine Spur gefunden war. Ein Wagen ſtand vor dem Bahnhofe bereit, er ſobte die Herrn zu Miß Cleveland bringen, wo man gemeinſam über die nächſten Schritte berathen wollte. Der Polizeirath ſuchte den Baron zu beruhigen unb ihm Mut) einzuflößen, aber er mußte ſelbſt zugebeu, daß er nicht er⸗ wartet hatte, die Löſung vieſer Aufgabe ſo ſchwierig zu fiaden. Er mußte zugeben, daß er auf Hinderniſſe und Schwierig⸗ keiten geſtoßen war, an die er nicht gebacht, die er nicht geahnt hatte. Während bieſer turzen Fahrt konnte wenig geſprochen werden, der Wagen hielt bald vor dem freundlichen Hauſe der Miß Cle⸗ veland, und ein wohlthuendes Gefühl beſchlich den Barva, als er der alten Dame gegenüberſtand, die ihn mit warmer Herz⸗ lichkeit empfing. Nachdem die erſten Begrüßungen ausgetauſcht waren und der Baron ein Glas Wein getrunken hatte, wandte Miß Cleveland ſich zu dem Polizeirath. „Sie ſtehen mit der Londoner Polizei bereits in Verbindnug⸗“ ſagte ſie,„aber ich fürchte, Sie ſind mir ihr nicht zuf ieben?“ „Sie würde mich träſtiger umerſtützen, wenn ich einen Ver⸗ ha tungsbefehl gegen das Weib vorzeigen könnte,“ erwiderte Heller achzelzuckend,„ich kann unter den obwaltenden Umſtänden ein energiſches Einſchreiten nicht verlangen.“ „So iſt alſo von dieſer Seue nichts geſchehen?“ „So wenig wie nichts, aber ich darf mich darüber nicht be⸗ klagen.“ „Vielleicht haben Sie ſich nicht an die rechte Quelle gewandt.“ „Ich weiß das nicht rlaſen mn dieſe gegen he, als Ußte er uhe zu ſirhtet en war. 6 Hern nchſten chn Uet er⸗ vlerig⸗ geahnt — icht be⸗ vandt.“ — 1355— „Bitte, Maſter Bucket, treten Sie näher.“ Die Gäſte der Dame blickten überroſcht ſich um,— unter der Portiére des anſtoßenden Zimmers ſtand ein kleiner bagerer Herr mit grauem Haa und woylwollenden Zügen, den man für einen jener glücklichen Menſchen gehalten haben würde, die be⸗ haglich von den Zinſen ihces Verwögens zehren und nichte weiter verlangen, als wit Gott und der Welt in ungeſtörtem Frieden zu leben Miß Cleveland ſtellte ihre Gaſte vor und bem rkte, daß Ma⸗ ſter Bucket einer der tüchtigſten Beamten der geheimen Polizei ſei den ein guter Freund ihr ſo warm empfohlen hebe, doß ſie ein unerſchütterliches Vertrauen in ihn ſetze⸗ Maſter Buckt lehnte beſcheiden das Lob ab, aber ein Lächeln geſchmeichelter Eigenliebe konnte er doch nicht ganz unterdrücken. Er dat den Polizeirath, ihm Alles, was er his jetzt in betreffenden Angelegenheit gethan habe ausführlich mitzutheilen, und als dies geſchehen war, ſchüttelte er mit ſchr bedenklicher Miene das Haupt. „Ich fürchte es iſt Manches gethan wor en was neue Hin dernige geſchaffen hat, ſtatt die alten zu beſeitigen“ ſagte er, „und es wäre beſſer geweſen, wenn man mich von Anfong an mit vieſer Ang legenheit betraut hätte.“ „Ich glaube das ſelbſt.“ erwiderte Heller, Sie woßten das vicht natülich nint,“ nickte Bucket„Sie ſind überhaupt mit den hieſizen Verhältniſſen nicht vertraut. Nun, wir wollen ſehen, was ſich machen läft.“ „Glauben Sie, daß der Lord meine Tochter emführt hat?“ fragte der Baron. „Hm, von einer Entführung kann vielleicht kein⸗ Rede ſein— Freiwillig iſt ſie keinesfalls ihm gefolgt,“ ſagte Ferbinand raſch. „Kennen Sie die junge Dame ſo genau?“ „Herr von Folkenberg und ich, vir beide kennen ſie“ erwi⸗ dert Wiß Clveland,„und ich trete der Behauptung dieſes Herrn bei.“ „Sie kennen auch die Mutter?“ fragte Bucket. der „Gewiß. Sie hat auch den Eindruck einer durchaus ungebil⸗ —— —— — 1356— deten und herzloſen Frau gemocht,“ ſagte die Engländerin,„ich halte dieſes 2 Weib zu Alem fühn. 6 „Dann dürfen wir alſo annehmen, daß die alte Signora im ʒ iß mit dem Lord ſein vich vorausgeſetzt, daß der Letztere den Damen ein Verſteck angeboten hat. Wenn ich nur jenen Diener des Lords zu fin te,*den ſie aufs Glatteis ie letzten Worte waren an Heller gerichtet, der rathlos mit anders behandelt,“ fuhr Bucket fort, mit einem Zaunpfahl auf den es auch gründlich geſchehen, man oder mit Glaceehandſchuhen an⸗ Kopf kopfer ſeſſen“ „Und was werden Sie nun thun?“ fragte Baron Udo un⸗ geduldig. „Ich weiß es ſelbſt noch nicht, und ich muß Sit 8 keine ₰ F ich mi der Sache annehme, ſo dürſe darauf ver⸗ laſſen, daß ich er verlange dann auch, daß m ir alleir von anderer Seite rſt dann etwas 2 wne. Sie waren vor ei Tagen der 9 r den Damen zu er⸗ kundigen, H nra 3 etwus hole. „Und WeeR zu, Sie woten ute noch abreiſen.“ „Sie werden hier das R ſultat dieſes Sch s erwarten?“ fragte Ferdinand, ber ſich raſch erhoben hase. S 1 zan io 2 „Hier nicht, wo Sie? S „In Lug'am Hot 6— 7 „Sie werd N mich — Lords u „Wo Fihrte die D. „ „S tig, m gebel. keinen ge S dann in das eintraf. gegeni N 1 nora in aß der ich nur Flatteiz dt furt, auf den hen an⸗ , keine ge duß f ver⸗ auch, ten vor 6 — 1357— „Er wird den Lord nicht zu Hauſe treffen,“ ſagte Heller, als Ferdinand ſich ertfernt hatte.„Ich habe geſtern das Hotel des Lords unausgeſetzt beobachtet—“ „Warten wir das ab,“ unterbrach Bucket ihn.„Die Möglich⸗ keit liegt 1o6 immer nahe, daß wir uns auf einer falſchen Fährte befinden. Es iſt möglich, daß Lord Stan der Sache ganz fern ſteht, daß er nicht enmal eine Ahnung davon hat, wo die Demen ſich befinden.“ „Die Ausſagen ſeines Ti ters— „Sie beweiſen nichts. Dieſe Subiekte machen ſich gerne wich⸗ tig, man kann auf das, was ſe ſagen, ſelten oder nie etwas geben. Und nun bitte ich Sie noch einmal, ſich zu gedulden und keinen weiteren Schritt zu thun, ich hoffe, Ihnen ſchon in eini⸗ gen Stunden Muttheilungen m chen zu können und es wäre mir dann licb, Sie hier bei ſunmen zu finden.“ er eſe te ſich inand in das Langham Hotel, in welchem baid nach ihm Herd eintraf. „Nicht angetroffen,“ ſagté der letztere leiſe, als er dem Agent gegenüberſaß. „Und was ſagte Ihnen der Kammerdiener?“ „Mylord ſei auf der Jagd.“ „Ah— weiter nichts? Nicht, wann er zurückkehren würde?“ „Nein. Sie hatten mir keinen Auftrag gegeben, danach zu frage“, deshalb unterließ ich es.“ „Recht ſo!“ nickte Bucket.— Je ſtrenger meine Anordnungen befolgt werden, deſto beſſer iſt es, ich denke an Alles und über⸗ ſehe ſo leicht nichts. Der Burſche war wohl kurz angebunden?“ „Sehr kurz, er behandelte mich allerdings mit ausgeſu hter Höflichkeit, aber—“ „Na, man kennt die Herren ja. Sie können nun zu Miß Cleveland zurückkehren und mich dort erwarten, ich werde ſofort damit beginnen, dos Terrain zu ſondiren. Wenn ich nicht ſehr irre, haben wir über den Kammerdiener des Lord Stanhope ge⸗ wiſſe Akten, die über ſeine Familienverhältniſſe Aufſchluß geben. Ich erinnere mich deſſen dunkel— no, ich werde mir darüber Gewißheit verſchaffen.“ Er trank ſeinen Wein aus und — 1358— verließ das Hotel und eine halbe Stunde ſpäter kehrte Ferdinand zu Miß Cleveland zurück.— Der Kammerdierer Mylords ſühlte ſich herie auß rordentlich gelangweilt. Er hatte in den Büchern, die im Kabinet des Lords logen, geleſen, den Popagei geärgert, mit dem Portier eine Weile ge⸗ plaudert, kurz, er hatte Alles verſucht, die Langweile fern zu halten und da es ihm nicht gelingen wollte, beſchloß er einen Spa⸗ ziergang zu machen und nach demſelben in's Theater zu gehen. Mit Hut uns Rock in der Hand ſtand er vor dem Spiegel, um einen letzten prüfenden Blick auf ſeine elegante Toilette zu werfen, als die Thüre geöffnet wurde, und ein hagerer Mann ſtürmiſch eintrat. „William Blackborne? ſagte der Eintretende in Tone. „Der bin ich“, erwiderte der Kammerdiener, während er das gebräunte, ehrliche Geſicht und die dicke goldene Uhrkette des Fremden betrachtete. „Dann, mein Juuge, komm in bie Arme Deines Onkels!“ rief dec hagere Mann erfreut. Kennſt Du den Onkel Jon nicht mehr?“ „Der domals nach Indien ging?“ fragte der Ka merdiener mit wachſendem Erſtaunen. „Nun natürlich!“ „Aber das iſt ſchon ſehr, ſehr lange her.“ „Fünfundzwanzig Jahre, Junge,“ erwiderte der Onkel, wäh⸗ rend er ſeinen breitrandigen Hut auf den Tiſch waf und ſich in dem Gemach neugierig umſeh.„Du warſt damals ſechs oder ſieben Jahre alt—“ „Acht Jahre.“ „Wirtlich? Ich dachte, Du miüßteſt jünger geweſen ſein. Warſt ein ſchrecklich kleiner Knirps und wir glaudten damals nicht, daß Du ein großer Mann werden würdeſt.“ „Na, na,“ warf der Kammert iener ein, während er abermals einen verſtohlenen Blick in den Spiegel warf, ich war wenigſtens ein geſunder Junge—“ „Freut mich, das zu hören. Deine Ektern ſinb todt, wie?“ das gle „u Schneid Es wat „ wilie w diener, dentich logen, elle ge⸗ 9 ſern zu en Spa, zu Rhen. Spiegl, dilette zu er Mann fragenden d er des kette des Qukels!“ Jon nicht merdiener l, wäh⸗ d ſch in ſechs oder eſen ſein. damals abermals verigſtens t, wie?“ — 1359— „Und mein Bruder Stephan?“ „Onkel Stephan lebt noch, er wohnt in Dublin.“ „So finde ich wenigſtens noch einen, dem ich von meinem Reichthum etwas mitgeben kann. Wie geht's ihm?“ Das Geſicht des Kammerdieners hatte ſich bedeutend aufge⸗ heitert, das Wort:„Reichthum“ machte ſichtbar einen nachhaltigen Eindruck auf ihn⸗ der Zug, der ſeine Mundwinkel umzuckte, ver⸗ rieth Neid und Habgier. „O, nicht ſchlecht,“ erwiberte er raſch, während er an der tadelloſen, weißen Halsbinde rückte und dann mit der Hand über das glattraſirte Kinn ſtrich.„So viel ich weis, iſt er zufrieden, er hat ſein Auskommen.“ „Wirklich? Er war damals Schneider—“ „Er iſt es noch.“ „Ein jämmerliches Daſein!“ „Na, wenn man nichts Anderes gelernt hat—“ „Ja, ja“, nickte ver Onkel,„ich weiß noch, daß er ſchon Schneider werden wollt', als er noch ein kleiner Knabe war. Es war eine ſonderbare Marotte, aber er hats durchgeſetzt.“ „Und damit, daß Du Matroſe werden wollteſt, war die Fa⸗ milie wohl auch nicht ſo ganz einverſtenden?“ ſagte der Kammer⸗ diener, der erſt jetzt daran dachte, ihm einen Seſſel anzubieten. „Wenigſtens erinnere ich mich, daß mein Vater—“ „Der konnte es freilich nicht begreifen“, unterbrach der Onkel ihn lachend.„Aber ich will Dir was ſagen, mein Junge, wir ſind hier in einem fremden Hauſe, wenn's Dir recht iſt, wollen wir irgendwo eine gute Flaſche trinken. Oder haſt Du Dienſt?“ „Nein. „Na, dann nimm Urlaub bis Mitternacht—“ „Unnöthig, Onkel Jon!“ „Wirtlich? Du haſt hier Deinen freien Willen?“ „Mylord iſt verreiſt.“ „Und Mylady?“ „Gibts nicht“, lachte der Kammerdiener. „Alſo nicht einmal eine hübſche Zofe, die Dir die Zeit ver⸗ treibt? Armer Schelm!“ William Blackborne zuckte die Achſeln und zog langſam ſeine andſchuhe sn. — 1360— . „Es iſt nicht Jedem gegeben, Schätze zu erwerben“, ſagte er. „Wenn ich ein reicher Mann wäre, wurde ich nicht Andrer Leute Diener ſein.“ „Hm, kannſt es ja noch werden.“ „Was 7 Ein reicher Mann?“ „Jawohl.“ „Ic wüßte nicht, woher das Geld kommen ſollte!“ Jon Blaockborne lachte ſo laut, wie wohl in dieſem eleganten Palais noch nie gelacht worden war, es war ein ſo rohes, un⸗ gebildetes Lachen, daß dem Kammerdiener die Röthe der Verle⸗ genheit in die Wangen ſtieg. Aber dieſes Lachen ſe ganz zu dem Manne, der lange Zeit Motroſe und noch längere Zeit unter wilden Völkerſtämmen geweſen war, es würde aufgefallen ſein, wenn er wie ein gebil⸗ deter Mann nur gelachelt hätte. „Woher es kommen ſoll?“ rief er, mit dem Zeigefinger auf ſeine Bruſt zeinend. Bin ich nicht ein reicher Mann?“ „Wenn Du es ſagſt—“ „Dann muß es wahr ſein, wie?“ „Ganz gewiß!“ „Na, und wer wirb mich beerben?“ Jetzt lächelte auch der „Du könnteſt ja verheirathet ſein, Onkel“ ſagte er. „Verheirathet? Davor ſoll mich der Hinmel bewahren! Das ſchöne Geſchlecht, William, kann mir geſtohlen werden! Es bringt nur Unheil in die Welt.“ „Hm, das weiß ich nun doch nicht—“ „Wirſt auch noch S Erfahrungen machen, wenn Du al⸗ ten Lenten nicht glauben willſt“, ſagte der Onkel, indem er ſeinen Arm in den des Refen ſchob und mit ihm das Palais verliß zum höchſten Erſtannen des Portiers, der ganz verduzt den Beiden nachblickte.„Und wenn ich eine Million dabei ver⸗ dienen könnte, würde ich nicht heirathen.“ „Dann mußt Du ſehr reich ſein! „Geld reizt mich nicht mehr.“ „Aber wie wars früher?“ „Bah, ich hin meinen Weg geradeaus gegangen, und wo ich was verdienen konnte, da nahm ich's mit.“ te*. er lange rſtämmen ein gebil⸗ iger auf ten! Das Es hringt n Du l⸗ er ſeinen 3 Palais nz verduzt ahei ver⸗ und wo ich — 1361— „Du haſt gewiß viel erlebt?“ „Sehr viel, Schiffbruch, Kampf mit wilden Thieren und wil⸗ ſcher⸗ Feuersbrunſt und Ueberſchwemmung, alles Mög⸗ iche!“ „Und nie haſt Du geſchrieben!“ „Na, wozu auch? In der erſten Zeit konnt? ich nichts Er⸗ freuliches von mir berichten und ich dachte, meine Familie werde es verteufelt wenig intereſſiren, ob ich noch unter den Lebenden ſei oder nicht.“ „Das war ein böſer Gedanke“, ſagte der Kammerdiener, der n demſelben Grade geſprächiger und zutraulicher wurde, in wel⸗ chem die Ueberzeugung von dem Reichthum des Onkels ſich ihm aufdrang. „Böſer Gedanke?“ lachte Jon Blackborne.„Es war die Wahrheit.“ „Aber ſpäter—“ „Später? Da war ich bald hier, bald dort. Ich war in den“ Goldgruben Caliſorniens und auf den Diamantenfeldern Braſiliens⸗ auf den Plantagen Indiens und in den Steppen Afrikas, kurz mein Junge, ich bin überall geweſen, heute hier, morgen dort Daß man bei einem unſtäten Leben nicht ans Schreiben denkt, wirſt Du zugeben. Ueberdies, was ſollte ich ſchreiben? Ich wußte nicht, ob einer von meiner Famlie noch lebte, und ſobald ich reich genug war, wollte ich in die Heimath zurückkehren, dann tonnte ich mich ja nach Allem erkundigen.“ „Und wir glaubten, Du ſeiſt längſt todt!“ „Um ſo größer iſt ſpäter die Ueberraſchung.“ „Mag ſein, aber Recht iſt es doch nicht.“ Der alte Mann zuckte die Achſeln und lachte in ſich hinein. „Was würden Sie denn davon gehabt haben wenn ich wirk⸗ lich geſchrieben hätte?“ ſagte er.„Hoffnungen vielleicht, die un⸗ erfüllt blieben, Aufregungen, die keinen Zweck hatten. Unſinn! Es wäre nicts dadurch gebeſſert worden.“ Der Kammerdiener ſchüttelte den Kopf, als ob er andeuten wollte, daß er mit dieſer Anſicht nicht ſo ganz einverſtanden ſei. „Wann biſt Du angekommen?“ fragte er. „Vorgeſtern Abend.“ Der Baſtard. 86 — 1362— „Und erſt heute—“ „Denkſt wohl, ich hätte ſofort in Deine Arme eilen mäſſen,“ ſchnitt Onkel Jon ſeinem Reffen ſpottend das Wort ab.„Ich wußte ja nicht einmal ob ich überhaupt einen Neffen hatte. Zu⸗ erſt mußte ich mich nach meiner Familie erkundigen, um zu hören wer noch lebte, und wo ich meine Angehörigen ſand.“ „Da wundert's mich, daß Du mich ſo raſch gefunden haſt, Onkel.“ „Eigentlich mich auch, William. Aber Dich kennt Jeder⸗ mann, wie mir ſcheint, ſchon im Hötel ſagte man mir, ein Black⸗ borne ſei erſter Kammerdiener des Lords Stanhope—“ „Satten die Leute erſter Kammerdiener?“ fragte William Blackborne geſchmeichelt. „Nun natürlich— oder biſt Du es nicht?“ „Gewiß bin ich es.“ „Und es iſt ein angenehmes Amt?“ „Es iſt beſſer als Reitknecht oder Küchenjunge, und ich weiß wirklich nicht, ob das ſehr viel bedeulen will.“ „Hm, es könnte alſo beſſer ſein?“ „Ja freilich, bebeutend beſſer!“ Onkel Jon pfiff ein Matroſenlied leiſe vor ſich hin und warf dadei einen verſtohlenen Seitenblick auf ſeinen Begleiter. „Wir werden ſehen,“ fagte er noch einer Pauſe,„es iſt ja noch nicht aller Tage Abend.“ Der Kammerdiener nickte zuſtimmend, und führte ihn in eine Weinſchenke, in der er ſehr bekannt zu ſein ſchien. Onkel Jon blieb auf der Flur ſtehen. „Wenn Du mir einen Gefallen thun willſt, dann führ' mich in ein Zimmer, in dem wir ganz unter uns ſind,“ ſogte er. „Ich liebe das Menſchengewühl nicht und ich bin ein Feind von neuen Bekanntcheon. Kannſt mir ſpäter einmal ein paar Deiner beſten Zeeunde vorſtellen, aber nicht jetzt, nicht in der erſten Stunde.“ „Wie Du wlllſt,“ erwiderte William, während er auf eine anbere Thüre zuſchritt u ſie öffnete,„hier ſind wir ungeſiört. Was trinken wir?“ Der alte Herr trat in das kleine, trauliche Zimmer und nahm ſeinen Hut ab. keinen Wei Wein het — zeu müſſen, atte. Zu⸗ iu hören den haß, ut Jer en Blad⸗ e Vilian ich weiß und warf iſt ja n in eine ühr mich ſogte er. eind von ein paar ſ in det auf eine ungeftört. umer und —— — 1363— „Können wir alten Portwein haben?“ fragte er. „Vorzüglichen.“ „Gut, ſo wollen wir damit anfangen.“ „Und ein Souper?“ „Später, ich willſt erſt ſehen, wie es mir hier gefällt.“ „Es iſt meine Kammerkneipe,“ ſagte der Kammerdiener, indem er ſich ni⸗derließ.„Ein gutes Haus, etwas theuer, aber dafür haben wir das Angenehme, daß kein Plebs hieher kommt.“ Onkel Jon bot ſeinem Neffen eine Cigarre an und muſterte Gemach mit prüfendem Blick. „Recht ſo,“ nickte er,„gute Geſellſchaft iſt eine Hauptſache] Lieber ein ſchlechtes Glas Wein in guter Geſellſchaft, als ein gutes Glas Wein in ſchlechter Geſellſchaft. Schon verlobt?“ „Ich?“ erwiderte William Blockborne erſtaunt.—„Bewahre!“ „Noch keine Gelegenheit gehabt, wie?“ „Nein.“ „Na, was ich Dir über die Weiber geſagt habe, mein Junge, das kannſt Du als meine Privatanſicht betrachten, ich will Dir keinen Haß gegen ſie einflößen.“ „Mit dem Heirathen hat's für mich gute Wege. Wovon ſollte ich eine Familie ernähren?“ „Hm, der Lord—“ „Auf den darf ich gar nicht rechnen!“ „Gar nicht? Wie lange dienſt Du ihm ſchon?“ „Zwölf Jahre.“ „Und er würde gar nichts für Dich thun?“ fragte Onkel Jon, während er ſein Glas erhob und die dunkle Farbe des Weines betrachtete.„Wenn man einem Herrn ſo lange gedient hat, oder iſt er nicht zufrieden mit Dir?“ „Frage liebek, ob ich zufrieden mit ihm ſei?“ „Na ja, wer das Brod Andrer eſſen muß, der— „Der kann debei recht glücklich und zufrieden ſein.“ Der alte Herr lachte. „Es ärgert Dich doch, daß er Dich ht auf die Jagd mit⸗ genommen hat?“ fragte er. „Bewahre, nach ſolcher Jagd trage ich kein Verlangen.“ „Juchsjagd?“ A 86* — 1364— „Schöne Füchſe!“ ſpottete der Kammerdiener.„Sprechen wir nicht davon, Onkel, es iſt eine ärgerliche Sache.“ „Wenn's Dich ärgert, mein Junge, ſo mach' ein Ende!“ „Und was dann? Wenn Mylord mir den Stuhl vor die Thüre ſtellt, finde ich ſo leicht keinen andern Dienſt. Man muß Zeugniſſe und Fürſprache haben, wenn man in ſolcen Häuſern ankommen will. Mancher würd' mir gern hundert Pfund geben, wenn er mit mir tauſchen könnte.“ „So einträglich iſt die Stelle?“ „Einträglich? Danit iſt es auch nicht weit her. Man muß ſich kleiden wie ein Gentleman und manche andere Ausgabe machen, die man ſonſt nicht nöthig hätte.“ „Daraus darf ich wohl entnehmen, daß Du Dir noch nichts erſpart haſt?“ fragte Onkel Jon. „Blutwenig.“ „Om, und wie haſt Du Dir Deine Zukunſt gedocht?“ „Oſſenherzig geſagt, hab“ ich noch gar nicht darüber nachge⸗ dacht. Was kann es helfen, Pläne zu machen und Luftſchlöſſer zu bauen, wenn man kein feſtes Fundament hat? Und der Kammerdiener eines Lords kann kein Krämer werden.“ „Das iſt richtig,“ nickte der alte Herr,„aber Du wirſt auch nicht immer Kammerbiener bleiben wollen.“ „Ich hab's nicht vor.“ „Na, trink' mein Junge, es wird ſich ſchon etwas finden. Ich wecd' darüber nachdenken, vielleicht ein Hotel, wie?“ „Dazu gehört Geld.“ „Bah, das hace ich ja.“ „Dann wär's mir ſchon recht, ein guter Wirth würde ich ſein, ich wollte meine Gäſte ſchon zufrieden ſtellen.“ „Gut, dann wollen wir uns in den nächſten Tagen umſehen. Oder eilt es ſo ſehr nicht?“ „Je eher, deſto beſſer!“ „Wirklich? Was ärgert Dich denn ſo ſehr?“ „Ich darf es nicht Fagen.“ „Auch Deinem Onkel nicht?“ „Niemandem.“. Onkel Jon ſchüttelte den Kopf und füllte die leeren Gläſer wieder. * — 3 „Du Jertrlen niſe, d Mann „Es Onk auf ſin Zſh „N norgen Der „3 Leuten, dann a es iſt de „h Mann. n wir r die uſern dehor Rden, mß gabe nichtz finden. S ſehen. d — 1365— „Das gefällt mir nicht, William,“ ſagte er.„Ich hab' Jedem Vertrauen geſchenkt, und ich meine, von meinen Verwandten dürfte ich es unter allen Umſtänden fordern.“ „Es ſind Geheimniſſe,“ erwiderte der Kammerdiener zögernd. „Bah, ich werde ſie nicht verrathen.“ „Sie können Dich auch nicht intereſſiren.“ „Nur Deinetwegen, mein Junge. Vielleicht find es Geheim⸗ niſſe, die Dir Gefahr bringen können, ich bin ein erfahrener Mann—“ „Es iſt beſſer, wir ſprechen nicht darüber.“ Onkel Jon zog die Stirne in Falten und warf einen Blick auf ſeine ſchwere goldene Uhr, dann holte er die Börſe aus der Taſche, die mit Gold gefüllt war. „Na, dann nicht!“ ſagte er in kühlem Tone. Ich werde morgen früh nach Dublin reiſen, und vielleicht bleibe ich dort.“ Der Kammerdiener erſchrack, „Du wollteſt ja einige Zeit in London bleiben,“ erwiderte er „Ich hatte das allerdings vor, aber ich bin nicht gerne unter Leuten, die mir kein Vertrauen ſchenken. Ih helfe Jedem gern dann aber verlange ich auch Offenheit und Zutrauen, ich glaube, es iſt das Wenigſte, was ich verlangen kann.“ William Blackborne trank haſtig ſein Glas aus. „Der Lord iſt ein Wüſtling,“ ſagte er. „Und das iſt das Einzige was Dich ärgert?“ frogte ver alte Mann.„Was kümmert es Dich?“ „Hm, wenn man gezwungen wird— „Nun?“ fragte Onkel Jon, als der Kammerdiener abbrach. „Wenn man wozu gewungen wird?“ „Die Leute zu bewachen oder dem Jäger das Wild in“ Netz, zu jagen!“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Und es wäre beſſer, wenn ich nichts weiter ſogte. Erfährt er es, ſo bin ich verloren.“ „Verloren? Wie ſo?“ „Er wird mich ſofort entlaſſen.“ „Dann bin ich noch da, William, und mich ſoll der Teufel holen, wenn ich den Sohn meines Brubers im Stich laſſe.“ Der Kammerdiener ſah ihn forſchend an, aber das gutmü⸗ 4 — 1366— thige, treuherzige Geſicht des alten Mannes konnte ihm nur Vertrauen eiuflößen. „Es iſt nicht das erſte Mal, daß er ein junges Mädchen ver⸗ führt und betrogen hat,“ ſagte er,„und es kommt ihm dabei auf die Mittel gar nicht an. Vor einigen Jahren hat er's auch ſo gemacht.“ „So? Na, das iſt allerdings nicht ehrenvoll.“ „Aber ich kann es nicht verhindern.“ „Und doch fällt auch auf Dich ein ſchlechtes Licht,“ ſagte Onkel Jon.„Wie der Herr ſo der Diener! heißt's im Sprich⸗ wort,— es ſollte mir leid thun für Dich William!“ „Das hab ich mir Alles auch geſagt,“ erwiderte der Kammer⸗ diener.„Aber was will ich machen? Wenn der Lord mir beſiehlt, den Gartenpavillon an zwei Damen zu vermiethen, muß ich dann nicht gehorchen?“ „Gut, und was weiter?“ „Eigentlich nichts weiter, aber man wird ſpäter ſagen, ich habe auch meine Hände dabei im Spiel gehabt.“ „Die Damen wohnen noch da?“ „Sie haben nur einen oder zwei Tage da gewohnt.“ „Und das iſt Alles?“ ſagte Onkel Jon ſpottend.„Wenn Du Dir deshalb Sorge machſt, dann ſage ich Dir, es iſt nicht der Mühe werth, und Du kannſt ruhig bei Deinem Herrn bleiben. Darin, daß Du einen Pavillon vermietheſt, finde ich gar nichts—“ „Weil Du den Zweck nicht kennſt, Onkel. Die Damen waren Mutter und Tochter, und auf die Tochter hatte der Lord ſein Auge geworfen.“ „Die Mutter—“ „Die Mutter war ein elendes Weib, ſie hat das ſchöne Mäd⸗ chen ihm verkauft.“ „Auch nichts Neues!“ erwiderte der alte Mann achſelzuckend. „Trink; William, der Wein iſt gut, wir wollen noch eine Flaſche kaufen.“ Der Kammerdiener kam der Aufforderung nach, er ſchien jetzt ſelbſt das Bedürfniß zu empfinden, Alles zu enthüllen. Gs lag ja in ſeinem eignen Intereſſe, dem reichen Onkel klar zu machen, daß er nicht länger in des Lords Dienſten bleiben könne. „Die jung, Dame war damit ganz und gar nicht einver⸗ auft iſt Dane ſ zoldne „Di „B 3 „E das 5 wieber „ „H „N „U ſchwere lufen — 1367— ſtanden,“ ſagte er,„aber ſie wurde nicht gefragt. Zuerſt wurde ſie nach einer Villa in der Nähe Londons gebracht und von dort aus—“ „Na, von vort aus?“ fragte Onkel Jon. „Wenn ich es verrathe—“ „Den Teufel auch, wenn Du nicht reden willſt, ſo ſchweige. Ich finde in der ganzen Geſchichte noch gar nichts, es iſt Kinderei.“ „Wenn man einem Menſchen einen Schlaſtrank eingibt, um ihn in ſeine Gewalt zu bekommen? Nennſt Du das Kinderei?“ „Iſt das geſchehen?“ „Gutwillig wäre die junge Dame nicht in den Wagen ge⸗ ſtiegen, der ſie nach Schottland bringen ſollte.“ „Nach Schottland?“ wiederholte der alte Mann, der noch immer nichts Beſonderes in der Geſchichte zu finden ſchien.„Hat der Lord dort Güter?“ „Ein altes Schloß mit großem Grundbeſitz.“ „Na, und was wird nun geſchehen? Wenn die Mutter er⸗ auft iſt, hat Dein Herr leichtes Spiel. Man redet des jungen Dame ſo lange zu, bis ſie nachgibt. Ein reicher Mann kann ja goldne Berge verſprechen, und die Frauen—“ „Dieſe war keine von jener Sortel“ „Bah, woher weißt Du das?“ „Ihr Bruder hat's mir geſagt.“ „Sv, ſie hatte auch einen Bruder?“ fragte Onkel Jon, der das Haupt auffallend raſch erhoben hatte, aber ebenſo raſch es wieber ſinken ließ. „Ja, er war in unſern Dienſten.“ „Hm, alſo Engländerinnen?“ „Nein, Deutſche!“ „Und der Bruder auch ein Deutſcher?“ „Mehr Engländer,“ ſpottete William Blackborne, der dem ſchweren Wein wacker zuſprach.„Er war ſeiner Mutter fortge⸗ laufen und hier fanden die Beiden ſich wieder.“ „Doch nicht zufällig?“ „Wie er ſagt— ja“ „Na, na, mein Junge, mir kommt das mehr und mehr wie eine abgekartete Sache,“ ſagte der ate Mann, wäh —— — — — — — 1368— die erloſchene Cigarre wieder anzündete.„Der Bruder hat hier das Terrain ſondirt, dann ſind die Damen herüber gekom⸗ men, und nur um den Schein zu wahren—“ „So iſt es nicht, Onkel, wahrhaftig nicht! Wäre es ſo, dann würde die Reiſe nach Schottland nicht nöthig geweſen ſein, und—“ „Auch Schein, William! Vielleicht haben die Damen in Lon⸗ don Bekannte—“ „Gut, dann hätten ſie die Reiſe mit der Eiſenbahn machen können.“ „Und iſt das nicht geſchehen?“ „Der Lord iſt mit der Bahn gereist und die Damen mit ei⸗ nem Wagen.“ „Allein?“ „Sam und der Kutſcher begleiten ſie.“ Sam? Wer iſt das?“ „Der Bruder des jungen Mädchens.“ „Na, und was wird in Schottland geſchehen?“ „Mein Herr hat mirs nicht geſagt, aber ich weiß es trotzdem.⸗ „Nun?“ „Sie werden dort die Hochzeit feiern.“ „Da ſiehſt Du ja, daß es abgekartet iſt.“ „Eine Trauung ohne Prieſter,“ ſagte der Kammerdiener mit gedämpfter Stimm. „Unſinn!“ „Es wäre nicht das erſte Mal.“ „Ich ſage noch einmal, das iſt Unſinn;“ „Kann nicht ein Anderer das Prieſtergewand anziehen und die Formel ſprechen?“ „Wer?s“ „Und dann will ich Dir noch etwas im Vertraen ſagen der Mann, dem ich diene, iſt nicht der, welcher er zu ſein ſcheint „So? Wer iſt er denn?“ fragte Onkel Jon erſtaunt. „Ein Betrüger, der eine Rolle ſpielt, die—“ „Holla, Willian, ſieh Dich vor, alter Junge!“ Der Kammerdiener blickte ſich erſchreckt um, ſein Geſicht war noch bleicher geworden.“ — „. junge worde „ ſelbſt iſt de et hit gekon, dang ſein, don⸗ Rachen nit ei⸗ er nit und ngen ſein t war vme ——— ———— — 1369— Er hit keinen Anſpruch auf den Namen und den Titel,“ ſagte er leiſe,„und woher er das Geld nimmt, weiß ich auch nicht.“ Der alte Mann ſchüttelte den Kopf, die buſchigen Brauen zogen ſich ernſt zuſammen. „Das gefällt mir nicht, William,“ ſagte er unwillig,„man muß nicht gleich die Leute, denen man dient, ſo ſchlecht machen, daß kein Hund mehr ein Stück Brod vsn ihnen nimmt. Jeder hat ſeine Schwächen und ſeine beſonderen Liebhabereien, gute oder böſe, wie es ſich gerade trifft, und wem ſie nicht gefallen, der ſoll ſich dieſen Leuten fern halten.“ „Die Zeit wird's lehren, ob ich Recht habe.“ „Gut, wir wollen's abwarten.“ „Aber Du wirſt zugeben, Onkel, daß ich jetzt den Dienſt verlaſſen muß.“ „Gewiß.“ „Und Du wirſt Dein Verſprechen halten und für mich ſorgen?“ Der alte Mann ſchenkte den Reſt aus der Flaſche in die Gläſer und nickte zuſtimmend. „Natürlich werde ich das,“ erwiderte er.„Können die Damen jetzt ſchon am Ziele ihrer Reiſe eingetroffen ſein?“ „Nach meiner Berechnung werden ſie heute oder morgen an⸗ kommen.“ „Heute oder morgen?“ „Es kommt darauf an, welchen Aufenthalt ſie unterwegs haben.“ „Wahrſcheinlich gar keinen.“ „Du ſcheinſt noch immer nicht glauben zu wollen, daß die junge Dame gegen ihren Willen zu dieſer Reiſe gezwungen worden iſt,“ ſagte der Kammerdiener ärgerlich.„Weshalb ſolte ich die Unwahrheit ſagen?“ „Das behaupte ich nicht, ich denke mir nur, Du weißt es ſelbſt nicht und ergehſt Dich deshalb in Vermuthungen. Wann iſt der Lord auf ſeinem Gute in Schottland angekommen?“ „Wahrſcheinlich ſchon heute.“ „Kann man's in einer Tagereiſe erreichen?“ Der Kammerdi ner, dem der ſchwere Wein in den Kopf ge⸗ ſtiegen war, blickte Onkel Jon ſtarr an, aber der alte Mann — 1370— begegnete dieſem Blicke ſo ruhig und treuherzig, daß kein Arg⸗ wohn aufſteigen konnte. „Du wirſt Dich doch nicht hineinmiſchen wollen?“ fragte er. „Vielleicht wüßte man es thun.“ „Das würde zu keinem andern Reſultat führen, als daß Du das Leben dabei verlieren könnteſt. Und was kümmert Dich die Geſchichte? Gar nichts.“ „Das iſt freilich wahr,“ erwiderte Onkel Jon, indem er ſich erhob.„Ich werde noch eine Flaſche beſtellen, William, wir wollen heute Abenb uns den Spaß nicht verderben.“ „Es wird Zeit ſein, daß wir das Souper beſtellen, Onkel.“ „Sogleich!“ Er ging hinaus; während er draußen war, brachte der K Uner die dritte Flaſche. William Blackborne fühlte wohl, daß er mehr getrunken hatte, als ihm zuträglich war, aber die Freude darüber, daß er jetzt eine beſſere Zukunft erwarten durfte, ließ ihn darüber leicht hin⸗ weg ſehen. Vor allen Dingen mußte er dafür Sorge tragen, daß der reiche Onkel nicht eher nach Dublin zu ſeinem Bruder reiſte, bis er das dem Neffen gegebene Verſprechen erfüllt hatte. Beſitzer eines großen Hötels zu werden, war mehr, als der Kammerdiener jemals erwartet und gehofft hatte, es übertraf ſeine kühnſten Wünſche. Er beachtete nicht, daß Onkel Jon ziemlich lange draußen blieb, ar war zu ſehr mit ſeinen Gedanken und Plänen be⸗ ſchäftigt. Endlich kehrte der alte Herr zurück, er nahm ſeinem Neffen gegenüber wieder Platz. „Ich denke, wir ſpeiſen in einem andern Lokal,“ ſagte er, „hier wollen wir den ganzen Abend nicht bleiben.“ „Wie Du willſt, Onkel!“ „Wir trinken nachher Sekt, alter Junge, das Wieberſehen ſoll gründlich gefeiert werden.“ William Blackborne nickte zuſtimmenb, ſein Kopf wurde immer ſchwerer. „Alſo in einer Tagereiſe kann man das Gut erreichen?“ „Sehr bequem.“ Schuln ber ſih „U drei S „N hobe i geſche von i ſeinen er mi ſein e „ Ag, bte er. ſch de e ſ wr nel.“ Rlner hatte, r jeßt te, his lz bet dertraf taußen be⸗ Nefen te er, ſehen mmer — — 1371— „Es liegt an einer Eiſenbahnſtation?“ „In der Nähe.“ 8 „Warſt Du ſchon dort?“ „Vor einigen Jahren.“ „Kein angenehmer Aufenthalt, wie?“ „Könnte ich nicht behaupten,“ ſagte der Kammerdlener gering⸗ ſchätzend.* „Keine Zofen dort?“ ſcherzte Onkel Jon. „Ein altes Weib und ihr Mann.“„1 „Das iſt die ganze Beſatzung?“ „Jawohl.“ „Dann wird wohl der alte Mann das Prieſtergewand an⸗ ziehen?“ „Dafür iſt ein Andrer da, ein Woldhüter, der früher einmal Schulmeiſier oder Hauslehrer geweſen iſt. Ein verſoffener Burſche, der ſich zu Allem gebrauchen läßt.“ „Es iſt wohl ſehr einſam in der Gegend?“ „Weit und breit kein Haus.“ „Und ber Kaſtellan jedenfalls ein mürriſcher Kauz, dem man drei Schritte vom Leibe bleiben muß?“ „Natürlich,“ nickte der Kammerdiener,„ſo ſind ſie Alle, ich habe in meinem ganzeu Leben noch keinen freundlichen Kaſtellan geſehen.“ „Aber treue Diener ſind ſie, wie?“ „Das will ich meinen, treu wie die Hunde! Man kann Alles von ihnen verlangen, Onkel.“ „Der alte Gilbert iſt noch mürriſcher geworden, ſeitdem er ſeinen Sohn verloren hat,“ fuhr William Blackborne fort, während er mit zitternder Hand das Elas zum Munde führte,„es war ſein einziger Sohn.“ „Verloren? Wo? Und wann?“ „Er war Matroſe, wie Du, und das Schiff ſoll geſcheitert ſein.“ „Wann war das?“ fragte Onkel Jon, den die Sache zu inter⸗ eſſiren ſchien. „Ich glaube, vor zehn Jahren.“ „Und wie hieß das Schiff?“ „Das habe ich auch gewußt,“ ſagte der Kammerdiener mit ſchwerer Zunge.„Die alte Frau hat mir damals die ganze Ge⸗ — 4 2 itki ſchichte ezähtt. Es war verteufelt langweilig, aber ich mußte zu⸗ 3 hören, und— warte einmal, ich ſollte mich ja danach erkundigen, le jetzt erinnere ich mich wieder. Richtig, ich habe die Namen in 4 ih tür mein Notizbuch geſchrieben, will doch ſehen, ob—— da iſt es.“ 4 Nu 6 „Laß mich nachſehen, wilan“ erwiderte Onkel Jon, inden Su er ihm das Buch aus der Hand nahm, Deine Aagen ſind nicht mehr ganz klar.“ ₰ 6 vie „Weiß der Teufel— es iſt ein ſchwerer Ven,“ lallte Wil⸗ liam Ble adborne⸗⸗—in vhteufelt ſchwerer Wein— hep— wir hoben haben doch— hep— nohr nichts getrunken,— hey— wie?“„hin „So wenig wiezgar xichts,⸗ beſtätigte der olte M ann, während Reſtuur er in dem Noi ibuch blätterte. Pu „Es mut ganz vorne ſtehen— hep— damals war das Buch Ll noch neu— hep— nachher hab ich nicht mehr— hep— daran vn gedacht.“ an den e Das Schluckſen wurde immer heftiger, der Kammerdiener Der mußte mitten im Satz abbrechen. Geſpenſt „Du haſt keine Erkundigungen eingezogen?“ fragte Onkel Jon. 3„Va „Nein, gar keine.“ 3 Schluchſ „Schiff Victoria, Robert Gilbert— iſt es das?“ 3„Gs „Ganz recht— hep— Victoria— hep— un ergegangen nn Onk wann— hep— Fragezeichen!“ tig eng „Und dies iſt wohl der Name des ſchottiſchen Gns?“ Vil „Jawohl, Onkel— hep— verteufelt ſtarker Wea!“ Abſicht, „Trink weiter, dann wird's beſſer werden.“ des Bec „Danke— hep— gleich an die Luft gehen— hep— das„W beſte Mittel.“„Mi „Du hätteſt Dich doch erkundigen und der Frau Antwort wieber.“ geben müſſen,“ ſagte der alte Mann, der ſchon ſeit einiger Zeit.„De forſchend auf die Thür geblickt hatte.„Ju „Jawohl,— hep— bachte nicht mehr daran— hep.“„do „Wann haſt Du dieſe Notiz gemacht?“ 1 Et „Vor zwei Johren hoben „Vielleicht iſt der Sohn inzwiſchen e veit S „Nein, ſpurlos— hep— verſchollen.“ Grima „Weißt Du das ſicher?“„ „Natürlich— hep— würd's ja erfahren haben, wenn er desbli zurückgekommen wäre!“ 5 — das twort Zeit un er S5— ö — — 1373— „Wirklich?“ „Ich erfahre Alles— hep— es kommt kein Brief an, den ich nicht leſe, hep!“ „Natürlich weiß das der Lord nicht?“ „Braucht er auch nicht zu wiſſen— hep— ſoll ſeine Brieſe — hep— verſchließen— hep— was wollen Sie hier, Sir?“ Die letzten Worte waren an einen Mann gerichtet, in dem er, wenn er nüchtern geweſen wäre, den P lizeibeamten erkannt haben würde. „Hinaus, Sir— hep!“ rief er.„Privatzimmer— hep— Reſtauration nebenan!“ Onkel Jon erhob ſich. „William Blackborne,“ ſagte er mit gemeſſener Ruhe.„Sie werden dieſem Herrn ohne Weigerung ſolgen und an dem Orte, an den Sie gebracht werden, die kommenden Dinge erwarten.“ Der Kammerdiener glotzte den alten Mann an, als ob ein Geſpenſt vor ihm aufgeſtiegen ſei. „Was iſt das?“ rief er, durch den plötzlichen Schreck vom Schluchſen bofreit.„Was ſoll der Scherz, Onkel Jon?“ „Es iſt kein Scherz, Sir,“ erwiderte der alte Herr,„nur der Onkel Jon war ein Scherz, auf den Sie etwas zu leichtgläu⸗ big eingegangen ſind.“ William Blackborne griff nach der Flaſche, offenbar in der Abſicht, ſie dem Gegner an den Kopf zu werfen, aber die Fauft des Beamten umklammerte mit eiſernem Griff ſein Handgelenk. „Wer find Sie?“ ſchrie er wüthend. „Mein Name iſt Bucket, ich hoffe, wir ſehen uns ſpäter wieber.“ „Das hoffe ich auch! Sie wollen mich verhaften?“ „Jawohl, es iſt bereits geſchehen.“ „Dazu haben Sie kein Recht.“ „Erinnern Sie ſich der Mittheilungen, die Sie mir gemacht haben,“ erwiderte Bucket ruhig,„es muß feſtgeſtellt werden, wie weit Sie an der gewaltſamen Eutführung der Sängerin Arabella Grimaldi betheiligt ſind.“ „In keiner Weiſe!“ rief der Kammerdiener, deſſen Geſicht to⸗ desbleich wurde. „Das wird ſich finden,“ ſagte Bucket,„jedenfalls werden Sie — 1374— hinter Schloß und Riegel bleiben, bis die beiden Damen gefun⸗ den ſind.“ Ein unbehaglicher Haß leuchtete aus den glühenden Augen des Verhafteten, der plötzlich nüchtern geworden war. „Ich werde dafür oon Ihnen Rechenſchaft fordern!“ erwiderte er.„Glauben Sie mir, Mylord wird—“ „Mylord wird genug zu thun haben, ſich ſelbſt von der Schuld zu reinigen, die auf ihm ruht“ unterbrach Bucket ihn,„Uehri⸗ gens würde ich auf Ihre Verhaftung keinen Werth gelegt hahen, wenn ich nicht befürchten müßte daß Sie den Telegraph benutzen werden, um Ihren Herrn zn warnen.“ „Wenn Sie dieſes Verſprechen von mir fordern—“ „Rein, benn ich weiß, daß ein Verſprechen, welches Sie geben völlig werthlos iſt. Ich rathe Ihnen, folgen Sie dieſem Herrn gutwillig, Widerſtand oder ein Fluchtverſuch würden Ihnen nichts butzen, ſondern Ihre Angelegenheit nur verſchlimmern. Vielleicht ommt über Jahr und Tag der wirkliche Onkel Jon zurück, um Sie für dieſe Unbill zu entſchädigen.“ William Blackborne knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, aber Bucket achtete nicht darauf, er eilte hinaus, nachdem er die Zeche berichtigt hatte und ſaß einige Minuten ſpäter in einem Dennibus. Er war zufrieden mit dem, was er erreicht hatte, die Schwie⸗ rigkeiten, die jetzt noch überwunden werden mußten, fürchtete er nicht ſo ſehr. Es ſchlug vom nahen Kirchthurme acht Uhr, als er in das Haus der Miß Cleveland trat. In dem traulichen Wohnzimmer wares die Herrn verſammelt, Baron Udo kam dem eintretenden Agenten mit allen Zeichen fie⸗ berhafter Ungeduld entgegen. „Endlich!“ ſagte er tief aufſeuſzen. „Jawohl, endlich!“ erwiderte Bucket lächelnd.„Und doch habe ich nur weniger Stunden bedurft, um das zu erreichen, was Sie wahrcheinlich in ebenſo vielen Monaten nicht erreicht haben würden.“ „Sie haben eine Spur gefundenk“ fragte der Polizeirath haſtig. „Mehr als das, ich bin ſogar ſehr genan unterrichtet.“ hekannt geſcheh „ie be noch ein has Zie der Ste „Un „V wenn e daß) ſpielen 3 „1 Ernſt, kleinſte Kindes kennt k Veib es zui werde aufbiet zuführ 5 feſten hei, de gefun⸗ Augen idert⸗ Shuh huher, nuen geben herrn nichtz 4, un gähnen, er die einem chwie⸗ htete er in das mnelt, en ſie⸗ doch reichen, erteicht lizeirath 3 — 1375— „Gefunden?“ rief Ferdinand. „Miß Arabella iſt in Schottland,“ antwortete Bucket.„Der Lord beſitt dort ein Gut. Daß ſie dieſe Reiſe nicht frriwillig gemackt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen, Signora Grimaldi und Sam, der ihr Sohn zu ſein behauptet, haben ſie hingebracht. Sam iſt derſelbe Burſche, den Sie auf's Glatteis führen wollten, Herr Polizeirath.“ „Und dieſer Burſche ſoll der Sohn des ſchändlichen Weibes ſein?“ fragte Heller betroffen mit einem fragenden Blick auf den Baron. „Von der Exiſtenz eines ſolchen Sohnes iſt mir nie etwas bekannt geweſen,“ erwiderte der letztere erregt.„Was ſoll nun geſchehen?“ „Sie werden hier bleiben, Herr Baron,“ ſagte Bucket ruhig, „die beiden andern Herrn begleiten mich. Heute Abend fährt noch ein Zug nach Schottland, wir werden allerdings mit ihm das Ziel nicht erreichen, aber wir können dann morgen früh von der Stalion, auf der wir übernachten, den erſten Zug benutzen.“ „Und weshalb ſoll ich zurückbleiben?“ frazte Baron Udo. „Weil ch das für beſſer halte. Wir drei genügen, ſelbſt wenn es zu einem Kampfe kommen ſollte, überdies fürchte ich, daß Ihre Anfregung und Ungeduld uus einen ſchlimmen Strcich ſpielen könnte.“ „Ich werde ganz ruhig ſein, ich verſpreche es Ihnen.“ „Und ich muß Sie wiederholt und dringend bitten, meinen Anordnungen ſich zu fügen,“ erwiderte Bucket mit gemeſſenem Frnſt,„bedenken Sie, was auf dem Spiele ſteht, und daß die kleinſte Uebereilung oder Unvorſichtigkeit über das Schickſal Ihres Kindes entſcheiden kann. Jenes Weib, welches wir verfolgen, kennt keinen von uns, aber es kennt Sie, und dieſes rachſüchtige Weib würde vielleicht lieber das Mädchen vergiften als Ihnen es zuückgeben. Gedulden Si⸗ ſich, ſo ſchwer es Ihnen auch werde mag, Sie dürfen ja darauf vertrauen, daß wir Alles aufbieten werden, um das verlorene Kind in Ihre Arme zurück⸗ zuführen.“ „Ferdinand von Falkenberg mit dem der Baron ſchon einen feſten Freundſchaftsbund geſchloſſen hatte, pflichtete dieſer Anſicht bei, der Polizeirath und Miß Eleveland fanden es eben falls rath⸗ —— — 1376 ſam, daß Baron Udo in London zurückblieb, und der letztere mußte ſich fügen, er ſelrſt ſah ein, daß es ſo am Beſten war „Sie haben ſchon einen Plan entworfen?“ fragte der Poli⸗ zeirath jetzt, nachdem der Baron erklärt hatte, daß er dem Rathe Buckets folgen wolle. „Nein,“ erwiderte der Agent.„Wir müſſen damit warten, bis wir an Ort und Stelle ſind. Jedenfalls aber wollen wir uns mit Waffen verſchen und unſre Anzüge gegen andere umtauſchen · Beides kann in weiner Wohnung geſchehen, und es bleibt uns eben noch Zeit genug, dies zu beſorgen.“ „So wollen wir auch unverzüglich aufbrechen,“ ſagte Ferdi⸗ nand, wöhrend er ſeinen Hut nahm und dem Baron die Hand reichte.„Vertrauen Sie darouf, daß ich mein Leben einſetzen werde, um Baroneſſe Cäcilie aus der Gewalt dieſer Menſchen zu beſreien. Und ſobold wir Ihnen Nachricht ſchicken können⸗ ſoll es geſchehen.“ „Und nun vorwärts!“ drängte Bucket.„Jeber Augenblick iſt jetzt koſtbar.“ Sie nahmen Abſchied und verließen das Haus, und Baron Udo blieb bei Miß Cleveland zurück, mit ſeiner Aufregung, ſeiner Ungeduld und ſeiner fieberhaften Unruhe. Miß Cleveland bezeigte ſich auch ihm cls wahre Freundin⸗ ſie ſtärkte ſein Vertrauen auf den Mann, auf den er jetzt ſeine ganze Hoffnung bauen mußte, indem ſie ihm glänzende Proben von dem Muth, der Ausdauer und der Gewandtheit Buckets be⸗ richtete, der den Ruf genoß, der tüchtigſte Detectiv Londons zu fein. So wurde es allmälig ruhiger in dem Innern des alten Mannes, der freilich keine Ahnung davon hatte, welche furcht⸗ bare Hiobspoſt in der Heimath ſeiner harrte. „De ich es n kehrend weil wir wiil e Die ſeufzte „D Stimm wird 2 Gil „S ſigte e rrn nicht g M hetrof 2 h darf lettere war Rathe urten, it unz bleiht 52. Kapitel. ßerdi⸗ Hand nſetzen enſchen önnen, Verrathen. 3 lid iſt „Das iſt Alles, was ich thue, und ich habe es gethan, wei ich es mußte,“ ſagte Gilbert, als er aus der Schloßkapelle zurück⸗ kehrend in ſein halbdunkles Zimmer ttat.„Ich habe es gethan, weil wir zu alt geworden ſind, um unſer Brod zu erbetteln, und Baron „ſeiner undin, weil es ein bittres Loos wäre, im Armenhauſe zu ſterben.“ t ſeine Die alte Frau, die in ihrem Seſſel vor dem Kamin ſaß, Proben ſeufzte tief und ſchwer auf. kets be⸗„Die Rache wird nicht ausbleiben,“ erwiderte ſie mit dumpfer Stimme.„Gottes Mühlen mahlen langſau aber ſicher, ſeine Rache wird Alle treffen, die an dieſem Frevel ſich betheiligt haben.“ 5 Gilbert trat an's Fenſter und kreuzte die Arme auf der Bruſt. „So mögen ſie vor allen Andern dieſen Murry zerſchmettern!“ ſagte er.„Auf ihn füllt die Hauptſchuld. Er hat damals unſerm Herrn den Rath gegeben, Ada Moore zu betrügen, hätte er es nicht gethan, ſo wäre ſie Lady geworden.“ Miſtreß Gilbert erhob das Haupt und blickte ihren Gatten betroffen an. „Kannſt Du das beweiſen?“ fragte ſie. „Ich könnte es, wenn Murry die Wahrheit reden wollte. Aber darf man von ihm ein ehrliches Geſtändniß erwarten?“ Der Baſtard. 87 ons z alten fucht⸗ — 1378— „Sicher vicht!“ 3 „Alſo wird es ihm auch nicht bewieſen werden köunen⸗ denn Niemard war zugegen, als er den verhängnißvollen Rath gab. Unſer Herr liebte Miß Moore und es war ſein Vorſatz, ſich hier in aler Stille mit ihr trauen zu laſſen—“ „Würde er ſie jemals als ſeine Gattin anerkannt haben?“ „War er mit ihr getraut ſo war ſie ſeine Gattin, und kein Gerichtshof konnte die Ehe wieder trennen.“ „Ich glaube nicht, daß er das wollte,“ ſagte die alte Freu, aber es iſt möglich, und wenn ein ſolcher S urke ſich vicht ge⸗ ſanden hätte, ſo würde der Herr gezwungen worden ſein, die Trauung von einem wirklichen Prieſter vollziehen zu laſſen.“ Der Kaſtellan ſGritt einigenal anf und nieder, dann blieb er neben ſeiner Frau am Kamin ſtehen, in welchem ein wächtiges Holzfeuer loderte. „Wanr haſt Du ſie zuletzt geſehen?“ fragte er. „Vor einer Stunde.“ Du glaubſt nicht, daß ſie ſreiwillig in die Kapelle gehen wird?“ „Nein.“ „Hat ſie es geſast?“ „Sie pricht nichts, aber ſie ſieht mich imrer an, als ob ſie orforſchen wolle, was ſie von mir im Kothfalle erwarten dürfe.“ „Und ihre Mutter „Wie ich dieſes Weib haſſe!“ ſagte Riſtreß Gilbert, während ſie mit dem Schüreiſen die brennenden Holzſcheite zuſammenſtieß, als ob ſie des ganzen Haß, der in ihr kochte, an ihnen aus⸗ laſſen wolte.„Iſt ſie ihre Mutter? Ich kann es mir nicht denken! Und ich glanb's nicht, die Verachtung, mit der die ſchöne Miß das Weib bebanbelt, und die Herzloſigkeit, mit der das Weib das Mäbchen verkauft—“ „B'h, es gibt ſolche Mütter!“ „Ich kann es mir nicht denken.“ „Uns iſt nicht Sam ein würdiger Sohn des Weibes?“ „Aber er kann nicht der Bruder der jungen Dane ſein?“ „Weshalb nicht? Sie iſt erzogen worden, um einſt vie Mai⸗ treſſe eines reichen Herrn zu werden, und er iſt aufgewachſen im „0 hinter als vb § „ ick! ſahet 7 könne ſo m nidt PVillf hat alen vor l ſie tfe.“ vůhrend menſtiß, tes sts⸗ nir nicht ie ſhöne ber des P ſei“ mmm ————— — 1379— Schmut und in der Verworfenheit. In den Kloaken Londons gibt es ſolcher Subjekte viele.“ „Es ſind keine Engländer!“ „Gleichviel, die andren Länder haben auch ihre Städte, und ihre Kloaken, es wird überall dasſelbe ſein.“ Miſtreß Gilbert ſchüttelte das Haupt und blick.e mit zuſammen⸗ gezogenen Brauen in das Feuer. „E⸗ wird ein Ungluͤck geben,“ ſagte ſie. „Ein Unglück? Beh, ich wüßte nicht—“ „Gib Acht, Gilbert, Zlut wird die Steinplatten der Kapelle färben!“ Der Kaſtellan ſtierte ſeine Frau entſetzt an. „Und weſſen Blut wird es ſein?“ fragte er. „Sein's oder ihr eignes.“ „Ach, was, das ſind Vermuthungen—“ „Ich ſah das Stilet in ihrer Hand, ſie wußte nicht, daß ich hinter ier ſtand, und als fie mich bemerkte, fuhr ſie zuſammen, als ob ſie auf einer böſen That ertappt worden ſei.“ „Glaubſt Du, daß ſie den Muth haben wird?“ „Den Muth? Ein verzweifelter Menſch läßt ſich vom Augen⸗ ick leiten, ſagte die alte Frau,„was kümmern ihn die F lgen ſeiner Tunt!“ Wieder wanderte Gilbert mit großen Schritten auf und nieder. „Ich weiß nicht, was wir thun ſollten,“ erwiderte er.„Wir können es nicht verhindern, und wenn wir es verhindern wollten, ſo müßten wir noch in dieſer Nacht dos Schloß verlaſſen. Sag' nicht, wir ſeien unentbeh-lich, Rurry wartet nur darauf, um den Poſten des Kaßtellans zu erhalten, er hat längſt darauf gelauert, Willſt Pu die junge Dane warn 7 Es nützt Dir nichts, jedes welches Du mit ihr richſt wird dem Herrn verrathen.“ „Wenn nur der Barſche nicht immer hinter mir wäre!“ „Er iſt ihr Hüter. Wie war's geſtern Abend? Kein Wort hat ſie mit den Lord geredet, er und das alte Weib mußten allein die Unterhaltung führen. Und der Burſche ſtand draußen vor der Thür wie der Hühnerhund auf dem Anſtand.“ „Wir können nichts machen, Gilbert!“ — „Nein, wenn wir nicht die agne Exiſtenz und das eine Leben preisgeben wollen.“ Der dumpfe Klang der Thorglocke unterbrach das Geſpräch. „Murry,“ ſagte Miſtreß Gilbert. „Ich glaub's nicht,“ erwiderte der alte Mann,„er hat mir geſast, er wolle nicht läuten. Er kommt durch den Park, und er weiß, daß es beſſer iſt, wenn er keinen Lärm macht.“ „So ſieh zu, wer es iſt.“ Der Kaſtellan ging hinaus, und als er das Thor öffnete, fiel ſein Blick auf einen Matroſen, der in Seemannstracht mit einem kleinen Bündel in der Hand vor ihm ſtand. „Seid Ihr Maſter Gilbert?“ fragte der Matroſe heiter. „Was wollt Ihr?“ erwiderte Gilbert mürriſch. „Potz Sturm und Gewitter, alter Herr, ich hab' den weiten Weg von Sonthampton hieher nicht gemacht, um mich grob an⸗ fahren zu laſſen. Da ſegle ich lieber ſofort wieder zurük, ohne lange Anker zu werfen.“ Gilbert hatte den Matroſen mit einem ſcharfen Blick ge⸗ muſtert. „Ich kenne Euch nicht, guter Freund,“ ſagte er zögernd. „Ich Euch auch nicht,“ erwiderte der Matroſe lachend.„Wenn Ihr die Nachrichten von Eurem Sohne nicht hören nollt—“ „Von meinem Sohne?“ rief der Kaſtellan erregt. „Robert Gilbert, Schiſf Victoria.“ „Er lebt noch?“ „Laßt mich erſt in den Hafen einlaufen und Anker werfen, altes Haus, ich bin müde.“ Gilbert dachte jetzt an nichts mehr, als on ſeinen verſchol⸗ lenen Sohn, alles Andere vergeſſend, ließ er den Matroſen ein, ſelbé dem Zorne des Lords wärde er Trotz geboten haben. „Erſchrick nicht, Frau,“ ſagte er, als ſie in's Wohnzimmer traten,„Rachrichten von Robert, wir werden Gewißheit erhalten.“ Die alte Frau fuhr von ihrem Sitz empor, die weitgeöffneten Augen ſahen den Matroſen ſtarr an, der ihr vertraulich zunickte. „Von Robert?“ wiede holte ſie.„Und grade heute?“ „Was es auch ſein mag,“ erwiderte Gilbert in ermuthigen⸗ dem Tone, während er einen Stahl für ſeinen Gaſt ans Feuer wekte,„wir wollen's muthig ertragen.“ ige ſprüg. at mir d er te, ſiel teinen weiten 00 an⸗ „ohne Wenn werſen, rſchol⸗ en ein, nmer uiten.“ ffneten unickte. thigen⸗ Feuer — 1381— „Ich denke, es läßt ſich leicht ertragen,“ fagte der Matroſe ſcherzend,„es iſt ſchon manches Schiff untergegangen, ohne daß es mit Mann und Maus verloren ging.“ „Lebt er noch?“ ſragte Miſtreß Gilbert in othemloſer Span⸗ nung während ihr Mann ein großes Glas mit Rum füllte und es dem Matroſen reichte, der bei dieſem willkommenen Anblick lachend ſein ganzes Gebiß zeigte. „Laß' den Mann erſt trinken,“ ſogte der Kaſtellan, der ſelbſt vor Ungeduld und Erregung zitterte. Nachher wird er uns Alles mittheilen, was er weiß.“ „Natürlich!“ nickte der Matroſe, der in den Ohren große goldne Ringe trug und durch das ganze Zimmer einen Theer⸗ geruch verbreitete,„zuerſt takeln wir ab, dann wird die Ladung gelöſcht. Bin ja derhalb von Southampton hieher geſegelt— ahoi!“ „Still, ſtill!“ ſagte Gilbert beſtürzt. „Weshalb ſtill?“ „Yylord iſt hier!“ „Wo?“ fragte der Matroſe, ſich umblickend. „Oben in ſeinem Kabinet.“ „Blitz und Sturm, kann er keinen Lärm vertragen?“ „Er darf nicht wiſſen, daß Ihr hier ſeid.“ „Ich bin ein ehrlicher Mann und ſchon in manches reichen Mannes Hauſe geweſen,“ ſagte der Metrofe empört,„denkt Ihr, ich ſei hieher gekommen, um zu ſiehlen? Kennt Ihr dieſe Uhr? Es iſt die Uhr Eures Sohnes, ich hätte ſie behalten und in Southampton bleiben können, wenn ich ein unehrlicher Kerl wäre.“ „Davon iſt keine Rede,“ erwiderte Gilbert kopfſchüttelnd. „Ich wollte nur ſagen, es ſei mir angenehmer, wenn der Lord nict wiſſe, daß Ihr hier ſeid.“ Die alte Frau hatte haſtig nach der Uhr gegriffen. „Robert's Uhr?“ fragte ſie.„Ich kenne ſie nicht.“ „Als er von hier fortging, hatte er noch keine Uhr,“ fügte der Koſtellan erläuternd hinzu.„Sogt uns nur das Eine, lebt er noch?“ „Kann ein Todter einen Lebenden ſchicken?“ antwortete der Matroſe. — 1582— „ 6 Pin leiſer Schrei entfuhr den Lippen der alten Frau. Ihre zu bürte Hand umklammerte den Arm des Matroſen, und ihr glü⸗ ſ hender Blick ſchien in die innerſten Tiefen ſeiner Seele dringen zu wollen. „Wo iſt er?“ fragte ſie.„ is „Als ich ihn verließ, war er in Indien.“ 3„A „Wird er bald zurückkehren?“ kpitl „Gewiß, ſobald der Dreimaſter Albert den Kiel gen Britannia ud de richtet.“— Ronn, „Herr des Himmels, ich werde ihn wiederſehen!“ ſagte Miſt⸗ ſhon! reß Gilbert, die Arme erhebend,„nur ſo lange noch laß' mich e aut leben.“ ſt unt Der Kaſtellan war nicht minder erregt, aber er bezwang ſich.„ „Erzählt uns das Alles ausführlich,“ ſagte er,„meine Frau 1„L ſoll für einen Imbiß ſorgen.“ Fahrw⸗ „Wirft der Lord mich nicht hinaus?“ fragte der Matroſe t ſ ächelnd. „Habt keine Furcht, ſo ſchlimm iſt er nicht.“ loren 9 „A er ein Nachtquartier werde ich nicht fordern dürfen?“ 3 wchgel „Ihr könnt hier übernachten.“ 3 ihn au „Gut, weiter als das und einen Imbiß verlange ich nichts.“ die Fat „Nur müßt Ihr Euch ruhig verhalten.“ 3„N „Aus beſonderen Gründen?“ 3 er v „In der Schloßkapelle ſoll heute Abend eine Trauung ſtatt⸗ . en,“ ſagte der Kaſtellan zögernd.„Da werdet Ihr begreifen, 3 daß kein Lärm gehört werden darf.“ „Gut, gut,“ nickte der Matroſe,„ich werde mich ſo ruhig vlrfel verhalten, wie eine Schiffsratte, ſeid ohne Sorgen. Am Abend 55 alſo? Um wie viel Uhr?“ Fube *„Es kann Mitternacht werden“. 62 „8 „Dann ſchlafe ich ſchon, alſo ſeid ohne Sorgen, meinethalben ollt Ihr keine Unannehmlichkeiten haben. Morgen früh limte ich 1 ſh. die Anker bei Tagesanbruch“ heilen Miſtreß Gilbert hatte inzwiſchen den Tiſch für den Goſt ge⸗ deckt und der Matroſe ließ es ſich vortreiflich munden. Schweigend ſahen die alten Leute ihm zu, nur dann und wann tauſch en ſie einen bedeutuugsvollen Blick miteinander, als ob ſie einander ermahnen wollten, in Geduld auszuharren. O Vhre P glü⸗ tingen tannig Miſ⸗ ß nih ig ſich. e Frau Natroſe nichts.“ g ſtatt⸗ ouhiz Abeid ehalben ſt ge⸗ un und der, als l. — — — 1388— „So,“ ſagte der Matroſe endlich, indem er mit dem Aermel der Jacke den Mund abwiſchte,„jetzt wollen wir die Ladung löſchen.“ er ſchwankte auf ſeinen Sitz am Kamin zurück und ſtelte die Füße auf das eiſerne Schutzgitter. „Alſo das Schiff Victoria,“ fuhr er fort.„Es war ein Kapitals Schiff, ſo gut und ſchön wie je eins zviſchen England und den Kolonien gefahren iſt, und der Kapitain war ein braver Mann, das müſſen ihm ſelbſt ſeine Feinde laſſen⸗ Na, es iſt ſchon manches Kapital Schiff geſcheitert und der Victoria vaſſirte es auch, ohne daß Jemand das Unglück abwenden konnte. Es iſt untergegangen mit Mann und Maus—“ „Ihr ſagtet vorhin—“ „Laßt mich ausreden, Gilbert, bringt mich nicht aus dem Fahrwaſſer. Das Schiff ging unter, aber Robert Gilbert klam⸗ merte ſich an den Maſt und ließ ſich von den Wogen treiben. Es war ein ſchlimmes Fahrzeug und der brave Junge wäre ver⸗ loren geweſen, wenn nicht bald nach dem Schiffbruch der Sturm nachgeluſſen hätte. Nach drei Tagen nahm ein andres Schiff ihn auf, und da dieſes Schiff nach China ſegelte, ſo mußte e die Fahrt mitmachen.“ „Nach China!“ wiederholte Miſtreß Gilbert, tief aufathmend. „Er war gerettet!“ „Das wohl,“ erwiderte der Matroſe,„aber— na, es hat ein Jeder ſeine Schickſale, ich bin auch in der Welt herumge⸗ würfelt worden. In den chiniſchen Gewäſſern griffen Piraten das Schiff an, und Robert Gilbert wurde in dem Kampfe ver⸗ wundet.“ „Du lieber Himmel!“ „Seid ruhig, Miſtreß, es war nicht ſo ſchlimm, wie es aus⸗ ſah. Er mußte freilich in China zuruckbleiben, um die Wunde heilen zu laſſen„ „Weshalb hat er nicht geſchrieben?“ fragte der Kaſtellan. „Hat er's nicht gethan?“ „Wir haben nie einen Brief geſehen.“ „Prum könnt Ihr noch immer nicht wiſſen ob ſein Brief nicht verloren gegangen iſt. Es iſt ein eignes Ding mit Ma⸗ — —— —— ——— — 1384— troſenhriefen, ſie kommen ſelten an. Und eine Matroſenhand ſchreibt nicht gern, ich weiß das aus Erfahrung.“ „Wie lange blieb er in China?“ fragte die alte Frau. „Ueber ein Jahr, von da aus fuhr er nach Indien.“ „Und dort iſt er noch?“ „Als ich abſegelte, war er noch da. Er hette viele Reiſen ſeitdem gemacht, er war in Afrika und Amerika geweſen—“ „Und er dachte nicht an ſeine Eitern!“ ſagte der Kaſtellan vorwurfsvoll.„Nur eine einzige Zeile hätte er ſchreiben ſollen, dann wäre Alles gut geweſen, wir würden uns geduldet und gewartet haben, die Hoffnung wäre uns wenigſtens geblieben.“ „Na, ja, wenn er wirklich nicht geſchrieben hat, dann iſt es unrecht,“ erwiderte der Matroſe,„aber man kann's den Seeratten nicht übel nehmen.“ Die alte Frau blickte wieder ſtarr in das Feuer, es ſchienen noch immer Zweifel in ihr aufzuſteigen, die ſich ſo raſch nicht be ſeitigen laſſen wollten. Wie hätte es auch anders ſein können! Der Glaube an den Tod des Sohnes war ſo tief eingewurzelt, daß die neuen Hoff⸗ nungen erſt langſam Raum gewinnen konnten.“ „Weshalb kam er nicht mit Euch herüber?“ fragte fie. „Weil er den alten Pflanzer, den er in ſeiner Kronkheit ge⸗ pflegt hat, nicht verlaſſen durſte, Miſtreß. Er wird ihn beerben.“ „Was7 Pflanzer beerben?“ überraſcht.„Einen indiſchen P anzer?“ „Scheint Euch das unglaublich 2“ ſpottete der Matroſe. Er hat dem Mann das Leben gerettet, und der Pflanzer vergaß das nicht. Er nahm Robert Gilbert in ſein Haus auf und man ſagte, er habe ihn adoptirt.“ „Dann iſt er für uns verloren!“ ſeufzte der alte Mann, aber ſeine rau dachte darüber anders, denn aus ihren Augen glänzte ein freudiger Stolz. „Verloren?“ wiederholte ſie. Er wird ſeine Eltem mie ver⸗ geſſen, denn er war ſtets ein guter Sonn“ „Wäre er es nicht, und hätte der Reichthum ſein Herz vor⸗ püriet. dann würde er mich micht gebeten haben, ſeinen Eltern ſeinen Gruß zu bringen,“ ſagte der Matvoſe kopfſchüttelnd. Er zt nit ſegein v ihn uti Reiſen ſelan ſolen, et uh ieben.⸗ iſt 6 hetatten ſchienen nicht U Hoff⸗ kt eit ge⸗ rd ihn „Einen gaß des ſd men mn, aber gänzte nie ver⸗ eiz Eltern d. Er an den — 1385— „ hat mir erklärt, daß er mit dem nächſten Schiff nach Europa ſegeln wolle, und er wird Wort halten, denn das Heimweh hatte ihn ergriffen!“ „Wenn der Pflanzer—“ „Er war dem Tode nahe, als ich Indien verließ.“ „Und es iſt ſicher, daß Robert ihn beerben wird?“ fragte die alte Frau. „Wäre es nicht ſicher, ſo würde er mich begleitet haben.“ Der K ſiellan wanderte wieder auf und nieder; er hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und von Zeit zu Zeit ſtreifte ſein Blick forſchend das welke Geſicht der Frau. „Ihr werdet müde ſein,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wenn Ihr zu Bett gehen wollt, ſo ſagt es nur—“ „Bah, ein Matoſe darf nicht müde werden. Soll ich jetzt ſchon in meine Koje gehn? Ich denke nicht daran. Plaudern wir noch ein wenig, alter Freund. Wer heirathet in vieſer Nocht? Der Lord?“ Sprechen wir nicht davon!“ erwiderte Gilbert raſch. „Weshalb nicht? Iſt es ein Geheimniß, welches Niemand erfahren darf?“ „Das nicht, aber es kann Euch ja nicht intereſſi en.“ Die alte Frau hatte ſich erhoben, ſie zündete eine Kerze an, die nur einen kleinen Theil des großen Gemachs matt beleuchtete dann ging ſie langſam hinaus. Gilbert folgte ihr, der Matroſe blieb allein zurück. „Wir müſſen ihn fortſchaffen,“ ſagte der Kaſiellan leiſe, als er draußen mit ſeiner Frau zuſammentraf.„Und je eher es geſchieht, deſto beſſer iſt es.“ „Weehalb?“ fragte Miſtreß Gilbett befremdet. „Wenn Murry ihn ſieht—“ „Mag er ihn ſehen! Wer will uns verbieten, einen Boten einzulaſſen, der uns Nachrichten von unſerm Sohne bringt?“ „Mylord könnte anders darüber denken.“ „Wenn Robert ein reicher Mann geworden iſt, ſo mag My⸗ lord denken, was er will, uns künmmert es nicht mehr. Ich wollte, er wäre hier, dann würde die frevelhafte Comödie nicht auf⸗ geführt.“ Der Kaſtellan ſchüttelte bedenklich das Haupt. 1386 „Er iſt nicht hier,“ erwiderte er,„und es iſt ein weiter Weg von Ineien hieher. Der Reichthum verhärtet manches Menſchen⸗ herz und mir will's nicht gefallen, daß Robert keine Zeit gefunden haben ſoll, an uns zu ſchreiben.“ „Das wird ſich ja Alles aufklären, wenn er heimkehrt.“ „Und weshalb hat er dem Boten nicht einen Brief mitge⸗ geben?“ „Du hörſt ja, daß er einen Kranken pflegen mußte,“ ſagte Miſtreß Gilbert, die jetzt die kaum gewonnene Hoffnung ſich nicht wieder rauben laſſen wollte.„Wir müſſen uns in Geduld faſſen und abwarten.“ „Ja, das müſſen wir,“ erwiderte der alte Rann⸗„venn es bleibt nichts Andres übrig. Aber der Matroſe muß fort.“ „Haſt Du ihm nicht ein Rachtquartier angeboten?“ „So ſoll er ſich in ſein Zinmer begeben und zu Bett gehen⸗ Man kann nicht wiſſen, was in der Nacht vorfällt, und wenn es erführe und ausplimderte—“ „So ſorge Du, daß er geht, ich muß jetzt hinauf, um nach unſren Gäſten zu ſehen.“ In dieſem Augenblick kamen leiſe Schritte die Treppe her⸗ unter, vor der die Beiden ſtanden, haſtig zog Gilbert ſeine Frau zurück, und g'eich darauf ſchritt der Lord, ohne ſte zu ſehen, an ihnen vorbei. „Jetzt wird er den Matroſen entdecken,“ flüſterte der Kaſtellan erſchreckt, als der Lord in das Zimmer trat. „Gehe ihm nach, ehe ſie anemander gerathen,“ erwiderte die alte Frau raſch. Gilbert folgte dem Rathe. Der Lord ſtand dem Matroſen gegenüber und ſah ihn an, als ob er mit ſeinem Blick ihn vernichten wolle. „Was thut Ihr hier?“ fragte er.„Wer hat Euch einge⸗ laſſen—“ „Na, na, nur nicht gleich ſo grob,“ Herr Kammerdiener,“ unterbrach der Matroſe ihn.„Ich weiß zwar nicht, wer hier mehr zu befehlen hat. Ihr oder der Kaſtelluan—“ „Verzeihung,“ ſagte Gilbert,„er iſt von Southampton hieher gekommen, um mir Nachrichten von meinem Sohne zu bringen.“ ℳ wurfsvo thelen! „er halt hringen, friſchen „Unt ben er ſ „Mi N Fü ſogte de Pet gel „ „N nicht ſ freind „S Lord. Zimme D A undu nitge⸗ ſtgte niht d foſſen benn 6 gehen enn n nach e her⸗ eFrau aſtellan hieher ngen“ —— — 1337— Poch einmal heſtete Mylord den Blick feſt auf das ehrliche, gutmüthige Geſicht des Seemanns. „Iſt das Alles?“ fragte er. „Jawohl, Mylord.“ „Den Teufel auch!“ brummte der Ratroſe beſtürzt.„Das hätten Sie mir gleich ſagen können, ich hielt Sie für den Kammer⸗ diener.“ „Laßt uns allein,“ hefahl der Lord. Ohne Zögern verließ der Seemann das Zimmer. „Ihr hättet ihn nicht einlaſſen ſollen,“ ſagte Mylord vor⸗ wurfsvoll.„Er konnte Euch draußen was er mitzu⸗ theilen hatte.“ „Ich bitte noch einmal um Sweihung⸗“erwiderte Gilbert, „er hatte den weiten Weg gemacht, um mir die Nachricht zu bringen, und weit und breit iſt kein Haus, in dem er ſich er⸗ friſchen oder übernachten konnte.“ „Und ſeid Ihr überzeugt, daß er wirklich Derjenige iſt, für den er ſich ausgibt?“ „Mylord fürchten doch nicht—“ „Ich traue Niemandem“ „Für dieſen Mann bürge ich, er iſt ein ehrlicher Matroſe,“ ſagte der Kaſtellan.„Ich werde dafür ſorgen, daß er ſogleich zu Bett geht dann wird er wie ein Dachs ſchlafen bis zum Morgen. Mit Tagesanbruch will er wieder fort.“ „Ihr könnt ihn jetzt nicht fortſchicken?“ „Nein. Ich habe ihm ein Nachtlager angeboten, und er ſoll nicht ſagen, daß man in dieſem Hauſe die alte ſhottiſche Gaſt⸗ freundſ chaft nicht kenne.“ „So mag er bleiben, aber Ihr bürgt für ihn,“ erwiderte der Lord.„Ich rathe Euch, ihn einzuſchließen, wenn er in ſeinem Zimmer iſt, man darf Niemandem vertrauen. Lebt Euer Sohn noch?“ „Ja, er iſt in Indien.“ „Das freut mich für Euch. Iſt die Kapelle in Ordnung?“ „Alles fertig Mylord.“ „Und Murty?“ „Ich habe ihn noch nicht geſehen.“ „Wenn er kommt, führt ihn in die Kapelle, dort ſoll er mich erwarten? Wo iſt Eure Frau?“ „ — 1388— „Sie iſt vorhin hinaufgegangen.“ „Wollt ihr wirklich nicht als Zeuge dienen, Gilbert?“ „Mylord, ich kann es nicht,“ erwiderte der alte Mann.„Er⸗ laſſen Sie es mir und dringen Sie weiter in mich.“ „Ihr werdet alt und mürriſch—⸗ „Nein, nein, ich bin ſtets ein treuer Diener Ihres Hauſes geweſen,„und ich werde es bleiben, ſolange ich lebe, aber ich möchte nichts thun, was gegen mein Gewiſſen iſt. Und mein Ge⸗ wiſſen läßt mir keine Ruhe, ſo oft ich an Miß Moore denke.“ Der Lord wandte unwillig ſich ab. „Ihr ſeid ein alter Narr,“ ſagte er unwirſch.„Miß Moore hätte ihren Vortheil wahrnehmen ſollen, ſie wäre eine reiche Dame geworden, aber kindiſche Bedenken hinderten ſie, das Glück zu erfoſſen und feſtzuhalten. Noch einmal, Gilbert, gebt auf den Matroſen Acht, und wenn ein unerwartetes Ereigniß eintreten ſollte, ſo werdet Ihr wiſſen, auf welcher Seite ein treuer Diener meines Hauſes ſtehen muß.“ Obhne eine Antwort abzuwarten, ging er hinaus, der Kaſtellan ſetzte ſich vor den Kamin und ſtützte das Haupt auf beide Arme. „Ich kann's nicht ändern und nicht verhüten,“ murmelte er, „ich muß es geſchehen laſſen.“ Die alte Frau trat wieder ein, ihr Blick ſuchte den See⸗ mann. „Wo iſt der Matroſe? fragte ſie. „Draußen“, erwiderte Gilbert, der Lord ihn hinausge⸗ ſchickt.“ „Hinaus in die Nacht?“ „Nein, nein, er will geſtatten, doß er hier übernachtet, aber es wäre ihm lieber, wenn er ginge, denn er traut ihm nicht.“ „Das böſe Gewiſſen, Gilbert!“ „Ja, ich glaub's auch“, nickte der Koſtellan, und ich wollte, Alles wäre vorbei!“ „Ich wollte ein Blitzſtrahl führe auf das Haus hinunter und zündete es an.“ „Und was dann?“ „Dann könnte ich das Mädchen retten!“ „F omme Wünſche!“ ſagte Gilbert kopfſchüttelnd.„Wir nüſſen ſc . treibl Die 0 vult erle Schitte! Sie legte ſie „das „Ve „Pir S Schöpfer gewilter „65 „Vaſ „heh „Ihr nicht inte „Die „Und „c lauge h Tag wei bauern. ſchon in „Ar worden, Bieles t Pir mü „Un darft“ S Mi bergen. nuge⸗ t, aher wolle, ter und — 1339— müſſen ſchweigen. Geh und ſieh, wo der Matroſe ſich herum treibt.“ Die alte Frau ging hinaus, ſie fand den Seemann in der matt erleuchteten Kapelle, er kniete vor dem Altar und ſchien ihre Schritte nicht zu hören. Sie blieb hinter ihm ſtehen, bis er das Haupt erhob, dann legte ſie leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter. „Ihr habt Gottesfurcht“, ſagte ſie in warmem, herzlichem Tone, „das rreut mich für Euch.“ „Wer ſie nicht hat, der iſt ein verlorener Menſch“, erwiderte er. „Wir Seeleute ſind ein rohes Volk, aber wir glauben an den Schöpfer aller Dinge, und dieſer Glaube iſt in Sturm und Un⸗ gewitter unſere beſte Stütze.“ „Es iſt mir lieb, daß Ihr mir das ſagt.“ „Wann ſagtet Ihr, daß die Trauung ſtattfinden ſolle?“ „Gegen Mitternacht.“ „Ich möchte ihr beiwohnen.“ „Ihr, fragte die alte Frau betroffen.„Euch kann ſie doch nicht intereſſiren?“. „Die Perſonen nicht, aber die Handlung.“ „Und weßhalb dieſe?“ „Ich wurde auch einmal getraut, Miſtreß, es iſt freilich ſchon lange her, aber ich werd's nie vergeſſen. Es war der ſchönſte Tag meines Lebens, und ich meinte, dieſes Glück müſſe ewig dauern. Aber wirkliches Glück dauert nie lange, mein Weib ſtarb ſchon im erſten Jahre unſerer Ehe.“ „Armer Schelm!“ „Ich hab's überwunden, Miſtreß, aber es iſt mir ſchwer ge⸗ worben) das könnt Ihr glauben.“ „Ich glaub's gerne“, nickte die alte Frau,„der Menſch kann Vieles tragen und überwinden, wenn er nur Gottvertrauen hat. Wir müſſen jetzt gehen.“ „Und Ihr glaubt nicht, daß ich der Trauung beiwohnen darf?“ „Keinesfalls.“ „Sollte es dem Lord unangenehm ſein?“ Miſtreß Gilbert konnte ihre Verlegenheit nicht ganz ver⸗ bergen. — 1380— „Ich möchte ihn nicht um Erlaubniß fragen“, faßte ſie,„die hohen Herrſchaften lieben die Neugier andrer Leute nicht.“ „Aber Ihr werdet doch zugegen ſein?“ „Ich? Nein!“ „Dürft Ihr auch nicht?“ „Ich wohl, aber ich finde kein Vergnügen daran.“ „VWenn ich mich dort in dem Beichtſtuhl verſteckte—“ „Nein, nein, denkt nicht daran,“ ſagte die alte Frau haſtig, „Mylord würde uns das nicht vergeben. Es geht wahchaftig nicht.“ „Na, dann wollen wir auch nicht weiter davon reden“, er⸗ widerte der Matroſe,„man muß auf einen Wunſch verzichten können.“ 2 Sie ſchritten hinaus und kehrten in das Wohnzimm er zurück in welchem der Kaſtellan ſie u geduldig erwarlete. Die Rumflaſche ſtand noch auf dem Tiſch, der Seemaun nahm ſie und hielt ſie gegen das Lut. „Wenn Ihr mir heißes Wſſer und etwas Zucker geben wollt, ſo broue ich einen Grog ſür uns, wie ihn Euer Sohn gerne trank“ „Ich will zu Bett“ ſagte Gilbert verdroſſen. „Ich auch, alter Freund“, erwiverte der Matroſe,„aber ich ghe nicht eher, bis wir auf vas Wohl Eures Sohnes ein Glas getrunken haben.“ „Na, meinetwegen“ brummte der Kaſiclc⸗ „Habt Ihr ſchon Grog getrunken?“ „Oft.“ „Ich meine einen Seemannsgrog?“ „Was Ihr darunter verſteht, weiß ich nicht.“ „Und wann meint Ihr, daß unſer Robert hier eintreffen kann?“ fragte Kiſtreß Gilbert, während ſie ſich mit den Vor⸗ bercitungen zur Aufertigusg des Srogs beſchäftigte. „Wann? Wartet einmal. Wir wollen ſagen, rier Wochen.“ „So bald ſchon?“ „Weßholb nicht, er kann ſich eingeſchifft haben, als ich auf der See war.“ „Ihr kennt den Namen des Schiffes nicht, auf dem er ſich einſchiffen wollte?“ fragte der Kaſtellan. „ — mß, heunm Alles heiden 4 ſcheuen e X wann. ( 3 — 1391— „Nein, es war ja noch ungewiß, welches Schiff zuerſt die An⸗ ker lichten würde, es lagen viele im Hafen.“ „Und Ihr wißt auch nicht, wann das erſte Schiff abfuhr?“ „Ich habe mich nicht danach erkundigt, aber ich ſage Euch noch einmal, ich glaube, Robert Gilbert iſt ſchon unterwegs. Deshalb erſchreckt nicht, wenn eines Tages ein Wagen vorfährt.“ u heſtig,„Ein Wagen?“ ſagte Miſtreß Gilbert, die Hände zuſammen⸗ wahrhehtig ſchlegend.„Großer Gott, unſer Robert in einer Equipage?“ „Und weshalb nicht?“ ſcerzte der Seemann.„Wer das den“ er⸗ Geld dazu hat, kann ſich das Leben angenehm machen, die An⸗ Przichten dern müſſen es nehmen, wie es komut.“ „Ich glaub's nicht eher, bis ich es ſehe,“ brummte der Ka⸗ er zris ſellan. „Und wenn Ihr es ſeht, glaubt Ihrs am Ende auch noch aun nahn nicht, wie?“ „Wenn er ſelbſt es mir ſagt—“ den wolle,„Alſo mißtraut Ihr mir?“ unterhrach der Matroſe ihn⸗ ohn gene„Das ſage ich nicht, aber muß es mich nicht befremden, daß er Euch nicht einmal einen Brief mitgegeben hat?“ „Ihr habt ja die Uhr!“ „aber ich„Wollt Ihr ſagen, das ſei ſo gut, wie ein Brief?“ ein Gla 1„Nein, vas nicht, aber wenn man einen Sterbenden pflegen nuß, ſo hat man keine Zeit, Briefe zu ſchreiben. Und nun beunruhigt Euch darüber nicht weiter, Ihr werdet ſeiner Zeit Alles von Eurem Sohne zelbſt erfahren.“ Der Se mann miſchie jetzt den Grog und reichte jedem der beiden Alten ein dampfendes Glas, dann ſtieß er mit ionen an. „Auf das Wohl Eures Sohnes und daß er bald und glück⸗ intefen lich heimkehren möge!“ ſagte er. den„Das wollte Gott!“ erwiderte die alte Frau. „Aber Isr müßt austrinken“ ſagte der Matroſe,„das ganze Voäen“ Glas, ſonſt hat der Spruch keine Wirkang.“ „Das iſt ein ſtarkes Getränk!“ brummte Gilbert mit einem s ih uf ſcheuen Blick auf die Thür. „Ihr werdet darauf vorzüglich ſchlafen“, erwiderte der See⸗ i maun. „Sehr feſt?“ „Nicht feſter als gewöhnlich, aber ruhig.“ — 1322— „Gli Die heidem Kllen tranken ihr Glas leer, die Augen liefen ioß hin ihnen dabei über, aher es galt ja ihrem Sohne, und überdies Einen wußte der Kaſtellan, daß der Matroſe nicht eher wich, bis ſein nohn et Wille erfüllt war⸗ und der „Sd, und nun wollen wir zu Bett gehen,“ ſagte Gilbert, ſnt den indem er die brennende Krze ergriff,„es iſt ſchon ſpät, und Ert Ihr wollt morgen wieder früh fort.“. woſet f „Ja, ſobald der Tag graut. Na, ſchleft wohl, Miſtreß, und WVaſſer, wenn ich Euch morgen nicht wiederſehe, ſo bewahrt mir ein gutes Da Andenken.“ dung er „Mein ganzes Lebenlang“ erwiderte die alte Frau, während„s ſie mit dem Rucken ihrer welken Hand die Augen rieb. einet V Der Kaſtellan führte ſeinen Gaſt durch einen langen dunklen vt u Gang und öffnete dann eine Thüre, aus deren Schloß der Ma⸗ ér! troſe ſofort den Scluſſel herauszog. in ben „Ich bin gewohnt, mich einzuſchl eßen,“ ſagte der Seemann Wi als Antwort auf den fragendeu Blick ſeines Begleiters. Shire, „Auch auf dem Schiff?“ fragte Gilbert. Nihe „Da weiß ich, wo ich bin, und wer um mich iſt, aber auf er dem Laude kann ich es nicht wiſſen. Ich bin nicht gerne auf 4 dem Lande, alter Freund.“ e3 Es war ein hohes, aber enges Gemach mit ſchwerfälligen ſ Möbeln, keineswegs traulich und einladend, aber an ein Schlaf⸗ zimmer ſtellte man ja keine beſonderen Anforderungen, wean nur 2 das Lager ſelbſt gut war. Zie „Ich hoffe, Ihr werdet gut ſchlafen,“ ſagte Gilbert gähaend, Au „morgen Früh wecke ich Euch, deshalb ſchlaft nicht mit Sorgen ein.“ iner d „Gut, gut, ich verlaſſe mich auf Euch.“ Lag „Und ſolltet Ihr in der Nacht auſwachen und Lärm hören, ſo Vo wendet Euch auf die andere Seite und denkt nicht weiter darüber den ve nach, wo eine Hochzeit iſt, da gibt's immer Lärm.“ twot al „Natürlich,“ nickte der Matroſe.„Werde wohl durchſchlafen, Er an den Lärm bin ich gewöhnt.“ Luſh „Und ſolltet Ihr dennoch wach werden, ſo verlaßt Euer ſcob Bett nicht.“ nicht t Un „Unſinn! Was kümmern mich einige betrunkene Sphrltgiſte. Schlaft wohl.“ 1 lejen iberdiez ſein bilbert i, und e und i hutes während ber auf ene auf Nau hur änend, en ein“ hören ſo darüber ſchlaſen, t Eler agiſe. ——— — 1393— „Gute Nacht,“ ſagte Gilbert beruhigt, und der Seemann ſchioß hinter ihm die Thüre zu. Einen Augenblick blieb der Matroſe lachend ſtehen, dann nahm er die braune Perrücke ab, und trotz des gebräunten Teints und der großen Ohrringe mußte man jetzt in dem Seem ann ſo⸗ fort den Agent Bucket erkennen. Er trat an den Tiſch, auf dem eine Waſſerflaſche und Waſch⸗ waſſer ſtanden und wuſch den Kopf gründlich mit dem eiskalten Waſſer, von dem er auch einige Gläſer trank. Darauf zog er einen Revolver aus der Taſche, deſſen La⸗ dung er ſorgfältig unterſuchte. „Es muß gelingen,“ ſagte er leiſe,„die Beiden werden in einer Viertelſtunoe ſchlafen und wir haben noch zwei Stunden vor uns.“ Er ließ jett den Blick prüfend durch den Raum ſchweifen, in dem er ſich befand. Dicht neben dem hohen Himmelbett entdeckte er eine zweite Thüre, ſie war von innen verſchloſſen, und es machte ihm keine Mühe, ſie zu öffnen. Er blickte in einen dunklen Raum mit der Kerze in der Hand trat er hinein. Es war ein Gemach wie dasjenige, in welchem er ſchlafen ſollte, ebenſo unfreundlich kahl und dumpfig. Wieder öffnete er eine Thür und abermals durchſchritt er ein ähnliches, nur etwas größeres und reicher ausgeſtattetes Zimmer. Auch dieſes Zimmer hatte zwei Thüre, und er glaube hinter einer derſelben eine menſchliche Stimme zu vernehmen. Lag hinter dieſer Thüre das Schlafzimmer des Kaſtellans? Möglich war es, er mußte vorſichtig ſein, denn wenn er auf dem verbotenen Wege ertappt wurde, ſo konnte er möglicherweiſe trotz aller Eutſchuldigungen hinausgeworfen werden. Er trug die Kerze wieder in ſein Zimmer und kehrte auf den Lauſcherpoſten zurück. Er hörte die Stimme noch immer, leiſe ſchob er die Riegel zurück, er verfuhr dabei ſo vorſichtig, daß nicht das leiſeſte Geräuſch verurſacht wurde. Und als er jetzt ebenſo leiſe die Thüre einen Fingerbreit Der Baſtard. 88 ——— — 1394— öffnete, konnte er nur mit Mühe einen Freudenruf unterdrücken, ſein Blick fiel in die Schloßkapelle und blieb auf einem Minn ruhen, der ſich mit dem Lord in eifriger Unterh⸗ltung beſand. Woas ſie ſprichen, verſtand er nicht, ſie ſtanden zu weit von ihm entfernt, leiſe ſchloß er die Thür wieder zu. Er wußte jetzt genug, die Entdeckung, die er gemacht hatte, war außerordentlich wichtig, ſie erleichterte ihm die Loſung ſeiner Aafgabe. Mit der Uhr in der Hand wartete er eine Viertelſtunde dann öffnete er die Thür, die auf den Korridor führte. Nichte unterbrach die Stille, die ihn umgab, er ſchritt lang⸗ ſam durch den finſtern Gang an der Stube des Kaſtellans vor⸗ bei, bis er die Hausthüre erreicht hatte. Mit ſeinem ſchärfen und in ſolchen Dingen geübten Blick hatte er ſchon ſofort bei ſeinem Eintritt in das Schloß alle Niegel und Schlöſſer ſeinem Gedächtuiß eingeprägt, er fand ſie jetzt in der Finſternß mit ſolcher Sichecheit, als ob es heller Tag ge⸗ weſen wäre. Die Behutſamkeit, mit der er zu Werke gehen mußte, forverte allerdings längere Zeit, die Thüre zu offnen und faſt noch mehr Zeit erforderte das Oeffnen des Haupkthores, aber Beides gelang geräuſchlos und jetzt t ſtand Bucket draußen, und der Ruf eines Käuchens unterbrach dreimal die ſtille Racht. Kaum eine Minute mochte verſtrichen ſein, als aus dem Dunkel vor ihm zvei Geſtalten auftauchten, mit denen er leiſe einige Worte wechſelte, daun lichen die Drei in das Schloß. „Das wäre gelungen!“ ſägte Bucket tief aufathmend, als er mit hen Verbündeten in ſeinem Schlafgemach angelangt war, „jetzt Ruhe meine Herren, damit wir nicht ſelbſt uns verraten⸗ „Sie haben ſie geſehen?“ fragte Ferdinand erregt. „Nein, aber ich bin über Alles genau untert ichtet. Um Mit⸗ vicht ſoll die Trauung ſtattfinden.“ „Wir werden zugegen ſein?“ ſagte Heller. „Jawohl. Kommt es zu einem Kampfe, ſo hat ein Jeder von uns ſeinen Gegner auf's Korn zu nehmen, es ſind ihrer drei, der Lord, Sam und der Burſche, der das Prieſtergewand trägt.“ „Und der Kaſtellan?“ fragte der Polizeirath. M Mun befand on ihn hule, ſener eſwnde tt laug⸗ ans vor⸗ en Blick e Negel jett in ug ze forverte h mehr gelang uf eine us ten et keiſe Schloß. als er gt war, trathen. Nit⸗ eder von rer drei, dtrizt“ — ——— —— — 1395— „Er hat einen Schlaftrunk im Leibe, ber ihn ficher bis mor⸗ gen früh beſchäftigen wird. Er und ſeine Frau ſind arglos in die Falle hineingegangen.“ „Aber es werden noch andre Tiener im Schloſſe ſein,“ ſegte Ferdinand.„Der Kutſcher zum Beiſpiel, der die Damen hieher gebracht hat.“ 8 „Ich habe darüber nichts erfahren“ erwide rte Bucktt,„es würde Argwoh geweckt haben, wenn ich mich nach Allem ſo genau erkundigt hätte. Uebrigens ſeien Sie ohne Sorgen, wenn ich meinen Stab, das Zeichen meines Amtes aus der Taſche ziehe, ſo weiß Jeder, daß ein Wiberſtand von ſeiner Seite gefährlich wäre.“ Er warf nach dieſen Worten einen Blick auf ſeine Uhr, dann ſchlich er leiſe durch die angrenzenden Zimmer zu der Thüre die zur Kapelle führte. Hier blieb er eine Weile horchend ſtchen, und als er darauf zu den beiden urücktehrte, zeigte ſein Antliz einen ernſten, nach⸗ denklichen Ausdruck, „Warten wer noch eine halbe Stunde“ ſagte er, als Ant⸗ wort auf die fragenden Blicke, die er auf ſich gerichtet jah, s wäre möglich, daß die Trouung heute richt ſtattſände, daß aus irgend welchen Gründe dieſe Komödie verſchoben werden müßte.“ „Und was dann?“ fragte Heller. „Dann müſſen wir das Haus allarmiren!“ „Das hieße den Kampf herausfordern.“ „Fürchten Sie ihn?“ fragte Bucket. „Das nicht, aber wenn er vermieden werden kann, ſo iſt es eden alls beſſer, wir vermeiden iyn,“ erwiderte der Poligeirath. „Ich glaube, das verfleht ſich von ſelbſt. Aber reden wir e einmal über des, was geſchehen ſoll, wenn bir unſern Zweck erreicht haben, es iſt nöthig, damit wir wiſſen, woran wir ſind. Ich habe Ihnen ſchon geſogt, daß Sie zu einer Ver⸗ haftung„es Weibes nicht berechtigt ſind, weil Sie keinen Haſt⸗ befehl gegen ſie beſitzen. Wir, daß heißt, die engliſche Poliz ei können und dürfen Sie dabei nicht unterſtützen—“ „Auch daun nicht, wenn wir ſie bei dieſer Komödie erwiſchen 7“ „Dann iſt die Verhaftung meine Sache, Verbrechen die in unſerm Lande geſchehen, werden auch nach unſern Ste beſtraft.“ 7 — 1½6— „Alſo werben Sie das Weib verhaſten?“ „Das Weib, Sam und den angeblichen Prieſter, voransge⸗ ſetzt, daß die Umſtände es gebieten.“ „Nur in dieſem Falle?“ „Allerdings, nur in dieſem Falle.“ „Und Myl rd?“ „Mein beſter Freund, wenn er ſich gegen das Geſetz vergangen hat, ſo wird die Strafe ihm nicht ausbleiben,“ ſagte Bucket aus⸗ weich nd,„vorausgeſetzt, daß dieſes Vergehen ihm bewieſen werden kann. Ich glaube, die ganze Schuld, wenigſtens der größere Theil wird auf Sam und das Weib fallen, dieſe Beiden haben die junge Dame gegen deren Willen hiehergebracht, ſie haben ſie, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, dem Lord verkauft—“ „Und daran ſoll der Lord ganz ſchuldlos ſein?“ „Das behaupte ich nicht, ich ſage nur. er wird die Schuld von ſich abwälzen und ſie den Beiden in die Schuhe ſchieben. Und wenn er dies thut, ſo kann ihm ſelbß nichts bewieſen werden. Im Uchrigen wollen wir zufrieden ſein, wenn wir unſern Zweck erreicht haben.“ „Und deſes ſchändliche Weib ſoll ſtraflos ausgehen?“ fragte Ferdinand empört. Bucket ſchöttelte mit bedenklicher Miene das Haupt. „Werin ich ſie nicht verhafte, ſo thun Sie es,“ wandte er ſich zu Heller.„Wenn das Weib ſich dies gefallen läßt, ſo werden wir Ihnen durchaus nichts in den Weg legen, aber ich ſage Ihnen voraus, daß wir die Frau ſchützen müſſen, wenn ſie gegen die Verhaftung proteſtiet und unſern Schutz beanſprucht.“ „Und was dann?“* „Vielleicht werden wir ſie dann hier in Haft halten, bis Sie einen Verhaſtungsbefehl von Ihrer Behörde erhalten haben. Jetzt folgen Sie mir, aber leiſe, das geringſte Geräuſch könnte uns verrathen, und dann fleckten wir ſelbſt in der Falle, die wir Anderen geſtellt haben.“ Er ſchlich auf den Fußſpitzen ihnen voran, und als er die Thüre der Kapelle erreicht hatte, öffnete er ſie leiſe. Vor dem Altar ſtand bereits der Prieſter, alle Vorbereitungen waren für die Handlung getroffen. — T F beac Pra wor wer kenn ie ſt troch wüß ihre Ara ug⸗ augen az⸗ erden Shell die nſie, chuld eden. dden. wed ragte ſih erden ſage egen Sie hen. unte die die ngen — 1397— Der Lord ſtand neben ihm, man konnte jedes Wort hören, welches die Beiden ſprachen. „Verdächtig ſcheint es immerhin,“ ſagte Murty in ernſtem Tone;„wenn die Beiden auch an der Sache ſelbſt ſich nicht be⸗ theiligen wollten, ſo würde doch die Neugier ſie wach gehalten haben.“ „Sie liegen in ihrem Wohnzimmer und ſchlafen ſo feſt, daß ein Kanonenſchuß ſie nicht wecken könnte,“ erwiderte der Lord achſelzuckend.„Ich vermuthe, daß Sie zuviel getrunken haben.“ „An einem ſolchen Tage dürfte das nicht vorkommen.“ „Freilich nicht, aber der Matroſe, der bei ihnen war—“ „War es wirllich ein Matroſe?“ fragte Murry mißtrauiſch. „Bah, habt Ihr Furcht?“ „Ich kenne die engliſche Polizei.“ „Das mag ſein. Aber ich frage, was könnte ein einzelner Mann hier ausrichten? Und dann frag' ich weiter, wer kann verrathen haben, daß ich hier bin?“ „Die Polizei erfährt Alles.“ „Wenn Ihr das glaubt, Murry, dann ſeid Ihr ein Dumm⸗ kopf. Die Polizei iſt ſchon ſehr oſt zu ſpät gekommen. Und nun beachtet wohl, was ich Euch vorhin geſagt habe. Die ſchöne Braut wird proteſtiren und mit einem entſchiedenen Rein ant⸗ worten, laßt Euch dadurch nicht beirren, die Sache muß perfekt werden, verſtanden?“ „Sehr wohl, aber ich beneide Sie nicht—“ „Still, ich habe ſchon manches Menſchen Trotz gebrochen!“ „Konnten Sie ihn nicht vorher brechen?“ „Es war unmöglich. Vervunftgründe will ſie nicht aner⸗ kennen, und andre Mittel konnten nicht angewandt werden, weil ſie ſtandhaft ſich geweigert hat, andre Nahrung als ein Stück trocknes Brod anzunehmen.“ „So werden wir alſo einem heftigen Auftritt entgegenſehen müſſen?“ „Seid ohne Sorge, in wenig Minuten iſt Alles abgemacht.“ Das Geſpräch verſtnmmte, Bucket ſtieß den Polizeirah an, ihre Blicke richteten ſich auf den Eingang der Kapelle, durch den“ Arabella in dieſem Augenblick eintrat. — 1398— Sam und Signora Grimaldi gingen neben ihr, und man konnte deutlich erkennen, daß das Mädchen gezwungen worden war, dieſen Gang anzatreten. Mit ſtolz erhobenem Haupte ſchritt Arabella auf den Altar zu, aus jdem Zuge ihres bleichen ſchönen Geſichts ſprach eine unerſchitterliche Eutſchloſſenheit und aus den zornig blitzenden Augen leuchtete eine unſägliche Verachtung. „Mylord, glauben Sie nicht, auf dieſem oder einem andven Wege Ihren Zweck zu erreichen,“ ſagte ſie mit ſcharfer Betonung, „ich verachte Sie zu ſehr, als daß ich nicht den Tod den Leben an Ihrer Seite vorziehen ſollte!“ Wylord lächelte ironiſch. „Thorheit,“ ſagte Signora Grimaldi,„Du wirſt mir noch Dank wiſſen dafür, daß ich Dich gezwungen habe, das Glück zu ergreiſen.“ Ein Blick der Verachtung traf aus den blitzenden Augen das alte Weib. „Wären meine Freunde hier,“ erwiderte Arabella,„ſo würden fie Dir die gebührende Antwort darauf geben, ich verzichte darauf.“ „Vorwärts!“ flüſterte Bucket. „Sie ſind hier!“ rief Ferdinand.„Hieher zu mir, Arabella, Varoneſſe von Oſthoſen!“ „Tod und Teufel!“ ſchrie Sam wüthend⸗ aber als er die Mündung eines Revolvers auf ſich gerichtet ſah, wagte er nicht, eine Bewegung zu machen. Signora Grimalda wollte hinter den Altar flüchten, Murry ſtieß ſie zurück; ſie prallte gegen den Polizeirath, und im nächſten Augenblick ſchlang ſich eine dünne Kette von Stahl feſt um ihre Handgelenke. Mylord ſtand im erſten Moment völlig betäubt da, Murry handelte für ihn, er zog ihn faſt gewaltſam mit ſich in die Sa⸗ kriſtei, während Heller mit der Signora, Bucket mit Sam be⸗ ſchäftigt war, und Ferdinand das halb ohnmächtize Maochen in ſeinen Armen hielt. Der Kampf mit Sam war bald beendet, er ſaß geſeſſelt neben ſeiner Mutter auf der Bank, Mylord und der Peieſter waren ₰ vuſchn linmt ßel m ſein gle großer ſe ſo U Udo habe auch woll den Frei 2 der kaum hiet, als( 6 und jeml des freu wie bina ( Prol Achſe E Ale⸗ Nad briec ale wir nil mu mr noch Glüc zu igen dai wirden verſſchte Arabela, 3 er die er nicht, Murty nnöchſten t um ihre Murry die Sa⸗ Sau be⸗ kaochen in ſelt neben ler waren — verſchwunden, und do Bucket ſich nicht weiter um die Beiden be⸗ kümmerte, ſo thaten es die Andern auch nicht. Ferdinand war ausſchließlich mit Arabella beſchäſtigt, ſie lag an ſeiner Bruſt und ſchaute mit leuchtenden Augen zu ihm auf. Alle ihre Bedenken waren jetzt geſchwunden, dem Retter aus ſo großer Geſahr durfte ſie nicht länger die Liebe verheimlichen, die ſie ſchon ſo lange zu ihm im Henzen aetragen hatte. Und als er iyr nun erzählte, daß ſie das Kinb des Baron Udo von Oſthofen ſei und dieſes Weib ſie ihren Eltern entführt habe, um an ihnen eine niedrige Rache zu nehmen, da ſchwanden auch die letzten Vedenken, die ſich trotz alledem noch geltend machen wollten, und feſter und inuiger ſchmiegte das Mädchen ſich an den Leliebten Mann, dem ſie jetzt ihre höchſten Güter, Ehre und Freiheit verdankte. Bucket hatte inzwiſchen mit Heller berathen. Sie wollten in der Kapelle den Tagesanbruch erwarten. Wenn auch ein Angriff kaum zu befürchten ſtand, ſo lag er doch in der Möglichkeit und hier, in dieſem weiten Raume konnte man ihm beſſer begegnen, als an jedem andern Orte. Sobald der Tag anbrach, wollte man das Schloß verlaſſen und den Weg zur Eiſenbahnſtation antreten. Es war freilich ein ziemlich weiter Marſch, aber Arabella, die jetzt, von dem Arm des Geliebten umſchlungen, der Berathung beiwohnte, erklärte freudig, alle Strapatzen muthig ertragen zu wollen, um ſo raſch wie möglich in die Arme ihres Vaters zu eilen, der, wie Fer⸗ dinand ihr mitgetheilt batte, in London ſie erwarten Sam proteſtirte energiſch gegen die Verhaftung, aber dieſer Proteſt hatte kein andres Reſultat, als ein geringſchätzendes Achſelzucken Buckets. 4 Signora Grimaldi, die wohl eiuſehen mochte, daß für ſie Alles verloren war, appellirte jetzt an das weiche Gemüth des Mädchens, welches ſie ſo ſchändlich betrogen hatte; ſie bat mit kriechender Demuth, ihr die Freiheit zurückzugeben, ſie verſprach, alle Bebingungen zu erfüllen, die man ihr auferlegen würde, und wirklich war Arabella geneigt, ihr zu verzeihen, aber der Polizei⸗ rath bewies ihr durch Gründe, deren Triftigkeit ſie anerkennen mußte, daß dieſer Bitte nicht nachgegeben werden durfte. So verſtrich die Nacht langſam, und als der Morgen graute, — 1400— verließen ſie Alle unbehelligt das Schloß, um den Weg zur Station anzutreten. Sam weigerte ſich Anfangs freilich, den Marſch mitzumachen, aber einige unſanfte Rippenſtöße von Seiten Buckets bewogen ihn doch, ſich in das Unabänderliche zu fügen, und indem er es that, ſchalt er mit rohen Worten ſeine Mutter, die nie ein Herz für ihn gehabt und auch jetzt ihn in's Unglück gebracht habe. 53. Kapitel. Gerr und Diener. Madame Florentine Winkel war entſchloſſen, an den Bedin⸗ zungen feſtzuhalten, die ſie dem Majoratsherrn von Oſthofen geſtelit hatte. Sie wußte, daß ſie ihrer Sache ſi her ſein durfte, und da er dieſe Bedingungen erfüllen mußte, wenn er ihre Verſchwiegen⸗ heit erk aufen und ſeine eigene Perſon ſichern wollte. Johann wer freilich nicht ganz ihrer Meinung, er hätte lie⸗ der bis zum Tage vor der Hoch eit gewartet, weil er glubte, alsdann einen ſtärkeren D uck auf den Baron üben zu können. — bewogen m er ez in Herz habe. n Bediß⸗ Oſthoſen nd da hwiegen⸗ hätte lie⸗ glubte, önnen. — 3 2 — 1401 Indeſſen, da die Bedingungen einmal geſtellt waren, ſo konnte man unn auch nicht mehr davon abgehen, man mußte mit cou⸗ ſequenter Feſtigkeit ihre Erfüllung fordern, entdeckte der Majo⸗ ratsherr bei ſeinen Gegnern eine Schwäche, ſo war mit Sicher⸗ heit zu erwarten, daß er ſie benutzen würde. „Wir müſſen ihm zeigen, daß wir uns nicht mit leeren Drohungen begnügen,“ ſagte er, nachdem ihm ſeine Braut ihre ganze Unteredung mit dem Baron berichtet hatte,„nun die Sache ſo weit gediehen iſt, muß ſie auch zu Ende geführt werden.“ „Und was dann, wenn er das Geld nicht zahlt?“ fragte die hübſche Frau nochdenklich. „Dann gehen wir zu dem Bankier Becker.“ „Glaubſt Du, daß er uns eine ſo große Summe zahlen wird?“ „Wenn auch nicht dieſelbe Summe, ſo wird er uns doch dankbar ſein—“ „Dafür, daß wir ſeine ſtolzeſte Hoffnung vernichten? Ich fürchte, er wird die Wahrheit unſerer Enthüllungen bezweifeln und uns der Verleumdung beſchuldigen.“ „So bleibt uns noch Baron Udo!“ „Auch er wird uns keinen Glauben ſchenken.“ „So werden wir ſeine Zweifel widerlegen—“ „Und ſelbſt wenn uns das gelänge, ſo würden wir nichts badurch gewinnen“, ſagte Madame Winfel kopfſchüttelnd.„Die⸗ jenigen, die durch unſere Enthüllungen gewinnen könnten, werden uns nichts zahlen, wir müſſen unſere Aernte bei denen ſuchen, die dadurch verlieren.“ „Das mag richtig ſein“, nickte der Reitknecht und ich zweifle auch nicht daran, daß der Majoratsherr die Bedingungen er⸗ füllen wird, wenn wir ihm beweiſen, daß es uns Ernſt iſt mit unſern Drohungen.“ „Und zu dieſem Zwecke wirſt Du mit ihm brechen müſſen.“ „Allerdings, aber bevor ich das thue, werde ich mir einen überzeugenden Veweis verſchaffen, einen Beweis, den er nicht widerlegen, und mit dem ich jedem Zweifel begegnen kann.“ „Welchen“ „Die Narbe“ 3 „Glaubſt Du, daß Dir das gelingen wird?“ — 1402— „Ich hoffe es.“ „Dadurch wäre allerdings viel gewonnen,“ ſagte die ehemalige Schauſnielerin, während ihr Blick ſinnend auf den Lorbeerkrän⸗ zen ruhte.„Der erſte Majoratsherr von Oſthofen muß dieſe Narbe—“ X „Ich begreife wirklich nicht, daß ſein Bruder, der Baron Udo, nicht nach dieſem Kennzeichen geforſut hat“, unerbrach Johann ſie.„Ich würde es jedenfalls gethan haben.“ „Daß er es nicht that, daran konnen viele Gründe Schuld tragen. Vielleicht weiß der Baron Udo nichts von dem Vor⸗ hanbenſein dieſer Narbe, vielleicht hat er keinen Zweifel gehegt, vielleicht auch fürchtete er durch ſolches Nachforſchen, das ja un⸗ zweifelhaft Mißtrauen erkennen ließ, einen Zwieſpalt herauſzube⸗ ſchwöcen, den man, wenn man dies kann, gerae vermeidet“ „Es mag ſein, aber er hätte ja im Geheimen nachforſchen können.“ „Und wie hätte er das ermöglichen ſollen?“ „Sollte das ſo ſchwer geweſen ſein?“ „Gewiß. Wenn der angebliche Majoratsherr dieſe Narbe nicht beſitzt, ſo wird er Alles aufbieten, um dies zu verheim⸗ lichen—“ „Vorausgeſetzt, daß er ſelbſt von der Exiſtenz dieſer Narbe Kenntniß hat.“ „Jedenfalls hat er das, er muß ſeinen Doppelgänger ſehr genau gekannt haben, es wäre ihm ſonſt nicht möglich, die Rolle ſo geſchickt zu ſpielen.“ „Und dennoch hätte es dem Bruder möglich ſeia müſſen, vacüber Gewßheit zu verſchaffen,“ erwiderte Johann.„Die Brüder waren freilich ſchon in ihrer Jugend keine guten Freunde aber—“ „Und eben deshalb mußte Baron Udo Alles vermeiden, mas den alten Zwiſt wieder erwecken konnte. Wenn Du jene Ge⸗ wißheit Dir verſchaffen kannſt, ſo iſt es um ſo beſſer für uns, aber ſieh Dich vor, das volle Weinglas dort beweiſt Dir, weſſen dieſer Minn fähig iſt.“ Der Blick Johanns ſchweifte flüchtig zu dem Glasſchrank hinüber. mlige ekr än⸗ dieſe Baron brach Stuld n Vor⸗ ghegt la un⸗ uſihe⸗ orſchen NRurbe erhein⸗ Narbe er ſehr eRolle R, „Die Freunde 1 mas ne Ge⸗ ir uns, weſen zſchrunk — 1403— „Ich fürchte das nicht,“ ſagte er,„ſobald ich ihm meine Waffen gezeigt habe, werde ich ſein Haus verlaſſen.“ „Und was dann?“ „Mit den, was ich beſitze, reiche ich einige Monote aus, bis es alle geworden iſt, muß die Sache ſich entſchieden haben. Ich werde inzwiſchen mich nach einer Reſtauration umſehen, damit wir bald in Ruhe kommen.“ Madame Winkel ſchüttelre wieber mit bedenkliche Miene das Haupt. „Wenn wir das Gels nicht bekonmen, wird dieſe Hoffnung wohl nicht erfüllt werden,“ erwiberte ſie. „Zur Uebernahme eines Gaſthofes, mag er auch noch ſo be⸗ ſcheiden ſein, gebört eine namhaſte Summe und mein Verwögen iſt dazu nicht groß genug. Ueberdies möchte ich auch das kleine Kapital, welches ich befitze, nicht zu einer immervin unſichern Spelulation verwenden, man kann nicht wiſſen, wie die Zukunſt ſich geſtaltet.“ „Ich werde ſchon ſorgen daß—“ „An Deinem redlichen Willen zweifle ich nicht, aber das Können hält häufig mit dem Wollen nicht gleichen Schritt. War⸗ ten wir ab, was er thun wird. Ich meine, er müſſe von dem Ernſt meiner Drohungen überzeugt ſein—“ „Und er ſelbſt hat Dir eine nene Waſſe gegeben, die ihm furchtba werden kann.“ „Du meinſt jenes Gift?“ „Jawohl.“ „Es würde eine Waffe ſein, wenn eine andere Perſon be⸗ zeugen könnte, daß er da⸗ Gift in den Wein gegoſſen hat. Wenn ich etzt ihn des Mordverſuches anklage und er die Schuld leugnet, wem wird der Richter glauben?“ Iſt es nicht daſſelbe Gift, welches den alten Hofmeiſter ge⸗ törtet hat?“ „Ich meiß nicht, es kann ſein, aber wenn es auch der Fall wäre, was würde dadurch bewieſen?“ „Daß er den alten Mann gemordet hat.“ „Bewahre, es kaun ihm ja uicht einmal bewieſen werden, daß er bei ihm geweſen iſt. Solce Beweiſe ſind ſchwer zu führen, der Polizeirath hat das auch erfahren. Halten wir uns 6 — 1404— an dem, was wir wiſſen, uud überkaſſen wir es Andern, die üb.igen Geheimniſſe zu erforſchen. Weshalb ſollen wir uns den Kopf darüber zerbrechen?“ „Je mehr Waffen wir haben, deſto beſſer iſt es für uns.“ „Gewiß, aber ich denke, es genügt vollſtändig, wenn wir ihn entlarven und ihm beweiſen können, daß er ein Betrüger iſt. Daducch vernichten wir alle ſeine Pläne und Hoffnungen.“ „Und vielleicht märe es beſſer geweſen, wenn wir gewartet hätten, bis eine dieſer Hoffnung erfüllt, oder doch der Erfüllung nahe war. Wir nußten warten, bis der Hochzeitstag vor der Thüre war—“ „Und weshalb das?“ fragte die tin Schauſpielerin raſch. „Weil er dann die Mittel gehabt hätte, unſere Forderung zu erfülle.“ „Sollte er ſie jetzt nicht haben?“ „Ich fuͤrchte, nein.“ „Dann muß er ſie ſich verſ ſchafſen Woher nimmt er das Geld um as Schloß neu zu ſchmücken?“ „Ich glaube, der Schwiegervater gibt es.“ „So mag er auch das Andre geben, was kümmert es uns! Ein ſo reicher Herr wird wegen einer ſolchen Summe nicht in Verl genheit kommen.“ Der Reitknecht zuckte die Achſeln und erhob ſich. „Wenn der Bankier den Braten wittert, dann hat der Kredit ein Ende.“ ſagte er⸗ „Wer wollte es ihm verrathen?“ „Na, Feinde hat der Majorateherr genug. Der Poliitth „Der iſt in London.“ „Er kann heute oder morgen zuückkommen.“ „Er warut uicht eher, bis er Beweiſe hat.“ „Sodann hat der Baron den alten Verwalter vor die Thüre geworfen, und ich glaube, dieſer Maun weiß mehr, als wir ahnen. Er könnte von Haß und Rachſucht ſich verleiten laſſen, dem Ban⸗ kier eine Floh in's Ohr zu ſetzen, dann wäre es aus mit der Freundſchaſt.“ „Wenn Du das fürchteſt, dann ſe ja unſer eignes In⸗ eſe doß nn niſ „Durin In d ſtun kes wihrenb ſic ihu fef feſt an „Wanr Mor „Und ißt, ohne ſhehen? S geſührt we „Jawoh „Ohne „Würde weitere Friſ vir unſter Macht unſ erſtrichen Schlag gef wit unſer Ioham nachdenkli dieſe Unte Schauſpiel er jett ni Daß trozig ente Anklage ni Ankliger Unden gelten lief Daß bewieſen, als bieſe, rn, die u ns.“ ur h get iſt. ℳ nartet fülung vor der ſpielerin ung u Geld 6 unzl ſcht in Kredit tath—“ e Thüte t ahnen. em Ban⸗ nit der nes In⸗ tereſſe, doß wir nicht länger warteten, denn einer ſolchen War⸗ nung müſſen wir zuvorkommen.“ „Darin haſt Du fr eilich auch Recht—“ „Und deshalb wäre es freilich auch gut, wenn Du heute ſchon das Eis brechen wollteſt“ fuhr Madame Winkel fort, währenb ſie die Hand ihres Verlobten in der ihrigen hielt und ihn feſt anblickte,„je eher das geſchieht, deſto beſſer iſt es.“ „Wann iſt der Termin, den Du ihm geſtellt haſt, abgelaufen?“ „Morgen Abend.“ „Und nehmen wir an, das er dieſen Termin verſtreichen äßt, ohne unſre Bedingungen zu erfüllen, was ſoll dann ge⸗ ſchehen? Soll in dieſem Felle der vernichtende Schlag rücſichtslos geführt werden?“ „Jawohl.“ „Ohne Aufſchub?“ fragte Johann. „Würden wir uns nicht ſchwach zeigen, wenn wir ihm eine weitere Friſt gewährten? Würden wir damit nicht zugeſtehen, daß wir unſrer Sache nicht ſicher ſind, daß wir ſelbſt nicht an die Macht unſter Waffen glauben? Wenn der Termin reſultatlos verſtrichen iſt, dann wollen wir berathen, auf welchem Wege der Schlag geführt Herden ſoll, es verſteht ſich ja von ſelbſt, daß wir unſer eignes Intereſſe dabei in den Vordergrund ſtellen.“ Johann nickte zuſtimmend und verließ ſeine Braut in ſehr nachdenklicher Stimmung. Das n auf das Gelingen ſeines Planes war durch dieſe Unterredung kein eswegs gekräftigt worden, die Zweifel der Schauſpielerin hatten auch in ſeinem Junern Zweifel geweckt, di⸗ er jetzt nicht mehr beſeitigen konnte. Daß der Majoratsherr der gegen ihn erhodenen klage trotzig entgegentceten würde, war vorauszuſehen, und konnte dieſ⸗ Anklage nicht bewieſen werden, ſo zerfiel ſie vollſtändig und der Ankläger mußte den Vorwurf der Verleundung auf ſich nehmen. Und wo ſollte er Beweiſe ſuchen, Beweiſe, die der Richter gelten ließ, und die nicht widerlegt werden konnten? Daß der eeern ließ, hatte er bereits bewieſen, leere Drohungen fürchtete er nicht und beſſere Waffen als dieſe, beſaßen ſeine Gegner nicht. ar unentſchloſſen, was er thun ſollte. Vielleicht war es — doch rathſamer, mit dem Bruch noch einige Tane zu warten und nicht ſo energiſch vorzugehen, wie Modame Winkel es forderte, eine Nothvendigkeit dozu war ja noch nicht vorhanden. Der Baron wußte nicht daß ſein Diener mit der früheren Schau ſpielerin befreundet war⸗ alſo konute er gegen ihn kein Mißtrauen hegen und dadurch blieb dem letzteren die Möglich⸗ keit, ſeinen Herrn zu beobochten und nar Beweiſen zu ſuchen. Aus ſeinem Sinnen weckte ihn plötzlich eine rauhe Stimme, die ſeinen Namen nannte. Er erhob das Haupt, und ſein Blick fiel auf einen kleinen wohlbeleibten Mann, der in der offenen Thür einer Schenkwirthſchaft fland und augenſcheinlich der Beſitzer dieſer Wirthſchaft war. 8 „Ihr kennt mich nicht mehr, Walker?“ fragte der Wirth⸗ „Ich erinnere mich allerdings dunkel,“ erwiderte Johann kopf ſchüttelnd.„Das Geſicht gla be ich zu kennen, aber die Figur—“ „Na, die iſt etwas dicker geworden, ſeit wir uns zuletz ge⸗ ſehen haben,“ lachte der Andre.„Ich ſagte Euch damals ja, es ſei ſo Zeſährlich nicht, und ich würde ſchon wieder in's richtige Fahrwaſſer kommen—“ „Jttzt erinnere ich mich,“ unterbrach Johann ihn, während er ſich haſtig umblickte,„es war in dem großen Hauſe mit den vergitterten Fenſtern— keine angenehme Erinnerung, wie?“ „Man muß es nehmen wie es kommt,“ ſagte der Wirth ach⸗ ſelzudend. 1 4 ℳ „Freilich, aber es iſt nicht immer angenehm. „Dummes Zeug, Walker! Wenn wir jeden Tag Sonnenſchein hätten würden wir ihn bald verwünſchen. Und Braten kann man auch nicht jeden Tag eſſen.“ „Es bräucht ja nicht immer derſelbe Braten zu ſein! den wird man ollerdings leid.“ „Wollt Ihr nicht hereinkommen und ein Glas trinken?“ „Branntwein? Ich danke.“„ „Ihr könnt haben, was Ihr wollt.“ „Auch Selt?“ ſpottete der Reiten Ht. „Wenn Ihr ihn bezahlen könnt, gewiß.“ „Teufel auch, Eurem Wirthshausſchilde ſieht man das nicht an! Na wir wollen eine Flaſche guten Wein trinken, venn es Euch recht iſt, natürlich auf meine Koſten. 3 ..Art Gc K1 FMiK auch nic „6, „Bei „Jo Joh Binen ₰ nach d ihn in „N Uuter den T Buiſch Schn fallen einige ihm d deß e N warten ſorderte, früheren hn kein Vglich⸗ ch. Stume, ſein Bli en Tyit ter dieſet Jirth. ann kof — ulet ge⸗ Us ja, es rcchig während e mit den wie?“ itth ach⸗ onnenſchein kann man ſein! den ken?“ ndas nicht en — 1407— „Und die zweite iſt für mich,“ erwiderte der Wirth lachend. „Denkt Ihr noch an den ſchwarzen Kaspar?“ „Ich bin nicht gern an ihn erinnert,“ ſagte der Reitknecht, während er in das Haus trat,„er iſt nicht der Mann, auf deſſen Freundſchaft man ſtolz ſein könnte.“ „Ein geſährlicher Burſche iſt er!“ „Hat er Euch aufgeſucht?“ „Oeſter, ols mir lieb war,“ antwortete der Wirth, die Brauen zuſammenziehend, jetzt wird er ſobald nicht wiederkommen.“ Johann blickte ſich in der Schentſtube um, es war ſauberer und ordentlicher in ihr, als er erwartet ha te, man konnte ſich wirklich gemüthlich in ihr fühlen. „er wird nicht wieder kommen?“ fragte er. „Nein, ſobald nicht. Und der fromme Fridolin auch nicht.“ „Weshalb nicht?“ „Wißt Ihr das noch nicht?“ „Ich hab' keinen Verkehr mit ihnen und ſie intereſſiren mich auch nicht im Entfernteſten.“ „a, ſie ſind wieder in dem alten Logis.“ „Beide?“ „Jawohl. Verſuchter Raubmord, ein ſchweres Verbrechen.“ Johann blickte betroffen auf, er erinnerte ſich plötzlich des Bünouiſſes, welches der ſchwarze Kaspar ihm angeboten hatte. „Raubmord?“ ſragte er.„Wißt Ihr etwas Näheres?“ „Ich weiß die ganze Geſchichte. Der fromme Fridolin war nach der That hier bei mir. Aus alter Kameradſchaft ſollte ich ihn in meinem Hauſe verſtecken.“ „Das war eine tolle Zumuthung!“ „Natürlich!“ nickte der Wirth, der inzwiſchen eine Flaſche Wein uuter ſeinem Schenktiſch hervorgeholt und nebſt zwei Gläſern au den Tiſch geſtellt hatte.„Kamerabſchaft habe ich mit dieſem Burſchen nie gehabt, und jetzt ſoll ich auch den Kopf in die Schlinge ſtecken, in der ſie ſchon ſitzen? Das ſollte mir noch ein⸗ fallen! Er meinte, hier werde man ihn nicht ſuchen, und nach einigen Tagen könne er heimlich die Stadt verlaſſen. Ich hab' ihm darauf geantwortet, mein Haus ſei keine Diebesſpelunke und deß er das gewaltig krumm nahm, war mir ſehr gleichgültig.“ „No, und wie war die Geſchichte?“ fragte Johann. — 1408— „Habt Ihr ſchon den Namen Schwanenthal gehört?“ „Jawohl, es ſoll ein alter, reicher Geizhals ſein.“ „Richtig' Den haben die Beiden überfallen, und wenn ſie nicht geſtört worden wären, hätten ſie ihm ſein geſammtes Geld genommen.“ „Die Beiden allein?“ „Freilich. Einen altea Mann werden die doch zwingen können!“ „Und der ſchwarze Kaspar?“ „Der iſt auf den Fleck niedergehauen und nachher in's Ge⸗ fängniß gebracht worden.“. „Der T äumer war wohl davongelaufen?“ „Natürlich, er war immer ein Hans Haſenfuß.“ „Und jetzt iſt er auch hinter Schloß und Riegel?“ frazte der Reitknecht, während er ſein Glas gegen das Licht hielt, um die Farbe des Weines zu prüfen.“ „G ſtern iſt er verhaſtet worden.“ „Wer ſagte es Euch?“ „Ein Polizeibeamter.“ „Ihr habt ihn doch nicht an's Meſſer geliefert?“ „Ich? Walker, wie könnt Ihr das vermuthe 17“ „Na, es war ein augenblicklicher Gedanke—“ „Der mich beleidigt. Was kümmern mich dieſe Leute! Und weshalb ſollte ich ſie verrathen? Sie haben mir nichts Böſes und nichts Gntes gethan, und ein Verräther war in meinen Augen immer ein verächtlicher Menſch.“ „Recht ſo!“ ſagte Johann.„Mit der Polizei darf man ſich nicht befreunden, es iſt keine Freundſchaft, mit der man ſich brüſten kann. Weshalb wart Ihr damals in dem großen Hauſe? „Wißt Ihr es nicht mehr?“ „Ich hab's vergeſſen.“ „Bah, es war kaum der Nede werth, eine kleine Wechſel⸗ geſchichte—“ „Richtig, jetzt weiß ich es wieder. Drei Jahre, nicht wahr?“ „Drei Jahre!“ nickte der Wirth.„So ändern ſich die Zeiten! Wenn heute dieſelbe Anklage gegen mich erhoben würde, kämen höchſtens drei Monate heraus.“ „Aber Ihr werdet's trotzdem nicht wieder thun, wie?“ . „Neil „Unb un ſlnd nin ſi n ſie Gelh 1 Ge⸗ ſte e um die Und Böſes meinen an ſich n ſich huſe? echſel⸗ vahr?“ Zelen! känen — 109— „Nein.“ „Und ob's Monate vder Wochen, oder auch nur Tage ſind, angenehm iſt es nicht, in dem Hauſe zu wohnen,“ ſagte Johonn achſelzuckend.„Wie ich vermuthe. habt Ihr hier Euer Auskommen, man ſieht's einer Wirthſchaft gleich an, ob ſie florirt.“ „Es könnte beſſer ſein, aber ich bin zufrieden.“ „Verheirathet ſeib Ihr nicht?“ „Nein, aber ich hab' eine ausgezeichnete Köchin. Wer bei mir ſpeiſen will, wird nicht betrogen. Und Ihr habt auch wieder einen Dienſt geſunden?“ „Bei meinem alten Herrn.“ „Wer iſt es?“ ſragte der Wirth, während er die Gläſer wieder füllte und ſeinen Gaſt durch einen Wink aufforderte, mit ihm anzuſtoßen.„Wohl ein vornehmer Herr, wie?“ „Der Majoratsherr von Oſthofen.“ „Was? Der?“ „Kennt Ihr ihn?“ „Dem Namen nach,“ erwiderte der Wirth, deſſen Blick wach⸗ denklich auf dem Reitknecht ruhte.„Ihr wart damals nicht gut auf ihn zu ſprechen.“ „Das iſt freilich wahr, aber was wollte ich machen? Ich hatte kein Brod und mich all' die Jahre kümmerlich durchge⸗ ſchlagen, da wäre ich ein Narr geweſen, wenn ich die angenehme Stellung nicht angeuommen hätte.“ E „Es iſt wirklich eine angen ehme Stellung?“ „Jawohl, aber unter uns geſagt, werde ich wohl nicht lange mehr darin bleiben.“ „Ha— das klingt ſonderbar.“ „Durchaus nicht, ich will heirathen.“ „Heirathen?“ rief der Wirth überraſcht.„Iſt eine Schraube in Eurem Kopf losgegangen? Heirathen? Das wäre wahrhaftig der größte Unſinn!“ „Dafür ſind ja die dummen Streiche, daß ſie gemacht werden,“ ſagte Johann lachend. „Und wer iſt die Glückliche7“ „Ich darf's noch nicht ſagen.“ „No, jetzt wartet einmal,“ erwiderte der Wirth, indem er den Der Baſtard. 8⁰ — 1410— Zeigefinger an die Naſe legte.„Ihr kamt vorhin aus einem Hauſe, in welchem eine unverheirathete Frau wohnt. Die ſchöne Wittib nennen wir ſie—“ „Und weil ſie da wohnt und ich aus dem Hauſe gekommen bin, denft Ihr gleich—“ „Keiue Entſchuldigungen, alter Freund, ich weiß jetzt Alles!“ „Wes wißt Ihr?“ „Taß ich nicht an Eurer Stelle ſein möchte!“ „Wirklich nicht?“ „Nein, denn es iſt ein ſchmachvoller Handel, das ſage ich Euch als Freund, Walker.“ Der Reitknecht zog die Brauen hoch hinauf und blickte den Wirih ſtarr an; dieſe Behauptung mußte ihn befremden und zu⸗ gleich auf's tiefſte empören. „Und inwiefern wäre der Handel ſchmachvoll?“ fragte er. „Wißt Ihr denn nicht, daß die ſchöne Wittib die Maitreſſe des Majoratsherrn iſt?“ „Unſinn!“ „Und ich ſage ja! Die vornehmen Herren machen's in der Regel ſo. Wenn ſie eine Maitreſſe abſetzen, ſo muß einer der Diener ſie heirathen. Walker, ich rathe Euch—“ „Ich weiß das beſſer,“ fiel Johann ihm in's Wort, und ſeine zitternde Stimme verrieth die Entrüſtung, die er nur mühſam bezwingen konnte.„Wenn Ihr eine ſolche Anklage erheben wollt, dann müßt Ihr ſie auch beweiſen können.“ „Der Beweis wäre leicht zu finden!“ „Dann erſuche ich Euch, ihn zu führen.“ „Wenn ein reicher, vornehmer Herr eine alleinwohnende Dame ſpät am Abend beſucht, mein Beſter, was geht daraus hervor?“ „Ein überzengender Beweis iſt das noch nicht, aber wann ſoll diefer Beſuch ſtattgefunden haben?“ „Das kann ich Euch ganz genau ſagen. Es war am Abend vor der Nacht, in welcher der alte Profeſſor ſich das Leben nahm.“ „Der Hoſmeiſter Hurter?“ fragte Johann, deſſen Aufmerk⸗ ſamkeit geweckt wurde. „Wir nannten ihn nur den Profeſſor.“ „An demſelben Abend war der Mejoratsherr in dem Hauſe Punes vetgeſſen hei mi. es mir auch n Hausth und fe in ein ſil m achtet ein an 2 ein 1 „2 „A dos ſa zu ben buhle S . jorats 3 einen ſchöne nmen Ales“ ich buch dte den und zu⸗ kr. itreſſe in der ner der d ſeine nühſam nolt, e Dame rwor?“ wann Abend Leben ufnerk⸗ Huufe —— 1411— „Jawvhl.“ „Könnt Ihr das mit Sicherheit beha pten?“ „Natürlich,“ nickte der Wirth.„Der Selbſtmord des alten Mannes mochte ſo großes Auſſehen, daß ich ihn ſobald nicht vergeſſen werde. Der Proſeſſor war ja kurz vorher noch ſelbſt bei mir.“ „Hier im Hauſe?“ „Allerdin zs, und ich ſage Euch, er war der Vermittler zwiſchen dem Baron und der ſchönen Wittib. Er iſt früher der Hofmeiſter des Majoratsherrn geweſen, und ſpäter wurde er ſein Harems⸗ wächter. Wißt Ihr, was das Wort bedeutet?“ „Nein.“ „Na, er bewachte die Maitreſſen ſeines ehemaligen Zöglings⸗ Er wohnte mit ihnen in demſelben Hauſc, und wenn etwas Ver⸗ dächtiges vorfiel—“ „Das ſind Vermuthungen, aher keine Beweiſe,“ ſagte Jo⸗ hann raſch. „Beweiſe! Wenn Ihr daxin keine Beweiſe findet, dann thut es mir leid für Euch, denn wem nicht zu rathen iß, dem iſt auch nicht zu helfen. Ich ſtand an jenem Abend vor meiner Hausthür und wartete auf meine Gäſte. Ein großer, ſtattlicher und fein gekleideter Herr ging an mir vorbei, und er that das in einer Weiſe, als ob er kein gutes Gewiſſen hätte. Natürlich fiel mir das auf, und ebenſo nutürlich war es, daß ich ihn beob⸗ achtete. Aus dem Hauſe, in dem die ſchöne Wittib wohnt, kam ein andrer Herr, ein Mann, den wir Beide kennen.“ „Wer war's?“ fragte Johann ungeduldig, als der Wirth eine Puuſe machte, um ſein Glas auszutrinken. „Der Polizeirath Heller.“ „Ah— der? Weiter!“ „Der Baron kannte ion keinesfalls, aber er witterte Unrath, das ſah ich, denn er drückte ſich an die Mauer, um den Mann zu benbachten, wahrſcheinlich glaubte er in ihm einen Neben⸗ buhler zu entdecken.“ „Weiter, weiter!“ „Na, als der Polizeirath ſich entfernt hatte, ging der Ma⸗ joratsherr in das Haus.“ 89* — 1412— „Kennt Ihr ihn perſönlich?“ „Ihr denkt wohl, ich müſſe mich geirrt haben?“ ſpottete der Wirth.„Wenn ich den Herrn auch nicht kenne, ſo habe ich doch einen ſichern Beweis, daß er es war. Eine halbe Stunde ſpäter kam der Profeſſor hieher, er wollte eine Flaſche Bordeaux kau⸗ fen, und bei dieſer Gelegenheit ließ er ein Goldſtück wechſeln. Mir mußte es nur auffallen, daß er die Flaſche nicht mit nach Hauſe nahm, ſondern hier austrank, und daß er ein Goldſtück beſaß. Der Profeſſor war immer ein armer Teufel geweſen, ſo lange ich ihn gekonnt habe, alſo fragte ich ihn, wie er au dem Gelde gekommen ſei, und er ſagte ganz offen, der Baron von Oſt⸗ hofen ſei bei ihm und wolle ein Glas Rothwein trinken.“ „Das hat er geſagt?“ „Mit denſelben Worten.“ „Weiter nichts?“ fragte der Reitknecht mit wochſender Er⸗ regung. „Er war eilig, und ich hatte auch keine Lnſt, ein langes Ge⸗ ſpräch mit ihm anzuknüpfen. Aber nach einer halben Stunde kam er noch einmal, um die zweit⸗ Flaſche zu holen und dabei ließ er abermals ein Goldſtück wechſeln.“ „Und was ſagte er bei dieſer Gelegenheit?“ „Der Baron habe eine durſlige Leber.“ „Von der ſchönen Wittib ſagte er alſo gar nichts?“ „Nein, aber ſie hat jedenfalls mitgetrunken.“ „Das glaube ich nicht. „Bah, man kennt das, beſter Freund. Natürlich wird ſie es nicht zugeben, und es wäre unnütz, wenn Ihr ſie fragen wolltet—“ „Ich denke nicht baran!“ „Alſo wollt Ihr ſie trotzdem heirathen?“ „Wenn ſie nichts dagegen hat, jawohl.“ „Dann bedaure ich Euch.“ „Bah, es iſt ſo ſchlimm nicht,“ ſpottete Johann,„ich weiß, wie man die Frauen behandeln muß. Uebrigens iſt Madame Winkel über die Jahre hinaus—“ „Sie iſt noch immer ein ſchönes Weib—“ „Das beſtreitet Niemand. Weshalb mag der Profeſſor ſich das Leben genommen haben?“ te der doch ſpäter kau⸗ hſeln. nach ck en ſe u dem aDy⸗ er Er⸗ es Ge⸗ Stunde dabei ird ſie fragen weiß, Radane ſor ſich — — —— — 1413— „Ja, wer bas wüßte!“ „Ihr habt keine Ahnung?“ „Nicht die geringſte. Die Leiche hab' ich geſehen, mein Bor⸗ deaur ſtand noch auf dem Tiſche.“ „Aber er muß doch einen gehabt haben!“ „Er war ein armer Teufel—“ „Alſo Nahrungsſorgen?“ „Wahrſcheinlich,“ nickte der Wirth.„Es hat ſchon Mancher aus dieſem Grunde den Tod geſucht. Und wenn ein armer Teufel Hand an ſich legt, dann keäht kein Huhn noch Hahn weiter danach.“ „Dos iſt freilich wahr,“ erwiberte der Reitknecht.„Wenn's ein Reun thut, ſo iſt's eine andre Sache.“ „In der Regel Wahnſinn!“ „Oder große Geldverluſte.“ „Jawohl, verunglückte Speculationen!“ Johann blickte gedaukenvoll in ſein Glas, er hatte hier eine Entdeckung gemacht, die für ihn von ſehr großem Werth war. „Man ſprach Anfangs von einer gerichtlichen Unterſuchung,“ ſagte er nach einer Pauſe,„aus welchem Grunde und zu welchem Zweck iſt mir nicht mehr erinn erlich. Wißt Ihr etwas davon?“ „Nein.“ „Es war alſo Niemand bei Euch, der eine verfängliche Frage an Euch richtete?“ „Bewahre.“ „Dann wird das Gericht Abſtand genommen habeu,“ erwi⸗ derte der Riitknecht ſcheinbar gleichgültig.„Ich wüßte auch nicht, was eine ſolche Unterſuchung an's Licht bringen ſollte Der Mann iſt todt und begraben und die Gründe, die ihn zu der That bewogen haben, können Jedem gleichgültig ſein, meint Ihr das nicht auch?“ „Gewiß. Ich zerbreche mir den Kopf darüber nicht. Als der rothe Franz verurtheilt wurde, hat man auch Unſinn ge⸗ ſchwätzt—“ „Wer?“ fragte Johann raſch. „Viele! Ich kannte den rothen Franz, hate ihn ficher kennen ge⸗ ernt und unter uns geſagt, dann und wann ihm einen Haſe g ekauft. Daß er ein Wilddieb war, erfuhr ich erſt ſpäter, — 1414— aber es mag Einer ſein, was er will, wenn er Hopf und Herz auf dem rechten Fleck hat muß man ihn achten. Und der Rothe war ſo übel noch lange nicht, wer ihm freundlich entgegenkam⸗ für den lief er durch das Feuer“ „Und was hat man geſagt?“ „Er ſei ſchuldlos.“ „Dann wäre er nicht verurtheilt worden.“ „Das ſage ich auch.“ „Es iſt ihm ja bewieſen worden, deß er den Florian Bender erſchoſſen hat.“ „Bewieſen? Das will ich nicht behaupten,“ ſagte der Wirth kopfſchüttelnd,„die Beweiſe waren ſehr ſchwach, aber die Ge⸗ ſch orenen mußten das wiſſen.“ „Natürlich! Wart Ihr bei der Verhandlung zugegen?“ „Von Anſang bis zum Schluß.“ „Und wenn der rothe Franz das Verbrechen nicht begangen hat, wer ſoll es verübt haben?“ „Das iſt's, was ich auch frage!“ erwiderte der Wirth, der inzwiſchen den Kork aus der zweiten Flaſche gezogen hatte.„Wer ſoll es gethan haben?“ „Einen andern Feiad hatte Florian Bender nicht.“ „Und er hatte kurz vorher dem Rothen gedroht.“ „Und der Rothe wußte, daß er Schlimmes von ihm zu er⸗ warten hatte!“ „Jawohl. Alſo traf Alles zuſammen, um die That zu be⸗ weiſen, und es iſt Unſinn, an ſeiner Schuld zweifeln zu wollen.“ „Iſt denn wirklich ſo viel darüber geſprochen worden?“ „Freilich!“ uckte der Wirth.„Aber wie geſagt, es war Alles Unſinn. Nur Eins machte mich doch ſtutzig.“ „Und was war das?“ fragte Johann „Am Tage nach der Verurtheilung war ein Mann bei mir, der mit mir über die Geſchichte ſprach. Und was der bchaupten wollte, das ging mir doch über den Spaß. Er ſagte, er ſei an jenem„bend, an dem Bender erſchoſſen wurde, in der Nähe von Oſthofen geweſen und auf dem Wege nach der Stadt dem rothen Franz begegnet. Gekannt habe er den Mann nicht, aber er habe ihn angeſprochen und ihn gefragt, ob er Feuerzeug bei ſich führe da er gern eine Pfeife anzünden wolle. Dann ſeien ſie geſiſſ mögli würde ſolce 0 „E zu ſi um ſ wärè, Bon dender ( e Ge⸗ — Nnn — ——— v 1415— eine lange Strecke zuſammen weiter gewandert, bis ſein Begleit er enblich einen Seitenweg eingeſchlagen habe.“ „Na, und was wollte er damit beweiſen?“ „Daß der Verurtheilte den Mord nicht begangen haben könne, weil er von dem Schauplatze der That zu weit entfernt ge⸗ weſen ſei.“ „Wenn er das beweiſen konnte, weshalb iſt er nicht als Zeuge aufgetreten?“ „Das hab“ ich ihn auch gefragt, und da kam's heraus, daß er nicht zengen kann.“ „Weshalb nicht?“ „Weil er ſelbſt eine anrüchige Perſon iſt, die im Zuchthaus geſeſſen hat. Er meinte wenn er als Zeuge auſtrete, könne möglicherweiſe auch elbſ. Verdacht fallen, und ſein Zeugniß würde überdies dem Verurtheilten gar nichts genutzt haben. Unter ſolchen Umſtänden laſſe man beſſer die Hände aus dem Spiel.“ „Ihr kennt den Minn?“ „Er wohnt in der Rachöarſchaft.“ „Vagabund?“ „Maurer,“ erwiderte der Wirth,„aber ich glaube nicht, daß er viel verdient, denn er hat ſelten Arbeit.“ „Wie heißt er?“ „Peter Gruner.“ „Ihr habt ſeine Behauptung nicht weiter erzählt?“ „Ich werde mich hüten, mit dem Gericht habe ich nicht gerne zu ſchaffen. Und ich denke mir, der behauptet um wenigſten um ſich ſelbſt wichtig zu thun. Aber wenn es auch Wahrheit wäre, bewieſen wird dadurch nichts.“ „In der That, nein,“ erwiderte Johann, indem er ſich er⸗ hob,„und Ihr habt Recht, um ſolche Geſchichten ſoll man ſich nicht bekümmern, denn man hat niemals Dank davon.“ „Gewiß nicht. Wenn der rothe Franz ſchulblos iſt, dann mag er's beweiſen, ich kümmere mich nicht darum. Wollte ich ſeine Parthie nehmen, ſo würden die alten Geſchichten wieder auf⸗ gewarmt, und das liegt wahrhaftig nicht in meinem Intereſſe.“ „Deshalb ſchweigt und ſprecht mit Niemand darüber,“ ſagte der Reiknecht, während er das Geld fo die Flaſche Wein auf den Tiſch legte,„man ann nie wiſſen wie eine Sache gedreht — 1416— und gewendet wird. Ich werde jetzt wohl öſter kommen, es ge⸗ fällt mir hier, und mit Euch kann man noch ein vernünftiges Wort reden.“ Der Wirth druckte ihm die Hand und gab ihm das Geleite s zur Thüre, und Iohann ſchlug jetzt ohne Verzug den Weg nach Oſthofen ein. Wenn auch die Mittheilungen des Wirthe keine niederſchmet⸗ ernden Beweiſe gegen den Majoratsherrn enthielten, ſo ließ ſich nicht verkennen, daß ſie ſeinen Feinden furchtbare Waffen n die Hand geben, die zur Vernichtung führen konnten. Und von dieſen Waffen wollte Johann Gebrauch machen. Der Abend dämmerte ſchon, als er Oſthofen erreichte, und er hier erfuhr, daß der Baron mehrfach nach ihm gefragt atte, verfügte er ſich ſofort in das Kabinet desſelben. Der Majoratsherr empfing ihn mit finſtrer Miene. „Du warſt in der Stadt?“ fragte er. „Jawohl.“ „Bei der Schauſpiclerin?“ „Der gnädige Herr werden ſich erinnern—“ c innere mich ſehr genau der Andentungen, die ich Dir habe,“ ſagte der Baron in ſcharfem Tone,„aber mir nt, Du haſt ſie vergeſſen.“ gentheil, ich habe darüber nachgedacht,“ erwiderte der Reitknecht. „Und darf ich darauf vertrauen, daß mein Wunſch erfüllt wird?“ „Wann muß es geſchehen?“ „Heute noch.“ „Das iſt unmöglich.“ „ ah, es kann roſch obgemacht ſeim“ „Wohl wahr; Herr Baron, aber man muß dabei auch an die Folgen denken.“ Der Majoratsherr ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und blickte, das Haupt auf die Hand geſtützt, finſter vor ſich hin. „An die Folgen?“ widerholte er„Man kann ihnen vorbem ge, wenn man klug iſt⸗“ „Hm) ein Sprichwort ſagt) es ſei nichts ſo fein geſponnen—“ „Ammenmährchen, mit denen man die Kinber ins Bett jagkl pyt mſbi V jnte wolte! „8 „ Du in 32 . glüte Kerzen jn da⸗ ſi — war ſe nir eir „T bas di dem „L ſein, i verme zu dü erſuche — E De 2 8 ftige eleite Weg hnei⸗ ſch Laffen n. und e dagt h dir r nmir viderte erfült an bie blicte; rb en— — — 1417— ſpoltete der Baron.„Dieſes Weib haßt mich, ich muß Alles aufbieten, um es unſchädlich zu machen.“ „Wäre das nicht am Beſten durch ein Geldopfer zu erreichen?“ fragte Jehann. „Ja, wenn ich einer unverſchämten Forderung nachgeben wollte!“ „Beſſer dies, als—“ „Das verſtehſt Du nicht,“ ſagte der Baron harſch.„Warſt Du in dem Hanſes“ „Jawohl.“ „Bei ihr, in ihrem Zimmer?“ fragte der Majoratsherr, den glühenden Blick feſt auf ihn heftend. „Ich war bei ihr,“ erwiberte Johann ruhig, während er die Kerzen, die auf dem Schreibtiſch ſtanden, anzündete,„ich ſollte ju das Terrain ſondiren und das konnte ich nur dann, wenn—“ „Und was ſagte ſie Dir?“ „Sie glaubte, ich brächte eine Botſchaft von Ihnen, und fie war ſehr ungehalten, als ſie ſich barin getäuſcht fah. Wenn ich mir einen Rath erlauben dürfte—“ „Du haſt weiter nichts zu thun, als zu gehorchen.“ „Sehr wohl, Herr Baron,“ erwiderte Johann, während er das dünne, kaum ſichtbare Rauchwölkchen beobachtete, welches vo dem Schlafrock des Majoratsherrn auſſtieg. „Ob ſie ungehalten iſt, oder nicht, kann mir ſehr gleichgültig ſein, ich fürchte ihre Drohungen nicht. Wenn ſie es wagen ſollte, vermeintliche Rechte, die ſie aus früheren Beziehungen herleiten zu dürfen glaubt, geltend zu machen, ſo werde ich die Behörde erſuchen, mich vor den Machinationen dieſer Perſon zu ſchützen. — Es riecht brandiz— brennt hier etwas?“ Der Reitknech⸗ hielt die Naſe in die Luft und ſchüttelte ben Kopf, die Rauchwolke wurde immer dichter. „Riechſt Du nichts?“ fragte der Baron, inbem er ſich haſtig erhob. „Schwerenoth, gnädiger Herr, ziehen Sie den Schlafrock aus, erwiderte Johann in einem Tone, der ſehr wo,! geeignet war, die größten Beſorgniſſe einzuflößen. „Meinen Schlafrock?“ „Jawohl, er brennt.“ —————————— — 1418— Der Majgratsherr beſaun ſich nicht lange, zumal er auf dem ihr Ju rechten Arm einen brennenden Schmerz fühlte, er warf den Rock 9e ab, und Johann riß wit einem kräftigen Ruck jett auch den x vſch Hemdsärmel fort, den das Feuer bereits ergriffen hatte.- en Bli Der Arm war nackt, Johann warf einen triumphirenden Blick 6„n auf ihn.„Li „Wie iſt das gekommen?“ fragte der Baron, nachdem er ſich Johon von dem erſten Schrecken erholt hatte. 8 Johanu ſtand mit den Füßen auf den Schlafrock, um das nich e Feuer zu erſticken, es war jedenfalls das kürzeſte und ſicherſte 1 he Mittel E „Ich kann's nicht ſagen“ erwiderte er.„Es kam auf einmal 3 — vielleicht ein Funken von der Cigarre—“„ „Der hätte ouf den Aermel fallen ſollen? Unmöglich!“ Der Reitfnecht ging in das anſtoßende Schlafzimmee und„E * holte einen andern Rock. Burſch Er bemerkte wohl den mißtraviſchen Blick, den der Baron„G ihn zuwarf, aber er gab ſich den Anſchein, als nehme er keine ſagte Notiz davon. dauern „Es iſt alles möglich“ ſagte er,„und wenn einmal ein Ferer vergift ausgebrochen iſt, ſo fragt man in der Regel vergebens, wie es uch b M entſtanden ſei.“ A „Kommen wir auf unſer früheres Geſpräch zurück“ erwiderte videt der Baron barſch.„Du willſt die Sache nicht übernehmend“ nöthis „Nein!„ „Gut, dann—“ dere „Herr Boron, ich könnte es ſchon deshalb nicht, weil„. Glau „Heraus mit der Sprache!“ rief der Majoratsherr ärgerlich, ſeht als Johann ſtockte. dieſen „Weil Madame Winkel meine Braut iſt.“ geben Sprachlos vor Erſtaunen blickte Baron Edmund den Reitknecht„N ſtarr an. xlc „Was iſt das?“ fragte er. Deine Braut?“ 1„ „Zu befehlen!“ geſpr „Seit wann?“„ „Seit einigen Tagen.“„ „Wir „Elender! Du haſt Dich mit ihr gegen mich verbündet!“ Rod h den Blick er ſich m das ſcherſte einmal Baron tkeine tgerlich, eitkrecht 5 — 1419— * „Herr Baron, ich habe mich mit ihr verlobt und ſeitben iſt ihr Intereſſe auch das ie Der Majoratsherr hatte ſeine Faſſung raſch wiedergefunden, er venſchränkte die Arme auf der Bruſt und heftete den glühen⸗ den Blick durchdringend auf ſeinen Gegner. „Und was gedenkt Ihr nun zu tyun?“ fragte er. „Dieſe Frage möchte ich zuerſt an Sie richten!“ erwiberte Johann. „Bah, glaubt Ihr denn wirklich, daß kindiſche Drohungen mich einſchüchtern können?“ „So lange die Drohungen in der That kindiſch ſind—“ „Sie ſind es!“ „Jetzt nicht mehr.“ „Sie waren es und werden es bleiben.“ „Erlauben Sie, Herr Landau—“ „Soll ich Dich vor die Thüre werfen laſſen, unverſchämter Burſche?“ „Gut, ſpielen wir die Rolle noch eine kurze Zeit weiter, ſagte Johann ironiſch lächelnd,„s wird ja nicht lange mehr dauern. Sie werden mir ſagen, wenn ich das Glas mit dem vergifteten Wein dem Staatsanwalt bringen wolle, ſo müſſe ich auch beweiſen können, daß ſie das Giſt hineingegoſſen hätten—“ „Auf dieſen Punkt wollte ich Dich aufmerkſam machen“, er⸗ widerte der Baron höhniſch, es iſt mir lieb, daß ich es nicht nöthig habe.“ „Hm dieſer Beweis wird wohl überflüſſig werden durch an⸗ dere Beweiſe. Man wird den Behauptungen meiner Braut Glauben ſchenken und den Beweis nicht verlangen. Denn es ſteht jetzt feſt, daß Sie am Abend vor dem Tode Hurte s bei dieſem Manne geweſen ſind und ihm zweimal ein Golbſtück ge⸗ geben haben, um—“ „Wer behauptet das?“ fuhr der Majoratsherr auf, der ver⸗ geblich ſeine Beſtürzung zu verbergen ſu te. „Ein Mann, der mit dem Hofmeiſter kurz vor deſſen Tode geſprochen hat.“ „Und was ſoll der Hofmeiſter dieſem Manne geſagt haben?“ „Daß Sie bei ihm ſeien.“ W Wirklich? 7 — 15 „Und daß Sie ihm befohlen hätten, Wein zu kauſen.“ „Iſt das Alles?“, fragte der Baron mit ſchneidendem Hohn. „Hurter hat jedeswal ein Goloſtück wechſeln laſſen, welches Sie ihm gegeben haben.“ „Und wer iſt dieſer Mann?“ „Der Wirth, bei dem er den Wein gekauft hat“, erwiderte Johann, der jede Bewegung des Majoratsherrn beobachtete, un auf Alles, was ſich auch ereignen mochte, gerüſtet zu ſein. „Und wenn ich nun erwidere, daß olle dieſe Behauptungen erbärmtiche Lügen find, wer kann mir pas Gegentheil beweiſen 7“ ſagte der Baron, der trotz der jurchtbaren Anklage ſeine Ruhe bewahrte.„Selbſt, wenn ich zugeben wollte, daß ich an jenem Abend bei dem Hofmeiſter geweſen ſei, inwiefern könnte baraus eine Anklage gegen mich geſchmiedet werden? Glaubt man denn wirklich, ich ſei ein Kind, dem man nur die Ruthe zu zeigen brauche, um es zu erſchrecken?7“ „Gewiß nicht,“ entgegnete der Reitksecht.„Wer den Muth hat, eine ſolche Rolle zu übernehmen, der hat ſich auch auf alle Angriffe vorbereitet. Wir, das heißt, meine Braut und ich, würden daraus keine Anklage gegen Sie ſchmieden können, aber ein Anderer könnte es jedenfalls.““ „Wer?“ „Der Polizeirath Heller.“ „Iſt er mit Euch im Bunde“ „Ja, aber wir haben ihm noch nicht mehr verrathen, als er wiſſen follte.“ Der Baron preßte die Lippen auf einander, und aus ſeinen glühenden Augen zuckte ein flammender Blitz, es mochte in vie⸗ ſem Moment ihm klar geworden ſein, duß er einem Gegner gegenüberſtand, den er nicht gering ſchätzen durfte. „Die ganze Sache läuft auf einen Erpreſſungsverſuch hinaus“, ſagte er„man will mich um eine Geldſumme preſſen—“ „Man bietet Ihnc ein gefährliches Geheimniß an und for⸗ dert dafür allerdings einen beſtimmren Preis“, erwiberte Johann, ihn unterbrechend.„Es ſteht Ihnen natürlich frei, ob ſie das Geheimniß kaufen wollen oder nicht, wie es uns frei ſteht, das⸗ felbe zu benutzen, wie es uns beliebr Ich habe Ihnen noch nicht Alles geſagt.“ Se — Andrer einen e Zeuge begang und 3 fernten iſt ver „K verurth unb ma Lender „ „D geben“ „ Hrhn. welchez vbert e, un unge Niſen p e Ruhe jenen darauz n denn eigen Nuth uf ale *d ich, n, aber alz er s ſeinen in die⸗ Gegner inaus“ nd for⸗ Johant, ſe das ht, das⸗ rr noch * — 1421— „Es ſind noch weitere Drohungen im Hintergrunde? Nur heraus damit!“ „Es hat ſich ein uge geſunden, der eidlich erhärten kann, daß der rothe Franz n ihm zur Laſt gelegten Mord nicht be⸗ gangen hat—“ „Was kümmert mich das?“ „Sehr viel. Iſt der rothe Franz ſchuldlos, ſo muß ein Andrer die That begangen haben, wenn man nicht auch hier einen Selbſtmord annehmen will,“ fuhr Johann fort.„Der Zeuge ſagt aus, er ſei in jener Stunde, in welcher der Mord begangen worben iſt, mit dem rothen Franz zuſammenge veſen, und zvar an einem von dem Schauplatz der That weit ent⸗ fernten Orte—“ „Ich frage noch einmal, was kümmert das mich? Der Thäter iſt verurtheilt und die Sache damit abgemacht.“ „Keineswegs. Wenn es ſich herausſtellt, daß ein Schuldloſer verurtheilt worden iſt, ſo wird die Unterſuchung wieder eröffnet und man wirft dann jedenfalls die Frage auf, wer an dem Tode Benders ein Intereſſe gehabt habe.“ „Ich nicht!“ „Darüber könnte der Verwalter Wortmann nähere Auskunft geben.“ „So wendet Euch an ihn.“ „Das überlaſſen wir dem Polizeirath, wenn Sie uns zwingen, dieſem Herrn unſre Entdeckungen mitzutheilen.“ „Euch zwingen? Das iſt wiederum eine lächerliche Behauptung.“ „Der Zwang tritt ein, wenn Sie unſre Bedingungen nicht erfüllen.“ „Alſo iſt der Zwang auf Eurer und nicht auf meiner Seite. Sind das nun alle Eure Entdeckungen?“ „Nein, die wichtigſten kennen Sie noch nicht.“ „Nur heraus damit!“ „Die Narbe fehlt.“ „Welche Narbe?“ „Die Narbe jener Wunde, welche der Majoratsherr von Oſt⸗ hofen in ſeiner Kindheit durch einen unglücklichen Fall erhielt. Ich habe, als ich in früheren Jahren Reitknecht ves jorate⸗ Er war, die Narbe oft geſehen, ſie befand ſich auf dem — 1422 rechten Arm, und vorhin erhielt ich die Ueber ung, daß dieſe Narbe nicht vorhanden iſt.“ Zitternd vor Wuth riß der Baron ein Piſtol von der Wand, aber die Waffe verſagte. Johann lachte höhniſch. „Ich hatte das erwartet,“ ſagte er,„und deshalb habd⸗ ich alle Waffen nachgeſehen und entladen. Sie ſollten wir dafür danken, denn was würden Sie durch den Mord gewinnenk Weine Braut würde ohne Verzug dem Staatsanwalt Vericht er⸗ ſtatten, und dann käme Alles zur Sprache.“ „Schurke!“ knirſchte der Majoratsherr, wäzrend er das Piſtol auf den Tiſch warf. „Ereifern Sie ſich nicht,“ fuhr der Reitknecht fort.„Sie 6 werden dadurch die Sachlage nicht ändern. Es wird außerdem Dienſ noch ein dritter Mord Ihnen zur Laſt gelegt. Ob der Moler dos n zuerſt Sie ongegriffen hat, und wie der Streit entſtanden iſt, iie 6 kann freilich nicht unterſucht werden; aber es ſteht feſt, aß Sie de ihn niedergeritten haben und es laßt ſich annehmen, daß dies bis er nicht oone Abſicht geſchehen iſt.“ L „Seid Ihr nun zu Ende?“ „Vorläufig ja.“ „Dann ſcheert Eich zun Teufel!“ „Damit eilt es mir ſo ſehr nicht,“ ſpottete Johann, ich tomme früh genug hin. Ich werde zuerſt zum Bankier Becker und ſodann zum Baron Udo gehen und hle Beiben ſragen, w2t ſie mir für wein Geheimniß zahlen.“ „Sie werden Euch hineus werfen laſſen.“* „Das fürchte ich nicht. Sie werden edenſolls mich an hören—“ „Und Euch alsdann erklären, Ihr wäret ein elender Ver⸗ leumder.“„ „In Gegentheil, ſi⸗ werden mich auffordern, meine Behaup⸗ tungen zu beweiſen—“ „Und das eben könnt Ihr nicht!“„ „So wird's der Pelizeirath können.“„ Der Baron hatte die Arme wieder auf der Bruſt gekrenzt. Leryf Er mochte wohl einſehen, daß er auf dieſem Wege nicht bleiben Si ſ durfte, wenn er der Gefahr eutrinnen wollte.„Ihr ußerdem Meler den iſt, af Sie daß dies wich an der Ver⸗ g Behaup⸗ gekreut. t bleiben — 1423— „Ich wiederhole, es iſt ein Erpreſſungsverſuch,“ erwiderte er, „und Ihr hättet klüger gethan, mit dieſem Verſuch zu warten, bis ich im Beſitz einer bedeutenden Summe war. Ihr konntet wohl denken, daß ich gegenwärtig nicht die Mittel beſitze, Eure unverſchämt hohe Forderung zu befriedi„ 3„Wenn wir ſo lange warten wollt dann könnten wir leicht das Nachſehen haben,“ ſagte der Reuknecht ſarkaſtiſch.„Nach der Hochzeit kann es kommen, wie es will Sie haben dann alle Taſchen gefüllt und—“ „Haltet den Rant, Unverſchämter!“ donnerte Baron Edmund. „Wenn Ihr noch einmal dieſen Ton anſchlagt, laſſe ich die Hunde auf Euch betzen.“ „Wenn Sie das thäten, vann würde ich vor Ihrem geſammten Dienſtperſonal erklären, aus welchem Grunde es geſchieht! Ja, das würde ich thun, und die ganze Stadt ſollte es erfahren, ehe die Sonue wieder aufgegangen iſt.“ G Der Baron wanderte met großen Schritten auf und nieder, bie er endlſch vor dem Reitknecht ſtehen bleb. Wos verlangt Ihr?“ fragte er.„Wir wollen die Sache ſo kurz wie möglich abmachen.“ „Nchts weiter, als was meine Braut verlangt hat.“ „Sie forderte eine unverſchämte Summe.“ „Zvanzigtauſend Thaler, nicht mehr!“ „Und wenn ich Euch dieſes Geld zahle, wer bürgt mir für Euer Schweigen?“ Ein Verſprechen iſt uns heilig.“ „Bah, wes iſt Leuten Eures Standes heilig! Ihr werdet as Geld verjubeln und dann unter denſelben Drohungen neue Forderungen flellen.—“ „So raſch verjubelt man eine ſo große Summe nicht. Wir werden uns dann eine Exiſtenz gründen.“ „Und wenn der Polizeirath kommt—“ „So wird er von uns nichts erfahren.“ „Man kann Euch nict trauen!“ „Sie können es,“ erwiderte Johann.„Kommen Sie Ihren Verpflichtungen nach, ſo werden wir es auch thun, darauf dürfen Sie ſich verlaſſen.“ „Ihr würdet alſo gegen Jedermann ſchweigen?“ — 1424— „Wir würden eine Silbe verrathen.“ Der Majoratsherr ſchüttelte den Kopf, er athmete tief und ſchwer auf, und ſein Blick irrte unſtät durch das Zimmer. „Ihr müßt Euch gedulden,“ ſagte er,„ñich kann's nicht au dem Aermel ſchütteln. Ihr müßt warten bis nach meiner Hoch⸗ eit—“ „Das bürfen wir nicht!“ „Wes könnte Euch daran hindern?“ „Unſer eignes Intereſſe. Sie ſind gewarnt und unterrichtet, Sie wiſſen jetzt, was Sie von uns zu erwarten haben und Sie werden Alles aufbieten, uns Steine in den Weg zu werfen, über die wir ſtolpern ſollen. Und wenn Sie einſehen, daß Sie das nicht erreichen können, dann werden Sie die Flucht ergreifen, ſobald Sie es zweckmäßig finden.“ „Ich denke nicht daran.“ „Aber ich bin davon überzeugt und deshalb verlange ich, wenn wir ſchweigen ſollen, die Erfüllung unſrer Bedingungen. Die Friſt, die meine Braut Ihnen geſtellt hatte, war lang genug. Sie hätten in ihr Zeit genug gefunden, ſich die nöthigen Mittel zu verſchaffen, denn wenn auch Ihre eigne Kaſſe leer iſt, ſo ſteht Ihnen doch die Kaſſe des Bankiers offen und—“ „Kümmert Euch nicht um meine finanziellen Angelegenheiten!“ fiel der Baron ihm rauh in's Wort.„Ihr wollt alſo nicht warten?“ „Nein, wenigſtens nicht ſo lange.“ „Welche Friſt gebt Ihr mir?“ „Sie iſt heute Abend abgelaufen.“ „Länger wartet Ihr nicht?“ „Doch, bis morgen Abend, aber keine Stunde länger. Ich werde Sie morgen Abend in der Wohnung meiner Braut er⸗ warten, kommen Sie nicht, ſo gehe ich ſofort zum Bankier. Der Polizeirath iſt noch nicht zurückgekehrt, aber er kann heute noch eintreſfen, und wenn er meinen Bericht gehört hat dann find Sie verloren. Denken Sie an die Narbe! Man wird Sie zwingen, den Arm zuz eigen—“ „Dazu kann Niemand mich zwingen!“ „Die Erklärungen, die meine Braut und ich geben werden—“ „Genug!“ unterbrach der Baron ihn.„Ich fordere eine Friſt von hefri hſen Druc und das Uns Jede muß könn Sie mit rrihie, n über Sie das tgreifen, nge ich, gungen. geng. Mittel iſt ſo heiten!“ ſſo nicht ger. 3 raut er⸗ kiet. Der eute noch dann find wird Sie erden— ine Friſ und ſobald man etwas Verdäßti das Meſſer an die Kehle ſetzen. — 1425— von drei Tagen, inn erhalb dieſer Zeit werde ich Eure Forderung befriedigen. Hütet Euch, eine unbedachte Aeußerung fallen zu laſſen, Ihr würdet dadurch nur Euch ſelbſt ſchaden.“ „Wir werden ſchweigen.“ „Bis zum Abend des dritten Tages?“ „Wozu die lange Friſt? Sie können das Geld morgen er⸗ heben und dann die Angelegenheit ſofort ordnen—“ „Daron verſteh: Ihr nichts. Zwanzigtauſend Thaler ſin kein Pappenſtiel, der reichſte Bankier hat eine ſolche Summe nich immer in ſeiner Kaſſe, das Geld brächte ihm ja keine Zinſen. Fordere ich morgen das Geld, ſo weiß ich nicht einmal, ob ich 6 es ſchon übermorgen erhalten werde, deshalb verlange ich die lãn Friſt.“ Der Reitknecht blieb eine Weile in Nachdenken ver n. Eine Flucht des Barous war ſo raſch nicht und man handelte vielleicht unklug, wenn m Druck auf ihn übte. efürchten, emen ſtärkeren Ueberdies konnte man ihn ja beobachten ges bemerkte, immer noch ihm „Sei es!“ ſagte er endlich.„Ich verſpreche Ihnen, zu warten, aber denken Sie nicht, daß Sie daburch die Möglichkeit, uns zu betrügen, möglich werden. Wenn ich auch nicht mehr unter dieſem Dache bin, ſo werde ich doch erfahren, was in jeder Stunde hier vorgeht. Sie können mir das nicht übelnehmen⸗ Jeder ſorgt für ſich, und zwiſchen uns iſt der Krieg erklärt, da muß man ſich vorſehen, damit man nicht überliſtet wird. Sie können den Frieden ſchließen, und wenn er geſchloſſen iſt, haben Sie von un nichts mehr zu fürchten.“ Der Baron erwide rauf nichts, er zeigte nur auf die Thür. „Ich werde gehen,“ fuhr Johann fort,„in den nächſten drei Tagen erwarte ich Sie an jedem Abend bei meiner Braut, je Sie die Sache ordnen, deſto beſſer iſt es für Sie. Kommen Sie am dritten Abend nicht, dann—“ „Heraus!“ rief der Majorateherr. „Sie wollen die Genugthuung haben, mich, wenn auch nur mit Worten, hinausgeworfen zu haben! Gut, das iſt ein billiges Der Baſtard. 90 1 ergnügen, welches ich Ihnen gönne, und das ich mir ſpäter auch erlauben werde. Leben Sie wohl, und auf Wiederſehen!“ Er ging hinaus und pfiff, als er das Schloß verließ, eine luſtige Melodie. Was er erreichen wollte, das hatte er erreicht, ber Baron mochte nun über die Sache denken, wie er wollte, jedenfalls mußte er das Geld zahlen, wenn er nicht die Flucht ergreifen und Aes im Stich laſſen wollte. Und dieſes letztere ließ ſich nicht erwarten, wenn die drohende Gefahr beſeitigt war, konute der Abentheurer ja wieder anfath⸗ men und ſeine Pläne weiter verfolgen. Er fragte ſich nicht, ob es nicht ſeine Pflicht ſei, diejenigen u warnen, die dieſer Abentheurer betrügen wollte, er dachte nicht an das Schickſal der Tochter des Bankier, er dachte nur an ſein ei gnes Ich und den Gewinn, den er aus ſeinen Entdeckungen iehen wollte. Ueberzeugt, daß er die geforderte Summe entwarf er ſchon jetzt Pläne für die Zukunft, und mit Hieſen Plänen war er noch immer beſchäſtigt, als er bereits die Stabt erreicht hatte. Die Gaslaternen waren längſt angezündet und ein reges, geſchäfteiches Leben herrſchte noch in den Hauptſtraßen, durch die der Reitknecht langſam wanderte, um ſich zu ſeiner Braut zu verfügen, der er unverzüglich Bericht erſtatten wollte. Da legte ſich plötzlich eine Hand auf ſeine Schulter, und als er ſich umblickte, ſah er ſich dem alten Verwalter gegenüber. Wie ſieht's aus?“ fragte Wortmann in einem Tone, der einen leiſen Spott durchblicken ließ.„Ihr ſcheint ein ſehr beque⸗ mes Leben zu haben.“ „Hm, ſo beqvem wie Ihr auch,“ erwiderte Johann, der ſich dieſen Mann zum Freunde halten vollte, da er nicht wiſſe konnte, wie die Verhältniſſe ſich in der nächſten Zeit geſtalteten. „So bequem wie ich?“ lachte der Verwalter.„Ich bin mein eigner Herr—“ „Entlaſſen?“ 2 „Bewahre, ich bin gegangen.“ „Ohne Kündigung?“ erhalten werde, M löst w „A Li „ „05 xrben. H Vn wiege dürft. R ſtäter ehen ⸗ eine Boron enfalls Reifen Ohende aufath⸗ ſenigen — — 1427— „Wozu das? Es war beſſer löst wurde.“ „Alſo ein vollſtändiger Bruch?“ fragte Wortmann überraſcht. „Vielleicht!“ „Ihr wißt es noch nicht? Daraus mag ein Andrer klug werden. Weshalb wollt Ihr nicht frei von der Leber ſprechen?“ „Habt Ihr das immer gethan?“ „Wenn ich keine beſondere Veranlaſſung hatte, hinter dem Berge zu halten—“ „So denkt ich häite ſie!“ Der Berwalter ſah ihn befremdet an, es ſpi egelte ſich ebenſo viel Neugierde als Ueberraſchung in ſeinen Zügen. „Ihr hättet ſie?“ wiederholte er, gedankenvoll das Haupt wiegend.„Dann iſt es eine Sache, die Ihr nicht geheim halten dürft. „daß das Verhältniß ſofort ge⸗ „Weshalb nicht?“ erwiderte Johann ſpöttiſch. „Weil die Intereſſen ander r Leute dadurch geſchädigt würden!“ „Wirklich; Und was gehen mich die Intereſſen andrex Leute an? Wenn ich mich hineinmiſche zeigt man mir die Thüre.“ „Mit Unterſchied beſter Freud! Wenn Ihr Jemand vor Schaden bewahr. könnt—“ „Und hat denn jemals irgend Jemand mir gezeigt daß er den Wunſch hege, mich vor Schaden zu bewahren? Nie!“ „So dürft Ihr nicht denken,“ ſagte der Verwolter.„Wenn Ihr Eure Pflicht erfüllt, ſo dürft Ihr nicht lange fragen, ob Andre das auch thun“ „Daun will ich deutlicher reden. Ihr habt etwas entdeckt.⸗ „Etwas? Ich verſtehe Euch noch mmer nicht.“ „Weicht mir nicht aus, Walker. Jh wißt, daß ich dem Boron mißtraue, und ich weiß, daß Ihr es auch thut. Ich habe nach eiſen geſucht, um dieſes Miß habt das ebenfolls ge 6 n und ſolche Beweiſe ge unden.“ „Das iſt eine kühne Behauptung.“ „Könnt Ihr die Wahrheit leugnen?“ „Ich leugne ſie nicht und gebe ſie euch nicht zu.“ „Gut, daraus geht hervor, baß Ihr dem Baron Bedingungen 90* ßtrauen zu begründen und Ihr v — 1428— geſtellt habt, und daß es von der Annahme dieſer Bedingungen abhängt, ob Iyr von Euren Entdeckungen Gebrauch machen wer⸗ det, oder nicht.“ Das hatte der Reitknecht nicht erwartet. Er wußte freilich, daß der Verwalter ein Mann war, den man nicht ſo leicht hinter das Licht führen konnte, aber daß er ſofort ihm in die Karten blicken würde, darauf war er nicht vorbereitet. „So weit ſind wir noch nicht,“ ſagte er mürriſch. „Wenn Ihr es nicht wäret, würdet Ihr Euren Poſten nicht verlaſſen haben.“ „Er gefiel mir nicht mehr.“ „Er mußte Euch gefallen, ſo lange kein Riß zwiſchen Euch und dem Baron entſtand. Ihr konntet Alles von dem Baron verlangen—“ „Bah, was will das bedeuten?“ ſagte der Ritknecht achſel⸗ zuckend.„Ich kann nicht vergeſſen, daß er mich in's Gefängniß gebracht hat.“ „Seid aufrichtig Johann,“ erwiderte der Verwalter, einen vertraulichen Ton anſchlagend,„ſagt mir, was Ihr entdeckt habt und was Ihe nun thun wollt. Knüpft Ihr Hoffnungen an Eure Eutdeckungen, ſo werde ich ſie nicht zerſtören, im Gegen⸗ theil, ich bin bereit, Euch zu unterſtützen, und ich zweifle nicht, daß Baron Udo Euch in jeder Weiſe entgegenkommen wird.“ „Ihr ſagt das ſehr zuverſichtlich.“ „Ich habe mit der Frau Baronin ſchon darüber geſprochen.“ „Ueber mich?“ „Nein, über den Verdacht, den ich gegen den Majorots⸗ herrn hege.“ „Und da glaubt Ihr, ich werde die Kaſtanien für Euch aus dem Feuer holen?“ „Wer behauptet das?“ ſagte der Verwalter ärgerlich.„Es handelt ſich nicht um meine, ſoadern um Eure Intereſſen—“ „Na, na, aller Schwede—“ „Ich erkläre das aufrichtig, mir genägt es volkommen, wenn der Betrüger entlarvt wird.“ „Wißt Ihr denn, daß er ein Betrüger iſt?“ „Darauf ſchwöre ich jeden Eid!“ S ———— npngen— 1429— chen ver⸗ „Eide ſind mitunter wohlfeil. In ſolchen Angelegenheiten gelten nur Beweiſe.“ „Habt Ihr ſie, Johann?“ it, ben„Nein.“ daß er„Ihr wollt nicht aufrichtig ſein!“ nicht„Wenn ein gut dreſſirter Hund eine Spur verfolgt, ſo bellt er nicht,“ ſagte der Reitknecht,„er weiß, doß er dadurch das Wil warnen würde.“ en iht„Und wenn ich Euch unverbrüchliches Schweigen gelobe?“ „Auch dann wüßte ich nicht, was ich Euch mittheilen ſollte. Lielleicht ſprechen wir ſpäter darüber, dringt jetzt nicht weiter hen Euch in mich.“ n Baton„Ihr wollt abwarten, ob er Eure Bedingungen annimmt?“ „Und wenn dies wirklich meine Abſicht wäre?“ ht Achſel⸗„Dann möchte ich Euch ſehr ernſt warnen.“ efingi„Wovor?“ „Ihr könntet, ohne es zu ahnen, ſein Mitſchuldig er werden. r, einen Das Geſetz verlangt—“ entdeh„Pah, das Geſetz verlangt viel,“ ſagte der Reitknecht unge⸗ ungen au duldig.„Geduldet Euch, ich kann jttzi noch nichts ſagen, aber Geget⸗ es wäre möglich, daß ich es nach einigen Tagen könnte, und ſe ncht, dann ſollt Ihr Alles erfahren, was ich weiß.“ vird. 5 Der alte Mann ſchüttelte warnend das graue Haupt. „Seht Euch vor, damit nicht die Reue zu ſpät kommt“, er⸗ ſprohen⸗ widerte er, aber Johann hörte nicht mehr auf ihn, er ſchritt ha⸗ ſtig von dannen. Nſot⸗ Wortmann ſah ihm einige Secunden nach, dann ſetzte auch er ſeineu Weg fort, die Seele erfüllt von Haß und Rachſucht gegen den angeblichen Majoratsherrn. buh us Wenn er gewußt hätte, was der Reitknecht wußte! Er würde keipe Minute gezögert haben, von dieſen Ent⸗ 9 deckungen Gebrauch zu machen, er hätte ſie jedenfalls ſofort dem Staatsanwalt berichtet und die ſtrengſte Verfolgung beantragt. Es war vielleicht gut, daß er es nicht wußte, ſein Haß hätte en, Wen möglicherweiſe ihn zu übereilten Schritten verleitet und ihn ſelbſt in die Grube geßürzt, die er einem Andern graben wollte. Er wußte, daß Baroneſſe Klara bei der Tochter des Ban⸗ kiers geweſen war, um ſie zu warnen, und daß ſie dort einen — 1430— ſehr kühlen Empfang gefunden hatte, er wußte auch, daß Baron Udo die Verdachtgründe nicht gelten laſſen würde, aber das Alles ſchreckte ihn nicht ab, er ging den einmal betretenen Pfad weiter, und er war überzeugt, daß er auf ihm ſein Ziel erreichen mußte. Er hatte in der Wohnung ſeines Schwiegerſohnes Aufnahme gefunden und dieſes Aſyl angenommen in der feſten Hoffnung, paß es nur für kurze Dauer ſein werde, er vertraute darauf, nach der Entlarvung des Betrügers wieder in ſein früheres Amt eingeſetzt zu werden, nach ſeiner Anſicht ſchuldete Baron Udo ihm dieſe Genugthunng. Helene befand ſich mit der alten Urſula im Wohnzimmer, als der Verwalter eintrat. Die friedliche Ruhe in dem truulichen Raume übte ihren Einfluß auch auf ſein ernſtes Gemüth, es wunde wieder ruhig in ſeinem Innern, wenn auch ſein Denken ſich noch immer mit dem beſchäftigte, was der Reitknecht ihm geſagt hatte. Er hatte Hut und Stock kaum abgelegt, als Hellmuth mit einem Briefe in der Hand eintrat, und das verſtörte Geſicht des jungen Mannes ließ die Anweſenden ſofort erkennen, daß etwas Unangenehmes vorgefallen ſein mußte. Helene wollte auf ihn zueilen, aber er bat ſie durch einen Wink, ſitzen zu bleiben und nahm dann neben ihr Platz „Ein unangenehmer Auftrag, das iſt Ales“, ſagte er.„Es übernimmt wohl Niemand gerne, Andern eine Hiobspoſt zu bringen.“ „Und wen betrifft dieſe Nachricht?“ fragte Wortmann. „Den Baron von Oſthoſen.“ „Den Majoratsherrn?“ „Nein, ſeinen Bruder.“ „Iſt ihm in England ein Unglück zugeſtoßen?“ fragte Helene beſtürzt. „Ihm nicht, aber ſeinem Sohne.“ „Sein Sohn war in Paris,“ ſagte der Verwalter. „In Rom,“ erwiderte Hellmuth,„Willy Rodenberg ſchickt den Brief, leſen Sie ihn, was er enthält, wird in einigen Tagen die ganze Stadt wiſſen.“ Der alte Mann holte ſeine Brille aus der Taſche und ent⸗ faltete den Brief. ſe E— 1431— 3 Ms ¹„Baron Bruno hat in Rom Abentheuer geſucht,“ wandte weite, 1 Hellmuth ſich zu ſeiner Gattin,„und die Röner ſind ſehr nute. eiferſüchtig., nuhne„Was iſt geſchehen?“ fragte Helene, deren Beſtürzung wuchs. Fnung,„Was in ſolchen Fällen oft geſchieht. Der eiferſüchtige Gatte drnu, oder Verlobte der Dame hat kurzen Prozeß gemacht—“ ſüherez„Und den Baron gefordert?“ nn„Ich glaube nicht, daß man in Rom Duelle kennt. Baron Bruno iſt von Mörderhand gefallen.“ inmer,„Todt?“ „Jawohl, Willy und ſeine Mutter bringen die Leiche hieher, kihren 2 ſie werden morgen hier eintreffen.“ nhi„Und Da?“ ner nit„Ich ſoll den Baron vorbereiten.“ 6 Der Verwalter faltete den Brief wieder zuſammen und legte ith nit ihn auf den Tiſch. cht des 3„Der Baron iſt noch in England,“ ſagte er. twas„Und was ſoll nun geſchehen?“ fragte Hellmuth rathlos „Jedenfalls muß die Baronin vorbereitet werden.“ h einen.„Das Unglück hat das Hans heimgeſucht,“ ſagte die alte Urſula,„es geht zu Ende mit ihm.“ „Etz 5„Unglücksrabe, ich ſehe das Ende noch nicht,“ erwiderte der poſt zu Verwalter.- Wo iſt der Stamm? Gibt es noch einen Stamm?“ fuhr die Alte mit heiſerer Stimme fort.„Wenn Baron Udo zu ſeinen — 4 Vätern heimgeht, erliſcht der Name fur immer. Der Andre iſt ein Betrüger, es gibt keinen Nebenzweig mehr.“ „Und am Ende liegt auch nicht viel darin, wenn eine adlige Helene Famil e ausſtirbt,“ ſagte Hellmuth achſelzuckend. „Es iſt die Vergeltung, die niemals ausbleibt!“ „Ich wollte Sie bitten, hinzugehen,“ wandte Hellmuth ſich zu dem Verwalter,„Sie kennen die Baronin und werden beſſer ſchit verſtehen, als ich, die Saiten anzuſchlagen, die—“ Tigen„Erlaſſen Sie es mir,“ unterbrach Wortmann ihn,„ich tauge nicht dazu.“ und ent⸗„Sie eher, als ich, denn mir iſt die Baronin fremd—“ „Wir wollen Helene ſchicken. Wenn Helene mit der Baro⸗ — 1432— neſſe Klara ſpricht, ſo iſt das nach meiner Anſicht die beſte Einleitung.“ „Das wäre es allerdings, aber ich muthe meiner kleinen Frau nicht gerne dieſen ſchweren Gang zu.“ „Iſt dies das einzige Bedenken,“ ſagte Helene,„ſo werde ich gehen, und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, meine Aufgabe zu löſen, wie Ihr es erwartet. Wo es ſich um Erfüllung einer heiligen Pflicht handelt, da dürfen ſelbſtſüchtige Rückſichten nicht geltend gemacht werden“ „Ich denke, es iſt früh genug, wenn ich morgen Vormittag hingehe?“ Da ihr Vater und Hellmuth dieſer Anſicht beipflichteten, wurde beſchloſſen, daß ſie am nächſten Morgen hingehen und Klars mit dem Inhalt des Briefes bekannt machen ollte. 54. Kapitel. Glühende Fohlen. Baroneſſe Klara hatte bei Roſa Becker freilich einen ſehr kühlen, wenn auch nicht gerabe unfreunblichen Enpfang gefunden, aber ſich dadurch nicht abhalten laſſen, die Gründe ihres Beſuchs zu nennen. Sie hatte dem Mädchen nicht alle Anklagen des Verwalters berichtet, ſondern ſich darauf beſchränkt ihr zu ſagen, daß aus Gründen, die ſie noch nicht nennen könne, der Verdacht ent⸗ ſtanden ſei, der Majoratsherr ſei nicht derjenige für den er ſich ausgebe. in D q ſe ie ho vurnte nicts den, 1 wogen R und! nüſſ fertie 7 vißl 2 66 1 dieſe vora N Ankl thun ( das ſi gew viel wiel hat nach gege An den neſ beſe einer ſnicht tmittg ihtten, en und machen ſehr funden, walters aß aus ht ent⸗ et ſich — 1433— Roſa wünſchte mehr zu wiſſen, ſie verlangte Beweiſe und als ſie dieſe nicht erhielt, äußerte ſie ſtarke Zweifel, ja ſie wies die ganze Anklage als eine boshafte Verleumdung zurück und warnte die Baroneſſe, dieſer Verleumdung Gehör zu geben, aber nichts deſto weniger fand die Anklage doch einen furchtbaren Bo⸗ den, und der Zweck, den Baroneſſe Klara zu dieſem Beſuch be⸗ wogen hatte, wurde erreicht. Roſa ſprach ernſt und ausführlich mit dem Vater darüber, und der Bankier hätte nicht der ſelbſtſüchtige Geſchäftsmann ſein müſſen, der er war, wenn er über dieſe ſchwere Anklage leicht⸗ fertig hinweggegangen wäre. Nun aber war es ſehr ſchwierig, ſich über dieſe Ankloge Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. Wo ſollte man Beweiſe ſuchen und Erkundigungen einziehen? Es wäre thöricht und auch ganz nutzlos geweſen, die Polizei mit dieſer An gelegenheit zu behelligen, man mußte ja mit Sicherheit vorausſehen, daß ſie die Anklage zurückweiſen würde. Nicht der geringſte Beweis konnte beigebracht werden, die Anklage ſch webte vollſtändig in der Luft, und auf leere Vermu⸗ thungen hin durfte man ein maßgebendes Urtheil nicht fällen. Es war eine höchſt unangenehme Sache, der Bankier empfand das mehr und mehr, je länger er darüber nachdachte, er war in ſer Angelegenheit ollein auf ſeine eigenen Beobachtungen an⸗ gewieſen, und wie leicht konnten dieſe ihn irre führen. Er beſchloß endlich, mit dem Verwalter Rückſprache zu nehmen, vielleicht konnte dieſer ihm einen Haltepunkt geben. Aber ehe er erfuhr, wo der alte Mann jetzt wohnte, waren wieder einige Tage verſtrichen, und als er ihn endlich gefunden hatte, ſah er ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht. Wortmann hotte nicht vergeſſen, daß der Bankier ihm ſofort nach der Verlobung Roſa's mit dem Majoratsherrn feindlich ent⸗ gegengetreten war, und das ließ er ihn jetzt fühlen. Der Bankier näherte ſich ſeinem Ziele auf Umwegen, er wollte Anfangs nicht mit der Sprache heraus, aber Wortmann errieth den Zweck dieſes Beſuches ſofort. Es war an demſelben Morgen, an welchem Helene die Baro⸗ neſſe Klara arbereiten ſollte und die junge Frau hotte eben erſt ——————————— —— — 1434— das Haus verlaſſen, als der Bankier in das Wohnzimmer Hel⸗ muths trat, in welchem der Verwalter ihn empfing. Zuerſt äußerte der corpulente Herr ſein Bedauern darüber, daß er derzeit durch beſondere Verhältniſſe genöthigt wo den ſei, dem Verwalter die deponirten Werthpapiere zurückzugeben. Er fügte hinzu, daß er mit großem Vergnügen bereit ſei, dieſes De⸗ poſitum wieder zu übernehmen, ſobald jene Verhältniſſe ſich ge⸗ ändert hätten, was vielleicht in ſehr kurzer Zeit der Fall ſein werde. Wortmann nahm dieſes Anerbieten mit kühler Zurückhaltung auf und fragte nach dem eigentlichen Zweck dieſes ihn überraſchen⸗ den Bſuchs. Der Bankier wünſchte zu wiſſen, ob der Verwalter vielleicht geneigt ſei, ihm einige Aufſchluſſe über das Majorat Oſthofen zu geben. Wortmann bejahte die Frage unter der Bedingung, daß ihm nicht Mittheilungen zugemuthet würden, welche ihm ſelbſt Un⸗ annehmlichkeiten bereilen könnten, und der corpulente Herr hielt es jetzt für das Beſte, direct auf den Kernpunkt der Sache ein⸗ zugehen. „Wir wollen offen mit einander reden“, ſagte er, einen ver⸗ traulichen Ton anſchlagend, zu dem eigentlich nichts ihn berechtigte, „Offenheit führt am ſicherſten und kürzeſten zum Ziele. Sie wiſſen ſo gut wie ich, welche Verhältniſſe mich zwangen, Ihnen die Papiere zurückzugeben, es lag lediglich in Ihrem eigenen Ju⸗ tereſſe, daß ich es that. Ich ſagte Ihnen, daß ich Ihnen keine Verſchwiegenheit mehr zuſichern könne, da der Herr, den Sie fürchteten, binnen Kurzem mein Schwiegerſohn ſein werde, und Sie haben das auch eingeſehen.“ „Iſt ſeitdem zwiſchen Ihnen und dem Herrn Baron keine Rede von dieſen Papieren geweſen?“ fragte Wortmaun, deſſen lauern⸗ der Blick feſt auf dem Bankier ruhte. „Von Seiten des Barons allerdings. Er ſagte mir, daß er Sie entlaſſen habe, daß er wiſſe, Sie ſeien im Beſitz eines Ver mögens von ſechszigtauſend Thalern, und daß er die Ueberzeu⸗ gung hege, Sie hätten dieſes Geld nicht auf ehrlichem Wege erworben.“ „Er weiß, weshalb er mich verdächtigt.“ ner He⸗ dauber, denſe, en. Er ſes De⸗ ſch ge⸗ d ſein — 1 100 lung taſchen⸗ vielleicht Dühat Ohhofen bſt Un⸗ er hielt che ein⸗ en ver⸗ chtigte, . Sie 6 Ihnen en In⸗ U keine en Sie e, Und ne Rede 8 lauerl⸗ daß er berzeu⸗ Wege 1 — 1435— „Sie glauben, er habe dozu beſondere Gründe?“ „Gewiß.“ „Selbſtſüchtige Gründe?“ forſchte der Bankier. „Natürlich,“ nickte Wortmann.„Wer eine Anklage fürchtet⸗ der klagt ſelbſt an, ich habe das ſehr oft erſahren.“ „Wer eine Anklage fürchtet?“ wiederholte der corpulente Herr.„Sie mögen Recht haben, es ſind mir in der letzten Zeit verſchiedene Gerzchtc zu Ohren gekommen, und Sie werden be⸗ greifen, daß dieſelben mich beunruhigen müſſen.“ „Welcher Art waren dieſe Gerüchte?“ „Sollten Sie dieſelben nicht kennen?“ Der Verwalter ſchüttelte ablehnend das Hanpt. „Nun, dann muß ich Sie an die Mittheilungen erinnern, die Sie der Frau Baronin von Oſthoſen gemacht haben,“ ſagte der Bankier. Das hatte Wortmann nicht erwartet, er ſah den corpulenten Herrn betroffen an. „Und wer hat Ihnen die Mittheilungen berichtet?“ fragte er. „Baroneſſe Klara hielt es für ihre Pflicht, meine Tochter zu warnen, und ich bin ihr dafür ſchon dankbar.“ Der Verwalter konnte ſeine Verlegenheit nicht verbergen, er war von ſeinem Sitz aufgeſtunden und wanderte jetzt mit großen Schritten auf und nieder. „Das lag nicht in meiner Abſicht,“ ſagte er,„es waren Mit⸗ theilungen, die—“ „Erlauben Sie, ich kenne dieſelben nicht, eine Indiscretion hat Baroneſſe Klara in keiner Weiſe begangen, über dieſen Punkt dürfen Sie ruhig ſein“. „Das zu hören, iſt mir ſehr lieb, aber es beruhigt mich doch nicht ganz.“ „Und daß mich halbe Andeutungen mehr beunruhigen müſſen, als Gewißheit es vielleicht thun würde, werden Sie begreifen.“ Wortmann war ſtehen geblieben. „Gewißheit?“ erwiderte er.„Glauben Sie, daß ich ſie habe?“ „Wenn auch nicht volle Gewißheit, daun doch—“ „Nur Vermuthungen, mein Herr! Und Vermuthungen, Sie — — 1436— werden des zugeben, können auf denjenigen, der ſie ausſpricht, den Verdacht der Verleumdung wälzen.“ „Aber Vermuthungen können auch zu Beweiſen führen, und dann—“ „Dann iſt es vielleicht zu ſpät, von dieſen Beweſſen Gebrauch zu mochen.“ „Das iſt es, was ich am meiſten fürchte“ rief der Bankier. „Denken Sie an das entſetzliche Unglück in meinem Hauſe, wenn die Beweiſe zu ſpät gefunden würden. Sie kennen die Sachlage. Sie wiſſen auch, daß ich den Forderungen des Barons nach⸗ geben muß, nachdem ich ihm ſo viel zugeſtanden habe. Was ſoll ich thun? Mit ihm brechen? Man ſagt, er ſei nicht der Ma⸗ jorateherr von Oſthofen, ſondern irg end ein ſchlauer Abentheurer aber kann dieſes Gerücht, ſo lange es nicht bewieſen iſt, maß gebend für mich ſein? Wenn ich durch dieſes Gerücht mich ver⸗ leiten ließe, mit ihm zu brechen, und es ſtellte ſich ſpäter heraus, daß es wirklich nur Vermuthungen waren, wer hätte dann den Schaden davon?“ „Und wenn Sie nun auf das Gerücht nicht achteten und Ihre Tochter einem wirklichen Abentheurer gäben?“ fragte Wortmann. „Das iſt die andere Seite der Medaille“ erwiderte der cor⸗ pulente Herr in fieberhafter Erregung.„Und ſie hot ebenſo viel Unangenehmes und Beunruhigendes. Ich weiß nicht, was ich thun ſoll, und deshalb komme ich zu Ihnen, um Ihren Rath zu hören.“ „Meinen Rath? Muß ich nicht Bedenken tragen, ihn zu geben? Könnten Sie mir nicht ſpäter Vorwürfe machen—“ „Nein, denn ich habe Sie um dieſen Rath gebeten!“ „Sehr wahr, aber Sie könnten mir ſagen, es ſei ein ſchlech⸗ ter Rath geweſen, und ich hätte Ihre Intereſſen und die Inter⸗ eſſen Ihres Kindes meinem perſönlichen Haß gegen den Baron geopfert. Sie könnten mir vorwerfen—“ „Ich verſpreche Ihnen, niemals einen ſolchen Vorwurf Ihnen machen zu wollen.“ Der Verwalter ſchüttelte noch immer den Kopf. „Ich kann Ihnen keinen andern Rath geben, als zu beobach⸗ ten und abzuwarten“, ſagte er. 6 ſpriht, en, und Sebruuh Bankier, ſe, wenn Scchlge nah⸗ Pas ſol der Ma⸗ ntheurer ſt, maß. mich ver⸗ heraus, ann den und Ihre oitnam. der cor⸗ t ebenſo cht, was n Ihren nſchlech⸗ ie Inter⸗ n Baron rf Ihnen beobach⸗ —————— —— — 1437— „Man wird mich drängen, den Tag der Hochzeit zu be⸗ ſtimmen.“ „So laſſen Sie ſich nicht drängen.“„ wird mir eine Wahl geſtellt, die zum Bruch führen k ß.“ „Bielet der Baron ans geringſügiger Urſache Ihnen den Bruch an, dann hat er auch kein reines Gewiſſen und Sie können nichts Beſſeres thun, als—“ „Sie kennen ſeine Heſtigkeit—“ „Gewiß, aber was er auch thun mag, er thut nichts ohne Berechnung.“ Weſſen Sie das ſo ſicher?“ „Dafür habe ich genügende Beweiſe erhalten. Mit ſeinem ſcharfen Blick wird er erkennen, daß Sie ihm mißtrauen, das läßt ſich erwarten. Nun wohl, wenn er dieſes Mßtrauen nicht zu befürchten brauct, ſo wird er ihm mit Ruhe begegnen und ſich in Ihre Anordnungen fügen, ſtellt 3 Ihnen aber die Alter⸗ native zwiſchen der Hochzeit und dem aruch, dann wählen Sie das Letztere.“ „Ich würde es ungern thun, p. die Gewißheit ſehlt.“ „Ich kann ſie Ihnen nicht g „Nic?“ „Das will ich nicht aber ich wiederhole, die Be⸗ weiſe können gefunden werden, wenn es zu ſpät iſt.“ „Sie können mir auch keinen Weg zeigen, auf dem man ſie ſuchen dürfte?“ fragte der Bankier, während er die Gläſer ſeiner Brille abrieb.„So groß auch die Koſten ſein mögen, ich würde ſie nicht ſcheuen.“ Der Verwalter hlickte eine Weile vor ſich hin. Er hatte ſeit ſeiner letzten Unterredung mit dem Baron ge⸗ wiſſermaßen ſeine Ehre für die Entlarvung des Majorathsherrn eingeſetzt und er mußte nun auch alle Hebel in Bewegung ſetzen, um die Wahrheit ſeiner Anklage zu beweiſen. Und in dieſem Augenblick erinnerte er ſich des Reitknechts, mit dem er an Abend zuvor geſprochen hatte. Wenn ihm Einer in dieſer Angelegenheit wirkſamen Beiſtand lei⸗ ſten konnte, ſo war es dieſer Mann, der jedenfalls mehr wußte, als er verrathen wollte. — 1438— „Kennen Sie den Reitknecht des Barons?“ fragte er. „Ich erinnere mih, ihn geſehen zu haben.“ „Auch er iſt entlaſſen; oder richtiger geſagt, er hat Knall und Fall den Baron verlaſſen.“ „Wann?“ fragte der Benkier überraſcht. „Gefiern.“ „Sind Ihnen die Gründe bekannt?“ „Er wollte ſie mir nicht nennen, aber ich habe ſte errathen.“ Der corpulente Herr ſah den Verwalter erwartungsvoll an, eine fieberhafte Spannung eeigte ſich in ſeinen Zügen. „Ich hatte Has vorausgeſehen,“ fuhr Wortmann fort,„und ich gloube auch, vermuthen zu dürfen, daß dieſer Reitknecht Manches entdeckt hat, was zu einem ſicheren Beweiſe führen kann aber er will nicht ſprechen.“ „Weshalb nicht?“ fragte der Bankier raſch. „Errathen Sie es nicht? Er will ſeine Entdeckungen benutzen, um Geld zu erpreſſen, 1 id i ermuthe, daß er dem Baron be⸗ reits Bedingungen geſteh ha erden dieſe Bediagungen erfüllt, ſo iſt Alles, was der Be e weiß für uns verloren, werden ſie nicht erfüllt, ſo dürſen wie atlvarten, daß er ſeine Entdeckungen Ihnen anbieten wird.“„ „Sind das nur Vermuthängen, oder wiſſen Sie etwas Räheres?“ „Es ſind nur Vermuthungen.“ „Und bis wann würde es ſich entſcheiden?“ „Ich glaube, in den „Sie rathen mir alſo, ſo lange zu warten?“ „Nein,“ er viderte W„„denn wie geſagt, erfüllt der Baron die Ved ingungen, ſo Sie nie etwas erfahren.“ „Und was rathen Sie mir, zu thun?“ „Suchen Sie den Reitknecht auf.⸗ Wie heißt er?“ „Jdhann Walker.“ „Und er wohnt hier in der Stadt?“ „Jedenfalls, Lie genaue Adreſſe kann ich Ihnen leider nicht geben, aber Sie werden es ermöglichen, ihn zu finden.“ „Ich hoffe es.“ „Und wenn Sie ihn gefunden haben, ſo müſſen Sie zu er⸗ gtjulu trauen um von machen. Fi ein and weiß, de kaufen, hegin er nit il meinen ſchensw zu mac „St über de nichtz e „Si „D gewar . 5 Knall und rrathen⸗ ul un, rt,„und i aron he⸗ nerfüllt, arden ſie dedungen der nicht ie z e —— — 1439— forſchen ſuchen, ob und welche Bedingungen er dem Baron ge⸗ ſtellt hat. Und dann werden Sie am Beſten thun, ihm beſſere Anerbietungen zn machen.“ Der corpulente Herr hatte den Namen aufgeſchrieben, er ſchoß das Notizbuch wieder in ſeine Taſche und rückte die goldene Brille dicht vor die Augen. „Würden Sie dieſe Unterhandlungen nicht übernehymen?“ fragte er. „Ich würde es tßun, wenn ich hoffen dürfte, ein günſtiges Reſultat zu erzielen, der Reitknecht iſt mir ſtets, mit Miß trauen hegegnet, er würde glauben, daß ich ihn ausforſchen wolle, um von ſeinen Mittheilungen in meinem Intereſſe Gebrauch zu machen.“ „Fürchten Sie das wirklich?“ „Jawohl, dieſe Leute ſind immer mißtrauj ſch. Da iſt es denn ein andres Ding, wenn Sie direct mit ihm unterhandeln; er weiß, daß Sie die Mittel beſitzen ihm ſeine Geheimniſſe abzu⸗ kaufen, und daß er auf die Erfüllung eines Verſprechens, wel⸗ ches Sie ihm geben, vertrauen darf.“ „Das leuchtet mir ein,“ nickte der Bankier. „Und ich rathe Ihnen, mit Ihpen Nachforſchungen ſofort zu begin en.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Wenn Sie den Burſchen, gefunden und Unterhandlungen mit ihm angekaüpft haben,„ſo bin ich gerne bereit, Sie mit meinem Rath zu unterſtützen, für den Fall Sie denſelben wün⸗ ſchenswerth finden.“ „Ich werdenmir KKi von dieſem Anerbieten Gebrauch zu machen.“ „Sodann warne ch Sie vor übereilten Aeußerungen gegen⸗ über dem Baron, er darf von Ihrem Verdacht und Mißtrauen nichts ahnen.“ „Sie haben Recht, er darf nichts ahnen.“ „Drum wäxe es gut, wenn Baroneſſe Klara, die Vraut nicht gewarnt hätte—“ „Meine Tochter wird ſich in jeder Weiſe meinen Anoednun⸗ gen fügen“ erwiderte der corpulente Herr, während er ſeine Handſchuhe anzog. Einſtweilen verſichere ich Sie meines beſten — 1440— Dankes, ich werde mich meiner Verpflichtungen Ihnen gegenüber ſtets erinnern, gleichviel, wie die Sache auch enden mag.“ Damit nahm er Abſchied, um in ſein Haus zurückzukehren. * Gewißheit hatte er freilich nicht erhalten, aber ſein Verdacht war durch die Mittheilungen des Verwalters beſtätigt und be⸗ ſtärkt worden. Wortmann wußte vielleicht auch mehr, als er verrathen wollte, aber wenn er ſichere Beweiſe gehabt hätte, würde er ſie ohne Zweifel ihm mitgetheilt haben. Vor allen Dingen mußte man jetzt den Reitknecht aufſuchen, der Bankier war entſchloſſen, nicht zu ruhen, bis er das erreicht hatte, und er vertraute mit Sicherheit darauf, daß es ihm ge⸗ lingen werde. Mit die ſem Entſchluß trat er in ſein Kabinet, er wollte zu⸗ vor die Tagesgeſchäfte erledigen und alsdann ungeſäumt mit den Nachforſchungen begihnen. Haſtig las und anterſchrieb er die Briefe, die auf ſeinem Schreibtiſch lagen, und er hatte dieſes Geſchäft noch nicht be⸗ endet, als zu ſeinem Erſichunen der Majoratsherr eintrat. So unangenehm dieſer Beſuch ihm auch war, gebot ihm doch die Klugheit, den Baron höflich zu empfangen, und der letztere, der keine Ahnung davon hatte, wo der Bankier kurz zuvor ge⸗ weſen war, zeigte eine ſo heitere, unbefangene iene, als ob er niemals einen Feind beſeſſen habe⸗ „Sie hatten mir verſprochen, ſich wegen der Anleihe, zu machen wunſchte, zu bemühen,“ begann er das Geſpräch, während er ſich in einen Seſſel niederließ,„es wäre mir ſehr angenehm, wenn Ste mir ein günſtiges Reſultat dieſer Bemü⸗ hungen berichten könnten.“ Der Bankier legte die Feder niedes und ſchüttelte mit einer Miene des Bedauerns das Haupt. „Ich ſagte Ihnen derzeit bereits, daß es mir vorausſichtlich ſchwer fallen werde, einen Kapitaliſt zu finden, der geneigt ſei, eine ſo große Summe auf zweite Hypothek zu leihen,“ erwiderte er,„und dieſe Befürchtung iſt leider eingetroffen.“ „Dann müſſen Sie ſelbſt—“ „Herr Baron, es wäre nutzlos, dieſen Punkt noch einmal zu erörtern. Sie wiſſen, welche Gründe mir nicht erlauben, Ihnen ge enüber nag.. du ulchen in Vedaht t und ee⸗ derrathen vürde er ſie ifſuha, 8 e ihn ge⸗ nt mit den uf ſeinn icht he trat. ot ihm doch der leztere, zuvor ge⸗ e, als ob er eihe, Geſprüch, te wir ſehr ieſer Bemü e mit einer raus ichtlich geneigt ſei, erwiderte ch einmal uben, Ihnen — — 1441— die bedeutende Summe vorzuſtrecken. Dieſe Gründe find heute noch dieſelben.“ Der Majoratsherr zog die Brauen zuſammen, ſeine Stirne mwölkte ſich mehr und m ein harter, ſcharfer Zug um⸗ Mit dürren Worten heißt das, Sie wollen mir nicht helfen! ſagte er. „Es wäre richtiger, wenn S ſagen wollten, ich könne es nicht, aber trotzdem würde ich es thun, wenn eine Nothwendig⸗ keit dazu vorläge. Sie verlang gen fünfzigtauſend Thaler, um ht 6 einſeh daß dieſe A Abfindung eine Nothſache iſt, ſie kann ſpi äter ertedigt werden. „Ich habe Ihnen die Gründe genannt—“ „Allerdings, aber ich erkenne ſie nicht an. Der Bruch mag unvermeidlich geweſen ſein, aber Baron Udo hat durch denſelben nicht die Berechtigung erhalten, eine Abfindungsſumme von ₰ en zu fordern. Sie haben freiwillig ſich erboten, ihm eine jühr⸗ liche Apanage zu zahlen, damit muß er zufrieden ſei.“ „Sie betrachten das vom finanziellen Stanbpunkte, während ich es als eine Ehrenſache betrachte,“ erwiderte der Baron un⸗ willig.„Ich wäre dadurch allen weiteren Verpflichtungen ent hoben—“ „Wir haben damals ſehr eingehend darüber geſprock hen,“ un⸗ terbrach der corpulente Herr ihn,„und ſchwerlich werden Sie neue Gründe vorführen können, die dieſe Abfindung als eine zwingende Nothwendigkeit erſcheinen laſſen.“ „Ich darf alſo auf Ihren Beiſtand nicht rechnen?“ „In jeder andren Sache, Herr Baron—“ „Die Sache iſt für mich, ich kann das nicht oft genug wie⸗ derholen, eine Nothſache, und ich hatte mich dabei mit zuverſicht⸗ licher Sicherheit auf Sie verlaſſen.“ „Ich bedaure ſehr—“ „Sie ſagten mir, es ſei Ihnen nicht möglich, Ihrem Geſchäft eine ſo große Summe zu entziehen—“ „Nicht rathſam—“ „Es iſt einerlei. Nun wohl, ich würde auch mit der Hälfte S N —„ vorlieb nehmen.“ Der Baſtard. 91 1442— Der corpulente Herr ſah ihn befremdet an, dieſes Feilſchen und Betteln mußte ihm Verdacht und Mißtrauen einflößen. „Mit der Hälfte?“ erwiderte er. „Jowohl, ich würde ſie meinem Bruder übergeben und ihn erſuchen, ſich mit der andern Hälfte noch einige Zeit zu ge⸗ dulden.“ „Und würde das nicht einen ſeltſamen Eindruck machen, Herr Baron?“ „Inwiefern?“ „Würde Ihr Herr Bruder dari nicht eine demüthigende Er⸗ niedrigung finden—“ „Keineswegs, und wenn er es bennoch thäte, ſo wäre mir das einerlei.“ Der Bankier ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Wenn etwas ihn in ſeinen feindlichen Gefinnungen gegen Sie beſtärken könnte, ſo würde dieſe Abſchlagszahlung es thun“, ſagte er,„deshalb rathe ich Fonen, verzichten Sie darauf und laſſen Sie die Dinge, wie ſie ſind.“ „Ich kann das nicht.“ „Und weshalb ſollen Sie es nicht können? Baron Udo drängt Sie nicht, er wird nicht einmal eine Abfindungsſumme von Ihnen fordern.“ „Eben deshalb will ich ſie ihm freiwillig anbieten Sollte es Ihnen denn nicht möglich ſein, eine Summe von zwanzigtauſend Thalern mir vorzuſtrecken? Dieſe Summe muß ja für Sie eine Bagatelle ſein—“ „Erlauben Sie, ich würde Ihnen Recht geben, wenn ich Pri⸗ vatmann wäre und von meinen Kapitalien nur einen mäßigen Zins verlangte. Aber ich bin Geſchäftsmann, Herr Baron, und das ändert die Sache.“ „Sie erhalten völlige Sicherheit—“ „Ich beſtreite das nicht, obgleich ich auf der andern Seite auch meine Bedenken äußern muß, ob nicht das Majorat zu ſehr belaſtet wird.“ 6 „Und wenn dies der Fall wäre, wen kümmert es?“ „Den künftigen Erben.“ „Meine Tochter?“ „Ja, ollerdings“, nickte der Bankier.„Oſthofen iſt jetzt ſchon Ihn Und da do brängt igtauſend — Sie eine — n1 n ich Pri⸗ mäßigen zaron, und — — een Seite t zu ſehr — 1443— mit einem Kapital von über fünfzigtauſend Thaler belaſtet—“ „Die Renovation des Schloſſes hat dieſe Summe verſchlungen.“ „Sollte ſie wirklich ſo viel gekoſtet haben?“ „Zweifeln Sie daran?“ „Nein, denn ich kann nicht darüber urtheilen.“ „Und durch dieſe Renovation iſt das Schloß im Werthe ge⸗ „Darüber, Herr Baron, kann man antrer Meinung ſein. Keinesfalls iſt der Werth des Schloſſes um fünfzigtauſend Thaler geſtiegen, dieſen Punkt möchte ich ſchr entſchieden bezweifeln. Sie wollen dieſe Schulbenlaſt verdoppeln—“ „Um alle Anſprüche der übrigen Erben ein für alemal zu beſeitigen.“ „Das werden Sie nie können. Wenn Sie bei Ihrem Tode meßrere Kinder hinterlaſſen, ſo müſſen dieſe von dem Erben des Majorats wieder entſchädigt werden, und wie wollte der Majo⸗ ratserbe das ermöglichen, wenn das Gut überſchuldet iſt.“ „Ich glaube auch darüber meine Anſicht Ihnen erklärt zu haben,“ erwiderte der Baron in gemeſſenem Tone.„Es iſt meine ernſte Abſicht, die Schulden nach und nach zu tilgen und zwar aus Einnahmen des Gutes ſelbſt.“ Sie können das nicht, die Zinſenlaſt iſt eine zu große.“ und wenn es nicht gelingt, nunwohl, dann müſſen die Er⸗ ben zuſehen, wie ſie damit fertig werden. Meinen Kindern aufs der zweiten Ehe bleibt das mütterliche Vermögen ungeſchmälert, es muß und wird ihnen genügen.“ „Sie gehen zu leicht darüber hinweg.“ „Im Gegentheil, ich rechne ſehr ſcharf und vertraue darauf, Ihnen ſpäter beweiſen zu können, daß ich richtig gerechnet habe Und nun richte ich noch einmal die Bitte an Sie—“ „Herr Baron, es iſt mir nicht möglich.“ „Selbſt dieſe Bagatelle nicht?“ „Nicht einmal die Hälfte dieſer Bagatelle.“ „Wie ganz anders haben Sie früher geſprochen!“ „Kommen Sie darauf weiter nicht zurück— „Ich muß“, erwiderte der Baron gereizt.„Hätten Sie mir damals nicht einen unbeſchränkten Kredit angeboten, ſo würde 91* — 1444— ich von der Renovation des Schloſſes Abſtand genommen und mit dem Gelde die Anſprüche meines Bruders abgefunden haben.“ „Sie wollten das damals auch.“ „Und Sie forderten mich auf, dem alten Schloſſe ein neues Gewand anzuziehen.“ „Wollen Sie nun auf mich d S werfen?“ viß nicht, il F nur n, daß Alles, was n habe, mit ſt „Das beſtreite i ic ja nicht.. „Uud nun nöthigen Sie mich, den gute Worte geben und mich einem Wucherer zu verkaufen.“ „Davor ſoll der Himmel mich de ſagte der Bankier raſch.„Es iſt keine ſ alſo zwingt 3. auch nichts, die Anleih he bei Anderen zu machen. Ich würde Ihnen dsvon ganz entſchieden abrathen, es wäre der erſte Schritt auf einem Wege, der unfehlbar zum Ruin führt.“ „Ich muß dieſen Weg gehen und—“ „Bewahre. Baron Udo iſt verreiſt, Sie müßten alſo unter allen Umſtänden warten, bis er zurückgekehrt iſt. Wollen Sie dann die Angelegenheit mit ihm ordnen, ſo bin ich gerne bereit, die Vermittlung zu übernehmen— „Ich danke“, unterbrach der Baron ihn unwirſch,„eine Ver⸗ mittelung iſt durchaus unnöthig, und ich 1 ſte nicht. Wir Beide, mein Bruder und ich, ſind über die Höhe der Summe einig, wird das Geld gezahlt, ſo iſt die Sache abgemacht.“ „Nun wohl, ſo warten Sie ſo lange.“ „Mein Bruder wird heute oder morgen heimkehren.“ „Dann können Sie immerhin noch einige Tage warten.“ „Wenn Sie das baare Geld nicht entbehren können, ſo wür⸗ en Wechſel—“ „We chſel„Herr Baron?“ Das Haus Auguſt Becker und Com⸗ gugte zahlt keine Darlehen in Wechſeln.“ Der Majoratsherr wollte von ſeinem Sitz auffahren, aber er bezmang ſich, nur der heiſere Ton ſeiner Stimme und das Wetter⸗ leuchten ſeiner Augen bekundete bie ſurchtbare Erregung, die in ſeinem Innern tobte. „So n wir dieſes Thema fallen laſſen,“ ſagte er,„es widerſtrebt meinem Stolz und meiner Ehre, um ein Darlehn zu Summe aber er 19, die ir — 1445— feilſchen und zu betteln, welches ich an jeder Thüre erhalten „Wenn Sie das glauben, Herr Baron—“ „Bah, ich weiß es! Die Herren Börſenfürſten ſind in der Regel am ſchwerſten zugänglich die kleineren Kapitoliſtn dagegen machen gern ein Geſchäft, welches ihnen Gewinn verſpricht. Wie geſagt, wir wollen nicht weiter darüber reden, aber ich kann nicht umhin, Ihnen mein B ſche ( ½ ₰ eda n barüber auszudrücken, daß Sie mir che en.“ ſo wenig Vertrauen „Zu di eſer hitt. Herr Baron, fehlt Ihnen jede Ver⸗ anloſſung.“ „Wäre dem ſo, würde ich ſie nicht ausſprechen. Es iſt nur Mangel an Vertrauen, was Sie bewegt, die Erfüllung meines unſches abzulehnen. Mözlich, daß irgend Jemand mich bei Ihnen verleumdet hat. Zeder hat Feinde, und ich habe ſie auch, und es iſt kinderleicht, eine Ver leumdung auszuſprechen—“ „Das iſt nicht der Fall geweſen.“ „Leugnen Sie es nicht, in dem Benehmen Roſa's habe ich auch eine Veränderung entdeckt, die mich befremdet.“ „Das iſt mir noch nicht aufgefallen.“ „Aber ich habe es deutlich bemerkt.“ „Vielleicht eine vorübergehende Laune, man darf darauf kein Gewicht legen.“ „Es iſt 6 als das,“ ſagte der Baron ernſt,„und ich kann mir nicht anders denken, als daß es ſeinen Urſprung in einer Sehnten 5 mir wird. Mir iſt ein ſolches Verhältniß peinlich, ich bin Ihnen mit Vertrauen entgegenge⸗ kommen und von daſſelbe—“ 2 „Ich gebe Ihnen die Verſicherung—“ „Verzeihen Sie, welche Verſicherung Sie mir auch gehen 1 mögen, ich werde Worten keinen Glauben ſchenken, mit denen die Thaten nicht im Einklang ſtehen. Und lieber will ich ein ſolches Verhältniß löſen, ols—“ „Herr Baron!“ „Sie können mir das nicht übel nehmen, ein ſolches Verhält⸗ niß würde auch Ihnen unangenehm ſein. Allen Zweifeln und Bedenken könnten Sie ein Ende machen, wenn Sie den Hochzeits⸗ —— — — iſ 3 13 11 ————— . — 1446— tag feſtſetzen wollten. Sie wollen das nicht, Sie haben das Ziel immer weiter hinaus—“ „Auch dieſer Vorwurf iſt ungerecht,“ fiel der Bankier ihm abermals in's Wort.„Ich habe Ihnen geſagt, daß die Hochzeit ſtattfinden plle, wenn alle Vorbereitungen getroffen ſeien.“ „Sie ſind getro ffen.“ „Die Aus ſteuer iſt noch nicht fertig.“ „Ich ſagte Ihnen, ſie könne fertig geſtellt werden, während wir auf der Reiſe ſeien—“ „Roſa will das nicht, die jungen Damen haben in dieſem Punkte ihre Eigenheiten. Es iſt ihr beſonderes Bepartement, und ſie dulden nicht, daß, man ſich hineinmiſcht, um ihnen einen Rath zu geben, wenn derſelbe auch noch ſo gut wäre.“ „Sie wollen die ganze Schuld auf Roſa ſchieben—“ „Nein, das will ich nicht, ich habe im Gegentheil Roſa ge⸗ beten, Ihrem Wunſche zu entſprechen, aber wie ich Ihnen be⸗ merkte, die jungen Damen—“ „Sie würden alſo auch jetzt nicht in der Lage ſein, den Tag feſtzuſetzen?“ „Nein!“ „Es wäre alſo wöglich, daß ich mich bis zum nächſten Frü⸗ ling gedulden müßte?“ „Das glaube ich nicht,“ erwiberte der Bankier, ohne zu ver⸗ hehlen, daß der ſchneidende Hohn, mit dem der Baron dieſe Frage aufgeworfen hatte, ihn ſehr unangenehm berührte. „Ich habe keine Luſt, mich ſo lange zu gedulden,“ ſagte der Majoratsherr.„Der Aufenthalt hier iſt mir durch den Zwieſpalt in meiner Familie verleidet, ich will nach Italten und dort blei⸗ ben, bis die Geſinnungen meiner Verwandten verſöhnlicher ge⸗ worden ſind.“ „Nnn wohl, Herr Baron, reiſen Sie, und bei Ihrer Heim⸗ kehr werden Sie Alles geordnet finden,“ erwiderte der corpu⸗ lente Herr. „Machen Sie mir dieſen Vorſchlag in allem Ernſte?“ „Gewiß, finden Sie ihn nicht annehmbar?“ Nein. „Dann müſſen Sie ſich gedulden.“ „Gedulden, weil Sie mir mißtrauen, nicht wahr?“ — her ge⸗ Heim⸗ cotpu⸗ — 1447— „Mir ſcheint, das Mißtrauen iſt allein auf Ihrer Seite, Herr Baron, aus jedem Wort, welches Sie heute mir ſagen, leuchtet es hervor.“ Der Baron zuckte die Achſeln und erhob ſich. „Es thut mir leid, daß wir ſo von einander ſcheiden,“ er⸗ widerte er,“ aber es iſt nicht meine Schuld, daß die kleinen Differenzen nicht geordnet worden ſind. Sie wollen es nicht, ich habe auf Ihrer Seite kein Entgegenkommen gefunden—“ „Sie verlangen eben Unmögliches!“ „Unmögliches? Wenn Sie über dieſen Ausdruck nachden ken werden Sie ſelbſt darüber lächeln. Ich werde Ihnen meine wei⸗ teren Anſichten brieflich mittheilen, und ich halte noch immer an der Hoffnung feſt, daß unſre Wege, die augenblicklich getrennt ſcheinen, wieder vereinigt werden.“ Auch der Bankier hatte ſich erhoben, es lag nicht in ſeinem Intereſſe, in Zwieſpalt von ihm zu ſcheiden, man konnte ja nicht wiſſen, wie die Dinge ſich geſtalteten. „Ich ſehe das nicht ſo ſcharf an,“ ſagte er, indem er ſich zwang, einen ſcherzenden Ton anzuſchlagen,„ich kann die Wolken nicht erblicken, die Sie mir zeigen wollen. Wenn ich—“ „Sprechen wir nicht weiter darüber, es wird zu nichts führen, ſo lange Sie nicht geneigt ſind, meine Wünſche zu erfüllen. Ich habe nichts Unmögliches von Ihnen verlangt, Sie werden das zugeben müſſen, wenn Sie gerecht ſein wollen. Und daß ich in Bezug auf die Heirath endlich an das Ziel zu kommen wünſche, das wird mir auch Niemand verargen. Von Ihrer Antwort auf meinen Brief wird es abhängen, was ich thue und wozu ich mich entſchließe, Sie müſſen wiſſen, ob ein Beuch—“ „Herr Baron, dieſes Wort war das letzte, welches ich von Ihnen zu hören erwartete,“ fiel der corpulente Herr ihm beſtürzt in die Rede.„Ich glaubte uicht, daß Sie an dieſe Möglichkeit denken würden.“ „Ich würde niemals daran gedacht, ja, jeden derartigen Ge⸗ danken mit Entrüſtung zurückgewieſen haben, wenn ich nicht einem verletzenden Mißtrauen begegnet wäre, einem Mißtrauen, welches mich leider vermuthen ließ, daß man auf der andern Seite den Bruch wünſchte. Sagen Sie, es ſei nicht ſo, und ich will Ihnen 1448— glauben, vorausgeſetzt, daß Sie mir auch den Beweis Ihres vollen Vertrauens liefern.“ „Wo ich es S „Ich habe Ihnen die Gelegenheit dazu geboten, an Ihnen iſt es, ſie zu Erzwingen läßt ſich Vertrauen nicht, alſo muß ich es Ihrem freien Willen überlaſſen, ob Sie es mir ſchen⸗ ken wollen oder nicht. Aber in Ihren eigenen Intereſſe und in dem Intereſſe Roſa's möchte ich Sie warnen, der Verleumdung Gehör zu ſch weiß aus eigner Erfahrung, daß von Seiten meiner Familie Alles aufgeboten wird, meine Verbindung mit ihrer Familie zu hintertreiben, und wenn es einen großen Zweck zu erreichen gilt, ſo ſind eben alle Mittel heilig.“ „Herr Baron, ich kann Ihnen nur wiederholen—“ „Bitte, hun Sie es nicht, dadur ch, daß Sie mir ausweichen, beſſern Sie nichts, es märe beſſer, wenn Sie unumwunden die Wahrheit meiner Behauptungen anerkennen und meine Warnung beherzigen wollten. Gehen Sie ernſt mit ſich zu Rathe, ehe Sie meinen Brief beantworten, denn von dieſer Antwort wird meine Entſcheidung abhängen.“ rMajoratsherr verbeugte ſich leicht nach d und verließ das Haus in einer heiter war.* Er hatte eingeſchen, daß er dieſem Manne gegenüber feſt auftreten mußte, nur dadurch konnte der Bruch möglicherweiſe vermieden werden. ieſen Worten — Stimmung, die keineswegs Und er wußte auch, daß jetzt die unheilſchwangeren Wolken drohend über ſeinem Haupte hingen, aus denen ſchon in der nächſten Stunde der vernichtende Blitz niederfahren konnte. Er mußte Johann und die Schauſpielerin für ſich gewinnen und ihre Bebingungen erfüllen, das unterlag keinem Zweifel, ſie konnten ihn vernichten, denn ſie waren zu tief in ſeine Geheim⸗ niſſe eingeweiht. Und mwas dann? Lenn nun der Bankier ſich weigerte, den Hochzeitstag feſtzu ſeten 7 Erzwingen konnte er das auch nicht, und längeres Warten vermehrte nur die Gefahren. ſchenken, die Folgen wür auf Sie zurückfallen. Ich n 1 Vbllen in der fol ſel, ſie — Waren auch die ner beſeitigt, ſo bliehen boch noch Andre, ʒ werden konnten. Der Verwalter, Baron Udo und ſſen Sohn und der Poli⸗ zeirath Heller, der Thätigſte von möglicherweiſe be⸗ reits zurückgekehrt war und kein sführung ſei⸗ nes Projekts verzichteie. Wenn dieſer gefährliche Polize fahren hatte, dann war das Spiel ſchleuniger Flucht Rettung möglich. Für dieſen Fall, der raſch und: — „ was Joh hann er⸗ en und nur noch in e i nicht z der Bank zu Dieſe S beſchäftigten ihn noch immer, als er vor dem Gartenpför Schwanenthals ſtand und den eiſernen Klopfer auf bie n latte fallen ließ. Ein hübſches Mädchen öffnete ihm und ſchritt ihm auf das kleine Haus zu. 8 — 8 * — v Im Zimmer des Wucherers fand er den jungen Mann, den n einmal in der Geſehſche 4 Auerbachs in der Wein⸗ ſiube geſehen hatte, und aus den beiden erſten Worten, die das Mäd⸗ chen an dieſen richtete, erfuhr er, daß ſie ſeine Braut war. Als Schwanenthal gleich darauf eintrat, verließen die Beiden das Zimmer, und der alte Mann bot mit einem vielſagenden, ironiſchen Lächeln ſeinem Gaſt einen Stuhl an. „Es über Raſcht Sie natürlich, Laß ich nach dem, was zwiſchen uns vorgfallen iſt, Ihr Haus wieder betrete,“ ſagte der Baron, nachdem er Lut genommen hatte,„aber ich kenne den alten Abraham Schwanenthal aus früherer Zeit zu gut und weiß aus Erfahrung, daß er ein gutes Geſchäft niemals ablehnt.“ — 1450— c In dem gelben Geſicht des Wucherers ſpiegelte ſich ein un⸗ verkennbares Mißtrauen. „Und welches Geſchäft hätten Sie mir anzubieten?“ fragte er. „Ein ſehr bedeutendes. Sie werden wiſſen, daß ich Schloß Oſthofen im Innern renovirt habe, ich glaube, die Renovation hatte ſchon begonnen, als Sie damals dort waren.“ Schwanenthal nickte zuſtimmend, ſein Blick ruhte voll Erwar⸗ tung auf dem Geſicht des Majoratsherrn. „Sie werden ferner wiſſen, daß ich mit der Tochter des Ban⸗ kiers Auguſt Becker verlobt bin“, fuhr der Baron fort,„ich er⸗ wähne dies nur, um Ihnen gewiſſermaßen eine Garantie zu bieten, im Falle Sie eine ſolche verlangen. Die Renovation des Schloſſes koſtet eine bedeutende Summe, außerdem hege ich die Abſicht, in der Oekonomie Rerbeſſerungen einzuführen, durch die ich die Einnahmen aus der Verwaltung des Entes zu ſteigern gedenke. Dieſe Verbeſſerungen aber koſten ebenfalls eine namhafte Summe, und ich ſehe mich veranlaßt, eine Anleihe zu machen, ſo ungern ich auch dazu übergehe.“ Der alte Mann hatte die Brilte auf die Naſe hinaufgeſchoben, ſeine ſtechenden Augen blickten den Baron ſo feſt und durchboh⸗ rend an, als ob ſie in die innerſten Tiefen ſeiner Seele ein⸗ dringen wollten. „Eine Anleihe?“ wiederholte er.„Ich glaube, um das zu erreichen, würden Sie ſich am Beſten an Ihren zukünftigen Schwiegervater wenden. „Nicht doch. Wäre es bereits mein Schwiegervater, ſo würde ich kein Bedenken tragen, die nöthige Summe von ihm zu for⸗ dern, aber ſo lange er es nicht iſt, finde ich es nicht ralhſam, ihn in meine Verhältniſſe einzuweihen.“ „Haben Sie kein Vertrauen zu ihm?“ „Gewiß, aber ich gebe nicht gerne einem Manne gute Worte, der das Geſchäft, welches ich ihm anbiete, als eine Gefälligkeits⸗ ſache betrachtet. Man kommt dadurch zu leicht in eine ſchiefe Stellung. Und wenn ich dieſe Gefälligkeit von ihm fordere, ſo würde er dadurch ſich berechtigt halten, mir gute Rathſchläge und weiſe Lehren zu geben, auf die ich lieber verzichte. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie betrachten die Sache als ein Ge⸗ ſchäft und ordnen ſie geſchäftsmäßig. Sie werden ſofort die ———— —— einem „Jene Stücken ich das Chrenſe oder d leztere „Er Q „ „1 „A — kR „ Sh erkennen, die aus dieſem Geſchäfte Ihnen erwechſen „Erlauben Sie, Herr Baron, dieſe Vortheile müſſen mir zu⸗ vor klar werden.“ „Sie find Kapitaliſt und Ihr Streben geht dahin, Ihr Ka⸗ ficher anzulegen uns die höchſten Zinſen zu erziel Zute Sicherheit iſt mir die Hauptſache.“ ₰ biete ſie Ihnen. „Hm— worin beſteht ſie?“ „In einer Hypothek 3 das Se Wie ber betreffende Akt abgefaßt werden und welche Bedingungen er enthalten ſoll, das zu beſtimmen, üb e ich Ihnen, Sie ſind darin beſſer be⸗ wandert und ich werde allen Forderungen, die Sie ſtellen zu müſſen glauben, hereitwillig Rechnung tragen.“ —. ;— „Wie groß iſt die Anleihe, die Sie machen wollen?“ „Fünfzigtauſend Thaler.“ Der Wucherer zog die Braunen hoch hinauf, die H Summe überraſchte ihn. „Auf erſte Hr „Nein, auf zweite „Alſo S bereits Schulden auf dem Gute? „Fünfzigtauſend Thaler. Dieſe Summe—“ „Wer i der Gläubiger, Herr Baron?“ „Der Vater meiner Braut.“ „Er hat bereits ie erſte Hypothek und trotzdem—“ „Erlauben Sie, es liegt gar keine Veranlaſſung zu irgend einem Bedenken vor,“ unterbrach der Baron ihn ungeduldig. „Jene fünfzigtauſend Thaler gab der Bankier mir aus freien Stücken, um mich von läſtigen Verpflichtungen zu befreien. Als ich das Majorat übernahm, war es ebenſo wohl Pflicht, als Ehrenſache, meinen Bruder entweder durch eine jährliche Apanage oder durch Ausz hlun eines Kapitals abzufinden, ich zog das letztere vor und— „Jawohl.“ „Der Bankier Becker iſt Millionär—“ „Aber er iſt G gtcuſend Thaler erhalten?“ — auch Geſchäftsmann und Sie werden begreifen, Bankgeſchäfts eine zu gr oße Schwächung „Er könnte bieſes Darlehn als die Mitgift ſeiner Tochter be⸗ trachten“ „Das entſpräche meinen Tünſchen nicht,“ erwiderte der Ba⸗ ch ziehe vor, dieſe Mitgift am Hochzeitstage in Empfang tund die ganze Summe in Staatspapieren anzulegen, um ſie meinen Kindern erſte Hypothek wäre jedenfalls ſicherer,“ ſagte er will mir nicht einleuchten. Das Gut hat unter Brt⸗ 4Werth von mindeſtens dreimalhunderltan ſen Thalern und die Forderung des glänbigers beträgt nur uſend Thaler. Fall, dieſer Gläubiger dige das Kapital, nicht anzunehmen iſt, ſo wird der Verkauf des Gutes ſelbſt unter den ungünſtigſten Umſtän⸗ dern verden.“ „Ich hegreife nicht das beſtreiten wollen. Die Ein⸗ nahmen aus dem Gute betragen jährlich ſiebenzehntauſend Thaler geſetzt nun, es ruhe eine Saulbenſaſt von hunderttauſend Thaler auf ihm, ſo würden die Zinſen diefer Schulden nur fünftauſend Thaler betragen—“ chnen nur ſünf Prozent, warf Schwanenthal ein,„3zu dieſem Prozentſatz verleihe ich kein Geld.“ „Ich erwarte Ihre Beding wie Sie es ſtildern—“ „Die Sicherheit, die ich Ihnen biete—“ „Verzeihen Sie, ich habe in dieſer Beziehung Erfahrungen gemacht, und meine Erfahrungen befähigen und berechtigen mich, zu einem in jeder Weiſe richtigen Urtheil. ich wieder⸗ hole es, iſt ein Majoratsgut, und wenn es zum Konkarſe kommt, ände, dieſes Geſchäft abzuſchließen, ſo würde 66 mindeſtenz acht Prozent fordern müſſen,“ ſagte der alte Mann in gebehntem Tone.„Das Geſchäft iſt nicht ſo ſicher, ———— ſein“ wollte hie gr 6 etwide nicht E 1453 Verwaltung des Gutes übernetmen. Verluſten ſo müſſen die Gläubiger die Daß dies mit Unannehmlie eite n und mannigfachen eben verknüpft iſt, werden Sie zug „Ich kann das nicht ſeb g hor 3 „Aber ich weiß es aus eigner „Nun wohl, ſtellen Sie mit lichen können.“ ög Wenn mein S ieg ſtirbt, bin ich ſein einziger „Vorausgeſetzt, daß er ſein Vermögen nicht ſeiner Tochter und deren Kindern vermacht“, erwiderte der Wucherer ſpöttiſch, Dieſe Möglichkeit muß berückſichtigt werden.“ „Pah, ich elte das undenkbar.“ „Und ich glaube, daß es geſchehen wird. Di des Eutes können Sie nicht zur Schuldentilgung verwenden— Einnahmen „Meberlaſſen Sie das mir!“ ſagte der Baron.„Ich werde ſchon die Mittel finden, dieſe Schulden zu tilgen. Und wäre es mir wirklich nicht möglich, ſo verlieren Sie dadurch nichts, das Kapital iſt geſichert, und mit dem Zinsfuß können Sie zufrieden ſein.“ Abraham Schwanenthal zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wollte, er hege darüber ganz andere Anſichten, dann rückte er die große Hornbrille dicht vor die Augen. „Fünſzigtauſend Thaler ſind eine ſehr bede utende Summe,“ erwiderte er.„Aus meinen eignen Mitteln kann ich das Geld nicht ſchaffen, denn mein Vermögen iſt ſo groß nicht.“ „Bah, das ſind Ausflüchte—“ „Durchaus nicht, Herr Baron. Ich wieberhole Ihnen, ich beſitze ſo viel nicht, überdies iſt ein namhafter 2 Theil meines Ver⸗ mögens feſt angelegt.“ „Und wie groß iſt die Summe, über die Sie v „Zwiſchen zwanzig und dreißigtauſend S—“ „Könnte ich dieſe Summe ſofort erhalten?“ „Nein.“ verfügen können?“ — —— — 1454— „Ich bin bereit, heute noch den betreffenden Akt zu unter⸗ zeichnen.“ „Sehr wohl, Herr Baron, dies müßte ja auch bei der Aus⸗ zahlung des Geldes vor Notar und Zeugen geſchehen, und ich bin überzeugt, daß Sie dagegen nichts einzuwenden haben würden. Aber ſo raſch kann ich die Zahlung nicht leiſten.“ „Wenn Sie über das Geld verfügen können—“ „Sie verlangen baares Geld nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Kein: Waaren und Werthpapiere?“ „Nein, nein, ich kann damit ja nicht die Handwerker be⸗ „Sehr richtig!“ nickte der alte Mann.„Sie müſſen Bank⸗ noten oder klingende Münze haben. Nun aber muß ich zuvor Werthppiere und Waaren verkaufen, um mir baares Geld zu verſchaffen, und wenn Sie mir dazu nicht die nöthige Zeit laſſen, ſo werde ich nicht unbedentende Verluſte haben. Geſtatten Sie mir aber—“ „Ich muß das Geld ſofort haben.“ „Die ganze Summe?“ „Jawohl.“ „Dann, Herr Baron, werden Sie die Opfer bringen müſſen,“ erwiderte Schwanenthal achſelzuckend. „Sie finden in der ganzen Stadt keinen Kapitaliſt, der Ih⸗ nen ſofort fünfzigtauſend Thaler in baarem Gelde auszahlen kann, es wäre je eine unverantwortliche Thorheit, ein ſo gro⸗ ßes Kapital— „Sie ſprachen von Opfern!“ fiel der Mojoratsherr ihm un⸗ geduldig in's Wort. „Ja, allerdings. Die Courſe der Werthpapiere ſind in der letzten Zeit ſehr geſallen, und ich würde meine Papiere jetzt nur unter der Bedingung verkaufen, daß mir der Verluſt vollſtändig erſetzt wird.“ „Wenn Sie dieſe Bedingung ſtellen, werde ich ſie erfüllen müſſen.“ „Sodann habe ich für eine ſehr große Forderung Waaren über⸗ nehmen müſſen, und wenn dieſe Waaren auch preiswürdig ſind, nin Mer⸗ 18 ich Zant⸗ Udor d zu ſen, 67 un⸗ — — 2 nur ndig ilen ber⸗ ſind, — ———— 1455— ſo iſt doch, wenn ſie ſofort verkuuft werden ſollen, ein Verluſt nicht zu vermeiden. Wollen Sie die Waaren zu dem mir berech⸗ neten Preiſe übernehmen und eine günſt ige Gelegenheit für den Verkauf abwarten, ſo werden Sie keinesfalls—“ „Ich bin kein Krämer und kann mit ſoichen E nicht befaſſen.“ „Gut, drum bleibt Ihnen nur die Wahl— „Ich werde auch dieſen Veerluſt Ihnen erſetzen! So ſeh deutend kann er ja nicht ſein.“ „Vielleicht zehn Prozent.“ „Das wären von dreißigtauſend Thalern drei touſend!“ „Freilich, Herr Baron! Und was die weiteren zwanzigtauſend Thaler betrifft, ſo kann ich Ihnen auch dieſe nicht ohne Verluſt verſchaffen. Ich muß ſie von Anderen leihen und mir die Ab⸗ züge und Prozente, welche dieſe Anderen berechnen, gefallen laſſen.“ „Und wie groß würden dieſe Abzüge ſein?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Sagen wir auch hierfür zehn Prozent, wird das hinreichen?“ „Gut, Sie zahlen mir vierundfünfzigtauſend Thaler in baa⸗ rem Gelde und erhalten dafür eine Hyvothe k von ſechszigtauſend Tholer, ſind Sie damit einverſtanden?“ „Mit acht Prozent jährlich zu verzinſen?“ „Es iſt ein hoher, ſehr hoher Prozentſatz.“ „Gegenüber dem Riſiko durchaus nicht.“ „Ich will auch dieſer Bedingung mich fügen.“ „Alle Koſten tragen Sie natürlich?“ „Welche Koſten?“ „Die Ausfertigung des Akts, Stempelkoſten, Gebühren des Notars und Eintragung in die Hypothekenbücher. Dieſe Koſten fallen ſtets dem Schuldner zur Laſt.“ „Dann war die Frage überflüſſig,“ ſagte der Baron. „Gut,“ nickte der alte Mann,„ſoweit alſo wären wir einig. Es handelt ſich jetzt nur noch um die Frage, bis wann Sie das Geld haben müſſen.“ „Die Hälfte ſofort!“ „Unmöglich.“ ſchäften mich S — — 1456— — †.— 6 „So Sie, bis wann Sie es möglich machen können.“ „Mit Sie cherheit kann ich das nicht beſtimmen.“ „Morgen?“ . werſich. ich muß ſpäteſtens übermorgen das Geld haben,“ ſagte ber Majoratsherr mit ſcharfer Betonung.„Hören Sie, ich muß es de ich habe meine Ehre verpfändet. Und Sie werden es ermöglichen, Sie werden die Papiere heute, ſpäteſtens morgen an der Börſe verkaufen und mir das Geld auszahlen.“ erer hatte die Händ⸗ auf den Rcken er 3 deß Baron ſich in einer großen Verlegenheit befand war klar, wenn man die Schlinge noch feſter zuzog, erreichte man vielleicht noch größere Vortheile. „Sie machen dabhei ein zu gutes Geſchäft, als daß Sie Bedenken tragen ſollten, meinen Wunſch zu erfüllen,“ nahm der Baron noch einmal das Wort,„bdeshalb vertraue ich darauf, daß Sie mir morgen, wenn auch nicht die ganze Summe, ſo doch einen Theil derſelben zahlen werden.“ „Wenn ich es ermöglichen kann, Herr Baron—“ „Darüber ſfe en Sie mir jetzt volle Sicherheit geben. Ja, oder nein! Wenn Sie mir keine definitive Zuſage machen, ſo werde ich mich 38 einen Andern wenden, und das Geſchäft iſt für Sie verloren.“ Er ſtand mit dem Hute in der Hand an der Thür und war⸗ tete mit ſichtbarer Ungeduld auf eine Antwort. „Wenn Sie nur einige Tage früher gekommen wären!“ ſagte der Wucherer achſelzuckend„die Friſt iſt zu kurz—“ „Gute Werthpapiere kann man in jeder Stunde verkaufen.“ „Verkaufen wohl, aber man muß oft lange auf das Geld . p worten. e Wer ſolche Popiere kauft, hat das Geld dafür in der „Nun ja, Sie ſollen übermorgen das Gels haben. Ueber — S — — 2 8 8 — — — — — = morgen Vormittag will ich Si zu meinem Notar—“ „Laſſen Sie ihn hieher kommen.“ „Weshalb? Das verthenert die Sache.“ — gen„Auf einige Thaler mehr oder weniger kommt nicht an, ich zahle ſie ſchon deshalb gern, um das heim zu halten. Verſchwiegenheit verlange ich vor von Ihnen.“. „Ich ſpreche nie über meine Geſchäfte mit Ande „Sie haben mir damals einen Mann in's O gehen danr allen Dingen rn. hüre zeigen 6 dem ich, wenn er no5 einmal kommen ſolt. die würde,“ ſagte der Baron mit gehobener Stimn „Es wäre nict e wenn Sie meine aner⸗ kannt und befriebigt k„ Sie zwangen mich dazu—“ nd„Dann hätten Sie wenigſtens nicht dieſen Mann ſchicken kichte ſollen!“ „Er bot ſich mir an, Herr Baron!“ nke „Gleich viel, es war gehäſſig. Ich erwarte, von dem neuen Geſchäft nichts mittheilen werden, i zur Bedingung.“ nachtommen.“ da halten, und daß die Erfüllung eines gegebenen ſo Ihnen Ehrenſache iſt.“ it iſ„Unter allen Umſtänden!“ „Ich verlaſſe mich darauf. Alſo übermorgen Vorm 5 zie das Ken„Es wird nicht geſchehen ſo lange Sie Ihren Verpflichtungen „Gut, alſo wird es geſchehen, vorausgeſetzt, daß Sie Wort Verſprechens ittag werde hierher zu wor⸗ ich den Notar hier finden?“ „Da Sie es wünſchen, werde ich ihn bitten, kommen.“ Der Baron entfernte ſich, und in Gedanken verſunken trat fen.“ der Wucherer an's Fenſter, um ihm nachzublicken. Geld Eine Stimme weckte ihn aus ſeinem Sinnen, um, und ſeine Braunen zogen ſich zuſammen, als B ertram fiel. 1458— „Es iſt ſogleich Mittag, Onkel,“ erwiderte der junge Mann. „Hm, wo iſt Laura?“ „In der Küche. Wünſchſt Du ihr etwas zu ſagen?“ „Nein. Das Mädchen gefällt mir mit jedem Tage mehr, und wenn es Euch Beiden recht iſt, kann die Hochzeit bald ge⸗ feiert werden. Ich ſtelle dabei nur eine Bedingung.“ hier hei mir wohnt, iſt Alles. ſern entge e Bertram lächelnd, Wenn er gut iſ, nicht?“ „Loß' Dich mit dieſem Baron in keine Geldgeſchäfte ein, Onkel!“ Pof n nont c n Snnnn. „Bah, was verſtehſt Du davon!“ Auf der Stirne des cherers zeigten ſich die des Unmuths, ſie hätten den jungen Mann warnen müſſen, dieſes Thema n, daß ein Geſchäftsmann nicht Alles aus⸗ e, e git Geſchäfte, die—“ „Ich begreife das vollkommen, Onkel, und Du darfſt über⸗ zeugt ſein, daß ich über das, was hier vorgeht, oder was ich mit Dir ſpreche, niemals mit Andern plaudern werde. Ich wollte Dich nur warnen vor dem Majoratsherrn von Oſthofen.“ „Wenn er mir unter durchaus ſicherer Garantie ein Geſchäft anbietet, weshalb ſoll ich es ablehnen?“ erwiderte der Wucherer. Welche ſichere Garantie er Dir bieten?“ thekariſche Sicherheit. Und geſetzt, Onkel, er wäre nicht der Majoratsherr von plaudern! Oſthof fen⸗ hat er dann ein Recht, das Majoratsgut zu verpfänden?“ wanenthal blickte ſeinen Neffen ſtarr an, dann lachte er hell auf. Das war, aufrichtig geſagt, eine kindiſche Frage!“ antwortete er.„Wer kann denn jetzt noch bezweifeln, daß er der Majo⸗ er iß? Hat ihm das Jemand ſtreitig gemacht? Iſt er nicht als ſolcher von ſeiner Familie ohne Widerrede anerkannt nd üb, — —— 1459 „Gewiß,“ erwiderte Bertram kopfſchüttelnd,„aber wird denn ein Betrüger ſtets in der erſten Stunde entlarvt?“ Iſt es nicht oft vorgekommen, daß ein kühner Abentheurer ſeine Rolle lange geſpielt hat—“ „Ach was, das ſind ſe— „Ueber die man nicht reden würde, wenn ſie nicht begri wären!“ Und wer redet darüber?“ „Leute, denen man die dazu nicht abſtreiten kann eſorgniſſe zu den jungen Mann anſah. per ſind dieſe Leute?“ „Perſonen, die den Ma aus welcher Quelle Deine Mittheilungen her⸗ Schw S des Verwalters befreundet, und der Verwalter iſt entlaſſen „Das iſt Alles richtig, aber drum iſt dieſe Quelle nicht we⸗ niger glaubwürdig. Ich glaube, Du biſt mit dem Polizeirath Heller befreundet.“ „Ja allerdings.“ „Dann frage ihn.“ „Das darf ich nicht.“ „Hat der Baron es Dir verboten?“ vohll“ ſagte der alte Mann, während er das Sammt⸗ den Nacken ſchob. dieſes Verbot weckt Dein Mißtrauen nicht? „Nein, ich finde es natürlich, daß der Baron Verſchwiegenheit verlangt, wenn man eine Hypothek aufnehmen will, hängt man das nicht gerne an die große Glocke.“ „Sehr wohl, aber dem Kapitaliſt muß es freigeſtellt ſein, ſich nach dem Manne, der das Kapital haben will, zu erkun⸗ Hioen „Hm — 1460— „Der Polizeirath wird natürlich ſchweigen, wenn Du es zur Bedingung machſt.“ Der Wucherer ſtand in Nachdenken verſunken, die Warnun ſeines Neffen hatte doch einen nachhaltigen Eindruck auf ih gemacht. „Wenn der Mann entlarvt würde und Du hätteſt ihm das Kapitul gegeben“, nahm Bertram das Wort,„ſo wäre für Dich das Kapital verloren. Die Familie von Oſthofen würde dem Prozeß mit aller Ruhe entgegenſehen, und ſich darauf ſtützen, daß es Deine Pflicht geweſen wäre, zu erforſchen, ob Dein Schuldner auch wirklich das Recht hatte, eine Hypothek auf das Majorat aufzunehmen.“ „Wenn die Familie ihn als den Majoratsherrn anerkannt hatte—“ „So entband Dich das immer noch nicht von jener Ver⸗ pflichtung, und ich hege die feſte Ueberzeugung, daß Du den Prozeß verlieren würdeſt. Ich weiß nicht, um welche Summe es ſich handelt, aber ſo groß oder ſo klein ſie auch ſein mag, ſie iſt immerhin zu groß um ſie einem Betrüger in die Taſche zu jagen.“ ⁵ „Das iſt freilich richtig.“ „Und deshalb rathe ich Dir, mit dem Polizeirath darüber zu reden.“ Abraham Schwanenthal nickte zuſtimmend, der Eintritt Lau⸗ ra's beendete die Unterhaltung, die noch lange die Gedanken des alten Mannes beſchäftigte. 9 n Udo ſeine Polſchaſt treffen inſtern 2 Hetzen de rauben ſe nicht. Nach Onkels Mann, nußte i 55. Kapitel. Die Erbtheile eines Baſtard. 2 Es war für Helene ein ſchwerer und unangenehmer Gang geweſen, Baroneſſe Klara auf die Hiobspoſt aus Rom vorzube⸗ reiten, aber ſie hatte ihn übernommen und ihre Aufgabe erfüllt. in derſelben Stunde, in der Klara dieſe Nachricht em⸗ raf ein Telegramm aus London ein, in welchem Baron ſeiner rGaitin mittheilte, Baroneſſe Cäcilie ſei gefunden und e Heimreiſe mit ihr bereits angetreten. Klara das Glück, welches die Baronin bei dieſer frohen Botſchaft empfand, trüben? Durfte ſie in dieſer Siunde ihr ſagen, die Leiche ihres ermordeten Sohnes werde heute noch ein⸗ S ie vermochte es nicht, ſie wußte, daß dieſe furchthare Schreckens⸗ t ztö werde. Und wurde 3 nicht 3 Empfang getrübt, der das wiedergefundene artete 7 Es war ihr nicht möglich, dieſe heitere Freude zu trüben, die finſtern Wolken heraufzubeſchwören, welche dieſem ahnungsloſen Herzen den ſo lange und heiß erſehnten Sonnenblick des Glücks rauben ſollten. Mochte ein Anderer dieſe Grauſamkeit begehen, ſie konnte es nicht. Nach langem Nachdenken beſchloß ſie, bis zur Rückkehr des Onkels zu warten und ihn zuerſt zu unterrichten, er war ein Mann, und ſo ſchwer ihn dieſer Schlag auch treffen mochte, er mußte ihn ertragen. Und wenn dann die Baronin die Nachricht erfuhr, dann ſtand ihr Gatte, der Vater des Ermordeten neben ihr, und ſie konnte ſich aufrichten an ſeinem Muth und ſeiner gesuldigen Ergebung in den unabänderlichen Willen des Schickſals. Und nachdem Klara dieſen Entſchluß gefaßt hatte, begann ſie auch ſofort mit der Löſung der Aufgabe, die ihr jetzt zufiel. Sobald ſie die Baronin verlaſſen konnte, eilte ſie zu Helene. Sie traf dort den Verwalter und Hellmuth Waldſtern, und die beiden Männer mußten den Gründen welche die Baroneſſe ihnen vorlegte, beipflichten. Hellmuth übernahm es, den heimkehrenden Freund auf dem Bahnhofe zu empfangen, und unter den obwaltenden Verhält⸗ niſſen blieb nichts Andres übrig, als die Leiche Bruno's in die Wohnung der Fran Rodenberg zu bringen. MWan hätte ſie ſofort in das Leichenhaus auf dem Friedhoſe ſchaffen können, Hellmuth ſchlug dies auch vor, aber Frau Mag⸗ dalene wollte es nicht, ſie bot ihre eigne Wohnung an, und Willy hörte, daß ſie leiſe ſagte, auch darin erblickte ſie eine Vergeltung, die von dem Walten eines gerechten Richters zeuge. Am Tage darauf kehrte auch der Baron Udo mit ſeiner Toch⸗ ter und Ferdinand von Falkenberg zurück. Signora Grimaldi war in London geblieben, plötzliche Er⸗ krankung hatte ihre ſofortine Aufnahme in ein Spital nothwen⸗ dig gemacht, während ihr Sohn in's Gefängniß gebracht wurde, um dort ſeine Verurtheilung zu erwarten. Baroneſſe Klara war auf dem Bahnhofe und ſo warm und herzlich auch der Empfang war, den Klara ihrer Couſine berei⸗ tete, entging es dem Baron doch nicht, daß das ſchöne Mädchen ſich zu einer Heiterkeit zwang, die ihrem Herzen fremd war. Er entdeckte bald, daß etwas, was ſie ihm zu verbergen ſtrebte, ihre Seele bedrückte, aber er mochte nicht gleich in der erſten Stunde fragen, er wollte warten, bis ſie ſelbſt aus eig⸗ nem Antrieb ihr Herz ihm öffnete. In fieberhafter Aufregung erwartete die Baronin daheim ihr geliebtes Kind, und als es nun in ihren Armen und an ihrem Herzen lag, umſchloß ſie es feſt und innig, und Thränen des Dankes und der Freude floſſen unaufhaltſam aus ihren Augen. zedi het ihn⸗ mun auch gemn! zmnin dn Re verſtich Si der Be den el verirau ſchch, Er und du ſuchen, fort i wurde, n und herei⸗ r. ergen n der eig⸗ aheim nd an ränen ihren S Ferdinand von Falkenberg wollte ſich entfernen, aber Cäcilie bat ihn, zu bleiben, er mußte an dem Glück der Familie, die nun auch ſeine Familie geworden war, Theil nehmen, und wie Baron Udo dieſen Bund geſegnet hatte, ſo ſegnete ihn auch die Baronin, es war ja nur ein kleiner Theil des Dankes, den ſie dem Retter ihres Kindes ſchuldete. So waren einige Stunben unter gegenſeitigen Mittheilungen verſtrichen, als Baron Udo Klara vermißte. Sie mußte ſich ſchon längſt unbemerkt entfernt haben, und der Baron entſann ſich jetzt auch wieder des dnnklen Schattens, den er auf ihrer Stirne bemerkt hatte. Was mochte das Mädchen he ſie jetzt im Hauſe ihres Onkels Cäcilie ältere Rechte habe, denen ſie weichen müſſe? Oder hatte ſie abermals einen Auftritt mit ihrem Vater ge⸗ habt, der ihr Beſorgniſſe einflößte? Was es auch ſein mochte, Baron Udo erwartete, daß ſie ihm vertrauen und ihr Herz ihm öffnen werde, und je eher das ge⸗ ſchah, deſto beſſer war es für ſie, Er verließ, von den Andern unbemerkt, das Wohnzimmer und durchwanderte alle Räume ſeiner Wohnung, um Klara zu ſuchen, und als er in ſeinem eignen Kabinet ſie ſand, las er ſo⸗ fort in ihren Zügen, daß ſie ihn erwartet hatte. „Wir Alle ſind glücklich und freuen uns deſſen,“ ſagte er theilnehmend, indem er ſie zum Divan führte und neben ihr Platz nahm,„nur Du nimmſt nicht Theil an unſerm Glücke—“ „Gewiß, lieber Onkek,“ unterbrach Klara ihn raſch.„Wie kannſt Du nur denken, daß ich nicht den herzlichſten und innig⸗ ſten Antheil an dieſem freudigen Ereigniß nehme!“ Baron Udo ſchüttelte das Haupt, und aus ſeinen treuherzigen Augen leuchtete ein ſo herzliches Wohlwollen, daß man ihn wirk⸗ lich lieb gewinnen mußte. „Du verbirgſt mir etwas,“ ſagte er. „Nichts, was mich ſelbſt betrifft, Onkel.“ „Haſt Du Deinen Papa ſeitdem wieder geſehen?“ „Nein, aber ich habe Manches über ihn gehört, was—“ „Ich bitte Dich, Kind, ärgere Dich darüber nicht und laß — 1464— Dich auch nicht weiter beunruhigen. Was er einmal will, das ird auch geſchehen, und wir können es nicht verhindern.“ „Das iſt es nicht,“ erwiderte Klara,„es werden ſchwere An⸗ klagen gegen ihn erhoben—“ „Von wem?“ „Von unſerm früheren Verwalter!“ „Der Haß hat diefe Anklagen erzeugt, alſo darf man kein en h darauf legen.“ Sie ſind mit ſolcher Sicherheit erhoben worden, daß—“ werde mit dem Verwalter reden, liebes Kind. Wenn dies das Einzige iſt, was Dich beunruhigt, ſo hoffe ich Dir Deine Heiterkeit bald wieder zu geben.“ „Wollte Gott, es wäre das Einzige!“ fenfzte Klara, bie noch keine Worte finden konnte, ihm die ſchreckliche Nachricht mitz u⸗ Werth Du noch außerdem?“ Der Baron blickte ſie befremdet au, eine bange Ahnung ſchien er Seele aufzuſteigen. z vordem ich nach London reiſte,“ ls noch in Paris?“ eb Brieſe hekommen?“ 1 Lipper der Baron erregt.„Was iſt vorge Uen? Klara, ich will die volle Wahrheit wiſſen. In wachfender Verwirrung wandte Klara das blaſſe Antlitz ab, ſie fürchtete, er konne in ihren Zügen die Hiobspoſt 2 ehe ſie ihn genügend vorbereitet hatte. Es gibt kein ungetrübtes Glück,“ ſagte ſie, unb gar oſt ſchreitet das Unglück mit dem Glück Hand in Hand.“ „Noch einmal, was iſt vorgefallen?“ brängte der Baron „Welche Nachrichten ſind eingetroffen?“ „Still, die Tante hat noch keine Ahnung davon.“ „Wieder ein Duell?“ „ 2 An⸗ „Nein, Onkel, aber—“ „Bruno iſt verunglückt?“ „Ich bitte Dich, faſſe Dich,“ ſagte die Varoneſſe in ermuthi⸗ gendem Tone,„ich habe mich auch faſſen und ruhig bleiben ifer⸗ damit die Tante nichts bemerkte und ihre Freude nicht trübt wurde. Und Du biſt ein Mann, Onkel und von dem Ma anne verlangt man, daß er dem Schickſal feſt und muthig die tirne bietet.“ O g Baron Udo blickte ſie ſtarr an, dann ſtrich er mit der Hand über ſeine Stirne, auf der die hellen Schweißtropfen perlte. „Ich bin gefaßt,“ erwiderte er.„Bruno iſt verunglückt?“ O 4 „Todt?“ Baroneſſe Klara tan W. S alten Mann, der das athmete, Vrm um den Schweigen verſunken, und Klara ſaß ne⸗ und geduldig, ſie ließ austoben, dieſer Schmerz kounte ja in leeren Wo ſie auch noch ſo iehend klingen, keinen Troſt finden. Endlich ließ der Baron die Hände ſinken, ſein Geſicht war tobes bleich, aber ei keiſcſ ener Zug umſpielte ſeine rgefundeu Lippen, er hatte ſe „Du haſt Recht,“ ſagte er, von mir man, daß ich dem Schickſal die Stirne biete, aber ob das Herz dabei aus tau⸗ tend Wunden blutet, danach fragt Niemand. Und dih das Schickſal geſprochen und Spruch erfüllt hat, was ändern dann Klageu und Vorwürfe! Tante Adelaide weiß ſ6 gar nichts davon?“ „Nein. Ich konnte es nicht über das K Mitiheilung zu machen.“ „Und wer hat ſie Dir gemacht?“ „Die Frau eines Bildhauers, der mit dem Maoler Rodenberg befreundet iſt.⸗ „Rodenberg?“ fragte der Baron, raſch da Herz bringen, ihr die s Haupt erhebend.„Was — 1466— hat er damit zu thun? Was bringt dieſen Namen in ſo enge Verbindung mit dem Namen meines Sohnes?“ „Rodenberg war in Rom.“ „Er traf dort mit Bruno zuſammen?“ Und die Folge dieſer Begegnung war ein Duell?“ fragte Baron Udo erregt.„Sprich es aus, ſo entſetzlich es auch wäre, Bruno iſt von der Hand dieſes Mannes gefallen?“ „Nein, Onkel,“ erwiderte Klara, die für dieſe gewaltige Erre⸗ gung keine Erklärung fand,„im Gegentheil, Frau Rodenberg und ihr Sohn haben ſich ſeiner angenommen und ihn bis zum letzten Augenblick gepflegt.“ Der alte Mann athmete tief auf, eine unſaglich ſchwere Laſt ſchien ihm von der Seele gefallen zu ſein. „Und nun berichte mir auch das Uebrige“, ſagte er,„das Schlicmſte habe ich ja ſchon gehört.“ „Hier iſt der Brief, den Willy Rodenberg an ſeinen Freund geſchrieben hat, in ihm findeſt Du Alles, was ich von der Sache weiß.“ Baron Udo entfaltete das Schreiben und las es aufmerkſam von der erſten bis zur letzten Zeile, dann bedeckte er abermals das Antlitz mit den Händen. „Gefallen von Mörderhand!“ ſagte er mit dumpfer Stimme. „Eines Weibes wegen, die— aber ich will nicht richten, der Tod ſühnt jede Schuld, ſo ſei auch die ſeinige ihm vergeben. Rodenberg ſchreibt in dieſem Briefe, er wolle die Leiche hierher bringen.—“ „Sie iſt ſchon hier, Onkel.“ „Wo?“ fragte er erſchreckt, und ſein irrer Blick ſchien ſie in dem Raum zu ſuchen, in dem er ſich befand. „In der Wohnung des Malers.“ „Weshalb hat man ſie dorthin gebracht?“ „Ich weiß es nicht. Aber durfte ſie hierher gebracht werden? Tante Adelaide—“ „Nein, nein, Du haſt Recht, ich danke Dir, daß Du an Alles gedacht und für Alles geſorgt haſt.“ Er ſtand am Fenſter und preßte die ſieberglühende Stirn gegen die kalte Glasſcheibe, und nur ſein dumpfes Stöhnen un⸗ terbrach die Stille. v nge 04 hſt Lüſt e in en? an tirn un⸗ — 1467— S „Und was ſoll nun geſchehen?“ fragte Klara nach einer Pauſe. „Kind, ich weiß es nicht,“ ſagte er kopfſchüt telnd,„mir graut vor der Minute, in der Tante Adelaide dieſe Hiobspoſt erfahren wird und muß. Wird das Mutterher; dieſen Schlag überwinden? Der langen Nacht war plötzlich ein neuer, ſtrahlender Morgen gefolgt, und dieſes neuen Tages glaubte ich mich erfreuen zu dürfen—“ „Onkel, auch dieſe Wunde wird die cet heilen.“ das Mutterherz vergißt einen ſolchen 3* „Cäcilie wird ſie tröſten—“ „Mein liebes Kind, Cäcilie iſt verlobt und die Gedanken einer lücklichen Braut gelten nur dem Geliebten. Und was galt ihr 6 Bruder, der ſie ſo tief weiß nicht, Klara, ob es Sünde iſt, wenn ich denke, daß es um uuſrer Aller Ruhe willet ſo kommen mußte, aber ich kann dieſe Gedanken nicht zurückd drängen. Würde jemals zw ſchen Cäcilie und Bruno ein herzliches Verhältniß ſich gebildet haben? Ich glaube es nicht. Und hätte Ferdinand von Falkenberg je dem Bruder ſeiner Gattin jene ſchwere Beleidigung vergeſſen können, die in der Schweiz zum Duell führte?“ „Vielleicht hätte das Alles im Laufe der Zeit ſich doch aus⸗ geglichen.“ „Ich kann es nicht glauben.“ „Dann freilich iſt es beſſer, aber nein, nein, ſo darf man nicht denken und reden. Es war Gottes Wille, lieber Onkel, und ihm müſſen wir ohne Murren uns fügen.“ „Ja, wenn wir das nur immer erkennen wollten und könnten,“ erwiderte Baron Udo, tief aufſeufzend.„Ich will zur Frau Ro⸗ denberg gehen—“ „Wenn Du meine Begleitung wünſcheſt—“ „Nein, Klara, dieſen Gang muß ich allein Du ahnſt nicht, wie unſagbar ſchwer er mir iſt.“ Der alte Mann knöpfte langſam den Rock zu und zog einen andern Rock darüber, dann holte er ſeinen Hut und ſeinen Stock. „Und Tante Adelaide?“ fragte Klara. —— — 1468— „Geh zu ihr und nimm Theil an ihrer Freude. Du haſt nun das Deinige gethan, und anf meinen Schnltern allein ruht die ſchwere Laſt. Tante Abelaide wird die trüben Schatten auf Deiner Stirn nicht bemerken, ſo lange Du es vermeibeſt, ſie darauf aufmerkſam zu machen, ſie iſt glücklich, und ihr Gluck wird erhöht durch das Glück des Brautpaars.“ Baroneſſe Klara wiegte ablehnend das Haupt, als ob ſie ſa⸗ gen wolle, es ſei ihr jetzt unmöglich, die Freude Andrer zu theilen. „Und wann ſoll ſie es erfahren?“ fragte ſie. „Heute nicht, ich muß ſie langſam, allmälig vorbereiten.“ „Und wäre es nicht rathſam, auch Cäcilie in dieſes Geheim⸗ niß Vilſſt 2 Du das übernehn fragte der Baron. „₰ch danke Dir, ich ſelbſt werbe Ferdinand davon unterrichten. Und nun bitte ich Dich n al, mein liebes Kind, beherrſche Dich und zeige eine heite damit Tante Adelaide nicht vor der Zeit die Hiobspoſt erfährt. Er drückte einen Kuß auf ihre Stirn und verließ das Haus. Seine Haltung war nicht mehr ſo ſtolz, ſein Gang nicht mehr ſo elaftiſch und ſicher wie hat te in dieſer Stunde um Jahre gealtert, aber ſein mär ſchönes Antlitz zeigte noch immer den alten trotzigen Zug, der jeden im Range unter ihm ehenden fern hielt. Große Hoffnungen hatte er nie auf dieſen Sohn gebaut, er wußte, daß eine ſolche Hoffnung nicht berechtigt geweſen wäre, ja, er hatte oft mit ernſten, ſchweren Sorgen an die Zukunft dieſes Kindes gedacht. Aber Bruno war der letzte männliche Sproß Baron von Oſt⸗ hofen geweſen, mit ihm erloſch der Name der Familie für alle Zeiten. Das war's, was ſeinem Herzen einen ſchwereren Stoß gab, als der Verluſt des Sohnes ſelbſt, aber auch das mußte über⸗ wunden werden. Langſam ſtieg er die Treppe hinauf, die zur Wohnung der Frau Magdalena führte. Es war Niemand da, der ihn anmelben konnte, leiſe öffnete wi eu uf den Raumes Hi* ll erwidel R „A = — — 1469— er die Thüre des Ateliers, und ein dumpfer Schrei entfuhr un⸗ willkürlich ſeinen Lippen, als ſein Blick auf den Sarg fiel, der auf den alterthümlichen hochlehnigen Stühlen in der Mitte des Raumes ſtand. Eine hohe, ſchlanke Geßtalt erhob ſich trat entgeg ül berraſchende Aehulichteit in ihrer ganzen ee Erſcheinung unverkennbar. „Herr Baron von Oſthofen?“ frazte Willy, nachdem er ſich on ſeiner erſten Ueberraſchung erholt hatte. 8 Der Baron winkte ſchweigend der Hand unb ſchritt auf rr zu bleiben und ſich von ihnen nicht übermannen zu r ſtützte ſich auf den Sarg zu daß hinter ihm Ich danke Ihnen,“ fagte er „Sie haben mir und meiner Familie n Dienſt geleiſtet, 5 ich Ihnen niemals vergeſſen werbe, um ſo höher anrechne, ie von dem Todten nur Böſes „Habe ich deshalb ihm Feindſchaft nachgetragen, ſo ſagte ich ch ach, dß man dem Todten Alles verzeihen müſſe,“ viberte Willy ruhig.„Und ſo habe ich nichts weiter gethan, meine Schulbigkeit, Herr Baron.“ „Weiter nichts und dennoch etwas mehr,“ ſagte Frau Mag⸗ zitternder Stimm § 50 1i war. zuſamme ugefahren beim Klange „Voll ſagte er leiſe. Aber auch er erſte v Der Baron erhob die Hand, als ob er ſie bitten wolle, nicht fortzufahren, aber ſie achtete auf dieſe Bitte nicht. „Ich habe es ihm verſprochen, der hier im Sarge ruht,“ fuhr ſie fort,„er war vor ſeinem Ende ein Anderer geworden. Was die Hand des Mörders gegen ihn bewaffnet hat werden Sie wiſſen, die Aufſchlüſſe, die Sie noch zu erhalten wünſchen—“ „Ich habe den Brief J Ihre s Sohnes geleſen—“ wiſſen Sie Alle zum Augenblick bringen, und Pflicht, ihn zu pflegen Willy ihm hin⸗ nich in ich 3* inden glaubte ich in letzten Liebesdienſt erweiſen mußte. daß er vor ſein . eine S poſt bringen mußte.“ „Sie ſind grauſam. „Iſt es grauſam, an Vergeltung zu denken? Ich glaube es nicht! Iſt es grauſam, daß eine gerechte Vergeltung nach ſo vielen Jahren der Schmach und der Schande mir jene Geig thuung gibt, die nicht ausbleiben durfte, wenn der Glaube an einen gerechten Richter Wahrheit iſt? Ich triumphire nicht darü⸗ ber, ich zeige Ihne nnicht die Freude befriedigten Haſſes, das ſei fern von mir und ſolcher unedlen Gefühle würde ich mich ſchämen. Ich weiſe nur hin auf die Thatſachen und nach dem ich das ge⸗ than habe, iſt dieſe Sache für mich abgemach „Sie haben dem Tobten jenes Geheimniß fragte der Baron, deſſen Blick gleich dem Blick eines Irren Surch das Atelier ſchweifte, bis er auf der Gliedergruppe ruhen blieb, die jetzt 6 der Mor . und mit dieſer neuen Decoration ei that es.“ ze„§ — — — waffe einen Lorbe et z in der Hand hielt „Weil ihm Gelegenheit geben wollte, vor ſeinem fühnen, er, wenn auch unwiſſend, gegen Bruder und verbrochen hatte.“ Baron Udo ließ das Haup — w ein ſchwerer ſie fort,„und daß Jaben, jen 08 Ich würde Sie an die aſten Zeiten 5 uren, gewiß nicht, denn für mich ſelbſt hat dieſe nichts Angenehmes, aber ich muß es thun um wei rm Sohne zu zeigen, wer dieſen Stinme„6s te hina n „Du mußt Alles mit; gehobener St Mannes,: — 1472— Wahrheit berichte. Ich war jung und ſchön, als ich dieſen Herrn kennen lernte, wann und wo dies geſchah, das iſt gleichgültig. Mein Vater war vermögend und ich, ſein einziges Kind hatte die Wahl zwiſchen vielen Bewerbern, aber ich ließ das Herz entſchei⸗ den und hörte nicht auf die Stimme des Verſtandes, die 6 warnte vor dem, den mein Herz gewählt hatte. Fr kam in das Haus meines Vaters und wurbe dort freundlich aufgenommen und wir ife nicht an der Redlichkeit und Aufrichtigkeit ſeiner Abſichter „Sie waren redlich und aufrichtig,“ ſazte der Baron. „Ich glaube es, aber der Muth und die Feſtigkeit des Cha⸗ rakters fehlten. Wir hatten einander ſehr lieb, glaube ich, daß ſeine Liebe nicht erheuchelt war.“ „Sie war es nicht, Magdalene.“ Ich ſage ja, daß ich es glaube, denn es wäre ſchrecklich, das Gegenthet il annehmen zu müſſen, es wäre genug, um den Glauben an Gott und die Menſchen zu verlieren. Und dann kam jene dunkle Stunde, die mein ganzes Leben vergiften ſollte. Wenn meine Thränen und meine Gebete jene Schuld ſühnen z dann muß ſie geſühnt ſein.“ „Die Liebe Deines Kindes hat ſie geſühnt,“ ſagte Willy leiſe. „Die Liebe meines Kindes, dem ich in der Stunde ſeiner Geburt, FSerachtung und Haß zum Erbtheil gab. Nicht lange konnte der Fehltritt verborgen bleiben, mein Vater war dem Wahnſinn nahe, er eilte zu dem Vater meines Verführers, aber was galt dem adelsſtolzen Edelmann das Glück einer Bürgers⸗ tochter. Und was galten meine Bitten—“ „Magdalena, ſeien Sie nicht hart und ungerecht,“ unterbrach der Baror ſie, das Haupt erhebend.„Keinen Punkt Ihrer An⸗ klage weiſe ich zurück, und was ich damals verſchuldete, das habe ich auch bereut, glauben Sie es mir, weun auch keines Menſchen Auge meine Reue geſehen hat. Wenn Schwäche eine Schuld iſt⸗ 1 ällt auf mich die ganze volle Schuld, aber ich glaube, en Schulb und Schwäche muß man immer noch einen Un⸗ machen. Rein Buter zwang mich, aus ſeiner Hand tige Gattin und ich war zu ſchwach, mich zu „Ein ud hobe war nen reclich, im den dann ſollte y leiſe. ſeiner lange at den s, aber ürgers⸗ erbrach r An⸗ hab⸗ enſchen uld iſt, glaube, en Un⸗ Hand M — — — 1473— ſch Fei für mich ſchwer in die Wagſchale fiel, der Kummer Bruder dem Vater bereitete—“ — 4. 52 2 fuhr Frau Magdalene fort. Erinnern Sie ſich noch, daß 6 meinen Knien Sie bat, meine Ehre zu retten die Schande von mir abzuwerfen? Ich ſagte nichts weiter von Ihnen, als die Trauung, pfändet. Was antworteten Sie mir? Si „Ich wollte für Sie und das Kind ſ thun, was ich thun konnte und durfte, aber Sie ab und verlangten das Unmögliche. Sagen Sie das früher wiſſen müſſen, denn in jener Beide nicht an die Folgen unſrer Verirrung.“ „Sie boten mir Geld für meine Ehre, nachdem mein Voter mich verſtoßen hatte. Ja, es war Etwas, aber von einer edlen Geſinnung zeugte es nicht. Und jene Verfolgungen, die ich in England zu erdulden hatte, die mich von Stadt zu Stadt trieben, rührten ſie nicht von Ihrer Familie her?“ „Nein, Magdalene. Wenn das der Fall geweſen iſt, dann trage ich keine Schuld daran.“ „Ich will das nicht unterſuchen—“ „Wenn Sie es könnten, dann würde ich Sie bitten, es zu thun, damit Sie nicht auch dieſe Schuld auf mich werfen. Wos ich gefehlt habe, das geſtehe ich offen und ehrlich ein, Magda⸗ lene, ich klage mich ſelbſt an und entſchuldige mich nicht. Es wäre mir eine große Beruhigung geweſen, wenn Sie mir geſtattet hätten, für Sie und Ihr Kind Sorge zu tragen, aber Sie wollten das nicht, Sie erblickten darin ein entehrendes Anerbieten—“ „Und das war es auch,“ unterbrach Frau Rodenberg ihn. „Ein ſolches Anerbieten konnte ich nicht annehmen, meiner Ehre und der Ehre meines Kindes wegen durfte ich es nicht. Und haben Sie jemals ſich erinnert, daß mein Sohn auch Ihr Sohn war? Haben Sie ihn in Schutz genommen, als er von dem eig⸗ nen Bruder ſo tief beleidigt wurde?“ „Wie konnte ich es?“ Der Baſtard. 93 hr — — ———— —— —————̃ — 1474— „Sie hätten freilich die alte Schuld bekennen müſſen und dazu beſaßen Sie nicht den Muth, Sie fürchteten die Vorwürfe und den Spott Ihrer Familie.“ „Das war es nicht. Hätte mein Bekenntniß die Sachlage ſelbſt geändert?“ Hätte es den Fluch von ihm nehmen können? das Opfer wäre nutzlos geweſen, Magdalene—“ „Nicht doch, es hätte den Bruder meines Sohnes von wei⸗ teren Beleidigungen abgehalten.“ „Das erreichte ich ſicherer und kürzer dadurch, daß ich Bruno fortſchickte.“ „Genug!“ ſagte Frau Magdalene, den Blick erhebend und ihn feſt anſchauend,„wir wollen über das was geſchehen hätte könn en, nicht ſtreiten, Vorwürfe änbern ja nichts daran. Ich hatte mir vorgenommen, in unſres Sohnes Gegenwart Ihnen das Alles zu ſagen, nun mögen jene Crinnerungen begraben und vergeſſen werden.“ Auch der Baron erhob, ſchwer aufathmend das Haupt und ſein Blick heftete ſich auf Willy, der mit finſter zuſammengezogenen Brauen am Fenſter ſtand. „Vergeſſen?“ erwiderte er.„Nein, Magbalene, wir können es beide nicht, aber beſſer iſt es, wenn wir jene Erinnerungen ruhen laſſen. Oder liegt es in Ihrer Abſicht, den Frieden mei⸗ nes Hauſes zu ſtören?“ „Nein gewiß nicht.“ „Und das würbe geſchehen, wenn Sie dieſe Mittheilungen und Vorwürfe mir noch einmal im Beiſein meiner Gattin machen wollten.“ „Wenn ich das thäte, ſo wäre es eine niedrige Rache und ich glaube, Sie werden niemals eine niedrige Geſinnung bei mir entdeckt haben;“ erwiderte Frau Rodenberg, das ſchöne Haupt ſtolz zurückwerfend.„Ich würde Sie an jene Zeit und Ihre Schuld nicht erinnert haben, wenn ich es nicht als meine Pflicht be⸗ trachtet hätte, mich vor meinem Sohne zu rechtfertigen und ihm zu beweiſen, daß nicht mich allein die Schuld trifft, wenn—“ „Mutter, ich habe Dir nie einen Vorwurf gemacht,“ fiel Willy ihr in die Rede.„Vielleicht wäre es beſſer geweſen, wenn ich niemals dieſes Geheimniß erfahren hätte, der Haß, den ich gegen jene Familie hege, wirb dadurch nur geſteigert.“ De 1 nicht* Le „D „Uh dmm Wod aber Mutte Etbth Rande hinunt fallen“ 6 threnv „ „Je Dieſer einem ſin eine Nant und hätte 35 hnen und ſein enen nnen ngen mei⸗ ngen achen — — 1475— „Der Haßk“ fragte Baron Udo vorwurfsvoll. nicht vergeben und vergeſſen?“ „Vergeben wohl, aber vergeſſen nie!“ „Der Todte hat Sie um Verzeihung gebeten—“ „Und ihm trage ich keinen Groll mehr nach. Aber bin ich drum verflichtet, auch den Uebrigen zu verzeihen? Sühnt ber Tod Ihres Sohnes die Schuld, die Sie auf ſich geladen haben? Wohl mag dieſer Schickſalsſchlag Sie ſchwer getroffen haben, aber was iſt er im Vergleich zu dem Schickſal, welches Sie meiner Mutter und mir bereiteten? Fluch unb Verachtung waren mein Erbtheil in der Stunde meiner Geburt, ſie führten mich zum Rande eines Abgrunbes, und wenn ich in bieſen Abzrund mich hinuntergeſtürzt hätte, ſo wäre auch dieſe Schuld auf Sie ge⸗ fallen.“ „Schieben Sie nicht Alles auf mich! chrenvollen Weg gebahnt—“ „Das iſt allein mein Verdienſt!“ „Ich weiß es und hege nicht die Abſicht, es zu beſtreiten. Dieſer Weg kann nur zu Ruhm und Reichthum, aber nicht zu einem Abgrund führen. Und ſeien Sie überzeugt, daß Sie an mir einen Freund haben, der Ihnen in allen Fällen mit Rath und That zur Seite ſtehen wird, wenn Sie vertrauensvoll an ihn ſich wenden wollten.“ Willy ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Das iſt vorbei“, ſagte er,„die Hand, welche Sie mir jetzt bieten, kann ich nicht annehmen, ſie wird zu ſpät geboten.“ „Sie wollen meine Freundſchaft zurückweiſen?“ „Herr Baron, ich frage Sie, was Sie au meiger Stelle thun würden! Köanten Sie Vertrauen faſſen und die Hand eines Mannes drücken, dem Sie den Fluch Ihres Lebens verdanken?“ „Das iſt ein hartes Urtheil“, ſagte der Baron ſchmerzlich bewegt „Ein Urtheil, wie die obwaltenden Verhältniſſe es fordern und begründen. Und wenn Sie mir letzt das Anerbieten mach⸗ ten, Sie wollten mich als Ihren Sohn anerkennen, ich würde es nicht annehmen.“ „Sie ſind in einer bittern, gereizten Stimmung—“ „Im Gegentheil, Herr Baron, ich war ſelten ſo ruhig, wie 93* „Können Sie Sie haben ſich einen — —— 6 und ehrt ſchnitten bleiben, Fr au M 8 alena mißverſtehen kot tief einge Mzel unbeann⸗ die ſproche i ten Vaters en gegen mich niemals erwiderte Frau F berg als daß er jemal 8 varun Ihrer Familie Vergeltung zu üben. für ſeine Schweſter empfinbet, niemals aufkonunen laſſen.“ uicht daß er ihr Bruder iſt!“ ſagte der atte Stolz ſich wieder in Ihrer Seele?“ gdalena, nur der Wunſch, daß der Feiede in meiner übt bleiben möge, berechtigt nich zu dieſer Bitte.“ „Arabella, oder wie ſie heißt, aroneſſe Cäcilie, würde Der Baron ſu Ue en Kopf, ernſte Beſorgniß ſpiegelte ſich in ſeinen Frau K fort,„aber an den S ieden h 8 Sohnes denken Sie nicht.“ die Veröffentlichung dieſes Geheimniſſes ihn— „Nein, Herr Baron, dieſe Veröffentlichung würde nur un⸗ nützer Weiſe Staub aufwirbeln und die müßigen Zungen b ſchäftigen. Aber auf einem andern Wege könnte ihm der Friede zurückgegeben und ein Leben voll Glück und Sonnenſchein i Familie u ih m be⸗ genw —— — Sie iſet eintuß „Baroneſſe Klara h „Woher Siſe Sie it 2 „Hellmut? Waldſtern, der Freu d meines Sehnes ſagte es uns geſtern Abend.“ „Aber dieſer Bruch entbin“ ra nicht von der Nothwen⸗ tigteh⸗ die Zuſtimmung ihres Voters einzuholen, wenn ſie in den Epeſtand treten will.“ „Iſt es Ihnen nicht bekannt, welcher Verdacht auf dem ge⸗ genwärtigen Majorateherrn von Oſthofen ruht?“ — Der Boron zuckte die Achſeln und ſtrich mit der Hand über die Augen. „Der Freund Ihres Sohnes iſt der Schwiegerſohn unſres früheren Verwalters“, erwiderte er,„das erklärt Urſache und Zweck dieſes Verdachts zur Genüge.“ „Sie glauben, dieſer Verdacht ſei einem perſönlichen Haß ent⸗ 1 ſprungen, aber ich kann dieſe Anſicht nicht theilen,“ ſagte Frau Rodenberg.„Ich bin in die näheren Umſtände zu wenig ein⸗ geweiht, um Ihren Zweifeln und Bedenken entgegentreten zu können, aber ich weiß, daß die nächſten Tage eine Entſcheidune bringen müſſen. Und ſollte dieſe Entſcheidung ſo ausfallen, wie ich annehmen zu dürfen glaube, dann—“ „Wir wollen ſo lange warten,“ erwiderte der Baron, während er ſich von ſeinem Sitz erhob,„ich mag wit dieſer Sache nichts zu ſchaffen haben, um nicht den Vorwurf der 6 ehäſſigkeit auf mich zu laben.“ „Welche Stellung Sie zu ihr einnehmen wollen, das muß ich natürlich Ihnen überlaſſen“, ſagte Frau Magdalene ruhig,„aber ich habe Ihnen nun den Weg gezeigt, auf dem Sie die alte Schuld ſühnen und mit dem Herzen Ihres Sohnes auch ein anderes Menſchenherz glücklich machen köunen.“ „Laſſen Sie mir Zeit, darüber nachzudenken, Magdalena.“ „Und wollen Sie, wenn Sie zu einem Entſchluß gekommen ſind, mir ohne Rückhalt denſelben mittheilen?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „So will ich mich gedulden und auf Ihr Verſprechen ver⸗ trauen.“ Baron Udo ſtand vor dem Sarge und zog langſam ſeine Handſchuhe an, und als er nach einer geraumen Weile das Haupt erhob, ſchimmerten Thränen in ſeinen Augen. „Das war die ſchwerſte Stunde meines Lebens,“ ſagte er mit zitternder Stimme,„um ſo ſchwerer, als ſie mich ſo ganz unvor⸗ bereitet traf. Und doch hätte ich erwarten können, daß ſie kommen würde, denn jeder Schuld folgt die Abrechnung. Loſſen Sie uns in Frieden ſcheiden, Magdalene, gebieten Sie dem Groll, den Ihr Herz vielleicht noch hegt, nehmen Sie Rückſicht auf den Schickſals⸗ ſchlag, der mich getroffen und meine ſtolzeſten Hoffnungen zer⸗ trümmert hat.“ 3 / keinen dunn noch — mein leit 1479 Zögernd legte Frau Rodenherg ihre Hand in dbie ſeinige. „In Frieden!“ wiederholte ſie, ihn feſt anſchauend.„Ich hege keinen gun mehr gegen Sie, machen Sie unſern Sohn glücklich, und dann ſoll Ihnen Alles vergeben ſein, und ich werde fortan nur noch in dankbarer Freundſchaſt Ihrer gedenken.“ Der Baron nickte ſchweigend und drückte ihr die Hand. „Ich banke Ihnen noch einmal für alles Gute, was Sie an meinem Sohne gethan haben,“ ſagte er,„was uun noch zu thun u zu hleibt, wird Herr von Falkenberg wohl übernehmen, er kann mir dung dieſe Bitte nicht abſchlagen. Auf Wiederſehen, Magdalene!“ wie Eer nickte ihr noch einmal zu, dann ging er hinaus, und die Thüre hatte ſich kaum hinter ihm geſchloſſen, ols Frau Magdalene hrend ſich von den Armen ihres Sohnes umſchlungen fühlte. nichtz„Es wäre beſſer geweſen, Du hätteſt dieſes Geheimniß mir t auf nie enthüllt,“ ſagte Willy, ich hatte mich abgefunden mit meinem Erbtheil, ruhig und ſicher würde ich die Bahn verfolgt haben, die ich or mir liegt, und die ich ſelbſt mir vorgezeichnet habe. Was aher er mir auch bieten mag, aus ſeiner Hand werde ich nichts an⸗ uld nehmen.“ detes„Du weißt nicht, was er Dir pi eten kann,“ erwidert⸗ Fran Rodenberg, ihn bedeutungsvoll anblickend. „Seinen Namen? Ich Sil ihn nicht!“ nmen„Und die Hand Klara's?“ „Mutter, das iſt vorbei!“ ſagte Willy in ſchmerzlich bewegtem Tone,„es iſt beſſer, wir laſſen dieſen Traum ruhen unter der ver⸗ Aſche, unter der er begraben iſt.“ „Du we itt n nicht, wie ſehr Klara Dich liebt.“ ſeine„Weißt Du es?“ zupt t„Ja, Willy, und ich blicke in bieſer Stunde mit freudigem 6 1 Vertrauen in die Zukunft!“ Der junge Mann ſchüttelte zweifelnd das Haupt. „An dieſes Glück denke ich nicht mehr,“ ſagte er,„und drum wäre es thöricht noch einmal Hoffnungen zu wecken, die nie ſich verwirklichen können.“ „Wer die Hoffnung verliert—“ „Ich weiß das, es ſind Redensarten, die keinen Werth haben. „ Romeo und Julie!“ Er ſprach die letzten Worte in einem herben, ſcharfen Tone, — 1480—— deutlich erkennen ließ, daß er in der That ſeine Hoff⸗ gen zu Graße getragen hatte. „Und dies haſt Du zu ſcharf n„Baro: S. Dich Aeußerung ent ſten Be ie Mutter,“ unterbrach Willy ſie,„ich weiß, nehmen habe. in bieſem Augenblick burch den Eintritt 96 H interbrochen haite* nach Tode Hurter's kennen gelernt, und war die Be 3e eine flüchtige geweſen, e Mutter nar, bat er ihn, ihm in ßoh Der Polizeirath legte, ehe er dieſer Anfforderung Folge leiſtete, ſeine Hand cuf den Sarg. „Der Bruder der Baroneſſe Cäcilie?“ fragte er. „Wiſſen Sie das ſchon?“ erwiderte Willy äberraſcht. „Ich komme von Jyrem Freunde,“ nickte Heller „Hellmuth Waldſtern „Jawohl.“ „So hat er es Ihnen mitgetheilt?“ „Arerdings, und ich ſage Ihnen, ſo leid es den alten Herrn thut, viel iſt an dieſem Leben gegangen.“ „Sie haben Baron Bruno gekannt?“ „Gewiß. Er war in ſchlechte Geſellſchaft gerothen, und er beſaß nicht Charakterfeſtigkeit genug, um den böſen Einflüſſen energiſch entgegenzutreten.“ „Ich glaube, daß dies ein richtiges Urtheil ſ aber der Mann iſt todt, und über die Todten m wir nicht richten,“ ſagte Willy, indem er dem alten Herrn einen Stuhl anbot.„Führt etwas Beſonderes Sie zu mir?“ „Der plötzliche Tod Auerbachs.“„ tloren nd er ſagte Führt m Ihner 7 A waren ſee vor 3 er Zeit „Wenn ich ihn geben kaun, ener Nacht, in welcher ſammen?“ hen Traube. war außer Ihnen dort?“ eter ee 2 anweſend 7 6 „Er kam ſpät.“ „Und er wurbe gereizt, nicht wahr?“ „Ich leugne das nicht. Es fielen Aeußerungen, die ihm nicht angenehm ſein konnten—“ * 6 „In denen ſogar ie der un ja, Auerbach haßte enen Grund, freundliche Geſin: „Sehr richig, fahren Sie fort.“ Aber weshalb wünſchen Sie dae Alles zu wiſſen?“ fragte Molan me. She Sie fort. Der Mojoratsherr gab die Grob⸗ heiten zurück, nicht wahr?“ 6 „Das that er, allerdings, und er ließ ſich von ſeiner Wut ſogar verleiten, bem olten Manne Ohrfeigen anzubieten.“ „Ganz recht.“ „Aber woher wiſſen Sie das Alles?“ „Herr Schwanenthal hat 6 mitgetheilt.“ „Dann begreife ich nicht „Bitte, bitte, fahreß Sie Sie wiſſen wahrſcheinlich mehr, als er.“ „Schwanenthal begleitete ihn auf dem Heimwege, er war zu⸗ gegen, als Auerbach niebergeritten wurde.“ „Ganz recht,“ nickte Heller,„Sie hatten ſich von den Beiden 7 —— — — 1482— getrennt. Aber am nächſten Tage beſuchten Sie Auerbach, ſprachen mit ihm allein und gaben ihm Geld.“ „Er forderte fünfundzwanzig Thaler, ich gab ihm nur ehn.“ „Und dafür er Ihnen ein Gehelmniß an.“ „Ein Geheimniß?“ fragte Willy befremdet. tens etwas, was er keinem Andern mitget e ſollte das geweſen ſein?“ „Er nannte Ihnen den Namen des Reiters,“ erwiderte Heller, ohne den forſchenden Blick von ihm abzuwenden. „Das iſt wahr. Er ſagte mir, der Majoratsherr von Oſthofen ſei jener Reiter erſe er habe ihn im Augenblick der Kata⸗ ſtrophe erkannt.“ Ein 3 Lächeln glitt über die Lippen des Po⸗ lizeira 6 heilt hat.“ 0 „Ich hatte das vermuthet,“ ſagte er,„Schwanenthal konnte mir keine Fewißhe t darüber geben. Sprach Auerbach nicht auch davon, daß er ache wolle?“ „Direct nicht, aber daß er dies beabſichtigte, ging aus ſeiner Worten beurr⸗ „Jedenfalls hatte er ſich vorgenommen, den Majoratsherrn zur Rede zu ſtellen und Genugthuung von ihm zu fordern.“ „Ich bin gleich darauf abgertiſt.“ „Das iſt richtig, und weitere Aufſchlüſſe werden auch von Ihnen nicht verlangt. Mir genügt die Gewißheit, daß der Ma⸗ joratsherr jener Reiter war, vollkommen. Nun geben Sie Acht. Auerbach war kaum ſo weit wieder hergeſtellt, als er den Weg nach Oehofen antrat, um ſeinen Entſchluß auszuführen. Der Mojoratsherr war in der Stadt, Auerbach traf ihn alſo nicht zu Hauſe, und nachdem er eine lange Zeit vergeblich gewartet hatte, mußte er unverrichteter Sache den Heimweg antreten.“ ber Sie waren damals ja auch nicht hier!“ „Ich hobe das Protokoll über die Auffindung der Leiche ge⸗ leſen und Erkundigungen eingezogen, ich ſchmiede das Eiſen, ſo lange es warm iſt, mein lieber Herr. Alſo, er hat den Heimweg angetreten, und auf dieſem Wege iſt er in der Nähe des Schloſſes B 5 dem Baron begegnet. Ein kluger Mann hätte ihn vorbeireiten 9 laſſen und die Au⸗führung ſeines Vorſotzes auſgeſchoben, aber Auerboch ließ ſich von ſeinen Leidenſchaften hinreißen und ſiel würde „Vir vufole ſihr rte iſt?“ E „ beant badur ſchtig, hoben den n gender gewa kann, ich di ſeinen c — n, ſ0 mweg — 1483— dem Pferd in den Zügel. Was die Beiden miteinander geredet haben, werden wir wohl nie erfahren, wenn der Majoratsherr es nicht berichten will, es thut auch weiter nichts zur Soche, da man mit Sicherheit annehmen darf, daß es Beleidigungen und Drohungen geweſen ſind. Der Mojoratsherr hat dann den alten Mann mit der Reitgerte geſchlagen und ihn über den Haufen geritten, der Huf des Pferdes traf ihn auf die Stirne und tödtete ihn.“ lautet allerdings möglich und ſogar wahrſcheinlich,“ ſagte inenh„aber es ſind doch nur Vermuthungen, Herr Rati n wir werden ja ſehen, was hinter dieſen Vermu⸗ thungen ſteckt.“ „Sie wollen den Wjeshetn angreifen?“ Sobald ich es kann.“ „Sie fürchten nicht, daß Sie Fiasco machen?“ Der Polizeirath zuckte die gſeſt „Wenn ich dieſer Furcht überhaupt Raum geben wollte, dann würde ich ſelten oder nie mein Ziel erreichen,“ erwiderte er. „Wir Beamte können uns auch S und eine falſche Fährte verfolgen, aber hier bin ich überzeugt, daß es keine falſche Fährte iß.“ „Sie find überzeugt, daß der Majoratsherr ein Betrüger iſt?“ fragte Frau Rodenberg raſch. Ein ironiſcher Zug umzuckte die Lippen des Beamten. „Sie werden verzeihen, wenn ich dieſe Frage jetzt noch nicht beantw orte,“ ſagte er,„der Erfolg meiner Bemühungen könnte dadurch gefährdet werden. Wir müſſen vorſichtig ſein, ſehr vor⸗ ſichtig, Madame, denn wenn jener Mann ein Betrüger iſt, dann hoben wir es mit einem geriebenen Gauner zu thun.“ „Hellmuth Waldſtern ſagte mir, die Entſcheidung müſſe in den nächſten Tagen erfolgen.“ verſetzte Willy mit einem fra⸗ genden, erwartungsvollen Blick. „Müſſe?“ erwiderte Heller.„Dieſe Behauptung iſt doch etwas gewagt. Ich will nicht ſagen, daß ſie in dieſer Friſt erfolgen kann, aber die Nothwendigkeit iſt noch nicht vorhanden. Wenn ich die Beweiſe erhalte, die ich ſuche, dann, aber das ſind Vor⸗ — 1484— ausſetzungen und wir müſſen uns gedulden, bis dief ſetzungen eingetroffes ſind.“ zu ihm. erkrankte auf der Reiſe nach Londor befindet ſie ſieh jetzt?“ In einem Spitol in London.“ „Aus dem ſie wahrſcheinlich entfliehen „Wie? Dieſes Weib und ihre Helfershelſer ſollen ſtraflos ausgehen?“ Wo ToE„„Rp Oh 36* „Mein lieber Herr, daß Ihr Rechtsgefühl ſich dagegen empören ſehr wohl, aber berückſchtigen Sie auf der 6 Gefolge hat. Den müßigen Zungen würde er freilich willkommnet genehm ſein. Und was würden dieſe burch eine Verurt „Wenn ein ſolches Verbrechen unbeſtraft bleiben ſoL—“ „Ich pflichte Ihnen ja vollſtänbig bei, und was mich perſön⸗ betrifft, ſo wünſche ich ſelbſt die Beſtrafung. Aber ich weiß t, wie die Eltern der Baroneſſe darüber denken. Ueberbies ch nicht, daß Signora Grimaldi jen Spital lebend laſſen wird.“ e ſo ſchwer erkeankt?“ fragte Frau Magbalene. „Eine ſehr heftige Gehirnentzünbung, erklärte mir der Arzt r gah ſie ſchon in der erſten Stunde verloren. Und wenn ſie mit dem Leben davon käme und wirklich ſtraflos ausginge, welches Loo wartete ihrer? Auf eine Unterſtützung darf ſie nicht rechnen, und ihr Sohn wird vorausſichtlich deportirt werden, was alſo erwortet ſie? Armuth und Hunger, der Tod im Armenhauſe oder in einem Spitale.“ „Und der Lord 7“ fragte Willy. „Er hat ſich unſichtbar gemacht, und man wird ſich keine Mühe geben, ihn zu ſuchen, denn man kann ihm nichts beweiſen. einer keine ſie bi 62 1485— Dizüer ſtützen, Die Bewiſe würben ſich auf die Ausſagen eine und das wäre eine zu ſchwache Stütze.“ „So wird alſo nur Einer ben Kopf in's Loch hal iten müſſen,“ ſagte Willy ſpöttiſch,„und bieſer Eine, Sohn des Weibes, iſt wohl am wenigſten ſe uldig.“ „So 3t oft, erwiderte Heller,„und wir können's nicht ändern. Wir mußten froh ſein, daß wir noch rechtzeitig kamen, die Baroneſſe zu retten, und daß uns die ſchwierige und geſchhe Aufg 6 ſo glücklich gelang. Ich hoffe, daß auch die andre Aufgabe mir gelingen wird.“ Er ſtand hei den letzten Worten ſchon an der Thür, und ohne eine Antwort abzuwarten ging er hinaus, um die Wege die vor ihm lagen, weiter zu verfolgen. Langſam wanderte er durch die Straßen, und ſeinem ſcharfen Blick entging nichts, nicht das Geringſte, was für ihn in irgend einer Weiſe Intereſſe haben konnte. Die mkiſten von Denen, die an ihm keine Ahnung davon, daß er mit einem raſchen, ſcha Blick ſie beobachtete, und ſelöſt Viele, die ihn kannten, gr ihn deshalb weil ſie glaubten, er bemerke ſie nicht Plötzlich ſchritt Heller quer über die Straß e hinüber, und 1 —„ Abraham Schwanenthal, der in Gedanken vert auf der andren Seite der Straße ging, blieb befturzt 8 er ſich ſo un⸗ erwartet dem Beamten gegenüberſah. „Sie ſind wieder hier?“ ſagte er.„Das wußte ich noch nicht,— wann ſind Sie zurückgekommen?“ „Haben Sie mich erwartet?“ fragte Heller. „Ja. Ich wollte heute noch in Ihre Wohnung gehen, um ich zu erkundigen, bis wann Sie heimkehren würden.“ „Sie haben etwas Beſonderes für mich?“ „Ich wollte Sie nur um Ihren Rath bitten.“ „In ber Raubſache? Die Burſchen ſitzen beide hinter Schloß und Riegel, und es müßte mit ſonderbaren Dingen zugehen, wenn ſie nicht den Reſt ihres Lebens im Zuchthauſe blieben.“ „Und Sei wäre ja dieſe Sache ſagte der Bit während ſie langſam weiterſchritten,„ich wüßte alſo nicht, welchen Rath ich 6 in dieſer Angelegenheit von Ihnen erbitten ſollte.“ „Dann iſt es alſo etwas Andres?“ — 1486— „Jawohl, unb es betrifft den Majoratsherrn von Oſthoſen.“ „Sie ſagten mir ja, Sie hätlen mit ihm ſich geeinigt.“ „Er hat die alte Schuld gedeckt und nun bietet er mir ein neues Geſchäft an.“ „In welcher Weiſe?“ „Er will ein Darlehen von fünfzigtauſend Thaler haben und zwar bis morgen Abend.“ „So eilig hat er'e?“ fragte Heller ſpottend. „Er hat acht Prozent Zinſen geboten—“ „Und welche Sicherheit?“ „Zweite Hypothek.“ „Wer hat bvie erſte Hypothek?“ „Der Bankier Becker.“ „Und in welchem Betrage““ „Ebenfalls fünfzigtauſend Thaler.“ „Hm, die Sicherheit wäre genügend, denn das Gut iſt das Doppelte werth. Aber wozu bedarf er einer ſo enormen Summe binnen ſo kurzer Zeit? Wo ſind die erſten fünfzigtauſend Thaler geblieben und was will er mit den zweiten?“ „Er ſagte mir, die erſten fünfzigtauſend habe er ſeinem Bru⸗ der gegeben, um ihn für den Verluſt des Majoralts zu ent⸗ ſchädigen“ „Gut, ich werde erfahren, ob dies Wahrheit iſt. Und die zweiten?“ „Will er zur Koſtentilgung ber Renovation des Scloſſes benutzen“ „Soviel ſoll die Renovation gekoſtet haben?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiberte Schwanenthal, den die Ruhe ſeines Begleiters noch mehr verwirrte,„es war ja überhaupt nicht an mir, ihn um die Verwendung des Geldes zu befragen—“ „Freilich nicht, aber weshalb forderte er das Geld nicht von dem Bankier?“ „Darahf hat er mir auch keine ganz befriedigende Antwort gegeben. Der Bankier Becker muß das Geſchäft abgelehnt haben, ſonſt wäre dieſer ſtolze Herr ſchwerlich zu mir gekommen.“ „Acht Prozent Zinſen?“ „Und einen weiteren Verluſt von zehn Prozent!“ „Schwerenoth, Schwanenthal, Sie—“ „„ Erfuhr die Str klagen Troſt f 5i alte M „N „ heit!“ Ihnen „S „K „S „6 die Ber Sie er Prozen werden dem B um ſel Ihnen nicht v — 1487— „Verzeihen Sie, ich wollte auf dieſes Geſchäft nicht eing ehen, deshalb erhob ich dieſe Schwierigkeiten, ich hoffte, die großen Opfer, die ich von ihm forderte, würden ihn abſchrecken.“ „Er hat ſich bereit erklärt, ſie zu bringen?“ „Jawohl.“ „Und Sie haben ihm bas Geld verſprochen?“ „Er drängte mich ſo lange, bis ich ihm das Verſprechen gab.“ Der Polizeirath ſchüttelte den Kopf und zog die Braunen be⸗ denklich in die Höhe. „Wann ſoll es ausgezahlt werden?“ fragte er. „Morgen Vormittag.“ „Hm— Sie ſind alſo entſchloſſen—“ „Bertram gab mir den Rath, zuvor mit Ihnen darüber zu reden.“ „Dann iſt Bertram klüger wie ſein Onkel, der doch ſo viele Erfahrungen gemacht hat. Wenn Sie fünfzigtauſend Thaler auf die Straße werfen wollen, ſo habe ich nichts dagegen, aber be⸗ klagen Sie ſich nicht ſpäter bei mir, Sie würden bei mir keinen Troſt finden.“ „Ich habe kein Gelb auf die Straße zu werfen,“ ſagte der alte Mann verdroſſen. „Na, dann rathe ich Ihnen, bas Geſchäſt nicht zu machen.“ „Aber Sie ſagten vorhin ſelbſt, es ſei eine genügende Sicher⸗ heit!“ „Sie wäre es, wenn dieſer Majoratsherr berechtigt iſt, ſie Ihnen zu geben.“ „Sie glauben das nicht?“ „Können Sie ſchweigen, Schchwanenthal?“ „Stumm, wie bas Grab, wenn es ſein muß.“ „Et muß ſein. Wenn bieſer Baron, wie ich vorhin ſagte, die Berechtigung 1 ht hat, ſo wird es Ihnen wenig nützen, ob Sie erklären, in gutem Glauben gehandelt zu haben. Acht Prozent Zinſen und zehn Prozent Verluſt— dieſe Bedingungen werden dem Richter die Ueberzeugung einflößen, daß Sie mit dem Betrüger unter einer Decke gelegen und ihn benutzt haben, um ſelbſt Ihr Schäſfchen zu ſcheeren. Dieſe Bedingungen brechen Ihnen den Hals, alter Freund, denn ſie können das Tageslicht nicht vertragen.“ —,— —— 1488— ein Betrüger iſt?“ mißtraut ihm der Bankier?“ „Ich weiß nicht, ob er ihm müißtraut. Es kann ja auch ſ pz— ankier eine ſo große Summe ſeinem Geſchäft nicht e „Abe, was ſoll ich ihm ſage „Sie hät ten das Geld nicht üſſig machen können.“ Er wollte ſich mit einer Abſchlagszahlung von zwanz igtauſend Thaler n be ben „Hm, das iſt jeden le ie Summe, 6 der Andere gefordert hat, ſagte Heller, me mit ſeinem Begleiter redend.„Gehen Sie iu ei Fenn „Iſt das der Rath e „Darauf dürfen Sie vertrauen. Verrathen Sie ihm nicht, daß Sie mit mir geredet haben, halten Sie ihn einige Tage hin unter dem Vorwande, Sie hätten nirgendwo Geld erhalten können, wenn er auch ni und beleidigend wird, bleiben Sie ruhig und verſchanzen Sie ſch hinter den Vorwand, er kann darin nichts finden, was ſeir ßtrauen erwecken könnte.“ „Aber wenn er kein Betrüger hätte ich einen ſehr be⸗ denlenden Gewinn verſcherzt!“ der er Wicherer zögernd. „Das ich Ihnen überlaſſen“, erwiderte Heller ahſel⸗ zockend, während er ſtehen blieb,„wenn die Habſucht die Klug⸗ heit übe 5 u hedaure ich Sie. Mir iſt ein Spatz in der Hand lieber, als zehn T Tauben auf dem Dache.“ „Mir indeſſen.“ „Sie haben meinen Rat h gehört, was ich Fuen ſagen konnte und durfte, das habe ich Ihnen geſagt, nun müſſen Sie nach 50 Ihrem eigenen Ermeſſen handeln. Sollte ſich etwas Beſonderes ereignen, ſo wiſſen Sie ja, wo ich wohne, ich darf nicht zu Ihnen kommen. Adien.“ Er beu alten Mann verdutzt ſtehen und bog raſch um die S ad nach einer kurzen Wanderung trat er in das Haus, in 3 Nadame Winkel wohnte. Ricleh Entded glubte Ma Seßürz vorgeſ glic erwar Eindr Ihne währ than? 6 3 gung rui . Vert 1480— Mit jedem Schritt kam er ſeinem Ziele näher, ſeit ſeiner Rückkehr von London hatte er bereits eine ſolche Menge von Entdeckungen gemacht, daß er ſeinem Ziele ſchon nahe zu ſein glaubte. Madame Florentine Winkel konnte bei ſeinem Eintritt ihre Beſtürzung nicht verbergen, ſie hatte ihn trotz der ſchon weit vorgeſchrittenen Dämmerung ſofort erkannt, und dem ſcharfen Blick Hellers entging es nicht, daß ſie ſtatt ſeiner einen Andern erwartet hatte. Auch dieſe Beſtürzung mußte ihren Grund haben, ſie war zu auffallend. Indeß die ehemalige Schauſpielerin verlor ſo raſch ihre Faſſung nicht, ſie erhob ſich von ihrem Sitze und ging ſcheinbar ihm entgegen. „Sie ſind ſchon wieder zurück?“ fragte ſie. „Wie Sie ſehen, Madame,“ erwiderte er, indem er Platz nahm.„Ich reiſte derzeit ſo raſch ab, daß es mir nicht möglich war, Abſchied von Ihnen zu nehmen, aber dieſe verſäumte Höf⸗ lichkeit hole ich jetzt nach.“ „Und Sie haben den Zweck Ihrer Reiſe erreicht?“ „Vollſtändig.“ „Es war eine dumme Frage, denn was Sie wollen, das er⸗ reichen Sie auch.“ „In der Regel, aber nicht immer.“ „Wollen Sie mich zwingen, Ihnen eine Schmeichelei zu ſagen?“ „Pah, gegen ſolche Pfeile bin ich gepanzert, ſie machen keinen Eindruck auf mich, ſcherzte der Polizeirath.„Aber ich wünſchte, Ihnen eine Schmeichelei ſagen zu können. Was haben Sie während meiner Abweſenheit in der bewußten Angelegenheit ge⸗ than?“ „Wenig, oder gar nichts“, erwiberte Madame Winkel. „Sie wollen damit doch nicht ſagen, daß Sie die Ueberzeu⸗ gung erlangt haben, jener Mann ſei der wirkliche, echte Majo⸗ ratsherr?“ „Ich habe mir noch kein Urtheil bilden können.“ „Wirklich nicht? Ich hatte auf Ihren Scharfblick das größte Vertrauen geſetzt—“ Der Baſtard. 94 ruhig — 1490— „Aber Sie werden daneben' auch zugeben, daß es nicht nu ſehr ſchwer, ſonbern auch ſehr gewagt iſt, oene Beweiſe nur auf Vermuthungen hin ein Urtheil zu fällen.“ Der Polizeirath hatte längſt die heiden Blätter bemerkt, die auf dem Tiſche lagen, und es entging ihm auch nicht, daß Ma⸗ vame Winkel ſie unbemerkt zu entfernen ſuchte. „Sie⸗waren damals bei dem Baron“, ſagte er, während er mit ſeinem Stuhl dem Tiſch näher rückte,„hat er Ihren Beſuch nicht erwidert?“ „Das hat er allerdings gethan“, erwiderte die Schauſpielerin, ſichtbar verlegen,„und weshalb hätte er es auch nicht thun ſollen?“ „Ja freilich, weshalb nicht?“ „Und weshalb hätte er nicht freundlich und höflich ſein ſollen?“ Der Blick Heller's ruhte ſorſchend auf den beiden Porträts. „Iſt dies ein Porträt des Baron— 7“ fragte er. Madame Winkel nickte bejahend. „Und dos anbere?“ „Es iſt dasſelbe.“ „Erlauben Sie, meine Beſte, mein Blick iſt doch etwas zu ſcharf, als vaß er den Unterſchied nicht bemerken ſollte. Dieſe beiden Porträts ſind einander allerdings täuſchend ähnlich, aber es ſind die Porträts zweier verſchiedenen Perſnnen.“ Die ehemalige Schauſpielerin zuckt die Achſeln, als ob ſie fagen wolle, ſie wiſſe darauf nichts zu erwidern, und wenn man ihr keinen Glauben ſchenken wolle, ſo könne ſie ihn nicht er⸗ zwingen. Der Polizeirath hatte die Porträts umgewendet, er fand auf der Rückſeite die Namen, die er ſubte, und ſo klein der Reunt auch war, den ſie in der unteren Ecke einnahmen, las er ſie doch ohne die geringſte Schwierigkeit. „Jetzt will ich Ihnen etwas ſagen, Madame,“ nahm er das Wort,„Sie ſpielen kein ehrliches Spiel mit mir und ſcheinen meine früheren Warnungen vergeſſen zu haben.“ Madame Winkel ſah ihn betroffen an, der ſcharfe Ton, den er anſchlug, beunruhigte ſie. „Ich verſtehe Sie nicht“ erwiderte ſie. ur auf t, die nd auf Raunt ſie doch er das ſcheinen on, den „Ich erinnere Sie an das, was ich Ihnen früßer geſagt habe. Sie wiſſen, daß ich die Macht beſitze, Sie zu vernichten, und Sie mußten doch auch wiſſen, daß ich von dieſer Macht Gebrauch machen werde, wenn Sie mich dazu zwingen“ „Sie drohen mir, Herr Rath?“ „Sie ſind eine viel zu kluge Frau, als baß Sie mich zu Dro⸗ hungen nöthigen ſollten,“ fuhr Heller in ſcherzendem Tone fort, „Sie werden nie vergeſſen, welches Papier ich in meinem Porte⸗ tefeuce habe und wie gefährlich dieſes Papier Ihnen werden kann. Und doch ſcheinen Sie in den letzten Tagen r nicht mehr daran gedacht zu haben, deshalb wollte ich mir erlauben, es Ih⸗ nen in's Gedächtniß zurückzurufen..“ „Sie ſagten, ich ſpiele kein ehrliches Spiel mi widerte Modame Winkel, deren Wangen erbleicht ſoll ich das verſtehen?“ „Sie ſind nicht aufrichtig.“ „Vie können Sie das behaupten?“ llen Sie noch immer behaupten, dieſe beiden Porträte— „Nein,t aber die Wehrheit hat keinen Werth für Sie.“ „Das können Sie nicht wiſſen. Dieſes hier iſt das Portät des Majoratsherrn!“ „Im Gegentheil, das andre.“ „Gut, und dieſes?“ 7* „Es iſt das Porträt eines Schauſpielers Konrad Landau.“ „Und wo lernten Se Mann kennen?“ „In Wien.“ „Sie waren ſehr mit ihm befreundet?“ „Nein. Er mußte Wien hald wieder verlaſſen, weshalb, habe ich nie erfahren. Man wollte behaupten, er habe mit falſchen karten geſpielt.“ „Und hörten Ste nichts mehr von ihm?“ fragte Heller, den forſchenden Blie feſt auf ſie heftend. „Nein, gar richts.“ e werden mir die Porträts überlaſſen.“ Ihnen,“ er⸗ waren,„wie — Sie „Das darf ich nicht,“ erwiderte die Schauſpielerin beſtürzt. rdern Sie alles Andere von mir, nur dieſe Bilber nicht.“ eshalb nicht?“ 94* —— —— — 1452— „Der Baron hat ſie hier geſehen, er verlangte ſie ebenfalls.“ „Das thut zur Sache nichts, Madame. Ueberdies werde ich Ihnen die Blätter morgen zurückgeben, wenn Sie es wünſchen.“ Madame Winkel befand ſich in ziner Verlegenheit, die ſie kaum noch bemeiſtern konnte. Schlug ſie die BVitte ab, ſo mußte dies ſein Mißtrauen beſärken und gewährte ſie dieſelbe, ſo kam ſie dem Baron gegenüber in Verlegenheit, wenn dieſer die Por⸗ träts forderte.“ Der Polizeirath machte indeß ollen Bedenken ein Ende, indem er die Blätter in die Taſche ſteckte. „Sie erhalten ſie morgen wieder,“ ſagte er in beruhigendem Tone.„Iſt Ihnen der Gedanke noch nicht gekommen, daß dieſer Konrad Landau die Rolle des Majoratsherrn ſpielen könnte?“ fragte er nach einer kurzen Pauſe. „Ich finde keine Anhaltspunkte für dieſen Gedanken.“ „Wirklich nicht“? „Nein.“ „Denken Sie an meine Warnung!“ „Herr Rath, Ihre Drohungen—“ „Bitte, bleiben wir bei der Sache. Kennen Sie den Reit⸗ knecht des Barons?“ „Jawohl,“ ſagte die Schauſpielerin zögernd. „Sie kennen auch ſeine Vergangenheit?“ „Jawohl.“ „Und trotzdem haben Sie ſich mit ihm verlobt?“ Madame Winkel wohte überraſcht von ihrem Sitz emporfahren, aber Heller legte ſeine Hand auf ihren Arm und hielt ſie zurück. „Wes halb erſchrecken Sie?“ fragte er.„Sie wiſſen ja, daß ich Alles erfahre. Sie ſind mit dem Reitknecht verlobt und—“ „Nun ja,“ unterbrach ſie ihn unwillig.„Bin ich nicht Herrin meines Willens? Und bin ich etwa zu alt, um eine zweite Ehe einzugehen?“ „Wer wollte das behaupten?“ erwiderte er kopfſchüttelnd. „Es wäre eine Grobheit, und niemals werbe ich mich einer Dame gegenüber einer Grobheit ſchuldig machen. Ich will auch Ihren Geſchmack nicht tadeln, meine Beſte, Jeder hat darüber ſeine be⸗ ſonderen Abſichten, und Sie haben jedenfalls gewußt, was Sie hatten, als Sie ihm das Jawort gaben.“ — —— entl wei er gendem dieſer nte Herrin zweite ütelnd Dane — 6 ——— — 1493— „Gewiß.“ „Johann Walker iſt nun auch plötzlich entlaſſen worden.— „Nicht doch, er hat ſeine Entlaſſung aus eigenem Antrieb genommen.“ „Richtig, ich vergaß das. Er hat ſie genommen und dem Herrn Baron gewiſſe Bedingungen geſtellt, über deren Annahme er ſich heute oder morgen entſcheiden muß. Nun geſtehe ich Ihnen aufrichtig, daß ich dieſe Bedingungen nicht kenne, daß ich aber vermuthe, ſie ſtützen ſic auf Beweiſe, und dieſe Beweiſe werden Sie mir mittheilen.“ „Sehr kurz und bündig!“ ſpottete Madame Winkel.“ „Allerdings, ſchöne Frau, ſie wiſſen, ich liebe das.“ „Und wenn ich nun mich weigere?“ „Hm, denken Sie an das Papier.“ „Wenn Sie Gebrauch von ihm machen, was gewingen Sie daburch?“ „Ich perſönlich nichts.“ „Sie würdeu auch in dieſem Falle das, was Sie zu wiſſen wünſchen, nicht erfahren.“ „Ich gebe bas auch zu,“ ſagte der Polizeirath,„aber auf der anderen Seite würden Sie ebenfalls in Ihren Plänen für die Zukunft ſehr geſtört werden. Sie müſſen wiſſen, doß ich auch Ihrem Verlobten einen Stein in den Weg werfen kann.“ „Und auch davon hätten Sie nichts, alſo werden Sie ſelbſt einſehen, daß es nicht in Ihrem Intereſſe liegt, uns feindlich entgegenzutreten.“ „Und Sie werden wiſſen, daß ich um jeden Preis jene Be⸗ weiſe gegen den Baron erhalten muß.“ „Beweiſe? Mein Verlobter hat keine.“ „Daun würde er ihm nicht gedroht haben.“ „Wer ſagt Ihnen, daß er es gethan hat?“ „Ich. weiß es.“ „Sie können es nicht wiſſen.“ „Er hat ihm Bedingungen geſtellt.“ „Uad wenn er das wirklich gethan hätte, glauben Sie, daß er irgend etwas verrathen wird, ehe er weiß, ob dieſe Bedingun⸗ gen angenommen werden oder nicht?“ 4 * . r Polizeirath Slic. „Und wann wirb er das wiſſen?“ fragte er. „Wann? Ich kanu es nicht ſagen.“ „Wollen Sie zehcte daß Sie in ſeine Geheimniſſe vicht eingeweiht ſeien?“ „Er wäre ein Dummkopf geweſen, wenn er mich in dieſes Geheimniß eingeweiht hätte,“ erwiderte Madame Winkel,„ich muß ebenfalls warten, bis jene Entſcheidung eingetroffen iſt, daß ſie in den erſten Tagen eintreffen muß, bezweifle ich nicht.“ „Ihr weicht mir aus“, ſagte Heller kopfſchüttelnd.„Ihr glaubt, mich betrügen zu können, aber ich kenne dieſe Schliche. Sie werden nicht reden wollen, bevor Sie mit Ihrem Verlobten über die Sache geſprochen haben, gut, ich werde Ihnen eine kurze Friſt geben, ni deren Ablauf ich ausführliche Mitteilungen er⸗ warte. Uebrigens weiß ich mehr, als Sie ahnen, Madame. Es ſah ſie feſt an, es lag etwas drohenbes in wird Ihnen alſo nichts helfen, mich durch eine Rolle, wäre ſie auch noch ſo vortreſ flich einßudirt, täuſchen zu wollen. Walker hat Beweiſe gegen den Baron, er hat für ſeine Ohrfeigen zwan⸗ 2½ zigtauſend Thaler gefordert, und dieſes Geld muß morgen ge⸗ zohlt werden.“ So ſehr auch die Schanſpielerin ſich bezwang, um ihre Be⸗ ſtürzung zu verbergen, erkanunte der Scharfblick Hellers doch bie Wirkung, die ſeine Worte übten. „Er wird das Geld nicht erhalten“, fuhr er fort,„und es fragt ſich nun, was er in dieſem Falle thun will. Iſt er ent⸗ ſchloſſen, ſeine Drohung auszuführen, oder wird er dem Baron eine neue Friſt gewähren?“ „Ich glaube, er wird ſeine Drohung ausführen“, erwiderte Madame Winkel mit erzwungener Ruhe. „Wiſſen Sie das ſicher?“ „Er hat es mir geſagt.“ „Und wann läuft die Friſt ab?“ „Morgen Abend.“ „Ich vertraue darauf, daß Sie mir die Wahrheit ſagen, Ma⸗ dame, Ihr eignes Intereſſe gebietet Ihnen das. Wenn ich hin⸗ tergangen werde, wenn in Folge deſſen der Betrüger entwiſcht, dann Wodame, werbe ich Ihnen und Ihrem Verlobten gegenüber iberte „Ma⸗ züber keine Rückſichten mehr kennen, und Sie wiſſen, daß mein Groll Sie vernichten kann. Na, das heißt, an welchem Orte ſollen — 1495— die Bedingungen erfüllt werden?“ „Hier“, ſagte die Schauſpielerin, der die verſteckten Drohun⸗ gen ernſte Beſorgniſſe einflößten.. „Morgen Abend?“ „Jawohl.“ „Gut, er wird ſie nicht erfüllen können.“ „Darf ich fragen, worauf Sie dieſe Behauptung ſtützen?“ „Ich weiß, daß der Baron ſich vergeblich bemüht hat, die ge⸗ forderte Summe aufzutreiben.“ „Sein Schwiegervater iſt Millionär.“ „Der Bankier iſt ſein Schwiegervater noch nicht, und in Geldangelegenheiten iſt ein Millionär vorſichtiger, als ein Bettler,“ ſagte Heller achſelzuckend. „Haben Sie ihn gewarnt?“ „Noch nicht, aber mir ſcheint, daß er von andrer Seite ge⸗ warnt worden iſt. Und dann will ich Ihnen noch etwas ſagen, was Sie wohl berückſichtigen mögen. Wenn dieſe Bedingungen rotz alledem erfüllt würden, ſo machten Sie dadurch ſich der Theilnahme an ſeinem Verbrechen ſchuldig, denn der Hehler iſt ſo gnt, wie der Stehler.“ „An ſeinem Verbrechen?“ fragte Madame Winkel beſtürzt, die an dieſen Punkt noch nicht gedacht zu haben ſchien.„Was wollen Sie damit ſagen?“ „Denken Sie an den räthſelhaften Tod des alten Mannes, der in dem Zimwer dort gewohnt hat. Dos iſt nicht Alles, es liegen andere Verbrechen vor, die ehenfalls noch nicht aufgeklärt ſind. Wenn der Thäter entwiſcht, ſo werden Diejenigen zur Verantwortung gezogen, die ſeine Flucht begünßtigt haben.“ „Mich kann keine Verantwortung treffen!—“ „Das muß dann die gerichtliche Unterſuchung ergeben, Ma⸗ dame,“ ſagte der Polizeirath, indem er ſich erhob,„und meine Ausſagen würden dabei ſchwer in die Wagſchale fallen. Laſſen Sie es nicht ſo weit kommen, ich rathe Ihnen gut. Die Ausſicht auf ein Kapital von zwanzigtauſend Thalern iſt allerdings ſehr verlockend, aber was nutzt Ihnen das Geld, wenn Sie im Zucht⸗ hauſe ſind? Erhalten Sie auch nicht ſo viel, ſo werden die Be⸗ — 1496— theiligten Sie doch belohnen, wenn durch Ihre Ausſagen der Betrüger entlarvt wird. Denken Sie darüber reiflich nach und ſtellen Sie es auch Ihrem Verlobten vor.“ „Ich will mit ihm darüber ſprechen,“ erwiderte die Schau⸗ ſpielerin verwirrt,„aber ich bitte Sie, nicht zu glauben daß ich „Madame, ich wiederhole Ihnen, es wäre vergebliche Mühe, mich täuſchen zu wollen! Sagen Sie mir nicht, Sie ſeien in die Geheimniſſe Ihres Verlobten nicht eingeweiht, denn ich weiß es beſſer und für Alles, was nun geſchehen mag, mache ich nicht ihn allein, ſonbern auch Sie verantwortlich. Ich werde morgen Abend wieder kommen, dann muß die Sache ſich entſcheiden. Gute Nacht.“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ging er hinaus und eine halbe Stunde ſpäter trat er in einen Gaſthof, in welchem kein An⸗ drer, als Bucket, der engliſche Polizeiagent, ihn erwartete. Die Zuſammenkunft der Beiden fand in dem Zimmer ſtatt, welches Bucket bewohnte. „Wichtige Entdeckungen!“ ſagte Heller, als er die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte.„Ich glaube, die Frucht iſt reif, wir können ſie pflücken.“ Bucket ſah ihn ſchweigend und erwartungsvoll an. „Ich will Ihnen nicht noch einmal dafür danken, daß Sie ſo bereitwillig auf meinen Plan eingegangen ſind; fuhr Heller fort, nachdem er Platz genommen hatte, ich faßte bieſen Plan ſofort, als ich drüben erkannte, daß Sie—“ „Laſſen wir das,“ unterbrach Bucket ihn,„ich habe Ihnen verſprochen, mich mit meiner ganzen Kraft dieſer Sache widmen zu wollen, und ich werde es thun, darauf dürfen Sie ſich ver⸗ laſſen.“ „Sie erinnern ſich noch aller Mittheilungen, die ich Ihnen über dieſen Gegenſtand gemacht habe?“ „Sehr genau.“ „Sollte Ihnen noch etwas unklar ſein?“ „Nein.“ „Die Ermorbung Benders, der angebliche Selbſtmord des Hofmeiſters—“ „Alles bekannt,“ nickle Bucket. — 6 tie Si 5 Er he kannt, er do durh werde wieſe genu deut er de aber glau weni un ba un me ²) Sie Heller Plan Ihnen idmen ver⸗ hnen — 1497— „Jetzt kommt ein dritter Mord hinzu.“ „Der alte Maler Auerbach? Haben Sie die Veweiſe erhalten, die Sie ſuchten?“ 8 „Ja, ich weiß jetzt, daß Auerbach den Reiter erkannt hat. Er hat einem Freunde erklärt, er habe den Majoratsherrn er⸗ kannt, und es läßt ſich nun auch mit Sicherheit annehmen, daß er dafür Rache nehmen wolte. Auerbach war ein Vagabund, durch den Trunk heruntergekommen, und ſolche Menſchen, Sie werden das auch wiſſen, vergeſſen und vergeben nichts.“ „Sehr wahr. Indeſſen wird dieſes Verbrechen ſchwerlich be⸗ wieſen werden können—“ „Man kann auf dieſen Veweis verzichten, es liegt ohnedies genug gegen ihn vor, um ihn zu vernichten.“ „Und daß Baron Udo bes nicht anerkennen will—“ „Baron Udo iſt ein Ehrenmann in des Wortes vollſter Be⸗ deutung. Wenn wir überzeugende Beweiſe ihm vorlegen, ſo wird er der Erſte ſein, der auf die Beſtrafung des Verbrechers dringt, aber ſo lange dieſe Beweiſe fehlen, kann er und'will er nicht glauben, daß er ſo furchtbar betrogen worden iſt. Auf eine Hülfe von ſeiner Seite dürfen wir nicht zählen, und jetzt umſo⸗ weniger, da er ſeinen einzigen Sohn plötzlich verloren hat.“ „Ah, das wußte ich nicht!“ „Der junge Herr hat in Rom einer Dame den Hof gemacht, und die Römer ſind bekanntlich ſehr raſch.“ „Er iſt ermordet worden?“ „Jawohl, und ſeine Leiche iſt jetzt hier, Sie werden begreifen, baß Baron Udo unter ſolchen Umſtänben nicht geneigt ſein kann unſren Vermuthungen nur die geringſte Aufmerkſamkeit zu wid⸗ men. Handeln wir alſo allein, bis wir in der Lage ſind, ihm Thatſachen vorlegen zu können.“ „Und nun Ihre Entdeckungen!“ ſagte Bucket. „Der Reitknecht des Majoratsherrn hat ſich mit einer ehe⸗ maligen Schauſpielerin verlobt, und dieſe Schauſpielerin war vor Jahren die Geliebte des Barons. Dieſe Beiden müſſen Beweiſe gegen den Baron estdeckt haben, und zwar ſolche Beweiſe, auf die men Drohungen und einen Erpreſſungsverſuch ſtützen kann. Es ſind ihm Bedingungen geſtellt worden, und morgen Abend 5 läuft die Friſt ab, binnen der er ſie erfullen muß, wenn er das Schweigen dieſer Beiden erkauſen will.“ „Sie keunen die Bedingzungen nicht?“ „Ich vermuthe, daß der Reitknech zwanzigtauſend Thaler ge⸗ fordert hat. Der Majoratsherr hat einen mir bekannten Kapi⸗ taliſt um eine Summe von fünfzigtauſend Thaler angeſprochen, von denen er zwanzigtanſend unbedingt morgen haben muß. Er wird das Geld nicht erhalten.“ „Sehr gut. Aber könnte ſich nicht ein Andrer finden, der es ihm gibt?“ „Gewiß, vorausgeſetzt, daß er hinreichend Zeit hätte, ſich nach dieſem Andern unzuſehen. Die Zeit iſt zu kurz und eine ſo große Summe hat nicht Jeder flüſſig.“ „Wenn der Neitknecht dieſe Schwierigkeiten anerken und ihm eine weitere Friſt gewährt, ſo könnten die Bedin⸗ gungen—“ „Dafür, daß dies nicht geſchieht, werde ich ſorgen. Und nun betrachten Sie dieſe beiden Porträts.“ Der Polizeirath legte die Blätter auf den Tiſch und ſah ſeinen Genoſſen erwartungsvoll an, der die Porträts ſehr auf⸗ merkſam prüfte. „Dieſes iſt das Porträt des wirklichen Majoratsherrn, fuhr er fort,„und das andre iſt das Kontrefrei eines ehemaligen Schauſpielers Konrad Landau, der vor Jahren Wien verlaſſen mußte, weil er ſich dort unmöglich gemacht hatte. Sie werden ſich erinnern, was mir der alte Berwalter mügethei't hat. Der ermordete Florian Bender hatte drüben in der Geſellſchaft des Barons einen Mann zefunden, der ſeinem Freundo ſehr ähnlich war und Konrad genaunt wurde. Einen andern Namen wußte er nicht anzugeben.“ „Weun ich mich recht erinnere, ſo hatte Bender auch die Vermuthung ausgeſprochen, dieſer Konrad müſſe den Baron er⸗ ſchoſſen haben.“. „Ganz recht, Sie haben ein gutes Gevächtniß.“ „Wie könnte ich denn den Hauptpunkt vergeſſen?“ erwiderte Bucket achſelzuckend, während er noch immer die Porträts betrach⸗ tete.„Welchem Porträt gleicht der Majoratsherr?“ —— — 1499— „Beiden und doch auch wieder keinen von Beiden. Die Blat⸗ ternarben entſtellen ſein Geſicht. Uebrigens wird Ihr ſcharfer, geübter Blick die Wahrheit augenblicklich erkennen.“ „Das hoffe ich auch.“ „Wann wollen Sie hingehen?“ „Hm— für heute iſt es leider ſchon zu ſpät, und bis znor⸗ gen Abend werde ich nicht warten dürfen, ich träte am liebſten ihm in der Dämmerung gegenüber.“ „Morgen Abend gedenke ich den entſcheidenden Schlag zu ſühren.“ „Bann werde ich morgen früh gehen.“ „Ich kann alſo gegen Mittag das Reſultat erfahren?“ „Jedenfalls,“ nickte Bucket.„Sollte ich noch nicht zurück ſeir ſo erwarten Sie mich hier.“ Der Polizeirath nickte zuſtimmend und verließ gleich barauf den Gaſthof, um ſich in ſeiner Wohnung von den Strapatzen des Tages anszuruhen. 7 —— 56. Kapitel. Vor dem Ibgrund. Der Majoratsherr von Oühofen hatte eben ſein Frühſtück eingenommen, als ihm ein Fremder angemeldet wurde, der ſich nicht abweiſen laſſen wollte. Unwillig legte er die Zeitung, in der er geleſen hatte, hin, und eine finſtre Wolke glitt über ſeine gefurchte Stirne, als der Fremde eintrat, deſſen ganze äußere Erſcheinung den Vagabund erkennen ließ. Selbſt ein genauer Bekannter Buckets würbe in dieſem Vaga⸗ bund den Polizeiagent nicht wieder erkannt haben, und der Ma⸗ joratsherr hatte natürlich keine Ahnung davon, welcher gefähr⸗ liche Gegner vor ihm ſtand. „Was wollt Ihr?“ fragte er barſch.„Was berechtigt Euch zu der Unverſchämtheit, in dieſes Haus einzudringeu?“ „Hallo, Sie kennen mich nicht mehr?“ erwiderte Bucket mit der heiſeren Stimme eines Trunkenbolds.„Haben Sie ſo raſch die Diggins in Kalifornien vergeſſen? Hol Euch der Teufel, Mann, ich habe einmal mein Brod mit Euch getheilt, jetzt thäte ich es nicht mehr.“ Der Baron wollte von ſeinem Sitz emporfahren, aber Bucket legte die Hand auf ſeine Schulter und drückte ihn nieder. „Nur keinen Lärm,“ ſagte er,„es könnte für Euch unange⸗ nehm werden.“ Er hatte das in engliſcher Sprache geſagt und dabei einen mhige der ſich te, hin, als der gabund Paga⸗ e Ma⸗ geführ⸗ gt 6uch det mit o raſch Tufel, t thäte Bucket nange⸗ einen — 1561— ſo drohenden Ton angeſchlagen, daß der Majoratsherr ihn be⸗ ſtürzt anblickte. „Wir haben auch Augen,“ fuhr Bucket fort, während er einen Seſſal herbeirollte und ſich niederließ,„und was mir meine Augen ſegen, bas glaube ich.“ „Unverſchämter!“ „Still, alter Freund, ich könnte mich ſonſt verſucht fühlen, dem verſammelten Dienſtperſonal eine ſehr intereſſante Geſchichte zu erzählen.“ „Und ich werde ſogleich die Glocke ziehen und meinem Dienſt⸗ perſonal befehlen, Euch hinauszuwerfen!“ fuhr der Baron wüthend auf. Bucket lachte, es war ein höhniſches, boshaftes Lachen. „Ich glaube nicht, daß Sie das thun werden,“ ſagte er. „Es wird ganz gewiß geſchehen, wenn Ihr Euch nicht ſofort entfernt!“ „Na, na, nur nicht ſo heißblütig, Konrad, drüben wart Ihr ruhiger.“ 4 Der Blick des Barons wurde immer ſtarrer, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen an. „Als ich hierherkam, es war vorgeſtern, mußte ich natürlich meine Heldenthaten erzählen,“ fuhr Bucket fort.„Wenn Einer aus Amerika zurückkommt, dann wundern die Leute ſich, daß er nicht ſcalpirt iſt, Indianer und Urwälder ſind ihnen mit dem Wort Amerika unzertrennlich. Ich hab' ihnen grauenhafte Mord⸗ geſchichten erzählt, und ſie glaubten natürlich daran—“ „Was ſoll das Alles?“ „Ich komme ſogleich auf des Pudels Kern. Mitgebracht hab ich von drüben nichts, ſo wenig wie Sie—“ „Ihr wollt betteln?“ „Unſinn, das hab' ich nie gethan. Alſo die Leute ſagten mir, es ſei fürzlich ein Andrer aus Kalifornien zurückgekommen, den man längſt todt geglaubt habe, ein Baron von Oſthofen. Nun war mir das ſehr auffallend, denn ich wußte, daß der Baron von Oſthofen wirklich todt war—“ „Nehmt Euch in Acht!“ rief der Baron in leidenſchaftlicher Aufwallung.„Wenn Ihr Eure Zunge nicht hütet—“ „Pah, ich bin ſchlauer, wie der dumme Teufel, der Florian — Benper! Alſo wie geſagt, mir war das auffallend, aber ich ſagte nichts, denn ich errieth augenblicklich die Wahrheit. Und die Sache iſt ſo, wie ich vermuthet habe. Daß Ihr trotz alledem aus mir gegenüber die Baronsrolle ſpielen wollt, macht mir Spaß, aber es wird Euch nicht viel helfen.“ Der Majoratsherr blickte den unwillkommenen Gaſt an, als ob er ein Geſpenſt ſähe, aber Bucket ließ ſich nicht beirren, er ſchien entſchloſſen zu ſein, aus dem, was er wußte, den größt⸗ möglichen Vortheil zu ziehen. „Ihr erinnert Euch meiner gar nicht mehr?“ fragte er. „Nein.“ „Na, es kann ſein. Wir ſin drüben mit ſo vielen Menſchen zuſammengekommen, daß es ganz unmöglich iſt, ſie alle im Ge⸗ dächtniß zu behalten. Ich würde auch Manchen nicht wieder⸗ erkennen. aber auf Euch hatte ich damals ein ſcharfes Auge ge⸗ worfen und es iſt mir heute lieb, daß ich 3 gethan habe. Ich glaube, ich hatte damals ſchon eine Ahnang davon, wie es ſpäter kommen würde. Ihr wart der beſte Freund des Barons, und der Baron—“ „Kommt Ihr aus dem Irrenhauſe?“ rief der Majsratsherr „Direct aus Kalifornien!“ „Dann macht, daß Ihr wieder hinkommt—“ „Damit hat's noch Zeit, übrigens gefällt es mir hier auch beſſer. Alſo, wos ich ſagen wollte—“ „Haltet den Rand!“ „Weshalb ſoll ich nicht reden dürfen? Oder iſt es Euch lieber, wenn ich vor der Dienerſchaft rede? Erinnert Ihr Euch noch des Morgens, an dem der Baron erſchoſſen wurde? Ich war da, ohne daß Ihr es ahntet, aber ich wagte nicht, mich zu zeigen. Der Florian Bender hob die Leiche auf und dann machte auch er ſich aus dem Staube, er fürchtete jedenfalls, für ihn könne auch ſchon die Kugel gegoſſen ſein.“ Der Wajoratsherr hatte ſich erhoben, er wanberte auf und nieder, und große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirne. „Ihr ſeid gekommen, um zu betteln,“ ſagte er mit dumpfer Stimme,„und da glaubt Ihr, mit Drohungen mich einſchüchtern zu können—“ Bat mit ſollt u nir 6 aber ier auch h lieber, noch hte auch n könne auf und hüchtern — 1503— „Bah, ich ſage nur die Wahrheit,“ fiel Bucket ihm in's Wort. „Ich ſah, wer den Schuß abfeuerte und ich weiß auch, daß die Kugel den Baron in's Herz getroffen hat. Wir haben ihn ſpäter begraben und den Mörder geſucht, aber Konrad Landau war ſpurlos verſchwunden.“ „Und ich ſage F. noch einmal, da ſind die verrückten Ideen eines Tollhäue lers— „Soll ich die Wahrheit dieſer Ideen beweiſen?“ „Das könnt Ihr nicht!“ „Bah, von denen, die den Baron begruben, wird der Eine oder Anbre drüben noch leben. Und wenn ich hier dem Richter erzähle, was ich drüben erlebt habe, ſo wird er mir glauben und Cuch hinter Schloß und Riegel bringen—“ „Soll ich die Hunde auf Euch hetzen?“ „Nach Belieben,“ erwiderte Bucket, indem er einen Revolver aus der Taſche holt⸗.„Wie viel Hunde habt Ihr? Hier ſind ſechs Kugeln uud nicht eine wird das Ziel verfehlen.“ Der Majoratsher: war ſtehen geblieben, ſein glühender Blick ruhte durchbringend auf dem Vagabund, der die Waffe wie ein Spielzeug benutzte. „Gedenkt Ihr immer hier zu bleiben?“ fragte er. Nein „Wohin wollt Ihr gehen?“ „Nach England.“ „Und dazu habt Ihr Reiſegeld nöthig?“ „Bewahre, ich komme auch ohne Geld durch.“ „Wos wollt Ihr dann von mir?“ „Vorläufig nichte weiter, als über die a plaubern.“ „Dazu habe ich keine Luſt.“ „. ¹ ten Zeiten mit Ench „Kann mir's denken,“ nickte Ihr eigentlich das Notizbuch des Baron ge⸗ ſehen—“ „Laßt mich mit den verrückten Geſchichten in Ruhe!“ rief der Baron wüthend.„Sagt gerade heraus, was Ihr n u und da⸗ mit baſta!“ „Was ich will? Die Wahrheit will ich von Euch hören! Ihr ſollt nicht glauben, mich durch die Mosle eines vornehmen Herrn —— — 0 täuſchen zu können, nein, wahrhaftig nicht. Ihr mögt früher ein guter Schauſpieler geweſen ſein, aber ich kenne Euch zu gut, als daß Ihr mir blauen Dunſt vormachen könntet. Ich hab' hinte die Kouliſſen geblickt und weiß, wer Ihr ſeid. Der Florian Bender hat's auch gewußt, aber er war zu dumm—“ „Ich habe mit dieſem Burſchen nichts zu ſchaffen!“ „Jetzt, da er todt iſt, allerdings nicht, aber als er noh lebte, mußtet Ihr ihn fürchten. Na, ein Andrer iſt des Mordes be⸗ ſchuldigt und auch verurtheilt worden, und es wäre anders ge⸗ kommen, wenn ich damals hier geweſen wäre.“ Der Baron ſtampfte mit dem Fuß auf den Teppich, aber auf Bucket machte dieſer Zornesausbruch gar keinen Eindruck, er lachte⸗ und es war noch immer das heiſere, boshafte Lachen. „So dumm werde ich nicht ſein,“ fuhr der Letztere fort.„Ich drohe nicht, aber wenn ich handeln muß, dann handle ich.“ „Wenn Ihr handeln müßt, was wollt Ihr damit ſagen? Llegt darin nicht eine Drohung?“ „Nein,“ erwiderte Bucket.„Ich muß handeln, wenn ich ge⸗ ärgert werde, und Ihr legt es darauf an, mich zu ärgern. Ich hatte erwartet, Ihr würdet einen alten Bekannten, der ſein Brod mit Euch getheilt hatte, freundlich aufnehmen, ſtatt deſſen werde ich mit der Drohung empfangen, mit der man einem unver⸗ ſchämten Bettler die Thüre zeigt. Spielt Eure Rolle ſo lange und ſo gut Ihr könnt, aber b'müht Euch nicht, mich zu be⸗ trügen.“ Der Majoratsherr hatte ihm den Rücken gewandt, er ſtand am Fenſter und blickte finſter hinaus. „Der Florian Bender, ich ſag's noch einmal, war zu dumm,“ nahm Bucket wieder das Wort, er hat die Dummheit mit ſeinem Leben büßen müſſen. Und ebenſo dumm war der frühere Hof⸗ meiſter Eures Freundes, er hätre ſich nicht in Dinge miſchen ſollen, die ihn nichts angingen.“ „Und ich möchte Euch den guten Rath geben, das ebenfalls nicht zu thun,“ erwiderte der Majoratsherr in drohendem Tone, „Ihr könntet dabei den Kürzeren ziehen.“ „Pah, ich habe drüben zu viele Erfahrungen gemacht—“ „Sie nutzen Euch hier gar nichts.“ „Hm, ſie nutzen mir ſoviel, daß ich—“ „ ob mei ron— 3 „A nehme und u il bunde den A 2 zu bri zu erk S „8 „N ſellen? N „5 führte „ reden: „D ſihe n ut, alz hint n Pender 05 lbte, ordes te⸗ nderz z aber auf er laht⸗ ot. 3 t ſagent rn. Ich ſein Brod en werde unet⸗ ſo lange h zu be⸗ er ſtand u dumn,“ nit ſeinem her Hof⸗ miſchen 5 ebenfalls em Tne, — 1505— „Machen wir ein Ende! Weshalb ſeid Ihr hieher gekommen?“ „In Euch das noch nicht klar geworden? Ich wollte wiſſen, ob meine Vermuthungen richtig waren, ob dieſer angebliche Baron von Oſthofen wirklich—“ „Ich will ſolche Worte nicht mehr hören!“ „Was liegt mir daran, was Ihr wollt? Auf Eure Wünſche nehme ich keine Rückſicht. Ich könnte jetzt direct zur Polizei gehen und was ich weiß, zu Protokoll geben—“ „Und Ihr denkt wirklich, man werde einem ſolchen Vaga⸗ bunden ſofort glauben?“ „Sofort wohl nicht, aber die Polizei wird das auch nicht in den Wind ſchlagen—“ „Die Polizei wird ſo vernünftig ſein, Euch in Nummer Sicher zu bringen unb ſich vor allen Dingen nach Eurer Vergangenheit zu erkundigen.“ „Möglich, aber ſie würde dann auch auf Euch ein ſcharfes Auge haben und—“ „Seid Ihr entſchloſſen, hinzugehen?“ „Nein.“ „Das heißt mit anderen Worten, Ihr wollt Bedingungen ſtellen?“ „Wenn ich das wollte, hätte ich es ſchon gethan.“ „Bah, Drohungen gehen immer voraus.“ „Habe ich gedroht? Ihr glaubt es, weil das böſe Gewifſen Euch ängſtigt. Ich habe noch gar nicht daran gedacht. Die Neugier führte mich hieher, nun iſt ſie befriedigt.“ „Wenn Ihr eine Unterſtötzung wünſcht?“ „Auch das nicht, heyte ni reden wir weiter darüber.“ „Das wünſchte ich nicht.“ „Ich glaub's gerne, aber das ſoll mich nicht abhalten, Euch noch einmal einen Beſuch zu machen.“ Wann?“ cht! Ich werde wieberkommen, dann „In den nächſten Tagen. Vielleicht nehmt Ihr Euch in dieſem Augenblick vor, dem Dienſtperſonal zu befehlen, mich hinauszu⸗ — in dieſem Falle von hier aus ſofort zur Polizei gehen. Daß ich Ver Baſtard. — . — 1506 ſelbſt davon nichts habe, weiß ich, es wäre für mich nick als eine kleine Genugthuung für Eure Grobheit, und wahrhaftig, ic irde mir dieſe Genugthuung verſchaffen.“ Der Mojoratsherr ſtand noch immer Brauen zogen ſich immer drohender zuſan nen und ein trotziger, e geret Lipen. entſchloſſener Zug umzuckte die feſt aufeinan „Da 1 Ihr auch alle Anderen betrügen könnt, bei mir bringt ein Zeuge deſſen, was geſchehen iſt. Ich bin ein armer Teufel, aber ich bettle nicht um Almoſen, und wenn ich Geheimniſſe habe, ſo verkaufe ich ſie nicht, mir macht es Vergnügen, zu wiſſen, daß S müßt.“ Er war von ſeinem Sitz aufgeſtanden, und in trotziger, her⸗ ausforbernder Haltung ſtand er jetzt dem Baron gegenüber, der ihm einen Blick des glühendſten Haſſes zuſchleuderte. „Es wäre beſſer für Euch, Ihr wiederholtet Euren Zeſuch nicht,“ ſagte der Majoratsherr mit mühſam erzwungener Ruhe. „Wozu könnte es dienen? Ihr verlangt nichts und Eure Neu⸗ gier, die Euch hieher geführt hat, iſt nun befriedigt.“ „Wißt Ihr das ſo ſicher?“ „Wes verlangt Ihr noch zu wiſſen?“ „Nichts, denn ich weiß genug, um Euch zu ver nichten, wenn ich vas wollte. Ich werde wiederkommen, ſobald es mir beliebt und dann erwarte und verlange ich eine höfliche Aufnahme. Alſo auf Wiederſehen, Herr Baron ovn Dſthofen!“ Der Majoratsherr blickte ſtarr auf die Tbür, hinter der Bucket verſchwunden war; er preßte die Hand anf die Stirn und athmete tief und ſchwer auf. War es ein Traum oder Wirklichkeit geweſen? Sollte er nie Ruhe finden? Wenn er glaubte einen gefährlichen Feind nieder⸗ geſchmettert und für immer beſeitigt zu haben, tauchte ſofort wieder ein neuer auf, von deſſen Exiſtenz er keine Ahnung ge⸗ habt hatte. Er krenzte die Arme auf der Bruſt und wanderte lange auf und nieder. 3 3 er1 ledig Tage ve ſi Un vern dar ufel, 8. ſen, daß k, her⸗ ber, der er Ruhe. ure Neu⸗ en, wenn it beliebt hme. Alſo der Bucket athmete le er nie d nieder⸗ hte ſofort hnung g⸗ lange muf —— — 1507 Wer war dieſer Menſch Wie hieß er? Und wo wohnte er? Er konnte ſich nicht erinnern, ihn je zuvor geſehen zu haben, und doch mußte er in Kolifornien ihm begegnet ſein, das ging aus allen Mittheilunge: hervor. Auch dieſer Gegner mußte beſeit igt werden, das unerwartete Auftauchen desſelben b erzegte ihn wiederum von der Noth⸗ wendigkeit einer haldigen Heirath. Es war am Ende doch unklug geweſen, dem Bankier ſo ſchroff entgegenzutreten und ihm mit dem Bruch zu dpohen, mit guten Worten kam man ei als 8 raſcher zum Ziele, zumal auch der rbindung große Hoffnu ugen gebeut hatte. Der i brachte die B di te riefe, ge⸗ kommen waren, und ter dieſen fand der M auch einen Brief ſeines ſnftigen Schwiegerve Er erkannte ihn ſofort an der und haßig öffnete er das Counert fnung, daß der Inhalt des Briefes inen Wünſchen entgegenkomme dieſer Hr ffuusg ſah er ſich nicht getänſchi. Der Bankier änßerte nochmals ſein Bedauern darüber, daß r⸗ die Berhältn ſſe ihm nicht erlaubt hätten, das gewünſchte Dar- lehen zu geben und ſprach die Hoffnung aus, daß der Baron in⸗ zwiſchen die Erfüllung ſeines Wunſches auf einem andern Wege gefunden haben werde. Sodann wlederholte er, doß es nicht wohl möglich ſei, ſchon jetzt den Hochzei, stag zu ene„inveß gebe er das Ver pprechen, daß das Feſt ſobold wie möglich gefeiert werden ſolle, da auch er wünſche, daß dieſe Angelegenheit zu Aller Zufriedenheit ledigt werde. Er ſchloß mit der Hoffnung, daß er im Laufe der nächſten Tage eine definitive Antwort auf dieſe Frage geben könne und ve ſicherte den Baon ſeiner unveränderten Freundſchaft. Das war allerdings nichts Beſtimmtes us Sicheres, aber ber Ton des Briefes gab doch der Hoffuung Roum, daß der Bruch vermieden werde. er⸗ Gedankenvoll faltete der Mojorotsherr den Brief zuſammen d ann zog er die Glocke, um ſeinen Wagen zu beſtellen. Wenn er jetzt das Geld von Schwanenthal erhielt und mit — v ——— —,———— — 1506 dieſem Gelde das Schweigen der Schauſpielerin und ihres Ver⸗ lobten erkaufte, ſo war nach dieſer Seite hin die Gefahr be⸗ In Bezug auf den Vagabund aus Kalifornien mußte er zu⸗ vor abwarten, welche Stellung dieſer Mann ihm gegenüber neh⸗ men würde, ſobald er hierüber Gewißheit hatte, konnte er über die Schritte die alsbann geſchehen mußten, mit ſich zu Rathe gehen. Wenn er nur ſo lange die Gefahr der Entdeckung fern hielt, bis er die Hochzeit gefeiert und die Mitgift in Empfang genom⸗ men heatte! Daß er die verwegene Rolle bis zu ſeinem Lebensende nicht durchführen konnte, hatt e er längſt eingeſehen, ſie war ſchon jetzt unhaltbar geworden, und mit jedem Tage konnten neue Gegner auftauchen. Der Polizeiroth Heller war unter dieſen Gegnern der geſähr⸗ lichſte, und man durfte mit Sicherheit erwarten, daß er, ſobald er von London zurückkam, ſeine unter brochenen Nachforſchungen ſofort wieder aufnahm. An das Alles dachte der Maioratsherr, während die Equi⸗ pige ſchon über das Pflaſter der Stadt rollte, und dieſe Gebanken waren keineswegs geeignet, ſeine Beſorgniſſe zu befeitigen. Das ſein Bruder zurückgekehrt und Bruno in Rom ermordet vorden war wußte er noch nicht er ſtand mit Baron Udo ſeit dem letzten Auſtritt in keiner Verbindnung mehr, und der Letztere hielt es nach den gemachten Erfahrungen auch nicht mehr ſür nöthie iſe directe Mittheilungen zu machen. Der Wagen hielt in der Nähe der Garteaſtraße, Baren Ed⸗ mund ſtieg aus und näherte ſich raſch, den Hauſe des Wucherers. Bertram öffnete die Gartenpforte, und es war kein freundli⸗ cher Blick, mit dem er den Maojoratsherrn empfing. „Mein Onkel iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte er. „Was iſt das?“ erwiderte der Baron unwirrſch.„Er wollte in vieſer Stunde mich hier erwarten— leider auf das Geſchäſt verzichten. Er läßt Ihnen — er zu⸗ er neh⸗ e über 4 Ruthe in hilt, gen ide nicht chon jett e Gegner , ſobald ſchynnoe mehr ſür — 1509— Der Majoratsherr hatte die Brauen zuſammengezogen ſein glühender Blick ließ erkennen, wie ſchwer es ihm fiel, den auf⸗ ſteig nden Groll zu bezwingen. „Abraham Schwanenthal hat ſtets ſein Wort gehalten,“ ſagte er,„wie kommt es, daß er es jetzt bricht?“ „Er hat ſich das Geld nicht verſchaffen können.“ „Ich laſſe dieſe Entſchuldigung nicht gelten!“ „Eine andre kann ich Ihnen nicht geben.“ „Ratörlich wird man die Wahrheit mir nicht ſagen wollen,“ erwiderte der Baron mit wachſender Erregung.„Eutweder iſt es Mißtrauen, oder der alte Mann glaubt noch größere Vor⸗ theile herauspreſſen zu können. Er ſoll ſich in Acht nehmen, ich könnte ihm einen Schaden zufügen, von dem er möglicherweiſe noch keine Ahnung hat.“ Bertram zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wollte, er wiſſe darauf nichts zu erwidern. „Wann kann ich ihn perſönlich ſprechen?“ fragte der Baron barſch. „Ich weiß es nicht; vielleicht heute Nachmittag.“ „Er hätte jedenfalls mich erwarten müſſen!“ „Es war ihm zu unangenehm—“ „Bah, er wußte ſehr wohl, daß er den Wortbruch nicht rechtfertigen konnte und er fürchtete meine Vorwürfe. Sagen Sie ihm, ich würde das nicht vergeſſen.“ „Ich werde es ihm ſagen.“ „Sie wohnen bei ihm?“ „Hat er vielleicht geſtern oder heute Morgen Beſuch gehabt?“ „Nein, Herr Baron.“ „Sie kennen den Polize irath Heller?“ „Nur von Anſehen.“ „War er vielleicht hier?“ „Ich habe ihn nicht geſehen.“ Der Baron ſah den jungen Mann feſt an, er ſchien den Verſicherungen desſelben keinen Glauben zu ſchenken. „Können Sie mir das auf Ehrenwort verſichern?“ fragte er. „Ohne Bedenken.“ Gut. Theilen Sie Ihrem Onkel mit, was ich Ihnen geſagt — ——.— — — ———————— —— 1 3 . be, vielleicht komme ich im Laufe des Tages noch einmal zu Damit verabſchiedete er ſich und gleich darauf rolte der Wa⸗ gen wieder von dannen, der eine Viertelſtunde ſpäter vor dem Hauſe des Bankiers hielt. Der — corpulente Herr kam ſeinem Gaſt außerordentlich freund⸗ lag doch ein Schatten auf ſeiner Stirne, „Ich habe Ihren Brief empfangen und danke Ihnen für die freundlichen Geſinnnngen, die er enthält,“ begann der Baron das Geſpräch.„Auch mir wird es angenehm ſein, wenn unſere Angelegenheiten in aller Freundſchaft geordnet werden, mich würde dies umfomehr freuen, weil ich die ſichere Hoffnung hegen darf, Ihnen in gewiſſer Beziehung einen großen Dienſt erzeigen zu können.“ „Und worin beſtände dieſer Dienſt?“ fragte der Bankier. „Ich hab⸗ einfluß Freunde am Hofe und bei einem der⸗ ſelben vor einiger Zeit angefragt, ob er glaube, daß er dem wiege vater des Majoratsherrn von Oſthofen eine Auszeichnung 19 verſchaffen könne.“ „Sie wiſſen, ich mache mir aus Orden und Titel für meine Perſon nichts, ich habe zu lange in Amerika gelebt, wo ſolche Dinge gar keine Gültigkeit haben! Aber ich dachte mir, Sie würden nicht ſo gleichgültig dagegen ſein, zumal eine ſolche Aus⸗ zeichnung für Sie auch im Hinblick auf Ihr Geſchäft einen beſon⸗ deren Werth haben müßte.“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Bankier raſch,„und dieſe Rückſicht fällt ziemlich ſchwer in die Wagſchale. Ich für meine Perſon mache mir auch nichts aus ſolchen Aus eichnungen, ich bleibe ja ſtets derſelbe und meinen perſönlichen Werth kann ein Orden oder Titel nicht erhöhen. Aber meine Geſchäftsfreunde würden in dieſer Auszeichnung ein beſonderes Vert auen erblicken und dies könnte meinen Kredit nur befeſtigen.“ „Daron dachte ich auch.“ „Und welche Antwort haben Sie erhalten?“ „Daß ich nur zu beſtimmen hätte, ob ein Titel oder ein Orden Ihnen angenehmer ſei,“ erwiderte der Majoratsherr, dem und der ein — 1511 es nicht entgehen konnte, daß ſeine Mittheilungen einen angeneh⸗ men Eindruck auf den corpulenten Herrn machten. „Ich will das Ihnen überlaſſen.“ „Sie en nicht ſelbſt die Wahl treffen?“ „Nein, es iſt beſſer, wenn ich keinen Wunſch ausſprech he.⸗ Ich den Grund,“ nickte der Baron.„So werde alſo für Sie handels, und da denke ich, man wählt zuerſt ven Titel, dann folgen die Orden nach.“ „Glauben Sie das wirklich?“ „Pah, wenn Sie Commerzienrath ſind, kann beim näch⸗ ſten Ord ensfe ſte auch der Orden für Sie nicht fehlen.“ „Und Sie ſind überzeugt, daß Ihr Freund=“ „Wenn ich einen aus ſpreche, und dieſer Wunſch von ſu eichen Perſonen unterſtützt wird, ſo kann die Gewährung desſelben keinem nterliege Es werden freilich noch einige Wochen darüber hingehen, aber—“ „Ich gedulde mich gerne.“ „Birlleich t kann ich an meinem Hochzeitstage Ihnen die frohe Botſchaft überbringen.“ würde die Feier des Tages erhöhen. Und irch hoffe, aß w wir den Tag hald beſtimmen können, Roſa will ſich mit ihren Einkäufen beeilen, und ſobald die Vorbereitungen ſoweit getroffen find, ſteht dem Feſte nichts mehr entgegen.“ Der Baron verbeugte ſich ſchweigend. Und Ihr andrer Wunſch,“ ſagte ver corpulente Herr,„iſt er erfullt worden?“ „Nein.“ „Das thut mir leid. „Mir auch, aber ich mag mich nicht in die Hände von Juden und Wucherern begeben.“ „Es ſind noch andere Kapitaliſten in der Stadt—“ „Mag ſein, aber es iſt meine Sache nicht, ſie aufzuſuchen.“ „So warten Sie,“ ſagte der Bankier,„es cilt ja nicht. 5 Udo wird ohnedies jetzt nicht in der Stimmung ſein, an Geſchäfte zu denken.“ „Das können Sie nicht wiſſen.“ „Und Sie wollen es bezweiſeln? Wenn man den einzigen Sohn verloren hat—“ — v. — 1512— „Verloren?“ rief der Baron überraſcht.„Davon iſt mir nichts bekannt.“ „Sie wiſſen es noch nicht? Seltſam! Ich erfuhr es heute Morgen.“ „Und was haben Sie erfahren?“ „Baron Bruno iſt in Rom ermordet worden, wie man ſagt, in Folge eines Liebesabentheuers.“ „Alſo iſt es nur ein Gerücht?“ „Keineswegs, die Leiche iſt bereits hier eingetroffen. Der Maler Rodenberg ſoll ſie hieher gebracht haben, er war ebenfalls in Rom.“ „Das kann ich nicht wohl glauben,“ ſagte der Baron kopf⸗ ſchüttelnd.„Der Maler Rodenberg war der bitterſte Feind meines Neffen, es iſt unmöglich, daß er ſich ſeiner angenommen haben ſoll.“ Etwas vollſtändig Sicheres kann ich Ihnen darüber nicht ſagen,“ erwiderte der Bankier achſelzuckend,„ich weiß nur, daß die Leiche hier iſt.“ „Im Hauſe meines Brnders „Wahrſcheinlich. Baron Udo—“ „Iſt er von London zurückgekehrt?“ „Auch das wiſſen Sie nicht?“ fragte der corpulente Herr erſtaunt. „Nein. Seit dem Bruch höre ich nichts mehr von meinem Bruder, und eben deshalb iſt es auch mein Wunſch, mich voll⸗ ſtändig mit ihm auseinanderzuſetzen.“ „Nun denn, Baron Udo hat ſein derzeit verlorenes Kind wiedergeſunden, und iſt mit demſelben hier eingetroffen.“ Der Majoratsherr ſuchte ſich den Anſchein zu geben, als ob dieſe Nachricht keinen beſonderen Eindruck auf ihn mache, aber doß dies dennoch der Fall war, erkannte man aus dem fieberhaft glühenden Blick, in dem erwartungsvolle Spannung ſich ſpiegelte. „Und iſt es wahr, daß dieſe Tochter früher eine Sängerin war?“ fragte er. „Arabella Grimaldi— Sie werden den Namen gehört 3 haben.“ „Ja, allerdings. Wenn man damals, als dieſe Sängerin 6 weinem ich voll⸗ e, aber herhaft iegelte. ängerin gehört ängerin „Prozeß kann ihm nur 1513— — Wenn ich nicht irre, begleitete eine ältere Signora ſie—“ „Jawohl, angeblich ihre Mutter, aber in Wahrheit die Wär⸗ terin, die derzeit das Kind entführt hat.“ „Und iſt deeſes Weib verhaftet worden?“ Sn Baron.“ „Ah an darf einen intereſſanten Prozeß erwarten? Ich würde an Stelle meines Bruders daranf verzichtet haben, dieſer Verger und Aufregungen einbringen.“ „Ich weiß i was er zu thun geſonnen iſt,“ erwiderte der Bankier,„wie ich höre, iſt das Weib in London zurückgeblieben.“ d „Ah, „Sie ſol erkrankt ſein.“ „Dann wird man ſie jedenfalls bewachen! Der Polizeibeamte, den mein Brader von hier mitgenommen hat, iſt wohl auch in England geblieben—“ „Neis, er iſt wieder hier“ „Das ſcheint mir nicht glaubhaft.“ „Und weshalb nicht? Dafür, daß jene Frau nicht entwiſcht wird die engliſche Poltzei Sorge e the ich glaube, über dieſen Punkt kann man ſich be 2 wußte jetzt, was er wiſſen wollte, die Gewißh eit, — ruhigen 7 Der B daß Heller wieder da war, fiel ihm ſchwer S die Seele. „Mir iſt die Sache im Grunde genommen, gleichgältig,“ ſagte r,„ſie kümmert mich ja weiter nicht. Je eher ich mich mit meiner 5 milie auseinanderſetzen kann, peſto lieber iſt es mir, auch für Sie und Roſa wäre dies Genugthuung.“ „Inwiefern, Herr Baron““ „Den abelsſtolzen und von Vorurtheilen befangenen Leuten würde daburch gezeigt, daß das Geld eine größere Macht hat, als alle Vorurtheile zuſammengenommen.“ Der corpulente Herr ſchüttelte das Haupt. „Ich wurde Ihnen den Rath geben, ſtatt der Abfindungs⸗ ſumme eie jährliche Apanage zu zahlen,“ ſagte er in ernſtem Tone,„das große Kapital belaſtet das Majorat und haben Sie es einmal gezahlt, ſo iſt bas Geld auch für Sie verloren.“ „Pah, ich bringe dieſes Opfer gerne—“ „Aber die Nothwendigkeit, es zu bringen, liegt nicht vor. — —————— hier auftrat, eine Ahnung von der Wahrheit gehabt hätte! ——— — ————— Baron Udo und deſſen Gattin ſind bereits bejahrt, ſie hinter⸗ laſſen keinen männlichen Erben, alſo würde mit ihrem Tode die aufhören.“ 3 c S e — — — * — 7 — S — — 8 hen und dann haben Sie en mehr.“ ine gegenüber keine Verpflichtun Abe kann noch lange nüen des Gutes!“ eziehunen mit ihm zu bleiben,“ ſogte der Baron är⸗ das eben will Daß Sie das nicht ein⸗ mich z wiugel, in enheit mich ſehr un⸗ ganz im Intereſſe darf es w wohl, ich will annehmen, daß Sie mir die volle Wahrheit ſagen, bann aber örtern, ob dieſe Summe nicht son der Mitgift Roſa' genommen liebe noch immer die Frage zu er⸗ 7 „Weil die Mitgiſt Roſo's ja zum Ankauf eines Wittwen⸗ t werden ſoll!“ Ich finde dagegen nicht das Geringſte einzuwenden,“ ſuhr t auf den Namen für alle der Baron ſort,„adver wenn der Hypoth Roſa's ausgefertigt würde, ſo wäre ihr das Fälle geſichert.“ „Davon iſt ja gar keine Rede, Herr Baron! Die Sicherheit zu bezweifeln iſt mir nicht in den Sinn gekommen. Aber wenn ich ein Kapital auf Hypothek anlege, ſo liegt das Geld feſt und 7 h kann nicht wieder darüber verfügen.“ „Sie können dieſe Hypothekforverung einem Andern über⸗ 8 tragen!“ „Das iſt anch mit großen Schwierigkeiten verknüpft. „Nun gut, reden wir nicht mehr vavon,“ ſagte der Maio⸗ ratsherr unwillig.„Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß Sie ſo eigenfinnis ſein könnten. Sie würden meinen Wunſch auch dann nicht erfüllen, wenn ich Ihnen die Wahrheit beteunen wollte.“ ponte dehl damit auch Schlo N der A ſo ſchl „ 2 * denn / pule würd hahe R Littr ven⸗ , uhr n Namen für alle Sicherheit lber venn feſt und auch dann wolte.“ 1515— „Die Wahrheit?“ fragte der corpulente Herr befremdet.„Ich denke, Sie haben ſie mir geſagt?“* „Nein. Ich wollte Ihnen nicht ſagen, daß ich einen großen Theil der Aofindungsſumme meinem Bruder bereits gegeben habe.“ „Bruno mußte für die d die Nachforſchungen nachdem verlorenen Kind bebeutende Summe.„ tte ihm verſpr h n, daß ich ih Reſt nach ſeiner Ri England geben wolle. Er damit warten, und in Tagen wird er vorausſich auch komme nun in andrer Handwerker, welche ich meine Se der Eine verlangt Vorſchüſſe bereits geliefert hat, un t Gumtht gkeit, für die mir Crodenen. hung ir egenhei Schloſſe b for der Ander Deck hätten! as voraus bedenk Baron. Ich vil Ihnen keinen Vorwurf machen, durchaus nicht—“ „Er würde auch an dem Geſchehenen nichts ändern,“ fiel der Majoratsherr ihm in's Wont.„Ich habe mich durch meine Gutmüthigkeit verleiten laſſen und muß nun die Folgen tragen, da Sie mtr nicht aus dieſer Verlegenheit helfen wollen.“ „Hm, hm, Sie ſind ſchon gemahnt worden?“ r! Eine angenehme Situation iſt es nicht für mich, denn meine Ehre iſt babei verpfändet.“ „Leider „Sie dätten mir das gleich ſagen ſollen,“ erwiderte der cor⸗ pulente Herr, der jetzt an der eignen Ehre angegriffen war,„ich würde jedenfalls Rath geſchafft haben. Wie viel müſſen Sie haben?“ „Augeblicklich zwanzigtauſend Thaler.“ „Heute noch?“ „Jawohl. „Warten Sie einen Augebnick.“ —— —— 1516— Der Bankier erhob ſich und ging in das anſtoßende Kaſſen⸗ zimmer. Triumphirend blickte der Majvratsherr ihm nach. Weshalb hatte er nicht früher an dieſe Liſt gedacht? Er würde durch die⸗ ſelbe alle unangenehmen Auftritte vermieden haben. Der Bankier mußte ſich ja ſagen, daß ſeine eigene Ehre be⸗ droht ſei, wenn ſein künftiger Schwiegerſohn die verpfändete Ehre nicht einlöſen konnte. Aber der Baron hatte doch zu früh triumphirt. „Mit dem beſten Willen iſt es heute nicht zu ermöglichen,“ ſagte der Bankier, wieder„meine Kaſſe iſt heute zu ſehr in Anſpruch genommen.“ „Und das ſagen Sie?“ ſcherzte der Majoratsherr.„Wenn Sie es an der Börſe behaupteien, nibe man darüber lachen; Glaoben fänden Sie gewiß nicht.“ „Im Gegentheil, Herr Barpn man würde gar nicht daran zweifeln. In einem Bankgeſchäft find in jedem Monat an gewiſſen Tagen große Zahlungen zu leiſten, die Tage, an denen Wechſel präſentirt werden—“ — Ich weiß das, iche— „Erlauben Sie, Herr Varon, für dieſe Tage müſſen alle d niblen Gelder flüſſig gemacht werden und nach einem ſolchen 9 30 ispo⸗ Aderlaß bedarf die K aſſe einer kurzen Ruhe, um neue Kräfte ſammeln. Ich habe ſoeben mit meinem Kaſſirer geſprochen, er meint, die gewünſchte Summe bis morgen Abend verſchaffen zu können.“ F keinen Umſtänden?“ „Nein, heute nicht.“ „Es iſt mir unangenehm, dieſe Handwerker um Zahlungsfriſt erſuchen zu müſſen.“ „Geben Sie ihnen Anweiſungen auf meine Kaſſe, das iſt das Einfachſte,“ erwidert⸗ der Bankier,„wenn Sie morgen Vormittag die Anweiſungen ausfertige:, ſo werden ſie vorausſichtlich, ießisn zum größeren Theil, erſt übermorgen hier präſentirt, und ſie ſollen alsdann prompt eingelös? werden.“ Der Majoratsherr blickte gedankenvoll vor ſich hin. Gr konnte ſeinem Reitknecht oder der Schauſ ſpielerin eine ſolche „Heute unter — — —— — S Anei haares 5 einer werden viſſen und1 den 2 7 auftr Ehre be⸗ deie Fr Chre ichon „, s iſt das enigſtens ſie ſolen ine ſolce Anweiſung nicht geben, und überdies wollten dieſe Leute auch baares Geld haben. „Ich ziehe es vor, das Geld baar auszuzahlen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„mit ſolchen Anweiſungen kann Unfug getrieben werden. Unter den Handwerkern gibt es Leute, bie ſich kein Ge⸗ wiſſen daraus machen würden, eine ſolche Anweiſung zu fälſchen⸗ und wenn Ihr Kaſſirer die Fälſchung nicht entbeckt, ſo muß ich den Verluſt tragen.“ „Na, an den Tag würde es zuletzt doch kommen— „und dann müßte ich als Zeuge in einem Kriminalprozeß auftreten, das liebe ich auch nicht.“ „Gonz wie Sie wollen,“ ſagte der Geld morgen Abend haben.“ „Gut, ich werde ſelbſt kommen, um es zu holen.“ „Es ſoll bereit liegen, Herr Baron,“ ſagte der Bankier, indem er ihm die Hand reichte.„Und was den Reſt der Summe be⸗ trifft, ſo können wir darüber ſpäter berathen.“ Der Majoratsherr nickte zuſtimmend und verließ in der nächſten Minute vas Kabinet, um ſeiner Bnaut einen kurzen Beſuch zu machen. Bankier,„Sie können das eit wieder auf, und das Verſprechen Der Bankier nahm ſeine unterbrochene Arb es fiel ihm jetzt ſchwer auf die Serle, daß er gegeben hatte. Es war vie — Ueicht unklug geweſen, ſich vom Augenblick hin⸗ reißen zu laſſen, ohne vorher gründlich darüber nachzudenken. Er erinnerte ſich erſt jetzt wieder der Warnungen des Ver⸗ walters und der Uebereinkunft. bie er mit Roſa getroffen hatte, er erinnerte ſich auch des eignen Verdachts, der ſchon vor jenen Warnungen is ihm aufgeſtiegen war. Wenn nun dieſer Baron wirklich ein Betrüger war 2 Wenn er nun die Flucht ergriff, ſobald er das Geld empfangen hatte? Der corpulente Herr ſtand von ſeinem Seſſel auf, er fühlt“ das Bedürfniß, ein geraume Weile auf und nieder zu wandern⸗ um ſeiner Erregung Herr zu werbde hörte nach einiger Zeit den W rollen, und er wollte einmal einen nachſchicken, um ihn zu benachrichti 1 3 Majoratshe „ ——————— — zurücknehmen müſſe, weil er es nicht erfüllen könne. Aber ſein Stolz und ſeine Ehre ſträubten ſich dagegen! Wieder verging einige Zeit, und es war ihm noch nicht ge⸗ lungen, ſeine Beſorgniſſe zu bezwingen, als ein Fremder in vas Kabinet, der ſich ihm als Poli izeirath Heller vorſtellte. Bankiers auf, er Beamten einen Stuhl an und nahm ihm gegenüber D 5 Der Majoratsherr von Oſthofen war ſoeben bei Ihnen,“ irre wohl nicht, wenn ich ver⸗ he, daß es ſich um Geldangelegenheiten handelte.“ Eine bange Ahuung ſtieg in der Seele des de nahm Heller das Wort,„und ich — bejahe nd, ſeine Aufregung wuchs „Darf ich welche Summe er zu erhalten wunſhte, und ob Erfüllung finden wird?“ rage beantworte—“ „Es iſt nicht Neugier dieſe Frage in Ipren „In meinem ₰ „Herr Becker, im Gegentheil, ich ſtelle 6 7 em Es wird Jhaen bekannt ſein, diß der Herr Baron mit meiner Tochter verlobt iſt.“ — — — — — RI e viß und eben dies veranlaßt mich, mit Ihnen darüber zen, daß— fkom nmen. Baro eſſe Klara von Oſt⸗ hofen hat Ihnen oder Ihrer Fräulein Tochter die ſchweren An⸗ klagen berichtet, die der Vergalter Wortmann gegen den Majorats⸗ herrn erhebt, nicht wahr?“ „Jawohl.“ „Sie haben darüber mit Niemand geſprochen?“ „Nein, das heißt, nur mit dem Verwalter.“ „Ganz recht. Er ſagte mir, Sie wollten den Reitknecht des eenn aufſuchen, um von dieſem Näheres zu erf rſchen Haben Sie das gethan?“ „Ich habe mir aue Mühe gegeben, aber ihn leider nicht ge⸗ funden. „Sie hatten aber in Folge ſener Warnungen das Geſuch des Barons um ein Darlehn abgel ehnt,“ ſagte Heller, während der Bankier eifrig an den Gläſern ſeiner golduen Brille rieb.„In Folge deſſen wandte der Majoratsherr ſich an einen Wucherer, „Sie wollen doch nicht t ſag „Ich werde ſogleich darau v0 ni 1 3h a . „ zuſ übera 6 in S muß ro Rei da ehey! g 2 * b5 lt Ut , er R Plütz. öhnen.. , . ver⸗ er⸗ necht des erſorſchen rend der 1519 um von ihm das Geld zu erhalten, und dieſe Hoffnung hat ſich „Davon ß ich ni chts— A St das?“ ₰ vrnuhe es. Baron muß das Geld hente haben.“ „Zu welchem Zweck?“ & „ rrathen Sie 5 8 orhnnnnon S nSmoyßon ſg⸗ „Er ſagte mir, die Rechnen de Handwerter de⸗ richtig en. 4. „Nun, dann kann ich Ihnen erklären, daß dieſe R gen i um mir Gewißl heit zu ver⸗ unterrichtet. Er hat von . Ihnen früher ſchon. eine bed „Allerdings, aber ein gr findung der Anſprüche ſeines Bru Der Polizeirath lächelte ironiſch. „Selbſt auf die Gefahr hin, Sie zu beleidigen, da in dem Majoratsherrn Ihren zuk inftigen Schwiegerſohn Lüge iſt,“ ſogte er. Ba⸗ Summe erhalten— des Gelbes diente zur Ab⸗ muß ich Ihnen erklären, daß dies eine ron Udo von Oſthoven hat von ſeinem Bruder kein Geld erhalten.“ „Wiſſen Sie das ſicher?“ ich es nicht mit Beſtimmtheit wüßte, würde ich es nicht behaupten.“ „So wiſſen Sie auch, zu welchem Zweck er die jetzt geforderte Summe verwenden will?“ „Hat er nicht zwanzigtauſenb Thaler gefordert?“ „Ganz recht.“ „Nun wohl, dieſes Geld iſt beſtimmt, das Schweigen des Reitknechts zu erkaufen.“ Der Bankier ſah ihn ſtarr an, dann ſchüttelte er zweifelnd das Haupt. „Das kann ich nicht glauben,“ ſagte er.„Einen Reitknecht— „Ich wiederhole Ihnen, daß ich gut unterrichtet bin. Der Reitknecht hat Beweiſe geſammelt, die den Beron vollſtändig ver⸗ nichten und ihn uns überlieferv“ „Beweiſe, die ihn jener Verbrechen überfähren—“ „Wahrſcheinlich. Ich geſtehe Ihnen offenherzig, daß ich hierüber nicht unterrichtet bin. Der Burſche will natürlich nicht reden, weil er mit Sicherheit darauf vertraut, daß er von dem Baron das Geld erhalten wird.“ „Und dieſes Geld muß heute gezahlt werden?“ fragte der Bankier, der die in ihm tobende Aufregung gewaltſam bezwang. „Heute Abend.“ „Ich hatte es ihm für morgen zu geſagt.“ „Sie haben ihm wirklich das Verſprechen gegeben?“ „Ich mußte es,“ erwiderte der corpulente Herr rathlos, „Handwerker darf man nicht warten laſſen, und er ſagte mir—“ „Sie werden ihm das Geld nicht geben!“ unterbrach der Polizeirath ihn in entſchiedenem Tone. „Herr Rath, ich bitte Sie zu berückſichtigen—“ „Daß der Baron Ihr Schwiegerſohn werden ſoll?“ ſpottete Heller.„Sie werden mir ſpäter danken, daß er es nicht gewor⸗ den iſt.“ „Aber ſind Sie denn wirklich überzeugt—“ „Ich will Sie nur auf einen Punkt auſmerkſam machen. Haben Sie ihm nicht bei dem Bankhauſe Parker Parkin's und. Compagnie in London fünfzig Pfund Sterling angewieſen?“ „Es geſchah auf Wunſch.“ „Und wiſſen Sie, wem dieſe Summe ausbezahlt werden ſollte?“ „Nein.“ „Einer Signora Grimalbi, derſelben Fran, die ich im Auf⸗ trage ſeines Bruders wegen eines Verbrechens verfolgte.“ „Ich kenne dieſe Geſchichte,“ ſagte der Bankier, während er vie Brille dichter vor die Augen rückte,„ſie iſt ja jetzt erledigt Aber weshalb hat er ihr das Geld angewieſen?“ „Ja, weshalb7“ erwiderte Heller achſelzuckend.„Dieſe Frage wirb Jeder ſtellen, der Zweck und Urſache nicht rather n kann. Der Majoratsherr wußte, daß ſein Bruber dieſes Weib nn ließ, er wußte, welche Hoffnungen Baron Udo die Verhaftung der Verbrecherin haute und dennoch gab er der en en die 3 wu i „hr Zeweiſe ſie zu fin haiten ¹ hitte er heſigen Wahres Siherhet bennoch 9 „ Berechtigu „Wen! nung heg könnte. richtt ma verlieren, Man mu „Aber⸗ „Wi zent biete „Sie „Zehr boaret T eine auf z verzin viel im „Dr⸗ „Und ſprechen fuhr der hierüber Baron 0 rathos, mir—“ brach der Pottete 11 N ge⸗ 152 Mittel, ſich dieſer Verhaftung zu entziehen. Und weshalb er das gethan hat? Einfach deshalb, weil er mich beſchäftigen wollte, um mich in Lonbon zurückzuhalten.“ „Ihretwegen ſollte er es gethan haben?“ „Ja allerbings. Er wußte, dnß ich mir vorgenommen hatte, Beweiſe gegen ihn zu ſuchen, urd daß ich auf dem Wege wor, ſie zu finden, deshalb mußte ihm viel de halten und meine Gedanken mit anderen 1 Hätte er drüben einen Mörder dingen können beſeitigen, ſo würde er es gewiß gethan he Der Bankier blickte gedankenvoll vor ſich! Wahres in den Worten des Beamten, das bewies die ruhige dennoch glaubte der Bankier noch immer zweifeln zu müßen. „Sie urtheilen ſehr ſcharf.“ ſagte er nach einer Pauſe „Ich urtheile nach den Thatſachen, aus denen ich mit voller Berechtigung meinr Schlußfolgerungen ziehe.“ „Wenn Sie den Reitknecht ausgeforſcht und—“ „Ich würde es gethan hoben, wenn ich nur die leiſe Hoff⸗ nung hegen dürſte, daß dieſer Schritt zu einem Erfolge führen könnte. Dieſe Hoffnung habe ich leider nicht. Mit Drohungen richtet man bei ſolchen Leuten nichts aus, ſie haben nichts zu verlieren, deshalb glauben ſie Drohungen verachten zu dürfen. Man muß ihnen Gold zeigen, und das kann ich nicht. „Aber⸗wenn er nun keine Beweiſe hat—“ tliegen, mich fern zu zu beſchäftigen. „Würde daun der Majoratsherr einem Wucherer achtzehn Pro⸗ zent bieten, um das Geld heute noch zu erhalten?“ „Sie ſcherzen!“ ſagte der Bankier betroffen. „Zehn Prozent Verluſt und acht Prozent Hypothek! Für ein baares Darlehn von vierunbſünfzigtauſend Thaler wollte er ihm eine auf ſechszigtauſend Thaler lautende und mit acht Prozent zu verzinſende Hypothek geben. Daraus mögen Sie erſehen, wie viel ihm da ran liegt, das Geld heute zu erhalten.“ „Das iſt allerdings ſtark.“ „Und welche Mittel er angewendet hat, Sie zu dem Ver⸗ ſprechen des Darlehns zu bewegen, werden Sie ſelbſt wiſfe fuhr der Polizeirath fort. Ich kann darüber nicht Der Baſtard. —— 1522 ich denk⸗ mir, daß er auf krummen Wegen zu erreichen ſucht⸗ was er auf graden nicht erreichen konnte“ haben Recht“ erwiederte der Bankier.„Wenn ich das Alles nur ft üher gewußt hätte!“ ſt noch nicht zu ſpät.“ nn Verſprechen nicht zurück nehmen.“ il das zu einem unvermeidlichen Bruch ähren würde.“ , der in Ihrem Intreſſe liegzt“ noch Fei Ge wißheit.“ den Rf. ir?“ fragte er. daß Sie ſich in einer unangenehmen erwiederte der Polizeirath,„indeß hanbelt um etwas mehr, als um ein alle anderen Ruckſichten bei Seite ſetzen hre Wenn her entlarven nnen, erkauft, ſo wäre ei hzeit ſtattfände 6 „Das wäre wenn Ihre Behauptuugen begründet Te Sie noch immer an dieſer Begündung zweifeln Ich bin in meinem Amte ergraut und liegen hinter mir, ich würde nicht wagen⸗ ſr hoch geſtellten Mann dieſe Schritte zu unter⸗ nen, wenn ich nicht meiner Soche ſicher wäre.“ „Ich frage noch einmal, was ſoll ich thun 9 * „Halt noch eins! Haben Sie vielleicht einen Bref von dem 90 herrn? Majorat „Zuviel“ erwiederte der Ba ankier, indem er eine Schublade es Schreibtiſches öffnete und das verlangte Schriftſtück her⸗ E ehepfalls einige Papiere aus ſeinem legte Sie neben den Brief. ſchriften!“ ſa er Pa⸗ zwanzig Jahren beſchrieben, pſppsf Rbol während Brief kaum einige Anerbietungen me— 0 1 dE — 2 P 7 r di Pupiere je 3 16 U ——. . 0n u 1 7 7 R Nte in die Le omme önn bRU 1524 Sie glauben alſo, daß wir heute noch Gewißheit erhalten allerdings wäre ich von meinem Verſprechen ent⸗ Polizeirath hatte ſeien Hnt genommen und ſich der „Ich darf alſo varauf rechnen, daß ſch ſie zwiſchen fünf und ſechs Uhr an dem bezeichneten Orte ſiaden werde?“ fragte er. — „Ja, ich werde hingehen „Alſo auf Wiederſehen! Aber reden Sie mit Niemand darü⸗ ber, damit unſer Plan nicht in der einen oder andern Weiſe durchtreuzt wird.“ Der Bankier blickte eine geraume Weile ſtarr auf die Thür, hinter welcher der Beamte verſchwunden war, und es währte lange, ehe er ſeine Faſſuug wiedergefunden hatte. Aber wie auch die Sache auslaufen mochte, er war entſchloſſen, den Rath dieſes Mannes zu befolgen und Alles aufzubieten, um den Reitknecht zu einem Bekenntniß zu bewegen. on beweiſen, n„ oben war angettbpft 16). jch Jishp hne Wprt ch ieder, ohne en W 61 Es enthielt nur die wenigen Zeilen:„Warten Sie bis mor⸗ gen, alsdann ſollen Ihre Wünſche volle Erfü Wollen Sie ſich nicht geduldev, ſo iſt das Ihr eigner Madame Winkel hatte die Worte laut geleſen, fragend blickte ſie ihren Verlobten an. „Bis morgen?“ ſagte Johann nachdenklich.„Wenn man bis er ſich über alle die Schauſpielerin, auf welche die b warten bis nach der behaupten. Wir ſind vielleicht tbeckt werden.“ Idee kommen, deu e Mit eenge gemacht ihm dieſelben Mittheilungen gemacht werden, immer ein Hauptglitd in der Beweiskette!“ ne Wir hatt- ihre Wanderung wieder aufgenommen, let des Majora tshen a em Tiſche. 36 habe nie geglaubt, daß wir die große Summe erhalten würben, ſagt ie,„unt ic es auch heute noch nicht. könnten wir zufrieden ſein, und auch dieſe un herr nicht geben.“ Drohungen Heller's ſch. Pich eingeſchüchtert zu derte Johann in ſpöttiſchem Tone.„Der Baron muß zahlen—“ en er e nn bemmt d mit ihm abreiſt?“ wir den Telegraph ſpielen.“ ches Recht hätten wir dazu? Und denkſt Du denn⸗ die Pol klahe N hätten „ Brude Johan F „E wie ge Flucht. eintrat Johan den ſein, htert zu 1527— die Polizei würde uns ſofort glauben ſchenken? Ehe wir die An⸗ klage bewieſen haben, iſt er ſchon in Ame ika.“ „Na, ſo raſch geht das auch nicht,“ ſagte hätten wir gar keinen Gewinn davon.“ meine ich, es ſei müſſen unſre vorſchreiben?“ „Es kommt auf den Werth Deſſen hietet.“ Johanu ungeduldig „Er wird auch morgen nicht Geld nicht erhalten wird er es auch mornen ₰ urchl ehdllen, 0 wird er es auch morgen lten—“ „Das kann wan nicht wiſſen.“ „Ich M das auch ſo ſicher nicht be aupten, aber—“ „Warten wir, Florentine, wir verlieren dadurch nich wie geſagt, der Zaron denkt vor der Hochzeit Flucht.“ Madame Winkel wollte eben eine die Thüre leiſe geöffnet wurde und eintrat. Johann fuhr von ſeinem Sitz emp den ſofort erkannt. „Ihr ſeid der Reitknecht des Majoratsherrn von Oſthofen?“ fragte der corpulente Herr, Blick muſterte. „Ich war es.“ „Richtig, man hat Euch entlaſſen!“ „Nicht doch, ich habe meine Entlaſſung genommen,“ erwiderte Johann, während Madame Winkel dem reichen Herrn einen Stuhl anbot. „So, ſo, weshalb“ während er ihn mit einem ſcharfen E — — — 1528 „Weil mir die Stelle nicht mehr zuſagte.“ „U nd jetzt erwartet Ihr ihn?“ Johann blickte ſeine Braut an, als ob er ſie fragen wolle, darauf geben daß Euch Geld bring wird,“ ſagte der eine vergebliche Hoſſann er wird nicht Lſon c[oy Thaler, t Verlob ten du ganze Sun Ihnen das geld nicht w wir den Drohungen, die er kennt, die That r Bankier, an der goldnen Brille rückend⸗ zu beſitzen brUCh 11 * 6 . 1— 4..„ 1 1 1 30 10 1 a Sie dann„Ich erwarte ꝙ M+ 36 73 1 8 6 t, die That Wünſche mittheilen. W eide ehrlich und ſtrebſam, und eine ruhige, geſicherte iſt Alles, was wir verlangen. Wir hatten uns eutſchloſſen, einen Gaſthof zu übernehmen, wenn ſind, imm „Kön hat und dern Mann ſichere Mittheilungen machen kann, werder Ihr„Ve dann auch noch zweifeln? cotpulen Der Reitknecht ſah den Beamten 1 an; das hatte er greifen, keines falls erwartet. zigt zb Aber auch die eren waren überraſcht, ihre Mienen verrie⸗ Johe then es, und mit Spannung erwarteten ſie weitere Mittheilungen Zld, ſ „Dieſer Mann kann als Zeuge gegen den Abentheurer auf⸗ ſinmnd trelen,“ fuhr Heller fort,„er kann bezeugen, daß der wirkliche„Ve Majoratsherr von Oſthofen drüben erſchoſſen und begraben wor⸗ und alſe den iſt—“ i „Kann er das wirklich?“ fuhr der Bankier auf⸗ anune „Ja er kann s.“ in ſen ſetzen— — 2— ſnb Ader 1 l hr ertie 1 Uſ⸗ irkliche Aben wor⸗ 1531 Der corpulente Herr fank mit einem ſchweren Seufzer auf ſeinen Sitz zurück, jetzt war ſeine letzte Hoffnung vern mit Entſetzen dachte er ſchon an den Spott, der nicht konnte, wenn man erfuhr, au welchen Gründen der ſchönen ſtolzen Bankierstochter mit Oſthofen gelöst worden war bi SebURg „Und wenn Sie dieſe Beweiſe haben, w auf uns einen Srt üken?“ fragte Madame p E 3 die Beweiskette vokzählig Johann erwachte aus Singen, er behülflich ſen?“ wandte er ſich zu dem Banki r, der finſter vor ſich hinſtarrte. „Was bieten Sie uns*“ fragte der Polizeirath raſch. „Die vollſtändigſten, über dſten Beweiſe.“ „Ich habe ſie ſcho n.“ 3 bafür!“ hat: und baß der rothe Franz an der Ermordung vers ſchulbloz iſt?“ Heller gab dem Bankier, der ihn rathlos anſtarrte, verſt hlen einen Wink. „Was ich verſprochen habe, das werde 5 halten,“ ſagte der corpulente Herr.„Ich werde Euch in jeder 2 zeiſe unter die Arme greifen, vorausgeſoetzt, daß Ihr Euch meines Pertra ens würdig zeigt.“ 9 Flori on tül EM⸗ VDi Se ſeiner Braut einen bede utungs hen Blick, ſie forſchend an, dann nickte ſie zu⸗ ſtimmend. „Wenn es w⸗ iſt, daß der Majoratsherr kein Geld er halten und alſo auch unſre Bedingungen nicht erfüllen wird, ſo können wir wohl nichts Beſſer es thun, als den Vorſchlag dieſes Herrn anzunehmen, verſetzte ſie.„Wir geben uns freilich damit ganz in ſeine Hand und müſſen auf ſeine Ehrlichkeit unſer Vertrauen ſetzen—“ ———— —— ür bürge ich!“1 unterbrach r Baron wirklich der Betrüger und Abenht rm Lh in der aindhei er⸗ wiſſen, plondeltt dieſen n 5„ n Abend bei ihm,„Vü aſche Rothwein geholt.“ begründ „Der Wirth, der in dieſer Straße wohnt, kann ſie geben. uin d Bei ihm hat der Hofmeiſter den Wein geholt, ihm hat der alte„Kei Mans geſagt, der tsherr von Oſthofen ſei bei ihm.“ G „Dieſer Zenge iſt wichtig!“ nickte der Polizeirath,„wir wer⸗ der, ge den ſogleich zu ihm 3* Verim „Und ſehen Sie das volle Glas dort in den Schrank?“ an ihn — S fragte Madame Winkel.„Laſſen Sie den Juhalt unterſuchen,„S und ich Sie werden die Entdeckung n machen, daß es das⸗ ſelbe Gift enthält, welches den Hofmeiſter tödtete.“ wie kommen Sie dazu?“ fragte Heller, während ſein Blick auf dem Glaſe ruhte. dem der alte 5 die Schauſpiel Aigebat und Schauſpieler K konnte, und n We ge heſeitigen, auf ſe antwortete xträts S ühere Er wußte, daß ich ihn vernichten n, die ich ihm ſtellte, waren ihm je⸗ denfalls unanger er kam i e davon, wenn er auch mich „Aber hatte denn das ihe Ende des alten Mannes varnt?“ fragte Heller Zweck errel ſcht Ften. Er forberte We indem er ſcheinbar uf meine Bebingungen einging und mih dadurch in Sicherheit zu wiegen ſuchte. erte e mich auf, mit ihm zu trinken, mit ihm auf dauernde Freundſchaft anzuſtoßen. Ich that es, und er plauberte von alten Zeiten, bis er plötzlich ein Glas Waſſer ver⸗ langte Um es zu holen, mußte ich das Zimmer verlaſſen, und als ich draußen war, ahnte ich, daß mir dieſelbe Gefahr drohte, die den Hofmeiſter getödtet hatte. Er wollte mich zwingen, das Glas auszutrinken, ich nahm es und' ſagte ihm in's Geſicht, daß es Giſt enthalte, dann ſtellte ich es in den Schrank, entſchloſſen, dieſen werthvollen Beweis mit meinem Leben zu vertheidigen!“ „Und Sie können mit voller Sicherheit behaupten, daß dieſes Glas Gift enthält?“ fragte der Bankier mit zitternder Stimme. „Ja, ſeine Wuth hat mir bewieſen, daß meine Vermuthung begründet war.“ Der Polizeirath trat an den Schrank und öffnete ihn, er nahm das Glas und hielt es prüfend unter die Naſe. „Kein Zweifel,“ fagte er,„der Wein enthält Blauſäure!“ „Entſetzlich!“ ſagte der corpulente Herr.„Wenn dieſer Mör⸗ der, gegen den ich nie einen Verdacht hegte, dem ich das größte Vertrauen ſchenkte, das Band geknüpft hätte, welches meine Tochter an ihn feſſelte—“ „So würden Sie wahrſchenlich nicht lange mehr gelebt G G * haben,“ erwiderte Heller. Ihr Tod brochte ihn in den Beſiß eines enormen Vermögens, denn er war Ihr einziger Erbe. Und daß er vor Morde nicht zurückſchreckte, davon werden Sie Vein geg ie h beſchören in welcher Flo dem Schauplatze Verbrechen begangen rer Name?“ „Peter Gruner.“ „Gruner?“ wiederholte der Poli:„der ſie 6 in icht Sa zeuge auſgetette n7“ il er für man werde ihm keinen Glauben ſchenken.“ iſt ie Zee Richtig er ſteht des Mannes jetzt durch die Ausſage der ewiderte Johann. geſehen haben, daß gleich darauf ber Mann — S 3 5 4 . aber wenn nun dennoch—“ „Zweifeln Sie noch immer?“ wird, bieſer fun Glauben zu ſchenken.“ „Geduld die Wah Anklage wird bewieſen werden!“ „Darauf muß ich jetzt vertrauen,“ nickte der korpulente Hert während er langſam ſeine Handſchuhe anzog.„Und wenn 5ies weiſen. Was ich verſprochen 5 das halte ich verlaſſen Sie Fomilte vor einem furchtbaren Unglück bewahrt haben.“ Er nickte ihr noch einmal zu, dann ging er hinaus, und nie in dieſem Augenblick. Es war möglich, daß er das große Kapital, welches er den Majoratsherrn gegeben hatte, trotz der hypothekariſchen Sicher⸗ heit verlor. Wenn Baron Udo ſeine Forderung beſtritt, und es auf einen Prozeß ankommen ließ, dann war es ſehr zweifelhaft. ob das Urtheil zu Gunſten des Klägers oder des Angeklagtn lautete. Es war ferner möglich, daß die Entlarvung dieſes Verbrechers ihm noch weitere Verluſte brachte, an die er jetzt noch nicht dachte, aber alle dieſe Verluſte, hätte er verſchmerzen können, wenn er vor dem Spott und Hohn ſeiner Freunde und Bekaun⸗ ten ſich er geweſen wäre. „Er hatte mit dieſer Verlobung ſich gebrüſtet und ulle Glück⸗ wünſche mit einem ſelbſtgefälligen Stolz angenommen, die jeden verletzt und heleidigt, er war ſeit dieſer Ver lobung noch hoch⸗ müthiger geworden, und er wuste nur zu wohl, daß man ihm das nicht vergab. Konnte er jetzt noch dieſem Hohn vorbeugen? Er dachte darüber nach, aber er fand keine befriedigende Antwort auf dieſe Frage, immer wieder mußte er ſich ſagen, daß er zu lange gewartet habe, und daß es nun zu ſpät ſei, den Folgen zu begegnen. Mit dieſer verzweifelnden trat er in das Bondoir ifelten Stimmung gefunden, wie ſtey Ein Bal ner en Sicher⸗ ltt, und es Angeklagtn Verbrechers noch nicht en können, d Bekann⸗ die jeden noch hoch⸗ nen ihm orbeugen? riedigende ſich ſegen, ſpät ſei, „ oopnit 7/* 5 f ſteht feſt, daf ſ Das iſt 5 ät pof S + 9 U zu wär nen Verlobte meiner Couſine hatt mir Mitth h, 1 die ich mit Schweigen übere zu wiederh h der mir ſelbſt Ge zu verſchaffen dieſe Na mich ſo ſehr berraſch wir dieſe Mar Bankier Bar der Menge zu erwarten eben corpulente Herr N L e 1 94 19 „Aber iſt denn wirklich fragte Roſ [es1 BPel Wil 1 „Und der 8 unꝰ ʒurück. „Wir könn en Prozeſſes fällt auf ſter umwölkte. dern der Bankier achſel⸗ zuckend,„die Wa ſind[iber: gekommen.“ „Könnte ich meinem Onkel dieſen Kummer erſparen, ich würde Der Baſtard 97 — 1538— es thun um jeden Preis,“ fuhr Klara fort,„er hat na dem, was auf ihm ruht, ſo ſchwer zu tragen—“ Verzeihen Sie gnädiges Fräulein,“ fiel der corpulente Herr ihr ins Wort.„Ich kann nicht recht glauhen, daß dieſe Entdeck⸗ ung ihm ſo großen Kummer bereiten wird, im Gegentheil, es muß ihm zur Genugthuung gereichen, daß der Betrüger entlarvt und das Majoratsgut dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückgege⸗ ben wird.“ „Glauben Sie, das er daran denken wird?“ „Gewiß, die Vortheile dieſer Enthüllungen werden ihm ſofort einleuchten!“ „Der Verluſt ſeines einzigen Sohnes—“ „Dieſe Enthüllungen werden ihn ſo ſehr beſchäftigen, daß er über den Verluſt leichter hinweg gehen wird. Bereiten Sie ihn darsuf vor, damit er nicht zu ſehr überraſcht wird, Sie werden ſich überzeugen, daß Ihre Mittheilungen einen anderen Eindruck auf ihn machen, als den, welchen Sie befürchteten.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Roſa, die ihre Faſſung um ſo raſcher wiebergefunden hatte, weil ſie auf dieſe Entdeckungen vorbereitet geweſen war.„Wenn er erfährt, daß der Mann, der ſich in ſein Vertrauen eingeſchlichen, ihn betrogen und beleidigt hat, ein Abentheurer iſt, ſo wird er ſich mit ganzer Seele der Entlarvung des Betrügers widmen und nicht ruhen, bis derſelbe ſeine gerechte Strafe erhalten hat.“ Baroneſſe Klara ſchüttelte den Kopf, ſie kannte den offenen, ehren feſten Character Onkel Udo's beſſer, ſie wußte, daß ihm nichts ſo ſebr zuwider war, als ein Eclat, der jeder müßigen Zunge erlaubte, ſeinen Namen in den Staub zu ziehen. Was ſie thun wollte, wußte ſie ſelbſt noch nicht, als ſie Ab⸗ ſchied nahm, und in ſeiner Verwirrung dachte der Bankier nicht daran, ihr Verſchwiegenheit anzuempfehlen. Roſa blieb mit ihrem Vater, nachdem er die Baroneſſe bis zur Hausthüre begleitet und Klara jede weitere Begleitung ab⸗ gelehnt hatte, allein. „Was ſoll nun geſchehen?“ fragte ſie,„Müſſen wir dieſe ganze Schmach ſchweigend über uns ergehen laſſen?“ Der corpulente Herr legte die Hände auf den Rücken und berjenigen⸗ Vir jort,„und nit ſcherl Gründe ki ſo möge „Gut, wird,„hel „Want „Helte „Und „Die „Hmn, fragte J dann heb tende Vo werben.“ „Gla erwiederte ſtolze Toc oder nur „Und „Iſt „Wesh entlarvt ticzege, n ſoſort en, ten d, Sie anderen g g —— ung um eckungen inn, der beleidigt eele ber derſelbe offenen, aß ihn müßigen ſie Ab⸗ ier nicht teſſe bis ung ab⸗ vir dieſe en und — 1539— wanderte lange auf und nieber, um ſeiner Erregung Herr zu werden. „Und was wir auch thun mögen,“ anwortete er,„dem Spott derjenigen, die uns bisher beneideten, werden wir nicht entgehen.“ „Freilich nicht, aber—“ „Wir können ihm die Spitze abbrechen,“ fuhr der Bankier fort,„und was in dieſer Beziehung geſchehen kann, das werden wir ſicherlich thun. Schreibe ſofort an den Baron einen Brief, in welchem Du bie Verlobung aufſagſt.“ „Unter welchem Vorwande?“ „Muß ein ſolcher Btief Gründe enthaltea?“ „Gewiß, mein Kind.“ „Ich glaube, es iſt unnöthig. Ich werde ihm ſchreiben, die Gründe könne er ſelbſt errathen, wenn er ſie aber wiſſen wollte ſo möge er ſich an Dich wenden.“ „Gut, die Möglichkeit, daß er ſich deshalö an mich wenden wird,„haben wir nicht zu befürchten.“ „Wann ſoll der Brief abgehen?“ „Heute Abend noch.“ „Und wenn er nun nicht verhaftet würde?“ „Die gegen ihn vorliegenden Beweiſe ſind überzeugend!“ „Hm, ich weiß nicht, ob die Sache dennoch nicht ihre Bedenken hat,“ fragte Roſa nachdenklich;„es können Scheinbeweiſe ſein, und dann haben wir uns nicht nur compromitirt, ſondern auch bedeu⸗ tende Vortheile verſcherzt, die uns vielleicht nie mehr geboten werben.“ „Glaubſt Du denn, doß ich daran nicht auch gedacht habe?“ erwiederte ber Bankier, indem er ſtehen blieb und ſeine ſchöne, ſtolze Tochter forſchend anſah.„Wenn es Scheinbeweiſe wären, oder nur die Möglichkeit vorläge, daß ſie es ſein könnten, ſo würde ich Dich gewiß nicht zu dieſem Schritt veranlaſſen.“ „Und was ſoll weiter geſchehen?“ „Ich werbe morgen öffentlich in der Zeitung die Vorlobung aufheben.“ „Iſt das wirklich rath „Weshalb nicht?“ ſam gemacht.“ 97* —— 1540 „Däs e ich,“ nickte der ganze Stadt weiß, daß Du mi tenvſen drum muß auch die ganze Stadi „Mun „Puh, was liegt uns da vas man andere Er iſſe verdrängen „Nicht ſo raſch, wie Du S „Nun benn, biſt Du bereit, morgen 7 „Alſo genehmigſt Du ihn? „Gewiß, 6 nuß ja ſelbſt wünſchen, die Stadt für einige Zeit zu ver laſſen. „Und Du tunnſ morgen früh abreiſen?“ „Ich werde meinen Koffer heute Abend noch packen.“ „Gut,“ ſagte der Bankier be 6 digt,„unſre Familie in der Reſdenz hat Dich ſchon oft eingeladen, 3 wirſ ihr jedenfolls willkommen ſein. Und doß Du Dic dort amüſiren wirſt, be⸗ zweifle ich auch nicht, in der Reſidenz wird Dir mehr geboten, als in dieſer Stadt. Du wirſt dort ſo lange bleiben⸗ bis das Gerede hier verſtummt iſt.“ „Werde ich nicht in dem Prozeß gegen den Baron zeugen müſſen?“ „Nein,“ wenigſtens wüßte ich nicht, welches Zeugnis man von Dir verlangen wollte.“ „Und wenn es geſchehen ſollte, dann kaunſt Du— „Dann werde ich Sorge tragen, daß man auf Deine Aus⸗ ſagen verzichtet.“ „Alſo bleibt es dabei?“ fragte Roſa. „Ju,“ erwiderte der Bankier in entſchloſſenem Tone. „Wer ſoll den Brief nach Oſthofen bringen?“ „Unſer Kutſcher.“ „Der Baron könnte ſich nach Empfang d des Briefes bewogen fühlen, ſofort unſpannen zu laſſen, und hieher zu kommen.“ Mit dieſ taufen.“ Du „D Ni es dispo Roſe suf, der that ſie bewieſen unſrer Vie ſoll gen geko klagen e die ſogn „Wb nen Ve Zweck; „Je niß man U⸗ vor S hingelegt, der corz facher Mörber!“ e Roſa, das Hanpt ſtützend.„Das iſt eine furchtbare Anklage!“ Grunde machte er Dir das Anerbieten?“ dreifo 6 rher!“ „Sie kann [ ſiganſen S zu inkläger er Mit dieſer Summe wollte er das A „Du haſt ihm bas Geld wirklich gegeben?“ „Nein, aber ich würde viclleicht gethan haben, wenn ich es ttne geha bt hät tte. Roſa licke auf, in ihrer Seele ſtieg plötz auf, der ſie beunruhigte. „Baroneſſe Klara warnte uns zuerſt,“ ſagte ſic,„weshalb that ſie es? Aus Pflichtgefuhl? Sie hat mir nie Freundſchaft bewieſen, im Gegentheil, ihr Benehmen mir gegenüber war von unſrer erſten Begegnung an zurückhaltend und nahezu beleidigend Wie ſollte ſie nun plötzlich zu dieſen freundſchaf Geſinnun⸗ gen gekommen ſein? Wäre es nicht möglich, daß man dieſe An⸗ klagen erſonnen hätte, um den Bruch zu ver uue und dadurch die ſogenannte Mesalliance zu verhüten?“ „Aber ich bitte Dich, Roſa, würde Baroneſſe Klara den eig⸗ nen Vater des Betrugs und des Mordes beſchuldigen, um dieſen Zweck zu erreichen?“ „Ich weiß nicht—“ ——————— 7 — 1542— „Nein, nein, die Anklage geht überhaupt von einer ganz aß⸗ deren Seite aus,“ ſagte der Bankier,„die Familie hat gar nichts damit zu ſchaffen.“ „Dann frage ich noch einmal, weshalb warnte Klara mich?“ „Vielleicht deshalb, um ſich ſelbſt Gewißheit zu verſchaffen. Der frühere Verwalter hatte ſie, oder vielmehr ihre Tante ge⸗ warnt, die Baroneſſe glaubte möglicherweiſe, Du werdeſt ihr wei⸗ tere Enthüllungen machen können. Weshalb ſollen wir uns da⸗ rüber den Kopf zerbrechen, nehmen wir die Dinge wie ſie ſind und halten wir uns einfach an die Thatſachen.“ Rofn hatte den Brief beendigt, ſie übergab ihn dem Vater, der ihn flüchtig las und ſeine Befriedigung durch ein Kopfnicken zu erkennen gab. „Ich ſelbſt werde die Adreſſe ſchreiben, damit er weiß, daß ich den Inhalt des Briefes kenne und mit ihm einverſtanden bin,“ ſagte er,„meine Handſchrift auf der Adreſſe kann ihm da⸗ rüber keinen Zweifel laſſen. Und nun beginne mit Deinen Vor⸗ bereitungen für die Reiſe, mit dem erſten Zuge morgen früh mußt Du abfahren.“ Er ging hinaus, und eine Viertelſtunde ſpäter verließ der Kutſcher das Haus, um den Brief nach Oſthofen zu bringen. Der daß der ſeine Vi Went ſich gett den obr ihn die vetyfünd zuhlen n Wa auch da die Klu Nac Der und es hielt, e Schauſp ſie das Die) Vagabm ging au einen den, u weiſe fa mi hu Sie inen Vor⸗ rüh nußt tließ der 58. Kapitel. Das Ende des Glanzes. Der Majoratsherr von Oſthofen hegte die feſte Ueberzeugung, daß der Brief, den er an Madame Winkel geſchrieben hatte, ſeine Wirkung nicht verfehlen werde. Wenn auch die Beiden in ihrer augenblicklichen Erwartung ſich getäuſcht ſahen, ſo mußten ſie doch einſehen, daß ſie unter den obwaltenden Umſtänden nichts Beſſeres thun konnten, als ihm die kurze Friſt zu bewilligen, zumal er ja ſein Wort dafür verpfändet hatte, daß er am nächſten Tage ihnen das Geld zahlen wolle. Was hatten ſie davon, wenn ſie nicht warteten? Mochten ſie auch darüber, daß ſie heute ſich getäuſcht ſahen, wüthend ſein, die Klugheit gebot Ihnen doch, ſich zu gedulden und zu ſchweigen. Nach dieſer Seite hin glaubte der Baron Alles geordnet. Der Bankier hatte verſprochen, morgen das Geld zu zahlen, und es war jetzt auch mit Sicherheit anzunehmen, daß er Wort hielt, er durfte ferner darauf vertrauen, daß Johann und die Schau ſpiele rin in ihrem eignen Intereſſe ſchweigen würden, wenn ſie das Geld erhalten hatten. Die Rückkehr des Polizeiraths aus London der Beſuch des Vagabunden machten ihm freilich noch einige Sorgen, aber er ging auch darüber leicht hinweg; der Vagabund mußte auf dem einen oder andern Wege, wenn auch durch Opfer beſeitigt wer⸗ den, und der Polizeirath konnte dann lange ſuchen, bis er Be⸗ weiſe fand. Aber trotz alledem er auch zu in Ruhlos, mit der bre in der Hand, durchwan⸗ derte er alle Räume ſeines Schloſſes, jene Räume, die er für die neue Herrin ſo prächtig hatte ſchmücken laß Von Zeit zu Zeit er ſtehen, um über irgend eine Frage nachzudenken, aber gleich darauf eilte er wieder weiter, gehetzt von dem eignen böſen Geniſen, welches ihm in jeder dunklen Ecke ein drohendes Geſpenſt zeigte. Er konnte erſt dann wieder frei aufathmen, wenn er an der Seite ſeiner jungen Frau der Heimath den ücen gemandt haite, und er war entſchloſſen, von dieſer Reiſe erſt dann zurückzukehren, wenn über alle Ereigniſſe, die ſein Gewiſſen belaſteten, Gras ge⸗ wachſen wer. Vielleicht auch kam er nie zurück. Er konnte ja das Majo⸗ ratsgut ſeiner Tochter überlaſſen und ſich in Italien oder in der anzuſiedeln, die Mitgift ſeiner Frau und das Vermögen ſeines Se wiegervaters gewährten ihm hierzu die Mittel. Jedoch, daß waren Projekte, über die er jetzt nicht nachbenken mochte, es war immer noch früh genug, wenn er ſich nach der Hochzeit mit ihnen beſchäftigte. Er kehrte in ſein Kabinet zurück und ſchlug die Rechnungs⸗ bücher des entlaſſenen Verwalters auf. Er wollte ſeine Gedanken zwingen, ſich mit anderen Dingen zu beſchäftigen, und nichts war mehr dazu geeignet, als das trockne Studium dieſer Bücher. Wenn er die Beweiſe fand, die er haben mußte, um eine An, klage gegen Wortmann erheben zu können, ſo beſaß er wenigſtens eine Waffe, mit der er den alten Mann zwingen konnte, ſeine Feindfeligkeiten gegen ihn ein zuſtellen. Und daß er ſolche Beweiſe finden werde, bezweifelte er nicht. Wortmann mußte den früheren Majoratsherrn betrogen und beſtohlen haben, wie hätte er ſonſt ſich ein ſo großes Vermögen erwerben können! ronſe Ci mich ſcht Sr aber die jenes ſe armen „Unt iſt?“ fra Buders „Jo, „Si währen ie Bee W 8 Majo⸗ r in der ermögen hdenken noch der Gnungs⸗ Gedanken ichts war eine An, enigſtens te, ſeine et nicht. gen und Bermögen eil zu wid dmen. „ſeh noy⸗ Geräu) eines raſch VOr⸗ öshei wang, in ſeiner wenig intt n 36 oder Freunbe, die ihn warnen wokten⸗ ic Madame Winkel, um ihre Antwort auf den Brief ihm zu 5. Sß der Me ſah i6 ſeinem Bruber Er hatte ſich raſch erhoben, mit ausg ihm entgegen. „Ich längſt Nachrichten von Dir erwartet,“ ſagte er, „daß Du aus England zurückgekehrt biſt, wußte noch nicht.“ Baron udo ſchwieg, er ſchien nicht zu bemerken, daß ſein Bru⸗ der ihm die Hond Pot. „Ich hoffe, daß Du drüben Deinen erreicht und Ba⸗ roneſſe Cäcilie gefunben,“ ſuhr der Majoratsherr fort,„es würde mich ſehr freuen—“ „Baroneſſe Cöcilie iſt mit mir heimgekehrt,“ erwiederte Udo, aber die Machinationen, die von hier aus gegen die Verfolger jenes ſchändlichen Weibes geſchmiedet wurden, hätten meinem armen Kinde Ehre und Leben koſten können.“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Ich will das nicht weiter erörtern!“ „Und iſt es wirklich wahr, daß Bruno ermordet worden iſt?“ fragte der Majorathsherr, dem der ſchorfe harte Ton ſeines Brubers nicht geſiel. „Ja, es iſt leider nur zu wahr.“ „Wie erträgt Abdelaide dieſen Verluſt?“ „Sie iſt ruhiger und gefaßter, als ich erwartete!“ „Sie hat einen ſtarken Charakter, nickte der Majorasherr, während er wieder vor dem Schreibtiſch Platz nehm.„Wann ſoll ie Beerdigung ſtattfinden?“ „Morgen früh.“ „Natürlich wird die Leiche in unſerer Familiengruft beigeſetzt?“ „Daß hedarf keiner Frage.“ „Allerdings nicht, Du haſt Recht,“ ſazte Baron Edmund, dem dieſe Unterhaltung, er wußte ſelbſt nicht warum, immer peinlicher wurde.„Ich werde mich einfinden, um ihm das letzte Geleit zu geben. Wer hätte das damals gedacht, als er Abſchied von uns nahm! Aber ich habe ihn immer gewarnt und auf die unausbleiblichen Folgen ſeines Leichtſinns aufmerkſam gemacht. Du wirſt doch den Mörder verſolgen laſſen?“ „Ich?“ erwiederte Udo, den Bruder feſt anblickend.„Was hätte ich davon? Es bleibt ſo mancher Mord unentdeckt, daß es auf einen mehr oder weniger nicht ankommt, und der Schauplatz des Verbrechens iſt überdies zu weit von hier entſernt.“ „Die römiſche Polizei müßte das übernehmen.“ „Man hat mir geſagt, ſie werden nichts entdecken, und ich habe nun Aufregungen genug gehabt.“ „Aber Adelaide—“ „Sie denkt in dieſem Punkte wie ich. Die Beſtrafung des Mörders kann unſern Sohn nicht in's Leben zurückrufen, und ich habe keine Luſt, nach Rom zu reiſen und Nachforſchungen anzuſtellen, die möglicherweiſe zu keinem Reſultat führen.“ Der Majoratsherr ſchlug die Augen nieder, der glühende Blick des Bruders, der unverwandt auf ihm ruhte, war ihm un⸗ angenehm. „Du mußt das natürlich ſelbſt wiſſen,“ ſagte er.„Man ver⸗ zichtet nicht gerne auf die Genugthuung, die ein ſolches Verbre⸗ chen gebieteriſch fordert.“ „Sehr wahr, und deshalb wird auch von Seiten der Be⸗ hörde Alles aufgeboten, den unbekannten Thäter räthſelhafter Verbrecher zu entdecken. Man hat neuerdings den Selbſtmord Hurters in Frage geſtellt und die Unterſuchung wieder aufge⸗ nommen.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Man bringt dieſen plötzlichen Todesfall mit der Ermordung Benders in Verbindung.“ „In welcher Weiſe?“ fragte der Majoratsherr höhniſch. Nol begangen br Mio wittert it „Erla noch Kar Fal betr ſchließſich nur die? „Und „Nei „Der ihn feſ Baro Lachen. „Et zgend doch genüber, mühſam ſein, um „Man b ſpieler „Da „, klage erg „Die „Ju „Jö „W imner Vſchied f die gnt. .„WVas daß e Shulat und ich fung des ſen, und ſchungen 0 1. glühende ihmun⸗ Nan ver⸗ Verbre⸗ der Be⸗ ſelhafter lbſtmord aufge⸗ mordung . — 1547— „Man behauptet, ein und dieſelbe Hand habe beide Verbrechen begangen,“ erwiderte Baron Udo mit ſchärferer Betonung. „Ich errathe ſchon, wer Dir das Alles geſagt hat,“ verſetzte der Mojoratsherr.„Der Polizeirath Heller hat Dich auf der Reiſe noch England begleitet, dieſer intriguante Polizeiſpion wittert überall ein Verbrechen und— „Heller iſt ein ruhiger und vernünftiger Mann, der— „Erlaube, er iſt ein ehrgeiziger Menſch; er möchte gerne jetzt noch Karriere machen, oder einen Orden verdienen, das iſt die Trlebfeder ſeiner Handlungen. Jeden nur irgend zreifelhaften Fall betrachtet er als ein Verbrechen und was liegt daran, ob ſchließlich ein Schuldloſer dieſes Verbrechens angeklagt wird, wenn nur die Richter ihn verurtheilen.“ „Und weißt Du, wen er anklagt?“ „Nein.“ „Den Mojorateherrn von Oſthofen!“ erwiderte Baron Udo, ihn feſt anblickend. Baron Ebmund lachte, aber es war ein heiſeres, unheimliches Lachen. „Er klagt ihn an des Betrugs und des Mordes, und ich fürchte, daß die Beweiſe, die er gegen ihn geſammelt hat, über⸗ zeugend ſind.“ Hoch aufgerichtet ſtand der Majoratsherr ſeinem Bruder ge⸗ genüber, aus ſeinen Augen leuchteten die Gluthen des Haſſes und mühſam erhaltener Wuth. „Das fürchteſt Du?“ fragte er heiſer.„Ich will eher glauben, daß Du es wünſcheſt!“ „Wenn das der Fall wäre, würde ich nicht hieher gekommen ſein, um zu warnen!“ erwiderte Baron Udo, nicht minder erregt. „Man behauptet, der Majoratsherr von Oſthofen ſei ein Schau⸗ ſpieler—“ „Dus behauptet dieſer Spion?“ „Ja, dos behauptet dieſer Polizeirath, und aus dieſer An⸗ klage ergeben die übrigen Beſchuldigungen ſich von ſelbß.“ „Die übrigen Beſchuldigungen?“ knirſchte der Majoratsherr. „Jawohl. Die Ermordung Benders und des Hofmeiſters—“ „Ich werde dieſem Heller das böſe Maul ſtopfen!“ „Wenn er nicht überzeugende Beweiſe hätte, würde er nicht — 1548— en, mir dieſe Enthülungen zu machen, 5* gemeſſenem Ernſt.„Der Bankier Be 1 terrichtet—“ „Alſo ein biges . werde d ieſem 5 ſFo 86 Schlinge fa z6 Er kann mir nicht„da † 1 W 1 3„ dHip o ch ihm dürren Worten die Thüre zeigte, als er die Forde i Fnzf 3 vertrat, der mir in früheren Ja Ich machte ihm kein Hehl aus natürlich, daß ihn das empört und ge⸗ „Ich ſyreche Beweiſen und nicht von Vermuthungen!“ „Bah, wenn er Beweiſe hätte, würde er nicht lange zögern gegen mich vorzugehen, ich kenne ihn und ich weiß, daß ſolche im Dienſt ergraute Poliziſten rückſichtslos ſind. Weshalb ßeckt ndre? Was bebeut⸗n dieſe Umwege. Doch wohl ar, d eine Sache nicht ſicher iſt!“ Au der Stirne Baron Uso's zeigten ſich brohende Fölten, ein herber Zug unzuckte ſeine Mundwinkel. „Ich bin hieher gekommen, um zu warnen,“ ſagte er,„und zwar meinetsillen, nur aus Rücſichten auf meinen Namen und meine Familie dazu bewogen. Ich möchte am liebſten auf dieſem Wege die georbnet ſehen, wenn dieſer Weg auch mit Opfern für mich verknüpft iſt.“ „ Wes Du damit ſagen willſt, weiß ich nicht.“ „Es iſt ſehr einfach. Die Flucht wäre pas einfachſte und kürzeſte Mittel—“ „Die Flucht? Es wäre geradezu lächerlich, wenn ich die en unſinnigen Ftath befolgen wollte! Weshalb ſoll ich fliehen Od, ich errathe, man wünſcht hier freie Hand zu bekommen, überbies o vürde meine Flucht den boshaften Verleumdungen des Polizei⸗ ſpions den Schein der Wahrheit geben.“ „Wenn die Anklage erhoben wird und in Folge deſſen die Verhaftung erfolgt, ſo werde ich mich genöthigt ſehen, dieſe An⸗ klage zu unterſtützen.“ „Wirklich?“ ſpottete der Majoratsheer, während er mit gro⸗ ßen Schritten auf und nieder wanderte.„Nun, ich würde darin auch nichts Abſonderliches fin„ die Charaktere Jind ſehr ver⸗ treffen* Ohne cherhrit a gehen dur Der 2 nach der ihnen ſan Es w 5 woh ¹ . „ n N ———— ſchieden geartet, aber die Solbſtſucht haben ſie alle mit 8 1 † Er konnte Oder der Vagabund aus Kalifornien* dem Selbſtmord Hurter's wenn er auch ſeine Vermuthungen 3— nn hnit ausgeſprochen hatte. gehen durfte. Der Baron öffnete die Schubladen ſein nach der andern und ſuchte alles Geld zuſammer Es war eine ziemlich bedeutende Summe, was da in Bank⸗ noten und gemünztem Gelde vor ihm lag, aber ſie genügte ihm nicht, ſie reichte nicht hin, ihm drüben ein Leben zu ſichern, wie er es zu führen wünſchte. Sollte er wirklich die Flucht ergreifen? Der Kammerdiener brachte ihm einen Brief; er ſei an der Thüre abgegeben worden, ſagte er. Der Baron erbrach mit zitternden Händen das Siegel, er hatte die Handſchrift des Bankiers ſofort erkannt. Haſtig überflog er die Zeilen, ein heiſeres Lachen entreng ſich den bebenden Lippen. „Die Rotten verlaſſen das Schiff,“ murmelte er leiſe,„ich hätte es erwarten können.“ Er ſtützte das Haupt auf die Hand und verſank in Sinnen. Jetzt durfte er freilich nicht mehr darauf rechnen, daß der Bankier ihm das Geld zahlte, er hatte eigenhändig den Brief adreſſirt, alſo war er auch mit dem Inhalt desſelben einver⸗ ſtanden! Plötzlich fuhr er aus ſeinem Sinnen empar, ein leiſer Schrei entfuhr ſeinen Lippen, vor ihm ſtand der Vagabund. „Hol Euch der Teufel!“ rief er wüthend.„Wer hat Euch eingelaſſen?“ „Ich ſelbſt,“ erwiderte Bucket ruhig. „Ohne Erlaubniß? So machen's die Spitzbuben auch!“ „Pah, wir wollen uns gegenſeitig keine Schmeicheleien ſagen, es kommt nichts dabei heraus.“ „Was wollt Ihr hier?“ fragte der Majoratsherr, indem er ihm einen drohenden Blick zuſchleuderte. „Plaudern!“ ſagte Bucket, der bereits ſich in einem Seſſel niedergelaſſen haite. „Seid Ihr verrückt?“ „Bewahre, ich bin ſogar außerordentlich vernünſtig.“ „Und ich behaupte das Gegentheil. Scheert Euch hinaus!“ „Soll ich vraußen an die große Glocke hängen, was ich weiß?“ Der Baron biß ſich auf die Lippe, Bucket rückte mit ſeinem Seſſel näher, und er wußte es dabei ſo einzurichten, daß ſein Gegner hart an ihm vorbligehen mußte, wenn er das Zimmer verlaſſen wollte. „Wer war vorhin bei Euch?“ fragte er. wn dig werde i „3 „Was „As „Imt des Majol klebt Blut Der 2 ich dem Sch Waffe ſich ehy „Mit „Bah, Stunde w Der N da ſah er ron Udo. führt Eus Rdem et 1551— „Das kümmert Euch nicht,“ erwiderte der Baron barſch. „Gut geſagt, aber Ihr thätet beſſer, aufrichtig zu ſein, es hängt ein Gewitter in der Luft.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Unſereins erfährt Manches, was Andern verborgen bleibt.“ Der Majoratsherr ſah ihn forſchend an. War dieſer Mann ebenfahs gekommen, um ihn zu warnen? Faſt ſchien es ſo. „Hat Euch Jemand geſchickt?“ fragte er. „Mich?“ ſpottete Bucket.„Ich wüßte nicht, wer es thun ſollte mich kennt hier Niemand.“ „Aber Ihr ſeid gekommen, um mich zu warnen!“ „Na, ſo ſchlimm iſt es noch nicht.“ „Sagt gerade heraus, wos Ihr wißt,“ erwiderte der Baron ungedulbig,„wenn Ihr mir eine wichtige Mittheilung macht, werde ich Euch belohnen.“ „Ich brauche nichts.“ „Was? Ihr verſchmäht Geld?“ „Aus Eurer Haud nehme ich es nicht.“ „Habt Ihr dafür beſondere Gründe?“ „Jawohl,“ erwiderte Bucket, ohne vor dem flammenden Blick des Majoratsherrn die Augen niederzuſchlagen,„an Euren Händen klebt Blut.“ Der Baron griff nach einem Terzerol, welches vor ihm auf dem Schreibtiſch lag, aber im nächſten Augenblick befand die Waffe ſich in den Händen Buckets. hr ſeid ein guter Schütze,“ ſagte der letztere,„drüben habt Ihr es genügend bewieſen, ich verlange keinen weitern Beweis.“ „Wollt Ihr die Waffe hinlegen?“ knirſchte der Baron. „Erſt weun ich Euch verlaſſe!“ „Mit meinen Hunden laſſe ich Euch hinaus hetzen!“ „Bah, was würdet Ihr dadurch gewinnen? In der nächſten Stunde würdet Ihr verhaftet, das verſpreche ich Euch.“ er athmete ſchwer auf; mit dieſem Mane, er nicht ſo leicht fertig, wie mit dem Ba⸗ „Ihr ſeid ein roher Burſche und ein elender Schuft dazu,“ ſagte er, zitternd vor Wuth.„Was wollt Ihr eigentlich, was führt Euch hieher?“ 3½ — — UMh** peßt Oß. „Das thue ich ohnedies. gibt nicht Viele, die ſo ſter ſind. Und deshalb möchte ich gerne etwas ür Euch thun, wenn Ihr einmal in die Klemme kommt.“ „Was zum Beiſpiel?“ „Hm, das müßt Ihr beſſer wiſſen, als Ich!“ „Ihr ſagtet vorhin, mir drohe Gefahr, ſeid Ihr genau erſahe terrichtet?“ 2 n U9j jr r mich a Sfor⸗ „Genau? Nein. Es war ein Herr ber mir, der mich ausſt aſch. „Ah, dieſer Schuft! 3 6 n 5 haupt ka „Natürlich. Er hat ſich gegen mich verſchworen hitet bu „Ah, das häne ich mir Denken können!“ nickte Bucket. „Weshalb kam er zu Euch?“ fragte der Baron erregt, Ir 4 „Er harte gehört, saß ich aus Anerita zurückgelehrt und Seeet drüben auch in Kulifornien geweſen war, da meinte er, ich müſſe.. „Ueb „Und was haht Ihr ihm geſagt?“ „Daß ich nicht die Ehre hätte.“. „In Wahrheit?“ ſagte der Maiorratsherr zweifelnd.„Habt ½ Ihr ihm dieſe Antwort gegeben?“ „Bah, ich habe noch Niemanden verrathen, es iſt mein Fall — 1553— nicht, und die Leute, die überall herumſpioniren, konnte ich nie leiden.“ „Und was fragte er noch mehr?“ „Na, er wußte ſchon, daß ich hier geweſen war. Ich weiß nicht, wer es ihm geſagt hat, aber er hatte es erfahren.“ „Und deshalb glaubte er Euch nicht?“ „Was half ihm das! Er kann ja glauben, was er will, aber er ſoll mir nicht mit Fragen kommen, die ich nicht beantworten will!“ „Was fragte er noch?“ „Weshalb ich bei Euch geweſen ſei? Und ob ich nicht wiſſe, daß drüben ein Baron von Oſthofen ermordet und begraben wor⸗ den ſei?“ „Natürlich habt Ihr das auch verneint?“ „Verſteht ſich. Wer mich ausfragen will, muß früh aufſtehen! Wenn ich dem Alles geſagt hätte, was ich drüben geſehen und erfahren habe, dann wäret Ihr jetzt hinter Schloß und Riegel.“ „Schweigt!“ „Wie? Ihr wollt das nicht glauben?“ „Wenn auch,— müſſen andre Ohren es hören?“ „Wir ſind allein.“ „Aber hier haben die Wände Ohren, merkt Euch das!“ Bucket ließ ſeinen Blick durch das Zimmer ſchweifen, als ob er die Ohren ſuchen wolle, dann lachte er hell auf. „Wenn das wahr iſt, dann iſt es Eure eigne Schuld,“ ſagte er,„ich würde keinen Spion in meine Dienſte nehmen. Ueber⸗ haupt kann es nicht angenehm ſein, Diener zu haben. Aber hütet Euch vor dem Manne, der bei mir war, er weiß mehr, als Ihr glaubt.“ „Er weiß gar nichts, wenn Ihr ihm nichts geſagt habt,“ erwiderte der Baron. „Ueber meine Lippen iſt keine Silbe gekommen, die Euch in Unannehmlichkeiten bringen könnte. Daß er dennoch weiß, daß der Baron erſchoſſen worden iſt—“ „Bender hat's ihm geſagt.“ „Das hab ich mir auch gebacht. Und deshalb wurde Bender beſeitigt, wie?“ Der Baſtard. 98 — 1554— Der Baron ſah den lauernden Blick nicht, der ſtechend auf ihm ruhte, ganz mit den Beſorgniſſen be ſchäftigt, die ſeine Seele folterten ſchaute er finſter vor ſich hin. „Natürlich iſt Jeder ſich ſelbſt der Nächſte,“ einer Pauſe fort,„aber es war doch eine Euch mußte ja der erſte Verdacht fallen.“ „Auf mich?“ Thorheit!“ Freilich, Ihr wart der Majoratsherr, und der rothe Franz ein vagabundirender Wilddieb, und Ihr hattet es jedenfalls ſchlau angelegt, um den Verdacht auf ihn zu lenken, aber—“ „Das war gar nicht nöthig; der Verdacht mußte auf dieſen Burſchen fallen!“ „Aber Ihr habt das Eurige dazu gethan.“ Bncket blickte den Baron ſcharf an, aber dieſer Blick konnte dem letzteren kein Mißtrauen einflößen, es lag eher Genugthuung und Bewunderung, als lauerndes Forſchen darin. „Na, wie es 6 geweſen ſein mag, jedenfalls habt Ihr Fure Sache gut gemacht,“ ſagte er.„Mich wundert nur, daß der Wild⸗ dieb nicht ſelbſt Ver gegen Euch geſchöpft und dieſen Ver⸗ dacht hat.— Freilich, ihm würde das wenig ge⸗ holfen haben,“ fuhr er fort,„aber er hätte Euch doch Unannehm⸗ lichkeiten bereitet!“ Der Majoratsherr zuckte die Achſeln, er hatte noch immer keine Ahnung bavon, daß dieſer Mann ihm nur auf den Zahn fühlen, ihn zu einem vollen Geſtändniß ſeiner Verbrechen be⸗ wegen wolte. „Der Florian Bender hätte es beſſer haben können,“ erwi⸗ derte, er.„Seine mußten mich reizen, und er konnte vorausſehen, daß ich ſie mir nicht gefallen la ſſe n würde. Wenn man gefährliche Geheimniſſe beſitzt, ſoll man ſeine Zunge doppelt hüten. Bender aber trotzte darauf und glaubte mich einſchüchtern zu können.“ „Gerabe ſo habe ich mir's auch gedacht,“ nickte Bucket. „Und wenn wird, einen gefährlichen Gegner zu beſeitigen, ſo iſt man nicht wähleriſch in den Mitteln, man darf es nicht ſein.“ „Sehr richtig! Mit dem alten Profeſſor habt Ihr leichteres Spiel gehabt.“ Moyn —— 1555— dem Profeſſor?“ fragte der Baron, aus deſſen Augen ein flammender Blitz zuckte. it dem Manne, der früher des Barons Lehrer war!“ t Ihr davon?“ „Ich ſagte Euch ja, unſereins erfährt Manches.“ „Ihr habt ſpionirt!“ Bah, ich habe nur gehört, was die Leute ſagten,“ erwiderte Bucket in geringſchätzendem Tone,„unb Niemand kann verlangen, daß ich mir die Ohren zuſtopfen ſoll. Und daß ich mich für Euch und Eure Rolle intereſſire, müßt Ihr doch auch natürlich finden.“ „Der alte Mann hat ſich ſelbſt das Leben genommen.“ So heißt es, aber ich glaub's nicht.“ „Glaubt“ was Ihr wollt—“ „Bah, wenn man Beweiſe hat, weiß man auch, was man glauben ſoll.“ „Beweiſe?“ fragte der Baron auffahrend. „Ruhig Blut! Wir, die wir drüben 5 in derſelben Stunde bei t eu Manne geneſen ſei, in der er geſtorben iſt, ich Fyr ihm Geld gegeben und ihn habt, wei Flaſchen Wein zu kaufen. Bah, man kennt ja, und es iſt für Euch ein Glück, daß die Po liz ei noch nicht d cht hat, den Wirth zu fragen, der in derſelben Straße Der Majoratsherr blickte den Vagabund ſtarr an, in ſeiner ſchienen ſich jetzt doch Zweifel geltend zu machen. igt Ihr mir das Alles?“ fragte er. r gefallt!“ 3 fange an zu glauben, daß Ihr ein falſches Spiel elt!“ „Keine Idee daran! Ich ſagte Euch ja, wo ich Euch helfen kann, da werbe ich es thun.“ Der Baron fuhr erſchreckt zuſammen, ein ſcharfer Pfiff klang plötzlich aus der Ferne herüber. „Was war das?“ fragte er heiſer, während er angſtwoll auf das Fenſter blickte. „Was? erwiderte Bucket ruhig. — 1556— „ „Habt Ihr das Pfeifen nicht gehört?“ „Bah— Wilddiebe vielleicht, oder irgend ein Menſch, der n ſeinem Hunde gepfiffen hat. Habt ihr ſo ſchwache Nerven?“ ben( „Drüben hatte ich ſie nicht,“ ſagte der Baron kopfſchüttelnd. in „Und hier ſtehen Euch doch Mittel genug zu Gebhot, ſie zu irl ſtärken. Denkt an die reiche Heirath mit der Bankierstochter, in ſ dann werdet Ihr alles Andre vergeſſen. Ihr ſeid ein Glücks⸗ kind, Kamrad!“ „Und Ihr ſchwätzt in den Tag hinein!“ erwiderte der Ma⸗ u joratsherr ärgerlich.„So ſicher iſt die Hochzeit noch nicht—“ Eu „Was hindert Euch denn morgen oder übermorgen die Hoch⸗ uc zeit zu feiern? Ich hätte an Eurer Stelle längſt dem Bankier„Bi meine Vorſchriften gemacht, der Mann muß ja, wie Ihr wollt. Au Und die junge Dame wird gewiß auch wünſchen, daß die Hoch⸗„ zeit ſo bald wie möglich gefeiert wird, den Teufel auch, es iſt Ler keine Kleinigkeit für ein Bürgermädchen, Frau Baronin zu werden.“ anghal Der Baron ſchüttelte den Kopf. S Daß der Boden unter ſeinen Füßen wankte und der Ein⸗ denn?“ ſturz nahe war, das war ihm aus der Unterredung mit ſeinem„6 Bruder und dem Briefe Roſa's ſo klar geworden, daß er nicht„ den leiſeſten Zweifel mehr hegen konnte. Au Wesalb ſollte er es dieſem Burſchen verhehlen, der ihm ja uf tie für alle Fälle ſeine Dienſte angeboten hatte? Es war möglich, P 5 daß er ſchon in nächſter Stunde zur Flucht genöthigt würde, und das h dann konnte dieſer Mann möglicherweiſe ihm den Rücken decken. nohe! „Das iſt Alles vorbei,“ ſagte er,„mich wundert's daß Ihr„ nicht auch bas ſchon wißt!“ vir u „Vorbei 7“ fragte Bucket erſtaunt. ncht „Ja, die Verlobung iſt aufgehoben.“„ „Ihr ſcherzt Konrad.“ 2 „Es wäre ein ſchlechter Scherz, zu dem ich in tieſt Augen⸗„ be nicht aufgelegt bin.“ 6. „Seit wann ſoll ſie aufgehoben ſein?“ llagen „Seit geſtern Abend.“ „Und was wollt Ihr nun thun?“ erft „Abreiſen!“ 5„Sofort?“* „Vielleicht“ erwiderte der Baron achſelzuckend.„Darf ich frag ——— — 1557— mich in dieſem Falle auf Euch verlaſſen? Ihr habt mir Euren Beiſtand verſprochen—“ „Sagt mir, was ich thun ſoll.“ „Im Grunde genommen weiß ich es ſelbſt nicht. Es läge na⸗ türlich in meinem Intereſſe, Diejenigen, welche mich ſuchen, auf eine falſche Fährte zu führen, aber wie das geſchehen ſoll und kann, das iſt mir ſelbſt nicht ganz klar.“ „Wohin wollt Ihr fliehen?“ „Nach Amerika.“ „Ein weiter Weg! ſagte Bucket kopfſchüttelnd.„Habt Ihr auch die Mittel?“ „Viel habe ich nicht, aber es reicht hin.“ „Und was wollt Ihr drüben anfangen?“ „Ich weiß es noch nicht. Hörtet Ihr nichts?“ Der Majoratsherr hatte ſich haſtig erhoben und lauſchte mit angehaltenem Athem. Seid doch nicht ſo ängſtlich,“ ſpottete Bucket.„Was hört Ihr denn?“ „Es lautete ſaſt, als ob Waffen klirrten.“ „Unſinn! Ihr regt Euch unnöthig auf.“ Auch Bucket warf bei dieſen Worten einen forſchenden Blick auf die Thüre, er hielt das Terzerol noch in der Hand. Was der Majoratsherr in dieſem Augenblick zu hören glaubte, das hatte Bucket längſt gehört, er wußte, daß die Kataſtrophe nohe war. „Wenn ich wirklich hier überfallen werden ſollte, dann wollen wir uns vertheidigen, ſagte der Baron,„ich erwarte, daß Ihr nicht feige zurückweicht.“ „Ich habe eigentlich mit der ganzen Geſchichte nichts zu thun—“ „Mitgefangen, mitgehangen!“ „Bah, mich kann man nicht anklagen!“. „Wenn Ihr mich im Stich laßt, dann werde ich Euch an⸗ klagen.“ „Thorheit! Weſſen wollt Ihr mich beſchuldigen? Ich bin ja erſt ſeit einigen Tagen hier!“ „Iſt Drüben nicht auch Manches vorgefallen?“ „Das konn mir hier nicht angekreidet werden. Uebrigens frage ich, womit ſollen wir uns vertheidigen?“ — ——— —— — 1558— „Ihr habt das Terzerol und Euren Revolver.“ „Und Ihr?“ Der Majorathsherrr zog einen Revolver aus der Taſche. „Bah, das Spielzeug da wird Niemandem Furcht einflößen,“ ſpottete Bucket. „Mit dieſem Spielzeug werde ich Einigen das Lebenslicht ausblaſen, wenn man mich zum Aeußerſten zwingt,“ erwiderte der Baron enytſchoſſen.„Es iſt mit ſechs Kugeln geladen.“ „Ich kenne dieſe Taſchenwaffen, der Mechanismus iſt ſchlecht.“ „Bei dieſer Waffe bin ich meiner Sache ſicher.“ „Dann müßte es eine vorzügliche Waffe ſein,“ ſagte Bucktt zweifelnd.„Wollt ihr mir erlauben, ſie zu betrachtene“ Acglos ühergub der Majoratsherr ihm den Revolver, Bucket erhob ſich, anſcheinend um die Waffe zu prüfen, aber im vächſter Moment ſetzte er eine Signalpfeife an die Lippen und faſt in derſelben Secunde wurde die Thüre ungeſtüm aufgeſtoßen. Mit einen Fluch war der Baron zurückgetreten, in der erſten eintretenden Perſon erkannte er den Polzeirath Heller, ihm folgten einige Herren, die dem Mojoratsherrn unbekannt waten, und draußen im Corridor ſah er Waffen blitzen. „Verräther! knirſchte er mit einem vernichtenden Blick auf Bucket, der die beiden Waffen dem Polizeirath übergab. „Ich habe nur die Pflichten meines Amles erfüllt,“ erwiderte Bucket gelaſſen.„Daß Ihr davon gar keine Ahnung hattet, legt für Euren Scharfſiun kein glänzendes Zeugniß ab.“ „Konrad Landau, ich verhafte Sie wegen Mordes und Be⸗ truges,“ fagte der Staatsanwalt, der den Polizeirath begleitete. „Ee wäre unnütz, wenn Sie gegen dieſe Verhaftung proteſtiren oder bie Schulb leugnen wollten, denn die uns vorliegenden Be⸗ weife ſind überzengend.“ „Ueberzeugend?“ erwiderte Landan, der offenbar einſah, daß er das Spiel verloren hatte und der jetzt vollſtändig gefaßt dem Staatsanwalt gegenüberſtand.„Darf ich frogen, welcher Ver⸗ brechen man mich beſchuldigt?“ „Der Ermorbung des Baron von Oſthofen, Florian Benders, des Hofmeiſters Hurter und des Malers Auerbach!“ „Eine lange Liſte, ader ich lache darüber. Wiſſen Sie auch Spione Menſch „Die der St welhe vicht, Un — 1559— mein Herr, worauf dieſe ganze Anklage ſich ſtützt? Auf den per⸗ ſönlichen Haß dieſes Polizeiſpions, der—“ „Die Unterfuchung wird das Weitere ergeben!“ unterbrach der Staatsanwalt ihn. „Und wenn ſie vielleicht erſt nuch Monaten meine Schuld⸗ lofigkeit ergibt, welche Genugthuung wird mir für dieſe Schmach geboten werden?“ „Sie haben kein Recht, ſolche Fragen zu ſtellen „Ich werde ſie ſpäter ſtellen und Sie alsdann an dieſe Stunde erinnern.“ „Wir können das in aller Ruhe abwarten,“ ſaste Heller. „Die Beweiſe ſind unwiderlegbar.“ 1 „Er hat mir ſeine Verbrechen eingeſtanden,“ fügte Bucket hinzu. „Das iſt eine Lüge!“ erwiderte Landau, das Haupt trotzig erhebend.„Ich hoffe, mon wird auf die Ausſagen dieſer beiden Spione, die in den Augen jedes ehrenhaften Mannes verächtliche Menſchen ſind, nicht ſoviel Gewicht legen, wie—“ „Dieſe beiden Herren haben ihre Schuldigkeit gethan!“ ſagte per Staatsauwalt mit ſcharfer Betonung.„Ob die Beweiſe, auf welche die Anklage gegen Sie ſich ſtützt, ſtichhaltig ſind oder nicht, das muß die Unterſuchung ergeben.“ „Und wärend der Unterſuchung ſoll ich in Haft bleiben?“ „So will es das Geſetz.“ Der Baron lächelte ironiſch. „Wohlan, ich bin bereit, Ihnen zu folgen,“ ſagte er,„haben Sie einen Wagen mitgebracht?“ „Er wartet unten.“ „Dann bitte ich mir zu erlauben, in dem anſtoßenden Zimmer Toilette zu machen, ich werde dazu nur einige Minuten gebrauchen.“ „Ich werde ihn begleiten,“ wandte Heller ſich zu dem Staats⸗ anwalt. „Ich habe kein Hülfe nöthig,“ ſpottete der Majoratsherr, der ſeine Rolle bis um letzten Augenblick durchführte„ich werde nur einen anderen Rock anziehen und meinen Hut holen. Man behandelt mich, wie einen gemeinen Verbrecher, aber verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde dafür Genugthuung fordern.“ — — 1560— Er ging nach dieſen Worten raſch in das anſtoßende Zimmer, Heller folgte ihm. Durch bie offene Thüre des Kabinets fiel nur ein ſchwacher Lichtſchein in dieſen Raum, es war dem Polizeirath unmöglich, den Gefangenen ſcharf zu beobachten. „Sie triumphiren jetzt, aber Sie triumphiren zu früh,“ ſagte Landau höhniſch mit gedämpfter Stimme,“ Sie rechnen auf einen großen Lohn, vielleicht auch auf einen Orden, aber Sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht.“ „Es wäre richtiger, wenn Sie das von ſich ſelbſt behaupteten,“ erwiderte Heller. „Und der Burſche, deſſen Sie ſich als Werkzeug bedienten—“ „Sie wiſſen wohl noch nicht, wer er iſt?“ „Ein Vagabund!“ „Bewahre, er iſt der tüchtigſte Polizeibeamte London's!“ „Wirklich? Für Sie iſt das keineswegs ſchmeichelhaft. Sie ſtellen dadurch, daß Sie einen engliſchen Poliziſt benutzen, ſich ſelbſt ein Armuthszeugniß aus.“ „Keineswegs! Mir würden Sie kein Geſtändniß gemacht haben, und ich dürfte dieſe Rotte nur einem Manne anvertrauen, auf deſſen Treue ich mich verlaſſen konnte. Und da war ein aus⸗ wärtigen Polizeibeamter jedenfalls der Zuverläſſigſte.“ „Ein Mann wie Sie, der ſich gerne mit Erfolgen brüſtet, und dem es auf eine Lüge nicht ankommt.“ „Wir werden jg ſehen, ob Sie die Stirne haben werden, ſei⸗ nen Ausſagen entgegenzutreten,“ erwiderte Heller gelaſſen.„Be⸗ eilen Sie ſich!“ „Sie werden hoffentlich warten, bis ich fertig bin!“ „Und Sie werden hoffentlich nicht vergeſſen, daß Sie ein Ge⸗ fangener ſind.“ „Was wollen Sie damit andeuten?“ „Daß Sie gehorchen müſſen.“ „In der That? Sie werden grob, mein Beſter;“ Der Polizeirath war beſtürzt über den veränderten Ton die der Stimme, er glaubte daraus ſchließen zu dürfen, daß der Ver⸗ brecher trotz ſeiner ſcheinbaren Faſſung an einen Fluchtverſuch dachte. „Hat dieſer Raum noch andre Thüren?“ fragte er. in „Vohi 2. ibengen Noch i ts hatte Villensit zu überm „Der „ein Flu „Bel „Abe tönnte“ „So Sie f Zunge⸗ Ein brach d Buc mit bre fangen und t „ er un denker 3 mner, ſhwate mglih, * ſgte Af einen ehen die upteten/ syi Men— len, auf ein aus⸗ ſet, und n.„Be⸗ ein Ge⸗ Ton die der Vel⸗ terſuch — 156— „Notürlich!“ „Wohin führen ſie?“ „Was geht das Sie an? Wenn Sie es wiſſen wollen, ſo überzeugen Sie ſich.“ Noch immer klang die Stimme ſo auſſallend und befremdet, es hatte faſt den Anſchein, als ob der Verbrecher ſeine ganze Willenskraft aufbiete, und einen furchtbaren Schmerz, der lihn zu übermannen drohte, zu hezwingen. „Der Korridor und bie Treppen ſind beſetzt, ſagte Heller, „ein Fluchtverſuch wurde Ihnen nicht gelingen⸗“ „Es gibt in dieſem Hauſe geheime Treppen!“ „Bah, daran glaube ich nicht.“ „Aber Sie fürchten trotzdem, daß ich die Wahrheit behaupten könnte!“ „So alt iſt dieſes Gebäude nicht.“ „Sie kennen es nicht“ ſagte der Verbrecher mit ſchwerer Zunge,„Sie wiſſen—“ Ein dumpfer Schrei beendete den Satz; vor den Augen Hellers brach der Verbrecher zuſammen. 4 Bucket und der Staatsanwalt kamen im nächſten Augenblick mit brennenden Kerzen, ſie ſahen das letzte Todeszucken des Ge⸗ fangenen, in deſſen brechenden Angen noch jetzt glühender Haß und triumphirender Hohn ſich ſpiegelte. „Daß mir das paſſiren konnte, ärgert mich mehr, er uns entwiſcht wäre!“ ſagte Heller erbittert.„Ich hätte daran denken und Licht fordern können.“ Bucket hob das kleine Flacon auf, welches neben der Leiche auf dem Teppich lag und hielt es unter die Naſe. „Blauſäure!“ verſetzte er.„Er wird in unſrer Aller Gegen⸗ wart das Gift genommen haben, es war ein Fehler, daß ihm keine Handſcheben angelegt wurden.“ Der Staatsanwalt zuckte die Achſeln. „Vielleicht iſt es beſſer!“ erwiderte er.„Es wäre ein lang⸗ wieriger Prozeß geworden, der vielen Staub aufgewirbett hätte!“ „Und der Mann, der der Ermordung Bender's beſchuldigt und ſchuldlos verurtheilt wurde?“ fragte Heller mit leiſem Vorwurf. „ als wenn „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Prozeß gegen ihn noch einmal verhandelt wird, ſobald Beweiſe für ſeine Schuldig⸗ keit vorliegen.“ „Es wird jetzt ſchwer ſein, dieſe Beweiſe zu erhalten.“ „Mir gegenüber hat Landau die Ermordung Bender's zuge⸗ ſtanden“, ſagte Bucket,„ich kann das bezeugen.“ „Die Magd des Verwalters und der Maurer Gruner mäſſen dieſes Zeugniß ergänzen,“ erwiederte der Polizeirath, während der Schreiber des Unterſuchungsrichters das Protokoll anfertigte, „der Prozeß muß ſofort wieder aufgenommen werden.“ „Dafür laſſen ſie mich ſorgen!“ ſagte der Staatsanwalt. „Wenn Einer der Herren vielleicht nachſehen will, ob die beoußte Narbe wirklich fehlt, ſo könnten wir das ins Protokoll auf⸗ nehmen.“ Heller war augenblicklich bereit, er und Bucket entkleideten den Todten und entblößten ſeine Arme, von der Narbe war keine Spur zu entdecken. Auf eine Hausſuchung verzichteten die Gerichtsbeamten, ſie be⸗ gnügten ſich damit, Alles was in den TDaſchen der Leiche gefunden wurde in bie Schubladen des Schreibtiſches zu legen und dieſe zu verſiegeln, dann nachdem das Protokoll von allen Auwefenden unterſchrieben war, verließen ſie das Haus, angegafft von dem beſtürzten Dienſtperſonal, welchet von dieſer Kataſtrophe keine Ahnung gehabt hatte. —*„ — 59. Kapitel. Das Ziel des Glückes. Die Entlarvung des Mojoraisherrn von Oſth Die Unterſuchung, die unter anderen Umſtänden niederge⸗ ſchlagen worden wäre, mußte eröffnet werden, weil von ihr das Schickſal eines Mannes abhing, der ſchuldlos im Zuchthauſe ſaß, und ber, wenn er auch ein Vagabund war, für ſich dieſelben Rechte beanſpruchen durfte, die das Geſetz dem Reichſten wie dem Aermſten zufichert. Bucket kehrte, nachdem er ſein Zeugniß aßgelegt hatte, reich belohnt nach London zurück, um dort im Prozeß gegen Sam Grimmel als Zeuge aufzutreten. Das Urtheil gegen Sam lautete auf zehnjährige Deportation, und ſeine Mutter würde ihm auf dieſer Zwangsreiſe unzweifel⸗ haft Geſellſchaft geleiſtet haben, wenn ſie nicht im Spital ge⸗ ſtorben wäre. der Unterſuchungsſache gegen Konrad Landau, die an dem Polizeirath Heller einen eifrigen Förderer fand wurde manches nicht bewieſen, weil es eben nur durch ein offenes Geſtändniß des Todten hätte bewieſen werden können. Ob Hurter ſelbſt ſich das Leben genommen hatte, oder ob er ermordet worden war, dieſe Frage blieb ungelöſt, wenn auch die — 1564— Erfahrungen der Madame Winckel mit Sicherheit vermuthen ließen, daß hier ein Mord vorlag. Ebenſo wurde es nicht völlig kar, ob Landau den alten Maler Auerbach in der Abſicht, ihn zu tödten, nicdergeritten hatte, oder ob dies ein Akt der Nothwehr geweſen war. Johann konnte nur bezeugen, daß der Majoratsherr ihm ge⸗ ſagt hatte, er habe einen ihm unbekannten Menſchen nieder⸗ geritten, es blieb alſo zweiſelhaft ob er dies abſichtlich oder aus Nothwehr gethan hatte. Wenizer zweifelhaft blieb bie Frage, ob Konrad Landau drüben den Baron von Oſthofen erſchoſſen hatte. In ſeinem Beſitz waren nicht nür das Notizbuch, ſondern auch bie Uhr und der Siegelring des verſchollenen Majorats⸗ herrn gefunden vorden, bie Sicherheit ſeines uſtretens bildete ebenfolls ein Glied der Beweiskette, die durch die damaligen Aeußerungen Bender's und das Zeugniß Bukets genügend er⸗ aänzt wurde. Jene gefährlichen, und den Betrüger ſchwer belaſtenden Aeußerungen hatten dann zur Ermordung Benders geführt. Dieſe Schuld hotte Landau dem engliſchen Polizeibeamten ge⸗ genüber, wenn auch nur mit halben Worten eingeſtanden, ſie wurde bewieſen durch die Ausſage Urſula's und des Maurere Gruner durch die Auffindung des Notizbuches im Keller des Parkhauſes und audere Entdeckungen, auf die damals gar kein Werth gelegt worden war. In Folge dieſer Enthüllungen wurde der rothe Franz aus dem Gefängniſſe entlaſſen, und da es ſich zeigte, daß der Aufent⸗ halt im Zuchthauſe ihn gebeſſert hatte, vertraute ihm Baron Udo ſpäter den Poſten eines Waldhüters an, den er mit gewiſſenhaf, ter Treue verwaltete. Dogegen erhielt Wortmann trotz der geleiſteten Dienſte ſein Amt nicht wieder. Baron Udo war durch die Mittheilungen ſeines angeblichen Bruders doch ſtutzig geworden; er hatte die Verwaltungsbücher einer ſcharfen Prüfung unterworfen und Entdeckungen gemacht, die auf die Verwaltung Wortmanns kein gutes Licht warfen. Er wolite deshalb keinen Prozeß beginnen, mußte er ſich doch ſagen, daß er ſelbſt einen großen Theil der Schuld trage, da er Und Sihwege nur ein Mittel, 1 hutte ver Hellm Manne, bekommen Helmuth Lohn eih Nicht Aenderut hatte. genhme Die halt in jedem; ſich ruſ Specule ten un eine ſic alle A dm un de daß er worde E Hypot des B Forbe früher niemals daran gedacht hatte, die Bücher und die Verwal⸗ tungs Caſſe zu revidiren. Wortmann mochte dieſe Entdeckung wohl ahnen, er kam auf ſeine Bitte, ihn in ſein Amt wieder einzuſetzen, nicht mehr zurück, als er zum erſten Male eine oblehr ende Antwort erhalten hatte. Und es lag ihm auch nicht viel daran. Im Hauſe ſeines Schwiegerſohnes hatte er ein Aſyl gefunden, in welchem er fich wohl fühlte, und die Zinſen ſeines Vermögens ſicherten ihm nicht nur ein ruhiges, ſorgenfreies Alter, ſie gewährten ihm auch die Mittel, manchen Lebensgenuß ſich zu verſchaffen, auf den er früher hatte verzichten müſſen. Hellmuth Waldſtern ſtand anf dem beſten Fuße mit dem alten Manne, der jetzt vor dem Talent ſeines Schwiegerſohnes Reſpect bekommen hatte, ſah er doch täglich, daß das roſtloſe Schaffen Hellmuths nicht nur Ruhm und Ehre, ſondern auch klingenden Lohn einbrachte. laſenten Nicht minder wor Abraham Schwanenthal zufrieden mit der hrt i Aenderuug, die er in ſeinen häuslichen Verhältniſſen getroffen iewure Er führte jetzt doch im Kreiſe der Seinigen ein anderes an⸗ Gruner genehmeres Leben. arthuuſts Die junge Frau ſeines Neffen bot Alles auf, ihm den Aufent⸗ halt in ſeinem Hauſe angenehm zu machen, er gewann ſie mit jedem Tage lieber, und mit den Projekten Bertrams hatte er ſich raſch befreundet, als er die Ueberzeugung erlangte, daß dieſe Speculationsunternehmungen auf einem ſoliden Fundament ruh⸗ ten und reichen Gewinn abwarfen. Er fand in dieſen Unternehmungen auch für ſeine Kapitalien eine ſichere und ſehr vortheilhafte Anlage, und dies bewog ihn, alle Ausſtände allmählig einzuziehen und ſein ganzes Vermögen dem unermüblich thätigen Neffen zur Verfügung zu ſtellen. Dem Polizeirat, mit dem er befreundet blieb, vergaß er nie daß er durch ſeine Warnung vor einem großen Verluſt bewahrt worden war. Es wäre ſehr fraglich geweſen, ob Baron Udo die zweite Hypothekforderung anerkannt hätte, wenn er auch die Forderung des Bankiers Becker nach einigen Zeugen beſtättigte. Mit der Forderung Becker's hatte es ja eine andere Bewandniß. —— — th gelegt ranz aus 1. font⸗ Akſeht⸗ Ein großer Theil dieſer Summe war zur e des Schloſſes verwandt worden, und faſt der ganze Reſt wurde Nachlaß des Betrügers gefunden, ſo daß der Verluß ge⸗ ring wär. Der Bankier ſelbſt hatte nickt geglaubt, daß er ſo gnäbig da⸗ von kommen werde, er war darauf gefaßt geweſen, für ſeine chtgläubigkeit ein Opfer tragen zu nüſſen. Sis mußte er ſich in Bezug auf die Verlobung ſeiner pter manche bittere Bemerkung gefallen laſſen, aber er ging leicht darüber hinweg, und als nach einiger Zeit, nachdem über alle dieſe Ereigniſſe Gras gewachſen war, Roſa aus der Reſidenz zurückkehrte, war ſie auf den Bällen wieder die gefeierte uud ge⸗ ſuchte Schönheit, die ſchon vor Ablauf ienes Jahres einen 5 ichen, wenn auch verarmten Baron mit ihrer Hand be Sein Se vergaß ver corpulente Herr nicht. e Tage, an hann Walker Winkel heirathete, fül ä ten in den kleinen gaſth, — F. 6 Er ſchenkte ihnen freilich die ziemlich bedentende Kauſſumme nicht, aber er ſtellte den Zinsfuß und alle übrigen Bedingungen ſo günſtig, daß es an den Beiden ſelbſt lag, wenn ſie nicht auf einen grünen Zweig kamen. Und da ſie nun beide wirklch die ernſte Abſicht hegten, vor⸗ wärts zu kommen, und der Bankter ſie auch fernerhin in ihrem Streben unterſtützte, o konnten ſie bald heiter und unbeſorgt in die Zukunft blicken. Baron Ubo hatte bald nach dem Tode des Betrügers das väterliche Schloß wieder bezogen. Es war jetzt das Eigenthum Klara's, aber Baroneſſe Klara wollte von dieſer Teſtamentsbe⸗ ſtimmung ihres Urgroßvaters nichts wiſſen. So lange Onkel Udo lebte, ſollte er im Befitz des Majorats bleiben, und ſo ſehr auch der Baron gegen dieſe Bebingung ſich ſträubte, mußte er zuletzt ſich dennoch ihr unterwerfen. Die Baronin hatte den Verluſt ihres Sohnes muthiger er⸗ tragen, als ihr Gatte es erwartete. Ihr Herz hatte wohl me ſo ſehr an ihm, wie an bem verſchwundenen Kinde gehangen, und ſeine ſpäteren Verirrungen, ſein Leichtſinn und ſeine Charakter⸗ 1 giebe d. geh mochten W ohl auch ieſem Kinde in ihrem 6 zu auch ſie, es ſei beſſer für ihn, daß ſein Ende gefunden habe, und überbies fand Liebe des jungen ſchönen Brautpaares. Es wurde Alles vermieden, was ſie an Bruno erinnern konnte, und es wurde Alles aufgeboten, ihr dieſen Verluſt vergeſſen zu machen, wohin ſie nur blickte, ſah ſie nur Liebe, und all' dieſe Liebe war ihr gewidmet. arbte dieſe Wunde langſan einmnal ein Schatten ihre 3 68 — — 23 i ſo ruhten ra und Cäcilie nicht, bis er e Das alte, heitere und gemi und Liebe waren vbe rh je t ſo der Stirne Udo's nderiſch ansgeſtatteten Räume, wollten die Schatten nicht weichen. Er mied oft den ini um in ſeinem Arbeite kabinet darin in zu ſren es war ja ließ. glaubte Klara zu hemerken r und ver erſtohlen heobachte, aber ſie k — * E 8 aß alle jene en Zimmer nun Hr Eis Da bat eines Tages der alte zu begleiten, und eine dunkle A brechen müſſe. Er führte ſie zum Divan und ſel Platz, dann ihre beiden Här rnſt in die ſchönen Augen. „Ich glaube, außer Dir haben was hinter uns liegt,“ ſagte er mit ſn Glücke würde nichts fehlen, wenn „Mich?“ fragte Klara erſtau nt, elbſt aus der Onkel wollte.„Iſt denn über meine Lippen eine Klage gekommen?“ klagen würdeſt, ſelbſt „Aber Onkel ich weiß ja, daß Du nicht 1568 „Ich bitte Dich, ſei ganz offen und wahr gegen mich, laß' alle Rückſichten ſchwinden und gib mir eine ehrliche Antwort auf meine Frage, die Antwort, die Dein eignes Herz Dir dictirt. Liebſt Du den Maler Rodenberg?“ Purpurgluth übergoß das Antlitz Klaras und verwirrt ſchlug ſie vor dem forſchenden Blick des alten Herrn die ſchönen Augen nieder. „Weshalb fragſt Du mich das?“ erwiderte ſie. „Gib mir eine offene Antwort!“ „Nun denn,— ja ich liebe ihn!“ Ich habe ihn geliebt ſeit dem Augenblick unſerer erſten Begegnung, aber es iſt mir auch klar geworden, daß—“ Sie brach verwirrt ab, er ſah ſie noch immer ernſt an, und in ſeinem Blick ſpiegelte ſich eine warme, herzliche Theilnahme. „Daß— was iſt Dir klar geworden?“ fragte er treuherzig. „Daß die Vorurtheile unſres Standes mir gebieten, dieſen Hoffnungen zu entſagen!“ „So dachteſt Du früher nicht, Klara.“ „Ich habe in der That früher nicht darüber nachgedacht.“ „Und ſollte die Nothwendigkeit des Entſagens wirklich einem ernſten und vernünſtigen Nachdenken entſprungen ſein?“ fragte der Baron zweifelnd.„Ich glaube es nicht. Das Menſchenherz mein liebes Kind, will niemals Vorurtheile anerkennen, venn es ihnen ſein erträumtes Glück opfern ſoll, und ich glaube, es iſt in vielen Dingen beſſer, daß man den Herzen mehr gehorcht wie der Vernunft.“ Betroffen blickte Klara auf, ſolche Worte hatte ſie aus ſeinem, Munde noch nicht vernommen. „Wenn Dein Herz Dir ſagt, daß dieſe Liebe das Fundament Deines Lebensglücks vildet“, fuhr er fort,„wenn es Dir ſagt, daß vieſes Glück Dir Alles erſetzen kann, was Du ihm zu opfern genöthigt wirſt, dann wäreſt Du thöricht, wollteſt Du dieſer Stimme nicht folgen.“ „Wie? Du würdeſt es billigen 7“ „Ja, vorausgeſetzt, daß Deine Liebe volle Erwiederung findet. Ich würde es nicht billigen, wenn dieſer Mann ein Krämer wäre, gewiß nicht, aber der Künſtler ſteht mit dem Abel auf derſelben Stufe, und ſo erblicke ich in dieſer Verbindung keine Mesalliance. Tante Abelaide würde meiner Anſicht gewiß vayfic Muler vollſe Klat vemir E „ iſt, ſa genaqᷓ „1 wieſen „ rechtigt 4 Andere 3 — N /— geurth „6 „Undk Maler A nicht, Spann „6 meine „ ſchließe „L 6 herzig. „dieſen dacht.“ einem ſtagte „Vehn es mbe, es iſt t gehorcht Fund ment Dir ſagt, ihn zu vollteſt Du twiederung Mann ein t den Lhel Verbindung beipflichten, und da Cäcilie und Herr ven Falkenberg mit dem Maler ſehr befreundet find, ſo wäre auch von dieſer Seite die vollſte Zuſtimmung zu erwarten. Klara hatte den Blick wieder geſenkt, die Worte des Onkels verwirrten ſie mehr und mehr. „Es iſt nicht das allein, daß er aus bürgerlichem Stand iſt, ſagte ſie leiſe, noch ein anderer Vorwurf wirb ihm gemacht—“ „Und hoſt Du nicht ſelbſt derzeit dieſen Vorwurf zurückge⸗ wieſen?“ fragte Baron Udo raſch. T „Ich für meine Perſon werde ihn gewiß niemals als be⸗ rechtigt anerkennen, aber—“ „Und wenn Du dies nicht thuſt, was kümmert es Dich, wie Andere darüber urtheilen?“ „Onkel, Deine Worte befremden mich.“ „Weil Du Dich erinnerſt, daß ich früher anders darüber geurtheilt habe, nicht wahr?“ „So iſt es.“ „Und konnte ich denn ein richtiges Urtheil fällen, ehe ich den Maler kannte?“ „Nein, aber ich glaube, Du kennſt ihn auch jetzt noch nicht,“ erwiederte Klara, in deren Zügen eine erwartungsvolle Spannung log. „Er hat die Leiche Bruno's hierher gebracht, und es war meine Pflicht hinzugehen, um ihm zu danken“, ſagte der Baron. „Meine liebe Klara, zarf ich Dir ein Geheimniß anvertrauen? Darf ich jetzt darauf bauen, daß Da es in Dein Herz ver⸗ ſchließen und Niemandem verrathen wirſt?“ „Ein Geheimniß?“ antwortete Klara heſtürtzt. „Wen betrifft es?“ „Den Maler.“ „Sprich, ich werde nie eine Silbe verrathen.“ „Niemandem, hörſt Du?“ ſagte Baron Udo ernſt. „Auch ihm ſelbſt nicht?“ „Er kennt es. Aber Tante Adelalde darf es nie erfahren. Es iſt das eimige Geheimniß, welches zwiſchen ihr und mir be⸗ teht.“ 6 werde ſchweigen, Onkel.“ Der Baſtard. 99 — 1570 irſt ne .„Nun denn, ſelbſt auf die Gefahr hin, Deine Achtung zu verſcherzen, will ich dieſes Geheimniß Dir enthüllen. Frau i Rodenberg war einſt meine Braut, ſie würde meine Gattin ge⸗ So worden ſein, wenn ich den Muth gehabt hätte, dem Zorn meines a Vaters zu trotzen. Aber dieſer Muth fehlte mir, dem Frieden 56 mit dem Vater opferte ich das Lebensglück der Geliebten. Und n daß ich das that, habe ich bitter büßen müſſen.“ ale Er bedeckte die Augen mit der Hand und athmete S ſchwer. ben „Und Willy Rodenbergi“ fragte Klara leiſe. S 6 „Er iſt mein Sohn.“ 4 vi 3 „Ich dachte es mir. Auch ſein Lebensglück iſt in den Staub nthi getreten worden.“ 3 „Noch nicht, Klara“, erwibederte der Baron raſch.„Wenn ueſt S die Hand der Liebe ihn hält und leitet, kann und wird er nicht nin untergehen.“ Doqh Klara hatte das Haupt erhoben, ihre Wangen waren bleich E geworben und die alten, dunkeln Schatten, die der Baron ſo nfühig oft bemerkt hatte, glitten wieder über ihre Stirne. „Das iſt vorbei,“ ſagte ſie, leicht das Haupt wiegend, ich ſimend habe ihn ſo tief beleidigt, vaß ſein Mannesſtolz ihm nie geſtatten Belutu wird—“ Fre „Ein freundliches Wort kann Alles wieder gut machen.“ leicht u „Und wer ſollte dieſes Wort ſprechen?“„Ju Der Baron ſeufzte tief und ſchwer auf.„Un „Ich habe den Sohn verleugnet, weil— aber weshalb bie fragte Gründe nennen, Du mußt ſie ja errathen“, ſagte er.„Kannſt„Vo Du glauden, daß ich deunoch wünſche, ihn glücklich zu jetzt iſt? ſehen L„We „Gewiß, lieber Onkel!“„Bal „Nun denn, ſein Glück liegt in Deiner Hand!“ iuner ze „Ich habe ihn zu tief verletzt—“ konnen „Und ich, mein Kind, habe mit ſeiner Mutter geſprochen und Frau von chr erfahren, daß all' ſein Denken nur Dir allein gilt.“ ihren B Klara ſchüttelte wieder das Kyſchen Baron Udo erhob ſich„G und küßte ſie auf die E meriſch i „So habe ich denn meine Schuldigkeit gethan,“ ſagte er, g9iten u wenigſtens ſo weit es bis jetzt mir nögic war. Ich weiß, Du.„Hat lel. Nau F 8 Auttin, eshalb hie „Kannſt üclich zu ochen und ilt. ethob ſih ſagte e, welh, U wirſt mein Geheimaiß nicht derrathen, wenn auch nicht mei et⸗ wegen, dann doch aus Rückſicht auf Tante Adelaide—“ „Nein auch Deinetwegen!“ „So hätte ich Deine Achtung wirklich nicht verſcherzt?“ „Haſt Du jemals gedacht, daß dies möglich ſein könne?“ „Ich danke Dir,“ ſagte der Baron, erleichternd aufathmend. „Und was Du nun thun willſt, mein liehes Kind, das ſtelle ich Dir allein anheim. Ich kunn Dir nicht rathen, Dein eignes Herz muß es thun. Und das Herz muß Dir auch ſagen, daß Du ſein Geück nicht thörichten Vorurtheilen opfern darfſt; wie auch Andere darüber urtheilen mögen, gehe Du auf Dein eigenes Urtheil. Das Malorat bleibt Dir, Klara—“ „Reden wir darüber jetzt nicht“ Onkel! bat die Baro⸗ neſſe, indem ſie den Druck ſeiner Hand erwiederte.„Du kennſt meine Anſichten. ſo lange Du lebſt, ſollſt Du unter dieſem Dache bleiben.“ Er nickte ihr zu, und völlig verwirrt verließ Klara ihn, unfähig, einen klaren und beſtimmten Gedanken zu faſſen.— In derſelben Stunde ſaß Willy vor ſeiner Staffelei, und ſinnend ruhte ſein Blick auf dem Gemälde, welches faſt der Vollendung nahe war. Frau Magdalena ſtand hinter ſeinem Stuhl und ſlützte ſich leicht auf die Lehne desſelben. „In acht Tagen Mutter, ſagte er. „Und Du willſt nicht warten, bis dieſes Bild verkauft iſt?“ fragte ſe „Wozu? Glaubſt Du, daß es jemals anders wünde, wie es jetzt iſt?“ „Wer kann es wiſſen?“ „Bah, zwiſchen mir und jener Familie iſt das Tiſchtuch für immer zerſchnitten, und es iſt nicht meins Schuld, daß es ſo ge⸗ kommen iſt.“ Frau Magdalena wiegte mißbilligend das Haupt, zwiſchen ihren Brauen zeigte ſich eine leichte Falte. „Es iſt nicht Deine Schuld“, erwiederte ſie, den Blick träu, meriſch in die Ferne richtend,„aber ſollteſt Pu drum nicht nach⸗ geben und verzeihen dürfen?“ „Hat man meine Verzeihung gefordert?“ fragte Willy bitter. —— —— — 1572— „Nein, Mutter, der Traum iſt zu Ende, und je eher wir nach Rom reiſen, deſto beſſer iſt es für mich. So lange ich hier bin, kann ich die zu Grabe getragenen Hoffnungen nicht ver⸗ geſſen.“ „Der Mann, der Dich belridigte, iſt todt, er war nicht der Vater der Baroneſſe.“ „Was ändert das? Hat nicht Baroneſſe Klara ſchweigend die Beleidigung gebilligt?“ „Nein.“ „Und ich ſage: ja!“ „Haſt Du ſchon vergeſſen, daß Klara mir jenen Vorfall in einem ganz anderen Lichte darſtellte? Und hat nicht Baroneſſe Cäcilie bei ihrem letzten Beſuch—“ „Meine liebe Mutter, Cäcilie denkt nur noch an ihr eignes Glück,“ unterhrach Willy ſie, während er ſeine Arbeit wieder aufnahm.„Ich will ihr daraus keinen Vorwurf machen, Egoiſten ſind wir alle mehr oder weniger, und ein großes Glück macht den Menſchen nur noch ſelſtſüchtiger.“ „Du thuſt ihr Unrecht—“ „Gewiß nicht Unrecht wäre es, wenn ich ihr einen Voewurf machen wollte, aber das thue ich nicht.“ „Und Herr von Fukenberg—“ „Ich weiß, daß die Beiden ſich freuen würden, mich glücklich zu ſehen, aber dus iſt auch Alles. Ich war geſtern Abend bei „Nun? Herrſcht noch Frieden in dem Hauſe?“ „Glaubſt Du nicht an feine Beſtänbigkeit?“ „Nicht zuverſichtlich. Der alte Verwalter—“ „Er iſt ſo zahm wie eine Taube.“ „Dann hat er ſeine Natur geändert!“ „Bah, er muß, wie ſeine Kinder wollen, und er fügt ſich gut⸗ willig,“ erwiderte Willy.„Zuweilen wurmt es ihn wohl, daß man ihm den früheren Poſten nicht wieder anvertraut hat, aber im Augenblick darauf meint er, es ſei beſſer ſo, und ich glaub's auch. Er hat kein reines Gewiſſen. Frau Magdalene blickte ge⸗ dankenvoll auf das Gemälde, jedem Pinſelſtrich mit Intereſſe folgend. „Mag er das mit ſich ſelbſt ausmachen“, ſagte ſie,„wir ha⸗ Helmut „B Er — er ein v „Mö ſchon me mehr unk nach eine Dir zu bedeutſan ſtetz gen zu erfüll „ch „Das die Monſ ich danal Unglück „Nö „Und damals „ =. S. ſich gut⸗ l, daß t, aber glaubs lcte ge⸗ Intereſſe wit h⸗ F ben von ihm nie Gutes erfahren.“ „Konnte er Dein Geheimniß?“ „Natürlich, und mich wundert es, baß er Dich nicht gegen Deinen Vater aufgehetzt hat, es wäre ihm ein Leichtes geweſen, er brauchte Dir nur den Namen zu nennen.“ „Er mag es deshalb nicht gethan haben, weil er bamit dem Baron ſelbſt einen böſen Dienſt geleiſtet hätte.“ „Und auf welchem Fuße ſtehſt Du ietzt mit ihm?“ „Wir beobachten Beide eine höfliche aber kalte Zurückhaltung. Hellmuth will ſpäter auch nach Rom kommen.“ „Bringt ihm die Kunſt ſo viel ein?“ „Er iſt zufrieden, und wenn es f er ein vermögender Mann werben.“ „Möge er ſich nur vor einer Gef Magalena ernſt,„vor der Selbſtüberſchätzung, an ſchon manches Talent zu Grunde gegangen.“ „Dafür laſſe ihn nur ſorgen!“ ſcherzte Willy. „Denke an Auerbach!“ — ( r ſcheiterte an einer andern Klippe.“ an Selbſtüberſchätzung gekränkt hätte.“ „Willy malte ſchweigend weiter, ſeine Stirne umdüſterte ſich mehr und mehr. „Ich wollte ich hätte das Geheimniß nie erfahren,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Erinnerſt Du Dich noch, wie oft Du mich gebeten haſt, es Dir zu enthüllen?“ erwiderte Frau Mogdalene, deren Lippen ein beveutſames Lächeln um ſpielte.„Und habe ich Dir denn nicht — 1 ſtets geantwortet, es liege nicht in Deinem Intereſſe, dieſe Bitte zu erfüllen?“ „Ich wußte damals nicht, was ich heute weiß.“ „Das iſt es nicht, Willy, das Geheimniß reizte Dich, und die Menſchen hätten Dich aufgehetzt gegen Deinen Vater. Wenn ich damals Deiner Bitte nachgegeben hätte, ſo wäre daraus ein Unglück entſtanden.“ „Möglich, liebe Mutter!“ „Und jett wirſt Du zugeben, daß Dein Vater nicht, wie Du damals glaubteſt, ein verruchter Menſch ißt, ſondern nur, daß er — —— — — —— einen ſchwachen Chorakter hat„— „Und kann dies den Mann entſchuldigen?“ „Ja, Willy, wenn es ihn auch nicht rechtfertigen kann.“ Der junge Mann ſchüttelte den Kopf. „Wir hatten uns gegenſeitig verſprochen, auf dieſes Thema nicht mehr zurückzukommen,“ ſagte er mit leiſem Vorwurf.— Und dennoch bin ich überzeugt, daß Dein Vater ſein Möglich⸗ ſtes thun wird, um Dich glücklich zu machen.“ „Boh, ich danke für ſeinen guten Willen, werde ſchon ſelbſt vorwärts kommen.“ „Daran zweifelt Niemand, und ich am wenigſten. Aber wenn—“ „Scheigen wir davon!“ Frau Magdalena bemerkte bie Falten auf der hohen Stirne ihres Sohnes, es war beſſer, wenn ſie das Thema nicht weiter ſpann. „Die Zeit wird lehren, wer Recht hat,“ ſagte ſie. „Gut, aber es bleibt dabei, daß wir abreiſen, ſobald das Bild fertig iſt?“ „Wie Du willſt!“ Frau Magdalene wollte nach dieſen Worten das Atelier ver⸗ laſſen aber ſie hatte die Thüre noch nicht erreicht, als dieſe ge⸗ öffnet wurde und die beiden Baroneſſen Klara und Cäcilie ein⸗ traten. „Ich muß um Verzeihung bitten,“ ſagte erſtere in ihrer alten, treuherzigen Weiſe,“ indem ſie ihm die kleine Hand reichte,“ es wäre längſt meine Pflicht geweſen, Sie in der Heimath willkom⸗ men zu heißen aber in meinem Familienkreiſe überſtürtten die Er⸗ eigniſſe ſich.“ Willy war in zu hohem Grade überraſcht und verwirit, als daß er ſofort eine Antwort darauf hätte finden können, er erwi⸗ derte ſtumm und vor Erregung zitternd den Druck der kieinen Hand. Cäcilie war inzwiſchen vor die Staffelei getreten, ſinnend blickte ſie auf das Gemäloe. „Es wird Ihnen nenen Ruhm einbringen,“ ſagte ſie in be⸗„ wunderndem Tone. „Glauben Sie das wirklich?“ fragte Willy mit leiſem Spott⸗ Beſremdet blickte Cäcilie ihn an. „Sie „Poh N i Genus ſ dos iſt und Ehr ſie koyfſ Bart wurf ſchi herausge wie im Himmel „Au gen feſt mein Vo Vorſatz widerſte wähnte. „Et hältniſſ duß Sit in bitte „W ſchaſt? N Worte gab S trug, 1575 „Sie ſelbſt zweifeln daran?“ etwiderte ſie. „Pah, die Kränze des Ruhmes haben nur für den Glücklichen Reiz, ich verzichte gerne auf ſie.“ Thema„So dürfen Sie nicht reden,“ ſagte Clara Sſen„der Genius ſoll unabläſſig nach der Palme der Unſterblichkeit ringen, Nöglic⸗ das iſt er ſich ſelbſt und der Mitwelt ſchuldig. Wenn Ruhm und Ehre leere Begriffe ſind—“ ſelbſt„Ich weiß das Alles, gnädiges Fräulein,“ unterbrach Willy ſie kopfſchüttelnd,„ſinb es Redensarten, Phraſen, die in der Theo⸗ rie recht ſchön lauten, aber in der Praxis ſich nicht bewähren.“ Bgroneſſe Clara wandte das erbleichende Antlitz ab, der Vor⸗ wurf ſchies ihr 3 verwundet zu haben, ſie hatte ihn weder herausgefordert, noch verdient. „Der letzte Wunſch, der mir bleibt, iſt Italien, fuhr Willy, 6 wie im Sinnen verloren, fort.„Dort, unter dem einig blauen Himmel gedenke ich nur allein in der Kunſt zu leben.“ „Auch ich ſprach einmal ſo,“ erwiderte Cäcilie, die ſchönen gen feſt auf ihn heftend,„erinnern Sie ſich deſſen noch? Auch mein Vorſatz war es, nur allein die Muſik zu lieben und dieſem Vorſatz getreu wies ich mit blutendem Herzeu die Hand des Man⸗ nes zurück, den ich mit ganzer Seele liebte. Auch ich glaubte überwunden zu haben und ſtark genug zu ſein, jeder Verſuchung u widerſtehen zu können, und es iſt doch anders gekommen, wie ich wähnte.“ „Es wäre niemals anders gekommen, wenn die äußeren Ver⸗ hältniſſe ſich nicht geändert hätten,“ ſagte Willy achſelzuckend. willtem⸗„Vielleicht doch, die Macht der Liebe würde in dieſem Kampfe die Er⸗ dennoch geſiegt haben.“ „Wenn Sie aufrichtig ſein wollen, dann müſſen Sie zugehen, als daß Sie ſelbſt nicht daran glauben,“ erwiderte der junge et etwi⸗ in bitterem Tone.„Wenn ter Weg glatt und eben iſt, dann— rkieinen„Willy, zweifeln Sie an der Aufrichtigkeit meiner Freunb⸗ ſinnend ſchaft?“— „Nein.“ „Dann dürfen Sie auch nicht an der Aufrichtigkeit meiner Worte zweifeln,“ erwiderte Cäcilie mit leiſem Vorwurf.„Es po. gab Stunden, in denen auch ich alle meine Hoffnungen zu Grabe trug, überzeugt, daß ich niemals glücklich werden könne, und trotz v 0 E — 1576— alledem bin ich es geworden, ſo glücklich, wie ein Menſchenkind nur werden kann. Sagen Sie mir nicht, die Verhältniſſe hätten das bewirkt, nein, ich würde längſt dieſes Glück gefunden haben, wenn ich nicht ſo eigenſinnig meine Augen ihm verſchloſſen hätte.“ Willy hörte die Worte kaum, ſein ganzes Denken weilte bei jenem füßen Traume, den er vergeſſen wollte und doch niemals vergeſſen konnte. Er blickte durch das hohe Fenſter hinaus in die Abenddämme⸗ rung, die gleich einem grauen, nebelfeuchten Schleier immer dichter ſich niederſenkte. Er bemerkte nicht, daß ſeine Mutter und Cäcilie das Atelier verließen, er ſah auch nicht den thränenſchweren Blick, der voll inniger Liebe auf ihm ruhte. „Es bleibt mir noch Eins zu thun, ehe ich von Ihnen ſcheide,“ ſagte Klara, und der füße Klang ihrer Stimme ſchreckte ihn auf von ſeinem Brüten.„Ich habe Ihnen wehe gethan, ja, wie man mir ſagt, Sie in den heiligſten Gefühlen gekränkt, ohne daß ich es wollte oder nur ahnte. Jene Worte, ich dachte nichts Arges dabei, als ich ſie ſprach, ſollten uns Beiden über eine peinliche Situation hinweg helfen, ich glaubte, Sie würden die Geiſtes⸗ gegenwart haben, auf den Scherz einzugehen. Wenn ſie gewußt hätten, wie unſaglich ſchwer mir ſelbſt dieſer Scherz wurde! Sie hatten keine Ahnung und deshalb hielten Sie mich für herzlos.“ Willy blickte das ſchöne Mädchen an, wie Einer, der aus ei⸗ nem ſchweren Traume erwacht und noch immer zu träumen wähnt, wieder nicht glauben kann, daß er ſo plötzlich von dem Alp eines beängſtigenden Traumes befreit iſt. O, war es wirklich Wahr⸗ heit, was ſie ſagte? „Können Sie mir verzeihen?“ fraate ſie Verzeihen?“ erwiderte er die alte Bitterkeit regte ſich noch einmal in ſeinem Herzen.„Bin ich es nicht, der um Ver⸗ zeihung bitten muß?“ Mußte ich nicht auf jene Worte mich gefaßt machen, als ich die Verwegenheit beging, meine Augen zu Ihnen zu erheben und einem Wunſche Raum zu geben, der nie⸗ mals Erfüllung finden konnte?“ „Niemals“ fragte Clara, vor ſeinem glühenden Blick die Wimpern ſenkend.„Darf nicht ein edler Mann nach dem höchſten Ziele ſtreben?“ etſe. lihende Geheimn troffen in ſeine Ve 9 nnehn faſend / gebrugde heſi. gen erwiderte Freude ſie an ſe einſturmt Lon teten, n können. „Un willſt m inniger böſer V eigen w Ein ſich um währen betroff ( n zeihen — S — 1577— „Wohl, aber nicht der Mann, an deſſen Ferſen ein Fluch haftet.“ Sie trat ihm näher und ſchaute ihn feſt an, während eine glühende Röthe ihr Antlitz übergoß. „An dieſen Fluch glaube ich nicht mehr, ſeit dem ich das Geheimniß kenne“, ſagte ſie. Er zuckte zuſammen als ob ein elektriſcher Funke ihn ge⸗ troffen hä te, aver in der nächſten Secunde leuchtete es freudig in ſeinen Augen duf. „Wer hat es Ihnen enthüllt“, frag te er mit zitternder Stimme. h Veter „Und Sie ſind zu mir gekommen, um dieſen Fluch von mir zu nehmen oder ihn mit mir zu tragen?“ rief er ihre Hände er⸗ faſſend und ihr tief in die Augen ſchauend. „Wenn Sie die felſenfeſte Ueberzeugung hegen, daß die hin⸗ gebeugde Liebe eines treuen Herzens die Vorurthelle der Menſchen beſi gen kann, dann iſt er in dieſer Minute von Ihnen genommen,“ erwiderte das ſchöne Mädchen, und Thränen des Glücks und der Freude perlten in Ihren Augen. Mit einem Freudenruf zog er ſie an ſeine Bruſt, die Fülle des Glücks, die ſo plötzlich auf ihn einſtürmte, drohte ihn zu erdrücken. Lange hielten die Beiden ſich umſchlungen, als ob ſie ſich fürch⸗ teten, noch einmal aus dieſem ſüßen Traume jäh erwachen zu können. „Und iſt es wirklich Wahrheit?“ flüſterte er endlich.„Du willſt mein ſein, für das ganze Leben?“ „Für Zeit und Ewigkeit, Geliebter!“ ſagte ſie, und voll inniger Liebe ſchauten die blauen Augen zu ihm auf.„Du lieber böſer Mann hätteſt es längſt wiſſen müſſen, daß mein Herz Dein eigen war?“ Eine Hand legte ſich leicht auf ſeine Schulter und als er ſich umwandte, ſtand Baroneſſe Cäcilie vor ihm. „Willſt Du nun noch reiſen, mein Bruder?“ fragte ſie lächelnd, während ſie ihren Arm um Clara ſchlang. „Auch Du kennſt das Geheimniß ſchon?“ erwiderte er betroffen. 6 „Ich kannte es längſt, Signora Grimaldi, ſo Gott ver⸗ zeihen möge, wie ich ihr vergeben habe, enthüllte es mir in den 1578— letzten Tagen unſres Zuſammenſeins Wir kennen es Alle, nur meine Mutter darf und ſoll es nie erfahren.“ „Willſt Du jetzt noch reiſen?“ wiederholte Elara ſcherzend, während er ſeine ſchöne Schweſter in die Arme ſchloß und küßte. „Ja aber nur mit Dir!“ erwiderte er freudig bewegt. Arm in Arm verließen die Glücklichen das Atelier, um der harrenden Mutter das frohe Freigniß zu verkünden, das auch ihr für den Reſt ihres Lebens den vollen Sonnenſchein des Glückes ſicherte.——— Und dieſer Sonnenſchein blieb ihnen Allen, die ſchweren Peü⸗ fungen waren überwunden. Den Stürmen und Kämpfen folgen die Tage des Glücks und des Friedens. Wohl verſuchen böſe Zungen, von Neid und Bosheit erfüllt, dieſes Glück zu trüben, aber es gelang ihnen nicht, ihre gift⸗ geträniten Pfeile prallten machtlos ah an dem feſten Schilde, deu die Liebe ihnen entgegenhielt. Baroneſſe Adelaide äußerte Anfangs freilich auch Bedenken, gegen die„Mesalliance“ Clara's aber da ſie Willy und Frau Magdalena näher kennen lernte, befreundtten ſie ſich bald mit ihnen, und da ihr gegenüber das Geheimniß ſtreng gewahrt blieb ſo t übte kein Schatten dieſe Freundſchaft. Es war ein heitres, glückliches Leben ſowohl in Oſthoen wie auf dem Gute in der Nähe, welches Ferdinand von Falken⸗ berg gekauft und mit ſeiner iungen Frau und deren Eltern be⸗ zoge hatte, und wenn dieſes Glück erhöht werden konnte, ſo geſchch das in den Tagen, die Miß Cieveland alljährlich im Kreiſe dieſer Familie zubrachten. Die alte wärdige Dame hing mit unwandelbarer Liebe an dieſen braven, tüchtigen Menſchen und ihren Kindern, mit denen ſie ſelbſt nocheinmal jung wurde. Ende. — —— — „——— ———— F —— ———— ——* ———— 2 * 5 8 2 S Sn— — 3 — — 2 S G + 0 E 8 S O 0 — O — 5 — 1— E 6